<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_crime</genre><author><first-name>Uwe</first-name><last-name>Klausner</last-name></author><book-title>Bernstein-Connection</book-title><annotation><p>Uwe Klausner, der sich als Historiker seit Jahren mit der Geschichte des Dritten Reichs und der deutschen Nachkriegszeit besch�ftigt, legt mit "Bernstein-Connection" erneut einen Kriminalroman vor.Berlin, im Juni 1953. In unmittelbarer N�he von Schloss Bellevue wird eine m�nnliche Wasserleiche entdeckt. Kurz darauf wird das Grab des unl�ngst bestatteten Gesch�ftsmannes Hans-Hinrich von Oertzen auf makabere Art und Weise gesch�ndet.</p><p>Alles nur Zufall? Keineswegs. Hauptkommissar Tom Sydow findet heraus, dass die beiden M�nner Mitglieder einer streng geheimen Sondereinheit der SS waren, deren Aufgabe kurz vor Kriegsende darin bestand, das legend�re Bernsteinzimmer vor der heranr�ckenden Roten Armee in Sicherheit zu bringen ...</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Tom Sydow" number="3"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-08">8.3.2013</date><id>74C75CBE-7909-489E-AEB5-8CCAEEA614E5</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2011</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p>Personen und Handlung sind frei erfunden.</p><p>�hnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen</p><p>sind rein zuf�llig und nicht beabsichtigt.</p><empty-line/></section><section><p><strong><image l:href="#1"/></strong></p></section><section><subtitle><strong>Figuren</strong></subtitle><p>REALE HAUPTFIGUREN</p><p>Katharina II. (1729-1796), genannt die Gro�e, Zarin von Russland</p><p>Grigori Grigorjewitsch Orlow (1734-1783), Offizier und ihr Liebhaber</p><p>Erich Koch (1896-1986), Gauleiter von Ostpreu�en, Reichsverteidigungskommissar und Reichskommissar in der besetzten Ukraine, am 12.11.1986 in polnischer Haft verstorben</p><p>Wilhelm Zaisser (1893-1958), Mitglied des Politb�ros und des ZK der SED und Minister f�r Staatssicherheit, im Juli 1953 entlassen und aus der Partei ausgesto�en</p><p>Erich Mielke (1907-2000), von 1957 bis 1989 Minister f�r Staatssicherheit der DDR</p><p>Heinrich Himmler (1900-1945), Reichsf�hrer-SS, Reichsinnenminister und Chef der deutschen Polizei, Selbstmord in britischem Gewahrsam</p><p>Lawrenti Pawlowitsch Berija (1899-1953), Geheimdienstchef der UdSSR, vermutlich am 26.6.1953 exekutiert</p><p>Georgi Maximilianowitsch Malenkow (1902-1988), von 1953 bis 1955 Regierungschef der UdSSR, 1957 endg�ltig entmachtet und aus dem Politb�ro ausgeschlossen</p><empty-line/><p>FIKTIVE HAUPTFIGUREN</p><p>Tom von Sydow, 40 Jahre, Hauptkommissar der Berliner Kripo</p><p>Benjamin Kempa, SS-Sturmbannf�hrer und Bergwerksingenieur</p><p>Curt Holl�nder, Offizier im besonderen Einsatz des Ministeriums f�r Staatssicherheit</p><p>Erna Pommerenke alias �die Rote Lola�, Kreuzberger Bordellk�nigin</p><p>Gregory Boynton Grant, stellvertretender Leiter der CIA</p><p>Heribert Peters, Gerichtsmediziner</p><p>Waldemar Naujocks, Leiter der Spurensicherung</p><p>Luise von Zitzewitz, Toms Tante</p><p>Hans-Hinrich von Oertzen, SS-Standartenf�hrer</p><p>Eduard Krokowski, Kriminalassistent</p><p>Wassili Danilowitsch Slav�n, ehemaliger Major des NKWD</p><p>Juri Andrejewitsch Kuragin, Oberstleutnant des MGB (Ministerium f�r Innere Angelegenheiten der UdSSR)</p><p>Ole Jensen, SS-Sturmbannf�hrer und Sprengstoffexperte</p><p>Annerose Mollig, Sydows Sekret�rin</p><p>Lea von Oertzen, Ehefrau des SS-Standartenf�hrers</p></section><section><p>�Am 21., das hei�t am Tage des festlichen Feiertages Ihrer Majest�t Geburt, geschah in Zarskoje Selo das Folgende: Aus der Kirche geruhte Ihre Majest�t in das Bernsteinzimmer hin�berzugehen und erwies den oben beschriebenen Personen [Kavalieren und Hofdamen] ihre Gunst.�</p><p>Aus dem Zeremonialjournal Katharinas II.,</p><p>21. April 1765</p><empty-line/></section><section><p><strong>Prolog</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Sankt Petersburg / Russland</emphasis></p><p><emphasis>(Donnerstag, 21.04.1765 und Freitag, 22.04.1765)</emphasis></p></section><section><p><strong>Eins</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Ostberlin</emphasis></p><p><emphasis>(16.06.1953)</emphasis></p><empty-line/></section><section><p><strong>Barbarossa<sub>[8]</sub></strong></p><empty-line/><p><emphasis>Puschkin</emphasis></p><p><emphasis>(15.09.1941)</emphasis></p><empty-line/><p>�Um 4 Uhr morgens haben deutsche Truppen, ohne Kriegserkl�rung und ohne irgendwelche Forderungen an die Sowjetunion gestellt zu haben, unser Land angegriffen. Sie haben an vielen Stellen unsere Grenzen �berschritten und unsere St�dte bombardiert. Wir werden unsere Pflicht tun. Der Feind wird vernichtet werden. Der Sieg wird unser sein.�</p><p>Radioansprache des sowjetischen Au�enministers</p><p>Wjatscheslaw M. Molotow anl�sslich des deutschen Angriffes auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941</p></section><section><p><strong>1</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Katharinenpalais in Zarskoje Selo nahe Sankt Petersburg | kurz vor Sonnenuntergang</emphasis></p><p>�Fluch �ber dich, Herrscherin aller Reu�en!�, schleuderte der verwahrloste Wanderm�nch seiner Widersacherin ins Gesicht. �Fluch �ber dich, Ehebrecherin, M�rderin und Hure!�</p><p>Im Saal wurde es totenstill, und die Blicke der Anwesenden, �berwiegend Damen von Stand, Kavaliere und Gardeoffiziere, wandten sich dem Eingang zu. Der H�ne unter dem T�rsturz, vor dem die livrierten Lakaien instinktiv zur�ckwichen, lie� sich jedoch nicht beirren. Er strahlte etwas aus, das den gepuderten Hofschranzen Furcht einfl��te, von seinem Wuchs, durch den er s�mtliche Anwesende um Hauptesl�nge �berragte, gar nicht zu reden.</p><p>�Fluch �ber dich!�, wiederholte der b�rtige, breitschultrige und vor Schmutz nur so starrende M�nch, bevor er zum entscheidenden Schlag ausholte. �Sei verflucht, <emphasis>Deutsche</emphasis>, der du M�tterchen Russland zugrunde richten wirst!�</p><p>Die attraktive, mit einem Dreispitz und der rot-gr�nen Uniform der Preobraschenskij-Garde bekleidete Herrin �ber nahezu ein Siebtel der Erdoberfl�che verzog keine Miene, selbst dann nicht, als sich der H�ne mit dem fettgl�nzenden, schulterlangen Haar eine Gasse durch die Reihen der H�flinge bahnte und hocherhobenen Hauptes auf sie zusteuerte.</p><p>�Sie sind an der Reihe, Grigori Grigorjewitsch�, forderte sie stattdessen den stattlichen Offizier rechts von ihr auf, nicht der erste und auch nicht der letzte Liebhaber in ihrem Leben. Beim Whist, ihrem Lieblingsspiel, lie� sie sich nur ungern st�ren, und das wussten Orlow und die beiden anderen Offiziere am Spieltisch genau. �Oder ist Ihnen etwa die Lust vergangen?�</p><p>�Beileibe nicht, Majest�t�, versicherte der f�nf Jahre j�ngere, in Diensten der Venus wie auch des Mars gleicherma�en erfahrene Adelsspross, w�hrend der Parkettboden des Bernsteinzimmers unter den Stiefeltritten des sibirischen Starez erzitterte. �Wo k�men wir hin, wenn wir uns von einem hergelaufenen Schmutzfink den Abend verderben lie�en!�</p><p>Jekaterina Alexejewna, bereits zu Lebzeiten �die Gro�e� genannt, gab sich betont entspannt und setzte ein huldvolles L�cheln auf. Sie war 35 Jahre alt, hatte graublaue Augen und kastanienbraunes, mithilfe einer Schleife aus Silberbrokat zusammengehaltenes, Haar. Das eine Idee zu spitz geratene Kinn zeugte von gro�em Durchsetzungsverm�gen, wenngleich sie sich M�he gab, diese F�higkeit hinter einer Fassade demonstrativer Jovialit�t zu verbergen. F�r gew�hnlich die Ruhe selbst, gab es so gut wie nichts, was ihre Laune tr�ben konnte. Es sei denn, man erinnerte sie an ihre Herkunft, was der Tochter eines deutschen Duodezf�rsten �berhaupt nicht behagte.</p><p>�Recht so, mein lieber Orlow�, pflichtete die Zarin ihrem Favoriten bei, prostete ihren Tischnachbarn zu und nippte an ihrem rubinrot schimmernden Tokaier. �An einem Tag wie diesem sollten wir uns die Laune auf keinen Fall ��</p><p>�Fluch �ber dich, Deutsche!� Die Stimme des ungebetenen Gastes war jetzt ganz nahe, und w�hrend sich die Zarin wieder ihrer Whistpartie zuwandte, stieg ihr der Geruch von Schwei�, Kautabak und Schweinestall in die Nase. Die Verlockung, den Wanderm�nch auf der Stelle arretieren zu lassen, drohte �berm�chtig zu werden, doch wieder einmal setzte sich ihre Selbstbeherrschung durch.</p><p>�Ihr Anliegen, Monsieur?�, richtete sie das Wort an den Starez, ohne ihn auch nur eines Blickes zu w�rdigen. �D�p�chez-vous![5]�</p><p>Der M�nch lie� sich nicht lange bitten, entledigte sich des Kreuzes, das er �ber dem zerschlissenen Habit trug, und reckte es der Zarin aller Reu�en entgegen. �Kehre um!�, herrschte er sie an, in einem Ton, der bei den konsternierten H�flingen f�r helle Aufregung sorgte. �Kehre um, deutsche Hure, auf dass unser geliebtes M�tterchen Russland ��</p><p>�Lebe, ich wei߫, vollendete Katharina die Gro�e, geborene Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst. �Wobei ich finde, dass sich unsere r�stige Babuschka durchaus sehen lassen kann. Im Vergleich zu anderen L�ndern, meine ich.�</p><p>�Und ob, Majest�t!�, pflichtete ihr Orlow bei und tat zun�chst so, als sei der Wanderm�nch Luft f�r ihn. Schlie�lich r�ckte er mit kalkulierter L�ssigkeit sein Seidenjabot zurecht, blitzte den Kraftprotz scheel an und zischte: �Und jetzt raus hier, Muschik[6], sonst wirst du dein blaues Wunder er��</p><p>�Aber, aber, mein lieber Orlow�, fiel die Zarin dem gut gebauten Offizier, zugleich Vater ihres j�ngsten Sohnes, mit un�berh�rbarem Tadel ins Wort. �Mit der Kirche wollen wir es uns doch wohl nicht verderben, oder?�</p><p>�Das verh�te ��, schickte Orlow sich an, den Ball aufzunehmen, eine Schnupftabakdose in der linken Hand.</p><p>Es war der Wanderm�nch, der den Satz vollendete, und zwar so, dass es dem Offizier die Sprache verschlug.</p><p>�Wag es nicht, S�nder ��, presste der Starez hervor und funkelte den eingedenk seiner erotischen Kunstfertigkeit in den Grafenstand erhobenen Salonl�wen w�tend an, �wag es nicht, den Namen des Herrn in den Mund zu nehmen. Sonst wird es ein b�ses Ende mit dir nehmen.�</p><p>�Oder mit dir!�, erg�nzte die Zarin, des Schauspiels �berdr�ssig, w�hrend sie sowohl Orlow als auch der hereinst�rmenden Palastwache mit erhobener Hand Einhalt gebot. �Und deshalb: Sage Er mir, was Er loswerden m�chte, M�nch, und rede Er nicht andauernd um den hei�en Brei herum!�</p><p>Unter den Offizieren, Lakaien und Hofdamen, die sich mit angehaltenem Atem Luft zuf�chelten, erhob sich affektiertes Gel�chter. Katharina die Gro�e schien es nicht zu bemerken. Anscheinend ganz in ihr Spiel vertieft, legte sie ein Ass auf den Tisch, lie� den Arm auf dem mit Seidendamast bespannten Stuhl ruhen und hauchte mit kaum h�rbarer Stimme: �Ich h�re.�</p><p>�Kehre um, Deutsche, bevor es zu sp�t f�r dich ist�, stie� der M�nch hervor, w�hrend drau�en im Park allm�hlich die Abendd�mmerung hereinbrach. Im Licht der Kerzen, welche die W�nde des Bernsteinzimmers wie fl�ssiges Gold erstrahlen lie�en, warf seine Gestalt einen unheimlichen Schatten an die gegen�berliegende Wand, was den Starez wie einen dem Erdboden entstiegenen D�mon erscheinen lie�.</p><p>�Und was, wenn ich es nicht tue?�, erwiderte die Zarin scheinbar unger�hrt.</p><p>�Dann, Herrscherin aller Reu�en�, dr�hnte der Bass des Sibiriers von den mit Bernsteinpaneelen, Spiegelpilastern und Steinmosaikbildern geschm�ckten W�nden wider, �wird der Zorn Gottes auf dieses Land herniederfahren, und es wird ein Blutbad geben, wie es die Welt bis dato nicht gesehen hat.� Die pechschwarzen Augen des M�nchs verengten sich, und sein Blick, durchdringender denn je, schien die 35-j�hrige Herrscherin f�rmlich zu durchbohren. �Millionen werden elendiglich zugrunde gehen, der Leib von M�tterchen Russland wird auf das Widerw�rtigste gesch�ndet werden. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben, und ein Feuersturm wird �ber das Land hinwegfegen, schlimmer als alles, was sich menschliche Fantasie auszumalen vermag.�</p><p>�Und wann wird es so weit sein?�, sp�ttelte Orlow und sah sich Beifall heischend um. �Damit ich Rei�aus nehmen kann, bevor die Welt untergeht.�</p><p>Die erhoffte Wirkung seiner Worte blieb indes aus, und es gab nicht wenige, die sich spontan bekreuzigten. Doch das war erst der Anfang. Kaum waren Orlows Worte verklungen, war in der Ferne dumpfes Donnergrollen zu h�ren. Wie um den Sp�tter L�gen zu strafen, flog pl�tzlich eines der Fenster auf. Ein Windsto� fegte durch den Saal, mit einer Heftigkeit, dass er Dutzende von Kerzen zum Erl�schen brachte. Ein d�monisches L�cheln im Gesicht, sah sich der Sibirier triumphierend um. Dann reckte er sein Brustkreuz in die H�he und setzte seine Tirade fort: �Und es wird kommen der Tag�, verk�ndete er, den Blick auf die wie versteinert wirkende Zarin geheftet, �an dem das Geschlecht, dem du, Herrscherin aller Reu�en, angeh�rst, vom Angesicht der Erde getilgt werden wird, und mit ihm alles, was an dich und deinesgleichen erinnert. Und siehe, der Letzte aus dem Stamm der Romanows wird ein qualvolles Ende erleiden, und mit ihm alle, die sich um seinen Thron scharen werden. Aus dem Aschehaufen, den dein verderbtes Geschlecht hinterl�sst, wird sich ein Tyrann erheben, schlimmer als alle Despoten, welche die Geschichte kennt. Neues, unermessliches Leid wird kommen �ber unser schwer gepr�ftes Land, aus dem Westen, von wo aus jene Horden, schlimmer noch als die Tataren, wie Luzifers Heerscharen �ber unser Land herfallen werden, mordend, sengend, pl�ndernd und alle jene zermalmend, die sich ihnen in den Weg stellen. Nichts wird mehr so bleiben, wie es war, nicht einmal dieses Zimmer, welches der Beutegier der fremden Barbaren zum Opfer fallen wird. Hast du geh�rt, Herrscherin der Reu�en? Nicht einmal dieses Kabinett, in dem du dich niedergelassen hast, um dem Laster, dem M��iggang und der S�nde zu fr�nen.�</p><p>�Damit du es wei�t, M�nch ��, entr�stete sich die Zarin und sprang erregt auf, �solange ich die Geschicke dieses Landes lenke, wird das, wovon du sprichst, ein Hirngespinst bleiben. Kein Widersacher, und sei er auch noch so m�chtig, wird es je wagen, Hand an M�tterchen Russland zu legen. Und selbst wenn, wird dieser Jemand der gerechten Strafe nicht entgehen. Niemand wird die K�hnheit besitzen, die geheiligten Rechte der Romanows infrage zu stellen, von nun an bis in Ewigkeit. Keine Macht der Welt wird je imstande sein, unsere geheiligte Muttererde zu entweihen oder dieses Kleinod, welches ich, Jekaterina, geschaffen habe, in ihren Besitz zu bringen. Diese L�ndereien, dieses Schloss und vor allem dieses Zimmer, mein liebstes Domizil auf Erden � sie werden auf ewig russisch bleiben, compris[7]?�</p><p>Einmal in Rage, hatte Jekaterina, Herrscherin aller Reu�en, sowohl ihre guten Manieren als auch ihre sie entgeistert anstarrende Entourage vergessen. Au�er sich vor Emp�rung, st�rzte sie schlie�lich ihren Tokaier hinunter, doch als sie sich wieder beruhigt hatte und ihr Blick denjenigen des M�nchs suchen wollte, war ihr Kontrahent bereits verschwunden.</p></section><section><p><strong>2</strong></p><p><emphasis>Zarskoje Selo</emphasis>[1]<emphasis>, am Morgen des 22. Tages im Monat April</emphasis></p><p>Mein teurer Gemahl!</p><p>Um Euch, der Ihr fernab von hier auf unserem Gut bei Rostow weilt, �ber die Geschehnisse an Ihrer Majest�t Hof auf dem Laufenden zu halten, im Folgenden einige Zeilen von mir.</p><p>Ich hoffe, Ihr befindet Euch wohl und bei guter Gesundheit, was ich von mir, die ich aufgrund des j�ngsten Skandals immer noch zutiefst ersch�ttert bin, bedauerlicherweise nicht behaupten kann. Kommt mir doch das, was sich am gestrigen Abend in Ihrer Majest�t Gegenwart zugetragen hat, so ungeheuerlich vor, dass selbst jetzt, etliche Stunden sp�ter, die Feder in meiner Hand ihren Dienst zu versagen droht. Seit ich in Ihrer Majest�t Dienste getreten bin, habe ich etwas Derartiges noch nicht erlebt, und ich bin mir sicher, dass mir die hochwohlgeborenen Damen und Herren, die Zeuge jener h�chst ungl�ckseligen Vorkommnisse gewesen sind, darin beipflichten werden.</p><p>Doch der Reihe nach. Zun�chst hatte es den Anschein, dass der Abend, �ber den ich Euch berichten m�chte, den gewohnten Verlauf nehmen w�rde. Nach dem Gottesdienst und dem anschlie�enden Souper, bei dem sich Ihre Majest�t mir gegen�ber h�chst gn�dig zeigte, bat uns die Zarin ins Bernsteinkabinett, um den Abend bei Zigeunermusik, Tokaier und einer Partie Whist[2], ihrem erkl�rten Lieblingsspiel, ausklingen zu lassen. Mit von der Partie waren unter anderem Grigori Grigorjewitsch Orlow, von dessen Liaison mit unserer gn�digen Herrin allerlei gemunkelt wird, und � Gott sei�s geklagt! � Vater Dmitri, ein hergelaufener sibirischer Starez[3], �ber den in Sankt Petersburg die wildesten Ger�chte kursieren und der bereits mehrere handfeste Skandale verursacht hat. Zu meinem und dem Leidwesen des erlauchten Kreises, welcher sich im Bernsteinzimmer zusammenfand, war dies auch am gestrigen Abend der Fall. Allein der Geruch, den jener Wanderm�nch aus den Gefilden jenseits des Uralgebirges verstr�mte, h�tte ausgereicht, uns alle in die Flucht zu schlagen, und als sei dies immer noch nicht genug, �berh�ufte er Jekaterina Alexejewna[4] mit Fl�chen und benahm sich derart ungeb�hrlich, dass die anwesenden Kavaliere ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten mussten, damit es nicht zu einem neuerlichen Eklat kam. Allein Ihrer Majest�t Selbstbeherrschung war es zu verdanken, dass jener der Gosse entstiegene Schweinehirt ungeschoren davonkam, wenngleich sie sich, wie deutlich zu erkennen war, in nicht geringem Ma�e echauffierte.</p><p>Man stelle sich vor, was jener Scharlatan, der sich Priester nennt, unserer �ber alles geliebten Herrscherin zu weissagen erdreistete! Die Herrschaft der Zaren, so die Worte jenes impertinentesten unter den Kretins, werde in nicht allzu ferner Zukunft zu Ende gehen und der Letzte vom Stamme der Romanows ein Schicksal erleiden, welches an Grausamkeit nicht zu �berbieten sei. Genau das waren seine Worte � Ihr habt Euch nicht verlesen, mein teurer Gemahl. Doch damit nicht genug. Aus dem Aschehaufen, den die Romanows hinterlassen w�rden � Aschehaufen, welch ungeheurer Frevel! �, werde ein Tyrann emporsteigen, wie ihn sich Ihre Majest�t, die Anwesenden und das gesamte russische Volk nicht vorzustellen imstande w�ren. Dieser Tyrann, so Dmitri, werde Russland unter seine Knute zwingen, ohne R�cksicht auf Millionen von Menschen, die seiner Herrschaft zum Opfer fallen w�rden. Doch damit immer noch nicht genug. Nur wenige Jahre sp�ter werde neues Unheil �ber M�tterchen Russland kommen, aus dem Westen, von wo aus es sich wie eine Flut �ber unser Land ergie�en w�rde. Schlimmer als die Tataren w�rden wilde Heerscharen �ber unsere Heimaterde hinwegfegen, sengend, mordend, pl�ndernd und raubend. Nicht einmal das Bernsteinkabinett Ihrer Majest�t, dies unvergleichliche, an Sch�nheit nicht zu �berbietende Juwel, werde der Raffgier dieser Berserker entgehen und als Kriegsbeute au�er Landes transportiert werden, um f�r immer vom Angesicht der Erde zu verschwinden. Und so frage ich Euch, mein �ber alles geliebter Gemahl: Hat man je etwas Absurderes, Frevelhafteres und L�sterlicheres geh�rt als das wirre Geschw�tz dieses hergelaufenen Wanderpredigers, der sich Dmitri Michailowitsch Kapotkin nennt? Hat man je etwas Irrwitzigeres, Abwegigeres und T�richteres geh�rt als die Behauptung, das Bernsteinkabinett werde in die H�nde ausl�ndischer, mit den M�chten des B�sen in Verbindung stehender Invasoren fallen? Verzeiht mir, lieber Gemahl, wenn ich mich derart echauffiere, geht doch das, was mir gestern Abend zu Ohren kam, v�llig �ber meinen und � wie ich annehme � auch �ber Euren Horizont. Was meine Herrin betraf, nahm sie es mit der ihr eigenen Gelassenheit, lie� diesen Schmutzfink gew�hren und zog sich in Begleitung von Orlow alsbald in ihre Gem�cher zur�ck. Als ihre Hofdame tat ich es der Zarin gleich, wenngleich ich gestehen muss, dass ich nach dem Zubettgehen kein Auge zugetan habe.</p><p>Soweit mein Bericht, teuerster Gemahl. Falls m�glich, lasst bald von Euch h�ren, damit mir wenigstens ein bisschen Trost zuteilwerden m�ge.</p><p>Irina, Eure Euch in Liebe zugetane Gemahlin</p></section><section><p><strong>3</strong></p><p><emphasis>Puschkin, vormals Zarskoje Selo | fr�hmorgens</emphasis></p><p>�Die Deutschen, Genosse Direktor!�, rief ihm seine Kollegin schon von Weitem zu. �Die faschistischen Invasoren, h�ren Sie nicht?�</p><p>Und ob er es h�rte. Der Kustos[9] des Katharinenpalastes, knapp 30, schmallippig und bebrillt, senkte den Blick und fuhr sich mit den Handkuppen �ber die hohe Stirn. Bei dem L�rm, den die Granaten, Haubitzen und M�rser der Heeresgruppe Nord veranstalteten, platzte einem glatt das Trommelfell. H�chste Zeit, sein Heil in der Flucht zu suchen.</p><p>�Die Deutschen, Anatoli Michailowitsch, die Deutschen!�</p><p>Der Kustos seufzte. �Ich bin weder schwerh�rig noch taub noch lebensm�de, Genossin�, versicherte er seiner Assistentin, einer bildh�bschen, noch dazu �u�erst begabten Kunsthistorikerin. �Das k�nnen Sie mir getrost glauben.�</p><p>�Aber warum � warum bringen Sie sich nicht in Sicherheit?�</p><p>�Und wer passt dann auf das Zimmer auf?�, ereiferte sich der Kustos, dem der Hemdkragen beinahe die Luft abschn�rte, strich �ber die Empire-Kommode zu seiner Rechten und bedeutete den verbliebenen Bediensteten, das M�belst�ck hinauszutragen. �Die Deutschen vielleicht?�</p><p>Die br�nette Leningraderin, aufgrund ihrer Figur f�r eine Karriere als Ballettt�nzerin geradezu pr�destiniert, sch�ttelte ratlos den Kopf. �Wei� ich nicht, Genosse�, fl�sterte sie geknickt, den Gesch�tzl�rm der Panzergruppe 4 im Ohr, der mit jeder Minute, die sie hier vertr�delten, n�her zu kommen schien. �Was ich allerdings wei�, ist, dass Sie alles getan haben, um dieses Zimmer vor gr��erem Schaden zu ��</p><p>Ein Geschoss, das unweit des Puschkindenkmals einschlug, lie� die Kunsthistorikerin j�h verstummen. Ganz anders der Konservator, den der Gefechtsl�rm offensichtlich kaltlie�. �Das sagt sich so leicht, Genossin�, sinnierte er, augenscheinlich ohne jeden Sinn f�r die Gefahr, in der sie beide schwebten. Und murmelte betr�bt: �Das Bernsteinzimmer, ausgerechnet das Bernsteinzimmer. Nicht auszudenken, was passiert, wenn es den Deutschen in die H�nde f�llt.�</p><p>�Sieht so aus, als m�ssten wir uns damit abfinden�, erwiderte die Kunsthistorikerin lapidar, machte eine weit ausholende Handbewegung und folgte dem Blick des Kustos, der sich von dem leer ger�umten, mit Pappe beklebten Zimmer partout nicht losrei�en konnte. �Seien wir ehrlich, Genosse: Was zu tun war, haben wir getan. Wir haben die Bernsteinsammlung verpackt, die Gobelins, das S�vresporzellan. Die Fenster mit Brettern vernagelt, das Parkett mit Teppichen und Sand gesch�tzt, einen Wassertank samt Feuerl�scher bereitgestellt � ich wei� nicht, was wir beide uns vorzuwerfen h�tten.� Die zierliche Russin, �ber deren Madonnengesicht unter den Museumsbediensteten allerlei frivole Witze kursierten, trippelte nerv�s auf der Stelle. �Kopf hoch, Anatoli Michailowitsch�, redete sie dem in sich gekehrten Bernsteinexperten gut zu. �Wenn der Krieg vorbei ist, werden wir hier wieder Ordnung schaffen.�</p><p>Die Antwort war ein desillusioniertes Schnauben, und w�hrend der Kustos ein Bernsteinfragment betrachtete, das er soeben aufgehoben hatte, bildeten sich Sorgenfalten auf seiner Stirn. �Wenn es dann noch da ist, Anna Semjonowa�, fl�sterte er, nachdem in unmittelbarer N�he eine weitere Granate detoniert war. �Wenn es dann noch da ist.�</p><p>�Sie glauben doch nicht etwa, dass die Deutschen uns <emphasis>das</emphasis> antun werden?�</p><p>Die Lippen des anerkannten Fachmannes kr�uselten sich, auf seinem Mund erschien ein sibyllinisches L�cheln. �Auszuschlie�en ist es jedenfalls nicht�, versetzte er in nachdenklichem Ton. �Wenn man bedenkt, was sich allein dieser G�ring so alles unter den Nagel gerissen hat, werden die Nazis bez�glich des Bernsteinzimmers wohl kaum irgendwelche Skrupel haben.�</p><p>�Aber es war doch ein Geschenk, vom preu�ischen K�nig an Zar ��</p><p>�Peter den Gro�en, ich wei߫, vollendete der Kustos, runzelte die Stirn und sah seine Assistentin am�siert an. �Wie Sie sich sicher vorstellen k�nnen, habe ich meine Hausaufgaben gemacht.�</p><p>�Verzeihung, Genosse, ich wollte Sie nicht kr�nken.�</p><p>�Was hei�t hier �kr�nken�, Anna Semjonowa�, warf der Angesprochene mit hintergr�ndigem Schmunzeln ein. �Daf�r sind doch wohl die Deutschen zust�ndig. Wie gesagt: Bedenkt man, welche Sch�tze den faschistischen Invasoren bis jetzt in die H�nde gefallen sind, besteht kein Grund zur Annahme, dass sie vor dem achten Weltwunder haltmachen werden.�</p><p>�Und was ��, fl�sterte die sichtlich betroffene Kunsthistorikerin, w�hrend sie der Kustos behutsam Richtung Ausgang bugsierte, �was wird dann geschehen?�</p><p>�Zun�chst einmal, Anna Semjonowa, wird unser aller F�hrer, der Genosse Stalin, den Krieg gewinnen m�ssen. Keine leichte Aufgabe, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben.�</p><p>�Und danach?�</p><p>�F�r den Fall, dass diese Utopie Wirklichkeit werden wird, Genossin, gibt es im Grunde zwei M�glichkeiten.�</p><p>�Welche denn?�</p><p>�Entweder wir bekommen das Bernsteinzimmer unversehrt zur�ck�, erwiderte der Kustos, drehte sich um und bedachte den Ort, der ihm mehr bedeutete als alles andere auf der Welt, mit einem wehm�tigen Blick, �oder wir m�ssen noch mal ganz von vorn anfangen.�</p><p>Daraufhin schloss er die T�r und eskortierte seine Assistentin zum Wagen.</p></section><section><p><strong>4</strong></p><p><emphasis>Berlin-Mitte, Psychiatrische Klinik der Charit�, Charit�platz | 04.40 h</emphasis></p><p>Im schlimmsten Fall, dachte er, werden sie dich irgendwo verscharren. Oder deinen Leichnam in die Spree werfen. Oder, um ihre Spur zu verwischen, irgendwo aufkn�pfen. Der Einfachheit halber am besten gleich hier, an den Gitterst�ben.</p><p>Oder vielleicht im Park?</p><p>Wann, wo und wie auch immer: Er w�rde ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Er w�rde etwas tun, womit niemand rechnete. Etwas Unerwartetes, �berraschendes � Kompromittierendes. Er, das in die Enge getriebene Opfer, w�rde ihre Pl�ne durchkreuzen.</p><p>Hier und jetzt.</p><p>Der fragil wirkende, extrem kurzsichtige und viel zu blasse Patient in mittleren Jahren l�chelte stillvergn�gt vor sich hin. Zugegeben, letzten Endes w�rde er gegen seine Widersacher auf verlorenem Posten stehen. Das war ihm von Anfang an klar gewesen. Im Grunde schon seit dem Tag, an dem der Professor zum ersten Mal aufgekreuzt war. Der Mann, mit dem er im Krieg durch dick und d�nn gegangen war.</p><p>Einer, der vor nichts zur�ckschrecken w�rde.</p><p>Auch davor nicht, ihn zu beseitigen.</p><p>Aber dar�ber brauchte er sich momentan keine Gedanken zu machen. Einmal gefasst, stand sein Entschluss fest. Ganz gleich, zu welcher Zeit, an welchem Ort und auf welche Weise man sich seiner sterblichen �berreste entledigen w�rde. Daran w�rden s�mtliche Drohungen und Einsch�chterungsversuche, ja nicht einmal die alten Zeiten etwas �ndern.</p><p>Der Insasse von Zelle 5, trotz Verh�r, Folter und zahlloser Schikanen kein gebrochener Mann, lachte ver�chtlich auf, griff in seine Brusttasche und betrachtete die Kapsel zwischen Daumen und Zeigefinger, an denen jeweils der Nagel fehlte, aus n�chster N�he. Bei ihrem Anblick empfand er klammheimliche Freude, weit davon entfernt, es sich noch einmal anders zu �berlegen. F�nf Gramm Morphium, mehr als genug. Diese winzige Kapsel, gerade einmal ein paar Millimeter lang, w�rde ihn von s�mtlichen �ngsten, N�ten und einer nicht enden wollenden Tortur befreien.</p><p>Von nun an bis in Ewigkeit.</p><p>Froh gelaunt wie schon lange nicht mehr, lie� der 33-j�hrige, kahl geschorene, knapp 1,80 Meter gro�e Patient der psychiatrischen Abteilung der Berliner Charit� die Kapsel wieder in seiner Brusttasche verschwinden, erhob sich und schl�pfte in seine Pantoffeln. Danach verrichtete er seine Morgentoilette. In all den Jahren, die er hier verbracht hatte, war er stets auf sein �u�eres bedacht gewesen. Die Frage, ob dies �berhaupt einen Sinn ergab, war nicht aufgetaucht. Benjamin Kempa war nun einmal ein penibler Mensch. Und daran w�rde sich in der Stunde seines Todes nicht das Geringste �ndern.</p><p>Knapp f�nf Minuten sp�ter, im Licht der Deckenlampe, die ihn noch eine Spur blasser erscheinen lie�, war es schlie�lich so weit. Der entscheidende, von Kempa geradezu herbeigesehnte Moment war gekommen. Der gelernte und f�r unheilbar schizophren erkl�rte Ingenieur betrachtete sein Konterfei, rieb die graublauen Augen und h�ngte das Handtuch wieder an seinen Platz. Durch das Zellenfenster zu seiner Rechten flutete das Licht der Morgend�mmerung, aber darauf verschwendete der spr�de Dresdener keinen Blick. Heute, am 16. Juni, war sein Todestag. Je eher er seine Absicht in die Tat umsetzen w�rde, desto besser.</p><p>Im Begriff, sich wieder auf seine Pritsche zu legen, fiel Kempas Blick auf das Buch, welches neben ihm auf dem Nachttisch lag. Er kannte es fast auswendig, wie oft er es zur Hand genommen hatte, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Genau genommen, wusste er nicht einmal, was genau ihn an seinem Inhalt so sehr faszinierte. Geh�rte doch das, worum es sich in dem Buch drehte, unwiderruflich der Vergangenheit an. Einer Vergangenheit, an die er lieber nicht erinnert werden wollte.</p><p>Oder etwa doch?</p><p>Gegen seinen Willen und die Absicht, seinem Leben m�glichst rasch ein Ende zu setzen, nahm der Insasse der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie das Buch zur Hand und bl�tterte es durch. Er wusste, was er tat, war sich im Klaren, dass sein sorgsam ausget�ftelter Plan dadurch in Gefahr geraten w�rde. In weniger als einer Viertelstunde, vielleicht schon fr�her, w�rde der Stationsarzt seine Runde machen. Sp�testens bis dahin, so sein Kalk�l, musste er sein Vorhaben in die Tat umgesetzt haben. Sonst w�re alles umsonst gewesen und die Chance, �ber seine Widersacher zu triumphieren, ein f�r alle Mal vertan.</p><p>Doch daran schien Kempa in diesem Moment keinen Gedanken zu verschwenden. �Der Stil des Bernsteinzimmers von Zarskoje Selo�, murmelte er halblaut vor sich hin, w�hrend sich sein Blick verkl�rte und an der gegen�berliegenden Zellenwand haften blieb, �ist ein Gemisch von Barock und Rokoko und ein wahres Wunder nicht nur durch den gro�en Wert des Materials, der kunstvollen Schnitzerei und der Leichtigkeit der Formen, sondern haupts�chlich durch den sch�nen, bald dunklen, bald hellen Ton des Bernsteins, der dem ganzen Zimmer einen unaussprechlichen Reiz verleiht.� Er kannte den Text auswendig, in der Tat. Wort f�r Wort, Zeile f�r Zeile, jedes einzelne Kapitel. Ausgerechnet er, der er sich mit dem Auswendiglernen stets schwergetan hatte. �Rohde, Alfred�, rezitierte der schm�chtige Bergwerkexperte wie in Trance, �Bernstein. Ein deutscher Werkstoff. Seine k�nstlerische Verarbeitung vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert. Erschienen in ��</p><p>Ein Ger�usch auf dem Gang, allem Anschein nach die Schritte mehrerer Personen, katapultierte den Insassen von Zelle 5 wieder in die Gegenwart zur�ck, und ein nerv�ses Flackern trat in sein hohlwangiges Gesicht. Die aufkeimende Hektik von Benjamin Kempa w�hrte indes nur kurz. Kaum lag das Buch wieder an Ort und Stelle, hatte er die Giftkapsel geschluckt, deren Morphingehalt ausgereicht h�tte, um drei Erwachsene zu t�ten, und sich mit entspanntem L�cheln auf seine Pritsche sinken lassen.</p><p>Er w�rde ihre Pl�ne durchkreuzen, so oder so.</p><p>�Na, wieder bei Kr�ften?�, schnarrte der Stationsarzt, die H�nde vor der Brust verschr�nkt. �Oder f�hlen wir uns am Ende wieder mal nicht ��</p><p>�Kein Grund zur Sorge�, kam ihm Kempa zuvor, ein beseligtes L�cheln im Gesicht. �Mit meinen Wehwehchen ist es ein f�r alle Mal vorbei.�</p><p>�Freut mich zu h�ren�, versetzte der wie aus dem Ei gepellte, mit Borsalino, dunklem Anzug und Seidenschal ausgestattete Begleiter des Stationsarztes, der wie der Prototyp eines Impresarios aussah. Der sorgsam zurechtgestutzte d�Artagnan-Bart, so etwas wie sein Markenzeichen, trug in erheblichem Ma�e zu diesem Eindruck bei. �Noch irgendwelche W�nsche?�</p><p>Die Reaktion bestand aus einem Achselzucken. �Nicht, dass ich w�sste�, erkl�rte Kempa lapidar, w�hrend sich seine Augenlider langsam senkten. �K�nnte mir nicht besser gehen.�</p><p>�Na sch�n, Kleiner�, gab sich der schlanke, mindestens einen Kopf gr��ere Offizier im besonderen Einsatz[10] betont jovial, �ganz, wie du willst.�</p><p>�Du sagst es, Professor.�</p><p>Der Mundwinkel des knapp 39-j�hrigen Oberleutnants der Staatssicherheit zuckte nerv�s, und der konturlose, auf einem schlanken Hals ruhende Sch�del bewegte sich ruckartig nach vorn. �Wenn du denkst, Genosse�, raunzte er den ehemaligen Kriegskameraden ohne R�cksicht auf den Stationsarzt an, �wenn du denkst, du kannst uns verarschen, hast du dich geschnitten.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Was deine Absichten betrifft�, erg�nzte der Stasi-Beamte von oben herab, hinter dessen gepflegter Erscheinung sich der gelernte Folterknecht verbarg, �sind wir n�mlich bestens im Bilde, Benjamin.� Und kurz darauf, nach einem Blickwechsel mit dem Stationsarzt: �Ist dir eigentlich klar, dass du uns beiden viel Arbeit abnimmst?�</p><p>�Keine Ahnung, wovon du sprichst, Kamerad.�</p><p>�Und ob du sie hast!�, widersprach Kempas Widersacher, nach au�en weiterhin um Contenance bem�ht. �Genug Morphium, um einen Elefanten zu erledigen, und du kleiner Klugschei�er denkst, wir kriegen davon nichts mit. Dazu dieser dilettantische Plan. Ich h�tte dich wirklich f�r kl�ger gehalten, Benjamin.� Der Stasi-Beamte richtete sich zu voller Gr��e auf und lie� den Blick �ber den Todgeweihten wandern. �Damit du Bescheid wei�t: Der Fetzen Papier, mit dem du uns beide in Atem gehalten hast, befindet sich seit gestern Abend in unserer Hand.� Der Oberleutnant lie� seiner H�me freien Lauf. �Schachmatt, Genosse Ingenieur.�</p><p>�Ich verstehe nicht, was ��</p><p>Erst im letzten Moment, als sich der Blick des Oberleutnants in den seinen versenkte, begriff Benjamin Kempa, dass er sich verkalkuliert hatte. Durch den K�rper des 33-J�hrigen ging ein Ruck, und w�hrend er den Stasi-Offizier am Kragen packte, begann sich die Welt um ihn herum zu drehen. Seine Pupillen verengten sich, die Atmung sank zu einem kaum wahrnehmbaren L�ftchen herab. Das Gesicht zu einer Fratze des Entsetzens verzogen, ergab sich der Dresdener, welcher die letzten acht Jahre seines Lebens hinter Gittern zugebracht hatte, in sein Schicksal. Der Kampf mit seinem Widersacher, �ber den sich das blutrote Licht der Morgend�mmerung ergoss, war unwiderruflich vorbei.</p><p>Und er hatte ihn verloren.</p><p>�Mach�s gut, Genosse!�, h�hnte der Oberleutnant, sch�ttelte Kempa ab und wandte sich mit angewiderter Miene zur T�r, gefolgt vom Stationsarzt, der den Sterbenden keines Blickes w�rdigte.</p><p>Kaum hatten die beiden seine Zelle verlassen, war Benjamin Kempa tot.</p><p>*</p><p>�Und was jetzt?�, fragte der Stationsarzt, ein Endf�nfziger mit schlohwei�em Haar, das die ideale Erg�nzung zu seiner Montur darstellte. Alles an ihm war seri�s, makellos, unauff�llig: das Allerweltsgesicht, die mausgrauen, ans Farblose grenzenden Augen, der schmallippige Mund. Fast so unauff�llig wie sein Gang, der ihm den Spitznamen �Doktor Schleicher� beschert hatte. �K�nnen Sie mir das vielleicht erkl�ren?�</p><p>�Ich f�rchte, hier gibt es nichts zu erkl�ren�, antwortete der Stasi-Offizier, offenbar bester Laune. �Es sei denn, wie man von hier aus am schnellsten nach drau�en kommt.�</p><p>�Durch die T�r�, zischte der Stationsarzt, mit den Gedanken noch immer beim toten Patienten von Zelle 5, und r�umte ihm z�hneknirschend den Vortritt ein. �Hier entlang.�</p><p>�Zu g�tig�, bedankte sich der Offizier im besonderen Einsatz, den Stationsarzt auf den Fersen, dem es pl�tzlich nicht schnell genug gehen konnte. Vor der Gittert�r angekommen, welche die geschlossene Abteilung mit der Au�enwelt verband, blieb er schlie�lich stehen und wartete, bis sein Lakai sie entriegelt, aufgeschlossen und ge�ffnet hatte. �Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Herr Doktor ��, fl�sterte er dem Stationsarzt mit unbewegter Miene zu, den T�rknauf in der feingliedrigen Hand, �sehen Sie zu, dass Sie Ihren unbequemen Patienten m�glichst schnell loswerden.�</p><p>�Und wie, wenn man fragen darf? Ich kann ihn nicht so ohne Weiteres verschwinden lassen. Und wenn wir gerade dabei sind: Wer hat ihn denn auf dem Gewissen, Sie oder ich?�</p><p>�Vorschlag zur G�te, lieber Doktor�, raunte der Stasi-Offizier dem Stationsarzt �ber die Schulter und das �chzen der Verbindungst�r hinweg zu, welche sich soeben hinter ihm schloss, �wenn Sie schlau sind, vergessen Sie, was sich am heutigen Tage zugetragen hat. Sonst ��</p><p>Im Bewusstsein, sich den Rest des Satzes sparen zu k�nnen, zupfte der Oberleutnant seinen Seidenschal zurecht, begutachtete das Parteiabzeichen, das er auf dem Revers seines Anzuges trug, und strebte gem�chlichen Schrittes dem Ausgang entgegen.</p><p>Der Stationsarzt, herrisch gegen�ber seinen Untergebenen, ansonsten der geborene Duckm�user, hatte verstanden.</p><p>Und machte sich an die Arbeit.</p></section><section><p><strong>Zwei</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin / Warschau / Hyannis Port, Massachusetts</emphasis></p><p><emphasis>(16.06.1953)</emphasis></p></section><section><p><strong>Feuersturm</strong></p><empty-line/><p><emphasis>K�nigsberg / Ostpreu�en,</emphasis></p><p><emphasis>(30.08.1944)</emphasis></p><empty-line/><p>�Ich brauchte lange, bis ich vor dem Haus meiner Verwandten stand. Auch hier gab es lediglich Ruinen. In den Kellern gl�hte noch der Koks, und die Luft war von einem unangenehmen Geruch erf�llt. Weit und breit kein Mensch, den ich h�tte fragen k�nnen. Mich packte das Grauen und ich hastete weiter. Sp�ter bekamen wir Nachricht, dass die ganze Familie Opfer eines Terrorangriffs geworden und unter Nummer sechstausendsoundsoviel begraben worden sei.�</p><p>Augenzeugenbericht �ber die Bombardierung K�nigsbergs durch die RAF in der Nacht vom 29. auf den 30. August 1944</p></section><section><p><strong>5</strong></p><p><emphasis>Stadtzentrum | 01.02 h</emphasis></p><empty-line/><p>Die Nacht, in der die Apokalypse �ber K�nigsberg hereinbrach, war wolkenverhangen, der vorletzte Tag im August, ein Mittwoch, gerade einmal eine Stunde alt. Der Wind, der vom Frischen Haff her�berwehte, roch bereits nach Herbst, und es schien, als w�rde dies eine Sp�tsommernacht wie jede andere werden.</p><p>Doch der Schein trog. Die f�nfte Bombergruppe der Royal Air Force und ihre 189 Maschinen vom Typ Avro 683 Lancaster war nicht mehr weit. Zum Verdruss der Piloten, allen voran der Masterbomber, lag jedoch eine sch�tzende Wolkendecke �ber der Stadt. Und so hatten sie keine Ahnung, wo genau sich ihr Zielgebiet befand.</p><p>Noch nicht.</p><p>Schon drohte den mit jeweils vier Rolls-Royce-Triebwerken, bis zu sechs Tonnen Bombenlast und acht MGs best�ckten Maschinen der Sprit auszugehen, als sich mit 20-min�tiger Versp�tung die ersehnte L�cke auftat. Was folgte, war blo�e Routine. Der Masterbomber, etwa 8.000 Meter �ber der Stadt, dirigierte die Markierer an Ort und Stelle. Kaum war dies geschehen, regneten Lichtkaskaden vom Nachthimmel herab, glei�end hell wie ein explodierender Stern. Kurz darauf, begleitet vom Sperrfeuer der deutschen Flak, hatte die letzte Stunde der Perle Ostpreu�ens geschlagen. Die Schalen des Zorns ergossen sich �ber der Stadt, und binnen Kurzem wurde die Nacht zum Tage. Die No. 5 Group, Eliteverband der Royal Air Force, kannte keine Gnade, weder jetzt noch im weiteren Verlauf des Krieges. Die t�dliche Fracht in den Bombensch�chten belief sich auf knapp 500 Tonnen, die aus einer H�he von 4.000 Metern auf die Metropole am Pregel herabregneten, etliche der Sprengk�rper fast 1.000 Kilo schwer. Es war ein Schauspiel, wie es selbst die Hartgesottenen unter den Piloten kaum je erlebt hatten, und der Feuersturm, der unter ihnen entfacht wurde, war mehr, als manche von ihnen ertragen konnten. Schlimmer als s�mtliche biblischen Plagen zusammen bahnte er sich seinen Weg, begleitet vom Krachen unz�hliger Explosionen, den Einschl�gen der Stabbrandbomben und dem unaufh�rlichen Phosphorregen, vor dem es kein Entrinnen gab. Nicht lange, und eine unaufhaltsame, alles vernichtende, auch noch das letzte Qu�ntchen Sauerstoff aufsaugende Feuerwalze rollte heran, die jeden, der sich im Freien aufhielt, in Sekundenbruchteilen t�tete.</p><p>*</p><p>�Sie k�nnen da jetzt nicht raus, Herr Direktor!�, entschied der Luftschutzwart und blockierte kurzerhand die Bunkert�r. Die Arme vor der Brust verschr�nkt, blickte der �bergewichtige Mittf�nfziger mit dem markanten Doppelkinn auf den 52-j�hrigen, mittelgro�en, mindestens einen Kopf kleineren Brillentr�ger hinab. Wenn hier jemand etwas zu melden hatte, dann er, mochte sich sein Kontrahent auch Doktor nennen, Kunstgeschichte studiert haben und einer der bekanntesten B�rger der Stadt sein.</p><p>�Und ob ich das kann!�, beharrte der unscheinbar wirkende Hanseate, seines Zeichens Direktor der St�dtischen Kunstsammlungen von K�nigsberg. Obschon erst in den fr�hen 50ern, sah er wesentlich �lter aus, gezeichnet von der parkinsonschen Krankheit, unter der er seit geraumer Zeit litt. �Es sei denn, Sie hindern mich mit Gewalt daran.�</p><p>Der Luftschutzwart, im Zivilleben Buchhalter, am heutigen Tage jedoch die personifizierte Autorit�t, r�hrte sich nicht vom Fleck. Als sei der Direktor Luft f�r ihn, r�ckte er seinen Stahlhelm zurecht, gab einen Sto�seufzer von sich und inspizierte den Tornister, in dem sich seine Gasmaske befand. Die Leuchtstoffplakette auf seiner Uniformjacke blitzte kurz auf, ebenso wie die graublauen, von sorgsam gestutzten Brauen �berw�lbten Augen. Ein L�cheln auf den farblosen Lippen, wandte er sich daraufhin wieder dem in seinen Augen �beraus l�stigen Querulanten zu. Von einem Zivilisten w�rde er sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen, von einem der oberen Zehntausend schon gar nicht.</p><p>�Ob Sie es nun wahrhaben wollen oder nicht, Herr Rohde�, versch�rfte der Luftschutzwart seinen Ton, �da drau�en werden Sie vor die Hunde gehen. Schneller, als Sie denken.�</p><p>�Dar�ber machen Sie sich bitte keine Gedanken, Herr ��</p><p>�Luftschutzwart!�, erg�nzte der Zweizentnermann, w�hrend in unmittelbarer N�he des Bunkers eine Mine explodierte, welche die knapp 300 Meter n�rdlich des K�niglichen Schlosses gelegenen Katakomben bis in die Grundfeste erzittern lie�. Putz rieselte von den W�nden, die Gesichter ihrer Insassen, zumeist Frauen, Kinder und �ltere Bewohner aus dem Wohngebiet rund um den Paradeplatz, wurden vor Schreck aschfahl. Der Schrei, der den meisten auf den Lippen lag, blieb jedoch aus. �Und somit verantwortlich f�r s�mtliche Bunkerinsassen. Auch f�r Sie, HerrRohde.�</p><p>�Haben Sie �berhaupt eine Ahnung, was f�r mich auf dem Spiel steht?�, begehrte Rohde auf und umklammerte seinen Stock. Mit der hanseatischen Gelassenheit, die dem vor der Zeit gealterten Bernsteinexperten anhaftete, war es endg�ltig vorbei. �Nein? Falls es Sie interessiert, w�re es mir eine Freude, Sie umfassend ins Bild zu setzen, Herr Luftschutzwart.�</p><p>Der Angesprochene holte tief Luft, und nachdem sein Doppelkinn wieder die urspr�ngliche Position erreicht hatte, schob er es nach vorn und knurrte: �H�ren Sie mir gut zu, Sie Klugschei�er: Entweder Sie setzen sich unverz�glich auf Ihren Beamtenarsch, oder Sie kriegen eins auf den Deckel, dass es sich gewaschen hat, klar?�</p><p>�Auf die Gefahr, bei wem auch immer in Ungnade zu fallen � sollten Sie den Weg nicht freigeben, kriegen <emphasis>Sie</emphasis> eins auf den Deckel, Herr Luftschutzwart. Wenn n�tig, vom Gauleiter pers�nlich.�</p><p>Der Wink mit dem Zaunpfahl wirkte, und die Fassade der Autorit�t, hinter der sich der Kleinb�rger in Uniform verschanzt hatte, begann zu br�ckeln. �Und was�, hielt er dagegen, die muskul�sen Arme immer noch verschr�nkt, �ist so wichtig, dass Sie bereit sind, Ihr Leben aufs Spiel zu setzen?�</p><p>�Dinge von �bergeordneter Bedeutung, Herr Luftschutzwart�, tat der Direktor die Frage mit einer geh�rigen Portion Ironie in der Stimme ab. �Ein Kunstwerk aus dem Katharinenpalast in Puschkin.�</p><p>�Aus dem ��, begann der Zweizentnermann, unterlie� es jedoch, die Frage zu vollenden. Die Genugtuung, im Beisein von einem guten Dutzend Zeugen als Idiot dazustehen, wollte er Rohde nicht g�nnen. Der Grund, weshalb er auf ein anderes Terrain auswich. �Ja, wenn das so ist, haben Sie nat�rlich meinen Segen�, revanchierte sich der Luftschutzwart prompt. �Vor allem, was Ihren kleinen Morgenspaziergang betrifft.� Der Koloss stemmte die F�uste in die H�ften und sch�ttelte den Kopf. Dann drehte er den Spie� um. �F�r den Fall, dass es Sie ins Schloss ziehen sollte, Herr Rohde ��, tat er mit einer Mischung aus Spott und Herablassung kund, �mittlerweile d�rfte dort kein Stein mehr auf dem anderen liegen. So tief k�nnen Sie Ihren Krimskrams gar nicht einlagern, als dass er vor den Bomben der Tommies sicher w�re.�</p><p>Was als Retourkutsche gedacht war, verfehlte allerdings seine Wirkung. Bevor der Zweizentnermann reagieren konnte, hatte ihn Rohde n�mlich am Schlafittchen gepackt und zog ihn auf Augenh�he zu sich hinab. �F�r den Fall, dass es Sie ins Kittchen ziehen sollte ��, ahmte er sein Gegen�ber mit feuerrotem Gesicht nach, �mittlerweile ist meine Geduld ersch�pft. Zum Mitschreiben, Herr Luftschutzwart: Wenn Sie mir den Weg nicht freigeben, haben Sie mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen. Von welcher Art, werden Sie fr�h genug erfahren.� Alfred Rohde lie� von seinem Kontrahenten ab, r�ckte seine Krawatte zurecht und richtete sich auf. �Das hei�t, falls Sie den heutigen Tag �berleben.�</p><p>*</p><p>Als der Direktor der St�dtischen Kunstsammlungen von K�nigsberg ins Freie trat, prallte er entsetzt zur�ck. In der Stadt am Pregel, insbesondere auf der Dominsel, war nichts mehr so wie fr�her. Die Stadt war dem Erdboden gleichgemacht, in nur neun Minuten von der Landkarte getilgt worden. Selbst jetzt, mehrere Stunden nach dem Angriff der Briten, loderten �berall Br�nde empor, und der Qualm, der ihm entgegenschlug, raubte ihm fast den Atem. Je weiter er sich vom Bunkereingang entfernte, desto gr��er das Chaos, durch das er sich seinen Weg bahnte. Ein feuchtes Taschentuch vor dem Mund, tastete er sich Schritt f�r Schritt voran, vorbei an Schuttbergen, Tr�mmern und verkohlten, bis zur Unkenntlichkeit verst�mmelten Leichen. Hin und wieder kreuzten Bekannte seinen Weg, in sich gekehrt, apathisch und tief gebeugt. Die einen mit Leiterwagen, auf denen sich ein paar Habseligkeiten befanden, die anderen mit Rucksack und die meisten nur mit dem, was sie am Leib trugen. Alfred Rohde rang nach Luft, vom Gestank nach verbranntem Fleisch und Phosphor wurde ihm spei�bel. Der Asphalt war gl�hend hei�, an einigen Stellen sogar geschmolzen. Wo er auch hinsah, nichts als Ruinen, Autowracks und Ger�llhaufen.</p><p>Auf dem Paradeplatz, einem weitl�ufigen, von der Universit�t, dem Theater und der K�nigshalle begrenzten Areal, reihte sich eine Schutthalde an die andere. Einzig das Reiterstandbild Friedrich Wilhelms III. befand sich noch an Ort und Stelle vor der Albertina, wie verloren zwischen Bombenkratern, verkohlten B�umen und Stra�enlaternen, die wie welke Grashalme umgeknickt worden waren. Wenn es die H�lle auf Erden gibt, kam es Rohde im Vorbeigehen in den Sinn, dann hier in K�nigsberg. Doch so sehr ihm die Tr�mmerlandschaft unter die Haut ging, er hatte noch eine Mission zu erf�llen. Ungeachtet der Tatsache, dass gerade eine Welt untergegangen war.</p><p>Die Welt, in der er lebte, war n�mlich eine ganz andere. Die Welt des Kunsthandwerks und der Malerei: Sie war es, in der er sich heimisch f�hlte. Aber vor allem galt seine Leidenschaft dem Bernstein, dem Ostseegold, wie er hierzulande genannt wurde. F�r das honigfarbene, aus unvordenklichen Zeiten stammende Kleinod w�rde er sich in jede noch so gro�e Gefahr begeben, auf das Risiko hin, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Denn gef�hrlich war das, was Alfred Rohde tat, allemal. Der Angriff war zwar vorbei, die Gefahr, unter einer herabst�rzenden Hauswand begraben zu werden, jedoch beileibe noch nicht gebannt. Und so verga� er den Vorhof der H�lle, in den es ihn verschlagen hatte, lie� den Paradeplatz hinter sich und bog in die Junkergasse ein. Auch hier das gleiche Bild: geschmolzener Asphalt, deformierte Stra�enbahnschienen, wie Kartenh�user zusammengest�rzte Fassaden.</p><p>Auf dem Schlossplatz angekommen, wurden seine Bef�rchtungen best�tigt. Von der einstigen Pracht und Herrlichkeit war kaum etwas �briggeblieben, das Wahrzeichen der Stadt nahezu vollst�ndig niedergebrannt. Rohde wurde schwarz vor Augen, es schien, als rei�e man ihm das Herz aus der Brust. Kurz darauf, im Angesicht ru�geschw�rzter Tr�mmer, verkohlter Balken und zerborstener Fensterl�den, gab er sich allerdings einen Ruck, durchquerte das Schlossportal und betrat den Hof.</p><p>�Herr Direktor � gut, dass Sie da sind!�, rief ihm der Kastellan vom S�dfl�gel aus zu, den er soeben inspiziert hatte. �Ich dachte schon, Ihnen sei etwas ��</p><p>�Danke der Nachfrage, Friedrich�, warf Rohde freundlich, aber bestimmt ein, �doch Sie werden verstehen, dass es momentan weit Wichtigeres als mein pers�nliches Wohlbefinden gibt.�</p><p>Der Schlossverwalter, ein knorriger Ostpreu�e, den so schnell nichts ersch�ttern konnte, hob beschwichtigend die H�nde. �Kein Grund zur Beunruhigung, Herr Direktor�, wiegelte er mit un�berh�rbar masurischem Timbre in der Stimme ab. �Das Bernsteinzimmer ist heil geblieben.�</p><p>�Heil?�, wiederholte Rohde, als k�nne er es selbst nicht glauben. Und bohrte nach: �Sind Sie sich dessen auch ganz sicher?�</p><p>Der Kastellan nickte. �Spiegel, Paneele, Figuren, Mosaike � alles noch an Ort und Stelle. Verpackt in 24 Kisten.� Anschlie�end wurde er wieder ernst. �Nichts f�r ungut, Herr Direktor � aber manchmal denke ich, das Zimmer w�re besser in Russland geblieben.�</p><p>�Im Besitz der Bolschewisten? Das kann nicht Ihr Ernst sein!�, entr�stete sich Rohde und strafte den Kastellan mit einem missbilligenden Blick. �Denken Sie nur an unsere Ausstellung. Halb K�nigsberg war damals auf den Beinen.� Der Direktor geriet ins Schw�rmen. �Das achte Weltwunder, f�r immer in unserem Schloss. Zur�ckgekehrt nach Ostpreu�en, von dessen K�ste sein unvergleichlicher Werkstoff stammt. Seien wir ehrlich, mein Lieber: Kann es einen w�rdigeren Aufbewahrungsort f�r das Bernsteinzimmer geben?�</p><p>�Wenn Sie mich so fragen � ja.�</p><p>Rohde machte ein verdutztes Gesicht. �Merkw�rdige Auffassung�, bem�ngelte er pikiert. �Und ausgesprochen unpatriotisch.�</p><p>�Unter uns, Herr Direktor ��, gab der Verwalter betont sachlich zur�ck, �sind Sie nicht auch der Meinung, dass es sich bei der �berf�hrung des Bernsteinzimmers von Puschkin hierher nach K�nigsberg um einen besonders dreisten Fall von ��</p><p>�� Kunstraub gehandelt hat?�, vollendete Rohde und sah sein Gegen�ber �ber den Rand seiner Brillengl�ser hinweg an. �Alles, was recht ist, Herr Schlossverwalter: An anderer Stelle w�rden Sie mit einer derartigen Einstellung ganz erhebliche Schwierigkeiten bekommen.�</p><p>�Na, und wenn schon!�, tat der Kastellan die Bemerkung Rohdes mit einem Achselzucken ab. �Der Krieg ist ja wohl verloren. Bitte nehmen Sie es mir nicht krumm, Herr Direktor, aber von dem Tag an, als wir uns mit dem Iwan angelegt haben, war unser Schicksal besiegelt.� Der Bewacher des Bernsteinzimmers d�mpfte den Ton und sagte: �Manchmal denke ich, auf dem Zimmer liegt ein Fluch.�</p><p>�Ein Fluch? Jetzt �bertreiben Sie aber, Friedrich.�</p><p>Der Kastellan lie� sich nicht beirren. �Oder wollen Sie etwa behaupten, es habe den Russen und uns Gl�ck gebracht?�</p><p>Eine Spur nachdenklicher gestimmt, wechselte Rohde lieber das Thema. �Sei�s drum�, lenkte er rasch ein, lie� seinen Gespr�chspartner einfach stehen und steuerte auf den S�dfl�gel zu, �wir werden nicht umhinkommen, uns f�r die Zukunft etwas einfallen zu lassen.�</p><p>Der Verwalter, dem das Wort �Zukunft� unter den obwaltenden Umst�nden wie blanker Hohn vorkam, machte kehrt und folgte Rohde auf dem Fu�e. �Und wie meinen Sie das?�</p><p>�So, wie ich es sage.� Am Eingang zum S�dfl�gel angelangt, warf Rohde einen Blick �ber die rechte Schulter und sah den Ostpreu�en, der ihm von jeher nicht ganz geheuer gewesen war, wie einen begriffsstutzigen Penn�ler an. Er wirkte entschlossen, keinesfalls bereit, vor den Wechself�llen des Schicksals zu kapitulieren. �Im Klartext: wir m�ssen unser Kleinod in Sicherheit bringen. Unverz�glich!�</p></section><section><p><strong>6</strong></p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Yorckstra�e | �Bei Lola�, 20.30 h</emphasis></p><p>�Von wegen Bef�rderung!�, grummelte Tom Sydow, �ffnete den Hemdkragen und sp�lte seine schlechte Laune mit einem Doppelten Marke Beefeater hinunter. �Kommt mir nicht in die T�te.� Wie um sie noch zu steigern, spielte die Wurlitzerjukebox neben dem Tresen gerade die ersten Takte von �Pack die Badehose ein�. Sydow gab einen lauten Sto�seufzer von sich. Little Conny, auch das noch. Grund genug, sich gleich den n�chsten Doppelten zu genehmigen.</p><p>Die dralle Blondine an seiner Seite, bei ihren Freiern unter dem Spitznamen Schampus-Lili bekannt, stellte ihr Glas ab und himmelte den 40-j�hrigen Beamten der Kripo Berlin wie einen Filmstar an. �Leitender Kriminalhauptkommissar�, gurrte sie mit un�berh�rbarem Lispeln, eine Art Markenzeichen von ihr. �Und was soll daran so schlimm sein?�</p><p>Auf dem besten Weg, sich aus purer Verzweiflung eine ganze Flasche zu bestellen, lie� der hoch aufgeschossene Kripo-Beamte mit der rotblonden M�hne von seinem Vorhaben ab und hangelte eine Schachtel Lucky Strike aus seinem Jackett. Als Kavalier der alten Schule, die zuweilen die Oberhand in ihm gewann, bot er sie zuerst seiner Nachbarin an.</p><p>�Wenn du meinst, Lili.�</p><p>Die mit St�ckelschuhen, Netzstr�mpfen und H�schenkost�m bekleidete Animierdame lie� sich nicht zweimal bitten. �Spendierst du mir noch einen Chardonnay, Tommy-Schatz?�, hauchte Kreuzbergs Antwort auf Marilyn Monroe, wobei ihr Lispeln bei der Erw�hnung ihres Lieblingsgetr�nks besonders prononciert ausfiel. So deutlich, dass Sydow instinktiv sein Gin-Glas abschirmte. �Wo du doch bald einer von den Oberen Zehntausend sein wirst.�</p><p>�Noch ein Wort, Lili, und du kannst dir �nen anderen Kavalier suchen�, drohte Sydow mit erhobenem Zeigefinger und steckte sich eine an. �Willst du das etwa riskieren?�</p><p>�Wo denkste hin, S��er�, lenkte Schampus-Lili, mit b�rgerlichem Namen Anneliese Petzold, lasziv kichernd ein und setzte ihren Schlafzimmerblick auf. �Glaubst du, ich bin so bl�d, es mir mit dem attraktivsten Bullen von Berlin zu verderben?�</p><p>�Wenn schon, dann von ganz Deutschland, Lili�, flachste Sydow zur�ck, durch einen Blick in den Spiegel hinter dem Tresen eher vom Gegenteil �berzeugt. Na ja, von attraktiv konnte in Bezug auf sein Konterfei momentan wirklich nicht die Rede sein. Dreitagebart, Augenschatten, zerknittertes Jackett und zu allem �berfluss noch die ersten grauen Str�hnen im Haar. Wie der Polizeipr�sident auf die Schnapsidee gekommen war, gerade ihn zum Leitenden der Mordinspektion I bef�rdern zu wollen, w�rde f�r immer sein Geheimnis bleiben. Sydow schloss die blassblauen Augen und inhalierte tief. Der Job als Kripo-Beamter machte ihm Spa�, keine Frage. Und das nach mittlerweile fast 15 Jahren. Was ihm dagegen �berhaupt keinen Spa� machte und ihn mitunter sogar beinahe in den Wahnsinn trieb, war der Papierkram, von dem er derzeit regelrecht �berschwemmt wurde. Statistiken, Akten und Formulare. Allein der Gedanke an eine Zukunft im Innendienst trieb ihm den Angstschwei� auf die Stirn. Soll sich der Herr Polizeipr�sident doch einen anderen Trottel vom Dienst suchen!, entschied Sydow und bedeutete dem Barkeeper, ihm einen Doppelten nachzuschenken. Auf einen Schreibtischjob konnte er getrost verzichten. Daf�r waren andere bestimmt besser geeignet als er.</p><p>�Warum so nachdenklich, Tommy-Schatz?�</p><p>Ach ja, Lili, die h�tte er beinahe vergessen. �Nur ein bisschen m�de, weiter nichts�, hatte Sydow eine eher halbherzige Entschuldigung parat, nicht willens, sein Seelenleben zu offenbaren. �Jede Menge zu tun, wei�t du.�</p><p>�In den besten Jahren, ein Bild von einem Mann und immer noch nicht unter der Haube!�, seufzte die Animierdame und sah Sydow kopfsch�ttelnd an. �Was f�r eine Verschwendung.�</p><p>�Findest du?�</p><p>Das Busenwunder im H�schenkost�m nickte resolut. �Ja, finde ich. Wei�t du was, Sonnyboy? Ich denke, du solltest dir endlich mal �ne Frau zulegen. Arbeit allein macht n�mlich nicht gl�cklich.�</p><p>�Aber sie lenkt ab�, hielt Sydow dagegen, wohl wissend, dass Lili recht hatte. Seit dem Tod von Rebecca waren bereits acht Jahre vergangen, seit dem Techtelmechtel mit Gladys beinahe f�nf Jahre, in denen er wie ein Besessener geackert, im Grunde jedoch immer mehr zum Einzelg�nger verkommen war. H�tte es seine nunmehr bald 80-j�hrige Tante Lu nicht gegeben, unter deren f�rsorglicher Fuchtel er sich befand, w�re es ihm vermutlich noch viel dreckiger gegangen. �Kann mich vor ihr zurzeit kaum noch retten.�</p><p>�Wem sagst du das!�, tat die Animierdame im Brustton der �berzeugung kund, zog an ihrer Fluppe und blies ihrem Nebenmann, dessen Knollennase in ihrem Ausschnitt zu versinken drohte, den Rauch ins Gesicht. �Besonders in den letzten paar Tagen.�</p><p>�Na, dann sieh mal zu, dass du keine Kreuzschmerzen ��, begann Sydow, dessen rabenschwarzer Humor, ein Erbteil seiner englischen Mutter, wieder einmal zum Vorschein kam. Ein Ausruf des Barkeepers erstickte seine Witzeleien im Keim.</p><p>�Ruhe im Puff!�, r�hrte der ehemalige Boxer, der es sogar bis zum Sparringspartner von Max Schmeling gebracht hatte, und presste ein Transistorradio ans Ohr. �Ruhe, verdammt noch mal, sonst gibt�s was auf die Schublade!�</p><p>Die Geburtstagsg�ste von Erna Pommerenke, der unumstrittenen Kreuzberger Bordellk�nigin, verstummten auf einen Schlag und wandten die Blicke dem Tresen zu. Das Ohr am Lautsprecher, w�rdigte der Barkeeper die versammelte Halbwelt jedoch keines Blickes, mit jeder Faser seiner zweieinhalb Zentner auf die Stimme aus dem Radio konzentriert: �Die Delegation der Bauarbeiter der Stalinallee, die uns heute Nachmittag im RIAS[11] aufsuchte � als ihre Kundgebung bereits den Sieg registrieren konnte �, sie war so siegesbewusst, dass ihr das Zugest�ndnis der sowjetdeutschen Regierung, der R�ckzieher bez�glich der Normenerh�hung, nicht genug schien. Wir, verehrte H�rerinnen und H�rer, wir w�rden uns gl�cklich sch�tzen, wenn wir Ihnen in den n�chsten Tagen von weiteren Siegen berichten k�nnten.�</p><p>�Das glaubst doch wohl selbst nicht!�, polterte Sydows Nachbar zur Linken, nachdem die Sendung beendet war. Kurt Smuda, nach eigenen Angaben Antiquit�tenh�ndler, laut Polizeiakte jedoch Schieber, Hehler und Kunstf�lscher in einer Person, winkte ab und brach in h�hnisches Gel�chter aus. �Wenn die so weitermachen, haben sie demn�chst den Iwan auf dem Hals. Deutsche Einheit � einfach lachhaft, so was. Die Zeiten sind doch wohl endg�ltig vorbei.�</p><p>�Noch ein Wort, Kurt�, echauffierte sich der Barkeeper, stellte das Transistorradio ab und ballte die Rechte zur Faust, �noch ein einziges Wort, und du kriegst derma�en eins auf die Fresse, dass deine Z�hne im Arsch Klavier spielen!�</p><p>�Jetzt aber mal halblang, ihr zwei�, fuhr Fluppen-Fred dazwischen, durch Schwarzhandel mit Glimmst�ngeln jeder nur erdenklichen Marke und Qualit�t reich gewordene Halbweltgr��e, begleitet von Zurufen, er m�ge sich tunlichst heraushalten. �Oder wollt ihr, dass unser Familientreffen in eine Keilerei ausartet?�</p><p>�H�tte nicht �bel Lust darauf�, grollte der Barkeeper und baute sich drohend hinter dem Tresen auf. Die mehrfach gebrochene Nase und ein Blick, gegen den sich derjenige eines angriffslustigen Gorillas wie das L�cheln eines buddhistischen M�nchs ausnahm, lie� Zweifel an seiner Entschlusskraft erst gar nicht aufkommen. �Kannst von Gl�ck sagen, dass die Chefin heute Geburtstag hat, sonst ��</p><p>�Genau, Ede!�, trompetete eine rauchige, vom Konsum zahlloser Havannas, Schn�pse und reichlich franz�sischem Cognac gef�rbte Stimme, die daf�r sorgte, dass sich die Blicke s�mtlicher Anwesenden der Treppe zuwandten, die unter dem Gewicht der grell geschminkten 95-Kilo-Venus bedrohlich zu �chzen begann. �An meenem Jeburtstag hat selbst �ne halbe Portion wie Tr�del-Kurt n�scht zu bef�rchten.� Auf dem Treppenabsatz angekommen, welcher die Beletage mit dem in Zigarettenrauch eingeh�llten Schankraum verband, legte die mit Federboa, bis zum Zerrei�en gespannter Bluse und hautengem Glitzerkost�m bekleidete Herrin �ber ein halbes Dutzend Am�sierbetriebe eine Verschnaufpause ein. Dann winkte sie Sydow neckisch zu und sch�rfte ihren Untertanen ein: �Keene Keilerei, ham wir uns verstanden, Jungs?�</p><p>�Unter einer Bedingung�, konterte Flitzefinger, der Barpianist, nachdem das zustimmende Murmeln der Cr�me de la Cr�me unter den Berliner Ganoven wieder abgeebbt war.</p><p>�Und die w�re?�, grunzte Erna Pommerenke, ein breites L�cheln auf dem mit Rouge vollgekleisterten Gesicht.</p><p>�Na, dass du uns ein St�ndchen bringst, was sonst?�, hieb Tr�del-Kurt in die gleiche Kerbe. �Am allerbesten dein Lieblingslied.�</p><p>�Na jut, wenn�s denn sein muss.�</p><p>�Musses, Lola, musses.�</p><p>Ein Blick �ber die K�pfe der feinen Gesellschaft, ein asthmatisches R�uspern und Blinzeln in Richtung von Sydow, das von diesem pflichtschuldigst erwidert wurde. Und schon konnte die Darbietung, auf die nicht nur der Kriminalhauptkommissar liebend gern verzichtet h�tte, beginnen: �Ick bin die Rote Lola�, intonierte die nunmehr 60-j�hrige K�nigin des horizontalen Gewerbes, die Sydow gleich mehrfach wichtige Tipps gegeben hatte, �der Liebling der Saisong, ick hab �n Pianola daheim in mein Salong, ick bin die Rote Lola, mir liebt halt jeder Mann, doch an mein Pianola, da lass ick keenen ran.�</p><p>*</p><p>Knapp zehn Minuten sp�ter, gefolgt von Pfeifen, Trampeln, allgemeinem Gejohle und einem raubeinigen �Happy Birthday�, war das kleine Hauskonzert beendet, und nachdem er auf das Wohl der Hausherrin angesto�en hatte, setzte sich Sydow wieder an die Bar.</p><p>�Na, junger Mann, wie gehen die Gesch�fte?�, richtete er das Wort an Tr�del-Kurt, sehr zum Leidwesen einer gewissen Anneliese Petzold, deren Schmollmund die gewohnte Wirkung verfehlte. �Keine Bange, der gro�e Coup l�sst bestimmt nicht mehr lange auf sich warten.�</p><p>�Wer�s glaubt, wird selig!�, erwiderte der pomadisierte Kleinganove, bei dessen Anblick man sich automatisch an Fred Astaire erinnert f�hlte. �Hab ja schlie�lich drei Kinder zu ern�hren.�</p><p>�Drei? Bist du dir da auch ganz sicher?�</p><p>�Hahaha � selten so gelacht, Herr Kommissar�, antwortete Smuda und fingerte an der Nelke herum, die in seinem abgetragenen Smoking steckte. �Ob Sie�s glauben oder nicht: Bei mir herrscht momentan Flaute, schon seit geraumer Zeit. Nicht mehr lange, und wir nagen alle am Hungertuch.�</p><p>Als Kenner der Szene kaufte Sydow dem vermeintlichen Antiquit�tenh�ndler sein Lamento nat�rlich nicht ab. �So schlimm?�, heuchelte er.</p><p>Smuda schien es nicht zu bemerken. �Schlimmer, als Sie denken, Herr Kommissar. Mal im Ernst: Meinen Sie wirklich, dass man von dem, was mir Ihre Kollegen vom Betrugsdezernat unterjubeln wollen, auf die Dauer leben kann? Na also, daran glauben doch wohl nicht einmal Sie. Nee, Herr von Sydow, noch ein paar Monate, und der gute, alte Kurt Smuda kann stempeln gehen. Darauf k�nnen Sie Gift nehmen.�</p><p>�Es sei denn, er landet den gro�en Coup.�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Das frage ich dich, Kurt.�</p><p>Tr�del-Kurt gab ein resigniertes Schnauben von sich, sch�ttete sein Pils Marke Berliner Kindl in sich hinein und blitzte Sydow aus den Augenwinkeln an. Vor diesem Bullen musste man auf der Hut sein, je misstrauischer, desto besser. �Wenn, dann aber auf ehrliche Weise�, gab er zur�ck. �Was bedeutet, dass der Finderlohn entsprechend hoch sein m�sste.�</p><p>�Finderlohn?�</p><p>�Na ja, wenn man bedenkt, was im Krieg so alles abhandengekommen ist, w�re ich mit ein wenig Gl�ck auf einen Schlag saniert.� Smuda setzte ein schelmisches Grinsen auf und bestellte sich noch ein Bier. �Durch den Finderlohn, damit wir uns richtig verstehen.�</p><p>�Jetzt machst du mich aber neugierig, Kurt�, hakte Sydow nach und r�ckte n�her heran. �Gegen ein bisschen mehr Kohle im Geldbeutel h�tte selbst ich nichts einzuwenden.�</p><p>�Wie sch�n, dass wir uns in diesem Punkt einig sind�, parierte Smuda und strich mit den Fingerkuppen �ber sein Haar, das zur Feier des Tages mit einer Extraportion Pomade traktiert worden war. �So was verbindet, keine Frage.�</p><p>�Du warst gerade dabei, mir Nachhilfe in Sachen Beutekunst zu geben, Kurt.�</p><p>�Stimmt, Herr Kommissar�, gab Smuda mit perfekter Unschuldsmiene zur�ck. �Fragt sich nur, in wessen Netz die ganz gro�en Fische gelandet sind.�</p><p>�Wahrscheinlich dort, wo sie nicht hingeh�ren.�</p><p>�Sie haben es erfasst, Herr Kommissar�, antwortete der nur gut einen Zentner schwere Fred-Astaire-Verschnitt und nahm sein f�nftes Pils in Empfang. �Dank Adolf dem Wahnsinnigen, wie wir alle wissen. Der bekanntlich nichts Besseres zu tun hatte, als halb Europa plattzumachen. Beziehungsweise mit freundlicher Unterst�tzung des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg auspl�ndern zu lassen. Getreu dem Motto: �Heim ins Reich, vor allem, wenn�s einem nicht geh�rt�.� Tr�del-Kurt genehmigte sich einen langen Schluck. �Als Erstes waren anno 40 die Franzm�nner dran. Und da vor allem die Juden, weniger die Artefakte in staatlichem Besitz. Mehr als 20.000 Objekte aus �ber 200 Sammlungen, das muss man sich mal vorstellen. Kein Wunder, dass sie diesen Rosenberg aufgeh�ngt haben.�</p><p>�Nutznie�er?�</p><p>�Zuvorderst ein gewisser Hermann G�ring, seines Zeichens Reichsmarschall und Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Just der Mann, welcher sich unsterbliche Verdienste um die Bausubstanz dieser Stadt erworben hat.�</p><p>�Und Hitler?�</p><p>Smuda lachte sich beinahe schief. �Der hatte es sich in den Kopf gesetzt, in Linz ein Museum zu er�ffnen. Nach demKrieg, wie ich korrekterweise betonen muss. Kurzum: Allein der sogenannte �Sonderauftrag Linz� hat dem geplanten Musentempel an die 5.000 Gem�lde beschert.�</p><p>�Nicht wenige davon aus j�dischem Besitz.�</p><p>�Sie lernen schnell, Herr Kommissar.� Smudas Miene verfinsterte sich. �Gegen�ber dem, was wir dem Iwan abgekn�pft haben, jedoch nur ein Klacks.�</p><p>�Nur keine Hemmungen, wenn�s um die Bolschewisten geht.�</p><p>�Genau.� Tr�del-Kurt leerte sein Glas und fuhr mit dem Handr�cken �ber den Mund. �Eins muss man den Jungs lassen: die haben wirklich N�gel mit K�pfen gemacht.�</p><p>�Und alles weggekarrt, was nicht niet- und nagelfest war.�</p><p>Smuda zog die Nase hoch, und die mausgrauen Glupschaugen stierten ins Leere. �So ziemlich jedenfalls�, pflichtete er Sydow bei und fuhr fort: �An die Sch�tze der Eremitage[12] sind sie zwar nicht rangekommen, aber ��</p><p>�Und wen meinst du mit �sie�?�</p><p>�Zum einen die Experten aus den Reihen der Wehrmacht, unter anderem Archivare, Bibliothekare und Offiziere der Heeresmuseen, andererseits die W�hlm�use aus dem Ausw�rtigen Amt. St�ndig auf der Suche nach Akten, Landkarten, Briefen et cetera.�</p><p>�Und zum Dritten der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg�, vollendete Sydow in nachdenklichem Ton. �Wobei die Russen von Gl�ck sagen k�nnen, dass die Wehrmacht vor Moskau und Leningrad schlappgemacht hat.�</p><p>��Gl�ck� w�rde ich das nicht nennen, Herr Kommissar�, gab Tr�del-Kurt zu bedenken, nahm sein Mundst�ck zur Hand und paffte nachdenklich vor sich hin. �Nicht bei dem Flurschaden. Die Russen haben zwar Himmel und H�lle in Bewegung gesetzt, um die kostbarsten St�cke in Sicherheit zu bringen, nur leider eben nicht in Puschkin.�</p><p>�Puschkin?�, fragte Sydow, dem die Vorstellung, vor Smuda als Kunstbanause dazustehen, �berhaupt nicht behagte. Und nach konzentriertem Nachdenken: �Die Zarenschl�sser?�</p><p>�Kompliment, Herr Kommissar, Sie sind ja ein ganz Schlauer�, konnte sich Smuda einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. �Viel schlauer jedenfalls als die Russen, die es anscheinend nicht f�r n�tig gehalten haben, das Bernsteinzimmer in Sicherheit zu bringen. F�r einen Ganoven wie Gauleiter Koch nat�rlich <emphasis>die</emphasis> Gelegenheit.�</p><p>�Noch so einer, der den Kanal nicht voll kriegen konnte.�</p><p>Smuda nickte. �Den Kanal und die eigene Tasche�, erg�nzte er, ein s�ffisantes Grinsen im Gesicht. �Mit dem, was dieser Westentaschen-Adolf aus Ostpreu�en so alles zusammengeramscht hat, h�tte er G�ring ernsthaft Konkurrenz machen k�nnen. Sagt man jedenfalls. Haben Sie �berhaupt eine Ahnung, welcher Schaden den Russen durch unsere kleine Stippvisite entstanden ist?�</p><p>Sydow antwortete mit einem Schulterzucken. �Nicht die geringste�, gab er unumwunden zu, im Wissen, auf diesem Gebiet nicht sonderlich bewandert zu sein. �Dem Vernehmen nach scheint der Schaden jedenfalls immens ��</p><p>�Mehr als eine halbe Million Objekte mit kultureller Bedeutung, Herr Kommissar. Aus �ber 400 Museen�, ereiferte sich Sydows Nachbar und bettete die Stirn in seine linke Hand. �Wei� der Teufel, wo der Kram hingekommen ist.� Tr�del-Kurt verfiel in dumpfes Br�ten. Der Gedanke, welchen Gewinn man aus den verloren gegangenen Preziosen h�tte schlagen k�nnen, hatte ihm sichtlich auf den Magen geschlagen.</p><p>�Na ja, Schwamm dr�ber�, nahm er geraume Zeit sp�ter den Gespr�chsfaden wieder auf, �es trifft eben immer die Falschen.�</p><p>Da er ahnte, was in Smudas Kopf vorging, konnte sich Sydow eines Schmunzelns nicht erwehren. �Kopf hoch, Kurt�, munterte er den sichtlich geknickten Ganoven auf. �Schlie�lich bist du ein freier Mann.�</p><p>�Und Koch sitzt bei den Polacken im Knast, ich wei߫, brummte Smuda, auf das Land seiner Vorv�ter offensichtlich nicht gut zu sprechen. �Bedenkt man, was der Reichsverteidigungskommissar a. D. alles auf dem Kerbholz hat, braucht er sich dar�ber auch nicht gro� zu wundern. Mal ehrlich: die Polacken h�tten ihn doch l�ngst an die Wand gestellt, wenn sie nicht gezwungen w�ren, den Herrn Gau�leiter bei Laune zu halten.�</p><p>�Weswegen denn?�</p><p>�Na, wegen dem Bernsteinzimmer, Herr Kommissar. Wenn einer wei�, wo es gebunkert worden ist, dann er.�</p><p>�Meinst du wirklich, es hat den Krieg heil �berstanden?�</p><p>Smuda straffte sich und sein bis dahin tr�ber Blick hellte sich auf. �Wenn ich mir in einem Punkt sicher bin, dann hier. Fragt sich nur, ob es sich immer noch in K�nigsberg befindet oder rechtzeitig vor dem Iwan in Sicherheit gebracht worden ist.�</p><p>�Woher willst du �berhaupt wissen, dass es in ��</p><p>�Weil mir ein Kumpel davon erz�hlt hat, darum. Stammt urspr�nglich aus Pillau, der Gute. Beziehungsweise stammte.� Tr�del-Kurt atmete ger�uschvoll aus. �Schei�krieg, verdammter � wo war ich denn eigentlich stehen� egal � dieser Kumpel hat mir erz�hlt, dass das Zimmer im K�nigsberger Schloss ausgestellt war. Anno 41, soweit ich wei�. Anscheinend sind die Leute in Scharen hingepilgert, unter anderem auch er. Zu dumm, dass an der Ostfront alsbald wieder kehrt marsch angesagt war. Und das Zimmer wieder komplett eingemottet worden ist.�</p><p>�Mit anderen Worten ��, fuhr Sydow in nachdenklichem Ton fort, �kein Mensch wei�, wo das Bernsteinzimmer ��</p><p>�F�r Sie, Herr Kommissar.�</p><p>Sydow war so sehr in das Gespr�ch vertieft, dass er den Barkeeper erst bemerkte, als der ihm mit breitem Grinsen den H�rer hinhielt. �Das Pr�sidium.�</p><p>�Ist bestimmt wegen deiner Bef�rderung�, schaltete sich Schampus-Lili ein und lie� die sorgf�ltig manik�rte Hand auf seiner rechten Schulter ruhen. �H�chste Zeit, mir einen aus��</p><p>�Sp�ter vielleicht, Lili�, vertr�stete Sydow die Animierdame und griff nach dem H�rer, welcher in der behaarten Pranke des Exboxers lag. �Sydow hier.�</p><p>Die Nachricht, mit der er konfrontiert wurde, war beinahe schon Routine f�r ihn, und dementsprechend gefasst h�rte sich Sydow an. �Wo denn?�, fragte er, neugierig be�ugt von seinen Nachbarn, die dank des Gepl�rres aus der Jukebox nichts mitbekamen. Und seufzte mit schicksalergebener Miene: �Na sch�n � bin unterwegs.�</p></section><section><p><strong>7</strong></p><p><emphasis>Mokot�w-Gef�ngnis in Warschau / Polen</emphasis> | <emphasis>21.12 h Berliner Zeit</emphasis></p><p>�Sie sind doch nicht etwa hergekommen, um mir das zu sagen?� Erich Koch, ehemaliger Gauleiter von Ostpreu�en und Ex-Reichskommissar der Ukraine, machte aus seiner Verachtung gegen�ber dem knapp 30-j�hrigen, in Zivil gekleideten Leutnant des polnischen Staatssicherheitsdienstes keinen Hehl. Im Verlauf der letzten dreieinhalb Jahre hatte der bis auf 50 Kilo abgemagerte, nach wie vor mit keinerlei Skrupeln behaftete und mit allen Wassern gewaschene Paladin Hitlers s�mtliche Tricks und Finten seiner Bewacher kennengelernt. Ihm, dem einstmals m�chtigsten Mann und Schrecken der unterworfenen V�lker in den besetzten Ostgebieten, konnten diese vor Dilettantismus nur so strotzenden slawischen Untermenschen nicht das Wasser reichen. An Erich Koch, Parteisoldat der ersten Stunde, w�rden sie sich hier die Z�hne ausbei�en. Davon war er felsenfest �berzeugt.</p><p>�Das und noch ein paar andere Dinge�, tat Dariusz Guzik, Leutnant des Ministeriums f�r �ffentliche Sicherheit, kurz UB[13] genannt, g�nzlich unbeeindruckt kund. �Dinge, f�r die Sie sich brennend interessieren d�rften.�</p><p>Der 57-j�hrige, mittelgro�e, an H�nden und F��en gefesselte und in den Jahren seiner Haft sichtlich gealterte Exgau�leiter schnitt eine gelangweilte Grimasse, lehnte sich zur�ck und lie� den Blick durch das schalldichte Kellerverlies im ber�chtigten Mokot�w-Gef�ngnis wandern. Das Gegenst�ck zur Moskauer Lubjanka[14] war Endstation f�r ihn, das wusste der Kriegsverbrecher, der knapp 50.000 Ukrainer und Polen auf dem Gewissen hatte, nat�rlich genau.</p><p>�Und die w�ren?�, antwortete er gedehnt, trotz oder gerade wegen seines cholerischen Temperaments und der ausweglosen Situation von nicht mehr zu �berbietender Arroganz beherrscht. �Falls es sich um die Nachricht handelt, dass Ihre Landsleute oder deren gro�e Br�der aus Moskau mich demn�chst aufkn�pfen werden, machen Sie es bitte kurz.�</p><p>Des Deutschen und des Polnischen gleicherma�en m�chtig, lie� sich der dunkelhaarige UB-Leutnant nicht aus der Ruhe bringen. �Eile mit Weile�, entgegnete er mit stoischer Gelassenheit, �oder haben Sie heute noch etwas vor, HerrGauleiter?�</p><p>�Mal sehen, was sich noch ergibt.�</p><p>�Eben.� Rein �u�erlich sah Dariusz Guzik wie ein strebsamer Oberprimaner aus, aber davon durfte man sich im Gegensatz zu Erich Koch nicht t�uschen lassen. �So viel Zeit, mir Ihr k�nigliches Ohr zu leihen, werden Sie ja wohl noch haben.�</p><p>�Kommt drauf an, was sich mein Hofnarr so alles ausgedacht hat�, am�sierte sich Koch, w�hrend er der Gestalt, die von der Mitte der Verh�rzelle aus kaum zu erkennen war, einen fl�chtigen Blick zuwarf. Mit diesem Milchgesicht in Diensten der Staatssicherheit w�rde er allemal fertig werden, mit dem Kleiderschrank im Halbschatten neben der T�r wohl weniger. Doch das focht Erich Koch, bei dem man es w�hrend seiner Haft mit allen nur erdenklichen Schikanen und Verh�rmethoden versucht hatte, nicht an.</p><p>Ein Fehler, wie sich bald erweisen sollte.</p><p>Guzik, an dem Kochs gezielte Provokation scheinbar spurlos vor�bergegangen war, konterte mit einem L�cheln. �Wenn man bedenkt, dass Ihnen das Wasser bis zum Hals steht, Herr Gauleiter, kommt mir Ihr Benehmen reichlich �berheblich vor.�</p><p>�Doch wohl meine Sache, oder?�</p><p>�Aber nicht, wenn man sich f�r den Tod von 47.565 Menschen zu verantworten hat�, konterte der Leutnant der Staatssicherheit und entknotete das Aktenb�ndel, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. �Zwangsarbeit, Judenvernichtung, Raub, Pl�nderungen und Mord: das f�r jene Zeit typische Szenario.� Guzik nahm Koch eingehend ins Visier. �Oder liege ich da falsch?�</p><p>�Menschen?�, h�hnte Koch, mehr denn je �berzeugt, mit einem Mann vom Schlage Guziks leichtes Spiel zu haben. �Habe ich da eben richtig geh�rt?�</p><p>Ein Schriftst�ck in H�nden, das im Licht der Schreibtischlampe einen �berdimensionalen Schatten warf, geriet die nach au�en hin zur Schau getragene Unterk�hltheit des UB-Leutnants ins Wanken. �F�r jemanden wie Sie mag dies wie Hohn klingen, Koch, aber f�r das, was Sie auf Ihre Kappe nehmen m�ssen, werden Sie sich in K�rze zu verantworten haben.�</p><p>�ber das eingefallene, durch gezielte Fausthiebe verunstaltete Gesicht des ehemaligen Provinzf�rsten stahl sich ein gelangweiltes L�cheln. �Hei�t das, ihr habt euch endlich dazu aufgerafft, mir den Prozess zu machen?�, fragte er, seine H�nde auf dem Scho� und die Augenlider nur einen winzigen Spaltbreit offen. �Wurde auch langsam Zeit.�</p><p>�Immer mit der Ruhe, Koch�, murmelte Guzik beim Durchforsten der Akten, aus denen er sich die umfangreichste heraussuchte. �Bevor das zust�ndige Gericht mit hoher Wahrscheinlichkeit Ihrem Wunsch Folge leisten wird, h�tte ich da noch ein paar Fragen.�</p><p>�Wenn, dann aber bitte nicht immer die gleichen.�</p><p>Nach au�en hin betont sachlich, innerlich jedoch sch�umend vor Wut, schob der polnische Geheimdienstoffizier den Aktenstapel beiseite und nahm sich die etwa zwei Dutzend Seiten umfassende Kladde mit der Aufschrift �Bursztynowa Komnata � scisle tajne!�[15] vor. �Ihr Problem, wenn Sie nicht mit offenen Karten spielen, Koch.�</p><p>�Warum sollte ich?�</p><p>�Vielleicht, um quasi in allerletzter Minute noch den Kopf aus der Schlinge zu ziehen�, erwiderte Guzik, kurz davor, endg�ltig die Geduld zu verlieren. Und vollendete: �Um beim Bild von einer Hinrichtung durch den Strang zu bleiben.�</p><p>�Frage: Glauben Sie allen Ernstes, ich verrate Ihnen das Versteck des Bernsteinzimmers, wenn Sie mich daf�r ein paar Tage sp�ter an die Wand stellen?�</p><p>�Tod durch Erschie�en � eigentlich viel zu human.�</p><p>�Bitte etwas lauter, mit meinem Geh�r steht es nicht zum Besten.�</p><p>�Schluss mit der Schmierenkom�die!�, stauchte Guzik den ehemaligen Gauleiter zusammen, sprang auf und umrundete den Tisch. �Zur Sache: Trifft es zu, dass Sie sich noch am 5. April, also vier Tage vor der Kapitulation von K�nigsberg, im Hof des dortigen Schlosses aufgehalten haben? Um sich der Tarnung halber �ber den Fortgang der Aufr�umungsarbeiten zu informieren? In Wahrheit, Herr Reichsverteidigungskommissar, hatten Sie ja wohl etwas ganz anderes im Sinn. N�mlich das Bernsteinzimmer. Trifft dies zu � ja oder nein? Antworten Sie, Koch, oder haben Sie tats�chlich Tomaten auf den Ohren?�</p><p>In den absch�tzigen Blick, mit dem Koch den verhassten UB-Offizier be�ugte, kam Bewegung. Kurze Zeit sp�ter hatte sich Hitlers ehemaliger Statthalter in Ostpreu�en wieder im Griff. �Immer wieder die alte Leier. Bis zum Erbrechen. Sagen Sie, haben Sie nicht vielleicht etwas Interessanteres auf ��</p><p>�Trifft es weiterhin zu, dass Sie bereits am 27. und 28. Januar, also gut zwei Monate vor der Eroberung K�nigsbergs durch die Rote Armee, Ihr bis dahin unweit der Stadt verstecktes Beutegut abtransportieren lie�en?� Auf dem besten Wege, Koch an die Gurgel zu gehen, konnte sich Guzik gerade noch bremsen. �Alle Achtung, Herr Gauleiter. Was dem Vernehmen nach auf Ihrem Landgut gehortet worden war, konnte sich wahrhaftig sehen lassen: Gem�lde von unsch�tzbarem Wert, hochwertige Gobelins, Tafelsilber, Kerzenleuchter und andere Preziosen, gr��tenteils aus Museen in Kiew oder von anderen Orten in der Sowjetunion. Gro�-Friedrichsburg muss eine wahre Schatzkammer gewesen sein. Fragt sich nur, wohin der Hort nach dem Abtransport verschwunden ist.�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>�Am 9. Februar wurde er durch Ihren Hausverwalter im Landesmuseum von Th�ringen in Weimar abgeliefert � ja oder nein?�</p><p>Koch zuckte die Achseln. �Woher soll ich das wissen? Beim Endkampf um K�nigsberg musste ich schlie�lich meine ganze ��</p><p>�� Kraft einsetzen, ich wei�. Die alte M�r vom wackeren Reichsverteidigungskommissar, der die ostpreu�ische Muttererde bis zum letzten Atemzug verteidigt hat.� Guzik verzog das Gesicht und bl�tterte weiter. �Hier: �Der ostpreu�ische Bauer und seine Familie verkrallen sich in ihre heimatliche Erde.� Originalton Erich Koch, der sich, wie inzwischen bekannt, an Bord des mit Flakgesch�tzen und Maschinengewehren ausgestatteten Eisbrechers Ostpreu�en nach Norddeutschland abzusetzen geruhte, den auf einen gewissen Major Rolf Berger ausgestellten Wehrmachtsausweis im Gep�ck. Pech, dass die Briten nicht lockergelassen und Sie vier Jahre sp�ter in der N�he von Hamburg aufgesp�rt haben.� Auf dem glatt rasierten Gesicht des polnischen Geheimdienstoffiziers tauchte ein fl�chtiges L�cheln auf. �Was uns beide zum eigentlichen Gegenstand dieser freundschaftlichen Unterhaltung bringt.�</p><p>�Und das nicht zum ersten Mal.�</p><p>�Stimmt. Und darum aufs Neue die Frage: an welchem Ort ist das Bernsteinzimmer ��</p><p>Ein heiseres, vor �berheblichkeit nur so strotzendes Lachen lie� den Redefluss des Geheimdienstlers j�h versiegen. �Korrigieren Sie mich�, fuhr Koch dazwischen, offenbar bester Laune. �Aber w�re die Jagd nach dem Bernsteinzimmer nicht Sache der Russen? Soweit ich informiert bin, geh�rt K�nigsberg inzwischen zur Sowjetunion.�</p><p>�Korrekt, Towarischtsch[16].� Zum ersten Mal w�hrend des Verh�rs, im Grunde sogar w�hrend seiner dreij�hrigen Haft, spiegelte sich so etwas wie Furcht in Erich Kochs Gesicht. Weniger deshalb, weil der Unbekannte neben der T�r urpl�tzlich das Wort ergriff, sondern aufgrund des Tonfalls, mit dem dies geschah. Einer Stimme, die selbst dem abgebr�htesten H�ftling Furcht und Respekt eingefl��t h�tte.</p><p>Und das mit nur zwei W�rtern.</p><p>�Vollkommen korrekt.�</p><p>Ohne dass er sich dagegen wehren konnte, war Kochs Arroganz urpl�tzlich verpufft. Sein Instinkt sagte ihm, dass das Verh�r durch den UB-Beamten lediglich ein Vorgepl�nkel gewesen war, und so war er instinktiv auf der Hut.</p><p>Die Reaktion des Schattenmannes lie� nicht auf sich warten. �Na also�, heuchelte er erleichtert und stie� sich mit an Tr�gheit grenzender L�ssigkeit vom T�rbalken ab. �Wurde aber auch Zeit.�</p><p>�So glauben Sie mir doch, verdammt noch mal!�, beschwor Koch den muskul�sen, sich nahezu lautlos auf ihn zubewegenden Anzugtr�ger mit unverkennbar russischem Akzent. �Ich ��</p><p>Im Verlauf seiner Haft und insbesondere w�hrend des Krieges hatte Erich Koch alle nur erdenklichen Arten von Verletzten und Get�teten zu Gesicht bekommen. Nahe gegangen war ihm dies nicht. Im Falle des durchtrainierten, �ber 40 Jahre alten Russen, dessen komplette linke Gesichtsh�lfte durch eine h�ssliche Brandwunde entstellt war, verhielt es sich jedoch anders. Er hatte etwas an sich, das ihn zu einem willenlosen Befehlsempf�nger degradierte, nicht etwa nur wegen seines Gesichts oder der Klappe, hinter der er sein linkes Auge verbarg. Nein, dieser Schl�gertyp war anders, auf eine Art, die schwer in Worte zu kleiden war. Abgesehen von seiner Brandwunde, die seinen Kontrahenten automatisch das F�rchten lehrte, waren es vor allem sein penibel zurechtgestutzter B�rstenschnitt, das r�tliche Haar und die pockennarbige Haut, die den muskelbepackten H�nen geradezu unverwechselbar machten. Verst�rkt wurde Kochs Eindruck durch dessen Tonfall, mitunter sarkastisch, ab und an einsch�chternd und rau. Eine Stimme, die sich jedem, insbesondere Koch, auf Anhieb einpr�gte. �Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo sich das Zimmer ��</p><p>�Genug.� Mit einem L�cheln im blutleeren Gesicht, aus dem das nahezu wimpernlose, wie erstarrt wirkende rechte Auge besonders hervorstach, hatte der Fremde neben Koch Position bezogen und richtete den Blick auf die gegen�berliegende Wand. Als sei dies die selbstverst�ndlichste Sache der Welt, bot er dem polnischen Geheimdienstoffizier daraufhin die Fl�che der Hartgummiprothese dar, welche seine rechte Hand ersetzte. �Ihre Waffe, Genosse!�, forderte er seinen polnischen Kollegen auf, die Stimme, in der ein Hauch von Unmut mitschwang, deutlich erhoben.</p><p>Der Beamte des polnischen Staatssicherheitsdienstes stutzte, tat jedoch, was von ihm verlangt wurde und zog eine Tokarew Kaliber 9,2 mal 18 Millimeter aus dem Halfter unter seinem Jackett hervor. �Hier Ge��, begann er, ein leichtes Stirnrunzeln auf dem verdutzten Gesicht.</p><p>Genug Zeit, sein Unbehagen zum Ausdruck zu bringen, hatte Guzik indes nicht. Denn kaum lag die Waffe in seiner Hand, riss der Unbekannte die Tokarew empor, zielte mit der Linken auf die Stirn des UB-Offiziers und jagte ihm eine Kugel durch den Kopf. Immer noch das gleiche, durch den j�hen Tod wie eingefroren wirkende Stirnrunzeln im Gesicht, verharrte der polnische Leutnant zun�chst auf der Stelle.</p><p>Dann beschrieb er einen Halbkreis und brach mit ersticktem Gurgeln zusammen.</p><p>All das war so schnell gegangen, dass Koch zun�chst dachte, er habe getr�umt. Den Mund halb offen, wandte er sich ruckartig um, den Blick wechselweise dem Toten und seinem Henker zugewandt. W�hrend all der Jahre, in denen er sich als Kriegsverbrecher bet�tigt hatte, war ihm so etwas nicht untergekommen. Erst als er die Blutspritzer an der Wand registrierte, wusste er, dass die Exekution des Polen keine Einbildung gewesen war.</p><p>Erich Koch war sprachlos. Und das wollte bei einem wie ihm etwas hei�en.</p><p>So schnell w�rde der einstmals wortgewandte Parteibonze die Sprache auch nicht wiederfinden. Daf�r sorgte allein der Lauf der Tokarew, den er pl�tzlich an seiner Stirn sp�rte. Und die Stimme, mit der die nun folgenden Worte untermalt waren: �Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle�, hallte sie von den schalldichten W�nden wider, �mein Name ist Kirow, Igor Kirow.� Der Fremde pausierte, fuhr mit der Zungenspitze �ber die Oberlippe und gestand: �Nur ein Pseudonym, wie ich korrekterweise betonen muss.�</p><p>Vor Angst wie gel�hmt, r�hrte sich Koch nicht vom Fleck.</p><p>�Warum ich mich dann �berhaupt vorgestellt habe, wollen Sie wissen?�, erriet der Unbekannte Kochs Gedanken. �Ganz einfach, weil mir korrekte Umgangsformen am Herzen liegen.� Stolz auf seinen makaberen Scherz, grinste der Rothaarige �ber beide Backen. Wenig sp�ter war seine Heiterkeit jedoch verflogen. �Was meine Erkl�rung f�r diesen in der Tat h�chst bedauerlichen Vorfall betrifft, Herr Gau�leiter � einstweilen nur so viel: Ich werde die polnischen Genossen glauben machen, der junge Kollege habe die Beherrschung verloren, sei mit gez�ckter Waffe auf Sie losgegangen. Schon gewusst, dass sein Heimatdorf von der SS ausgel�scht worden ist?�</p><p>Der Angesprochene senkte den Kopf und schwieg.</p><p>Nicht so der Unbekannte, der den Druck auf Kochs Stirn sp�rbar verst�rkte. �Ein kurzes Gerangel, um einen Akt unzul�ssiger Selbstjustiz zu verhindern, ein Schuss � und schon hauchte mein hei�bl�tiger Kollege sein Leben aus.� Der Fremde sah Koch Beifall heischend an. �Durchaus plausibel, oder?�</p><p>�Was wollen Sie von mir?�</p><p>Der Mann mit der Augenklappe brach in Gel�chter aus. �Das Gleiche wie dieser bedauerliche Tropf da�, antwortete er und wies mit dem Kopf nach rechts, wo sich der Leichnam Guziks befand. Aus dem Sch�del, den das Projektil m�helos durchschlagen hatte, sickerte immer noch Blut, die mit Hirnmasse und Knochensplittern vermischte Lache breitete sich rasend schnell aus.</p><p>Nein, so etwas hatte Erich Koch, notorisch bekannter Massenm�rder, wirklich noch nicht erlebt.</p><p>Und w�rde es auch nicht mehr erleben.</p><p>�Was ich von Ihnen will?�, knurrte der Unbekannte, dr�ckte Koch mithilfe seiner Tokarew den Kopf in den Nacken und �ffnete den Rei�verschluss seiner Hose. �Meinen Sie das, was Sie gerade von sich gegeben haben, wirklich ernst?�</p><p>�Ob Sie es mir nun glauben oder nicht, ich habe keine Ahnung, wo sich das Bernsteinzimmer ��</p><p>�Verzeihung, Herr Reichsverteidigungskommissar ��, lie� der Rothaarige Koch erst gar nicht ausreden, w�hrend sich sein Urin �ber dessen H�ftlingskleidung ergoss. �Aber das nehme ich Ihnen nicht ab.� Und br�llte ihn nach Verrichtung seiner Notdurft an: �Wo ist das verdammte Zimmer abgeblieben? Raus mit der Sprache!�</p><empty-line/></section><section><p><strong>8</strong></p><p><emphasis>Hyannis Port, Massachusetts / USA | 21.30 h Berliner Zeit</emphasis></p><p>Es war ein Nachmittag, wie er ihn liebte. Von jenseits des Nantucketsunds strich der Wind �ber die D�nen, und auf dem Meer, wo es von Segelbooten und Jachten nur so wimmelte, bildeten sich silberne Schaumkronen. Am wolkenlosen, zwischen azurblau und violett wechselnden Firmament erstrahlte die Sonne, nicht so hei� wie im Hochsommer, doch warm genug, damit er es sich auf der Veranda bequem machen konnte. Hier, nur einen Steinwurf vom smaragdfarbenen Atlantik entfernt, dessen Wellen im feink�rnigen Sand verebbten, lie� es sich leben, weit weg von Washington, das ihm stets aufs Neue wie eine Schlangengrube vorkam. An einem Tag wie heute, eingeh�llt von dem Geruch nach Meersalz, D�nengras und Rhododendronbl�ten, gelang es ihm, sich vollends zu entspannen, und wenn er an die Schwierigkeiten dachte, in denen er steckte, hatte er das auch dringend n�tig.</p><p>Was er jetzt brauchte, war Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Und einen k�hlen Kopf. Der braun gebrannte, mit Lackschuhen, dazu passender Stoffhose und einem wei�en Tennis-Pullover mit V-Ausschnitt bekleidete Blondschopf jenseits der 30 schenkte sich einen Jim Beam ein, lie� einen Eisw�rfel in sein Whiskeyglas fallen, hob das Glas zum Mund � und stellte es auf dem Verandagel�nder ab. Besser, so die blitzartige Erkenntnis, er lie� die Finger von diesem Zeug. Angesichts der Klemme, in der er steckte, brauchte er einen klaren Kopf. Einen klaren Kopf und k�hlen Verstand. Sonst war er ein f�r alle Mal geliefert. Goodbye Villa, goodbye Segeljacht, goodbye Polo-Klub!, w�rde es dann hei�en. Und das, vor allem das drohende Ende seiner Karriere, galt es zu verhindern.</p><p>Um jeden Preis.</p><p>Die sorgsam manik�rte linke Hand auf das wei� gestrichene Gel�nder gest�tzt, warf der Herr �ber das gr��te Anwesen weit und breit einen Blick auf die s�ndhaft teure Rolex, die er bei Tiffany�s in New York erstanden hatte, und blickte mit nachdenklicher Miene auf den zusehends st�rmischeren Atlantik hinaus. Um in Ruhe �ber alles nachdenken zu k�nnen, hatte er dem Personal seiner im Kolonialbaustil errichteten 15-Zimmer-Villa freigegeben. In einer Situation, die ihm alles abverlangte, konnte er keine Domestiken brauchen. Und erst recht keine Nachbarn vom Kaliber dieser neureichen Kennedys, die sich am Wochenende hier breitmachten und seine Nerven �ber Geb�hr strapazierten.</p><p>Er brauchte jetzt Ruhe, sonst nichts.</p><p>Oder am Ende vielleicht doch einen Jim Beam?</p><p>Na, wenn schon, sagte sich der ungekr�nte K�nig von Cape Cod, trank sein Whiskeyglas leer und machte sich auf den Weg zum Strand. Dort w�rde er in Ruhe �ber alles nachdenken, wie immer, wenn er �rger am Hals hatte.</p><p>Der gelernte Jurist und Harvardabsolvent, den man ebenso gut f�r einen Dressman h�tte halten k�nnen, hatte die D�nen fast erreicht, als er pl�tzlich das Telefon schrillen h�rte. Unschl�ssig, ob er den Anruf entgegennehmen sollte, schob er die wei�e Schieberm�tze in den Nacken und blieb stehen. Dann machte er kehrt und trottete gem�chlichen Schrittes zum Haus zur�ck, in der Hoffnung, der Anrufer, um den es sich h�chstwahrscheinlich handelte, w�rde wieder auflegen.</p><p>Doch weit gefehlt.</p><p>Im Salon angekommen, lie� sich der begehrteste Junggeselle im Umkreis von 100 Meilen in einen ledernen Ohrensessel fallen, wandte sich der Empire-Kommode aus Mahagoni zu und griff zum H�rer. �Grant hier�, sprach er mit fester, ganz und gar nicht seinem Naturell entsprechender Stimme. Und dann: �Ja, bitte?�</p><p>Die Antwort war ein asthmatisches Keuchen, ein R�cheln, W�rgen und Schnaufen, das ihm nur allzu bekannt vorkam. Gregory Boynton Grant, stellvertretender Direktor der CIA, hielt den Atem an. Die Hand, die den H�rer umschloss, begann zu zittern, und der Drang, wieder aufzulegen, wuchs mit jeder Sekunde, w�hrend er auf eine Antwort wartete.</p><p>�Sch�n, Ihre Stimme zu h�ren, Grant�, drang es schlie�lich an sein Ohr, seltsam verzerrt und bar jeglichen Gef�hls. �Hatten Sie einen sch�nen Nachmittag?�</p><p>�Bislang schon.�</p><p>Anstelle einer Antwort, die Grant mit angespannter Miene erwartete, war am anderen Ende der Leitung erneut ein Keuchen zu h�ren, und obwohl er wusste, dass die Tage des Anrufers gez�hlt waren, konnte er sich eines Fr�stelns nicht erwehren. �Der gute � der gute alte Greg � immer zu einem Sp��chen bereit�, stie� sein Gespr�chspartner hervor, unterbrochen von einem Hustenanfall, nach dessen Ende er mit br�chiger Stimme hechelte: �An Ihrer Stelle, mein lieber Grant, w�rde ich mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen.�</p><p>�So. Meinen Sie.�</p><p>�In der Tat.� Ein spastisches Keuchen, gefolgt von einem weiteren Hustenanfall, und die Worte: �Wenn ich ehrlich bin, Greg, ich h�tte Sie f�r kl�ger gehalten. Und f�r dankbarer. Nach allem, was ich f�r Sie getan habe, machen Sie es mir nicht gerade leicht. Dabei verlange ich wahrlich nichts Unm�gliches. Lediglich eine � nur eine kleine ��</p><p>�Gef�lligkeit?�</p><p>�Wie sch�n, dass wir uns verstehen�, w�rgte die Stimme am Telefon hervor. �Und darum lassen Sie uns nunmehr zu meinem Anliegen kommen.�</p><p>�Oder Erpressungsversuch, je nachdem.�</p><p>Mit seiner Geduld offenbar am Ende, versch�rfte der Anrufer seinen Ton. �Junger Freund ��, zischte er malizi�s, woraufhin Grants Widerstand fast augenblicklich erlahmte, �ist Ihnen �berhaupt klar, an welch seidenem Faden Ihr Wohlbefinden h�ngt? Ja? Gut zu wissen, sonst m�sste ich Sie daran erinnern, dass ich es war, der Ihnen aus der Patsche geholfen hat. Oder haben Sie die Hypotheken, an denen Sie zu knabbern hatten, schon wieder vergessen? Oder Ihre Spielschulden? Oder Ihren ungl�ckseligen Hang zu ��</p><p>�Genug davon.�</p><p>�Ach, wirklich?�, �bergoss ihn die Stimme mit �tzendem Spott. �Wenn dem so ist, k�nnen wir ja endlich zur Tagesordnung �bergehen. Zeit haben wir ja inzwischen genug vergeudet.� Der Zyniker am Telefon wurde leiser, bis zu einem Punkt, an dem Grant ihn fast nicht mehr verstand. �Und � wie weit sind Ihre Bem�hungen gediehen?�</p><p>�Recht weit, Mister K.�</p><p>�Darf man fragen, <emphasis>wie</emphasis> weit? Kommen Sie schon, Greg, ich habe nicht ewig Zeit.�</p><p>�Na sch�n.� Seiner demonstrativ zur Schau getragenen Gelassenheit zum Trotz rutschte Grant auf der Kante seines Sessels hin und her. �Meinem Kontaktmann zufolge stehen die Chancen, in den Besitz des Objekts Ihrer Begierde zu kommen, nicht schlecht.�</p><p>�Was Sie nicht sagen!�, rief der Anrufer aus, die Stimme auf einmal so laut, dass sie Grant in den Ohren schmerzte. �Tut mir leid, Greg, f�r meine Begriffe reicht das bei Weitem nicht aus.�</p><p>�So einfach, wie Sie sich das denken, liegen die Dinge leider nicht�, setzte sich Grant vehement zur Wehr. �Wie gesagt � aus naheliegenden Gr�nden ist mein Kontaktmann gezwungen, mit �u�erster Vorsicht zu Werke zu gehen. Der geringste Fehler, und seine Tarnung fliegt auf.� Grant �ffnete den Kragenknopf seines Designerhemdes und holte tief Luft. �Wollen Sie das etwa riskieren, Mister K?�</p><p>�Wenn Sie mich so fragen, Grant � ja. Hauptsache, wir finden das Versteck.�</p><p>�Einmal angenommen, dem w�re so. Was hat ein todkranker Mann davon, wenn er in den Besitz des ��</p><p>�� Bernsteinzimmers gelangt? Ganz einfach: die Genugtuung, eines der kostbarsten, wenn nicht sogar <emphasis>das</emphasis> kostbarste Kunstwerk in seinem Besitz zu wissen, welches menschliche H�nde je erschaffen haben. Soll ich Ihnen was sagen, Greg? Seit meiner Jugend, der Zeit, in der mein Leben noch nicht von der Funktionst�chtigkeit diverser Maschinen abhing, habe ich davon getr�umt, es zu erwerben. Mir vorgestellt, wie es wohl w�re, wenn ich in seinen Besitz gelangte. Vielleicht k�nnen Sie das nicht verstehen, Greg, aber es ist so, war so und wird auch immer so sein. Zumindest, solange ich lebe.� Als k�nne er die Gedankeng�nge seines Gespr�chspartners erraten, f�gte der Anrufer, in dessen H�nden sich mehr Kunstsch�tze befanden als in manchem Museum, mit heiserer Stimme an: �Sch�n und gut, werden Sie sagen, der alte Knacker hat nicht mehr lange zu leben. Wozu also die ganze Aufregung?� Nachdem ein weiterer, ungleich schlimmerer Hustenanfall verebbt war, gab sich Grants Peiniger einen Ruck und fl�sterte: �Es ist der letzte Wunsch, den ich auf diesem Schei�planeten habe. Nur ein Blick auf dieses Wunderwerk, und ich kann getrost sterben.�</p><p>�Und dann? Gesetzt den Fall, unsere Suchaktion w�re erfolgreich, was soll aus dem ��</p><p>�Das, mein lieber Greg, lassen Sie lieber meine Sorge sein�, erkl�rte der Anrufer von oben herab, keineswegs so kraftlos, wie man es sich bei einem Todgeweihten vorstellen w�rde. ��ber Dinge, die einen nichts angehen, sollte man sich keine Gedanken machen.� In der Leitung begann es laut zu knistern, und ein durchdringender Pfeifton lie� Grant zusammenzucken. Den H�rer in der rechten Hand, sa� er da wie gel�hmt, und als er die Muschel wieder ans Ohr presste, war der Mann, dem er auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war, mit seiner Lektion in Sachen Gef�gigkeit fast am Ende. Die Pointe, mit deren Hilfe er sie zu kr�nen gedachte, stand freilich noch aus: �Ach, noch eins, Greg ��, zischte er, w�hrend Grant die Linke zur Faust ballte, �sollten Sie die Dummheit begehen, sich meinen Pl�nen zu widersetzen, w�re dies ein Grund f�r mich, wider Willen andere Saiten aufzuziehen. Haben wir uns verstanden, Deputy Director?�</p><p>�Und Ihre Gegenleistung?�, fragte Grant, bebend vor Zorn.</p><p>Ein Lachen erklang, wie es schauerlicher nicht h�tte sein k�nnen. �Besteht darin, dass Ihr s��es kleines Geheimnis bestens bei mir aufgehoben ist. Falls Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>Und ob er verstand.</p><p>�Ich gebe Ihnen exakt einen Tag, zwei Stunden und zehn Minuten Zeit, das hei�t, bis morgen Abend um sechs. Dann will ich Fakten sehen. Spuren. Greifbare Ergebnisse. F�r den Fall, dass Sie bis dahin noch nichts zuwege gebracht haben, m�ssen Sie mit ernsthaften Konsequenzen rechnen. Habe ich mich klar genug ausgedr�ckt, Greg?�</p><p>Klar doch, deutlicher ging es wirklich nicht.</p><p>�Dann bis morgen, Deputy Director.�</p><p>F�nf Minuten sp�ter, als Mister K l�ngst aufgelegt hatte, war Gregory Boynton Grant, anerkanntes Mitglied des Jetsets von Hyannis Port und Bankrotteur in gro�em Stil, immer noch wie erstarrt. Erst das viermalige Schlagen der Standuhr, passend zum �brigen Mobiliar ebenfalls im Empire-Stil, r�ttelte den am Boden zerst�rten Beau wach. Fernes, aus s�d�stlicher Richtung heranrollendes Donnergrollen erf�llte die Luft, und als Grant aus dem Fenster schaute, hingen pechschwarze Wolken �ber dem sturmgepeitschten Meer. Die Stirn gegen das Fensterkreuz gepresst, konnte er sich von dem Unwetter, das sich �ber Cape Cod zusammenbraute, einfach nicht abwenden, nicht einmal, als er pl�tzlich eine Hand auf der Schulter sp�rte.</p><p>�Besser sp�t als nie�, fl�sterte er, den Duft von Eau de Toilette in der Nase, nat�rlich von Chanel. �Ich dachte schon, du � du ��</p><p>�Ja?�, raunte ihm die Stimme ins Ohr, die ihn seit jeher in ihren Bann gezogen und mitunter sogar v�llig willenlos gemacht hatte. �Probleme?�</p><p>�Mehr als genug.�</p><p>�Erz�hl mir davon�, forderte ihn die Stimme seines Liebhabers auf, w�hrend dessen Hand durch seinen Haarschopf fuhr und ihm im Anschluss daran den Nacken massierte. �Daf�r bin ich ja schlie�lich da.�</p></section><section><p><strong>9</strong></p><p><emphasis>Berlin-Tiergarten, Schloss Bellevue | 21.42 h</emphasis></p><p>Auf den ersten Blick sah der halb nackte Leichnam wie eine Figur aus dem Panoptikum aus. Der kahl rasierte und zugleich �berproportional gro�e Sch�del wirkte seltsam deplatziert, nicht zuletzt aufgrund des aufgedunsenen, mit Algen und Schlingpflanzen drapierten Gesichts. An mehreren Stellen, insbesondere am R�cken, wies die Haut Absch�rfungen auf, die aufgrund der hereinbrechenden Dunkelheit jedoch kaum zu erkennen waren. Ungleich gr��er und nicht zu �bersehen waren allerdings die Bissspuren, welche mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Wasserratte, vielleicht aber auch von einem Hecht oder Karpfen stammten. Im Augenblick des Todes j�h erstarrt, stierte das linke Auge des Toten zum Abendhimmel hinauf. Das rechte hingegen fehlte komplett, auch dies m�glicherweise die Tat eines Spreefisches, der sich an der Leiche zu schaffen gemacht hatte.</p><p>Alles in allem kein erfreulicher Anblick, f�r Heribert Peters, Gerichtsmediziner am St�dtischen Krankenhaus Moabit, jedoch nichts Ungew�hnliches. Die anerkannte Kapazit�t mit Lehrstuhl an der FU Berlin, in Studentenkreisen unter dem Spitznamen �Professor Blaffke� bekannt, erledigte ihre Arbeit mit der gewohnten Akribie. Ein Lied auf den Lippen, bei dem es sich um eine h�chst eigenwillige Interpretation des Hans-Albers-Hits �Goodbye Johnny� handelte, richtete sich der korpulente, nahezu kahlk�pfige und sichtlich unter Bluthochdruck leidende Genussmensch aus Moabit auf, zog seine Handschuhe aus und legte eine Verschnaufpause ein. An deren Ende, das er bewusst hinausz�gerte, lie� er sich schlie�lich herab, das Wort an Sydow zu richten: �Wurde aber auch Zeit!�, m�kelte Peters herum. �Wo, zum Teufel, hast du eigentlich gesteckt?�</p><p>�Ich? Auf einer Geburtstagsfeier�, beichtete der Kriminalhauptkommissar versch�mt. Die volle Wahrheit behielt er angesichts der �bellaunigkeit von Peters lieber f�r sich.</p><p>So leicht lie� sich der versierte Gerichtsmediziner und Choleriker von hohen Gnaden jedoch nicht bes�nftigen. �Riecht man�, murrte Peters und sah Sydow missbilligend an. �M�chte wissen, wieso der Polizeipr�sident ausgerechnet an dir einen Narren gefressen hat.�</p><p>�Aufgrund meines Lebenswandels, weshalb denn sonst�, frotzelte Sydow, der genau wusste, wie er den langj�hrigen Freund und Kollegen zu nehmen hatte. �Keine Weiber, kein Gl�cksspiel und ��</p><p>�� hin und wieder ein Glas Gin. Am besten Beefeater, als halber Brite gleichsam ein Muss f�r dich�, kanzelte der Vertreter der Spezies harte Schale, weicher Kern den mehr als einen Kopf gr��eren Hauptkommissar ab. Peters konnte einfach nicht anders, und Sydow nahm es ihm auch nicht krumm. Im Hinblick auf die Abgr�nde, mit denen der Gerichtsmediziner tagt�glich konfrontiert wurde, kam sein schroffes Gebaren wei� Gott nicht von ungef�hr. �Wenn sich hier einer als Leitender aufdr�ngt, dann du.�</p><p>�Verbindlichen Dank�, witzelte Sydow zur�ck, den Blick auf den Park von Schloss Bellevue gerichtet, hinter dem ein sp�rlich beleuchteter Promenadenweg vorbeif�hrte.</p><p>In unmittelbarer N�he, am Ufer der rasch dahinflie�enden Spree, waren Naujocks und zwei weitere Kollegen von der Spurensicherung gerade dabei, mithilfe von Taschenlampen das Ufergestr�pp zu durchk�mmen. Ob mit Erfolg, war angesichts der hereinbrechenden Dunkelheit und der schmalen Lichtkegel, welche die Laternen auf die Promenade warfen, mehr als fraglich.</p><p>�In puncto Menschenkenntnis macht dir so leicht niemand etwas vor.�</p><p>�Das will ich meinen�, br�stete sich Peters mit einer geh�rigen Portion an Ironie. �Insbesondere was diejenigen Angeh�rigen der Gattung Homo sapiens maskulinum angeht, die keinerlei Lebenszeichen mehr von sich geben.�</p><p>�Deinen Humor m�chte ich haben�, bereitete Sydow den bissigen Kommentaren des Gerichtsmediziners ein abruptes Ende, n�herte sich dem auf eine Plane gebetteten Leichnam und ging neben ihm in die Hocke. Im Umgang mit Toten, vor allem mit Leuten wie diesem armen Teufel da, hatte er bisweilen so seine Probleme, was den Kollegen, Peters mit eingeschlossen, im Verlauf der Jahre nat�rlich nicht verborgen geblieben war. Das abendliche Zwielicht, welches dem Anblick einen fast mystischen Beigeschmack verlieh, tat ein �briges, weshalb Sydow mit sich und den Nachwirkungen seines Alkoholkonsums erheblich zu k�mpfen hatte. Schei� Sauferei!, verw�nschte er sich insgeheim, ein zuletzt recht h�ufig ge�u�erter Sto�seufzer, wenn auch einer ohne Folgen.</p><p>�Ran an die Buletten, Holzauge!�, forderte Peters den Kripo-Beamten auf, tippte ihm auf die Schulter und lie� sich mit entspanntem L�cheln auf einer nahen Bank nieder, um den Lichtkegel seiner Taschenlampe von dort aus �ber den K�rper des Toten wandern zu lassen. �Nur keine Scheu, der gute Mann bei�t nicht.�</p><p>�Wie gesagt � deinen Humor m�chte ich haben.�</p><p>�Humor oder nicht�, konterte Peters, unter dessen Achseln sich zwei riesige Schwei�flecken gebildet hatten, �was will uns dieser Tote sagen?�</p><p>�Gar nichts.�</p><p>�Scherzkeks. Und was noch?�</p><p>Sydow kniete sich hin und dachte nach. Der Geruch, den die Leiche verstr�mte, war kaum auszuhalten, die leere Augenh�hle des Makaberen entschieden zu viel.</p><p>�Vermutlich ein Hecht, vielleicht aber auch eine Wasserratte�, erriet der Gerichtsmediziner seine Gedanken und breitete die Arme auf der Lehne aus. �Sonst noch was? Komm schon, f�r jemanden, der zu H�herem berufen scheint, k�nntest du dich ruhig etwas mehr ins ��</p><p>�� Zeug legen, ich wei߫, vollendete Sydow mit verbissener Miene und lie� den Blick �ber den K�rper des Unbekannten wandern. �Anfang bis Mitte drei�ig, knapp 1,80 Meter gro�, m�nnlich, H�matom am Hinterkopf, jede Menge blaue Flecken am Oberarm und nur noch drei intakte Fingern�gel an der rechten Hand.�</p><p>�F�r einen Anf�nger gar nicht so �bel�, lie� Peters g�nnerhaft verlauten. �Ihre Schlussfolgerung, Watson?�</p><p>�Sieht so aus, als sei Mister Namenlos ziemlich durch die Mangel gedreht worden.�</p><p>�Oder verungl�ckt.�</p><p>�Und was ist mit den fehlenden Fingern�geln?�</p><p>�Nebensache�, tat Peters den Einwand des Kripo-Beamten mit einem mitleidigen L�cheln ab. �Augen auf, Sonnyboy, oder willst du hier �bernachten?�</p><p>�Die Striemen oberhalb des Kn�chels?�</p><p>�Genau die�, antwortete der Gerichtsmediziner und applaudierte affektiert. �Wenn ich k�nnte, w�rde ich dich jetzt f�r einen Orden vorschlagen. �Held der Berliner Kripo� � nicht �bel, oder?� Ein vermutlich seit Weihnachten in Gebrauch befindliches Taschentuch in der Hand, betupfte Peters seine schwei�gl�nzende Stirn und sah seinen vermeintlich begriffsstutzigen Eleven mit mitleidigem Augenaufschlag an. �Deine Hypothese, Blaubl�ter?�</p><p>�Klarer Fall von missgl�cktem Vertuschungsman�ver.�</p><p>�Volltreffer�, sp�ttelte Peters und verfiel ins Dozieren, �unabh�ngig davon, auf wessen Konto das Ganze geht, waren der oder die T�ter darauf aus, ihr Opfer den Fischen zum Fra� vorzuwerfen.�</p><p>�Stattgegeben.�</p><p>�Aller Wahrscheinlichkeit nach mithilfe eines Steins, Gewichts oder anderer Konstrukte, deren man sich in solchen F�llen zu bedienen pflegt. Pech gehabt, sprach der Gott des Zufalls, entwickelte diese bemitleidenswerte Kreatur doch post mortem[17] ungeahnte Kr�fte und entledigte sich seiner Fesseln.�</p><p>�Wie gesagt � ��</p><p>�Mein Humor � ich wei߫, setzte sich Peters mit entschuldigender Geste zur Wehr. �Soll nicht wieder vorkommen. Wo war ich denn gerade stehen � genau! Nachdem die Str�mung, der Dilettantismus des oder der T�ter oder welcher Umstand auch immer daf�r gesorgt haben, dass der Tote zur�ck an die Oberfl�che kommt, treibt der Leichnam spreeabw�rts und verheddert sich geraume Zeit sp�ter im Ufergestr�pp.�</p><p>�Sehr lange kann das nicht gedauert haben.�</p><p>�Ins Schwarze getroffen, Traum aller ledigen Gro�m�tter. Vom Zustand des Leichnams aus betrachtet, in etwa einen halben Tag, unter Umst�nden etwas l�nger.�</p><p>�Hei�t das, du willst damit sagen, dass ��</p><p>�� der Tote irgendwann heute fr�h in der Spree gelandet ist. Wo genau, bleibt ungewiss, h�chstwahrscheinlich nicht allzu weit entfernt. Wenn�s hochkommt, ein paar Hundert Meter.�</p><p>Sydow sch�rzte die Lippen und warf dem auf der Bank sitzenden Falstaff, der sich gerade eine Fluppe ansteckte, einen schr�gen Blick zu.</p><p>�So wenig?�</p><p>Heribert Peters, in diesem Moment ganz thronender Zeus, runzelte indigniert die Stirn. �Was hei�t hier �wenig�!�, polterte er drauflos, kurz davor, sein Blitzb�ndel zu schleudern. �Worauf willst du eigentlich hinaus?�</p><p>�Darauf, Herr Professor Blaffke, dass der Tote ebenso gut mehrere Kilometer flussaufw�rts in der Spree versenkt worden sein k�nnte. Durchaus vorstellbar, finde ich. Insbesondere, wenn man die gegenw�rtige Str�mung ber�cksichtigt.�</p><p>�Das glaubst du doch wohl selbst nicht, Tom. Mehrere Kilometer innerhalb eines halben Tages � ausgeschlossen.�</p><p>�Nichts ist unm�glich, Heribert � es sei denn, der gegenteilige Beweis l�ge vor.�</p><p>�Scharfsinnig wie immer, der gute Tom.� Sichtlich verstimmt, r�mpfte der Gerichtsmediziner die Nase und zog sich in seinen Schmollwinkel zur�ck. Sydow indes w�rdigte ihn keines Blickes, streifte die neben dem Toten liegenden Gummihandschuhe �ber und bettete ihn behutsam auf die Seite. �Was soll denn das werden?�</p><p>�Immer mit der Ruhe.� Ins grelle Licht der Taschenlampe getaucht, lie� sich Sydow nicht beirren und sah sich das Unterhemd des Toten n�her an.</p><p>Kurz darauf gab er einen leisen Pfiff von sich.</p><p>�Machen Sie�s nicht so spannend, Holmes�, dr�ngte Peters, erhob sich und lugte ihm neugierig �ber die Schulter. �Sonst stehen wir noch morgen fr�h hier rum.�</p><p>�Das wohl kaum�, griente Sydow mit schadenfroher Miene und bog das Etikett nach au�en. �Schau mal her, du Spezialist.�</p><p>�Au Backe�, �chzte Peters, seinen Schmerbauch weit nach vorn gebeugt. �Muss ich in der Eile �bersehen haben.�</p><p>�So viel zum Thema Professionalit�t�, scherzte Sydow, der sich die Gelegenheit, den Gerichtsmediziner aufzuziehen, nat�rlich nicht entgehen lie�. �Was, um mit deinen Worten zu sprechen, will uns dieses Etikett sagen?�</p><p>�Dass der oder die T�ter absolute Dilettanten waren. Oder in Eile.�</p><p>�Oder beides�, korrigierte Sydow seinen Freund. �Und was sagt es uns noch?�</p><p>�VEB[18] Textilwerke Babelsberg�, las Peters unter Zuhilfenahme seiner randlosen Brille vor. Und f�gte kleinlaut hinzu: �Dass meine Theorie einer �berarbeitung bedarf. Und zwar dringend.�</p><p>�Nichts dagegen, Herr Diplom-Leichenfledderer�, gestand Sydow ihm huldvoll zu und kostete seinen Triumph weidlich aus. �Wer hat denn nun recht gehabt � du oder ich?�</p><p>�Du�, r�umte Peters unumwunden ein, lie� die Brille im Etui und dieses im Zeitlupentempo in seiner Brusttasche verschwinden. �Was bedeutet, dass wir Erkundigungen �ber diesen VEB Textilwerke einziehen m�ssen. Und sei es nur, um festzustellen, wen er beliefert.�</p><p>�Schon mal an die ver�nderten politisch-gesellschaftlichen Verh�ltnisse im Osten unserer geteilten Heimatstadt gedacht?�</p><p>Wie so h�ufig, wenn er nicht mehr weiterwusste, zwirbelte Peters auch jetzt an seinen opulent sprie�enden Brauen herum. �Sieht so aus, als h�tten wir ein Problem�, r�umte er nach l�ngerem �berlegen ein, mit einem Blick, der verriet, wie ratlos er momentan war. �Willst du etwa damit sagen, dass ��, begann er, brach jedoch unvermittelt ab.</p><p>�Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR, du hast es erfasst, Herr Professor. Nach der Handschrift zu urteilen, welche die T�ter hinterlassen haben, k�me f�r mich n�mlich von vornherein jemand Bestimmtes infrage.� Sydow hob den Kopf und starrte ins Leere. �Stichwort �Fingern�gel�.�</p><p>�Doch nicht etwa der VEB Horch, Guck und Greif[19]?�, japste Peters, dem Sydows Kombinationsgabe langsam unheimlich wurde.</p><p>�Genau der�, ahmte der Kriminalhauptkommissar den bisweilen hochtrabenden Tonfall seines Freundes nach. �Ein Gegner mit dem Pr�dikat �brandgef�hrlich�, wie wir alle wissen.�</p><p>�Hei�t das, du ziehst den Schwanz ein, oder was?�, bot ihm Peters die Stirn, auf einen Schlag wieder der Alte.</p><p>�Nat�rlich nicht�, beteuerte Sydow, richtete sich auf und warf einen Blick nach Westen, genau dorthin, wo die Dunkelheit das Abendrot soeben zum Erl�schen brachte. �So gut m�sstest du mich eigentlich kennen.�</p><p>�Was bedeutet, dass wir herauskriegen m�ssen, wer zur Kundschaft besagter Genossen in Babelsberg z�hlt�, murmelte Peters und brachte den Leichnam wieder in seine urspr�ngliche Position, um ihn anschlie�end mit Sydows Hilfe in den bereitstehenden Zinksarg zu betten. �Nicht ganz einfach, hab ich das Gef�hl.�</p><p>�Nur Mut, Professor Blaffke�, munterte Sydow den nachdenklich gewordenen Gerichtsmediziner auf. �Noch ist nicht aller Tage Abend.�</p><p>�Ist es auch nicht, Tom, ist es auch nicht.�</p><p>Zur G�nze in ihr Gespr�ch vertieft, hatten Sydow und Peters nicht bemerkt, dass Naujocks seine Suche beendet und sich ihnen auf H�rweite gen�hert hatte. Die aus Potsdam stammende und vor knapp zwei Jahren in den Westen gefl�chtete Bohnenstange mit der Halbstarkenfrisur setzte ein siegesgewisses L�cheln auf, bezog gegen�ber von Sydow Position und sagte: �Zur Not gibt es ja noch mich.� Woraufhin er mit sichtlichem Vergn�gen erg�nzte: �Und meinen in der Textilbranche t�tigen Bruder.�</p><p>*</p><p>�Ach du lieber Himmel!�, rief Peters auf dem R�ckweg zum Wagen aus, schlug sich mit der Handfl�che gegen die Stirn und kramte seinen Notizblock hervor. �Die h�tte ich ja beinahe vergessen.�</p><p>�Wen denn?�, fragte Sydow und trat unter eine Stra�enlaterne, von der aus man einen Blick auf die Fassade von Schloss Bellevue und die nicht weit davon entfernte Siegess�ule werfen konnte. �Deine Frau oder deine Freundin?�</p><p>�Sehr witzig�, knurrte Peters und dr�ckte Sydow den Block in die Hand. �Tut mir leid, deinen Voyeurismus nicht befriedigen zu k�nnen. Wie du wei�t, bete ich Evelyn an.� Danach pr�zisierte er zerknirscht: �Die Entdecker des Leichnams.�</p><p>�Sch�n, dass man so was auch mal erf�hrt�, raunzte Sydow den Gerichtsmediziner nach vollendeter Lekt�re an, was Peters nicht auf sich sitzen lie�. �Meine Schuld, wenn du dich schon am helllichten Tag bes�ufst?�, keifte er.</p><p>�Schon gut, Heribert � war nicht so gemeint.� F�r seine Verh�ltnisse ungew�hnlich konziliant riss Sydow das Blatt mit den beiden Adressen ab, lie� es in seinem Sakko verschwinden und reichte den Block an Peters zur�ck. Umihn zu bes�nftigen, t�tschelte er ihm anschlie�end die Wange. �Und wann, denkst du, bist du mit der Obduktion fertig?�</p><p>Die H�nde in den H�ften, baute sich der Gerichtsmediziner wie ein angriffsbereites Walross vor Sydow auf. �Auf gut Deutsch: Mylord w�nschen, dass ich mich umgehend an die Arbeit mache�, schnaubte er, w�hrend zwei Schupos den Zinksarg zu dem auf einem nahen Feldweg parkenden Leichenwagen trugen. �Denkst du vielleicht, ich habe nichts Besseres zu tun, als immer nur nach deiner Pfeife zu tanzen?�</p><p>�Nein�, rettete Naujocks die Situation und grinste �ber beide Backen. �Aber du wei�t ja, wie er ist.�</p><p>Auf dem besten Weg, sich auch noch mit dem Leiter der Spurensicherung anzulegen, stopfte Peters den Block in seine Ges��tasche, zeigte Sydow einen Vogel und stapfte wutentbrannt zu seinem Wagen.</p><p>�Bis nachher, Harry-Schatz!�, rief ihm Sydow hinterher, schloss seinen Aston Martin auf und warf den Z�ndschl�ssel auf den Beifahrersitz. �Solltest du Sehnsucht nach mir haben, kannst du mich jederzeit im Pr�sidium �� Ein Streifenbeamter, der Sydow etwas ins Ohr fl�sterte, bereitete seinen H�nseleien ein abruptes Ende. �Was gibt�s?�</p><p>Eine halbe Minute sp�ter, vor Schreck kalkwei� im Gesicht, konnte es der 40-j�hrige Kriminalhauptkommissar immer noch nicht fassen. �Schei�e!�, rief er zur Belustigung von Heribert Peters aus, der wieder umgekehrt und mit scheinheiligem L�cheln neben den rot lackierten Sportwagen getreten war. �Auch das noch.� Dann kurbelte er das Fenster hoch und startete den Motor.</p><p>�Mach�s gut, Tommy-Boy!�, rief der 53-j�hrige Gerichtsmediziner und machte keinerlei Anstalten, mit seiner Schadenfreude hinterm Berg zu halten. �Winke, winke! Und nicht vergessen: Geteiltes Leid ist halbes Leid.�</p><p>Aber da war Tom Sydow bereits in Richtung Siegess�ule davongerast.</p></section><section><p><strong>10</strong></p><p><emphasis>Berlin-Lichtenberg, Ministerium f�r Staatssicherheit der DDR in der Normannenstra�e | 21.55 h</emphasis></p><p>�Versagt? Auf der ganzen Linie? Wir?� Wilhelm Zaisser, Minister f�r Staatssicherheit, war so erbost, dass er dem Mann am anderen Ende der Leitung am liebsten den Marsch geblasen h�tte. �Denken Sie vielleicht, ich bin Hellseher?�</p><p>Kurz vor dem Auflegen schnappte der geb�rtige Westfale, dessen gestrenger Blick nur selten einem L�cheln wich, laut und vernehmlich nach Luft. Im Verlauf seines Lebens hatte der bald 60-j�hrige KPD-Aktivist der ersten Stunde jede Menge niederschmetternde Nachrichten verkraften m�ssen. An die von heute reichten sie jedoch allesamt nicht heran. Im Vergleich dazu waren seine Zeit im Untergrund, die Teilnahme am Spanischen B�rgerkrieg und das Exil im stalinistischen Russland die reinste Sommerfrische gewesen. Der heutige Tag, so sein Fazit, war der Tiefpunkt seines Lebens.</p><p>Irrtum ausgeschlossen.</p><p>�Konterrevolution�rer Putschversuch? Machen Sie es sich da nicht ein bisschen einfach, Genosse?� Das Ohr am H�rer, aus dem sich eine wahre Flut von Vorw�rfen �ber ihn ergoss, verd�sterte sich Zaissers ohnehin schon ernste Miene noch mehr. So d�mlich konnte wirklich nur Ulbricht[20] daherreden. Das machte diesem penetrant s�chselnden Spitzbart so schnell keiner nach. Dabei wollten die Werkt�tigen doch nur eins: mehr Geld in der Lohnt�te und leben wie die Bev�lkerung von Westberlin. Aber genau das wollte und konnte sein erkl�rter Intimfeind ja nicht kapieren.</p><p>�Konterrevolution�re Banditen, imperialistische Agenten, Faschisten!�, quakte es derma�en schrill aus dem H�rer, dass es einem in den Ohren wehtat. �Und die Staatssicherheit, Schwert und Schild der Partei, bekommt nicht das Geringste davon mit. K�nnen Sie mir vielleicht verraten, Genosse, wie wir der Lage wieder Herr werden wollen?�</p><p>�Jedenfalls nicht, indem wir zur Waffe greifen�, warf Zaisser lakonisch ein und bedachte die Portr�ts von Marx, Engels und Lenin, welche die gegen�berliegende Wand mit dem ockerfarbenen Tapetenmuster zierten, mit einem nostalgischen Blick. Beim Anblick des Konterfeis von Stalin, der vor gut drei Monaten das Zeitliche gesegnet hatte, wurde dieser jedoch wieder ernst. Wie es nach dem Tod des Generalissimus weitergehen w�rde, konnte man nicht mit Bestimmtheit sagen. Nur so viel, dass f�r die DDR eine Menge davon abhing, wer in der Sowjetunion das Ruder ergreifen w�rde.</p><p>Eine Menge, wenn nicht gar alles.</p><p>�Wenn wir das tun, Genosse Ulbricht, haben wir f�r alle Zeiten ausgespielt.�</p><p>�So, meinen Sie.�</p><p>�Mit Verlaub � ja!�, bellte Zaisser in den H�rer, w�hrend sich die Zornesfalten oberhalb seiner Nasenwurzel zusehends vertieften. �Oder muss ich Sie daran erinnern, wie weit wir bereits hinter dem Klassenfeind zur�ckgeblieben sind?�</p><p>�Was Sie da von sich geben�, japste Ulbricht, der vor Emp�rung glatt das S�chseln verga�, �ist Hochverrat. Glatter Hochverrat. Ich hoffe, das ist Ihnen bewusst, Herr Minister.�</p><p>�Ist es, Genosse Generalsekret�r, ist es�, parierte Zaisser unger�hrt. Einmal in Fahrt, wollte er es seinem Erzrivalen im Politb�ro mal so richtig zeigen. Zu verlieren hatte er ohnehin nichts mehr. �313 Mark Durchschnittslohn f�r einen Produktionsarbeiter, f�r die Mitglieder des Politb�ros dagegen mehr als das Sechsfache. Circa 65 Mark Rente, gravierende Versorgungsm�ngel, Lebensbedingungen wie kurz nach dem Krieg, Rationen knapp �ber dem Existenzminimum, HO-Waren, die sich kein Mensch leisten kann � und Sie, Genosse, wundern sich, warum die Werkt�tigen langsam auf die Barrikaden gehen.�</p><p>�Diese an Def�tismus grenzende Polemik werde ich mir nicht l�nger ��</p><p>�Jetzt h�r mir mal gut zu, Walter�, wurde es Zaisser, dem das Idiom seines Gespr�chspartners den letzten Nerv t�tete, allm�hlich zu bunt. �Wenn du mich auf einmal siezt, ist mir das, ehrlich gesagt, egal. Als Generalsekret�r muss man schlie�lich auf Distanz gehen � klar. Aber wenn du mir f�r etwas, das wir alle auf unsere Kappe nehmen m�ssen, die Schuld in die Schuhe schieben willst, lasse ich mir das nicht bieten.�</p><p>�Vorsicht, Sie spielen mit dem Feuer.�</p><p>�Ganz wie Sie wollen, Genosse Ulbricht�, antwortete Zaisser mit versteinerter Miene und fuhr sich durch das sch�ttere, stets angefeuchtete und nach hinten gek�mmte Haar. �Dann wollen wir mal Tacheles reden.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass mir dein Ton gef�llt, Willy.�</p><p>�Na also, warum nicht gleich?�, antwortete Zaisser gedehnt und lie� sich in den gepolsterten B�rosessel sinken, den Panzerschrank im Auge, in dem s�mtliche Geheimnisse schlummerten, welche die F�hrungskader der DDR zu verbergen hatten. Weit mehr jedenfalls, als Ulbricht ahnte oder ihm zu �berlassen bereit gewesen w�re � je nachdem. �So ein Du schafft bekanntlich gleich eine intime Atmos��</p><p>Ausgerechnet jetzt, im denkbar ung�nstigsten Moment. Den H�rer am rechten, das Klopfen im linken Ohr, unterdr�ckte Zaisser seine aufkeimende Wut, brach mitten im Satz ab und sagte: �Wir h�ren voneinander, Walter.� Unmittelbar danach legte er auf.</p><p>�Wer, zum Teufel ��, setzte er daraufhin an, fest entschlossen, den St�renfried vor der T�r zurechtzuweisen. Wenn schon nicht Ulbricht, w�rde wenigstens er seinen Zorn zu sp�ren bekommen.</p><p>Doch Wilhelm Zaisser, einer der m�chtigsten, wenn nicht gar der m�chtigste Mann der DDR, hatte falsch gedacht.</p><p>Kaum hatte er den Blick n�mlich gehoben, fiel dieser auf einen lediglich 1,63 Meter gro�en, bulligen und eher ungepflegt wirkenden MfS-Beamten, bei dessen Anblick sich seine Wut quasi in nichts aufl�ste. Aus Gr�nden, die ihm selbst nicht ganz klar waren, empfand er so etwas wie Respekt vor ihm. Umso unverst�ndlicher, da es sich hier lediglich um seinen Stellvertreter handelte. Ein Mann, der es nach landl�ufiger Meinung in sich hatte. Brandgef�hrlich, geheimnisumwittert � und ohne jeden Skrupel.</p><p>�Bitte um Verzeihung, Genosse Minister�, scholl es durch das schmucklose, nach einer Mischung aus Bohnerwachs, Zigaretten und Bohnenkaffee riechende B�ro, dessen einzige Zierde ein roter Teppich war, der die Schritte des stellvertretenden Ministers f�r Staatssicherheit fast komplett verschluckte. �Aber Sie hatten mich auf 22 Uhr zu sich gebeten. Die allgemeine Lage, Sie verstehen.� Und ob er verstand.</p><p>�Ihre Einsch�tzung, Mielke?�, antwortete Zaisser reserviert und bedeutete der Nummer zwei der Stasi, auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen.</p><p>Sein Stellvertreter reagierte jedoch nicht darauf. �Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Genosse�, antwortete der 45-j�hrige SED-Funktion�r, cholerisch, grobschl�chtig und nicht �berm��ig intelligent, �w�rde ich lieber stehen. Ich denke, es gibt noch viel zu tun.�</p><p>Zaisser belie� es bei einem knappen Kopfnicken. �Die Lage?�</p><p>��beraus ernst, Genosse Minister � um nicht zu sagen bedrohlich.� Der stellvertretende Minister f�r Staatssicherheit machte ein grimmiges Gesicht, wie ein Bullterrier, der darauf wartet, von der Leine gelassen zu werden. �Aufrufe zum Generalstreik, zur deutschen Einheit, ja sogar zu gewaltt�tigem Losschlagen. Dar�ber hinaus Forderungen nach R�cknahme der Normenerh�hung, nach Senkung der Lebenshaltungskosten, nach freien und geheimen Wahlen und Verzicht auf jegliche Ma�regelung der Streikenden, insbesondere derjenigen in der Stalinallee.[21] Gepaart mit faschistisch-reaktion�rer Propaganda � wie zum Beispiel in diesem Pamphlet hier.� Die Sonderausgabe des �Abend� in der Hand, wich Mielke dem Blick seines Vorgesetzten aus, lie� sie auf dessen Schreibtisch fallen und zitierte: ��Ostberliner Arbeiter rufen zum Generalstreik gegen ihre Unterdr�cker auf� � deutlicher geht es wohl nicht, oder?�</p><p>�Scheint so�, murmelte Zaisser bei der Lekt�re des Artikels, der seine Laune unter null sinken lie�. �Und was nun?�</p><p>Eine Frage, auf die Mielke nur gewartet zu haben schien. �Sofortige Gegenma�nahmen!�, schnarrte er, einem Soldaten beim Appell zum Verwechseln �hnlich. �Als da sind: Zerschlagung der faschistischen Widerstandsnester, Ergreifung der Schuldigen und umgehende Wiederherstellung der �ffentlichen Sicherheit und Ordnung.�</p><p>�Und was, wenn diese Ma�nahmen nicht greifen?�</p><p>�Beistandsersuchen an die sozialistischen Bruderl�nder und Liquidierung der imperialistischen Agenten, die sich den Untergang unseres sozialistischen Vaterlandes zum Ziel gesetzt haben.�</p><p>Kalkwei� im Gesicht, hielt es Zaisser nicht mehr auf dem Sitz. �Wie bitte?�, presste er hervor, au�erstande, seine Erregung zu z�geln. �Habe ich da eben richtig geh�rt? Sie wollen die Russen um Hilfe bitten, uns zu einem hilflosen Popanz degradieren?�</p><p>�Wenn es sein muss � ja.�</p><p>�Mit welchem Ziel?�</p><p>�Neutralisierung s�mtlicher Spione, Verr�ter, Aufwiegler und CIA-Agenten. Wenn m�glich, innerhalb k�rzester Zeit.�</p><p>��Neutralisierung�, so, so.� Das vorspringende Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt, begann Zaisser hinter seinem Schreibtisch auf und ab zu gehen. Als einer der wenigen, die wussten, wie es um die DDR stand, durfte er die Warnungen, die ihn im Laufe des Tages erreicht hatten, nat�rlich nicht ignorieren. Schon gar nicht im Angesicht von Mielke, der ihm dies bei n�chstbester Gelegenheit unter die Nase reiben w�rde. �Ich darf wohl annehmen, Genosse�, schlug er deshalb wieder einen vers�hnlicheren Ton an, �dass Sie imstande sind, in Bezug auf Ihre Verschw�rungstheorie die entsprechenden Beweise vorzulegen.�</p><p>�Mit dem gr��ten Vergn�gen, Genosse Minister.� Mielke konnte es kaum erwarten. Beflissen bis an die Grenze der Servilit�t, �ffnete er die Mappe, die er unter den linken Arm geklemmt hatte, entnahm ihr ein Foto und legte es behutsam auf den Tisch. �Bedienen Sie sich.�</p><p>�Wer ist das, wenn man fragen darf?�, murmelte Zaisser, nachdem er sich wieder an den Schreibtisch gesetzt und die auf 20 mal 30 Zentimeter vergr��erte Schwarz-Wei�-Aufnahme, auf der zwei in etwa gleichaltrige M�nner zu erkennen waren, im Licht seiner Schreibtischlampe begutachtet hatte. Der Minister f�r Staatssicherheit kratzte sich nachdenklich am Ohr. Eigentlich war ihm ja nicht nach Scherzen zumute. Um Mielke eins auszuwischen, war ihm allerdings jedes Mittel recht: �Doch nicht etwa zwei US-Agenten?�</p><p>Mielke verneinte.</p><p>�Ein Agent und seine Kontaktperson?�</p><p>�Das schon eher.�</p><p>Zaisser schaute auf und warf Mielke einen unwirschen Blick zu.</p><p>�Ein Verr�ter aus den eigenen Reihen und eine unbekannte Person, vermutlich Amerikaner.�</p><p>Zaisser pfiff �berrascht durch die Z�hne. �Tats�chlich?�</p><p>�Mit einem Faible f�r teure Klamotten, Salonl�we durch und durch.�</p><p>�Und das Prachtexemplar rechts von ihm?�</p><p>�Ist der Dreckskerl, mit dem ich von heute an eine Rechnung offen habe.�</p><p>�Aus den eigenen Reihen, sagen Sie?�</p><p>Mielke nickte, drehte die ge�ffnete Mappe um und bot sie Zaisser dar. �Bitte.�</p><p>Binnen Sekunden um Jahre gealtert, schob Zaisser das Foto beiseite, nahm das Geheimdossier entgegen und vertiefte sich in ein Schriftst�ck, auf dem sich die Aufschrift �streng geheim!� befand. Bis er sich wieder gefangen hatte, vergingen mehrere Minuten, und selbst dann kam er aus dem Kopfsch�tteln nicht mehr heraus. �Rembrandt?�, stie� er pl�tzlich hervor, nachdem er die Akte zum wiederholten Mal gelesen hatte.</p><p>�Sein Deckname�, erl�uterte Mielke, in einem Tonfall, der seine Verachtung �berdeutlich werden lie�. �Mit richtigem Namen hei�t das Schwein Curt Holl�nder und stammt aus ��</p><p>�Jahrgang 1914, geboren in Ostpreu�en, Abitur, unmittelbar danach Studium der Kunstgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universit�t�, rezitierte Zaisser, immer noch nicht ganz bei der Sache.</p><p>�Von daher auch sein Pseudonym.�</p><p>�Wie originell!�, grummelte Zaisser und murmelte: �Mit 22 Eintritt in die SS, Dienst in der SS-Panzer-Division �Das Reich� und kurz vor Kriegsende in der �Leibstandarte Adolf Hitler�. Gefangennahme durch die Rote Armee.� Puterrot vor Emp�rung, klappte der Minister den Aktendeckel zu und funkelte Mielke wutentbrannt an. �K�nnen Sie mir verraten, Sie Experte, wie es sein kann, dass sich ein gestandener Faschist wie dieser � dieser ��</p><p>�Holl�nder.�</p><p>�Belassen wir es lieber bei seinem Decknamen�, schnaubte Zaisser, warf einen Blick auf das Foto und knurrte: �Und aus welchem Grund ist dieser Rembrandt nicht auf der Stelle exekutiert oder auf Nimmerwiedersehen nach Sibirien deportiert worden?�</p><p>�Spitzeldienste im Kriegsgefangenenlager. Verrat von Fluchtpl�nen und detaillierte Angaben �ber die Vita seiner Kameraden. Speziell �ber diejenigen aus der SS.�</p><p>�Verstehe.� Um einiges nachdenklicher, st�tzte Zaisser die Ellbogen auf die Schreibtischkante und lie� sein Gesicht hinter den Handfl�chen verschwinden. �Und in welcher Abteilung treibt sich die Ratte herum?�</p><p>�In der HVA.�[22]</p><p>�Wie praktisch.�</p><p>�Als OibE.�</p><p>�Ganz sch�ner Flurschaden, Mielke. Und das ausgerechnet jetzt.�</p><p>�Dennoch kein Anlass zum Pessimismus, wenn die Bemerkung gestattet ist.�</p><p>Zaisser hob den Kopf und sah Mielke entgeistert an. �Und worauf � wenn die Bemerkung gestattet ist ��, �ffte er seinen Gespr�chspartner nach, �gr�ndet sich Ihre Zuversicht?�</p><p>Die Antwort der grauen Eminenz im Ministerium f�r Staatssicherheit kam prompt. �Darauf, dass Leutnant Lippmann, ein zuverl�ssiger Kader in Westberlin, ihm seit geraumer Zeit auf den Fersen ist. �brigens der Mann, der Holl�nder bei seinem kleinen Plausch im Caf� Kranzler abgelichtet hat. Unbemerkt, wie ich wohl nicht extra hinzuf�gen muss.� Ein L�cheln, f�r seine Verh�ltnisse fast eine Entgleisung, huschte �ber Mielkes Gesicht. �Ihre Direktiven, Genosse Minister?�</p><p>�Unauff�llige Beschattung�, erwiderte Zaisser, pl�tzlich wie ausgewechselt. �Zumindest so lange, bis wir wissen, mit wem dieser Holl�nder in Verbindung steht. Und in welcher Sache. Liquidierung nur bei Fluchtgefahr, ist das klar? Erst die Arbeit, dann das Vergn�gen. Mit anderen Worten � sollten wir den Schlamassel, in dem wir stecken, heil �berstehen, kn�pfe ich mir diesen Holl�nder vor.� Zaisser setzte eine grimmige Miene auf, noch verbissener, als er ohnehin wirkte. �H�chstpers�nlich.�</p><p>�Ihr Wunsch sei mir Befehl, Genosse.�</p><p>�Wenn wir gerade dabei sind � worum hat es sich in dem Gespr�ch zwischen Rembrandt und diesem Yankee-Fatzke �berhaupt gedreht?�</p><p>Fast schon an der T�r, hielt Mielke inne und drehte sich ohne erkennbare Anzeichen von Eile um. �Dem Vernehmen nach um das Bernsteinzimmer�, antwortete er, ein sibyllinisches L�cheln im Gesicht. �Hatte ich das nicht erw�hnt?�</p><empty-line/></section><section><p><strong>11</strong></p><p><emphasis>Ostberlin, Bahnhof Friedrichstra�e | 22.45 h</emphasis></p><p>Er war der Mann mit den vielen Gesichtern, charmant, weltoffen und gebildet, zuweilen auch grob, r�cksichtslos und brutal und so skrupellos, dass er seinesgleichen suchte. Er war der Mann, auf den die Frauen flogen, schlank, aber nicht zu sehr, gut gebaut und dunkel�ugig, mit einnehmendem, fast hypnotischem Blick und walnussfarbenem, kaum zu b�ndigendem Haar. Dank dieses Blickes und der F�higkeit, die jeweiligen Gespr�chspartner v�llig f�r sich einzunehmen, hatten diese das Gef�hl, der Sohn eines betuchten Gemischtwarenh�ndlers aus dem ostpreu�ischen Gumbinnen sei ausschlie�lich an ihnen, und nur an ihnen interessiert. Es war diese F�higkeit, die ihn fast nie auf taube Ohren sto�en lie�, in welchen Kreisen er sich auch bewegte.</p><p>Dar�ber hinaus besa� Curt Holl�nder, Offizier im besonderen Einsatz, Oberleutnant der Staatssicherheit und Wagner-Verehrer, die F�higkeit, in jede beliebige Rolle zu schl�pfen. Und sei sie auch noch so ausgefallen. Hier Folterknecht, da Charmeur. Bei ihm funktionierte so etwas auf Knopfdruck. Nicht etwa, weil er ein �berm��ig begabter Schauspieler gewesen w�re, sondern weil er Worte wie Prinzipientreue, Loyalit�t und Standfestigkeit nur vom H�rensagen kannte. Holl�nder war v�llig gewissenlos, ein in seiner Zunft n�tzliches, wenn nicht gar unverzichtbares Requisit. Das einzig Wichtige f�r ihn war, auf der Seite der Sieger zu stehen. Daf�r w�rde er alles, aber auch alles tun.</p><p>Wenn es sein musste, sogar den Leichnam eines ehemaligen Kameraden ausbuddeln.</p><p>In Gedanken bereits bei seinem Vorhaben, kramte Rembrandt eine zerknitterte Anzeige aus seiner Tasche und �berflog den Text.</p><p>�In aller Stille nehmen wir Abschied von unserem Ehemann, Vater, Bruder, Schwager und Onkel, Hans-Hinrich von Oertzen, (*17.9.1917, �4.6.1953). Wir werden ihm stets ein ehrenvolles Andenken bewahren.�</p><p>Die Todesanzeige in der rechten, sein Feuerzeug in der anderen Hand, entz�ndete Rembrandt den Zeitungsausschnitt und hielt ihn so lange in der Hand, bis die bl�ulich-gelbe Flamme seinen Daumen beinahe erreicht hatte. Dann lie� er das Feuerzeug wieder in die Tasche gleiten, �ffnete den Abfallbeh�lter und lie� die sp�rlichen Reste darin verschwinden. Holl�nder lachte leise in sich hinein. Der gute alte von Oertzen. Vorzeigearier vom Scheitel bis zur Sohle, auch optisch. Gardema�, blond, blau�ugig und von edelstem Gebl�t. SS-Standartenf�hrer. Ein nordischer Recke wie aus der Rassenfibel.</p><p>Genau der Mann, nach dem er jahrelang auf der Suche gewesen war.</p><p>Im Begriff, in H�he der Museumsinsel aus einem Waggon der Linie 5 zu sehen, blieb Holl�nders Blick an seinem Spiegelbild haften. Der Impresario mit dem d�Artagnan-Bart, eine seiner Paraderollen, hatte ausgespielt. Nicht zuletzt deshalb hatte er seine Klamotten gewechselt, sich rasiert und seine Lockenpracht kr�ftig gestutzt, wenngleich er sich nicht dazu hatte durchringen k�nnen, auf seinen exotischen Bartschmuck zu verzichten. Kein Zweifel, im alles entscheidenden Moment war der Mann ohne Gesicht gefragt, nicht der, den die Kameraden im Krieg Professor getauft hatten. Dabei konnte Holl�nder wirklich nicht von sich behaupten, dass er musisch oder k�nstlerisch desinteressiert war. Ganz im Gegenteil. Schlie�lich hatte er nach dem Abitur Kunstgeschichte studiert und es diesbez�glich zu profunden Kenntnissen gebracht. Wirklich Feuer gefangen hatte er jedoch nie, und so war es f�r ihn kein Verlust gewesen, als sich aufgrund der Beziehungen seines Vaters die Chance f�r eine Karriere in der SS ergeben hatte. Rembrandt fuhr mit dem Zeigefinger �ber seinen Musketierbart und l�chelte. Dieses Ges�lze von Ariertum, der �berlegenheit der nordischen Rasse und unverbr�chlicher Treue zum F�hrer war ihm zwar von Anbeginn zuwider gewesen, geschadet hatte es seiner Karriere allerdings nicht, war er schlie�lich dadurch in die unmittelbare N�he zur Macht ger�ckt, auf Tuchf�hlung sozusagen. Wenn nicht die Frauen, dann war es die Karriere gewesen, die ihn stets angezogen hatte. Macht, entsprechende Beziehungen und die M�glichkeit, nach Kr�ften davon zu profitieren. Profit, pers�nliche Vorteile und das Kapital, welches sich aus dem Wissen um die Geheimnisse der M�chtigen schlagen lie�. Darauf, und nur darauf kam es an.</p><p>Apropos Geheimnis. Wenn es eines gab, hinter dem die halbe Welt her war, dann das, dessen Entr�tselung er sich mit Haut und Haaren verschrieben hatte. Auf einen Schlag wie elektrisiert, sprang Rembrandt auf, blieb aber auf halbem Weg zur Waggont�r stehen. Allein der Gedanke an das Bernsteinzimmer hatte gen�gt, um ihn die sozialistische Tristesse ringsum vergessen zu lassen. Keine Macht der Welt, am allerwenigsten eine Frau, w�rde ihm so kurz vor dem Ziel einen Strich durch die Rechnung machen. Ein habgieriges Funkeln trat in Rembrandts Gesicht, ungeachtet der adretten Blondine, die ihn aufmerksam be�ugte. Wandvert�felungen aus Bernstein, jede davon ein Verm�gen wert. Dazu Spiegelpilaster, Steinmosaiken und Schnitzwerk, sorgsam verpackt in 24 Kisten. Eines der kostbarsten Kunstwerke, das die Welt je gesehen hatte, und er, Curt Holl�nder, w�rde den Finderlohn daf�r kassieren. Vorausgesetzt, es k�me ihm niemand in die Quere. Rembrandts Miene verfinsterte sich wieder und nahm einen d�monischen Ausdruck an. Panzergrenadier Benjamin Kempa, Weichling vom Scheitel bis zur Sohle, bei der SS v�llig fehl am Platz. Ausgerechnet er hatte versucht, ihn zu �bert�lpeln. Obwohl er ganz genau h�tte wissen m�ssen, mit wem er sich anlegte.</p><p>�Bahnhof Friedrichstra�e. Bitte aussteigen, der Zug endet hier.� In Gedanken bei seiner Zeit in der SS, holte ihn die Durchsage auf dem Bahnsteig in die Gegenwart zur�ck. Wieder ganz der Alte, sah sich der Mann mit den vielen Gesichtern argw�hnisch um, stieg aus und steuerte auf die Stufen zu, die hinunter zum U-Bahnhof f�hrten. Um potenzielle Verfolger abzusch�tteln, bestieg er einen Zug der Linie 6, wartete bis kurz vor der Abfahrt und stieg in letzter Sekunde wieder aus. Danach kehrte er wieder in die Bahnhofshalle zur�ck, halbwegs sicher, von nun an freie Bahn zu haben. Dabei fiel ihm ein Transparent auf, und obwohl er momentan andere Sorgen hatte, w�re er bei dessen Lekt�re beinahe in Gel�chter ausgebrochen. �Von der Sowjetunion lernen, hei�t siegen lernen�, war auf dem Spruchband zu lesen.</p><p>Welch ein Hohn.</p><p>Ein Gl�ck, dass seine Tage in Diensten der Stasi gez�hlt waren. Gut gelaunt wie schon lange nicht mehr, lie� Rembrandt den Blick durch die g�hnend leere Bahnhofshalle schweifen. Kurz darauf, offenbar allein auf weiter Flur, ging er zum �ffentlichen M�nzfernsprecher, griff zum H�rer, w�hlte und �bermittelte die k�rzeste Nachricht seines Lebens. Eine Nachricht, die nur aus einem einzigen Wort bestand: �Ostseegold�. Dann h�ngte er auf und schlenderte ohne erkennbare Eile zum Haupteingang.</p><p>Die H�nde in einen Trenchcoat gesteckt, der ebenso unauff�llig wie sch�big war, trat Rembrandt auf die Stra�e. Es war ruhig hier drau�en, derma�en ruhig, dass es einem schon wieder verd�chtig vorkam. Vor dem Eingang waren zwei Taxifahrer in ein hitziges Gespr�ch vertieft, das war auch schon alles. Fahles Laternenlicht, Nieselregen und Pf�tzen, in denen sich eine bleifarbene Br�he staute. Und immer noch Ruinen, mehr als acht Jahre nach dem Krieg. Realistischer h�tte man den Sozialismus nicht darstellen k�nnen.</p><p>Doch damit, vor allem mit diesen Schei�parolen, dem d�mlichen Propagandagequatsche und Herbeireden einer goldenen Zukunft, war jetzt ein f�r alle Mal Schluss. An das, was die Berufsoptimisten aus der Partei vom Stapel lie�en, glaubten ja wohl selbst die treuesten J�nger der SED nicht mehr.</p><p>Auferstanden aus Ruinen[23] � von wegen.</p><p>Ohne sich umzudrehen, beschleunigte Rembrandt seinen Schritt und schlug den Weg in Richtung Linden ein. Obwohl es auf Mitternacht zuging, war die Schw�le, unter der Berlin �chzte, immer noch nicht abgeklungen, und nach ein paar Hundert Metern tropfte dem Offizier im besonderen Einsatz bereits der Schwei� von der Stirn. Aus den Gullys am Stra�enrand stiegen grauwei�e Dunstschwaden empor, kein Mensch, nicht einmal ein Vopo, kreuzte seinen Weg. Eine unertr�gliche, fast mit H�nden zu greifende Spannung lag �ber der Stadt, doch Rembrandt, in Gedanken l�ngst woanders, bekam davon nichts mit. F�r ihn z�hlte nur noch eins: sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Alles andere, das Schicksal des Arbeiter- und- Bauernstaates mit eingeschlossen, war ihm vollkommen egal.</p><p>Hauptsache, er kam unbehelligt nach dr�ben.</p><p>An der Ecke Linden-Friedrichstra�e, nur wenige Gehminuten vom Brandenburger Tor entfernt, sollte sich diese Hoffnung jedoch zerschlagen. Unter normalen Umst�nden h�tte er die Zivilstreife, die auf ihn zusteuerte, bereits hundert Meter gegen den Wind gerochen. Aber was, st�hnte Rembrandt innerlich auf, w�hrend er nach seinem Dienstausweis tastete, ist am heutigen Tag schon normal. Gar nichts. Was er auf Teufel komm raus hatte vermeiden wollen, trat nun ein, und obwohl er die beste aller Ausreden parat hatte, machte sich schleichendes Unbehagen in ihm breit.</p><p>Die Rettung kam in allerletzter Sekunde, in Gestalt eines dunklen 62er Cadillac mit amerikanischem Nummernschild und der Plakette CD[24]. Rembrandt atmete h�rbar auf. Auf Deputy Director Grant und seine Handlanger in Berlin war eben doch Verlass.</p><p>�Volkspolizei � Ihren Aus��, war das Einzige, was der �ltere der beiden Streifenbeamten, ein Wachtmeister mit dem Gesicht einer Dogge, herausbrachte. Dann hielt der Cadillac an und Rembrandt stieg ein.</p><p>�Hatten Sie einen erfolgreichen Tag?�, fragte der CIA-Beamte, als der Mann, dessen Namen er nicht kannte, auf dem R�cksitz Platz genommen hatte.</p><p>�Kann man wohl sagen�, antwortete Rembrandt auf Englisch, als der Wagen des amerikanischen Milit�rattach�s unbehelligt das Brandenburger Tor passierte. �Und soll ich Ihnen was sagen? Er wird noch wesentlich erfolgreicher werden.�</p></section><section><p><strong>12</strong></p><p><emphasis>Berlin-Zehlendorf, Waldfriedhof | 23.50 h</emphasis></p><p>Erich Mielkes Mann in Westberlin war nicht viel gr��er als ein Kind, zum Schein als Journalist t�tig und einer der zuverl�ssigsten M�nner, �ber welche das MfS verf�gte. Unter den dortigen Agenten war der umtriebige, stets zu Scherzen aufgelegte Sportreporter mit dem Pepita-Hut schon l�ngst eine Legende. Im Gegensatz zu etlichen KPD-Funktion�ren, die durch die H�lle des KZs Oranienburg gegangen waren, hatte der unverw�stliche kleine Pankower n�mlich stets dichtgehalten, und das volle acht Jahre lang, bis zu seiner Befreiung durch die Rote Armee. Neben ausgepr�gter Beharrlichkeit und seinem �berlebenswillen war es vor allem eine F�higkeit, die ihn auszeichnete, n�mlich die, jeden auch noch so misstrauischen Agenten der Gegenseite aufzusp�ren, unauff�llig zu observieren und obendrein gestochen scharfe Bilder zu schie�en.</p><p>Mit den K�rperkr�ften von Willy Lippmann, Lebendgewicht 58 Kilo, war es dagegen nicht so weit her. Das hatte er im Verlauf der vergangenen eineinhalb Stunden wieder einmal zur Gen�ge erfahren m�ssen.</p><p>Nass bis auf die Haut, stie� der kleinw�chsige Agent der Staatssicherheit seine Schaufel in die feuchtwarme, vom letzten Sturzregen aufgeweichte Erde, richtete sich auf und lie� die Hand �ber seinen deformierten R�cken gleiten. Mein Andenken an die Zeit im KZ!, pflegte er bisweilen zu scherzen, aber danach war ihm momentan nicht zumute. Zuallererst musste er n�mlich zusehen, wie er seinen Hintern in Sicherheit brachte. Und danach w�rde er diesem Lackaffen die Rechnung pr�sentieren. St�ck f�r St�ck, ohne Erbarmen. F�r das, was Rembrandt auf dem Kerbholz hatte, w�rde dieser Salon-Kommunist bezahlen. Das war so gewiss wie das Amen in der Kirche. H�tte man ihn, Lippmann, gew�hren lassen, w�ren die Tage dieses Verr�ters ohnehin l�ngst gez�hlt gewesen. Geh�rte die gegenw�rtige Mission doch zum Makabersten, mit dem er im Verlauf seiner Agentenkarriere konfrontiert worden war. Mit Abstand. Auf die Idee, einen Toten auszugraben, w�re vermutlich nicht einmal die Gestapo gekommen. Und das wollte bekanntlich etwas hei�en.</p><p>Fernes Donnergrollen im Ohr, durch das sich der n�chste Regenguss ank�ndigte, zuckte der Leutnant der Staatssicherheit j�h zusammen. Fast gleichzeitig fiel sein Blick auf die Inschrift, welche sich auf dem Grabstein aus Rosengranit befand. �Hans-Hinrich von Oertzen� stand darauf in gotischen Lettern geschrieben, �17.9.1917-4.6.1953�. H�rt sich ganz nach Krautjunker an, mutma�te Lippmann, bestimmt einer, mit dem die Genossen in der Normannenstra�e noch eine Rechnung offen hatten. Und zwar eine ziemlich hohe. Anders konnte er sich den Auftrag, der ihm mithilfe eines verschl�sselten Funkspruchs �bermittelt worden war, nicht erkl�ren.</p><p>�Und dann auch noch unp�nktlich.� Der vermeintliche Sportreporter, in Stasi-Kreisen unter dem Decknamen �Laurin� bekannt, lie� die angestaute Atemluft entweichen und trat einige Schritte zur�ck. Der Geruch, der ihm aus dem offenen Grab in die Nase stieg, war infernalisch. Eine Mischung aus F�ulnis, Moder und fortgeschrittener Verwesung und somit nichts f�r schwache Nerven. Selbst f�r ihn, der er im KZ mit allen m�glichen Gr�ueltaten konfrontiert worden war, definitiv nicht zu ertragen.</p><p>Um sich abzulenken, aber auch, um den Gedanken an das Kommende auszuweichen, lie� Laurin sein Feuerzeug aufleuchten und sah auf die Uhr. Kurz vor Mitternacht, �bte er sich in Galgenhumor. Gewitterschw�le. Wie passend. Von den �sten der Kiefer, unter die er sich zur�ckgezogen hatte, tropfte die Feuchtigkeit, und wie er so ausharrte, umgeben von Dunstschwaden, Gr�bern und einem Marmorengel, der seine mit Moosflechten bedeckten Schwingen im mittern�chtlichen Zwielicht ausbreitete, beschlich ihn das Gef�hl, das alles hier sei nur ein Traum. Oder etwas weitaus Schlimmeres.</p><p>�Na, schon fertig, Genosse?�</p><p>�Mann, haben Sie mich vielleicht erschreckt!� Wachsbleich im Gesicht, wirbelte Laurin herum. Wie es die Gestalt im Trenchcoat geschafft hatte, sich unbemerkt an ihn heranzupirschen, war ihm schleierhaft. Einen fl�chtigen Moment lang, die Hand bereits am Abzug seiner Tokarew, dr�ngte sich ihm der Gedanke auf, hier k�nne es sich nur um ein Hirngespinst handeln. Doch weit gefehlt.</p><p>�Weshalb so unwirsch, Genosse? Von mir haben Sie nichts zu bef�rchten.� Rembrandt z�ckte sein Feuerzeug, z�ndete sich eine KARO-Zigarette an und neigte den Kopf zur Seite, ein g�nnerhaftes L�cheln im Gesicht. �Wie ich sehe, haben Sie gute Arbeit geleistet.�</p><p>�Danke f�r die Blumen.�</p><p>�Ehre, wem Ehre geb�hrt�, scherzte Rembrandt und inspizierte das offene Grab, wobei sich Laurin der Eindruck aufdr�ngte, sein F�hrungsoffizier verwechsle den Friedhof mit einer Vernissage. �H�bsch, wirklich sehr h�bsch.�</p><p>�Und was nun?�</p><p>�Sprach Lenin und schickte seine Kinder ins Bett.�</p><p>�Selten so gelacht, Genosse.� Au�erstande, mit seiner Antipathie hinterm Berg zu halten, ballte Laurin die Faust, bis die Kn�chel hervortraten, und bedachte Rembrandt mit einem finsteren Blick.</p><p>�Aber, aber, wer wird denn gleich patzig werden�, bes�nftigte Rembrandt den zwei K�pfe kleineren, ihm hoffnungslos unterlegenen Kontrahenten. �Nur ein kleiner Scherz am Rande.�</p><p>�Besten Dank. Was das angeht, ist mein Bedarf gedeckt.�</p><p>�Na sch�n � ganz wie Sie wollen!�, brach es aus Rembrandt ohne erkennbare Anzeichen von Groll hervor. Laurin war v�llig �berrumpelt. �Dann eben zum Gesch�ftlichen. Finger weg von der Waffe, Genosse, sonst muss ich andere Methoden anwenden.�</p><p>�Was erlauben Sie sich eigentlich? Noch ein Wort, und ich werde mich bei Mielke �ber Sie ��</p><p>�Gar nichts werden Sie. Ihre Waffe � aber ein bisschen dalli! Raus aus dem Halfter und her damit!�</p><p>Ein Blick auf Rembrandts ausgebeulten Trenchcoat, und Lippman hatte verstanden. Laurins Tokarew in der linken Hand, nahm Rembrandt die Finger vom Abzug, f�hrte sie zum Mund und sog gen�sslich an seiner Zigarette. Gerade so, als sei dies ein gem�tlicher Plausch unter Freunden. Geraume Zeit sp�ter, als er sie fast zu Ende geraucht hatte, schnippte er die Kippe ins nahe Gestr�pp, zwinkerte Laurin zu und richtete die eigene Waffe auf ihn. �Etwas dagegen, wenn ich Ihnen einen Rat gebe, Genosse?�, fragte er in hochtrabendem Ton.</p><p>Die Knie weich wie Butter, sch�ttelte Laurin den Kopf.</p><p>�Ein Berufswechsel st�nde Ihnen gut zu Gesicht. Nicht gerade professionell, Ihr Verhalten.�</p><p>�Sag, was du von mir verlangst, und dann ��</p><p>�Einen Freundschaftsdienst unter frischgebackenen Duzbr�dern�, feixte Rembrandt, �mehr nicht.�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Du wirst jetzt in die Grube klettern, den Sarg aufknacken und etwas zutage f�rdern, das von au�erordentlicher Wichtigkeit ist. F�r mich!�, erl�uterte Rembrandt s�ffisant, �damit wir uns richtig verstehen.�</p><p>�Fahr zur H�lle, Verr�terschwein!�, schleuderte ihm Laurin ins Gesicht, dessen Couragiertheit unmittelbar darauf einen herben D�mpfer erlitt. Die M�ndung der Tokarew, die er an der schwei�verklebten Stirn sp�rte, sprach eine zu deutliche Sprache.</p><p>Und so tat Willy Lippmann, linientreuer Kommunist und Agent aus �berzeugung, genau das, was sein Gegen�ber von ihm verlangte.</p><p>Am Fu�ende des Sarges angekommen, schnappte Laurin nach Luft. Hier wimmelte es nur so von Regenw�rmern, Maden und allen nur erdenklichen Kriechtieren, und als er den Blick hob, sah er, wie im Lichtkegel von Rembrandts Taschenlampe ein Borkenk�fer �ber den Sargdeckel spazierte. Laurin w�rgte, h�tte sich beinahe �bergeben. Zum Henker mit dir!, h�mmerte es ihm durch den Sch�del, das Ger�usch des auffrischenden Windes im Ohr, der eine Handvoll aufgeh�ufter Erde wieder zur�ck in die Grube wehte. Bisher der Meinung, ihn k�nne nichts mehr ersch�ttern, wurde Laurin eines Besseren belehrt. Himmel und H�lle waren keine Erfindung. Vor allem Letztere nicht. Die H�lle existierte wirklich, und der Teufel auch.</p><p>�Nur keine Scheu, Agent Laurin!�, rief ihm der Mann, der Lippmanns Eindr�cken zufolge in dessen Fu�stapfen getreten war, wie aus weiter Ferne zu. �Gleich ist es geschafft.� Rembrandt gluckste. �Jemand wie du wird doch ausgerechnet jetzt nicht schlappmachen. An den Anblick von Toten bist du ja gew�hnt. Und was, frage ich dich, ist denn schon dabei, wenn man einem toten SS-Standartenf�hrer einen kleinen H�flichkeitsbesuch abstattet? Rein gar nichts. Zugegeben, zehn Tage nach der Beerdigung werden gewisse � wie dr�cke ich mich jetzt m�glichst taktvoll aus? � genau! Um deine zarte Kommunistenseele nicht allzu sehr zu strapazieren, tust du gut daran, �ber den k�rperlichen Zustand von SS-Standartenf�hrer Hans-Hinrich von Oertzen einfach hinwegzusehen. Absolut normal, dass sich das Fleisch bereits in Wohlgefallen aufl�st. Oder dass die Haare gleich b�schelweise ausfallen. Oder dass die Knochen langsam zum Vorschein kommen. �ber die lieben kleinen Tierchen, die sich an ihm g�tlich getan haben, wollen wir gar nicht erst reden.�</p><p>Die Tokarew im Anschlag, lie� Rembrandt die Taschenlampe �ber die L�ngsseite des Buchenholzsarges gleiten. Hie und da klafften bereits einzelne L�cher, vor denen es von Maden nur so wimmelte.</p><p>�Und jetzt zum wichtigsten Teil unserer kleinen Mutprobe�, lie� er theatralisch verlauten, der sich an dem schreckensbleichen H�ufchen Elend namens Willy Lippmann einfach nicht sattsehen konnte. �Wenn mich nicht alles t�uscht, wirst du in der Brusttasche meines ehemaligen Vorgesetzten ein sorgsam gefaltetes Schriftst�ck vorfinden. Eine Art Schatzkarte, um dich richtig ins Bild zu setzen.� Auf Rembrandts Gesicht tauchte ein selbstgef�lliges Grinsen auf. �Das hei�t, du wirst jetzt deinen ganzen Mumm zusammennehmen, den Sarg �ffnen, besagtes Schriftst�ck an dich nehmen und es mir �bergeben. Ohne Fisimatenten, versteht sich. Ach ja � das Ritterkreuz, an dem Herrn von Oertzen so sehr gelegen war, kannst du �brigens behalten. Als Belohnung sozusagen.� Rembrandt brach in affektiertes Gel�chter aus. �So viel zu deiner Mission. Vorausgesetzt, sie verl�uft zu meiner Zufriedenheit, werden sich unsere Wege wieder trennen. F�r immer. Hier, Genosse, deine Spitzhacke, damit du dich nicht zu sehr abm�hen musst.�</p><p>*</p><p>�He, was soll das? Hilf mir gef�lligst wieder raus, du ��</p><p>�Ich h�re?� W�hrend Rembrandt das vergilbte und in Plastikfolie eingeschwei�te Schriftst�ck in seinem Trenchcoat verschwinden lie�, blickte er mit versteinerter Miene auf seinen Agenten-Kollegen hinab. Der Wind wurde st�rker und das Donnergrollen im Osten r�ckte langsam n�her. �Noch irgendwelche W�nsche?�</p><p>�Zieh mich hoch, du Schei�kerl, sonst kriegst du es mit mir zu tun!� Au�erstande, ohne fremde Hilfe wieder an die Oberfl�che zu gelangen, mobilisierte Laurin seine letzten Kr�fte. Die Falle, in die er sich hatte man�vrieren lassen, war jedoch zugeschnappt. S�mtliche Versuche, ihr zu entrinnen, von vornherein zum Scheitern verurteilt.</p><p>�Mit dir?�, �ffte Rembrandt das Gekl�ffe von Lippmann nach, nur eine Handbreit vom Fu�ende des Grabes entfernt. �Der gr��te Unfug seit dem Kommunistischen Manifest, Genosse.�</p><p>�Kommst dir wohl reichlich schlau vor, Kanalratte!�, schrie Laurin und drohte seinem Gegenspieler mit der Faust. �Dabei haben sie dich schon lange auf dem Kieker.�</p><p>�Und wer sind �die�, bitte sch�n?�, fragte Rembrandt im gewohnten Plauderton und zerquetschte, als sein Kontrahent bereits Morgenluft witterte, Laurins linke Hand. Ohne Gef�hlsregung, gerade so, als trete er eine Kippe aus. Dessen Antwort, so denn �berhaupt eine von ihm erwartet wurde, ging in einer Mischung aus Schmerzenslauten, Wutgeheul und kl�glichem Winseln unter.</p><p>�Raus mit der Sprache, du Zwerg!�, fuhr der Oberleutnant der Stasi sein Opfer an, z�ckte die Tokarew und reckte sie ihm entgegen. �Sonst zwingst du mich dazu, andere Me��</p><p>Fast besinnungslos vor Schmerzen, hangelte Lippmann eine Fotografie aus der Ges��tasche und reckte sie mit zitternder Hand in die H�he. �Na, und was jetzt?�</p><p>Ohne ihn eines Blickes zu w�rdigen, riss Rembrandt ihm das Foto aus der Hand, z�ckte sein Feuerzeug und betrachtete die Aufnahme n�her. Bei ihrem Anblick verschlug es ihm die Sprache.</p><p>�Gute Arbeit, Lippmann�, murmelte er, weit entfernt von der Abgebr�htheit, die er sonst an den Tag legte. �Gute Arbeit.�</p><p>Im Bewusstsein, das eigene Todesurteil unterschrieben zu haben, lie� Laurin seinem Groll freien Lauf. �Etwas dagegen, wenn ich dir einen Rat gebe, Genosse?�, ahmte er den verhassten Oberleutnant nach. �Ein Berufswechsel st�nde dir gut zu ��</p><p>Weiter kam Willy Lippmann, der sich zu Recht auf der Verliererstra�e w�hnte, jedoch nicht. Fast zeitgleich mit einem Blitz, der sich unweit des Grabes von SS-Standartenf�hrer von Oertzen in die Erde des Zehlendorfer Waldfriedhofes bohrte, traf ihn eine Kugel aus dem Lauf der Tokarew mitten in die Stirn.</p><p>Mit einer derartigen Pr�zision, dass ein zweiter Schuss reine Verschwendung gewesen w�re.</p><p>�Das zum Thema Berufswechsel�, bel�chelte ihn Rembrandt, nachdem der K�rper seines Widersachers auf dem demolierten Sarg aufgeschlagen war. �Ich hoffe, ihr beide vertragt euch gut.�</p><p>Anschlie�end klemmte er die Tokarew hinter seinen G�rtel, entledigte sich seines Trenchcoats und griff zum Spaten, um die Spuren seiner Tat zu beseitigen.</p><p>Es gab noch viel zu tun heute Nacht.</p><p>Weit mehr, als ihm lieb war.</p><empty-line/></section><section><p><strong>13</strong></p><p><emphasis>Berlin-Wilmersdorf, Koenigsallee | 01.45 h</emphasis></p><p>�Du brauchst eine Frau, Tom�, sch�rfte Luise von Zitzewitz, knapp 80-j�hrige Witwe eines pommerschen Junkers, ihrem Neffen Tom Sydow ein. An den leichten Schlaganfall, den sie vor gut vier Stunden erlitten hatte, verschwendete sie offenbar keinen Gedanken mehr.</p><p>�Na, du machst mir vielleicht Spa�, Tante Lu�, lachte Sydow am�siert auf, einmal mehr voller Dankbarkeit f�r die Frau, die ihn immer wieder aufgep�ppelt hatte, r�ckte den Stuhl n�her an die Chaiselongue und t�tschelte ihre Hand. �Das Wichtigste ist doch wohl, dass es dir wieder besser geht.�</p><p>�Ob du�s nun h�ren willst oder nicht�, insistierte die resolute alte Dame, deren rollendes R im Verein mit ihrer rauchigen Stimme stark an Zarah Leander erinnerte, �du brauchst eine Frau. Nicht morgen oder �bermorgen, sondern am besten heute. Punkt.�</p><p>Beim Anblick der als spr�de verschrienen Hausherrin, die mit Argusaugen �ber sein Wohlergehen wachte, huschte ein liebevolles L�cheln �ber Tom Sydows Gesicht. In abgewandelter Form hatte er den gut gemeinten Rat ja bereits aus dem Mund von Lili geh�rt. Folglich musste etwas dran sein, besonders, wenn zwei so unterschiedliche Frauen wie eine Animierdame und ein pommerscher Dragoner vom Schlage seiner Tante zu der gleichen Schlussfolgerung gekommen waren.</p><p>�Und woher nehmen und nicht stehlen?�</p><p>�Eine berechtigte Frage�, konzedierte Luise von Zitzewitz, richtete sich trotz abwehrender Gestik von Sydow auf und r�ckte die Silberbrosche zurecht, eines der wenigen Erinnerungsst�cke, die sie auf ihrer Flucht in den Westen hatte retten k�nnen. �Wenn du willst, kann ich mich mal f�r dich um��</p><p>�Untersteh dich, Tante Lu!�, drohte Sydow mit erhobenem Zeigefinger, die Andeutung eines Stirnrunzelns auf dem �bern�chtigten Gesicht. �Angelegenheiten wie diese m�chte ich lieber selbst regeln.� Sydow gl�ttete die Decke, in die sich seine Tante geh�llt hatte, und schob ihr ein Kissen ins Genick. Das half. Die Patientin, dank Spitzenkragen, Lesebrille und hochgesteckter Locken Adele Sandrock[25] zum Verwechslen �hnlich, dankte es ihm mit einem huldvollen Kopfnicken und lie� das Thema auf sich beruhen. �Und au�erdem kann ich mich vor Arbeit kaum retten. Ich und heiraten � ein Ding der Unm�glichkeit.�</p><p>�Schon wieder ein Mord?�, fragte seine Tante mit lauerndem Blick, wobei das rollende R apokalyptische Ausma�e annahm.</p><p>�Und was f�r einer.�</p><p>�Da haben wir�s mal wieder!�, schimpfte Luise von Zitzewitz und lie� das Parkett ihrer guten Stube mithilfe eines Stocks mit Elfenbeinknauf, ihrer bevorzugten Waffe, weithin h�rbar erzittern. �Merk dir eins, mein Junge!�, verk�ndete die alte Dame, w�hrend sie kerzengerade auf ihrer Jugendstil-Chaiselongue thronte und den Blick auf das Portr�t des ehemaligen Reichspr�sidenten Paul von Hindenburg heftete, mit dem sie zuweilen geheime Zwiesprache hielt. �Im Verlauf dieses Jahrhunderts hat es zwei Katastrophen gegeben, die unser Vaterland an den Rand des Untergangs ��</p><p>�� gebracht haben�, erg�nzte Sydow gequ�lt und reichte seiner Tante eine Tasse Tee, um ihre vaterl�ndische Ader nicht �ber Geb�hr anschwellen zu lassen. �N�mlich die Abdankung Seiner Kaiserlichen Majest�t und die Inthronisation Adolfs des Wahnsinnigen 15 Jahre sp�ter.�</p><p>�Exakt!�, bekr�ftigte seine Tante, wobei ihre Replik in Ermangelung des Buchstabens R eher moderat ausfiel. �Woher wei�t du eigentlich, was ich sagen wollte?�</p><p>�Kriminalistischer Sp�rsinn�, witzelte Sydow mit Blick auf Tante Lus gute Stube, in der die Zeit dank Standuhr, B�cherschrank aus der Gr�nderzeit und einem �lgem�lde, das den 1945 verloren gegangenen Familiensitz derer von Zitzewitz zeigte, stehen geblieben zu sein schien. �Geht einem in Fleisch und Blut �ber, wei�t du.�</p><p>�Mag sein�, r�umte die Dame des Hauses widerwillig ein. �Und darum, will sagen, um dich auf andere Gedanken zu bringen, solltest du m�glichst bald in den Stand der Ehe ��</p><p>�Verzeihung, wenn ich einfach so hereinplatze, Frau von Zitzewitz!�, machte Tante Lus Zugehfrau, der es offenbar nicht schnell genug gehen konnte, auf sich aufmerksam. �Da drau�en ist ein Herr, der Ihren Neffen dringend zu sprechen w�nscht.�</p><p>�Um diese Zeit?�, entr�stete sich die alte Dame, drauf und dran, ihren Parkettboden zu ruinieren. �Unerh�rt!�</p><p>Zwei Mal R, mit deutlich anschwellender Tendenz. Aus Sorge um die Konstitution seiner Tante und Furcht vor einer Attacke nach Gutsherrinnenart warf Sydow der Dame des Hauses einen beg�tigenden Blick zu, t�tschelte erneut ihre Hand und begab sich rasch zur T�r.</p><p>�Keinerlei Aufregung, Sie wissen schon�, ermahnte Sydow die korpulente, mit Kittelsch�rze und altbackener Bluse bekleidete Haush�lterin, bei deren Anblick ihn der Eindruck beschlich, er sei soeben in die Kaiserzeit zur�ckkatapultiert worden. �Sonst geht es beim n�chsten Mal nicht so glimpflich ab.�</p><p>�Gott beh�te!�, warf die aufgrund eines allzu proletarischen Vornamens kurzerhand Minna getaufte Zugehfrau ein, als sich die T�r zur guten Stube hinter ihr schloss. �Sie ohne Ihre Tante � das muss man sich mal ��</p><p>�Und um wen handelt es sich?�, fragte Sydow, nicht in der Stimmung, sich noch mehr gut gemeinte Ratschl�ge anzuh�ren.</p><p>�Um einen Herrn Peters�, antwortete die Haush�lterin pikiert. �Er sagt, es sei dringend.�</p><p>*</p><p>�Wei�t du was, Tom?�, verk�ndete ein sichtlich �bern�chtigter und durchgeschwitzter Heribert Peters, als er sich in den Sessel von Sydows Junggesellenbude fl�zte, �ich glaube, du brauchst �ne Frau.�</p><p>�Noch ein Wort, Heribert, und <emphasis>deine</emphasis> Frau wird Witwe.�</p><p>Der Gerichtsmediziner hob abwehrend die H�nde. �Schon gut, schon gut�, bes�nftigte er seinen Freund. �War nur so eine Idee. Vor allem, wenn man das Durcheinander hier sieht.�</p><p>�Ein Labor wie eine Rumpelkammer, und anderen Leuten Vorschriften machen�, setzte sich Sydow, der Peters insgeheim recht geben musste, eher halbherzig zur Wehr. Im Zusammenhang mit dem Zustand seiner Bude war das Wort �Durcheinander� sehr dezent gew�hlt, Sauladen im Grunde viel passender. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Aktenordner, Magazine und Zeitungen, und weil ihm dort langsam der Platz ausging, musste eben die Fensterbank herhalten. Um das Chaos komplett zu machen, lagen �berall Klamotten, aufgeschlagene B�cher und Zigarettenschachteln herum, die meisten davon leer. Kurz und gut, in seinen vier W�nden sah es zum Davonlaufen aus, so viel zum Thema Junggesellenleben. �So haben wir�s gern.�</p><p>�Chaos oder nicht � ohne mein Labor w�re der Herr von und zu Kuddelmuddel sicher aufgeschmissen, oder?�, l�sterte Peters und zwirbelte gen�sslich an seiner Augenbraue herum. �Vor allem, was die Datierung von Wasserleichen angeht.�</p><p>�Neuigkeiten aus dem Gruselkabinett?�</p><p>�Und was f�r welche!�, versetzte Peters und verschr�nkte die H�nde hinter dem Kopf. �Du wirst aus dem Staunen nicht mehr rauskommen, altes Haus.�</p><p>�Nicht gackern, legen!�, dr�ngte Sydow, ging zum K�hlschrank und entnahm ihm zwei Flaschen �Berliner Kindl�, von denen eine f�r Peters bestimmt war.</p><p>Der lehnte jedoch dankend ab. �Bei dem, was du gleich zu h�ren kriegst, w�re Sprudel wahrscheinlich passender.�</p><p>�Tats�chlich?� Im Begriff, sich das erste Bier des noch jungen Tages zu genehmigen, lie� Sydow den Schnappverschluss wieder einrasten und sah Peters erwartungsvoll an. �Jetzt komm schon, mach�s nicht so spannend.�</p><p>�Erstens: Wie bereits vermutet, ist der Leichnam nicht �berm��ig lange in der Spree rumgeschwommen, unter Umst�nden nicht l�nger als einen halben Tag.�</p><p>�Und wie kann man das ��</p><p>�Anhand des Zustandes, du Anf�nger, in dem sich die Fingerbeeren befinden. Zu Deutsch: die Tastballen am Ende der Innenseite seiner Patschh�ndchen. Kapiert?�</p><p>Sydow streckte die Zunge heraus und setzte ein l�ppisches Grinsen auf.</p><p>�Wie dir sicherlich bekannt ist�, fuhr Peters augenzwinkernd fort, �ist die Bildung von Waschh�uten, einen permanenten Aufenthalt im Wasser vorausgesetzt, nach etwa 24 Stunden abgeschlossen, ausgehend von einer Wassertemperatur von circa 20 Grad. Was wir im vorliegenden Fall mehr oder weniger voraussetzen k�nnen. Im Winter, das sei der Klarheit halber gesagt, dauert die Prozedur erheblich l�nger, manchmal mehrere Tage.�</p><p>�Fazit: Im Falle des unbekannten Toten war die Bildung der Waschhaut noch nicht vollendet.�</p><p>�Wusste ich�s doch, dass du f�r h�here Aufgaben bestimmt bist!�, rief Peters aus und spendete demonstrativ Applaus. �Das war aber l�ngst noch nicht alles.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Abgesehen von zahlreichen Hautabsch�rfungen, die durch �ste, Zweige, Treibgut und was wei� ich nicht alles verursacht worden sein k�nnten, sind keinerlei Anzeichen f�r einen l�ngeren Badeurlaub zu erkennen.�</p><p>�Ha, ha. Verwesungsspuren?�</p><p>�Rudiment�r. Keinerlei Spuren von Maden.�</p><p>�Ganz im Sinne meiner Theorie�, murmelte Sydow und lie� die Handfl�che �ber seinen Stoppelbart gleiten.</p><p>�So ungern ich dir auch recht gebe � ja�, pflichtete ihm Peters bei und sah sich nach allen Seiten um. �Zumal sich die Vorhut der possierlichen kleinen Tierchen erst nach etwa 24 Stunden die Ehre gibt.�</p><p>�Is was?�, fragte Sydow, dem der forschende Blick des Gerichtsmediziners nicht entgangen war.</p><p>�Wenn du mich so fragst � ja�, gestand Peters im Stile eines Lausejungen, der gerade dabei war, bei seiner Mutter eine Generalbeichte abzulegen. �Haste vielleicht mal �ne Stulle f�r mich?�</p><p>�Erst die Arbeit ��</p><p>�Dann die Labsal � schon kapiert. Dabei k�nnte ich eine kleine St�rkung wirklich vertragen. Das Beste kommt n�mlich noch.� Peters rang theatralisch nach Luft. �Im Hinblick auf die genaueren Todesumst�nde von Herrn Unbekannt tappe ich nat�rlich im Dunkeln, was die Ursache f�r seinen Tod betrifft, liegen die Dinge jedoch anders.�</p><p>�Spuck�s aus, Doc.�</p><p>�Tod durch �berdosis, Herr Kriminalrat in spe. Der gute Mann hatte so viel Morphium intus, dass man damit ein halbes Bataillon h�tte schachmatt setzen k�nnen. Piet�tvoller ausgedr�ckt: klarer Fall von mehrfacher �berdosis.�</p><p>�Suizid?�</p><p>�Und die H�matome, vor allem am Hinterkopf? Nee, Tommy-Boy, da steckt wesentlich mehr dahinter. Wie du bereits zu schlussfolgern geruhtest: Gut m�glich, dass der Knabe nach allen Regeln der Kunst durch die Mangel gedreht worden ist. Und nicht nur einmal.�</p><p>�Gefoltert, wolltest du sagen.�</p><p>�Anzunehmen. Zumal manche der H�matome �lteren, andere wiederum, so zum Beispiel dasjenige am Hinterkopf, wesentlich j�ngeren Datums sind.�</p><p>�War�s das?�</p><p>�Bis auf das Sahneh�ubchen � ja.�</p><p>�Moment, ich muss mich erst setzen�, bat Sydow, r�umte einen Stapel Klamotten beiseite und nahm auf seinem Schreibtischstuhl Platz.</p><p>�Eine weise Entscheidung�, sprach Peters, redlich bem�ht, seinen Hei�hunger zu unterdr�cken. �Sonst h�tte es dich n�mlich umgehauen.�</p><p>�Wieso denn?�</p><p>�Weil der linke Oberarm des Toten, dessen Namen wir <emphasis>noch</emphasis> nicht kennen, auf der Unterseite eine uns beiden bestens bekannte T�towierung aufweist, in etwa 20 Zentimeter vom Ellbogen entfernt.� Der Schalk im Nacken des Gerichtsmediziners verfl�chtigte sich und wich unterdr�cktem Groll. �Muss ich etwa noch deutlicher werden?�</p><p>�Nicht n�tig, ich wei�, was eine Blutgruppent�towierung ist.�</p><p>�H�chste Zeit, dass wir�s wieder mit der SS zu tun kriegen, oder?�</p><p>Sydow bl�hte die Backen auf, lie� seine Atemluft entweichen und rieb die blassblauen, von r�tlichen Wimpern umrahmten Augen. �Nur knapp 1,80 Meter gro�, dunkelhaarig und das genaue Gegenteil eines nordischen Recken � ich frage mich, wie es den in die SS verschlagen hat.�</p><p>�Besser, du fragst dich, wie es ihn in die Psychiatrische Abteilung der Charit� verschlagen hat.�</p><p>�In die � was?�</p><p>�Naujocks l�sst dir ausrichten, er habe mit seinem Bruder telefoniert.� Peters beugte sich nach vorn, st�tzte die Ellbogen auf die Knie und verschr�nkte die H�nde. �Der VEB Textilwerke Babelsberg, so der Herr Vertriebsleiter unter dem Siegel �u�erster Verschwiegenheit, beliefere mehrere Gro�kunden, aber nur einen einzigen in Berlin-Mitte.�</p><p>�Die Psychiatrie?�</p><p>�Bist ein kluges Kerlchen, Tom�, trompetete Peters und breitete die Arme aus. �Und was lernen wir daraus?�</p><p>�Dass unser Kumpel von der SS m�glicherweise nicht mehr alle Tassen im Schrank gehabt hat.�</p><p>�Oder?�</p><p>�Oder dass man ihn in die Klapse gesteckt hat, um ihm in aller Ruhe auf den Zahn f�hlen zu k�nnen. Fragt sich, was so wichtig war, dass sich die Stasi ��</p><p>�Einspruch, Eure Lordschaft. Eine durchaus denkbare, jedoch durch keinerlei Fakten untermauerte These.�</p><p>�Wo du recht hast, hast du recht, Leichenfledderer.� Nachdenklich geworden, lie� Sydow den Zeigefinger �ber die Kante seines Schreibtisches gleiten. �Das war�s, oder?�</p><p>�Fast.� Peters lie� sich zur�ck in den Sessel fallen, legte die Knie �ber Kreuz und sagte: �Dem Inhalt seines Verdauungstraktes nach zu urteilen, muss er am Abend zuvor Huhn mit Reis konsumiert haben. Als Henkersmahlzeit sozusagen.�</p><p>�Kompliment, Doktorchen�, lobte Sydow am Ende einer kurzen Denkpause, erhob sich und dr�ckte seine Anerkennung durch ein kr�ftiges Schulterklopfen aus. �Ohne dich bin ich eben nur die H�lfte wert.�</p><p>�Sch�n, dass du�s einsiehst, Watson�, stellte Peters befriedigt fest, nachdem sein Magen erneut laut und vernehmlich rebelliert hatte. �Wenn ich ehrlich bin, k�me mir eine Stulle gerade ��</p><p>Schuld daran, dass sich die Hoffnungen des Gerichtsmediziners in Luft aufl�sten, war nicht etwa sein Freund, sondern das schrille L�uten des Telefons. Sydow machte eine entschuldigende Geste und nahm ab. �Sydow hier � welcher Affe hat denn Sie � Ach, du bist�s, Eduard, jaja, schon gut, lass h�ren.�</p><p>Unter den Augen von Peters, dessen gequ�lter Blick B�nde sprach, lauschte ein sichtlich angespannter Tom Sydow den Worten seines Assistenten, der anscheinend nichts Besseres zu tun hatte, als ihn mitten in der Nacht anzurufen. Allerdings sollte keine Minute vergehen, bis Sydows Gereiztheit in gespannte Aufmerksamkeit umschlug. Die Hiobsbotschaften, die ihn im Verlauf des Abends erreicht hatten, schienen nicht abrei�en zu wollen, wobei es sich beim vorliegenden Anruf um eine der besonderen Art handelte. �Anonymer Anruf, auch das noch!�, st�hnte er. �Und wann genau? Zehn nach eins, aha.�</p><p>Krokowski war kaum zu bremsen, sehr zum Verdruss von Peters, der allm�hlich s�mtliche Felle davonschwimmen sah.</p><p>�M�nnlich, na immerhin etwas�, grummelte Sydow und gab ein h�rbares R�uspern von sich. Die epische Breite, mit der sein Assistent Bericht erstattete, sprengte wie so oft jeden Rahmen, und wenn es ihm momentan an etwas mangelte, war es Geduld. �Also gut ��, warf er schlie�lich ein, um den Redeschwall von Krokowski abzuw�rgen, �wir sind auf dem Weg. Wann? In etwa einer halben Stunde.�</p><p>Im Anschluss daran legte er auf und fluchte, dass die W�nde wackelten.</p><p>�Wir?�, japste Peters, als Sydow sich wieder abgeregt hatte. �Darf man fragen, wen du damit meinst?�</p><p>�Na, wen wohl?�, blaffte Sydow, schenkte sich ein Glas Limonade ein und trank es auf einen Zug leer. �Wer, denkst du, w�re besser geeignet als du und ich, einen Fall von Grabsch�ndung aufzukl�ren?�</p><p>�Grabsch�ndung.� Untermalt von einem langgezogenen Knurren seines Verdauungsorgans, sackte der Kopf von Peters nach vorn, und was als Frage gedacht war, h�rte sich wie ein Echo an.</p><p>�Einfach unerh�rt, so etwas! Es gibt Leute, die machen wirklich vor nichts halt.�</p><p>Bass erstaunt, sahen sich Sydow und Peters an. Erst als sie sich halbwegs sicher waren, keiner Halluzination erlegen zu sein, wanderte ihr Blick zur T�r.</p><p>�Kopf hoch, ihr beiden!�, schnarrte Luise von Zitzewitz, die rechte Hand auf ihren Stock gest�tzt. �Ihr werdet das Kind schon schaukeln�, und f�gte mit der Andeutung eines L�chelns hinzu: �Bevor ihr eure Pflicht tut, wartet noch eine kleine St�rkung auf euch � Sie haben bestimmt Hunger, Herr Doktor Peters, oder?�</p></section><section><p><strong>Drei</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin / Hyannis Port, Massachusetts / Sotschi, UdSSR</emphasis></p><p><emphasis>(17.06.1953)</emphasis></p><empty-line/></section><section><p><strong>Nibelungentreue</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Hohenlychen / Mark Brandenburg</emphasis></p><p><emphasis>(07.03.1945)</emphasis></p><empty-line/><p>�Es herrscht bei Himmler eine sehr nette, bescheidene und absolut nationalsozialistische Atmosph�re, was au�erordentlich wohltuend wirkt. Man kann sich nur freuen, dass wenigstens bei Himmler noch der alte nationalsozialistische Geist vorherrschend ist.�</p><p>Aus dem Tagebuch von Joseph Goebbels unter dem Datum vom 8. M�rz 1945</p></section><section><p><strong>14</strong></p><p><emphasis>Kurhotel Hohenlychen | 17.45 h</emphasis></p><p>�Auf den frischgebackenen Ritterkreuztr�ger, SS-Standartenf�hrer Hans-Hinrich von Oertzen!�, schnarrte der meistgef�rchtete Scherge Adolf Hitlers und prostete den anwesenden Stabsoffizieren zu. Auf die Tatsache, dass die Rote Armee die Oder l�ngst �berschritten und der Fall von Berlin m�glicherweise nur noch eine Frage von Wochen war, verschwendete der 44-j�hrige Uniformtr�ger mit den kahl geschorenen Schl�fen und der eher bescheidenen K�rpergr��e von 1,71 Meter keinen Gedanken. �Ein dreifaches Sieg �!�</p><p>Durch den Speisesaal des um die Jahrhundertwende errichteten Backsteingeb�udes mit dem markanten Zinnengiebel hallte ein vielstimmiges Echo, gefolgt vom Klang zusammengeschlagener Hacken, dem Klirren der Sektgl�ser und den �blichen Lobhudeleien. Der Offizier in Schwarz, an den die Gl�ckw�nsche gerichtet waren, nahm sie ohne erkennbare Gef�hlsregung hin. Im Innern platzte der 27-j�hrige Prototyp eines SS-Angeh�rigen jedoch vor Stolz. Auf diesen Moment hatte der Spross aus uradeligem Hause seit Jahren hingearbeitet. Er hatte sein Architekturstudium geschmissen, mit seinen Eltern gebrochen, an der Ostfront die Drecksarbeit gemacht, in brenzligen Situationen den Kopf hingehalten. Jetzt, wo es aufs Ganze ging, wollte er endlich den verdienten Lohn kassieren. Die Flinte ins Korn zu werfen, w�re ihm nie in den Sinn gekommen, erst recht nicht, dass das Dritte Reich dem Untergang geweiht sein k�nnte. So leicht w�rde sich der F�hrer von diesen bolschewistischen Horden nicht in die Flucht schlagen lassen. Davon war er heute, auf dem H�hepunkt seines bisherigen Lebens, mehr denn je �berzeugt. F�hrer befiehl � wir folgen!</p><p>�Na, von Oertzen?�, drang pl�tzlich die Stimme seines Mentors an sein Ohr, nach Hitler der m�chtigste Mann im Reich. �Zufrieden mit meiner kleinen Ansprache?�</p><p>�Aber selbstverst�ndlich, Reichsf�hrer!�, erwiderte Hans-Hinrich von Oertzen in zackigem Ton, die H�nde an der Hosennaht. �Vielen Dank f�r Ihre M�he.�</p><p>�Ich habe zu danken�, stellte Heinrich Himmler klar, von den Folgen einer Angina immer noch nicht ganz genesen. Die Brillengl�ser, auf die der extrem kurzsichtige Reichsf�hrer-SS, Innenminister und Chef der deutschen Polizei seit jeher angewiesen war, blinkten kurz auf, und ein nerv�ses Zucken, unter dem er zuweilen litt, huschte �ber sein fliehendes Kinn. �Wie hei�t es so sch�n�, sinnierte er mit Blick auf das Ritterkreuz, das er seinem Z�gling an den Kragen geheftet hatte, ��Unsere Ehre hei�t Treue�.�</p><p>�Bis in den Tod, Reichsf�hrer!�, erg�nzte von Oertzen, sowohl verbal als auch vom Erscheinungsbild her geradezu das Musterbeispiel eines SS-Offiziers. Blondes, kurz geschorenes Haar, kantiges, willensstarkes Profil, durchdringender Blick aus hellblauen Augen. Und im Gegensatz zu Himmler nat�rlich Gardema�. So und nicht anders wollten Hitler, der Reichsf�hrer und die Goebbels�sche Propaganda ihn haben. R�cksichtslos, gewissenlos, skrupellos. Der Sache des F�hrers bedingungslos ergeben.</p><p>Wenn n�tig, bis in den Tod.</p><p>�Jetzt aber mal langsam, junger Mann.� Ein fl�chtiges L�cheln im Gesicht, fuhr Himmler �ber den frisch rasierten, nach dem Vorbild seines F�hrers zurechtgestutzten Bart. �So schnell schie�en die Preu�en nicht.�</p><p>Von Oertzen machte ein verst�ndnisloses Gesicht. �Wer soll die bolschewistischen Untermenschen denn aufhalten? Wer, wenn nicht wir, die SS?�</p><p>Die Stirn in Falten, wich Himmler dem Blick seines Mustersch�lers aus und kratzte sich an der Braue. �Ihr Kampfgeist in allen Ehren, mein Junge�, antwortete er, l�ste sich aus dem Kreis seiner Getreuen und nahm seinen Z�gling beiseite. �Aber im Moment habe ich etwas Wichtigeres mit Ihnen vor.�</p><p>Der knapp 1,90 Meter gro�e, �beraus kr�ftige und mit rascher Auffassungsgabe gesegnete SS-Standartenf�hrer schlug die Hacken zusammen und nahm Habachtstellung ein. �Stehe zur Verf�gung, Reichsf�hrer!�, stie� er mit markiger Stimme hervor. �Ganz gleich, was Sie befehlen.�</p><p>�Daran, mein lieber von Oertzen, hege ich auch nicht den geringsten Zweifel�, fl�sterte Himmler wie im Selbstgespr�ch und trat an das Panoramafenster, von dem man einen Blick in den Park werfen konnte. Der Fr�hling lie� auf sich warten, ein Regenschauer l�ste den n�chsten ab. Und das schon seit Tagen. Keine Spur mehr von der Betriebsamkeit fr�herer Tage, wo sich Parteigr��en wie He� und Bormann hier reihenweise die Klinke in die Hand gegeben hatten. Das Kurhotel war verwaist, das Land der Seen, Alleen und Kiefernw�lder in Erwartung des nahenden Sturms aus dem Osten wie ausgestorben.</p><p>�Ebenso wenig wie an Ihrer r�ckhaltlosen Treue gegen�ber dem F�hrer�, fuhr Himmler fort. Sichtlich geschw�cht, schob er seine Uniformm�tze in den Nacken, als wolle er den Totenkopf, der an seinem schwarzsamtenen Zierband prangte, aus dem Blickfeld des jugendlichen Durchhaltefanatikers bef�rdern. �Er und ich verlassen uns auf Sie.�</p><p>�Der F�hrer?�, echote von Oertzen, begleitet von heftigen Regenb�en, die von au�en gegen die Scheibe brandeten. Mehr brachte er angesichts des Schauers, der ihn bei der Erw�hnung Hitlers �berkam, nicht �ber die Lippen.</p><p>�Stehen Sie bequem, von Oertzen�, presste Himmler, Opfer eines neuerlichen Schwei�ausbruchs, m�hsam hervor. Die Frage, ob dieser ein Produkt seiner Angina oder der Vorahnung auf die kommenden Wochen und Monate war, schob er geflissentlich beiseite. �Und merken Sie sich eins. �ber den Auftrag, mit dem ich Sie im Folgenden betrauen werde, d�rfen Sie niemals auch nur ein Wort verlauten lassen. Haben wir uns verstanden, junger Mann?�</p><p>�Jawohl, Reichsf�hrer.� Trotz gegenteiliger Bem�hungen schien von Oertzen weiterhin wie erstarrt, den in Marmor gehauenen Heldengestalten eines Arno Breker zum Verwechseln �hnlich.</p><p>�H�ren Sie gut zu, von Oertzen�, forderte Himmler ihn auf, w�hrend er die schwei�gl�nzende Stirn betupfte. �Wie Sie sicherlich wissen, war der F�hrer gezwungen, in letzter Zeit umfangreiche Frontbegradigungen vorzunehmen. Im Zuge dieser R�ckzugsbewegungen, vor allem im Hinblick auf das W�ten der bolschewistischen Berserker, wird es n�tig sein, wertvolles Kulturgut vor besagten asiatischen Untermenschen in Sicherheit zu bringen. K�nnen Sie mir folgen, Standartenf�hrer?�</p><p>Und ob er es konnte. Berstend vor Stolz, erstarrte von Oertzen in seiner Pose. So nachhaltig, dass er beinahe das Nicken verga�.</p><p>�Sehr sch�n!�, lobte Himmler, in diesem Moment wieder ganz der Sohn eines bayerischen Gymnasialrektors. �Und nun zum Kern des Problems.� Ohne eine Miene zu verziehen, gab Himmler seinem Adjutanten einen Wink, woraufhin dieser in Sekundenschnelle zur Stelle war, dem Reichsf�hrer-SS eine dunkelbraune Aktentasche aus Hirschleder aush�ndigte und sich anschlie�end rasch wieder au�er H�rweite begab. �Welches, mein lieber von Oertzen, wie gesagt, darin besteht, Kunstsch�tze von �berragender Bedeutung dem Zugriff des Feindes zu entziehen. Ganz gleich, ob es sich um Russen, Amerikaner, Briten oder sonst wen handelt.�</p><p>�Und wohin �?�</p><p>�Immer mit der Ruhe, Standartenf�hrer�, fuhr Himmler dazwischen, stellte die Tasche auf das Sims und holte einen versiegelten, mit dem Aufdruck �Vertraulich!� versehenen Umschlag hervor. �Alles, was Sie zu diesem Thema wissen m�ssen, finden Sie in der beiliegenden Geheimakte. Es bedarf wohl keiner besonderen Erw�hnung, dass sie dem Feind unter gar keinen Umst�nden in die H�nde fallen darf. Das Gleiche gilt selbstverst�ndlich auch f�r Sie, von Oertzen. Aus diesem Grund wird man Ihnen am Beginn Ihrer Mission eine Giftkapsel aush�ndigen. F�r alle F�lle. Noch irgendwelche Fragen, Standartenf�hrer?�</p><p>�Nein, Reichsf�hrer!�, lautete die postwendende Antwort, wobei Himmler die latente Skepsis im Blick seines Paladins nicht entging. �Auf mich k�nnen Sie sich voll und ganz ��</p><p>�Nicht nur auf Sie, mein Junge, nicht nur auf Sie allein. Falls es das ist, wonach Sie mich gerade fragen wollten�, f�gte Himmler s�ffisant an, w�hrend sich sein Blick zwischen den Regenschleiern verlor. �Nichts f�r ungut � nach meinem Daf�rhalten w�re dies viel zu gef�hrlich. Um den Sonderauftrag des F�hrers zu dessen Zufriedenheit zu erledigen, habe ich mich entschlossen, Ihnen drei weitere Kameraden aus den Reihen der SS an die Seite zu stellen, samt und sonders renommierte Fachleute. Im Verlauf des Abends werde ich Sie mit ihnen bekannt machen.�</p><p>�Kameraden, die ich kenne?�</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht�, erwiderte Himmler mit verkniffener Miene, w�hrend ein neuerlicher Schwei�ausbruch bereits im Anflug war, und betonte: �Die Sie nicht kennen, von Oertzen, und die Sie nach erfolgreicher Erledigung des Auftrages auch nicht mehr kennen werden.� Himmler geriet ins Gr�beln. �Einer von ihnen ist Bergwerksingenieur von Beruf, und ein h�chst sachkundiger obendrein. Nicht gerade das, was man sich landl�ufig unter einem SS-Offizier vorstellt, allein schon aufgrund seiner geringen K�rpergr��e.� Der Reichsf�hrer h�stelte verlegen. �Trotz allem jedoch ein Spezialist, ein wahrer Meister seines Fachs.�</p><p>�Und die beiden anderen?�, bohrte von Oertzen forsch.</p><p>�Sie sind mir ja ein ganz Neugieriger�, am�sierte sich Himmler, w�hrend die Stimmung ringsum feuchtfr�hlich und das Lied �SS marschiert in Feindesland� angestimmt wurde. Naiver als dieser Blaubl�ter, den er f�r seine eigenen Zwecke einzuspannen gedachte, ging es wirklich nicht. Selbst Koch, der geglaubt hatte, er k�nne das Bernsteinzimmer f�r sich beanspruchen, kam da nicht mehr mit. Auf die Idee, es auf einer Burg in Sachsen zu bunkern, hatte auch nur dieser ostpreu�ische Goldfasan kommen k�nnen. Aber nicht mit ihm, nicht mit Heinrich Himmler. Ohne die SS ging in diesen Tagen gar nichts, und das w�rde auch in Zukunft so bleiben. Je mehr Faustpf�nder in des Reichsf�hrers Hand, so sein Kalk�l, umso gr��er die Chance, bei einem Kuhhandel mit den Alliierten die eigene Haut zu retten. In einer Zeit, in der die Zeichen auf Sturm standen, musste man einfach an sich selbst denken. An sich und die Zeit nach dem Krieg. �Nun gut, der Zweite im Bunde f�llt etwas aus dem Rahmen. Nicht gerade aus bestem Hause, Sie verstehen. Ostpreu�e und Kunsthistoriker von Beruf. Eigenwillig, um nicht zu sagen skurril. Nichtsdestotrotz ein Fachmann, nur darauf kommt es momentan an.�</p><p>�Und wozu all diese Experten?�, argw�hnte von Oertzen, nicht gerade ein Freund akademischer Gelehrsamkeit, und lehnte sich f�r seine Verh�ltnisse ungew�hnlich weit aus dem Fenster. �Je weniger verschrobene Koryph�en und je mehr verdiente Parteigenossen, desto besser.�</p><p>�Schon m�glich�, r�umte Himmler ein, entfernte eine Staubfaser, welche an dem mit Eichenlaub geschm�ckten Kragenspiegel des SS-Standartenf�hrers haften geblieben war, und wippte auf seinen Stiefelabs�tzen hin und her. �Schon m�glich, dass Sie recht haben, von Oertzen�, sprach er gedehnt, �aber wenn es um das Bernsteinzimmer geht, kann ein bisschen Fachidiotentum sicher nicht schaden.�</p></section><section><p><strong>15</strong></p><p><emphasis>Hyannis Port, Massachusetts / USA | 01.55 h Berliner Zeit</emphasis></p><p>F�nf vor acht. Und somit nur noch ganze 22 Stunden Zeit.</p><p>Mehr nicht.</p><p>Das Whiskeyglas in der Hand, lief Gregory Boynton Grant im Wintergarten seiner Nobelvilla ruhelos hin und her. An das Unwetter, das seit Stunden �ber dem Nantucketsund w�tete, verschwendete er keinen Blick, geschweige denn irgendwelche Gedanken. Mit denen war er n�mlich woanders, mehrere Tausend Meilen weit weg, auf der anderen Seite des Ozeans.</p><p>Doch alles Warten, Bangen und Gr�beln hatte keinen Zweck. Der stellvertretende Direktor der CIA unterdr�ckte einen Fluch und leerte sein Glas bis zur Neige. An allem war nur dieser aufgeblasene irische Zuchtbulle mit Namen McCarthy[26] schuld. Dieser pathologische Kommunistenhasser, der eine regelrechte Hysterie entfesselt hatte. Ob Wissenschaftler, K�nstler oder Politiker, ob Staatsbeamter oder Geheimagent: Von den Mitgliedern der Bostoner High Society bis hinunter zum Staubsaugervertreter aus dem Mittelwesten war niemand vor seinen Nachstellungen sicher. Nicht einmal er, Gregory Boynton Grant. Wer dem Idealbild eines Amerikaners nicht entsprach, w�rde fr�her oder sp�ter in die M�hlen der McCarthy�schen Bespitzelungsmaschinerie geraten.</p><p>Homosexuelle mit inbegriffen.</p><p>Ohne R�cksicht auf Beziehungen, Rang oder Namen. Ohne Respekt vor der CIA.</p><p>Um sich abzulenken, schaltete Grant das Radio ein. Und wurde prompt von seinen Problemen eingeholt: �Good evening, Ladies and Gentlemen�, flirrte die Stimme der CBS-Sprecherin durch den �ther. �This is CBS News, brought to you by Beverly Thompson. Berlin. According to our correspondent, mass protests in East Berlin have reached an alarming ��</p><p>Auch das noch!, st�hnte Grant innerlich auf. Als ob die Lage, in die er sich hineinman�vriert hatte, ohnehin nicht schon kompliziert genug gewesen w�re. Der stellvertretende CIA-Direktor wechselte rasch den Sender. Na also, warum nicht gleich. �Schwanensee� von Tschaikowski. Genau das Richtige, um auf andere Gedanken zu kommen.</p><p>Auf andere Gedanken, jedoch nicht auf die rettende Idee.</p><p>Kurz vor acht, als er sich das n�chste Glas Southern Comfort genehmigte, war es schlie�lich so weit. Grant schnappte nach Luft. Na endlich, der erwartete Anruf. Die Nerven bis zum Zerrei�en gespannt, stellte er sein Glas ab, schaltete das Radio aus und riss den H�rer von der Gabel. �Grant hier, wer ist am Apparat?�</p><p>�Als ob Sie das nicht w�ssten!�, mokierte sich die Stimme am anderen Ende der Leitung und gab ein kehliges Lachen von sich. �Oder bin ich etwa zu sp�t dran?�</p><p>�Im Gegenteil�, versicherte Grant und blickte verstohlen auf die Uhr. �P�nktlich auf die Minute.� Woraufhin er den Anrufer mit den Worten umgarnte: �Auf Sie kann man sich wenigstens verlassen.�</p><p>�Danke f�r das Kompliment. Fragt sich nur, ob ich mir in Zukunft etwas davon kaufen kann.�</p><p>�Kommt drauf an, was Sie zu bieten haben.�</p><p>�Einspruch, Euer Ehren!�, versetzte die Stimme in zynischem Ton. �Kommt drauf an, was <emphasis>Sie</emphasis> zu bieten haben. Zu Ihrer Information, Deputy Director: Hinter der Ware, auf die Sie mich angesetzt haben, sind noch ganz andere her als Sie. Zeitgenossen, mit denen Sie sich nicht unbedingt anlegen sollten.�</p><p>Wie so h�ufig, wenn er unter Druck stand, rutschte Grants Stimmlage eine Oktave h�her. �Soll das etwa ein Erpressungsversuch sein?�, entr�stete er sich in dem vergeblichen Bem�hen, Kaltschn�uzigkeit zu demonstrieren.</p><p>�Nennen Sie es, wie Sie wollen!�, fauchte ihn der Anrufer an, offenbar fest entschlossen, sich von Grant nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. �Damit Sie Bescheid wissen � Mielke und Zaisser haben anscheinend Lunte gerochen. Die lassen mich beschatten, kapiert?�</p><p>�Woher wollen Sie das ��</p><p>�Ein Foto von unserem kleinen T�te-�-T�te im Caf� Kranzler vor einer Woche. Geschossen von einem unserer Westberliner Agenten. Deutlicher kann ein Warnschuss nicht ausfallen, oder?�</p><p>�� so genau wissen?�, hielt Grant dagegen, was nichts daran �nderte, dass sich seine Stimme beinahe �berschlug. �Und der Agent?�</p><p>�Liquidiert�, erwiderte die Stimme dumpf und gab sich nicht einmal die M�he, mit der H�me, die in ihr mitschwang, hinterm Berg zu halten. �Und neugierigen Blicken f�r alle Zeiten entzogen. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Was nichts anderes bedeutet, dass der Hort, auf den Ihre Begehrlichkeiten gerichtet sind, zum Greifen nahe ist.� In der Absicht, Grant eine Lektion in Sachen Abgebr�htheit zu erteilen, z�gerte Rembrandt die Pointe etwas hinaus. Erst geraume Zeit sp�ter, als jener vermutete, die Leitung sei unterbrochen, brachte er sie schlie�lich an den Mann. �Vorausgesetzt, Sie zahlen einen anst�ndigen Preis daf�r.�</p><p>Grant glaubte, er habe sich verh�rt. �Gehe ich richtig in der Annahme, dass wir den Kaufpreis f�r die Troph�e l�ngst ausgehandelt haben?�</p><p>�In der Tat�, bekr�ftigte Rembrandt und lie� seinen Worten einen provozierenden Lachanfall folgen. �F�r eine kleine Gefahrenzulage w�re ich Ihnen trotzdem sehr verbunden. Eine gro�z�gige Erstattung meiner Spesen mit eingeschlossen.�</p><p>�Gefahrenzulage?�</p><p>�Damit Sie im Bilde sind � aus Gr�nden, die mit meiner operativen Bewegungsf�higkeit zusammenh�ngen, war ich gezwungen, mir ein Motorrad zu borgen. Auf gut Deutsch, ich musste es klauen und den Fahrer neutralisieren. Kein Kinderspiel, wenn man bedenkt, wie renitent der gute Mann war.�</p><p>�100.000 Dollar, und keinen Cent mehr�, knirschte Grant, w�hrend seine Hand die Mingvase umschloss, die er vor gut drei Wochen bei Christie�s ersteigert hatte. �Haben wir uns verstanden?�</p><p>�Wenn hier jemand den Ernst der Lage nicht verstanden hat, dann Sie!�, korrigierte ihn Rembrandt am�siert. �Und darum h�ren Sie mir jetzt mal gut zu.�</p><p>�Einen Teufel werde ich tun.�</p><p>�Wetten, dass nicht? Wetten, dass Sie sich ins n�chstbeste Flugzeug setzen, eine kleine Spritztour �ber den Atlantik machen und sich im Kempinski am Kurf�rstendamm zu meiner Verf�gung halten werden? Und das innerhalb der n�chsten zehn Stunden? Wer wei�, vielleicht �berlege ich es mir ja noch anders. An zahlungskr�ftigen Konkurrenten herrscht n�mlich derzeit kein Mangel. Wetten, dass Sie alles tun werden, um sie zu �berbieten? Wetten, dass Sie kl�ger sind, als Sie tun, Mister Grant?� Seiner Sache absolut sicher, lie� Rembrandt erneut einige Zeit verstreichen, um schlie�lich zum entscheidenden Schlag auszuholen. �Wetten, Sie Schwuchtel, dass Sie mir ein Pr�sent in H�he von exakt einer Million Dollar aush�ndigen werden? Fein s�uberlich abgez�hlt und garantiert nicht registriert? Oder glauben Sie wirklich, das Bernsteinzimmer sei f�r einen Schleuderpreis zu haben?�</p><p>*</p><p>�Wohin so eilig?�, rief ihm sein Liebhaber hinterher, als er die Reisetasche auf den R�cksitz seines Buick Skylark Cabriolet warf, sich �ber die Fahrert�r schwang und nur Sekundenbruchteile sp�ter den Motor anlie�. Es war kurz nach neun, und der S�dostwind fegte mit Orkanst�rke �ber seinen Landsitz hinweg. So heftig, dass die Stimme des Mannes, deren Anziehungskraft er sich nur mit M�he entziehen konnte, beinahe �bert�nt wurde. �Und das um diese Zeit?� Grant erstarrte und blickte stur geradeaus. Bis jetzt hatte er versucht, Ethan aus allem, was mit seinem Job zu tun hatte, herauszuhalten. Nicht immer mit Erfolg, aber wenigstens so, dass er sich keine Vorw�rfe zu machen brauchte. �Geheime Reichssache�, witzelte er, ein weiterer kl�glicher Versuch, nach au�en hin gelassen und entspannt zu wirken. �Sp�testens Donnerstagabend bin ich wieder da.� Und schloss mit den Worten: �Zur Feier des Tages wird uns Martha ein 1-A-Dinner auf den Tisch zaubern. Austern, Krimsekt und Kaviar. H�rt sich gut an, oder?�</p><p>��bermorgen erst? Riecht nach Arbeit, wenn du mich fragst.�</p><p>�Nach Arbeit und Unannehmlichkeiten in H�lle und F�lle�, wich Grant im Bewusstsein aus, bereits mehr als n�tig ausgeplaudert zu haben.</p><p>�Und wohin soll die Reise ��</p><p>�Nach Berlin. So, jetzt muss ich wirklich los. Bis Donnerstag dann. Bye!�</p><p>Ohne sich umzudrehen, ja, ohne den betr�chtlich j�ngeren, breitschultrigen und mit einem s�ndhaft teuren Morgenmantel aus Maulbeerseide bekleideten Modellathleten auch nur mit seinem Blick zu streifen, dr�ckte Gregory Boynton Grant aufs Gas, wirbelte den Kiesbelag auf und raste auf das schmiedeeiserne Tor seines Landsitzes zu. Kurz darauf war er in der Dunkelheit verschwunden.</p><p>Bei seinem Liebhaber, der sich behaglich in den mit Drachenmustern verzierten Morgenmantel schmiegte, hielt sich die Trauer �ber Grants �berst�rzte Abreise in Grenzen. Keineswegs irritiert, wandte sich der dunkelhaarige, tief gebr�unte und mit samtweicher Stimme sprechende Adonis wieder dem Eingang zu, l�chelte stillvergn�gt vor sich hin und lie� die T�r hinter sich ins Schloss fallen.</p><p>Danach begab er sich ins Wohnzimmer und griff zum Telefonh�rer.</p><p>Auf die Idee, dass sein Liebhaber Russisch sprach, w�re der stellvertretende CIA-Direktor nie gekommen. Auch darauf nicht, dass der Mann, der sich Ethan O�Donnel nannte, ihn schm�hlich hintergehen, anschlie�end das Weite suchen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden w�rde. Kalt l�chelnd und ohne Reue.</p><empty-line/></section><section><p><strong>16</strong></p><p><emphasis>Berlin-Zehlendorf, Waldfriedhof | 04.40 h</emphasis></p><p>�Sonst noch irgendwelche Hiobsbotschaften?�, st�hnte Tom Sydow, heilfroh, das Schreckensszenario der letzten beiden Stunden hinter sich zu haben. Zwischen den Wipfeln der Kiefern, Ebereschen und Birken, welche die Gr�ber ringsum flankierten, konnte man bereits die Morgend�mmerung erahnen, und ein weiterer br�tend hei�er Tag k�ndigte sich an. Sydow unterdr�ckte ein G�hnen. Wenn er sich so umschaute, beschlich ihn das Gef�hl, hier eine halbe Ewigkeit verbracht zu haben. Na ja, fr�her oder sp�ter w�rde jeder mal in der Versenkung verschwinden. Daran war nun mal nichts zu �ndern. Blieb allerdings zu hoffen, dass sich das, was den sterblichen �berresten eines gewissen Hans-Hinrich von Oertzen widerfahren war, in Berlin so schnell nicht wiederholen w�rde.</p><p>�Ein offenkundiger Fall von Raubmord�, konstatierte Eduard Krokowski, seit mehr als f�nf Jahren sein Assistent, der den Anblick, auf den sie nach der �ffnung des Grabes gesto�en waren, wesentlich besser verdaut zu haben schien als er. �In Tateinheit mit dem Diebstahl eines Motorrades.�</p><p>�Darauf kommt�s jetzt auch nicht mehr an�, murmelte Sydow mit schicksalsergebener Miene, die H�nde tief in den Hosentaschen vergraben. �Wer wei�, vielleicht fliegt ja demn�chst der Lange Lulatsch[27] in die Luft.�</p><p>Der knapp 25 Jahre alte Kriminalassistent, Abstinenzler und zu allem �berfluss auch noch Nichtraucher, nahm Sydows Fatalismus mit unbewegter Miene auf, und da er dessen Hang zum Sarkasmus kannte, ging er einfach �ber die Bemerkung hinweg. W�hrend der vergangenen f�nf Jahre hatte der personifizierte Gegenpol seines Vorgesetzten so manches Bonmot zu h�ren bekommen, eins makabrer als das andere. Das Gute daran war, dass er in puncto schwarzer Humor durch nichts mehr zu ersch�ttern war. Auch dadurch nicht, dass sein Faible f�r karierte Jacketts, Umgangsformen � la Knigge und exzessive Paragrafenreiterei zur Zielscheibe f�r Sydows Frotzeleien geworden waren. �So schlimm wird es bestimmt nicht kommen, Herr ��</p><p>�Tom, wenn es keine allzu gro�e M�he macht. Zum 100.000 Mal. Einfach Tom.�</p><p>Krokowski, dessen verbl�ffende �hnlichkeit mit Theo Lingen f�r nicht enden wollende Imitationsversuche seitens der �brigen Kripo-Beamten sorgte, deutete eine Verbeugung an. �Verzeihung, ich verga߫, n�selte er, woraufhin Sydow einen schicksalsergebenen Blick zum Himmel sandte. �Apropos Raubmord � die Meldung der zust�ndigen Streifenbeamten aus Wannsee hat uns um 1.45 Uhr erreicht, also kurz vor meinem Anruf bei Ihnen � �h � dir. Ersten erkennungsdienstlichen Ma�nahmen der Kollegen zufolge ��</p><p>�Geht�s noch ein bisschen hochgestochener?�, polterte Sydow, der Verzweiflung nahe.</p><p>�Verzeihung, Herr ��</p><p>�Tom, verdammt noch mal!�</p><p>Krokowski schlug betreten die Augen nieder. �Wie dem auch sei�, winselte er im Stile eines Primaners, der einer Arreststrafe zu entgehen versucht, �schenkt man den Streifenbeamten Glauben, scheint der T�ter den Eigent�mer des Motorrades � �hm � scheint der T�ter ihn zum Halten gezwungen, ihm eine Kugel verpasst, von seiner BMW R 51/3 runtergezerrt ��</p><p>�Mein Kompliment, Eduard. So h�rt sich das schon viel besser an.�</p><p>�� und sich samt Motorrad in s�dlicher Richtung verpisst zu haben.�</p><p>�Richtung Grenz�bergang Dreilinden?�, hakte Sydow mit nachdenklicher Miene nach.</p><p>�So hat es zumindest den Anschein�, best�tigte Krokowski, der dem Stimmungsumschwung seines Vorgesetzten nicht so recht traute. �Dem Vernehmen nach w�re er dabei um ein Haar mit einer amerikanischen Streife zusammengesto�en. Sieht so aus, als sei er mit nicht angepasster Geschwin� �h � mit einem Affenzahn unterwegs gewesen und habe den Zeugen die Vorfahrt genommen.�</p><p>�Und der Motorradfahrer?�</p><p>�Derzeit noch nicht vernehmungsf�hig�, erkl�rte Krokowski lapidar. �Wer wei�, vielleicht wissen wir heute Abend mehr.�</p><p>�Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Kriminalrat oder so �hnlich�, kalauerte Sydow in dem Bem�hen, sein Stimmungstief zu �berwinden. Genug Zeit, sich eingehender mit dem Fall zu besch�ftigen, w�rde er im Moment ohnehin nicht haben. �Im Klartext: Eins nach dem anderen. Zuallererst kommt ein gewisser Herr von Oertzen an die Reihe, und danach sehen wir weiter.�</p><p>�Und der Tote am Spreebogen?�</p><p>�Stimmt, Eduard, den h�tte ich beinahe vergessen.� Sydow fuhr mit der Handfl�che �ber die Stirn, sch�ttelte unwirsch den Kopf und kramte den Zettel mit den Namen der Spazierg�nger hervor, die den Leichnam entdeckt hatten. �Bitte tu mir den Gefallen und bestelle die beiden Herrschaften auf 8 Uhr ins Pr�sidium ein, ja?�</p><p>�Wird umgehend erledigt, Tom.�</p><p>Beeindruckt von so viel Diensteifer, verpasste Sydow seinem Assistenten einen freundschaftlichen Klaps. ��ber einen Mangel an Besch�ftigung k�nnen wir beide wei� Gott nicht klagen, was, Eduard?�</p><p>�Mit Sicherheit nicht�, stimmte Krokowski zu und strich die Haare beiderseits seines wie mit einem Lineal gezogenen Mittelscheitels glatt. �Mir scheint, da kommt noch eine Menge auf uns zu.�</p><p>�Und echter Bohnenkaffee, um euch beide wieder auf Vordermann zu bringen�, platzte Naujocks dazwischen, rechts und links einen dampfenden Pappbecher in der Hand. �So viel Zeit muss einfach sein.�</p><p>�Du sprichst mir aus der Seele, Waldi�, seufzte Sydow und nahm die Morgengabe von Waldemar Naujocks, seines Zeichens Leiter der Spurensicherung, mit dankbarem L�cheln entgegen. �Schie� los � was gibt�s Neues?�</p><p>�Nicht viel�, entgegnete Naujocks geknickt und �berreichte Krokowski den anderen Becher. �Kieswege und Platzregen � schlechtere Ausgangsbedingungen h�tte ich mir wohl kaum w�nschen k�nnen. Doch wie hei�t es so sch�n: Jeder hinterl�sst Spuren, sogar der cleverste Gangsterboss.�</p><p>�Und die w�ren?�, fragte Sydow und nahm einen kurzen Schluck. Der Bohnenkaffee tat ihm gut, auf einmal sah die Welt wieder halbwegs ertr�glich aus. �Dein Hang zu Ami-Deutsch in allen Ehren, aber k�nntest du dich vielleicht ein bisschen gesitteter ��</p><p>�Kann ich, Tom, kann ich�, versicherte Naujocks, dessen Halbstarkenfrisur aufgrund einer ausgedehnten Suchaktion im umliegenden Gestr�pp erheblich gelitten hatte, mit einem reum�tigen Grinsen. Das Gleiche galt f�r seine nagelneuen Cowboystiefel, die durchn�sste Ledermontur mit inbegriffen. �Die Fu�abdr�cke des Mannes, der in von Oertzens Grab gelandet ist, sind mit denjenigen unter der Kiefer da hinten identisch�, erl�uterte er und wies mit dem Daumen �ber die linke Schulter. �So viel zum Thema Opfer.�</p><p>�Und der vermeintliche T�ter?�</p><p>�Scheint bis auf eine Kippe, die m�glicherweise von ihm stammt, keinerlei Spuren hinterlassen zu haben.�</p><p>�Eine Kippe, sagst du?�</p><p>�Lungentorpedo Marke DDR. F�r Insider � soll nicht wieder vorkommen, Tom! � f�r ehemalige Zoo-Bewohner wie mich auf Anhieb zu erkennen. Eine Schachtel KARO, und der Platz im Sanatorium ist dir nicht mehr zu nehmen.�</p><p>�Sicher?�, hakte Sydow, hellh�rig geworden, nach.</p><p>�Absolut!�, bekr�ftigte Naujocks und zog seine Halbstarkenjacke zurecht. �Drei Jahre Arbeiter- und Bauernstaat hinterlassen eben ihre Spuren. Und sei es nur in der Lunge.� Naujocks rang sich ein gequ�ltes Grinsen ab. �Nur keine M�digkeit vorsch�tzen, Tom!�, munterte er Sydow auf. �Wenn einer den Fall l�sen kann, dann du.�</p><p>�Hab Dank f�r deine trostreichen Worte, Waldi�, gab Sydow zur�ck. �Aber wenn ich an die Hinterbliebenen eines gewissen Herrn von Oertzen denke, mit denen ich mich demn�chst auseinandersetzen muss, k�nnte ich glatt in Fr�hpension gehen.�</p><p>�Diejenigen der Wasserleiche, derentwegen wir uns vergeblich abgerackert haben, nicht zu vergessen�, erg�nzte Naujocks und z�ndete sich eine Camel an.</p><p>�So er denn welche hat, Waldi�, gab Sydow zu bedenken und lie� den Zeigefinger �ber den Rand des leeren Bechers gleiten. �Ach, wenn wir gerade dabei sind � vielen Dank, dass du deine Beziehungen hast spielen lassen.�</p><p>�Nichts zu danken�, wehrte Naujocks ab. �Hat sich zwar vor Angst beinahe in die Hose geschissen, mein Bruderherz, aber am Ende alles ausgeplaudert.�</p><p>�Ja, so haben wir�s gern!�, bellte Peters, der sich dem Trio unbemerkt gen�hert hatte. �In der Gegend rumstehen und tratschen � deutsche Beamtenseele, was begehrst du mehr?�</p><p>�Immer mit der Ruhe, Blaffke�, beschwichtigte Sydow den schwei�gebadeten Gerichtsmediziner, der wie ein angriffslustiger Eber auf ihn zusteuerte. �Sonst kriegst du am Ende noch einen Herzinfarkt.�</p><p>�Ein Schicksal, das dir ja wohl erspart bleiben wird�, keifte Peters, entledigte sich des Mundschutzes, der um seinen Hals baumelte, und stopfte ihn mit grimmiger Miene in die Tasche. Im Anschluss daran bedeutete er Sydow, ihm zu folgen. �Auf ein Wort, Herr Kriminalhauptkommissar.�</p><p>Die Begeisterung aufseiten des Ger�ffelten hielt sich allerdings in Grenzen. �Muss das sein?�</p><p>�Wenn du nicht weiter auf der Stelle treten willst � ja�, gab Peters zur Antwort, machte kehrt und stapfte zu von Oertzens Grab hin�ber. Dessen Leichnam war inzwischen in einen Zinnsarg gebettet worden, genau wie derjenige des Unbekannten. Der s��lich-moderige Geruch, welcher dem Grab entstieg, war jedoch nach wie vor der gleiche. Geeignet, auch noch den abgebr�htesten Kripo-Beamten in die Flucht zu schlagen. �Es sei denn, du machst demn�chst schlapp.�</p><p>�Sehe ich etwa so aus?�</p><p>Die Mundwinkel von Peters verzogen sich zu einem L�cheln. �Dein Gesicht m�sstest du jetzt sehen�, lachte er in sich hinein. �Aber keine Angst, eine weitere Begegnung mit Herrn von Oertzen bleibt dir erspart. Aus Piet�tsgr�nden.�</p><p>�Dann lass h�ren!�, forderte Sydow den Gerichtsmediziner auf, nachdem dieser den Sarg ge�ffnet hatte, in den der unbekannte Tote gebettet worden war. �Jetzt komm schon, lass dir nicht die W�rmer einzeln aus der Nase ziehen.�</p><p>�Welch passendes Bild�, l�sterte Peters und winkte Sydow, bei dem die Aktion offenbar auf wenig Gegenliebe stie�, zu sich heran. �Nur keine Angst, der ist mausetot.�</p><p>�W�rst du auch, wenn man dir eine Kugel durch den Kopf gejagt h�tte.�</p><p>�Vor allem, wenn es aus n�chster N�he geschehen w�re�, erwiderte Peters, ging neben dem Kopfende des Zinksarges in die Hocke und begann mit seinen Erl�uterungen. �Wie du siehst, hat es dem guten Mann die halbe Sch�deldecke weggerissen�, dozierte er. �Aber das ist momentan nicht der Punkt.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Das da�, antwortete Peters und kramte eine Kugel aus seinem Jackett hervor.</p><p>�Wo hast du denn die her?�, erkundigte sich Sydow, nachdem er das Corpus Delicti in der Pranke des Gerichtsmediziners begutachtet hatte.</p><p>�Im Brustkorb eines gewissen Herrn von Oertzen�, tat Peters mit sichtlicher Befriedigung kund. �Um dein zartes Gem�t nicht �ber Geb�hr zu belasten, einstweilen nur so viel: Alles spricht daf�r, dass die Kugel nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern von oben herab abgefeuert worden ist. Anders l�sst sich das Faktum, dass sie aller Wahrscheinlichkeit am ersten Halswirbel vorbeigeschrammt und im Nackenbereich wieder ausgetreten ist, nicht erkl�ren.�</p><p>�Das hei�t, er muss � er muss freiwillig in das Grab � zumal es keinerlei Kampfspuren �� Allein schon der Gedanke an den vermeintlichen Verlauf der Geschehnisse sorgte daf�r, dass Sydow j�h verstummte. �Aber aus welchem Grund?�</p><p>�Genau das ist des Pudels Kern�, murmelte Peters, dr�ckte Sydow die Kugel in die Hand und verschloss den Sarg. Danach richtete er sich m�hevoll auf. �Made in the USSR�, f�gte er mit Blick auf Sydow an, der das Geschoss von allen Seiten begutachtete. �Vermutlich aus einer Tokarew.�</p><p>Jetzt f�ngt der auch noch an!, seufzte Sydow innerlich als erkl�rter Gegner eines mit Amerikanismen durchsetzten Idioms. �Wenn du mich fragst, ergibt das Ganze �berhaupt keinen Sinn.�</p><p>�<emphasis>Noch</emphasis> nicht, mein lieber Tom�, warf Peters ohne R�cksicht auf Sydows ratlose Miene ein. �S� opera ain�t over until s� fat lady sings.�</p><p>�Oder der beleibte Heldentenor�, grollte Sydow mit Blick auf den volumin�sen Rumpf des Gerichtsmediziners, der seine gezielte Provokation sichtlich genoss. �Dessen Aussprache im �brigen stark zu w�nschen �brig l�sst.�</p><p>�Da haben wir�s wieder mal � Undank ist der Welt Lohn!�, t�nte Peters, ein Schmunzeln im Gesicht, das ebenso schnell wieder verschwand, wie es gekommen war. �Wei�t du was, Tom?�, fragte er mit betretener Miene. �Ich bef�rchte, dass uns das Frotzeln in nicht allzu ferner Zukunft endg�ltig vergehen wird.�</p><p>�Und wieso?�, fragte Sydow, dem der abrupte Stimmungsumschwung seines Freundes �berhaupt nicht gefiel. �Komm schon, Heribert, spuck�s ��</p><p>�Weil die T�towierung unter seinem maroden linken Arm beweist, dass Hans-Hinrich von Oertzen ebenfalls SS-Mitglied war�, fl�sterte Peters, zog seine Handschuhe aus und schleuderte sie ins Gras. �Noch Fragen, Herr Kriminalhauptkommissar?�</p></section><section><p><strong>17</strong></p><p><emphasis>Sotschi, Region Krasnodar / UdSSR | 05.20 h Berliner Zeit</emphasis></p><empty-line/><p>Nein, auf ukrainische Edelhuren lie� er nichts kommen. Unter gar keinen Umst�nden. Diese Natalja da neben ihm war das beste Beispiel daf�r. Blonder Pferdeschwanz, Unschuldsblick und �ppige Proportionen. Der 19-j�hrige Wildfang war sein Geld wert gewesen, jeden einzelnen Rubel.</p><p>Besuchow �ffnete die Augen, schlug die Decke zur�ck und machte Anstalten, aus dem hoffnungslos zerw�hlten Prunkbett zu kriechen. Das war schwieriger als gedacht, wieder einmal war der Wodka daran schuld. Nur vom Feinsten, keine Frage, nicht der billige Fusel, mit dem sich das Sowjetvolk �ber den tristen Alltag hinwegtr�stete. An seinem Brummsch�del, in dem es brodelte wie in einem Hochofen, �nderte dies aber nichts. Der machte ihm gewaltig zu schaffen, weit mehr, als ihm unter den gegebenen Umst�nden lieb war.</p><p>Nach mehreren Versuchen, bei denen er sich beinahe �bergeben musste, hatte er es schlie�lich geschafft. Valentin Sergejewitsch Besuchow sa� auf der Bettkante, genauer gesagt, er klammerte sich an ihr fest. Durch die Fensterl�den seiner Luxussuite fluteten die ersten Sonnenstrahlen, und da er heute viel vorhatte, stemmte er die 120 Kilo, welche �ber seinen K�rper mittlerer Gr��e verteilt waren, laut �chzend in die H�he, schlurfte zum Fenster und riss die L�den auf.</p><p>Es war ein einzigartiges Panorama, welches sich ihm vom Balkon aus bot, mit nichts auf der Welt zu vergleichen. Das Schwarze Meer funkelte wie geschmolzene Silberbarren, von einer Helligkeit, dass ihm die Augen wehtaten. Bis auf eine Flottille von Fischerbooten, die sich in der unendlichen Weite verlor, gab es nichts, was das morgendliche Idyll tr�bte, keine Wolke, kein Motorenger�usch � nichts. Auf der Uferpromenade, wo Palmen, Bananenstr�ucher und Zitrusb�ume in H�lle und F�lle gediehen, herrschte g�hnende Leere, kein Vergleich zum gestrigen Abend, an dem es von Flaneuren, Stra�enmusikanten und am�sierwilligen Damen nur so gewimmelt hatte.</p><p>�berhaupt � die Damen. Mit denen war es bekanntlich so eine Sache. Die H�nde auf dem schmiedeeisernen Gel�nder, schloss Besuchow die Augen und genoss die Sonnenstrahlen, die sein pockennarbiges, von einem Paar abstehender Ohren flankiertes Ganovengesicht erw�rmten. Die Frauen konnte er sich nur dank der �ppig sprudelnden Quellen leisten, aus denen er seinen unermesslichen Reichtum sch�pfte. Bei einer Nutte wie Natalja w�re sonst nichts zu machen gewesen. Ebenso wenig wie bei den meisten ihrer Kolleginnen. Valentin Besuchow lachte ver�chtlich auf. Er war beileibe kein sch�ner Mann, aber das k�mmerte ihn kaum. Er war glatzk�pfig, dickb�uchig und hatte eine K�rperbehaarung wie ein Faun. Und er trank entschieden zu viel. Na, wenn schon, dachte er, w�hrend sich seine Augen allm�hlich an die Helligkeit gew�hnten. So etwas z�hlt nicht, erst recht nicht bei den Weibern! Was z�hlte, war, dass der Rubel rollte, aus welchen Quellen er auch stammen mochte. In diesem Fall standen einem alle nur erdenklichen T�ren offen. Nicht nur die zu den Frauengem�chern.</p><p>Wieder einigerma�en klar im Kopf, drehte sich Besuchow um, warf einen Blick auf die schneebedeckten Dreitausender des Kaukasus, an deren H�ngen er im Winter Ski fuhr, und kehrte in seine im Fin-de-Si�cle-Stil m�blierte Suite zur�ck. Beim Anblick von Nataljas Hinterteil, was allein die 1.000 Rubel wert war, die er f�r sie hingebl�ttert hatte, wurde er von einer Gier gepackt, gegen die er seit jeher machtlos gewesen war. Im Hinblick darauf, was ihm der Tag bescheren w�rde, riss er sich jedoch am Riemen, raffte seine Oberbekleidung zusammen und trottete in Richtung Bad.</p><p>Zu seinem Verdruss, dem er durch einen obsz�nen Fluch Luft verschaffte, kam er dort allerdings nicht an. �Ja, ja � ich komm schon!�, knurrte er, ein Klopfger�usch im Ohr, mit dem das Dr�hnen in seinem Sch�del nicht mithalten konnte. �Was ist denn los, verdammt noch mal?�</p><p>�Es ist dringend�, wisperte Wolodja, sein Faktotum, nachdem er die T�r einen Spaltbreit ge�ffnet hatte.</p><p>�Das will ich auch hoffen, du alter Hurenbock.� Erst im Angesicht des t�ppisch grinsenden Tscherkessen fiel Besuchow auf, dass er nur seine Unterhose trug. Peinlich genug, wenn man von seiner Wodkafahne absah. �Sonst kannst du n�mlich gleich dein Testament machen.�</p><p>�Er ist wieder da, seit einer halben Stunde.�</p><p>�Was du nicht sagst�, murmelte Besuchow, nicht etwa ein Ausdruck von Hohn, sondern Resultat eines Impulses, der s�mtliche Nachwehen einer durchzechten Nacht vertrieb. �Dann wollen wir mal sehen, was es Neues gibt.�</p><p>*</p><p>Knapp zehn Minuten sp�ter, frisch rasiert und die �bern�chtigten Z�ge hinter einer Sonnenbrille verborgen, durchquerte Besuchow die Hotellobby, begutachtete sein Konterfei in einem Barockspiegel und trat ins Freie. In seinem dunkelgrauen Flanellanzug war er von den Sommerfrischlern, welche die Strandpromenade bereits zu Dutzenden bev�lkerten, nicht zu unterscheiden, und genau darauf kam es ihm an. So kurz vor dem Ziel durfte nichts mehr schiefgehen. Sonst w�re die M�he, die er auf sein Lieblingsprojekt verwandt hatte, umsonst gewesen. Die M�he, jede Menge Schmiergelder und sonstige Gef�lligkeiten. Kostenlose Bordellbesuche nat�rlich mit inbegriffen.</p><p>Kurz vor dem verabredeten Treffpunkt, einer Mole in knapp zwei Kilometern Entfernung, warf Besuchow einen Blick auf die Uhr. Drei vor sieben, genau p�nktlich!, schoss es ihm durch den Kopf, und obwohl er seit seiner Zeit beim NKWD[28] ein Gesp�r f�r Verfolger entwickelt hatte, sah er sich unauff�llig um. Als er sich vor unerw�nschten Schn�fflern sicher w�hnte, verlie� er die Strandpromenade und steuerte auf die weit ins Meer hinausragende Mole zu. Der Wind, um diese Zeit noch recht frisch, trieb den feink�rnigen Sand vor sich her, und als er Slav�n ersp�ht hatte, fr�stelte ihn.</p><p>�P�nktlich wie ��, sprach der Mann, von dem sehr viel abhing, in ged�mpftem Ton, w�hrend unmittelbar neben ihm eine Gischtfont�ne in die H�he schoss. Der Rest ging im Gekreische der M�wen unter, die sich um die Brotkrumen zankten, mit denen er sie f�tterte. �Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nacht.�</p><p>�Geht so�, antwortete Besuchow, dem die Art, wie ihn sein Gespr�chspartner empfing, �berhaupt nicht behagte. Er war es nicht gewohnt, dass man ihm den R�cken zudrehte, schon gar nicht bei einem derart wichtigen Gespr�ch. �Und die Ihrige?�</p><p>�Vor oder nach dem Flug hierher?�</p><p>�Wenn Sie mich so fragen � vordem Flug�, stellte Besuchow mit un�berh�rbarem Missfallen klar. �Bei der Durchf�hrung Ihres Auftrages.�</p><p>�Der, wie ich annehme, zu Ihrer vollsten Zufriedenheit erledigt worden ist�, nahm der fast zwei K�pfe gr��ere Kleiderschrank die Antwort auf die n�chste Frage ohne erkennbare Gef�hlsregung vorweg. �Von der bedauerlichen Tatsache, dass ich einen Mitwisser liquidieren musste, einmal abgesehen.�</p><p>Besuchow runzelte die Stirn und holte tief Luft. �Hatte ich Ihnen nicht eingesch�rft, Komplikationen jedweder Art tunlichst zu ��</p><p>�Nat�rlich war ich darauf bedacht, sie zu vermeiden�, kam Wassili Danilowitsch Slav�n dem R�ffel seines Auftraggebers in hochn�sigem Tonfall zuvor. �Leider ging es nun mal nicht anders. Der Leutnant, mit dem ich mich auseinanderzusetzen hatte, wusste einfach zu viel. Aber keine Angst � ich habe mir die gr��te M�he gegeben, dass es so aussieht, als habe es zuvor ein Gerangel zwischen Koch und diesem Gr�nschnabel von der polnischen Staatssicherheit gegeben.� Aus Slav�ns Mund erscholl ein heiseres Lachen. �Diesbez�glich, mein lieber Besuchow, d�rfen Sie mir ruhig trauen. So wie diese polnischen Bauerntrampel, die auf meinen gef�lschten Geheimdienstausweis und die Version vom Patrioten, der im Namen seiner geknechteten Landsleute eine alte Rechnung begleicht, ohne Weiteres hereingefallen sind. Die Akte, welche besagter Leutnant Guzik angelegt hatte, habe ich nat�rlich verschwinden lassen, ohne dass diese Anf�nger in Warschau, denen man �berm��ige Professionalit�t bestimmt nicht zum Vorwurf machen kann, auch nur das Geringste davon mitbekommen haben. Und ohne dass irgendjemand in Moskau, Genosse Chruschtschow[29] inbegriffen, etwas spitzkriegen wird. Was Letzteren betrifft, hat der alte Bauerntrampel seit Stalins Tod bestimmt alle H�nde voll zu tun, sich seine Rivalen vom Hals zu halten.�</p><p>�Und Koch?�, lenkte Besuchow ab und trat einen Schritt n�her.</p><p>�Gauleiter Koch?�, am�sierte sich Slav�n, sch�ttete eine Portion Brotkrumen in die Fl�che seiner Prothese und warf sie schwungvoll in die Luft, woraufhin sich die M�wen der Beute wegen beinahe zerfleischten. �Der hat gesungen. Eine Arie nach der anderen. Wie eine Operndiva im Bolschoi. Die elende Kreatur wollte gar nicht mehr aufh�ren, so sehr hatte sie die Hosen voll.�</p><p>Besuchow rieb sich die H�nde, ein beutel�sternes L�cheln im Gesicht. �Wusste ich�s doch, dass der alte Ganove die Finger mit im Spiel hat!�, rief er aus, in der Gewissheit, seinem Ziel einen gro�en Schritt n�her gekommen zu sein. �Raus mit der Sprache, Slav�n � wo hat das korrupte Schwein das Bernsteinzimmer versteckt?�</p><p>�Genau das, mein lieber Besuchow�, entgegnete Slav�n, drehte sich auf dem Absatz um und bedachte den Paten des Organisierten Verbrechens im Kaukasus mit einem Blick, der anderen auf der Stelle zum Verh�ngnis geworden w�re, �ist die Frage.�</p><p>�Wie bitte?�, keuchte Besuchow, dem der H�ne mit der Augenklappe und der Hartgummiprothese mehr Furcht einfl��te, als er sich eingestehen wollte. �Haben Sie nicht gerade eben gesagt, Ihre Mission sei ein Erfolg ��</p><p>��Gewesen� ist das richtige Wort!�, fuhr Slav�n barsch dazwischen, zerkn�llte die T�te, die er in der linken Hand hielt, und warf sie �ber die Schulter hinweg ins Meer. �Insofern, als dass wir wissen, wo sich das Bernsteinzimmer <emphasis>nicht</emphasis> befindet. Aber keine Sorge, Besuchow, wie so oft, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, erscheint bekanntlich der Retter in der Not.�</p><p>�Retter?�, r�chelte Besuchow, drauf und dran, sich einen Schluck aus dem Flachmann zu genehmigen, den er als eiserne Ration st�ndig bei sich trug. �H�ren Sie, wenn Sie mich auf den Arm nehmen wollen, wird Sie das teuer zu stehen kommen.�</p><p>�Und Sie erst!�, konterte Slav�n scharf. �Aber lassen wir das. Damit Sie wieder ruhig schlafen k�nnen, Besuchow � kurz nach meiner Ankunft, also vor gut einer Stunde, erreichte mich der Anruf eines Kollegen und alten Freundes aus NKWD-Zeiten in Berlin, wie ich korrekterweise hinzuf�gen sollte. Raten Sie mal, welche Art von Handel mir mein Kumpan vorgeschlagen hat.�</p><p>�Eine Million Dollar als Gegenleistung f�r verl�ssliche Angaben �ber den Verbleib des Bernsteinzimmers?�</p><p>�Bravo, Genosse Besuchow�, erwiderte Slav�n in g�nnerhafter Manier, die linke Gesichtsh�lfte hart wie Granit, die rechte zu einer missg�nstigen Fratze verzerrt. �Sieht so aus, als h�tten Sie Ihr Handwerk von der Pike auf gelernt.�</p><p>Puterrot vor Zorn, konnte Besuchow dem Drang, seine Tokarew zu ziehen, nur mit M�he widerstehen. �Wo ist das ��</p><p>�Auf jeden Fall nicht dort, wo es auf Kochs Betreiben hin aufbewahrt wurde.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Das freilich wollte mir mein Gew�hrsmann nicht sagen�, verk�ndete Slav�n in hochtrabendem Ton. �Nicht, bevor Sie mit ihm handelseinig geworden sind.�</p><p>�Und wer, wenn Sie die Frage gestatten, ist dieser omin�se Freund?�</p><p>Hochn�sig bis an die Grenze zur Provokation, lie� Slav�n einige Sekunden verstreichen. �Finden Sie nicht auch, Genosse�, zischelte er im Vorbeigehen, �es ist langsam an der Zeit, dass Sie in Bezug auf meine Wenigkeit �ber eine kleine Pr�mienerh�hung nachdenken sollten?�</p><p>�Wie viel?�</p><p>�Jedenfalls mehr als die paar Kr�ten, mit denen Sie mich bislang abspeisen wollten.�</p><p>�Erst die Ware, dann das Geld � so gut m�ssten Sie mich inzwischen kennen.�</p><p>Nur noch wenige Meter vom Strand entfernt, drehte sich Slav�n schwungvoll um. �Sie sind ein knallharter Gesch�ftsmann, Besuchow!�, rief er dem Kaukasus-Paten �ber das Rauschen der Brandung hinweg zu. �Das habe ich schon immer gewusst. Erlauben Sie mir trotzdem eine Frage?�</p><p>Besuchow nickte, den Finger am Abzug der Tokarew, die sich in der Innentasche seiner Flanelljacke befand.</p><p>�Weshalb wollen Sie das verdammte Zimmer eigentlich unbedingt haben?�</p><p>�Das, mein lieber Slav�n�, entgegnete Besuchow, wobei er den gelangweilt-hochtrabenden Tonfall seines Kontrahenten gekonnt imitierte, �muss ich leider f�r mich behalten.�</p><p>�Warum denn? Was ist so schlimm daran, wenn herauskommt, in welch vornehmen Kreisen Sie sich bewegen? Keine Angst!�, beteuerte Slav�n voller H�me, �von mir wird niemand je erfahren, dass Sie f�r Berija[30] arbeiten.�</p><p>�Das will ich Ihnen auch geraten haben, Slav�n!�, knurrte Besuchow, pl�tzlich wieder der Alte. �Sonst m�sste ich Sie t�ten.�</p></section><section><p><strong>18</strong></p><p><emphasis>Berlin-Tiergarten, Sowjetisches Ehrenmal| 06.55 h</emphasis></p><p>�Keine Sorge, Herr Kommissar�, versicherte der 35-j�hrige Russe hinter dem Steuer des schwarz lackierten Moskwitsch 400, nachdem der amerikanische Jeep auf der Gegenfahrbahn die Geschwindigkeit kurz gedrosselt, danach aber in Richtung Brandenburger Tor weitergefahren war. �Solange ich in Ihrer N�he bin, sind Sie vor den Yankees sicher.�</p><p>�Gut zu wissen�, gab Sydow zur�ck, auf den die L�ssigkeit, die der tipptopp gekleidete sowjetische Geheimdienstoffizier an den Tag legte, wie eine Provokation wirkte. Um den einzigen Trumpf, den er derzeit im �rmel hatte, nicht zu verspielen, verkniff er sich jeglichen Kommentar und warf einen Blick auf einen der beiden T-34-Panzer, die den Zugang zum sowjetischen Ehrenmal flankierten. So fr�h am Morgen war au�er der Ehrenwache, die in stocksteifer Haltung auf der Stelle verharrte, kein Mensch zu sehen. Mit ein Grund, weshalb sein Gespr�chspartner ausgerechnet diesen Treffpunkt vorgeschlagen hatte, jedoch beileibe nicht der einzige. Das Ehrenmal war eine sowjetische Exklave, Vorsicht bekanntlich die Mutter der Porzellankiste. �Die Frage ist nur, ob Sie sich mit denen anlegen wollen.�</p><p>Juri Andrejewitsch Kuragin, Liebhaber ma�geschneiderter Anz�ge, kubanischer Zigarillos und franz�sischer Haute Cuisine, wog das dunkelhaarige Haupt, welches ihm den Spitznamen �Kaukasier� beschert hatte, und schwieg sich geraume Zeit aus. �Nicht unbedingt�, gestand der Oberstleutnant des MGB[31] schlie�lich mit �bern�chtigter Miene ein, wobei sich Sydow nicht zum ersten Mal fragte, durch welche Art von Familienbande ein in Leningrad geborener Geheimdienstoffizier wie Kuragin zu einem ausgepr�gt s�dl�ndischen Teint, dunklen Augen und dichten schwarzen Brauen gekommen war. �Es sei denn, man zwingt uns dazu.�</p><p>Die Skepsis, mit der Sydow die Aussage des Oberstleutnants aufnahm, war weder zu �bersehen noch zu �berh�ren. �Sie glauben doch wohl nicht, dass die Amis hinter dem ganzen Schlamassel da dr�ben stecken?�, begehrte er mit hochgezogenen Brauen auf und wies mit dem Daumen �ber die rechte Schulter. �Im Ernst, Kuragin, auf so eine Idee kann man ja wohl nicht kommen. Die Genossen brauchen was zwischen die Kiemen, und zwar dringend. Sonst kann Ulbricht den Laden dichtmachen. Wie viele von denen bereits die Kurve gekratzt haben, brauche ich Ihnen bestimmt nicht zu verklickern.�</p><p>Kuragin sch�ttelte den Kopf. �Nein, brauchen Sie nicht�, bekr�ftigte er, den Blick nach vorn gerichtet, wo die Siegess�ule aus dem morgendlichen Dunst emporragte. Ein weiterer hei�er Tag stand bevor, und das gleich in mehrfacher Beziehung. �Und wissen Sie, was? In letzter Zeit stelle ich mir immer h�ufiger die Frage, ob unsere deutschen Genossen �berhaupt so etwas wie Fingerspitzengef�hl besitzen. Oder ob sie nicht schon l�ngst jeglichen Kredit bei der Bev�lkerung verspielt haben. Falls ja, ist guter Rat teuer.�</p><p>Im Begriff, seine Sicht der Dinge darzulegen, �berlegte Sydow es sich anders. Er wollte nicht mehr �l ins Feuer gie�en als n�tig, nicht jetzt, wo es weitaus wichtigere Dinge zu besprechen gab.</p><p>Kuragin schien es nicht zu bemerken. �Soweit also der Trag�die erster Teil�, sprach er in ged�mpftem Ton, trotz alledem wachsam und vor m�glichen Beobachtern auf der Hut. �Titel: �Die Deutschen und der Sozialismus�.�</p><p>�Und der zweite?�</p><p>�Der zweite, mein lieber Kommissar, tr�gt einen g�nzlich anderen.�</p><p>�Welchen?�</p><p>Kuragin l�chelte matt. �Wie w�r�s mit �Verhasste Freunde�?�, schlug er vor. �Keine schlechte Idee, was denken Sie, Herr Kommissar?�</p><p>�Dass der Laden da dr�ben jede Sekunde hochgehen kann�, lie� Sydow b�rbei�ig verlauten. �Schneller, als wir beide es uns m�glicherweise vorstellen k�nnen.�</p><p>�So, meinen Sie.�</p><p>Sydow nickte und wich dabei dem forschenden Blick seines Nebenmannes aus.</p><p>�Ein Grund mehr, unseren kleinen Plausch nicht �ber Geb�hr in die L�nge zu ziehen!�, verk�ndete Kuragin resolut und straffte sich. �Was liegt an, Herr Kommissar?�</p><p>�Ich habe einen Mord aufzukl�ren. Genau genommen, sogar zwei.�</p><p>�Ihr Beruf, Herr Kommissar, oder?�</p><p>�Stimmt. Zumindest, was einen der beiden Morde angeht, bin ich jedoch am Ende mit meinem Latein.� Sydow hielt kurz inne. �Im wahrsten Sinne des Wortes.�</p><p>Kuragin biss allerdings nicht an. �Wem sagen Sie das, Herr Kommissar!�, heuchelte er, wohl wissend, worauf das Gespr�ch hinauslaufen w�rde.</p><p>�Ich brauche Ihre Hilfe, Kuragin. Dringend.�</p><p>�Helfen � ich Ihnen? Wie?�</p><p>�Indem Sie mir Informationen verschaffen, an die ich auf herk�mmliche Art und Weise nicht rankomme.�</p><p>Kuragin pfiff durch die Z�hne und bewegte tadelnd den Zeigefinger. �Ich muss doch sehr bitten, Herr Kommissar�, sp�ttelte er und fuhr gen�sslich �ber seinen Oberlippenbart, �was wird der Herr Polizeipr�sident dazu sagen, wenn Sie einen Offizier des sowjetischen Geheimdienstes um Hilfe bitten. Wenn das rauskommt, k�nnen Sie Ihre Karriere an den Nagel h�ngen.�</p><p>�Und Sie die Ihre.�</p><p>Kuragins Miene wurde skeptisch. �Und was macht Sie so sicher, dass ich Ihnen meinen br�derlichen Beistand gew�hren werde?�</p><p>�Die Tatsache, dass ich Ihnen vor f�nf Jahren einen der meistgesuchten Kriegsverbrecher der Welt ans Messer geliefert habe. Eine Hand w�scht bekanntlich die andere.�</p><p>�Abgesehen von der Frage, welches Anliegen Sie haben, Herr Kommissar�, sprach Kuragin mit unbewegter Miene, kurbelte das Fenster herunter und z�ndete sich eine Montecristo an, �ist Ihnen hoffentlich klar, dass ich sibirische Gastfreundschaft genie�en werde, wenn ich mit einem Westberliner Kriminalkommissar gemeinsame Sache mache.�</p><p>�Kriminalhauptkommissar, wenn ich bitten darf.�</p><p>Kuragin gab ein belustigtes Schnauben von sich. �Immer noch der Alte, wie ich sehe�, stellte er fest und schnippte die Asche zum Fenster hinaus. Gleich darauf wurde er wieder ernst. �Soll ich Ihnen etwas verraten, Herr Kommissar? Etwas, das Sie wom�glich in Erstaunen versetzen wird?�</p><p>�Nur zu.�</p><p>�Im Verlauf der letzten f�nf Jahre � also nicht erst seit gestern � bin ich zu der wohlfundierten �berzeugung gelangt, dass wir hier auf verlorenem Posten stehen.� Kuragin inhalierte und lie� den Rauch durch den linken Mundwinkel entweichen. �Ob 10, 20, 30 oder mehr Jahre: der Tag, an dem wir unsere Koffer packen m�ssen, wird kommen. So sicher wie das Amen in der Kirche. Wie pflegte der Genosse Stalin zu sagen: �Der Kommunismus passt zu den Deutschen wie der Sattel zu einer Kuh.� Zitat Ende.�</p><p>�Und zu Ihnen?�</p><p>�Wusste ich�s doch, dass Sie mir diese Frage stellen w�rden, Sydow!�, rief Kuragin aus. �Wie ich Sie kenne, haben Sie die passende Antwort l�ngst parat.� Der MGB-Offizier r�usperte sich und hob die Stimme: �Frage an Radio Eriwan: Gibt es einen Grund, weshalb man seit mehr als 15 Jahren f�r den sowjetischen Geheimdienst t�tig sein kann?�</p><p>�Im Prinzip ja. Falls man vorhat, seinem Land zu dienen. Und nicht einem blutr�nstigen Diktator.�</p><p>�Kommt Ihnen bekannt vor, nicht wahr, Herr Kommissar?�</p><p>Sydow nickte, obwohl er an die Zeit, in der Deutschland von den Nazis regiert und er, Tom Sydow, Kripo-Beamter geworden war, lieber nicht zur�ckdenken wollte. �Hei�t das, dass Sie mir ��</p><p>�Nur keine Scham, Herr Kriminalhauptkommissar, worum handelt es sich?�</p><p>�Um die Identifizierung eines Toten, den wir gestern Abend aus der Spree gefischt haben�, antwortete Sydow, bem�ht, die Worte m�glichst sorgf�ltig zu w�hlen. �Gut m�glich, dass die Tat � dass er vom Territorium der DDR aus in die Spree geworfen wurde.�</p><p>�Alles, was recht ist, Herr Kommissar, aber ein bisschen mehr darf es schon noch sein.�</p><p>�Es gibt Indizien, dass der Mann Insasse der Psychiatrischen Abteilung der Ostberliner Charit� gewesen sein k�nnte.�</p><p>�Wenn dem so ist, warum wenden Sie sich in diesem Fall nicht an Ihre Ostberliner Kollegen?�</p><p>Sydow seufzte gequ�lt. �Sie wissen so gut wie ich, dass ich das gar nicht erst zu versuchen brauche.�</p><p>�Sonst noch was?�</p><p>�Nein�, log Sydow und kam sich ziemlich sch�big dabei vor. �Was mich betrifft, w�r�s das so ziemlich gewesen.�</p><p>��So ziemlich�, aha�, echote Kuragin und fuhr sich durch das dunkle, in dichten Wellen nach hinten gek�mmte Haar. �Na sch�n, ich werde sehen, was sich machen l�sst. Mal schauen, welche Abgr�nde sich vor mir auftun werden. Von denen, welche sich dank der Inkompetenz unserer SED-Genossen im Verlauf des gestrigen Tages bereits aufgetan haben, gar nicht zu reden.�</p><p>�Danke, Kuragin�, fl�sterte Sydow und reichte seinem Nebenmann die rechte Hand, �vielen Dank, dass Sie meinetwegen so viel ��</p><p>�Nichts zu danken, Herr Kriminalhauptkommissar�, kam ihm der MGB-Oberst rasch zuvor und dr�ckte sie. �Wer wei�, vielleicht k�nnen Sie sich in n�chster Zeit revanchieren.�</p><p>�F�r den Fall, dass Sie mit dem Kempinski zufrieden sein sollten � gerne!�</p><p>Kuragin gab ein ungezwungenes Lachen von sich, zum ersten Mal, seit Sydow ihn kennengelernt hatte. �Mehr kann man bei Ihrer Besoldung auch nicht verlangen�, scherzte er, w�hrend Sydow die T�r �ffnete und aus dem Moskwitsch stieg.</p><p>�Doswidanja[32], Herr Kriminalhauptkommissar � und viel Gl�ck.�</p><p>�Viel Gl�ck, Kuragin � und danke!�, rief ihm Sydow hinterher, nachdem der Moskwitsch ein waghalsiges Wendeman�ver vollzogen und mit quietschenden Reifen Kurs auf das Brandenburger Tor genommen hatte. Danach �berquerte er die Fahrbahn und schlug den Weg ein, der zum Potsdamer Platz f�hrte. Genug Zeit, die morgendliche Idylle im Tiergarten zu genie�en, blieb ihm jedoch nicht. �Extrablatt!�, h�rte er pl�tzlich eine Stimme rufen. �Die neuesten Meldungen aus Ostberlin � Extrablatt! 10 Pfennig, der Herr � danke.�</p><p>Volle zehn Minuten, nachdem ihm der Zeitungsjunge unweit des Kemperplatzes die Sonderausgabe der Morgenpost in die Hand gedr�ckt hatte, stand Sydow immer noch an der gleichen Stelle, w�tend wie seit Langem nicht mehr. Mit ein Grund waren nat�rlich die Nachrichten auf Seite eins, ein anderer der ausf�hrliche Artikel zwei Seiten weiter. �Na warte, du Schlawiner�, grollte er, nachdem weitere f�nf Minuten vergangen und sein Zornausbruch ins Unermessliche gestiegen waren. �Wenn ich dich kriege, kannst du dein Testament machen!�</p></section><section><p><strong>Vier</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin / Brandenburg an der Havel</emphasis></p><p><emphasis>(17.06.1953)</emphasis></p></section><section><p><strong>Alberich</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Burg Kriebstein / Sachsen</emphasis></p><p><emphasis>(01.04.1945)</emphasis></p><empty-line/><p>�Wie durch Fluch er mir geriet, verflucht sei dieser Ring!</p><p>Gab sein Gold mir Macht ohne Ma�,</p><p>nun zeug sein Zauber Tod dem, der ihn tr�gt!�</p><p>Fluch des Alberich, H�ter des Nibelungenhortes</p><p>in Richard Wagners Oper <emphasis>Das Rheingold</emphasis></p><p>aus dem Jahre 1869</p><p>*</p><p>�Am 12. Januar 1945 meldete Rohde dem St�dtischen Kulturamt schriftlich, er sei nunmehr dabei, die Paneele zu verpacken. Er gedenke, sie nach Sachsen zu bringen.�</p><p>(<emphasis>Der Spiegel</emphasis> Nr. 49 / 4.12.2000)</p></section><section><p><strong>19</strong></p><p><emphasis>Torhaus | 19.40 h</emphasis></p><p>�Wie Parsifal vor der Gralsburg�, l�sterte Ole Jensen, als der Kommandeur seiner Sondereinheit, SS-Standartenf�hrer Hans-Hinrich von Oertzen, an das Tor der wehrhaften Burganlage h�mmerte, die sich auf einem steil aufragenden Felsgrat �ber dem Zschopautal erhob. Die Sonne war soeben untergegangen, und aus dem Talgrund krochen feuchtwarme Dunstschwaden empor. Was wie eine Opernkulisse anmutete, entsprach jedoch der Realit�t, genau wie die T�rme, Dachreiter und Erker, die mit den Schatten der hereinbrechenden Nacht verschmolzen. �Der k�nnte glatt in Bayreuth auftreten.�</p><p>�Das lass ihn mal lieber nicht h�ren, du Heringsb�ndiger!�, wies ihn der Fahrer des VW-K�belwagens in die Schranken und warf einen Blick �ber die linke Schulter. �Bei so was versteht unser Mustergermane keinen Spa�.�</p><p>SS-Sturmbannf�hrer Jensen, Friese aus echtem Schrot und Korn, zuckte mit den Schultern. �Na und? In ein paar Wochen ist der Krieg sowieso ��</p><p>�Enth�llet den Gral! Walte des Amtes!�, deklamierte der Dritte im Bunde, der den Rang eines Obersturmbannf�hrers bekleidete. Im Gegensatz zu seinen Kameraden, deren Erscheinungsbild zu w�nschen �brig lie�, sa� seine Uniform wie angegossen. �Dich mahnet dein Vater: Du musst, du musst!�</p><p>�Soll er doch schiffen gehen, hinterher isses ihm leichter�, setzte der knorrige, wettergegerbte und obendrein strohblonde Emder mit Blick auf seinen Nebenmann noch eins drauf. �Und jetzt halt�s Maul, Holl�nder! Sonst fliegst du in hohem Bogen hier raus.�</p><p>Der 30-j�hrige Kunsthistoriker, bei seinen Kameraden unter dem Spitznamen �Professor� bekannt, schien sich nichts daraus zu machen. �Aber, aber, mein lieber Olaf�, l�sterte er, hundertprozentig sicher, seinen Nebenmann, den alle Welt Ole rief, damit auf die Palme zu bringen. �In Zusammenhang mit dem Kommandeur unserer Sondereinheit w�re etwas mehr Respekt angebracht.�</p><p>�Ach, leck mich doch am Arsch, du Salonl�we!�, fauchte der baumlange Friese und machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. �Mit deinem hochgestochenem Gesabber kannst du bei mir keinen Eindruck schinden.�</p><p>�Redet man so mit einem Vorgesetzten, Sturmbannf�hrer Jensen?�, schnarrte Holl�nder in dem Bem�hen, von Oertzens Kasernenhofton nachzuahmen.</p><p>Wie nicht anders zu erwarten, stie� er mit seinen H�nseleien auf wenig Gegenliebe. �Vorgesetzter � dass ich nicht lache�, am�sierte sich Jensen, seine Storchenbeine weit von sich gestreckt. �Ausgerechnet du.�</p><p>�Ruhe da hinten, verdammt noch mal!�, stauchte der Fahrer, vom Dienstgrad her auf gleicher Ebene wie Jensen, die beiden Streith�hne zusammen, w�hrend die Scheinwerfer des VW K�belwagens Typ 82 die hoch aufragende Gestalt vor dem verschlossenen Burgtor wie den Solisten in einer Opernauff�hrung erscheinen lie�en. Benjamin Kempa, mit 24 nicht nur der J�ngste, sondern aufgrund seiner eher bescheidenen K�rpergr��e von knapp 1,80 Meter auch der Kleinste des Trios, lie� den unwirschen Blick zwischen den beiden Kameraden hin und her wandern. Etwas Derartiges kam bei dem introvertierten Experten f�r das Bergwerkswesen �u�erst selten vor, und vielleicht war gerade das der Grund, weshalb sich die Gem�ter auf dem R�cksitz beruhigten.</p><p>�Hat hier irgendjemand eine Ahnung, was der Alte �berhaupt vorhat?�, knurrte Jensen und schnippte das Streichholz ins Gras, auf dem er seit geraumer Zeit herumgekaut hatte. Da Glimmst�ngel fast so begehrt und leider ebenso selten wie am�sierwillige Nachrichtenhelferinnen waren, hatte er sich die Marotte mit den Streichh�lzern angew�hnt und es sich in den Kopf gesetzt, bei der Gelegenheit mit dem Rauchen aufzuh�ren. �T�tet mir langsam den Nerv mit seiner Geheimniskr�merei.�</p><p>�Muss sich um was Gr��eres handeln, sonst h�tte von Oertzen keine Lastwagen angefordert�, mutma�te Kempa, von seinen Bataillonskameraden seit jeher �Kleiner� genannt. �Fragt sich nur, um was.�</p><p>�Operation Alberich � einfach lachhaft!�, grummelte Jensen, ein veritables L�stermaul vor dem Herrn. �M�chte wissen, wozu das kurz vor knapp �berhaupt noch gut sein ��</p><p>�Vorsicht, Kamerad�, warnte Holl�nder auf eine Weise, welche den knorrigen Friesen aufhorchen lie�. �Was du da von dir gibst, ist Wehrkraftzersetzung. Sieh zu, dass du dir Bemerkungen dieser Art in Zukunft verkneifst. Sonst landest du vor dem Kadi.� Holl�nder fuhr mit der Handkante �ber die Kehle und verdrehte die Augen. �Oder vor dem Erschie�ungskommando, je nachdem.�</p><p>�Ach, leck mich doch ��</p><p>�Nein, danke, nicht ganz meine Geschmacksrichtung!�, wehrte Holl�nder naser�mpfend ab. �Aber wenn wir gerade von Geschmack reden � und zwar von gutem �, wei� unser Sprengstoffexperte von der Waterkant �berhaupt, wer Alberich war?�</p><p>�Wenn du mir so kommst, Professor, kann es sich ja nur um irgendeinen Br�llaffen aus einer Wagneroper handeln.�</p><p>�Nicht schlecht, Olaf, nicht schlecht�, lobte Holl�nder und rekelte sich gen�sslich auf dem Hintersitz. �F�r einen gestandenen Nationalsozialisten aber noch lange nicht genug. Bei Alberich, so die teutonische M�r, handelte es sich n�mlich um den H�ter des Nibelungenhortes. Ein h�sslicher kleiner Zwerg � in etwa vergleichbar mit Kempa.�</p><p>�Hahaha�, lautete die Antwort des Ingenieurs, der von Oertzen, dem die Warterei vor dem Burgtor allm�hlich zu bunt wurde, nicht aus den Augen lie�. �Wart�s ab � irgendwann kommt die Retourkutsche.�</p><p>�Wenn schon, dann bitte mit Sekundanten. Wo waren wir stehen geblieben, Sturmbannf�hrer Jensen?�, schulmeisterte Holl�nder seinen Nebenmann und beantwortete die Frage gleich selbst. �Bei Parsifal, stimmt. Wie allseits bekannt, war es besagter Alberich, welcher den Hort vor den Blicken unserer wackeren Vorfahren verbarg. Na, f�ngt�s jetzt an zu klingeln, Jungs?�</p><p>�Nicht unbedingt.�</p><p>�Bei einem Kunstbanausen wie dir, Jensen, nicht weiter verwunderlich�, schwadronierte Holl�nder, �berheblich bis an die Grenze zur Provokation. �K�nnte es nicht sein, dass wir, des F�hrers letztes Aufgebot, dazu auserkoren worden sind, Preziosen von hohem Wert hier abzuholen und bis auf Weiteres � zumindest so lange, bis die Luft wieder rein ist � vor dem Zugriff der Alliierten zu verbergen? Na, was meint ihr dazu, Jungs?�</p><p>*</p><p>�F�hrervorbehalt?�, r�tselte der Kastellan, von der Echtheit des Schriftst�cks in seiner Hand alles andere als �berzeugt. �Ich glaube, Sie stellen sich das ziemlich einfach vor, Herr ��</p><p>�Zum dritten Mal, Sie verkappter Saboteur. Mein Name ist von Oertzen, SS-Standartenf�hrer Hans-Hinrich von Oertzen. Schreiben Sie sich das gef�lligst hinter die Ohren. Ein f�r alle Mal. Ich darf doch wohl annehmen, dass Sie des Lesens m�chtig sind, oder?�</p><p>�Durchaus�, erkl�rte der Greis mit dem sch�tteren wei�en Haar und reckte den schm�chtigen, von Altersschw�che und Rheumatismus gebeugten K�rper so weit als m�glich zu dem ungebetenen Besucher empor. �Was aber nicht hei�t, dass ich mit dem, was hier steht, auf Teufel komm raus einverstanden sein muss.�</p><p>�Jetzt h�ren Sie mal gut zu, Sie verkalkter Trottel�, knurrte von Oertzen, streifte die Handschuhe ab und klemmte sie hinter den G�rtel. �Wenn Sie nicht sofort tun, was von Ihnen verlangt wird, sehe ich mich gezwungen, andere Saiten aufzuziehen.�</p><p>Beim Kastellan, Veteran aus dem Ersten Weltkrieg und ehemaliges Mitglied des Rotfrontk�mpferbundes, zeigte der harsche Tonfall des SS-Offiziers keine Wirkung. �Und wer sagt mir, dass es damit seine Richtigkeit hat?�, bezweifelte er und tippte auf die Akte, in der sich das Schreiben des Reichsf�hrers-SS befand.</p><p>Von Oertzen, jeder Zoll ein getreuer Paladin Himmlers, winkelte die Arme an und richtete sich zu voller Gr��e auf. �Soll das etwa hei�en, Sie wagen es, sich einem Befehl des Reichsf�hrers-SS zu widersetzen?�, bellte er, riss die Pistole aus dem Halfter und dr�ckte sie dem Burgverwalter an die Stirn. �Ich z�hle jetzt bis zehn, Burggespenst�, knirschte er, den Zeigefinger am Abzug und die Augen spr�hend vor ohnm�chtigem Zorn. �Falls du bis dahin nicht zur Vernunft gekommen sein ��</p><p>�Geben Sie sich keine M�he, Standartenf�hrer!�, widersetzte sich der Kastellan und lie� die T�r, die vom Burghof aus in die S�ulenhalle f�hrte, mit unbewegter Miene ins Schloss fallen. �Von mir werden Sie die Erlaubnis zum Abtransport des Bernsteinzimmers nicht bekommen. Klipp und klar gesagt: nur �ber meine Leiche.�</p><p>�Ja, wenn das so ist, w�re die Sache allerdings geritzt�, knirschte von Oertzen, riss dem Kastellan das Schreiben Himmlers aus der Hand und reichte es an Holl�nder weiter. Im Scheinwerferkegel des Dreitonners vom Typ Mercedes-Benz L 701, der an der Spitze eines Konvois aus Wehrmachtsfahrzeugen in den Burghof rollte, haftete seiner Gestalt etwas D�monisches an. Der Grund, weshalb Letzterer instinktiv zur�ckwich, als der uniformierte SS-Recke mit den Fingern der linken Hand zu z�hlen begann. �Eins.Vorlesen, Holl�nder!�, schrie von Oertzen mit sich �berschlagender Stimme, so laut, dass das Echo zwischen den W�nden des Burghofes widerhallte und das Motorenger�usch der Lkws einen Moment lang �bert�nte.</p><p>�Aber � aber, Herr Standartenf�hrer ��, stammelte der SS-Obersturmbannf�hrer und blickte sich verstohlen um.</p><p>�Drei. Vorlesen, sonst lasse ich Sie vor ein Kriegsgericht stellen!�, geiferte von Oertzen und verst�rkte den Druck seiner Browning 641, freilich ohne beim Kastellan den gew�nschten Effekt zu erzielen. �F�nf. Jetzt machen Sie schon, Mann!�</p><p>Holl�nder schluckte. �Der Reichsf�hrer-SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, an ��</p><p>�Sieben.Weiter unten, Sie Vollidiot!�</p><p>�� den Empf�nger � Verzeihung, Herr Standartenf�hrer � ist dem �berbringer dieses Schreibens, SS-Standartenf�hrer von Oertzen, jede nur erdenkliche Hilfe beim Abtransport besagter Kunstgegenst�nde, worunter sich unter anderem das vom Direktor der St�dtischen Kunstsammlungen von K�nigsberg, Doktor Rohde, dorthin verbrachte Bernsteinzimmer befindet, zu leisten.�</p><p>�<emphasis>Zehn</emphasis>�, fl�sterte von Oertzen, den Blick in denjenigen des Burgverwalters versenkt.</p><p>Nur Sekundenbruchteile sp�ter, die entgeisterten Blicke der �brigen SS-M�nner im R�cken, feuerte er das Magazin seiner Browning bis auf den letzten Schuss leer.</p><p>*</p><p>�Schei� Plackerei!�, fluchte Ole Jensen, als die letzte von mehreren Dutzend Kisten, Beh�ltern und Kartons, die er und seine Kameraden bei str�mendem Regen vom Rittersaal aus in den Hof geschleppt hatten, auf den Ladefl�chen der beiden Lastwagen verschwunden war. �Da h�tte ich ja gleich M�belpacker werden k�nnen.�</p><p>�Wenn du schlau bist, Jensen�, knirschte Holl�nder, w�hrend er die klitschnasse Plane festzurrte, �h�ltst du jetzt einfach deinen Mund. Sonst sehe ich mich gezwungen, den Alten zu informieren. Und dann kannst du sehen, wo du bleibst.�</p><p>�Jetzt h�r mir mal gut zu, du Diplom-Lackaffe�, grollte Jensen, packte seinen Kontrahenten am Kragen und trieb ihn vor sich her, �wenn du denkst, mir damit Angst einjagen zu k�nnen, irrst du dich. Und zwar gewaltig. Von einem feinen Pinkel wie dir lasse ich mir n�mlich nichts sagen, kapiert? Aber auch gar nichts. Und jetzt noch mal zum Mitschreiben. Entweder du h�ltst in Zukunft die Klappe, oder ich polier dir die Fresse, dass ��</p><p>�Zum Donnerwetter, Jensen, was ist denn eigentlich hier los?�, fuhr von Oertzen dazwischen, im Begriff, den abfahrbereiten Konvoi zu inspizieren. �Haben Sie denn v�llig den Verstand verloren?�</p><p>�Er hat mich provoziert, Herr Standartenf�hrer�, rechtfertigte sich der Friese, lie� von Holl�nder, der ihn schadenfroh angrinste, mit grimmiger Miene ab und gl�ttete seine Uniform. �Mit voller Absicht.�</p><p>�Ganz egal, wer hier wen provoziert hat, meine Herren�, kanzelte von Oertzen die beiden Streith�hne ab, w�hrend er den Lkw einer fl�chtigen Pr�fung unterzog. �Nach Erledigung unseres Auftrages wird die Angelegenheit noch ein Nachspiel haben. Speziell f�r Sie, Sturmbannf�hrer Jensen. Und jetzt aufsitzen, aber ein bisschen pl�tzlich!�</p><p>*</p><p>�Wohin soll die Reise eigentlich gehen?�, fragte Benjamin Kempa, nachdem von Oertzen auf dem Beifahrersitz Platz genommen und der Konvoi zu mittern�chtlicher Stunde das Burgtor passiert hatte.</p><p>�K�mmern Sie sich gef�lligst um Dinge, die Sie etwas angehen, Kempa!�, stauchte ihn von Oertzen zusammen und blickte stur geradeaus. Wahre Sturzb�che ergossen sich vom Himmel, und um ein Haar w�re der K�belwagen ins Schleudern geraten.</p><p>Hans-Hinrich von Oertzen focht dies jedoch nicht an. Auch dann nicht, als der Wind stark auffrischte und taubeneigro�e Hagelk�rner vom nachtschwarzen Himmel prasselten. Ganz und gar in seinem Element, flog sogar ein L�cheln �ber sein Gesicht, erst recht, als der Konvoi die Talsohle erreicht und in westlicher Richtung davongebraust war.</p><p>Eine volle Stunde sp�ter, kurz vor Altenburg, brachte Kempa den Mut auf, erneut eine Frage zu stellen. �Was ist eigentlich mit den Lkw-Fahrern, Herr Standartenf�hrer?�, murmelte er, den Blick in den R�ckspiegel gerichtet. �Ich meine, wenn wir an unserem Bestimmungsort angekommen sind.�</p><p>Die Neugierde sollte ihm indes vergehen.</p><p>F�r alle Zeiten.</p><p>�Die drei Gefreiten?�, griff von Oertzen die Frage erst auf, als der Dresdener die Hoffnung auf eine Antwort fast schon begraben hatte. Er tat dies in einem Tonfall, den Kempa selbst bei ihm, dem Treusten der Paladine Himmlers, beim besten Willen nicht erwartet h�tte. �Nun, einmal an Ort und Stelle, werden wir nicht umhin kommen, sie zu liquidieren.�</p><p>�Zu liquidieren?�</p><p>�Richtig�, bekr�ftigte von Oertzen, nicht einmal die Spur einer Regung im Gesicht. �Je weniger Mitwisser, desto besser.�</p></section><section><p><strong>20</strong></p><p><emphasis>Berlin-Lichtenberg, Ministerium f�r Staatssicherheit der DDR in der Normannenstra�e | 07.30 h</emphasis></p><p>�Und die Lage im demokratischen Teil von Berlin?�, polterte Erich Mielke und warf seinem B�roleiter einen jener Blicke zu, vor denen das ganze Ministerium zitterte.</p><p>��u�erst besorgniserregend�, r�umte der schneidige junge Leutnant der Staatssicherheit unumwunden ein und machte erst gar nicht den Versuch, die Lage zu besch�nigen. �Vorsichtig ausgedr�ckt.�</p><p>�Auf gut Deutsch: total beschissen!�, platzte Mielke heraus, einmal mehr �berzeugt, von lauter Dilettanten umgeben zu sein. Um zu erkennen, dass die Tage der DDR gez�hlt waren, musste man wirklich nicht viel Grips in der Birne haben. Im Hinblick auf den drohenden Kollaps glichen sich die Spitzelberichte, Lagebeurteilungen und Depeschen, die sich auf seinem Schreibtisch h�uften, n�mlich aufs Haar. Die Lage war nicht nur ernst, sondern beinahe hoffnungslos. �Und wo genau ist die Kacke am Dampfen?�</p><p>�Vor allem am Strausberger Platz�, antwortete der ehemalige FDJ-Aktivist in dem Bestreben, dem zu erwartenden Temperamentsausbruch die Spitze zu nehmen. Dagegen war hier niemand gefeit, nicht einmal der Minister selbst. �Ersten Berichten unserer V-Leute zufolge gehen die Demonstranten dort bereits in die Tausende.�</p><p>�Demonstranten?�, echote Mielke, auf dem besten Wege, die Bef�rchtungen seines B�roleiters Wirklichkeit werden zu lassen. �Kann es sein, dass Sie ein bisschen Deutsch-Nachhilfe brauchen? Diversanten, Konterrevolution�re und kriminelle Elemente zuhauf, und Sie Gr�nschnabel haben nichts Besseres zu tun, dieses Gesindel als Demonstranten zu bezeichnen. Das haut ja wohl den st�rksten Kosaken um.� Mielke hieb mit der flachen Hand so heftig auf den Tisch, dass es weit und breit zu h�ren war. �Merken Sie sich eins, Sie Anf�nger: Wenn Sie es hier zu was bringen wollen, dr�cken Sie sich gef�lligst anders aus. Haben wir uns verstanden, Genosse?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Genosse Miel��</p><p>�Sonst noch was?�</p><p>�So leid es mir tut � ja.�</p><p>�Nun reden Sie schon, Mann!�</p><p>Noch eine Spur bleicher als sonst, senkte der ehemalige Schlosser, der mit seinen 28 Jahren eine wahre Blitzkarriere hinter sich hatte, mit betretener Miene das Haupt. �Wir haben ihn aus den Augen verloren, Genosse�, bekannte er mit schlotternden Knien, als k�nne er das Unheil, das sich �ber ihm zusammenbraute, mithilfe dieser vagen Aussage aufhalten. Ein Blick auf Mielkes grimmige Miene gen�gte, um seine Beichte schleunigst zu pr�zisieren: �Rembrandt, Genosse Minister, es geht um Rembrandt. Trotz der von Ihnen angeordneten Observierung ist es ihm offenbar gelungen, sich in den Westen abzusetzen. Und das vor den Augen der Volkspolizei.� Der sichtlich geknickte Leutnant schnappte nach Luft. �Laut Aussage der betreffenden Streifenbeamten muss der Grenz�bertritt in einem Wagen der amerikanischen Botschaft erfolgt sein.�</p><p>�Und die mit seiner Beschattung beauftragten Genossen?�, schnaubte Mielke, kurz vor einem neuerlichen Wutausbruch, der den vorigen weit in den Schatten zu stellen drohte. �Was ist mit denen?�</p><p>�Aufgrund des Gedr�nges auf dem Bahnhof war die betreffende Genossin leider nicht imstande, Rembrandts Observierung wie geplant ��</p><p>�Mit anderen Worten � die d�mliche Pute hat ihn aus den Augen verloren.�</p><p>Mielkes B�roleiter senkte den Blick. �In der Tat, Genosse.�</p><p>�Wenn wir diese Konterrevolution�re hinter Schloss und Riegel gebracht haben, Sie Tollpatsch, wird es hier ein Gro�reinemachen geben, das sich gewaschen hat!�, spie Mielke hervor und sprang mit krebsrotem Gesicht auf. Zur Erleichterung des B�roleiters, der mit einer unwirschen Handbewegung abgewimmelt wurde, klingelte in diesem Moment das Telefon.</p><p>Als sich die T�r hinter dem sichtlich erleichterten Blondschopf schloss, hob Mielke den H�rer ab. Er sollte sich noch mehr aufregen. �Ja, bin ich hier von lauter Trotteln umgeben?�, schrie er in den H�rer, den er am liebsten sofort wieder auf die Gabel geknallt h�tte. �Was denkt sich dieser Dilettant von der HA[33] VIII eigentlich? Ich hab doch wahrhaftig Besseres zu tun, als mich mit einem x-beliebigen IM[34] � Was, das Bernsteinzimmer? Na gut, stellen Sie durch.� Mit einem Fluch, der vor Obsz�nit�t nur so strotzte, lie� sich Mielke in seinen Schreibtischsessel sinken und nippte an seiner morgendlichen Tasse Tee. Erst Laurin, zu dem der Kontakt abgerissen war, dann Rembrandt, dieser mit allen Wassern gewaschene Verr�ter. Und zu guter Letzt das Bernsteinzimmer. Ausgerechnet jetzt. In einer Zeit, in der die Konterrevolution�re ihm keine ruhige Minute g�nnten. Nun ja, vielleicht w�rde er bei den Russen Eindruck damit schinden k�nnen, vorausgesetzt, er bek�me heraus, wo genau dieses Ger�mpel abgeblieben war. Aber genau das war das Problem. Als Versteck kamen mindestens ein Dutzend Orte infrage, angefangen bei Bergwerken bis hin zu alten Stollen, Gruben und so weiter. Die Suche w�rde eine Menge Zeit kosten. Und vor allem das, woran es der DDR seit jeher mangelte: Geld.</p><p>Es sei denn, er bek�me heraus, wo genau sich das Zimmer befand.</p><p>�Mielke hier.�</p><p>Minuten sp�ter, als er den Bericht des Informanten bereits zum dritten Mal geh�rt hatte, konnte es Erich Mielke immer noch nicht glauben. �Der MGB?�, r�tselte er und �berlegte hin und her, was von der Sache zu halten war. �Sind Sie sich da wirklich sicher?�</p><p>�Hundertprozentig�, beteuerte der Anrufer, der den wenig einfallsreichen Decknamen �Sigmund� trug. �Schlie�lich hat er mir seinen Ausweis gezeigt.�</p><p>�Und wie hei�t der gute Mann?�</p><p>�Das � das kann ich leider nicht sagen, Genosse�, r�umte die Stimme am anderen Ende der Leitung ein. �Kyrillische Buchstaben sind mir nicht �, ich kann n�mlich kein Russisch, m�ssen Sie wissen.�</p><p>�Auch das noch.� Viel zu niedergeschlagen, um sich �ber irgendetwas aufzuregen, bettete Mielke seine Stirn in die Fl�che der rechten Hand und br�tete dumpf vor sich hin. Erst ein verlegenes R�uspern seines Gespr�chspartners, von Beruf Psychiater und Stationsarzt in der Charit�, r�ttelte ihn wieder wach. �Dann eben noch mal von vorn!�, schnaubte er. �Gestern fr�h, genauer gesagt kurz vor f�nf, begeht einer Ihrer Patienten im Beisein eines Offiziers im besonderen Einsatz Selbstmord. Ein Patient, der zuvor �ber Jahre hinweg und insbesondere w�hrend der letzten Woche auf jede nur erdenkliche Weise unter Druck gesetzt, verh�rt und sogar � und sogar mithilfe k�rperlicher Gewalt gezwungen worden ist, n�here Angaben �ber den Verbleib des Bernsteinzimmers zu machen. Und das ohne meine Kenntnis oder ausdr�cklichen Befehl. Trifft das zu, Herr Doktor?�</p><p>�Jawohl, Genosse.�</p><p>�Woraufhin Sie und ein Krankenpfleger, der mit besagtem Benjamin Kempa auf vertrautem Fu� gestanden zu haben scheint, keinen anderen Ausweg wussten, als seinen Leichnam in der Spree � Moment mal, bleiben Sie kurz dran!�</p><p>Wie von Furien gepackt, legte Mielke den H�rer beiseite und w�hlte die Oberfl�che seines Schreibtischs durch. Die Ausgabe der Morgenpost, auf die er es abgesehen hatte, war schnell gefunden, ebenso der Artikel auf Seite drei. �Berlin-Tiergarten. Vertraulichen Informationen zufolge wurde am gestrigen Abend unweit von Schloss Bellevue der Leichnam eines circa 35 Jahre alten Mannes aus der Spree geborgen�, murmelte er vor sich hin, wobei er seinen Informanten g�nzlich verga�. Und weiter: �Nach Angaben aus Polizeikreisen wurde Kriminalhauptkommissar Tom von Sydow mit der Durchf�hrung der Ermittlungen betraut.� Von Sydow, aha. Auch noch ein Aristokrat!, schoss es Mielke durch den Kopf, w�hrend er mit grimmiger Miene zur T�r st�rmte, sie aufriss und sich vor seinem B�roleiter aufbaute.</p><p>Dieser dachte bereits, sein letztes St�ndlein habe geschlagen, durfte allerdings unmittelbar darauf durchatmen: �Erstens: Sie nehmen die Personalien von diesem Seelenklempner auf und werfen ihn umgehend aus der Leitung�, bellte Mielke, aufs �u�erste erregt.</p><p>�Und zweitens?�, fragte der Leutnant keck.</p><p>�Zweitens ��, fuhr Mielke fort, dr�ckte ihm die Morgenpost in die Hand und legte die Stirn in Falten, �Sie setzen s�mtliche Hebel in Bewegung, dass der Kriminalkommissar, von dem auf Seite drei die Rede ist, f�r immer von der Bildfl�che verschwindet. Und zwar auf der Stelle.� Mielke warf seinem B�roleiter einen auffordernden Blick zu. �Haben wir uns diesbez�glich verstanden, Genosse? Oder gibt es am Ende noch irgendwelche Fragen?�</p><p>�Nein, Genosse Minister.�</p><p>�Guter Mann�, antwortete Mielke, machte kehrt und warf die T�r hinter sich zu.</p></section><section><p><strong>21</strong></p><p><emphasis>Brandenburg an der Havel, Untersuchungshaftanstalt in der Steinstra�e | 08.10 h</emphasis></p><p>Flucht oder Strick. Etwas riskieren oder in diesem Dreckloch verrecken. So und nicht anders lautete die Frage.</p><p>Laut aufst�hnend vor Schmerzen, biss der 32-j�hrige Gefangene die Z�hne zusammen, richtete sich im Zeitlupentempo auf und horchte auf den Korridor vor seiner Zelle hinaus. Fehlanzeige. Es r�hrte sich nichts. Das einzige Ger�usch, das die bedr�ckende Stille durchbrach, war sein sto�weises, beinahe asthmatisches Keuchen, unterbrochen von einem �chzen, das sich wie ein unterdr�ckter Hilferuf anh�rte. Mit das Schlimmste f�r ihn war ein durchdringender Pfeifton im Ohr, wie vieles andere eine Folge der Verh�re, die er im Verlauf der letzten 24 Stunden hatte durchstehen m�ssen.</p><p>Peinliche Befragungen und anschlie�end drei Tage Dunkelhaft f�r unkooperatives Verhalten.</p><p>So einfach war das.</p><p>Noch hatten sie ihn jedoch nicht kleingekriegt. Solange ein Funke Leben in ihm steckte, w�rde das auch nicht passieren. Er w�rde sich zur Wehr setzen, sich mit Z�hnen und Klauen verteidigen. Das hatte er sich geschworen. Immer und immer wieder. Und diesen Schwur w�rde er halten. Allen Versuchen, seinen Willen zu brechen, zum Trotz.</p><p>Der einstmals strohblonde, mittlerweile ergraute Schlacks l�chelte gequ�lt. All das war freilich leichter gesagt als getan, wenn nicht gar unm�glich. Unter anderem, weil er noch nicht einmal die H�lfte seiner Strafe abgesessen hatte. Damals, kurz nach seinem missgl�ckten Fluchtversuch aus dem NKWD-Speziallager Nr. 3, war das anders gewesen. Zu dieser Zeit war er, Ole Jensen, im Vollbesitz seiner Kr�fte, der Krieg erst seit ein paar Wochen zu Ende. Nicht im Traum h�tte er zu jener Zeit daran gedacht, l�nger als ein paar Wochen im Knast sitzen zu m�ssen. Doch er war eines Besseren belehrt worden. Wieder einmal. Aus ein paar Tagen waren Monate, aus Monaten mittlerweile volle acht Jahre geworden. Die H�lfte hatte er in Berlin-Hohensch�nhausen, den Rest innerhalb dieser Mauern absitzen m�ssen. Aus Gr�nden, die ihm bis zum heutigen Tage nicht ganz klar waren. Gut und sch�n, kurz nach Kriegsende war er an die Russen verpfiffen worden. Pech gehabt, keine Frage. Obwohl die vom Coup mit dem Bernsteinzimmer bis zum heutigen Tag nichts mitbekommen hatten. Die Operation Alberich war von Anfang bis Ende wie am Schn�rchen gelaufen. Ein ver�chtlicher Zug trat auf Jensens Gesicht, auf einen Schlag, so schien es, waren s�mtliche Blessuren vergessen. Es lief ganz bestimmt nicht so, wie sich das ein gewisser Hans-Hinrich von Oertzen vorgestellt hatte, nichtsdestoweniger mit betr�chtlichem Erfolg. Die Alliierten, allen voran die Russen, hatten keine Spur des achten Weltwunders gefunden. Und w�rden auch keine finden. Es sei denn, er, Ole Jensen, w�rde sie auf die richtige Spur bringen. Genau das war jedoch ein Ding der Unm�glichkeit. Nicht etwa, weil er nicht wollte. F�r seine Freilassung h�tte er alles getan, sogar das Geheimnis, hinter dem offenbar auch die Stasi her war, verraten. Sondern schlicht und ergreifend deshalb, weil er nicht konnte.</p><p>Ohne fremde Hilfe, in erster Linie die seiner beiden Kameraden, war er nicht imstande etwas auszurichten. Da konnte ihn die Stasi noch so oft in die Mangel nehmen, ihn foltern, verpr�geln, oder mit Schlafentzug an den Rand des psychischen Zusammenbruchs treiben. N�tzen w�rde es den Folterknechten aus der Normannenstra�e nichts. Aber auch rein gar nichts.</p><p>Wieder halbwegs bei Kr�ften, st�tzte sich Jensen auf die Handfl�chen und streckte seine Beine aus. Dass er dabei ins Leere stie�, �berraschte ihn kaum. Aus Erfahrung wusste er, dass die Kellerverliese, in denen die zu Dunkelhaft verurteilten H�ftlinge dahinvegetierten, im Gegensatz zu den �brigen Zellen mitunter recht ger�umig waren. Nur eine der Methoden, um die Panik, in die man hier automatisch verfiel, noch zu steigern. Jensen holte tief Luft und zwang sich zur Ruhe. Hier galt es, einen k�hlen Kopf zu bewahren, unter den gegebenen Umst�nden allerdings kein leichtes Unterfangen.</p><p>Kurze Zeit sp�ter, trotz angebrochener Rippe, blutender Nase und verstauchtem Schultergelenk, war es schlie�lich geschafft. Er hatte sich bis zur gegen�berliegenden Zellenwand vorgearbeitet. Dort machte er eine Kehrtwendung, rutschte auf dem Hosenboden nach hinten und ruhte sich mit schmerzverzerrter Miene aus.</p><p>Geschafft!</p><p>F�rs Erste jedenfalls. Um die Nerven zu behalten, lie� Jensen seine Gedanken geraume Zeit sp�ter erneut in die Vergangenheit abschweifen. Wie lange war das mit dem Bernsteinzimmer doch gleich her? Genau. Acht Jahre, zwei Monate und sieben Tage. Wenn es einen Tag gab, der sich ihm mehr als alle anderen ins Ged�chtnis eingegraben hatte, war es der 10. April 1945 gewesen. Dieses Datum w�rde er so schnell nicht vergessen. Und die drei anderen, von Oertzen mit eingeschlossen, vermutlich auch nicht. Jensen fuhr mit der Handfl�che an den Nasenl�chern entlang und stie� einen Seufzer der Erleichterung aus. Wenigstens hatte seine Nase aufgeh�rt zu bluten. F�r den Anfang gar nicht so schlecht.</p><p>Zur�ck zu von Oertzen, ermahnte er sich in der Absicht, die schmerzende Schulter so gut es ging zu ignorieren. Zu seiner klammheimlichen Freude hatte der Herr Standartenf�hrer sein Fett abbekommen, wenn auch nicht so, wie er sich das gew�nscht hatte. W�re es nach ihm gegangen, h�tte dieser arrogante Pinkel den n�chsten Tag mit Sicherheit nicht mehr erlebt.</p><p>Wie immer, wenn Jensen an den 10. April dachte, wandten sich seine Gedanken dem eigentlichen Grund seines Hierseins zu. Logisch, er hatte versucht zu t�rmen, nicht einmal drei Tage nach seiner Arretierung im Speziallager Nr. 3. Daf�r hatten ihm die Russen 20 Jahre aufgebrummt. Inklusive Zwangsarbeit in Sibirien. Das eigentlich Verwunderliche daran war jedoch, dass die Strafe nicht vollzogen und die gef�rchtete Deportation nicht stattgefunden hatte. Allein das war ihm ein R�tsel gewesen, am heutigen Tage mehr denn je. Ein fast so gro�es wie das pl�tzliche Verschwinden von SS-Obersturmbannf�hrer Curt Holl�nder, der ihm im Speziallager �ber den Weg gelaufen und von jetzt auf nachher wie vom Erdboden verschluckt gewesen war. Daf�r musste es einen Grund geben, wenngleich er bezweifelte, dass er ihn jemals erfahren w�rde.</p><p>Seit damals waren mehr als acht Jahre vergangen, und es war an der Zeit, endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. W�ren da nicht die Verh�re der letzten Tage gewesen, die allesamt um das gleiche Thema gekreist waren.</p><p>�Schei� Bernsteinzimmer!�, fluchte Jensen, woraufhin sich prompt seine angebrochene Rippe bemerkbar machte. Weshalb sich die Stasi ausgerechnet auf ihn eingeschossen hatte, ging �ber seinen Horizont. Je l�nger er �ber seine Misere nachdachte, desto mehr.</p><p>Weshalb diese ganzen Verh�re, warum ausgerechnet w�hrend der letzten acht Tage? Daf�r musste es doch, verdammt noch mal, einen Grund geben.</p><p>Alles Zufall? Nie im Leben.</p><p>Und au�erdem � wie waren ihm diese Gestapo-Lehrlinge �berhaupt auf die Schliche gekommen?</p><p>Die Frage aller Fragen.</p><p>Dank der schallisolierten Zellent�r bemerkte Jensen seine herannahenden Bewacher erst, als sich der Schl�ssel im Schloss drehte. Zu schwach, um auf die Beine zu kommen, hob er den rechten Arm und schirmte die aufgequollenen Augen gegen das grelle Neonlicht ab, das jeden Moment ins Innere str�men w�rde. Der einstmals so z�he Friese st�hnte gequ�lt auf. Anscheinend wollen die es ganz genau wissen!, schoss es ihm durch den Kopf, w�hrend die innere T�r mit langgezogenem Knarren aufsprang.</p><p>Doch er irrte sich. Zum wiederholten und auch nicht letzten Mal an diesem Tag.</p><p>�Du hast Besuch, Jensen!�, rief ihm der W�rter zu, einer der widerw�rtigsten Menschenschinder, die ihm jemals �ber den Weg gelaufen waren. �Auf geht�s!�</p><p>Ohne gro� nachzudenken, biss Jensen die Z�hne zusammen und machte den Versuch, sich auf den Beinen zu halten. Dies gelang ihm mehr schlecht als recht. Offenbar kannst du mehr einstecken als gedacht, tr�stete er sich in einem Anflug von galligem Friesenhumor. Auf ein Verh�r mehr oder weniger kam es bei dem, was er bereits hinter sich hatte, nicht an.</p><p>Oder etwa doch?</p><p>*</p><p>F�r Ole Jensen, auf dem Papier 32, kr�ftem��ig schlechter dran als ein Greis, sollte dies ein Tag der �berraschungen werden. Und zwar in mehrfacher Hinsicht.</p><p>Die erste bestand darin, dass er nicht ins Verh�rzimmer eskortiert wurde. Stattdessen hie� es Treppen steigen, hinauf ins Obergeschoss. Von dort aus ging es in den Geb�udefl�gel, in dem die B�ros und Wachstuben lagen.</p><p>Die zweite �berraschung bestand darin, dass die beiden W�rter, normalerweise keine Kinder von Traurigkeit, ihm die Treppen hinaufgeholfen und sich jeglicher Beschimpfungen, geschweige denn Tritten, Remplern oder sonstiger Schikanen, enthalten hatten. Das war keineswegs �blich, an sich ein kleines Wunder.</p><p>Die dritte und vielleicht gr��te �berraschung war eine ganz andere, kein Vergleich mit dem, was er w�hrend der vergangenen acht Jahre durchgemacht hatte.</p><p>Als sich die T�r mit der Aufschrift �Anstaltsleitung� hinter ihm schloss, blieb Ole Jensen die Spucke weg. Nicht etwa, weil die beiden W�rter drau�en geblieben waren. Je nach Verh�rmethode konnte so etwas durchaus vorkommen. Oder weil der Direktor, den er vom Sehen kannte, �berhaupt nicht anwesend war. Der Ausl�ser f�r seine Verbl�ffung war vielmehr der Mann im eleganten Zweireiher und dem makellos wei�en Hemdkragen, der mit dem R�cken zu ihm am Fenster stand und in aller Gem�tsruhe eine rauchte.</p><p>Jensen stutzte, und der Pfeifton im Ohr, den er einem gezielten Faustschlag zu verdanken hatte, verfl�chtigte sich. Ebenso die Bef�rchtung, er habe Halluzinationen. Ohne jeden Zweifel war er v�llig klar im Kopf, ungeachtet des h�llisch schmerzenden Schultergelenks und des seltsamen Bildes, das sich ihm bot. Die Art, wie der Besucher dastand, wie er an seinem Glimmst�ngel zog, wie er ihn zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt hatte, wie er gekleidet war � das alles hatte er zuvor noch nicht gesehen. Die Person war f�r DDR-Verh�ltnisse viel zu elegant, erschien fast unwirklich. Dar�ber hinaus war es vor allem die schlanke Gestalt, die daf�r sorgte, dass Ole Jensen den Mund nicht mehr zubekam. Von dem Impuls, auf der Stelle kehrtmachen zu m�ssen, wild durcheinanderwirbelnden Gedankenfetzen und dem vergeblichen Ringen nach Worten gar nicht zu reden.</p><p>Ole Jensen war sprachlos, die vielleicht gr��te �berraschung an diesem Tag.</p><p>�Da staunst du, was?�</p><p>Genau das war es, was er an Holl�nder seit jeher gehasst hatte. Diese an Tr�gheit grenzende L�ssigkeit, diese �berheblichkeit, die Arroganz. �Wer wie ich acht Jahre im Stasi-Knast verbracht hat, den haut so schnell nichts mehr um, Kamerad.Nicht einmal du.�</p><p>Rembrandt stie� ein gallenbitteres Lachen aus, zog gen�sslich an seinem Glimmst�ngel und blies einen kunstvoll geformten Rauchkringel in die Luft. Anschlie�end, mit an Apathie grenzender Nonchalance, drehte er sich zu seinem ehemaligen Kriegskameraden um, runzelte pikiert die Stirn und be�ugte ihn von Kopf bis Fu�. �Sieht so aus, als h�ttest du ziemlich was abgekriegt�, sprach er in herausforderndem Ton, unter den sich un�berh�rbare Schadenfreude mischte. �Mal wieder aus der Reihe getanzt, nehme ich an.�</p><p>�Und wenn schon � was k�mmert�s dich?�</p><p>Rembrandt dr�ckte seine Zigarette aus und tat so, als komme Jensens Tonfall v�llig �berraschend f�r ihn. �Ist das etwa der Dank�, wehklagte er, �dass ich Himmel und H�lle in Bewegung gesetzt habe, um einem ehemaligen Kameraden aus der Patsche zu helfen?�</p><p>�Du siehst das ganz richtig, Holl�nder.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Das mit dem �ehemalig��, raunzte Jensen und bewegte sich langsam auf den Schreibtisch zu, hinter dem sein Intimfeind Stellung bezogen hatte. �Wenn wir gerade dabei sind: Wie kommt es, dass du damals einfach verduftet bist? Wohl kaum, weil sie dich in ein anderes Domizil verfrachtet haben � oder? Da war doch was faul, Holl�nder, mir kannst du so schnell nichts vormachen.�</p><p>Rembrandt setzte eine gelangweilte Miene auf. �Wei�t du was, Olaf? Ich glaube, du hast immer noch nicht kapiert, worum es im Leben geht.�</p><p>�Was du nicht sagst.�</p><p>�N�mlich darum, auf der jeweils richtigen Seite zu stehen. Damit man nicht so endet wie du.�</p><p>��beraus lehrreich, aber das beantwortet nicht meine Frage.�</p><p>�Na sch�n, Ole, anscheinend willst du es nicht anders.� Holl�nder umrundete den Schreibtisch, lehnte sich auf die Vorderkante und verschr�nkte die Arme. �Im Gegensatz zu dir, der du es vorgezogen hattest, dein Heil in der Flucht zu suchen, hielt ich es f�r besser, mich mit den neuen Herren zu arrangieren.�</p><p>�Das hei�t, die Russen haben dich als V-Mann eingesetzt.�</p><p>Holl�nder klatschte affektiert Beifall. �In deinen Augen sicherlich ein Abgrund an Verworfenheit, in meinen jedoch die einzige M�glichkeit, in absehbarer Zeit wieder auf freien Fu� zu kommen.�</p><p>Nur noch wenige Schritte von Rembrandt entfernt, wurde Jensen von ohnm�chtiger Wut gepackt. Der Zustand, in dem er sich befand, war vergessen, abhandengekommen aber auch jedwedes Kalk�l. �Soll das etwa hei�en, du ��</p><p>�Weshalb ich beschloss, mich auf die eine oder andere Weise n�tzlich zu machen�, fuhr Rembrandt unbeirrt fort. �Ein paar Informationen hier, ein paar Ausz�ge aus vertraulichen Gespr�chen da, ein paar gut gemeinte Tipps an den Iwan hier und der ��</p><p>�� Verrat an den eigenen Kameraden da!�, fuhr Jensen dazwischen, ohne R�cksicht auf m�gliche Konsequenzen. �Jetzt wird mir einiges klar.�</p><p>�Tut mir leid, Olaf, aber so d�mlich, deine Fluchtpl�ne br�hwarm auszuplaudern, konntest wirklich nur du sein. Dann doch lieber eine Kugel im Hirn, findest du nicht? F�r jemanden wie dich ohnehin das Beste.�</p><p>�Du ��, begann Jensen und st�rzte auf Rembrandt zu, die H�nde zu F�usten geballt.</p><p>Doch er kam nicht weit.</p><p>�Keinen Schritt n�her, Jensen!�, herrschte ihn dieser mit gez�ckter Waffe an, die er exakt auf die Stirn des ehemaligen SS-Kameraden richtete. �Sonst bist du ein toter Mann.�</p><p>�Sag, was du willst, Stasi-Fotze, und sieh zu, dass du wieder anschaffen gehst!�</p><p>�Herr Oberleutnant, wenn ich bitten darf � ein Mindestma� an guter Kinderstube wird doch wohl selbst bei dir vorhanden sein.� Die Waffe nach wie vor in der Hand, stie� sich Rembrandt vom Schreibtisch ab und schlenderte gleichm�tig hin und her. �Um es kurz zu machen, du Prolet � nat�rlich bin ich nicht deinetwegen, sondern aufgrund einer Angelegenheit von eminenter Wichtigkeit hier. Das bedeutet, du darfst mir h�bsch Rede und Antwort stehen. F�llt unser freundschaftliches Gespr�ch zu meiner Zufriedenheit aus, verspreche ich dir, ein gutes Wort f�r dich einzulegen. Ein faires Angebot, oder?�</p><p>�Falls es um das Bernsteinzimmer geht, du Lackaffe, gib dir keine M�he.� Trotz des Pfeiftons, der sich heftiger denn je bemerkbar machte, antwortete Jensen mit einem breiten Grinsen. �Meinetwegen kannst du die ganze Bude hier auf den Kopf stellen � der Fetzen Papier, hinter dem du her bist, befindet sich ganz woanders.�</p><p>�Schlecht f�r dich, Jensen, wirklich sehr schlecht�, sp�ttelte Rembrandt, lie� seine Tokarew um den Zeigefinger herumwirbeln und sah den Gefangenen, von dem das Gelingen seines Coups abhing, mit hochgezogenen Brauen an. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, begab er sich daraufhin hinter den Schreibtisch und beugte sich �ber die drei aneinandergeklebten Papierfetzen, auf der ein Flusslauf, Bergr�cken und diverse Stollen zu erkennen waren. Die topografische Karte, an den R�ndern bereits vergilbt und offenbar �lteren Datums, war zu drei Vierteln komplett, und obwohl ihre Einzelteile sichtlich gelitten hatten, erkannte man s�mtliche Details. Auff�llig daran war, dass der linke obere Teil fehlte und dass die mit roter Farbe hervorgehobenen Linien, der Legende zufolge unterirdische Stollen, scheinbar geradewegs ins Nichts f�hrten. �Dabei hatte ich fest daran geglaubt, in dir einen einsichtigen Verb�ndeten zu finden.�</p><p>�Such dir deine Handlanger woanders, Kameradenschwein, das Versteck dr�ben in Westberlin wirst du ohne mich sowieso nicht �� Die Schimpfkanonade, mit der er den verhassten Widersacher eindecken wollte, hatte noch nicht richtig begonnen, als Ole Jensen seinen Fehler bemerkte.</p><p>Einen Fehler, wie er gr��er nicht h�tte sein k�nnen.</p><p>Rembrandt genoss seinen Triumph in vollen Z�gen. �Sprich dich ruhig aus, Olaf�, stachelte er ihn schadenfroh an. �Gut zu wissen, dass du endlich Vernunft angenommen hast.� Holl�nder erhob sich, verstaute seine Tokarew und warf einen Blick auf die Uhr. �Beziehungsweise noch nicht ganz.�</p><p>�Wenn du denkst, ich verrate dir, wo ��</p><p>�Aber nat�rlich wirst du mir verraten, wo der fehlende Teil unserer Schatzkarte abgeblieben ist, Jensen. Wei�t du auch, warum? Weil du raus willst aus diesem Loch, oder liege ich da falsch? Um jeden Preis, w�rde ich sogar sagen.� Rembrandt sah erneut auf die Uhr. �Gleich neun�, murmelte er, die Andeutung eines Flackerns in den Augen. �H�chste Zeit f�r ein Telefonat mit einem guten Freund.�</p><p>�Jemand, den ich kenne?�</p><p>�H�chstwahrscheinlich nicht�, wiegelte Rembrandt ab, schlenderte zur T�r und drehte sich blitzschnell um. �Aber immerhin jemand, den du in K�rze kennenlernen wirst. Vorausgesetzt, du nimmst endlich Vernunft an, Jensen.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Ich gebe dir genau eine Stunde Zeit, Olaf�, drohte Rembrandt mit erhobener Stimme, l�ngst nicht mehr so abgebr�ht wie zuvor. �Sp�testens, wenn die Frist abgelaufen ist, wirst du auspacken, das garantiere ich dir.�</p><p>�Sicher?�</p><p>�Mehr als das.� Der Stasi-Offizier legte die Hand auf die Klinke, r�ckte seine Krawatte zurecht und funkelte Jensen boshaft an. �Keine Bange, Ole � die beiden Gorillas da drau�en werden alles tun, damit es dir in der Zwischenzeit nicht langweilig wird.�</p><p>*</p><p>Es war kurz vor neun, als sich die im Verlauf des Morgens auf mehrere Tausend Demonstranten angewachsene Menge vor dem Eingang der verhassten Untersuchungshaftanstalt zusammenrottete. Eine Szene, wie sie sich an diesem Morgen �berall in der DDR abspielte, einem Morgen, von dem nicht wenige glaubten, dass er ihnen die lang ersehnte Freiheit bescheren w�rde. Das hier war ihre Stunde, ihr Tag � und ihr Sturm auf die Bastille.</p><p>Beim Versuch, ihren Wunsch nach Freiheit, Einheit sowie Abdankung der Statthalter Moskaus Ausdruck zu verleihen, sollte es allerdings nicht bleiben. Die Menge wollte mehr, weit mehr. Dort drinnen, in der einstmals so gef�rchteten Haftanstalt, sa�en nicht nur gew�hnliche Kriminelle. Das war allen, die sich dem Demonstrationszug angeschlossen hatten, bekannt. Dort drinnen sa�en die Denunzierten, die Regimegegner, die Opfer einer Willk�r, wie sie vor nicht allzu langer Zeit noch an der Tagesordnung gewesen war.</p><p>Dort drinnen, in dem sch�bigen Backsteingeb�ude, h�tten auch sie, die sie auf das Portal zust�rmten, sitzen k�nnen.</p><p>Allein schon deshalb w�rden sie sich von ihrem Vorhaben auch nicht abbringen lassen, erst recht nicht von den W�rtern und Stasi-Beamten, die den Versuch unternahmen, sich ihnen in den Weg zu stellen. Angesichts der Menge, der sie sich gegen�bersahen, ein schier auswegloses Unterfangen. Es sei denn, sie w�rden zur Waffe greifen.</p><p>Aber genau das taten die Beamten nicht. Abgesehen von ein paar Warnsch�ssen, die inmitten des Wirrwarrs aus lauthals skandierten Parolen, Drohgeb�rden, unaufh�rlichem Gejohle und w�tendem Geschrei beinahe untergingen, geschah fast nichts. Es setzte Hiebe und Ohrfeigen, Mobiliar ging zu Bruch, dar�ber hinaus mehrere Fensterscheiben. Aber dabei sollte es zur allgemeinen Erleichterung blieben.</p><p>Schlie�lich sollte alles seine Ordnung haben. Soll hei�en, dass beileibe nicht alle Gefangenen freigelassen werden konnten. In diesem Punkt waren sich die Demonstranten, die vom benachbarten Gerichtsgeb�ude aus in die Haftanstalt eindrangen, so gut wie einig. Wer etwas ausgefressen hatte, w�rde hinter Schloss und Riegel bleiben. Ende der Diskussion. Freiheit war nun einmal nicht gleich Freiheit. Das war den meisten Beteiligten klar. Nur die zu Unrecht Inhaftierten, so die �bereinstimmende Meinung, sollten auf freien Fu� gesetzt werden. Als Allererstes nat�rlich die armen Schweine in den schallisolierten Kellerverliesen. Die waren am schlimmsten dran.</p><p>Zum Beispiel ein gewisser Ole Jensen, der das, was sich vor seinen Augen abspielte, zun�chst nicht begreifen konnte. All der Jubel, das Schulterklopfen, die aufmunternden Worte. Das Tageslicht, der stahlblaue Himmel, die Sonnenstrahlen, welche sich wie ein lebensspendendes Elixier in den sch�bigen grauen Hinterhof ergossen, all das kam so �berraschend f�r ihn, dass er das Leid, welches man ihm zugef�gt hatte, auf einen Schlag verga� und sich heimlich, still und leise in Richtung Ausgang davonmachte.</p><p>Dort jedoch, das Triumphgeschrei der siegestrunkenen Menge im Ohr, hielt Ole Jensen schweigend inne. Erst jetzt wurde ihm klar, dass es da drinnen jemanden gab, mit dem er noch eine Rechnung zu begleichen hatte.</p><p>Je gr�ndlicher, desto besser.</p><p>*</p><p>�Schei�e, verdammte!� Die Hand am Abzug seiner Tokarew, stie� Rembrandt eine Serie von Fl�chen aus und horchte angestrengt nach drau�en. Bis vor zehn Minuten, am Ende seines Gespr�chs mit Slav�n, hatte er noch gedacht, s�mtliche F�den in der Hand zu halten. Dies war, wie er jetzt wusste, ein Trugschluss gewesen. Ein Irrtum, der ihn wom�glich teuer zu stehen kommen w�rde.</p><p>�Hergelaufenes Gesindel!� Alles Fluchen half nicht. Er musste hier raus. Auf schnellstem Wege. Die Tokarew in der rechten Hand, sp�hte Rembrandt in den Gang hinaus. G�hnende Leere, nur ein fernes, sich stetig n�herndes Grollen. Vereinzelte Stimmen, Schreie, das Ger�usch zu Bruch gehender T�rschl�sser.</p><p>Sch�sse.</p><p>Gleich darauf das Getrampel der Rotte, die durch das Treppenhaus in die oberen Stockwerke st�rmte. Rembrandt brach der kalte Schwei� aus den Poren. Nichts wie raus hier!, durchzuckte es ihn, raus, solange es noch geht.</p><p>Die Frage war nur, wie.</p><p>Und wohin.</p><p>Der Blick des Stasi-Offiziers irrte durch den sparsam m�blierten Raum und hin�ber zu den vergitterten Fenstern. F�r letztere h�tte man dem Direktor eine Kugel verpassen m�ssen. Ulbrichtportr�t, Schreibtisch, kackbraune Tapeten, Regale und jede Menge Aktenordner.</p><p>Sonst nichts.</p><p>Beim Anblick des Kleiderschrankes, der rechts neben dem Fenster stand, hellte sich Rembrandts Blick pl�tzlich auf. Wenig sp�ter wirbelte er herum, riss die T�r auf und rannte zur Kleiderausgabe, die sich auf dem gleichen Stockwerk wie das B�ro des Anstaltsleiters befand.</p><p>Er brauchte nicht lange zu suchen.</p><p>Die H�ftlingskleidung, die er dort vorfand, passte wie angegossen. Rembrandt atmete tief durch. In diesem Aufzug w�rde er niemandem auffallen, und wenn, w�rde er eben einen auf Grimms M�rchen machen. Gro� anzustrengen brauchte er sich da nicht. Er war der geborene Schauspieler, imstande, seine Rollen nach Belieben zu wechseln. Hatte er diesen Schlamassel hier erst hinter sich, w�rde man weitersehen. Insbesondere bez�glich der Frage, wie er an den fehlenden Teil der Karte �</p><p>Der Fluch, den Rembrandt in diesem Moment ausstie�, war mit Abstand der vulg�rste, der ihm am heutigen Tag �ber die Lippen gekommen war. Ohne einen weiteren Blick f�r den s�ndhaft teuren Zweireiher, den er achtlos in die Ecke geschleudert hatte, warf Rembrandt die T�r der Kleiderkammer hinter sich zu und st�rmte in Panik davon. Als er das B�ro des Anstaltsleiters erreichte, waren die Schritte ganz nah. Noch h�tte er umdrehen, in die entgegengesetzte Richtung davonst�rmen, sein Heil in der Flucht suchen k�nnen. Dass er es nicht tat, hatte mit einem Mangel an Intelligenz, Kaltschn�uzigkeit oder Selbstbeherrschung nichts zu tun. Die Tatsache, dass er die T�r aufriss, ins Zimmer st�rmte und die Karte an sich raffte, die noch ausgebreitet auf dem Schreibtisch lag, war einzig und allein dem Umstand zuzuschreiben, dass SS-Obersturmbannf�hrer Curt Holl�nder alias Rembrandt von hemmungsloser Gier gepackt worden war.</p><p>�Wohin so eilig, wenn man fragen darf?�</p><p>Rembrandt erstarrte, die zusammengefaltete Karte nach wie vor in der Hand. Um herauszufinden, zu wem die h�hnische Stimme hinter seinem R�cken geh�rte, brauchte er sich nicht einmal umzudrehen. Ihren Besitzer kannte er zur Gen�ge.</p><p>�Lass die Waffe stecken, Kamerad, sonst wird es dir leidtun�, drohte Jensen, lie� die T�r hinter sich ins Schloss fallen und zielte mit der Dienstpistole, die er einem W�rter aus der Hand gerissen hatte, auf Rembrandts Hinterkopf. �Keine Bewegung, sonst knallt�s. So, du arroganter Fatzke, jetzt wirst du h�bsch die H�nde hochnehmen und mir das, was du dir unter den Nagel rei�en wolltest, nach hinten reichen. Das kann der gute alte Ole gut gebrauchen.�</p><p>Rembrandt tat, was von ihm verlangt wurde, gab sich aber nicht geschlagen. �Kannst du mir verraten, was du damit anfangen willst?�, zischte er, nachdem Jensen die Karte an sich genommen hatte. �Ohne fremde Hilfe brauchst du mit dem Buddeln gar nicht erst anzufangen. Du wei�t ja selbst, wie wir uns damals den Arsch aufgerissen haben. Und das zu viert. Oder muss ich dir die Schinderei erst wieder in Erinnerung rufen? Um an das Bernsteinzimmer ranzukommen, brauchst du mindestens ein halbes Dutzend Helfer. Und Bagger, Ole, schweres Ger�t.� Seiner Sache absolut sicher, drehte sich Rembrandt gem�chlich um. �Und vor allem�, fl�sterte er mit ausgestreckter Hand, bereit, das Papier wieder in Empfang zu nehmen, �vor allem, mein lieber Ole, brauchst du eins.�</p><p>�Genug Sachverstand, um an den Schatz im Berge ranzukommen. Und nat�rlich dich.�</p><p>�Du hast es erfasst�, hauchte Rembrandt mit geh�ssiger Miene, �und darum macht der gute Junge jetzt keine M�tzchen mehr und �berl�sst mir schleunigst die Kar��</p><p>�Setz dich, Holl�nder!�</p><p>�He, was soll das, ohne mich bist du ��</p><p>�Hinter den Schreibtisch, aber ein bisschen pl�tzlich. Und die H�nde oben lassen, kapiert?�</p><p>�Damit kommst du nicht durch, Jensen. Hast du dich �berhaupt mal gefragt, was du mit dem Plunder anfangen willst? Vorausgesetzt, du schaffst es, die Kisten �berhaupt auszubuddeln? Glaub mir, am Ende wirst du zwischen s�mtlichen St�hlen sitzen. Wenn die Stasi Wind von der Sache kriegt, kannst du dir gleich die Kugel geben. Von den Russen, denen wir das Zimmer geklaut haben, gar nicht erst zu reden. Und wer wei߫, f�gte er gen�sslich hinzu, �ob nicht auch die Amis mit von der Partie sind.� Holl�nder lie� sich entspannt in den Sessel sinken. �Komm schon, Ole, nimm endlich Vernunft an�, dr�ngte er, gerade so, als habe er es mit einem ungezogenen Penn�ler zu tun. �Und noch eins. Ich habe Freunde, einflussreiche Freunde. Nee, mein Junge, nicht nur bei der Stasi. Man soll nicht alles Geld, das man hat, auf einen einzigen Gaul setzen. Alte Zocker-Weisheit.� Rembrandt verschr�nkte die H�nde hinter dem Kopf und schnalzte gen�sslich mit der Zunge. �Und mit diesen Freunden, von denen kein Mensch etwas wei�, habe ich ein kleines Gesch�ft abgeschlossen. Auf Gegenseitigkeit, wenn du verstehst, was ich meine. Um auf den Punkt zu kommen, hei�t das, f�r jeden von uns beiden wird auf jeden Fall genug Knete �brig bleiben, um ��</p><p>�Kannst du mir vielleicht verraten, Holl�nder�, unterbrach ihn Jensen, zielte weiter auf den ehemaligen Kameraden und lachte ver�chtlich auf, �weshalb ich einer Kanalratte wie dir �berhaupt trauen sollte? Da bist du sprachlos, was?�</p><p>�Schie� doch, und ich garantiere dir, dass du keine zehn Kilometer weit ��</p><p>�Dar�ber mach dir mal keine Gedanken!�, w�rgte Jensen seinen Gespr�chspartner unbeirrt ab, w�hrend sich sein Zeigefinger um den Abzug der Pistole kr�mmte. �Ich wei� n�mlich genau, was ich mit unserer Schatzkarte anfangen werde. Mit der vollst�ndigen, versteht sich. Deine sogenannten Freunde brauche ich sicher nicht dazu.� Jensen pausierte, ein entspanntes L�cheln in dem von Schrammen, Beulen und Hautabsch�rfungen �bers�ten Gesicht. �Und am allerwenigsten dich.�</p><p>Dann dr�ckte er ab.</p><empty-line/></section><section><p><strong>22</strong></p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Polizeipr�sidium in der Friesenstra�e | 08.45 h</emphasis></p><p>�Ist ja gut, Molli�, beschwichtigte Sydow seine tr�nen�berstr�mte Sekret�rin, f�r die anscheinend gerade eine Welt zusammenbrach. �War nicht so gemeint.� Das hatte er nicht gewollt, obwohl er eine Stinkwut auf sie gehabt hatte. Der Artikel in der Morgenpost war das Letzte, was er zum gegenw�rtigen Zeitpunkt gebrauchen konnte, aber da das Kind nun mal in den Brunnen gefallen war, h�tte er sich seinen Temperamentsausbruch ebenso gut sparen k�nnen.</p><p>Doch so leicht wie erhofft lie� sich die unverheiratete, reservierte und eher zugekn�pft wirkende Charlottenburgerin nicht beruhigen. �Was h�tte ich denn tun sollen!�, schniefte sie und z�ckte ein Spitzentaschentuch aus Batist, auf dem ihre Initialen eingestickt waren. Eine Szene wie aus einem Courths-Mahler-Roman, und wenn Sydow ehrlich war, sah Annerose Mollig auch wie einer der dienstbaren Geister ihrer Lieblingsautorin aus. Gerade einmal 30, war ihr Haar stets streng gescheitelt, und die Kleidung, die sie trug, schien der aktuellen Mode bewusst zu trotzen. Gest�rkte Bluse, Stehkragen und Perlenkette, den langen grauen Rock als obligatorische Zugabe. Eine Gouvernante wie aus dem Bilderbuch. �Herr Peters hat nach Ihnen gefragt, mir kurz gesagt, worum es geht, und circa f�nf Minuten sp�ter hat Herr Vanselow von der Morgen��</p><p>�Der sch�ne Theodor � ich hab�s geahnt!�, st�hnte Sydow und rollte mit den Augen. �Wie oft habe ich Ihnen eigentlich schon � Und was wollte er von Ihnen wissen?�</p><p>Die Sekret�rin, deren fragiler K�rperbau in krassem Widerspruch zu ihrem Familiennamen stand, schn�uzte laut und vernehmlich in ihr Taschentuch und lie� es nach diesem akustischen Crescendo wieder in ihrem dunkelgrauen Lederhandt�schchen verschwinden. �Was es denn so Neues gibt, hat er mich gefragt.�</p><p>Eine original Berliner Verw�nschung auf den Lippen, konnte sich Sydow gerade noch bremsen. Nach dem gramzerfurchten Antlitz seiner Sekret�rin zu schlie�en, die sich hinter ihre Schreibmaschine gefl�chtet hatte, w�re das auch nicht unbedingt ratsam gewesen. �Eine ganze Menge, f�rchte ich�, murmelte er stattdessen halblaut vor sich hin, g�hnte und rieb die �bern�chtigten Augen. Er hatte die letzte Nacht kein Auge zugetan, und alles deutete darauf hin, dass sein Schlafdefizit weiter anwachsen w�rde. �Eine ganze Menge.�</p><p>�Kopf hoch, Herr Kommissar!�, munterte ihn die stets um sein Wohl besorgte Vorzimmerdame auf, �ffnete ihre Thermoskanne und goss ihm eine Tasse Bohnenkaffee ein. �Wie ich Sie kenne, ist des R�tsels L�sung bestimmt nicht mehr weit.�</p><p>�Ihr Wort in Gottes Ohr, Molli!�, seufzte Sydow, verdr�ckte sich wieder in sein B�ro und stie� die T�r mit dem Absatz zu. F�r Optimismus bestand keinerlei Anlass, im Gegenteil. Deutlicher ausgedr�ckt: Er war bislang noch keinen Schritt weitergekommen. Die Vernehmung des P�rchens, das auf den Leichnam am Spreebogen gesto�en war, hatte keinerlei Anhaltspunkte erbracht. Zu allem Ungl�ck, das �ber ihn hereingebrochen war, hatte es sich bei den beiden Turtelt�ubchen um einen verheirateten Hotelier und seine ebenfalls unter der Haube befindliche Empfangsdame gehandelt, deren Techtelmechtel auf der Uferpromenade durch den Leichenfund j�h unterbrochen worden war.</p><p>Mit sich und der Welt auf Kriegsfu�, tr�stete sich Sydow mit einem Schluck Bohnenkaffee und stellte die Tasse auf seinem Schreibtisch ab. Anschlie�end wandte er sich dem Fenster zu, beging dabei jedoch den Fehler, im Vorbeigehen einen Blick in den Spiegel zu werfen. Als er sein �bern�chtigtes Konterfei be�ugte, sank seine Laune endg�ltig auf den Nullpunkt.</p><p>�Du brauchst eine Frau, Tom. Eine Frau, mein Junge, hast du geh�rt?�, sch�rfte er seinem Spiegelbild mit gestrengem Seitenblick ein, wobei er jedes R in Zitzewitz�scher Manier hervorhob. �Von wegen!� Nach Lage der Dinge w�rde bei seinem Anblick nicht einmal das liebeshungrigste Frauenzimmer von ganz Berlin und Umgebung anbei�en.</p><p>�Verzeihung, Herr Kommissar � das Krankenhaus in Zehlendorf hat gerade angerufen.�</p><p>Knallrot im Gesicht, drehte sich Sydow um, und obwohl er sich f�r seinen albernen Imitationsversuch sch�mte, verzog er beim Anblick seiner Sekret�rin keine Miene.</p><p>�Und?�</p><p>�Eine Vernehmung des Motorradfahrers, der heute fr�h niedergeschossen worden ist, wird bis auf Weiteres nicht m�glich sein�, erkl�rte Annerose Mollig, die im Umgang mit den �brigen Polizisten gro�en Wert auf die Anrede �Fr�ulein� legte. Bei Sydow, dem Objekt ihrer Mutterinstinkte, machte sie dagegen eine Ausnahme. Er durfte sie sogar mit ihrem Spitznamen anreden. �Er scheint zwar auf dem Weg der Besserung zu sein, aber momentan sieht es anscheinend ziemlich d�ster aus.�</p><p>�Und seine BMW?�</p><p>�Weiterhin keine Spur von ihr�, antwortete die Sekret�rin mit einem Tonfall, aus dem man h�tte schlie�en k�nnen, sie m�sse dies auf die eigene Kappe nehmen. �Zu dumm, dass die amerikanische Streife den Kerl, der den Motorradfahrer niedergeschossen hat, nicht zu fassen bekommen hat.�</p><p>Sydow atmete ger�uschvoll aus. �Das k�nnen Sie aber laut sagen, Molli.�</p><p>�Kann ich sonst noch etwas f�r Sie tun, Herr Kommissar?�</p><p>�Nein, vielen Dank� f�r den Moment �, doch, k�nnen Sie!� Heilfroh, dass die Wunden, die seine Gardinenpredigt hinterlassen hatte, offenbar verheilt waren, fl�tete Sydow mit zuckers��er Stimme: �Seien Sie bitte so gut und suchen Sie mir die Adresse von diesem von Oertzen raus. Vorausgesetzt, es gibt Hinterbliebene, ist es h�chste Zeit, sie �ber den Vorfall in Kenntnis zu setzen.�</p><p>�Finde ich auch, Herr Kommissar�, antwortete die Vorzimmerdame mit belegter Stimme, aufgrund der Details, die Krokowski ihr in groben Z�gen geschildert hatte, noch eine Spur blasser als sonst. �Das bleibt Ihnen wohl nicht erspart.�</p><p>�Mir?�</p><p>�Ja, wem denn sonst?�, bekr�ftigte Fr�ulein Mollig, nickte und trat den R�ckzug an. �Von einem k�nftigen Kriminalrat kann man das ja wohl verlangen.�</p><p>Sprach�s und warf die T�r hinter sich zu.</p><p>�Autsch!�, �chzte Sydow, fast erleichtert, endlich sein Fett abbekommen zu haben. �Eins zu eins � das hat gesessen.�</p><p>Da half nur ein weiterer Schluck Kaffee, und sei es nur, um den Kopf wieder halbwegs frei zu bekommen. Die erhoffte Besserung seines Gem�tszustandes lie� jedoch auf sich warten. Weiterhin hundem�de, stellte Sydow die Tasse ab und trat ans Fenster. Der B�rgersteig vor dem Pr�sidium, nur einen Katzensprung vom Flughafen Tempelhof entfernt, war wie leer gefegt, und die br�tende Hitze, auf die er liebend gerne verzichtet h�tte, trieb ihm schon am fr�hen Morgen den Schwei� auf die Stirn. Wie nicht anders zu erwarten, kreisten seine Gedanken alsbald wieder um die Frage, �ber die er sich bereits mehrfach den Kopf zerbrochen hatte. Doch sooft er sie sich auch stellte, so sehr er sein Ged�chtnis auch bem�hte oder den Bekanntenkreis seines verstorbenen Vaters, des Freiherrn von und zu Sydow, auch durchforstete � der Name von Oertzen tauchte darin nicht auf.</p><p>In der Absicht, sich dem ungeliebten Aktenstudium zu widmen, nahm Sydow daraufhin einen Leitzordner aus dem Regal und l�mmelte sich in den Sessel hinter seinem Schreibtisch. Dass daraus nichts wurde, machte ihm nicht sonderlich zu schaffen, das Unget�m von einer Frau, die sich trotz heftiger Gegenwehr seiner Sekret�rin den Weg in sein Refugium bahnte, dagegen schon. Er war so sehr auf sie fixiert, dass er das Jammerbild von einem Mann, der im Schlepptau der Roten Lola den Raum betreten hatte, zun�chst v�llig ignorierte.</p><p>�Nett, dass du wieder mal vorbeischaust, Lola�, w�rgte Sydow mit verkrampftem L�cheln hervor, vollauf damit besch�ftigt, die Rangelei zwischen den beiden Kontrahentinnen zu beenden. �Bitte Platz zu nehmen, Majest�t.�</p><p>�Ich muss schon sagen, Herr Kommissar, so etwas habe ich in all meinen Jahren bei der Kriminalpolizei ��</p><p>�Ich schon, Molli, ich schon�, st�hnte Sydow mit Blick auf die Zweizentnerfrau, unter deren Gewicht der Stuhl vor seinem Schreibtisch bedenklich zu �chzen begann, und komplimentierte seine Sekret�rin zur T�r hinaus. �Geht in Ordnung, lassen Sie mich mit der Dame allein.�</p><p>�Det haste aber sch�n jesagt, Sch�tzchen!�, grunzte die Rote Lola alias Erna Pommerenke nach dem Verschwinden ihrer Sparringspartnerin und stopfte eine echte Havanna in den grellrot geschminkten Mund.</p><p>�Was denn, Lola?�, fragte Sydow, nachdem die T�r hinter ihm ins Schloss gefallen war.</p><p>�Na, det mit der Dame�, polterte Kreuzbergs Bordellk�nigin, deren hautenges Atlaskleid beinahe aus den N�hten platzte, von den Netzstr�mpfen �ber den fettstrotzenden Schenkeln ganz zu schweigen. �Wenn ick jetzt noch Feuer kriege, S��er, haste dir deine Gratisnummer redlich verdient.�</p><p>�Zu g�tig, Lola!�, wehrte Sydow ab und reichte ihr sein Feuerzeug, nicht sicher, wie das Angebot zu verstehen war. �Kein Bedarf.�</p><p>Doch so leicht lie� sich die Grande Dame der Kreuzberger Liebesdienerinnen, nach der sich jeder Catch-as-catch-can-Veranstalter die Finger geleckt h�tte, von Sydow nicht abwimmeln. �Weeste, wat ick glaube, Sch�tzchen?�, raunte sie ihm in mitf�hlendem Tonfall zu, die qualmende Zigarre in der rechten, das Ende ihrer roten Federboa in der linken Hand. �Langsam aber sicher brauchste mal wieder �ne ��</p><p>�Noch ein Wort, Lola�, schnitt ihr Sydow im Handumdrehen das Wort ab, �noch einziges Wort, und ich lasse dich auf der Stelle in U-Haft nehmen!� Er war es leid, st�ndig mit Ratschl�gen eingedeckt zu werden, mochten sie auch noch so gut gemeint sein. �Halt dich da raus, klar?� Kaum hatte er seinem �rger Luft gemacht, packte ihn die Reue, und so schluckte er ihn hinunter und fragte: �Was kann ich f�r dich tun, Kleines?�</p><p>�Frag lieber, wat ick f�r dir tun kann, Kleener�, blaffte die Rote Lola verschnupft, im Wissen, die Sympathie des einzigen Polizisten, dem sie �ber den Weg traute, dadurch nicht entscheidend schm�lern zu k�nnen. �Und wie du meene m�tterliche F�rsorje wieder jutmachen kannst.�</p><p>�Klingt interessant, Lola. Lass h�ren.�</p><p>�Wusste ick et doch, dat det dir interessiert.� Ein breites Grinsen auf dem mit Rouge vollgekleisterten Gesicht, lugte Erna Pommerenke �ber die Schulter und warf der Gestalt, die sich nach wie vor in der N�he der T�r herumdr�ckte, einen auffordernden Blick zu. �Spuck�s aus, Paule.�</p><p>Der Angesprochene, nach Sydows Sch�tzung h�chstens 40, unter Umst�nden sogar wesentlich j�nger, lie� sich nicht lange bitten. �Also, das war so�, legte der mittelgro�e, mit Hut, zerfledderter Jacke und viel zu weiter Hose bekleidete Begleiter von Erna Pommerenke los, �eigentlich bin ich ja aus Wannsee, aber ��</p><p>�Det will der Herr Kommissar gar nich wissen, du Transuse�, funkte die Rote Lola dazwischen, sog an ihrer Havanna und nebelte ihn komplett ein. �Komm zur Sache, oder et setzt wat.�</p><p>�Ich � ich habe eine Aussage zu machen, Herr Kommissar�, tat der Gescholtene, von seiner Sprechweise her aus Schlesien, laut h�stelnd und mit bleicher Miene kund.</p><p>�Dann mal nichts wie los, Herr ��</p><p>�Nahler, Herr Kommissar, Paul Nahler�, vollendete der Angesprochene devot, die verh�rmte, vor der Zeit gealterte Gesichtspartie auf den Hut gerichtet, den er als Zeichen der Ehrerbietung flugs abgenommen hatte. �Derzeit ohne festen Wohnsitz.�</p><p>�Und was gibt es Interessantes zu erz�hlen, Herr Nahler?�</p><p>�Paule, sagen Sie ruhig Paule zu mir, Herr Kommissar.�</p><p>�Also gut, Paule ��, fuhr Sydow mit freundlichem L�cheln fort, �wo dr�ckt der Schuh?�</p><p>Nahler schluckte und fuhr mit der Hand �ber sein stoppeliges Kinn. �Ich habe � ich habe �, also, das war so: Vor zehn Jahren, genauer gesagt am 16. Juni 1943, ist ein Kumpel von mir in russischer Gefangenschaft gestorben. Aus diesem Anlass habe ich mir die Freiheit genommen, ihm einen kleinen Besuch abzustatten. Wie in jedem Jahr.�</p><p>�Das m�ssen Sie mir n�her erkl�ren, Paule.�</p><p>�Du, Herr Kommissar, ich bitte Sie. Ich sammle n�mlich alle m�glichen Sachen, m�ssen Sie wissen. Als da w�ren Klamotten, Bierflaschen, alte M�bel und Ger�mpel jeder Art. Lauter Zeugs eben, das die Leute nicht mehr brauchen. Ab und zu helfe ich noch in Lolas � in Lolas Kneipe aus.� Ein naiv-kindliches L�cheln trat auf Nahlers Gesicht. �Kein Mensch k�me auf die Idee, mich zu siezen, im Leben nicht.�</p><p>�Na gut, wenn du drauf bestehst, Paule�, willigte Sydow ein, der den Stadtstreicher eigentlich ganz sympathisch fand. �Lass mal h�ren � wie war das gleich mit deinem Freund?�</p><p>�Wie gesagt � da er gestern vor zehn Jahren an Typhus gestorben ist, hielt ich es f�r meine Pflicht, mal wieder bei dem Ehrengrab meines Kumpels vorbeizuschauen, das seine Eltern f�r ihn auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof ��</p><p>�Zehlendorf?�, rief Sydow aus, auf einen Schlag wie elektrisiert. �Habe ich da eben richtig geh�rt?�</p><p>�� haben anlegen lassen. Damals, anno 43, ist er ja einfach verscharrt worden. Irgendwo in Sibirien, am Arsch der Welt. Ohne Kreuz, ohne Pfarrer, ohne Ansprache. Einfach so.� Nahler err�tete. �Entschuldigen Sie, Herr Kommissar, aber was haben Sie gerade eben gefragt?�</p><p>�Schon gut, Paule�, wiegelte Sydow ab und nahm sich vor, auf weitere Temperamentsausbr�che tunlichst zu verzichten. �Und dann?�</p><p>�Na ja, dann habe ich eine Flasche Doppelkorn gek�pft und meinen Kumpel, die sechste Armee und all die armen Schweine, die der Iwan hat verrecken lassen, kr�ftig hochleben lassen.�</p><p>�Stalingrad-Macke�, wisperte die Rote Lola hinter vorgehaltener Hand. �Keen Wunder, wenn man bedenkt, wat der arme Teufel alles hinter sich hat.�</p><p>�Mit anderen Worten ��, bohrte Sydow weiter und strafte sie mit einem ungehaltenen Blick, �du hast die Flasche komplett leer getrunken.�</p><p>�Endlich mal einer, der mich versteht � genau, Herr Kommissar, ich habe mir kr�ftig einen hinter die Binde gegossen. Granatenm��ig, um die Wahrheit zu sagen. Mannomann, ich war so besoffen, dass ich nicht mehr gewusst habe, wo unten und wo oben ist.�</p><p>�Ergo: Du hast dich auf eine Bank gelegt und ein kleines Nickerchen gehalten.�</p><p>�Genau, Herr Kommissar�, setzte Nahler seine Erz�hlung mit einem entschiedenen Kopfnicken fort, nur um unmittelbar darauf wieder todernst zu werden. �Sehr lange hat mein Schl�fchen aber nicht gedauert, wissen Sie.�</p><p>�Und das, obwohl du sturzbetrunken warst?�</p><p>Auf gleicher H�he mit Erna Pommerenke, wechselte Nahler einen raschen Blick mit ihr. Deren aufmunternder Klaps, vergleichbar mit einem Handkantenschlag, war anscheinend der ideale Ansporn f�r ihn. �Wenn ich ehrlich bin, habe ich zuerst gedacht, ich h�tte mir den Verstand weggesoffen�, gestand der Stadtstreicher freim�tig ein und kratzte sich hinterm Ohr. �Aber dann, als dieser Dreik�sehoch zu buddeln angefangen hat, war mir klar, dass da droben noch ein paar graue Zellen �brig geblieben sind.� Nahler deutete mit dem Zeigefinger auf die zerfurchte Stirn: �So was, Herr Kommissar, so was kann sich n�mlich kein Mensch ausdenken. Auf etwas derart Widerw�rtiges kommt man nicht mal im Traum. Da taucht also diese halbe Portion auf und � und buddelt mir nichts, dir nichts einen Toten aus. Das muss man erst mal verkraften, oder?�</p><p>�Halbe Portion, sagst du?�</p><p>�Tut mir leid, Herr Kommissar, mehr kann ich �ber den Gnom nicht sagen. Ich hatte halt ordentlich einen intus, au�erdem konnte ich wirklich nicht viel sehen.�</p><p>�Und weiter?�</p><p>�Sch�tzungsweise eine Stunde sp�ter ist dann erst richtig Leben in die Bude gekommen. Makaber gesagt. Da kriegt die halbe Portion n�mlich Besuch, von einem Macker im Trenchcoat, mindestens zwei K�pfe gr��er als er. Feiner Pinkel, h�rte sich zumindest danach an.�</p><p>�Besondere Kennzeichen?�</p><p>�Hochn�sig, herablassend und eiskalt. Anders kann man es wirklich nicht sagen.� Nahlers Blick wurde fahrig, die Stimme unstet und ged�mpft. �Wenn ich mir �berlege, was ich im Krieg alles mitgemacht habe � nee, Herr Kommissar, im Vergleich dazu kommt einem der Wintereinbruch vor Moskau wie ein Erholungsurlaub vor. Ganz ehrlich: So was habe ich selbst in vier Jahren Ostfront nicht erlebt.�</p><p>�Soll hei�en, der Mann im Trenchcoat hat seinen Kumpel �ber die Klinge springen lassen.�</p><p>�Salopp ausgedr�ckt, Herr Kommissar. Aber durchaus zutreffend. Erst hat er ihm seine Knarre abgenommen, und dann � dann ��</p><p>�Janz ruhig, Paule, gleich hastes jeschafft.�</p><p>�Wenn du meinst, Lola � nun gut: Erst hat ihm dieser Satan in Menschengestalt seine Knarre abgenommen, dann musste der bucklige Steppke in die Grube klettern.�</p><p>�Fragt sich, aus welchem Grund.�</p><p>�Ersparen Sie mir die Details, Herr Kommissar, aber soweit ich erkennen konnte, muss es sich um irgendeine Art von Dokument gehandelt haben. Kurzum � am Ende hat der feine Pinkel bekommen, was er wollte, sich seine Beute geschnappt und dem Gnom eine Kugel durch den Kopf gejagt.�</p><p>�Und danach alles getan, um die Spuren zu verwischen.�</p><p>�Sie sagen es, Herr Kommissar.� Mit den Nerven sichtlich am Ende, rang Nahler nach Worten. �Das bedeutet � Sie m�ssen entschuldigen, Herr Kommissar, aber � das hei�t, er hat das Grab wieder zugesch�ttet.�</p><p>�Nur noch eine kurze Frage, Paule.�</p><p>Nahler rang sich ein zustimmendes Nicken ab, begleitet von einem aufmunternden Rippensto� seiner Nachbarin, nach dem ihm beinahe die Luft weggeblieben w�re.</p><p>�Hast du irgendeinen blassen Schimmer, um welche Sorte Dokument es sich genau gehandelt hat? Denk mal kurz nach � wer wei�, vielleicht hast du es in der Aufregung nicht mitgekriegt.�</p><p>Nahler zuckte die Achseln. �Wei� nicht so recht ��, begann er, sichtlich bem�ht, seine bruchst�ckhafte Erinnerung wieder aufzufrischen, �alles, woran ich mich erinnern kann �, genau! Jetzt f�llt�s mir wieder ein.�</p><p>�Was denn, Paule?�, fragte Sydow gespannt, auf alles, nur nicht auf die folgende Antwort gefasst.</p><p>�Dieser Henker im Trenchcoat hat etwas von einer � einer Schatzkarte erw�hnt.� Nahler besann sich, hielt jedoch an seiner Wortwahl fest: �Genau so hat er sich ausgedr�ckt, Herr Kommissar.�</p><p>�Irrtum ausgeschlossen?�, insistierte Sydow, dem die Verbl�ffung �berdeutlich ins Gesicht geschrieben war.</p><p>�In jedem Fall, Herr Kommissar.�</p><p>Sydow legte die Handfl�chen aneinander, st�tzte das Kinn auf den rechten und linken Zeigefinger und starrte an dem ungleichen Paar vorbei ins Leere. Geraume Zeit sp�ter, auf ein verlegenes H�steln von Nahler hin, brach er schlie�lich sein Schweigen. �Eins ist mir im Moment noch nicht ganz klar, Paule ��, murmelte Sydow, den Blick abwechselnd auf Nahler und seine wie ein Schlot qualmende Besch�tzerin gerichtet, �wieso eigentlich dieser anonyme Anruf, diese Heimlichtuerei? Warum hast du nicht gleich ausgepackt?�</p><p>Nahlers Antwort kam prompt. �Weil ich nach M�glichkeit noch eine Weile am Leben bleiben will, Herr Kommissar. Ist das so schwer zu verstehen?�</p><p>Sydow tat so, als habe er die Entschiedenheit in Nahlers Stimme �berh�rt. �Na, das wollen wir ja wohl alle, oder?�</p><p>�Mag sein, aber wenn ich schon abkratzen muss, dann bitte nicht, weil mir die Stasi eine Kugel durch die Birne gejagt hat.�</p><p>�Die Stasi?�, fragte Sydow, dem die Rolle als begriffsstutziger Kommissar �berhaupt nicht behagte. Trotzdem war ihm jedes Mittel recht, um Nahler aus der Reserve zu locken. �Wie kommst du denn auf die Idee?�</p><p>�Ganz einfach: Weil dieser Dreckskerl im Trenchcoat die halbe Portion mit �Genosse� angesprochen hat.�</p><p>�Genosse, so, so.�</p><p>�Und mit �Agent Laurin� � das kann ich beschw�ren.�</p><p>�Immer mit der Ruhe, Paule, ich glaub�s dir auch so�, beschwichtigte Sydow den Stadtstreicher, verschr�nkte die H�nde im Nacken und reckte die m�den Glieder. Um wieder auf Touren zu kommen, reichte Kaffee allein anscheinend nicht aus. �Egal, welche �berraschungen mir der Tag noch bescheren wird, dank deiner Hilfe bin ich einen Riesenschritt weiter.�</p><p>�Das freut mich, Herr Kommissar�, strahlte ein sichtlich erleichterter Paul Nahler mit stolzgeschwellter Brust. �Stets zu Diensten.�</p><p>�W�re mir ein Vergn�gen�, erwiderte Sydow, stand auf und reichte ihm die Hand. �Im Grunde h�ttest du eine Belohnung verdient.�</p><p>�Det lass mal meene Sorge sein, Sch�tzchen!�, entschied die Rote Lola prompt. �Zur Feier des Tages darf sich dat Paule erstmal auf Kosten des Hauses st�rken, w�rde ick sagen.�</p><p>�Du als barmherzige Samariterin � �fter mal was Neues!�, gab Sydow zur�ck, schnappte sich ihren Zigarrenstummel und dr�ckte ihn kurzerhand im Aschenbecher aus. �So leid es mir f�r dich tut, Paule, als N�chstes muss mein Assistent deine Aussage zu Protokoll nehmen, erst dann steht deinem Vergn�gen eigentlich nichts mehr im �Verdammt noch mal, was soll denn die Klopferei? Herein, ich bin doch nicht taub!�</p><p>�Verzeihung, Herr � �h � Entschuldigung, Tom, wenn ich einfach so reinplatze�, stammelte Eduard Krokowski beim Betreten des Zimmers, sichtlich irritiert wegen des Zigarrenqualms, durch den sein Elan einen herben D�mpfer erlitt. �Aber es gibt gute Nachrichten.�</p><p>�Sekunde, Eduard�, bat Sydow und machte eine weit ausholende Bewegung mit der linken Hand. �Darf ich vorstellen � Erna Pommerenke und � Paule. Tu mir bitte den Gefallen und nimm die Aussage von Herrn Nahler zu Protokoll.� Ein L�cheln auf den Lippen, um das ihn jeder Japaner beneidet h�tte, eskortierte er das ungleiche Paar daraufhin nach drau�en auf den Korridor, bat um Geduld und kehrte in sein B�ro zur�ck. �Dann mal raus mit der Sprache, Eduard�, forderte er seinen Assistenten auf, nachdem die T�r hinter ihm zugefallen war. �Was gibt�s Neues?�</p><p>�Gerade eben hat das Krankenhaus angerufen, Tom�, antwortete Krokowski, dessen Jagdinstinkt einmal mehr nicht zu bremsen war. �Der Mann, der heute Morgen ange� �h � �ber den Haufen geschossen wurde, ist ab sofort vernehmungsf�hig.�</p><p>�Na, wenn das mal keine gute Nachricht ist!�, frohlockte Sydow und verpasste Krokowski einen anerkennenden Klaps. �Sieht so aus, als k�me die Sache langsam auf Touren.�</p><p>�Und was jetzt, Tom?�</p><p>�Als Erstes kn�pfst du dir die beiden Turtelt�ubchen vor.� Um nicht unn�tig Zeit zu vergeuden, fasste Sydow die neu gewonnenen Erkenntnisse kurz zusammen, zog sein Jackett an und warf einen Blick auf die Uhr. Zehn nach neun, schon so sp�t. Auf einmal konnte es ihm nicht schnell genug gehen, und so riss er die T�r zum Vorzimmer auf und rief Krokowski, der immer noch mit dem Zigarrenqualm haderte, �ber die Schulter hinweg zu: �Punkt eins im Kranzler, verstanden, Gefreiter Krokowski?�</p><p>�Zu Befehl!�, schnarrte Krokowski, trotz Rauchschwaden offenbar ganz in seinem Element. �Herr Kriminalhauptkommissar k�nnen sich jederzeit auf mich verlassen.�</p><p>Dann �ffnete er die T�r, trat auf den Korridor hinaus und machte sich an die Arbeit.</p><p>�Hier, Herr Kommissar � die gew�nschte Adresse�, bereitete Sydows Sekret�rin, die seinen Sinn f�r Humor nicht unbedingt teilte, dem Herumgealbere ein abruptes Ende. �Hans-Hinrich von Oertzen, wohnhaft in Berlin-Zehlendorf, Seestra�e Nummer ��</p><p>�Sie sind ein Schatz, Molli�, lobte Sydow die freudestrahlende Vorzimmerdame, nahm den Zettel mit der Adresse in Empfang und warf ihr eine Kusshand zu.</p><p>Bevor sich eine bis in die Haarspitzen err�tende Annerose Mollig gefasst hatte, war die T�r l�ngst wieder ins Schloss gefallen.</p><p>*</p><p>Zu seinem Leidwesen gelang Sydows �berst�rzter Aufbruch nicht wie geplant. Im Treppenhaus lief ihm n�mlich der Polizeipr�sident �ber den Weg, genau der Mann, um den er in den vergangenen Tagen einen Riesenbogen gemacht hatte. Da dies allein aufgrund Platzmangels nicht m�glich war, blieb ihm nichts anderes �brig, als gute Miene zum b�sem Spiel � sprich seiner bevorstehenden Bef�rderung � zu machen.</p><p>�Na, von Sydow � wohin so eilig?�, lautete die Begr��ung des wohlgen�hrten Polizeichefs, der ihn aus unerfindlichen Gr�nden ins Herz geschlossen hatte. �Mein Gott, wie sehen Sie denn aus!�</p><p>�Bei allem schuldigen Respekt, Herr Polizeipr�sident: Sydow Komma Tom � ohne das �von�.�</p><p>Der leutselige Patriarch, der nicht nur wie Ludwig Erhard aussah, sondern zu allem Ungl�ck auch noch ein fr�nkischer Landsmann des Bundeswirtschaftsministers war, lie� den R�ffel einfach �ber sich ergehen und sagte: �Ganz sch�ner Schlamassel da dr�ben, was?�</p><p>Sydow nickte, wenngleich ihm momentan ganz andere Dinge durch den Kopf gingen. So zum Beispiel die Herkunft eines gewissen Hans-Hinrich von Oertzen, mit dessen Vergangenheit er sich in K�rze n�her befassen w�rde. Eine Vergangenheit, die ihre Schatten offenbar bis in die Gegenwart warf.</p><p>�H�ren Sie mir �berhaupt zu, Tom?�</p><p>�Aber selbstverst�ndlich, Herr Polizeipr�sident!�, schwindelte Sydow mit treuherziger Miene, was dazu f�hrte, dass die Gnadensonne �ber seinem Haupt umso heller erstrahlte. �Sieht so aus, als w�rde es den Genossen in der Stalinallee demn�chst an den Kragen gehen.�</p><p>�Meinen Sie wirklich?�</p><p>Sydow nickte, arbeitete sich behutsam bis zum Treppenabsatz vor und machte eine entschuldigende Geste. �Nichts f�r ungut, Herr Polizeipr�sident�, heuchelte er mit zerknirschtem Gesichtsausdruck, da er weder Zeit noch Lust auf eine politische Diskussion hatte, �ich muss jetzt wirklich los.�</p><p>�Wenn wir gerade dabei sind, mein Junge ��, rief ihm der Polizeipr�sident hinterher, als Sydow beinahe seinen Blicken entschwunden war, �seien Sie bitte so gut und kommen Sie morgen um zehn in mein B�ro.�</p><p>�Aber gerne!�, antwortete Sydow, hob die Hand zum Gru� und hastete zum Hinterausgang. So sehr ihm das Wohlwollen schmeichelte, das ihm entgegengebracht wurde � im Moment hatte er ganz andere Sorgen. Und was seine Bef�rderung anging, w�rde ihm bei Gelegenheit bestimmt etwas einfallen. Allein der Gedanke an eine T�tigkeit im Innendienst reichte aus, um ihn auf der Stelle in Panik zu versetzen.</p><p>�So, mein Freund � und jetzt zu dir�, murmelte Sydow, als er die T�r zu seinem Aston Martin aufschloss, in Gedanken bereits bei dem bevorstehenden Besuch einer der vornehmsten Adressen in ganz Berlin. Dann lie� er den Motor an, stie� zur�ck und fuhr auf die Ausfahrt zu, um anschlie�end in Richtung Friesenstra�e abzubiegen.</p><p>Doch dazu kam es nicht mehr. Nicht etwa, weil er einen Unfall gebaut, sondern weil er das, was er sah, zun�chst f�r eine Halluzination gehalten hatte.</p><p>Als habe er alle Zeit der Welt, stie� sich der Mann im dunklen Anzug von der H�userwand auf der gegen�berliegenden Stra�enseite ab, schlenderte �ber die Fahrbahn und �ffnete die Beifahrert�r. Sydow war v�llig �berrumpelt, derart perplex, dass er den Motor abw�rgte.</p><p>Juri Andrejewitsch Kuragin quittierte es mit einem L�cheln, schob seine Sonnenbrille nach oben und machte es sich auf dem Beifahrersitz bequem.</p><p>�Lust auf eine kleine Spritztour?�, fragte er, gerade so, als sei dies die normalste Sache der Welt. �Ich wette, Sie werden es nicht bereuen, Herr Kommissar.�</p><p>*</p><p>�Darf man fragen, was Sie mit mir vorhaben?�, fragte Sydow beim �berqueren der Mehringbr�cke, nachdem sich Kuragin beharrlich ausgeschwiegen und den R�ckspiegel w�hrend der gesamten Fahrt auch nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen hatte. �Nicht etwa, dass ich Ihnen ��</p><p>�Und ob Sie mir misstrauen, Herr Kommissar�, versetzte Kuragin mit der f�r ihn typischen Mischung aus Heiterkeit und Melancholie. Sogar bei knapp 100 Stundenkilometern erweckte er den Eindruck, dies alles sei nur ein Spiel f�r ihn, wenngleich Sydow klar war, unter welch ungeheurer Anspannung der Oberstleutnant des sowjetischen MGB stand. �Aber nichts f�r ungut � an Ihrer Stelle w�rde ich genauso denken.�</p><p>�Hei�t das etwa, Sie sind f�ndig geworden?�</p><p>Kuragin bejahte und belauerte Sydow von der Seite. �Hand aufs Herz, Herr Kommissar � wissen Sie �berhaupt, worauf Sie sich da eingelassen haben?�</p><p>�Ich denke schon�, gab Sydow trocken zur�ck. �Soll das etwa hei�en, die Sache sei eine Nummer zu gro� f�r mich?�</p><p>�Kommt ganz drauf an, wie viel Sie einstecken k�nnen�, wich Kuragin aus. �Und ob Sie in der Lage sind, es mit mehreren Gegnern gleichzeitig aufzunehmen.� Auf Sydows fragenden Blick hin wurde er etwas deutlicher: �F�r den Fall, dass es ums Ganze geht.�</p><p>Sydow nahm es mit Gelassenheit, zumindest nach au�en hin. �Haben Sie eine Ahnung, Kuragin�, entgegnete er, �was ich im Verlauf meiner fast zwanzigj�hrigen T�tigkeit in Diensten von Vater Staat alles �ber mich ergehen lassen � Mensch, pass doch auf, du Idiot!�</p><p>Es h�tte nicht viel gefehlt, und der weinrote Laster vom Typ Mercedes-Benz L 3500, �ber dessen Ladefl�che eine Plane gespannt war, w�re Sydow zum Verh�ngnis geworden. Das �berholman�ver, welches ihn zu einer Vollbremsung zwang, war derart waghalsig, dass er sich fragte, ob der Fahrer des Sechseinhalbtonners zu tief ins Glas geschaut hatte. Im Nachhinein, als er die Geschehnisse halbwegs verdaut hatte, war es Sydow nach wie vor ein R�tsel, wie er und Kuragin es geschafft hatten, die eigene Haut zu retten. W�re die Fahrbahn in H�he der Abzweigung Stresemannstra�e um eine Idee rutschiger gewesen, h�tte ihm seine Reaktionsschnelligkeit nichts gen�tzt. So aber, nach einem heftigen Tritt auf die Bremse, kam er knapp zwei Meter hinter dem Lkw zum Stehen.</p><p>Gerade rechtzeitig, um erleichtert aufzuatmen, jedoch zu sp�t, um das, was sich vor seinen Augen abspielte, zu begreifen.</p><p>So kam es, dass er die dunkelblaue Limousine, die urpl�tzlich neben ihm aufgetaucht war, zun�chst nicht bemerkte. Daf�r war er noch viel zu sehr auf den Lkw fixiert, zu w�tend, um die Falle, in die er und Kuragin geraten waren, zu erahnen. W�re der MGB-Agent nicht einen Tick schneller als der Beifahrer des Ford Popular gewesen, h�tte dies f�r Sydow das Ende bedeutet. Mit Sicherheit h�tte der Beifahrer mit seiner Tokarew auf Sydows Schl�fe gezielt, abgedr�ckt und ihm aus n�chster N�he eine Kugel durch den Kopf gejagt. Blitzschnell, kaltbl�tig und ohne mit der Wimper zu zucken. Es waren Bruchteile von Sekunden, die ihm das Leben retteten, vielleicht nur wenige Hundertstel. Und es war Kuragin, dem er es zu verdanken hatte.</p><p>Dieser hatte das Unheil kommen sehen, geahnt, dass sie in einen Hinterhalt geraten waren, und so schnell reagiert, dass sich Sydow hinterher wie ein Statist vorkam.</p><p>Obwohl er das freilich nicht war.</p><p>Der dunkelhaarige, mit einer Sonnenbrille getarnte Attent�ter war nur eine Seite des Problems, das Szenario, welches sich nach seiner Liquidierung durch Kuragin entfaltete, hingegen wesentlich bedrohlicher. Kaum hatte Sydow die Blutspritzer auf seiner linken Schulter registriert, ging die Sache erst richtig los. Seit der Vollbremsung war erst wenig Zeit vergangen, als die Plane auf der Ladefl�che des Mercedes abrupt zur�ckgeschlagen wurde. Sydow traute seinen Augen nicht. Keine drei Meter entfernt, in nahezu idealer Schussposition, ragte auf einmal eine mit Strumpfmaske und dunklem Ledermantel bekleidete und obendrein mit einer AK-47 bewaffnete Gestalt empor, ein siegesgewisses, nachgerade h�misches Grinsen im Gesicht. Der Maskierte schien sich seiner absolut sicher zu sein, ging mit einer Seelenruhe zu Werke, die auf Sydow wie eine Provokation wirkte. Damit nicht genug, l�chelte er ihn zu allem �berfluss noch an, spreizte die Beine und nahm Kuragin ins Visier. Aus einem Grund, den vermutlich nicht einmal der MGB-Offizier selbst kannte, verharrte dieser wie gel�hmt auf seinem Sitz, die Waffe schussbereit in der Hand.</p><p>Dies war der Punkt, an dem Tom Sydow in Aktion trat. Ohne dem Ford, der mit quietschenden Reifen Richtung Checkpoint Charlie davonraste, auch nur eine Sekunde Beachtung zu schenken, riss er die T�r auf, ging in Deckung und feuerte das Magazin seiner Walther PPK bis auf die letzte Patrone leer.</p><p>Es war das Motorenger�usch des Lasters, die Mischung aus Abgasen, Benzingestank und dem Geruch nach Blut, was Sydow wieder zur Besinnung brachte. Er hob den Kopf, gerade rechtzeitig, um Zeuge zu werden, wie der von Kugeln durchsiebte Maskierte die Kalaschnikow fallen lie�, die Arme weit von sich streckte und mit schmerzverzerrter Miene auf der Ladefl�che des Mercedes L 3500 aufschlug. Fast gleichzeitig trat der Lkw-Fahrer aufs Gas und raste mit H�chstgeschwindigkeit davon.</p><p>�Na, Herr Kommissar ��, meldete sich Kuragin im gleichen Moment zu Wort, w�hrend er seine Tokarew mit gerunzelter Stirn verschwinden lie� und sich anschlie�end dem Sitz seiner Krawatte widmete, �verstehen Sie jetzt, was ich meine?�</p><p>Wieder hinter dem Steuer, hatte Sydow es auf einmal sehr eilig, legte den Gang ein und wollte die Verfolgung aufnehmen. �Was denn?�, fragte er gereizt, nachdem er den Motor abgew�rgt und sich fast eine halbe Minute vergeblich bem�ht hatte, ihn wieder anzulassen. �Meine Hochachtung, Kuragin � Ihre Ruhe w�rde ich gerne haben.�</p><p>�Was es hei�t, sich mit mehreren Gegnern gleichzeitig anzulegen, meinte ich�, erl�uterte der Geheimdienstler, der es vorgezogen hatte, Sydows Bemerkung einfach zu ignorieren. Kurz darauf sprang der Aston Martin endlich an. �Oder wollen Sie etwa behaupten, dies hier sei ein Routineeinsatz f�r Sie?�</p><p>�Routine oder nicht, ich w�re Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie mir reinen Wein einschenken w�rden�, gab Sydow seinem Nebenmann zu verstehen, w�hrend er urpl�tzlich nach rechts abbog, um etwaige Verfolger zu irritieren. An der n�chsten Kreuzung wiederholte er das Man�ver und fuhr dieses Mal in die andere Richtung. Bis zum Checkpoint Charlie, dem an der Sektorengrenze gelegenen Kontrollpunkt, waren es h�chstens noch 500 Meter, und allm�hlich fragte er sich, ob er im Eifer des Gefechts nicht ein bisschen zu weit gegangen war. �Sonst ��</p><p>�Wollen Sie den Fall aufkl�ren oder nicht?�, unterbrach ihn Kuragin mit einer Vehemenz, die f�r Sydow g�nzlich unerwartet kam.</p><p>�Nat�rlich � wieso?�</p><p>�Ein Vorschlag zur G�te: Was halten Sie davon, zur Abwechslung einmal �ber den eigenen Schatten zu springen?� Von der L�ssigkeit, die Kuragin gew�hnlich zur Schau trug, war nichts mehr �brig geblieben, die sonst so souver�ne Fassade begann zu br�ckeln. �Zum Misstrauen besteht keinerlei Grund.�</p><p>�Man wird doch mal fragen d�rfen, oder?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Kuragin und sah Sydow �ber die R�nder seiner Sonnenbrille hinweg an. �Um Sie nicht weiter auf die Folter zu spannen, Herr Kommissar: Aufgrund eines Zwischenfalls, den wir beide nicht ins Kalk�l gezogen haben, bin ich gezwungen, kurzfristig umzudisponieren.� Bevor Sydow Einw�nde erheben konnte, wies Kuragin mit dem Daumen nach rechts. �Hier entlang, Herr Kommissar.�</p><p>�Na sch�n, wie Sie wollen�, willigte Sydow achselzuckend ein und bog mit quietschenden Reifen nach rechts ab. Er hatte keine Ahnung, wozu das gut sein sollte. Trotz alledem hielt er lieber den Mund.</p><p>Der MGB-Offizier reagierte mit einem L�cheln. �Ich sehe, wir verstehen uns�, sagte er und bedeutete Sydow, vor einem sch�bigen alten Mietshaus in der Alten Jakob�stra�e anzuhalten. �Wurde langsam Zeit, wenn Sie mich fragen.�</p><p>�Und ich dachte schon, Sie wollten mich r�ber in den Osten lotsen�, tat Sydow mit einem Seufzer der Erleichterung kund.</p><p>Doch er hatte sich zu fr�h gefreut.</p><p>�Wie kommt es eigentlich, dass Sie Gedanken lesen k�nnen?�, am�sierte sich Kuragin und machte Anstalten, aus Sydows Sportwagen zu steigen. �Exakt das habe ich vor.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Sie haben richtig geh�rt, Herr Kommissar. Wir beide, Sie und ich, werden einen kleinen Ausflug machen.� Der Geheimdienstler pausierte und lie� es sich nicht nehmen, die Verbl�ffung auf dem �bern�chtigten Gesicht seines Nebenmannes eine Weile zu genie�en. �Zuvor sollten Sie sich jedoch um einen Parkplatz bem�hen�, wies er Sydow vergn�gt an. �Oder haben Sie etwa Angst, Ihr Spielzeug im Stich lassen zu m�ssen?�</p><empty-line/></section><section><p><strong>23</strong></p><p><emphasis>Berlin-Zehlendorf, Allied Checkpoint Bravo | 09.50 h</emphasis></p><p>�Schon peinlich, wenn man sich eine Knarre mit leerem Magazin andrehen l�sst!�, kriegte sich Curt Holl�nder alias Rembrandt vor Schadenfreude fast nicht mehr ein und trommelte vergn�gt auf dem Steuer der nagelneuen Chevrolet Corvette C1 herum. Wenig sp�ter, in Sichtweite des amerikanischen Kontrollpunktes Dreilinden, drosselte er das Tempo. An jenem Punkt herrschte Hochbetrieb, es wimmelte nur so von Uniformierten. Deshalb fuhr er im Schritttempo, der geringste Fehler, und er w�re geliefert, der Traum von der Kohle, um die er Grant und Slav�n erleichtern w�rde, f�r immer ausgetr�umt. �Aber wenigstens hast du am Ende Vernunft angenommen, Olaf.�</p><p>Rembrandt genoss seinen Triumph in vollen Z�gen und lehnte sich behaglich zur�ck. Die Flaggen der drei Westalliierten flatterten im Wind. Vor der Baracke auf dem Mittelstreifen, in der die B�ros der MP und der Zollbeamten untergebracht waren, herrschte hektische Betriebsamkeit. Im Verlauf des Morgens hatte die Neuigkeit von den Ereignissen in Ostberlin in Windeseile die Runde gemacht und sich das Heer von Reportern und Schaulustigen, die den Schlagbaum umlagerten, immer mehr vergr��ert. Sehr zum �rger der Amerikaner, die alle H�nde voll zu tun hatten, damit die Situation nicht au�er Kontrolle geriet. Holl�nder konnte das nur recht sein. Je gr��er der Trubel, der hier herrschte, umso wahrscheinlicher, die Grenze nach Westberlin unbehelligt zu passieren. Rembrandt sah sich belustigt um. Milit�rfahrzeuge zuhauf, Sandsackbarrieren, Stacheldraht und bis auf die Z�hne bewaffnete GIs. Diese Amis waren wirklich nicht mehr ganz richtig im Kopf. Die bildeten sich doch tats�chlich ein, die Welt w�rde auf dieses Tamtam hier hereinfallen. K�me es zum �u�ersten, w�rden die Yankees keinen Finger r�hren und die Aufst�ndischen im Regen stehen lassen. Komme, was da wolle, auf einen Konflikt mit den Russen, einen bewaffneten noch dazu, w�rden es diese Kaugummi kauenden Hillbillies nicht ankommen lassen. Vor so etwas hatten die viel zu viel Schiss. Nein, die Amis w�rden keinen Finger r�hren. Nicht einmal, wenn die Russen Ernst machen, ihre Panzer in Marsch setzen und den ganzen Spuk beenden w�rden. Da konnten diese Schw�tzer beim RIAS noch so rumt�nen. Hier die Russkis, dort die Amis. So und nicht anders lautete die Devise. Daran w�rden weder diese Schreih�lse in Ostberlin noch irgendwelche Proleten vom Schlage der Brandenburger Demonstranten etwas �ndern.</p><p>Knappe 50 Meter vom Schlagbaum entfernt z�ndete sich Rembrandt eine an und wartete, bis er und sein in sich gekehrter Mitfahrer an der Reihe waren. Von der Anspannung, unter der er stand, war nichts zu sp�ren, von der Genugtuung �ber Jensens unverzeihlichen Schnitzer daf�r umso mehr.</p><p>�Die eine H�lfte f�r dich, Olaf, die andere f�r mich � wie unter Freunden �blich, stimmt�s?�</p><p>�Ach, du kannst mich mal. Au�erdem hei�e ich Ole, falls du�s immer noch nicht kapiert haben solltest. H�ltst dich wohl f�r ziemlich schlau, was?�</p><p>�Apropos Einfallsreichtum�, sagte Holl�nder und warf einen Seitenblick auf den US-Reisepass, welchen Jensen gerade durchbl�tterte. �So gut wie echt � findest du nicht?�</p><p>�Und der Schlitten, mit dem wir durch die Gegend kurven?�</p><p>�Weise Voraussicht, Olaf, mehr nicht�, br�stete sich Rembrandt unger�hrt. �Es geht doch nichts �ber eine funktionst�chtige Logistik � und �ber entsprechende Beziehungen zur F�lschungsabteilung.�</p><p>�F�lschungsabteilung?�</p><p>�Du stellst zu viele Fragen, Olaf�, wies Rembrandt seinen b�rbei�igen Nebenmann zurecht und drosselte das Tempo, rein �u�erlich die Ruhe selbst. �Fragen, die ich dir zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht beantworten kann. Wie gesagt � angesichts der Verbindungen, �ber die ich verf�ge, war es wirklich ein Klacks, diese Kiste hier aufzutreiben. Einschlie�lich der entsprechenden Papiere.�</p><p>�Denkst du etwa, die Amis fallen darauf rein?�</p><p>Rembrandt lie� den Kopf nach vorn sacken und seufzte gequ�lt auf. �Aber, aber, Kamerad � wer wird denn gleich so pessimistisch sein�, stichelte er und verpasste Jensen einen Schubs mit dem Ellbogen. �So kenne ich dich ja gar nicht.�</p><p>�Wer wei�, vielleicht wirst du mich erst noch richtig kennenlernen.�</p><p>Als habe er �berhaupt nicht zugeh�rt, zog Holl�nder seinen Pass aus der Brusttasche und hielt vor dem Schlagbaum an. Winzige Schwei�perlen traten auf seine Stirn, und das nicht nur aufgrund der Schw�le, unter der Berlin litt. �Aber gern�, gab er zur�ck, w�hrend ein US-Sergeant seinen Vordermann abfertigte. �Wie kommt es eigentlich, dass die Russen dich vor acht Jahren eingebuchtet haben? Ausgerechnet dich, wo du doch so ausgeschlafen bist?�</p><p>�Das Gleiche k�nnte ich dich fragen, Holl�nder.�</p><p>�Der gute alte Ole, stets eine schlagfertige Antwort auf Lager.� Rembrandt zog die Stirn kraus und fuhr mit der Hand �ber die rechte Schl�fe. �Manche Menschen �ndern sich wirklich nie.�</p><p>�So wie du, Holl�nder.�</p><p>�Jetzt halt aber mal die Luft an, Genosse. Ist das etwa der Dank, dass ich dir einen Passierschein nach Westberlin verschafft habe? Von der Aussicht auf ein sorgenfreies Leben einmal abgesehen?�</p><p>�Tu doch nicht so�, knirschte Jensen und ballte die Faust. �Ginge es nach dir, w�rde ich noch immer im Knast sitzen.�</p><p>So gut wie nie um eine Antwort verlegen, schwieg sich Rembrandt �berraschenderweise aus und lie� den amerikanischen Milit�rpolizisten, der soeben die Baracke verlie�, nicht mehr aus den Augen. �Und wenn es nach dir ginge, Ole, h�tte ich jetzt mehrere Kugeln im Kopf.�</p><p>�Nur Geduld, alter Junge, was nicht ist, kann ja noch ��</p><p>Zwischen einem Curt Holl�nder, wie Jensen ihn kannte, und dem Mann, dessen Gesicht beim Anblick des auf ihn zusteuernden MP-Leutnants in null Komma nichts aus den Fugen geriet, lagen Welten. Dennoch handelte es sich um ein und dieselbe Person. Auf den ersten Blick konnte sich Jensen diese Metamorphose nicht erkl�ren, au�er dass sich Holl�nder und der US-Streifenpolizist fr�her einmal �ber den Weg gelaufen waren.</p><p>Ob, wann und wo, blieb freilich unbeantwortet. Lief doch das, was im Folgenden geschah, so schnell ab, dass Ole Jensen nicht einmal zum Luftholen kam.</p><p>Keine drei Schritte von der Corvette entfernt, zog der bullige Leutnant pl�tzlich seine Waffe. Jensens Blick wanderte zu seinem Nebenmann, der ihn aber nicht wahrnahm. Stattdessen verschwand Holl�nders Rechte unter seinem Jackett, dies allerdings um Sekundenbruchteile zu sp�t. Der Milit�rpolizist war schneller, zielte und dr�ckte ab.</p><p>Sein Pech, dass er es mit einem Agenten vom Schlage Rembrandts zu tun hatte. Der fackelte ebenfalls nicht lange, riss seine Waffe empor und feuerte, was das Zeug hielt. Ohne mit der Wimper zu zucken, ohne auf den vielstimmigen Aufschrei der Umstehenden zu achten, ohne R�cksicht auf Verluste. Und ohne R�cksicht auf Jensen, der wie festgenagelt auf dem Beifahrersitz verharrte.</p><p>Rembrandt hatte Gl�ck, in der Tat. Die Waffe im Anschlag, torkelte der US-Leutnant auf die Corvette zu, drehte sich um die eigene Achse und krachte r�cklings auf die Motorhaube.</p><p>Holl�nder focht das nicht an. �In Deckung, du Idiot!�, br�llte er Jensen an, dr�ckte ihm die Tokarew in die Hand, legte den R�ckw�rtsgang ein und stie� zur�ck. Gerade rechtzeitig, bevor eine MG-Salve auf ihn abgefeuert wurde, welche die Fensterscheiben der Verwaltungsbaracke der Reihe nach zu Bruch gehen lie�.</p><p>Im Gegensatz zu dem GI, der zwischen dem Kofferraum der Corvette und der Motorhaube eines dunkelroten VW Cabriolet zerquetscht wurde, hatte Rembrandt nichts abgekriegt. Ohne Blick f�r den GI und den blut�berstr�mten K�rper des Milit�rpolizisten, der unmittelbar vor ihm auf dem Pflaster aufschlug, legte er daraufhin wieder den Vorw�rtsgang ein und lie� den Sechszylindermotor der Corvette laut aufheulen. Er tat dies mit einer Kaltschn�uzigkeit, welche die Umstehenden j�h erstarren lie�, mechanisch, abgekl�rt und mit unbeteiligter Miene. Als ginge ihn alles nichts an, �berrollte er den Zollbeamten, dr�ckte aufs Gas, scherte nach rechts aus und jagte mit 140 Sachen davon. Auf die Schaulustigen, unter ihnen etliche Reporter, verschwendete Holl�nder keinen Blick. �Das w�r�s dann wohl gewesen!�, br�stete er sich, wohl wissend, dass ihn niemand einholen konnte. �Gl�ck muss der Mensch haben!�</p><p>In einem Punkt hatte Curt Holl�nder, ehemaliger Obersturmbannf�hrer der SS und Offizier im besonderen Einsatz, jedoch kein Gl�ck, sondern ausgesprochenes Pech. Minuten sp�ter, im Begriff, seine Tokarew wieder ins Halfter zu stecken, fiel sein Blick in den R�ckspiegel, woraufhin sich seine Miene umgehend verfinsterte.</p><p>Die Benzinspur auf dem Stra�enbelag sprach eine deutliche Sprache. Der Blick, mit dem Jensen ihn musterte, nicht minder.</p><p>Ein Grund mehr f�r ihn, aufs Gas zu dr�cken, alles auf eine Karte zu setzen und das, was er sich vorgenommen hatte, durchzuziehen.</p><p>Koste es, was es wolle.</p><empty-line/></section><section><p><strong>24</strong></p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Alte Jakobstra�e | 10.05 h</emphasis></p><p>�Eins muss man Ihnen lassen, Kuragin�, r�umte Sydow widerstrebend ein, w�hrend er sich keuchend und schwitzend durch den unterirdischen Abwasserkanal zw�ngte. Die stickige, von infernalischem Gestank durchtr�nkte Luft schn�rte ihm beinahe den Atem ab, Kuragin hingegen tat so, als lie�e ihn das alles kalt. �Auf den Kopf gefallen seid ihr Jungs vom MGB ganz bestimmt nicht.�</p><p>�Danke f�r die Blumen, Herr Kommissar�, antwortete der Geheimdienstler, vor nicht allzu langer Zeit noch stolzer Besitzer eines ma�geschneiderten Anzuges, der durch den Abstieg in Berlins Kloake komplett ruiniert worden war. �Sie wissen gar nicht, wie gut das tut.�</p><p>�Gern geschehen�, bekundete Sydow lapidar und folgte Kuragin auf dem Fu�e, begleitet vom Rauschen der �belriechenden Br�he, durch die er seit geraumer Zeit watete. Wie lang der Stollen war, wagte er nicht zu fragen, gut m�glich, dass der amerikanische Sektor l�ngst hinter ihnen lag. Der Gestank war nicht zum Aushalten, die Ratten, die bei Kuragins Anblick laut quiekend das Weite suchten, gaben ihm den Rest. Sydow fluchte leise in sich hinein. An sich war er gegen Platzangst gefeit, aber so etwas, so ein penetranter F�ulnisgeruch war ihm bislang nicht untergekommen. Er konnte von Gl�ck sagen, wenn er heil hier rauskam, mehr verlangte Sydow nicht.</p><p>�Nur keine M�digkeit vorsch�tzen, Herr Kommissar�, trieb Kuragin ihn an und verscheuchte eine besonders fette Wasserratte, die zun�chst keinerlei Anstalten gemacht hatte, dem MGB-Oberst auszuweichen. �Wir sind gleich da.�</p><p>�Ihr Wort in Lenins Ohr, Kuragin�, presste Sydow hervor, w�hrend sich das Echo seiner heiseren Stimme in der Ferne verlor. �Davon werde ich noch meinen Enkeln erz�hlen.�</p><p>�Ihren Enkeln? Ich wusste gar nicht, dass Sie in den Stand der ��</p><p>�Schon gut, Kuragin�, lie� Sydow den Mann, auf den er seine ganzen Hoffnungen setzte, nicht ausreden und schloss mit den Worten: �Vergessen Sie�s.�</p><p>�Warum denn so schnippisch, Herr Kommissar? Von Ihnen ist man so etwas ja nun wirklich nicht gewohnt�, h�nselte ihn der Geheimdienstoffizier, blieb inmitten der z�hfl�ssigen Kloake stehen und leuchtete in die pechschwarze Finsternis hinein. Sydow war so sehr mit sich selbst besch�ftigt, dass er ihn beinahe angerempelt h�tte, was Kuragin mit einem belustigten Stirnrunzeln registrierte. �Nur keine Panik, Herr Kommissar, in ein paar Minuten sind wir da.�</p><p>�Kann es sein, dass Sie sich hier bestens auskennen?�, wollte Sydow wissen, nachdem sich Kuragin wieder in Bewegung gesetzt hatte. �Ziemlich praktisch, so ein Abwasserkanal, nicht wahr?�</p><p>Kuragin prustete aufgekratzt in sich hinein und versuchte gar nicht erst, Sydows unausgesprochene Vermutung herunterzuspielen. �Das k�nnen Sie aber laut sagen!�, pflichtete er ihm bei und zerfetzte ein Spinnennetz, hinter dem ein schwacher Lichtschein zu erkennen war. In der Folgezeit kam dieser rasch n�her, weshalb er seine Schritte merklich beschleunigte. �Aber was bleibt einem �brig bei den Bandagen, mit denen die Amerikaner zu Werke gehen. Da muss man sich eben etwas einfallen lassen, um sich ein Bild von der Lage im Westen zu machen. Ein Gl�ck, dass es diesen Stollen gibt. Diesen und mindestens ein halbes Dutzend von der gleichen Sorte. Auf diese Weise k�nnen unsere Agenten jederzeit die � die � Wie sagt man bei Ihnen doch gleich?�</p><p>�Die Fliege machen.�</p><p>�Genau. Wenn Sie w�ssten, wie viele unserer Genossen wir hier bereits durchgeschleust haben.� Kuragin blinzelte Sydow belustigt an. �An manchen Tagen geht�s hier drunten wie auf der Avus zu.�</p><p>�Nichts f�r ungut, Kuragin � aber f�r einen hochrangigen Tschekisten[35] scheinen Sie mir verdammt noch mal ziemlich redselig zu sein�, gab Sydow zu bedenken, als er sich der Leiter n�herte, die hinauf ans ersehnte Tageslicht f�hrte. �Haben Sie keine Angst, dies k�nnte Ihnen zum Verh�ngnis werden?�</p><p>�Ein wenig schon�, r�umte Kuragin ohne Umschweife ein, atmete tief durch und drehte sich zu Sydow um. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe tanzte wie ein Derwisch an der Decke entlang, wo sich offenbar eine Kolonie Flederm�use eingenistet hatte. �Weshalb ich nunmehr Vorkehrungen gegen allzu neugierige Kriminalhauptkommissare der Berliner Kripo treffen muss. Keine Angst, das Chloroform ist mir momentan ausgegangen.�</p><p>�Wie bedauerlich�, feixte Sydow, dem die Aktion, zu der er sich hatte hinrei�en lassen, nach wie vor nicht richtig geheuer war. �Was haben wir denn sonst noch so auf Lager?�</p><p>�Das hier.�</p><p>�Eine Augenbinde? Das meinen Sie doch wohl nicht ��</p><p>�Und ob ich das ernst meine!�, stellte Kuragin unmissverst�ndlich klar. �Ganz ehrlich, Herr Kommissar � glauben Sie wirklich, ich h�tte meine gute Kinderstube vergessen?� Kuragin lie� die Augenbinde, die er soeben aus seinem Jackett herausgefischt hatte, wie ein Pendel hin und her schwingen. �Wie pflegte der Genosse Lenin doch zu sagen � �Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser�. Was ich damit sagen will, ist: Entweder Sie gehen auf meinen Vorschlag ein oder treten weiter auf der Stelle. Tut mir leid, Towarischtsch � aber so und nicht anders lauten meine Bedingungen.�</p><p>�Sie spielen f�r Ihr Leben gern blinde Kuh, stimmt�s?�</p><p>�Kann man so sagen.�</p><p>�Ja, wenn das so ist, bleibt mir wohl keine andere Wahl. Man ist ja schlie�lich kein Spielverderber.�</p><p>Kuragin schnitt eine Grimasse und legte Sydow die Augenbinde an. �Ach, wenn wir gerade dabei sind, Herr Kommissar, sollten Sie mit dem Gedanken spielen, den Verlauf des Stollens an ��</p><p>�� die CIA oder sonstige Interessenten auszuplaudern, kann ich mir das von vornherein abschminken, ich wei�. Aus dem einfachen Grund, weil Sie ihn vermutlich demn�chst fluten werden. Stimmt�s oder hab ich recht?�</p><p>Kuragin packte Sydow am Handgelenk und bugsierte ihn zur Leiter. �Wissen Sie, was ich mich schon des �fteren gefragt habe, Herr Kommissar?�, fragte er, frei von jeglicher Ironie.</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>�Wieso ein Mann wie Sie, nach dem sich s�mtliche Geheimdienste dieser Welt die Finger lecken w�rden, ausgerechnet bei der Berliner Kripo gelandet ist.�</p><p>�Wollen Sie das wirklich wissen, Kuragin?�</p><p>�Na klar�, versicherte der MGB-Oberst, �sonst w�rde ich ja nicht fragen.�</p><p>Im Widerschein des Lichts von Kuragins Taschenlampe sah Sydow um Jahre gealtert aus. Kreidebleich, �berm�det und ausgepumpt, musste er sich seine Antwort trotzdem nicht lange �berlegen: �Weil wir uns sauberer Methoden bedienen, Juri ��, fl�sterte er und strich mit seinen Handfl�chen �ber das mit Schwei�perlen �bers�te Gesicht, �Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir uns duzen, oder?�</p><p>*</p><p>Von dem, was innerhalb der n�chsten halben Stunde geschah, bekam Sydow so gut wie nichts mit. Er war einfach froh, wieder an der frischen Luft zu sein, wenngleich seine Freude nicht von Dauer war. Schuld daran war die Tatsache, dass er noch vor dem Verlassen der Kanalisation von einem MGB-Agenten in Empfang genommen, aus dem Einstiegsschacht gehievt und von einer weiteren Person auf Waffen durchsucht wurde. Alles ging so schnell, dass ihm kaum Zeit zum Nachdenken, geschweige denn zur Orientierung blieb. Keine Zweifel, Kuragin und seine Helfer hatten ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Allein schon die Art, wie sie ihn unterhakten und zu einer mit laufendem Motor wartenden Limousine dirigierten, lie� keinen anderen Schluss zu. Hier waren Profis am Werk, entschlossen, lautlos und effizient. Die machten das nicht zum ersten Mal.</p><p>Flankiert von den beiden Agenten, die noch kein einziges Wort miteinander gewechselt hatten, wurde Sydow daraufhin ziellos durch die Gegend chauffiert. Zumindest kam es ihm so vor. Die Verkehrsger�usche, an denen er sich zu orientieren versuchte, waren zwar hin und wieder die gleichen. Sehr bald, seiner Sch�tzung zufolge nach etwa f�nf Minuten, musste er allerdings die Waffen strecken und sich damit abfinden, dass Kuragins Taktik aufgegangen war. Allm�hlich wurde ihm flau im Magen, hatte er es doch mit M�nnern zu tun, f�r die es ein Leichtes gewesen w�re, ihn auf diskrete Art und Weise ins Jenseits zu bef�rdern. Dass sie es nicht taten, lie� ihn hoffen, obwohl er keinen blassen Schimmer hatte, wozu das Verwirrspiel gut sein und welchen Nutzen er daraus ziehen sollte. Abwarten und Tee trinken!, lautete folglich das Motto, wobei er die Vorstellung, dies alles hier k�nne dem Polizeipr�sidenten zu Ohren kommen, im Grunde am�sant fand. Eines, so Sydows Fazit, war gewiss: K�me das, was er sich gerade leistete, heraus, w�rde er seine Bef�rderung abschreiben k�nnen.</p><p>�Darf man fragen, weswegen Sie gerade eben geschmunzelt haben, Herr Kommissar?�, wollte Kuragin wissen, seiner Kurzatmigkeit nach zu urteilen zumindest ebenso angespannt wie er. Fast im gleichen Moment wurde Sydow ruckartig nach vorn geschleudert, woraufhin die Limousine nach rechts bog und so lange im Schritttempo weiterfuhr, bis sie sch�tzungsweise eine halbe Minute sp�ter zum Stehen kam. �Damit ich mitlachen kann, meine ich.�</p><p>�Ich habe mir vorgestellt, was der Polizeipr�sident hierzu sagen w�rde�, gab Sydow bereitwillig Auskunft, w�hrend sich die Hintert�ren �ffneten und das Blindekuhspiel, an dem er immer weniger Gefallen fand, in die n�chste Runde ging. Der Stra�enl�rm der letzten Viertelstunde war nahezu verebbt, nur noch bruchst�ckhaft zu vernehmen. Daraus und aus den Ger�uschen, welche Kuragins Stiefel verursachten, zog er den Schluss, dass er auf einem der zahllosen Ostberliner Hinterh�fe gelandet war, oder, schlimmer noch, auf direktem Weg im Knast. �Endstation Hohensch�nhausen, wenn ich nicht irre?�</p><p>�Falsch geraten, Herr Kommissar�, gab Kuragin zur�ck, der sich mittlerweile an seinen Humor gew�hnt zu haben schien. �Kap Deschnjew.�[36]</p><p>�Wusste ich�s doch!�, st�hnte Sydow gequ�lt auf, ein Grinsen auf den Lippen, das alles andere als gel�st wirkte. �Apropos Missverst�ndnis � wollten wir beide uns nicht duzen?�</p><p>�Jetzt, wo wir wieder unter uns sind � gerne.�</p><p>Da Sydow seine liebe Not hatte, auf dem gepflasterten Untergrund nicht ins Stolpern zu geraten, w�re ihm das pl�tzliche Verschwinden des Herrn zu seiner Linken beinahe zum Verh�ngnis geworden. W�ren da nicht Kuragin und die T�r gewesen, die eine Bauchlandung im letzten Moment verhinderten.</p><p>�Also doch nicht Kap Deschnjew�, murmelte er, beide H�nde auf die Oberfl�che einer massiven Metallt�r gest�tzt, w�hrend Kuragin Anstalten machte, das Sicherheitsschloss mithilfe seines Schl�ssels zu �ffnen. �Gott sei Dank.�</p><p>�Wo denkst du hin, Genosse Sydow�, antwortete sein neuer Duzfreund, schob ihn sachte beiseite und �ffnete die T�r. Kurz darauf karrte er mit einem Hauch von Ernst in der Stimme nach: �Aber was nicht ist, kann ja noch werden.�</p><p>*</p><p>�So, da w�ren wir.� Am Ende eines wahren Labyrinths von G�ngen, Treppenfluchten und Korridoren, in denen es beinahe so muffig wie in dem unterirdischen Stollen roch, sch�pfte Kuragin kurz Atem, klopfte Sydow auf die Schulter und nahm ihm die Augenbinde ab. �Ab jetzt musst du ohne mich auskommen, Towarischtsch.�</p><p>�Ohne dich?�, r�tselte Sydow und rieb sich die Augen. �Was soll denn das schon wieder hei�en?�</p><p>Von einem milchverglasten Oberlicht abgesehen, drang kaum Licht in den Raum, der sich bei n�herem Hinsehen als Vestib�l einer ger�umigen Etagenwohnung aus der Kaiserzeit entpuppte. Die vergilbten Jugendstiltapeten, verrostete Arme eines Kronleuchters und �berall auf dem Boden herumliegende Stuckreste, die von der ungew�hnlich hohen Decke abgebl�ttert waren, lie�en kaum einen anderen Schluss zu. Im Folgenden, das hei�t nach dem Passieren einer weiteren T�r, sollte sich dieser Eindruck best�tigen. Auf beiden Seiten des ger�umigen Korridors, auf dessen Parkettboden ein zerschlissener L�ufer ausgebreitet war, lag eine Reihe ger�umiger Zimmer, jedes von ihnen gro� genug, um eine ganze Familie zu beherbergen. Das war nat�rlich nicht der Fall, �berall herrschte g�hnende Leere, die Fenster�ffnungen waren mit Brettern vernagelt und s�mtliche R�ume, welche Kuragin und Sydow auf ihrem Weg durch den Korridor passierten, in nahezu komplettes Dunkel geh�llt. An den Modergeruch und die Schimmelflecken hatte sich Sydow beinahe gew�hnt, am Ende war er jedoch heilfroh, einen peinlich sauberen, mit elektrischem Licht, Telefon und zeitgen�ssischem Mobiliar ausgestatteten Raum zu betreten, an dessen Schmalseite sich ein weiterer Durchgang befand.</p><p>Kuragin, der seine Frage geflissentlich ignoriert hatte, lie� Sydow passieren, lehnte sich an den T�rrahmen und verk�ndete mit unverhohlener Erleichterung: �Wie gesagt � da w�ren wir, Genosse Kriminalhauptkommissar.� Und weiter: �Was mich betrifft, bin ich der Auffassung, wir sind quitt.�</p><p>�Quitt?�, wiederholte Sydow und sah den Sowjetagenten, der ihm weiterhin wie ein Buch mit sieben Siegeln erschien, verdutzt an. �Wie darf ich das verstehen?�</p><p>�Wortw�rtlich�, entgegnete Kuragin, wies mit der Kinnspitze auf die gegen�berliegende T�r und lie� einen Schl�ssel in die Tasche seines Jacketts gleiten, an dessen linkem �rmel immer noch Blut klebte. �Drastisch formuliert: Ab hier musst du dir selbst helfen, Tom. Was ich tun konnte, habe ich getan. Nicht nur aus Gef�lligkeit, sondern aus Respekt, wie ich korrekterweise betonen muss. Wie du vor f�nf Jahren diesen von der Tann zur Strecke gebracht hast, alle Achtung. Das war allererste Sahne, und ein sch�ner Zug von dir, ihn uns zwecks Sonderbehandlung zu �berlassen. Recht ungew�hnlich f�r einen Klassenfeind, aber bekanntlich soll man die Hoffnung nicht aufgeben.� Kuragin klemmte ein Zigarillo in den Mundwinkel, nahm es wieder heraus und sagte: �Schade, dass wir beide nicht auf der gleichen Seite des Zauns beheimatet sind. An jemanden wie dich k�nnte ich mich wirklich gew�hnen. Du und ich zusammen auf Verbrecherjagd � eine vielversprechende Vision. Schade nur, dass sie so schnell nicht Wirklichkeit werden wird.� Kuragin z�ndete den original kubanischen Zigarillo an, paffte nachdenklich vor sich hin und sprach: �So, und jetzt hei�t es wieder Dienst schieben. Zur Abwechslung mal nach Vorschrift. Nach allem, was mir bislang zu Ohren gekommen ist, scheint dies ein �beraus denkw�rdiger Tag zu werden. Wenn nicht gar der denkw�rdigste seit dem Krieg.�</p><p>�Und ich?�</p><p>�Du, mein Freund, wirst diese T�r da dr�ben aufschlie�en und den Herrn, den du dort vorfinden wirst, ins Gebet nehmen. Auf dem Weg zur L�sung deines Falles wird er dir ein erhebliches St�ck weiterhelfen, so viel kann ich dir versprechen. Besonders, was die Konsequenzen angeht, die sich aus seinen Ausf�hrungen ergeben.�</p><p>�Welche Konsequenzen?�</p><p>�Das musst du schon selbst herausfinden, Tom.� Auf Kuragins Gesicht, welches beinahe vollst�ndig hinter einem s��lich riechenden Rauchschleier verschwand, blitzte ein r�tselhaftes L�cheln auf. �Nur so viel sei gesagt: Du bist einem Riesending auf der Spur. G�be es f�r mich derzeit nicht so viel zu tun, w�rde ich mich liebend gerne selbst darum k�mmern.� Kuragin hob die Rechte zum Abschiedsgru�. �Und w�re da nicht ein gewisser Tom Sydow, der vermutlich viel bessere Karten hat als ich.�</p><p>*</p><p>Die erste Tat, zu der sich Sydow nach dem Betreten des ger�umigen Zimmers im r�ckw�rtigen Teil der Etagenwohnung entschloss, bestand in dem vergeblichen Versuch, das von au�en verbarrikadierte Fenster zu �ffnen, die zweite darin, das Licht anzuknipsen. Nachdem beides fehlgeschlagen war, wandte er sich der Gestalt zu, die auf einem Stuhl inmitten des g�hnend leeren Raumes sa�. Durch die T�r, die Sydow offen gelassen hatte, fiel ein greller Lichtkegel und sorgte daf�r, dass der Mann reflexartig zusammenzuckte.</p><p>�Mann� war vielleicht nicht das richtige Wort, eher Teenager. Der an H�nden und F��en gefesselte Blondschopf mit den markanten Wangenknochen, der bleichen Haut und den hervortretenden Augen war h�chstens 20 Jahre alt, unter Umst�nden erheblich j�nger. Er war v�llig ver�ngstigt, wies jedoch keinerlei Spuren von Misshandlungen auf. Das Auffallendste an ihm war das kindliche Gesicht, was Sydow zu der Schlussfolgerung verleitete, er habe es mit einem vor der Zeit in die H�he geschossenen Lausejungen zu tun. Dass dem nicht so war, wurde ihm bei genauerem Hinsehen klar, zumal der J�ngling wei�e Hosen, ein ebenfalls wei�es Hemd und dar�ber einen Arztkittel trug, auf der mit schwarzen Lettern ein Name eingestickt war.</p><p>Wenige Schritte von ihm entfernt versuchte er, das Eingestickte zu entziffern, doch der Blondschopf begann am ganzen Leibe zu zittern, weshalb Sydow rasch n�her trat und das Klebeband, mit dem er mundtot gemacht worden war, entfernte.</p><p>�Ich � ich habe doch schon alles gesagt!�, stammelte der junge Bursche und riss ver�ngstigt die Augen auf. �Mehr als das, was ich bei Ihrem Kollegen zu Protokoll gegeben habe, kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen.�</p><p>�Das brauchen Sie auch nicht.� Um ihn nicht weiter zu �ngstigen, legte Sydow eine kurze Pause ein. Danach sah er den Blondschopf pr�fend an und verriet: �Damit Sie Bescheid wissen: Ich bin nicht vom MGB.�</p><p>�Nicht vom �?�</p><p>�Tom Sydow, Kripo Berlin. Von mir haben Sie nichts zu bef�rchten.�</p><p>�Sie nehmen mich auf den Arm, oder?�</p><p>�Weshalb sollte ich�, entgegnete Sydow, warf das Klebeband weg und begann damit, den jungen Mann von seinen Fesseln zu befreien. �Jens Liebermann, wenn ich nicht irre?�, f�gte er nach einem Blick auf die Brusttasche seines Gespr�chspartners hinzu, dem vor Furcht beinahe die Haare zu Berge standen und dem Sydow offenbar nicht ganz geheuer war. �Sehe ich das richtig?�</p><p>Der junge Mann, dessen Kinnpartie von einer hauchd�nnen Flaumschicht �berwuchert war, deutete ein Nicken an. �Wie er leibt und lebt.�</p><p>�Darf man fragen, wie Sie zu dieser Montur kommen?�</p><p>�Ich arbeite in der Charit�.�</p><p>Obwohl es ihn beinahe umgehauen h�tte, lie� sich Sydow nichts anmerken und mimte den Unbedarften. �So, so. Daher Ihre makellos reine Montur. Hoffen wir, dass dies auch auf Ihr Gewissen zutrifft.�</p><p>�Rein oder nicht, ich kann Ihnen nicht mehr sagen, als der MGB schon wei߫, hielt der junge Mann, bei dem es sich offensichtlich um einen Krankenpfleger handelte, mit urpl�tzlich aufkeimendem Trotz dagegen. �Zum x-ten Mal � ich habe nichts mit der Sache zu tun. Aber auch rein gar nichts, h�ren Sie.�</p><p>�Wie w�r�s, wenn Sie sich erstmal beruhigen und wir beide anschlie�end noch mal kurz die Details durchgehen. Nichts f�r ungut, Herr Liebermann, aber so kommen wir nicht weiter.�</p><p>�Also gut, was wollen Sie wissen?�</p><p>�All die Dinge, wor�ber Sie sich bisher ausgeschwiegen haben�, antwortete Sydow, entknotete den Strick, mit dem der Ostberliner an den Stuhl gebunden worden war, und lie� ihm Zeit, seine Antwort genau zu �berdenken.</p><p>Er sollte es nicht bereuen.</p><p>*</p><p>Sydow konnte es immer noch nicht fassen, auf welche Goldader er dank der Unterst�tzung eines gewissen Juri Andrejewitsch Kuragin gesto�en war. �Und wie haben Sie es angestellt, diesen Benjamin Kempa verschwinden zu lassen? Nach Lage der Dinge d�rfte das alles andere als ein Kinderspiel gewesen sein.�</p><p>Liebermann st�tzte die Ellbogen auf die Knie und schlug die H�nde vor die Augen. �Kann man wohl sagen�, stimmte er geraume Zeit sp�ter zu, massierte die Schl�fen und richtete sich im Zeitlupentempo auf. �Vor allem, weil � weil ��</p><p>�Niemand etwas davon mitbekommen durfte, ist mir klar. Jede Wette, dass sich der Herr Stationsarzt vor Angst beinahe in die Hosen geschissen hat.�</p><p>�Hat er, Herr Kommissar, hat er.� Jens Liebermann, Krankenpfleger in der Psychiatrischen Klinik der Charit�, lachte auf eine Weise, wie es Sydow bei einem Mann seines Alters und Aussehens nicht vermutet h�tte. Dies hier war kein Lachen gewesen, nie im Leben. Es war der Ausdruck tief sitzenden Grolls, gepaart mit Entt�uschung, Rachsucht � und Hilflosigkeit. �Wenn�s nicht so traurig w�re, k�nnte man dr�ber lachen.�</p><p>�Und dann? Wo haben Sie und dieser Stationsarzt den Leichnam anschlie�end hingekarrt?�</p><p>�R�ber zum Humboldthafen.�</p><p>�Um ihn mithilfe von Gewichten f�r immer in den k�hlen Fluten der Spree versinken zu lassen�, fl�chtete sich Sydow in Sarkasmus und hatte seine liebe Not damit, die Schilderungen seines Kronzeugen zu verdauen.</p><p>Liebermann schaute verdutzt aus der W�sche. �Woher wissen Sie das, Herr Kommissar?�</p><p>�Erfahrung, junger Mann, jede Menge Erfahrung. Und ein geschultes Auge.�</p><p>Der Krankenpfleger nestelte verlegen am Kragen seines Hemdes herum. �Ich hab das alles nicht gewollt, Herr Kommissar ��, klagte er, �glauben Sie mir. Aber wenn die Stasi aufkreuzt, dir die Pistole auf die Brust setzt und damit droht, dich und deine Familie in die Mangel zu nehmen, bist du am Ende mit deinem Latein. Da sackt dir das Herz in die Hose, darauf k�nnen Sie wetten.�</p><p>�Keine m�de Mark�, hieb Sydow in die gleiche Kerbe, um den Gespr�chsfaden nicht abrei�en zu lassen. �Mit den Jungs aus der Normannenstra�e ist bekannterma�en nicht gut Kirschen essen.�</p><p>�Beruhigend, dass Sie es genauso sehen, Herr Kommissar.� In seiner Not stie� Liebermann einen tiefen Seufzer aus. �Kempa hat mir vertraut, als Einzigem in dem ganzen Laden. Das hat Kr�ger nat�rlich schnell spitzgekriegt. So nach und nach ist der Kempa dann aufgetaut, hat mir seine Geschichte erz�hlt. Immer und immer wieder. Kein Tag verging, ohne dass er nicht in irgendeiner Form darauf zu sprechen gekommen ist.�</p><p>�Seine Geschichte?�</p><p>�Und was f�r eine, Herr Kommissar. Zwar habe ich mir das nie richtig vorstellen k�nnen, aber es sieht so aus, als sei Kempa tats�chlich in der SS und ein Experte in Sachen Grubenbau und Bergwerkskunde gewesen � in der SS, ausgerechnet der. Sei�s drum: Ende April 1945 hat er sich dann wohl d�nnegemacht, nach Berlin durchgeschlagen und stand eines sch�nen Tages daheim in K�penick vor der T�r. Pech aber auch, dass seine Alte gerade mit einem anderen im Bett zugange gewesen ist.�</p><p>�Dumm gelaufen.�</p><p>�Kann man wohl sagen. Wer rechnet denn mit so was. Na ja, sieht so aus, als seien Kempa danach die Sicherungen durchgeknallt. Nicht, was Sie jetzt vielleicht denken, Herr Kommissar, seiner Alten hat er kein Haar gekr�mmt, dem feurigen Liebhaber von nebenan auch nicht. Kempa hat ganz einfach Kleinholz gemacht, so richtig, wenn Sie verstehen, was ich meine. Da ist kaum ein M�belst�ck heil geblieben. Noch am gleichen Tag haben sie ihn abtransportiert. Muss irgendwann Ende Juni passiert sein.�</p><p>�Und weiter?�</p><p>�Unterbringung in der geschlossenen Abteilung der Charit�, seine Frau reichte die Scheidung ein, Kempa wurde zun�chst als allgemeingef�hrlich, sp�ter dann als unheilbar schizophren eingestuft und durfte die Klinik fortan nicht mehr verlassen. Ach, �brigens � die Diagnose wurde von einem gewissen ��</p><p>�Doktor Kr�ger, seines Zeichens Stationsarzt, gestellt. Richtig?�</p><p>Liebermann nickte. �Das Verwunderliche daran: Seitdem ich dort arbeite � also seit �ber drei Jahren �, kann ich mich nicht daran erinnern, dass Kempa auch nur eine Minute lang wirres Zeugs geredet oder sich sonst irgendwie komisch verhalten h�tte. Nee, Herr Kommissar, der Benjamin war vollkommen klar im Kopf. So wahr mein Name Liebermann ist.�</p><p>�Wollen Sie damit andeuten, er sei psychisch ��</p><p>�� vollkommen intakt gewesen, genau. Und alles andere als meschugge. Mit dem konnte man �ber alles reden. �ber Stalin, Gott und die Welt.�</p><p>�In dieser Reihenfolge?�</p><p>Liebermann grinste. �Sie wissen schon, was ich meine, Herr Kommissar�, antwortete er, w�hrend sich sein Gesichtsausdruck sp�rbar entkrampfte. �Kurz und gut, wenn jemand bei klarem Verstand war, dann Benjamin Kempa. Sieht man einmal von seiner Bernstein-Macke ab.�</p><p>Sydow runzelte die Stirn, enthielt sich jedoch jeglichen Kommentars.</p><p>�Mein Gott, was hat der Mann nicht alles angestellt, um an B�cher �ber das Bernsteinzimmer ranzukommen. Kempa war wie besessen davon. Da ist mit der Zeit ordentlich was zusammengekommen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr er mir damit auf die Nerven gegangen ist.�</p><p>�Und die Anstaltsleitung?�, warf Sydow stirnrunzelnd ein. �Die hat ihn tats�chlich gew�hren lassen? Ich meine, es ist doch nicht unbedingt selbstverst�ndlich, dass man einen f�r unheilbar erkl�rten Patienten mit kunsthistorischer Fachliteratur versorgt � einfach so.�</p><p>Liebermann streute ein entschiedenes Nicken ein. �Aber genau das ist passiert, Herr Kommissar�, betonte er, �einfach so. Es h�tte nicht mehr viel gefehlt, und Kempa w�re an die Uni berufen worden. Was das Bernsteinzimmer angeht, hat sich der Mann bestens ausgekannt. K�nnen Sie mir ruhig glauben, Herr Kommissar.�</p><p>�Tue ich auch, junger Mann. Tue ich. Die Frage ist nur, weshalb er sich dann umgebracht hat. Und wie.� Sydow holte sich einen Stuhl und nahm Auge in Auge mit Liebermann Platz. Seine Gestalt, an der sich der von au�en hereinstr�mende Lichtkegel brach, warf einen langen Schatten, und Liebermann wich seinem Blick zun�chst aus. �Keine Sorge�, redete Sydow seinem versch�chterten Gespr�chspartner gut zu, �von mir haben Sie nichts zu bef�rchten.�</p><p>�Wirklich nicht?�</p><p>�F�r den Fall, dass Sie mir die Wahrheit sagen � nein.�</p><p>�Er hat ihn fertiggemacht, Herr Kommissar.�</p><p>�Der Stationsarzt?�</p><p>Liebermann sch�ttelte den Kopf. �Der doch nicht. Ohne seinen Mentor von der Stasi h�tte Kr�ger nicht mal einen fahren lassen.�</p><p>�Wer dann?�</p><p>�Dieser Kerl, der vor ein paar Tagen bei uns aufgekreuzt ist. Stasi-Schn�ffler vom Scheitel bis zur Sohle.�</p><p>�Woher wollen Sie wissen, ob dieser ��</p><p>�Wenn man wie ich im Osten gro� geworden ist, kriegt man mit der Zeit einen Blick daf�r. Irrtum ausgeschlossen, Herr Kommissar, der Dreckskerl, der Kempa auf dem Gewissen hat, ist bei der Firma. Jede Wette.�</p><p>�Sehe ich das richtig, Liebermann � Sie behaupten, Kempa sei gefoltert worden.�</p><p>�Und wie, Herr Kommissar. Wenn m�glich, ersparen Sie mir bitte die Einzelheiten.�</p><p>�Meinetwegen�, willigte Sydow, dessen Bedarf an makaberen Details im Verlauf des Tages mehr als gedeckt worden war, bereitwillig ein. Im Hinblick auf den Zustand, in dem er Kempas Leichnam angetroffen hatte, er�brigten sich weitere Fragen ohnehin. �Mit anderen Worten: Er hat es nicht mehr ausgehalten, Sie, Liebermann, um eine �berdosis Morphium gebeten und gestern in aller Herrgottsfr�he Selbstmord begangen.�</p><p>�Langsam werden Sie mir unheimlich, Herr Kommissar.�</p><p>Sydow spielte den Betroffenen. �War nicht meine Absicht�, beruhigte er sein Gegen�ber, st�tzte die Ellbogen auf die Stuhllehne und sagte: �Bleibt die Frage, junger Mann, weshalb sich Kempa umgebracht hat.�</p><p>�Weil er nicht mehr weitergewusst hat, darum.�</p><p>�Und weshalb noch?�</p><p>�Ja, ja � ich wei�!�, brach es aus Liebermann ohne Vorwarnung heraus, �ich h�tte ihn nicht so schm�hlich hintergehen d�rfen. Das war unverzeihlich, durch nichts zu rechtfertigen.�</p><p>�Das m�ssen Sie mit sich selbst ausmachen, Herr ��</p><p>�Jens, Herr Kommissar.� Liebermann sah Sydow h�nderingend an. �Was h�tte ich denn machen sollen?�, wehklagte er. �Dass Kempa mir vertraut hat, war schlie�lich jedermann bekannt. Kein Wunder, dass Kr�ger nicht gez�gert hat, Kapital daraus zu schlagen.� Der Krankenpfleger spie seine Worte nur so aus. �Wissen Sie, was dieser Schei�kerl von mir verlangt hat? Nein? Ich solle Kempa aushorchen. Sie haben richtig verstanden, Herr Kommissar � aushorchen. Bespitzeln. Hinters Licht f�hren. Ausgerechnet Kempa. Als ob der irgendetwas zu verbergen gehabt h�tte. Logisch, dass ich mich zun�chst geweigert habe. Aber dann ist dieser Folterknecht von der Stasi aufgetaucht. Hat mit Entlassung gedroht. Auch damit, meine Familie und mich hopszunehmen. K�nnen Sie mir verraten, was Sie an meiner Stelle getan h�tten?�</p><p>Sydow zog es vor, dar�ber lieber nicht nachzudenken. �Wer wei߫, gab er stattdessen zu bedenken, �vielleicht war Kempa nicht der, f�r den du ihn gehalten hast.�</p><p>�Mag sein, dieser Bernsteinfimmel war in der Tat etwas ungew�hnlich. Und dann noch die Sache mit dieser Karte, schon komisch, da haben Sie recht.�</p><p>�Karte?�</p><p>�Kartenfragment, um es genauer zu sagen. Hat er mir vorgestern Abend in die Hand gedr�ckt. Unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit. Ich solle sie einem gewissen Ole Jensen zukommen lassen, hat er gesagt. Irgendein SS-Kamerad, was wei� denn ich. Keine Ahnung, wo ich den guten Mann h�tte aufsp�ren sollen.�</p><p>Sydow verzog keine Miene. So ganz allm�hlich wurde ihm die Sache klar, trotz eines fast �berm�chtigen Bed�rfnisses nach Schlaf. Eine unbekannte Gr��e namens Ole Jensen, Benjamin Kempa und Standartenf�hrer a. D. von Oertzen, allesamt in der SS, der m�glicherweise auch der omin�se Stasi-Agent angeh�rt hatte. Gut m�glich, dass nicht nur Kempa und von Oertzen, sondern alle vier etwas mit dem verschwundenen Bernsteinzimmer zu tun hatten. Die Frage war lediglich, was. Und vor allem: Gesetzt den Fall, dem war wirklich so � wo zum Teufel befand sich das verdammte Zimmer? Wohin war es kurz vor Kriegsende transportiert worden? Und von wem? Sydow war so sehr mit sich selbst besch�ftigt, dass er Liebermann beinahe verga�. Geraume Zeit sp�ter, nach minutenlangem Br�ten, schreckte er wieder aus seinen Gedanken auf. �Kann es sein, dass du dir nicht anders zu helfen gewusst hast, als die dir anvertraute Karte prompt weiterzuleiten?�, wollte er von Liebermann wissen.</p><p>�So k�nnte man es ausdr�cken, ja.�</p><p>�Verdammt knifflige Situation f�r dich, stimmt�s?�</p><p>�H�ren Sie, Herr Kommissar, wenn Sie glauben, Kempas Schicksal lie�e mich kalt, irren Sie sich gewaltig�, stellte Liebermann auf eine Weise klar, die jegliche Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zerstreute. �Was h�tte ich denn machen sollen, k�nnen Sie mir das vielleicht ��</p><p>�Jeder ist sich selbst der N�chste, keine Frage�, warf Sydow mit belegter Stimme ein. �Was mich betrifft, kann ich dir da keinen Vorwurf machen. Die Frage ist, wie du auf Dauer damit klarkommen wirst. Und das, junger Mann, ist letzten Endes allein dein Problem.� Sydow erhob sich, schob den Stuhl beiseite und begab sich zur T�r. Dort angekommen, drehte er sich noch einmal um, ging in sich und sagte: �Eine Frage h�tte ich allerdings noch.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Bist du in der Lage, mir diesen Folterknecht von der Stasi zu beschreiben?�</p><p>Liebermann machte ein angewidertes Gesicht. �Ziemlich lange Haare, nicht auf den Kopf gefallen, geschliffene Umgangsformen, gut aussehend, gut gekleidet, gut gebaut � kurzum: Einer, auf den die Frauen fliegen.�</p><p>�Ein Salonl�we sozusagen.�</p><p>�Genau.� Liebermann rieb sich die schmerzenden Handgelenke und stand m�hsam auf. �Eiskalt, r�cksichtslos, verschlagen und hinterh�ltig bis zum Gehtnichtmehr � um nur einige seiner Charaktermerkmale zu erw�hnen. Vor so jemandem muss man sich h�ten.�</p><p>�Besondere Kennzeichen?�</p><p>�Bitte halten Sie mich nicht f�r bekloppt, Herr Kommissar � aber er hat ausgesehen wie ��</p><p>�Nur keine falsche Scham, junger Freund�, �bte sich Sydow in Galgenhumor. �Wir sind unter uns.�</p><p>�� wie Gene Kelly, als er in diesem Musketier-Film mitgespielt hat.� Liebermann dachte angestrengt nach. �Ja, genau!�, rief er nach einer Weile aus. �Er hat ausgesehen wie dieser d�Artagnan. Wegen seines Bartes, meine ich. Auf die Gefahr, als bescheuert dazustehen � er h�tte glatt als Musketier durchgehen k�nnen.�</p><p>�Ein Scheusal mit d�Artagnan-Bart�, sinnierte Sydow vor sich hin, ��fter mal was Neues.�</p><p>�Vor dem m�ssen Sie sich in Acht nehmen, Herr Kommissar. Sonst ziehen Sie den K�rzeren.�</p><p>�Danke f�r den Tipp. Und sein Name?�</p><p>�Keine Ahnung.� Der junge Mann riss entschuldigend die H�nde hoch. �Wirklich nicht.�</p><p>�Oder vielleicht Deckname? F�r so was sollen die Jungs von der Stasi ja ein Faible haben.�</p><p>�Bedaure, Herr Kommissar � Fehlanzeige.�</p><p>Sydow atmete tief durch. �Tja, das w�r�s dann wohl gewesen�, murmelte er, tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schl�fe und wandte sich zum Gehen. �Sch�nen Dank auch, junger Mann.�</p><p>�Und was ist mit mir?�, rief Liebermann ihm verdutzt hinterher. �War das etwa schon ��</p><p>�Das war alles, du hast es erfasst�, erwiderte Sydow und drehte sich nochmals um. �Oder soll ich dich etwa verhaften?�</p><p>Liebermann lie� den Kopf h�ngen und schwieg.</p><p>�Na also.� Sydow st�tzte sich am T�rbalken ab und sah seinen Gespr�chspartner lange und eindringlich an. �Wie gesagt: Wie du deine Lage meisterst, Sportsfreund, liegt allein bei dir. Bleibt mir nur, dir Gl�ck zu w�nschen. Besonders, was deine Zukunft angeht.�</p><p>�Und Sie, Herr Kommissar?�</p><p>�Meine Wenigkeit? Ich werde alles daransetzen, auf die Spur von Mister Unbekannt zu kommen. Darauf kannst du dich verlassen.� Und auf die Spur dieser Bernstein-Connection, erg�nzte Sydow im Stillen. Auf die Herren von der SS bin ich n�mlich nicht sonderlich gut zu sprechen. �So leicht werde ich mich von Monsieur d�Artagnan sicherlich nicht ins Bockshorn jagen lassen.�</p><p>�Keine Bange, Sie werden das Kind schon schaukeln, Herr Kommissar.�</p><p>�Vorausgesetzt, die Stasi kommt mir nicht wieder in die Quere�, murmelte Sydow halblaut vor sich hin, drehte sich um und eilte im Laufschritt davon. �Oder ein Bernsteinj�ger, von dem ich noch nichts wei�.�</p></section><section><p><strong>25</strong></p><p><emphasis>Flughafen Berlin-Tempelhof | 11.50 h</emphasis></p><p>Die Sache war ihm wirklich nicht geheuer. Weniger aufgrund der Summe von einer Million, die w�rde Mister K auf den Tisch bl�ttern. Ohne mit der Wimper zu zucken. Sondern weil er, Gregory Boynton Grant, das Gef�hl nicht loswurde, dieser mit allen Wassern gewaschene Stasi-Agent wolle ihn aufs Kreuz legen. Ganz so einfach, wie er sich das anfangs gedacht hatte, w�rde der geplante Kuhhandel mit Sicherheit nicht �ber die B�hne gehen.</p><p>Am Fu� der Gangway angelangt, sah der stellvertretende Direktor der CIA auf die Uhr. Kurz vor zw�lf, folglich nur noch gut einen halben Tag Zeit. Danach w�rde die Frist, die Mister K ihm gesetzt hatte, ablaufen. Ohne Wenn und Aber. Ob er es nun wahrhaben wollte oder nicht, es gab nur zwei M�glichkeiten: Entweder er brachte es fertig, den Deal innerhalb von zw�lf Stunden �ber die B�hne zu bringen, oder er war geliefert. Beziehungsweise ein toter Mann.</p><p>Da er sich in Berlin ganz gut auskannte, blickte Grant stur geradeaus, setzte seine Sonnenbrille auf und steuerte auf die Abfertigungshalle zu. F�r seinen Geschmack war es viel zu warm, der Himmel bedeckt und grau. Vor den Hangars stauten sich die Milit�rflugzeuge, unter ihnen eine DC-3 und direkt daneben eine B-29. Bei ihrem Anblick verkl�rte sich seine Miene, er musste automatisch an die Vergangenheit und an seine Zeit als CIA-Agent denken. Damals, auf dem H�hepunkt der Berlin-Blockade, hatte er sein Leben noch im Griff gehabt, anders als heute, als es dabei war, aus dem Ruder zu laufen. Grant umklammerte den Griff seines Koffers, z�ckte seinen Pass und gab sich M�he, im Pulk der Gesch�ftsleute, Armeeangeh�rigen und Besucher aus dem Westen nicht aufzufallen. Bernsteinzimmer oder freier Fall, lautete die Devise, Karriere oder Absturz, High Society oder Knast, falls es ihn nicht schon vorher erwischen w�rde.</p><p>Weit davon entfernt, abgekl�rt oder selbstsicher zu wirken, sah sich Grant verstohlen um. Hier drau�en herrschte ein gewaltiger L�rm, ein st�ndiges Kommen und Gehen, eine Hektik wie vor f�nf Jahren. Man musste kein Prophet sein, um das Au�ergew�hnliche am heutigen Tag zu erkennen. Kein Zweifel, hier braute sich etwas zusammen.</p><p>Und nicht nur hier.</p><p>Bei der Passkontrolle gab es keinerlei Schwierigkeiten. Grants Miene entspannte sich. W�re ja noch sch�ner, dachte er, falls hier etwas schiefgegangen w�re. Mochte sein Pass auch gef�lscht und auf den Namen Henry Gordon Stanley ausgestellt sein. Kein Grund zur Aufregung, wirklich nicht. Allein die Kleidung vom Typ amerikanischer Durchschnittsb�rger, wozu unter anderem ein potth�ssliches Sakko geh�rte, war so bieder, dass seiner Absicht, nicht weiter aufzufallen, abzutauchen und anschlie�end unter falschem Namen im Kempinski einzuchecken, zumindest in der Theorie nichts im Wege stehen w�rde.</p><p>In der Praxis, das hei�t nach dem Verlassen des Abfertigungsgeb�udes, nahmen die Dinge allerdings einen g�nzlich anderen Lauf. Es fing damit an, dass Grant zu schwitzen begann, weniger aufgrund der vorherrschenden Temperaturen, die er von Haus aus und seinen Aufenthalten in New York gewohnt war. Er sa� kaum im Taxi, hatte dem Fahrer gerade erst sein Ziel genannt, da war er bereits schwei�gebadet. Grant hasste Schwei�, hasste den Gestank in den U-Bahn-Waggons, verabscheute den Geruch anderer Menschen, bisweilen sogar den eigenen. Das legte seine Sinne lahm, machte ihn nerv�s, fahrig � und unsicher.</p><p>Kurz darauf, als das Taxi in die Yorckstra�e einbog, war die dumpfe Ahnung in ihm zur Gewissheit geworden. Irgendetwas war hier faul. Sein Riecher, auf den sich Grant wirklich etwas einbilden konnte, hatte ihn noch nie im Stich gelassen. Auf ihn, den Retter in der Not, konnte er jederzeit, nahezu blind, vertrauen.</p><p>Ein Blick in den R�ckspiegel und Grant sackte in sich zusammen. Genau das, was er hatte vermeiden wollen, war eingetreten. Er h�tte alles daf�r gegeben, wenn sich seine Beobachtung als pures Hirngespinst entpuppt h�tte. Zu seinem Leidwesen war dem allerdings nicht so. Das dunkelrote Cabrio, ein Buick vom Typ Skylark, kam ihm bekannt vor. Und nicht nur das. Beim Verlassen des Abfertigungsgeb�udes, kurz vor dem Einsteigen, war es ihm bereits zum ersten Mal aufgefallen. In der Hektik hatte er nicht genauer hingeschaut, ein weiteres Indiz, dass der 17. Juni 1953 nicht der Tag von Gregory Boynton Grant werden w�rde. Mit Sicherheit nicht. Grant st�hnte innerlich auf. Es w�rde ein Tag werden, an dem es f�r ihn nur um eines ging: ums nackte �berleben.</p><p>Noch im gleichen Moment, mit Blick auf seine mit Hut, Krawatte und dunklem Blazer bekleideten Verfolger, ging ein Ruck durch ihn. So leicht, wie es sich die beiden Kerle hinter ihm gedacht hatten, w�rde er es ihnen nicht machen. Einfach l�cherlich, zu glauben, sie k�nnten sich eine Sonnenbrille aufsetzen, in einen Buick l�mmeln und unbemerkt hinter ihm herkurven. Diesen Zahn w�rde er den beiden ziehen.</p><p>Ein Hundertmarkschein, und der Taxifahrer, allem Anschein nach auf Draht, hatte verstanden. Auch ohne Worte. Kaum hatte er den Hunderter eingesteckt, beschleunigte der nagelneue Mercedes 170 auch schon auf 80 Sachen und bog mit quietschenden Reifen in die Potsdamer Stra�e ein. Dass er beinahe einen Radfahrer �ber den Haufen gefahren h�tte, schien den Berliner mit dem unf�rmigen, im Vergleich zu seinem K�rperbau viel zu gro� geratenen Sch�del nicht im Geringsten zu interessieren. Ohne R�cksicht auf den dichten Verkehr und seinen offenbar recht betuchten Kunden raste er mit einer Geschwindigkeit von mittlerweile �ber 100 Stundenkilometern auf den Tiergarten zu, �berholte einen Linienbus, geriet auf die Gegenfahrbahn und f�delte mit einer L�ssigkeit wieder ein, die Grant, selbst stolzer Besitzer von einem halben Dutzend Coup�s, erschrocken zusammenfahren lie�.</p><p>Etwa zehn Minuten sp�ter, als der Mercedes in die Tiergartenstra�e einbog, war es geschafft. Das Cabrio mitsamt seinen beiden Verfolgern war nicht mehr zu sehen. Einen Seufzer der Erleichterung auf den Lippen, lie� sich Grant auf den komfortablen R�cksitz sinken. Das war noch einmal gut gegangen, besser als zun�chst bef�rchtet. Blieb die Frage, um wen es sich bei den M�nnern auf dem Vordersitz des Buick gehandelt haben mochte. Von seiner Reise hatte niemand etwas mitgekriegt, geschweige denn davon erfahren. Aufgrund der Tatsache, dass er auf Nummer sicher gegangen und unter falschem Namen gereist war, konnte man das getrost ausschlie�en. Alles nur ein Zufall?</p><p>Wer wei�, machte sich Grant selbst Mut, umklammerte den Vordersitz und brachte seinen K�rper wieder in eine halbwegs aufrechte Position. Vielleicht siehst du langsam Gespenster. K�nnte ja immerhin sein.</p><p>Schlie�lich hatte er einen turbulenten Abend gehabt, �rger zuhauf und einen anstrengenden Flug hinter sich. Kein Wunder, wenn man da Halluzinationen hatte. So etwas kam eben hin und wieder vor. Selbst bei ihm, dem stellvertretenden Direktor der CIA.</p><p>Wieder guter Dinge, richtete Grant den Blick nach vorn. In der Zwischenzeit hatte der Taxifahrer einen Gang runtergeschaltet und sich in die Schlange eingereiht, die sich vor der Abzweigung Richtung Siegess�ule gebildet hatte. Die Ampel sprang auf Rot, Zeit genug f�r einen kleinen Plausch.</p><p>�Besten Dank, gute Arbeit!�, lobte Grant den Fahrer und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter, nicht ohne Stolz auf sein nahezu akzentfreies Deutsch.</p><p>Der Taxifahrer verzog keine Miene, �nderte seine Blickrichtung nicht. Etliche Sekunden sp�ter, nachdem Grant zu dem Schluss gekommen war, sein Chauffeur sei irgendwie in Gedanken, drehte sich der Taxifahrer in aller Gem�tsruhe zu ihm um. Er war um die 40, hatte dunkle Augen, wulstige Lippen und eine pockennarbige, auffallend por�se Haut. Am auff�lligsten war jedoch das Muttermal, welches unter seinem Hemdkragen hervorlugte, man konnte es schlichtweg nicht �bersehen.</p><p>�Gern geschehen!�, erwiderte der Taxifahrer, neigte den Kopf zur Seite und musterte Grant auf eine Weise, die normalerweise seinen Argwohn erweckt h�tte. �War mir ein Vergn�gen.�</p><p>Dann z�ckte er eine Spraydose, zielte damit auf sein Gesicht und lie� ihren Inhalt komplett entweichen.</p><p>�Na, dann wollen wir mal!�, f�gte er hinzu, als Grant bereits bewusstlos zusammengesunken, die Ampel auf Gr�n gesprungen und das Taxi nach rechts abgebogen war. �Sonst kommen wir am Ende noch zu sp�t.�</p><p>*</p><p>Als Grant wieder zu sich kam, hatte er M�he, die Augen zu �ffnen. Er war v�llig benommen, seine Haut so erhitzt, dass er dachte, jemand habe ihm eine �tzende Fl�ssigkeit ins Gesicht gesch�ttet. Es fehlte nicht viel, und er w�re wieder ohnm�chtig geworden. Brechreiz �berkam ihn, weshalb er sich ruckartig nach vorn beugte. Genau das h�tte er nicht tun sollen, drohte er in diesem Moment doch das Gleichgewicht zu verlieren und kopf�ber von der Parkbank in Sichtweite des Denkmals von Friedrich Wilhelm III. zu fallen.</p><p>So weit sollte es jedoch nicht kommen. Nicht etwa, weil die Wirkung des Sprays, dem anscheinend reichlich �ther beigemischt worden war, pl�tzlich nachgelassen und er wieder Herr seiner Sinne gewesen w�re. Er f�hlte sich immer noch hundeelend, wie kurz vor einem Infarkt. Der Grund, dass er nicht vorn�berkippte und eine Bauchlandung nach Ma� hinlegte, war ein anderer: jemand hielt ihn fest.</p><p>Dieser Jemand, der sich anscheinend geraume Zeit an seinem Anblick erg�tzt hatte, schob den Arm unter seine linke Achsel und sorgte daf�r, dass er das Gleichgewicht nicht verlor. Bis Grant �berhaupt imstande war, nach ihm Ausschau zu halten, verging einige Zeit. Minuten, die ihm angesichts seines Zustandes wie Stunden vorkamen. Nach wie vor hielt Grant die Augen geschlossen, als weigere er sich, das Albtraumhafte seiner Situation als das zu akzeptieren, was es war: die Realit�t.</p><p>Er sa� in der Klemme, derma�en tief, wie er es sich nie und nimmer h�tte vorstellen k�nnen. Schlimmer, so die pl�tzlich aufblitzende Erkenntnis, h�tte es f�r ihn nicht laufen k�nnen.</p><p>�Na, Deputy Director � wieder einigerma�en ansprechbar?�</p><p>�Was � was woll��, wehrte sich Grant, einen Geschmack im Mund, bei dem es ihm beinahe den Magen umgedreht h�tte. Fest entschlossen, seine Haut so teuer wie m�glich zu verkaufen, mobilisierte er die letzten Kr�fte. Doch seine Zunge klebte derart hartn�ckig am Gaumen, dass es geraume Zeit dauerte, bis ihm die Frage �ber die Lippen kam. �Was wollen Sie?�</p><p>�Eine Antwort auf die eine oder andere Frage�, entgegnete die Stimme neben ihm, gerade so, als sei es das Normalste der Welt, den stellvertretenden Direktor der CIA au�er Gefecht zu setzen und eine willenlose Marionette aus ihm zu machen. �Mit der Bitte um m�glichst detaillierte Informationen.�</p><p>Mit seinen geschlossenen Augen kam sich Grant wie beim Karussellfahren vor, und obwohl er v�llig benebelt war, d�mmerte ihm, dass er eine Riesendummheit begangen hatte.</p><p>�Ich h�re, Mister Grant.�</p><p>�Wie kommt es, dass Sie so gut Englisch �?�</p><p>�Ich bin es, der hier die Fragen stellt, klar? Wer ist der Mann, mit dem Sie sich heute treffen wollen?�</p><p>Daher wehte also der Wind. Verzweifelt bem�ht, seine Gedanken zu ordnen, klammerte sich Grant an der Parkbank fest, schnappte nach Luft und schlug die Augen auf. �W�sste nicht, was Sie das angeht!�, trotzte er mit Blick auf die Gestalt an seiner Seite, deren Konturen sich im glei�end hellen Sonnenlicht in Nichts aufzul�sen schienen.</p><p>�Owen McAllister, Special Operations Division der CIA und Beauftragter f�r Berlin�, stellte sich Grants Gespr�chspartner kurzerhand vor, nicht gewillt, sich auf irgendwelche M�tzchen einzulassen. �Wir haben Ihre Telefonate abgeh�rt, inklusive der letzten drei, die von Ihrer Villa aus gef�hrt wurden. Daher sind wir �ber Ihre � wie dr�cke ich mich am besten aus? � �ber Ihre Winkelz�ge und landesverr�terischen Umtriebe bestens im Bilde.�</p><p>�Landesverrat � wie kommen Sie auf diese Idee?�</p><p>�Telefonischer Kontakt mit einem Agenten der DDR-Staatssicherheit � wie w�rden Sie so etwas bezeichnen, Mister Grant? Als einen Plausch unter Freunden?�</p><p>�Was wissen denn Sie schon von ��</p><p>�Freundschaft? Eine ganze Menge, Deputy Director. Pech f�r Sie, dass es sich bei dem Mann, der Ihre widernat�rlichen Triebe zu befriedigen pflegte, ausgerechnet um einen sowjetischen Spion gehandelt hat. Oder vielmehr handelt. Der es vor seinem spurlosen Verschwinden offenbar verdammt eilig hatte, Ihre Pl�ne br�hwarm auszuplaudern. Per Telefon, versteht sich. Dienst nach Vorschrift sozusagen.� Aus dem Mund des CIA-Agenten erklang ein h�misches Lachen. �Wie Sie sehen, Mister Grant, ist es sinnlos, mir etwas vormachen zu wollen. Eine Million Dollar f�r das Bernsteinzimmer, so lautete die Bedingung, oder?� Ein weiteres Lachen, an H�me kaum zu �berbieten. �Ein Spottpreis, wenn man bedenkt, dass sein Wert um ein Vielfaches dar�ber liegt.�</p><p>Grant lie� den Kopf h�ngen und schwieg.</p><p>McAllister schien keinerlei Notiz davon zu nehmen. �Kein Grund f�r Selbstmitleid�, h�hnte er. �G�be es Ihre Extravaganzen nicht, w�ren wir Ihnen wohl nie auf die Spur gekommen. Eine Villa in Hyannis Port, Segeljacht, Sammlung s�ndhaft teurer chinesischer Vasen, um nur einige Besitzt�mer aus Ihrem reichhaltigen Fundus zu nennen. Schreit geradezu nach Observierung, finden Sie nicht auch? Dazu Ihre � Ihre abartigen Neigungen, Deputy Director � irgendwann ist das Ma� voll.�</p><p>�Was wollen Sie?�</p><p>�Namen, Sie Landesverr�ter, Namen.� Zum ersten Mal w�hrend des Gespr�ches wandte sich der CIA-Agent seinem am Boden zerst�rten Gespr�chspartner zu. Rote Locken, Sommersprossen, hellh�utig!, fuhr es Letzterem durch den Sinn, als sich ihre Blicke trafen. So und nicht anders stellt man sich einen Bullen mit irischer Abstammung vor. �F�r wen arbeiten Sie, Mister Grant?�</p><p>�F�r den gleichen Laden wie Sie.�</p><p>�Mir ist nicht nach Scherzen zumute, du dreckiger Arschficker!�, presste McAllister wutentbrannt hervor. �Zum letzten Mal, Grant: F�r wen arbeiten Sie?�</p><p>Auf dem besten Weg, seinem Nebenmann an die Gurgel zu gehen, holte Grant mit der Linken aus. Aber ein Blick auf die beiden CIA-M�nner, bei denen es sich offenbar um seine Verfolger handelte, erstickte seine Wut jedoch im Keim. An das Gel�nder gelehnt, welches das Denkmal des Preu�enk�nigs und Siegers �ber Napoleon umgab, h�tten sie nicht gez�gert, ihn �ber den Haufen zu schie�en. Ein Wink von McAllister h�tte gen�gt, um Grants Schicksal zu besiegeln. Das wurde ihm schlagartig klar. �Ob Sie mir nun glauben oder nicht � keine Ahnung.�</p><p>�Ist im Moment auch nicht so wichtig�, lie� der SOD-Agent mit g�nnerhaftem Grinsen verlauten und nickte seinen Kollegen, welche die Szene aus einer Distanz von etwa 20 Metern verfolgten, mit siegesgewisser Miene zu. �Mein Auftrag lautet, das Bernsteinzimmer in meinen Besitz zu bringen.�</p><p>�Meiner auch.�</p><p>�Kleiner Witzbold, was?�, zischte McAllister, nur mit M�he in der Lage, sein cholerisches Temperament zu z�geln. �Nun gut: Meinen Anweisungen zufolge sind Sie, Mister Grant, dazu auserkoren, den Lockvogel zu spielen. Wird Ihnen bestimmt nicht schwerfallen.� Der CIA-Agent lie� ein h�misches Lachen erklingen. �Was nichts anderes hei�t, als dass Sie unsere freundschaftliche Unterredung tunlichst vergessen, im Kempinski absteigen und auf den Mann Ihrer Tr�ume warten werden.�</p><p>�Und dann?�</p><p>McAllister bleckte die Z�hne. �Wenn es so weit ist, werden Sie Sorge tragen, dass er Ihnen s�mtliche das Bernsteinzimmer betreffenden Informationen ausplaudert. Mit Betonung auf s�mtliche, Mister Grant. Genaue Lage des Verstecks, Umfang und Wert der von den Nazis geraubten Preziosen, eventuell installierte Sprengfallen � Sie wissen schon, was ich meine.�</p><p>�Wozu das Ganze, wenn man fragen darf? Soweit ich wei�, stammt das alles aus Sankt Petersburg.�</p><p>�Merkw�rdig, dass ausgerechnet Sie diese Frage stellen, Grant.� McAllister stand auf und bedeutete seinen beiden Gorillas, sich um Grant zu k�mmern. �Sagen wir�s einmal so, Deputy Director: In Zeiten wie diesen sollte man jede Gelegenheit nutzen, um den Russen in die Suppe zu spucken. Habe ich mich deutlich genug ausgedr�ckt?�</p><p>�Deutlicher geht es nicht�, stimmte Grant zu, einigerma�en klar im Kopf. �Eine Frage h�tte ich freilich noch.�</p><p>�Was geschehen wird, wenn Sie mit gezinkten Karten spielen, meinen Sie?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Aber, aber, Mister Grant�, entr�stete sich McAllister in scheinheiligem Ton. �Als stellvertretender Direktor unserer Firma m�ssten Sie eigentlich wissen, dass wir alles daransetzen werden, damit Sie uns nicht mehr durch die Lappen gehen. Ein Rat unter Freunden: Versuchen Sie�s gar nicht erst.�</p><p>�Gesetzt den Fall, alles spielt sich genauso ab, wie Sie es geplant haben � was dann?� Beim Gedanken an die n�chsten Stunden brach Grant der kalte Schwei� aus, und es fiel ihm schwer, sich weiter auf das Gespr�ch zu konzentrieren. �Was � was geschieht dann mit mir?�</p><p>�Darum, mein lieber Mister Grant�, erwiderte McAllister, steckte die H�nde in die Hosentaschen und trottete gem�chlich von dannen, �habe ich mir noch keinerlei Gedanken gemacht. Wie hei�t es im Volksmund doch so sch�n: Am Ende kriegt jeder, was er verdient.�</p><empty-line/></section><section><p><strong>26</strong></p><p><emphasis>52� 32� N, 14� 23� O, an Bord einer Iljuschin vom Typ Il-12T | 11.50 h Berliner Zeit</emphasis></p><p>�Noch f�nf Minuten bis zum Absprung�, k�ndigte die Stimme aus dem Bordlautsprecher an, im Frachtraum, wo Slav�n gerade seine Ausr�stung �berpr�fte, so gut wie nicht zu verstehen. Aber das war dem Mann, auf den sein Auftraggeber s�mtliche Hoffnungen setzte, egal. Wassili Danilowitsch Slav�n musste schmunzeln. Dieser Besuchow war wirklich nicht mehr ganz richtig im Kopf. Er war hinter dem Bernsteinzimmer her wie der Teufel hinter der armen Seele, w�rde nichts unversucht lassen, das Objekt seiner Begierde aufzust�bern.</p><p>Die Frage war nur, warum. Dass sich Besuchow eigentlich nur f�r Huren, Wodka und Spielkasinos interessierte, war landl�ufig bekannt, bis hinein in die Geheimdienstkreise, wo die Dossiers, die �ber ihn angelegt worden waren, inzwischen mehrere Stapel umfassten. Slav�n geriet ins Gr�beln. Dieser Hurensohn hatte mehr Dreck am Stecken als s�mtliche sowjetischen Unterweltgr��en, Schieber und Schwarzh�ndler zusammen. Ein schier endloses S�ndenregister, das ausreichte, um ihn lebensl�nglich in den Gulag zu bef�rdern oder ihn kurzerhand an die Wand zu stellen. Trotz alledem schien er so etwas wie einen Freibrief zu besitzen, was sich Slav�n lediglich dadurch erkl�ren konnte, dass er �ber beste Verbindungen, wom�glich sogar bis hinauf ins Politb�ro, verf�gte und diese auch weidlich auszun�tzen pflegte. Jedenfalls gut zu wissen, stellte Slav�n mit Blick auf seine Fallschirmj�gerausr�stung fest, die er w�hrend des Fluges von Sotschi nach Kiew und von dort aus weiter nach Brest mindestens ein halbes Dutzend Mal �berpr�ft hatte, f�r wen der alte Hurenbock die Kohlen aus dem Feuer holen sollte.</p><p>Besuchow und Berija unter einer Decke � welch ein ungleiches Paar.</p><p>�Drei Minuten noch�, gab ihm der Kopilot der Iljuschin Il-12T per Handzeichen zu verstehen, �ffnete die Absprungluke und dr�ckte ihm seine Lederkappe in die Hand. Wie sehr ihn Slav�ns Anblick irritierte, war dem untersetzten Blondschopf aus dem Baltikum deutlich anzumerken, wenngleich er sich M�he gab, dies vor ihm zu verbergen. Einen Mann mit seinem Aussehen, noch dazu einen mit Prothese, bekam man schlie�lich nicht alle Tage zu Gesicht, von der Frage nach dem Woher und Wohin, die den krummbeinigen Litauer nat�rlich brennend interessierte, einmal abgesehen.</p><p>Slav�n setzte die Kappe auf und nickte.</p><p>�Na, dann viel Gl�ck�, br�llte der Kopilot, begleitet von den Propellerger�uschen, die durch die offene Luke ins Innere der Frachtmaschine drangen. Die Iljuschin befand sich im Sinkflug, inmitten eines bleifarbenen Wolkenschleiers, der anscheinend kein Ende nehmen wollte. Die Luft war eiskalt, lie� ihn buchst�blich erstarren. �Sieht so aus, als h�tten Sie es n�tig.�</p><p>Ein Klugschei�er, der seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten steckte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Slav�n tat so, als habe er die Bemerkung �berh�rt. Doch der Kopilot, neugierig wie ein sibirisches Waschweib, lie� nicht locker, trat an seine Seite und tat genau das, was er besser h�tte bleiben lassen sollen.</p><p>�Sonderauftrag?�, lautete seine Frage, worauf Slav�n ihn mit einem kurzen, daf�r aber umso ungehalteneren Seitenblick strafte. �Jetzt kommen Sie schon, mir k�nnen Sie es sagen.�</p><p>�Etwas in der Art�, antwortete Slav�n, hart an der Grenze zur Unh�flichkeit. Dann r�ckte er seine Kappe zurecht, n�herte sich der Luke und warf einen Blick nach drau�en. Die Sicht war gleich null, von der Landschaft, die er in knapp 3.000 Meter H�he �berquerte, so gut wie nichts zu sehen. Slav�n, Ex-Major des NKWD, warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Seiner Sch�tzung nach w�rde die Iljuschin in diesem Moment die Oder �berqueren, was bedeutete, dass es allm�hlich ernst f�r ihn wurde. In etwas mehr als vier Stunden w�rde er seinen alten Kumpel Rembrandt treffen. Von diesem Termin hing eine Menge, wenn nicht gar alles ab. Das Vertrackte daran war, dass die Amerikaner anscheinend Lunte gerochen hatten. Anders konnte er sich das, wor�ber ihm Tretjak, Grants Gespiele f�r gewisse Stunden und zugleich Besuchows Verbindungsmann zur Italo-Mafia, Bericht erstattet hatte, nicht erkl�ren. Dass der stellvertretende Direktor der CIA mitten in der Nacht und dazu Hals �ber Kopf nach Berlin flog, hatte nat�rlich einen Grund. Slav�ns Blick wurde d�ster, und das nicht nur wegen des Kopiloten, der jede seiner Bewegungen genau verfolgte. Das Bernsteinzimmer � wie sollte es anders sein. Daran, so zumindest Tretjak, war offenbar nicht nur Besuchow, sondern auch die CIA interessiert. Ein Gegner, den er bis vor Kurzem nicht auf der Rechnung gehabt hatte, den man keinesfalls untersch�tzen durfte.</p><p>Kein Zweifel, es w�rde hart auf hart zugehen.</p><p>�Noch zwei Minuten!�, krakeelte der Pilot und drehte sich zu Slav�n um. �Erreichen 2.500 Meter.�</p><p>Als Zeichen, dass er verstanden hatte, hob der ehemalige Major die Hand und machte sich zum Absprung bereit. Eins�tze wie diesen hatte er schon mehrfach mitgemacht, zum letzten Mal vor zwei Jahren, als er in Korea stationiert gewesen, �ber feindlichem Gebiet abgesprungen und so schwer verletzt worden war, dass er seinen Dienst hatte quittieren m�ssen. Von heute auf morgen ein Kr�ppel, war er vor dem Nichts gestanden, w�re da nicht Besuchow gewesen, der Leute wie ihn gut brauchen konnte. Slav�n gab ein geringsch�tziges Schnauben von sich. Eigentlich h�tte er diesem behaarten Schrat daf�r dankbar sein m�ssen, aber dem war nicht so. Leib und Leben riskieren und sich mit einem Hungerlohn abspeisen lassen � nicht mit ihm. Hier, gut zwei Kilometer �ber DDR-Gebiet, ging es um seinen pers�nlichen Vorteil, nicht um den seines Auftraggebers und seiner obskuren Hinterm�nner. Was nichts anderes hie�, als dass er seinem Kumpel aus NKWD-Tagen einen Koffer voller Bl�ten andrehen, die versprochene Lageskizze in Empfang nehmen und selbige im Anschluss daran meistbietend verh�kern w�rde. Wie hatte Besuchow doch get�nt: �Erst die Ware, dann das Geld.�</p><p>Ein Fehler, wie er gr��er nicht h�tte sein k�nnen.</p><p>�Beende Sinkflug. Flugh�he: 2.000 Meter. Noch 60 Sekunden bis zum Absprung.�</p><p>Slav�n holte tief Luft. In ein paar Minuten w�re alles vorbei und er, wie geschaffen f�r Himmelfahrtskommandos, l�ngst �ber alle Berge. Daf�r w�rde sein Kontaktmann sorgen, auf den er sich blind verlassen konnte. Auch hier hatte Slav�n nichts dem Zufall �berlassen, nicht umsonst hatte er als einer der versiertesten Agenten der UdSSR gegolten.</p><p>�30 Sekunden bis zum Absprung.�</p><p>�Und Sie wollen mir wirklich nicht sagen, was die ganze Aktion hier ��</p><p>�Bedaure, Genosse, streng geheim.� Allein schon die Art, wie Slav�n dies sagte, h�tte gen�gt, um misstrauischere Gem�ter aufhorchen zu lassen. Da er jedoch ein schlichtes Gem�t besa�, war der Kopilot v�llig arglos, blind f�r die Vorzeichen der nahenden Katastrophe. �Wenn Sie jetzt bitte so gut w�ren, beiseitezutreten. Damit Ihnen nichts zust��t, meine ich.�</p><p>�20, 19, 18 ��</p><p>�M�chte wissen, wie wir das dem verantwortlichen Genossen beibringen wollen�, beharrte der Balte und dachte offenbar nicht daran, Slav�n den Weg freizugeben.</p><p>�Was denn?�</p><p>�Na, das mit dieser Aktion hier. 4.000 Kilometer hin und zur�ck, und keiner wei�, warum.�</p><p>�Wissen Sie was, Genosse?�, fragte Slav�n, ein L�cheln im Gesicht, das hinsichtlich seiner Durchtriebenheit seinesgleichen suchte.</p><p>�Nein.�</p><p>�Zehn, neun ��</p><p>�Sie haben noch genau eine Minute Zeit, um dar�ber nachzudenken�, beschied Ex-Major Wassili Danilowitsch Slav�n den naseweisen Litauer, lachte kurz auf und sprang mit ausgebreiteten Armen in die Tiefe.</p><p>Knapp 60 Sekunden danach, in Sichtweise seines Landeplatzes, den er nur um wenige Hundert Meter verfehlen sollte, breitete sich sein Fallschirm aus, worauf der ehemalige NKWD-Offizier den Z�nder aktivierte, der am G�rtel seines Tarnanzuges befestigt war.</p><p>Einen Atemzug sp�ter, auf die Sekunde genau eine Minute nach seinem Sprung, gl�hte am Himmel ein grellroter Feuerball auf, und die Tr�mmer der Iljuschin Il-12T, gl�hend rot wie emporgeschleuderte Magma, st�rzten vom graublauen Himmel herab.</p><p>Sehr zur Freude von Slav�n, der ohne jegliche Blessuren auf dem Boden aufsetzte, sich seines Fallschirms entledigte und in einem nahegelegenen W�ldchen verschwand.</p><empty-line/></section><section><p><strong>27</strong></p><p><emphasis>Ostberlin, zwischen ehemaligem Kaufhaus Wertheim und Potsdamer Platz | 12.05 h</emphasis></p><p>Es war der Mut der Verzweiflung, der sie trieb. Demzufolge hatten sie auch keine Angst. Weder vor den Stasi-Schl�gern, die mit Kn�ppeln auf sie losgingen, noch vor den Vopos, die wahllos in die Menge feuerten, erst recht nicht vor den russischen Panzern, mochte deren Anblick auch noch so bedrohlich sein. Die Demonstranten, unter ihnen zahlreiche Arbeiter, Lehrlinge und Frauen, erhoben drohend die F�uste, schrien die Wut heraus. So leicht, wie es sich die Russen und ihre Lakaien von der SED gedacht hatten, w�rden sie es diesem Pack nicht machen.</p><p>Und so bildeten sie eine Front gegen die russischen Panzer, ohne jede Furcht vor dem Rasseln ihrer Ketten, dem Dr�hnen ihrer Motoren, den hin und her schwenkenden Gesch�tzt�rmen. Die Tausenden Demonstranten auf der Leipziger Stra�e hatten nichts mehr zu verlieren, und so traten sie auch auf. Verbittert, zornig und w�tend. Entschlossen, ihre Haut so teuer wie m�glich zu verkaufen. Am heutigen Tage, dies war allen klar, w�rde sich das Schicksal ihres Landes und ihr ganzes weiteres Leben entscheiden. Genau deshalb waren sie hier.</p><p>Kaum waren die st�hlernen Kolosse aufgetaucht, flogen die ersten Steine. Es gab Schm�hrufe zuhauf, Pfiffe ert�nten, anti-sowjetische Parolen wurden skandiert, die herbeieilenden Vopos mit Schimpfw�rtern �berh�uft. Auf die Besatzung der olivgr�nen T-34 Panzer, jeder von ihnen �ber 30 Tonnen schwer, schien dies jedoch keinen Eindruck zu machen. Als g�be es die Demonstranten nicht, rollten sie weiter Richtung Potsdamer Platz, dorthin, wo die Sektorengrenze verlief. Doch die sowjetischen Besatzer hatten die Rechnung ohne die zu allem entschlossenen Demonstranten gemacht. Ein wahrer Geschosshagel setzte ein, und es gab nicht wenige, die auf die Panzer kletterten, die Geh�use mit ihren F�usten traktierten oder gar ihre Antennen abknickten. Die Mutigsten unter ihnen eilten mit Feuerl�schern herbei, spritzten den Schaum in die Sehschlitze hinein. Der Aufruhr hatte seinen H�hepunkt erreicht. Die Erhebung, mit der sich so viele Hoffnungen verbanden, stand auf des Messers Schneide.</p><p>H�chstens noch 100 Meter von der Sektorengrenze entfernt, blieb Tom Sydow stehen und fuhr herum. Es war genauso gekommen wie bef�rchtet. Genauso, wie er es vorhergesehen hatte. Wahrlich kein Grund, auf seine prophetischen Gaben stolz zu sein. Eher ein Anlass, um aus der Haut zu fahren. Sydows Gesicht r�tete sich vor Zorn, und der Impuls, welcher in diesem Moment Besitz von ihm ergriff, lie� ihn den Grund, weshalb es ihn nach Ostberlin verschlagen hatte, vergessen. Mit der Bek�mpfung von Randalierern, Rowdys und Schl�gern hatte dies hier wirklich nichts zu tun. Dies hier war ein Akt der Verzweiflung. Der Versuch, das Joch der Unterdr�ckung abzusch�tteln, diejenigen loszuwerden, die dabei waren, das gesamte Land zu ruinieren.</p><p>Weshalb sich Sydow nicht in Sicherheit brachte, wusste er zun�chst selbst nicht so genau. Schlie�lich hatte er allen Grund, m�glichst schnell das Weite zu suchen. Trotzdem konnte er seinen Blick von den beiden T-34 Panzern, die nur noch 50 Meter von ihm entfernt waren, nicht abwenden. Nicht davon und auch nicht von den beiden jungen M�nnern, die den Mut aufbrachten, sie mit Steinen zu bewerfen. Einer nach dem anderen, als g�be es die todbringende 85-mm-Kanone, welche sie und die Umstehenden auf der Stelle in St�cke rei�en w�rde, �berhaupt nicht.</p><p>Sydow konnte sich einfach nicht losrei�en, wie elektrisiert von der denkw�rdigen Szenerie. Er sah die beiden jungen M�nner, h�rte die aufmunternden Rufe der �brigen Passanten, roch das Diesel�l, welches durch den Auspuff der russischen Panzer drang, nur eines sah er nicht: die Vopos, die dabei waren, auf der gegen�berliegenden Stra�enseite Position zu beziehen. H�tte er sie rechtzeitig bemerkt, w�re er nat�rlich in Deckung gegangen. So aber blieb er einfach stehen, den Salven, die in diesem Moment abgefeuert wurden, schutzlos ausgeliefert.</p><p>Bei der Kugel, die ihn kurz darauf traf, handelte es sich um einen Querschl�ger, der seinen Vordermann nur knapp verfehlt, vom nahen S-Bahn-Schild abgeprallt und seinen linken Oberschenkel gestreift hatte. Sydow versp�rte einen stechenden Schmerz, dann wurde ihm auch schon schwarz vor Augen und er verlor das Gleichgewicht. Durch die Menge der Schaulustigen, die das Geschehen vom Potsdamer Platz aus verfolgte, ging ein Aufschrei des Entsetzens, wovon Sydow allerdings kaum etwas mitbekam. Die Hand an den Oberschenkel gepresst, lag er zusammengekr�mmt am Boden, w�hrend einer der beiden Panzer pl�tzlich ausscherte und sich wie ein vorsintflutliches Ungeheuer auf ihn zubewegte. Die Luft erzitterte vom Dr�hnen seiner Ketten, ein Ger�usch, das die aufgeregten Rufe der Umstehenden, ja sogar alle �brigen Laute erstickte. Es war totenstill, und er, Tom Sydow, dem drohenden Schicksal hilflos ausgeliefert.</p><p>Das hast du nun davon!, schoss es ihm durch den Kopf. Ein paar lumpige Meter noch und er w�re in Sicherheit gewesen. In letzter Sekunde, halb ohnm�chtig und zu keinem klaren Gedanken mehr f�hig, rappelte sich Sydow schlie�lich auf. Ohne die kr�ftigen Arme, die sich im gleichen Moment unter seine Achseln schoben, ihn emporrissen und im Eiltempo mit sich fortschleiften, w�re er dazu jedoch kaum f�hig gewesen. Sydow war wie benebelt, und so nahm er die Sanit�ter, die sich wenige Minuten sp�ter seiner annahmen, kaum wahr. Er war in Sicherheit, viel mehr konnte er an einem Tag, an dem sein Leben gleich mehrfach in Gefahr geraten war, anscheinend nicht erwarten.</p><p>Und er war wieder im Westen.</p><p>*</p><p>�Bitte recht freundlich, Herr Kommissar!�</p><p>Sydow traute seinen Augen nicht, als sich das Konterfei eines ihm wohlbekannten Reporters der �Morgenpost� ins Blickfeld schob, und obwohl die amerikanische Sanit�terin lautstark protestierte, schwang er die F��e von der Tragbahre, entstieg dem Krankenwagen, lie� den piekfein gekleideten Star unter den Berliner Boulevardreportern einfach stehen und humpelte w�tend von dannen, ohne einen Blick f�r die bis an die Z�hne bewaffneten GIs, die unweit von ihm Stellung bezogen hatten.</p><p>Zu allem �berfluss auch noch der sch�ne Theodor. Am heutigen Tage blieb ihm wirklich nichts erspart.</p><p>�Warum so abweisend, Herr Kommissar?�, rief ihm Theodor Morrell, K�nig unter den Westberliner Sch�rzenj�gern, �ber die K�pfe der herandr�ngenden Schaulustigen hinterher. Eine M�he, die er sich ebenso gut h�tte sparen k�nnen. Sydow war stinksauer, w�re es ihm nicht so dreckig gegangen, h�tte er diesem aufgeblasenen Schn�ffler gezeigt, was eine Harke ist. In diesem Fall aber pr�sentierte er ihm einfach die kalte Schulter, l�ste sich aus der Menge, die den Potsdamer Platz bev�lkerte, und hielt Ausschau nach einem Taxi, das ihn von hier aus ins Caf� Kranzler bringen sollte. Es war f�nf nach halb eins, h�chste Zeit also. Er war gespannt, was sich inzwischen zugetragen und was Krokowski aus dem Mann, der heute Morgen in aller Herrgottsfr�he angeschossen worden war, herausgekitzelt hatte.</p><p>�Aber, aber, Herr Kommissar�, beschwichtigte ihn Morrell, nicht geneigt, sich so ohne Weiteres absch�tteln zu lassen. Hinter der Fassade des Gigolo steckte ein profunder Menschenkenner und geschulter Beobachter, auch wenn er so aussah, als sei er zu den Dreharbeiten f�r einen Revuefilm unterwegs. �So war das doch nicht gemeint.�</p><p>Trotz der Schmerzen, die ihn qu�lten, hielt Sydow z�hneknirschend inne und wirbelte herum.</p><p>�Zu deiner Information, Theo�, giftete er, kaum f�hig, sich auf den Beinen zu halten, �vor gerade einmal zehn Minuten haben mich die Amis wieder zusammengeflickt. Streifschuss. So was dr�ckt bekanntlich auf die Laune, Herr Morrell. Und wenn wir gerade dabei sind: Solltest du dich noch mal an Molli ranpirschen und dir Informationen �ber laufende Ermittlungen verschaffen, kannst du dich auf was gefasst machen, verstanden? Meine Sekret�rin aushorchen � dreister geht es ja wohl nicht!�</p><p>Wie auf Kommando setzte Morrell seine Unschuldsmiene auf, und die graubraun schimmernden Augen nahmen einen treudoofen Ausdruck an. �Das sagt gerade der Richtige. Oder wollen Sie etwa behaupten, es habe Sie mal eben so nach dr�ben verschlagen? Aus Spa� an der Freude und um ein bisschen auf den Putz zu hauen?�</p><p>�Ich z�hle jetzt bis drei, Theo. Wenn du bis dahin nicht die Kurve gekratzt hast, kriegst du derma�en was vor den Latz geknallt, dass du deine Weibergeschichten die n�chsten paar Monate vergessen kannst, ist das klar?�</p><p>�Alles, blo� das nicht, Herr Kommissar!�, wehrte Morrell h�nderingend ab. �Etwas Schlimmeres k�nnte mir wirklich nicht passieren.�</p><p>�Hast du eigentlich nichts Besseres zu tun, als Fotos von mir zu schie�en?�</p><p>�Jetzt kommen Sie schon�, warf der Boulevardreporter bes�nftigend ein, darauf bedacht, nicht noch mehr Unmut zu erregen. Im Umgang mit Gesetzesh�tern war er zwar einiges gewohnt, auf eine Auseinandersetzung mit Sydow, den er sehr sch�tzte, wollte er es dennoch nicht ankommen lassen. �Sie wissen ebenso gut wie ich, was von einem Angeh�rigen meiner Zunft erwartet wird.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Sensationsmeldungen, Herr Kommissar. Das Volk giert geradezu danach. Traurig, aber wahr. Noch ein paar Fotos wie das von den beiden Steinewerfern, und ich kann vorzeitig in Rente gehen.�</p><p>�Soll das etwa hei�en, du ��, begann Sydow, brach jedoch unvermittelt ab, um das Taxi herbeizuwinken, das er auf der gegen�berliegenden Stra�enseite ersp�ht hatte.</p><p>�Das soll hei�en, dass ich mein Tagespensum erf�llt habe � genau�, versetzte Morrell mit Blick auf Sydows schmerzverzerrte Miene, als dieser Anstalten machte, in das bereitstehende Taxi zu steigen. �Mehr als erf�llt, um es genau zu sagen.�</p><p>�Wie hei�t sie denn?�, h�nselte ihn Sydow, begr��te den Fahrer mit einem Kopfnicken und lie� sich ersch�pft auf den Beifahrersitz fallen. �Komm schon, Morrell, mirkannst du es ruhig sagen.�</p><p>Zu seinem Erstaunen reagierte der sch�ne Theodor nicht so, wie es Sydow erwartet hatte. Der Reporter drehte den Spie� um und fuhr mit dem Zeigefinger gen�sslich �ber den sorgsam zurechtgestutzten Oberlippenbart. �Bei allem Respekt, Herr Kommissar. Hei�en w�re vermutlich zutreffender.� Im Mundwinkel des 42-J�hrigen, der erheblich j�nger wirkte, bildeten sich zarte Gr�bchen. �Hier, Herr Kommissar � frisch aus der Dunkelkammer�, versetzte Morell und reichte ihm die Schwarz-Wei�-Aufnahme, die er aus seinem Jackett gezogen hatte und auf der zwei M�nner in einem amerikanischen Stra�enkreuzer abgebildet waren, an Sydow weiter. �Als Wiedergutmachung sozusagen.�</p><p>�Besten �� Einigerma�en verbl�fft, brach Sydows Dankesbezeugung j�h ab. Als f�rchte er, einer Halluzination zu unterliegen, irrte sein Blick zwischen Morrell und dem Fahrer des Chevrolet hin und her. �Wo hast du denn die Aufnahme her, Theo?�, brach es schlie�lich aus ihm hervor, was der Angesprochene mit einem am�sierten Stirnrunzeln quittierte.</p><p>�Wusste ich�s doch, dass Sie das interessiert, Herr Kommissar.�</p><p>�Das kannst du aber laut sagen�, erwiderte Sydow mit neu erwachter Energie, steckte das Foto ein und sah Morrell grinsend an. �Einsteigen, aber ein bisschen pl�tzlich!�</p></section><section><p><strong>F�nf</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Westberlin</emphasis></p><p><emphasis>(17.06.1953, am Nachmittag)</emphasis></p><empty-line/></section><section><p><strong>Schwalbe V</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berga an der Elster, Th�ringen</emphasis></p><p><emphasis>(10.04.1945)</emphasis></p><empty-line/><p>��Schwalbe V� war der Tarnname f�r eine der gr��ten unterirdischen Baustellen in Hitlers Reich. Bis zu 1.800 KZ-H�ftlinge aus Buchenwald, 800 Kriegsgefangene und 500 deutsche Bergleute gruben unter Aufsicht der �Organisation Todt� eine Produktionsst�tte in das Gestein der H�gellandschaft bei Berga, in der Heiz�l zu Flugbenzin verarbeitet werden sollte. Kurz vor der Fertigstellung der gigantischen Untergrundraffinerie musste die Baustelle vor den anr�ckenden US-Truppen ger�umt werden. In den folgenden Tagen wurden die Querstollen der Fabrikationsst�tte gesprengt. Es war eine Pr�zisionsarbeit, die den Zugang zur Innenwelt verschloss. Was sollte die m�hsame und gef�hrliche Sprengung f�r einen Sinn haben? Was mochte sich hinter dem Ger�ll verbergen? Weder die Amerikaner, die 1945 die Region besetzten, noch die Sowjets, zu deren Besatzungszone sie dann geh�rte, hatten das abgeschottete Hydrierwerk jemals systematisch inspiziert. �Schwalbe V� ist bis heute das gr��te unerforschte Geheimnis unter bundesdeutschem Boden. Alle halsbrecherischen Unternehmungen, in das Stollensystem vorzudringen, sind bislang gescheitert.�</p><p>Guido Knopp: <emphasis>Das Bernsteinzimmer � dem Mythos auf der Spur</emphasis>. M�nchen 2003, S. 161f.</p></section><section><p><strong>28</strong></p><p>Berga an der Elster, in unmittelbarer N�he der Front | bei Einbruch der Dunkelheit</p><p>F�r sich anbahnende Katastrophen hatte Ole Jensen schon immer einen siebten Sinn gehabt. Hier, einen halben Kilometer vom Stolleneingang entfernt, sollte ihm dieser jedoch nichts n�tzen.</p><p>Dabei hatte sich alles so gut angelassen. Die 24 Kisten befanden sich an Ort und Stelle, Zeugen hatte es keine gegeben. Bis vor Kurzem war das unterirdische Stollensystem noch zur Herstellung von Treibstoff benutzt und erst am Vortag von der SS ger�umt worden. Tausende hatten hier Tag f�r Tag rund um die Uhr bis zur Ersch�pfung geschuftet. Kriegsgefangene, KZ-H�ftlinge, Zwangsarbeiter. Wie umfangreich das unterirdische Labyrinth in Wahrheit war, konnte man beim besten Willen nicht sagen, auch nicht, wohin die einzelnen Sch�chte f�hrten. Es gab Dutzende davon, dar�ber hinaus ein Gewirr von G�ngen, Fabrikationshallen, Depots und Lagerst�tten, wie geschaffen als Versteck f�r das Bernsteinzimmer und so un�bersichtlich, dass man ohne Planskizze stundenlang herumgeirrt w�re. Genau das war ihm und den Kameraden jedoch erspart geblieben, dank der Karte, aus der von Oertzen beinahe eine Staatsaff�re gemacht hatte. Bislang hatte er sie wie einen Schatz geh�tet, weder ihn noch Holl�nder oder Kempa einen Blick darauf werfen lassen. �berhaupt war der Herr Standartenf�hrer mit wachsender Dauer der Operation Alberich zusehends nerv�s, um nicht zu sagen hektisch geworden. Kein Wunder, hatte es sich doch l�ngst herumgesprochen, dass die Amerikaner nicht mehr weit weg waren und der Traum vom Endsieg nicht viel mehr als ein Trugbild war, das sich demn�chst in Luft aufl�sen w�rde. Ab durch die Mitte, raus aus den Uniformen und untertauchen, solange es noch m�glich war. So und nicht anders lautete die Losung f�r den Tag.</p><p>Doch so einfach, wie er sich das dachte, lagen die Dinge wahrscheinlich nicht. Ole Jensen konnte das Unheil f�rmlich riechen, lange bevor es �ber ihn, die Sondereinheit Alberich und die drei Lkw-Fahrer, die beim Transport des Zimmers mit eingespannt worden waren, hereinbrach.</p><p>Die Bahngleise, auf denen ein ausrangierter Tankwagen, Treibstoffbeh�lter und leere �lf�sser vor sich hinrosteten, waren bereits in Sichtweite, als Ole Jensen bemerkte, wie die W�nde des Stollens urpl�tzlich in Bewegung gerieten. Nicht weiter schlimm!, machte er sich selbst Mut, so was kommt hier bestimmt �fter vor. Ein Blick auf Kempa, seinen Vordermann, �berzeugte ihn vom Gegenteil. Der introvertierte Dresdener begann n�mlich zu rennen, zumindest sah es so aus. Viel weiter als ein paar Meter kam er allerdings nicht, und was als Fluchtversuch begonnen hatte, wurde zu einer kl�glichen Pantomime. Der Bergwerksingenieur st�hnte leise auf, zog die Schultern ein und blieb stehen.</p><p>Jetzt mach schon, du Idiot!, schoss es Jensen durch den Kopf, doch bevor er seinem Unmut Luft machen konnte, war es bereits zu sp�t.</p><p>�Wassereinbruch!�, schrie Kempa mit sich �berschlagender Stimme, kurz bevor das Inferno �ber sie hereinbrach.</p><p>Erst im letzten Moment, f�r den Rest des Trupps viel zu sp�t, setzte sich Kempa in Bewegung, gefolgt von Jensen, der M�he hatte, mit ihm Schritt zu halten. Holl�nder und von Oertzen waren da wesentlich besser dran, ihnen und den Lkw-Fahrern, drei blutjungen Wehrmachtsgefreiten, um mindestens 20 Meter voraus. Jensen sah weder nach rechts noch nach links, duckte sich und rannte um sein Leben. Das dumpfe Grollen aus dem Inneren des Berges nahm zu, wurde zu einem Rumpeln, am Ende gar zu einem Krachen, wie bei einer Kollision zweier Lokomotiven. Kurz darauf, nicht einmal einen Atemzug sp�ter, war es so weit. Die Decke �ber ihnen begann zu br�ckeln, und ehe sich Jensen versah, schoss eine Wasserkaskade daraus hervor. Nass bis auf die Haut, rannte der baumlange Friese weiter, folgte den Bahngleisen, geriet ins Stolpern und lief wie von Furien gehetzt auf den Ausgang des Stollens zu, ohne einen Blick f�r seine Kameraden, die ihm im Abstand von wenigen Schritten folgten.</p><p>Innerhalb weniger Sekunden, die Jensen wie eine Ewigkeit vorkamen, sollte sich das �ndern. Der Stollen, den er gerade hinter sich gelassen hatte, brach zusammen. Eine nicht enden wollende Ger�lllawine rollte heran, zermalmte, zerquetschte und zerdr�ckte alles, was sich ihr in den Weg stellte. Tonnenweise Staub, scharfkantige Splitter und Gesteinsbrocken wirbelten durch die Luft, wie nach einer gewaltigen Explosion. Keuchend vor Anstrengung, rannte Jensen um sein Leben. Doch das Gl�ck war ihm hold. Au�er ein paar Kratzern, reichlich Staub auf der Uniform und einem Hustenanfall, der ihn mehrere Minuten au�er Gefecht setzte, war der SS-Sturmbannf�hrer mit heiler Haut davongekommen.</p><p>Nicht so die drei Gefreiten, die sich an Jensens Fersen geheftet hatten. Zwei von ihnen waren wie vom Erdboden verschluckt, irgendwo unter dem Schutthaufen begraben, der den Seitenstollen fast komplett ausf�llte. Der dritte lag leblos am Boden, nur der Oberk�rper ragte aus einem riesigen Ger�llhaufen hervor. Er gab keinerlei Lebenszeichen mehr von sich, bewegte sich nicht, wimmerte nicht, atmete nicht.</p><p>Oder etwa doch? Immer noch unter Schock, beugte sich Jensen vorn�ber und rang nach Luft. Das Kl�gste w�re gewesen, so schnell wie m�glich abzuhauen, und die Versuchung, genau das zu tun, drohte �berm�chtig zu werden. Zu seinem Erstaunen trat jedoch das genaue Gegenteil ein. Er kehrte um. Jensen kannte sich selbst nicht mehr, tippte mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. Auf so eine bl�de Idee konnte wirklich nur er kommen, die Quittung daf�r w�rde bestimmt nicht lange auf sich warten lassen.</p><p>Nur noch drei Schritte von der Ger�llhalde entfernt, horchte der Friese auf.</p><p>�Hilf mir, Kamerad!�, hallte es ihm aus dem Halbdunkel entgegen, �mich hat�s erwischt.�</p><p>Na, du machst mir vielleicht Spa�!, dachte Jensen, stellte seine Grubenlampe ab und ging neben dem blutjungen Gefreiten in die Knie. Dessen Atem ging unregelm��ig, der Kopf war zur Seite geneigt, die Pupillen verdreht, der Mund halb offen. Blut trat hervor, anfangs nur ein kleines Rinnsal, wenig sp�ter ein regelrechter Strom. Jensen schauderte, der Anblick ging ihm unter die Haut. Man musste kein Experte sein, um zu erkennen, dass der arme Teufel keine Chance hatte, wenngleich er sich mit aller Macht gegen sein Schicksal str�ubte.</p><p>Und dennoch: Jensen konnte sich nicht dazu durchringen, ihn einfach liegen zu lassen.</p><p>�Wie hei�t du, mein Junge?�, fragte er und kannte sich beinahe selbst nicht mehr.</p><p>�Fr�hlich.�</p><p>�Das wei� ich�, entgegnete Jensen und nickte dem h�chstens 18 Jahre alten, dunkelblonden und hoch aufgeschossenen Lkw-Fahrer, mit dem er bisher keine drei S�tze gewechselt hatte, aufmunternd zu. �Mit Vornamen, meinte ich.�</p><p>�Karl.�</p><p>�H�r zu, Karl � ich denke, es ist am besten, wenn du so wenig wie m�glich sprichst und dich nach M�glichkeit �berhaupt nicht be��</p><p>Der Rest des Satzes ging im qualvollen St�hnen von Fr�hlich unter. �Geben � geben Sie sich keine M�he, Sturmbannf�hrer�, presste er mit zusammengebissenen Z�hnen hervor. �Mit mir geht�s zu Ende.�</p><p>�So was darfst du nicht sagen, Kamerad�, widersprach Jensen, insgeheim eher vom Gegenteil �berzeugt. Nach Lage der Dinge hatte Fr�hlich schwerste innere Verletzungen erlitten, kein Wunder angesichts der Felsbrocken, zwischen die der arme Tropf geraten war. �Nicht bewegen, das ist jetzt das Wichtigste.�</p><p>�Sehen � sehen Sie die Kette an meinem Hals?�, fl�sterte der Gefreite, derma�en leise, dass Jensen ihn beinahe nicht mehr verstand und so dicht wie m�glich an den Sterbenden heranr�ckte. �Die habe ich von meiner Mutter.�</p><p>Jensen nickte, und obwohl er glaubte, ihn k�nne nichts mehr ersch�ttern, sp�rte er einen faustdicken Klo� im Hals.</p><p>�Sind Sie so gut und tun mir einen Gefallen?�</p><p>�Jeden, mein Junge, jeden�, h�rte sich Jensen sagen und wurde das Gef�hl nicht los, dass er dabei war, eine Riesendummheit zu begehen. �Schie� los.�</p><p>�Bringen Sie das Medaillon meiner Mutter zur�ck? Berlin-Kreuzberg, Gro�beerenstra�e Nummer ��</p><p>�Schon gut, Kamerad, will sehen, was sich machen l�sst�, versicherte Jensen, richtete sich auf und machte sich daran, die Kette vom Hals des todgeweihten jungen Mannes zu l�sen. Nach mehreren vergeblichen Anl�ufen, auf die Jensen mit einem unterdr�ckten Fluch reagierte, war es schlie�lich geschafft, das Sankt-Christophorus-Medaillon in seiner Uniformjacke verschwunden. �Kopf hoch � wird schon werden.�</p><p>�Das glauben aber auch nur Sie, Sturmbannf�hrer.� Trotz der Schmerzen, die seine zerquetschten Gliedma�en verursachten, rang sich der Sterbende ein mattes L�cheln ab. �Und Sie werden auch wirklich tun, worum ich Sie gebeten habe?�</p><p>�Nur keine Bange, meen Jong�, versicherte Jensen, erstaunt, dass er gerade in diesem Augenblick in den Jargon seiner friesischen Heimat verfiel. �Auf mich kannst du dich verlassen. Ich werde s�mtliche Hebel in Bewegung setzen, um deinen Wunsch zu ��</p><p>�Einen Schei�dreck werden Sie tun, Sie Idiot!�, bellte eine ihm bestens bekannte Stimme dazwischen. �Sonst lasse ich Sie an die Wand stellen.�</p><p>Einen Blick im Gesicht, in dem sich seine abgrundtiefe Verachtung gegen�ber von Oertzen spiegelte, rappelte sich Ole Jensen auf, klopfte den Staub von seiner Uniformjacke und drehte sich um. �Seit wann�, sch�umte er, kurz davor, die Kontrolle �ber sich zu verlieren, �seit wann ist es eigentlich verboten, sich um einen sterbenden Kameraden zu k�mmern?�</p><p>�Noch so eine impertinente �u�erung�, geiferte von Oertzen, w�hrend Holl�nder ebenfalls kehrtmachte und seine Karbidlampe auf die beiden Streith�hne richtete, �und ich lasse Sie vor ein Kriegsgericht stellen. Nur, damit Sie Bescheid wissen.�</p><p>Jensen glaubte, er habe sich verh�rt. Noch nie in seinem Leben war ihm ein derart borniertes Arschloch �ber den Weg gelaufen, und er wusste nicht, ob er lachen, losbr�llen oder seinem Vorgesetzten schlicht und ergreifend an die Gurgel gehen sollte. �Tun Sie, was Sie nicht lassen k�nnen�, gab Jensen unger�hrt zur�ck. �Und viel Gl�ck bei der Suche nach einem Kriegsgericht.�</p><p>Einen kurzen Moment lang kehrte Stille ein, und es schien, als wolle das Echo von Jensens Stimme nicht verklingen.</p><p>Dann zog von Oertzen seine Dienstpistole. �Was war das da gerade eben?�, kl�ffte er und richtete die Waffe direkt auf Jensens Stirn. �Sag das noch mal, du friesischer Dorftrottel.�</p><p>Sein Kontrahent verzog keine Miene, wenngleich er innerlich vor Wut kochte. Auf sein Heimatdorf, nur einen Katzensprung von Emden entfernt, lie� er nichts kommen. Wenn ihn jemand auf die Palme brachte, dann Leute, die �ber die Friesen herzogen. �Falls es Ihnen nichts ausmacht�, gab Jensen mit vorget�uschtem Gleichmut zur�ck, �w�rde ich es vorziehen, wenn wir uns weiter siezen.�</p><p>�Auch noch frech werden, das hab ich gern.� Die Hand am Abzug seiner Luger 08, bebte von Oertzen vor Zorn. �Zu Ihrer Information, Jensen: Ich h�tte die drei Gr�nschn�bel sowieso liquidiert. Diesbez�glich sind die Weisungen, die mir der Reichsf�hrer erteilt hat, glasklar.� Die Mimik von SS-Standartenf�hrer Hans-Hinrich von Oertzen fror buchst�blich ein, und ein eisiger Blick beherrschte sein Gesicht. �Und darum, Sie impertinenter Klugschei�er, werden Sie jetzt den Weg freigeben und nicht weiter den barmherzigen Samariter spielen. So dumm, es sich mit mir zu verderben, sind nicht einmal Sie. Hab ich recht?�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Dann werde ich Sie auf der Stelle �ber den Haufen schie�en, Jensen. Und als N�chsten diesen Milchbubi da.�</p><p>�An Ihrer Stelle w�rde ich das besser bleiben lassen, von Oertzen. So, und jetzt runter mit der Pistole, sonst jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf.�</p><p>Curt Holl�nder, der sich seinem Vorgesetzten von hinten gen�hert hatte, meinte es ernst. Das merkte von Oertzen genau. W�tend auf Jensen, sich selbst und vor allem Holl�nder, der die Stirn besa�, sich gegen ihn aufzulehnen, lie� er die Waffe aus der Hand gleiten und knurrte: �Daf�r werden Sie b��en, Holl�nder. So wahr ich Hans-Hinrich von Oertzen hei�e.�</p><p>�Vorausgesetzt, Sie bekommen die Gelegenheit dazu�, parierte Holl�nder, stellte die Karbidlampe auf einen Felsblock und b�ckte sich blitzschnell nach der Waffe. �Doch so dumm, sich es mit mir zu verderben, sind nicht einmal Sie, oder?�</p><p>�Wenn ich Sie erwische, Holl�nder, k�nnen Sie Ihr Testament machen.�</p><p>�Nach Ihnen, Herr Standartenf�hrer, nach Ihnen.� G�nzlich unbeeindruckt steckte Holl�nder die Luger in seinen G�rtel und dr�ckte von Oertzen die M�ndung seiner Mauser so heftig in den Nacken, dass dieser unwillk�rlich zusammenzuckte. �Die Karte, von Oertzen, aber ein bisschen pl�tzlich.�</p><p>�Das wird Sie teuer zu stehen kommen, Vaterlandsverr�ter.�</p><p>�Die Karte, oder ich muss zu anderen Methoden greifen, du Schrumpfgermane.�</p><p>�Ich hab�s ja gleich gewusst!�, knirschte von Oertzen, au�er sich vor Wut. �Aber der Reichsf�hrer wollte ja nicht auf mich h�ren. �Fachleute� � wenn ich das schon h�re. Ein Sprengstoffexperte und zu allem �berfluss auch noch ein Kunsthistoriker. Verl�ssliche Parteigenossen w�ren mir wesentlich lieber gewesen. Lieber jedenfalls als zwei raffgierige Verr�ter, die nichts Besseres im Sinn haben, als sich auf schamlose Weise zu bereichern.�</p><p>�Drei, Standartenf�hrer, drei.� An Benjamin Kempa, der wie aus dem Nichts auftauchte, hatte keiner der drei auch nur einen Gedanken verschwendet. Das sollte sich �ndern, weit mehr, als es von Oertzen lieb sein konnte. �Die Karte, Sie Menschenschinder�, fuhr der Dresdener ihn an, lie� sich von Holl�nder die Luger aush�ndigen und blieb neben dem Paladin Himmlers stehen. �Sie haben richtig geh�rt�, karrte der sonst so zur�ckhaltende, mindestens um einen Kopf kleinere Spezialist f�r das Bergwerkswesen nach. �Die Planskizze von Schwalbe V, aber zackig!�</p><p>�Daf�r werden Sie mir b��en, Kempa�, grollte von Oertzen und f�rderte aus der Innentasche seiner Uniformjacke einen aus vier Bl�ttern bestehenden Faltplan zutage. �Das garantiere ich Ihnen.�</p><p>�Nicht so voreilig, von Oertzen, sogar Sie werden auf Ihre Kosten kommen.� Zum Entsetzen seiner Kameraden, die ihn wie eine Erscheinung aus dem Jenseits anstarrten, lie� sich Benjamin Kempa die Karte aush�ndigen, warf einen Blick darauf und zerriss sie anschlie�end in vier Teile. �So, das w�re geschafft�, stellte er aufatmend fest und gab ein schrilles Kichern von sich. Im Schein der Karbidlampe sah er wie ein dem Erdreich entstiegener Kobold aus, und es schien, als sei er nicht mehr ganz richtig im Kopf. �Alles br�derlich geteilt!�, rief er freudestrahlend aus. �Damit mir nur ja niemand auf falsche Gedanken kommt.�</p><p>�ber das Gesicht des SS-Sturmbannf�hrers huschte ein hinterlistiges Grinsen, und ehe es sich Holl�nder versah, sp�rte er die M�ndung der Luger an seiner Schl�fe. �So leid es mir tut, lieber Curt ��, stie� er achselzuckend hervor, neigte den Kopf zur Seite und blinzelte Holl�nder treuherzig an, �um ganz sicherzugehen, ben�tige ich deine Waffe.�</p><p>�Sag mal, hast du eigentlich noch alle Tassen �?�</p><p>�Mein Problem, Herr Obersturmbannf�hrer a. D.�, fauchte Kempa zur�ck, entwand Holl�nder die Waffe und warf sie Ole Jensen zu. �Und jetzt mach, dass du fortkommst, Professor, bevor ich dir eine Kugel durch den Kopf jage.�</p><p>�� im Schrank, Kleiner?�, schrie Holl�nder, drauf und dran, sich auf Kempa zu st�rzen. Doch dann, im Angesicht der entsicherten Waffe, besann er sich, funkelte seinen Kontrahenten an und wich mit erhobenen H�nden zur�ck. �Solltest du mir jemals wieder �ber den Weg laufen�, sch�umte er, den Zeigefinger drohend in die H�he gereckt, �werde ich dir die Rechnung pr�sentieren, Benjamin.� Im Anschluss daran spie er aus, machte kehrt und sah zu, dass er davonkam.</p><p>�So, Herr Standartenf�hrer�, wandte sich Kempa daraufhin wieder seinem Vorgesetzten zu. �Jetzt zu Ihnen. Da ich Tierliebhaber bin, werde ich mich damit begn�gen, Sie eine Weile in Schach zu halten. Damit sich unser gemeinsamer Freund Jensen endlich um unseren verletzten Kameraden k�mmern kann. Zufrieden, Ole?�</p><p>Kempas Frage verhallte ungeh�rt, und es verging fast eine Minute, bis der Dresdener eine Antwort bekam.</p><p>�Wie man�s nimmt, Benjamin�, erhob sich Jensens Stimme, ged�mpft und so kraftlos, dass Kempa erschrocken zusammenfuhr. �Melde gehorsamst, Herr Ingenieur: Der arme Teufel hat�s hinter sich.�</p><p>*</p><p>�Da geht er hin und kehrt nie wieder�, brummte Ole Jensen missvergn�gt vor sich hin, nachdem von Oertzen im Schutz der Dunkelheit verschwunden war. �Ich glaube, das war ein Fehler, Benjamin.�</p><p>�Ihn einfach so entwischen zu lassen, meinst du?� Benjamin Kempa trat frierend auf der Stelle und blieb seinem Kameraden die Antwort schuldig. Es war kalt hier drau�en, lausig kalt sogar. Am Fu�e des Steilhangs, der unmittelbar ans Ufer der Elster grenzte, herrschte Totenstille, und der Eingang zum Stollen 1 sah wie das Tor zur Unterwelt aus. Aus der Ferne drang Gesch�tzl�rm an sein Ohr, die Zeit, so schien es, lief ihnen unweigerlich davon. Sp�testens morgen fr�h, vielleicht aber auch schon in ein paar Stunden, w�rden die Amerikaner anr�cken. Bis dahin musste die Operation Alberich beendet, die Spuren ihres Tuns beseitigt sein. �Sei�s drum, wir machen uns besser auf die Socken.�</p><p>�Schei� Bergwerk, verdammtes.�</p><p>�Das kannst du laut sagen�, stimmte Kempa zu und verfiel in dumpfes Br�ten. Dann blickte er auf, l�chelte und sagte: �Na ja, wenigstens bist du auf die Art noch zu einer neuen Uniform und einem Paar ausgelatschter Stiefel gekommen. Wirklich schick, Ole, wie aus dem Ei gepellt.�</p><p>�Wei�t du vielleicht was Besseres, Benjamin?�, ereiferte sich Jensen und lie� den Blick zu den Wracks der drei Lkws schweifen, die er soeben in die Luft gejagt hatte. �Wie ich ihn kenne, h�tte Fr�hlich bestimmt nichts dagegen gehabt. Was n�tzt es dem armen Teufel, wenn er in seiner Uniform be��</p><p>�Schon gut, Ole, schon gut � heutzutage muss jeder sehen, wo er bleibt.�</p><p>�Und du, Benjamin � was wird aus dir?�</p><p>�Aus mir?� Kempa gab ein wehm�tiges Lachen von sich. �Erst mal nach Hause, w�rde ich sagen.� Der Dresdener seufzte, und sein Atem zeichnete gespenstische Figuren in die frostklare Luft. �Nicht ganz leicht, nach allem, was man so h�rt. Sieht so aus, als m�sste ich mich beeilen. Sonst liegt daheim kein Stein mehr auf dem anderen. Sehr lange werden die Russen bestimmt nicht mehr brauchen, um Berlin in einen Tr�mmerhaufen zu verwandeln.�</p><p>�Ein Grund mehr, zusammenzubleiben, findest du nicht?�</p><p>�Gut m�glich.� Kempa senkte den Blick, darauf bedacht, Jensen nicht in die Augen sehen zu m�ssen. �Trotzdem glaube ich, jeder von uns sollte es auf eigene Faust probieren. Gemeinsam zuschlagen, getrennt marschieren � ist wahrscheinlich besser so.�</p><p>Jensen l�chelte gequ�lt. �Ganz wie du willst, Benjamin�, fl�sterte er, gab ein Verlegenheitsr�uspern von sich und dr�ckte Kempas Hand. �Dann mach�s mal gut, Benjamin.�</p><p>�Du auch, Ole.�</p><p>�Tsch�ss�, fl�sterte Jensen vor sich hin und winkte der Gestalt, die mit weit ausholenden Schritten den Bahngleisen zustrebte und kurz darauf in die Dunkelheit eingetaucht war, noch lange hinterher. �Und viel Gl�ck.�</p><p>Kurze Zeit sp�ter, allein auf weiter Flur, unterzog er den Sprengkasten, der sich in geb�hrendem Abstand vom Stolleneingang befand, einer letzten Inspektion, schloss die Augen und dr�ckte den Hebel bis zum Anschlag hinunter.</p></section><section><p><strong>29</strong></p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Gro�beerenstra�e | 13.20 h</emphasis></p><p>�Ob Sie es h�ren wollen oder nicht, Herr Jensen ��, schloss die verh�rmte, vor der Zeit gealterte und leicht gebeugt gehende Gemischtwarenh�ndlerin und brachte die Kaffeetasse ihres unverhofften Besuchers beinahe zum �berlaufen, �das, was Sie f�r meinen Karl getan haben, macht Ihnen so schnell keiner nach. Nichts da, nichts da, ich wei�, was Sie jetzt sagen wollen. Das war doch wohl selbstverst�ndlich. Nee, Herr Jensen, war es eben nicht. Mal ehrlich: Sie h�tten es sich ja ganz einfach machen k�nnen und zu den Amis �berlaufen oder sich einfach Richtung Heimat verdr�cken k�nnen. Stimmt�s oder hab ich recht? Na also.�</p><p>Luise Fr�hlich, nach Kriegsende unter anderem Tr�mmerfrau, Hilfsarbeiterin und Stra�enbahnschaffnerin, die zur Feier des Tages Bohnenkaffee gekocht hatte, stellte die Kanne ab und bekr�ftigte ihre Worte durch ein entschiedenes Nicken.</p><p>�Zeigt den Amis die Hacken, mogelt sich durch die russischen Linien und riskiert, dass er kurz vor knapp noch eine Kugel verpasst bekommt. Und das alles nur, um den letzten Wunsch eines Sterbenden, meines Sohnes, zu erf�llen. Alle Achtung, junger Mann, das verdient Respekt. Ich wei�, dass Sie das nicht gerne h�ren, Herr Jensen � aber daf�r haben Sie einen Orden verdient.�</p><p>�Reichlich sp�t daf�r, finden Sie nicht auch?�</p><p>In Erinnerungen schwelgend, nahm die waschechte Schlesierin von Jensens Verfassung kaum Notiz. F�r sie war er ein Held, daran gab es nichts zu r�tteln. �Acht Jahre Knast � das muss man sich mal vorstellen�, ereiferte sich die alleinstehende Dame, in deren guter Stube Jensen gerade sa�. �Und das alles nur wegen irgendeines Nachbarn, der Sie bei den Russen verpfiffen hat.�</p><p>�Drei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner.�</p><p>�Genau.� Luise Fr�hlich legte die mit Gichtknoten �bers�ten H�nde aneinander und blickte nachdenklich vor sich hin. �Ende Juni 45, ich wei߫, sinnierte sie, das Gesicht von tiefen Falten durchzogen. �Wenn ich w�sste, wer Sie denunziert hat, w�rde ich mit dem Betreffenden mal ordentlich Tacheles reden.�</p><p>�Lieber nicht�, fiel Jensen der 53-j�hrigen Mutter seines ehemaligen Sch�tzlings ins Wort und warf einen Blick auf die gerahmte Fotografie, die auf der Kommode neben der Wohnzimmert�r stand. �Wozu auch?�</p><p>�Er war ein stattlicher junger Mann, nicht wahr?�</p><p>�Und was f�r einer�, beeilte sich Jensen zu versichern, das Bild eines unter tonnenschwerem Ger�ll begrabenen und mit dem Tode ringenden Kameraden vor Augen, dessentwillen er beinahe vor die Hunde gegangen w�re. Auf die Idee, im belagerten Berlin unterzutauchen, hatte wirklich nur ein Vollidiot wie er kommen k�nnen. �Nur leider eben zu fr�h gestorben.�</p><p>�Wenigstens wei� ich, wo er begraben liegt.�</p><p>�Immerhin etwas, da haben Sie recht�, murmelte Jensen, in Gedanken bei jener Nacht vor acht Jahren, als er den Stollen von Schwalbe V in die Luft gejagt und sich anschlie�end bis hierher durchgeschlagen hatte. Dass der Gefreite Fr�hlich nicht etwa von einer feindlichen Kugel, sondern von Unmengen Schutt, Ger�ll und Felsbrocken zur Strecke gebracht worden war, hatte er verschwiegen. So genau, fand er, brauchte das Frau Mama auch nicht zu wissen. Manchmal kam man um eine kleine Notl�ge eben nicht herum. �W�re diese amerikanische Granate nicht gewesen, k�nnte er immer noch leben.�</p><p>�Schicksal, Herr Jensen, da kann man nichts machen�, seufzte Luise Fr�hlich, erhob sich und �ffnete die oberste Schublade der Kommode, in der sie die wenigen Habseligkeiten aufbewahrte, die den Krieg heil �berstanden hatten, unter anderem auch das Medaillon, auf dessen Vorderseite der heilige Christophorus zu erkennen war. �Ein Erbst�ck von meinem Gro�vater�, verriet sie, das Andenken an ihren Sohn in der flachen Hand. �H�tte meinem Karl Gl�ck bringen sollen. Ich hab�s mir jeden Tag angeschaut � wie im �brigen auch Ihre Uniform, Ole. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie mit dem Vornamen anrede, oder?�</p><p>�I wo, Frau Fr�hlich, wo denken Sie hin!�, beteuerte Jensen, dem Ziel seines Besuches einen Riesenschritt n�her, wenngleich er sich reichlich sch�big, um nicht zu sagen wie der letzte Mensch vorkam. �Ihre Uniform� � denkste!, fuhr es ihm durch den Sinn, voller Verachtung f�r sich selbst und die Schmierenkom�die, welche er gerade inszenierte. Um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, blieb ihm jedoch nichts anderes �brig, deshalb spielte er lieber den Ahnungslosen. �Wenn mich jemand duzen darf, dann Sie.� Jensen r�usperte sich und nippte an seiner Tasse. �Wenn wir gerade dabei sind, Mutter Fr�hlich ��, druckste er herum, �w�rde es Ihnen etwas ausmachen, mir die Uniform kurz zu �, aber nur, falls es Ihnen nichts ��</p><p>�Es ist wegen der Stiefel, stimmt�s?�</p><p>Wie vom Donner ger�hrt, zuckte Jensen zusammen, stammelte ein paar zusammenhanglose Worte und verstummte.</p><p>�Wegen des ausgeh�hlten Absatzes, in dem diese Karte versteckt war.� Als sei nichts geschehen, legte Luise Fr�hlich das Medaillon wieder in die Schublade, lie� ihren Gast links liegen und trat ans Wohnzimmerfenster, von wo aus sie einen auf der gegen�berliegenden Stra�enseite geparkten BMW 501 beobachtete, dessen Fahrer nerv�s auf dem Steuer herumtrommelte. �Beziehungsweise das, was von ihr �briggeblieben ist.�</p><p>�Tut mir leid, Mutter Fr�hlich, aber es ist so, dass ��</p><p>�Muss es nicht, junger Mann, muss es nicht. Der Krieg hat eben seine eigenen Gesetze, ver�ndert die Menschen von Grund auf, verdirbt sie bis ins Mark. Warum, frage ich mich, sollten ausgerechnet Sie da eine Ausnahme sein? Ein bisschen viel verlangt, finden Sie nicht auch?�</p><p>�Und woher ��</p><p>�Weshalb ich so genau im Bilde bin, wollen Sie wissen? Karl hat mir geschrieben, das letzte Mal mit Datum vom 30. Mai. Feldpostbrief, bezeichnenderweise ohne Absender. Er und zwei andere Kameraden w�rden in K�rze zu einem geheimen Kommandounternehmen abkommandiert, hie� es da. Unter Federf�hrung der SS. Sicherstellung von Kunstsch�tzen, aber das sei nur so ein Ger�cht. Keine Ahnung, wieso der Brief nicht zensiert worden ist. Hing wahrscheinlich mit dem allgemeinen Chaos zusammen, was wei� ich.� Luise Fr�hlich zog den Vorhang, den sie im Verlauf des Gespr�chs einen Spaltbreit ge�ffnet hatte, wieder zu und lie� ihren Blick auf einem sichtlich geknickten Ole Jensen ruhen. �Ein Freund von Ihnen?�, fragte sie geraume Zeit sp�ter und deutete �ber die Schulter hinweg zum Fenster.</p><p>�Das nun nicht gerade�, bekannte Jensen zerknirscht.</p><p>�Sondern?�</p><p>�Das genaue Gegenteil davon.�</p><p>�Verstehe�, antwortete Luise Fr�hlich. Und wechselte rasch das Thema: �Sie sind kein gew�hnlicher Landser gewesen, stimmt�s?�</p><p>Jensen verneinte. �Wie sind Sie drauf gekommen?�</p><p>�Auf Ihr Versteck im Stiefelabsatz? Purer Zufall.� Luise Fr�hlich strich sich �ber die grauen, wie eine Eins gescheitelten und zu einem Knoten geflochtenen Str�hnen. �Irgendwann habe ich mir gedacht, es sei an der Zeit, Ihre Stiefel wieder auf Vordermann zu bringen. Vor allem den linken, der war ganz sch�n ausgelatscht. Ich denke, Sie k�nnen sich vorstellen, wie dumm ich aus der W�sche geguckt habe.�</p><p>�<emphasis>Seine</emphasis> Stiefel, Frau Fr�hlich, nicht meine.�</p><p>Die Augen auf das Portr�t ihres Sohnes an der Wand gerichtet, verstrichen Minuten, bis Luise Fr�hlich eine Reaktion zeigte. �Mit anderen Worten: Sie haben seine Uniform angezogen, um nicht sofort als SS-Mann entlarvt zu werden.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Na, wenn schon � an dem, was Sie f�r meinen Sohn getan haben, �ndert das nichts�, entschied die resolute Dame, nahm den Rahmen mit dem Bild ihres Sohnes auseinander und f�rderte einen versiegelten Umschlag zutage, der zwischen der Fotografie und der R�ckseite des Rahmens deponiert gewesen war. �Hier, junger Mann�, sprach sie im Fl�sterton, dr�ckte ihm den Brief in die Hand und ging daran, den Inhalt der Schublade komplett zu durchw�hlen, �somit w�ren wir quitt.�</p><p>�Auf jeden Fall, Frau Fr�hlich, und vielen Dank.�</p><p>�Keine Ursache, Herr Jensen, keine Ursache�, fl�sterte Luise Fr�hlich ihrem Gast zu und begutachtete einen Wehrmachtsdolch, den sie soeben aus der Kommode gekramt hatte. �<emphasis>Sein</emphasis> Dolch ��, betonte sie mit wehm�tigem L�cheln und bot ihn Jensen wie eine Morgengabe dar. Die Lippen fest aneinandergepresst, ging ihr Blick ins Leere. �Wer wei߫, fl�sterte sie wie zu sich selbst, �wer wei�, wozu das Ding noch gut sein wird.�</p></section><section><p><strong>30</strong></p><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Caf� Kranzler am Kurf�rstendamm</emphasis> | <emphasis>13.35 h</emphasis></p><p>�Lange Rede, kurzer Sinn ��, rekapitulierte Sydow am Ende von Krokowskis Rapport, �du bist der Meinung, dass es sich bei dem Kerl auf dem Bild und dem Mann, der den Fahrer der BMW-Maschine ins Jenseits bef�rdern wollte, um ein und dieselbe Person gehandelt haben k�nnte.�</p><p>�Durchaus, das hei�t, falls man der Beschreibung des Opfers trauen kann.� Eduard Krokowski trank sein Mineralwasser leer, was bei Sydow einmal mehr f�r Kopfsch�tteln und verst�ndnisloses Augenrollen sorgte. �Also, wenn du mich fragst, Tom ��</p><p>�Tue ich, Eduard, falls du�s noch nicht gemerkt haben solltest.�</p><p>�� die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um zwei verschiedene Personen handelt, ist meines Erachtens relativ gering. D�Artagnan-Bart, gepflegte Kleidung, �berhaupt das ganze Aussehen � ich denke, wir sind dem Richtigen auf der Spur.�</p><p>�Nerven hat der Kerl, das muss man ihm lassen.� Sydow leerte seine Tasse, bestellte sich noch einen Mokka und studierte das Bild, auf dem zwei M�nner in einer Corvette, entsetzt zur�ckweichende Zollbeamte, wild gestikulierende GIs und eine zu Bruch gegangene Schranke zu erkennen waren, zum wiederholten Mal. Man musste schon verdammt abgebr�ht sein, um so ein Ding durchzuziehen. Daran bestand kein Zweifel. Hier war ein Profi am Werk gewesen, abgezockt, berechnend und eiskalt. In diesem Punkt glichen sich die Schilderungen des Motorradfahrers und diejenigen von Nahler und Liebermann bis aufs Haar. Anscheinend stand f�r diesen Fatzke eine Menge auf dem Spiel, sonst w�re er nicht so rabiat vorgegangen. Wobei das Wort �rabiat� die Wahl der Mittel, deren er sich bedient hatte, nur h�chst unzureichend beschrieb. Folterungen wie im Mittelalter, Mord, Fahrerflucht � und das alles, um einem seit acht Jahren verschollenen Artefakt auf die Spur zu kommen. Sydow wurde nachdenklich. Irgendetwas passte hier nicht zusammen, zumindest nicht richtig. Um sich vorzustellen, dass die Stasi hinter dem Bernsteinzimmer her war, bedurfte es keiner gro�en Fantasie. Bef�nde es sich erst in ihrem Besitz, w�rden die Jungs aus der Normannenstra�e bei den Russen ordentlich Punkte sammeln k�nnen. Allein das, so Sydows Fazit, erg�be bereits ein plausibles Motiv. Wenn, ja wenn Mielke und Co. derzeit nicht ganz andere Sorgen h�tten. Einen Aufstand niederschlagen und gleichzeitig Jagd auf das Bernsteinzimmer machen? H�chst unwahrscheinlich, wenn nicht gar ausgeschlossen. Folglich musste ein anderes Motiv herhalten. Die Frage war nur, welches. Zumal die Stasi mit Sicherheit nicht darauf aus war, sich mit den Amis anzulegen. Und genau das war es, was der Kerl hinter dem Steuer der Corvette heute Morgen getan hatte. Mit einer Kaltbl�tigkeit, die ihresgleichen suchte.</p><p>�Und was nun?�</p><p>�Gute Frage, Eduard, gute Frage.� Sydow rief der Bedienung zu, er wolle zahlen, und verzehrte den Rest seines K�sesandwiches, bevor er sich wieder Krokowski zuwandte: �Irgendwelche Vorschl�ge, Herr Kriminalassistent?�</p><p>�Gro�fahndung, was sonst.� F�r seine Verh�ltnisse ungew�hnlich wortkarg, lie� Sydows Assistent sein Glas auf der Tischplatte hin und her rutschen.</p><p>�Meinetwegen. Wird sich zeigen, ob das was bringt.�</p><p>��berm��ig zuversichtlich h�rst du dich nicht gerade an.�</p><p>�Bin ich auch nicht�, gestand Sydow mit Blick auf die gro�formatige Schwarz-Wei�-Aufnahme ein. �Mister X wird sicher nicht so bl�d sein und weiter mit einer amerikanischen Luxuslimousine rumkurven. F�llt doch viel zu sehr auf. Vorausgesetzt, der Kerl ist so gerissen, wie wir denken, wird es ihm nicht schwerfallen, bei n�chster Gelegenheit eine Karre zu klauen.�</p><p>�Oder er l�sst die Corvette irgendwo stehen.�</p><p>�Genau.� Sydow st�tzte den Ellbogen auf die Tischkante und zupfte nachdenklich an seiner Nasenspitze herum. �Fragt sich, was der Kerl im Schilde f�hrt. Was der Grund ist, weshalb er so viel riskiert.�</p><p>�Geld, was denn sonst?�</p><p>�Du willst mir doch nicht etwa weismachen, dass die Jungs aus der Normannenstra�e Pr�mien einstreichen? Komm schon, Eduard, das glaubst du doch selbst nicht. Wenn schon eine Belohnung, dann h�chstens einen Orden, mehr ist f�r unseren Musketier mit Sicherheit nicht drin.�</p><p>�Und was, wenn er zwar bei der Stasi ist, aber auf eigene Faust agiert?�</p><p>�Ein Einzelg�nger, meinst du? Also wirklich, Eduard. Auf so eine bescheuerte Idee kannst auch wirklich nur �� Im Begriff, Krokowski wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen, blieb Sydow glatt die Spucke weg. �Moment mal � verstehe ich dich da richtig: Du bist allen Ernstes der Meinung, dass wir es hier mit einem �berl�ufer zu tun haben?�</p><p>�Warum nicht?�, gab Krokowski selbstsicher zur�ck. �An Interessenten f�r das Bernsteinzimmer herrscht bestimmt kein Mangel. Russen, Amerikaner, schwerreiche Kunstliebhaber � du kannst es dir aussuchen, Tom.�</p><p>�Kempa: SS-Mitglied. Von Oertzen: SS-Mitglied. W�rde mich nicht wundern, wenn dieser � wie hie� er doch gleich?�</p><p>�Ole Jensen.�</p><p>�Genau. W�rde mich nicht weiter �berraschen, wenn Kempas Kumpel ebenfalls mit von der Partie gewesen w�re. Wer wei�, vielleicht ist es ja der Kerl auf dem Beifahrersitz.�</p><p>��Mit von der Partie� � wobei denn?�</p><p>�Bei einer geheimen Kommandooperation, in deren Verlauf das ��</p><p>�� Bernsteinzimmer von der Bildfl�che verschwunden ist. Auf dass man sich zu gegebener Zeit daran erinnern, bei den Alliierten lieb Kind machen oder sonst wie Kapital daraus schlagen m�ge.�</p><p>Sydow pfiff anerkennend durch die Z�hne. �Daf�r hast du einen Orden verdient, Eduard!�, verk�ndete er. Und murmelte halblaut vor sich hin: �Vorausgesetzt, unsere Theorie stimmt.�</p><p>�Ehrlich gesagt: Eine Bef�rderung w�re mir lieber.�</p><p>�Wenn, dann aber bitte nur f�r dich�, entgegnete Sydow, kramte einen F�nfmarkschein hervor und legte ihn auf den Tisch. �Stimmt so, Fr�ulein�, lie� er die Bedienung wissen, die zun�chst gro�e Augen machte, ihr Gl�ck kaum fassen konnte und sich freudestrahlend entfernte. �Mit den besten Empfehlungen von der Kripo Berlin.�</p><p>�Wenn wir gerade von Empfehlungen reden � wie geht es weiter?�</p><p>�Gro�fahndung, wie gehabt�, antwortete Sydow, biss auf die Z�hne und rappelte sich auf.</p><p>�Wenn du mich fragst, solltest du m�glichst schnell einen Arzt konsultieren�, riet ihm Krokowski, auf dem besten Wege, zu seiner alten Form und gestelzten Ausdrucksweise zur�ckzufinden.</p><p>Die Strafe folgte auf dem Fu�e. �Halt dich da raus, Herr von und zu Hochgestochen�, schnauzte Sydow ihn an, steckte das Foto ein und machte sich auf den Weg zur T�r.</p><p>�Und ich?�</p><p>�Du, Special Agent Krokowski, wirst dich jetzt ins Document Center begeben, den dortigen Archivar konsultieren � man beachte die Wortwahl! � und versuchen, etwas �ber Benjamin Kempa, Hans-Hinrich von Oertzen und ein Phantom namens Ole Jensen in Erfahrung zu bringen. Korrekt ausgedr�ckt?�</p><p>�Daf�r hast du einen Orden verdient, Tom!�, hieb Krokowski in die gleiche Kerbe wie sein Vorgesetzter und �ffnete die T�r, um Sydow passieren zu lassen. �Und was ist mit dir?�</p><p>�Mit mir? Ich werde mich um die trauernden Hinterbliebenen eines distinguierten Herrn namens ��</p><p>�Aber doch wohl nicht in deinem Zustand, Tom.�</p><p>�� Hans-Hinrich von Oertzen k�mmern. Bin schon gespannt, in welches Fettn�pfchen ich treten werde. Hast du gerade was gesagt, Eduard?�</p><p>�Ich geb�s auf�, seufzte Krokowski und folgte Sydow auf dem Fu�.</p><p>�Auf keinen Fall�, entschied Sydow, winkte ein Taxi herbei und sagte: �Die Sache f�ngt gerade erst an, mir Spa� zu machen.�</p><p>*</p><p>Beim Anblick der Villa in der Seestra�e, vor der ihn das Taxi abgesetzt hatte, musste Sydow automatisch an seine Jugend in der N�he von Neuruppin denken. Sein Elternhaus lag direkt am Ruppiner See, nur einen Katzensprung von Wuthenow entfernt. Es war der ganze Stolz seines Vaters gewesen, einer von einem halben Dutzend Krautjunkern, die in der Gegend das Sagen gehabt hatten. Nach dem Krieg, als Sydow in die Schule kam, war es mit dem ererbten Besitz steil bergab gegangen, weshalb Vater ihn nach Eton geschickt, sein Hab und Gut f�r einen Spottpreis verscherbelt und in den diplomatischen Dienst eingetreten war. Etliche Jahre sp�ter, nach der Scheidung der Eltern und der R�ckkehr seiner Mutter nach England, war er zur Kripo gegangen � und bis auf den heutigen Tag dort geblieben.</p><p>Sydow dr�ckte auf die Klingel. Da niemand �ffnete oder sich blicken lie� und seine Verletzung ihm mehr zusetzte, als ihm lieb war, �ffnete er kurzerhand die T�r und betrat den Garten, durch den ein sorgsam geharkter Mittelweg zum Portikus der mond�nen, kurz nach der Jahrhundertwende erbauten Villa f�hrte.</p><p>Und blieb wie angewurzelt stehen.</p><p>Noch etwas, das nicht zusammenpasst, dachte er, umgeben von Sonnenblumenrabatten, Dahlien, Stockrosen und Buchsb�umen, die den Eindruck einer durch nichts zu ersch�tternden Idylle erweckten. Impressionen, die durch den Wannsee, der zwischen sorgf�ltig gestutzten Hecken hindurchschimmerte, noch verst�rkt wurden. Auf welche Weise auch immer der Eigent�mer des Anwesens zu seinem Verm�gen gekommen war, er hatte gewusst, wo es sich gut leben lie�, und hatte allem Anschein nach eine Menge Geld auf den Tisch gebl�ttert, um sich dieses irdische Paradies unter den Nagel rei�en zu k�nnen.</p><p>�Sie w�nschen, mein Herr?�</p><p>Sydow war nicht gerade ein Naturliebhaber, aber dennoch so sehr in den Bann des Gartens gezogen, dass er das M�dchen am anderen Ende des Weges nicht bemerkt hatte. �Tom Sydow, Kripo Berlin�, antwortete er, setzte sich wieder in Bewegung und z�ckte seinen Dienstausweis, um sich gegen�ber dem etwa 15 Jahre alten Teenager auszuweisen. �Wenn es keine allzu gro�en Umst�nde macht, h�tte ich gerne mit Frau von Oertzen gesprochen.�</p><p>�Worum geht es, wenn man fragen darf?�</p><p>Volltreffer!, stellte Sydow erleichtert fest und setzte sein Strahlemannl�cheln auf. Im Adressbuch war nur der Name des Hausherrn verzeichnet, deshalb hatte er einfach drauflosspekuliert. �Wenn es Ihnen nichts ausmacht, m�chte ich es der Dame des Hauses lieber pers�nlich sagen.�</p><p>�Muss das wirklich sein?�, widersetzte sich das M�dchen und trat Sydow mit verschr�nkten Armen in den Weg. �Meine Mutter f�hlt sich nicht wohl.�</p><p>�So leid es mir tut, junge Dame�, beharrte Sydow, der nicht vorhatte, sich wie ein Hausierer abfertigen zu lassen. �Ich muss auf diesem Gespr�ch bestehen.�</p><p>Das M�dchen r�mpfte die Nase, baute sich trotzig vor ihm auf. Von Oertzens Tochter war bildh�bsch anzuschauen, mit Sommersprossen, langem, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenem Haar, gertenschlank und einem cremefarbenen, mit roten Kirschen verzierten Petticoat samt St�ckelschuhen. Allem Anschein nach war sie auf dem Weg zu irgendeiner Feier, m�glicherweise auch zu einem Besuch. Auf Polizisten war sie offenbar nicht gut zu sprechen, obwohl der Eindruck, den Sydow von ihr bekam, an sich kein negativer war.</p><p>�Ob es Ihnen behagt oder nicht.� Mit das Auff�lligste, wenn nicht gar Anziehendste an der jungen Dame waren ihre Augen � blau schimmernd, weit offen und von zarten Brauen �berw�lbt. Sydow stutzte, und w�hrend er sie so betrachtete, dachte er an die Zeit vor dem Krieg, als er 17 und zum ersten Mal richtig verknallt gewesen war. Und dann, zur Verwunderung des M�dchens, fiel es ihm pl�tzlich wie Schuppen von den Augen, und er war so perplex, dass er es einfach nur weiter anstarrte und keinen vern�nftigen Ton mehr herausbrachte.</p><p>�Ist Ihnen etwa nicht gut?�, fragte sie in verunsichertem Ton. �Vielleicht ist es wirklich besser, wenn Sie nachher noch mal wieder��</p><p>�Schon gut, Liebes�, machte pl�tzlich eine Stimme auf sich aufmerksam, �du kannst jetzt ruhig r�ber zu deiner Freundin gehen. Ich komme schon allein zurecht.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>Die adrette, ihrer Tochter wie aus dem Gesicht geschnittene Enddrei�igerin gab ein bekr�ftigendes Nicken von sich. �Auf alle F�lle!�, versicherte sie, verabschiedete sich von ihrem Kind und wandte sich daraufhin Sydow zu. Der wiederum wusste nicht, wie ihm geschah, konnte den Blick von der Frau, die ihn mit gewinnendem L�cheln willkommen hie�, einfach nicht abwenden. Zuerst glaubte er, einer Sinnest�uschung zu erliegen und bekam vor lauter �berraschung den Mund nicht mehr zu. Unmittelbar darauf, als er von Oertzens Frau Auge in Auge gegen�berstand, bestand jedoch kein Zweifel mehr. Sydow err�tete, die Knie weich wie Butter.</p><p>�Komm doch rein, Tom�, lud ihn die Frau vor dem von ionischen S�ulen gest�tzten Portikus ein, machte eine einladende Handbewegung und wartete, bis er seine Verbl�ffung �berwunden hatte. �Ich bin mir sicher, es gibt eine Menge zu bereden.�</p><empty-line/></section><section><p><strong>31</strong></p><p><emphasis>Berlin-Charlottenburg, Hotel Kempinski am Kurf�rstendamm | 14.15 h</emphasis></p><empty-line/><p>�Eine Luxussuite � na, wenn das kein gutes Omen ist.� Kurz vor dem ersehnten Ziel machte sich Rembrandt einen Spa� daraus, Gregory Boynton Grant noch eine Weile zappeln zu lassen. Seine Worte trieften nur so vor Hohn, und er genoss seinen Auftritt in vollen Z�gen. In Gedanken l�ngst auf der Siegerstra�e, stellte er seinen Aktenkoffer ab, rieb sich die H�nde und lie� seinen Blick durch das Hotelzimmer schweifen. Der stellvertretende Direktor der CIA, scheinbar abgestumpft, m�de und apathisch, lie� es geschehen. F�r ihn, so schien es, war das Spiel gelaufen. Der einzige Triumph, der ihm verg�nnt war, w�rde darin bestehen, die Pl�ne dieses arroganten Schn�sels zu durchkreuzen und ihn McAllister ans Messer zu liefern. Anschlie�end w�rden sie ihm die Quittung pr�sentieren, ihn f�r das, was er zu verantworten hatte, zur Rechenschaft ziehen. Um sich auszumalen, was das bedeutete, musste er seine Fantasie erst gar nicht bem�hen. Diesbez�glich war er Realist genug. Gregory Boynton Grants Blick tr�bte sich, seine Hand umschloss das mit Schwei�perlen �bers�te Genick. Es ging nur noch darum, wie sie ihn aus dem Weg r�umen w�rden. Und wo.</p><p>�Freut mich, dass es Ihnen gef�llt, Mister ��</p><p>�Glauben Sie im Ernst, ich bin so d�mlich, dass ich meine Karten auf den Tisch lege? So gut m�ssten Sie mich inzwischen kennen, Mister Grant.� �berheblich wie ehedem, beendete Rembrandt die Inspektion der luxuri�sen, mit allen Schikanen ausgestatteten Suite und fl�zte sich wie selbstverst�ndlich in den Pl�schsessel, neben dem ein aus Mahagoni gefertigter und mit Intarsien in Form eines Schachbrettmusters verzierter Teetisch stand.</p><p>�Na gut, dann eben nicht�, gab Grant achselzuckend klein bei und warf einen Blick auf die Standuhr in unmittelbarer N�he der T�r. Viertel nach zwei, stellte er fest, bem�ht, seine Nervosit�t zu �berspielen. Gerade einmal drei Stunden war es her, seit er in Tempelhof gelandet war. Drei lumpige Stunden, in deren Verlauf seine Aktien auf null gesunken waren.</p><p>Oder sogar noch tiefer.</p><p>�H�bsch, wirklich sehr h�bsch�, sp�ttelte Rembrandt, streckte alle viere von sich und erweckte den Eindruck, als sei er zum Vergn�gen hier. �F�r einen stellvertretenden CIA-Direktor gar nicht mal so �bel.�</p><p>�Wohl neidisch, was?�</p><p>�u�erlich gelassen, ging Rembrandt �ber die Provokation hinweg. �H�chste Zeit, zum Gesch�ftlichen zu kommen, finden Sie nicht auch?�, schlug er vor, in den Anblick eines Spitzweg-Repros vertieft, auf dem ein verschneiter Friedhof zu sehen war.</p><p>�Von mir aus.�</p><p>�Eine Million � und keinen Cent weniger.�</p><p>�Erst die Ware, dann das Geld.�</p><p>�Die Ware?� Rembrandts Augen funkelten am�siert. �Kann es sein, dass Sie mich diesbez�glich falsch verstanden �?�</p><p>�Schluss mit der Kom�die!�, fuhr Grant dazwischen, durchma� den Raum und baute sich drohend vor seinem Widersacher auf. �Sie wissen ganz genau, was ich meine. Haben Sie die Karte aufgetrieben � ja oder nein?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, versetzte Rembrandt, von der Drohgeb�rde nicht im Mindesten ber�hrt. Um dies zu bekr�ftigen, lie� er die Handfl�che auf der Brusttasche der tadellos sitzenden Pagenuniform ruhen. ��u�erst adrett, finden Sie nicht auch?�, lenkte er mit Blick auf seine Montur ab und zupfte am Stehkragen der weinroten, mit Goldf�den durchwirkten Jacke herum. �Keine Sorge � ihr rechtm��iger Besitzer wird es �berstehen. Ein kleines Nickerchen im Dienst � kommt hin und wieder mal vor.�</p><p>�Was mit der Karte ist, will ich wissen.�</p><p>�Alles hier drin�, beteuerte er. �Oder zweifeln Sie etwa an mir?�</p><p>�Zeigen Sie her.�</p><p>�Nur keine unarische Hast�, antwortete Grants Kontrahent mit unverh�llter Ironie, vollf�hrte eine schwungvolle Geb�rde und zog einen braunen Umschlag hervor.</p><p>�Sie denken aber auch an alles.�</p><p>�Voil�, Deputy Director�, verk�ndete Rembrandt, tat so, als wolle er ihn Grant �berreichen und zog ihn im letzten Moment wieder zur�ck. �Das Objekt Ihrer Begierde.�</p><p>�Wie gesagt: erst die Ware, dann das Geld.�</p><p>�Auf die Gefahr, Sie entt�uschen zu m�ssen, Deputy Director: Ganz so einfach, wie Sie sich das gedacht haben, wird unsere kleine Transaktion nicht werden.�</p><p>�Und weshalb nicht, wenn man fragen darf?�</p><p>�Weil ich � um es offen auszusprechen � restlos entt�uscht von Ihnen bin, Mister Grant�, antwortete Rembrandt, erhob sich und schob den verdutzten Spitzenagenten kurzerhand beiseite. Der war so verbl�fft, dass kein Wort des Protestes �ber seine Lippen kam, nicht einmal, als Rembrandt auf den massiven Marmortisch kletterte und eine Wanze entfernte, die an einem der acht Arme eines Kristallleuchters aus venezianischem Buntglas befestigt gewesen war. Das Gleiche geschah mit den Miniaturmikrofonen, die sich hinter dem Repro und unter dem Teetisch befanden, alles in allem ein halbes Dutzend. Nach getaner Arbeit, ein h�misches Grinsen im Gesicht, warf Rembrandt die Wanzen in den Papierkorb und lie� sich wieder in den Pl�schsessel fallen.</p><p>Ohne eine Miene zu verziehen, lie� Grant auch das geschehen. �Anders ausgedr�ckt ��, fuhr Rembrandt nach einer Kunstpause fort, w�hrend er behaglich die Beine ausstreckte, �um mich aufs Kreuz zu legen, m�ssen Sie schon etwas fr�her aufstehen. Wie kann man nur so borniert sein und annehmen, ich w�rde Ihre diskret gekleideten Landsleute �bersehen, die sich drunten in der Lobby tummeln. Tarnung ist alles, ich wei�. Aber wenn Sie jemanden in eine Falle locken wollen, tun Sie mir bitte den Gefallen und stellen sich in Zukunft etwas geschickter an. Dilettantismus ist mir ein Gr�uel.� Rembrandt l�chelte affektiert. �Eins zu null f�r mich, hab ich recht, Mister Grant? Um Sie nicht weiter auf die Folter zu spannen: Sie werden mir das Geld aush�ndigen, die Karte ablichten und keinen Finger r�hren, wenn ich mich diskret zur�ckziehe. Haben wir uns verstanden, Deputy Director? Vorausgesetzt, Ihre Gorillas treten nicht in Aktion, werde ich Ihnen im weiteren Verlauf des Tages eine Nachricht zukommen lassen, aus der hervorgeht, wo genau sich das Versteck des Bernsteinzimmers befindet.�</p><p>�Soll das etwa bedeuten, dass ��</p><p>�Sie haben es erfasst, Mister Grant�, kam Rembrandt der Frage seines Gegenspielers zuvor. �So leid es mir f�r Sie tut � mit der Karte allein werden Sie nichts anfangen k�nnen. Aus Gr�nden, die Sie sicher nachvollziehen k�nnen, habe ich mir erlaubt, s�mtliche Ortsangaben zu tilgen. Sozusagen als Vorsichtsma�nahme, die, wie Ihr Vorgehen beweist, ihre volle Berechtigung zu haben scheint.�</p><p>Rembrandt reckte sich, �ffnete den Umschlag und breitete die Karte auf dem Teetisch aus.</p><p>�Bedienen Sie sich, Mister Grant�, forderte er seinen Auftraggeber auf. �Ich darf doch wohl annehmen, dass der stellvertretende Direktor der CIA eine Sofortbildkamera parat hat, oder?�</p><p>�Alle Achtung � Sie scheinen sich Ihrer Sache ziemlich sicher zu sein.�</p><p>�Pure Routine, Deputy Director, weiter nichts.�</p><p>�Und was, wenn ich mich weigere?�</p><p>�Sie werden lachen, Grant � f�r den Fall, dass Sie tats�chlich so t�richt sein sollten, habe ich l�ngst vorgesorgt. Also, was ist? Kommen wir nun ins Gesch�ft � ja oder nein?�</p><p>�Nur keine �bertriebene Eile, mein Bester�, beschwichtigte Grant seinen Widersacher, nur m��ig beeindruckt und l�ngst nicht so willf�hrig wie erhofft, �so viel Zeit, um mit mir anzusto�en, werden Sie gerade noch haben.� Ohne sich weiter um ihn zu k�mmern, nahm Grant zwei Gl�ser zur Hand, goss sich selbst und Rembrandt einen Jack Daniel�s ein und machte es sich anschlie�end auf dem Sofa bequem. �Cheers!�, rief er bestens gelaunt aus und prostete seinem Gegen�ber zu. �Oder � wie es hierzulande so sch�n hei�t � prost!�</p><p>�Was soll der Quatsch, Grant?�, knurrte Rembrandt, sprang auf und machte einen Schritt nach vorn. �An Ihrer Stelle w�rde ich die Faxen bleiben lassen, sonst ��</p><p>�Sonst was?�, fiel ihm Grant ins Wort, kaum f�hig, mit seiner Schadenfreude hinterm Berg zu halten. �Zu Ihrer Information, Genosse � im Ventilator, der sich da oben �ber dem Teetisch befindet, ist eine Kamera versteckt. Made by CIA, ferngesteuert und in der Lage, gestochen scharfe Bilder zu schie�en und sie anschlie�end per Funkbild zu �bertragen. Mit einem Wort: Die M�he, mit Ihnen um die Karte zu feilschen, kann ich mir getrost sparen. Und die Arbeit, das Geld aus dem Safe zu holen, ja wohl auch. Sie haben sich verkalkuliert, Genosse, kapiert? Um Ihre Haut zu retten, m�ssen Sie sich etwas einfallen lassen. Ich f�r meinen Teil ziehe es dagegen vor, mich � wie sagten Sie doch gleich? � mich auf diskrete Art und Weise zur�ckzuziehen.� Offenbar bester Laune, lie� Grant seinem Sarkasmus freien Lauf. �Mein Kompliment, wie immer Sie auch hei�en m�gen. Wenigstens waren Sie nicht so einf�ltig, von dem schottischen Whiskey zu kosten.� Ein L�cheln auf den Lippen, in dem das H�chstma� an Verachtung steckte, zu dem er f�hig war, trank Grant sein Glas auf einen Zug leer, schnalzte mit der Zunge und sagte: �Wirkt nicht sonderlich schnell, das Zeug, aber wenigstens so, dass man keinerlei Schmerzen versp�rt und nicht wie ein Tier verenden muss. Ein Cocktail nach Art des Hauses, Sie verstehen. Schade nur, dass ich das dumme Gesicht eines gewissen David McAllister von der Special Operations Division aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr zu sehen bekommen werde.�</p><p>Dunkelrot vor Zorn, riss Rembrandt die Karte an sich und baute sich drohend vor seinem Kontrahenten auf. �Daf�r wirst du mir b��en, Arschficker!�, zischte er, nur um Sekundenbruchteile sp�ter in die M�ndung eines Revolvers vom Fabrikat Smith &amp; Wesson zu blicken. �Her mit den Moneten, sonst ��</p><p>�Sonst was?�, fuhr Grant ihn an. �An Ihrer Stelle, Sie Dilettant, w�rde ich meine Waffe stecken lassen und den Mund nicht so voll nehmen. So, und jetzt raus hier, bevor ich es mir anders �berlege und Ihnen eine Kugel verpasse. H�ren Sie schlecht? Raus!�</p><p>Kurz davor, endg�ltig die Beherrschung zu verlieren, fletschte Rembrandt die Z�hne und stierte den Mann, der ihm die schmerzlichste Lektion seines bisherigen Lebens verpasst hatte, mit einer Mischung aus Hass, Verbl�ffung und ungl�ubigem Staunen an und lie� die Karte in der Innentasche seiner Uniformjacke verschwinden. Kaum war dies geschehen, riss er die T�r auf und verschwand.</p><p>F�r Grant, der seine Waffe achtlos aus der Hand gleiten lie�, jedoch kein Grund zur Freude. �So, und jetzt zu uns beiden�, murmelte er, griff zum H�rer und w�hlte. Bis das Freizeichen ert�nte, dauerte es beinahe eine halbe Minute, und das Knacken in der Leitung, verl�ssliches Indiz f�r einen mith�renden Agenten, versetzte ihn in ungeahnte Euphorie. Grant strahlte �ber das ganze Gesicht, alsbald von einer s�mtliche Sinne l�hmenden, �berall an seinem K�rper sp�rbaren Taubheit erfasst. �W�re doch gelacht, wenn ich es nicht schaffen w�rde, dich aufs Kreuz zu � Hallo, Mister K, sch�n, Sie am Apparat zu haben.�</p><p>Um seinen Gespr�chspartner ans Messer zu liefern und sich f�r all das, was ihm angetan worden war, zu r�chen, brauchte Gregory Boynton Grant nur wenig Zeit. Danach war das Leben von Oleg Kwaczynski, schwerreicher und zugleich schwerkranker �lmagnat, Kunstm�zen und Baul�we aus Chicago, keinen Schuss Pulver mehr wert.</p><p>Im wortw�rtlichen wie auch �bertragenen Sinn.</p><p>Mit sich und der Welt im Reinen. legte Grant auf, schloss die Augen und verlor kurz darauf das Bewusstsein, ein entspanntes L�cheln im Gesicht.</p><empty-line/></section><section><p><strong>32</strong></p><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Seestra�e | 14.25 h</emphasis></p><p>�Ich habe gewusst, dass du kommen wirst, Tom. Die Frage war eigentlich nur, wann�, sprach Lea von Oertzen mit Blick auf die neueste Ausgabe der Morgenpost, die aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch lag, erhob sich und trat an die Terrassent�r, von der aus man einen ungest�rten Blick auf den Wannsee genoss. Wind kam auf, und im Licht der Nachmittagssonne, die immer h�ufiger hinter dichtem Gew�lk verschwand, bildeten sich smaragdfarbene Schaumkronen.</p><p>Sydow, der sich wie ein sch�chterner Penn�ler vorkam, hatte keine Ahnung, was er darauf antworten sollte. In Gegenwart seiner Jugendliebe, die er mit 17 aus den Augen verloren hatte, fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden und den Grund f�r seinen Besuch, n�mlich die Vergangenheit ihres unl�ngst verstorbenen Gatten, nicht zu vergessen. Zu viel ging ihm in diesem Moment durch den Kopf, als dass er sich voll und ganz darauf h�tte konzentrieren k�nnen, nicht zuletzt die Zeit mit Lea, die an seinem inneren Auge vor�berzog. Damals, im Sommer 1930, war die Welt noch in Ordnung gewesen, anders als heute, wo kein Tag verging, an dem er nicht mit den Abgr�nden der menschlichen Existenz konfrontiert wurde.</p><p>�Tut mir leid, Lea, dass ausgerechnet ich es bin, der � der �� Auch sonst nicht unbedingt daf�r geschaffen, die richtigen Worte zu finden, blieb Sydow mitten im Satz stecken und stierte verlegen vor sich hin.</p><p>�Der mir eine derartige Hiobsbotschaft �berbringen musste, meinst du?�, sprang Lea von Oertzen, der seine Befangenheit nicht entgangen war, bereitwillig in die Bresche. �Darf ich dir etwas anvertrauen, Tom? Etwas, das dich vermutlich �berraschen wird?�</p><p>�Na klar, Lea � was immer du auf dem Herzen hast.�</p><p>Die Dame des Hauses l�chelte, wurde jedoch umgehend wieder ernst und blickte mit angespannter Miene zum Fenster hinaus. Tief in Gedanken, folgte ihr Blick dem hufeisenf�rmigen Pfad, der sich an einem Birkenw�ldchen vorbei zum Bootssteg schl�ngelte. �Ich habe es kommen sehen, Tom. All die Jahre �ber habe ich es kommen sehen.�</p><p>�H�rt sich ziemlich deprimierend an.�</p><p>�War es auch, Tom � falls du die Erfahrungen meinst, die ich w�hrend meiner Ehe mit Hans-Hinrich machen musste.�</p><p>�Wann habt ihr beide geheiratet?�</p><p>�Exakt vier Jahre, nachdem sich ein gewisser Tom Sydow am Ende der Sommerferien wieder Richtung England verabschiedet hatte. Von dem ich zwar noch zwei, drei Briefe bekam, danach aber nichts mehr geh�rt und noch weniger gesehen habe.� Lea von Oertzen senkte den Kopf und fuhr mit der Hand an der rechten Schl�fe entlang. �Der gr��te Fehler meines Lebens, wenn du es genau wissen willst.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Kein �Aber�, Tom�, lie� ihn die dunkelblonde, ein wenig zu schlanke und f�r ihr Alter beinahe jugendlich wirkende Hausherrin erst gar nicht ausreden. �Ich wei� genau, wovon ich rede. Falls du auf Veronika anspielst � sie ist der Grund, weshalb ich nicht schon fr�hzeitig einen Schlussstrich gezogen habe.�</p><p>�Liegt es�, tastete sich Sydow mit der gebotenen Vorsicht voran, �liegt es wom�glich daran, dass dein Mann w�hrend des Dritten Reiches Karriere gemacht hat?�</p><p>Lea von Oertzen musste wider Willen schmunzeln. �Nur keine falsche R�cksichtnahme, Tom�, ermunterte sie ihn. �Ja, das war der Grund�, r�umte sie ein, �aber nicht nur.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Sondern weil er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. Karriere zu machen ist eine Sache, mit Verbrechern zu paktieren dagegen eine andere.�</p><p>�Will hei�en: Er war in der SS.�</p><p>Sie nickte. �In meiner Naivit�t wollte ich es zun�chst nicht wahrhaben, worauf sich Hans-Hinrich da eingelassen hatte. Sp�ter, w�hrend des Krieges, ist mir dann allm�hlich ein Licht aufgegangen. Aber da war es l�ngst zu sp�t.�</p><p>�Kriegsverbrechen?�</p><p>�Mehr, als man sich vermutlich vorstellen kann�, antwortete die hochgewachsene Frau, bem�ht, nach au�en hin gefasst zu wirken. �Oder will � je nachdem. So ungeheuerlich, dass seine Schuld niemals getilgt werden kann.�</p><p>�Wie hast du davon erfahren?�</p><p>�Vor nicht ganz drei Wochen.�</p><p>Sydow hielt es nicht mehr auf dem Sofa aus. �Wie bitte?�, stie� er ungl�ubig hervor, auf dem besten Weg, jeglichen Kredit zu verspielen. �Das meinst du doch wohl nicht ernst.�</p><p>�Typisch Kriminalist�, lautete die verbitterte Replik, �kein Vertrauen, nicht einmal zu mir.�</p><p>�Tut mir leid, Lea, ich tue doch nur meine ��, beeilte sich Sydow, seinen Schnitzer wiedergutzumachen, wurde jedoch j�h unterbrochen.</p><p>�Pflicht, Treue, Ehre und diese ganzen abgedroschenen Floskeln � du glaubst gar nicht, wie mich das anekelt, Tom.�</p><p>�Dann lass uns �ber etwas anderes reden.�</p><p>�Schon gut, Tom � besser jetzt als nie.�</p><p>�Mir kannst du alles sagen, das wei�t du.�</p><p>Ein wehm�tiges L�cheln im Gesicht, drehte sich Lea von Oertzen, geborene von Hardenberg, zu ihrem Jugendfreund um. Sydow war wie bet�ubt, so hinrei�end kam sie ihm vor. Hellblaue Augen, weiche, von hohen Wangenknochen ges�umte Gesichtsz�ge, winzige, ungeheuer anziehend wirkende Lachfalten � man musste schon ziemlich bescheuert sein, wenn man diese Frau links liegen lie�. Oder Hans-Hinrich von Oertzen hei�en.</p><p>�Wie wir uns auseinandergelebt haben, willst du wissen?�, las Lea von Oertzen ihrem Besucher die Gedanken von den Augen ab. �Er hat mich betrogen, so oft, dass es mir zuletzt nichts mehr ausgemacht hat.�</p><p>�Und woran ist er gestorben?�</p><p>�Kehlkopfkrebs.�</p><p>�Der Grund f�r eine abschlie�ende Generalbeichte?�</p><p>Von Oertzens Witwe nickte. �So k�nnte man es nennen, Tom. Seltsam � aber er hatte wahnsinnige Angst vor dem Sterben. Kein Wunder, wenn man bedenkt, was er alles verbrochen hat. Geiselerschie�ungen, Standgerichte, Kampf bis zum letzten Mann � um nur einige seiner Gr�ueltaten zu nennen.�</p><p>�Mit einem Wort: ein ganz Fanatischer.�</p><p>�Treffend formuliert, Herr Kriminalhauptkommissar�, scherzte Lea von Oertzen, nicht etwa in Schwarz, sondern mit einem cremefarbenen Kost�m samt hautenger Bluse bekleidet. �Einen geeigneteren Mann h�tte Himmler f�r dieses Himmelfahrtskommando nicht finden k�nnen.�</p><p>�Himmelfahrtskommando?�</p><p>�Lass gut sein, Tom Sydow � deswegen bist du doch hier, oder?�</p><p>�Sagen wir�s mal so � deswegen bin ich hergekommen.�</p><p>�Wie dem auch sei ��, wich Sydows Gespr�chspartnerin rasch aus, �der Auftrag Himmlers, das Bernsteinzimmer beiseitezuschaffen, kam ihm anscheinend wie gerufen. Man stelle sich das einmal vor: Das Tausendj�hrige Reich liegt in Tr�mmern, und Hans-Hinrich hat nichts Besseres zu tun, als f�r Himmler die Kastanien aus dem Feuer zu holen.�</p><p>�Hei�t das, er hat seinen Auftrag erledigt?�</p><p>Ein Schatten legte sich �ber Lea von Oertzens Gesicht. �Hat er, Tom, hat er. Mein Gatte und drei weitere Mitglieder eines Sonderkommandos der SS.�</p><p>�Unbemerkt?�</p><p>�So gut wie. Ein paar Wochen amerikanische Gefangenschaft, und das war�s dann auch schon. Der Krieg war noch nicht richtig vorbei, da befand er sich wieder auf freiem Fu�.�</p><p>�Wie das?�</p><p>�Anscheinend hat er den Yankees weismachen k�nnen, er sei nur eine subalterne Charge gewesen. Und das trotz Blutgruppent�towierung. Sei�s drum. Nach dem Krieg hat er rasch wieder Fu� fassen k�nnen, zuerst als Immobilienmakler, sp�ter in der Politik. Vor knapp zwei Jahren, genauer gesagt im September 1951, ist er dann von L�neburg nach Berlin versetzt worden.� Lea von Oertzen atmete tief durch. �So, und jetzt wei�t du alles, Tom � wie w�r�s, wenn wir beide noch eine Tasse Kaffee ��</p><p>�Danke, Lea, vielleicht sp�ter.�</p><p>Im Begriff, wieder Platz zu nehmen, horchte die Hausherrin auf und sah Sydow pr�fend an.</p><p>�Nimm es mir nicht �bel, Lea, aber ich muss unbedingt wissen, wer ��</p><p>�� der Kerl war, der diese Ruchlosigkeit begangen hat?�</p><p>Sydow wich ihrem Blick aus und lief rot an. �Genau.�</p><p>�Ich habe Angst, Tom. Um mich und Veronika. Kannst du das nicht verstehen?�</p><p>�Solange ich da bin, Lea�, fl�sterte Sydow und erkannte sich selbst nicht wieder, �brauchst du vor nichts und niemandem auf der Welt Angst zu haben.�</p><p>�Ich wei�, Tom, ich wei�.� Auge in Auge mit dem �bern�chtigten, unrasierten und linkisch wirkenden Kripo-Beamten, in dessen Gegenwart sich ihre �ngste in Nichts aufl�sten, stie� Lea von Oertzen einen leisen Seufzer aus, l�chelte und sagte: �Also gut, Tom � dann nehme ich dich beim Wort.� Und f�gte mit kaum h�rbarer Stimme hinzu: �Er hei�t Holl�nder, Tom, SS-Obersturmbannf�hrer Curt Holl�nder, er ist vergangenen Donnerstag hier aufgetaucht und hat damit gedroht, Veronika und ich w�rden den n�chsten Tag nicht erleben, falls wir nicht bereit seien, mit ihm zu kooperieren.� Lea von Oertzens Miene verh�rtete sich. �Kooperieren � genau so hat er sich ausgedr�ckt. Pech f�r ihn, dass Hans-Hinrich darauf gedrungen hat, sein Geheimnis mit ins Grab zu nehmen.�</p><p>�Ein Fragment der Karte, auf der das Versteck des Bernsteinzimmers verzeichnet ist?�</p><p>�Richtig. Keine Ahnung, ob ich richtig gehandelt habe oder nicht � aber ich habe es nicht fertiggebracht, seinen letzten Wunsch zu ignorieren.�</p><p>�Und dieser Holl�nder?�</p><p>�Glaubt mir nicht, beschimpft mich, st��t finstere Drohungen aus, unter anderem, Veronika k�nne etwas zusto�en. Die Stasi sei auf derlei F�lle spezialisiert, lie� er mich wissen.� Lea von Oertzen besann sich und sah Sydow besorgt an. �Sieht so aus, als schrecke dieser Holl�nder vor nichts zur�ck.�</p><p>�Da muss ich dir recht geben, Lea. Fragt sich nur, was dieses Dreckschwein noch alles in petto hat.�</p><p>�Ganz gleich, was er vorhat, Tom � gegen�ber dem Helden meiner Teenagerjahre wird er das Nachsehen haben. Jede Wette.�</p><p>Sydow err�tete bis in die Haarspitzen. �Was macht dich so sicher, Lea?�</p><p>�Ganz einfach. Ich wei�, wo sich das Zimmer befindet.�</p><p>Sydow glaubte, er habe nicht richtig geh�rt. �Du wei�t ��, stammelte er, irritiert wie selten zuvor, �du wei�t was?�</p><p>Die Augen seiner Gespr�chspartnerin spr�hten nur so vor Belustigung. �Du hast richtig geh�rt, Junker von Sydow. Bevor ich das Geheimnis l�fte, bist jedoch erstmal du an der Reihe. Beziehungsweise die Verletzung, die du die ganze Zeit �ber so mannhaft zu kaschieren versucht hast. Der linke Oberschenkel, hab ich recht? Keine Widerrede, Tom � so viel Zeit muss einfach ��</p><p>Sydow war derma�en durcheinander, dass er das L�uten des Telefons beinahe �berh�rt h�tte. Erst als ihm die Hausherrin einen Wink gab, drehte er sich um und humpelte an den Apparat.</p><p>�F�r dich, Tom � ein gewisser Herr Krokowski.�</p><p>�Sydow hier, was gibt�s?� Kaum hielt er den H�rer am Ohr, fiel Sydow aus allen Wolken. Sein Atem beschleunigte sich, und obwohl er es besser wusste, beschlich ihn das Gef�hl, Krokowski erlaube sich einen Scherz mit ihm. �Kuragin?�, keuchte er und warf einen hastigen Blick auf die Uhr. �Und wann?� Mit jeder Sekunde, die verstrich, eine Idee bleicher im Gesicht, h�rte Sydow gebannt zu. �Und wo? In Ordnung � schick mir einen Streifenwagen her, und zwar schnell. Alarmstufe eins, na klar. Alle verf�gbaren Kr�fte zusammenziehen, ohne R�cksicht auf Dienstschluss oder sonstige Wehwehchen. Ich verlasse mich auf dich, h�rst du? Bis sp�ter, Eduard. Ende!�</p><p>�Irgendetwas nicht in Ordnung?�</p><p>�Erz�hl ich dir sp�ter, Lea�, vertr�stete Sydow von Oertzens Frau, von der er sich nur mit M�he losrei�en konnte, legte auf und begab sich eilig zur T�r. Dort wiederum drehte er sich um und fragte: �Wenn wir gerade dabei sind, Lea, schon mal etwas von einem gewissen Ole Jensen geh�rt?�</p><p>Die Angesprochene nickte. �Einer der vier Musketiere � wieso?�</p><p>Sydows Miene verfinsterte sich. �Gut m�glich, dass ich demn�chst die Klingen mit ihm kreuzen werde. Und damit ich nicht aus der �bung komme, kn�pfe ich mir anschlie�end seinen Gef�hrten vor.�</p><p>�D�Artagnan?�</p><p>�An dir ist eine Kriminalistin verloren gegangen!�, rief Sydow aus, strich der Jugendliebe, die keine mehr war, �ber die Wange und wandte sich zum Gehen.</p></section><section><p><strong>Ostseegold</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin / Moskau</emphasis></p><p><emphasis>(17.06.1953)</emphasis></p><empty-line/><p>�Auch alle weiteren bis dahin ausgewerteten Dokumente sprachen eine deutliche Sprache � das Bernsteinzimmer war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bis zum Untergang der Stadt in K�nigsberg verblieben.�</p><p>Maurice Philip Remy: <emphasis>Mythos Bernsteinzimmer</emphasis>. M�nchen 2003, S. 196.</p><p>�Je l�nger das Kunstwerk in K�nigsberg aufbewahrt wurde, desto unwahrscheinlicher ist es, dass einem deutschen Spezialkommando ein l�ngerer Transport gen Westen gelingen konnte, ohne von den Truppen der Roten Armee aufgehalten zu werden. Vieles spricht daf�r, dass der verlorene Schatz irgendwo zwischen K�nigsberg und der Ostsee sein geheimes Versteck gefunden hat. M�glich, dass � sollte es jemals gefunden werden nichts als verfaultes Holz und ein riesiges Puzzle losgel�ster Bernsteinpl�ttchen �briggeblieben sind. Sollte da die Welt mit ihrer Fantasie und dem Mythos des verschwundenen achten Weltwunders weiterleben?�</p><p>Hans-Christian Huf (Hrsg.): <emphasis>Sphinx � Geheimnisse der Geschichte</emphasis>. Bergisch Gladbach 1994, S. 279.</p></section><section><p><strong>33</strong></p><p><emphasis>Berlin-Gatow, Jachthafen | 15.05 h</emphasis></p><p>�Sehe ich das richtig, Holl�nder ��, giftete Slav�n und machte sich nicht die M�he, seinen Groll vor Rembrandt zu verbergen, �Sie halten mich f�r so d�mlich, dass ich Kopf und Kragen riskiere und mir eine Karte andrehen lasse, mit der ich nichts anfangen kann? Zum Spottpreis von einer Million Dollar? Denken Sie vielleicht, ich sei �bergeschnappt?�</p><p>�Ich denke, es ist das Beste, Genosse, wenn Sie einen kurzen Blick auf die R�ckseite werfen�, erwiderte Rembrandt k�hl. �Damit es zwischen uns beiden nicht zu Missverst�ndnissen kommt.�</p><p>Keineswegs bes�nftigt, kniff Slav�n die Augen zusammen und stierte den Mann, von dem der Erfolg seiner Mission abhing, mit hasserf�llter Miene an. Er misstraute ihm zutiefst, mehr als allen Ganoven zusammen, mit denen er im Auftrag von Besuchow zu tun gehabt hatte. Trotzdem f�hrte kein Weg an ihm vorbei, es sei denn, er w�rde ihn auf der Stelle ins Jenseits bef�rdern. Unter den gegebenen Umst�nden kam dies leider nicht infrage, hatte er es doch mit einem der besten Stasi-Agenten zu tun, die es gab. Dass er nicht allein, sondern in Begleitung war, machte die Sache nicht einfacher, weshalb sich Slav�n entschloss, sein hitziges Temperament zu z�geln.</p><p>�Na, habe ich Ihnen etwa zu viel versprochen?�, t�nte Rembrandt, wechselte einen kurzen Blick mit Jensen und lie� die Umgebung des Jachthafens, den Slav�n als Treffpunkt vorgeschlagen hatte, nicht aus den Augen. Der Wind hatte stark aufgefrischt und die Masten der Segelboote, die ringsum vert�ut waren, bedrohlich zur Seite kippen lassen. Die Luft, feuchtwarm, stickig und schw�l, roch nach Unwetter, und bis auf ein Motorboot, das gegen den Wellengang auf der Havel ank�mpfte, war nichts Verd�chtiges zu sehen. Trotzdem oder gerade deswegen hatte Rembrandt ein ungutes Gef�hl. Slav�n, der ihn �ber den Rand der Karte hinweg taxierte, war nun einmal nicht vertrauensw�rdig, daf�r kannte er ihn einfach zu gut.</p><p>�Und wer sagt mir, dass ich mich auf Sie verlassen kann?�, argw�hnte Slav�n, nachdem er die Orts- und Positionsangaben auf der R�ckseite studiert hatte. �Wer sagt mir, dass sich das Bernsteinzimmer auch wirklich in diesem th�ringischen Kaff befindet und nicht irgendwo anders, wom�glich sogar im Westen? Oder am Ende in K�nigsberg?�</p><p>�Ich.�</p><p>Slav�n stutzte, und als sein Blick auf Jensen traf, geriet die unversehrte H�lfte seines Gesichts in Bewegung. Die linke, starr, r�tlich und entstellt, mutete wie eine Teufelsfratze an, wovon sich sein Gegen�ber freilich nicht irritieren lie�.</p><p>��Ich?��, h�hnte er. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Gestatten: Jensen�, stellte sich der baumlange Friese vor, der es bislang vermieden hatte, im Zwist zwischen Slav�n und Rembrandt das Wort zu ergreifen. Er betrat den Bootssteg, an dessen Ende die beiden einander gegen�berstanden, und betonte: �<emphasis>Ole</emphasis> Jensen.�</p><p>�Wer, zum Teufel, sind Sie?�</p><p>�Der Mann, der den Eingang zum Stollen, dessen Planskizze Sie gerade in H�nden halten, vor etwas mehr als acht Jahren in die Luft gejagt hat.�</p><p>�SS?�</p><p>�Sie haben es erfasst, Genosse�, trumpfte Jensen auf, die H�nde tief in den Hosentaschen vergraben. �Wie im �brigen auch mein Kamerad, SS-Obersturmbannf�hrer Curt Holl�nder.�</p><p>�Sieh an, davon habe ich nichts gewusst. H�tten Sie mir ruhig beichten k�nnen, Holl�nder. Ein SS-Offizier bei der Stasi � wie schade, dass Genosse Stalin das nicht mehr erleben durfte.�</p><p>�M�ge er in Frieden ruhen.�</p><p>�Treffend formuliert.� Von Natur aus argw�hnisch, justierte Slav�n seine Augenklappe und fuhr sich durch das r�tliche, wie stets auf den Millimeter genau zurechtgestutzte Haar. Sein intaktes Auge, giftgr�n schimmernd und auf einen unsichtbaren Punkt fixiert, der sich irgendwo im Inneren von Jensens Sch�del zu befinden schien, funkelte und blitzte, doch der Effekt, den er erhofft hatte, blieb aus. �Feine Gesellschaft, in die ich da geraten bin�, schnaubte er, sah zuerst Holl�nder, darauf wieder Jensen an und schien f�rs Erste zufrieden. �H�chste Zeit, N�gel mit K�pfen zu machen, meine Herren!�</p><p>�Eine Million. Und keinen Cent weniger.�</p><p>�Warum so nerv�s, Holl�nder?�, machte sich Slav�n einen Spa� daraus, sein Gegen�ber bis aufs Blut zu reizen, faltete die Karte zusammen und lie� sie in seinem Jackett verschwinden, unter dem sich seine schusssichere Weste abzeichnete. Dann sprang er auf das Achterdeck der Motorjacht, die neben ihm vert�ut war, verschwand unter Deck und kehrte kurz darauf mit einem Aktenkoffer zur�ck, den er Holl�nder mit breitem Grinsen �berreichte. �Hier � die versprochene Belohnung.�</p><p>Der lie� es sich nicht nehmen, einen Blick ins Innere zu werfen, worauf sich seine Miene sp�rbar aufhellte. �Freut mich, dass unsere Bem�hungen zu einem gl�cklichen Ende gelangt sind�, verk�ndete er, triefend vor Ironie, vermied es allerdings, Slav�n die Hand zu sch�tteln, was dieser mit einem malizi�sen Augenaufschlag quittierte. �Bleibt mir nur noch, mich von Ihnen zu verabschieden.�</p><p>�Doswidanja, Genosse�, erwiderte Slav�n, schob seine Prothese nach vorn und griff zu. �Und noch viel Spa� mit dem Geld.�</p><p>�Doswidanja�, echote Rembrandt und entwand sich Slav�ns Griff, bem�ht, sich seine Antipathie nicht anmerken zu lassen. �Bis zum n�chsten Mal.�</p><p>�Ich f�rchte, ein n�chstes Mal wird es nicht geben�, versetzte sein ungew�hnlich heiter gestimmter Gegenpart, begab sich hinter das Steuer seiner Jacht und lie� den Motor laut aufheulen. Dann gab er Vollgas, vollf�hrte eine weite scharfe Rechtskurve und raste in Richtung Pfaueninsel davon, w�hrend die Gischt mehrere Meter in die H�he schoss.</p><p>Gerade einmal zehn Sekunden vergingen, und er wurde von dem Regenschleier, der �ber der Havel niederging, verschluckt.</p><p>�Na, das w�r�s dann wohl gewesen�, sprach Ole Jensen und sah den ehemaligen Kriegskameraden, dessen Blick die Umgebung absuchte, auffordernd an. �H�chste Zeit, sich auf die Socken zu machen. was, Holl�nder?�</p><p>�Ich schon, Ole�, triumphierte Rembrandt, ein L�cheln im Gesicht, das sein Gegen�ber prompt erwiderte. �Was dich betrifft, w�re ich mir da nicht so sicher.�</p><p>�Und weshalb nicht, Kamerad?�</p><p>�Deswegen!�, fuhr Rembrandt den Fragesteller an, den Geldkoffer in der linken, seine Tokarew, mit der er auf Jensens Brustkorb zielte, in der ausgestreckten rechten Hand. �Tut mir leid, Ole � aber mit Kameraden zu teilen ist nun mal keine St�rke von mir.�</p><p>�Klar, hast dich ja schlie�lich darauf spezialisiert, sie aus dem Weg zu r�umen�, erwiderte Jensen, verschr�nkte die Arme vor der Brust und verzog keine Miene. Sein eisgraues Haar, das der aufkommende Wind v�llig zerzaust hatte, lie� ihn noch hagerer erscheinen als sonst. �Oder sehe ich das etwa falsch?�</p><p>�Keineswegs�, stimmte ihm Rembrandt im Bewusstsein, dass sein sch�rfster Widersacher bald mundtot gemacht sein w�rde, hohnl�chelnd zu. Dann richtete er die M�ndung der Tokarew auf Jensens Stirn, blinzelte ihn an � und dr�ckte ab.</p><p>Wieder und wieder, so lange, bis er begriffen hatte, dass sich keine Munition in ihr befand.</p><p>Jensen, zwischen Verachtung und Genugtuung schwankend, sah seelenruhig zu. �Wie sagtest du doch gleich, Kamerad ��, am�sierte er sich, ��sch�n bl�d, wenn man sich eine Knarre mit leerem Magazin andrehen l�sst!� Willkommen im Klub. Schon vergessen, dass du sie mir vorhin am Checkpoint Bravo in die Hand gedr�ckt hast? Verst�ndlich, musstest dich ja schlie�lich ganz aufs Fahren konzentrieren.�</p><p>�So war das nicht gemeint, Jensen, lass uns noch mal in Ruhe �ber alles reden, dann ��</p><p>Weiter kam Rembrandt nicht, da Jensens Wehrmachtsdolch die linke Herzkammer durchbohrte. Rembrandt stand da wie versteinert, die Tokarew nach wie vor in der ausgestreckten Hand. Sekunden sp�ter, als Jensen sein Werk l�ngst vollendet hatte, erschlaffte seine Linke, und der Koffer prallte mit einem dumpfen Schlag auf den Eichenbohlen der Anlegestelle auf. Steif wie eine Salzs�ule, beschrieb Rembrandt einen Halbkreis, geriet ins Taumeln und stolperte mit ausgestreckten Armen auf das Ende des Bootssteges zu. Das einzige Ger�usch, das dabei erklang, war der unstete Tritt seiner Stiefel, vermischt mit dem Heulen des Windes, der so b�ig war, dass er seinen Aufprall auf dem Wasser beinahe �bert�nte.</p><p>Etliche Minuten danach, als der Leichnam Rembrandts bereits von der Str�mung erfasst und hinaus auf die st�rmische Havel getrieben worden war, stand Ole Jensen weiterhin an der Stelle, wo er das Leben seines Widersachers ausgel�scht hatte. Sein Blick ging hin�ber zum Grunewald, und es dauerte seine Zeit, bis er seine Gedanken geordnet hatte.</p><p>Zu guter Letzt, mit dem Gef�hl, das einzig Richtige zu tun, griff Ole Jensen nach dem Koffer, holte weit aus und schleuderte ihn in die aufgew�hlten Fluten der Havel.</p><p>*</p><p>In Sichtweite der Glienicker Br�cke drosselte Slav�n das Tempo und bog nach Steuerbord. Keine Spur von amerikanischen oder sowjetischen Posten und Grenzpatrouillen, nur allzu verst�ndlich angesichts des Wolkenbruchs, der sich �ber ihm entlud. An seiner Stimmung, die ans �berhebliche grenzte, �nderte dies kaum etwas. Alles lief nach Plan, und nichts, aber auch rein gar nichts deutete darauf hin, dass sich dies in n�chster Zeit �ndern w�rde.</p><p>Eine Einsch�tzung, die beim Auftauchen des Flugbootes vom Typ Berijew R-1, dem Stolz seiner sowjetischen Konstrukteure, weiter gen�hrt wurde. Es war das erste mit Strahltriebwerken ausgestattete Flugboot der Welt, fast 800 Stundenkilometer schnell und der Konkurrenz aus den USA haushoch �berlegen. Seine Reichweite betrug 2.000 Kilometer, mehr als genug, um es bis nach Odessa zu schaffen, wo er auf der Stelle untertauchen, sich mithilfe diverser Kontakte und seiner m�rchenhaften Beute eine neue Identit�t zulegen und anschlie�end von der Bildfl�che verschwinden w�rde. Slav�n lachte zufrieden in sich hinein. Mit einer Million Dollar im Gep�ck wird es sich bestimmt gut leben lassen!, frohlockte er im Stillen,, und w�hrend das Flugboot circa einen halben Kilometer entfernt von ihm auf dem Jungfernsee aufsetzte, wurde der ehemalige NKWD-Offizier, dem Gef�hlsregungen an sich suspekt waren, von �berbordender Euphorie gepackt. Ein paar Minuten noch und er h�tte f�r alle Zeiten ausgesorgt. Dann endlich w�rde er ein Leben f�hren, wie er es sich immer gew�nscht hatte, aller Sorgen und eines gewissen Besuchow, der vermutlich vor Wut sch�umen w�rde, ein f�r alle Mal ledig. Daf�r w�rde allein die Karte mit dem Versteck des Bernsteinzimmers sorgen, aus der er zu gegebener Zeit Kapital zu schlagen gedachte.</p><p>Im Begriff, zwischen St�tzschimmer und Rumpf hindurchzunavigieren, vergewisserte sich Slav�n, ob sich die Frucht seiner Bem�hungen auch wirklich in seinem Jackett befand. Anschlie�end nahm er das Gas zur�ck und wartete, bis sich die Motorjacht auf gleicher H�he mit der Einstiegsluke des Flugzeugs befand. Dann warf er seinen mit einem Sicherheitsschloss versehenen Aktenkoffer in den Frachtraum und kletterte beh�nde an Bord. F�r die fast acht Meter lange, gut und gerne 100.000 Dollar teure Luxusjacht hatte er nicht einmal einen Blick �brig, schloss die Luke, nahm seinen Koffer an sich und begab sich zum Bug.</p><p>�Na, Slav�n � wie steht�s?�, fragte der kleinw�chsige Georgier, Kontaktmann, Pilot und Logistiker in einer Person, als Slav�n die Cockpitt�r �ffnete und sich auf dem Platz des Kopiloten breitmachte. �Sieht so aus, als h�ttest du Erfolg gehabt.�</p><p>�Kann man so sagen�, beantwortete der Angesprochene die Frage, auf die er bei anderer Gelegenheit h�chst unwirsch reagiert h�tte. �Grund genug, mal wieder ordentlich einen zu heben, findest du nicht auch, Sasa?�</p><p>�An mir soll�s nicht liegen, Wassili�, lachte der schmuddelig gekleidete Pilot, der kaum �ber das Armaturenbrett hinausreichte, und lie� den Blick �ber die Instrumententafel gleiten. �Dann wollen wir mal, oder?�</p><p>�Einen Augenblick, so eilig haben wir es nun auch wieder nicht�, d�mpfte Slav�n den Eifer seines Nebenmannes, warf einen Blick aus dem Fenster und zog ein mit Antenne, diversen Schaltern und Blinklampen versehenes Ger�t aus der Tasche, nur knapp doppelt so gro� wie eine Streichholzschachtel, jedoch ungleich effektiver. �Ab geht die Post.�</p><p>�Nichts lieber als das�, antwortete der Georgier, fuhr die Triebwerke hoch und beschleunigte auf �ber 200 Stundenkilometer, wobei die heftige Detonation, welche die Segeljacht unmittelbar nach dem Start der Berijew R-1 in tausend St�cke riss, bei ihm allenfalls f�r ein m�des Grinsen sorgte. �Damit du rechtzeitig wieder zu Hause bist.�</p><p>�D�rfte nicht allzu schwierig ��, begann Slav�n, brach allerdings mitten im Satz ab und erstarrte.</p><p>�An Ihrer Stelle, Towarischtsch, w�re ich mir da nicht so sicher.� Die M�ndung der Tokarew, die Slav�n an seiner Schl�fe sp�rte, sprach eine klare Sprache, zu eindeutig, als dass er Gegenwehr geleistet h�tte. Er war �berrumpelt worden, kaum imstande, klar zu denken. �Es sei denn, Sie ziehen es vor, die Realit�t zu ignorieren. Wovon ich Ihnen allerdings dringend abraten w�rde. Wenn ich Sie w�re, Slav�n, w�rde ich mich fragen, ob es nicht besser w�re zu kooperieren.�</p><p>�Kooperieren? Und wieso?�</p><p>�Weil Sie am Ende sind, Genosse Geldeintreiber � auf die Gefahr hin, Ihnen die letzten Illusionen rauben zu m�ssen.�</p><p>In Slav�ns Gehirn begann es fieberhaft zu arbeiten, und er sah den Piloten aus dem Augenwinkel an. Zu seiner Verwunderung, die alsbald in ohnm�chtigen Zorn umschlug, tat Sasa Abuladse jedoch so, als sei die Tatsache, dass er mit einer Tokarew bedroht wurde, die normalste Sache der Welt. Slav�n wurde von unb�ndigem Zorn erfasst, begann zu begreifen, dass er in eine Falle getappt war. �Wie viel?�, presste er z�hneknirschend hervor, absolut sicher, die Stimme des Unbekannten bislang nicht geh�rt zu haben. �Schie�en Sie los.�</p><p>�Typisch f�r Sie, absolut typisch�, fuhr Kuragin den Mann, hinter dem er seit geraumer Zeit her war, voller Verachtung an. �Denkt, mit Geld lie�e sich alles regeln. Ich f�rchte, da sind Sie schief gewickelt.� Kuragin verst�rkte den Druck auf Slav�ns Schl�fe, r�ckte auf Tuchf�hlung an ihn heran und sagte: �Gestatten: Kuragin � Juri Andrejewitsch Kuragin, Oberstleutnant des MGB. Unter anderem zust�ndig f�r die Bek�mpfung der organisierten Kriminalit�t, wenn Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>�Nicht im Geringsten.�</p><p>�Dachte ich mir. Um meine Zeit nicht unn�tig zu vergeuden, einstweilen nur so viel: Es hat uns erhebliche M�he gekostet, Ihnen und Ihresgleichen auf die Spur zu kommen. Etliche Jahre, um es genau zu sagen. Und auch nur dadurch, indem es dem MGB gelungen ist, Ihr Netzwerk, das sich nahezu �ber ganz Europa erstreckt, mithilfe von Informanten zu infiltrieren. Kopf hoch, Towarischtsch! Ein Patzer wie der, welcher Ihnen am heutigen Tage unterlaufen ist, kommt schlie�lich in den besten Familien vor.�</p><p>�Sie sollten M�rchenerz�hler werden, Kuragin � oder im Russischen Staatszirkus als Clown anheuern.�</p><p>�Nach Ihnen, Slav�n � falls Sie nichts dagegen haben�, fuhr Kuragin unger�hrt fort und sp�ttelte: �Wer anders als Sie w�re so dumm, auf eine derartige Finte hereinzufallen? Nebenbei � der Mann an Ihrer Seite, mein Duzfreund Sasa, arbeitet seit Jahren f�r den MGB. Ein Gl�cksfall f�r uns, dass Sie so weitsichtig waren, gerade ihn um Hilfe zu bitten.�</p><p>Der Blick, den Slav�n dem Piloten zuwarf, sprach B�nde, wovon sich der Leutnant und Informant des MGB, dem die Zufriedenheit ins unrasierte Gesicht geschrieben stand, aber nicht im Geringsten beeindruckt zeigte.</p><p>�Ich sehe, Sie beginnen zu begreifen�, sprach Kuragin mit tonloser Stimme, �das erspart uns eine Menge Zeit. Woher ich wissen will, weshalb Sie sich Hals �ber Kopf nach Berlin begeben haben? Ganz einfach. Mir kam der Zufall zu Hilfe, so etwas soll es ja ab und zu noch geben. Dass Sie im Begriff waren, uns mit Ihrer Anwesenheit zu beehren, war mir dank Sasas Tipp nat�rlich nicht verborgen geblieben, die Frage war nur, weshalb.�</p><p>�Fantasie haben Sie ja, das muss Ihnen der Neid lassen.�</p><p>�Und jede Menge Informationen, Slav�n ��, konterte Kuragin, dem das Gespr�ch unb�ndige Freude zu bereiten schien, �oder wollen Sie etwa bestreiten, dass das Dokument, das sich in Ihrem Jackett befindet, rein zuf�llig dorthin gelangt ist? Jetzt machen Sie mal einen Punkt, Genosse, f�r so dumm werden Sie mich doch wohl hoffentlich nicht halten. Ihr Pech, dass Sie gegen�ber meinem Freund Sasa, dessen Nachricht mich vor gerade einmal zwei Stunden erreicht hat, im Gegensatz zu Ihren sonstigen Gepflogenheiten ungew�hnlich redselig waren. Mal ehrlich, Slav�n � finden Sie nicht auch, dass die Suche nach dem Bernsteinzimmer eine Nummer zu gro� f�r Sie ist?�</p><p>�Das Bernsteinzimmer, was Sie nicht sagen.�</p><p>�Machen wir uns nichts vor, Slav�n � Sie stehen mit dem R�cken zur Wand. Jede Wette, dass Sie kooperieren werden.�</p><p>�Wenn Sie sich da mal nicht t�uschen, Kuragin.�</p><p>�Wohl kaum. Sie werden mir jetzt die Karte aush�ndigen, in deren Besitz Sie mithilfe Ihres alten Weggef�hrten aus DDR-Tagen ��</p><p>�Woher wollen Sie das wissen, Kuragin?�</p><p>�� gekommen sind. Woher, fragen Sie? Offen gestanden, Slav�n, Sie entt�uschen mich. Erst plaudern Sie alles br�hwarm an Sasa aus, und dann bekommen Sie nicht einmal mit, dass die beiden Telefonate mit Ihrem Stasi-Kumpel vom MGB abgeh�rt werden. Ich muss schon sagen, Genosse, ich h�tte Sie wirklich f�r gewiefter gehalten.�</p><p>�Scher dich zum Teufel, Hurensohn!�</p><p>�Nicht, bevor Sie mir verraten haben, f�r wen Sie arbeiten, Slav�n.�</p><p>�Aus mir kriegen Sie nichts raus, kapiert?�</p><p>�F�r Besuchow, stimmt�s?�</p><p>�Wenn Sie alles so genau wissen, wieso fragen Sie mich dann �berhaupt?�</p><p>�Vielleicht, weil ich gerne aus Ihrem Munde h�ren w�rde, dass die Verbindungen von Besuchow bis nach Moskau reichen. Nach allem, was man so h�rt, sogar bis in den Kreml.�</p><p>�Finden Sie nicht, das sollte Ihnen zu denken geben?�, trotzte Slav�n, wild entschlossen, seine Haut so teuer wie m�glich zu verkaufen. �Oder legen Sie es darauf an, mit Berija pers�nlich aneinanderzugeraten?�</p><p>�Besten Dank, Slav�n�, entgegnete Kuragin lapidar, w�hrend die Berijew auf eine Gewitterfront zuflog. �Genau das wollte ich h�ren.� Aus ihrem Zentrum, in etwa auf halbem Weg zwischen Berlin und der Oder, schossen die Blitze gleich b�ndelweise hervor, und je n�her das Flugboot dem Unwetter kam, umso dichter die Mixtur aus Graupel und scharfkantigen Hagelk�rnern, die von au�en gegen das Cockpitfenster prasselten. �Jetzt ist mir einiges klar.�</p><p>�Wenn wir krepieren, dann alle, oder sehe ich das falsch?�</p><p>Kuragin brach in schallendes Gel�chter aus, wurde jedoch umgehend wieder ernst. �H�chste Zeit f�r eine kurze Nachricht nach Odessa, finden Sie nicht auch?�</p><p>�W�sste nicht, wozu das ��</p><p>Auf einen Schlag wie umgewandelt, dr�ckte Kuragin seinem Vordermann die Waffe so heftig gegen die Schl�fe, dass Slav�n das Wort im Mund stecken blieb. �Jetzt h�ren Sie mir mal gut zu, Einauge ��, fl�sterte er, �Sie werden sch�n brav sein, �ber Funk unsere Position durchgeben und so tun, als ob wir kurz vor dem Abst�rzen sind. Frei nach dem Motto: je dramatischer, desto besser. Auf geht�s, oder brauchen Sie eine Extraeinladung?�</p><p>�Fick dich selbst, du ��</p><p>�Sasa, das Mikro�, befahl Kuragin, packte Slav�n an den Haaren und riss sein Gesicht so weit nach hinten, dass er ihm direkt in die Augen sehen konnte. �Ich z�hle bis f�nf�, fauchte er und stie� seinem Widersacher den Lauf der Tokarew so tief in den Mund, dass dieser verzweifelt zu w�rgen begann. �Eins, zwei, drei ��</p><p>Krebsrot im Gesicht, schnellte Slav�ns Prothese im allerletzten Moment nach oben, worauf ihn Kuragin in den W�rgegriff nahm, dem Piloten seine Waffe zuwarf und von diesem das Mikrofon in die Hand gedr�ckt bekam. �Wie war das doch gleich mit dem M�rchenerz�hler?�, spottete er. �Wer wei�, vielleicht kann ich noch von Ihnen lernen!�</p><p>*</p><p>Knapp zwei Minuten sp�ter, nachdem der Funkspruch abgesetzt worden war, bog Kuragin seinem Intimfeind die H�nde auf den R�cken, legte ihm Handschellen an und nahm auf dem Sitz hinter ihm Platz.</p><p>�Na also!�, rief er erleichtert aus, damit besch�ftigt, sich ohne erkennbare Eile anzugurten. �Warum denn nicht gleich so?�</p><p>�Was haben Sie vor, Kuragin?�, keuchte Slav�n und warf einen w�tenden Blick �ber die rechte Schulter. �Sie haben doch nicht etwa Angst, dass ich stiften gehe, oder?�</p><p>�Sie vielleicht nicht�, gab Kuragin mit unbewegter Miene zur�ck, w�hrend er einen Helm mit der Aufschrift CCCP aufsetzte. �Aber wir. Passt wie angegossen, finden Sie nicht auch?�</p><p>Slav�n erbleichte, wurde kalkwei� im Gesicht. Dann richtete er den Blick wieder nach vorn.</p><p>Kuragin nahm es mit einem hintergr�ndigen Schmunzeln hin. �Berijew R-1�, dozierte er mit sichtlichem Vergn�gen, �erstes mit Strahltriebwerken angetriebenes Flugboot weltweit. Ausgestattet mit Radar, vier 23-Millimeter-Kanonen, Druckkabine und � sozusagen die Kr�nung sowjetischer Ingenieurskunst � Schleudersitzen! Der Platz des Kopiloten, den wir uns zu manipulieren erlaubt haben, nat�rlich nicht mit inbegriffen.�</p><p>�Das k�nnen Sie nicht ��</p><p>�Und ob ich das kann, Slav�n!�, fiel Kuragin seinem Widersacher ins Wort. �F�r den Fall, dass es Ihnen ein Trost sein sollte � ich habe mir die Freiheit genommen, die Westberliner Kripo �ber Ihr geplantes T�te-�-T�te mit einem gewissen Curt Holl�nder, seines Zeichens Offizier in besonderem Einsatz des MfS, in Kenntnis zu setzen, als ausgleichende Gerechtigkeit sozusagen. Wer wei�, wie lange Ihr Intimus die Belohnung, die er aus Ihren H�nden in Empfang genommen hat, �berhaupt wird genie�en k�nnen. Sch�n und gut, alles hat seinen Preis, vor allem das Wissen um den Verbleib des Bernsteinzimmers. Ach, wenn wir gerade dabei sind: gestatten, dass ich die Karte f�r Sie in Verwahrung nehme?�</p><p>Halb wahnsinnig vor Furcht, Wut und Hass, musste Slav�n mit ansehen, wie Kuragins Hand in seinem Jackett verschwand, die Karte hervorzerrte und sich anschlie�end wieder aus seinem Blickfeld entfernte. �Zu Ihrer Information, Slav�n � Sasa wird gleich mit dem Sinkflug beginnen. In drei, vier Minuten, vielleicht auch etwas sp�ter, wird die Maschine irgendwo in der Schorfheide aufschlagen, mit ein wenig Gl�ck sogar in einem der zahlreichen Seen.� Die Andeutung eines L�chelns im Gesicht, lie� Kuragin die Karte in seinem Overall verschwinden, griff nach Slav�ns Koffer und nickte seinem Freund und Kollegen, der auf sein Kommando zum Ausstieg wartete, aufmunternd zu. �Tut mir leid, dass ich Ihnen bis dahin nicht Gesellschaft leisten kann, Slav�n. Aber von Stund an werden sich nicht nur meine und diejenigen meines unvermutet zum Million�r gewordenen Freundes Sasa, sondern auch unsere Wege trennen. Es gibt da n�mlich noch etwas, das ich zu erledigen habe � vorausgesetzt, mein Schleudersitz funktioniert. Gute Reise, Slav�n � und einen angenehmen Flug!�</p><p>*</p><p>Obwohl er gut daran getan h�tte, das Weite zu suchen, r�hrte sich Ole Jensen nicht vom Fleck, sondern starrte mit unbewegter Miene auf die Havel hinaus. Soeben hatte er den ersten Mord seines Lebens begangen, wenngleich er sicher war, dass es niemanden gab, der Holl�nder eine Tr�ne nachweinte. Nicht ganz so sicher war er sich, was aus ihm werden sollte. Das Unwetter, welches er nur am Rande registriert hatte, war abgeebbt, die Luft l�ngst nicht mehr so schw�l und der Grunewaldturm, der sich am jenseitigen Ufer erhob, zum Greifen nah. Irgendwo da drau�en musste sich der Leichnam von Holl�nder befinden, ein Spielball der Wellen, die ihn hoffentlich nie mehr an Land sp�len w�rden. Ole Jensen holte tief Luft, reckte die m�den Glieder und lie� die Zeit, die unwiderruflich hinter ihm lag, nochmals Revue passieren. Zehn Jahre war es her, seit er in die SS eingetreten war, nicht etwa aus freien St�cken, sondern weil Experten wie er dringend ben�tigt worden waren. Er hatte daf�r b��en m�ssen, schlimmer, als er es sich je h�tte tr�umen lassen. Mord und Totschlag, Gefangenschaft, Stasi-Knast � und das alles nur, weil es sich ein gewisser Herr Himmler in den Kopf gesetzt hatte, kurz vor Kriegsende noch ein paar Faustpf�nder verschwinden zu lassen. Ausgerechnet er, Ole Jensen, hatte das Pech gehabt, zur Teilnahme an einem dieser Himmelfahrtskommandos verdonnert zu werden, eine Laune des Schicksals, die ihm jede Menge Scherereien, acht Jahre hinter Gittern und Erlebnisse beschert hatte, die er sein Lebtag nicht mehr vergessen w�rde.</p><p>Aber damit, stellte Jensen aufatmend fest, war es jetzt vorbei. Endg�ltig. Vom heutigen Tage an w�rde ein anderes Leben beginnen, weitaus besser als dasjenige, mit dem er f�r immer abgeschlossen hatte.</p><p>V�llig durchn�sst, m�de bis zum Umfallen und in Gedanken ausschlie�lich mit sich und seiner Zukunft besch�ftigt, hatte Ole Jensen die Schritte, die sich vom Ufer aus n�herten, nicht bemerkt, nicht einmal, als der hochgewachsene, mindestens ebenso abgek�mpft und ausgelaugt wirkende Mann um die 40 direkt neben ihm stand, einen Glimmst�ngel ansteckte und sein Aroma mit sichtlicher Erleichterung genoss.</p><p>�Ole Jensen, wenn ich mich nicht irre?�, fragte er geraume Zeit sp�ter, als seine Lucky Strike beinahe zu Ende geraucht war. �Tom Sydow � Kripo Berlin. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, h�tte ich ein paar Fragen an Sie.�</p></section><section><p><strong>34</strong></p><p><emphasis>Lubjanka in Moskau | 15.40 h Berliner Zeit</emphasis></p><p>�Das war Andrej Antonowitsch�, sagte Lawrenti Berija, und er sagte es so, als seien die Erfolgsmeldungen, die ihm gerade �bermittelt worden waren, im Grunde zu erwarten gewesen. Das wiederum war beileibe nicht der Fall, woran Georgi Malenkow, Erster Sekret�r des ZK der KPdSU, keinen Ansto� nahm. Der 51-j�hrige, leicht �bergewichtige und w�hrend der Stalin-�ra zu Amt und W�rden gelangte Karrierist gab sich betont l�ssig, wenngleich er seinem Erzrivalen, aussichtsreichster Kandidat im Ringen um die Position des ersten Mannes im Staat, zutiefst misstraute und ihn nicht zu Unrecht verd�chtigte, nach der alleinigen Macht zu streben. �Sieht so aus, als bek�me er die Lage in Ostberlin allm�hlich in den Griff.�</p><p>�Bleibt die Frage, ob wir uns dar�ber freuen sollen oder nicht�, sinnierte Malenkow und nippte an seinem Tee.</p><p>�Gretschko[37] hat richtig gehandelt, was denn sonst!�, emp�rte sich Berija, drei Jahre �lter, von Geburt Georgier und nach Stalins Tod vor mehr als drei Monaten der meist gef�rchtete Mann im Land. Ein Pr�dikat, das er seiner Funktion als Geheimdienstchef und dem Ruf verdankte, der bei Weitem r�cksichtsloseste Scherge des verstorbenen Diktators gewesen zu sein. �Wo k�men wir da hin, wenn wir eine Rotte hergelaufener Konterrevolution�re einfach gew�hren lassen w�rden.�</p><p>Am Fenster postiert, von wo aus er einen ungest�rten Blick auf den Lubjanka-Platz und die Bronzestatue von Felix Dserschinski[38] genoss, zog es Malenkow vor, auf die martialischen Anwandlungen des kahlk�pfigen Kaukasiers zun�chst nicht zu reagieren. Stattdessen leerte er sein Glas, stellte es ab und wandte sich dem Portr�t zu, das am Kopfende des schmucklosen Sitzungssaales hing. Noch war es nicht so weit, dass es irgendjemand, er selbst mit eingeschlossen, gewagt h�tte, Stalins Konterfei zu entfernen. Dazu war die Erinnerung an den Woschd[39] noch zu lebendig, die Schrecken, R�nkespiele und t�dlichen Intrigen der Vergangenheit viel zu pr�sent, als dass man sie einfach h�tte ignorieren und anschlie�end zur Tagesordnung �bergehen k�nnen. �Genau, Genosse Berija, wo k�men wir da hin.�</p><p>�Ich muss schon sagen, Genosse Malenkow�, wunderte sich Berija, und bettete den Hinterkopf auf die mit einer Spitzendecke drapierte Lehne des Ledersessels, in dem er es sich gerade bequem gemacht hatte, �f�r meine Begriffe l�sst Ihr patriotischer Elan einiges zu w�nschen �brig.�</p><p>�Der Ihrige, Lawrenti Pawlowitsch, daf�r umso weniger.�</p><p>�Wie sch�n, dass wir wenigstens diesbez�glich der gleichen Meinung sind�, konterte Berija geschickt, schob die randlose Brille nach unten und sch�rfte dem ungeliebten Verb�ndeten mit gestrenger Miene ein: �Sie wissen doch, Georgi Maximilianowitsch � nur dann, wenn wir beide uns einig sind, wird es uns gelingen, diesen Bauerntrampel namens Chruschtschow von der Macht fernzu��</p><p>Ein neuerliches Schrillen des Telefons, bei dessen Klang Berija erschrocken zusammenfuhr, machte dem Gespr�ch vorl�ufig ein Ende. Berija nahm ab, meldete sich, lauschte angestrengt und erblasste. �Abgest�rzt?�, �chzte er, wobei sein Blick wie zuf�llig an dem Portr�t seines politischen Ziehvaters haften blieb. �Und wo, Valentin Sergejewitsch?� Au�erstande, die offensichtliche Hiobsbotschaft zu verdauen, sa� Berija stocksteif auf seinem Sessel und h�rte dem Anrufer mit wachsender Best�rzung zu. Ein Mann, der so gut wie nie seine Gef�hle zeigte, lie� sich Berija zu einem lauten und vernehmlichen �Dermo!�[40] hinrei�en, worauf Malenkow mit ostentativem Gleichmut reagierte.</p><p>�Schlechte Nachrichten?�, fragte der ZK-Sekret�r nach, als Berija den H�rer wutentbrannt auf die Gabel geschleudert hatte.</p><p>��Schlecht� ist gar kein Ausdruck!�, fuhr Berija seinen Gespr�chspartner an, nicht ahnend, dass dieser demn�chst die Fronten wechseln und er, Berija, nur noch neun Tage zu leben haben w�rde. �Die Operation Puschkin, so scheint es, ist endg�ltig gescheitert. Was nichts anderes bedeutet, als dass wir das Bernsteinzimmer endg�ltig abschreiben k�nnen.�</p><p>�Und damit den Prestigegewinn, den wir beide uns von seiner Entdeckung erhofft hatten�, vollendete Malenkow, zog den Vorhang zu und begab sich zur T�r. �Vielleicht doch keine so gute Idee, Kontakte zu kn�pfen, die einem unter Umst�nden zum Verh�ngnis werden k�nnten.�</p><p>�Was h�tte ich sonst machen sollen, Malenkow � einen meiner Agenten mit dem Auftrag betrauen? Sie wissen ebenso gut wie ich, dass Chruschtschow mittlerweile �berallhin seine Spitzel lanciert hat. Inzwischen sind wir so weit, dass ich mich nicht einmal mehr auf meine eigenen Leute verlassen kann. Die kleinste Indiskretion, und die Sache w�re aufgeflogen. Und was dann, k�nnen Sie mir das vielleicht verraten? Was, wenn Chruschtschow davon erfahren h�tte? Dann w�ren wir bis auf die Knochen blamiert gewesen.�</p><p>�Ich f�rchte, Lawrenti Pawlowitsch�, entgegnete Malenkow, nahm seinen Hut vom Haken und �ffnete die T�r, �ich f�rchte, das sind wir sowieso.� Nur um etliche Sekunden sp�ter, nachdem sich die T�r bereits hinter ihm geschlossen hatte, hinzuzuf�gen: �Beziehungsweise Sie, Lawrenti Pawlowitsch � daf�r werde ich schon sorgen.�</p></section><section><p><strong>35</strong></p><p><emphasis>Berlin-Zehlendorf, Waldfriedhof | 17.42 h</emphasis></p><p>�Alter: 33, geboren in Dresden, aus gutem � will scherzhafterweise sagen, arischem � Hause, Besuch des dortigen Gymnasiums, Abitur, Studium der Ingenieurswissenschaften mit Schwerpunkt Bergbau, vom Wehrdienst freigestellt, danach, kurz nach Beginn des Russlandfeldzuges, Eintritt in die SS. Ob zwangsweise oder aus freien St�cken, l�sst sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Sei�s drum. Kurz vor Kriegsende die Rekrutierung f�r ein streng geheimes Kommandounternehmen mit dem Decknamen Alberich � was sich dahinter verbirgt, ist uns ja inzwischen bekannt.�</p><p>Wie immer, wenn es um Recherchearbeit ging, hatte Eduard Krokowski seine Sache ausgesprochen gut gemacht, hatte das, was er im Document Center in Erfahrung gebracht und Sydow soeben ins Ohr gefl�stert hatte, Hand und Fu�. In Ermangelung eines Pfarrers beziehungsweise einer Grabrede muteten seine Worte jedoch ausgesprochen makaber an, und Sydow war kurz davor, dem �bereifer seines Assistenten einen D�mpfer zu verpassen. Aber dann, im Anschluss an Krokowskis Rapport, begannen beide Totengr�ber bereits damit, den Sarg in die Grube hinabzulassen, und so kam er ungeschoren davon.</p><p>Es war eine zutiefst bedr�ckende Szenerie, die sich Sydow bot, und w�ren Peters, Krokowski und Jensen nicht zur Stelle gewesen, der es sich nicht hatte nehmen lassen, seinem Kameraden das letzte Geleit zu geben, w�re sie noch viel bedr�ckender gewesen. Die Nachrichten aus Ostberlin trugen das Ihrige zu seiner d�steren Stimmung bei, und der Ort, an dem er sich befand, gab ihm den Rest. Die Stille und der Geruch nach Lehm, feuchtem Laub und morschem Holz waren kaum zu ertragen, selbst das Abendrot und die von der Gewitterschw�le gereinigte Luft kamen dagegen nicht an.</p><p>Doch bald war auch schon alles vorbei, Peters und Krokowski, der Jensen sofort unter seine Fittiche genommen hatte, auf dem Weg zur�ck zum Wagen. Da Sydow es nicht fertigbrachte, sich einfach so zu verdr�cken, wartete er ab, bis das Trio seinen Blicken entschwunden war, pfl�ckte ein paar Kornblumen und lie� sie unter den erstaunten Blicken der beiden Totengr�ber auf den schmucklosen Eichenholzsarg fallen.</p><p>�Sieh mal einer an, Herr Kommissar � so kenne ich Sie ja gar nicht.�</p><p>Viel zu ersch�pft, um sich �berhaupt noch �ber etwas zu wundern, verharrte Sydow auf der Stelle und sah den Totengr�bern, die den Hinzugekommenen neugierig musterten, bei der Arbeit zu. Nach einiger Zeit, als dieser direkt neben ihm stand, rang er sich zu einer Erwiderung durch. �Vor Ihnen ist man auch nirgendwo sicher ��, flachste er und erg�nzte: �Nicht mal auf dem Friedhof. Apropos, da f�llt mir gerade ein: Wollten wir beide uns nicht duzen?�</p><p>�Nichts dagegen�, willigte Kuragin ein. �Jetzt, wo ich den Dienst quittiert habe, brauchen wir beide kein schlechtes Gewissen mehr dabei zu haben.�</p><p>Sydow zog die Brauen hoch, bedachte Kuragin mit einem kurzen Blick und sagte: �Na dann � willkommen in der Freiheit.�</p><p>�Die Freude ist ganz auf meiner Seite�, gab Kuragin zur�ck, wenngleich nicht so, dass Sydow ihm hundertprozentig glaubte. �Ich habe sogar ein kleines Geschenk mitgebracht�, k�ndigte er daraufhin an, zog einen Umschlag hervor und dr�ckte ihn Sydow in die Hand. �Ich denke, du wei�t, worum es sich dabei handelt.�</p><p>Einigerma�en �berrascht, wog Sydow das Kuvert in seiner Hand, betrachtete es von allen Seiten und fragte: �Hast du dir das auch genau �berlegt?�</p><p>Kuragin l�chelte. �Das mit meiner K�ndigung? Na klar.�</p><p>�Trotzdem, ich finde, die Karte ��</p><p>�� geh�rt dir!�, vollendete Kuragin bestimmt. �Tu damit, was du f�r richtig h�ltst. Was mich betrifft, werde ich keine Anspr�che darauf erheben.�</p><p>�Ernsthaft?�</p><p>Kuragin, mindestens ebenso ersch�pft, nickte. �Nur keine Hemmungen, ich habe mir die Sache gut �berlegt.�</p><p>Weiterhin unschl�ssig, starrte Sydow geraume Zeit ins Leere und lie� die Ereignisse der letzten 24 Stunden an sich vor�berziehen.</p><p>Im Anschluss daran atmete er tief durch, warf den Umschlag in Kempas Grab und wandte sich zum Gehen.</p></section><section><p><strong>36</strong></p><p><emphasis>Berlin-Wannsee, Seestra�e | 21.20 h</emphasis></p><p>�Und was wird mit ihm geschehen?�, fragte Lea von Oertzen, packte das Verbandszeug zusammen und verschwand kurz in der K�che, um ihrem Patienten, der es sich auf der Terrasse bequem gemacht hatte, etwas zu trinken zu holen. �Ich meine, das werden die Russen doch nicht einfach so auf sich sitzen lassen. Von der Mafia, mit der dieser Holl�nder anscheinend handelseinig geworden war, gar nicht zu reden.�</p><p>�Das genau ist das Problem, da muss ich dir recht geben�, stimmte Sydow zu, legte seinen Fu� hoch und betrachtete den Wannsee, auf dessen spiegelglatter Oberfl�che sich das Licht der untergehenden Sonne spiegelte. Hier, umgeben von Birken, englischem Rasen und Schmuckbeeten, konnte man es wirklich aushalten, und so lie� er f�nf gerade sein, die Arme auf der Lehne der schmiedeeisernen Gartenbank ruhen und die Aura, welche Leas selbst geschaffene Idylle verbreitete, auf sich wirken. �Er wird nicht umhinkommen, m�glichst rasch eine neue Identit�t anzunehmen.�</p><p>�Und Jensen?�, fragte Lea, ein Tablett mit Sandwiches, einer Teekanne und Keksen in der Hand, als sie sich wieder zu ihm gesellte. �Was wird aus ihm?�</p><p>Sydow l�chelte verschmitzt. �Den habe ich f�rs Erste bei Tante Lu einquartiert�, verriet er seiner Gastgeberin. �Mal sehen, wie er die Nacht �bersteht. Tja, und morgen wird er mir noch mal Rede und Antwort stehen m�ssen. Das meiste ist zwar gekl�rt, aber eben noch nicht alles.�</p><p>�Also Sieg auf der ganzen Linie�, sagte Lea, stellte das Tablett auf den Gartentisch und wollte sich gerade neben ihn setzen, als es laut und vernehmlich klingelte.</p><p>�F�r dich, Tom!�, rief sie ihm kurz darauf aus dem Wohnzimmer zu und begab sich wieder auf die Terrasse.</p><p>Bis Sydow sich wieder zu ihr gesellt hatte, war kaum eine Minute vergangen. �Der Polizeipr�sident!�, verk�ndete er mit breitem Grinsen, nahm Leas Gesicht zwischen die H�nde und dr�ckte ihr einen Kuss auf den Mund.</p><p>�Und was hat er gesagt?�, wollte sie wissen, sichtlich angetan von einem Gef�hlsausbruch, wie sie ihn so sicherlich nicht erwartet hatte, ergriff Sydows Hand und sah ihn erwartungsvoll an.</p><p>�Dass aus Gr�nden, die ihm der Innensenator nicht nennen wollte, meine Bef�rderung vorerst auf Eis gelegt worden ist!�, triumphierte Sydow, schloss seine Jugendliebe in die Arme und fl�sterte: �Lea � das muss gefeiert werden!�</p><empty-line/></section><section><p><strong>Epilog</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Sankt Petersburg / Russland</emphasis></p><p><emphasis>(31.05.2003)</emphasis></p><empty-line/></section><section><p><strong>37</strong></p><p><emphasis>Katharinenpalast in Zarskoje Selo | kurz nach Mitternacht</emphasis></p><p>Der russische Pr�sident, Bundeskanzler Schr�der und die zahlreichen Ehreng�ste, die im Verlauf des denkw�rdigen Tages wie die Heuschrecken �ber die altehrw�rdige Residenz von Russlands ber�hmtester Zarin hergefallen waren, hatten sich l�ngst wieder in ihre Quartiere begeben, als die Nachtw�chterin, eine betagte Rentnerin jenseits der 80, durch die G�nge der weitl�ufigen Zarenresidenz schlurfte. Auf den Sicherheitsdienst, so ihr durch nichts zu ersch�tterndes Credo, war nun einmal kein Verlass, und da sie nicht viel Schlaf ben�tigte, machte es ihr nichts aus, Russlands ganzem Stolz einen mittern�chtlichen Besuch abzustatten und das Wunder, von dem die ganze Welt sprach, in aller Ruhe zu begutachten. Seit damals, jenem denkw�rdigen Tag, als sie das Bernsteinzimmer zum letzten Mal unversehrt zu Gesicht bekommen hatte, waren beinahe 62 Jahre vergangen, dennoch kam es ihr so vor, als sei es gestern gewesen.</p><p>Die ehemalige Kunsthistorikerin, seit Jahrzehnten au�er Dienst, aber nach wie vor als M�dchen f�r alles t�tig, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Wunder, in der Tat, dachte sich die Alte, als sie die in langj�hriger Filigranarbeit rekonstruierten Paneele, Pilaster und Mosaike, Meisterwerke russischer Restaurationskunst, wie eine himmlische Erscheinung betrachtete. �ber sechs Tonnen verarbeiteter Bernstein im Wert von etwa drei Millionen Euro. Kaum vorstellbar, aber wahr. Die Alte geriet in Verz�ckung, ein ehrf�rchtiger Schauder nach dem anderen �berlief ihre gebeugte Gestalt. Doch pl�tzlich, ohne dass sie von irgendwoher Schritte vernommen h�tte, h�rte sie Stimmen, die, wie sie tags darauf ihren Enkeln erz�hlen w�rde, ganz unzweifelhaft von einem Mann und einer Frau stammten. Die Taschenlampe in der rechten und den Gehstock in der linken Hand, gefror der Alten das Blut in den Adern, aber mit der Zeit, aufgrund des samtweichen, ans Frivole grenzenden Tonfalls der Frau, legte sich ihre Aufregung wieder. Sonderbar!, sinnierte die Alte, sah sich bed�chtig um und brummelte: �Na ja, wer wei�, vielleicht siehst du langsam Gespenster!�</p><p>Genau das schien allerdings nicht der Fall zu sein, war doch die Stimme der Frau, geziert, heiter und verf�hrerisch zugleich, ganz deutlich zu h�ren. �Was f�r eine Pracht!�, jubilierte sie, kaum imstande, sich zu beruhigen. �Nicht wahr, mein lieber Orlow?�</p><p>�Durchaus, Majest�t.�</p><p>�Warum denn so zur�ckhaltend, mon ch�ri?�, zwitscherte die Frau in altert�mlichem Russisch, eine Spur zu schrill vielleicht, dennoch gut zu verstehen. �Ich finde, es ist �beraus ansehnlich geworden � und um ein Vielfaches sch�ner als das Original!�</p><empty-line/><p>E N D E</p></section><section><p><strong>Glossar</strong></p><p><emphasis>�Auferstanden aus Ruinen</emphasis>�: Titel der DDR-Hymne; Text von Johannes R. Becher, Melodie von Hanns Eisler</p><p><emphasis>Adele Sandrock</emphasis>: Ufa-Star der 20er- und 30er-Jahre, 1937 verstorben</p><p><emphasis>Bursztynowa Komnata � scisle tajne!</emphasis>: Bernsteinzimmer � streng geheim! (poln.)</p><p><emphasis>CD</emphasis>: Corps Diplomatique (frz. Bezeichnung f�r Diplomatisches Corps)</p><p><emphasis>Compris?</emphasis>: Verstanden? (frz.)</p><p><emphasis>D�p�chez-vous!</emphasis>: Beeilt Euch! (frz.)</p><p><emphasis>Dermo!</emphasis>: Schei�e! (russ.)</p><p><emphasis>Doswidanja!</emphasis>: Auf Wiedersehen!</p><p><emphasis>Eremitage</emphasis>: Im Winterpalast in Sankt Petersburg untergebrachte Sammlung wertvoller Gem�lde, Kunstwerke und Artefakte</p><p><emphasis>Felix Dserschinski</emphasis>: Geheimdienstchef unter Lenin</p><p><emphasis>Gretschko</emphasis>: Andrej Antonowitsch Gretschko, sowjetischer Oberkommandierender in der DDR w�hrend des Volksaufstandes am 17. Juni 1953</p><p><emphasis>HA</emphasis>: Hauptabteilung</p><p><emphasis>HVA</emphasis>: Hauptverwaltung Aufkl�rung des MfS, d. h. Auslandsnachrichtendienst der DDR</p><p><emphasis>IM</emphasis>: Inoffizieller Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes der DDR</p><p><emphasis>Jekaterina Alexejewna</emphasis>: Thronname Katharinas II. der Gro�en</p><p><emphasis>Joseph McCarthy</emphasis>: US-Senator (1897-1953) und f�hrender Politiker w�hrend der nach ihm benannten durch extremen Antikommunismus gepr�gten McCarthy-�ra der fr�hen 50er-Jahre</p><p><emphasis>Kap Deschnew</emphasis>: �stlichster Punkt des russischen beziehungsweise asiatischen Festlands</p><p><emphasis>Langer Lulatsch</emphasis>: Spitzname f�r den Berliner Funkturm</p><p><emphasis>Lawrenti Berija</emphasis>: Geheimdienstchef der UdSSR, vermutlich am 26. Juni 1953 von seinen Rivalen im Politb�ro exekutiert</p><p><emphasis>Lubjanka</emphasis>: Zentrale, Gef�ngnis und Archiv diverser russischer Geheimdienste am gleichnamigen Platz in Moskau, heute Sitz der Bundesagentur f�r Sicherheit der Russischen F�deration (FSB)</p><p><emphasis>MGB</emphasis>: Ministerium f�r Innere Angelegenheiten</p><p><emphasis>Muschik</emphasis>: leibeigener russischer Bauer</p><p><emphasis>Nikita Chruschtschow</emphasis>: Nachfolger Stalins als Parteichef der KPdSU, 1964 entmachtet</p><p><emphasis>NKWD</emphasis>:Volkskommissariat f�r Innere Angelegenheiten (dem die Geheimpolizei unterstellt war)</p><p><emphasis>OibE</emphasis>: Offizier im besonderen Einsatz des Ministeriums f�r Staatssicherheit der DDR (MfS)</p><p><emphasis>Post mortem</emphasis>: nach seinem Tod (lat.)</p><p><emphasis>RIAS</emphasis>: Rundfunk im amerikanischen Sektor (Programmdirektor Sch�tz am 16.06.1953)</p><p><emphasis>Stalinallee</emphasis>: in den Bezirken Berlin-Mitte bzw. Friedrichshain-Kreuzberg gelegene Stra�e, 1961 in Karl-Marx-Allee umbenannt und Ausgangspunkt der Unruhen des 17.6.1953</p><p><emphasis>Starez</emphasis>: ehrw�rdiger Greis</p><p><emphasis>Towarischtsch</emphasis>: Genosse</p><p><emphasis>Tschekist</emphasis>: Sammelbegriff f�r einen Mitarbeiter der sowjetischen Geheimdienste, abgeleitet von Tscheka, der von Lenin ins Leben gerufenen Geheimpolizei</p><p><emphasis>UB</emphasis>: eigentlich Ministerstwo Bezpiecze&#x144;stwa Publicznego (Ministerium f�r �ffentliche Sicherheit, MBP), auch unter dem Namen Urz&#x105;d Bezpiecze&#x144;stwa (UB) bekannt; unter anderem zust�ndig f�r nachrichtendienstliche T�tigkeit und Gegenspionage</p><p><emphasis>Unternehmen Barbarossa</emphasis>: Deckname f�r Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion</p><p><emphasis>VEB</emphasis>: Volkseigener Betrieb in der DDR</p><p><emphasis>VEB Horch, Guck und Greif</emphasis>: Spitzname f�r die Stasi</p><p><emphasis>Walter Ulbricht</emphasis>: Generalsekret�r des ZK der SED (1893-1973)</p><p><emphasis>Whist</emphasis>: Kartenspiel f�r vier Personen, Vorl�ufer des Bridge-Spiels</p><p><emphasis>Woschd</emphasis>: F�hrer (russ.)</p><p><emphasis>Zarskoje Selo</emphasis>: Residenz der russischen Zaren, ca. 25 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt</p><empty-line/><empty-line/><p><sup>[1]</sup> Residenz der russischen Zaren, ca. 25 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt</p><p><sup>[2]</sup> Kartenspiel f�r vier Personen, Vorl�ufer des Bridge-Spiels</p><p><sup>[3]</sup> Russisch-orthodoxer M�nch bzw. Einsiedler</p><p><sup>[4]</sup> Russischer Name Katharinas der Gro�en</p><p><sup>[5]</sup> Dt.: Beeilen Sie sich!</p><p><sup>[6]</sup> russ.: Leibeigener</p><p><sup>[7]</sup> dt.: Verstanden (frz.)</p><p><sup>[8]</sup> Deckname f�r den geplanten Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion (22.6.1941)</p><p><sup>[9]</sup> Wissenschaftlicher Leiter eines Museums, lat. �W�chter�</p><p><sup>[10]</sup> Abk.: OibE</p><p><sup>[11]</sup> Rundfunk im amerikanischen Sektor</p><p><sup>[12]</sup> Im Winterpalast in Sankt Petersburg untergebrachte Sammlung wertvoller Gem�lde, Kunstwerke und Artefakte.</p><p><sup>[13]</sup> eigentlich MBP</p><p><sup>[14]</sup> Zentrale diverser russischer Geheimdienste am gleichnamigen Platz in Moskau</p><p><sup>[15]</sup> poln.: �Bernsteinzimmer�� streng geheim!�</p><p><sup>[16]</sup> Genosse</p><p><sup>[17]</sup> dt.: nach dem Tode</p><p><sup>[18]</sup> Volkseigener Betrieb</p><p><sup>[19]</sup> Spitzname f�r die Stasi</p><p><sup>[20]</sup> Generalsekret�r des ZK der SED (1893�1973)</p><p><sup>[21]</sup> siehe Glossar</p><p><sup>[22]</sup> HVA: �Hauptverwaltung Aufkl�rung�, der 1951 gegr�ndete Auslandsnachrichtendienst der DDR</p><p><sup>[23]</sup> Titel der DDR-Hymne</p><p><sup>[24]</sup> frz.: Corps Diplomatique (diplomatisches Korps)</p><p><sup>[25]</sup> UFA-Star der 20er- und 30er-Jahre (� 1937)</p><p><sup>[26]</sup> Senator Joseph McCarthy (1908-1957)</p><p><sup>[27]</sup> Spitzname f�r den Berliner Funkturm</p><p><sup>[28]</sup> russ.: Volkskommissariat f�r Innere Angelegenheiten (dem die Geheimpolizei unterstellt war)</p><p><sup>[29]</sup> Nikita Chruschtschow (1894-1971), Nachfolger Stalins als Parteichef der KPdSU</p><p><sup>[30]</sup> Lawrenti Berija, (1899-1953), Geheimdienstchef der UdSSR</p><p><sup>[31]</sup> russ.: Ministerium f�r Innere Angelegenheiten</p><p><sup>[32]</sup> dt.: Auf Wiedersehen!</p><p><sup>[33]</sup> Hauptabteilung</p><p><sup>[34]</sup> Inoffizieller Mitarbeiter</p><p><sup>[35]</sup> Sammelbegriff f�r einen Mitarbeiter der sowjetischen Geheimdienste, abgeleitet von �Tscheka�, der durch Lenin ins Leben gerufenen Geheimpolizei</p><p><sup>[36]</sup> Nord�stlicher Punkt Russlands beziehungsweise Asiens</p><p><sup>[37]</sup> Andrej Antonowitsch Gretschko, sowjetischer Oberkommandierender in der DDR</p><p><sup>[38]</sup> Geheimdienstchef unter Lenin</p><p><sup>[39]</sup> russ.: F�hrer</p><p><sup>[40]</sup> russ.: Schei�e!</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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