<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Uwe</first-name><last-name>Klausner</last-name></author><book-title>Eichmann-Syndikat. Tom Sydows f�nfter Fall (German Edition)</book-title><annotation><p>Berlin 1962. Weshalb wurde Adolf Eichmann, Organisator der sogenannten "Endl�sung der Judenfrage" bis ins Jahr 1960 nicht enttarnt? Haben Seilschaften es verhindert? Als eine Sekret�rin beim BND ermordet wird, �bernimmt Hauptkommissar Tom Sydow den Fall und st��t auf eine seit 1952 bekannte, nach S�damerika f�hrende Spur, der nicht nachgegangen wurde. Sydow muss sich jedoch nicht nur mit der Aufkl�rung des Falles besch�ftigen, sondern auch mit der Nazivergangenheit seiner eigenen Familie.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Tom Sydow" number="5"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-08">8.3.2013</date><id>2F9FDAFD-D207-4546-9CDC-A7D24824BDCE</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2012</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p>Die als fiktive Hauptfiguren aufgelisteten Charaktere sind frei erfunden. Das Gleiche gilt f�r die Handlung des Romans. �hnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zuf�llig und nicht beabsichtigt.</p><empty-line/><subtitle>REALE HAUPTFIGUREN</subtitle><p>Adolf Eichmann (1906�1962), SS-Obersturmbannf�hrer und Organisator der sogenannten �Endl�sung der Judenfrage�</p><p>Zvi Aharoni, Rafi Eitan, Zvi Malchin und Zeev Keren, Agenten des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad</p><p>Shalom Nagar, Henker im Gef�ngnis von Ramla/Israel</p><empty-line/><subtitle>FIKTIVE HAUPTFIGUREN</subtitle><p>(in der Reihenfolge des Erscheinens)</p><p>Theodor Morell, Boulevardreporter</p><p>Luise Nettelbeck, Sekret�rin beim BND</p><p>Tom Sydow, Kriminalhauptkommissar</p><p>Lea Sydow, RIAS-Redakteurin und Sydows Frau</p><p>Abigail Wentworth, Sydows Mutter</p><p>Eduard Krokowski, Kriminalkommissar und Sydows Assistent</p><p>Waldemar Naujocks, Leiter der Spurensicherung</p><p>Helene Mertens, Eichmanns Geliebte</p><p>Heribert Peters, Gerichtsmediziner</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Her hair is Harlow gold</emphasis></p><p><emphasis>Her lips sweet surprise</emphasis></p><p><emphasis>Her hands are never cold</emphasis></p><p><emphasis>She�s got Bette Davis eyes.</emphasis></p><p>(Kim Carnes, <emphasis>Bette Davis Eyes</emphasis>, 1981)</p><empty-line/><empty-line/><p>�Viele der Israelis, die schon vor dem Weltkrieg ins Land gekommen oder hier sogar geboren waren, neigten dazu, den Opfern des Holocausts mit Hochmut zu begegnen, da sie diese mit der allgemein verachteten j�dischen Existenz im �Exil� identifizierten, dem absoluten Gegenst�ck zum Leben des �neuen Hebr�ers�, den sie im Lande Israel, im Geiste der zionistischen Vision, zu erschaffen strebten. Es war allgemein �blich, die Holocaust-Opfer daf�r zu verurteilen, dass sie nicht fr�her schon nach Israel emigriert waren, anstatt in ihren Herkunftsl�ndern zu verharren und unt�tig darauf zu warten, dass man sie ermordete. Auch verachtete man sie f�r ihre angebliche Schw�che, da die meisten von ihnen nicht gegen die Nationalsozialisten gek�mpft hatten, sondern in den Tod gegangen waren, wie, so das gefl�gelte Wort jener Tage, �Vieh zur Schlachtbank�. Viele der Holocaust-Opfer fanden in Israel kein Geh�r, kein Mitleid und keine Bereitschaft zuzuh�ren; oftmals schenkte man ihnen keinen Glauben, wenn sie �ber ihr Schicksal erz�hlten.�</p><p>(Aus: Tom Segev, <emphasis>Simon Wiesenthal. Die Biographie</emphasis>, M�nchen 2010, S. 13)</p></section><section><empty-line/><p><strong>Prolog</strong></p><empty-line/><p><emphasis>(Buenos Aires, Mittwoch, 11. Mai 1960)</emphasis></p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><p><strong>1</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Buenos Aires/Argentinien, Stadtteil San Fernando, Garibaldistra�e 14 &#x2502; 19:55 h</emphasis></p><p>Kurz vor acht. Und von Klement keine Spur.</p><p>Zvi Aharoni, Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad[1], unterdr�ckte einen Fluch und lie� das Haus mit der Nummer 14 nicht aus den Augen. Keine Stimmen, kein Ger�usch, keine Schritte. Der eingez�unte Flachbau aus unverputzten Ziegelsteinen wirkte trostlos und verlassen. Doch Hermann Aronheim alias Zvi Aharoni, 1921 in Frankfurt an der Oder geborener Sohn eines wohlhabenden Anwalts, wusste es besser. Das Haus in der Garibaldistra�e stand nicht leer. Es diente als Versteck. Als Versteck eines Mannes, auf dessen F�hrte er war. Ein Mann, der zu den meistgesuchten Verbrechern seiner Zeit z�hlte.</p><p>Einsatz beenden? Kein Gedanke daran. Nicht jetzt, nach monatelangen Ermittlungen, Recherchen und bis ins Detail geplanten Operationen, bei denen nichts dem Zufall �berlassen worden war. Und das alles auf dem Boden eines souver�nen Staates, dessen Beh�rden, allen voran die Polizei, keinen blassen Schimmer davon besa�en. Riskanter, um nicht zu sagen wahnwitziger, ging es wirklich nicht. Nur ein winziger Fehler, nur ein einziges unbedachtes Wort, nur eine einzige, zum falschen Zeitpunkt stattfindende Ausweiskontrolle � und er, Zvi Aharoni, w�re geliefert. Und mit ihm ein knappes Dutzend Agenten, die Teil der geplanten Kommandoaktion waren.</p><p>Acht Uhr. Auf die Minute genau. Um sich abzulenken, warf Aharoni einen Blick hin�ber zur Haltestelle, an der, so hoffte er, das Objekt seiner Bem�hungen demn�chst aus dem Bus steigen w�rde. Fehlanzeige. Alles, aber auch alles schien sich gegen ihn und die drei Agenten, mit denen er hier Position bezogen hatte, verschworen zu haben.</p><p>R�ckzug oder alles auf ein Karte setzen, Risiko oder auf Nummer sicher gehen? Genau das war momentan die Frage. Die Chancen standen fifty-fifty, das Unternehmen auf Messers Schneide. Aharoni rutschte nerv�s hin und her. Und was, wenn es fehlschlagen w�rde? So schnell w�rde die Gelegenheit, den Buchhalter des Todes zu fassen, nicht wiederkommen. Wer wei�, am Ende hatte die argentinische Polizei vielleicht Lunte gerochen. In einem Land, wo es von Nazi-Gr��en wimmelte, war auf nichts und niemanden Verlass. Leute wie Mengele[2], Roschmann[3] und Schwammberger[4] konnten sich hier frei bewegen. Verf�gten �ber ausgezeichnete Verbindungen, bis in den Pr�sidentenpalast. Oder bis in die deutsche Botschaft. Und wer, fragte er sich, garantiert mir, dass unsere Tarnung h�lt? Kein Mensch. An Kleinigkeiten, das wusste er nur zu gut, waren schon ganz andere gescheitert als er. In der Hauptsache am Faktor Zufall. Ein brandgef�hrlicher, wenn nicht gar der Widersacher �berhaupt.</p><p>Dennoch: Aufgeben kam nicht infrage.</p><p>Das waren er, Zvi Malchin, Zeev Keren und Rafi Eitan, der auf dem R�cksitz der Limousine kauerte, ihrem Volk schuldig. Ihrem Volk und den Millionen Toten, die der Biedermann, hinter dem sie her waren, auf dem Gewissen hatte.</p><p>�Wird allm�hlich Zeit!�, murmelte Aharoni, eher an die eigene als an die Adresse seines Vorgesetzten gerichtet, dem die Leitung der Operation �bertragen worden war. �Was machen wir eigentlich, wenn er nicht ��</p><p>�Er wird kommen!�, knirschte Rafi Eitan, geboren in einem Kibbuz und f�nf Jahre j�nger als der mit 17 nach Pal�stina emigrierte deutsche Gymnasiast, �<emphasis>warte!</emphasis>�.</p><p>Aharoni nickte, nahm die Bushaltestelle erneut ins Visier � und war pl�tzlich hellwach. �Da dr�ben!�, stie� er hervor, tastete nach dem Z�ndschl�ssel und lie� den Mann, der dem Bus der Linie 23 entstieg, nicht aus den Augen. �Zielperson im Anmarsch!�</p><p>Zvi Aharoni, Fahrer, Personenfahnder und Verh�rspezialist in einer Person, zwang sich zur Ruhe. Von nun an war er zum Zusehen verdammt. Keren und Malchin waren an der Reihe. Die waren kr�ftiger als er. Laut Plan w�rde Letzterer, am linken Kotfl�gel �ber die ge�ffnete K�hlerhaube gebeugt, so tun, als versuche er eine Panne zu beheben. Keren, durch die K�hlerhaube verdeckt, befand sich ebenfalls in Wartestellung. Beim Herannahen von Klement, so der Plan, w�rde sich Malchin aufrichten, ihn ansprechen, packen, auf den R�cksitz bugsiern und zusammen mit Eitan in Schach halten. Und er, Aharoni, w�rde Vollgas geben. Und zusehen, dass ihnen niemand folgte.</p><p>Falls Klement, nur noch 80 Meter von der startbereiten Limousine entfernt, keinen Verdacht sch�pfte. Und falls ihnen der Zufall keinen Strich durch die Rechnung machte.</p><p>Doch dem schien nicht so. Alles lief nach Plan. Das zweite, unweit der Einm�ndung in die Garibaldistra�e geparkte Einsatzfahrzeug schaltete das Fernlicht an. Klement reagierte nicht darauf, setzte seinen Weg unbeirrt fort. Aharonis Atem ging rascher. 20, maximal 30� Sekunden. Dann war es so weit.</p><p>Und was, wenn es sich um eine Verwechslung handelte? Um ganz sicher zu sein, nahm der Mossad-Agent sein Fernglas zur Hand und richtete es auf den Mann, der im selben Moment die Staatsstra�e 202 �berquerte. Im glei�enden Licht, gegen das er sich mit erhobener Hand abschirmte, konnte ihn Aharoni jetzt ganz deutlich sehen. Mittelgro�, Mitte 50, leicht vorn�bergebeugter Gang. Hornbrille, hager, d�nnes Haar, sehr hohe Stirn. Kein Zweifel. <emphasis>Es war sein Mann.</emphasis></p><p>Noch 30 Meter. Dann war Zvika[5] an der Reihe.</p><p>Verdammt. Aharoni wurde aschfahl. Die linke Hand des Mannes steckte in der Manteltasche. Blo�er Zufall oder Angewohnheit?</p><p>Oder ein Indiz, dass er eine Waffe bei sich trug?</p><p>Einerlei. Er musste Zvika warnen. �Pass auf, die linke Hand!�, raunte er ihm zu und umklammerte das Steuer, w�hrend ihm der Schwei� aus den Poren quoll. �Vielleicht hat er eine Waffe!�</p><p>Das polnische Muskelpaket, von Haus aus Sprengstoffexperte und Ex-Mitglied der Haganah[6], gab keine Antwort. Daf�r war es jetzt zu sp�t. Der Mittf�nfziger, auf den er es abgesehen hatte, war nur noch wenige Meter von der am Stra�enrand geparkten Limousine entfernt. Alles war gesagt, immer und immer wieder durchgesprochen, mit einem H�chstma� an Akribie geplant worden. Jetzt, um f�nf nach acht argentinischer Zeit, w�rden die Dinge ihren Lauf nehmen. Und der Gerechtigkeit, so es sie gab, zum Sieg verhelfen.</p><p>Aharoni hielt den Atem an. Dann startete er den Motor. Kurz darauf tauchte linker Hand ein Schatten auf. Und dann, als er die Fahrert�r bereits passiert hatte, richtete sich Zvika auf, wandte sich nach rechts und trat dem Mann in den Weg. �Momentito, Se�or!�, herrschte er ihn mit unverkennbar fremdl�ndischem Zungenschlag an.</p><p>Der Mann blieb wie angewurzelt stehen.</p><p>Im gleichen Moment sprang Malchin auf ihn zu.</p><p>*</p><p>Er hatte es kommen sehen. All die Jahre, in denen er auf der Flucht gewesen war, hatte er es kommen sehen. Auf die Idee, dass es ihn ausgerechnet hier treffen w�rde, war er dennoch nie gekommen. Ausgerechnet hier, nur einen Katzensprung von seiner Haust�r entfernt. Und ausgerechnet heute, nachdem seine Frau wieder einmal Kassandra[7] gespielt und ihn beschworen hatte, nicht zur Arbeit zu gehen.</p><p>Er hatte ihre Warnungen in den Wind geschlagen. Disziplin ging ihm nun einmal �ber alles. Ohne sie, die Kardinaltugend schlechthin, konnte man es im Leben zu nichts bringen. P�nktlichkeit, Verl�sslichkeit, Ordnungsliebe und Gehorsam nat�rlich nicht zu vergessen. Tugenden, die ihm in Fleisch und Blut �bergegangen und die hier, fern der Heimat, bedeutsamer denn je geworden waren.</p><p>�Meine Ehre hei�t Treue.�[8] Damit war alles gesagt. Auf ihn, den ehemaligen SS-Obersturmbannf�hrer, war stets Verlass gewesen. Gerade dann, wenn es ans Eingemachte ging. �Rasche Auffassungsgabe und Gewissenhaftigkeit haben seine Arbeit ausgezeichnet.�[9] Besser h�tte man es nicht ausdr�cken k�nnen. Ohne ihn, den Mann der Tat, w�ren sie damals glatt aufgeschmissen gewesen. Ob in �sterreich, der Tschechei, Ungarn oder Berlin: Er hatte Tabula rasa gemacht, binnen eines halben Jahres 50.000 Wiener Juden in die Emigration getrieben, die Prager das F�rchten gelehrt, den Ungarn die Drecksarbeit abgenommen, indem er 200.000 Volkssch�dlinge deportieren lie�. �berhaupt � die Deportationen! Ohne seinen rastlosen Einsatz, seine Z�higkeit, die Unerbittlichkeit, mit der er den Willen des F�hrers in die Tat umgesetzt hatte, w�re die Endl�sung ein glatter Reinfall geworden. Daran hegte er keinen Zweifel. Schade nur, dass aus den geplanten elf Millionen nichts geworden und lediglich sechs Millionen liquidiert worden waren.</p><p>Schwamm dr�ber, seine Schuld war es nicht gewesen. Er hatte sein M�glichstes getan, mit der Reichsbahn um jeden gottverdammten G�terwaggon gefeilscht. Er hatte gedroht, geschuftet, geackert. Rund um die Uhr. Und er hatte sich, im Gegensatz zu manch anderem Parteigenossen, an Ort und Stelle von der Effektivit�t seiner Ma�nahmen �berzeugt. Hatte den Schneid besessen, die Vernichtungslager zu inspizieren. Dass er Haltung bewahrt hatte, verstand sich von selbst, es sei denn, die Transporte kamen ins Stocken. Dann war er aus der Haut gefahren, hatte die Verantwortlichen zusammengestaucht, dass ihnen H�ren und Sehen verging. Hasste er doch nichts mehr als Schlamperei, Unp�nktlichkeit und mangelnde Zuverl�ssigkeit.</p><p>Aus diesem, und nur aus diesem Grund hatte er nicht auf seine Frau geh�rt. Getreu der Maxime, dass Pflichterf�llung an erster Stelle kam. Wie immer war er morgens aus dem Haus gegangen, in den Bus gestiegen und ins Daimler-Benz-Werk nach Gonzalez Catan kutschiert, wo er seit geraumer Zeit als Schwei�er arbeitete. Nicht der erste Job hier dr�ben, sondern einer von vielen. Hydrologe[10], Inhaber einer W�scherei und eines Textilgesch�ftes, Transportchef und zu guter Letzt Verwalter einer Kaninchenfarm. Soweit die Stationen der letzten Jahre. Richtig Fu� fassen k�nnen hatte er nirgendwo, weshalb ihm nichts anderes �brig blieb, als die zweist�ndige Fahrt zur Arbeit auf sich zu nehmen. Genug Zeit, um �ber alles nachzudenken, um das, was ihm von Himmler eingebrockt worden war, Revue passieren zu lassen.</p><p>Anlass zur Reue? Weit gefehlt. Schlie�lich war Krieg gewesen und er hatte Befehle auszuf�hren gehabt. Daran gab es nichts zu r�tteln. �berdies war er nur Obersturmbannf�hrer gewesen, einer von 1.159 gleichrangigen Kameraden, um es pr�zise auszudr�cken. Nun gut, in seiner Eigenschaft als Judenkommissar hatte er viel Macht gehabt, weit mehr als die Parteibonzen ahnten. Debattiert, Entscheidungen getroffen und sie an Subalterne wie ihn weitergegeben hatten jedoch andere. Er war lediglich Teil eines R�derwerkes gewesen, nur ein Glied in der Befehlskette, deren Aufgabe es war, den Willen des F�hrers in die Tat umzusetzen. Das allein hatte gez�hlt, sonst nichts.</p><p>�Momentito, Se�or!� Ganz so einfach, wie es sich dieser Kleiderschrank gedacht hatte, w�rde er es seinen H�schern nicht machen. Daf�r steckte noch zu viel Ehrgef�hl in ihm. Er, Adolf Eichmann, SS-Obersturmbannf�hrer, Organisator der Endl�sung und Schreibtischt�ter par excellence, stie� einen halblauten Schrei aus, riss die Arme in die H�he und versuchte, den Angreifer abzusch�tteln. Vergebens. Der H�ne lie� ihn nicht entkommen, st�rzte sich auf ihn und riss ihn zu Boden. In seiner Not wollte er um Hilfe rufen, doch ehe es dazu kam, landete er im Stra�engraben, unf�hig, sich dem Griff des Unbekannten zu entziehen.</p><p>Er hatte ausgespielt, f�r immer. Sp�testens dann, als sich ein weiterer Angreifer auf ihn st�rzte und ihn unter Mitwirkung des Kraftprotzes auf den R�cksitz des schwarz lackierten Buick bugsierte, musste Adolf Eichmann alias Ricardo Klement erkennen, dass er in eine Falle getappt war. Eine Falle, aus der er sich nie mehr w�rde befreien k�nnen.</p><p>Weder heute, noch morgen, noch w�hrend der zwei Jahre und drei Wochen, die er noch zu leben hatte.</p></section><section><p><strong>2</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Buenos Aires/Argentinien, Haus im Stadtteil Kilmes [Codename �Tira� (Palast)] &#x2502; 21:15 h</emphasis></p><p>Erste Befragung von Adolf Eichmann durch Zvi Aharoni:</p><p>�Wie hei�en Sie?�</p><p>�Ricardo Klement.�</p><p>�Wie hie�en Sie davor?�</p><p>�Otto Heninger.�</p><p>�Wie gro� sind Sie?�</p><p>�1,77 Meter.�</p><p>�Welche Schuhgr��e haben Sie?�</p><p>�42.�</p><p>�Welche Kleidungsgr��e?�</p><p>�44.�</p><p>�Wie lautete Ihre Mitgliedsnummer in der NSDAP?�</p><p>�899.895.�</p><p>�Wie lautete Ihre Nummer in der SS?�</p><p>�43.326.�</p><p>�Geburtsdatum?�</p><p>�19. M�rz 1906.�</p><p>�Geburtsort?�</p><p>�Solingen.�</p><p>�Wie war Ihr Name bei der Geburt?�</p><p>Stille. Darauf die Worte:</p><p>�Adolf Eichmann.�</p></section><section><p><strong>Dichtung und Wahrheit</strong></p><p>�Ich habe der Knesset[11] mitzuteilen, dass vor einiger Zeit israelische Sicherheitskr�fte einen der gr��ten Naziverbrecher aufgesp�rt haben: Adolf Eichmann, der zusammen mit anderen Nazigr��en verantwortlich ist f�r das, was diese die Endl�sung des Judenproblems genannt haben, das hei�t, die Vernichtung von sechs Millionen Juden. Adolf Eichmann ist bereits in Haft und wird in K�rze nach dem Gesetz aus dem Jahr 1950 zur Verfolgung von NS-Verbrechern vor Gericht gestellt werden.�</p><p>(Erkl�rung des israelischen Ministerpr�sidenten David Ben-Gurion vor der Knesset, abgegeben am 23.5.1960)</p><p>�Die traurige Wahrheit ist, dass Eichmann von einem blinden Mann entdeckt wurde, und dass der Mossad mehr als zwei Jahre ben�tigte, seine Geschichte �berhaupt ernst zu nehmen und selbst initiativ zu werden.�</p><p>(Aus: Zvi Aharoni/Wilhelm Dietl, <emphasis>Der J�ger. Operation Eichmann: Was wirklich geschah</emphasis>, Stuttgart 1996, S. 126 f.)</p></section><section><p><strong>Zwei Jahre sp�ter</strong></p><empty-line/><p>�Israel musste f�rmlich dazu gedr�ngt werden, Eichmann zu fangen.�</p><p>(Aus: Uki Go�i, <emphasis>Odessa. Die wahre Geschichte</emphasis>, Berlin/Hamburg 2006, S. 294)</p></section><section><p><strong>Erstes Kapitel</strong></p><empty-line/><p><emphasis>(Berlin, Donnerstag, 31. Mai 1962)</emphasis></p><p><image l:href="#2"/></p><empty-line/></section><section><p><strong>3</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Schlosspark &#x2502; 12:02 h</emphasis></p><p>Der Tag, an dem Morells Rendezvous mit dem Tod stattfand, begann mit einem vertrauten Ritual. Der 52-j�hrige Boulevardreporter, m�de, verkatert und nicht gerade erpicht auf Arbeit, suchte Halt an der Bettkante und verfluchte den Tag, an dem er zum ersten Mal Cognac getrunken hatte. Dann aber, der Einsicht zum Trotz, stie� er ein fatalistisches Seufzen aus und tastete nach dem Flakon, der stets griffbereit auf seinem Nachttisch stand. Nur ein Schluck!, schwor er sich, und nur vom Feinsten, das war er sich trotz seines Brummsch�dels schuldig.</p><p>Es wurde ein halbes Dutzend daraus.</p><p>R�mi Martin Louis XIII. Der Tag konnte beginnen.</p><p>Theodor Morell, dunkelhaarig, hager und mittelgro�, war ein Genie�er. Cognac, Champagner und Wein aus dem P�rigord gingen ihm �ber alles, Ma�anz�ge und italienische Opern mit eingeschlossen. Wenn es etwas gab, auf das er nicht verzichten konnte, dann die Premierenbesuche in Mailand, Z�rich oder Wien, einerlei, wie tief er in die Tasche greifen musste.</p><p>Als ebenso kostspielig und geradezu ruin�s hatte sich sein Hang zu Pferdewetten, Kasinos und Damen im reiferen Alter erwiesen, die Theodor, einem Herzensbrecher der alten Schule, nur selten widerstehen konnten. Die Frage, ob er sich dies leisten k�nne, stellte er sich gar nicht mehr, wohl wissend, dass er �ber seine Verh�ltnisse lebte.</p><p>Kurz und gut: Um die Annehmlichkeiten, die er sich g�nnte, finanzieren zu k�nnen, reichte die T�tigkeit bei Berlins gr��ter Boulevardzeitung nicht aus. Das war ihm ein ums andere Mal bewusst geworden. Die logische oder vielmehr fatale Konsequenz bestand darin, dass Morell begonnen hatte, Schulden zu machen. Schulden, die, wie ihm in seltenen Momenten der Reue klar wurde, mittlerweile zu einem f�nfstelligen Betrag angewachsen waren.</p><p>Theodor Morell, Weltmeister im Ignorieren unbequemer Wahrheiten, focht dies allerdings nicht an. Zu einem Bonvivant, als den er sich verstand, geh�rte ein entsprechender Lebensstil. Die Frage, woher das n�tige Kleingeld daf�r kommen sollte, war dagegen etwas f�r Spie�er und f�r ihn, den einstigen Starreporter, von untergeordneter Natur. Man musste das Leben genie�en, die Dinge nehmen, wie sie kamen, Schwierigkeiten tunlichst aus dem Weg gehen. Und man durfte nicht alles so hei� essen, wie es gekocht wurde.</p><p>Dass dieses Credo in K�rze �berholt und sein Leben keinen Schuss Pulver wert sein w�rde, konnte Morell nicht ahnen. F�r ihn, den Charmeur und Lebemann, war dies ein Morgen wie jeder andere. Ein Morgen, an dem es galt, den inneren Schweinehund zu �berwinden, aufzustehen und sich in Schale zu werfen.</p><p>Dies war leichter gesagt als getan, und es bedurfte einer weiteren Dosis R�mi Martin, um Theodor zu animieren, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Im Bad angekommen, warf er einen Blick in den Spiegel und erschrak beim Anblick seines Konterfeis fast zu Tode. Aus dem aufstrebenden Stern am Journalistenhimmel der fr�hen Drei�iger war ein vor der Zeit gealterter Mann geworden. Ein Salonl�we in den F�nfzigern, �bern�chtigt, unrasiert und mit tiefen Falten im Gesicht. Mit einer Fahne, deren Aroma man niemandem, am allerwenigsten seinem Chefredakteur, zumuten konnte.</p><p>Nicht willens, sich einen weiteren R�ffel wegen Zusp�tkommens einzuhandeln, machte sich Theodor Morell ans Werk, wusch und rasierte sich, putzte die Z�hne, verk�nstelte sich an seinem Spitzbart und zerkaute mehrere Pfefferminzbonbons. Daraufhin k�mmte er sich und be�ugte sein Erscheinungsbild.</p><p>Erwartungsgem�� fiel dessen erneute Inspektion ungleich g�nstiger aus. Der Mann, den man dereinst als den �Sch�nen Theodor� bezeichnet hatte, war wieder da. Na ja, zumindest teilweise. Morell stie� einen leisen Sto�seufzer aus. Das gewellte, nach hinten gek�mmte Haar hatte sich zwar gelichtet, die Sorgenfalte auf der Stirn vertieft und der Blick der dunklen Augen leicht getr�bt. Die gute Laune war ihm dennoch nicht abhandengekommen, und das war ja wohl das Wichtigste. Jetzt, da die Zeit weit vorangeschritten war, hie� es nur noch, das richtige Duftwasser auszuw�hlen, das wei�e Markenhemd samt Krawatte und dunkelblauem Ma�anzug anzuziehen und einen allerletzten Blick in den Spiegel zu werfen. Und sich im Anschluss daran den letzten Schliff in Form eines Seidenschals und eines extravaganten Panamahutes zu geben.</p><p>Fertig.</p><p>Mozarts �Ah, tutti contenti!�[12] vor sich hinsummend, schlenderte Morell zur T�r und verlie� die Mansardenwohnung, welche er sich, wie vieles andere, nicht leisten konnte.</p><p>Er sollte sie nie wieder betreten.</p><p>Das Gleiche galt f�r das f�nfst�ckige Mietshaus in der N�he des KaDeWe[13], das soeben die Pforten �ffnete. Morell lie� die Haust�r ins Schloss fallen, bog nach rechts, warf der Verk�uferin des Textilgesch�ftes im Parterre eine Kusshand zu und begab sich auf den Weg in die Redaktion. Der Himmel war wolkenverhangen, die Tauentzienstra�e kaum bev�lkert und die Stimmung, welche das morgendliche Panorama vermittelte, �beraus trist. Ein Grund mehr f�r Morell, einen weiteren Schluck aus seinem Flakon zu sich zu nehmen, in aller Ruhe die Schaufenster zu begutachten und mit einem Bekannten, der ihm zuf�llig �ber den Weg lief, ein paar Worte zu wechseln. Erst dann, deutlich sp�ter als sonst, setzte er seinen Weg fort, �berquerte die N�rnberger Stra�e und strebte der Ged�chtniskirche zu.</p><p>Wie immer musste er dabei an jene Nacht im November 1943 denken, in der er dem Tod nur knapp entronnen war. Am Tag nach Totensonntag war �ber Charlottenburg, und nicht nur dort, die H�lle hereingebrochen. Knapp 700 britische Flugzeuge vom Typ Halifax und Lancaster hatten ihre t�dliche Fracht abgeworfen und zwischen Messegel�nde und Alexanderplatz eine Schneise der Verw�stung hinterlassen. Damals wie heute war der Himmel bew�lkt gewesen, dann aber, im denkbar ung�nstigsten Moment, �ber dem Zielgebiet aufgerissen. 2.500 Tonnen Bomben waren herabgeregnet, �ber die H�lfte davon Brandbomben, die das Versteck, in dem Theodor Zuflucht gesucht hatte, nur um Haaresbreite verfehlten. An allen Ecken und Enden hatte es gebrannt, am schlimmsten im Zooviertel, und, schlimmer noch, in unmittelbarer N�he der Ged�chtniskirche. Die Kirche selbst wurde schwer besch�digt, das Dach und zwei der vier T�rme, welche den Hauptturm flankierten, waren eingest�rzt. Auf diesen Anblick war Morell, als er sich einen Tag sp�ter ins Freie gewagt hatte, nicht gefasst gewesen. Nie w�rde er diesen Moment vergessen, und obwohl dies fast zwei Jahrzehnte her war, empfand der 52-J�hrige einen Stich im Herzen.</p><p>Doch w�re er nicht der gewesen, f�r den er sich hielt, wenn sein Gem�tszustand von Dauer gewesen w�re. Getreu der Devise, man m�sse stets nach vorn blicken, setzte er seinen Weg fort, �berflog die Schauk�sten vor dem �Gloria�[14] und fragte sich, was die Leute an Heimatschnulzen, �Freddy und dem Lied der S�dsee� sowie an Western mit John Wayne begeisterte. Dar�ber nachzudenken erschien ihm indes die M�he nicht wert, weshalb er sich eine Schachtel Zigarillos kaufte und den Weg zu den am Kurf�rstendamm gelegenen Redaktionsr�umen einschlug. F�r die Werbeplakate, Reklametafeln und Transparente, an denen er vor�berflanierte, hatte er nur ein m�des L�cheln �brig. �Mach mal Pause � trink Coca-Cola.� Nichts lieber als das. �Peter Stuyvesant: der Duft der gro�en weiten Welt.� Sch�n w�r�s. Morell stie� ein ver�chtliches Schnauben aus. Werbung, Werbung und abermals Werbung. So weit das Auge reichte. Da durfte die Dame mit dem wei�en Kleid nicht fehlen. Reinwaschen, so schien es, war das Gebot der Stunde. Alles, was man dazu ben�tigte, war der sprichw�rtliche Persil-Schein, und schon stand der Karriere nichts mehr im Weg. Egal, was und wie viel man sich im Dritten Reich geleistet hatte. Mit einem Wort: zum Davonlaufen. Wer wie er �ber zwei Jahre im Untergrund verbracht hatte, den widerte diese Form der Vergangenheitsbew�ltigung an. Ein Grund, weshalb er laufend aneckte, zum Beispiel bei seinem Chefredakteur, der ihn lieber heute als morgen losgeworden w�re.</p><p>Und siehe da: Als k�nne er es nicht abwarten, ihn zur Minna zu machen, wartete dieser bereits auf ihn. Morell war ihm �berlegen, sowohl fachlich als auch intellektuell, und so lie� der Redaktionsleiter keine Gelegenheit aus, ihn herumzuschikanieren oder Auftr�ge zu erteilen, die genauso gut von einem Volont�r erledigt werden konnten. Seit dem Tag, als Springer seine Meute auf Berlin losgelassen hatte, waren Leute wie er fehl am Platz und zu Laufburschen degradiert worden. Berichte im Lokalteil, aber nur, wenn sich niemand Besseres fand, Interviews mit K�nstlern, die unter �ferner liefen� rangierten, und vor allem Kontaktaufnahme zu Zeitgenossen, die ihren Mitmenschen etwas anh�ngen wollten. Das war der Stoff, zu dem seine Tr�ume verkommen waren.</p><p>Der heutige Tag, wie nicht anders zu erwarten, bildete da keine Ausnahme. Da ihm nicht danach war, eine Auseinandersetzung vom Zaun zu brechen, gab Morell seinem ironischen Impuls nicht nach, lie� die Standpauke wegen Zusp�tkommens �ber sich ergehen und ertappte sich bei dem Gedanken, wie sch�n es doch w�re, jetzt im �Kranzler�[15] zu sitzen, die Druck-Erzeugnisse der Konkurrenz zu studieren und die Arbeitsw�tigen dieser Welt vorbeihasten zu lassen. Die Friedfertigkeit, welche er an den Tag legte, brachte seinen Chefredakteur jedoch erst recht in Rage, und was als Tadel begann, artete in einen Rundumschlag aus. Morell lie� auch dies geschehen, dachte sich seinen Teil und sehnte sich danach, einen Auftrag zu bekommen, der ihn f�r den Rest des Tages von der Redaktion fernhalten w�rde.</p><p>Sein Flehen wurde erh�rt. �Also: halb zw�lf im Schlossgarten. Treffpunkt Mausoleum�, schnarrte der Chefredakteur, ein drahtiger Maulheld Anfang 30, der sein Sohn h�tte sein k�nnen, worauf sich Morell das Salutieren gerade noch verkneifen konnte. �Und anschlie�end wieder hierher zum Rapport!�</p><p>Der Boulevardreporter seufzte. Schon wieder so ein Treffen, bei dem er einem obskuren Informanten � oder, laut vorliegenden Informationen, einer Informantin � auf den Zahn f�hlen und mit leeren H�nden zur�ckkehren w�rde. Und als Entsch�digung die M�glichkeit, auf einen Sprung im �Kranzler� vorbeizuschauen, den ersten Chardonnay des Tages zu genie�en und in aller Ruhe Lachsschnitten mit Kaviar zu genie�en. Nicht schlecht! Bis halb zw�lf war noch reichlich Zeit, und die galt es auf standesgem��e Art zu �berbr�cken. Was die sogenannte Informantin betraf, w�rde er es kurz machen, im Anschluss an sein Rendezvous noch eine Weile lustwandeln und erst sp�tnachmittags, wenn �berhaupt, wieder hier eintrudeln.</p><p>Die Miene des Boulevardreporters hellte sich auf. Dies w�rde ein Tag werden, wie er ihn liebte. Ein Tag, an dem er es sich gut gehen lassen w�rde.</p><p>*</p><p>Die Hochstimmung, in der sich Morell befand, war jedoch nicht von Dauer. Kaum war er vor dem Schloss angekommen, meldete sich bereits der Skeptiker in ihm. Eine Informantin, Mutma�ungen seines Chefredakteurs zufolge um die 40, die vorgab, das Staatsgeheimnis schlechthin in H�nden zu halten. Und die, seltsam genug, Wert darauf legte, es ihm, und nur ihm, anzuvertrauen. Das roch nicht nur nach Reinfall, das stank regelrecht zum Himmel.</p><p>Reinf�lle, insofern das Wort ausreichte, um das Fazit seiner konspirativen Zusammenk�nfte zu umschreiben, hatte Morell in H�lle und F�lle erlebt. Die Schaupl�tze hatten zwar gewechselt, viel herausgekommen war dabei jedoch nicht. Neu und in der Tat ungew�hnlich war indes der Ort, an den er bestellt worden war. Das Mausoleum im Schlosspark war der Hort des Preu�entums schlechthin, und er fragte sich, welche �berraschung ihn dort erwarten w�rde.</p><p>Was blieb, war die Hoffnung, auch einmal einen gro�en Coup zu landen. Sp�rsinn allein reichte dazu jedoch nicht aus. Man brauchte auch Gl�ck. Eine Menge Gl�ck. Von der Art, wie es dieser Fotograf aus Hamburg im vergangenen August, zwei Tage nach dem Bau der Mauer, gehabt hatte. Morell konnte es immer noch nicht fassen. Steht dieser Volont�r doch tats�chlich an der Ecke Bernauer/Ruppiner Stra�e. Rein zuf�llig. Einfach so. Eine Kamera Marke DDR in der Hand. Das Objektiv auf einen Grenzsoldaten gerichtet, der eine Fluppe nach der anderen qualmt. Und dann, urpl�tzlich, l�sst der DDR-Grenzer seine Kippe fallen, nimmt Anlauf und springt �ber den Stacheldraht. Wirft im Sprung seine MP 41 weg. Und dieser Anf�nger h�lt drauf und dr�ckt ab. Genau im richtigen Moment. Ein Foto, das um die Welt gegangen war. Genau wie dasjenige von Fl�chtenden, die unter Stacheldrahtrollen hindurch in die Freiheit hechten. Oder von Hausbewohnern, die aus den oberen Stockwerken entlang der Bernauer Stra�e springen. Oder von den Panzern, die am Checkpoint Charlie in Stellung gegangen waren. Hier die Amis, dort die Russen, nur wenige Meter voneinander entfernt. Aus diesem Stoff wurden Schlagzeilen gemacht. Das war es, was die Leute wollten. Oder vielleicht auch brauchten. Geschichten wie jene in der Bild-Zeitung, datiert vom 25. Januar. Aufmacher, mit denen die Konkurrenz ihre Auflage steigerte. Exklusiv, von zwei Ostberliner Br�dern verkauft. Einschlie�lich der Fotoreportage �ber den Tunnel, den sie gebuddelt hatten und durch den sie mit 26 Mitwissern in den Westen get�rmt waren. �Wieder Massenflucht nach West-Berlin gegl�ckt. 28 kamen auf einen Schlag!� Morell st�hnte gequ�lt auf. An die Standpauke, die ihm sein Chefredakteur noch am gleichen Tag gehalten hatte, konnte er sich noch gut erinnern. Es war der Beginn einer innigen Abneigung gewesen. Einer Antipathie, deren Intensit�t kaum noch zu steigern war.</p><p>Es half alles nichts, spornte sich Morell an, w�hrend er auf die Uhr schaute und das Tor des Charlottenburger Schlosses durchschritt. Man musste jede sich bietende Chance nutzen. Getreu dem Sprichwort, dass jeder, sogar ein versoffener Salonl�we wie er, einmal ein Korn finden w�rde.</p><p>Die Frage war nur, wann. Und vor allem wo.</p><p>Erschrocken �ber den eigenen Sarkasmus, �berquerte der Boulevardreporter den Ehrenhof und steuerte auf den Eingang zu, vorbei am Standbild des Gro�en Kurf�rsten, f�r das er nur ein m�des L�cheln �brig hatte. Heldenposen, Preu�en-Nostalgie und damit Hand in Hand gehende Phrasen von Pflichterf�llung und Disziplin waren ihm ein Gr�uel, und das nicht erst seit der Zeit, die er im Untergrund verbracht hatte. Wesentlich mehr konnte er da schon den Freuden des Lebens abgewinnen, weshalb er beschloss, den Charmeur zu geben und ein wenig mit der Kassiererin, einer alten Bekannten, herumzusch�kern. Balsam f�r seine Seele wie auch diejenige der vollschlanken Blondine, welche den Zenit ihrer Anziehungskraft l�ngst �berschritten hatte.</p><p>Dann aber, Schlag halb zw�lf, fand das S��holzraspeln ein abruptes Ende. Theodor hauchte ein sehnsuchtsvolles �Adieu�, trat hinaus in den Park und folgte der Hauptachse, nicht ohne einen Blick auf die Prunkvasen, Buchsbaumkegel, Zierbeete und das Font�nenbecken zu werfen, welches den Mittelpunkt des Gartens bildete. An allen Ecken und Enden bl�hten Blumen, und der Duft von Hyazinthen und Narzissen stieg ihm in die Nase. Das Wetter indes lie� zu w�nschen �brig, und wie er so dahineilte, zogen von Norden her dunkle Wolken auf. Der Park selbst war nahezu menschenleer, was das Unbehagen, welches ihn beschlich, noch verst�rkte.</p><p>Am Karpfenteich, ohne Blick f�r die Putten, Vasen und die idyllische Szenerie, bog Theodor schlie�lich nach links. Der Wind, bislang eher lau, frischte merklich auf, und als er die Tannenallee erreichte, an deren Ende sich das Mausoleum befand, sp�rte er die ersten Tropfen auf seiner Haut. F�r Morell ein Grund mehr, seinen Schritt zu beschleunigen und die wenigen Meter, welche ihn von seinem Ziel trennten, im Laufschritt zur�ckzulegen.</p><p>Als er dort eintraf, legte der Boulevardreporter eine Verschnaufpause ein. Das Mausoleum, ein dorischer Tempel im Kleinformat, und die dazu geh�rige S�ulenfront aus Findlingsgranit boten ein tristes Bild. Ein Eindruck, der von der Inschrift �ber dem Portal noch verst�rkt wurde. Morell runzelte die Stirn. Ein Alpha, das Christusmonogramm und ein Omega, der erste und letzte Buchstabe des griechischen Alphabets.[16] Im Grunde nichts, womit man ihn, den ehemaligen J�nger von Karl Marx, hinterm Ofen hervorlocken konnte. Jeder Mensch, auch er, musste einmal sterben.</p><p>Die Frage war lediglich, wann.</p><p>Und an welchem Ort.</p><p>�berzeugt, dass es sich bei Letzterem nicht um das �ber 150 Jahre alte Mausoleum handeln w�rde, lie� der Boulevardreporter das Herumphilosophieren sein und erklomm die Stufen, die zum Portal f�hrten. Dort angekommen, wandte er sich noch einmal um. Stille, mit Ausnahme gelegentlicher Windst��e durch nichts unterbrochene Stille. Der Geruch von Tannennadeln, verbl�hendem Ginster und feuchtwarmer Erde.</p><p>Friedhofsgeruch.</p><p>Und von der Frau, die er zu treffen hoffte, nichts zu sehen.</p><p>Auch nicht, als er sich im Inneren des Mausoleums umschaute, die Ged�chtnishalle betrat und einen Blick auf die Grabmonumente warf. Wie jedermann bekannt, war dies der Ort, an dem Luise, K�nigin von Preu�en und Todfeindin Napoleons, ihr Mann, Friedrich Wilhelm III., sowie der gemeinsame Sohn, nachfolgenden Generationen als Kaiser Wilhelm I. bekannt, nebst Gattin Augusta begraben waren.</p><p>Beim Anblick des Sarkophags aus Carraramarmor, auf dem die fr�h verstorbene K�nigin wie eine Schlafende dargestellt war, konnte sich Morell eines beklemmenden Gef�hls nicht erwehren. Er, der diesem Ort nichts abgewinnen konnte, sah sich einmal mehr um und lie� den Atem, den er unbewusst angehalten hatte, entweichen. Wider Willen und sonstige Gewohnheiten hatte er sich von der d�steren Stimmung und dem Halbdunkel ringsum anstecken lassen. Ausgerechnet er, der von der Gestapo[17] durch halb Berlin gehetzt worden war. Morell sch�ttelte unwirsch den Kopf. Allm�hlich sah er wirklich Gespenster, und ihm war, als warte er bereits seit Stunden hier.</p><p>Um der Melancholie, die ihn beschlich, Herr zu werden, warf Morell einen Blick auf die Uhr. F�nf vor zw�lf, allerhand. Zehn Minuten w�rde er der Aufschneiderin, um die es sich wahrscheinlich handelte, noch geben. Und keine Sekunde mehr. Danach w�rde er zum R�ckzug blasen. Und, wie nicht anders zu erwarten, eine geharnischte Strafpredigt �ber sich ergehen lassen m�ssen.</p><p>Ein Schicksal, das ihm jedoch erspart bleiben w�rde.</p><p>�Theodor Morell, wie er leibt und lebt.� Die Stimme im Ohr, die vom Portal ins Innere des Mausoleums drang, fuhr der Journalist herum. Ringsum herrschte D�mmerlicht, und so konnte er das Gesicht der Unbekannten kaum erkennen. �Tut mir leid, dass ich mich versp�tet habe.�</p><p>�Nicht der Rede wert.�</p><p>�Freut mich zu h�ren, Herr Morell�, antwortete die vermeintliche Informantin, nachdem sie am oberen Ende der Treppe angekommen und ins Innere der Ged�chtnishalle getreten war. �Ich bin sicher, Sie werden es nicht bereuen.�</p><p>Morell hatte M�he, seine Entt�uschung zu verbergen. Mit Preu�ens Luise, wie sie auf zahllosen Portr�ts abgebildet war, hatte die mittelgro�e, zur Korpulenz neigende und altbacken angezogene Frau Mitte 40 genauso viel zu tun wie er mit einem Kart�userm�nch[18]. Luise, im Teenageralter verheiratet und mit 21 K�nigin, war eine gefeierte Sch�nheit, voller Liebreiz und mit einem geh�rigen Ma� an Vitalit�t und Lebensfreude gesegnet gewesen. Und somit das genaue Gegenteil der Frau, deren Hand er soeben sch�ttelte. Die Frau, wie Theodor entt�uscht feststellte, reichte ihm gerade einmal bis zur Schulter, trug einen altmodischen Hut, eine Strickjacke und eine Bluse mit gest�rktem Kragen. Sie hatte das Haar streng gescheitelt, am Hinterkopf zu einem Knoten geflochten und aus Gr�nden, die Morell nicht nachvollziehen konnte, keine Schminke aufgetragen. Vor allem der Rock, grau, gouvernantenhaft und abgetragen, w�rde wohl kaum f�r Aufsehen sorgen, und das traf, wie Theodor entt�uscht feststellte, auch auf ihr Aussehen und die dunkel gef�rbten Haare zu. Die Frau sah bieder, verh�rmt und beinahe schon alt aus, viel �lter, als sie vermutlich war.</p><p>Um eine Entt�uschung reicher, lie� sich Theodor nichts anmerken und kam umgehend zum Thema. �Kommt drauf an, was Sie mir zu offerieren haben!�, antwortete er, verga� aber nicht, den Zusatz �gn�dige Frau� zu verwenden. Der Charmeur in ihm war nicht totzukriegen, auch wenn das Gespr�ch ein gesch�ftliches war.</p><p>�Sagen wir�s einmal so: Dass Sie mein Angebot abschlagen werden, kann ich mir nicht vorstellen.�</p><p>�Und warum gerade ich?�, wollte Morell wissen und suchte den Blick seiner Gespr�chspartnerin. �Reporter gibt es in Berlin genug.�</p><p>�Aber keinen wie Sie.�</p><p>Empf�nglich f�r Komplimente, fiel es Theodor schwer, seine Verlegenheit zu kaschieren. �Ich � ich w�sste nicht, durch welche Heldentaten ich in letzter Zeit von mir reden ��, begann er, wurde jedoch sanft, aber bestimmt unterbrochen.</p><p>�Ich denke schon, dass Sie von sich reden gemacht haben, Herr <emphasis>Morell</emphasis>!�, lautete die Antwort, mit Betonung auf seinem Familiennamen. �Wenn nicht heute, dann vor 30 Jahren.�</p><p>�Darf man fragen, mit wem ich die Ehre habe?�, erwiderte Morell, der nichts mehr hasste, als um den hei�en Brei herumzureden. Das war zwar alles andere als galant, sparte jedoch Zeit.</p><p>�Gestatten � Nettelbeck!�, versetzte die Frau und verzog dabei keine Miene. �Jahrgang 18, geboren in Berlin.� Und dann, mit der Andeutung eines L�chelns: �Und Sie?�</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Wo genau?�</p><p>�In Wedding!�, schnappte Morell und erg�nzte spitz: �Am 2. April 1910, falls Sie es genau wissen wollen.�</p><p>Sein Gegen�ber, das eine unersch�tterliche Ruhe ausstrahlte, schien sich auch an dieser Antwort nicht zu st�ren. �In Wedding, ja gibt�s denn so was.�</p><p>�Genauer gesagt im J�dischen Krankenhaus!�, karrte Morell verstimmt nach, worauf sich prompt der Kavalier alter Schule meldete, der ihm riet, von Grobheiten Abstand zu nehmen. �Gewohnt haben wir in der Wins-stra�e, Bezirk Prenzlauer Berg.�</p><p>�Wir?�</p><p>�Meine Eltern ich. Ach ja, wenn wir gerade dabei sind: Nach der Volksschule kam ich in die J�dische Mittelschule.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Morell stutzte. Anschlie�end betrachtete er seine Gespr�chspartnerin genauer. Und ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie, gemessen an seinem ersten Eindruck, nicht g�nzlich unattraktiv war. Insbesondere ihre Augen, gro�, walnussfarben und von zarten Wimpern �berw�lbt, hatten es ihm angetan. Grund genug, sein Urteil zu revidieren. �Und woher?�</p><p>�Winsstra�e 63, hab ich recht?� Die Informantin, die offenbar nicht daran dachte, die ihr zugewiesene Rolle zu erf�llen, zog die Brauen hoch und sah ihn mit kindlich-naivem L�cheln an. �Direkt �ber den � na, wie hie� die Familie doch gleich?�</p><p>�Lenuweit�, brach es aus Theodor, der den Mund fast nicht zubekam, mit nur m�hsam kaschierter Verbl�ffung hervor. �Eine von insgesamt sechs Familien im Haus, drei j�dische und � und �� Morells Wortschwall brach mitten im Satz ab. Schuld daran war nicht etwa mangelnde Eloquenz, sondern die Tatsache, dass er mit unliebsamen Reminiszenzen konfrontiert wurde. An die Zeit vor 1945, eine Periode der Dem�tigungen, Drangsal und abgrundtiefer Barbarei, dachte er, wenn �berhaupt, nur mit Schrecken zur�ck, und es fiel ihm nicht leicht, schmerzhafte Erinnerungen wachzurufen. �Und dann war da noch eine Familie mit drei Kindern�, fuhr er fort, als seine Verbl�ffung abgeklungen und sich die Gespenster, welche ihn zuweilen heimsuchten, verfl�chtigt hatten. �Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es waren zwei Jungs und � und � da bleibt einem doch glatt die Spucke weg � <emphasis>Luise</emphasis>?�</p><p>�Wurde aber auch Zeit, <emphasis>Herr Rosenzweig</emphasis>.�</p><p>�Was treibt dich denn hierher?� Der Boulevardreporter err�tete. �Tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, bis ��</p><p>�Kein Grund, mit sich zu hadern!�, nahm ihm Luise Nettelbeck das Wort aus dem Mund. �Schlie�lich warst du viel �lter als ich. Acht Jahre, eine halbe Ewigkeit! Macht nichts, Theodor. Wer gibt sich schon mit 15-J�hrigen ab, wenn einem die Damenwelt zu F��en liegt. Das w�re wirklich zu viel verlangt.�</p><p>�Und wie hast du rausgekriegt, dass � dass ��</p><p>�Dass deine Artikel unter einem Pseudonym ver�ffentlicht wurden, meinst du? Per Zufall. Unter t�tiger Mithilfe eines Bekannten.� Luise Nettelbeck konnte sich ein L�cheln nicht verkneifen. �Dein Pech, dass er als Schriftsetzer beim �Vorw�rts� gearbeitet und alles br�hwarm ausgeplaudert hat. Man stelle sich vor: Der attraktive junge Herr von nebenan f�hrt ein Doppelleben � wie aufregend!�</p><p>�So, findest du.� Theodor Morell alias David Rosenzweig verschlug es die Sprache. �Doppelleben� � kein schlechter Ausdruck f�r die Zeit, in der er als Buchhalter im Kaufhaus Wertheim[19] gearbeitet und seine journalistischen Ambitionen vor dem gestrengen Herrn Papa verheimlicht hatte. Wusste er doch nur zu gut, dass der pflichtbewusste, stockpreu�ische und patriotisch gesinnte Zweigstellenleiter der Deutschen Bank am Spittelmarkt dies nie und nimmer gut gehei�en und ihm die H�lle hei�gemacht h�tte, wenn er ihm auf die Schliche gekommen w�re. �Merkw�rdig, obwohl ich schon �ber 20 war, habe ich wahnsinnige Manschetten vor Vater gehabt.�</p><p>�Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen, David.�</p><p>�Belassen wir es lieber bei Theodor�, wies der Boulevardreporter seine Gespr�chspartnerin zurecht. �Den David Rosenzweig haben sie mir gr�ndlich ausgetrieben. Ein Gl�ck, dass meinen Eltern das Schlimmste erspart geblieben ist.�</p><p>�Da hast du recht.�</p><p>�berw�ltigt von seinen Erinnerungen, wandte sich Morell rasch ab und lie� die Handfl�chen auf dem Rand des Marmorsarkophages ruhen, unter dem sich die Ruhest�tte von Friedrich Wilhelm III. befand. �Gl�ck� � noch so ein Ausdruck, der den Nagel auf den Kopf zu treffen schien. Vater, Ehrenmitglied im Reichsbund J�discher Frontsoldaten, war zwar relativ sp�t, genauer gesagt 1937, entlassen worden. An dem Schicksal, das ihm beschieden war, hatte dies jedoch nichts ge�ndert. Nur wenige Monate sp�ter war der nierenkranke Bankier gestorben, knapp eineinhalb Jahre vor seiner Mutter, die dem Krebs, der ihr Knochenmark zerfra�, hilflos ausgeliefert gewesen war.</p><p>�Und du � was geschah mit dir?�</p><p>�Mit mir?� Morell lachte desillusioniert auf. �Nun, kurz nach Kriegsbeginn flatterte mir ein Brief ins Haus. Ich m�ge mich schleunigst in die �Reichszentrale f�r j�dische Auswanderung� begeben, hie� es darin. Du ahnst, was man mit mir vorhatte? Genau. Die Herren in der Kurf�rstenstra�e wollten mich loswerden. Deportieren. Allen voran ein gewisser Eichmann, damals noch Sturmbannf�hrer, der es sich nicht nehmen lie�, mich pers�nlich ins Gebet zu nehmen. Eins musste ihm der Neid lassen: Der Mann hat etwas von seinem Handwerk verstanden. Zuckerbrot und Peitsche, Drohgeb�rden und Versprechungen. Damit hat er versucht, mich kleinzukriegen.� Morells Miene nahm einen grimmigen Ausdruck an. �Kurzum: Meine Karriere konnte ich mir abschminken. Stattdessen verfrachtete man mich in ein Lager, in dem man auf die Auswanderung nach Pal�stina vorbereitet wurde. Pech, dass es kurz nach meinem Eintreffen aufgel�st wurde.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Tja, danach hie� es Wege schottern, Schienen verlegen, Abflussleitungen reparieren. Tiefer als ich konnte man wirklich nicht sinken.�</p><p>�Und wenn schon � Hauptsache, du hast �berlebt.�</p><p>�Wei�t du was, Luise? Manchmal denke ich, es w�re besser gewesen, wenn ich mir eine Kugel durch den Kopf gejagt h�tte. Handlangerdienste, Schwerstarbeit f�r 16 Pfennig die Stunde, Hilfskoch in einem j�dischen Waisenhaus, Totengr�ber, und dann, als Kr�nung des Ganzen, sage und schreibe zwei Jahre im Untergrund, will hei�en in einer Gartenlaube � so was musst du erst mal verkraften. Von den Scheu�lichkeiten, die bei Kriegsende publik geworden sind, gar nicht zu reden.�</p><p>�Hauptsache, du hast es �berstanden, David.�</p><p>Im Begriff, seiner Informantin zu widersprechen, besann sich Morell eines Besseren, stie� sich von der Sarkophagkante ab und sah sie �ber die Schulter hinweg an. �Apropos Karriere � wie ist es dir seit damals ergangen, Luise?�</p><p>�Vater und Mutter haben sich 1942 getrennt.�</p><p>�Weshalb?�</p><p>�Gert und Hans, meine beiden Br�der, sind kurz nach Kriegsbeginn gefallen. Der eine bei einem Tieffliegerangriff an der Westfront, der andere in Polen. Mein Vater war fix und fertig, ein gebrochener Mann.�</p><p>�Und deine Mutter?�</p><p>�Die auch. Aber nicht so sehr wie Vater. Der hing von da an nur noch an der Flasche. Tja, irgendwann wurde es ihr zu bunt. Auf gut Deutsch: Sie ist abgehauen, und ich auch. Nach Bayern, zur�ck in die Heimat. Gerade rechtzeitig, bevor es in Berlin zur Sache ging.�</p><p>�Hauptsache, du hast es �berstanden, Luise!�, echote Morell, breitete die Arme aus und blickte sich theatralisch um. �Der ideale Ort, um Erinnerungen aufzufrischen, nicht wahr?�</p><p>Die Angesprochene rang sich ein L�cheln ab. �Ich f�rchte, da muss ich dich entt�uschen, mein lieber ��</p><p>�Theo, schlicht und ergreifend Theo.� Die Arme vor der Brust verschr�nkt, lie� Morell den Kopf nach vorn sacken. �Wie gesagt � David Rosenzweig existiert nicht mehr.� Rasch f�gte er hinzu: �Reden wir lieber �ber dich, Luise. Wie ist es dir seither ergangen?�</p><p>�Ich habe Karriere gemacht!�, spottete Luise Nettelbeck. �Was denkst denn du! H�here Handelsschule, Tippse, �bersiedelung nach Bayern, Tr�mmerfrau, Serviererin in einem amerikanischen Offizierskasino und ��</p><p>�Und?�, bohrte Morell, dem die Unsicherheit in der Stimme seiner Bekannten nicht entging. �Wo bist du geendet?�</p><p>�Willst du das wirklich wissen, Theo?�</p><p>�Klar.�</p><p>�Na sch�n.� Die 44-J�hrige holte tief Luft und sagte: �In der Zentrale des BND in Pullach. Als Vorzimmerdame.�</p><p>Morell pfiff �berrascht durch die Z�hne. �Donnerwetter!�, fl�sterte er, im Zweifel, ob es klug war, das Gespr�ch fortzuf�hren. �Mir scheint, als h�ttest du Karriere gemacht.�</p><p>�Das schon, aber nicht so problemlos wie manch anderer.� Nicht in der Stimmung f�r launige Bemerkungen, nahm Luise Nettelbeck ihre Handtasche von der Schulter, �ffnete sie und zog einen wei�en Umschlag hervor, den sie Morell mit nachdenklicher Miene offerierte. �F�r dich, Theo. Ich nehme an, das wird dich interessieren.�</p><p>Morell z�gerte. Dann griff er zu.</p><p>�Apropos Karriere�, ergriff die Frau, die jede seiner Bewegungen verfolgte, erneut das Wort. �Du glaubst gar nicht, wer alles beim BND die Leiter hinaufgefallen ist. Ehemalige Mitglieder des Reichssicherheitshauptamtes, verdiente Parteigenossen, hochrangige Offiziere der SS. Und was f�r den BND gilt, gilt nat�rlich auch f�r das BKA[20] und den Polizeiapparat. Schon gewusst, dass ein ehemaliges SS-Mitglied zum Stellvertreter des BKA-Pr�sidenten ernannt worden ist? Und dass, vorsichtig gesch�tzt, knapp 50 Mitglieder des Totenkopfordens f�r die Beh�rde t�tig sind? Nein? Oder dass sich der BND nicht zu schade war, die Dienste hochrangiger Nazis in Anspruch zu nehmen? So zum Beispiel diejenigen eines gewissen Alois Brunner[21], der als Dank f�r seine Handlangerdienste von der griechischen Fahndungsliste gestrichen wurde? Da staunst du, was? Glaubt man den Herren von der CIA[22], handelt es sich bei jedem zehnten Mitarbeiter des BND um einen alten Kameraden aus den Reihen der Gestapo, SS, SA oder des SD[23]. Allen voran der erste BND-Pr�sident, Ex-Generalmajor Reinhard Gehlen, ehemals Leiter der �Abteilung fremde Heere Ost� des deutschen Generalstabes. Aufgabe: Ausspionieren des Gegners, unter besonderer Ber�cksichtigung der Sowjetunion. Ein Mann ganz nach dem Geschmack der Amerikaner. Grund genug, ihn und eine Reihe hochrangiger Offiziere f�r sich arbeiten zu lassen. Getreu der Devise: �Der Feind meines Feindes ist mein Freund.� Klug eingef�delt, Herr Gehlen. Das macht Ihnen so schnell keiner nach. Im richtigen Moment die Fronten wechseln, das ist die Kunst!� L�ngst nicht mehr so beherrscht wie zuvor, lie� Morells ehemalige Verehrerin ihrem Groll freien Lauf. �Verstehst du, was ich damit sagen will, Theo? Die Handlanger von einst sind verdammt gut �ber den Winter gekommen. Wo man auch hinsieht, nichts als Ex-Nazis, die es geschafft haben, wieder in Amt und W�rden zu gelangen. Du glaubst gar nicht, wie mich das anwidert!� Luise Nettelbeck rang nach Luft, lie� einige Sekunden verstreichen und fragte: �Na, habe ich dir zu viel versprochen?�</p><p>Der Boulevardreporter gab keine Antwort. Stattdessen betrachtete er den Inhalt des Kuverts, das er aus der Hand seiner Gespr�chspartnerin in Empfang genommen hatte. Auf den ersten Blick nichts Weltbewegendes, nur eine beschriftete Karteikarte. Namen, Daten, mit Schreibmaschine getippte Notizen. Kein Grund zur Aufregung, m�chte man meinen.</p><p>Doch dem war nicht so. Das Dokument in seiner Hand war Sprengstoff pur, und obwohl er gelernt hatte, sich zu beherrschen, begann Morells rechte Hand zu zittern. �Standartenf�hrer Eichmann befindet sich nicht in �gypten, sondern h�lt sich unter dem Decknamen Clemens[24] in Argentinien auf. Die Adresse von E. ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung in Argentinien �Der Weg� bekannt.� Um zu begreifen, was hier stand, musste Morell seine gesamte Fantasie aufbieten. Und nicht nur das. Er musste aufpassen, dass er nicht die Beherrschung verlor, damit die Wut, welche ihn packte, nicht die Oberhand gewann.</p><p>Kaum imstande, klar zu denken, zwang sich Morell zur Ruhe. Dass Eichmann sich nach Argentinien abgesetzt und bis zu seiner Entf�hrung dort gelebt hatte, war eine Sache. Schlie�lich war der Gerechtigkeit Gen�ge getan, der V�lkermord, an dem er beteiligt gewesen war, nicht unges�hnt geblieben. Die Tatsache, dass dies volle 15 Jahre gedauert hatte, lie� dagegen einen schlimmen Verdacht aufkommen. Einen Verdacht, der am heutigen Tage best�tigt worden war.</p><p>21. Juni 1952. Da stand es, schwarz auf wei�. Der Aktenvermerk war vor knapp zehn Jahren gemacht worden. Aschfahl im Gesicht, hatte Morell M�he, dem W�rgen in seiner Kehle Herr zu werden. Kein Zweifel: Hier handelte es sich nicht etwa um einen Tippfehler. Die �brigen Datumsangaben, allesamt aus dem gleichen Jahr, waren Beweis genug.</p><p>Der Boulevardreporter st�hnte auf. Da war sie nun, die Story, auf die er jahrelang gewartet hatte. Ein Aufmacher der G�teklasse A, Pfahl im Fleisch all derjenigen, die geglaubt hatten, ein perfides, an Menschenverachtung nicht zu �berbietendes Spiel treiben zu k�nnen. Mit welchem Motiv, lag auf der Hand. Nur ja nicht die Friedhofsruhe st�ren, nur ja keine Reminiszenzen an eine Zeit wecken, an die niemand, am allerwenigsten ein Mann vom Schlage Gehlens, erinnert werden wollte. Die Strippenzieher von einst waren wieder wer, und wenn sie etwas einte, dann der Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Besser ein Schreibtischt�ter, der in Argentinien sein Dasein fristete, als ein SS-Obersturmbannf�hrer, der auspacken und die Mitglieder des Eichmann-Syndikats mit sich in den Abgrund rei�en w�rde. Von Mitwissern bei der CIA und Diensten, die mit ihr zusammenarbeiteten, gar nicht zu reden.</p><p>Morells Miene verfinsterte sich. Und was war mit den Opfern, mit all jenen, die seiner Willk�r hilflos ausgeliefert gewesen waren? Nun, die w�rde man ohnehin nicht mehr lebendig machen k�nnen. Ein Grund mehr, m�glichst rasch zur Tagesordnung �berzugehen.</p><p>�Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, Luise?�, fragte Morell und sah durch das offene Portal in den Park hinaus. Inzwischen regnete es in Str�men, und er fragte sich, wie lange er hier wohl w�rde ausharren m�ssen. �Wenn das rauskommt, kannst du dein Testament ��</p><p>�Ich will, dass es herauskommt, Theo, sonst st�nde ich nicht hier.�</p><p>�Hei�t das, du ��</p><p>�Das hei�t, ich beabsichtige, dir die Karteikarte zu �berlassen. <emphasis>Zum Nulltarif</emphasis>.�</p><p>Morell glaubte, er habe sich verh�rt. �Wie bitte?�, rief er aus und drehte sich auf dem Absatz um. �Du willst, dass ich sie behalte � einfach so?�</p><p>Ein sibyllinisches L�cheln im Gesicht, lie� die Angesprochene den Verschluss ihrer Handtasche einrasten, h�ngte sie um und schlenderte auf Morell zu. �Einfach so!�, wiederholte sie, nachdem sich ihr L�cheln wieder verfl�chtigt hatte. �Mit der Bitte, sinnvollen Gebrauch davon zu machen.�</p><p>�Wei�t du eigentlich, wie viel Geld dieser Fetzen wert ist?�, wollte Morell wissen und wedelte mit der Karteikarte vor dem Gesicht herum, um sie anschlie�end in der Bruttasche verschwinden zu lassen. �Ein Anruf bei der Konkurrenz, und du h�ttest ausgesorgt.�</p><p>�Mir geht es nicht ums Geld, Theodor.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Erinnerst du dich an das M�dchen, das zwei H�user weiter gewohnt hat?�</p><p>�Ein M�dchen in deinem Alter?�</p><p>�Mit anderen Worten: Du erinnerst dich nicht!�, res�mierte Luise Nettelbeck, worauf das L�cheln, an dem Morell zusehends Gefallen fand, erneut aufblitzte. �Nicht so schlimm, Herr Morell � oder soll ich nicht doch lieber Rosenzweig sagen?�</p><p>�Such es dir aus, Luise.�</p><p>�Einerlei � sie hie� Miriam Friedl�nder, war zwei Jahre �lter, im Gegensatz zu mir bildh�bsch und meine beste Freundin. Du kannst dir denken, was jetzt kommt? Kurz nach dem Beginn des Russlandfeldzuges ist sie mit ihrer gesamten Familie Richtung Osten deportiert worden. Wohin, wusste kein Mensch. Und wei�t du, was das Schlimmste dabei war, Theo? Sie hat geahnt, was auf sie zukommen w�rde. Ich wei� gar nicht, wie oft ich auf sie eingeredet, wie sehr ich gedr�ngt und vor m�glichen Konsequenzen gewarnt habe. Vergebens. �Das werden sie uns nicht antun!�, hat sie immer wieder gesagt. Und ob sie ihr das angetan haben! Zum Abschied hat sie mir dann rasch ein Dutzend Postkarten gezeigt � allesamt mit meiner Adresse. �Alle drei Tage werde ich dir schreiben!�, hat sie mir versichert. �Mindestens!� Ich habe nie wieder etwas von ihr geh�rt.�</p><p>�So wie ihr ist es vielen von uns gegangen.�</p><p>�Ich wei�, David. Das Schlimmste sollte indes noch kommen.�</p><p>Morell senkte den Kopf und schwieg.</p><p>�Vor ein paar Wochen bin ich dem SS-Mann, der die Deportation beaufsichtigt hat, �ber den Weg gelaufen.�</p><p>�Schauplatz: die BND-Zentrale in Pullach.�</p><p>Luise Nettelbeck nickte. �Purer Zufall, aber ein Zufall mit Folgen. Von da an, Theo, gab es kein Zur�ck mehr f�r mich.�</p><p>�Und was wirst du jetzt tun? In Berlin kannst du dich ja wohl nicht mehr blicken � ich meine: Du bist nirgendwo mehr sicher, ist dir das klar?�</p><p>�Voll und ganz!�, versicherte die Ex-Sekret�rin, warf ihm einen kurzen Blick zu und stieg die Treppe zum Vorraum hinab. Am Portal angekommen, drehte sie sich noch einmal um. �Ich wollte einfach noch mal nach Hause. Ein allerletztes Mal. Schlie�lich bin ich in Berlin gro� geworden.�</p><p>Morell �ffnete den Mund, um etwas zu sagen. Der Klo� in seinem Hals sa� jedoch so fest, dass er keinen Ton herausbrachte.</p><p>�Heute Abend um sechs geht mein Flugzeug. Nach Frankfurt am Main, mit Anschluss nach New York. Dort lebt eine Cousine von mir, bei der ich f�rs Erste unterkommen kann. Danach werden wir weitersehen.�</p><p>�Auf Wiedersehen, Luise�, brach es aus Morell hervor, obwohl ihm schwante, dass dies ein Abschied f�r immer sein w�rde. �Und pass auf dich auf!�</p><p>�Du auch, David�, antwortete sein Gegen�ber, hob die Hand zum Gru� und wandte sich zum Gehen. �Sieh zu, dass du nicht vollends unter die R�der ��</p><p>Eine Hundertstelsekunde sp�ter, unter dem Eindruck der Sch�sse, die wie von fern an seine Ohren drangen, brach Theodor Morells Welt endg�ltig zusammen. Vor Schreck wie gel�hmt, wich der Boulevardreporter zur�ck und starrte auf die Gestalt, die, gleich einem surrealistischen Gebilde, unter dem T�rsturz lag. Mit Luise, dem Nachbarskind aus Jugendtagen, hatte sie nichts mehr gemein. Ihr Kopf war f�rmlich explodiert, die Sch�deldecke von den abgefeuerten Projektilen einfach weggerissen und in zahllose Splitter zerfetzt worden. Ringsum war der Marmorboden mit Blutspritzern �bers�t, vermischt mit Gehirnmasse, die aus dem offenen Sch�del spritzte. Morell wollte schreien, aber alles, was er zustande brachte, war ein halblautes Gurgeln. Wollte fliehen, besa� jedoch nicht die Kraft dazu. Verdammt zum Zusehen, verharrte er auf der Stelle, wie in einem Albtraum, aus dessen F�ngen er sich nicht befreien konnte.</p><p>Kurz davor, sich zu �bergeben, rang der Boulevardreporter nach Luft. Kein Zweifel, dies war kein Hirngespinst, kein Trugbild, keine Ausgeburt seiner Fantasie. Dies war die Wirklichkeit, die grausame, durch nichts zu �bertrumpfende, ihn wie ein W�rgegriff umklammernde Wirklichkeit.</p><p>Kalkwei� im Gesicht, lauschte Morell nach drau�en. Auf einmal war alles wieder so wie damals, als ihm die Peiniger dicht auf den Fersen waren. Die Beine drohten den Dienst zu versagen, das Herz h�mmerte gegen die Rippen, der Atem raste, die Schl�fen pochten und die Gedanken von David Emanuel Rosenzweig kreisten unentwegt um die Frage, wie lange er wohl noch zu leben haben w�rde.</p><p>Eine Frage, auf die er auch jetzt, 20 Jahre sp�ter, keine Antwort wusste.</p></section><section><p><strong>4</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Tempelhof, Dorfkirche Alt-Tempelhof &#x2502; 13:20 </emphasis>h</p><p>Es gab drei Sorten von Menschen, auf die Tom Sydow, Hauptkommissar der Kripo Berlin, derzeit nicht gut zu sprechen war. An erster Stelle rangierten die Vopos[25], an zweiter, so merkw�rdig dies auch klang, die Politiker aus Bonn und auf Platz drei Strafverteidiger und Anw�lte. Besonders Letztere setzten ihm immer wieder zu, fast noch mehr als das Aktenstudium, welches ihn regelm��ig zur Verzweiflung trieb.</p><p>Was die Volkspolizisten betraf, teilte er die Antipathie, welche die Westberliner gegen sie hegten. Dass die Kollegen aus dem Osten am Mauerbau beteiligt gewesen waren, war schon schlimm genug gewesen. Dar�ber hinaus hatte sich einer von ihnen seine Stieftochter geangelt, nur um sie wenige Wochen nach der Hochzeit zu hintergehen. Veronika, genannt Vroni, war nat�rlich sofort ausgezogen, aber das �nderte nichts daran, dass sie in Treptow festsa� und kein Mensch wusste, wann und wie sie wieder nach Hause in den Westen kommen w�rde.</p><p>Westdeutsche Politiker konnte Sydow ebenso kaum noch ertragen, vor allem nicht ihre Sonntagsreden, die zwar gut klangen, aber an dem, was Ulbricht&amp; Co. angerichtet hatten, so gut wie nichts �nderten. Da wurde �ber Nacht die Mauer hochgezogen, und Adenauer brauchte volle neun Tage, um seinen Hintern nach Berlin zu bewegen. Das sollte mal einer verstehen. Solidarit�tsbekundungen kosteten bekanntlich nichts, aber damit, so seine Bef�rchtung, war es nicht getan. Um das Los der Berliner ertr�glicher zu gestalten, reichten Reden nicht aus, und nicht nur Sydow h�tte es begr��t, wenn den Worten endlich Taten gefolgt w�ren.</p><p>Mit der dritten Spezies, die Sydow auf dem Kieker hatte, den Herren Advokaten, war es seiner Meinung nach ebenfalls nicht weit her. Ein Vierteljahrhundert in Diensten der Berliner Kripo hatte eben seine Spuren hinterlassen, vor allem, was sein Vertrauen in die Redlichkeit von Anw�lten betraf. Dieser Sorte Mensch war einfach nicht zu trauen, und niemand, nicht einmal sein Kollege und Freund Krokowski, hatte es geschafft, ihn von seiner Meinung abzubringen.</p><p>Was seinen Werdegang anging, hatte Sydow H�hen und Tiefen hinter sich. Der Tod seiner Verlobten, mit der er 1942 aus Deutschland gefl�chtet war, hatte ihn wie kaum ein anderes Erlebnis gepr�gt, und er konnte von Gl�ck sagen, dass es seine Tante gab. Wenn, dann war sie es, derentwillen er sich heute zusammengerissen und die Zur�ckhaltung, welche er gegen�ber Geistlichen an den Tag legte, �berwunden hatte.</p><p>Er hatte ihr viel zu verdanken, jener bestimmenden, zuweilen schroffen und �beraus k�hl und distanziert wirkenden Monarchistin aus m�rkischem Gebl�t, deren sterbliche �berreste in dem schlichten Eichenholzsarg in unmittelbarer N�he des Altars ruhten. Und er hatte sie, wenn schon nicht geliebt, so doch immerhin gesch�tzt und verehrt. Luise von Zitzewitz, geborene von Sydow und bei Kriegsende vor der Roten Armee gefl�chtete Gattin eines pommerschen Rittergutsbesitzers, war zwar nicht gerade das gewesen, was man als Sanftmut in Person bezeichnete. Dennoch oder gerade deswegen war sie die Richtige gewesen, um Sydow wieder auf Vordermann zu bringen, und das, neben anderen Wohltaten, w�rde er ihr nie vergessen.</p><p>Es war nicht einfach, von Tante Lu Abschied zu nehmen, nicht zuletzt, weil er au�er ihr keine Verwandten mehr besa�. Oder, um es akkurat auszudr�cken, besessen hatte. Nun gut, da war noch seine Mutter, die h�tte er um ein Haar vergessen. Da sie jedoch in London lebte und er sie seit eineinhalb Jahrzehnten nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte, verband ihn kaum noch etwas mit ihr. Das h�rte sich gewiss hart und herzlos an, war aber eine Folge der Familienhistorie und von der Wahrheit nicht allzu weit entfernt. Schon sehr fr�h, als Sydow noch die Schulbank dr�ckte, hatte sich Abigail Wentworth, Tochter des sechsten Earl of Strafford, von seinem Vater, einem hohen Beamten im Au�enministerium, scheiden lassen und war nach England zur�ckgekehrt. Dort hatte sie, wie viele andere auch, der Krieg zwar eingeholt. Dank au�erordentlicher Z�higkeit und ihres Durchhalteverm�gens hatte Mutter die Londoner Bombenn�chte jedoch unbeschadet �berstanden.</p><p>Ein Schicksal, das dem Freiherrn Adalbert von Sydow und seiner Tochter Agnes, Sydows Schwester, nicht beschieden war. Am 3. Februar 1945, w�hrend einem verheerenden, wenn nicht gar dem verheerendsten Luftangriff des gesamten Krieges, war ihr Haus am L�tzowplatz in Schutt und Asche gelegt und der Ministerialdirigent im Au�enministerium mitsamt seiner Tochter im Keller versch�ttet worden. Laut Aussagen von Nachbarn, bei denen Sydow nach dem Krieg Nachforschungen angestellt hatte, waren von den beiden nur noch �berreste gefunden worden. Damaligen Gepflogenheiten entsprechend waren Vater und Tochter kurz darauf in einem der zahlreichen Massengr�ber bestattet worden, wo genau, hatte sich nicht mit letzter Sicherheit ermitteln lassen.</p><p>F�r Sydow, dem die wochenlange Suche schwer zugesetzt hatte, war dies der Tiefpunkt in einem an Widrigkeiten nicht gerade armen Jahrzehnt gewesen. Aber zum Gl�ck gab es da noch Tante Lu, ihren unersch�tterlichen Optimismus und die vielf�ltigen Beziehungen, welche sie zur britischen Milit�radministration gepflegt hatte. Nicht zuletzt aufgrund dieser Beziehungen war Sydow schlie�lich wieder bei der Kripo gelandet. Angesichts der Tatsache, dass es dort von ehemaligen Parteigenossen nur so wimmelte, fast schon ein kleines Wunder. Schlie�lich war er nach seiner Flucht einer der meistgesuchten Regimegegner gewesen, was dem Ruf, der ihm vorauseilte, nicht gerade f�rderlich gewesen war.</p><p>Das Dritte Reich war mit Pauken und Trompeten untergegangen, der Geist, der in ihm geherrscht hatte, dagegen nicht. Dieser Tatsache musste man ins Auge schauen, und Sydow hegte den Verdacht, dass sie heute, 17 Jahre nach dem Krieg, nichts von ihrer Brisanz verloren hatte. Die Strippenzieher von damals waren immer noch in Amt und W�rden, die Syndikate, denen sie angeh�rten, einflussreicher denn je.</p><p>Wie dem auch sei, Tante Lu, vor drei Tagen an den Folgen einer Lungenentz�ndung verstorben, hatte ihren Willen bekommen. Sydow, mit 49 nicht mehr der J�ngste, hatte ihr versprechen m�ssen, dass sie hier, und nur hier, bestattet werden w�rde. Die kleine Dorfkirche, Fontane zufolge von einem Tempelritter erbaut, war Tante Lus Taufkirche gewesen. Vieles, so zum Beispiel der nahe Weiher, die von Haselnussstr�uchern und Hagebutten umgebene Kirchhofsmauer und die verwitterten Grabsteine samt Veilchenteppichen, erinnerte noch an den Dichter, in dessen Epoche man sich hier automatisch zur�ckversetzt f�hlte. Das Gleiche galt f�r das Innere der aus Feldsteinen erbauten Kirche, und, nicht zu vergessen, f�r den Fl�gelalter an der Wand. Kein Zweifel, dies war ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben war. Und ein Grund mehr, dem Wunsch seiner Tante zu entsprechen.</p><p>Nicht ganz so leicht war ihm dies bei den anderen Punkten gefallen, die sie ihm in den Block diktiert hatte. Zun�chst einmal war da die preu�ische Fahne, von der Tante Lu partout nicht hatte lassen wollen. Allein, Widerstand war wie so oft zwecklos gewesen, und er tr�stete sich mit dem Gedanken, dass man die Politik zuweilen Politik sein lassen musste.</p><p>Kaum anders war es ihm mit der dritten Bedingung ergangen, die Tante Lu als Bestandteil eines Begr�bnisses einer Dame von Stand betrachtete. Der Choral von Leuthen[26] musste erklingen, in voller L�nge, versteht sich, untermalt von der Kirchenorgel, deren Kl�nge Sydow soeben wachr�ttelten.</p><p>Fast zeitgleich mit dem �Nun danket alle Gott�, in das er widerstrebend einstimmte, musste Sydow einen Rippensto� seiner Frau hinnehmen, die neben ihm in der vordersten Reihe sa�. Sydow l�chelte versch�mt. Lea, seit gerade einmal f�nf Tagen 46 und somit drei Jahre j�nger als ihr hochgewachsener, rotblonder und beileibe nicht mehr idealgewichtiger Mann, war nicht der Typ, der Dr�ckebergerei durchgehen lie�. Das h�tte er eigentlich wissen m�ssen.</p><p>�Kopf hoch, mein Schatz, bald ist es �berstanden.� Nach �ber neun Jahren Ehe mit seiner Jugendliebe, in die er immer noch �ber beide Ohren verknallt war, hatte er gelernt, die ernst gemeinten von den scherzhaften R�ffeln zu unterscheiden. Eine Erfahrung, die ihm jetzt zugutekam. �Sie war 87, vergiss das nicht.�</p><p>Wie konnte er. Tom Sydow nickte und warf einen Blick auf das Schwarz-Wei�-Portr�t, welches auf einer Staffelei rechts neben dem Eichenholzsarg stand. Blumen hatte sich Tante Lu verbeten, und so blieb es bei den vier Kandelabern, welche den fahnengeschm�ckten Sarg flankierten. Alles wirkte schlicht, bescheiden und dezent, genau so, wie es sich das Pendant von Adele Sandrock[27] gew�nscht hatte.</p><p>Beinahe ebenso schlicht, um nicht zu sagen einfallslos, mutete die 08/15-Predigt des Pfarrers an, wie geschaffen, um Sydows Vorurteile zu best�tigen. Auf die Gefahr, sich einen weiteren Rippensto� der blonden, attraktiven und zuweilen energischen RIAS-Redakteurin, mit der er verheiratet war, einzuhandeln, h�rte er deshalb nur mit einem Ohr hin und blickte sich in einem unbeachteten Moment um. Die Trauernden konnte man an einer Hand abz�hlen, und wenn er ehrlich war, hatte er die H�lfte davon nie gesehen. N�her bekannt war ihm lediglich Tante Lus Anwalt, mit dem er um halb drei verabredet war, mehrere Mitbewohnerinnen des Seniorenheims, in dem sie gelebt sowie die Stationsschwester, mit der sie die meiste Zeit �ber zu tun gehabt hatte. Freunde, falls Tante Lu dieses Wort je in den Mund genommen hatte, waren dagegen nicht erschienen, nur ihre knapp 70-j�hrige Haush�lterin, die 30 Jahre lang von ihr herumkommandiert worden war.</p><p>Ebenfalls anwesend war dar�ber hinaus eine Frau Anfang 40, ganz in Schwarz und das Gesicht hinter einer Sonnenbrille verborgen. Sydow wurde das Gef�hl nicht los, sie schon einmal gesehen zu haben, drehte jedoch, als sich ihre Blicke trafen, den Kopf wieder nach vorn.</p><p>Die Predigt, welche der Pfarrer in Rekordzeit hinter sich gebracht hatte, war zu Ende. Sydow atmete auf und konnte der Versuchung, Gott oder wem auch immer daf�r zu danken, nur mit M�he widerstehen. Vonseiten seiner Frau, die anscheinend Gedanken lesen konnte, trug ihm dies ein anerkennendes Kopfnicken ein. Froh um jede Aufmunterung, r�ckte Sydow seine Krawatte zurecht, bot Lea den Arm an und beeilte sich, den Sargtr�gern, die es genauso eilig wie der Pfarrer zu haben schienen, zu folgen.</p><p>Dabei wurde ihm bewusst, dass er weder eine Tr�ne vergossen noch sonst irgendwelche Emotionen gezeigt hatte. Er sch�mte sich daf�r, und nicht zu knapp. Warum fiel es ihm so schwer, Gef�hle zu zeigen, Lea gegen�ber einmal ausgenommen? Das fragte er sich nicht zum ersten Mal und beruhigte sich mit dem Gedanken, dass dies mit seiner Erziehung zusammenhing. W�hrend seiner Jugend, von der er einen Gro�teil in Internaten verbracht hatte, war Disziplin oberstes Gebot und die Zurschaustellung von Emotionen ein Ausdruck von Schw�che gewesen. Das war ihm immer wieder eingetrichtert worden, von morgens bis abends, ob auf dem Herrensitz am Ruppiner See, unweit von Wuthenow, auf dem er gro� geworden, oder auf der Polizeischule, wo er auf F�hrer und Vaterland eingeschworen worden war. Zwar war dies nur in unzureichendem Ma�e gelungen, hatte aber dazu gef�hrt, dass er sich Fremden gegen�ber �u�erst reserviert, wortkarg und bisweilen schroff verhalten hatte. Und wohl immer noch verhielt. Alles Eigenschaften, die den Letzten aus dem Hause derer von Sydow mit der Verstorbenen, geradezu ein Musterbeispiel an Reserviertheit, verband. Von seinem Humor, ein Erbst�ck seiner britischen Mutter, gar nicht zu reden.</p><p>Sydow seufzte gequ�lt. Zum Gl�ck gab es da noch Lea, die ihm die Flausen, welche er an den Tag legte, nicht durchgehen lie�. Sonst w�rde er so enden, wie es bei Tante Lu offenbar der Fall gewesen war. Respektiert, mitunter auch gef�rchtet, in Ehren gehalten, aber nicht wirklich geliebt. Mit einem Wort: ein Mensch, f�r den das Wort �Kompromiss� auf gleicher Ebene wie �Kapitulation� rangierte.</p><p>�Nach Ihnen, gn�dige Frau!� Weshalb er der Unbekannten im aparten schwarzen Kost�m den Vortritt lie�, konnte sich Sydow nicht erkl�ren. Geschehen war jedoch nun einmal geschehen, und so schritt er mit Lea hinter ihr her, trat ins Freie und folgte den Sargtr�gern, welche den Weg zum frisch ausgehobenen Grab in unmittelbarer N�he der Friedhofsmauer einschlugen. Die Fremde indes, blond, mit Bubi-Schnitt, gertenschlank und beinahe so gro� wie er, wandte sich dagegen dem Ausgang zu. Sydow konnte nichts anders, als ihr hinterherzusehen, was, wie er sehr wohl wusste, weder an ihren St�ckelschuhen, noch an dem s�ndhaft teuren Kost�m, noch am Hut im Stil der Zwanziger oder an der Art lag, wie sie sich bewegte. F�r Sydow, in j�ngeren Jahren ein Schweren�ter, gab es au�er Lea keine andere Frau, die es wert war, dass man sich n�her mit ihr besch�ftigte. Trotzdem war da etwas, das seine Neugierde hervorrief, weshalb, war ihm ein R�tsel.</p><p>Ein R�tsel der besonderen Art stellte jedoch auch seine Frau Lea dar. Sie, der sonst nichts entging, tat einfach so, als bemerke sie Sydows Unsicherheit und die daraus resultierende Zerstreutheit nicht, hakte sich bei ihm unter und nahm den Platz an der Spitze der Trauergemeinde ein. Sydow lie� es geschehen, in Gedanken immer noch bei der Unbekannten anstatt bei seiner Tante, die in K�rze zur letzten Ruhe gebettet werden w�rde.</p><p>*</p><p>Was folgte, war eine Sache von wenigen Minuten und kaum dazu geeignet, Sydows Gem�t aufzuheitern. Um nicht in Tr�bsal zu verfallen, beobachtete er die Trauerg�ste und mokierte sich insgeheim �ber den Nieselregen, der genau dann einsetzte, als sich der Sarg in die Erde senkte. Der Pfarrer, wahrlich kein Redner vor dem Herrn, schien dies als Wink des Himmels zu nehmen, versch�rfte das Tempo erneut und entlie� die Anwesenden mit den Worten, sie m�gen in Frieden von dannen ziehen.</p><p>Ger�hrt von so viel Anteilnahme, verharrte Sydow noch eine Weile am Grab. Das hatte Tante Lu nicht verdient, das hatte niemand verdient, der ein Leben wie sie hinter sich hatte. Der Regen wurde st�rker, und wie er so dastand, umgeben von Birken, Buchen, Eiben und Holunder, kam sich Sydow wie der Hauptprotagonist in einer drittklassigen Kinoschnulze vor. �Und was machen wir mit der Flagge, Herr von �?�</p><p>�Sydow, ganz einfach Sydow. Geben Sie her.� Sydow kramte sein Portemonnaie hervor, dr�ckte dem Totengr�ber einen Zehnmarkschein in die Hand und wusste nicht, wohin mit seinem Hut, den er nach kurzem Z�gern aufsetzte. Dann nahm er die zusammengefaltete Fahne entgegen und beschloss, sie mit nach Hause zu nehmen. Preu�en, in dem seine Tante gro� geworden war, war Teil seiner Familiengeschichte. Daran f�hrte kein Weg vorbei, mochte man nun Nostalgiker wie Tante Lu oder Brandt[28]-Anh�nger wie ihr aus der Art geschlagener Neffe sein. Jahrhundertelang hatten die Sydows dem Staat gedient, als Offiziere, Richter oder, wie sein Vater, als Diplomat. Oder, wie der Letzte des Hauses, als Polizeibeamter. Das durfte man �ber all dem Neuen, was die Nachkriegszeit Deutschland bescherte, nicht vergessen. Man musste wissen, woher man kam, sonst wusste man nicht, wohin man gehen sollte.</p><p>Allein auf weiter Flur, konnte sich Sydow von dem Grab, dessen Kopfende ein schmuckloses Holzkreuz zierte, immer noch nicht losrei�en. Ob er wollte oder nicht, begannen die Gedanken um seine Jugend und um das Herrenhaus am Ruppiner See zu kreisen. Mehr als alles andere hatte sich ein Ereignis in sein Ged�chtnis eingegraben, an das er hier, auf dem menschenverlassenen Kirchhof, erinnert wurde. Es war die Szene, in der seine Mutter die Koffer gepackt und ihre Familie Hals �ber Kopf verlassen hatte. Ein Tag wie heute, wolkenverhangen, grau und entschieden zu k�hl. Sydow wischte sich die Regentropfen von der Stirn. An den Grund f�r das Zerw�rfnis zwischen seinen Eltern konnte er sich zwar nicht mehr erinnern. Eines aber war ihm bis zum heutigen Tag im Ged�chtnis geblieben. N�mlich die Ger�usche, welche Mutters Schritte auf dem Kiesweg vor dem Haus verursacht hatten.</p><p>Er w�rde sie sein Lebtag nicht vergessen.</p><p>Ger�usche, so schien es, welche mit denen zu seiner Rechten identisch waren.</p><p>�Patriot ohne Wenn und Aber. Und seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.�</p><p>�Tats�chlich?� Sydow konnte es partout nicht ausstehen, wenn man ihn mit seinem Vater verglich. Nun gut, rein �u�erlich betrachtet mochte dies vielleicht der Fall sein. Er war �ber 1,90 Meter gro�, hatte eine scharf geschnittene Nase, spr�de und zumeist rissige Lippen und weit auseinanderliegende blaue Augen, die von sp�rlichen Brauen �berw�lbt wurden. Und dar�ber hinaus, quasi als Familienerbst�ck, ein Paar hohe Wangenknochen nebst einem markanten Kinn. So viel zum Thema �hnlichkeit. Das immer noch volle und ungeb�rdige Haar war dagegen ein Erbst�ck seiner Mutter und ein Teil seiner Physiognomie, auf den man in seinem Alter stolz sein konnte. Nicht ganz so stolz war er dagegen auf seinen Bauchansatz, den er nach Kr�ften zu kaschieren versuchte und den Kochk�nsten seiner Frau zu verdanken hatte. Tja, der Geist war eben willig, das Fleisch dagegen so schwach, dass Vorsicht � und so wenig Schreibtischarbeit wie m�glich � das Gebot der Stunde war. �Und wenn, was ist denn so schlimm daran?�</p><p>�Nichts, Thomas, nichts.�</p><p>Noch etwas, das ihm auf die Nerven ging und geeignet war, ihn in Nullkommanichts auf die Palme zu bringen. �Thomas�, mit britischer Aussprache und Kensington-Akzent. Herablassend und voll unterschwelliger Ironie. Dazu ein Hut, wie man ihn vermutlich in Ascot, und ein Kleid, das man bei einer Gartenparty oder auf den Zuschauerr�ngen eines Polospieles trug. Und nat�rlich den Stock, den die alte Dame trotz ihrer 73 Jahre nicht ben�tigte. Adel verpflichtete, Aristokrat blieb nun einmal Aristokrat. Von dieser Maxime war die unerwartete Besucherin zeitlebens nicht abgewichen. �Dann ist ja alles in Ordnung.�</p><p>�Findest du? Wenn man dich anschaut, k�nnte man meinen, morgen gehe die Welt unter.�</p><p>�Wer wei�.� In der Erkenntnis, den Tatsachen ins Auge sehen zu m�ssen, stie� Sydow einen Sto�seufzer aus und wandte sich seiner Gespr�chspartnerin zu, welche mehrere Meter entfernt von ihm auf der Stelle verharrte und ihn im Stil eines Kolonialoffiziers musterte. Fehlt nur noch der Pr�gestock!, durchfuhr es den Kriminalhauptkommissar, der sich M�he gab, ein Minimum an Wiedersehensfreude zu heucheln. �Wie dem auch sei: Willkommen in Berlin. Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs, Mutter?�</p></section><section><p><strong>5</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Schlosspark &#x2502; 13:40 h</emphasis></p><p>�Jetzt machen Sie mal halblang, Herr Michalke! Eins nach dem andern.� Anders als sein Kollege Tom Sydow, dem schon lange der Kragen geplatzt w�re, war Kriminalkommissar Eduard Krokowski ein besonnener Mensch. Der 34-j�hrige L�becker, Idealbild des deutschen Beamten, stand im Ruf, zur�ckhaltend, freundlich und korrekt zu sein. Attribute, von denen Sydow nur tr�umen konnte. Leider war �Kroko�, wie er im Pr�sidium genannt wurde, aber auch ein Paragrafenreiter und die bevorzugte Zielscheibe f�r Kollegen, die es mit Dienstvorschriften nicht so genau nahmen. Am Respekt, den man ihm zollte, �nderte dies jedoch nichts. Krokowski lie� sich nicht f�r dumm verkaufen, weder von Kollegen noch w�hrend seiner Ermittlungen. Schon mancher Zeitgenosse, vor allem einer ohne wei�e Weste, hatte das zu sp�ren bekommen. Eine Falschaussage, Finte oder offenkundige L�ge, und die vermeintliche Witzfigur ging zum Angriff �ber. Dann hatte der Betreffende nichts zu lachen.</p><p>Momentan, so schien es, war dies jedoch nicht vonn�ten. Der Schlossg�rtner, einziger Zeuge eines Mordes, den man mit Fug und Recht als Hinrichtung bezeichnen konnte, war ein redseliger Mensch. In einem Ausma�, dass Krokowskis Geduld auf eine harte Probe gestellt wurde. �Also ehrlich, Herr Kommissar, so wat hab ick in meene janze Leben ��</p><p>�Wie gesagt: Eins nach dem andern, Herr Michalke. Und bitte so, dass man Sie versteht.�</p><p>�Hochdeutsch? Icke? Da hamse sich aber den Falschen rausjesucht.�</p><p>Krokowski, Sprachpurist aus �berzeugung, neigte das sorgsam gescheitelte Haupt und stierte wie ein Oberlehrer hinter seiner Hornbrille hervor. �Das kann doch nicht so schwer sein, <emphasis>Herr</emphasis> Michalke. Je schneller wir beide wieder ins Trockene kommen, desto besser, oder?� Der Schlossg�rtner, ein ungehobelter Gnom jenseits der 60, der einen verschmutzten blauen Overall trug, unentwegt an den N�geln herumkaute und zu allem �berfluss auch noch nach Doppelkorn roch, murmelte etwas, das Krokowski nicht verstand. Doch war er klug genug, es f�r sich zu behalten.</p><p>Stattdessen machte er sich daran, seine Fingern�gel zu begutachten und blitzte den Kripobeamten scheel an. Krokowski tat so, als bemerke er dies nicht, verharrte schweigend unter seinem Regenschirm und lie� den Blick �ber die von Buchsbaumkegeln begrenzte Rasenfl�che schweifen, welche sich in unmittelbarer N�he des Luisenmausoleums befand.</p><p>�Weil Sie�s sind, Herr Kommissar.�</p><p>�Na also, geht doch.� Als Zeichen seiner Gunst brach Krokowski sein Schweigen und sah den Gnom mit hochgezogener Braue an. �Also: Was genau haben Sie gesehen? Beziehungsweise geh�rt?�</p><p>�Zwee � �h � zwei Sch�sse, Herr Kommissar.�</p><p>�Wann genau?�, fragte Krokowski, dr�ckte Michalke den Regenschirm in die Hand und straffte sein Jackett. Gerade Letzteres, beziehungsweise sein Muster, war zur Quelle zahlreicher Scherze der Kollegen geworden. Ein Krokowski ohne Karo-Jackett, Fliege und bis oben hin zugekn�pftes Hemd h�tte das gesamte Pr�sidium in Aufregung versetzt und Anlass zu wilden Spekulationen gegeben. Allein schon deshalb sah der Kriminalkommissar, der seine Rolle als Exot genoss, von Experimenten auf dem Gebiet der Dienstkleidung ab. �Aber nur, wenn Sie pr�zise Angaben machen k�nnen.�</p><p>�Kann ick, Herr Kriminaler, kann ick.�</p><p>�Hei�t?�</p><p>�Es war zwee � es war genau zwei nach zw�lf, als ich die Sch�sse geh�rt habe. Ich wei� das deshalb so genau, weil ich kurz davor auf die Uhr geschaut habe. Ab halb eins ist n�mlich Mittagspause.�</p><p>�Daraus, f�rchte ich, wird so schnell nichts werden!�, erwiderte Krokowski br�sk und lie� sich den Regenschirm wieder aush�ndigen. Dann fragte er: �Womit waren Sie zum Tatzeitpunkt besch�ftigt?�</p><p>�Mit Heckenschneiden � da dr�ben.� Michalke deutete nach links. �Verdammt anstrengend, das kann ich Ihnen ��</p><p>�Zweifellos. Und dann?�</p><p>�Na, wat denn wohl! Ich hab die Heckenschere weggeschmissen und bin wie �ne gesengte Sau hierher gepest. Und dann hab ich auch schon diesen Kerl gesehen � da vorne, mit einer Knarre in der Hand.�</p><p>�Wo genau?�</p><p>�Hinter dem Holzstapel, dort, wo der Weg auf die Tannenallee st��t.�</p><p>�K�nnen Sie den Mann beschreiben?�</p><p>Michalke zuckte mit den Achseln. �Gro�, blond, um die 40, gut gekleidet. So leid es mir tut, Herr Kommissar, viel Zeit, mir sein Gesicht einzupr�gen, hab ich nicht gehabt.�</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Kaum war der Kerl verschwunden, ist die Chose erst richtig losgegangen. Und wissen Sie auch, warum? Da kam n�mlich dieser feine Pinkel auf mich zu. Quer �ber den Rasen. H�tte mich beinahe �ber den Haufen gerannt, der Fatzke.�</p><p>Kein Wunder bei der Gr��e!, dachte Krokowski im Stillen, erschrocken, wie sehr er sich Sydow angepasst hatte. �Mit anderen Worten: Es handelte sich um einen vornehm gekleideten Mann.�</p><p>�Kann man so sagen � ja.�</p><p>�Alter?�</p><p>�Was wee� � was wei� ich, Mitte 50, w�rde ich sagen.�</p><p>�Sie behaupten, der Unbekannte habe Sie beinahe �ber den Haufen gerannt�, fuhr Krokowski fort. �Aus welcher Richtung ist er denn gekommen?�</p><p>�Von da dr�ben�, antwortete Michalke und deutete auf die vier S�ulen, hinter denen sich der Eingang des Grabmals befand. �Aus dem Mausoleum.�</p><p>Krokowski folgte seinem Blick. Der Leichnam befand sich immer noch an Ort und Stelle, verh�llt durch eine Plane, unter der sich die Umrisse der Get�teten abzeichneten. Unmittelbar daneben lagerten die Ger�tschaften der Spurensicherung, die dabei war, das nahe gelegene Waldst�ck zu durchk�mmen. Auf Peters, den Gerichtsmediziner, w�rde Krokowski dagegen noch eine Weile warten m�ssen. Wie so h�ufig hatte er alle H�nde voll zu tun, unter anderem als Dozent an der FU.[29]</p><p>Anwesend, oder vielmehr am Boden zerst�rt, war indessen eine korpulente und auf jung getrimmte Blondine Ende 40, die beinahe unentwegt in ihr Taschentuch schniefte. Mit ihr, der Kassiererin, w�rde sich Krokowski als N�chstes zu besch�ftigen haben. Ob als Trostspender oder Ermittler, w�rde sich zeigen.</p><p>Aufgeschreckt durch ein R�uspern, mit dem Michalke auf sich aufmerksam machte, nahm Krokowski den Gespr�chsfaden wieder auf. �Sind Sie in der Lage, ihn n�her zu beschreiben?�</p><p>�Den Fatzke? Na klar!�, br�stete sich Rumpelstilzchen und kaute hingebungsvoll an seinem Daumennagel herum. �Typen wie den hab ick n�mlich gefressen. Harmlose Leute anrempeln, ist ja wohl das Letzte!�</p><p>Krokowski, dessen Geduld zur Neige ging, verkniff sich den Kommentar, der ihm auf der Zunge lag, klappte den Schirm zu und begann zu F��en der Freitreppe hin und her zu wandern.</p><p>�Sehe ich das richtig, Herr Michalke�, kehrte er geraume Zeit sp�ter zum Thema zur�ck, �Sie sind sich sicher, im Abstand von � stimmt � das h�tte ich beinahe vergessen: Wie viel Zeit ist zwischen den Sch�ssen eigentlich vergangen? Und wenn wir gerade dabei sind, wie viele sind es insgesamt gewesen?�</p><p>�Zwei. Das hab ich Ihnen doch schon ��</p><p>�Sicher?�</p><p>Der Schlossg�rtner lief vor Wut rot an. �Sehe ich vielleicht so aus, als ob ich zu bl�d w�re, auf drei �?�</p><p>�Also zwei!�, fuhr Krokowski dazwischen, da er es nicht �ber sich brachte, die einzig m�gliche Antwort zu geben. �Kurz nacheinander, richtig?�</p><p>Der Schlossg�rtner z�gerte. �So genau kann ich das nicht sagen, Herr Kommissar.�</p><p>Krokowski l�chelte s�ffisant. �Noch kurz ein paar Worte zu dem Mann, der Sie angerempelt und anschlie�end das Weite gesucht hat. Wie hat er eigentlich ausgesehen?�</p><p>�Wie ein Fatzke eben so aussieht.�</p><p>�Nur keine Hemmungen, Herr Michalke, ich brenne darauf, dazuzulernen.�</p><p>�Lackschuhe, Anzug, Seidenschal, Panamahut � wenn das normal ist, wei� ich auch nicht mehr.�</p><p>�Sonst noch was?�</p><p>Michalke lachte ver�chtlich auf. �Wollen Sie das wirklich wissen, Herr Kommissar?�</p><p>�Ich kann�s kaum erwarten.�</p><p>�Er ist andersrum.�</p><p>Krokowski fehlten die Worte.</p><p>�Jede Wette!�, versetzte Michalke, verschr�nkte die Arme und schnitt eine Grimasse, die Unklarheiten bez�glich seiner Meinung erst gar nicht aufkommen lie�. �So einen erkenne ich auf 100 Meter.�</p><p>�Sie sind wirklich zu beneiden, Herr Michalke�, fl�chtete sich Krokowski in Ironie. �Um Ihre Menschenkenntnis, meine ich.�</p><p>Die Bemerkung verhallte ungeh�rt. �Wenn das keine Tunte war, will ich Charlie Chaplin ��</p><p>�Wenn du dich da mal nicht irrst, Egon.�</p><p>Krokowski stutzte und gesellte sich zu der Kassiererin, die ihren Platz unter dem Vordach aufgegeben und sich ihm bis auf wenige Meter gen�hert hatte. �Wie darf ich das verstehen, gn�dige Frau?�</p><p>Die Kassiererin senkte den Kopf und schwieg.</p><p>�Soll das hei�en, dass Sie den Tatzeugen kennen?�</p><p>�Kennen ist vielleicht das falsche Wort, Herr Kommissar.�</p><p>�Augenblick, gn�dige Frau. Ich bin sofort bei Ihnen.� Froh, ihn loszuwerden, wandte sich Krokowski an den Gnom und verk�ndete, er habe keine weiteren Fragen mehr. Danach wandte er sich aufs Neue der Kassiererin zu. �Tut mir leid, wenn ich Sie von der Arbeit abhalte, Frau ��</p><p>�Kr�ger. Heidemarie Kr�ger.�</p><p>�Gestatten � Krokowski, Kripo Berlin.� Der Kriminalkommissar r�usperte sich. �Wie gesagt: Tut mir leid, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten, Frau Kr�ger. Aber ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen.�</p><p>�Meinetwegen.�</p><p>�Ich habe Sie herbitten lassen, um mich nach verd�chtigen Besuchern zu erkundigen.� Krokowski trat von einem Bein aufs andere, setzte die Brille ab und rieb sie am �rmel seines Jacketts. �Frau Kr�ger: Ist Ihnen irgendetwas Verd�chtiges aufgefallen, vor allem, was die Zeit zwischen neun und zw�lf Uhr betrifft? Apropos � wie viele Eintrittskarten haben Sie denn verkauft?�</p><p>�Wenn�s hoch kommt, ein paar Dutzend.� Die Schlossbedienstete begann zu frieren, und das trotz des selbst gestrickten Pullis, den sie unter ihrer Wolljacke trug. Und klagte: �Liegt wahrscheinlich am Wetter.�</p><p>Krokowski schien die Bemerkung �berh�rt zu haben. �Darf man fragen, woher Sie den Tatzeugen kennen?�</p><p>�Was hei�t hier �kennen�, Herr Kommissar�, druckste die Kassiererin herum, zuckte die Achseln und wusste vor lauter Verlegenheit nicht, wo sie hinschauen sollte. �Wir sind ein paar Mal ausgegangen, sonst lief da nicht viel.�</p><p>Als Junggeselle mit einem �berschaubaren Kontingent an amour�sen Erfahrungen h�tte Krokowski liebend gern erfahren, was unter �lief da nicht viel� zu verstehen war. Wie nicht anders zu erwarten, behielt seine gute Kinderstube die Oberhand und er wandte sich wieder dem Gespr�chsthema zu. �Das hei�t, Sie k�nnen bezeugen, dass sich Ihr Bekannter zum fraglichen Zeitpunkt im Schlossbereich aufgehalten beziehungsweise eine Eintrittskarte gel�st hat.�</p><p>�Nicht n�tig.�</p><p>�Wie meinen?�</p><p>�Er ist Reporter. Freier Eintritt f�r die Presse, Anweisung von j.w.o.[30]�</p><p>�Auch in der Freizeit?�</p><p>�Er war nicht zum Vergn�gen hier�, betonte Heidemarie Kr�ger, ein wehm�tiges L�cheln im Gesicht, aus dem die mit reichlich Rouge bedachten Wangen besonders hervorstachen. �Leider.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Das wollte er mir nicht sagen. Auf einmal hatte er es dann furchtbar eilig. Ein L�cheln, und weg war er!�</p><p>�Wann genau war das?�</p><p>�Um halb zw�lf.�</p><p>�Hat er erw�hnt, mit wem er sich treffen wollte?�</p><p>�Wo denken Sie hin, Herr Kommissar! Theo ist ein diskreter Mensch. Und �beraus zuvorkommend.� Heidemarie Kr�ger geriet ins Schw�rmen. �Jemanden wie ihn trifft man nicht alle Tage.�</p><p>Krokowski tat so, als sei er auf das Polieren seiner Brillengl�ser fixiert. Dann aber, auf ein Aufseufzen der Kassiererin hin, blickte er wieder auf und sagte: �Ihre Reminiszenzen in Ehren, Frau Kr�ger � aber ich w�re Ihnen dankbar, wenn Sie mir seinen Namen nennen k�nnten.�</p><p>�Ich kann es einfach nicht glauben, Herr Kommissar. Theo ist doch so ein herzensguter ��</p><p>�Theo wie?�</p><p>�� Mensch. F�r ihn w�rde ich die H�nde ins Feuer legen.� Schier untr�stlich, zerrte die Kassiererin ein Tempotaschentuch hervor und betupfte die rot geweinten Augen. Von der Tatsache, dass Krokowskis Mitgef�hl sich in Grenzen hielt, nahm sie dabei ebenso wenig Notiz wie von den Spuren, die ihr verlaufender Lidschatten hinterlie�. �Darauf gebe ich Ihnen mein Wort, Herr Kommissar.�</p><p>�Wie hei�t er, Frau Kr�ger?�</p><p>Aufgeschreckt durch den harschen Ton, beendete die Kassiererin ihr Lamento und senkte den Blick. �Morell!�, stie� sie schlie�lich hervor und f�gte mit tr�nenerstickter Stimme an: �Theodor Morell.�</p><p>�Na also, Frau Kr�ger. Mehr will ich gar nicht wissen.� Krokowski, alles andere als ein emotionaler Mensch, runzelte die Stirn. Irgendwie hatte er das Gef�hl, den Namen schon einmal geh�rt zu haben. Nur wo oder bei welcher Gelegenheit, das war die Frage. �Es sei denn, Sie h�tten noch etwas hinzuzuf�gen.�</p><p>Mehr als Adresse und Telefonnummer Morells, die Krokowski sich umgehend notierte, sprang jedoch nicht heraus. Ergiebiger waren da schon die Angaben, die sein Gegen�ber �ber Morells offenkundigen Intimfeind und das Betriebsklima bei seinem derzeitigen Arbeitgeber machte. Zeitungen wie diese waren ihm suspekt und das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren. Eine Neigung, die l�ngst nicht alle Berliner mit ihm teilten.</p><p>�Kann ich jetzt gehen?�, schniefte die Kassiererin und hantierte umst�ndlich an ihrem Haarband herum. �Wir sind n�mlich nur zu zweit, wissen Sie.�</p><p>�Nicht, bevor wir beide einen Blick auf den Leichnam geworfen haben, Frau Kr�ger. Wer wei�, vielleicht k�nnen Sie sich wenigstens an die Kleidung erinnern � ohne dass wir Sie dem Anblick des Ge� Tut mir leid, aber ich kann Ihnen das nicht ersparen.�</p><p>�Wirklich nicht?�</p><p>�Bedaure, gn�dige Frau.� Krokowski machte eine einladende Geste in Richtung Treppe, entsann sich seiner Brille und setzte sie wieder auf. Aus dem Inneren des Mausoleums, dessen Torfl�gel offenstanden, waren die Stimmen von Beamten der Spurensicherung zu h�ren. �Sie k�nnen sich vorstellen, dass wir f�r jeden Hinweis dankbar sind.�</p><p>�Gut und sch�n, aber wieso kommen Sie ausgerechnet auf mich?�</p><p>�Gegenfrage, Frau Kr�ger: Auf welche Weise gelangt man in den Park?�</p><p>�Durch den Eingang, wie denn sonst?�</p><p>�Na also.� Krokowski n�herte sich der Kassiererin und geleitete sie behutsam zur Treppe. �Das hei�t, das Mordopfer musste zuvor eine Karte l�sen. Zumindest theoretisch. Gut m�glich, dass die Dame Ihnen aufgefallen ist. Dass sie nicht allein, sondern in Begleitung war. Oder dass Sie mitbekommen haben, wie sie sich mit jemandem unterhalten hat. Jedes Detail, Frau Kr�ger, jede noch so banal erscheinende Kleinigkeit k�nnte von Bedeutung sein. Sp�ter werde ich dann auch noch ihre Kollegin befragen. Aber zuerst, gn�dige Frau, sind Sie an der Reihe.�</p><p>Die Kassiererin schlug die H�nde vors Gesicht, schob sie zur Seite und lie� die Fingerkuppen �ber die Schl�fen gleiten. �Tja, wenn das so ist, Herr Kommissar, werde ich mich wohl nicht dr�cken k�nnen!�, antwortete sie, hakte sich bei Krokowski ein und lie� sich von ihm zum Ort des Geschehens f�hren.</p><p>*</p><p>�Na, der pressiert es aber!�, stellte Waldemar Naujocks, Leiter der Spurensicherung, verwundert fest, nachdem die Kassiererin einen kurzen Blick auf den Leichnam geworfen, auf dem Absatz kehrtgemacht und es pl�tzlich sehr eilig gehabt hatte, wieder an die Arbeit zu gehen. �Satz mit X, hab ich recht?�</p><p>Krokowski musste ihm beipflichten. Trotz allem lie� er sich jedoch nicht beirren und nahm den hoch aufgeschossenen, aus Potsdam stammenden und Anfang der F�nfziger in den Westen gefl�chteten Experten in Sachen Spurensicherung beiseite, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen. Naujocks h�rte geduldig zu, mit einem Ohr bei den Gespr�chsfetzen, die aus dem Inneren des Grabmals ins Freie drangen. �Auf gut Deutsch ��, schlussfolgerte er am Ende von Krokowskis Bericht, �du glaubst, dass er es nicht nur auf die Frau abgesehen hatte.�</p><p>�Sondern auch auf Morell, du sagst es!�, bekr�ftigte der Kommissar, dem der Name immer noch irgendwie bekannt vorkam. �Und was ist mit euch, schon irgendeine hei�e Spur?�</p><p>�Wenn du mich so fragst � nein.� Naujocks, der alles daransetzte, seinem Idol Elvis Presley m�glichst �hnlich zu sehen, steckte sich eine Camel an, wobei er es sich nicht nehmen lie�, das Streichholz am Stiefelabsatz zu entz�nden.</p><p>Kein Freund von Halbstarkenjacken, Jeans und Haartollen, gab sich Krokowski mit der Antwort nicht zufrieden. �Mit einem Wort: das perfekte Verbrechen�, entgegnete er und genoss es, seinen Kollegen aus der Reserve zu locken. �Dann k�nnen wir ja einpacken.�</p><p>�Das nun auch wieder nicht!�, warf Naujocks beleidigt ein und zog an seiner Zigarette. Spekulationen waren ihm ein Gr�uel, aber da er nicht als Dilettant dastehen wollte, konnte er dem Drang, Krokowski Kontra zu geben, nicht widerstehen. �So doof, wie wir aussehen, sind wir n�mlich nicht.�</p><p>�Hat das jemand gesagt?�</p><p>�Nein, aber angedeutet. Na sch�n, damit du endlich Ruhe gibst: Man kann davon ausgehen, dass die Sch�sse, welche auf die Tote abgefeuert wurden, mit hoher Wahrscheinlichkeit von vorn beziehungsweise aus s�dlicher Richtung gekommen sind.�</p><p>�Entfernung?�</p><p>�Gute Frage�, druckste Naujocks herum. �Ich f�rchte, da muss ich passen.�</p><p>Krokowski lie� jedoch nicht locker. �Was meinst du, von wo aus k�nnten sie abgefeuert worden sein?�</p><p>�Schwer zu sagen. Die Jungs sind gerade dabei, die Gegend zu durchk�mmen.� Naujocks, Sanguiniker von hohen Gnaden, wog bed�chtig das Haupt. �Mal sehen, was Peters dazu sagt.�</p><p>�Und du? Was ist mit dir? Komm schon, Waldemar, lass dir die W�rmer nicht einzeln aus der Nase ��</p><p>�Wenn du mich fragst, kommt nur eine einzige Stelle in Betracht.� Naujocks setzte sich in Bewegung, steuerte auf die Freitreppe zu und bedeutete Krokowski, ihm zu folgen. �Da vorne�, f�gte er an und deutete auf die Allee, die vom Mausoleum aus schnurgerade Richtung S�den verlief und auf beiden Seiten von Tannen, Buschwerk und Gestr�pp begrenzt war. Es hatte aufgeh�rt zu regnen, und die Nadelb�ume entlang des Kiesweges erstrahlten in sattem Gr�n. An manchen Stellen waren noch Pf�tzen zu sehen, silbergrau schimmernd im Licht der Nachmittagssonne, die just in diesem Moment die Wolken durchbrach. Um die Postkartenidylle zu vervollkommnen, trippelte ein Eichh�rnchen aus dem Unterholz, spitzte die Ohren und verschwand so schnell, wie es aufgetaucht war. Die Szene hatte etwas Beschauliches an sich, etwas, das �berhaupt nicht zu den Geschehnissen passte.</p><p>�Und die w�re?�</p><p>�Der Holzstapel da hinten. Idealer k�nnte die Schussposition nicht sein.� Naujocks sog an seiner Camel und sah seinen Nebenmann aus dem Augenwinkel an. �Und der Giftzwerg, mit dem du dich vorhin unterhalten hast � dieser ��</p><p>�Michalke? Sagt das Gleiche wie du�, gab Krokowski zur�ck, wedelte den Zigarettenrauch beiseite und folgte dem ausgestreckten Zeigefinger seines Kollegen. �80 Meter � ganz sch�ne Entfernung, was?�</p><p>�Mit Zielfernrohr kein Problem�, entgegnete Naujocks und nahm einen neuerlichen Zug. �Wie hat der Kerl eigentlich ausgesehen?�</p><p>�Gro�, blond, um die vierzig und gut gekleidet!�, seufzte Krokowski und warf seinem Kollegen einen jener Blicke zu, die gew�hnlich dazu f�hrten, dass seine Gespr�chspartner das Rauchen einstellten. Nicht so Naujocks, der sich die Freude nicht verderben lie�. �Ich f�rchte, es gibt noch viel zu tun.�</p><p>�Wei�t du, was ich mich frage?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wie kommt jemand �berhaupt dazu, einen derart brutalen Mord � wie hie� die Dame doch gleich?�</p><p>�Nettelbeck, Luise Nettelbeck.� Krokowski kramte seinen Notizblock hervor, schlug den Deckel zur�ck und berichtete: �Jahrgang 1918, geboren in Berlin. 1,70 Meter gro�, dunkelbraune Augen, zuletzt wohnhaft in Gauting bei M�nchen. Von Beruf Sekret�rin.�</p><p>�Da sage mal einer was gegen Handtaschen.�</p><p>Krokowski r�mpfte die Nase. Im Gegensatz zu Naujocks, in puncto Humor Sydow fast ebenb�rtig, handelte es sich bei ihm um eine eher zartbesaitete Natur. �Wie dem auch sei, au�er einem westdeutschen Pass, einem Flugticket von Frankfurt nach Berlin und wieder zur�ck, ihrem Zimmerschl�ssel aus dem �Excelsior� und allerlei Krimskrams besitzen wir keinerlei Anhaltspunkte.�</p><p>�Ich wei� gar nicht, was du hast!�, hielt Naujocks betont optimistisch dagegen. �Das ist doch immerhin etwas. Apropos � wann genau wollte sie wieder zur�ckfliegen?�</p><p>�Planm��ige R�ckreise ab Tegel mit den Trans World Airlines um 18.20 Uhr. Zielflughafen Frankfurt, von dort aus Weiterflug nach New York.� Krokowski sch�ttelte nachdenklich den Kopf. �Merkw�rdig.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Kommt gestern Mittag hier an und will knapp 30 Stunden sp�ter die Zelte wieder abbrechen. Mir scheint, die Dame hatte es eilig. Sehr eilig sogar.�</p><p>Naujocks zuckte die Achseln. �Manche Leute sind eben so. Einen kurzen Abstecher Richtung Heimat, um alte Erinnerungen aufzufrischen, und schon zieht die Karawane weiter.�</p><p>�Warum aber gleich nach New York?�</p><p>�Mit anderen Worten, Kriminalkommissar Eduard Krokowski steht im Begriff, eine Hypothese zu entwickeln.�</p><p>�Nenn es, wie du willst, Waldemar, aber k�nnte es nicht sein, dass die Dame allen Grund hatte, m�glichst rasch zu verschwinden?� Krokowski steckte den Notizblock wieder ein, starrte ins Leere und lie� den Zeigefinger der linken Hand �ber das Kinn gleiten. �Vergessen wir nicht, wer dieser Morell ist. N�mlich ein Journalist.�</p><p>�Und sie eine Informantin, meinst du?�</p><p>�Spricht etwas dagegen?�</p><p>�Wenn du mich so fragst � nein. Davon abgesehen, dass uns die Beweise fehlen.�</p><p>�Und was ist mit dem Ort, an dem das Treffen stattgefunden hat?�, ereiferte sich Krokowski, offenbar ganz in seinem Element. �Abgelegener als das Mausoleum geht es ja wirklich nicht. Du verstehst, was ich damit sagen will, Waldemar?�</p><p>Naujocks nickte. �Wieso sich die M�he machen, durch den halben Schlosspark zu stiefeln, wenn man sich ebenso gut im Hinterzimmer eines Caf�s treffen k�nnte.�</p><p>�Genau. Was bedeutet, dass die Informationen, die es an den Mann zu bringen galt, �beraus brisanter Natur waren.�</p><p>�So brisant, dass der oder die T�ter bereit waren, �ber Leichen zu gehen.�</p><p>�Ich sehe, wir sind uns einig.� In Gedanken beim Tathergang, verfiel Krokowski ins Br�ten. �Fragt sich, was so wichtig ist, dass man beschlie�t, eine derart ruchlose Tat zu begehen.�</p><p>�Dar�ber, mein lieber Kroko, k�nnen wir derzeit nur spekulieren.� Naujocks atmete tief durch. �Ich denke, es ist das Beste, auf dem Boden der Tatsachen � Mensch, Paule, was schleppst du denn mit dir rum?�</p><p>Paul Gersdorf, Naujocks� rechte Hand, strahlte �ber das ganze Gesicht und hielt seinem Vorgesetzten ein Plastiks�ckchen vor die Nase, bei dessen Anblick sich seine Miene schlagartig erhellte. �Ein Walkie-Talkie!�, verk�ndete er mit stolzgeschwellter Brust und reichte seinen Fund an Naujocks weiter. �Nicht �bel, oder?�</p><p>�Darf man fragen, wo Sie das <emphasis>Sprechfunkger�t</emphasis> gefunden haben, Gersdorf?�</p><p>Der Kriminalassistent, ein Sunnyboy Anfang 20, der fortw�hrend zu l�cheln schien, gab bereitwillig Auskunft und lie� seiner Antwort eine wahre Flut an technischen Details folgen. Dies nahm mehr Zeit in Anspruch, als Krokowski lieb war, weshalb er nur mit einem Ohr hinh�rte und sich den Ablauf der Tat erneut vorzustellen versuchte.</p><p>Am Ende war es Naujocks, der ihn wieder in die Gegenwart zur�ckholte. �Sag mal, h�rst du uns eigentlich zu, Kroko?�, h�rte er den Leiter der Spurensicherung sagen, worauf ihm nichts �brig blieb, als sich wortreich zu entschuldigen. �Sieht so aus, als seien wir einen Schritt weiter, oder?�</p><p>�Kompliment, Waldemar � und ein Hoch auf deinen Kollegen.�</p><p>�Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Jetzt m�ssen wir nur noch diesen Morell aufsp�ren, und dann � warum so nachdenklich, Kroko?�</p><p>Morell, Theodor Morell. Woher kannte er blo� diesen Namen?</p><p>�Ist dir klar, dass wir es mit einem organisierten Komplott zu tun haben?�</p><p>�Wof�r h�ltst du mich eigentlich, Kroko?�, entr�stete sich Naujocks und sch�ttelte den Kopf. �Darauf w�re ich auch von alleine gekommen.�</p><p>�Tut mir leid, Waldemar, ich wollte dich nicht ��</p><p>�Klarer Fall von generalstabsm��iger Planung, keine Frage. Das Mordopfer wird auf dem Weg hierher beschattet, unter Umst�nden bereits im Hotel. Dann, als feststeht, dass Luise Nettelbeck ihr Rendezvous einhalten wird, ergeht der Befehl, sie umzu� sie aus dem Weg zu r�umen, wollte ich sagen. Ein Schicksal, dem sich ihr Kavalier namens Morell ��</p><p>Na endlich. Wurde auch langsam Zeit. Krokowski atmete auf.</p><p>Und starrte geistesabwesend in die Ferne.</p><p>�� durch Flucht entzog. Darf man erfahren, wor�ber sich der Herr Kommissar den Kopf zerbricht?�</p><p>�Darfst du, Waldemar, darfst du!�, versicherte Krokowski und sah Naujocks mit nachdenklicher Miene an. �Eins kann ich dir sagen � wenn Tom davon erf�hrt, wird es ihn glatt vom ��</p><p>�Stuhl katapultieren!�, vollendete Naujocks todernst. Und bohrte: �Warum so nachdenklich, Herr Kommissar?�</p></section><section><p><strong>6</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Tiergarten (Hansa-Viertel), Holsteiner Ufer &#x2502; 14:20 h</emphasis></p><p>�So geht man mit seiner Mutter nicht um, Tom. Und das wei�t du auch.�</p><p>Um Lea den Wind aus den Segeln zu nehmen, verzichtete Sydow darauf, ihr die in seinen Augen passende Antwort zu geben, drosselte das Tempo und parkte seinen Aston Martin vor dem Haus, in dem sich die Kanzlei von Tante Lus Anwalt befand. Dies war nicht die Zeit f�r Diskussionen, schon gar nicht, wenn sie sich um das gest�rte Verh�ltnis zu seiner Mutter drehten. Der Abschied von Tante Lu war ihm unter die Haut gegangen, mehr als er zuzugeben bereit war. Auf �rger konnte er deshalb verzichten, und sei es nur, um seine Nerven zu schonen.</p><p>�So, wir sind da!�, war folglich alles, was Sydow zu sagen hatte, und er sagte es so, als ob dies ein Termin wie jeder andere war. Das war er freilich nicht, weit mehr als blo�e Routine oder ein Treffen, welches man rasch wieder verga�. Die Testamentser�ffnung, zu der er geladen war, lag ihm seit geraumer Zeit im Magen, und je mehr sich die Stunde X gen�hert hatte, desto gr��er wurden sein Missmut und Unbehagen.</p><p>�Das sehe ich.�</p><p>Sydow stellte den Motor ab und seufzte. So leicht wie erwartet lie� sich Lea offenbar nicht bes�nftigen. Nach acht Jahren Ehe h�tte er dies eigentlich wissen m�ssen.</p><p>�Also ehrlich, Tom Sydow, du solltest dich was sch�men!�</p><p>Der Getadelte zog es vor, auch diese Bemerkung zu ignorieren. Die Tatsache, dass Lea ihn mit Vor- und Nachnamen anredete, war ein Alarmzeichen, Vorsicht demnach oberstes Gebot. �Wie hei�t dieser Winkeladvokat doch gleich?�</p><p>�Lenk nicht ab, Tom�, erwiderte Lea und dachte offenbar nicht daran, aus dem Aston Martin zu steigen. �Ob du es nun h�ren willst oder nicht � so geht man mit seiner Mutter nicht um.�</p><p>�Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es wieder raus.� Eine Beerdigung und im Anschluss daran ein Disput, bei dem er nicht gerade gute Karten hatte. Und dann noch die anstehende Testamentser�ffnung.</p><p>Das konnte ja heiter werden.</p><p>�Guck nicht so, Tom, du wei�t genau, dass ich recht habe. Man schiebt seine Mutter nicht einfach ab.�</p><p>�Was hei�t hier �abschieben��, rang sich Sydow dazu durch, Widerstand zu leisten. �Ich finde, sie braucht erst mal Ruhe. Aufstehen in aller Herrgottsfr�he, der anstrengende Flug, der Rummel bei der Beerdigung � eine Frau in ihrem Alter verkraftet das nicht so leicht. Deswegen, mein Schatz, habe ich sie einstweilen ins Hotel chauffieren lassen. Kein Grund zur Aufregung, heute Abend sind wir wieder vereint.�</p><p>�Du bist ein Heuchler, Tom Sydow, wei�t du das?�</p><p>�Und dann erst diese Testamentser�ffnung�, fuhr Sydow unbeirrt fort, erleichtert �ber den am�sierten Tonfall in Leas Stimme. War dies der Fall, hatte er Kap Hoorn umschifft, wof�r er unter den gegebenen Umst�nden dankbar war. �Ich denke, wir sollten ihr das ersparen.�</p><p>�Illustre Gesellschaft, muss ich schon sagen.�</p><p>�Meine Familie, meinst du?�</p><p>Die Miene von Sydows Frau entspannte sich, und obwohl sie dagegen ank�mpfte, stahl sich ein L�cheln auf ihr Gesicht. Es war dieses L�cheln, auf das er, je l�nger er verheiratet war, mit umso gr��erer Hilflosigkeit reagierte und widerstandslos die Waffen streckte. �Nicht nur die.�</p><p>�Ach so, du meinst diese Frau.� Lea gab keine Antwort, woraus Sydow folgerte, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. �M�chte wissen, wer das war.�</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Fraglich, ob wir es je herausfinden werden!�, antwortete Sydow und machte Anstalten, aus dem Wagen zu steigen. �Ich wei� nicht, aber irgendwie hatte ich das Gef�hl, sie zu kennen.�</p><p>�Kommt drauf an, wie viele Leichen du im Keller hast, mein Schatz.�</p><p>�Jede Menge, aber keine, von der du nicht wei�t!�, versetzte Sydow mit einer Bestimmtheit, die seine Frau bewog, die Sache auf sich beruhen zu lassen und die Wagent�r zu �ffnen. �So, und jetzt komm, damit wir die Sache hinter uns bringen.�</p><p>*</p><p>Dr. Carl Malinowski, Anwalt von Tante Lu, geh�rte zu den Zeitgenossen, die Sydow nicht geheuer waren. Dabei wusste er nicht einmal genau, wieso. An der Art, wie er mit ihm im Vorfeld der Bestattung umgegangen war, konnte es nicht liegen. Der Anwalt, in etwa 15 Jahre �lter als er, besa� gepflegte Umgangsformen, galt als ausgewiesener Experte und stammte zudem aus der gleichen Gegend wie er. Dar�ber hinaus war er beredt, humorvoll und auf dem Laufenden, was seine Meriten und die Karriere bei der Berliner Kripo betraf. Entweder hatte er dies aus der Zeitung, folgerte Sydow, oder Tante Lu, berstend vor Stolz, hatte mit ihrem Lieblingsneffen geprahlt. Ein Rest von Argwohn, den Lea offenbar nicht teilte, lie� sich jedoch nicht vertreiben, weshalb Sydow sich vornahm, nichts Privates preiszugeben.</p><p>Malinowski, dem Sydows Reserviertheit nicht entgangen war, lie� es beim �blichen Small Talk bewenden und sprach ihm nochmals sein Beileid aus. Beinahe im gleichen Atemzug beauftragte er seine Sekret�rin, Kaffee aufzusetzen und bat Lea und ihn in sein B�ro, von wo aus sich ein ungehinderter Blick auf die Spree er�ffnete. An einem Tag wie heute, wo man besser daran tat, zu Hause zu bleiben, war dieser zwar nicht viel wert. Dennoch fiel auf, dass er es hier nicht mit einem jener Hinterhofadvokaten zu tun hatte, mit denen er jahrzehntelang aneinandergeraten war. Das B�ro, in dem Malinowski residierte, war ger�umig, picobello aufger�umt und verriet ein Faible des Besitzers f�r antikes Mobiliar, Perserteppiche und gediegene Behaglichkeit. Allein schon der Schreibsekret�r, vom Eingang aus gesehen rechts postiert, musste ein Verm�gen gekostet haben, und das Gleiche traf Sydows Sch�tzung zufolge auf eine Sitzgruppe im klassizistischen Stil und die dazu passende Vitrine mit Folianten und Vasen aus Mei�ener Porzellan zu. Das absolute Prunkst�ck des B�ros, in dem man das Gef�hl bekam, ein Auktionshaus zu betreten, war jedoch der Schreibtisch, der, wie Malinowski nicht ohne Stolz erkl�rte, dereinst zum Mobiliar des Kronprinzen geh�rt hatte. Die W�nde, selbstredend mit Stuck versehen, und der an der Fensterfront entlanglaufende Balkon mit Aussicht auf die Spree vervollst�ndigten den Eindruck, dass hier, in einem der wenigen unzerst�rten H�user aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, kein verkrachter Doktor der Jurisprudenz logierte.</p><p>�Bitte, nehmen Sie doch Platz, gn�dige Frau.� Vielleicht war es die Art, wie Malinowski Lea umgarnte, die sein Unbehagen noch steigerte. Nichts gegen H�flichkeit, aber was sich der grauhaarige, gut gekleidete und offenbar auch gut situierte Experte f�r Erbschaftsangelegenheiten hier leistete, ging zu weit. Nicht genug, dass er ihr einen Stuhl unterschob, machte er auch noch eine Verbeugung, wartete, bis Lea es sich bequem gemacht hatte, und hing hinfort an ihren Lippen. Lea ertrug es mit Fassung, wartete ebenfalls ab, bis Malinowski hinter seinem Schreibtisch sa�, und blickte Sydow auffordernd an.</p><p>Jedoch war nicht er es, der das Wort ergriff, sondern der distinguierte Herr im Tennispullover, welcher zu allem �berfluss auch noch eine Brillenkette trug. �Wie f�hlen Sie sich?�</p><p>�Den Umst�nden entsprechend�, kam Sydow einer Antwort seiner Frau zuvor und handelte sich einen missbilligenden Seitenblick ein. Bei so etwas verstand Lea keinen Spa�, was Malinowski, dem ihr Unmut nicht entging, mit einem hintergr�ndigen L�cheln quittierte. �Nicht weiter verwunderlich, oder?�</p><p>�Nein, keineswegs.� Der Wink mit dem Zaunpfahl zeigte Wirkung, und da der Tonfall die Musik machte, verkniff sich der Anwalt weitere Floskeln und nahm den versiegelten Umschlag zur Hand, der neben ihm auf dem blank polierten Schreibtisch lag. �Na, dann wollen wir mal!�, rief er aus, wie selbstverst�ndlich den Blick auf Lea und erst dann auf Sydow gelenkt. �Zuvor muss ich Sie jedoch fragen, ob Sie, Herr Kriminalkommissar, das Erbe �berhaupt anzunehmen gedenken.�</p><p>�Kriminalhauptkommissar.�</p><p>�Verzeihen Sie, Herr von Sydow, ich verga�.�</p><p>�Sydow, ganz einfach Sydow.�</p><p>�Aber, aber, Herr Hauptkommissar!�, parierte Malinowski im Stil eines Oberlehrers, der einem ungeb�rdigen Z�gling Manieren beibringt. �Wenn das Ihre Tante w�sste.�</p><p>�Finden Sie nicht, Herr Anwalt, wir sollten allm�hlich zur Sache kommen?�, antwortete Lea, deren Hand Sydow pl�tzlich auf seinem Knie sp�rte. �Meinem Mann ist derzeit nicht nach Scherzen zumute, wissen Sie.�</p><p>�Nat�rlich, gn�dige Frau!�, entgegnete Malinowski verschreckt, erbrach das Siegel, mit welchem der Umschlag versehen war, und ging daran, die darin verwahrten Schriftst�cke hervorzuholen. �Deshalb sind wir ja hier.�</p><p>�Sie sagen es.� Wie recht Lea doch hatte. Alles andere als entspannt, vertrieb sich Sydow die Zeit, indem er einen Blick aus dem Fenster warf. Das Wetter zeigte sich nicht von seiner besten Seite, und der Regenschleier, der �ber der Spree niederging, war nicht geeignet, seine Laune zu heben. An einem Tag wie heute, der eher an den April als an den bevorstehenden Sommer erinnerte, blieb man besser zu Hause, oder, falls die Umst�nde es erforderten, im Pr�sidium. Bestimmt gab es dort eine Menge zu tun, und obwohl Sydow sich daf�r sch�mte, h�tte er es vorgezogen, im Anschluss an Tante Lus Beerdigung wieder an die Arbeit zu gehen. Das Auftauchen seiner Mutter und die Testamentser�ffnung hatten ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht, was bedeutete, dass er die Angelegenheit m�glichst rasch hinter sich bringen musste.</p><p>Wer wei�, vielleicht tat er gut daran, hinterher noch kurz im Pr�sidium vorbeizuschauen. Auf einen Sprung, versteht sich, um nach dem Rechten zu sehen. Man konnte ja nie wissen, wof�r das gut sein w�rde.</p><p>�So, was mich betrifft, w�re ich so weit.� Malinowski blickte kurz auf, zur Abwechslung einmal in Sydows Richtung, was dieser mit skeptischer Miene quittierte. �Verlieren wir also keine Zeit.�</p><p>Sydow begn�gte sich mit einem Nicken.</p><p>�Gehe ich recht in der Vermutung, dass Sie bereit sind, das Erbe Ihrer Tante anzunehmen?�</p><p>Gehst du!, dachte Sydow bei sich. Wird mir ja nichts anderes �brig bleiben. Reicht�mer, um es krass auszudr�cken, waren ohnehin nicht zu erwarten, umso mehr, als Tante Lus Eink�nfte eher bescheiden und die Kosten f�r das Einzimmerappartement im Pflegeheim nicht gerade niedrig gewesen waren.</p><p>�Bin ich, Herr Doktor, bin ich.�</p><p>Erfreut �ber so viel Wertsch�tzung, richtete sich Malinowski zu voller Gr��e auf, lie� die Fingerkuppen auf der Schreibtischkante ruhen und erl�uterte: �Was jetzt kommt, werte Herrschaften, ist Teil der �blichen Prozedur. Ich bitte darum, mir dies nicht �bel ��</p><p>�Wie k�men wir dazu, Herr Doktor!�, versicherte Lea und verst�rkte den Druck ihrer Hand, die immer noch auf Sydows Knie ruhte. �Mein Mann und ich haben vollstes Verst�ndnis daf�r, nicht wahr, Tom?�</p><p>Sydow schnitt eine gek�nstelte Grimasse. �Aber gewiss doch, Liebes!�, beeilte er sich zu antworten, bereit, die Kom�die mitzuspielen. �Nur zu � wir sind ganz Ohr!�</p><p>�Freut mich zu h�ren�, erwiderte Malinowski, wobei Sydow sicher war, dass er ihn durchschaute. �Also: Sind Sie Thomas Randolph von Sydow, Sohn des Freiherrn Adalbert von Sydow, von Beruf Kriminalhauptkommissar, geboren am 13. M�rz 1913 in Neuruppin?�</p><p>�Ich denke schon.�</p><p>�Aus den mir vorliegenden Unterlagen und dem letzten Willen Ihrer Tante Luise von Zitzewitz, geborene von Sydow, geht hervor, dass Sie � aufgrund beiliegender, vom 11. des Monats datierter Willenserkl�rung � das einzige noch lebende und somit erbberechtigte Familienmitglied ihrer kinderlosen Tante sind.� Malinowski r�usperte sich, zwirbelte an seinen opulent sprie�enden Brauen herum und fragte: �Aus beiliegender, an Eides statt abgegebenen Erkl�rung vom April 1946 geht �berdies hervor, dass Ihr Vater und Ihre Schwester namens � �h � wie lautete der Name doch gleich?�</p><p>�Agnes.� Sydow holte tief Luft. �Beide Opfer eines amerikanischen Luftangriffs auf Berlin. Sterbedatum: 3. Februar 1945. Todesursache: Rauchvergiftung, genau wie bei meinem Vater. Nachzulesen in der eingangs erw�hnten Erkl�rung einer Nachbarin, die den Luftangriff �berlebt hat und unter den Ersten war, die sich in den Keller vorgearbeitet haben. Ort der Bestattung: unbekannt, da beide in einem nicht mehr exakt lokalisierbaren Massengrab beigesetzt worden sind.� Sydows Miene verfinsterte sich. �Tja, Herr Anwalt, so ist das, wenn weit �ber 1.000 US-Bomber von der Leine gelassen werden. Da bleibt kaum ein Stein auf dem anderen, und wenn man dann noch das Pech hat, in einem unzureichend gesicherten Kellerloch zu hocken, gehen die Chancen gegen null. Wenn wir gerade dabei sind: So wie Vater und Agnes ist es 3.000 anderen Berlinern auch ergangen. F�hrer, wir danken dir!�</p><p>Peinlich ber�hrt, zog Malinowski es vor, die Worte seines Gespr�chspartners kommentarlos hinzunehmen. �Kurzum: Aus s�mtlichen mir vorliegenden Unterlagen geht hervor, dass Sie, Herr Kriminalhauptkommissar, berechtigt sind, die Erbschaft Ihrer Tante anzutreten.�</p><p>�Wenn Sie es sagen, Herr <emphasis>Doktor</emphasis>�, erwiderte Sydow, wobei er das letzte Wort seiner Replik besonders betonte und Leas Griff, der allm�hlich die Schmerzgrenze erreichte, unter Aufbietung all seiner Selbstbeherrschung ignorierte, �wenn Sie es sagen, wird es ja wohl stimmen, oder?�</p><p>Malinowski, dem die Vorfreude auf das Kommende ins Gesicht geschrieben stand, tat so, als bemerke er den Sarkasmus Sydow�scher Pr�gung nicht, lehnte sich zur�ck und sah sein Gegen�ber lange und eindringlich an. �Und da dem so ist, habe ich eine gute Nachricht f�r Sie!�</p><p>�Und die w�re?�</p><p>�Nach herk�mmlicher Auffassung sind Sie, Herr <emphasis>von</emphasis> Sydow � und damit auch Sie, hochverehrte gn�dige Frau � vom heutigen Tag an ein reicher Mann.� Ein L�cheln, so breit wie missg�nstig, erschien auf Malinowskis Gesicht, und es hatte den Anschein, als w�rde es dort ewig haften bleiben. �Reich, Herr von Sydow, Sie haben richtig geh�rt. So reich, dass Sie Ihren Beruf an den Nagel h�ngen k�nnen.� Sichtlich zufrieden, lehnte sich Doktor jur. Carl Malinowski zur�ck und weidete sich an der Verbl�ffung, die sich in den Blicken seiner beiden G�ste spiegelte. �F�r den Fall, Herr Kriminalkommissar, dass Sie diese Absicht �berhaupt hegen!�</p></section><section><p><strong>Der Prozess</strong></p><p>�JERUSALEM, 11. April. Vor dem Jerusalemer Bezirksgericht hat am Dienstagmorgen, 9 Uhr Ortszeit, der Prozess gegen den fr�heren SS-Obersturmbannf�hrer Adolf Eichmann begonnen. Er ist der Beteiligung an der Ermordung mehrerer Millionen Juden angeklagt. Die erste Sitzung war mit der erwarteten z�hen, aber korrekt gef�hrten Auseinandersetzung zwischen dem Verteidiger und dem Generalstaatsanwalt �ber die Zust�ndigkeit des Gerichts ausgef�llt. Diese Auseinandersetzung wird vermutlich noch einige Zeit beanspruchen. Erst wenn das Gericht �ber diese Frage entschieden und der Generalstaatsanwalt seine Anklagebegr�ndung abgegeben hat, kann der Vorsitzende an Eichmann die Frage stellen, ob er sich zu den 15 Punkten der Anklage schuldig oder nichtschuldig bekennt � ein Augenblick, auf den das Auditorium mit gr��erer Spannung wartet als auf den von beiden Seiten mit langen straf- und v�lkerrechtlichen Argumenten ausgetragenen Streit. Er wurde sofort nach Verlesung der Anklageschrift durch den Vorsitzenden, Richter Landau, von Rechtanwalt Servatius eingeleitet, der beantragte, sowohl alle drei Richter als befangen zu erkl�ren, wie auch die Zust�ndigkeit des Gerichts abzulehnen. Er forderte, als Beweis f�r die v�lkerrechtswidrige Entf�hrung Eichmanns aus Argentinien zwei israelische Zeugen zu vernehmen.�</p><p>(Aus: <emphasis>Frankfurter Allgemeine Zeitung</emphasis>, Mittwoch, 12. April 1961, S. 1)</p><p>�Es darf angenommen werden, dass, h�tten sie dieser Aufgabe h�here Priorit�t beigemessen, die CIA, der deutsche Verfassungsschutz oder der israelische Mossad Eichmann ohne Weiteres h�tten ausfindig machen k�nnen.�</p><p>(Aus: Tom Segev, <emphasis>Simon Wiesenthal. Die Biographie</emphasis>, M�nchen 2010, S. 12)</p></section><section><p><strong>Zweites Kapitel</strong></p><empty-line/><p><emphasis>(Berlin, Donnerstag, 31. Mai 1962)</emphasis></p></section><section><p><strong>7</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Hotel Savoy in der Fasanenstra�e &#x2502; 14:55 h</emphasis></p><p>�Satan in der Zelle� � aha!, dachte sie, nachdem sie den Fehler begangen hatte, die neueste Ausgabe eines Hamburger Nachrichtenmagazins durchzubl�ttern. Diese Schmierfinken lie�en sich doch immer etwas Neues einfallen.</p><p>Datum: 29. April 1962. Schauplatz: das Besucherzimmer des Gef�ngnisses von Ramla in Israel. Hauptfiguren: ein zum Tod verurteilter SS-Obersturmf�hrer und seine Ehefrau, eingeflogen, um Lebewohl zu heucheln. Ein Lebewohl ohne H�ndedruck, Umarmungen oder sonstige Z�rtlichkeiten, da beide durch eine Glaswand voneinander getrennt sind und Eichmann, Vater dreier S�hne, einen Kopfh�rer aufsetzen muss, um ein paar Belanglosigkeiten mit der molligen Mittf�nfzigerin auf der anderen Seite der Glaswand auszutauschen.</p><p>Soweit also der Artikel des Hamburger Schmierblattes, die f�r die �ffentlichkeit bestimmte Version einer Geschichte, �ber die sie, Ex-Geliebte des Todeskandidaten, nur lachen konnte. Eichmann war schon immer ein Heuchler gewesen, was das betraf, war er sich selbst treu geblieben. Kaum verheiratet, hatte er die erste Geliebte gehabt, die erste von �ber einem Dutzend, zu dem auch sie, zum damaligen Zeitpunkt 24, geh�rt hatte. Nicht, dass sie ihm auch nur ein Wort geglaubt h�tte. Dazu war sie viel zu realistisch und n�chtern gewesen. Im Gegensatz zu den anderen �Pantscherln�, wie er seine Anh�ngsel zu titulieren pflegte, hatte sie sich von Anfang an keine Illusionen gemacht. Ohnehin nicht der Typ, der sich etwas vorgaukelte, hatte sie Eichmann, ihren Bettgenossen aus Theresienst�dter Tagen, f�r ihre eigenen Ziele benutzt. Das war auch dringend geboten gewesen, damals, als man nicht wusste, was aus einem werden sollte. Als man gezwungen war, sich Gedanken �ber die Zeit nach dem Krieg zu machen.</p><p>Darin war Eichmann, der ohne Flachmann aufgeschmissen gewesen w�re, �brigens einsame Spitze gewesen. Er, der Millionen auf dem Gewissen hatte, war nicht so dumm wie all die anderen gewesen, die den Amerikanern oder den Russen in die Arme gelaufen waren. Adolf Eichmann, Chef des �Judenreferats� im Reichssicherheitshauptamt, Abteilung IV B 4, hatte sich so seine Gedanken gemacht. Und das rechtzeitig. Gl�ck im Ungl�ck, dass er wie der Durchschnittsb�rger schlechthin ausgesehen hatte. Mittelgro�, lichtes Haar und die Aura eines kaufm�nnischen Angestellten. Die halbe Miete, um zu �berleben. Um in der Menge all jener, die von nichts gewusst haben wollten, unterzutauchen.</p><p>Apropos �untertauchen� � darin war sie dem Beispiel des Mannes, der ihr dabei behilflich gewesen war, gefolgt. Dazu war Eichmann, den sie am 6. April 1945 zum letzten Mal zu Gesicht bekommen hatte, allemal gut gewesen. Damals schon ein mit allen Wassern gewaschener Kom�diant und Halunke, der seinesgleichen suchte. Bringt es doch tats�chlich fertig, eine Rotkreuz-Delegation durch das Lager zu f�hren und zu betonen, wie gut es sich unter Himmler und Konsorten dort leben lie�. Bringt es fertig, alle zum Narren zu halten, indem er eine Art �Muster-KZ� schuf. An der Tatsache, dass es als Wartesaal des Todes gedient und Tausenden, Richtung Osten deportiert, zum Verh�ngnis geworden war, hatte dies jedoch nichts ge�ndert. Tauchte Eichmann auf, hatten alle, das Personal mit eingeschlossen, volle Deckung genommen. Auch sie. Pech, dass sie seine Aufmerksamkeit erregt hatte, wie so viele, die blond, drall und arisch gewesen waren.</p><p>Auf die Idee, Eichmann einen Korb zu geben, war sie dennoch nie gekommen. Sie hatte die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, um der Vorteile willen, die sich aus der Liaison ergaben. Und sie hatte, dank ihrer Abgebr�htheit, nach Kr�ften davon profitiert, unter anderem durch den gef�lschten Pass, den er ihr besorgt hatte.</p><p>Die schlanke, hinter einer Sonnenbrille verborgene und trotz ihrer 42 Jahre nach wie vor anziehende Blondine mit den nachgezogenen Brauen, dem Bubi-Schnitt und dem Sch�nheitsfleck auf der mit Rouge betupften Wange beendete ihre Lekt�re und hielt Ausschau nach dem Ober, um ihren Campari zu bezahlen. Dann nahm sie den F�nfmarkschein zur Hand und entschied sich, vor dem Gehen noch einen Blick in ihren Handspiegel zu werfen.</p><p>�SS-Untersturmf�hrer Otto Eckmann� � zum Umfallen komisch, dachte sie beim Betrachten ihres Gesichts, wenn es nicht so makaber gewesen w�re. Fast so makaber wie die Tatsache, dass man ihr einen Pass aush�ndigte, der auf den Namen Helene Mertens ausgestellt war. Helene war der Name ihrer Freundin gewesen, der besten, die sie jemals gehabt hatte. Bald nach der Machtergreifung hatten sich ihre Wege getrennt, was Wunder, wenn die eine Tochter eines Spitzenbeamten und die andere der Spross eines sozialdemokratischen Parteifunktion�rs war. Was aus Helene geworden war, wusste sie nicht, nur, dass sie im Mai 1942 untergetaucht war. Anders als sie, die sie als Sekret�rin bei der SS angeheuert und somit auf der richtigen Seite gestanden hatte. Nun gut, ein paar Skrupel hatte sie schon gehabt. Aber, getreu der Devise, dass jeder seines Gl�ckes Schmied ist, gottlob nicht allzu viele. Man musste zusehen, dass man auf der Seite der Sieger stand. Oder clever genug sein, um ins Lager des Gegners zu wechseln, wenn der Wind im Begriff war, sich zu drehen. Zeitlebens hatte sie versucht, diese Maxime zu beherzigen. Und war gut damit gefahren, vor allem nach dem Krieg.</p><p>�Vielen Dank, die Dame!� Der Ober und sie strahlten um die Wette. Er, weil er fast zwei Mark Trinkgeld bekommen hatte, sie, weil es ihr Vergn�gen bereitete, umgarnt zu werden. Mal sehen, dachte sie, w�hrend sie ihre Zunge �ber die Oberlippe gleiten lie�, vielleicht werde ich nachher wiederkommen und mir nach getaner Arbeit einen Drink genehmigen. Und ein wenig herumflirten, nur zum Spa�. M�nner hatten es nicht anders verdient, als an der Nase herumgef�hrt und so l�cherlich wie m�glich gemacht zu werden.</p><p>Ein Mannequin-L�cheln im Gesicht, wandte sich die Unbekannte zum Gehen und stolzierte in Richtung Rezeption, Blickfang von einem Dutzend M�nnern, die jeden ihrer Schritte verfolgten. Dort lie� sie sich ein Taxi rufen und flirtete mit dem Empfangschef, um sich die Zeit bis zum Aufbruch zu verk�rzen.</p><p>Greta Garbo war hier gewesen, Romy Schneider, Karajan � aber heute, am Tag der Wahrheit, w�rde sich alles nur um sie drehen. Heute w�rde sie den Coup ihres Lebens landen, und niemand, am allerwenigsten einer der Lackaffen, die ihr fortw�hrend auf den Hintern starrten, w�rde sie davon abbringen. Heute war ihr Tag, der Tag, auf den sie seit Jahren hingearbeitet hatte.</p><p>Knapp zehn Minuten sp�ter und um etliche Komplimente reicher rauschte die Unbekannte ins Freie, gefolgt vom Empfangschef, der es sich nicht nehmen lie�, ihr die Wagent�r aufzuhalten. Ein L�cheln, ein kleiner Scherz, und schon thronte sie auf dem R�cksitz, nannte dem Fahrer ihr Ziel, steckte sich eine Benson &amp; Hedges an und erweckte den Anschein, als stehe es ihr zu, derart hofiert zu werden.</p><p>Doch der Schein trog. Kaum hatte sich das Taxi in Bewegung gesetzt, verschwand die einstudierte Pose und wich einem Blick, der den Fahrer bewog, sowohl Neugierde als auch Plauderlaune f�r den Rest der Fahrt zu unterdr�cken. An Konversation, so schien es, war die Unbekannte nicht interessiert, und das traf auch auf die Sehensw�rdigkeiten entlang der Route zu.</p><p>Und so kam es, dass der Mittf�nfziger, der dem Klischee des schnodderigen, schwadronierenden und frei nach Schnauze parlierenden Berliners perfekt entsprach, seine Mitteilsamkeit bez�hmte und den Weg zum Ernst-Reuter-Platz einschlug. Dort angekommen, bog er nach rechts, darauf bedacht, nach vorn und keinesfalls in den R�ckspiegel zu schauen.</p><p>Die Frau, deren Blick er wie eine Messerspitze im Nacken sp�rte, wurde ihm unheimlich. So unheimlich, dass er stur geradeaus blickte.</p><p>*</p><p>Das war nicht das Berlin, wie sie es kannte, nicht mehr <emphasis>ihr</emphasis> Berlin. Die Stadt, in der sie aufgewachsen war, existierte nicht mehr, und vieles deutete darauf hin, dass es kein Zur�ck mehr geben w�rde.</p><p>Vieles, aber nicht alles.</p><p>Noch aber gab es Leute wie sie. Menschen, die sich nicht einlullen, die sich vom Ungeist, der immer mehr um sich griff, nicht in die Irre f�hren lassen w�rden. Volksgenossen, auf die Verlass war, auf die man in Zeiten wie diesen z�hlen konnte.</p><p>Niemand, nicht einmal dieser Wiesenthal[31], w�rde das Kunstst�ck fertigbringen, sie ausfindig zu machen. Exakt 22 Jahre hatte sie in dieser Stadt verbracht, H�hen und Tiefen durchlitten, Wurzeln geschlagen. Dann aber, einem untr�glichen Instinkt folgend, hatte sie s�mtliche Br�cken abgebrochen und den Gro�teil der restlichen drei Kriegsjahre fernab der H�lle verbracht, die �ber Berlin hereingebrochen war. Sie, die Frau ohne Gesicht, das Phantom, an das sich kein Mensch, geschweige denn irgendein Schn�ffler, erinnern w�rde.</p><p>Schn�ffler, oder solche, die sich dazu auserkoren f�hlten, in den Leichenbergen von damals zu w�hlen, gab es in der Tat genug. Kaum ein Tag, an dem nicht von den S�nden der Vergangenheit gefaselt, zu Kreuze gekrochen oder das B��ergewand �bergestreift wurde. Kein Tag, an dem in der Presse nicht von Eichmann und dem Exempel, das an ihm statuiert werden sollte, die Rede war. Die Unbekannte im Fond des Taxis, welches sich der Siegess�ule n�herte, lachte ver�chtlich auf. Hinterher, sinnierte sie, will es eben niemand gewesen sein. Schon gar nicht, wenn die Suche nach den Schuldigen beginnt.</p><p>�So, Gn�digste � da w�ren wir.� Ja, da waren sie nun. Endstation Brandenburger Tor. Circa 100 Meter von der Mauer entfernt.</p><p>�Sch�ne Bescherung, wa?�</p><p>�Kann man wohl sagen.�</p><p>�Wollense vielleicht aussteigen und eenen Blick von der Aussichtsplattform nach dr�ben ��</p><p>�Nicht n�tig!�, entschied sie barsch, ein Relikt aus der Zeit, als die H�ftlinge in Theresienstadt nach ihrer Pfeife tanzen mussten. �Ich habe genug gesehen.�</p><p>�Wat nu?�</p><p>Gute Frage!, dachte sie. Und h�chste Zeit, Teil zwei ihres Plans in die Tat umzusetzen. �Seien Sie doch bitte so gut und fahren mich zu dieser Adresse hier!�, erwiderte sie nach l�ngerem Nachdenken �ber Sinn und Unsinn ihres Vorhabens, hielt dem Fahrer einen Zettel vor die Nase und beeilte sich, ihn wieder verschwinden zu lassen.</p><p>�Jeht in Ordnung!�, antwortete der Taxifahrer und tippte an den Schirm seiner Prinz-Heinrich-M�tze, die mindestens so alt wie ihr Besitzer zu sein schien. �Is� ja nich weit von hier.�</p><p>Nein, weit weg von hier war der Ort, an dem sie ihre Jugend verbracht hatte, ganz gewiss nicht. Direkt am Landwehrkanal, zwei Kilometer Luftlinie vom Brandenburger Tor entfernt. Sie h�tte auch allein hingefunden. Falls n�tig, mit verbundenen Augen.</p><p>Schon die Zweite!, stellte sie beunruhigt fest, eine Schachtel Benson &amp; Hedges in der Hand, die normalerweise eine ganze Woche reichte. Doch dann, in Sichtweite des Gro�en Sterns, wo das Taxi nach links abbiegen w�rde, gab sie dem Verlangen nach einer weiteren Zigarette nach, z�ndete sie an und machte es sich auf dem R�cksitz bequem. Die Gelassenheit, welche sie sich erhofft hatte, wollte sich jedoch nicht einstellen. Im Gegenteil. Je n�her dem Ziel, desto gr��er die Anspannung, die sich in ihr breitmachte. Eine Tatsache, die ihr zu denken gab, widerstrebte es ihr doch, wenn die Fassade, hinter die sie sich gefl�chtet hatte, ins Wanken geriet.</p><p>Am Gro�en Stern, so ihr Eindruck, hatte sich seit damals wenig ver�ndert. Der Verkehr war immer noch der gleiche, wenngleich sich die Fahrzeuge voneinander unterschieden. Bismarck, Roon[32] und Moltke[33] befanden sich immer noch an Ort und Stelle, als h�tten die Kriege, in die ihr Vaterland verwickelt war, nie stattgefunden. �Vaterland� � noch so ein Wort, das aus der Mode gekommen war. Die Unbekannte im Fond des Mercedes Benz W 121 verzog das sorgf�ltig geschminkte Gesicht. An die Einweihung des neu gestalteten Platzes aus Anlass von Hitlers 50. Geburtstag konnte sie sich noch sehr gut erinnern. Sie selbst war damals 19 und mit Vater, einem hohen Beamten im Reichsau�enministerium, unter den Zuschauern auf der Ehrentrib�ne gewesen. Doch damit nicht genug. Im Vorbeigehen hatte der F�hrer ein paar Worte mit ihr gewechselt. Mit ihr, der Tochter eines subalternen Beamten! Kaum vorstellbar, aber wahr. Ihr Vater, ein stockkonservativer Preu�e, war davon nicht gerade angetan gewesen. Sie selbst, seit jenem Tag gl�hende Hitler-Verehrerin, umso mehr.</p><p>�berhaupt � der F�hrer. Anlass f�r hitzige Debatten, insbesondere mit ihrem Bruder. Was Vater betraf, hatte er sich stets herausgehalten und in diplomatischer Zur�ckhaltung ge�bt. An ihrer Treue zum Regime hatte dies jedoch nichts ge�ndert, nicht einmal bei Kriegsende, als halb Berlin bereits in Tr�mmern gelegen hatte.</p><p>In jenen Tagen, als es drunter und dr�ber ging, hatte sie in der Tat eine Menge Gl�ck gehabt. Mehr Gl�ck als Verstand, um es plastisch zu formulieren. Am Tag ihrer Abreise, dem 3. Februar 1945, waren genau hier, �ber diesem Teil Berlins, die Schalen des Zorns ausgegossen worden. Tausende von Sprengbomben, Brands�tze und Luftminen waren vom Himmel herabgeregnet, hatten die Gegend dem Erdboden gleichgemacht, das Columbushaus am Potsdamer Platz in eine lichterloh brennende Fackel verwandelt. Sie aber hatte � wieder einmal � Gl�ck gehabt. Nur ein paar Minuten, nur ein paar l�cherliche Minuten vor Beginn des Luftalarms um 10.27 Uhr hatte ihr Zug den Anhalter Bahnhof und das Inferno, welches �ber Berlin hereinbrach, hinter sich gelassen. Fasziniert von dem grauenerregenden Spektakel, war sie noch lange am Fenster ihres Abteils gestanden, auch dann, als der Motorenl�rm der US-Bomber und das Ger�usch der Detonationen und explodierenden Minen allm�hlich abgeklungen war.</p><p>Wie gesagt: Sie hatte Gl�ck gehabt. Vater und eine junge Nachbarin, der sie zum Abschied ihren Wintermantel geschenkt hatte, bedauerlicherweise nicht. Wider Willen stahl sich so etwas wie Wehmut in ihr Gesicht. Ein Luxus, den sie sich immer seltener g�nnte. Pauline, so der Name ihrer Altersgenossin, hatte ihr zum Verwechseln �hnlich gesehen, und eine Zeit lang waren die Tochter eines Universit�tsdozenten und sie unzertrennlich gewesen. Die �hnlichkeit hatte immer wieder zu Verwechslungen und dar�ber hinaus f�r kompromittierende Situationen gesorgt. Sehr zum �rger einer Reihe von Verehrern, die von �Hanni und Nanni�[34] an der Nase herumgef�hrt worden waren.</p><p>Wieder zur�ck in Theresienstadt, hatte sie bei ihrer Dienststelle Erkundigungen eingezogen. Das war gar nicht so einfach und vor allem zeitaufwendig gewesen, hatte ihr jedoch die Gewissheit beschert, dass Vater tot war und die stolze Besitzerin eines Wintermantels vermisst wurde, vermutlich unter den 3.000 Toten, die Opfer des amerikanischen Terrorangriffs geworden waren.</p><p>Verbl�fft, um nicht zu sagen aus der Fassung gebracht, hatte sie indes etwas anderes. Verbl�fft, am�siert und wenig sp�ter sogar stimuliert. Auf den Verlustlisten, so die Auskunft, sei der Name einer gewissen Agnes von Sydow zu finden. <emphasis>Ihr Name</emphasis>. Bestimmt liege da eine Verwechslung vor, da sie, wovon sich jedermann �berzeugen k�nne, putzmunter und am Leben sei.</p><p>Na, so putzmunter auch wieder nicht!, hatte sie in einem Anfall von grimmigem Humor, dem Markenzeichen derer von Sydow, gedacht. Dann aber, nach kurzem Nachdenken, war ihr die Tragweite der Nachricht klar geworden. Jetzt, da man sie f�r tot hielt, waren ihre Aktien erheblich gestiegen. Nun ja, zum Teil wenigstens, denn welche Frau in ihrem Alter sehnte sich schon nach einem Stelldichein mit den Russen. Doch wohl keine einzige. Ergo: Die Papiere, die ihr Eichmann verschafft hatte, waren so nutzlos nicht. Irgendwie, besonders in derart turbulenten Tagen, musste man sich schlie�lich ausweisen k�nnen. Dazu war der Fetzen, ein Produkt aus der F�lscherwerkstatt der SS, allemal gut genug.</p><p>Gut genug, weil verm�gend, war auch der amerikanische Offizier gewesen, welcher ihr nach der Flucht nach �sterreich �ber den Weg gelaufen war. Von Natur aus w�hlerisch, h�tte sie es vorgezogen, wenn ihr Zuk�nftiger etwas ansehnlicher und weniger korpulent beziehungsweise nicht so einfach gestrickt gewesen w�re. Andererseits hatte John Francis Fitzpatrick, genannt �Big Fitz�, Helene Mertens alias Agnes von Sydow keinerlei Fragen bez�glich ihrer Vergangenheit gestellt. Die Freude �ber den Fang, der ihm in einem �Displaced Persons Camp�[35] gelungen war, hatte die Bedenken bei Weitem �berwogen, und kaum war der Krieg zu Ende, hatte Big Fitz sie schon vor den Traualtar gezerrt und nach seiner Entlassung aus der Armee �berredet, mit ihm in die USA zu gehen. Dass der elterliche Betrieb in La Grange/Texas auf dem flachen Land lag, von wo aus es fast 100 Meilen bis zur n�chsten Stadt waren, hatte ihr Johnny-Boy geflissentlich verschwiegen. Dar�ber, wie �ber manches andere, war sie jedoch hinweggekommen. Geld roch nicht, vor allem, wenn es sich um amerikanische Dollars handelte. Dollars, �ber die sie nach dem Tod ihres Mannes vor zwei Monaten frei verf�gen konnte.</p><p>�So, die Dame, da w�ren wir.� �Dame� � wenn du w�sstest!, fuhr es ihr durch den Sinn, bevor sie ihr Konterfei im R�ckspiegel begutachtete und entschied, den Lippenstift vor dem Aussteigen nachzuziehen. �Macht ��</p><p>�Stimmt so!�, fl�tete sie in einem Ton, der erfahrungsgem�� daf�r sorgte, dass man ihr nicht widersprach. Dann warf sie einen abermaligen Blick in den Spiegel und nestelte so lange an der Krempe ihres Charleston-Hutes herum, bis er an der gew�nschten Stelle sa�. �Machen Sie sich einen sch�nen Tag damit.�</p><p>Nicht etwa, dass sie zur Freigebigkeit neigte. Das mit Sicherheit nicht. Zuweilen machte es ihr jedoch Spa�, die Domestiken, mit denen sie sich umgab, sprachlos zu erleben. So wie diesen Proleten, der den Mund vor �berraschung nicht mehr zubekam.</p><p>Und der ihr, nachdem sie ausgestiegen war, bestimmt hinterhergaffte. Sie war es gewohnt, genoss es, legte es darauf an.</p><p>Sie mochte es, wenn ihr die M�nner, egal welchen Typs, hinterherschauten, sich an ihrer Figur weideten. Schwarz, die Farbe ihres Dior-Kost�ms, war diesbez�glich von Vorteil, genau wie die St�ckelschuhe, die sie bei ihrem Zwischenstopp in Paris gekauft hatte. Adrett auszusehen hie�, dass einem die T�ren offenstanden, nur darauf kam es in dieser Welt an.</p><p>�Na, dann wollen wir mal�, murmelte sie und lie� den Blick �ber den Platz schweifen, in dessen Zentrum sich eine park�hnliche Gr�nfl�che befand. Bis auf zwei H�user, einzige �berbleibsel der Bombenn�chte, war nichts mehr so, wie es war. Keine Trambahn, kein Herkules-Denkmal, keine Mehrfamilienh�user aus der Gr�nderzeit. Nichts. Nur noch diese beiden H�user, zwei von einem guten Dutzend, dazu reichlich Gr�n und spielende Kinder. Der Rest, ihr Elternhaus inbegriffen, wie vom Erdboden verschluckt.</p><p>Kurzum: ein echter Gl�cksfall.</p><p>Wind kam auf, wehte von Norden �ber den Landwehrkanal und direkt in ihr Gesicht. Die B� war so heftig, dass ihr der Hut vom Kopf gerissen und wie ein Spielball davongeweht wurde. Nichts war ihr mehr zuwider als das. Nichts peinlicher als die Tatsache, hinter einem s�ndhaft teuren Filzhut herzurennen und sich zum Gesp�tt der Passanten an der nahen Bushaltestelle zu machen.</p><p>Schlie�lich war sie wer, das hei�t, sie war es gewesen. Inzwischen waren jedoch mehr als 17 Jahre vergangen. Eine Zeit, in der sich der Backfisch mit den langen Z�pfen in ein Phantom verwandelt hatte, in ein Trugbild, eine Schim�re � ein Nichts.</p><p>Ein Vorteil, aus dem es Kapital zu schlagen galt.</p><p>Endlich wieder im Besitz ihres Huts, atmete die von den Passanten begaffte Unbekannte auf. Das war es, worauf sie hingearbeitet, was sie bewogen hatte, an den Ort ihrer Jugend zur�ckzukehren. Sie musste es sehen, sp�ren, am eigenen Leib erleben. Sie musste sich vergewissern, dass es keinen Weg zur�ck mehr gab, keine Spuren, keine Bande, durch die sie mit der Vergangenheit verkn�pft sein w�rde.</p><p>Und niemanden, der imstande war, sich an sie zu erinnern.</p><p>Das Phantom, welches sich Helen Fitzpatrick nannte, gestattete sich ein vergn�gtes L�cheln und hielt Ausschau nach einem Taxi, das sie zur�ck ins Hotel bringen sollte. Teil zwei der geplanten Operation war erfolgreich abgeschlossen, Teil eins, ein Auftritt nach ihrem Geschmack, nicht minder. Wenn nicht einmal ihr Bruder in der Lage war, sie wiederzuerkennen, wer dann? Ergo: Ihrem Vorhaben stand nichts mehr im Weg. H�chste Zeit, mit Phase drei, dem kr�nenden Abschluss, zu beginnen. Auf dass von Agnes, dem bestgehassten Menschen auf dieser Welt, nicht das Geringste �brig bleiben w�rde.</p><p>�Mein Gott, diese �hnlichkeit � entschuldigen Sie, wenn ich Sie einfach anspreche, aber ��</p><p>Weitergehen. Einfach weitergehen. So tun, als habe sie nichts geh�rt. Ins Taxi steigen, das soeben rechts rangefahren war. Und zusehen, dass sie von der Bildfl�che verschwand.</p><p>�Entschuldigen Sie, aber kann es sein, dass wir uns schon einmal gesehen haben?�</p><p>Aber nat�rlich konnte das sein. Tagt�glich, mitunter mehrere Male. Und das mehr als 20 Jahre lang. Im Flur, auf der Treppe, beim Einkaufen, auf dem Heimweg von der Schule.</p><p>�Ist zwar schon ein paar Jahre her, aber man kann ja nie wissen!�</p><p>Nein, man konnte nie wissen, ob ein minuti�s ausgearbeiteter Plan funktionieren w�rde. So viel zum Thema Strategie. �rgerlich nur, dass sie sich diesbez�glich etwas vorgemacht hatte. �rgerlich, aber nicht zu �ndern.</p><p>�Was hei�t da �ein paar Jahre�! �Jahrzehnte� trifft es vermutlich besser.�</p><p>Wie recht du doch hast!, dachte sie, nur noch wenige Schritte von dem wartenden Taxi entfernt. Und falls es dich beruhigt: Ich habe dich damals schon gehasst. Gehasst wie nur irgendetwas. Und wei�t du auch, warum? Weil du hinter mir herspioniert, mich bei Vater verpetzt, mich bei Tom, meinem ach so anst�ndigen Bruder, permanent angeschw�rzt hast. Weil dir nichts, aber auch gar nichts entgangen ist.</p><p>Weil du mich einfach nicht in Ruhe gelassen hast.</p><p>�Moment mal, wie lange ist das eigentlich ��</p><p>�Verzeihung, aber ich glaube, hier liegt eine Verwechslung vor.�</p><p>�� her? Kaum zu glauben, schon 17 Jahre!�</p><p>K�hl bis ins Mark, drehte sie sich um, r�ckte ihre Brille zurecht und nahm die Pose ein, von der sie annahm, dass sie den gew�nschten Effekt erzielen w�rde. Und das ausgerecht jetzt! Da half nur noch die Flucht nach vorn, und, falls ihre Schroffheit nicht fruchtete, ein Griff ins Sammelsurium ihrer Drohgeb�rden.</p><p>�Wie gesagt: Ich denke, hier liegt eine Verwechslung vor!�, wiederholte sie, Auge in Auge mit der Rentnerin, deren Miene verriet, dass ihre Schauspielk�nste nicht ausreichen w�rden, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. �Sorry, Ma�am, aber ich kann mich nicht an Sie erinnern!�</p></section><section><p><strong>8</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Spandau, Johannesstift in der Sch�nwalder Allee &#x2502; 15:35 h</emphasis></p><p>�Jetzt komm schon, Tom, davor kannst du dich nicht dr�cken!� Wie recht Lea doch hatte. Davor konnte sich der frisch gebackene Universalerbe namens Sydow in der Tat nicht dr�cken. Es galt, den Tatsachen ins Auge zu sehen, ob es ihm passte oder nicht. Und das bedeutete, er musste Tante Lus Habseligkeiten durchforsten, zwischen Wichtigem und Entbehrlichem unterscheiden, Erinnerungsst�cke aufbewahren und den Rest, der ein gutes Dutzend Kisten f�llen w�rde, auf dem Tr�delmarkt verh�kern.</p><p>So einfach war das. Und doch so schwer.</p><p>Schwer vor allem, weil dies hier nicht nur Tante Lus Wohnzimmer, sondern auch ein Teil seiner eigenen Vergangenheit war. Wohin er auch blickte, �berall Gegenst�nde, die eine Erinnerung in ihm wachriefen. Reminiszenzen an zu Hause, an seine Kindheit in der N�he von Neuruppin, an den Hickhack mit der kleinen Schwester, die partout nicht auf ihn hatte h�ren wollen. Erinnerungen aber auch an die gro�en Ferien, die er hin und wieder auf dem Gut von Onkel Erwin, Tante Lus Gatten und Freiherr von Zitzewitz, verbracht hatte. Dort, unweit von Varzin in Hinterpommern, hatte man nach Herzenslust herumtoben, ausreiten, bei der Heuernte helfen oder zusammen mit den Nachbarskindern die Gegend unsicher machen k�nnen. Kein Mensch, schon gar nicht seine kinderlose Tante und ihr sanftm�tiger Gatte, hatte etwas dagegen gehabt. Anders als zu Hause, wo er st�ndig von Mutter herumkommandiert und nach Kr�ften gema�regelt worden war.</p><p>Bei einem dieser Besuche, irgendwann in den fr�hen Zwanzigern, w�re es dann beinahe zu einer Trag�die gekommen. Agnes, damals noch ein kleines Kind, hatte sich klammheimlich auf Entdeckungstour begeben. Und das ausgerechnet in einer Gegend, in der es von Teichen, T�mpeln und kleinen Seen nur so wimmelte. Sie konnte nicht schwimmen, hatte es zeitlebens nicht gelernt. Das ganze Gut war auf den Beinen, und die Aufregung, die der Wildfang verursacht hatte, war immens gewesen. Zu guter Letzt hatte er, Sydow, die Kleine entdeckt, am Ufer eines der Seen, die zu Onkel Erwins L�ndereien geh�rten. Sydow konnte sich nicht erinnern, jemals so schnell gerannt, so erschrocken und zugleich so w�tend gewesen zu sein. Doch alles Rufen, alles Schreien und wildes Gestikulieren hatte keinen Zweck gehabt. Als g�be es ihn und die aus s�mtlichen Himmelsrichtungen herbeieilenden Bediensteten nicht, hatte Agnes sich nicht beirren lassen, Anlauf genommen und war in den See gesprungen. Einfach so, ohne mit der Wimper zu zucken. Gefolgt von ihrem Bruder, der alle H�nde voll zu tun hatte, sie aus dem Wasser zu ziehen.</p><p>�Na, mein Schatz � dabei, alte Erinnerungen aufzufrischen?�</p><p>�Wenn man so will � ja.� Ein �lgem�lde in der Hand, auf dem eine Pappelallee, ein Herrenhaus nebst Wirtschaftsgeb�uden und der angrenzende Schwanenteich zu sehen waren, trat ein wehm�tiges L�cheln auf Sydows Gesicht. �Schade, dass wir damals noch nicht ��</p><p>�Damals noch nicht, erst ein paar Jahre sp�ter!�, vollendete Lea mit einem Schmunzeln, das zum gegenw�rtigen Zeitpunkt genau richtig kam. �Die Jahre, in denen wir uns aus den Augen verloren hatten, nicht mitgerechnet.�</p><p>�Nein, die nat�rlich nicht.� Sydow h�ngte das Bild wieder an seinen Platz, nahm den Kopf seiner Frau zwischen die H�nde und k�sste sie auf die Stirn. Wie man mit Mitte 40 noch so aussehen konnte wie sie, war ihm ein R�tsel, wobei er den Vergleich mit dem eigenen Konterfei vermied. Lea wirkte mindestens zehn Jahre j�nger als sie war, im Grunde immer noch so wie Anfang der Drei�iger, als er ihr zum ersten Mal begegnet war. Blondes, auf die Schultern herabfallendes Haar, bl�ulich schimmernde Augen und ein Schmunzeln im sommersprossigen Gesicht. So hatte sie ausgesehen, als er ihr das erste Mal �ber den Weg gelaufen war. Und so sah sie, dem �lterwerden zum Trotz, immer noch aus. �Schwamm dr�ber, kann ich da nur sagen.�</p><p>Ein Lippenbekenntnis, wie nicht nur er, sondern auch Lea sehr wohl wusste. Die Dekade, w�hrend der das Unheil �ber Berlin hereingebrochen war, die Zeit, in der Vater und er sich auseinandergelebt hatten, die Nacht, w�hrend der er sich mit der Gestapo, der SS und so ziemlich jedem angelegt hatte, der einen Schie�pr�gel in der Hand halten und hinter ihm herballern konnte. Er war einfach nicht imstande zu vergessen, die Erlebnisse hatten ihn gepr�gt, verfolgten ihn bis heute.</p><p>Und w�rden ihn f�r den Rest seines Lebens verfolgen.</p><p>�So, Tom Sydow � Zeit, sich an die Arbeit zu machen.�</p><p>Vor allem die Erinnerung an jenen Sonntag im Juni 1942, als sein Leben komplett aus den Fugen geraten war. Damals, mitten im Krieg, war er auf das Staatsgeheimnis schlechthin gesto�en. Auf den ersten Blick hatte es sich nur um ein Besprechungsprotokoll gehandelt, um eines unter vielen, die nach dem Krieg publik geworden waren. Bei n�herem Hinsehen war ihm die Tragweite dessen, was er nach England geschmuggelt hatte, jedoch mehr als klar geworden. Ausgerechnet er, der 29-j�hrige, unerfahrene und anscheinend grenzenlos naive Beamte der Kripo Berlin, war auf das Protokoll der Konferenz am Gro�en Wannsee gesto�en, bei der unter dem Vorsitz eines gewissen Reinhard Heydrich[36] die Ausrottung von elf Millionen Juden beschlossen worden war. Um es abzusegnen, hatten die 15 Teilnehmer, darunter nicht weniger als sieben Akademiker, keine zwei Stunden gebraucht, insofern es �berhaupt etwas abzusegnen gab. Tonangebend war vor allem Heydrich gewesen, gefolgt von seinem Adlatus, der ihm zum damaligen Zeitpunkt g�nzlich unbekannt gewesen war. Dank der Tatsache, dass Eichmann mittlerweile in aller Munde war, hatte sich dies jedoch ge�ndert. Nicht ge�ndert respektive noch vergr��ert hatte sich sein Unverm�gen, die ans Licht gekommenen Details zu begreifen. Damals wie heute war Sydow vor einem R�tsel gestanden, sowohl emotional als auch rational. Wie konnte es sein, dass man sich dazu hergab, Protokoll bei einer Konferenz zu f�hren, die darauf abzielte, den gewaltsamen Tod von elf Millionen Menschen zu sanktionieren? Wie kam es, dass keiner der Anwesenden einen Finger ger�hrt hatte? Und vor allem: Wie kam es, dass Eichmann so lange unentdeckt geblieben war?</p><p>�Sag mal, h�rst du mir �berhaupt zu, Tom?�</p><p>�Nat�rlich, Lea, das wei�t du doch.�</p><p>�Thema Nummer eins, hab ich recht?�</p><p>Sydow deutete ein Nicken an. Zwar fiel es ihm schwer, dies zuzugeben, aber wenn er zur�ckblickte, war die Konfrontation mit der Vergangenheit f�r ihn beinahe zum Lebensinhalt geworden. Manchmal, vor allem bei seiner R�ckkehr nach Berlin, h�tte er sich gew�nscht, sie wie ein l�stiges Kleidungsst�ck abstreifen und einfach liegen lassen zu k�nnen. Aufgrund der Erfahrungen, die er gesammelt hatte, war dies jedoch nicht m�glich gewesen. Ein Gro�teil von Berlin war zerst�rt, Vater und Agnes bei einem Bombenangriff get�tet, Parteigenossen, die jede Menge Dreck am Stecken hatten, in einflussreiche Positionen gehievt worden. Gerade so, als w�re nichts geschehen. Da konnte er, wollte er nicht einfach zur Tagesordnung �bergehen. Und hatte sich prompt jede Menge Probleme eingehandelt. �rger mit Vorgesetzten, die es vorzogen, Gras �ber die Vergangenheit wachsen zu lassen, Schwierigkeiten mit Kollegen, bei denen sein Hang, reinen Tisch zu machen, auf Unverst�ndnis stie�, Gespr�chsstoff mit Lea, die sich allm�hlich Sorgen um ihn machte.</p><p>�An die Arbeit, Tom, sonst werde ich dir die Freundschaft k�ndigen!�</p><p>Alles, nur das bitte nicht. �Aye aye, Sir!�, flachste Sydow, verscheuchte die d�steren Gedanken und nahm sich vor, die Vergangenheit ruhen zu lassen. �Wie lauten Ihre Befehle?�</p><p>�Wir beide werden jetzt klar Schiff machen, je gr�ndlicher, desto besser.�</p><p>�Muss das sein?�</p><p>Lea nickte und fixierte ihn mit einem Blick, der weitere Einw�nde im Keim erstickte. �Das bedeutet, du wirst jetzt diese Kommode durchforsten und dir dabei so viel M�he wie m�glich geben. Haben wir uns verstanden, Herr Kriminalhauptkommissar?�</p><p>�Vollkommen!�, jammerte Sydow und durchma� Tante Lus gute Stube, in der man sich in l�ngst vergangene Tage zur�ckversetzt f�hlte. Eins musste man der alten Dame lassen: Hier sah es aus, als habe es die Zeit zwischen 1913, seinem Geburtsjahr, und der Gegenwart �berhaupt nicht gegeben. An der gegen�berliegenden Wand hing ein Portr�t Hindenburgs[37], flankiert von einem Foto ihres Gatten und dem �lgem�lde, welches den Herrensitz derer von Zitzewitz zeigte. Unmittelbar daneben befand sich ein Fl�gel, auf dem, soweit er sich entsinnen konnte, Tante Lu allerdings nie gespielt hatte. �berhaupt war der Raum mit Schnickschnack, Nippes und Krimskrams derart vollgestopft, dass man sich kaum r�hren konnte. Da war zum einen die Kommode, bei deren Anblick er sich fragte, ob es �berhaupt m�glich war, sie von der Stelle zu bewegen und ob er nicht besser daran t�te, sie mitsamt ihrem Inhalt an einen Antiquit�tenh�ndler zu verscherbeln. Das Gleiche galt f�r den mit Seidendamast bespannten Ohrensessel, auf dem die alte Dame mit Vorliebe gethront hatte, f�r die Standuhr in der gegen�berliegenden Ecke, den Wandschirm und vor allem f�r die Chaiselongue aus dunklem Leder, bei deren Anblick der R�cken schon im Voraus schmerzte. Alles, angefangen bei dem echten Perser, �ber die Porzellanvasen in der Vitrine, bis hin zu dem Rokoko-Tischchen, das so etwas wie ihr Heiligtum gewesen war, aber auch rein alles erinnerte an Anno Dazumal. An die Zeit vor 1914, in der die Welt angeblich noch in Ordnung gewesen war.</p><p>Sydow stie� einen Sto�seufzer aus. Dies hier war das reinste Museum, und das Einzige, was noch fehlte, war ein Schild mit der Aufschrift �Bitte nicht ber�hren!�</p><p>Am Klarschiffmachen, das verriet Leas Blick, w�rde jedoch kein Weg vorbeif�hren. �Ach du meine G�te!�, rutschte es Sydow heraus, nachdem er einen ersten Blick in die Kommode geworfen hatte, die so voll war, dass ihm die Lust auf das Durchforsten der Schubladen verging. �Tischdecken und Geh�keltes, so weit das Auge reicht!�</p><p>�Wie w�r�s mit dem Sekret�r? Wer wei�, auf welche Geheimnisse du st��t!�</p><p>�Wenn du meinst.� Um des lieben Friedens willen kn�pfte sich Sydow Tante Lus Schreibsekret�r vor und �ffnete das oberste von zehn Schubf�chern, welche das circa 100 Jahre alte Prunkst�ck aus Mahagoni enthielt. Zum Vorschein kamen mehrere Briefb�ndel, sorgsam verschn�rt und nach Absendern geordnet. Sydow musste wider Willen schmunzeln. Das sah Tante Lu �hnlich, Ordnung musste eben sein.</p><p>�223.000 D-Mark auf dem Konto, Wertpapiere und sonstige Besitzt�mer nicht mitgerechnet�, murmelte Lea beim Durchforsten der Unterlagen, die Sydow aus den H�nden von Malinowski in Empfang genommen und beharrlich ignoriert hatte. �Sieht so aus, als h�tte ich eine gute Partie gemacht.�</p><p>�Lass mich blo� mit dem Papierkram in Ruhe!�, grummelte Sydow und zog das Jackett aus, welches er Lea zuliebe angezogen hatte. Dann nahm er das B�ndel, das er dem Schieber entnommen hatte, genauer in Augenschein. �Morgen ist auch noch ein Tag.�</p><p>�Da erbst du einen Haufen Geld und es interessiert dich nicht einmal. Das soll mal einer verstehen.�</p><p>�Geld allein macht nicht gl�cklich.�</p><p>�Bevor du mir einen Vortrag h�ltst, was Gl�ck bedeutet, lass dir gesagt sein, dass ��</p><p>�Geld eine ungeheuer beruhigende Wirkung hat, ich wei߫, vollendete Sydow, was dazu f�hrte, dass Lea �berrascht aufblickte und ihren Mann pr�fend ansah. Im Gegensatz zu sonst war ihm nicht nach Scherzen zumute, und die Miene, die er zur Schau trug, lie� sie die Unterlagen vergessen.</p><p>�Irgendetwas nicht in Ordnung, Tom?�</p><p>�Gute Frage.�</p><p>�Familiengeheimnisse?�</p><p>�Kann man wohl sagen!� Die Stirn in Falten, lie� es Sydow bei der knappen Antwort bewenden und nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibsekret�r Platz. Dann �ffnete er den Umschlag, der an seine Tante adressiert war, faltete den darin befindlichen Briefbogen auseinander und begann zu lesen. Naturgem�� nahm dies geraume Zeit in Anspruch, aber Sydow schien so sehr in seine Lekt�re vertieft, dass er jegliches Zeitgef�hl verlor.</p><p>Er hatte Blut geleckt, konnte offenbar nicht genug bekommen. Kaum hatte er den Brief gelesen, zusammengefaltet und wieder in den Umschlag gesteckt, nahm er sich den n�chsten vor, auch er, wie das restliche halbe Dutzend Schriftst�cke, die Sydow studierte, an seine zum damaligen Zeitpunkt noch in Pommern beheimatete Tante adressiert. �H�r dir das mal an, Lea.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Eine Gl�ckwunschkarte von Vater. Poststempel: 30. Dezember 1944. �Prosit Neujahr� � na, der hatte vielleicht Nerven!�</p><p>�Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, oder?�, erwiderte Lea Sydow, legte die Kladde mit der Aufschrift �Von Zitzewitz � letztwillige Verf�gung (Kopie)� beiseite und trat neben ihren Mann, der mit jeder Minute, w�hrend der er sich in die Korrespondenz seiner Tante vertiefte, nachdenklicher geworden war. �Dass er sterben w�rde, konnte dein Vater nicht wissen.�</p><p>�Hm.� In Gedanken woanders, h�rte Sydow nur mit einem Ohr hin. �Hier!�, sprach er geraume Zeit sp�ter und �berreichte Lea einen Bogen, der die gestochen scharfe Handschrift seines Vaters trug. Der Brief stammte vom 12. Januar 1945, dem Tag, an dem die sowjetische Winteroffensive begann. Millionen Deutsche hatten damals die Flucht ergriffen, unter anderem auch Tante Lu. �Das musst du dir mal ansehen.�</p><p>Eher z�gerlich nahm Lea den Brief zur Hand und begann zu lesen, w�hrend Sydow eine Schwarz-Wei�-Fotografie in die H�nde fiel, von deren Anblick er sich lange Zeit nicht losrei�en konnte. Die R�ckseite trug die Aufschrift �24. Dezember 1944�, die Vorderseite zeigte Vater und Agnes, friedlich vereint unter dem Weihnachtsbaum. Eine � sozusagen die deutsche � H�lfte der Familie, w�hrend sich die andere im fernen London aufhielt.</p><p>W�hrend sein Blick von Agnes zu Vater und zur�ck zu seiner Schwester wanderte, sp�rte Sydow einen faustdicken Klo� im Hals. Zum damaligen Zeitpunkt hielt er sich bereits zweieinhalb Jahre in England auf, im Beisein von Rebecca, mit der er sich am gleichen Tag verlobt hatte. Weder von Vater noch von Agnes hatte er je wieder etwas geh�rt, und er fragte sich, was sie mit der Uniformtr�gerin auf dem Bild und dem Wildfang aus Kindheitstagen gemeinsam hatte.</p><p>Nach der Machtergreifung, kaum merklich zun�chst, hatten sich die Wege der beiden Geschwister getrennt, und das nicht nur im r�umlichen Sinn. Agnes war dem BdM[38] beigetreten, weniger aus �berzeugung, wie sie freim�tig bekannte, sondern weil sie im Gegensatz zu ihm gerne unter Leuten und st�ndig auf der Suche nach Abwechslung und Unterhaltung war. Richtig schlimm war es mit ihr erst an Hitlers F�nfzigstem geworden, als sie dem gr��ten Verbrecher aller Zeiten pers�nlich begegnet war. Von da an, kurz vor Kriegsbeginn, hatte man kein vern�nftiges Wort mehr mit ihr reden k�nnen, schon gar nicht, als sich abzeichnete, dass Deutschland den K�rzeren ziehen w�rde. Mit jedem Tag, an dem neue Hiobsbotschaften von der Front eintrafen, war Agnes ein St�ck fanatischer geworden, hatte ihr Studium abgebrochen, Karriere bei der NS-Frauenschaft gemacht und sich in eine willf�hrige Marionette des Regimes verwandelt. Z�h wie Leder, skrupellos wie Himmler und fanatischer als Goebbels, um es in Abwandlung des sattsam bekannten F�hrer-Diktums zu formulieren. Wie geschaffen f�r eine Clique, f�r die das Wort �Verbrechen� offenbar nicht existierte.</p><p>�Das � darf doch wohl nicht � Tut mir leid, Tom, das konnte ich nicht wissen.�</p><p>�Kein Grund, sich Vorw�rfe zu machen. Irgendwann w�re die Sache ans Licht gekommen. Lieber jetzt als in ein paar Jahren, oder?�</p><p>�Mag sein.� Lea lie� den Brief sinken und starrte an die gegen�berliegende Wand. �Ich frage mich, wie es dazu kommen konnte.�</p><p>�Nicht nur du, Lea � nicht nur du.�</p><p>Aschfahl im Gesicht, begann Sydows Frau zu lesen. ��Du kannst dir vorstellen��, begann sie und vermied es, ihren Mann anzuschauen, ��Du kannst dir vorstellen, Luise, dass ich allm�hlich beginne, mir Sorgen zu machen.��</p><p>�Sp�te Einsicht, findest du nicht auch?�</p><p>�Besser sp�t als nie, Tom.� Lea r�usperte sich und fuhr fort: ��Du wei�t ja, wie Agnes ist: Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann kein Mensch sie davon abbringen. Immer und immer wieder habe ich sie ermahnt, habe ihr ins Gewissen geredet, sie beschworen, von ihrem Weg abzuweichen. Aber sie hat nicht auf mich geh�rt, weder vor noch nach Toms Verschwinden. Nimm es mir nicht �bel, Luise, aber du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr ich darunter gelitten habe. Zuerst verlierst du den Sohn, wirst vorgeladen, verh�rt, bedr�ngt, nach seinen Motiven und nach seinem Aufenthaltsort befragt. Welch eine Dem�tigung, der Junge wei� nicht, was er mir angetan hat.��</p><p>��Dem�tigung� � aha!�</p><p>�Tu mir den Gefallen und bleibe sachlich, Tom. Wo war ich gerade stehen ge� genau! �Ich wei�, dass er dein Augapfel ist, Luise, du musst mir die Bemerkung verzeihen. Wie dem auch sei, nie und nimmer h�tte ich mir tr�umen lassen, dass Agnes zu so etwas imstande sein w�rde. Man stelle sich das einmal vor: Einer jungen Frau aus gutem Hause f�llt nichts Besseres ein, als sich in den Dienst einer Verbrecherclique zu stellen und Aufseherin in einem Konzentrationslager zu werden. BdM, NS-Frauenschaft, Luftwaffenhelferin, Sekret�rin im RSHA[39] in der Wilhelmstra�e und Aufseherin im KZ Theresienstadt. Welch eine Karriere, welch Albtraum f�r einen Vater, der mit ansehen muss, wie seine Tochter sich in eine Kriminelle verwandelt.�� Lea Sydow lie� den Briefbogen sinken und �ffnete das Fenster. Dort blieb sie geraume Zeit stehen, m�de, deprimiert und unf�hig, den Brief zu Ende zu lesen.</p><p>�Was will uns der Name sagen?�, murmelte Sydow, der die daraufhin einkehrende Stille nicht ertrug und sich umwandte, um Leas Blick zu suchen.</p><p>Seine Frau schien es jedoch nicht zu bemerken. �Theresienstadt?�, fragte sie und f�gte nach dem Ausbleiben einer bekr�ftigenden Antwort an: �Was er einem eben so sagt: angebliches �Vorzeigeghetto� � mit Betonung auf �angeblich�. Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager, oder, um es ungeschminkt auszudr�cken, Endstation f�r Zehntausende europ�ischer Juden.� Sydows Frau seufzte gequ�lt auf. �Du siehst, meine Kenntnisse lassen zu w�nschen �brig.�</p><p>�Meine auch, da kann ich dich beruhigen.�</p><p>�Wenn du willst, kann ich mich erkundigen. Ein Kollege von mir kennt sich bestens aus.�</p><p>�Tu das, mein Schatz, tu das�, ermunterte Sydow seine Frau, nicht unbedingt erpicht, Licht ins Dunkel der Familienhistorie zu bringen. �Dann wissen wir wenigstens Bescheid.�</p><p>�Nanu!�, rief Lea aus, drehte sich um und sah ihren Mann mit gerunzelten Brauen an. �Was ist denn auf einmal in dich gefahren?�</p><p>Sydow zuckte die Achseln.</p><p>�Aus dir soll mal einer schlau werden, Tom!�, fuhr seine Frau kopfsch�ttelnd fort. �Erst setzt du Himmel und H�lle in Bewegung, um zu erfahren, was aus deiner Familie geworden ist, und dann, wenn die Sache richtig spannend wird, ziehst du dich in den Schmollwinkel zur�ck.�</p><p>�Glaub mir, Lea: Mein Bedarf an makabren Details ist gedeckt. Insbesondere, was den Werdegang meiner Schwester betrifft.� Ohne sich an Leas �berraschtem Blick zu st�ren, �ffnete Sydow die Vitrine, in der Tante Lu ihre geistigen Getr�nke aufbewahrte, nahm ein Glas heraus und goss sich einen Sherry ein. Dann prostete er ihr zu und trank es leer. �Irgendwann, mein Schatz, ist einfach Schluss. Ich wei� nicht, woran es liegt, aber allm�hlich kann ich das alles nicht mehr ertragen. Seit ich denken kann, bin ich gezwungen, mich mit dem Thema Agnes rumzuschlagen. Agnes hier, Agnes dort, Agnes, die st�ndig die Aufmerksamkeit meiner Eltern auf sich zieht. Agnes, die Kokette, Papas Liebling.� Sydow lachte verbittert auf. �Und was, bitte sch�n, war mit mir? Die beiden hat es doch einen Schei� interessiert, mit welchen Problemen ich mich ��</p><p>�Das Problem, Tom Sydow, warst <emphasis>du</emphasis>. Beziehungsweise ein Teil davon. Oder glaubst du, dein Vater war froh, dass du von der Bildfl�che verschwunden bist?�</p><p>�Jetzt will ich dir mal was sagen, mein Schatz. Mein Vater, mein ach so anst�ndiger Vater, geh�rte zu den engsten Mitarbeitern eines gewissen Herrn Doktor Luther, Unterstaatssekret�r im Ausw�rtigen Amt. Na, f�ngt�s an zu klingeln?�</p><p>�Schrei nicht so, Tom. Ich verstehe dich auch so.�</p><p>�Tats�chlich? Das bezweifle ich.�</p><p>�Kein Grund, ironisch zu werden. Sag, was du zu sagen hast � aber bitte nicht in diesem Ton.�</p><p>�Tut mir leid, Lea, aber ich � ich � Was ich damit sagen will, ist: Vater war nicht so unwissend, wie er tat.�</p><p>�Wie kommst du darauf?�</p><p>Bevor er fortfuhr, holte Sydow tief Luft. Dann sagte er: �Doktor Luther, seines Zeichens Unterstaatssekret�r, war ein Duzfreund von Vater.�</p><p>�Und was, bitte sehr, ist daran so schlimm?�</p><p>�Gar nichts. Au�er vielleicht, dass er zu den Teilnehmern der Wannseekonferenz geh�rte. Du wei�t schon, jene 15 ehrenwerten Herrschaften, denen es gefiel, Millionen von Menschen in den Tod zu schicken. Protokollant: Adolf Eichmann, unl�ngst in Israel zum Tode verurteilter SS-Obersturmbannf�hrer.�</p><p>�Sei nicht so zynisch, Tom. Wer wei�, wie du dich verhalten h�ttest, wenn du in der Position deines Vaters gewesen w�rst.�</p><p>�Ich?�, emp�rte sich Sydow und deutete sich mit dem Zeigefinger auf die Brust. �Was ich damals getan h�tte, willst du wissen? Kann es sein, dass ich dir die Geschichte schon hundert Mal erz�hlt habe?�</p><p>�Hast du, mein Schatz, hast du.� Ein mitleidvolles L�cheln im Gesicht, war Lea nicht darauf aus, eine Auseinandersetzung vom Zaun zu brechen, trat auf Sydow zu und strich ihm �ber die Wange. �Ich wei�, was du mitgemacht hast, Tom. Du musstest mit ansehen, wie dein Kollege auf offener Stra�e niedergeschossen worden ist, bist von der Gestapo durch halb Berlin gejagt worden, bist mit M�he und Not entkommen. Musstest s�mtliche Br�cken hinter dir abbrechen. Ausgerechnet du, mein Vorzeigeberliner.�</p><p>�Das hast du aber sch�n gesagt, Schatz.�</p><p>�Hatte ich dich nicht darum gebeten, dir jegliche Ironie �?�</p><p>�Schon gut, Lea. Ich werd�s mir merken.�</p><p>Die Angesprochene quittierte es mit einem Stirnrunzeln. Dann sagte sie: �Wei�t du, was das Gute daran ist, Tom?�</p><p>�Ich wei� nicht, ob es mir guttut, st�ndig in Abgr�nde blicken zu m�ssen.�</p><p>�Aber du wei�t, was ich sagen will, oder?� Die Hand auf seiner Schulter, studierte Lea den Gesichtsausdruck ihres Mannes und sagte: �Sie ist tot, Tom. H�rst du? Deine Schwester Agnes lebt nicht mehr. Sieh zu, dass du mit der Vergangenheit ins Reine kommst.�</p><p>�Tot�, wiederholte Sydow in nachdenklichem Ton und betrachtete das Foto in seiner Hand. Dann aber, von einem Moment auf den anderen, hob er den Blick und lie� es in seiner Brusttasche verschwinden. �Tot, sagst du.�</p><p>�Ja, tot, genau wie dein Vater, Tante Lu und � sag mal, Tom, was ist denn eigentlich los? Komm schon, mir kannst du es ja wohl sagen!�</p><p>�Kann ich nicht.�</p><p>�Darf man fragen, warum?�</p><p>�Weil du mich sonst f�r bekloppt halten w�rdest � darum.� Einem pl�tzlichen Impuls folgend nahm Sydow seiner Frau den Brief aus der Hand, legte ihn zur�ck ins Schubfach und begann mit versteinerter Miene auf und ab zu gehen.</p><p>�Was immer es ist, das dir durch den Kopf geht, Tom � auf die Art kommen wir nicht weiter. Lass uns ein andermal wiederkommen. Ist wahrscheinlich nicht dein Tag. Und meiner auch nicht.� Einen Seufzer auf den Lippen, blickte Lea auf die Uhr. �Au�erdem m�ssen wir uns demn�chst um deine Mutter k�mmern. Halb f�nf im Hotel � schon vergessen?�</p><p>�Wie k�nnte ich!�, seufzte Sydow mit schicksalsergebener Miene, blieb stehen und wirbelte ohne Vorank�ndigung herum. �Wenn wir gerade �ber Pflichterf�llung reden!�, rief er pl�tzlich aus, vom einen auf den anderen Moment nicht mehr wiederzuerkennen. �Du hast doch nichts dagegen, wenn ich kurz im Pr�sidium anrufe, dauert nicht lange, mein Schatz, wer wei�, vielleicht werde ich dort gebraucht, du wei�t doch, ohne mich kommen die auf keinen gr�nen ��</p><p>�Lange Rede, kurzer Sinn: Du m�chtest, dass ich die Betreuung der Frau Mama �bernehme!�, rief Lea aus, nachdem der Redeschwall ihres Mannes abgeebbt war. �Sag mal, sch�mst du dich eigentlich nicht?�</p><p>�Doch, mein Schatz, doch!�, beteuerte Sydow, griff zum H�rer und wartete das Ende einer Diskussion, bei der er garantiert den K�rzeren ziehen w�rde, erst gar nicht ab. �Versteh doch � als Kripo-Beamter ist man immer im Dienst!�</p><p>�Und was ist mit der Abendgesellschaft bei deinem Chef? Davor kannst du dich nicht auch noch dr�cken.�</p><p>�Aber die ist doch erst um acht, Lea!�, wiegelte Sydow ab, w�hlte Krokowskis Nummer und setzte eine Unschuldsmiene auf, bei deren Anblick Lea in ungl�ubiges Gel�chter ausbrach. �Bis dahin bin ich l�ngst wieder � Bist du�s, Kroko? � Da denkst du richtig, ich habe frei. Ich dachte, ruf mal kurz an, um zu fragen, ob bei denen alles in � Wie bitte? Theo Morell? Willst mich wohl ver�ppeln, was?�</p><p>�Du bist das hintertriebendste Schlitzohr, das ich kenne, Sydow, wei�t du das?�</p><p>Nat�rlich wusste er das. Und er wusste sehr wohl, was der Tonfall seiner Frau und das Ignorieren seines Vornamens zu bedeuten hatten. Aller Einsicht zum Trotz gab er jedoch keine Antwort, schleuderte den H�rer auf die Gabel und bedeutete Lea, ihm zu folgen.</p><p>�Erkl�r� ich dir sp�ter!�, war alles, was ihm zu sagen einfiel, nachdem sie ihrem Unmut Luft gemacht und er sie unter Aufbietung all seiner �berredungsk�nste dazu gebracht hatte, in seinen Aston Martin zu steigen. �Bin schneller wieder da, als du denkst.�</p><p>Oder auch nicht, fuhr es ihm im gleichen Moment durch den Sinn.</p><p>Aber das wagte er nicht auszusprechen.</p><p>Und gab Gas.</p></section><section><p><strong>9</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Friedhof Heerstra�e &#x2502; 15:40 h</emphasis></p><p>Rien ne va plus. Nichts geht mehr, altes Haus.</p><p>Theodor Morell, Berlins meistgesuchter Mordzeuge, wog die Steine, welche er aufgesammelt hatte, in der Fl�che seiner Hand, trat an das verwahrloste Grab und murmelte das j�dische Totengebet. Es war lange her, dass er zum letzten Mal hier gewesen war, zu lange, um behaupten zu k�nnen, er halte seine Retterin in Ehren.</p><p>Angebracht w�re dies n�mlich allemal gewesen. Frau J�hnke, die hier begraben lag, war es zu verdanken, dass Theo Morell alias David Rosenzweig �berhaupt noch am Leben war. Die Rentnerin hatte nicht gez�gert, ihm Unterschlupf zu gew�hren, und das, obwohl sie den Neffen ihrer Freundin nur vom Sehen kannte. Ihre Laube, Teil einer Kolonie unweit des Kurf�rstendamms, war zwar nur mit Teerpappe verkleidet und nicht �berm��ig ger�umig gewesen. Dennoch waren ihm die f�nf Quadratmeter, wo er �ber zwei Jahre ausharren musste, zeitweise wie das Paradies vorgekommen.</p><p>�Elsbeth J�hnke (1877-1957)� � er war ihr zu Dank verpflichtet, weit mehr, als er mit Worten ausdr�cken konnte. Muttchen, wie er sie liebevoll nannte, hatte das Wenige, was sie besa�, mit ihm geteilt und ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um seines zu retten. Morells Blick schweifte in die Ferne. Gut drei auf zwei Meter, eigentlich nur ein Bretterverschlag, der durch eine Tapetent�r zug�nglich war. Ausgestattet mit einer Liege, vornehme Bezeichnung f�r eine Matratze, die auf einem Holzrahmen ruhte. Dazu ein Tisch, ein wackeliger Stuhl und ein Fenster, das so klein war, dass man nicht einmal den Kopf hindurchstecken konnte. Die T�llgardine, die den Blick ins Innere verwehrte, nicht zu vergessen.</p><p>Das war seine Welt gewesen, nicht gerade das Adlon, unter den gegebenen Umst�nden jedoch die Rettung. Richtig schlimm war es erst in den Bombenn�chten geworden, w�hrend denen er gezwungen war, dort auszuharren. W�hrend sich andere in den Luftschutzkellern verkrochen hatten, war er, der Verfemte, dem Inferno schutzlos preisgegeben gewesen. Eines Nachts, als die Gefahr besonders gro� gewesen war, hatte er sogar zu beten begonnen. Ein Ereignis, das er nie und nimmer f�r m�glich gehalten h�tte.</p><p>Gefangen im Netz der Erinnerungen, lie� Morell seinen Reminiszenzen freien Lauf. Er hatte gebetet, gut und sch�n, religi�s war er deswegen noch lange nicht. Seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, hatte er keine Synagoge mehr von innen gesehen, und nichts deutete darauf hin, dass sich dies in absehbarer Zeit �ndern w�rde. Das hie� jedoch nicht, dass er ein Atheist war, h�chstens ein wenig skeptisch, was den Ratschluss des Gottes seiner Vorv�ter betraf.</p><p>Der Grund hierf�r lag auf der Hand. Es war noch nicht lange her, als Deutsche, und nicht nur Deutsche j�dischen Glaubens, verfolgt, gedem�tigt, ihrer Rechte beraubt und millionenfach ermordet wurden. Wo war Gott in jener Zeit gewesen, hatte er sich von seinem Volk abgewandt? Wo war er gewesen, als Leute wie Himmler, Heydrich und Eichmann die Szene betreten und ihr blutiges Handwerk verrichtet hatten?</p><p>Wo nur, verdammt noch mal, wo?</p><p>Eine Frage, �ber die er jetzt, da ihm das Wasser bis zum Hals reichte, lieber nicht nachdenken wollte. Morell unterdr�ckte ein Seufzen und begann damit, die Steine auf der Oberkante des schmucklosen Grabsteins aus Rosengranit zu platzieren. Guter Rat war in der Tat teuer, und das nicht nur bez�glich der Frage, wie er mit den unl�ngst ergatterten Informationen umgehen sollte. An wen � und wie � er sie weitergeben w�rde, war ein Teil des Problems, ein anderer, in welche Art von Schwierigkeiten er dadurch geraten w�rde. Um herauszubekommen, wer hinter dem brutalen Mord an Luise steckte, bedurfte es keiner gro�en Fantasie, um sich auszumalen, was ihm bl�hte, nur eines Mindestma�es an Instinkt. Die Herren vom BND w�rden s�mtliche Hebel in Bewegung setzen, um wieder in den Besitz der Karteikarte zu kommen, was das bedeutete, war ihm vollauf bewusst.</p><p>Es bedeutete, dass man Jagd auf ihn machen w�rde, wieder einmal, um es pr�zise zu formulieren, genau wie vor 20 Jahren. Wieder einmal war Morell ins Fadenkreuz der M�chtigen geraten, und es war sinnlos, dar�ber nachzugr�beln, aus welchem Grund dies geschah. Jetzt galt es, einen k�hlen Kopf zu bewahren, wenngleich die Chancen, ihn aus der Schlinge ziehen zu k�nnen, nicht �berm��ig g�nstig standen.</p><p>Ein L�cheln im Gesicht, das zwischen Resignation und Entschlossenheit schwankte, genehmigte sich Morell einen Schluck aus seinem Flakon und lie� das Erlebte Revue passieren. Kein Zweifel, wer nicht z�gerte, einen derart brutalen Mord zu begehen, w�rde so schnell nicht aufgeben. K�me heraus, was nicht herauskommen durfte, w�rde dies nicht nur zu einem handfesten Skandal, sondern dar�ber hinaus zu unabsehbaren politischen Konsequenzen und einer Ersch�tterung des gesamten Systems f�hren. Das galt es zu verhindern, zumindest aus der Sicht derjenigen, die nicht gez�gert hatten, die �ffentlichkeit hinters Licht zu f�hren. �Standartenf�hrer Eichmann befindet sich nicht in �gypten, sondern h�lt sich unter dem Decknamen Clemens in Argentinien auf.� Soweit der entscheidende, vor mittlerweile 10 Jahren niedergeschriebene Satz. Ein Satz, der, harmlos ausgedr�ckt, im Bonner Kanzleramt f�r erhebliche Unruhe sorgen w�rde.</p><p>Und nicht nur dort.</p><p>Auf einen Schlag hundem�de, hatte Morell M�he, zu einem Entschluss zu gelangen. Wieso, fragte er sich, den Zorn der M�chtigen auf sich ziehen, wenn derjenige, um den es ging, demn�chst das Schafott besteigen w�rde? An der Tatsache, dass Eichmanns Schicksal besiegelt war, w�rde dies nicht das Geringste �ndern. Vor zwei Tagen, am 29. Mai, war das Todesurteil durch das Oberste Gericht des Staates Israel best�tigt worden, und nichts deutete darauf hin, dass sein Gnadengesuch, die letzte sich bietende Chance, beim israelischen Staatspr�sidenten Geh�r finden w�rde. Adolf Eichmann war ein toter Mann, im �bertragenen und demn�chst wohl auch im w�rtlichen Sinn.</p><p>Ein Grund mehr f�r ihn, so schien es, keinen Wirbel zu verursachen und die Aff�re auf diskrete Art und Weise zu beenden. Ein Anruf oder zwei, und die Sache war erledigt. Und er, Theodor Morell, ein freier Mann.</p><p>Frei?</p><p>Morells Miene verd�sterte sich, und wie um dies zu unterstreichen, zogen erneut dunkle Wolken herauf. Freiheit � welch hehres Wort. Damals, am Ende des Krieges, hatte er noch daran geglaubt. Wie alle, die mit heiler Haut davongekommen waren, hatte er Freudent�nze aufgef�hrt, an den Beginn einer neuen �ra geglaubt. Er hatte sich zu fr�h gefreut, zum einen, weil l�ngst nicht alle Schuldigen bestraft, zum anderen, weil viele von ihnen bald wieder in Amt und W�rden gewesen waren. Eichmann war nur die Spitze des Eisberges gewesen, einer von vielen, die es verdient h�tten, vor den Kadi zitiert zu werden.</p><p>Nachkarren brachte jedoch nichts, nicht jetzt, da er eine Entscheidung zu f�llen hatte. �Und sie m�ge wieder erstehen zu ihrer Bestimmung am Ende der Tage. Amejn.�[40] Der Mann, der sich Theodor Morell nannte, hob den Blick und lie� ihn �ber die anmutige und von Kiefern, Laubb�umen, S�ulenpappeln sowie einem See durchsetzte Parklandschaft schweifen. Wenigstens hier blieb er unbehelligt, denn abgesehen von einer Rentnerin, die soeben in sein Blickfeld geriet und alsbald wieder zwischen den Grabsteinen verschwand, war kein Mensch zu sehen.</p><p>Morell irrte sich, nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal an diesem Tag.</p><p>Er irrte sich, wenn er glaubte, man sei ihm nicht gefolgt. Er t�uschte sich, wenn er sich einredete, wenigstens hier, am Grab seiner G�nnerin, unbeobachtet zu sein. Und er machte sich etwas vor, als er zu dem Schluss kam, man w�rde ihm nichts tun.</p><p>Es war die Rentnerin, die ihm das Leben rettete, nicht etwa sein Urteilsverm�gen. W�re sie nicht aufgetaucht, h�tte der Boulevardreporter, im Fadenkreuz eines Karabiners vom Typ Mauser 98, nur noch wenige Sekunden zu leben gehabt.</p><p>Theodor Morell, 52, von Beruf Reporter und unbelehrbarer Optimist, spielte ein gef�hrliches Spiel. Das, und vieles andere, w�rde ihm im weiteren Verlauf des Tages bewusst werden.</p><p>Einstweilen aber ging ein Ruck durch ihn, und es schien, als habe er wieder Mut gefasst. Mut, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, Mut, mit den M�chtigen dieser Welt die Klingen zu kreuzen. So wie damals, im Jahre �43, als er sich geweigert hatte, das ihm zugedachte Schicksal zu akzeptieren.</p><p>Er w�rde ihn brauchen, diesen Mut, am heutigen Tage mehr denn je.</p></section><section><p><strong>10</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Moabit, Pathologisches Institut des St�dtischen Krankenhauses in der Turmstra�e &#x2502; 15:55 h</emphasis></p><p>Professor Heribert Peters, Chefpathologe mit Lehrstuhl an der FU Berlin, war ein zu cholerischen Ausbr�chen neigender, �berbesch�ftigter und zu allem Ungl�ck auch noch �bergewichtiger Mann. Die leiseste Anspielung auf seine 112 Kilo, die sich auf 1,80 Meter K�rpergr��e verteilten, und dem Betreffenden verging das Lachen. Es sei denn, er hie� Tom Sydow, der Einzige, dem gestattet war, ihn damit aufzuziehen.</p><p>Peters war eine unumstrittene Koryph�e, verehrt von seinen Studenten, geachtet von den Fakult�tskollegen, gef�rchtet von all jenen Mitarbeitern, die Opfer seiner Wutausbr�che geworden waren. Im Grunde war er eine Seele von Mensch, doch wenn man sich erdreistete, ihm in die Quere zu kommen, Anordnungen nicht zu befolgen oder gar �berfl�ssige Fragen zu stellen, dann verwandelte sich der Zweizentnermann in einen Vulkan, und sein Gegen�ber tat gut daran, den R�ckw�rtsgang einzulegen.</p><p>Professor Blaffke, so sein Spitzname, duldete keine anderen G�tter neben sich, schon gar nicht heute, da er von Zahnschmerzen geplagt wurde. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, seiner Arbeit nachzugehen, denn er war, wie allgemein bekannt, ein pflichtbewusster Mensch. Die einzige Schw�che, die er sich g�nnte, waren S��igkeiten, am liebsten Lakritzstangen, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit konsumierte.</p><p>Einstweilen war ihm der Appetit jedoch gr�ndlich vergangen. Schuld daran waren nicht nur die Zahnschmerzen, mit denen er sich seit dem Vortag herumplagte, sondern der Leichnam, der vor ihm auf dem Seziertisch lag. Die linke Hand an der Backe und die rechte auf der Tischkante, gab Peters einen unterdr�ckten Schmerzenslaut von sich. Anblicke wie diesen war er eigentlich gewohnt, aber heute, so schien es, war offenbar alles anders.</p><p>Ein Grund hierf�r war mit Sicherheit der Zustand, in dem sich der Sch�del der Get�teten befand. Peters st�hnte innerlich auf. Von einem �Sch�del�, der diese Bezeichnung verdiente, konnte nicht im Entferntesten die Rede sein, viel eher von zwei Dutzend Fragmenten. So etwas bekam man nicht alle Tage zu Gesicht, und er fragte sich, was der Grund f�r die brutale Vorgehensweise gewesen war.</p><p>Dies festzustellen war indes Sache der Kripo. Eine Aufgabe, um die er seinen Freund Tom nicht beneidete. �Pinzette.�</p><p>�Hier, Herr Professor.�</p><p>�Hab ich Ihnen nicht gesagt, sie sollen sich den Professor spa��</p><p>�Das haben Sie, <emphasis>Herr Professor</emphasis>, aber ich finde, das geh�rt sich so�, unterbrach ihn seine Assistentin, ein Bild von einer Frau und dar�ber hinaus auch kompetent. Daf�r, dass sie erst sechs Semester auf dem Buckel hatte, kannte sich die zerbrechlich wirkende Doktorandin gut aus, weshalb er beschloss, noch einmal Gnade vor Recht ergehen zu lassen. �Dass man Sie mit Ihrem Titel anredet, meine ich.�</p><p>�Titel oder nicht�, maulte Peters, entfernte eine weitere Patrone, welche im Hinterkopf steckte, und hielt sie gegen das Licht. �Was will uns dieses Geschoss sagen?�</p><p>�Dass der Sch�tze auf Nummer sicher gehen wollte.�</p><p>�Das beantwortet nicht meine Frage.�</p><p>�Doch, Herr Professor. Er wollte sichergehen, dass sein Opfer sofort tot ist, und dar�ber hinaus wohl auch, dass ��</p><p>�Dar�ber nachzudenken ist Aufgabe der Polizei, Fr�ulein Miesbach, nicht die unsrige.�</p><p>�� es schwer beziehungsweise unm�glich sein w�rde, die Frau zu identifizieren.�</p><p>Nicht bereit, die Missachtung seiner Majest�t hinzunehmen, bef�rderte Peters das Projektil in die daf�r vorgesehene Blechwanne und richtete sich zu voller Gr��e auf. Unter normalen Umst�nden w�re jetzt eine Strafpredigt f�llig gewesen. Aber was war am heutigen Tag schon normal. �So, meinen Sie�, lautete die f�r seine Verh�ltnisse kl�gliche Replik, ein Dilemma, das Peters aus Gr�nden der Selbstachtung seinen Zahnschmerzen zuschrieb. �Und was bringt Sie dazu, dies zu vermuten?�</p><p>�Ganz einfach: das Projektil!�, erwiderte Elise Miesbach, geb�rtige Berlinerin und knapp halb so alt wie die Koryph�e, welche sie mit verkniffener Miene be�ugte. �Wenn mich nicht alles t�uscht, stammt es aus einer gro�kalibrigen Waffe.�</p><p>�Hm.�</p><p>�Beziehungsweise aus einem Repetiergewehr.�</p><p>�Was Sie nicht sagen.�</p><p>�Diesbez�glich k�men mehrere Modelle infrage, aber wenn ich einen Tipp abgeben m�sste ��</p><p>�Dann?�, echote Peters, Opfer einer neuerlichen Schmerzwoge, die seinen Drang, Kontra zu geben, im Keim erstickte. �Bitte, tun Sie sich keinen Zwang an, <emphasis>Frau Doktor</emphasis>.�</p><p>Die Doktorandin mit dem Madonnengesicht, hinter dem ein �beraus durchsetzungsf�higer Charakter steckte, lie� sich nicht aus dem Konzept bringen, r�ckte ihre Brille zurecht und entgegnete: �Dann w�rde ich auf eine Pr�zisionswaffe tippen.�</p><p>�Modell?�, �chzte Peters, dem der Geruch, der in dem fensterlosen Kellergew�lbe herrschte, zus�tzlich auf den Magen schlug. Nat�rlich hatte er gelernt, mit den Duftnoten zu leben, welche Formaldehyd, Essigs�ure, diverse L�sungsmittel und die Ausd�nstungen maltr�tierter Leichname nach sich zogen. Das galt jedoch nicht f�r die R�umlichkeiten, mit denen er seit Jahren vorliebnehmen musste. Hier drunten, in einem Loch, das verteufelte �hnlichkeit mit dem Labor eines Gruselfilms besa�, hielt es niemand lange aus. Au�er man war so abgebr�ht wie diese G�re, die dabei war, lieb gewonnene Vorurteile zu entkr�ften. �Nicht etwa, dass ich Ihnen misstraue, aber ��</p><p>�Sie doch nicht, Herr Professor!�, rief Elise Miesbach mit gespielter Entr�stung, griff in die Tasche ihres Arztkittels und zog eine Schmerztablette hervor. �Hier � hilft garantiert.�</p><p>�Ehrlich gesagt w�ren mir Lakritzstangen lieber.�</p><p>�Jetzt stellen Sie sich nicht so an. Daran ist noch keiner gestorben.�</p><p>�Es gibt immer ein erstes Mal, Fr�ulein. Wer wei�, vielleicht wollen Sie mich vergiften!�</p><p>�Und warum, bitte sch�n, sollte ich das tun?�, fragte Elise Miesbach mit bierernster Miene, worauf Peters lachend ausrief: �Na, wegen meiner Stelle, weshalb denn sonst? Auf die sind mindestens ein halbes Dutzend Fakult�tskollegen scharf. Nee, nee, Fr�ulein: erst die Arbeit, dann der Giftbecher.�</p><p>�Sprach Sokrates und gab dem Gef�ngnisw�rter frei.� Elise Miesbach gab einen Seufzer von sich. �M�nner, was soll ich sagen.�</p><p>�Gar nichts. Es sei denn, Sie h�tten die Absicht, fortzufahren.�</p><p>�Nichts lieber als das!�, erwiderte die Studentin, aus der, wie Peters erkannt hatte, binnen Kurzem eine Kapazit�t werden w�rde. �Wie gesagt: Rein theoretisch k�men mehrere Modelle infrage, aber wenn Sie darauf bestehen, hier mein Tipp.�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Eine Mauser. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.�</p><p>�Eine Frau, die sich mit Waffen auskennt � alle Achtung.�</p><p>�Und warum, bitte sch�n, sollte sich eine Frau nicht mit Karabinern ��</p><p>�Schon gut, schon gut. Nur ein Scherz, Frau Kollegin, fahren Sie fort.�</p><p>�Hei�t das, ich werde bef�rdert?�, gab die Assistentin eines sichtlich geknickten Heribert Peters zur�ck und wartete eine Antwort gar nicht erst ab. �Was mich betrifft, w�rde ich auf eine K 98 tippen. Mit Zielfernrohr. Bestens geeignet f�r Scharfsch�tzen, Sondereinheiten und Attent�ter. Lieblingskarabiner der deutschen Landser, deutlich h�her im Kurs als das Gewehr 43. Der gr��eren Reichweite und Pr�zision wegen, sagt man.�</p><p>��Man�?�</p><p>�Mein Vater ist kurz vor Kriegsende gefallen. In der Schlacht um die Seelower H�hen.� Die Miene der Medizinstudentin wurde ernst, und das burschikose Auftreten, welches sie an den Tag gelegt hatte, war verflogen. �Erstaunlich, was man als Kind alles mitbekommt.�</p><p>�Erstaunlich, aber unter den damaligen Umst�nden kein Wunder.�</p><p>�Da haben Sie recht. So viel habe ich in meinem Leben nie mehr dazulernen m�ssen. Und das innerhalb k�rzester Zeit.� Elise Miesbach holte tief Luft. �Das mit den Waffen, nun ja, das habe ich aufgeschnappt, wenn Vater sich mit meinen Br�dern unterhalten hat. Merkw�rdig, aber die beiden konnten nicht genug von seinen Geschichten kriegen.�</p><p>�Und Sie?�</p><p>�Ich? Tja, ich musste lernen, was es hei�t, auf sich allein gestellt zu sein.�</p><p>�Hei�t das, Sie ��</p><p>�Das hei�t, ich verlor damals nicht nur den Vater, sondern auch meine Mutter. Und das ausgerechnet am 8. Mai. Auch daran, wie an den Einmarsch der Russen, kann ich mich sehr genau erinnern. So genau, als sei es gestern gewesen. Kaum zu glauben, da �berlebt die Frau diesen Krieg, verl�sst eines Morgens das Haus, um hamstern zu gehen � und kehrt nicht mehr zur�ck. Verschwindet von der Bildfl�che, einfach so, ohne Spuren zu hinterlassen.�</p><p>�Unbegreiflich.�</p><p>�Sagen Sie! Nun ja, so spurlos nun auch wieder nicht, wie ich ein paar Tage sp�ter erfuhr. Kurzum: Es hat sich herausgestellt, dass sie auf die russische Kommandantur wollte. Um eine Beschwerde vorzubringen, falls Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>Peters, bei Kriegsende Stabsarzt in einem Lazarett, verstand sehr wohl, was sein Gegen�ber damit meinte. Es hatte Mut dazu geh�rt, Vergewaltiger anzuzeigen, und nur Wenigen, die den Schritt gewagt hatten, war Geh�r geschenkt worden.</p><p>�Und da sa� ich nun, sechs Jahre alt und Vollwaise. Der Vater tot, Mutter verschollen, irgendwo verscharrt oder nach Sibirien deportiert, der �ltere meiner beiden Br�der mit der Panzerfaust in der Hand krepiert. Volkssturm � wenn ich das Wort nur h�re! Das Ende vom Lied: Mein anderer Bruder und ich kamen ins Waisenhaus. Ein Schicksal, um das einen niemand beneidet, aber was mich anging, hatte ich das Gl�ck, an hingebungsvolle Pflegeeltern zu geraten. Haben jede Mark zweimal umgedreht, damit etwas aus mir wird. Tja, wie sagt man doch gleich: Ich habe mich durchboxen m�ssen. Und muss es noch immer.� Elise Miesbach atmete ger�uschvoll aus. �So, Herr Professor, und jetzt tun Sie mir den Gefallen und nehmen endlich die Tablette.�</p><p>Peters gehorchte. �Brrr � scheu�licher Geschmack.�</p><p>�Lange nicht so scheu�lich wie das, was � Apropos � wie hie� die Dame doch gleich?�</p><p>�Nettelbeck, Luise Nettelbeck!�, antwortete Peters nach einem kurzen Blick in die Kladde, in der er die Notizen aufbewahrte, welche er sich w�hrend seines Gespr�chs mit Krokowski gemacht hatte. �Mitte 40, geb�rtige Berlinerin, ledig, zuletzt wohnhaft im �Excelsior�.�</p><p>�Ich frage mich, Herr ��</p><p>�Heribert. Und jetzt �berlegen Sie sich genau, was Sie sagen.�</p><p>�Na sch�n � Heribert.� Eine leichte R�te im Gesicht, gegen die sie vergeblich ank�mpfte, atmete Elise Miesbach tief durch und beugte sich �ber das Wenige, was vom Sch�del des Mordopfers �brig geblieben war. �Ich frage mich, wer so etwas tut.�</p><p>�Da fragen Sie v�llig richtig, Eli � Aua! Mist, jetzt wei� ich nicht mehr, was ich sagen wollte.�</p><p>�Kann es sein, dass es um den Tathergang ging?�</p><p>�Genau.� Rot wie eine Tomate und die leicht hervortretenden grauen Augen auf die Kladde geheftet, fingerte Peters an seinem opulent sprie�enden Vollbart herum und erg�nzte: �Nach allem, was wir bisher wissen, ist der T�ter um die Vierzig, schlank und blond.�</p><p>�Pr�ziser geht es wirklich nicht.�</p><p>�Nicht unser Bier, Frau Kollegin, sondern dasjenige der Kriminalpolizei.� Peters zuckte mit den Schultern. �Wie dem auch sei, die Distanz, aus der die Sch�sse abgefeuert wurden, muss bei etwa 80 Metern gelegen haben. Vielleicht etwas mehr, mit Sicherheit jedoch nicht viel weniger.�</p><p>�Und was ist mit dem Motiv?�</p><p>�Ich geb�s auf!�, lie� Peters als Reaktion auf die kriminalistischen Ambitionen seiner Assistentin verlauten, die dabei war, Gehirnmasse in daf�r vorgesehenen Beh�ltnissen zu deponieren. �Womit hab ich das verdient!�</p><p>�Die Zahnschmerzen?�</p><p>�Nein, die weibliche Penetranz.� Peters wischte sich den Schwei� von der Stirn, schwor sich, am morgigen Freitag zu Hause zu bleiben und Sydow eine kollegiale Warnung zukommen zu lassen. �Nun ja, was das Motiv betrifft, tappt Krokowski im Dunkeln. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass es sich bei dem Opfer mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Informantin gehandelt hat. Eigens angereist, um einen � Moment, wie hie� der gute Mann doch gleich �? Genau! Eigens angereist, um einen gewissen Theodor Morell, von Beruf Reporter, mit dem neuesten Tratsch und Klatsch zu versorgen. Gegen Bezahlung, sofern meine Kenntnisse �ber die menschliche Natur nicht tr�gen.�</p><p>�Aber � aber deswegen bringt man doch niemanden um.�</p><p>�Haben Sie vielleicht eine Ahnung, Elise! Zeitgenossen, die etwas zu vertuschen haben, gibt�s wie Sand am Meer. Wer wei�, auf welche Goldader der arme Teufel da gesto�en ist.�</p><p>�Tut mir leid, Ihre Diskussion unterbrechen zu m�ssen, Herr Professor, aber ich f�rchte, die Angelegenheit ist dringend.�</p><p>�So, ist sie das?� Im Gegensatz zu seiner Assistentin, die mitten in der Bewegung erstarrte, die Pinzette, nach der sie gegriffen hatte, aus der Hand gleiten und den Blick zum Eingang des Sezierraumes wandern lie�, hatte sich Heribert Peters erstaunlich gut im Griff. Als Erstes atmete er tief durch, durchpfl�gte das ungeb�rdige und nur noch an den Schl�fen vorhandene Haar und wandte sich seelenruhig um. Doch der Schein trog. Mit der Ruhe, welche er ausstrahlte, war es nicht weit her, und sein Blick lie� vermuten, dass es binnen Kurzem zu einem Vulkanausbruch kommen w�rde. �Wie w�r�s, wenn Sie sich erst mal vorstellen?�</p><p>�Aber gern, Herr Professor Peters!�, n�selte der Unbekannte, wobei er jedes einzelne Wort betonte, betrat den Raum, als handle es sich um sein Wohnzimmer und hielt dem Gerichtsmediziner einen Ausweis vor die Nase. �Zufrieden?�</p><p>�Nicht ganz.� Ohne einen Blick darauf zu verschwenden, schob der Gerichtsmediziner den Ausweis samt Hand beiseite, senkte den Blick und sah den St�renfried mit angewinkelten Armen an. �Schluss mit dem Gepl�nkel. Was wollen Sie?�</p><p>�Aber, aber, Herr Stabsarzt!�, spottete sein in etwa gleichaltriges Gegen�ber, bei dessen Anblick man sich an einen Buchhalter oder den Schalterbeamten einer Sparkasse erinnert f�hlte. �Wir wollen uns doch wie zivilisierte Menschen verhalten, oder?�</p><p>�Tja, wenn das so ist ��, erwiderte Peters, entledigte sich seines blutverschmierten Gummihandschuhs und lie� ihn mit ostentativer Gelassenheit in den Abfalleimer fallen, �wenn das so ist, kann ich mich ja auf was gefasst machen.� Und f�gte mit aufgesetzter Jovialit�t hinzu: �Falls Sie das, was Sie hier veranstalten, als zivilisiert bezeichnen.�</p><p>�Eins zu null f�r Sie, Herr Medizinalrat.�</p><p>�Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, Herr ��</p><p>�Posininsky. <emphasis>Landeskriminalamt</emphasis>.�</p><p>�Wie gesagt: Sagen Sie, worum es geht, damit wir wieder an die Arbeit gehen k�nnen.�</p><p>�Ich f�rchte, das wird nicht m�glich sein.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>Der Angesprochene, zu allem �berfluss mit Hut, rosa Krawatte und Hornbrille ausstaffiert, reagierte mit einem breiten L�cheln, begutachtete die sorgsam gestutzten Fingern�gel und schien so sehr in diese T�tigkeit vertieft, dass er von Peters und dessen Assistentin keine Notiz mehr nahm.</p><p>Dies sollte sich jedoch �ndern. �Ich sagte, das wird nicht m�glich sein!�, knurrte er, bem�ht, nach au�en hin Ruhe zu bewahren. �Machen Sie Feierabend, Herr Professor, und �berlassen Sie die Dame uns.�</p><p>�Uns?�</p><p>�Sie haben richtig geh�rt, Herr Professor � der Einfachheit halber habe ich mir erlaubt, ein paar Kollegen mitzubringen. Ein paar Kollegen und das hier.� Posininsky, der Peters h�chstens bis zum Kinn reichte und penetrant nach K�lnisch Wasser roch, trat so nahe an seinen Kontrahenten heran, dass es diesem ein Leichtes gewesen w�re, ihn am Kragen zu packen und im Anschluss daran an die frische Luft zu setzen. �Unterzeichnet vom Herrn Generalstaatsanwalt, um Zweifel an der Rechtm��igkeit meines Vorgehens zu zerstreuen.�</p><p>Peters, der nichts mehr hasste als hochgestochenes Gerede, kam jetzt erst richtig in Fahrt. Leute vom Schlag dieser halben Portion hatte er gefressen und er konnte es nicht ausstehen, wenn ihm jemand ins Handwerk pfuschte. �Und Sie meinen, dieser Wisch reicht aus, um mich zu beeindrucken!�, knurrte er nach beendeter Lekt�re des Schriftst�cks, in dem es hie�, dass der �berbringer des Schreibens zum Abtransport des Leichnams und s�mtlicher den Fall betreffenden Beweisst�cke und Unterlagen berechtigt war. �Tut mir leid, Herr � wie war doch gleich Ihr Name?�</p><p>Posininsky, dessen Geltungsdrang die geringe K�rpergr��e bei Weitem �bertraf, lie� sich nicht in die Irre f�hren. �Nicht wert, dass man sich ihn einpr�gt!�, wehrte er mit wegwerfender Geb�rde ab, vom Duft, der �ber dem Seziertisch hing, nicht im Geringsten ber�hrt. �Zu viel der Ehre, Herr Professor.�</p><p>�Wozu auch, zumal Sie h�chstwahrscheinlich nicht so hei�en.�</p><p>�Ich will Ihnen mal etwas sagen, Fr�ulein�, giftete der Beamte, aufgrund seiner Vergangenheit mit einer neuen Identit�t versehen, umrundete den Seziertisch und trat bis auf Arml�nge an Elise Miesbach heran. �Falls Sie denken, ich lasse mich ver�ppeln, kennen Sie mich schlecht. Zu Ihrer Information, junge Dame: Ich bin schon mit ganz anderen Kalibern fertig geworden als Sie eines sind.�</p><p>�Die gute alte Zeit, ich verstehe.�</p><p>�Wenn ich Sie w�re, Fr�ulein, w�rde ich den Mund nicht so voll nehmen!�, zischte der LKA-Mann, entbl��te die makellos wei� schimmernden Z�hne und lie� es sich nicht nehmen, den Blick �ber den K�rper seiner Kontrahentin wandern zu lassen. �T�usche ich mich, oder tragen Sie sich mit dem Gedanken, Karriere zu machen? Ja? In diesem Fall w�rde ich Ihnen raten, sich nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen. Sie wissen doch, je h�her man steigt, desto tiefer der Fall. Und was Sie angeht, Herr Professor, tun Sie mir den Gefallen und r�umen das Feld. Was den Abtransport und die weitere Verwendung des Leichnams betrifft, sind ab jetzt meine Mitarbeiter drau�en auf dem Flur zust�ndig. Und nat�rlich meine Wenigkeit. Dar�ber hinaus, Herr Peters, darf ich Sie nochmals auf das Schreiben des Herrn Generalstaatsanwaltes hinweisen. Auf das Kleingedruckte sozusagen. Mit anderen Worten: Sowohl Sie, Fr�ulein, als auch Sie, Herr Professor, unterliegen der Schweigepflicht, sowohl im medizinischen als auch dienstrechtlichen Sinn.�</p><p>�Dienstrechtlich?�</p><p>�Ich sehe, wir verstehen uns, Herr Peters�, entgegnete Posininsky, ein L�cheln auf dem konturlosen B�rokratengesicht, in dem das einzig Hervorstechende die Hornbrille war. �Noch ein Wort, vor allem �ber den vorliegenden Fall, und Sie k�nnen sich eine andere Besch�ftigung suchen. Von Druckmitteln, �ber die ich verf�ge, nicht zu reden.� Posininsky drehte sich um und schlenderte zur T�r. Dort angekommen, drehte er sich schwungvoll um und zischte: �Nur ein Wort, nur einziges unbedachtes Wort, und Sie beide k�nnen sich Ihr Grab schaufeln. Haben wir uns verstanden, Herrschaften?�</p></section><section><p><strong>Verbrechen und Strafe</strong></p><empty-line/><p>�Jerusalem, 15. Dezember. Das Bezirksgericht in Jerusalem verurteilte am Freitagmorgen den ehemaligen SS-Obersturmbannf�hrer Adolf Eichmann wegen Verbrechen gegen das j�dische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zum Tode durch Erh�ngen. Wegen seiner Zugeh�rigkeit zu Organisationen, die nach israelischem Gesetz als verbrecherisch gelten, wurden keine Strafen gegen Eichmann verh�ngt. Die letzte Sitzung dauerte nur 13 Minuten. Der Angeklagte nahm das Urteil gefasst entgegen. Er wird durch seinen Verteidiger Berufung einlegen.�</p><p>(Aus: <emphasis>Die Welt</emphasis>, Sonnabend, 16. Dezember 1961, S. 1)</p><p>�Die amerikanischen Juden hatten zu dieser Zeit (Anfang der 50er-Jahre, Anm. d. Autors) wahrscheinlich andere Sorgen. Die Israelis hatten kein Interesse mehr an Eichmann, sie mussten sich im �berlebenskampf gegen Nasser behaupten. Die Amerikaner hatten kein Interesse mehr an Eichmann, sie mussten sich im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion behaupten. Ich hatte das Gef�hl, mit ein paar wenigen gleichgesinnten Narren vollkommen alleine zu sein.�</p><p>(Aus: Simon Wiesenthal, <emphasis>Recht, nicht Rache</emphasis>, Frankfurt/M. � Berlin 1988, S. 105)</p></section><section><p><strong>Drittes Kapitel</strong></p><empty-line/><p><emphasis>(Berlin, Donnerstag, 31. Mai 1962)</emphasis></p></section><section><p><strong>11</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Sch�neberg, Polizeipr�sidium in der Gothaer Stra�e &#x2502; 16:10 h</emphasis></p><p>Die Frau war zwar alt, aber das bedeutete nicht, dass sie etwas zusammenfantasierte. Weder wirkte sie zerstreut, noch war sie vergesslich oder verschroben. Das merkte man sofort, und wie immer, wenn Sydow ihr begegnete, hatte er das Gef�hl, das Alter und die damit einhergehenden Beschwerden k�nnten ihr nichts anhaben.</p><p>Kein Grund also, ihr zu misstrauen. Er konnte sich nicht erinnern, dass die Zugehfrau seiner Eltern auch getratscht, ihre Nachbarn angeschw�rzt oder Dinge behauptet hatte, die aus der Luft gegriffen waren. Viel eher war das Gegenteil der Fall gewesen, und soweit er dies beurteilen konnte, war Hermine Pasewalk, von den Kindern im Haus �Tante Mine� gerufen, die Gleiche geblieben. Sie war immer noch so, wie er sie in Erinnerung hatte, resolut, vital, geistig rege und mit einem Ged�chtnis gesegnet, um das sie manch J�ngerer beneidete.</p><p>Trotz allem konnte Sydow die Frage, welche bei zahllosen Verh�ren gestellt worden war, nicht umgehen. Hinterher tat es ihm zwar leid, in alte Gewohnheiten verfallen zu sein, aber da war das Kind bereits ins Wasser gefallen. �Sind Sie sich da auch ganz sicher?�, rutschte es ihm heraus, und wenn er gekonnt h�tte, w�re er im Erdboden versunken. �Ich meine � �h � Wenn das stimmt, Tante Mine, ist guter Rat teuer.�</p><p>�Erstens: Das Wort �wenn� kann du dir getrost sparen, Tom. Hin und wieder geschehen eben Dinge, f�r die es keine Erkl�rung gibt. Und vor allem: Du darfst jetzt nicht den Kopf verlieren.�</p><p>Leichter gesagt als getan, dachte Sydow, dem der Gedanke, dass seine Schwester unter den Lebenden weilte, beinahe den Verstand raubte. �Sch�n und gut � aber so etwas muss man erst einmal verdauen.�</p><p>�Mag sein, mein Junge!�, bekr�ftigte das zierliche, wei�haarige und mit dunklem Hut sowie R�schenbluse und Brosche bekleidete M�tterchen, welches den Eindruck erweckte, die Gebr�der Grimm h�tten sich von ihr inspirieren lassen. �Das ist aber noch lange kein Grund, den Kopf h�ngen zu lassen. Ich bin mir sicher, es gibt eine Erkl�rung daf�r.�</p><p>Aber klar doch, die gab es immer. Sydows Miene, in der die neuerliche Hiobsbotschaft deutliche Spuren hinterlassen hatte, verh�rtete sich, und ein Ausdruck der Ratlosigkeit stahl sich in seinen Blick. An dem, was Frau Pasewalk berichtet hatte, bestand kein Zweifel, und wenn, war er mit der Beschreibung, welche die Rentnerin von der Unbekannten gab, hinf�llig geworden.</p><p>Alles passte, bis ins Detail.</p><p>Somit stand fest, dass es sich bei der Frau, auf die er bei der Beerdigung seiner Tante aufmerksam geworden war, um die 42-j�hrige Agnes von Sydow handelte. An dieser Tatsache gab es nichts zu r�tteln, und obwohl dem so war, hatte er Skrupel, sie als seine Schwester zu bezeichnen. Agnes, der widerborstige, ungeb�rdige und zuweilen auch ungezogene Wildfang, geh�rte der Vergangenheit an, und es gab nichts, was ihn mit ihr verband. Was blieb, war eine Frau jenseits der Vierzig, in deren Vita eine L�cke von zwei Jahrzehnten klaffte. Eine Frau, die ihr Gesicht hinter einer Sonnenbrille versteckte, adrette Kleidung bevorzugte und auch sonst alles daran setzte, um attraktiv und anziehend zu wirken. Ein Phantom, so abgebr�ht, dass es ihm gegl�ckt war, ihn, den um sieben Jahre �lteren Bruder, links liegen zu lassen und so zu tun, als habe es diesen Bruder nie gegeben.</p><p>Sydows Atem beschleunigte sich, und obwohl er dies zu vermeiden trachtete, begann die Hand, die das Schwarz-Wei�-Foto aus seiner Brusttasche zog, zu zittern. �24. Dezember 1944.� Vater und sein erkl�rter Liebling, friedlich vereint unterm Weihnachtsbaum. Ribbentrops[41] Handlanger im Zweireiher, die Dame des Hauses in einer eng anliegenden Uniform. Sydows Mundwinkel verformten sich. Agnes war immer schon darauf bedacht gewesen, aufzufallen, wenngleich ihr Bestreben, Marlene Dietrich zu kopieren, ziemlich in die Binsen gegangen war. Um den Aberwitz auf die Spitze zu treiben, hatte sie sogar versucht, die Stimme der Diva zu imitieren, was bei Vater, einem Dietrich-Bewunderer, wahre Begeisterungsst�rme hervorgerufen hatte. Wie so vieles, wovon sich Agnes hatte begeistern lassen, war auch diese Manie nur von kurzer Dauer gewesen, unter anderem, weil die Dietrich bei Goebbels in Ungnade gefallen und ins gegnerische, will hei�en amerikanische, Lager �bergelaufen war. Nun gut, bekanntlich hatte sie �noch einen Koffer in Berlin�[42], was den Berlinern, die ihr den Frontenwechsel immer noch nicht verziehen hatten, allerdings ziemlich schnuppe zu sein schien.</p><p>�Du kannst dir vorstellen, Luise, dass ich beginne, mir Sorgen zu machen.� Treffend erkannt, Vater. Schon damals, vor knapp 18 Jahren, hatte der Augapfel seines alten Herrn Anlass zur Sorge gegeben. Moderat ausgedr�ckt. Sydow sch�ttelte fassungslos den Kopf. War Vater wirklich so naiv gewesen, dass ihm nicht klar wurde, auf was Agnes sich da eingelassen hatte? Oder hatte er die Wahrheit ignoriert? Und au�erdem: Wie weit war er selbst in das Unrecht verstrickt, an dem seine Vorgesetzten mitgewirkt hatten, war er Mitwisser, Mitl�ufer oder gar Mitt�ter gewesen?</p><p>Einerlei. Wieder einmal, wenngleich auf besondere Art und Weise, war er mit der Vergangenheit konfrontiert worden. Ein Dilemma, das sich wie ein roter Faden durch sein Leben zog. Sydows Kopf sackte nach vorn, und bleierne M�digkeit machte sich in ihm breit. Allm�hlich bekam er das Gef�hl, dass ein Fluch auf ihm lastete und er fragte sich, ob er imstande sein w�rde, ihn abzusch�tteln.</p><p>�Kopf hoch, mein Junge, wird schon werden.�</p><p>Tief in Gedanken, t�tschelte Sydow die Hand, welche auf seiner Schulter ruhte. Es tat gut, jemanden zu kennen, der ihn verstand, der ihn von Kindesbeinen an kannte, seine Gedanken erriet, �ngste und Bef�rchtungen mit ihm teilte. �Ihr Optimismus in Ehren, Tante Mine, aber was mich betrifft, bin ich mit meinem Latein am Ende.�</p><p>�Den Kopf in den Sand stecken, w�re ja noch sch�ner. Nee, Tom, so haben wir nicht gewettet!�</p><p>�Und was, bitte sch�n, sollte ich Ihrer Meinung nach tun?�</p><p>�Nach ihr suchen, was denn sonst!�</p><p>�Fragt sich, was mir das bringt.�</p><p>�Na, du machst mir vielleicht Spa�, mein Junge!�, wetterte die Kriegerwitwe, eine der Wenigen, die zeitlebens am L�tzow-Platz gewohnt hatten. �Hei�t das, du hast vor, die H�nde in den Scho� zu legen?�</p><p>Sydow wich einer Antwort aus. �Wissen Sie, was ich mich frage?�, stie� er nach l�ngerem Gr�beln hervor, den Blick auf das Portal des Pr�sidiums und das Schild mit der Aufschrift �Abteilung K � Kriminalpolizei� gelenkt, wo die Rentnerin Posten bezogen und auf ihn gewartet hatte.</p><p>�Wie es kommt, dass deine Schwester f�r tot erkl�rt worden ist?�, kam die alte Dame einer Erl�uterung vonseiten ihres Gespr�chspartners zuvor, sah ihm in die Augen und lie� die Hand, an der ihr Ehering steckte, von Sydows Schulter gleiten. �Das, lieber Tom, frage ich mich ehrlich gesagt auch. Wei� Gott, ich h�tte schw�ren k�nnen � Was hei�t �berhaupt �ich h�tte�? Schlie�lich war ich es, die deinen Vater und � und die Frau, die wir f�r Agnes hielten, entdeckt hat. Eine von denjenigen, die sich ein Herz gefasst und mit blo�en H�nden in die Keller vorgearbeitet haben, um einen Leichnam nach dem anderen auszubuddeln. Und wozu? Damit die bemitleidenswerten Kreaturen mit Kalk �bergossen und in Massengr�ber gebettet wurden.� Hermine Pasewalk geriet ins Stocken, und sie hatte M�he, ihre Tr�nen zu unterdr�cken. �Dein armer Vater, so zu enden hat er nicht verdient.�</p><p>Jetzt war es an Sydow, die Trostspenderin aus Kindheitstagen aufzurichten, und obwohl er sich mit Gef�hlsbekundungen schwertat, schloss er die alte Frau in seine Arme. �Tut mir leid, Tante Mine�, fl�sterte er ihr ins Ohr, �wenn ich gewusst h�tte, wie nahe Ihnen die Sache immer noch ��</p><p>�Tja, so ist das nun mal: Tage wie den 3. Februar vergisst man nie.� Hermine Pasewalk l�ste sich aus Sydows Umarmung, umklammerte ihre Handtasche und sprach: �Was glaubst du, wie oft ich daran gedacht habe. Schrecklich, kann ich da nur sagen. Einfach entsetzlich, mit ansehen zu m�ssen, wie sie die armen Teufel unter dem Ger�ll hervorgezerrt haben. Mitzuerleben, in welch grauenhaftem Zustand sie waren. Festzustellen, wie wenig ein Menschenleben z�hlt. Du kannst froh sein, Tom, dass dir so etwas erspart geblieben ist.�</p><p>Sydow behielt die Antwort, welche ihm auf der Zunge lag, f�r sich. Wusste er doch zu gut, was es hie�, lebendig begraben zu sein. Und was es hie�, einen Menschen, den man liebte, zu verlieren. Kaum ein Tag, an dem nicht auch er an den V2-Angriff dachte, bei dem Rebecca, seine Verlobte, ums Leben gekommen war. Was blieb, war ein Ring gewesen, ein Ring und der Anblick ihrer Hand, die aus einem Berg von Schutt, Tr�mmern und Ger�ll hervorragte.</p><p>�Um die Frage, die dir auf der Zunge liegt, zu beantworten�, nahm Hermine Pasewalk in der f�r sie typischen, teils mitf�hlenden, teils anspornenden Art den Gespr�chsfaden wieder auf, �es ist mir ein R�tsel, wie � wie ��</p><p>Die Rentnerin suchte nach Worten, fand sie aber offenbar nicht. �Wie Agnes es fertiggebracht hat, ihre Spur zu verwischen? Wenn ich ehrlich bin, frage ich mich das auch. Die gleiche Gr��e, die gleiche Figur, der gleiche Rock, der schicke Wintermantel � nie und nimmer w�re ich auf die Idee gekommen, die Frau neben deinem Vater k�nne nicht deine Schwester sein.�</p><p>�Und das � und ihr Gesicht?�</p><p>�Nur keine Scheu, Tom, irgendwann mussten wir ja mal dar�ber reden.� Die 82-J�hrige, scheinbar um Jahre gealtert, gab sich einen Ruck und berichtete: �Ihr Gesicht, sofern man es als solches bezeichnen kann, war nicht mehr zu erkennen. Mein Gott, was war das f�r eine Hitze gewesen! Und das, obwohl l�ngst Entwarnung gegeben worden war. Wir waren schwei�gebadet, bekamen kaum noch Luft. Die W�nde anzufassen w�re glatter Selbstmord gewesen, es gab nichts, rein gar nichts, woran man sich festhalten konnte, kein Quadratmeter Boden, der unversehrt geblieben war.�</p><p>�Mit anderen Worten: Ihr Gesicht � das Gesicht der Frau, die neben Vater sa�, wollte ich sagen � war nicht wiederzuerkennen.� F�r seine Verh�ltnisse ausgesprochen zur�ckhaltend, lie� Sydow einige Sekunden verstreichen, bevor er die n�chste Frage stellte.</p><p>Eine Frage, die, obwohl sie nur aus zwei Worten bestand, ihn einiges an �berwindung kostete. �Und Vater?�</p><p>�Bei ihm war es nicht so schlimm. Mehr m�chte ich dazu nicht sagen.� In Gedanken weit weg, fiel es der Rentnerin schwer, ihre Erinnerungen abzustreifen. �Eins solltest du jedoch wissen, Tom�, fuhr sie mit belegter Stimme fort, �alle miteinander, ob leicht, schwer oder bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, alle miteinander haben sie einen sanften Tod gehabt. Keiner, der verkrampft oder zusammengekauert oder erschrocken gewesen w�re. Das kann ich dir versichern. Die Kinder waren aneinander gekuschelt, die Erwachsenen ruhig und entspannt, ungef�hr so, als w�rden sie ein Schl�fchen halten. Auf die Gefahr, dass du mich f�r meschugge h�ltst, Tom: Alles sah ruhig und friedlich aus. Sie sind erstickt, mein Junge, einfach erstickt. Eine Ritze, durch die giftiger Rauch eindrang � und schon war es geschehen. Binnen Sekunden. Ich wei� zwar nicht, ob es ein Trost f�r dich ist: Dein Vater, Tom, hat nicht lange leiden m�ssen.�</p><p>Nat�rlich war es das, obwohl Sydow sich schwergetan h�tte, dies zuzugeben. Trotz der Distanz, die zwischen ihm und Vater geherrscht hatte, waren dessen Tod und die Umst�nde, die dazu gef�hrt hatten, nicht spurlos an ihm vor�bergegangen. Wie auch, handelte es sich doch nicht um jemand Wildfremdes, sondern um einen Menschen, der einfach nicht aus seiner Haut gekonnt hatte. Das war tragisch, aber nicht zu �ndern. Und das war einer der Gr�nde, weshalb Sydow gegen�ber Agnes, dem verw�hnten Nesth�kchen, auf verlorenem Posten gestanden war.</p><p>�H�rst du mir �berhaupt zu, Herr Kommissar?�</p><p>�Tut mir leid, ich war in Gedanken.�</p><p>�Darf ich dir einen Rat geben, Tom?�, entgegnete Hermine Pasewalk, nachdem sie einen Blick auf die Uhr geworfen und Ausschau nach ihrer Schwiegertochter gehalten hatte, mit der sie um halb f�nf verabredet war. �Den Rat einer verschrobenen alten Schachtel?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Sydow, die Andeutung eines L�chelns im Gesicht. �Gr�nschn�bel wie ich sind f�r jeden Rat dankbar.� Und erg�nzte: �Oder sollten es zumindest sein.�</p><p>�Recht so, junger Mann!�, bekr�ftigte die Kriegerwitwe, nachdem sie den VW ihrer Schwiegertochter ausfindig gemacht, ihr zugewunken und Sydows Hand ergriffen hatte, um ihm Lebewohl zu sagen. �Du wei�t doch: Probleme sind dazu da, um gel�st zu werden!�</p><p>*</p><p>�Tom Sydow � welch Glanz in meiner H�tte! Komm rein, oder hast du Schiss vor mir?�</p><p>Nein, hatte er nicht. Vor Paul Bartels, dem Polizeizeichner, brauchte kein Mensch Angst zu haben. Es sei denn, man war so tollk�hn, seine Werke zu kritisieren, doch daf�r gab es keinen Grund. Der 34-j�hrige Chaot, Absolvent des Konservatoriums und �berzeugter Junggeselle, war ein echter K�nner, und nicht nur Sydow bewunderte die Akribie, mit der er zu Werke ging.</p><p>�Vor einer halben Portion wie dir?�, am�sierte sich Sydow, nachdem er den Raum im zweiten Stock betreten und sich einen Weg zum einzigen Stuhl gebahnt hatte, auf dem keine leeren Tassen, Pappteller oder Becher abgestellt worden waren. �Das ist doch wohl nicht dein Ernst!�</p><p>�Nimm dich in Acht, Sydow!�, drohte Bartels im Scherz, aufgrund seiner Gr��e von 1,59 Metern in Tateinheit mit einem ovalen Sch�del, Segelohren und einer imposanten Hakennase geradezu pr�destiniert f�r Frotzeleien, �sonst kriegst du es mit mir zu tun. Wenn du denkst, du kannst dich �ber mich lustig machen, werde ich dir die Freundschaft k�ndigen.�</p><p>�Alles, nur das nicht, Paulchen.�</p><p>�Im Klartext: Der einsame Wolf unter Berlins Kommissaren ist auf Beutezug. Und bedarf meiner Hilfe.� Auf seinen Zeichentisch gest�tzt, setzte Bartels ein selbstgef�lliges L�cheln auf, knubbelte hingebungsvoll an seinem Riechorgan herum und zog die Antwort auf Sydows Frage gen�sslich hinaus. Dann erst, mit geh�riger Versp�tung, blitzte er ihn �ber die R�nder seiner Brille hinweg an. �Was liegt an, Durchlaucht, wo dr�ckt der Schuh?�</p><p>�Hier � sieh dir das mal an.�</p><p>�Weil du�s bist!�, gab sich Bartels betont jovial und durchma� sein B�ro, in dem es aussah, als habe eine Bombe eingeschlagen. �berall, sogar auf dem Fensterbrett, lagen Fotos, Zeichnungen, unvollendete Skizzen und Notizen herum, garniert mit Aschenbechern, Zigarettenschachteln und Papierkn�ueln, an denen er seine Wut abreagiert hatte. �Zeig her, du Banause.�</p><p>�Ein Familienfoto, wenn man so will. Geschossen anno �44.�</p><p>�Was du nicht sagst!�, l�sterte Bartels nach einem pr�fenden Blick auf die Vorder- und R�ckseite des Portr�ts, wo Sydows Vater das Datum vermerkt hatte. �Darauf w�re ich wirklich nicht gekommen. Spuck�s aus, Tom: Was soll ich damit?�</p><p>�Du sollst deinem Genie Gelegenheit geben, sich zu entfalten. Spa� beiseite � mir geht es um die Frau.�</p><p>�Steiler Zahn, genau meine Kragenweite.�</p><p>Um Bartels, der Agnes h�chstens bis zur Schulter gereicht h�tte, nicht zu ver�rgern, verkniff sich Sydow eine entsprechende Bemerkung und s�uselte: �K�nntest du so gut sein und ein Portr�t von ihr anfertigen?�</p><p>�Und was sagt Lea dazu? Hab keine Lust, eins aufs Dach zu kriegen.�</p><p>�Deine Witze, Paulchen, sind wirklich nicht mehr das, was sie mal waren.� Sydow l�chelte gequ�lt. �Du kennst dich doch mit so was aus, oder? Was meinst du, wie w�rde die Frau momentan aussehen?�</p><p>�Alter?�</p><p>�42. Blonde Haare, gepflegte Erscheinung. Besonderes Kennzeichen: Bubi-Schnitt.�</p><p>�Hm.� Die Stirn in Falten, stie� Bartels einen ged�mpften Grunzlaut aus. Dann neigte er den Kopf nach links, um ihn anschlie�end, nach einem weiteren Grunzen, in die entgegengesetzte Position zu bewegen. �Und was springt dabei raus?�</p><p>�Auch noch Anspr�che stellen, so haben wir�s gern. Na sch�n, wie w�r�s mit einem Kasten Pils?�</p><p>�Abgemacht. Und bis wann muss ich damit fertig sein?�</p><p>�M�glichst schnell�, druckste Sydow herum, im Wissen, dass Bartels nicht der Typ war, dem man die Pistole auf die Brust setzen konnte. �Damit es noch in die � H�r zu, Paulchen: Die Sache eilt, und zwar sehr. Ich sag�s zwar nicht gern, aber es w�re nicht schlecht, wenn das Bild noch in die Abendzeitungen k�me. Portr�t, Personenbeschreibung, Fahndungsaufruf � und fertig ist der Lack!�</p><p>�Wie bitte? Du hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank!�</p><p>�Was anderes: Wei�t du, was man sich �ber dich erz�hlt?�</p><p>B�ses ahnend, sch�ttelte Bartels den Kopf und wich Sydows Blick aus. �N�.�</p><p>�Du h�ttest die K�hnheit besessen, meine Sekret�rin um ein Rendezvous zu bitten. Und wei�t du, was das Tollste ist? Man sagt, Fr�ulein Mollig habe zugestimmt.�</p><p>�Und wer, mit Verlaub, ist �man�?�</p><p>�Meine Wenigkeit.� Sydow grinste �ber beide Ohren. �Tja, Herr Diplom-Junggeselle, die Welt ist klein, fast so klein wie der Wannsee, an dessen Gestaden unser wie aus dem Ei gepellter Polizeizeichner und seine ihn um Hauptesl�nge �berragende Angebetete unl�ngst zu promenieren geruhten. Verliebt wie die Turteltauben, die vergessen, was um sie herum ge��</p><p>�Jetzt ist es aber genug, du Petze!�</p><p>�Was hei�t hier �Petze�, Paulchen! Ich kann schweigen, schweigen wie ein Grab. Vorausgesetzt, du kooperierst.�</p><p>�Zwei K�sten Berliner Kindl. Das ist mein letztes Wort.�</p><p>�Einverstanden.�</p><p>�So, und jetzt mach, dass du rauskommst, elender Erpresser!�, grummelte Bartels, warf einen weiteren Blick auf das Foto und kehrte an seinen Zeichentisch zur�ck. �Das werd� ich dir heimzahlen, verlass dich drauf.�</p><p>�Ach, Paulchen�, seufzte Sydow gedehnt, stand auf und schlenderte zur T�r. �Wie ich dich kenne, brennst du darauf, mir einen Freundschaftsdienst zu erweisen, oder? Also dann: Bis nachher, und fr�hliches Schaffen!�</p><p>*</p><p>Wieder im Treppenhaus, in dem es beinahe so muffig wie in Bartels� Rumpelkammer roch, stie� Sydow einen Seufzer der Erleichterung aus und machte sich auf den Weg in den ersten Stock, um sich bei Krokowski nach dem Stand der Ermittlungen zu erkundigen. Die Sache mit Morell lag ihm schwer im Magen, und er hoffte, dass ihm nichts anderes in die Quere kommen w�rde.</p><p>Er hoffte vergeblich.</p><p>Kriminalrat Kurt Augustin, sein Vorgesetzter, besa� n�mlich die Eigenschaft, immer dann aufzutauchen, wenn man nicht mit ihm rechnete. Oder, wie im vorliegenden Fall, bis zum Hals in Arbeit steckte. Nicht etwa, dass Sydow nicht mit ihm ausgekommen oder er ihm auf die Nerven gegangen w�re. Augustin, ein distinguierter �lterer Herr, gefiel sich in der Rolle des Patriarchen und besa� die F�higkeit, Problemen so lange aus dem Weg zu gehen, bis sie sich von selbst erledigten. War dies nicht der Fall, durften sich seine Untergebenen, das hei�t unter anderem er, damit herumschlagen. Bei den Betroffenen sorgte dies nicht unbedingt f�r Begeisterung, doch mittlerweile hatte Sydow gelernt, die Schw�chen seines Vorgesetzten auszunutzen. Lieber ein Kriminalrat, der die Z�gel schleifen lie�, als ein Jungspund, der einem andauernd auf die Finger sah. So lautete sein Motto.</p><p>�Sydow � Sie hier? Ich dachte, Sie h�tten sich freigenommen!�, begr��te ihn der 64-j�hrige Leiter der Kriminalinspektion I, dem die Vorfreude auf die bevorstehende Pensionierung deutlich anzumerken war. Ein L�cheln auf den Lippen, die von einem sorgsam zurechtgestutzten wei�en Schnurrbart �berw�lbt wurden, lie� es sich Augustin, hinter vorgehaltener Hand �Onkel Kurt� genannt, selbstredend nicht nehmen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Eine, gemessen an den Umst�nden, nicht leicht zu beantwortende Frage, doch da Sydow den hochgewachsenen, wei�haarigen und wie stets mit Anzug, karierter Weste, Uhrenkette und gebl�mter Krawatte bekleideten Prototyp einer Vaterfigur kannte, ging er �ber die Ereignisse der vergangenen Stunden hinweg und entschied, die Floskel mit einer Floskel zu beantworten und die Beerdigung seiner Tante nicht zu erw�hnen.</p><p>�Dachte ich auch, Herr Kriminalrat�, erwiderte Sydow, dankbar, den F�ngen seiner Mutter entronnen zu sein. Und f�gte mit perfekter Unschuldsmiene an: �Wenn Not am Mann ist, bin ich nat�rlich zur Stelle.�</p><p>�Guter Mann. Ich w�nschte, alle hier w�ren so wie Sie.�</p><p>Sydow zuckte vor Schreck zusammen. Das h�rte sich aber gar nicht gut, um nicht zu sagen bedrohlich an. Wenn es etwas gab, das ihn in Panik versetzte, dann die Aussicht, zum Nachfolger von Onkel Kurt ernannt zu werden. Ausgerechnet er, der er mit B�roarbeit im Allgemeinen und Formularen im Besonderen auf Kriegsfu� stand. Nie und nimmer durfte das geschehen. Damit w�rde man den Bock zum G�rtner und ihm, Sydow, das Leben zur H�lle machen. �Wie ich? Lassen Sie das blo� meine Frau nicht h�ren!�</p><p>Stets zu Scherzen aufgelegt, sch�ttelte sich Augustin vor Lachen. �Na, Sie sind mir vielleicht einer!�, japste er und wedelte tadelnd mit dem Zeigefinger. �Ich finde, es ist an der Zeit, dass man ihr die Augen �ffnet.�</p><p>�Das finde ich auch, Herr Kriminalrat!�, lie� Sydow verlauten und machte Anstalten, sich in Richtung Treppenabsatz davonzustehlen. �Je fr�her, desto besser.�</p><p>�Prima � dann am besten gleich heute Abend.�</p><p>�Heute �?�, begann Sydow, bevor ihm einfiel, auf was Augustin anspielte.</p><p>�Punkt acht im Sanssouci. Und keine Minute sp�ter.� Onkel Kurt setzte seinen Oberlehrerblick auf. �Sagen Sie blo�, Sie haben es vergessen.�</p><p>�Nat�rlich nicht, wo denken Sie hin!�, beteuerte Sydow und rang sich ein L�cheln ab, das selbst wohlmeinende Beobachter als heuchlerisch bezeichnet h�tten. Kurt Augustin, nur noch gut sieben Stunden im Dienst, schien sich daran jedoch nicht zu st�ren. �Kann sein, dass es ein bisschen sp�ter wird. Ein neuer Fall, Sie verstehen.�</p><p>�Ich wei�, Krokowski hat mich bereits informiert.�</p><p>�Die Tote wurde regelrecht exekutiert. Scheint so, als bek�men wir eine Menge Arbeit.�</p><p>Der Kriminalrat auf der Zielgeraden zur Pensionierung winkte ab. �Das kann warten�, beschied er seinen Untergebenen und winkte ihn n�her heran. �Oder ist es Ihnen egal, wer mein Nachfolger wird?�</p><p>Ja, das war es, Hauptsache, der Kelch w�rde an ihm vor�bergehen. �Nat�rlich nicht!�, antwortete Sydow, bem�ht, Interesse zu heucheln.</p><p>Ein Kraftakt, den ihm keiner abnahm. Schon gar nicht der Kollege, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war. �Tats�chlich?� Kriminalhauptkommissar Wagenbach liebte die gro�en Auftritte, wie jetzt, als er in das Gespr�ch seines Mentors mit Sydow, dem erkl�rten Intimfeind, platzte. Er war noch jung, das hei�t gerade einmal 34, effizient, eloquent und legte ein Selbstbewusstsein an den Tag, das die Mehrheit im Pr�sidium zum Speien fand. Viel auszumachen schien es dem Weddinger, der auf alles eine Antwort wusste und eine wahre Blitzkarriere hinter sich hatte, jedoch nicht. Wagenbach kam stets geschniegelt und geb�gelt daher, hatte ein Faible f�r dunkle Anz�ge und die Angewohnheit, mit angefeuchtetem Haar herumzulaufen. Sein Markenzeichen war jedoch der Diplomatenkoffer, den er �berall mit sich herumschleppte und so gut wie nie unbeaufsichtigt lie�. Sp�tter behaupteten, er nehme ihn sogar mit ins Bett, was Sydow, der keine Hemmungen besa�, in den Chor der L�sterm�uler einzustimmen, ihm ohne Weiteres zugetraut h�tte. �H�rt sich aber nicht so an.�</p><p>Das war nicht sein Tag, und da er nicht wusste, was er bereithielt, k�mpfte Sydow seine Neigung zu ironischen Bemerkungen nieder, stellte auf Durchzug und fand Trost in dem Gedanken, dass die Furcht, er werde auf den Chefsessel gehievt, v�llig unbegr�ndet und Wagenbach der Kandidat Nummer eins daf�r war. Allein schon das Wohlgefallen, mit dem Onkel Kurt ihn betrachtete, war Beweis genug, ein Grund mehr, keinen Gedanken mehr darauf zu verschwenden und sich m�glichst rasch an die Arbeit zu machen. Die Frage, was Morell mit dem Mord zu tun hatte, rangierte an erster Stelle, weit vor der Frage, ob er sich ab morgen mit einem Vorgesetzten namens Wagenbach herumschlagen musste.</p><p>�Sie m�ssen entschuldigen, Herr Kriminalrat � die Arbeit ruft.� Ohne seinen Erzfeind eines Blickes zu w�rdigen, nickte Sydow Kurt Augustin zu und machte sich auf den Weg, in Gedanken l�ngst bei einem Fall, der, so hoffte er, ihn nicht �ber Geb�hr in Anspruch nehmen w�rde.</p><p>Er hoffte vergebens.</p></section><section><p><strong>12</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Sch�neberg, Polizeipr�sidium &#x2502; 16:25 h</emphasis></p><p>�Sag mal, wie siehst du denn aus?�, am�sierte sich Krokowski, als Sydow zur T�r hereinplatzte und nichts Eiligeres zu tun hatte als sein Jackett auszuziehen. �Mein Vorgesetzter mit Anzug � es geschehen noch Zeichen und Wunder.�</p><p>�Das sagt der Richtige!�, konterte Sydow, lockerte seine Krawatte und warf einen beil�ufigen Blick in den Spiegel. �Muss ja nicht jeder so rumlaufen wie du.�</p><p>�Jedem das Seine, Herr Kollege.�</p><p>�Du sagst es, Kroko.� Das hatte er nun davon. Lea zuliebe hatte er sein Hochzeitsjackett �berhaupt angezogen und dabei festgestellt, dass es um einiges zu eng geworden war. Und jetzt machte sich Kroko auch noch lustig �ber ihn. Sydow knirschte vor Wut. Er hasste Anz�ge wie die Pest, hasste Manschettenkn�pfe und Krawatten, verabscheute vor allem diese Hose, die sich anf�hlte, als ob sie voller Fl�he steckte. Da traf es sich recht gut, dass er noch Jeans und ein Freizeithemd im Spind h�ngen hatte. Sonst w�re er die glatte Wand hochgegangen. �Kannst von Gl�ck sagen, dass du wegen deiner Montur noch nicht verhaftet worden bist.�</p><p>�Ich f�rchte, das Frotzeln wird uns noch vergehen.� Ein Foto im Auge, das Naujocks vor ein paar Minuten vorbeigebracht hatte, stand Sydows Assistent vor seinem Schreibtisch, auf dem mindestens ein Dutzend weitere Schwarz-Wei�-Aufnahmen verteilt waren. Darunter auch eine des Mordopfers, die er bei Sydows Auftauchen in der Ablage versteckt hatte. Mit Leichen hatte der n�mlich so seine Schwierigkeiten und mied ihren Anblick, wo es nur ging. �Hier � das musst du dir ansehen.�</p><p>�Mannomann!�, murmelte Sydow, lockerte den Hemdkragen und betrachtete das Bild, auf dem die mit Kreide gekennzeichnete Position der Toten sowie eine riesige Blutlache und Relikte ihres Gehirns zu erkennen waren. �Der wollte es aber genau wissen.�</p><p>�Der oder die.�</p><p>�Das hei�t, du nimmst an, dass es kein Einzelt�ter war.�</p><p>Krokowskis Antwort lie� nicht lange auf sich warten. �Gersdorf hat ein Sprechfunkger�t gefunden. Da waren Profis am Werk, jede Wette.�</p><p>�Ein Berufskiller, der seine Utensilien verliert?� Sydow legte das Foto auf den Schreibtisch, entfernte seine Manschettenkn�pfe und verstaute sie in der Hosentasche. �Dann ist es aber nicht weit her mit ihm.�</p><p>Krokowski wog bed�chtig das Haupt. �Ich f�rchte, da muss ich dir widersprechen, Tom�, entgegnete er in der f�r ihn typischen Art, die darauf abzielte, die Pointe m�glichst lange hinauszuz�gern. �Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Wer immer die Frau auf dem Gewissen hat, beherrscht sein Handwerk aus dem Effeff.�</p><p>�Wenn dem so w�re, h�tte er sich nicht so dumm angestellt.�</p><p>�Auch ein Profi � sogar ein Halbgott wie du � macht bekanntlich mal Fehler. Im Ernst: Morell hatte Gl�ck. W�re der G�rtner nicht aufgetaucht, h�tte er nicht mehr lange zu leben gehabt.�</p><p>�Tja, du kannst dir noch so viel M�he geben, den perfekten Plan auszuhecken � meistens kommt etwas dazwischen.�</p><p>�Du sagst es. Er h�tte alle Zeit der Welt gehabt, deinen Freund ins Jenseits zu bef�rdern. So aber blieb ihm nichts anderes �brig, als sich die Knarre unter den Arm zu klemmen und die Kurve zu kratzen.�</p><p>�H�rt, h�rt, Krokowski redet wie ein normaler Mensch. Ich muss sagen, es geschehen noch Zeichen und Wunder!�</p><p>�Soll ich weitermachen oder nicht?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Herr Kollege�, fl�tete Sydow und genoss seinen Seitenhieb in vollen Z�gen. �Fahren Sie fort, Inspektor Yates. Oder sollte ich besser �Herr Drache� sagen?�[43]</p><p>�Das k�nnen Sie halten, wie Sie wollen, Mr. Holmes.� Krokowski atmete tief durch. �Also: Nachdem der Schlossg�rtner ihm die Tour ver� Nachdem Michalke seine Pl�ne durchkreuzt hat, wollte ich sagen, beschlie�t der M�rder, Fersengeld zu geben. Doch er hat nicht mit der Entschlossenheit seines potenziellen Opfers gerechnet. Will hei�en: Anstatt in Deckung zu bleiben und sich Gedanken zu machen, wie er seine Haut retten kann, brennt bei Morell die Sicherung durch.�</p><p>�Du meinst, er war so ��</p><p>�Nenn es, wie du willst, laut Aussage des G�rtners rennt Morell jedenfalls auf ihn zu, rempelt ihn an und nimmt die Verfolgung des Fl�chtigen auf. Der ist dar�ber so verbl�fft, dass er sein Walkie-Talkie verliert, schafft es aber, unerkannt zu entkommen.�</p><p>�Oder, ohne dir an den Karren fahren zu wollen, seinen Verfolger auszuschalten.�</p><p>�Kann sein.� Krokowski machte ein nachdenkliches Gesicht. �Kann sein, dass er im Karpfenteich gelandet ist. Wenn nicht, h�tten wir ihn ja wohl gefunden.�</p><p>�H�tte, w�re, k�nnte! Davon k�nnen wir uns nichts kaufen, Kroko.�</p><p>Wie �blich lie� sich der Gescholtene nicht beirren. �Wie w�r�s, wenn wir ein kleine Pause einlegen?�, schlug Krokowski vor, schraubte seine Thermoskanne auf und bot Sydow an, von seinem Hagebuttentee zu kosten.</p><p>Der jedoch wehrte h�nderingend ab. �Willst du mich umbringen oder was?�, wetterte er. �Komm zur Sache, da habe ich mehr davon.�</p><p>�Nichts lieber als das�, versetzte Krokowski und lie� sich auch durch den Vogel, den sein Partner ihm zeigte, nicht aus der Ruhe bringen. �Man verzeihe mir die Wortwahl, aber ich denke, die Art, wie der Kerl zu Werke gegangen ist, l�sst auf einen geborenen Heckensch�tzen schlie�en.�</p><p>�Sonst noch was?�</p><p>�Den Angaben des Schlossg�rtners zufolge sind die t�dlichen Sch�sse kurz nach zw�lf abgegeben worden. Entfernung: etwa 80 Meter. Tatwaffe: aller Wahrscheinlichkeit nach ein Repetiergewehr, ausgestattet mit einem Zielfernrohr. Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, dass die Frau sofort tot gewesen ist.�</p><p>�Nein, brauchst du nicht�, stimmte Sydow mit nachdenklicher Miene zu und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz. Er fragte sich, wie Morell, von dem er des �fteren wichtige Tipps erhalten hatte, in so etwas hineingeraten war. Zweifelsohne handelte es sich bei ihm um einen integren Mann, um einen harmlosen Paradiesvogel, der ihm trotz seiner Marotten ans Herz gewachsen war. �Und weiter?�</p><p>�Bei der Toten, deren Handtasche wir gefunden haben, handelt es sich laut Ausweis um eine gewisse Luise Nettelbeck, zuletzt wohnhaft in Gauting bei M�nchen, geboren am 12. April 1918 in Berlin.�</p><p>�Auf Besuch in der Heimat und dann so etwas.�</p><p>�Besuch oder nicht, feststeht, dass sie gestern Mittag hier angekommen und im �Excelsior� abgestiegen ist. Ausweis, Zimmerschl�ssel, Flugtickets � alles in ihrer Tasche. Das Erstaunliche daran: Bereits heute Abend wollte sie wieder abreisen. Ab Tegel mit TWA nach Frankfurt und von dort aus weiter nach New York. Merkw�rdig, nicht? Auf Heimaturlaub, nur um einen Tag sp�ter zu entschwinden. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwas stimmt hier nicht.�</p><p>�Die Frage ist nur, was. Was kann so wichtig sein, dass man holterdiepolter in der Heimat aufkreuzt, in einem Luxusschuppen absteigt, sich in aller Heimlichkeit mit einem Reporter trifft und genauso schnell zu verschwinden gedenkt, wie man gekommen ist.�</p><p>�Muss ich dir das wirklich sagen?�</p><p>Sydow sch�ttelte den Kopf. �Musst du nicht. Angenommen, die Dame hatte vor, Theo mit brisantem Material zu ver��</p><p>��Gehen wir davon aus� wolltest du sagen.�</p><p>�Na sch�n, gehen wir davon aus! Dann stellt sich die Frage, was die beiden ausbaldowert haben.�</p><p>��Ausgeheckt� wolltest du sagen.�</p><p>Sydow verdrehte die Augen. �Tja, wie die Dinge liegen, gibt�s nur einen, der uns Auskunft dar�ber geben kann. Und das ist Theodor Morell.�</p><p>�Genau. Das hei�t, es gilt herausfinden, wo dein Duzfreund abgeblieben ist.�</p><p>�Du wei�t, wie schwer es mir f�llt, dir recht zu geben, Kroko. Aber ich f�rchte, darauf l�uft es hinaus.� Das Kinn auf den verschr�nkten H�nden, starrte Sydow an die gegen�berliegende Wand, an der ein Stadtplan aus dem Jahre 1946 mit den fein s�uberlich eingezeichneten Sektorengrenzen hing. Andere Kollegen, zum Beispiel Wagenbach, waren da wesentlich wandlungsf�higer als er. Die verf�gten n�mlich �ber Karten, die den ver�nderten Verh�ltnissen Rechnung trugen und die Lage so darstellten, wie sie war. Eine Gro�stadt, eingeteilt in zwei H�lften. Hier die Guten, also wir, dort die B�sen, das hei�t der Ulbricht und seine Gef�ngnisw�rter. Die Frage war, wie lange dieser Zustand anhalten w�rde, umso mehr, da die Grenzen zwischen Gut und B�se flie�end waren. �Ich frage mich, wo der Hallodri steckt. Und was er als N�chstes tun wird.�</p><p>�Dies festzustellen d�rfte ziemlich schwierig sein. Es sei denn, der Zufall k�me uns zu Hilfe. Wenn nicht, k�nnen wir suchen, bis wir schwarz werden.�</p><p>�Apropos Suche � wo ist eigentlich Peters abgeblieben?�</p><p>�Peters?�, antwortete Krokowski und begann, die Fotos wieder einzusammeln. �Du wei�t doch, wie viel er momentan zu tun ��</p><p>�Ich? Zu tun? Wenn du dich da mal nicht irrst, Herr Kollege!�</p><p>Wie immer, wenn Heribert Peters unter Strom stand, gab es kein Halten f�r ihn. So auch jetzt, nachdem der Gerichtsmediziner ins Zimmer gest�rmt, Krokowski das Wort abgeschnitten und die T�r hinter sich zugeworfen hatte.</p><p>�Der irrt sich nie, Heribert!�, flachste Sydow, dessen Hang zu Frotzeleien prompt bestraft wurde.</p><p>�Deine Witze kannst du dir sparen!�, fuhr Peters ihn an, was Sydow, der seine Pappenheimer kannte, umgehend zum Schweigen brachte. Mit Krokowski verhielt es sich �hnlich, was Peters, dem beinahe die Luft wegblieb, allerdings nicht bes�nftigen konnte. �Hockt in seinem Kabuff und hat nichts Besseres zu tun, als die Zeit totzuschlagen!�, sch�umte er mit Blick auf Sydow, der nicht wusste, wie ihm geschah und einen ratlosen Blick mit Krokowski wechselte. �Dreht D�umchen, w�hrend andere den Wind von vorne kriegen.�</p><p>�Welche Laus ist denn dir �ber die Leber gelaufen?�</p><p>Ohne Krokowski, der ihm die Stirn bot, Beachtung zu schenken, holte Peters tief Luft und begann mit hochroter Miene hin und her zu stapfen. �Eins kann ich euch sagen�, rief er aus und lehnte Sydows Angebot, Platz zu nehmen, unwirsch ab. �So eine Sauerei hab ich in der Bruchbude, die sich Pathologie schimpft, noch nie erlebt.�</p><p>�Es geht um den Mord, stimmt�s?� Wohl wissend, wen er vor sich hatte, war Sydow darauf bedacht, die Worte vorsichtig zu w�hlen. �Schon irgendwelche Erkenntnisse?�</p><p>�Kann man wohl sagen!�, rief Peters gereizt aus und verzog das Gesicht, in dem es von Zornesfalten nur so wimmelte. Und scheute sich nicht, eins draufzusetzen: �So bl�d kannst auch nur du fragen, Blaubl�ter.�</p><p>�Setz dich, Dicker. So viel Zeit muss sein.�</p><p>�Von wegen dick. Du hast es gerade n�tig.�</p><p>�Sag mal, was ist denn mit dir passiert? Du siehst aus, als h�ttest du ��</p><p>�Zahnschmerzen, Kroko, ich habe Zahnschmerzen�, knirschte Peters, kurz davor, aus der Haut zu fahren. �Sch�n, dass wenigstens du es bemerkst.�</p><p>�Au Backe.� Sydow tat, als habe er den Seitenhieb nicht registriert, lehnte sich zur�ck und witzelte: �Und das bei einer Mimose wie dir.�</p><p>�Wenn hier einer mimosenhaft ist, dann du!�, erwiderte Peters und lie� sich auf dem Stuhl vor Sydows Schreibtisch nieder, der denn auch prompt laut und vernehmlich zu knarren begann. �Was passiert ist, wollt ihr wissen? Ganz einfach: Sie haben den Leichnam konfisziert.�</p><p>�Sie haben � sie haben was?�</p><p>�Die Frau, die aus dem Hinterhalt erschossen wurde � ihr Leichnam ist beschlagnahmt worden.�</p><p>�Und wann war das?�, warf Krokowski ein, das Gesicht zu ungl�ubigem Staunen verzogen, in das sich Groll und Zorn zu mischen begannen.</p><p>�Vor etwa einer halben Stunde.�</p><p>�Und wer, bitte sch�n, sind �sie�?�</p><p>�Die, mein lieber Tom, waren Beamte vom LKA, an der Spitze ein gewisser Posininsky, der die Frechheit besa�, s�mtliche Unterlagen zu beschlagnahmen.� F�r seine Verh�ltnisse erstaunlich ruhig, begann Peters die Ereignisse, welche ihn in Rage versetzt hatten, zu schildern und ging dabei auch auf die Erkenntnisse seiner Kollegin ein. Sydow und Krokowski h�rten schweigend zu, der eine kopfsch�ttelnd, der andere mit einer Miene, an die man sich erst gew�hnen musste. Selbstbeherrschung kam bei Krokowski an oberster Stelle, aber was er hier zu h�ren bekam, war geeignet, selbst ihn in Rage zu versetzen. Je mehr Peters erz�hlte, desto grimmiger wurde sein Gesicht, und w�re Sydow nicht gewesen, der eine bes�nftigende Handbewegung machte, h�tte Kriminalkommissar Eduard Krokowski einen Wutanfall bekommen.</p><p>�So, das war�s � noch Fragen?� Fast schien es, als sei die Frage, die Peters gestellt hatte, ungeh�rt verhallt, und obwohl er ein R�uspern hinterherschickte, herrschte Schweigen im Raum. Auch Sydow, dem die Erbitterung ins Gesicht geschrieben stand, machte keine Anstalten, es zu brechen, und wie so h�ufig, wenn dies der Fall war, fiel diese Rolle Krokowski zu. Anders als sonst dr�ckte er sich jedoch wesentlich undiplomatischer und im Vergleich zu sonstigen Gepflogenheiten ausgesprochen unzweideutig aus. �Bastarde.�</p><p>Sydow blickte �berrascht auf, unterlie� es jedoch, seinen Partner durch den Kakao zu ziehen. Selbst ihm, dem passionierten Sp�tter, hatten die Neuigkeiten auf den Magen geschlagen, und das wollte bekanntlich etwas hei�en. �Dann wollen wir mal Bilanz ziehen, meine Herren�, sprach er deshalb mit Bedacht, den Blick abwechselnd auf Krokowski und Peters gerichtet, dessen Wut allm�hlich in Resignation umschlug. �Heute Mittag, genauer gesagt zwei Minuten nach zw�lf, wird Luise Nettelbeck, geboren in Berlin und wohnhaft in Gauting bei M�nchen, aus dem Hinterhalt erschossen � beziehungsweise liquidiert. T�ter: unbekannt. Mit anderen Worten: ein Fall f�rs LKA.�</p><p>�Was bilden sich die Kerle �berhaupt ein? Denken die, wir sind zu bl�d, einen Mord aufzukl�ren? Eins kann ich dir sagen, Tom: Wenn dieser Posininsky noch mal bei uns aufkreuzt, muss er aufpassen, dass er nicht im K�hlfach landet! Denken, sie k�nnten uns Vorschriften machen � da h�rt sich ja wohl alles auf.�</p><p>�Ich glaube, du bist auf dem Holzweg, Leichenfledderer. Da steckt mehr dahinter, als wir glauben.�</p><p>�Denkst du etwa, die haben etwas damit zu ��</p><p>�Ich denke �berhaupt nichts, Heribert, besser, wir halten uns an die Fakten.� Ohne ihn dabei anzuschauen, stand Sydow auf, umrundete den Schreibtisch und verpasste dem Gerichtsmediziner einen Klaps. Danach wandte er sich ab und trat ans Fenster. �Kurz und gut: Vieles, wenn nicht gar alles, deutet darauf hin, dass f�r diejenigen, welche die Frau auf dem Gewissen haben, eine Menge auf dem Spiel steht. So viel, dass sie nicht z�gern, sie aus dem Weg zu r�umen.�</p><p>�Und die Spuren, die sie hinterlassen haben, zu verwischen.�</p><p>�Genau, Kroko. Die Frage ist, was als N�chstes passieren wird.�</p><p>�Das kann ich dir sagen, Tom. Wer auch immer die Drahtzieher sind, sie werden alles daransetzen, um Morell mundtot zu machen.�</p><p>�Mit Betonung auf �tot�, da sie vermutlich nicht lange fackeln werden.�</p><p>�Kommt drauf an, hinter was sie her sind, Heribert.� Die H�nde auf dem Sims, starrte Sydow in den Regen hinaus. Das Aprilwetter gab ihm den Rest, und er fragte sich erneut, ob es jemals Sommer werden w�rde. �Wer wei�, vielleicht schafft Theo es ja auch, sie ��</p><p>�Kriminalinspektion eins. Ja, der ist da. Augenblick, ich gebe weiter.�</p><p>�� abzuh�ngen.� J�h aufgeschreckt, drehte sich Sydow um und griff nach dem H�rer, den Krokowski ihm in die Hand dr�ckte. �Sydow hier. Was kann ich f�r Sie � Ach, du bist�s, J�rgen, was gibt�s?�</p><p>Wie sich herausstellte, konnte Sydow f�r den Anrufer, einen Ex-Kollegen von Lea, eine Menge tun. Und dieser f�r ihn. Auf einen Schlag wie elektrisiert, traute er seinen Ohren nicht, den Blick abwechselnd auf Krokowski und Peters gerichtet, die ihn mit banger Miene musterten. �Nat�rlich gehst du darauf ein!�, beschwor er seinen Gespr�chspartner, nachdem der Redeschwall, den er �ber sich ergehen lassen musste, abgeflaut war. �Wann? Um f�nf, aha. Und wo? Ja, kenne ich. Keine Sorge, wir k�mmern uns darum. Nat�rlich werde ich die Sache nicht an die gro�e Glocke h�ngen, f�r wen h�ltst du mich! Verlassen? Auf mich? So gut m�sstest du mich inzwischen kennen. Bis dann, J�rgen, halt die Ohren steif. Ja, geht in Ordnung � Wiederh�ren!�</p><p>�Was ist?�, dr�ngte Peters, den es nicht mehr auf seinem Stuhl hielt, und sah Sydow neugierig an. �Irgendwelche ��</p><p>�Neuigkeiten?�, vollendete Sydow, griff nach seinem Jackett und bedeutete Krokowski, ihm zu folgen. �Und was f�r welche! Stellt euch vor, M�nner: Kurz nach vier ist bei meinem alten Schulfreund Orth ein Anruf eingegangen.�</p><p>�Doch nicht etwa dieser Schw�tzer, der beim SFB[44] f�r Politik und Zeitgeschehen zust�ndig �?�</p><p>�Doch, Kroko. Genau der. Und wisst ihr, wer an der Strippe war? Genau, Morell! So, und jetzt kommt�s: Im Austausch f�r brandhei�e Informationen zum Thema Eichmann verlangt Theo hunderttausend M�use, zum Mitschreiben: einhunderttausend Deutsche Mark! Zahlbar auf das Konto eines j�dischen Opferfonds. Da kommt man ins Gr�beln, keine Frage. Will hei�en: Orth und Morell vereinbaren ein Treffen.�</p><p>�Und wozu dann der Anruf? Kapier ich nicht, tut mir leid!�</p><p>�Tja, scheint so, als sei J�rgen ein bisschen voreilig gewesen. Auf gut Deutsch � er ist zur�ckgepfiffen worden. Vom Intendanten pers�nlich. Begr�ndung: Morell wolle sich nur wichtigmachen.�</p><p>�Was, wie wir alle wissen, nicht der Wahrheit entspricht.�</p><p>�Genau, Dicker.� Die Klinke in der Hand, hielt Sydow inne. �J�rgen sagt, die Sache habe ihm keine Ruhe gelassen. Rosenzweig habe Angst gehabt und behauptet, sein Leben h�nge an einem seidenen ��</p><p>�Wie bitte? Was hast du gerade gesagt?�</p><p>�Was ist denn los mit dir, Kroko? Du machst ein Gesicht, als sei Doktor Mabuse[45] hinter dir her!�</p><p>�Der Name, den du genannt hast, Tom. Wie lautet er?�</p><p>�Ach, das meinst du! Morell hei�t eigentlich Rosenzweig, David Rosenzweig. Und ist Jude.�</p><p>�Ein Pseudonym, ich verstehe.�</p><p>�Nicht was du denkst, Theo, die Zeiten sind hoffentlich vorbei. Soweit ich wei�, wollte sein Alter, dass er Buchhalter wird. Damit hatte Theo aber nichts am Hut. Er wollte lieber Journalist werden, fing an, f�r alle m�glichen Zeitungen Artikel zu schreiben. Aus Angst, sein Vater werde ihm an den Kragen gehen, hat er sich dann einfach ein Pseudonym zugelegt.� Sydow �ffnete die T�r und sah Krokowski fragend an. �Wieso fragst du?�</p><p>�Vor einer guten halben Stunde hat ein gewisser David Rosenzweig angerufen. Er wollte dich dringend sprechen.�</p><p>�Wenn ich Zeit h�tte, Eduard�, knirschte Sydow, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, �w�rde ich dir an die Gurgel gehen. Und? Was hat er gesagt?�</p><p>Krokowski schlug die Augen nieder und fl�sterte: �Nichts. Halt, stimmt nicht ganz. Er hat gesagt, er w�rde sp�ter noch mal anrufen.� Krokowski hob die Schultern und kehrte die Handfl�chen nach oben. �Tut mir leid, Tom � und was jetzt?�</p><p>�Was mich betrifft, werde ich erst mal zum Zahnarzt gehen�, jammerte Peters, der sich offenbar ausgetobt hatte, und erhob sich schwerf�llig von seinem Stuhl. �Und du?�</p><p>�Da fragst du noch?�, erwiderte Sydow, griff sich an die Stirn und eilte zur�ck zum Telefon, um seine Frau anzurufen. �Du, Herr Meisterdetektiv, wirst dich schleunigst in Morells Redaktion begeben, um den Herren und Damen Journalisten auf den Zahn zu f�hlen. Und wenn du schon dabei bist, sei so gut und mache einen Abstecher ins �Excelsior�. Wer wei�, vielleicht kriegen wir noch mehr �ber die Tote raus.�</p><p>�Und du?�</p><p>Sydow gab einen lauten Seufzer von sich. �Was mich betrifft, werde ich erst mal Lea anrufen. Und zusehen, dass ich rechtzeitig zu meinem Rendezvous komme.� Ohne einen Gedanken an m�gliche Konsequenzen zu verschwenden, griff Sydow zum H�rer und begann zu w�hlen. �Na warte, Theo�, murmelte er vor sich hin, als am anderen Ende das Freizeichen ert�nte. �Wenn ich dich kriege, kannst du dich auf was gefasst machen!�</p></section><section><p><strong>13</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Seestra�e &#x2502; 16:40 h</emphasis></p><p>Es gab Leute, die ihr auf Anhieb sympathisch waren, solche, denen sie am liebsten Gift verabreichen w�rde und wiederum solche, aus denen sie nicht schlau wurde. Was Abigail Wentworth, Toms Mutter, betraf, musste Lea nicht lange nachdenken. Sie geh�rte zur dritten Kategorie, und nichts deutete darauf hin, dass sich dies �ndern w�rde.</p><p>Nicht etwa, dass sie auf Distanz gegangen war. Davon konnte keine Rede sein. Abigail hatte ihr das �Du� angeboten, f�r Leute ihres Schlages ungew�hnlich, wenn nicht gar unerh�rt. Dar�ber hinaus hatte die 73-j�hrige, adrett gekleidete und sorgf�ltig frisierte Angeh�rige der britischen Hocharistokratie alles unterlassen, was irgendwie Ansto� erregen konnte, sich betont jovial gegeben und das Klischee vom d�nkelhaften Auftreten ihrer Standesgenossen L�gen gestraft. �berhaupt war Lea angenehm �berrascht gewesen, ein Eindruck, der sich jedoch bald verfl�chtigte.</p><p>Da war etwas an dieser Frau, das sie irritierte, und sie h�tte zu gerne gewusst, was. An der Kleidung, dezent, unpr�tenti�s und beinahe schlicht, konnte es nicht liegen. Ihre Schwiegermutter trug einen breitkrempigen Hut, ein dem Anlass angemessenes dunkles Kost�m mit wei�er Bord�re und eine silbergraue Bluse. Sie war weder hochn�sig noch herablassend oder gar abweisend. Sie war beinahe liebensw�rdig. Aber nur beinahe.</p><p>Hinter der Fassade, welche ihre Schwiegermutter zur Schau trug, verbarg sich eine andere Person. Das merkte man sofort. Tom hatte nie viel von ihr erz�hlt, nur dann, wenn es nicht zu umgehen war. Dass sie jedoch nicht mit offenen Karten spielte, ihre Meinung f�r sich behielt und darauf bedacht war, sich keine Bl��e zu geben, wurde Lea recht bald klar.</p><p>�Das war Tom�, sagte Sydows Frau bei ihrer R�ckkehr in den Wintergarten, von wo aus man einen ungehinderten Blick auf den Wannsee und die Ausflugsschiffe auf der Havel werfen konnte. F�r die Terrasse vor der T�r war es leider zu k�hl, weshalb sie den Tee lieber hier serviert hatte. �Tut mir leid, es wird ein bisschen sp�ter.�</p><p>Jede andere Mutter dieser Welt h�tte jetzt ihren Unmut kundgetan. Nicht so Abigail Wentworth, die nach der Scheidung wieder ihren M�dchennamen angenommen und s�mtliche Br�cken, auch die zu ihren Kindern, hinter sich abgebrochen hatte. �Warum sollte es?�, gab sie mit an Nonchalance grenzender Gelassenheit zur�ck, nippte an ihrem Tee und verzog keine Miene. �Hauptsache, er tut seine Pflicht, oder?�</p><p>�Sagen wir es einmal so: Hauptsache, er tut das Richtige.� Das war keine Frage, sondern der untaugliche Versuch, sie aus der Reserve zu locken. Mit dieser Masche w�rde die Dame nicht bei ihr landen k�nnen, weshalb Lea beschloss, den Spie� umzudrehen. �Mehr kann man als Ehefrau nicht verlangen, denke ich.�</p><p>�Falls du damit auf Toms Vater anspielst, Lea: Ja, ich bin der Meinung, dass er nicht immer das Richtige getan hat. Von der Zeit nach unserer Trennung, als er die Karriereleiter hinaufgeklettert und zum Mitschuldigen geworden ist, gar nicht zu reden.�</p><p>Da sie es f�r das Beste hielt, sich nicht in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen, verzog auch Lea keine Miene, schenkte Tee nach und lie� das Thema auf sich beruhen.</p><p>Ihre Taktik sollte sich prompt auszahlen. �Aber lassen wir das!�, entschied ihr Gegen�ber, r�ckte ihre ausladende Kopfbedeckung zurecht und presste die Lippen aneinander, bis die Farbe aus ihnen wich. �Und reden wir lieber �ber meinen Sohn. Ist er eigentlich immer noch so schlecht auf mich zu sprechen wie fr�her?�</p><p>�Da musst du ihn schon selbst fragen�, konterte Lea und spielte den Ball gekonnt zur�ck. �Soviel ich wei�, hat er unter eurer Trennung sehr gelitten. Von dem, was er w�hrend und nach dem Krieg erlebt hat, nicht zu reden.�</p><p>Der Wink mit dem Zaunpfahl sa�, wenngleich Sydows Mutter die Gelegenheit zur Revanche nicht ungen�tzt verstreichen lie�. �Sie war eine bildh�bsche Frau�, entgegnete sie, in der Hoffnung, Lea auf dem falschen Fu� zu erwischen.</p><p>�Seine Verlobte? Das stimmt�, gab Lea zur�ck. �Er hat oft von ihr erz�hlt. Und nat�rlich hat er mir auch Bilder von ihr gezeigt.�</p><p>�Tats�chlich? Hat dir das nichts ausgemacht?�</p><p>Anstatt etwas zu erwidern, drehte Lea den Spie� erneut um. �Erlaubst du mir eine Frage?�, erkundigte sie sich und dachte nicht daran, die Antwort abzuwarten. �Die Trennung von deinen Kindern muss dir furchtbar schwergefallen sein. Ich frage mich, wie man so etwas verkraftet. Jahrelang ohne Nachricht, nur um bei Kriegsende zu erfahren, dass die eigene Tochter bei einem Bombenangriff � Wie gesagt: Mich wundert, wie man so etwas verarbeiten kann.�</p><p>�Genauso gut oder schlecht wie mein Herr Sohn. Und was meine Tochter angeht: Sie war Papas Kind. War es, blieb es und ist es immer gewesen.�</p><p>�Ihr Name war Agnes, nicht?� Kaum war ihr die Frage herausgerutscht, bereute Lea sie auch schon. �Verzeih, ich � Ich f�rchte, das war ziemlich taktlos von mir.�</p><p>�Was hei�t hier �taktlos��, gab ihre Schwiegermutter zur�ck, wie eine Eins auf dem Rand ihres Korbsessels sitzend und die Teetasse in der feingliedrigen Hand. Eine Hand, die weder zitterte noch erkennen lie�, dass ihre Besitzerin im siebten Lebensjahrzehnt stand. �Irgendwann m�ssen wir schlie�lich dar�ber reden.� Als sei nichts geschehen, nippte Sydows Mutter an ihrem Tee, stellte die Tasse wieder ab und kostete von dem Mohnkuchen, den Lea gebacken hatte. �Hm � k�stlich!�, rief sie aus und erweckte den Eindruck, den Faden verloren zu haben. Dass dies nicht zutraf, stellte sie prompt unter Beweis: �Offen gesagt, Lea, was Agnes betrifft, sind meine Wunden l�ngst verheilt. Ich kann verstehen, wenn du dich jetzt wunderst, aber ich sage das nicht ohne Grund.� Bevor sie fortfuhr, nahm Sydows Mutter einen Schluck Tee zu sich. Dann sagte sie: �Zeitlebens habe ich keinen Zugang zu diesem Kind gehabt. Dabei habe ich nichts unversucht gelassen, habe getan, was in meiner Macht stand, mir M�he gegeben, meine Tochter zu verstehen. Vergebens. Ich stand auf verlorenem Posten, von Beginn an. Da w�nscht man sich nichts sehnlicher als eine Tochter � und dann dies. Glaube mir, Lea: H�tte ich gewusst, was mich erwartet, w�re es bei einem Kind geblieben. Nicht etwa, dass Agnes mir st�ndig �rger bereitet h�tte. Das nicht. Oder dass sie mich absichtlich ignoriert h�tte. Nein, es war einfach so, dass sie auf Distanz zu mir gegangen ist, mich gemieden hat, so oft sie konnte. Kurz gesagt: Ich bin nie schlau aus ihr geworden. Und was f�r mich galt, traf auch auf den Rest der Familie zu. Kein Mensch, nicht einmal ihr Vater, ist imstande gewesen, sie zu durchschauen.�</p><p>�Die beiden sind grundverschieden, stimmt�s?�</p><p>�Agnes und Tom?� Ein L�cheln flog �ber Abigail Wentworths Gesicht. Sekundenbruchteile sp�ter war davon nichts mehr zu sehen, die Wehmut, welche in ihrer Stimme mitschwang, unter dem aufgesetzt wirkenden britischen Akzent begraben. �Das kannst du aber laut sagen. Hier das Mysterium, das niemand zu entr�tseln vermochte, dort der Hei�sporn, der sein Herz auf der Zunge trug. Gr��er h�tten die Unterschiede zwischen den beiden nicht ausfallen k�nnen.�</p><p>�Das ist ja gerade das Problem.�</p><p>�Dass Thomas sagt, was er denkt, meinst du? Auf die Gefahr, des �fteren anzuecken?�</p><p>Lea nickte.</p><p>Ihre Schwiegermutter quittierte es mit einem L�cheln. �Soll ich dir etwas verraten?�, fragte sie und leerte ihre Tasse, bevor sie sich abwandte, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Ein Schauer folgte auf den n�chsten, und das Ostufer blieb hinter den Regenschleiern verborgen. �Im Grunde seines Wesens ist Thomas stets ein Preu�e geblieben, auch wenn er so tut, als ob Rebellenblut in seinen Adern flie�t. Er h�rt es zwar �berhaupt nicht gern, aber wenn ich ihn mir anschaue, muss ich sagen, dass er seinem Vater immer �hnlicher wird.�</p><p>�Darf ich dich um etwas bitten, Abigail?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, mein Kind.�</p><p>�Wenn ich du w�re, w�rde ich ihn nicht darauf ansprechen. Sonst geratet ihr aneinander.�</p><p>�Ich wei�.� Sydows Mutter deutete ein Nicken an, erhob sich und betrachtete die Lilien, Orchideen und den Oleander, welche in Leas Wintergarten gediehen. �Tja, so ist das nun mal. Von sich aus w�re mein Herr Sohn bestimmt nicht auf die Idee gekommen, mir Bescheid zu sagen. Danke, dass du mich verst�ndigt hast, Lea.�</p><p>�Keine Ursache, das war doch selbstverst�ndlich.�</p><p>�Tut mir leid, dies sagen zu m�ssen, aber was die Abneigung gegen�ber der Mutter betrifft, steht Tom seiner Schwester in nichts nach.�</p><p>�Das redest du dir ein, Abigail.�</p><p>�Du kannst Mutter zu mir sagen, Lea.�</p><p>Sydows Frau verschlug es die Sprache. Vor ihr, genauer gesagt mit dem R�cken zu ihr, stand eine Frau, die sie vor wenigen Stunden kennengelernt und bis dato nur vom H�rensagen gekannt hatte. K�hl, distanziert und so unnahbar, hatte diese Frau dennoch kein Blatt vor den Mund genommen und ihr Dinge anvertraut, die, h�tte Lea ihre Stelle eingenommen, nie und nimmer zur Sprache gekommen w�ren. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet, und w�hrend sie nach Worten rang, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.</p><p>Abigail Wentworth, Tochter des sechsten Earls of Strafford, ein Mensch, zu dem man instinktiv Abstand hielt, w�nschte sich nichts sehnlicher als Liebe.</p><p>Lea erschauderte und sie hatte M�he, ihre Verlegenheit zu �berspielen. Auf die Idee, eine andere Frau mit �Mutter� anzureden, w�re sie nie gekommen, mochte die Betreffende noch so sympathisch sein. Ihre eigene Mutter, eine Geborene von Hardenberg, war seit 13 Jahren tot, und es gab niemanden, der sie ersetzen konnte.</p><p>Als k�nne sie Gedanken lesen, atmete Abigail Wentworth tief durch und begutachtete einen K�bel voller Chrysanthemen, deren Duft sie instinktiv innehalten lie�. �Sch�n habt ihr�s hier!�, stellte sie mit belegter Stimme fest, schloss die Augen und sog das Aroma begierig ein. �Wenn wir gerade von Kindern reden: Was macht eigentlich deine Tochter?�</p><p>�Vroni?� Na sch�n, jetzt war sie an der Reihe. Jetzt war sie es, die Haltung bewahren musste, obwohl ihr dies immer schwerer fiel. �Ich w�nschte, ich k�nnte dir eine Antwort geben.�</p><p>�Sie lebt im Osten, stimmt�s?�</p><p>Lea bejahte.</p><p>�Kann sein, dass ich mich irre, aber hat Tom nicht erw�hnt, dass sie einen Volkspolizisten ��</p><p>�Das trifft zu, Abigail.�</p><p>�� geheiratet hat?�</p><p>�Und auch wieder nicht.�</p><p>Hellh�rig geworden, drehte sich Sydows Mutter um und fragte: �Wie ist das zu verstehen?�</p><p>�Gegenfrage: Willst du das wirklich wissen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich!�, versicherte die alte Dame, und es klang, als meine sie es ernst. �Sonst w�rde ich nicht fragen.�</p><p>�Die Sache ist die: Vor ziemlich genau einem Jahr hat Vroni einen Hauptmann der DDR-Volkspolizei kennengelernt. Wie du wei�t, waren die Grenzen noch offen, und es gab Zehntausende, die im Westen gearbeitet haben und abends zur�ck in die Ostzone gefahren sind. Umgekehrt war dies eher selten der Fall, wenn jemand r�bergefahren ist, dann nur, um g�nstig einzukaufen oder um Verwandte oder Freunde zu besuchen. 4,50 Ost-Mark f�r eine West-Mark, man stelle sich das einmal vor. Da lohnt es sich, am Alex eine Tasse Caf� zu trinken.�</p><p>�Wie deine Tochter�, erg�nzte Sydows Mutter und lie� sich wieder auf ihren Korbsessel sinken.</p><p>�Genau, wie Vroni. Es kam, wie es kommen musste. Vroni und ihre Freundin sitzen im Caf�, als ein Mann namens Viktor Kunersdorf die Szene betritt. Hochgewachsen, redegewandt, schneidig, dunkelhaarig. Ein Mann, auf den die Frauen fliegen. Er setzt sich zu den beiden an den Tisch, kommt sofort mit ihnen ins Gespr�ch. Ich denke, den Rest k�nnen wir uns sparen.�</p><p>�Das Ende vom Lied: Die beiden heiraten.�</p><p>�Und das innerhalb k�rzester Zeit.� Lea sch�ttelte den Kopf. �Du fragst dich, wie man sich auf so etwas einlassen kann? Ehrlich gesagt, Abigail � ich kann mir das selbst nicht erkl�ren. Veronika war Realistin, sie wusste, wie es dr�ben zugegangen ist. Beziehungsweise zugeht. Lange Rede, kurzer Sinn: Sie war immer p�nktlich, nur nicht am Dreizehnten, wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>�Das hei�t, er hat sie �berredet, bei ihm in der Ostzone zu bleiben.�</p><p>�Ob Viktor sie �berredet, gezwungen, get�uscht oder anderweitig unter Druck gesetzt hat, wissen wir nicht. Tatsache ist, dass wir sie am Tag vor dem Mauerbau zum letzten Mal gesehen haben. An Weihnachten haben wir dann eine Karte bekommen, der zu entnehmen war, dass die beiden geheiratet haben. Kurz und b�ndig, ohne viele Worte zu machen. �Wir haben geheiratet, 21. Dezember 1961, Veronika und Viktor Kunersdorf�. Schluss, aus, Ende der Durchsage.�</p><p>�Kopf hoch, Lea � sie wird schon wissen, was sie tut.�</p><p>�Nicht so voreilig, Abigail, das war noch nicht alles.�</p><p>�Noch nicht alles? Was soll das ��</p><p>�Das bedeutet, es ist nicht gut gegangen.� Kurz davor, in Tr�nen auszubrechen, holte Lea tief Luft, nahm die Teekanne zur Hand und schenkte ihrer Schwiegermutter nach. �Vor ein paar Wochen, genauer gesagt am 12. April, haben wir dann eine weitere Nachricht erhalten. Auf Umwegen, wie ich der Klarheit halber betonen muss.�</p><p>�Sag blo�, sie haben sich getrennt!�</p><p>�Richtig. Veronika ist dahintergekommen, dass Viktor sie betrogen hatte, hat ihre Koffer gepackt und ist zu einer Bekannten und ihrem Mann gezogen. Das Prek�re daran: Durch die Hochzeit mit Viktor ist sie automatisch DDR-B�rgerin geworden.�</p><p>�Und sitzt jetzt dr�ben fest.�</p><p>Lea nickte. �Ohne Geld, ohne Wohnung, ohne Arbeit. Und ohne die geringste Chance, in den Westen zu gelangen. Einmal dr�ben, immer dr�ben.�</p><p>�Wie w�r�s, wenn sie einen Ausreiseantrag stellt?�</p><p>�So etwas gibt�s bei den Genossen nicht. Ausreise, wo k�men wir da hin!�</p><p>�Und was jetzt?�</p><p>�Dem Vernehmen nach hat sich Vroni an den Ostberliner Magistrat und im Anschluss daran sogar an den Ministerrat gewandt. Mal sehen, was dabei herauskommen ��</p><p>Heilfroh, unterbrochen zu werden, stand Lea auf und eilte an die T�r, von wo aus ihr das L�uten der Klingel entgegen scholl. �Ja bitte? Was gibt�s?�</p><p>Abigail Wentworth spitzte die Ohren, bekam au�er ged�mpftem Gemurmel jedoch nichts mit. Und so blieb sie einfach sitzen und trank in aller Ruhe ihren Tee.</p><p>Mehrere Minuten sp�ter, nachdem die Haust�r lautstark ins Schloss gefallen war, wurde es ihr schlie�lich zu bunt. Neugierde war zwar ein Fremdwort f�r sie, aber das hinderte sie nicht daran, nach dem Rechten zu sehen.</p><p>Das war auch gut so. Denn kaum hatte sie das Wohnzimmer betreten, traf ihr Blick auch schon auf ihre Schwiegertochter, welche mit dem R�cken zu ihr im Korridor stand.</p><p>�Der Bruder ihrer Bekannten�, fl�sterte Lea, den Kopf gesenkt und ohne sich nach Abigail umzudrehen, �lebt in Westberlin. Der Zufall wollte es, dass er seinem Schwager begegnet ist, der als Fahrer bei der S-Bahn[46] arbeitet und ihm aufgetragen hat, uns zu informieren.� Obwohl sie sich mit Macht dagegen str�ubte, brach Sydows Frau in Tr�nen aus und schluchzte: �Vor drei Tagen haben sie Veronika abgeholt.�</p><p>�Aber � aber das geht doch nicht. Sie hat doch nichts verbrochen.�</p><p>Die Antwort war ein bitteres Lachen. �Keine Sorge�, antwortete Sydows Frau und lie� sich auf den n�chstbesten Stuhl sinken, �den Genossen von der Stasi wird bestimmt etwas einfallen.�</p></section><section><p><strong>14</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Tiergarten, Luiseninsel &#x2502; 17:10 h</emphasis></p><p>�Sag mal, Theo�, ereiferte sich Sydow, der seine Wut nur mit M�he unterdr�cken konnte, �ist dir klar, auf was du dich da eingelassen hast?�</p><p>�Ja, ist es!�, bekr�ftigte Morell, der neben Sydow auf einer Parkbank sa� und mit betretener Miene vor sich hinstarrte. Die Luft ringsum war feucht und stickig, die Hainbuchenbl�tter und der Rhododendron triefnass. �Dazu braucht man keine Fantasie.�</p><p>�Wenn dem so ist, warum l�sst du es darauf ankommen?� Die Karteikarte vor Augen, die Morell ihm in die Hand gedr�ckt hatte, konnte sich Sydow eines Kopfsch�ttelns nicht erwehren. Klang doch das, was darauf geschrieben stand, so unwahrscheinlich, dass er minutenlang sprachlos gewesen war. Die Sprache hatte er mittlerweile zwar wiedergewonnen, die Fassung dagegen kaum. Wieder einmal, und das seit nunmehr 20 Jahren, war er mit einem Fall konfrontiert worden, dessen Aufkl�rung ihm eine Unmenge �rger und jede Menge neuer Feinde bescheren w�rde.</p><p>Und das war noch harmlos ausgedr�ckt. Wer so blau�ugig war, sich mit dem BND anzulegen, lief nicht nur Gefahr, den K�rzeren zu ziehen, sondern setzte, wie Morells Schicksal bewies, Leib und Leben aufs Spiel. �Tut mir leid, Theo, aber mir platzt jetzt gleich der Kragen. Mensch, Junge � bist du so naiv, oder tust du nur so? Ab sofort werden die Herren vom BND Jagd auf dich machen, Tag und Nacht, ohne R�cksicht auf Verluste.�</p><p>�Wei� ich, Tom, wei� ich.� Die Handfl�chen auf den Knien, blickte Morell stur geradeaus. �Nur gut, dass ich darin eine gewisse �bung habe.�</p><p>�Dein Humor in Ehren, aber ich f�rchte, das wird dir nichts n�tzen. Du hast dich mit Leuten angelegt, denen man besser nicht in die Quere kommt. Mit Ganoven, die ihr Handwerk verstehen. Oder glaubst du, die werden zusehen, wenn du das Zeugs hier verscherbelst? Ich will dir mal was sagen, mein Freund: Du kannst von Gl�ck sagen, dass sie dir nicht schon l�ngst eine Kugel durch den Kopf gejagt haben.�</p><p>�Keine Sorge, Tom. Das wird nicht passieren.�</p><p>�Da h�rt sich ja wohl alles auf! Da kommt dieser Traumt�nzer hinter das Staatsgeheimnis Nummer eins und tut so, als sei nichts geschehen.� Sydow sch�ttelte den Kopf, kurz davor, Morell sich selbst zu �berlassen. �Ich frage mich, was du dir dabei gedacht hast, Theo. Glaubst du, du kannst das Problem im Alleingang l�sen?�</p><p>�Ich will, dass diese Schweinerei publik wird, kapiert?�</p><p>�Und was ist mit dir? Mensch Theo, �berleg doch mal: Gegen die hast du nicht den Hauch einer Chance.� W�tend und ratlos zugleich, hob Sydow einen Kieselstein auf und schleuderte ihn ins Geb�sch. Inzwischen war es merklich w�rmer geworden, und aus dem Unterholz, auf das er den Blick richtete, stiegen hauchd�nne Dunstschwaden empor. Die Erde, aufgeweicht vom letzten Schauer, verstr�mte den Geruch von Moder, Gras und �berreifen Bl�ten, und w�re der Wind nicht gewesen, der in diesem Moment auffrischte, h�tte er es in seinem Anzug nicht mehr ausgehalten. �Teil eins der Trag�die: Die Verr�terin wird liquidiert. Teil zwei: Um Spuren zu verwischen, werden sowohl ihr Leichnam als auch s�mtliche Unterlagen, die sich im Besitz der Kollegen Peters und Miesbach befinden, konfisziert, besagte Kollegen zum Schweigen vergattert. Das riecht nicht nur nach �rger, Theo, das stinkt buchst�blich zum Himmel. Der Trag�die dritter Teil: Die Kollegen vom LKA, dazu auserkoren, die Dreckarbeit zu machen, werden daf�r sorgen, dass man Kroko und mir einen Maulkorb verpasst. Mit Billigung von j.w.o, damit alles seine Richtigkeit hat.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Anschlie�end, denke ich, werden sie sich Naujocks zur Brust nehmen und ihn zwingen, seine Fotos rauszur�cken. Auch hier, so steht zu vermuten, das gleiche Spiel: ein Verweis auf die Schweigepflicht, gekoppelt mit der Androhung von Konsequenzen. Oder sie versuchen es auf die sanfte Tour. Frei nach dem Motto: �Wenn du tust, was wir von dir verlangen, werden wir uns erkenntlich zeigen.� Denk doch mal nach, Theo! Wir beide wissen doch, wie das l�uft.�</p><p>�Mag sein, du hast recht. Dumm nur, dass ich nicht der einzige Tatzeuge bin.�</p><p>�Da kann ich dich beruhigen. Wie ich die kenne, werden sie nichts dem Zufall �berlassen. Als Erstes werden sie sich vermutlich deinen Chefredakteur vorkn�pfen. Und danach kommt der Herr Schlossg�rtner dran. Glaub mir, altes Haus: Die machen das nicht zum ersten Mal.�</p><p>�Irre ich mich, Tom, oder ist das LKA dazu da, Verbrechen aufzukl�ren?�</p><p>�Gott Jahwe erhalte dir deine Blau�ugigkeit. Was sch�tzt du, wie viele alte Kameraden befinden sich noch � oder wieder � in Diensten von Vater Staat? Ein paar Dutzend, Hunderte, Tausende � oder mehr?� Sydow machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. �Einmal SS, immer SS � darauf kannst du Gift nehmen.�</p><p>�Das Gleiche, Herr Hauptkommissar, hat mir Luise auch gesagt.�</p><p>�Na, dann wei�t du ja Bescheid.� Ohne auf das Knacken, das aus dem nahegelegenen Geb�sch drang, zu achten, warf Sydow einen Blick auf die Karteikarte, die er nach wie vor in der linken Hand hielt. ��Standartenf�hrer Eichmann befindet sich nicht in �gypten, sondern h�lt sich unter dem Decknamen Clemens in Argentinien auf. Die Adresse von E. ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung in Argentinien �Der Weg� bekannt.� Niedergeschrieben am 24. Juni 1952. Ich glaube, ich muss gleich kotzen.�</p><p>�Sag mir lieber, was ich tun soll.�</p><p>�Volle Deckung nehmen, was denn sonst?�</p><p>�Und die Karteikarte?�</p><p>�Der Stein, der alles ins Rollen gebracht hat? Mit deiner Erlaubnis werde ich ihn mir unter den Nagel rei�en.� Sydow warf Morell einen raschen Seitenblick zu, verpasste ihm einen Schubs und lie� das Dokument, hinter dem in K�rze nicht nur der BND, sondern vermutlich auch der Mossad und die CIA her sein w�rden, in seiner Brusttasche verschwinden. �Um Schlimmeres zu verh�ten, wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>�Damit wir uns richtig verstehen, Tom � mir ist klar, dass es Leute gibt, die nichts mehr f�rchten, als von Eichmann als Mitt�ter benannt zu werden. Parole: Lieber ein untergetauchter SS-Obersturmbannf�hrer als ein gest�ndiger Massenm�rder.� Morell griff nach seinem Flakon, setzte ihn an die Lippen und nahm einen kr�ftigen Schluck. �Logisch, dass die Herrschaften schlaflose N�chte haben.�</p><p>�Na also, dann sind wir uns ja ��</p><p>�Mir ist ebenso klar, dass es BND-Mitarbeiter gibt, die es vorziehen, Gras �ber die Vergangenheit wachsen zu lassen.�</p><p>�Genau meine Rede.�</p><p>�Eines aber, mein lieber Tom, kann ich mir �berhaupt nicht vorstellen.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Dass der Arm dieser Verbrecher so weit reicht, dass sie es fertigbringen, sowohl den Generalstaatsanwalt als auch das LKA f�r ihre Zwecke einzuspannen. Wenn das wahr w�re, Tom, dann ��</p><p>�Dann?�</p><p>�Dann w�ren wir wieder da, wo wir vor 17 Jahren aufgeh�rt haben. Dann w�re das Netz, das Himmler&amp; Co. gesponnen haben, immer noch intakt.�</p><p>�Gesetzt den Fall, es w�re so � w�rde dich das wundern?�</p><p>�Darauf m�chte ich jetzt nicht antworten.� Morell leerte den Flakon und steckte ihn wieder ein. �Auf die Gefahr, dass du mich f�r naiv h�ltst, Tom, aber ich bin der Meinung, dass die Zeiten, in denen die Organe dieses Landes aus M�rdern, Henkern und Sadisten bestanden, unwiderruflich vorbei ��</p><p>Nur ein Wort, und Morells �u�erung w�re komplett gewesen, nur ein einziges, aus vier Buchstaben bestehendes Wort. Mag sein, dass Morell es noch aussprach, hervorstie� oder mit letzter Kraft hervorw�rgte. An dem, was nun geschah, �nderte es jedoch nichts.</p><p>Fast schien es, als habe Morell nur innegehalten, in der Absicht, das Gesagte zu revidieren. Sa� er doch immer noch so da wie zuvor, die H�nde auf den Knien und die Augen auf die Marmorskulptur von K�nigin Luise gerichtet, welche hinter einer Linde hervorlugte. Um zu begreifen, dass der Eindruck trog, brauchte Sydow mehrere Sekunden, und als es so weit war, begann sich Morells Hemd bereits zu r�ten.</p><p>Starr vor Schreck, wanderte Sydows Blick nach links. Noch immer sa� Morell neben ihm, den Mund halb offen und den Kopf leicht zur Seite geneigt.</p><p>Sa� einfach da und r�hrte sich nicht von der Stelle.</p><p>Dann aber, eine halbe Ewigkeit sp�ter, sackte er in sich zusammen und fiel von der Bank.</p></section><section><p><strong>15</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Redaktion der gr��ten Boulevardzeitung Berlins &#x2502; 17:25 h</emphasis></p><p>�Muss das sein, dass Sie ausgerechnet jetzt aufkreuzen? Sie sehen doch, ich habe zu tun!�</p><p>�Dann sitzen wir ja im gleichen Boot.� Ohne abzuwarten, bis ihn der Chefredakteur von Berlins gr��ter Boulevardzeitung dazu einlud, lie� sich Krokowski auf den n�chstbesten Sessel fallen, z�ckte seinen Notizblock und schlug mit ostentativer Gelassenheit die Beine �bereinander. Das Beste war, sich erst einmal in Geduld zu �ben, und wenn er etwas beherrschte, dann die Kunst, mit Kunden dieses Schlages umzugehen. �Sie wissen doch � geteiltes Leid ist halbes Leid.�</p><p>�Sie sind doch nicht gekommen, um sich bei mir auszuheulen, oder?�, blaffte der Chefredakteur, Krokowskis Sch�tzung zufolge h�chstens 35 Jahre alt. �Das w�re ja was ganz Neues.�</p><p>�Nein, Herr von Westerburg�, erwiderte Krokowski mit einem ebenso undurchsichtigen wie auch k�nstlichen L�cheln und lie� den Blick durch das B�ro des Chefredakteurs schweifen. �Wenn hier jemand in Tr�nen ausbrechen m�sste, dann Sie.�</p><p>�Wieso denn?�</p><p>Rein �u�erlich die Ruhe selbst, fiel es Krokowski schwer, den r�den Tonfall zu ignorieren. Dieser Maulheld war ihm von Anbeginn unsympathisch gewesen, und das nicht nur aufgrund des unfreundlichen Empfangs. J�rg von Westerburg hatte einfach das Pech, all das zu verk�rpern, was ihn auf die Palme brachte, angefangen beim Zigarettenrauch, dessen Geruch seinem Anzug anhaftete, bis hin zu seinem Auftreten, das demjenigen eines nassforschen Korpsstudenten entsprach. Das Gleiche galt f�r sein Aussehen. Westerburg war gro�, drahtig und so sehr von sich eingenommen, das seine Duldsamkeit auf eine harte Probe gestellt wurde. Dar�ber hinaus hatte er blondes, zu einem B�rstenschnitt zurechtgestutztes Haar, eine Narbe im Gesicht und einen Blick, der vor �berheblichkeit nur so strotzte. �Wieso, fragen Sie? Na sch�n: Es geht um Theodor Morell.�</p><p>�Ja und � was ist mit ihm?�</p><p>Krokowski konnte es nicht ausstehen, wenn er von oben herab behandelt wurde. Und er konnte es ebenfalls nicht ausstehen, wenn man versuchte, ihn an der Nase herumzuf�hren. Ein Umstand, den Westerburg zu sp�ren bekam: �Ich w�rde vorschlagen, Herr von Westerburg ��, entgegnete er, wobei er das �von� im Namen seines Widersachers deutlich betonte und einen ungleich sch�rferen Tonfall anschlug, �ich w�rde vorschlagen, Sie verzichten darauf, mir eine Kom�die vorzuspielen.� Als Zeichen, dass seine Geduld ersch�pft war, z�ckte Krokowski seinen Bleistift und sah sein Gegen�ber mit gerunzelten Brauen an. Dann d�mpfte er die Stimme und sagte: �Wie mittlerweile bekannt wurde, ist Theodor Morell, einer ihrer Mitarbeiter, Zeuge eines Gewaltverbrechens geworden.�</p><p>�Davon wei� ich nichts.�</p><p>�Wenn jemand wei�, wann, wo und von wem in Berlin ein Verbrechen ver�bt worden ist, dann Sie, oder? Ist ja schlie�lich Ihr Job, die Welt mit Sensationen zu beliefern.�</p><p>Der Hieb sa�. Gerade eben noch die Arroganz in Person, lie� Westerburg den Aktenstapel, den er in der Hand gehalten hatte, auf seinen Schreibtisch und sich selbst auf den dahinter befindlichen Ledersessel sinken. �Das muss ich mir nicht gefallen ��</p><p>�Sie werden staunen, Herr Chefredakteur, was man sich von der Polizei so alles gefallen lassen muss.�</p><p>�Soll das etwa eine Drohung sein?�</p><p>�Wo denken Sie hin, wir sind ja nicht bei einem Verh�r.� Krokowski setzte ein treuherziges L�cheln auf, und obwohl es nicht seine Art war, genoss er die Situation in vollen Z�gen. �Also: Wann genau haben Sie zum letzten Mal mit ihm gesprochen?�</p><p>�Mit Morell? Heute Morgen.�</p><p>�Uhrzeit?�</p><p>�So leid es mir tut, das kann ich nicht genau sagen.� Der Chefredakteur beugte sich nach vorn, nahm die Pose des wohlmeinenden Ratgebers ein und verk�ndete: �Wissen Sie, Herr ��</p><p>�Kriminalkommissar.�</p><p>�Wissen Sie, als Chefredakteur kann man sich �ber einen Mangel an Besch�ftigung nicht beklagen. Da hat man nicht die Zeit, den Kontrolleur zu spielen.�</p><p>�Mit anderen Worten: Sie lassen Ihren Mitarbeitern freie Hand.�</p><p>�Das wollte ich damit nicht sagen�, knirschte Westerburg, kurz davor, aus der Haut zu fahren. �Ich kann mich eben nicht um alles k�mmern.�</p><p>�Das sollen Sie auch nicht, Herr von Westerburg.� Des Katz-und-Maus-Spiels m�de, warf Krokowski den Notizblock auf den blank polierten Nierentisch, der den Mittelpunkt einer an H�sslichkeit nicht zu �berbietenden Sitzgruppe bildete, richtete sich auf und sah den Chefredakteur mit gerunzelten Brauen an. �Alles, worum ich Sie bitte, w�re, mit mir an einem Strang zu ziehen. Also: Wem oder was war Morell auf der Spur?�</p><p>�Ob Sie�s glauben oder nicht: Ich habe keine Ahnung.� Darauf bedacht, seine Verlegenheit zu �berspielen, nahm der Chefredakteur die aktuelle Ausgabe seines Blattes zur Hand, faltete sie auseinander und gab vor, die Schlagzeilen auf der Titelseite zu �berfliegen. �Sie sehen doch: Bis ich dazu komme, Zeitung zu lesen, ist der Markt l�ngst verlaufen.�</p><p>�Wo Sie recht haben, Herr Westerburg, haben Sie recht!�, warf Krokowski halb l�ssig, halb ungehalten ein und widmete sich dem korrekten Sitz seiner Fliege. Dann aber, von einem Moment auf den anderen, lie� er von ihr ab und erhob sich so pl�tzlich, dass Westerburg erschrocken aufblickte. �Apropos � wie gut kennen Sie ihn eigentlich?�</p><p>�Morell? Gut genug, um zu wissen, dass er getrunken, mit Geld nur so um sich geworfen und s�mtlichen Damen im Umkreis von zehn Kilometern den Hof gemacht hat.�</p><p>�Na und � ist das etwa verboten?�</p><p>�Nat�rlich nicht.� Das Gesicht voller H�me, faltete Westerburg die Zeitung wieder zusammen, st�tzte die Ellbogen auf die Tischkante und sah den Kripo-Beamten, dem er am liebsten einen Haken verpasst h�tte, mit zusammengepressten Lippen an. �Das kann jeder halten, wie er will. Hauptsache, er macht seine Arbeit.�</p><p>�Das hat er doch wohl getan, oder?�</p><p>�Mehr oder weniger.�</p><p>�Kurz und gut, Sie wissen nicht, womit Theodor Morell zum Tatzeitpunkt � sprich: heute Mittag kurz nach zw�lf � besch�ftigt war.�</p><p>�Bedaure, Herr Kommissar, das kann ich Ihnen leider nicht ��</p><p>�Jetzt h�ren Sie mir mal gut zu, Herr Chefredakteur�, fuhr Krokowski dazwischen, dem Schreibtisch und der Kollektion von Pfeifenhaltern, welche die H�lfte davon in Anspruch nahm, bedrohlich nah, �wenn Sie denken, ich lasse mich an der Nase herumf�hren, befinden Sie sich im Irrtum. Ich kann auch anders, Herr von Westerburg, glauben Sie mir.�</p><p>�Hei�t das, Sie wollen mir drohen?�</p><p>�Das hei�t �berhaupt nichts. Au�er vielleicht, dass ich Ihnen rate, mit der Wahrheit herauszur�cken. Wenn nicht, sehen wir uns morgen wieder. <emphasis>Im Pr�sidium</emphasis>.�</p><p>�Das ist ja wohl die H�he! Verlassen Sie auf der Stelle mein B�ro, sonst werde ich mich �ber Sie be��</p><p>�Na sch�n, offenbar wollen Sie es nicht anders.� Die H�nde auf der Schreibtischkante, lie� Krokowski sein Gegen�ber nicht zu Wort kommen und erg�nzte: �Damit Sie informiert sind, Herr von Westerburg � dank meiner Recherchen im Hotel �Excelsior� l�sst sich zweifelsfrei nachweisen, dass das Mordopfer am heutigen Donnerstag um Viertel nach acht ein kurzes Telefonat gef�hrt hat. Via Zimmertelefon, versteht sich. Und jetzt raten Sie mal, mit wem.�</p><p>Von Westerburg kniff die Augen zusammen und schwieg.</p><p>�Na also, jetzt kommen wir der Sache schon n�her.� Krokowski richtete sich wieder auf, winkelte die Arme an und sagte: �Auf ein Neues, Herr Chefredakteur. Worum ist es in dem Gespr�ch mit der Dame gegangen? Reden Sie, bevor ich endg�ltig die Geduld verliere!�</p><p>Kalkwei� im Gesicht, schraubte sich Westerburg in die H�he, umrundete den Schreibtisch und trat Krokowski von Angesicht zu Angesicht gegen�ber. �Einen Teufel werde ich tun�, zischte er, �und wissen Sie auch, warum?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Weil ich vor zehn Minuten Besuch vom LKA hatte. Glauben Sie, ich habe Lust, mich mit denen anzulegen?�</p></section><section><p><strong>16</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Hauptsitz der Berliner Bank in der Hardenbergstra�e &#x2502; 17:55 h</emphasis></p><p>Es kam selten vor, dass er sich nach Schalterschluss noch in der Bank aufhielt, und noch seltener, dass er Kundengespr�che f�hrte. Mit so etwas gab er sich nicht ab, vor allem, wenn bei den Betreffenden nichts zu holen war.</p><p>Bei Mrs. Fitzpatrick, der charmanten und obendrein attraktiven Texanerin auf dem Cordsofa gegen�ber, war das nat�rlich etwas anderes. Zugegeben, sie gefiel ihm, aber das allein war nicht der Grund, weshalb er von seinen Prinzipien abgewichen war. Mrs. Fitzpatrick war schwerreich, besa�, wie es im Volksmund hie�, Geld wie Heu. Das verband, wenngleich sich sein Kontostand mit demjenigen seiner Gespr�chspartnerin nicht messen konnte. Helen Fitzpatrick aus La Grange/Texas war vielfache Million�rin, seit Kurzem verwitwet und daran interessiert, das Geld ihres in der Landmaschinenbranche t�tigen Gatten gewinnbringend anzulegen. Diesbez�glich war sie bei ihm genau richtig, nicht nur, weil 10 Millionen Dollar zus�tzliches Gesch�ftskapital ungeahnte Perspektiven er�ffneten, sondern weil die Provision, die er einstrich, im sechsstelligen Bereich liegen w�rde. Der Beruf des Bankdirektors hatte eben so seine Vorteile, und er w�re verr�ckt gewesen, wenn er sie sich nicht zunutze gemacht h�tte. Aus diesem Grund ging heute die Arbeit vor, der B�roleiter des Innensenators, mit dem er um sechs zu einem Tennismatch verabredet war, konnte warten.</p><p>Herbert O. Br�ggemann, Vorstandsvorsitzender der Berliner Bank, rieb sich insgeheim die H�nde. Er w�rde diese Frau um den Finger wickeln, das stand f�r ihn au�er Frage. Dass er es war, der um den Finger gewickelt wurde, kam ihm dabei nicht in den Sinn. Auch nicht, dass die Naivit�t seiner Kundin nur eine Masche und er, der M�chtegern-Charmeur, nur Mittel zum Zweck f�r sie war. Br�ggemann hing f�rmlich an ihren Lippen, und nichts, schon gar nicht ihr deutscher Akzent, war dazu angetan, sein Misstrauen zu erwecken. Bei einer derartigen Summe stellte man keine Fragen, in seiner Branche war das ehernes Gesetz.</p><p>�Kann ich sonst noch etwas f�r Sie tun, gn�dige Frau?�, s�uselte Br�ggemann, nachdem s�mtliche Papiere unterzeichnet, der gesch�ftliche Teil der Unterredung beendet und die Champagnerflasche f�r die besonderen Anl�sse entkorkt worden war. �Es w�re mir eine Freude, Ihnen unter die Arme greifen zu k�nnen. Nur keine Scheu, verf�gen Sie �ber mich.�</p><p>�Das ist wirklich reizend von Ihnen, Herr Direktor�, antwortete seine Kundin und l�chelte, dass ihm abwechselnd hei� und kalt wurde. Br�ggemann l�chelte zur�ck, kurz davor, sie zum Abendessen einzuladen. �Falls n�tig, werde ich auf Ihr Angebot zur�ckkommen.�</p><p>�Auf Ihr Wohl, Mrs. Fitzpatrick.�</p><p>�Prosit, Herr Direktor�, antwortete die k�hle Blonde, schob ihre Brille nach unten und blinzelte ihn kokett an. �Und danke, dass Sie sich Zeit f�r mich genommen haben.�</p><p>�Aber das war doch selbstverst�ndlich!�, beteuerte der vierfache Familienvater, wie so viele, die mit ihr zu tun hatten, in den Bann der vermeintlichen Amerikanerin gezogen. �F�r eine Kundin wie Sie w�rde ich alles tun.�</p><p>�Das glaube ich Ihnen aufs Wort�, versetzte sein Gegen�ber in einem Tonfall, der manch anderen h�tte hellh�rig werden lassen. Da Br�ggemann jedoch so t�richt war, ihr Gebaren f�r bare M�nze zu nehmen, nahm er die unterschwellige Ironie nicht wahr. �Hoffen wir, dass unsere Gesch�ftsbeziehung Fr�chte tragen wird.�</p><p>�Das wird sie zweifellos. Bevor ich es vergesse, Mrs. ��</p><p>�Nennen Sie mich einfach Helen, Herr Direktor. Wir Amerikaner legen auf Etikette nicht viel Wert.�</p><p>Auf einen Schlag um 40 Jahre j�nger, rang der 57-j�hrige, viel zu korpulente, viel zu vertrauensselige und mit einem �berma� an Naivit�t gesegnete Vorstandsvorsitzende der Berliner Bank nach Worten. �Es � w�re mir eine Ehre�, stammelte er und m�hte sich redlich, nicht den Faden zu verlieren. �Wann, denken Sie, wird Ihre �berweisung bei uns eintreffen?�</p><p>�In ein, zwei Tagen!�, lautete die Antwort der Million�rsgattin, die es sichtlich genoss, hofiert zu werden. �Hoffen wir, dass nichts dazwischenkommt.�</p><p>�Dazwischen�?�</p><p>�Keine Sorge, Herr Br�ggemann, ich stehe zu meinem Wort.�</p><p>�Daran hege ich nicht den geringsten Zweifel, gn�dige Frau.�</p><p>�Helen.�</p><p>�Wie dumm von mir � soll nicht wieder vorkommen.�</p><p>�Das will ich hoffen!�, antwortete die Frau, bei deren Anblick sich Br�ggemanns Grunds�tze in nichts aufl�sten, allen voran die moralischen, die der �berzeugte Christdemokrat nicht m�de wurde zu verk�nden. Dann streifte sie ihre dunklen Handschuhe �ber. �So, jetzt muss ich aber gehen.�</p><p>Was � jetzt schon?, durchfuhr es den verhinderten Don Juan, im Begriff, seiner Gespr�chspartnerin einzuschenken. Die Entt�uschung stand ihm ins Gesicht geschrieben, was seiner Kundin, die ihre Ank�ndigung wahr machte und sich erhob, ein am�siertes L�cheln entlockte. �Und der Champagner?�, begehrte Br�ggemann auf, nie zuvor derart unsanft aus seinen Tr�umen gerissen, und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. �Was ist mit dem?�</p><p>�Den heben wir uns f�r sp�ter auf. Aber nur, falls Sie das in Sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen.�</p><p>*</p><p>Im Begriff, das B�rohochhaus an der Hardenbergstra�e zu verlassen, konnte Helen Fitzpatrick alias Agnes von Sydow ihre Freude kaum z�geln. Welch Gl�ck, an einen Trottel wie diesen Br�ggemann geraten zu sein. Das hatte sie sich schwieriger vorgestellt.</p><p>Weitaus schwieriger sogar.</p><p>Ein L�cheln im Gesicht, das ausnahmsweise einmal echt war, spannte die 42-j�hrige Expertin in Sachen M�nnertr�ume ihren Regenschirm auf, bog nach links und reihte sich in den Strom der Passanten ein, die eiligen Schrittes dem Bahnhof Zoo zustrebten. Es war Feierabendzeit, und da es in Str�men regnete, war den meisten, denen sie begegnete, der Missmut ins Gesicht geschrieben.</p><p>Ganz anders bei ihr, auf der auch hier, im dichten Gew�hl, neugierige Blicke ruhten. Agnes von Sydow schien es nicht zu bemerken, sah weder nach rechts noch nach links und fand Gefallen daran, wenn die Leute sie anstarrten und ihr instinktiv den Weg freigaben. Das war fast immer so gewesen, ob auf der Stra�e oder, wichtiger noch, im �bertragenen Sinn. Hindernisse waren dazu da, um aus dem Weg ger�umt zu werden, kein Mensch, und sei er noch so gerissen, w�rde sie und ihre Helfershelfer aufhalten k�nnen.</p><p>Die Tage, w�hrend denen man auf der Hut sein musste, waren vor�ber, die Zeit der Versteckspiele vorbei. Es galt, wieder etwas zu riskieren, Einfluss zu gewinnen, Boden gutzumachen. Nur so w�rde es m�glich sein, den Leuten die Augen zu �ffnen und die Ideen, f�r die der F�hrer gek�mpft hatte, wiederaufleben zu lassen. Der Blick der blonden Circe verkl�rte sich, und w�hrend sie die Fasanenstra�e �berquerte, trat ein Ausdruck von Entschlossenheit in ihr Gesicht. Noch war es nicht zu sp�t, um das Vaterland vom Joch der Alliierten zu befreien, noch war es m�glich, seine Ehre wiederherzustellen. Einzig und allein darauf kam es an, und was sie betraf, w�rde sie nichts unversucht lassen, ihre Aufgabe zu erf�llen.</p><p>Zufrieden mit sich, dem gelungenen Coup und den Aussichten, die sich dadurch er�ffneten, wurde die Frau in Schwarz von klammheimlicher Freude erf�llt. Auf Umwegen, die niemand nachvollziehen konnte, w�rden weitere Millionen auf ihr Konto und von dort aus in die Taschen diverser Handlanger flie�en. Millionen, die kurz vor Kriegsende ins Ausland transferiert und von Parteigenossen, auf die man sich verlassen konnte, in S�damerika gewaschen worden waren.</p><p>Im Grunde war alles kinderleicht gewesen: Ihr Mann, ahnungslos bis zuletzt, hatte seine Produkte an argentinische Firmen verscherbelt. M�hdrescher, Traktoren, Sprinkleranlagen, alles, was das Herz begehrte. Diese Firmen waren fest in deutscher Hand, entweder weil ehemalige Kameraden Schl�sselpositionen bekleideten oder weil die zu Tausenden z�hlende deutsche Kolonie reichlich Geld hineineingesteckt hatte. Wessen Geld, wollte im �brigen niemand wissen. Unter Peron, der ein Jahr nach dem Krieg an die Macht gekommen war, konnte man das getrost riskieren. Der Pr�sident stand nicht gerade im Ruf, deutschfeindlich zu sein, ja, es gab sogar Firmen, die eigens dazu gegr�ndet worden waren, um untergetauchte Kameraden zu besch�ftigen. Von daher lag es nahe, gerade in solche Betriebe zu investieren, zum einen, weil man mithalf, in Not geratene Landsleute zu unterst�tzen, zum anderen, weil man die Besitzer vor den eigenen Karren spannen wollte.</p><p>Genau das hatte sie getan, ohne Wissen und Zustimmung ihres Mannes, der ihr nahezu blind vertraut hatte. Es war ein Kinderspiel gewesen, in der Tat, leichter, als sie es sich je h�tte tr�umen lassen. Big Fitz, der einf�ltige Herr Gemahl, hatte geliefert, seine Gesch�ftspartner hatten die Ware bezahlt, weiterverkauft und einen Teil des Gewinns auf Schweizer Konten flie�en lassen. Eine Hand wusch die andere, so war es dort guter Brauch.</p><p>Das Beste daran: Kein Mensch hatte Verdacht gesch�pft, am allerwenigsten ihr Mann, der sich eingebildet hatte, ein erfolgreicher Gesch�ftsmann zu sein. Dass sie es war, welche die F�den zog, war ihm verborgen geblieben, und sie hatte einen Teufel getan, ihm die Illusion zu rauben. Wichtig war, dass Fitzpatrick &amp; Sons expandierte, denn nur so war es m�glich gewesen, den s�damerikanischen Partnern satte Gewinne zu bescheren. Gewinne, welche die Konten von ODESSA[47], ihres Auftraggebers, um etliche Millionen bereichert und es so gut wie unm�glich gemacht hatten, die Spur der kurz vor Kriegsende ins Ausland transferierten Gelder zu verfolgen, geschweige denn, ihrer habhaft zu werden.</p><p>Die Zeit war gekommen, diese Gewinne zu investieren, am besten dort, wo man sich den gr��ten Nutzen versprach. Vergn�gt wie selten, lachte Sydows Schwester auf. Wo anders w�ren die Gelder besser aufgehoben als hier, in einem Land, dessen Wirtschaftsaufschwung die Welt in Erstaunen versetzte? Dadurch konnte man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, wobei die Parole lautete, dass Rendite nicht alles war. Weitaus wichtiger und, zumindest auf lange Sicht, erfolgversprechender war n�mlich etwas anderes. Mit jeder Million, die nach Berlin oder in den Satellitenstaat namens Bundesrepublik floss, w�rde sich der Einfluss ihrer Organisation vergr��ern. Risiko: gleich null. So lange es Idioten wie diesen Br�ggemann gab, hatten sie und die Kameraden nichts zu bef�rchten. Je mehr Geld, desto mehr Macht, je mehr Macht, desto gr��er die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Strategie dereinst Fr�chte tragen w�rde. Nat�rlich w�rden nicht nur die Banken etwas vom Kuchen abbekommen, sondern alle jene, auf die man am Tag X z�hlen w�rde. Radiosender, Zeitungen, Verlage, das Fernsehen, was das betraf, wartete ein reiches Bet�tigungsfeld auf sie.</p><p>Nicht au�er Acht lassen durfte man diesbez�glich die Politiker, und hier wiederum all jene, deren Vergangenheit vertuscht worden war. Viele von ihnen hatten es wieder zu etwas gebracht, die eine oder andere Gratifikation, und sie w�ren wie Wachs in ihren H�nden. Fast noch wichtiger und, wie der Fall Eichmann lehrte, geradezu unverzichtbar waren dar�ber hinaus die Justizbeamten. Vor allem solche, bei denen man davon ausgehen konnte, dass ihre vaterl�ndische Einstellung keinen Schaden genommen hatte. Stand doch zu bef�rchten, dass Eichmann nur die Spitze des Eisberges war, und dass es in den kommenden Jahren zu weiteren Prozessen gegen ehemalige Kameraden kommen w�rde. Darauf musste man vorbereitet sein, und sei es nur, um die Herren Richter gn�dig zu stimmen. Oder um das Gehalt eines Staatsanwalts, der als Ankl�ger bei Kriegsverbrecherprozessen fungierte, ein wenig aufzubessern. Bisweilen wirkten Gef�lligkeiten wahre Wunder, zumal, wie das r�mische Sprichwort sagte, Geld nicht zu riechen pflegte[48].</p><p>Vor dem Bahnhof Zoo angelangt, hielt Agnes von Sydow kurz inne. Mittlerweile hatte es aufgeh�rt zu regnen, und da es zu fr�h war, ins Hotel zur�ckzukehren, beschloss sie, noch ein wenig �ber den Ku�damm zu bummeln. Das Wetter war zwar alles andere als ideal, f�r einen Blick in die Schaufenster jedoch gut genug.</p><p>Nicht lange, und Agnes von Sydow bereute ihren Entschluss. Von New York, ihrem Zweitwohnsitz, war sie Besseres gewohnt und sie fragte sich, was an Berlins Vorzeigemeile Besonderes war. Theater, ein paar Gesch�fte, die nicht hielten, was ihr Name versprach, das Kranzler, in dem sich die Biederm�nner die Klinke in die Hand gaben und Kinos, in denen Heimatschnulzen auf dem Programm standen. Nein, dies war nicht mehr das Berlin, welches sie kannte, das war beinahe schon provinziell. Die Zeiten, in denen hier etwas geboten wurde, waren vorbei, h�chste Zeit, das Steuer herumzurei�en.</p><p>Und h�chste Zeit, wieder ins Hotel zur�ckzukehren. Sie hatte genug gesehen, mehr als genug. Die Stadt, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte, war kaum noch wiederzuerkennen, und es war fraglich, wie lange sie sich noch �ber Wasser halten konnte. Auf Adenauer war kein Verlass, das hatte der Mauerbau gezeigt. Und die Russen? Nun, was das betraf, stand fest, dass die Zeit f�r den Bolschewismus arbeiten w�rde, es sei denn, Kennedy w�rde endlich Ernst machen.</p><p>Dazu, f�rchtete sie, w�rde es jedoch nicht kommen. L�ngst nicht mehr so euphorisch wie zuvor, machte Agnes von Sydow auf dem Absatz kehrt und trat den R�ckweg zum Breitscheidplatz an. Kurz nach halb sieben, Zeit f�r ein warmes Bad, einen Cocktail in der Bar und den einen oder anderen Flirt, um ihre schlechte Stimmung zu vertreiben.</p><p>Dass diese binnen Kurzem auf den Nullpunkt sinken w�rde, konnte sie nicht ahnen. Auch dann nicht, als sie die Lobby betrat, ein gezwungenes L�cheln aufsetzte und ein paar Worte mit dem Empfangschef wechselte, um anschlie�end Richtung Aufzug zu entschwinden.</p><p>Dort kam sie jedoch nicht an, sondern blieb unverrichteter Dinge stehen. Schuld daran war nicht etwa ein aufdringlicher Kavalier, sondern ein �lterer Herr, der mit dem R�cken zu ihr auf einem Sessel sa�. Er war so sehr in die Lekt�re der Abendzeitung vertieft, dass er nicht bemerkte, wie sie ruckartig stehenblieb, sich von hinten n�herte und mit wutentbrannter Miene �ber seine Schulter stierte.</p><p>Erst als er ihren Atem im Nacken sp�rte, drehte sich der in den Siebzigern befindliche Hotelgast um und sah die Frau, deren Blick ihn f�rmlich zu durchdringen schien, mit gerunzelten Brauen an. �Sie w�nschen, gn�dige Frau?� Die Frage lag ihm auf der Zunge, und w�re ihm sein Gegen�ber nicht zuvorgekommen, h�tte er sich die Gelegenheit, ein paar Worte mit ihr zu wechseln, nicht entgehen lassen.</p><p>Dazu sollte es jedoch nicht kommen. Den Blick auf der Zeitung, die er immer noch in H�nden hielt, r�hrte sich die mysteri�se Sch�nheit nicht von der Stelle. Schon dachte er, mit ihr sei etwas nicht in Ordnung, als sie pl�tzlich zu sprechen begann.</p><p>Worte, die so hasserf�llt klangen, das es ihm eiskalt den R�cken hinunterlief: �Na warte, Bruderherz, daf�r wirst du mir b��en. Ich werde mit dir abrechnen, verlass dich drauf!�</p></section><section><p><strong>Die Akte Eichmann</strong></p><empty-line/><p>�Berlin <emphasis>taz</emphasis> &#x2502;Der bundesdeutsche Geheimdienst wusste bereits im Jahre 1952, dass der gesuchte Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann in Argentinien lebte, unternahm aber nichts. Das geht aus einer Karteikarte des Bundesnachrichtendienstes (BND) hervor, die <emphasis>Bild</emphasis> am Samstag ver�ffentlichte. Danach war der �Organisation Gehlen�, dem Vorg�nger des BND, auch bekannt, wie man die Adresse Eichmanns h�tte herausfinden k�nnen: �Die Adresse von E. ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung �Der Weg� bekannt�, hei�t es auf der Karte. Als Deckname des ehemaligen SS-Obersturmbannf�hrers nennt die BND-Karteikarte �Clemens�. Tats�chlich nannte sich der Organisator des Mordes an sechs Millionen Juden im SS-Reichssicherheitshauptamt damals Ricardo Clement.</p><p>Die BND-Informationen blieben f�r Eichmann ohne Folgen.�</p><p>(Aus: <emphasis>taz.de</emphasis> [09.01.2011])</p><p>�Auch wenn bis heute nur ein kleiner Teil der angelegten Akten bundesdeutscher Institutionen zug�nglich ist, geht aus diesem Material doch hervor, dass man das Schlimmste bef�rchtete. Eichmann war wieder da, und mit ihm mehr als ein Schatten der Vergangenheit.�</p><p>(Aus: Bettina Stangneth, <emphasis>Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenm�rders</emphasis>, Z�rich-Hamburg 2011, S. 451)</p></section><section><p><strong>Viertes Kapitel</strong></p><empty-line/><p><emphasis>(Berlin, Donnerstag, 31. Mai 1962)</emphasis></p></section><section><p><strong>17</strong></p><empty-line/><p><emphasis>St�dtisches Krankenhaus Moabit, Notaufnahme &#x2502; 18:30 h</emphasis></p><p>�Na, du machst vielleicht Sachen!�, rief Sydow aus, als er den wei� gekachelten Aufwachraum betrat, in den Morell nach der Operation gebracht worden war. �Mach blo� nicht schlapp, sonst kriegst du es mit mir zu tun.�</p><p>Der Boulevardreporter l�chelte matt, die linke Schulter bandagiert und den Hinterkopf auf der Fl�che der rechten Hand. �Wenn hier einer was gemacht hat, dann doch wohl diese Folterknechte vom ��, begann er, bevor er innehielt und sich mit Blick auf die OP-Schwester und den Oberarzt eines Besseren besann. �Es geht doch nichts �ber eine robuste Konstitution, oder?�</p><p>�Tja, Unkraut vergeht nicht.� Das war nicht gerade charmant, was er da sagte, und der Blick der Oberschwester verriet, wie ungn�dig Sydows Bemerkung aufgenommen worden war. Morell, nachdenklicher als sonst, nahm es dagegen mit Humor, wie das am�sierte Zucken seines Mundwinkels bewies. �Schwein gehabt, rasender Reporter.�</p><p>�Das k�nnen Sie aber laut sagen, Herr Kriminalhauptkommissar�, kam der Oberarzt Morell zuvor, zwar noch recht jung, aber offenbar so kompetent, dass er mit der Leitung der chirurgischen Abteilung betraut worden war. �Ein paar Zentimeter weiter links, und die Kugel h�tte die Aorta durchschlagen. In diesem Fall, f�rchte ich, w�re jede Hilfe zu sp�t gekommen. Sie m�ssen einen Schutzengel haben, Herr Morell. So viel Dusel hat man nicht oft im Leben.�</p><p>�Kommt drauf an, was Sie unter Dusel verstehen.� Morell machte Anstalten, sich aufzurichten, doch bevor er seine Absicht in die Tat umsetzen konnte, war die Schwester zur Stelle und dr�ckte ihn sanft, aber bestimmt auf das Krankenlager zur�ck. Die nur um wenige Jahre j�ngere, schmalgesichtige und �beraus resolute Vertreterin der Spezies �harte Schale, weicher Kern� hatte ihn unter ihren pers�nlichen Schutz genommen, was Sydow, der bereitwillig zur Seite trat, ein vergn�gtes L�cheln entlockte. �Wie dem auch sei, danke f�r Ihre Bem�hungen, Herr Doktor.�</p><p>�Nichts zu danken, Herr ��, erwiderte der Oberarzt, gerade einmal 34, schlank und an den Schl�fen nahezu vollkommen grau, und warf einen Blick in die Kladde, welche er an seine Brust gepresst hatte.</p><p>�Rosenzweig, David Rosenzweig.�</p><p>�Merkw�rdig.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Aus dem Presseausweis, der sich in Ihrem Jackett befand, geht hervor, dass ��</p><p>�Morell ist nur ein Pseudonym, Herr Doktor.� Morell wandte den Kopf ab und starrte an die gegen�berliegende Wand. �Reine Vorsichtsma�nahme � Sie verstehen.�</p><p>�Pseudonym oder nicht, gen�tzt hat es Ihnen nichts.� Der Oberarzt hob den Kopf und warf Sydow, der sich ihm gegen�ber �u�erst zugekn�pft gab, einen forschenden Seitenblick zu. Dieser hielt sich jedoch bedeckt, in Gedanken immer noch bei dem Schusswechsel, den er sich mit dem Killer, der auf Morell angesetzt worden war, geliefert hatte. Zwar war es ihm gelungen, das Schlimmste zu verh�ten, zu mehr hatte es jedoch nicht gereicht. Der Heckensch�tze war entkommen, wie vom Erdboden verschluckt.</p><p>Wer hinter der Sache steckte, lag auf der Hand. Das Gleiche galt f�r das Tatmotiv. Morell, so lautete offenbar die Devise, musste sterben, und das beinahe um jeden Preis. Wenn nicht heute, dann in naher Zukunft, sobald sich die passende Gelegenheit bot.</p><p>So weit w�rde er, Sydow, es jedoch nicht kommen lassen. �Sie sagen es, Herr Doktor�, beschied er den Oberarzt, bevor er sich an die Adresse der nicht minder besorgten Oberschwester wandte. �Ich beabsichtige, Herrn Morell unter Polizeischutz zu stellen�, sagte er, und er sagte es so, dass sie nicht wagte, Einw�nde zu erheben. �Sie haben doch nichts dagegen, oder?�</p><p>�Nein, Herr Kommissar.�</p><p>�Sehr sch�n. Dann werde ich das Pr�sidium bitten, ein paar Beamte herzuschicken. Damit wir uns richtig verstehen, Schwester: Kein Besuch ohne meine ausdr�ckliche Zustimmung, es sei denn, es handelt sich um Klinikpersonal. Noch irgendwelche Fragen?�</p><p>Knallrot im Gesicht, �ffnete die Angesprochene den Mund, schnappte nach Luft � und verneinte.</p><p>Ganz anders der Oberarzt, welcher die Neugier, die ihn plagte, einfach nicht bez�hmen konnte. �Aber ich!�, verk�ndete er forsch, die Kladde in der rechten Hand. �Ich finde, als Oberarzt habe ich ein Recht, �ber alles Bescheid zu ��</p><p>�Bei allem Respekt f�r Ihre F�higkeiten, Herr Doktor Brahms, aber das haben Sie nicht�, fuhr ihm Sydow in die Parade, im Begriff, seinen Unmut an der falschen Stelle auszulassen. Ein Grund, weshalb er in vers�hnlichem Tonfall hinzuf�gte: �Damit wir uns richtig verstehen: Mit den Herrschaften, welche es auf Herrn Morell abgesehen haben, ist nicht ��</p><p>�Rosenzweig.�</p><p>�Wo Sie recht haben, sollen Sie es auch behalten, Herr Doktor Brahms.� Ohne um Erlaubnis zu fragen, nahm Sydow dem sichtlich �berraschten Oberarzt die Kladde aus der Hand und bl�tterte sie durch. �1,4 Promille Alkohol im Blut, Schulterdurchschuss, verursacht durch 7,5 Millimeter-Projektil, Eintritt unmittelbar neben der Aorta, Wiederaustrittswunde circa f�nf Zentimeter vom Rand des Schulterblattes entfernt. Unverh�ltnism��ig hoher Blutverlust, schmerzstillende Mittel, Kompressionsverband. Dauer des Eingriffs: 20 Minuten.� Auf Augenh�he mit dem Oberarzt, dachte Sydow offenbar nicht daran, die Akte zur�ckzugeben, klappte den Deckel zu und nahm sie in beide H�nde. �Dennoch muss ich Sie bitten, �ber alles, was w�hrend der letzten halben Stunde vorgefallen ist, absolutes Stillschweigen zu bewahren. Tun Sie dies nicht, laufen Sie Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten.�</p><p>�Fronten?�</p><p>�Sie haben richtig geh�rt, Herr Doktor. Wie gesagt: Mit den Herren, welche Ihrem Patienten nach dem Leben trachten, ist nicht zu spa�en. Lassen Sie sich das gesagt sein. Weder Sie noch die Kollegen, die in K�rze hier eintreffen werden, d�rfen ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen lassen. Wenn etwas schiefgeht, werde ich Sie zur Verantwortung ziehen. Haben wir uns verstanden, Herr Doktor Brahms?�</p><p>�Ich frage mich, ob ich mir Ihren r�den Tonfall gefallen lassen muss.�</p><p>�Was meinen Tonfall betrifft, Herr Oberarzt, bitte ich, diesen zu entschuldigen.�</p><p>�Und die Krankenakte?�</p><p>�Beschlagnahmt. Aus Sicherheitsgr�nden.� Um sich nicht s�mtliche Sympathien zu verscherzen, lenkte Sydow rasch ein und sagte: �Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Doktor. Das hier hat nichts mit Ihrer Arbeit zu tun. Sie haben alles in Ihrer Macht Stehende getan. Mein Freund Theo � �h � Herr Rosenzweig und ich wissen es wirklich zu sch�tzen.� Sydows Blick suchte denjenigen des Patienten, doch der starrte nach wie vor an die Wand. �Bitte, haben Sie Verst�ndnis f�r meine Vorgehensweise. Tut mir leid, mehr kann ich dazu nicht sagen.�</p><p>F�rs Erste zufrieden, nickte der Leiter der chirurgischen Abteilung mit dem Kopf, bedeutete der OP-Schwester, ihm zu folgen und begab sich zur T�r. �F�nf Minuten, Herr Kommissar, nicht mehr!�</p><p>�Geht in Ordnung�, antwortete Sydow, wartete, bis die T�r ins Schloss gefallen war und wandte sich wieder dem Krankenlager zu. �Sag mal, was ist denn eigentlich mit dir los?�, fuhr er Rosenzweig an, welcher an dem, was um ihn herum vorging, nicht das geringste Interesse zeigte und auf den Monitor des Herzfrequenzmessers stierte. �Du brauchst das Ding da nicht permanent anzustarren. Kopf hoch, alter Junge, du bist �bern Berg!�</p><p>�Vorl�ufig.�</p><p>�Fang mir ja nicht an, schlappzumachen. Dazu besteht kein Grund.�</p><p>�Dein Optimismus in Ehren, Tom, aber so einfach, wie du tust, ist die Angelegenheit nicht. Ich wei�, was du jetzt gleich sagen wirst, alter Freund: Ich habe Gl�ck gehabt, mehr Gl�ck als Verstand. Wir beide, du und ich, werden schon einen Weg finden. Noch ist nicht aller Tage Abend. Es wird nichts so hei� gegessen, wie es gekocht wird. Nichts f�r ungut, Tom, aber davon kann ich mir nichts kaufen.�</p><p>�Du darfst jetzt nicht den Kopf verlieren. Das macht die Sache auch nicht besser.�</p><p>�Hab Dank f�r die aufmunternden Worte, Tom. Und f�r alles, was du f�r mich getan hast.� Morell atmete laut und vernehmlich durch. �Du wei�t, es kommt von Herzen.�</p><p>�Warum so mutlos, Don Juan? So kenne ich dich ja gar nicht.�</p><p>�Willst du es wirklich wissen, alter Junge?�</p><p>�Na, so alt nun auch wieder nicht. Schie� los.�</p><p>Ein L�cheln im Gesicht, drehte sich Theodor Morell alias David Rosenzweig um. Fast gleichzeitig wich Sydow einen Schritt zur�ck. Dies war nicht mehr der Theodor Morell, den er kannte, der Lebensk�nstler, der nur das sah, was er sehen wollte. Dies war ein vor der Zeit gealterter Mann, der Blick fahrig und stumpf, und die Stimme, mit der er die Damenwelt bet�rt hatte, br�chig und kaum wiederzuerkennen. Binnen k�rzester Zeit war der unverbesserliche Charmeur zu einem gebrochenen Menschen mutiert, verzagt, ohne Mut und des Lebens m�de. �Wei�t du, irgendwie ist alles wie fr�her.�</p><p>�Wie �?�</p><p>�Du wei�t genau, was ich sagen will, Tom.� Im Licht der Neonr�hren an der Decke sah Rosenzweig wie ein lebender Leichnam aus, die Augen wie zwei dunkle Glaskugeln, reglos und starr in den H�hlen. Einzig in den Lippen, so schien es, steckte noch Leben, wenngleich es nicht einfach war, die nun folgenden Worte zu verstehen: �Ich sehe es dir an. Reden wir nicht um den hei�en Brei herum: Weder du noch ich h�tten sich das, was heute geschehen ist, auch nur im Entferntesten tr�umen lassen. Nat�rlich wei� ich, dass das Dritte Reich untergegangen ist, aber wer garantiert mir, dass es nie wieder auferstehen wird? Siehst du � jetzt kommst du ins Gr�beln, Tom. Hitler tot, Goebbels tot, Himmler tot � und der Ungeist, den sie in Umlauf gebracht haben, immer noch nicht ausgetilgt. So weit ist es mit uns gekommen. Sch�sse aus dem Hinterhalt, ein Mord, der mit allen Mitteln vertuscht werden soll, Methoden, wie sie vor 20 Jahren gang und g�be waren. Und ich harmloser Tor habe geglaubt, jetzt brechen bessere Zeiten f�r mich an. Falsch gedacht! Die Peiniger von einst haben mehr Einfluss, als man denkt, sie sind wieder salonf�hig geworden. Wenn es etwas gibt, was mich der heutige Tag gelehrt hat, dann dies. Leute wie Eichmann sterben nicht aus, da mache ich mir keine Illusionen.�</p><p>�Kann es sein, dass du die Lage zu pessimistisch siehst?�</p><p>�Das sagt gerade der Richtige. Warst du es nicht, der immer betont hat, dass l�ngst noch nicht alle Verbrechen ges�hnt worden sind? Na also. Ich sehe, wir verstehen uns.�</p><p>�Du wirst doch nicht etwa behaupten, dass sich seit damals nichts ge�ndert hat!�</p><p>�Ich will dir mal was sagen, Tom: Wenn du glaubst, die Dinge haben sich zum Besseren gewendet, irrst du � und zwar gewaltig.�</p><p>�Komm schon, Theo, das meinst du doch nicht ernst.�</p><p>�David, Herr Kriminalhauptkommissar, David. Wei�t du, was das Gute an dem Schlamassel ist? Ich wei� wieder, wo ich hingeh�re. Nach innen Rosenzweig, nach au�en Morell, auf Dauer h�lt das keiner aus.� Der Mann, hinter dem nicht nur der BND, sondern in K�rze auch die CIA und der israelische Mossad her sein w�rden, biss die Z�hne zusammen, st�tzte sich auf die Ellbogen und bekannte: �Auf die Gefahr, dein Missfallen zu erregen, Tom � w�hrend all der Jahre, in denen das B�se zu triumphieren schien, kam ich mir stets wie ein Verr�ter vor. Ich wei� nicht, ob du das verstehst, aber ich wurde das Gef�hl nicht los, auf ganzer Linie versagt zu haben. Da werden Millionen zur Schlachtbank gef�hrt, vergast, erschossen, gefoltert, gequ�lt. Und ich? Ich, Theodor Morell, war zu feige, etwas dagegen zu unternehmen. Zog es vor, mich in einer Gartenlaube zu verstecken. Wartete ab, bis die Gr�ber zugeschaufelt, die Toten verbrannt und die Wenigen, die das Pech hatten, zur Verantwortung gezogen zu werden, hinter Schloss und Riegel sa�en. Um anschlie�end, nachdem sich der Pulverdampf verzogen hatte, zur Tagesordnung �berzugehen. Ich habe Schuld auf mich geladen, Tom, ich war keinen Deut besser als all jene, welche dem Morden tatenlos zugesehen haben.�</p><p>�Das redest du dir ein, David. Wenn sich hier einer Vorw�rfe machen muss, dann ich.�</p><p>�Du hast getan, was du konntest, Tom. Was mich angeht, kann ich das leider nicht behaupten.�</p><p>�Du hast �berlebt. Ist das etwa nichts?�</p><p>M�de vom vielen Reden, hielt Rosenzweig inne und sch�ttelte kaum merklich den Kopf. �Nein, das ist nichts. Nichts im Vergleich zu der H�lle, durch die all die Gepeinigten gegangen sind.�</p><p>�Das f�hrt zu nichts, David. Wir beide m�ssen jetzt nach vorn blicken.�</p><p>�Nach vorn blicken, so, so.�</p><p>�Wei� du, woran ich gerade denken muss, Tom? Ich glaube, es war Anfang Juni 1941, kann sein, dass es auch fr�her war. Sei�s drum, damals war ich Zwangsarbeiter auf einem Friedhof, der �lteste von knapp zwei Dutzend armen Teufeln, die Wege schottern, Walzen ziehen und Zement aufsch�tten mussten.� Rosenzweigs Gesicht wurde von einem fl�chtigen L�cheln erhellt. �Es gab Hilfstotengr�ber und einen Obertotengr�ber, Ordnung muss schlie�lich sein. Dreimal darfst du raten, wer das war.�</p><p>�Alle Achtung, vor dir ziehe ich den Hut!�</p><p>�Gott erhalte dir deinen Humor, Tom. Du wirst ihn brauchen.� Rosenzweig lachte heiser auf. �Es war eine irrsinnige Plackerei, so hei�, dass sich die SS-Wachen in den Schatten verdr�ckt haben. Ich war bald nur noch Haut und Knochen, hatte wahnsinnigen Durst, Hunger und jede Menge Blasen an den H�nden. Das war nichts f�r Leute, die es nicht gewohnt waren, hart zu arbeiten, und dementsprechend hoch war die Zahl derjenigen, welche die Plackerei nicht durchgehalten haben.�</p><p>Sydow nickte, senkte den Kopf und schwieg.</p><p>�Eines Tages � ich kann dir beim besten Willen nicht mehr sagen, wann � ist es dann passiert. Ein junger Kerl aus meiner Schicht hat seine Schaufel weggeworfen, die Handschuhe ausgezogen und den Wachen zugerufen, sie sollen ihren Dreck alleine machen. Kannst du dir das vorstellen, Tom? Dann hat er sich umgedreht und ist davonspaziert. Einfach so. Nat�rlich haben die das nicht auf sich sitzen lassen.�</p><p>�Will hei�en: Sie haben ihn abgeknallt.�</p><p>�Du sagst es, Tom. Und wei�t du, was das Schlimme daran war? Kein Mensch, auch ich nicht, hat sich einen Dreck darum geschert. Wir haben einfach weitergeschaufelt, als w�re nichts gewesen. Der arme Kerl war tot, und das Leben, so man es als solches bezeichnen durfte, ging weiter.� Morell rang nach Atem. Dann fragte er: �Du wei�t, was ich damit sagen will, Tom?�</p><p>�Ich denke schon.�</p><p>�So wie dem jungen Burschen wird es auch mir ergehen. Irgendwann werden sie mich abknallen. Wenn nicht heute, dann eben erst in ein paar Wochen. Oder Monaten. Und kein Hahn wird danach kr�hen.�</p><p>�So darfst du nicht reden, David!�, widersprach Sydow, n�herte sich dem Bett und lie� die Hand auf Rosenzweigs Schulter ruhen. �Meine Kollegen und ich werden alles tun, um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ��</p><p>�Machen wir uns nichts vor, Tom. Die Sache wird im Sand verlaufen. Erst werden sie euch zum Schweigen vergattern und s�mtliche Unterlagen, derer sie habhaft werden k�nnen, kassieren. Danach werden sie Luises Leichnam auf diskrete Art und Weise verschwinden lassen. Und dann, wenn alle Spuren verwischt, s�mtliche Mitwisser eingesch�chtert und eure Vorgesetzten entsprechend instruiert worden sind, bin ich an der Reihe.� Wehmut im Blick, ergriff der Boulevardreporter Sydows Hand. �Danke f�r alles, alter Freund � und jetzt sieh zu, dass du nach Hause kommst!�</p></section><section><p><strong>18</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Wilmersdorf, Krematorium &#x2502; 18:30 h</emphasis></p><p>Er hatte sich abgew�hnt, �berfl�ssige Fragen zu stellen. Und war gut damit gefahren. Es gab Situationen, wo es ratsam war, die Klappe zu halten, vor allem im Umgang mit dem LKA. Da tat man, was von einem verlangt wurde, es sei denn, man legte es darauf an, eins aufs Dach zu kriegen.</p><p>Im Krieg, bei der SS, hatte er es genauso gehalten. Befehl war nun einmal Befehl. Daran gab es nichts zu r�tteln. Die Obrigkeit mochte es nicht, wenn man die Klappe aufriss, und nichts lag ihm ferner, als sich mit ihr anzulegen. Mit Leuten wie diesem Posininsky war nicht zu spa�en. Das merkte man sofort.</p><p>�Ich hoffe, wir k�nnen uns auf Sie verlassen, Herr Siebert.� Aber nat�rlich konnten sie das. Der Hinweis auf seine Vergangenheit als Mitglied der SS-Totenkopfverb�nde hatte vollauf gen�gt. In seiner Lage durfte man nicht w�hlerisch sein. Das w�re glatter Selbstmord gewesen. Karl Siebert, genannt Kalle, Jahrgang 1919, SS-Oberscharf�hrer und Angeh�riger des Wachpersonals im KZ Bergen-Belsen, war nicht erpicht darauf, seine Stelle zu verlieren. Die Arbeit im Krematorium war zwar nicht gerade das, was er sich ertr�umt hatte, aber immer noch besser, als im Knast zu landen. Der Ast, auf dem er sa�, war alles andere als dick, Willf�hrigkeit das Gebot der Stunde.</p><p>�Aber nat�rlich k�nnen Sie das!�, entgegnete Siebert und riskierte einen Blick auf den Blechsarg, der auf der Ladefl�che des Kleintransporters vom Typ DKW F-800 stand. Die Frage, welche ihm auf der Zunge lag, behielt er wohlweislich f�r sich, obwohl er zu gerne gewusst h�tte, wessen Leichnam er demn�chst ein�schern w�rde. �Schlie�lich waren wir Kameraden.�</p><p>Die Antwort lie� nicht lange auf sich warten. �Wenn ich Sie w�re, Herr Oberscharf�hrer�, blaffte der in Begleitung zweier Kollegen erschienene LKA-Beamte, trat bis auf wenige Zentimeter an Siebert heran und bedachte ihn mit einem Blick, der Kalle instinktiv zur�ckweichen lie�, �dann w�rde ich das ganz schnell vergessen. Zu Ihrer Information, Siebert: Ich stehe � oder vielmehr stand � exakt zehn Dienstr�nge �ber Ihnen. Ich denke, wir beide wissen, was das hei�t.�</p><p>�Nat�rlich, Herr Obersturmbannf�hrer.�</p><p>Die Augen hinter der Hornbrille, ohne die Max Hartnagel alias Kriminaloberinspektor Posininsky verloren gewesen w�re, blitzten am�siert auf, es fehlte nicht viel, und der 43 Jahre alte Friedhofsbedienstete h�tte die Hacken zusammengeschlagen. �Freut mich zu h�ren, Siebert�, schnarrte sein Gegen�ber, bedeutete seinen Begleitern, den Sarg in die angrenzende Urnenhalle zu tragen und gestattete sich ein L�cheln, bei dessen Anblick dem Kremator[49] flau im Magen wurde. �Sie werden das Kind schon schaukeln, Siebert. Und nicht vergessen: Von der Dame, die wir in Ihre Obhut geben, darf nichts, aber auch gar nichts �brigbleiben.� Posininsky warf einen Blick auf den Kuppelbau, der unweit von ihm in den grauen Himmel ragte, r�usperte sich und sagte: �Die einzig m�gliche Art, mit Verr�tern umzugehen, finden Sie nicht auch, <emphasis>Kamerad</emphasis>?�</p></section><section><p><strong>19</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Uferpromenade &#x2502; 19:05 h</emphasis></p><p>Kein Zweifel, David hatte recht. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Morgen, am Freitag, w�rde die Welt vielleicht anders aussehen.</p><p>Mit Betonung auf �vielleicht�.</p><p>Er hatte getan, was er f�r richtig hielt. Und das war ja wohl das Wichtigste. Er hatte gewartet, bis Verst�rkung kam. Er hatte die Kollegen auf den neuesten Stand gebracht. Und nat�rlich hatte er ihnen auch eingesch�rft, Rosenzweig nicht aus den Augen zu lassen. Erst dann, nachdem das Menschenm�gliche getan worden war, hatte er sich verabschiedet, seinen Beobachtungsposten an der Pforte ger�umt und zugesehen, dass er die Fliege machte.</p><p>Feierabend.</p><p>F�rs Erste jedenfalls.</p><p>Auf einen Schlag hundem�de, stellte Sydow seinen Aston Martin vor dem Bahnhof Wannsee ab, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Bevor er nach Hause fuhr, musste er den Kopf freibekommen, in der Hoffnung, nicht vom Regen in die Traufe zu geraten. Seine Mutter, die ihn bestimmt sehns�chtig erwartete, war schlie�lich immer f�r eine �berraschung gut.</p><p>Zuvor jedoch deckte er sich in der Bahnhofskneipe mit Zigaretten ein. Die erste Schachtel seit Jahren. An sich schon ein kleines Wunder. Aber dann auch wieder verst�ndlich, wenn man ber�cksichtigte, was er hinter sich hatte. Sein Geist war zwar willig, das Fleisch mitunter jedoch schwach. Und das war auch gut so, besonders heute.</p><p>Eingedenk dieser Erkenntnis trank Sydow noch rasch ein Bier, verlie� die Kneipe und machte sich auf den Weg an den See. Dort gab es ein paar B�nke, wo er sich hinsetzen, in Ruhe qualmen und ein paar Minuten abschalten konnte. Das hatte er sich redlich verdient, zumindest, was den heutigen Tag betraf. Das Wetter war zwar nicht so, wie es h�tte sein sollen, aber darauf kam es wirklich nicht an. Wichtig war, dass er zur Ruhe kam, auch wenn der Himmel grau, die Zeit weit vorangeschritten und die B�en, welche �ber den See fegten, so heftig waren, dass man sich unversehens in den November zur�ckversetzt f�hlte.</p><p>Als er das Seeufer erreichte, war es Viertel nach sieben und die Uferpromenade wie leer gefegt. Die Villen auf der gegen�berliegenden Seite waren nur noch schemenhaft zu erkennen, und ihm war, als sei alles Leben ringsum erstorben. Weit und breit war kein Mensch, ja nicht einmal Schw�ne und Graug�nse zu erkennen, und wo sonst Dutzende von Booten ihre Bahn zogen, herrschte g�hnende Leere.</p><p>Drauf und dran, umzukehren, entsann sich Sydow der Zigarettenschachtel, die er immer noch in der Hand hielt, und setzte sich auf eine Bank. So viel Zeit, um eine zu rauchen, musste einfach sein, danach w�rde er zusehen, dass er nach Hause kam. Es war nicht leicht, seine Mutter bei Laune zu halten, und ihm war klar, dass er Lea nicht einfach h�ngen lassen durfte.</p><p>�Probleme, Herr Kommissar?�</p><p>Die wohlverdiente John Player im Mund, fuhr Sydow herum. Hinter ihm stand ein Mann, den er noch nie gesehen hatte, die Rechte auf einem Stock und an die 60 Jahre alt. Irgendwie erinnerte er ihn an seinen Vorgesetzten, Kriminalrat Kurt Augustin. Die Aussicht, ihm heute Abend noch �ber den Weg zu laufen, versetzte in nicht gerade in Euphorie, sodass der Blick, mit dem er den Spazierg�nger musterte, denkbar grimmig ausfiel. �Kennen wir uns?�</p><p>�Das nicht, aber es w�re mir eine Freude, wenn wir dieses Manko wettmachen k�nnten�, erwiderte der hochgewachsene, ergraute und mit einem Kaschmirmantel bekleidete Grandseigneur, ein Typ, wie man ihm im Jachtklub oder bei einer Vernissage begegnete. �Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich setze, oder?�</p><p>Sydow trat seine Fluppe aus und verneinte. �Tun Sie sich keinen Zwang an, ich muss ohnehin gleich gehen.�</p><p>�Tats�chlich? Wie schade.� Die Stimme des Fremden war freundlich, ja geradezu einnehmend, seine Umgangsformen �ber jeden Zweifel erhaben und sein �u�eres gepflegt, um nicht zu sagen nobel und elegant. Kein Grund also, ihm mit Misstrauen zu begegnen. Oder, wie geschehen, ihn einfach abzuspeisen. �Ich hatte gehofft, wir w�rden ins Gespr�ch kommen.�</p><p>�Ich w�sste nicht, was es mit Ihnen zu besprechen g�be!�, versetzte Sydow, Argwohn im Blick und einen Moment lang unsicher, ob es nicht besser war, dem Dr�ngen in seinem Inneren nachzugeben und den Unbekannten einfach stehen zu lassen. Dass er es unterlie�, lag nicht etwa daran, dass er wild darauf war, Small Talk zu betreiben. Schuld daran war einzig und allein sein Instinkt. Ein Ratgeber, auf den er sich stets verlassen konnte. �Weder dienstlich noch privat.�</p><p>�Und was, wenn das eine mit dem anderen zu tun hat?�, fragte der Unbekannte, umrundete die Bank und zog ein Taschentuch hervor, um sie trocken zu reiben. Erst dann lie� er sich darauf nieder, den Stock auf den Knien, an dessen Ende ein vergoldeter Knauf angebracht war. Soweit man es in der hereinbrechenden D�mmerung erkennen konnte, stellte dieser ein antikes Fabelwesen dar, welches, konnte Sydow allerdings nicht sagen.</p><p>Der Fremde, dem sein pr�fender Blick nicht entgangen war, l�chelte zufrieden vor sich hin. �Anubis, der �gyptische Gott der Bestattungsriten�, erl�uterte er, darauf bedacht, nicht belehrend zu klingen oder seinen Nebenmann zu kompromittieren. �Dargestellt durch einen Schakal.�</p><p>�Ein Aasfresser, interessant.�</p><p>�Ich sehe, Sie kennen sich aus, Herr Kommissar.�</p><p>�Und Sie kennen mich. Darf man erfahren, woher?�</p><p>�Da fragen Sie noch?�, rief der Unbekannte halb theatralisch, halb belustigt aus und lie� den Zeigefinger �ber das Haupt des Gottes der Balsamierer gleiten. �Nur keine falsche Bescheidenheit, Herr von Sydow: Wer so bekannt ist wie Sie, darf sich nicht wundern, wenn er von wildfremden Leuten ��</p><p>�Falls Sie mich weichklopfen wollen, vergessen Sie�s. Bei mir kommen Sie mit der Tour nicht durch.�</p><p>�Sagen wir mal so: Ich bin gekommen, um Ihnen ein Angebot zu unterbreiten. Ein Angebot, dem man nicht widerstehen kann.�</p><p>�Auf gut Deutsch: Sie sind vom LKA.�</p><p>�Falsch geraten, Herr Kommissar.� �u�erlich unbewegt, starrte der Fremde auf den Wannsee hinaus. Dort, inmitten der hin und her wogenden Wellen, kreuzte ein Segelboot vor dem Wind. Dieser frischte immer mehr auf, und es dauerte nicht lange, bis das Boot wie ein Spielball hin und her geworfen wurde. �Tja, so kann es gehen: Wer sich zu viel zumutet, l�uft Gefahr, unterzugehen.�</p><p>�Sagen Sie, was Sie zu sagen haben�, fuhr Sydow den Unbekannten an und wandte den Blick nach links. �Ich habe nicht vor, hier zu �bernachten.�</p><p>�Ihr habt Uhren, und wir die Zeit. Orientalische Spruchweisheit.�</p><p>�Falls Sie es noch nicht gemerkt haben, wir befinden uns in Berlin.� Auge in Auge mit seinem Nebenmann, war Sydow gezwungen, sein Urteil zu revidieren. Dies war kein netter �lterer Herr, der Blick, mit dem er ihn musterte, war Beweis genug. �Raus mit der Sprache, weswegen sind Sie hier?�</p><p>�Ich bin gekommen, um Ihnen eine Offerte ��</p><p>�Das sagten Sie bereits.�</p><p>�Na sch�n, wie Sie wollen.� L�ngst nicht mehr so h�flich wie zuvor, umklammerte der Unbekannte seinen Stock und wurde Zeuge, wie das Segelboot auf das gegen�berliegende Ufer zusteuerte. Kurz darauf war es in Sicherheit, verschwunden hinter einem Regenschleier, welcher das Westufer des Sees verh�llte. �Wir haben Kenntnis davon erhalten, dass Sie, Herr Hauptkommissar, im Besitz wichtiger Unterlagen sind.�</p><p>�Darf man fragen, was Sie das angeht, Herr �?�</p><p>�Mein Name tut nichts zur Sache. Mir geht es lediglich um die Unterlagen, oder, um es pr�ziser zu formulieren, um die Karteikarte, die sich in Ihrem Besitz befindet.�</p><p>�Eine Karteikarte, derentwegen ein Mensch sterben musste. Von meinem Freund, der ihren Killern um Haaresbreite entging, nicht zu reden.�</p><p>��Killer� � welch h�ssliches Wort.� Der Fremde gab ein �berhebliches Lachen von sich, gegen�ber dem Mann, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, nicht wiederzuerkennen. �Damit wir uns richtig verstehen, Herr Kommissar: Bei der von Ihnen erw�hnten Person namens Nettelbeck handelt es sich um eine Straft�terin. Um jemanden, der Hoch- und Landesverrat begangen hat. Und das in einem besonders schweren Fall.�</p><p>�Angenommen, es verh�lt sich so, wie Sie sagen � dann geh�rt sie vor ein Gericht.�</p><p>�Nicht, wenn Gefahr im Verzug ist. Oder wenn es um die Interessen unseres Landes geht.�</p><p>��Um die Interessen der Regierung�, wollten Sie sagen. Bekanntlich ist das nicht das Gleiche.�</p><p>�Soll ich Ihnen etwas verraten, Herr Kommissar?� Der Griff, mit dem Sydows Nebenmann seinen Stock umklammerte, verst�rkte sich. �Allm�hlich frage ich mich, auf wessen Seite Sie stehen. Auf derjenigen einer abgefeimten Landesverr�terin oder ��</p><p>�Auf derjenigen von Recht und Gesetz. Wenn Sie sich schon �ber mich erkundigen, sollten Sie dies gr�ndlich tun.� Bebend vor Zorn, ballte Sydow die Faust und wandte sich seinem sichtlich �berraschten Gespr�chspartner zu. �Offen gesagt: Ich kann Typen wie Sie nicht ausstehen. Wer gibt Ihnen eigentlich das Recht, andere Menschen einfach abzuknallen? Das war Mord, was Sie sich da geleistet haben, glatter Mord!�</p><p>�Nein, war es nicht. Das war der Versuch, die Weitergabe von Staatsgeheimnissen zu unterbinden.�</p><p>�Mit anderen Worten: Die Hinterm�nner, auf deren Gehei� Sie aktiv geworden sind, m�chten verhindern, dass die �ffentlichkeit von Ihren Machenschaften erf�hrt.�</p><p>�Machenschaften?�</p><p>�Jetzt tun Sie doch nicht so.� Sydow wandte sich angewidert ab. �Sie wissen doch, was passiert, wenn Ihre Gaunereien ans Licht kommen.�</p><p>�Sie h�tten Krimi-Autor werden sollen. Mit Ihrer Erfindungsgabe k�nnten Sie es weit bringen.�</p><p>�Kann es sein, dass gewisse Kreise ein Interesse daran hatten, den Aufenthaltsort von Adolf Eichmann geheim zu halten?�</p><p>�Ihre Sicht der Dinge, Herr von Sydow, nicht meine.�</p><p>�Irgendwie k�nnen einem die Herrschaften ja leidtun. Da hat man es geschafft, den Krieg zu �berleben, wieder Fu� zu fassen, die SS-Vergangenheit abzustreifen, beim BND, BKA oder der Justiz unterzukriechen � und dann so etwas. Eichmann noch am Leben, bei bester Gesundheit! Eine � gelinde ausgedr�ckt � blanke Katastrophe. Was, wenn der Kamerad aus RSHA[50]-Tagen auspackt, die Namen von Mitt�tern nennt, mit dem Finger auf andere zeigt? Nicht auszudenken! Das Ende vom Lied: Etliche Kameraden, vor allem solche in gehobenen Positionen, w�ren gezwungen, den Hut zu nehmen. Was also tun? Da der Arm des BND nicht bis nach Argentinien reicht, ist Stillhalten angesagt. Nur ein freier Eichmann ist ein guter Eichmann, lautet die Devise. Und was ist mit der CIA? Mit den Meisterspitzeln aus Langley, die normalerweise die Fl�he husten h�ren? Die geben dem Ganzen ihren Segen. Der Welt � und den amerikanischen W�hlern � soll ein neues Deutschland pr�sentiert werden. Seht her, hei�t es, die Westdeutschen haben ihre Lektion gelernt. Der Kampf gegen Hitler hat sich gelohnt. Das Geschenk namens Demokratie wurde dankbar angenommen, auf die Deutschen ist wieder Verlass, vor allem, was die Rolle als Verb�ndete angeht. Auf die sind die Amis n�mlich dringend angewiesen, wollen sie nicht riskieren, dass Europa unter die Knute der Russen ger�t. Und siehe da � die alten Feindbilder werden wieder zum Leben erweckt. Hier die Guten, entschlossen, sich dem Bolschewismus entgegenzustemmen, dort die B�sen, die versuchen, dem Kommunismus zum Sieg zu verhelfen. Seite an Seite mit den Amis � davon h�tten die Kumpels aus der Prinz-Albrecht-Stra�e[51] nicht zu tr�umen gewagt.� Sydow gab ein ver�chtliches Schnauben von sich. �Kein Wunder, dass Ihresgleichen versucht, die Wahrheit unter den Tisch zu kehren. Wenn n�tig, mithilfe von Gewalt. Wen k�mmert schon Recht und Gesetz, wenn er Gefahr l�uft, in den Knast zu wandern! Und dann erst der Skandal, zu dem es unweigerlich kommen w�rde. Nicht auszudenken. Gut m�glich, dass er nicht einmal vor der Regierung haltmachen w�rde.�</p><p>�Was, bitte sch�n, hat die Regierung Adenauer mit Adolf Eichmann zu tun?�</p><p>�Da fragen Sie noch? Schon mal was von Kanzleramtschef Globke[52] geh�rt? Ich denke schon. Ihren Boss, Herrn Gehlen, erst gar nicht zu erw�hnen. Logisch, dass Sie nicht davor zur�ckgeschreckt sind, einen Mord zu begehen. Es stand ja eine Menge auf dem Spiel.�</p><p>�Einen Mord begehen? Ich?�</p><p>�Sie doch nicht � wie dumm von mir, so etwas zu behaupten. Daf�r hat man schlie�lich seine Handlanger.� Kurz davor, sein Gegen�ber am Schlafittchen zu packen, zog Sydow die Hand im letzten Augenblick zur�ck. �Apropos Mord � da dr�ben, auf der anderen Seeseite, befindet sich die Villa Marlier.[53]�</p><p>�Ich wei� wirklich nicht, wovon Sie sprechen.�</p><p>�Und ob Sie das wissen. Stichwort: �Endl�sung der Judenfrage�. Na, f�ngt�s an zu klingeln? Man schreibt den 20. Januar 1942. Im G�stehaus des SD findet sich eine illustre Gesellschaft zusammen. Parteibonzen, Ministerialbeamte, hochrangige Offiziere der SS. Vorsitz: Reinhard Heydrich, tatkr�ftig unterst�tzt von einem gewissen Adolf Eichmann, der dazu vergattert wird, Protokoll zu f�hren. Einziger Tagesordnungspunkt: Wie bringe ich es fertig, elf Millionen Menschen ins Jenseits zu bef�rdern.�</p><p>�Alles, was recht ist, Herr Kommissar, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen.�</p><p>�Und ob Sie die haben!� Langsam, aber sicher kochte in Sydow die Galle hoch. �Gestapo, BKA oder BND � ihr Typen seid doch alle gleich. Alles, was die Mitglieder des Eichmann-Syndikats brauchen, ist jemand, der euch einen Befehl erteilt. Und schon schlagt ihr die Hacken zusammen. Mord, versuchter Mord, Erpressung � alles kein Problem. Recht und Gesetz? Nie geh�rt. Hauptsache, der Befehl wird ausgef�hrt. Vorgesetzter befiel, wir folgen!�</p><p>�Schade, Herr von Sydow � wirklich schade.�</p><p>�Um eine Frau, die sich nicht wehren konnte? Um einen Paradiesvogel, der das Pech hatte, zwischen die Fronten zu geraten? Um einen renitenten Kriminalhauptkommissar, der sich weigert, nach Ihrer Pfeife zu tanzen?�</p><p>�Schon wieder falsch, Herr von Sydow. Das habe ich nicht gemeint.�</p><p>�Erstens: Das �von�, mein Bester, k�nnen Sie sich in den Hintern schieben.�</p><p>�Und zweitens?�</p><p>�F�r den Fall, dass Sie darauf spekulieren, mich durch eine Bef�rderung zu k�dern � vergessen Sie es. Daran bin ich nicht interessiert.�</p><p>�Ob Sie�s glauben oder nicht: Das wei� ich bereits.�</p><p>�Von Onkel Kurt?�</p><p>�Sie erwarten doch nicht, dass ich meine Quellen preisgebe, oder?�</p><p>�Nein. Aber ich erwarte, dass Sie endlich die Katze aus dem Sack lassen.�</p><p>�Keine Sorge, Herr Kommissar � das werde ich.� Sichtlich vergn�gt, riskierte der Unbekannte einen Blick nach rechts, l�chelte und schaute Richtung See, �ber dem es gerade zu d�mmern begann. Bleigraues Gew�lk, so weit das Auge reichte, vermischt mit den Schatten, die den Beginn der Nacht ank�ndigten. �Eines vorweg: Ob und wann es zu einem Wiedersehen mit Ihrer Stieftochter kommt, h�ngt ganz allein von Ihnen ab.�</p><p>Aschfahl im Gesicht, sprang Sydow wie elektrisiert auf. �Was sagen Sie da?�, schrie er, entwand seinem Kontrahenten den Stock und riss ihn zu sich in die H�he. �Lassen Sie Veronika aus dem Spiel, h�ren Sie? Und �berhaupt: Woher wissen Sie so genau Bescheid? Etwa durch Wagenbach? Das w�rde diesem Schn�sel wirklich �hnlich sehen!�</p><p>�Sie erwarten doch nicht, dass ich meine Quellen ��</p><p>�Raus mit der Sprache: Wen haben Sie angezapft?�</p><p>�Das tut nichts zur Sache.�</p><p>�Ich z�hle jetzt auf drei. Wenn du bis dahin nicht ausgepackt hast, schlage ich dir die Fresse ein!�</p><p>�Tun Sie sich keinen Zwang an, Herr Kommissar.� Ohne eine Miene zu verziehen, lie� der Fremde den Zornausbruch Sydows �ber sich ergehen. Zum �u�ersten entschlossen, verst�rkte dieser daraufhin seinen Griff. �Eins kann ich Ihnen garantieren: Wenn Sie so weitermachen, sehen Sie Ihre Stieftochter nicht wieder.�</p><p>�Falls du es noch nicht bemerkt hast, Schn�ffler � Berlin besteht mittlerweile aus zwei Teilen. Dr�ben die Roten und h�ben der Vorposten der Freiheit und Demokratie.�</p><p>�Wozu der Sarkasmus, Sydow? Nehmen Sie Vernunft an, dann l�sst sich �ber alles reden.�</p><p>Sydow stie� ein gallenbitteres Lachen aus. �Frage, du Meisterspion: Wie wollt ihr Pfeifen vom BND es fertigbringen, Veronika aus Ostberlin rauszuholen? Etwa, indem ihr einen Tunnel buddelt?� Sydow verst�rkte seinen Griff. ��Vorsicht!�, kann ich da nur sagen. Die Stasi hat mittlerweile Erfahrungen gesammelt.�</p><p>�Schade, dass ein so talentierter Beamter wie Sie so schlechte Manieren hat.�</p><p>�Meine Manieren sind meine Angelegenheit!�, schnaubte Sydow und zog den Unbekannten zu sich heran. �Und was die Genossen von der Staatssicherheit betrifft � denen k�nnt ihr ohnehin nicht das Wasser reichen.�</p><p>�Sie w�rden staunen, Herr Kommissar ��, japste der Grandseigneur, nach wie vor bem�ht, Haltung zu bewahren, �Sie w�rden staunen, welch exzellente Verbindungen wir nach dr�ben pflegen. Schon gewusst, dass Ihre Stieftochter verhaftet worden ist?�</p><p>V�llig �berrumpelt, lie� Sydow von seinem Kontrahenten ab. �Was hast du gerade eben gesagt?�, keuchte er, den Kopf schwer wie Blei und die Knie so weich, dass er instinktiv nach Halt suchte. �Spuck�s aus, sonst ��</p><p>�Aber, aber, Herr Kommissar � wer wird denn gleich die Fassung verlieren.� Als sei nichts geschehen, zupfte der Unbekannte Schal und Mantel zurecht, b�ckte sich nach seinem Stock und massierte das steife linke Bein, eine Reminiszenz an die Zeit bei der Waffen-SS, als ihn die Kugel eines russischen Partisanen niedergestreckt hatte. �Ich will Ihnen ja die Illusionen nicht rauben, aber was glauben Sie, wie viele ehemalige Kameraden bei der Stasi zu Lohn und Brot gekommen sind! Mehr als Sie denken. Und mehr als man im Westen und im SED-Politb�ro vermutet.�</p><p>�Sie k�nnen mich mal.�</p><p>�An Ihrer Stelle w�re ich nicht so voreilig, Sydow.� Wieder der Alte, schlug der Fremde den gewohnten Tonfall an und sagte: �Sie w�rden staunen, Herr Kommissar, wenn Sie w�ssten, wie weit unsere Verbindungen reichen. Ein Wort von mir, und Ihre Stieftochter kommt frei. Vorschlag: Sie, Herr <emphasis>von</emphasis> Sydow, erkl�ren sich bereit, mir die Karteikarte auszuh�ndigen. Und ich werde daf�r Sorge tragen, dass Ihre Stieftochter ausreisen kann. Na, was sagen Sie dazu?�</p><p>�Und die Gegenleistung? Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die Genossen keine Bedingungen stellen werden.�</p><p>�Zwei unl�ngst enttarnte Stasi-Agenten f�r eine Frau, der keine schwerwiegenden Vergehen nachgewiesen werden konnten � kein schlechter Tausch, finden Sie nicht auch?�</p><p>�Alle Achtung. Das haben Sie schlau eingef�delt.� Sydow lie� sich wieder auf die Bank sinken, das Kinn auf den verschr�nkten H�nden und die Ellbogen auf den Knien. �Und Sie glauben, ich bin so dumm und lasse mich auf den Kuhhandel ein?�</p><p>�Ich glaube es nicht nur, Herr Kommissar, ich wei� es.�</p><p>Die Hand auf der Brusttasche, in der das Objekt der Begierde verwahrt war, dachte Sydow fieberhaft nach. Gedankenfetzen jagten ihm durch den Sinn, Erinnerungen an die Zeit, in denen seine, Leas und Veronikas Welt noch in Ordnung war. �Hm.� Und an die Zeit, in denen es zwar zwei H�lften von Berlin, aber noch keine Mauer gab. �Nicht etwa, dass ich Ihnen nicht vertraue, aber ��</p><p>�Nichts l�ge mir ferner, als so etwas zu vermuten!�</p><p>�Aber wie, wenn die Frage erlaubt ist, soll das Ganze �ber die B�hne gehen?�</p><p>Der Fremde, dem die Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben stand, lachte kaum h�rbar auf, warf einen Blick auf die Uhr und tippte sich an die Krempe seines Huts, um den ein Band aus silbergrauer Seide geschlungen war. �Das, Herr Kommissar, lassen Sie lieber meine Sorge sein. Also: Punkt zehn am Grenz�bergang Invalidenstra�e. Und vergessen Sie die Karteikarte nicht!�</p></section><section><p><strong>20</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Wilmersdorf, Kolonie Emser Platz &#x2502; 19:05 h</emphasis></p><p>Es war ein hartes St�ck Arbeit gewesen, die Stationsschwester auf seine Seite zu bekommen. Rosenzweig hatte all seinen Charme aufbieten, hatte schmeicheln, mit Engelszungen reden und den Plan, den er ausgeheckt hatte, minuti�s darlegen m�ssen. Ab durch die Hintert�r, das machte ihm so schnell keiner nach.</p><p>Er war wieder sein eigener Herr, zumindest kam es ihm so vor. Er konnte gehen, wohin er wollte. Tun, was ihm passte. Cognac trinken, wann immer ihm danach war. Nur eines konnte er nicht mehr: ein unbeschwertes Leben f�hren. Damit war es vorbei. Ein f�r alle Mal.</p><p>Hinzu kam der �rger, den er seinem Freund Sydow bescheren w�rde. Als Erstes w�rde Tom aus der Haut fahren, wenn er davon h�rte. Dann w�rde er der Stationsschwester, ohne die seine Flucht zum Scheitern verurteilt gewesen w�re, die H�lle hei�machen, Streifenwagen losschicken, halb Berlin und seine Bude in der Tauentzienstra�e auf den Kopf stellen. Finden oder erneut in Gewahrsam nehmen w�rde er ihn jedoch nicht. Rosenzweig l�chelte. Niemand w�rde ihn finden, schon gar nicht der BND, welcher erneut sein wahres Gesicht gezeigt hatte.</p><p>Daf�r w�rde er sorgen.</p><p>Alles, worauf es jetzt ankam, war, keinen Verdacht zu erregen. Er musste so tun, als sei es die normalste Sache der Welt, in Arztklamotten und Clogs durch die Gegend zu spazieren und obendrein noch den Arm in einer Schlinge zu tragen. Und er durfte sich die Schmerzen, die ihn beinahe um den Verstand brachten, nicht anmerken lassen. Besonders nicht in Gegenwart des Taxifahrers, der ihn vor Kurzem aufgegabelt hatte.</p><p>Nach Hause. Wohin denn sonst. Nicht etwa in seine Mansardenwohnung, sondern dorthin, wo er sich w�hrend des Krieges versteckt gehalten hatte. Auf die Idee, ihn dort zu suchen, w�rde niemand kommen.</p><p>Garantiert.</p><p>�Irjendetwas nicht in Ordnung mit Ihnen?�, fragte der Taxifahrer, nachdem er von der Bismarckstra�e in Richtung Kurf�rstendamm abgebogen war. �N�scht f�r unjut: Aber Sie sehen aus wie der Tod auf Urlaub.�</p><p>Rosenzweig sch�ttelte den Kopf. Es stand nicht gut um ihn, das wusste er selbst. Die geringste Bewegung, und ein Schmerz durchzuckte seine Schulter, den er nur mit M�he unterdr�cken konnte. W�re das Morphium nicht gewesen, welches ihm seine G�nnerin verabreicht hatte, h�tte er l�ngst schlappgemacht, und die Frage war, wie lange er die Tortur noch durchhalten w�rde. �Finden Sie?�</p><p>Es war h�chste Zeit, dass er sein Refugium erreichte, dort w�rde er sich wenigstens ausruhen k�nnen.</p><p>Nur wie lange, das war die Frage.</p><p>Der Gedanke, welcher ihm in diesem Moment kam, durchfuhr ihn wie der Blitz. Rosenzweigs Miene entspannte sich, und er fragte sich, wieso ihm die Idee nicht schon fr�her gekommen war. Es gab da einen Ausweg f�r ihn, in der Tat. Einen Schachzug, mit dem er s�mtliche Verfolger d�pieren konnte. Dazu brauchte man zwar ein wenig Mut, den Mut der Verzweiflung sozusagen. Aber den w�rde er schon aufbringen. Der Boulevardreporter holte tief Luft. Je l�nger er die Option erwog, desto mehr Gefallen fand er jedoch an ihr. Auf einen Schlag w�re er s�mtliche Sorgen los, die Angst, wie ein r�udiger Hund abgeknallt zu werden, die Furcht, welche sein t�glicher Begleiter werden w�rde.</p><p>Alles, was er brauchte, war ein wenig Mut. Und die �berzeugung, das Richtige zu tun.</p><p>�Am besten, Sie lassen mich hier raus.�</p><p>�Wat denn, hier schon? In Ihrem ��</p><p>��ber meinen Zustand machen Sie sich mal keine Sorgen.� Rosenzweig biss die Z�hne zusammen, kramte in der Tasche des Arztkittels herum und kam nicht umhin, einen Seufzer der Erleichterung auszusto�en. Es gab Menschen, die dachten wirklich an alles. So wie die OP-Schwester, deren Name Maria war und die ihn mit allem, was er ben�tigte, versorgt hatte. Oder wie Tom, der seinetwegen Himmel und H�lle in Bewegung gesetzt hatte. Es gab sie noch, diese Menschen, wenngleich ihn das Gef�hl beschlich, dass sie am Aussterben waren.</p><p>�Ich habe zu danken, der Rest ist f�r Sie.� Der geborene Gentleman namens Rosenzweig bedankte sich, l�pfte die Beine aus dem Taxi und mobilisierte die letzten Kr�fte, die ihm noch verblieben waren. Vom Fehrbelliner Platz, wo ihn der Fahrer abgesetzt hatte, hatte er noch einen halben Kilometer zu gehen. Nicht weit, in seinem Zustand jedoch eine Tortur. Rosenzweig blieb schwer atmend stehen, die rechte Hand an der Hauswand und die linke auf seinen Druckverband gepresst. Die Leute drehten sich nach ihm um, blieben stehen, warfen einander fragende Blicke zu. Rosenzweig ignorierte sie. Das Schlimmste, was ihm jetzt passieren konnte, war, dass ihm jemand Hilfe anbot, sich seiner annahm, Fragen stellte. Er w�rde es auch so hinkriegen, ohne sie.</p><p>Eine knappe halbe Stunde sp�ter, nach etlichen, endlos anmutenden Verschnaufpausen, war es schlie�lich geschafft. Rosenzweig war am Ziel, umgeben von einem Dutzend Lauben, deren Umrisse sich in der Abendd�mmerung abzeichneten. Eine Ewigkeit war vergangen, seit er zum letzten Mal hier gewesen war, doch es schien, als sei es erst gestern gewesen.</p><p>Gestern?</p><p>Pl�tzlich war alles so wie fr�her, der Krieg, in dem sich sein Schicksal entschied, noch in vollem Gange. Und pl�tzlich war da dieser Mann, der durch die menschenleeren Stra�en hastete. Man schreibt das Jahr 1943, ein Jahr, welches er nie mehr vergessen wird. Der Mann namens Morell befindet sich auf der Flucht, vor der Polizei, vor der Gestapo, vor den Bombern der Alliierten, welche ihn in K�rze einholen werden. Vor Angst kreidebleich, rennt der 32-J�hrige um sein Leben. Morell h�tte sich ohrfeigen k�nnen. Mutter J�hnke, seine Schutzpatronin, hat ihm eingesch�rft, die Laube nicht zu verlassen. Unter keinen Umst�nden. Und was tut er? Er, der steckbrieflich Gesuchte, hat nichts Besseres zu tun, als sein Leben aufs Spiel zu setzen, indem er sein Versteck verl�sst, um sich die Beine zu vertreten. Das ist nicht nur t�richt, sondern auch r�cksichtslos. R�cksichtslos gegen�ber der Frau, die ihr Leben riskiert, um das seinige zu retten.</p><p>U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, circa 500 Meter von seinem Unterschlupf entfernt. Die Stra�en wie leergefegt, im Dunkeln glitzernd und noch feucht vom Regen, der vor zehn Minuten aufgeh�rt hat. Das Ger�usch der Luftschutzsirenen im Ohr, hastet Morell vorw�rts, st��t einen Luftschutzhelfer zur Seite, der ihn anbr�llt, er solle sich in Sicherheit bringen.</p><p>Sicherheit � und das ihm!</p><p>22. November 1943, kurz vor acht. Knapp 700 Flugzeuge n�hern sich Berlin. Lichtkegel erhellen den Himmel, die Flak feuert aus allen Rohren. Das Inferno, welches sich von Westen her n�hert, im Ohr, rennt Morell um sein Leben, stolpert, f�llt der L�nge nach hin und rappelt sich wieder auf. In der Ferne fallen die ersten Bomben. Den Tod vor Augen, humpelt Morell auf die Laubenkolonie zu, in der sich die Behausung von Frau J�hnke befindet. Und dann geschieht es. Die Glut, welche sich aus den Schalen des Zorns ergie�t, f�llt vom Himmel. Starr vor Entsetzen, bleibt Morell stehen, wirft einen Blick nach oben � und schleppt sich mit letzter Kraft weiter.</p><p>Dann tastet er nach dem Schl�ssel, der in der Ritze neben dem T�rbalken steckt.</p><p>Und bringt sich in Sicherheit.</p><p>*</p><p>Das tat auch ein gewisser David Rosenzweig, von Beruf Boulevardreporter, erleichtert, endlich am Ziel zu sein.</p><p>Man schreibt den 31. Mai 1962, der Tag, an dem seine Irrfahrt zu Ende sein wird.</p></section><section><p><strong>21</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Sydows Haus in der Seestra�e &#x2502; 19:40 h</emphasis></p><p>�Sch�n, dass du dich mal wieder blicken l�sst!�, fauchte ihn Lea an der Haust�r an. �Ich hoffe, du hattest einen angenehmen Nachmittag.�</p><p>Weniger denn je auf �rger aus, nahm Sydow den K�der, den ihm seine Frau hinwarf, nicht auf, trat in den Gang und h�ngte das ungeliebte Jackett an die Garderobe.</p><p>�Was ist � hat es dir die Sprache verschlagen?�</p><p>Kann man so sagen!, dachte Sydow im Stillen und warf einen Blick �ber die Schulter, um die Lage zu sondieren. Die Vorfreude war ihm ins Gesicht geschrieben, und er fragte sich, wann seine Mutter ihren gro�en Auftritt haben w�rde.</p><p>So weit sollte es jedoch nicht kommen.</p><p>Noch nicht.</p><p>�Wenn du w�sstest, was <emphasis>ich</emphasis> hinter mir habe.� Kaum war ihm der Satz �ber den Lippen, h�tte sich Sydow am liebsten auf die Zunge gebissen. Zu sp�t. �Wie bitte? H�r� ich recht?� Au�er sich vor Wut, lief Lea zur H�chstform auf. Das kam zum Gl�ck recht selten vor, aber davon konnte er sich jetzt nichts kaufen.</p><p>Am Boden zerst�rt, stie� Sydow ein halblautes �chzen aus. Da wurde einem er�ffnet, dass die tot geglaubte Schwester noch unter den Lebenden weilte. Da musste man einen Mord aufkl�ren, wurde man Zeuge eines Mordanschlages und bekam obendrein heraus, dass sich das Opfer, ein alter Bekannter, mit dem BND angelegt hatte, welcher seinerseits alles tat, um die Spuren seines Tuns zu verwischen.</p><p>Ein bisschen viel auf einmal, oder?</p><p>Von dem Kuhhandel, den ihm der Unbekannte vorgeschlagen hatte, erst gar nicht zu reden. So lange Sydow denken konnte, hatte er einen Tag wie diesen nicht erlebt, au�er vielleicht anno �42, als es ihm beinahe an den Kragen gegangen war.</p><p>�Wenn du w�sstest, was ich hinter mir habe!�, fuhr ihn Lea in bitterb�sem Tonfall an, Tr�nen in den Augen und so aufgebracht, wie er sie selten erlebt hatte. �Damit kannst du bestimmt nicht ��</p><p>�Was ist los, Lea?�, fuhr Sydow dazwischen, irritiert wegen des Wutausbruchs, der so gar nicht zu seiner Frau passen wollte. �Ist irgendetwas mit ��</p><p>Im Begriff, nach seiner Mutter zu fragen, hielt Sydow im letzten Moment inne. Eine Ahnung stieg in ihm empor, und er hoffte, dass sie sich nicht bewahrheiten w�rde.</p><p>Er hoffte vergebens. Die H�nde vor dem Gesicht, brach Lea in Tr�nen aus. �Vroni ist ��, stammelte sie, immer wieder unterbrochen von Schluchzern, deren sie vergeblich Herr zu werden versuchte, �Vroni ist verhaftet worden, Tom. Wei�t du, was das hei�t? Wir werden sie nicht mehr � wir werden sie wohl nie mehr wiedersehen.�</p><p>�Doch, Lea � werden wir.� Obwohl er theatralische Gesten verabscheute, sah Sydow auf die Uhr. �In weniger als drei Stunden.�</p><p>�Was sagst du da?� Sprachlos vor Staunen, nahm Lea Sydow die H�nde vom Gesicht und sah ihren Mann mit gro�en Augen an. Sekunden vergingen, bis ihr klar wurde, dass sie sich nicht verh�rt hatte, und selbst dann war ihr das Misstrauen noch anzusehen. �Du l�gst mir doch hoffentlich nichts vor, oder?�</p><p>Sydow sch�ttelte den Kopf, schloss seine Frau in die Arme und lie� mehrere Sekunden verstreichen, bevor er begann, die Ereignisse des Nachmittags schildern. Lea h�rte ihm zu, ungl�ubig zun�chst, doch dann, am Ende von Sydows Monolog, mit neu erwachter Tatkraft und Energie. �Ich denke, du wei�t, was du tust, oder?�, fragte sie rundheraus und beobachtete jede Regung im Gesicht ihres Mannes, den sie schon lange nicht mehr so deprimiert erlebt hatte. �Das wird Konsequenzen haben, Tom. F�r dich, f�r mich, f�r uns alle.� Lea machte sich aus der Umarmung frei und begann im Korridor auf und ab zu gehen. �Weitreichende Konsequenzen.�</p><p>�Was bleibt mir �brig! Ich bin gezwungen, mit Verbrechern zu paktieren. Weigere ich mich, ist Vronis Schicksal besiegelt.�</p><p>�Du riskierst sehr viel, das ist dir ja wohl klar.�</p><p>�Mir ist es gleich, wie gro� das Risiko ist. Du wei�t, f�r Vroni w�rde ich alles tun.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Ich hab�s satt, mich st�ndig mit den gleichen Halunken rumzuschlagen. Klar, das geh�rt zu meinem Beruf, und ich meine ja nicht die Ganoven, mit denen wir es tagt�glich zu tun kriegen.�</p><p>�Du meinst deren Auftraggeber.�</p><p>�H�flich ausgedr�ckt. Die Strippenzieher, welche es vorziehen, im Hintergrund zu agieren.� Sydow setzte sich und �ffnete den Kragenknopf. �All die Eichm�nner, die vor nichts zur�ckschrecken. Die alles, was von oben kommt, ausf�hren. Jeden Befehl, jede Order � einfach alles.�</p><p>�Du glaubst doch nicht etwa, dass der Befehl, diese Frau zu ermorden, von h�chster Stelle kam? Das kann doch nicht dein Ernst sein, Tom!�</p><p>�Es gibt nichts, was es nicht gibt, Lea. Um ehrlich zu sein, habe ich s�mtliche Illusionen verloren.� Sydow lie� die Finger �ber sein Gesicht gleiten. �Man muss die Gedanken, welche einem das Leben schwer machen, nur zu Ende denken. Und schon beginnt man, deutlicher zu sehen. Denn eins ist uns beiden doch wohl klar: Wenn herausk�me, was nicht herauskommen darf, k�nnten etliche der hohen Herren in Bonn einpacken. Das g�be einen Riesenskandal. Nichts einfacher � oder naheliegender � als den BND mit der Vertuschung des Falles zu beauftragen.�</p><p>�Das kann ich mir nicht vorstellen, Tom. Was du da sagst, klingt so � so ��</p><p>�Haarstr�ubend, dass man sich weigert, daran zu glauben. Wie gesagt, Lea: Ich hab die Faxen dicke. Klar doch: Als Polizist bist du verpflichtet, alles in deiner Macht Stehende zu tun, um ein Verbrechen aufzukl�ren. Das habe ich getan. Und was, bitte sch�n, tut meine �bergeordnete Dienstbeh�rde? Sie l�sst sich vor den Karren des BND spannen und sorgt daf�r, dass der Leichnam eines Mordopfers samt dazugeh�rigen Unterlagen verschwindet. Auf Nimmerwiedersehen. Und dann soll man noch an Recht und Gerechtigkeit glauben, an Pflichterf�llung und Loyalit�t? Nee, Lea � nicht mit mir. Da m�ssen die sich schon einen anderen Deppen suchen.�</p><p>�Machst du es dir nicht ein wenig einfach, Tom?� Lea trat neben den Stuhl, auf dem Sydow sa�, und strich ihm sanft �bers Haar. �Den Bettel ins Korn zu werfen ist immer das Einfachste.�</p><p>�So, meinst du. Und was, mit Verlaub, sollte ich deiner Meinung nach tun? Weitermachen, als ob nichts gewesen w�re? Abwarten, bis man mir den Fall entzieht? Die Klappe halten und hoffen, dass ich bef�rdert werde?�</p><p>�Ich hoffe, du wei�t, was du tust, Tom. Mehr m�chte ich dazu nicht sagen.�</p><p>�Wenn ich etwas wei�, Lea, dann dies.� Ohne Blick f�r die �ltere Dame, die auf der Schwelle des Wohnzimmers erschien, stand Sydow langsam auf, reckte sich und sagte: �Kann es sein, Liebling, dass wir heute Abend eingeladen sind? Wenn ich ehrlich bin, m�chte ich den Empfang zu Ehren meines Chefs auf keinen Fall verpassen. Nicht f�r alles Geld der Welt.�</p><p>�Typisch mein Sohn. Alles andere ist ihm wichtig, nur die eigene Mutter nicht.�</p><p>Da stand sie nun, eine Lesebrille um den Hals und die Hand auf den Stock aus Mahagoni gest�tzt. Wie in Erz gegossen, als st�nde sie bereits 100 Jahre hier. Eine Mischung aus Alter Fritz und Wellington[54], welche es nicht abwarten konnte, ihm die Leviten zu lesen.</p><p>�Du wei�t doch, dass das nicht stimmt, Mutter.� Um der zu erwartenden Moralpredigt zuvorzukommen, setzte Sydow sein Strahlemannl�cheln auf und schnurrte: �Was kann ich denn daf�r, dass es so viel zu tun gibt!�</p><p>�Das hat dein Vater auch immer gesagt.�</p><p>�Lass dich umarmen, Mutter!�, sagte Sydow und hasste sich f�r das, was er gerade tat. �Sch�n, dass du gekommen bist.� Heuchelei war noch nie seine St�rke gewesen, aber was sein musste, musste einfach sein.</p><p>Die Retourkutsche lie� nicht lange auf sich warten. Anstatt sich umarmen zu lassen, streckte die alte Dame ihre Hand aus, einmal mehr auf Distanz zu ihrem Sohn. Der lie� sich jedoch nichts anmerken, ergriff sie und tat so, als habe es den Affront nicht gegeben. �So leid es mir tut Mutter, ich muss schon wieder los!�, platzte Sydow heraus, fast froh, bei der alten Dame abgeblitzt zu sein. �Mach�s dir bequem, wir sind gleich wieder da.�</p><p>�Wir?�</p><p>�Lea und ich. Wir sind um acht bei meinem Chef eingeladen. Daf�r kann ich ja wohl nichts, oder?�</p><p>�Du wiederholst dich, Thomas.�</p><p>Mutter, wie sie leibt und lebt!, fuhr es Sydow durch den Sinn, in Gedanken bei den Gardinenpredigten, die er in seiner Jugend hatte anh�ren m�ssen. Waterloo war wirklich nichts dagegen. �Sei doch vern�nftig, Mutter. In ein, zwei Stunden sind wir wieder da.�</p><p>�Ich kann mir nicht helfen, aber ich f�hle mich im Stich gelassen!�</p><p>�Was hei�t denn hier �im Stich gelassen�!�, �chzte Sydow, dem der Auftritt � la Deutsche Oper an den Nerven zerrte. �Davon kann doch keine Rede sein. Ruh dich aus, Mutter, wir sind bald wieder da. Und falls ein Einbrecher kommt: In meinem Schreibtisch liegt eine Pistole. Du kannst doch damit umgehen, oder?�</p><p>Das war zu viel, entschieden zu viel. Sydow holte Luft, um sich zu entschuldigen, kam jedoch nicht dazu.</p><p>�F�r dich, Tom!�, h�rte er Lea noch sagen, bevor sie ihm den Telefonh�rer in die Hand dr�ckte, seine Mutter Richtung Wohnzimmer man�vrierte und ihm auf seinen fragenden Blick hin zufl�sterte: �Eine Mrs. Fitzpatrick oder so �hnlich, hat vorhin schon mal angerufen.�</p><p>Dann hielt er den H�rer ans Ohr.</p><p>Und musste sich wieder setzen.</p></section><section><p><strong>22</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Haus Sanssouci &#x2502; 20:05 h</emphasis></p><p>�Sag mal, Tom, h�rst du mir eigentlich zu?�</p><p>�Na klar. Was hast du denn gedacht?� Das war nat�rlich eine L�ge, und es sprach f�r Kroko, dass er nicht nachhakte. Es war ihm anzusehen, dass er nicht bei der Sache war. Und es war kein Wunder, dass er sich nur noch mit M�he konzentrieren konnte. �Schie� los, alter Junge � was hast du rausgekriegt?�</p><p>�Erstens: Laut Angaben des Gesch�ftsf�hrers im �Excelsior� k�nnen wir davon ausgehen, dass Luise Nettelbeck am Sp�tnachmittag des gestrigen Tages ��</p><p>�Geht�s noch ein bisschen hochgestochener?�</p><p>�� mit Morells Redaktion, respektive mit seinem Chefredakteur, ein kurzes Telefonat gef�hrt hat. Hast du etwas gesagt, Tom?�</p><p>�Ich? N�.�</p><p>�Dann ist es ja gut.� Krokowski lie� den Blick �ber die H�upter der versammelten Prominenz schweifen, welche den Salon mit Seeblick bev�lkerte. Nebst einer Vielzahl von Kollegen, die es sich nicht nehmen lassen wollten, Kriminalrat Augustin in den Ruhestand zu verabschieden, war sogar der B�roleiter des Innensenators erschienen, und er fragte sich, ob das nicht ein wenig �bertrieben war. Augustin hatte sich nicht gerade ein Bein ausgerissen, h�chste Zeit, ihn in Ehren zu verabschieden. �Der grobe Klotz, welcher sich Chefredakteur schimpft, hat es zwar abgestritten. Nutzt aber nichts, denn wir verf�gen �ber Beweise.�</p><p>�Lass mich raten: Der BND hat ihr Zimmertelefon angezapft.�</p><p>�Du sagst es. Der Herr Gesch�ftsf�hrer war auch klug genug, dies zuzugeben. Tja, so ist das eben: Wer hat schon Lust, sich mit dem BND anzulegen!�</p><p>�Ich.�</p><p>�Falsch. Wir beide.�</p><p>�Tust du mir einen Gefallen, Kroko?�</p><p>�Jeden.�</p><p>Ein fl�chtiges L�cheln huschte �ber Sydows Gesicht. Auf Krokowski hatte er sich immer verlassen k�nnen und er hoffte, dass dies so bleiben w�rde. �Bist eben ein echter Freund.�</p><p>�Aber, aber, Tom! Wir wollen doch jetzt nicht sentimental werden.�</p><p>�Lieber nicht, das Wasser steht mir auch so bis zum Hals.� Vor Beobachtern auf der Hut, warf Sydow einen Blick in die Runde. Erst dann, vor St�rungen sicher, zog er einen Umschlag hervor, l�chelte und lie� ihn in die Tasche von Krokowskis Jackett gleiten. �Ein Foto, geschossen mit Sofortbildkamera.�</p><p>�Das Staatsgeheimnis Nummer eins?�</p><p>Sydow nickte. �W�rdest du das bitte f�r mich aufbewahren? Nat�rlich nicht in deinen vier W�nden, sondern ��</p><p>�F�r den Fall, dass du mich immer noch nicht kennst: Ich bin kein Anf�nger mehr.�</p><p>�Das wollte ich damit nicht sagen, Kroko.� Sydow scharrte mit dem Fu�, und w�hrend sein Blick im Raum umherirrte, loderte Zorn in ihm empor. All jene, die so taten, als sei nichts gewesen, als habe es das Dritte Reich nie gegeben � er konnte sie einfach nicht mehr sehen. Konnte es nicht ertragen, wenn sie sich mit Lachs, Gourmetsalat, Havelzander, Garnelen, Parmaschinken, Rinderfilet, Cr�me Brul�e und Eierkuchen vollstopften, bis sie platzten. Konnte es nicht mit anh�ren, wie sie ihren Small Talk pflegten, Zigarren rauchten und einander hochleben lie�en, weit weg von der Tagespolitik und Lichtjahre entfernt von den Fragen, mit denen er sich das Gehirn zermarterte.</p><p>Er konnte es nicht mit ansehen, einfach nicht mit ansehen. �Zum Wohlsein, die Herren!� Das Sektglas, welches ihm ein Ober offeriert hatte, immer noch in der Hand, prostete er in die Runde und trank es auf einen Zug leer. Dann wandte er sich wieder seinem Kollegen zu. �Egal, was noch passiert, Kroko � danke f�r alles.�</p><p>�Du denkst doch nicht etwa daran, die Flinte ins Korn zu werfen?�</p><p>�Zuerst muss ich noch etwas erledigen. Danach sehen wir weiter.� Sydow lie� sich nachschenken und st�rzte den Inhalt hinunter. �Besser, du bist nicht im Bilde. F�r den Fall, dass etwas schiefgeht, meine ich.�</p><p>Krokowskis Blick wurde von Sorge �berschattet, und er versuchte mit aller Macht, Zuversicht auszustrahlen. �Was soll denn schon passieren!�, redete er Sydow gut zu. �Ich nehme an, du wei�t, was du tust.�</p><p>�So �hnlich hat sich Lea auch ausgedr�ckt!�, pflichtete Sydow seinem Partner bei und hielt Ausschau nach dem Ober, um sich erneut nachgie�en zu lassen. �Aber ich f�rchte, da muss ich einfach ��</p><p>�Da musst du durch, Tom. Das stimmt. Beziehungsweise wir.�</p><p>Es war Tannert, der ihn unvermittelt unterbrach, der j�ngere der beiden Kollegen, die er zum Schutz von Rosenzweig angefordert hatte. An Deutlichkeit lie� das, wor�ber er ihm berichtete, nichts zu w�nschen �brig, obwohl Sydow zun�chst glaubte, er habe sich verh�rt. �Abgehauen? Was soll das hei�en?�, fuhr er Tannert an, kurz davor, das Glas an die Wand zu schmettern. �Willst du mich ver�ppeln?�</p><p>�Nichts l�ge mir ferner�, antwortete Tannert, blutjung und gerade einmal drei Jahre im Dienst, der sich bereit erkl�rt hatte, die Hiobsbotschaft zu �berbringen. �Das Dumme daran: Es ist unsere Schuld.�</p><p>Tannert hatte recht. Und auch wieder nicht. Es war seine, ganz allein seine Schuld. H�tte er Davids Absichten durchschaut, weiter Wache geschoben und sich nicht an die Pforte verdr�ckt, um auf das Eintreffen der Kollegen zu warten, w�re das alles nicht passiert. Es war t�richt gewesen, auf die OP-Schwester zu vertrauen, und jetzt zahlte er den Preis daf�r. �Irgendwelche Hinweise, wo er steckt?�</p><p>Tannert verneinte. �In seiner Wohnung jedenfalls nicht. Dort haben wir nachgesehen.� Der Kriminalinspektor in spe sch�ttelte den Kopf. �Sieht aus, als h�tte eine Bombe eingeschlagen.�</p><p>�Donnerwetter, die lassen nichts aus.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Vergiss es, Horst, war nur so dahergeredet.� Sydow und Krokowski sahen sich kurz an. �Sonst noch was?�</p><p>�Das �bliche�, antwortete Tannert, sichtlich verwirrt und im Begriff, sich am kalten B�fett zu st�rken. �Fahrerflucht mit Todesfolge. So ein Funkwagen ist doch wirklich etwas Feines!�</p><p>�Hat das Opfer auch einen Namen?�, fuhr Sydow dazwischen, darauf hoffend, dass sich seine Ahnung nicht best�tigen w�rde.</p><p>Er hoffte vergebens. �Heidemarie Kr�ger.� Ein Lachsbr�tchen in der Hand, schien Tannert nicht gewillt, sich den Appetit verderben zu lassen. �Ach so, wenn wir gerade dabei sind: Im Schlosspark hat es einen Unfall gegeben. Es leuchtet mir zwar nicht ein, wie es sein kann, dass ein Dachziegel einfach vom Himmel purzelt, aber ��</p><p>�� das n�tzt dem Schlossg�rtner jetzt auch nichts mehr, hab ich recht?�</p><p>Sprachlos vor �berraschung, verga� Tannert sein Br�tchen und starrte Sydow mit offenem Mund an.</p><p>Bevor er die Sprache wiederfand, bahnte sich die Hauptperson des Abends einen Weg durch den Pulk der angeregt plaudernden G�ste und hielt auf die drei Beamten zu. Kriminalrat Kurt Augustin, Leiter der Kriminalinspektion I, war in Festtagslaune, und das merkte man ihm auch an. Lea, die sich in seinem Schlepptau befand, sah hingegen �u�erst angespannt aus. �Hier stecken Sie also, Sydow!�, rief der zuk�nftige Pension�r schon von Weitem aus. �Ich habe �berall nach Ihnen gesucht!�</p><p>�Nach mir? Wieso denn, Herr Kriminalrat?�</p><p>�Jetzt tun Sie mal nicht so, Sydow. Sie wissen doch genau, was wir mit Ihnen vorhaben.�</p><p>��Wir?��</p><p>�Ein kleiner Versprecher, verzeihen Sie.� Augustin strahlte �bers ganze Gesicht, anders als Lea, der schwante, was jetzt gleich passieren w�rde. �Ach, �brigens: Der Fall, an dem die Herren gerade arbeiten, wurde durch das LKA kassiert.�</p><p>�Ehrlich gesagt �berrascht mich das kaum.�</p><p>�Jetzt spielen Sie nicht den Beleidigten, Tom. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie so nenne, oder?� Augustin strahlte �ber das ganze Gesicht, ungeachtet der Tatsache, dass Sydow keine Miene verzog. �So etwas kommt eben hin und wieder vor.�</p><p>�Gut ausgedr�ckt, Herr Kriminalrat.�</p><p>�Warum so einsilbig, Tom?�, fragte Augustin, nahm Sydow beiseite und fl�sterte: �Interessiert es Sie denn gar nicht, wer zu meinem Nachfolger auserkoren worden ist?�</p><p>�Offen gestanden: nein.�</p><p>�Wie meinen?�</p><p>�Falls ich es bin, den Sie im Auge haben, vergessen Sie�s!�, erwiderte Sydow und hielt Ausschau nach seiner Frau, die ihn keinen Moment aus den Augen gelassen hatte. �Ihr Job interessiert mich nicht im Geringsten.�</p><p>Augustin erbleichte. �Nicht im Geringsten?�, echote er, unf�hig, das Geh�rte zu verstehen. �Aber warum denn?�</p><p>�Weil ich es mir leisten kann, darum!�, versetzte Sydow, in einem Tonfall, der weitere Fragen �berfl�ssig machte. �Sch�nen Abend noch, Herr Kriminalrat. Und danke f�r die Einladung. Tsch�ss, Kroko, mach�s gut. Und du auch, Horst.� Ein L�cheln auf den Lippen, �berwand Sydow die Skrupel, die ihn bis zuletzt geplagt hatten, suchte den Blick seines Vorgesetzten und sagte: �Ich k�ndige, Herr Kriminalrat. Mit sofortiger Wirkung. Komm, Lea, wir gehen!�</p></section><section><p><strong>23</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Mitte bzw. Moabit, Grenz�bergang Invalidenstra�e &#x2502; 21:55 h</emphasis></p><p>Zun�chst hatte sie gedacht, man w�rde sie in ein anderes Gef�ngnis verlegen. Kurz drauf, nach schier endloser Wartezeit in dem fensterlosen B 1000, hatte sie sich zu f�rchten begonnen. Wenige Minuten sp�ter wiederum war sie in Panik geraten.</p><p>Ganz allm�hlich, etappenweise, St�ck f�r St�ck.</p><p>Es war dunkel hier drinnen. Stickig. Und es roch penetrant nach Diesel�l. Veronika von Oertzen, genannt Vroni, kauerte auf ihrem Sitz und fragte sich, wie viel Zeit seit dem Abtransport aus dem Gef�ngnis verstrichen war. 20 Minuten, das Doppelte oder mehr? Sie konnte es beim besten Willen nicht sagen. Das Zeitgef�hl war ihr komplett abhandengekommen. Und mit ihm jeglicher Orientierungssinn.</p><p>Dies allerdings war nur eine Seite des Problems. Die andere, weitaus beunruhigender, bestand darin, dass sie nicht wusste, was man mit ihr vorhatte. Seit jeher war Ungewissheit ein Gr�uel f�r sie gewesen, schlimmer als alles, was sie im letzten halben Jahr mitgemacht hatte.</p><p>Die Ehe am Ende, keine Aussicht auf Arbeit und ohne Chance, in den Westen zu gelangen. Und dann, vor drei Tagen, auch noch ihre Verhaftung. Begr�ndung: Verdacht auf Republikflucht. Schlie�lich handle es sich, so der Verh�roffizier, bei ihr um die Frau � oder vielmehr Ex-Frau � eines Hauptmanns der DDR-Volkspolizei. Gerade auf solche Leute m�sse man ein wachsames Auge haben. Der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden werde nun einmal von Feinden bedroht. Dies m�sse man in Betracht ziehen. Wer wei�, vielleicht sei sie sogar von der CIA eingeschleust worden. Genau wissen k�nne man das ja nie.</p><p>Es war nicht der erste Seufzer an diesem Tag, den die 23-j�hrige Westberlinerin ausstie�. Aber es war der qualvollste. Alles, aber auch alles w�rde sie ertragen k�nnen. Nur nicht die Ungewissheit, der sie ausgesetzt war, die Furcht vor dem, was ihr bevorstehen w�rde.</p><p>Da! Ein Ger�usch von au�en, vermutlich der Hebel, mit dem die Schiebet�r verriegelt worden war. Veronika hielt den Atem an. Gleich w�rde die T�r aufgehen. Dann hatte die Ungewissheit ein Ende.</p><p>Endlich.</p><p>Das Erste, was sie sah, war Licht. Glei�endes, das Innere des Transporters erhellendes Licht.</p><p>Scheinwerferlicht.</p><p>�Na los, Bewegung, oder brauchst du eine Extraeinladung?�</p><p>Die Handschellen, welche ihr Blut beinahe am Zirkulieren hinderten, vor dem Gesicht, erhob sich Veronika von ihrer Bank. Drau�en, irgendwo unter freiem Himmel, wartete ein Mann mittleren Alters auf sie. Sie hatte ihn nie zuvor zu Gesicht bekommen, weder ihn noch den Uniformierten, der jede ihrer Bewegungen beobachtete.</p><p>Was nun geschah, durchlebte Veronika wie einen Traum. Kaum im Freien, nahmen sie der Beamte in Zivil, allem Anschein nach Stasi-Offizier, und der Uniformierte, Angeh�riger der DDR-Grenztruppen, in ihre Mitte. Die junge Frau, immer noch wie bet�ubt, wusste nicht, wie ihr geschah, geblendet vom Scheinwerferlicht, welches den Kontrollpunkt, auf den sie und ihre Bewacher zusteuerten, taghell erleuchtete. Das Licht war so grell, dass es ihr schwerfiel, die Augen zu �ffnen, doch dann, nach etwa 100 Metern, begann sie zu begreifen.</p><p>Nur einen Steinwurf weit entfernt befand sich ein Schlagbaum, umlagert von Wachtposten, die sie mit ausdrucksloser Miene musterten. Rechts und links davon verlief eine mehr als �bermannshohe, von Panzersperren, Betonkl�tzen und Sperrz�unen flankierte Mauer.</p><p><emphasis>Die</emphasis> Mauer.</p><p>Und dazwischen immer wieder Stacheldraht, meterweise, tonnenweise, kilometerweise. Wie eine Schlinge, die dazu bestimmt war, Berlin die Luft abzuschneiden.</p><p>Und dann, zu ihrer �berraschung, geschah es. Der Schlagbaum �ffnete sich.</p><p>Allm�hlich, die Sandkrugbr�cke vor Augen, welche den Spandauer Kanal �berspannte, begann Veronika zu begreifen. Da dr�ben, jenseits der Br�cke, wartete die Freiheit. Direkt vor ihren Augen, zum Greifen nah.</p><p>�Moment, die Dame. So schnell schie�en die Preu�en nicht.�</p><p>Auf einmal war sie also wieder �die Dame�. Merkw�rdig. Bei den Verh�ren im Gef�ngnis hatte sich das alles ganz anders angeh�rt. Da hatte man sie geduzt, beschimpft, bedroht, ihr alles M�gliche an den Kopf geworfen. Einmal war sie sogar geschlagen worden. Das war gestern gewesen, am Ende eines mehrst�ndigen Kreuzverh�rs, als einer der beiden Offiziere die Geduld verloren hatte.</p><p>Heute dagegen wehte ein anderer Wind. Begonnen hatte es vor gut einer Stunde, als eine W�rterin aufgetaucht war, um ihr das Kleid, das sie bei ihrer Einlieferung gegen H�ftlingskleidung eintauschen musste, zur�ckzugeben. Und geendet hatte es, indem man sie in den B 1000 gepfercht und hierher transportiert hatte. Kommentarlos, ohne Angabe von Gr�nden.</p><p>Die attraktive, aufgrund der letzten drei Tage jedoch blass, �bern�chtigt und angespannt wirkende Frau sah ihre Begleiter aus dem Augenwinkel an. Aus ihren Gesichtern, stur geradeaus gerichtet, lie� sich jedoch nichts herauslesen. Irgendetwas auf der anderen Seite der Br�cke schien ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Veronika von Oertzen kniff die Augen zusammen, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Am Westufer standen mehrere Personen, und es schien, als seien sie nicht zuf�llig hier.</p><p>Da dr�ben tat sich etwas, so viel stand fest. Oder war das alles nur eine Finte, ein Trick, um sie weich zu klopfen? In der Wahl ihrer Mittel war die Stasi nicht w�hlerisch, davon konnte sie ein Lied singen.</p><p>�Na, junge Dame, was sagen Sie jetzt?�, l�sterte ihr Bewacher, ein unscheinbar wirkender Anzugtr�ger mit sch�tterem Haar. �Gro�er Bahnhof da dr�ben. Und alles nur wegen Ihnen.�</p><p>�Wegen ��, begann Veronika, im Begriff, mit einer Gegenfrage zu antworten. Doch dann verstummte sie.</p><p>Auf der Westseite war eine dunkle Limousine aufgetaucht, hatte kurz aufgeblinkt und war am Br�ckenrand, laut Abmachung der Alliierten die Demarkationslinie zwischen Ost und West, zum Stehen gekommen. Kaum war dies geschehen, stiegen mehrere M�nner aus, allen voran zwei Personen, welche sich nach kurzer Unterredung umdrehten, der Ostseite zuwandten und mit forschem Schritt auf die Br�ckenmitte zusteuerten. Dies alles geschah innerhalb weniger Sekunden, und bevor Vroni sich noch einen Reim darauf machen konnte, hatten die M�nner das Ostufer bereits erreicht, hatten den Schlagbaum passiert und auf dem R�cksitz eines dunklen Lada Platz genommen, der mit quietschenden Reifen davonraste.</p><p>Und sie?</p><p>Die beiden waren kaum verschwunden, als sich Vronis Bewacher bei ihr einhakten und die junge Frau zur Br�ckenmitte eskortierten. Dort blieben sie pl�tzlich stehen, lockerten ihren Griff � und kehrten um.</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde blieb Sydows Stieftochter stehen, unsicher, das Erlebte zu begreifen. Dann richtete sie den Blick auf die Frau, die sich aus dem Pulk der Wartenden l�ste, die H�nde vor den Mund schlug und ihr mit ausgebreiteten Armen entgegeneilte.</p><p>*</p><p>�Na, sind Sie jetzt zufrieden, Herr Kommissar?�, fragte der distinguierte �ltere Herr, nachdem Sydow darauf bestanden hatte, seine Familie zum Wagen zu begleiten und die Abfahrt der beiden Frauen abzuwarten. �Ich w�rde sagen, jetzt sind Sie am Zug.�</p><p>�Sieht ganz danach aus�, antwortete Sydow und blickte seinem Aston Martin hinterher, dessen R�cklichter in der Dunkelheit verschwanden. Au�er dem Agenten, dessen Namen er wohl nie erfahren w�rde, befand sich niemand in der N�he, und es schien, als sei alles nur ein Spuk gewesen. �Meine Hochachtung, das haben Sie schlau eingef�delt.�</p><p>�Fragt sich, wer hier wen vor den eigenen Karren gespannt hat�, erwiderte der Grandseigneur, z�ndete sich einen Zigarillo an und entfernte sich aus dem Lichtkegel, den eine Laterne auf den menschenleeren B�rgersteig warf. �Sie oder ich.�</p><p>�Wenn Sie glauben, jetzt leichtes Spiel zu haben, haben Sie sich geschnitten.�</p><p>�Anstatt mir Absichten zu unterstellen, die ich nicht habe, sollten Sie mir wenigstens ein bisschen ��</p><p>�Dankbar? Ich Ihnen? Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst.�</p><p>�Doch, ist es!�, bekr�ftigte die Stimme des Mannes, dessen Silhouette nur noch schemenhaft zu erkennen war. �Eine Hand w�scht bekanntlich die andere.�</p><p>�Pech, dass Morell Ihnen zuvorgekommen ist, was?�</p><p>�Ich wei� wirklich nicht, wovon Sie sprechen, Herr Kommissar.�</p><p>�Sie verlangen doch nicht, dass ich Ihnen glaube, oder?� Bebend vor Zorn, wechselte Sydow das Thema und fragte: �Und was ist mit dem Tatzeugen? Und der Kassiererin? Wollen Sie mir etwa weismachen, Sie h�tten nichts mit ihrem Tod zu tun?�</p><p>�Dienstgeheimnis, Herr von Sydow.� Der Tonfall des BND-F�hrungsoffiziers versch�rfte sich. �So, und jetzt darf ich Sie bitten, mir die Karteikarte auszuh�ndigen. Damit Sie m�glichst schnell nach Hause kommen, Herr <emphasis>Kriminalhauptkommissar</emphasis>.�</p><p>�Lassen Sie meine Familie in Ruhe, sonst kriegen Sie es mit mir zu tun!�</p><p>�Was bilden Sie sich eigentlich ein, Sydow? Denken Sie etwa, Sie sind etwas Besseres? Um Ihre Stieftochter freizubekommen, haben Sie nicht gez�gert, Ihre Pflichten zu vernachl�ssigen, und jetzt kommen Sie daher und wollen mir Vorschriften machen! Finden Sie das nicht ein wenig merkw�rdig, Herr Kommissar? Oder sind Sie etwa der Meinung, alles richtig gemacht zu haben? Und was diesen Morell betrifft: W�re ich an Ihrer Stelle gewesen, h�tte ich den Mann nicht mehr aus den Augen gelassen. Und was tun Sie? Sie k�nnen es gar nicht abwarten, aus dem Krankenhaus zu verschwinden. Wenn das Pflichterf�llung ist, wei� ich auch nicht mehr. Jede M�nze hat zwei Seiten, jemand wie Sie m�sste das eigentlich wissen.� Der BND-Agent schnappte h�rbar nach Luft. �Jetzt h�ren Sie mal gut zu, Sydow: Wenn Sie nicht wollen, dass Ihrer Familie etwas zust��t, r�cken Sie gef�lligst die Karteikarte raus. Das ist mein letztes Wort, haben wir uns verstanden?�</p><p>Sydow lachte ver�chtlich auf. �An Ihrer Stelle, Sie <emphasis>M�rder</emphasis>, w�rde ich mir keine falschen Hoffnungen machen. Irgendwann kommt n�mlich der Punkt, an dem Sie Farbe bekennen m�ssen. Unter uns: Ich kenne da ein paar Leute, die es nicht abwarten k�nnen, Ihnen ein Bein zu stellen.�</p><p>�Denken Sie, ich lasse mir drohen? Die Karteikarte, oder Sie werden sich die Radieschen von unten an��</p><p>�Hier, nehmen Sie.� Sydow griff in die Brusttasche, f�rderte die Karteikarte zutage und knurrte: �Damit Sie Bescheid wissen: Es existieren mehrere Fotos davon. Bestens verwahrt, wie ich wohl nicht eigens betonen muss. Will hei�en: Wenn mir, meiner Familie oder meinen Kollegen auch nur das Geringste passiert, k�nnen Sie sich auf was gefasst machen. Sch�nen Abend noch, und gr��en Sie mir Ihre Kameraden!�</p></section><section><p><strong>24</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Sydows Haus in der Seestra�e &#x2502; 23:55 h</emphasis></p><p>Im Haus am Wannsee war Ruhe eingekehrt, und das einzige Ger�usch war der Wind, der �ber die Blumenrabatten, Stauden und Hecken strich. Er umgarnte die Birken auf der Seeseite, wehte durch den nahen Laubengang und zerrte am Dach des Teepavillons. Von den Bewohnern, mittlerweile vier an der Zahl, war hingegen nur noch einer wach, froh, allein und ungest�rt zu sein.</p><p>Da es ihn nicht mehr am Wohnzimmerfenster hielt, hatte sich Sydow auf die Terrasse begeben. Lea war vor zehn Minuten ins Bett gegangen, Vroni kurz nach ihrem Eintreffen. Die Erlebnisse der vergangenen Tage hatten sich ihr tief eingepr�gt, und es w�rde Zeit brauchen, bis sie wieder die Alte war.</p><p>Was seine Mutter betraf, hatte Sydow mit Engelszungen geredet, um ihren Zorn zu bes�nftigen. Gegl�ckt war ihm dies zun�chst mehr schlecht als recht, und wieder einmal war es Lea gewesen, der es gelang, die Wogen zu gl�tten. Ihr Vorschlag, sie m�ge die Nacht im Haus ihres Sohnes verbringen und am n�chsten Morgen gemeinsam mit seiner Familie fr�hst�cken, war dankbar angenommen worden, und es schien, als sei die Harmonie wiederhergestellt.</p><p>Das war sie freilich nicht, und niemand wusste das besser als Sydow, der auf der Terrasse hin und her stapfte, dann und wann stehen blieb und mit sorgenvoller Miene Richtung Seeufer blickte. In knapp zehn Minuten w�rde es zu einer Zusammenkunft kommen, um die er nicht zu beneiden war. Ein Tag, wie er turbulenter nicht h�tte sein k�nnen, neigte sich dem Ende zu, und was ihn anging, war der Bedarf an unliebsamen Begegnungen gedeckt.</p><p>Ein Zur�ck gab es freilich nicht. Er musste den Tatsachen ins Auge sehen, so unbegreiflich sie auch erscheinen mochten. Bei der Frau, mit der er telefoniert hatte, handelte es sich um seine Schwester. Daran gab es nichts zu r�tteln.</p><p>Was also tun? Was tun, wenn jemand, den man f�r tot hielt, urpl�tzlich auftauchte und ein undurchsichtiges Spiel zu spielen begann? Was, wenn es sich dabei um die eigene Schwester handelte, um jemanden, den er schon ewig nicht mehr gesehen hatte?</p><p>Sydow war wie vor den Kopf gesto�en, und es war ihm schleierhaft, was Agnes mit ihrem Vorgehen bezweckte. Er ahnte zwar, womit es zusammenhing, wehrte sich jedoch nach Kr�ften gegen den Verdacht, der ihn beschlich. Tatsache war, dass Agnes nichts mit ihm zu tun haben wollte, sonst h�tte sie sich bei Tante Lus Beerdigung zu erkennen gegeben. �ber die Gr�nde, weshalb sie dies unterlassen hatte, konnte man nur spekulieren, aber da sich die Dinge nun einmal so entwickelt hatten, erschien es ihm sinnlos, dar�ber nachzudenken.</p><p>Am Rand der Terrasse postiert, von wo aus sich einem bei Tag ein herrlicher Blick er�ffnete, runzelte Sydow die Stirn und lauschte in die Dunkelheit hinein. Au�er den Wellen, die sich am Bootssteg brachen, konnte er kein Ger�usch ausmachen, selbst der Wind, so schien es, hielt den Atem an. �Mist, verdammter!� Sydows Unruhe, welcher er durch einen Fluch Luft verschaffte, wuchs. Langsam fragte er sich, ob es richtig war, was er da tat. Eine Frage, die er sich heute nicht zum ersten Mal stellte.</p><p>Im Begriff, seine Wanderung wieder aufzunehmen, horchte Sydow pl�tzlich auf. In der Ferne ert�nte ein Ger�usch, �hnlich dem von Motorbooten, wie es sie hier zu Dutzenden gab. L�ngst nicht sicher, ob es sich um die zu erwartende Person handelte, stellte er sein Martiniglas auf den Tisch und machte sich auf den Weg zum Steg. Dort eingetroffen, versp�rte er ein flaues Gef�hl im Magen und blickte sich nach allen Seiten um. Nichts. Sydow konnte sich eines Kopfsch�ttelns nicht erwehren. Dass er begann, Nerven zu zeigen, war neu f�r ihn. Aber es hielt ihn nicht davon ab, den Bootssteg zu betreten und der Motorjacht, deren Umrisse aus der Dunkelheit auftauchten, entgegenzugehen.</p><p>Kurz darauf, innerhalb einer Zeitspanne, die ihm l�nger als der abgelaufene Tag erschien, standen sich Bruder und Schwester gegen�ber. Keiner der beiden sprach ein Wort, und obwohl Sydow gewusst hatte, auf was er sich einlassen w�rde, verharrte er auf der Stelle und starrte sein Gegen�ber an.</p><p>Thomas Randolph von Sydow, Letzter seines Hauses, erschauderte. Agnes und er waren einander nie nahegestanden. Das musste man vorausschicken. Trotzdem hatte er damit gerechnet, dass so etwas wie Wiedersehensfreude aufkommen w�rde. Schlie�lich handelte es sich hier um seine Schwester, trotz allem, was man gegen sie vorbringen konnte.</p><p>Von Freude war jedoch nichts zu sp�ren, weder bei ihm noch bei der Frau, deren Silhouette im Licht der Deckbeleuchtung lange Schatten warf. Dementsprechend k�hl fiel die Begr��ung aus, was Sydow, der vergeblich nach Worten rang, einen heftigen Stich versetzte: �Tja, so sieht man sich wieder!�, sagte die Frau, die er kaum wiedererkannte, und dachte offenbar nicht daran, die ihr dargebotene Hand zu sch�tteln. �Dein Haus � oder das deiner Frau?�</p><p>�Unser Haus.� Sydow lief es kalt den R�cken hinunter, und obwohl er der Letzte gewesen w�re, der dies zugegeben h�tte, sp�rte er, wie es ihm die Kehle zuschn�rte. Ohne jeden Zweifel war das hier seine Schwester, wenngleich er sich fragte, was von ihr �brig geblieben war. Schien die Frau, deren Blick ihn an Bette Davis[55] erinnerte, doch absolut nichts mit ihr gemeinsam zu haben. �Meine Frau hast du ja bereits kennengelernt.�</p><p>�Das habe ich, in der Tat.� Helen Fitzpatrick alias Agnes von Sydow zwang sich zu einem L�cheln. Und f�gte s�ffisant hinzu: �Sie passt zu dir.�</p><p>�Wozu dieses Versteckspiel?�</p><p>�Seit wann ist es verboten, bei der Beerdigung von Verwandten zu erscheinen?�</p><p>�Du wei�t genau, was ich meine!�, grollte Sydow, im Abwehrkampf gegen den J�hzorn, der ihn unvermittelt packte. �Ich nehme an, du hast die Todesanzeige in der Zeitung gelesen. Warum greifst du dann nicht zum H�rer und rufst mich an?�</p><p>�Ich w�sste nicht, was dich das angeht, Tom�, erwiderte Helen Fitzpatrick, straffte ihre dunklen Handschuhe und presste die Lippen aufeinander. �Aber ich will mal nicht so sein.� Die Frau im dunklen Kost�m l�chelte. �Sagen wir mal so: Ich war neugierig.�</p><p>�Ich auch. Wieso hast du dich nicht bei mir gemeldet, Agnes?� Allm�hlich geriet Sydow in Fahrt. �Oder glaubst du, es macht Spa�, wenn man seine Schwester f�r tot erkl�ren l�sst?�</p><p>�Jetzt h�r mir mal gut zu, Bruderherz. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig. Was ich tue, geht dich nichts an, h�rst du?�</p><p>�Das stimmt nicht ganz, Agnes�, erwiderte Sydow mit fester Stimme. �Wenn du etwas auf dem Kerbholz hast, geht mich das sehr wohl etwas an.�</p><p>�Findest du?�, fauchte der blonde Vamp, durch dessen Haar ein kr�ftiger Windsto� fuhr und den Bubi-Schnitt in heillose Unordnung brachte. �Ich f�rchte, da muss ich dich eines Besseren belehren.�</p><p>�Was hast du vor, Agnes, raus mit der Sprache!�</p><p>�Das geht dich nichts an, kapiert?�, schrie Helen Fitzpatrick, dem Backfisch, wie Sydow ihn kannte, auf einmal zum Verwechseln �hnlich. �Immer musst du den Polizisten spielen, du kannst gar nicht anders, oder? Damit du Bescheid wei�t, Tom: Ich bin amerikanische Staatsb�rgerin. Schreib� dir das hinter die Ohren! Es geht dich einen feuchten Dreck an, womit ich mir die Zeit vertreibe, klar?�</p><p>�Aber nur, wenn du nicht gegen das Gesetz verst��t.�</p><p>�Recht, Gesetz, Ordnung!�, giftete Sydows Schwester und richtete den Blick zum Himmel. �Mein Bruderherz, wie er leibt und lebt. Kannst du mir sagen, was ich verbrochen habe? Nein? Siehst du, jetzt bist du sprachlos! Und �berhaupt: Wie kommst du eigentlich auf die Idee, nach mir fahnden zu lassen? Ich habe Gesch�fte zu t�tigen, ist das klar? Wichtige Gesch�fte. Dabei lasse ich mir nicht ins Handwerk pfuschen. Von niemandem, h�rst du? Weder von dir noch von all den Witzfiguren, die sich Polizisten schimpfen!�</p><p>��Gesch�fte� � aha! Kann es sein, dass sie etwas mit alten Bekannten zu tun haben?�</p><p>�Und wenn schon � was k�mmert�s dich!� Krebsrot vor Wut, begann die Fassade, an die sich Sydows Schwester klammerte, zu br�ckeln. �Bist ja schlie�lich auf der richtigen Seite gewesen. Wie f�hlt man sich eigentlich, wenn man Vater und Schwester im Stich l�sst und nichts Besseres zu tun hat, als ins Lager des Feindes zu wechseln?� Die Augen von Helen Fitzpatrick traten aus den H�hlen, spr�hten geradezu vor Hass. �Wei�t du, was du bist, Tom? Ein Vaterlandsverr�ter! Ein elender, selbstgef�lliger Vaterlandsverr�ter.�</p><p>�Du vergisst dich, Agnes.�</p><p>�Findest du? Wenn sich jemand vergessen hat, dann du.� Die Frau in Schwarz sch�umte vor Wut. �Kaum zu glauben! Brennt mit einem Judenflittchen durch und bildet sich ein, mir Vorschriften machen zu k�nnen. Das soll mal einer verstehen. H�r zu, was ich dir jetzt sage, Herr Kriminalhauptkommissar: Wenn du denkst, ich spinne, bist du schiefgewickelt. Du wirst noch von mir h�ren, das garantiere ich dir. Du glaubst mir nicht? Wirst schon sehen, gro�er Bruder, wirst schon sehen! Ich habe Freunde, m�chtige Freunde. Verbindungen, von denen du nur tr�umen kannst.�</p><p>�Verbindungen zum Eichmann-Syndikat?�</p><p>Sydows Schwester brach in hysterisches Gel�chter aus. �Also gut, Tom, falls du es genau wissen willst: Ich habe ihn gekannt � <emphasis>gut</emphasis> gekannt, wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>Sydow lie� den Kopf h�ngen und schwieg.</p><p>�Wie dem auch sei � geschadet hat es mir nicht. Im Gegenteil.� Die H�nde an der H�fte, lie� Helen Fitzpatrick ihrem Hohn freien Lauf. �Ich habe ihn mir dienstbar gemacht, nicht umgekehrt. Und soll ich dir was sagen? Der Trottel war wie Wachs in meinen H�nden.� Sydows Schwester machte einen Schritt nach vorn. �Du verstehst, was ich damit sagen will? H�te dich davor, mir in die Quere zu kommen, Tom. Oder besser: Pass auf, dass du <emphasis>uns</emphasis> nicht in die Quere kommst. Es t�te mir leid, dir eine Lektion erteilen zu m�ssen. Oder deiner Familie. Unter uns, Tom: Wenn du schlau bist, packst du deinen Kram und siehst zu, dass du von hier verschwindest. Wenn nicht, setzt du dein Leben aufs Spiel. Du wei�t gar nicht, wie viele Leute es gibt, die bereit w�ren, dich zu ��</p><p>Weiter kam Helen Fitzpatrick, geborene von Sydow, nicht mehr. Bleich vor Entsetzen, fuhr ihre Hand an die Brust, w�hrend ein Schuss die n�chtliche Stille durchbrach. Einen Blick im Gesicht, der zwischen Verbl�ffung und Zorn schwankte, geriet sie ins Taumeln, drehte sich um die eigene Achse und wich Schritt f�r Schritt zur�ck, so weit, bis sie am Ende des Bootsstegs angelangt war.</p><p>Unf�hig, die Geschehnisse nachzuvollziehen, sah Sydow mit angehaltenem Atem zu. Alles wirkte so unwirklich, so entsetzlich, so widersinnig, dass er sich zun�chst in einem Albtraum w�hnte. Doch weit gefehlt. Die Frau, welche auf den Rand des Bootsstegs zutaumelte, war kein Hirngespinst, es war seine Schwester, ein Mensch aus Fleisch und Blut.</p><p>Es war ein Ger�usch, das ihn aus den Gedanken riss, ein Ger�usch, das entsteht, wenn ein K�rper auf dem Wasser aufschl�gt. Auf einmal hellwach, streifte Sydow die Schuhe ab, riss sich das Jackett vom Leib, schnappte nach Luft, nahm Anlauf � und tauchte in die Fluten ein.</p><p>Doch er kam zu sp�t.</p><p>In dem K�rper, den er wenige Sekunden sp�ter zu fassen bekam, steckte kaum noch Leben, und als er an die Oberfl�che emportauchte, erlahmte der Griff, mit dem sich Agnes von Sydow an ihren Bruder geklammert hatte.</p><p>*</p><p>�Keine Angst, Thomas!�, sprach Abigail Wentworth mit tonloser Stimme, den Blick auf den Leichnam gerichtet, der in Sichtweite des Bootssteges auf dem Wannsee trieb. Der Wind hatte aufgefrischt, und die Wellen, welchen er wieder Leben eingehaucht hatte, trieben die Tote wie Treibgut vor sich her. �Meinetwegen wirst du keine Scherereien bekommen.�</p><p>�Das war nicht mein erster Gedanke, Mutter.�</p><p>�Ich wei�, mein Sohn.� Sydows Mutter seufzte gequ�lt auf. �Glaub mir, ich hatte keine Wahl. Wenn etwas Zeit ins Land gegangen ist, wirst du mich verstehen.�</p><p>Immer noch wie gel�hmt, wandte sich Sydow ab und starrte auf den zusehends st�rmischeren See hinaus. �Kannst du mir verraten, was ich jetzt ��, fl�sterte er und wurde, bevor er geendet hatte, unterbrochen.</p><p>�Nichts.�</p><p>�Nichts? Was soll das hei�en?�</p><p>�Das soll hei�en, mein Sohn, dass ich umgehend die Koffer packen werde.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann werde ich schnellstm�glich nach England zur�ckkehren!�, versetzte die alte Dame, wandte sich ebenfalls ab und begab sich auf den R�ckweg zum Ufer. Dort angekommen, drehte sie sich noch einmal um, den Stock in der Linken und das eisgraue Haupt in die H�he gereckt. Und rief: �Falls du glaubst, mich wegen Mordes verhaften zu m�ssen, tu dir keinen Zwang an. Falls nicht, lass mich einfach meiner Wege ziehen. Du wirst mich nie mehr zu Gesicht bekommen, das verspreche ich dir!�</p><p>*</p><p>Wie lange Sydow am Rande des Bootssteges ausgeharrt hatte, wusste er hinterher nicht mehr. Alles, woran er sich erinnern konnte, war, dass er die Mordwaffe in hohem Bogen ins Wasser geschleudert und sich wegen der Dummheit, auf die er verfallen war, schwere Vorw�rfe gemacht hatte. H�tte er nicht erw�hnt, wo sich die Pistole befand, w�re seine Mutter nicht zur M�rderin geworden. So einfach war das.</p><p>Und so niederschmetternd.</p><p>Doch all das z�hlte nicht mehr. Jetzt z�hlte nur noch eins, n�mlich das Unheil, welches ihm und seiner Familie drohte, abzuwenden.</p><p>Und so kam es, dass Tom Sydow, ehemaliger Hauptkommissar der Kripo Berlin, die Taue l�ste, mit denen die Motorjacht am Steg vert�ut war, seine Hose auszog, an Bord kletterte, den Motor anlie� und auf die Mitte des Wannsees zuhielt.</p><p>Kurz darauf, knapp 200 Meter vom Ufer entfernt, stellte er den Motor wieder ab, holte tief Luft, trat an die Reling � und st�rzte sich kopf�ber in den See.</p><p>Es war nicht leicht, den Wellen zu trotzen, und es war nicht leicht, dem Leichnam auszuweichen, der urpl�tzlich vor ihm auftauchte. Tom Sydow musste seine ganze Kraft aufbieten, wie so h�ufig, wenn er mit den Unbilden des Lebens konfrontiert gewesen war. Dank seiner Z�higkeit und dem Willen, dem Tod zu trotzen, erreichte er jedoch sein Ziel. Nur noch zwei, drei Schwimmz�ge, und das rettende Ufer war erreicht.</p><p>Dort brach er zusammen, und es verstrich viel Zeit, bevor er sich wieder aufrappelte.</p></section><section><p><strong>Der Scherge und sein Henker</strong></p><p>�Der Henker ist ein kleiner Mann von 75 Jahren, er hat einen wei�en Bart und silbrige Schl�fenlocken. Blut klebt am �rmel seiner Strickjacke, Tierblut; er ist ein Schochet, ein Sch�chter. Strenggl�ubige Kranke rufen ihn, und er bringt ihnen ein Huhn oder ein Lamm, schwenkt es �ber ihrem Kopf, spricht einen Segen, dann schneidet er dem Tier die Kehle durch. �Es funktioniert, ich habe damit schon Sterbende und Unfruchtbare geheilt�, sagt Schalom Nagar.</p><p>In der Nacht zum 1. Juni 1962 t�tete Schalom Nagar einen Menschen. Nagar zog an einem Hebel im Trakt A1, im ersten Stock des Gef�ngnisses von Ramla. Der Hebel l�ste eine Fallt�r aus, und einer der gr��ten Nazi-Verbrecher der Welt fiel, an einem Strick h�ngend, in den Tod.</p><p>Zwei Jahre nach seiner Entf�hrung durch den israelischen Geheimdienst aus Argentinien war Adolf Eichmann tot, der Leiter des Referats IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt, zust�ndig f�r den Transport der europ�ischen Juden in die Konzentrationslager.</p><p>Die Hinrichtung war ein Triumph f�r den noch jungen Staat Israel, im Jahr 14 seines Bestehens.</p><p>Zur�ck blieb Schalom Nagar, der einzige Henker Israels. Er hat stellvertretend f�r eine ganze Nation den Hebel gezogen. Er war es, der Eichmann vom Strick nahm. Seitdem ist Nagars Leben mit dem von Eichmann verbunden, er wird ihn nicht mehr los, diesen Deutschen, der dazu beitrug, sein Volk beinahe auszul�schen.</p><p>�Ich war damals erst 26, das war zu viel f�r mich�, sagt Schalom Nagar. �Ich wollte nie ein Henker sein.��</p><p>(Aus: <emphasis>Der Spiegel</emphasis> 17/2011, S. 136)</p><p>�Ich hatte den Gesetzen des Krieges und meiner Fahne zu gehorchen. Ich bin bereit.�</p><p>(Eichmanns letzte Worte)</p></section><section><p><strong>Epilog</strong></p><empty-line/><p><emphasis>(Berlin, Ramla/Israel, Freitag, 1. Juni 1962)</emphasis></p></section><section><p><strong>25</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Wilmersdorf, Kolonie Emser Platz &#x2502; 00:02 h</emphasis></p><p>Bald war es so weit. Endlich.</p><p>Er musste nur noch die Kleider wechseln, es sich auf seiner Pritsche bequem machen, den Entschluss, den er gefasst hatte, in die Tat umsetzen. Das Wenige, was zu bedenken war, war bedacht, der Brief, den er an Tom schreiben wollte, war geschrieben, die Vorkehrungen, die er hatte treffen wollen, waren getroffen worden. Im Bruchteil einer Sekunde w�rde es vor�ber sein, das beruhigte ihn.</p><p>Er war hierher zur�ckgekehrt, nach all den Jahren. Jahre, in denen ihn die Vergangenheit verfolgt, bedr�ngt und am Ende eingeholt hatte. Bei Kriegsende war er noch voller Hoffnung gewesen, froh, die Zeit der Pr�fungen hinter sich zu haben. Er hatte geglaubt, dass sich alles zum Besseren wenden w�rde. Beharrlich, hartn�ckig, felsenfest. Und war eines Schlechteren belehrt worden.</p><p>Die Peiniger von einst, all die Menschenschinder, Schreibtischt�ter und Henkersknechte � sie waren wieder da. Jeder wusste es, aber niemand sprach dar�ber. Sie waren wieder salonf�hig geworden, jene, an deren H�nden Blut klebte, an die man nicht erinnert werden wollte. Leute wie dieser Eichmann, der Mann mit dem Allerweltsgesicht, die Unscheinbarkeit in Person, der geborene Befehlsempf�nger. Die Spitze des Eisberges, bei dessen Anblick man sich fragte, wie viele seines Schlages den Krieg �berlebt hatten. Alle Welt hatte sich auf Hitler, Himmler, Goebbels, Heydrich, G�ring und ein halbes Dutzend weiterer Schreckensgestalten konzentriert. Und vergessen, dass sie ohne die Eichm�nner, welche ihnen zu Diensten gewesen waren, l�ngst nicht so viel Schaden h�tten anrichten k�nnen.</p><p>Sie waren wieder im Kommen, all jene, die es verstanden hatten, im richtigen Moment die Fronten zu wechseln. Im Herzen waren sie ihrem F�hrer stets treu geblieben, ungeachtet der Gr�uel, die nach Kriegsende zutage gef�rdert worden waren. Und seine Landsleute? Die hatten mit alldem nichts zu tun, waren gezwungen gewesen, Befehlen zu gehorchen. Hatten einen Eid geschworen, Familie, Bedenken, Angst, Skrupel und tausend Gr�nde, ihn und seinesgleichen, welche zur Zielscheibe staatlicher Willk�r geworden waren, im Stich zu lassen.</p><p>Damit war es jedoch vorbei. Unwiderruflich. Er, David Rosenzweig, hatte seine Entscheidung getroffen. Die einzig m�gliche, welche ihm offenblieb. Stand doch fest, dass seine H�scher erst dann aufgeben w�rden, wenn sie ihn aus dem Weg ger�umt hatten. Diesen Triumph wollte und w�rde er ihnen nicht g�nnen.</p><p>Vor dem, was gleich passieren w�rde, war ihm nicht bange. Dank der Schmerztabletten, welche reichlich Morphium enthielten, war es ein Leichtes gewesen, einen ganz speziellen Cocktail zu mixen. Ein Gebr�u, das ihm garantiert keine Qual bereiten und daf�r sorgen w�rde, dass er sanft entschlummern w�rde.</p><p>Der W�rfel war gefallen, egal, was danach kommen w�rde. Sichtlich entspannt, legte Rosenzweig seine Kleidung ab und schl�pfte in die Str�flingsmontur, welche er all die Jahre �ber in seinem Versteck aufbewahrt hatte. Dann heftete er den gelben Stern an die Brust, ein Relikt aus den Tagen, die er f�r immer �berwunden zu haben glaubte.</p><p>Kurz darauf, zwei Minuten nach Mitternacht, war es vollbracht. Der Mann, welcher Theodor Morell genannt wurde, sah sich um. Gut drei auf zwei Meter, nicht viel mehr als ein Verschlag. Samt Liege, Tisch und wackligem Stuhl. Und einer Gardine, die er fest zugezogen hatte. Mit Teerpappe verkleidet, zug�nglich durch eine Tapetent�r.</p><p>Der Ort, an dem er sein Leben beenden w�rde.</p><p>Und so geschah es auch. �Ah, tutti contenti!� vor sich hinsummend, nahm Rosenzweig auf seiner alten Pritsche Platz. Dann st�rzte er die Mixtur, welche er hergestellt hatte, auf einen Zug hinunter, legte sich auf die Matratze und schloss die Augen.</p><p>Der Tag, an dem David Rosenzweigs Rendezvous mit dem Tod stattfand, war gerade erst angebrochen, und er war neugierig, wohin ihn sein Weg f�hren w�rde.</p></section><section><p><strong>26</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Gef�ngnis in Ramla/Israel &#x2502; 00.02 h</emphasis></p><p>Zehn vor zw�lf. Und vom Henker, auf den er treffen w�rde, noch nichts zu sehen.</p><p>Adolf Eichmann, Insasse von Trakt 1 im ersten Stock des Gef�ngnisses von Ramla, tat alles, um seine Nervosit�t zu verbergen. Nach �ber zwei Jahren in israelischem Gewahrsam und einem Prozess, der weltweit f�r Schlagzeilen gesorgt hatte, war ihm dies zur zweiten Haut geworden. Haltung bewahren, und sei es auch im Angesicht des Todes, den Kameraden, die sein Schicksal verfolgten, ein Beispiel geben, den verhassten Juden nicht die Genugtuung eines am Boden zerst�rten und um Gnade winselnden SS-Obersturmbannf�hrers verschaffen. Das hatte er sich vorgenommen. Und das hatte er dank seiner Festigkeit auch erreicht. Ein Mann seines Schlages lie� sich nicht in die Knie zwingen. Von nichts und niemandem auf der Welt.</p><p>Allen Versuchen, das Gegenteil unter Beweis zu stellen, zum Trotz.</p><p>Nicht etwa, dass die Haft spurlos an ihm vor�bergegangen w�re. Tag f�r Tag von einem Aufpasser beobachtet zu werden, von dem ihn nur ein paar Gitterst�be trennten, zerrte an den Nerven. Fast so sehr wie das Deckenlicht, welches w�hrend der Nacht brannte. Das Wiedersehen mit seiner Frau, von der er sich vor gut einem Monat verabschiedet hatte, nicht zu vergessen. Eine schwierige, beileibe jedoch nicht ausweglose Situation. Eichmann erhob sich und wanderte unstet hin und her. Die einzige Gef�hlsregung, zu der er sich hatte hinrei�en lassen, bestand darin, die Hand auf die Scheibe zu legen, die ihn von Vera trennte. Genau dorthin, wo diejenige seiner Frau ruhte. Davon abgesehen hatte er Haltung bewahrt, an seinen Memoiren geschrieben, Eingaben formuliert, sich mit Servatius, seinem Anwalt, beraten. K�hl, sachlich, unaufgeregt. Genau so, wie man es von einem SS-Offizier erwarten konnte.</p><p>Anzeichen von Reue? Schuldgef�hle? Gewissensbisse gar? Mitnichten. Er, Adolf Eichmann, mittlerweile 56 Jahre alter Massenm�rder, war sich selbst treu geblieben. Vor Gericht hatte er sein Bedauern ge�u�ert, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Schuld an seinem und dem Schicksal all jener, die er auf dem Gewissen hatte, waren andere. Allen voran Hitler, Himmler, Heydrich und wie sie sonst noch alle hie�en. Er selbst war nur ein kleines Glied in der Kette gewesen. Das ausf�hrende Organ sozusagen. Von daher war er frei von jeglicher Schuld und, wie er sich selbst gebetsm�hlenartig vorsagte, frei von den Einfl�sterungen jenes Feiglings, der sich Gewissen schimpfte.</p><p>Wenn da nur nicht die vergangenen drei N�chte gewesen w�ren. Eichmanns Mundwinkel zuckte, und ein resignierter Ausdruck stahl sich in sein Gesicht. Die von Herzrasen, wirren Tr�umen und Schwei�ausbr�chen begleiteten Stunden, in denen er sich auf seiner Pritsche gew�lzt und den Tag, an dem er seinen H�schern ins Netz gegangen war, zum abertausendsten Mal verflucht hatte. Warum nur war er so sorglos gewesen, so fahrl�ssig und dilettantisch, wie man es von ihm, dem peniblen Organisator, niemals erwartet h�tte? Warum hatte er sich von diesen Judenbastarden, die keinen Schuss Pulver wert waren, d�pieren lassen? Und wieso hatte er darauf verzichtet, eine Waffe oder, besser noch, eine Zyankalikapsel bei sich zu tragen? Ein Biss, und es w�re ausgestanden gewesen. F�r immer.</p><p>So aber hie� es warten. Die Stunden waren zu Tagen, die Tage zu nicht enden wollenden Wochen und Monaten geworden. Wecken, Fr�hst�ck, Verh�re, Hofgang, Schreibarbeit, Zubettgehen. Immer der gleiche, qu�lende, das Nervenkost�m strapazierende Trott. Eichmanns Miene verfinsterte sich. Ein Trost freilich w�rde ihm bleiben. Auch dann, wenn sie ihn in ein paar Minuten aufkn�pfen w�rden. Bevor sie ihn, Eichmann, geschnappt hatten, war es ihm gelungen, sechs Millionen von diesen Bastarden ins Jenseits zu bef�rdern. Eine Bilanz, auf die er stolz sein konnte.</p><p>Wenn, ja wenn nur diese Hirngespinste nicht gewesen w�ren. Keine Albtr�ume, die kannte er nur vom H�rensagen. Begonnen hatte es vor drei Tagen, wie aus heiterem Himmel. Mitten in der Nacht war er pl�tzlich in die H�he geschreckt, nicht, weil ihm etwas auf der Seele gelastet oder weil er Furcht oder gar Panik versp�rt h�tte. Angst vor dem Sterben � doch nicht er! Kurzum, wie er so auf seiner Pritsche sa�, waren diese Gestalten aufgetaucht, verh�rmt, ausgezehrt und mit starrem, ins Leere gerichtetem Blick. M�nner, Frauen, Kinder, Greise. Wie lange die an den Gitterst�ben entlang und wieder auf den Korridor hinausf�hrende Prozession gedauert hatte, wusste er nicht. Er wusste nur, dass er sie kannte, pers�nlich, aus eigenem Erleben. Er kannte sie aus dem Palais �Rothschild� in Wien, er kannte sie aus der Schillstra�e im Prager Stadtteil St&#x159;e�ovice und nicht zuletzt aus der Kurf�rstenstra�e in Berlin. Er kannte sie pers�nlich, wusste genau, wie er mit ihnen umgesprungen war. Und er wusste, welches Schicksal ihnen bevorgestanden, was aus ihnen geworden, wie mit ihren �berresten verfahren worden war. Kein Zweifel, er war der Herr �ber Tod und Leben gewesen, das Z�nglein an der Waage, der personifizierte Schrecken, der Mann, vor dem sie alle Rei�aus genommen hatten.</p><p>Eichmann reckte das glatt rasierte Kinn. Das blo�e Ger�cht, er werde ein KZ inspizieren, hatte gen�gt, um s�mtliche Insassen, das Wachpersonal eingeschlossen, in Angst und Schrecken zu versetzen. Das war in Auschwitz nicht anders gewesen als in Treblinka, in Majdanek kaum anders als in Theresienstadt. Dort, im Vorzeigelager, war die Furcht vor ihm am gr��ten gewesen, dort hatte es ihn immer wieder hingezogen, insgesamt vier Mal, sogar kurz vor der Kapitulation. Dann aber war er untergetaucht, volle f�nf Jahre lang, bis zu seiner Flucht nach Argentinien. Anders als erhofft war diese jedoch nicht geheim geblieben, wobei es ihm nach wie vor schleierhaft war, wie ihm seine Widersacher auf die Spur gekommen waren.</p><p>Zufall oder nicht, der Galgen war ihm sicher. Ein, zwei Minuten, und der Henker w�rde ihm seine Aufwartung machen. Und er, Adolf Eichmann, w�rde alles tun, um sich die Furcht vor dem Wiedersehen mit seinen Opfern nicht anmerken zu lassen.</p><p>*</p><p>Er wollte Sch�chter werden, kein Schl�chter, und er verw�nschte den Tag, an dem er, Schalom Nagar, zum Bewacher von Eichmann auserkoren worden war. Ein halbes Jahr war er viermal pro Tag in dessen Zelle gesessen, drei endlos w�hrende Stunden lang. Wer der Mann war, den er keine Sekunde aus den Augen lassen durfte, war ihm lange nicht so recht klar gewesen, bis zu dem Tag, an dem er zum ersten Mal seinen Prozess verfolgt hatte. Von da an hatte er ihn genauestens studiert, hatte er jede seiner Bewegungen verfolgt. Er hatte ihm zugesehen, wenn er seine Memoiren schrieb, wenn er einschlief, wenn er las oder auf seinem Bett lag und an die Decke starrte. Und nat�rlich hatte er auch mit ihm gesprochen. Nur das N�tigste, versteht sich, nur dann, wenn Eichmann ihn um etwas bat. An sich war dies recht selten der Fall gewesen, und so hatte Nagar, 1949 nach Israel gefl�chteter Sohn eines Jemeniten, die Zeit damit verbracht, Eichmanns Gesichtsz�ge zu studieren. Dieser war seinem Blick zumeist ausgewichen, ob zuf�llig oder absichtlich, konnte er nicht sagen. Sicher war indes, dass er nie, aber auch wirklich nie, eine Gef�hlsregung im Gesicht dieses Verbrechers entdeckt hatte.</p><p>Und so war er ihm gegen�bergesessen, auf der Suche nach dem Mann, den alle Welt f�r ein Monster hielt. Hatte ihm das Essen vorgesetzt, von dem er zuvor hatte kosten m�ssen, ihn zur Dusche oder Toilette gef�hrt. Die Angst, dass Eichmann vergiftet werden oder er sich etwas antun k�nnte, war gewaltig gewesen. So gro�, dass Nagar, der 26-j�hrige Ex-Fallschirmj�ger, von zwei weiteren Kollegen beobachtet wurde, einer davon hinter einer vergitterten Metallt�r, ein weiterer im Raum dahinter postiert. Geschehen war freilich nichts, bis zum heutigen Tag. Ein Tag, der in die Geschichte eingehen w�rde.</p><p>Rein �u�erlich die Ruhe selbst, sah Schalom, der Mann mit dem wohlt�nenden Beinamen, auf die Uhr. Kurz vor zw�lf. Und damit Zeit, ans Werk zu gehen. Der Pastor und der Arzt, auf den die Gef�ngnisleitung nicht hatte verzichten wollen, warteten bestimmt schon auf ihn. Nagars K�rper straffte sich, und er betrachtete sein Gesicht im Spiegel neben der T�r. Die Tage, welche er Auge in Auge mit Eichmann zugebracht hatte, waren vor�ber. Grund genug aufzuatmen und das, was zu tun �brig blieb, zu erledigen. Auf dass sich die Geschichte niemals wiederholen m�ge.</p><p>Kurz darauf, exakt zwei Minuten nach Mitternacht, war es schlie�lich so weit. Alles, was Nagar zu tun �brig blieb, war, Eichmann den Strick um den Hals zu legen und den Hebel in unmittelbarer N�he der Fallt�r, welche den Eichmann-Trakt mit dem Erdgeschoss verband, auf Gehei� des Gef�ngnisdirektors nach unten zu dr�cken.</p><p>Und zu hoffen, dass er die folgende Szene vergessen w�rde.</p><p>*</p><p>�Ich hoffe, dass ihr mir bald folgen werdet.� Die Worte waren ihm einfach herausgerutscht, und w�re der Hass, dem sie entsprangen, nicht gewesen, h�tte er die Fassade aufrechterhalten k�nnen. Im Angesicht des Todes, selbst dann, wenn ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, hatte er ein Beispiel geben wollen. Weniger, um die Umstehenden zu provozieren, sondern um jenen, die ihn in die Knie zwingen wollten, die Vergeblichkeit ihrer M�he vor Augen zu f�hren. Einer wie er war den Hy�nen, die ihn umlagerten, haushoch �berlegen. Das war so und w�rde immer so bleiben.</p><p>Nur keine Reue, kein Anzeichen von Schw�che, keine Gef�hlsduselei. Eichmann schnappte nach Luft. Nur gut, dass der Wein, um den er gebeten und dem er im �berma� zugesprochen hatte, allm�hlich Wirkung zeigte. Jetzt galt es, aufrecht in den Tod zu gehen, oder, wie er in einem Anflug von Sarkasmus konstatierte, so zu tun. Um jeden Preis. Es galt, die Angst, welche ihn wie ein schleichendes Gift durchstr�mte, zu bez�hmen. Und sei es, indem er Phrasen benutzte, an die selbst er nicht mehr glaubte: �Es lebe Deutschland. Es lebe Argentinien. Es lebe �sterreich. Das sind die drei L�nder, mit denen ich am engsten verbunden war. Ich werde sie nicht vergessen. Ich gr��e meine Frau, meine Familie, meine Freunde. Ich hatte den Gesetzen des Krieges und meiner Fahne zu gehorchen. Ich bin bereit.�</p><p>Die Worte waren kaum verklungen, als er den Boden unter den F��en verlor. Dann, Sekundenbruchteile sp�ter, straffte sich das Seil, an dem er baumelte, und er zappelte wie ein Fisch hin und her. Er schluckte, japste, keuchte, hechelte, rang nach Atem, riss vor Angst die Augen auf � und hoffte, dass der Kampf, den er ausfocht, von kurzer Dauer sein w�rde.</p><p>Das war er in der Tat. Nur wenige Minuten, und der Tod w�rde ihn ereilen. Minuten, die Eichmann, dem ein gn�digeres Schicksal als seinen Opfern zuteilwurde, indes wie eine Ewigkeit vorkamen. Und als sei dies erst der Anfang, schwand ihm pl�tzlich das Bewusstsein und er fand sich an einem g�nzlich anderen Ort wieder, weit weg vom Block 1, in dem er sein Dasein als Gefangener gefristet hatte. An einem Ort, der ihm irgendwie bekannt, zugleich aber so unheilvoll vorkam, dass er instinktiv zur�ckzuweichen begann. Nichts wie weg hier!, h�mmerte es ihm durch den Sinn, weg hier, solange es noch geht! Doch was er auch tat, so sehr er sich auch str�ubte, widersetzte, mit Z�hnen und Klauen wehrte � es gab kein Entrinnen. Er musste sich in sein Schicksal f�gen.</p><p>Und so verharrte er auf der Stelle, umgeben von Gestalten, die immer n�her an ihn herandr�ngten. M�nner, Frauen, Greise und Kinder, alle, bis auf ihn, splitternackt. Eichmann rang nach verzweifelt nach Atem. Der Geruch von Schwei�, Kot, Menstruationsblut und Urin hing in der Luft, und w�hrend sich die fensterlose Kammer f�llte, wurde der Mann in der SS-Uniform von Brechreiz gepackt. Da war er nun, eingekeilt zwischen teils wehklagenden, teils stumm und apathisch vor sich hinstarrenden Gesch�pfen, jedes von ihnen ein St�ck im Mosaik des Schreckens, das er, der Buchhalter des Todes, entworfen hatte. Allein, es sollte noch schlimmer kommen. Immer neue Schreckensgestalten dr�ngten herzu, bleich, ausgezehrt, abgemagert bis auf die Knochen. Und dann war da pl�tzlich diese Stimme, laut, salbungsvoll und mit einem Schuss Ironie: �Kein Grund zur Aufregung�, t�nte es �ber die K�pfe der Todgeweihten hinweg, �euch wird kein Haar gekr�mmt werden!� Eichmann wusste es besser. Wusste, was hier und heute geschehen und die Welt, in der er lebte, f�r immer ver�ndern w�rde.</p><p>Und dann geschah es. Ein bei�ender, �tzender, in Mund und Nase dringender und die Atemwege l�hmender Geruch erf�llte den Raum. Panik brach aus. Panik, die auch ihn, den SS-Obersturmbannf�hrer, erfasste. Eichmann nahm die Ellbogen zu Hilfe, dr�ckte, schob, stie�, fluchte, was das Zeug hielt, br�llte. Vergebens. Der Weg zur T�r war ihm versperrt. Die Menschen ringsum r�hrten sich nicht, starr und steif wie Basalts�ulen.</p><p>Doch halt � was war das? Nach Luft hechelnd, fuhr Eichmann herum. Und wurde starr vor Schreck.</p><p>Urpl�tzlich, ohne dass die T�r einen Spalt weit ge�ffnet worden w�re, begannen sich die Reihen der Todgeweihten zu lichten. Einer nach dem anderen verschwand, verfl�chtigte sich, schien sich buchst�blich in Nichts aufzul�sen. M�nner, Frauen, Greise, Kinder, einer nach dem anderen, einfach so.</p><p>Einer nach dem anderen, bis auf ihn, der nackt, keuchend und nach Atem ringend in der menschenleeren Gaskammer stand und den Tod, der es an diesem Tag nicht eilig hatte, mit schreckgeweitetem Blick herbeisehnte.</p><p>E N D E</p></section><section><p><strong>Post mortem</strong></p><p>�Noch heute besch�ftigt sich der Bundestag mit dem Fall Eichmann. So diskutierte das Plenum im Januar 2011 �ber die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts, bislang zur�ckgehaltene Akten des Bundesnachrichtendienstes �ber Adolf Eichmann teilweise offenzulegen. �Solange wir die Vergangenheit und unsere Verantwortung aus der Fr�hzeit der Bundesrepublik Deutschland nicht l�ckenlos aufarbeiten, <emphasis>wird uns die Geschichte des Nationalsozialismus immer wieder einholen</emphasis>�[56], betonte der Gr�nen-Abgeordnete Jerzy Montag. Vergangene Woche hat das israelische Staatsarchiv zahlreiche geheime Dokumente zu Entf�hrung und Strafverfahren Eichmanns im Internet ver�ffentlicht.�</p><p>Aus: Eva Goldfu�, <emphasis>Im Haus der Gerechtigkeit</emphasis> [Das Parlament Nr. 15 �/�11.4.2011 (Beilage �Aus Politik und Zeitgeschichte�)]</p></section><section><p><strong>Meinungen und Kommentare</strong></p><p>�Die amerikanischen Juden hatten zu dieser Zeit (Anfang der 50er-Jahre, Anm. d. Autors) wahrscheinlich andere Sorgen. Die Israelis hatten kein Interesse mehr an Eichmann, sie mussten sich im �berlebenskampf gegen Nasser behaupten. Die Amerikaner hatten kein Interesse mehr an Eichmann, sie mussten sich im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion behaupten. Ich hatte das Gef�hl, mit einigen wenigen gleichgesinnten Narren vollkommen alleine zu sein.�</p><p>(Aus: Simon Wiesenthal, <emphasis>Recht, nicht Rache</emphasis>, Frankfurt/M. � Berlin 1988, S. 105)</p><p>�Die traurige Wahrheit ist, dass Eichmann von einem blinden Mann entdeckt wurde, und dass der Mossad mehr als zwei Jahre ben�tigte, seine Geschichte �berhaupt ernst zu nehmen und selbst initiativ zu werden.�</p><p>(Aus: Zvi Aharoni/Wilhelm Dietl, <emphasis>Der J�ger. Operation Eichmann: Was wirklich geschah</emphasis>, Stuttgart 1996, S. 126 f.)</p><p>�Was die israelischen Geheimdienste betraf, so wurde Eichmann jahrelang nicht intensiv gesucht, weil unsere beschr�nkten Ressourcen erst einmal gegen die feindseligen Nachbarstaaten und ihre Armeen gerichtet waren. Die zweite Priorit�t lag bei der geheimen Organisation der Selbstverteidigung und der Auswanderung von Juden aus islamischen Staaten. Das verdr�ngte lange Zeit die Suche nach Kriegsverbrechern. Und dann gab es noch pers�nliches Versagen. Bekanntlich hatte Isser Harel angeordnet, die Akte mit Eichmanns wahrer Adresse zu schlie�en. Er misstraute den Angaben Lothar Herrmanns.�</p><p>(a.a.O., S. 129)</p><p>�1957 schrieb der Rentner Lothar Herrmann, ein Jude aus Buenos Aires, dem Generalstaatsanwalt von Hessen in Frankfurt am Main, Fritz Bauer[57], dass Eichmann in Olivos, einem Vorort von Buenos Aires, in der Chacabuco-Stra�e 4261 lebe. Bauer gab die Information an den Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad, Isser Harel, weiter. Darauf nahm ein Agent das Haus in der Chacabuco-Stra�e in Augenschein und meldete nach Tel Aviv, es sei unwahrscheinlich, dass Eichmann in einem solch sch�bigen Bau wohne. Als sich Herrmann auch noch in Widerspr�che verwickelte, verlor Harel im Herbst 1958 das Interesse an dieser Spur. Die Akte Herrmann verschwand in der Schublade. Eichmann konnte ein weiteres Jahr in Freiheit verbringen.�</p><p>(Aus: Guido Knopp, <emphasis>Hitlers Helfer. T�ter und Vollstrecker</emphasis>, M�nchen 1998, S. 71)</p><p>�In dieser Phase (April 1958, Anm. d. Autors) dr�ngt sich durchaus der Eindruck auf, die Geheimdienste und Strafverfolgungsbeh�rden Israels, der Vereinigten Staaten und der BRD h�tten nicht alles in ihrer Macht Stehende unternommen, um Eichmann zu fassen.�</p><p>(Aus: Tom Segev, <emphasis>Simon Wiesenthal. Die Biographie</emphasis>, M�nchen 2010, S. 175)</p><p>�Es darf auch angenommen werden, dass, h�tten sie dieser Aufgabe h�here Priorit�t beigemessen, die CIA, der deutsche Verfassungsschutz oder der israelische Mossad Eichmann ohne Weiteres h�tten ausfindig machen k�nnen.�</p><p>(a.a.O., S. 182)</p><p>�Auch wenn bis heute nur ein kleiner Teil der damals angelegten Akten bundesdeutscher Institutionen zug�nglich ist, geht aus diesem Material doch hervor, dass man das Schlimmste bef�rchtete. Eichmann war wieder da und mit ihm mehr als ein Schatten der Vergangenheit. Zum Wurzelwerk, das sich am meisten vor dem Prozess f�rchtete, geh�rten all jene, die es geschafft hatten, trotz ihrer eigenen Beteiligung am Massenmord relativ unbehelligt in der Bundesrepublik anzukommen, und nun um ihre Karrieren f�rchteten. Dazu geh�rten die ehemaligen Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes, die inzwischen Karriere bei Polizei, <emphasis>BKA</emphasis> und <emphasis>BND</emphasis> gemacht hatten, oder auch die Mitarbeiter des Ausw�rtigen Amtes.�</p><p>(Aus: Bettina Stangneth, <emphasis>Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenm�rders</emphasis>, Z�rich-Hamburg 2011, S. 451)</p></section><section><p><strong>Auswahlbibliografie</strong></p><p>Zvi Aharoni/Wilhelm Dietl, <emphasis>Der J�ger. Operation Eichmann: Was wirklich geschah</emphasis>, Stuttgart 1996</p><p>Gedenk- und Bildungsst�tte Haus der Wannsee-Konferenz/Stiftung Topographie des Terrors/Stiftung Denkmal f�r die ermordeten Juden Europas, <emphasis>Der Prozess. Adolf Eichmann vor Gericht</emphasis>, Berlin 2011</p><p>Uki Go�i, <emphasis>Odessa. Die wahre Geschichte</emphasis>, Berlin � Hamburg 2006</p><p>Isser Harel, <emphasis>The House on Garibaldi Street</emphasis>, New York 1975</p><p>Guido Knopp, <emphasis>Hitlers Helfer, T�ter und Vollstrecker</emphasis>, M�nchen 1998</p><p>Guido Knopp, <emphasis>Die SS. Eine Mahnung an die Geschichte</emphasis>, M�nchen 2003</p><p>Hans Rosenthal, <emphasis>Zwei Leben in Deutschland</emphasis>, Bergisch Gladbach 1987</p><p>Tom Segev,<emphasis> Simon Wiesenthal. Die Biographie</emphasis>, M�nchen 2010</p><p>Bettina Stangneth, <emphasis>Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenm�rders</emphasis>, Z�rich � Hamburg 2010</p><p>Juliane von Mittelstaedt, <emphasis>Henker f�r einen Tag</emphasis>. In: <emphasis>Der Spiegel</emphasis> 17/2011, S. 136/137</p><p>Simon Wiesenthal, <emphasis>Recht, nicht Rache</emphasis>. Frankfurt/M. � Berlin 1988</p></section><section><empty-line/><p><sup>[1]</sup>� Institut f�r Aufkl�rung und Spezialaufgaben</p><p><sup>[2]</sup>� KZ-Arzt von Auschwitz, bekannt f�r seine menschenverachtenden Experimente</p><p><sup>[3]</sup>� Stellvertretender Leiter des Ghettos von Riga</p><p><sup>[4]</sup>� Ghetto-Kommandant von Przemysl</p><p><sup>[5]</sup>� Malchins Spitzname</p><p><sup>[6]</sup>� J�dische Untergrundorganisation w�hrend der britischen Mandatsherrschaft �ber Pal�stina (1920&#x2005;�&#x2005;1948).</p><p><sup>[7]</sup>� Tochter des trojanischen K�nigs Priamos, die den Untergang ihrer Heimatstadt voraussagte, aber kein Geh�r fand</p><p><sup>[8]</sup>� Wahlspruch der Schutzstaffel (SS)</p><p><sup>[9]</sup>� Personalbericht und Beurteilung vom September 1937</p><p><sup>[10]</sup>� Wissenschaftler, der sich mit dem Wasser und seinen Erscheinungsformen befasst</p><p><sup>[11]</sup>� Parlament des Staates Israel</p><p><sup>[12]</sup>� Arie aus dem vierten Akt von �Le Nozze di Figaro�</p><p><sup>[13]</sup>� Kaufhaus des Westens</p><p><sup>[14]</sup>� Kino am Kurf�rstendamm</p><p><sup>[15]</sup>� Caf� am Kurf�rstendamm</p><p><sup>[16]</sup>� Bedeutung: Christus als Anfang und Ende menschlichen Lebens</p><p><sup>[17]</sup>� Geheime Staatspolizei</p><p><sup>[18]</sup>� Angeh�riger eines Ordens, der besonderen Wert auf das Schweigegebot und weltabgewandtes Leben legt</p><p><sup>[19]</sup>� J�disches Kaufhaus in der Leipziger Stra�e</p><p><sup>[20]</sup>� Bundeskriminalamt</p><p><sup>[21]</sup>� SS-Hauptsturmf�hrer und einer der wichtigsten Mitarbeiter Eichmanns bei der sogenannten �Endl�sung der Judenfrage� (Jahrgang 1912, Verbleib unbekannt)</p><p><sup>[22]</sup>� Central Intelligence Agency, Auslandsnachrichtendienst der USA</p><p><sup>[23]</sup>� Sturmabteilung und Sicherheitsdienst (parteiinterner Nachrichtendienst der SS)</p><p><sup>[24]</sup>� Richtig: Klement</p><p><sup>[25]</sup>� Angeh�rige der <strong>Vo</strong>lks<strong>po</strong>lizei der Deutschen Demokratischen Republik</p><p><sup>[26]</sup>� Eines der bekanntesten deutschen Kirchenlieder, als �Choral von Leuthen�� in die Geschichte eingegangen, weil es nach dem Sieg der Truppen Friedrichs des Gro�en �ber die �sterreicher im Jahre 1757 angestimmt wurde</p><p><sup>[27]</sup>� Ufa-Schauspielerin der 30er Jahre (1863&#x2005;�&#x2005;1937)</p><p><sup>[28]</sup>� Regierender B�rgermeister von Berlin (SPD) von 1957&#x2005;�&#x2005;1966</p><p><sup>[29]</sup>� Freie Universit�t Berlin</p><p><sup>[30]</sup>� Janz weit oben (Berliner Dialekt)</p><p><sup>[31]</sup> �Simon Wiesenthal (1908&#x2005;�&#x2005;2005), Gr�nder des j�dischen Dokumentationszentrums in Wien und sogenannter �Nazi-J�ger�</p><p><sup>[32]</sup>� Albrecht von Roon (1803&#x2005;�&#x2005;1879), preu�ischer Kriegsminister</p><p><sup>[33]</sup>� Helmuth von Moltke (1800&#x2005;�&#x2005;1891), Generalfeldmarschall und Chef des Generalstabes</p><p><sup>[34]</sup>� Kinder- bzw. Jugendbuchreihe der englischen Autorin Enid Blyton (1897&#x2005;�&#x2005;1968)</p><p><sup>[35]</sup>� Lager f�r heimatvertriebene bzw. kriegsbedingt gefl�chtete Zivilisten</p><p><sup>[36]</sup>� SS-Obergruppenf�hrer und Chef des Reichssicherheitshauptamtes, 1942 durch ein Attentat get�tet</p><p><sup>[37]</sup>� Paul von Hindenburg (1847&#x2005;�&#x2005;1934), Chef der Obersten Heeresleitung und sp�terer Reichspr�sident</p><p><sup>[38]</sup>� Bund deutscher M�del, weiblicher Zweig der Hitlerjugend f�r die Altersgruppe der 10&#x2005;�&#x2005;18-J�hrigen</p><p><sup>[39]</sup>� Reichssicherheitshauptamt, in einer Beh�rde zusammengefasste Dienststellen des SD� (parteiinterner Sicherheitsdienst), der Gestapo (Geheime Staatspolizei) und der Reichskriminalpolizei</p><p><sup>[40]</sup>� Aus dem �El Male Rachamim�, einem j�dischen Gebet f�r die Verstorbenen.</p><p><sup>[41]</sup>� Joachim von Ribbentrop (1893&#x2005;�&#x2005;1946), Reichsminister des �u�eren, zum Tod durch den Strang verurteilt und am 16.10.1946 gehenkt.</p><p><sup>[42]</sup>� �Ich hab noch einen Koffer in Berlin�: Lied von Marlene Dietrich (1901&#x2005;�&#x2005;1992) aus dem Jahre 1960</p><p><sup>[43]</sup>� Anspielung auf den Sechsteiler �Das Halstuch� mit Heinz Drache in der Hauptrolle, der im Januar 1962 ausgestrahlt wurde und zum bis dahin gr��ten �Stra�enfeger� in der Geschichte des Deutschen Fernsehen wurde. Drehbuch: Francis Durbridge.</p><p><sup>[44]</sup>� Sender Freies Berlin, gegr�ndet 1953</p><p><sup>[45]</sup>� Filmschurke der fr�hen 60-er Jahre</p><p><sup>[46]</sup>� Laut Potsdamer Abkommen liegen die Betriebsrechte der Eisenbahn und der S-Bahn-Verkehr in Berlin bei der Deutschen Reichsbahn der DDR</p><p><sup>[47]</sup>� Organisation der ehemaligen SS-Angeh�rigen</p><p><sup>[48]</sup>� Pecunia non olet (lateinisches Sprichwort)</p><p><sup>[49]</sup>� F�r Feuerbestattungen zust�ndiger Friedhofsbediensteter</p><p><sup>[50]</sup>� Reichssicherheitshauptamt: Eines von zw�lf Haupt�mtern der SS, zu deren Hauptaufgaben die Kontrolle der deutschen Sicherheitsorgane geh�rte</p><p><sup>[51]</sup>� Gestapo-Zentrale in Berlin</p><p><sup>[52]</sup>� Hans Globke (1989&#x2005;�&#x2005;1973), Verwaltungsjurist im Reichsinnenministerium, Kommentator der N�rnberger Rassengesetze (1935) und ab 1953 Chef des Bundeskanzleramtes in Bonn</p><p><sup>[53]</sup>� Ehemalige Industriellen-Villa am Gro�en Wannsee 56-58, Schauplatz der sogenannten Wannsee-Konferenz (1914&#x2005;/&#x2005;15 erbaut)</p><p><sup>[54]</sup>� Arthur Wellesley (1769&#x2005;�&#x2005;1852), Herzog von Wellington und Sieger �ber Napoleon bei Waterloo (1815)</p><p><sup>[55]</sup>� Amerikanische Schauspielerin (1908&#x2005;�&#x2005;1989)</p><p><sup>[56]</sup>� Hervorhebung durch den Autor</p><p><sup>[57]</sup>� Ebenfalls Jude, Anm. d. Autors</p></section></body><binary id="cover" 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