<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_political</genre><author><first-name>Uwe</first-name><last-name>Klausner</last-name></author><book-title>Kennedy-Syndrom</book-title><annotation><p>Berlin, im August 1961. In einer S-Bahn Richtung Wannsee wird ein erschossener Mann entdeckt, allem Anschein nach ein Amerikaner. Kurz darauf wird ein weiterer Toter gefunden, diesmal auf einem Schrottplatz in der N�he des Flughafens Tempelhof. Schnell wird Hauptkommissar Tom Sydow klar, dass es zwischen den beiden F�llen einen Zusammenhang gibt. Doch damit nicht genug: Sydow kommt einem unglaublichen Komplott auf die Spur, dessen F�den bis ins Hauptquartier der CIA zu reichen scheinen. Offenbar ist es jemandem gelungen, das bestgeh�tete Geheimnis der DDR zu l�ften: die Pl�ne zum Bau der Berliner Mauer.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Tom Sydow" number="4"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-08">8.3.2013</date><id>44F1007E-6669-4408-8917-B23EE4688284</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2011</year></publish-info></description><body><section><p>Vorbemerkung</p><p><emphasis>Die als �fiktive Hauptpersonen� aufgelisteten</emphasis></p><p><emphasis>Charaktere sind frei erfunden.</emphasis></p><p><emphasis>�hnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen</emphasis></p><p><emphasis>sind rein zuf�llig und nicht beabsichtigt.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><subtitle>REALE HAUPTFIGUREN</subtitle><p>Jos� P�rez �Pepe� San Rom�n (1930&#x2005;�&#x2005;1989), Anf�hrer der Brigade 2506</p><p>Allen Welsh Dulles (1893&#x2005;�&#x2005;1969), Direktor der CIA</p><p>John F. Kennedy (1917&#x2005;�&#x2005;1963), 35. Pr�sident der USA</p><p>Robert F. Kennedy (1925&#x2005;�&#x2005;1968), US-Justizminister und Bruder des Pr�sidenten</p><p>Walter Ulbricht (1893&#x2005;�&#x2005;1973), Erster Sekret�r des ZK der SED</p><p>Iwan Stepanowitsch Konew (1897&#x2005;�&#x2005;1973), Marschall der Sowjetunion</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><subtitle>FIKTIVE HAUPTFIGUREN</subtitle><p>(in der Reihenfolge des Auftretens)</p><p>Luciano Calabrese, Leiter der Abteilung f�r verdeckte Operationen<sup>1</sup> (DECOP) der CIA</p><p>Jermaine Ross, CIA-Agent</p><p>Juri Andrejewitsch Kuragin, CIA-Agent</p><p>Jim Brannigan, Kuragins F�hrungsoffizier</p><p>Tom Sydow, Kriminalhauptkommissar</p><p>Lea, seine Frau</p><p>Eduard Krokowski, sein Assistent</p><p>Alfred Juskowiak, genannt �Jumbo�, Hilfsarbeiter</p><p>Heribert Peters, Gerichtsmediziner</p><empty-line/><p>Waldemar Naujocks, Leiter der Spurensicherung</p><p>Mischa Bartosz, Oberleutnant des Ministeriums f�r Staatssicherheit, kurz: Stasi</p><p>Ferdinand Oel�ner, Kriminalrat</p><p>Andris Peterson, Stabschef Kennedys</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>Zitate</p><empty-line/><p><emphasis>�And ye shall know the truth, and the truth shall make you free.�</emphasis></p><p><emphasis>�Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.�</emphasis></p><p><emphasis>(Johannes 8, 32)</emphasis></p><empty-line/><p>Inschrift in der Eingangshalle des CIA-Hauptquartiers in Langley, Virginia</p><p><emphasis>�The potential for the disastrous rise of misplaced power exists and will persist.�</emphasis></p><p><emphasis>�Es gibt einen N�hrboden f�r die unheilvolle Zunahme von fehlgeleiteter Macht, und diesen N�hrboden wird es auch in Zukunft geben.�</emphasis></p><empty-line/><p>(Aus der Abschiedsrede von Pr�sident Dwight D. Eisenhower am 17.01.1961)</p><p><emphasis>�Damals waren die Geheimdienste und viele Sowjet-Experten in Washington �berzeugt, Moskau sei auf dem besten Wege, die USA �konomisch zu �berholen. Eine Konfrontation war langfristig unvermeidbar, je fr�her, desto schw�cher war der Gegner noch.�</emphasis></p><p>(Aus: Robert von Rimscha: Die Kennedys. Glanz und Elend des amerikanischen Traums. Bergisch Gladbach 2003, S. 150)</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>PROLOG</p><p><emphasis>S�dk�ste von Kuba</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(Dienstag, 25.04.1961)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>1</p><p><emphasis>Ci�naga de Zapata</emphasis><sup>2</sup><emphasis>| kurz vor Sonnenuntergang</emphasis></p><p>Seit heute, seinem letzten Tag in Freiheit, hatte der Verrat einen Namen.</p><p>Und der lautete John Fitzgerald Kennedy.</p><p>�Zur H�lle mit dir, Hurensohn.� Rasend vor Wut, packte der drahtige Endzwanziger sein Funkger�t und schleuderte es in hohem Bogen ins Gestr�pp. Er war am Ende. Ausgelaugt. Fertig.</p><p>Und w�tend. W�tend wie nie zuvor.</p><p>Daf�r w�rde dieser Bastard bezahlen. Sobald sich ihm eine Gelegenheit bot. Und diese Schei�kerle von der CIA, denen er all das hier zu verdanken hatte, mit dazu.</p><p>So wahr er Jos� P�rez San Rom�n genannt wurde.</p><p>Der dunkelhaarige, mit olivfarbenem Tarnanzug und Armeestiefeln bekleidete Exil-Kubaner schulterte seinen Rucksack, packte seinen Karabiner und setzte seinen Weg durch die schier endlosen S�mpfe fort. Die Mangroven warfen lange Schatten, der Morast, durch den er watete, roch nach F�ulnis und Verwesung. Am schlimmsten aber waren die Stechm�cken, die seit einer Woche seine st�ndigen Begleiter waren. Ma�los erbost, stie� der ehemalige Elitesoldat einen Fluch nach dem anderen aus. Castro st�rzen � von wegen. Da hatten sich diese Schlauberger in Washington verrechnet. Und zwar gr�ndlich. Nur keine Panik, Muchachos, hatten die Yankees geprahlt, von denen er und circa 1.200 weitere Kameraden der Brigade 2506 in einem Camp in Guatemala monatelang auf den Tag X hin gedrillt worden waren. Immer mit der Ruhe. Wenn die Sache in die Hose geht, hauen wir euch raus. Pepe San Rom�n, Sohn eines kubanischen Generals, hochdekorierter Absolvent der Milit�rakademie und strammer Antikommunist, lud seinen Karabiner durch und lachte ver�chtlich auf. Raushauen, so nannte man das also. Luftunterst�tzung durch amerikanische Jets. Auf h�chsten Befehl sozusagen. Damit bei der Landeoperation in der Schweinebucht nur ja nichts schiefgehen w�rde.</p><p>Denkste.</p><p>Schiefgegangen war vor gut einer Woche n�mlich so ziemlich alles. V�llig �berraschend und wesentlich schneller als geplant waren Castros Milizen zur Stelle gewesen. So fr�h, dass seine M�nner geglaubt hatten, hier ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Nur mit M�he und unter gro�en Verlusten war es schlie�lich gelungen, die Landungsboote zu entladen, nicht nur Pepe hatte sich gefragt, woher all die kubanischen Kampfflugzeuge so pl�tzlich kamen. Wie aus dem Nichts, eine B-26 nach der anderen. Und dann auch noch eine T-33. Kein Wunder, dass die Brigade 2506 so gut wie chancenlos gewesen war. Sp�testens dann, als eines der Transportschiffe versenkt und 30.000 Liter Flugbenzin in die Luft geflogen waren. Munition in H�lle und F�lle, Verpflegung f�r zehn Tage, Medikamente und jede Menge technischer Krimskrams. Auf dem Boden der Karibik, begafft von den Haifischen, die �ber seine im Meer treibenden Kameraden hergefallen waren. Deutlicher h�tte sich die bevorstehende Niederlage und der Sieg dieser Kommunistenschweine nicht abzeichnen k�nnen. Eine Dem�tigung, f�r die der ehemalige Anf�hrer der Brigade 2506 bereits einen Schuldigen gefunden hatte.</p><p>Und der hie� John Fitzgerald Kennedy.</p><p>Doch so schnell w�rde er, Jos� P�rez San Rom�n, nicht aufgeben. Daf�r steckte n�mlich noch zu viel Widerstandskraft in ihm. In den vergangenen sechs Tagen, seit er und ein paar versprengte Kameraden in die S�mpfe gefl�chtet waren, hatten sie die reine H�lle erlebt, vor lauter Hunger das rohe Fleisch von Schlangen, Eidechsen und sogar Krokodilen hinuntergew�rgt. Es waren die schlimmsten Tage ihres Lebens gewesen, manche von ihnen waren so durstig, dass sie Reptilienblut und den eigenen Urin getrunken hatten. �brig geblieben war allein Pepe, dank seines Instinkts, seiner Z�higkeit und der Gabe, jede noch so widrige Situation zu meistern.</p><p>Und dank des Hasses, der ihm am Leben erhielt.</p><p>Die Yankees, allen voran ihr ach so popul�rer Pr�sident, w�rden daf�r bezahlen. Darauf, und nur darauf, kam es an. San Rom�n biss die Z�hne zusammen, schulterte seinen Karabiner und griff zur Machete, um sich einen Weg durch das Dickicht aus Schlingpflanzen, messerscharfem Schilf und scheinbar undurchdringlichem Mangrovenge�st zu bahnen. Dabei fluchte er was das Zeug hielt. Luftunterst�tzung � denkste. Ein halbes Dutzend anstatt der versprochenen 15 B-26-Bomber. Castros Piloten hatten leichtes Spiel gehabt, mithilfe von russischen T-34 Panzern, Flugabwehrgesch�tzen und M�rsern regelrecht Hackfleisch aus seinen M�nnern gemacht. Und weshalb? Weil diese Dilettanten von der CIA sie verheizt und zu Kanonenfutter degradiert hatten. Allen voran ein Verr�ter namens Kennedy.</p><p>Drauf und dran, vor Wut den Verstand zu verlieren, blieb San Rom�n ruckartig stehen. In die �bel riechende Br�he, durch die er gewatet war, kam Bewegung, und als ein Schwarm Flamingos das Weite suchte, ahnte Pepe, was die Stunde geschlagen hatte.</p><p>Er war nicht allein hier.</p><p>San Rom�n sah sich blitzschnell um. Ringsum nichts als Schilf, abgestorbene B�ume und wild wucherndes, undurchdringliches Gestr�pp. Und diese Kloake, die ihm mittlerweile fast bis zur G�rtellinie reichte und im Schein der untergehenden Sonne wie ein Meer aus Blut aussah. Sowie eine Sandbank, knapp 50 Meter von ihm entfernt.</p><p>Madre de Dios!<sup>3</sup>, durchzuckte es den Elitesoldaten, als er das Rautenkrokodil ersp�hte, welches dort auf der Lauer lag, sich bei seinem Auftauchen in Bewegung setzte ohne erkennbare Hast in die brackige Br�he eintauchte. San Rom�n steckte seine Machete in den G�rtel, riss sein Sturmgewehr hoch und zielte. Mierda!<sup>4</sup>, fuhr es ihm durch den Sinn. Da hatte er sich ja was Sch�nes eingebrockt. Halb tot vor Hunger und Durst, kaum noch Mumm in den Knochen und eine klaffende Wunde in der rechten Schulter. Dazu Castros Leute im Nacken, die nur darauf warteten, dass ihnen der Anf�hrer der verhassten Contras ins Netz gehen w�rde.</p><p>W�hrend sich das Krokodil langsam n�herte, biss Pepe die Z�hne zusammen und hielt den Atem an. Zum Gl�ck hatte er noch sein Sturmgewehr, eine nagelneue M 14. Wenigstens auf sie war Verlass.</p><p>Kaliber 7,62 mal 51 Millimeter. Reichweite: knapp 700 Meter. An die 800 Schuss pro Minute. Das w�rde reichen. Garantiert.</p><p>Ganz sch�ner Brocken!, dachte San Rom�n, um die drei Meter lang. Wenn nicht gar vier, wer wei�. Und er, Pepe San Rom�n, nur wenige Arml�ngen von diesem Monstrum entfernt.</p><p>Nervenkitzel pur. So richtig nach seinem Geschmack.</p><p>Den Karabiner im Anschlag, kniff San Rom�n die weit auseinanderstehenden dunklen Augen zusammen und zielte auf einen Punkt, der die Mitte zwischen den Augenw�lsten der Riesenechse markierte. Schon als Junge hatte er gelernt, mit einer Knarre umzugehen, ruhig Blut zu bewahren, kaltbl�tig zu t�ten. Okay, damals, auf seinen Jagdausfl�gen mit Vater, hatte er nur auf Kaninchen geballert. Ein Rautenkrokodil war da etwas anderes. Da durfte man sich keine Fehler erlauben. Sonst war man geliefert. Ein f�r alle Mal.</p><p>H�chste Zeit also, diesem Biest eins auf den Pelz zu brennen, beschloss Pepe, hielt die Luft an und dr�ckte ab. Nur um festzustellen, dass dieses Schei�ding von Sturmgewehr nicht funktionierte. Weder bei diesem, noch beim zweiten und schon gar nicht beim dritten Versuch.</p><p>Ladehemmung, vermutlich aufgrund dieser verdammten Br�he hier. Ausgerechnet jetzt musste ihm so was passieren.</p><p>Starr vor Entsetzen, schleuderte San Rom�n sein Sturmgewehr von sich, griff zur Machete und harrte der Dinge, die da kommen w�rden. In diesem Aufzug, noch dazu in seinem Zustand, hatte er nicht die geringste Chance. Da machte er sich nichts vor. Ein paar Sekunden noch, dann w�rde das Krokodil zuschnappen, ihn in St�cke rei�en und sich anschlie�end kr�ftig den Bauch vollschlagen.</p><p>Hasta la vista, Pepe. Pech gehabt.</p><p>Es war ein Schuss, der den Anf�hrer der Brigade 2506 aus seiner Erstarrung riss. Oder waren es mehrere gewesen? Am Ende gar vielleicht sogar eine MG-Salve? Pepe San Rom�n vermochte es nicht zu sagen. Eines jedoch war gewiss: Keine drei Meter mehr von ihm entfernt b�umte sich das Rautenkrokodil abrupt auf, begann wie entfesselt zu zappeln. Sein Rachen stand weit offen, und Pepe konnte die furchterregenden, fast zehn Zentimeter langen Z�hne sehen.</p><p>Sekundenbruchteile sp�ter, nach einem letzten verzweifelten Hieb mit seinem Schwanz, war es vor�ber. Das Krokodil trieb tot im Wasser, von Dutzenden Kugeln durchsiebt.</p><p>�Bienvenido, comandante!<sup>5</sup>�, drang eine Stimme an Pepes Ohr, w�hrend sich das Wasser ringsum zu r�ten begann. �Sch�n, Sie zu treffen!�</p><p>�Comunistas de mierda!<sup>6</sup>�, gab San Rom�n zur Antwort, die Machete immer noch in der rechten Hand. �Pudrios en el infierno, bastardos!<sup>7</sup>�</p><p>�Aber, aber, wer wird denn gleich so vulg�r werden.� Auf den Anf�hrer der kubanischen Milizion�re, von denen ihn mindestens ein halbes Dutzend im Visier hatte, machte dies nicht den geringsten Eindruck. Der bullige, beinahe aus den N�hten platzende Fettwanst in der olivgr�nen Uniform schob seine Armee-M�tze in den Nacken, klemmte die Finger hinter den G�rtel und brach in schallendes Gel�chter aus. �Schlechter Verlierer, was?�</p><p>�Wird sich zeigen, wer hier am l�ngeren Hebel sitzt.�</p><p>�Stimmt, comandante�, wieherte der Fettwanst am�siert. �Und deshalb H�nde hoch, aber ein bisschen pl�tzlich! So leid es mir tut, aber ich sehe mich gezwungen, Sie mit nach Havanna zu nehmen. Zu einem Gespr�ch unter Freunden. Wie Sie sich sicher vorstellen k�nnen, gibt es da ein paar Herren, die sich brennend daf�r interessieren, wer genau hinter dem Fiasko in der Schweinebucht steckt.� Der Anf�hrer der Milizion�re spie aus, steckte sich eine Zigarre an und l�sterte: �Pech gehabt, San Rom�n. Mit den Gringos sollte man sich eben nicht einlassen. Als Mann von Welt h�tten Sie das eigentlich wissen m�ssen.�</p><p>Geraume Zeit sp�ter, w�hrend er mit hoch erhobenen H�nden ans Ufer watete, stie� San Rom�n ein gallenbitteres Lachen aus. Er h�tte es wissen m�ssen, in der Tat. Auf die Yankees konnte man sich nicht verlassen.</p><p>Insbesondere nicht auf einen Verr�ter, dessen Name John F. Kennedy war.</p><empty-line/><p><emphasis>�Die Landung am 17. April in der Playa Gir�n, der Schweinebucht, endete innerhalb von nur vier Tagen mit einem Fiasko der Invasoren und einem gl�nzenden Sieg Castros. F�r den neuen Pr�sidenten bedeutete das eine blamable Niederlage. Er zog daraus die Lehre, den etablierten Institutionen CIA und Pentagon sowie deren angeblicher Unfehlbarkeit zu misstrauen.�</emphasis></p><p>(Aus: Karl Drechsler: Gegenspieler: John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, Frankfurt am Main 1999, S. 126)</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>EINS</p><empty-line/><p><emphasis>�Ich sp�re in meinen Knochen, dass Pr�sident Kennedy nicht wirklich F�hrungskraft aufbringen wird. In der amerikanischen Presse und �ffentlichkeit macht sich offenbar der gleiche Eindruck breit.� (Time, 30. Juni 1961)</emphasis></p><p>Harold Macmillan (1894&#x2005;�&#x2005;1986), britischer Premierminister von 1957&#x2005;�&#x2005;1963</p><p><emphasis>�Gentlemen, Sie m�ssen sich darauf einstellen. Die Nation ist ohne F�hrung.�</emphasis></p><p>Dean Acheson (1893&#x2005;�&#x2005;1971), amerikanischer Au�enminister von 1949&#x2005;�&#x2005;1953</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>ZAPATA</p><empty-line/><p><emphasis>Washington D. C.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(am gleichen Abend)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>2</p><p><emphasis>Washington D. C., 2430 E- Street N. W.</emphasis></p><p><emphasis>| 20.38 h Washingtoner Zeit</emphasis></p><p>Die Maske, hinter der Allen Welsh Dulles seine wahre Identit�t verbarg, war nicht leicht zu durchschauen. Wer ihn zum ersten Mal sah, hielt ihn f�r alles M�gliche, nur nicht f�r den Leiter der CIA. Dulles war bereits 68 Jahre alt, hatte eisgraues Haar, einen sorgsam zurechtgestutzten Schnurrbart und eine Vorliebe f�r Tweedjacken. Er wirkte wie die personifizierte Seriosit�t, genau so, wie man sich einen Harvardprofessor, Friedensrichter im fortgeschrittenen Alter oder schrulligen Notar vorstellte, nicht aber den Mann, bei dem die F�den des teuersten und verzweigtesten Spionagenetzes der Welt zusammenliefen. Ein wahrer Meister seines Fachs, verstand der Akademiker aus Watertown sein Handwerk wie kaum ein anderer und weitaus besser als mancher Politiker, der glaubte, ihm ungefragt auf die Finger sehen zu m�ssen. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, immer auf den richtigen Moment zu warten, vermied es, sich in die Karten schauen zu lassen und legte eine Gerissenheit an den Tag, vor der nicht einmal der Pr�sident sicher war.</p><p>Dulles hatte jede Menge Erfahrung gesammelt, zum Beispiel als Anwalt einer renommierten Kanzlei, Vertreter des US-Geheimdienstes in der Schweiz und Leiter streng geheimer Operationen im sowjetischen Machtbereich. Die Ernennung zum Direktor der CIA war im Jahre 1953 erfolgt, in einem Alter, wo viele seiner Mitarbeiter bereits ans Aufh�ren dachten. B�se Zungen, an denen es in Washington nicht mangelte, stellten die Behauptung auf, der Jurist mit der randlosen Brille und dem markanten Kinn habe seine Ernennung durch Pr�sident Eisenhower weniger seinen F�higkeiten als seinem Bruder, dem amtierenden US-Au�enminister, zu verdanken gehabt, doch es dauerte nicht lange, bis Dulles sie zum Verstummen brachte.</p><p>�Herein.� Auf ein Klopfen hin, das ihn abrupt aus seinen Gedanken riss, verlie� Dulles den Platz am Fenster seines B�ros, einem Eckzimmer mit Blick auf den Potomac, machte einen Bogen um das hinter seinem Schreibtisch aufgepflanzte Sternenbanner und setzte sich. Links von ihm befanden sich drei Telefone, von denen ein wei�es die Direktverbindung zum Wei�en Haus herstellte, zu seiner Rechten mehrere Aktenstapel, welche die neuesten Geheimdossiers enthielten. Die gegen�berliegende Wand war von einer Weltkarte bedeckt, auf der die Flugroute einer unl�ngst getesteten russischen Interkontinentalrakete eingezeichnet war. Auf dem Tisch, der an einer der beiden L�ngsw�nde stand, befanden sich alle m�glichen Gegenst�nde, unter anderem B�cher, Tabaksdosen, das Modell eines Atom-U-Boots und ein ungerahmtes Farbfoto seines Bruders. Die gegen�berliegende Wand wiederum war einem gr�nledernen Schlafsessel mit hoher Fu�st�tze vorbehalten, auf dem sich der CIA-Chef von seinen Gichtanf�llen oder seinem Hobby, dem Tennisspielen, auszuruhen pflegte.</p><p>�Na, was ist � herein!�</p><p>Der 25. des Monats war ein typischer Apriltag, nasskalt, windig und f�r die Jahreszeit viel zu k�hl. Ein Tag, den Dulles am liebsten aus dem Ged�chtnis gestrichen h�tte, genauso wie die hinter ihm liegenden Wochen und Monate. Selten zuvor hatte er eine derartige Serie von R�ckschl�gen erlebt. Und wurde das Gef�hl nicht los, dass sie noch lange nicht beendet war. Vorl�ufiger H�hepunkt: Mittwoch, 12. April 1961. An diesem Tag, einem der schw�rzesten seines Lebens, hatte sein Land eine Schlappe einstecken m�ssen, an der es mit Sicherheit noch eine Weile zu kauen haben w�rde. Dulles seufzte gequ�lt auf. Schlimmer h�tte es f�r ihn und die USA wirklich nicht kommen k�nnen. Zuerst ein Satellit namens Sputnik, als N�chstes ein K�ter namens Leika und dann, vor genau 13 Tagen, dieser Gagarin, den die Russen ins All geschossen hatten. Einfach so. Vor den Amerikanern. Der Abschuss einer U-2<sup>8</sup> �ber russischem Territorium, welcher ihm immer noch Kopfzerbrechen bereitete, nicht zu vergessen. Fazit: Erneut hatten die USA den K�rzeren gezogen, nicht zum ersten und vermutlich auch nicht zum letzten Mal.</p><p>Doch damit nicht genug. Abgesehen von dem Schlamassel in Vietnam, den der Pr�sident geflissentlich ignorierte, war es vor allem Castro gewesen, der Dulles zusehends Kopfzerbrechen bereitet hatte. So sehr, dass er einen gro�en, wenn nicht gar den gr��ten Fehler seines Lebens gemacht und eine Operation abgesegnet hatte, von der er h�tte wissen m�ssen, dass sie zu einem Fiasko werden w�rde. Dulles starrte geistesabwesend ins Leere. Kein Wunder, dass er langsam Gespenster sah und bef�rchtete, die Kette der Hiobsbotschaften, die ihn in letzter Zeit erreicht hatten, w�rde nicht mehr abrei�en, schon gar nicht an einem Tag wie heute.</p><p>�Ach, sind sind�s, Luke.�</p><p>Der CIA-Chef sollte recht behalten. Allein das Gesicht, welches der Leiter der Abteilung f�r verdeckte Operationen beim Eintreten in sein B�ro machte, best�tigte seinen Verdacht. Trotzdem oder gerade deswegen lie� er sich nichts anmerken, stopfte in aller Seelenruhe seine Pfeife und lehnte sich entspannt zur�ck. �Mein Gott, wie sehen Sie denn aus!�, lie� er im Anschluss daran mit wohl einstudierter Gelassenheit verlauten, nur zum Schein auf die fachm�nnische Handhabung des s�ndhaft teuren Stopfers aus Ebenholz konzentriert. �Irgendwas nicht in Ordnung?�</p><p>�Kann man wohl sagen.� Luciano Calabrese, 42-j�hriger Spross italienischer Einwanderer und rechte Hand seines Chefs, lie� sich durch die aufgesetzte L�ssigkeit und das unterk�hlte Gebaren von Dulles nicht in die Irre f�hren und schloss die T�r. Er lie� sich Zeit damit, weniger, weil er sie im �berma� besa�, sondern weil er nicht wusste, wie sein Vorgesetzter auf die Mitteilung, die er ihm zu �berbringen hatte, reagieren w�rde. �Wenn das so weitergeht, k�nnen wir beide unseren Hut nehmen, Sir.�</p><p>�Tats�chlich?� Dulles horchte auf. �Dann schie�en Sie mal los, Luke!�, forderte er den Leiter von DECOP auf, �ber dessen vielf�ltige Verbindungen die absonderlichsten Ger�chte kursierten. Mithilfe von Dulles, der stets seine sch�tzende Hand �ber ihn hielt, hatte er es bis zum Abteilungsleiter gebracht, und es gab nicht wenige, die sich fragten, wie so etwas �berhaupt m�glich war. Calabrese neigte zur Fettleibigkeit, trug eine Hornbrille mit verst�rkten Gl�sern und bevorzugte altbackene und schlecht sitzende Anz�ge, alles Dinge, die nicht gerade zu seiner Popularit�t beitrugen. Qualle, sein Spitzname, kam somit nicht von ungef�hr, doch h�tete man sich davor, ihn als willf�hrigen Lethargiker abzustempeln. Chief Executive Calabrese war mindestens ebenso gerissen wie sein Chef � und ihm in puncto Skrupellosigkeit um ein Vielfaches �berlegen. Das hatte er bereits mehrfach unter Beweis gestellt. �Oder hat es Ihnen etwa die Sprache verschlagen?�</p><p>�Keinesfalls, Sir�, versicherte der gelernte �konom, von dem es hie�, er h�re die Fl�he husten. �Hoffentlich geht es Ihnen genauso wie mir.�</p><p>�Castro?�</p><p>�Wer denn sonst.�</p><p>�Hab ich mir beinahe gedacht.� Dulles sog an seiner Pfeife, blies den Rauch in die Luft und lie� die giftgelben Z�hne �ber seine blutleere Unterlippe gleiten. �Z�her Bursche, muss ich schon sagen.�</p><p>�Verdammt z�h sogar.� In der f�r ihn typischen Art pirschte sich Calabrese nahezu lautlos an den Schreibtisch von Dulles heran und wartete geduldig, bis sich der Tabaksqualm verzogen hatte. �Sieht ganz danach aus, als w�rde er uns noch geraume Zeit in Atem halten.�</p><p>�Mit anderen Worten: Operation Zapata<sup>9</sup> hat unserem Image gro�en Schaden zugef�gt.�</p><p>�Harmlos ausgedr�ckt, Sir.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>Calabrese gab ein verlegenes R�uspern von sich und knetete die zerfurchte Stirn. �Insofern, Herr Direktor, als dass mittlerweile �ber 100 Exilkubaner dabei draufge � �h � dabei auf der Strecke geblieben sind, Sir.�</p><p>�Und der Rest?�</p><p>�Die �brigen 1.400 Mann? Vermisst, desertiert, in die S�mpfe gefl�chtet, in Gefangenschaft � Fiasko auf der ganzen Linie.�</p><p>�San Rom�n?�</p><p>�Verschollen.�</p><p>�Materialsch�den?�</p><p>�Immens, Sir. Ein Transportschiff versenkt, ein weiteres auf Grund gelaufen, acht von insgesamt 15 Flugzeugen abgeschossen.�</p><p>�Und die Piloten?�</p><p>�Alle tot, Sir.� Calabrese kratzte sich im Nacken, nahm seine Hornbrille ab und betupfte die schwei�gl�nzende Stirn. �Unter ihnen vier Amerikaner.�</p><p>�Gott sei Dank.�</p><p>In seiner Eigenschaft als Abteilungsleiter von DECOP war der schwergewichtige, kurzsichtige und bis auf ein paar fettige, nach rechts gek�mmte Haarstr�hnen nahezu kahlk�pfige Italo-Amerikaner einiges gewohnt und durch nichts zu ersch�ttern. Die Abgebr�htheit seines Vorgesetzten lie� jedoch selbst ihn nicht kalt, weshalb ihm beim Anblick des in aller Seelenruhe vor sich hinpaffenden CIA-Direktors zun�chst die Worte fehlten. �Habe � habe ich Sie gerade eben richtig verstanden, Sir ��, stammelte er und hatte M�he, seine Hornbrille wieder in die gew�nschte Position zu bringen. �Sie sind tats�chlich der Meinung, es sei ��</p><p>�� besser, so wenige Spuren wie m�glich zu hinterlassen, Luke. Von unerw�nschten Zeugen, aus denen man die Wahrheit herauspr�geln und sie anschlie�end im Triumphzug durch Havanna schleifen k�nnte, ganz zu schweigen.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Kein Aber, Chief Executive ��, beharrte Dulles, �je weniger Mitwisser, desto besser. Bedauerlich, dass der Schaden so hoch gewesen ist, keine Frage.� Dulles fuhr mit der Spitze seines Zeigefingers �ber den eisgrauen Oberlippenbart, reckte sich und schloss mit den Worten: �Bedauerlich, aber nun mal nicht zu �ndern.�</p><p>�Und ein Schlag ins Gesicht unserer Verb�ndeten.�</p><p>�Falls n�tig, korrigieren Sie mich, Luke ��, begehrte Dulles auf, �waren nicht Sie es, �ber dessen Schreibtisch die Planungen f�r Zapata gelaufen sind? Oder sollte ich da etwas verwechselt haben?�</p><p>Calabrese verzog keine Miene, wenn der CIA-Chef mit einer Antwort gerechnet hatte, wurde er entt�uscht. Sein Proteg� wusste genau, wie er Dulles zu nehmen hatte, weshalb er eine Kunstpause einlegte und so tat, als habe ihn sein Gegen�ber auf dem falschen Fu� erwischt. Anschlie�end jedoch, als sich der Direktor des US-Auslandsnachrichtendienstes bereits als Sieger w�hnte, zog er ein Tonband aus dem Jackett, wartete die Reaktion von Dulles erst gar nicht ab und f�delte es mit versteinerter Miene ein. �Ich denke, Sie sollten da mal reinh�ren, Sir�, beschied er seinem Vorgesetzten, w�hrend er mit gerunzelter Stirn auf den Abspielknopf dr�ckte. �Bin gespannt, was Sie dazu sagen.�</p><p>�Zuerst m�chte ich einmal wissen, worum es hier �berhaupt ��</p><p>�Keine Bange, Sir ��, tat Calabrese kund, nicht ohne �berheblichkeit, wie Dulles nebenbei registrierte. �Das, was Sie auf dem Band h�ren werden, spricht f�r sich.�</p><p>*</p><p>Aus der Stimme auf dem Band, den Worten eines offenbar noch recht jungen Mannes, sprach die nackte Verzweiflung. Verzweiflung pur und dar�ber hinaus eine geh�rige Portion Wut, Zorn, abgrundtiefe Entt�uschung � und Hass. Hell auflodernder, unb�ndiger Hass. �Wir haben keine Munition mehr, k�mpfen am Strand. Bitte schickt Hilfe. K�nnen nicht mehr lange durchhalten.�</p><p>�Funkspruch vom 19. April, Sir. 11.18 Uhr Ortszeit.� Calabrese hielt das Band an, zog die buschige Braue hoch und fragte spitzz�ngig: �Mehr davon, Sir?�</p><p>Dulles gab keine Antwort. Stattdessen atmete er tief durch, bettete die Pfeife in den eigens f�r ihn angefertigten Aschenbecher aus echtem Bergkristall und rang sich ein knappes Nicken ab.</p><p>Calabrese quittierte es mit einem L�cheln und dr�ckte wieder auf die Starttaste.</p><p>�Keine Munition mehr. Die M�nner k�mpfen bereits im Wasser�, t�nte es aus dem Lautsprecher, und es schien, als st�nde Jos� P�rez San Rom�n direkt neben ihm. �Wenn nicht bald Hilfe kommt, geht Blue Beach verloren.�</p><p>�11.31 Uhr, Sir�, erl�uterte Calabrese, stoppte das Band und sah Dulles �ber die R�nder seiner Brille hinweg an. �Ich denke, das gen�gt, oder?�</p><p>Dulles sch�ttelte unwirsch den Kopf.</p><p>�Befinde mich im Wasser. Keine Munition mehr. Sind umzingelt. Wenn Hilfe, dann innerhalb der n�chsten Stunde.� Ein kurzes Rauschen, dann die Worte: �Wann wird eure Hilfe hier eintreffen und wie?� Sekunden sp�ter: �Warum helft ihr uns nicht? Zerst�re die gesamte Ausr�stung, inklusive Funkger�t. Panzer in Sicht. Habe nichts mehr, womit ich mich verteidigen kann. Setze mich in die S�mpfe ab. Kann mich nicht mehr ��</p><p>�Danke, Chief Executive, das reicht.� Allen Welsh Dulles, von dem es hie�, ihn k�nne nichts aus der Fassung bringen, hatte genug geh�rt. Sichtlich mitgenommen, st�tzte er die Ellbogen auf die Tischplatte, bettete das Kinn auf die verschr�nkten, mit Altersflecken besprenkelten H�nde und starrte minutenlang vor sich hin. Calabrese wusste, dass es unklug gewesen w�re, jetzt das Wort zu ergreifen, weshalb er einfach stehen blieb, die Augen niederschlug und sich nicht vom Fleck r�hrte.</p><p>Er tat gut daran. Dulles war au�er sich, und als es der sichtlich zufriedene Leiter von DECOP wagte, einen Blick auf seinen Vorgesetzten zu werfen, fuhr er instinktiv zusammen. �Kennedy!�, grollte der Direktor der CIA und hieb mit der Faust so heftig auf den Tisch, dass seine Pfeife aus dem Aschenbecher katapultiert wurde. �Und alles nur wegen diesem Kennedy!�</p><p>Hochzufrieden �ber die Wendung des Gespr�chs, musste Calabrese seine ganze Schauspielkunst aufbieten, um die Genugtuung, die er empfand, zu verbergen. �Kennedy?�, heuchelte er, �darf man fragen, was der Pr�sident mit ��</p><p>�Jetzt tun Sie doch nicht so, Luke!�, emp�rte sich Dulles, sprang auf und stapfte mit hochrotem Gesicht vor dem Fenster hin und her. �Sie wissen doch ebenso gut wie ich, wem wir diese Schlappe zu verdanken haben. Erst wirft dieser irische Hosenschei�er unsere urspr�nglichen Pl�ne �ber den Haufen, und dann kriegt er im letzten Moment kalte F��e.�</p><p>�Nun ja, schlie�lich ist er der Pr�sident.�</p><p>Die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt, blieb Dulles abrupt stehen. Von der Aura der Seriosit�t, die ihn umgab, war nichts mehr �brig geblieben, lediglich ein verbitterter alter Mann, der vergeblich um Fassung rang. �Mal ehrlich, Luke ��, schnaubte der Direktor der CIA, �sind Sie wirklich so naiv, oder tun Sie nur so? Gagarin, Kuba und am Ende vielleicht auch noch Vietnam � wir k�nnen uns keine Schlappe mehr leisten! Noch so ein Reinfall wie vor acht Tagen und kein Mensch nimmt uns mehr f�r voll � am allerwenigsten die Russen!�</p><p>�So d�ster w�rde ich die Lage nicht sehen, Sir.� Calabrese spulte das Band zur�ck und steckte es wieder ein. �Kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen.�</p><p>�Finden Sie? Kommt drauf an, in welche Fettn�pfchen diese Sippschaft im Wei�en Haus noch tappt. F�r �berraschungen ist dieser Appeaser<sup>10</sup> ja immer gut.� Dulles lie� seinem �rger freien Lauf. �Zieht in letzter Minute die Luftunterst�tzung zur�ck. Ich darf gar nicht dran denken. Und warum? Weil er Schiss hat, Luke � ganz einfach Schiss. Vor Castro, Chruschtschow, den Russen und insbesondere vor der eigenen Courage. Glauben Sie etwa, die kriegen das nicht mit? Und ob! Noch so ein Reinfall, und die ganze rote Brut tanzt uns auf der Nase herum. Darauf k�nnen Sie wetten.�</p><p>�Es sei denn, wir lassen uns etwas einfallen, Sir.�</p><p>�Na, Sie machen wir vielleicht Spa�. Dazu m�ssten wir erst mal wissen, was Chruschtschow im Schilde f�hrt.�</p><p>Calabrese kratzte sich an der Braue und dr�ckte seine Brille gegen die schwei�gl�nzende hohe Stirn. �Genau das ist die Frage, Sir, da haben Sie recht.� Ein hintergr�ndiges, an �berheblichkeit grenzendes L�cheln auf den Lippen, rieb der Mann, auf dessen Schreibtisch sich mehr Geheimakten h�uften als irgendwo sonst, die schwammigen Handfl�chen aneinander und �berlegte. �Obwohl ich mir sehr gut vorstellen kann, wo es demn�chst zum Showdown kommen wird.�</p><p>Hellh�rig geworden, blieb Allen Welsh Dulles stehen. Er traute Calabrese nicht �ber den Weg, am heutigen Tage weniger denn je. �Und wo, wenn man fragen darf?�, hakte er nach. �Nun kommen Sie schon � oder hat Ihre Glaskugel etwa den Geist aufgegeben?�</p><p>Die Antwort kam schneller als gedacht, und der Tonfall, in dem dies geschah, war derart ernst, dass Dulles die Lust am Foppen verging. �In Berlin, Sir�, murmelte Calabrese, w�hrend sein Blick an Dulles vorbei zum Fenster wanderte, auf dem der Aprilregen lange Schlieren hinterlie�. �Wo anders als in Berlin. Und soll ich Ihnen etwas sagen, Sir? Mein Instinkt sagt mir, dass wir bis zum n�chsten Kr�ftemessen nicht allzu lange warten m�ssen.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann werden wir Sorge tragen, dass das Kennedy-Syndrom keinen Schaden mehr anrichten kann. Mit allen uns zur Verf�gung stehenden Mitteln!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>ZWEI</p><empty-line/><p><emphasis>�The NATO shield was long ago extended to cover West Berlin, and we have given our word that an attack upon that city will be regarded as an attack upon us all.�</emphasis></p><p><emphasis>�Der Schutzschild der NATO wurde vor langer Zeit zum Schutz von Berlin ausgedehnt, und wir haben unser Wort gegeben, dass ein Angriff auf diese Stadt als Angriff auf uns alle angesehen werden wird.�</emphasis></p><p>(Aus der Fernsehansprache von John F. Kennedy vom 25. Juli 1961)</p><p><emphasis>�Das Wei�e Haus war schon einige Zeit vor dem August 1961 zu dem Schluss gekommen, dass die USA eine physische Barriere zwischen Ost und West weder verhindern konnten noch wollten.�</emphasis></p><empty-line/><p>(Aus: Seymour Hersh, Kennedy. Das Ende einer Legende, Hamburg 1998, S. 267)</p></section><section><p>CAMELOT</p><p><emphasis>Washington D. C.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(Dienstag, 25. 07.1961)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>3</p><p><emphasis>Wei�es Haus, Oval Office</emphasis></p><p><emphasis>| 20.12 h Washingtoner Zeit</emphasis></p><empty-line/><p>John Fitzgerald Kennedy, 35. Pr�sident der USA, war ein schwer kranker Mann. Niemand wusste das besser als er. Im Verlauf seiner Karriere hatte der erste katholische Pr�sident der Vereinigten Staaten bereits zweimal die Sterbesakramente empfangen und sich von seinem Leiden, der Addison�schen Krankheit, nie richtig erholt. Gegen ihre Symptome, zum Beispiel Verdauungsbeschwerden, Fiebersch�be und Schw�cheanf�lle, kam er einfach nicht an, weder mithilfe herk�mmlicher Medikamente noch durch Kortisonpr�parate, die ihm in immer k�rzeren Abst�nden verabreicht wurden. Dar�ber hinaus hatte er mit weiteren Gebrechen zu k�mpfen, darunter Migr�ne, Magenkr�mpfe und R�ckenbeschwerden. Vor allem Letztere sorgten daf�r, dass er sich vor Schmerzen mitunter kaum r�hren konnte, und w�re der eigens f�r ihn angefertigte Schaukelstuhl und die Fu�st�tze unter seinem Schreibtisch im Oval Office nicht gewesen, h�tte er am heutigen Tage, einem der wichtigsten seit seiner Amts�bernahme vor gut einem halben Jahr, vermutlich passen m�ssen.</p><p>Krank sein war somit Alltag f�r ihn, beschwerdefreie Tage die Ausnahme. Da half keine Hydrokortison-Injektion und auch keine W�rmepackung, kein Ultraschall, Pr�parat gegen Durchfall, Antibiotikum oder Schlafmittel, in welcher Form auch immer. Ohne seinen t�glichen Medikamentencocktail w�re der Liebling der Medien und unwiderstehliche Charmeur nicht imstande gewesen, die Probleme, mit denen er sich herumschlagen musste, auch nur ann�hrend in den Griff zu bekommen. �Und wenn es Pferdepisse ist � Hauptsache, es hilft!�, pflegte der Pr�sident zu scherzen, doch gab es Tage, an denen ihm das Lachen verging.</p><p>Heute, an einem br�tend hei�en Juliabend, war genau dies der Fall. Sein trockener Humor, eines seiner hervorstechendsten Charaktermerkmale, war ihm abhandengekommen. M�de und abgek�mpft wie selten, lockerte der Pr�sident seine Krawatte, schloss die T�r, die vom Oval Office in den S�ulengang f�hrte, und gab einen lang gezogenen Seufzer von sich. Hier drau�en, im Rosengarten des Wei�en Hauses, konnte man es im Gegensatz zum Oval Office wenigstens aushalten, und so ertappte er sich bei dem Gedanken, dass er am liebsten alles stehen und liegen lassen und auf dem Familiensitz in Palm Beach mal wieder richtig ausspannen w�rde.</p><p>Das wiederum konnte er sich abschminken, nicht nur aus einem, sondern einer Vielzahl von Gr�nden. Da war zum einen der B�rgerkrieg in Laos, wo laut Geheimdienstberichten die Kommunisten weiter auf dem Vormarsch waren. Jenseits der Grenze, in Vietnam, sah es nicht viel besser aus. Wie lange sich der mit den USA verb�ndete S�den ohne massive Unterst�tzung w�rde halten k�nnen, stand in den Sternen, genauso wie die Antwort auf die Frage, was aus den Exilkubanern, die sich in der Hand von Castro befanden, wohl werden w�rde. Viel Gutes war von seinem Intimfeind nicht zu erwarten, eher das Gegenteil. Dieser Bastard war immer f�r eine �berraschung gut, worauf er im Moment getrost verzichten konnte.</p><p>Er hatte andere Sorgen, wei� Gott. In Berlin stand es nicht gerade zum Besten, man musste kein Prophet sein, um zu erkennen, dass es dort demn�chst zur Sache gehen w�rde. So richtig, wohlgemerkt. Auf Biegen und Brechen. Mit diesem Bauerntrampel von Chruschtschow war nicht gut Kirschen essen, die Frage war, welchen Schachzug er wohl als N�chstes machen w�rde. Um ihm, dem verachteten Sohn schwerreicher Eltern, eins auszuwischen, war Stalins Nachfolger jedes Mittel recht. Wenn n�tig, sogar die Drohung mit Krieg.</p><p>So schnell wie von Chruschtschow erhofft, w�rde er sich den Schneid allerdings nicht abkaufen lassen. Da kannten ihn die Russen schlecht. Okay, in letzter Zeit hatte er ordentlich Federn lassen m�ssen, doch was Berlin betraf, verstand er keinen Spa�. Aus diesem Grund, aber auch, um nicht als fl�gellahmer Adler dazustehen, w�rde es dort kein Zur�ck geben. <emphasis>No way</emphasis>. Vor gut einer Stunde, in seiner landesweit ausgestrahlten Fernsehansprache, hatte er den Russen noch mal ordentlich die Leviten gelesen. In Berlin w�rde alles so bleiben, wie es war. Sonst w�rde sich Chruschtschow auf etwas gefasst machen m�ssen.</p><p>Hier die Alliierten, dort die Russen und ihre Statthalter im Osten der Stadt. Hier Freiheit, dort Knechtschaft. Hier die rettende Insel, dort das Meer der Unfreiheit.</p><p>So und nicht anders lautete die Devise.</p><p>Roger, Mister Chruschtschow?</p><p>�So allein, Bruderherz? Na komm schon, so schlecht war deine Ansprache nun auch wieder nicht.�</p><p>Am Ende des S�ulenganges angekommen, in dem er geraume Zeit hin und her spaziert war, hellte sich Kennedys Miene beim Anblick seines Bruders Robert merklich auf. Bobby, so sein Spitzname, war seine rechte Hand. F�r ihn, den um acht Jahre J�ngeren und amtierenden Justizminister, galt das Gleiche wie f�r die t�glichen Muntermacher: Ohne sie und seinen engsten Vertrauten war er aufgeschmissen. So sicher wie das Amen in der Kirche.</p><p>�Jedenfalls nicht so schlecht wie die Neuigkeiten, die du auf Lager hast�, fl�chtete sich der Pr�sident in Galgenhumor. Vor Bobby brauchte er sich wenigstens nicht zu verstellen, weswegen er sich merklich zu entspannen begann. �Mehr kann man ja wohl nicht verlangen.�</p><p>Robert Kennedy, je nach Bedarf Prellbock, Seelentr�ster oder Mann f�rs Grobe, grinste breit. �Wie hei�t es so sch�n: Ein Ungl�ck kommt selten allein�, feixte er. �Weshalb der uns beiden ans Herz gewachsene CIA-Direktor, der sich nicht hat abwimmeln lassen, sein Alter Ego gleich mitgebracht hat.�</p><p>�Dulles und Calabrese � womit hab ich das verdient!�, st�hnte Kennedy mit fatalistischer Miene auf, straffte seine Krawatte und machte sich auf den R�ckweg ins Oval Office. �Ausgerechnet jetzt, wo es mir dreckig geht.�</p><p>�Keine Sorge�, versicherte sein engster Vertrauter in der offenkundigen Absicht, den Bruder und Pr�sidenten aus seiner d�steren Stimmung zu rei�en. �Mit den beiden R�nkeschmieden werden wir schon fertigwerden. Schlie�lich wissen wir genau, mit wem wir es zu tun haben.�</p><p>�Mit den durchtriebensten Bastarden weit und breit, ich wei߫, versetzte Kennedy, lie� seinem Bruder den Vortritt und fl�sterte ihm im Vorbeigehen zu: �Fragt sich nur, was sie diesmal ausgeheckt haben.�</p><p>*</p><p>�In die Offensive gehen � und wieso?�</p><p>�Weil wir es uns meiner Ansicht nach nicht mehr leisten k�nnen, andauernd den Schwanz einzu � �h � eine Schlappe nach der anderen zu kassieren, Mister President. Noch so ein Schnitzer, und unser Imageverlust bei den Verb�ndeten wird so gro� sein, dass uns kein Mensch mehr f�r voll nehmen wird, Sir�, schulmeisterte Dulles, wobei er den Justizminister, der ihm am liebsten an die Gurgel gegangen w�re, wohlweislich ignorierte. �Dessen bin ich mir absolut ��</p><p>Der wiederum lie� sich jedoch nicht beirren. �Fragt sich nur, was Sie unter Schnitzer verstehen�, fiel Robert Kennedy dem CIA-Direktor ins Wort. �F�r den Fall, dass sie auf das Schweinebucht-Desaster anspielen, steht ja wohl fest, auf wessen Kappe es geht, oder?�</p><p>Calabrese, auf den der Seitenhieb des Justizministers gem�nzt war, nahm ihn ohne erkennbare Regung hin. Ganz anders Dulles, der Bobby Kennedy direkt gegen�bersa�. Nur mit M�he konnte der erboste CIA-Chef seine Erregung verbergen, zuckte zusammen und stierte den gerade einmal halb so alten Intimus des Pr�sidenten wutentbrannt an. �Bei allem schuldigen Respekt, Attorney General<sup>11</sup>�; entr�stete er sich, auf dem besten Weg, gegen die herrschende Etikette zu versto�en, �w�re es nach der CIA gegangen, h�tten Castros Truppen keinen Fu� auf die Erde bekommen. Das wissen Sie so gut wie ich. Nur ein halbes Dutzend B-26-Bomber mehr, und wir h�tten diese roten Insurgenten in die Steinzeit zur�ckge ��</p><p>�Jetzt h�ren Sie mir mal gut zu, Dulles�, sch�umte der Bruder des Pr�sidenten, nahm den Arm von der Lehne des Sofas, auf dem er kurz zuvor Platz genommen hatte, und beugte sich ebenfalls nach vorn. �Schreiben Sie sich das, was ich Ihnen jetzt sage, hinter die Ohren: Weder Ihnen noch sonst jemandem aus Ihrer Firma steht es zu, Entscheidungen des Pr�sidenten zu kommentieren. Geschweige denn zu kritisieren.� Kaum imstande, sein irisches Temperament zu z�geln, holte Bobby kurz Luft, stellte sein Whiskyglas auf den Beistelltisch neben dem Kamin und nahm seinen Kontrahenten mit durchdringendem Blick ins Visier. �Haben wir uns diesbez�glich verstanden, Allen? Und wenn wir gerade dabei sind � so d�mlich, Korallenriffe mit Algenfeldern zu verwechseln, ist ja wohl nicht einmal der BND<sup>12</sup>. Wenn schon Luftaufnahmen, dann scharfe, finden Sie nicht auch?�</p><p>�Wollen Sie etwa damit sagen, wir h�tten unsere Arbeit nicht richtig ��</p><p>�Tun Sie Ihre Arbeit, und wir tun die Unsrige, klar?�</p><p>Dulles lief vor Erregung rot an. �Ich verbitte mir diesen Ton!�, japste er und sprang mit erhobenem Zeigefinger auf. �Sonst ��</p><p>Der Justizminister tat es ihm gleich. �Sonst was?�, herrschte er sein Gegen�ber an. �Hei�t das, Sie wollen mir drohen?�</p><p>�Schon gut, Bobby � das reicht.� Die Ellbogen auf den Schreibtisch gest�tzt, von wo aus er den Disput mit wachsendem Unbehagen verfolgt hatte, bedeutete der Pr�sident seinem Bruder, sich zu m��igen und richtete den Blick auf die beiden CIA-Beamten. Er misstraute ihnen genauso wie Bobby, verstand es jedoch, seine Antipathie hinter der Maske vorget�uschter Leutseligkeit zu verbergen. �Und nun zu Ihnen, Allen: Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuchs? Muss sich um etwas Wichtiges handeln, sonst h�tten Sie Luke nicht gleich mitgebracht, oder?�</p><p>�In der Tat, Sir�, bekr�ftigte Dulles, in Gedanken immer noch bei seinem Disput mit dem Justizminister, der sich mit ostentativer Gelassenheit in seinen Sessel sinken lie� und so tat, als sei sein Gegenspieler Luft f�r ihn. �Wichtiger geht es fast nicht.�</p><p>�Lassen Sie mich raten, Allen � es geht um Berlin.�</p><p>Der Leiter der CIA bejahte und nahm wieder Platz.</p><p>�Wieder mal �rger?�</p><p>�So k�nnte man es ausdr�cken, Sir�, best�tigte Dulles und nahm die Kladde zur Hand, die neben ihm auf dem Sofa lag. �Nach meiner Einsch�tzung braut sich dort ganz sch�n was zusammen.�</p><p>�Eins muss man Chruschtschow lassen�, l�sterte Kennedy und lie� sich in seinen Sessel sinken, darauf bedacht, sich seine R�ckenschmerzen nicht anmerken zu lassen. �Wenn es darum geht, uns eins auszuwischen, l�uft der alte Choleriker zur Hochform auf. Fragt sich, wie tief er diesmal in die Trickkiste gegriffen hat.�</p><p>�So genau wissen wir das auch nicht, Sir�, r�umte Dulles kleinlaut ein. �Sicher ist jedenfalls, dass im Ostsektor eine gr��ere Aktion im Gange ist.� Dulles �ffnete die Kladde und bl�tterte die darin enthaltenen Akten, Notizen und Schriftst�cke durch. Auf einem von ihnen, der Transkription eines decodierten Funkspruchs, blieb sein Blick schlie�lich haften. �Laut unserer Quelle in der sowjetischen Botschaft in Ostberlin ��</p><p>�H�rt, h�rt.�</p><p>�� soll Botschafter Perwuchin am 6. Juli Himmel und H�lle in Bewegung gesetzt haben � tun Sie mir bitte den Gefallen und lassen mich ausreden, Attorney General? Verbindlichen Dank! Wie gesagt: Vor knapp drei Wochen hat der sowjetische Botschafter in Ostberlin einen Vertrauensmann beauftragt, Ulbricht in die sowjetische Botschaft Unter den Linden zu zitieren. So schnell wie m�glich, wohlgemerkt.�</p><p>�Vermutlich nicht zum ersten Mal, oder? Befehlsempf�nger bleibt nun einmal Befehlsempf�nger. Besonders, wenn man unter der Knute der Russen steht.�</p><p>Dulles holte kurz Luft, dachte jedoch offenbar nicht daran, sich durch den Gleichmut des Pr�sidenten beirren zu lassen. Er hatte noch einen Trumpf im �rmel, genug, wie er glaubte, um Kennedy damit aus der Reserve zu locken. �Durchaus zutreffend, was Sie da sagen, Sir�, r�umte er z�hneknirschend ein, redlich bem�ht, die H�me des Justizministers zu ignorieren, �erlauben Sie mir jedoch, meine Ausf�hrungen mithilfe weiterer Details zu erg�nzen.�</p><p>Der Pr�sident machte eine einladende Geste, lehnte sich zur�ck und bettete die F��e auf eine St�tze, die sich unter seinem aus den Planken der �Resolute�<sup>13</sup> gefertigten Schreibtisch befand. �Nur zu, Allen � wir sind ganz Ohr.�</p><p>�Freut mich zu h�ren, Mister President�, lautete die bissige Replik, woraufhin der CIA-Direktor einen Verschw�rerblick mit Calabrese wechselte und sich herablie�, die Katze aus dem Sack zu lassen: �Um Ihre Geduld nicht �ber Geb�hr zu strapazieren�, fuhr er in herausforderndem Tonfall fort, �nur so viel: Nach Auskunft der Abh�rspezialisten der BOB<sup>14</sup> hat sich die Anzahl der Funkspr�che, die von der sowjetischen Botschaft nach Moskau abgesetzt worden sind, seit jenem 6. Juli um ein Vielfaches erh�ht.�</p><p>�Auf den Punkt gebracht: Ihrer Meinung nach sind unsere Kumpels in Moskau wieder mal dabei, eine gr��ere Teufelei auszuhecken.� Kennedy, trotz seiner Gebrechen stets zu Sp��en aufgelegt, setzte ein treudoofes L�cheln auf und zwinkerte Dulles frohgemut zu. �Wer wei�, vielleicht bereiten sie auch nur ihren Abzug vor. K�nnte doch immerhin sein, oder?�</p><p>Dulles blickte kurz auf, r�ckte seine Brille zurecht und bl�tterte verdrossen in seinen Papieren herum. Ganz offensichtlich hatte ihn Kennedy auf dem falschen Fu� erwischt, und w�re Calabrese nicht f�r ihn in die Bresche gesprungen, h�tte er nicht mehr weitergewusst. �Nein, Mister President�, bekr�ftigte der Chef von DECOP s�ffisant, �f�r so d�mlich, wenn sie mir meine ungehobelte Ausdrucksweise erlauben, halte ich die Russen nun wirklich nicht.�</p><p>�Tats�chlich?�, knirschte Robert Kennedy, der sich f�r den Seitenhieb auf sein cholerisches Naturell umgehend revanchierte. �Ich muss gestehen, Luke, Sie machen mich neugierig. Dass Sie Wirtschaftswissenschaften studiert haben, ist mir bekannt, aber nicht, dass Sie Diplom-Hellseher sind.�</p><p>�Mit Verlaub, Herr Justizminister�, konterte das Alter Ego von Dulles, �um zu erahnen, was die Russen vorhaben, sind �bersinnliche F�higkeiten nicht vonn�ten. Nur ein wenig Verstand � sonst nichts.�</p><p>�Na, dann lassen Sie mal h�ren, Luke�, stachelte der Pr�sident die graue Eminenz der CIA an, um eine Retourkutsche seines Bruders, dessen Stirnrunzeln nichts Gutes verhie�, nach M�glichkeit zu vermeiden. Dann erhob er sich und begab sich zu seinem Schaukelstuhl, auf dem er sich mit einem Seufzer der Erleichterung niederlie�. �Was haben die Russen Ihrer Meinung nach vor?�</p><p>�Genau das ist der Punkt, Sir. Wie Direktor Dulles bereits ausgef�hrt hat, k�nnen wir das zum gegenw�rtigen Zeitpunkt nicht sagen.�</p><p>�Die CIA und der Durchblick � eine amerikanische Erfolgsstory.�</p><p>�Bitte tu mir den Gefallen und halt die Luft an, Bobby�, wies Kennedy seinen Bruder in ungew�hnlich scharfem Ton zurecht, bevor er sich wieder ganz auf Calabrese konzentrierte. �Ihre Hypothese, Chief Executive?�</p><p>�Nun, ich denke, die Russen haben ihr Ziel, ganz Berlin in die Hand zu bekommen, noch l�ngst nicht aufgegeben, Sir.�</p><p>�Bedeutet?�</p><p>�Das bedeutet, Mister President, dass Chruschtschow s�mtliche Hebel in Bewegung setzen wird, um besagtes Ziel zu erreichen.�</p><p>�Moment mal! Hei�t das, Sie glauben, die Russen sind darauf aus, unsere Garnison in Berlin ��</p><p>�Bei allem Respekt, Sir: Fr�her oder sp�ter wird Chruschtschow gezwungen sein, alles auf eine Karte zu setzen. Allein deshalb, weil seinen ostdeutschen Vasallen allm�hlich die Untertanen ausgehen. Oder davonlaufen, ganz wie man will. In hellen Scharen, derzeit mehr als Tausend pro Tag. Anders ausgedr�ckt � sollten sich meine und die Bef�rchtungen der �brigen Experten unserer Beh�rde bewahrheiten, kommen wir nicht umhin, den Russen die Z�hne zu zeigen. Wenn wir tatenlos zusehen, wie Chruschtschow und Co. Berlin �berrennen, wird unser Ansehen irreparablen Schaden erleiden. Nicht nur bei den Berlinern, sondern �berall auf der Welt.�</p><p>Trotz der Schmerzen, die ihm mehr denn je zu schaffen machten, erhob sich Kennedy aus seinem Sessel, wandte sich ab und trat ans �u�ere der drei Fenster, von denen aus man einen ungehinderten Blick auf den Rosengarten genoss. Es d�mmerte, und die Str�ucher, Hecken und Zierpflanzen waren in bl�ulich rotes Licht getaucht, das ins Purpurfarbene m�anderte. Die Schatten der Nacht breiteten sich unaufhaltsam aus, mit einer Geschwindigkeit, dass ihn das Gef�hl beschlich, die Zeit laufe ihm davon. �Ich darf doch wohl annehmen, Luke, Sie sind sich im Klaren, wozu das unweigerlich f�hren wird�, antwortete der Pr�sident und nahm ein Bild zur Hand, das seine Frau Jackie, seine Tochter und seinen exakt sieben Monate alten Sohn John zeigte. �N�mlich auf einen Krieg, der in k�rzester Zeit eskalieren wird. Gut m�glich, dass es dabei zum Einsatz von Atomwaffen kommen k�nnte. Die Frage ist, ob wir wirklich so weit gehen wollen, Gentlemen.�</p><p>�Wenn Sie auf meine Meinung Wert legen, Sir: ja.� Calabreses volumin�ser Rumpf straffte sich, und nach einem weiteren Seitenblick zu Dulles, der kaum merklich nickte, f�gte er hinzu: ��ber kurz oder lang, Mister President, wird es zum Showdown mit den Russen kommen. Wenn nicht in Berlin, dann eben anderswo. Besser jetzt, wo wir die �ffentliche Meinung hinter uns haben, als irgendwann in ferner Zukunft. Wir werden es darauf ankommen lassen m�ssen, Sir. Ob wir wollen oder nicht.�</p><p>�So, meinen Sie.� Kennedy warf einen erneuten Blick auf das Bild und stellte es wieder auf den Tisch vor dem Fenster, wo sich eine Reihe von Erinnerungsst�cken befand, unter anderem ein Modell der �Resolute� und mehrere Fotos seiner Familie. Im Anschluss daran wandte sich der Pr�sident wieder dem abendlichen, von schattenhaftem Zwielicht �berlagerten Panorama zu und seufzte leise vor sich hin. Aus der Traum!, sinnierte er, vorbei der Traum vom Camelot<sup>15</sup> Amerikas, dem Wei�en Haus, wo sich Intellektuelle, Literaten, Stars und Sternchen gleich reihenweise die Klinke in die Hand gaben. Wenn man Dulles und Calabrese so reden h�rte, war der dritte Weltkrieg nicht mehr fern, eine Frage von Wochen oder nur wenigen Tagen. Das wiederum w�rde bedeuten, dass es weder Sieger noch Verlierer, Gewinner oder Unterlegene geben w�rde. Bei einem milit�rischen Konflikt, wie ihn diese beiden Vogelscheuchen da hinter ihm zu riskieren bereit waren, w�rde es Millionen Tote geben, beileibe nicht nur in Berlin. Und deswegen, nicht nur um der Berliner willen, w�rde er alles tun, um ihn zu verhindern. Selbst auf die Gefahr hin, als nachgiebig, schwach oder Feigling dazustehen.</p><p>Ende der Diskussion.</p><p>�Schluss mit der Taktiererei, Mister President�, meldete sich Dulles, der sein Missfallen kaum noch verbergen konnte, in aller Entschiedenheit zu Wort. �Das ist meine � genauer gesagt unsere � feste �berzeugung.� Dulles zog die Stirn in Falten und richtete den Blick auf den Pr�sidenten, der mit verschr�nkten Armen zum Fenster hinaussah. �Was mich zu der Frage bringt, welche Strategie wir in Bezug auf eine m�gliche Eskalation der Lage in Berlin einschlagen sollten.�</p><p>�Gar keine.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Sie haben richtig geh�rt, Allen: gar keine.� Kennedy drehte sich auf dem Absatz um und schlenderte auf das Sofa am anderen Ende des Raumes zu, von wo aus ein sichtlich indignierter CIA-Direktor jede seiner Bewegungen verfolgte.</p><p>�Habe ich Sie gerade eben richtig verstanden, Sir � Sie ��</p><p>�Haben Sie. Bevor mir keine stichhaltigen Beweise daf�r vorliegen, was die Russen im Schilde f�hren, sehe ich keinen Grund, meine Strategie zu �ndern.�</p><p>�Und das bedeutet?�</p><p>�Das hei�t, wir werden so tun, als sei nichts geschehen. Solange der russische B�r sein Revier nicht verl�sst, werden wir ihn gew�hren lassen.�</p><p>�Auch dann, wenn wir nicht wissen, was er im Schilde f�hrt?�</p><p>�Gerade dann�, stellte der Pr�sident unmissverst�ndlich klar, bereits wieder auf dem Weg zur T�r, wohin ihm ein sichtlich zufriedener Justizminister vorausgeeilt war. �Gerade dann. So, Gentlemen � und nun bitte ich Sie, mich zu entschuldigen!�</p><p>*</p><p>�Typisch Kennedy!�, ereiferte sich Dulles, nachdem er das Wei�e Haus verlassen und seinen vor dem Nordportal auf ihn wartenden Fahrer nach Hause geschickt hatte, damit er und Calabrese unter sich waren. �Aber das ist man von diesem Zauderer ja nicht anders gewohnt.�</p><p>Selten um eine Antwort verlegen, blieb sein Proteg� diesmal stumm, zw�ngte sich hinter das Steuer des schwarz lackierten Lincoln Continental und gab Gas. Erst viel sp�ter, als er den Wachposten passiert und auf die Pennsylvania Avenue eingebogen war, lockerte sich sein bis dahin unbeteiligter, ans Apathische grenzender Gesichtsausdruck auf, und die Mundwinkel von Luciano Calabrese begannen sich zu kr�useln. �Welch ein Narr!�, murmelte er ged�mpft und machte gar nicht erst den Versuch, mit seiner Geringsch�tzung hinterm Berg zu halten. �Zu glauben, man k�nne einem Konflikt mit den Russen aus dem Weg gehen. Einfach l�cherlich.�</p><p>�Wenn ich dran denke, welchen Schaden das Kennedy-Syndrom noch anrichten wird, wird mir ganz anders�, brach es aus Dulles hervor, den die Abgekl�rtheit, mit der Calabrese auf die Abfuhr des Pr�sidenten reagiert hatte, zus�tzlich in Wallung brachte. �Keine Ahnung, was wir noch anstellen sollen, um diesen irischen Appeaser auf Trab zu bringen.�</p><p>�Aber ich.�</p><p>�Ach, ja?�, mokierte sich Dulles in s�ffisantem Ton. �Darf man fragen, wie Sie sich das vorstellen, Chief Executive? Angenommen, der russische B�r h�lt sich an die Spielregeln und begn�gt sich damit, innerhalb seines eigenen Reviers auf Beutezug zu gehen. Wie zum Teufel wollen Sie es dann fertigbringen, ihn als beutel�sterne Bestie abzustempeln? Eins d�rfte Ihnen w�hrend der vergangenen halben Stunde doch wohl klar geworden sein, Luke. Um Kennedy vor unseren Karren zu spannen, m�ssen wir uns etwas einfallen lassen. Was wir brauchen, Luke, sind Beweise, Daten, Fakten � und keine wackeligen Hypothesen. So schnell es geht. Sonst wird Chruschtschow den Pr�sidenten um den Finger wickeln.� Dulles schnappte nach Luft, atmete ger�uschvoll aus und st�tzte den Kopf auf die zusammengepresste Faust. �Haben Sie mitgekriegt, wie fertig dieser irische Sch�nf�rber ist? Bevor der sich zum Losschlagen entschlie�t, muss schon viel passieren. Keinen Mumm in den Knochen, aber gro�e T�ne spucken. So haben wir�s gern. Ein paar Monate, und wir tanzen nach Chruschtschows Pfeife.�</p><p>�Es sei denn, der Pr�sident schwenkt auf unsere Linie ein.�</p><p>Dulles brach in h�hnisches Gel�chter aus. �Fragt sich nur, wie Sie ihn dazu bringen wollen.�</p><p>Calabrese drosselte das Tempo, umrundete den Washington Circle und bog in Richtung State Department ab. Danach, als Dulles mit keiner Antwort mehr rechnete, verzog er das Gesicht zu einem sp�ttischen Grinsen und sagte: �Das, mein lieber Dulles, �berlassen Sie am besten mir. Keine Bange � wir beide werden ihn schon so weit kriegen.�</p><p>�Und wie?�</p><p>�Indem wir ein bisschen nachhelfen, Sir.�</p><p>Dulles runzelte die Stirn und blickte stur geradeaus. �Ich hoffe, Sie wissen, auf was Sie sich da einlassen, Chief Executive. N�mlich auf ein Spiel mit dem Feuer. Angenommen, einer unserer Agenten kriegt tats�chlich heraus, dass hinter Chruschtschows Imponiergehabe nichts steckt. Dass er nur blufft und darauf aus ist, sein eigenes � sprich Ostberliner � Revier zu verteidigen. Wie, Signore, w�rden Sie darauf reagieren?�</p><p>�Auf die Tatsache, dass jemand meine Pl�ne zu durchkreuzen versucht, meinen Sie? Ganz einfach � ich w�rde mich nicht davon abbringen lassen.�</p><p>�Auch dann, wenn es sich um einen unserer eigenen Agenten handelt?�</p><p>Calabrese gluckste am�siert. �Gerade dann, mein lieber Dulles�, entgegnete er, wobei er Kennedys Stimme gekonnt imitierte, �gerade dann!� Und erg�nzte s�ffisant: �Sollte es so weit kommen, w�rde der Betreffende den n�chsten Tag nicht erleben. Und alle anderen, die so t�richt sind, mir in die Quere zu kommen!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>DREI</p><empty-line/><p><emphasis>�Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die w�nschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht. Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt besch�ftigen sich haupts�chlich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird daf�r voll eingesetzt. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.�</emphasis></p><p>SED-Generalsekret�r Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz am 15. Juni 1961 in Ostberlin</p><p><emphasis>�Inzwischen hatten westliche Nachrichtendienste von Informanten in der DDR Hinweise darauf erhalten, dass der entscheidende Moment fr�her als erwartet eintreten k�nnte. Am 6. August berichtete ein CIA-Informant, ein in der SED-Organisation seines Bezirks recht bekannter Arzt, er habe in einem Parteiausschuss geh�rt, dass f�r das n�chste Wochenende �drastische Ma�nahmen� zur Abriegelung West-Berlins geplant seien. Mehrere sowjetische und ostdeutsche Armeedivisionen seien in Gefechtsbereitschaft versetzt worden. Einem franz�sischen F�hrungsoffizier erz�hlte ein Zahnarzt von einem Gespr�ch mit einem Patienten, der einen hohen Parteiposten bekleidete. Der Mann habe zu ihm gesagt: �Sie wollen Absperrungen mitten durch Berlin bauen.��</emphasis></p><p>(Aus: Frederick Taylor: Die Mauer. 13. August 1961 bis 9. November 1989. M�nchen 2009, S. 194)</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>SUMMERTIME</p><p><emphasis>Berlin</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(Samstag, 12. 08.1961)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>4</p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Stresemannstra�e | 00.05 h</emphasis></p><p>Ernst Blaschkowitz konnte sein Gl�ck kaum fassen.</p><p>Eigentlich hatte er nur in seine Stammkneipe gehen wollen. Auf ein Bier oder einen kurzen Plausch mit seinen Kumpanen. Einfach so. Wie an jedem Freitagabend, vor allem, wenn es so warm war wie heute.</p><p>Doch dann war dort auf einmal diese Br�nette aufgetaucht. Wei� der Teufel, woher. Und hatte sich neben ihn an den Tresen gestellt.</p><p>Wei� der Teufel, wieso.</p><p>Nicht etwa, dass Blaschkowitz ein Kostver�chter war. Davon konnte wirklich nicht die Rede sein. Nur leider nicht mehr der J�ngste, schon �ber 50, um bei der Wahrheit zu bleiben. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf, eine Warze am Kinn und zu allem �berfluss eine Trinkernase. Und er war auch nicht �berm��ig hell im Kopf. Wie geschaffen, um bei den Damen abzublitzen.</p><p>Aber davon hatte sich der steile Zahn neben ihm nicht abschrecken lassen. Im Gegenteil. Ernst, sonst eher ein zur�ckhaltender Mensch, war auf Anhieb wie elektrisiert gewesen. So ein Rasseweib wie dieser schlanke, vollbusige und knapp 30 Jahre alte Vamp, in den er sich auf Anhieb vergafft hatte, gab es nicht zweimal auf der Welt. Und in Kreuzberg sowieso nicht. Jede Wette.</p><p>Kein Wunder also, dass der gelernte Buchhalter, auf den die Damenwelt kaum je einen Blick verschwendete, Himmel und H�lle in Bewegung gesetzt hatte, um bei seiner Angebeteten, die ihn verflixt noch mal an eine Hollywooddiva � la Jane Russell erinnerte, auf jede nur erdenkliche Weise Eindruck zu schinden. Nur um festzustellen, dass dies im Grunde nicht n�tig war. Denn nicht nur zu seiner, sondern zur �berraschung s�mtlicher Anwesender waren seine Ann�herungsversuche durchaus auf Gegenliebe gesto�en. Wer hier wen umgarnt hatte, war nach einer knappen Viertelstunde �berhaupt nicht mehr klar gewesen, auch nicht, was eine mit s�mtlichen Gaben der Natur ausgestattete Traumfrau an Ernst Blaschkowitz aus Kreuzberg eigentlich interessierte. Am allerwenigsten Ernst, f�r den es an diesem Abend, dem letzten seines eint�nigen Lebens, nur noch die bet�rende, verf�hrerisch duftende und ihn unentwegt umgarnende Unbekannte gegeben hatte.</p><p>Bereits gegen zehn, also eine knappe halbe Stunde nach ihrem Eintreffen, hatte Natalja, so ihr angeblicher Name, den Vorschlag gemacht, auf ein Gl�schen oder zwei in ihr Domizil zu fahren. Nur so zum Spa�. Zu diesem Zeitpunkt hatte Ernst schon einen in der Krone gehabt und der Verlockung, endlich wieder eine Frau abschleppen zu k�nnen, nat�rlich nicht widerstehen k�nnen. Wer hier wen abgeschleppt hatte, konnte man zwar nicht mit Bestimmtheit sagen, Ernst sowieso nicht. Aber was machte das schon. Er hatte Feuer gefangen, und der Verdacht, hier k�nne etwas nicht in Ordnung sein, w�re ihm nie im Leben gekommen. Wie auch, wenn man nicht mehr wusste, was die weibliche Anatomie alles zu bieten hatte. So eine Chance, die gr��te seines Lebens, hatte sich Ernst Blaschkowitz nat�rlich nicht entgehen lassen wollen. Ohne R�cksicht auf die Konsequenzen, die sich aus seiner Blau�ugigkeit ergeben w�rden.</p><p>Denn die gab es reichlich, obwohl der liebestrunkene Buchhalter keinen Gedanken daran verschwendet hatte. An die Fahrt mit dem Taxi konnte er sich sp�ter ohnehin kaum erinnern, an die Nobelherberge unweit des Potsdamer Platzes, in der seine Angebetete logierte, noch viel weniger. Etablissements wie dieses kannte er nur von au�en, Schlafzimmer attraktiver Damen um die 30 allenfalls vom H�rensagen. Nein, auf die Idee, hier k�nne irgendetwas nicht in Ordnung sein, war Blaschkowitz einfach nicht gekommen. Ebenso wenig wie auf den Gedanken, dass in dem ger�umigen, mit Himmelbett, Vorh�ngen aus chinesischer Seide und Lammfellteppichen ausgestatteten Boudoir der mysteri�sen Unbekannten mehrere Kameras und jede Menge Wanzen versteckt sein k�nnten. In seinem Zustand w�re das auch ein bisschen viel verlangt gewesen, hatte er doch seine liebe M�he gehabt, eine Flasche Raymond Boulard zu k�pfen, mit seiner Eroberung anzusto�en und nach etlichen vergeblichen Versuchen den Rei�verschluss ihres malvenfarbenen Kost�ms zu �ffnen.</p><p>�W�rdest du mir einen Gefallen tun, S��er?�, hauchte ihm der br�nette Vamp schlie�lich ins Ohr, ausgerechnet in dem Moment, als sich Ernst Blaschkowitz aus Kreuzberg am Ziel seiner W�nsche w�hnte. �Es soll dein Schaden nicht sein.�</p><p>�Jeden!�, versprach Blaschkowitz, trunken vor Gl�ck, eine halb nackte Venus in seinen Armen zu halten, die ihn mit sanfter Gewalt auf ihr vergoldetes Messingbett zubugsierte. Und noch einmal: �Jeden.�</p><p>*</p><p>�Aber das hab ich Ihnen doch alles schon gesagt�, lamentierte der v�llig konsternierte, aus allen Wolken gefallene Buchhalter immer und immer wieder und klammerte sich mit aschfahler Miene am Bettgestell fest. �Ich � habe keinen blassen Schimmer, wie sie hei�t.� Im Kopf des in sich zusammengesunkenen und wie ein H�uflein Elend auf der Bettkante vor sich hinstierenden M�chtegern-Gigolos h�rte es nicht auf zu rumoren, sodass er sich kaum auf seine Umgebung konzentrieren konnte. Das galt sowohl f�r den k�sewei�en Jungspund auf dem Chippendale-Sofa gegen�ber wie auch f�r seinen Begleiter, einen grimmig dreinblickenden und pockennarbigen Afroamerikaner mit Sonnenbrille. �Das k�nnen Sie mir glauben.�</p><p>Offenbar war jedoch genau das nicht der Fall. �Oder woher sie kommt�, leierte der muskul�se CIA-Agent, der anscheinend jede freie Minute im Kraftraum verbrachte und sich allein schon deshalb von seinem Begleiter auf dem Chippendale-Sofa unterschied. �Na ja, wenigstens kennen Sie ihren Vornamen. F�r den Anfang gar nicht mal so schlecht.�</p><p>�Anfang?�</p><p>�Jetzt h�ren Sie mir mal gut zu, Mann. Falls Sie vorhaben, uns aufs Kreuz zu legen, wird das ernsthafte Konsequenzen haben, kapiert?�</p><p>�Konse��, lallte Blaschkowitz, wagte es jedoch in Anbetracht der r�den Zurechtweisung nicht, weitere Fragen zu stellen. �So glauben Sie mir doch ��, beteuerte er stattdessen mit verzweifelter Miene, �sie ist eine Zufallsbekanntschaft. Mehr nicht.�</p><p>�Sehe ich das richtig: Sie behaupten, Ihre G�nnerin am gestrigen Abend zum ersten Mal gesehen zu haben?�, fragte der Pockennarbige, verschr�nkte die Arme und lehnte sich an die rot-wei� gestreifte Wand, an der ein Gem�lde mit einer splitternackten Rokoko-Nymphe hing. �Das meinen Sie doch wohl nicht im Ernst.�</p><p>Im Begriff, Kontra zu geben, �ffnete Blaschkowitz den ausged�rrten, nach Alkohol riechenden Mund.</p><p>Und �berlegte es sich im letzten Moment anders.</p><p>Sein Gespr�chspartner sah es mit Genugtuung, warf einen beil�ufigen Blick auf das Gem�lde und sagte: �Schon gewusst, dass die Dame, mit der sie sich vor einer Stunde vergn�gt haben, in Wahrheit eine KGB-Agentin ist?�</p><p>Blaschkowitz verneinte.</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>Verneinte abermals, lie� das Kinn auf die Brust sacken und schwieg.</p><p>�Eine Frage, Herr Blaschkowitz. Trifft es zu, dass Sie bis vor gut drei Jahren DDR-B�rger waren?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Aus Frankfurt an der Oder?�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Ehemaliges FDJ-Mitglied, im Anschluss daran Verwaltungsangestellter in einer LPG<sup>16</sup>?�</p><p>�In der Tat.�</p><p>�Mitglied einer Delegationen, welche sich aus Anlass des zehnj�hrigen Bestehens Ihres Betriebes zu einem Freundschaftsbesuch in Moskau aufhielt?�</p><p>�Sagen Sie, worauf wollen Sie eigentlich ��</p><p>�Sie reden, wenn Sie gefragt werden, klar? Haben Sie sich in der Sowjetunion aufgehalten � ja oder nein?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sind Sie im Anschluss daran von der Stasi angeworben worden � ja oder nein?�</p><p>�Jawohl. Woher �?�</p><p>�Kurz darauf Flucht in den Westen, Heirat und T�tigkeit als Buchhalter?�</p><p>Ein �berraschter Augenaufschlag, konfuse Blicke, danach Stille.</p><p>�Und Sie wollen uns weismachen, Sie h�tten die Dame, die sie vor gut zwei Stunden aufgegabelt haben, zum ersten Mal gesehen! Kommen Sie schon, Blaschkowitz � das meinen Sie doch nicht ernst, oder?�</p><p>�Was wollen Sie von mir?�</p><p>�Sehen Sie, so kommen wir der Sache schon n�her.� Ein ver�chtliches Schmunzeln im Gesicht, stie� sich der CIA-Agent von der Wand ab und tippelte im Stil eines Revue-T�nzers auf Ernst Blaschkowitz zu. �Freut mich, dass Sie endlich zur Vernunft gekommen sind.�</p><p>�Ehrlich gesagt, wei� ich nicht, was Sie ��</p><p>�Und ob Sie verstehen, was ich meine.� Als habe er es mit einem renitenten Kind zu tun, lie� sich der Muskelprotz neben den verhinderten Ladykiller nieder und redete mit samtweicher Stimme auf ihn ein. �Wissen Sie, was ich glaube? Nein? Ich bin der Ansicht, Sie tun so, als ob Sie nicht bis drei z�hlen k�nnten.�</p><p>�Sagen Sie endlich, was Sie wollen.�</p><p>�Warum so ungeduldig, Blaschkowitz? Na gut, weil Sie es sind. Trifft es zu, dass es Ihrem Schwarm gegl�ckt ist, Sie als Kurier f�r den KGB anzuwerben?�</p><p>Auf einen Schlag aschfahl, wich auch noch das letzte Qu�ntchen Farbe aus Blaschkowitz� Gesicht. �Als Kurier? Das � das � kann doch wohl nicht Ihr ��, stammelte der M�chtegern-Playboy, au�erstande, auf die Beschuldigungen zu reagieren. Und dann, geraume Zeit sp�ter: �Sie m�ssen mich mit jemandem verwechseln.�</p><p>Das Narbengesicht, einer der versiertesten Verh�rspezialisten in den Reihen der CIA, stie� ein gallenbitteres Lachen aus. �Angesichts der Dokumente, die uns in die H�nde gefallen sind, der Geheimhaltungsstufe, der sie unterliegen, und der Tonbandmitschnitte Ihrer amour�sen Eskapaden muss ich Ihnen leider widersprechen.� Der CIA-Agent grinste schief. �Lust auf eine kleine Kostprobe?�</p><p>Blaschkowitz sackte buchst�blich in sich zusammen. �Nein.�</p><p>�Verst�ndlich.� Der Afroamerikaner, an die 20 Jahre j�nger als sein v�llig verdatterter Berliner Nebenmann, r�mpfte die Nase, bleckte die elfenbeinfarbenen Z�hne und wisperte: �Und jetzt wollen Sie sicherlich wissen, was wir mit Ihnen vorhaben.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wusste ich�s doch.� Zum ersten Mal w�hrend des gesamten Verh�rs schien Special Agent Jermaine Ross aus Detroit, dem die Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben war, seinen Begleiter �berhaupt zur Kenntnis zu nehmen und nickte ihm auffordernd zu. Dieser wiederum, gerade einmal 22, zehn Jahre j�nger als Ross und Prototyp eines amerikanischen College-Boys, z�gerte keine Sekunde und �berreichte ihm die Kladde, welche die ganze Zeit �ber neben ihm auf dem Chippendale-Sofa lag. �Um es kurz zu machen, Blaschkowitz ��, fuhr Ross daraufhin fort, �Sie sind jetzt bitte so freundlich und unterschreiben dieses Verh�rprotokoll, aus dem hervorgeht, dass die Vorw�rfe, die gegen Sie und Ihre mittlerweile verhaftete Komplizin erhoben werden, absolut berechtigt sind.� Ross dr�ckte seinem Nebenmann die Kladde in die Hand, zog das Revers seines Jacketts glatt und erg�nzte: �Und zwar ohne Wenn und Aber.�</p><p>�Und was, wenn ich es nicht tue?�</p><p>�Mal ehrlich, alter Junge. Wer, denken Sie, w�rde Ihnen die Version vom eher zuf�llig in die F�nge des KGB geratenen Unschuldslammes glauben? Ausgerechnet Ihnen, dem ehemaligen FDJ-Mitglied, Moskautouristen und Stasi-Mitarbeiter. �u�erst unwahrscheinlich, finden Sie nicht auch? Nehmen Sie Vernunft an, Blaschkowitz, bevor es zu sp�t f�r Sie ist.�</p><p>�Zu sp�t? Aber ich �?�</p><p>�Keine Ausfl�chte, Sportsfreund, sonst ist es mit meiner Geduld vorbei. Sie werden jetzt dieses Protokoll unterschreiben, aber ein bisschen pl�tzlich. Andernfalls werden wir die Inhaberin der Porzellanwarenfirma Blaschkowitz und Co. � keine Geringere also als Ihre offenbar �ber alles geliebte Ehefrau � �ber Ihre Eskapaden in Kenntnis setzten. Ganz sch�n peinlich, was? Vor allem, wenn man angeheirateter Fabrikbesitzer ohne wirkliche Befugnisse ist. Danach, mein Bester, werden wir die Polizei verst�ndigen. Ich denke, 20 Jahre hinter schwedischen Gardinen werden das Mindeste sein, was Ihnen bl�ht.�</p><p>Ohne die h�mischen Blicke von Ross zu erwidern, nahm Blaschkowitz seinen F�llhalter in Empfang und unterschrieb. �Und was nun?�, fl�sterte er und warf dem CIA-Agenten einen schicksalsergebenen Seitenblick zu. �Was passiert jetzt mit mir?�</p><p>Jermaine Ross aus Detroit im US-Bundessaat Michigan, Verh�rspezialist und Exekutor in einer Person, nahm die Kladde samt F�llfederhalter in Empfang, reichte sie an den College-Boy weiter und bleckte erneut die Z�hne. �Jetzt, mein lieber Blaschkowitz�, triumphierte er, w�hrend sich seine rosafarbenen Lippen zu einem diabolischen L�cheln verformten, �jetzt haben Sie es endlich hinter sich!�</p><p>Dann z�ckte er seine Parabellum 08, presste sie seinem Opfer an die Schl�fe und dr�ckte ab.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>5</p><p><emphasis>Berlin-Tiergarten, Lehrter Stadtbahnhof | 04.45 h</emphasis></p><p>Drei viertel f�nf. Auf die Minute p�nktlich. Jetzt fehlte nur noch sein Kurier.</p><p>Und das n�tige Qu�ntchen Gl�ck.</p><p>Im Freien, auf dem g�hnend leeren Bahnsteig, d�mmerte bereits der Morgen, und w�hrend er den Blick �ber die triste Szenerie schweifen lie�, dachte er zun�chst, es sei etwas schiefgegangen. Dann aber, als der Zug anfuhr, h�rte er Schritte. Schritte, die verrieten, dass der Unbekannte, welcher sich ihm von hinten n�herte, an �bergewicht litt. Und dass er es eilig hatte. Verdammt eilig sogar.</p><p>Na, wer sagt�s denn, dachte er erleichtert, Sieg auf der ganzen Linie! Der Fahrgast mit dem s�dl�ndischen Teint, wie aus dem Ei gepellt und trotz fortgeschrittenen Alters ohne die geringste Spur von Grau in der pechschwarzen, nach hinten gek�mmten M�hne, lehnte sich entspannt zur�ck. In den vergangenen 24 Stunden war er ununterbrochen auf Achse gewesen, aus Sorge, enttarnt und dem KGB oder der Stasi ans Messer geliefert zu werden. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt, mehr als einmal sein Leben riskiert und aus der Kontaktperson, auf die er seine Bem�hungen konzentriert hatte, jede Menge brisante Informationen herausgeholt. �beraus brisant, um es akkurat auszudr�cken. Er selbst war so �berrascht gewesen, dass er sich das, was in weniger als 24 Stunden �ber die B�hne gehen w�rde, nie und nimmer h�tte vorstellen k�nnen. Eine Mauer quer durch Berlin, mitten durch eine dicht besiedelte Stadt mit knapp drei Millionen Einwohnern. So etwas hatte es noch nie gegeben, und er fragte sich, was die Alliierten, insbesondere seine Regierung, dazu sagen w�rden. Vor allen Dingen nat�rlich die Zentrale in Langley<sup>17</sup>, an die er vor gut zwei Wochen den letzten Funkspruch abgesetzt hatte. Dies war auf die denkbar einfachste Weise geschehen, durch das Codewort �Torgau�. Im Klartext hie� das, es sei auf sowjetischer Seite derzeit mit keinerlei milit�rischen Aktionen gegen Westberlin und somit auch nicht mit dem wie auch immer gearteten Ernstfall zu rechnen. Dank seiner Quellen, die einmal mehr reichlich gesprudelt waren, konnte der Zarewitsch diesbez�glich absolut sicher sein. Im Gegensatz zu den �blichen Drohgeb�rden legte es Chruschtschow offenbar nicht darauf an, mit Kennedy die Klingen zu kreuzen und sein jahrelanges Vabanquespiel auf die Spitze zu treiben. Dazu fehlte ihm vermutlich doch der Schneid. Alles, worauf es den Russen anscheinend ankam, war, den am Tropf h�ngenden Satelliten namens DDR aus der Patsche zu helfen, und das bedeutete, dass Moskau die Zustimmung zum Bau einer Mauer mitten durch Berlin gegeben hatte.</p><p>Eine Mauer. Beim Gedanken daran konnte sich der Zarewitsch ein ver�chtliches Schnauben nicht verkneifen. Auf den ersten Blick war das nat�rlich reiner Wahnsinn, besonders, was das k�nftige Zusammenleben der Berliner betraf. Nach reiflicher �berlegung war er jedoch zu dem Schluss gekommen, dass die Gefahr eines Weltkrieges, die in den vergangenen Monaten deutlich zu sp�ren gewesen war, damit gebannt und Kennedy, beileibe kein Hardliner, f�rs Erste aus dem Schneider war. Blieb also nur noch die Frage, wem die Aufgabe zufallen w�rde, dem Pr�sidenten die frohe Kunde zu �berbringen. Er, der Agent f�r schwierige Missionen, hatte jedenfalls das Seine getan, und wenn er dar�ber nachdachte, was der Welt erspart bleiben w�rde, konnte er mit sich zufrieden sein.</p><p>Bis vor gut acht Jahren selbst noch sowjetischer Geheimdienstoffizier, kannte sich der Mittvierziger mit der mediterranen Hautfarbe in der Agentenszene bestens aus, ein Grund mehr, weshalb seine Widersacher letztendlich den K�rzeren gezogen hatten. So leicht konnte man ihm, dem Ex-Major des MGB<sup>18</sup>, nichts vormachen, weder die Stasi noch der aufgeschwemmte, buchst�blich aus den N�hten platzende Rausschmei�ertyp, der wie ein Elefant durch den Waggon trampelte, ihn scheel ansah und sich anschlie�end auf den gegen�berliegenden Fensterplatz fl�zte.</p><p>�Summertime!�</p><p>Der Mittvierziger, mit dunklem Ma�anzug, dazu passender, rot-wei� gestreifter Seidenkrawatte und Diorhemd bekleidet, verzog das gebr�unte, bis auf ein paar winzige Gr�bchen faltenfreie Gesicht, aus dem die dunklen Augen und die leicht geschwungene Nase besonders hervorstachen. Um zu erkennen, mit wem er es hier zu tun hatte, bedurfte es keiner hellseherischen F�higkeiten, es sei denn, er h�tte noch nie einen Amerikaner gesehen. �And the livin� is easy.<sup>19</sup>�</p><p>�Fish are jumpin�, and the cotton is high�, entgegnete der Fettwanst prompt und kam ohne Umschweife zur Sache: �Mission erf�llt?�</p><p>�Sieht ganz danach aus!�, versetzte sein Gegen�ber, in CIA-Kreisen unter dem Decknamen Zarewitsch bekannt. Sein Instinkt sagte ihm, dass dem schwitzenden, Kaugummi mampfenden und ihm auf Anhieb unsympathischen Zweieinhalbzentnermann, der unentwegt an seinem strohblonden Haupthaar herumzupfte, nicht zu trauen war. Aus welchem Grund, wusste er selbst nicht so genau. �Ob zum Nutzen oder Schaden der Berliner, wird sich allerdings noch zeigen.�</p><p>�So � wird es das?�, konterte das Schwergewicht mit unverkennbar texanischem Akzent, fuhr mit der Hand �ber den schwei�nassen Stiernacken und wischte sie anschlie�end an seiner Stoffhose ab. �Irre ich mich, oder geht es hier um die Interessen unseres Landes?�</p><p>Drauf und dran, seinem Gegen�ber die entsprechende Antwort zu geben, konnte sich der Zarewitsch gerade noch bremsen. Lediglich sein Oberlippenbart, ebenfalls pechschwarz, begann sich kaum merklich zu kr�useln. Kurz darauf, nach einem dezenten Schnauben, flog ein L�cheln �ber sein Gesicht. �Selbstverst�ndlich!�, pflichtete er seinem Kontaktmann bei, mit jeder Sekunde, w�hrend der ihn sein Gespr�chspartner be�ugte, eine Idee misstrauischer gestimmt. �Sonst h�tte ich mir die M�he ja wohl ��</p><p>�M�he oder nicht � wo sind die Unterlagen?�, fiel ihm der Texaner mit dem Bulldoggengesicht ins Wort. �Schlie�lich sind wir nicht zum Quatschen hier.�</p><p>�Wie recht Sie doch haben�, konterte der Zarewitsch und h�ndigte dem Zweieinhalbzentnermann einen Umschlag aus, den er im Inneren seines Jacketts aufbewahrt hatte. �Bedienen Sie sich, Herr Kollege.�</p><p>Ohne Sinn f�r Ironie, aber auch ohne Gesp�r f�r gute Manieren, riss ihm der CIA-Agent, f�r den Tarnung und konspiratives Verhalten anscheinend Fremdw�rter waren, den Umschlag aus der Hand, be�ugte ihn von allen Seiten und lie� ihn in seinem Aktenkoffer verschwinden. �Na, was glauben Sie, Kumpel�, raunte er dem Zarewitsch zu, nicht ohne sich zur Abwechslung einmal zu vergewissern, ob er und sein Gegen�ber auch wirklich unter sich waren. �Legen es diese roten Bastarde darauf an, den dritten Weltkrieg vom Zaum zu brechen?� Ohne eine Antwort abzuwarten, lie� er seinen Worten sogleich eine finstere Drohung folgen: �Falls Chruschtschow und diese Witzfigur von Ulbricht tats�chlich so d�mlich sein sollten, sich mit uns anzulegen, werden die mit Sicherheit ihr blaues Wunder er��</p><p>�Mit Sicherheit nicht.�</p><p>Einmal in Fahrt, ben�tigte der texanische Fleischberg mehrere Sekunden, um die unerwartete Antwort zu verdauen. �Sehe ich das richtig ��, giftete er, die Augenlider nahezu geschlossen, zwischen denen ein Paar wie von Eis umschlossene Pupillen hervorlugten, �Sie sind allen Ernstes der Meinung, dieses rote Gesindel ist in der Lage, einen Touchdown hinzulegen?�</p><p>�Bedaure�, entgegnete der Zarewitsch, der nichts mehr hasste als das gro�spurige Getue, das der S�dstaatler an den Tag legte. Schlie�lich handelte es sich bei dem, was sich derzeit in Berlin abspielte, nicht um ein Footballspiel, sondern um bitteren Ernst. �Aber meiner Meinung nach ist das momentan nicht der Punkt.�</p><p>�Sondern?�</p><p>Der beste Agent, �ber den die CIA im gesamten Ostblock verf�gte, gab sich alle M�he, nach au�en hin Ruhe zu bewahren. Insgeheim wuchs seine Antipathie immer mehr, bis zu dem Punkt, an dem ihn seine Abgekl�rtheit im Stich zu lassen begann. �Sondern die Tatsache, dass die Russen offenbar nicht daran denken, auf Westberliner Gebiet vorzudringen. Daran besteht in meinen Augen kein Zweifel.�</p><p>�Und woher wollen Sie das so genau wissen?�</p><p>Ein gequ�ltes L�cheln war alles, wozu der Zarewitsch in diesem Moment f�hig war, w�hrend er tief Luft holte, warf er einen Blick aus dem Fenster. Im gleichen Moment verlie� der Zug die Station Bellevue, und er fragte sich, wie lange das unerquickliche Gepl�nkel, auf das er sich wider besseres Wissen eingelassen hatte, noch dauern w�rde. �Woher ich das so genau wissen will? Ganz einfach. Die Dokumente, die ich Ihnen soeben ausgeh�ndigt habe, lassen keine andere Schlussfolgerung zu.�</p><p>�Interessant.� Als sei das Gespr�ch damit f�r ihn beendet, wuchtete Mister Heavyweight aus Texas zweieinhalb Zentner Lebendgewicht in die H�he, umklammerte den Griff seines Aktenkoffers und wandte sich zum Gehen. Auf dem Mittelgang, wo er den Blick in beide Richtungen wandern lie�, drehte er sich noch einmal um. �Und was, wenn unsere Firmenleitung die Dinge anders sieht?�</p><p>�Gegenfrage: Wer, glauben Sie, sitzt momentan am l�ngeren Hebel � der Direktor der CIA oder der Pr�sident?�</p><p>Der Fleischklops brach in schallendes Gel�chter aus. �Bedaure�, revanchierte er sich mit unverhohlenem Spott, �aber meiner Meinung ist das momentan nicht der Punkt.�</p><p>�Ach, ja?�</p><p>�Sondern diesen Waschlappen von Pr�sident so weit zu kriegen, dass er nach unserer Pfeife tanzt, kapiert?�</p><p>�Moment mal! Soll das etwa hei�en, dass meine Informationen ��</p><p>�� das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen � genau!� Ohne eine Miene zu verziehen, zerrte der Texaner eine russische Pistole vom Typ Makarow PM aus seinem Jackett und fuchtelte damit vor dem Gesicht des vermeintlichen Kollegen herum. Dass Letzterer nicht einmal mit der Wimper zuckte, fiel ihm im Eifer des Gefechts nicht auf. �Wie gut, dass Sie keinen Schaden mehr anrichten k�nnen.� Der Koloss lachte h�misch in sich hinein. �Diese Dokumente, meine ich. Und nat�rlich auch du, feiner Pinkel. Typen wie dich habe ich n�mlich gefressen.�</p><p>�Ein Grund mehr, mich zu t�ten, nicht wahr?�</p><p>�Du hast es erfasst, Klugschei�er!�, bekr�ftigte der CIA-Agent, zielte auf seinen Gegenspieler und dr�ckte mit einem schmierigen L�cheln im Gesicht so lange ab, bis sein Magazin komplett leergeschossen war.</p><p>�Reingefallen, was?�</p><p>Wie vom Donner ger�hrt, stand der Texaner einfach nur da und starrte das Objekt seiner Aversionen mit weit aufgerissenen Augen an. Seine Pistole hatte funktioniert, der Schalld�mpfer auch. Das Magazin war voll gewesen, die verdammte Knarre so gut wie neu.</p><p>Irrtum ausgeschlossen!</p><p>Der Zweizentnermann verstand die Welt nicht mehr.</p><p>Alles h�tte wie am Schn�rchen geklappt. Er, Special Agent Dave Bradlee, 32, den sie zu Hause in Blackwell/Texas �Beefeater� nannten, h�tte seinen Job erledigt, samt Koffer und dazugeh�riger Geheimdokumente die Fliege gemacht und sie am Bahnhof Zoo seinem F�hrungsoffizier �bergeben, um sich anschlie�end Richtung Heimat zu verkr�meln.</p><p>Wenn, ja wenn sein Kontrahent, den er mit einer Mischung aus Wut, Verbl�ffung und l�hmender Hilfslosigkeit anglotzte, nicht so verdammt clever gewesen w�re.</p><p>Dave Bradlee, aus dessen Mundwinkel der Speichel perlte, sein Flanellhemd bekleckerte und ihn wie den Trottel vom Dienst erscheinen lie�, st�hnte innerlich auf. Eine kugelsichere Weste. Eine gottverdammte, kugelsichere und allem Anschein nach funktionst�chtige Weste. So etwas konnte auch nur ihm passieren.</p><p>�Wie sch�n, dass Sie endlich auf den Trichter gekommen sind. Wurde auch langsam Zeit.� Der Zarewitsch, geboren in Leningrad, Ex-NKWDler<sup>20</sup> und vor nunmehr acht Jahren von der CIA angeworbener Major des sowjetischen MGB, stand die Belustigung ins Gesicht geschrieben. Wie nicht anders zu erwarten, w�hrte diese jedoch nur kurz. �Einen Rat unter Kollegen ��, am�sierte er sich, eine Smith &amp; Wesson in der feingliedrigen Hand, w�hrend er sich mit der anderen einen kubanischen Zigarillo in den Mundwinkel klemmte und es scheinbar m�helos fertigbrachte, ihn auch noch zu entz�nden, �an Ihrer � oder sollte ich sagen: An deiner Stelle? � w�rde ich mich umgehend nach einem neuen Arbeitgeber umsehen. So viel Dilettantismus auf einmal bringt nur �rger.�</p><p>�Leck mich am Arsch, Dressman.�</p><p>�Was mich zu Ihren Manieren bringt, an denen es noch so manches zu verbessern gibt. Nichts schlimmer als ein Vertreter seines Landes, der sich nicht zu benehmen wei� oder in kritischen Situationen die Fassung verliert.� Der Zarewitsch lehnte sich zur�ck und paffte ungeniert vor sich hin. �Nicht weiter tragisch, wenn man bedenkt, was Sie sich sonst noch geleistet haben.�</p><p>�Halt endlich die Klappe, sonst ��</p><p>�Sie haben meinen Anzug ruiniert. Geradezu unverzeihlich, wenn Sie mich fragen. Genauso unverzeihlich wie Ihr Versuch, mich wie einen r�udigen K�ter zu liquidieren. So etwas tut man einfach nicht. Schon gar nicht unter Kollegen, finden Sie nicht auch?� Die Miene des ehemaligen NKWD-Offiziers erstarrte. �Nun gut, keine Antwort ist auch eine Antwort�, res�mierte er, erhob sich und schlenderte auf seinen Widersacher zu, die Smith &amp; Wesson immer noch in der Hand. �Sieht so aus, als m�sste ich zu einer h�rteren Gangart �bergehen. Machen wir es also kurz. Wer hat Sie auf mich angesetzt?�</p><p>�Vergiss es, Russki.�</p><p>�Wie ich sehe, sind Sie gut informiert.� Scheinbar teilnahmslos und ohne die Spur einer Gem�tsregung blies der Zarewitsch seinem Widersacher den Rauch ins Gesicht, zielte auf Bradlees rechtes Bein und dr�ckte ab.</p><p>Sekundenbruchteile sp�ter, noch ehe sich der s��lich duftende Zigarillorauch verfl�chtigt hatte, heulte der CIA-Agent vor Schmerzen auf, lie� seinen Koffer fallen und umklammerte seinen fettstrotzenden Oberschenkel, aus dem das Blut zun�chst tropfenweise, danach aber wie aus einer �ppig sprudelnden Quelle hervorsickerte. Eine Weile noch taumelte Dave Walker Bradlee, Kurier in Diensten der CIA, wie ein riesiges, zum Kippen gebrachtes Fass hin und her. Dann aber, einen obsz�nen Fluch auf den Lippen, verlor er das Gleichgewicht, schlingerte, wimmerte, geiferte � und brach zu F��en des Zarewitsch zusammen.</p><p>�Etwas dagegen, wenn wir unsere freundschaftliche Unterredung fortsetzen?�, lautete seine Frage, bevor er den Zigarillo in einen Abfalleimer warf und seine Smith &amp; Wesson auf die Stirn seines Widersachers richtete. �Nein? Freut mich zu h�ren, Herr Kollege � schie�en Sie los!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>6</p><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Bahnhof Zoo | 04.56 Uhr</emphasis></p><p>Jim Brannigan, F�hrungsoffizier in Diensten der CIA, verstand die Welt nicht mehr. Zuerst hatte es gehei�en, der Zarewitsch sei vermutlich hopsgenommen und vom KGB exekutiert worden.</p><p>Und dann, wie aus heiterem Himmel, er sei noch am Leben.</p><p>Da sollte mal einer schlau daraus werden.</p><p>Egal, was dahintersteckte, sein Schicksal lie� Brannigan nicht kalt. Zum einen, weil er den Zarewitsch angeworben, unter seine Fittiche genommen und einen Agenten aus ihm gemacht hatte, der bei der CIA seinesgleichen suchte. Aber auch, weil ihm der smarte Halbrusse w�hrend der acht Jahre, in denen er mit ihm zusammengearbeitet hatte, ans Herz gewachsen war. Das war nat�rlich ein Fehler, namentlich in diesem Job. F�r Dinge wie Loyalit�t, R�cksichtnahme oder gar pers�nliche Sympathie war bei der CIA kein Platz. Da war man auf sich allein gestellt, da fra� man, um nicht gefressen zu werden. Nur so konnte man in der Branche, welcher er seit knapp 30 Jahren angeh�rte, �berleben. Nur so, und nicht, indem man wie er den gro�en Bruder spielte. Das hatte er nach dem Anruf von Calabrese, der ihn vor einer guten halben Stunde erreicht hatte, wieder einmal zu sp�ren bekommen.</p><p>An Deutlichkeit hatten die Worte von Flabby<sup>21</sup> Luke, die er zun�chst f�r einen Scherz gehalten hatte, n�mlich nicht zu w�nschen �brig gelassen. Konspirative Zusammenkunft am Lehrter Stadtbahnhof, �bergabe hochbrisanter Dokumente und umgehende Liquidierung des seit mehreren Monaten verschollenen CIA-Agenten durch einen Kurier. Genauso hatte sich Calabrese ausgedr�ckt. Der 49-j�hrige, auf einen Gehstock gest�tzte und dank Halbglatze, ergrauter Schl�fen und zerfurchten Gesichtsz�gen wesentlich �lter wirkende F�hrungsoffizier der CIA konnte es immer noch nicht fassen. So etwas musste man erst einmal verdauen, selbst, wenn man wie er jahrzehntelang f�r die Firma t�tig gewesen war. Vor allen Dingen, weil sich Calabrese �ber den Grund f�r seine Order ausgeschwiegen und sein beharrliches Nachfragen mit den Worten abgew�rgt hatte, dies sei ein Befehl. Und daran habe er sich zum Teufel noch mal zu halten. Kontaktaufnahme, Sicherstellung der Geheimunterlagen und anschlie�ende Liquidierung. Einw�nde und Fragen unerw�nscht.</p><p>Wie gesagt, da sollte mal einer schlau daraus werden.</p><p>Um sich abzulenken, nahm Jim Brannigan einen Schluck aus seinem Flachmann, steckte ihn wieder ein und lie� den Blick �ber den beinahe menschenleeren Bahnsteig wandern. Er war ein Mann, der nichts dem Zufall �berlie�, auch jetzt nicht, wo au�er einer alten Frau, zwei einander lauthals zuprostenden Halbstarken und ihm selbst kein Mensch oder sonst etwas Verd�chtiges zu sehen war. In ein, zwei Minuten w�rde die S-Bahn ankommen, Bradlee aussteigen und die Dokumente, an denen den Jungs in Langley offenbar so viel lag, auf diskrete Art und Weise in den daf�r auserkorenen Abfalleimer werfen. Nach getaner Arbeit w�rde der Texaner, dem der Ruf des geborenen Killers vorauseilte, schleunigst das Weite suchen und er, Brannigan, besagte Unterlagen an sich nehmen, um sie unmittelbar danach einem Vertrauten von Calabrese auszuh�ndigen. Offenbar stand f�r die Herren in Virginia und Washington einiges auf dem Spiel, sonst h�tte sich der Leiter von DECOP nicht die M�he gemacht, h�chstpers�nlich auf der Bildfl�che zu erscheinen. Brannigan hatte keine Ahnung, weshalb Calabrese einen derartigen Aufstand machte, aber da er sich abgew�hnt hatte, �ber Anweisungen von h�chster Stelle nachzudenken, lie� er das Herumr�tseln sein und wandte sich nach links, wo in der Ferne bereits die Lichter des Zuges auftauchten, in dem Bradlee vermutlich sa�.</p><p>So denn alles glatt gegangen war.</p><p>Wohl wissend, wie makaber sein Gedankengang war, umklammerte Brannigan seinen Stock und lie� sich auf einer Bank in unmittelbarer N�he des Abfalleimers nieder. Von hier aus hatte er den besten �berblick, sowohl was die Stadtstreicherin betraf, die auf der Suche nach etwas Essbarem war, als auch in Bezug auf Bradlee, der, so die Abmachung, aus dem hinteren Waggon steigen w�rde.</p><p>Wenige Sekunden sp�ter war es schlie�lich so weit. Genau an der Stelle, wo Brannigan es sich bequem gemacht hatte, kam der Zug zum Stehen. Die beiden Halbstarken, offenbar nicht mehr ganz n�chtern, stiegen ein, insgesamt drei Personen, unter ihnen eine aufgetakelte, offensichtlich nach Kundschaft Ausschau haltende Blondine dagegen aus.</p><p>Von Bradlee oder dem Zarewitsch, auf den er so viele Hoffnungen gesetzt hatte, keine Spur.</p><p>Ohne Eile, daf�r aber mit einer geh�rigen Portion Unbehagen im Bauch, erhob sich Brannigan von seiner Bank, fluchte leise vor sich hin und humpelte auf den gelbroten S-Bahn-Waggon am Ende des Zuges zu. Ausgerechnet jetzt, im alles entscheidenden Moment, meldete sich sein steifes Bein zu Wort. Ein Souvenir an seine Zeit bei den Marines, als ihm irgendein Schei�japse bei der Landung auf Okinawa eine Kugel verpasst und sein Knie zu Brei verarbeitet hatte. Der Schmerz ging durch Mark und Bein, setzte ihn mehrere Sekunden lang au�er Gefecht. Aber Brannigan lie� sich nicht unterkriegen, biss die Z�hne zusammen und humpelte weiter. Ein Kriegsinvalide an der unsichtbaren Front, unterwegs in geheimer Mission!, durchfuhr es ihn mit grimmigem Spott. Das konnte ja heiter werden.</p><p>Er sollte recht behalten. In dem Waggon, auf den er zusteuerte, r�hrte sich nichts. Brannigan runzelte die Stirn und blieb stehen. Irgendetwas war hier faul. Das war ihm mittlerweile bewusst.</p><p>Wie faul, sollte Jim Brannigan, im Pazifikkrieg schwer verwundeter Ex-Captain des US-Marine-Korps, umgehend bewusst werden. N�mlich dann, als sein Blick auf den Fahrgast fiel, der regungslos und wie in Stein gemei�elt am Fenster sa�. Sein Kopf, so man von diesem Wort in Zusammenhang mit Bradlees Quadratsch�del �berhaupt Gebrauch machen konnte, war leicht zur Seite geneigt, h�tte Brannigan es nicht besser gewusst, w�re er vermutlich auf den Gedanken gekommen, der Texaner habe einen �ber den Durst getrunken. Dass dem nicht so war, wurde ihm jedoch ziemlich rasch klar. So klar, dass er sich den Blick ins Wageninnere sparen konnte.</p><p>Doch davon konnte nat�rlich keine Rede sein. Brannigan wandte sich ab, biss die Z�hne zusammen und humpelte fluchend und schwitzend auf die Waggont�r zu. Dass die gegen�berliegende T�r offenstand, nahm er nur im Vorbeigehen wahr, den Leichnam auf dem Platz am Fenster dagegen umso mehr.</p><p>Special Agent Dave Bradlee, wohnhaft in Blackwell, Texas, war nicht einfach nur get�tet, sondern durch einen gezielten Kopfschuss, vermutlich aus allern�chster N�he, regelrecht exekutiert worden. Das Loch knapp oberhalb der Nasenwurzel sprach eine deutliche Sprache, und Brannigan war lange genug in der Branche t�tig, um sofort die richtigen Schl�sse zu ziehen. Ohne jeden Zweifel war hier ein Experte am Werk gewesen, ein Profi aus echtem Schrot und Korn. Jemanden zu t�ten war eine Sache, anschlie�end aber noch die Kaltbl�tigkeit zu besitzen, sein Opfer wie eine Schaufensterpuppe in Position zu bringen, etwas anderes. F�r dergleichen kam nur einer infrage, und Brannigan brauchte nicht gro� nachzudenken, auf wessen Konto der Schlamassel hier ging.</p><p>Kuragin. Juri Andrejewitsch Kuragin. Brannigan stie� eine nicht gerade stubenreine Verw�nschung aus. Hatte dieser gerissene Hund also tats�chlich Lunte gerochen und es geschafft, Bradlee schachmatt zu setzen. Kaum zu glauben, aber wahr.</p><p>Blieb die Frage, wie er es fertiggebracht hatte, rechtzeitig abzuhauen.</p><p>Und wohin.</p><p>Die Antwort lie� nicht lange auf sich warten. Kaum war Brannigan bewusst geworden, dass sein ehemaliger Sch�tzling demn�chst zum Staatsfeind Nummer eins erkl�rt werden w�rde, wanderte sein Blick zum Fenster. Er musste zweimal hinsehen, war doch das, was sich auf dem gegen�berliegenden Bahnsteig abspielte, so unglaublich, dass er es zun�chst nicht wahrhaben wollte.</p><p>Da stand er nun, sein Mustersch�ler, einen Aktenkoffer in der Hand und ein L�cheln auf dem gebr�unten und mediterran anmutenden Gesicht. Deutete auf die Waggont�r, �ber die er ins Freie gelangt war, und besa� die Dreistigkeit, den versiegelten braunen Umschlag, auf den demn�chst die halbe CIA Jagd machen w�rde, aus dem Jackett zu ziehen und ihn seinem einstigen Mentor wie einen K�der darzubieten.</p><p>So selbstsicher und siegesgewiss, dass ein alter Fuchs namens Jim Brannigan erst gar nicht den Versuch machte, sich an seine Fersen zu heften.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>VIER</p><empty-line/><p><emphasis>�Hatte irgendein amerikanischer Geheimdienst glaubw�rdige Vorausinformationen �ber die bevorstehende Grenzschlie�ung besessen? Wenn der Kreis der Eingeweihten erst am Freitag, dem 11. August, erweitert wurde und die Aktion erst am Samstagnachmittag anlief, muss die Antwort nein lauten.�</emphasis></p><p>(Aus: George Bailey / Sergej A. Kondraschow / David E. Murphy: Die unsichtbare Front. Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin. Berlin 2000, S. 435)</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>ZAREWITSCH</p><p><emphasis>Berlin / Hyannis Port,</emphasis></p><p><emphasis>USA / W�nsdorf,</emphasis></p><p><emphasis>Mark Brandenburg</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(12.08.1961)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>7</p><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Strandbad | 14.50 h</emphasis></p><p>Am Wochenende dienstfrei, stahlblauer Himmel und ein Panorama, wie es sch�ner nicht h�tte sein k�nnen. Die bewaldeten H�hen jenseits der Havel, �ber deren Wipfel eine leichte Brise strich, der Wannsee, auf dem ein halbes Dutzend Segelboote und eine Motorjacht kreuzten, die sanften, im feink�rnigen Sand verebbenden Wellen und der Geruch von gebratenen Buletten in der Luft. Die Wei�e mit Schuss, deren Geschmack er sich gerade auf der Zunge zergehen lie�, nicht zu vergessen.</p><p>Und Lea, die ihm gerade den R�cken eincremte.</p><p>So konnte man es wirklich aushalten.</p><p>Tom Sydow, 48 Jahre alter Hauptkommissar der Kripo Berlin, stie� einen wonnetrunkenen Seufzer aus, bettete das Kinn auf die verschr�nkten H�nde und schloss die Augen. Lea, mit der er auf den Tag genau acht Jahre verheiratet war, hatte den Bogen raus, das musste ihr der Neid lassen. Von ihm aus konnte es noch ein paar Stunden so weitergehen, zumindest bis heute Abend. Oder am besten bis morgen fr�h.</p><p>Verdient hatte er sich das traute Beisammensein allemal. Im laufenden Monat, dem anstrengendsten eines noch viel anstrengenderen Jahres 1961, hatte er keinen einzigen Tag freibekommen, und er konnte sich nicht entsinnen, jemals so viel zu tun gehabt zu haben. Bislang war ihm die bef�rchtete Bef�rderung zum Kriminalrat zwar erspart geblieben, aber das bedeutete nicht, dass er auf der faulen Haut gelegen w�re. Angefangen beim Aktenw�lzen, f�r das er nun wirklich nicht geschaffen war, hatte er gleich ein halbes Dutzend F�lle zu bearbeiten gehabt. Betrug, Einbruch, unerlaubter Waffenbesitz, die ganze Palette sozusagen. Damit ihm nur nicht langweilig wurde. Schlimmer als die Belastungen, die sein Beruf mit sich brachte, war jedoch die Nachricht gewesen, seine mittlerweile 23-j�hrige Stieftochter Veronika habe sich in einen Beamten der DDR-Volkspolizei verknallt. Wohl wissend, dass Sydow auf seine Kollegen im Ostteil der Stadt nicht besonders gut zu sprechen war, hatte Lea zwar versucht, ihm die Neuigkeit so schonend wie m�glich beizubringen. Ge�ndert hatte sich an Sydows Gem�tsverfassung, der w�hrend der letzten acht Jahre Veronika wie einen Augapfel geh�tet hatte, jedoch nichts. Seiner Ansicht nach geh�rten s�mtliche Vopos auf den Mond geschossen, und zwar auf Nimmerwiedersehen. Ulbricht und Konsorten, mit denen er ohnehin auf Kriegsfu� stand, selbstredend mit inbegriffen.</p><p>Auch wenn dies weder der Ort und schon gar nicht der richtige Moment daf�r war, geriet Tom Sydow ins Gr�beln. So wie er, der er das Gl�ck hatte, im Westen zu leben, dachten anscheinend auch viele DDR-B�rger. Frei nach der Devise �Ab durch die Mitte!� waren seit Beginn des Monats �ber 10.000 von ihnen get�rmt, was zur Folge hatte, dass das Notaufnahmelager in Marienfelde allm�hlich aus den N�hten platzte. So konnte und w�rde es nicht weitergehen, das war jedermann klar. Keine Regierung der Welt konnte sich so etwas bieten lassen. Fr�her oder sp�ter w�rde Ulbricht die Notbremse ziehen, wenn nicht, w�re der Tag nicht mehr fern, an dem die SED-Bonzen in Pankow unter sich sein w�rden.</p><p>�So, jetzt ist es aber genug.�</p><p>Das hatte er nun davon. Anstatt die Freuden des Lebens zu genie�en, hatte er nichts Besseres zu tun, als �ber Politik nachzugr�beln. Und prompt die Quittung daf�r kassiert. �Genug?�, lamentierte Sydow, hob den Kopf und warf seiner Frau einen Blick zu, der so devot war, dass Lea laut auflachen musste. �So grausam kannst du doch nicht sein!�</p><p>�Und ob�, am�sierte sich die 45-j�hrige, �beraus attraktive und charmante Frau, die stets erheblich j�nger gesch�tzt wurde, als sie wirklich war. �Sonst wirst du mir noch �berm�tig.�</p><p>�Diese Gefahr besteht nat�rlich immer�, gestand Sydow ein, setzte sich auf und dr�ckte ihr rasch einen Kuss auf den Mund. �Tut mir leid � ich kann nun einmal nichts anders.�</p><p>�Ich muss doch sehr bitten, Herr Kriminalhauptkommissar � ein wenig mehr Selbstbeherrschung st�nde Ihnen wahrhaftig gut zu Gesicht�, scherzte die gelernte Redakteurin, die auf das von in ihrem Namen genauso wenig wert legte wie ihr hochgewachsener, gut gebauter und trotz seines Alters immer noch jungenhaft wirkender Mann, auf dessen Gesellschaft sie in letzter Zeit allzu h�ufig hatte verzichten m�ssen. �Sonst muss ich mich �ber Sie beschweren.�</p><p>�Wenn schon, dann aber bitte nicht, bevor du mit mir angesto�en hast�, konterte Sydow und begab sich auf die Suche nach der K�hltasche, aus der er eine Flasche franz�sischen Champagner und zwei Gl�ser zutage f�rderte und sie seiner sichtlich verdutzten Frau pr�sentierte.</p><p>�Und das am helllichten Tag � sch�m dich, Tom.� Ein L�cheln auf dem gebr�unten, durch ein Paar tiefblaue Augen, makellos wei�e Z�hne, volle Lippen und vereinzelte Sommersprossen umso anziehender wirkenden Gesicht, stimmte die Mittvierzigerin mit den bis auf die Schultern herabreichenden dunkelblonden Haaren kopfsch�ttelnd zu, lie� sich von Sydow einschenken und hob ihr Glas. �Mich zum Trinken zu verleiten, ich muss schon sagen.�</p><p>�Auf uns, Lea�, erwiderte Sydow freudestrahlend und tat es ihr gleich. �Und auf einen hoffentlich sch�nen ��</p><p>Alles, wonach Tom Sydow in diesem Moment der Sinn stand, war, mit Lea anzusto�en, noch eine Weile auf der faulen Haut zu liegen und den Abend in einem Restaurant auf dem Kuhdamm oder im Kino beziehungsweise zu Hause auf der Terrasse ausklingen zu lassen. Bis dorthin, auf die gegen�berliegende Seite des Sees, war es nur ein Katzensprung, und da Veronika mit ihrem Kavalier verabredet war, w�re ihm dies mit Sicherheit am liebsten gewesen. In letzter Zeit, nachdem Lea wieder beim RIAS angefangen hatte, war er immer h�uslicher geworden und mit dem Tom Sydow vor acht Jahren kaum noch zu vergleichen, weshalb ihn die Kollegen, die er von fr�her kannte, kr�ftig auf die Schippe genommen hatten.</p><p>Ein sch�ner Abend, der erste seit mehreren Wochen. Das war doch wirklich nicht zu viel verlangt.</p><p>�Tom Sydow � bitte umgehend zum Ausgang.� Anscheinend doch. Der Tonfall, in dem die Durchsage gemacht wurde, lie� jedenfalls keine andere Schlussfolgerung zu. �Ich wiederhole. Tom Sydow, bitte sofort am Ausgang melden!�</p><p>*</p><p>�Sag mal, Kroko, hast du eigentlich noch alle Tassen im Schrank?�, emp�rte sich Sydow, als er seinen an der Kasse auf ihn wartenden Assistenten ausfindig gemacht und ihm statt einer Begr��ung den Vogel gezeigt hatte. �Kreuzt einfach hier auf und versaut mir den Tag � da bleibt dir doch glatt die Spucke weg!�</p><p>Wie in diesen oder �hnlichen Situationen lie� Eduard Krokowski, Anfang 30, frisch gebackener Kriminalkommissar und mehr als 12 Jahre lang Sydows rechte Hand, den Frontalangriff seines Vorgesetzten mit stoischer Gelassenheit �ber sich ergehen. �Befehl von jwo<sup>22</sup>�, fl�sterte er und scharrte schuldbewusst mit dem Fu�. �Tut mir leid f�r dich, Tom, aber � aber ��</p><p>�Aber was?�, regte sich Sydow auf, offenbar nicht geneigt, sich bes�nftigen zu lassen. �Schon vergessen, dass ich heute Hochzeitstag habe?�</p><p>Krokowski, wie immer mit Fliege, bis oben zugekn�pftem Hemd und altbackenem Anzug bekleidet, wodurch er zur Zielscheibe endloser Frotzeleien im Pr�sidium geworden war, lugte wie ein gepr�gelter Hund unter seiner randlosen Brille hervor und nickte.</p><p>�Und dass ich dich altes Waschweib h�nderingend gebeten habe, auf Durchzug zu stellen und niemandem zu verraten, wo ich stecke?�</p><p>In seiner Not, die ihm zu allem �bel noch ein knallrotes Gesicht bescherte, zupfte Krokowski an seiner blassgelben Fliege herum, trat nerv�s auf der Stelle und beteuerte: �Hast du, Tom � hast du.�</p><p>�Darf man fragen, wieso du dann nicht dichtgehalten hast?�</p><p>Das leibhaftige Elend namens Krokowski, einen Kopf kleiner als Sydow, von bl�sslicher Hautfarbe und klapperd�rr, kehrte die Handfl�chen nach au�en und hob die Schultern. �Du wei�t ja, wie der Alte ist � wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, bringt ihn niemand davon ab.�</p><p>�Herr Kriminalrat Oel�ner, so, so. H�tte ich mir ja denken k�nnen.� Schon bei der Erw�hnung seines Erzrivalen kochte in Sydow die Galle hoch, und er musste aufpassen, dass er nicht aus den Latschen kippte. �Was hat er sich denn diesmal einfallen lassen?�</p><p>�Ein neuer Fall, Tom. Ziemlich mysteri�s.� Bevor er die eigentliche Hiobsbotschaft �berbrachte, wich Krokowski einen Schritt zur�ck und kratzte sich am Kinn. �Er � er hat mich damit beauftragt, dir mitzuteilen, du ��</p><p>�Sag, dass es nicht wahr ist, Kroko. Sag, dass es nichts mit dieser angeblichen Schie�erei in der S-Bahn zu tun hat.�</p><p>�Wie � du hast davon geh�rt?�</p><p>Sydow schnitt eine alberne Grimasse. �Aber sicher, Watson�, l�sterte er. �Beim Fr�hst�ck h�re ich n�mlich hin und wieder Radio, musst du wissen. Da kriegt man so was ja wohl mit, oder?�</p><p>�Na, dann ist ja alles klar!�, rief Krokowski erleichtert aus, atmete tief durch und strahlte �ber das ganze, im Gegensatz zu Sydow nicht einmal ansatzweise gebr�unte Gesicht. �Ich w�rde vorschlagen, Tom, du packst jetzt deine Siebensachen und wir treffen uns in f�nf Minuten am ��</p><p>�Nichts ist klar, Herr Kommissar. Aber auch rein gar nichts.� Sydow kochte immer noch vor Wut, nicht so sehr wegen Krokowski, dem er ohnehin nicht lange b�se sein konnte, sondern infolge der Niedertracht eines gewissen Herrn Oel�ner, der keine Gelegenheit auslie�, um ihm ein Bein zu stellen. �Richte dem Herrn Kriminalrat aus, er kann mich mal. Es gibt mindestens ein halbes Dutzend Kollegen, denen er den Fall aufbrummen kann, stimmt�s, oder hab ich recht? Die machen das genauso gut wie ich. Oder sogar noch besser. Und sag ihm, ich habe drei Tage frei und werde erst am Dienstag wieder im Pr�sidium aufkreuzen. Wenn ihm das nicht passt, soll mich dieser 36-j�hrige Schn�sel anrufen. Und dann werde ich ihn so was von runterputzen, wie er es in seiner gesamten Karriere noch nicht er��</p><p>Wie so oft, wenn er im Begriff war, sich um Kopf und Kragen zu reden, sp�rte Sydow auf einmal diese Hand, welche seine Schulter mit sanftem Druck umklammerte. Leas Hand. Das gen�gte, um ihn wieder zur R�son zu bringen, wenngleich der Groll, welcher sich in ihm aufgestaut hatte, noch lange nicht �berwunden war. �Na sch�n, bin gleich so weit�, murrte er. �Muss mir nur kurz was �berziehen.�</p><p>�Geht in Ordnung�, antwortete Krokowski und bedachte Sydows Frau, die laut aufseufzend hinter ihrem Mann hertrottete, mit einem kummervollen Blick. Um kurz darauf, nachdem die beiden au�er H�rweite waren, in besorgtem Ton hinzuzuf�gen: �Sieht so aus, als m�sstest du dich warm anziehen, Tom.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>8</p><p><emphasis>Berlin-Tempelhof, Schrottplatz am Tempelhofer</emphasis></p><p><emphasis>Damm | 15.20 h</emphasis></p><p>Alfred Juskowiak, Spitzname Jumbo, hatte jede Menge Speck auf den Rippen, eine Eselsgeduld und ein ziemlich dickes Fell. Allein schon deswegen lie� es ihn kalt, wenn sein Chef ihm die H�lle hei�machte. Entweder man macht seine Arbeit richtig oder gar nicht, lautete sein eherner Grundsatz, weshalb er sich vom Gebr�ll des Schrotth�ndlers, bei dem er seit nunmehr sieben Jahren in Lohn und Brot stand, auch nicht weiter beeindrucken lie�. Mit dem hellgr�nen Opel Rekord, der soeben in der Schrottpresse gelandet war, stimmte etwas nicht. Das hatte er irgendwie im Gef�hl.</p><p>Und so tat Alfred einfach das, was er im Angesicht des tobenden, mit Verw�nschungen und finsteren Drohungen nicht geizenden Cholerikers und Inhabers von Lenuweit und Co. schon des �fteren getan hatte. Er schaltete auf Durchzug. Angesichts seines Naturells fiel ihm dies nicht weiter schwer, war er doch felsenfest �berzeugt, ein untr�gliches Gesp�r daf�r zu besitzen, wenn irgendetwas nicht in Ordnung war. Oder, wichtiger noch, einen Riecher f�r verloren gegangene Wertsachen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er sogar einen Geldbeutel gefunden und seinen Inhalt zum Anlass genommen, mal wieder ordentlich die Puppen tanzen zu lassen. �berhaupt war im Lauf der Jahre einiges zusammengekommen, angefangen bei wertvollem Schmuck bis hin zu verloren gegangenen Papieren oder einer Stange Lucky Strike. Aus diesem Grund, aber auch, um seinem Chef eins auszuwischen, hielt Alfred Juskowiak alias Jumbo die Schrottpresse an, wischte sich die schwieligen Pranken ab und trat an den Rand der Grube, in der das v�llig durchgerostete Gef�hrt gelandet war.</p><p>Und prallte augenblicklich zur�ck.</p><p>Der Grund hierf�r war, wieder einmal, Alfreds siebter Sinn. Der Stofffetzen, vermutlich Teil eines Jackett�rmels, sprach eine deutliche Sprache. Er ragte nur wenige Zentimeter �ber den Rand des geschlossenen Kofferraums hinaus, immerhin so weit, dass Jumbo es sich im Grunde sparen konnte, den Opel wieder aus der Grube zu hieven und nachzusehen, was sich in seinem Inneren verbarg. Das konnte er sich wei� Gott denken, obwohl er im Stillen hoffte, dass sich seine Bef�rchtungen nicht bewahrheiten w�rden.</p><p>Knapp f�nf Minuten sp�ter, bei einem fl�chtigen Blick in den Kofferraum, sollten sich Alfreds Hoffnungen auf die Fehlerhaftigkeit seines ansonsten untr�glichen Instinktes jedoch zerschlagen.</p><p>Wieder einmal, so schien es, hatte er den richtigen Riecher gehabt. Und das Gef�hl, den Toten, der dort lag, schon einmal gesehen zu haben.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>9</p><p><emphasis>Bahnhof Berlin-Wannsee | 16.10 h</emphasis></p><p>�F�r dich, Sydow � frisch aus dem Gruselkabinett.� Eher beil�ufig und mit einem Schuss Ironie dr�ckte Heribert Peters, Chefgerichtsmediziner am Krankenhaus Moabit, seinem langj�hrigen Freund und Kollegen einen Schnellhefter in die Hand, vollf�hrte eine theatralische Verbeugung und konnte es sich nicht verkneifen, ein affektiertes L�cheln hinterherzuschieben. �Du freust dich doch, oder?�</p><p>�Und wie.� Sydow klappte den Schnellhefter auf, betrachtete die darin abgehefteten Schwarz-Wei�-Aufnahmen und Skizzen und �berflog die insgesamt acht Seiten Text. Anschlie�end hob er den Blick und fragte: �Irrt�mer ausgeschlossen?�</p><p>Peters, fast genauso alt, jedoch beinahe doppelt so schwer wie sein Freund und ein erkl�rter Gegner sportlicher Bet�tigung, verzog das hochrote Gesicht und lie� seiner Grimasse einen verdrie�lichen Blick folgen. �Wenn du glaubst, ich lasse mich von dir rumschikanieren�, t�nte der Gerichtsmediziner mit Lehrstuhl an der FU Berlin, �hast du dich gewaltig ��</p><p>�� geschnitten, ich wei߫, vollendete Sydow und lie� sich herab, ihm einen Platz auf dem Kieshaufen in unmittelbarer N�he der aus dem Verkehr gezogenen S-Bahn-Waggons anzubieten, die nun schon seit Stunden auf einem Nebengleis des S-Bahnhofes Wannsee standen. Mehr als 100 Meter entfernt, auf dem Bahnsteig, hatte sich eine Gruppe Halbstarker um ein Transistorradio geschart, und Sydow fragte sich nicht zum ersten Mal, was an der Musik von Elvis denn so Besonderes war. Er pers�nlich stand eher auf Glenn Miller, woran sich vermutlich nichts �ndern w�rde. �Sag mal, welche Laus ist denn dir �ber die Leber gelaufen?�</p><p>�Gar keine. Wieso?�</p><p>�Weil du in letzter Zeit immer so schnell auf die Palme gehst � darum.�</p><p>Deutlich moderater im Ton, lie� die temperamentvolle, zu cholerischen Ausbr�chen neigende und in Expertenkreisen durchaus gesch�tzte Koryph�e auf dem Gebiet der forensischen Medizin das zerzauste Haupt h�ngen und stierte gequ�lt vor sich hin. �Gut beobachtet, Tom.�</p><p>�Spuck�s aus, Dicker, wo dr�ckt der Schuh?� Sydow bot seinem Freund eine HB an, und Peters griff derart gierig zu, dass dem edlen Spender beinahe die Schachtel aus der Hand gerutscht w�re. �Jetzt mach schon, Heribert, und lass dir die W�rmer nicht einzeln aus der Nase ��</p><p>�FdH-Kur<sup>23</sup>�, gestand der Pathologe und sog das Aroma der HB gen�sslich ein. �T�te mir zur Abwechslung mal ganz gut. Meint Evelyn.�</p><p>Sydow lie� die Zigarettenschachtel auff�llig rasch in seiner Brusttasche verschwinden und bedachte sie mit einem wehm�tigen Blick. �Kleine Entziehungskur�, f�gte er kleinlaut hinzu. �T�te mir zur Abwechslung mal ganz gut. Meint Lea.�</p><p>Peters kugelte sich beinahe vor Lachen. �Na, dann k�nnen wir beide ja zusammen gehen!�, rief er aus und verpasste Sydow einen derart heftigen Rippensto�, dass sein Freund beinahe das Gleichgewicht verloren h�tte. �Doppelt so viel arbeiten und halb so viel futtern � auch eine Logik.�</p><p>�Na ja�, bemerkte Sydow und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Obduktionsbericht zu, w�hrend die S-Bahn den n�chsten Pulk Sommerfrischler ausspie, die es in hellen Scharen an den Wannsee zog. �Immerhin besser, als wenn dir jemand eine Kugel durch die Birne jagt.�</p><p>�Besonders, wenn dieser Jemand eine 29er Smith &amp; Wesson benutzt zu haben scheint. Kaliber .44 Magnum, versteht sich.� Peters nahm einen weiteren Zug, hatte jedoch auf einmal genug und dr�ckte seine Fluppe kurzerhand aus. �Bevor du mich wieder fragst, ob ich meiner Sache sicher bin: ja, bin ich. Einschlag des Geschosses knapp zwei Zentimeter oberhalb der Nasenwurzel. Abgefeuert aus geringer Entfernung, nach meinem Daf�rhalten um die drei Meter. Sieht ganz danach aus, als sei Mister Schwergewicht � �h � Mister Unbekannt buchst�blich exekutiert worden.�</p><p>�Sonst noch was von Bedeutung?�</p><p>Peters err�tete. �Knapp 120 Kilo Lebendgewicht, m�nnlich, um die 30, vermutlich Amerikaner.�</p><p>�Sicher?�</p><p>�Jetzt ist es aber wirklich ge��</p><p>�Halt, mein Freund � wer wird denn gleich in die Luft gehen!�, lachte Sydow und blinzelte Peters, den er f�r sein Leben gern auf die Schippe nahm, mit unverhohlener Schadenfreude an. �Greife lieber zur HB, dann ��</p><p>�Geht alles wie von selbst�, brummelte der Gerichtsmediziner, nach au�en grantig, in Wahrheit aber l�ngst an Sydows Frotzeleien gew�hnt. �Willst du nun Bescheid �ber Mister Vollschlank wissen oder nicht?�</p><p>�Nat�rlich, Heribert � ich bin ganz Ohr.�</p><p>Peters verpasste Sydow einen erneuten Rippensto�, riss ihm die HB-Schachtel aus dem Hemd und verk�ndete mit stolz geschwellter Brust: �Bei dem rot karierten Flanellhemd, das er trug, handelt es sich zweifelsohne um ein aus den USA stammendes Exemplar der Marke �Dr. Denim�. Auf dem deutschen Markt nicht zu haben, es sei denn, man ist Angeh�riger der hiesigen amerikanischen Garnison und hat die M�glichkeit, sich in den PX-L�den einzudecken.�</p><p>�Oder man wird beschenkt.�</p><p>�Oder hat Beziehungen, kann nat�rlich sein.� Nachdenklich geworden, knetete Peters sein monstr�ses Doppelkinn, wog die Zigarettenschachtel in der Hand und gab sie Sydow zur�ck. �Einigerma�en mysteri�s, in der Tat�, r�umte er nachdenklich ein.</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil der Unbekannte offenbar im Besitz einer Makarow mit integriertem Schalld�mpfer gewesen zu sein scheint. Lag direkt neben ihm, unter einem Sitz. Das Bemerkenswerte daran: Das Magazin, ausreichend f�r insgesamt acht Schuss, war vollkommen leer. Da bist du platt, Herr Kriminalhauptkommissar, was?�</p><p>�So ziemlich.� Sydow verschr�nkte die H�nde, st�tzte das Kinn auf den linken Zeigefinger und starrte so lange vor sich hin, bis es Peters zu bunt wurde und er sich mit lautem �chzen erhob. �Wei�t du, was ich glaube, Wonneproppen?�</p><p>�Nee, Mister Universum.�</p><p>�Dass wir auf dem besten Wege sind, uns jede Menge �rger einzuhandeln.�</p><p>Peters winkte gelangweilt ab. �Sind wir doch immer, oder? Ich muss nur an die Geschichte mit dem Bernsteinzimmer denken, und mir wird jetzt noch ganz anders.�</p><p>�Stimmt.� Gemeinsam hatten er, Sydow, und sein Busenfreund Heribert Peters schon eine Menge durchgemacht. Besonders dramatisch war es bei der Jagd nach dem Bernsteinzimmer zugegangen, wobei es ihm immer noch nicht in den Kopf wollte, weshalb Kuragin, mit dem er sich damals angefreundet hatte, von einem Moment auf den anderen verschwunden war. Einfach so, fast auf den Tag genau vor acht Jahren. Ohne ihn und seine Hilfe h�tte er die L�sung des Falles abschreiben k�nnen, davon war er mehr denn je �berzeugt. Umso merkw�rdiger, dass sich der ehemalige MGB-Offizier zuerst in den Westen abgesetzt und nur wenige Wochen sp�ter f�r immer von der Bildfl�che verschwunden war. �Aber wie hei�t es doch so sch�n: Unkraut vergeht nicht.�</p><p>�Was dich angeht, trifft diese profunde Erkenntnis sicherlich zu.� Peters, der sich die Gelegenheit zu einer Retourkutsche nicht entgehen lie�, hob einen Kieselstein auf, schleuderte ihn in hohem Bogen ins Geb�sch und griff das Thema, um das es ging, wieder auf. �Du meinst also, wir stehen im Begriff, ins Fettn�pfchen zu treten.�</p><p>Sydow nickte.</p><p>�Soll hei�en, du tippst darauf, dass der KGB und die CIA oder welcher Schn�fflerverein auch immer auf h�chst ungalante Art aneinandergeraten sind.�</p><p>�Genau so k�nnte man es ausdr�cken, Dicker.�</p><p>�Begr�ndung?�</p><p>�Eine Makarow hier, eine Smith &amp; Wesson da ��, gr�belte Sydow und spielte geistesabwesend an seinem Ehering herum, �ziemlich eindeutig, oder?�</p><p>�Findest du?�</p><p>�Wieso denn nicht?�</p><p>Der Gerichtsmediziner wog bed�chtig das Haupt. �Kann sein, dass du recht hast�, r�umte er unschl�ssig ein, von dem, worauf Sydow hinauswollte, alles andere als �berzeugt. �Kann aber auch nicht sein, wer wei�. Ich finde, wir sollten uns davor h�ten, voreilige Schl�sse zu ziehen.�</p><p>�Wie du meinst.� Sydow dr�ckte das Kreuz durch, schlug mit der flachen Hand auf die Oberschenkel und stand ebenfalls auf. Auf der Bahnsteiguhr war es genau Viertel nach vier, und allm�hlich wurde ihm klar, dass aus dem gemeinsamen Abend mit Lea nichts werden w�rde. �Sieht so aus, als m�ssten wir hier campieren.�</p><p>�Nur Geduld, Tom � in der Ruhe liegt die Kraft.� Beinahe gleichzeitig wandten sich Sydow und sein wohlbeleibter Freund der Waggont�r zu, von der aus die Stimme von Waldemar Naujocks, Leiter der Spurensicherung, kam. �Die Lage ist ernst � aber nicht hoffnungslos.�</p><p>�Freut mich zu h�ren, Waldi�, entgegnete Sydow, nachdem er zusammen mit Peters den Waggon betreten und ihm bis zu der Stelle gefolgt war, wo der Unbekannte sein Leben ausgehaucht hatte. Davon zeugte der dunkelrote Fleck, auf den Naujocks und ein halbes Dutzend Beamte, die s�mtliche Waggons unter die Lupe genommen hatten, zu Beginn ihrer Untersuchung gesto�en waren. �Schon irgendwelche Erkenntnisse?�</p><p>�Mehr, als unter den gegebenen Umst�nden zu erwarten gewesen w�re�, antwortete Naujocks, einer der gr��ten Fans, die Elvis Presley jemals gehabt hatte, zumindest in den Reihen der Berliner Polizei. Seine Haartracht, auf die er besonders stolz war, sorgte zwar hin und wieder f�r Sticheleien, aber davon lie� sich Naujocks nicht beeindrucken und verwandte mehr Zeit auf seine Elvis-Tolle wie s�mtliche Sekret�rinnen im Pr�sidium auf ihr t�gliches Make-up. �Hat sich jedenfalls gelohnt, die Bude auf den Kopf zu stellen.�</p><p>�Sag blo�, du hast schon eine Theorie�, murmelte Sydow, beugte das Knie und betrachtete den Fleck, dessen Farbt�nung derjenigen von versch�ttetem Rotwein glich.</p><p>�Zumindest so was in der Art, Tom�, entgegnete Naujocks, der sich nicht weiter mit dem Blutfleck aufhielt, sondern Sydow bedeutete, ihm in den hinteren Bereich des Waggons zu folgen. �Rate mal, was ich gefunden habe.�</p><p>�Den Feierabend?�</p><p>�Selten so gelacht.� Naujocks l�chelte gequ�lt und deutete auf den Sitz, neben dem er gerade Aufstellung genommen und mit der Attit�de eines Museumsf�hrers auf ein winziges Loch im Polster des Fenstersitzes rechts von ihm gedeutet hatte. �Wenn du es genau wissen willst � das da.�</p><p>�Lass mich raten: Es handelt sich um ein Einschussloch.�</p><p>�In der Tat, Mister Holmes.�</p><p>�Um ein Loch, das von einem aus n�chster N�he abgefeuerten und vermutlich aus einer Makarow stammenden Projektil verursacht wurde.�</p><p>�Das Merkw�rdige daran?�</p><p>�Besteht darin, dass es keinerlei Indizien daf�r gibt, wo die �brigen aus der Waffe des Mordopfers stammenden Patronen abgeblieben sind.�</p><p>�So sie denn nicht schon vorher verballert wurden�, f�gte Peters griesgr�mig hinzu.</p><p>�M�glich, aber nicht gerade wahrscheinlich, Heribert�, widersprach Sydow, kratzte sich an der Nasenspitze und wechselte einen Blick mit Naujocks, auf dessen pausb�ckigem, von einem Paar dunkler Koteletten flankierten Gesicht sich ein spitzb�bisches L�cheln ausbreitete. �Irgendwo m�ssen die blauen Bohnen schlie�lich abgeblieben sein. Ihr habt ja wohl alles abgesucht, Waldi, oder?�</p><p>�Worauf du dich verlassen kannst, Tom�, versicherte Naujocks und fuhr mit dem Kamm durch das dunkle, mit reichlich Gel versehene Haar. Um im Anschluss an diese Geste demonstrativer Abgekl�rtheit seinen K�der auszuwerfen: �Wei�t du, was ich glaube, Tom?�</p><p>Sydow sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Dass die Person, auf deren Konto der Mord an Herrn Inkognito geht, eine kugelsichere Weste getragen haben k�nnte.�</p><p>�Jetzt geht aber deine Fantasie mit dir durch, Waldi.�</p><p>�Warum so skeptisch?� Keineswegs gekr�nkt, lie� Naujocks nicht locker und redete wie ein Wasserfall auf seine Kollegen ein: �Die beiden kriegen sich in die Wolle, Mister Unbekannt springt auf und feuert auf seinen Kontrahenten. Mit einer geh�rigen Portion Wut im Bauch, versteht sich. W�re dem nicht so gewesen, h�tten zwei, drei Kugeln ja wohl gereicht. Eine davon bleibt jedenfalls im Sitz stecken, die �brigen, so zumindest meine Theorie, in der kugelsicheren Weste. Gut m�glich, dass unser Dickerchen bereits im Aufbruch begriffen war und die Sch�sse aus gr��erer Distanz, ich w�rde sagen aus vier oder f�nf Metern, abgegeben worden sind. Sonst h�tte es den T�ter vermutlich erwischt, kugelsichere Weste hin oder her.�</p><p>�Durchaus plausibel, Waldi�, gestand Sydow gedankenverloren ein und deutete auf den Blutfleck, neben dem er immer noch stand. �Und weiter?�</p><p>�Anschlie�end hat er ihm ins Bein geschossen.�</p><p>�Hei�t, er hatte nicht die Absicht, ihn sofort zu t�ten.�</p><p>�Sondern?�, forschte Peters, aus dessen Baritonstimme die gewohnte Skepsis gewichen war.</p><p>�Sondern um ihn auszuquetschen�, vollendete Naujocks auf eine Art, die jegliche Einw�nde von vornherein auszuschlie�en schien. �Ob mit Erfolg oder nicht, l�sst sich nat�rlich nicht sagen.�</p><p>�Fazit: Geht man von der Knarre aus, die sich im Besitz der beiden Streith�hne befand, m�sste man auf ein gewaltsames Aufeinandertreffen zwischen feindlichen Agenten schlie�en�, folgerte Sydow, sichtlich beeindruckt von der Kombinationsgabe des deutlich j�ngeren Kollegen, trotz alledem jedoch nicht rundum zufrieden. �Woher willst du eigentlich wissen, dass sie einander gegen�bergesessen sind, Waldi?�</p><p>�Ganz einfach. Das Opfer hat ein Andenken hinterlassen.�</p><p>�Tats�chlich?</p><p>�Haare, Tom�, triumphierte Naujocks, das f�r ihn typische Lausbubenl�cheln im Gesicht. �Jede Menge blonde Haare. Durchaus naheliegend, dass sie ihm ausgegangen sind.�</p><p>�Beziehungsweise weiter ausgehen werden�, warf Peters, der ungekr�nte K�nig des schwarzen Humors, ohne eine Miene zu verziehen ein. �Traurig, aber wahr.�</p><p>Sydow, kein Kostver�chter, wenn es um derbe Sp��e ging, gab ein missbilligendes R�uspern von sich und wandte sich seinem Freund und Kollegen zu. �Wie lange ist er eigentlich schon tot, Leichenfledderer?�</p><p>�Endlich mal jemand, der sich einer gepflegten Ausdrucksweise bedient�, setzte sich der Gerichtsmediziner gekonnt zur Wehr. �Und der meine Dienste zu sch�tzen wei�.�</p><p>�Wie lange er tot ist, will ich wis ��</p><p>�Steht alles in meinem Bericht.�</p><p>Sydow tat so, als habe er die bissige Antwort nicht geh�rt, warf einen Blick in die Kladde und murmelte: �Neun bis zw�lf Stunden, aha. Nicht auszuschlie�en, dass der M�rder l�ngst �ber alle Berge ist.� Und dann, f�r die Anwesenden kaum zu verstehen: �Wisst ihr, was mir dabei Spanisch vorkommt, Jungs?�</p><p>�Keine Ahnung�, beeilte sich Peters zu antworten, dessen Magen laut und vernehmlich zu rebellieren begann.</p><p>�Mal ehrlich. Glaubt ihr wirklich, ein Russe und ein Ami treffen sich zu einem Plauderst�ndchen in der S-Bahn, machen es sich bequem und haben anschlie�end nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen?� Sydow lie� den Blick zwischen Naujocks und Peters hin und her pendeln, wandte sich ab und trat ans Fenster, um ein wenig mehr Luft in das stickige, nach Staub, Schwei� und geronnenem Blut riechende Abteil zu lassen. �Nee, M�nner, ganz so einfach, glaube ich, ist die Chose leider ��</p><p>Doch er kam nicht dazu, seine Absicht in die Tat umzusetzen. �Tut mir leid, dass ich st�re, Tom�, wurde er von einer ihm wohlbekannten Stimme unterbrochen, �aber der Lokf�hrer wartet nun schon seit einer Stunde darauf, von dir befragt zu werden.�</p><p>�Na, dann woll�n wir mal, Kroko�, willigte Sydow, des Herumr�tselns m�de, umgehend ein, nickte seinen beiden Gespr�chspartnern zu und hatte es pl�tzlich eilig, sich vom Tatort zu entfernen. �Bis sp�ter, Jungs.�</p><p>�Bis sp�ter, Herr Gro�inquisitor�, rief ihm Peters hinterher. �Und vergiss mir die Daumenschrauben nicht!�</p><p>�Apropos Vernehmung, Tom � es gibt Neuigkeiten.�</p><p>In Gedanken bei dem bevorstehenden Gespr�ch, hatte Sydow nicht bemerkt, dass Krokowski auf halber Strecke haltgemacht, die Stimme gesenkt und sich vorsichtshalber umgesehen hatte. Hier drunten in der Unterf�hrung roch es noch penetranter als im Zug, und auf einmal versp�rte Sydow das Verlangen, einfach alles stehen und liegen zu lassen und sich wieder an den Wannsee zu verkr�meln. Wenn schon nicht der Herr Kriminalrat, so w�rde sich wenigstens Lea dar�ber freuen, und das war ja wohl das Wichtigste. Da er sich und sein preu�isches Pflichtbewusstsein aber nur zu gut kannte und diesbez�glich nicht aus seiner Haut konnte, blieb er einfach stehen und h�rte Krokowski, der ihn mit den neuesten Hiobsbotschaften versorgte, mit wachsendem Unbehagen zu.</p><p>�Um die 50, soso. Ermordet. Endstation Schrottpresse. Und ausgerechnet wir sollen den Fall �bernehmen!�, rutschte es ihm am Ende von Krokowskis Monolog heraus. �Dieser Jungspund hat doch wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank.�</p><p>�Bekloppt oder nicht, Tom � uns bleibt ja wohl nichts anderes �brig, oder?�</p><p>Kaum war die Stimme seines Assistenten in der wei� gekachelten, nach Urin, versch�ttetem Bier und Hundekot riechenden Unterf�hrung verhallt, wurde Tom Sydow klar, dass er den Abend mit Lea, auf den er sich wie ein kleines Kind gefreut hatte, endg�ltig abschreiben konnte.</p><p>Und die Nacht vermutlich auch.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>10</p><p><emphasis>111 Irving Avenue, Hyannis Port, Maine / USA</emphasis></p><p><emphasis>| 11.35 h Ortszeit, 17.35 h Berliner Zeit</emphasis></p><p>Wie immer, wenn er das Wochenende in Hyannis Port verbrachte, war der Pr�sident sp�t aufgestanden. Heute, am Samstagmorgen, sogar noch etwas sp�ter als sonst. Kein Wunder, ging es ihm doch so schlecht wie seit Wochen nicht mehr. Gestern Nachmittag, w�hrend des Fluges in sein Urlaubsdomizil, war er von furchtbaren Unterleibsschmerzen geplagt und sie trotz der Narkotika, die man ihm daraufhin verabreicht hatte, nicht mehr losgeworden. Auf Anraten seiner �rzte, die seinen Zustand mit Besorgnis sahen, hatte er sich daraufhin vorgenommen, richtig auszuspannen, ohne R�cksicht auf Verluste und nach M�glichkeit den ganzen Tag. Egal wie besorgniserregend die Nachrichten, speziell diejenigen aus Berlin, auch klingen mochten. Er w�rde jetzt in aller Ruhe fr�hst�cken, dabei Zeitung lesen und das CIA-Memo auf dem Wohnzimmertisch einstweilen ignorieren.</p><p>Und damit Schluss.</p><p>Der Blick von der Terrasse des wei� get�nchten, im Kolonialstil erbauten und unweit der protzigen Villa seines Vaters gelegenen Ferienhauses war atemberaubend wie immer, speziell an einem Tag wie heute. Kein W�lkchen tr�bte seinen Blick, auf dem Nantucket-Sund kreuzten die Segelboote und das Meer war ruhig und spiegelglatt. Von irgendwoher aus der N�he erscholl das Lachen seiner Tochter Caroline, der es hier drau�en nie langweilig zu werden schien. Und sein ganzer Stolz, Kennedy Junior, spielte mit seiner Nanny.</p><p>Kennedy setzte sich an den opulent gedeckten Tisch, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und lie� sich von seiner Haush�lterin, die ihn wie immer emsig umsorgte, Toast mit R�hreiern, Schinken und Speck und zum Abschluss ein Glas gek�hlten Orangensaft servieren. Fast augenblicklich hellte sich sein bis dahin gequ�lter Gesichtsausdruck auf, und das ber�hmte Kennedy-L�cheln flog �ber sein Gesicht. So und nicht anders stellte er sich den Beginn des Wochenendes vor, von dem er hoffte, dass es ein m�glichst geruhsames werden w�rde.</p><p>Dass seine Hoffnung trog, wollte John F. Kennedy nicht wahrhaben, ebenso wenig wie die Schlagzeilen, auf die seine Augen fielen. Spekuliert wurde in der Politik bekanntlich viel, schlie�lich lebten diese Zeitungsfritzen davon. Im Hinblick auf die Sorgen, die ihn momentan plagten, h�tte es ruhig ein bisschen weniger sein d�rfen, weshalb es der Pr�sident bei einer oberfl�chlichen Lekt�re belie�, die New York Times wieder zusammenfaltete und sich stattdessen noch eine Tasse Kaffee nachschenkte.</p><p>Aus dem geruhsamen Samstagmorgen, wie er ihn sich vorgestellt hatte, sollte jedoch nichts werden. Schuld daran war wieder einmal das Telefon, dessen schrilles L�uten ihn aus s�mtlichen Tr�umen riss. Nichts Gutes ahnend, ignorierte er es zun�chst nach Kr�ften, doch als ihn seine Frau an den Apparat rief, beschlich ihn das dumpfe Gef�hl, dass aus dem freien Tag, auf den er sich die ganze Woche gefreut hatte, vermutlich nichts werden w�rde.</p><p>Eine Bef�rchtung, die sich prompt bewahrheiten sollte. �Entschuldigen Sie bitte die St�rung, Mister President�, meldete sich eine wohlbekannte Stimme, worauf Kennedy tief durchatmete und sich mit verkniffener Miene in den Pl�schsessel neben dem Telefon fallen lie�. �Aber es gibt da ein paar Dinge, �ber die Sie umgehend in Kenntnis gesetzt werden sollten.�</p><p>�Lassen Sie mich raten, Luke�, versetzte der Pr�sident in der tr�gerischen Hoffnung, Luciano Calabrese von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen zu k�nnen, �ffnete den Kragen seines Polohemdes aus dem Hause Fred Perry und zupfte lustlos an seinen hellblauen Shorts herum. �Es geht um Berlin.�</p><p>�Sie sagen es, Mister President. Es hat �rger gegeben � <emphasis>wieder mal</emphasis>.�</p><p>�So viel, dass Sie nicht bis Montag warten konnten?�</p><p>�Ich f�rchte schon, Sir�, gab Calabrese, dem Kennedy am liebsten Gift verabreicht h�tte, trotzig zur�ck. �Sonst k�me es mir nicht in den Sinn, Sie zu behelligen.�</p><p>�Nur zu, Luke. Ich bin ganz Ohr.�</p><p>�Es geht um einen vom KGB angeworbenen Berliner, Sir. Ehemaliger DDR-B�rger, um es genau zu sagen.�</p><p>�H�rt sich nach einem Ian-Fleming-Roman an, wenn Sie mich fragen�, erwiderte Kennedy, der keinerlei Lust versp�rte, sich das Wochenende vermasseln zu lassen.</p><p>Calabrese entging dies nicht. �Auf die Gefahr, Sie zu langweilen, Sir ��, beharrte er, wobei es ihm nur mit M�he gelang, seinen Groll zu verbergen. �So harmlos, wie die Angelegenheit auf den ersten Blick aussieht, ist sie nicht. Bedauerlicherweise.�</p><p>�Dazu m�ssten Sie mir erst mal sagen, um was es sich dreht, Luke.�</p><p>�Wie gesagt, es geht um einen Buchhalter aus Berlin, gek�dert durch den KGB. Vermutlich f�r Kurierdienste.�</p><p>�Vermutlich?�</p><p>Calabrese tat so, als habe er die Frage des Pr�sidenten und den gelangweilten Ton, der in ihr mitschwang, nicht bemerkt. �Und um � um eine KGB-Angeh�rige, die sich an ihn rangepirscht, diesen Volltrottel abgeschleppt und ihn anschlie�end ��</p><p>�Sehe ich das richtig, Luke, Sie haben die beiden auf frischer Tat ertappt?�</p><p>�Ganz recht, Sir. Offen gestanden hatten wir die Dame schon l�nger unter Verdacht. Deshalb haben wir sie auch rund um die Uhr beschatten lassen. So lange, bis sie uns schlie�lich ins Netz gegangen ist.�</p><p>Der Pr�sident pfiff demonstrativ durch die Z�hne. �Kompliment, Luke. Ihr Jungs von der CIA seid wirklich auf Draht�, witzelte er, nach wie vor nicht �berm��ig interessiert. �Und was ist an Ihrem Coup so interessant, dass Sie mir an meinem freien Tag auf die Bude r�cken und nicht noch zwei Tage warten konnten?�</p><p>�Es geht um Berlin, Sir.�</p><p>�Das sagten Sie bereits.�</p><p>�Aufgrund der Unterlagen, die uns in die H�nde gefallen sind, m�ssen wir davon ausgehen, dass die Russen einen �berraschungsangriff auf die westliche Garnison planen.�</p><p>Trotz seines Misstrauens gegen�ber der CIA im Allgemeinen und Calabrese sowie Dulles im Besonderen war der Pr�sident auf einmal hellwach. �Ein Pr�ventivschlag?�, �u�erte er �berrascht, mit einer Lautst�rke, dass seine Frau Jackie einen Blick zur T�r herein warf, auf eine beruhigende Geste ihres Gatten hin jedoch wieder verschwand. �Alles, was recht ist, Luke � aber das kann ich mir wirklich nicht vorstellen.�</p><p>�Bei allem geh�rigen Respekt, Mister President � die Dokumente, die uns in die H�nde gefallen sind, sprechen eine deutliche Sprache.�</p><p>�Was f�r Dokumente denn, zum Teufel noch mal?�</p><p>�Solche, die man braucht, um einen Angriff auf die Garnison der drei Westm�chte m�glichst effektiv und Erfolg versprechend durchf�hren zu k�nnen�, beharrte Calabrese, ohne sich auch nur eine Sekunde aus dem Konzept bringen zu lassen. �Als da sind: ein Verzeichnis s�mtlicher Garnisonsstandorte, Angaben �ber die jeweilige Mannschaftsst�rke, diverse Listen, aus denen man R�ckschl�sse auf die Bewaffnung der alliierten Streitkr�fte ziehen kann. Und nat�rlich Karten, Sir � jede Menge Karten.� Um seine Pointe an den Mann bringen zu k�nnen, hielt Calabrese mehrere Sekunden inne. Anschlie�end sagte er: �Damit sich die Russen nicht verlaufen, wenn sie Ernst machen.�</p><p>�Diese Agentin, Rick � ich nehme an, Sie sind dabei, Ihr auf den Zahn zu f�hlen.�</p><p>�Das genau ist das Problem, Sir�, antwortete Calabrese, aus dessen Stimme der Unmut sprach, der ihn angesichts Kennedys Zaudern befiel. �Bedauerlicherweise ist es uns bislang nicht gelungen, der Dame habhaft zu werden.�</p><p>�Mit anderen Worten � der Lockvogel ist ausgeflogen.�</p><p>�So k�nnte man es ausdr�cken, Sir.�</p><p>�Und der vermeintliche Kurier?�</p><p>�Selbstmord, Sir. Ein Moment der Unachtsamkeit, und schon war es passiert.� Erneut lie� Calabrese einige Zeit verstreichen, bevor er dem Pr�sidenten die n�chste L�ge auftischte. �Kaum hat er das Verh�rprotokoll unterschrieben, rei�t er einem unserer Agenten die Pistole aus dem Halfter, dr�ckt sie sich an die Schl�fe und ��</p><p>�Einfach so?�, fiel ihm Kennedy ins Wort, mehr denn je auf der Hut vor dem Mann, auf dessen Ehrlichkeit er nicht einmal einen Cent gewettet h�tte. �Nehmen Sie es mir nicht �bel, Chief Executive � aber ich frage mich allen Ernstes, wie so etwas �berhaupt m�glich ist.�</p><p>�Hei�t das, Sie unterstellen mir, ich w�rde nicht die ��</p><p>�Gar nichts hei�t das, <emphasis>Signore</emphasis>!�, stauchte Kennedy die graue Eminenz der CIA zusammen. �Au�er vielleicht, dass ich Ihnen ans Herz legen m�chte, wegen ein paar geheimer Unterlagen keine voreiligen Schl�sse zu ziehen. Karten, Stadtpl�ne, Angaben �ber unsere Truppenst�rke � so etwas hat doch wohl jeder drittklassige Sowjetagent auf Lager. Die da dr�ben w�ren ja ihr Geld nicht wert, wenn sie nichts Derartiges in petto h�tten. Alles, was recht ist, Luke � um mich zu �berzeugen, m�ssen Sie schon schwerere Gesch�tze auffahren. Anders ausgedr�ckt: Ich gebe Ihnen genau 24 Stunden Zeit, bis morgen Mittag um zw�lf. Dann werden Sie mir Bericht �ber die derzeitige Lage in Berlin erstatten. Pers�nlich. Sollten Sie bis dahin nichts in der Hand haben, ist die Angelegenheit f�r mich erledigt. Haben wir uns verstanden, Luke? So, und jetzt m�chte ich nach M�glichkeit nicht mehr gest�rt werden, Chief Executive. Sch�nen Tag, und gr��en Sie mir Berlin!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>11</p><p><emphasis>Berlin-Dahlem, Gel�nde der USMLM</emphasis><sup>24</sup><emphasis>im F�hrenweg | 17.40 h</emphasis></p><p>�Hei�t das, Sie unterstellen mir, ich w�rde nicht die Wahrheit sagen?�</p><p>Luciano Calabrese hasste es, Gef�hle zu zeigen. Noch mehr allerdings hasste er es, wie ein Trottel dazustehen. Schlie�lich war er nicht irgendein x-beliebiger Lakai aus dem Wei�en Haus und dieser irische Hosenschei�er, der sich Pr�sident schimpfte, nur zwei Jahre �lter als er. Der Chef von DECOP sch�umte vor Wut. Das w�rde er sich nicht bieten lassen. Schon gar nicht vonseiten eines neureichen Schn�sels, der, so seine feste �berzeugung, seine Karriere einzig und allein den Finanzspritzen seines Vaters, manipulierten Wahlen und Betr�gereien in gro�em Stil zu verdanken hatte.</p><p>�Sch�nen Tag, und gr��en Sie mir Berlin!�</p><p>Feuerrot vor Zorn, schleuderte Calabrese den H�rer auf die Gabel und ballte die Faust. �Daf�r wirst du mir b��en, du ��, knirschte er, kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. �So wahr ich Luciano Calabrese hei�e!�</p><p>�Mal ehrlich, Chief Executive � haben Sie wirklich damit gerechnet, dass Kennedy unseren K�der schlucken w�rde?� Arrogant wie immer, was sich vor allem in seinem Tonfall niederschlug, stand Jermaine Ross, knapp 32 Jahre alter Sohn eines Schrotth�ndlers aus Detroit, am Fenster der ger�umigen Backsteinvilla und blickte mit ausdrucksloser Miene in den weitl�ufigen, knapp 10.000 Quadratmeter gro�en und von m�chtigen Kiefern umgebenen Garten hinaus. Das ehemalige Hauptquartier von Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, seines Zeichens Chef des OKW<sup>25</sup>, war unmittelbar nach dem Krieg von den Amerikanern requiriert, im Lauf der Jahre zu einer unverzichtbaren Bastion diverser US-Nachrichtendienste ausgebaut und mit allem vollgestopft worden, was das Herz der vor Ort operierenden Agenten h�her schlagen lie�. So unter anderem mit jeder nur erdenklichen Art von Abh�rger�ten, Apparaturen zur Verschl�sselung und Dechiffrierung von Funkspr�chen und nicht zuletzt mit einem hochmodernen Fotolabor, um das sie sogar der britische MI6<sup>26</sup> beneidete. Gen�tzt hatte dies w�hrend der vergangenen Tage und Wochen nicht viel, tappte man doch bez�glich der Ger�chte �ber eine Abriegelung des Ostsektors von Berlin weiterhin im Dunkeln. Ob und wann Chruschtschow und seine Ostberliner Gefolgsleute Ernst machen w�rden, hatte bislang kein Mensch herausfinden k�nnen, von der Frage nach dem Wie gar nicht zu reden. Au�er wilden Spekulationen, vereinzelten Hinweisen befreundeter Dienste und vagen Andeutungen vonseiten der eigenen Undercover-Agenten war bislang nicht viel durchgesickert. Ein Grund mehr, dass sich die Stimmung von Calabrese, der seine Felle allm�hlich davonschwimmen sah, immer mehr dem Nullpunkt n�herte.</p><p>Auf seinen ungleich besser gestimmten, eine Marlboro nach der anderen rauchenden und dabei ins Gr�ne hinausschauenden Gespr�chspartner schien dies jedoch nicht die geringste Wirkung zu haben. �So unbedarft, wie Sie ihn einsch�tzen, scheint der Oberbefehlshaber unserer Streitkr�fte nun wirklich nicht zu sein.�</p><p>�Und was jetzt?�</p><p>�Um diesen Friedensapostel aus der Reserve zu locken, m�ssen wir uns etwas einfallen lassen. Jedenfalls mehr als das Kaspertheater gestern Abend. Wundert mich ohnehin, dass dieser Blaschkowitz auf uns reingefallen ist.�</p><p>Drauf und dran, Ross eine Lektion in Sachen Benehmen gegen�ber Vorgesetzten zu erteilen, holte Calabrese tief Luft, lie� dann aber von seinem Vorhaben ab und fragte: �Was ist eigentlich mit unserem Lockvogel?�</p><p>�Unterwegs Richtung Heimat.�</p><p>�Der College-Boy, von dem Sie anscheinend so viel halten?�</p><p>�Ebenso.�</p><p>�Der Leichnam von Blaschkowitz?�</p><p>�Im Kofferraum eines ausrangierten Opel Rekord verstaut.�</p><p>�Hei�t das, Sie haben ihn ��</p><p>�Auf einem Schrottplatz verschwinden lassen, genau. Und eine falsche Spur gelegt, damit nichts schiefgeht. Falls doch, habe ich mir vor einer Viertelstunde erlaubt, unseren verl�ngerten Arm bei der Berliner Kripo entsprechend zu instruieren. Keine Sorge, Chief Executive, ich selbst habe den Mann rekrutiert. Auf ihn k�nnen wir uns verlassen.�</p><p>Calabrese r�mpfte die Nase. �Das will ich hoffen.�</p><p>�Immer mit der Ruhe, Mister ��, beruhigte ihn sein pockennarbiger und so gut wie nie ohne Sonnenbrille in Erscheinung tretender Mann f�rs Grobe und BOB-Chef<sup>27</sup> auf eine Weise, die Au�enstehende vermutlich als Gleichg�ltigkeit aufgefasst h�tten. �Wir werden das Kind schon schaukeln.�</p><p>�Ich wei� nicht, woher Sie Ihren Optimismus nehmen, Ross�, polterte Calabrese, erhob sich aus seinem Sessel und warf dem Portr�t, das die Stirnseite des sch�bigen B�ros zierte, einen ver�chtlichen Blick zu. �Um diesen Appeaser auf Trab zu bringen, m�sste schon etwas Au�ergew�hnliches � was zum Teufel � k�nnten Sie vielleicht n�chstes Mal anklopfen, Gonzales?�</p><p>�Entschuldigung, Sir, ich dachte ��, keuchte der Offizier vom Dienst, geb�rtiger Puerto Ricaner, Kettenraucher und wohl nicht zuletzt deswegen v�llig au�er Puste, �ich ��</p><p>�Nun geben Sie schon her!�, grollte Calabrese und riss ihm den Funkspruch, der gerade erst dechiffriert worden war, mit unwirschem Blick aus der Hand. �Was ist denn jetzt schon wieder los!�</p><p>Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal am heutigen Tag war Luciano Calabrese so perplex, dass ihm nichts mehr, nicht einmal ein einziges Wort, �ber die fest aufeinandergepressten Lippen kam. Um das, worum es sich in dem Funkspruch drehte, auch nur ann�hernd zu verdauen, musste er erst einmal nachdenken. Dann jedoch, etwa eine halbe Minute sp�ter, hellte sich sein bis dahin entgeisterter Blick pl�tzlich auf. Mehr noch, von jetzt auf nachher schien die graue Eminenz der CIA wieder bei bester Laune zu sein.</p><p>Am Ende war es Ross, der das Schweigen brach, zur Abwechslung einmal alles andere als entspannt. �Darf man fragen, worum es geht, Sir?�, forschte er und gab sich die Antwort gleich selbst: �Gute Nachrichten, stimmt�s?�</p><p>�Und was f�r welche!�, frohlockte Bissel und reichte den Funkspruch �ber die Schulter hinweg an ihn weiter. �Na endlich, wurde auch langsam Zeit.�</p><p>Bass erstaunt, las Ross den Funkspruch erst einmal, dann zum zweiten und wenig sp�ter sogar zum dritten Mal. Von seiner �berheblichkeit, die nicht einmal vor Calabrese haltgemacht hatte, war am Ende seiner Lekt�re allerdings so gut wie nichts mehr zu sp�ren. �Nichts f�r ungut, Sir ��, warf er geraume Zeit sp�ter ein, begleitet von einem am�sierten Glucksen des Mannes, auf dessen Stuhl er es insgeheim abgesehen hatte, �umfangreiche Truppenbewegungen von Roter Armee und NVA<sup>28</sup> in und um Berlin, dar�ber hinaus Verst�rkung der DDR-Bereitschaftspolizei, Stasi-Einheiten und Betriebskampfgruppen. Mit einem Wort: das �bliche S�belrasseln. Ich w�sste nicht, was es hier zu frohlocken gibt.�</p><p>�Keine Sorge, mein Bester, das wird es � und wissen Sie auch, wieso?�</p><p>Ross zuckte die Achseln.</p><p>�Weil uns zum gegenw�rtigen Zeitpunkt nichts Besseres passieren kann.� Calabrese �ffnete die Schreibtischschublade, entnahm ihr eine echte Havanna und lie� es sich nicht nehmen, in aller Ruhe daran zu riechen. �Wissen Sie was, Ross? Es wird Zeit, dass wir f�r unseren Kontaktmann an der sowjetischen Botschaft in Ostberlin einer Orden lockermachen. Anzahl der Einheiten, Gesamtst�rke und detaillierte Angaben �ber die Bewaffnung der beteiligten Verb�nde � Herz, was begehrst du mehr?�</p><p>�Fragt sich nur, wozu dieser Fetzen hier gut sein soll�, bem�ngelte Ross und gab Calabrese den Funkspruch zur�ck. �Vorausgesetzt, dieser Kuragin hat die richtigen Quellen angezapft und die Russen plustern sich nur auf � was wird dann aus unseren Pl�nen? Kennedy wird einen Teufel tun und sich mit Chruschtschow anlegen, der doch nicht!�</p><p>Calabrese entz�ndete seine Havanna, steckte sie in den Mund und nebelte sich und seine Umgebung komplett ein. �Ganz einfach, Sie Schlauberger: weil wir daraus Kapital schlagen werden. Und das auf h�chst effektive Art und Weise.�</p><p>�Darf man fragen, wie?�</p><p>�Indem wir unsere Erkenntnisse an die Presse weitergeben. Mit der gebotenen Diskretion, versteht sich.�</p><p>�Und dann? Au�er einem bisschen Get�se vonseiten der Berliner, einiger Politiker oder des RIAS wird nicht allzu viel passieren � da m�sste ich mich schon sehr t�uschen.� Wieder ganz der Alte, schlug der CIA-Agent den gewohnten Tonfall an und erg�nzte: �Deshalb frage ich mich, was an der Tatsache, dass Chruschtschow und Ulbricht offenbar nicht daran denken, in die Offensive zu gehen und uns lediglich provozieren wollen, erfreulich sein soll.�</p><p>�Alles zu seiner Zeit, mein Lieber�, wiegelte Calabrese ab und lie� sich in einem cremefarbenen Polstersessel in unmittelbarer N�he des Fensters nieder. �Sie werden es noch fr�h genug erfahren.�</p><p>�<emphasis>Bevor</emphasis> oder <emphasis>nachdem</emphasis> wir den Zarewitsch dingfest gemacht haben?�</p><p>Scheinbar die Ruhe selbst, schlug Calabrese die Beine �bereinander und lehnte sich entspannt zur�ck. �Alles nur ein Frage der Zeit, mein Bester�, versicherte er, seinem Gespr�chspartner in puncto �berheblichkeit durchaus ebenb�rtig. �Wie hei�t es doch so sch�n: You can run, but you cannot hide.</p><p>�Ihr Optimismus in Ehren, Sir � darf man fragen, wie Sie Kuragin auf die Spur kommen wollen? In einer Millionenstadt?� Jermaine Ross machte ein hochn�siges Gesicht. �Der Mann ist brandgef�hrlich, gerissener als ein Dutzend KGB-Agenten zusammen. Und in der Regel mindestens ebenso gut informiert. Wenn uns jemand einen Strich durch die Rechnung machen kann, dann er.�</p><p>�Es sei denn, es gelingt uns, ihn rechtzeitig zu eliminieren�, gab Calabrese seelenruhig zur�ck, erhob sich und fl�sterte Gonzales etwas ins Ohr. Kurz darauf, als dieser den Raum verlassen hatte, wandte er sich erneut an Ross und prahlte: �Was das angeht, stehen unsere Chancen nicht schlecht.�</p><p>�Nichts f�r ungut, Sir. Dass wir �ber einen Agenten mit telepathischen F�higkeiten verf�gen, war mir bislang nicht bekannt.�</p><p>�Ruhig Blut, Ross. Den brauchen wir auch nicht.�</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Ganz einfach � weil wir imstande sind, jeden seiner Schritte genauestens zu verfolgen.� Calabrese lachte schadenfroh in sich hinein. �Da staunen Sie, was? Bei dem Schnippchen, das er uns heute Morgen am Bahnhof Zoo geschlagen hat, ist ihm n�mlich ein kleiner Fehler unterlaufen.�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Zu meinem gr��ten Bedauern hat er den Peilsender, der in Bradlees Aktenkoffer versteckt war, �bersehen. Ein Fehler mit Konsequenzen, habe ich doch Brannigan, der den Zarewitsch lokalisiert hat, durch Gonzales den Auftrag erteilen lassen, seinen Sch�tzling umgehend zu liquidieren.�</p><p>Ross atmete sp�rbar auf. �Dann w�re das wohl gekl�rt!�, stie� er erleichtert hervor.</p><p>�Noch nicht ganz, mein Lieber � noch nicht ganz.�</p><p>Ross stutzte. �Und wieso?�</p><p>�Weil Ihnen die ehrenvolle Aufgabe zukommt, Brannigan nach Erledigung seines Auftrages ebenfalls zu liquidieren. Im Klartext: Ich traue ihm nicht �ber den Weg, weder ihm noch seinem ehemaligen Sch�ler.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Kein Aber, Ross. Sie werden abwarten, bis Brannigan ihn aufgesp�rt hat. Sollte er ein krummes Ding drehen oder den Zarewitsch entwischen lassen oder sogar gemeinsame Sache mit ihm machen, erledigen Sie ihn sofort. Wenn nicht, erst nachdem er seinen Auftrag erf�llt hat.�</p><p>�Und warum nicht gleich?�</p><p>Calabrese grinste �ber das ganze Gesicht, dr�ckte seine Havanna aus und sagte: �Weil es nach au�en hin so aussehen soll, als ob zwei feindliche Agenten aneinandergeraten w�ren. Ein kleiner Shoot-out, Sie verstehen. A erschie�t B, wird jedoch t�dlich verwundet und bleibt ebenfalls auf der Strecke. Kopf hoch, C, Sie kriegen das schon hin!�</p><p>�Und die verdeckte � ich meine, unter den gegebenen Umst�nden sollten wir das geplante Kommandounternehmen ��, stammelte Ross, wurde jedoch von Calabrese auf eine Weise abgew�rgt, dass ihm die Lust auf weitere Einw�nde verging.</p><p>�� auf keinen Fall abblasen, falls es das ist, was Sie sagen wollten, Jermaine. Hei�t: In etwas mehr als zehn Stunden wird Operation Uranus wie geplant �ber die B�hne gehen � ohne R�cksicht auf Verluste.� Calabrese fletschte die giftgelben Z�hne, und w�hrend er auf die Uhr schaute, huschte ein zynisches L�cheln �ber sein Gesicht. �Ich muss jetzt wirklich los, Ross, sonst verpasse ich meinen Flug. Und meinen Termin bei Mister Kennedy!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>12</p><p><emphasis>Bahnhof Berlin-Wannsee | 17.50 h</emphasis></p><p>�So, jetzt reden wir mal Tacheles miteinander!�, k�ndigte Sydow, krebsrot und kurz vor dem Platzen, mit grimmiger Miene an, bevor er sich den in Ehren ergrauten Zugf�hrer der Berliner Verkehrsbetriebe zum wiederholten Male zur Brust nahm. �berm��ig viel herausgekommen war w�hrend der vergangenen Dreiviertelstunde, die er im Aufenthaltsraum der S-Bahn-Bediensteten abgesessen hatte, n�mlich nicht. Kein Wunder, dass Sydows Laune mittlerweile unter null gesunken und der Groll gegen�ber dem n�selnden, nuschelnden und wie eine missgl�ckte Hans-Moser-Attrappe anmutenden Lokf�hrer bedrohlich gestiegen war. Sydow war lange genug im Dienst, um zu wissen, dass die h�chstens 1,70 Meter gro�e Jammergestalt etwas zu verbergen hatte. Andernfalls w�re Klimowitz seinem Blick nicht permanent ausgewichen und �ngstlich darauf bedacht gewesen, kein falsches Wort zu sagen. Sein Pech, dass er mit seiner Hinhaltetaktik an den Falschen geraten war. An jemanden, der es auf den Tod nicht ausstehen konnte, wenn man ihn an der Nase herumf�hrte. �Auf die Art kommen wir n�mlich nicht weiter!�</p><p>�Ich w�sste nicht, wozu das gut sein soll, Herr Kommissar�, lie� Paul Klimowitz, 53, wohnhaft in Berlin-Sch�neberg, mit dem Ausdruck gr��ten Bedauerns im eingefallenen und von tiefen Furchen und auffallend gro�en Tr�nens�cken gepr�gten Allerweltsgesicht verlauten. Anschlie�end nippte er an seinem Kaffee, machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter und stellte den Becher wieder auf den Tisch. Bei all dem vermittelte er den Eindruck, er habe soeben Gift genommen, was, wie Sydow vermutete, allerdings nur eine Masche war. �Ehrlich.�</p><p>�W�hrt bekanntlich am l�ngsten�, gab er barsch zur�ck, zur Verwunderung seines Gespr�chspartners, der offenbar auf korrekte Kleidung hielt, immer noch mit Jeans, Hawaiihemd und Sandalen bekleidet. �Weshalb ich Sie dringend auffordern muss, mir endlich die Wahrheit zu sagen. Also: Wann genau haben Sie den Leichnam, um den es hier geht, entdeckt?�</p><p>�Bei Dienstschluss, Herr Kommissar.�</p><p>�Hauptkommissar, wenn schon, denn schon.� Kurz davor, aus der Haut zu fahren, baute sich Sydow vor Klimowitz auf, stemmte die F�uste in die H�ften und knurrte: �Das k�nnen Sie Ihrer Gro�mutter erz�hlen, nicht mir. Mit einem Toten durch halb Berlin kutschieren und nichts davon mitkriegen � den B�ren k�nnen Sie jemand anderem aufbinden, Sie M�rchenonkel.�</p><p>�Nicht n�tig.�</p><p>�Auf gut Deutsch � Sie behaupten weiterhin steif und fest, nicht das Geringste mitbekommen zu haben.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und die Fahrg�ste?�</p><p>�Die auch nicht.�</p><p>�Das kaufe ich Ihnen nicht ab, Klimowitz.� Sydow musste s�mtliche Register der Selbstbeherrschung ziehen, um nicht aus den Latschen zu kippen. Dass ihm Klimowitz etwas verheimlichte, merkte sogar ein Blinder. Die Frage war nur, vor wem oder was er so viel Angst hatte, dass er jetzt, nach fast einer Stunde, immer noch nicht mit der Wahrheit herausr�ckte. �H�ren Sie endlich auf, einen auf ahnungslos zu machen. Das kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Wie die Dinge nun mal liegen, waren Sie es, der den Toten gefunden hat. Wann genau, w�re noch zu kl�ren.� Sydow lie� sich auf der Tischkante nieder, stellte den Fu� auf einen Stuhl und war gerade dabei, sich eine anzuz�nden, als Naujocks auf einmal den Raum betrat, ihm etwas ins Ohr fl�sterte und sich anschlie�end wieder entfernte. �Gut zu wissen�, stellte Sydow befriedigt fest, bevor er sich wieder seinem Gespr�chspartner zuwandte. �Endlich mal wieder eine gute Nachricht, Herr Klimowitz.�</p><p>�Hei�t das, Sie haben ihn?�</p><p>�Sehen Sie, so kommen wir der Sache schon n�her.� Sydow l�chelte zufrieden in sich hinein. Einer der �ltesten Tricks, seit es Verh�re gab, und sein Gegen�ber war prompt darauf hereingefallen. �Apropos � woher wollen Sie eigentlich wissen, dass es sich um einen Einzelt�ter gehandelt hat?�</p><p>Knallrot im Gesicht, schlug Klimowitz die Augen nieder und rutschte wie ein beim Spicken ertappter Erstkl�ssler auf seinem Stuhl hin und her. �So habe ich das nicht gemeint�, wimmerte er, die H�nde krampfhaft ineinander verschr�nkt. �Da m�ssen Sie mich falsch ver ��</p><p>�Raus mit der Sprache!�, setzte Sydow unbarmherzig nach. �Was genau haben Sie gesehen? Oder stecken Sie mit dem T�ter unter einer Decke?�</p><p>Klimowitz lie� den Kopf h�ngen und schwieg sich aus.</p><p>�Um Sie nicht weiter im Unklaren zu lassen, Herr Zugf�hrer: Wie mir mein Kollege von der Spurensicherung soeben mitgeteilt hat, besteht Grund zu der Vermutung, dass die T�r im hintersten Waggon Ihres Zuges w�hrend der Fahrt hierher von Hand ge�ffnet worden ist.�</p><p>�Von Hand?�</p><p>�Jetzt tun Sie doch nicht so, Klimowitz. Mir k�nnen Sie nichts vormachen. Je l�nger Sie den Ahnungslosen spielen, desto verd�chtiger machen Sie sich.� Sydow zog die Brauen hoch, rieb sich gen�sslich die H�nde und taxierte sein Gegenpart mit einem Blick, der Humphrey Bogart alle Ehre gemacht h�tte. Der obligatorische Glimmst�ngel, gegen den er sich mit aller Macht str�ubte, bedauerlicherweise nicht inbegriffen. �Soll ich Ihnen sagen, wie sich das Ganze abgespielt hat?�</p><p>Der S-Bahn-Bedienstete schnappte nach Luft, �ffnete den Mund � und sackte buchst�blich in sich zusammen.</p><p>�Keine Einw�nde? Freut mich.� Sydow erhob sich, sah Klimowitz von oben herab an und sagte: �Machen wir�s kurz. Irgendwo zwischen dem Lehrter Bahnhof und dem Bestimmungsort des Zuges, einem malerischen Flecken Erde namens Wannsee, wird der Unbekannte, von dem Sie behaupten, ihn erst am Ende der Fahrt tot aufgefunden zu haben, auf h�chst unsanfte Art und Weise � n�mlich per Kopfschuss � ins Jenseits bef�rdert. Der M�rder ergreift daraufhin die Flucht, jedoch nicht so, wie man auf Anhieb vermuten w�rde. Aus irgendeinem, zum gegenw�rtigen Zeitpunkt noch nicht gekl�rten Grund schnappt er sich n�mlich einen Feuerl�scher, bricht das Geh�use auf, in dem sich der Hebel befindet, mit dessen Hilfe man die linke Waggont�r von Hand �ffnen kann. Und verdr�ckt sich. Nicht ganz ungef�hrlich und alles andere als unauff�llig, aus seiner Sicht jedoch offenbar das einzig Richtige. Soweit alles klar?�</p><p>Klimowitz legte die Ellbogen auf den Tisch, beugte sich nach vorn und schien �ber etwas nachzudenken. Sydow tat so, als nehme er keine Notiz davon. �Und Sie wollen mir weismachen, von dem Tohuwabohu, das der mutma�liche M�rder veranstaltet hat, nichts mitgekriegt zu haben. Mal ehrlich, Herr Lokf�hrer: Halten Sie mich f�r so d�mlich, dass ich Ihnen das abkaufe? Ich verstehe ja nicht viel von Technik und noch weniger vom S-Bahn-Fahren, aber eins wei� ich genau: Wenn eine T�r gewaltsam ge�ffnet worden ist, kann das dem Lokf�hrer, also Ihnen, ganz bestimmt nicht verborgen geblieben sein. Wissen Sie was, Klimowitz? Wir beide machen jetzt einen kleinen Spaziergang, r�ber in die Lokf�hrerkabine. Dort d�rfen Sie mir dann ihre Armaturen und diverse Kn�pfe, Schalter und Lampen erkl�ren. Vor allem, was passiert, wenn eine der T�ren nicht richtig schlie�t. Und woran man das merkt, wenn man vorne im F�hrerhaus ��</p><p>�Schon gut, Herr Hauptkommissar, schon gut.� Klimowitz hob beschwichtigend die H�nde und richtete sich im Zeitlupentempo auf. �Es war genauso, wie Sie sagen. Die T�r wurde aufgebrochen. Mit Gewalt.�</p><p>�Und wo?�</p><p>�Am Bahnhof Zoo. Kurz vor der Weiterfahrt.�</p><p>�Genauer Zeitpunkt?�</p><p>�Um f�nf.�</p><p>�Auf die Minute genau?�</p><p>�So ziemlich.�</p><p>�So ziemlich, aha�, fl�chtete sich Sydow in Ironie, wie sooft, wenn er nach langem Hin und Her der Wahrheit auf die Spur gekommen war. �Und das von einem Lokf�hrer.� Schweigen, ein gestrenger Blick und die Reaktion im Form eines Verlegenheitsr�usperns. Dann jedoch, etliche Sekunden sp�ter, die alles entscheidende Frage: �Und von wem?�</p><p>Zum ersten Mal w�hrend des mittlerweile gut eineinviertel Stunden w�hrenden Gespr�chs hob Klimowitz den Kopf, nahm seine Uniformm�tze ab und kratzte sich so lange und hingebungsvoll, dass der Eindruck entstand, er habe Fl�he. Am Ende der Prozedur, die Sydow wie eine Ewigkeit vorkam, setzte er die M�tze wieder auf und stierte tr�bsinnig vor sich hin. Der Lokf�hrer schien unsicher, von der Richtigkeit seines Entschlusses alles andere als �berzeugt. �Von einem Ami, Herr Hauptkommissar�, gestand er schlie�lich mit einem H�chstma� an Selbst�berwindung ein. �Und von was f�r einem.�</p><p>�Und woher wollen Sie wissen, dass es ein ��</p><p>�Ich kenne mich da aus, Herr Kommissar�, warf Paul Klimowitz, auf einen Schlag wie verwandelt, mit trotziger Miene ein. �Keine Bange! So viel Hirnschmalz kann ich gerade noch auftreiben.�</p><p>�� es ein Ami war?�</p><p>�Wie gesagt � ich will gerade weiterfahren, da merke ich, dass eine der T�ren blockiert. Ich also nichts wie raus aus meinem Kabuff und wie eine gesengte Sau in den hintersten Waggon. Mann, war ich sauer, Herr Kommissar � kann Ihnen gar nicht sagen, wie. So fuchtig, dass ich die Nutte, die gerade am Aussteigen war, beinahe �ber den Haufen gerannt h�tte. Kurz und gut, ich sause also mit Karacho durch den Waggon, da steht pl�tzlich dieser Kerl vor mir und glotzt durch die offene T�r. Ich denke, mich tritt ein Gaul und lasse einen Br�ller fahren, der sich gewaschen hat. Das Br�llen ist mir aber ziemlich schnell vergangen.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil mit dem Kerl, dem ich an die Gurgel wollte, nicht zu spa�en war.�</p><p>�Das m�ssen Sie mir erkl�ren.�</p><p>�Da gibt�s nichts zu erkl�ren. Sich mit dem Kerl anzulegen w�re glatter Selbstmord gewesen.� Klimowitz holte tief Luft. �Ich wei�, was Sie jetzt denken, Herr Kommissar, der Klimowitz hatte einfach Schiss. Stimmt aber nicht. Mit so einem h�tte ich es gerade noch aufnehmen k�nnen.�</p><p>�Sicher?�</p><p>�Knapp f�nfzig, mittelgro�, verlebt und nicht mehr gut bei Fu� � klingt nicht gerade Furcht einfl��end, oder?�</p><p>�Hei�t das, er hat einen Gehstock benutzt?�</p><p>�Genau. Und er hat eine Fahne gehabt. Aber gut Kirschen essen war mit dem Strolch trotzdem nicht.�</p><p>�Wieso?�</p><p>Klimowitz fingerte nerv�s an seiner Uniform herum. �Er hat mir seine Dienstmarke vor den Riechkolben gehalten, Herr Hauptkommissar�, entgegnete der S-Bahn-Bedienstete und trat bis auf Arml�nge an Sydow heran. �Das hat mir gereicht.�</p><p>Sydow zog die Stirne kraus und erwiderte seinen Blick. �Ehrlich gesagt ist mir nicht bekannt, ob einer meiner Kollegen von der Kripo ��</p><p>�Was hei�t hier Kollege, guter Mann�, t�nte Klimowitz und sah Sydow, dem die Verwunderung ins Gesicht geschrieben stand, mit mitleidigem Augenaufschlag an. �So einfach, wie Sie sich das denken, ist die Chose nicht. Alles, was recht ist � aber in Ihrer Haut wollte ich nicht stecken.�</p><p>�Danke f�r Ihr Mitgef�hl.�</p><p>�Keine Ursache�, entgegnete Klimowitz, der es auf einmal ziemlich eilig zu haben schien, erhob sich und strebte der T�r des Aufenthaltsraumes zu. Dort angekommen, hielt er z�gernd inne, wandte sich schlie�lich um und sagte: �Und viel Gl�ck bei Ihren Ermittlungen gegen die CIA!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>13</p><p><emphasis>Berlin-Grunewald, Schlosshotel Gerhus | 18.20 h</emphasis></p><p>An der Sache war verdammt noch mal etwas faul. Oberfaul sogar.</p><p>Die Frage war nur, was.</p><p>Schon auf der Fahrt ins piekfeine Schlosshotel unweit des Grunewalds waren Jim Brannigan ernsthafte Zweifel gekommen, ob sein ehemaliger Sch�tzling auch wirklich auf die Finte mit dem Peilsender hereingefallen war. Nicht umsonst galt der Zarewitsch als einer der abgezocktesten Agenten der CIA, als ein Allesk�nner, der in ihren Reihen seinesgleichen suchte. Schwer vorstellbar, dass ihm ein derartiger Fehler unterlaufen w�rde. Daf�r wie f�r vieles andere, was mit seiner Mission zusammenhing, musste es eine Erkl�rung geben.</p><p>Die Frage war nur, welche.</p><p>W�hrend er auf den Torbogen zusteuerte, der das ehemals hochherrschaftliche Domizil derer von Pannwitz mit der Au�enwelt verband, nahm Brannigan seine Kippe aus dem Mund, schnippte sie in den Rinnstein und kam aus dem Kopfsch�tteln nicht heraus. Der Zarewitsch � ein Doppelagent? Nie und nimmer. Diesbez�glich kannte er ihn viel zu gut. So gut, dass er f�r seinen einstigen Mustersch�ler die H�nde ins Feuer gelegt h�tte. Ausgeschlossen, dass er f�r beide Seiten t�tig gewesen oder von den Russen umgedreht worden war. Er hatte volle acht Jahre mit diesem Mann zusammengearbeitet, ihn beinahe t�glich gesehen, ihn ausgebildet, sich sogar mit ihm angefreundet. Und ausgerechnet dieser Agent, der begabteste Sch�ler, den er jemals gehabt hatte, sollte ein Verr�ter sein? Nie im Leben. F�r ihn, Special Agent Brannigan, stand dies unverr�ckbar fest.</p><p>Warum aber die Order von Calabrese, den Zarewitsch wie einen r�udigen K�ter zu exekutieren? Seit seinem Verschwinden vor knapp zwei Monaten hatte die Zentrale Himmel und H�lle in Bewegung gesetzt, um herauszubekommen, ob ihm etwas zugesto�en war. Und dann, von einem Moment auf den anderen, diese Kehrtwendung. Um sage und schreibe 180 Grad. Wanted � dead or alive. So lautete anscheinend die Parole. James Stuart Brannigan, Sohn irischer Einwanderer, hochdekorierter Marineinfanterist und Spezialist f�r Operationen hinter den feindlichen Linien, umklammerte seinen Gehstock und kratzte sich gedankenverloren am Kinn. Irgendwie wurde er das Gef�hl nicht los, Teil eines perfiden Komplotts zu sein, wenngleich er keinen blassen Schimmer hatte, was hier eigentlich gespielt wurde. An seinem Auftrag, so schwer ihm dessen Durchf�hrung auch fiel, �nderte dies jedoch nichts. Wenn er von Calabrese einen Befehl bekam, bedeutete dies, dass er ihn auszuf�hren hatte. Ganz gleich, ob ihm das in den Kram passte oder nicht. Befehl war nun einmal Befehl. Wer sich dar�ber hinwegsetzte, w�rde jede Menge �rger bekommen. Oder eine Kugel in den Kopf.</p><p>Brannigan murmelte etwas, das der Portier vor dem schmiedeeisernen Eingangstor zum Gl�ck nicht mitbekam und drehte sich zu dem blauwei�en VW-Bus um, der nur wenige Meter entfernt am Stra�enrand stand. In seinem Laderaum, wo zwei Abh�rspezialisten momentan alle H�nde voll zu tun hatten, befanden sich gleich drei Peilsender auf einmal, Ortungsger�te und mehrere Mikrofone, mit deren Hilfe man halb Berlin h�tte bespitzeln k�nnen. Trotzdem war der Funkkontakt im Verlauf der letzten halben Stunde immer wieder abgerissen, zuletzt vor wenigen Minuten. Brannigan verzog das Gesicht. Von dem Schnickschnack, mit dem diese Klapperkiste vollgepfropft war, hielt er nicht gerade viel, fast so wenig wie von den beiden Milchbubis, die mehrere Stunden gebraucht hatten, um den Zarewitsch zu lokalisieren. Auf diesen neumodischen Firlefanz konnte man sich wirklich nicht verlassen, vielleicht war gerade das der Grund, weshalb sich sein Unbehagen beim Betreten des weitl�ufigen Anwesens noch verst�rkte. Irgendwie hatte er das Gef�hl, an der Nase herumgef�hrt zu werden, und wenn es etwas gab, auf das er sich verlassen konnte, dann war es sein Instinkt.</p><p>�Womit kann ich dienen, der Herr?�</p><p>Welch eine Frage. Nicht gerade bei bester Laune, blitzte Brannigan den Portier, der ihn seit geraumer Zeit be�ugt hatte, mit zusammengekniffenen Augenbrauen an. Geschniegelte Lackaffen wie ihn hatte er gefressen, beileibe nicht erst seit heute. �Mit gar nichts!�, gab er patzig zur�ck, nicht willens, sich auf irgendwelche Diskussion einzulassen, z�ckte seine Dienstmarke und hielt sie dem Graubart undefinierbaren Alters vors Gesicht. �Noch Fragen?�</p><p>�Bitte, der Herr.�</p><p>Na also, warum nicht gleich. Ohne einen Blick auf die Nobelkarossen, piekfein gekleideten G�ste und wie aus dem Ei gepellten Pagen vor dem Haupteingang zu verschwenden, durchquerte Brannigan den ausladenden Portikus, lie� den Pagen, der ihm die T�r aufhielt, einfach links liegen und begab sich schnurstracks zur Rezeption. Und das ausgerechnet ihm, einem Zeitgenossen, der keinerlei Wert auf sein �u�eres und die Gesellschaft von geschniegelten, auf Hochglanz geb�rsteten Pavianen legte. Brannigan kochte vor Wut. Auf die Idee, ihn in einen solchen Schuppen zu locken, hatte auch nur der Zarewitsch kommen k�nnen. So er denn �berhaupt hier abgestiegen war.</p><p>Ein Bef�rchtung, die sich umgehend zu best�tigen schien. �Bedaure, der Herr�, gab sich der Empfangschef, ein aufgetakeltes Fossil mit Kaiser-Wilhelm-Bart, �beraus zugekn�pft, nachdem Brannigan sein Anliegen vorgetragen hatte. �Aus Gr�nden der Diskretion sind wir nicht befugt, Ausk�nfte �ber unsere G�ste zu erteilen.�</p><p>Getreu seinem Naturell, nicht lange um den hei�en Brei herumzureden, holte Brannigan kurz Luft, z�ckte seine Dienstmarke und knallte sie so heftig auf den Tresen, dass sein Gegen�ber vor Schreck erbleichte. �Apropos Diskretion ��, fuhr er den Empfangschef an, wobei er der Versuchung, ihn am Schlafittchen zu packen, nur mit M�he widerstehen konnte, �alles, wor�ber wir gesprochen haben, bleibt selbstverst�ndlich unter uns. Andernfalls kriegen Sie es mit mir zu tun. Habe ich mich klar genug ausgedr�ckt, <emphasis>der Herr</emphasis>?�</p><p>Ja, hatte er. Auf einmal wie ausgewechselt, begab sich der Empfangschef auf die Suche nach dem Tarnnamen, den Brannigan ihm genannt hatte, und durchforstete in Windeseile das G�stebuch. Ohne Erfolg.</p><p>�Komisch.� Brannigan stutzte. Vorausgesetzt, die beiden Milchbubis vor der T�r hatten keinen Mist gebaut, musste der Zarewitsch in diesem Nobelschuppen abgestiegen sein. �Und was ist mit Kuragin?�, hakte er kurze Zeit sp�ter nach und wurde das Gef�hl nicht los, wieder einmal mehr als n�tig preisgegeben zu haben. �Juri Andrejewitsch Kuragin?�</p><p>�Russe?�</p><p>�So was in der Art.� Brannigan lehnte sich �ber den Tresen und funkelte den Empfangschef wie ein sprungbereiter Dobermann an. �Besser, Sie vergessen den Namen wieder. Und zwar gleich!�</p><p>Das wirkte. Innerhalb von Sekunden, die Brannigan wie Minuten vorkamen, deutete der Finger des Gegen�ber auf den Namen, nach dem er auf der Suche war. Kuragin. Juri Andrejewitsch Kuragin. Brannigan war wie vor den Kopf gesto�en. An Dreistigkeit war die Masche, auf die der Zarewitsch verfallen war, bestimmt nicht zu �berbieten.</p><p>�Zimmer 215 � die F�rstensuite�, h�rte Brannigan den Empfangschef sagen, bevor er sich abwandte, den Blick durch die Lobby schweifen lie� und sich eiligen Schrittes zum Fahrstuhl begab. �Kann ich sonst noch etwas f�r Sie tun?�</p><p>*</p><p>Was daraufhin geschah, ereignete sich genau so, wie Brannigan es bef�rchtet hatte. Kaum hatte er an die T�r von Zimmer 215 geklopft, verst�rkte sich seine Bef�rchtung, dass der Vogel bereits ausgeflogen war. Niemand antwortete ihm, woraufhin er die T�r aufstie�, in Deckung ging und so lange wartete, bis sich etwas r�hrte. Dass dieser Fall nicht eintrat, war allerdings keine gro�e �berraschung f�r ihn. Dank seiner profunden Kenntnisse war der Zarewitsch mittlerweile mit s�mtlichen Tricks, Kniffen und Winkelz�gen vertraut, mit deren Hilfe man allzu hartn�ckige Verfolger an der Nase herumf�hren konnte.</p><p>Auch und gerade dann, wenn es sich um den einstigen Lehrmeister handelte.</p><p>Als die T�r hinter ihm ins Schloss fiel, lie� dieser seine Waffe wieder unter dem Jackett verschwinden und einen Fluch vom Stapel, der das gr��te Raubein zum Err�ten gebracht h�tte. Z�hlte das Ambiente, in dem er sich bewegte, doch zum Feinsten, was es derzeit in Berlin gab. Fenster mit Blick auf den Grunewald, scharlachrote Tapeten, Rokoko-Spiegel, Chaiselongue, Kronleuchter aus venezianischem Glas und kein Quadratzentimeter Boden, �ber dem nicht ein s�ndhaft teurer Perserteppich oder L�ufer ausgebreitet war.</p><p>Nicht zu vergessen der Aktenkoffer, der auf einem aus Mahagoni gefertigten Schreibsekret�r stand und sich bei n�herem Hinsehen als leer erwies.</p><p>Brannigan konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. W�hrend all der Jahre, in denen er mit ihm zusammengearbeitet hatte, war der Zarewitsch stets ein Snob geblieben. S�mtlichen Versuchen, ihn zum American Way of Life zu bekehren, zum Trotz. Ein Snob und einer der gerissensten Hunde, denen er, Jim Brannigan, �ber den Weg gelaufen war.</p><p>Wie um dies zu best�tigen, l�utete im selben Moment das Telefon. Nichts Gutes ahnend, nahm Brannigan ab und lauschte.</p><p>Und war erneut baff.</p><p>�Na, wo bleiben denn deine guten Manieren, Jim?�, sp�ttelte die Stimme am anderen Ende der Leitung, die Stimme eines Mannes, den er wie aus dem Effeff kannte. �Jetzt komm schon, so �berrascht, wie du aus der W�sche guckst, kannst du ja nun wirklich nicht sein.�</p><p>�Wusste gar nicht, dass du unter die Hellseher gegangen bist, Juri.�</p><p>Kuragin stie� ein heiseres Lachen aus. �Das nun nicht gerade�, gestand er mit verbittertem Unterton ein. �Schlie�lich bin ich ja bei der CIA.�</p><p>�Bei der CIA? Da habe ich aber etwas anderes geh�rt.�</p><p>�Was du nicht sagst, Jim�, am�sierte sich Kuragin, l�ngst nicht so jovial, wie man es von ihm gewohnt war. �Bist eben immer schon viel zu vertrauensselig gewesen.�</p><p>�Ich?�</p><p>�Ja, du � James Landon Brannigan. Aber lassen wir das. Vorerst.�</p><p>�Mit anderen Worten: Du willst dich mit mir treffen.�</p><p>�Bingo, Jim. Wo und wann genau, bekommst du gleich schriftlich.�</p><p>�Schriftlich, aha.�</p><p>Kuragin gluckste. �Keine Bange, Jim � du musst dich nur umdrehen, hin�ber zum Teetisch gehen und den Umschlag �ffnen, den ich f�r dich deponiert habe. Anschlie�end wirst du ein bisschen schlauer sein, zumindest, was unser freundschaftliches T�te-�-T�te am heutigen Abend angeht. Ach, und Jim: Das mit dem Peilsender tut mit leid. Ehrlich.�</p><p>�Dreimal kurz gelacht.� Brannigan schnitt eine Grimasse und knurrte: �Wozu eigentlich dieses Theater? Dieses d�mliche Versteckspiel, das du zu meinen Ehren inszenierst? Kannst du mir das verraten?�</p><p>�Sp�ter, Jim. Eins kann ich dir aber jetzt schon versprechen. Du wirst voll und ganz auf deine Kosten kommen.�</p><p>�Anders ausgedr�ckt, du bist einer Riesensauerei auf der Spur.�</p><p>�So k�nnte man es umschreiben, Jimmy-Boy. Wenn meine Karten auf dem Tisch liegen, werden in Washington K�pfe rollen. Und nicht zu knapp.�</p><p>�Du steckst in der Klemme, wei�t du das, Juri?�</p><p>�Fragt sich, wer hier mehr in der Klemme steckt, mein Freund � du oder ich.� Kuragin pausierte, schlug dann aber einen vers�hnlicheren Tonfall an und sagte: �Offen gestanden, Jim, ich brauche deine Hilfe. Ja, du hast richtig geh�rt. Dein einstiger Mustersch�ler bittet dich um einen Gefallen.�</p><p>�Und um welchen, wenn man fragen darf?�</p><p>�Das, gro�er Bruder, wirst du noch fr�h genug erfahren�, erkl�rte die Stimme am anderen Ende der Leitung, womit sich Brannigan allerdings nicht zufriedengab. �Falls es bis dahin nicht zu sp�t ist, Jimmy-Boy. F�r Berlin, meine ich.�</p><p>�Spuck�s aus, Juri. Was hast du vor?�</p><p>�Nur keine unziemliche Hast, Jim. Alles, worum ich dich bitte, ist, dass du deine Beziehungen spielen l�sst und mir einen kleinen Gefallen erweist.�</p><p>�Gefallen?�</p><p>�Jetzt tu doch nicht so, Jim. Oder glaubst du im Ernst, ich w�rde dir alles haarklein auseinanderdividieren? Am Telefon? Also wirklich � so gut m�sstest du mich inzwischen kennen.� Kuragins Tonfall wurde eisig. �Bist du nun Verbindungsoffizier zum MI6 � ja oder nein? Na also. Da wird es dir bestimmt schwerfallen, deine Beziehungen spielen zu lassen. �Wenn du Probleme hast, frag den alten Jim.� Waren das nicht immer deine Worte? Zu deiner Information � ich habe Probleme, mehr als genug.�</p><p>�W�re es da nicht besser, du w�rdest mir sagen, was hinter der Sache ��</p><p>�Es bleibt dabei, Special Agent Brannigan. Meine Instruktionen befinden sich in dem Umschlag. Und die wirst du genauestens befolgen. Bis sp�ter, alter Freund � und einen sch�nen Gru� an Calabrese!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>14</p><p><emphasis>G�stehaus der DDR-Regierung am Gro�en D�llnsee in der Uckermark | 18.25 h</emphasis></p><p>Es war Samstagabend und alles andere als ungew�hnlich, dass sich die distinguierten und zumeist �lteren Herren am Gro�en D�llnsee zu einer Besprechung trafen. In Zeiten wie diesen gab es eben eine Menge zu beratschlagen. Wenn es sein musste, auch am Wochenende. Daher sch�pften die Politb�romitglieder, Minister und hohen Funktion�re, die zum Haus zu den Birken chauffiert wurden, zun�chst keinerlei Verdacht. Erst, als sie auf einen gut gelaunten Walter Ulbricht trafen, fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen.</p><p>Ulbricht bei guter Laune. Das bedeutete Alarmstufe eins.</p><p>Eine durchaus berechtigte Schlussfolgerung, wie der weitere Verlauf des Abends zeigen sollte. Walter Ulbricht, Erster Sekret�r des ZK der SED, war n�mlich nicht gerade das, was man einen geselligen Menschen nannte. Lustbarkeiten jeglicher Art waren dem Kommunisten alter Schule ein Gr�uel. Es sei denn, er fand Gelegenheit, �ber Lenin, sein Vorbild Stalin oder den Sozialismus zu dozieren. In einem derartigen Fall pflegte der 68-j�hrige Apparatschik, zu dessen hervorstechendsten Merkmalen Kinnbart, Halbglatze und Fistelstimme geh�rten, zur Hochform aufzulaufen. Nicht selten zum Verdruss seiner Entourage, die jedoch nichts unversucht lie�, dem bierernsten, Fr�hsport treibenden und vorzugsweise Rohkost mit Eiern verzehrenden starken Mann der DDR nach dem Mund zu reden. Kaum einer, der sich die Freiheit nahm, ihm zu widersprechen, der nicht wusste, aus welchem Holz der gelernte Tischler geschnitzt war. F�r gew�hnlich war Ulbricht n�mlich reserviert, schroff und nachtragend.</p><p>Und h�ufig schlecht gelaunt.</p><p>In diesem Punkt waren sich die Parteikader, welche durch das idyllische Birkenw�ldchen am Rande der Schorfheide spazierten, durchaus einig. Wor�ber allerdings keine Einigkeit herrschte, war die Frage, was es mit den zahlreichen Milit�rfahrzeugen, Soldaten und NVA-Panzern in den benachbarten W�ldern auf sich hatte.</p><p>Irgendetwas, so der allgemeine Tenor, war hier im Busch. Im wahrsten Sinne des Wortes.</p><p>Doch Ulbricht lie� sich nicht in die Karten schauen. Noch nicht. Bis die Parteibonzen, Regierungsmitglieder und F�hrungskader erfahren w�rden, was gespielt wurde, sollten mehr als zweieinhalb Stunden vergehen. Stunden des Wartens, Herumr�tselns und der vagen Vermutungen hinter vorgehaltener Hand. Stunden, in denen jeder auf seine Weise versuchte, die Zeit totzuschlagen. Die einen hatten es vorgezogen, sich einen Spielfilm anzuschauen, die anderen standen herum und rissen Witze, wiederum andere zog es hinunter ans Ufer, von wo aus man einen herrlichen Blick auf den D�llnsee genoss.</p><p>Unter denen, die dem abendlichen Naturpanorama den Vorzug gaben, befand sich ein unscheinbarer, gerade einmal 29 Jahre alter Schlacks aus Berlin. Keins von den hohen Tieren, die im Garten um Ulbrichts Gunst wetteiferten, sondern einer seiner Leibw�chter, der sich die Zeit damit vertrieb, Kieselsteine in den purpurrot schimmernden D�llnsee zu schleudern. Kaum jemand nahm Notiz von ihm, schon gar nicht, als er zum Bootshaus schlenderte, die H�nde auf die Br�stung legte und stillvergn�gt l�chelnd auf den See hinausstarrte. In den W�ldern und der angrenzenden Schorfheide wimmelte es von Soldaten, Sondereinheiten der Staatssicherheit und zum Schutz der illustren Versammlung abkommandierten Vopos, weshalb kein Mensch etwas daran auszusetzen hatte, wenn sich einer von Ulbrichts Leibw�chtern eine Ruhepause g�nnte.</p><p>Dass es sich bei dem hageren, eine Idee zu blassen und in sich gekehrten Blondschopf um den gef�hrlichsten Mann weit und breit handelte, w�re niemandem in den Sinn gekommen. Gef�hrlich vor allem deshalb, weil er l�ngst dar�ber Bescheid wusste, was der versammelten Parteiprominenz demn�chst er�ffnet werden w�rde. Gef�hrlich aber auch, weil er Ulbricht, den Kommunismus und �berhaupt alles, was damit zusammenhing, abgrundtief hasste. Nicht zuletzt deswegen war er zum Verr�ter geworden, an einer Sache, die vor noch nicht allzu langer Zeit sein Lebensinhalt gewesen war. Jens-Uwe Trebitsch, in Moskau geborener Sohn einer deutschen Emigrantin aus den Reihen der KPD, umklammerte das Gel�nder, welches ihn von der sanft gewellten Oberfl�che des D�llnsees trennte, und blickte sich belustigt um. Nur noch ein paar Stunden, allenfalls Tage, dann war es so weit. Dann w�rde es diesen Salon-Kommunisten an den Kragen gehen.</p><p>Schwer vorstellbar, dass er selbst einmal an diese M�chtegern-Wohlt�ter geglaubt hatte. Kaum zu fassen, aber dennoch wahr. Schuld daran war vor allem seine Mutter gewesen, die nichts unversucht gelassen hatte, ihn auf die Leninschule in Moskau zu schicken. Damals, unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch, war das schon ein kleines Kunstst�ck gewesen, wobei er sich im Nachhinein fragte, wie so etwas �berhaupt m�glich war. Vor gut einem Jahr, als seine Mutter im Sterben lag, hatte er schlie�lich die Antwort bekommen. Gerade sie, Kommunistin durch und durch, hatte ihn belogen. Sein ganzes verdammtes Leben lang. Ausgerechnet sie, die ihm stets eingetrichtert hatte, wie wichtig Aufrichtigkeit war. Das Eingest�ndnis, sein Vater sei gar kein Deutscher und schon gar nicht bei einem Unfall ums Leben gekommen, hatte seine ganze Welt zum Einsturz gebracht. Erst recht, als er erfahren hatte, wer er wirklich war. N�mlich irgendein hohes Tier aus dem ZK, dessen Name ihm seine Mutter nicht einmal auf dem Sterbebett hatte preisgeben wollen. Nach Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft habe er nichts mehr von ihr wissen wollen, hatte sie ihm unter Tr�nen gebeichtet, weder von ihr, seiner Geliebten, noch von ihm, dem leiblichen Sohn. Kurz darauf war seine Mutter gestorben, linientreu bis in den Tod.</p><p>Von da an war es stetig mit ihm bergab gegangen. Buchst�blich alles, was seinem Leben bislang einen Sinn gegeben hatte, war ihm aus den H�nden geglitten. Er hatte gelernt zu hassen, aus vollem Herzen. Nicht etwa nur die Welt, in der er lebte, sondern vor allen Dingen sich selbst. Jens-Uwe Trebitsch, Vorzeigekader und Parteiaktivist, war seiner selbst �berdr�ssig geworden. Dabei war es allerdings nicht geblieben. Knapp ein Jahr zuvor, w�hrend der Feiern anl�sslich des 11. Jahrestages der verhassten Republik, hatte sich im Caf� Warschau an der Stalinallee ein Mann zu ihm an den Tisch gesetzt und sich als Angeh�riger der bulgarischen Mission ausgegeben. Abgekauft hatte er ihm das nat�rlich nicht, obwohl er schon einen in der Krone gehabt hatte. Im weiteren Verlauf des feuchtfr�hlichen Abends war ihm dann aber ziemlich schnell klar geworden, mit welcher Art Zeitgenosse er sich da eingelassen hatte. Keineswegs schockiert, hatte er den Versuch, ihn als Agenten f�r die CIA anzuwerben, wie eine Befreiung empfunden. Als ein ideales Mittel, sich an allem, was ihn zutiefst abstie�, zu r�chen. Reue hatte er dabei keine empfunden, h�chstens Befriedigung. Jetzt war er es, der anderen Schaden zuf�gte, in einem Ausma�, wie es ihm niemand zugetraut h�tte. Er hatte einfach alles verraten, was er auf Lager gehabt hatte, und das war nicht gerade wenig gewesen. Der Zufall wollte es, dass n�mlich ausgerechnet er von Ulbricht zum Sonderkurier auserkoren worden war. Aus Angst, abgeh�rt zu werden, war dieser n�mlich auf die Schnapsidee gekommen, den sowjetischen Botschafter mithilfe schriftlicher Lageberichte �ber den Fortgang der Vorbereitungen zur Abriegelung des Ostsektors von Berlin auf dem Laufenden zu halten. Ein verh�ngnisvoller Fehler, fast so gro� wie der, ausgerechnet ihn, Jens-Uwe Trebitsch, mit der Aufgabe zu betrauen, die Lageberichte in die sowjetische Botschaft Unter den Linden zu bef�rdern und sie dem Statthalter Moskaus pers�nlich zu �bergeben. Er hatte nicht einen Moment gez�gert und s�mtliche Dokumente, die man ihm anvertraut hatte, postwendend fotografiert. Um sie anschlie�end treu und brav an Perwuchin zu �bergeben. Gerade so, als sei nichts gewesen. Je reicher die Ausbeute, umso erfreuter war sein F�hrungsoffizier gewesen, eben jener Mann, der ihn damals angeworben hatte. Wie in Geheimdienstkreisen �blich, hatte Trebitsch zun�chst keinen blassen Schimmer gehabt, wie er hie� oder woher er kam. Erst viel sp�ter, bei einem konspirativen Treffen auf dem Alexanderplatz am gestrigen Freitag, hatte er wenigstens seinen Decknamen erfahren.</p><p>Und den Zarewitsch danach nicht wiedergesehen.</p><p>�He, Trebitsch � wo steckst du denn? Der Alte will dich sprechen, dawei!<sup>29</sup>�</p><p>Immer noch das gleiche stillvergn�gte L�cheln auf dem Gesicht, stie� sich Trebitsch vom Gel�nder ab, r�ckte seine dunkelblaue Krawatte zurecht und folgte seinem Kollegen auf dem Fu�. Immer mit der Ruhe, Walter!, machte er sich insgeheim lustig, deine Tage sind ohnehin gez�hlt. Trebitschs Genugtuung kannte keine Grenzen. An den Amerikanern, allen voran Kennedy, w�rde sich Ulbricht die Z�hne ausbei�en. Daf�r hatte er, sein Leibw�chter, ja gesorgt. Detaillierte Informationen �ber den bevorstehenden Mauerbau, Aufmarschpl�ne der NVA, Mannschaftsst�rke der beteiligten Vopo-Einheiten. Mit diesen Informationen w�rden die Amerikaner bestimmt etwas anfangen k�nnen. Das w�rde sie wachr�tteln, auf den Plan rufen, zu Gegenaktionen anstacheln. So leicht, wie Ulbricht sich das vorstellte, w�rde sich Kennedy nicht an der Nase herumf�hren lassen. Hundertprozentig nicht. Halb Berlin einmauern, noch dazu in einer Nacht-und-Nebel-Aktion? Das hatte sich dieser s�chselnde Spitzbart so gedacht. Kennedy w�rde sich das nicht bieten lassen und energisch dagegen vorgehen. Daran und an der Tatsache, dass seine Informationen in die richtigen H�nde gelangen w�rden, hegte Jens-Uwe Trebitsch nicht den geringsten Zweifel.</p><p>Der Zarewitsch w�rde das bestimmt hinkriegen, keine Frage.</p><p>Wie berauscht vom eigenen Wunschdenken, n�herte sich Trebitsch dem mehrst�ckigen, mit einem Walmdach und jedem nur erdenklichen Komfort ausgestatteten G�stehaus, w�rdigte die Ansammlung illustrer Parteigr��en keines Blickes und betrat das Geb�ude durch den Seiteneingang. Jagdtroph�en, Erinnerungsplaketten und Geweihe. Und abermals Geweihe. Sechsender, Achtender, Zw�lfender, etliche davon aus der Zeit, als G�rings Leibj�ger hier logiert hatte. Trebitschs Miene erstarrte. Der Jagdeifer, den manch einer der hohen Herren an den Tag legte, widerte ihn an, fast so sehr wie ihre Gier nach Privilegien.</p><p>�Herein.� Allein schon der Tonfall, mit dem Ulbricht auf sein Klopfen reagierte, h�tte ihn stutzig machen m�ssen. Der Tonfall und die beiden Stasi-Beamten drau�en auf dem Flur. Immer noch guter Dinge, achtete Trebitsch jedoch nicht auf sie, betrat den Raum und lie� die T�r hinter sich ins Schloss fallen.</p><p>Ulbricht, der stocksteif an seinem Schreibtisch sa�, war nicht allein. Unmittelbar neben ihm, in etwa gleich weit von der Nummer eins der SED und Trebitsch entfernt, stand ein Unbekannter, dem man den MfS<sup>30</sup>-Schergen schon aus 100 Metern Entfernung ansah. Er war um die 40, sah gepflegt aus und trug einen dunklen Anzug samt Hut und Krawatte. Und l�chelte unentwegt. Ganz anders Ulbricht, der die Wut, die ihn gepackt hatte, nur mit M�he unterdr�cken konnte. �Du wei�t, warum ich dich habe rufen lassen, Genosse?�, fragte er, derma�en aufgebracht, dass sich sein aufgrund von Kehlkopf-Diphterie zum Fisteln verdammtes Organ beinahe �berschlug. Dabei deutete er, ohne ihm Zeit zum Antworten zu geben, auf eine gestochen scharfe Schwarz-Wei�-Aufnahme, die griffbereit auf dem blank polierten Schreibtisch lag. �Oder muss ich dir etwa auf die Spr�nge helfen?�</p><p>Nein, das musste Genosse Ulbricht nicht. Und er musste ihm auch nicht auseinandersetzen, wo genau das Foto geschossen worden war. N�mlich auf dem Alexanderplatz. Trebitsch setzte ein L�cheln auf, um das ihn manch einer, der in die F�nge der Stasi geraten war, gewiss beneidet h�tte. Schon gar nicht musste ihm dieser Hinterhof-Stalin erkl�ren, was der adrett gekleidete Herr zu seiner Rechten alles anstellen w�rde, um den Verrat, den er begangen hatte, bis in s�mtliche Details hinein aufzukl�ren. Diesbez�glich konnte man sich auf die Stasi verlassen. Und zwar absolut.</p><p>Blieb also nur eine M�glichkeit, und zwar die, mit der er von Anbeginn hatte rechnen m�ssen. Ohne auch nur einen Hauch von Furcht oder Verzweiflung im Gesicht, setzte Jens-Uwe Trebitsch, laut Stasi-Akte 29 Jahre, in Wahrheit jedoch mindestens dreimal so alt, sein strahlendstes L�cheln auf, wischte eine goldgelbe Haarlocke aus dem Gesicht und sah Ulbricht, auf dessen Gesicht der blanke Hass aufloderte, mit mitleidigem Augenaufschlag an. Danach zerbiss er die Zyankali-Kapsel, die er mit einer blitzschnellen Handbewegung aus der Brusttasche gefischt hatte.</p><p>*</p><p>�Und das ausgerechnet heute!� Auch jetzt, knapp zehn Minuten nachdem Trebitschs Leichnam in aller Eile abtransportiert worden war, konnte sich Ulbricht nicht beruhigen und stiefelte ruhelos auf und ab. Nicht so der immer noch anwesende Oberleutnant der DDR-Staatssicherheit, in fast allem das exakte Gegenteil zur Nummer eins der SED. Mischa Bartosz, 38 Jahre, mittelgro�, gut aussehend und �u�erst charmant, war ein Mann, auf den Ulbricht bauen konnte. Er sprach perfekt Russisch, hatte wie er w�hrend des Krieges in der Sowjetunion gelebt, dort Flugzeugbau studiert und nebenbei als Redakteur gearbeitet. Bartosz war der Mann f�r schwierige F�lle und selbst innerhalb des MfS nur den Wenigsten bekannt. Er war der Mann ohne Gesicht, loyal, effizient, kaltbl�tig wie kaum ein anderer.</p><p>Und v�llig skrupellos.</p><p>�Was nun?� Die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt, stand Ulbricht am Fenster und blickte mit verkniffener Miene auf die Terrasse hinaus, wo sich die versammelte Parteiprominenz gerade anschickte, auf Wodka, russischen Kaviar und Krimsekt umzusteigen. Getreu seiner Natur erweckte dies sein spontanes Unbehagen, doch da er andere Sorgen hatte, schluckte er seinen Unmut hinunter, wandte sich an Bartosz und kr�chzte: �Sch�ne Bescherung, was?�</p><p>Bartosz, Bonvivant, Liebling der Frauen und den sch�nen Dingen des Lebens durchaus zugetan, nahm es mit Gelassenheit, was Ulbricht mit einem verdrossenen Stirnrunzeln registrierte. �Wenngleich nicht ganz so schlimm, Genosse Ulbricht, wie es auf den ersten Blick aussehen mag.�</p><p>�M�chte wissen, woher Sie Ihren Optimismus nehmen!�, schnauzte Ulbricht, auf Intellektuelle nicht unbedingt gut zu sprechen, seinen Gespr�chspartner an. In Anbetracht der Tatsache, dass er auf ihn angewiesen war, m��igte er jedoch seinen Ton und dr�ngte: �Die Zeit l�uft uns davon, Bartosz, das wissen Sie so gut wie ich. Stellen Sie sich doch blo� mal vor, die Amerikaner bekommen Wind von der Sache. Eine Mauer quer durch Berlin, direkt vor ihrer Nase. Was glauben Sie, was dann los sein wird.� Wie immer, wenn er sich �ber etwas aufregte, �berschlug sich Ulbrichts Stimme, wovon Bartosz aber keinerlei Notiz zu nehmen schien. �Ausgerechnet jetzt, kurz vor dem Ziel. Alles l�uft wie geplant. Und dann kommt uns dieser dreckige Verr�ter dazwischen. Schlimmer h�tte es uns wirklich nicht treffen k�nnen.�</p><p>�In der Tat, Genosse Generalsekret�r. Wenngleich wir nicht wissen, wie gro� der Schaden ist, den Trebitsch ��</p><p>�Wie gro�? Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt, Bartosz!�, giftete Ulbricht und fuchtelte wie ein Derwisch mit den Armen herum. �Das kann man sich ja wohl an f�nf Fingern abz�hlen.�</p><p>�Mag sein, Genosse Generalsekret�r. Wobei ich mich frage, weshalb die Amerikaner dann immer noch nicht reagiert haben.� Um die gr��tm�gliche Wirkung zu erzielen, lie� Bartosz einige Sekunden verstreichen. Dann sagte er: �Also, wenn Sie mich fragen: Irgendwie habe ich das Gef�hl, die Amerikaner haben nicht die leiseste Ahnung, was ihnen bl�ht. Sonst h�tten sie schon lange etwas unternommen. Mit Verlaub, Genosse � etwas Besseres, als unser Vorhaben zu verhindern, k�nnte denen doch gar nicht passieren.� Bartosz warf Ulbricht einen fl�chtigen Seitenblick zu. �Soweit ich informiert bin, l�uft jedoch alles nach Plan. Keinerlei Anzeichen f�r Truppenverlegungen, milit�rische Operationen oder Pr�ventivma�nahmen jedweder Art.�</p><p>�Nehmen wir einmal an, Sie haben recht, Bartosz � wie erkl�ren Sie sich dann, dass uns ein CIA-Agent nach allen Regeln der Kunst aufs Kreuz legt, es aber unterl�sst, dr�ben im Westen Alarm zu schlagen? K�nnen Sie mir das erkl�ren?�</p><p>Die Miene von Bartosz verd�sterte sich, und sein Markenzeichen, das Dauerl�cheln, verschwand aus seinem Gesicht. �Zum gegenw�rtigen Zeitpunkt muss ich da leider passen, Genosse.�</p><p>�Ich hoffe, Sie wissen, welche Konsequenzen das f�r uns alle haben wird�, knurrte Ulbricht, dem die Ausgelassenheit, welche seine G�ste an den Tag legten, allm�hlich auf den Magen zu schlagen begann. �Und f�r Sie.�</p><p>�Nat�rlich wei� ich das, Herr Generalsekret�r, deswegen habe ich ja auch ein paar Erkundigungen eingezogen.�</p><p>�Reichlich sp�t, finden Sie nicht auch?�</p><p>Nicht gewillt, auf Ulbrichts Seitenhieb einzugehen, lie� es Bartosz bei einem Achselzucken bewenden, kramte einen Notizblock aus dem Jackett und spazierte zur T�r, um das Licht anzuknipsen. �Um Ihre Geduld nicht unn�tig zu strapazieren, nur das Wichtigste.� Bartosz r�usperte sich, schlug einen betont sachlichen Tonfall an und sagte: �Also gut. Bei dem Mann, mit dem Trebitsch offenbar seit L�ngerem in Verbindung stand, handelt es sich nicht etwa um einen geb�rtigen Amerikaner, sondern um einen Russen.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Sie haben richtig geh�rt, Genosse Ulbricht. Ein Russe in Diensten der CIA, an diesen Gedanken muss man sich erst einmal gew�hnen. Kommt ja wohl nicht allzu h�ufig vor.�</p><p>Krebsrot im Gesicht, japste Ulbricht nach Luft und steuerte mit gebl�hten Nasenfl�geln auf Bartosz zu. Der wiederum wartete den zu erwartenden Temperamentsausbruch gar nicht erst ab und setzte seinen Monolog scheinbar unbeeindruckt fort. �Wie dem auch sei, Trebitschs Kontaktmann ist 45 Jahre alt, stammt aus Leningrad und ist vor ziemlich genau acht Jahren von der Bildfl�che verschwunden. Und das anscheinend von einem auf den anderen Tag. Sehr zum �rger unserer Moskauer Genossen, wie ich der Korrektheit halber betonen muss. Die wiederum nichts Eiligeres zu tun hatten, als bei Mielke<sup>31</sup> vorstellig zu werden und ihn umgehend auf unsere schwarze Liste setzen zu lassen.� Bartosz l�chelte malizi�s. �W�re es nach denen gegangen, h�tten sie ihn mit Sicherheit einen Kopf k�rzer gemacht. Dummerweise ist er dem MGB jedoch entwischt.�</p><p>�Also ein �berl�ufer.�</p><p>�Ehrlich gesagt, Genosse � schlau geworden bin ich aus der ganzen Angelegenheit noch nicht. Sieht ganz danach aus, dass seine Flucht in den Westen irgendetwas mit dem Bernsteinzimmer zu tun hat. Oder vielmehr hatte.� Bartosz bl�tterte weiter, blickte kurz auf und l�chelte zufrieden vor sich hin. �Wer wei�, vielleicht ist genau das der Grund, warum er auf unserer schwarzen Liste gelandet ist. Mit Foto, Vita und allem Drum und Dran. Und dem Vermerk, nach seiner Ergreifung sei er umgehend an den KGB zu �bergeben � tot oder lebendig.�</p><p>�Name?�</p><p>�Juri Andrejewitsch Kuragin, Genosse Ulbricht. Verdammt gerissener Bursche, w�rde ich sagen. Zu dumm, dass er uns gestern Abend entwischt ist. Sonst h�tten wir uns diesen Nestbeschmutzer zur Brust genommen.�</p><p>Ulbricht setzte ein h�hnisches L�cheln auf. �Daraus wird ja wohl nichts mehr werden, Bartosz, oder?�</p><p>�Wer wei�.� Tief in Gedanken, �berflog Bartosz seine Notizen und fixierte seinen Blick auf Ulbricht, der so bedient war, dass er sich auf den n�chstbesten Stuhl sinken lie�. �So d�ster, wie es aussieht, liegen die Dinge n�mlich nicht.�</p><p>�Was Sie nicht sagen.�</p><p>L�ngst nicht so pessimistisch wie sein Gegen�ber, baute sich Bartosz vor Ulbricht auf und erwiderte: �Zugegeben, wir sind gestern Abend zwar zu sp�t gekommen, aber ��</p><p>�Aber?�</p><p>�Kurz bevor Kuragin get�rmt ist, scheint er versucht zu haben, von einer Gastst�tte aus zu telefonieren.�</p><p>Ulbricht fuhr �berrascht in die H�he. �Und mit wem? Nun machen Sie schon, Herr Oberleutnant, sonst sitzen wir ��</p><p>�Mit jemandem aus dem Westen.�</p><p>�� noch in einer Stunde hier! Aus dem Westen? Darauf w�re ich nun wirklich nicht gekommen, Bartosz. Und um wen handelt es sich?�</p><p>Wie auf Bestellung setzte Bartosz erneut sein Dauerl�cheln auf, was Ulbricht nur umso mehr in Wallung brachte. �Um jemanden, vor dem man sich in Acht nehmen sollte�, entgegnete er, klappte seinen Notizblock zu und verstaute ihn in seinem Jackett. Ohne Ulbricht auch nur eines Blickes zu w�rdigen, begab er sich daraufhin zur T�r. �Allein schon aus Respekt vor seiner Zunft.�</p><p>�In Acht nehmen � wieso?�</p><p>�Weil er bei der Kripo ist, Genosse!�, versetzte Bartosz, tippte an seine Hutkrempe und genoss die Verbl�ffung, die sich auf dem Gesicht des 68-j�hrigen Despoten abzeichnete, in vollen Z�gen. Dann warf er einen kurzen Blick auf die Uhr. �Noch f�nf Stunden und 20 Minuten � h�chste Zeit, Herrn von Sydow einen kleinen Besuch abzustatten!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>15</p><p><emphasis>Berlin-Tempelhof, Schrottplatz am Tempelhofer</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Damm | 18.50 h</emphasis></p><p>�Wie gesagt: seit etwa 15 bis 20 Stunden tot. Um die 50, 1,73 Meter gro�, graue, urspr�nglich hellbraune Haare, �bergewicht. Farbe der Augen: braun. Besondere Kennzeichen: Boxernase und eine imposante Warze auf dem Kinn. Alles in allem nicht gerade das, was man als sch�nen Mann bezeichnen w�rde. Aber was soll�s � wenigstens hatte er einen sch�nen Tod.�</p><p>�Red nicht um den hei�en Brei rum, Leichenfledderer. Sonst stehen wir noch morgen fr�h hier rum.�</p><p>�Nur die Ruhe, Herr Kriminalrat in spe�, t�nte Heribert Peters, der sich die Chance, Sydow zu piesacken, nicht entgehen lie�. Auf das Ritual, das nun folgen w�rde, wollte er nicht verzichten, ebenso wenig wie sein Freund. �So schnell schie�en die Russen nicht.�</p><p>�Oder die Amis � kommt ganz drauf an. Deine Ruhe wollte ich haben, Dicker.�</p><p>�Anders kann man diesen Job ja nicht ertragen!�, setzte sich Peters zur Wehr, knetete sein Genick und warf einen Blick auf den demolierten Opel Rekord, der soeben aus der Schrottpresse gehievt wurde. �Besonders, wenn man es mit jemandem wie dir zu tun hat.�</p><p>�Danke f�r die Blumen�, witzelte Sydow, der seine Pappenheimer bestens kannte, und bot Peters einen Glimmst�ngel an. �Hier, als Wiedergutmachung.�</p><p>Wie nicht anders zu erwarten, lie� der Gerichtsmediziner seinen Freund eine Weile zappeln, griff dann aber doch gierig zu. �Wie gesagt ��, fuhr er nach den ersten Lungenz�gen fort, w�hrend denen er verz�ckt die Augen geschlossen und sich der tief stehenden Sonne zugewandt hatte, �alles deutet darauf hin, dass unser unbekannter Casanova kurz vor dem Ableben noch eine Nummer geschoben hat. Oder mehrere hintereinander.�</p><p>�So genau will ich�s gar nicht wissen.� Sydow nahm seine Sonnenbrille ab und rieb sich die Augen. �Fragt sich nur, wieso er sich anschlie�end die Kugel gegeben hat.�</p><p>�Weil die Rechnung zu hoch war � was hast du denn gedacht.�</p><p>�Hahaha, selten so gelacht.� Sydow schnitt eine Grimasse, mit der er jedem Zirkusclown h�tte Konkurrenz machen k�nnen, und drosch eine herumliegende Bierdose in den n�chstbesten Schrotthaufen. �Manchmal kannst du einem wirklich auf den Wecker gehen.�</p><p>�Und was ist mit dir, hm?� Peters rauchte seine HB zu Ende, lie� sie auf den Boden fallen und dr�ckte sie mit der Schuhspitze aus. �Aber im Ernst: Woher willst du eigentlich wissen, dass wir es hier mit einem Selbstm�rder zu tun haben?�</p><p>�Eine klaffende Wunde an der rechten Schl�fe, Schmauchspuren und das gro�kalibrige Projektil, welches ein gewisser Heribert Peters, von Beruf Gerichtsmediziner, bei seiner Obduktion vermutlich zutage f�rdern wird. Eindeutiger geht�s ja wohl nicht, oder?�</p><p>�Unter die Hellseher gegangen, was?�, gab die Zielscheibe von Sydows Frotzeleien zur�ck, mittlerweile absolut immun dagegen. Und setzte sogar noch eins drauf: �Und was, wenn deine Kristallkugel nicht richtig funktioniert?�</p><p>�Mit anderen Worten � du h�ltst es f�r m�glich, dass unser neuester Kunde ermordet worden ist.�</p><p>Peters spendete demonstrativ Applaus. �Da capo, Maestro!�, rief er mit verz�ckter Miene aus. �So viel Einf�hlungsverm�gen h�tte ich Ihnen wirklich nicht zugetraut!�</p><p>L�ngst an derlei Kapriolen gew�hnt, gab sich Sydow betont locker, wartete, bis sich der Gerichtsmediziner ausgetobt hatte, und fuhr durch das rotblonde, hie und da bereits von grauen Str�hnen durchzogene Haar. �Und aus welchem Grund?�</p><p>�Warum er um die Ecke gebracht worden ist, meinst du?� Von einem Moment auf den anderen war Peters das Lachen vergangen. �Woher soll ich denn das wissen?�</p><p>�Aber �ber andere herziehen, so haben wir�s gern.� Sydow verpasste Peters einen Rempler, woraufhin Naujocks, der gerade dabei war, den Opel Rekord auf den Kopf zu stellen, belustigt den Daumen hob. �Fazit: Es gibt noch eine Menge zu tun. Wobei wir ja wohl davon ausgehen k�nnen, dass Tatort und Fundort der Leiche nicht identisch sind.�</p><p>�Stattgegeben.�</p><p>�Das hei�t, der oder die T�ter haben diesen Ort mit Bedacht gew�hlt.� Sydow legte den Zeigefinger auf die Unterlippe und lie� ihn im Zeitlupentempo �ber sein stoppeliges Kinn gleiten. �Wie hei�t es doch so sch�n: Not macht erfinderisch.�</p><p>�Sag du noch mal was gegen meinen Humor.�</p><p>Sydow kehrte die Handfl�chen nach au�en und grinste. �Summa summarum � als Erstes m�ssen wir rauskriegen, wie unser feuriger Liebhaber hei�t. Dann sehen wir � und wer sind Sie, wenn man fragen darf?�</p><p>Sydow und Peters waren so sehr in ihr Gespr�ch vertieft, dass sie den B�r von einem Mann, der sich auf leisen Sohlen gen�hert hatte, zun�chst nicht bemerkten. Erst sein Schatten machte die beiden auf ihn aufmerksam, wobei es Sydow war, der am schnellsten reagierte, eine Kehrtwendung machte und das Muskelpaket, welches ihn um Hauptesl�nge �berragte, n�her in Augenschein nahm.</p><p>�Juskowiak�, antwortete der tapsige H�ne und wies mit der Kinnspitze auf die Baracke, wo sich der Aufenthaltsraum f�r das Personal, das B�ro und die Privatr�ume des Besitzers befanden, an dem sich Krokowski gerade die Z�hne ausbiss. �Alfred Juskowiak. Ihr Assistent hat gesagt, ich soll mich bei Ihnen melden.�</p><p>�So, hat er.� Sydow war es nicht gewohnt, dass es noch gr��ere Zeitgenossen gab als ihn, weshalb seine Erwiderung ein wenig zur�ckhaltend ausfiel. �Na, dann schie�en Sie mal los, Herr ��</p><p>�Jumbo. Sie k�nnen mich ruhig Jumbo nennen, Herr Kommissar.� Das Kraftpaket mit dem treffenden Spitznamen, auf dem Sydows pr�fender Blick ruhte, nahm seine Schirmm�tze ab und l�chelte ihn treuherzig an. �Nichts f�r ungut � aber ich glaube, ich kann Ihnen ein wenig weiterhelfen.�</p><p>�Und wie?�</p><p>�Ganz einfach, Herr Kommissar. Mir ist wieder eingefallen, woher ich den armen Teufel kenne.� Juskowiak platzte beinahe vor Stolz. �Das interessiert Sie doch, oder?�</p><p>*</p><p>�Ick will Ihnen mal wat fl�stern, Herr Kommissar � und det schreimse sich jef�lligst hinter die Lauscher! Anstatt auf meenem Schrottplatz rumzuschn�ffeln, sollten Se lieber zusehn, dat anst�ndige B�rger wie ick besser besch�tzt werden, klar? Det is� n�mlich allemal besser, als die Finger in anderer Leute Anjelegenheiten zu stecken, wenn Se verstehn, wat ick meene.� Gerd Lenuweit, Inhaber, Gesch�ftsf�hrer und unumschr�nkter Herrscher �ber das halbe Dutzend Mitarbeiter von Lenuweit und Co., war ein Zeitgenosse, mit dem definitiv nicht gut Kirschen essen war. Ihn als Choleriker zu bezeichnen w�re untertrieben gewesen, das Pr�dikat �Giftzwerg� traf es da schon eher. Lenuweit war kleinw�chsig, unfl�tig und so agil, dass er es keine drei Sekunden an ein und derselben Stelle, geschweige denn l�ngere Zeit auf einem Stuhl aushielt. Und er war laut, unfassbar laut. Seit er zur Kripo gegangen war, hatte sich Eduard Krokowski, ein wahrer Dulder vor dem Herrn, noch nie so sehr zusammennehmen m�ssen. Und das sagte eigentlich schon alles. �Hamse mir verstanden, oder wollnse det, wat ick Ihnen jefl�tet hab, schriftlich?�</p><p>�Ihre Aussage, meinen Sie?�, gab Krokowski zur�ck, kurz davor, aus der Haut zu fahren und seinem Gespr�chspartner den verdienten Denkzettel zu verpassen. �Kommt ganz drauf an, wie kooperativ Sie sich mir gegen�ber zeigen.�</p><p>�Ko� wat?�</p><p>�Ob Sie Ihre Inszenierung von Rumpelstilzchen � na sch�n, einfacher ausgedr�ckt: Wenn Sie hier weiter so rumtoben wie bisher, mich anbr�llen oder verarschen wollen, nehmen wir Sie mit aufs Revier, klar? So, und jetzt setzen Sie sich gef�lligst hin und beantworten meine Fragen, sonst kriegen Sie es mit mir zu tun.� Krokowski war derart in Rage, dass er �ber sich selbst erschrak. Ausgerechnet er, der auf Etikette und zivilisierte Umgangsformen gr��ten Wert legte. Der von den Kollegen hinter vorgehaltener Hand Knigge genannt wurde. Eine peinliche, durch nichts zu entschuldigende Entgleisung.</p><p>Na ja, aber wenigstens eine, welche die gew�nschte Wirkung erzielte.</p><p>�Schon jut, junger Mann, schon jut � wer wird denn gleich in die Luft jehn.� Gerd Lenuweit alias Rumpelstilzchen wich mehrere Schritte zur�ck und lie� sich in den abgenutzten Ledersessel fallen, der sich hinter seinem mit Kfz-Papieren, leeren Bierflaschen und �berquellenden Aschenbechern �bers�ten Schreibtisch befand. Hier wie auch in den �brigen R�umen, in denen es penetrant nach Hund, Schwei�, Nikotin und Doppelkorn roch, herrschte eine derartige Unordnung, dass Krokowski die Haare zu Berge standen. Gegen das Chaos, das hier ausgebrochen war, sah eine M�llhalde noch halbwegs ordentlich aus, verdreckter ging es wirklich nicht. �Wat wollense von mir wissen?�</p><p>�Gegenfrage. Haben Sie eigentlich ein Alibi, Lenuweit?�</p><p>�Ein �?�</p><p>�Sehen Sie, so kommen wir der Sache schon n�her.� Von seinem Naturell her war es ihm zuwider, Verh�rmethoden � la Stasi anzuwenden, aber da diesem Widerling nicht anders beizukommen war, sprang Krokowski �ber seinen Schatten und verk�ndete: �Nach einer vorl�ufigen Sch�tzung unseres Gerichtsmediziners ist der Unbekannte, den einer ihrer Angestellten per Zufall entdeckt hat, seit mindestens 15 Stunden tot. Das bedeutet, er muss unmittelbar nach Mitternacht oder in den fr�hen Morgenstunden ums Leben gekommen sein.�</p><p>Kleinlaut wie lange nicht mehr, spielte Lenuweit an den Tr�gern seiner blauen Latzhose herum, blickte bald hierhin, bald dorthin und lugte schlie�lich vor lauter Verlegenheit zum Fenster hinaus, wo Juskowiak gerade wie ein Wasserfall auf Sydow einredete. �Ein Toter im Kofferraum � und dat mir�, brabbelte er schlie�lich vor sich hin, wie verwandelt und kaum noch wiederzuerkennen. �Wenn die schon jemanden aus dem Weg r�umen, sollense ihn dat n�chste Mal jef�lligst woanders ��</p><p>�Und wer, bitte sch�n, sind �Die�?�</p><p>�Det wees ick ehrlich jesagt selber nich�, Herr Kommissar�, druckste Lenuweit herum und zuckte versch�mt die Achseln. �Keene Ahnung.�</p><p>�Finden Sie nicht, es ist allm�hlich an der Zeit, ein Gest�ndnis abzulegen?�</p><p>Uneins mit sich, blickte Lenuweit kurz auf, zwirbelte an seinen wie Unkraut sprie�enden Brauen herum und geriet so sehr ins Schwitzen, dass Krokowski instinktiv auf Distanz zu ihm ging. Dann aber, des Taktierens m�de, richtete er sich entschlossen auf und grunzte: �Na jut, weil Sie�s sind, Herr Kommissar.�</p><p>�Warum denn nicht gleich, Lenuweit. Wenn ich Sie bitten darf, mir zu folgen � Kollege Sydow hat bestimmt ein paar Minuten Zeit f�r Sie!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>16</p><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Seestra�e | 19.20 h</emphasis></p><p>Das Wichtigste war, jetzt keine Fehler zu machen. Nur darauf kam es an, davon hing alles ab. Sein Leben, das Wohl und Wehe von Berlin, m�glicherweise sogar die Entscheidung �ber Krieg und Frieden. Ein Krieg, in dem es nach seiner festen �berzeugung nur Verlierer geben w�rde. Und so viele Tote, dass man sich das Z�hlen getrost sparen konnte.</p><p>Kuragin schloss die Augen und genoss den Windsto�, der ihm vom Ostufer aus entgegenschlug, in vollen Z�gen. Auf einmal war er wieder zu Hause, mehr als 1.300 Kilometer von Berlin entfernt. Und 30 Jahre j�nger, zumindest in Gedanken. Damals, in den fr�hen Drei�igern, war f�r ihn die Welt noch in Ordnung gewesen. An den Wochenenden war er mit Vater zum Angeln an den Ladogasee oder nach Puschkin gefahren, um sich die Zarenschl�sser anzusehen. F�r ihn, den klapperd�rren Halbwaisen, Sohn eines Russen und einer Georgierin aus dem Arme-Leute-Viertel von Leningrad, war das eine halbe Weltreise gewesen, und er hatte es jedes Mal kaum erwarten k�nnen, bis es soweit war. Um ihn aufs Gymnasium schicken zu k�nnen, hatte sein Vater viele Opfer gebracht, sich kaum etwas geg�nnt, beinahe krumm und bucklig gearbeitet. Aber es hatte sich gelohnt. Kuragin war stets unter den Besten gewesen, und das, obwohl ihm kein Mensch hatte helfen k�nnen. Am Ende seiner Schulzeit, anno 1936, war dann aber pl�tzlich alles anders geworden. Vorbei waren die unbeschwerten Tage der Jugend, vorbei auch die turbulenten Jahre unmittelbar nach der Revolution. Von nun an hatte nur noch ein Wille gegolten, und zwar der von Josef Wissarionowitsch Stalin. Kuragins Miene �berschattete sich. Wie ausgerechnet er beim NKWD gelandet war, konnte er sich im Nachhinein wirklich nicht erkl�ren. Tatsache war, dass damals alles begonnen hatte, und er fragte sich, ob es nicht besser gewesen w�re, sich nach etwas Anderem umzusehen.</p><p>Das Tuten eines Ausflugsdampfers, der gem�chlich die Havel hinauf tuckerte, riss Kuragin wieder in die Gegenwart zur�ck. Ab und zu tat etwas Entspannung gut, besonders jetzt, kurz vor dem alles entscheidenden Moment. In gut zweieinhalb Stunden, so sein Kalk�l, w�rde es endlich so weit sein. Dann w�rde sich zeigen, ob Brannigan der war, f�r den er ihn hielt. Und ob sein riskanter Plan �berhaupt funktionieren w�rde.</p><p>Was ihn betraf, waren die W�rfel jedenfalls gefallen. Er, der Agent mit dem glanzvollen Pseudonym, w�rde seinen Job an den Nagel h�ngen. F�r immer. Juri Andrejewitsch Kuragin, NKWD-Offizier und Ex-Major des sowjetischen MGB und vom heutigen Tage an auch Ex-Agent der CIA, �ffnete die Augen und warf einen beil�ufigen Blick auf die Uhr. In genau 150 Minuten, w�rde er sich an denen r�chen, die geglaubt hatten, sich seiner wie eines abgetragenen Kleidungsst�ckes entledigen zu k�nnen. Kuragins Mundwinkel verzog sich zu einem abf�lligen Grinsen. Noch wusste er zwar nicht genau, weshalb Bradlee ihn hatte beseitigen wollen, aber das w�rde er schon noch herausbekommen. Dass es mit den Erkenntnissen zusammenhing, die er gewonnen hatte, konnte er sich an f�nf Fingern zusammenz�hlen. Blieb die Frage, weshalb der Firma die Tatsache, dass die Russen offenbar nicht im Traum an eine Offensive gegen Westberlin dachten, auf einmal unter den Tisch kehren wollte. Anders konnte man den Versuch, ihn aus dem Weg zu r�umen, ja wohl nicht deuten. Die Augen zu einem schmalen Spalt verengt, lie� Kuragin Daumen und Zeigefinger �ber die Unterlippe gleiten und blickte mit sorgenvoller Miene zum gegen�berliegenden Ufer hin�ber. Je l�nger er nachdachte, desto tiefer wurden die Falten auf seiner Stirn, und nachdem mehrere Minuten verstrichen waren, fiel es ihm pl�tzlich ein.</p><p>Kuragins Miene verh�rtete sich, gefror buchst�blich zu Eis. Des R�tsels L�sung, so sie es denn war, hatte etwas Atemberaubendes, wenngleich zutiefst Deprimierendes an sich. Logisch zwingend waren seine Mutma�ungen jedoch allemal. Fakt war, dass Langley daran gelegen war, die Sowjets in einem ganz bestimmten Licht erscheinen zu lassen. N�mlich als potenzielle, nur auf den richtigen Zeitpunkt zum Losschlagen spekulierende Aggressoren. Fakt war aber auch, dass Kennedy davor zur�ckschreckte, ihnen einen Denkzettel zu verpassen. Seit dem Desaster in der Schweinebucht hatte er zwar nach au�en gro�e T�ne gespuckt, intern jedoch durchblicken lassen, dass er nicht bereit war, es auf ein Kr�ftemessen mit den Sowjets ankommen zu lassen. Insider, beileibe nicht nur solche in der CIA, bezeichneten ihn deshalb als Schw�chling, als einen Zauderer, der niemals h�tte Pr�sident werden d�rfen. Was also, folgerte Kuragin, lag in dieser Situation n�her, als den unliebsamen irischen Appeaser dazu zu zwingen, endlich einmal Farbe zu bekennen? Mit dem n�tigen Qu�ntchen Gl�ck, den richtigen Leuten und einem triftigen Grund w�rde dies gelingen. Ein kleiner Zwischenfall hier, eine angebliche Provokation da, am besten gleich ein Feuergefecht � und schon w�re die Firma am Ziel. Und mit ihr all jene, die da glaubten, man m�sse den Russen eine Lektion erteilen.</p><p>Zutiefst desillusioniert, konnte sich Kuragin eines Fr�stelns nicht erwehren. Offenbar ging es nicht so sehr darum, ob der Dritte Weltkrieg ausbrechen, sondern darum, wann und wo dies der Fall sein w�rde.</p><p>Es sei denn, ein gewisser Juri Andrejewitschj Kuragin w�rde dem Langley-Syndikat einen Strich durch die Rechnung machen. Und das nach M�glichkeit innerhalb der n�chsten zweieinhalb Stunden.</p><p>Zuvor jedoch, in Anbetracht seiner prek�ren Lage, galt es, noch etwas zu erledigen. Etwas, das keinen Aufschub duldete.</p><p>*</p><p>�Von der CIA?�, entfuhr es Sydow Frau, w�hrend es ihr kalt den R�cken hinunterlief. �Wenn du schlau bist, l�sst du die Finger davon.�</p><p>�Komm schon, Lea, du wei�t genau, dass das nicht geht.�</p><p>Nat�rlich wusste sie das, schlie�lich war sie auf den Tag genau acht Jahre mit Tom verheiratet. Und nat�rlich wusste sie auch, dass ihm seine Arbeit �ber alles ging. Lea Sydow seufzte leise in sich hinein, h�rte sich die Beteuerungen ihres Gatten am anderen Ende der Leitung mit banger Miene an und sagte: �Na sch�n, Tom � hab mir schon so etwas gedacht. Tu mir wenigstens den Gefallen und pass auf dich auf, ja? Versprochen, so, so. Du verlangst doch wohl nicht, dass ich dir das glaube, oder? Bis sp�ter, Schatz. Ja, ich warte auf dich � bis bald!�</p><p>Fragt sich nur, wie lange!, dachte Sydows Frau mit wehm�tigem L�cheln, lie� den H�rer auf die Gabel sinken und machte sich auf den Weg in die K�che, um ein Tasse Kaffee zu trinken. Nach Lage der Dinge w�rde sie sich eine Weile gedulden m�ssen, da konnte ein wenig Koffein nicht schaden.</p><p>Aber nicht einmal das war ihr verg�nnt.</p><p>�Lea, Lea, komm, mein Kind � das musst du dir anschauen.�</p><p>Tante Lu. Die hatte ihr gerade noch gefehlt.</p><p>Luise von Zitzewitz, Geborene von Sydow und Toms Tante, war knapp 88, �beraus agil und r�stig und so etwas wie die Ersatzmutter ihres Neffen, bei dem sie sich zuweilen ohne Vorwarnung einzuquartieren geruhte. Nicht immer zur Freude von Lea und meist dann, wenn es ihr �berhaupt nicht in den Kram passte. Dies alles und der Umstand, dass heute ein besonderer Tag f�r die Sydows war, schien die resolute Dame aus altm�rkischem Adel jedoch nicht im Geringsten zu interessieren.</p><p>�Was ist denn, Tante Lu? Ich dachte, du h�ttest dich l�ngst hingelegt.�</p><p>�Um diese Zeit, Lea?�, schnarrte die alte Dame, hakte sich kurzerhand unter und dirigierte Sydows Frau ins Wohnzimmer, von wo aus man einen herrlichen Blick auf den Wannsee genoss. �So m�de bin ich nun auch wieder nicht.�</p><p>Aber ich!, fuhr es Sydows Frau in einem Anflug von Galgenhumor durch den Sinn, w�hrend sie von ihrer auf einen Gehstock gest�tzten Begleiterin ans Fenster gelotst wurde. �Und was hast du auf dem Herzen, Tante Lu?�</p><p>�Da drau�en ist ein Mann, mein Kind.�</p><p>�Ein Mann, aha.� Luise von Zitzewitz war eine Frau, mit der die Fantasie zuweilen durchzugehen pflegte, wovon sich Lea Sydow jedoch nicht aus der Ruhe bringen lie�. Im Umgang mit Tante Lu brauchte man starke Nerven, sonst stand man auf verlorenem Posten. �Und wo genau, glaubst du, schleicht er ��</p><p>�Er schleicht nicht, mein Kind, sondern steht wie ein �lg�tze in der Gegend herum.� Um ihren Worten den n�tigen Nachdruck zu verleihen, lie� die Reinkarnation von Adele Sandrock<sup>32</sup> den Parkettboden von Sydows guter Stube durch einen Hieb ihres Gehstocks erzittern, ging auf Distanz zu ihrer Gastgeberin und wies mit ausgestreckter Hand auf den See hinaus, in dem sich das wie eine Feuersbrunst auflodernde Abendrot spiegelte. �Genau da!�</p><p>�Wo denn?� Aufgrund einer Birke, die ihr die Sicht versperrte, blieb Lea Sydow der Blick auf den vermeintlichen Eindringling zun�chst verwehrt, und so ging sie hinaus auf die Terrasse, trat auf ihre Schmalseite und folgte der Richtung, in die Tante Lus Hand zeigte.</p><p>Und wurde f�ndig.</p><p>Am Ende des Bootsstegs, mit dem R�cken zum Haus, stand tats�chlich ein Mann. Lea Sydow blieb wie angewurzelt stehen. Da war etwas an ihm, das ihr bekannt vorkam. Etwas, das an ihr Erinnerungsverm�gen appellierte, das sie bewog, die aufkeimende Ver�rgerung in ihr zu unterdr�cken.</p><p>Sekunden sp�ter, ohne gro� dar�ber nachzudenken, befand sich Sydows Frau auf dem Weg zur Anlegestelle. Der Kies knirschte unter ihren F��en, doch der Fremde, auf den sie zusteuerte, r�hrte sich nicht vom Fleck. Aus dem Ufergestr�pp, an dem der hufeisenf�rmige Weg vorbeif�hrte, krochen die ersten Dunstschwaden empor, und eine merkw�rdige, s�mtliche Ger�usche erstickende Stille senkte sich �ber den weitl�ufigen und von einem Birkenw�ldchen begrenzten Garten herab. Alles, aber auch rein alles kam Lea in diesem Moment so unwirklich vor, dass ihr der Gedanke kam, sie befinde sich in einem Traum.</p><p>Nur noch knapp zehn Meter von ihrem Ziel entfernt, blieb Sydows Frau stehen. Nicht etwa, weil sie Angst hatte. Die hatte sie in den seltensten F�llen. Sondern weil sie immer noch herumr�tselte, wo sie die hoch aufragende, schwarz gekleidete und mysteri�s anmutende Gestalt schon einmal gesehen hatte. Auf alles gefasst, setzte sich Lea Sydow wieder in Bewegung, um die Distanz, die sie von dem Mann trennte, so schnell wie m�glich hinter sich zu bringen.</p><p>Unmut stieg in ihr auf. Unmut �ber die Tatsache, dass er sich auf ihrem Grundst�ck herumtrieb, und �ber die Art und Weise, wie er hier sein Spiel mit ihr trieb. Was der Fremde damit bezweckte, wusste sie zwar nicht, doch darauf kam es im Moment nicht an. Sie konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn sie zum Narren gehalten wurde, das w�rde sie diesem Burschen jetzt ins Gesicht sagen. �K�nnen Sie mir verraten, was Sie hier zu suchen haben? Antworten Sie � oder sind Sie taub?�</p><p>�Das ganz gewiss nicht�, antwortete der Fremde und kn�pfte sein Jackett zu, gerade so, als st�nde er vor einem Spiegel. �Ich bin auf der Suche nach jemandem, weiter nichts.�</p><p>�Und nach wem, wenn man fragen darf?�</p><p>�Nach einem Freund�, antwortete Kuragin, vollzog eine Drehung um 180 Grad und nickte Lea Sydow, deren Mienenspiel zwischen Verbl�ffung und �rger schwankte, freundlich l�chelnd zu. �Ein Freund, den ich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen habe. Oder ist Tom etwa nicht hier?�</p><p>�Und selbst wenn � finden Sie nicht, Sie sollten sich erst einmal vorstellen?�</p><p>Kuragin tat, wie ihm gehei�en, deutete ein Kopfnicken an und fragte mit samtweicher Stimme: �Frau von Sydow, nehme ich an?�</p><p>�Sydow, ganz einfach Sydow. Was kann ich f�r Sie tun?�</p><p>�Der gute alte Tom � hat es ihn also doch noch erwischt.� Nachdenklich geworden, atmete Kuragin tief durch und lie� den Blick �ber die mit roten Geranien bepflanzten Schmuckbeete am Rand der ausladenden Terrasse schweifen. �Sch�n haben Sie�s hier, wirklich sch�n.� Als habe er eine alte Bekannte vor sich, z�ndete er sich einen Zigarillo an und ging �ber die Frage der Hausherrin einfach hinweg. �Hat er denn nie von mir erz�hlt?�</p><p>�Falls es sich bei Ihnen um den Mann handelt, mit dem er sich vor acht Jahren angefreundet hat und von dem nur ein einziges Erinnerungsfoto existiert � ja.�</p><p>Kuragin schlug die Augen nieder und gab ein verlegenes R�uspern von sich. �Freut mich jedenfalls, Sie kennenzulernen, gn�dige Frau�, fl�sterte er, offenbar unschl�ssig, was er als N�chstes sagen sollte. �Ich muss schon sagen, mein Freund Tom ist wirklich zu beneiden.�</p><p>�Wenn Sie tats�chlich sein Freund sind � weshalb haben Sie dann nichts mehr von sich h�ren lassen?�</p><p>�Nehmen Sie es mir nicht �bel, gn�dige Frau � aber dar�ber m�chte ich lieber mit Ihrem Gatten sprechen.�</p><p>Vers�hnlicher gestimmt, milderte Lea Sydow ihren Ton und sah den Mann, �ber den sie bereits so viele Geschichten geh�rt hatte, mit in die H�he gezogenen Brauen an. �Tom ist nicht da, Herr Kuragin. Kann ich ihm etwas ausrichten?�</p><p>�Schade.� Kuragin nahm sein Zigarillo aus dem Mund und warf es achtlos in den See. �Darf ich Sie trotzdem um einen Gefallen bitten?�</p><p>�Wenn Sie sich anschlie�end nicht wieder in Luft aufl�sen � gern.�</p><p>Kuragin lachte aus vollem Hals und strich �ber seinen gepflegten Oberlippenbart. �Genau das ist der Punkt�, fuhr er fort, schnippte eine Staubfaser von seinem Jackett und entnahm ihm einen braunen DIN-A4-Umschlag, den er seiner verdutzten Gespr�chspartnerin in die Hand dr�ckte. �Sei�s drum � wenn Sie erlauben, m�chte ich Sie � beziehungsweise Tom � um einen Gefallen bitten. Wenn es ihm nichts ausmacht, soll er bitte so gut sein und das f�r mich ausbewahren.�</p><p>�F�r wie lange?�</p><p>�So lange, bis ich mich wieder melde�, entgegnete Kuragin, sprang in das Boot, das neben ihm vert�ut war, und lie� den 150-PS-Motor an. �Falls dies �berhaupt der Fall sein wird.� Bevor er aufs Gas dr�ckte, hob der ehemalige CIA-Agent die Hand zum Gru�. �Bitte entschuldigen Sie die St�rung, gn�dige Frau. Und gr��en Sie mir Tom!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>17</p><p><emphasis>Berlin-Sch�neberg, Dienstgeb�ude der Kripo in der Gothaer Stra�e | 19.45 h</emphasis></p><p>�Jetzt h�ren Sie mir mal gut zu, Fr�ulein, ich rufe bestimmt nicht zum Privatvergn�gen an. Das k�nnen Sie mir getrost glauben. Mein Name, Gn�digste? Sydow. Siegfried � Ypsilon � Dora � Otto � Wilhelm. Kriminalhauptkommissar. H�tten Sie gern, dass ich Ihnen meinen Dienstgrad buchsta� Nicht n�tig? Na, wenigstens etwas. So, und jetzt w�re ich Ihnen wirklich verbunden, wenn Sie mir endlich Auskunft geben w�rden.� Es fehlte nicht viel und Sydow w�re vollends aus den Latschen gekippt. Zickiger, hochn�siger und lahmarschiger ging es nicht, auch wenn man wie die Dame in der Verwaltung des Notaufnahmelagers Marienfelde offenbar alle H�nde voll zu tun hatte. Schlie�lich ging es hier um Mord. Um einen Fall, der ihm mehr R�tsel aufgab, als ihm lieb sein konnte. �Ernst Blaschkowitz � genau.� Sydow sch�ttelte entnervt den Kopf. Dass ausgerechnet er immer das Gl�ck hatte, solche Leute an der Strippe zu haben. Kaum zum Aushalten. �Jahrgang 1909, k�nnte hinkommen.� Stille, und das mehrere Sekunden lang. Naujocks, der die Szene beobachtete, am�sierte sich k�niglich. �Vor drei Jahren, genau. Aus Frankfurt an der Oder, aha.� Sydow nahm einen Stenoblock zur Hand und machte sich Notizen. �Wann? Am 28. Mai 1958? Nur zwei Wochen, aha. Und dann? Arbeit gefunden, wie sch�n. Als was denn? Buchhalter, auch das noch. Klingt verdammt aufregend, wenn Sie mich � Ob ich etwas gegen Verwaltungsfachkr�fte habe? Wo denken Sie hin, gn�dige Frau. Ganz bestimmt nicht. Soll ich Ihnen was sagen? Dank Ihres unerm�dlichen Einsatzes sind wir einen Riesenschritt weiter gekommen! Ironisch � ich? Keine Ahnung, was das �berhaupt ist. Sch�nen Tag noch � auf Wiederh�ren!�</p><p>Zum Leidwesen von Naujocks, der sich kaum noch beherrschen konnte, schleuderte Sydow den H�rer auf die Gabel und schluckte den Fluch, der ihm auf der Zunge lag, im letzten Moment hinunter. Dann lie� er sich in seinen Schreibtischsessel plumpsen, legte die F��e auf den Tisch und �berflog die Notizen, die er sich gemacht hatte. �Ich frage mich wirklich, was es hier zu lachen gibt.�</p><p>�Respekt, Tom.� Da er wusste, wie er ihn zu nehmen hatte, lie� sich Naujocks die Laune nicht verderben und ging einfach �ber Sydows R�ffel hinweg. �Gegen deinen Charme ist wirklich kein Kraut gewachsen. Die Damenwelt liegt dir zu F��en, von Lea gar nicht zu reden. Wie machst du das blo�?�</p><p>Entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten nahm Sydow den Ball jedoch nicht auf und wandte sich wieder seinen Aufzeichnungen zu. �Sieht so aus, als h�tte dieser � wie hei�t dieser Kleiderschrank doch gleich?�</p><p>�Juskowiak, Alfred Juskowiak.�</p><p>�Sieht so aus, als h�tte er die Wahrheit gesagt.�</p><p>�Warum auch nicht�, gab Naujocks achselzuckend zur�ck, entt�uscht �ber die geringe Resonanz, auf die seine Frotzeleien gesto�en waren. �Darf man erfahren, was du rausgekriegt hast?�</p><p>�Dass unser M�chtegern-Gigolo 52 ist, aus dem Osten stammt und sich vor gut drei Jahren in den Westen abgesetzt hat. Durchgangsstation Marienfelde, wie bei so vielen. Zwei Wochen lang Zimmergenosse von Juskowiak, ebenfalls Republikfl�chtling. Und dass er in der Verwaltung t�tig war � mehr nicht.�</p><p>�Stasi-Wanze?�</p><p>�Die Frage aller Fragen�, brummte Sydow, verschr�nkte die H�nde im Nacken und lie� den Kopf nach hinten sacken. Einfach alles an diesem Fall wirkte mysteri�s, angefangen beim Opfer bis hin zu den Umst�nden, unter denen es zu Tode gekommen war. �Ich denke, wir sollten uns an den Fakten orientieren.�</p><p>�So es denn welche gibt, Tom�, r�umte Naujocks kleinlaut ein. �Was die Rostlaube angeht, in der Blaschkowitz gelandet ist, haben der oder die T�ter so gut wie keine verwertbaren Spuren hinterlassen. Sieht ganz danach aus, als seien hier Profis am Werk gewesen. Auf die Idee, einen l�stigen Zeitgenossen mittels Schrottpresse f�r immer verschwinden zu lassen, muss man ja erst mal kommen.�</p><p>�Und was hei�t �so gut wie keine�?�</p><p>�Kaugummipapier, Tom. Hundsordin�res Kaugummipapier, mehrere Meter von der Schrottpresse entfernt. Ansonsten Fehlanzeige. Keine Fingerabdr�cke, Hautpartikel, Haare, verwertbaren Fu�spuren et cetera.�</p><p>�Hm. Deine Theorie?�</p><p>Naujocks legte den Ellbogen auf die Stuhllehne, schlug die Beine �bereinander und betrachtete seine nagelneuen dunklen Elvis-Slipper, auf die er beinahe so stolz wie auf seine originalgetreue Tolle war. �H�rt sich leicht bescheuert an, ich wei� ��, gestand er widerstrebend ein, �aber ich bin mir sicher, dass die Sache von langer Hand geplant worden ist.�</p><p>�Will sagen, die T�ter bringen es irgendwie fertig, Blaschkowitz �ber den Zaun zu hieven und ihn im Anschluss daran in der Schrottpresse zu deponieren. Dann aber, so Lenuweit, schl�gt sein Wachhund Alarm. Vorausgesetzt, man kann dem alten Suffkopf trauen, muss das so gegen ein Uhr heute Morgen gewesen sein. Wahr oder nicht, bis Lenuweit seinen Zerberus von der Leine l�sst, vergeht mindestens eine Minute. Genug Zeit, um sich d�nnzumachen, sollte man meinen.�</p><p>�Zumindest, was den �lteren der beiden T�ter angeht.�</p><p>�Genau.� Die H�nde immer noch im Nacken, stierte Sydow an die Decke und rief sich die Schilderung, die Lenuweit am Ort des Geschehens abgegeben hatte, ins Ged�chtnis zur�ck. �Der j�ngere hat jedenfalls nicht so viel Gl�ck, haupts�chlich, weil er bei Weitem nicht so gelenkig wie sein Kumpan gewesen zu sein scheint.�</p><p>�Weswegen er alle M�he hat, sich den Kl�ffer vom Leib zu halten.�</p><p>�Was ihm denn auch gelingt, jedoch nicht ohne Blessuren.� Sydow nahm die F��e vom Tisch, legte die Handfl�chen auf die Oberschenkel und sah Naujocks, der an den Sohlen seiner Slipper herumspielte, lange und eindringlich an. �Das Ende vom Lied: Unser junger Freund mit dem Konfirmandengesicht kann sich zwar retten, jedoch nicht seinen Passierschein, der ihm w�hrend des Gerangels mit dem Hund von Baskerville abhandengekommen ist. Was dessen offenbar alkoholisiertes Herrchen betrifft, gibt sich Lenuweit damit zufrieden, die vermeintlichen Diebe in die Flucht geschlagen zu haben, trottet zur�ck in sein Kabuff und gie�t sich ordentlich einen hinter die Binde. Ohne zu ahnen, aus welchem Grund ihm seine n�chtlichen Besucher auf die Pelle ger�ckt sind. Ergo: Es dauert noch etwa zw�lf Stunden, bis Juskowiak den Leichnam entdeckt. Dann, und erst dann, f�ngt�s bei Lenuweit an zu klingeln. Das hei�t, er spielt mal eben kurz Sherlock Holmes, begibt sich an den Ort des Geschehens und findet prompt den Passierschein, auf dem er das Konterfei des j�ngeren der beiden Tagediebe entdeckt. Aus Angst vor Scherereien zieht er es aber zun�chst vor, niemandem etwas von seinem Fund zu erz�hlen. Bis, ja bis ein gewisser Krokowski auftaucht und ihn nach Gutsherrenart in die Mangel nimmt.� Sydow krempelte die Hemds�rmel hoch und verfiel in tiefes Br�ten. �Denkst du, was ich denke, Waldi?�</p><p>Noch ehe Naujocks eine Antwort parat hatte, ging die T�r auf und ein vor lauter Tatendrang nur so spr�hender Eduard Krokowski st�rmte herein. �Und � irgendwelche Neuigkeiten?�</p><p>�Kann man wohl sagen,Tom!�, best�tigte Sydows Assistent mit der ihm eigenen und mitunter etwas schulmeisterlichen Art.</p><p>�Und die w�ren? Setz dich, Kroko, so viel Zeit muss sein.�</p><p>�Wenn der Herr Kriminalhauptkommissar gestatten, w�rde ich lieber stehen.�</p><p>�Noch einer, der meint, einen auf Scherzbold machen zu m�ssen. Womit hab ich das verdient!� Das Kinn auf die rechte Faust gest�tzt, w�hrend er mit den Fingern der anderen Hand auf dem Schreibtisch herumtrommelte, nickte Sydow seinem Assistenten auffordernd zu. �Stehen Sie bequem, Gefreiter Krokowski. Was gibt es Neues?�</p><p>�Herr Kriminalhauptkommissar werden zufrieden sein!�, schnarrte Krokowski, bevor er es f�rmlich aus ihm herauszusprudeln begann: �Was Blaschkowitz angeht, ist es mir gelungen, seine Adresse inklusive Telefonnummer und einige h�chst interessante Details �ber seine derzeitigen Lebensumst�nde ausfindig zu machen.�</p><p>�Um den k�mmern wir uns sp�ter, Kroko. Und was ist mit unserem Milchbubi aus Ostberlin?�</p><p>�Mit dem ist das so eine Sache.� Krokowski machte es gerne spannend, speziell dann, wenn es um Ergebnisse der eigenen Recherchen ging. Je l�nger er seine Zuh�rer auf die Folter spannen konnte, desto mehr Freude machte es ihm. �Na ja, um wen es sich auch immer handeln mag, fest steht, dass sein Passierschein gef�lscht worden ist.�</p><p>�Bist du dir da auch ganz ��</p><p>�Nicht ich, Tom, sondern die Kollegen aus dem kriminaltechnischen Labor. Und das ist l�ngst noch nicht alles.� Krokowski warf sich in Pose, reckte das Kinn, sodass die H�sslichkeit seiner blassgelben Fliege besonders gut zur Geltung kam, und lie� den Blick zwischen Sydow und Naujocks hin und her wandern. �So, und jetzt m�chtet ihr bestimmt wissen, was ich noch alles in petto habe.�</p><p>�Falls du es schaffst, vor deiner Pensionierung auf den Punkt zu kommen � gern.�</p><p>�Die M�he, einen gewissen Josef Malinowski ausfindig zu machen, brauchen wir uns gar nicht zu geben, Tom. Laut Einwohnermeldeamt Ost, zu dem ich enge Beziehungen unterhalte, gibt es ihn n�mlich �berhaupt nicht. Zumindest nicht dort, wo der Passierschein ausgestellt worden ist � in Pankow.�</p><p>�Beziehungen, Herr Kriminalkommissar, habe ich da eben richtig geh�rt? Du bist ja ein ganz Schlimmer.�</p><p>�Rein verwandtschaftlicher Natur, Tom � wo denkst du hin.�</p><p>�Deine Ausreden werden immer schlechter, Kroko�, warf Sydow ein, lie� sich von Krokowski den Passierschein aush�ndigen und nahm ihn genauer in Augenschein. �Trotzdem � mein Kompliment.�</p><p>�Kinderspiel�, wiegelte Krokowski ab, der das Lob, welches Sydow ihm zollte, in vollen Z�gen genoss. �Fragt sich nur, mit wem wir es in Wirklichkeit zu tun haben.�</p><p>�Und ob der Kerl, hinter dem wir her sind, �berhaupt von dr�ben kommt.�</p><p>Krokowski und Naujocks tauschten einen �berraschten Blick, enthielten sich jedoch jeglicher Kommentare.</p><p>�Eins kommt mir bei der ganzen Sache n�mlich Spanisch vor�, fuhr Sydow wie im Selbstgespr�ch fort, erhob sich und begann, hinter dem Schreibtisch auf und ab zu gehen.</p><p>�Was denn?�</p><p>�Die Tatsache, Waldi, dass er seinen Passierschein verloren hat.� Sydow blieb stehen, lie� die Hand �ber den Nacken gleiten und sagte: �Mal ehrlich, Jungs � wenn man einen Mord vertuschen will und seine Visitenkarte hinterl�sst, ist man ja wohl ��</p><p>�� d�mmer, als die Polizei erlaubt?�</p><p>�Genau, Elvis. Und was folgt daraus?�</p><p>�Dass die Ganoven, hinter denen wir her sind, absichtlich eine falsche F�hrte gelegt haben.�</p><p>�Kluges Kind.� Sydow umrundete den Schreibtisch und legte Naujocks die Hand auf die Schulter. �Und weshalb?�</p><p>�Na, um von sich abzulenken, weshalb den sonst?�</p><p>�Und aus welchem Grund?�</p><p>Naujocks, dem das Ganze allm�hlich zu bunt wurde, rollte mit den Augen. �An dir ist wirklich ein Oberlehrer verloren gegangen, Tom!�, murrte er, von Sydows Frage-und-Antwort-Spiel offenbar wenig angetan. �Worauf willst du eigentlich hinaus?�</p><p>�Denk doch mal nach, Waldi.� Sydow verpasste Naujocks einen sanften Schubs. �Wieso ausgerechnet ein Passierschein? Ausgestellt in Berlin-Ost?�</p><p>�Weil der Eindruck erweckt werden soll, dass es dort Leute gibt, die mit Blaschkowitz noch eine Rechnung offen hatten. Was wei� ich � vielleicht ist er deshalb ausgeb�chst. Soll ja hin und wieder vorkommen.�</p><p>�Und bei wem, du Diplom-Sp�rnase, k�nnte sich der gute Mann derart unbeliebt gemacht haben, dass er nach allen Regeln der Kunst exekutiert worden ist? Na, f�ngt�s demn�chst an zu klingeln?�</p><p>�Bei der Stasi, Herr Lehrer�, antwortete Naujocks treu und brav, drehte sich zu Sydow um und zwinkerte ihm spitzb�bisch zu. �Die aber bestimmt nicht so d�mlich gewesen w�re, ihre Visitenkarte in Form eines gef�lschten Passierscheines zu hinterlassen.�</p><p>�Wer also k�nnte deiner Meinung nach ein Interesse daran haben, von sich abzulenken und den Mord an Blaschkowitz dem VEB Horch, Guck und Greif<sup>33</sup> in die Schuhe zu schieben? Keine Bange, Waldi � gleich ist es geschafft.�</p><p>�Moment mal, Tom, du willst doch nicht etwa andeuten, dass der oder die M�rder von Blaschkowitz � du glaubst doch wohl nicht im Ernst, die CIA hat etwas damit zu tun?�</p><p>Sydow wandte sich ab und trat ans Fenster. �Und ob ich das glaube, Waldi!�, bekr�ftigte er. �Wiewohl ich einstweilen nicht in der Lage bin, meine Theorie zu � verdammt noch mal � kann man sich hier nicht mal in Ruhe unterhalten?� Den Passierschein immer noch in der Hand, ging Sydow zum Telefon und riss den H�rer von der Gabel. �Wer zum Teufel � ach, du bist�s, Heribert. Schlecht gelaunt � wie kommst du denn auf die Idee? Komm schon, lass h�ren!�</p><p>Im Verlauf des knapp einmin�tigen Gespr�chs, w�hrend dem sich seine Miene merklich aufhellte, warf Sydow den Passierschein auf den Schreibtisch, setzte sich und h�rte gespannt zu. �Bist du dir da auch ganz sicher?�, war alles, was er zu der Schilderung des Gerichtsmediziners zu sagen hatte, woraufhin er ein paar Dankesworte murmelte und den H�rer wieder auf die Gabel fallen lie�.</p><p>�Und � was hat der Leichenfledderer rausgekriegt?�, fragte Naujocks und sah Sydow erwartungsvoll an. Er konnte es sich nicht verkneifen, ihn auf den Arm zu nehmen: �Jetzt komm schon, lass h�ren.�</p><p>�Na, wer sagt�s denn!�, murmelte Sydow, zuerst Naujocks und dann Krokowski fest im Blick. �Hab mir schon so was gedacht.� Und weiter: �Also, wenn ihr mich fragt, Jungs, k�nnen wir uns auf einiges gefasst machen.�</p><p>�Nichts Neues, oder?�, erwiderte Naujocks und lie� seiner Frage gleich die n�chste folgen: �Wieso denn?�</p><p>�Weil jeder, selbst wenn er CIA-Agent ist, mitunter Fehler begeht.� Sydow griff nach seinen Zigaretten, widerstand jedoch der Versuchung, sich eine anzuz�nden und warf die Schachtel in den Abfalleimer. �Um euch nicht weiter auf die Folter zu spannen, M�nner: Laut Obduktionsbericht stammt die Kugel, die Blaschkowitz das Leben gekostet hat, aus einer ��</p><p>�� Parabellum 08, welche unter anderem von der CIA sowie diversen westlichen Geheimdiensten benutzt worden ist beziehungsweise immer noch benutzt wird�, vollendete Krokowski in dem Bem�hen, erneut bei Sydow zu punkten. �Tja, wenn man der Konkurrenz schon die Schuld in die Schuhe schieben will, sollte man auch ihre Schie�pr�gel benutzen.�</p><p>�Eben.�</p><p>�Oder sich erst gar nicht erwischen lassen.�</p><p>�Ganz deiner Meinung, Kroko.� Sydow knipste die Schreibtischlampe an und betrachtete den Passierschein genauer. �Kommt vermutlich mit einer Rasur pro Woche aus�, bemerkte er. �Das reinste Unterprimanergesicht.�</p><p>�Und so was ist bei der CIA!�, lie� Naujocks mit Blick auf das Lichtbild verlauten, auf dem ein blutjunger, anscheinend gerade einmal 20 Jahre alter Mann mit Brille und Seitenscheitel zu erkennen war. �Kein Wunder, dass die es zu nichts bringen.�</p><p>�An deiner Stelle w�re ich da etwas vorsichtig, Waldi�, tadelte Sydow seinen Kollegen, w�hrend dieser sich zur�cklehnte und seiner Bemerkung eine wegwerfende Handbewegung folgen lie�. �Besonders, was den Zweiten im Bunde angeht. Zu dumm, dass wir keine genaue Beschreibung von ihm haben, was, Kroko?�</p><p>Der Angesprochene pflichtete ihm wohl oder �bel bei. �Gro�, athletisch, kurzes Haar� mehr habe er nicht erkennen k�nnen, sagt Lenuweit.�</p><p>�Hei�t, wir stecken in einer Sackgasse�, grummelte Naujocks, zur Abwechslung einmal mit seinem Schlipps besch�ftigt, der von dem seines gro�en Vorbildes nicht zu unterscheiden war. �Gut m�glich, dass der CIA-Killer, von dem wir gerade reden, l�ngst �ber alle Berge ist.�</p><p>�Athletisch, aha.� Nicht ganz bei der Sache, hatte Sydow den Kommentar seines Kollegen nur am Rande registriert, richtete sich auf und starrte mit nachdenklicher Miene an die gegen�berliegende Wand, wo eine Karte von Berlin und Umgebung hing. Mehr als 16 Jahre nach dem Krieg war die Stadt immer noch in zwei H�lften geteilt, und es stand zu bef�rchten, dass dieser Zustand weiter andauern w�rde. H�ben wie dr�ben war man zu keinerlei Konzessionen bereit, wobei kein Zweifel bestand, wer in dieser Stadt die F�den zog. Sydows Blick verengte sich. Zwei Morde innerhalb weniger Stunden, und vieles, wenn nicht gar alles, deutete darauf hin, dass die Herren aus Langley ihre Finger mit im Spiel hatten. Hier ein unbekannter Toter in der S-Bahn, dort ein eher unscheinbarer Fl�chtling aus der Ostzone, der auf ebenso mysteri�se Weise ums Leben gekommen war. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem man die Spannung, die �ber der Stadt lag, buchst�blich mit H�nden greifen und nicht voraussehen konnte, was einem der n�chste Tag bescheren w�rde. Nicht unbedingt ratsam, dachte Sydow, sich in einer derartigen Situation mit der CIA anzulegen. Doch w�re er nicht der gewesen, f�r den ihn seine Kollegen hielten, wenn er mir nichts, dir nichts klein beigegeben und die Spur, auf die er gesto�en war, geflissentlich ignoriert h�tte. Da kannten ihn die Herren, mit denen er es zu tun bekommen hatte, aber schlecht. Hatte er erst einmal Lunte gerochen, war er nicht mehr zu bremsen, vor allem, wenn die Amerikaner glaubten, Recht und Gesetz nach Belieben brechen zu k�nnen und sich ihre Methoden von denjenigen gew�hnlicher Krimineller nicht im Geringsten unterschieden.</p><p>In diesem Fall, so sein fester Entschluss, w�rden sie es mit einem gewissen Tom Sydow, von Beruf Kriminalhauptkommissar, zu tun bekommen. Komme, was wolle. �Eins gebe ich euch schriftlich, Jungs.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Wenn die Amis denken, sie k�nnen machen, was sie wollen, haben sie sich geschnitten. Darauf gebe ich dir mein Wort, Kroko. Und dir auch, Waldi.�</p><p>�Und was, bitte sch�n, gedenkst du nun zu tun?�, fragte Naujocks, auf den die bevorstehenden Ermittlungen nicht gerade ermutigend zu wirken schienen. �Dir ist doch wohl klar, auf was wir uns eingelassen haben, oder?�</p><p>�Hei�t das, du bist der gleichen Meinung wie ich?�, fragte Sydow spitz.</p><p>�Nat�rlich ist er der gleichen Meinung wie du, Tom!�, beeilte sich Krokowski zu antworten, in seinem Tatendrang wie immer nicht zu bremsen. �Was im �brigen auch f�r meine Wenigkeit gilt. So etwas kann und darf man nicht tolerieren, selbst wenn wir dabei Kopf und Kragen riskieren.�</p><p>�Das hast du aber sch�n gesagt, Kroko!�, pflichtete Sydow seinem Assistenten bei, der es offenbar nicht abwarten konnte, mit dem gef�hrlichsten Gegner weit und breit die Klingen zu kreuzen. �Dann wollen wir drei der CIA mal ordentlich auf die Pelle ��</p><p>�Gar nichts werden Sie, Sydow. Und Sie beide auch nicht.� Es gab Leute, deren Namen er sich nicht merken konnte. Und es gab diejenigen, deren Aussehen er sich erst wieder ins Ged�chtnis rufen musste. Und es gab seinen Vorgesetzten, Kriminalrat Oel�ner. Ihn erkannte Sydow mit verbundenen Augen, ohne auch nur aufblicken oder den Blick zur T�r richten zu m�ssen. �Merken Sie sich das!�</p><p>�Und das bei meinem Ged�chtnis, Herr Kriminalrat. Ist das nicht ein bisschen viel ��</p><p>�Sparen Sie sich Ihre impertinenten Scherze, Sydow. Darauf kann ich im Moment verzichten.� Ferdinand Oel�ner, 36 Jahre, bis vor f�nf Jahren noch Streifenpolizist und im Rekordtempo zum Kriminalrat avanciert, war ein Mann, mit dem nicht zu spa�en war. Seine Anh�nger, zu denen Sydow wei� Gott nicht geh�rte, konnte man an einer Hand abz�hlen, und er fragte sich, wie es der arrogante, besserwisserische und zugekn�pfte Hannoveraner bis an die Spitze der Kriminaldirektion II gebracht hatte. An seiner Ausstrahlung konnte es jedenfalls nicht gelegen haben, denn �ber so etwas verf�gte er definitiv nicht. Er sah viel �lter aus, als er war, hatte graublaue, nahezu wimpernlose Augen und eine Stimme, die so klang, als habe man einen Feldwebel vor sich.</p><p>�Darf man fragen, was Sie zu mir f�hrt?� Bei Typen wie Oel�ner lief Sydow zur Hochform auf, selbst dann, wenn er auf verlorenem Posten stand. �Ach ja, noch etwas: guten Abend, Herr Kriminalrat. Sch�nes Wetter, finden Sie nicht auch?�</p><p>�Ich f�rchte, das Witzerei�en wird Ihnen noch vergehen.�</p><p>�Ach, ja?�</p><p>Oel�ners blutleere Lippen kr�uselten sich, und sein Adamsapfel bewegte sich wie ein Jo-Jo auf und ab. �Ja, Sydow�, bekr�ftigte der mittelgro�e, dank blank poliertem Sch�del, Stehkragen und graublauer Weste wie sein eigener Gro�vater aussehende Chef von mehreren Dutzend Beamten und griente Sydow siegesgewiss an. �Und wissen Sie auch, warum?�</p><p>�Etwa, weil ich bef�rdert worden bin?�</p><p>�Nein, Sydow�, konterte Oel�ner mit einem Gesicht, das nichts Gutes ahnen lie�. �Weil Sie n�mlich Feierabend machen, nach Hause gehen und sich ein sch�nes Wochenende genehmigen d�rfen. Im Klartext: Der Fall, an dem Sie arbeiten, ist so heikel, dass man ihn jemandem wie Ihnen nicht anvertrauen kann. Dasselbe gilt f�r Ihre Kollegen.�</p><p>�Mag sein. Aber jemandem wie Ihnen ja wohl auch nicht, oder?�</p><p>�Na sch�n, Herr Hauptkommissar � ganz wie Sie wollen.� Oel�ners Eidechsenaugen weiteten sich, und ein Grinsen trat auf sein Gesicht. �Sie werden verstehen, Herr Kollege, dass ich nicht geneigt bin, mir eine derartige Frechheit bieten zu lassen. Schon gar nicht im Beisein von Mitarbeitern. Das bedeutet, ich sehe mich gezwungen, Sie bis auf Weiteres vom Dienst zu suspendieren. Guten Abend, die Herren � und einen angenehmen Feierabend!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>18</p><p><emphasis>Oberkommando der Sowjetischen Streitkr�fte in W�nsdorf, rund 40 Kilometer s�d�stlich von</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin | 19.55 h</emphasis></p><p>�Verraten � die gesamte Operation?� Iwan Stepanowitsch Konew, Marschall der Sowjetunion und sowjetischer Oberkommandierender in Deutschland, fehlten die Worte. So etwas hatte er in seiner nun schon �ber 40 Jahre w�hrenden Milit�rlaufbahn nur selten erlebt, und erlebt hatte er seit der Eroberung Berlin im Jahre 1945 eine Menge. Das galt vor allem f�r seine Rolle als Oberkommandierender der Ersten Ukrainischen Front, wo er im Wettstreit mit seinem Rivalen Schukow, dem Eroberer der Stadt, letztendlich das Nachsehen gehabt hatte. Geschadet hatte dies seiner Karriere nicht, war er doch bis zu seiner Pensionierung, die von Chruschtschow erst vor Kurzem r�ckg�ngig gemacht worden war, sogar stellvertretender Verteidigungsminister gewesen. �Sagen Sie das bitte noch einmal, Genosse Generalsekret�r!�</p><p>Der Mann am anderen Ende der Leitung, just der, dem er die abrupte Beendigung seines Rentnerdaseins und die postwendende Entsendung in die DDR zu verdanken hatte, kam seinem Ansinnen prompt nach. Danach musste sich Konew erst einmal setzen. �Das darf doch nicht wahr sein!�, murmelte er, gerade so, als spr�che er mit sich selbst. Mit allem hatte er gerechnet. Wirklich mit allem. Nur mit so einer Blamage nicht. Konew nahm seine Uniformm�tze ab, warf sie achtlos auf den mit Karten, Depeschen und Einsatzbefehlen �berh�uften Schreibtisch und riss den Kragenknopf seiner Marschallsuniform auf. Anders als sonst war Chruschtschow offenbar nicht nach Scherzen zumute, was angesichts des Schnitzers, den sich Ulbricht geleistet hatte, ja auch kein Wunder war.</p><p>�Dieser Ulbricht. Nicht einmal das kriegt er hin!� Noch w�hrend Nikita Chruschtschow, der Erste Sekret�r des ZK der KPdSU, seinem Zorn freien Lauf und eine wahre Flut von Beschimpfungen vom Stapel lie�, goss sich der 63-j�hrige, etwas beleibte Russe mit dem kahl geschorenen Charakterkopf einen Wodka ein und machte sich Gedanken, wie der Schaden, den seine ostdeutschen Genossen angerichtet hatten, wieder zu beheben sein w�rde. Eine L�sung hatte freilich auch er nicht parat, daf�r jedoch jede Menge Spott und Hohn. �Besser, wir h�tten ihn 53 abges�gt.�</p><p>�Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben, Iwan Stepanowitsch?�</p><p>�Tut mir leid, Nikita Sergejewitsch � wenn ich so etwas h�re, k�nnte ich die glatte Wand hochgehen.� Konew genehmigte sich einen Wodka und wartete ab, bis er seine Wirkung sp�rte. Diese trat denn auch prompt ein, wodurch die Gefahr, dass der Gaul mit ihm durchgehen w�rde, einstweilen beseitigt war. �Fragt sich, ob es nicht besser w�re, endlich N�gel mit K�pfen zu machen. Operation Rose � wenn ich das schon h�re. Das konnte ja nicht gut gehen.� Konew holte tief Luft, lie� den H�rer von der linken in die rechte Hand wandern und grollte: �Ein Rat unter Freunden, Towarischtsch<sup>34</sup> � es ist h�chste Zeit, dass wir den Amerikanern zeigen, wer der Herr im Hause ist. Ganz Berlin ist umstellt, unter anderem von Einheiten der Ersten Motorisierten Division der 20. Armee. Allein unsere ostdeutschen Waffenbr�der haben �ber 40.000 Mann aufgeboten, mehr als das Dreifache dessen, was die Alliierten derzeit zur Verf�gung haben. Unsere eigenen Streitkr�fte, von denen in den vergangenen Tagen und Wochen ein erheblicher Teil in und um Berlin stationiert worden ist, selbstverst�ndlich nicht mitgerechnet. Alles in allem um die 120.000 Mann, genug, um mit den Yankees fertig zu werden, finden Sie nicht auch?�</p><p>�Auf gar keinen Fall, Konew. Das ist ein Befehl.�</p><p>�Und was ist, wenn die Amerikaner einen Pr�ventivschlag f�hren? Nur damit ich wei�, was zu tun ist, wenn es so weit ist. Gut m�glich, dass Sie dann nicht mehr zu erreichen sein werden, Genosse�, bohrte der Sowjetmarschall nach, nicht gewillt, ohne Weiteres klein beizugeben.</p><p>�Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus, Konew. So lange Kennedy Pr�sident ist, wird das nicht passieren. Und wissen Sie auch, wieso? Dieser Ostk�sten-Playboy hat die Hosen gestrichen voll. Gro�e Klappe, aber nichts dahinter. Mit dem k�nnen wir Blindekuh spielen, Iwan Stepanowitsch.�</p><p>�Wenn es so ist, wie Sie sagen, Towarischtsch, warum lassen wir es dann nicht drauf ankommen und erteilen den Imperialisten eine Lektion?�</p><p>�Nichts dagegen, Herr Marschall, wenn auch nicht so, wie es Ihnen vorschweben mag.� Im Gegensatz zu sonstigen Gewohnheiten lie� sich Chruschtschow von seinem Untergebenen nicht aus der Reserve locken und schlug einen vers�hnlichen Tonfall an. �Wenn die Zeit reif daf�r ist, werden wir die Yankees vorf�hren und vor aller Welt l�cherlich machen. Darauf k�nnen Sie sich verlassen. Aber wenn, dann nicht in Berlin. Da werden wir in der Defensive bleiben, um jeden Preis.�</p><p>�Um jeden?�</p><p>�Damit wir uns richtig verstehen, Iwan Stepanowitsch: Sollte es zum �u�ersten kommen, sind Sie befugt, jedwede Mittel anzuwenden, um einer Aggression in angemessener Form zu begegnen.�</p><p>F�rs Erste zufrieden, erhob Konew keine Einw�nde mehr und l�chelte zufrieden vor sich hin. �Eine Frage noch, Genosse Chruschtschow�, f�gte er schlie�lich an, nachdem er die Details der geplanten Operation nochmals dargelegt und mit der Nummer eins der KPdSU durchgesprochen hatte. �Kann es sein, dass Sie mit dem Gedanken spielen, Atomraketen auf Kuba ��</p><p>Doch Chruschtschow lie� ihn gar nicht erst ausreden. �Zukunftsmusik, Iwan Stepanowitsch�, erwiderte er freundlich, aber bestimmt. �Wer wei�, was in den n�chsten Jahren noch so alles passieren wird. Dieses Jahr werden wir es dabei belassen, die Yankees an der Nase herumzuf�hren.� Ein hintergr�ndiges Lachen drang an Konews Ohr. �Nur Mut, Iwan Stepanowitsch, Sie kriegen das schon hin. Und nicht vergessen, kein Schuss ohne meine ausdr�ckliche Genehmigung. Es sei denn, die Amerikaner sind so d�mlich und machen ernst. Aber keine Sorge. So weit wird es bestimmt nicht kommen. Doswidanja<sup>35</sup>, Marschall Konew � und eine geruhsame Nacht.�</p><p>�Ebenfalls.� In seinem Groll, dem er durch ein Tippen an die Stirn Luft machte, schleuderte Konjew den H�rer so heftig auf die Gabel, dass er das gleichzeitige Klopfen nicht bemerkte und sich wieder an die Arbeit machte. Gerade jetzt, vier Stunden vor der geplanten Operation, gab es noch jede Menge zu tun. Depeschen mussten unterzeichnet, Lageberichte studiert und alle nur erdenklichen Ma�nahmen getroffen werden. Dabei konnte er niemanden brauchen, zumindest w�hrend der n�chsten halben Stunde nicht.</p><p>Sein Wunsch ging allerdings nicht in Erf�llung. Es klopfte erneut, derma�en laut, dass Konew ver�rgert in die H�he fuhr. �Was ist denn jetzt schon wieder, verdammt noch mal!�, polterte der einstige Kriegsheld, als er den Kopf zur T�r drehte und seinen Adjutanten auf der Schwelle stehen sah. �Verdammt, kann man hier nicht mal f�nf Minuten seine Ruhe haben?�</p><p>Der gedrungene Kirgise, h�chstens halb so alt und 20 Kilo leichter wie sein korpulenter Vorgesetzter, machte eine beschwichtigende Geste und zog die Schultern im Zeitlupentempo in die H�he. �Ich f�rchte Nein, Genosse Kommandeur�, druckste er herum, bevor er sich in die H�hle des L�wen wagte und die T�r kaum h�rbar ins Schloss fallen lie�. �Es gibt da n�mlich etwas, wor�ber Sie im Bilde sein sollten.�</p><p>�Doch nicht etwa schon wieder eine Panne, Kulikowski, oder?�, fragte Konew, eine Depesche in der Hand, die ihn vor einer Viertelstunde erreicht hatte. �F�r so etwas sind diese Trottel in Pankow n�mlich immer gut.�</p><p>Kulikowski, der seine tatarische Abstammung nicht verleugnen konnte, wog bed�chtig das Haupt. �Das nun nicht gerade, Ge��</p><p>�Was zum Teufel denn dann? Spucken Sie�s aus, Leutnant Kulikowski, ich habe noch etwas vor!�</p><p>�Die Sache ist die, Genosse Sowjetmarschall. Vor gut einer Stunde hat unser Radar ein unbekanntes Flugobjekt erfasst, vermutlich auf dem Weg von Ramstein nach Berlin.�</p><p>�Vermutlich?�</p><p>�Das genau ist das Problem. Etwa 20 Kilometer vom alliierten Luftraum entfernt, also noch �ber DDR-Gebiet, ist der Flugk�rper pl�tzlich vom Radarschirm verschwunden.�</p><p>�Einfach so?�</p><p>�Um es vorwegzunehmen: <emphasis>Wir</emphasis> waren es nicht, Genosse Kommandeur. �berhaupt war das Schei�ding sehr schnell, verdammt schnell sogar.� Kulikowski legte eine Kunstpause ein. Erst dann r�ckte er mit der Wahrheit heraus und gestand: �Unsere Abfangj�ger waren einfach zu langsam, Towarischtsch, die haben nur noch die Kondensstreifen gesehen.�</p><p>�Wie immer.� Der schlechten Nachrichten allm�hlich �berdr�ssig, st�tzte sich Konew auf der Tischplatte ab und stemmte seinen massigen Rumpf in die H�he. �Allm�hlich wird mir die Angelegenheit wirklich zu bunt�, erboste er sich, kurz davor, seine Wut an einem Briefbeschwerer abzureagieren, den er mit der rechten Hand umklammert hielt. �H�chste Zeit, dass wieder mal ein paar K�pfe rollen.�</p><p>�Tut mir leid, Genosse Kommandeur, aber das ist l�ngst noch nicht alles.� Kulikowski schluckte, brachte indes nach kurzem Z�gern den Mut auf, den Funkspruch hervorzukramen, welchen er in seiner Uniformjacke verwahrt hatte. �Erst ein paar Minuten alt, Genosse�, erl�uterte er mit Leichenbittermiene. �Von einem unserer Kommandeure.�</p><p>Auf das Schlimmste gefasst, riss Konew seinem Adlatus das ockerfarbene Blatt aus der Hand, las es und wurde feuerrot im Gesicht. �Was hat denn das jetzt schon wieder zu bedeuten?�, schimpfte er, auf dem besten Weg, endg�ltig die Fassung zu verlieren. �Ein Wrack, vermutlich amerikanisches Milit�rflugzeug? Was zum Teufel soll das hei�en? Vermutlich � wenn ich das schon h�re. Sagen Sie mal, Kulikowski � sind die da drau�en tats�chlich so d�mlich, wie sie tun? Zu dumm, um ein amerikanisches Flugzeug zu identifizieren, das muss man sich mal vor ��</p><p>�Nicht zu dumm, Genosse Sowjetmarschall, sondern schlicht und einfach nicht in der Lage.�</p><p>�Wieso, verdammt noch mal?�</p><p>�Zum einen, weil die Wrackteile �ber eine Fl�che von mehreren Quadratkilometern verstreut sind. Das kann dauern, Genosse Kommandeur, so wie es aussieht, mindestens bis morgen fr�h.�</p><p>�Nur keine kapitalistische Hast!�, fl�chtete sich Konew in Galgenhumor, drehte Kulikowski den R�cken zu und schirmte sein Gesicht gegen das grelle Abendrot ab, das ihm durch das Fenster entgegenflutete. �Und zum anderen?�</p><p>�Es mehren sich die Anzeichen, Iwan Stepanowitsch, derentwegen man zu dem Schluss kommen kann, dass es an Bord des amerikanischen Flugzeugs vor dem Absturz zu einer heftigen Explosion gekommen ist. So zumindest die Augenzeugen aus einem Dorf in der N�he. Derma�en heftig, dass es unseren Spezialisten schwerfallen d�rfte, s�mtliche Wrackteile zu bergen.�</p><p>�Wozu auch. �berlebende d�rfte es wohl kaum gegeben haben.�</p><p>Kulikowski schlug seine mandelf�rmigen Augen weit auf und lie� den Blick zwischen seinen auf Hochglanz polierten Stiefeln hin und her wandern. �Bei allem geh�rigen Respekt, Genosse Oberkommandierender. Ich denke, Sie ziehen die falschen Schl�sse.�</p><p>�Ach, ja? Dann seien Sie bitte so gut und kl�ren mich auf.� Konew rieb den Zeigefinger an seiner Nase und hielt es offenbar nicht f�r n�tig, seinem Adjutanten ins Gesicht zu blicken. �Wer wei�, vielleicht machen Sie am Ende noch Karriere. In Sibirien, meine ich.�</p><p>An diese und andere Drohungen l�ngst gew�hnt, lie� sich Kulikowski jedoch nicht beirren. �Das eigentlich Erstaunliche an der Sache ist n�mlich, dass unsere Experten nicht die geringste Spur menschlicher �berreste entdeckt haben.�</p><p>�Wie auch, bei einer derartigen Explosion.�</p><p>�Damit wir uns richtig verstehen, Genosse: keinerlei Spuren. Keine Leichenteile, Kleidungsst�cke � nichts.� Um seine Pointe richtig zu platzieren, schwieg sich Konews Adjutant geraume Zeit aus. �Und auch keine Uniformen. Meiner Ansicht nach ein Indiz daf�r, dass sich die Besatzung zum Zeitpunkt der Explosion nicht mehr an Bord befunden hat.�</p><p>�Aber wieso � ich meine, weshalb � Moment mal, Sie wollen doch nicht etwa damit sagen, dass ��</p><p>Zum ersten Mal seit seinem Eintreten huschte ein L�cheln �ber Kulikowskis wettergegerbtes, von dunklen Bartstoppeln besprenkeltes Gesicht. �Dass die Amerikaner irgendeine Teufelei ausgeheckt haben, in der Tat! Fragt sich nur, welche.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>F�NF</p><empty-line/><p><emphasis>�Auch der westdeutsche Nachrichtendienst BND schnappte dies und jenes auf. (�) Tats�chlich hatte Chruschtschow Ulbrichts Plan einige Tage zuvor schlie�lich sein Plazet erteilt.�</emphasis></p><p>(Aus: Frederick Taylor: Die Mauer, 13. August 1961 bis 9. November 1989. M�nchen 2009, S. 195)</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>URANUS</p><p><emphasis>Rangsdorf / Berlin</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(13.08.1961)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>19</p><p><emphasis>Sowjetische Raketenbatterie n�rdlich von Rangsdorf, knapp zehn Kilometer vom amerikanischen Sektor entfernt | 20.05 h</emphasis></p><empty-line/><p>Auf seine Bef�rderung zum Feldwebel und seine nagelneue olivfarbene Uniform war Alexei Komarowski, Kosename Aljoscha, immer noch stolz. Fast so stolz wie auf den Auftrag, mit dem er von seinem Kommandeur, einem b�rbei�igen Weisrussen, betraut worden war. Der Herr Oberstleutnant hatte ihm n�mlich das Kommando �ber eine Raketenbatterie �bertragen, ihm, der er gerade einmal 20 war. Das musste man sich mal vorstellen. Nat�rlich war er geschmeichelt, wer an seiner Stelle w�re das nicht gewesen. Und nat�rlich hatte er sofort Ja gesagt.</p><p>Dass er damit sein eigenes Todesurteil unterschreiben w�rde, hatte er freilich nicht ahnen k�nnen.</p><p>Alexei Komarowski, wohnhaft in Swerdlowsk, war gro�, kr�ftig, hellh�utig und ausgesprochen gern Soldat. Aus eben jenem Grund hatte er die ihm anvertraute Batterie stets auf ihre Gefechtstauglichkeit �berpr�ft. Nichts, aber auch rein gar nichts hatte der Sibirier mit dem Chorknabengesicht dem Zufall �berlassen. So ein Mehrfachraketenwerfer vom Typ BM-21 war schlie�lich ein hochsensibles Ger�t, da durfte einem kein Schnitzer unterlaufen. Eine Geheimwaffe sozusagen, frisch aus der Fabrik. In ein, voraussichtlich aber erst zwei Jahren w�rde die neue Wunderwaffe in Serie gehen. Bis dahin w�rde er, Aljoscha Komarowski, zu den wenigen Auserw�hlten geh�ren, denen es gestattet war, einen Blick auf sie zu werfen und, falls n�tig, Gebrauch von ihr zu machen. Dass der Tod bereits auf der Lauer lag und in K�rze die Hand nach ihm ausstrecken w�rde, w�re ihm nicht im Traum eingefallen.</p><p>Um dies vorauszuahnen, h�tte Alexei Komarowski freilich Hellseher sein m�ssen. Deutete doch jetzt, genau sieben Minuten nach acht, nicht das Geringste auf die sich anbahnende Katastrophe hin. Aljoscha war bester Stimmung, in seinem Eifer kaum zu bremsen. Wenn die zu Hause mich jetzt sehen k�nnten!, schwelgte er. Mich und diesen nagelneuen Raketenwerfer. Das Beste vom Besten. In drei Minuten einsatzbereit, 40 Werferrohre. Macht zusammen 40 Raketen in sage und schreibe 20 Sekunden. Kampfbereit in sechs Minuten, Reichweite gut und gerne 20 Kilometer. Idiotensichere Bedienungskonsole, hohe Treffergenauigkeit. Dazu f�nf weitere Mehrfachraketenwerfer. Beziehungsweise 200 Raketen. Da konnten die Amis nicht mithalten. Im Leben nicht.</p><p>Noch Fragen, Mister Kennedy?</p><p>Blieb die �berpr�fung der Zieldaten. Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte Aljoscha diese Prozedur zwar bereits hinter sich gebracht. Zufrieden war er jedoch noch lange nicht. Ohne sich gro� um seine Kameraden zu k�mmern, die irgendwo in der Gegend herumlungerten, trat er deshalb an die Bedienungskonsole und checkte alles ein weiteres Mal durch. Wie immer, wenn er dies tat, hatte er weder Augen noch Ohren f�r seine Umgebung, voll und ganz auf seine Aufgabe konzentriert. F�r den Fall, dass es zum Krieg kommen w�rde, bestand diese darin, die Zufahrtswege nach Berlin unter Beschuss zu nehmen und die alliierte Garnison in Berlin vom Nachschub aus dem Westen abzuschneiden. Eine Aufgabe so recht nach Aljoschas Geschmack, weshalb er sichergehen wollte, dass nichts dem Zufall �berlassen blieb. Eine Gewohnheit, die ihm jetzt, um 20.12 Uhr Berliner Zeit, zum Verh�ngnis werden w�rde.</p><p>Der Tod kam lautlos, in Gestalt eines CIA-Agenten im Tarnanzug und mit ru�geschw�rztem Gesicht. Und er kam schnell. �beraus schnell. So rasant, dass Alexei Komarowski, beheimatet in der Oktiabria-Stra�e in Swerdlowsk, davon kaum etwas bemerkte. Der Dolch, den ihm der wie aus dem Nichts aufgetauchte Angreifer von hinten zwischen die Rippen rammte, war spitz, der Sicherheit halber mit Nervengift �berzogen worden und so scharf, dass er seine Herzkammer in null Komma nichts durchbohrte. Aljoscha hatte nicht einmal mehr Zeit zum Nachdenken, genauso wenig wie seine Kameraden, die von den insgesamt acht Angeh�rigen der CIA-Sondereinheit in Sekundenschnelle liquidiert wurden.</p><p>So lautlos, dass es schien, als sei alles nur ein Spuk gewesen.</p><p>Doch dem war nicht so. Kaum hatten Aljoscha und die Kameraden aus seiner Batterie ihr Leben ausgehaucht, versammelten sich die acht Angreifer um den Lkw vom Typ Ural 375B, auf den einer der Raketenwerfer montiert worden war. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Das war auch nicht n�tig. Jeder Schritt, jedes Detail, jeder noch so unbedeutende Handgriff des riskanten Kommandounternehmens war zuvor immer wieder besprochen, ge�bt und bis zum �berdruss durchgeprobt worden. Jeder einzelne der acht Spezialagenten, von denen keiner den Namen seiner Gef�hrten kannte, war ein Experte auf seinem Gebiet, die einen im T�ten, die anderen im Bedienen russischer Raketenwerfer. Ihre Ausbilder daheim in Langley hatten an alles gedacht, sogar daran, dass es von Vorteil war, wenn einer von ihnen Russisch sprach.</p><p>Dass es sich bei der Operation mit dem Codenamen Uranus um ein Himmelfahrtskommando handelte, war ihnen dennoch bewusst. Bis zum Point Zero, dem Zeitpunkt, an dem die Raketen auf die jeweiligen Ziele in den westlichen Sektoren abgefeuert werden sollten, konnte noch eine Menge passieren. W�re es nach ihrem Anf�hrer gegangen, h�tte er die Raketen startklar gemacht, aus allen Rohren gefeuert und anschlie�end die gesamte Werferbatterie in die Luft gejagt. Lieutenant Major Skip McClellan, ein drahtiger, robuster und �beraus z�her Veteran aus dem Koreakrieg, hatte jedoch den K�rzeren gezogen. Aus Gr�nden, die ihm selbst zwar nicht ganz klar waren, nach denen er aber dennoch nicht zu fragen gewagt hatte. Raketenabschuss um 3.45 Uhr Berliner Zeit, eine Viertelstunde vor dem n�chsten Wachwechsel. Und keine Sekunde fr�her. Daran musste er sich halten, ob aus �berzeugung oder nicht. Befehl war nun einmal Befehl.</p><p>Und Calabrese der Boss.</p><p>Zu tun gab es mehr als genug, sowohl f�r McClellan wie auch die �brigen Angeh�rigen des Trupps. �Zielkoordinaten �ndern!�, wies er den ebenfalls maskierten, jedoch bei Weitem nicht so durchtrainierten und mindestens einen Kopf kleineren Agenten neben ihm an. Der wiederum gehorchte prompt, ohne auch nur eine Sekunde zu z�gern, entschl�sselte den Zugangscode, als sei dies alles nur ein Kinderspiel, und klapperte mit den spindeld�rren Fingern auf den mit kyrillischen Buchstaben versehenen Tasten herum. Purgatschow, so sein richtiger Name, kannte sich bestens aus, nicht nur, weil er das Kind russischer Emigranten, sondern auch ein ausgewiesener Dechiffrierexperte war.</p><p>Kurz vor dem Ende der komplizierten Prozedur, mit Blick auf den Zettel, den ihm McClellan vor die Nase hielt, geriet der untersetzte Westpoint-Absolvent mit dem dunklen Dreitagebart und auff�llig gro�en Riechorgan ins Stocken. �Warten Sie mal, Sir!�, forderte er seinen Nebenmann auf, �Warten Sie � da stimmt etwas nicht.�</p><p>McClellan gab sich ahnungslos. �Und was sollte Ihrer Meinung daran nicht ��</p><p>�Die Zielkoordinaten, Sir�, lautete die hektische Antwort, nachdem sich Purgatschow �berzeugt hatte, dass ihm kein Fehler unterlaufen war. �Wenn die nicht falsch sind, will ich Nikita Chruschtschow hei�en.�</p><p>�Ach, ja?�</p><p>�Ich sag mal so, Sir � h�tten wir die V�gel alle abgefeuert, w�rde an bestimmten Stellen im amerikanischen Sektor vermutlich kein Stein mehr auf dem anderen stehen.� Purgatschow nahm die Hand von der Konsole und atmete ger�uschvoll aus. �M�chte wissen, was f�r ein Idiot uns das eingebrockt hat�, wetterte er mit Blick auf die Liste, die soeben in McClellans Ges��tasche verschwand, drauflos. �So dumm kann man ja wohl wirklich nicht sein. Die falschen Ziele anzugeben � man sollte es nicht f�r m�glich halten. Wenn mir der Kerl unter die Augen kommt, kann er was er ��</p><p>Trotz all seiner Cleverness war Igor Michailowitsch Purgatschow ein Zeitgenosse mit einem ausgesprochen hitzigen Naturell. Wenn ihm etwas gegen den Strich ging, gab es f�r ihn kein Halten mehr. Und auch keinen Vorgesetzten, auf den er R�cksicht nehmen musste. Dann gab es nur noch ihn, Purgatschow, und seinen J�hzorn, der ihn alles ringsum vergessen lie�.</p><p>So wie jetzt, 20 Minuten nach acht.</p><p>�� leben.� Kaum hatte Purgatschow Luft geholt, um der zu erwartenden Serie von Fl�chen den entsprechenden Nachdruck zu verleihen, sp�rte er pl�tzlich die M�ndung eines Schalld�mpfers an seiner Schl�fe. Und h�rte die Worte �Was denn?� und das unterdr�ckte Lachen aus dem Mund von McClellan, der sich �ber die Begriffsstutzigkeit seines Dechiffrierexperten lustig machte.</p><p>Obwohl es nicht das Geringste zu lachen gab.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>20</p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Yorckstra�e | 20.35 h</emphasis></p><p>�Suspendiert!�, wetterte Sydow, trank seinen Doppelten Marke Beefeater auf ex und bestellte sich umgehend das n�chste Glas. Der Barkeeper, ein treuer Gef�hrte aus Junggesellentagen, lie� sich nicht lange bitten und stellte die Flasche mit dazu. �Wenn Oel�ner glaubt, er kriegt mich auf die Art klein, hat er sich geschnitten.�</p><p>�Selbst schuld.�</p><p>�Ja, ja � ich wei�, Kroko�, grummelte Sydow und schob das Gin-Glas mit griesgr�miger Miene auf die Seite. �Dumm von mir, gleich auf die Barrikaden zu gehen.�</p><p>�Eben.�</p><p>�Darauf hat dieser Schn�sel n�mlich nur gewartet�, bekr�ftigte Naujocks, stibitzte Sydows Glas und trank es rasch leer. �Zumal er dich seit geraumer Zeit auf dem Kieker zu haben scheint.�</p><p>�Kieker oder nicht � fest steht doch wohl, dass der Herr Kriminalrat beabsichtigt, uns aufs Abstellgleis zu schieben.�</p><p>�Was zeigt, dass wir dabei sind, ein verdammt hei�es Eisen anzufassen�, schloss Krokowski, dem die Tatsache, dass er sich in einem der verrufensten Kneipen von ganz Kreuzberg aufhielt, ganz offensichtlich auf den Magen geschlagen hatte. Seine Sinalco hatte er bislang nicht anger�hrt, auch so wirkte er aber nicht gerade entspannt. Von sich aus h�tte er sich wohl niemals hierher verirrt, und selbst wenn, h�tte ihn die Schummerbeleuchtung, der Zigarettenrauch, die Musik aus der Jukebox und die leicht bekleideten Damen, von denen es mindestens ein Dutzend gab, auf der Stelle in die Flucht geschlagen. �Aber was soll�s, das sind wir ja mittlerweile gewohnt.�</p><p>�Jetzt mach aber mal �nen Punkt, Kroko�, sp�ttelte Sydow und verpasste Naujocks, der eine vollbusige Animierdame mit seinen Blicken geradezu verschlang, einen dezenten Schubs mit dem Ellbogen. Nach vollbrachter Tat, die jedoch keinerlei Wirkung zeigte, wandte er sich erneut seinem Assistenten zu. �Ausgerechnet du, unser Musterknabe, spielst mit dem Gedanken, dich dem Befehl unseres allseits gesch�tzten Herrn Kriminalrates zu widersetzen?�</p><p>�In der Tat!�, gab Krokowski, der wie ein begossener Pudel auf seinem Barhocker kauerte, mit trotziger Miene zur�ck. �Ihr zwei doch wohl auch, oder?�</p><p>�Worauf du einen lassen kannst, Eduard�, kam Naujocks, trotz intensiver Balzversuche wenigstens mit einem Ohr bei der Sache, einer �hnlich gearteten Antwort vonseiten seines Nebenmannes zuvor und hatte von da nur noch Augen f�r die Animierdame, die sich mit wiegenden H�ften auf ihn zubewegte. �Einer f�r alle, alle f�r � Hallo, sch�ne Frau � hocherfreut, Sie kennenzulernen.�</p><p>�Der geht vielleicht ran�, fl�sterte Sydow einem sichtlich konsternierten Eduard Krokowski ins Ohr, dessen Moralvorstellungen soeben einen herben D�mpfer erlitten hatten. �Da bleibt dir glatt die Spucke weg!�</p><p>�An deiner Stelle w�rde ich mir lieber �berlegen, wie wir ��</p><p>�Eins vorweg, Kroko � ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll�, beschied Sydow seinen Assistenten, bezahlte und drehte seinen Barhocker nach rechts, damit er Krokowski, der es ihm gleichtat, direkt in die Augen sehen konnte. �Falls es das ist, wor�ber du dir momentan den Kopf zerbrichst.�</p><p>�Du hast es erfasst, Tom�, best�tigte Krokowski, dessen Fliege in bedenkliche Schieflage geraten war. �Man macht sich eben so seine Gedanken.� Krokowski stutzte. �Sag mal, du hast doch nicht etwa vor, nach Hause zu gehen? Nach allem, was heute Nachmittag los gewesen ist?�</p><p>�Doch, Kroko�, beharrte Sydow, der es auf einmal eilig hatte, sein ehemaliges Stammlokal zu verlassen. Bei Lola, nur eines von einem guten Dutzend Etablissements seiner bevorzugten Informantin, hatte er sich fr�her immer wohlgef�hlt. Trotz oder gerade wegen der ehrenwerten Gesellschaft, die sich hier allabendlich ein Stelldichein gab. Jetzt aber, am Ende eines langen und scheinbar nutzlos vertanen Tages, zog es ihn wieder nach Hause. Zu Lea, die bestimmt schon auf gl�henden Kohlen sa�. �Genau das werde ich jetzt tun. Heute ist n�mlich mein Hochzeitstag, f�r den Fall, dass du es vergessen haben solltest.� Sydow schielte auf die Uhr, sprang von seinem Barhocker und schl�pfte in sein v�llig zerknittertes Jackett. �Morgen ist auch noch ein Tag. Oder kannst du mir fl�stern, was wir in der gegenw�rtigen Situation tun sollten?�</p><p>�Dranbleiben, Tom. Was denn sonst?�</p><p>�Wei�t du was, Kroko?�, fragte Sydow zur�ck, nachdem er sich von der mittlerweile 68 Jahre alten Inhaberin, die mit b�rgerlichem Namen Erna Pommerenke hie�, per Kusshand verabschiedet hatte. Die Rote Lola, unumschr�nkte Herrin �ber das Kreuzberger Milieu und trotz mehr als 100 Kilo Lebendgewicht mit Federboa, hautengem Atlaskleid und Netzstr�mpfen bekleidet, dankte es ihm mit einem huldvollen L�cheln. �Langsam hab ich es satt, mich st�ndig mit den gleichen Ganoven rumschlagen zu m�ssen.�</p><p>�Das glaubst du doch wohl selbst nicht, oder?�</p><p>Sydow z�gerte einen Moment, besann sich und entgegnete: �CIA oder nicht � momentan hab ich wirklich die Schnauze voll. Da kurvst du durch halb Berlin, von Pontius bis zu Pilatus und wieder zur�ck. Schl�gst dir deinen freien Tag um die Ohren. Quetschst jede Menge Galgenv�gel aus. Gibst dein Bestes, und das nach beinahe 25 Jahren im Dienst. Und was kommt dabei raus, Kroko? Nichts, aber auch rein gar nichts. Ein junger Schn�sel, den sie im Eilverfahren zum Kriminalrat bef�rdert haben, l�sst dich runterlaufen wie einen Schuljungen. Suspendiert dich vom Dienst, als habe es all die Jahre vorher nicht gegeben. Das haste nun davon, Sydow.�</p><p>�So darfst du nicht denken, Tom.�</p><p>�Und warum nicht, wenn man fragen darf? Ich hab�s satt, Kroko, granatenm��ig satt. Immer die gleiche Kundschaft, einfach zum Kotzen. Erst die Gestapo, mit der ich mich anno 42 rumgeschlagen habe, dann diese durchgeknallten Werw�lfe, und vor acht Jahren die Geschichte mit dem Bernsteinzimmer. Drehbuch: Stasi und CIA. Hauptrolle: ein gewisser Juri Andrejewitsch Kuragin, der von einem auf den anderen Tag von der Bildfl�che verschwunden ist. So viel zum Thema Freundschaft, Herr Kriminalkommissar. Und zum Thema Diensteifer. Nee, Kroko, allm�hlich habe ich die Faxen dicke. Sollen sie mich doch suspendieren, von mir aus. F�r heute hab ich jedenfalls genug. Was immer die Jungs aus Langley auf Lager haben, Tom Sydow wird sich jetzt erst mal eine Auszeit nehmen.�</p><p>�Du vielleicht, aber nicht ich.�</p><p>Im Innersten ber�hrt, flog ein wehm�tiges L�cheln �ber Sydows Gesicht. �Tu, was du nicht lassen kannst, Kroko�, seufzte er und verpasste seinem Assistenten einen freundschaftlichen Klaps. �Da f�llt mir gerade ein: Falls du nichts Besseres vorhast, k�nntest du ja mal bei den Hinterbliebenen von Blaschkowitz vorbeischauen. Denen sollten wir heute Abend noch Bescheid geben. In meiner derzeitigen Verfassung bin ich wirklich nicht in der Lage dazu. Keine Angst, du wirst schon die richtigen Worte finden. F�r so was bist du allemal besser geeignet als ich.�</p><p>�Wenn du meinst.�</p><p>�Aber klar doch, Kroko. Kopf hoch, du wirst das Ding schon schaukeln. Falls es dich beruhigt, k�nnen wir morgen fr�h miteinander telefonieren. Was mich betrifft, werde ich machen, dass ich nach Hause komme. Zur Feier des Tages mit dem Taxi. Lea wartet bestimmt schon auf mich. Und wehe, mich ruft jemand an. Dann ist aber wirklich was los. Mach�s gut, Kumpel � bis morgen fr�h!�</p><p>�Mach�s besser, Tom�, entgegnete Sydows Assistent und setzte alles daran, Naujocks aus den F�ngen der br�netten Animierdame zu befreien, um anschlie�end ebenfalls den Nachhauseweg anzutreten. �Bis irgendwann.�</p><p>*</p><p>Eine Viertelstunde sp�ter, mit sich und der Welt wieder halbwegs im Reinen, hatte es sich Sydow auf dem Beifahrersitz eines Taxis bequem gemacht und warf einen Blick auf das Armaturenbrett. Schlag neun. Auf die Minute. Er war reichlich sp�t dran, aber hoffentlich nicht zu sp�t, um den verhunzten Nachmittag m�glichst rasch zu vergessen und den Abend zusammen mit Lea in den eigenen vier W�nden ausklingen zu lassen.</p><p>�Janz sch�n wat los hier, wa?�</p><p>In Gedanken l�ngst bei seiner Frau, hatte Sydow den Taxifahrer v�llig vergessen. Lust auf Konversation hatte er zwar keine, aber da er nicht unh�flich sein wollte, rang er sich zu einem schicksalsergebenen Nicken durch und sagte: �Kein Wunder, ist ja auch Samstag.� Den Zusatz �Und was f�r einer!� konnte er sich gerade noch verkneifen.</p><p>Der Taxifahrer, ein beh�biger Koloss mit Prinz-Heinrich-M�tze, viel zu engem Hemd und noch engeren Hosen, kurbelte das Fenster herunter, legte den Ellbogen auf die Kante und murmelte etwas vor sich hin, das sich in Sydows Ohren wie eine kollektive Verw�nschung s�mtlicher M��igg�nger in Westberlin anh�rte. �Auch das noch, haste T�ne!� Im Anschluss daran trat er auf die Bremse und wartete, bis eine Horde angetrunkener GIs, die �ber den Zebrastreifen in H�he der Ged�chtniskirche torkelte, auf der gegen�berliegenden Stra�enseite angekommen war. �Benehmen sich wie die letzten Menschen. Ab durch die Mitte, kann ick da nur sagen. Je schneller diese versoffenen Cowboys die Fliege machen, desto besser.�</p><p>�Keine gute Idee, wenn Sie mich fragen.�</p><p>�Und ob dat eine jute Idee ist!�, erboste sich der Taxifahrer und sah Sydow, der seine Bemerkung auf der Stelle bereute, mit missmutiger Miene an. �Soll ick Ihnen mal wat sagen, Herr ��</p><p>�Sydow.�</p><p>�Anjenehm, Paschulke. Soll ick Ihnen mal wat fl�stern, werter Herr? Die Amis haben�s jerade n�tig. Die haben doch wirklich jenug Dreck am Stecken. Korea, die Pleite in der Schweinebucht, seit Neuestem auch noch Vietnam � andauernd m�ssen diese Yankees ihre Nase in anderer Leute Anjelegenheiten stecken.�</p><p>�Wie zum Beispiel in die Unsrigen, meinen Sie.�</p><p>�Eens kann ick Ihnen sagen, ob Sie mir�s nun glauben oder nich. Allzu lange wird sich der Iwan dat nich mehr mit angucken. Und der olle Ulbricht da dr�ben ooch nich. Dann kriegt der Ami eins vor den Latz jeknallt. Dass es nur so scheppert.�</p><p>�Und woher wollen Sie das so genau wissen?�</p><p>�Von meinem Bruder. Lebt dr�ben im Osten. Parteiaktivist. Eener von den Hundertprozentigen.�</p><p>�Und Sie?�</p><p>�Icke? Is dat Ihr Ernst? Ick hab mit der Politik n�scht am Hut. Aber auch gar n�scht.� Nicht gewillt, auf Sydows Ablenkungsman�ver einzugehen, tippte sich der Taxifahrer an die Stirn und schwadronierte: �Jedenfalls sagt mein Bruder, dass es demn�chst zur Sache jehn und der Iwan diesem Kennedy zeigen wird, wer der Herr im Hause is.�</p><p>Sydow, der f�r Politiker nicht �berm��ig viel �brig hatte und allein deswegen keinerlei Lust versp�rte, sich auf eine l�ngere Diskussion einzulassen, verfiel in beharrliches Br�ten und �berlegte fieberhaft, wie er das unerquickliche Thema abschlie�en konnte. Nicht so der Taxifahrer, der sein Schweigen offenbar missverstand und jetzt erst richtig loszulegen begann. �Unter uns, Herr Sydow ��, setzte er seine Rede zur Lage von Berlin ungeniert fort, �sind Sie vielleicht scharf drauf, dass wir jeden Tag �ber tausend Hungerleider aus dem Osten bei uns aufnehmen? Irjendwann kommt n�mlich mal der Punkt, wo wir uns dat nich mehr leisten k�nnen. Und der jute Willy Brandt<sup>36</sup> ooch nich. Macht hoch die T�r, die Tor macht weit. Lange jeht dat nicht mehr jut, darauf geb ick Ihnen Brief und Siejel.�</p><p>�Eine Frage, Herr Paschulke�, fiel Sydow dem Taxifahrer unvermittelt ins Wort, �haben Sie den Mann auf dem Foto schon mal gesehen?�</p><p>�Een Polyp, h�tt ick mir ja denken k�nnen.� Die linke Hand am Steuer, griff Paschulke nach der Schwarz-Wei�-Aufnahme, die Sydow ihm vor die Nase hielt, blitzte sie scheel an und gab sie postwendend zur�ck. �Hab ick�, brummte er kurz angebunden, augenscheinlich nicht gerade erfreut. �Und wat is mit ihm?�</p><p>�Sp�ter, Herr Paschulke�, beschied Sydow seinen Nebenmann und gratulierte sich zu dem Dusel, den er wieder einmal gehabt hatte. �Zuvor h�tte ich n�mlich ein paar Fragen � mit der Bitte, sie postwendend zu beantworten.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>21</p><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Am Gro�en Wannsee | 21.25 h</emphasis></p><p>�Hier, f�r Sie!� Sichtlich zufrieden dr�ckte Sydow dem Taxifahrer ein F�nfmarkst�ck in die Hand, nickte ihm freundlich zu und klopfte auf die Brusttasche seines Sakkos, in der sich das Konterfei von Blaschkowitz befand. �Der Rest ist f�r Sie.� Danach stieg er aus, schloss die T�r und ging die kurze Strecke, welche ihn von seinem Haus trennte, zu Fu�.</p><p>Ein abgekartetes Spiel also. Zumindest sah es danach aus. Sydow beschleunigte seinen Schritt. Hier Ernst Blaschkowitz aus Kreuzberg, dort eine rassige Sch�nheit, die aus Gr�nden, die Paschulke nicht klar geworden waren, alles darangesetzt hatte, um mit einem etwa 20 Jahre �lteren Mann ins Bett zu steigen. Mit einem Mann, der, gelinde gesagt, mehrere Nummern zu klein f�r sie und vermutlich auch nicht mehr ganz n�chtern gewesen war. Hinzu kam, dass der Taxifahrer, ein Mann mit geschulter Beobachtungsgabe, felsenfest davon �berzeugt gewesen war, es habe sich bei der mysteri�sen Sch�nheit keinesfalls um eine Prostituierte gehandelt. Da es sich bei Paschulke offenbar um einen profunden Kenner der Szene und menschlicher Schw�chen handelte, war Sydow geneigt, auf sein Urteil zu vertrauen, wenngleich man das Gegenteil nat�rlich nicht ausschlie�en konnte.</p><p>Eins war in jedem Fall gewiss, oder, vorsichtig ausgedr�ckt, ziemlich naheliegend. Nach Lage der Dinge war Ernst Blaschkowitz Opfer eines bis ins Detail ausget�ftelten Komplotts geworden, auf einen Lockvogel hereingefallen und anschlie�end, nachdem er seinen Zweck erf�llt hatte, beseitigt und in der Schrottpresse der Firma Lenuweit und Co. deponiert worden. Angenommen, Sydows Hypothese tr�fe zu, w�rde dies bedeuten, dass der Vamp, welcher nicht nur bei seinem Verehrer, sondern auch bei Paschulke einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte, mit dem M�rder beziehungsweise den M�rdern von Blaschkowitz unter einer Decke steckte. Das wiederum hie�, dass die adrette Dame vom CIA angeheuert und dahingehend instruiert worden war, ihn abzuschleppen, in ihr Hotel zu locken und den ahnungslosen Don Juan in spe seinen M�rdern auszuliefern. Die, aus welchem Grund auch immer, alles darangesetzt hatten, die Tat als Werk �stlicher Geheimdienste erscheinen zu lassen. Gelungen war ihnen dies jedoch nicht, zumal Paschulke versichert hatte, der Vamp mit Namen Natalja habe es darauf angelegt, Deutsch mit russischem Akzent zu sprechen. Auf Sydows Frage, um was f�r eine Landsm�nnin es sich seiner Meinung nach gehandelt habe, hatte der Taxifahrer allerdings passen m�ssen. Wie von ihr gew�nscht, hatte er das ungleiche Paar in eine in der N�he des Anhalter Bahnhofs gelegene Nobelherberge chauffiert, ein f�rstliches Trinkgeld kassiert und anschlie�end zugesehen, dass er so rasch wie m�glich in die Federn kam.</p><p>Ein abgekartetes Spiel also � aber mit welchem Ziel?</p><p>Entschlossen, die Suche nach dem m�glichen Tatmotiv auf den n�chsten Tag zu verschieben, setzte Sydow seinen Nachhauseweg fort. Die Stra�e vor ihm wirkte wie ausgestorben, w�re das Licht nicht gewesen, welches hie und da zwischen den Fensterl�den hindurchsickerte, h�tte er geglaubt, er spaziere durch eine Geisterstadt. Zudem war er merklich k�hler geworden, und obwohl er nicht so leicht fror und nur noch wenige Meter zu gehen hatte, schlug Sydow die Arme �bereinander und hastete weiter. Der Ostwind, der einen Birkenzweig �ber die �de und leer daliegende Uferstra�e fegte, roch bereits nach Herbst, �berlagert vom Duft welker Bl�tter, der aus dem Gestr�pp, an dem er vor�berhastete, in die H�he stieg und sich zu einer nach abgestorbenen Bl�ten und feuchter Erde riechenden Mixtur vereinigte. Die Stille tat ein �briges, weshalb ihn das Gef�hl beschlich, viel zu fr�h ausgestiegen und noch kilometerweit von zu Hause entfernt zu sein.</p><p>�Hauptkommissar Sydow, wenn ich mich nicht irre?�</p><p>In seine Gedanken vertieft, hatte Sydow den Fremden, dessen Stimme aus dem Halbdunkel l�ngs des Weges drang, nicht bemerkt und drehte sich auf dem Absatz um. Seiner Stimme nach zu urteilen war er noch recht jung, von der K�rpergr��e her mindestens einen Kopf kleiner und gut gebaut. Dass die n�chtliche Begegnung kein Zufall war, konnte er sich nat�rlich denken, weshalb er es bei der Andeutung eines Nickens belie� und die Gestalt, welche ihn unvermutet angesprochen hatte, n�her in Augenschein nahm. �Und was verschafft mir die Ehre?�</p><p>�Ich denke, wir sollten uns ein wenig unterhalten�, entgegnete der Fremde, aufreizend l�ssig gegen eine Eiche gelehnt und obendrein auch noch eine Fluppe in der Hand. �Das hei�t, falls Sie momentan nichts Besseres zu tun haben.�</p><p>�Kommt drauf an.� Sydow hasste es, wenn er den Leuten, mit denen er sprach, nicht in die Augen sehen konnte, und so machte er ein, zwei Schritte nach vorn. Fast gleichzeitig gab der Unbekannte, dessen angewinkeltes Bein auf dem Baumstamm ruhte, seine entspannte Haltung auf, trat aus dem Schatten und schlenderte gem�chlich auf ihn zu. Im Schein der Stra�enlaterne, die ihr fahles Licht auf den B�rgersteig warf, sah sein L�cheln gezwungen und aufgesetzt aus, worauf Sydow mit instinktivem Argwohn reagierte. �Mit wem habe ich das Vergn�gen?�</p><p>�Das tut nichts zur Sache.�</p><p>�CIA?�</p><p>�Falsch geraten, Herr Kriminalhauptkommissar�, h�hnte der tipptopp gekleidete, um die 40 Jahre alte und nicht eben unattraktive Fremde, immer noch das gleiche L�cheln im Gesicht, auf das er anscheinend ein Dauerabonnement besa�. �Wenngleich nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt.�</p><p>�Dann eben Stasi, hab ich recht?�</p><p>�Nicht schlecht, Herr Kommissar, mein Kompliment. Freut mich, dass wir so schnell zur Sache kommen k�nnen.� Mischa Bartosz, Oberleutnant in Diensten der DDR-Staatssicherheit, stie� ein galliges Lachen aus. �Aus diesem Grund werde ich es jetzt kurz machen.� Bartosz lie� seine Kippe fallen und bef�rderte sie mit dem Fu� in den Rinnstein. �Wie ich wohl nicht weiter ausf�hren muss, sind Sie, Herr Kriminalhauptkommissar, beileibe kein Unbekannter f�r uns. Sp�testens seit dem Tag, an dem eines unserer Kommandos mit Ihnen und Ihrem � wie dr�cke ich mich jetzt blo� akkurat aus? �, mit Ihrem ehemaligen Weggef�hrten Kuragin Bekanntschaft gemacht hat.�</p><p>�Falls es um das Bernsteinzimmer geht: Vergessen Sie�s.�</p><p>Das Dauerl�cheln auf dem Gesicht von Bartosz verschwand. �Nach Preziosen jedweder Art, Herr von Sydow, steht mir momentan nicht der Sinn.�</p><p>�Mir auch nicht.�</p><p>�Freut mich zu h�ren. Was mich dagegen weitaus mehr interessiert, w�re, N�heres �ber den Aufenthaltsort Ihres sogenannten Freundes zu erfahren, den es vor acht Jahren quasi �ber Nacht ins gegnerische Lager verschlug.� Um einer Erwiderung von Sydow zuvorzukommen, hob Bartosz ruckartig die Hand. �Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Kommissar. Nichts l�ge mir ferner, als Druck auf Sie auszu�ben oder Sie zu etwas zu zwingen, was Ihnen von Grund auf widerstrebt. Aber die Sache ist nun mal die, dass meine vorgesetzte Beh�rde ein vitales Interesse daran hat, mit Herrn Kuragin in Kontakt zu treten.�</p><p>�Geben Sie sich keine M�he. Von mir erfahren Sie kein Wort.� Drauf und dran, zur Waffe zu greifen, lie� Sydow sein Gegen�ber nicht aus den Augen. Typen wie dieses Grinsegesicht, die einen auf verst�ndnisvoll machten und bei passender Gelegenheit jeden noch so menschenverachtenden Befehl ausf�hrten, waren ihm im Verlauf seiner Karriere schon des �fteren begegnet, f�r seinen Geschmack viel zu oft. Deshalb hatte er nicht �bel Lust, dem Stasi-Schergen eine Lektion zu erteilen, und zwar eine, die er so schnell nicht vergessen w�rde. �Selbst wenn ich w�sste, wo Kuragin steckt, w�ren sie der Letzte, dem ich es auf die Nase binden w�rde.�</p><p>�Gestern Abend, vor ziemlich genau 24 Stunden, hat Kuragin versucht, Sie anzurufen. Von einer Gastst�tte in der N�he des Alexanderplatzes. Die Frage ist, warum. So leid es mir tut, Herr von Sydow, ich muss darauf bestehen, dass Sie mir gegen�ber etwas gespr�chiger ��</p><p>�Und ich, Sie Mielke-Lakai, muss darauf bestehen, dass Sie die Beine in die Hand nehmen und verduften. Sonst k�nnen Sie was erleben!�</p><p>�Na sch�n, Herr Kommissar, Sie haben es nicht anders gewollt.� Das stets gleiche, wie eingekerbt wirkende L�cheln im Gesicht, warf Bartosz einen Blick auf Sydows Sakko, unter dem sich der Haltegurt seines Pistolenhalfters abzeichnete, neigte den Kopf zur Seite und sah ihn mitleidig an. �Bedauerlich, dass Sie sich weigern, mit uns zu kooperieren.� Daraufhin wandte er sich um und verschwand. So schnell, dass Sydow glaubte, er habe Halluzinationen.</p><p>Der Gedanke war nat�rlich v�llig absurd, und noch w�hrend er in die Seitenstra�e einbog, die zum See hinunterf�hrte, l�ste sich die unwirtliche Szenerie auf einen Schlag auf. Schuld daran war nicht etwa sein Haus, dessen Konturen sich in der Dunkelheit abzeichneten, sondern ein urpl�tzlich aufleuchtendes, grelles, ihn nahezu vollst�ndig blendendes Licht.</p><p>Dass es sich um die Scheinwerfer einer schwarz lackierten Limousine russischer Bauart handelte, konnte Sydow allenfalls erahnen. Eines wurde ihm jedoch auf Anhieb klar. Dies hier war kein Versehen. Oder ein Dummejungenstreich. Oder der Versuch, ihn einzusch�chtern, weichzuklopfen oder mit Brachialgewalt gef�gig zu machen.</p><p>Nein, hier ging es um etwas anderes. N�mlich ums nackte �berleben.</p><p>Kaum war ihm der Gedanke gekommen, als der Vierzylindermotor des Moskwitsch 402 so laut aufheulte, dass er die Stille ringsum j�h zerplatzen und Sydow wie zu einer Salzs�ule erstarren lie�. Die Entfernung zu ihm betrug knapp 50 Meter, viel zu wenig, um gro� nachdenken oder gar fl�chten zu k�nnen. Rechts von ihm ein �bermannshoher, mit Efeu �berwucherter Gartenzaun, vor ihm die Stra�e und zur Linken eine Buche, bis zu der er es wohl kaum schaffen w�rde. Sydow biss die Z�hne zusammen. Wer auch immer in dieser Karre sa�, hatte die Stelle mit Bedacht gew�hlt, war bestimmt nicht auf den Kopf gefallen. Oder, weitaus wahrscheinlicher, ein mit allen Wassern gewaschener Profi. Einer, der sich aufs T�ten verstand.</p><p>Einer, der auf ihn angesetzt worden war.</p><p>Eher instinktiv denn mit Absicht verschwand Sydows Hand unter seinem Sakko und umklammerte den Griff seiner Walther PP. Hechtsprung, Drehung, auf die Knie und feuern. Feuern, was seine Knarre hergeben w�rde. Genauso, wie es ihm w�hrend seiner Ausbildung eingetrichtert worden war. H�rte sich alles sehr einfach an. Eine Spur zu einfach vielleicht, wenn man die Realit�t miteinbezog. Sydow zuckte die Achseln. Aber was blieb ihm �brig. Er musste es versuchen. Oder riskieren, dass man ihn �ber den Haufen fuhr.</p><p>Vom Aufblenden der Scheinwerfer bis zu dem Moment, in dem der Moskwitsch mit quietschenden Reifen nach vorn schoss, vergingen nur wenige Sekunden. Sydow, auf alles gefasst und vor Anspannung wie erstarrt, kamen sie schier endlos vor. Wie ein Albtraum, bei dem man das Gef�hl hatte, er w�rde kein Ende nehmen.</p><p>Noch zehn Meter, wenn �berhaupt. Jetzt hing alles davon ab, ob die Gestalt, die sich schemenhaft hinter dem Steuer abzeichnete, auf seine Masche reinfallen w�rde. Und wenn ja, ob er die Chance, die sich ihm bot, w�rde nutzen k�nnen.</p><p>Acht, f�nf, drei � und Hechtsprung.</p><p>Das laute, durch Mark und Bein gehende Bremsger�usch des Moskwitsch im Ohr, rappelte sich Sydow auf, riss seine Waffe hoch und feuerte, was das Zeug hielt, auf die Heckscheibe. Er tat dies blindlings, mit einer geh�rigen Portion Wut im Bauch. Und, wie er sich hinterher eingestehen musste, mit einer zumindest ebenso gro�en Portion Hass. Hass auf die Banditen, mit denen er sich seit Jahren herumschlagen musste. Hass auf all die Drahtzieher, denen man nicht an den Karren fahren konnte. Und mit nichts als Abscheu gegen�ber Regierungen, die sich solcher oder �hnlicher Mittel bedienten.</p><p>Dem Moskwitsch und seinen Insassen schien dies nichts anhaben zu k�nnen. Doch dann, in gut 30 Metern Entfernung, geschah es. Die Limousine schrammte an einer Buche entlang, dass die Funken nur so spr�hten, geriet au�er Kontrolle, legte sich quer und prallte mit dem rechten Kotfl�gel gegen einen Laternenpfahl.</p><p>Und blieb mit demolierter Karosserie liegen.</p><p>Ohne eine Sekunde zu z�gern, st�rmte Sydow mit gez�ckter Waffe los. Was er da tat, war nat�rlich Wahnsinn, eine Pokerpartie mit dem Tod. Doch wie immer, wenn ihn der Zorn packte, dachte er nicht an die Konsequenzen und warf jegliche Vorsicht �ber Bord.</p><p>Eine Stinkwut im Bauch, hetzte Sydow auf den Moskwitsch los, bereit, die Fahrert�r aufzurei�en und es den Kerlen, die ihn beseitigen wollten, nach Kr�ften heimzuzahlen. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen.</p><p>Ehe Sydow sein Ziel erreichte, wurde die T�r der Limousine pl�tzlich aufgesto�en. Einem angeborenen Instinkt folgend, versuchte er hinter einer Eiche in Deckung zu gehen und machte einen Satz nach rechts. Aber er hatte sich verkalkuliert. Der Mann, allem Anschein der Fahrer, blieb in Deckung, r�hrte sich nicht vom Fleck. Die Waffe in der Hand, kauerte Sydow hinter der Eiche und fluchte lautstark vor sich hin. Ausgerechnet jetzt, wo es aufs Ganze ging, klemmte anscheinend das neue Magazin.</p><p>Doch damit nicht genug. Als sei nichts geschehen, stie� der Moskwitsch zur�ck, bog um die Ecke und jagte mit quietschenden Reifen davon. Sydow fluchte, was das Zeug hielt. Immer noch mit seiner Waffe besch�ftigt, die partout nicht funktionieren wollte, verlor er schlie�lich die Geduld und schleuderte sie ins Geb�sch. Dann rappelte er sich auf und rannte dem Moskwitsch hinterher. Das war nat�rlich v�lliger Humbug, wusste er doch genau, dass er den K�rzeren ziehen und die Limousine binnen Kurzem aus den Augen verlieren w�rde.</p><p>Weit gefehlt. In etwa 100 Metern Entfernung hielt der Moskwitsch auf einmal an. Wieso, war Sydow zun�chst schleierhaft. Kurz darauf, zu weit entfernt, als dass er h�tte eingreifen k�nnen, wurde ihm der Grund bewusst.</p><p>Aus dem Schatten einer Villa, in dem sie offenbar die ganze Zeit �ber verborgen gewesen war, l�ste sich eine Gestalt und schlenderte in aller Gem�tsruhe zur Beifahrert�r. Der Unbekannte war nicht sehr gro�, allenfalls 1,75 Meter. Die H�nde in den Taschen, machte er den Eindruck, als ging ihn das, was soeben geschehen war, �berhaupt nichts an, schlenderte auf den Wagen zu und �ffnete die Beifahrert�r. Erst dort, im Schein einer Laterne, die ihn wie eine Fata Morgana erscheinen lie�, drehte er sich in aller Gem�tsruhe um.</p><p>Das hast du jetzt davon!, schoss es Sydow durch den Kopf. Mit dem Kopf durch die Wand, sieht dir �hnlich. Nur ein Schuss, selbst aus dieser Distanz, und es ist aus mit dir.</p><p>Zu keiner Reaktion f�hig, blieb er einfach stehen und r�hrte sich nicht vom Fleck. Sein Gegen�ber, der Agent mit dem Dauerl�cheln, lie� sich mit dem Einsteigen Zeit, schien die Situation in vollen Z�gen zu genie�en. Sydow wu�te zwar nicht, wieso, war sich jedoch sicher, auf dem Gesicht seines Widersachers so etwas wie Vergn�gtheit zu entdecken.</p><p>Doch dann, genauso schnell, wie er aufgetaucht war, wandte der Stasi-Agent den Blick von ihm ab, schwang sich auf den R�cksitz und schloss die T�r.</p><p>Kurz darauf war der Moskwitsch verschwunden, und mit ihm der Mann, dessen L�cheln ihm fortan nicht mehr aus dem Sinn gehen sollte.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>22</p><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Waldb�hne | 21.42 h</emphasis></p><p>Juri Andrejewitsch Kuragin war mit allen Wassern gewaschen, und vor allem ihm, dem einstigen Lehrmeister, um L�ngen voraus. Das musste Brannigan wohl oder �bel zugeben. Er war abgebr�ht, kaltbl�tig und wusste genau, was er wollte. Und er war unberechenbar, imstande, die Intentionen seiner Widersacher bereits im Voraus zu erahnen. Genau das machte seinen ehemaligen Z�gling so gef�hrlich. F�r ihn, Calabrese und die gesamte CIA, die er nach allen Regeln der Kunst vorgef�hrt hatte.</p><p>Eine Verw�nschung auf den Lippen, die er sich wohlweislich verkniff, musterte Brannigan sein Konterfei, das sich im Fenster des S-Bahn-Waggons der Linie 5 spiegelte. Er sah einen vorzeitig gealterten Mann, unrasiert, ausgebrannt und mit tiefen Furchen im Gesicht. Dieser Mann trug ein abgetragenes und im Verh�ltnis zu seiner untersetzten Statur viel zu gro�es Jackett, eine ausgefranste Krawatte und ein Hemd, um das ihn niemand beneidete. Das einzig Auff�llige, Ungew�hnliche und mitunter sogar Anziehende an Jim Brannigan waren seine Augen, hellblau schimmernd, weit offen und von sanft geschwungenen r�tlichen Brauen �berw�lbt. Die ger�teten Wangen zeugten dagegen von regelm��igem Alkoholkonsum, ein Erbteil seines irischst�mmigen Vaters, den er w�hrend seiner Kindheit in der New Yorker Bronx nur selten n�chtern erlebt hatte.</p><p>Ganz so schlimm war es bei Brannigan nicht, wenngleich er sich in letzter Zeit immer h�ufiger einen Glenfiddich einschenkte. Nach Meinung seiner Kollegen, bei denen er als kauzig und verschroben galt, hatte er sich in j�ngster Zeit das eine oder andere Glas zu viel genehmigt. Brannigan lie� dies kalt, obwohl er sich so seine Gedanken machte, ob der Job, den er verrichtete, noch das Richtige f�r ihn war. Seit geraumer Zeit, nicht erst seit dem Schweinebucht-Desaster, hatten sich seine Selbstzweifel und die Vorbehalte gegen�ber den Zielen, welche die Firma verfolgte, immer mehr verst�rkt. Vielleicht war es besser, gr�belte Brannigan, nicht auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, erst einmal vor der eigenen T�r zu kehren und daf�r zu sorgen, dass auch wirklich alle Amerikaner die gleichen Rechte besa�en. Diesbez�glich gab es wei� Gott genug zu tun, vor allem im S�den, wo man das Gef�hl hatte, dass die Tage von Uncle Tom<sup>37</sup> noch lange nicht vor�ber waren. Er selbst, f�nftes von insgesamt acht Kindern von Sean und Lisa Brannigan, konnte ein Lied davon singen, was es hie�, in �rmlichen Verh�ltnissen aufzuwachsen und von anderen herumschikaniert zu werden. Daheim in der Bronx galten die Iren nicht viel mehr als die Nachkommen der Sklaven und konnten froh sein, wenn sie f�r andere die Drecksarbeit machen durften. Der Pr�sident, auf den Brannigan nichts kommen lie�, bildete da die r�hmliche Ausnahme. JFK war mit einem goldenen L�ffel im Mund geboren worden, wobei die Ger�chte, Kennedy Senior habe sein Verm�gen durch Alkoholschmuggel w�hrend der Prohibitionszeit gemacht, einfach nicht totzukriegen waren. Er dagegen war von der High School geflogen, hatte sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und froh sein m�ssen, wenn sein Alter die paar Kr�ten, die er nach Hause brachte, nicht am gleichen Tag verjubelte.</p><p>Brannigans Miene verh�rtete sich, um auf andere Gedanken zu kommen, wandte er den Blick abrupt ab und lie� ihn durch den nahezu leeren S-Bahn-Waggon wandern. Au�er einem Stadtstreicher, ein paar Halbstarken und einer Gruppe amerikanischer GIs, unter ihnen ein Schwarzer, gab es nichts Aufregendes zu begutachten. Brannigans Mundwinkel verzogen sich zu einem h�hnischen Grinsen. Im Grunde war es doch ein Unding, st�ndig gegen die Russen zu wettern und bis in die F�nfziger dabei zuzusehen, wie Schwarzen der Zugang zur High School, Restaurants und dem vorderen Teil �ffentlicher Busse verwehrt wurde. Wenn nicht bald etwas geschah, w�rde es zu Hause jede Menge �rger geben, weitaus mehr als hier in Berlin.</p><p>Nachdem seine Laune am Tiefpunkt angelangt war, griff Jim Brannigan zu seinem Stock, erhob sich und humpelte zur T�r. Schon wieder sein Knie, ausgerechnet jetzt, wo alles darauf ankam, dass er voll bei der Sache war.</p><p>�Olympiastadion.� Heilfroh, frische Luft schnappen zu k�nnen, stieg Brannigan aus und �berquerte die Fu�g�ngerbr�cke, die zum ehemaligen Reichssportgel�nde f�hrte. Er konnte sich noch genau an die Olympischen Spiele im Jahre 1936 erinnern, wenn er ehrlich war, hatte er f�r die Art, wie die Nazis die Sache durchgezogen hatten, im Stillen so etwas wie Bewunderung versp�rt. Mit Hitler und Konsorten hatte er nat�rlich nichts am Hut gehabt. Wie so viele, die sp�teren Alliierten mit eingeschlossen, hatte er sich von der Show, welche die Nazis inszenierten, dennoch blenden lassen. Um einiges schlauer, hatte er sich dann kurz nach Pearl Harbour zu den Marines gemeldet. Mit welchem Ergebnis, war nicht zu �bersehen. Im Nachhinein war es ihm immer noch schleierhaft, wie er bei der CIA hatte landen k�nnen, aber da er nichts Vern�nftiges gelernt und demnach keine andere Wahl gehabt hatte, war er auf das Angebot, das man ihm im Lazarett auf den Philippinen unterbreitet hatte, sofort eingegangen. Bereut hatte er diesen Entschluss zun�chst nicht, war er doch anfangs der Meinung, dass die Methoden, welche die Firma anwandte, allemal gerechtfertigt seien. Speziell dann, wenn es gegen die Russen oder ihre Trabanten ging. Der Kampf gegen den Kommunismus hatte nun einmal oberste Priorit�t, was die Mittel, welche die CIA anwandte, allemal gerechtfertigt erscheinen lie�.</p><p>Zumindest in der Theorie.</p><p>Was das Problem Kuragin betraf, lagen die Dinge jedoch anders. Brannigan seufzte aus tiefster Seele, und das nicht nur aufgrund der Schmerzen in seinem Bein. Da war zum einen der Befehl von ganz oben, den Zarewitsch umgehend zu exekutieren. Und zum anderen war da sein Instinkt, der ihm riet, nicht blindlings auf die Version vom Staatsfeind Nummer eins zu vertrauen. Schlie�lich wusste er genau, dass man M�nnern wie Calabrese oder Ross nicht alles abkaufen durfte, schon gar nicht jetzt, wo ein Schuss gen�gte, um den dritten Weltkrieg auszul�sen.</p><p>Brannigans Sorgenfalten vertieften sich. Die Frage war, was diese beiden R�nkeschmiede im Schilde f�hrten. Und weshalb der Zarewitsch, Agent von hohen Gnaden, zum Abschuss freigegeben worden war. Wo doch jeder, Brannigan eingeschlossen, die Hand f�r ihn ins Feuer gelegt h�tte. Wie hatte sich Kuragin ausgedr�ckt? �Du wirst voll und ganz auf deine Kosten kommen.� Na ja, wenn er ehrlich war, h�tte er auf das, was ihm bevorstand, liebend gerne verzichtet. Standen die Chancen, dass er auch noch die letzten Illusionen verlieren w�rde, gewiss nicht schlecht.</p><p>Bringen wir�s hinter uns!, schloss der vor der Zeit gealterte Special Agent der CIA, ignorierte sein schmerzendes Bein und bog in Sichtweite des Olympischen Tors nach links. Er war so sehr in Gedanken, dass er seine Umgebung kaum registrierte, weder den Stadtstreicher, der hinter ihm her torkelte, noch den Buick Roadmaster, der nur einen Steinwurf weit geparkt worden war. Entgegen seiner Gewohnheit, nichts dem Zufall zu �berlassen, hatte Jim Brannigan s�mtliche Vorsichtsma�nahmen �ber Bord geworfen. Seinen Instinkt, auf den er so stolz war, mit eingeschlossen.</p><p>Unweit der Langemarckhalle, die den westlichen Rand des Olympiagel�ndes markierte, legte Brannigan eine Pause ein und warf einen Blick nach oben. Eins muss man den Berlinern ja lassen, fuhr es ihm durch den Sinn, w�hrend er das Ger�st inspizierte, aus dem der im Wiederaufbau befindliche Glockenturm in den n�chtlichen Himmel ragte. Die lassen sich einfach nicht unterkriegen. Da kommen die Briten daher und jagen das bauf�llige Konstrukt in die Luft. Und was machen die Berliner? Bauen es wieder auf. Als sei nichts gewesen. Deutschfreundlich aus Passion, ein Erbteil seiner aus L�beck stammenden Mutter, konnte sich Brannigan ein Schmunzeln nicht verkneifen. Eins stand von vornherein fest: An den Berlinern, vor allem denen im Westen, w�rden sich die Russen die Z�hne ausbei�en. Ganz gleich, auf welche Einf�lle sie noch kommen w�rden, um ihnen das Leben zu schwerzumachen.</p><p>Wieder einigerma�en bei Kr�ften, setzte Brannigan seinen Weg fort und durchquerte die Langemarckhalle, von wo aus er bis zu seinem Ziel, der Waldb�hne, nur noch wenige Schritte zu gehen hatte. Im Gegensatz zu fr�heren Missionen, bei denen er eine ans Paranoide grenzende Vorsicht an den Tag gelegt hatte, drehte er sich auch jetzt kein einziges Mal um. Er tat dies nicht einmal dann, als er pl�tzlich ein Knirschen vernahm, ein Ger�usch, das sich so anh�rte, als sei jemand auf Glasscherben getreten. Jim Brannigan war so sehr auf das Kommende fixiert, dass er den Blick f�r das, was hinter seinem R�cken geschah, verlor. Ein Fehler, wie sich in K�rze erweisen w�rde.</p><p>Endlich am Ziel, seufzte der Mann, unter dessen Fittichen Dutzende von CIA-Agenten ausgebildet worden waren, laut und vernehmlich auf und verlagerte das Gewicht einmal mehr auf seinen Stock, ohne den er es bestimmt nicht so weit geschafft h�tte. Auf die Frage, weshalb gerade er mit der Liquidierung seines ehemaligen Mustersch�lers betraut worden war, verschwendete er jedoch keinen Gedanken mehr. F�r ihn, den hochdekorierten Marineinfanteristen, waren die W�rfel endg�ltig gefallen. Denn was James Stuart Landon Brannigan lange Zeit nicht hatte wahrhaben wollen, war ihm auf dem Weg hierher klar geworden. In der Firma hatte er nichts zu suchen. Daran bestand kein Zweifel mehr. Und da dem so war, w�rde er die Mission, mit der er betraut worden war, geflissentlich ignorieren, Kuragin aus der Patsche helfen und versuchen, m�glichst heil aus der Sache herauszukommen. Wie genau das vonstatten gehen sollte, war ihm allerdings schleierhaft. Brannigan kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr. Wie pflegte Scarlett O�Hara doch zu sagen: �Verschieben wir�s doch auf Morgen.�<sup>38</sup></p><p>Am Rand der Schlucht postiert, von wo aus er die leeren Zuschauerr�nge �berblicken konnte, holte Jim Brannigan tief Luft und hielt Ausschau nach dem Mann, auf den er von Calabrese angesetzt worden war. Kompliment, Juri!, zollte er dem Sch�ler von einst Tribut, w�hrend er den Blick �ber die Abh�nge des Talkessels wandern lie�, auf dessen Grund die Waldb�hne lag. Scheint so, als h�ttest du an alles gedacht. Brannigan stie� ein anerkennendes Schnauben aus. Ein abgelegener, nur schwer �berschaubarer Treffpunkt, umgeben von Kiefern, knorrigen alten Eichen und urwaldartigem Unterholz. Wie geschaffen, um etwaige Verfolger an der Nase herumzuf�hren und nach getaner Arbeit rasch das Weite zu suchen.</p><p>Kurzum: der ideale Ort f�r ein Gespr�ch unter Freunden.</p><p>In Gedanken bei dem, was ihn wohl demn�chst erwarten w�rde, setzte sich Brannigan in Bewegung und betrat das weitl�ufige, nach dem Vorbild griechischer Theater errichtete Areal. Aus Gewohnheit und nicht etwa einem bestimmten Grund betastete der CIA-Agent sein Jackett, unter dem sich seine 44er Magnum befand, umklammerte den silbernen Knauf seines Stocks und humpelte die Stufen hinunter, welche zur B�hne f�hrten. Au�er dem Ger�usch, das er machte, herrschte absolute Stille, sodass ihm der Gedanke kam, Kuragin erlaube sich einen Jux mit ihm und sei l�ngst �ber alle Berge.</p><p>Dennoch kehrte Brannigan nicht etwa um, sondern bezog am Fu� der Zuschauerr�nge Position. Sein Atem ging rascher und eine eher seltene Gef�hlsregung ergriff Besitz von ihm: Nervosit�t. Peinlich ber�hrt, schalt sich Brannigan einen Narren, nur um festzustellen, dass sein Hemd nahezu durchgeschwitzt war. Es war eine wolkenlose, mondhelle Nacht, und die Szenerie sah so unwirklich aus, dass er sich bei der Vorstellung ertappte, lediglich Teil einer bis ins Detail durchdachten Inszenierung zu sein. Eines St�ckes, in dem Juri Andrejewitsch Kuragin, der den Mentor von einst l�ngst �bertrumpft hatte, auf unnachahmliche Weise Regie f�hrte.</p><p>Blieb die Frage, um welche Art St�ck es sich handelte � um eines mit gutem Ausgang oder um eine Trag�die.</p><p>Aufgeschreckt durch eine Fledermaus, die wie aus dem Nichts herangeflattert kam und ebenso schnell wieder verschwand, wirbelte Brannigan herum, die 44er Magnum in der ausgestreckten Hand. In der Tat war Nervosit�t etwas v�llig Neues f�r ihn, weshalb er sich an die Stirn tippte und die Waffe wieder unter seinem Jackett verschwinden lie�. Wie hatten Kuragins Worte doch gelautet? �Alles, worum ich dich bitte, ist, dass du mir einen kleinen Gefallen erweist.� Brannigan wischte sich den Schwei� von der Schl�fe und lachte. �Gefallen� war bestimmt nicht das richtige Wort daf�r. Landesverrat schon eher.</p><p>�So allein, Jim? Was dagegen, wenn ich dir ein bisschen Gesellschaft leiste?�</p><p>Auf einen Schlag wie elektrisiert, schreckte Brannigan aus seinen Gedanken auf und horchte in die Dunkelheit hinein. Er kam sich vor wie im falschen Film, wie der letzte Hampelmann. Aus welcher Richtung die Stimme gekommen war, konnte er beim besten Willen nicht sagen, und so blieb ihm nichts anderes �brig als abzuwarten. Genau das war jedoch nicht seine St�rke, weshalb seine Anspannung in Aggressivit�t umschlug. �Mensch, was soll das?�, rief er barsch. �Schluss mit dem Bl�dsinn, verdammt noch mal!�</p><p>�Aber, aber, Special Agent�, beschwichtigte ihn der Unsichtbare, dessen weichen, mit einem Schuss Ironie durchsetzten Tonfall er aus Tausenden von Stimmen heraush�ren konnte. �Wer wird denn gleich so grob werden. Ein wenig mehr Selbstbeherrschung st�nde dir wahrhaftig gut zu Gesicht.�</p><p>�Spar dir deine Ratschl�ge, Juri!�, entgegnete Brannigan, die Hand am Abzug seiner Magnum, deren Griff sich warm und schwei�verklebt anf�hlte. �Und komm endlich zur Sache, ich habe n�mlich nicht ewig ��</p><p>�An deiner Stelle, James Landon Brannigan, w�rde ich das nicht tun. Oder ziehst du es vor, wenn ich dir eine Kugel durch den Kopf jage?�</p><p>�Kommt drauf an, was du dir von unserem kleinen Plausch erhoffst!�, konterte Brannigan, die Sitzreihen im Blick, die sich vor ihm auft�rmten. Entdecken konnte er freilich niemanden, was die Beklommenheit, die er versp�rte, umso mehr anwachsen lie�. �Beziehungsweise wer hier wen am dringendsten braucht. Weshalb hast du mich hierher gelotst, Juri, durch halb Berlin? Und warum ist die Chefetage in Langley hinter dir her? Komm schon, Junge. Das geschieht doch nicht ohne Grund. Die heuern nicht extra einen Killer an, es sei denn, du k�nntest ihnen gef�hrlich werden.�</p><p>�Bingo, Herr Kollege, richtig getippt.�</p><p>�Du willst doch nicht etwa sagen, dass du f�r beide Seiten �� Einen Duft im Nacken, der ihm bestens vertraut war, brach Brannigan mitten im Satz ab. Und dann auch noch kubanische Zigarillos qualmen!, dachte er. Abgebr�hter geht es ja wohl wirklich nicht.</p><p>�Schade, Jim�, fiel ihm Kuragin ins Wort, �wirklich schade, dass du mich immer noch nicht kennst. Sonst w�sstest du, dass Loyalit�t kein Fremdwort f�r mich ist.� Bevor er weitersprach, lie� Brannigans ehemaliger Sch�tzling ein paar Sekunden verstreichen. Dann versch�rfte er den Ton und sagte: �Meinetwegen. Machen wir�s also kurz. Was ist mit dem Gefallen, um den ich dich gebeten habe?�</p><p>Rein �u�erlich die Ruhe selbst, lie� Brannigan seine Waffe unter dem Jackett verschwinden, kn�pfte es zu und drehte sich betont l�ssig um. �Eine Hand w�scht bekanntlich die andere, Juri. Soll hei�en: Erst die Ware, dann ��</p><p>�� die Gegenleistung, schon gut.�</p><p>�Raus mit der Sprache, Juri! Was ist der Grund, weshalb sie auf einmal alle hinter dir her sind?� Lediglich eine Arml�nge von Kuragin entfernt, war dessen Gesicht nur schemenhaft zu erkennen, als habe es Brannigan mit einem Phantom und nicht mit einem Menschen aus Fleisch und Blut zu tun. �Lass dich nicht lange bitten, daf�r ist unsere Zeit ��</p><p>�Sie haben vor, eine Mauer zu bauen. Eine Mauer, Jim, mitten durch Berlin.�</p><p>�� zu schade.� Brannigan stutzte, und obwohl er nicht auf den Mund gefallen war, verschlug es ihm die Sprache. �Was sagt du da, eine Mauer?�</p><p>�Du sagst es, mein Freund.�</p><p>�Und wer sind die, bitte sch�n?�</p><p>�Ulbricht und Co., wer sonst? Mit freundlicher Unterst�tzung des gro�en Bruders.�</p><p>�Woher willst du das so genau wissen?�</p><p>�Von meinem Kontaktmann in Ostberlin.�</p><p>�Verl�sslich?�</p><p>�Absolut. Woraus folgt, dass sich Dulles und Calabrese nicht anders zu helfen wussten, als mich aus dem Weg zu r�umen. Die Grenze soll dichtgemacht werden, Jim, Irrtum ausgeschlossen.�</p><p>�Und wann?�</p><p>�Auf die Minute genau in zwei Stunden.�</p><p>Brannigan holte tief Luft, kaum imstande, das Geh�rte zu begreifen. �Aber � aber das ��, stammelte er und rang fieberhaft nach Worten.</p><p>�Und ob das geht, Jim!�, nahm Kuragin ihm die Worte aus dem Mund und kam dem einstigen Lehrmeister so nahe, dass er dessen Atem, der ein unverwechselbares Aroma verstr�mte, riechen konnte. �Wirst schon sehen.�</p><p>�Mit anderen Worten, die Genossen igeln sich ein.�</p><p>�Treffend formuliert, Special Agent Brannigan.�</p><p>�Nicht unser Bier, oder?�</p><p>�Das genau ist der Punkt, Jimbo.� Kuragin lie� sein Zigarillo fallen und trat es ohne hinzusehen aus. �So habe ich bis heute Morgen auch gedacht. Bedauerlich, aber nicht zu �ndern. Auch dann noch, als ich meinen Funkspruch abgesetzt und die Zentrale �ber mein Kommen informiert hatte. H�tte ich geahnt, welch warmherzigen Empfang man mir bereiten w�rde, w�re ich h�chstwahrscheinlich dr�ben geblieben.�</p><p>�Bleibt die Frage, weshalb sie dich umlegen wollten.�</p><p>�Wollen, mein lieber Jim, wollen. Es sei denn, ein gewisser James Landon Brannigan hat seine Beziehungen spielen lassen und in seiner Eigenschaft als Verbindungsoffizier zum MI6 daf�r gesorgt, dass ich so schnell wie m�glich au�er Landes bef�rdert werde. Per Luftpost, wie ich wohl nicht extra betonen muss.�</p><p>�Hat er, Juri, hat er.�</p><p>�Abflugzeit?�</p><p>�In ziemlich genau einer Stunde, Juri. Von Gatow aus.�</p><p>Kuragin nickte zufrieden. �Damit w�re ja alles gekl�rt. Noch irgendwelche Fragen, Jim?�</p><p>�Was, glaubst du, haben die vor?�</p><p>�Calabrese und sein Gorilla? Nichts Gutes, f�rchte ich, nichts Gutes.�</p><p>�Schon irgendeine Theorie?�</p><p>�Gewiss doch.�</p><p>�Und die w�re?�</p><p>�Klarer Fall von organisiertem Komplott.�</p><p>�Gegen wen?�</p><p>�Na, gegen wen wohl, Jim? Dreimal darfst du raten.�</p><p>�CIA versus JFK?�</p><p>�Volltreffer, Jim. Und jetzt willst du bestimmt wissen, weshalb die Chefetage versucht, dem Pr�sidenten Kn�ppel zwischen die Beine zu werfen.�</p><p>Weder f�hig noch gewillt, Einw�nde zu erheben, schwieg sich Brannigan zun�chst aus. �Nicht n�tig, Juri�, wehrte er schlie�lich mit rauer Stimme ab. �Kann mir denken, was jetzt kommt.�</p><p>Kuragin vernahm es mit Genugtuung. �Keine angenehme Vorstellung, ich wei߫, gab er zu. �Ausgerechnet die CIA, die Firma, der wir beide angeh�ren. Beziehungsweise angeh�rt haben. Scheint so, als k�nnten es einige Betonk�pfe in Langley nicht abwarten, meinen ehemaligen Landsleuten eine Lektion zu erteilen.�</p><p>�Die, wie wir beide wissen, unweigerlich in den dritten Weltkrieg m�nden w�rde.�</p><p>�Genau, Jimbo. Kurzum, es sieht danach aus, als sei ihnen der Pr�sident ein Dorn im Auge. Sputnik, Kuba, Gagarin � f�r die Hardliner in unseren Reihen des Schlechten zu viel. Und dann noch seine zahllosen Aff�ren, von den angeblichen Verbindungen von Kennedy Senior zur Chicago-Mafia gar nicht zu reden. Schon gewusst, Jimbo, dass er im Verdacht steht, Tausende von W�hlern geschmiert zu haben? Bei einem Vorsprung von knapp 120.000 Stimmen durchaus nachvollziehbar, findest du nicht auch? Ergo: h�chste Zeit, diesem Ostk�sten-Dandy richtige Manieren beizubringen. Und vor allem h�chste Zeit, den Russen die Z�hne zu zeigen. Am besten in Berlin. Fragt sich nur, wie es die Herren fertigbringen wollen, den Pr�sidenten in ihrem Sinne zu manipulieren. Je l�nger ich dar�ber nachdenke, k�me eigentlich nur eine Methode infrage.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Schon mal von Pearl Harbour geh�rt, Jim?�</p><p>�Du meinst, die haben allen Ernstes vor, einen �berraschungsangriff zu inszenieren?�</p><p>�Glaub mir � Calabrese und Konsorten werden nichts unversucht lassen, um unser Land in einen Krieg hineinzuziehen. F�r die ist Kennedy zu lasch, viel zu nachgiebig, ein Angsthase. Kurzum, ein typischer Appeaser. Getreu dem Motto: Die Russen verstehen nur eine Sprache, und zwar die der Gewalt. Wei�t du, was ich glaube, Jim? Die k�nnen es gar nicht abwarten, unser Land vom Kennedy-Syndrom zu kurieren.�</p><p>�Aber das ist doch Wahnsinn, Juri.�</p><p>�Und ob es das ist. Verstehst du jetzt, warum ich es so eilig habe, m�glichst schnell � wie sagt man hier in Berlin doch gleich?�</p><p>�Die Fliege zu machen?�</p><p>�Genau. Ich wei� zwar noch nicht, ob es mir gl�cken wird, an den Pr�sidenten heranzukommen. Versuchen werde ich es aber trotzdem. So schnell es irgend geht.�</p><p>�Dir wird schon etwas einfallen, Juri. Da bin ich mir sicher. Eins aber solltest du nicht vergessen. Um die Chefetage aufs Kreuz zu legen, brauchst du Beweise. Belastende Dokumente. Hieb- und stichfestes Material. Sonst kannst du dir gleich die Kugel geben.�</p><p>�Keine Sorge, gro�er Bruder. Diesbez�glich bin ich bestens versorgt.�</p><p>�Und wo � wenn du erlaubst � hast du dein Mitbringsel aus Ostberlin gebunkert? M�sste mich doch sehr wundern, wenn du es mit dir rumschleppen w�rdest.�</p><p>Kuragin setzte ein verschmitztes L�cheln auf. �Bei dem Lehrmeister � wo denkst du hin!�, scherzte er, obwohl ihm beileibe nicht danach war. �Unter uns, Jimbo: Ich habe es in Verwahrung gegeben, bei guten Bekannten.�</p><p>�Doch nicht etwa bei diesem Sydow, mit dem du einmal befreundet warst?�</p><p>�Doch, Jimbo.� Kuragin fischte ein Feuerzeug aus der Tasche, lie� es kurz aufflammen und warf einen Blick auf die Uhr. Dann senkte er die Stimme und sagte: �Er ist der Einzige, zu dem ich noch Vertrauen habe. Au�er einem gewissen James Brannigan, wie ich wohl nicht extra betonen muss.�</p><p>�Danke f�r die Blumen.� Ein schiefes L�cheln im Gesicht, klopfte Brannigan seinem Ex-Sch�ler auf die Schulter und sah den Gef�hrten vergangener Tage lange und eindringlich an. �Dann bleibt mir wohl nichts anderes �brig, als mich von dir zu verabschieden, Juri. Und dir jede Menge Gl�ck zu w�nschen.�</p><p>�Und du, Jimbo?�</p><p>�Um mich mach dir mal keine Sorgen, kleiner Bruder. Ich komme schon �ber die Runden.� Brannigan atmete tief durch, und w�hrend er sich anschickte, Kuragins Akzent zu imitieren, huschte ein L�cheln �ber sein Gesicht. �Au�er Reichweite der Firma, wie ich wohl nicht extra betonen muss.�</p><p>�Ein weiser Entschluss.�</p><p>�Du sagst es, Juri.�</p><p>�Auf bald, Brannigan � und pass auf dich auf.�</p><p>�Du auch, Juri�, erwiderte Brannigan, zog Kuragin an sich und umarmte ihn so st�rmisch, dass Letzterer nicht wusste, wie ihm geschah. �Du wei�t doch, alter Junge, Unkraut vergeht ��</p><p>Von Natur aus eher reserviert, unternahm Kuragin den Versuch, sich aus der Umarmung des einstigen Mentors zu l�sen, als er auf einmal ein weithin h�rbares Knacken vernahm, welches die Stille ringsum j�h durchbrach, lie� er von seinem Vorhaben ab. Im gleichen Moment fegte eine MG-Salve �ber die Waldb�hne hinweg, ohrenbet�ubend, mehr als 600 Schuss pro Minute. Das nicht enden wollende, nervenzerfetzende und markersch�tternde Stakkato im Ohr, zog Kuragin den Kopf ein und verkrallte sich im von Kugeln durchsiebten Rumpf des Mannes, der stets so etwas wie sein Besch�tzer gewesen war. Erst als seine Hand auf etwas Klebriges, Feuchtes und Warmes traf, das mit Macht aus Brannigans R�cken hervorschoss, kam er wieder zur Besinnung.</p><p>Eine AK-47<sup>39</sup>!, durchzuckte es ihn, die H�nde voller Blut. Tja, Genossen, knapp 20 Jahre sowjetischer Geheimdienst hinterlassen ihr Spuren.</p><p>Genau wie acht Jahre CIA.</p><p>Auf die Frage, wer den K�rper von John Landon Brannigan mit zwei Dutzend oder mehr Kugeln durchsiebt hatte, verschwendete Kuragin keinen Gedanken. Das war jetzt nicht das Problem. Die Frage war, wie lange der Heckensch�tze, der auf Brannigan angesetzt worden war, zum Nachladen seiner Kalaschnikow brauchen w�rde.</p><p>Und ob sein Komplize, dessen Schritte er hinter sich vernahm, so dilettantisch war, wie er sich anstellte.</p><p>Den Finger am Abzug seiner Tokarew, lie� Kuragin den K�rper seines Mentors aus den H�nden gleiten und wirbelte herum. Keine zehn Meter von ihm entfernt, inmitten der monumentalen B�hnenaufbauten, konnte er die Silhouette eines Mannes erkennen, der ihm auf Anhieb bekannt vorkam. Viel Zeit zum Nachdenken blieb indes nicht, wenn �berhaupt, nur Bruchteile von Sekunden. Kuragin z�gerte keinen Augenblick. Kaum war Brannigan in sich zusammengesunken, kr�mmte sich sein Finger um den Abzug seiner Tokarew, mit der er auf das rechte Bein seines Widersachers zielte. Der wiederum, �berrascht �ber seine blitzschnelle Reaktion, hielt ebenfalls eine Pistole in der Hand, kam aber einen Wimpernschlag zu sp�t. Ein Schuss hallte durch die Nacht, und noch w�hrend Kuragin durchatmete, b�umte sich Jermaine Ross, Bissels rechte Hand, pl�tzlich auf. Die Hand an den Oberschenkel gepresst, begann er unkontrolliert hin und her zu torkeln, ein, zwei Schritte nach rechts, dann wiederum nach links, wie ein Alleinunterhalter, der versucht, sein Publikum bei Laune zu halten. Die makabere Posse w�hrte allerdings nicht lange. Laut aufst�hnend vor Schmerzen, taumelte Ross schlie�lich auf Kuragin zu, beschrieb eine Pirouette und brach zusammen.</p><p>In Gedanken l�ngst wieder bei seinem Komplizen, dessen Kalaschnikow jeden Moment die n�chste Garbe ausspeien w�rde, wirbelte Kuragin auf dem Absatz herum und lie� den Blick durch den weiten, in glei�end helles Mondlicht geh�llten Talkessel wandern. Irgendwo da droben, m�glicherweise nur einen Steinwurf entfernt, befand sich ein gedungener Meuchelm�rder, ein Killer aus den Reihen der CIA. In wenigen Sekunden, vielleicht auch schon in diesem Moment, w�rde er ihn ins Visier nehmen, auf den Abzug dr�cken und Juri Andrejewitsch Kuragin, CIA-Agent au�er Dienst, so lange beackern, bis sein K�rper mit Kugeln durchsiebt und vom Kadaver eines Tieres, das einer nach Blut lechzenden Meute zur Strecke gebracht wurde, nicht mehr zu unterscheiden sein w�rde.</p><p>Es sei denn, er w�rde den Spie� umdrehen.</p><p>Die Waffe im Anschlag und so kaltbl�tig, dass er sich selbst dar�ber wunderte, wich Kuragin zur�ck, umklammerte Ross, der sich mit schmerzverzerrter Miene auf dem Boden w�lzte, mit dem linken Arm und riss ihn mit einem gewaltigen Ruck in die H�he. Anschlie�end wich er Schritt f�r Schritt zur�ck, ohne die oberen Sitzreihen, von wo aus die Sch�sse auf ihn abgefeuert worden waren, auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.</p><p>Auf eine Reaktion seines Kontrahenten brauchte er nicht lange zu warten. Kaum hatte er sich hinter Ross verschanzt, tat er genau das, worauf Kuragin spekuliert hatte. Um ihn an der Flucht zu hindern und seinen Komplizen nicht in Gefahr zu bringen, feuerte er in die Luft, nur wenige Zentimeter �ber die K�pfe von Kuragin und Ross hinweg, der mit schreckgeweitetem Blick auf die Zuschauerr�nge starrte. Dort regte sich zun�chst nichts, doch kurz darauf, wie von Kuragin erhofft, erhellte ein zweiter, auf seine urspr�ngliche Position gezielter Feuersto� die mondhelle Nacht.</p><p>Fast gleichzeitig stie� er Ross von sich und zielte auf die Stelle, wo das M�ndungsfeuer der Kalaschnikow aufgeblitzt war. Er tat dies aufs Geratewohl, und, wie er genau wusste, auf die Gefahr hin, dass die n�chste Garbe seinen K�rper in St�cke rei�en w�rde.</p><p>Aber Juri Andrejewitsch Kuragin, nicht gerade eine Spielernatur, hatte Gl�ck. Sein auf gut Gl�ck abgefeuerter Schuss war ein Treffer. Und nicht nur das. Einen Laut auf den Lippen, welcher demjenigen eines waidwunden Tieres glich, b�umte sich sein bis dahin unsichtbarer Gegner auf, lie� die Kalaschnikow aus der Hand gleiten und torkelte auf den Rand des Talkessels zu. Dort blieb der Helfershelfer von Ross stehen, so als sei er zu Stein erstarrt. Danach geriet er ins Wanken, �berschlug sich und blieb inmitten von Glasscherben, Unkraut und Abfall liegen.</p><p>Kuragin verlor keine Zeit. Ohne einen Blick, geschweige denn einen Gedanken auf ihn zu verschwenden, richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Mann, der nur wenige Schritte von ihm entfernt am Boden kauerte. Au�er der Schusswunde, die auf Kuragins Konto ging, hatte er einen Streifschuss an der linken H�fte abbekommen, was bedeutete, dass von Jermaine Ross, Calabreses Mann f�rs Grobe, vermutlich keinerlei Gefahr mehr ausgehen w�rde. Doch davon lie� sich Kuragin, der mit gez�ckter Waffe neben ihm stand, nicht blenden. �Na, wen haben wir denn da!�, h�hnte er, beugte das Knie und dr�ckte ihm seine Tokarew so heftig gegen die Schl�fe, dass Ross krampfartig zusammenfuhr. �Mit Ihnen habe ich schon gerechnet. Wenn sich der Handlanger von Calabrese die Ehre gibt, muss es sich um etwas Besonderes handeln.�</p><p>�Scher dich zum Teufel, Russki!�, zischte Ross, von Kr�mpfen gesch�ttelt, gegen die er sich vergeblich aufb�umte. �Aus mir kriegst du so schnell nichts ��</p><p>�Na sch�n, Ross � anscheinend wollen Sie es nicht anders�, unterbrach ihn Kuragin und trat seinem Gegenspieler so heftig gegen die H�fte, dass dieser laut aufjaulend auf dem R�cken landete. Bevor er wusste, wie ihm geschah, war Kuragin �ber ihm, beugte sich nach vorn und richtete die Tokarew auf seine Stirn. �So, und jetzt werden Sie mir sagen, wer das alles angezettelt hat.�</p><p>�Kannst � kannst du dir das nicht denken?�, keuchte Ross, wohl wissend, dass ihm nichts anderes �brigblieb.</p><p>�Ich z�hle jetzt bis drei, Sie Versager. Danach k�nnen Sie sich auf etwas gefasst machen.�</p><p>�Na, wenn schon. Ich habe nichts zu verlieren.�</p><p>�Au�er Ihrem Leben�, sp�ttelte Kuragin, ein ver�chtliches L�cheln im Gesicht. �Folglich w�rde ich mir genau �berlegen, was ich tue.�</p><p>�Was soll das hei�en, du Hurensohn?�</p><p>�Wie gesagt � wenn ich Sie w�re, w�rde ich den Mund nicht so voll nehmen. Sonst bleibt mir nichts anderes �brig, als mich mit ein paar ehemaligen Kollegen vom KGB in Verbindung zu setzen�, f�gte Kuragin mit s�ffisanter Miene hinzu und wunderte sich, wie glatt ihm der Bluff, den er gerade inszenierte, �ber die Lippen kam. �Nach einem Mann ihres Schlages und mit Ihren Kenntnissen w�rden die sich n�mlich die Finger lecken. Oder glauben Sie allen Ernstes, Sie k�nnen mir etwas vormachen? Raus mit der Sprache, Ross, was f�hrt ihr Herr und Meister im Schilde?�</p><p>�Und was, wenn ich nicht im Bilde bin?�</p><p>�Schluss mit dem Theater. Es sei denn, Sie sind erpicht darauf, die Gastfreundschaft des KGB am eigenen Leib zu versp�ren. Mit Betonung auf versp�ren, falls Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>�Gut und sch�n, aber was springt f�r mich dabei heraus?�</p><p>�Erst die Ware, dann die Gef�lligkeiten. So, und jetzt machen Sie gef�lligst den Mund auf, Ross�, drohte Kuragin, ein Flackern im Blick, das nichts Gutes verhie�, �bevor ich am Ende die Geduld verliere!�</p><p>�An allem ist nur Calabrese schuld.�</p><p>�Was Sie nicht sagen. Raus mit der Sprache, Ross, ich habe nicht ewig Zeit.�</p><p>�Calabrese und Dulles, meinte ich. Ginge es nach denen, w�re Kennedy die l�ngste Zeit Pr�sident gewesen.�</p><p>�Eine Intrige nach Art des Hauses, so, so. Mehr haben Sie nicht zu bieten?�</p><p>�Keine Intrige, Kuragin, sondern ein organisiertes Komplott.�</p><p>�Mit welchem Ziel?�</p><p>�Mit dem Ziel, den Russen einen Denkzettel zu verpassen. Damit uns nicht die Felle davonschwimmen. So wie neulich auf Kuba. Kommunistenpack, verfluchtes. Besitzt die Frechheit, uns auf der Nase herumzutanzen. Und Kennedy schaut einfach nur zu. R�hrt keinen Finger und spielt den Ahnungslosen. Aber nicht mit uns, Genosse Chruschtschow! Das lassen wir uns nicht bieten. H�chste Zeit, dass ihm jemand eine Kugel verpasst. Sonst ruiniert dieser Schei�katholik noch das ganze Land.�</p><p>�Genug der Vorrede, Ross. Und nicht ganz so nebul�s, wenn ich bitten darf.�</p><p>Ross antwortete mit einem lang gezogenen St�hnen. �Alles, was recht ist, Kuragin ��, r�chelte er, die Augen auf einen Punkt gerichtet, der nur in seiner Fantasie existierte, �bist du wirklich so schwer von Begriff, wie du tust? Wenn � wenn es einen Ort gibt, der f�r eine Provokation taugt, dann ja wohl Berlin!� Ross lachte h�misch in sich hinein. �Peng � und schon gehen alle aufeinander los. Keine gro�e Kunst, hier einen Krieg anzuzetteln. Ein M�chtegern-Gigolo, der in die Venusfalle tappt, eine russische Spionin, die spurlos verschwindet, Geheimdokumente, die auf wundersame Weise in unsere H�nde fallen, ein � ein kleiner Raketenangriff, und schon ist dieser Schlappschwanz von Pr�sident gezwungen, Farbe zu bekennen!�</p><p>�Das hei�t, die CIA hat vor, Raketen auf russisches Ge ��</p><p>�Nicht wir auf die Russen, wo denkst du hin. Sondern die auf uns!�</p><p>Kuragin sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Sehe ich das richtig, Ross ��, raunte er, bem�ht, seine Erregung zu verbergen, �Calabrese und Konsorten haben vor, eine russische Raketenbatterie zu kapern, mit dem Ziel, das vorhandene Arsenal auf Westberlin abzufeuern?�</p><p>�Was hei�t hier vorhaben�, keuchte Ross, ein boshaftes L�cheln im Gesicht. �Soweit ich wei�, ist die Aktion bereits angelaufen.�</p><p>Au�er sich vor Zorn, verlor Kuragin die Geduld, packte Ross am Kragen und riss ihn zu sich empor. �Wo, Ross?�, sch�umte er, so grimmig, dass der Angesprochene den Blick abwandte. �Von wo aus sollen die Rakten abgefeuert werden � und wann?�</p><p>�In knapp sechs Stunden, Herr Kollege. Sieht so aus, als m�sstest du dich ��</p><p>�Von wo aus, verdammt noch mal!�</p><p>�Suchet in Rangsdorf�, sp�ttelte Ross, w�hrend seine Hand in die Hosentasche glitt und den Griff eines Stiletts umschloss. �Suchet, so werdet ihr finden. Tja, Kuragin, scheint so, als w�rst du in einer Sackgasse gelandet.�</p><p>�Es sei denn, ich w�rde meine Beziehungen spielen lassen. Sie wissen doch, Ross: Einmal KGB, immer KGB. Bin mir sicher, meine Ex-Kollegen w�ren brennend daran interessiert, in Rangsdorf nach dem Rechten zu sehen. Tut mir leid f�r Sie, Ross � ehrlich.�</p><p>�Ach, ja?�</p><p>�In der Tat, Herr Kollege�, sp�ttelte Kuragin, lie� von seinem Erzfeind ab und entfernte sich. Kurz darauf, in knapp zehn Metern Entfernung, hielt er inne und drehte sich in aller Gem�tsruhe um. �Vor allem, weil Sie sich nicht an die Spielregeln gehalten haben.�</p><p>Dann zielte er und dr�ckte ab.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>23</p><p><emphasis>G�stehaus der DDR-Regierung am Gro�en D�llnsee / Uckermark | 22.09 h</emphasis></p><p>�Operation Rose wie geplant durchf�hren, trotz Fahndung nach mutma�lichem Verr�ter. In Ordnung. Verlass? Auf uns? Aber selbstverst�ndlich, Nikita Sergejewitsch�, katzbuckelte SED-Chef Walter Ulbricht und legte sich derart ins Zeug, dass er im Eifer des Gefechts sogar eine Verbeugung machte. �Vermeidung von �bergriffen und Ignorieren gezielter Provokationen � verstehe. Wie bitte? Aber nat�rlich haben wir alle verf�gbaren Kr�fte in erh�hte Gefechtsbereitschaft versetzt. Defensivstrategie � wie besprochen. Wahrung alliierter Rechte, Beschr�nkung s�mtlicher Ma�nahmen auf das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik. Verhinderung von �bergriffen, Schusswaffengebrauch nur im Notfall. Alles vermeiden, wodurch sich die Westm�chte provoziert f�hlen k�nnten. Und was passiert, wenn die Imperialisten Ernst ma� verstehe. Sie sind es, der das Sagen hat, ganz Ihrer Meinung. Operationsbeginn? In genau einer Stunde und 50 Minuten. Truppenst�rke? Knapp 40.000 Mann. Keine Sorge, Nikita Sergejewitsch, wir sind bestens vorbereitet.� Das Portr�t im Blick, auf dem der ordengeschm�ckte Staats- und Parteichef abgebildet war, platzte Ulbricht nur so vor Tatendrang. Endlich war es soweit, der Moment, auf den er seit Monaten hingearbeitet hatte, zum Greifen nah. Vorausgesetzt, es k�me nichts dazwischen, w�rden die Ma�nahmen, �ber die nur die Wenigsten im Bilde waren, demn�chst in Gang gesetzt werden. Von ihnen, aber auch vom reibungslosen Verlauf der Operation Rose, hing eine Menge ab. Unter anderem sein politisches �berleben. �Auf dem Laufenden halten � aber selbstverst�ndlich! Doswidanja!, Genosse Chruschtschow � auf bald!�</p><p>Fest entschlossen, seinen Worten Taten folgen zu lassen, lie� Ulbricht den H�rer auf die Gabel fallen und verlie� sein Arbeitszimmer. Es war an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen und die Genossen drau�en auf der Terrasse �ber sein Gespr�ch mit Chruschtschow und den Grund, weshalb er sie hierher zitiert hatte, in Kenntnis zu setzen. Au�er Honecker, seinem Cheforganisator, der die Operationen vom Polizeipr�sidium in der Keibelstra�e aus leitete, gab es nur ein paar Dutzend Eingeweihte, unter ihnen Stasi-Chef Erich Mielke und der sowjetische Botschafter. Ansonsten kursierten nat�rlich Ger�chte, jede Menge sogar. Aber die gab es ja bekanntlich immer. Wirklich durchgesickert war von der geplanten Aktion jedoch nichts. Ulbricht kratzte sich verlegen hinterm Ohr. Na ja, beziehungsweise so gut wie nichts.</p><p>In Gedanken bei der Rede, die er in K�rze halten w�rde, holte der Erste Sekret�r des ZK der SED tief Luft, las sich die Notizen durch, die er sich in aller Eile auf ein Blatt gekritzelt hatte, und lie� die vergangenen Tage und Monate Revue passieren. Das macht uns so schnell keiner nach!, zog er Bilanz, mit sich und der Welt restlos zufrieden. Die da drau�en auf der Terrasse werden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Mehr als 18.000 Betonpfosten, dazu 150 Tonnen Stacheldraht, f�nf Tonnen Bindedraht und zwei Tonnen Krampen. Dar�ber hinaus genug Material f�r eine provisorische Barriere rund um Berlin, auf einer L�nge von sage und schreibe 155 Kilometern. Auf so etwas war der Westen nicht vorbereitet, am allerwenigsten dieser Brandt.</p><p>F�r seine Verh�ltnisse ungew�hnlich entspannt, warf Ulbricht einen Blick auf die Uhr und setzte den Weg zur Terrasse, von wo aus ihm der Klang von Sektgl�sern, das Geklapper von Besteck und ged�mpftes Gel�chter entgegenschlug, mit beschwingten Schritten fort. In der Tat ein Grund zum Feiern, dachte er, w�hrend er die Gasse durchschritt, die sich bei seinem Erscheinen bildete. Die Zeiten, in der pro Tag mehrere tausend Republikfl�chtlinge die Grenze �berquerten, waren unwiderruflich vorbei. Vorbei auch die Tage, in denen er im Westen nicht f�r voll genommen und zu einer Witzfigur degradiert worden war. Vom morgigen Tage an w�rde die Weltgeschichte einen anderen Verlauf nehmen und der Sozialismus, an dessen �berlegenheit er nicht den geringsten Zweifel hegte, seinen endg�ltigen Siegeszug antreten.</p><p>�Genossen!�, begann Ulbricht, seiner selbst und der Wirkung, die sein Auftreten erzeugte, wie immer voll bewusst. �Kampfgef�hrten, verdiente Kader unserer Sozialistischen Einheitspartei! In meiner Eigenschaft als Erster Sekret�r des Zentralkomitees, Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates und Staatsratsvorsitzender habe ich euch eine wichtige, uns alle betreffende und streng vertrauliche Mitteilung zu machen.� Ulbricht r�usperte sich und warf einen Blick in die Runde. Es war k�hler geworden, definitiv zu k�hl f�r die Jahreszeit. Im Schein der Laternen, welche die Terrasse flankierten, wirkten die Gesichter der versammelten Parteigr��en, Funktion�re und Spitzenbeamten merkw�rdig bleich, und wie immer tat er sich schwer, seine Hemmungen zu �berwinden. Er fragte sich, was wohl in ihren K�pfen vorgehen mochte, ob sie die Neuigkeiten, die er �berbringen w�rde, ohne Weiteres hinnehmen w�rden. Vertrauen hatte er ohnehin zu niemandem, nicht einmal zu seinen engsten Weggef�hrten. Genau deswegen hatte er die illustre Runde herbeizitiert, nicht etwa, weil er sich auf die Anwesenden verlassen konnte, sondern weil er sie hier, mitten in der Schorfheide, besser unter Kontrolle haben w�rde. Wie pflegte man w�hrend der Stalin-�ra doch zu sagen: �Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.� Was die f�hrenden K�pfe der DDR betraf, war dem nichts hinzuzuf�gen.</p><p>Eingedenk dieser Tatsache wartete Ulbricht ab, bis sich die Verbl�ffung, die er in manch einem Gesicht zu entdecken glaubte, wieder gelegt hatte, hob das Kinn und deklamierte in dem f�r ihn typischen, mitunter ins Schrille kippenden Ton: �In genau 100 Minuten, Genossinnen und Genossen, wird die Aktion, in deren Details ich euch nunmehr einweihen m�chte, ihren Anfang nehmen. Aus Gr�nden, die euch sicherlich einleuchten werden, haben Genosse Chruschtschow und ich es vorgezogen, sie bis jetzt geheim zu halten. Au�er den f�r die praktische Durchf�hrung der Operation Rose verantwortlichen Geheimnistr�gern, zum Beispiel den Genossen Mielke und Honecker, ist so gut wie niemand dar�ber in Kenntnis gesetzt worden. Die Gefahr, dass etwas durchsickert, erschien mir zu gro�, als dass man das Risiko h�tte eingehen k�nnen, einen gr��eren Personenkreis in die Planungen miteinzubeziehen.�</p><p>�Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.�</p><p>�Genau, Genosse�, pflichtete Ulbricht postwendend bei und bedachte das Politb�romitglied, auf dessen Konto die launige Bemerkung ging, mit einem argw�hnischen Blick. �Eine Maxime, die man stets beherzigen sollte. Doch zur�ck zum Thema. Um Mitternacht werden s�mtliche Grenz�berg�nge, welche das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik mit dem kapitalistischen Ausland verbinden, bis auf Weiteres geschlossen. Dar�ber hinaus werden die bewaffneten Organe unserer Republik, das hei�t Betriebskampfgruppen, Volkspolizei und NVA, daf�r Sorge tragen, dass der Infiltration durch Konterrevolution�re, Saboteure und CIA-Agenten ein un�berwindlicher Riegel vorgeschoben wird.�</p><p>�Riegel, was hat denn das zu �?�</p><p>�Das bedeutet, Genosse, dass wir von dem Recht Gebrauch machen werden, unsere Staatsgrenze so zu sch�tzen, dass s�mtliche Unterwanderungsversuche des Klassenfeindes von vornherein zum Scheitern verurteilt sein werden. Ab Mitternacht Berliner Zeit wird es niemandem mehr m�glich sein, unsere Grenze zu �berqueren. Weder von West nach Ost noch umgekehrt. Ganz gleich, wer es wagt, unsere Souver�nit�t zu verletzen, die bewaffneten Organe unseres Staates werden ihn daran hindern.�</p><p>�Immer mit der Ruhe, Genosse Ulbricht, so schnell schie�en die Amis nicht.�</p><p>Der Angesprochene holte tief Luft, kurz davor, dem FDGB<sup>40</sup>-Funktion�r zu seiner Rechten einen Denkzettel in Sachen Parteidisziplin zu verpassen. Da dies allerdings nicht der Ort geschweige denn der rechte Zeitpunkt war, schluckte er seinen �rger hinunter und nahm sich vor, dem feisten, sichtlich angeheiterten und f�r seine Eskapaden bekannten Mecklenburger bei passender Gelegenheit eine Standpauke zu halten. �Und wenn doch?�, war alles, was ihm schlie�lich �ber die Lippen kam, wenngleich der Tonfall, in dem dies geschah, f�r die Zukunft nichts Gutes erahnen lie�.</p><p>�Die Amerikaner? Uns angreifen? Niemals. Die sind froh, wenn sie ihre Ruhe haben. Allen voran ihr Pr�sident.�</p><p>�An ihrer Stelle, Genosse�, giftete Ulbricht, nicht gewohnt, dass man ihm vor versammelter Mannschaft widersprach, �w�re ich mir da nicht so sicher.�</p><p>�Ich schon.�</p><p>�Hei�t das, Sie zweifeln an meinem politischen Sachverstand?�</p><p>�Ich? Nie und nimmer�, lautete die ironische Replik. �Ich zweifle lediglich daran, ob von den Ma�nahmen, die Sie, Herr Staatsratsvorsitzender, ergriffen haben, am Ende nicht doch etwas nach dr�ben durchgesickert ist. Machen wir uns nichts vor. Die Amerikaner haben �berall ihre Leute sitzen, genau wie wir bei denen. M�sste mich wundern, wenn die �berraschung, die Sie ihnen bereiten wollen, nicht schon l�ngst ausgeplaudert worden w�re. Alles, was recht ist, Genosse Ulbricht � so etwas kann man nicht geheim halten. Und selbst wenn � wie stehen wir dann da? Durch ganz Berlin wird ein Aufschrei gehen, wer kann, wird alles daransetzen, unsere Sperranlagen zu �berwinden. Seitens unserer Verb�ndeten werden sich die Einw�nde nat�rlich in Grenzen halten. Logisch. Aber was ist mit der �brigen Welt? Mit den Staaten, die nicht zum sozialistischen Lager geh�ren? Von denen werden wir einiges zu h�ren bekommen, glauben Sie mir. Und wenn es dann noch Tote gibt, k�nnen wir endg�ltig einpacken.�</p><p>Bebend vor Erregung, hatte Ulbricht seinen Kontrahenten gew�hren lassen, aber wer ihn kannte, wusste, dass ein Wutausbruch nicht mehr lange auf sich warten lassen w�rde.</p><p>Und genau das trat ein. �Sehe ich das richtig, Genosse�, knurrte er in dem Bem�hen, nach au�en hin Haltung zu bewahren. �Ausgerechnet Sie, der Sie dazu verpflichtet sind, die Partei der Arbeiterklasse und ihre Organe mit allen Ihnen zur Verf�gung stehenden Mitteln zu unterst�tzen, erdreisten sich, mir Vorhaltungen zu machen? Und das in Gegenwart meiner G�ste? Damit wir uns richtig verstehen: <emphasis>Ich</emphasis> bin es, der hier die Entscheidungen trifft, kapiert? F�r den Fall, dass Sie damit nicht klarkommen, sehe ich mich gezwungen, Mittel anzuwenden, die Sie wieder zur Vernunft bringen ��</p><p>�Bitte um Entschuldigung, Genosse Staatsratsvorsitzender, aber es ist dringend.�</p><p>�� werden. Dringend � was soll das hei�en?�</p><p>Von Ulbricht unbemerkt, hatte sich der Leutnant der Staatssicherheit, schlank, bebrillt und h�chstens 25, dem illustren Kreis vom Haupteingang aus gen�hert und dies mit einer Miene getan, die erahnen lie�, dass er keine frohe Kunde brachte. �Schlechte Nachrichten, Genosse!�, raunte er der Nummer eins der DDR ins Ohr. �Wenn ich Sie bitten d�rfte, mir zu folgen!�</p><p>*</p><p>�Fehlgeschlagen? Auch das noch. Zeigen Sie mal her!� Im Begriff, die angestaute Wut an dem MfS-Beamten auszulassen, der ihm soeben einen entschl�sselten Funkspruch �berreicht hatte, riss sich Ulbricht so gut es ging zusammen und lie� sich in den Ohrenbackensessel sinken, der in der weitl�ufigen Lobby des G�stehauses stand. Auf Komfort, Bequemlichkeit und sogar auf einen Fernsehapparat musste hier niemand verzichten, der Eindruck, man befinde sich auf einem ostelbischen Herrensitz, kam nicht von ungef�hr. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sich hier noch die Nazi-Prominenz die Klinke in die Hand gegeben, was Ulbricht, der es zu seinem bevorzugten Domizil auserkoren hatte, offenbar wenig Kopfzerbrechen bereitete.</p><p>�Liquidierung Zielperson gescheitert, Erfolg der Mission ungewiss � Stop � Geheimunterlagen verschollen � Stop � Von K, ihrem �berbringer, keine Spur � Stop � Bitte um Instruktionen � Stop � Operation Rose abbrechen? Geheimhaltung nicht mehr gew�hrleistet � Stop � B�</p><p>Kalkwei� im Gesicht, pendelte Ulbrichts Blick zwischen dem Ungl�cksboten und dem Funkspruch hin und her. �Kommt �berhaupt nicht infrage!�</p><p>�Ihre Befehle, Genosse Generalsekret�r?�</p><p>�Bin ich denn hier von lauter Dilettanten umgeben?�, polterte Ulbricht, worauf der Stasi-Offizier, welcher in Habachtstellung neben ihm stand, erschrocken zusammenzuckte. �Und was hei�t denn �berhaupt �abbrechen�? Dass das nicht geht, wei� Bartosz doch so gut wie ich. K�nnen Sie mir mal sagen, Herr Leutnant, wieso ich jedes Jahr Millionen in die Stasi hineinpumpe, wenn sie es nicht mal fertigbringt, einen popeligen Hautkommissar aus dem Verkehr zu ziehen? So schwer kann das doch nicht sein.�</p><p>�Und was ist mit diesem �berl�ufer?�</p><p>�Der wird fr�her oder sp�ter mit seinem ehemaligen Spezi Kontakt aufnehmen. Darauf k�nnen Sie sich verlassen, junger Freund.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>Ulbricht runzelte die Stirn, schnappte nach Luft und lie� den Nacken auf der Lehne seines Ohrenbackensessels ruhen. �Gute Frage.�</p><p>Auf einen Schlag hundem�de, schloss Moskaus Statthalter in der DDR die Augen und dachte angestrengt nach. Sekunden sp�ter �ffnete er sie wieder, winkte seinen Gespr�chspartner heran und sagte: �Sch�nen Gru� an Bartosz, Herr Leutnant. Von mir h�chstpers�nlich. Operation Rose ist wie geplant durchzuf�hren. Verstanden? Kein R�ckzieher, egal, was noch passiert. Und vor allem: Bartosz soll alle verf�gbaren Kr�fte zusammenziehen, um diesen Sydow zu observieren. Rund um die Uhr. Wer wei�, vielleicht macht die Stasi zur Abwechslung mal etwas richtig und schafft es, sein Telefon anzuzapfen.�</p><p>�Schon passiert.�</p><p>�Umso besser. Fr�her oder sp�ter wird dieser CIA-Schn�ffler bestimmt Kontakt mit ihm aufnehmen. Dessen bin ich mir absolut sicher.�</p><p>�Was dann?�</p><p>Ulbricht richtete sich auf und rieb sich die H�nde. �Dann, junger Freund, werden wir unser M�glichstes tun, damit dieser Sydow f�r immer von der Bildfl�che verschwindet. Und der Verr�ter, dessen Namen ich hier nicht nennen will, mit dazu.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>SECHS</p><empty-line/><p><emphasis>�Ostdeutschland blutet aus. Das gef�hrdet den gesamten Ostblock. Er muss etwas dagegen tun. Vielleicht eine Mauer. Und dagegen k�nnen wir �berhaupt nichts machen. Ich k�nnte die Alliierten zum Handeln bewegen, wenn er irgendetwas mit Westberlin anstellt, aber nicht, wenn er in Ostberlin etwas tut.�</emphasis></p><p>Pr�sident Kennedy zu Senator William Fulbright am 4.7.1961</p><p><emphasis>�Kennedys Reaktionen auf den Mauerbau waren bewusst behutsam. Er blieb, wie geplant, bis zum Montagmorgen auf seinem Familiensitz und lie� lediglich durch das Au�enministerium erkl�ren, die Abriegelung West-Berlins habe keine Auswirkungen auf die alliierten Rechte in West-Berlin und den Zugang dorthin. In dieser zur�ckhaltenden Reaktion kommt zum Ausdruck, dass Kennedy die Berliner Mauer als Gottesgeschenk betrachtete. Warum sollte Chruschtschow eine Mauer bauen lassen, wenn er tats�chlich vorh�tte, West-Berlin zu vereinnahmen?</emphasis></p><p>(Aus: Robert Dallek: John F. Kennedy. Ein unvollendetes Leben. Frankfurt am Main 2005, S. 374 f.)</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>ROSE</p><p><emphasis>Berlin / Rangsdorf / Hyannis Port</emphasis></p><p><emphasis>Massachusetts,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(Samstag, 12.08.1961 und Sonntag, 13.08.1961)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>24</p><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Seestra�e | 22.12 h</emphasis></p><p>Allm�hlich wurde ihm die Sache zu bunt. Die H�nde auf das Sims gest�tzt, konnte sich Sydow den Kraftausdruck, der ihm auf der Zunge lag, gerade noch verkneifen und stierte mit angespannter Miene zum Fenster hinaus. Drunten im Garten, Leas Ein und Alles, r�hrte sich nichts, mit Ausnahme der Buchsbaumhecken, �ber die gerade eine milde Brise strich. Alles war ruhig, und er hoffte, dass das Ger�usch, das er soeben geh�rt hatte, ein Produkt seiner Fantasie gewesen war.</p><p>Keine Einbildung und das vorl�ufig letzte Glied in einer Serie von Tiefschl�gen, die er am heutigen Tage hatte einstecken m�ssen, war dagegen die Schie�erei vor einer guten halben Stunde gewesen. Sydow holte tief Luft. Er konnte von Gl�ck sagen, mit heiler Haut davongekommen zu sein, und der Gedanke daran, mit wem er sich heute schon angelegt hatte, verst�rkte sein Unbehagen umso mehr. Die Chance, heil aus dieser Sache herauszukommen, ging gegen Null, selbst wenn es ihm gel�nge, sich die Stasi vom Leib zu halten. Gesetzt den Fall, er w�rde auf seine Suspendierung pfeifen, w�re der n�chste �rger ohnehin vorprogrammiert, denn dann w�rde er es nicht nur mit Oel�ner, dem �ber alles geliebten Vorgesetzten, sondern mit Sicherheit auch mit der CIA zu tun bekommen, auf deren Konto der Mord an Blaschkowitz ja wohl ging. Eine Frage stand indes noch aus, wenngleich er den Gedanken, der ihm seit geraumer Zeit im Kopf herumspukte, lieber nicht aussprechen wollte. Die Frage n�mlich, wer hinter dem Mord in der S-Bahn steckte und wer so kaltbl�tig, professionell und gerissen war, dass er es geschafft hatte, unerkannt das Weite zu suchen. Im Grunde, so Sydows Res�mee, kam daf�r nur jemand ganz Bestimmtes infrage, nur so w�rde sich das Puzzle, das er vor sich hatte, zusammenf�gen.</p><p>�Und dann ist er einfach in sein Boot geklettert und hat sich aus dem Staub gemacht?�, fragte Sydow nach minutenlangem Schweigen und drehte sich zu seiner Frau Lea um, die ihn mit forschendem Blick musterte und sich nicht zum ersten Mal fragte, wieso gerade sie mit einem Mann verheiratet war, der in jedes erreichbare Fettn�pfchen trat. �Einfach so?�</p><p>Lea nickte. �Einfach so�, wiederholte sie, im Zweifel, ob es nicht besser war, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen und Oel�ner beim Wort zu nehmen. �Wei�t du was, Tom? Wenn ich nicht w�sste, aus welchem Holz du geschnitzt bist, w�rde ich dir raten, die Finger von der Sache zu lassen. Sonst bekommst du es nicht nur mit Oel�ner, sondern mit Leuten zu tun, denen man am besten aus dem Weg gehen sollte.� An die Kante von Sydows Schreibtisch gelehnt, auf dem die gleiche Unordnung wie im gesamten Arbeitszimmer herrschte, wo jeder verf�gbare Quadratzentimeter mit B�cherstapeln, Akten, Ordnern und Zeitungsausschnitten belegt war, verschr�nkte seine Frau die Arme und be�ugte den Umschlag, der immer noch unge�ffnet neben ihr lag. �Aber da ich wei�, wie du bist, behalte ich meine Weisheiten lieber f�r mich.�</p><p>�Du denkst also, dass es besser w�re die Sache auf sich beruhen zu lassen und f�r eine Weile unterzutauchen.�</p><p>�Genau das, mein Herz, w�re das Vern�nftigste, was man unter den obwaltenden Umst�nden tun sollte. Es sei denn, man hei�t Tom Sydow und nimmt seinen Beruf so ernst, dass alles andere dahinter zur�ckzustehen hat.�</p><p>�Nicht alles�, fl�sterte Sydow, drehte sich um und gesellte sich zu seiner Frau. �Nicht alles.� Dann nahm er ihr Gesicht zwischen die Handfl�chen und k�sste sie sanft auf die Stirn.</p><p>�Wenn dem so ist, tu mir den Gefallen und versuche nicht, den Helden zu spielen. Sonst riskierst du, dass dies unser letzter Hochzeitstag ist.�</p><p>�Wo du recht hast, hast du recht�, entgegnete Sydow mit Blick auf den Umschlag, den nicht nur er am liebsten umgehend losgeworden w�re. �Fragt sich, was wir damit anstellen sollen.�</p><p>�Neugierig?�</p><p>�Dir kann man aber auch wirklich nichts vormachen�, antwortete Sydow, k�sste seine Frau ein weiteres Mal und richtete sich zu voller Gr��e auf. �Langsam wirst du mir unheimlich.�</p><p>�Acht Jahre an der Seite eines Kriminalisten hinterlassen eben ihre Spuren. Ein Blick in deine Augen, Edler von Sydow, und ich wei�, was dir gerade im Kopf herumgeht.�</p><p>�Wenn du dich da mal nicht t�uschst.�</p><p>�Hei�t das, du spielst mit dem Gedanken, den Dienst zu quittieren?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Wie bitte? <emphasis>Du</emphasis>? So kenne ich dich ja gar nicht.� Perplex wie schon lange nicht mehr, schnellte Lea Sydow in die H�he und sah ihren Mann mit zusammengekniffenen Brauen an. �Das meinst du doch wohl nicht ernst.�</p><p>�Und ob.�</p><p>�Das hei�t, du hast vor, einfach aufzugeben den Dingen ihren Lauf zu lassen? Ausgerechnet du, wo du doch sonst keine Ruhe gibst, bis sich die Halunken, hinter denen du her bist, samt und sonders hinter Schloss und Riegel befinden?�</p><p>�Du hast es erfasst, Lea�, entgegnete Sydow, strich seiner Frau �ber die Wange und f�gte hinzu: �Wei�t du, Lea, allm�hlich geht mir wirklich die Puste aus. Da versuchst du zwei Morde aufzukl�ren, hetzt den lieben langen Tag durch Berlin und legst dich mit allen m�glichen Leuten an. Und mit welchem Ergebnis? Genau. Suspendiert. Damit dir nur ja nicht langweilig wird, lauert dir anschlie�end die Stasi auf und setzt s�mtliche Hebel in Bewegung, um dich ins Jenseits zu bef�rdern. Und wieso? Wegen eines Freundes und vermeintlichen CIA-Agenten, von dem du acht Jahre nichts mehr geh�rt hast und der vermutlich nichts Besseres zu tun hat, als irgendwelche geheimen Unterlagen, Dossiers oder hochbrisante Dokumente, f�r die sich die Genossen vom MfS offenbar brennend interessieren, bei dir zu bunkern. Ohne gro� nachzudenken und im Vertrauen auf deine Diskretion und die alten Zeiten. Damit dir � wie gesagt � nur ja nicht langweilig wird. Alles, was recht ist, Lea: Wenn dir da nicht der Kragen platzt, dann wei� ich nicht mehr.� Entschlossener denn je, hielt Sydow inne, hob den Zeigefinger und verk�ndete: �Eins wei� ich jedenfalls genau. Wir beide werden jetzt unsere Bude verrammeln, Tante Lu nach Hause kutschieren und zusehen, dass wir uns irgendwohin verkr�meln, wo uns keiner � was war denn das?�</p><p>�Es hat geklingelt, Tom.� Bevor ihr Mann, dessen Tirade abrupt unterbrochen worden war, sich wieder gefangen hatte, stand Lea Sydow bereits am Fenster und sp�hte zur Gartent�r. Die Gestalt, die dort stand, lie� sie sp�rbar aufatmen, und so verlor sie keine Zeit, dem unerwarteten Besucher zu �ffnen.</p><p>�Du, Kroko?�, stie� Sydow hervor, als sein Assistent kurz darauf im T�rrahmen erschien und es sich als Kavalier der alten Schule nicht nehmen lie�, der Dame des Hauses den Vortritt zu lassen. �Wie kommst du denn hierher?�</p><p>�Mit dem Taxi�, erwiderte Krokowski, der Sydows Einladung, sich zu setzen, �berhaupt nicht zu bemerken schien, auf ihn zust�rmte und blaffte: �Wie denn sonst?�</p><p>V�llig �berrumpelt, zog Sydow die Brauen in die H�he, verkniff sich jedoch jeglichen Kommentar.</p><p>Dies war auch gut so, denn kaum stand ihm Krokowski gegen�ber, begann er auch schon mit seinem Rapport. �Du wirst es nicht glauben, Tom�, redete er wie besessen auf Sydow ein, �wirst es einfach nicht f�r m�glich halten. Halt dich fest, sonst haut es dich um!�</p><p>�Mich kann nichts mehr ersch�ttern, Kroko, was gibt�s?�</p><p>�Da w�re ich mir nicht so sicher!�, versetzte Krokowski und erg�nzte: �Man stelle sich das einmal vor. Der Geheimdienst eines verb�ndeten Staates, dessen Name uns beiden wohlbekannt ist, setzt sich �ber Recht und Gesetz hinweg, lockt einen harmlosen B�rger in die Falle und besitzt dann noch die Kaltbl�tigkeit, ihn zu beseitigen. Um es kurz zu machen, Tom: Auf deine Bitte, die mir wie immer Befehl war, habe ich mich schnurstracks auf den Weg zum Domizil der Familie Blaschkowitz gemacht. Man wei� ja schlie�lich, was sich geh�rt. Und tut, was man von seinem Vorgesetzten aufgetragen bekommt. Nun gut. Da stehe ich also und zerbreche mir den Kopf, wie ich der treu sorgenden Gattin von Blaschkowitz beibringen soll, dass ihre bessere H�lfte nicht mehr unter den Lebenden weilt. Und wei�t du, wie die Dame des Hauses auf die schlechte Kunde reagiert hat?�</p><p>�So gut wie gar nicht. Beziehungsweise auf h�chst indifferente Art und Weise.�</p><p>�Du sagst es. Armer Schlucker aus dem Osten heiratet wohlhabende Fabrikantentochter � eine Romanze wie aus einem Groschenroman. Allerdings ohne Happy End. Sei�s drum. Nachdem mir klar war, wo es bei Familie Blaschkowitz langgeht � beziehungsweise langging �, bekam ich pl�tzlich einen Riesendurst.�</p><p>�Du? Ist das dein Ernst? Wie bist du denn auf die Idee ge��</p><p>�Durch das Lamento einer gewissen Frau Blaschkowitz, die sich �ber den Alkoholkonsum ihres Gatten zu beklagen geruhte. Und das unmittelbar im Anschluss an die Nachricht von seinem Tod. Einerlei. Ich also nichts wie hin in seine Stammkneipe, und wie es der Zufall � oder das Gl�ck � so will, bin ich dort umgehend f�ndig geworden.�</p><p>�Augenzeugen?�</p><p>�Jede Menge, Tom. Aber immer sch�n der Reihe nach.� Krokowski schnappte nach Luft, zurrte seine Fliege zurecht und sagte: �Gestern Abend, nach �bereinstimmenden Aussagen um halb neun, betritt Blaschkowitz den Wilden Mann und stellt sich an die Theke.�</p><p>�Wie jeden Freitagabend.�</p><p>�Genau. Zun�chst sieht alles danach aus, als sollte dies ein Freitagabend wie jeder andere werden. Bis, tja, bis so gegen zehn eine br�nette, �beraus ansehnliche und in besagten Gefilden nie zuvor in Erscheinung getretene ��</p><p>�Dame auftaucht. Geht�s vielleicht noch ein bisschen hochgestochener, Herr Kommissar?�</p><p>�Hochgestochen oder nicht � zur �berraschung der Anwesenden, Blaschkowitz mit eingeschlossen, beginnt die Erw�hnte alsbald, Letzterem heftige Avancen � Entschuldigung! � macht sie sich sofort an Blaschkowitz ran. Der f�hlt sich geschmeichelt, z�gert keine Sekunde und ist offenbar der Meinung, die sch�ne Unbekannte verzehre sich f�rmlich nach ihm.�</p><p>�Ein Trugschluss.�</p><p>�Und was f�r einer. Kein Zweifel, die Dame hat es auf Blaschkowitz abgesehen, weniger aufgrund seines Alters oder k�rperlicher Vorz�ge, sondern aus einem ganz anderen Grund.�</p><p>�Klassischer Fall von Lockvogel.�</p><p>�Exakt�, bekr�ftigte Krokowski, derart in Fahrt, dass er Sydows Schmunzeln nicht bemerkte. �Auf den Punkt gebracht, kurz nach elf fassen die beiden den Entschluss, den Abend im privaten Rahmen ausklingen zu � ihr Techtelmechtel woanders fortsetzen und bitten den Wirt, ein Taxi zu rufen.�</p><p>�Ziel?�</p><p>�Anhalter Bahnhof. Ein Domizil f�r gehobene Anspr�che.�</p><p>�Und woher wei�t du das so genau?�</p><p>�Weil Natalja � so ihr angeblicher Name � ein entscheidender Fehler unterlaufen ist, darum.� Krokowski r�usperte sich und sah Sydow Beifall heischend an. �Ein Fehler, wie ihn sonst nur Anf�nger begehen.�</p><p>�Nun red schon Kroko. Mach�s nicht immer so spannend.�</p><p>�Sie hat ihre Handtasche vergessen, Tom.�</p><p>�Sie hat � sie hat <emphasis>was</emphasis>?�</p><p>�Du hast richtig geh�rt, Tom. Inklusive der Visitenkarte ihrer Nobelabsteige.� Um Eindruck zu schinden, lie� Krokowski einige Sekunden verstreichen. Dann f�gte er mit stolz geschwellter Brust hinzu: �Einen gef�lschten Ausweis, der auf eine gewisse Natalja Opuczinski, wohnhaft in Berlin-Zehlendorf, ausgestellt ist, nicht zu vergessen.�</p><p>�Gef�lscht, sagst du?�</p><p>�Und das nicht mal besonders gut.� Krokowski strahlte f�rmlich vor Gl�ck. �Aber das ist immer noch nicht alles, Tom.�</p><p>�Heiliger Strohsack, manchmal kannst du einem wirklich auf den ��</p><p>�Nebst anderen Utensilien bin ich bei meiner Untersuchung des Corpus Delicti auf ein vergoldetes Zigarettenetui aus dem Hause Marlboro gesto�en. Auf dessen R�ckseite war eine achtstellige Ziffer eingestanzt, allem Anschein nach eine Art Seriennummer. Dem war allerdings nicht so.� Stolz wie ein Pfau, hob Krokowski das Kinn und streckte die Brust heraus. �Es war eine Telefonnummer, Tom!�, frohlockte er. �Und wei�t du auch, welche?�</p><p>�Etwa die vom amerikanischen Hauptquartier?�</p><p>�Dreimal kurz gelacht. Ganz so dilettantisch, wie es den Anschein hat, ist die Dame dann doch nicht vorgegangen.�</p><p>�Dann eben die von einer konspirativen Wohnung.�</p><p>�So schwer es mir f�llt, dir recht zu geben, Tom � ja.� Die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt, begann Krokowski ruhelos auf und ab zu wandern. �Da niemand drangegangen ist, habe ich mir die Freiheit genommen, genauere Erkundigungen einzuziehen. Kurzum � der Mieter der m�blierten Wohnung, unter dessen Namen der Anschluss angemeldet wurde, taucht nach Auskunft des Hausbesitzers anscheinend nur sporadisch dort auf.�</p><p>�Denkst du, was ich denke?�</p><p>�Falls du darauf anspielst, dass es sich um einen Agententreff handeln k�nnte � ja.�</p><p>�Und warum hat sich der Vermieter dann nicht ger�hrt?�</p><p>�Ganz einfach. Weil die Miete f�r das besagte Domizil, welches nur etwa einen Kilometer vom amerikanischen Hautquartier entfernt liegt, offenbar bis Jahresende im Voraus bezahlt worden zu sein scheint. Ach, �brigens, bevor ich�s vergesse: Der omin�se Mieter ist anscheinend Amerikaner.�</p><p>�Was du nicht sagst.�</p><p>�Wie es scheint, handelt es sich beim Hausbesitzer, einem gewissen Herrn Matuschek, um einen mitteilsamen und nicht eben diskreten Mann. Hei�t, er will beobachtet haben, wie sein Mieter, dessen Name angeblich Petschke war, des �fteren Damenbesuch erhielt. Und zwar von einer etwa 30 Jahre alten, br�netten und �beraus attraktiven Venus, mit der er sich nicht etwa auf Russisch, sondern angeblich auf Englisch mit un�berh�rbar amerikanischen Akzent unterhalten hat.� Krokowski rieb sich gen�sslich die H�nde. �Du verstehst, was ich damit andeuten will?�</p><p>�Natalja.�</p><p>�Alle neune! Schenkt man der Aussage von Matuschek Glauben, haben die beiden �berhaupt nicht zusammengepasst. Unter anderem, weil Petschke knapp zehn Jahre j�nger, eher schm�chtig und so bieder und unscheinbar war, dass die lieben Nachbarn alsbald r�tselten, was die beiden miteinander zu tun haben k�nnten. Er, Matuschek, sei jedenfalls zu dem Schluss gekommen, es m�sse sich um eine rein gesch�ftliche Beziehung gehandelt haben.�</p><p>�So kann man es nat�rlich auch sagen. Sonst noch was?�</p><p>�Wenn man so will � ja.� Gerade eben noch in Hochstimmung, d�mpfte Krokowski seinen Ton und erg�nzte: �Auf dem R�ckweg bin noch mal schnell ins Pr�sidium. Man wei� ja schlie�lich nie, ob es etwas Neues gibt.�</p><p>�Oder ob sich die Gelegenheit zu einem privaten Stelldichein mit einer gewissen Annerose Mollig anbietet.�</p><p>�Eine � eine durch nichts bewiesene Unterstellung.�</p><p>�An dir ist wirklich ein Schauspieler verloren gegangen�, konterte Sydow am�siert. �Nur Mut � mir kannst du es ja sagen.�</p><p>Knallrot im Gesicht, schlug Krokowski die Augen nieder, wich dem �beraus heiklen Thema aus und erkl�rte: �Stelldichein oder nicht � kaum war ich im Pr�sidium, hat der Kollege Peters angerufen. Sieht so aus, als habe es in beziehungsweise in der N�he der Waldb�hne eine wilde Schie�erei gegeben. Resultat: Drei Tote.�</p><p>Nichts Gutes ahnend, verzog Sydow das Gesicht. �Kannst du mir verraten, was das mit unserem Fall ��</p><p>�Eine Menge, Tom�, fuhr Krokowski unger�hrt fort. �Und wei�t du auch, warum?�</p><p>Sydow verschr�nkte die Arme, sandte ein Sto�gebet zum Himmel und schwieg.</p><p>�Weil es sich bei den Toten ausnahmslos um amerikanische Staatsb�rger handelt, darum. Und weil � h�rt, h�rt! � unmittelbar nach dem Auftauchen der Spurensicherung der Befehl erging, die Ermittlungen einzustellen und den Kollegen von der MP das Feld zu �berlassen. Die wiederum, so Peters, von der CIA dazu verdonnert worden sind, keinerlei Informationen an uns weiterzugeben.�</p><p>�Der Befehl kam von Oel�ner, stimmt�s?�</p><p>�Richtig getippt. Und jetzt kommt�s. Der Herr Kriminalrat hat es sich anscheinend nicht nehmen lassen, Naujocks und Peters h�chstselbst zum Schweigen zu verdonnern.�</p><p>Sydow pfiff durch die Z�hne. �Mit anderen Worten, du nimmst an, die Schie�erei hat irgendetwas mit unserem Fall zu tun.�</p><p>�Ich nehme es nicht nur an, Tom, sondern bin felsenfest davon �berzeugt. Nach Angaben des Vermieters hat unser amerikanischer College-Boy n�mlich nicht nur Damenbesuch gehabt. Gestern Abend, Herrn Naseweis zufolge gegen sechs, soll es in Petschkes Wohnung zu einer M�nage-�-trois gekommen sein, an der � man h�re und staune! � nicht nur sein omin�ser Untermieter und die noch viel omin�sere Venus mit Namen Natalja, sondern ein weiterer, circa 30 Jahre alter, kr�ftiger, pockennarbiger und noch dazu schwarzer Gast teilgenommen haben soll.�</p><p>�Herkunftsland: vermutlich USA.�</p><p>�Exakt.�</p><p>�Gut und sch�n. Aber was hat das alles mit der Schie�erei in der Waldb�hne �?�</p><p>�Was es damit zu tun hat? Die Beschreibung, Herr Kriminalhauptkommissar, die mir Matuschek vom Dritten im Bunde gab, passt ziemlich auf einen der drei Toten, welche sich in der Waldb�hne in die Haare gekriegt haben.�</p><p>W�re Lea, die dem Gespr�ch mit wachsender Besorgnis gefolgt war, nicht zugegen gewesen, h�tte Sydow eine nicht ganz stubenreine Bemerkung gemacht. So aber schluckte er den Ausruf, der ihm auf der Zunge lag, einfach hinunter und fl�sterte: �Verdammt. Jetzt wird mir einiges ��</p><p>Ehe Sydow seinen Satz vollenden konnte, l�utete das Telefon. �F�r dich, Tom!�, h�rte er Lea wenige Sekunden sp�ter sagen, immer noch wie benommen aufgrund der Erkenntnisse, welche er im Verlauf der letzten Viertelstunde gewonnen hatte. Kein Zweifel, dank Krokowski war er ein erhebliches St�ck weitergekommen, hatten sich die Puzzleteile nach und nach zusammengef�gt. Bis auf die Frage, auf wessen Konto der Leichnam in der U-Bahn und die drei Toten auf der Waldb�hne gingen, waren eigentlich alle Fragen gekl�rt.</p><p>Eine Frage, die sich im Grunde von selbst beantwortete.</p><p>�Bist du�s, Juri?�, meldete sich Sydow, im Bewusstsein, dass ihn jetzt, eine gute Stunde vor Mitternacht, nichts mehr vom Stuhl hauen konnte.</p><p>�Ja, Tom�, bekr�ftigte die Stimme am anderen Ende der Leitung, l�ngst nicht mehr so souver�n, wie er sie in Erinnerung hatte. �Ich bin�s, Kuragin. Falls du momentan nichts vorhast, w�rde ich gerne mit dir plaudern. Wenn m�glich, unter vier Augen!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>25</p><p><emphasis>Sowjetische Raketenbatterie n�rdlich von Rangsdorf, knapp zehn Kilometer vom amerikanischen Sektor entfernt | 22.40 h</emphasis></p><p>�Alles klar, M�nner?� Skip McClellan, Lieutenant Major a. D. und Agent in Diensten der CIA, sah die ru�geschw�rzten Gesichter seiner M�nner der Reihe nach an und warf einen Blick auf die Uhr, deren Zeiger unaufhaltsam vorw�rtsr�ckte. Der 34-j�hrige Veteran aus dem Koreakrieg tat dies ohne erkennbare Regung, genau so, wie man es von einem Mann, der zwei Jahre Gefangenschaft �berstanden hatte, erwarten w�rde. Damals, in einem Camp nahe der chinesischen Grenze, hatten ihn seine Peiniger tagelang gefoltert, mit Salzlauge �bergossen und in ein Erdloch gesteckt, in dem es von Ratten nur so wimmelte. Er hatte verschimmeltes Brot, W�rmer und Reptilienfleisch gegessen, an dessen Aroma er sich lieber nicht erinnerte. Er war vor lauter Durst halb wahnsinnig geworden und hatte sogar den eigenen Urin getrunken. Er hatte mehrere Wochen in einem verschimmelten Kellerverlies verbracht, in das kein Licht, geschweige denn der Klang menschlicher Stimmen gedrungen war. Aber er hatte es �berstanden, wenngleich ihm Gef�hlsregungen von da an wie �berfl�ssiger Luxus vorgekommen waren. Genau deswegen war er f�r das Unternehmen Uranus ausgesucht und mit dessen Leitung betraut worden. McClellan wusste genau, auf was er sich eingelassen hatte, aber da Befehl nun einmal Befehl f�r ihn war und er sich daran gew�hnt hatte, jede noch so widersinnige Order auszuf�hren, wirkte er jetzt, gut f�nf Stunden vor Beginn des dritten Weltkrieges, wie die Ruhe selbst. �Noch Fragen?�</p><p>Die Antwort der sechs Spezialagenten, deren Gesichter ebenfalls keinerlei Regung verriet, bestand aus einem Kopfsch�tteln. An ihren Kameraden, der unweit des sowjetischen Raketenwerfers vom Typ BM-21 verscharrt worden war, verschwendeten sie keinen Gedanken mehr. F�r sie war er nichts weiter als ein Verr�ter, ein Weichling wie Pr�sident Kennedy, der im alles entscheidenden Moment kalte F��e bekommen hatte. Was innerhalb der n�chsten Stunden passieren w�rde, stand ihnen deutlich vor Augen, dennoch, oder gerade deswegen, wirkten sie wie ein Abbild ihres Kommandanten, emotionslos, entschlossen, zu allem bereit. Selbst dazu, hier, nur ein paar Kilometer vom amerikanischen Sektor entfernt, ein Inferno auszul�sen, das unweigerlich zu einem nuklearen Schlagabtausch f�hren w�rde. Ein Kr�ftemessen, welches die USA f�r sich entscheiden w�rden. Koste es, was es wolle.</p><p>�Fertigmachen zum Abr�cken.� Aus Spa� an der Freude, nicht etwa, weil er seine M�nner beeindrucken wollte, z�ndete sich McClellan eine Zigarre an und paffte den Rauch der Havanna in die kristallklare Luft. Im Verlauf der Nacht, der wichtigsten seines Lebens, war das Thermometer auf 10 Grad gesunken, tief genug, um jedermann klar zu machen, dass der Sommer unwiderruflich zu Ende war. Im �bertragenen Sinne traf dies auch auf das Verh�ltnis zwischen Russen und Amerikanern zu, wenngleich sich McClellan einen Dreck darum scherte, wie die Welt am morgigen Sonntag aussehen w�rde. Bei den Zielen, auf die die Raketen gerichtet waren, handelte es sich n�mlich keineswegs um strategisch wichtige Punkte, sondern in der Hauptsache um zivile Objekte, unter anderem den Funkturm, das Sch�neberger Rathaus und das Reichstagsgeb�ude. Na gut, um den Schein zu wahren, w�rde der gro�e Bruder auch etwas abbekommen, aber wenn schon, dann w�rde es sich um eher unbedeutende Zielgebiete wie zum Beispiel Truppen�bungspl�tze, Fuhrparks oder Depots von geringem strategischen Wert handeln. Nur so w�rde es gelingen, die Welt�ffentlichkeit auf die Seite der USA zu bringen und amerikanische Verluste nach M�glichkeit zu minimieren. Nur so, und nicht etwa, indem ausschlie�lich die eigenen Milit�reinrichtungen bombardiert wurden. Daf�r h�tte er seinen Kopf nicht hingehalten. Auf keinen Fall.</p><p>Vom Erfolg der Operation �berzeugt, sog McClellan gen�sslich an seiner Havanna und nahm eine Pose ein, aus der man h�tte schlie�en k�nnen, dass Uranus das reinste Kinderspiel werden w�rde. H�chste Zeit, sagte er sich, dass Amerika die Muskeln spielen und sich von Chruschtschow nicht weiter auf der Nase herumtanzen lie�. In wenigen Stunden, sp�testens dann, wenn die Raketen in Westberlin einschlagen w�rden, w�re diese Clique aus Angsthasen, Dr�ckebergern und Klugschei�ern im Wei�en Haus gezwungen, endlich Farbe zu bekennen. Allen voran ein gewisser JFK, dem nichts anderes mehr �brig bleiben w�rde, als den Russen Paroli zu bieten. Was das zu bedeuteten hatte, war McClellan wohl bewusst. Dennoch erf�llte ihn die Aussicht auf das Kommende nicht mit Schrecken. Mit den Sowjets, so sein unersch�tterliches Credo, h�tte l�ngst aufger�umt werden m�ssen, am besten gleich, unmittelbar nach dem Krieg. Damals wie heute hatten sich diese Weicheier im Wei�en Haus jedoch von den Kommunisten einlullen lassen, zuerst Roosevelt, der Stalin aus der Hand gefressen hatte, und dann Kennedy, mit dem Chruschtschow anscheinend machen konnte, was er wollte. McClellans Miene sprach B�nde, und als sein Blick auf die K�rper der get�teten Rotarmisten fiel, versp�rte er tiefe Genugtuung. So und nicht anders musste man mit den Russen umgehen, wenn Kennedy das nicht kapierte, w�rde er, Lieutenant Major Skip McClellan, ihn dazu zwingen m�ssen.</p><p>�Noch f�nf Stunden, Countdown l�uft.� T�uschte er sich, oder konnte man aus der Stimme des Agenten, der an der Konsole von einem der insgesamt sechs BM-21 herumhantierte und als Einziger zur�ckbleiben w�rde, so etwas wie Beklommenheit heraush�ren? Ohne sich seine Irritation anmerken zu lassen, lie� der Kommandeur der Sondereinheit Uranus seinen Zigarrenstummel ins nachtfeuchte Gras fallen, zupfte an seiner fleischigen Nase herum und nahm sein Spezialfernglas zur Hand, um die Gegend in unmittelbarer N�he des Rangsdorfer Sees nach unerw�nschten St�renfrieden abzusuchen. Es war immer noch widernat�rlich hell, doch als er den Blick �ber das aus Birken, Schilf und Pappeln bestehende Idylle schweifen lie�, konnte er nichts Verd�chtiges entdecken. Die Landschaft ringsum sah friedlich und unber�hrt aus, und einen kurzen Moment lang hatte er das Gef�hl, wieder zu Hause in Minnesota zu sein, von wo aus er vor mehr als 15 Jahren aufgebrochen war, um an die Milit�rakademie in Westpoint zu gehen.</p><p>�Sir! Sondereinheit Uranus bereit zum Abr�cken, Sir.�</p><p>�Na, dann woll�n wir mal.� Ohne die Raketenwerfer, welche ihre t�dlichen Geschosse in knapp f�nf Stunden ausspeien w�rden, auch nur eines Blickes zu w�rdigen, gab McClellan das Zeichen zum Aufbruch, schulterte seinen Rucksack und band seinen Helmriemen fest. Er tat dies mit der gleichen Kaltschn�uzigkeit, die seine M�nner im Verlauf der letzten Wochen, w�hrend denen sie f�r ihren Einsatz instruiert worden waren, stets aufs Neue in Erstaunen versetzt hatte. Die Andeutung eines L�chelns im Gesicht, hielt McClellan inne und weidete sich am Anblick der get�teten Rotarmisten, deren K�rper zuvor mit Benzin �bergossen und in unmittelbarer N�he der Raketenbatterie deponiert worden waren. Morgen fr�h w�rde so gut wie nichts mehr von ihnen �brig, ihre Leiber verkohlt oder bis zur Unkenntlichkeit verst�mmelt sein. So zumindest wollte es sein Plan, und McClellan hegte nicht den geringsten Zweifel, dass er ihn in die Tat umsetzen w�rde. Dies hier war seine Art, Vergeltung zu �ben, f�r alles, was ihm in den letzten Jahren angetan worden war. Rache f�r seine Behandlung durch sowjetische Milit�rberater, die ihre koreanischen Folterknechte auf ihn gehetzt hatten. Rache f�r die get�teten Kameraden, die vor seinen Augen zu Tode gemartert worden waren. Rache aber auch f�r die Dem�tigung, welche der CIA durch den R�ckzieher des Wei�en Hauses w�hrend der Schweinebuchtinvasion zuteil geworden war.</p><p>Die Abrechnung mit John Fitzgerald Kennedy, der all dies zu verantworten hatte, nicht zu vergessen.</p><p>�Dann mal los, M�nner.� Beschwingt wie selten zuvor, gab McClellan das Zeichen zum Aufbruch.</p><p>Und wurde Zeuge, wie der Agent an der Bedienungskonsole pl�tzlich erstarrte, einen erstickten Schrei ausstie� und wie ein gef�llter Baum zu Boden st�rzte.</p><p>Reaktionsschneller als seine Kameraden, riss McClellan seinem Nebenmann den Karabiner aus der Hand, wirbelte herum und nahm den Heckensch�tzen, den er irgendwo im nahen Dickicht w�hnte, ins Visier.</p><p>Mit seiner Vermutung lag der Veteran der 7. Infanteriedivision richtig. Das Inferno, welches im gleichen Moment �ber ihn hereinbrach, hatten jedoch weder er noch seine M�nner erwartet. Es begann im gleichen Moment, als der Agent an der Konsole sein Leben aushauchte, ohne Vorwarnung, wie aus dem Nichts. Auf einen Schlag war es taghell, und ehe die CIA-Leute begriffen hatten, was gespielt wurde, wurde das Ger�usch explodierender Blendgranaten vom Geknatter der Kalaschnikows, den Detonationen zahlloser Handgranaten und vom Getriebel�rm einer MIG, die im Tiefflug �ber den Rangsdorfer See donnerte, nahezu vollst�ndig �bert�nt. Darauf und auf die Tatsache, dass Skip McClellan von einer sowjetischen Granate in St�cke gerissen wurde, waren die Agenten der Sondereinheit Uranus nicht vorbereitet. Alles geschah so schnell, so unerwartet und mit einer derartigen Wucht, dass bis auf einen blutjungen texanischen Raketentechniker, dem es wenigstens gelang, seine Waffe zu ziehen, alle f�nf M�nner mithilfe gezielter Sch�sse zu Boden gestreckt wurden. Doch die sowjetischen Elitesoldaten, denen befohlen worden war, so wenige Gegner wie m�glich zu t�ten, hatten nicht mit der Entschlossenheit ihrer Widersacher gerechnet. Einem von ihnen, der lediglich einen Streifschuss abbekommen hatte, blieb genug Zeit, eine Giftkapsel zu schlucken. Drei weitere, darunter zwei ehemalige Marineinfanteristen, schossen sich eine Kugel durch den Kopf. Der Texaner hingegen setzte sich erbittert zur Wehr, weshalb den Rotarmisten nichts anderes �brig blieb, als ihn mit vereinten Kr�ften zu liquidieren.</p><p>Trotz alledem konnten die sowjetischen Fallschirmj�ger, aus denen sich das Gros der Angreifer rekrutierte, zufrieden sein. S�mtliche Kameraden waren noch am Leben, der Raketenwerfer, mehrere 100.000 Rubel wert, v�llig intakt. Die imperialistischen Agenten dagegen waren tot, allen voran ihr Kommandeur, dessen Leichnam derart verst�mmelt war, dass man sich die Identifizierung getrost sparen konnte.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>26</p><p><emphasis>Berlin-Tiergarten, Lehrter Stadtbahnhof</emphasis></p><p><emphasis>| 23.03 h</emphasis></p><p>�Und du willst mir wirklich nicht sagen, was ihr vorhabt?�</p><p>�Lieber nicht�, wiegelte Sydow ab, parkte seinen Aston Martin gegen�ber dem Haupteingang des Lehrter Stadtbahnhofes und lie� die Hand auf der Schulter seiner Frau Lea ruhen. �Dazu ist sp�ter noch Zeit.�</p><p>�Sp�ter, aha. Unter der Voraussetzung, dass du dann noch am Leben bist. Schon vergessen, was dir vor eineinhalb Stunden widerfahren ist?�</p><p>�Glaub mir, Lea � es ist besser so�, beschwor Sydow seine Frau, umrundete seinen in die Jahre gekommenen Sportwagen und dr�ckte ihr einen Kuss auf den Mund. �Das Wichtigste ist, dass du jetzt losf�hrst, Veronika und ihren Vopo-Kavalier aus der Falle klingelst und die beiden m�glichst rasch in den Westen eskortierst. Falls Letzterer Zicken macht, schnappst du dir deine Tochter, nimmst die n�chstbeste S-Bahn und siehst zu, dass du vor Mitternacht wieder hier dr�ben bist. Vor Mitternacht, h�rst du? Treffpunkt: Brandenburger Tor. Und jetzt beeil dich, sonst kommst du zu sp�t, mein Schatz.�</p><p>�Eye, eye, Sir!�, antwortete Lea Sydow und konnte es sich nicht verkneifen, spa�eshalber zu salutieren. �Ich nehme an, der Held meiner Backfischjahre ist alt genug, um zu wissen, was er tut. Apropos � was ist eigentlich mit Eduard?�</p><p>�Unterwegs in geheimer Mission.�</p><p>�H�rt sich nach Agentenroman an.�</p><p>�Klingt nicht nur so, sondern ist einer!�, seufzte Sydow aus vollem Herzen, nahm seine Frau bei der Hand und zog sie Richtung Eingang mit sich fort. Dort angekommen, strich er ihr �ber die Wange und sagte: �Wie er ausgeht, h�ngt ganz allein von Kuragin ab.�</p><p>�Und davon, dass der Kurier des Zaren rechtzeitig zur Stelle ist!�, verulkte Lea Sydow ihren Mann und dr�ckte ihm den Umschlag in die Hand, von dessen Inhalt nicht nur das Schicksal ihrer Tochter, sondern auch dasjenige seines Mannes und, wie sie nicht zu Unrecht vermutete, die Zukunft der ganzen Stadt abhing. �Sie wollen die Grenze dichtmachen, stimmt�s, Tom?�, rief sie ihrem Mann hinterher, nachdem der sich hastig verabschiedet und ihr auf seinem Weg zum Spreeufer noch rasch eine Kusshand zugeworfen hatte.</p><p>Doch Sydow, dessen Silhouette im Licht der Stra�enlaternen nur noch schemenhaft zu erkennen war, wich einer Antwort aus, hob die Hand zum Gru� und erwiderte: �Mach dir keine Sorgen, Lea. Kuragin, Eduard und ich werden das Kind schon schaukeln. Und jetzt beeil dich � sonst sehen wir Vroni so schnell nicht wieder!�</p><p>*</p><p>Allein mit sich und dem, was vor ihr lag, st�rmte Lea die Treppe hinauf, die zu den Geleisen f�hrte, warf einen Blick auf die Uhr und k�mpfte gegen die Panik an, die sich in ihrem Inneren breitzumachen begann. Gleich Viertel nach elf!, stellte sie mit banger Miene fest, und somit nur noch eine Dreiviertelstunde Zeit. Und von der Linie 5, auf die sie wartete, keine Spur.</p><p>Um sich die Wartezeit zu verk�rzen, aber auch, um ihre Angst zu �berspielen, �ffnete Sydows Frau ihre Handtasche und bl�tterte ihren Ausweis durch. �Geburtsort: Neuhardenberg�. Ein rotes Tuch f�r so manchen Grenzbeamten, wobei sie im Stillen hoffte, von Kontrollen verschont zu bleiben. Als Tochter eines enteigneten Gro�grundbesitzers aus der Mark hatte sie f�r einen Staat, der sich als demokratische Republik ausgab, in Wahrheit aber eine Diktatur war, bei deren Gr�ndung Stalin die Rolle des Taufpaten �bernommen hatte, ohnehin noch nie viel �brig gehabt. Was es bedeutete, in einer solchen Diktatur zu leben, hatte sie am eigenen Leibe erfahren, vor allem, was es hie�, mit einem Standartenf�hrer der SS verheiratet zu sein. Dass sie und Hans-Hinrich bald getrennte Wege gegangen waren, war nur ein schwacher Trost, zumal ihre Tochter, bei Kriegsende neun Jahre alt, sehr darunter zu leiden gehabt hatte.</p><p>Doch das war erst der Anfang allen �bels gewesen. Im Fr�hjahr 1946, w�hrend eines Besuches bei ihren Eltern, war sie Zeuge der Enteignung und Vertreibung geworden und hatte miterlebt, wie ihr lebensfroher, heimatverbundener und alles andere als nationalsozialistisch gesonnener Vater binnen Tagen zu einem gebrochenen und von Schwermut und Apathie heimgesuchten Wrack geworden war. Zwei Jahre sp�ter, kurz nach der W�hrungsreform, war er schlie�lich gestorben, mit dem Ergebnis, dass ihre Mutter offenbar jeglichen Lebensmut verloren und keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatte, als ein halbes Jahr danach Selbstmord zu begehen.</p><p>Abgesehen von einer Ehe, die nur noch auf dem Papier bestand, war ihre Tochter Veronika somit das Einzige gewesen, wof�r es sich f�r Sie noch zu leben lohnte. H�tte es Tom nicht gegeben, der vor acht Jahren wie aus dem Nichts bei ihr aufgetaucht war, w�re sie vermutlich an ihrem Dasein verzweifelt. So aber hatte sie wieder Freude daran gefunden, war in ihren erlernten Beruf zur�ckgekehrt und hatte einen Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen. Ein Wermutstropfen der besonderen Art war dann allerdings der Umstand gewesen, dass sich ihre Tochter, Studentin der Kunstgeschichte an der FU Berlin, vor knapp zwei Jahren in einen durch und durch systemtreuen jungen Hauptmann der Volkspolizei aus Ostberlin verliebt hatte. Rein pers�nlich war ihr der junge Mann nicht unsympathisch gewesen, aber da seine Ergebenheit gegen�ber dem System keine Grenzen kannte, hatte es zwischen ihm und Tom immer wieder hitzige Wortgefechte und politische Diskussionen gegeben, die, wie nicht anders zu erwarten, das ohnehin gespannte Verh�ltnis zwischen den beiden �ber Geb�hr strapaziert hatten. Was Ulbricht und Co. betraf, war mit Tom nicht zu reden, und daran w�rde sich so schnell nichts �ndern.</p><p>�Stimmt etwas nicht mit Ihnen, gn�dige Frau?� In Gedanken bei ihrem Mann und der Frage, was bei dem Treffen mit Kuragin herauskommen w�rde, hatte Lea das Eintreffen der S-Bahn, die in K�rze weiterfahren w�rde, nicht bemerkt. �Ben�tigen Sie Hilfe?�</p><p>�Geht schon, kein Problem.� Lea bedankte sich bei dem distinguierten �lteren Herrn, dessen Frage sie wieder wachger�ttelt hatte, stieg ein und tat so, als sei diese Fahrt das Selbstverst�ndlichste auf der Welt. Dass dem nicht so war, wurde ihr klar, als der Zug den Bahnhof verlie� und mit quietschenden R�dern auf die Br�cke zurollte, welche den Humboldthafen �berspannte und den westlichen Teil von Berlin mit dem Osten ihrer Wahlheimat verband. Irgendwo da drau�en verlief die Grenze, wo genau, war im Dunkeln nicht zu erkennen. Sehr bald aber, in einer Dreiviertelstunde, w�rde sich das �ndern. Aus den Bemerkungen, die Tom fallen gelassen hatte, konnte man wahrlich keine anderen Schlussfolgerungen ziehen. Das Schlupfloch, durch das im laufenden Jahr Tausende entkommen waren, w�rde gestopft werden.</p><p>Mithilfe von Wacht�rmen, Stacheldraht � und, wer wei�, am Ende vielleicht sogar mit Beton.</p><p>Lea schluckte, beim Gedanken an die Zukunft schn�rte es ihr die Kehle zu. Dennoch lie� sie sich nichts anmerken, gab es kein Zur�ck mehr f�r sie. Sie musste den Styx �berqueren, je schneller, desto besser.</p><p>Als die S-Bahn in den Bahnhof Friedrichstra�e einfuhr, klopfte Lea das Herz bis zum Hals. Nach au�en hin die Ruhe selbst, stieg sie aus und lief die Treppen hinunter, die zum U-Bahnhof f�hrten. Nirgendwo, auch nicht am Fahrkartenschalter, war ein Grenzbeamter zu sehen, aber das hatte nicht viel zu sagen. Kontrolliert wurde bisweilen auch von Staatsdienern in Zivil, wenn man das Pech hatte, an den Falschen zu geraten, konnte man jede Menge Scherereien bekommen. Westberliner, die in den Osten fuhren, waren den DDR-Beh�rden ohnehin ein Dorn im Auge, allen voran der Staatssicherheit, vor der man nirgendwo sicher war. Leas Atem ging rascher, sie hatte M�he, ihre Beklommenheit zu verbergen. Jeder hier, jeder einzelne der knapp zwei Dutzend Fahrg�ste, welche auf die Linie 8 warteten, konnte ein Spitzel sein, und wenn es etwas gab, das sie in Panik versetzte, dann die Gefahr, ausgerechnet jetzt in eine Personenkontrolle zu geraten.</p><p>Entgegen ihren Bef�rchtungen war dies jedoch nicht der Fall, weder beim Einsteigen noch im weiteren Verlauf der Fahrt. Von dem, was sich um sie herum abspielte, bekam Lea nicht viel mit, f�r sie z�hlte nur eins � ihre Tochter. Wie diese allerdings darauf reagieren w�rde, wenn ihre Mutter mitten in der Nacht auftauchte, um sie in den Westen zu lotsen, stand in den Sternen. Vroni, so ihr Spitzname, war alles andere als eine willf�hrige junge Dame, was die Bef�rchtungen, welche Lea im Stillen hegte, neue Nahrung gab.</p><p>Heilfroh, die erste Etappe ihrer Mission hinter sich zu haben, stieg Lea am Bahnhof Bernauer Stra�e aus, hastete ins Freie und blickte sich rasch nach allen Seiten um. Um diese Zeit, genauer gesagt kurz nach halb zw�lf, waren die Stra�en wie ausgestorben und sie eine der Wenigen, die unterwegs waren. Das allein h�tte allerdings nicht ausgereicht, um die beiden Stasi-Beamten, welche wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, auf Lea aufmerksam zu machen. Es war ihre Hast, die sie verriet, weshalb sich die beiden Zivilfahnder, auf der Suche nach verd�chtigen Personen, umgehend an ihre Fersen geheftet hatten. �Staatssicherheit � bleiben Sie stehen!�, rief der �ltere der beiden, der Lautst�rke nach zu urteilen nur wenige Meter hinter ihr.</p><p>Lea gehorchte.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>27</p><p><emphasis>Berlin-Tiergarten, Sowjetisches Ehrenmal</emphasis></p><p><emphasis>| 23.18 h</emphasis></p><p>Keineswegs frei von nostalgischen Gef�hlen, die ihn beim Anblick des sowjetischen Ehrenmales �berkamen, sprach Sydow die Frage, die ihm auf der Zunge lag, nicht aus, sah sich pr�fend um und folgte Kuragin auf dem Fu�e. Genau hier, am Anfang der ehemaligen Ost-West-Achse, war er zusammen mit Rebecca in den Mosquito-Bomber eines Freundes aus Etoner Tagen geklettert und der Gestapo, die mit allen verf�gbaren Kr�ften Jagd auf ihn gemacht hatte, nur um Haaresbreite entkommen. Den Rest des Krieges hatte er in England verbracht, weit weg von dem Inferno, das �ber Berlin hereinzubrechen begann. Mehr als sechs Jahre sp�ter, bei der Aufdeckung eines Komplotts ehemaliger SS-Angeh�riger, hatte er dann Bekanntschaft mit Kuragin gemacht. Die L�sung des Falles war zwar nicht ganz einfach, f�r beide Seiten jedoch von Vorteil gewesen. Knapp f�nf Jahre sp�ter wiederum hatten sich ihre Wege erneut gekreuzt. Aus der gemeinsamen Jagd nach dem Bernsteinzimmer war eine Freundschaft geworden, die, w�re es nach Sydow gegangen, auch nach der L�sung des Falles fortbestanden h�tte. Genau das war jedoch nicht eingetroffen, da Kuragin, hochrangiger Offizier des sowjetischen Geheimdienstes, wenige Tage nach seiner Flucht in den Westen von der Bildfl�che verschwunden war. Nur um heute, volle acht Jahre nach seinem pl�tzlichen Abgang, wieder aus der Versenkung aufzutauchen, ihm einen Umschlag mit hochbrisanten Informationen zuzuschanzen und sich in eine Privatfehde mit der CIA verwickeln zu lassen, bei der bislang vier amerikanische Agenten auf der Strecke geblieben waren. Sydow war lange genug im Dienst, um zu erkennen, dass dies jede Menge Scherereien nach sich ziehen w�rde, wovon er mittlerweile die Nase gestrichen voll hatte.</p><p>Ein Grund mehr, dem Mann, auf den er immer noch gro�e St�cke hielt, mit Skepsis zu begegnen. �Und warum gerade ich?�, wollte Sydow, bei dem sich die Wiedersehensfreude in Grenzen hielt, nach reiflicher �berlegung wissen. �H�ttest du dir nicht jemand anderen raussuchen k�nnen?�</p><p>�Das schon�, antwortete Kuragin gedehnt, nicht ganz bei der Sache und so bedr�ckt, dass Sydow beinahe Mitleid mit ihm bekam. �Aber niemanden, auf den ich mich verlassen kann.�</p><p>�Vertrauen oder nicht � ich darf doch annehmen, dass der Tote in der S-Bahn auf dein Konto geht, oder?�</p><p>�Darfst du.� F�r seine Verh�ltnisse ungew�hnlich einsilbig, durchschritt Kuragin einen der Kolonnadeng�nge, welche in den r�ckw�rtigen Teil des Ehrenmals f�hrten, wo mehr als zweieinhalbtausend Rotarmisten bestattet waren, hielt unvermutet inne und lie� den Blick auf den dortigen Gr�bern ruhen. �Gerade noch mal gut gegangen.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Nichts, Tom, nichts!�, beeilte sich Kuragin, dessen Verhalten Sydow einmal mehr R�tsel aufgab, zu versichern. �Wo waren wir gerade stehen geblieben?�</p><p>�Bei dem Kollegen, mit dem du heute Morgen aneinandergeraten bist.�</p><p>�Stimmt!�, antwortete Kuragin, l�ste sich aus seiner Erstarrung und begann zu F��en des Kriegerstandbildes, welches die Anlage �berragte, auf und ab zu gehen. Ringsum herrschte Totenstille, und der einzige Laut, welcher in der Dunkelheit widerhallte, war das Ger�usch seiner Schritte auf dem verwitterten Asphalt. Kuragin tat sich mit einer Antwort schwer, und Sydow fragte sich nicht zum ersten Mal, welche �berraschungen ihm am heutigen Tage noch zuteil werden w�rden. �Allerdings d�rftest du mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich keine andere Wahl hatte.�</p><p>�Komisch, aber ich war immer der Meinung, bei der CIA halten sie zusammen wie Pech und Schwefel.�</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Und wieso dann der Shoot-out in der S-Bahn?�</p><p>�Weil es Leute gibt, denen das, was ich herausgefunden habe, nicht ins Konzept zu passen scheint.�</p><p>�Mag sein, Juri�, wandte Sydow herausfordernd ein. �Aber das braucht dich nicht zu k�mmern. Soweit ich wei�, hat doch wohl der Pr�sident das Sagen, oder?�</p><p>�Tut mir leid, deine Illusion zunichte machen zu m�ssen, Tom�, hielt Kuragin dagegen, �aber so einfach, wie du denkst, liegen die Dinge nicht. Im Kongress, bei der CIA, dem Milit�r und sogar innerhalb der gegenw�rtigen Administration scheint es Kr�fte zu geben, denen der Ton, den Kennedy gegen�ber Chruschtschow anschl�gt, viel zu moderat ausf�llt. Schon einmal etwas vom Kennedy-Syndrom geh�rt?�</p><p>��Krieg nur dann, wenn es sein muss�� w�sste nicht, was es an dieser Maxime auszusetzen g�be.�</p><p>�Du sagst es, alter Junge. Verstehst du jetzt, warum man versucht hat, mich aus dem Weg zu r�umen? S�mtliche Informationen, an die ich �ber meinen Mittelsmann herangekommen bin, laufen auf ein und dasselbe hinaus. Chruschtschow denkt nicht im Traum daran, in die Offensive zu gehen. Nirgendwo, Tom, am allerwenigsten in Berlin. Das eigentliche Problem besteht darin, dass Ulbricht die Leute davonlaufen, so viele, dass er sich etwas einfallen lassen musste, damit die DDR nicht � wie sagt man bei euch doch gleich?�</p><p>�Den Bach runtergeht?�</p><p>�Genau. Dumm nur, dass ich die Pl�ne meiner Ex-Kollegen durchkreuzt habe.�</p><p>�Indem du vier von ihnen umgelegt hast, wolltest du sagen.�</p><p>�Drei, alter Junge, drei. Mach mich nicht schlechter, als ich bin.� Auge in Auge mit Sydow, z�ndete sich Kuragin einen kubanischen Zigarillo an, auf den er auch jetzt, da er sich in Erkl�rungsn�ten befand, nicht verzichten konnte.</p><p>�Und Nummer vier?�</p><p>�Mein ehemaliger F�hrungsoffizier. Alter Haudegen, mitunter etwas impulsiv. Aber loyal. Sehr sogar. Eine echte Vaterfigur. Eben so, wie man sich einen Iren aus der Bronx vorzustellen hat.�</p><p>�Auf gut Deutsch, ihr seid in einen Hinterhalt geraten.�</p><p>�Korrekt.�</p><p>�Dieser � dieser � wie hie� dein F�hrungsoffizier doch gleich?�</p><p>�Brannigan. James Landon Brannigan.�</p><p>�Knapp 50, anscheinend gehbehindert, mittlere Gr��e?�</p><p>�Wie ich sehe, bist du von deinem Assistenten umfassend informiert worden.�</p><p>�Wieso wolltest du dich mit ihm treffen?�</p><p>�Weil er Verbindungsoffizier zu den Briten und somit der Einzige war, der die M�glichkeit besa�, mich an Bord eines Flugzeuges zu schmuggeln. Wogegen meine beiden Widersacher in der Waldb�hne etwas einzuwenden hatten.�</p><p>�Frage: Kann es sein, dass es sich bei besagtem Herrn um einen kr�ftigen, durchtrainierten und etwa 1,80 Meter gro�en Schwarzen ��</p><p>�Ich muss schon sagen, Tom! Du beeindruckst mich immer wieder.� Kuragin blieb stehen, zog noch einmal an seinem Zigarillo und schnippte ihn in den Schatten, welche die von vorn angestrahlten Kolonnaden warfen. �F�r den Fall, dass du es genau wissen willst, Herr Hauptkommissar: Es handelt sich um Jermaine Ross, Leiter unserer Filiale in Berlin und rechte Hand von Luciano Calabrese, seines Zeichens Leiter der Abteilung f�r verdeckte Operationen. Enger, wenn nicht gar engster Vertrauter des Direktors der CIA. Anders ausgedr�ckt: Der Befehl, mich zu t�ten, kam von ganz oben, n�mlich von ihm, um das Kind beim Namen zu nennen. Wobei du getrost davon ausgehen kannst, dass Calabrese vorsichtig genug war, um sich die Aktion von Dulles absegnen zu lassen. Was lernen wir daraus? Um missliebige Kollegen auszuschalten, scheut man in Langley nicht davor zur�ck, sie durch gedungene Killer aus dem Weg r�umen zu lassen. Das zum Thema Berufsethos, Tom. Pech aber auch, dass ich nicht bereit war, mich in mein Schicksal zu f�gen. Begreifst du jetzt, warum ich gezwungen war, die Unterlagen bei dir zu deponieren? Ich wollte kein Risiko eingehen, das, und nur das, war der Grund. Um den Schreibtischt�tern in der Heimat das Handwerk zu legen, muss man Beweise haben, sonst braucht man es gar nicht zu versuchen. Keine Ahnung, ob ich meinen Plan in die Tat umsetzen kann, aber f�r den Fall, dass ich davonkomme, k�nnen sich die Herren in Langley auf einiges gefasst machen. Darauf gebe ich dir mein Wort, alter Freund.�</p><p>�Mein lieber Schwan.� Sydow atmete tief durch, wieder halbwegs mit seinem Duzfreund vers�hnt. �Jetzt wird mir einiges klar, Juri.�</p><p>�Findest du nicht, es ist an der Zeit, mich umfassend ins Bild zu setzen? Man wei� ja nie, was am heutigen Tage noch alles passiert.�</p><p>�Das sagt gerade der Richtige.� Sydow, in dessen Gesicht die vergangenen Stunden deutliche Spuren hinterlassen hatten, trat ins Licht und warf einen Blick auf die Uhr. F�nf nach halb. Wenn alles gut ging, w�rden sich Lea, Veronika und er in einer halben Stunde wiedersehen. Wenn nicht, w�re er mit seinem Latein definitiv am Ende.</p><p>�Kopf hoch, Tom, wird schon werden.� Die Hand von Kuragin auf der Schulter, atmete Sydow laut und vernehmlich aus und lie� den Tag, dessen Ausklang er sich wahrlich anders vorgestellt hatte, nochmals Revue passieren. Dann �berwand er sich und begann die Geschehnisse, mit denen er konfrontiert worden war, in aller Ausf�hrlichkeit zu schildern. Einmal in Fahrt, weihte er Kuragin in s�mtliche Details seiner Ermittlungen ein, angefangen bei der Spurensuche in Wannsee, bis hin zum Schicksal von Blaschkowitz und den Indizien, auf die er und seine Kollegen gesto�en waren. Kuragin h�rte aufmerksam zu, unterbrach Sydow nur dann, wenn ihm etwas unklar war, und verfolgte die Schilderung des Tathergangs mit versteinerter Miene. Zu guter Letzt, im Angesicht eines immer nachdenklicheren Gespr�chspartners, kam Sydow auf den Hinterhalt zu sprechen, dem er nur knapp und mit einer geh�rigen Portion Gl�ck entronnen war. Kuragin quittierte es mit einem Stirnrunzeln, um einiges schlauer, jedoch um ein Vielfaches nachdenklicher gestimmt.</p><p>�Kannst du verstehen, wenn ich allm�hlich die Schnauze voll habe?�, fragte Sydow, voll ohnm�chtigem Zorn gegen�ber denen, die ihm all dies eingebrockt hatten. �Wenn ich k�nnte, w�rde ich es diesen Kerlen heimzahlen.�</p><p>�Ruhig Blut, Tom, ich denke, es gibt da jemanden, der dir die M�he abnehmen wird.�</p><p>�Na, du machst mir vielleicht Spa�, Junge. Wenn dieser Jemand wirklich existiert, kann es sich doch wohl nur um den � ich meine � daf�r k�me doch wohl nur der Pr�sident infrage, oder?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Soll das ein Witz sein, Juri? Gesetzt den Fall, dir gelingt es, deine ehemaligen Kollegen zu d�pieren � wie willst du es schaffen, an Kennedy ranzukommen? Ausgerechnet du, auf den mittlerweile die halbe CIA Jagd machen d�rfte?�</p><p>�Keine Sorge, Tom. Das kriege ich schon ich hin.�</p><p>�Tea Time bei JFK � ich glaube, du stellst dir das alles ziemlich einfach vor.� Sydow machte ein skeptisches Gesicht. �Gesetzt den Fall, deine Rechnung geht auf � glaubst du wirklich, du hast genug in der Hand, um diesem Calabrese das Handwerk legen zu k�nnen?�</p><p>�Ich glaube es nicht nur, lieber Tom�, fl�sterte Kuragin, durch ein Ger�usch irritiert, das er irgendwo in der N�he vernommen hatte. �Ich wei� es. Vorausgesetzt, meine Informationen kommen in die richtigen H�nde, werden in Langley demn�chst K�pfe rollen. Darauf kannst du wetten.� Kuragins Blick verengte sich. �Anstiftung zum Mord an einem CIA-Agenten, der sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, um seinen Auftrag zu erf�llen, Mord an einem unbescholtenen B�rger, der das Pech hatte, einem Lockvogel der Firma auf den Leim zu gehen und in ein Komplott verstrickt zu werden, welches mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen den Pr�sidenten gerichtet ist, und, weil es so sch�n war, versuchter Mord an einem CIA-Agenten, der das Pech hatte, auf Dokumente zu sto�en, die einigen Herren nicht in den Kram passen � ein dickes S�ndenregister, findest du nicht auch? Und dann, als Kr�nung des Ganzen, der �berfall auf eine sowjetische Raketenbatterie, mit dem Ziel, s�mtliche Geschosse ��</p><p>�Wie bitte? Das ist doch wohl nicht dein Ernst.�</p><p>�� auf Ziele in Westberlin abzufeuern.� Au�er sich vor Erregung, schnappte Kuragin nach Luft. �Du hast richtig geh�rt, Tom! Auf Ziele in Berlin! Pech, dass ich meinen Ex-Kollegen zuvorgekommen bin. Oder Gl�ck, kommt drauf an, von welcher Seite aus man die Dinge betrachtet. Du verstehst, was ich damit sagen will, alter Freund? Wenn das nicht ausreicht, um Dulles und Calabrese das Genick zu brechen, will ich Nikita Sergejewitsch Chruschtschow hei�en.�</p><p>�Und ich John Fitzgerald Kennedy. Oder Fidel Castro, wenn dir das lieber ist�, kalauerte Sydow und hatte es pl�tzlich sehr eilig, Kuragin den Umschlag zu �berreichen, auf den es anscheinend nicht nur die CIA, sondern zu allem Ungl�ck auch noch die Stasi abgesehen hatte. Er war heilfroh, ihn endlich los zu sein, gab es doch Dinge, an denen er momentan weitaus mehr zu kauen hatte. Abgesehen von Berlin, dessen Schicksal auf Messers Schneide stand, stand die Frage, was aus seiner Familie werden w�rde, nat�rlich an erster Stelle. F�r ihn, Sydow, hatte sie oberste Priorit�t, bedeutsamer als alles, womit er am heutigen Tage konfrontiert worden war. Sollte ihn der Herr Kriminalrat ruhig schikanieren, Pr�gel zwischen die Beine werfen und vom Dienst suspendieren. Es ber�hrte ihn nicht. Derzeit gab es Wichtigeres zu tun, weit Wichtigeres sogar.</p><p>�Freut mich, dass dir dein Humor nicht abhanden gekommen ist�, erwiderte Kuragin, nachdem er das Kuvert in Empfang genommen, ins Licht getreten und einen neuerlichen Blick auf die Uhr geworfen hatte. �20 vor zw�lf. Ich muss jetzt wirklich los. H�chste Zeit, dass der Umschlag in die richtigen H�nde ��</p><p>�Finde ich auch.�</p><p>Beim Klang der Stimme, die ihnen aus der Dunkelheit entgegenhallte, waren Sydow und Kuragin zun�chst wie erstarrt. Vor allem Letzterer, dem Geschehen bereits um Stunden voraus, war so �berrascht, dass er sich nicht von der Stelle r�hrte.</p><p>�An Ihrer Stelle, Herr Kommissar, w�rde ich die Finger von meiner Waffe lassen. Und was Sie betrifft, Kuragin: Her mit dem Umschlag, aber ein bisschen pl�tzlich!�</p><p>�Die Genossen von der Staatssicherheit � welch unerwartete Ehre.�</p><p>�Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Kuragin�, erwiderte die Gestalt, welche soeben aus dem nahen Birkenw�ldchen auftauchte, auf ihn zu trat und die Hand nach dem Umschlag ausstreckte. Die Tokarew in seiner Hand sprach eine deutliche Sprache, was Sydow jedoch v�llig kalt zu lassen schien. �Ich darf dann wohl bitten, oder?�</p><p>��berlegen Sie sich genau, was Sie tun.�</p><p>�Hei�t das, Sie wollen mir drohen?�, zischte Bartosz, die eine K�rperh�lfte im Licht, welches durch die Kolonnaden flutete, die andere im Schatten, von wo aus Sydow jede seiner Bewegungen beobachtete. Im Gegensatz zu Kuragin blieb er erstaunlich ruhig, was dem Oberleutnant der Stasi, dessen Blick zwischen ihm und Kuragin hin und her pendelte, aber nicht aufzufallen schien. �Na los, her mit dem Umschlag!�</p><p>�Zu Ihrer Information, Genosse: �ber die Pl�ne Ihrer Regierung, so sie in die Tat umgesetzt werden sollten, wissen nicht nur wir beide Bescheid.�</p><p>Bartosz lie� sich nicht beirren. �Ich z�hle jetzt bis drei�, fl�sterte er, nur noch wenige Meter von Kuragin entfernt. �Sollten Sie bis dahin keine Vernunft angenommen haben, wird mein Begleiter, der unweit von hier Stellung bezogen hat, das Feuer auf Sie er�ffnen.�</p><p>�Tun Sie sich keinen Zwang an, Genosse. Freiwillig werde ich Ihnen den Umschlag jedenfalls nicht herausr�cken.�</p><p>�Dann eben nicht. Schade, ich h�tte gern noch ein wenig mit Ihnen geplaudert.�</p><p>�Um mich anschlie�end zu liquidieren? Vergessen Sie�s, Towarischtsch.�</p><p>Kuragins Widersacher schoss die Zornesr�te ins Gesicht. �Her mit dem Umschlag!�, kochte Bartosz, weit entfernt von dem Gentleman, als den er sich mit Vorliebe pr�sentierte. �Oder Sie werden ihr blaues Wunder erleben.�</p><p>�Oder Sie, kommt drauf an, von welcher Seite man die Dinge betrachtet.�</p><p>Puterrot vor Zorn, wirbelte Bartosz herum, riss seine Tokarew in die H�he und richtete sie auf Sydows Stirn. �Na sch�n�, knirschte er, ein wildes Zucken im Gesicht. �Dann sind Sie eben als Erstes dran. Es sei denn, der Herr Kriminalhauptkommissar erkl�rt sich bereit zu kooperieren. Falls nicht, sehe ich mich gezwungen, Sie an Ort und Stelle zu liquidieren. Was ist, Sydow � haben Sie etwa die Sprache ��</p><p>Es sollte die letzte Drohung sein, die Mischa Bartosz, Oberleutnant in Diensten der DDR-Staatssicherheit, von sich gab. Die letzte in einer langen Reihe, welche sich im Verlauf seiner elfj�hrigen Karriere angesammelt hatte. Der Tod traf ihn unvorbereitet, so pl�tzlich, dass Bartosz selbst dann, als die Kugel in seinen Sch�del eindrang, erstaunlich lang mit aufgerissenem Mund stehen blieb. Etliche Sekunden sp�ter erst, die Pistole immer noch in der Hand, schwand die Erstarrung, welche ihn befallen hatte, und ein Laut l�ste sich von seinen Lippen, ein Ger�usch, bei dem es einem eiskalt den R�cken hinunterlief. Daraufhin lie� er seine Pistole fallen, verlor die Balance und torkelte auf Sydow zu, der, wie gebannt durch das bizarre Spektakel, erst im letzten Moment zur Seite trat und Zeuge wurde, wie Bartosz unweit von ihm zusammenbrach.</p><p>Der Schusswechsel, der im gleichen Moment begann, dauerte nicht lange, alles in allem nur wenige Sekunden. Danach lag der Stasi-Agent, welcher die Szene aus sicherer Entfernung beobachtet hatte, ebenfalls am Boden, von einer Kugel getroffen, die aus kurzer Entfernung auf ihn abgefeuert worden war.</p><p>*</p><p>�Kompliment, Kroko�, stie� Sydow voller Bewunderung f�r seinen Assistenten hervor, den Daumen demonstrativ nach oben gereckt. �Hab gar nicht gewusst, wie treffsicher du bist.�</p><p>�Man tut eben, was man kann�, erwiderte Eduard Krokowski und steckte seine Waffe ins Halfter zur�ck, bem�ht, nach au�en hin k�hl und abgekl�rt zu wirken. �Apropos. Du tust gut daran, Naujocks eine Flasche Schampus zu spendieren. Wenn du dich schon bedankst, dann bei ihm.�</p><p>Sp�rbar entspannt, zog Sydow seinen Assistenten am Ohr und dr�ckte dem Leiter der Spurensicherung die Hand. �Gute Arbeit, Waldi�, spendete er demonstrativ Lob, wobei sich die Erleichterung, die er empfand, allerdings in Grenzen hielt. �Ohne dich und Kroko w�ren wir glatt aufgeschmissen, was, Juri?�</p><p>�Das kannst du aber laut sagen!�, verk�ndete Kuragin im Brustton der �berzeugung. Und f�gte, aufgrund der unerwarteten Wendung nach wie vor ein wenig perplex, mit hintergr�ndigem L�cheln hinzu: �Daran erkennt man eben den Profi, Tom. Auf die Idee, dass dein Telefon abgeh�rt wird, konnte wirklich nur ein geborener Kriminalist kommen. Schade, dass ich nicht eingeweiht gewesen bin. Sonst h�tte ich das Spektakel noch viel mehr genie�en k�nnen.�</p><p>�Hoch gepokert und gewonnen!�, erwiderte Sydow und zog es vor, �ber Kuragins Vorwurf hinwegzuh�ren. �Pech f�r die Genossen, dass sie sich ihrer Sache zu sicher waren. Und �berhaupt � wer wei�, was passiert w�re, wenn Kroko und Waldi nicht zur Stelle gewesen w�ren.� Sydow zog Krokowskis Fliege glatt und t�tschelte ihm die Wange. �P�nktlich wie die Maurer. Und treffsicherer als John Wayne. So was macht euch beiden keiner ��</p><p>�Euch dreien, wenn schon, denn schon�, meldete sich Heribert Peters zu Wort, �ber den Leichnam von Bartosz gebeugt und derma�en in seine Arbeit vertieft, dass es den Anschein hatte, er bef�nde sich in der Gerichtsmedizin. Und packte die Gelegenheit beim Schopf, um eine erneute Kostprobe seines Humors zu liefern: �Macht zusammen ein halbes Dutzend, wenn ich mich nicht irre.�</p><p>�Sieben, Heribert, sieben�, korrigierte ihn sein Freund und wies mit dem Daumen �ber die rechte Schulter. �Ein Unschuldiger, zwei von der Stasi, vier von der CIA. Macht zusammen sieben.� Sydow machte ein nachdenkliches Gesicht. Mit wie vielen Toten er im Verlauf seiner T�tigkeit konfrontiert worden war, konnte er beim besten Willen nicht sagen, und wenn er ehrlich war, wollte er es auch nicht genau wissen. Fest stand, dass es zu viele gewesen waren, entschieden zu viele sogar. Sydow senkte den Blick und fuhr mit der Handfl�che �ber die Stirn. Die bleierne M�digkeit, welche ihn umfing, kam nicht von ungef�hr. W�re die Sorge um Lea nicht gewesen, welche alles andere �berwog, h�tte er sich in seinen Aston Martin gesetzt und w�re verduftet. �Hoffen wir, dass es demn�chst nicht noch mehr werden.�</p><p>�Denkst du wirklich, die da dr�ben machen ernst?�</p><p>�Ulbricht und Genossen? Darauf kannst du wetten, Waldi�, antwortete Sydow, trat zu Peters und fragte: �Alles dabei, worum ich dich gebeten habe?�</p><p>Peters rappelte sich auf und nickte. �Aber klar doch�, versicherte er und deutete auf den Aktenkoffer, welchen er direkt neben der Leiche abgestellt hatte. �Hier, bedien dich � alles drin, was das Herz begehrt. Angaben �ber die Todesursache der Get�teten, speziell �ber diejenige von Blaschkowitz. Einschlie�lich der Fotos, die ich im Verlauf des heutigen Tages geschossen habe. Rekonstruktion des Tathergangs in der Waldb�hne. Forensische Gutachten.� W�hrend er sprach, griff Peters in die Innentasche seines Jacketts, zog eine Schwarz-Wei�-Aufnahme hervor und reichte sie an Sydow weiter. �Einer der drei Toten von vorhin. Sieht so aus, als sei in der Waldb�hne ganz sch�n was los gewesen.�</p><p>�Kann schon sein�, erwiderte Sydow lapidar, mit den Gedanken offenbar weit weg, warf er einen Blick auf das Foto und dr�ckte es Kuragin in die Hand. �Ich nehme an, Juri, du hast den Herrn schon einmal gesehen.�</p><p>�Das kannst du aber laut sagen�, bekr�ftigte der Angesprochene und lie� den Blick zwischen der Aufnahme, seinem Gegen�ber und dem Koffer hin und her pendeln. �Was dagegen, wenn ich mir eure Unterlagen kurz ausleihe?�</p><p>�Darf man fragen, was du unter �kurz� verstehst?�</p><p>�Ein paar Jahre vielleicht, mehr nicht�, flachste Kuragin, nickte Peters dankend zu und hatte es auf einmal eilig, die Schwarz-Wei�-Aufnahme in seinem Sakko verschwinden zu lassen. �Und der Koffer?�, lauerte er. �Was habt ihr damit �?�</p><p>�Eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses�, kam Sydow ihm zuvor, ein hintergr�ndiges L�cheln im Gesicht. �Mit den besten Empfehlungen der Kripo Berlin. Greif zu, sonst �berlegen wir es uns noch anders.�</p><p>Kuragin lie� sich nicht lange bitten. �Wenn das nicht ausreicht, um den Kerlen das Handwerk zu legen, dann wei� ich nicht mehr!�, frohlockte er. Und beeilte sich hinzuzuf�gen: �So, jetzt muss ich aber wirklich los. Sonst � sonst � was ist denn das?�</p><p>�Die Schl�ssel f�r meinen Aston Martin�, antwortete Sydow, ein Lederetui in der rechten Hand. �Alte Klapperkiste, steht dr�ben vor dem Bahnhof. Damit dir nicht die Felle davonschwimmen, falls es das ist, was du gerade sagen wolltest.�</p><p>�Du denkst aber wirklich an alles, Tom�, lobte Kuragin, bem�ht, sich das Vibrato in seiner Stimme nicht anmerken zu lassen. �Danke f�r alles � auf bald.�</p><p>�Ich habe zu danken. Und Berlin nat�rlich auch�, entgegnete Sydow und wies mit dem Kinn in die Richtung, wo sich der Lehrter Bahnhof befand. �Mach�s gut, alter Tschekist, und lass von dir h�ren.�</p><p>�Hier � als Entsch�digung.�</p><p>�F�r mich?� V�llig perplex, starrte Sydow die mit dem Vermerk �Streng geheim!� versehene Liste, welche Kuragin urpl�tzlich in H�nden hielt, mit weit aufgerissenen Augen an. �Wo hast du denn die aufgetrieben?�</p><p>�Dienstgeheimnis!�, wehrte Kuragin l�chelnd ab und erg�nzte: �Man beachte den IM<sup>41</sup> mit der Nummer sieben. D�rfte dir bekannt vorkommen, oder?�</p><p>�Und ob.� Je l�nger er das Dossier anstarrte, auf dem die Namen von Stasi-Spitzeln bei der Westberliner Polizei aufgelistet waren, desto bleicher, best�rzter und niedergeschlagener wurde er. �Wie aufmerksam von dir.�</p><p>Kuragin wollte etwas erwidern, drehte sich jedoch auf dem Absatz um und eilte davon, vorbei an einem der beiden T 34-Panzer, welche das Ehrenmal an der Stra�e des 17. Juni flankierten. Am Ende der Freitreppe angekommen, hielt er kurz inne, gab seinem Impuls, sich erneut umzudrehen, allerdings nicht nach und verschwand so schnell, dass es schien, er habe sich in Luft aufgel�st.</p><p>�Und was ist mit dem da?�, murmelte Peters mit Blick auf Bartosz, aus dessen Sch�del immer noch Blut sickerte. Und beantwortete seine Frage gleich selbst: �Am besten wir deklarieren ihn und seinen Kumpel als Opfer einer Schie�erei Zuh�lter-Milieu, findest du nicht auch?�</p><p>�Gute Idee�, pflichtete ihm Sydow bei und fl�sterte Krokowski etwas ins Ohr, woraufhin dieser nickte, Naujocks einen Wink gab und sich gemeinsam mit ihm entfernte. �Bis bald, Leichenfledderer � ich habe zu tun!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>28</p><p><emphasis>Hyannis Port, Massachusetts / USA</emphasis></p><p><emphasis>| 18.20 h Ortszeit, 0.20 h Berliner Zeit</emphasis></p><p>Er hatte genug von famili�ren Problemen, weshalb er beschloss, vor dem Dinner noch einen Spaziergang zu machen. Gerade eben hatte ihm Jackie wieder einige Vorhaltungen gemacht, da tat ein wenig Seeluft ganz gut. Es gab Tage, an denen wirklich nicht gut Kirschenessen mit ihr war, der heutige Samstag, so stand zu bef�rchten, war einer davon. Vorhin, auf der Terrasse in der Irving Avenue, waren ganz sch�n die Fetzen geflogen, woran er selbst nicht ganz schuldlos war.</p><p>Was seine Aff�ren betraf, hatte er das Z�hlen allm�hlich aufgegeben, f�r ihn, den passionierten Sch�rzenj�ger, war es noch nie sonderlich schwierig gewesen, eine Frau f�r sich zu gewinnen. Jackie, mit der er seit knapp acht Jahren verheiratet war, war ihm nat�rlich bald auf die Schliche gekommen, gro� gek�mmert hatte es ihn nicht. Im Gegenteil. Seine Eroberungen, unter ihnen ihre Pressesekret�rin, die Schw�gerin eines engen Freundes, Sekret�rinnen im Wei�en Haus und jede Menge adrette Damen, an deren Namen er sich beim besten Willen nicht entsinnen konnte, hatten Jackie regelrecht zur Wei�glut getrieben.</p><p>An Anl�ssen, sich von ihm scheiden zu lassen, hatte folglich kein Mangel geherrscht, was seine Frau allerdings nicht weiter verfolgte. Wahrscheinlich war ein Leben im Luxus, wof�r ihre Privatschatulle bei Weitem nicht ausreichte, allemal attraktiv genug gewesen, um hin und wieder ein Auge zuzudr�cken. Der Pr�sident l�chelte gequ�lt. Fast die H�lfte des Geldes, das Jackie buchst�blich zum Fenster hinauswarf, ging f�r Kleider drauf, im laufenden Jahr bereits so viel, dass ihre Ausgaben sein Jahressal�r in H�he von 100.000 Dollar mit hoher Wahrscheinlichkeit �berschreiten w�rden.</p><p>Im Vergleich zu den Problemen, mit denen er sich in seiner Eigenschaft als Pr�sident herumschlagen musste, waren Jackies Extravaganzen weniger dramatisch. Das meiste Kopfzerbrechen bereitete ihm derzeit Berlin, und er h�tte viel daf�r gegeben, wenn man ihm eine realistische Einsch�tzung der Lage geliefert h�tte. Auf Dulles oder gar Calabrese konnte man sich nicht verlassen, weder auf sie noch auf die gesamte CIA. Wenn es eine Lehre gab, die er aus dem Schweinebucht-Desaster gezogen hatte, dann diese: Die Herren aus Langley, allen voran seine beiden Intimfeinde, waren lediglich auf ihren eigenen Vorteil aus. W�re er dazu imstande gewesen, h�tte er sie l�ngst vor die T�r gesetzt und einen Mann seines Vertrauens auf den Chefsessel bei der CIA gehievt. Liebend gern sogar. Aus Mangel an Beweisen war er jedoch zur Unt�tigkeit verdammt, was ihm betr�chtlich auf den Magen geschlagen hatte.</p><p>�Mist, verdammter!� Der Pr�sident b�ckte sich, hob einen Kieselstein auf und schleuderte ihn in hohem Bogen ins Meer. Genau das war der Punkt. Um bei der CIA aufzur�umen, musste er etwas in der Hand haben. Sonst w�rde mit seinen Pl�nen, m�glichst bald ein Gro�reinemachen zu veranstalten, nicht weit kommen. Und wenn es etwas gab, das er sich momentan nicht leisten konnte, dann eine neuerliche Schlappe, weder im Privatleben noch in der gro�en Politik. Watch your back, Jack!, lautete folglich die Devise, gerade jetzt, wo es an allen Ecken und Enden zu kriseln begann.</p><p>Ohne die Gewitterwolken zu beachten, welche sich �ber dem Nantuckett-Sund zusammenbrauten, streifte der Pr�sident seine Segelschuhe ab, krempelte das Hosenbein hoch und watete durch das flache Wasser, das Rauschen der Brandung im Ohr, welche sich an den Riffen vor der K�ste brach. Als Kind hatte es ihn immer wieder hierher gezogen, an die Str�nde von Massachusetts mit ihrem feink�rnigen wei�en Sand. Hier hatte er Segeln gelernt, Tennis gespielt, im Kreise seiner Familie zahllose Wochenenden verbracht. Hier hatte er die wildesten Partys weit und breit gefeiert, die h�bschesten M�dchen aufgerissen, hin und wieder einen �ber den Durst getrunken. Hier war er stets Jack gewesen, eines von insgesamt neun Geschwistern, die auf dem weitl�ufigen Anwesen seines Vaters herumtobten. Heute aber, seit einem knappen Dreivierteljahr, war er Pr�sident der USA, und es gab Tage, an denen er sich fragte, ob der Weg, den er beschritten hatte, der richtige f�r ihn war.</p><p>�Mister President, Mister President � ein Anruf f�r sie.� Also wirklich. Keine 100 Meter vom 24.000 Quadratmeter gro�en Anwesen der Kennedys entfernt, lie� der Pr�sident seinen Kopf nach vorn sacken und hielt resigniert inne. Nicht einmal hier, gesch�tzt vor neugierigen Blicken, hatte man seine Ruhe. Nicht einmal am Samstagabend. �Es ist dringend!�</p><p>�So dringend, dass es nicht bis Montagmorgen warten kann?�</p><p>Der stellvertretende Stabschef des Pr�sidenten, ein H�ne mit baltischen Wurzeln, der ebenso gut h�tte Footballprofi werden k�nnen, schlug die Augen nieder. �Mister President, Sir ��, druckste er herum. �Der stellvertretende Leiter der BOB<sup>42</sup> behauptet, er m�sse unbedingt mit Ihnen reden.�</p><p>�Gar nichts muss er, es sei denn, der dritte Weltkrieg bricht demn�chst aus. Egal, um was es sich handelt � ich bin nicht zu sprechen, verstanden? Weder f�r ihn noch f�r seinen Chef.�</p><p>�Genau das ist das Problem, Sir.�</p><p>�Was denn? Mein Gott, Andy, machen Sie es nicht so ��</p><p>�Irgendwas stimmt da dr�ben nicht, Sir. Was genau, wollte mir McCleod allerdings nicht sagen.�</p><p>�Und sein Boss, was ist mit dem?�, wollte Kennedy wissen. �Zu besch�ftigt, um sich Zeit f�r den Pr�sidenten zu nehmen?�</p><p>�Keine Ahnung�, gestand der baltische Kleiderschrank mit betretener Miene ein. �Sieht so aus, als ginge es in Berlin drunter und dr�ber.�</p><p>�Den Eindruck habe ich allerdings auch!�, vollendete Kennedy, im Begriff, sich auf den R�ckweg zur 35-Zimmer-Villa seines Vaters zu machen, deren dreigiebeliges Dachgeschoss schon von Weitem zu erkennen war. �Wenn wir gerade von Durcheinander reden � schon etwas von Calabrese geh�rt?�</p><p>�Via Fernschreiber. Er l�sst ausrichten, er sei gegen Mittag hier � wie von Ihnen gew�nscht, Sir.�</p><p>�Gut zu wissen�, stie� Kennedy in einem Anflug von Sarkasmus hervor, blieb stehen und lie� den Blick �ber die sich mit rasender Geschwindigkeit n�hernde Gewitterfront schweifen. �H�chste Zeit, dass ich mir den Herrn zur Brust nehme!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>SIEBEN</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>�Als es am 13. August gegen f�nf Uhr zu d�mmern begann, waren die ostdeutschen Baubrigaden und ihre bewaffneten Eskorten bereits bei der Arbeit. Das �berraschungsmoment war auf ihrer Seite gewesen, und so hatten sie ungest�rt an die Arbeit gehen k�nnen. Honeckers Triumph mit der �Operation Rose� war un�bersehbar.�</emphasis></p><p>(Aus: Frederick Taylor, Die Mauer. 13. August 1961 bis 9. November 1989. M�nchen 2009, S. 208)</p></section><section><p>DORNEN</p><p><emphasis>Berlin / Hyannis Port, Massachusetts</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(13.08.1961)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>29</p><p><emphasis>Berlin-Mitte, Brandenburger Tor | 01.05 h</emphasis></p><p>Es war genau ein Uhr, als das Licht ausging. Und es war Tom Sydow, dem in diesem Moment klar wurde, dass er einen Fehler gemacht hatte.</p><p>Einen Fehler, der nicht mehr wiedergutzumachen war.</p><p>Vor gut einer Stunde, bei seiner Ankunft vor dem Brandenburger Tor, war er zwar nerv�s, aber dennoch voller Zuversicht gewesen. Lea wusste genau, was sie tat und w�rde sich und Veronika nicht in Gefahr bringen. Besser, sie w�rde nichts �berst�rzen, kein unn�tiges Risiko eingehen und angesichts der Gefahr, in die sie sich begeben hatte, ruhig und besonnen bleiben. Nur so w�rde es ihr gelingen, der Aufmerksamkeit der allgegenw�rtigen Ordnungsh�ter zu entgehen und Veronika �ber die Grenze zu schleusen. Lea w�rde schon nichts passieren, hatte er sich selbst Mut gemacht, ganz gleich, wie riskant ihr Vorhaben war.</p><p>Kurz nach eins, als die Stra�enbeleuchtung am Brandenburger Tor pl�tzlich erlosch, war seine Zuversicht jedoch wie weggeblasen. Zum Gl�ck war da noch Karlheinz Pasewalk, ein alter Bekannter aus den Tagen der Blockade, vor dessen Imbisswagen er Position bezogen und den Sektoren�bergang im Auge behalten hatte. Nach Bouletten und Berliner Kindl war ihm zwar nicht zumute, aber da es sich bei Fluppen-Kalle um einen waschechten Berliner mit betr�chtlichem Erz�hltalent handelte, hatte er es irgendwie geschafft, nicht durchzudrehen.</p><p>Zehn Minuten sp�ter, als die ersten gepanzerten Fahrzeuge auftauchten, war das Gespr�ch, in dessen Verlauf Sydow immer einsilbiger geworden war, j�h beendet. Beide, Sydow fast noch mehr als Pasewalk, waren zun�chst wie paralysiert, und es dauerte mehrere Minuten, bis der Boulettenverk�ufer, alles andere als auf den Mund gefallen, seine Sprache wiederfand.</p><p>�Ick gloob, mir tritt �n Gaul!�, murmelte er vor sich hin, einen Zigarrenstummel im Mund, der sich allm�hlich in seine Bestandteile aufl�ste. �Die roten Socken da dr�ben machen tats�chlich ernst.�</p><p>In der Tat, sie machten tats�chlich ernst. Nicht f�hig, einen klaren Gedanken zu fassen, wandte sich Sydow abrupt ab und bewegte sich wie in Trance auf den Sektoren�bergang zu. Wie vor den Kopf geschlagen, loderte unb�ndiger Zorn in ihm empor, w�re Lea nicht gewesen, nach der er verzweifelt Ausschau hielt, h�tte er vermutlich die Beherrschung verloren.</p><p>Und so nahmen die Ereignisse ihren Lauf, als sei das, was sich jenseits der Sektorengrenze abspielte, eine Selbstverst�ndlichkeit. Sydow fehlten die Worte, und er fragte sich, wie es sein konnte, dass die Vorbereitungen f�r dieses �berrumpelungsman�ver geheim geblieben waren. Die H�nde in den Hosentaschen vergraben und umgeben von einer wachsenden Menge, die aus ihrer Verbitterung keinen Hehl machte, lie� er den Blick �ber die K�pfe seiner Mitb�rger schweifen und ballte die Rechte zur Faust. Ein Panzerwagen nach dem anderen, Wasserwerfer und kolonnenweise Betriebskampfgruppen, die automatischen Waffen griffbereit vor der Brust. Uniformierte hinter Stacheldraht, so weit das Auge reichte, dicht an dicht, Dutzende, wenn nicht gar Hunderte. Regungslos, starr, zu allem entschlossen. Auf westlicher Seite dagegen nur hier und da ein Polizist, von den Briten, der angeblichen Schutzmacht, keine Spur.</p><p>Sydow stieg die Zornesr�te ins Gesicht. �Schei� Briten!�, fluchte er halblaut vor sich hin, und das, obwohl seine Mutter Engl�nderin war. Ausgerechnet jetzt, im Angesicht der nahenden Katastrophe, schreckten die Alliierten davor zur�ck, Flagge zu zeigen. Ausgerechnet jetzt, wo man sie vielleicht h�tte abwenden k�nnen. Sydow geriet ins Gr�beln. Nun ja, mit Betonung auf �vielleicht�. Je l�nger er nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass es nur eine Alternative zum sich anbahnenden Szenario gab.</p><p>Und diese Alternative hie� Krieg.</p><p>Hier Ami, dort Russki, lautete folglich die Devise, keiner, so schien es, wollte dem anderen ins Gehege kommen. F�r Sydow nichts als blanker Hohn, wusste er doch genau, dass man eine Stadt nicht so einfach aufteilen konnte. Allein der Versuch, dies zu tun, war f�r ihn ein Verbrechen. Ein Gewaltakt, der seinesgleichen suchte.</p><p>Eingekeilt in die immer dichter werdende Menge, sah sich Sydow Hilfe suchend um. Vopos, Stacheldraht und Milit�rfahrzeuge, so viele, dass man mit dem Z�hlen beinahe nicht nachkam. Und was geschah? Nichts. Das sollte mal einer verstehen. Ein halbes Dutzend amerikanische Panzer, und Chruschtschows Lakaien, die all das hier zu verantworten hatten, w�rden den Schwanz einziehen. Davon war er felsenfest �berzeugt. Zutiefst verbittert, hatte Sydow M�he, seinen Groll gegen die Machthaber in der DDR zu unterdr�cken. Ende der Vorstellung, Pustekuchen. An einer Konfrontation mit den Russen waren Kennedy, Macmillan<sup>43</sup>, de Gaulle und wie sie sonst noch alle hie�en, anscheinend nicht interessiert. Nicht im Entferntesten. Paroli bieten ja, aber wenn, dann nicht in Berlin. So und nicht anders lautete die Botschaft, welche aus London und Washington �bermittelt wurde.</p><p>Die Menge, mittlerweile mehrere Hundert Passanten stark und zusehends in Rage, dachte anscheinend ebenso wie er. Drohungen wurden ausgesto�en, Parolen skandiert, die Uniformierten vor dem Brandenburger Tor mit Schimpfw�rtern �berh�uft. Das Gedr�nge wuchs, und mit jeder Minute, die verstrich, auch die Gefahr, dass die Lage eskalieren w�rde. Auge in Auge mit einer w�tenden, nach vorn dr�ngenden und vermutlich zu allem entschlossenen Menge, hatten die Westberliner Polizisten alle H�nde voll zu tun, um die Passanten, f�r die es offenbar kein Halten mehr gab, in Schach zu halten. Es h�tte nicht viel gefehlt, und der Zorn, welcher sich im Angesicht der waffenstarrenden Phalanx entlud, w�re in Gewalt umgeschlagen. Sydow tat sein Bestes, um die Umstehenden zu bes�nftigen, aber da es f�r ihn Wichtigeres gab, bahnte er sich einen Weg durch die Menge und lie� das Brandenburger Tor, vor dem in diesem Augenblick Geschichte geschrieben wurde, hinter sich.</p><p>Er hatte genug gesehen, zumindest f�r den Augenblick. Was z�hlte, war allein Lea, Lea und nochmals Lea. Und nat�rlich Veronika. Was war mit ihr passiert, weshalb waren sie und Vroni nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen? War sie kontrolliert, am Ende gar von den Vopos aufgegriffen worden? Oder hatte sie vielleicht jemand denunziert? Oder hatte sie, weshalb auch immer, auf einen anderen Sektoren�bergang ausweichen m�ssen? Nur noch von dem Gedanken beseelt, Lea ausfindig zu machen, eilte Sydow zum Potsdamer Platz, vorbei an den Vopos, welche entlang der Ebertstra�e Aufstellung nahmen und die Sektorengrenze mithilfe von Stacheldraht abzusichern begannen. Noch war ihr Werk nicht vollendet, noch gab es Stellen, an denen beherzte Westberliner die Spirallagen zur Seite schoben, L�cken, durch die auf der anderen Seite wartende Ostberliner entkommen konnten. Sydow half, wo er nur konnte. Doch dann, nur einen Steinwurf vom Potsdamer Platz entfernt, tauchten mehrere Sch�tzenpanzer auf, gefolgt von Baukolonnen, die weitere Stacheldrahtspiralen verlegten. Auf die wiederum ein Trupp Volkspolizei folgte, im Begriff, m�glichst viele Ostberliner an der Flucht zu hindern.</p><p>Drauf und dran, seine Waffe zu ziehen, blieb Sydow stehen und sah den Hauptmann, der den Befehl zur Ergreifung einer vierk�pfigen Familie gab, mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen an. Vor 16 Jahren, bei Kriegsende, hatte er noch gehofft, dass sich Szenen wie diese so schnell nicht wiederholen w�rden. Nicht einmal im Traum h�tte er damals daran gedacht, dass er eines Besseren belehrt werden w�rde.</p><p>�H�nde weg von den Leuten!�, herrschte Sydow den Hauptmann der DVP<sup>44</sup> an, ziemlich sicher, ihn schon einmal gesehen zu haben. Dieser wiederum, h�chstens 20 Meter von ihm entfernt, dachte offenbar nicht daran, klein beizugeben, stemmte die H�nde in die H�ften und n�herte sich der Demarkationslinie, um Sydow zurechtzuweisen.</p><p>Sehr weit kam der schneidige, hoch aufgeschossene und dunkelhaarige Endzwanziger mit der tadellos sitzenden gr�nen Uniform, Prototyp des dienstbeflissenen Staatsdieners, jedoch nicht. Den Mund halb offen, blieb ihm die Antwort, die er Sydow geben wollte, gleichsam im Halse stecken. Im Licht der Scheinwerfer, welche auf �stlicher Seite aufgestellt worden waren, wirkte er noch bleicher als sonst, bleicher als der forsche Absolvent der Polizeischule, den sein Gegen�ber, kaum weniger �berrascht als er, bereits mehrfach getroffen hatte.</p><p>Es war Sydow, der als Erstes die Sprache wiederfand, just in dem Moment, als die Ostberliner Familie eine L�cke im Stacheldraht ersp�hte, die Verbl�ffung der Uniformierten, welche ihrem Vorgesetzten fragende Blicke zuwarfen, kurzerhand ausnutzte und wohlbehalten auf die andere Seite der Demarkationslinie entkam. �Wo sind Lea und Veronika?�, schrie Sydow den Vopo an, froh �ber die Drahtrolle, welche ihn davon abhielt, eine neuerliche Dummheit zu begehen. Der Hauptmann, an dem seine Stieftochter aus unerfindlichen Gr�nden einen Narren gefressen hatte, �ffnete den Mund, um etwas zu sagen, �berlegte es sich jedoch anders und bedeutete seinen Leuten, die L�cke im Stacheldraht zu schlie�en. �Raus mit der Sprache, Viktor, sonst kannst du was erleben!�</p><p>�Wenn Sie klug sind, guter Mann, halten Sie jetzt den Mund!�, bellte der Vopo zur�ck und tat so, als habe er Sydow noch nie gesehen. Dies gelang ihm mehr schlecht als recht, was jenen erst richtig in Rage brachte. �Sonst sehe ich mich gezwungen, Ma�nahmen gegen Ihre Provokation zu ergreifen!�</p><p>�Du sagst mir jetzt, wo die beiden sind�, knirschte Sydow, kurz davor, ausfallend zu werden, und trat gegen den Pfosten, an dem der Stacheldraht befestigt worden war, �haben wir uns verstanden, <emphasis>Herr Kunersdorf</emphasis>? Sonst ��</p><p>�Wachtmeister Kallwass, Leutnant Strelitz � weisen Sie den Mann darauf hin, dass er sich des unerlaubten Grenz�bertritts schuldig gemacht und f�r den Fall, dass er seine Provokationen nicht unterl�sst, mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen hat.�</p><p>�Sag mal, du Schn�sel, hast du eigentlich nichts Besseres zu tun als den Hilfssheriff zu spielen?�, br�llte Sydow, w�hrend seine Hand unter dem Sakko verschwand und nach dem Halfter tastete, in dem sich seine Dienstwaffe, eine geladene Walther P4, befand. �Grenzverletzung � komm mir doch nicht mit so was. Welche Grenze denn, verdammt noch mal? Ohne Chruschtschow und die Genossen in Moskau h�ttet ihr doch schon lange einpacken k�nnen. Und jetzt kommt der Herr Hauptmann daher und besitzt die Frechheit, das Wort Grenze in den Mund zu nehmen. Soll ich dir was sagen, du Klugschei�er? Wenn ihr schlau seid, h�ngt ihr eure Uniform an den Nagel und seht zu, dass ihr die Kurve kratzt. Sonst sehe ich schwarz, junger Mann!�</p><p>�Noch ein Wort, und ich sehe mich gezwungen, von der Waffe Gebrauch zu machen!�</p><p>�Nur zu, tu dir keinen Zwang an. Zum letzten Mal, Viktor � wo sind Lea und Veronika?�</p><p>�Lea? Veronika? Nie geh�rt.�</p><p>�Na sch�n, Herr Hauptmann, du hast es ja nicht anders gewollt!�, knurrte Sydow, den Griff seiner Waffe bereits in der Hand. �Ich z�hle jetzt bis drei, und dann werden wir sehen, ob du und deine Kumpels ihr Handwerk verstehen!�</p><p>�Falls du es genau wissen willst, Tom�, zischte Kunersdorf und bedeutete seinen Leuten, sich au�er H�rweite zu begeben, �Vroni ist dort, wo sie hingeh�rt.�</p><p>�Bei dir zu Hause, stimmt�s? Ohne von dem, was hier abl�uft, auch nur die geringste Ahnung zu haben.�</p><p>�Du hast es erfasst.�</p><p>�Und Lea?�</p><p>�Verhaftet!�, stie� Kunersdorf mit verkniffener Miene hervor, �keine 100 Meter von meiner Wohnung entfernt.�</p><p>�Verhaftet? Von wem?�</p><p>�Na, von wem wohl?�, blaffte der Hauptmann und sah sich rasch nach allen Seiten um. �H�r zu, Tom, ich war gerade auf dem Weg zum Dienst, als es � Ob du mir�s glaubst oder nicht, ich konnte wirklich nichts f�r sie tun!�</p><p>�Du sagst mir jetzt, wo sie hingebracht worden ist, Viktor, oder ich jage dir auf der Stelle eine Kugel durch den ��</p><p>Doch Sydow kam nicht dazu, seine Drohung auszusprechen. �Halt!�, unterbrach ihn eine wohlbekannte Stimme, l�ngst nicht so besonnen, wie man es von ihrem Besitzer gewohnt war. �Was machst du da, Tom � hast du den Verstand verloren?�</p><p>Krokowski. Was hatte denn der hier zu suchen? Die Hand am Griff seiner Walther P4, wechselte Sydows Blick zwischen seinem Assistenten und einem gewissen Viktor Kunersdorf, mit dem er vom heutigen Tage eine Rechnung offen hatte, hin und her. Dann zog er die Hand zur�ck, verkniff sich die h�hnische Bemerkung, welche ihm auf der Zunge lag, und wandte sich seinem konsternierten Assistenten zu. Der wiederum fackelte nicht lange und packte Sydow so fest am Handgelenk, dass ihm gar nichts anderes �brigblieb, als sich aus der Gefahrenzone eskortieren zu lassen.</p><p>�Wo kommst du eigentlich her?�, wollte Sydow auf dem R�ckweg zum Brandenburger Tor wissen, insgeheim froh, dass Krokowski rechtzeitig zur Stelle gewesen war. �Sag blo�, du bist mir die ganze Zeit �ber auf den Fersen gewesen!�</p><p>�Du hast es erfasst, Tom � oder kennst du jemanden, bei dem du besser aufgehoben bist als bei mir?�</p><p>�Wenn du so fragst, Kroko � bei Lea.�</p><p>�Mach dir keine Gedanken, Tom, uns wird schon etwas einfallen!�, warf Krokowski ein, bem�ht, seinen Kollegen auf andere Gedanken zu bringen. Beim Anblick des Jeeps, in dem vier britische Milit�rpolizisten sa�en und so taten, als gehe sie das Spektakel auf dem Pariser Platz nichts an, fiel ihm dies jedoch schwer. Dennoch lie� er sich nichts anmerken und behielt die Bef�rchtungen, welche er insgeheim hegte, f�r sich. �Die werden ihr schon nichts tun.�</p><p>�Und wenn doch?�</p><p>�Dann, mein lieber Tom, k�nnen wir momentan nichts dran �ndern. So deprimierend sich das auch anh�ren mag. Das Beste ist, du f�hrst nach Hause und ruhst dich ein bisschen aus. Alles andere kann warten. Wer wei�, vielleicht lassen sie Lea wieder laufen.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Na sch�n�, lenkte Krokowski mit schicksalsergebener Miene ein, �was hast du vor?�</p><p>�Gute Frage.� An der Sektorengrenze, mittlerweile hermetisch abgeriegelt und durch Stacheldraht und Spanische Reiter zus�tzlich gesichert, war kein Durchkommen, Flucht ein Ding der Unm�glichkeit. Die DDR-Regierung hatte ganze Arbeit geleistet, zumindest was die Abriegelung der Grenze betraf. Hier kam nichts und niemand mehr durch, so viel stand fest. �Ich denke, es ist an der Zeit, einen kleinen Abstecher ins Pr�sidium zu machen.�</p><p>�Um diese Zeit? Wieso denn?�</p><p>�Erkl�r ich dir sp�ter.� Sydow gab Krokowski einen Wink, trat unter die n�chstgelegene Laterne und dr�ckte seinem verdutzten Assistenten die Liste in die Hand, welche Kuragin ihm �berlassen hatte. �Na, alles klar, Herr Kommissar?�</p><p>�Jetzt haut es mich aber gleich um!�, murmelte Krokowski, dem es beim �berfliegen der Decknamen, Dienstgrade und Abteilungen, die auf dem Geheimdossier aufgef�hrt waren, beinahe die Sprache verschlug. �Da fragt man sich, wem man �berhaupt noch trauen kann. Ich muss schon sagen, dieser Kuragin scheint sein Handwerk wirklich zu verstehen. Eine wahre Fundgrube, wenn du mich � halt! Das darf doch nicht wahr sein!�</p><p>�Wei�t du jetzt, warum ich es nicht abwarten kann, bestimmten Herrschaften meine Aufwartung zu machen?�</p><p>Krokowski hob den Blick, gab Sydow das Dossier zur�ck und erwiderte: �Was hei�t da ich � wenn es einem Vorgesetzten an den Kragen geht, bin ich nat�rlich mit von der Partie!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>30</p><p><emphasis>Berlin-Hohensch�nhausen, Zentrale Untersuchungshaftanstalt des MfS | 02.20 h</emphasis></p><p>Sie wusste nicht, wo sie sich befand, hatte keine Ahnung, was ihre Bewacher mit ihr vorhatten und erschauderte beim Gedanken an die Mittel, von denen diese Gebrauch zu machen pflegten. Aber sie wusste, dass die Staatssicherheit alles daransetzen w�rde, sie zum Sprechen zu bringen. Ganz gleich, wie lange sie dazu brauchen w�rde.</p><p>Genau das, schwor sich Lea, durfte jedoch nicht geschehen. Unter gar keinen Umst�nden, nicht einmal, wenn man sie auf jede nur erdenkliche Weise unter Druck setzen w�rde, durfte sie preisgeben, welchen Zweck sie mit ihrer Visite verfolgt hatte. Was besagte Methoden anging, welche die Herren vom MfS anwandten, gab sie sich keinerlei Illusionen hin. Vroni zuliebe, die sie aus allem heraushalten wollte, w�rde sie s�mtliche Qu�lereien, zu denen Menschen �berhaupt f�hig waren, auf sich nehmen, Hauptsache, ihre Tochter, um die all ihre Gedanken kreisten, k�me ungeschoren davon.</p><p>An Tom und die H�lle, durch die er ging, wollte sie dagegen lieber nicht denken, sie musste ihre ganze Kraft aufbieten, um die Gedanken an ihn aus ihrem Kopf zu verbannen. F�rs Erste kam es darauf an, nicht die Fassung zu verlieren, Haltung zu bewahren, wie es ihr Vater, Junker, Preu�e und damit Klassenfeind par excellence, ausgedr�ckt h�tte. Angesichts der Situation, in der sie sich befand, vielleicht nur Wunschdenken, aber immerhin ein Weg, um dem Verh�roffizier, in dessen Zimmer sie soeben eskortiert worden war, Paroli zu bieten.</p><p>Schweigen, nicht einmal ein Blick hin�ber zur T�r. Alle, mit denen sie bislang in Ber�hrung gekommen war, hatten, wenn �berhaupt, nur das N�tigste gesprochen. Angefangen bei den Zivilfahndern, die ihr zum Verh�ngnis geworden waren, bis hin zu den W�rterinnen, die sie in Empfang genommen, eine Leibesvisitation durchgef�hrt und sie anschlie�end in ihre Zelle gebracht hatten, war man sorgsam darauf bedacht gewesen, sie �ber die Gr�nde ihrer Verhaftung im Unklaren zu lassen. Lea wusste, dass dies Teil einer Strategie war, einer Taktik, die darauf abzielte, sie einzusch�chtern und so schnell wie m�glich gef�gig zu machen.</p><p>Mit so etwas, das hei�t mit Psychoterror, hatte sie gerechnet, aber was ihr am meisten zugesetzt hatte, war, dass sie nicht wusste, wohin man sie gebracht hatte. Der Wartburg-Transporter, in den man sie verfrachtet hatte, war fensterlos, erst beim Aussteigen, etwa eine halbe Stunde nach ihrer Verhaftung, hatte ihr ged�mmert, dass sie nicht auf die Wache, sondern gleich ins Gef�ngnis gebracht worden war. Dort, in ihrer Zelle, war ihr endg�ltig klar geworden, auf was es in ihrer Situation ankommen w�rde. An diesem Ort, zwischen schallisolierter T�r, Pritsche, Fenster aus verst�rktem Milchglas und wei� get�nchter Wand, durfte sie keine Schw�che zeigen, weder im Angesicht der Grabesstille, welche sie umfing, noch beim Anblick des Stasi-Schergen, der so tat, als habe er sie nicht bemerkt.</p><p>�Ein Rat unter Landsleuten � wenn ich Sie w�re, w�rde ich mit offenen Karten spielen.� Der mittelgro�e, zu Fettleibigkeit und widernat�rlicher Bl�sse neigende Stasi-Beamte, nach Leas Sch�tzung gerade einmal 30, �berflog die Akte, welche vor ihm auf dem Schreibtisch lag, und blickte gelangweilt auf. Er schien es nicht eilig zu haben, zumindest nicht nach au�en hin. Um seine Entspanntheit, die lediglich Fassade war, zu dokumentieren, summte er leise vor sich hin und lie� die Ellbogen auf seinem Schreibtisch ruhen. Das vorspringende Kinn auf die Daumenkuppen gest�tzt, waren seine graublauen Augen auf die gepolsterte Doppelt�r geheftet, welche das Verh�rzimmer mit der Au�enwelt verband. Lea wusste, was ihr dieser Blick klarmachen sollte, n�mlich dass es kein Entkommen gab und dass sie ihrem Gegen�ber, aus dessen Blick der versierte Menschenschinder sprach, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Die drei Sterne auf seiner Uniformjacke, die auf einem B�gel neben dem Fenster hing, wiesen ihn als Oberleutnant in Diensten des Ministeriums f�r Staatssicherheit aus, als einen Mann, der, so stand zu bef�rchten, reichlich Erfahrung im Umgang mit Leuten wie ihr besa�.</p><p>Dies sollte sich prompt best�tigen. �Hinsetzen, H�nde auf die Oberschenkel und Augen geradeaus!�, fuhr sie der Oberleutnant j�h an und deutete auf den Schemel neben der T�r. �Hinsetzen, oder brauchen Sie eine Extraeinladung?�</p><p>Lea wollte aufbegehren, besann sich jedoch eines Besseren und f�gte sich.</p><p>�Na also, warum nicht gleich.� Von der Wirkung, die er erzeugt hatte, sichtlich angetan, fuhr der Verh�roffizier durch sein angefeuchtetes, sorgsam gescheiteltes braunes Haar und lie� den Blick auf der Kladde ruhen, welche vor ihm auf dem Schreibtisch lag. �Sie werden verstehen, Frau ��</p><p>�Sydow, Lea Sydow.�</p><p>�<emphasis>Von</emphasis> Sydow, es sei denn, die Kollegen von der Zivilfahndung h�tten mich falsch informiert.�</p><p>�Sie haben recht. Wir legen jedoch keinen Wert darauf, mit �von� angesprochen zu werden.�</p><p>�Wir?�</p><p>�Mein Mann und ich.�</p><p>�Ein alter Bekannter von uns. Zu ihm kommen wir sp�ter, keine Bange.� Ein s�ffisantes L�cheln auf den Lippen, neigte der Stasi-Beamte den Kopf zur Seite und lie� den Blick durch das nur wenige Quadratmeter gro�e, spartanisch m�blierte Zimmer gleiten, in dem sich au�er dem Hocker, auf dem Lea sa�, nur ein Schrank, ein Beistelltisch und eine reparaturbed�rftige Kommode befanden. Alles andere als reparaturbed�rftig und auf dem neuesten Stand der Technik war dagegen die Abh�ranlage, welche sich im angrenzenden Zimmer befand. Aber davon wusste Lea, die sich voll und ganz auf ihren Kontrahenten konzentrierte, nat�rlich nichts. �Ein Grund mehr, sich mit Ihnen zu besch�ftigen. Das sehen Sie doch ein, Frau <emphasis>von</emphasis> Sydow, oder?�</p><p>�Wenn Sie mich so fragen, Herr ��</p><p>�Oberleutnant, ganz einfach Oberleutnant, wenn es keine M�he macht.�</p><p>�Wenn Sie mich so fragen, Herr Oberleutnant � nein.�</p><p>�Wirklich nicht?� Der Verh�roffizier brach in gek�nsteltes Gel�chter aus. �Macht nichts, dann muss ich eben ein bisschen nachhelfen. Um es kurz zu machen, gn�dige Frau: Mit dem M�rchen, das sie meinen Kollegen aufgetischt haben, kommen Sie bei mir nicht durch. Nehmen wir an, Sie w�ren an meiner Stelle � was w�rden Sie dazu sagen, wenn eine Westberlinerin mitten in der Nacht aufgegriffen wird und behauptet, Sie sei � aus Spa� an der Freude! � auf die Idee verfallen, eine Spritztour durch die Hauptstadt unserer Republik zu machen. Wie gesagt � einfach so, aus purer Langeweile. Was w�rden Sie dazu sagen?�</p><p>�Das wei� ich nicht.�</p><p>�Aha, das wissen Sie nicht!�, h�hnte der Verh�roffizier und lie� den Zeigefinger �ber die Kn�pfe der Gegensprechanlage gleiten, gerade so, als sei sie, Lea Sydow, im Grunde Nebensache f�r ihn. �Sie erwarten doch nicht, dass ich das glaube, oder?�</p><p>�Nein, Herr Oberleutnant�, lautete die Antwort, so entschieden, dass der Offizier �berrascht aufblickte. �Was ich dagegen erwarte, ist, wie ein anst�ndiger Mensch und nicht wie eine Verbrecherin behandelt zu werden.�</p><p>�Anst�ndig?�, erboste sich der Oberleutnant und hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. �Habe ich da eben richtig geh�rt? Eine ausl�ndische Spionin, Saboteurin und Agentin, h�chstwahrscheinlich in Diensten der CIA, besitzt die Frechheit, mir Vorschriften zu machen. Ich will Ihnen mal was sagen, Frau Oberlehrerin. Wenn Sie den Mund weiter so voll nehmen, werden Sie ihr blaues Wunder erleben. Ich muss Sie warnen, und das zum allerletzten Mal. Sollten Sie nicht kooperieren, werde ich zu anderen Mitteln greifen. Und was hei�t hier �berhaupt �Verbrecherin�! Wenn Sie keine sind, wer dann? L�sst sich hier einschleusen, schn�ffelt herum, spioniert die Hauptstadt unseres sozialistischen Vaterlandes aus und tut so, als sei nichts geschehen. Das muss man sich mal vorstellen. Da geh�rt allerhand Dreistigkeit dazu. Beziehungsweise jede Menge kriminelle Energie.�</p><p>�Das glauben Sie doch wohl selbst nicht, Herr Oberleutnant.�</p><p>�So, meinen Sie�, erwiderte ihr Gegen�ber, von einem Moment auf den anderen wieder beherrscht und so ruhig, dass es den Anschein hatte, als habe es seinen Wutausbruch nicht gegeben. �Tja, wenn das so ist, f�hrt an einem versch�rften Verh�r kein Weg vorbei.�</p><p>Versch�rftes Verh�r. So nannte man das also. Lea biss auf die Oberlippe und schwieg.</p><p>�Damit haben Sie nicht gerechnet, was? Das macht Ihnen Angst, man sieht es Ihnen an. Vorschlag. Nennen Sie mir die Namen Ihrer Hinterm�nner, und ich setzte mich daf�r ein, dass die Haftstrafe, welche Ihnen droht, nicht allzu hoch ausfallen wird.�</p><p>�Gef�ngnis � ich?�</p><p>�Ja, was haben Sie denn gedacht? Doch nicht etwa, dass wir Sie wieder laufen lassen w�rden? Da kennen Sie mich aber schlecht. H�chste Zeit, dass Sie kooperieren, gute Frau. Sonst werden Sie den Rest Ihres Lebens hinter Gittern verbringen. Also, was ist � sind Sie bereit, auf mein Angebot eingehen oder nicht?�</p><p>�Danke f�r Ihre gro�z�gige Offerte, Herr Oberleutnant, ich wei� es wirklich zu sch�tzen. Was mich betrifft, ziehe ich es vor, Abstand davon zu nehmen.�</p><p>�Unter uns, Frau Von und Zu � glauben Sie wirklich, dass ein Wiedersehen mit Ihrem Mann unter den gegebenen Umst�nden �berhaupt zur Debatte steht? Ja? Wenn dem so ist, muss ich Sie entt�uschen. Eine R�ckkehr in heimische Gefilde k�nnen Sie auf unbestimmte Zeit vergessen. Traurig, aber wahr. Und wissen Sie auch, wieso? Bei uns macht man mit Agenten, Saboteuren und subversivem Gesindel n�mlich kurzen Prozess. Das zum Thema Zukunftsperspektiven. Wobei ich Ihnen den Rat geben darf, mich beim Wort zu nehmen. Apropos � wie w�r�s mit einem kleinen Rundgang durch unsere Katakomben? Glauben Sie mir, Frau von Sydow: Dort drunten sind schon ganz andere Kaliber als Sie schwach geworden.�</p><p>�Das hei�t, Sie beabsichtigen, mich mit Gewalt zum Reden zu bringen.� Lea strich ihr Haar hinter die Ohren, musterte den Verh�roffizier und beeilte sich hinzuzuf�gen: �Insofern es �berhaupt etwas zu gestehen gibt.�</p><p>�Nennen Sie es, wie Sie wollen.� Die Stirn in Falten, hielt der Oberleutnant Ihrem Blick m�helos stand. �Ob Sie mir�s glauben oder nicht � �ber kurz oder lang komme ich sowieso ans Ziel. Auch ohne versch�rftes Verh�r, spezielle Di�t, Dunkelarrest, U-Boot<sup>45</sup> oder M�tzchen jedweder Art.�</p><p>�Fragt sich nur, wie.�</p><p>�Vorsicht, Frau von Sydow, Sie spielen mit dem Feuer!�, drohte der Stasi-Offizier und schnellte z�hnefletschend nach vorn. �Sie reden sich um Kopf und Kragen. Wie ich Sie zur Vernunft zu bringen gedenke, wollen Sie wissen? Nichts leichter als das.�</p><p>�Wenn Sie meinen.�</p><p>�Ihre �berheblichkeit wird Ihnen vergehen, keine Sorge.� Der Oberleutnant stand auf, umrundete den Schreibtisch und baute sich breitbeinig vor Lea auf. �Wissen Sie eigentlich, gn�dige Frau, dass wir jede Menge Junggesellen in unseren Reihen haben? Auch solche, die auf Leute Ihres Schlages nicht �berm��ig gut zu sprechen sind? Kollegen, f�r die es eine Freude w�re, mal wieder richtig � wie dr�cke ich mich jetzt blo� aus? Genau! �, Kollegen, f�r die es eine Freude w�re, endlich mal wieder ausspannen zu k�nnen?� Ein h�misches Grinsen im Gesicht, legte der Verh�roffizier den Zeigefinger unter Leas Kinn, dr�ckte es in die H�he und warf einen Blick auf die Uhr. �Kurz nach halb drei�, verk�ndete er mit tonloser Stimme. �Zeit, sich ein paar Stunden aufs Ohr zu legen. Nein, nein � nicht Sie, Gn�digste. Gestatten Sie mir, dass ich mich zur�ckziehe. Was die freundschaftliche Unterhaltung betrifft, welche Ihnen bevorsteht, ist ein Kollege von mir an der Reihe. Keiner von der vorhin beschriebenen Sorte, das kann ich Ihnen versichern.� Der Oberleutnant zog den Zeigefinger zur�ck und wandte sich zur T�r. �Sollten Sie es sich bis zu meiner R�ckkehr um neun Uhr nicht anders �berlegt haben, sehe ich mich gezwungen, Ihr Schicksal in die H�nde von Mitarbeitern zu legen, deren Benehmen � speziell gegen�ber Frauen � stark zu w�nschen � die ein ausgesprochen zupackendes Wesen besitzen, wollte ich sagen! Bedauerlich, aber nun mal nicht zu �ndern.� Die Hand auf der Klinke, drehte sich Leas Peiniger um und schloss mit den Worten: �Ich hoffe, wir verstehen uns, Frau <emphasis>von</emphasis> Sydow. Gewaltanwendung ist mir n�mlich ein Gr�uel. Und was Ihren Mann betrifft, werde ich mir die Freiheit nehmen, ihn �ber die missliche Lage, in der Sie sich befinden, in Kenntnis setzen zu lassen.�</p><p>�Lassen Sie Tom aus dem Spiel, h�ren Sie?�</p><p>�Bedaure, Frau von Sydow, das wird nicht m�glich sein.�</p><p>�Lassen Sie ihn in Ruhe, er hat Ihnen nichts ��, begann Lea, brach jedoch mitten im Satz ab und schwieg.</p><p>�Und ob er uns etwas getan hat, du d�mliche Pute�, presste der Oberleutnant hervor, das Gesicht zu einer w�tenden Grimasse verzerrt. �Zur Feier des Tages haben wir uns auch etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Um deinem Besch�ler mal so richtig auf den Zahn f�hlen zu k�nnen, tragen wir uns mit dem Gedanken, ihm einen kleinen Tauschhandel vorzuschlagen. Dein Leben f�r dasjenige deiner besseren H�lfte, auf deren Eintreffen wir uns schon jetzt riesig freuen. Na, was sagst du dazu? Wahrlich ein Grund zum Feiern, oder?�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>31</p><p><emphasis>Berlin-Sch�neberg, Dienstgeb�ude der Kripo in der Gothaer Stra�e</emphasis> | <emphasis>08.30 h</emphasis></p><p>�P�nktlich zum Dienst � so haben wir�s gern.�</p><p>�Was f�llt Ihnen eigentlich ein, Sydow!�, spie Kriminalrat Oel�ner wutschnaubend hervor und warf die T�r von Sydows Dienstzimmer hinter sich zu. �Kaum bin ich hier, erfahre ich, dass Sie sich meinen Anordnungen widersetzt und auch noch die Frechheit besessen haben, hier aufzukreuzen. Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Damit wir uns richtig verstehen, Herr Hauptkommissar: Wenn ich jemanden vom Dienst suspendiere, meine ich es auch so!� Dunkelrot vor Zorn, plusterte sich Oel�ner wie eine Kr�he auf und reckte ihm w�tend den Zeigefinger entgegen. �Das wird Konsequenzen haben, darauf k�nnen Sie sich verlassen!�</p><p>�Wenn hier einer mit Konsequenzen zu rechnen hat, dann Sie, Oel�ner�, kanzelte Sydow seinen Vorgesetzten ab, schwang die F��e von der Tischkante und richtete sich zu voller Gr��e auf. �Sie und ein halbes Dutzend weitere Kollegen, die f�r die gleiche Firma t�tig sind. Dumm nur, dass es dem Herrn Kriminalrat bei der Stasi zu langweilig geworden ist, sonst h�tte er wohl kaum den Entschluss gefasst, bei der Konkurrenz anzuheuern. Heute MfS, morgen CIA. Kompliment, Oel�ner. Ein atemberaubender Aufstieg, den Sie da hinter sich haben. Macht nichts � man muss ja schlie�lich sehen, wo man bleibt. Hauptsache, die Kohle stimmt. Oder die eigene Karriere im Dienst von Vater Staat wird von unsichtbarer Hand gelenkt.� Kurz davor, auf Oel�ner loszugehen, klammerte sich Sydow an den Tisch und funkelte seinen Widersacher grimmig an. �Wenn das nicht nach Konsequenzen schreit, Sie Mistkerl, will ich nicht Tom Sydow hei�en!�</p><p>Der Frontalangriff wirkte. �Stasi?�, echote Oel�ner, wich einen Schritt zur�ck und lie� sich im Zeitlupentempo auf den Stuhl sinken, den Krokowski ihm mit s�ffisantem Grinsen unter die Sitzfl�che schob, bevor er in aller Eile das Zimmer verlie�. �CIA?�</p><p>�Immer h�bsch der Reihe nach!�, erwiderte Sydow, umrundete den Schreibtisch und rieb dem Kriminalrat das Dossier unter die Nase, welches ihm von Kuragin zugespielt worden war. �So viel Zeit muss sein! Zur Sache. Trifft es zu, dass es sich bei dem IM mit dem Decknamen Kolberg, von Beruf Kriminalrat und laufende Nummer sieben auf dieser Liste, und einem gewissen Ferdinand Oel�ner, seines Zeichens Chef der Mordkommission, um ein und dieselbe Person handelt? Raus mit der Sprache, Sie Ganove, bevor ich die Geduld verliere!�</p><p>�Was erlauben � woher wollen Sie das � das ist ja wohl wirklich die ��</p><p>�� H�he, finde ich auch, Sie � Aber lassen wir das.� Sydow ballte die Rechte zur Faust, riss sich jedoch am Riemen und kehrte vorsichtshalber hinter den Schreibtisch zur�ck. �Eins muss man Ihnen lassen, Oel�ner. Das haben Sie schlau eingef�delt. Hut ab. Wissen Sie eigentlich, wie ich dahinter gekommen bin, dass Sie arroganter Schei�kerl ein doppeltes Spiel mit uns treiben?�</p><p>�Eins muss man <emphasis>Ihnen</emphasis> lassen, Herr Kriminalhauptkommissar. Sie besitzen eine bl�hende Fantasie.�</p><p>�Ihr R�ckzugsgepl�nkel k�nnen Sie sich sparen. Bei mir verf�ngt so was nicht.� Sydow setzte sich. �Zugegeben, es hat ziemlich lange gedauert, bis ich auf den Trichter gekommen bin. Tja, Herr Kriminalrat, so kann�s gehen. Da beschlie�t man, einer subalternen Charge den freien Tag zu vermiesen und dr�ckt ihr einen Fall aufs Auge, ungeachtet der Tatsache, dass es genug Kollegen gibt, die ihn h�tten �bernehmen k�nnen. Und siehe da � der Schuss geht nach hinten los. Dumm gelaufen, Oel�ner, wirklich dumm gelaufen. Wer wei�, was passiert w�re, wenn Sie den Fall jemand anderem �bertragen h�tten.� Die Beine �ber Kreuz, machte Sydow aus seiner Genugtuung keinen Hehl. �Fehler Nummer zwei: Gestern Abend kreuzen Sie ohne Vorank�ndigung hier auf, h�ngen den Kriminalrat raus und entziehen mir den Fall wieder, und das ohne triftigen Grund. Da kommt man ins Gr�beln, Oel�ner, und fragt sich, was der Herr Vorgesetzte damit bezweckt. Antwort: Weil ihm klar wurde, dass er sich den Falschen rausgepickt hat. Und weil er die Order bekam, seinen Fehler zu korrigieren.�</p><p>�Order? Was Sie nicht sagen. Und wer, sieht man einmal vom Polizeipr�sidenten ab, w�re befugt, mir Befehle zu erteilen? Mister X?�</p><p>�Nein, Mister Ross. Aber dazu kommen wir gleich. Die Frage, die sich mir aufdr�ngt, ist n�mlich eine andere.�</p><p>�Und die w�re?�</p><p>�Wie kommt es, dass niemand spitzgekriegt hat, auf welcher Seite Sie in Wahrheit stehen? Vor allem, wenn man bedenkt, dass es Ihnen gelungen ist, eine Abh�ranlage zu installieren, mit deren Hilfe Sie s�mtliche Telefongespr�che ihrer Untergebenen nach Belieben mitverfolgen konnten. Immer mit der Ruhe, Oel�ner. Leugnen hat keinen Zweck. Krokowski und ich haben uns n�mlich die Freiheit genommen, Ihre Gem�cher auf den Kopf zu stellen. Hat uns zwar ein wenig Zeit und betr�chtliche M�he gekostet, aber wie hei�t es doch so sch�n? �Wer sucht, der findet.� Tut mir leid, dass wir Ihren Schreibtisch in s�mtliche Einzelteile zerlegt haben. Aber was soll�s � ben�tzen werden Sie ihn ohnehin nicht mehr.� Sichtlich entspannt, lehnte sich Sydow zur�ck und lie� das Kinn auf dem Daumen der rechten Hand ruhen. �Was Fehler Nummer drei angeht, haben Sie sich, mit Verlaub, wie ein blutiger Anf�nger angestellt. Sie ahnen, worauf ich anspiele? Das Telefonat mit meiner Frau am gestrigen Abend � genau. Ich wei� schon, was Sie gleich sagen werden, Herr Kriminalrat. Privatgespr�che im Dienst sind strikt untersagt. Recht so, Oel�ner, so was lenkt nur ab. Was aber, wenn man pl�tzlich ein Knacken in der Leitung h�rt? So laut, dass man taub sein m�sste, um es nicht zu bemerken? Da h�rt einer mit, denkt man, keine Frage. Zumal dieser Jemand, n�mlich Sie, Herr Kriminalrat a. D., kurz darauf den Chef raush�ngen und die Frechheit besitzen wird, Sie vom Dienst zu suspendieren. Wie gesagt, da kommt man ins Gr�beln, l�sst sich aber nicht unterkriegen und ermittelt auf eigene Faust. Wollen Sie noch mehr h�ren, Oel�ner, oder haben Sie endlich kapiert, wie der Hase l�uft?�</p><p>�Nur zu � tun Sie, was Sie offenbar nicht lassen k�nnen.�</p><p>�Lassen d�rfen, Herr Kriminalrat, lassen d�rfen. Handelt es sich bei der Nummer, die Sie abgezogen haben, doch um das Dreisteste, was mir seit Langem untergekommen ist. Setzen wir also noch eins drauf, Sie Meisterspion. Nicht genug damit, dass Sie laufende Ermittlungen blockieren, kriegen Sie kurz darauf spitz, dass es in der Waldb�hne zu einer wilden Schie�erei gekommen ist. B�ses ahnend, begeben Sie sich schleunigst zum Tatort und stellen zu Ihrem Schrecken fest, dass Jermaine Ross, Leiter der BOB der CIA und Ihnen somit bestens bekannt, dabei auf der Strecke geblieben ist. Zwei weitere Agenten, die das gleiche Schicksal erlitten haben, nicht zu vergessen. Das Verwunderliche daran: Einer von ihnen, ein gewisser James Landon Brannigan, ist von den Kugeln durchsiebt worden, die aus der Waffe des Dritten im Bunde stammt, dessen Namen wir bedauerlicherweise � noch nicht � kennen. So zumindest mein Freund und Kollege Heribert Peters, einer der ersten, der am Tatort erschien. Jetzt hatten Sie ein Problem, hab ich recht, Oel�ner? Um von sich abzulenken, z�gern Sie nicht lange und alarmieren die CIA, welche kurz darauf am Tatort erscheint, die Angelegenheit zu einer rein amerikanischen erkl�rt und meinen Freund Peters, der bedauerlicherweise Verdacht gesch�pft hat, und die Kollegen von der Spurensicherung unverrichteter Dinge nach Hause schickt. Soweit alles korrekt, Oel�ner?�</p><p>�Stasi, CIA � eine R�uberpistole so recht nach Ihrem Geschmack, stimmt�s?�</p><p>�Auf gut Deutsch, Sie vermissen die Beweise. Kommen wir zun�chst zur Stasi, nicht gerade fantasievoll, wenn es um die Kreation von Decknamen geht. Ich nehme an, Sie wissen, auf was ich anspiele, Genosse Kolberg. Um es kurz zu machen, Krokowski und ich waren so frei, einen Blick in Ihre Personalakte zu werfen. Stimmt, Oel�ner, so was tut man nat�rlich nicht, aber da der Zweck nun einmal die Mittel heiligt, muss ich Sie bitten, �ber dieses fluchw�rdige Vergehen hinwegzusehen. Da stehen wir also, k�nnen nicht anders und durchforsten Ihre Akte. Und was sehen unsere m�den Augen? Unser allseits gesch�tzter Vorgesetzter stammt nicht, wie urspr�nglich angenommen, aus Hannover, sondern wurde anno 28 im � Sie verstehen, worauf ich hinaus will, oder? � Genau, im beschaulichen St�dtchen Kolberg in Hinterpommern geboren, von wo aus es ihn unter ungekl�rten Umst�nden in den Westen verschlug. W�rde mich nicht wundern, wenn dies nach der Gr�ndung des ersten Arbeiter-und-Bauern-Staates der Fall gewesen w�re, v�llig legal und mit freundlicher Unterst�tzung des VEB Horch, Guck und Greif. Was die Gr�nde f�r Ihre berufliche Ver�nderung angeht, kann man zwar nur spekulieren. Fest steht indes, dass Sie f�r die CIA t�tig gewesen sind. Und zwar nicht erst seit gestern Nachmittag. Oder wollen Sie etwa behaupten, dass der Anruf, den Sie gestern Abend kurz vor halb neun von Ihrem Apparat aus get�tigt haben, nicht an das BOB gerichtet war? Sie sehen, Oel�ner, Krokowski und ich haben unsere Hausaufgaben gemacht, weder Kosten, noch M�hen und schon gar nicht die Recherche bei der zust�ndigen Dame von der Fernmeldebeh�rde gescheut, damit wir etwas gegen Sie in die Hand bekommen. Stichhaltige Beweise sozusagen. Damit Ihnen die Lust auf jedwede Sperenzchen von vornherein vergeht.�</p><p>�Und was haben Sie jetzt vor, Sydow? Mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen?�</p><p>�Wenn ich ehrlich bin, h�tte ich gro�e Lust dazu!�, konterte Sydow, urpl�tzlich wie verwandelt, und sprang mit hochroter Miene auf. �Etwas anderes haben Sie auch nicht verdient. Da ich Ihrer Dienste aber noch bedarf, werde ich davon absehen, von meinem Schie�pr�gel Gebrauch zu machen.�</p><p>�Dienste? Wie darf ich das verstehen?�</p><p>�Kein Wunder, dass Sie so d�mlich aus der W�sche gucken�, spottete Sydow, durchma� den Raum und lehnte sich mit dem R�cken an die T�r. �An Ihrer Stelle w�rde mir der Hintern jetzt auch auf Grundeis gehen. Zumal Sie sich hier in Berlin nirgendwo mehr blicken lassen k�nnen. Es sei denn, Sie haben vor, mit einer Schlinge um den Hals rumzulaufen. Sch�ne Aussichten, was? Aber keine Sorge. Als wahre Menschenfreunde haben mein Freund Krokowski und ich uns etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Sie werden Ihre helle Freunde daran haben, das kann ich Ihnen versprechen.�</p><p>�Rache an einem Wehrlosen � keine Kunst.�</p><p>Sydow kr�mmte sich vor Lachen. �Da haben Sie recht, Oel�ner. Was das betrifft, sind Ihre Ex-Kollegen in der Normannenstra�e wesentlich einfallsreicher als wir.�</p><p>Kreidebleich im Gesicht, wirbelte Oel�ner herum, �ffnete den Mund und starrte seinen Gegenspieler mit angsterf�llter Miene an.</p><p>Sydow lie� ihn jedoch nicht zu Wort kommen. �Normannenstra�e�, wiederholte er, �Sie haben richtig geh�rt. Ich muss nicht extra betonen, dass die R�ckkehr in Ihre angestammte Heimat die einzige Chance f�r Sie ist, Ihren Kopf zu retten. Und f�r Ihre Mitstreiter nat�rlich auch.�</p><p>�Das � das k�nnen Sie doch nicht machen.�</p><p>�Und ob ich das kann. Aber keine Angst. Was mich betrifft, werden die dortigen Genossen nichts von Ihrer Nebenbesch�ftigung erfahren. Ist mir egal, welchen B�ren Sie denen aufbinden. Apropos B�r, Oel�ner. Selbstverst�ndlich ist der Polizeipr�sident �ber die geplante Aktion im Bilde und w�rde Sie und die �brigen Genossen lieber heute als morgen loswerden. Kann ich verstehen. Ganz sch�n peinlich, wenn herausk�me, wer sich im Lauf der Jahre so alles bei der Kripo getummelt hat.�</p><p>�Und wo ist der Haken? Sie machen das doch nicht ohne Grund.�</p><p>Anstelle einer Antwort, auf die sein Widersacher mit versteinertem Gesichtsausdruck wartete, wandte sich Sydow nach rechts, wo sich ein mit Akten, juristischen Handb�chern und Zeitschriften vollgestopftes Regal befand, trat ganz nahe an einen Leitzordner heran und sagte: �Mikro aus, Kroko.� Und dann, mit ein paar Sekunden Versp�tung: �Was es jetzt zu besprechen gibt, geht nur mich und Herrn Oel�ner etwas an.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>32</p><p><emphasis>Hyannis Port, Massachusetts</emphasis></p><p><emphasis>| 03.10 h Ortszeit (09.10 h Berliner Zeit)</emphasis></p><p>Eine Minute Dauerklingeln. Schriller, als man es sich �berhaupt vorstellen konnte. Stille. Eine weitere Minute, vorsichtig gesch�tzt. Abermalige Stille, begleitet von infernalischem Sch�delbrummen. Und dann, quasi als Zugabe, das Ganze noch einmal von vorn. Ausgerechnet jetzt, ein paar Sekunden nach dem Einschlafen, wo er doch gehofft hatte, in Ruhe seinen Rausch ausschlafen zu k�nnen.</p><p>Mit einem Wort � die perfekte Tortur.</p><p>Verkatert wie noch nie, �chzte Andy Peterson, stellvertretender Stabschef des Pr�sidenten der USA, wie unter Schmerzen auf, begrub seinen Brummsch�del unter dem Kissen und nahm sich vor, das L�uten des Telefons zu ignorieren. Dies schlug jedoch fehl, zum einen, weil der unbekannte Anrufer nicht aufgab, zum anderen, weil es sich bei dem trinkfesten Sohn eines schwedischen Vaters und einer Lettin aus Riga um einen der loyalsten Weggef�hrten Kennedys handelte. Der Gedanke, er werde gebraucht, lie� ihm keine Ruhe, und so w�lzte sich der sechs Fu� und f�nf Inch gro�e und 112 Kilo schwere H�ne auf den Bauch, hechelte wie ein Marathonl�ufer und machte den Versuch, nach dem H�rer zu greifen. Bis er ihn endlich zu fassen bekam, verstrich eine volle Minute, genug Zeit, um sich und seinen ausgepr�gten Hang zu harten Drinks gleich mehrfach zu verfluchen.</p><p>Doch dann, nach mehreren vergeblichen Versuchen, hatte er es endlich geschafft. �Ja?�, kr�chzte Andris alias Andy Peterson, die Augen zugepresst und so benommen, als ob er von Cassius Clay pers�nlich ausgeknockt worden w�re. �Was � was zum Henker ist denn eigentlich los?�</p><p>Zu mehr war das baltische Kraftpaket nicht imstande, aller Trinkfestigkeit zum Trotz.</p><p>�Guten Morgen, Andris. Na, gut geschlafen?�</p><p>Den H�rer am Ohr und einen Geschmack im Mund, von dem ihm noch schlechter wurde, als dies ohnehin der Fall war, rang Peterson nach Worten, kam jedoch �ber ein unartikuliertes Lallen nicht hinaus. Die Stimme kam ihm bekannt vor, zumindest so weit, dass er den Gedanken an etwas Dringliches oder die Aufgaben, die mit seiner Funktion als Chefkoordinator und Berater des Pr�sidenten zusammenhingen, getrost beiseiteschieben konnte. Wider Erwarten trug deren Klang jedoch nicht zu seiner Beruhigung bei, sondern sorgte f�r das genaue Gegenteil. Gerade eben noch halb in Trance, schlug Peterson die Decke zur�ck, lie� die Beine �ber die Bettkante gleiten und richtete sich langsam auf, begleitet von der tr�gerischen Hoffnung, Opfer von Halluzinationen oder Hirngespinsten geworden zu sein.</p><p>Doch weit gefehlt. Da war etwas an dieser Stimme, das ihn aufhorchen lie�, etwas, das die Nachwirkungen der Zechtour, welche er und ein paar Agenten vom Secret Service durch die Bars, Hafenkneipen und den Jachtclub von Hyannis Port unternommen hatten, auf ein Mindestma� reduzierte. �Geht so�, murmelte Andy Peterson, kurz nach Kriegsende aus seiner Heimat gefl�chtetes Mitglied einer lettischen Untergrundorganisation, welche nach der Vertreibung der deutschen Besatzer und der Eroberung Rigas durch die Rote Armee ins Fadenkreuz des sowjetischen NKWD geraten und ohne R�cksicht auf den Blutzoll, den sie geleistet hatte, zerschlagen worden war. �Und mit wem habe ich das Vergn�gen?�</p><p>�Du trinkst zu viel, Andris�, lie� der Anrufer, offenbar nicht mehr ganz jung und mit kaum wahrnehmbarem russischen Akzent, seelenruhig verlauten und erweckte den Anschein, als habe er es mit seinem kleinen Bruder und nicht etwa mit einem der einflussreichsten M�nner im Wei�en Haus zu tun. �Wenn du so weitermachst, ger�tst du auf die schiefe Bahn. So wie damals, als ihr euch mit uns angelegt habt.�</p><p>��Mit uns�?�, echote Peterson, bem�ht, sich die Verwirrung, welche Besitz von ihm ergriff, nach M�glichkeit nicht anmerken zu lassen. �Darf man fragen, wer Sie sind?�</p><p>�Ich muss schon sagen, Andris, du entt�uscht mich sehr�, lamentierte der Anrufer mit unverhohlenem Spott. �Und das ausgerechnet mir, nach allem, was ich f�r dich getan ��</p><p>Urpl�tzlich wie elektrisiert, ging ein Ruck durch Petersons K�rper, und w�hrend sein Pendant weitersprach, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.</p><p>�� habe. Oder hast du die Zeit, in der dein Leben an einem seidenen Faden hing, etwa schon vergessen?�</p><p>�Nein.� Wie konnte er auch. Um zu vergessen, was sich der NKWD hatte einfallen lassen, um ihn und seine Kameraden gef�gig zu machen, h�tte er sich nicht nur alle paar Wochen, sondern jeden Tag bis zum Rand volllaufen lassen m�ssen. Dunkelhaft, Schlafentzug, versch�rftes Verh�r und was es sonst noch alles gab. So etwas konnte man nicht vergessen. Ein Lebtag nicht. �Auf keinen Fall.�</p><p>�Freut mich zu h�ren. Darf man fragen, wem es zu verdanken ist, dass du im Gegensatz zu deinen patriotisch angehauchten Gef�hrten nicht an die Wand gestellt worden bist?�</p><p>Man durfte. Die Antwort lautete: Einem NKWD-Leutnant, der es nicht fertiggebracht hatte, einen 15-J�hrigen zu exekutieren und im Wald verscharren zu lassen.</p><p>�Gut zu wissen, dass deine Erinnerung noch funktioniert!�, frohlockte der Anrufer, an einer Antwort offenbar nicht �berm��ig interessiert. �Wenn wir gerade dabei sind, <emphasis>Andy</emphasis> � weshalb bist du eigentlich bei der CIA ausgestiegen?�</p><p>�Gegenfrage. Weshalb bist du immer noch mit von der Partie? Wo du doch wei�t, welcher Mittel man sich in der Firma mittlerweile bedient.�</p><p>�Du wirst lachen, Andris � genau deswegen rufe ich an.�</p><p>�Was willst du, Juri?�</p><p>�Warum denn so barsch, Chief of Staff? Etwas mehr Freundlichkeit st�nde dir gut zu Gesicht.�</p><p>�Sag, was du willst, Juri. Du rufst doch nicht an, um dich nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen, oder?�</p><p>Kuragin gluckste. �Immer noch der Alte, wie man h�rt. Nun gut, Andy. Was mein Anliegen betrifft, w�rde ich es sehr zu sch�tzen wissen, wenn du eine kalte Dusche n�hmest, dich anz�gest und dich anschlie�end auf schnellstem Wege zur n�chsten Telefonzelle beg�best. Warum, muss ich dir wohl nicht gro� erkl�ren?�</p><p>�Doch.�</p><p>�Es geht um einen alten Bekannten, Andy. Aus gemeinsamen Tagen bei der CIA.� Um die Wirkung seiner Worte zu steigern, hielt Kuragin kurz inne. Dann sagte er: �Einen Freund, f�r den wir beide absolut nichts �brig haben. Was, wie ich wohl nicht extra betonen muss, auch f�r deinen obersten Dienstherren gilt.�</p><p>�Hei�t das etwa, du hast etwas gegen � gegen ��</p><p>�Du wirst erfreut sein, Andris Peterson. Ich habe so viel gegen ihn in der Hand, dass es m�glich sein wird, unseren Freund aus alten Tagen aus dem Amt zu katapultieren. Und nicht nur ihn, Deputy Chief of Staff, wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>�Im Ernst?�</p><p>�Traust du mir etwa nicht, Andyboy?�</p><p>�Gegenfrage: Wie kann ich dich erreichen, Juri?�</p><p>�Wusste ich�s doch, dass dich die Sache interessiert!�, triumphierte Kuragin und f�gte eilig hinzu: �Unter der Nummer in Reykjavik, die ich dir jetzt durchgeben werde. Glaub mir, mein Freund, du und Mister Kennedy werdet es nicht bereuen!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>33</p><p><emphasis>Berlin-Friedrichshain, Oberbaumbr�cke</emphasis></p><p><emphasis>| 10.50 h</emphasis></p><p>�Einen Moment noch�, sagte der Stasi-Beamte neben ihr, und er sagte es so, dass sie dachte, ihr w�rde das Herz stehen bleiben. Dort dr�ben, auf der anderen Seite der Spree, wartete die Freiheit auf sie, ein Schritt noch, und die H�lle, durch die sie gegangen war, w�rde f�r immer hinter ihr liegen. Vorausgesetzt, die beiden Stasi-Schl�ger, welche sie auf der gegen�berliegenden Seite der Br�cke aus dem Wagen gezerrt, in ihre Mitte genommen und bis hierher eskortiert hatten, w�rden sie gew�hren lassen. Und genau danach sah es im Moment aus.</p><p>Doch sie irrte. Hier handelte es sich nicht um eine der zahlreichen Schikanen, mit denen sie in den zur�ckliegenden Stunden konfrontiert worden war. Ein Blick auf die andere Seite, und Lea d�mmerte, was der Grund f�r das Zaudern ihrer Bewacher war.</p><p>Kaum hatte sie innegehalten, tauchte auf der Kreuzberger Seite ein Mannschaftswagen der Westberliner Polizei auf und rollte im Schritttempo auf die Br�ckenmitte zu. Dort blieb er mit laufendem Motor stehen, unmittelbar vor der Demarkationslinie, das Heck der Sperre zugewandt, mit dem die Fahrbahn blockiert worden war. Die beiden Stasi-Beamten, nach wie vor ganz auf sie fixiert, zuckten nicht einmal mit der Wimper, woraus Lea schloss, dass die Aktion von langer Hand vorbereitet worden war.</p><p>�Einen sch�nen Tag noch!�, h�rte sie kurz darauf den Beamten links von ihr sagen, nachdem er ihr die Fesseln abgenommen und sie eingesteckt hatte. �Gl�ck gehabt, w�rde ich sagen.�</p><p>Anstatt zu antworten, warf Lea einen kurzen Blick nach links, wo sich soeben die Heckt�r des Mannschaftswagens �ffnete. Insgesamt sieben M�nner, allesamt in Zivil, sprangen kurz danach heraus, hielten den Blick gesenkt und zw�ngten sich durch die Gasse, welche extra f�r sie freiger�umt worden war, vorbei an spanischen Reitern, Betonbl�cken und Hindernissen aus Stacheldraht. Die Szene hatte etwas Bizarres und zutiefst Beklemmendes an sich, doch bevor sich Lea von ihrer Verbl�ffung erholt hatte, war der Spuk beendet und die M�nner in einem Pulk von Volkspolizisten, welcher sie von allen Seiten umringte, verschwunden.</p><p>�Wie gesagt � gerade noch mal Gl�ck gehabt.� Es war nur ein Schritt, der sie von der Freiheit trennte. Nur ein einziger Schritt, und die schnurgerade wei�e Linie, welche die beiden Mittelt�rme, das U-Bahn-Viadukt und die monumentale Backsteinverkleidung aus der Kaiserzeit in zwei gleich gro�e Teile zerschnitt, w�re �berwunden.</p><p>F�r immer.</p><p>Hin und her gerissen zwischen Vorfreude und Angst, verharrte Lea auf der Stelle. In nur 100 Metern Entfernung, auf der anderen Seite der Spree, konnte sie die hoch aufragende Gestalt ihres Mannes sehen, umgeben von MPs, Schaulustigen und einem ganzen Pulk von Anwohnern, welche die Vorg�nge jenseits des streng bewachten Grenzstreifens mit banger Miene verfolgten. Einen Kopf gr��er als die Umstehenden, war Toms Blick auf die Mitte der Br�cke geheftet, und w�re der Kordon aus Uniformierten nicht gewesen, welche die Menge in Schach hielten, h�tte es vermutlich kein Halten f�r ihn gegeben.</p><p>So aber blieb Tom einfach stehen und hielt Ausschau nach ihr, wartete, bis sie, Lea, den alles entscheidenden Schritt tun w�rde. Schwindel ergriff sie, und ihr Herz pochte so heftig gegen die Rippen, dass sie kaum noch Luft bekam. Vor lauter Freude w�re sie am liebsten losgerannt, hatte sie doch mit dem, was gleich geschehen w�rde, nicht im Traum gerechnet. Aber da war nicht nur dieses Hochgef�hl, diese unb�ndige Freude, welche die Spuren der letzten Nacht auf einen Schlag vertrieb. Da war auch Angst in ihr, mehr als ihr lieb war, und sie musste ihre ganze Kraft aufbieten, um sie zu unterdr�cken. Die Sorge um ihre Tochter war allgegenw�rtig, daran w�rde sich weder jetzt noch in Zukunft etwas �ndern.</p><p>�Auf geht�s � oder haben Sie sich�s anders �berlegt?� Die Stimme des Stasi-Beamten, welcher ihr die Handschellen abgenommen hatte, klang exakt so, wie sich ihr Besitzer, ein unscheinbarer Anzugtr�ger um die 30, nach au�en hin pr�sentierte. Abweisend, kaltherzig und bar jeglicher Emotionen. �Wenn ja, w�re es mir eine Freude, Sie dorthin zu verfrachten, wo Sie gerade hergekommen sind. Also, was ist? Haben Sie vor, hier Wurzeln zu schlagen, oder sehen Sie endlich zu, dass Sie verschwinden?�</p><p>�Letzteres�, murmelte Lea und lie� den Blick zwischen ihren Bewachern hin und her wandern.</p><p>Dann rannte sie los.</p><p>*</p><p>Zum Teufel mit der Vorsicht, mit den Amis, Russen und s�mtlichen Ordnungsh�tern dieser Welt!, dachte Tom Sydow und mogelte sich an den beiden Kollegen vorbei, deren Aufmerksamkeit durch die Vorg�nge auf der Br�cke derart in Anspruch genommen war, dass sie dies erst viel zu sp�t bemerkten. In Momenten wie diesen musste man vor allem an sich selbst denken. An sich und die Menschen, die einem etwas bedeuteten.</p><p>Es k�mmerte ihn einen Dreck, ob die Milit�rpolizisten ihn zum Stehenbleiben aufforderten oder hinter ihm herbr�llten oder ihn darauf aufmerksam machten, dass das, was er gerade tat, purer Leichtsinn und im Grunde lebensgef�hrlich war. Und es k�mmerte ihn einen Dreck, welche Konsequenzen sein Handeln nach sich ziehen w�rde. In diesem Moment konnten ihm s�mtliche Ordnungsh�ter dieser Welt, die eigenen Kollegen mit eingeschlossen, gestohlen bleiben. Und s�mtliche Geheimdienste des gesamten Planeten, allen voran CIA, KGB, Staatssicherheit � oder wie diese staatlich gelenkten Syndikate auch immer hei�en mochten. Sydow wollte jetzt nur noch eins: endlich seine Frau, die lachend und winkend auf ihn zurannte, in die Arme schlie�en. Und er wollte die Ereignisse der letzten 20 Stunden und s�mtliche Abgr�nde, von denen aus er in die Tiefe gestarrt hatte, vergessen. Morgen war auch noch ein Tag, wenn auch einer, an dem nichts mehr so sein w�rde, wie es war. Das galt, wie ihm sehr wohl bewusst war, nicht nur f�r Berlin, sondern auch f�r ihn, Tom Sydow, von Beruf Kriminalhauptkommissar. Solange keine Klarheit dar�ber herrschte, was mit Veronika passiert war, w�rde die Kripo Berlin die zweite Geige spielen, ganz gleich, was der Herr Polizeipr�sident oder sonst wer dazu sagen w�rde.</p><p>�Verspricht du mir etwas, Tom?�, fl�sterte ihm Lea ins Ohr, nachdem sie sich aus seinen Armen gel�st, ihn gestreichelt und seine Hand ergriffen hatte, um die wenigen Meter, die sie vom Westufer der Spree trennten, hinter sich zu bringen. �Versprichst du mir, nichts unversucht zu lassen, um � um �� Dann versagte ihr die Sprache, und sie hatte M�he, ihre Tr�nen zur�ckzuhalten.</p><p>�Ich werde sie rausholen, koste es, was es wolle�, nahm Sydow seiner Frau die Worte aus dem Mund, verst�rkte den Druck seiner Hand und durchschritt mir ihr die Gasse der Schaulustigen, welche sich wie von selbst gebildet hatte. �Und wenn ich einen Tunnel buddeln muss!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>ACHT</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>�Ich k�nnte die Alliierten zum Handeln bewegen, wenn er [Chruschtschow] irgendetwas mit Westberlin anstellt, aber nicht, wenn er in Ostberlin etwas tut.�</emphasis></p><p>(Pr�sident Kennedy gegen�ber Walt Rostow,</p><empty-line/><p>Juli 1961)</p><p><emphasis>�Kennedys Reaktionen auf den Mauerbau waren bewusst behutsam. Er blieb, wie geplant, bis zum Montagmorgen auf seinem Familiensitz und lie� lediglich durch das Au�enministerium erkl�ren, die Abriegelung West-Berlins habe keine Auswirkungen auf die alliierten Rechte in West-Berlin und den Zugang dorthin. In dieser zur�ckhaltenden Reaktion kommt zum Ausdruck, dass Kennedy die Berliner Mauer als Gottesgeschenk betrachtete.�</emphasis></p><p>(Aus: Robert Dallek: John F. Kennedy. Ein unvollendetes Leben. Frankfurt am Main 2007, S. 375)</p></section><section><p>ENTWARNUNG</p><p><emphasis>Hyannis Port, Massachusetts</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(13.08.1961)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>34</p><p><emphasis>Kennedy Compound</emphasis></p><p><emphasis>| 13.05 h Ortszeit (19.05 h Berliner Zeit)</emphasis></p><p>�Keinerlei Indizien f�r einen Milit�rschlag, sehe ich das richtig, Dean?�, wollte John F. Kennedy wissen, den Blick auf Calabrese gerichtet und den H�rer am linken Ohr, aus dem die Stimme von Dean Rusk, Au�enminister der USA, erklang. �Die igeln sich nur ein, oder?�</p><p>�Treffend formuliert, Mister President ��, antwortete der 53-j�hrige Karrierediplomat aus Georgia, seines betont k�hlen und sonoren Tonfalls wegen Buddha genannt, �kein Grund zur Aufregung, wie man so sch�n sagt. Nach den mir vorliegenden Berichten ist zwar jede Menge Milit�r mit im Spiel, aber es hat den Anschein, als seien die Russen und ihre ostdeutschen Scho�h�ndchen darauf bedacht, die Finger von den Westsektoren zu lassen. Klipp und klar gesagt, Sir: Zum gegenw�rtigen Zeitpunkt gibt es keinerlei Anhaltspunkte f�r eine milit�rische Offensive der Roten Armee oder NVA gegen Westberlin.�</p><p>�Na, dann ist ja alles in Ordnung.� Der Pr�sident stie� einen Seufzer der Erleichterung aus, lehnte sich zur�ck und lie� den Arm auf der Lehne des Pl�schsofas ruhen, auf dem er kurz zuvor Platz genommen hatte. Mit dem Wohnzimmer seines Vaters, seinem gegenw�rtigen Refugium, waren unz�hlige Erinnerungen verbunden, dokumentiert durch Dutzende von Portr�ts, auf denen er mit seinen Eltern, Geschwistern und anderen Mitgliedern des Clans abgebildet war. Hier, an diesem Ort scheinbar ungetr�bter Idylle, hatte er sich stets geborgen gef�hlt, vor allem, wenn es galt, Entscheidungen von gro�er Tragweite zu f�llen. So wie jetzt, im Angesicht eines Mannes, der versucht hatte, ihn auf schm�hliche Weise zu hintergehen.</p><p>�Halten Sie mich auf dem Laufenden, Dean�, bat Kennedy, ein L�cheln im Gesicht, welches beim Anblick von Calabrese buchst�blich gefror, und f�gte mit Blick auf seinen Intimfeind hinzu: �Damit mir nur ja nichts aus dem Ruder l�uft.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Mister President.�</p><p>�Bis morgen, Dean.�</p><p>�Ich wei� ja nicht, wie Rusk zu der Auffassung kommt, dort dr�ben sei alles in Ordnung�, knirschte Calabrese, nachdem der Pr�sident aufgelegt hatte, bem�ht, sich seine Nervosit�t nicht anmerken zu lassen. �Was mich betrifft, bin ich nach wie vor der Meinung, dass man den Russen nicht �ber den Weg ��</p><p>�Wenn es jemanden gibt, dem ich nicht �ber den Weg trauen kann, dann Ihnen, Luke!�, warf der Pr�sident grimmig ein, st�tzte das Kinn auf die rechte Hand und mied den Anblick seines Kontrahenten, der, aller Nervosit�t zum Trotz, kerzengerade auf der Kante seines Sessels sa� und sich nicht vom Fleck r�hrte. Eines Widersachers, der nichts unversucht gelassen hatte, um ihm und dem gesamten Land gro�en Schaden zuzuf�gen. �Das steht doch wohl fest.�</p><p>�Wie darf ich das verstehen, Sir?�</p><p>�So, wie ich es sage�, erwiderte Kennedy, von einem Moment auf den anderen betont k�hl, und nippte an seinem Orangensaft, welchem ein Mittel gegen die Unterleibsschmerzen beigemischt worden war, an denen er seit zwei Tagen litt. �Oder sind Sie der Meinung, Hochverrat sei ein Kavaliersdelikt?�</p><p>�Wollen Sie damit andeuten, Mister President ��, begann Calabrese, B�ses ahnend, und schnappte verzweifelt nach Luft. Und dann, Auge in Auge mit einem sichtlich erbosten Pr�sidenten, verlie� ihn der Mut und er sackte in sich zusammen.</p><p>�Hochverrat, Chief Exekutive!�, fuhr Kennedy den Leiter f�r verdeckte Auslandsoperationen an. �Sie haben richtig geh�rt. Mit dem Ziel, unser Land in einen Krieg hineinzuziehen. Einen Krieg, in dem es nach landl�ufiger Meinung Millionen von Toten geben w�rde.� Kennedy knallte das Saftglas auf den Tisch und sprang erregt auf. �Eins muss man Ihnen lassen, Luke: Um mich zu hintergehen, haben Sie und dieser � dieser � wie hei�t er doch gleich, Andy?�</p><p>�Ross, Mister President. Jermaine Ross. Leiter der BOB�, antwortete Andris Peterson, die Arme verschr�nkt und direkt hinter Calabrese postiert, als warte er auf das Zeichen, ihm den Hals umzudrehen. �Ein Jammer, dass er momentan verhindert ist.�</p><p>�Macht nichts, wir haben ja noch unseren guten alten Luke. Hand aufs Herz, Chief Executive � dass die Sache so endet, h�tten Sie nicht gedacht, was?�</p><p>�Welche Sache?�</p><p>�Jetzt spielen Sie nicht den Ahnungslosen, Calabrese. Um mich auf Kriegskurs zu bringen, war Ihnen ja wohl jedes Mittel recht. Sie m�chten, dass ich etwas deutlicher werde? Kein Problem. Doch zuvor m�chte ich Ihnen meine Hochachtung ausdr�cken. Was sich Ross, Ihr Alter Ego in Berlin, hat einfallen lassen, zeugt n�mlich von wahrhaft krimineller Energie. Nicht gerade einfach, einen Statisten ostdeutscher Herkunft zu finden, der so naiv ist, dass er den K�der, dem sie ihm hingeworfen haben, ohne nachzudenken schluckt. Apropos K�der! Der br�nette Lockvogel, ebenso wie der Dritte im Bunde Mitglied Ihrer Firma, wurde mitsamt ihrem Komplizen vor einer guten halben Stunde verhaftet und bereits vom Secret Service verh�rt. Mit ein Verdienst der Berliner Kripo, wie ich der Korrektheit halber betonen muss. Das �ndert jedoch nichts daran, dass Sie, Signore, nicht davor zur�ckgeschreckt sind, mich mithilfe fingierter Dokumente zu t�uschen. Halten Sie mich und meine Mitarbeiter wirklich f�r so naiv, dass wir Ihnen den B�ren, den Sie uns aufbinden wollten, tats�chlich abkaufen w�rden? Kommen Sie schon, Luke, daran haben Sie doch wohl selbst nicht geglaubt. Eine Agentenkom�die mit t�dlichem Ausgang � so etwas konnte ja wohl nicht gut gehen.�</p><p>Hochrot vor Zorn, umrundete Kennedy das Sofa und begann vor dem Fenster auf und ab zu gehen. Drau�en auf dem Meer, nur wenige hundert Meter vom feink�rnigen Privatstrand entfernt, zog die �Marlin� ihre Bahn, der Kabinenkreuzer seines Vaters, auf dem Jackie und die Kinder einen sonnt�glichen Segelt�rn unternahmen. Selbst ein passionierter Segler, h�tte er liebend gerne daran teilgenommen, ein Grund mehr, dass sich sein Zorn auf Calabrese und Dulles, mit dem er als N�chstes abrechnen w�rde, bedrohliche Ausma�e annahm. �Von Anfang an. Irgendwelche Fragen, Chief Executive?�</p><p>Calabrese verschr�nkte die H�nde, senkte den Kopf und schwieg.</p><p>�Es folgt der Trag�die zweiter Teil, weitaus schlimmer als der erste.� Kennedy und Peterson tauschten einen vielsagenden Blick. Dann nahm der Pr�sident den Gespr�chsfaden wieder auf. �Wissen Sie, was ich glaube, Rick?�, fragte er, Seite an Seite mit einem der gr��ten Schurken, der ihm jemals �ber den Weg gelaufen war. �Sie haben sich schlicht und ergreifend verkalkuliert. Wie alle Spielernaturen. Anders kann ich mir die Tatsache, dass Ihre Pl�ne durch das unvermutete Auftauchen eines Ihrer Agenten �ber den Haufen geworfen wurden, n�mlich nicht erkl�ren. Schon gut, schon gut � wer rechnet denn mit so etwas! Dass besagter Agent �ber genau die Informationen verf�gte, welche Ihre gesamte Strategie �ber den Haufen werfen w�rde, konnten Sie nat�rlich nicht wissen. K�nstlerpech. Oder Anf�ngerfehler � je nachdem.</p><p>�Informationen?�</p><p>�Aufmarschpl�ne der Roten Armee und der NVA, Mannschaftsst�rke der beteiligten Einheiten, Sammelpunkte, Einsatzpl�ne, Mannschaftsst�rke der abzukommandierenden Betriebskampfgruppen, Menge der zu verwendenden Materialien, als da sind Stacheldraht, spanische Reiter, Betonpf�hle � eben alles, was man braucht, um eine Stadt in zwei H�lften zu teilen.�</p><p>�Darf man fragen, woher ��</p><p>�Woher ich das alles wei�, meinen Sie?�, fiel Kennedy seinem Kontrahenten ins Wort und gab Peterson einen Wink, woraufhin sich sein stellvertretender Stabschef nach dem Koffer b�ckte, der direkt neben dem Sofa stand und nach vorn trat, um ihn vor Calabreses Gesicht hin und her schaukeln zu lassen. �Von einem Ihrer Agenten, Luke, der, w�re es nach Ihnen gegangen, von einem gedungenen Killer aus den eigenen Reihen beseitigt worden w�re.�</p><p>�L�ge, alles L�ge.�</p><p>�Finden Sie? Na gut, Luke, Sie haben es nicht anders gewollt.� Kennedy lie� sich den Koffer aush�ndigen, deponierte ihn auf den Tisch und sagte zu Peterson: �Tun Sie mir den Gefallen, Andy, und bitten Sie Mister Kuragin herein.� Und zu Calabrese: �Er wird Ihnen alles schildern, Chief Executive. Bis ins Detail. Vor allem den Verlauf der Schie�erei mit den eigenen Kollegen. Eins k�nnen Sie mir n�mlich glauben: Ein Krimi ist nichts dagegen. Wissen Sie, wor�ber ich mich am meisten wundere?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wirklich nicht?�</p><p>�Ehrlich gesagt � ich wei� nicht, wozu das ��</p><p>�Ich wundere mich, wie man so kaltschn�uzig sein kann wie Sie. Aber keine Sorge � Sie und Dulles werden die Quittung daf�r bekommen. Im Klartext hei�t das, ich werde mir die Freiheit nehmen, Sie beide vor die T�r zu setzen.�</p><p>�Vor die T�r setzen? Dulles und mich?�</p><p>�In der Tat!�, bekr�ftigte Kennedy, w�hrend sich die Wohnzimmert�r �ffnete und Peterson und Kuragin auf der Schwelle erschienen. �Na ja � �vor die T�r setzen� ist vielleicht nicht das richtige Wort. �In den Ruhestand versetzen� h�rt sich da schon wesentlich besser an, hab ich recht, Andy? Schlie�lich ist Dulles schon 68. H�chste Zeit, dass er in Pension geht, finde ich. Und dass bei der CIA mal so richtig ausgemistet wird. Jetzt gucken Sie nicht so, Luke. Okay, es werden ein paar K�pfe rollen � Ihrer mit eingeschlossen � aber nur im �bertragenen Sinn. Eins darf n�mlich auf keinen Fall passieren: dass die �ffentlichkeit von Ihren Machenschaften erf�hrt. Das kann ich mir nicht leisten, Sie ja wohl auch nicht. Daraus folgt, dass Bobby und ich �u�erst behutsam vorgehen werden. Eine Pensionierung hier, ein R�cktrittsgesuch da � und schon beginnen sich die Fronten zu kl�ren. Wo k�men wir hin, wenn ich einen verdienten Mitarbeiter wie Sie einfach vor die T�r setzen w�rde. Keine Sorge, Luke, schlie�lich wei� ich, was sich geh�rt. Erst kommt Dulles, und dann, wenn halbwegs Gras �ber die Sache gewachsen ist, sind Sie an der Reihe. Und der eine oder andere aus Ihrer Zunft, �ber dessen Loyalit�t ich mir nicht im Klaren bin.� Wieder halbwegs ruhig, blieb Kennedy stehen und sah seinem Rivalen ins Gesicht. �So ist es eben in der Politik, Rick. Der Schein muss gewahrt bleiben, um jeden Preis. Ginge es nach mir, w�rde ich Sie an der n�chstbesten Laterne aufkn�pfen lassen, das wissen Sie so gut wie ich. Oder ist Ihnen bei der CIA schon mal jemand �ber den Weg gelaufen, der so r�cksichtlos ist wie sie? So gewissenlos, dass er vor nichts haltmacht, nicht einmal davor, Berlin mit Raketen beschie�en zu lassen?� Kennedy holte tief Luft, ein schadenfrohes L�cheln im Gesicht. �Ein Grund mehr, Urlaub in Guantanamo zu machen, finden Sie nicht auch, Calabrese?�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>�Das Fiasko in der kubanischen Schweinebucht und Kennedys Weigerung, eine massive Luftwaffen- und Marineunterst�tzung f�r die Brigade 2056 zu genehmigen oder sich gar f�r eine Milit�rinvasion zu entscheiden, lie� ihn f�r viele Exil-Kubaner und Falken zu einer Hassfigur werden.�</emphasis></p><p>(Aus: Andreas Etges, John F. Kennedy, M�nchen 2003, S. 75f.)</p></section><section><p>EPILOG</p><p><emphasis>Washington, D. C.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(20. Januar 1961)</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><p>35</p><p><emphasis>Georgetown, Club Santiago, 3050 K St. NW</emphasis></p><p><emphasis>| 20.00 h</emphasis></p><p>�Heute ist Sonntag, der 20. Januar 1963. Guten Abend, meine Damen und Herren. Washington. Pr�sident Kennedy, auf den Tag genau zwei Jahre im Amt, hat erneut betont, den von ihm eingeschlagenen au�enpolitischen Kurs beibehalten zu wollen. Langley, Virginia. Der Republikaner John McCone, Nachfolger von CIA-Direktor Dulles, hat die von ihm getroffenen Personalentscheidungen als absolut notwendig und vollauf gerechtfertigt ��</p><p>�Schalt den Kasten aus, Felipe, sonst hast du einen Stammkunden weniger!�</p><p>�� zu Justizminister Bobby Kennedy nachgesagt wird.�</p><p>�Schon gut, Compa�ero, reg dich ab.� Felipe Dos Santos, Kubafl�chtling und Barkeeper im Santiago, sch�ttelte das ergraute Haupt und beeilte sich, dem Wunsch seines Kunden nachzukommen. Er kannte ihn nur beim Vornamen, hatte aber schon des �fteren mitbekommen, dass mit seinem etwa 30 Jahre alten Landsmann nicht zu spa�en war. Deshalb hatte er auch keine Lust, sich mit ihm anzulegen, schaltete das Radio aus und zog sich ans andere Ende des Tresens zur�ck, um m�glichst weit weg vom Schuss zu sein.</p><p>An der Laune von Jos� P�rez San Rom�n, unl�ngst aus kubanischer Haft freigekaufter Regimegegner und erkl�rter Castrohasser, �nderte dies jedoch nichts. Die Augen zu kaum wahrnehmbaren Schlitzen verengt, fletschte das Paradebeispiel eines lateinamerikanischen Pistoleros die elfenbeinfarbenen Z�hne, trank seinen Cuba Libre auf ex und machte sich erst gar nicht die M�he, mit seiner Antipathie gegen�ber den Kennedys hinterm Berg zu halten. �Bastardos!�, stie� er gleich mehrfach hervor, �Fucking bastards!�, ohne R�cksicht darauf, wie die �brigen G�ste auf seinen Temperamentsausbruch reagieren w�rden. Die wiederum, allen voran der Barkeeper, zogen es indessen vor, ihm und m�glichen Scherereien aus dem Weg zu gehen.</p><p>Nicht so sein Nachbar, ein sch�big gekleideter Glatzkopf Anfang 50, der den Temperamentsausbruch des Kubaners mit stoischer Gelassenheit hingenommen und selbst dann nicht mit der Wimper gezuckt hatte, als San Rom�n die Kennedys auf das �belste beschimpfte und laustark nach dem n�chsten Cuba Libre verlangte. �Scheint so, als w�ren Sie nicht gut auf den Pr�sidenten zu sprechen�, raunte er San Rom�n ins Ohr, darauf bedacht, dass niemand etwas davon mitbekam.</p><p>�Und wenn schon, was geht Sie das an?�</p><p>Geradezu ein Muster an Gelassenheit, verzog San Rom�ns Nachbar keine Miene, z�ndete sich eine Marlboro an und machte keinerlei Anstalten, auf die harsche Replik des ehemaligen Elitesoldaten zu reagieren.</p><p>�Sind Sie taub, oder warum geben Sie keine Antwort?�</p><p>�Keinesfalls, junger Mann, keinesfalls�, erwiderte der Angesprochene, den Blick in den Spiegel hinter dem Tresen gerichtet und offenbar nicht ganz bei der Sache. �Mir war nur daran gelegen, Ihnen mein Mitgef�hl auszudr�cken � mehr nicht.�</p><p>�Mitgef�hl? Wie kommen Sie denn auf die Idee?�</p><p>San Rom�ns Nebenmann, seinem Akzent nach zu urteilen Italo-Amerikaner, zog an seinem Glimmst�ngel und wog bed�chtig das Haupt. �Wenn mich nicht alles t�uscht, junger Mann, haben Sie mit den Kennedys oder der CIA oder mit beiden nicht sonderlich viel am Hut. Beziehungsweise noch eine Rechnung mit Ihnen offen.�</p><p>�Kann man wohl sagen.�</p><p>�Da f�llt mir gerade ein: Kann es sein, dass ich Ihr Bild vor l�ngerer Zeit in der Zeitung gesehen habe?�</p><p>San Rom�n horchte auf. �Mein Bild? Wie kommen Sie denn darauf?�, lauerte er und blitzte seinen Nachbarn argw�hnisch an. �H�ren Sie, Compa�ero. Wenn Sie denken, Sie k�nnten mich aushorchen, haben Sie sich geschnitten, klar?�</p><p>�Genau! Jetzt hab ich�s!�, triumphierte der Unbekannte in scheinheiligem Ton, ohne sich am Unmut seines Nachbarn im Geringsten zu st�ren. �Sie waren bei der Schweinebuchtinvasion dabei, stimmt�s?�</p><p>�Sagen Sie mal, sind Sie schwerh�rig, oder was? Lassen Sie die Fragerei bleiben, sonst kriegen Sie es mit mir ��</p><p>�Wenn hier jemand schwerh�rig ist, dann Sie, Compa�ero!�, fiel Giuseppe Andreotti, f�hrendes Mitglied der Chicago-Mafia, dem aufgebrachten Latino ins Wort, und f�gte, noch bevor dieser seine Verbl�ffung, �berwunden hatte, in barschem Tonfall hinzu: �Gehe ich recht in der Annahme, dass wir beide, wenn schon nicht die gleiche Herkunft, so doch die gleichen Antipathien hegen? So was verbindet, finden Sie nicht auch?�</p><p>Bass erstaunt und beileibe nicht mehr ganz n�chtern, schob der ehemalige Anf�hrer der Brigade 2506 sein Glas beiseite und wandte sich dem Mann, der die Frechheit besessen hatte, ihn, Pepe San Rom�n, wie einen Rekruten zusammenzustauchen, mit angriffslustiger Miene zu. Und wurde angesichts des Pistolenhalfters, welches unter dem Trenchcoat seines Gespr�chspartners hervorlugte, auf einen Schlag lammfromm. �Antipathien � was meinen Sie damit?�</p><p>�Schon gewusst, dass es hierzulande eine Menge Zeitgenossen gibt, die nicht unbedingt gut auf die Kennedys zu sprechen sind?�, fragte Andreotti und fuhr mit dem Zeigefinger an seiner Hakennase entlang, die von dunklen, bei San Rom�ns Anblick j�h aufblitzenden Habichtsaugen flankiert wurden. �Brave B�rger, die � vulg�r ausgedr�ckt � ihnen am liebsten eine Kugel durch den Kopf jagen w�rden?�</p><p>�So zum Beispiel ein paar hohe Herren von der CIA?�</p><p>�Falsch getippt, junger Freund. Ich bin nicht bei der CIA.� Andreotti setzte ein verschlagenes L�cheln auf. �Das hei�t aber nicht, das wir nicht hin und wieder bereit sind, der Cr�me unter den Agenten den einen oder anderen Gefallen zu erweisen.�</p><p>�Wir�?</p><p>�Vorschlag zur G�te. Sie tun gut daran, nicht allzu viele neugierige Fragen zu stellen.�</p><p>�Und Sie, Compa�ero, tun gut daran, mich nicht f�r dumm zu verkaufen. Na sch�n, Sie arbeiten f�r die CIA. Oder � pr�ziser ausgedr�ckt � f�r gewisse Herren, die es begr��en w�rden, wenn sich jemand auftreiben lie�e, der diesem Hosenschei�er ein paar Kugeln durch die Birne jagt. Jemand, der einen derartigen Hass auf die Kennedys hat, dass es ihm eine Freude w�re, diesen irischen Weichling wie einen r�udigen K�ter abzuknallen.� San Rom�n pausierte, wandte sich ab und fl�sterte: �Jemand wie mich, stimmt�s?�</p><p>�Ich sehe, wir verstehen uns�, freute sich Andreotti, zog einen Umschlag aus dem Trenchcoat und dr�ckte ihn seinem Nebenmann in die Hand. �Bis bald, Compa�ero�, fl�sterte er San Rom�n beim Aufstehen ins Ohr, hochzufrieden, auf keinerlei Widerstand gesto�en zu sein. �Wir h�ren voneinander � beziehungsweise Sie von uns!�</p><p>E N D E</p></section><section><p><sup>1</sup><strong>D</strong>epartment of <strong>C</strong>overt <strong>O</strong>perations (fiktiv)</p><empty-line/><p><sup>2</sup> dt.: Zapata-S�mpfe</p><empty-line/><p><sup>3</sup> dt.: Heilige Muttergottes!</p><empty-line/><p><sup>4</sup> Schei�e!</p><empty-line/><p><sup>5</sup> dt.: Willkommen, Kommandant!</p><empty-line/><p><sup>6</sup> dt.: Schei� Kommunisten!</p><empty-line/><p><sup>7</sup> dt.: Ihr sollt alle in der H�lle schmoren, ihr Bastarde!</p><empty-line/><p><sup>8</sup> Lockheed U-2 Dragon Lady, amerikanisches Spionageflugzeug</p><empty-line/><p><sup>9</sup> Deckname f�r das Landeunternehmen in der Schweinebucht</p><empty-line/><p><sup>10</sup> dt.: Beschwichtiger (Anspielung auf die nachgiebige Politik des britischen Premierministers Neville Chamberlain gegen�ber Hitler)</p><empty-line/><p><sup>11</sup> am. Bezeichnung f�r �Justizminister�</p><empty-line/><p><sup>12</sup><strong>B</strong>undes<strong>n</strong>achrichten<strong>d</strong>ienst</p><empty-line/><p><sup>13</sup> 1853 im Packeis stecken gebliebenes und 1855 von den Amerikanern entdecktes Segelschiff der Royal Navy</p><empty-line/><p><sup>14</sup><strong>B</strong>erlin <strong>O</strong>perational <strong>B</strong>ase der CIA</p><empty-line/><p><sup>15</sup> Hof des mythischen britischen K�nigs Artus und seiner Tafelrunde</p><empty-line/><p><sup>16</sup><strong>L</strong>andwirtschaftliche <strong>P</strong>roduktions<strong>g</strong>enossenschaft</p><empty-line/><p><sup>17</sup> Hauptquartier der CIA im US-amerikanischen Bundessaat Virginia, erbaut zwischen 1959 und 1963</p><empty-line/><p><sup>18</sup> sowjetische Staatssicherheitsbeh�rde (Vorl�ufer des KGB)</p><empty-line/><p><sup>19</sup> Titel einer Arie aus der Oper <emphasis>Porgy and Bess</emphasis> (1935) von George Gershwin</p><empty-line/><p><sup>20</sup> NKDW: Volkskommissariat f�r Innere Angelegenheiten</p><empty-line/><p><sup>21</sup> dt.: schwabbelig</p><empty-line/><p><sup>22</sup> janz weit oben (Berliner Dialekt)</p><empty-line/><p><sup>23</sup> Friss die H�lfte</p><empty-line/><p><sup>24</sup> United States Military Liaison Mission, d. h. US-amerikanische Milit�rverbindungsmission</p><empty-line/><p><sup>25</sup> Oberkommando der Wehrmacht</p><empty-line/><p><sup>26</sup><strong>M</strong>ilitary <strong>I</strong>ntelligence, Number <strong>6</strong></p><empty-line/><p><sup>27</sup> Berlin Operational Base</p><empty-line/><p><sup>28</sup> Nationale Volksarmee der DDR</p><empty-line/><p><sup>29</sup> russ.: Auf geht�s!</p><empty-line/><p><sup>30</sup> Ministerium f�r Staatssicherheit</p><empty-line/><p><sup>31</sup> Leiter des Ministeriums f�r Staatssicherheit</p><empty-line/><p><sup>32</sup> Ufa-Darstellerin der 20er- und 30er-Jahre (1863&#x2005;�&#x2005;1937).</p><empty-line/><p><sup>33</sup> Spitzname der Stasi</p><empty-line/><p><sup>34</sup> dt.:Genosse</p><empty-line/><p><sup>35</sup> dt.: Auf Wiedersehen</p><empty-line/><p><sup>36</sup> Regierender B�rgermeister von Berlin (1957-1966)</p><empty-line/><p><sup>37</sup> Anspielung auf Onkel Toms H�tte, den Anti-Sklaverei-Roman von Harriet Beecher-Stowe</p><empty-line/><p><sup>38</sup> Ber�hmtes Zitat aus dem Film �Vom Winde verweht� und aus dem gleichnamigen Roman von Margaret Mitchell aus dem Jahre 1936</p><empty-line/><p><sup>39</sup> Abk�rzung f�r Awtomat Kalaschnikowa, obrasza 47, ein sowjetisches Sturmgewehr und die wohl meistproduzierte Waffe weltweit</p><empty-line/><p><sup>40</sup> Freier Deutscher Gewerkschaftsbund</p><empty-line/><p><sup>41</sup><strong>I</strong>nformeller <strong>M</strong>itarbeiter des Ministeriums f�r Staatssicherheit der DDR</p><empty-line/><p><sup>42</sup> Berlin Operational Base der CIA</p><empty-line/><p><sup>43</sup> Harold Macmillan (1894&#x2005;�&#x2005;1986), zum Zeitpunkt des Mauerbaus britischer Premierminister</p><empty-line/><p><sup>44</sup> Deutsche Volkspolizei</p><empty-line/><p><sup>45</sup> Spitzname f�r den unterirdisch gelegenen Zellentrakt, in dem sich weitere Zellen befanden</p><empty-line/><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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