<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_espionage</genre><genre>det_political</genre><author><first-name>Uwe</first-name><last-name>Klausner</last-name></author><book-title>Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.</book-title><annotation><p>Berlin, 31. August 1948. Die verst�mmelte Leiche einer Stadtstreicherin wird in der N�he des Lehrter Bahnhofs gefunden. Nichts Besonderes im Berlin der Nachkriegszeit und so glaubt Hauptkommissar Tom Sydow zun�chst an einen Routinefall. Doch warum sammelte das Mordopfer Zeitungsausschnitte �ber den stadtbekannten Kriegsgewinnler, Schieber und Spekulanten Paul Mertens? Bei seinen Ermittlungen kommt Sydow einer Organisation auf die Spur, deren Verbindungen in h�chste Kreise von Justiz und Politik zu reichen scheinen ... </p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Tom Sydow" number="2"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-08">8.3.2013</date><id>54012B26-E265-4F58-904A-B88701ADE384</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2010</year></publish-info></description><body><section><p><emphasis>�hnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen </emphasis></p><p><emphasis>sind rein zuf�llig und nicht beabsichtigt. </emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Widmung</p><p>F�r die M�nner und Frauen der Luftbr�cke</p><p>und die betagte Dame Berlin-Tempelhof,</p><p>die man einfach ins Altersheim gesteckt hat.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><subtitle>Reale Hauptfiguren</subtitle><p>Heinrich Himmler (1900�1945), Reichsf�hrer-SS</p><p>Martin Bormann (1900�1945), Reichsleiter und Sekret�r Hitlers</p><p>Wassili Danilowitsch Sokolowski (1897�1968), Chef der Sowjetischen Milit�radministration in Deutschland (SMAD)</p><p>Josef Stalin (1878�1953), sowjetischer Diktator</p><p>Lawrenti Berija (1899�1953), Geheimdienstchef der UdSSR</p><p>Harry S. Truman (1884�1972), Pr�sident der USA</p><p>James V. Forrestal (1892�1949), US-Verteidigungsminister</p><p>Lucius D. Clay (1897�1978), Milit�rgouverneur der amerikanischen Besatzungszone und Befehlshaber der US-Landstreitkr�fte in Europa, �Vater der Luftbr�cke� nach West-Berlin</p><empty-line/><empty-line/></section><section><subtitle>Fiktive Hauptfiguren</subtitle><p>Tom von Sydow, 35 Jahre, Hauptkommissar der Kripo Berlin</p><p>Nikolai Borodin, 21 Jahre, �berlebender des Massakers von Babi-Yar</p><p>Lilian Matuschek, 27, Stenotypistin</p><p>Juri Andrejewitsch Kuragin, 32, Major des MGB (russ. Ministerium f�r Innere Angelegenheiten)</p><p>Luise von Zitzewitz, 74, Toms Tante</p><p>Kurt Bechtel, 34, Polizeifotograf</p><p>Eduard Krokowski, 20, Kriminalassistent</p><p>Gladys McCoy, 28, Agentin des britischen MI6</p><p>Erwin Hattengruber, 48, Kriminalrat und Sydows Vorgesetzter</p><p>Hartmuth von der Tann, 43, Justizrat und Mitglied des Berliner Senats</p><empty-line/><empty-line/><p>�S�mtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September 1941, bis 8 Uhr an der Ecke der Melnik- und Dokteriwski-Stra�e (an den Friedh�fen) einzufinden. Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschossen.�</p><empty-line/><p>Plakatanschlag vom 28.09.1941</p><empty-line/><empty-line/></section><section><empty-line/></section><section><title><p>Prolog</p><p><emphasis>(Kiew/Ukraine, September 1941)</emphasis></p></title><empty-line/></section><section><p>1</p><p><emphasis>Kiew/Ukraine, Babi-Yar-Schlucht | 29.09.1941, 17.55 h </emphasis></p><p>Am Tag, als das Morden begann, wurde Nikolai 15. Als es zu Ende ging, war er zum Greis geworden.</p><p>Und das binnen einer Viertelstunde.</p><p>Es war kalt an diesem Abend, und der Wind, welcher �ber das Brachland in der N�he der Friedhofsmauer fegte, lie� Nikolai Borodin fr�steln. Dies hier war ein unwirtlicher Ort. Kein Platz zum Verweilen. Der Vorhof des Todes. W�re es nach ihm gegangen, h�tten Vater und er sich aus dem Staub gemacht. Wie so viele, die der Aufruf vom Vortag in Furcht und Schrecken versetzt hatte. Doch Vaters Wille war nun einmal Gesetz. Und dagegen kam er mit seinen 15 Jahren nicht an.</p><p>Der dunkelhaarige, schlaksige und in sich gekehrte Junge sch�ttelte den Kopf, wischte seine Nickelbrille am Hemds�rmel ab und setzte sie umst�ndlich wieder auf. Menschen, so weit das Auge reichte. Tausende, wenn nicht gar Zehntausende, die zum Sammelpunkt str�mten. Nikolai erschauderte. Dies alles hier war so unwirklich, so beklemmend, dass einem der Atem stockte. W�re Vater nicht gewesen, dem es gar nicht schnell genug gehen konnte, h�tte er auf der Stelle das Weite gesucht.</p><p>Doch dazu war es l�ngst zu sp�t. Unter den Argusaugen der Miliz, die sie mit Hohn �bersch�ttete, reihten sich der 15-j�hrige Gymnasiast und sein Vater in die Warteschlange ein. Der Ton war rau, hasserf�llt, und die ukrainischen Handlanger der SS trieben sie zur Eile an.</p><p>Gep�ck abgeben � weiter.</p><p>M�ntel aus � weiter.</p><p>�Schuhe ausziehen � auf geht�s, Judenbastard, sonst mach ich dir Beine! Hosen runter � oder h�rst du schlecht?�</p><p>Nikolai sah sich Hilfe suchend um. Und hielt entsetzt den Atem an.</p><p>Sein Vater wehrte sich. Und nicht nur das. Er gab dem Milizion�r Kontra. Der wiederum, ein stiernackiger Schl�gertyp, schien nur darauf gewartet zu haben, z�ckte den Gummikn�ppel und drosch auf den 53-j�hrigen Rabbiner ein.</p><p>Nikolai war wie erstarrt. Er konnte es einfach nicht glauben. Niemand r�hrte einen Finger. Das konnte, das <emphasis>durfte</emphasis> einfach nicht sein. Obwohl seine Leidensgenossen Tausende und die Milizion�re lediglich Dutzende z�hlten, war Jitzchak Borodin, Rabbiner der Hyzalka-Synagoge, der Wut seiner Peiniger hilflos ausgeliefert.</p><p>Das galt auch f�r seinen Sohn. Denn in dem Moment, als er seinem Vater zu Hilfe eilen wollte, wurde Nikolai gepackt, zu Boden gerissen und getreten, dass ihm fast die Luft wegblieb.</p><p>Wie er es geschafft hatte, wieder auf die Beine zu kommen, wusste er hinterher nicht mehr. �Davai, davai!�, dr�hnte es in seinen Ohren, und so rappelte sich Nikolai auf, tastete nach seiner Brille und stolperte davon. Wohin, war ihm anfangs gleichg�ltig, doch als er die Gewehrsalven h�rte, die von den W�nden der nahen Schlucht widerhallten, traf es ihn wie der Blitz.</p><p>Nikolai Borodin, 15 Jahre, wohnhaft in der Schyljanska-Stra�e, war ein aufgeweckter Junge. Und �berdurchschnittlich intelligent. Und da dem so war, d�mmerte ihm, was nun geschehen w�rde. Was ihn daran hinderte, sein Heil in der Flucht zu suchen, war allein die Tatsache, dass er sich ein derartiges Ausma� an Barbarei nicht vorstellen konnte.</p><p>Das konnte, das <emphasis>durfte</emphasis> einfach nicht sein.</p><p>Nur Sekundenbruchteile sp�ter wurde er eines Besseren belehrt. �Keine M�digkeit vorsch�tzen!�, fuhr ihn die hohntriefende Stimme an, auf Deutsch, wie Nikolai feststellte. Doch der SS-Obersturmf�hrer hatte sich den Falschen ausgesucht.</p><p>Nikolai blieb einfach stehen, setzte seine Brille auf und starrte den schwarz Uniformierten unverwandt an. Totenkopfm�tze, SS-Runen, Pistole und eine Miene, aus der die personifizierte Niedertracht sprach � ein Mann zum F�rchten. Aber nicht f�r Nikolai. Er hatte nichts zu verlieren. Und so trat er gegen�ber dem Uniformierten auch auf. �Warum tun Sie das?�, fragte er, w�hrend eine weitere Gewehrsalve durch die Schlucht hallte und sich mit dem Wehklagen seiner Landsleute, die an ihm vorbei in die Schlucht eskortiert wurden, vermischte.</p><p>Der SS-Obersturmf�hrer stutzte, fing sich jedoch wieder und setzte ein L�cheln auf, das den passionierten Sadisten verriet. �Ein ukrainischer Untermensch, der Deutsch spricht!�, spottete er und z�ndete sich eine Zigarette an. �Welch eine �berraschung.�</p><p>�Zu Ihrer Information � meine Mutter ist Deutsche.�</p><p>�Rassenschande, aha.�</p><p>�Auch dann, wenn meine Eltern 1920 geheiratet haben?�</p><p>Wenn Nikolai gehofft hatte, der SS-Mann w�rde zur Pistole greifen, sah er sich get�uscht. Die Wolfsaugen unter den wie Unkraut sprie�enden Brauen blitzten kurz auf, das war alles. F�r den Moment jedenfalls. �Gerade dann, Hurenbankert, gerade dann!�, knurrte der SS-Mann, w�hrend er seinen Schulterriemen zurechtzurrte, die Zigarette austrat und so tat, als sei nichts gewesen. Danach zeigte er auf seine Schulterklappen. �Hast du �berhaupt einen Schimmer, mit wem du es hier zu tun hast?�</p><p>�Mit einem Obersturmf�hrer der SS�, antwortete Nikolai mit Blick auf die Schulterklappen der tadellos sitzenden Uniform.</p><p>�Und was will uns das sagen, Untermensch?�</p><p>Nikolai st�hnte innerlich auf. Herr, mach ein Ende, flog es ihm durch den Sinn.</p><p>Als k�nne er Gedanken lesen, packte ihn der Obersturmf�hrer am Kragen, schlug ihm ins Gesicht und rammte ihm das Knie in die Magengrube. Mit Blutgeschmack im Mund brach Nikolai zusammen. Um ihn herum nichts als schemenhafte Gestalten, Gespenster im Laufschritt, die H�nde hinter dem Kopf. �Meine Brille, meine Brille!�, �chzte Nikolai, w�hrend ihm Blut aus Mundwinkeln und Nase rann. Sein Kiefer tat h�llisch weh, und obwohl er hart im Nehmen war, wurde ihm spei�bel. �Wo in Gottes Namen ist meine ��</p><p>Die Antwort auf seine Frage, durch eine weitere Gewehrsalve untermalt, lie� nicht lange auf sich warten. �Da hast du deine Brille�, h�rte er die Stimme des Obersturmf�hrers sagen, w�hrend er auf allen vieren im Staub herumkroch. Kaum war sie verklungen, nahm er dieses Ger�usch wahr. Ein Knacken, begleitet von splitterndem Glas. Ein Laut, der keinerlei Zweifel mehr offenlie�. �Und gute Reise.�</p><p>Viel Mu�e, �ber diese drei Worte nachzugr�beln, blieb Nikolai nicht. Was nun geschah, lief wie im Zeitraffer ab, mit rasender, unwiderstehlicher Geschwindigkeit. Zuerst war da der Arm, der ihn emporriss und den Serpentinenweg in die Schlucht hinunterschleifte. Er geh�rte zu einem hinkenden SS-Mann, der Nikolai wie ein St�ck Vieh traktierte. Und dann weitere Gewehrsalven, gellende Schreie, inst�ndiges Flehen. Kommandorufe, Fl�che und jede Menge Fu�tritte. Auch und gerade in seinem, Nikolai Borodins, Fall.</p><p>In Gedanken immer noch bei seiner Brille, taumelte der 15-J�hrige voran. Weder imstande, etwas zu erkennen, noch dazu, etwas zu f�hlen oder zu sagen. Au�erstande, die Welt, seine Peiniger oder seine Glaubensbr�der, die sich widerstandslos zur Schlachtbank treiben lie�en, zu verstehen.</p><p>Au�erstande, �berhaupt etwas zu verstehen.</p><p>Keine f�nf Minuten sp�ter, am Rande der frisch ausgehobenen Grube, aus der noch vereinzeltes Wimmern drang, hatte es Nikolai Borodin geschafft. Sein Weg schien beendet, und das in nicht einmal 15 Minuten. Was fehlte, war ein Kommandoruf, eine Gewehrsalve und die immerw�hrende Dunkelheit, die auf das Krachen der Karabiner folgen w�rde.</p><p>Die H�nde auf die Oberschenkel gepresst, kniete Nikolai am Boden, auf den Lippen ein Gebet, das Vater ihn gelehrt hatte. Wieso er auf die Idee kam, sich einfach in die Grube fallen zu lassen, wusste er hinterher nicht mehr, aber immerhin kam sie, und dann auch noch zur rechten Zeit.</p><p>N�mlich Sekundenbruchteile, bevor das Erschie�ungskommando auf die am Boden knienden M�nner, Frauen und Kinder feuerte.</p><p>Und auf einen Greis namens Nikolai Borodin.</p><p>Wenig sp�ter, als sich der Obersturmf�hrer �ber die Grube beugte, um sich von der Effektivit�t des Erschie�ungskommandos zu �berzeugen, war der</p><empty-line/><p>15-J�hrige unter einem Berg von Leichen begraben. Doch er blieb verschont. Zum einen, weil die Henker des Mordens f�r heute �berdr�ssig waren und es nicht f�r n�tig hielten, ihre Opfer mit mehr als nur einer hauchd�nnen Schicht Sand zu bedecken. Und zum anderen, weil er ein Bild zu fassen bekam, das aus der Brusttasche des Obersturmf�hrers gerutscht war.</p><p>Gl�ck im Ungl�ck sozusagen.</p><p>Doch das sollte Nikolai Borodin, wohnhaft in der Schyljanska-Stra�e, erst viel sp�ter bewusst werden. F�r den Augenblick, der ihm l�nger als ein Jahrhundert vorkam, hatte er genug damit zu tun, sich tot zu stellen, die Dunkelheit abzuwarten und in ihrem Schutz das Weite zu suchen.</p><empty-line/><p>�Da, wo der Dietweg die Heerstra�e schnitt, standen etliche hohe Birken beieinander. F�nf M�nner und zwei Frauen hingen daran. �ber jedem war eine aufrechtstehende Wolfsangel in die Rinde gehauen, und der �lteste Mann, ein Kerl mit einem schwarzen Bart, hatte ein Brett zwischen die H�nde gebunden; mit R�tel waren darauf folgende Worte geschrieben:</p><p>Wir sind Unser 3 Mal Elve</p><p>und nennen uns die W�lwe</p><p>und geben auf jedweden Acht</p><p>der Lange finger macht.�</p><p>Hermann L�ns: <emphasis>Der Wehrwolf.</emphasis></p><p><emphasis>Eine Bauernchronik.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p>ZITADELLE</p><p><emphasis>(London, M�rz 1945 / Berlin, April 1945 / </emphasis></p><p><emphasis>L�neburg, Mai 1945)</emphasis></p></title><empty-line/></section><section><p>2</p><p><emphasis>Aus den Akten der GESTAPO | Mittwoch, 10. Juni 1942 </emphasis></p><p>Eilt sehr!</p><p>AZ: Sy/1942/6/46185</p><p>Name des steckbrieflich Gesuchten: Thomas R. von Sydow</p><p>Derzeitiger Aufenthaltsort: unbekannt, vermutlich London</p><p>Alter: 29</p><p>Geburtsort und -datum: Berlin, 13.3.1913</p><p>Beruf: Kriminalhauptkommissar</p><p>K�rpergr��e: 1,88 Meter, athletische Figur</p><p>Haarfarbe: rotblond</p><p>Augen: hellblau</p><p>Bes. Kennzeichen: nachl�ssige Kleidung, bisweilen ungepflegt</p><p>Bemerkungen: Wegen Hoch- und Landesverrats, Mordes in mehreren F�llen und Unterst�tzung der ebenfalls fl�chtigen J�din Rebecca Kahn wird f�r die Ergreifung bzw. Liquidierung des Gesuchten eine Belohnung von 10.000 Reichsmark ausgesetzt.</p><p>Berlin, den 10.6.1942</p><p>Strattmann, SS-Obersturmf�hrer</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>3</p><p><emphasis>London-Stepney, Vallance Road | 27.03.1945, 07.15 h </emphasis></p><empty-line/><p>�Ich liebe dich, Tom.� Zwischen dem Kuss, mit dem Rebecca ihn weckte, und dem Einschlag der V2-Rakete lagen exakt f�nf Minuten.</p><p>300 Sekunden, an die er sich sein Lebtag lang erinnern w�rde.</p><p>Der Wecker, das warme Bett und eine geballte Portion M�digkeit. Alles so wie immer. Und auch wieder nicht. Dieser Dienstag n�mlich sollte kein Tag wie jeder andere werden.</p><p>Sondern etwas ganz Besonderes.</p><p>Der Grund, weshalb Rebecca es im Bett nicht mehr aushielt, sich anzog und Kaffee machte. F�nf Minuten Galgenfrist, wenigstens das. Danach w�rde es kein Pardon mehr geben. Raus aus den Federn, rein in den Anzug und r�ber in die K�che, wo es bereits nach Eiern, Speck und Kaffee roch. Und dann nichts wie ab aufs Standesamt. Wenigstens heute, am Tag seiner Hochzeit, w�rde Scotland Yard ohne ihn auskommen m�ssen.</p><p>Dass er nie wieder dort arbeiten w�rde, konnte der 32-j�hrige Berliner freilich nicht ahnen.</p><p>Der Tod kam lautlos, mit einer Geschwindigkeit von 5.000 km/h. Um London zu erreichen, brauchte die V2 gut f�nf Minuten, unsichtbar f�r das britische Radar. Sie trug eine Tonne Sprengstoff mit sich, genug, um das Mietshaus, in das sie einschlagen w�rde, in Schutt und Asche zu legen. Es war ein Gegner, gegen den die 134 Opfer, die der letzte Raketenangriff auf London fordern sollte, absolut machtlos waren. Niemand, auch nicht Tom Sydow, konnte etwas dagegen tun.</p><p>Das Letzte, woran er sich erinnerte, war das Lied, das Rebecca vor sich hinsummte. Es war ein Klezmer-Lied, in Hebr�isch, voller Wehmut und Melancholie. Im Verlauf der drei Jahre, die sie beide in London verbracht hatten, war es so etwas wie sein Lieblingslied geworden, obwohl er keine einzige Silbe verstand. Sydow setzte sich schlaftrunken auf, und als w�re dies ein Zeichen, flogen die letzten drei Jahre im Zeitraffer an ihm vorbei. Das Zerw�rfnis mit seiner Familie, die Arbeit bei der Berliner Kripo und der letzte Fall, bei dem es ihm beinahe an den Kragen gegangen war. Das Wiedersehen mit Rebecca und die Entdeckung des Protokolls von Heydrichs Wannsee-Konferenz, das sie aus Deutschland hinausgeschmuggelt hatten. Eine Geschichte, die genauso gut h�tte schiefgehen k�nnen. Und die letzten zweieinhalb Jahre, die zu den gl�cklichsten seines Lebens z�hlten. Jahre, die er um nichts in der Welt h�tte missen wollen. Was machte es da schon aus, dass er und Rebecca kaum etwas zu bei�en hatten. Hauptsache, sie waren zusammen. Und der Krieg, dessen Ende er buchst�blich herbeisehnte, w�re m�glichst schnell vorbei.</p><p>Zwanzig nach Sieben. Und lausig kalt. Mit einem Wort: England pur. Die Handfl�che auf der Bettkante, rappelte sich Sydow auf. Die Aussicht auf Kaffee und vor allem die Umarmung der Frau, ohne die er nicht mehr leben konnte, wirkten wie ein Aufputschmittel.</p><p>Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.</p><p>Alles, woran er sich sp�ter erinnern konnte, waren diese f�nf Minuten gewesen. Die Zeit zwischen Himmel und H�lle, zwischen Traum und Tag. Der bl�ulich-grelle Blitz, die ohrenbet�ubende Detonation, die herumfliegenden Tr�mmer, Holzsplitter und Gesteinsbrocken � kein Gedanke daran, nicht einmal die Andeutung davon. Von dem Moment an, als die V2 den Wohnblock an der Vallance Road in Sekundenbruchteilen zu Staub pulverisierte, war die Erinnerung wie ausgel�scht f�r ihn. Was blieb, war der Abgrund, in den er hinabgeschleudert wurde, schier endlos, dunkel und ohne Aussicht auf Wiederkehr.</p><p>Als er die Augen aufschlug, dachte Sydow, es sei alles vorbei. Von dem, was passiert war, hatte er keine Ahnung, und er kam auch nicht dazu, dar�ber nachzugr�beln. Der Steinbrocken auf seinem Brustkorb schn�rte ihm den Atem ab, die stickige, von Schwelbr�nden und dem Gestank von ausstr�mendem Gas durchtr�nkte Luft tat ein �briges. Das muss die H�lle sein!, durchfuhr es ihn, und als ihm d�mmerte, worin die Ursache f�r all das hier lag, wollte Thomas Randolph von Sydow schreien. Doch der Schrei, der Name, der ihm auf der Zunge lag, kam ihm nicht �ber die Lippen. Zu schwer wog der Stein, zu schwer die Erkenntnis, die ihn in diesem Moment beschlich. Sydow rang verzweifelt nach Luft. Nein!, durchzuckte es ihn j�h. Dies hier ist nicht die H�lle. Dies hier ist der Krieg, schlimmer als s�mtliche H�llenvisionen dieser Welt zusammen.</p><p>*</p><p>Bis sich der Bergungstrupp zu ihm vorgek�mpft hatte, waren volle drei Stunden vergangen. Am Anfang war da nur dieses Klopfger�usch gewesen, das Heulen von Sirenen, vereinzeltes, wie aus weiter Ferne an sein Ohr dringendes Rufen. Mit jeder Minute, die er inmitten der Tr�mmer ausharrte, kam es jedoch n�her. Nicht lange, und er war imstande, einzelne Stimmen zu unterscheiden, was die Erkenntnis, Opfer eines Raketenangriffes geworden zu sein, immer wahrscheinlicher machte.</p><p>Von der Bef�rchtung, die seine �berlebensinstinkte beinahe zunichte gemacht h�tte, nicht zu reden.</p><p>Doch dann, im Angesicht des Todes, dessen Hand er bereits an der Kehle sp�rte, war es vor�ber. Licht. Glei�end helles, die Dunkelheit durchbrechendes Licht. Und ein Arm, der sich vom Himmel auf ihn herabsenkte.</p><p>Doch die Freude �ber die Rettung, die ihm zuteilgeworden war, blieb aus. Und nicht nur das. Kaum hatten ihn die Feuerwehrleute geborgen, fiel sein Blick auf eine Hand, die unweit von ihm aus dem Schutthaufen ragte. Schlank, feingliedrig und cremefarben. Eine Hand mit einem Verlobungsring: Rebeccas Hand.</p><p>Jetzt erst, als ihn der Schmerz wie eine Stahlklinge durchbohrte, brachte es Tom Sydow fertig, zu schreien.</p><p>So laut, dass jedes Ger�usch ringsum erstarb.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>4</p><p><emphasis>Berlin-Mitte, Neue Reichskanzlei | 20.04.1945, 19.30 h </emphasis></p><p>Der Tag, an dem Heinrich Himmler seinen F�hrer zum letzten Mal sah, war der vierte Tag mit sch�nem Wetter in Folge. Und zugleich dessen Geburtstag. F�r den Reichsf�hrer-SS die Kr�nung eines rabenschwarzen Tages. Am Vormittag hatte es einen der schwersten Bombenangriffe des gesamten Krieges gegeben, und jetzt, wo es ans Eingemachte ging, kam die Nachricht, die Rote Armee habe die Vororte bereits erreicht. Deutlicher h�tte sich der herannahende Untergang nicht ank�ndigen k�nnen.</p><p>Doch Heinrich Himmler, 44 Jahre, nur 1,71 Meter gro� und kurzsichtig, hatte vorgesorgt. Er hatte einen Trumpf im �rmel. Einen, von dem er glaubte, dass er stechen w�rde. Dass er stechen <emphasis>musste</emphasis>. So mir nichts, dir nichts abtreten, kam f�r den Herrn �ber die KZs, der Millionen Menschen auf dem Gewissen hatte, nicht infrage. Dazu war sein �berlebenswille viel zu gro�. Und seine Skrupellosigkeit, von der er einmal mehr Gebrauch zu machen gedachte.</p><p>Er w�rde retten, was zu retten war, sich den Alliierten als Mittelsmann andienen. Am Vorabend, an dem er mit Champagner auf den F�hrer angesto�en hatte, war der erste Schritt dazu getan worden. Und weitere w�rden zweifelsohne folgen. Immerhin, so sein Kalk�l, waren Zehntausende von Juden immer noch in seiner Hand. Ein Pfund, mit dem sich wuchern lie�. Und das sich bestens dazu eignete, als gener�s und kompromissbereit dazustehen. Das hei�t, falls die Alliierten mitspielen w�rden. Aber daran hegte Heinrich Himmler keinen Zweifel.</p><p>�Zeit, sich auf die Socken zu machen, was, Reichsf�hrer?� Im Begriff, in seine gepanzerte Limousine Marke Mercedes Benz W 150 mit dem Nummerschild �SS-1� zu steigen, blieb Himmler unverrichteter Dinge stehen. Nicht etwa, weil er �berm��ig viel Zeit gehabt h�tte, sondern weil er den Spott, der in der Stimme hinter ihm mitschwang, nicht so einfach auf sich sitzen lassen wollte. �Wer wei�, vielleicht schnappt die Falle ja schon in ein paar Stunden zu.�</p><p>�Zu Ihrer Information, Bormann ��, fuhr Himmler den stiernackigen, ihm in puncto Skrupellosigkeit zumindest ebenb�rtigen Privatsekret�r Hitlers an, �dies hier ist keine Flucht, sondern der Versuch, die Sache des F�hrers bis zum letzten Atemzug ��</p><p>�Und wozu dann die Eile?�, warf Bormann h�hnisch ein, g�nzlich unbeeindruckt von dem H�llenl�rm, den der sowjetische Granathagel, die Kanonen der T-44-Panzer und die Stalinorgeln verursachten. �Sie wissen doch: Beim Endkampf um Berlin ist der F�hrer auf jeden Mann angewiesen.�</p><p>Himmler nahm seine Brille ab, rieb sie am �rmel seines Ledermantels und setzte sie wieder auf. Dieser Bormann mit seiner vulg�ren Visage war ihm schon immer suspekt gewesen. Am heutigen Tage mehr denn je. �Mag sein�, gab er gelassen zur�ck, w�hrend sein Adjutant zum wiederholten Male auf die Uhr schaute. �Aber jeder ist doch am besten dort aufgehoben, wo er f�r die Sache des F�hrers am n�tzlichsten ist.�</p><p>�Oder die eigene�, kommentierte Bormann s�ffisant, ohne Himmler auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Und f�gte hinzu: �Je nachdem.�</p><p>�Was soll das hei�en?�, giftete Himmler und warf dem mit Hakenkreuzbinde und Parteiuniform bekleideten Reichsleiter w�tende Blicke zu. �Schon mal davon geh�rt, dass mich der F�hrer den getreuen Heinrich genannt hat?�</p><p>�Umso wichtiger, Ihre Treue zum F�hrer einmal mehr unter Beweis zu stellen.�</p><p>�Und wie?�</p><p>�Indem Sie mir das da aush�ndigen�, lie� die Antwort von Hitlers Privatsekret�r nicht lange auf sich warten, w�hrend er den Blick wie zuf�llig auf Himmlers Aktentasche richtete. �Damit nur ja nichts in falsche H�nde ger�t.�</p><p>Himmlers Griff um die Tasche verst�rkte sich, und die Zornesader an seinem Hals schwoll an. Doch bevor er seinem �rger Luft machen konnte, kam ihm Hitlers braune Eminenz zuvor. �Befehl des F�hrers!�, schnarrte er, ohne sich an der erbosten Miene des Reichsf�hrers im Geringsten zu st�ren. �Keinerlei Akten von Brisanz mehr hinaus aus der Reichskanzlei. <emphasis>Ab sofort.</emphasis>�</p><p>W�re unweit der Reichskanzlei nicht gerade eine Katjuscha-Rakete detoniert, h�tte Himmler seinem Kontrahenten vermutlich einen Fausthieb verpasst. �Haben Sie den Verstand verloren, Mann!�, br�llte er �ber das Krachen, Heulen und die dumpfen Detonationen hinweg, die mit jeder Minute n�herkamen, in der er sich mit dem gr��ten Speichellecker weit und breit herumschlagen musste. �Und �berhaupt: Was glauben Sie eigentlich, wen Sie hier vor sich haben?�</p><p>Martin Bormann, ebenfalls 44, Reichsleiter und Sekret�r des F�hrers, gab sich keine M�he, mit seiner Antipathie hinterm Berg zu halten. �Einen, der den F�hrer in der Stunde der h�chsten Not seinem Schicksal �berl�sst. Um es dezent auszudr�cken.�</p><p>�Vorsicht, Bormann. Sie spielen mit dem Feuer.�</p><p>�Wenn das hier einer tut, dann Sie. Was glauben Sie, w�rde der F�hrer dazu sagen, wenn er erf�hrt, dass Sie sich gestern Abend mit einem Vertreter des J�dischen Weltkongresses getroffen haben? Um quasi in allerletzter Minute noch ein bisschen auf lieb Kind zu machen. Mal ehrlich, Himmler: Glauben Sie wirklich, mit so was k�nnten Sie Ihren Kopf noch aus der Schlinge ziehen?�</p><p>Heinrich Himmler, Reichsf�hrer-SS und Chef der Deutschen Polizei, Befehlshaber des Ersatzheeres und Innenminister des Deutschen Reiches, blieb die Luft weg. Derartiges war ihm schon lange nicht mehr untergekommen.</p><p>Und eine solche Unverfrorenheit auch nicht.</p><p>Wo hatte dieser Zuchtbulle blo� seine Informationen her?</p><p>�Ins Schwarze getroffen, stimmt�s?�, sp�ttelte Bormann, w�hrend Himmlers Adjutant den Motor demonstrativ aufheulen lie�. �Wusste ich�s doch, dass wir uns verstehen.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Dann, lieber Himmler, bleibt mir nichts anderes �brig, als den F�hrer von Ihren � gelinde gesagt � Eskapaden in Kenntnis zu setzen.�</p><p>�Daf�r werde ich Sie zur Verantwortung ziehen, Bormann.�</p><p>�Lieber nicht!�, erwiderte der Reichsleiter barsch und wippte auf den Abs�tzen hin und her. �Und jetzt die Aktentasche, und zwar schnell.�</p><p>Himmler riss den Mund auf, um Bormann nach allen Regeln der Kunst zusammenzustauchen. Doch daraus wurde nichts. Die Einschl�ge und Detonationen wurden immer heftiger und hallten wie ein vielf�ltiges Echo im Ehrenhof wider. Just in dem Moment, als Himmler seinem J�hzorn Luft machen wollte, schlug in unmittelbarer N�he eine Granate ein. Der Reichsadler �ber dem Eingang l�ste sich aus seiner Verankerung und zerbarst mit lautem Krachen auf den Stufen.</p><p>�Die Aktentasche, Reichsf�hrer�, wiederholte der Reichsleiter mit tonloser Stimme, w�hrend sich Himmler von den Tr�mmerteilen, dem gespenstisch erleuchteten Hof und dem mit Einschussl�chern �bers�ten Portal nicht losrei�en konnte. �Oder wollen Sie es tats�chlich darauf ankommen lassen?� Nein, das wollte der mit Abstand meistgef�rchtete Scherge des NS-Regimes nicht. Er wollte nur eines: �berleben. Raus hier. Solange noch eine Chance bestand.</p><p>Und so konnte sich Martin Bormann, Hitlers braune Eminenz, jeden weiteren Kommentar sparen. Gerade einmal eine Viertelminute sollte vergehen, bis Himmler ihm seine Beute �berlassen und sich auf den R�cksitz geworfen hatte, um anschlie�end mit quietschenden Reifen Richtung Wilhelmplatz zu verschwinden.</p><p>Martin Bormann hingegen nahm sich Zeit. Wieder zur�ck im Bunker, zog er sich in sein Arbeitszimmer zur�ck, warf die Aktentasche auf den Tisch und schloss hinter sich ab. Pech gehabt!, schoss es ihm durch den Kopf, als er den Inhalt der Mappe genauer unter die Lupe nahm. Depeschen, Notizen und jede Menge Krimskrams. Schon komisch, was dieser Brillen-Heini so alles mit sich rumschleppte. Von konspirativem Material keine Spur. Bormann fluchte. Mit einer derartigen Ausbeute brauchte er bei Hitler gar nicht erst aufzukreuzen.</p><p>Doch dann, als er den Inhalt von Himmlers Tasche sorgsam durchforstet hatte, fiel Bormanns Blick auf die Seitentasche, aus der die Ecke einer schwarzen Ledermappe herausragte. Bormanns Miene hellte sich auf, und sein J�hzorn verflog im Nu.</p><p>Im fahlen Licht der Lampe, die der Detonationen wegen immer heftiger hin und her schaukelte, muteten die SS-Runen auf dem Einband wie ein Menetekel an, und Bormann musste sich �berwinden, die Mappe aufzuklappen. Doch er w�re nicht der gewesen, f�r den man ihn hielt, h�tte er dieser Versuchung widerstehen k�nnen.</p><p>Er sollte es nicht bereuen.</p><p>Die Akte mit der Aufschrift �Gruppe W 45�, das erste einer Reihe streng geheimer Dokumente, war ein wahrer Schatz, und w�hrend Bormann sie in seinem Schreibtisch verschwinden lie�, brach ein Lachen aus seinem Mund hervor.</p><p>Es sollte ihm jedoch vergehen.</p><p>Schneller, als er es sich hatte vorstellen k�nnen.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>5</p><empty-line/><p><emphasis>F�hrerbunker unter der Reichskanzlei | 30.04.1945, 15.45 h </emphasis></p><p>Um den Leichnam seines F�hrers verschwinden zu lassen, ben�tigte Bormann drei Dinge: genug Benzin, eine Fackel und einen m�glichst tiefen Bombentrichter.</p><p>Und jede Menge Zielwasser.</p><p>Dass er nicht mehr ganz n�chtern war, bekamen die drei M�nner, die neben ihm in Deckung gegangen waren, jedoch nicht mit. Jeder von ihnen, auch Bormann, wollte nur die eigene Haut retten, nur allzu verst�ndlich angesichts des Granathagels, der sich �ber den Ministerg�rten entlud. Die Russen waren h�chstens noch 300 Meter entfernt. Der Grund, weshalb das Quartett langsam nerv�s wurde.</p><p>Da lag er nun, der F�hrer und Kanzler des Gro�deutschen Reiches, direkt neben Eva Braun, Gattin f�r eineinhalb Tage. Eingeh�llt in eine Decke und von den Leichen, die �berall herumlagen, kaum zu unterscheiden. Nicht viel mehr als drei Meter vom Eingang entfernt, in den sich seine vier Paladine gefl�chtet hatten.</p><p>Zwei Gener�le, Propagandaminister Joseph Goebbels und er, Martin Bormann, Reichsleiter und Sekret�r des F�hrers. Der Mann mit dem Allerweltsgesicht. Ein nicht zu untersch�tzender Vorteil, dachte er doch nicht im Traum daran, das Schicksal der �brigen Bunkergenossen zu teilen.</p><p>Warten, bis ihn die Russen an die Wand stellen w�rden? Nicht mit ihm.</p><p>Was bedeutete, dass er diese Sache hier schleunigst zu Ende bringen musste.</p><p>Keine drei Meter von der Leiche entfernt, z�ckte Bormann sein Feuerzeug und hielt es gegen das zerkn�llte Papier, aus dem er eine Art Fackel fabriziert hatte. Doch nichts geschah. Das Provisorium wollte und wollte kein Feuer fangen. Da half kein Fluchen, keine Zurechtweisung von Goebbels und schon gar nicht die Erkenntnis, wie gef�hrlich es hier oben war. Dieses Schei�ding wollte einfach nicht brennen. Hitlers braune Eminenz geriet ins Schwitzen. Der Gestank nach Phosphor und Benzin, von dem mehr als 200 Liter f�r den Leichnam seines Chefs draufgegangen waren, raubte ihm fast den Atem. Ganz zu schweigen von dem Verwesungsgeruch, der �ber dem in eine Mondlandschaft verwandelten Garten der Reichskanzlei hing. Wo man auch hinsah, nichts als Tr�mmer, verkohlte Baumst�mpfe und von Granaten zerfetzte Leichen. Eine Szenerie, gegen�ber der die W�ste Gobi wohl wie ein Ziergarten aussah. Nicht zu vergessen war der L�rm, den die sowjetischen Raketen, Artilleriegranaten und M�rser fabrizierten.</p><p>Schrecklich.</p><p>Und dann, nach einem weiteren Granateneinschlag, wagte Bormann einen letzten Versuch, den Leichnam Hitlers in Brand zu stecken. Und hatte Gl�ck. Die Fackel brannte. Endlich. Jetzt hie� es nur, ruhig Blut zu bewahren, richtig zu zielen und nach getaner Arbeit m�glichst rasch abzuhauen. Wohin, w�rde sich noch zeigen.</p><p>Kaum hatte Hitlers Privatsekret�r das brennende Konstrukt in hohem Bogen ins Freie geschleudert, schoss aus dem Bombentrichter, in dem der F�hrer des Gro�deutschen Reiches lag, eine grelle Feuers�ule empor. �In Deckung!�, schrie Bormann, doch die anderen drei h�rten nicht auf ihn. Wie gebannt von dem grausigen Spektakel, r�hrten sich Goebbels, die Gener�le Burgdorf und Krebs nicht von der Stelle. Bis der Propagandaminister und die beiden Milit�rs Haltung annahmen, den rechten Arm emporreckten und sich schleunigst in Sicherheit brachten.</p><p>Nicht so Bormann, Hitlers Schatten. Das Feuerzeug immer noch in der Hand, fingerte er eine Zigarettenschachtel aus seiner Brusttasche und begann in aller Seelenruhe zu rauchen. �Soviel zum Thema Verteidigungsabschnitt Zitadelle�, murmelte er in einem Anfall von Galgenhumor, den er sich angesichts eines neuerlichen Granathagels jedoch rasch verkniff. Dann warf er seine Kippe in den Trichter, drehte sich um und verschloss die T�r.</p><p>Kanonenfutter f�r die Russen? Nicht mit mir, schwor sich Bormann und stieg die 40 Stufen in den acht Meter unter der Erde gelegenen Bunker hinab.</p><p>Bevor er sich aus dem Staub machen w�rde, gab es noch etwas zu erledigen.</p><p>Etwas, das keinen Aufschub duldete.</p><p>*</p><p>Sie hatte es satt. Gr�ndlich satt. Die Durchhalteparolen, die stickige, von Dieselgestank getr�nkte Luft und das Gequatsche von den Wunderwaffen, die es nicht gab. Sollten ihr doch alle hier unten den Buckel runterrutschen. Und der F�hrer, der sich heute Nachmittag die Kugel gegeben hatte, mit dazu.</p><p>Die dralle, mit hautengem T�ll, Nylons und St�ckelschuhen bekleidete Blondine r�mpfte die Nase und stie� einen obsz�nen Fluch aus. Hier unten vor die Hunde zu gehen, w�hrend sich die Parteibonzen reihenweise d�nn machten, das sah die 24-j�hrige Stenotypistin nicht ein. Daf�r war ihr �berlebenswille, gepaart mit gesundem Erwerbssinn, einfach zu gro�. Wenn die anderen nichts Besseres zu tun hatten, als dem Iwan in die Arme zu laufen, war das deren Problem. Sie jedoch, Lilian Matuschek, hatte nicht die geringste Lust dazu. Abhauen lautete die Devise, und zwar m�glichst schnell.</p><p>Wenn schon, dann aber nicht ohne ein Faustpfand, aus dem man nach dem Krieg Kapital schlagen konnte.</p><p>Bormanns B�roschl�ssel in der Tasche, den sie in einem unbeobachteten Moment hatte mitgehen lassen, stolzierte seine Sekret�rin f�r gewisse Stunden den unterirdischen Korridor zwischen Vorratskeller und den Dienstr�umen des Reichsleiters entlang. Dies hier war sein Schattenreich, der Ort, an dem mehr Geheimakten lagerten als irgendwo sonst. Und es war Lilians Arbeitsplatz, weshalb das Bunkerpersonal, die hin- und hereilenden Ordonnanzen und Adjutanten kaum Notiz von ihr nahmen. Die hatten Wichtigeres zu tun, waren vollauf damit besch�ftigt, die eigene Haut zu retten. Was bedeutete, dass sie inmitten dieses Tohuwabohus �berhaupt nicht auffiel.</p><p>Lilian Matuschek konnte das nur recht sein. Sie hatte etwas vor, f�r das sie sich noch vor Kurzem zu Tode gesch�mt h�tte. Jetzt aber, da das Dritte Reich den Bach runterging, hatte sie keine Hemmungen mehr. Wollte sie den Schlamassel heil �berstehen, musste sie ihre Sch�flein ins Trockene bringen.</p><p>So einfach war das.</p><p>Vor dem B�ro des Reichsleiters, zu dem nur eine Handvoll Leute Zutritt hatte, blieb Lilian Matuschek stehen, fischte den Schl�ssel aus der Tasche und schloss die T�r auf. Die Abgebr�htheit, mit der sie zu Werke ging, war ihr selbst nicht geheuer, aber da ihr Entschluss feststand, schob sie s�mtliche Skrupel beiseite. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, schoss es der adretten Stenotypistin durch den Kopf. In einer derartigen Situation durfte man einfach keine Nerven zeigen.</p><p>Als sich die B�rot�r hinter ihr schloss, lehnte sich Lilian Matuschek dagegen und atmete tief durch. Dann h�ngte sie das Hitlerbild hinter dem Schreibtisch ab. Dahinter befand sich ein Wandsafe, von dem man munkelte, dass er Bormann als Versteck diente. Was sie allerdings nicht wusste, war die richtige Zahlenkombination. Mit ein Grund, weshalb sie ihr Vorhaben rasch aufgeben musste.</p><p>Die Blondine verzog das Gesicht. So einfach, wie sie sich das vorgestellt hatte, war die Chose also nicht. H�tte sie sich ja gleich denken k�nnen. Einer wie Bormann war mit allen Wassern gewaschen. Von ihm konnte man nur lernen.</p><p>Sich aus dem Staub machen oder weitersuchen, das war die Frage.</p><p>Lilian Matuscheks Atem ging rascher, und da ihr pl�tzlich hei� wurde, kn�pfte sie ihre Bluse auf. Also gut, weitersuchen. Schlie�lich musste jeder sehen, wo er blieb. Ein paar Tage noch, und der Krieg w�re zu Ende. F�hrer tot, Zirkus vorbei. Und was dann? Dann w�rde sie etwas brauchen, wovon man profitieren konnte. Von ihrem Aussehen, so sehr es ihr auch gen�tzt hatte, w�rde sie nicht leben k�nnen. Da musste sie sich schon etwas einfallen lassen.</p><p>Schei�ballerei. Lilian Matuschek fuhr mit den Fingerkuppen �ber ihr Gesicht. Kaum zum Aushalten, so etwas. Um hier unten nicht durchzudrehen, musste man Nerven wie Drahtseile haben.</p><p>Oder abhauen, solange es noch ging.</p><p>Im Begriff, ihren Entschluss in die Tat umzusetzen, atmete die Blondine tief durch, wischte sich den Schwei� von der Stirn und trat den R�ckzug an. Das hei�t, das hatte sie vor. Denn als ihr Blick auf die halb offene Schreibtischschublade fiel, blieb Lilian Matuschek wie elektrisiert stehen. Ihr Inhalt, eine Mappe mit der Aufschrift ODESSA<sup>1</sup>, lie� sie den Beschuss, die vibrierende Bunkerdecke und den von der Decke rieselnden Verputz glatt vergessen.</p><p>Lilian Matuschek hielt den Atem an. Schlie�lich griff sie zu. Volltreffer! Der Ledereinband, die SS-Runen und der vergoldete Schnappverschluss allein waren schon auff�llig genug. Hinzu kam der Stempel �streng geheim�, der sich auf dem Aktendeckel im Inneren der Mappe befand. Und der Aufdruck �Gruppe W 45�, ebenfalls in Runenschrift. Kein Zweifel, sie war auf die erwartete Goldader gesto�en. Die Frage war nur, wer oder was sich hinter all den Namen, Zahlenreihen und offensichtlichen Codew�rtern verbarg, auf die sie beim Durchbl�ttern der Akte stie�. Das herauszufinden w�rde bestimmt nicht einfach werden. Lilian Matuschek verschloss die Mappe und lauschte nach drau�en. Wie auch immer, das hatte bis sp�ter Zeit. Besser, jetzt zu verduften. Schlie�lich konnte man ja nie wissen, wer hier alles herumschn�ffelte.</p><p>In der Absicht, ihre Spuren zu verwischen, legte die Stenotypistin die Mappe auf den Tisch, nahm das Hitlerbild und h�ngte es zur�ck an die Wand. Das Ganze dauerte keine Viertelminute, nahm sie aber derart in Anspruch, dass ihr der Sinn f�r Gefahr abhanden kam.</p><p>Ein Fehler, der ihr um ein Haar zum Verh�ngnis geworden w�re.</p><p>�Na, so sp�t noch bei der Arbeit?�, lallte die ihr bestens bekannte Stimme im Hintergrund, woraufhin sie vor Schreck zusammenzuckte.</p><p>�Selbstverst�ndlich, Reichsleiter�, antwortete Lilian Matuschek, bem�ht, m�glichst zackig zu klingen. Bei Bormann kam so etwas besonders gut an. W�re er n�chtern gewesen, h�tte sie sich gleich ihr eigenes Grab schaufeln k�nnen. So aber hatte die Blondine eine gewisse, wenn auch geringe Chance.</p><p>Und die w�rde sie nutzen.</p><p>�Lust auf einen Kognak, S��e?�, stie� Bormann mit schwerer Zunge hervor. �Zur Feier des Tages, sozusagen?�</p><p>�Gerne, Reichsleiter�, s�uselte Lilian, geistesgegenw�rtig genug, um sich zwischen Bormann und den Schreibtisch zu schieben. �Warum nicht.�</p><p>Martin Bormann, Herr der Geheimdossiers, kn�pfte seinen Uniformkragen auf, unter dem ein schwei�bedeckter Fettring zum Vorschein kam, holte eine Kognakflasche aus dem Schrank und schenkte ein. Dann nahm er einen kr�ftigen Schluck, grinste und vermachte Lilian den Rest.</p><p>Die Handfl�chen auf der Schreibtischkante, wusste die 24-j�hrige Stenotypistin genau, was von ihr erwartet wurde. Wenn man nicht nach seiner Pfeife tanzte, konnte Bormann ziemlich ungem�tlich werden. Davon konnte nicht nur sie, sondern alle, die ihm in die Quere gekommen waren, ein Lied singen.</p><p>�Wie w�r�s, wenn wir es uns ein bisschen bequem machen?�, schlug Hitlers Privatsekret�r vor und lie� keinen Zweifel daran, wonach ihm der Sinn stand. �Um den Tag nach Gutsherrenart ausklingen zu lassen, meine ich.� Sprach�s, nahm Lilian das Glas aus der Hand und warf es �ber die Schulter, wo es laut klirrend an der Wand zerschellte. Dann �ffnete er den G�rtel und grinste breit.</p><p>Eingedenk der Erfahrungen, die sie mit Bormann gemacht hatte, z�gerte die Stenotypistin nicht lange, schob das Kleid in die H�he und entledigte sich ihrer Nylons. Anschlie�end lehnte sie sich zur�ck auf den Schreibtisch und zog mit laszivem L�cheln ihr H�schen aus, die Mappe mit dem Ledereinband unter sich begraben.</p><p>�Bedienen Sie sich, Reichsf�hrer�, hauchte sie mit gespreizten Beinen. �Wer wei�, vielleicht ist es das letzte Mal.�</p><p>Martin Bormann, Vater, Ehebrecher und Trauzeuge Hitlers in einer Person, wischte sich den Speichel aus dem Mundwinkel und bleckte die Z�hne. So etwas wollte er sich nat�rlich nicht zweimal sagen lassen. Gut m�glich, dachte er, dass die miese Nutte da recht behalten wird.</p><p>Ein Grund mehr, es sich noch mal richtig gut gehen zu lassen. �Na, dann wollen wir mal�, grunzte der Sekret�r des F�hrers und lie� seine Hose fallen. �Auf uns beide, S��e.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>6</p><p><emphasis>Britisches Hauptquartier in L�neburg | 23.05.1945, </emphasis></p><p><emphasis>23.14 h </emphasis></p><empty-line/><p>�Hitler: Selbstmord. Goebbels: Selbstmord. Bormann: Tod durch Giftkapsel, vermutlich Zyankali.� Michael Murphy, Offizier des Secret Service, warf einen Blick in seine Unterlagen, z�ndete sich eine John Player an und legte eine Kunstpause ein. Dann setzte er das Verh�r Himmlers fort. �Pech, dass er anscheinend nur bis zum Lehrter Bahnhof gekommen ist, finden Sie nicht auch, Reichsf�hrer?�</p><p>Himmler verzog keine Miene. �Na, wenn schon�, antwortete er mit einem Achselzucken, bem�ht, sich seine Zufriedenheit nicht anmerken zu lassen. �Ein subalterner Speichellecker, nichts weiter.�</p><p>�So subaltern, dass Sie mit ihm aneinandergeraten sind?�</p><p>Himmler nahm seine Brille ab, rieb sie am �rmel und setzte sie mit demonstrativer Gelassenheit wieder auf. �Und woher wollen Sie das wissen?�</p><p>�Von Ihrem Adjutanten, Reichsf�hrer.�</p><p>�Vorausgesetzt, Sie treiben kein doppeltes Spiel, Colonel � auf einen Verr�ter mehr oder weniger kommt es doch wohl nicht an.�</p><p>�So, meinen Sie.� Klug genug, sich seinen Groll nicht anmerken zu lassen, fl�zte sich Murphy in einen Sessel, schlug die Beine �bereinander und zog an seiner Zigarette. �Reichlich merkw�rdig, dass gerade Sie dieses Wort in den Mund nehmen.�</p><p>Himmlers Blick verengte sich. �Was wissen Sie denn schon von Treue!�, zischte er, auf dem besten Wege, die aufgesetzte Maske der Jovialit�t abzustreifen. Und beantwortete seine Frage gleich selbst: �Rein gar nichts.�</p><p>�Immerhin genug, um Ihnen keinen Meter �ber den Weg zu trauen�, konterte Murphy, streckte sich und stand wieder auf. Dann warf er einen Blick aus dem Erkerzimmer, das sich im Erdgeschoss des Backsteingeb�udes in der Uelzener Stra�e 31a befand. �Anderes Thema, Reichsf�hrer�, warf er abrupt ein. �Ich denke, Sie wissen, weshalb Sie hier sind, oder?�</p><p>Himmler wedelte mit der Hand, um den Zigarettenrauch zu zerstreuen. �Offen gestanden � nein�, gab er zur Antwort und zupfte seine H�ftlingskleidung zurecht.</p><p>�Vorschlag zur G�te, Reichsf�hrer: 14 Tage nach Kriegsende wird es langsam Zeit, dass Sie von Ihrem hohen Ross herunterkommen.�</p><p>Heinrich Himmler, Henker von Hitlers Gnaden, nahm den R�ffel mit teilnahmsloser Miene hin. �Und womit k�nnte ich Ihnen Ihrer Meinung nach zu Diensten sein, Colonel?�</p><p>�Indem Sie zur Abwechslung einmal detaillierte Angaben machen.�</p><p>�Wor�ber denn?� Mit Blick auf die anwesenden Offiziere, die das Verh�r mit skeptischer Miene verfolgten, dr�ckte Murphy seine Kippe aus und r�usperte sich. Captain C. J. Wells, ebenfalls anwesender Milit�rarzt, lie� Himmler keine Sekunde aus den Augen. ��ber die eine oder andere Kleinigkeit, Reichsf�hrer�, warf Murphy mit typisch britischem Understatement ein. �So zum Beispiel �ber die Frage, wohin etliche Mitglieder Ihrer F�hrungsriege abgetaucht sind.�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>Murphy nahm das gef�lschte Soldbuch zur Hand, das sich bei seinen Unterlagen befand, und hielt es Himmler unter die Nase. �Mit der gleichen Masche wie Sie, Herr Ex-Feldwebel Himmler, d�rften es etliche Ihrer ehemaligen Kameraden versucht haben. Aber keine Bange: Wir werden nicht lockerlassen, bis wir das Spinnennetz, dessen Mittelpunkt Sie sind, zertreten haben.�</p><p>�Spinnennetz?�</p><p>Mit der Geduld am Ende, warf Murphy das Soldbuch auf den Schreibtisch, packte den ehemaligen Reichsf�hrer-SS am Kragen und zog ihn in die H�he. �Du hast richtig geh�rt, Abschaum�, presste er zwischen den Z�hnen hervor. �Wo sind die Henkersknechte abgeblieben, mit denen du deine Verbrechen begangen hast?�</p><p>�Ist das etwa der Dank, dass ich mich so kooperativ wie m�glich ��</p><p>�Schon einmal was von Werw�lfen geh�rt, Reichsf�hrer?�, w�rgte Murphy den Gefangenen barsch ab, stie� ihn von sich und starrte ihn wie ein sprungbereites Raubtier an.</p><p>�Aber, aber, Colonel�, gab sich Himmler m��ig beeindruckt, �wo ist denn blo� Ihre gute Kinderstube geblieben.�</p><p>�Und wie steht es mit der von Ihnen ins Leben gerufenen Terrorgruppe?�, kam Major Whittaker, ein weiterer Offizier, einem neuerlichen Wutausbruch des Secret-Service-Agenten zuvor und schob ihn mit sanftem Druck beiseite. ��Gruppe W 45� � was f�llt Ihnen dazu ein?�</p><p>�L�genm�rchen, Hirngespinste, Fantasiegebilde.�</p><p>�Trifft das auch auf die Tatsache zu, dass Sie bem�ht waren, eine Nachfolgeorganisation der SS aufzubauen?�</p><p>Zum ersten Mal seit Beginn des Verh�rs geriet Heinrich Himmlers emotionslose Fassade ins Wanken. �Was ��, begehrte er auf, hatte sich jedoch Zehntelsekunden sp�ter wieder im Griff.</p><p>�Was Major Whittaker damit sagen will, wollen Sie wissen?�, machte Murphy wieder auf sich aufmerksam. �Ganz einfach: Nicht jeder Ihrer sogenannten Kameraden, in deren Begleitung Sie uns ins Netz gegangen sind, ist so loyal wie Sie.� Ein s�ffisantes L�cheln auf den Lippen, f�gte der Brite hinzu: �Wenn Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>�Verzeihung, Gentlemen�, schaltete sich Dr. Wells mit besorgter Miene ein. �Halten Sie es nicht f�r besser, die Untersuchung des Gefangenen abzuschlie�en, bevor das Verh�r fortgesetzt wird?� Die Blicke des Milit�rarztes und des Secret-Service-Agenten trafen sich. �Aus Sicherheitsgr�nden, meine ich.�</p><p>�Tun Sie, was Sie nicht lassen k�nnen, Doc�, gab Murphy genervt klein bei. �Wenn�s geht, bitte schnell.�</p><p>Der Milit�rarzt, ein Brite wie aus dem Bilderbuch, ging �ber die Bemerkung des Colonels einfach hinweg, trat zu Himmler und bedeutete ihm, den Mund zu �ffnen. Kein K�rperteil des Reichsf�hrers, den er w�hrend der vergangenen zwei Tage nicht untersucht h�tte. Kein Quadratzoll � au�er seinem Mund. Aus naheliegenden Gr�nden hatte er ihn sich bis zuletzt aufgespart. Wenn diese Bestie eine Zyankali-Kapsel versteckt hatte, dann hier.</p><p>Kaum war Dr. Wells der Gedanke gekommen, durchzuckte ihn ein heftiger Schmerz, und es kostete ihn gro�e M�he, den Finger aus Himmlers Mund herauszuziehen. Aber da war es bereits zu sp�t.</p><p>Mit einem R�cheln, das nichts Menschliches an sich hatte, b�umte sich Heinrich Himmler, Herr der Todeslager, mehrere Sekunden lang auf. Er wirkte wie erstarrt, und sein Blick irrte ziellos umher. Dann st�rzte er zu Boden, wandte, drehte und verkrampfte sich wie ein tollw�tiges Tier. Der Geruch von Blaus�ure durchstr�mte den Raum, vermischt mit dem Atem des Todes, der durch den halb ge�ffneten Kiefer drang. Vor Schreck wie gel�hmt, starrten die britischen Offiziere den verendenden Gefangenen mit einer Mischung aus Abscheu und Genugtuung an.</p><p>Endlich war es vor�ber. Heinrich Himmler, einer der gr��ten Verbrecher aller Zeiten, war tot.</p><p>Das Dritte Reich jedoch noch lange nicht.</p><empty-line/><p>�Die heute g�ngige Auffassung, die Werwolf-Gruppen h�tten sich allesamt schlicht und einfach aufgel�st, nachdem sie von den Alliierten �berrollt worden waren, trifft so nicht zu. Zwar gelang es nicht, im besetzten Deutschland eine Guerilla-Bewegung aufzubauen, dazu fehlte die entscheidende Voraussetzung, die Unterst�tzung aus der tats�chlich kriegsm�den Bev�lkerung. Doch neuere Forschungen zeigen, dass Werw�lfe und andere Fanatiker aus der Zivilbev�lkerung, die auf eigene Faust den Kampf gegen die Alliierten auch nach der Besetzung fortsetzten, tats�chlich Tausende von Anschl�gen ver�bten, denen Hunderte von alliierten Soldaten und deutsche �Kollaborateure� zum Opfer fallen sollten.�</p><p>Peter Longerich: <emphasis>Heinrich Himmler.</emphasis></p><p>M�nchen 2008, S. 735f.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p>VITTLES</p><p><emphasis>(Berlin, 30. August 1948, Tag 68 der Luftbr�cke)</emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/></section><section><p>7</p><p><emphasis>Glienicker Br�cke, sowjetischer Sektor | 31.08.1948, </emphasis></p><p><emphasis>00.15 h </emphasis></p><p>Schuld daran, dass der letzte Tag im August auch der letzte im Leben von Sascha Kirilenko war, waren seine Naivit�t, der Wodka und die Lust auf eine Frau.</p><p>In dieser Reihenfolge.</p><p>Der Tag, an dem der Countdown zum Dritten Weltkrieg begann, war eine Viertelstunde alt, als der 19-j�hrige Gefreite der Sowjetarmee die zwei Gestalten auf dem Behelfssteg neben der Glienicker Br�cke zum ersten Mal sah. Obwohl Trinken im Dienst verboten war, hatte er kr�ftig einen zur Brust genommen. Wie im �brigen auch die Kameraden seiner Wache. Die Nacht w�rde lang werden, und da sich die Yankees dr�ben nicht blicken lie�en, hatten sie sich Machorka und eine Flasche Fusel organisiert und die Sowjetarmee, ihre Heimat und den Genossen Stalin kr�ftig hochleben lassen. Alles, was zu ihrem Gl�ck noch gefehlt h�tte, w�re die eine oder andere Kurwa<sup>2</sup> gewesen. Aber wie hie� es doch so sch�n: Man soll sein Gl�ck nicht �berstrapazieren.</p><p>Oder etwa doch?</p><p>Der Major auf dem Behelfssteg, der im Scheinwerferlicht auf den sowjetischen Kontrollpunkt zutorkelte, schien jedenfalls m�chtig einen in der Krone zu haben. Dass er Russisch mit deutschem Akzent sprach, fiel Sascha jedoch nicht auf. Die Blondine in seinem Schlepptau daf�r umso mehr. Die war so scharf, dass er glatt einen Steifen bekam. Angesichts des Notstandes in seiner Einheit kein Wunder.</p><p>Der Suff und die Weiber werden dich noch mal umbringen, pflegte seine Matka<sup>3</sup> daheim in Irkutsk zu sagen. Und damit hatte sie zweifellos recht. Seine Blau�ugigkeit, der Suff und die Weiber.</p><p>Exakt in dieser Reihenfolge.</p><p>Sascha Kirilenko, Gefreiter der Sowjetarmee, lockerte seinen Uniformkragen und pfiff leise durch die Z�hne. Auf sein Aussehen lie� er nichts kommen, blond, blau�ugig und gut gebaut, wie er nun einmal war. Mit diesem Hurensohn von Major, h�chstens zehn Meter von ihm entfernt, konnte er es jedenfalls aufnehmen.</p><p>Dachte er wenigstens.</p><p>Und �bersah dabei, dass er keiner war. Weder ein Major der Roten Armee noch ein Offizier irgendeiner anderen Armee dieser Welt.</p><p>Um zu begreifen, wen er vor sich hatte, blieb Sascha Kirilenko keine Zeit. In n�chternem Zustand h�tte er vielleicht eine minimale Chance gehabt. Da h�tte er seine AK-47 geschnappt und draufgehalten. Oder es zumindest versucht. So aber zog er den K�rzeren.</p><p>Unweigerlich.</p><p>Keine drei Schritte von ihm entfernt, z�ckte der Mann, den er f�r einen Vorgesetzten hielt, pl�tzlich eine FN�Browning HP. Schei�nutten!, fuhr es Sascha Kirilenko aus Irkutsk durch den Kopf. Es sollte sein letzter Gedanke sein. Einen Atemzug sp�ter jagte ihm der Mann, auf dessen Backe sich eine h�ssliche Narbe befand, eine Kugel durch den Kopf. Und seinem Kumpel Pjotr, der das Ganze f�r einen makaberen Scherz hielt, mit dazu.</p><p>Dies alles geschah lautlos, ohne Gegenwehr. Die �brigen Posten, noch halbe Kinder, wurden von der Frau liquidiert�� auch sie ohne die geringste Chance. Die Aktion hatte nicht einmal eine Minute gedauert, und als sie vor�ber war, packten die beiden Angreifer ihre Opfer an den F��en, schleiften sie auf den Steg und warfen sie in die Havel.</p><p>Damit war der minuti�s geplante �berfall jedoch noch nicht beendet. Kaum trieben die vier Sowjetsoldaten im Wasser, schossen aus der Dunkelheit drei motorisierte Schlauchboote heran. Ihre Besatzungen, drei Mann pro Boot und mit geschw�rztem Gesicht, bargen die Leichen, gaben wieder Gas und jagten in Richtung Wannsee davon, ohne mit dem vermeintlichen Major oder der Frau auch nur ein Wort gewechselt zu haben.</p><p>Im Gegensatz zu den M�nnern im Schlauchboot schienen es die beiden auf der Br�cke nicht sonderlich eilig zu haben. Als sei nichts geschehen, warfen sie ihre Brownings in die Havel, hakten sich unter und torkelten auf die gegen�berliegende Seite zur�ck. Dort angekommen, zog der Zweimetermann mit dem Schmiss und der Boxernase seine Uniformjacke aus und warf sie in hohem Bogen ins Geb�sch. Dann brach er in schallendes Gel�chter aus.</p><p>Es war ein deutsches Lied, das er jetzt anstimmte � �Lili Marleen�. Aber das bekam Sascha Kirilenko, Gefreiter der Roten Armee, nicht mehr mit.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>8</p><p><emphasis>Jagdschloss Grunewald, britischer Sektor | 03.45 h </emphasis></p><p>�Melde gehorsamst � Befehl ausgef�hrt!�, bellte der Zweimetermann, der trotz der morgendlichen K�hle nur ein Unterhemd, Khakihosen und Wehrmachtsstiefel trug. Im Dritten Reich war er bei der Waffen-SS gewesen, und das merkte man ihm auch an. B�rstenschnitt, markantes Kinn, Schmiss und muskul�s � ein nordischer Recke wie aus dem Bilderbuch.</p><p>Einer von der ganz harten Sorte.</p><p>�Und die bolschewistischen Untermenschen?�, fragte der mittlere der drei Maskierten, denen der SS-H�ne Meldung gemacht hatte. �Was ist mit denen?�</p><p>�Liquidiert.�</p><p>��berlebende?�</p><p>�Keine.�</p><p>�Gut gemacht, Kamerad Maschke. Wegtreten.�</p><p>Der Zweimetermann, auf dessen Oberarm eine Wolfsangel<sup>4</sup> eint�towiert war, schlug die Hacken zusammen und riss den Arm zum Hitlergru� empor. Dann gesellte er sich zu dem knappen Dutzend schwarz gekleideter M�nner, die sich auf der Waldlichtung in der N�he des Jagdschlosses Grunewald um ein Hakenkreuz aus Pechfackeln geschart hatten.</p><p>�Und was jetzt?�, fragte der zweite Maskierte, korpulent und mittelgro�. �Du glaubst doch nicht etwa, dass die Russen das auf sich sitzen lassen.�</p><p>�Wem es nicht passt, der kann ja aussteigen!�, schnauzte ihn der Dritte im Bunde, der dem T�towierten h�chstens bis zur Schulter reichte, wie einen Offiziersburschen an. �H�tte ich mir ja denken k�nnen, dass du kalte F��e ��</p><p>�Klappe halten � aber sofort!�, fuhr der mittlere der drei Maskierten dazwischen. Und f�gte, an seinen Nachbarn zur Rechten gerichtet, hinzu: �Damit wir uns richtig verstehen, Nummer zwei � einen Weg zur�ck gibt es nicht. <emphasis>Jetzt</emphasis> nicht mehr. Die �Operation Wotan� wird in K�rze anlaufen. Und niemand, nicht einmal du, wird es wagen, mir im allerletzten Moment noch in die Quere zu kommen. Haben wir uns verstanden, Kamerad?�</p><p>Der Angesprochene holte tief Luft, doch ging seine Antwort im Getriebel�rm einer amerikanischen B-29 mit Kurs auf den Flughafen Tempelhof unter. �Schei� Amis!�, presste er stattdessen hervor, worauf sich die K�rperhaltung seines Gegen�bers merklich entspannte. �Na also, warum denn nicht gleich�, konstatierte dieser zufrieden, bem�ht, seiner Fistelstimme einen markigen Unterton zu verleihen. Mehr schlecht als recht, wie die hochgezogene Braue des Zweimetermannes bewies. �Falls irgendjemand unter euch noch Zweifel hegt, Kameraden: �Operation Wotan� wird den gew�nschten Effekt erzielen. Vorausgesetzt, ein jeder von uns tut seine Pflicht. Vom morgigen Tage an werden die Geschicke unseres Vaterlandes einen anderen Verlauf nehmen. Wir, die Gruppe Werwolf, dem Andenken des F�hrers in immerw�hrender Treue verbunden, werden weder rasten noch ruhen, in seinem Sinne zu wirken. Was bedeutet, dass der Plan, auf den wir uns festgelegt haben, unter allen Umst�nden in die Tat umgesetzt werden muss. Gelingt uns dies, wird die Herrschaft des Bolschewismus f�r immer beendet sein. Glaubt mir, Kameraden: Tritt der erw�nschte Effekt der �Operation Wotan� ein, werden die Amerikaner nicht umhin kommen, uns Deutsche wieder zu den Waffen zu rufen. Und dann, Kameraden, beginnt der Kreuzzug gegen den Bolschewismus, die j�dische Weltpest, deren Vernichtung wir uns mit Haut und Haaren verschrieben haben. Wie weiland der F�hrer, dem es versagt blieb, dass seine welthistorische Mission zu einem gl�cklichen Abschluss gelangte.� Keuchend vor Erregung, legte der Anf�hrer des Kommandotrupps eine Pause ein. Kurz darauf fuhr er mit sich �berschlagender Fistelstimme fort: �Liegt Sowjetrussland dank unserer Waffenhilfe erst am Boden, kn�pfen wir uns die Amerikaner vor. Dekadent, wie diese nun einmal sind, werden sie nicht imstande sein, uns ernsthaft Paroli zu bieten. Schon gar nicht die Briten, auf dem besten Wege, ihr Empire f�r immer zu verlieren. Und darum, Kameraden, seid guten Mutes, dass unser darbendes, am Boden liegendes und auf das Widerw�rtigste geschundenes Vaterland dereinst zu alter Macht und Gr��e emporsteigen wird. Mit eurer Hilfe, Kameraden der SS, wird dies nicht nur m�glich, sondern vom morgigen Tage an Realit�t werden. Noch irgendwelche Fragen?�</p><p>Auf der einsamen Waldlichtung, �ber die soeben die n�chste B-29 hinwegdonnerte, kehrte atemlose Stille ein. Herbstgeruch lag in der Luft, vermischt mit dem Rauch der Fackeln, von denen mehrere bereits erloschen waren.</p><p>�Sehr sch�n�, qu�kte die Fistelstimme, nachdem der Maskierte einen Blick in die Runde geworfen hatte. �Somit w�ren wir uns ja wohl ��</p><p>�Aber das ist doch Wahnsinn, Kamerad.�</p><p>Dabei sich abzuwenden, fuhr der Anf�hrer herum, presste die H�nde gegen die H�ften und schlenderte auf den ausgezehrten Mittdrei�iger in der Uniform eines SS-Panzergrenadiers zu. �Wie meinen?�, stie� er hervor und tat so, als habe er sich verh�rt. Sein Tonfall verriet jedoch das genaue Gegenteil. �Was hast du gerade eben gesagt, Grenadier?�</p><p>�Dass das, was Sie vorhaben, Wahnsinn ist, Kamerad.�</p><p>�So, ist es das.� Trotz der Maske, die der Anf�hrer trug, war ihm sein J�hzorn deutlich anzumerken. Wie seine Begleiter aus Erfahrung wussten, w�rde eine Eruption nicht mehr lange auf sich warten lassen. �Hast du vielleicht eine bessere Idee, Grenadier?�</p><p>Der Angesprochene wandte den Kopf ab und schwieg.</p><p>�Aber ich.� Von dem Kopfnicken, das der Maskierte in Richtung des Zweimetermannes machte, bekam kaum einer der Umstehenden etwas mit. Von dem, was im Folgenden geschah, umso mehr. Dennoch r�hrten sie sich keinen Zentimeter von der Stelle.</p><p>Ohne erkennbare Emotionen l�ste sich der H�ne mit der T�towierung aus dem Halbdunkel, trat hinter den</p><empty-line/><p>SS-Grenadier und presste ihm eine 9 mm Luger Parabellum ins Genick. Bevor dieser wusste, wie ihm geschah, hatte der Zweimetermann bereits abgedr�ckt. Die Augen weit aufgerissen, sackte sein Opfer zu Boden.</p><p>�Noch irgendwelche Fragen?�, wiederholte der Maskierte, als der SS-Grenadier sein Leben ausgehaucht hatte.</p><p>Keine Antwort.</p><p>�Dann k�nnen wir ja zur Tagesordnung �bergehen�, f�gte er nach einer Kunstpause hinzu, mit dem Zweck, seine Abgebr�htheit zu demonstrieren. �Frage: Uhrzeit?�</p><p>�Genau vier�, antwortete der T�towierte, ein boshaftes Grinsen auf den bl�ulich schimmernden, von tiefliegenden Lidern �berw�lbten Augen. �Noch exakt 20 Stunden bis OP-Beginn.�</p><p>�Sehr sch�n. Noch Fragen?�</p><p>�Nein, Brigadef�hrer!�, hallte es dem Maskierten aus dem Kreis seiner Getreuen entgegen. Auf den Get�teten, aus dessen Sch�del immer noch Blut sickerte, verschwendete niemand einen Blick.</p><p>�Dann also wie gehabt: Beginn von Kommandounternehmen Nummer eins um 10 Uhr, Nummer zwei um 14 Uhr und Nummer drei bei Einbruch der Dunkelheit. F�r den Fall, dass sich die Amerikaner mit den Sowjets danach noch nicht im Kriegszustand befinden, erfolgt der Hauptschlag. Voraussichtlicher Beginn: 24 Uhr. Heil Hitler, Kameraden.�</p><p>�Heil Hitler, Brigadef�hrer!�</p><p>�Wegtreten.�</p><p>W�hrend sich seine Gefolgsleute in Windeseile zerstreuten, wies der Maskierte den Zweimetermann an, den Leichnam zu beseitigen und wandte sich dem korpulenteren seiner beiden Begleiter zu. �Was ist eigentlich mit der dreckigen kleinen Salonnutte, die versucht hat, dich zu erpressen?�, fragte er, woraufhin sich dieser verlegen r�usperte. �Ich hoffe, du hast getan, worum ich dich ersucht habe?�</p><p>Bevor sich die Nummer zwei der �Gruppe W 45� eine Antwort zurechtgelegt hatte, war ihm der T�towierte bereits zuvorgekommen. �Melde gehorsamst: Habe in gut einer Stunde ein kleines T�te-�-t�te mit ihr arrangiert�, schnarrte er.</p><p>�Sehr sch�n!�, wiederholte der Anf�hrer. �Noch Fragen?�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>9</p><p><emphasis>Berlin-Karlshorst, Sowjetische Milit�radministration </emphasis></p><p><emphasis>| 06.05 h </emphasis></p><p>Ein Plauderst�ndchen beim Marschall. In aller Herrgottsfr�he. Das hatte sich Juri Andrejewitsch Kuragin, Major des MGB, schon immer gew�nscht.</p><p>�Raus mit der Sprache, Kuragin � was f�hrt Sie zu mir?�, gab sich Wassili Danilowitsch Sokolowski,</p><empty-line/><p>51-j�hriger Sowjetmarschall und Oberkommandierender in Deutschland, betont jovial und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.</p><p>Kuragin, knapp 20 Jahre j�nger, sportlich, mit dunklem Teint und Oberlippenbart, tat sich mit einer Antwort schwer. �Schwer zu sagen, Wassili Danilowitsch�, druckste er herum. �Aber ich dachte mir, Sie sollten �ber das, was hier so vor sich geht, auf alle F�lle Bescheid ��</p><p>�Setzen Sie sich, mein Junge.� Sokolowski sortierte ein paar Akten, verschr�nkte die H�nde und lie� sich in seinen gepolsterten Lehnsessel sinken. �Tee?�, f�gte er mit Blick auf den Samowar hinzu, einzige Zierde in dem ansonsten schmucklosen B�ro.</p><p>�Vielen Dank, Wassili Danilowitsch, aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, w�rde ich lieber erst mein Anliegen vorbringen�, antwortete der MGB-Offizier mit Blick auf das Stalin-Portr�t, unter dem sein Vorgesetzter thronte. �Um Ihre kostbare Zeit nicht �ber Geb�hr zu strapazieren.�</p><p>�Dann schie�en Sie mal los, Kuragin�, forderte ihn Sokolowski auf, dessen goldene, mit einem f�nfzackigen Stern verzierten Schulterklappen ihre Wirkung gew�hnlich nicht verfehlten. �Was f�hrt Sie zu mir?�</p><p>�Eine Angelegenheit von gro�er Wichtigkeit.�</p><p>�Und die w�re?�</p><p>�Uniformen, Wassili Danilowitsch. Circa ein Dutzend Uniformen aus den Best�nden der Sowjetarmee.�</p><p>�Uniformen?�, flachste Sokolowski und kratzte sich mit dem Zeigefinger an der Nasenwurzel. �Wusste gar nicht, dass sich das MGB f�r die neueste Mode interessiert.�</p><p>�Bei allem schuldigen Respekt, Wassili Danilowitsch: Mir ist leider nicht zum Scherzen zumute.�</p><p>�Sondern?�</p><p>Kuragin rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. �Genosse Oberkommandierender: Laut Informationen des daf�r zust�ndigen Unteroffiziers in W�nsdorf ist aus der dortigen Kleiderkammer rund ein Dutzend Uniformen entwendet worden. Wann genau, konnte er mir nicht sagen. Und auch nicht, von wem.�</p><p>Sokolowski seufzte gequ�lt. �Und deswegen wollten Sie mich sprechen, Kuragin? Wegen einem Dutzend geklauter Uniformen? Kommen Sie schon, Major. Sie wissen doch selbst, wie es unseren Jungs da drau�en geht. Um an Wodka, Machorka oder eine Stange Camel zu kommen, w�rden die doch das Allerheiligste ihrer Freundin verh�kern. Kein Wunder, dass der Schwarzhandel bl�ht. Unter uns, Kuragin � ich kann�s ihnen nicht verdenken.�</p><p>�Ich auch nicht. Bei den paar lausigen Kopeken Sold.�</p><p>Sokolowski gab ein ungehaltenes R�uspern von sich. �Wo liegt dann das Problem?�</p><p>�Das Problem, Wassili Danilowitsch�, f�gte Kuragin mit ernster Miene hinzu, �besteht darin, dass au�er der Kleiderkammer anscheinend auch noch das Waffendepot dezimiert worden ist.�</p><p>Sokolowski schnellte nach vorn. �Dezimiert?�, stie� er entgeistert hervor.</p><p>�Ganz recht�, erwiderte Kuragin, runzelte die Stirn und fuhr durch das dichte schwarze Haar, dem er den Spitznamen der Kaukasier zu verdanken hatte. �Unter anderem auch ��</p><p>�Ein Dutzend Kalaschnikows?� Die Ellbogen auf den Schreibtisch gest�tzt, war Sokolowski pl�tzlich ganz Ohr.</p><p>�Inklusive der etwa gleichen Anzahl an Tokarews, Modell SWT-40. Und jede Menge Pistolen vom Typ TT-33. Plus eine Kiste Sprengstoff. Bajonette und Handgranaten nicht zu vergessen.� Kuragin gab ein verlegenes R�uspern von sich. �Und dann noch eine nagelneue 2M-3.�</p><p>�Wie bitte � eine 2M-3?�</p><p>�Sie haben richtig geh�rt, Genosse Oberkommandierender.�</p><p>�Ganz sch�ner Flurschaden�, brummte Sokolowski vergr�tzt. �Und wie erkl�ren Sie sich das?�</p><p>Kuragin entfernte eine Staubfaser von seiner Uniform und zuckte die Achseln. �Schwer zu sagen, Wassili Danilowitsch�, antwortete er. �Wie Sie bereits sagten: Es gibt Subjekte in unserer Armee, die w�rden f�r eine Stange Camel alles tun. Wenn es sein muss, sogar ihre Freundin auf den ��</p><p>��rgerlich ist die Sache allemal�, fiel Sokolowski dem MGB-Major rasch ins Wort. �Um nicht zu sagen suspekt. Fragt sich nur, wie derlei Saboteuren beziehungsweise kriminellen und antisowjetischen Elementen das Handwerk gelegt werden kann.�</p><p>Im Begriff, eine Antwort zu geben, wurde Kuragins Absicht durch das L�uten des Telefons durchkreuzt.</p><p>�Sokolowski � was gibt�s?� Im B�ro an der Zwieseler Stra�e 4, Teil eines ehemaligen Offizierskasinos der Wehrmacht, kehrte schlagartig Ruhe ein. An der Miene, die der Sowjetmarschall machte, war zu erkennen, dass es sich um etwas Wichtiges handelte. Etwas, womit er nicht im Traum gerechnet hatte. Je mehr sich Sokolowskis Miene verfinsterte, umso tiefer wurden Kuragins Sorgenfalten, und der Geruch nach Bohnerwachs, Kautabak und Tee, der dem B�ro anhaftete, begann dem MGB-Offizier auf den Magen zu schlagen.</p><p>�Nachrichtensperre, absolute Geheimhaltung und erh�hte Alarmbereitschaft � was denn sonst?�, bellte Sokolowski schlie�lich ins Telefon. �Das gibt�s doch nicht, dass vier Angeh�rige der Sowjetarmee einfach so verschwinden. Desertiert? Wom�glich. Und wenn, werden wir es herauskriegen. Beziehungsweise das MGB. Wehe, die Amerikaner stecken dahinter, dann ist aber was los. Luftbr�cke � wenn ich das Wort nur h�re! Sp�testens, wenn der Winter kommt, k�nnen die doch einpacken. Bilden sich ein, sie k�nnten uns Paroli bieten. Da haben die sich aber get�uscht. Und zwar gewaltig.� Sokolowski sch�umte vor Wut. �Was? Na klar � Ausgehverbot f�r s�mtliche Einheiten in und um Berlin. Weitere Befehle? Keine Sorge, Hauptmann, das werde ich Sie rechtzeitig wissen lassen. Ja, ja, schon gut. In Ordnung. Daswidanja.�<sup>5</sup></p><p>�Schlechte Nachrichten?�</p><p>Sokolowski lie� einen Fluch vom Stapel, der mit zum Derbsten geh�rte, was Kuragin in den vergangenen Jahren zu Ohren gekommen war, sch�ttelte den Kopf und starrte sekundenlang ins Leere. �Das werden Sie nicht glauben, Kuragin�, brach der Sowjetmarschall schlie�lich das Schweigen, krebsrot im Gesicht. �Ich frage mich, wie so etwas �berhaupt m�glich ist.�</p><p>�Was denn, Genosse Oberkommandierender?�</p><p>Sokolowski verkniff sich einen neuerlichen Fluch, griff nach dem Telefonh�rer und erwiderte: �Sieht so aus, als bek�men Sie allerhand zu tun, mein Junge.� Und f�gte beim W�hlen hinzu: �So, und jetzt lassen Sie mich mal kurz allein, Herr Major. Wenn Stalin mich zur Schnecke macht, braucht das keiner mitzukriegen.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>10</p><p><emphasis>Berlin-Wilmersdorf, britischer Sektor | 09.00 h </emphasis></p><p>�Hier ist RIAS Berlin. Eine freie Stimme der freien Welt. Zu Beginn die Nachrichten. Berlin. Aus noch ungekl�rter Ursache sind in der vergangenen Nacht am Grenz�bergang Glienicker Br�cke zwei amerikanische GIs ��</p><p>�Meinetwegen.� Ohne richtig hinzuh�ren, schaltete Tom Sydow, 35-j�hriger Kriminalhauptkommissar, das Radio aus, faltete den Tagesspiegel zusammen und sah durch das Wohnzimmerfenster der in die Jahre gekommenen Villa auf die Koenigsallee hinaus. Er hatte schlecht geschlafen, und er kannte auch den Grund. Es war die Vergangenheit gewesen, die ihn wieder einmal eingeholt hatte. Allen Bem�hungen, aus ihrem Schatten zu treten, zum Trotz.</p><p>Und so tat der hoch aufgeschossene, breitschultrige und eine Spur zu blasse Berliner mit der rotblonden M�hne genau das, was er bereits Hunderte Male getan hatte. Er rieb die �bern�chtigten, von dunklen R�ndern �berschatteten Augen, trat an die bernsteinfarbene Louis-quinze-Kommode und nahm das Portr�t zur Hand, das ihn zusammen mit seiner Verlobten Rebecca zeigte. Und wie all die Male zuvor fragte er sich, wann genau das Bild aufgenommen worden war. Die Antwort stand von vornherein fest. Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass es irgendwann im Winter 1944/45 gewesen sein musste. Kurz bevor die V2 eingeschlagen und das Leben der Frau, ohne die sein Leben nur die H�lfte wert war, in Sekundenbruchteilen ausgel�scht hatte.</p><p>�Kopf hoch, mein Junge � wird schon werden.� In den Augen ihrer Mitmenschen war Luise von Zitzewitz, geborene von Sydow und Toms Tante, eine eher spr�de Frau. Am heutigen Tage war das jedoch anders. Da klang ihre rauchige Stimme ausgesprochen besorgt.</p><p>�Das sagt sich so leicht, Tante Lu�, erwiderte Sydow und stellte das Bild wieder auf die Kommode zur�ck. �Aber ��</p><p>�Kein Aber, mein Junge�, erstickte die resolute Hausherrin mit dem rollenden R die Einw�nde ihres Neffen bereits im Keim. �Es hat einfach keinen Zweck, dass du dich in deinem Kummer vergr�bst. Wie lange ist das eigentlich her?�</p><p>�Drei Jahre, f�nf Monate und vier Tage.�</p><p>�So furchtbar es klingt, Tom: Das Leben muss weitergehen.�</p><p>�Mag sein, dass du recht hast, Tante Lu�, erwiderte Sydow, kn�pfte sein Hemd zu und begab sich zur T�r. �Trotzdem kann ich nicht einfach so zur Tagesordnung �bergehen.�</p><p>�Sollst du auch nicht, mein Junge�, erwiderte die Hausherrin in ungewohnt z�rtlichem Ton. �Vor allem dann, wenn du keinen Bissen zu dir genommen hast. Mit leerem Magen zum Dienst � wo k�men wir da hin!�</p><p>Die Hand auf der Klinke, drehte sich Sydow l�chelnd um. Gegen den 74-j�hrigen Adele Sandrock<sup>6</sup>-Verschnitt kam er nicht an. Und wollte es auch nicht.</p><p>�Setz dich, mein Junge. So viel Zeit muss sein.�</p><p>�Und wenn ich keinen Hunger habe?�</p><p>�Ein Mann in den besten Jahren und kein Hunger � dass ich nicht lache�, duldete Luise von Zitzewitz keinen Widerspruch, hakte sich bei Sydow unter und dirigierte ihn zum Tisch. �Ausgehungert ins Pr�sidium � kommt nicht infrage.� Um Zweifel an ihrer Entschlossenheit erst gar nicht aufkommen zu lassen, lie� die ehemalige pommersche Rittergutsbesitzerin mit ihrem Gehstock den Parkettboden erzittern, gab ein indigniertes Schnauben von sich und verschwand.</p><p>Schachmatt. Sydow l�chelte wehm�tig in sich hinein und lie� den Blick durch Tante Lus gute Stube schweifen. Perser, Buffet aus Mahagoni, Standuhr und Rokoko-Kommode � wie sie es geschafft hatte, den Plunder in Sicherheit zu bringen, war ihm ein R�tsel. Rein �u�erlich jedenfalls schien die Zeit in Tante Lus guter Stube kaum Spuren hinterlassen zu haben, und wie Sydow �berrascht feststellte, f�hlte er sich eigentlich ganz wohl bei ihr. In London, wo ihm die Erinnerung noch mehr zugesetzt hatte als hier, hatte er es nicht mehr ausgehalten, und so war er heilfroh, bei Tante Lu eine Bleibe gefunden zu haben. Na ja, das mit dem Hindenburg-Portr�t �ber der Chaiselongue war zwar nicht gerade das Gelbe vom Ei. Ernst Reuter<sup>7</sup> w�re ihm da schon wesentlich lieber gewesen. Aber immerhin hatte er ein Dach �ber dem Kopf, in Berlin beileibe keine Selbstverst�ndlichkeit.</p><p>�So, da w�ren wir wieder�, meldete sich Sydows Tante mit einem Tablett voller K�stlichkeiten zur�ck. Sydow bekam den Mund nicht mehr zu. Pro Tag und Person konnte es der Durchschnittsberliner mithilfe der Lebensmittelmarken auf gerade einmal 1500 Kalorien bringen. Und jetzt tischte ihm Tante Lu Corned Beef, Leberk�se und R�hreier auf. Wenn das mit rechten Dingen zuging, wollte er Winston Churchill hei�en.</p><p>Oder so �hnlich.</p><p>�Von meinem Bridgepartner, Herrn von und zu Grumbkow�, f�gte Sydows Tante erkl�rend hinzu, als sie die entgeisterte Miene ihres Sch�tzlings bemerkte. �Trifft sich gut, einen Untermieter mit Verbindungen zur britischen Milit�rverwaltung zu haben, oder?�</p><p>Und ob sich das gut traf. Der mysteri�se Herr von und zu, �berlebender der Wilhelm Gustloff und der Fuchtel von Tante Lu, hatte f�r sie bereits mehrfach CARE-Pakete organisiert. Diese und andere Wohltaten hatten die Ex-Rittergutsbesitzerin �ber die beiden Fl�chtlingsfamilien, die im Obergeschoss einquartiert worden waren, rasch hinweggetr�stet. �Na klar, Tante Lu�, antwortete Sydow mit reichlicher Versp�tung, nachdem sich seine Verbl�ffung einigerma�en gelegt hatte. �Heutzutage darf man ja wohl nicht w�hlerisch sein.�</p><p>�Sch�n, dass wir diesbez�glich einer Meinung sind�, stellte Sydows Tante befriedigt fest. �Ob du es nun wahrhaben willst oder nicht, mein Junge: Du brauchst jemanden, der f�r dich sorgt, nicht zuletzt, weil deine Mutter in London lebt und mein Bruder und deine Schwester bei diesem schrecklichen Bombenangriff am 3. Februar �45 ��</p><p>Bevor Tante Lu alte Wunden aufrei�en, leider aber auch, bevor Sydow zugreifen konnte, schrillte das Telefon. Sydow lie� das Tablett stehen und nahm ab.</p><p>�Sydow hier.� Das Pr�sidium, wie konnte es anders sein. Und das ausgerechnet jetzt. �Eine Tote? Und wo? Am Lehrter Bahnhof, aha. Ja, gut, komme sofort.�</p><p>�Und was ist mit dem ��, begehrte Luise von Zitzewitz auf, doch kaum hatte ihr Neffe aufgelegt, befand er sich auch schon im Flur, schnappte sich sein Jackett und verlie� das Haus.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>11</p><p><emphasis>Lehrter Bahnhof, britischer Sektor | 09.45 h </emphasis></p><p>Man musste eine Menge Fantasie aufbieten, um in der ausgebrannten Ruine am Spreebogen den einstigen Berliner Vorzeigebahnhof zu erkennen. Anstelle der Glasfassade g�hnte ein leerer Schlund, und von der Halle, dem einstigen Prunkst�ck, war nur noch das Stahlgerippe �brig. Ein Eindruck, wie er trostloser nicht h�tte sein k�nnen.</p><p>Eins stand jedoch fest: Von Ruinen, Tr�mmerbergen und Bombenkratern durfte er sich nicht unterkriegen lassen. Und vom Kohldampfschieben auch nicht. Sonst h�tte er sich ja gleich eine Kugel verpassen k�nnen. Sydow steckte sich seine letzte Lucky Strike an und sog das Aroma gen�sslich ein. Obwohl der Krieg der Vergangenheit angeh�rte, war er immer noch allgegenw�rtig. Damit musste er leben. Wie die �brigen, gut drei Millionen Berliner auch. Kaum etwas zu bei�en, abgelegte Klamotten, stundenweise Strom und Gas � noch lange kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.</p><p>Ruinen hin oder her.</p><p>Begleitet vom L�rm einer MiG-9, die im Tiefflug �ber den zerst�rten Reichstag donnerte, zw�ngte sich der knapp 1,90 Meter gro�e Kriminalhauptkommissar durch den Pulk der Pendler, Schwarzh�ndler und Stadtstreicher, die sich vor dem Hauptportal herumdr�ckten, und betrat die weitl�ufige Bahnhofshalle. �Na, Sydow � auch schon da?�, rief ihm Bechtel, Fotograf bei der Spurensicherung, schon von Weitem zu. �Wohl von der schnellen Truppe, was?�</p><p>�Klar doch�, antwortete Sydow, vergrub die H�nde in den Taschen und rang sich ein L�cheln ab. Es gab Tage, da konnte einem der agile, stets gut aufgelegte Kugelblitz mit seinem Gewusel auf den Wecker gehen. Angesichts der Stimmung, in der er sich befand, kam ihm seine flapsige Art jedoch wie gerufen. �Und du, rasender Reporter � auf dem Weg ins Pr�sidium?�</p><p>�Haarscharf kombiniert�, erwiderte Bechtel mit todernster Miene. �Und wei�t du auch, warum? Reiner Selbsterhaltungstrieb. Oder Schiss vor einem gewissen Tom Sydow. Komischer Patron.� Bechtel, exakt so gro� wie sein ber�hmtes Vorbild, setzte sein Heinz-R�hmann-Grinsen auf. �Der h�tte die Fotos n�mlich am liebsten bereits vor dem Mord.�</p><p>�Sehr witzig, Kurt.� Sydow zog an seiner Lucky Strike. �Im Ernst: schon irgendwelche Erkenntnisse?�</p><p>Ein Schatten legte sich �ber Bechtels Gesicht. �Dein Job�, antwortete er ged�mpft. �Unter uns: Eine derart �bel zugerichtete Leiche habe ich seit Langem nicht mehr gesehen.�</p><p>�So schlimm?�</p><p>�Schlimmer, als es sich Mylord vorstellen k�nnen.� Bechtel pausierte und sah Sydow fragend an. �Haste vielleicht eine Fluppe f�r ��</p><p>�Meine letzte, Kurt. Bedauerlicherweise. Sonst noch was?�</p><p>Bechtel zuckte die Achseln. �Weiblich, blond, rotes Kleid, St�ckelschuhe, knapp 30 � am besten, du schaust sie dir mal an, Tom.�</p><p>�Kann�s kaum erwarten. Und die Fotos?�</p><p>�Siehst du!�, rief Bechtel mit gespielter Entr�stung aus. �Wenn dieser Sydow kein Sklaventreiber ist, will ich doch glatt Josef Stalin ��</p><p>�Bitte nicht der, Kurt.�</p><p>�Einverstanden, Mylord. Spa� beiseite: um zehn im Pr�sidium � okay?�</p><p>�Nichts wie ran, Held der Arbeit. Oder ab nach Sibirien.�</p><p>�Dann doch lieber in die Dunkelkammer�, gab Bechtel schlagfertig zur�ck, tippte mit dem Zeigefinger an die Hutkrempe und trollte sich. �Mach�s gut, Tom. Und Kopf hoch!�</p><p>�Du auch, Kurt. Bis nachher�, rief ihm Sydow hinterher, drehte sich um und wandte sich den Gleisen zu. Au�er einer Handvoll Reisender, die einem Vorortzug entstiegen, herrschte nicht �berm��ig viel Betrieb, weshalb es Sydow nicht schwerfiel, seinen Kollegen Krokowski von der Spurensicherung unter dem Schild mit der Aufschrift �Gleis II� zu entdecken.</p><p>�Guten Morgen, Herr Kriminalhauptkommissar von Sydow�, lautete die Begr��ung des gerade einmal 20-j�hrigen Strebertyps aus Heiligensee.</p><p>�Den Kriminalhauptkommissar k�nnen Sie sich sparen, Krokowski, und das von sowieso!�, entgegnete Sydow, dem das Oberprimanergetue des Kriminalassistenten in�spe gewaltig auf den Wecker ging. So was von �bereifrig, devot und effizient hatte die Welt noch nicht gesehen. Im Stillen fragte er sich, wie lange es noch dauern w�rde, bis diese Witzfigur in Knickerbockern Polizeipr�sident werden w�rde. Bis zu einer m��ig gelungenen Kopie von Sherlock Holmes hatte es Krokowski ja immerhin geschafft. �Kann es sein, dass ich Ihnen das schon hundertmal gesagt habe?�</p><p>Krokowski fummelte an seiner Fliege Marke Theo Lingen herum und n�selte: �Wie der Herr Kriminal� �h � wie Sie w�nschen, Herr Sydow�, stammelte er, machte einen B�ckling und f�gte rasch hinzu: �Wenn Sie mir dann wohl bitte folgen w�rden, Herr Krimi��</p><p>�Mit Vergn�gen, Herr Kriminalassistent <emphasis>zur Anstellung</emphasis>.�</p><p>Als Krokowski den Zinnsarg �ffnete, in dem der Leichnam lag, kam es Sydow fast hoch. Die Tote sah schlimmer aus als bef�rchtet. Schwer vorstellbar, dass dieser Torso einmal ein Mensch gewesen war. Und doch war dem so. Dank Theo Lingen dem Zweiten, der zwei Schupos angefordert hatte, um Gaffer auf Distanz zu halten, war er wenigstens ungest�rt.</p><p>Unter den gegebenen Umst�nden das einzig Wahre.</p><p>Tom Sydow schnappte nach Luft. Wenn jemand so viel hinter sich hatte wie er, gab es eigentlich nur zwei M�glichkeiten. Entweder man war ein Nervenb�ndel oder durch nichts mehr zu ersch�ttern. Obwohl er sich der letzteren Spezies zurechnete, wandte Sydow den Blick schnell wieder ab. So etwas war ihm bis jetzt noch nicht untergekommen. Keine Frage. Um diesen Anblick zu ertragen, musste man verdammt hartgesotten sein.</p><p>Oder jede Menge Glimmst�ngel parat haben.</p><p>Da er damit jedoch nicht aufwarten konnte, warf Sydow seine Kippe achtlos auf das Gleis, beugte das Knie und betrachtete den Leichnam aus der N�he. �Mannomann�, �chzte er, w�hrend sein Magen sp�rbar rebellierte. �Fundort?�</p><p>�Auf den Gleisen unterhalb der Invalidenstra�e. In etwa 100 Meter von hier.� F�r seine Verh�ltnisse h�rte sich Krokowski ausgesprochen geknickt an.</p><p>��berfahren?�</p><p>Krokowski nickte und schlug seinen Notizblock auf. �Von einer Rangierlok�, antwortete er, heilfroh, sich ablenken zu k�nnen. �Beim Lokf�hrer handelt es sich um einen gewissen Ernst Pawelka�, sprudelte es aus ihm hervor. �Zurzeit wohnhaft in Berlin-Kreuzberg, Bl�cherstra�e ��</p><p>�Wo steckt denn eigentlich der Leichenfledderer?�, w�rgte Sydow den Redeschwall von Theo dem Zweiten br�sk ab.</p><p>�Doktor Peters?�, gab Krokowski pikiert zur�ck, ohne jeden Sinn f�r schwarzen Humor. �Kann noch dauern. In der Pathologie herrscht anscheinend Hochbetrieb.�</p><p>�Na sch�n�, brummte Sydow, klappte den Sargdeckel zu und rappelte sich m�hsam auf. �Dann tun Sie mir den Gefallen, Krokowski, und schaffen die Tote ins Leichenschauhaus. Die beiden Schupos da vorne k�nnen ja mit anpacken.�</p><p>�Ganz wie Sie wollen�, n�rgelte Krokowski, winkte die Polizisten heran und gab ihnen ausf�hrliche Instruktionen. Nicht eben begeistert lie�en die Schupos den Redeschwall �ber sich ergehen, wuchteten den Sarg hoch und trugen ihn weg. Krokowski folgte ihnen auf dem Fu�.</p><p>�Und dieser Pawelka?�, rief ihm Sydow hinterher.</p><p>�Einen kurzen Moment, bitte. Ich gebe ihm Bescheid.�</p><p>Der Mann, von dem die Rede war, sa� mit h�ngendem Kopf auf einem Gep�ckwagen und starrte L�cher in die Luft. Er war noch gr��er als Sydow, mindestens 50 Kilo schwerer und trug einen schwarzen Drillichanzug mit der Aufschrift �DR�. Auf Krokowskis Bitte, sich zu Sydow zu begeben, zeigte er zun�chst keinerlei Reaktion, blickte dann jedoch auf und setzte sich in Bewegung. Bis er die 20 Meter Distanz hinter sich gebracht hatte, verging eine halbe Ewigkeit, und selbst dann, als er Sydow gegen�bertrat, schien er mit den Gedanken woanders zu sein.</p><p>�Ernst Pawelka, nehme ich an?�, fragte Sydow den ru�geschw�rzten Koloss, allem Anschein nach total von der Rolle.</p><p>Der Angesprochene nickte.</p><p>�Tom Sydow, Kripo Berlin. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, h�tte ich noch ein paar Fragen.�</p><p>Mit einer Geste, die sowohl Verlegenheit als auch Z�gern ausdr�ckte, fuhr Pawelka mit dem Daumen �ber das unrasierte Kinn. Auf eine Antwort wartete der Kommissar indes vergebens.</p><p>�Sehr sch�n.� Sydow, nicht einer der Geduldigsten, lie� sich davon jedoch nicht anstecken, setzte sein Strahlemannl�cheln auf und sagte: �Meinem Kollegen von der Spurensicherung zufolge handelt es sich bei Ihnen um denjenigen, der � der den Leichnam gefunden hat.� Sydow lie� ein paar Sekunden verstreichen, bevor er hinzuf�gte: �Richtig?�</p><p>�Gefunden ist vielleicht nicht das richtige Wort�, rang sich Pawelka endlich zu einer Antwort durch. �<emphasis>�berrollt</emphasis> vielleicht schon eher.�</p><p>�Hm.� Um Pawelka, der offenbar einen Heidenrespekt vor ihm hatte, nicht unn�tig unter Druck zu setzen, legte Sydow eine erneute Kunstpause ein. Woraufhin er erg�nzte: �Schei�gef�hl, stimmt�s?�</p><p>Der Koloss dankte es ihm mit einem gequ�lten L�cheln. �Kann man wohl sagen�, fl�sterte er, die Augen auf die Stelle gerichtet, wo die junge Frau unter die Lok geraten war. �Und dann noch aus heiterem Himmel.�</p><p>Froh, einen Aufh�nger gefunden zu haben, tat es Sydow seinem Gespr�chspartner gleich. Im L�rm einer Lautsprecherdurchsage, die sich auf den Vorortzug gegen�ber bezog, ging seine Frage unter, weshalb er gezwungen war, sie kurze Zeit sp�ter zu wiederholen. �Aus heiterem Himmel?�, entgegnete er, was nicht wie eine Frage, sondern wie die Wiederholung von Pawelkas �u�erung klang.</p><p>�So ziemlich.�</p><p>�So ziemlich?�, echote Sydow, dem diese Verh�rmethode nicht �berm��ig behagte. An des Pudels Kern w�rde er fr�her oder sp�ter r�hren m�ssen, ungeachtet seines Mitgef�hls. �Wie darf ich das verstehen?�</p><p>Das personifizierte Elend namens Pawelka dachte angestrengt nach, kaum imstande, den Blick von der knapp 100 Meter entfernten Stelle abzuwenden. �Weil sie nicht runtergesprungen ist!�, brach es pl�tzlich aus ihm hervor.</p><p>Sydow, der ahnte, worauf das Gespr�ch hinauslaufen w�rde, gab sich dennoch betont gelassen. Schon wieder eine Frage, die keine ist, dachte er verstimmt. �Das bedeutet, sie wurde hinuntergesto�en.�</p><p>Der Koloss nickte. �Von einem Kerl mit Schmiss und B�rstenschnitt. Langer Lulatsch, so um die 30.�</p><p>�Bei lebendigem Leibe?�</p><p>�Lebendiger ging�s gar nicht�, taute Pawelka langsam auf. �Ich war vielleicht noch 50 Meter entfernt, da ging da droben auf der Invalidenstra�e das Gerangel los.�</p><p>�Das hei�t, T�ter und Opfer haben sich in die Haare gekriegt?�</p><p>�Harmlos gesagt, Herr Kommissar. Aufeinander losgegangen sind die, da war alles zu sp�t. Wie Max Schmeling und Joe Louis.�</p><p>�Irgendetwas, das Ihnen besonders �?�, hakte Sydow nach, w�hrend der Rest seiner Frage vom Pfiff der Lokomotive auf dem Bahnsteig gegen�ber �bert�nt wurde. Die Abfahrt des Zuges in Richtung Moabit stand offenbar kurz bevor.</p><p>Doch Pawelka verstand ihn auch so. �Schon m�glich�, fuhr er nach kurzer Bedenkzeit fort. �Kurz bevor die Keilerei so richtig losging, hat die Frau diesem Kerl irgendwas in die Hand gedr�ckt.�</p><p>�Und was?�</p><p>Pawelka wog bed�chtig das Haupt, nahm seine Schirmm�tze ab und starrte das Futter an, als k�nne er darauf die Antwort ablesen. �Sah mir nach einem Brief aus. Oder einem Formular. Oder einem Sto� Bl�tter.� Der Koloss kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr. �B�rokram jedenfalls.�</p><p>�Sonst noch was von Bedeutung?�</p><p>�Na ja, wie man�s nimmt.� Zum ersten Mal w�hrend der Vernehmung sah Pawelka den Kommissar richtig an, begleitet von einem weiteren Pfiff der Lokomotive.</p><p>Sydow zog die Brauen hoch, sagte jedoch nichts.</p><p>�Es dreht sich um die Frau, Herr Kommissar�, tastete sich Pawelka langsam vorw�rts, w�hrend seine Pranken die Schirmm�tze krampfartig umschlossen. �An der ist mir n�mlich vor allem eins aufgefallen.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Dass es eine Nutte war.�</p><p>�Eine was?�</p><p>�Eine von den Barmherzigen Schwestern, Herr Kommissar�, trumpfte Pawelka merklich auf. �An denen herrscht ja wohl derzeit kein Mangel.�</p><p>In Gedanken bei der Kleidung der Toten, war Sydow pl�tzlich nachdenklich geworden. �Und woher wollen Sie das wissen?�</p><p>�Zum einen, weil man hier mit der Zeit einen Blick f�r so was bekommt. Und au�erdem kenne ich sie.� Pawelka sah Sydow fragend an. �H�tten Sie vielleicht mal einen Glimmst�ngel ��</p><p>�Erst die Arbeit, dann das Vergn�gen. Also: Woher ist Ihnen die Dame bekannt?�</p><p>�Aus der Bahnhofskneipe.�</p><p>�Schon mal mit ihr zu tun gehabt?�</p><p>�Ich? Wo denken Sie hin, Herr Kommissar!�, entr�stete sich der Koloss. �Da br�uchte ich mich nicht mehr nach Hause zu trauen.�</p><p>Sydow, der sich ernsthaft fragte, welchen Hausdrachen Pawelka sich angelacht hatte, trat bis auf Arml�nge an ihn heran. �Und ihr Name?�</p><p>�Lili Marleen.�</p><p>�H�ren Sie zu, Pawelka, wenn Sie mich auf den Arm ��</p><p>�Ihr Spitzname, Herr Kommissar�, warf der Koloss beschwichtigend ein, �bert�nt vom Ger�usch des anfahren-den Zuges auf Gleis eins. �F�r unsereins mit Sicherheit eine Nummer zu gro�. Ami-Nutte. Ohne eine Stange Camel lief da gar nichts. Was Besseres sozusagen.�</p><p>�Und wo hat sie ge�� Weiter kam Sydow nicht, und h�tte er nicht jenes Qu�ntchen Instinkt besessen, dem er bereits eine Menge zu verdanken gehabt hatte, w�re das Leben von Ernst Pawelka aus Kreuzberg keinen Pfifferling mehr wert gewesen. Dass der blonde H�ne am Abteilfenster mit seiner Luger Parabellum umgehen konnte, merkte man ihm an. Die Andeutung eines L�chelns im Gesicht, zielte er auf Pawelkas Hinterkopf, seiner Sache offenbar sicher. Doch er hatte nicht mit einem gewissen Tom Sydow gerechnet. Der n�mlich schrie laut: �Runter!�, st�rzte sich auf den Koloss und riss den Zweieinhalb-Zentner-Mann zu Boden. Der Schuss ging ins Leere, der zweite auch, und ehe der Kahlkopf sein Ziel wieder fixieren konnte, hatte der Zug den Bahnsteig bereits passiert.</p><p>Sichtlich unter Schock, rappelte sich Pawelka auf. �Und � und wer war das, Herr Kommissar?�, stammelte er.</p><p>Die Waffe im Anschlag, lie� Sydow sie wieder im Halfter verschwinden, trat an die Bahnsteigkante und sah dem Zug hinterher. �Jemand, dem Sie so schnell nicht wieder �ber den Weg laufen sollten�, sprach er in ged�mpftem Ton. �Und der offenbar eine Menge zu verlieren hat.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>12</p><p><emphasis>Berlin-Wannsee, britischer Sektor | 10.05 h </emphasis></p><p>�Die paar Turbulenzen?�, tat Flight Lieutenant Mickey Fitzgerald von der Royal Air Force die Frage der unbekannten Passagierin mit einer l�ssigen Handbewegung ab. �Das ist wirklich noch gar nichts, Miss. Da h�tten Sie erst mal beim D-Day dabei sein sollen. Mein Gott, da haben wir uns beinahe die Ged�rme aus dem Leib gekotzt, was, Joe? Der Herr Kopilot hier neben mir hat mit seinem Sandwich die Scheibe garniert, und als Beilage gab�s Roastbeef � la Navigator. Meine Fresse, was haben wir uns einen abgereihert. Da war wirklich alles zu sp�t.�</p><p>�Wie appetitlich�, erwiderte die knapp 28-j�hrige Frau im hautengen Kost�m, mit dem sie Rita Hayworth ernsthaft h�tte Konkurrenz machen k�nnen. �Und wie lange wird das Geschaukel Ihrer Meinung nach noch dauern?�</p><p>Die Antwort von Mickey Fitzgerald, Pilot eines viermotorigen Flugbootes vom Typ Sunderland, lie� nicht lange auf sich warten. �Approaching Berlin � Roger�, gab er nach Hamburg-Finkenwerder durch, von wo aus die Propellermaschine vor gut einer Stunde gestartet war. Und f�gte mit Blick auf die Passagierin in der Uniform eines Flying Officers hinzu: �Bis wir auf dem Wannsee gelandet sind, kann es m�glicherweise noch ein bisschen ungem�tlich werden. Aber wer wie Sie bei der Truppe ist, den kann ja wohl nichts mehr ersch�ttern. Eine Luftbr�cke, um den Berlinern aus der Schei�e zu helfen � h�tten wir uns vor dreieinhalb Jahren nicht tr�umen lassen, was, Joe?�</p><p>�Nee, ganz sicher nicht�, stimmte der Kopilot postwendend zu und kaute gen�sslich auf seinem K�sesandwich herum. Was ihn nicht daran hinderte, mit vollem Mund noch eins draufzusetzen: �Da hatten wir genug zu tun, unseren Arsch ��</p><p>�� in Sicherheit zu bringen, keine Frage�, f�gte die Passagierin mit den Ma�en eines Pin-up-Girls, die jedem Hollywood-Streifen Ehre gemacht h�tte, unterk�hlt hinzu. �In Ihrer Haut h�tte ich wei� Gott nicht stecken wollen.�</p><p>�Da k�nnen Sie einen drauf ��, war der Kopilot drauf und dran, eine weitere Kostprobe seiner guten Kinderstube zu geben. Dank des Navigators, der ein betretenes H�steln von sich gab, kam es jedoch nicht dazu. �Darauf k�nnen Sie wetten, Miss, meinte ich.�</p><p>�Beginnen mit Landeanflug � Roger�, meldete Mickey Fitzgerald mit unverkennbar irischem Zungenschlag, w�hrend er die Sunderland auf 10.000 Fu� durchsacken lie�. Der metallene Rumpf begann sp�rbar zu vibrieren, die beiden St�tzschwimmer nicht minder. Dem Piloten, ganz in seinem Element, machte dies jedoch nichts aus. �Abgesehen von den paar Turbulenzen, Miss�, schwadronierte er munter drauflos, �ist das eigentlich Gef�hrliche an so einer Mission der Russe. Dem ist bekanntlich nie zu trauen. Mal ehrlich: W�rden Sie einfach mit anschauen, wie die Yankees und wir tonnenweise CARE-Pakete, Medikamente und Briketts einfliegen? Nur, um daf�r zu sorgen, dass sich der Stachel im Arsch von Stalin nicht entfernen l�sst? Doch wohl kaum. Der m�sste ganz sch�n bescheuert sein, wenn er sich auf Dauer so was antun w�rde. Es sei denn, er w�re Masochist.� Fitzgerald stibitze einen Happen K�sesandwich und stopfte ihn sich in den Mund. �Also, wenn Sie meine Meinung h�ren wollen, Miss � �, mampfte er, �anstelle von Stalin w�rde ich nicht l�nger <emphasis>tatenlos</emphasis> zusehen, wie ��</p><p>�Will sie aber nicht, Mickey�, wurde der Redeschwall des rothaarigen Iren durch den Navigator j�h zum Stillstand gebracht. �Falls es dich interessiert: Flugh�he 5.000�Fu�. Leicht bew�lkt.�</p><p>Als wolle er sich r�chen, lie� der Pilot die Sunderland weiter durchsacken. Die Passagierin, Agentin des Secret Service, quittierte es mit einem Stirnrunzeln.</p><p>�Ganz sch�ner Flurschaden, was, Miss?�, brummte der Kopilot, wickelte sein Sandwich ein und verstaute es unter dem Armaturenbrett.</p><p>Der Traum s�mtlicher Cockpitinsassen nickte. �Kann man wohl sagen�, pflichtete sie ihm bei, w�hrend die Sunderland Kurs auf Wannsee nahm. �Fragt sich, ob man in so einem Tr�mmerhaufen �berhaupt leben kann.�</p><p>�Und vor allem, wie lange noch�, f�gte Fitzgerald hinzu, dessen Mundwerk offenbar nicht totzukriegen war. �Der n�chste Winter kommt ja wohl bestimmt. Und dann nur stundenweise Strom. Na ja, was uns angeht, werden wir unser Bestes ��</p><p>Der Rest der Bemerkung ging im Ger�usch der Rotorbl�tter, emporspritzender Gischt und dem Aufheulen der Motoren unter. Kaum auf dem Wasser, drosselte die Sunderland ihre Geschwindigkeit, glitt am Strandbad Wannsee vor�ber und steuerte das Seeufer bei Kladow an.</p><p>Jetzt kam der anstrengende Teil, denn wie Flight Lieutenant Mickey Fitzgerald wusste, w�rde das Umladen der Fracht auf die bereitliegenden Boote geraume Zeit in Anspruch nehmen. Echte Knochenarbeit, bei der Miss Zuckerp�ppchen, von der er nicht einmal den Vornamen kannte, mit Sicherheit im Wege war. Doch die Gebete des Piloten wurden erh�rt. Kurz nach der Landung legte ein Motorboot ab, beschrieb einen Halbkreis und steuerte auf den Ausstieg des Sunderland-Flugbootes zu.</p><p>�Also dann auf Wiedersehen, Miss ��, unternahm Mickey Fitzgerald einen letzten Anlauf, die Identit�t seiner Passagierin zu l�ften. Vergeblich. Das mysteri�se Pin-up-</p><empty-line/><p>Girl verabschiedete sich von seinen M�nnern, beugte sich �ber den Pilotensitz und hauchte: �Danke f�r die M�he, Flight Lieutenant. Es war mir ein Vergn�gen.�</p><p>In der Gewissheit, dass dies nicht ohne Ironie geschah, konnte Fitzgerald seine Neugierde dennoch nicht unterdr�cken. �Zum Abschied k�nnten Sie mir wenigstens verraten, wie Sie hei�en, Miss�, rief er der MI6-Agentin hinterher, als sich diese zum Ausstieg bereit machte.</p><p>�Tut mir leid, Flight Lieutenant, das geht nicht�, lautete die Antwort. �Sonst m�sste ich Sie und die �brigen Herren hier t�ten.�</p><p>*</p><p>�Reine Vorsichtsma�nahme�, wiegelte Generalmajor Edwin O. Herbert, Kommandant des britischen Sektors von Berlin, mit Blick auf die RAF-Uniform seiner Gespr�chspartnerin w�hrend des gemeinsamen Morgenspaziergangs ab. F�r den im Fr�hlicht schimmernden Wannsee hatten allerdings weder er noch seine Begleiterin einen Blick �brig. Das galt auch f�r den Fischreiher, der unweit der Uferpromenade seine Kreise zog. Daf�r war das Thema, um das es ging, viel zu ernst. �Eine Zivilistin an Bord einer Sunderland � auff�lliger w�re es wirklich nicht gegangen.�</p><p>�Wie dem auch sei�, antwortete Gladys McCoy und klappte den Schminkspiegel zu, mit dem sie einen unauff�lligen Blick auf den Adjutanten des Stadtkommandanten geworfen hatte, der ihnen in geb�hrendem Abstand folgte. �Wenn ich Sie richtig verstehe, scheint der Fall �beraus brisant zu sein.�</p><p>�Und ob�, antwortete der Stadtkommandant, schleuderte einen Kieselstein ins Wasser und scheuchte prompt einen Schwarm Blessh�hner auf. �Reichlich Grund zur Sorge, w�rde ich meinen.�</p><p>�Wie haben Sie �berhaupt von dieser �Operation Wotan� erfahren?�, fragte Gladys McCoy und lie� den Handspiegel in ihrer Uniformjacke verschwinden. �Per V-Mann?�</p><p>Der Generalmajor verneinte. �Per �berl�ufer. Oder so �hnlich.�</p><p>�Kalte F��e?�</p><p>�So hat er sich jedenfalls angeh�rt.�</p><p>Die MI6-Agentin strich sich eine Haarstr�hne aus dem Gesicht und erwiderte: �Seltsam, aber ich dachte, diese SS-Kommandos sollen absolut verschworene Einheiten gewesen sein.�</p><p>�Bis Kriegsende auf jeden Fall. Da soll es Hunderte Werwolf-Kommandos gegeben haben. Selbstst�ndig operierend, zumeist SS-Angeh�rige, Hitler-Jungen, SA-Leute. Oder welche von der Partei. Mit einem Wort: die ganz Fanatischen. Organisiert in Jagdgruppen zu je f�nf Mann beziehungsweise Jagdz�gen, die so um die 30 Mann stark waren. Oder kleiner. Kam ganz auf den Auftrag an.�</p><p>�Wer wei�, vielleicht wird die Sache ja auch im Sand verlaufen.�</p><p>�Schon m�glich. Trotzdem glaube ich nicht, dass wir auf einen Bluff reingefallen sind. Der Kerl, den ich vor drei Tagen an der Strippe gehabt habe, war jedenfalls kein Wichtigtuer. Und ein Witzbold schon gar nicht. Der hat es verdammt ernst gemeint.�</p><p>��Operation Wotan� � fragt sich nur, wann, wo und in welcher Form diese �Gruppe W 45� zuschlagen wird.�</p><p>�Schenkt man unserem Gew�hrsmann Glauben, wird es so etwas wie der Coup des Jahrhunderts werden. Was genau sich hinter dieser �Operation Wotan� verbirgt, konnte er jedoch nicht sagen. Oder wollte es nicht. Nur so viel, dass die Aktion anscheinend morgen �ber die B�hne gehen soll.�</p><p>�Irgendwelche Anhaltspunkte bez�glich seiner Identit�t?�</p><p>�Fehlanzeige. Nur die Tonbandaufnahme. Sonst nichts. Ach ja, noch was: Er hat gesagt, dass mit Verr�tern gew�hnlich kurzer Prozess gemacht wird. Und dass die SS noch lange nicht am Ende sei.�</p><p>�Wie wahr�, gestand die MI6-Agentin ein, an deren H�ften sich der Adjutant des Stadtkommandanten immer noch nicht sattgesehen hatte. �In diesem Punkt muss ich Mister Unbekannt beipflichten. Gestapo-M�ller verschollen, Mengele untergetaucht, Eichmann vermutlich in S�damerika � sieht so aus, als w�ren die Herren gut �ber den Winter gekommen.�</p><p>�Wie das?�</p><p>�Dank rechtzeitig in die Schweiz transferierter Gelder�, vollendete Gladys McCoy. �Einer der Gr�nde, weshalb mich der MI6 hierher geschickt hat.�</p><p>Edwin O. Herbert runzelte fragend die Stirn. �Darf man fragen, worum ��</p><p>�� es geht?�, nahm ihm Gladys McCoy die Worte aus dem Mund. �Man darf. Wie unsere routinem��ige �berpr�fung der Berliner Banken ergeben hat, sind seit der W�hrungsreform erhebliche Summen von Schweizer Konten zur�ck nach Deutschland geflossen. Auch und gerade nach Berlin.�</p><p>�Und an wen?�</p><p>�Bedaure, Sir � top secret.� Um ihren Gespr�chspartner nicht zu br�skieren, setzte die MI6-Agentin ihr strahlendstes L�cheln auf. �In diesem Punkt sind meine Anweisungen glasklar.�</p><p>Der Stadtkommandant pfiff durch die Z�hne. �Donnerwetter. H�rt sich so an, als sei hier demn�chst allerhand los.� In das Gespr�ch mit seiner mysteri�sen Begleiterin vertieft, hatte der Generalmajor den Milit�rjeep nicht bemerkt, der mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf ihn zugeprescht war. Erst als dieser stehen blieb, tat er es Miss McCoy gleich und richtete den Blick nach vorn. �Was gibt�s, Lieutenant Colonel?�, fragte er den drahtigen Schotten, nachdem dieser eine Vollbremsung gemacht, salutiert und ihn beiseitegenommen hatte. �Bedaure, Sir, Sie unterbrechen zu m�ssen�, fl�sterte der Ordonnanzoffizier in eindringlichem Ton. �Aber es gibt Neuigkeiten.�</p><p>�Und welche?�</p><p>Mit Blick auf die mysteri�se Sch�nheit, deren Fan-Club sich in diesem Moment um ein Mitglied vergr��erte, trat der Schotte so nahe wie m�glich auf den Stadtkommandanten heran und fl�sterte ihm etwas ins Ohr. Je l�nger dies dauerte, umso besorgter wurde die Miene seines Vorgesetzten, und als er geendet hatte, musste sich dieser erst einmal setzen.</p><p>�Schlechte Nachrichten?�, fragte Gladys McCoy, nahm neben ihm Platz und schlug die Beine �bereinander. Sehr zur Freude des Ordonnanzoffiziers, der die Szene aus geh�riger Distanz beobachtete.</p><p>Da die Bank am Rande der Uferpromenade nicht sonderlich bequem war, dauerte es nicht lange, bis die</p><empty-line/><p>MI6-Agentin eine Antwort bekam. �Kann man wohl sagen�, grummelte der Generalmajor, kramte sein Zigarilloetui hervor und z�ndete sich einen John Player an. �Nach allem, was Jenkins mir so gefl�stert hat.�</p><p>�Mister Unbekannt?�</p><p>�Sie haben es erfasst, Miss. Das Problem ist nur, dass wir ihn nicht mehr ausquetschen k�nnen.�</p><p>�Verstehe�, antwortete Gladys McCoy, schloss die Augen und r�kelte sich auf der Bank. Und f�gte geraume Zeit sp�ter hinzu, das Gesicht der Morgensonne zugewandt: �Bleibt zu hoffen, dass diese Werw�lfe eine F�hrte hinterlassen haben. Oder zumindest hinterlassen werden. Damit es am Ende nicht noch zum Dritten Weltkrieg kommt.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�, brach es aus Generalmajor Edwin O. Herbert hervor, dem vor Schreck beinahe der Zigarillo aus der Hand gefallen w�re.</p><p>�Ach nichts, Sir, nur so eine Bef�rchtung�, wiegelte die MI6-Agentin ab, erhob sich und stolzierte auf den wartenden Bentley zu.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>13</p><p><emphasis>Moskauer Kreml, Stalins Arbeitszimmer | 12.15 h Ortszeit </emphasis></p><empty-line/><p>�Und was ist mit der Atombombe?�, polterte Josef Stalin und hieb mit der Faust auf den dunklen, mit gr�nem Filz �berzogenen Tisch. In dem holzget�felten Raum, zu dem nur etwa ein Dutzend Personen Zutritt hatte, wurde es totenstill, und das Ticken der Wanduhr h�rte sich wie ein Menetekel an.</p><p>�Meinen Informationen zufolge, Josef Wissarionowitsch ��, ergriff Lawrenti Berija, Chef des MGB und f�r die Entwicklung der Atombombe zust�ndiges Politb�romitglied der KPdSU, das Wort, �wird es noch ein paar Monate dauern, bis wir in der Lage sein werden, den Amerikanern ��</p><p>�Das Wasser zu reichen, genau!�, lie� ihn der knapp 70-j�hrige, vom Alter, diversen Herzattacken und Pockennarben gezeichnete Generalissimus gar nicht erst ausreden, umklammerte die Schreibtischkante und knurrte: �Kapieren Sie �berhaupt, was das hei�t? Oder wollen Sie es nicht kapieren? Solange wir nicht imstande sind, es den Amerikanern mit gleicher M�nze heimzuzahlen, sind wir erpressbar, Sie Idiot! Irre ich mich, oder waren nicht Sie es, Lawrenti Pawlowitsch, der mir immer wieder damit in den Ohren gelegen ist? Die Amerikaner, Engl�nder und Franzosen in Berlin � ohnehin schlimm genug. Plus diese verfluchte Luftbr�cke. Und dann noch ein paar Dutzend Atombomben. Von den B-29-Bombern �berall in Europa gar nicht zu reden. Wenn Kurtschatow und diese Eierk�pfe in Semipalatinsk nicht bald auf einen gr�nen Zweig kommen, k�nnen Sie und ich unser eigenes Grab schaufeln. Verglichen damit wird das, was dieser Hitler auf die Beine gestellt hat, nur ein m�des Kaffeekr�nzchen sein.�</p><p>Der 20 Jahre j�ngere, mit Hut, dunklem Anzug und gestreifter Krawatte bekleidete Chef des MGB lie� einige Sekunden verstreichen, bevor er das Risiko einging, dem Herrn �ber das Sowjetimperium zu antworten. �Das wird Truman nicht wagen, Genosse Stalin�, gab sich der Georgier und Landsmann Stalins betont sachlich und r�ckte in einer Geste wohlkalkulierter Verlegenheit seine Nickelbrille zurecht. �Nicht nach Hiroshima und Nagasaki. Das hat seinem Ruf mehr geschadet als alles andere.�</p><p>�Und warum nicht, wenn man fragen darf?�, blaffte Stalin, griff nach seiner Pfeife und begann, sie zu stopfen. �W�re es nicht besser, genau dann zuzuschlagen, wenn wir den Amerikanern noch nicht Paroli bieten k�nnen?� Stalin entz�ndete seine Pfeife und lehnte sich zur�ck. �Darf man fragen, was Sie in einem solchen Fall tun w�rden, Berija?�</p><p>�Schwer zu sagen�, druckste der Herr �ber die Straflager herum, bevor er sich zu einer Antwort bequemte. In einer derartigen Stimmung war Stalin unberechenbar. Ein falsches Wort, und er war seinen Posten los. �Hm.� Und seinen Kopf unter Umst�nden auch. �Also, wenn ich an Ihrer Stelle w�re, Josef Wissarionowitsch, w�rde ich ��</p><p>�� mir zuerst einmal Berlin unter den Nagel rei�en, die alte Leier, ganz klar. Falls dazu �berhaupt noch Zeit ist. Und abgesehen davon � warum sollte ich? Der n�chste Winter kommt ja wohl bestimmt. Ein paar Wochen noch, meinetwegen auch Monate � und Berlin wird uns wie eine reife Frucht in die H�nde fallen. Darauf k�nnen Sie Gift nehmen, Berija. Um ein paar hunderttausend Tonnen einzufliegen, fehlt den Amerikanern einfach der Schneid. Und den Briten sowieso.� Stalin blies einen Rauchkringel, schnippte ein graues Haar von seiner Marschallsuniform und begann sich zu entspannen. �Wozu also den Dritten Weltkrieg riskieren, wenn wir alle H�nde voll zu tun haben, die Folgen des Zweiten erst einmal zu verdauen.�</p><p>Heilfroh, aus der Bredouille zu sein, atmete Berija insgeheim auf. Das war ja glimpflicher verlaufen als bef�rchtet.</p><p>Dachte er wenigstens.</p><p>Es sollte n�mlich nicht lange dauern, bis Stalin die tr�gerische Ruhe erneut zunichtemachen w�rde. �Sonst noch irgendwelche Neuigkeiten?�, fragte er, w�hrend sich sein Blick urpl�tzlich versch�rfte. Lawrenti Berija h�tte dies eigentlich eine Warnung sein sollen, aber er lie� sich von Stalin t�uschen.</p><p>Wieder einmal.</p><p>�Nichts von Bedeutung�, erwiderte Berija lapidar und lie� den Blick durch Stalins spartanisch m�bliertes Arbeitszimmer schweifen, mit Sofa, dunklem Telefon und den Portr�ts von Karl Marx und den Gener�len Kutusow</p><empty-line/><p>und Suwarow alles andere als einladend. �Im Westen nichts Neues.�</p><p>�Wirklich nicht?�</p><p>�Kein Grund zur Beunruhigung.�</p><p>�Wie bitte?�, polterte Stalin ohne Vorwarnung los, schnellte aus seinem Ledersessel nach vorn und sah Berija wutschnaubend an. W�re die Pfeife nicht gewesen, deren er sich entledigen musste, h�tte dem MGB-Chef weit Schlimmeres gedroht. �Und was ist mit den vier Soldaten an der Glienicker Br�cke?�</p><p>�Den was?�, �chzte Berija, B�ses ahnend.</p><p>�Mal wieder nicht im Bilde, wusste ich�s doch�, �bergoss der Sowjetdiktator seinen Geheimdienstchef mit Hohn. �Zu Ihrer Information, Genosse: Vor exakt zwei Stunden hat mich Sokolowski aus dem Bett geklingelt. Ist Ihnen doch wohl ein Begriff, oder?�</p><p>Berija senkte seinen Kopf und schwieg.</p><p>�Wie sch�n�, lie� Stalin seinem Sarkasmus freien Lauf. �Dann h�ren Sie mal gut zu, Sie Schlauberger: In der Nacht von gestern auf heute, vermutlich kurz nach Mitternacht Berliner Zeit, sind vier Wachsoldaten am Sektoren�bergang Glienicker Br�cke spurlos verschwunden. Spurlos, verstehen Sie?�</p><p>Der MGB-Chef nickte. �Deserteure?�, stie� Berija kleinlaut hervor.</p><p>�Schon m�glich. Nicht genug damit, sind aus dem Depot in W�nsdorf jede Menge Kalaschnikows, Tokarews, Handgranaten, eine 2M-3 und zu allem �berfluss auch Uniformen und Sprengstoff entwendet worden. Und das bereits vor einer Woche. Von den kriminellen Elementen, die sich auf Kosten unseres Vaterlandes bereichert haben, keine Spur.�</p><p>�Eine amerikanische Provokation?�</p><p>�Falsch geraten, Lawrenti Pawlowitsch. Wie mir Sokolowski versichert hat, haben die momentan genug mit sich selbst zu tun.�</p><p>�Und aus welchem Grund?�</p><p>�Laut RIAS sollen zwei Grenzposten an der Glienicker Br�cke just zum fraglichen Zeitpunkt aufeinander losgegangen sein. Messerstecherei mit Todesfolge. Vermutlich ein Gerangel wegen irgendeiner Nutte. Will hei�en: Einstweilen kommen die Amerikaner als B�sewichter nicht infrage. Fehlanzeige, Herr Minister f�r Staatssicherheit.�</p><p>�Falls es sich dabei nicht um eine Finte handelt.�</p><p>Stalin zog �berrascht die Augenbrauen hoch. �Um eine Finte?�, wiederholte er.</p><p>�Um eine Attacke auf den Grenzposten oder die Desertion beziehungsweise Flucht samt anschlie�endem Geheimnisverrat jener vier konterrevolution�ren Elemente � oder um was auch immer es sich gehandelt haben mag � zu vertuschen.�</p><p>�Meinen Sie wirklich, die wollen uns provozieren?�</p><p>�Gut m�glich, Genosse Stalin. Schon allein deshalb, um nach au�en hin einen Erstschlag rechtfertigen zu ��</p><p>�Wie auch immer: Sie halten sich da raus, ist das klar?�</p><p>Von Stalin war Lawrenti Berija wei� Gott einiges gewohnt. Das hier schlug dem Fass jedoch den Boden aus. �Habe ich Sie da richtig verstanden, Josef Wissarionowitsch�, tastete er sich behutsam voran, �Sie sind der Meinung, man solle den Fall tunlichst auf sich ��</p><p>�Das ist ein Befehl, Berija. Keine weiteren Ermittlungen in diesem Fall. Weder durch Sie noch durch den MGB noch durch irgendwen sonst. Keinerlei Gegenma�nahmen im Falle einer Provokation, auch nicht bei Verletzung des sowjetischen Luftraums. Kein Schuss ohne meine ausdr�ckliche Genehmigung. Habe ich mich klar genug ausgedr�ckt?�</p><p>�In der Tat, Josef Wissarionowitsch.�</p><p>Stalin griff nach seiner Pfeife, lehnte sich in seinen Sessel und paffte nachdenklich vor sich hin. �Merken Sie sich eins, Berija: Wenn es zum Dritten Weltkrieg kommt, werden wir es sein, die den Zeitpunkt daf�r bestimmen, verstanden?�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>14</p><p><emphasis>St�dtisches Krankenhaus Moabit, britischer Sektor </emphasis></p><p><emphasis>| 11.05 h </emphasis></p><p>�Lili Marleen � sag mal, willst du mich eigentlich verarschen, Tom?�</p><p>Doktor Heribert Peters, Gerichtsmediziner und Choleriker aus Passion, bedeckte den Leichnam auf dem Seziertisch mit einem Leinentuch, streifte seine Gummihandschuhe ab und funkelte Sydow w�tend an. Mit Dr. Blaffke, so sein Spitzname in der Pathologischen Abteilung, drohte wieder einmal der Gaul durchzugehen. Deshalb war volle Deckung angesagt.</p><p>�Eine Art Spitzname�, schob Sydow hinterher, in der Annahme, Peters wolle einfach nur Dampf ablassen. Angesichts eines Zw�lf-Stunden-Tages und Arbeitsbedingungen wie in einem Feldlazarett konnte man es ihm wahrlich nicht verdenken. �In gewissen Kreisen, wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>�Ich <emphasis>verkehre</emphasis> zwar nicht in derartigen Kreisen�, polterte Peters beim H�ndewaschen, �das hei�t aber nicht, dass ich auf dem Mond lebe.�</p><p>�Wollte ich damit auch nicht sagen, Heribert�, warf Sydow konziliant ein, die Bluse der Toten, auf deren Kragen �L. M.� eingestickt war, immer noch in der Hand. �Mehr wei� ich �ber die Dame eben noch nicht.�</p><p>�Na, dann wollen wir dir mal auf die Spr�nge helfen, Sherlock Holmes�, antwortete das unter sichtbarem Bluthochdruck leidende Exemplar der Spezies zerstreuter Professor, trocknete sich die H�nde ab und drehte sich mit selbstgef�lligem Grinsen um. Unter der Oberfl�che des ehemaligen Stabsarztes, der Sydow h�chstens bis zur Schulter reichte, befand sich ein butterweicher Kern, und es gab Tage, an denen der vermeintliche Giftzwerg zum Charmeur mutierte. Dass dem heute nicht so war, konnte Sydow im Hinblick auf die Hektik im Sezierraum gut verstehen. Der Gestank nach Verwesung, diversen L�sungsmitteln und Formaldehyd war kaum auszuhalten, und die Enge und der Kellergeruch gaben ihm den Rest. An Sektionstagen wie heute wurde an sechs Tischen gleichzeitig gearbeitet, wobei Peters lediglich zwei, den Krankenhaus�rzten die �brigen vier zur Verf�gung standen. Die Zust�nde am ehemaligen Robert-Koch-Krankenhaus waren somit alles andere als befriedigend, f�r Peters ein Grund mehr, seinem �rger Luft zu machen.</p><p>�Du machst mich neugierig, Heribert�, erwiderte Sydow, heilfroh, dass die Obduktion bereits abgeschlossen war. �Lass h�ren.�</p><p>Peters machte eine affektierte Verbeugung. �Wie Durchlaucht w�nschen�, spottete er, wurde jedoch sofort wieder ernst. �In einem Punkt bin ich mir auf jeden Fall sicher: dass die Dame bis kurz vor ihrem Ableben noch im Au�endienst t�tig gewesen ist. Und das mindestens zweimal.�</p><p>An den in Pathologenkreisen �blichen Sarkasmus l�ngst gew�hnt, verzog Sydow keine Miene. �Tats�chlich?�, fragte er und legte die Bluse aus der Hand.</p><p>Rot wie eine Ampel, schnappte Peters nach Luft, riss sich aus Sympathie gegen�ber Sydow jedoch zusammen. �Sperma auf dem Kleid und im Vaginalbereich � jede Wette, dass sie letzte Nacht noch auf Kundenfang gewesen ist�, konstatierte der rundliche Gerichtsmediziner in ungewohnt sachlichem Ton. �Wann, wo und unter welchen Umst�nden auch immer.�</p><p>�Und weiter?�</p><p>�Alter: circa 27, Gr��e: 1,78 Meter, Haarfarbe: blond. Besondere Kennzeichen: Alkoholikerin.�</p><p>�Sicher?�</p><p>�Zumindest so was in der Art. Mit der Leber w�re sie jedenfalls nicht alt geworden.� Peters kratzte sich nachdenklich an der Schl�fe. �Bestimmt ein h�bsches Ding. Aber ziemlich tief gesunken.�</p><p>�Nicht gerade viel.�</p><p>Auf dem Gesicht des Pathologen, dessen hervorstechendstes Merkmal die fliehende Stirn darstellte, leuchtete ein ironisches Grinsen auf. �Wusste ich�s doch, dass du mit nichts zufrieden bist�, feixte er, angesichts der Anspannung, unter der er stand, fast ein Wunder. �Aber keine Angst: Jeder kriegt hier, was er verdient.�</p><p>�Hahaha.�</p><p>�Typisch Sydow � keinen Respekt vor dem Alter�, setzte Peters seine Sticheleien fort, trat an seinen Schreibtisch und �ffnete die oberste Schublade. �Sesam, �ffne dich!�</p><p>�Was ist denn das?�, fragte Sydow, als ihm der Gerichtsmediziner die Plastikfolie, in der sich ein zerknitterter Papierfetzen befand, unter die Nase hielt.</p><p>�Ich will ja nichts sagen, Tom. Wenn schon nicht diesem Gr�nschnabel von der Spurensicherung, h�tte es wenigstens dir auffallen m�ssen.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Die Tatsache, dass die Dame aus der Abteilung Nahkampf ihre Reise in eine bessere Welt mit geballter Faust angetreten hat. Hast du nicht gesagt, es habe zwischen ihr und dem Kerl, der sie auf die Bahngleise geworfen hat, eine w�ste Keilerei gegeben?�</p><p>�Doch.�</p><p>�Und dass der Stein des Ansto�es vermutlich irgendein Dokument gewesen ist?�</p><p>�Komm schon, Heribert, mach�s nicht so spannend.� Sydow griff nach der Plastikfolie, doch Peters schnappte sie ihm im letzten Moment weg.</p><p>�Erst eine John Player, dann das Beweismittel.�</p><p>�Du bist heute bereits der Dritte, der mich danach fragt, du Schnorrer�, lachte Sydow und bot Peters die leere Schachtel an. Und der, blind vor Gier, fiel prompt auf die Finte herein.</p><p>�Idiot.�</p><p>�Komm schon, Harryschatz, hab dich nicht so�, redete Sydow dem Pathologen gut zu. �Wenn der Fall gel�st ist, kriegst du �ne ganze Stange von mir.�</p><p>�Ehrenwort?�</p><p>Sydow nickte. �So, und jetzt zeig her.�</p><p>Im Licht der Schreibtischlampe, das sich auf der Folie spiegelte, konnte Sydow zun�chst nichts erkennen. Ein paar Sekunden sp�ter h�tte es ihn jedoch beinahe umgehauen.</p><p>Gelinde gesagt.</p><p>Der Papierfetzen, knapp ein Drittel eines vergilbten Briefbogens, lie� an Deutlichkeit nicht zu w�nschen �brig. Kreidebleich im Gesicht, musste sich Sydow erst einmal setzen. Um zu erkennen, dass es sich hier um Sprengstoff pur handelte, musste man nicht bei der Kripo sein. Das konnte man zehn Meilen gegen den Wind riechen.</p><p>Da der Riss knapp f�nf Zentimeter unterhalb der linken oberen Ecke begann und bis zu einem Punkt reichte, der sich in etwa auf halber H�he am rechten Rand befand, konnte man �ber den Inhalt des Schreibens allenfalls spekulieren. Absender, Anrede und Datum gen�gten jedoch vollauf, um Sydows Herz bis zum Hals schlagen zu lassen. Und nicht nur das. Kaum hielt er das Brieffragment in H�nden, brach ihm der Schwei� aus allen Poren, und er hatte M�he, das Zittern seiner H�nde vor Peters zu verbergen.</p><p>�Na, habe ich Ihnen zu viel versprochen, Durchlaucht?�, fl�sterte ihm der Pathologe mit Blick auf die �brigen Seziertische zu, wo man Sydow und ihn jedoch keines Blickes w�rdigte. �Sieht so aus, als sei der Herr Kriminalhauptkommissar einer Riesensauerei auf der Spur.�</p><p>�Das kannst du aber laut sagen, Leichenfledderer.� Sydow gl�ttete das Fragment, lie� sich von Peters ein Vergr��erungsglas reichen und sah sich das Schreiben genauer an. Als Absender vom 12.4.1945 firmierte ein sogenannter �Reichswerwolf�, die Ortsangabe lautete �Feld-Kommandostelle�. Nichts Weltbewegendes, aber was den Adressaten betraf, hatte dieser es in sich. Unter dem Vermerk �Geheime Reichssache!�, erg�nzt durch den Stempel �streng geheim� und den Zusatz �Eine Ausfertigung�, stand da schwarz auf wei�: �An den Reichsf�hrer-SS und Chef der Deutschen Polizei!� Und weiter: �Wie von Ihnen, Reichsf�hrer Himmler, mit Schreiben vom 9.4. gew�nscht, anbei die erbetene Liste mit � zwecks Neuaufbau der SS nach dem Krieg � Personalb�gen samt Lichtbildern � in der Anlage �� Ende der Vorstellung. Sydow fluchte leise in sich hinein. Zu dumm aber auch. Von der dritten Zeile war die H�lfte, von der vierten fast �berhaupt nichts �briggeblieben. Mit dem Ergebnis, dass man dar�ber, welchen Sinn die Worte �bedingungslos ergeben� und �auszuf�hren� ergaben, allenfalls spekulieren konnte.</p><p>�Reichswerwolf�, murmelte Peters, der Sydow �ber die Schulter spickte, mit dem Ausdruck tiefster Verachtung vor sich hin. �Das darf doch wohl nicht wahr sein.�</p><p>�Nach Lage der Dinge schon�, antwortete Sydow, das Kinn auf die Daumenkuppe gest�tzt. �Na, f�ngt�s bei Herrn Doktor an zu klingeln?�</p><p>�Kann man wohl sagen. Die ganz Fanatischen, des Reichsf�hrers letztes Aufgebot.�</p><p>�Genau. Frei nach dem Motto: Retten, wo nichts mehr zu retten ist. HJ, SS-Leute und die Zweihundertprozentigen aus der Partei. Eine im wahrsten Sinne des Wortes hochexplosive Mixtur. Auftrag: Exekution von Verr�tern, Terror und Kampf bis zum letzten Mann.�</p><p>�Respektive bis zum letzten Glimmst�ngel.�</p><p>Sydow l�chelte gequ�lt. �Deinen Humor wollte ich haben�, raunte er Peters �ber die Schulter zu. �Die Frage ist nur, ob sich damit etwas anfangen l�sst.�</p><p>�Negativ�, gab der Gerichtsmediziner zur�ck. �Es sei denn, Durchlaucht flattert der Rest des Briefes ins Haus.�</p><p>�Danke f�r die trostreichen Worte. Wie immer bist du eine gro�e Hilfe f�r mich.�</p><p>�Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt, Tom.� Darauf bedacht, die Wogen zu gl�tten, �ffnete Peters seine Thermoskanne und goss Sydow und sich einen Kaffee ein. �Das hier wird dich wieder auf Vordermann bringen.�</p><p>Sydow nahm einen Schluck. �Bohnenkaffee?�, fragte er erstaunt. �Wo hast du den denn aufgetrieben?�</p><p>�Aus geheimen Best�nden�, erwiderte der Gerichtsmediziner lapidar. �Und was jetzt?�</p><p>�Jetzt gilt es, erst einmal was �ber eine mysteri�se Lebedame namens Lili Marleen rauszufinden. Alles Weitere wird sich hoffentlich ergeben.�</p><p>�So woll�n wir uns da wiedersehn, bei der Laterne woll�n wir stehn, wie einst Lili Marleen�, begann Peters ohne R�cksicht auf seine Umgebung zu tr�llern.</p><p>�Wie einst Lili Marleen�, wiederholte Sydow, steckte das Brieffragment in die Plastikfolie und stand ruckartig auf. �Bevor wir noch weiter in Nostalgie schwelgen, Herr Doktor � gibt�s hier vielleicht irgendwo ein Telefon?�</p><p>�Droben an der Pforte�, antwortete Peters, Schatten der Sorge auf dem Gesicht. Und erg�nzte: �Und pass auf dich auf, Tom.�</p><p>Doch da war Sydow bereits verschwunden.</p><p>*</p><p>�Vorname L und Familienname M � sag mal, willst du mich verarschen, Tom?�, bellte der Diensthabende von der Sitte im Stil eines Feldwebels in den H�rer. �Deine Scherze in Ehren � aber hat das nicht bis sp�ter Zeit?�</p><p>�Meiner bescheidenen Meinung nach nicht�, parierte Sydow, der es langsam leid war, pausenlos runtergeputzt zu werden. �Es sei denn, die �ffentliche Moral w�re in Gefahr.�</p><p>�Du kannst mich mal, Sydow!�, gab Albers, f�r Eingeweihte Der blonde Hans, zur�ck. �Auf die ironische Tour brauchst du mir gar nicht erst zu kommen.�</p><p>�Dann eben auf die unterw�rfige, Hans. H�r zu: Wenn du mal kurz nachsiehst, ob ihr eine Dame mit den besagten Buchstaben f�hrt, kriegst du eine Schachtel ��</p><p>�� John Player von dir, ich wei߫, vollendete der Leiter der Kriminalinspektion Sittlichkeit in gelangweiltem Ton. �Sydow und seine Versprechungen � na gut, will sehen, was sich machen l�sst.�</p><p>Sydow lie� den H�rer sinken und atmete tief durch. Der Hausdrache vom Dienst, den er mithilfe seiner Charmeur-Nummer ins Foyer komplimentiert hatte, warf ihm durch die Scheibe finstere Blicke zu, und Sydow beschlich das Gef�hl, die Dame k�nne ihm jedes seiner Worte von den Lippen ablesen.</p><p>�So, da bin ich wieder�, meldete sich Albers ein paar Minuten sp�ter wieder zur�ck. �So leid es mir tut, Tom. Was die von Amts wegen registrierten Damen von der horizontalen Zunft angeht, befinden sich zwar etliche namens M�ller oder Mayer darunter ��</p><p>�Wie originell.�</p><p>�Und dann auch noch frech werden. Das haben wir gern. Wie gesagt: Ms haben wir hier genug zu bieten, aber keine, deren Vorname mit L beginnt. Tut mir leid f�r dich, Tom�, schloss Albers, f�r den die Angelegenheit damit erledigt zu sein schien. �Bis demn�chst.�</p><p>�Halt mal, Hans�, bettelte Sydow, w�hrend ihm der Hausdrachen, an dem eine Reichsfrauenf�hrerin verloren gegangen war, immer n�her auf die Pelle r�ckte. �Kannst du mir vielleicht einen allerletzten Gefallen tun?�</p><p>�Und der w�re?�, t�nte es schroff durchs Telefon.</p><p>�Sei bitte so gut und bestell mir die Rote Lola ein.� Sydow warf einen Blick auf die Uhr, kritisch be�ugt von der Empfangsdame, bei der die Erw�hnung der unumstrittenen Kreuzberger Bordellk�nigin auf fassungsloses Entsetzen stie�. �So gegen zw�lf.�</p><p>�Die Rote Lola�, konstatierte Albers, offenbar �ber den Punkt hinaus, an dem er Gegenwehr leistete. �Um zw�lf. Sonst noch was, Herr von und zu Hurtig?�</p><p>�Nein, Hans. Und danke.�</p><p>�Das kostet dich eine ganze Stange, Sydow. Ist dir ja wohl hoffentlich klar.�</p><p>�Isses, Hans, isses�, antwortete Sydow devot.</p><p>�Sag mal, Sydow, warum hast du�s denn so eilig?�, m�kelte Albers herum. �Hinter wem bist du eigentlich her?�</p><p>�Hinter einem Rudel W�lfe�, antwortete Sydow, legte auf und st�rmte zur Pforte hinaus.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>15</p><p><emphasis>Berlin Document Center, amerikanischer Sektor </emphasis></p><p><emphasis>| 11.35 h </emphasis></p><p>Er hatte aufgeh�rt zu weinen, zu lachen oder sich zu freuen. Er hatte aufgeh�rt, auf die Welt, in der er lebte, neugierig zu sein. Und er hatte aufgeh�rt, Pl�ne f�r die Zukunft zu schmieden.</p><p>Es gab nur eines, das ihn aufrechterhielt: Die Suche nach den M�nnern, die ihn zu dem gemacht hatten, was er war. Ein lebender Leichnam, rastlos, ruhelos � und seelenlos.</p><p>Und der Drang, Vergeltung zu �ben.</p><p>Um jeden Preis.</p><p>Seit dem Tag, an dem ihn die SS lebendig begraben hatte, war nichts mehr so gewesen, wie es war. Die Erinnerung an jenen Abend, an dem Vaters Leben und das von mehr als 30.000 seiner Landsleute innerhalb weniger Stunden ausgel�scht worden war, hatte ihn in einen Zustand der L�hmung versetzt, aus dem er sich nicht wieder hatte befreien k�nnen. Alles, was vor dem 29.�September 1941 lag, war ausradiert, aus dem Tagebuch seiner Erinnerungen getilgt. Fast schien es, als sei er niemals Kind gewesen, als habe sein Leben erst mit 15 begonnen. S�mtliche Reminiszenzen an seine fr�here Existenz waren hinter einem undurchdringlichen Schleier verborgen, und es hatte Tage gegeben, an denen er M�he gehabt hatte, sich an den Namen seiner Mutter zu erinnern.</p><p>Wie er es geschafft hatte, seinen H�schern zu entkommen, war ihm nach wie vor ein R�tsel. Im Verlauf der nun bald sieben Jahre, in denen er der F�hrte der M�rder gefolgt war, hatte er sich h�ufig gefragt, warum ausgerechnet er, Nikolai Borodin, zum �berleben verdammt gewesen war. Doch sooft er sich die Frage gestellt hatte, so oft hatte er keine Antwort darauf gefunden. Au�er der vielleicht, dass er, der �berlebende, die Aufgabe hatte, die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zuzuf�hren.</p><p>Selbst auf die Gefahr hin, dass er es war, der sie zu vollziehen hatte.</p><p>Um jeden Preis.</p><p>Der fast 22-j�hrige Ukrainer, den man ebenso gut h�tte auf 30 sch�tzen k�nnen, stie� einen gequ�lten Seufzer aus und fuhr sich mit der Hand durch das opulente pechschwarze Haar. �Auf ein Neues�, murmelte er, beugte sich �ber die Unterlagen, die vor ihm auf dem Tisch des Lesesaales lagen, und setzte die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen fort. Er hatte sich so sehr daran gew�hnt, dass er sich ein Leben ohne die Jagd nach den M�rdern seines Vaters fast nicht mehr vorstellen konnte. Sie war zu einem Teil seines Ichs geworden, angefangen mit dem Tag, an dem seine Heimatstadt befreit worden war. Dieser Tag hatte sich ihm auf unausl�schliche Art und Weise eingepr�gt, nicht nur, weil er endlich wieder frei und das Leben im Untergrund ein f�r alle Mal vorbei gewesen war. Das war nur eine, n�mlich die gl�nzende Seite der Medaille gewesen. Die andere, ungleich folgenschwerer, hatte darin bestanden, dass man ihm, dem gerade einmal 17-J�hrigen, eine Kalaschnikow in die Hand gedr�ckt, eine Uniform der Roten Armee verpasst und jeden Tag aufs Neue eingetrichtert hatte, es gebe nichts Wichtigeres, als f�r Stalin, die Partei und M�tterchen Russland in den Krieg zu ziehen. Wie nicht anders zu erwarten, hatte sich das Gemetzel noch eine Weile hingezogen, und als es zu Ende war, hatte er das, was ihn mit der Heimat verband, endg�ltig aus den Augen verloren. Er war zu dem geworden, der er immer noch war: abgestumpft, in sich gekehrt und desillusioniert.</p><p>Ein Gutes hatte sein Martyrium freilich gehabt: Auf diese Weise war er bis nach Berlin gekommen. Dorthin, von wo aus er nach der Trennung seiner Eltern im Alter von acht Jahren geflohen war. Er hatte mehr Gl�ck als Verstand gehabt, umso mehr, als er just an dem Tag, als er sich in die Westsektoren abgesetzt hatte, seiner Mutter �ber den Weg gelaufen war.</p><p>Noch so ein Zufall. Und beileibe nicht der einzige in seinem Leben.</p><p>Als sei dies ein Stichwort f�r ihn, betrachtete Nikolai Borodin das vergilbte Foto, das vor ihm auf dem Lesetisch lag, drehte es um und las die Widmung wohl zum tausendsten Mal. �Unsere Ehre hei�t Treue�, stand da in geschwungenen Lettern geschrieben, und wie immer, wenn er dies las, lief es ihm eiskalt den R�cken hinunter. Da war es wieder, dieses Gef�hl, lebendig begraben zu sein. Wohin er auch ging, wo immer er sich auch befand. Diese drei Namen, die Bestien, die sich hinter ihnen verbargen � das waren die M�nner, nach denen er suchte. Nach denen er weiter suchen w�rde, falls n�tig, bis an sein Lebensende.</p><p>�Also dann � auf ein Neues�, wiederholte Nikolai und nahm sich das maschinengeschriebene Blatt auf dem Stapel zu seiner Rechten vor. Und das, obwohl er seinen Inhalt auswendig kannte: �In Zusammenarbeit mit dem Gruppenstab und 2 Kommandos des Polizeiregiments S�d hat das Sonderkommando 4a am 29. und 30.9. 33.771 Juden exekutiert � Die Aktion selbst ist reibungslos verlaufen.� Reibungslos, aha. Angewidert bis ins Mark, legte Borodin das Blatt beiseite. So nannte man das also. Anstatt sich eine Pause zu g�nnen, nahm er sofort den n�chsten Bogen zur Hand, auch darauf stand nichts Neues f�r ihn. �W�hrend meiner Dienstzeit als Chef des Sondereinsatzkommandos 4a vom Zeitpunkt der Aufstellung im Juni 1941 bis zum Januar 1942, wurde ich verschiedentlich mit den Aufgaben der Hinrichtung von Kommunisten, Saboteuren und anderen unerw�nschten Elementen beauftragt. Die genaue Zahl der hingerichteten Personen ist mir nicht mehr erinnerlich.� Borodin lachte ver�chtlich auf. �Nicht mehr erinnerlich� � wie sich das anh�rte.</p><p>Einfach zum Speien.</p><p>Wie immer, wenn er an diesem Punkt angelangt war, stellte er sich die Frage, ob der Gerechtigkeit nicht schon l�ngst Gen�ge getan sei. Der SS-Standartenf�hrer, um den es hier ging, war vor gut vier Monaten zum Tode verurteilt worden. Wozu also �berhaupt weitermachen, wenn der Mann, nach dem er suchte, wom�glich l�ngst �ber alle Berge war? Wie so viele, die zu M�rdern geworden und einfach von der Bildfl�che verschwunden waren? Warum sich nicht damit zufriedengeben, wo die Wahrscheinlichkeit, seinen Peiniger ausfindig zu machen, h�chstens bei eins zu tausend lag?</p><p>Eine Antwort hierauf zu finden war schwierig, wenn nicht gar unm�glich. Da war etwas in ihm, das ihn zum Weitermachen dr�ngte, s�mtlichen Hindernissen, die ihm im Weg waren, zum Trotz.</p><p>Um jeden Preis.</p><p>Zur�ck also zu dem Mann, nach dem er suchte. Nikolai setzte seine Nickelbrille auf und nahm das Foto, das er all die Jahre mit sich herumgetragen hatte, erneut zur Hand. �Unsere Ehre hei�t Treue� � in Abwandlung des Mottos der SS. Und der Zusatz �Kiew, den 19.9.1941�. Mehr war auf der R�ckseite nicht zu lesen. Da konnte er sie sooft studieren, wie er wollte.</p><p>Obwohl er es nicht wahrhaben wollte, war Nikolai an einem toten Punkt angekommen. Zugegeben, er hatte es geschafft, aus �ber 300.000 Personalb�gen den richtigen herauszufischen. Das allein schon war eine reife Leistung, hatte ihn jedoch keinen Schritt weitergebracht. Borodin atmete tief durch. Na sch�n, dann eben das Ganze noch einmal von vorn. Der Ukrainer steckte das Foto in die Brusttasche, seufzte und vertiefte sich in das Schriftst�ck mit der Aufschrift �Personal-Akte� und dem Kopf �Der Reichsf�hrer SS� und �SS-Personalhauptamt�. Schenkte man den Angaben auf dem braunen Pappbogen Glauben, hie� der Obersturmf�hrer, hinter dem er her war, Paul Ewald, stammte aus Berlin-Reinickendorf und war mittlerweile 36. So er denn �berhaupt noch lebte. Er hatte eine f�nfstellige SS-Mitgliedsnummer und war am 4. Juni�1931 in die NSDAP eingetreten. Der Eintritt in die SS war kurz darauf erfolgt, und zwar am 11. November 1931. Er war Kaufmann von Beruf, wie im �brigen auch sein Vater, der am 7. Oktober 1900 eine gewisse Mathilde �</p><p>Kaum war er auf den Namen gesto�en, �ber den er mindestens ein paar Dutzend Mal einfach hinweggelesen hatte, war Nikolai Borodin wie elektrisiert. Der Atem des Ukrainers ging rascher, und ihm war, als setzte sein Herzschlag aus. Keine Spur mehr von der Resignation, die ihn immer wieder ergriffen, zuweilen sogar die Oberhand gewonnen hatte. Keine Spur mehr von dem Mann, f�r den das Leben immer mehr zur Tortur geworden war. Und keine Rede mehr von dem 21-j�hrigen Juden aus Kiew, f�r den Gerechtigkeit zur blo�en Farce geworden war. Das hier war der Moment, auf den er jahrelang gewartet hatte. Ein Fingerzeig Gottes, wie er ihn seit dem Tag, als ihm das Foto seiner Peiniger in die H�nde fiel, nicht mehr zuteilgeworden war.</p><p>Agil wie selten zuvor, warf Nikolai die Personalakte achtlos auf den Tisch. Was hatte er nicht alles unternommen, um dieser Bestie auf die Spur zu kommen. Das Rote Kreuz konsultiert, s�mtliche Bezirks�mter abgeklappert, die Melderegister durchforstet, gleich tonnenweise Akten der N�rnberger Prozesse gew�lzt � ohne Erfolg. Und jetzt dies. Ein Zufall, wie es ihn nur selten gab.</p><p>Und einen, den er sich zunutze machen w�rde.</p><p>Paul Mertens. Endlich. Borodin schlug sich mit der Handfl�che gegen die Stirn. So einfach!, fuhr es ihm durch den Sinn. Um nicht zu sagen einfallslos. Untertauchen, den M�dchennamen der Mutter annehmen, gef�lschte Papiere besorgen � und fertig war der Saubermann.</p><p>Unauffindbar.</p><p>Doch nicht mit ihm. Nicht mit Nikolai Borodin.</p><p>Was folgte, waren ein paar Handgriffe. So zum Beispiel zu einem Requisit, das mit dem umst�ndlichen Namen �Amtliches Fernsprechbuch f�r Berlin� betitelt war. Seiner Sache absolut sicher, bl�tterte Borodin den W�lzer bis zum Buchstaben M durch.</p><p>Und wurde f�ndig.</p><p>Als der Archivar, ein Captain der US Army, den unterdr�ckten Freudenschrei aus dem Lesesaal vernahm, dachte er zun�chst, sein einziger Gast an diesem Tage sei nicht mehr ganz richtig im Kopf. Vor allem als dieser die T�r aufriss, auf ihn zust�rmte und darum bat, sein Telefon benutzen zu d�rfen. Erst recht als der Schlacks auch noch ein ihm unbekanntes Kauderwelsch sprach, war seine Verwirrung perfekt.</p><p>�Ich hab ihn, Mutter�, fl�sterte Nikolai in den H�rer, kritisch be�ugt von dem Archivar, der ihn nicht eine Sekunde aus den Augen lie�.</p><p>�Dann komm nach Hause, Junge�, sprach die Stimme am anderen Ende der Leitung, auf Deutsch, wie der</p><empty-line/><p>US-Captain aufmerksam registrierte.</p><p>�Jetzt nicht, Mutter�, erwiderte Nikolai bestimmt, straffte sich und holte tief Luft.</p><p>�Wann dann, Nikita?�</p><p>�Sobald ich diesen Wolf in Menschengestalt zur Strecke gebracht habe, Mamuschka�, antwortete Borodin, legte auf und blickte den Captain der US Army, einen pausb�ckigen Texaner, mit gewinnendem L�cheln an.</p><p>Danach nahm er seine Jacke vom Haken, begab sich zum Ausgang und verschwand.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>16</p><p><emphasis>Glienicker Br�cke, sowjetischer Sektor | 11.50 h </emphasis></p><p>In der Tat. Sch�ner h�tte ein Sp�tsommertag nicht sein k�nnen. Der Himmel �ber Berlin war azurfarben, und die Havel, �ber deren Oberfl�che eine sanfte Brise strich, reflektierte das Sonnenlicht. Ab und an tauchte in der Ferne ein Segelboot auf, doch abgesehen von einem Schwarm Wildenten, der sich laut schnatternd aus dem Schilf erhob, blieb es an der Glienicker Br�cke ruhig.</p><p>F�r Juri Andrejewitsch Kuragin, Major des MGB, jedoch zu ruhig. Die sprichw�rtliche Ruhe vor dem Sturm. Der 32-j�hrige, stets adrett und gepflegt auftretende Geheimdienstoffizier mit dem s�dl�ndischen Teint dr�ckte sein Zigarillo aus und legte die Stirn in Falten. Wenn man wie er bereits mehr als 10 Jahre MGB auf dem Buckel hatte, bekam man ein Gesp�r daf�r, wenn sich etwas zusammenbraute. Das fing mit der Luftbr�cke an und h�rte mit dem Verschwinden der vier�Wachsoldaten auf. Kuragin �berschattete die Augen und warf einen Blick zum Horizont. Eine C-54 Skymaster nach der anderen, im Abstand von nicht einmal zwei Minuten. Wie Nadelstiche in Stalins Fleisch. Bis zu 10 Tonnen Fracht, vollgestopft mit allem, was Berlin zum �berleben brauchte. Kohlen, Penicillin, Trockenmilchpulver. 2.000 Tonnen am Tag, und die Yankees hatten eine realistische Chance, ihr Ding durchzuziehen. Gut m�glich, dass sich die F�hrung in Moskau in ihnen get�uscht hatte. Mit ihrer Weisheit am Ende waren die n�mlich noch lange nicht.</p><p>Kein Zweifel also, da braute sich etwas zusammen. Der kleinste Zwischenfall, und hier w�re der Teufel los. Auf der einen Seite die Yankees, im Besitz Dutzender Atomwaffen. Auf der anderen die Rote Armee mit knapp 100.000�Soldaten in und um Berlin. Eine hochbrisante, um nicht zu sagen brandgef�hrliche Situation. Gut und sch�n, mit ihren gut 12.000 Mann waren die Alliierten hoffnungslos unterlegen. Angesichts der Waffen, �ber die sie verf�gten, jedoch alles andere als ein Klacks. Kuragin bl�hte die Backen auf und atmete ger�uschvoll aus. Wenn es zum Dritten Weltkrieg kommen w�rde, dann hier. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Was fehlte, um ihn in Gang zu bringen, war nur irgendein Idiot, dem die Nerven durchgingen. Anschlie�end w�rde die Rote Armee Westberlin �berrollen. Dass die Amerikaner das nicht auf sich sitzen lassen w�rden, lag auf der Hand. Das hei�t, sie w�rden eine Atombombe �ber Moskau abwerfen. Oder �ber Leningrad. Oder �ber mehreren St�dten gleichzeitig. Gesetzt den Fall, diese Situation w�rde Wirklichkeit werden, w�re dies das Ende.</p><p>Schachmatt, Genosse Stalin.</p><p>Es stand also eine Menge auf dem Spiel. Gelinde gesagt. Und genau das war es, was den Auftrag so brisant machte, mit dem er von Sokolowski betraut worden war. Uniformen, die sich anscheinend in Luft aufgel�st hatten, Waffen, die einfach verschwunden waren. Und das gleich in rauen Mengen. Ganz zu schweigen von den vier Soldaten, von denen nach wie vor jede Spur fehlte. Wenn da nichts im Busch war, wollte er nicht Kuragin hei�en. Um ehrlich zu sein, er war auf einen Fall wie diesen nicht vorbereitet gewesen. Der Major mit dem Spitznamen Kaukasier sch�ttelte unwillig den Kopf. Aber wer war das schon. Soweit er sich entsinnen konnte, hatte er w�hrend seiner T�tigkeit beim MGB so etwas noch nicht erlebt. Mit Deserteuren, Fahnenfl�chtigen oder �berl�ufern war das etwas anderes. Da wusste er, wie er mit ihnen umzugehen hatte. Aber dass vier Wachsoldaten einfach von der Bildfl�che verschwanden, war ein Ding der Unm�glichkeit. Daf�r musste es eine Erkl�rung geben.</p><p>Und die w�rde er finden.</p><p>�Verzeihung, Genosse Major, aber da ist etwas, auf das Sie mal einen Blick werfen sollten.� Beim Klang der Worte, aus der die Beunruhigung ihres Urhebers sprach, schreckte der Geheimdienstoffizier aus seinen Gedanken auf und drehte sich zu seinem Assistenten, wie er aus Leningrad, mit erwartungsvoller Miene um. �Sieht so aus, als g�be es eine erste Spur.� An der Art, wie er dies sagte, konnte man erkennen, dass der drahtige Hauptmann der gleichen Meinung war wie er. �Wenn Sie mir vielleicht folgen w�rden.�</p><p>Kuragin nickte und heftete sich an seine Fersen. Weit zu gehen brauchte er nicht. Etwa 20 Meter von der Br�ckenmitte entfernt, wo die Grenze zum amerikanischen Sektor verlief, hielt der flachsblonde Hauptmann inne, beugte das Knie und zeigte mit dem Finger auf den Asphalt.</p><p>Von der Sonne geblendet, konnte Kuragin zun�chst nichts sehen, und er kam nicht umhin, es seinem Assistenten gleichzutun. Dann aber, auf den zweiten Blick, d�mmerte ihm, was sein Landsmann meinte. �Gehirnmasse�, erkl�rte der MGB-Hauptmann unterk�hlt, nachdem sich seine und Kuragins Blicke begegnet waren. Die Blutlache, in der sie sich befand, war eigentlich nicht zu �bersehen, und er fragte sich, warum sie von niemandem bemerkt worden war.</p><p>Der Hauptmann erriet seine Gedanken. �Kann schon sein, dass man so etwas �bersieht�, redete er Kuragin, der verst�ndnislos den Kopf sch�ttelte, gut zu. �Daf�r sind wir ja schlie�lich da.�</p><p>Kuragin holte tief Luft, verkniff sich jedoch die Frage, ob die Bemerkung wirklich ernst gemeint sei. Unter einem MGB-Offizier in geheimer Mission stellte er sich jedenfalls etwas anderes vor. �Ihre Schlussfolgerung, Dmitri Nikolajewitsch?�</p><p>�Gewalteinwirkung mit Todesfolge�, tat sein Assistent im Brustton der �berzeugung kund.</p><p>Kuragins linker Mundwinkel verzog sich zu einem</p><empty-line/><p>Grinsen. �Darauf w�re ich nun wirklich nicht gekommen.�</p><p>An seinem Assistenten, der ihn inzwischen zu nehmen wusste, prallte der Seitenhieb jedoch ab. �Fakt ist, dass solche Verletzungen nur dann auftreten, wenn der Schuss aus n�chster N�he abgefeuert worden ist.�</p><p>�Frage an Radio Eriwan: Kann es sein, dass sich T�ter und Opfer � nach Lage der Dinge einer unserer Soldaten � unter Umst�nden gekannt haben?�</p><p>�Im Prinzip ja � doch kann man zum gegenw�rtigen Zeitpunkt nur dar�ber spekulieren.�</p><p>�Und das bedeutet?�</p><p>�Das bedeutet, Genosse Major, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>Der Hauptmann kratzte sich am Kinn. �Keine Leichen, keine Kampfspuren, keine Zeugen. Verdammt gute Arbeit, w�rde ich sagen.�</p><p>Kuragin konnte dem nur zustimmen. �Sieht so aus, als seien unsere Jungs kalt erwischt worden.�</p><p>�Im wahrsten Sinne des Wortes, Herr Major. Fragt sich nur, von wem.�</p><p>�Falls Sie auf die Amis anspielen, Towaritsch<sup>8</sup> � vergessen Sie�s. Sie wissen ja, die haben genug mit sich selbst zu tun.�</p><p>�Ach ja?�, versetzte Kuragins Assistent in einem Ton, der demjenigen seines Vorgesetzten verbl�ffend �hnlich war. �Inwiefern denn?�</p><p>�Laut unserem V-Mann soll es zum fraglichen Zeitpunkt � Sagen Sie mal, Herr Hauptmann, Sie wollen doch nicht etwa damit sagen, dass ��</p><p>�� das Verschwinden unserer Soldaten und die Messerstecherei dort dr�ben auf der anderen Seite in direktem Zusammenhang stehen k�nnten, oh doch.�</p><p>�So, meinen Sie.� Kuragin richtete sich auf und lie� den Blick ans andere Ende der Glienicker Br�cke schweifen. Die Reparatur der Kriegssch�den war noch immer nicht beendet, der Behelfssteg die einzige M�glichkeit, die Havel zu �berqueren. �Wer wei�, vielleicht haben Sie sogar recht. Die Frage ist nur, wer unsere Jungs dann auf dem Gewissen hat. Anders ausgedr�ckt: Wenn es die Yankees nicht waren, wer dann? Die bringen doch nicht extra zwei ihrer Leute um, damit sie uns provozieren k�nnen. Das gibt doch wohl �berhaupt keinen Sinn.�</p><p>�Allerdings�, antwortete Kuragins Assistent, stand ebenfalls auf und kramte in seiner Tasche herum. �Und das hier auch nicht.�</p><p>�Donnerwetter.� Angesichts der Patronenh�lse, die ihm der Hauptmann unter die Nase hielt, h�tte es Kuragin beinahe die Sprache verschlagen. �Und woher haben Sie die?�</p><p>�Aus einem der Sands�cke vor dem Wachh�uschen�, erwiderte sein Assistent, das Projektil zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt. �Made in the USA, Herr Major.�</p><p>�Ich muss schon sagen, Dmitri Nikolajewitsch: Einmal angenommen, wir kommen heil aus diesem Schlamassel raus, steht Ihnen eine ganz gro�e Karriere bevor.�</p><p>�So wie Ihnen, Herr Major?�</p><p>Obwohl ihm nicht danach war, wurde Kuragins Miene von einem fl�chtigen L�cheln erhellt. Sekundenbruchteile sp�ter war es jedoch wieder verschwunden. �Was nichts daran �ndert, Towaritsch, dass wir immer noch im Dunkeln tappen.�</p><p>�Aber nicht mehr lange.�</p><p>�Ihr Wort in Stalins Geh�rgang, Dmitri Nikolajewitsch�, antwortete Kuragin und z�ndete sich noch eine John Player an. �ber das Naser�mpfen seines Assistenten, f�r den dies gleichbedeutend mit Vaterlandsverrat zu sein schien, sah er geflissentlich hinweg. Sollten ihn die anderen hinter vorgehaltener Hand ruhig als verkappten Bourgeois bezeichnen. Ab und zu tat ein bisschen Snobismus ganz gut. �Hauptsache, der Dritte Weltkrieg bleibt uns erspart.�</p><p>�Der Dritte ��, wiederholte Kuragins Assistent, wurde jedoch durch die R�ckkehr des Suchtrupps, der die Gegend bis auf den letzten Quadratmeter durchk�mmt hatte, j�h unterbrochen.</p><p>�Melde gehorsamst, Genosse Major�, schnarrte sein Anf�hrer, ein blutjunger Jakute, und schlug die Hacken zusammen. Der Respekt vor dem MGB-Offizier war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. �Suchaktion beendet.�</p><p>�Mit Erfolg?�</p><p>�Das kann man wohl sagen, Herr Major � hier�, antwortete der Gefreite und �berreichte Kuragin eine M�tze, auf deren Vorderseite sich ein roter Stern befand.</p><p>�Wo haben Sie die gefunden, Soldat?�</p><p>�Etwa 100 Meter von der Br�cke entfernt. Im Wasser, das hei�t im Ufergestr�pp.�</p><p>�Danke, Genosse. Wegtreten�, antwortete Kuragin und wandte sich erneut seinem Assistenten zu. �Gehirnmasse, eine Patronenh�lse und zu guter Letzt noch eine M�tze � f�r den Anfang nicht schlecht.�</p><p>�Herr Major denken doch nicht etwa an ein Komplott?�</p><p>�Schon m�glich, Genosse�, stimmte Kuragin zu und paffte einen Rauchkringel in die Luft. �Die Frage ist nur, wer so dreist w�re, ein derartiges Ding durchzuziehen. Na ja, der Krieg ist ja wohl vorbei, aber irgendwie erinnert mich die Vorgehensweise an die ��</p><p>Das Schrillen des Feldtelefons in der nahen Baracke machte Kuragins Gedankengang zunichte. �Verdammt noch mal, wie oft wird man denn hier noch unterbrochen!�, war der Major drauf und dran, die Geduld zu verlieren, lie� seinen Zigarillo fallen und dr�ckte ihn mit der Stiefelspitze aus. �Falls es f�r mich ist, Dmitri Nikolajewitsch � ich bin f�r niemanden zu sprechen.�</p><p>�Auch nicht f�r Marschall Sokolowski?�, erwiderte Kuragins Assistent, nachdem er den Anruf entgegengenommen, den H�rer rasch beiseite gelegt und den Kopf aus der Baracke gestreckt hatte.</p><p>Eine Bemerkung auf den Lippen, die er lieber f�r sich behielt, lie� Kuragin seinen Assistenten stehen. Dann ging er ans Telefon.</p><p>Das Gespr�ch war kurz, nicht l�nger als eine Minute. Um zu verdauen, was er soeben zu h�ren bekommen hatte, brauchte Juri Andrejewitsch Kuragin jedoch erheblich l�nger. �Sind die denn alle verr�ckt geworden?�, murmelte er vor sich, als der H�rer l�ngst wieder auf der Gabel lag. Daran w�rde er noch eine Weile zu kauen haben, Befehl oder nicht.</p><p>�Etwas von Bedeutung, Herr Major?�, fragte sein Assistent f�r seine Verh�ltnisse ungew�hnlich diskret.</p><p>�Allerdings, Dmitri Nikolajewitsch�, erwiderte Kuragin ged�mpft, nicht ohne sich zuvor nach allen Seiten umgesehen zu haben. �Befehl aus Moskau. S�mtliche Ermittlungen, Untersuchungen und Aktionen, die in Zusammenhang mit dem Verschwinden unserer Jungs stehen k�nnten, sind umgehend einzustellen.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Sie haben richtig geh�rt, Herr Hauptmann�, fuhr Kuragin seinen Assistenten an, entlie� ihn und schlenderte mit nachdenklicher Miene auf die Glienicker Br�cke zu. Dort angekommen, vergrub er die H�nde in den Hosentaschen und blieb regungslos stehen.</p><p>Da war etwas im Busch, keine Frage. Die Frage war lediglich, weshalb Berija pl�tzlich einen R�ckzieher machte. Ohne einen Befehl von allerh�chster Stelle, will hei�en von Stalin, w�re dies ja wohl schlecht m�glich gewesen.</p><p>Um nicht zu sagen undenkbar.</p><p>Doch hatten Stalin, der Chef des Ministeriums f�r Innere Angelegenheiten, Lawrenti Berjia, und nicht zuletzt Marschall Sokolowski ihre Rechnung ohne Juri Andrejewitsch Kuragin gemacht. �Ihr k�nnt mich mal�, stie� der n�mlich hervor. �Jetzt erst recht!�</p><empty-line/><p>�Dessen ungeachtet war in den ersten Nachkriegsjahren die Werwolf-Ideologie bei einer Reihe von Deutschen lebendiger, als sie es w�hrend der letzten Kriegsmonate und in der unmittelbaren Nachkriegszeit selbst gewesen war. Dies zeigten Sprengstoffanschl�ge gegen Milit�reinrichtungen der Besatzungsm�chte oder Spruchkammergeb�ude. Im M�rz 1946 hob die US-Milit�rregierung eine NS-Untergrundbewegung aus und verhaftete �ber tausend Beteiligte. In Frankfurt am Main teilte US-Brigadegeneral E. I. Sibert am 1. April 1946 Einzelheiten �ber die bislang gef�hrlichste aufgedeckte Untergrundbewegung mit.�</p><p>Volker Koop: <emphasis>Himmlers letztes Aufgebot.</emphasis></p><p><emphasis>Die NS-Organisation �Werwolf�. </emphasis></p><p>K�ln / Weimar / Wien 2008, S. 252.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p>WOTAN</p><p><emphasis>(Berlin / Washington / Lakenheath Airfield, Sussex)</emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/></section><section><p>17</p><p><emphasis>Flughafen Berlin-Tempelhof, amerikanischer Sektor </emphasis></p><p><emphasis>| 11.57 h </emphasis></p><p>Triebwerke volle Pulle, gute Sicht und funktionierendes Radar. An Bord der C-54 Skymaster, einem sogenannten Rosinenbomber, lief scheinbar alles nach Plan. Das dachte auch First Lieutenant Jimmy Cummings, der 29-j�hrige Pilot. Doch er sollte eines Besseren belehrt werden.</p><p>�Delta Charlie 1066 to Tempelhof Tower � requesting permission to land�, nuschelte der sommersprossige Farmerssohn aus Nebraska in sein Mikro, w�hrend sich der Kopilot, ein Kumpel aus der High School, gelangweilt in seinem Sitz rekelte. Aus dem Lautsprecher dudelte der Chattanooga Choo Choo, die einzige Abwechslung an Bord. F�r Cummings war das hier pure Routine, wie auch f�r den Rest der f�nfk�pfigen Crew. In Gedanken l�ngst bei der Kantine, einer Lucky Strike und einer Partie Poker, hatte sich eine gewisse L�ssigkeit breitgemacht. Kein Wunder, wenn man wie Cummings die Strecke von Frankfurt nach Berlin schon ein paar Dutzend Mal hinter sich gebracht hatte. Bei Nebel spielte wenigstens das Radar verr�ckt, kam hin und wieder etwas Hektik auf. An so einem sch�nen Tag wie heute, nur durch ein paar Federwolken getr�bt, konnte davon jedoch keine Rede sein.</p><p>Mission completed, sollte man meinen.</p><p>Doch der Tod, der unterhalb der C-54 Skymaster auf der Lauer lag, hatte den silbern gl�nzenden Rosinenbomber bereits im Visier. Er kam in Gestalt einer sowjetischen Flugabwehrkanone vom Typ 2M-3, Kaliber 25 mm, doppell�ufig und gut getarnt. Aus einer H�he von 2.500 �Metern, als die C-54 in Landeanflug war, nicht auszumachen.</p><p>Ein paar Sekunden sp�ter, als das Gesch�tz sowjetischer Bauart mehr als 200 Schuss pro Minute auszuspeien begann, war es mit der Langeweile an Bord der Skymaster jedoch vorbei. �Permission gran��, funkte der Tower zur�ck, doch ging der Rest der Nachricht im Gebr�ll des Kopiloten unter. �Jesus fucking Christ!�, schrie der passionierte Bodybuilder, als die Geschosse, jedes von ihnen knapp ein Kilo schwer, die C-54 wie einen Papierdrachen durchsiebten, �die da unten schie�en auf uns!�</p><p>Auf Cummings, der das Steuer fest umklammert hielt, wirkten die Worte des Kopiloten zun�chst wie ein Scherz. Doch dann, als ein Triebwerk Feuer gefangen, der �ldruckmesser den Geist aufgegeben und die Maschine binnen Sekunden auf unter 2.000 Meter abgesackt war, hatte er verstanden. �Mayday, Mayday!�, schrie er mit sich �berschlagender Stimme, als bis auf eines s�mtliche Triebwerke ausgefallen waren und dichte Rauchschwaden daraus hervorquollen. �Tempelhof Tower � can you hear me? Altitude 5.000 feet, sinking rapidly!�</p><p>Jetzt nur keinen Volltreffer in den Tank, h�mmerte es Cummings durch das Hirn, als die Skymaster ins Trudeln geriet. Vor lauter Rauch konnte er kaum etwas sehen, und der Kerosingestank schn�rte ihm die Luft ab. 1.500 Fu�, das hei�t, wenn das �berhaupt stimmte. Ein Blick aus dem Seitenfenster, und Cummings wurde klar, dass er den H�usern bedrohlich nahe war. �Da!�, keuchte der Kopilot und zog ihm am Arm, den Blick starr geradeaus gerichtet. Jetzt konnte es auch Cummings sehen. Die Landebahn, etwa eine halbe Meile voraus. Und jede Menge H�user, Wohnblocks und Fabriken. Und nat�rlich Kinder, f�r die das Beobachten der Candy-Bomber das Gr��te war. Cummings krallte sich am Steuer fest, fluchte, was das Zeug hielt und versuchte, die C-54 zu stabilisieren. Ohne Erfolg. Die Maschine stotterte, schlingerte, rauchte wie ein Schlot � und gehorchte ihm nicht mehr. Einem Kometen �hnelnd, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, raste die brennende Skymaster mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf die Landebahn zu. �Mayday, Mayday!�, br�llte Cummings ins Mikrofon, w�hrend er den Schaulustigen, die sich nicht von der Stelle r�hrten, in die schreckgeweiteten Gesichter starrte. �Ground attack, can you hear me? Mayday!� Warum zum Teufel hauen die nicht ab?, schoss es ihm durch den Kopf. Stehen da und glotzen mich wie die �lg�tzen �</p><p>Lieutenant Jimmy Cummings aus Nebraska, 29 Jahre alt und Vater zweier Kinder, kam nicht mehr dazu, den Gedanken zu Ende zu f�hren. Kaum hatte die C-54 die Landebahn erreicht, wobei sie den Zaun nur um ein paar Meter verfehlte, schoss ein turmhoher Feuerball aus ihr empor, und die Explosion, die daraufhin folgte, war kilometerweit zu h�ren.</p><p>Doch davon bekamen weder der Pilot noch seine Crew etwas mit. Sie waren l�ngst tot, eins mit den Tr�mmern, die wie ein Sturmwind �ber die Landebahn fegten.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>18</p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Polizeipr�sidium in der Friesenstra�e, amerikanischer Sektor | 12.20 h </emphasis></p><p>�Sag mal, S��er � haste vielleicht ne Havanna f�r mich?�</p><p>In einem Anflug von Galgenhumor, der ihn derzeit immer h�ufiger �berkam, atmete Sydow befreit auf. Endlich mal jemand, der ihn nach einer Zigarre fragte. Zur Abwechslung wirklich mal was Neues.</p><p>�Tut mir leid, Lola � die sind uns gerade ausgegangen. Aber wir kriegen bestimmt bald wieder welche rein.�</p><p>Die rothaarige, mit Netzstr�mpfen, hautengem Atlaskleid und Federboa bekleidete Zweizentnerfrau, aus deren grell geschminktem Mund ein Zigarrenstummel ragte, gab ein missmutiges Grunzen von sich. �Ist das etwa der Dank, dass ick meene staatsb�rjerlichen Pflichten so prompt erf�llt habe?�</p><p>�Wie du bereits sagtest, Lola, es ist deine Pflicht, mir eine Audienz zu gew�hren. So ein kleines Plauderst�ndchen hat doch wohl noch niemandem geschadet, oder?�</p><p>�Kommt janz drauf an, Sch�tzchen, wo dich der Affe jebissen hat�, raunzte Kreuzbergs Bordellk�nigin, kratzte sich am Schienbein und kaute auf dem Zigarrenstummel herum. �M�sst es ja verdammt noch mal eilig haben, wenn mir die halbe Portion von der Sitte in aller Herrgottsfr�he aus der Falle jeklingelt hat. Haste wenigstens nen Schnaps f�r mich?�</p><p>�Leider auch nicht�, s�lzte Sydow mit Blick auf den Kocher neben ihm. �Aber es gibt gerade Gas, und ich k�nnte uns zwei Tassen Muckefuck aufsetzen.�</p><p>�Willste mir umbringen, oder wat ist hier los, Sydow?�, polterte die Rote Lola indigniert. �Ohne Schnaps l�uft hier jar n�scht, merk dir das.�</p><p>�Erst die Arbeit, dann das Vergn�gen, Lola�, wehrte Sydow ab und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.</p><p>�Vergn�gen? Wenn du willst, kannste heut Abend mal auf nen Sprung ��</p><p>�Danke, Lola. Kein Bedarf.� Sydow �ffnete den Umschlag, den Bechtel ihm gerade r�bergebracht hatte, betrachtete die Schwarz-Wei�-Aufnahmen und w�hlte eine davon aus. �Um deine kostbare Zeit nicht zu vergeuden, h�tte ich da einige Fragen.�</p><p>�H�rt sich verflucht noch mal nach Verh�r an, Sch�tzchen�, brummelte Lola missvergn�gt, w�hrend sich der Stummel in ihrem Mundwinkel allm�hlich in Wohlgefallen aufl�ste. �Weeste � so was mag ick ��</p><p>�Nennen wir�s ein Gespr�ch unter Freunden, Frau Pommerenke�, fiel Sydow seinem Gegen�ber, das ebenso gut als Catcherin h�tte auftreten k�nnen, ins Wort. Dann dr�ckte er ihr ein Foto, auf dem die Gesichtspartie der Toten zu sehen war, in die Hand. �Zumal du mit der Dame hier wohl noch nichts zu tun gehabt hast. <emphasis>Gesch�ftlich</emphasis>, wollte ich sagen.�</p><p>Auf dem Gesicht der Bordellk�nigin, trotz oder wegen ihrer 55 Jahre mit reichlich Rouge vollgekleistert, tauchte ein breites Krokodilsgrinsen auf. �Det haste aber sch�n jesagt, Sch�tzchen�, antwortete die Rote Lola und lie� den Zigarrenstummel in Sydows Aschenbecher plumpsen. �Und weil ick somit aus dem Schneider bin, will ick dir auch jerne meenen m�tterlichen Beistand jew�hren.�</p><p>�Freut mich zu h�ren, Lola�, antwortete Sydow zuckers��, um danach umgehend zur Sache zu kommen: �Auf den Punkt gebracht, <emphasis>Sch�tzchen</emphasis> � ich darf doch wohl annehmen, dass dir die Dame auf dem Foto bekannt vorkommt, oder nicht?�</p><p>�Und wat ist mit der Havanna?�</p><p>�Ob sie dir bekannt vorkommt, Lola, wollte ich wissen.�</p><p>�Schon jut, schon jut�, lenkte Erna Pommerenke alias die Rote Lola ein. �Bekannt is vielleicht nich das richtije Wort, aber ��</p><p>�Was dann?�</p><p>�Jesehen hab ick sie schon ein paar Mal.�</p><p>�Gesehen?�</p><p>�Mein Jott, kannst du aber penetrant sein, Sydow�, raunzte die Rote Lola zur�ck. �Auf gut Deutsch: Det Blondchen is�n paar Mal in meinem Revier aufjetaucht. Ami-Nutte, soviel ich wei�. Hielt sich f�r was Besseres. Die Flausen hat ihr mein Egon aber janz schnell ausjetrieben.� Misstrauisch geworden, hielt die Bordellk�nigin inne und warf Sydow einen ihrer Krokodilsblicke zu. �Was is eijentlich mit ihr? Is sie ermordet worden?�</p><p>Sydow nickte.</p><p>�Und wieso fragste ausjerechnet mir?�</p><p>�Aus keinem anderen Grund als dem, ihren Namen aus dir herauszukitzeln, mein Schatz. Und den Ort, wo die Dame tags�ber logiert haben k�nnte.�</p><p>�Det wees ick nich. Daran kann ich mir wirklich nicht erinnern, Sydow-Schatz.�</p><p>�Eine Havanna, und das sofort.� Die eiserne Reserve anbrechen. Sydow h�tte sich glatt ohrfeigen k�nnen. �Als Gegenleistung f�r ihren Namen. Adresse inklusive.�</p><p>�Hab ick dir schon mal jefl�stert, Sch�tzchen, dass an dir ein Hausierer verloren jegangen is?�</p><p>�Falls das ein Kompliment gewesen sein soll, verbindlichsten Dank.� Obwohl es ihm fast das Herz brach, �ffnete Sydow die Schreibtischschublade und f�rderte die darin befindliche Zigarrenkiste zutage. �Hier, Gn�digste � der verabredete Preis�, fl�tete er beim �berreichen der Troph�e.</p><p>Erna Pommerenke dankte es ihm mit einem Wonnegrunzen. �Lilian hei�t sie�, raunte ihm die Rote Lola zu, w�hrend sie die Havanna entz�ndete. �Lilian Matuschek.�</p><p>�Ihre Bleibe?�</p><p>�Woher soll ick denn wissen, in welcher Bruchbude ��</p><p>�Wo sie gewohnt hat, will ich wissen.�</p><p>Eingeh�llt in Zigarrenrauch, lie� Erna Pommerenke geraume Zeit bis zu ihrer Antwort verstreichen. �So wat Penetrantes wie dich hat die Welt noch nicht jesehn.�</p><p>�Ende der Vorstellung, Lola�, hakte Sydow unbarmherzig nach. �Ihre Adresse, bevor ich auf dumme Gedanken komme.�</p><p>�Kemperplatz�, gab die Bordellk�nigin trotzig zur�ck. �Oder halt irjendwo in der N�he. Ob du�s glaubst oder nicht, Sydow, die jenaue Adresse kann ick dir wirklich nicht ��</p><p>�Nicht n�tig, Lola�, antwortete Sydow, erhob sich und gab seiner Gespr�chspartnerin zu verstehen, dass die Unterhaltung hiermit beendet war. �Ob du�s glaubst oder nicht, Lola, falls du keinen auf Grimms M�rchen gemacht hast, finden wir die auch so. Und wenn nicht, r�ckt dir dein Sydow-Schatz noch mal kr�ftig auf die Bude, klar?�</p><p>*</p><p>Um zum Leiter der Kripo zu gelangen, der ihn auf halb eins einbestellt hatte, musste Sydow in den n�chsten Stock. Im Treppenhaus, das gerade renoviert wurde, roch es penetrant nach �lfarbe, und nicht zum ersten Mal beschlich ihn das Gef�hl, auf einer Gro�baustelle zu arbeiten. Gegen den L�rm der Dakotas und C-54 Skymaster war dies jedoch nichts. Das Pr�sidium lag in der N�he des Flughafens Tempelhof, und das bekam man hier auch zu sp�ren. Beziehungsweise zu h�ren. Vor einer knappen halben Stunde hatte es dort eine Explosion gegeben, aber da sich die Amerikaner nicht in die Karten schauen lie�en, waren keinerlei Details nach au�en gedrungen.</p><p>Kriminalrat Erwin Hattengruber, Leiter der Inspektion M I, logierte in einem Zimmer, das sich in puncto Kargheit durch nichts von den insgesamt acht�Abteilungen der Kripo unterschied. Das Mobiliar, wozu unter anderem ein Aktenschrank, diverse Regale und ein ausgefranster Sessel geh�rten, stammte noch aus der Vorkriegszeit, genau wie der Schreibtisch, an dem er im Moment von Sydows Eintreten sa�. Onkel Erwin, wie er augenzwinkernd genannt wurde, ging auf die 50 zu, hatte Geheimratsecken und hellblondes, nach hinten gek�mmtes und stets angefeuchtetes Haar. In Kreisen der hiesigen Beamten war er geradezu eine Legende und dar�ber hinaus das Schreckgespenst aller Schwarzh�ndler gewesen, die er w�hrend seiner T�tigkeit im Betrugsdezernat gleich reihenweise eingebuchtet hatte. Nach der W�hrungsreform im Juni war es ruhiger um ihn geworden, doch hatte das seiner Beliebtheit keinen Abbruch getan. Aufgrund einer Kriegsverletzung, derentwegen er das linke Bein nachzog, war er fast ausnahmslos im Innendienst t�tig, lie� sich jedoch von seinen Beamten, wie in diesem Fall von Sydow, regelm��ig Bericht erstatten.</p><p>�Setz dich, Tom�, begr��te ihn Hattengruber, unterschrieb eine Akte und wies mit dem Kinn auf den Stuhl, der unmittelbar vor seinem Schreibtisch stand. �So, dann lass mal h�ren ��, f�gte er mit gewinnendem L�cheln hinzu, jeder Zoll die Vaterfigur, an der sich nicht nur Sydow, sondern die meisten Kripobeamten orientierten. �Was hast du �ber diese Selbstm�rderin rausgekriegt?�</p><p>�Selbstm�rderin?�, fragte Sydow verbl�fft, unsicher, ob sich Hattengrubers Frage auf die Tote am Lehrter Bahnhof bezog. �Ich f�rchte, da muss ich dich entt�uschen, Erwin. Der Fall, an dem ich arbeite, hat mit Selbstmord nicht das Geringste zu tun.�</p><p>�Womit sonst?�, forschte der Kriminalrat. �Eine verhackst�ckte Leiche auf den Gleisen � um was, wenn nicht Selbstmord, kann es sich in so einem Fall denn schon handeln?�</p><p>�Um Mord, Erwin�, gab Sydow postwendend zur�ck, die H�nde immer noch auf die Stuhllehne gest�tzt. �So zumindest der Zeuge, den ich vorhin ins Gebet genommen habe.�</p><p>�Zeuge?�, fragte Hattengruber, verschr�nkte die H�nde unterhalb des Knies und lehnte sich entspannt zur�ck. �Wo hast du den denn aufgetrieben?�</p><p>�Da gab�s nichts aufzutreiben, Erwin. Es handelt sich dabei um einen gewissen Ernst Pawelka, von Beruf Lokf�hrer. Du ahnst, worauf ich hinauswill?�</p><p>�Der arme Teufel, der die Tote � wie hei�t sie denn eigentlich?�</p><p>�Lilian Matuschek.�</p><p>�Du willst also damit sagen, dass die Dame vor einen einfahrenden Zug gesto�en worden ist?�</p><p>�Geworfen, Erwin. Geworfen.� Um das Gespr�ch nicht unn�tig in die L�nge zu ziehen, lieferte Sydow einen detaillierten Bericht, in dessen Verlauf der Kriminalrat immer nachdenklicher wurde. �Wie gesagt�, schloss er und lie� sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch sinken, �nach allem, was wir bis jetzt wissen, haben sich der Kerl und diese Lili Marleen auf der Br�cke kr�ftig in die Haare gekriegt. Mit dem Ergebnis, das ich dir geschildert habe.�</p><p>�Irgendwelche Details, was das Aussehen ihres M�rders betrifft? Besondere Kennzeichen oder so?�</p><p>�Blond, B�rstenschnitt, um die 30 und �berdurchschnittlich gro�.� Die H�nde im Nacken verschr�nkt, lie� Sydow die Szene auf dem Bahnsteig zum wiederholten Male Revue passieren. �Ich bin mir fast sicher, dass es sich bei dem M�rder von Lilian Matuschek und dem Mann, der Pawelka abknallen wollte, um ein und dieselbe Person gehandelt hat.�</p><p>�Hm.� Im Gegensatz zu der f�r ihn typischen Spontanit�t hielt sich Hattengruber merklich zur�ck, und es dauerte mehrere Sekunden, bis er einen Kommentar abgab. �Fragt sich nur, warum.�</p><p>Sydow runzelte die Stirn und sah den Mann, in den letzten eineinhalb Jahren so etwas wie sein Mentor, stirnrunzelnd an. �Weil er einen Zeugen aus dem Weg r�umen wollte, der ihm oder wem auch immer h�tte gef�hrlich werden k�nnen.�</p><p>�Sieht so aus, Tom, als w�rst du in einen ziemlichen Schlamassel hineingeraten.�</p><p>�Schon m�glich�, gab Sydow achselzuckend zur�ck. �Wie du ja wei�t, l�sst mich so was ziemlich kalt.�</p><p>�Tom, wie er leibt und lebt. Durch nichts und niemanden zu ersch�ttern.�</p><p>�Apropos ersch�ttern. Kannst du damit was anfangen?� Hattengruber sah sich pl�tzlich mit einer Klarsichtfolie konfrontiert, die Sydow aus seinem Jackett gekramt hatte. �Schon mal was von einem Reichswerwolf geh�rt?�</p><p>�Wo hast du das denn her?�</p><p>�Aus dem Panoptikum. Spa� beiseite: Dank einem gewissen Heribert Peters, dem, wie du wei�t, nichts entgeht, haben wir wenigstens so etwas wie eine Spur.� Sydow erhob sich und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. �Aus der Faust der Toten, um es genau zu sagen. Was bedeutet, dass wir die Aussage des Lokf�hrers ernst nehmen m�ssen. Auf der Br�cke muss es demzufolge ein ziemliches Gerangel gegeben haben. Um nicht zu sagen eine w�ste Keilerei. Kann sein, dass ich mit meiner Theorie auf dem Holzweg bin, aber vieles spricht daf�r, dass die beiden wegen irgendwelcher Dokumente in heftigen Streit geraten sind. Wer wei�, vielleicht war sogar Erpressung im Spiel. Tatsache ist, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Dokumente aus der Nazizeit gehandelt hat. Kein Krimskrams, sondern Informationen, die es in sich haben. Anders kann ich mir den Tod einer gewissen Lilian Matuschek n�mlich nicht erkl�ren. Beziehungsweise die Tatsache, dass ihr M�rder den Tatzeugen aus dem Weg r�umen wollte.�</p><p>�Komisch�, warf Hattengruber mit Blick auf den Briefkopf ein, �aber ich war immer der Meinung, die Zeiten, in denen Werw�lfe ihr Unwesen getrieben haben, seien ein f�r allemal vorbei.�</p><p>�Anscheinend nicht, Erwin.� Auf den Sims eines der beiden Fenster gest�tzt, lie� Sydow den Kopf nach vorn sacken und blieb geraume Zeit stumm. Hattengruber tat es ihm gleich. Das Schweigen mochte ein, zwei Minuten angedauert haben, als Sydow laut aufseufzte, den Kopf hob und sich zu seinem Vorgesetzten umdrehte. �So lange ist es ja auch nicht her, seit Himmler sein letztes Aufgebot zu den Fahnen gerufen hat.�</p><p>�Ich glaube, du siehst Gespenster, Tom.� Ohne Sydows Blick zu erwidern, gab Hattengruber seine entspannte Haltung auf und lie� die Ellbogen auf dem Schreibtisch ruhen. �Das waren noch halbe Kinder, Tom. Und wenn nicht, hatten diese Werw�lfe wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. In einer Situation, wo der Krieg l�ngst gelaufen war, noch Leib und Leben zu riskieren, bedeutet f�r mich, dass man nicht mehr ganz bei Trost sein kann.�</p><p>�Oder ganz fanatisch sein muss.�</p><p>Hattengruber seufzte kaum h�rbar auf. �Du bist dabei, dich in etwas zu verrennen, Tom�, machte er aus seiner Meinung keinen Hehl. �Na sch�n, nehmen wir mal an, es lungern noch ein paar von diesen Werw�lfen rum � denkst du vielleicht, die sind eine Gefahr f�r uns?�</p><p>�Was nicht ist, kann ja noch werden.� Sydow vergrub die H�nde in den Taschen und lie� den Blick zwischen den F��en hin- und herpendeln. �Auf die Gefahr, mich l�cherlich zu machen � ich habe vor, weiter in diese Richtung zu ermitteln. Etwas anderes bleibt mir ja wohl auch nicht �brig.�</p><p>�Tu, was du nicht lassen kannst�, erwiderte Hattengruber verstimmt und kn�pfte sich den n�chsten Aktenstapel vor. �Mordsradau vorhin, findest du nicht auch?�</p><p>�Die Explosion dr�ben auf dem Flughafen?�</p><p>Der Kriminalrat gab ein zustimmendes Brummen von sich. �Hat sich so angeh�rt, als habe es betr�chtlichen Flurschaden gegeben. Wenn die Amis so weitermachen, brennt uns eines Tages vielleicht noch die Bude ��</p><p>Ob es das L�uten des Telefons oder die Akte auf dem Tisch gewesen war, die Hattengruber mitten im Satz verstummen lie�, konnte Sydow nicht feststellen. Dem Gesicht nach zu urteilen, das Onkel Erwin nach dem Abheben des H�rers machte, war von seiner Frohnatur nicht viel �brig geblieben. Er wirkte verbl�fft, um nicht zu sagen konfus. �Kann schon sein, Herr Polizeipr�sident, dass die Briten ihn angefordert haben�, erhob er die Stimme und sah Sydow kopfsch�ttelnd an. �Aber finden Sie nicht auch, dass wir denen mal zeigen sollten, wer hier der Herr im Hause ist?�</p><p>Man konnte Hattengruber ansehen, dass die Antwort nicht so ausfiel wie erhofft. So schnell gab er jedoch nicht nach. �Und wieso ausgerechnet er?�, ereiferte er sich, hart an der Grenze zur Unh�flichkeit. �Als ob wir nichts Besseres zu tun h�tten, als diesen Zirkus mitzu�� Wenn Hattengruber etwas nicht leiden konnte, dann die Tatsache, mitten im Satz unterbrochen zu werden. Da es sich bei seinem Gespr�chspartner jedoch um den Polizeipr�sidenten handelte, schluckte er seinen �rger hinunter und lie� die Flut der Belehrungen, die auf ihn niederprasselte, mit verkniffener Miene �ber sich ergehen. �Geht in Ordnung, Herr Polizeipr�sident�, stie� der Kriminalrat schlie�lich hervor, verzog das Gesicht und h�ngte auf.</p><p>Die Frage, die Sydow auf der Zunge lag, sollte ihren Adressaten nicht mehr erreichen, denn kaum hatte Hattengruber aufgelegt, stand er auf und trat auf Sydow zu. �Sieht so aus, als h�ttest du bei den Briten einen Stein im Brett�, murmelte er wie im Selbstgespr�ch, au�erstande, seinen Groll zu verbergen. �Ums nicht gar so spannend zu machen: Ein Leichenfund im Grunewald. Unserem Herrn Polizeipr�sidenten zufolge ist die Rentnerin, die ihren Hund Gassi gef�hrt hat, unmittelbar nach Entdeckung des Leichnams einer britischen Milit�rstreife in die Arme gelaufen.�</p><p>Sydow schwante �bles. �Und was habe ich damit zu tun?�, fragte er.</p><p>�Eine Menge, Tom�, gab Hattengruber unbeirrt zur�ck, auf dessen Stirn sich zwei Runzeln zu einem V vereinigten. �Laut Auskunft des Herrn Polizeipr�sidenten haben die Briten darauf gedr�ngt, Berlins bester Kripobeamter m�ge sich des Falles annehmen.�</p><p>Sydow richtete den Zeigefinger auf sich und sch�ttelte ungl�ubig den Kopf.</p><p>�Doch, Tom, du�, versetzte Hattengruber, auf einmal wieder der Alte. �Gut m�glich, dass es mit deiner glorreichen Vergangenheit zusammenh�ngt. Der Fall Heydrich hat dich eben auf einen Schlag ber�hmt gemacht. <emphasis>Nach dem Krieg</emphasis>.�</p><p>�Wei�t du was, Erwin � die k�nnen mich mal�, trotzte Sydow, dem die Vorstellung, zwei F�lle auf einmal l�sen zu m�ssen, �berhaupt nicht behagte.</p><p>Auf Augenh�he mit seinem Untergebenen, blitzte im Gesicht des Kriminalrates ein fl�chtiges L�cheln auf. Kurz darauf wurde er wieder ernst und fragte: �Auch dann, wenn sich auf dem Oberarm des Toten eine Wolfsangel befindet?�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>19</p><p><emphasis>Washington D. C., Wei�es Haus | 06.55 h Ortszeit </emphasis></p><p>�Hiobsbotschaften � und das mitten in der Nacht�, seufzte Harry S. Truman, seit mehr als drei Jahren amerikanischer Pr�sident, w�hrend er in einem Polstersessel versank. Auf schlechte Nachrichten aus Berlin konnte er verzichten, mit 64 sowieso. �Ich hoffe, Sie haben gute Gr�nde daf�r, Jim.�</p><p>�Wenn das keine sind, wei� ich nicht mehr�, antwortete US-Verteidigungsminister James V. Forrestal mit un�berh�rbarer Sorge und nahm auf eine Handbewegung des Pr�sidenten hin ebenfalls Platz. �Erst diese Messerstecherei an der Glienicker Br�cke � und nun das.�</p><p>�Wegen � wegen einer Frau, das muss man sich mal vorstellen�, murmelte Truman, legte den Kopf in den Nacken und fuhr �ber die grau melierten Schl�fen. �Als ob wir mit der Blockade nicht schon genug Probleme am Hals h�tten.�</p><p>�Mehr als genug�, pflichtete Forrestal, Ex-Marineflieger und acht Jahre j�nger als Truman, dem Pr�sidenten bei. Der smarte Workaholic mit den irischen Wurzeln und dem tadellos sitzenden Nadelstreifenanzug runzelte die Stirn. �Und ich f�rchte, sie werden eher noch zunehmen.� Forrestal machte ein betretenes Gesicht. �Um es auf den Punkt zu bringen, Mr. President: Vor knapp einer Stunde ist es auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin zu einem f�rchterlichen � nennen wir es einmal Ungl�ck � gekommen.�</p><p>Nicht gerade bester Laune, �ffnete Truman seinen Kragenknopf und sagte: �Die hat es ja wei� Gott schon h�ufig genug gegeben.�</p><p>�In der Tat, Mr. President�, antwortete Forrestal k�hl, lie� die Angelegenheit jedoch nicht auf sich beruhen. In seiner Eigenschaft als Gesch�ftsmann hatte er sich eine an Arroganz grenzende Selbstsicherheit angew�hnt, auch und gerade in schwierigen Situationen. Und schwierig war die Lage, in der nicht nur er sich befand, allemal. �Bedauerlicherweise haben wir es nicht mit einem Unfall, sondern mit etwas weitaus Schlimmerem zu tun.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Mr. President, Sir. Unseren bisherigen Erkenntnissen zufolge ist eine im Landeanflug befindliche C-54 Skymaster vom Boden aus beschossen worden, Mr. President, Sir.�</p><p>Auf einen Schlag hellwach, machte Truman einen Satz nach vorn. �Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst, Jim!�, stie� er verdattert hervor.</p><p>�Ich f�rchte, es kommt noch schlimmer, Sir.� Forrestal �ffnete seine Aktentasche und fischte ein Clipboard heraus, auf dem er sich in der Eile ein paar Notizen gemacht hatte. �Wenn Sie erlauben, Sir�, warf er ein und �berflog das vollgekritzelte Blatt. �Wie mir Clay<sup>9</sup> am Telefon best�tigt hat, ist die Skymaster tats�chlich unter Beschuss geraten. Und jetzt kommt�s, Sir, vermutlich mithilfe eines Flugabwehrgesch�tzes.�</p><p>�Unfassbar.�</p><p>�Aber wahr, Sir. Kurz vor dem Aufprall der Maschine auf dem Rollfeld hat der Pilot Mayday gefunkt. In der Hektik konnte der Tower zwar nicht alles verstehen. Die Worte �ground attack� hingegen �beraus deutlich.�</p><p>�Und die Besatzung?�</p><p>�Tot. Gottseidank binnen Sekunden. War gar nicht so einfach, die armen Teufel zu bergen.�</p><p>�Verdammt brenzlige Situation, Jim.�</p><p>�Da muss ich Ihnen recht geben, Mr. President. Zumal die Einschussl�cher an den Tragfl�chen trotz Explosion der Maschine nicht zu �bersehen waren.�</p><p>�Dieser Stalin, ich hab�s ja schon immer gewusst.� In seinem Groll h�tte Truman den Sowjetdiktator liebend gerne mit Fl�chen �bersch�ttet, nahm sich jedoch ein Beispiel an Forrestals Gefasstheit und behielt die Schimpfw�rter aus seiner Jugend im l�ndlichen Kansas f�r sich. �Und was nun?�</p><p>�Das frage ich <emphasis>Sie</emphasis>, Sir�, entgegnete Forrestal, obwohl er mit der Frage gerechnet hatte. �Eindeutigere Beweise gibt es ja wohl kaum.�</p><p>Truman legte die Handfl�chen auf die Oberschenkel und erstarrte. Dann erhob er sich und trat ans Fenster.</p><p>�Hat irgendjemand davon Wind gekriegt, Jim?�</p><p>�Nein, Sir. Clay hat eine Nachrichtensperre verh�ngt.�</p><p>�Gut so.� Den Blick auf den Rosengarten gerichtet, der vom Licht der Morgend�mmerung �berflutet wurde, r�hrte sich Truman nicht von der Stelle. Der 30. August versprach ein hei�er Tag zu werden, im wortw�rtlichen wie auch im �bertragenen Sinn. �Auf keinen Fall darf etwas davon an die �ffentlichkeit dringen. Bevor wir uns zum Handeln entschlie�en, will alles wohl �berdacht sein. Zum gegenw�rtigen Zeitpunkt kann ich mir keinen Fehler leisten. In etwas mehr als zwei Monaten sind ja schlie�lich Wahlen.�</p><p>Forrestals Mundwinkel verzogen sich zu einem s�ffisanten Grinsen. �Das stimmt, Sir�, antwortete er, klug genug, seine Gedanken nicht offen zu �u�ern. In seinen Augen verstanden die Russen n�mlich nur eine Sprache. Und das war die der Gewalt. �Und was passiert, Mr. President�, sprach er gedehnt, mit der Absicht, Truman in die Enge zu treiben, �wenn die Russen keine Ruhe geben? Wer wei�, auf was f�r Ideen Stalin noch kommt.�</p><p>�Mit anderen Worten: Sie sind der Meinung, die wollen es diesmal wissen, uns provozieren, den Schwarzen Peter in die Schuhe schieben. Damit wir es sind, die als Erste den Kn�ppel auspacken.�</p><p>�Wobei es im Fall aller F�lle nur eine Sorte von Kn�ppel gibt, mit dessen Hilfe wir ihnen zeigen k�nnen, was eine Harke ist. Erst recht, wenn die Dampfwalze richtig in Fahrt kommt. Bei allem geb�hrenden Respekt, Sir � wenn Uncle Joe<sup>10</sup> Ernst macht, k�nnen Sie Berlin vergessen. Das wissen Sie doch so gut wie ich. O. K., dann kneifen wir eben den Schwanz ein, werden Sie sagen. Wozu wegen knapp drei Millionen Deutschen den Dritten Weltkrieg riskieren. Die Frage ist nur, Mr. President, was Ihre W�hler dazu sagen. Ich pers�nlich bin der Meinung, dass wir uns keine weitere Schlappe leisten k�nnen. Die Russen machen im Osten sowieso, was sie wollen. Mein Wort darauf, Sir � die wollen uns auf die Probe stellen. Passiert nichts, kommt der n�chste Nadelstich. Und darauf folgt gleich wieder der n�chste. Es sei denn, wir zeigen denen, wo�s langgeht, Sir. Wenn m�glich, von Anfang an. Gib einem Russen den kleinen Finger und er rei�t dir die ganze Hand ab.�</p><p>�Hei�t das, Sie pl�dieren daf�r, Atomwaffen einzusetzen?�, fragte Truman mit br�chiger Stimme und drehte sich zu Forrestal um. �Und wer sagt Ihnen, dass die nicht schon l�ngst welche haben?�</p><p>�<emphasis>Wissen</emphasis> kann man das nat�rlich nie, Sir. Allerdings muss ich betonen, dass s�mtliche uns zur Verf�gung stehenden Quellen von einem Vorsprung zwischen drei und zehn�Jahren ausgehen. Zugunsten der USA, versteht sich.�</p><p>�Und was, wenn Stalin blufft?�</p><p>�In diesem Fall sollten wir unsere �berlegenheit ausnutzen, solange sie noch besteht. Ein halbes Dutzend gezielte Schl�ge, und Stalin wird um Gnade winseln. Darauf k�nnen Sie sich verlassen, Sir. Wenn der in unserer Lage w�re, w�rde er doch das Gleiche tun.�</p><p>Ohne auf Forrestals Bemerkung einzugehen, verlie� Truman seinen Platz am Fenster und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz. �Meiner Ansicht nach, Jim�, sprach er mit Bedacht, das Kinn auf den Handr�cken gest�tzt, �sollten Sie einen Fehler nicht begehen. Einen gravierenden, wie ich betonen muss.�</p><p>Forrestal horchte auf. �Und der w�re, Sir?�</p><p>�Uns in einen Topf mit Stalin und Genossen zu werfen. Ich hoffe, wir sind uns einig, dass es diesbez�glich gewaltige Unterschiede gibt.�</p><p>�Nat�rlich, Sir.� Der Hieb sa�. Forrestal schlug den Blick nieder und h�llte sich in Schweigen. Die erste Runde war an Truman gegangen. K.�o. war er deswegen aber noch lange nicht. Da kannte ihn der Pr�sident schlecht.</p><p>�Anders ausgedr�ckt, f�rs Erste werden wir so tun, als sei nichts gewesen. Oberste Geheimhaltungsstufe.� Auf Forrestals fragenden Blick hin fuhr der Pr�sident fort: �Was nicht hei�t, dass wir unt�tig bleiben werden, Jim. Wenn Sie schon mal wach sind, seien Sie bitte so gut und erweisen mir einen Gefallen.�</p><p>�Welchen denn, Sir?�</p><p>�Trommeln Sie s�mtliche Kabinettsmitglieder zusammen. Punkt zehn, wenn�s geht.�</p><p>�Wird gemacht, Sir.�</p><p>�ber Trumans Gesicht ging ein Schatten nieder. �Und veranlassen Sie, dass eine Staffel B-29 nach England verlegt wird � <emphasis>atomar best�ckt</emphasis>, versteht sich.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>20</p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Grunewald, britischer Sektor | 14.15 h </emphasis></p><p>Zwei Mordopfer innerhalb von vier Stunden, auf einen Plausch ins Leichenschauhaus und zu allem �berfluss noch die Rote Lola. Als Zugabe noch eine auf Hollywood getrimmte Aufpasserin der Briten. Wenn das keine Pechstr�hne war, wollte er nicht Tom Sydow hei�en.</p><p>Eine gewisse Kriemhild Flinke-Nothdurft, stolze Entdeckerin eines Leichnams, nicht zu vergessen. �Im Klartext, gn�dige Frau�, nahm Sydow nach dem x-ten Versuch, den Redeschwall der Rentnerin von der Gattung Rotk�ppchens Gro�mutter zu bremsen, den Gespr�chsfaden wieder auf. �Sie waren gerade dabei, auf dem Promenadenweg am Grunewaldsee spazieren zu gehen, als Ihr Fiffi verr�ckt gespielt ��</p><p>�Er hei�t Winston, Herr Kriminalkommissar, benannt nach dem britischen Premier��</p><p>�Winston�, vollendete Sydow, �der mit der Zigarre, Sie sagten es bereits.� Noch so eine Belehrung, und es w�rde den n�chsten Mord geben. �Das hei�t, er hat wie der Teufel gebellt, sich losgerissen und ist wie eine gesengte Sau in die B�sche ��</p><p>�Zwei �beraus unpassende Vergleiche, Herr Kommissar.�</p><p>�Und dann?�, knirschte Sydow, dessen Geduld auf eine harte Probe gestellt wurde. Krokowski, der das Zeichen zum Abtransport des Leichnams gab, war die Schadenfreude ins Gesicht geschrieben. �H�tten Sie vielleicht die G�te, auf den Punkt zu kommen?�</p><p>Rotk�ppchens Gro�mutter machte ein beleidigtes Gesicht. �Danach hat er sich nicht mehr von der Stelle ger�hrt, gebellt und mit den Vorderbeinen in der Erde herumgew�hlt. Nicht ohne Grund, wie Sie wissen.�</p><p>Obwohl er sich fragte, ob das schwanzwedelnde Phlegma zu F��en seiner Gespr�chspartnerin je gebellt hatte, lie� sich Sydow von ihrem Tonfall nicht beirren. �Fazit, gn�dige Frau: Nachdem Ihr Fi� �h � nachdem Winston auf den Leichnam gesto�en war, haben Sie das Feld ger�umt, um die Polizei zu benachrichtigen. Und das Gl�ck gehabt, direkt in die Arme einer britischen Streife zu laufen. Trifft das zu, Frau Flinke-Nothdurft?�</p><p>�So halbwegs, Herr Kommissar�, m�kelte Rotk�ppchens Gro�mutter herum. �Wobei noch hinzuzuf�gen w�re, dass ��</p><p>�War�s das, Tom?�, fragte Bechtel, nachdem er seine Ausr�stung zusammengepackt hatte. Sein R�hmann-Grinsen verhie� nichts Gutes. �Wei�t du, ich muss n�mlich dringend meine Notdurft verrichten.�</p><p>�Na dann, Gl�ck auf!�, schnauzte ihm Sydow hinterher, als er sich auf den R�ckweg zum Parkplatz machte. �Und gute Erholung.�</p><p>�Sch�n w�r�s�, konterte der Polizeifotograf. �Wenn das so weitergeht, w�chst mir die Arbeit �ber den Kopf.�</p><p>Und mir erst!, dachte Sydow und drehte sich zum Albtraum aller Kripobeamten um. �Das gilt auch f�r Sie, gn�dige Frau�, teilte er unter Zuhilfenahme seines Strahlemannl�chelns mit. Ein Kraftakt, der ihm so schwer fiel wie noch nie.</p><p>�Was denn?�</p><p>�Das mit dem sch�nen Tag�, fl�tete Sydow mit un�berh�rbarem Sarkasmus im Ton und reichte Rotk�ppchens Gro�mutter die Hand.</p><p>Kriemhild Flinke-Nothdurft hatte verstanden. Und reagierte getreu ihrem Doppelnamen schnell. So schnell, dass sie Krokowski, der die Gegend nach Spuren absuchte, beinahe �ber den Haufen gerannt h�tte.</p><p>�Finden Sie das eigentlich in Ordnung, Herr Kommissar?�</p><p>Das Pin-up-Girl. Er hatte es glatt vergessen.</p><p>�Was denn?�, fragte Sydow und drehte sich demonstrativ um. Um zum Ergebnis zu kommen, dass der Leichnam rasch verscharrt worden war, musste man kein Experte sein. Die nur knapp einen halben Meter tiefe Grube war Beweis genug.</p><p>�Die Art und Weise, wie Sie mit der alten Dame umgesprungen sind.�</p><p>�Wie bitte?�, entr�stete sich Sydow und wirbelte herum. �Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst.� Wenigstens verstand Miss Pin-up-Girl deutsch. Das erleichterte die Konversation.</p><p>�Doch, ist es�, erwiderte die Aufpasserin des britischen Stadtkommandanten, von der er nicht einmal den Namen kannte. Aber den w�rde er schon noch herausfinden. �Oder finden Sie nicht, man sollte vor �lteren Respekt haben?�</p><p>�Finden Sie nicht, Sie sollten sich erst mal vorstellen, bevor Sie hier einen auf Knigge machen?�, holte Sydow zum Gegenschlag aus. �Oder sind Sie in geheimer Mission unterwegs?�</p><p>Sydow hatte die Bemerkung eher beil�ufig gemacht, als eine Art Scherz. Bei seiner Kontrahentin kam dies jedoch �berhaupt nicht gut an. �Gehen Sie eigentlich immer so mit den Leuten um, Herr ��</p><p>�Kriminalhauptkommissar von Sydow.�</p><p>�Ich wei߫, r�umte das Rita-Hayworth-Imitat ein, dem Sydow am liebsten Gift verabreicht h�tte. Dann stie� sich Gladys McCoy von der Eiche ab, an die sie sich gelehnt hatte, und schlenderte auf Sydow zu. Vom hochn�sigen Tonfall, den sie bislang angeschlagen hatte, war nichts �brig geblieben, und das Pokerface, das sie machte, lie� sie umso r�tselhafter erscheinen. �Was das betrifft, bin ich vom Stadtkommandanten ins Bild gesetzt worden. Tom von Sydow, 35 Jahre, ledig, von Beruf Kriminalhauptkommissar, seit seiner R�ckkehr aus London wieder in Diensten der Kripo Berlin.�</p><p>�H�ren Sie, Miss ��</p><p>�Carrington.�</p><p>�Na sch�n, wer immer Sie auch sein m�gen: R�cken Sie endlich damit heraus, weshalb Sie hier sind, damit ich in Ruhe meine Arbeit erledigen kann.�</p><p>�Das sagte ich doch bereits, oder?�</p><p>�Sicherheitsbeauftragte, dass ich nicht lache�, murmelte Sydow wie im Selbstgespr�ch, in den Anblick der etwa zwei mal einen halben Meter messenden Grube vertieft. �ber die Baumwipfel, in deren Schatten man die Hitze halbwegs ertragen konnte, donnerte der n�chste in einer nicht enden wollenden Kette von Rosinenbombern hinweg. Musik in Sydows Ohren, weniger jedoch in denjenigen des br�netten Fr�uleinwunders, das er bereits jetzt gefressen hatte. Das Gleiche galt anscheinend f�r Miss Pin-up, die auf der entgegengesetzten Seite der Vertiefung Aufstellung nahm. �Das kann ja wohl alles M�gliche hei�en.�</p><p>�Bedaure, Herr von Sydow�, lie� sich die Dame namens Carrington, an deren Identit�t er ernsthafte Zweifel hegte, von ihm nicht in die Karten schauen. �Sollten Ihnen meine Ausk�nfte nicht gen�gen, muss ich Sie bitten, den Herrn Stadtkommandanten zu kontaktieren.�</p><p>�Wozu sind Sie dann �berhaupt hier?�</p><p>In die Augen der vermeintlichen Sicherheitsbeauftragten trat ein belustigtes Funkeln. Dunkelbraun!, fuhr es Sydow in den Sinn. Auch das noch. Genau wie die von Rebecca. Kaum war ihm der Gedanke gekommen, wurde ihm flau im Magen, und um davon abzulenken, richtete er seinen Blick auf das Unterholz in der N�he der knorrigen alten Eiche.</p><p>Gladys McCoy, der seine pl�tzliche Beklommenheit nicht entgangen war, milderte daraufhin sp�rbar den Ton. So hatten sie weder Generalmajor Edwin O. Herbert und seine Stabsoffiziere, noch die Besatzung der Sunderland erlebt. �Um gemeinsam mit Ihnen den Fall zu er�rtern.� Die MI6-Agentin seufzte. �Unter Landsleuten m�sste das doch wohl m�glich sein, oder?�</p><p>Sydow b�ckte sich nach einem Ast und schleuderte ihn ins Gestr�pp. �Wer immer Sie auch sein m�gen, Miss � schlecht informiert sind Sie auf jeden Fall nicht.�</p><p>�Soll das hei�en, wir k�nnen uns an die Arbeit machen?�</p><p>�Von mir aus.�</p><p>Der Gesichtsausdruck von Gladys McCoy begann sich zu entspannen. �Wie alt sch�tzen Sie den Mann?�, fragte sie, w�hrend der Fahrer des Leichenwagens den Motor anwarf und der Opel eine Staubwolke aufwirbelte und verschwand.</p><p>�Um die 30, vielleicht j�nger.� Sydow h�tte sich ohrfeigen k�nnen. Daf�r, dass er diese M�tzchen mitmachte und sich wie ein Penn�ler examinieren lie�, hatte er wei� Gott nichts Besseres verdient. �Wie alt genau, wird die Obduktion erweisen.�</p><p>�Genickschuss, nicht wahr?�</p><p>�Sieht ganz danach aus. Fragt sich nur, mit was f�r einer Waffe.�</p><p>�Und aus welchem Grund.�</p><p>�Sie sagen es, Miss. Und vor allem, weshalb das Mordopfer splitterfasernackt gewesen ist.�</p><p>Gladys McCoy hob die sorgsam gezupften Brauen. �Keine Ahnung�, gab sie achselzuckend zur�ck. �Und Sie?�</p><p>�Hm.� Den Ellbogen auf die Handfl�che gest�tzt, lie� Sydow den Blick auf den Lichtflecken ruhen, mit denen die Lichtung in der N�he des Grunewaldsees besprenkelt war. �Wenn man bedenkt, dass das Mordopfer vermutlich exekutiert worden ist, k�me nur ein triftiger Grund in Betracht.�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Die Identifizierung zu erschweren, was denn sonst?�</p><p>�So, meinen Sie.� Die MI6-Agentin fuhr mit dem Zeigefinger �ber die Unterlippe und suchte Sydows Blick. �Und die T�towierung an seiner Schulter? Bereits eine Idee, um welches Symbol es sich dabei handelt?�</p><p>�Um eine Wolfsangel�, erkl�rte er lapidar, nicht willens, sich von Miss Catwalk aus der Reserve locken zu lassen.</p><p>Doch so leicht, wie sich Sydow das gedacht hatte, lie� sich die Britin nicht abwimmeln. �H�rt sich irgendwie martialisch an.�</p><p>�Ist es auch.�</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Schon mal was von Werw�lfen geh�rt?�, fragte Sydow und erwiderte ihren Blick.</p><p>�Wenn ich ehrlich bin � nein.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ihr Misstrauen in allen Ehren, Herr ��</p><p>�Sydow. Das von k�nnen Sie sich �brigens sparen. Darauf kann ich getrost verzichten. Und was den von Ihnen bekrittelten Argwohn betrifft, Miss: Reine Berufskrankheit, nichts Pers�nliches.�</p><p>�Freut mich zu h�ren.� Gladys McCoy strich sich eine Haarstr�hne aus dem Gesicht. �Sie waren dabei, mir zu erkl�ren, was es mit dem Tattoo auf sich hat.�</p><p>�So, war ich das.� Sydow r�mpfte die Nase und f�gte widerstrebend an: �Streng genommen handelt es sich nicht um irgendein Symbol, sondern um die Kombination aus zwei Runen, bestehend aus einem �i� und einem �s�, um es genau zu sagen. Die Abk�rzung f�r �ich siege�.�</p><p>�Das Zeichen der Werw�lfe.�</p><p>�Gut kombiniert. F�r den Fall, dass sie Ihnen tats�chlich kein Begriff sind, Miss: Es handelt es sich um Himmlers letztes Aufgebot, kurz vor knapp, als der Karren schon l�ngst im Dreck gelandet war. Die ganz Fanatischen sozusagen. SS, Hitlerjungen, Wirrk�pfe aus der Partei. Ihr Auftrag: Den Alliierten das Leben so schwer wie m�glich zu machen. Br�cken in die Luft jagen, Bahnverbindungen unterbrechen, Angriffe aus dem Hinterhalt und dergleichen mehr. Die Exekution von Verr�tern nicht zu vergessen.�</p><p>�Wie dem auch sei � die Zeiten sind ja wohl endg�ltig vorbei.�</p><p>�Ihr Wort in Gottes Geh�rgang, Miss.�</p><p>�Soll das hei�en, Sie sind der Meinung, dass es diese Werw�lfe immer noch ��</p><p>�Das soll �berhaupt nichts hei�en�, fiel Sydow seiner Gespr�chspartnerin ins Wort, wobei er sich davor h�tete, Lilian Matuschek und das Brieffragment zu erw�hnen. �Gut m�glich, dass das Mordopfer nicht das Geringste mit Werw�lfen zu tun und sich die T�towierung nur so aus Spa� zugelegt hat.�</p><p>�Nur so aus Spa�?�</p><p>�Oder dass der gute Mann dabei war, sich unbeliebt zu machen. Mit Betonung auf �war�.�</p><p>�Oder?�</p><p>Auf Sydows Gesicht machte sich ein spitzb�bisches Grinsen breit. �Soll das hei�en�, konnte er der Versuchung, sich �ber Miss Unbekannt lustig zu machen, nicht widerstehen, �Sie sind der Meinung, dass es diese Werw�lfe immer noch ��</p><p>�Verzeihung, wenn ich Sie unterbreche, Herr Kommissar, aber ich h�tte da ein paar wichtige Informationen. Unter vier Augen, wenn Sie gestatten.�</p><p>�Aber klar doch!�, rief Sydow demonstrativ aus, erleichtert, sich seiner Aufpasserin entledigen zu k�nnen. Dann begab er sich mit Krokowski au�er H�rweite. �Schie�en Sie los, junger Mann�, forderte Sydow seinen Kollegen von der Spurensicherung nach einem Blick �ber die Schulter auf, �was haben Sie rausgekriegt?�</p><p>Krokowski, der sich trotz der Hitze partout nicht von seiner Fliege trennen wollte, machte ein nachdenkliches Gesicht. �Eine Menge�, raunte er Sydow zu. �Ehrlich gesagt wei� ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Tatsache ist, dass sich vor unserer Ankunft jede Menge Leute hier rumgetrieben haben.�</p><p>�Und wie viele?�</p><p>�In etwa ein Dutzend.�</p><p>Sydow pfiff durch die Z�hne. Das konnte ja heiter werden. �Ganz sch�ner Volksauflauf. Sonst noch was?�</p><p>Krokowski nickte. �Stiefelspuren, Herr Kommissar�, murmelte der Blondschopf mit nachdenklichem Gesicht. �Bei den Fu�abdr�cken handelt es sich zu 90 Prozent um Stiefelspuren.�</p><p>�Und bei den restlichen zehn?�</p><p>�Um normale Halbschuhe. Zwei Paar, unter Umst�nden sogar drei.�</p><p>�Irrtum ausgeschlossen?�</p><p>�So gut wie.� Von der Gesch�ftigkeit, die Krokowski an den Tag zu legen pflegte, war nichts mehr �brig geblieben, und seine besorgte Miene sprach f�r sich. �Sieht so aus, als g�be es noch eine Menge zu tun.�</p><p>�Worauf Sie sich verlassen k�nnen, mein Freund�, pflichtete Sydow ihm bei. �Riecht f�rmlich nach Fememord, wenn Sie mich fragen.�</p><p>�Hei�t das, Sie haben jemanden unter Verdacht?�</p><p>Sydow rang sich zu einem Nicken durch. �Das schon.�</p><p>�Und wen?�</p><p>�Ein Rudel W�lfe�, antwortete Sydow mit belegter Stimme, und f�gte auf Krokowskis erstaunten Blick hin an: �Egal, um wen es sich bei dem Ermordeten handelt, ich f�rchte, da kommt noch allerhand auf uns ��</p><p>�Runter!�</p><p>Aus einem Impuls heraus, den er sich hinterher nicht erkl�ren konnte, hatte sich Sydow umgedreht. Nur um festzustellen, dass die Miene einer gewissen Miss Carrington mit derjenigen eines Pin-up-Girls nichts mehr gemein hatte. Die Augen weit offen, war sie auf einmal kalkwei� geworden, und noch w�hrend sie ihre Warnung ausstie�, schnellte ihr K�rper nach vorn. Bevor Sydow �berhaupt begriff, was gespielt wurde, hatte sie ihn zu Boden gerissen, auf eine Art, wie er es ihr nicht zugetraut h�tte. Sekundenbruchteile sp�ter war es mit dem Idyll auf der Waldlichtung vorbei, und ein ohrenbet�ubendes Krachen, verbunden mit einer grell auflodernden Feuerwalze, erstickte jedweden Gedanken im Keim.</p><p>�Da!� Es war Krokowski, der als Erstes die Sprache wiederfand, und als Sydows Blick seinem Zeigefinger folgte, fiel er auf den Mann mit der Panzerfaust. Sein Gesicht war geschw�rzt, und obwohl es Sydow absurd vorkam, bildete er sich ein, der Angreifer k�nne seine Gedanken lesen. Mithilfe seiner Waffe, einer Panzerfaust 150, konnte er nichts mehr ausrichten. Es sei denn, er w�rde ein neues Geschoss auf das Projektil montieren. Doch dazu war offenkundig nicht genug Zeit. Folglich entschied er sich zur Flucht, und bevor sich Sydow aufrappeln konnte, hatte der Unbekannte das Abschussrohr fallen gelassen und war im Unterholz verschwunden.</p><p>Der Spuk hatte keine f�nf Sekunden gedauert, dann war er vorbei. Die Luft roch nach verkohltem Holz, und in der Eiche, wo das mehr als sechs Kilo schwere Geschoss eingeschlagen war, klaffte ein ru�farbenes Loch. Der Atem des Krieges lag in der Luft, der Gestank nach Sprengstoff, verbrannter Erde und Rauch.</p><p>Wieder halbwegs klar im Kopf, sah sich Sydow nach seiner Aufpasserin um. F�r das, was er sah, fehlten ihm die Worte, wenngleich er so tat, als �berrasche es ihn kaum. �Sicherheitsbeamte des Stadtkommandanten, soso�, grollte er mit Blick auf die Browning Kaliber 7,65 mm, mit der die Britin auf den Attent�ter gezielt hatte. �Und wozu schleppen Sie so ein Ding mit sich herum?�</p><p>�F�r alle F�lle, Herr Kriminalhauptkommissar�, antwortete Gladys McCoy, lie� die Waffe unter ihrem Kost�m verschwinden und wandte sich wortlos zum Gehen.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>21</p><p><emphasis>Berlin-Sch�neberg, Geb�ude des Alliierten Kontrollrates in der Potsdamer Stra�e | 15.45 h </emphasis></p><p>Es gab Tage, an denen General Lucius D. Clay das Leben einfach zum Kotzen fand. Heute, an einem Dienstag im August, war es wieder einmal so weit. Der Tag war noch keine vier Stunden alt gewesen, als man ihn aus dem Bett geklingelt hatte. Im ersten Moment hatte sich die Nachricht von der Messerstecherei zwischen zwei GIs wie ein schlechter Witz angeh�rt, und er hatte den Offizier vom Dienst wie einen Rekruten zusammengestaucht. Seine Wut hatte sich jedoch rasch wieder gelegt. Das kam daher, weil der Schauplatz der Messerstecherei zu den neuralgischsten Punkten Berlins z�hlte. Die Glienicker Br�cke war nun einmal so etwas wie ein Nadel�hr, die Russen nur 50 Meter entfernt. Nach allem, was er bislang in Erfahrung bringen konnte, hatten die jedoch nicht das Geringste damit zu tun. Kaum zu glauben, aber wahr. In diesem Punkt stimmten s�mtliche Zeugenaussagen �berein. Die beiden Streith�hne, ein Gefreiter und ein Korporal, hatten die Dame vor drei Tagen in einer Kreuzberger Bar kennengelernt. Na ja, Dame war vielleicht �bertrieben, aber da man zwischen Nutten und am�sierwilligen Fr�uleins nicht immer unterscheiden konnte, zog er diese Bezeichnung vor. Einem Augenzeugen zufolge war besagte Blondine dann am gestrigen Abend am Checkpoint aufgetaucht, an dem die beiden Dienst geschoben hatten. Was genau sich dort abgespielt hatte, war im Dunkeln geblieben. Tatsache war, dass der Gefreite allem Anschein nach mit seinem Vorgesetzten in Streit geraten, mit dem Messer auf ihn losgegangen und durch einen Schuss in die Herzgegend get�tet worden war. Was den Korporal betraf, war dieser an den Wunden, die ihm zugef�gt worden waren, verblutet. So zumindest die Version der MP. An deren Darstellung hegte Clay jedoch erhebliche Zweifel. Zumal von der Dame, derentwegen der Streit entbrannt war, bislang jegliche Spur fehlte.</p><p>Soweit die erste Hiobsbotschaft, die ihn im Verlauf des Tages erreicht hatte. Nichts im Vergleich zu der zweiten, an der er immer noch zu kauen hatte.</p><p>Eher widerstrebend schlug der 51-j�hrige Viersternegeneral die Akte auf, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Ein Blick gen�gte, um seine Laune in Richtung null sinken zu lassen. Und nicht nur das. Beim Gedanken daran, wie er Berlin durch den n�chsten Winter bringen sollte, bekam er das kalte Grausen. Das Minimum pro Tag lag bei 2.000�Tonnen, sonst war die Stadt geliefert. Der Organisator der Luftbr�cke runzelte die hohe Stirn. Auf was er sich eingelassen hatte, war ihm zwar von Anbeginn klar gewesen. Hatte es f�r das, was er in Gang gebracht hatte, doch keinen Pr�zedenzfall gegeben. Eine Millionenstadt aus der Luft versorgen, m�glicherweise f�r l�ngere Zeit. Vor ihm hatte das noch keiner versucht, geschweige denn in Erw�gung gezogen. Der kleinste Zwischenfall, und es w�rde zum Dritten Weltkrieg kommen. Verglichen damit, was darauf folgen w�rde, kam ihm die H�lle wie eine Sommerfrische vor.</p><p>Wie auf Bestellung klingelte in diesem Moment das Telefon. Na endlich!, dachte Clay, der seine Sekret�rin angewiesen hatte, s�mtliche Anrufer abzuwimmeln. �Clay hier�, meldete sich der Viersternegeneral, den H�rer in der linken, den Kaffeebecher in der rechten Hand. �Was gibt�s?�</p><p>Am anderen Ende der Leitung war ein z�gerliches R�uspern zu h�ren. Dann kam der Stabsoffizier, den er mit der Untersuchung des Absturzes der C-54 Skymaster beauftragt hatte, zur Sache.</p><p>Und Lucius D. Clays Kaffee wurde kalt.</p><p>�Sagen Sie das noch mal!�, stie� Clay ungl�ubig hervor, w�hrend er den Becher zur Seite schob. �Eine sowjetische Flugabwehrkanone vom Typ 2M-3?�</p><p>�In der Tat, Sir�, kr�chzte es aus dem H�rer, wobei dem Anrufer beinahe die Stimme versagte. �Sozusagen der letzte Schrei. Kaliber 25 Millimeter, zwei Rohre mit bis zu 300 Schuss pro Minute. Reichweite 3.000 Meter, circa eineinhalb Tonnen schwer. Direkt unter der Einflugschneise des Flughafens platziert. Die Bastarde haben genau gewusst, was sie tun.�</p><p>�Eineinhalb Tonnen schwer?� Clay machte ein ungl�ubiges Gesicht. �Dann m�ssen es aber verdammt viele Bastarde gewesen sein.�</p><p>�So um die sechs, sieben St�ck. Sagt zumindest die Spurensicherung.�</p><p>�Und die Flugabwehrkanone?�</p><p>�Immer noch an Ort und Stelle, Sir.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>Aus dem H�rer erklang ein weiteres R�uspern. �Sie haben richtig geh�rt, Sir. Das Corpus Delicti ist immer noch da. Wie bestellt und nicht abgeholt. In Sichtweite des Jagdschlosses Grunewald. Von diesen russischen Schei�kerlen allerdings keine Spur. Sieht so aus, als sei ihnen jemand in die Quere gekommen.�</p><p>Clay fuhr mit dem Zeigefinger �ber den Nasenr�cken und schwieg. An dieser Sache war etwas faul. So sicher wie das Amen in der Kirche. Blieb zu kl�ren, was. So dumm, das Neueste vom Neuen einfach liegen zu lassen, waren die Russen bestimmt nicht. Und ausgerechnet im britischen Sektor. Ausgeschlossen. Clay fuhr mit dem Handballen �ber die geschlossenen Lider. In was f�r einen Schlamassel bin ich da blo� hineingeraten!, dachte er gequ�lt. �Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass es die Russen waren, Lieutenant?�</p><p>Dieses R�uspern konnte einen wirklich wahnsinnig machen. �Wer soll es denn sonst gewesen sein, Sir?�</p><p>�Gute Frage.�</p><p>�Von einem Motiv, das die T�ter ja wohl haben, gar nicht zu reden.�</p><p>�Nun machen Sie aber mal halblang, junger Mann�, stauchte Clay seinen Gespr�chspartner zusammen. �Einmal angenommen, Sie h�tten recht � haben Sie �berhaupt eine Ahnung, worauf sich Stalin und Co. folglich gefasst machen m�ssten?�</p><p>�Klar, Sir�, antwortete der Stabsoffizier in markigem Ton. �Wir w�rden Sie in die Steinzeit zur�ckbomben.�</p><p>�Und womit, Sie Schlauberger?�</p><p>Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Kein R�uspern!, fuhr es Clay in einem Anflug von Galgenhumor durch den Sinn. Immerhin etwas. �Mithilfe von Bomben, Sir, oder liege ich da falsch?� Die Erleuchtung kam sp�t, aber nicht zu sp�t. �Sie wollen doch nicht etwa damit sagen, Sir�, nahm der Lieutenant einen neuen Anlauf, nachdem er mitten im Satz stecken geblieben war, �dass Truman als Erstes Atomwaffen einsetzen w�rde?�</p><p>�Na, was denn sonst?�, schnauzte Clay seinen Gespr�chspartner an. �Bin ich denn hier von lauter Idioten umgeben? Wenn, dann w�re das doch die einzige M�glichkeit, ihnen eins vor den Latz zu knallen. Oder muss ich Ihnen erz�hlen, dass die Russen immer noch �ber viereinhalb Millionen Mann unter Waffen haben? Gesetzt den Fall, wir w�rden denen mit der Atomkeule eins �berbraten � was w�rde Ihrer Meinung nach geschehen?�</p><p>�Somit w�re hier in Berlin der Teufel los.�</p><p>�Was Sie nicht sagen!�, knirschte Clay entnervt. �Wenn die ihre 36 Panzerdivisionen in Marsch setzen, k�nnen wir einpacken. Kapiert, junger Mann? Als Westpoint-Absolvent m�ssten Sie das eigentlich wissen. In diesem oder einem �hnlichen Fall w�re die Kacke so richtig am Dampfen. Berlin, Persien, Korea � wom�glich sogar gleichzeitig. Damit uns ja nicht langweilig wird.�</p><p>�Aber wenn es die Russen nicht waren, Sir, wer sonst?�</p><p>�Sehen Sie, junger Mann, jetzt kommen wir der Sache schon n�her.� In Gedanken wieder bei der abgeschossenen C-54, h�llte sich der Gouverneur des US-Sektors in Schweigen. Da hatte er sich ja etwas Sch�nes eingebrockt, nichts im Vergleich zum D-Day, seinerzeit als Eisenhowers Stabschef. Das hier war eine Nummer gr��er. Und hoffentlich nicht eine Nummer zu gro� f�r ihn.</p><p>�Sind Sie noch dran, Sir?�</p><p>Clay brummte etwas, das der Stabsoffizier nicht verstand und auch nicht verstehen sollte und kehrte in Gedanken in die Gegenwart zur�ck. �War das alles?�, fragte er, in der stillen Hoffnung, der Tag m�ge ihm keine weiteren Hiobsbotschaften mehr bescheren.</p><p>Der Lieutenant bejahte.</p><p>�Dann h�ren Sie jetzt mal gut zu, junger Mann�, redete Clay geradezu beschw�rend auf ihn ein. �Das, wor�ber wir gerade gesprochen haben, bleibt unter uns. Ist das klar?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Sir�, lautete die Antwort des Stabsoffiziers, aus dessen Tonfall ein ger�ttelt Ma� an Skepsis herauszuh�ren war. �Klarer Fall von oberster Geheimhaltungsstufe.�</p><p>�Und das gilt nicht nur f�r Sie und mich, kapiert? Wer die Klappe nicht h�lt, geht in den Bau. Am besten gleich ein paar Monate, damit dem Betreffenden nicht zu wohl wird. Oder er kommt vor ein Kriegsgericht, je nachdem. Habe ich mich klar genug ausgedr�ckt, junger Mann?�</p><p>�Auf alle F�lle, Sir.�</p><p>�Sonst noch was, Lieutenant?�</p><p>Ein Knacken, gefolgt von betretenem Schweigen. Clay wollte gerade auflegen, als der Ordonnanzoffizier den Mut aufbrachte, den rhetorischen Charakter der Frage zu ignorieren. �Ja, Sir�, lautete die z�gerliche Antwort, �ich h�tte da noch ein Anliegen.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Was ist mit den Angeh�rigen der Besatzung, Sir? Meinen Sie nicht, wir m�ssen ihnen reinen Wein einschenken?�</p><p>�Gar nichts m�ssen wir�, warf Clay kategorisch ein. �Schon vergessen, was ich Ihnen gerade eingeimpft habe?�</p><p>�Nein, Sir.�</p><p>Clay verdrehte die Augen. Irgendwie konnte einem dieser Jungspund aus Montana ja leidtun. So etwas von naiv hatte die Welt noch nicht gesehen. �Denken Sie sich halt was aus�, wies er den Lieutenant an. �Schlie�lich kann ich mich nicht um alles k�mmern.�</p><p>�Und die Russen, Sir?�</p><p>�Nur die Ruhe, mein Sohn�, antwortete Clay gequ�lt. �Was Stalin, Berija und Co. angeht, werden wir weiter so tun, als sei die ganze rote Brut nicht ��</p><p>Weiter kam Lucius D. Clay, Stadtkommandant und Milit�rgouverneur, nicht mehr. Denn auf einmal war die Leitung tot. In seiner Ratlosigkeit, die allerdings nicht von langer Dauer war, f�hrte der Anrufer dies zun�chst auf das ungest�me Temperament seines Vorgesetzten zur�ck. Es dauerte allerdings nicht lange, bis er erfuhr, was im amerikanischen Hauptquartier an der Saargem�nder Stra�e, Sitz des ehemaligen Luftgaukommandos III, wirklich geschehen war.</p><p>Aber da war die Bombe, die unweit des Haupteingangs in einem PKW versteckt gewesen und zwei Wachposten nebst einem Zivilangestellten zum Verh�ngnis geworden war, l�ngst explodiert.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>22</p><p><emphasis>Berlin-Mitte, Brandenburger Tor | 15.50 h </emphasis></p><p>�Sie verlassen den britischen Sektor� � an diese oder �hnliche Schilder konnte er sich einfach nicht gew�hnen, und je �fter er mit ihnen konfrontiert wurde, umso mehr hingen sie ihm zum Hals heraus.</p><p>Verlorener Krieg hin oder her.</p><p>An der Realit�t, das hei�t der Situation seiner geteilten Heimatstadt, �nderte dies jedoch nichts. Das wusste Sydow genau. Und es war der Grund, weshalb er das Schild in Sichtweite des Brandenburger Tores geflissentlich ignorierte und einen Blick auf die andere Seite warf. Die sowjetischen Posten, fast noch Kinder, daf�r aber mit umgeh�ngter Kalaschnikow, waren nicht zu �bersehen. Genauso wenig wie das Portr�t von Stalin auf dem Pariser Platz. So viel zum Thema Realit�t, dachte Sydow, steckte die H�nde in die Taschen und schlenderte auf die Sektorengrenze zu. Mehr als drei Jahre war der Krieg nun vorbei, und noch immer waren die Sch�den nicht zu �bersehen. W�re der Tag nicht so sch�n gewesen, h�tten die Schutthaufen, Einschussl�cher und das demolierte Adlon noch viel deprimierender auf ihn gewirkt. Nichts als Ruinen, Tr�mmerteile und Schutt, Schutt und nochmals Schutt. Kaum ein Geb�ude, das nichts abbekommen hatte, angefangen beim Kronprinzenpalais, �ber die Staatsoper bis hierher zum Brandenburger Tor. Seit Kriegsende hatte sich zwischen Brandenburger Tor und Lustgarten so gut wie nichts getan, da konnten Ulbricht und Genossen rumt�nen, wie sie wollten. Sobald V�terchen Stalin nicht mehr seine sch�tzende Hand �ber sie halten w�rde, w�re es aus und vorbei mit ihnen. F�r ihn, und nicht nur f�r ihn, stand das unverr�ckbar fest.</p><p>�Sieh an, der Herr Kommissar � na, wenn das keine �berraschung ist�, h�rte Sydow eine verschmitzte Stimme sagen, nicht ohne Respekt, aber auch mit un�berh�rbarem Spott. Froh, dem tristen Anblick zu entgehen, drehte er sich auf dem Absatz um und blinzelte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Die Sonne blendete ihn, und es dauerte seine Zeit, bis er den Rufer ersp�ht hatte. �Ach, du bist�s, Kalle!�, rief Sydow �berrascht aus, als er in dem Betreiber der Imbissbude in unmittelbarer N�he des Brandenburger Tores einen alten Bekannten aus der Zeit florierender Schwarzm�rkte erkannte. Mit denen war es zwar definitiv vorbei, dem Wohlergehen von Fluppen-Kalle hatte dies jedoch offenbar keinen Abbruch getan. �Was machst du denn hier?�</p><p>�Gesch�fte�, gab der Ex-Schwarzh�ndler zur�ck, seit seinem letzten Zusammentreffen mit Sydow um einiges rundlicher, um nicht zu sagen dicker geworden. �Sie wissen doch, Herr Kommissar � mit den Gesch�ften ist es wie mit den Weibern. Da muss man jede Gelegenheit beim Schopf packen.�</p><p>Sydow rang sich ein L�cheln ab und blickte in Richtung Siegess�ule. Eigentlich h�tte er sich schon l�ngst auf die Socken machen m�ssen, aber wie die Dinge nun einmal lagen, lie� ihn dieser Ort nicht los. Sechs�Jahre. Kaum zu glauben. Sechs Jahre war das alles bereits her. Und doch schien es, als sei es erst gestern gewesen. Die Hetzjagd durch halb Berlin, die Gestapo st�ndig im Nacken. Das Wiedersehen mit Rebecca, die sich <emphasis>das</emphasis> Staatsgeheimnis schlechthin unter den Nagel gerissen hatte. Und dann erst die Landung von McLeod auf der Ost-West-Achse, nur einen Katzensprung entfernt von hier. Verglichen damit waren der Start, das Sperrfeuer der Flak und der anschlie�ende Flug nach England das reinste Vergn�gen gewesen.</p><p>�Warum so nachdenklich, Herr Kommissar?�, lie� Fluppen-Kalle seine Reminiszenzen schlie�lich wie eine Seifenblase zerplatzen. �Ausgerechnet an einem so sch�nen Tag.�</p><p>�So sch�n nun auch wieder nicht, Kalle�, erwiderte Sydow und kramte in der Tasche seines Jacketts herum. Ganz allm�hlich begann sich bei ihm der Hunger zu regen. Wie pflegte Tante Lu doch zu sagen: Mit leerem Magen zum Dienst � wo k�men wir da hin!</p><p>�Lassen Sie stecken, Herr Kommissar � geht auf mich�, forderte der ehemalige Kleinganove Sydow auf und hielt ihm einen Hot Dog mit Senf vor die Nase. Der wiederum roch so gut, dass Sydow einfach nicht widerstehen konnte.</p><p>�Beamtenbestechung, Kalle � pass auf, sonst landest du daf�r im Knast�, flachste Sydow und biss herzhaft zu. Eines musste man diesem Schlitzohr ja lassen. Daf�r, dass er auf der Schwarzen B�rse am Brandenburger Tor einer der gewieftesten Lieferanten von Glimmst�ngeln gewesen war, hatte er eine atemberaubende Metamorphose durchgemacht. �Aber wem sag ich das � hinter schwedischen Gardinen kennst du dich ja bestens aus.�</p><p>Aus dem Munde des rotwangigen Wurstverk�ufers kam ein herzhaftes Lachen. �Nichts f�r ungut, Herr Kommissar, aber die Zeiten, in denen ich mit Lucky Strike, Camel oder Pall�Mall gehandelt habe, sind unwiderruflich vorbei. D-Mark hei�t jetzt die Devise. Was Besseres als die W�hrungsreform h�tte einem wie mir gar nicht passieren k�nnen. Das muss man diesem Erhardt und diesem Adenauer ja lassen.�</p><p>Wie genau der alte Gauner aus dem Wedding die Kurve in Richtung soziale Marktwirtschaft gekriegt hatte, wollte Sydow nicht wissen. Der Tag war wei� Gott anstrengend genug gewesen. Und l�ngst noch nicht zu Ende. Allein schon beim Gedanken, was noch alles auf ihn zukommen w�rde, verging ihm der Appetit.</p><p>�Stimmt was nicht, Herr Kommissar?�, schob der Neu-Unternehmer, der mit richtigem Namen Karlheinz Pasewalk hie�, flugs hinterher. Einem wie ihm konnte man nichts vormachen. Darauf war er m�chtig stolz.</p><p>�Wenn du mich so fragst, Kalle � ja�, gab Sydow prompt zur�ck, angelte das Foto von Lilian Matuschek aus dem Jackett und schob es �ber den Tresen. Auf einen Versuch mehr oder weniger kam es ja wohl nicht an. �Kommt dir die Dame da bekannt vor?�</p><p>Zu Sydows Verbl�ffung biss Fluppen-Kalle tats�chlich an. �Von wegen Dame�, bekam er sich vor Heiterkeit fast nicht mehr ein, d�mpfte jedoch umgehend den Ton. Mit Ausnahme eines Stadtstreichers, der seine Imbissbude links liegen lie�, war jedoch niemand in der N�he, und nachdem er sich vergewissert hatte, ob die Luft tats�chlich rein war, fuhr Pasewalk fort: �Wenn das eine war, will ich Adolf ��</p><p>�Lieber nicht, Kalle�, w�rgte Sydow den schr�gen Humor seines Gespr�chspartners ab und steckte das Foto wieder ein. �Also: War dir die Tote bekannt?�</p><p>�Hab ich mir doch gleich gedacht, dass es mit der ein schlimmes Ende nehmen w�rde�, mokierte sich Fluppen-Kalle und warf ein paar Bouletten auf den Rost.</p><p>�Wieso denn?�</p><p>�Weil sie ein oberkrummes Ding gedreht hat � darum.�</p><p>�Na, du hast�s gerade n�tig, Kalle�, am�sierte sich Sydow und vertilgte den Rest seines Hot Dogs.</p><p>�Nicht, was Sie denken, Herr Kommissar�, setzte sich Pasewalk mit erhobenen H�nden zur Wehr. �F�r einen wie mich war das Ding, das Lili gedreht hat, eine Nummer zu gro�.�</p><p>Sydow wischte sich den Mund ab und machte ein treudoofes Gesicht. �Lili?�</p><p>�An Ihnen ist wirklich ein Schauspieler verloren gegangen, Herr Kommissar�, lachte Pasewalk, der ihn sofort durchschaute. �Nichts f�r ungut: Mir k�nnen Sie so leicht nichts vormachen.�</p><p>�Wenn dem so ist, lass h�ren, Kalle.�</p><p>�Weil Sie�s sind, Herr Kommissar. Die anderen in der Friesenstra�e k�nnen mich n�mlich mal.� Nach einem neuerlichen Blick in die Runde und einem Griff zum Spatel, mit dem er die Bouletten gekonnt umdrehte, wandte sich Pasewalk wieder seinem Gespr�chspartner zu. �Wie gesagt�, kam Fluppen-Kalle auf das Thema zur�ck. �Lili hat ihre Karten �berreizt. Stimmt schon, ging ihr ziemlich mies in letzter Zeit. Kaum Kundschaft, und wenn, war es keine, mit der sich Kohle machen lie�. Wenn du obendrein noch mit dem Saufen anf�ngst, biste geliefert.�</p><p>�Kundin von dir?�</p><p>�Kann man so sagen. Ist vor vier, f�nf Wochen zum ersten Mal hier aufgekreuzt. Na ja, auf diese Weise kommt man eben ins Gespr�ch. Sieht so aus, als sei es ihr unmittelbar nach dem Krieg besser gegangen. Ein spendabler Ami, und schon l�uft der Laden. Falls Sie verstehen, was ich meine, Herr Kommissar.�</p><p>�Bin von Muttern aufgekl�rt worden, Kalle.�</p><p>�Na, dann isses ja gut, Herr Kommissar. Wie gesagt � nachdem Adolf und Konsorten das Handtuch geworfen hatten, ist Lili recht gut �ber die Runden gekommen. Sah ja wohl zudem ganz passabel ��</p><p>�Heute Morgen nicht mehr.�</p><p>Pasewalk machte ein ernstes Gesicht. �Wieso? Stimmt irgendwas nicht mit ihr?�</p><p>�Mord.�</p><p>�Au backe.�</p><p>�Ein Grund mehr, mir alles zu beichten, findest du nicht auch?�</p><p>�Auf alle F�lle, Herr Pfarrer.� Fluppen-Kalle kratzte sich hinterm Ohr. Danach r�usperte er sich, beugte sich nach vorn und sagte: �Wenn mich nicht alles t�uscht, hatte sie vor, jemanden zu erpressen. Im gro�en Stil.�</p><p>�Zugabe, Herr Pasewalk.�</p><p>�Kann sein, dass ich mich irre, aber ��</p><p>�Vor mir brauchst du keine Manschetten zu haben, Kalle. Spuck�s aus.�</p><p>�Sie haben leicht reden, Herr Kommissar. Ihnen geht es ja auch nicht an den Kragen.�</p><p>�JWO?�, fragte Sydow gespannt.</p><p>�Jemand von janz weit oben, Sie haben es erfasst�, antwortete der Kleinganove und wischte sich die H�nde an seiner Sch�rze ab.</p><p>�Darf man erfahren, um wen es sich gehandelt hat?�</p><p>�Keine Ahnung. Auf jeden Fall hat Lili eine Mordswut im Bauch gehabt. Diese Sauberm�nner mit ihren Persilscheinen w�rden noch mal ihr blaues Wunder erleben, hat sie gesagt.�</p><p>�Waren das ihre Worte?�</p><p>�Hundertprozentig, Herr Kommissar. Klarer Fall von Ex-Nazi, wenn Sie mich fragen. Fragt sich nur, was sie gegen den Betreffenden in der Hand gehabt hat.�</p><p>�M�chte ich ehrlich gesagt auch wissen�, log Sydow, in Gedanken l�ngst wieder bei dem mysteri�sen Papierfetzen, auf dem der Name Himmlers aufgetaucht war. Dass viele sogenannte alte Kameraden den Weg vom Henker zum Saubermann in Rekordzeit hinter sich gebracht hatten, wusste er nur zu gut. Dass es in Berlin nur so von ihnen wimmelte, auch. Je h�her, umso mehr Dreck am Stecken. Da machte er sich nichts vor. Nichts schwei�te bekanntlich mehr zusammen als gemeinsam begangene Verbrechen. Es sei denn, man kam ihnen per Zufall auf die Spur. So wie das im Falle einer gewissen Lilian Matuschek der Fall gewesen zu sein schien.</p><p>�Eine ganz kurze Frage noch, Kalle�, fuhr Sydow fort, wurde jedoch durch einen Studebaker Marke Land Cruiser, der mit quietschenden Reifen vor der Imbissbude hielt, j�h unterbrochen.</p><p>�So ist das eben, Herr Kommissar�, fl�sterte ihm Fluppen-Kalle zu, als ihr beider Blick auf die aufgetakelte Blondine und den smarten Sergeant-Major in seiner Ausgehuniform fiel. �Ami am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen.�</p><p>Dann tippte er mit dem Zeigefinger an seine Papierkappe, hie� seine Kundschaft �berschw�nglich willkommen und tat so, als habe das Gespr�ch mit Sydow �berhaupt nicht stattgefunden.</p><p>*</p><p>Wieder am Steuer seines VW, mit dem er von der Siegess�ule aus in Richtung S�den fuhr, hatte Sydow M�he, seine d�stere Stimmung zu vertreiben. Mit dem Wetter hatte das nichts zu tun, eher mit seiner Umgebung. Am Tiergarten, den die Berliner zu Brennholz verhackst�ckt hatten, war der Krieg nicht spurlos vor�bergegangen. Hie und da g�hnten noch vereinzelte Bombentrichter, ansonsten war der Park mit Gem�sebeeten �bers�t. B�ume, unter denen man Schutz vor der prallen Sonne fand, waren jedenfalls Mangelware, und von einstiger Bl�tenpracht war nichts mehr zu sehen.</p><p>Erleichtert, diese Mondlandschaft durchquert zu haben, bog Sydow schlie�lich in die Tiergartenstra�e ein. Auf das einstige Botschaftsviertel, nur noch ein Schatten fr�herer Tage, verschwendete er jedoch keinen Blick. Dort, wo sich einst stattliche Residenzen befunden hatten, ragten dutzendweise Ruinen empor. Und von denen hatte er im Verlauf der letzten drei Jahre genug gesehen.</p><p>Dass die Rauchs�ule, die in Sichtweite des Kemperplatzes in den sich allm�hlich bew�lkenden Himmel stieg, etwas mit seinem Fall zu tun haben k�nnte, wollte Sydow zun�chst nicht wahrhaben. Doch er wurde eines Besseren belehrt. In Gedanken bei dem, was ihn erwartete, parkte er seinen VW an der Einm�ndung Bendlerstra�e und ging den Rest des Weges zu Fu�.</p><p>Je n�her er dem Haus kam, von wo aus sich ein ungehinderter Blick zum Reichstag er�ffnete, desto mehr wurde ihm bewusst, dass er zu sp�t gekommen war. Ein Verdacht keimte in ihm auf, so ungeheuerlich, dass er ihn sofort wieder verwarf. Auf so eine Idee kannst wirklich nur du kommen!, redete er sich ins Gewissen, zw�ngte sich zwischen den Schaulustigen hindurch und z�ckte die Dienstmarke mit der Aufschrift �Kriminalpolizei�.</p><p>Das Haus, in dem der Brand ausgebrochen war, hatte drei Stockwerke. Es als Wohnhaus zu bezeichnen w�re allerdings �bertrieben gewesen. Seit 1945, als es kurz vor Kriegsende einen Volltreffer abbekommen hatte, war es nur notd�rftig repariert worden. Weiter als bis zum Erdgeschoss, in dem derzeit niemand wohnte, waren die Bem�hungen allerdings nicht gediehen, weshalb man es getrost eine Ruine nennen konnte. Ganz besonders jetzt, unmittelbar nach dem Brand.</p><p>Blieb nur noch der Keller, in dem laut Auskunft eines Feuerwehrmannes eine gewisse Lilian Matuschek gehaust hatte. Mehr schlecht als recht, wie Sydow bei einer Nachbarin in Erfahrung bringen konnte, die nicht hinzuzuf�gen verga�, welchem Gewerbe die von ihr als Flittchen apostrophierte Blondine nachgegangen war. Eine Aussage, die etliche der Umstehenden mit zustimmendem Kopfnicken best�tigten.</p><p>Sydow tat so, als h�rte er all dies zum ersten Mal, bedankte sich artig und steckte den Notizblock wieder in sein Sakko. �Da k�nnen Sie jetzt nicht rein, Herr Kommissar!�, ermahnte ihn der Einsatzleiter, doch Sydow h�rte nicht auf ihn. Die Bemerkung eines Feuerwehrmannes, auf Spuren von Brandbeschleunigern gesto�en zu sein, �berh�rte er dagegen nicht.</p><p>Auf dem Weg in den Keller, vorbei an verkohlten Balken, Tr�mmern und Schutt, musste sich Sydow sein Taschentuch vor den Mund halten. Der Geruch nach Benzin, Spiritus und Phosphor war allgegenw�rtig, doch davon lie� er sich nicht abschrecken. Ebenso wenig wie von der M�glichkeit, dass das dreist�ckige Geb�ude jeden Moment einst�rzen konnte. Wie immer, wenn Sydow Lunte gerochen hatte, war er nicht zu bremsen, weder durch drohende Gefahren noch durch die mahnenden Worte des Einsatzleiters, der auf halber Strecke umgekehrt war. Sein Instinkt lie� ihm keine Ruhe, und das, nicht etwa die Gebote der Vernunft, war das Ausschlaggebende.</p><p>Im Souterrain, durch dessen winzige Oberlichter kaum Helligkeit hereindrang, herrschte das totale Chaos. In erster Linie lag das nat�rlich an dem Brand, der daf�r gesorgt hatte, dass mit Ausnahme des gusseisernen Ofens so gut wie nichts vom Mobiliar �briggeblieben war. Bei n�herem Hinsehen konnte man jedoch erkennen, dass der Kellerboden mit allen nur erdenklichen Gegenst�nden �bers�t war. Manche von ihnen, unter anderem die verkohlten �berreste von Schubladen, Regalen und zweier Koffer, konnte Sydow noch halbwegs gut erkennen. Andere wiederum, mit hoher Wahrscheinlichkeit Kleider, Schuhe und eine Matratze, fast gar nicht mehr.</p><p>Um seine Schl�sse zu ziehen, musste Sydow nicht lange nachdenken. Alles deutete darauf hin, dass die Kellerwohnung kurz vor Ausbruch des Brandes auf den Kopf gestellt worden war. Nicht etwa systematisch, sondern ohne R�cksicht auf Verluste. Selbst ein Laie konnte das auf den ersten Blick sehen.</p><p>Auf wessen Kappe dieses Durcheinander hier ging, war ebenfalls offensichtlich. Schenkte man Pasewalks Aussage Glauben, konnte es sich dabei nur um einen der oberen Zehntausend handeln. Sydow lachte ver�chtlich auf. So jemand w�rde sich nicht die Finger schmutzig machen, schon gar nicht, wenn er eine braune Vergangenheit hatte. Ein Handlanger also � aber wer? Der Schluss, dass es sich bei dem M�rder der Prostituierten und dem Brandstifter um ein und dieselbe Person handelte, lag vor dem Hintergrund dieser Frage auf der Hand. Dass dieser vor nichts zur�ckschreckte, hatte er ja hinl�nglich unter Beweis gestellt. Unter anderem durch die Kaltbl�tigkeit, mit der er versucht hatte, Pawelka aus dem Weg zu r�umen. Wie er es jedoch fertiggebracht hatte, Lilian Matuscheks Wohnung ausfindig zu machen, war Sydow ein R�tsel.</p><p>Fazit: Wer auch immer es war, der seinen Kettenhund von der Leine gelassen hatte, f�r ihn stand eine Menge auf dem Spiel. Um die Spuren seiner Vergangenheit zu tilgen, hatte der Betreffende nicht gez�gert, einen Auftragsm�rder anzuheuern und die Frau, die ihn erpresst hatte, kaltbl�tig aus dem Weg r�umen zu lassen. Daraus ergab sich, dass es sich bei Mister Saubermann keinesfalls nur um einen x-beliebigen Mitl�ufer handeln konnte. Die gab es wie Sand am Meer, millionenfach. Wer so viel riskierte, musste eine Menge Dreck am Stecken und noch mehr zu verlieren haben. Sydow lie� sein Taschentuch wieder verschwinden und blickte sich um. Besagter Mann f�rs Grobe hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Das musste ihm der Neid lassen.</p><p>Doch was sich Mister Ex-Nazi auch einfallen lassen w�rde, bei ihm, Tom Sydow, war er an den Falschen geraten. Ein hohes Tier bei der SS � einer, der die Hacken zusammengeschlagen und anschlie�end Hunderte von Leuten massakriert hatte? Schon m�glich, wenn nicht gar wahrscheinlich. Einer von der r�cksichtslosen Sorte. Von diesen Fanatikern, die nicht hatten einsehen wollen, dass das Dritte Reich unweigerlich den Bach runtergehen w�rde. Von diesen Werw�lfen, die den Kanal auch nach Kriegsende immer noch nicht voll gehabt und dem F�hrer, Himmler oder welchem braunen Arschloch auch immer unverbr�chliche Treue geschworen hatten. Sydows Z�ge verh�rteten sich, und w�hrend er so dastand, fiel ihm das Brieffragment wieder ein, auf dem der Name Himmlers aufgetaucht war. �Wie von Ihnen, Reichsf�hrer Himmler, mit Schreiben vom 9.4. gew�nscht, anbei die erbetene Liste mit �� Um auf die Idee zu kommen, dass sich der Name von Mister Persilschein auf dieser Liste befand, musste man wirklich nicht Sherlock Holmes hei�en. Das verstand sich quasi von selbst. Die Frage war nur, in wessen H�nden sich der Rest des Schreibens und die ihm beigef�gte Liste befand. Beziehungsweise wie umfangreich sie war und welche weiteren �berraschungen sie noch zutage f�rdern w�rde. Wer wei�, fragte sich Sydow, wie viele alte Kameraden von Herrn Saubermann in diese Aff�re verwickelt sind. Und wie viele von ihnen sich bis in h�chste Positionen vorgearbeitet haben.</p><p>Besser, zum gegenw�rtigen Zeitpunkt nicht allzu viele Gedanken darauf zu verschwenden, ermahnte sich der Kripo-Beamte, beugte das Knie und begann, die herumliegenden Tr�mmer zu inspizieren. Zu dumm, dass er auf sich allein gestellt war. In einem derartigen Durcheinander glich die Suche nach Indizien derjenigen nach der Nadel im Heuhaufen, aber da Krokowski alle H�nde voll zu tun hatte, musste er sich notgedrungen damit abfinden.</p><p>Die verkohlten Fasern einer Tischdecke in der Hand, musste Sydow automatisch an Onkel Erwin denken. Was hatte ihm der jetzige Herr Kriminalrat und einstige Mentor eingesch�rft? Spuren gibt es immer, vor allem da, wo man sie am wenigsten vermutet. Aha. Nahm man sich diese Maxime zu Herzen, musste es sie folglich auch hier geben.</p><p>Die Frage war lediglich, wo.</p><p>Einen Fluch auf den Lippen, rappelte sich Sydow wieder auf. Das mit den Spuren war leichter gesagt als getan. Um sicherzugehen, dass ihm nichts entging, hatte der Brandstifter bestimmt jeden Quadratmeter abgesucht. Darauf konnte er sich getrost verlassen. Und was, wenn der Handlanger von Herrn Saubermann bereits f�ndig geworden war? Sydow machte ein missmutiges Gesicht. In diesem Fall w�rde ein gewisser Herr Hauptkommissar ganz sch�n bescheuert aus der W�sche gucken.</p><p>Und mit leeren H�nden dastehen.</p><p>�Verdammte Sch��, stie� Sydow im Angesicht des demolierten Bettgestells und der herumliegenden Schubladen hervor, brach die bevorstehende Schimpfkanonade jedoch abrupt ab, rannte zur T�r und von dort aus die Stufen bis zum Treppenabsatz hoch, der sich auf halber H�he zwischen Erdgeschoss und Souterrain befand. Typisch Sydow!, gestand er sich kopfsch�ttelnd ein. Auf so eine Idee w�re selbst ein Anf�nger gekommen.</p><p>Im Gegensatz zum Keller hatte das stille �rtchen ziemlich wenig abgekriegt, und zu Sydows Freude sah es dort richtig ordentlich aus. Wenn er jedoch geglaubt hatte, sein Geistesblitz w�rde ihn ans Ziel f�hren, sah er sich get�uscht. Das Abflussrohr in die oberen Etagen, die noch nicht wieder instand gesetzt worden waren, war unversehrt, die M�glichkeit, darin etwas zu verstecken, offenbar nicht genutzt worden. Pech gehabt, Herr Kriminalhauptkommissar. Wieder mal auf dem Holzweg, und das nicht zu knapp.</p><p>Im Begriff, das heimliche Gemach wieder zu verlassen, blieb Sydows Blick an dem Zeitungsstapel haften, der dort aus naheliegenden Gr�nden deponiert worden war. An sich war dies nichts Besonderes, da sich kein normaler Mensch Klopapier leisten konnte. Was Sydow auffiel, war die penible Ordnung, mit der die gefalteten B�gen aufeinandergeschichtet waren, und da er nichts unversucht lassen wollte, hob er den Stapel auf, setzte sich auf die Treppe und sah ihn sich genauer an.</p><p>Und wurde sofort f�ndig.</p><p>*</p><p>�Bedenkt man, was ich deinetwegen riskiere, ist jetzt aber eine Stange Camel f�llig�, machte Fritz Lindner, genannt Flitze, aus seiner Beunruhigung keinen Hehl. �Du wei�t doch: Iwan h�rt mit.�</p><p>�Bist eben ein wahrer Freund, Flitze�, redete Sydow dem Redakteur der Berliner Zeitung, einem hoffnungslosen Kettenraucher, gut zu, w�hrend er die Umgebung der Telefonzelle in unmittelbarer N�he des Kemperplatzes nicht aus den Augen lie�. �W�re glatt aufgeschmissen, wenn ich dich nicht h�tte.�</p><p>�Auch schon gemerkt?�, lie� sich die Stimme am anderen Ende der Leitung vernehmen.</p><p>�Klar doch, Flitze.�</p><p>Stille. Sydow dachte schon, der Freund aus gemeinsamen Penn�lerzeiten habe aufgelegt, als sich der Starreporter der Berliner Zeitung erneut zu Wort meldete. �Es ist so, wie du vermutest. Was die Ausgaben betrifft, die du mir genannt hast, handelt es sich um Bilder von ein und der gleichen Person.� Ein Anfall von Raucherhusten, danach wieder Stille. �Eine Person, die mir nicht ganz unbekannt ist�, schob Sydows Schulfreund hinterher, um mehrere Sekunden sp�ter hinzuzuf�gen: �Und dir auch nicht, Tommy-Boy.�</p><p>�Jetzt machst du mich aber neugierig.�</p><p>�Eine Stange Camel � ja oder nein? Sonst halte ich es in Sibirien nicht aus.�</p><p>Obwohl ihm nicht danach war, musste Sydow grinsen. �In Ordnung, Flitze�, versprach er, wohl wissend, auf was er sich da eingelassen hatte. �Und nun lass h�ren.�</p><p>�Gerne�, flachste Lindner. �Sitzt du gut?�</p><p>�Leider nein.�</p><p>�Dann halt dich irgendwo fest�, setzte der Redakteur noch eins drauf und gab den Namen des Mannes preis.</p><p>Vor �berraschung blieb Sydow glatt die Spucke weg, und selbst nachdem er die Nachricht verdaut hatte, konnte er es immer noch nicht glauben. Das also war der Mann, dessen Konterfei Lilian Matuschek fein s�uberlich aus der Berliner Zeitung ausgeschnitten hatte. Und das gleich ein halbes Dutzend Mal. Der Mann, den sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erpressen versucht hatte. �Mein lieber Schwan!�, �chzte er. �Auf den w�re ich nun wirklich nicht gekommen. W�re es zu viel verlangt, wenn du mir aus eurem Archiv jeweils eine ��</p><p>�� Kopie besorgst?�, lachte Lindner in den H�rer hinein. �Aber klar doch, Schwarm aller ledigen Damen. Ich lass sie dir ins Pr�sidium bringen. Postwendend. Du kennst ja den Preis.� Nachdenklich geworden, f�gte der Redakteur hinzu: �Darf man fragen, um was es geht?�</p><p>�Tut mir leid, Flitze�, hielt sich Sydow bedeckt. �Je weniger du wei�t, umso besser.�</p><p>�Mit anderen Worten: Es geht um Kopf und Kragen.�</p><p>�Nach allem, was bis jetzt geschehen ist, schon�, gab Sydow zur Antwort, w�hrend er die Ereignisse des Tages noch einmal Revue passieren lie�. Zwei Tote, ein mysteri�ser Geheimbund und zu guter Letzt noch die Attacke mit der Panzerfaust � �ber Langeweile konnte er wahrhaftig nicht klagen. �Was nicht hei�t, dass ich keinen Wert auf dein Detailwissen lege.�</p><p>�Daf�r bin ich also gut genug�, frotzelte der Redakteur, lie� sich aber doch noch herab, Sydow umfassend ins Bild zu setzen. �Wenn du schlau bist, Tom�, schloss er seinen mehrmin�tigen Bericht, �dann machst du einen Bogen um den Kerl. Mit dem ist wirklich nicht gut Kirschen essen.�</p><p>�Wei� ich, Flitze�, bekr�ftigte Sydow, w�hrend ein gequ�ltes L�cheln �ber seine Z�ge glitt. �Wei� ich. Daf�r ist es jedoch leider zu sp�t.�</p><p>�H�tte mich auch gewundert, wenn gerade du jetzt den Schwanz einziehst�, antwortete sein Schulfreund in anerkennendem Ton, woraufhin ihm f�r kurze Zeit die Stimme versagte. �Also viel Gl�ck, Tom. Und halt die Ohren steif.�</p><p>�Du auch, Flitze�, antwortete Sydow und h�ngte auf.</p><p>Kaum imstande, seine R�hrung zu verbergen, hielt Sydow geraume Zeit inne. Schlie�lich nahm er den obersten von einem halben Dutzend Zeitungsartikeln zur Hand, den er auf dem Telefonapparat deponiert hatte, faltete ihn auseinander und starrte das quadratische Loch in seiner Mitte wutentbrannt an. �Und nun zu dir, Mister Persilschein�, fl�sterte er. �Damit du nicht noch mehr Unheil anrichten kannst.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>23</p><p><emphasis>Washington D. C., Wei�es Haus | 10.10 h Ortszeit </emphasis></p><p>�Verdammt knifflige Situation�, konstatierte George C. Marshall, Au�enminister und ehemaliger F�nfsternegeneral, als Forrestals Bericht zur Lage in Berlin beendet war. �Und was gedenken Sie zu tun, Mr. President?�</p><p>�Gar nichts.�</p><p>�Gar nichts?�, hakte der 67-j�hrige, knorrige und in Ehren ergraute Ex-Stabschef nach.</p><p>�Falls Sie den Einsatz milit�rischer Mittel meinen, George�, kam Verteidigungsminister Forrestal seinem Oberbefehlshaber zuvor, �es wurde vor Kurzem eine Staffel B-29 vom Typ Superfortress nach England verlegt.�</p><p>�Atomar best�ckt�, erg�nzte der Pr�sident und nahm auf einem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz. �Wenn alles glattgeht, m�sste sie in diesen Minuten dort ankommen.�</p><p>Im Oval Office kehrte Schweigen ein, und die Kabinettsmitglieder, die sich auf den Sesseln im Arbeitszimmer des Pr�sidenten niedergelassen hatten, wichen Trumans Blick aus.</p><p>Mit 45 einer der J�ngeren, war es der Postminister, der das Schweigen brach. �Meiner Ansicht nach gen�gt das vollauf�, stellte er kategorisch fest. �Wenn Sie mich fragen, Mr. President, sollten wir in Bezug auf Berlin jeglichem �rger aus dem Wege gehen.�</p><p>�Was hei�t hier �rger?�, begehrte Marshall auf. Der Au�enminister, Organisator des nach ihm benannten Hilfsprogramms, konnte sein Temperament kaum z�geln. �Schlie�lich waren es doch wohl die Russen, denen wir die Sperrung der Zufahrtswege zu verdanken haben.�</p><p>�<emphasis>Vor</emphasis> oder <emphasis>nach</emphasis> Einf�hrung der D-Mark in Berlin?�, fragte der Finanzminister spitz.</p><p>�Eine Frage von untergeordneter Bedeutung, finden Sie nicht?�, fuhr Marshall seinen Nebenmann an, nicht willens, den Seitenhieb auf sich sitzen zu lassen. �Gesetzt den Fall, Sie w�rden etwas von milit�rischen Belangen verstehen, k�men Sie vermutlich zur gleichen Schlussfolgerung wie ich. Kurz gesagt: Die Russen verstehen nur eine Sprache, und zwar die der Gewalt. Wenn wir die H�nde in den Scho� legen, wird es unweigerlich zum n�chsten Zwischenfall kommen. Darauf k�nnen Sie Gift nehmen, John.�</p><p>�Lieber nicht, George. Sonst w�rden die Milit�rs das ganze Geld verplempern. Muss ich extra betonen, dass wir uns keine milit�rischen Abenteuer mehr leisten k�nnen?�</p><p>�Leuten wie Ihnen, die immer nur ans Geld denken, sollte man eigentlich den Mund verbieten�, sch�umte Marshall, der am Sieg �ber Hitler entscheidenden Anteil gehabt hatte.</p><p>Das war auch der Grund, weshalb Trumans R�ge relativ moderat ausfiel. �Ich muss doch sehr bitten, Gentlemen�, fiel er den beiden Streith�hnen ins Wort. �Wenn wir �bereinander herfallen, ist niemandem damit gedient.�</p><p>�Uneinigkeit w�re ja wohl das Letzte, was wir in der gegenw�rtigen Situation brauchen k�nnen�, haute Forrestal in die gleiche Kerbe und lenkte das Gespr�ch auf seinen Gegenstand zur�ck. �Zumal vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen mit Stalin zu bef�rchten ist, dass es die Russen wohl kaum bei diesem Nadelstich belassen werden.�</p><p>�Und was, wenn es ein Unfall war?�, wandte der Postminister kleinlaut ein. �W�re ja wohl nicht die erste Skymaster, die in Tempelhof eine Bruchlandung hingelegt hat.�</p><p>�Tut mir leid, Sie korrigieren zu m�ssen�, trumpfte Marshall hochn�sig auf. �Wenn ich Jim vorhin richtig verstanden habe, liegen Beweise vor, dass die Maschine vom Boden aus beschossen worden ist. Stimmt�s, oder hab ich recht?�</p><p>�Stimmt�, antwortete Forrestal, den Blick auf Truman geheftet, der sich bislang herausgehalten hatte. �Woraus folgt, dass wir uns auf eine Strategie einigen sollten. Getreu der Devise: Gib dem Russen einen Finger, bei�t er dir die ganze Hand ab. Oder liege ich da falsch, Mr. President?�</p><p>�Keineswegs, Jim. Zumindest, was Ihre Einsch�tzung der Russen betrifft.�</p><p>�Will hei�en � noch einen Mucks, und wir bomben sie in die Steinzeit ��</p><p>�Ihre Schlussfolgerung, George�, antwortete Truman gedehnt und sah Marshall �ber den Rand seiner Brille hinweg an. �Nicht meine.�</p><p>�Darf man fragen, welche Optionen uns Ihrer Meinung nach offen stehen?�</p><p>�Jede Menge.�</p><p>�Bei allem schuldigen Respekt, Sir: Ich w�sste nicht, welche.�</p><p>Rein �u�erlich die Ruhe selbst, schlug Truman die Beine �bereinander und sah die Mitglieder seines Kabinetts der Reihe nach an. �Eins gilt es zu bedenken, Gentlemen � falls wir Nuklearwaffen einsetzen, sollten wir gute Gr�nde daf�r haben. Gute Gr�nde und absolut wasserdichte Fakten. Mir nichts, dir nichts den Dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen, kommt f�r mich nicht infrage.�</p><p>Truman hatte den Satz noch nicht vollendet, als das Telefon schrillte.</p><p>�Truman hier.�</p><p>Im Verlauf des nun folgenden Gespr�chs wurde Truman immer blasser, und solange die Kabinettsmitglieder zur�ckdenken konnten, hatten sie ihn noch nie so betroffen erlebt. �Das darf doch nicht wahr sein!�, warf er nach einer Weile ein, mit dem Ergebnis, dass seine Minister fragende Blicke austauschten. Dass es schlechte Nachrichten waren, mit denen der Pr�sident konfrontiert wurde, konnte sich jeder denken, und als Truman auflegte, hatte die Spannung ihren Siedepunkt erreicht. �Das war Clay�, r�ckte Truman nach l�ngerem Schweigen heraus, wobei er sowohl Marshalls als auch Forrestals Blick sorgsam mied. �Sieht ganz danach aus, als ob die Russen tats�chlich hinter dem Flugzeugabsturz stecken.�</p><p>�Und wie kommt er darauf, Sir?�</p><p>�Ganz einfach, George�, antwortete der Pr�sident, dem die Genugtuung in der Stimme des Au�enministers nicht entgangen war, �bei dem Gesch�tz, mit dem die Skymaster vom Himmel geholt worden ist, scheint es sich um eine russische Flugabwehrkanone vom Typ 2M-3 zu handeln. Das Neueste vom Neuen sozusagen. Fundort: unmittelbar unter der Einflugschneise.� Truman setzte seine Brille ab und starrte ins Leere. �Aber das ist l�ngst noch nicht alles�, f�gte er zerknirscht hinzu.</p><p>�Noch nicht alles?�, echote Forrestal, der ahnte, worauf das Gespr�ch hinauslaufen w�rde. Und weiter: �Soll das etwa hei�en, es hat einen neuerlichen Anschlag gegeben?�</p><p>Truman nickte.</p><p>�In welcher Form, Sir?�</p><p>�Zur Abwechslung einmal in Form einer Bombe, Jim�, versetzte Truman mit grimmigem Humor.</p><p>�Einer Bombe?�, riefen mehrere Anwesende gleichzeitig aus.</p><p>�Ganz recht, Gentlemen�, bekr�ftige Truman mit Blick auf ein Portr�t von Washington, das �ber dem Kamin am anderen Ende des Oval Office hing. �Clays Bericht zufolge hat es drei Tote gegeben � zwei Wachsoldaten und einen Zivilisten, der gerade dabei war, das Hauptquartier zu verlassen.�</p><p>�Und die Bombe?�</p><p>�Fernz�ndung�, antwortete Truman mit belegter Stimme. �Im Klartext: Um wen es sich bei den T�tern auch immer gehandelt haben mag, sie haben einen russischen Moskwitsch 400 in unmittelbarer N�he des Haupteingangs abgestellt, das Weite gesucht und die circa 20 Kilogramm Sprengstoff, die zuvor in der Limousine deponiert worden waren, per Fernz�ndung zur Explosion gebracht.�</p><p>�Verzeihung, wenn ich Ihnen ins Wort falle, Sir�, lie� der Au�enminister nicht locker, �aber wenn ich Sie richtig verstehe, kann es in Bezug auf die T�ter doch wohl kaum noch Zweifel geben.�</p><p>�Eine Flugabwehrkanone, die einfach stehen gelassen, ein Moskwitsch, von dem aus eine Bombe gez�ndet wird � tut mir leid, Gentlemen, aber meiner Ansicht nach stinkt die Sache zum Himmel.�</p><p>Einmal in Fahrt, gab es f�r Marshall nun kein Halten mehr. �Was muss denn eigentlich noch passieren, Herr Postminister�, knirschte er, �bevor Sie endlich kapieren, dass wir an der Schwelle zum Dritten Weltkrieg stehen? Wollen Sie etwa abwarten, bis Stalin und Co. das Wei�e Haus in die Luft jagen? Wollen Sie das � ja oder nein? Tut mir leid � aber Sie sind doch wohl von allen guten Geistern verlassen.�</p><p>�Wenn Sie meinen, George�, gab der Postminister unger�hrt zur�ck. �Sagen Sie aber hinterher nicht, ich h�tte Sie nicht gewarnt.�</p><p>�Vor was denn � zum Teufel noch mal? Sie wissen doch ebenso gut wie ich, dass uns die Russen nichts entgegenzusetzen haben.� Ein hintergr�ndiges L�cheln im Gesicht, schweifte des greisen Au�enministers Blick �ber die Gesichter seiner Kabinettskollegen. Geraume Zeit sp�ter lie� er die Katze aus dem Sack. �Einmal angenommen, Uncle Joe h�tte seine Finger <emphasis>nicht</emphasis> im Spiel: W�re das nicht trotzdem <emphasis>die</emphasis> Gelegenheit, den Russen ein f�r alle Mal klarzumachen, wer hier der Herr im Hause ist?�</p><p>�Wenn, dann aber ohne meine Zustimmung.�</p><p>�Jetzt h�ren Sie mal gut zu, Sie ��, begann Marshall, feuerrot im Gesicht, und schleuderte dem Postminister w�tende Blicke entgegen. Doch Truman hob schlie�lich die Hand, und der Au�enminister gab z�hneknirschend klein bei.</p><p>�Damit nicht ausgerechnet <emphasis>hier</emphasis> der Dritte Weltkrieg ausbricht, Gentlemen, sollten wir zu einer Entscheidung kommen�, tadelte er die beiden Streith�hne, worauf sich die allgemeine Aufregung legte. �Und darum schlage ich vor, unsere B-29-Bomber unmittelbar nach ihrer Ankunft in England in h�chste Alarmbereitschaft zu versetzen. Wie im �brigen auch unsere Jungs in Berlin. Westeuropa nat�rlich nicht zu vergessen. Ich wei� zwar nicht, was noch auf uns zukommt, sollte der Fall der F�lle jedoch eintreten, m�ssen wir auf alles vorbereitet sein. Das Wichtigste ist, dass von dem, was bisher passiert ist, auf keinen Fall etwas nach au�en dringt. Auf keinen Fall, verstanden? Das gilt auch f�r die Angeh�rigen s�mtlicher Opfer, die am heutigen Tag ums Leben gekommen sind. Was diesen Punkt angeht, werden wir uns etwas einfallen lassen m�ssen.�</p><p>�Und was ist mit den Briten?�, brummte Marshall vor sich hin. �Zumindest die sollten wir ja wohl informieren. Bis der Secret Service Lunte riecht, wird es bestimmt nicht lange dauern.�</p><p>�Na sch�n, George�, willigte Truman widerstrebend ein und wandte sich dem Verteidigungsminister zu. �Veranlassen Sie, dass die britische Stadtkommandantur von General Clay umgehend ins Bild gesetzt wird.�</p><p>�Und wann ��, wagte Forrestal einen vorsichtigen Versuch, die Meinung des Pr�sidenten zu erkunden. �wann sollten wir Ihrer Meinung nach zuschlagen?�</p><p>�Wie hei�t es doch so sch�n�, tat Truman ihm widerstrebend den Gefallen, �aller guten Dinge sind drei. Will hei�en: Noch so ein Nadelstich, und unsere V�gel werden in Richtung Russland starten.� Truman erhob sich und schlenderte zur T�r, die hinaus in den Rosengarten f�hrte. Die Hand auf der Klinke, drehte er sich noch einmal um. �Und dann � aber erst dann! � werden wir Stalin mal so richtig auf den Zahn f�hlen.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>24</p><p><emphasis>Insel Schwanenwerder, amerikanischer Sektor | 16.50 h </emphasis></p><p>Er war am Ziel. Endlich. Alles, was er jetzt brauchte, waren gute Nerven, ein wenig Geduld und einen gesch�rften Blick.</p><p>Und genau darin bestand das Problem.</p><p>Er hatte ein Repetiergewehr, befand sich in einer idealen Schussposition und war vom Nachbargrundst�ck aus nicht zu sehen. So weit, so gut. Das Problem indes war ein anderes, n�mlich seine Kurzsichtigkeit. Wenn, dann war sie es, die ihm einen Strich durch die Rechnung machen w�rde.</p><p>Ohne Blick f�r die Stechm�cken, die in Scharen �ber ihn herfielen, legte Nikolai Borodin das russische Repetiergewehr vom Typ Mosin Nagant beiseite und atmete tief durch. Der Schwei� rann ihm in Str�men �ber seinen K�rper, und aus dem Rhododendron, hinter dem er in Deckung gegangen war, stieg der Geruch welker Bl�ten auf. Von hier, dem Bootssteg einer verlassenen Nobelvilla, war die Terrasse des hochherrschaftlichen Anwesens an der Inselstra�e gut zu �berblicken, und h�tte Ewald nicht auf dem Absatz kehrtgemacht, w�re er am Ziel seiner W�nsche gewesen.</p><p>Doch was auch geschehen w�rde, �ber Obersturmf�hrer Ewald alias Paul Mertens war das Urteil bereits gesprochen. Und er, Nikolai Borodin, w�rde es vollstrecken.</p><p>So oder so.</p><p>Wie er so dalag, die Terrasse des Nachbargrundst�ckes im Blick, kehrten Borodins Gedanken in die Vergangenheit zur�ck. Vor nicht allzu langer Zeit war die Insel von Nobelvillen �bers�t gewesen, und alles, was Rang und Namen besa�, hatte hier Hof gehalten. So zum Beispiel Goebbels, Speer und wie sie alle sonst noch hie�en � das reinste Nazi-Paradies. Heute, gut drei Jahre nach dem Krieg, war das anders. Die meisten Villen standen leer, unter anderem diejenige, in die er sich eingenistet hatte.</p><p>Von der ehemaligen Fabrikantenvilla gegen�ber konnte man das nicht sagen. Fast schien es, als sei das Dritte Reich niemals untergegangen, und w�hrend Borodin das Anwesen im Auge behielt, loderte unb�ndiger Zorn in ihm empor. Die Fassade war frisch renoviert, der Tisch auf der Terrasse gedeckt, der Sonnenschirm aufgespannt und auch sonst fehlte es an nichts. Eine perfekte Sommeridylle, so schien es. W�re da nur der Hausherr,</p><empty-line/><p>Ex-SS-Obersturmf�hrer Paul Ewald, nicht gewesen.</p><p>Der Mann, den er bei n�chstbester Gelegenheit erschie�en w�rde.</p><p>Damit nicht noch in letzter Minute etwas schiefging, kn�pfte sich Borodin erneut sein Repetiergewehr vor. Wie oft er es im Verlauf der letzten zwei Stunden �berpr�ft hatte, wusste er nicht. Er wusste nur, dass es keinen Weg zur�ck mehr gab. Und dass er sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen durfte.</p><p>Kaliber 7,62 mal 54 Millimeter, Reichweite 550 Meter, 15 Schuss pro Minute. Das w�rde reichen.</p><p>Das <emphasis>musste</emphasis> reichen.</p><p>Oder etwa nicht?</p><p>W�re es nicht besser gewesen, zur Polizei zu gehen? Beweise hatte er ja wohl genug in der Hand. Genug, um Obersturmf�hrer Paul Ewald hinter Schloss und Riegel zu bringen. F�r immer. Nikolai Borodin st�hnte gequ�lt auf, und w�hrend seine H�nde den Gewehrlauf umklammerten, tauchten die Bilder aus der Vergangenheit wieder vor ihm auf. Bilder, die ihn seit jenem Tag im September immer wieder heimgesucht und ihm das Leben zur H�lle gemacht hatten. Solange er lebte, w�rde er sie nicht vergessen. Weder die Schreie, noch die Sch�sse, noch die aufeinanderget�rmten Leichen. Zehntausendfach, hunderttausendfach, millionenfach. Nein, von hier aus w�rde es kein Zur�ck mehr geben. Sonst k�me er sich wie ein Verr�ter vor.</p><p>Durch das Lachen eines Kindes aufgeschreckt, war Borodin pl�tzlich hellwach, bog die Zweige auseinander und sp�hte auf die andere Seite hin�ber. Kein Zweifel, dort dr�ben stand ein M�dchen. Drei Jahre alt, blond und von ausgelassener Fr�hlichkeit.</p><p>Und seinem Vater, der soeben die Terrasse betrat, wie aus dem Gesicht geschnitten.</p><p>Fast mechanisch, ohne einen Moment nachzudenken, griff Borodin nach seinem Gewehr, schob den Lauf durch den Rhododendron und zielte. �Mein ist die Rache�, fl�sterte er vor sich hin, doch als er abdr�cken wollte, hob Ewald pl�tzlich seine Tochter hoch und wies mit ausgestrecktem Arm auf die Havel hinaus.</p><p>Jetzt nur keine Schw�che zeigen!, h�mmerte es Borodin durch den Sinn, w�hrend der Lauf des Repetiergewehrs ziellos umherirrte. Sein Herz klopfte so heftig, dass er seine Waffe kaum noch ruhig halten konnte, und sein Atem h�rte sich wie ein Blasebalg unter Hochdruck an. Aus Sekunden, die ungenutzt verstrichen, wurde eine Minute. Noch immer trug Ewald das M�dchen auf dem Arm, sprach mit ihm, strich ihm durch das Haar. Schie� endlich!, riefen ihm die Gespenster der Vergangenheit zu. Schie�! Keuchend vor Anstrengung, kr�mmten sich Borodins Finger um den Abzug, doch bevor der Ukrainer abdr�cken konnte, machte Ewald kehrt und verschwand im Haus.</p><p>Den ersten Fluch seines 22-j�hrigen Lebens auf den Lippen, richtete sich Borodin auf, lie� den Karabiner ins kniehohe Gras sinken und schlug die H�nde vors Gesicht. Seit jenem Tag, als er dem Tod entronnen war, war er sich nicht mehr so erb�rmlich vorgekommen wie jetzt.</p><p>Erb�rmlich, ausgelaugt und nutzlos.</p><p>Nikolai Borodin begann zu schluchzen. Es waren die ersten Tr�nen, die er seit sieben Jahren vergoss, und er war absolut machtlos gegen sie. Den Kopf gesenkt, kauerte der Ukrainer neben dem Steg, ohne Gef�hl f�r Zeit, Ort und die Welt ringsum.</p><p>Und so kam es, dass er die Schritte, die sich auf dem zum Steg f�hrenden Kiesweg n�herten, nicht h�rte. In seiner Verzweiflung, die ihn wie eine Woge unter sich begrub, h�rte er die attraktive Endzwanzigerin nicht einmal zu dem Zeitpunkt, als sie bereits unmittelbar neben ihm stand, das Gewehr aufhob und den Blick �ber die gramgebeugte Gestalt schweifen lie�.</p><p>Borodin bemerkte die Frau erst, als sie ihm auf die Schulter tippte, die Brille zur�ckgab, die im Gras gelandet war, und ihm mitf�hlend ins Ohr fl�sterte: �Secret Service Seiner Majest�t, junger Mann. Ich w�rde vorschlagen, Sie �berlassen den Dreckskerl uns.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>25</p><p><emphasis>Sowjetisches Ehrenmal Tiergarten, britischer Sektor </emphasis></p><p><emphasis>| 16.50 h </emphasis></p><p>Iwan h�rt mit � �ber diesen Sydow und seinen Kumpel Lindner konnte Kuragin nur schmunzeln. Allein schon die Annahme, dem MGB w�rde ihre Aktion verborgen bleiben, erheiterte ihn. Das Abh�ren von Telefonaten war ja wohl inzwischen zur Routine geworden. Das h�tte der Genosse Redakteur einer Zeitung im Ostsektor eigentlich wissen m�ssen. Trotzdem oder gerade deswegen w�rde diesem Schreiberling kein Haar gekr�mmt werden. Wer wei�, f�r was dieser Dilettant noch zu gebrauchen ist, dachte Kuragin, rauchte seinen Zigarillo zu Ende und schnippte ihn in einen Gully. Also wirklich, lachte der MGB-Major in sich hinein. Wirklich zum Schmunzeln, dieser Typ.</p><p>Wenn, ja, wenn die gegenw�rtige Lage nicht so brisant gewesen w�re.</p><p>Um nicht unn�tig aufzufallen, wandte sich Kuragin der acht Meter hohen Bronzestatue im Zentrum des Ehrenmals an der ehemaligen Ost-West-Achse zu. Es stellte einen Rotarmisten mit geschultertem Gewehr dar und erinnerte an die Schlacht um Berlin. Der Wachwechsel war gerade vor�ber, und abgesehen von den Rotarmisten, die entlang der Pfeilerreihe Aufstellung genommen hatten, war die Anlage menschenleer.</p><p>Zumindest dem Anschein nach.</p><p>Mit Blick zum Himmel, an dem dunkle Wolken heraufzogen, passierte Kuragin die Pfeilerreihe und ging die Stufen hinunter, die in den r�ckw�rtigen Teil des Ehrenmals f�hrten. Hoffentlich bleibt uns beiden die n�chste Schlacht um Berlin erspart, dachte er bei sich, w�hrend er sich instinktiv nach der Bronzestatue umwandte. Beim n�chsten Mal wird es n�mlich keine Ehrenmale mehr geben.</p><p>Und auch keine Gewinner oder Verlierer.</p><p>Kurz davor, sich von ihm �bermannen zu lassen, bot Kuragin dem Tr�bsinn die Stirn. Noch war das von ihm bef�rchtete Szenario nicht Wirklichkeit geworden. Und das war im Moment das Wichtigste.</p><p>Auf den Mann, der auf der von Zierstr�uchern umgebenen Parkbank sa�, konnte er sich wenigstens verlassen. Das hatte die Zusammenarbeit mit dem zwei Jahre �lteren Stalinverehrer bewiesen. Kodak, so sein Tarnname, arbeitete beflissen und diskret, und vor allem arbeitete er h�chst effizient. �Dobryj den�,<sup>11</sup> begr��te Kuragin seinen V-Mann bei der Berliner Polizei und lie� sich neben ihm auf der Parkbank nieder.</p><p>�Guten Tag, Genosse�, antwortete Kodak irritiert.</p><p>�Warum so nerv�s?�</p><p>�Aufgrund des Risikos, wie immer.�</p><p>�Keine Sorge�, spielte Kuragin die Besorgnis seines Kontaktmannes herunter, begleitet vom Pl�tschern des Springbrunnens, der inmitten des von au�en nicht einsehbaren Gevierts lag. �Wir befinden uns hier auf sowjetischem Territorium. Was kann Ihnen also schon passieren.�</p><p>Kodak hob einen Kieselstein auf und wog ihn in der Fl�che der rechten Hand. �Hier ja wohl nichts�, raunzte er verstimmt. �Aber wenn ich wieder im Einsatz bin, d�rfte es ziemlich ungem�tlich werden.�</p><p>Kuragin zog die Brauen hoch. �H�rt sich an, als sei Ihnen jemand auf den Fersen. Keine Sorge: Sollte Ihre Tarnung auffliegen, k�nnen Sie sich voll und ganz auf mich verlassen.�</p><p>�Gut zu wissen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.�</p><p>�Auf alle F�lle�, gab Kuragin l�chelnd zur�ck, ohne seinen Nebenmann eines Blickes zu w�rdigen. �Und da dem so ist, sollten Sie mich nun mit den neusten Informationen versorgen. Speziell �ber einen Mitarbeiter Ihrer Beh�rde namens von Sydow.�</p><p>Kodak blickte �berrascht auf. �Ach, daher weht der Wind�, murmelte er und warf den Stein ins Geb�sch. �Ja, der hat im Moment allerhand zu tun. Um es genau zu sagen, kann sich der Herr Kollege vor Arbeit kaum retten.�</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Erst die Leiche am Lehrter Bahnhof, dann die n�chste im Grunewald � so viel wie heute hat der gute Herr von Sydow schon lange nicht mehr zu tun gehabt.�</p><p>�Aristokrat?�</p><p>�Wenigstens einer, der sich nichts darauf einbildet.�</p><p>�Viel zu tun, sagten Sie?�</p><p>�Jede Menge. Was genau gerade am Laufen ist, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Jedenfalls nichts Genaues. Sicher ist, dass es ordentlich zur Sache geht.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>�Auf Sydow ist geschossen worden. Im Verlauf einer Tatortbesichtigung im Grunewald. Mit einer Panzerfaust.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>Kodak nickte. �Deutsche Wertarbeit, Genosse. Sieht nach etwas Gr��erem aus.�</p><p>�Etwas Gr��erem, soso.�</p><p>�Wie Genosse Stalin nicht m�de wird zu betonen: Der Faschismus ist noch lange nicht tot.�</p><p>�Will hei�en?�</p><p>�Auf der Schulter des Mannes, der im Grunewald verscharrt wurde, war eine Wolfsangel eint�towiert. Todesursache: Genickschuss. Motiv unbekannt.�</p><p>�Ein Werwolf also.�</p><p>�Ins Schwarze getroffen, Genosse Major�, erwiderte Kodak mit un�berh�rbarer Ironie. �Und jetzt kommt�s �</p><empty-line/><p>zum Zeitpunkt der Tat soll sich etwa ein Dutzend Personen am Ort des Geschehens rumgetrieben haben. Behauptet zumindest der Gr�nschnabel von der Spurensicherung.� Kodaks Stimme sank zu einem ahnungsvollen Fl�stern herab. �Riecht verdammt noch mal nach einem Komplott. Nach irgendeiner gro� angelegten Aktion.�</p><p>�Und die Leiche am Lehrter Bahnhof?�</p><p>�Das ist es ja gerade. Mit hoher Wahrscheinlichkeit scheint es zwischen den beiden Morden einen Zusammenhang zu geben. Das Interessante daran: Dem Vernehmen nach soll die Frau, die von einer Rangierlok �berrollt worden ist, einen an Himmler adressierten Papierfetzen bei sich gehabt haben. Absender: ein sogenannter �Reichswerwolf�.�</p><p>In seiner Eigenschaft als MGB-Major war Juri Andrejewitsch Kuragin zwar Einiges gewohnt. Was er da zu h�ren bekam, lie� die Fassade der Abgebr�htheit, die er sich �ber die Jahre hinweg angeeignet hatte, jedoch br�ckeln. �An Himmler?�, brach es aus Kuragin hervor, w�hrend es ihn nicht mehr auf der Parkbank hielt. �Wissen Sie das genau?�</p><p>Auf dem Gesicht des V-Mannes tauchte sein Heinz-R�hmann-L�cheln auf. �Worauf Sie sich verlassen k�nnen. Schlie�lich ist man ja nicht umsonst Polizeifotograf.� Kodak lehnte sich entspannt zur�ck. �Mit besten Beziehungen zur Pathologie.�</p><p>Kuragin z�ndete sich einen Zigarillo an und hielt ihm die Schachtel hin. �Wie es sich f�r einen V-Mann des MGB wohl auch geh�rt�, revanchierte er sich, nachdem sein Mittelsmann die Offerte abgelehnt hatte. �Spa� beiseite � wen haben Sie an der Angel?�</p><p>�Dr. Heribert Peters, Pathologe in Moabit. Duzfreund und Skatpartner.� In einer Pose, die Au�enstehende als gelangweilt empfunden h�tten, genoss Kodak die letzten Strahlen der Nachmittagssonne, bevor sie hinter einem pechschwarzen Wolkengebirge verschwand. Fast gleichzeitig frischte der Wind auf und wirbelte die ersten Birkenbl�tter durch die Luft. �Wie mir mein Freund unter dem Siegel des Vertrauens zu fl�stern geruhte, scheint der Tote im Grunewald regelrecht exekutiert worden zu sein. Klamotten: Fehlanzeige.�</p><p>�Exekutiert?�</p><p>�Ganz recht. Und wissen Sie auch, mithilfe welcher Waffe?�</p><p>�Vielleicht mit einer Tokarew Modell TT-33, Genosse?�</p><p>Mit Kodaks demonstrativer L�ssigkeit war es Knall auf Fall vorbei. �Woher ��, begann er, zu �berrascht, um dies vor Kuragin zu verbergen.</p><p>�Nur so ein Gedanke�, erstickte der Major die Frage bereits im Keim und wandte sich dem V-Mann zu, w�hrend sich seine Lippen zu einem feinsinnigen L�cheln kr�uselten. �Der MGB ist eben �berall.�</p><p>�Mit einer Patrone, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus sowjetischen Best�nden stammt�, f�gte Kodak wie ein Sch�ler hinzu, der bei seinem Lehrer nachtr�glich lieb Kind machen will. �K�nnen Sie sich das erkl�ren?�</p><p>�Nein�, erwiderte Kuragin, dem die Lust am Rauchen auf einen Schlag verging. �Oder besser gesagt: <emphasis>noch nicht</emphasis>.� Dann wechselte er das Thema. �Irgendwelche Neuigkeiten von den Amerikanern?�</p><p>�Nichts Bestimmtes. Das mit der Messerstecherei an der Glienicker Br�cke haben Sie ja bestimmt mitgekriegt.�</p><p>Kuragin lie� den Zigarillo fallen und dr�ckte ihn aus. ��ber RIAS, na klar�, bekr�ftigte er. �Sonst noch was?�</p><p>�Jede Menge Ger�chte. Beim Absturz einer Skymaster in Tempelhof soll es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.�</p><p>�Sabotage?�</p><p>�Vielleicht auch nur Latrinenparolen, wer wei�. Wie im �brigen auch das Ger�cht, in der N�he des amerikanischen Hauptquartiers sei es zu einer gr��eren Explosion gekommen.�</p><p>�Ach ja?� Die Intensit�t, mit der die Neuigkeiten �ber ihn hereingebrochen waren, lie� Kuragin fr�steln. Die vorherbstliche K�hle, die den Tiergarten einh�llte, tat ein �briges. �Wenn ich mir beim MGB etwas abgew�hnt habe, ist es die Unsitte, an Zuf�lle zu glauben.�</p><p>Kurt Bechtel, Fotograf bei der Spurensicherung der Kripo Berlin, zog fragend die Brauen hoch. �An was dann, Genosse Major?�</p><p>�Zuallererst einmal an meinen Instinkt, Kodak�, sagte Kuragin, straffte sich und kn�pfte seinen Uniformkragen zu. �Und der sagt mir, dass wir kurz vor dem Dritten Weltkrieg stehen.�</p><p>�Vor dem Dritten Weltkrieg?�</p><p>�In der Tat, Genosse�, rief ihm Kuragin, der sich zum Gehen gewandt hatte, �ber die Schulter hinweg zu. �Und zwar mit allem Drum und Dran.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>26</p><p><emphasis>Insel Schwanenwerder, amerikanischer Sektor | 17.40 h </emphasis></p><p>�Wirklich gem�tlich hier�, rief Sydow hohnl�chelnd aus, als er das Wohnzimmer der ehemaligen Fabrikantenvilla in der Inselstra�e 39 betrat. Im Gegensatz zum heruntergekommenen Nachbarhaus war die Zeit an der Villa der Familie Mertens anscheinend spurlos vor�bergegangen, und man bekam den Eindruck, der Krieg habe �berhaupt nicht stattgefunden.</p><p>Kronleuchter aus Bergkristall, Parkett vom Feinsten, s�ndhaft teurer Sekret�r aus Mahagoni, Terrasse mit Blick auf die Havel. In der guten Stube von Mister Persilschein fehlte es an nichts. �Gem�tlicher geht es wohl kaum�, f�gte Sydow hinzu, nachdem er von der Terrassent�r aus einen Blick auf das weitl�ufige Grundst�ck geworfen hatte. �Wie haben Sie das blo� hingekriegt?�</p><p>Dass in der Frage eine geh�rige Portion Bosheit mitschwang, war Sydow nur allzu bewusst. Seinem 36-j�hrigen Gespr�chspartner, dem Hausherrn, allerdings auch. �Mithilfe von G�rtnern�, kanzelte er Sydow von oben herab ab. Damit war er bei ihm allerdings an der falschen Adresse.</p><p>�Darauf w�re ich nun wirklich nicht gekommen, Herr Mertens�, konterte Sydow malizi�s, nahm ohne Aufforderung Platz und lie� die H�nde auf der R�ckenlehne des s�ndhaft teuren Jugendstilsofas ruhen. Die Lichtstreifen auf dem Parkett waren verblasst, und die Gewitterfront, die sich �ber dem Wannsee zusammengebraut hatte, r�ckte n�her. �Scheint so, als gingen die Gesch�fte gut.�</p><p>�Sie sind doch nicht hergekommen, um mich das zu fragen, Herr Kommissar? Oder � oder sind Sie am Ende von der Steuerfahndung?�</p><p>�Ihre Scherze in Ehren, Herr Mertens�, erwiderte Sydow k�hl, �aber dies ist weder die Zeit noch der Ort daf�r.�</p><p>�D�rfte ich dann vielleicht erfahren, um was es geht?�, grollte der 36-j�hrige Hausherr mit hochrotem Kopf.</p><p>�Immer mit der Ruhe, der Herr�, warf Sydow beschwichtigend ein, w�hrend er den stiernackigen Zweizentnermann n�her unter die Lupe nahm. �Wer wird denn gleich in die Luft gehen.�</p><p>�Sagen Sie, was los ist, meine Frau und ich erwarten heute Abend noch G�ste.�</p><p>�Daraus wird nichts, Herr Mertens�, verk�ndete Sydow mit Blick auf den Teetisch und die Tassen aus Mei�ener Porzellan, f�r die er mehrere Monatsgeh�lter h�tte hinbl�ttern m�ssen. �Damit Ihrer Frau nicht langweilig wird, k�nnen Sie die Dame des Hauses ja mit dem Hund Gassi schicken.�</p><p>Wenn Blicke t�ten k�nnten, w�re Sydow jetzt leblos umgefallen. �Ein Wort von mir, und Sie k�nnen Ihren Hut nehmen�, knirschte Ewald, der einen perfekten Rausschmei�er abgegeben h�tte, mit wutverzerrtem Gesicht. �Darauf k�nnen Sie Gift nehmen.�</p><p>Sch�tteres Haar, Boxernase und Doppelkinn, dachte Sydow bei sich. Ein Mann, mit dem nicht zu spa�en war. �An Ihrer Stelle, Herr Mertens�, �nderte Sydow abrupt seinen Ton, legte den Kopf auf die Seite und sah den Mann, um dessen Gunst halb Berlin buhlte, mit geringsch�tziger Miene an, �w�rde ich mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen � und schon gar nicht, wenn ich im Verdacht st�nde, das Leben eines Menschen auf dem Gewissen zu haben.�</p><p>Kurz davor, auf Sydow loszugehen, �berlegte es sich Ewald dann doch anders. Stattdessen bleckte er die Z�hne und lie� sich in einen Korbsessel sinken. �Aber, aber, Herr Kommissar�, tat er g�nnerhaft kund, nachdem er sich wieder einigerma�en im Griff hatte. �Das meinen Sie doch wohl hoffentlich nicht ernst.�</p><p>�Oh doch.�</p><p>�Darf man fragen, ob Sie sich das auch gut �berlegt haben?�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Mich einer Tat zu bezichtigen, die ich nicht begangen habe.�</p><p>�Nat�rlich haben Sie das Verbrechen nicht begangen, Herr Mertens. Denn wer macht sich schon gerne die Finger an einer Stra�ennutte schmutzig?�</p><p>Durch die nahezu geschlossenen Augenlider des Hausherrn schoss ein Blick, der jeden weiteren Kommentar �berfl�ssig machte. �Halten Sie es nicht f�r angebracht, mir zu sagen, worum es geht?�</p><p>�Ihre schauspielerischen F�higkeiten in allen Ehren, Herr Mertens, aber die Unschuldsnummer k�nnen Sie sich sparen.�</p><p>Die H�nde im Nacken, lehnte sich Ewald zur�ck. �Darf man fragen, ob Sie f�r das, was Sie mir vorwerfen, auch Beweise haben?�</p><p>Mit einem Satz, der die Pose von Ewald j�h zunichtemachte, war Sydow auf den Beinen und baute sich drohend vor ihm auf. �<emphasis>Ich</emphasis> stelle hier die Fragen, ist das klar?�, fuhr er den Zweizentnermann an. �Erstens: Wo sind Sie heute Morgen gewesen?�</p><p>�Zu Hause.�</p><p>�Zeugen?�</p><p>�Meine Frau.�</p><p>�ber Sydows Gesicht huschte ein angewidertes L�cheln. �Was dagegen, wenn ich das nachher �berpr�fe?�</p><p>�Tun Sie, was Sie nicht lassen k�nnen, Herr Kommissar. Um mich einzusch�chtern, m�ssen Sie schon schwerere Gesch�tze auffahren.�</p><p>�Zweitens: Womit verdienen Sie eigentlich Ihr Geld, Mertens?�</p><p>�Import und Export. Darf man fragen, was Sie das angeht?�</p><p>�<emphasis>Mit was</emphasis>, habe ich gefragt.� Sydow war seinem Widersacher so nahe, dass er seinen Schwei� riechen konnte. Und erfahren genug, um zu merken, dass Mister Persilschein die Hosen gestrichen voll hatte. �In Zeiten wie diesen, wo ganz Berlin am Tropf h�ngt, kann man doch wohl nicht reich werden, oder?�</p><p>�Haben Sie eine Ahnung!�</p><p>Sydow stie� ein ver�chtliches Lachen aus. �Gut m�glich, dass ich die nicht hatte. Jedenfalls nicht bis vor Kurzem. Deswegen habe ich n�mlich Erkundigungen eingezogen. Und die sind nicht unbedingt g�nstig f�r Sie ausgefallen.�</p><p>�Erkundigungen? Bei wem denn?�, presste Ewald voller H�me hervor.</p><p>�Wie gesagt�, dachte Sydow nicht daran, sich auf sein Gepl�nkel einzulassen, �was meine Informationen angeht, scheinen Sie eine geradezu rasante Karriere hinter sich zu haben. Wahrhaft erstaunlich, um es dezent auszudr�cken. Schwarzh�ndler, dubioser Gesch�ftemacher und dann � Abrakadabra! � ein Mann, um den sich alle rei�en. Allen voran die hohe Politik.�</p><p>Ewald verzog das Gesicht, und die Kr�uselung seiner Lippen mutete wie die Mimik eines Raubtieres an. �Ist das etwa verboten?�</p><p>�Einen Auftragsm�rder anzuheuern, meinen Sie? Ich denke schon. Bedenkt man, was f�r Sie auf dem Spiel gestanden hat � beziehungsweise noch steht.� Ohne Ewald aus den Augen zu lassen, schlenderte Sydow zur T�r, griff zur Klinke und lie� sie laut und vernehmlich einrasten. �Aus R�cksicht auf Ihre Familie�, erkl�rte er s�ffisant und wandte sich wieder dem Hausherrn zu. �Denn jetzt, verehrter Herr Mertens, geht es ans Eingemachte.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Und das bedeutet: Mir brennen da ein paar Dinge unter den N�geln, die ich unter allen Umst�nden kl�ren m�chte. Drittens: Wie alt sind Sie eigentlich?�</p><p>Zu borniert, um Sydows Falle zu wittern, griff Ewald nach einer Zigarrenschachtel, hangelte eine Havanna heraus und nahm die wohleinstudierte Pose eines Rittergutsbesitzers an. �Ich denke, Sie lesen Zeitung�, antwortete er in ver�chtlichem Ton. �F�r den Fall, dass dem so ist, m�ssten Sie eigentlich wissen ��</p><p>�Was Sie im Krieg gemacht haben, Mertens? Nein, wei� ich ehrlich gesagt nicht. Sonst w�re ich um Einiges schlauer. Zumindest, was Ihre Karriere im Dienst der SS betrifft. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.� Sydow bedachte Ewald mit einem geringsch�tzigen Blick. �Machen wir�s kurz: Was genau haben Sie in Ihrer Eigenschaft als �Werwolf� denn eigentlich so getrieben? Keine Sorge � �ber die Zeit <emphasis>vor</emphasis> 45 werden wir noch reden.�</p><p>�Nichts gegen Ihre Fantasie, Herr Kommissar, aber ��</p><p>�Hier, Mertens � frisch aus dem Archiv�, fuhr Sydow dazwischen und warf ein B�ndel Zeitungsausschnitte auf den Tisch. �Na, f�ngt�s vielleicht an zu klingeln?�</p><p>�Bei was denn?�, blieb Ewald seiner Linie treu. �Ein Zeitungsartikel �ber mich ist doch wei� Gott nichts Besonderes.�</p><p>�Stimmt. Aber eine Prostituierte, die mindestens ein halbes Dutzend Bilder von Ihnen ausgeschnitten hat, schon. Riecht verdammt noch mal nach Erpressung, wenn Sie mich fragen.�</p><p>�Einmal angenommen, Sie h�tten recht � w�re das denn so ungew�hnlich?�</p><p>Aus Sydows Mund kam ein gallenbitteres Lachen. �Nat�rlich nicht. Ungew�hnlich ist nur die Art, mit der Sie auf den Erpressungsversuch reagiert haben. Etwas dagegen, wenn ich Ihr Ged�chtnis kurz auffrische?�</p><p>Ewald blies einen Rauchkringel in die Luft und schwieg.</p><p>�Keine Antwort ist auch eine Antwort�, fuhr Sydow mit einem gezwungenen L�cheln fort. �Bringen wir�s also hinter uns. Fakt ist, dass sich eine 27-j�hrige Prostituierte seit geraumer Zeit f�r Sie interessiert und zu guter Letzt erpresst zu haben scheint. Motiv: Habgier. Respektive der Wunsch, auch einmal auf der Gewinnerseite zu sein. Bedenkt man, in was f�r einem Dreckloch sie gehaust hat, leicht nachzuvollziehen.� Die Hand auf den Balken der Terrassent�r gest�tzt, blieb Sydow stehen. Der Wind hatte merklich aufgefrischt und fegte in immer heftigeren B�en �ber die Havel hinweg. �In jedem Falle fasst besagte Dame den Entschluss, ihre d�rftigen Lebensumst�nde zu �ndern�, erg�nzte Sydow und nahm wieder auf dem Jugendstilsofa Platz. �Das hei�t, Sie unternimmt einen Erfolg versprechenden Erpressungsversuch.�</p><p>�Erfolg versprechend?�</p><p>�Und ob. W�rde n�mlich rauskommen, in welchen Kreisen Sie sich bewegen, h�tten Sie sofort einpacken k�nnen. Das hei�t, Lilian Matuschek � so ihr Name � geht aufs Ganze, droht damit, Ihre Vergangenheit im Dienst der�SS publik zu machen und l�sst sich schlie�lich breitschlagen, eine in ihrem Besitz befindliche Liste mit den Namen besonders vertrauensw�rdiger Kameraden an einen Ihrer Gorillas zu �bergeben. Treffpunkt: Invalidenstra�e. Uhrzeit: kurz vor sieben. Soweit verst�ndlich?�</p><p>�Mit Ihrer g�tigen Erlaubnis w�rde ich die Liste gerne einmal sehen.�</p><p>�Ende der Vorstellung, Mertens!�, donnerte Sydow, riss den Brief an Himmler aus der Tasche und hielt ihn Ewald vors Gesicht. �Ich zitiere: �An den Reichsf�hrer-SS und Chef der deutschen Polizei. Wie von Ihnen, Reichsf�hrer Himmler, mit Schreiben vom 9.4. gew�nscht, anbei die erbetene Liste mit ���</p><p>�Sehe ich das richtig, Herr Kommissar, dass es sich bei Ihrem vermeintlichen Beweisst�ck nur um einen vergilbten Fetzen Papier handelt? Soll das hei�en, Sie haben nichts weiter gegen mich in der Hand?�</p><p>Die H�me in Ewalds Stimme war nicht zu �berh�ren, und er gab sich auch keine M�he, mit ihr hinterm Berg zu halten. Auf der Havel war das Ger�usch eines Motorbootes zu h�ren, aber da er ganz auf Ewald fixiert war, h�rte Sydow nur mit einem Ohr hin. �Und die Leiche im Grunewald?�, hielt er dagegen, wohl wissend, auf welch d�nnem Eis er sich bewegte. �Aus welchem Grund wurde Ihr Kamerad exekutiert? Was f�hren Sie und Ihre Blutsbr�der von der SS im Schilde? Diese sogenannten Werw�lfe, die nicht kapiert haben, dass ihre Zeit l�ngst abgelaufen ist? Raus mit der Sprache, Mertens, sonst lasse ich Sie dem Haftrichter vorf�hren!�</p><p>�Der mich ein paar Minuten sp�ter wieder auf freien Fu� setzen wird�, vollendete Ewald, erhob sich und schlenderte auf die Terrassent�r zu. Das Motorenger�usch war jetzt deutlich zu h�ren, nicht viel mehr als einen Steinwurf entfernt. �Ich f�rchte, Sie sind im Begriff, einen Riesenfehler zu begehen�, fuhr er mit un�berh�rbarer Genugtuung fort, die Havanna in den Mundwinkel geklemmt. Dann goss er sich einen Sherry ein und trat trotz des aufkommenden Unwetters auf die Terrasse hinaus. �Deshalb w�rde ich Ihnen raten, sich das Ganze noch einmal gut zu �berlegen. Im Grunde meines Herzens bin ich n�mlich ein toleranter Mensch. Und darum ein Vorschlag zur G�te, Herr Kommissar: F�r den Fall, dass Sie Vernunft annehmen, w�rde ich von meiner Absicht, Ihre Vorgesetzten einzuschalten, absehen und die ganze leidige Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Zumal es Dinge gibt, f�r die ich viel Energie und meine ganze Aufmerksamkeit aufwenden muss.�</p><p>�Wie etwa die Wiedererrichtung des Dritten Reiches?�</p><p>Vom Brausen des Windes �berdeckt, war von Ewalds Stimme nur ein ersticktes Lachen zu h�ren. �Nichts f�r ungut, Herr Kommissar, aber sind Sie nicht auch der Meinung, Ihr Gefasel von Werw�lfen, der SS und einem finsteren Komplott geht ein bisschen zu ��</p><p>Im Nachhinein, mit reichlich Abstand zu den Eindr�cken, die ihn in diesem Moment �berrollten, konnte sich Sydow an jedes Detail erinnern. Als er mit ihnen konfrontiert wurde, war er dazu nicht in der Lage. Alles kam so pl�tzlich, dass er wie gel�hmt auf dem Sofa verharrte, unf�hig, auf die Geschehnisse zu reagieren.</p><p>Das Lachen von Mertens machte den Anfang. Zeit, etwas darauf zu erwidern, blieb Sydow jedoch nicht. Kaum hatte er damit begonnen, sich �ber sein Gegen�ber lustig zu machen, war Ewald n�mlich tot. An der Balustrade, auf die er sein Sherryglas gestellt hatte, wurde Paul Mertens alias Ewald von den Geschossen einer Browning M2 Kaliber 12,7�mal�99�mm in Sekundenschnelle durchsiebt. Die Kugeln trafen ihn mit einer derartigen Wucht, dass sein Sch�del f�rmlich explodierte, mit t�dlicher, durch nichts zu stoppender Pr�zision. Bevor Sydow begriff, was gespielt wurde, war die Balkont�r mit Blutspritzern �bers�t, und als er seine L�hmung �berwunden hatte, beschrieb Paul Ewald, Ex-Obersturmf�hrer der SS, einen Halbkreis, durchbrach den rechten T�rfl�gel und blieb in einem Gemisch aus Glasscherben, Blut und Holzsplittern liegen.</p><p>Auf einen Schlag wie elektrisiert, w�rdigte Sydow ihn keines Blickes, sondern z�ckte seine Waffe, duckte sich und sp�hte auf die Terrasse hinaus. Das Maschinengewehrfeuer war verebbt, und als er sich ins Freie wagte, war von der Havel aus das Aufheulen eines Motors zu h�ren.</p><p>Sydow z�gerte keine Sekunde. Die Walter PPK in der Hand, st�rmte er in den Garten und von dort aus auf das Ufer zu. Das Motorboot, aus dem die Sch�sse abgefeuert worden waren, war h�chstens 20 Meter davon entfernt. An Bord befanden sich zwei Maskierte, einer davon am Steuer und der zweite am Heck, die Browning im Anschlag, mit der er in aller Gem�tsruhe auf ihn zielte. Er schien es �berhaupt nicht eilig zu haben, seiner Sache mehr als sicher.</p><p>Einem Impuls folgend, der jeglicher Vernunft spottete, blieb Sydow stehen. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, und der Regenschleier, der �ber der Havel niedergegangen war, r�ckte unerbittlich n�her. Um ihn au�er Gefecht zu setzen, h�tte es keines Meistersch�tzen bedurft, doch aus einem unerfindlichen Grund nahm sich der Maskierte an Bord des Schnellbootes viel Zeit. Nicht sicher, ob es sich bei dieser Begegnung um einen Albtraum handelte, lie� Thomas Randolph von Sydow, Hauptkommissar der Kripo Berlin, die Waffe sinken und starrte den Maskierten unverwandt an. Warum, wurde ihm im gleichen Moment klar. Er hatte den MG-Sch�tzen, der keinerlei Anzeichen von Eile zeigte, schon einmal gesehen.</p><p>Und den Maskierten am Steuer auch.</p><p>Die Frage nach dem Wann, die sich Sydow im gleichen Moment stellte, blieb freilich unbeantwortet. Schuld daran war der bewaffnete Maskierte, dessen L�ssigkeit schlagartig wie weggeblasen war. Die H�nde gegen die linke Brusth�lfte gepresst, b�umte er sich urpl�tzlich auf, torkelte auf die Bordkante zu und verlor das Gleichgewicht. Ein ersticktes Gurgeln, Aufspritzen der Gischt, Schaumkronen, die sich mit seinem Blut vermischten. Dann war der Sch�tze, der das Leben von SS-Obersturmf�hrer Ewald j�h beendet hatte, tot.</p><p>Der Maskierte am Steuer des Schnellbootes war es jedoch nicht. Kaum war sein Komplize �ber Bord gegangen, hatte er den Motor aufheulen lassen, Gas gegeben und jagte mit H�chstgeschwindigkeit davon, ungeachtet der Kugeln, die vom Bootssteg des Nachbargrundst�ckes auf ihn abgefeuert wurden. Keine f�nf Sekunden, und er war hinter den Regenb�en, die wie Gei�elhiebe �ber Schwanenwerder fegten, verschwunden.</p><p>Mit dem Gef�hl, durch nichts mehr zu ersch�ttern zu sein, legte Sydow die restlichen Meter zum Ufer zur�ck, wandte sich nach links und sah die Person, die ihre Parabellum immer noch im Anschlag hielt, entgeistert an. Um zu begreifen, wen er da vor sich hatte, musste er schon zweimal hinsehen, und selbst dann war ihm die Ver�rgerung immer noch ins Gesicht geschrieben.</p><p>Mit allem hatte er gerechnet, nur damit nicht.</p><p>�Ich denke, Sie sind mir eine Erkl�rung schuldig!�, rief er der Endzwanzigerin zu, w�hrend sie die Parabellum rasch unter ihrem Trenchcoat verschwinden lie�. Im Gegensatz zu ihrem ersten Aufeinandertreffen war der Traum aller M�nner nicht wiederzuerkennen. Das br�nette Haar streng gescheitelt, war das Gesicht von Gladys McCoy von tiefen Falten durchzogen, von der Affektiertheit, die sie an den Tag gelegt hatte, war nichts mehr �briggeblieben.</p><p>�Das denke ich auch, Herr Kriminalhauptkommissar�, entgegnete die Britin, vergrub die H�nde in ihrem Trenchcoat und schlenderte am Ufer entlang auf ihn zu. Der Regen fiel in dicken Tropfen, und als sie Sydow gegen�bertrat, war von der Aura, die sie umgab, kaum noch etwas zu sp�ren. Miss Pin-up hatte sich in Luft aufgel�st, wie Sydow �berrascht feststellen musste. �Sieht ganz danach aus, als seien wir aufeinander angewiesen.�</p><p>�Ach, wirklich?�</p><p>�Meiner Meinung nach schon�, erwiderte Gladys McCoy mit Blick auf den Maskierten, der mit dem Gesicht nach unten im aufgew�hlten Wasser trieb. �Sonst wird sich die Zahl der Leichen, mit denen wir beide es zu tun bekommen haben, im Verlauf des Tages noch erheblich steigern.�</p><p>�Um wie viele denn?�, raunzte Sydow, nicht willens, sich so einfach um den Finger wickeln zu lassen.</p><p>�Dar�ber kann man nur spekulieren�, lautete die Antwort, w�hrend sich Gladys McCoy mit dem Handr�cken die Regentropfen aus dem Gesicht wischte. �Wenn wir Pech haben, werden es Zehntausende sein.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>27</p><p><emphasis>Berlin-Mitte, Flakbunker Humboldthain | 18.30 h </emphasis></p><p>�Frage: Uhrzeit?�, schnarrte der Maskierte, um den sich knapp ein Dutzend Getreue geschart hatte. Von den Leichen der vier Rotarmisten, achtlos aufeinanderget�rmt, nahm keiner von ihnen Notiz. Die Luft im Inneren des ehemaligen Flakbunkers roch nach M�usekot und Urin, und im Licht der Taschenlampen, deren Kegel an der Betondecke entlangtanzten, sahen die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS wie Untote aus.</p><p>�Halb sieben, Nummer eins!�, bellte einer der Umstehenden, wie die �brigen mit der Uniform eines Rotarmisten bekleidet. �Noch eineinhalb Stunden bis zum Beginn von Ablenkungsman�ver drei.�</p><p>�Und der Kommandotrupp f�r unser Hauptziel?�</p><p>�Bereit zum Losschlagen!�, stie� das knapp 30-j�hrige Muskelpaket, Ex-Oberleutnant der Waffen-SS, wie aus der Pistole geschossen hervor und wies mit der Kinnspitze in Richtung der Uniformierten, die rechts von ihm mit geschulterter Kalaschnikow Aufstellung genommen hatten. �Und zu allem entschlossen.�</p><p>�Das will ich auch hoffen, Oberleutnant�, antwortete der Maskierte, der Zivilkleidung trug, in markigem Ton. Mit Ausnahme des Oberleutnants hatte keiner der Uniformierten je sein Gesicht gesehen, und dabei w�rde es auch bleiben. �Dass eine Menge davon abh�ngt, brauche ich ja wohl nicht zu betonen.�</p><p>�Nat�rlich nicht, Nummer eins�, gab der SS-Mann zur�ck. �Wie immer k�nnen Sie sich auf mich verlassen. Was auch geschieht, �Operation Wotan� wird unter allen Umst�nden ausgef�hrt werden. Ohne R�cksicht auf Verluste. Koste es, was es wolle.�</p><p>Der Maskierte, dessen Fistelstimme in merkw�rdigem Gegensatz zu seinem herrischen Auftreten stand, reagierte mit der Andeutung eines Nickens. �Das sind wir, die Mitglieder der �Gruppe W 45�, dem Andenken des F�hrers und seiner welthistorischen Mission auch schuldig. Nur noch zwei Stunden, und wir alle werden an der Schwelle eines neuen Zeitalters stehen. Die Zeit der Werw�lfe, des Kampfes im Untergrund, der konspirativen Tarnung sind damit unwiderruflich vorbei.� Auf dem besten Wege, sich in Rage zu reden, schnappte der Maskierte nach Luft, und die Atmosph�re, welche die herumliegenden Tr�mmer, Schutthaufen und eingest�rzten Betonw�nde schufen, h�tte gespenstischer nicht sein k�nnen. Auf den hageren Mittvierziger schien dies jedoch keinerlei Eindruck zu machen. �Kameraden!�, rief er mit sich �berschlagender Stimme aus. �Die Zeit zum Handeln ist gekommen. Fragt nicht danach, ob unser Unternehmen von Erfolg gekr�nt sein wird, fragt nicht, welche Opfer es euch abverlangen wird. Was z�hlt, ist allein der Erfolg, nicht unser aller Leben. Steht doch eines unverr�ckbar fest: Unser Plan, die Amerikaner zum Losschlagen gegen die bolschewistischen Untermenschen zu verleiten, muss und wird gelingen. Darauf, und nur darauf, sollten sich unsere Gedanken konzentrieren. Haben wir uns verstanden?�</p><p>�Jawohl, Nummer eins!�, hallte es zwischen den Betonw�nden hin und her. �Heil Hitler!�</p><p>�Noch irgendwelche Fragen?�</p><p>Zum Unwillen des Maskierten meldete sich der Oberleutnant zu Wort. �Und Nummer drei?�, fragte er in unterw�rfigem Ton. �Eigentlich m�sste er doch l�ngst ��</p><p>�Keine Sorge�, fiel ihm der Maskierte ins Wort und warf einen raschen Blick auf die Uhr. �Was das Schicksal von Nummer drei betrifft, brauchen wir uns zum gegenw�rtigen Zeitpunkt keine Gedanken mehr zu machen.�</p><p>Auf der Stirn des Oberleutnants, dessen stramme Haltung sich sp�rbar gelockert hatte, machten sich tiefe Runzeln breit. �Keine Gedanken mehr?�, echote er. �Was hat das zu bedeuten?�</p><p>�Das bedeutet, er ist unabk�mmlich�, erwiderte der Maskierte, wobei er das letzte Wort besonders betonte. �S�mtliche von ihm ausge�bten Funktionen werden ab sofort von Nummer zwei wahrgenommen.� Der Maskierte gab ein nerv�ses R�uspern von sich, massierte die Nasenfl�gel und schritt mit demonstrativer Gelassenheit auf den Oberleutnant zu. �Wenn wir gerade dabei sind, Kamerad ��, seine Fistelstimme sank zu bedrohlichem Fl�stern herab, �was ist denn eigentlich mit der Volksgenossin, mit deren Hilfe Kamerad Maschke den Coup an der Glienicker Br�cke inszeniert hat? Mit der Gespielin eines gewissen Paul Mertens, meine ich.�</p><p>�Schwimm�bungen im Landwehrkanal�, lie� die sarkastische Replik des Uniformierten nicht lange auf sich warten. �Seit etwa zwei Stunden.�</p><p>Der Maskierte begann sich merklich zu entspannen. �Dann w�re <emphasis>das</emphasis> also gekl�rt�, sprach er wie zu sich selbst und musterte die Gesichter seiner Getreuen, bei deren Anblick niemand auf den Gedanken gekommen w�re, hier k�nne es sich nicht um Rotarmisten handeln. �Bleibt nur noch, Nummer zwei und Kamerad Maschke bei ihrer Mission die Daumen zu dr�cken. Wenn alles gut geht, werden sie demn�chst zu uns sto�en.�</p><p>�Mission?�, lie� sich ein blonder Endzwanziger mit Gardema� vernehmen. �Was f�r eine Mission?�</p><p>�Dar�ber, Kamerad�, antwortete der Maskierte gedehnt, w�hrend er einen erneuten Blick auf seine Armbanduhr warf, �w�rde ich mir an deiner Stelle nicht allzu viele Gedanken machen.� Dann wirbelte er herum, zog seine Mauser 08 und dr�ckte sie dem v�llig �berrumpelten</p><empty-line/><p>SS-Panzergrenadier gegen die Stirn. �Wer nicht f�r mich ist, ist gegen mich�, zischte er, bebend vor Zorn. �Verstanden, Kamerad? In der gegenw�rtigen Phase der �Operation Wotan� kann und werde ich keine Einw�nde mehr dulden. Nicht einmal dann, wenn es sich um unsere Nummer drei handelt. Oder gehandelt <emphasis>hat</emphasis>. Du hast doch miterlebt, was passiert, wenn man meine Geduld zu sehr strapaziert. Oder hast du den kleinen Zwischenfall w�hrend unserer Einsatzbesprechung heute fr�h schon wieder vergessen?�</p><p>Sprachlos vor Entsetzen, r�hrte sich der SS-Panzergrenadier nicht vom Fleck. �Nat�rlich nicht, Nummer eins�, stammelte er, w�hrend ihm der Speichel aus dem Mundwinkel tropfte. �Was immer du befiehlst, wird geschehen.�</p><p>�Genau das wollte ich h�ren�, schnitt ihm der Maskierte das Wort ab und lie� die Mauser wieder sinken. �Damit wir uns richtig verstehen�, f�gte er nach l�ngerem Schweigen hinzu. �Ich werde weitere F�lle von Insubordination nicht dulden. Haben wir uns verstanden?�</p><p>�Jawohl, Nummer eins�, hallte es dem Mann, in dem viele Berliner bereits den kommenden Regierenden B�rgermeister sahen, von allen Seiten entgegen. �Sieg Heil!�</p><p>�An die Arbeit, M�nner�, erwiderte der Maskierte, durchquerte das Spalier seiner Getreuen und war kurz darauf hinter einer Schutthalde verschwunden.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>28</p><p><emphasis>Lakenheath Airfield, Suffolk/England | 17.30 h Ortszeit </emphasis></p><p>Die Einsatzbesprechung hatte gerade begonnen, als Captain Nick Sarstedt der Verdacht beschlich, dass dies kein Briefing wie jedes andere werden w�rde. Im Verlauf seiner Dienstzeit, insbesondere w�hrend des Pazifikkrieges, hatte er Dutzende erlebt, sehr bald nicht mehr als Routine. Davon konnte am heutigen Tag jedoch keine Rede sein. Diese Einsatzbesprechung war anders. Das sp�rte man sofort.</p><p>Allein schon die Anwesenheit eines leibhaftigen britischen Air Marshall war verd�chtig genug. Da war etwas im Busch, ohne Zweifel. Sonst h�tte sich dieser Sesselfurzer nicht extra von London aus hierher bequemt. Die Miene des Geschwaderkommandeurs, der aussah, als habe man ihm gerade Elektroschocks verpasst, tat ein �briges. Wenn Big Belly, wie er hinter vorgehaltener Hand genannt wurde, auf seine hei� geliebten Donuts verzichtete und sich stattdessen mit einem Becher Kaffee zufriedengab, war Alarmstufe eins angesagt.</p><p>Jede Wette.</p><p>Captain Sarstedt, 29 Jahre, dunkelhaarig, gut gebaut und Kommandant einer B-29 Superfortress, sollte recht behalten. Und nicht nur das. Der S�dstaatler, der wie eine gelungene Kopie von Clark Gable aussah, bekam vor �berraschung fast den Mund nicht mehr zu. Da bleibt einem glatt die Spucke weg!, fuhr es ihm durch den Sinn, und ein Blick auf seine Crew �berzeugte ihn, dass die Jungs genauso dachten wie er.</p><p>DEFCON<sup>12</sup> 3. �bernahme von Nuklearsprengk�rpern innerhalb einer Stunde. Oberste Geheimhaltungsstufe. Mindestens zehn Maschinen st�ndig in der Luft. Was das zu bedeuten hatte, konnte man sich leicht ausmalen.</p><p>�Noch Fragen, meine Herren?� Trotz der Ventilatoren, deren Surren die Begleitmusik zu Big Bellys Befehlsausgabe geliefert hatten, war Sarstedts Nacken pl�tzlich feucht. An der Luft in der schmucklosen Wellblechbaracke konnte es nicht liegen. Vom Krieg gegen die Japse, den er Gott sei Dank heil �berstanden hatte, war er da ganz andere Sachen gewohnt.</p><p>�Danke, meine Herren � wegtreten.�</p><p>Nein, schuld daran, dass er allm�hlich Fracksausen bekam, war sein Instinkt. Und der sagte ihm, dass dies keine x-beliebige �bung war. Das war der Ernstfall. Der Fall, �ber den man seit 1945 laufend debattiert, mit dem aber niemand ernsthaft gerechnet hatte.</p><p>�Moment, Nick � ich habe mit Ihnen zu reden.� Big�Belly, genauer gesagt Generalmajor James Perkins, nahm Sarstedt zur Seite und wartete ab, bis die Offiziere und Crewmitglieder die Baracke verlassen hatten. Im Gegensatz zu sonst, wo er Witze am Flie�band riss, war ihm das Lachen offenkundig vergangen, sein Blick fahrig und stumpf. �Kopf hoch, wird schon nicht so schlimm werden.�</p><p>�Nicht so schlimm?�, stie� Sarstedt mit ungl�ubigem Staunen hervor. �Soll das etwa hei�en, es wird tats�chlich ernst?�</p><p>�Schon m�glich, alter Junge�, wiegelte der nur 1,78�Meter gro�e, daf�r aber knapp 100 Kilo schwere Generalmajor mit der durch ein paar fettige Haarstr�hnen kaschierten Glatze ab. �Was passieren wird, h�ngt einzig und allein von den Russen ab.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>�Dem Vernehmen nach, das hei�t laut Pentagon, soll es in Berlin zu einer Reihe ernsthafter Zwischenf�lle gekommen sein�, r�ckte Perkins mit Blick auf Sarstedts Crew, die sich vor der Baracke herumdr�ckte, heraus. �Der Grund, weshalb Sie und Ihre Jungs hierher beordert worden sind.�</p><p>�Sie werden lachen, aber das habe ich auch schon mitgekriegt, Herr Generalmajor.�</p><p>Auf dem Gesicht des Geschwaderkommandeurs, der Sarstedts Seitenhieb geflissentlich ignorierte, breitete sich ein L�cheln aus. F�r Sarstedt ein Alarmzeichen, wie ihm aus langer Erfahrung mit allen nur erdenklichen Vorgesetzten klar geworden war. �Umso besser f�r Sie�, antwortete Big Belly ged�mpft, �dann kann ich ja gleich zur Sache kommen.�</p><p>�Ich habe auch nichts anderes erwartet, Sir.�</p><p>�Warum so b�rbei�ig, Nick?�, lachte Perkins, von dessen vorget�uschter Jovialit�t sich Sarstedt jedoch nicht blenden lie�. �Wenn ich Sie w�re, w�rde ich mich freuen.�</p><p>�Und wieso?�, fragte Sarstedt, dem bewusst war, mit wem er es hier zu tun hatte. N�mlich mit einem knochenharten Kommisskopf, der die Befehle, die er aus Washington bekam, prompt ausf�hren w�rde.</p><p>Und mit einem Zyniker sondergleichen.</p><p>�Weil man Sie, Captain Sarstedt, f�r eine ganz besondere Mission auserkoren hat.�</p><p>�Und die w�re?�</p><p>�Die Durchf�hrung der �Operation Armageddon�, Nick.�</p><p>Sarstedt runzelte fragend die Stirn. �Tut mir leid, Sir, aber darunter kann ich mir momentan nichts vorstellen.�</p><p>�Nat�rlich nicht, mein Junge�, h�ngte Big Belly den Verst�ndnisvollen heraus, �ist ja auch streng geheim. Wenn, dann soll das Ganze schlie�lich eine �berraschung werden.�</p><p>�Eine �berraschung, Sir?�</p><p>�Nicht f�r Sie, Nick, sondern f�r Uncle Joe�, erl�uterte Perkins, dessen Art, um den hei�en Brei herumzureden, Sarstedt absolut gegen den Strich ging. �W�re doch gelacht, wenn wir den Russen nicht mal so richtig den Arsch hei� machen k�nnten.�</p><p>�Bei allem schuldigen Respekt, Sir: H�tten Sie vielleicht die G�te, mir mitzuteilen, worin meine Rolle bei der �Operation Armageddon� besteht?�</p><p>Ein Stirnrunzeln von Sarstedt, und mit der Gro�spurigkeit seines Vorgesetzten war es vorbei. �Eine Atombombe auf Moskau abzuwerfen, Nick�, fl�sterte ihm Perkins ins Ohr, klemmte sein Clipboard unter den Arm und fuhr mit dem Handr�cken �ber sein Doppelkinn. �Wenn�s geht, direkt auf den Kreml.�</p><p>Die Uniformm�tze unter die linke Achsel geklemmt, wurde Sarstedt leichenblass. �Auf den Kreml?�, wiederholte er, bem�ht, seine Best�rzung vor Perkins zu verbergen. �Wir?�</p><p>�Ganz recht. Wie die Dinge liegen, haben die Jungs im Pentagon Sie dazu auserkoren, Moskau dem Erdboden gleichzumachen.� Durch den aufgeschwemmten Rumpf von Perkins ging ein Ruck. �Anders ausgedr�ckt: Noch ein krummes Ding, ein Schuss oder ein falsches Wort, und Stalin wird das Lachen endg�ltig vergehen.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>29</p><p><emphasis>Insel Schwanenwerder, amerikanischer Sektor | 19.05 h </emphasis></p><p>�So, dann woll�n wir mal�, murmelte Sydow und zog dem Leichnam, neben dem er kniete, die Maske vom Gesicht. Das Unwetter hatte an St�rke zugenommen, und die B�en, die gegen das Bootshaus brandeten, muteten wie die Vorboten des Weltuntergangs an. �Kann mir schon denken, wer du bist.�</p><p>An die zwei Meter, B�rstenschnitt, Schmiss und durchtrainiert. Wolfsangel an der Schulter. Markantes Kinn, blond, blaue Augen.</p><p>Ein SS-Recke wie aus dem V�lkischen Beobachter.</p><p>Ein Blick, und Sydows Vermutung, bei dem mutma�lichen Mann f�rs Grobe handele sich um einen SS-Angeh�rigen, sollte zur Gewissheit werden. Die Wolfsangel lieferte ein erstes Indiz, und die Blutgruppent�towierung oberhalb des Ellbogens lie� jegliche Zweifel verstummen. Keine Frage, der Tote war Angeh�riger eines SS-Totenkopfverbandes gewesen. Das A auf dem Oberarm, das seine Blutgruppe angab, schloss jegliche Ungewissheit von vornherein aus. Ein Grund mehr, mit sich und der Welt zufrieden zu sein.</p><p>Dass er es nicht sein konnte, lag auf der Hand. Nachdem die Dame des Hauses in die Obhut zweier Beamtinnen gegeben worden war, hatten Krokowski und die Kollegen von der Spurensicherung damit begonnen, die Bude auf den Kopf zu stellen. Herausgekommen war bis jetzt allerdings noch nichts. Die Liste, mit der Paul Mertens erpresst, derentwegen der Zweimetermann mit der Ermordung von Lilian Matuschek beauftragt worden war, hatte sich anscheinend in Luft aufgel�st. Nirgendwo, nicht einmal im Safe, hatte es den geringsten Hinweis darauf gegeben.</p><p>Sydow sch�ttelte nachdenklich den Kopf. Die Frage war, ob sie �berhaupt versteckt und am Ende nicht vielleicht vernichtet worden war. So etwas musste man nat�rlich in Betracht ziehen, wenngleich er das Gef�hl hatte, diesbez�glich sei noch nicht das letzte Wort gesprochen.</p><p>Mit einer Miene, die sowohl Ratlosigkeit als auch unterdr�ckte Wut verriet, lie� Sydow den Oberarm des ehemaligen SS-Schergen wieder zur�ck auf den Boden gleiten, deckte ihn zu und rappelte sich auf. In eine Sackgasse war er im Zuge seiner Ermittlungen schon des �fteren geraten, jedoch nicht ann�hernd wie jetzt. All das hier ergab keinen Sinn, von der Frage, was Mertens und Co. im Schilde gef�hrt hatten oder noch f�hrten, gar nicht zu reden. Dass hier etwas im Gange war, merkte jedes Kind, und die Frage, weshalb der Tote im Grunewald exekutiert worden war, besch�ftigte Sydow unentwegt. Die Vergangenheit von Mister Persilschein war eine Sache, was er im Schilde gehabt hatte, eine andere.</p><p>�Na, schon irgendeine Spur?�, h�rte Sydow pl�tzlich eine weibliche Stimme sagen, und da er wusste, zu wem sie geh�rte, r�hrte er sich nicht vom Fleck.</p><p>�Irre ich mich, oder wollten Sie reinen Tisch machen, Miss?�, murrte er, die H�nde in den Hosentaschen vergraben. �Damit wir beide nicht weiter im Dunkeln tappen.�</p><p>�Zigarette?�</p><p>Trotz des Grolls, den Sydow immer noch hegte, konnte er dem Angebot nicht widerstehen. �Meinetwegen�, entgegnete er, drehte sich um und sah Gladys McCoy pr�fend an. �Machen Sie das eigentlich �fter so?�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Andere Leute an der Nase herumf�hren.�</p><p>�Wie gut, dass Sie so direkt sind�, erwiderte die</p><empty-line/><p>MI6-Agentin, sch�ttelte sich den Regen aus dem Haar und schloss die T�r. �Ich denke, das wird uns der L�sung des Falles um einiges n�herbringen.�</p><p>�W�re es dann nicht an der Zeit, s�mtliche Karten auf den Tisch zu legen?�</p><p>Die Antwort auf Sydows Frage, die Gladys McCoy offenbar nicht leichtfiel, lie� geraume Zeit auf sich warten. �Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?�</p><p>�Kommt drauf an, was Sie alles zu bieten haben.�</p><p>�Genug, um etliche Ihrer Fragen zu beantworten�, tat Gladys McCoy, in deren Mundwinkel sich winzige Gr�bchen bildeten, eher z�gerlich kund und hielt Sydow die Zigarettenschachtel hin. �Darauf k�nnen Sie sich verlassen.�</p><p>�Wenn dem so ist�, bohrte Sydow weiter, nachdem er der Verlockung erlegen war und sich eine John Player geangelt hatte, �werden Sie gegen ein paar Fragen sicherlich nichts einzuwenden haben.�</p><p>Die MI6-Agentin tat es Sydow gleich, z�ndete sich eine Zigarette an und dr�ckte ihm das Feuerzeug in die Hand. �Hartn�ckig sind Sie ja, das muss man Ihnen lassen.�</p><p>�Danke f�r die Blumen�, antwortete Sydow, nachdem er sich eine angesteckt und mehrere Sekunden hatte verstreichen lassen. �Daf�r mache ich es auch kurz.�</p><p>�Wie r�cksichtsvoll von Ihnen.�</p><p>Sydow tat, als habe er den Seitenhieb �berh�rt. �Wie ist es Ihnen eigentlich gelungen, Mertens auf die Spur zu kommen?�</p><p>�Purer Zufall�, erwiderte Gladys McCoy. �H�tte der Tote im Grunewald nicht einen Lohnstreifen der Mertens AG bei sich gehabt, w�rden wir vermutlich ganz sch�n alt ��</p><p>�Moment mal: Soll das etwas hei�en, dass ��</p><p>�� aussehen. Das soll hei�en, dass die Leiche bekleidet war � genau�, gestand die MI6-Agentin ein. �Eine kleine Vorsichtsma�nahme von uns.�</p><p>�Von uns?�, stie� Sydow �rgerlich hervor. �Darf man fragen, mit wem ich hier die Ehre habe?�</p><p>�Gladys McCoy � Secret Service Seiner Majest�t�, antwortete die Agentin unger�hrt. �Ich hoffe, das bleibt unter uns.�</p><p>�Mal sehen, was sich machen l�sst�, fl�chtete sich Sydow in Ironie. �H�rt sich ja nach einem verdammt hei�en Eisen an.�</p><p>�Vorsichtig ausgedr�ckt, Herr Kommissar. So hei�, dass man sich glatt daran verbrennen kann�, erg�nzte die Secret-Service-Agentin in ernstem Ton. �Worauf ich hinauswill, wollen Sie wissen? Ganz einfach: Vor drei Tagen, also am Samstag, meldet sich bei Generalmajor Herbert ein anonymer Anrufer. Zun�chst r�ckt er nicht richtig mit der Sprache heraus, behauptet dann aber, der sogenannten �Gruppe W 45� anzugeh�ren.�</p><p>�W f�r Werwolf?�</p><p>�Richtig. Seinen Worten nach zu schlie�en, handelt es sich um eine Gruppe ehemaliger SS-Angeh�riger, von denen der Anrufer behauptet, sie schreckten vor nichts zur�ck.�</p><p>�Originalton?�</p><p>Gladys McCoy nickte. �Wir haben das Gespr�ch auf Band. Das hei�t, zumindest einen Gro�teil davon. Was wir allerdings nicht haben, ist sein Name.� Die Agentin zog hastig an ihrer Zigarette. �Dessen ungeachtet kann oder will Mister Unbekannt nicht preisgeben, was eigentlich genau am Laufen ist. Nur so viel, dass die �Gruppe W�45� zu allem entschlossen sei. Und dass er Angst habe, in etwas hineingezogen zu werden, das unabsehbare Konsequenzen haben k�nne.�</p><p>Sydow pfiff leise durch die Z�hne. �Jetzt wird mir einiges klar�, murmelte er und strich mit Daumen und Zeigefinger �ber das Kinn. �Passt doch alles prima zusammen.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Unter anderem der Befund aus der Pathologie. Laut einem gewissen Dr. Peters, bei dem ich auf dem Herweg vorbeigeschaut habe, ist der Tote aus dem Grunewald per Genickschuss ins Jenseits bef�rdert worden. Mithilfe einer Tokarew TT-33, wie ich der Vollst�ndigkeit halber hinzuf�gen muss. Sie verstehen, worauf ich hinauswill, Miss?�</p><p>�Doch nicht etwa darauf, dass der Tote mit dem Anrufer identisch ist?�</p><p>�Und ob�, lie� Sydow mit un�berh�rbarer Genugtuung verlauten. �Anders ausgedr�ckt: Dem Mann, den wir im Grunewald ausgebuddelt haben, ist das, was diese Werw�lfe vorhaben, eine Nummer zu gro�. Oder er bekommt ganz einfach Schiss. Oder Gewissensbisse. Oder alles zusammen. Das Ende vom Lied ist, dass er sich mit seinen Kumpels anlegt, eine Kugel verpasst bekommt und so schnell wie m�glich unter die Erde gebracht wird.� Sydow rauchte seine Kippe zu Ende und dr�ckte sie auf einem �lfass aus. �So viel zum Thema Heldentod.�</p><p>Gladys McCoy nickte. �An Ihnen ist wirklich ein MI6-Agent verloren gegangen�, warf sie anerkennend ein und wandte sich dem toten Zweimetermann zu, bei dessen Anblick sich ihr Blick sp�rbar verengte. �Und wie erkl�ren Sie sich, dass man uns mit der Panzerfaust auf den Leib ger�ckt ist?�</p><p>�Gute Frage.� Sydow tat sich mit seiner Antwort schwer, und als k�nne er bei dem toten SS-Mann eine Erkl�rung finden, konzentrierte er sich auf den Leichnam. �Offen gestanden habe ich bis jetzt noch keine vern�nftige Erkl�rung daf�r gefunden.�</p><p>�Da ist jemand, der Sie unbedingt von der Bildfl�che verschwinden lassen wollte. Oder will.� Gladys McCoy dr�ckte ihre John Player ebenfalls aus. �Bliebe zu kl�ren, wer.�</p><p>Sydow nickte und verfiel ins Gr�beln. �Wenn nicht der Mann f�rs Grobe, wer dann�, murmelte er geistesabwesend vor sich hin, die eine Hand im Nacken, die andere in den G�rtel geklemmt. �Das ist die Frage.�</p><p>�Eine Frage, auf die wir m�glichst bald eine Antwort finden sollten.�</p><p>�Auf jeden Fall�, bekr�ftigte Sydow, w�hrend er die Ereignisse des Tages Revue passieren lie�. Der Mord an Lilian Matuschek, die Sch�sse auf Pawelka, die Unterredung mit Peters in der Pathologie, der Plausch mit der Roten Lola � an Unterhaltung hatte es wahrhaftig nicht gefehlt.</p><p>Auf einen Schlag kreidebleich, brachen Sydows Reminiszenzen j�h ab. Und das nicht nur wegen der Windb�e, welche die T�r des Bootshauses beinahe aus den Angeln gerissen h�tte. Schuld daran war der Gedanke, der ihm in diesem Moment kam, mit einer Wucht, dass er den Wind, der durch die offene T�r fuhr und ihm den Regen ins Gesicht peitschte, �berhaupt nicht bemerkte.</p><p>�Darf man erfahren, woran Sie gerade gedacht haben?�, fragte Gladys McCoy, nachdem sie die T�r wieder geschlossen hatte. �Oder wollen Sie nicht dar�ber reden?�</p><p>�Letzteres�, antwortete Sydow in einer Weise, die</p><empty-line/><p>Gladys McCoy aufhorchen lie�. �Zumindest nicht im Augenblick.�</p><p>�So viel zum Thema Zusammenarbeit, Herr Kriminalhauptkommissar.�</p><p>�Jetzt seien Sie doch nicht gleich beleidigt, Miss�, lenkte Sydow beschwichtigend ein. �Die Wahrheit ist, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin.�</p><p>�Ich auch�, pflichtete ihm Gladys McCoy bei. Und erg�nzte: Beziehungsweise <emphasis>wir</emphasis>.�</p><p>�Wie das?�</p><p>�Heute Vormittag, genauer gesagt kurz vor zw�lf, wurde eine Skymaster, die sich im Landeanflug auf Tempelhof befand, mithilfe einer Luftabwehrkanone russischer Bauart vom Himmel geholt. Unn�tig zu erw�hnen, dass die Besatzung den Absturz nicht �berlebt hat.�</p><p>Sydow lockerte seinen Hemdkragen. �Mannomann�, murmelte er. �Das kann ja heiter werden.�</p><p>�Wo Sie recht haben, haben Sie recht. Leider war das l�ngst noch nicht alles.� Die MI6-Agentin fuhr mit dem Handr�cken �ber die geschlossenen Lider und sprach mit ged�mpfter Stimme: �Vertraulichen Informationen zufolge soll sich um vier ein weiterer Anschlag ereignet haben. Wer daf�r verantwortlich ist, wissen wir nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass der oder die T�ter �u�erst professionell vorgegangen sind.� Gladys McCoys Miene verd�sterte sich. �Man nehme eine 20-Kilo-Bombe, deponiere sie in einem Moskwitsch, parke ihn unweit des amerikanischen Hauptquartiers und bringe sie anschlie�end per Fernz�ndung zur Explosion. Risiko: gleich null. Folgen: drei Tote und jede Menge Kleinholz. Soweit unsere amerikanischen Cousins.�</p><p>�Mit anderen Worten: Noch so ein B�ller, und der Dritte Weltkrieg kann beginnen.�</p><p>�Beruhigend zu wissen, dass Sie meine Lagebeurteilung teilen�, fl�chtete sich die Secret-Service-Agentin in Ironie, w�hrend das Unwetter vor der T�r apokalyptische Ausma�e annahm. �Die Frage ist, wer sich so etwas ausgedacht hat.�</p><p>�Was das betrifft�, hob Sydow mit nachdenklicher Miene hervor, �stehen die Urheber des Schlamassels doch wohl l�ngst fest.�</p><p>�Moment mal, Sie glauben doch nicht etwa, dass ��</p><p>�Doch, glaube ich�, beharrte Sydow und gab ein ver�chtliches Schnauben von sich. �Hinter dem, was Sie mir gerade geschildert haben, stecken nicht etwa die Russen. Die haben momentan genug mit sich selbst zu tun. Nein, so etwas riecht geradezu nach SS. Je l�nger ich dar�ber nachdenke, umso besser f�gt sich alles zusammen. Will hei�en: Wir sind auf der richtigen Spur. Ewald und Co. planen einen Anschlag, ein Mann aus den eigenen Reihen respektive eine Dame namens Lilian Matuschek kommt der �Gruppe W�45� in die Quere, beide werden beseitigt � und dem Plan, den Dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen, steht nichts mehr im Wege.� Sydow holte tief Luft. �Glauben Sie mir, Miss � wenn wir uns nicht bald etwas einfallen lassen, hilft nur eins: Volle Deckung.�</p><p>�Glauben hei�t bekanntlich nicht wissen, Herr Kriminalhauptkommissar.�</p><p>�In diesem Fall schon�, beharrte Sydow, dem es beim Gedanken an den Wahrheitsgehalt seiner Vermutung kalt den R�cken hinunterlief. �Das Dumme ist nur, dass wir momentan auf der Stelle treten.�</p><p>�Schon m�glich�, r�umte die MI6-Agentin l�chelnd ein. �Wenngleich nicht unbedingt wahrscheinlich.�</p><p>�Da bin ich aber mal gespannt, Miss�, bekannte Sydow mit unterschwelliger Ironie. �Besonders darauf, was der Grund f�r Ihren Optimismus ist.�</p><p>�Der Grund, Herr Kriminalhauptkommissar�, sprach Gladys McCoy, wobei sie die Pointe absichtlich hinausz�gerte, �der Grund ist, dass wir beide noch einen Trumpf im �rmel haben.�</p><p>�Etwa eine Schachtel russische Zigaretten?�, flachste Sydow, obwohl er das Gef�hl hatte, sein Sinn f�r Humor komme nicht �berm��ig gut an.</p><p>Seine Gespr�chspartnerin lie� sich dadurch jedoch nicht aus der Ruhe bringen. �Warm.�</p><p>�Lebensmittelkarten?�</p><p>�Falsch geraten.�</p><p>�Eine Flasche Berliner Kindl?�</p><p>�Das erst recht nicht.�</p><p>�Ich geb�s auf � an wen oder was haben Sie dabei gedacht?�</p><p>�An einen Ukrainer namens Nikolai Borodin�, sprach Gladys McCoy, entriegelte die T�r und bedeutete Sydow, ihr zu folgen. �Wetten, dass Sie der Mann interessiert?�</p><p>*</p><p>Am Tor zum Nachbarhaus, das seit mehr als drei Jahren leer stand, hielten zwei Soldaten der Desert Rats Wache, und als Sydow die heruntergekommene Villa betrat, fr�stelte ihn. Ein Gef�hl, das sich im Folgenden noch verst�rken sollte.</p><p>Der Keller, in den Gladys McCoy ihn f�hrte, roch nach Schimmel, was den Eindruck, den die Villa auf ihn machte, nur noch unterstrich. Seit Kriegsende hatten sich nur noch die Ratten blicken lassen, von denen es hier �berall wimmelte. Unter der T�r, auf die seine Begleiterin zusteuerte, drang ein schmaler Lichtschein hervor, und als er das weitl�ufige Gew�lbe betrat, blieb Sydow �berrascht stehen. Der Grund hierf�r war weder der durchdringende Modergeruch noch die schummerige Beleuchtung oder die Spinnweben �berall an der Wand. Der Grund war der junge Mann auf dem Hocker inmitten des rechteckigen Raumes, dessen Silhouette einen mehrere Meter langen Schatten warf. Einen Schatten, der, so schien es, direkt auf ihn gerichtet war.</p><p>Bewacht von zwei weiteren Elitesoldaten, die sich beim Erscheinen der MI6-Agentin diskret zur�ckzogen, blickte der dunkelhaarige, hagere und in sich gekehrt wirkende Brillentr�ger kurz auf. Aus dem Blick, den er Sydow zuwarf, sprach sein Misstrauen, weshalb er Gladys McCoy zun�chst das Wort �berlie�. �Und � wieder einigerma�en erholt?�, fragte sie in freundlichem Ton.</p><p>Der junge Mann, den Sydow auf Ende 20 sch�tzte, gab ein z�gerliches Nicken von sich, w�hrend sein Blick zwischen der Agentin und Sydow hin- und herwanderte.</p><p>�Darf ich vorstellen � Tom Sydow�, fuhr die Secret-Service-Agentin behutsam fort, worauf der Mann, �ber den Sydow au�er dem Namen nichts bekannt war, unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte. An der Decke, von der eine Gl�hlampe herabbaumelte, wucherte der Schimmel, und mit jeder Sekunde, die der Kripo-Beamte hier verbrachte, schn�rte es ihm immer mehr die Kehle zu. �Von ihm haben Sie nichts zu bef�rchten.�</p><p>�ber das Gesicht des Mannes flog ein L�cheln. �Das sagt sich so leicht�, fl�sterte er, zu Sydows �berraschung auf deutsch, nippte an seinem Kaffeebecher und stellte ihn auf dem Boden ab. �Angesichts der Erfahrungen, die ich gesammelt habe, wohl nicht weiter verwunderlich, oder?�</p><p>Wider jegliche Vernunft und ohne erkennbaren Anlass begann sich Sydows Herzschlag zu beschleunigen. Der Versuch, sich dagegen zu str�uben, schlug jedoch fehl.</p><p>�Kein Grund zur Beunruhigung, Herr Borodin�, f�gte Gladys McCoy geduldig an. �Alles, worum ich Sie bitte, ist, Herrn Kriminalhauptkommissar Sydow die gleichen Ausk�nfte zu erteilen wie mir.�</p><p>�Und wer sagt mir, dass ich ihm trauen kann?�, fragte der junge Mann mit resigniertem Augenaufschlag, w�hrend sich das Licht der Gl�hlampe in seinen Brillengl�sern brach. �Einem Beamten der deutschen Kriminalpolizei?�</p><p>�Ich�, versetzte die Agentin unger�hrt. �Mein Wort darauf.�</p><p>In die Augen des Mannes, pechschwarz wie sein Haar, trat ein merkw�rdiges Flackern. Allem Anschein nach �berlegte er sich seine Antwort genau, was Sydow Gelegenheit gab, ihn genauer in Augenschein zu nehmen. �Die gleichen Ausk�nfte wie Ihnen?�</p><p>�Ich bitte darum, Herr Borodin.�</p><p>Sydow stutzte. In dieser Gladys schien er sich vollkommen get�uscht zu haben, und ihn beschlich das Gef�hl, bei Gelegenheit Abbitte leisten zu m�ssen.</p><p>�Ihnen zuliebe�, seufzte der junge Mann, bettete die Handfl�chen auf die Oberschenkel und sah Sydow mit einer Mischung aus Niedergeschlagenheit und Skepsis an. �Was also wollen Sie wissen, Herr ��</p><p>�Sydow � Thomas Randolph von Sydow.�</p><p>In den Mundwinkeln des Mannes tauchte die Andeutung eines L�chelns auf. �Engl�nder?�</p><p>�Halbengl�nder�, antwortete Sydow mit Bedacht und lie� sich auf einer Kiste in der N�he des Mannes nieder. �Anno 42 aus Deutschland geflohen.�</p><p>Das L�cheln verschwand. Im Gehirn des Mannes begann es offenbar zu arbeiten, die Frage, mit der Sydow rechnete, blieb jedoch aus. Stattdessen nahm der junge Mann seine Brille ab und starrte an ihm vorbei ins Leere. �Und was kann ich f�r Sie tun, Herr Kommissar?�, fragte er in wehm�tigem Ton, anscheinend so etwas wie ein Kennzeichen von ihm.</p><p>Sydow atmete tief durch. �Eine Menge, Herr Borodin�, gab er unumwunden zu, �vorausgesetzt, Sie verf�gen �ber die entsprechenden Informationen.�</p><p>�Insbesondere solche, die sich auf einen gewissen Paul Mertens beziehen?�</p><p>�Wenn Sie mich so fragen � ja.�</p><p>�Um mit der T�r ins Haus zu fallen, Herr Kommissar: Er hei�t nicht so.�</p><p>�Mertens?�</p><p>�In der Tat�, best�tigte Borodin und setzte seine Brille wieder auf. �Zumindest nicht v�terlicherseits.�</p><p>�Sondern?�</p><p>Borodin l�chelte. �Ja, ja, so seid ihr Deutschen eben. Wozu sich mit langen Vorreden aufhalten, wenn es auch schneller geht.�</p><p>�Irre ich mich, oder sind nicht auch Sie hier gro� geworden?�</p><p>�Gut herausgeh�rt, Herr Kommissar. Ist aber schon ziemlich lange her.� Borodin trank seinen Kaffee aus, behielt den Becher jedoch in der Hand. �Zur�ck zum Thema � im Falle von Herrn Mertens, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Mertens AG, handelt es sich in Wahrheit um SS-Obersturmf�hrer Paul Ewald, 36 Jahre, urspr�nglich wohnhaft in Berlin-Reinickendorf.�</p><p>Ohne dass er sich dessen bewusst wurde, brach Sydow der kalte Schwei� aus, und ihm d�mmerte, dass er mit etwas konfrontiert werden w�rde, das seine Vorstellungskraft �berstieg. In einem Ausma�, wie er es nicht f�r m�glich gehalten h�tte.</p><p>�Ich sehe, Sie denken mit, Herr Kommissar�, fuhr Borodin mit ernster Miene fort, w�hrend sich der Pappbecher in seiner Hand allm�hlich zu verformen begann. �Paul Ewald alias Mertens geh�rt mit zum Schlimmsten, was sich auf Gottes Erdboden je herumgetrieben hat.�</p><p>�Kriegsverbrecher?�</p><p>Wieder dieses L�cheln, nur eine Spur resignierter. �Die Sprache unserer V�ter besitzt kein Wort f�r das, was dieser Ewald angerichtet hat�, erkl�rte Borodin, nachdem der Pappbecher in seiner geschlossenen Faust verschwunden war. �Kein Wunder, so etwas hat es auch noch nie gegeben.�</p><p>Sydow �berlegte hin und her, fand jedoch nicht die richtigen Worte. Gladys McCoy bemerkte es, sprang f�r ihn in die Bresche und sagte: �Ich denke, es ist am besten, Sie fangen noch einmal von vorne an. Finden Sie nicht auch, Herr Borodin?�</p><p>Nikolai Borodin, �berlebender des Massakers von Babi-Yar, Rotarmist wider Willen und Fahnenfl�chtiger, nickte wie in Trance.</p><p>Und begann zu erz�hlen.</p><p>*</p><p>Zehn Minuten sp�ter, als der 22-j�hrige Ukrainer seine Erz�hlung beendet hatte, breitete sich in dem Gew�lbe unter der ehemaligen Nobelvilla eine bedr�ckende Stille aus. Borodin wirkte wie erstarrt, und mit Ausnahme der Feuchtigkeit, die von der Decke herabtropfte, gab es nichts, das diese Stille durchbrach. Jeder der drei Anwesenden hing seinen Gedanken nach und scheute davor zur�ck, etwas zu sagen.</p><p>Erst als das Schweigen unertr�glich zu werden drohte, ergriff Gladys McCoy das Wort. Sie tat dies behutsam, so r�cksichtsvoll wie nur irgend m�glich. �Und Sie k�nnen beschw�ren, dass es sich bei dem Obersturmf�hrer, den Sie uns beschrieben haben, und Mertens um ein und dieselbe Person gehandelt hat?�, richtete sie das Wort an Borodin, was im Grunde nicht wie eine Frage, sondern wie ein versp�tetes Fazit klang.</p><p>�Sicherer geht es nicht�, bekr�ftigte Borodin, aus dessen Tonfall ein Hauch von Unmut sprach. �Bei dem Mann, der meine Brille zertreten hat, hat es sich definitiv um Paul Ewald gehandelt. Um genau den Mann, den ich vorhin auf der Terrasse gesehen habe.�</p><p>�Sonst noch jemand, an den Sie sich erinnern k�nnen?�, wollte Sydow wissen, an dem die letzten zehn Minuten ebenfalls nicht spurlos vor�bergegangen waren.</p><p>Borodin �berlegte sich seine Antwort genau. �Ja�, best�tigte er, lie� einige Sekunden verstreichen und sagte: �Da war jemand, an den ich mich erinnere. Jemand, der mich am Arm gepackt und in die Schlucht hinunter geschleift hat.�</p><p>�Jemand von der SS?�</p><p>�Ich denke schon�, r�umte der Ukrainer z�gerlich ein. �Ohne meine Brille bin ich eben nur die H�lfte wert.�</p><p>�Dieser � dieser SS-Mann�, forschte Sydow gespannt nach, wobei er jedes Wort sorgf�ltig abwog, �ist Ihnen an ihm irgendetwas Besonderes aufgefallen? Stimme, Akzent, Gang oder was es sonst noch alles gibt?�</p><p>�Wenn Sie mich so fragen, Herr Kommissar � sein Gang�, antwortete Borodin, warf den Pappbecher achtlos weg und erg�nzte: �An dem ist mir vor allem eins aufgefallen.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Er hat gehinkt, Herr Kommissar�, erl�uterte Borodin. �Aus welchem Grund, kann ich nat�rlich nicht sagen. Verstauchter Fu�, Verletzung � was wei� ich.�</p><p>In Sydows Gesicht, das im Verlauf des Gespr�ches immer blasser geworden war, war nun nicht einmal mehr die Andeutung eines Farbtons zu finden. Die Anspannung, unter der er stand, war nicht zu �bersehen, und sein Blick verriet, wie sehr ihn Borodins Schicksal ber�hrte. �Er hat gehinkt, sagen Sie�, hakte er mit tonloser Stimme nach, was Gladys McCoy instinktiv aufhorchen lie�.</p><p>Borodin nickte.</p><p>�Auf dem rechten oder linken Fu�?�</p><p>�Links�, antwortete Borodin verwirrt. �Wieso wollen Sie das eigentlich wissen?�</p><p>�Aus reinem Interesse, Herr Borodin. Bin eben ein Hundertprozentiger, wissen Sie.�</p><p>�Ja, wenn das so ist, Herr Kommissar�, gab der Ukrainer zur�ck, das f�r ihn typische L�cheln im Gesicht, �gibt es etwas, womit ich Ihnen vermutlich weiterhelfen kann.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Das hier�, sprach Borodin, w�hrend sein L�cheln auf einen Schlag erlosch. Dann griff er in die Brusttasche und zog ein vergilbtes Foto hervor, das er Sydow mit versteinerter Miene pr�sentierte. �So, Herr Kommissar�, schob er hinterher, von seinem Tonfall her nicht wiederzuerkennen. �Wie w�r�s, wenn wir den Spie� einfach umdrehen? Kommt Ihnen au�er dem Herrn auf der linken Seite, den wir beide unter dem Namen Paul Ewald kennen, sonst noch jemand bekannt vor?�</p><p>Im Begriff, dem Ukrainer eine Antwort zu geben, versagte Sydow die Sprache. Au�er Ewald, der am linken Bildrand posierte, waren zwei weitere M�nner zu sehen. Um zu erkennen, um wen es sich handelte, musste er sich keine gro�e M�he geben. Was ihm viel gr��ere Schwierigkeiten bereitete, war, beim Anblick der drei M�nner nicht die Beherrschung zu verlieren. �Unsere Ehre hei�t Treue�, stie� er mit Blick auf die R�ckseite hervor, sprang auf und steckte das Foto ein. �Dann wollen wir mal sehen, wie weit ihr mit euren gro�kotzigen Spr�chen kommt.�</p><p>*</p><p>�Mensch, Krokowski, haben Sie mich vielleicht erschreckt!� Beim Verlassen der Villa, �ber der sich ein sintflutartiger Regen ergoss, h�tte Sydow seinen Adlatus beinahe �ber den Haufen gerannt, und da jede Minute z�hlte, h�rte er nur mit einem Ohr hin.</p><p>�Mit einem Wort, Herr Hauptkommissar�, bekannte Theo Lingen der Zweite zerknirscht, �von wertvollen Indizien, so zum Beispiel Notizen, Aufzeichnungen und Akten, keine Spur.�</p><p>�War ja auch nicht anders zu erwarten�, erwiderte Sydow lapidar, was dazu f�hrte, dass Krokowski indigniert die Stirn runzelte.</p><p>�Schon gut, Eduard�, lenkte sein Vorgesetzter schuldbewusst ein. �Nicht Ihre Schuld, sondern meine.� Sydow sah auf die Uhr. �K�nnen Sie bitte so gut sein und mir einen Gefallen tun?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Herr Hauptkommissar.�</p><p>�K�mmern Sie sich um Frau � um Frau Mertens, nehmen Sie ihre Aussage zu Protokoll und sehen Sie zu, dass beim Abtransport der Toten nichts in die Hosen geht.�</p><p>Krokowski strahlte �ber das ganze Gesicht. �Auf mich k�nnen Sie sich verlassen, Herr Kriminalhauptkommissar von ��</p><p>�Sydow, Eduard, ganz einfach Sydow�, erstickte der Kripo-Beamte den Redeschwall des Kriminalassistenten bereits im Keim. �So � und jetzt machen Sie, dass Sie wieder ins Trockene kommen.�</p><p>�Und ich?�, fragte Gladys McCoy, nachdem Krokowski wieder verschwunden war.</p><p>�Sie, Gn�digste?�</p><p>�Gladys, Herr von Sydow, ganz einfach Gladys�, witzelte die Agentin des Secret Service, kritisch be�ugt von Borodin, der dem Frieden immer noch nicht �ber den Weg traute. �Ihre Befehle, Sir?�</p><p>Trotz der Anspannung, unter der er stand, konnte sich Sydow ein Grinsen nicht verkneifen. So gesehen war Miss Zuckerp�ppchen ja ganz in Ordnung, und wenn er ehrlich war, w�re er ohne sie glatt aufgeschmissen gewesen. �Meine <emphasis>Bitte</emphasis>, Miss, w�re die, dass Sie sich zun�chst mal um den jungen Mann hier k�mmern. Um auf Nummer sicher zu gehen, w�rde ich vorschlagen, dass Sie ihn ins britische Hauptquartier bringen. Dort d�rfte er f�rs Erste sicher sein.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann kommt der aufregende Teil. Zumindest, was den weiteren Verlauf des Abends angeht.� Sydow wischte sich die Regentropfen aus dem Gesicht und sah Gladys McCoy eindringlich an. �Was ich damit sagen will, Gladys, ist, dass ��</p><p>�� es nicht von Nachteil w�re, wenn Ihnen m�glichst viele Elitesoldaten der britischen Garnison zur Verf�gung stehen, stimmt�s?�</p><p>�Stimmt�, erwiderte Sydow, kn�pfte sein Jackett zu und machte sich auf den Weg zu seinem VW, der auf der gegen�berliegenden Stra�enseite geparkt war. �Also � bis bald!�</p><p>�Bis bald�, wiederholte die MI6-Agentin besorgt, bedeutete Borodin, ihr zu folgen und hastete in der entgegengesetzten Richtung davon. Einem pl�tzlichen Impuls nachgebend, blieb Sydow mitten auf der Stra�e stehen und hob die Hand zum Gru�.</p><p>Aber da war das ungleiche Paar, ohne das seine Bem�hungen zum Scheitern verurteilt gewesen w�ren, l�ngst verschwunden.</p><p>*</p><p>�Dann mal ran an die Bouletten�, sprach Sydow mit grimmiger Miene, kramte seinen Schl�ssel aus der Tasche und schloss die Fahrert�r auf. Wenigstens sa� er jetzt im Trockenen, wenngleich nicht sonderlich bequem. Innerhalb der n�chsten halben Stunde w�rde es ziemlich ungem�tlich werden, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Sache stand auf Messers Schneide, und er fragte sich, ob es klug war, seinem Widersacher ganz allein gegen�berzutreten.</p><p>Dergestalt mit sich selbst besch�ftigt, steckte Sydow den Z�ndschl�ssel ins Schloss und wollte den Motor anwerfen. Daraus wurde jedoch nichts.</p><p>Dass er nicht alleine war, wurde ihm erst bewusst, als er einen schwachen, kaum wahrnehmbaren Zigarillogeruch bemerkte. Meine Lieblingsmarke!, fuhr es ihm absurderweise durch den Kopf, aber da hatte er den gut 30 Jahre alten Mann mit dem s�dl�ndischen Teint bereits im R�ckspiegel entdeckt.</p><p>Bevor er etwas sagen konnte, ergriff dieser das Wort. �Guten Abend, Herr Kommissar�, begr��te er ihn auf deutsch, dies allerdings mit leicht russischem Akzent. �Wenn Sie erlauben, w�rde ich gerne ein paar Takte mit Ihnen reden.�</p><p>Auf alles gefasst, griff Sydow nach seiner Waffe. Bevor er sie jedoch aus dem Halfter ziehen konnte, sp�rte er die M�ndung einer Pistole im Genick. �Nicht doch, Herr Kommissar�, ermahnte ihn der ungebetene Gast und beugte sich ohne Anzeichen von Hast nach vorn. �Ob Sie es nun glauben oder nicht, meine Absichten sind durchweg friedlicher Natur.� Die Stimme mit dem slavischen Timbre sank zu einem eindringlichen Fl�stern herab. �Bevor wir alle vor die Hunde gehen.�</p><p>�Darf man fragen, mit wem ich die unerwartete Ehre habe?�</p><p>Zun�chst hatte es den Anschein, als w�rde Sydow keine Antwort bekommen, und w�hrend der Mann sich besann, schielte Sydow nach seiner Waffe. Kurz davor, sie zu ziehen, hielt ihn ein R�uspern in seinem R�cken davon ab. �Nun gut, Herr Kommissar�, gab Sydows Gespr�chspartner widerwillig klein bei. �Wenn Sie darauf bestehen: Mein Name ist Kuragin � Juri Andrejewitsch Kuragin.�</p><p>�Angenehm�, versetzte Sydow mit bei�ender Ironie.</p><p>Kuragin lachte kurz auf. �Nicht so voreilig, Herr Kommissar�, zahlte er es ihm mit gleicher M�nze heim. �Angesichts dessen, was ich zu berichten wei�, wird Ihnen das Lachen bald vergehen.�</p><empty-line/><p>�Und er versammelte sie an den Ort, der auf Hebr�isch Harmagedon hei�t. Und der siebente Engel goss seine Schale aus in die Luft; und es kam eine laute Stimme aus dem Tempel vom Thron her, die sprach: Es ist geschehen. Und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner; und es geschah ein gro�es Erdbeben, desgleichen nicht geschehen ist, seitdem ein Mensch auf der Erde war, ein so gewaltiges, ein so gro�es Erdbeben. Und die gro�e Stadt wurde in drei Teile gespalten, und die St�dte der Nationen fielen, und der gro�en Stadt Babylon wurde vor Gott gedacht, ihr den Kelch des Grimmes des Weines seines Zorns zu geben. Und jede Insel verschwand, und Berge wurden nicht gefunden. Und ein gro�er Hagel, wie zentnerschwer, f�llt aus dem Himmel auf die Menschen nieder; und die Menschen l�sterten Gott wegen der Plage des Hagels, denn seine Plage ist sehr gro�.�</p><p>Offenbarung des Johannes 16, 16�21.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p>ARMAGEDDON</p><p><emphasis>(Berlin, nach Sonnenuntergang)</emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/></section><section><p>30</p><p><emphasis>Checkpoint Charly, amerikanischer Sektor | 19.48 h </emphasis></p><p>An sich h�tte Pjotr aus Archangelsk Verdacht sch�pfen m�ssen. Die Wachabl�sung war viel zu fr�h dran, der Armeejeep, der die Friedrichstra�e in s�dlicher Richtung entlangraste, erheblich zu schnell. Vom Herumstehen war Pjotr jedoch so m�de, dass er sich nicht einmal nach ihm umdrehte.</p><p>Eine Nachl�ssigkeit mit Folgen.</p><p>Begleitet von B�en, wild zuckenden Blitzen und Sturzregen, hinter dem der amerikanische Checkpoint fast verschwand, blieb der Armeejeep etwa 200 Meter von der Sektorengrenze entfernt stehen. Durch die angrenzenden H�userschluchten, die meisten davon immer noch Ruinen, hallte der Donner, und was Pjotr betraf, h�rte er sich wie ferner Gesch�tzl�rm an. Damals, bei der Eroberung von Berlin, war er erst 17 gewesen, daf�r aber einer der Ersten, die den F�hrerbunker gest�rmt hatten. Darauf war er m�chtig stolz, fast ebenso sehr wie auf den Orden, den man ihm verliehen hatte. �Held der Sowjetunion� � h�rte sich verdammt noch mal ziemlich eindrucksvoll an.</p><p>Dass Helden mitunter auch Fehler begehen, sollte Pjotr jedoch bald zu sp�ren bekommen.</p><p>Am eigenen Leibe.</p><p>Mit Blick auf den amerikanischen Kontrollpunkt, keine 50 Meter von ihm entfernt, hatte sich der Held, dessen Ruhm j�h verblassen sollte, eilends in seinen Unterstand begeben. Nass bis auf die Haut hatte er dem Jeep keine Beachtung geschenkt, mit sich und seiner tropfnassen Uniform genug zu tun.</p><p>Ein Fehler, f�r den er mit seinem Leben bezahlen sollte. Und die drei �brigen Rotarmisten, die sich in die Baracke hinter dem Schlagbaum gefl�chtet hatten, mit dazu.</p><p>Kaum war der Armeejeep zum Stehen gekommen, sprangen sechs M�nner heraus. Ihrer Uniform nach zu urteilen, handelte es sich um Angeh�rige der Roten Armee. H�tte Pjotr einen Blick �ber die Schulter geworfen, w�re er eines Besseren belehrt worden. Da er es jedoch nicht tat, sp�rte er pl�tzlich diesen Schmerz in der linken Schulter, dieses Brennen, das nicht nur durch Mark und Bein ging, sondern ihn wie ein St�ck trockenes Holz aufzuzehren begann.</p><p>Sekunden sp�ter war er tot.</p><p>Seinen drei Kameraden, noch immer v�llig ahnungslos, erging es nicht besser. Um ihren Plan auszuf�hren, kam den sechs Angreifern das Gewitter wie gerufen, obendrein funktionierten die Schalld�mpfer ihrer Pistolen Marke Remington perfekt. Als sie die Baracke st�rmten, hatten die mit Strumpfmasken bekleideten Eindringlinge somit leichtes Spiel, und der Tod kam so schnell, dass die drei Rotarmisten nicht einmal mehr zur Waffe greifen konnten.</p><p>Kaum war der Letzte von ihnen tot, wurden die drei nach drau�en geschleift, auf die Stra�e gelegt und dort liegen gelassen. Danach war Pjotr an der Reihe. Alles in allem hatte die Aktion knapp zwei Minuten gedauert, und nachdem sie zu Ende war, wurde die Sprengladung, die sich unter dem R�cksitz des Armeejeeps befand, per Fernz�ndung zur Detonation gebracht.</p><p>Erst jetzt, als die Scheiben ihrer Wachstube klirrend zu Bruch gingen und auf der russischen Seite ein riesiger Feuerball in die H�he schoss, wachten die GIs am Checkpoint Charly auf. Viel Zeit, auf die Geschehnisse zu reagieren, blieb ihnen indes nicht. Im gleichen Moment, als sie hinaus in den Regen st�rmten, blitzte unweit von ihnen das M�ndungsfeuer mehrerer Kalaschnikows auf, weshalb sie sich schleunigst in Sicherheit brachten.</p><p>Was folgte, war eine wilde Schie�erei, bei der keine der beiden Parteien die Oberhand gewann. Die Amerikaner feuerten, was ihre M1-Gewehre hergaben, doch ohne Erfolg. Ihre Gegner, die �berall gleichzeitig zu sein schienen, bekamen sie kaum zu Gesicht. Kein Wunder, dass sie glaubten, es mit einem Gegner in Bataillonsst�rke zu tun zu haben, wobei ihnen der Gedanke, hinter dem Angriff k�nne jemand anderes stecken, erst gar nicht kam. Die da dr�ben, also die Russen, die sie mit einer</p><empty-line/><p>MG-Garbe nach der anderen eindeckten, hatten vor, sie alle ins Jenseits zu bef�rdern, einen gro� angelegten Angriff auf die Westsektoren zu unternehmen und ganz Berlin zu okkupieren.</p><p>Das stand doch wohl einwandfrei fest, oder?</p><p>Etwa f�nf Minuten nach dem Auftauchen der sechs ehemaligen Mitglieder der Waffen-SS ebbte das Bellen der Kalaschnikows pl�tzlich ab. So auch der Sturzregen, von dem die hinter Sands�cken kauernden US-Boys v�llig durchn�sst worden waren. Da sie dem Frieden nicht trauten, gaben die GIs ihre Deckung zun�chst nicht auf, was den Angreifern Gelegenheit gab, sich aus dem Staub zu machen.</p><p>Weit kam das Kommando der �Gruppe W 45� jedoch nicht. Auf dem Weg Richtung Linden, in H�he der Leipziger Stra�e, tauchte pl�tzlich eine MGB-Patrouille auf. Die SS-K�mpfer er�ffneten sofort das Feuer. Die sowjetische Eliteeinheit allerdings auch. Im Gegensatz zu den vier Rotarmisten am Kontrollpunkt hatten es die SS-Leute jedoch beileibe nicht mit Anf�ngern zu tun. Und so dauerte das Feuergefecht inmitten von Tr�mmerbergen, Ruinen und Schutthalden auch nicht lange. Keine f�nf Minuten waren vergangen, als der Kommandotrupp aufgerieben und nur noch ein einziger Werwolf am Leben war. Dieser wiederum, umringt von den Soldaten des MGB, biss auf eine Giftkapsel und war sofort tot.</p><p>Was blieb, waren zehn Tote, zwei Schwerverletzte, ein verdutzter Hauptmann des MGB und jede Menge Fragen. Fragen, auf die der sichtlich mitgenommene Litauer mit dem strohblonden Haar zun�chst keine Antwort fand. Worauf er beschloss, seinem Vorgesetzten, Major Kuragin, umgehend Bericht zu erstatten. Sollte der sich doch mit diesem antisowjetischen Gesindel herumschlagen, das sich erdreistet hatte, die Uniform der Roten Armee zu tragen.</p><p>Doch sooft der MGB-Offizier auch versuchte, Kuragin zu erreichen, immer hatte er Pech. Die Leitung war besetzt, ausgerechnet jetzt. �Schei�e!�, fluchte der Balte halblaut vor sich hin. Wieder mal typisch. Jedes Mal, wenn man die Obrigkeit braucht, schieben die einen faulen Lenz.</p><p>Was Juri Andrejewitsch Kuragin betraf, lag der Kommandeur des MGB-Bataillons jedoch v�llig falsch.</p><p>Aber das konnte er in diesem Moment noch nicht wissen.</p><empty-line/><p><emphasis>Sektoren�bergang Invalidenstra�e | 19.48 h </emphasis></p><p>�Und wer sagt mir, dass ich Ihnen trauen kann?�, fragte Sydow, bremste ab und sah Kuragin aus dem Augenwinkel an. Jenseits des Spandauer Kanals, hinter Sands�cken, Betonsperren und Stacheldraht, begann Stalins Reich, und da er schon genug �rger am Hals hatte, fuhr er lieber rechts ran. �Wer wei�, ob Sie mich nicht auf eine falsche F�hrte locken wollen.�</p><p>�In diesem Punkt muss ich Ihnen recht geben, Herr Kommissar�, pflichtete Kuragin seinem Nebenmann bei, ein resigniertes L�cheln im Gesicht. �Auf einen wie mich, noch dazu einen Major des NKWD, ist ja wohl kein Verlass.�</p><p>�Jetzt nehmen Sie doch nicht gleich alles pers�nlich�, hielt Sydow dagegen. Das Gewitter war vor�ber, und auf dem Stra�enpflaster spiegelte sich das Abendrot. �An den Gedanken, mit dem MGB zusammenzuarbeiten, muss ich mich eben erst noch gew�hnen.�</p><p>Kuragin l�chelte am�siert. �M�chte wissen, was so schlimm daran ist�, versetzte er. �Verglichen mit dem, was uns bl�ht, sollten Ihre Bem�hungen im Sand verlaufen.�</p><p>�Das werden sie nicht, keine Sorge.�</p><p>�Sicher?� Kuragin fuhr mit dem Zeigefinger �ber seinen Oberlippenbart. �Wenn ja, w�rde ich mich an Ihrer Stelle beeilen.�</p><p>Obwohl er sich nichts anmerken lie�, kam Sydow nicht umhin, dem Major des MGB insgeheim beizupflichten. �Und wo werden diese Kerle Ihrer Meinung nach zuschlagen?�</p><p>�Das freilich ist die Frage�, wich ihm Kuragin aus. �Eine Frage, auf die ich zu meinem Bedauern noch keine Antwort gefunden habe. Was ich jedoch wei�, ist, dass alles von langer Hand geplant worden ist.�</p><p>�Sieht ganz danach aus, als ob Sie recht haben.� Sydow trommelte nerv�s auf dem Lenkrad herum. Geklaute Uniformen, jede Menge Waffen und Sprengstoff, nicht zu vergessen eine nagelneue 2M-3, mit der diese Bastarde die Skymaster vom Himmel geholt hatten, alles, aber auch alles passte zusammen. Angefangen mit dem Verschwinden der vier Rotarmisten an der Glienicker Br�cke bis hin zu der vermeintlichen Messerstecherei, die mit hoher Wahrscheinlichkeit inszeniert gewesen war. Der Bombenanschlag auf das amerikanische Hauptquartier nicht zu vergessen. Sydow machte ein nachdenkliches Gesicht. Keine Frage, Ewald und Co. hatten nichts dem Zufall �berlassen.</p><p>�Glauben Sie mir, Herr Kommissar�, erriet Kuragin seine Gedanken. �Das Ganze ist ein abgekartetes Spiel. Und es tr�gt die Handschrift der SS. Ganz ohne jeden Zweifel. Jede Wette, dass es sich bei den drei Herren, deren Namen Sie mir partout nicht nennen wollen, um die Hauptdrahtzieher handelt. Hand aufs Herz, Herr Kommissar: Haben Sie wirklich geglaubt, beim Absturz der Skymaster und der Explosion vor dem amerikanischen Hauptquartier habe es sich um einen Zufall gehandelt?�</p><p>Sydows Kopf fuhr nach rechts. �Wenn Sie schon so schlau sind, Kuragin, warum haben Sie dann alles br�hwarm ausgeplaudert?�</p><p>�Warum ich Ihnen alles erz�hlt habe, wollen Sie wissen? Ganz einfach: Weil ich verhindern will, dass sich Truman in einen Krieg hineinziehen l�sst. Wann, wie und mit welchen Mitteln auch immer. Wer wei�, dem einen oder anderen Herrn im Pentagon k�me ein Hieb mit der Atomkeule vielleicht nicht ganz ungelegen. Frei nach dem Wahlspruch: Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Sch�del ein. Wozu uns nicht den Gnadensto� geben, solange wir noch am Boden liegen. Haben Sie sich schon einmal �berlegt, Herr Kommissar, wie lange wir noch an dem, was uns dieser Hitler eingebrockt hat, zu kauen haben werden?�</p><p>Sydow wandte den Blick wieder ab. In der Zwischenzeit hatte es aufgeh�rt zu regnen, und das Abendrot, das durch den Au�enspiegel seines VW reflektiert wurde, blendete ihn. �Dazu g�be es freilich eine Menge zu sagen�, fl�sterte er. �Vorausgesetzt, wir h�tten genug Zeit dazu.�</p><p>�Was nicht der Fall ist, ich wei߫, vollendete Kuragin todernst. �Ich wei� zwar nicht, warum ich Ihnen das jetzt erz�hle, Herr Kommissar, aber was Stalin betrifft, hat er strikte Weisung erteilt, sich auf keinerlei Konflikte mit den Amerikanern einzulassen.�</p><p>Im Begriff, Kuragins Hinweis in Zweifel zu ziehen, behielt Sydow seine Skepsis f�r sich. �Eine Frage h�tte ich allerdings noch�, richtete er das Wort an seinen Nebenmann, auf den die landl�ufige Vorstellung von einem MGB-Offizier allein schon aufgrund des nagelneuen Anzugs nicht so recht passen wollte. �Von wem haben Sie Ihre Informationen?�</p><p>Die fein geschnittenen Z�ge von Kuragin verformten sich zu einem L�cheln, und noch w�hrend sich der</p><empty-line/><p>MGB-Offizier eine Antwort zurechtlegte, blieb Sydows Blick wie zuf�llig im R�ckspiegel haften. An dem Passanten, der eiligen Schrittes der Sektorengrenze zustrebte, kam ihm irgendetwas bekannt vor, und als sich dieser auf gleicher H�he mit seinem VW befand, blieb ihm fast die Spucke weg.</p><p>Bevor Sydow die Sprache wiederfand, kam ihm Kuragin jedoch zuvor, warf einen Blick auf die Uhr und murmelte: �So ist er eben, der gute Kodak � p�nktlich auf die Minute. Und absolut zuverl�ssig.� Schlie�lich wandte er sich Sydow zu und sagte: �Falls Sie mit dem Gedanken spielen, Herr Kommissar, Ihren Kollegen von der Spurensicherung an der Ausreise zu hindern, bedenken Sie bitte, mit welcherlei Informationen ich Sie in der vergangenen halben Stunde versorgt habe. Aus uneigenn�tzigen Erw�gungen heraus, wie ich wohl nicht extra hinzuf�gen muss.�</p><p>Auge in Auge mit Bechtel, dem Mann mit dem Heinz-R�hmann-L�cheln, wirkte Sydow wie erstarrt, und die Hand, die an das Pistolenhalfter fuhr, sank kraftlos in seinen Scho�.</p><p>�Ich sehe, Sie denken mit, Herr Kommissar�, lie� Kuragin mit unverkennbarer Befriedigung verlauten, w�hrend sich der Griff um seine Tokarew merklich entspannte. �Wenn Sie erlauben, werde ich mich jetzt um meinen Genossen k�mmern.�</p><p>�Tun Sie, was Sie nicht lassen k�nnen.�</p><p>�Mit Ihrer g�tigen Erlaubnis, das werde ich�, antwortete Kuragin, zog zwei Passierscheine aus der Innenseite seines Jacketts und �ffnete die Beifahrert�r. �F�r alle F�lle�, f�gte er augenzwinkernd hinzu. �Damit uns die Amerikaner da vorne an ihrem Checkpoint die Biederm�nner auch abkaufen. Nichts f�r ungut, Herr Kommissar � und viel Gl�ck.�</p><p>�Das werde ich auch brauchen�, fl�sterte Sydow mit Blick auf die beiden M�nner, die sich im Licht der Abendd�mmerung auf die Sektorengrenze zubewegten. �Und das nicht zu knapp.�</p><p>Dann wendete er seinen VW, bog in Richtung Humboldthafen ab und beschleunigte auf 80 Sachen. �So, mein Freund, und jetzt geht es dir an den Kragen�, knirschte er und raste in Richtung Tiergarten davon, ohne einen Blick f�r die untergehende Sonne, in deren Licht die Pf�tzen wie Blutlachen aussahen.</p><p><emphasis>Amerikanisches Hauptquartier an der Saargem�nder Stra�e | 20.12 h </emphasis></p><p>�Aber Sir ��, wandte Clays Adjutant, ein 25-j�hriger Harvard-Absolvent aus Indiana, konsterniert ein. �Das � das k�nnen Sie doch nicht tun.�</p><p>�Und ob ich das kann!�, polterte Clay und hieb mit der Faust so heftig auf den Tisch, dass der H�rer beinahe von der Gabel gerutscht w�re. �Oder wollen Sie, dass demn�chst der Dritte Weltkrieg ausbricht?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, beteuerte der schlaksige, entschieden zu blasse Adjutant, die feingliedrigen H�nde an die Hosennaht gepresst. �Ich f�rchte nur, wir k�nnen die Provokation der Russen nicht einfach auf sich beruhen lassen.�</p><p>�Und wer sagt Ihnen, dass es die Russen waren?�</p><p>�Bei allem schuldigen Respekt, Sir. Diesbez�glich l�sst der Bericht des Wachhabenden am Checkpoint Charly an Deutlichkeit nichts zu w�nschen �brig.�</p><p>�So, l�sst er das�, echote Clay und fl�zte sich entnervt in seinen Ledersessel. �Was, wenn es jemand anders war?�</p><p>�Jemand anders, Sir?�</p><p>Aufs �u�erste erregt, hielt es Clay nicht mehr auf seinem Platz. �Schon gut, schon gut�, spie er die Worte f�rmlich aus. �Mag sein, dass ich wieder mal auf dem Holzweg bin. Eins sollte uns allen jedoch klar sein, mein Junge: Wenn ich Washington informiere, m�ssen wir uns warm anziehen.�</p><p>�Auf alle F�lle, Sir. Meiner Meinung nach bleibt uns jedoch keine andere Wahl.�</p><p>�Hm.� Obwohl es ihm widerstrebte, musste Clay seinem Adjutanten recht geben. Anhand der Indizien, die sich im Verlauf des Tages angeh�uft hatten, konnte es bez�glich der Urheberschaft der drei Anschl�ge keinerlei Zweifel mehr geben. Rein theoretisch betrachtet, wohlgemerkt. Eine sowjetische 2M-3, ein Moskwitsch als Bombendepot, eine Frontalattacke am Checkpoint Charly � Krieg, was begehrst du mehr?</p><p>�Ihre Befehle, Sir?�</p><p>Die H�nde in den Hosentaschen, trat Clay ans Fenster und lie� den Blick �ber den Innenhof wandern, wo Pioniere immer noch damit besch�ftigt waren, die Spuren des Bombenanschlags zu beseitigen. �Irgendwas ist hier faul�, knurrte er. �Ich w�sste nur zu gern, was.�</p><p>�Mit Verlaub, Sir: Selbst wenn Sie recht haben, �ndert dies nichts an den Fakten�, tat der promovierte Jurist mit dem Brustton der �berzeugung kund. �Allein schon aus diesem Grund wird uns nichts anderes �brig bleiben, als umgehend Verbindung mit dem Pr�sidenten aufzunehmen.�</p><p>�Meinetwegen�, gab sich Clay wider Willen geschlagen. �Sollen sich doch die da dr�ben in Washington den Kopf dar�ber zerbrechen.�</p><p>Dann griff er zum H�rer und begann zu w�hlen.</p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Polizeipr�sidium in der Friesenstra�e </emphasis></p><p><emphasis>| 20.12 h </emphasis></p><p>Der Schatten hinter dem Schreibtisch von Kriminalrat Erwin Hattengruber kroch unaufhaltsam nach oben, und es war eine Frage von Minuten, bis er ihn verschluckt haben w�rde. Der 49-j�hrige Leiter der Kriminalinspektion I, von seinen Untergebenen liebevoll Onkel Erwin genannt, sa� da wie versteinert und r�hrte sich nicht vom Fleck. Fast schien es, als stecke kaum noch Leben in ihm, wovon sich Tom Sydow freilich nicht t�uschen lie�. Der wachsame Blick, stechend wie der eines Habichts, verriet die Anspannung, unter der er stand, und das bedeutete, dass er sich noch nicht geschlagen gab.</p><p>�Um es kurz zu machen, Erwin�, kam Sydow ohne Umschweife zur Sache, �wo bist du am 29. September�1941 gewesen?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass mir dein Ton gef�llt, Tom�, zischte Hattengruber, aus dessen Blick ihm der blanke Hass entgegenschlug. �Meiner Ansicht nach muss ich mir das als Kriminalrat nicht gefallen lassen.�</p><p>�Wenn ich mit dir fertig bin, Erwin�, raunzte Sydow, w�hrend sein Oberk�rper ruckartig nach vorn schnellte, �bist du die l�ngste Zeit Kriminalrat gewesen. Darauf kannst du Gift nehmen.�</p><p>Aus der von wulstigen Lippen umrahmten Mund�ffnung des ehemaligen SS-Sturmf�hrers erscholl ein h�misches Lachen. �Da ich ein neugieriger Mensch bin, <emphasis>Sydow</emphasis>, w�rde ich gerne wissen, woher Sie die Unversch�mtheit nehmen, mir zu drohen.�</p><p>�Wie praktisch, dass du mich siezt, Erwin � das macht die Sache leichter�, gab Sydow unger�hrt zur�ck. �Um jedoch zu deiner Frage zur�ckzukommen � damit!�</p><p>Beim Anblick der Fotografie, mit der Sydow ihn konfrontierte, wich die Starre aus Hattengrubers Gesicht, doch war seine Verbl�ffung nur von kurzer Dauer. �Ein Kriegsfoto � na und?�, erwiderte er in gelangweiltem Ton, mit dem er Sydow umso mehr in Rage brachte. Seine Habichtsaugen, sch�rfer denn je, sprachen n�mlich eine andere Sprache. �Dass ich an der Ostfront war, ist ja wohl hinl�nglich bekannt.�</p><p>�Stimmt � aber nicht, dass du ein Massenm�rder bist�, antwortete Sydow mit schneidender Stimme und bewegte den Oberk�rper nach vorn. �Um deine und insbesondere meine Zeit nicht unn�tig zu vergeuden, Erwin: Warum hast du das getan?�</p><p>�Was denn?�, spielte Hattengruber den Ahnungslosen und schwenkte mit einer geschmeidigen K�rperdrehung nach links. Dann stellte er den Rei�wolf zur Seite, der sich direkt neben dem Schreibtisch befand, schlug die Beine �bereinander und l�chelte. �So, das h�tten wir�, schob er befriedigt hinterher.</p><p>�Eine Frage, Erwin: Auf welchem Bein hinkst du eigentlich?�</p><p>Die Habichtsaugen des Kriminalrats verengten sich bis zu einem Grad, wo sie kaum noch sichtbar waren. �Was willst du � was wollen Sie damit sagen, Herr ��</p><p>�Schluss mit der Kom�die!�, fuhr Sydow seinen Vorgesetzten an. �F�r deine Beteiligung am Massaker von Babi-Yar gibt es Zeugen. Doch dar�ber sp�ter mehr.� Sydow erhob sich und trat ans Fenster, aus dem man einen ungest�rten Blick nach Westen genie�en konnte. Die Sonne war gerade untergegangen, und alles, was von ihr �brig blieb, war ein schwaches Aufglimmen am Horizont. �Drei Morde, die Opfer eurer Anschl�ge nicht mitgerechnet � h�chste Zeit, dir und deinen Kameraden das Handwerk zu legen.�</p><p>�Kameraden?�</p><p>�Tu nicht so, als w�sstest du von nichts�, zischte Sydow und wirbelte auf dem Absatz herum. �Der Mord an Ewald geht auf dein Konto, und das, mein Lieber, wei�t du genau.�</p><p>�Ewald? Nie geh�rt.�</p><p>�Dann eben das Ganze von vorn�, sprach Sydow mit rauer Stimme, w�hrend sein Blick wie zuf�llig auf die Ledermappe fiel, die vor Hattengruber auf dem Schreibtisch lag. �Fakt ist, dass du und deine Kameraden zum Abgefeimtesten z�hlen, was mir in meinem Leben begegnet ist.�</p><p>�Worte, Worte, nichts als Worte.�</p><p>�Keine Sorge, Erwin, ich mache es kurz�, lie� sich Sydow nicht aus dem Konzept bringen. �Also: Vor nicht allzu langer Zeit, vermutlich erst vor ein paar Tagen, werden aus dem Munitionsdepot der Roten Armee in W�nsdorf jede Menge Uniformen, Handfeuerwaffen, Kalaschnikows und dar�ber hinaus mehrere Kisten Sprengstoff gestohlen. Nicht zu vergessen ein Flugabwehrgesch�tz vom Typ 2M-3.�</p><p>�Mein Problem?�</p><p>�Die T�ter, etwa ein Dutzend ehemalige SS-Angeh�rige, betreiben indes keine Sabotage, sondern verfolgen ein ganz bestimmtes Ziel, n�mlich die Provokation eines bewaffneten Konflikts zwischen den USA und der Sowjetunion. Soweit verst�ndlich, Erwin?�</p><p>�Fantasiegebilde, Hirngespinste, Schauerm�rchen.�</p><p>�Sehr zum �rger der drei Hauptdrahtzieher auf dem Foto vor dir bekommt einer deiner Kameraden jedoch kalte F��e und wird in der N�he des Jagdschlosses Grunewald per Genickschuss exekutiert. Zu deinem, Ewalds und deiner Kameraden Verdruss stellt sich jedoch alsbald neuer �rger ein. SS-Obersturmf�hrer Paul Ewald, Vorstandsvorsitzender der Mertens AG, M�zen und Wohlt�ter, holt seine Vergangenheit als Massenm�rder ein. Und zwar in Form einer gro� angelegten Erpressungsaktion. Bei der Erpresserin, einer gewissen Lilian Matuschek, handelt es sich um eine einschl�gig bekannte Dame vom Orden der Barmherzigen Schwestern.�</p><p>�Ein Fall von Ehebruch � wie aufregend.�</p><p>�Spar dir deinen Zynismus, Erwin. Damit kommst du bei mir nicht durch.� Sydow durchma� das B�ro und blieb vor dem Schreibtisch stehen. �Das Brisante daran: Auf nicht n�her bekannte Art und Weise scheint besagte Dame in den Besitz hochbrisanter Akten aus dem F�hrungszirkel um den ehemaligen Reichsf�hrer-SS gelangt zu sein. Von da an, dem Besitz einer Liste mit hundertprozentig verl�sslichen Kameraden aus den Reihen sogenannter Werw�lfe, bis zum Versuch, SS-Obersturmf�hrer Ewald zu erpressen, ist es kein gro�er Schritt. Ausgerechnet Ewald, ein alter Bekannter aus Kiewer Tagen. Peinlich, Erwin, was?�</p><p>Hattengruber schnitt eine Grimasse und schwieg.</p><p>�Keine Antwort ist auch eine Antwort. Machen wir�s daher kurz, Herr Kriminalrat: Um seine Existenz als Saubermann nicht aufs Spiel zu setzen, aber auch, um bei den geplanten Anschl�gen auf amerikanische Einrichtungen freie Bahn zu haben, kommt euer Mann f�rs Grobe ins Spiel. Will hei�en, bei der �bergabe des Geheimdossiers kriegen sich Matuschek und besagter M�chtegern-Arier in die Haare, und Letzterer wei� sich nicht anders zu helfen, als die Erpresserin um die Akten zu erleichtern und sie anschlie�end von der Invalidenbr�cke auf die Gleise zu sto�en, wo sie von einer Rangierlok erfasst und mitgeschleift wird. Pech f�r euch, dass der Lokf�hrer zum unfreiwilligen Zeugen wurde. Weshalb besagter Recke beschlie�t, die Sache an Ort und Stelle zu erledigen und den unbequemen Beobachter ins Jenseits zu bef�rdern. Was, wie wir beide wissen, fehlgeschlagen ist.�</p><p>�Ende der Vorstellung?�</p><p>�Im Gegenteil, Erwin � jetzt wird�s erst richtig interessant.�</p><p>�Oder noch langweiliger.�</p><p>�Weil just in diesem Moment ein gewisser Erwin Hattengruber, wie Ewald ehemaliges SS-Mitglied, die B�hne betritt.� Sydow pumpte einen Schwall Luft in die Lungen und fuhr mit wachsender Erbitterung fort: �Erinnerst du dich noch an heute Morgen, Erwin? Als du mich auf halb elf zum Rapport bestellt hast? Erinnerst du dich daran, ja oder nein?�</p><p>�Zu Ihrer Information, Herr von Sydow: Ich leide noch nicht unter ��</p><p>�Ged�chtnisschwund? Anscheinend doch, Erwin. Sonst w�rde sich der Herr Kriminalrat n�mlich an den Namen der Toten erinnern, den er aus dem Mund eines gewissen Tom Sydow erfahren hat.�</p><p>�Na und, das beweist noch gar nichts.�</p><p>�Irrtum, Erwin. Das beweist alles.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Von allen, die an der Aufkl�rung des Falles beteiligt waren, warst du au�er mir der Einzige, der ihren Namen gekannt hat, Erwin. Das zum Thema Beweis.�</p><p>Ins Zwielicht geh�llt, aus dem nur noch sein Kopf hervorragte, war vom Habichtsblick des Kriminalrates nicht mehr viel �briggeblieben. �Wollen Sie etwa behaupten, Herr Kriminal��</p><p>�Um es auf den Punkt zu bringen, Erwin: Der Wunsch der Briten, mir die Aufkl�rung des Mordes an deinem abtr�nnigen Kameraden zu �bertragen, kam dir wie gerufen. Nur so hat sich dir n�mlich die Gelegenheit er�ffnet, Lilian Matuscheks Kellerloch auf den Kopf zu stellen und dir die Liste, hinter der Ewald her war, unter den Nagel zu rei�en. Um sicherzugehen, dass euch niemand an den Karren fahren kann, hast du gleichzeitig euren Mann f�rs Grobe damit beauftragt, mich mithilfe einer Panzerfaust aus dem Weg zu r�umen. Auf gut Deutsch gesagt � Sydow tot, Problem bereinigt. Schade nur, dass ich dem Teufel noch mal von der Schippe gesprungen bin. Ein Schicksal, das Ewald, den du zusammen mit diesem Vorzeigearier aufs Korn genommen hast, leider nicht beschieden war.�</p><p>�Ewald ermorden � und weshalb?�</p><p>�Bezeichnend, dass du seinen richtigen Namen benutzt. Was mich betrifft, kann ich mir das Ganze nur so erkl�ren: Nachdem die Attacke � la SS fehlgeschlagen war, haben du und der Dritte im Bunde, �ber den gleich noch zu reden sein wird, schlichtweg kalte F��e bekommen. Fr�her oder sp�ter, so euer Kalk�l, w�rde ich Ewald m�glicherweise auf die Spur kommen. Um eure Operation nicht zu gef�hrden, habt ihr euch entschlossen, Mister Persilschein aus dem Weg zu r�umen. Wer wei�, wom�glich war er auch ein unsicherer Kantonist. Hauptsache, die Chose w�rde wie geplant �ber die B�hne gehen. P�nktlich zum Jubil�um sozusagen.�</p><p>�Jubil�um?�</p><p>�Neun Jahre Kriegsbeginn � schon vergessen?� Mit einem Blick, in dem sich seine ganze Verachtung widerspiegelte, fuhr Sydow fort: �Dass ich dir erneut in die Quere kommen w�rde, konntest weder du noch dein reinrassiger Kamerad, der dabei auf der Strecke geblieben ist, ahnen.�</p><p>�Alles sch�n und gut, Herr von Sydow � aber die Sache hat leider einen Haken.�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Dass es Ihnen bislang nicht gelungen ist, die Geheimakten aufzutreiben, von denen Sie unabl�ssig faseln. Wer wei�, vielleicht existieren sie nur in Ihrer Fantasie.�</p><p>�Schon wieder falsch�, herrschte Sydow seinen Vorgesetzten an. �Ad eins: Mir liegt eine maschinengeschriebene Abschrift s�mtlicher Akten vor, mit deren Hilfe Lilian Matuschek versucht hat, euch aufs Kreuz zu legen. Zu dumm, dass du sie bei der Durchsuchung ihrer Wohnung �bersehen hast. G�ngigen Vorurteilen zum Trotz handelte es sich bei ihr anscheinend um eine ziemlich ausgeschlafene Frau. Und um eine misstrauische mit dazu.� Das, was Sydow gerade von sich gegeben hatte, war der gr��te Bluff seit der Erfindung des Pokerspiels, so weit entfernt von den Fakten wie die Erde vom Mond. Aber es war die einzige M�glichkeit, Hattengruber aus der Reserve zu locken. Vorausgesetzt, der Mann, f�r den er noch gestern die Hand ins Feuer gelegt h�tte, w�rde anbei�en. �Kurz gefasst: Besonders interessant daran erscheint mir eine Liste, auf der unter anderem du, Ewald und der Rottenf�hrer einer sogenannten �Gruppe W 45� auftauchen.� Das war einfach so dahergesagt, aber da Hattengruber sich nicht r�hrte, w�hnte sich Sydow auf dem richtigen Weg. �Der Grund, weshalb besagte Liste auf Gehei� Himmlers zusammengestellt wurde, d�rfte dir bekannt sein. Gesucht wurden von ihm besonders verl�ssliche und verschwiegene Kameraden, mit deren Hilfe die Stellung der Alliierten nach dem Krieg unterminiert, die SS reorganisiert und eine Reihe von Anschl�gen auf alliierte Einrichtungen ��</p><p>�Genug, Tom, du hast gewonnen.� Bleich wie ein Leichnam, richtete sich Hattengruber auf, beugte sich nach vorn und klappte die Ledermappe mit dem vergoldeten Schnappverschluss zu, auf deren Vorderseite das Emblem der SS eingraviert war. Dann hob er die linke Hand und sah auf die Uhr. �Du warst schneller als erwartet, leider jedoch nicht schnell genug.�</p><p>�Zw�lf Uhr, 16 Uhr, 20 Uhr � meinst du etwa, das �berrascht mich, Erwin?�</p><p>�Kompliment, Tom. Mir scheint, dass du deinem Ruf als unser bester Beamter einmal mehr gerecht geworden bist.�</p><p>�Unser?�, schleuderte Sydow dem Kriminalrat entgegen. �Habe ich da eben richtig geh�rt? Ein Mann, hinter dem sich eine wahre Blutspur herzieht und der sich einbildet, einer von uns zu sein. Das schl�gt dem Fass ja wohl den Boden aus. Wei�t du, was du bist? Nein, Herr Kriminalrat � nicht etwa nur ein gew�hnlicher Krimineller. So einfach kommst du mir nicht davon. Du bist ein Massenm�rder. Eine Bestie. Der Abschaum schlechthin.�</p><p>Hattengruber, von dem nur noch die Umrisse erkennbar waren, lachte sp�ttisch auf. �Der gute alte Tom Sydow�, l�sterte er. �R�cher der Witwen und Waisen. Typisch, dass du nicht kapierst, was die Stunde geschlagen hat.� Hattengruber r�usperte sich und fuhr mit vor Erregung vibrierender Stimme fort: �Die Zeit ist reif, Tom, reif f�r einen Neubeginn. Drei Jahre Fron haben gereicht, um unser Vaterland zugrunde zu richten. Ein Jahr mehr, und es w�rde aufh�ren zu existieren.� Die Stimme, die aus dem Halbdunkel jenseits des Schreibtisches zu Sydow her�berscholl, hatte nichts Menschliches mehr an sich. Es war die Stimme eines Mannes, von dem ein D�mon Besitz ergriffen hatte. Ein D�mon, gegen den er keine Gegenwehr leistete. �Damit, Tom, dem Niedergang unseres hei� geliebten Vaterlandes, wollen und werden meine Kameraden und ich uns nicht abfinden. Die Herrschaft des Weltjudentums und des Bolschewismus, welche die Amerikaner und Briten f�r ihre Zwecke missbraucht haben, kann und muss f�r immer gebrochen werden. Verstehst du nicht, Tom? Haben die Amerikaner das Sowjetimperium erst einmal von der Landkarte getilgt, wird unsere Stunde kommen. Und wir werden endlich emporsteigen, genau so, wie es unser hei� geliebter ��</p><p>�Und wenn die Amerikaner sich nicht provozieren lassen � was dann?�</p><p>Beim Klang von Hattengrubers Lachen, das wie ein Spuk von den W�nden widerhallte, lief es Sydow eiskalt den R�cken hinunter. �Keine Sorge, Tom�, t�nte der Kriminalrat, �was unsere bisherigen Aktionen betrifft, handelte es sich lediglich um Nadelstiche. Der Hauptschlag, Herr Kriminalhauptkommissar, steht n�mlich noch bevor. Sp�testens dann, wenn er erfolgreich �ber die B�hne gegangen ist, wird den Amerikanern gar nichts anderes �brig bleiben, als dem Bolschewismus den Todessto� zu versetzen.�</p><p>�Fazit: Um ihnen weiszumachen, dass die Russen dahinterstecken, haben sich deine Kameraden von der SS etwas ganz Besonderes einfallen lassen.� Sydow gab ein ver�chtliches Schnauben von sich. �So wie damals, beim �berfall auf den Sender Gleiwitz. Will sagen, damit das Ganze authentisch wirkt, bleiben am Tatort einfach ein paar Leichen zur�ck. Und wer, wenn nicht vier mit amerikanischen Projektilen vollgepumpte Rotarmisten, w�re besser geeignet daf�r?�</p><p>�Wie ich sehe, bist du erstaunlich gut informiert, Tom.� Der Atem des Kriminalrates beschleunigte sich, und w�hrend Hattengruber um Fassung rang, machte Sydow einen Schritt nach vorn. �Komm nicht n�her, Tom�, klang ihm die Stimme seines Vorgesetzten im Ohr. �Eine falsche Bewegung, und du bist tot.�</p><p>�Was habt ihr vor, Erwin? Raus mit der Sprache, oder ich lasse es darauf ankommen.�</p><p>Hattengrubers Antwort war ein h�misches Lachen. �Tu mir den Gefallen und lass deine Waffe stecken, Tom. Nichts f�r ungut � aber solltest du beabsichtigen, den Helden zu spielen, wirst du unweigerlich den K�rzeren ziehen.�</p><p>�Ich gebe dir zehn Sekunden, Erwin. Das ist mein letztes Wort.�</p><p>�Nur die Ruhe, Tom�, antwortete der Leiter der Kriminalinspektion I, steckte eine Giftkapsel in den Mund und presste die Walter PPK gegen die Schl�fe. �Schlie�lich hast du ja noch gut drei Stunden Zeit.�</p><p>Dann biss der Kriegsverbrecher und Massenm�rder, der mit richtigem Namen Erwin Ke�ler hie�, auf die Zyankali-Kapsel und dr�ckte ab.</p><p><emphasis>60� 18� N, 1� 22� W | 20.56 h Berliner Zeit </emphasis></p><p>�Die Gurke ist hei�, Pete�, meldete der Bordingenieur, was Flight Captain Nick Sarstedt mit einem knappen Nicken quittierte. Fast gleichzeitig brachen die Gespr�che im Cockpit der B-29 Superfortress der US Air Force abrupt ab, und eine bedr�ckende Stille machte sich breit. Nun wurde es also doch ernst, und wer geglaubt hatte, bei der Spritztour zu den Shetland-Inseln handele es sich um eine �bung, musste der Wahrheit ins Auge sehen.</p><p>Nein, dies war keine �bung. Dies war der Ernstfall. Der Fall der F�lle, mit dem die wenigsten der zw�lf Besatzungsmitglieder gerechnet hatten.</p><p>�Erreichen 30.000 Fu�, Sir�, gab der Navigator bekannt, in der Absicht, die M�nner ein wenig abzulenken. Doch keiner, am allerwenigsten Sarstedt, nahm die Ank�ndigung richtig wahr. Jeder hing seinen Gedanken nach, und was der Bordingenieur mit seiner flapsigen Durchsage bezweckt hatte, schlug ins krasse Gegenteil um. Dass die B-29 mit dem Spitznamen Skinny Minny eine Atombombe an Bord hatte, war bekannt, nicht aber, wohin die Reise ging. Sicher war nur, dass dies keine �bung war, sonst w�re der Captain auf einmal nicht so nachdenklich geworden.</p><p>H�chste Zeit, den M�nnern reinen Wein einzuschenken, dachte sich Nick Sarstedt, als er die fragenden Blicke der Cockpitbesatzung auf sich ruhen f�hlte. Dass die Wahl ausgerechnet auf ihn gefallen war, ging ihm gewaltig auf den Keks, und er h�tte alles daf�r gegeben, um sich vor dieser Mission zu dr�cken. Da ihm der Einsatzbefehl aus dem Pentagon und die markigen Worte des Geschwaderkommandeurs jedoch keine andere Wahl gelassen hatten, musste er sich notgedrungen f�gen.</p><p>Und zusehen, dass er sich so gut wie m�glich aus der Aff�re zog.</p><p>Das wiederum war nicht so ohne, und als er ins Bordmikro sprach, konnte man die Anspannung, unter der Nick Sarstedt stand, buchst�blich mit H�nden greifen. �Mal herh�ren, M�nner�, verschaffte er sich Geh�r, das Ger�usch der vier je 2.200 PS starken Motoren im Ohr, auf die hoffentlich Verlass sein w�rde. Er war nun �berall zu h�ren, unter anderem auch im hinteren Waffenstand, wo der Hecksch�tze gerade die 20-mm-Maschinenkanone checkte. �Zur Abwechslung haben sich die Jungs im Pentagon mal was ganz Besonderes einfallen lassen. Ich will auch nicht lange um den hei�en Brei herumreden, M�nner. Es geht um Berlin. Die Russen legen es offenbar darauf an, uns herauszufordern. Dem Vernehmen nach hat es dort mehrere Anschl�ge gegeben, sogar Tote. Vielleicht alles nur Vorgepl�nkel, wer wei�. Das hei�t, wir werden ihnen mal kurz auf die Finger klopfen m�ssen. Und das wiederum bedeutet nichts anderes, als dass der Pr�sident den Einsatz von Atomwaffen angeordnet hat.� Damit nicht nur die Crew, sondern auch er erst einmal Luft holen konnte, hielt Sarstedt inne und schaltete den Autopiloten ein. Dann fuhr er �ber die feuchten Lippen und sagte: �Ich wei� genau, was euch jetzt durch den Kopf geht, M�nner. Hiroshima, Nagasaki, der Test auf dem Bikini-Atoll vor zwei Jahren. So d�rft ihr aber nicht denken. Worauf wir uns in diesem Moment konzentrieren m�ssen, ist unser Job. Nur auf ihn, auf nichts anderes. Dazu sind wir ausgebildet worden. Wir alle, vor allem der Pr�sident, haben uns das, was in ein paar Stunden geschehen wird, nicht gew�nscht. Erledigen m�ssen wir den Job aber trotzdem. Befehl ist nun einmal Befehl.� Die Luft im Cockpit, einer Druckkabine mit verglastem Bug, roch nach Schwei�, und Sarsteds H�nde klebten regelrecht am Steuer. �Auf den Punkt gebracht, M�nner: In knapp dreieinhalb Stunden, also kurz nach Mitternacht Berliner Zeit, werden wir �ber Moskau eine Atombombe abwerfen, zusehen, dass wir unsere �rsche retten und hoffentlich wieder heil in England landen. Um zum Einsatzort zu kommen, werden wir dem 60. Breitengrad folgen, Norwegen, Schweden und die S�dspitze von Finnland �berqueren. Ihr k�nnt euch denken, dass es wom�glich ein bisschen ungem�tlich werden kann. Zu unserem Schutz werden kurz vor Leningrad noch ein paar Mustangs aus Ramstein zu uns sto�en. Damit wir nicht ganz allein sind. Apropos allein: Wir werden nicht die Einzigen sein, mit denen sich die Russen herumschlagen m�ssen. Von Italien und der T�rkei aus sind mehrere B-29-Maschinen Richtung Kiew und Minsk unterwegs. Beziehungsweise Richtung Leningrad. S�mtliche US-Streitkr�fte auf der Welt, vor allem in Berlin, wurden in erh�hte Alarmbereitschaft versetzt. Das Gleiche gilt f�r die Briten und Franzosen, deren Flugzeugtr�ger kurz vor dem Auslaufen sind. Ab jetzt, also 21 Uhr Berliner Zeit, herrscht DECON zwei. �Operation Armageddon� kann also beginnen. Kneift die �rsche zusammen, Jungs, in ein paar Stunden geht es los.� Sarstedt schloss die Augen und lehnte sich zur�ck. �Noch Fragen?�</p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Polizeipr�sidium in der Friesenstra�e </emphasis></p><p><emphasis>| 21.42 h </emphasis></p><p>�Schei� Uhr, verdammte!�, fluchte Sydow, schnappte sich den Autoschl�ssel und wollte ihn in Richtung Wanduhr schleudern. In seinem derzeitigen Zustand hielt er das Ticken kaum noch aus. Kein Wunder, wenn einem die Zeit zwischen den Fingern zerrann.</p><p>Viertel vor zehn. Gut zwei Stunden, und die Katastrophe, gegen die er sich mit aller Macht stemmte, w�rde ihren Lauf nehmen.</p><p>Unweigerlich.</p><p>Das Deprimierende daran: Er hatte keinen blassen Schimmer, wie sie noch abzuwenden sein w�rde. Der Anschlag am Checkpoint Charly, �ber den ihn ein Kollege informiert hatte, w�rde das Fass wahrscheinlich zum �berlaufen bringen. Um diesen Schluss zu ziehen, musste man kein Hellseher sein. Obwohl die Amerikaner auf Geheimhaltung pochten, w�rden sie das, was sich dort abgespielt hatte, mit Sicherheit nicht auf sich sitzen lassen. Mit dem Resultat, dass, wie von Hattengruber und Co. geplant, die Kacke nach einem weiteren Anschlag so richtig am Dampfen sein w�rde. Wie stark, daran wagte Sydow gar nicht erst zu denken.</p><p>Der Gedanke, er m�sse mit Clay, dem Stadtkommandanten oder am besten gleich mit dem Wei�en Haus Kontakt aufnehmen, lag nat�rlich auf der Hand. Die Frage war nur, wie die Amis darauf reagieren w�rden. Selbst dann, wenn sie die Ergebnisse seiner Ermittlungen f�r bare M�nze nehmen w�rden, w�ren alle Beteiligten damit noch keinen Schritt weiter. Nicht einen lumpigen Millimeter. Und das bedeutete, dass er herauskriegen musste, wo diese Dreckskerle das n�chste Mal zuschlagen w�rden. Wo, wann und wie. Sonst w�re die Katastrophe, auf die Berlin zusteuerte, perfekt.</p><p>Und die Stadt endg�ltig ein Tr�mmerhaufen.</p><p>Gl�ck im Ungl�ck, dass ihm der Polizeipr�sident seine Version von Hattengrubers Tod abgekauft hatte. Onkel Erwin als lebensm�der Endvierziger, dreister ging es wirklich nicht. Nicht gerade die feine englische Art, einen auf Grimms M�rchen zu machen, obendrein noch ein schwerwiegendes Dienstvergehen. Aufgrund der Erfahrungen mit Hattengruber, dem Henker im Gewand des Biedermannes, jedoch eine nur zu verst�ndliche Reaktion. Solange der Fall nicht abgeschlossen war, w�rde er hier niemandem mehr �ber den Weg trauen.</p><p>Basta.</p><p>Als k�nne er es immer noch nicht glauben, knipste Sydow die Schreibtischlampe an, setzte sich und zog das vergilbte Konterfei der drei SS-Kameraden aus dem Sakko hervor. Der Mann in der Mitte, m�glicherweise der Hauptdrahtzieher, war und blieb verschollen. Sydows Miene verfinsterte sich bis zu einem Punkt, an dem sie wie das Bildnis eines Rachegottes aussah. Hartmuth von der Tann, bekannt wie ein bunter Hund. Wo genau er seine Finger im Spiel hatte, war nicht bekannt. Fest stand allerdings, dass er einer derjenigen war, die im Sch�neberger Rathaus den Ton angaben. Einer der Strippenzieher. Und beileibe nicht nur dort. Als gelernter Jurist und Berater des Justizsenators standen ihm die T�ren f�r eine weitere Karriere offen, wer wei�, vielleicht auch die zu den Dienstr�umen des Regierenden B�rgermeisters. Dass er Reuters Vertrauen genoss, war allgemein bekannt, und es gab nicht wenige, f�r die nur er als Nachfolger infrage kam.</p><p>Ich krieg dich, und wenn ich ganz Berlin auf den Kopf stellen muss!, dachte Sydow und bebte dabei vor Zorn. Gerade war er von von der Tanns Sch�neberger Villa zur�ckgekehrt und befand sich noch v�llig in Rage, da ihn dort das Hausm�dchen des Justizrats abgewimmelt hatte wie einen Hausierer. Der Herr Abgeordnete sei au�er Haus, wo genau, k�nne sie beim besten Willen nicht sagen. Das zum Thema faule Ausreden, hatte sich Sydow gedacht, grollend in seinen VW verkr�melt und im Eiltempo zur�ck ins Pr�sidium begeben.</p><p>Weshalb, wusste er allerdings selbst nicht so genau. Er steckte in der Klemme, in einer Sackgasse sowieso. Wenn ihm nicht bald ein Licht aufging, konnte er einpacken.</p><p>Er und Berlin und m�glicherweise sogar die ganze Welt.</p><p>Einem pl�tzlichen Impuls folgend, den er seit den Tagen seiner Kindheit nicht mehr versp�rt hatte, knipste Sydow zuerst die Schreibtischlampe und danach das Licht in seinem B�ro aus, trat ans Fenster und �ffnete es. Wenn �rger ins Haus gestanden hatte, zum Beispiel mit Vater, seiner Schwester oder seinen Lehrern, hatte er das fr�her genauso gemacht. Fr�her, in der Zeit vor 1933, als die Welt f�r ihn noch weitgehend in Ordnung gewesen war. Nicht selten war ihm nach einer derartigen Verdunkelungsaktion die Erleuchtung gekommen, und wenn nicht, hatte er sich hinterher wieder einigerma�en im Griff gehabt.</p><p>Das Ticken der Wanduhr im Ohr, deren Zeiger unerbittlich vorr�ckten, stand Sydow am Fenster und sog die vom Gewitter gereinigte Luft in die Lungen. Drunten auf der Stra�e, wie �berhaupt in der ganzen Stadt, war es merkw�rdig still, obendrein so gut wie kein Verkehr. Im Zwielicht der Laternen bewegten sich die wenigen Passanten wie Schattenwesen, als sei die bevorstehende Katastrophe schon l�ngst Wirklichkeit geworden.</p><p>So weit war es allerdings noch nicht, und als das Telefon schrillte, wandte sich Sydow um und hob ab. �Sydow?�, rief er in den H�rer, in der Hoffnung, es k�nne sich vielleicht um Gladys McCoy handeln.</p><p>�Ich bin�s, Herr Kommissar � Krokowski�, meldete sich stattdessen eine ihm wohlbekannte, aber durchaus auch unangenehme Stimme. �Mit Neuigkeiten, f�r die Sie sich bestimmt ��</p><p>�Machen Sie�s kurz, Eduard�, antwortete Sydow matt, redlich bem�ht, ihn nach M�glichkeit nicht zu br�skieren. �Was gibt�s Neues?�</p><p>�Wie gew�nscht�, n�selte es bedrohlich nahe durch die Leitung, �habe ich mich nach getaner Arbeit n�her mit der Dame des Hauses befasst.�</p><p>Sydow wandte den Blick zur Decke. So geschwollen konnte im Pr�sidium wirklich nur einer daherreden. �Hoffentlich nicht zu intensiv�, witzelte er, in der Hoffnung, Krokowski werde den Witz kapieren.</p><p>�Doch � wo denken Sie hin, Herr Kriminalhauptkommissar�, erwiderte Theo der Zweite todernst. �Raten Sie mal, was ich dabei herausgefunden habe.�</p><p>Dass im Keller ein Schatz vergraben ist?, wollte Sydow fragen, aber da dies des Schlechten wahrhaftig zu viel gewesen w�re, behielt er seinen Sarkasmus f�r sich. �Was denn?�, klang da weitaus moderater, wenngleich nicht �berm��ig interessiert.</p><p>�Dass sich im Arbeitszimmer des Herrn Gemahls, zu dem ihr Verh�ltnis nach eigenem Bekunden ein �u�erst distanziertes gewesen sein soll, ein mit Unterlagen vollgepfropfter Geheimsafe befunden hat. Respektive noch befindet.�</p><p>Krokowskis Redeschwall war noch nicht verklungen, als ein pl�tzlicher Ruck durch Sydow ging. �Geheimsafe?�, stie� er hervor, mit einem Mal ganz bei der Sache. �Und was war da drin?�</p><p>�Dank der Zahlenkombination, welche die Dame des Hauses mir anzuvertrauen geruhte, war es mir m�glich, den Safe innerhalb k�rzester Zeit ��</p><p>�Was drin war, will ich wissen, aber dalli!�</p><p>�Karten, jede Menge Skizzen, Pl�ne und Karten.�</p><p>�Und wovon? Mensch, Eduard, lassen Sie sich doch nicht jedes Wort aus der Nase ��</p><p>�Vom Flughafen Tempelhof�, versetzte Krokowski pikiert. �In jeder nur erdenklichen Position.�</p><p>Dass Tom Sydow �Sie sind ein Schatz, Eduard� zu ihm gesagt hatte, sollte dieser sp�ter vehement bestreiten, doch waren genau das seine Worte gewesen, bevor er den H�rer auf die Gabel knallte, auf die Uhr schaute und in halsbrecherischem Tempo die Treppe hinunter st�rmte.</p><p>Zwanzig nach zehn, dachte er, in Gedanken bereits zwei Stunden voraus.</p><p>Und noch jede Menge zu tun.</p><p><emphasis>Berlin-Sch�neberg, Wartenburgstra�e | 22.30 h </emphasis></p><p>Noch 90 Minuten. Dann war es geschafft. Der Plan, mit dessen Hilfe sein Vaterland wieder zu alter Gr��e und Herrlichkeit emporsteigen w�rde, ausgef�hrt. Die Schmach der Niederlage von 1945, dem Tiefpunkt seines Lebens, getilgt.</p><p>Hartmuth von der Tann, 43 Jahre, ehemaliger SS-Brigadef�hrer und Generalmajor der Polizei, war ein Mann, in dessen Vokabular das Wort Selbstzweifel nicht vorkam. Das galt f�r seine Zeit als stellvertretender F�hrer der Einsatzgruppe C, f�r die Verbrechen, an denen er beteiligt gewesen war und insbesondere f�r das Komplott, dessen Verwirklichung anscheinend nun nichts mehr im Wege stand. Das galt aber auch f�r sein Auftreten, und es gab nicht wenige, die ihn als arrogant und �berheblich bezeichneten.</p><p>Von der Tann war ein Mann in mittleren Jahren, 1,87�Meter gro�, schlank und bereits vollkommen grau. Dies traf nicht nur auf sein Haupthaar, sondern auch auf die nimmerm�den und stets wachsamen Augen zu. Er war kein Freund gro�er Worte, kein Aufschneider oder jemand, der gerne im Rampenlicht stand. Gehemmt durch seine Fistelstimme, hatte er gelernt, sich mit der Rolle des Schattenmannes zu begn�gen. Er war die personifizierte Zur�ckhaltung, genau die Eigenschaft, der er seinen kometenhaften Aufstieg verdankte. Er war selbstsicher und von dem, was er tat, zu 100 Prozent �berzeugt.</p><p>H�tte ihn jemand beobachtet, wie er in seinem schwarz get�felten Wohnzimmer sa�, das Kognakglas in der Linken, die Rechte auf der R�ckenlehne des Kanapees aus der Kaiserzeit, w�re er nicht auf den Gedanken gekommen, dass dies ein Mann war, der dabei war, die Welt in Brand zu stecken.</p><p>Und doch war dem so. Scheinbar ganz auf die Kl�nge von Wagners Walk�renritt konzentriert, die das mit dunklen Brokatvorh�ngen, verglasten B�cherschr�nken und M�beln aus schwarz lackierter Eiche ausstaffierte Wohnzimmer durchdrangen, hatte es sich von der Tann neben dem Telefon bequem gemacht und wartete. Nicht ungeduldig, nicht nerv�s, sondern mit einem Gesicht, in dem sich eine an Abgestumpftheit grenzende Emotionslosigkeit widerspiegelte. Die Vorfreude auf das, worauf er seit Monaten hingearbeitet hatte, blieb in seinem Tiefinnersten verborgen.</p><p>F�nf Minuten sp�ter als erwartet war es dann so weit. Das Telefon klingelte, und mit einer Handbewegung, welche die Gelassenheit des Spitzenbeamten in der Senatsverwaltung f�r Justiz einmal mehr unterstrich, griffen die knochigen Finger nach dem H�rer. Es waren nur wenige Worte, die er zu h�ren bekam, aber kaum hatte von der Tann sie vernommen, hellte sich die unbewegte, von tiefen Falten durchzogene Miene des ehemaligen SS-Brigadef�hrers auf: �Wotan, wende dich her!�, klang es markig durch das Telefon, untermalt vom Klang des Grammofons, das auf einem Mahagonitisch in der N�he des Fensters stand. Von der Tann antwortete ohne Z�gern: �Weise die schrecklich heilige Schar, hierher zu horchen dem Racheschwur.�<sup>13</sup> Dann legte er auf und gab sich ganz den Kl�ngen hin, die ihn seit jeher in ihren Bann gezogen hatten.</p><p>In nicht ganz 90 Minuten, nach Vollendung seines Plans, w�rde der Tag anbrechen, auf den er wie ein Besessener hingearbeitet hatte. Um ans Ziel zu gelangen, hatte er sich von niemandem aufhalten lassen. Weder von dieser hergelaufenen Stra�ennutte, die es fertiggebracht hatte, sich Himmlers Geheimdossier unter den Nagel zu rei�en, noch vom Widerstand aus den eigenen Reihen. Schon gar nicht durch diesen Weichling, der durch Kamerad Maschke exekutiert worden war. Leute wie er hatten in der �Gruppe�W 45� nichts zu suchen, auch solche nicht, die wie Ewald ins Fadenkreuz der Kripo zu geraten drohten. Den Kopf auf ein Kissen gebettet, huschte ein verstohlenes L�cheln �ber von der Tanns Gesicht. Hattengruber hatte wirklich ganze Arbeit geleistet, ihn stets auf dem Laufenden gehalten. Vor allem aber hatte er ihn vor diesem Sydow gewarnt, Berlins angeblich bestem Kommissar. Nun gut, um wen auch immer es sich bei diesem Anf�nger handeln mochte, in die Quere w�rde er ihm nicht mehr kommen. �Operation Wotan� w�rde �ber die B�hne gehen, so oder so.</p><p>�Noch etwas Tee, gn�diger Herr?�</p><p>Wie immer, wenn er den Kl�ngen Wagners lauschte, nahm der Mann, dessen Weg mit Leichen gepflastert war, die Welt um sich herum nicht wahr. So auch nicht seine Haush�lterin, die abwartend auf der T�rschwelle seines Wohnzimmers stand. �Nein danke, Hermine�, erwiderte von der Tann knapp, um mit vielsagendem L�cheln hinzuzuf�gen: �F�r heute w�re es das gewesen.�</p><p>�Wie Sie w�nschen, Herr Justizrat�, beeilte sich die Haush�lterin zu antworten, deren verh�rmte Miene sich daraufhin entspannte. �Gute Nacht.�</p><p>�Gute Nacht�, erwiderte der Herr des Hauses, setzte sich jedoch pl�tzlich auf und fragte: �Was ist eigentlich mit diesem Kripobeamten von vorhin?�</p><p>Die Matrone undefinierbaren Alters zupfte nerv�s an ihrer Sch�rze herum. �Mit dem Kripobeamten?�, wiederholte sie. �Den habe ich wieder weggeschickt.�</p><p>�Hat er eigentlich gesagt, wie er hei�t?�, wollte von der Tann wissen, um dessen Ruhe und Selbstsicherheit es bei Weitem nicht mehr so gut bestellt zu sein schien.</p><p>�Sydow, glaube ich.�</p><p>�Danke, Hermine, Sie k�nnen gehen.�</p><p>Ohne dass er den Grund daf�r h�tte nennen k�nnen, war die Gelassenheit des Henkers im Juristentalar pl�tzlich verflogen. Das ging so weit, dass er sich erhob, das Grammofon abschaltete und einen Blick auf seine goldene Taschenuhr warf.</p><p>�Zehn vor elf�, hauchte der Brandstifter mit der Fistelstimme, lie� die Taschenuhr in seiner Westentasche verschwinden und begann auf dem knarrenden Parkett hin und her zu gehen. �H�chste Zeit, dass �Operation Wotan� �ber die B�hne geht.�</p><p>Dann �ffnete er die gl�serne Vitrine, nahm die Kognakflasche heraus, f�llte sein Glas bis zum Rand.</p><p>Und trank es auf einen Zug leer.</p><p><emphasis>Berlin-Wilmersdorf, britisches Hauptquartier am Fehrbelliner Platz | 23.25 h </emphasis></p><p>�Also dann � auf Wiedersehen, Herr Kommissar�, sagte Nikolai Borodin, reichte Sydow die Hand und nickte Gladys McCoy, die ihnen auf dem Fu�e folgte, freundlich zu. �Und danke.�</p><p>Im Begriff, in den Jeep zu steigen, der unweit des britischen Hauptquartiers am Fehrbelliner Platz 4 geparkt war, hielt Sydow abrupt inne. Die Posten vor dem Lancaster House, bis Kriegsende Sitz der DAF<sup>14</sup> und des OKH, warfen ihm neugierige Blicke zu. �Und was soll das hei�en?�, fragte er, eine, wie er sich insgeheim eingestehen musste, den Umst�nden nicht unbedingt angepasste Frage.</p><p>�Das soll hei�en, dass ich mich jetzt nach Hause zu meiner Mutter begeben werde�, gab der Ukrainer zur Antwort, w�hrend sich seine Lippen zu einem wehm�tigen L�cheln kr�uselten. Es schien, als sei er eine zentnerschwere Last losgeworden, nur noch von einem Gedanken beherrscht: zu vergessen. �Auf schnellstem Wege, falls Sie oder Miss McCoy nichts dagegen einzuwenden haben. Meine Adresse haben Sie ja.�</p><p>�Aber warum denn?�, entfuhr es Sydow, dem die Verbl�ffung deutlich ins Gesicht geschrieben stand. �Wollen Sie denn nicht miterleben, wie wir diesen Dreckskerlen das Handwerk ��</p><p>�Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Kommissar. <emphasis>Wie</emphasis> dieser �Gruppe W 45� das Handwerk gelegt wird, interessiert mich nicht. Hauptsache, <emphasis>dass</emphasis> es �berhaupt geschieht. Oder dass man es zumindest versucht. Was immer ich zur Aufkl�rung dieses Komplotts beitragen konnte, habe ich ja wohl getan. Damit w�re meine Mission beendet. Und darum: Viel Gl�ck, Herr Kommissar � und bleiben Sie so, wie Sie sind. Ein paar Hundert mehr von Ihrer Sorte, und meinem Volk w�re das Schlimmste erspart geblieben.�</p><p>Sydow wollte einen Einwand erheben, lie� es jedoch mit einem Nicken bewenden. �Und von der Tann?�, insistierte er, w�hrend er aus dem Augenwinkel beobachtete, wie die MI6-Agentin ein Magazin in ihre Lancaster 9 mm Parabellum schob. �Interessiert es Sie denn gar nicht, was mit ihm passiert?�</p><p>�Auf die Gefahr, mir Ihren Zorn zuzuziehen�, scherzte Borodin, �was den Herrn Brigadef�hrer betrifft, handelt es sich um den Schreibtischt�ter schlechthin. Zumindest, was meine Recherchen betrifft. Angenommen, Sie bek�men ihn zu fassen, er w�rde unter Eid beteuern, von nichts gewusst zu haben. An so etwas haben Sie sich im Verlauf der letzten drei Jahre ja wohl gew�hnen m�ssen, oder?�</p><p>�So schwer es mir f�llt, ich kann Ihnen da nicht widersprechen�, stimmte Sydow seinem Gegen�ber zu, der trotz seiner Gel�stheit immer noch ein wenig linkisch wirkte. �Na, wenigstens ist Ihnen durch den Tod von Ewald und Hattengruber ein wenig Gerechtigkeit widerfahren.�</p><p>Borodin rieb sich nachdenklich das Kinn. �Ein wenig schon, aber ob das reicht, um den Tod von �ber 31.000�Unschuldigen zu s�hnen, mag ich nicht entscheiden. Dar�ber zu befinden steht allein Gott zu, denke ich.�</p><p>Sydow nickte zustimmend. �Was nichts daran �ndert, dass wir uns diese Bastarde vorkn�pfen werden�, erwiderte er mit entschlossener Miene, den Blick auf Gladys McCoy gerichtet, die soeben auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. �Damit es mit diesem Spuk ein Ende hat�, f�gte er an, doch als er sich wieder zu Borodin umdrehte, war dieser bereits zum Bahnhof der Linie U3 unterwegs, wo seine hagere Gestalt, im Licht des nur sp�rlich beleuchteten Fehrbelliner Platzes kaum auszumachen, mit den Schatten der Nacht verschmolz und sich wenige Sekunden sp�ter scheinbar in Nichts aufl�ste.</p><p>�Dann nichts wie los�, dr�ngte Gladys McCoy, einen faustdicken Klo� im Hals. �Damit uns diese Bastarde nicht durch die Lappen gehen.�</p><p>�Wo du recht hast�, begann Sydow, nachdem er sich auf den Fahrersitz geschwungen hatte, �hast du ��</p><p>�Keine schlechte Idee, das mit dem Du�, schmunzelte die MI6-Agentin mit Blick auf ihre Uhr, �vor allem jetzt, wo es allm�hlich ernst zu werden beginnt.�</p><p>�Glaubst � glaubst du, eure amerikanischen Cousins werden unseren Vorschlag akzeptieren?�, fragte Sydow, dem das Du noch nicht so recht �ber die Lippen wollte.</p><p>�Stillhalten, bis wir diesen Kerlen das Handwerk gelegt haben?�, pr�zisierte seine Helferin in der Not, gegen�ber der Miss Pin-up vom Vormittag nicht mehr wiederzuerkennen. �Schon m�glich. Laut Generalmajor Herbert, der ihn aus dem Bett geklingelt hat, scheint es Clay jedenfalls sehr eilig gehabt zu haben. Ganz gleich, was unsere Cousins ausgeheckt haben � ich kann nur hoffen, dass er Truman rechtzeitig an die Strippe kriegt�, erkl�rte Gladys McCoy, w�hrend Sydow den Jeep startete und mit quietschenden Reifen auf den Hohenzollerndamm einbog. �Bevor am Ende noch der Dritte Weltkrieg ausbricht.�</p><p><emphasis>56� 59� 00�� N, 35� 55� 00�� O | 23.55 h Berliner Zeit </emphasis></p><p>�Charly Echo Zulu Tango�, dr�hnte es Captain Nick Sarsted im Ohr, so laut, als s��e das f�r die Air Force zust�ndige Mitglied der Joint Chiefs<sup>15</sup> direkt neben ihm. �Sie sind autorisiert, Nuklearwaffen einzusetzen. Ich wiederhole: Sie sind autorisiert, Nuklearwaffen einzusetzen.�</p><p>�Nuklearwaffen einsetzen, Roger�, wiederholte Nick Sarstedt, setzte den Kopfh�rer ab und sah den Kopiloten fragend an. �Frage: Zeit bis Prim�rziel?�</p><p>�15 Minuten.�</p><p>�Entfernung?�</p><p>�Etwas mehr als 100 Meilen�, lautete die Antwort des bulligen Texaners, der, so schien es, durch nichts aus der Ruhe zu bringen war. �Vorausgesetzt, es kommen uns keine MiGs mehr in die Quere.�</p><p>Sarstedt schnappte nach Luft, unterlie� es jedoch, den Gleichmut seines Nebenmannes zu kommentieren. In einer Situation, die seine ganze Konzentration erforderte, konnte er keine Diskussionen brauchen.</p><p>Ende der Durchsage.</p><p>�Sauerstoffmasken aufsetzen!�, befahl Sarstedt in dem vergeblichen Bem�hen, wie die Ruhe selbst zu wirken. Sein Herz h�mmerte gegen die Rippen, und beim Anblick des Schwei�flecks unter seiner Achsel er�brigte sich jeglicher Kommentar. �Vordere und hintere Druckkabine schlie�en.�</p><p>�Vordere und hintere Druckkabine sind geschlossen�, lie� der Bordingenieur zackig verlauten. �Sauerstoffmasken ausgeklinkt.�</p><p>�Alle Mann auf Gefechtsstation�, wies Sarstedt die Crew mit unbewegter Miene an. Danach setzte er den Kopfh�rer wieder auf. Binnen weniger Minuten war der einstige Sonnyboy zum Wunschbild seiner Vorgesetzten geworden, konzentriert, beherrscht und vom Erfolg seiner Mission �berzeugt.</p><p>�Erreichen Prim�rziel in zehn Minuten�, gab der Kopilot bekannt, bevor er sich die Sauerstoffmaske �berst�lpte. �Erh�hen Geschwindigkeit auf 300 Meilen. Gegenwind normal.�</p><p>�Waffensysteme �berpr�fen�, befahl Sarstedt, dessen Atem sich allm�hlich zu beschleunigen begann. Weshalb w�hrend des gesamten Fluges noch keine einzige MiG aufgekreuzt war, blieb ihm ein R�tsel, und beim Gedanken an die sowjetische Luftabwehr breitete sich sein Schwei�fleck weiter aus. Eine B-29 verf�gte zwar �ber sage und schreibe 12 MGs Kaliber 12,7 mm und eine 20-mm-Maschinenkanone, das war es dann aber schon. Bei einem Angriff einer oder mehrerer Maschinen vom Typ MiG-19, knapp 200 Meilen schneller als er, h�tte er trotz Begleitschutz verdammt alt ausgesehen.</p><p>Oder zusehen m�ssen, dass er die Fliege machte.</p><p>�Noch f�nf Minuten bis Prim�rziel�, meldete der Kopilot, keine Spur aufgeregter als zuvor. F�r die Tatsache, dass die Sprengkraft der A-Bombe an Bord der Skinny Minny mindestens doppelt so gro� sein w�rde als die von Little Boy<sup>16</sup>, schien er sich nicht im Mindesten zu interessieren. �Gute Sicht.�</p><p>��bergebe an Bombensch�tze�, konstatierte Nick Sarstedt und stie� einen Schwall hei�e Atemluft aus. �Alles klar da unten, Pete?�</p><p>�Alles klar, Nick�, antwortete der am Boden des Cockpits kauernde Lieutenant, das Gesicht auf das Okular der Zieloptik gepresst. �Ger�t funktioniert einwandfrei. Erreichen Moskauer Innenstadt.�</p><p>Und immer noch keine Flugabwehr, schoss es Sarstedt durch den Kopf. Fast nicht zu begreifen.</p><p>Noch drei Minuten.</p><p>�Bombenschacht �ffnen!�, gab Sarstedt an den Bordingenieur durch, mittlerweile total nass geschwitzt.</p><p>�Bombenschacht ist offen, Sir�, erklang es wie aus der Pistole geschossen, w�hrend der Bombensch�tze, der die Skinny Minny steuerte, eine minimale Kurskorrektur vornahm. �Bombe bereit zum Abwurf.�</p><p>Was jetzt folgen w�rde, hatten er und die Crew bereits hundertmal ge�bt. Bombe ausklinken, 180-Grad-Kurve und ab durch die Mitte. Sarstedt schnappte nach Luft. So leicht, wie sich das Ganze anh�rte, war die Sache leider nicht. Die Bombe wog mehrere Tonnen, und das bedeutete, dass die Skinny Minny nach dem Ausklinken wie ein Korken in die H�he schie�en w�rde. Wem es da noch nicht hochgekommen war, w�rde es sp�testens bei der Kurve erwischen. Oder dem anschlie�enden Beschleunigen auf H�chstgeschwindigkeit. So magenaufw�hlend die Nummer auch war, der Crew blieb keine andere Wahl. Je n�her am Explosionsherd, umso gr��er die Wahrscheinlichkeit, dass die Maschine von der vom Boden aufsteigenden Druckwelle in St�cke gerissen werden w�rde. Runter mit der Bombe und dann ab durch die Mitte, lautete folglich die Devise.</p><p>Und das in weniger als einer Minute.</p><p>�Noch eine Minute�, verk�ndete der Bombensch�tze mit tonloser Stimme, w�hrend sich die B-29 dem Innenstadtring von Moskau n�herte. �Geschwindigkeit 280 Meilen.�</p><p>�Schnallt euch an, M�nner�, keuchte Sarstedt, eine Bemerkung, die kaum jemand registrierte. �Gleich rei�en die da unten uns den Arsch ��</p><p>�Beginne Countdown�, rief der Bombensch�tze, den Kreml bereits im Visier. �Zehn, neun, acht ��</p><p>�Charly Echo Zulu Tango � k�nnen Sie mich h�ren?�, dr�hnte es pl�tzlich durch Sarstedts Kopfh�rer, der die Stimme seines Stabschefs in der Hektik beinahe nicht erkannt h�tte. �Operation umgehend abbrechen.�</p><p>�� f�nf, vier ��</p><p>�Ich wiederhole, Nick � Operation umgehend abbrechen!�</p><p>�� drei, zwei ��</p><p>�Stopp, Pete!�, schrie Sarstedt, die schwei�verklebte Sauerstoffmaske in der Hand. �Um Himmels Willen � stooo��</p><p>�Roger, Nick�, erklang es vom Boden des Cockpits, w�hrend der letzte Buchstabe von Sarstedts Befehl im Dr�hnen der auf H�chstgeschwindigkeit beschleunigenden Motoren unterging. �Operation cancelled.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>31</p><p><emphasis>Flughafen Berlin-Tempelhof, amerikanischer Sektor </emphasis></p><p><emphasis>| 23.58 h </emphasis></p><p>Der Plan war ebenso simpel wie genial, ein Scheitern undenkbar. Alles, was man zu seiner Durchf�hrung ben�tigte, war ein LKW der Marke Studebaker US6, ordentlich Mumm in den Knochen und eine gewisse Abgebr�htheit. Gerade letztere war bei den vier als Rotarmisten verkleideten Mitgliedern der �Gruppe W 45� im �berma� vorhanden, und so waren sie �berzeugt, dass bei ihrem Kommandounternehmen nichts schief gehen k�nne.</p><p>Was den LKW betraf, mit dem sie sich dem Flughafen Tempelhof n�herten, lagen die vier ehemaligen Mitglieder der �Leibstandarte Adolf Hitler� richtig. In der allgemeinen Hektik, die hier drau�en auch nachts herrschte, fielen sie niemandem auf. Schlie�lich mussten die Rosinenbomber, die im Zweiminutentakt landeten, m�glichst schnell entladen und die Hilfslieferungen danach verteilt werden. Dass hierf�r Dutzende von Trucks ben�tigt wurden, lag auf der Hand, ebenso wie die Tatsache, dass das Wachpersonal der Tempelhof Air Base nicht jeden Einzelnen davon unter die Lupe nehmen w�rde. Mit ein wenig Gl�ck und der n�tigen Kaltschn�uzigkeit w�rden sie das Ding schon schaukeln, ihren Plan ausf�hren und binnen weniger Minuten wieder verschwunden sein.</p><p>Ganz ohne jeden Zweifel.</p><p>Als der Studebaker US6 von der Yorkstra�e in den Mehringdamm einbog, deutete zun�chst alles darauf hin, dass ihre Rechnung aufgehen w�rde. Der Sechszylinder lief wie geschmiert, und die 94 PS taten wie gewohnt ihren Dienst. Auf die Idee, dass sich die Leichen von vier get�teten Sowjets an Bord befanden, w�re so schnell niemand gekommen, was die Zuversicht der vier M�nner, auf deren Gesichtern sich grimmige Entschlossenheit abzeichnete, ins Unermessliche wachsen lie�. Wie gesagt: ein Studebaker, Schneid und die n�tige Kaltbl�tigkeit. Mehr war zum Gelingen ihres Plans nicht n�tig.</p><p>Oder etwa doch?</p><p>Was die vier in der gegenw�rtigen Situation nicht besa�en, war ein an sich unverzichtbares Requisit: Instinkt. Weshalb er ihnen gerade jetzt, in den alles entscheidenden Minuten, abhandengekommen war, lag an der Geringsch�tzung, mit der sie ihren Gegnern gegen�bertraten. Mit ihnen, des F�hrers einstiger Elite, w�rde es niemand aufnehmen k�nnen, erst recht nicht die Amerikaner. Bis die aufgewacht waren, w�re ihre Mission l�ngst beendet, der Sturmtrupp bereits �ber alle Berge.</p><p>Und so kam es, dass die vermeintlichen Rotarmisten die Scharfsch�tzen auf dem Dach des Terminals am Platz der Luftbr�cke nicht bemerkten. Diese jedoch den Studebaker, der mit hoher Geschwindigkeit den Tempelhofer Damm entlangbrauste. Womit die Chance, unbehelligt zu entkommen, auf ein Minimum gesunken war.</p><p>Doch davon, und schon gar nicht von den l�ngs des Wegs postierten Desert Rats, bekamen die siegesgewissen Werw�lfe nichts mit. Blind f�r die Falle, die man ihnen gestellt hatte, wurden sie allesamt vom Jagdfieber gepackt. Dies war ihr Tag, die Nacht der N�chte, in deren Schutz sie mit den Gegnern von einst abrechnen w�rden. Stand doch eines von vornherein fest: War ihr Plan ausgef�hrt, w�rde den Amerikanern nichts anderes �brig bleiben, als in ihrem Sinne zu handeln. Die Folge w�re ein Kreuzzug gegen den verhassten Bolschewismus, ohne sie, die ehemaligen Gegner, nahezu aussichtslos. Und genau zu dem Zeitpunkt, wenn genug Amerikaner in den Weiten Russlands zugrunde gegangen waren, w�rde ihre gro�e Stunde schlagen. Auf den Tr�mmern des Sowjetreiches w�rde Deutschland wieder zu alter Macht und Gr��e emporsteigen und die Mission des F�hrers zu Ende f�hren. Nicht erst in ferner Zukunft, sondern dann, solange sie, die Treuesten der Treuen, noch am Leben waren.</p><p>Etwa einen halben Kilometer vom Platz der Luftbr�cke entfernt, wurde es f�r die vier ehemaligen SS-M�nner schlie�lich ernst. In H�he der Paradestra�e, ohne Blick f�r den Lieferwagen auf der gegen�berliegenden Seite, bog der Fahrer des Studebaker nach links auf das Flughafengel�nde. Dass sich im Inneren des Lieferwagens ein Browning MG vom Typ M2 verbarg, konnte er nicht ahnen, dass das Gef�hrt ihm den R�ckweg abschneiden w�rde, dagegen schon.</p><p>Zumindest in der Theorie.</p><p>Der Fahrer, ein blonder H�ne mit ru�geschw�rztem Gesicht, achtete jedoch nicht darauf. In Gedanken l�ngst bei dem Feuergefecht, das jede Sekunde losgehen musste, konnte er es immer noch nicht glauben. Weit und breit nichts zu sehen, von Wachpersonal keine Spur. Das Tor, durch das man auf das Flughafengel�nde gelangte, war zwar geschlossen, die GIs, die hier gew�hnlich Dienst schoben, jedoch wie vom Erdboden verschluckt. Der Fahrer des Studebaker schaute ungl�ubig, brachte seinen Wagen zum Stehen und sah den Kameraden auf dem Beifahrersitz verdutzt an. So problemlos, so absolut kinderleicht hatten er und die bis an die Z�hne bewaffneten</p><empty-line/><p>SS-M�nner sich die Sache nun wirklich nicht vorgestellt. Der Checkpoint in unmittelbarer N�he von Turm eins war verwaist. G�hnende Leere, wohin man auch sah.</p><p>Der Gedanke, auf den der Fahrer in diesem Moment kam, war so absurd, dass es ihm die Sprache verschlug. Ihn auszusprechen blieb ihm jedoch versagt. Im Gegensatz zu ihm, der wie festgewurzelt auf seinem Sitz klebte, hatte der Rest des Kommandotrupps die vermeintliche Stunde n�mlich bereits genutzt und war von der Ladefl�che des LKW gesprungen. Bis das Tor aufgeknackt war, vergingen knapp zwei Minuten, bis zum Entladen der Leichen, unter ihnen die eines gewissen Sascha Kirilenko, nicht einmal halb so viel Zeit. Da jeder Quadratmeter ausspioniert, jeder Handgriff abgesprochen und der Plan bis ins Detail ausgekl�gelt war, lief scheinbar alles wie am Schn�rchen, so perfekt, dass sich die sechs Mitglieder des Kommandotrupps schon beinahe am Ziel w�hnten. Von hier aus bis zum Tower, dem Ziel ihrer Attacke, war es nicht mehr weit, ein Katzensprung. Wer, wenn nicht sie selbst, w�re jetzt noch in der Lage, ihnen die Tour zu vermasseln?</p><p>Kein Mensch.</p><p>Mit ein wenig Instinkt freilich h�tten die Werw�lfe bemerken m�ssen, dass sie Gefahr liefen, in eine Falle zu tappen. �berheblich bis zum �u�ersten, sch�pften sie jedoch keinen Verdacht. Auch in dem Moment nicht, als drei von ihnen hinauf in den Tower st�rmten, jeder mit einer Sprengladung unter dem Arm. Je n�her sie dem Kontrollraum kamen, umso durchdringender der Klang ihrer Stiefel, umso lauter ihr Keuchen, das sich wie das Hecheln beutegieriger W�lfe anh�rte.</p><p>Selbst dann, als sie die T�r zum Kontrollraum aufbrachen, bemerkten die SS-Leute ihren Irrtum noch nicht. Radar, Peilger�te, Instrumententafeln, Monitore. Und drau�en, in unmittelbarer N�he, die Positionslichter der Rosinenbomber im Landeanflug. Das Dr�hnen, das ihnen auf einmal wie Hohn vorkam.</p><p>Kaum hatten die drei den Raum betreten, war es mit ihrer Siegeszuversicht jedoch vorbei. Alles ging so schnell, dass ihnen nicht einmal Zeit blieb, ihre Tokarews zu ziehen, geschweige denn die mitgef�hrten Sprengladungen zu aktivieren. Die anwesenden FBI-Beamten, verst�rkt durch Agenten des Secret Service, waren schneller, und bevor die drei ihre Giftkapseln schlucken konnten, lagen sie gefesselt am Boden.</p><p>Sehr zur Freude des Mannes, der bislang vor dem Radarger�t gesessen, ihnen den R�cken zugedreht und beim Handgemenge, das sich nach ihrem Eindringen entspann, mit regungsloser Miene auf das Rollfeld geblickt hatte. Wie im �brigen auch die Frau rechts neben ihm, br�nett, attraktiv und eine Lancaster 9 mm Parabellum in der Hand. Und ein L�cheln im Gesicht, von dem man nicht wusste, wie es zu deuten war.</p><p>�Sydow�, sprach der Mann im abgetragenen Jackett, der so gar nichts von dem Kripobeamten an sich hatte, als der er sich im Folgenden zu erkennen gab. �Und das, meine Herren, ist meine Partnerin, Miss Gladys McCoy. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Beziehungsweise Ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht zu haben.�</p><p>Bevor es jedoch ans Eingemachte ging, sprich an die Befragung der drei M�nner, hallte eine Gewehrsalve durch die Nacht. Mehrere Sekunden lang herrschte Stille, begleitet vom Dr�hnen der Flugzeuge, die im Begriff waren, auf dem Tempelhofer Feld zu landen. �Die Freude ist ganz auf meiner Seite�, ert�nte es pl�tzlich vom Eingang her, im gleichen Moment, als Sydow seinen Platz wieder f�r den Fluglotsen ger�umt hatte. �Verdammt knappe Angelegenheit, w�rde ich sagen.� Auf Augenh�he mit Sydow, den eigentlich nichts mehr �berraschen konnte, dr�ckte ihm Clay die Hand. �Gut gemacht, Herr ��</p><p>�Kriminalhauptkommissar�, vollendete Sydow rasch, nur um kurz darauf auf Gladys McCoy zu deuten. �Und das hier ist meine neue Assistentin.�</p><p>Die MI6-Agentin nahm es mit einem L�cheln hin, und nachdem Clay und Sydow in Gel�chter ausgebrochen waren, stimmte sie nach Kr�ften mit ein.</p><p>�Und was ist jetzt mit den drei Herren da?�, fragte Sydow, die Augen auf Clay gerichtet, der mit Gladys McCoy einen fragenden Blick austauschte. �H�chste Zeit, ihnen ein paar Fragen zu stellen, finden Sie nicht auch?�</p><p>Clay nickte. �Auf jeden Fall�, stimmte er Sydow mit Blick auf die anwesenden FBI-Beamten zu. �Wobei ich der Meinung bin, dass diese Herren davon wesentlich mehr verstehen als wir beide, oder?�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><p>32</p><p><emphasis>Berlin-Mitte, Brandenburger Tor | 11.55 h </emphasis></p><p>�Macht eine Tapetenmark, Herr Kommissar�, witzelte Fluppen-Kalle und �berreichte Sydow zwei Bouletten, bei deren Geruch ihn ein nie gekannter Hei�hunger �berkam. �Falls Sie momentan knapp bei Kasse sind � bei mir hamse immer Kredit.�</p><p>�Besten Dank f�r das Angebot, Kalle�, gab Sydow an die Adresse des Imbissbudenbesitzers zur�ck. �Aber ich will dich nicht in den Ruin treiben.�</p><p>�Doch nicht jetzt, wo es wieder aufw�rtsgeht!�, rief der Ex-Schwarzh�ndler hinterher, w�hrend sich Sydow an den Tisch begab, der in unmittelbarer N�he der Imbissbude stand. Beim Anblick der Bouletten lief Gladys das Wasser im Mund zusammen, was Sydow mit einem verschmitzten L�cheln quittierte.</p><p>�Warum so schweigsam?�, fragte die MI6-Agentin nach Beendigung des wahrhaft f�rstlichen Banketts, dessen eigentlicher H�hepunkt im Konsum einer Flasche</p><empty-line/><p>Coca-Cola bestand. �Ist doch alles noch mal gut gegangen, oder?�</p><p>�Sieht man davon ab, dass eure amerikanischen Cousins den Fall �bernommen haben, muss ich dir recht geben�, gab Sydow zur�ck und nippte an seiner Colaflasche. �An diese Ami-Jauche muss ich mich erst noch gew�hnen�, stellte er mit s�uerlicher Miene fest. �Ein Bier w�re mir gerade lieber. Als Britin m�sstest du eigentlich Verst�ndnis f�r mich haben.�</p><p>Ein L�cheln im Gesicht, strich Gladys eine Haarstr�hne hinters Ohr und sagte: �Erst dann, wenn du mir gesagt hast, was dir im Kopf rumgeht. Ein Bier trinken, und das auch noch im Dienst � ich muss doch sehr bitten, Herr Kommissar.�</p><p>Sydow erwiderte ihr L�cheln, und w�hrend er dies tat, wurde er auf einmal knallrot. Gegen�ber Rebecca, deren Bild ihm urpl�tzlich vor Augen stand, kam er sich wie ein Verr�ter vor, wenngleich er versuchte, den leicht unterk�hlten britischen Gentleman zu mimen.</p><p>�Von der Tann?�</p><p>Heilfroh, von seinen Gedanken abgelenkt zu werden, nickte Sydow zerstreut. �Erraten�, gab er anstandslos zu, das Ger�usch einer sich n�hernden Limousine im Ohr. �Wenn ich w�sste, wohin sich dieser Verbrecher verkrochen hat, w�re mir um einiges ��</p><p>�Leichter, Herr Kommissar, kann ich verstehen�, vollendete die weiche, mit einem Schuss Ironie durchsetzte Stimme, in der er diejenige des einstigen Rivalen erkannte. �Wo Sie doch alles getan haben, den vermeintlichen Kopf dieser Werw�lfe zur Strecke zu bringen.� Kuragin gab ein verlegenes R�uspern von sich. �Wie ungehobelt von mir�, f�gte er eilfertig hinzu, kaum imstande, sich vom Anblick der attraktiven, mit hautengem Kost�m und wei�er Bluse bekleideten MI6-Agentin zu l�sen. �Kuragin ist mein Name � Juri Andrejewitsch Kuragin.�</p><p>�Und meiner Tom�, fuhr ihm Sydow in die Parade, nachdem er sich zu dem MGB-Major umgedreht hatte, der auf dem Beifahrersitz eines schwarz lackierten Moskwitsch sa�. Doch dann besann er sich und sagte: �Zun�chst einmal danke, dass Sie meiner Einladung zu einem Plausch unter Freunden Folge geleistet haben, Herr <emphasis>Major</emphasis>.�</p><p>�Warum denn so f�rmlich, Herr Kollege?�, stichelte Kuragin, dem Sydows Eifersuchtsattacke nicht verborgen geblieben war. �Jetzt, wo sich alles wieder einigerma�en im Lot zu befinden scheint.�</p><p>�Finden Sie?�</p><p>�Falls Sie auf von der Tann anspielen, Herr von ��</p><p>�Sydow, wenn es keine allzu gro�en Umst�nde macht�, erstickte der Kripo-Beamte den Redefluss des MGB-Majors im Keim. �Um es kurz zu machen: Woher kennen Sie diesen Kerl?�</p><p>�Kennen w�re zu viel gesagt, Herr Kommissar�, antwortete Kuragin, dem es sichtlich Freude bereitete, seinen Gespr�chspartner auf die Folter zu spannen. �Einen Mann wie ihn <emphasis>nicht</emphasis> zu kennen, w�rde allerdings bedeuten, dass ich beim MGB nichts zu suchen habe.�</p><p>�Ohne Umschweife, Kuragin: Woher ��</p><p>�Erinnern Sie sich an das Foto, das Sie mir w�hrend der Fahrt gezeigt haben, Herr Kommissar? Ohne mir die Namen der drei Herren zu nennen?�</p><p>�Ach, daher weht der Wind.�</p><p>�Genau. �ber einen Mann wie von der Tann sind wir nat�rlich bestens im Bilde. Und dass ich eins und eins zusammenz�hlen kann, d�rfen Sie mir getrost zutrauen.�</p><p>�Das bedeutet, Sie haben ihn hopsgenommen.�</p><p>�Scharfsinnig wie immer, unser Herr Kommissar�, spottete Kuragin und lie� seinen Genie�erblick �ber Sydows �beraus anziehende Begleiterin schweifen. �Aber keine Sorge, f�r sein Wohlergehen ist bestens gesorgt. Das hei�t, falls der Herr Brigadef�hrer kooperiert.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>Kuragins Gesicht verzog sich zu einem zynischen Grinsen, und bevor Sydow nachhaken konnte, war das Flair des Salonl�wen, mit dem sich Kuragin umgab, der eisigen Miene eines Vernehmungsoffiziers gewichen. �Dann werden wir ihn gleich erschie�en�, verk�ndete er mit tonloser Stimme. �Verdient hat er es ja wohl.�</p><p>�Finden Sie nicht, Sie gehen ein wenig zu weit?�</p><p>�Gegenfrage: Finden Sie nicht, �ber 31.000 Tote sind Grund genug?�, hielt Kuragin dagegen und atmete tief durch. �Nichts f�r ungut, Herr Kommissar�, leitete er einen abrupten Themenwechsel ein, �hat mich jedenfalls gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ein paar Hundert mehr von Ihrer Sorte, und der Krieg w�re uns vermutlich erspart geblieben.�</p><p>Sydow, den die Reminiszenz an Borodins Worte erneut rot werden lie�, nickte und hob die Hand zum Gru�. �Die Freude ist ganz auf meiner Seite�, erwiderte er mit einem Hauch Wehmut im Ton. �Und machen Sie�s gut.�</p><p>Doch da hatte Kuragin bereits das Fenster hochgekurbelt und dem Fahrer der gepanzerten Limousine das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Gefolgt von Sydows Blick, rollte der Moskwitsch auf den Kontrollpunkt zu, der sich unmittelbar vor dem Brandenburger Tor befand. Als sei es Stalin pers�nlich, der in ihm sa�, standen die Posten umgehend stramm.</p><p>Auch dann noch, als die dunkle Limousine den Kontrollpunkt l�ngst passiert hatte und hinter den Schutthaufen, die einem von Westen aus die Sicht versperrten, verschwunden war.</p><p>�Zeit f�r einen Bummel �ber den Kudamm, findest du nicht auch?�, h�rte Sydow, der sich vom Anblick der bewaffneten Grenzposten, Sands�cke und Stacheldrahtverhaue nicht losrei�en konnte, die MI6-Agentin sagen. �Oder willst du etwa hier Wurzeln schlagen?�</p><p>�Lieber nicht�, antwortete Sydow, dem auf einmal wehm�tig ums Herz geworden war. �Bis das Ger�mpel da dr�ben verschwindet, wird es bestimmt noch eine Weile dauern.�</p><p>�Sieht ganz danach aus�, fl�sterte Gladys betr�bt und hakte sich bei Sydow unter, bem�ht, ihn in die entgegengesetzte Richtung zu dirigieren. �Wovon wir beide uns nicht die Laune verderben lassen d�rfen.�</p><p>�Ganz deiner Meinung�, stimmte Sydow ihr zu, der gegen die G�nsehaut, die er in diesem Moment bekam, v�llig machtlos war. Dann machte er kehrt, l�chelte und schlenderte mit seiner Begleiterin, um die ihn s�mtliche Kunden der Imbissbude beneideten, im Schein der Mittagssonne auf die Siegess�ule zu.</p><p>Es war der erste Tag im September, die Luft deutlich k�hler als noch einen Tag zuvor. Der Tiergarten erstrahlte in herbstlichem Licht, und der Himmel �ber Berlin, der mit einer schier endlosen Kette silbrig gl�nzender Punkte besprenkelt war, zeigte sich in einem Blau, wie man es nur selten zu sehen bekam.</p><p>Doch davon bekam Tom Sydow, Hauptkommissar der Kripo Berlin, nicht allzu viel mit.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><empty-line/></section><section><title><p>EPILOG</p><p><emphasis>(Kiew/Ukraine, Mai 1965)</emphasis></p></title><empty-line/></section><section><p>33</p><p><emphasis>Babi-Yar, knapp 15 Jahre sp�ter | Samstag, </emphasis></p><p><emphasis>12. Mai 1956 </emphasis></p><p>Es war Vaters Geburtstag, und deshalb war er hier. Nicht etwa, weil noch irgendetwas an den Tag, der sein Leben wie kaum ein anderer gepr�gt hatte, erinnerte. Die Toten waren l�ngst exhumiert und vor dem Einmarsch der Roten Armee verbrannt, die W�nde der Schlucht gesprengt und s�mtliche Spuren des Grauens, das dereinst hier seinen Lauf genommen hatte, beseitigt worden. Was die T�ter jedoch nicht fertiggebracht hatten, war, die Spuren des Massakers aus dem Ged�chtnis der Menschen zu tilgen. In diesem Punkt hatten sie sich get�uscht, und je mehr Zeit seit jenen verh�ngnisvollen Septembertagen verstrichen war, umso klarer tauchten sie vor dem geistigen Auge der Davongekommenen auf.</p><p>Einer von ihnen, ein knapp 30-j�hriger, hochgewachsener und kurzsichtiger Mann, dessen ergraute Schl�fen ihn wesentlich �lter erscheinen lie�en, war seit der R�ckkehr in seine Heimat sehr h�ufig hier. Kaum eine Woche verging, da er diesen Ort nicht aufsuchte, ein Ort, mit dem sein Schicksal untrennbar verbunden war. Gerade heute, wo der Fr�hling Einzug hielt, brachte er es nicht fertig, sich von ihm zu l�sen. Und so verharrte er in tiefem Schweigen, umgeben von Maigl�ckchen, Krokussen und Schl�sselblumen, die ihn mit ihrem Duft bet�rten, �berw�lbt von der Weite des Himmels, aus dem ihm eine nimmerm�de Sonne zul�chelte.</p><p>Tief in Gedanken, h�tte Nikolai Borodin vermutlich noch geraume Zeit am Rande der ehemaligen Schlucht verbracht. Die helle, wie f�r das Fr�hlingswetter geschaffene Stimme, riss ihn jedoch pl�tzlich aus den Gedanken. �Kommst du, Papa?�, rief ihm seine Tochter von Weitem zu, an der Hand ihrer Mutter, die sich scheute, diesem Ort zu nahe zu kommen. �Mama und ich wollen nach Hause.�</p><p>Von seinen Erinnerungen �berw�ltigt, bekam Nikolai Borodin feuchte Augen. �Nach Hause�, murmelte er mit tr�nenerstickter Stimme, drehte sich um und winkte den beiden zu. �Nach Hause.�</p><p>E N D E</p></section><section><p><sup>1</sup> ODESSA: Organisation der ehemaligen SS-Angeh�rigen</p><empty-line/><p><sup>2</sup> russ.: Hure</p><empty-line/><p><sup>3</sup> russ.: Mutter</p><empty-line/><p><sup>4</sup> germanisches Runenzeichen</p><empty-line/><p><sup>5</sup> dt.: auf Wiedersehen</p><empty-line/><p><sup>6</sup> UFA-Star der 20er- und 30er-Jahre (� 1937)</p><empty-line/><p><sup>7</sup> Regierender B�rgermeister von Berlin (1948�1953/SPD)</p><empty-line/><p><sup>8</sup> russ.: Genosse</p><empty-line/><p><sup>9</sup> Lucius D. Clay (1897�1978), Milit�rgouverneur der US- amerikanischen Besatzungszone und Initiator der Luftbr�cke</p><empty-line/><p><sup>10</sup> Josef Stalin, siehe Liste der Charaktere</p><empty-line/><p><sup>11</sup> russ.: Guten Tag!</p><empty-line/><p><sup>12</sup> engl.: Defence readiness condition, Kriegszustand = DEFCON 1</p><empty-line/><p><sup>13</sup> Auszug aus �G�tterd�mmerung�, 2. Aufzug / 5. Szene</p><empty-line/><p><sup>14</sup> Deutsche Arbeitsfront, Oberkommando des Heeres</p><empty-line/><p><sup>15</sup> Gremium, in dem die Befehlhaber der US-Teilstreitkr�fte zusammengefasst sind</p><empty-line/><p><sup>16</sup> Spitzname f�r die Hiroshima Bombe</p><empty-line/><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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