<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_espionage</genre><genre>prose_history</genre><author><first-name>Uwe</first-name><last-name>Klausner</last-name></author><book-title>Walhalla-Code</book-title><annotation><p>Berlin, 07.06.1942. Auf einer Parkbank in der N�he der Siegess�ule wird eine Leiche entdeckt. Zun�chst deutet alles auf Selbstmord hin, doch Kommissar Tom Sydow will nicht so recht daran glauben. Zumal es sich bei dem Toten um ein "hohes Tier" der Gestapo handelt. In seiner Obhut befanden sich brisante Akten des gef�rchteten Geheimdienstchefs Reinhard Heydrich, um deren Besitz ein gnadenloser Wettlauf beginnt ...</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Tom Sydow" number="1"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name>Walhalla-Code</last-name></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-08">8.3.2013</date><id>8B0B6CC4-C302-44D6-AC54-F395F41D76C0</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2009</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Die als �fiktive Hauptpersonen� aufgelisteten</emphasis></p><p><emphasis>Charaktere sind frei erfunden.</emphasis></p><p><emphasis>�hnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen</emphasis></p><p><emphasis>sind rein zuf�llig und nicht beabsichtigt.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section><section><subtitle>Reale Hauptfiguren</subtitle><empty-line/><p><strong>Reinhard Heydrich</strong> (1904�1942), Oberleutnant der Reichsmarine, SS-Obergruppenf�hrer, Leiter der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) der NSDAP, Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), Organisator des Massenmordes an den europ�ischen Juden, gesch�ftsf�hrender Statthalter f�r das �Protektorat B�hmen und M�hren�</p><empty-line/><p><strong>Adolf Eichmann</strong> (1906�1962), �Judenreferent� im RSHA, ab 1939 f�r Deportation und Ermordung zust�ndiger Referatsleiter im RSHA, 1962 in Jerusalem hingerichtet</p><empty-line/><p><strong>Heinrich M�ller</strong> (1900�1945?), Chef des Amtes IV im RSHA (Gestapo), 1945 in Berlin verschollen</p><empty-line/><p><strong>Jozef Gabc�k</strong> (1912�1942), <strong>Jan Kubi�</strong> (1913-1942) und Josef Valc�k (1914�1942), am Attentat auf Heydrich beteiligte Widerstandsk�mpfer</p><empty-line/><p><strong>Karl Hermann Frank</strong> (1898�1946), Heydrichs Stellvertreter in Prag, 1939 Polizeichef und Staatssekret�r, 1946 in Prag geh�ngt</p><empty-line/><p><strong>Winston Churchill</strong> (1874�1965), britischer Premierminister von 1940�1945 bzw. 1951�1955</p><empty-line/><p><strong>Stewart Menzies</strong> (1890�1968), Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6</p><empty-line/><p><strong>Edvard Bene�</strong> (1884�1948), Mitbegr�nder, Au�enminister, Regierungschef und Pr�sident der Tschechoslowakei</p><empty-line/><p><strong>Josef Stalin</strong> (1878�1953), Generalsekret�r der KPdSU und sowjetischer Diktator</p><empty-line/><p><strong>Lawrenti Berija</strong>, (1899�1953), sowjetischer Geheimdienstchef, 1953 exekutiert</p><empty-line/></section><section><empty-line/><subtitle>Fiktive Hauptfiguren</subtitle><empty-line/><p><strong>Rebecca Kahn</strong>, 22 Jahre, Tochter eines j�dischen Arztes aus Berlin</p><empty-line/><p><strong>Tom von Sydow</strong>, 29, Hauptkommissar der Berliner Kripo</p><empty-line/><p><strong>Erich Kalinke</strong>, 27, genannt �Klinke�, sein Assistent</p><empty-line/><p><strong>Friedemann Bonin</strong>, 56, untergetauchter Sozialdemokrat und ehemaliges Mitglied der Berliner Philharmoniker</p><empty-line/><p><strong>Kruppke</strong>, 28, Untersturmf�hrer und Gestapo-Agent</p><empty-line/><p><strong>Carl Gustav Moebius</strong>, 41, Obersturmf�hrer und Gestapo-Agent</p><empty-line/><p><strong>Irene von M�llendorf,</strong> 35, Witwe von SS-Sturmbannf�hrer Alfred von M�llendorf</p><empty-line/><p><strong>�Der Marder</strong>�, 29, Agent des britischen MI6</p><empty-line/><p><strong>Magda Jannowitz alias �Natascha�</strong>, 30, Agentin des NKWD</p><empty-line/><p><strong>Veronika Vehrenkamp,</strong> 25, Telefonistin im RSHA</p><empty-line/><p><strong>Jason McLeod,</strong> 29, Wing Commander der Royal Air Force</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Gunther und Br�nnhilde �So soll es sein! Siegfried falle! S�hn er die Schmach, die er mir schuf! Des Eides Treue hat er getrogen: mit seinem Blut b�� er die Schuld! Allrauner, r�chender Gott! Schwurwissender Eideshorst! Wotan! Wende dich her! Weise die schrecklich heilige Schar, hierher zu horchen dem Racheschwur!</p><empty-line/><p>Hagen� <emphasis>Sterb er dahin, der strahlende Held! Mein ist der Hort, mir muss er geh�ren.</emphasis> Drum sei der Reif ihm entrissen. Alben-Vater, gefallner F�rst! Nachth�ter! Nibelungenherr! Alberich! Achte auf mich! Weise von Neuem der Nibelungen Schar, dir zu gehorchen, des Ringes Herrn!</p><empty-line/><p>(Richard Wagner: Die G�tterd�mmerung, II. Akt, 5. Szene)</p><empty-line/></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>F�r alle, die das gleiche oder ein �hnliches Schicksal durchleiden mussten wie die Heldin dieses Romans.</emphasis></p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><emphasis>�Heydrich durchschaute die Geheimnisse des Dritten Reiches. Er wusste von Hitlers Krankheiten und Jugends�nden, hatte sogar seine Bekanntschaften um 1910 und den mysteri�sen Selbstmord seiner �Lieblingsnichte� Geli Rauball 1931 untersuchen lassen. Auch die S�nden der �brigen Mitglieder der Nazif�hrungsriege kannte Heydrich.�</emphasis></p><p>(Mario Dederichs: Heydrich. Das Gesicht des B�sen. M�nchen 2006, S. 101)</p><empty-line/></section><section><title><p><sub>Ouvert�re</sub></p><p><emphasis>Berlin</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(Montag, 19.01.1942 / Dienstag, 20.01.1942)</emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/></section><section><p><sub>1</sub></p><p><emphasis>Bahnhof Grunewald���������������������������� 19.01. | 9.00h</emphasis></p><empty-line/><p>Sie wollte leben. Einfach nur leben. Und nicht abtransportiert werden wie ein St�ck Vieh.</p><p>Rebecca schlug den Mantelkragen hoch und trat frierend auf der Stelle. Es war kalt an diesem Morgen. So bitterkalt, dass jeder Atemzug schmerzte und sich ihre Schritte auf dem vereisten Bahnsteig wie ein Gang �ber ein Meer von Glassplittern anh�rten.</p><p>�Name?�, bellte der SS-Oberscharf�hrer und baute sich breitbeinig vor ihr auf.</p><p>�Rebecca Kahn.�</p><p>�Alter?�</p><p>�22.�</p><p>�Wohnhaft in?�</p><p>Rebecca fr�stelte. Ausnahmsweise jedoch nicht wegen der K�lte. Es lag an der Art und Weise, wie sie dieser Kerl taxierte. Der klirrende Frost war nichts dagegen.</p><p>�Berlin-Sch�neberg, Hohenstaufenstra�e��</p><p>�Schon gut! So genau will ich es gar nicht wissen!�, kanzelte sie der Uniformierte mit dem vorspringenden Kinn ab. Dann strich er ihren Namen durch. �Hauptsache, eine arisierte Wohnung mehr! Und jetzt mach, dass du weiterkommst!�</p><p>Doch Rebecca r�hrte sich nicht vom Fleck. Sie konnte einfach nicht anders. �Was macht Sie so sicher, Herr Oberscharf�hrer?�, antwortete sie und strich eine st�rrische dunkle Haarstr�hne aus dem Gesicht.</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde geriet die stramme Haltung des SS-Mannes ins Wanken. Die Augen dieses Prototyps eines nordischen Recken wurden gr��er, nur um sich kurz darauf zu schmalen Schlitzen zu verengen.</p><p>�Was war das gerade eben, Judenbalg?�, knurrte er und wippte auf den Abs�tzen seiner blankpolierten Stiefel hin und her.</p><p>Rebecca setzte zu einer Erwiderung an. Es wurde jedoch nichts daraus. In das Menschenkn�uel hinter der Absperrung kam Bewegung, und ihre Mutter tauchte auf. Grauhaarig, Mittelscheitel, Silberbrosche. Berlinerischer als die Berliner und preu�ischer als die Preu�en. Sozusagen die Disziplin in Person. Und das, obwohl Vater anno 1938 von der SA wie ein r�udiger Hund totgeschlagen worden war. Ein wehm�tiges L�cheln trat auf Rebeccas Gesicht. Mutter war einfach nicht klein zu kriegen. Vaters Arztpraxis hatte sie per Strohmann einfach weitergef�hrt. Als ob nichts gewesen w�re. Bis gestern Abend. Da war selbst sie mit ihrer Weisheit am Ende gewesen.</p><p>�Rebecca, mein Kind, wo bleibst du denn?�, ereiferte sich die stattliche Matrone und zog sie mit sich fort. Dem SS-Mann blieb glatt die Luft weg. �Na, komm schon, oder willst du etwa hier Wurzeln schlagen?�</p><p>Ja, das wollte sie. Wurzeln schlagen. Und wenn, dann in Berlin. Selbst auf die Gefahr hin, untertauchen zu m�ssen. Zwei Jahre, h�chstens drei. Dann w�re der Krieg sowieso vorbei. Rebecca setzte eine entschlossene Miene auf. Lieber ein Leben in Angst als Deportation. Lieber auf der Flucht vor der Gestapo als eine ungewisse Zukunft. Lieber frei sein als Freiwild f�r die SS.</p><p>So sie denn �berhaupt in Riga ankommen w�rde.</p><p>In diesem Moment stand Rebeccas Entschluss fest. Daran konnte selbst ihre Mutter nichts �ndern.</p><p>Sie riss sich los und blieb stehen. Das Gedr�nge auf dem Bahnsteig nahm zu. Es mussten Hunderte sein, wenn nicht mehr. Alles bekannte Gesichter. Leute aus der Nachbarschaft, aus demselben Viertel. Und immer wieder diese Kommandorufe. Scharf, durchdringend, gnadenlos. Rebecca hielt es nicht mehr aus.</p><p>Sie wollte leben. Einfach nur leben.</p><p>Was folgte, geschah mit rasanter Geschwindigkeit. Ohne dass Rebecca gro� zum Nachdenken gekommen w�re. F�r sie, die sie dem Tod zu entrinnen versuchte, bewegte sich die Welt jedoch wie in Zeitlupe voran.</p><p>Rebecca stellte ihren Koffer ab und sah sich um. SS-M�nner, Polizei und Bahnbeamte in rauen Mengen. Trotzdem. Sie musste es riskieren. Etwas anderes blieb ihr nicht �brig.</p><p>W�hrend sie sich die H�nde in der Manteltasche w�rmte, stie� sie auf etwas Kaltes, Metallisches. Das EK I ihres Vaters. Mit das Einzige, was sie in der Hektik hatte mitnehmen k�nnen.</p><p>Als sei dies ein Zeichen f�r sie, wanderte ihr Blick hin�ber zu ihrer Mutter, die soeben in einen G�terwaggon stieg und den Blick �ber die K�pfe der wartenden Menge schweifen lie�.</p><p>Ihre Blicke trafen sich. Und ihre Mutter nickte ihr zu. Als wisse sie genau, was in ihrem Kopf vor sich ging.</p><p>Rebecca erwiderte ihren Blick und hob die Hand zum Gru�. Zeit, Abschied zu nehmen. F�r immer. Der Schmerz war wie ein Keulenschlag f�r sie, ging durch Mark und Bein. Aber weinen konnte sie trotzdem nicht. Sie w�rde es nachholen. Sp�ter einmal, wenn sie der H�lle entronnen war.</p><p>Nur wie, das war die Frage.</p><p>Rebecca wandte sich ab und bewegte sich so unauff�llig wie m�glich auf die Bahnsteigkante zu. Das fiel zun�chst nicht weiter auf, weil es an Gleis17 von Menschen nur so wimmelte. Die Lokomotive stie� einen schrillen Pfiff aus. Kurz darauf stieg eine schmutziggraue Dampfwolke in die Luft und h�llte den Bahnsteig ein.</p><p>Das war ihre Chance. Jetzt oder nie. Jetzt oder dem sicheren Tod entgegengehen.</p><p>Sie wollte leben. Einfach nur leben.</p><p>Deshalb z�gerte Rebecca keinen Augenblick. Sie sprang auf das gegen�berliegende Gleis, kletterte an der anderen Seite wieder hoch und begann zu rennen. Rannte, was das Zeug hielt.</p><p>Kurz darauf ein Schrei. Und Hunderte entgeisterte, zwischen Furcht und Hoffnung schwankende Blicke. So intensiv, dass sie sich ihr wie Nadelstiche in den R�cken bohrten.</p><p><emphasis>Da lie� der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha und vernichtete die St�dte und die ganze Gegend und alle Einwohner der St�dte und alles, was auf dem Lande gewachsen war. Und Lots Weib sah hinter sich und ward zur Salzs�ule.</emphasis> Rebecca geriet ins Straucheln, rappelte sich auf und rannte weiter. Das n�chste Gleis. Und kurz darauf wieder das n�chste. Was hinter ihr vor sich ging, konnte sie nicht sehen. Wollte es auch nicht. Aber dann geschah etwas Seltsames. Pl�tzlich war sie nicht mehr sie selbst, sondern steckte im K�rper ihrer Mutter. Sie sah sich �ber die Gleise rennen, sah die Blicke der Umstehenden, den SS-Mann, der sein MG 42 in ihre Richtung schwenkte. 1.500 Schuss pro Minute. Er lie� sich Zeit, seiner Sache absolut sicher. Von der herannahenden S-Bahn nahm er kaum Notiz.</p><p>Als er abdr�cken wollte, war es jedoch zu sp�t. Der Zug ratterte vorbei und nahm ihm die Sicht. Der SS-Mann fluchte. Der Zug schien �berhaupt kein Ende zu nehmen. Ein rot-gelber Waggon nach dem anderen. Und dann, als sein Blickfeld endlich wieder frei war, von der Gefl�chteten keine Spur.</p><p>Es war zu sp�t. Rebecca war ihm entwischt. Daran konnten selbst die Hunde nichts �ndern, die von der Leine gelassen wurden. Vor dem Stacheldrahtzaun, unter dem sich ihr vermeintliches Opfer soeben hindurchgezw�ngt hatte, war Endstation f�r sie.</p><p>Rebecca nahm das w�tende Gekl�ffe kaum wahr. Eine Atempause, mehr nicht, fuhr es ihr durch den Sinn. Nur weiter, immer weiter. Durch die Unterf�hrung, den Feldweg entlang und ins n�chstbeste Geb�sch.</p><p>In dem Ma�e, wie sich das Gestr�pp ringsum verdichtete, wuchs Rebeccas Zuversicht. Sie hatte es tats�chlich geschafft, ihren Bewachern zu entkommen. Jetzt nur nicht schlappmachen, h�mmerte sie sich ein. Und hastete unverdrossen weiter. Weder Dornen noch Hecken noch irgendwelche anderen Hindernisse konnten ihr etwas anhaben. Wie lange sie durch das Unterholz rannte, wusste sie schon bald nicht mehr.</p><p>Erst als die Dunkelheit hereinbrach, blieb Rebecca schwer atmend stehen. Sie hatte keine Ahnung, wo genau sie sich befand. Aber das war auch nicht wichtig. Wichtig war allein, dass sie am Leben war.</p><p>Dem Tode entronnen. F�rs Erste jedenfalls.</p><p>Keuchend vor Anstrengung lie� sich die junge Frau mit dem s�dl�ndischen Teint und den ausdrucksstarken dunklen Augen auf einen Baumstumpf nieder. Die Temperatur lag weit unter null, und der Himmel war vollkommen klar. Myriaden von Sternen funkelten auf sie herab, und als sich ihr Blick wieder der Erde zuwandte, brach Rebecca Kahn in hemmungsloses Schluchzen aus.</p><p>Dann riss sie den gelben Stern von ihrem Mantel ab und schleuderte ihn w�tend ins Geb�sch.</p><p>Alles, was sie wollte, war leben. Einfach nur in Frieden leben.</p><empty-line/></section><section><p><sub>2</sub></p><p><emphasis>Villa Marlier, Am Gro�en Wannsee 56�58�����������</emphasis></p><p><emphasis>20.01. | 14.00h</emphasis></p><empty-line/><p>�Das Protokoll, Obergruppenf�hrer!�</p><p>Der Todesgott des Dritten Reiches l�chelte, aber die blauen Wolfsaugen blickten kalt und starr.</p><p>�Danke, Sie k�nnen gehen.� Als die spinnenbeinf�rmigen Finger die Akte mit der Aufschrift �Geheime Reichssache� umschlossen, verzog der knapp 38-j�hrige H�ne in der SS-Uniform keine Miene. Er war 1,89 m gro�, blond und durchtrainiert, ein Mann nach Hitlers Geschmack. Und zum F�rchten. Selbst Himmler, Reichsf�hrer-SS, traute ihm nicht �ber den Weg. Er kannte kein Pardon, und das Wort �Skrupel� existierte f�r ihn nicht.</p><p>Die Akte war d�nn, nur wenige Seiten lang. Aber sie hatte es in sich. Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes und Hitlers Mann in Prag, nahm sich Zeit damit. An der gel�sten Stimmung im Speisezimmer der Nobelvilla �nderte dies jedoch nichts. Die anwesenden Spitzenbeamten, SS-Leute und Parteibonzen am�sierten sich gl�nzend. Kaviar von der Krim, franz�sischer Champagner und Lachs aus Norwegen. Alles vom Feinsten. Heydrich lie� sich eben nicht lumpen. Mit jeder Minute stieg der Alkoholkonsum, und das Speisezimmer, das einen ungest�rten Blick auf die Winteridylle rund um den Wannsee bot, war in dichten Zigarrenrauch geh�llt.</p><p>�Zufrieden?� Wenn es jemand wagen konnte, Heydrich bei seiner Lekt�re zu unterbrechen, dann der 35-j�hrige SD-Mann, der ihm neugierig �ber die Schulter sah.</p><p>Aber Heydrich war nicht in Stimmung, und das bekam Adolf Eichmann umgehend zu sp�ren.</p><p>�Zufrieden? Was soll das hei�en?�, blaffte die Fistelstimme seines Herrn, worauf der servile Judenreferent im RSHA instinktiv Haltung annahm. �Apropos Zufriedenheit�wie geht es mit den Deportationen voran?�</p><p>�Bestens!�, antwortete Eichmann, schenkte sich einen R�my Martin nach und stellte die Flasche auf dem Kaminsims ab.</p><p>�So gut, dass eine der zu Deportierenden seit gestern fl�chtig ist?�</p><p>Eichmann fiel vor Schreck fast das Cognacglas aus der Hand. �Die Fahndung l�uft bereits auf vollen Touren!�, versuchte er erst gar nicht, sich herauszureden.</p><p>�Das will ich hoffen! Sonst noch irgendwelche Hiobsbotschaften?�</p><p>Eichmann zog ein Taschentuch aus der Uniformjacke und betupfte sich die Stirn. �Nein, Obergruppenf�hrer!�, schnarrte er und schlug instinktiv die Hacken zusammen. �Alles l�uft nach Plan!�</p><p>�Das will ich hoffen, Eichmann. Um <emphasis>Ihretwillen</emphasis>.�</p><p>�1002 Juden auf einen Schlag nach Riga zu verfrachten ist eben kein Pappenstiel.�</p><p>�1001, mein lieber Eichmann, 1001.�</p><p>�Ich denke, wenn wir unsere Anstrengungen verdoppeln ��</p><p>�Verdoppeln?� Heydrich klappte den Aktendeckel zu und trat bis auf Arml�nge an Eichmann heran. �Habe ich da eben richtig geh�rt? Der F�hrer verlangt Ergebnisse, und zwar nicht erst in ein paar Jahren! Die Endl�sung der Judenfrage muss weiter vorangetrieben werden. Effizient und mit rationalem Kalk�l. Bar jeglicher Humanit�tsduselei. Schon vergessen, wor�ber wir vorhin gesprochen haben?� Heydrich nahm die Akte und schlug mit dem Handr�cken dagegen. �Das besetzte Europa muss judenfrei werden. Besser heute als morgen. Wir m�ssen und werden es von Westen nach Osten durchk�mmen. St�ck f�r St�ck, Kilometer f�r Kilometer. Selbstverst�ndlich ist zuerst das Reichsgebiet dran. Und da gibt es bedauerlicherweise erheblichen Nachholbedarf. Vor allem hier in Berlin. Die Zahl der zu Deportierenden geht in die Millionen. Und das genau ist der Punkt. Um eine reibungslose Durchf�hrung der Endl�sung zu gew�hrleisten, reicht eine Verdoppelung unserer Kr�fte nicht aus. Was n�tzen mir die paar Tausend Juden, die seit Kriegsbeginn per Bahn von Berlin aus deportiert worden sind?�</p><p>�3957, Obergruppenf�hrer.�</p><p>Heydrich kniff die Augenlider zusammen und fixierte seinen Untergebenen mit missbilligendem Blick. �Wissen Sie was, Eichmann?�, d�mpfte er seine Fistelstimme, bis er kaum noch zu verstehen war. �Allm�hlich frage ich mich, ob Sie Ihrer Aufgabe �berhaupt gewachsen sind.�</p><p>Eichmann schluckte. �Keine Sorge, Obergruppenf�hrer. Ich werde mein Bestes tun.�</p><p>�Ich f�rchte, das wird nicht reichen. Die Z�ge m�ssen pausenlos rollen, nicht nur alle paar Tage. Bedenken Sie, wie viele Juden allein hier in Berlin untergetaucht sind.�</p><p>�So an die 5.000, habe ich mir sagen lassen.�</p><p>�Umso schlimmer. Aber keine Bange. Bis zum Endsieg werden wir auch mit ihnen fertigwerden.�</p><p>�Ganz ohne Zweifel, Obergruppenf�hrer.�</p><p>�Wie sch�n, dass wir in diesem Punkt einer Meinung sind.� �ber Heydrichs Gesicht huschte ein zynisches L�cheln, und die Wolfsaugen flackerten kurz auf. �Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten, Eichmann. Wir stehen vor einem logistischen Problem, das in der Geschichte seinesgleichen sucht. Sollten Sie folglich an der Durchf�hrbarkeit der Endl�sung Zweifel hegen oder sich Ihrer verantwortungsvollen Aufgabe nicht gewachsen f�hlen, muss ich Sie ersuchen, mir dies umgehend ��</p><p>�Na, Obergruppenf�hrer, Nachschub f�r Ihren Giftschrank?�</p><p>Heydrich konnte ziemlich ungem�tlich werden, wenn man ihn einfach unterbrach. Selbst wenn es der Gestapochef h�chstpers�nlich war. Sein Gl�ck, dass Heinrich M�ller bereits leicht angetrunken war.</p><p>Einen Wimpernschlag lang schien Heydrichs Wolfsblick seinen Mann f�rs Grobe zu durchbohren. �Informationen �ber unsere Gegner zu sammeln, ist bekanntlich unser aller Pflicht, oder nicht?�, fuhr er M�ller barsch an.</p><p>Der trat denn auch prompt den R�ckzug an.</p><p>�Selbstverst�ndlich!�, knickte er sofort ein. �Es ist nur wegen der Ger�chte, die in Parteikreisen im Umlauf sind.�</p><p>�Ger�chte?�</p><p>�In der Tat.� M�ller riss sich die Cognacflasche unter den Nagel und schenkte Eichmann und sich nach. �Es scheint da einige Leute zu geben, die erhebliche Manschetten vor Ihnen haben, Obergruppenf�hrer.�</p><p>Heydrich setzte ein hintergr�ndiges L�cheln auf. �Und aus welchem Grund?�</p><p>�Nun ja�, druckste M�ller herum, �es geht eben das Ger�cht, Sie, Obergruppenf�hrer, h�tten praktisch gegen jeden etwas in der Hand. Sogar gegen Reichsf�hrer Himmler. Und beileibe nicht nur gegen ihn. Selbst gegen G�ring und Goebbels und wahrscheinlich sogar auch gegen den ��</p><p>�Und selbst wenn es so w�re�, antwortete Heydrich gedehnt und fuhr mit seinen Spinnenbeinfingern an der Oberkante der Akte entlang, �wo l�ge dann das Problem?�</p><p>Der Gestapochef h�stelte und mied seinen Blick. Dann nahm er sich zusammen und sagte: �Das Problem, Obergruppenf�hrer, liegt darin, was passiert, wenn Ihre Geheimunterlagen inklusive des heutigen Konferenzprotokolls in die falschen H�nde geraten.�</p><p>�Ihre Fantasie in Ehren, mein lieber M�ller, aber unter welchen Umst�nden sollte das geschehen?�</p><p>Der Angesprochene und Eichmann tauschten einen vielsagenden Blick. Da der Gestapochef keine Lust versp�rte, sich weiter als n�tig aus dem Fenster zu lehnen, nahm Eichmann den Ball vorsichtig auf. �Wir wollen nicht hoffen, dass dieser Fall eintritt, aber was passiert, wenn Sie, Obergruppenf�hrer, unvorhergesehenerweise� nun, wie dr�cke ich mich jetzt aus��</p><p>�Was passiert, wenn mir etwas zust��t, meinen Sie?�, fuhr Heydrich dazwischen und l�chelte malizi�s. �Keine Sorge, Eichmann. F�r diesen Fall habe ich bereits vorgesorgt.� Dann f�gte er hinzu: �Insofern es den sagenumwobenen Giftschrank �berhaupt gibt.�</p><p>Der Gestapochef �ffnete seinen Uniformkragen und sch�ttete ein weiteres Glas R�my Martin in sich hinein. �Wobei wir alle hoffen, dass dieser Tag X niemals Wirklichkeit werden wird!�, sagte er und stand Eichmann in puncto Servilit�t in nichts nach.</p><p>�Hoffen?�, gab Heydrich kurz angebunden zur�ck. �Dessen bin ich mir absolut sicher!�</p><p>Er hatte noch vier Monate, zwei Wochen und einen Tag zu leben.</p><empty-line/></section><section><p><sub>3</sub></p><p><emphasis>Gro�er Wannsee, Ostufer�������������������� 20.01. | 14.10h</emphasis></p><empty-line/><p>Tod durch Erfrieren. Das Beste in ihrer Situation. Besser, als der Gestapo in die Arme zu laufen.</p><p>Weshalb sie nicht schon l�ngst aufgegeben hatte, war ihr ein R�tsel. Genauso wie die Frage, wie lange sie noch w�rde durchhalten k�nnen.</p><p>Rebecca konnte nicht mehr. Die Temperatur lag weit unter null, und ihr K�rper war wie erstarrt. Sie bewegte sich mechanisch. Fast wie in Trance. Nicht einmal ihr Mantel hielt sie jetzt noch warm. Ein paar Stunden noch, und sie w�rde erfrieren.</p><p>Ein paar Stunden. Wenn �berhaupt.</p><p>Und dann war da noch die Frage, wohin.</p><p>Zur�ck nach Hause? Keinen Sinn. Dort wartete doch schon l�ngst die Gestapo auf sie. Das hei�t, wenn sie �berhaupt bis nach Sch�neberg kommen w�rde.</p><p>Also nichts wie weg aus Berlin. Richtung Potsdam, wo sie Verwandte hatte. Eine vage Hoffnung. Aber das Einzige, was ihr anscheinend �brig blieb.</p><p>Rebecca torkelte mehr, als dass sie ging. F�r die Sch�nheit der Winterlandschaft hatte sie keinen Blick. Ein Gutes hatte die Sache allerdings. Mit Ausnahme von einem Schwarm Graug�nse, einem Fischreiher und ein paar Schw�nen war sie das einzige Lebewesen weit und breit. Das konnte ihr nur recht sein. Rebecca beschleunigte ihren Schritt, blieb aber kurz darauf wie elektrisiert stehen.</p><p>Vor ihr lag der Wannsee, fast wie gemalt. Die Oberfl�che glatt, in Ufern�he hie und da vereist. Dar�ber nichts als grauer Himmel. Von Blau keine Spur.</p><p>Wo genau sie sich befand, wusste Rebecca nicht. Sie wusste nur eines: Das Ger�usch, das von irgendwoher aus der N�he an ihr Ohr drang, passte nicht in die unwirtliche Szenerie.</p><p>Zuerst dachte sie, es seien die Nerven. Aber dann, in einem Moment blitzartiger Erkenntnis, sch�ttelte sie ungl�ubig den Kopf. Musik, weniger als 100 Schritt entfernt. T�ne einer Violine, die ihr auf eigent�mliche Weise vertraut vorkamen und die grimmige K�lte vergessen machten. Sanft und voller Melancholie.</p><p>�Ele chambda libi�. Vaters Lieblingslied.</p><p>Trotz der Gefahr, in der sie schwebte, wirkte die Musik wie ein Magnet auf sie. Es gab nichts, was Rebecca dagegen tun konnte. Und so dachte sie nicht weiter nach, als sie in Richtung Seeufer abbog und den T�nen der Klezmer-Musik folgte.</p><p>Den Mann, den sie dort antraf, hatte sie noch nie zuvor gesehen. Er war mittelgro�, �ber 50 und bis auf einen opulent sprie�enden Haarkranz v�llig kahl. Sein hervorstechendstes Merkmal war ein roter Schal, den er �ber dem zerschlissenen Mantel trug. Als Rebecca durch den kn�cheltiefen Schnee auf ihn zustapfte, l�chelte er ihr kurz zu, lie� sich jedoch nicht st�ren.</p><p>�Friedemann Bonin, Berliner Philharmoniker!�, stellte sich der Violinist schlie�lich mit einer leichten Verbeugung vor und sah Rebecca erwartungsvoll an.</p><p>�Rebecca Kahn!�, antwortete sie ohne Z�gern und sch�ttelte seine ausgestreckte Hand. Auf den Gedanken, dies k�nne ein Fehler sein, kam sie nicht. �Ein ungew�hnlicher Ort f�r ein Konzert, finden Sie nicht auch?�</p><p>�Unertr�gliche Zeiten erfordern eben besondere Konzerte!�, antwortete Bonin, bettete die Violine in einen Kasten und wandte sich anschlie�end wieder Rebecca zu. �Hab ich recht?�</p><p>Rebecca nickte, wollte sich mit dieser Antwort jedoch noch nicht zufrieden geben. Das Fernglas, das Bonin um den Hals trug, machte sie stutzig. �Aber warum gerade hier drau�en?�, hakte sie neugierig nach.</p><p>Bonin lie� sich nicht aus der Ruhe bringen. �Zum einen, weil man als geschasster Sozi reichlich Zeit f�r derlei Extravaganzen hat.�</p><p>�Und zum anderen?�</p><p>�Zum anderen, weil ich b�se Geister vertreiben will.�</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte Rebecca, der gesetzte �ltere Herr mit dem Violinenkasten in der Hand sei nicht mehr ganz richtig im Kopf. Aber dem war beileibe nicht so. �Sehen Sie die Villa dort dr�ben, mein Kind?�, schien er ihre Gedanken zu erraten und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger zum gegen�berliegenden Ufer.</p><p>�Welche denn?�</p><p>�Die mit der Terrasse, dem Riesengarten und den Steinfiguren drin.�</p><p>Rebeccas Blick folgte Bonins Finger. Sie nickte, obwohl mit blo�em Auge nicht �berm��ig viel zu erkennen war. �Und was ist mit ihr?�, fragte sie.</p><p>�Der Hort des B�sen!�, antwortete der Violinist lapidar.</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Das erkl�re ich Ihnen sp�ter, mein Kind. Und zwar dann, wenn Sie wieder bei Kr�ften sind.� Bonin hakte sich bei Rebecca unter und zog sie mit sich fort. �H�chste Zeit, dass wir uns verdr�cken!�, f�gte er mit Blick auf ein paar ausgefranste gelbe Fasern an Rebeccas Mantel hinzu. �Bevor die da dr�ben Ihre Witterung aufnehmen!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><empty-line/><p><emphasis>�Es ging das Ger�cht, dass sein Geheimsafe umfangreiche Dossiers �ber die anderen f�hrenden Nazis enthielt, deren Blo�stellung sich als �u�erst peinlich h�tte erweisen k�nnen.�</emphasis></p><empty-line/><p>(Callum MacDonald: The Killing of Reinhard Heydrich. The SS �Butcher of Prague�. Da Capo Press, o.O. 1998, S. 6)</p><empty-line/></section><section><title><p><sub>G�tterd�mmerung</sub></p><p><emphasis>Prag</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(Mittwoch, 27.05.1942/Dienstag, 02.06.1942)</emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/></section><section><p><sub>4</sub></p><p><emphasis>Prag-Libe�, Klein-Holeschowitz-Stra�e����������������</emphasis></p><p><emphasis>27.05. | 10.15h</emphasis></p><empty-line/><p>Sie waren zu dritt. Jan Kubi�, Josef Val��k und er. Es war <emphasis>ihr</emphasis> Tag. Der Tag, an dem sie Heydrich t�ten w�rden.</p><p>Falls nicht in letzter Minute noch etwas schiefging.</p><p>10.15 Uhr. Und hei� wie im Hochsommer. Jozef Gab��k atmete tief durch. Die Maschinenpistole vom Typ Sten Gun war schussbereit. Um keinen Verdacht zu erregen, hatte er sie erst in letzter Minute zusammengesetzt. Ohne hinzusehen. Eigentlich ein Kinderspiel. Handgriffe, die er im Schlaf beherrschte. Gab��k musste grinsen. �ber die Briten konnte man sagen, was man wollte. Aber was die Fallschirmj�gerausbildung anging, hatten sie eine Menge Ahnung. Die Sache mit dem Regenmantel als Tarnung war zwar keine besonders gute Idee von ihm gewesen. Aber immerhin eine erfolgreiche. Er war keinem der Passanten aufgefallen. Und nur darauf kam es im Moment an.</p><p>Gab��k warf einen Blick auf die Uhr. F�nf vor halb. Kein Wunder, dass Kubi� unter der Laterne da dr�ben langsam die Geduld verlor. Bei dem Attentat stand eben eine Menge auf dem Spiel. Wenn Heydrich draufging, w�rden es alle zu sp�ren kriegen. Die SS w�rde keine Gnade kennen. Und wenn nicht? In diesem Fall w�rde der allm�chtige Protektor seinem Ruf als Henker einmal mehr gerecht werden. Gab��k machte ein nachdenkliches Gesicht. Die SS w�rde Vergeltung �ben. So oder so. Trotzdem mussten sie es riskieren. Ein Fanal setzen. Hier und jetzt. Und nicht erst dann, wenn ihnen die Alliierten zu Hilfe kamen.</p><p>Das Aufblitzen von Val��ks Rasierspiegel holte den 30-j�hrigen slowakischen Schlosser aus seinen Gedanken. 10.29 Uhr. Endlich. Das lang erwartete Signal. Gab��k rannte zu Kubi�. Noch zwei, drei Minuten. Dann w�rde es Heydrich an den Kragen gehen.</p><p>Ein Fluch von Kubi�, fast gleichzeitig ein Rippensto�. Gab��k st�hnte innerlich auf. Eine Stra�enbahn. Und das ausgerechnet jetzt.</p><p>Doch es gab kein Zur�ck. Jetzt nicht mehr. W�hrend Kubi� seine Aktentasche �ffnete und den Sprengsatz klarmachte, rannte Gab��k ein paar Meter weiter. Um den Protektor aufs Korn zu nehmen, war seine Position jetzt nahezu ideal. Die Stra�e machte eine scharfe Biegung nach rechts. Was bedeutete, dass sein Wagen automatisch abbremsen musste.</p><p>Zeit genug, sollte man meinen.</p><p>Gab��k entsicherte sein MG. Der Mercedes 320 mit dem Kennzeichen �SS-3� musste jeden Moment auftauchen. Zu dumm, das mit der Stra�enbahn. Aber nicht zu �ndern. Er w�rde die Sache durchziehen. Selbst auf die Gefahr hin, dass ein Unbeteiligter etwas abbek�me.</p><p>Er und Kubi� mussten es riskieren. So oder so. Eine Gelegenheit wie diese kam so schnell nicht wieder.</p><p>Und dann war es so weit. Fast im selben Moment, als die Stra�enbahn rechts hinter ihm laut quietschend zum Stehen kam, tauchte Heydrichs Cabriolet auf, drosselte das Tempo und bog um die Kurve. Gab��k z�gerte keine Sekunde. Er lie� den Mantel fallen, machte einen Schritt nach vorn und zielte.</p><p>Heydrich sa� auf dem Beifahrersitz, keine drei Meter entfernt von ihm. Daneben sein Fahrer, ebenfalls von der SS. Ein offenes Cabriolet. Kaum zu glauben. Kein Begleitfahrzeug, kein Panzerglas. Keine Leibw�chter. Ein nahezu perfektes Ziel.</p><p>W�hrend sich Gab��ks Finger um den Abzug kr�mmten, hielt er f�r den Bruchteil eines Augenblicks inne. T�uschte er sich, oder hatte er die Wolfsaugen des Protektors h�hnisch aufblitzen sehen?</p><p>Einerlei.</p><p>Wenn nicht jetzt, wann dann?</p><p>In Erwartung des Feuersto�es, der Reinhard Heydrich, Protektor von B�hmen und M�hren, innerhalb von ein paar Hundertstelsekunden in St�cke rei�en w�rde, winkelte Gab��k den linken Fu� leicht an und dr�ckte ab.</p><p>Doch nichts geschah.</p><p>Die Sten Gun funktionierte nicht.</p><p>Weder bei diesem noch beim n�chsten noch beim dritten Versuch.</p><p>Gab��k war wie erstarrt. Kaum f�hig, klar zu denken. Er stand einfach nur da, die Panik in Person.</p><p>Was zum Teufel war eigentlich mit Kubi� los?</p><p>Pl�tzlich geriet alles in Bewegung. Die ersten Passanten stiegen aus und wollten �ber die Stra�e. Und dann war es passiert. Heydrichs Fahrer gab Gas.</p><p>Gab��k stie� einen halblauten Fluch aus und schleuderte seine Waffe ins Geb�sch. Aus und vorbei. Er hatte versagt, wie ein blutiger Anf�nger versagt.</p><p>Doch dann geschah das, womit niemand gerechnet hatte. Heydrichs Cabriolet blieb abrupt stehen. Gab��k traute seinen Augen nicht. Der Protektor erhob sich, drehte sich nach ihm um und zog seine Waffe.</p><p>Was zum Teufel war denn eigentlich mit Kubi��</p><p>Bevor Gab��k den Gedanken zu Ende f�hren konnte, riss ihn eine ohrenbet�ubende Detonation fast zu Boden. Schreie ert�nten, und die Scheiben der Stra�enbahn gingen laut klirrend zu Bruch. �berall Rauch, Metallsplitter und scharfkantige Wrackteile, die wie bei einer Splitterbombe durch die Luft flogen. Aus Heydrichs Dienstwagen, vor dessen Hinterrad die Bombe explodiert war, stieg eine ru�farbene Rauchs�ule empor. Die Explosion war so heftig gewesen, dass selbst die Oberleitung mit Uniformfetzen drapiert worden war.</p><p>Heftig, aber nicht effektiv genug. Kubi�� Gesicht war blut�berstr�mt, genau wie das einiger Passanten. T�dlich getroffen war allerdings niemand.</p><p>Bedauerlicherweise auch Heydrich nicht.</p><p>Bevor Gab��k wusste, wie ihm geschah, war er aus dem Wrack geklettert, die Pistole im Anschlag, mit der er auf ihn, seinen Attent�ter, zielte. Ebenso wie sein Fahrer, ein SS-Oberscharf�hrer, der sich kurz darauf Kubi� vornahm. Doch der war geistesgegenw�rtiger als gedacht, schwang sich auf sein Rad und feuerte mehrere Male in die Luft. Dann trat er in die Pedale und radelte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit davon. Heydrichs Fahrer hatte das Nachsehen.</p><p>Nicht so der Mann, den er chauffiert hatte. Er war angeschlagen, aber nicht genug, um vor Gab��k zu kapitulieren. Heydrich ging hinter der Stra�enbahn in Deckung, Gab��k hinter einem Telegrafenmast. Der Protektor feuerte, was sein Magazin hergab, aber die Sch�sse verfehlten ihr Ziel.</p><p>Dann, genauso unvermittelt, wie er begonnen hatte, war der Spuk vorbei. Bevor Jozef Gab��k �berhaupt Zeit hatte, sich dar�ber zu wundern, kr�mmte sich der Reichsprotektor zusammen und taumelte �ber die Stra�e hinweg auf einen Metallgitterzaun zu.</p><p>Dort brach Reinhard Heydrich, der Todesgott des Dritten Reiches, mit einer Schusswunde im R�cken zusammen.</p><p>Er hatte noch acht Tage zu leben.</p><p>Aber davon wusste Jozef Gab��k zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Er war gefl�chtet, in der �berzeugung, auf ganzer Linie versagt zu haben.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Krankenhaus Na Bulovce, Bud�nova 2 27.05. | 12.30h</emphasis></p><empty-line/><p>�Jawohl, mein F�hrer!� Karl Hermann Frank, ein�ugiger Polizeichef und Heydrichs Stellvertreter, h�tte den Telefonh�rer glatt auf den Tisch legen k�nnen. Verstanden h�tte er seinen Gespr�chspartner auch so. �Ich habe mir alles notiert. Durchgreifen ohne Wenn und Aber. Belohnung in H�he von einer Million Reichsmark f�r die Ergreifung der T�ter. Forcierung der Repressalien, Ausrottung s�mtlicher Mitwisser mit Stumpf und Stiel. Falls n�tig, samt ihrer Familien. Verhaftung von 10.000�Tschechen. Erschie�ung von s�mtlichen politischen Gefangenen.� W�hrend sich eine Flut von Beschimpfungen und Verw�nschungen �ber ihn ergoss, lie� der 44-j�hrige SS-Gruppenf�hrer mit den graumelierten Schl�fen und nach hinten gek�mmten Haaren die angestaute Atemluft entweichen und rutschte nerv�s auf seinem Stuhl herum.</p><p>�Nein, mein F�hrer!�, �chzte er. �Soweit bekannt, mit einer ungepanzerten Limousine. Wie bitte? Personenschutz? Bedaure, mein F�hrer! Er war nur mit seinem Fahrer unterwegs. Bodenloser Leichtsinn, ganz� ganz Ihrer Meinung, mein F�hrer! Aber selbstverst�ndlich werde ich die entsprechenden Konsequenzen aus dem Vorfall ziehen.� Frank machte ein gequ�ltes Gesicht. Dass sich der Zorn des Diktators ausgerechnet �ber ihn entlud, h�tte er sich gerne erspart. �Wie es ihm geht? Nicht so gut wie zun�chst erhofft. Hollbaum und Dick mussten die Milz entfernen. Aus welchem Grund? Sie hat ein paar Splitter abgekriegt. Und reichlich Rosshaar aus der Polsterung. Das Zwerchfell musste geflickt werden. Das Zwerchfell, ganz richtig! Vertrackte Situation�in der Tat, mein F�hrer! Und das Schlimmste: Es droht eine Infektion.�</p><p>Als in diesem Moment einer seiner Adjutanten den Kopf zur T�r hereinstreckte, war Frank einen Augenblick lang abgelenkt, schaffte es aber, den Mann mittels eindeutiger Gesten wieder hinauszukomplimentieren. Rechtzeitig genug, um die nun folgende Anweisung entgegenzunehmen.</p><p>Karl Hermann Frank war abgebr�ht, um nicht zu sagen v�llig skrupellos. Aber was er in diesem Moment zu h�ren bekam, war geeignet, selbst ihn in Erstaunen zu versetzen. Und zwar in einem Ma�e, dass es ihn nicht mehr auf seinem Lehnstuhl hielt.</p><p>�Habe ich Sie da richtig verstanden, mein F�hrer?�, stakste er irritiert hinter dem Schreibtisch im Chefarztzimmer auf und ab, wohin eigens eine Geheimleitung gelegt worden war. �Ich soll Heydrichs Telefonate abh�ren lassen?�</p><p>Die Antwort aus dem F�hrerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreu�en lie� an Deutlichkeit nicht zu w�nschen �brig.</p><p>�Abh�ren und aufzeichnen�zu Befehl, mein F�hrer! Geheime Reichssache, ich verstehe. Mitstenographieren, versteht sich von selbst. Und anschlie�end per Sonderkurier ins F�hrerhauptquartier. H�chste Geheimhaltungsstufe. Zu niemandem ein Wort. Aufzeichnung s�mtlicher Gespr�che, auch solcher rein privater Natur. Kontrolle, Registrierung und n�tigenfalls geheimdienstliche �berwachung der Besucher. Ohne R�cksicht auf Rang, Dienstgrad oder Namen. Rapport im F�hrerhauptquartier morgen um 15 Uhr. Sie k�nnen sich auf mich verlassen, mein F�hrer!� Frank holte tief Luft, doch bevor er seine Ergebenheitsadresse an den Mann bringen konnte, hatte sein Gespr�chspartner aufgelegt.</p><p>Karl Hermann Frank atmete h�rbar auf und lie� sich im Zeitlupentempo auf seinen Schreibtischsessel sinken. Heydrich bespitzeln, obwohl er auf der Kippe stand? Einen todgeweihten Mann? Auf den ersten Blick ergab der Befehl keinen Sinn. Aber dann, nach reiflicher �berlegung, begann der Gedanke zunehmend am�sant auf ihn zu wirken. Ausgerechnet Heydrich. Der Herr aller Spitzel. Der Schn�ffler schlechthin. Die Frage war nur, weshalb der F�hrer einen derartigen Aufstand machte. Frank konnte sich keinen Reim darauf machen. Letztendlich war es ihm auch egal.</p><p>Was z�hlte, war sein Auftrag. Befehl war nun einmal Befehl. Und damit Schluss.</p><p>Schlie�lich musste er ja auch an seine Karriere denken.</p><p>Und wenn der etwas n�tzen konnte, dann ein erfolgreich ausgef�hrter F�hrerbefehl.</p><empty-line/></section><section><p><sub>5</sub></p><p><emphasis>Krankenhaus Na Bulovce�������������������� 02.06. | 20.50h</emphasis></p><empty-line/><p>Eine Bluttransfusion nach der anderen. Und immer wieder Morphium. Dann die endg�ltige Diagnose. Bauchfellentz�ndung und sein Todesurteil, Blutvergiftung.</p><p>Es ging zu Ende mit ihm. Unweigerlich.</p><p>Heydrich rollte sich auf die Seite. Fast ein Ding der Unm�glichkeit. Aber es gab noch etwas zu erledigen. Allen H�llenqualen zum Trotz.</p><p>Die Dr�nage machte es ihm nicht leicht. Doch dann war es geschafft. Seine Hand lag auf dem Telefon. Der Protektor biss die Z�hne zusammen und w�hlte. Eine Nummer, die au�er ihm niemand kannte. Es war eine qualvolle Prozedur, und mit jeder Sekunde, die verstrich, r�ckte der Tod ein St�ck n�her.</p><p>Dann das Freizeichen. Ein Knacken in der Leitung, das unter normalen Umst�nden seinen Argwohn geweckt h�tte. Doch Heydrich h�rte es nicht. Oder wollte es nicht h�ren. Er war so sehr auf sein Vorhaben fixiert, so geschw�cht, dass ihm sein Instinkt v�llig abhanden gekommen war.</p><p>F�r immer.</p><p>Heydrich, Protektor und meistgef�rchteter Mann im Reich, existierte nicht mehr. Der da lag, war ein schmerzgepeinigtes menschliches Wrack, das seinen letzten Trumpf ausspielen wollte.</p><p>�Sterb er dahin, der strahlende Held.� Das verabredete Codewort. Folglich war die Luft rein. Heydrich schloss erleichtert die Augen, trotz der Tatsache, dass die Stimme seines Gespr�chspartners vor Anspannung vibrierte.</p><p>�Mein ist der Hort, mir muss er geh�ren!� Heydrich gab seine Antwort ohne zu z�gern. �C hier!�, erg�nzte er postwendend. �Walhalla ausl�sen!�</p><p>Die Antwort des Mannes am anderen Ende der Leitung lie� auf sich warten. Ein R�uspern, dann die Erwiderung, die wie eine Frage klang: �Walhalla ausl�sen.�</p><p>�Lina ist hochschwanger, schon vergessen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und um sich auszumalen, was ihr und den Kindern passieren k�nnte, braucht man wohl keine Fantasie.�</p><p>�Bestimmt nicht!�</p><p>�Was bedeutet: Walhalla ausl�sen, wie abgemacht!�, flammte Heydrichs J�hzorn ein letztes Mal auf, ohne R�cksicht auf den Mann, der ihn wie kaum ein zweiter kannte.</p><p>Dann lie� er den H�rer auf die Gabel fallen.</p><p>Kaum lag Heydrich auf dem R�cken, als die Schmerzen in der Bauchgegend unertr�glich wurden. Zeit f�r die n�chste Dosis, schoss es ihm durch den Kopf, w�hrend er den Unterarm auf die fiebergl�hende Stirn presste. Der Herr �ber Leben und Tod, ein Mann, der Tausende auf dem Gewissen hatte, f�hrte einen aussichtslosen Kampf. Sein Gegner war unbezwingbar, st�rker, als er jemals gewesen war.</p><p>Heydrich war der Ohnmacht nahe, als ihn ein Ger�usch am Fu�ende aufschrecken lie�. Er hatte M�he, die Augen zu �ffnen, aber als es ihm schlie�lich gelang, fuhr er wie elektrisiert in die H�he.</p><p>�Reichsf�hrer�Sie?�, keuchte er, w�hrend er sich mit letzter Kraft auf die Ellbogen st�tzte. �Was� was f�hrt Sie hierher?�</p><p>Heinrich Himmler, Reichsf�hrer-SS, antwortete nicht auf die Frage, sondern sah mit unbewegter Miene auf Heydrich herab. Die Nachttischlampe verbreitete diffuses Licht, und so fiel es Heydrich schwer, seinen Lehrmeister in Augenschein zu nehmen. Himmler blieb im Schatten. So wie immer.</p><p>Als Heydrich schon nicht mehr mit einer Antwort rechnete, st�tzte sich Himmler pl�tzlich auf das Bettgestell, r�usperte sich und sagte: �Ich habe mit Ihnen zu reden, Obergruppenf�hrer. Unter vier Augen.�</p><p>�Wenn, dann aber schnell!�, retournierte Heydrich in sarkastischem Ton. �Mir bleibt n�mlich nicht mehr viel Zeit.�</p><p>�Kein Problem. Was ich Ihnen zu sagen habe, wird nicht viel Zeit in Anspruch nehmen.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Wie Sie selbst bereits sagten, Heydrich, bleibt Ihnen nicht mehr viel Zeit. Weshalb ich Sie dringend ersuchen muss, mir gegen�ber s�mtliche Karten auf den Tisch zu legen.�</p><p>�Ach, daher weht der Wind.�</p><p>�Sch�n, dass wir so schnell auf den Punkt kommen. Das spart viel �rger und noch mehr Verdruss.� Himmler pausierte und r�ckte mit einer wohlkalkulierten Geste seine Brille zurecht. Dann schob er seinen Oberk�rper ins Licht. �Machen wirs also kurz, Heydrich�, n�selte er, w�hrend die Gl�ser das Licht der Stehlampe reflektierten. �Mir ist daran gelegen, in den Besitz Ihrer Geheimakten zu kommen. Und zwar umgehend. Damit sie nicht in die falschen H�nde geraten.�</p><p>�Ich f�rchte, Sie kommen zu sp�t, Reichsf�hrer�, antwortete Heydrich s�ffisant, f�r Sekundenbruchteile wieder ganz der Alte.</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>Heydrich lie� sich zur�ck in sein Kissen sinken, schloss die Augen und l�chelte malizi�s. Dann begann er zur Verbl�ffung seines einstigen Lehrmeisters ein Lied zu summen. Es stammte aus einer Oper seines Vaters, dem er seine musische Begabung zu verdanken hatte. �Ja, die Welt ist nur ein Leierkasten, den unser Herrgott selber dreht, und jeder muss nach dem Liede tanzen, das grad auf der Walze��</p><p>Mitten im Satz brach Heydrich ab. Als ihn der wutentbrannte Reichsf�hrer r�gen wollte, musste er feststellen, dass er zu sp�t gekommen war.</p><p>Reinhard Heydrich, Obergruppenf�hrer und Massenm�rder, hatte noch volle zwei Tage zu leben. Im Koma, wo er einen Vorgeschmack auf die H�lle bekam.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><sub>Walhalla</sub></p><p><emphasis>Berlin/London/Moskau</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(Sonntag, 07.06.1942/Montag, 08.06.1942)</emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/></section><section><p><sub>6</sub></p><p><emphasis>Berlin-Wilmersdorf, �Kolonie Emser Platz� 07.06. | 4.45h</emphasis></p><empty-line/><p>Sie wollte schreien. Treten. Um sich schlagen. Aber sie konnte nicht. Ihre F��e f�hlten sich an wie Blei, der Mund wie geknebelt. Was immer sie tat, es war umsonst. Von hier gab es kein Entrinnen.</p><p>Die Luft war zum Schneiden dick. Schwei�durchtr�nkt. Der Geruch nach Erbrochenem und F�kalien nicht zu ertragen. Ringsum v�llige Dunkelheit. Undurchdringlich. Die reinste H�lle.</p><p>Sie konnte das Rattern der G�terwaggons h�ren, das Wimmern ihrer Leidensgenossen, das Schluchzen der Kinder. Und sie konnte das Entsetzen der �lteren und Gebrechlichen nahezu k�rperlich sp�ren.</p><p>Es schn�rte ihr regelrecht die Kehle zu.</p><p>Wie lange die Fahrt bereits dauerte, wusste sie nicht. Das Zeitgef�hl war ihr abhanden gekommen, und mit ihm der Glaube, alles werde wieder gut. L�hmendes Entsetzen beherrschte ihre Sinne, eine bleierne, un�berwindliche Apathie. Und dann, urpl�tzlich der Impuls, sie m�sse sich um ihre Mutter k�mmern. Doch was Rebecca auch tat, ihre Mutter war und blieb verschwunden.</p><p>Spurlos.</p><p>An dieser Stelle ihres Albtraums begann Rebeccas Entsetzen gew�hnlich in Panik umzuschlagen. Nicht so am heutigen Tag. Auf einmal war der Traum vorbei, sie selbst wie benommen. Richtig wach wurde sie dennoch nicht.</p><p>Das sollte sich jedoch j�h �ndern, als sie pl�tzlich Stimmen h�rte. Unter ihnen zumindest eine, die sie kannte. Sie geh�rte Bonin, dem Mann, der ihr Unterschlupf gew�hrte. Er h�rte sich besorgt an, geradezu alarmiert. Auf jeden Fall ganz anders als sonst.</p><p>Doch es war der Klang der zweiten, ihr unbekannten Stimme, der Rebecca endg�ltig wach werden lie�. Diese Stimme verhie� nichts Gutes. Rebecca setzte sich auf, schwang die Beine von ihrer Pritsche und lauschte. Und wurde starr vor Entsetzen. Genau wie in ihrem Traum. Mit dem Unterschied, dass dies die Wirklichkeit war.</p><p>�Noch so eine dumme Ausrede, Bonin, und wir sehen uns gezwungen, Sie einer Sonderbehandlung zu unterziehen!� Auf einmal begann sich alles um Rebecca herum zu drehen. Sie hatte M�he, das Gleichgewicht zu halten, hin- und hergerissen zwischen Furcht und Resignation.</p><p>Gestapo. Also doch. Sie hatten Bonin erwischt. Oder denunziert. Wann, wo und wie auch immer.</p><p>�Auf die Gefahr hin, dass Sie mir nicht glauben, Obersturmf�hrer, ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie reden!�</p><p>Der gute alte Bonin. Retter in der Not. Erst hatte er sie auf der Stra�e aufgelesen, dann �ber mehrere Zwischenstationen in dieses Gartenhaus gelotst. Und das, obwohl ihm die Gestapo l�ngst auf den Fersen gewesen war.</p><p>�In diesem Fall, f�rchte ich, werden Sie die Konsequenzen selbst zu tragen haben.�</p><p>Als Bonin gegen die Scheinwand prallte, hinter der sich Rebeccas Versteck befand, h�tte sie beinahe laut aufgeschrien. Warum sie es nicht tat, wusste sie hinterher nicht mehr. Ein Gef�hl grenzenloser Ohnmacht stieg in ihr empor, und um nicht laut loszuweinen, presste sie die zitternden H�nde auf den Mund.</p><p>Die Stimme von Bonins Peiniger war jetzt ganz nahe. Gerade so, als spreche er mit ihr und nicht mit ihm. Aber noch hatte er den Mechanismus, mit dem sich die T�r der zwei auf drei Meter gro�en Geheimkammer �ffnen lie�, nicht entdeckt. Wenn er so gewieft war, wie er tat, war es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis er den Hebel hinter dem Stillleben fand. �Wenn es sich nicht vermeiden l�sst, das Ganze eben noch einmal von vorn!�, leierte der Gestapo-Mann scheinbar gelangweilt, ja geradezu desinteressiert herunter. Reine Taktik, wie unschwer zu erkennen war: �Na los doch, Kruppke, helfen Sie ihm auf!�, schnauzte er seinen Begleiter an. �Schlie�lich haben wir noch was vor!�</p><p>Rebecca standen die Tr�nen in den Augen. Tr�nen der Verzweiflung und, als sie das unterdr�ckte St�hnen jenseits der Trennwand h�rte, auch solche der Wut. Die Miene der attraktiven jungen Frau verfinsterte sich. Nein, das sind keine Menschen, stellte sie grimmig fest, hochrot vor Zorn. Ein normaler Mensch tut so was nicht.</p><p>Und doch war es so. Rebecca stand im Zeitlupentempo auf. Wer, wenn nicht sie, h�tte wissen m�ssen, wozu die beiden Folterknechte da drau�en f�hig waren?</p><p>�Machen wirs kurz, Schei�sozi!�, meldete sich der andere Gestapo-Beamte zu Wort, dessen Stimme den vulg�ren Schl�gertypen verriet. �Wozu die M�he, den ganzen Fresskram hierher zu schleppen? Wo Tausende Volksgenossen am Hungertuch nagen? Das reicht ja, um ein ganzes Bataillon satt zu kriegen!�</p><p>�Korrigieren Sie mich, Sturmf�hrer, aber hei�t es nicht, die Versorgung der Zivilbev�lkerung sei nach wie vor das geringste Problem?�</p><p>Bonin hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als er erneut gegen die Wand geschleudert wurde. Rebecca ballte die Rechte zur Faust. Der Aufprall, die halb erstickten Schreie und das zu Bruch gehende Mobiliar sprachen eine deutliche Sprache. Kein Zweifel, die Gestapo-M�nner lie�en es jetzt darauf ankommen: �Auf ein Neues, Vaterlandsverr�ter, f�r wen hast du das Zeugs da zusammengeramscht? Wohl ein Judenfreund, was?� Die Stimme des Obersturmf�hrers h�rte sich beileibe nicht mehr gelangweilt an. Aus ihr sprach der blanke Hass. Hass gepaart mit Brutalit�t und der Lust am T�ten.</p><p>Dann wurde es still. Auf einmal. �ber dem Gartenhaus in der N�he des Kurf�rstendamms lag die Ruhe eines Friedhofes. Rebecca erschauderte. Bonins Schicksal war besiegelt. Im selben Moment, als sich der Schl�gertyp wieder zu Wort meldete: �So wie dir roter Drecksau wird es auch den ganzen anderen Ratten und Schmei�fliegen ergehen!� Mit diesen Worten goss er seine H�me �ber dem halb tot gepr�gelten Musiker aus. �Besser, du kooperierst! Hinterm�nner, Drahtzieher und die Namen der Schleuser. Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt!�</p><p>Aber Bonin lie� sich nicht unterkriegen. Ein Wunder, wie viel Leben noch in dem tapferen kleinen Mann steckte. �Heydrichs Schicksal wird auch euch ereilen!�, stie� er mit dem Mut der Verzweiflung hervor. Bonin hatte nichts mehr zu verlieren, und er wusste es.</p><p>Rebecca presste die Handballen gegen die Stirn. Sie konnte und wollte nicht mehr hinh�ren. Was dieser Mann um ihretwillen auf sich nahm, brachte sie fast um den Verstand.</p><p>Doch was sie bef�rchtet hatte, blieb aus. Vorl�ufig. Fast schien es, als habe der Obersturmf�hrer �berhaupt nichts geh�rt: �Bevor wir dich zu Brei schlagen, du Ratte, noch eine kurze Frage!�, zischte er, w�hrend sich die Dielenbretter unter dem Gewicht seiner Stiefel bogen. �Wobei du hoffentlich klug genug bist, zu wissen, dass dein Abgang entweder auf rasche oder extrem qualvolle Weise �ber die B�hne gehen kann!�</p><p>�Und die w�re?�</p><p>�Wohin ist der Vogel ausgeflogen, dem du Unterschlupf gew�hrt hast? Leugnen bringt nichts, also raus mit der Sprache!�</p><p>Das linke Ohr gegen die Wand gepresst, lauschte Rebecca mit angehaltenem Atem ins Wohnzimmer hin�ber. Die Tr�nen liefen ihr nur so �bers Gesicht, und ihr Inneres war vollkommen aufgew�hlt.</p><p>Totenstille. Rebecca hielt den Atem an. In diesem Moment w�rde sich alles entscheiden.</p><p>Kurz darauf undeutliches Murmeln. Ein Schuss aus einer schallged�mpften Pistole. Schleifger�usche. Und Schritte, die sich in Richtung T�r entfernten.</p><p>Eine Blutlache, die �berreste einer Violine und eine Tr�mmerw�ste: Bonins Hinterlassenschaften. Als Rebecca endlich aus ihrem Verschlag kroch, f�hlte sie sich wie bet�ubt. Eine Weile stand sie regungslos, den Blick gesenkt. Dann sprach sie das j�dische Totengebet. �Segen, Segen diesem gro�en Namen. Jetzt und immerdar. Amen.�</p><p>Als sie den Blick hob, fiel er auf den Barockspiegel an der gegen�berliegenden Wand. Au�er dem Stillleben das einzige M�belst�ck, das sich noch an seinem Platz befand.</p><p>Beim Anblick der ausgemergelten jungen Frau, die sie darin erblickte, erschrak Rebecca zutiefst. Sie erkannte sich kaum wieder, wollte nicht glauben, dass dies ihr Spiegelbild war. Und doch war es so. Die ihr da entgegenstarrte, das war sie, nur noch ein Schatten ihrer selbst. Rebecca Kahn, 22 Jahre, schlank, mit sanft gewelltem, dunklen Haar, fast ebenso dunklen Augen und cremefarbener Haut, existierte nicht mehr. �brig geblieben war eine in die Enge getriebene, ums nackte �berleben k�mpfende Kreatur, die zur Gartent�r st�rzte, sich kurz umsah und wie ein Gespenst in der Morgend�mmerung verschwand.</p><p>Sie wollte leben. Einfach nur leben. S�mtlichen Henkersknechten der Gestapo zum Trotz.</p><p>Und das w�rde sie auch.</p><p>Amen.</p><empty-line/></section><section><p><sub>7</sub></p><p><emphasis>Berlin-Tiergarten�������������������������������������������� | 7.32h</emphasis></p><empty-line/><p>Ein Tag ohne Luftalarm. Eigentlich ein guter Tag. Wenn nur sein Kater nicht gewesen w�re. Und der Tote auf der Parkbank gleich neben dem Wagner-Denkmal.</p><p>Gerade einmal 29, war Tom Sydow von der Berliner Kripo schon ein alter Hase. Deshalb �berlie� er zun�chst seinem Assistenten das Feld. Ein Selbstmord war ja nun wei� Gott nichts Besonderes. So etwas kam zurzeit fast t�glich vor. Tom Sydow steckte sich eine �Ernte 23� an und fuhr durch das dichte rotblonde Haar. Gr�nde daf�r gab es nat�rlich genug. Vor allen anderen jedoch den Krieg. Diesen Schei�krieg, der schon beinahe drei Jahre dauerte.</p><p>Zu sp�ren war davon jedoch nichts. Die Luiseninsel erstrahlte im Fr�hlicht, der Himmel in seidigem Blau. Auf der Tiergartenstra�e herrschte kaum Verkehr, im angrenzenden Botschaftsviertel Totenstille. Sydow inhalierte tief. Bis jetzt hatte Berlin ja ziemlichen Dusel gehabt. Der letzte gr��ere Luftangriff war schon fast ein Jahr her, seitdem war es verh�ltnism��ig ruhig geblieben. Das dicke Ende w�rde aber bestimmt noch kommen. Davon war Sydow felsenfest �berzeugt.</p><p>Ein Sonntag wie jeder andere. Wenn nur dieser Schei�kater und der noch viel beschissenere Krieg nicht w�ren. Dann w�re ihm eine Menge erspart geblieben. Der Tote auf der Bank mit inbegriffen.</p><p>Auf einmal hatte Tom Sydow die Qualmerei satt. Es gab Tage, an denen ihm alles auf den Wecker ging, so zum Beispiel heute. Der breitschultrige, knapp 1,90 m gro�e Polizeihauptkommissar mit dem Dreitagebart lie� seine Kippe fallen, dr�ckte sie aus und wandte sich mit �bern�chtigter Miene der Parkbank zu.</p><p>�Na, wie siehts aus, Klinke?�, erkundigte er sich bei seinem Assistenten, der gerade dabei war, die Leiche genauer unter die Lupe zu nehmen. �Irgendwelche Erkenntnisse?�</p><p>Kriminalassistent Erich Kalinke, Spitzname �Klinke�, ein Berliner Kleiderschrank mit butterweichem Kern, r�mpfte die Nase. Obwohl ihn Sydows Fahne fast umhaute, verkniff er sich jeglichen Kommentar. �Und ob!�, warf er lakonisch ein, auf gleicher H�he mit dem Einschussloch, das sich an der rechten Schl�fe des Mannes befand.</p><p>�Jetzt machst du mich aber neugierig!�, sp�ttelte Sydow, w�hrend Messerschmidt, der Polizeifotograf, das �bliche Blitzlichtgewitter loslie�. Doktor Boehm, der Pathologe, hielt sich dagegen zur�ck. Sydow wusste es zu sch�tzen. Er konnte diesen blutleeren Schn�ffler nicht ausstehen. Nazi vom Scheitel bis zur Sohle. Und dann noch Gestapo-Spitzel. Und ein h�chst unbegabter dazu. Genug, um Sydow auf die Palme zu bringen, wenn er nur den Mund aufmachte.</p><p>�Ich f�rchte, deine Neugier wird dir ziemlich bald vergehen.�</p><p>Es war Klinkes Tonfall, der daf�r sorgte, dass Sydow seine Apathie abstreifte und er den Toten jetzt erst richtig in Augenschein nahm. Er war um die 40, vielleicht j�nger, hatte lichtes Haar und Geheimratsecken. Am Einschussloch klebte getrocknetes Blut, und sein Kopf war leicht zur Seite geneigt. Die Walther-Pistole vom Kaliber 7,65 Millimeter lag neben der Bank im Gras. Sydow runzelte die Stirn. Irgendwie kam ihm die Szenerie unwirklich vor. Der Mann hatte einen Anzug an, inklusive gestreifter Krawatte und Hut. Als sei er bei Gro�mutters Nachmittagstee einfach so vom Schemel gekippt. Und da war noch etwas. Sydow massierte die Nasenfl�gel und machte ein skeptisches Gesicht. Es war dieser schwache, kaum merkliche Geruch, der ihn irritierte, in einem Ausma�, dass sich sein Kater heftiger denn je bemerkbar machte.</p><p>Irgendwas war hier faul, keine Frage.</p><p>Aus reinem Selbsterhaltungstrieb, nicht etwa, weil ihm der Anblick des Mannes �berm��ig an die Nieren ging, wich Sydow einige Schritte zur�ck. �Und wieso?�, fragte er, w�hrend sich Klinkes massiger Rumpf langsam aufzurichten begann.</p><p>�Wirst du gleich sehen.� Sydow horchte auf. Klinke wirkte besorgt, vor allem als er dicht neben ihn trat. Von einer Frohnatur wie ihm war man das einfach nicht gewohnt. Wenn er dann auch wie jetzt die Stimme senkte, ahnte Sydow, dass es sich bei dem Toten um keinen gew�hnlichen Selbstm�rder handeln konnte.</p><p>Eine Mutma�ung, die sich prompt best�tigen sollte.</p><p>Als ihm Klinke die Papiere des Mannes in die Hand dr�ckte, blinzelte Sydow nerv�s, und sein penn�lerhafter Charme ging endg�ltig fl�ten.</p><p>�Das gibt �rger, und zwar jede Menge.�</p><p>Klinke hatte recht. Hundertprozentig. Sydows blassblaue Augen blickten ausgesprochen d�ster drein. Der Ausweis des Mannes lie� keine andere Schlussfolgerung zu. �Ein Sturmbannf�hrer von der Gestapo, der sich die Kugel gibt�das kann ja heiter werden!�, �bte sich der Kommissar in Galgenhumor, w�hrend er den Dienstausweis des Mannes durchbl�tterte. �Mit anderen Worten, der Endsieg steht kurz bevor!�</p><p>�Sehr witzig!� Klinke, der Sydows Hang zum Sarkasmus nicht teilte, warf Boehm einen blitzschnellen Seitenblick zu. Der wiederum tat so, als habe er nichts mitgekriegt, weshalb sich Klinke wieder seinem Vorgesetzten zuwandte: �Hier, sein Abschiedsbrief!�</p><p>Sydow lie� den Dienstausweis des Toten in der Tasche verschwinden, �berflog den Brief und steckte ihn ein. �Mannomann!�, �chzte er und befeuchtete den ausged�rrten Gaumen. �Und das ausgerechnet mir!�</p><p>�Und was jetzt?�, fragte Klinke und zwickte sich ins Ohr.</p><p>Sydow gab keine Antwort, sondern lie� den Blick �ber den in Marmor gehauenen Wagner schweifen. Hoch im Kurs, der Mann. Insbesondere beim F�hrer. Aber nicht bei ihm. Er stand auf Jazz, Duke Ellington, Louis Armstrong und vor allem Glenn Miller. Negermusik hin oder her. Die ganze Nazi-Kacke konnte ihm glatt gestohlen bleiben. �Wer hat ihn �berhaupt gefunden?�, ging Sydow auf die Frage seines Assistenten zun�chst nicht ein.</p><p>�Anonymer Anrufer.�</p><p>�Und wann?�</p><p>�So gegen 6.30 Uhr.�</p><p>�Sch�n, dass man das auch erf�hrt.�</p><p>Jetzt hatte Klinke, die personifizierte Gutm�tigkeit, aber wirklich genug. �Dein Problem, wenn du wegen deiner Ex die Nacht durchgesoffen hast!�, zischte er Sydow ins Ohr.</p><p>�Meine Weibergeschichten gehen dich einen Schei�dreck an. Und au�erdem: Schon mal was von dienstfrei geh�rt?�</p><p>�Klar. Aber nicht, wenn Not am Mann ist!� Klinke konnte niemandem wirklich b�se sein, schon gar nicht dem knapp zwei Jahre �lteren Sydow, der trotz seines Lebenswandels ein Vorbild f�r ihn war. Sein �rger war genauso schnell verraucht, wie er gekommen war. �Was machen wir jetzt?�</p><p>�Gute Frage.� Aus dem Augenwinkel konnte Sydow beobachten, wie Boehm die Ohren auf Empfang stellte. Zeit f�r sein Pokerface, Zeit aber auch, einen Entschluss zu fassen. Zumal Messerschmidt sein Pulver endg�ltig verschossen zu haben schien.</p><p>�Und was jetzt?�, h�rte sich der Endvierziger mit der Hornbrille wie das exakte Echo von Klinke an, stocksauer, weil er aus den Federn geklingelt worden war. �Ich denke, das wars doch wohl, oder?�</p><p>�F�r dich vielleicht, aber nicht f�r uns!�, raunzte ihn Sydow an. �Du kannst wenigstens wieder in die Heia. F�r Klinke und mich geht die Chose jetzt erst richtig��</p><p>Sydow war noch nicht fertig, als sich drei M�nner in sein Blickfeld schoben. Gestapo. Das konnte selbst ein Blinder mit Kr�ckstock sehen.</p><p>�Sch�nen guten Morgen, die Herren!�, begr��te ihn der Anf�hrer des Triumvirats. �Was steht zu Diensten?�</p><p>Sydow holte tief Luft, doch bevor sein tiefverwurzelter Groll gegen�ber der Gestapo au�er Kontrolle geriet, kam ihm Klinke zuvor: �Ein Selbstm�rder, nichts weiter!�, entgegnete er mit treuherzigem Augenaufschlag.</p><p>�Selbstmord, soso!�, gab der schmierige, mit dunklem Ledermantel und Hut bekleidete Agent zur�ck. Sein B�rstenschnitt und die Himmler-Brille machten Sydows Antipathie in Sekundenschnelle perfekt. Das galt auch f�r den Rausschmei�ertyp links von ihm. Der Dritte im Bunde, ein schlaksiger Wuschelkopf mit Oberlippenbart, fiel etwas aus dem Rahmen, und Sydow wurde das Gef�hl nicht los, ihn schon einmal gesehen zu haben.</p><p>�Kommt leider immer h�ufiger vor!�, nahm er geraume Zeit sp�ter den Gespr�chsfaden wieder auf. �Apropos Selbstmord�mit wem haben wir denn die Ehre?�</p><p>Die Katzenaugen des Gestapo-Agenten blitzten kurz auf. Sydow wusste nicht, was ihm an diesem Himmler-Verschnitt mehr missfiel: die widernat�rlich wei�e Haut oder die Stimme, aus der man den Folterknecht schon f�nf Meilen gegen den Wind heraush�rte.</p><p>Au�er einem Zucken des Mundwinkels blieb das Albinogesicht des Gestapo-Beamten v�llig starr. Er gab sich betont l�ssig, gerade so, als habe er Sydows Provokation nicht bemerkt. Dieser wiederum stand ihm in nichts nach und verschr�nkte mit gelangweilter Miene die Arme vor der Brust.</p><p>�Moebius!�, stellte sich der Albino schlie�lich vor und l�chelte aalglatt. �<emphasis>Obersturmf�hrer</emphasis> Carl Gustav Moebius. Und das hier, zu meiner Linken, ist mein Assistent Kruppke und zur Rechten ein weiterer Kollege aus dem Amt.� Der Gestapo-Agent zog die Dienstmarke mit der Aufschrift �Geheime Staatspolizei� und der darunter eingestanzten Nummer hervor, hielt sie Sydow unter die Nase und trug ein gek�nsteltes L�cheln zur Schau. �Darf man erfahren, um wen es sich bei dem Toten handelt?�</p><p>�Selbstverst�ndlich!�, gab Sydow unbeeindruckt zur�ck. Um dann zum entscheidenden Schlag auszuholen: �Das hei�t, wenn die Identifizierung abgeschlossen ist. Damit jegliche Zweifel von vornherein ausger�umt sind.�</p><p>Dass die vorget�uschte L�ssigkeit des Obersturmf�hrers eine Finte war, bekam Sydow auf der Stelle zu sp�ren. �Ich muss Sie wohl nicht erst daran erinnern, Herr��, ging er zum Gegenangriff �ber, geriet jedoch �berraschenderweise ins Stocken.</p><p>Sein Kontrahent nutzte dies gnadenlos aus. �Sydow. F�r Sie <emphasis>von</emphasis> Sydow, Obersturmf�hrer�, erg�nzte er mit breitem Grinsen im Gesicht.</p><p>Der Gestapo-Beamte gewann die Fassung jedoch schnell wieder. �Genau, jetzt erinnere ich mich!�, entgegnete er malizi�s. �Ihr Vater ist ein hohes Tier im Ausw�rtigen Amt, kann das sein?�</p><p>�Volltreffer, Obersturmf�hrer. Aber keine Angst. Meine vermeintlich guten Beziehungen existieren nur noch auf dem Papier. Zwischen mir und meinem Vater herrscht Funkstille. Und das seit nunmehr fast vier Jahren.�</p><p>�Und mit Ihrer Mutter?�</p><p>Jetzt war die Reihe an Sydow baff zu sein, und er tat genau das, worauf der Albino aus war: �Jetzt h�ren Sie mir mal gut zu, Obersturmf�hrer!�, presste er zwischen nahezu geschlossenen Lippen hervor und funkelte Moebius w�tend an. �Ich wei� zwar nicht, woher Sie Ihre Informationen haben, aber nehmen Sie zur Kenntnis, dass Sie mein Privatleben beziehungsweise das meiner geschiedenen Eltern einen��</p><p>�... feuchten Schmutz angeht? Ist es das, was Sie sagen wollten? Oder regen Sie sich so auf, weil Ihre Mutter Engl�nderin ist?�</p><p>Sp�testens jetzt wusste Sydow, dass er es mit einem brandgef�hrlichen, weil gut informierten Gegner zu tun hatte, und er w�re dem Albino ins offene Messer gelaufen, h�tte er nicht im selben Moment Klinkes Pranke auf der Schulter gesp�rt. Sie und nicht etwa die Vernunft brachte ihn wieder auf die richtige Bahn: �Meine Schuld, wenn die germanischen Bruderv�lker nicht zueinanderfinden?�</p><p>Der Albino entbl��te die giftgelben Z�hne und l�chelte. �Nat�rlich nicht!�, antwortete er von oben herab. �Aber das ist auch nicht weiter wichtig. Wir werden diesen Whiskys�ufer von Churchill samt Roosevelt und Stalin in die Knie zwingen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort!�</p><p>�Wenn, dann aber bitte schnell.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Damit nicht noch mehr St�dte in Schutt und Asche gelegt werden!�, antwortete Sydow k�hl. Und setzte nach: �So wie K�ln vor einer Woche.�</p><p>�Soll das etwa hei�en, dass Sie nicht mehr an den Endsieg glauben?�</p><p>�Das soll hei�en, dass wir jetzt gerne mit unserer Arbeit fortfahren w�rden!�, rettete Klinke erneut die Situation. �Im Vertrauen, dass die Geschicke unseres Vaterlandes in den richtigen H�nden liegen!�</p><p>Schachmatt. Sydow lachte in sich hinein. Mit allen Wassern gewaschen, dieser Klinke. Das musste ihm der Neid lassen.</p><p>Doch er hatte sich zu fr�h gefreut. �Ich dachte, die sei so gut wie erledigt, oder liege ich da falsch?�, mischte sich Boehm, der Pathologe, �berraschenderweise ein.</p><p>�Falsch gedacht!�, fuhr ihm Sydow in die Parade. �Erst dann, wenn es der mit der Untersuchung betraute Beamte f�r angemessen h�lt.�</p><p>�Und was, bitte sch�n, g�be es Ihrer Meinung nach noch zu tun?�</p><p>�Eine Menge.�</p><p>�So zum Beispiel?�</p><p>Ein L�cheln glitt �ber Sydows Gesicht. �Eine Obduktion durchf�hren zu lassen, Doktor Boehm!�, gab er gen�sslich zur�ck. �Damit alles seine Richtigkeit hat!�</p><p>�Obduzieren? Aber wozu denn?�</p><p>�Um auf Nummer sicher zu gehen, mehr nicht.�</p><p>�Hei�t das, Sie haben schon irgendeinen Verdacht?�, schaltete sich Moebius ein.</p><p>�Nicht wirklich�, wimmelte Sydow seinen neuen Intimfeind wie ein l�stiges Insekt ab. �Es sei denn, die Spurensicherung liefert neue Erkenntnisse.�</p><p>�Wozu dann das Ganze?�</p><p>�Purer Instinkt, Obersturmf�hrer, purer Instinkt. Und soll ich Ihnen was sagen? Er hat mich noch nie im Stich gelassen!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>8</sub></p><p><emphasis>London-Westminster, Cabinet War Rooms | 08.05 h OZ</emphasis></p><empty-line/><p>Zu den Dingen, die Winston Churchill sch�tzte, z�hlten Zigarren, Scotch und franz�sische K�che. Und selbstverst�ndlich Champagner.</p><p>Ein Fr�hst�ck mit Edvard Bene� geh�rte nicht dazu.</p><p>Trotzdem lie� er sich nichts anmerken. Churchill, seit gut zwei Jahren britischer Premierminister, l�chelte, schnalzte mit der Zunge und erhob sein Sherry-Glas. �Auf das gelungene Attentat!�, rief er und konnte seine Befriedigung dabei nicht verhehlen.</p><p>Edvard Bene�, fast 10 Jahre j�nger und mindestens ebenso viele Kilo leichter, teilte die Zufriedenheit seines Gastgebers nicht. Der Kopf der tschechoslowakischen Exilregierung runzelte die hohe Stirn und strich die graumelierten Schl�fen glatt. Erst dann erwiderte er Churchills Toast.</p><p>�Warum so nachdenklich?�, wollte Churchill wissen, eine Frage, die er sich h�tte sparen k�nnen.</p><p>�Bedaure, Herr Premierminister!�, erwiderte Bene� mit belegter Stimme. �Wie Sie sich denken k�nnen, ist meine Laune momentan nicht die beste!�</p><p>�Mit anderen Worten, von den Fallschirmj�gern gibt es immer noch keine Spur.�</p><p>�Doch, schon.�</p><p>�Und? Wo stecken die drei?�</p><p>�In der Krypta einer Kirche in Prag. Zusammen mit vier weiteren Kameraden. Hitler hat f�nf Millionen Kronen als Belohnung ausgesetzt. Die SS stellt derzeit alles auf den Kopf.�</p><p>Churchill nickte und trank seinen Sherry leer. Dass die letzte Bemerkung seines Gastes eine absolute Verharmlosung war, wusste er nur zu gut.</p><p>�Wie dem auch sei!�, versuchte er Bene� in der ihm eigenen Mischung aus Jovialit�t und Verbissenheit aufzumuntern. �Der Tag ist nicht mehr fern, an dem wir die Nazis in die Knie zwingen.�</p><p>�Bei allem gebotenen Respekt, Herr Premierminister. Wie lange, denken Sie, wird das dauern? Die Deutschen vor Leningrad und Tobruk, die Japaner in Singapur und Rangun, London in Reichweite deutscher Bomber�kein Grund zum Optimismus, finden Sie nicht auch?�</p><p>�Und der Tausendbomberangriff auf K�ln vor einer Woche?�</p><p>Bene� setzte zu einer Erwiderung an, hielt sich jedoch lieber zur�ck. Churchill kam dies nicht ungelegen, und so schwieg auch er sich nach Kr�ften aus und wandte sich dem Fr�hst�ck zu: Eier, Toast und Speck. Dazu ein Glas Sherry. Das einzig Wahre, um einen Tag zu beginnen, von dem er nicht wusste, welche neuerlichen Hiobsbotschaften er ihm bescheren w�rde.</p><p>Nach zwei Drinks und etlichen Minuten sp�ter wurde es ihm aber dann doch zu bunt. Das wei� get�nchte Fr�hst�ckszimmer, Teil seiner unterirdischen Kommandozentrale, strahlte ungef�hr so viel Gem�tlichkeit aus wie eine U-Bahn-Station. Trotz Tisch, Anrichte und Bildern an der Wand. Churchill konnte einen Sto�seufzer gerade noch unterdr�cken. Lieber in der Downing Street und das Risiko eines Bombenangriffs als 15 Meter unter der Erde. Und dann noch dieser Bene� mit seinem furchtbaren Akzent, penetrant bis zum Gehtnichtmehr. Einfach zum Verr�cktwerden.</p><p>�Vegetarier, Abstinenzler und Schonkost�dieser Hitler muss wirklich verr�ckt sein!�, versuchte Churchill das Gespr�ch wieder in Gang zu bringen und schenkte sich einen weiteren Sherry nach. �ber das indignierte Stirnrunzeln seines Gastes sah er gro�z�gig hinweg.</p><p>Leider reagierte Bene� nicht wie erhofft. �Wenn das so weitergeht, bleibt kein Stein auf dem anderen!�, lie� er nicht locker. �Verhaftungen, Folterungen, Hinrichtungen�ich wei� nicht, wohin das noch f�hren soll!�</p><p>�Gehe ich fehl in der Annahme, dass Sie, lieber Bene�, einer derjenigen waren, die sich besonders vehement f�r das Attentat auf Heydrich ausgesprochen haben? Eine Operation, die durch den Einsatz einer britischen Halifax �berhaupt erst m�glich gemacht��</p><p>Es war das Wandtelefon, das die Situation rettete. Churchill lie� Bene� einfach links liegen, stand auf und nahm den H�rer ab.</p><p>�Churchill.� Im Laufe des nur etwa einmin�tigen Gespr�chs hellte sich Churchills Miene immer mehr auf, allem angestauten �rger zum Trotz. Als er auflegte, war er blendender Laune und wandte sich wieder dem opulenten Fr�hst�ck zu. Auf die fragenden Blicke von Bene� reagierte er zun�chst nicht. Das hatte nat�rlich etwas damit zu tun, dass der Secret Service am Apparat gewesen war. Aber auch damit, dass er diesem tschechischen Querulanten eins auswischen wollte.</p><p>�Endlich einmal wieder gute Neuigkeiten!�, bl�hte er regelrecht auf.</p><p>�Darf man erfahren, welche?�</p><p>�Bedaure!�, retournierte Churchill spitz. �Top secret!�</p><p>�Mit anderen Worten, es hat weder etwas mit Heydrich noch mit unserer gemeinsamen Operation zu tun.�</p><p>�Doch.�</p><p>�Und was?�</p><p>�Wie gesagt, mein lieber Bene�, top secret!�, antwortete Churchill mit hintergr�ndigem L�cheln und schaufelte noch eine Portion R�hrei auf den Teller. �Aber keine Sorge!�, munterte er seinen Gast rasch auf. �Mit ein bisschen Gl�ck werden wir die SS samt Gestapo und SD bis auf die Knochen blamieren!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>9</sub></p><p><emphasis>SS-Kameradschaftssiedlung �Krumme Lanke�</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Zehlendorf, K�nig-Heinrich-Stra�e����� | 09.10h</emphasis></p><empty-line/><p>�Marineschule M�rwick, Crew 22. Oberleutnant zur See von M�llendorf.�</p><p>Seekadetten, die f�r ein Abschlussfoto posieren. Teils sch�chtern, teils mit unb�ndigem Stolz. Kaum einer �lter als 18, die meisten fast noch ein Kind. Und daneben die obligatorische Erinnerungsplakette.</p><p>Das Foto ging ihm unter die Haut. Da konnte er machen, was er wollte. Die Erinnerung war einfach nicht totzukriegen. Damals, mit 18, war die Welt in Ordnung, seine Eltern noch zusammen und er, Thomas Randolph von Sydow, Z�gling des englischen Nobelinternats Eton gewesen. Und heute? Keine Spur mehr von heiler Welt, nicht die Bohne. Der Kommissar raufte sich die rotblonde M�hne. Einfach zum Kotzen, in so einer Zeit leben zu m�ssen.</p><p>Sydow h�ngte das Bild wieder an seinen Platz, direkt neben die Erinnerungsplakette. Schluss damit, dachte er. Ein f�r alle Mal. Die alten Zeiten waren vorbei. F�r immer. Kein Platz f�r Nostalgiegef�hle. Und schon gar nicht f�r Selbstmitleid. Dienst war Dienst und Schnaps war Schnaps. Und der, beziehungsweise die Folgen seiner n�chtlichen Eskapaden, setzten ihm immer noch zu. Trotz oder gerade wegen der Aufgabe, die er zu erf�llen hatte. Einer Aufgabe, die mit zum Unangenehmsten z�hlte, was einem Polizeibeamten passieren konnte.</p><p>�Oberleutnant zur See�wie interessant.� Sydow hatte die Bemerkung aus purer Verlegenheit gemacht. Die Wirkung, die er damit erzielte, war jedoch enorm.</p><p>Die Frau an der Verandat�r, die trotz der sommerlichen Temperaturen Handschuhe trug, fuhr abrupt herum. Sie war h�chstens 35, trug eine schwarz gestreifte Bluse mit gest�rktem Kragen, den dazu passenden Rock und sah wie eine in die Jahre gekommene Gouvernante aus der Kaiserzeit aus. Der pr�fende Blick und die ersten grauen Str�hnen im streng gescheitelten Haar trugen das Ihre zu diesem Eindruck bei. Irene von M�llendorf wirkte gefasst, auf merkw�rdige, um nicht zu sagen obsz�ne Art. Sydow runzelte die Stirn. Fehlt nur noch der Zwicker, dachte er bei sich. Echte Trauer stellte man sich jedenfalls anders vor.</p><p>�Und wer von denen ist Ihr Mann?�, warf Sydow aus purer Verlegenheit ein.</p><p>�Der da!�, erwiderte die Frau und zeigte auf das Bild. Sydow trat n�her. Der Mann auf der Parkbank, in der Tat. Gut zu erkennen, obwohl das Foto 20 Jahre alt war. Sydow wollte sich schon wieder abwenden, als sein Blick auf den Mann neben ihm fiel. Er hatte zwar keine Ahnung, wieso. Aber er war sich sicher, dass ihm der schlaksige Seekadett auf dem Bild schon einmal �ber den Weg gelaufen war.</p><p>�Wenn wir Kinder gehabt h�tten, w�re vielleicht alles ganz anders gekommen!� Damit war das Thema Marineschule f�r die Frau anscheinend schon wieder erledigt, und w�hrend Sydow noch nach Worten rang, faltete das Objekt seiner Bem�hungen den Abschiedsbrief ihres Mannes zusammen und gab ihn kommentarlos zur�ck.</p><p>Sydow war wirklich nicht auf den Mund gefallen, aber dazu fiel selbst ihm nichts mehr ein. Er hatte sich alle m�glichen Gedanken gemacht und dann so eine Reaktion.</p><p>Reichlich merkw�rdig. Gelinde gesagt.</p><p>�Falls es Ihnen nichts ausmacht, h�tten wir noch ein paar Fragen!�, fand Klinke als Erster die Sprache wieder, und Sydow war sich nicht sicher, ob dies ironisch zu verstehen war oder nicht. �Aber nur, wenn Sie wirklich dazu in der Lage sind!�</p><p>Die Frau machte eine wegwerfende Geste. Mit welcher Absicht, blieb unklar, und Sydow war auch nicht erpicht darauf, es zu erfahren. Er wollte nur eins, diesen Granitblock zum Reden bringen, und nachdem er Klinke kurz zugenickt hatte, lie� er sich in den ockerfarbenen Pl�schsessel neben der Stehlampe plumpsen.</p><p>Die trauernde Witwe, die definitiv keine war, quittierte es mit eisiger Miene und wandte sich wieder der Verandat�r zu. �Wenn es sein muss!� Sie machte aus ihrem Widerwillen keinen Hehl. �Aber wenn schon, dann bitte rasch!�</p><p>Sydow fragte sich, was denn so wichtig war, dass es mit dem Selbstmord des depressiven, angeblich lebensm�den Gatten konkurrieren konnte, aber da er Klinke nicht ins Handwerk pfuschen wollte, hielt er sich und sein ungest�mes Temperament im Zaum. �Kommt ganz auf Sie an, Frau von M�llendorf!� Klinke gab sich unerwartet barsch.</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Erlauben Sie, dass zun�chst <emphasis>ich</emphasis> die Fragen stelle!�, setzte Klinke noch eins drauf und nahm seinen Notizblock zur Hand. �Also: Wann haben sie Ihren Mann zum letzten Mal lebend gesehen?�</p><p>Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. �Am Mittwoch!�, erwiderte sie schnippisch und strich eine graue Str�hne hinters Ohr. �Bevor er zum Dienst gefahren ist.�</p><p>�Und wann war das?�</p><p>�So gegen 8 Uhr.�</p><p>�Zum Dienst, soso. Und wo?�</p><p>Obwohl die Frau so tat, als lie�en sie die Fragen kalt, zahlte sich Klinkes Provokation umgehend aus. �Wo ein SS-Sturmbannf�hrer gemeinhin zum Dienst zu erscheinen pflegt!�, giftete sie. �Wieso?�</p><p>�Eine harmlose Frage, weiter nichts. Mit anderen Worten, Ihr Mann� wie hie� er doch gleich?�</p><p>Sydow musste an sich halten, um nicht laut loszuprusten. Klinkes treudoofe Art war wirklich nicht zu �bertreffen. Genau richtig, um diese Giftspritze aus der Reserve zu locken.</p><p>�Alfred!�, lautete die Antwort, und die Stimme der Frau h�rte sich so an, als habe ihr Klinke einen unsittlichen Antrag gemacht. �SS-Sturmbannf�hrer Alfred von M�llendorf.�</p><p>�Dienstelle?�</p><p>�Prinz-Albrecht-Stra�e 8. Wo denn sonst?�</p><p>�Referat?�</p><p>Einfach zum Kugeln, dieser Klinke. Sydow k�mpfte mit dem Lachen, obwohl die Angelegenheit eine �beraus ernste war.</p><p>�R�misch vier A vier.�</p><p>�Ihr Hang zur Kryptografie in Ehren, liebe Frau von M�llendorf, aber k�nnten Sie sich vielleicht etwas klarer��</p><p>�Schutzdienst, Attentatsmeldungen und �berwachungen.� Der Widerwille in der Stimme von Klinkes Gespr�chspartnerin erreichte ungeahnte H�hen. �Oder so �hnlich.�</p><p>Klinke pfiff durch die Z�hne. �Nichts f�r schwache Nerven!�, lie� er ebenso treuherzig wie boshaft verlauten.</p><p>�Wieso?�</p><p>�Na ja!�, druckste der bullige Kriminalassistent herum und h�stelte verlegen. �Was immer sein genaues Aufgabengebiet war, hatte er wegen des Attentats auf Heydrich bestimmt jede Menge zu��</p><p>�Wie darf ich das verstehen, Herr� wie war doch gleich Ihr Name?�</p><p>�Erich!�, ahmte Klinke den angewiderten Tonfall seiner Kontrahentin nach. �Kriminalassistent Erich Kalinke.�</p><p>�Na gut, wie immer Sie auch hei�en m�gen��, erwiderte Irene von M�llendorf, drehte sich auf dem Absatz um und musterte Klinke wie einen Dienstboten, der versehentlich den Haupteingang benutzt hat, �ich muss Sie ersuchen, mein Haus umgehend zu��</p><p>�Mein Kompliment!�, fuhr Sydow dazwischen.</p><p>�Und wof�r?�</p><p>�F�r die bewundernswerte Haltung, verehrte Frau von M�llendorf�, antwortete der Kommissar gedehnt, schlug die Beine �bereinander und kramte sein Zigarettenetui aus dem Sakko, �die Sie im Zusammenhang mit dem Freitod Ihres Mannes an den Tag legen.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Damit mir ja kein Fehler unterl�uft, trifft es tats�chlich zu, dass Sie Ihren Mann vor ziemlich genau vier Tagen zum letzten Mal gesehen haben?�</p><p>Irene von M�llendorf deutete ein Nicken an.</p><p>�Ich darf doch wohl annehmen, gn�dige Frau, dass Sie sich entweder bei seiner Dienststelle oder anderweitig �ber seinen Verbleib erkundigt haben? Im Klartext: Wenn der eigene Gatte einfach so von der Bildfl�che verschwindet, w�re es doch wohl das Naheliegendste, einen Telefonh�rer in die Hand zu nehmen und ihn anzurufen, oder nicht?�</p><p>Die verbiesterte Miene seiner Gespr�chspartnerin sprach B�nde. Sydow hatte ins Schwarze getroffen. Die Fassade der Irene von M�llendorf begann zu br�ckeln, s�mtlichen T�uschungsman�vern zum Trotz. �Hei�t das, Sie unterstellen mir, das Schicksal meines Mannes lasse mich kalt?�, trat sie trotz allem die Flucht nach vorne an.</p><p>�Eins nach dem anderen!�, gab der Kommissar jegliche Zur�ckhaltung und den Platz im bequemen Pl�schsessel auf. �Im Grunde bin ich momentan nur an einem interessiert: Haben Sie seit Mittwoch fr�h irgendetwas von Ihrem Mann geh�rt, ja oder nein? F�r den Fall, letzteres tr�fe zu, warum haben Sie keinen Finger ger�hrt, um herauszukriegen, wo Ihre bessere H�lfte abgeblieben ist?�</p><p>Der Hieb sa�. Irene von M�llendorf schlug die Augen nieder und blieb Sydow die Antwort schuldig. Der aber lie� sie gar nicht erst zur Ruhe kommen, steckte sein Zigarettenetui wieder ein und fragte: �Ich darf doch wohl annehmen, dass es einen Grund f�r Ihr�gelinde gesagt�reichlich merkw�rdiges Verhalten gibt?�</p><p>�Den gibt es.�</p><p>�Und welchen?�</p><p>Wenn Irene von M�llendorf wie eine trauernde Witwe aussah, dann in diesem Moment. Gerade so, als habe sie die Todesnachricht eben erst erreicht. Sydow suchte ihren Blick, aber sie wich ihm aus, suchte Halt an der Tischkante und lie� sich auf einen der St�hle sinken.</p><p>Sydow hatte in ein Wespennest gestochen, die Frage war nur, in welches. �Wollen Sie oder k�nnen Sie nicht antworten?�, fragte er und lie� den Blick durch das blitzblanke Wohnzimmer schweifen. Alles tipptopp, dachte er voller Neid. Bei ihm zu Hause sah es da schon wesentlich unordentlicher aus. Um nicht zu sagen chaotisch. Kein Wunder, dass Evelyn Hals �ber Kopf verduftet war. Genau genommen konnte man es ihr wirklich nicht verdenken. Anders dieses Wohnzimmer hier. Keine Klamotten, die �berall herumlagen, keine leeren Bierflaschen, kein dreckiges Geschirr. Verglichen mit seiner Bruchbude wirkte das Einfamilienhaus der M�llendorfs wie das genaue Gegenteil. Das fing mit dem Hitlerbild an und h�rte mit der geh�kelten Tischdecke, dem Volksempf�nger und allerlei Nippes auf der Anrichte auf. Die perfekte Nazi-Idylle, wenn nur diese Frau nicht gewesen w�re, die mehr Haare auf den Z�hnen hatte als er und Klinke am ganzen K�rper.</p><p>Ein verlegenes R�uspern schreckte Sydow aus seinen Gedanken auf. Mit dem Auftreten nach Gutsherrenart, das seine Kontrahentin offenbar perfekt beherrschte, war es anscheinend endg�ltig vorbei. Frau von M�llendorf k�mpfte mit den Tr�nen. Ein Anblick, an den sich Tom Sydow erst noch gew�hnen musste.</p><p>�Gibt es irgendetwas, das Sie uns zu sagen haben, gn�dige Frau?�, meldete sich Klinke zu Wort, tauschte einen Blick mit seinem Vorgesetzten und steckte seinen Notizblock ein.</p><p>Irene von M�llendorf wischte sich eine Tr�ne aus dem Augenwinkel und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wenn Sie etwas zum Stand der Ermittlungen beizutragen haben, dann bitte gleich.�</p><p>�Ermittlungen?�</p><p>�In der Tat.�</p><p>�Und weshalb?�</p><p>�Weil die M�glichkeit besteht, dass der Freitod Ihres Mannes keiner war�, nahm Sydow erneut das Heft in die Hand.</p><p>Irene von M�llendorf wurde aschfahl, und ihre Lippen, nicht viel mehr als ein Strich, begannen zu zittern. �Vermutungen, die auf Fakten beruhen?�, gab sie mit kaum h�rbarer Stimme zur�ck.</p><p>�Gegenfrage, verehrte gn�dige Frau. Ist Ihr verstorbener Gatte Links- oder Rechtsh�nder gewesen?� Sydow konnte Klinkes �berraschten Blick im Nacken sp�ren, lie� sich jedoch nicht beirren.</p><p>�Ich w�sste nicht, welche Rolle das jetzt noch spielt.�</p><p>�Eine nicht zu untersch�tzende, f�rchte ich.�</p><p>�Und welche?�</p><p>�Bei allem Verst�ndnis f�r Ihre Situation�bitte tun Sie mir den Gefallen und beantworten meine Frage.� Sydow wunderte sich, warum ihm die Idee erst jetzt gekommen war. Ein Grund mehr, mit dem Saufen aufzuh�ren, dachte er, umrundete den Tisch und blieb unmittelbar neben seiner Gespr�chspartnerin stehen. �War Ihr Mann Rechtsh�nder�ja oder nein?�</p><p>�Nein.�</p><p>�In diesem Fall, f�rchte ich, wird dies nicht unser letztes Plauderst�ndchen mit Ihnen gewesen sein.�</p><p>Irene von M�llendorf fuhr herum und sah Sydow schreckerf�llt an. �Hei�t das, ich stehe unter Verdacht?�, wimmerte sie.</p><p>�<emphasis>Das</emphasis> wohl kaum!�, entgegnete Sydow, wobei er das Gef�hl nicht loswurde, zu weit gegangen zu sein.</p><p>�Wer dann?�</p><p>�Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Frage mit einer weiteren Gegenfrage beantworte.�</p><p>�Nur zu.�</p><p>�Aus welchem Grund tragen Sie eigentlich Handschuhe, gn�dige Frau?�</p><p>�Eine Entz�ndung. Vermutlich das falsche Geschirrsp�lmittel. Wieso?�</p><p>�Komisch�ich dachte immer, jemand in Ihrer Position kann sich locker eine Zugehfrau leisten!�, antwortete Sydow, gab Klinke einen Wink und schlenderte mit demonstrativer Gelassenheit zur T�r.</p><p>�Kann ich auch!�, fand Irene von M�llendorf allm�hlich wieder zu alter Form zur�ck. �Wo liegt dann das Problem?�</p><p>�Das Problem, Gn�digste, liegt darin, dass sich die Gestapo vermutlich nicht mit Daumenschrauben begn�gen wird!�, fuhr Sydow sie an. �Wenn die jemanden auf dem Kieker haben, k�nnen die Jungs aus der Prinz-Albrecht-Stra�e verdammt nachtragend sein!�</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>�Mal ehrlich, musste das wirklich sein?� Endlich wieder an der frischen Luft, �ffnete Klinke den Hemdkragen und atmete tief durch.</p><p>Sydow antwortete mit einem Achselzucken. �Keine Ahnung!�, brummelte er vergr�tzt, steckte sich eine Zigarette an und lie� das Streichholz in den n�chstbesten Gully fallen. �Eins ist jedenfalls klar, die gute Frau l�gt wie gedruckt. Darauf kannst du Gift nehmen.�</p><p>�Nach dir, Herr Kommissar!�, gab Klinke g�nzlich unbeeindruckt zur�ck. �Und wenn sie Schiss hat, was dann?�</p><p>�Na, du machst mir vielleicht Spa�!�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Da spielt diese Scharteke Katz und Maus mit uns, und unser Berliner Teddy mit den Riesenkulleraugen kriegt sich vor Mitleid fast nicht mehr ein!�</p><p>�Na, na, na! Jetzt mach aber mal halblang! Redet man so �ber eine Dame aus adligem Haus? Noch dazu, wenn man selbst blaues Blut in den Adern hat?�</p><p>�Ach, rutsch mir doch mitsamt deinem Kreuzberger Karnickelstall den Buckel runter!�</p><p>�Ganz wie Ihre Lordschaft w�nschen!�, frotzelte Klinke drauflos. �Wenn wir die Sache hinter uns gebracht haben, stehen Edith, die Kinder und meine Wenigkeit Ihnen gerne zur Verf�gung! Aber im Ernst, was liegt als N�chstes an?�</p><p>�Erst mal schauen, was die Spurensicherung sagt. Dann sehen wir weiter.�</p><p>�Ich sags ja nicht gerne, aber das mit dem Linksh�nder war ein Geistesblitz der G�teklasse A.�</p><p>�Verbindlichsten Dank. Was das bedeutet, muss ich dir ja wohl nicht sagen.�</p><p>��rger hoch drei, ich wei�.� Auf einmal war Klinke das Frotzeln vergangen, und er machte ein betretenes Gesicht. �Sollte sich best�tigen, dass sich der Herr Sturmbannf�hrer nicht selbst die Kugel gegeben hat, haben wir ein Problem.�</p><p>�Ich w�sste nicht, wieso.�</p><p>�Was soll denn das jetzt schon wieder hei�en?�</p><p>Im Begriff, Klinke eine Antwort zu geben, drehte sich Sydow instinktiv um. Zu Recht, wie ein Blick auf die hin und her schaukelnden Wohnzimmergardinen bewies. Der Kommissar tat so, als sei ihm nichts aufgefallen und lie� den Blick �ber das nagelneue Anwesen mit Vorgarten schweifen. Nichts f�r kleine Geldbeutel, dachte er. F�r Haus und Garten hatte der Herr Sturmbannf�hrer gut und gerne 120Reichsmark berappen m�ssen, wenn das mal reichte. Weit mehr jedenfalls, als ein Arbeiter im Monat verdiente. Blanker Hohn, wenn man das Gefasel von der Volksgemeinschaft f�r bare M�nze nahm. Sydow verzog das Gesicht. Kein Wunder, dass er immer �fter �ber die Str�nge schlug.</p><p>�Was das hei�en soll?�, schreckte Sydow aus seinen Gedanken auf. �Doch wohl nichts anderes, als dass wir auf dem besten Weg sind, jemand ganz Bestimmtem in die Quere zu kommen! Oder bildest du dir ein, Moebius und seine zwei Berggorillas sind rein zuf�llig aufgekreuzt? Etwa, um uns guten Morgen zu w�nschen? Komm schon, Klinke, das glaubst du doch wohl selber nicht! Da steckt mehr dahinter, wesentlich mehr. Die Sache stinkt, und zwar gewaltig!�</p><p>Klinke brauchte zwei, drei Sekunden, um die Pointe zu verdauen, und nachdem das der Fall war, hatte sich sein optimistisches Naturell in Luft aufgel�st. �Daher also die Schnapsidee, die Leiche nicht von Boehm, sondern von deinem Kumpel an der Charit� obduzieren zu lassen!�, antwortete er gedr�ckt und schwieg sich geraume Zeit aus. �Wenn das mal keinen �rger gibt!�</p><p>�Den gibts gratis, darauf kannst du wetten!�</p><p>�Lieber nicht!� Klinke brach abrupt ab, kramte seine Autoschl�ssel hervor und machte Anstalten, die Stra�e zu �berqueren. Kurz bevor er den VW-K�belwagen auf der anderen Seite erreichte, drehte er sich zu Sydow um, der ihm auf dem Fu�e folgte.</p><p>�F�r den Fall, dass du recht hast, ist die Kacke ja wohl gewaltig am Dampfen!�, raunte er ihm �ber die Schulter zu. �Auf die Gefahr, weiter in deiner Achtung zu sinken: Ich f�r meinen Teil kann es immer noch nicht so richtig��</p><p>Weiter kam Klinke nicht.</p><p>Der Mercedes Benz 230 kam von rechts. Die Sonne blendete ihn, und vielleicht war das auch der Grund, warum Sydows Assistent das dunkle Cabriolet zun�chst nicht bemerkte.</p><p>Nur ein, zwei Schritte. Dann w�re er aus dem Schneider gewesen. Egal, ob die Limousine mit 100 Sachen vorbeidonnerte oder nicht. So aber blieb Klinke wie auf dem Pr�sentierteller stehen. Gut zwei Zentner geballte Kraft, die sich keinen Millimeter von der Stelle r�hrten.</p><p>Genau so, wie man es von ihm erwartete.</p><p>Als der Fahrer der Limousine einen h�heren Gang einlegte, heulte der Sechszylinder-Motor kurz auf. Auf der Windschutzscheibe spiegelte sich die Sonne, der Grund, weshalb Sydow die Insassen nicht sah.</p><p>Aber das war auch nicht n�tig. Er wusste auch so, wer sich dahinter verbarg.</p><p>Und reagierte entsprechend.</p><p>W�hrend Klinke in einer reflexartigen Bewegung die Augen �berschattete, war Sydow schon �ber ihm. Der Mercedes war nur noch wenige Meter entfernt, das Motorenger�usch so laut, dass es s�mtliche Sinne l�hmte.</p><p>Sekundenbruchteile sp�ter war bereits alles vor�ber. Klinke landete auf der K�hlerhaube, Sydow auf dem knochenharten Asphalt. Bevor er sich aufrappelte, immer noch auf allen Vieren, sah er der davonrasenden Limousine hinterher. Zu sp�t. Sie war bereits hinter der n�chsten Biegung verschwunden.</p><p>�Noch Fragen?�, war das Erste, was Klinke zu h�ren bekam, als er sich langsam von seinem Schreck erholte.</p><p>Kriminalassistent Erich Kalinke sch�ttelte den Kopf. Er hatte genug gesehen.</p><p>Genug, um sich nicht gro� dar�ber zu wundern, dass seine Berliner Schnauze f�rs Erste den Geist aufgab.</p><empty-line/></section><section><p><sub>10</sub></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Stalins Datscha in Kunzewo bei Moskau� | 11.30h OZ</emphasis></p><empty-line/><p>�Neuigkeiten von der Front?�</p><p>Lawrenti Berija, NKWD-Chef und meistgef�rchteter Mann der Sowjetunion, schob seine Tasse weg, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Er war 42, mittelgro� und Kaukasier, und vor allem war er v�llig skrupellos. F�r seine Mitmenschen hatte er nur Verachtung �brig, mit Ausnahme des Mannes, dem er gegen�bersa�. Der einzige Mensch, in dessen Gegenwart ihn eine seltene Gef�hlsregung beschlich: Angst.</p><p>Und deshalb, nicht etwa aus Unwissenheit, �berlegte sich der allm�chtige Geheimdienstchef seine Antwort genau. �Wie hei�t es doch so sch�n?�, wagte er einen makaberen Scherz. �Im Westen nichts Neues!�</p><p>�Mit anderen Worten?� Der Kopf hinter der Titelseite der �Prawda�, von dem nur das volle, nach hinten gek�mmte Haar zu sehen war, r�hrte sich keinen Zentimeter. �Wie ist die Lage?�</p><p>Berija fingerte nerv�s an seinem Brillengestell herum. �Ernst, aber nicht hoffnungslos, Josef Wissarionowitsch.�</p><p>�Im Klartext?�</p><p>�Leningrad im W�rgegriff, Kiew besetzt, Moskau aus dem Schneider. F�rs Erste jedenfalls.�</p><p>�Na klar, sonst s��en wir beide ja nicht hier. Und im S�dosten?�</p><p>�Kaum Aussicht auf Erfolg.� Berija schloss die Augen und massierte die zerfurchte Stirn. �Sewastopol unter schwerem Beschuss, die Deutschen auf dem Vormarsch.�</p><p>�Sonst noch was?�</p><p>�Nein, Josef Wissarionowitsch.�</p><p>�Nicht gerade vielversprechend.�</p><p>�Allerdings, Josef��</p><p>�Zur Sache, Lawrenti Pawlowitsch. Wir m�ssen uns etwas einfallen lassen, und zwar schnell.�</p><p>Als sein knapp 54-j�hriger Tischnachbar die Lekt�re der Parteizeitung beendet hatte, nahm Lawrenti Berija instinktiv Haltung an. Er hasste sich daf�r, obwohl er diesbez�glich nicht allein war. Vor Stalin hatten sie n�mlich alle Angst, je h�her, desto mehr. �Ganz recht, Josef Wissarionowitsch. Ich w�sste nur zu gern, wie.�</p><p>Wie immer, wenn er jemanden unter Druck setzen wollte, schwieg sich Stalin aus. Die gelbbraunen Augen wirkten wie leblos, die Unterlippe wie ein farbloser Strich. Berija hielt den Atem an. Der Mann, vor dem Millionen zitterten, pockennarbig, schnauzb�rtig und hintertrieben wie kaum ein Zweiter, hatte es wieder einmal geschafft. Sogar er, Herr der Lubjanka, hatte Angst vor ihm. Vor allem dann, wenn er mit Stalin alleine war. Wie jetzt, in diesem Moment.</p><p>W�hrend der rote Zar seine Pfeife anz�ndete, dachte Berija angestrengt nach. Die Stille auf der Terrasse des etwa sieben Hektar gro�en, von Wiesen, G�rten und Fichten umgebenen Anwesens hatte etwas Bedrohliches an sich, trotz oder gerade wegen der f�nf Meter hohen Palisade, mit der es umgeben war. Es war die Stille vor der Entscheidung, die Ruhe vor dem Sturm.</p><p>�Und? Irgendwelche Ideen?� Stalin schnippte das Streichholz in den Aschenbecher, schlug die Beine �bereinander und lie� sich in seinen Korbsessel sinken. Ganz anders Berija, dessen Blick auf dem mit Akten, Depeschen und pers�nlichen Papieren �bers�ten Gartentisch hin und her irrte.</p><p>�Wenn ich ehrlich bin, nein!�, h�rte sich seine Antwort etwas kl�glich an.</p><p>�Hm.� Stalin zog an seiner Pfeife, nahm die Schirmm�tze ab und kratzte sich hinterm Ohr. Bevor Berija dar�ber nachgr�beln konnte, ob dies etwa ein schlechtes Zeichen sei, sagte er: �Scheint so, als w�rde sich unser Tanz auf dem Drahtseil noch eine Weile in die L�nge ziehen.�</p><p>Berija schaltete sofort, ein f�r das �berleben in Stalins Umgebung unverzichtbares Requisit. �Wenn Sie die Geheimverhandlungen mit den Deutschen meinen, Josef Wissarion��</p><p>�Genau die meine ich, <emphasis>Genosse Berija</emphasis>.�</p><p>Also doch. Er h�tte es sich denken k�nnen. Berija schob seine randlose Brille hoch, massierte die Nasenfl�gel und r�ckte das Gestell anschlie�end auf umst�ndliche Weise zurecht. Der erhoffte Zeitgewinn war jedoch gering. Er musste sich etwas einfallen lassen, umso mehr, als er anderer Meinung war.</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob eine Wiederaufnahme der Geheimverhandlungen mit den Deutschen der richtige Weg ist, um uns aus der gegenw�rtigen, zugegebenerma�en �u�erst prek�ren Situation zu��</p><p>�Aber ich.�</p><p>Stalin sah Berija nicht einmal an, sondern lie� einen Rauchkringel aufsteigen und den Blick �ber die mit Zierpflanzen, Rabatten und Blumenk�beln umgebene Veranda schweifen.</p><p>Berija schluckte. �Wenn dem tats�chlich so ist�, �nderte er seinen Kurs, �gebe ich zu bedenken, dass dabei mit �u�erster Vorsicht zu Werke gegangen werden muss.�</p><p>�Das versteht sich ja wohl von selbst. Wenn Roosevelt und Churchill etwas mitkriegen, wird das sicherlich Konsequenzen haben.�</p><p>�Und nicht zu knapp, Josef Wissarionowitsch. Zumal nach Heydrichs Tod vor drei Tagen etliche Kontakte neu gekn�pft werden m�ssen. Damit nur ja nichts in falsche H�nde ger�t. Kaum auszudenken, wenn irgendetwas davon nach au�en dringt. Wir w�ren blamiert bis auf die Knochen, von Spannungen innerhalb der Kriegsallianz nicht zu reden.�</p><p>�Sind Sie sich da so sicher, Lawrenti Pawlowitsch? Die Yankees und die Briten brauchen uns, sonst k�nnen die den Krieg doch glatt vergessen!�</p><p>Berija l�chelte gequ�lt. �Besser, es diesbez�glich nicht darauf ankommen zu lassen, Josef Wissarionowitsch, oder nicht?�</p><p>�Mag sein.� Auf einmal war Stalin nachdenklich geworden. �Bekannterma�en ist diesem Hitler ja wohl nicht zu trauen.�</p><p>�Und selbst wenn�die Deutschen werden einen hohen Preis verlangen. Das Baltikum, Wei�russland, die Ukraine�m�glicherweise sogar die Krim. Ein zu hoher Preis, wie ich finde.�</p><p>Stalin rieb sich nachdenklich das Kinn. �Na gut!�, gestand er widerwillig ein. �Lassen wir die Sache lieber bleiben und hoffen, dass sich die Dinge zu unserem Vorteil entwickeln. Trotz der hohen Verluste, die wir dabei unweigerlich in Kauf nehmen m�ssen.�</p><p>�Vollkommen richtig, Josef Wissarionowitsch. Lassen wir die Vergangenheit lieber ruhen. Dementsprechend gering wird die Gefahr sein, dass irgendjemand etwas von unseren Geheimverhandlungen mit den Deutschen��</p><p>Die Schritte auf dem Kiesbelag waren so eilig, dass Lawrenti Berija prompt den Faden verlor. Bleich wie der Tod dachte er zuerst an das Schlimmste, n�mlich seine Verhaftung, sprang auf und wirbelte herum. Kaum hatte er in dem Ank�mmling jedoch seinen Adjutanten erkannt, entspannte er sich wieder. Zu fr�h, wie ihm schmerzlich bewusst werden sollte: �Genosse Stalin, Lawrenti Pawlowitsch!�, stie� der v�llig au�er Atem geratene NKWD-Leutnant hervor und kam erst kurz vor dem Gartentisch zum Stehen. �Dringende Nachrichten aus Berlin!�</p><p>�Und die w�ren?�, lie� Stalin mit stoischer Gelassenheit verlauten, aber da hielt Berija die Depesche bereits in der Hand.</p><p>�Danke, Karganowitsch, Sie k�nnen gehen!�, war alles, was Berija noch herausbrachte.</p><p>�Dann musste er sich setzten.</p><p>��Neuigkeiten?�</p><p>Berija antwortete nicht sofort, las die Nachricht zum zweiten, kurz darauf zum dritten Mal. Er war kreidebleich, so konfus, wie er es sich selbst nicht h�tte vorstellen k�nnen. �Und ob!�, stammelte er und lie� den Brief auf die zitternden Knie sinken.</p><p>�Jetzt machen Sie es halt nicht so spannend, Lawrenti Pawlowitsch!�, forderte ihn Stalin mit sp�ttischer Miene auf. Aber selbst ihm sollte das Lachen noch vergehen.</p><p>�Eine Katastrophe, Genosse Stalin. Eine blanke Katastrophe!�, antwortete Berija, wobei es ihn nicht mehr in seinem Korbsessel hielt.</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Heydrichs Geheimsafe ist geknackt worden. S�mtliche Unterlagen sind verschwunden, inklusive der Gespr�chsprotokolle, die w�hrend und nach meinen Geheimverhandlungen mit den Deutschen angefertigt wurden.�</p><p>�Was? Das darf doch wohl nicht wahr sein!�</p><p>�Ist es aber!�, erwiderte Berija geknickt.</p><p>�Woher wissen Sie das?�</p><p>�Von einer unserer Quellen in Berlin.�</p><p>�Zuverl�ssig?�</p><p>�Mit Verlaub, Genosse, das Beste, was wir momentan zu bieten haben. Eine Speerspitze der Arbeiterklasse, ohne Fehl und Tadel.�</p><p>Stalin klopfte den Pfeifenkopf aus, nahm die �Prawda� in die Hand und faltete sie seelenruhig auseinander. �Wenn dem so ist, Genosse, wird es vermutlich ein Kinderspiel sein, mithilfe dieses Wundermannes wieder in den Besitz dieser Geheimprotokolle zu kommen!�</p><p>�Bei allem geb�hrenden Respekt, Josef Wissarionowitsch: Mein bestes Pferd im Stall ist eine Frau.�</p><p>Stalin blickte �berrascht auf. �Eine Frau? Wie das?�</p><p>Berija schmunzelte. �Gl�ck f�r uns, dass der mutma�liche Dieb offenbar nichts Besseres zu tun hatte, als sich nach getaner Arbeit��</p><p>�... in einem Bordell zu entspannen, stimmts?�</p><p>�Woher��</p><p>�Woher ich das wei�, Lawrenti Pawlowitsch?�, w�rgte Stalin seinen Geheimdienstchef mit hintergr�ndigem L�cheln ab. �Erfahrung, Genosse, weiter nichts. Und das Gespr�chsprotokoll?�</p><p>�Nicht auffindbar.�</p><p>�Eine reizvolle Aufgabe, in der Tat.�</p><p>�Wie meinen, Josef Wissarionowitsch?�, lie� Berija kl�glich verlauten.</p><p>�Was ich damit meine, Lawrenti Pawlowitsch, liegt doch wohl auf der Hand.�</p><p>�Ach, ja?�</p><p>�Aber gewiss doch!�, versetzte Stalin mit sichtlichem Vergn�gen. �Sie beziehungsweise Ihre sagenumwobene Spezialagentin in Berlin werden alles daransetzen, um in den Besitz von Heydrichs Geheimakten zu gelangen. Koste es, was es wolle.�</p><p>�Nicht gerade ein Kinderspiel, Josef Wissarionowitsch.�</p><p>�Und warum?�</p><p>�Besagter Agentin zufolge wurde der Mann, der die Geheimakten mitgehen lie�, anscheinend bereits liquidiert.�</p><p>�Und wo liegt dann das Problem?�</p><p>�Wie bereits erw�hnt, Genosse Stalin, liegt das Problem darin, dass kein Mensch, nicht einmal unsere Kontaktperson, die leiseste Ahnung hat, wo die Geheimunterlagen abgeblieben sind.�</p><p>�Umso gr��er der Anreiz, Genosse Berija, Ihr K�nnen wieder einmal unter Beweis zu stellen!�, antwortete Stalin mit boshaftem L�cheln und wandte sich wieder seiner Lekt�re zu. �Ich denke, Sie wissen am besten, was in einem derartigen Fall zu tun ist!�</p><p>Berija nickte. Oh ja, das wusste er. Schlie�lich hing sein �berleben davon ab. Und das nicht nur im �bertragenen Sinn.</p><p>Und wenn es darum ging, es zu sichern, war Lawrenti Berija schon immer extrem erfinderisch gewesen.</p><empty-line/></section><section><p><sub>11</sub></p><p><emphasis>Berlin-Sch�neberg, Hohenstaufenstra�e��������� | 09.30h</emphasis></p><empty-line/><p>Ein nagelneues Namensschild. Genau dort, wo fr�her ihr Name stand. Das tat weh, weit mehr als k�rperlicher Schmerz.</p><p>Die junge Frau mit den �berschatteten Augen, dem ausgemergelten Gesicht und der durchgeschwitzten Bluse war wie bet�ubt. Einfach unm�glich so etwas zu begreifen! Jetzt und auch in Zukunft.</p><p>Aber so war das eben. So wie ihr ging es Hunderten, ach was, Tausenden von Juden in Berlin. �ber Rebeccas Gesicht huschte ein ironisches L�cheln. Wenigstens die Klingel war noch die gleiche. Ein schwacher Trost, aber immerhin.</p><p>Und dennoch, sie w�rde dar�ber hinwegkommen. Wie �ber so vieles, was ihr in den vergangenen Wochen und Monaten widerfahren war. Nicht mit mir, schwor sie sich. Nicht mit Rebecca Kahn. So wahr Gott ihr Zeuge war.</p><p>�Wat denn, Kind, wie siehst du denn aus?�</p><p>W�re ihr die Stimme in ihrem R�cken nicht bekannt vorgekommen, h�tte Rebecca das Weite gesucht. So aber gelang es ihr, wenigstens eine Spur von Gelassenheit an den Tag zu legen und sich ohne gro�e Hektik umzudrehen. Da sich die Frage jedoch von selbst beantwortete, war ein gequ�ltes L�cheln das Einzige, wozu sie sich aufraffen konnte.</p><p>�Nerven haste, det muss dir der Neid lassen�, keuchte die �bergewichtige, knapp 60-j�hrige Frau, griff sich an die H�fte und r�ckte so nahe wie m�glich an Rebecca heran.</p><p>�Gut m�glich, aber ich wollte einfach noch einmal nach Hause!�, entgegnete Rebecca unbeirrt und lie� den Blick �ber das f�nfst�ckige Mietshaus wandern. Noch war wenig Verkehr auf der Stra�e, und so fiel ihr Zwiegespr�ch mit der �ltlichen Matrone nicht sonderlich auf.</p><p>Noch nicht.</p><p>Die Frau im Sonntagsornat, aus dem der altmodische Hut, Schirm und die schwarz ger�nderte Handtasche besonders hervorstachen, keuchte wie eine Lokomotive. �Keene jute Idee!�, stie� sie m�hsam hervor. �Wenn det eener mitkriegt, biste jeliefert, det kannste mir glauben.�</p><p>�Wenn ich mir �ber eins im Klaren bin, dann dar�ber, Mutter Schulze!�, antwortete Rebecca und machte Anstalten zu gehen.</p><p>�Wat denn, wat denn, Rebeccachen, so schnell schei�en de Nazis nich!�</p><p>Beim Anblick der Frau, die so aussah, als sei sie einem Notizbuch von Zille entsprungen, musste Rebecca unwillk�rlich l�cheln. Und das, obwohl ihr beileibe nicht danach zumute war.</p><p>�Wo haste denn die janze Zeit �ber jesteckt?�</p><p>�Das behalte ich lieber f�r mich, Mutter Schulze.�</p><p>�Und deene Mutter?�</p><p>W�hrend die Hand am T�rpfosten Halt suchte, sackte Rebeccas Kopf kraftlos nach vorn. Die Tr�nen schossen ihr nur so in die Augen, ob sie wollte oder nicht.</p><p>�Det janze braune Pack soll meenetwegen doch glatt die Kr�tze kriegen!�, polterte Rebeccas ehemalige Nachbarin drauflos und erg�nzte: �Keene Angst, Rebeccachen, ne olle Scharteke wie ick kann ab und zu ruhig die Klappe aufrei�en! Wat kann mir denn schon noch passieren!�</p><p>�Nicht b�se sein, Mutter Schulze. Aber sind Sie sicher, dass Sie eine Ahnung haben, was einem heutzutage so alles passieren kann?�</p><p>Hermine Schulze, Kriegerwitwe und stolze Besitzerin eines Tr�delladens, lie� es bei einem Kopfnicken bewenden, hakte sich bei ihr unter und schleifte sie mit sich fort. �Wee� ick, Rebeccachen, wee� ick!�, bekr�ftigte sie. �Dat Adolf hat euch Juden b�se mitjespielt! Und det mit deene Mutter�ick kriegs in meene matschige Birne nich rinn! Und dann erst die Sache mit Papa Kahn�anst�ndijer als s�mtliche Parteibonzen zusammen! Eisernes Kreuz�det musste dir mal vorstellen!�</p><p>�Danke, Mutter Schulze, aber ich denke, ich muss jetzt langsam wieder��</p><p>�Gar n�scht musste, Rebeccachen, gar n�scht. Erst p�ppele ick dir wiedern bisscken uff, un dann wirds schon weitergehn!�</p><p>�... gehen, sonst��</p><p>�Papperlapapp! N�scht wie rinn in meene Kabuff, bevor der Herr Blockwart am Ende noch Lunte riecht!�</p><p>�Ich wei� es zu sch�tzen, Mutter Schulze�ehrlich! Aber wenn Sie sich mit mir abgeben, werden Sie und Ihr Sohn eine Menge Scherereien��</p><p>�Nur die Ruhe! Bis jetzt sind wir zwo ollen Tratschweiber niemandem uffjefallen, un dat soll ja wohl ooch so bleiben, nich wahr? Un wat meen Kalle anjeht�den hamse einjezogen!�</p><p>�Und wohin?�</p><p>�Russland. Erst jestern hat er mirn Feldpostbrief jeschickt. Riesenschlamassel, aber sonst jehts ihm jut!�</p><p>�Hoffen wir, dass es auch so bleibt!�</p><p>�Recht haste, Rebeccachen! Dat Problem is nur, dat se bald wieder in Marsch jesetzt werden.�</p><p>�Der �rmste! Und wohin?�</p><p>�Wat wee� ick! Irjendn Kaff an der Wolga�ick gloob, es hee�t Stalingrad!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>12</sub></p><p><emphasis>Berlin-Tiergarten, Ost-West-Achse����������������� | 09.45h</emphasis></p><empty-line/><p>�Klarer Fall von Mord, keine Frage!�, sagte Klinke und �berholte eine BMW R 35, die mit �berh�hter Geschwindigkeit �ber die Ost-West-Achse preschte. Der Fahrer verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und bremste ab. �Aber wieso?�</p><p>�Eben!�, antwortete Sydow, als der VW-K�belwagen wieder auf der rechten Spur einf�delte.</p><p>�Wieso? Und vor allem, was hat die Gestapo damit zu tun?�</p><p>�Glaubst du, die haben von M�llendorf auf dem Gewissen?�</p><p>�Keine Ahnung. Fest steht, dass sie uns aus dem Verkehr ziehen wollten. Oder vielmehr wollen. Und das offensichtlich mit allen Mitteln. Jede Wette, dass uns dieser Moebius demn�chst wieder auf die Pelle r�ckt.�</p><p>�Mit anderen Worten, die Sache ist eine Nummer zu gro� f�r uns und wir sollten uns �berlegen, ob wir nicht lieber die Finger davon lassen.�</p><p>Um seinen Kater endg�ltig in die Flucht zu schlagen, kurbelte Sydow das Fenster herunter, legte den Ellbogen auf die Kante und lehnte sich zur�ck. �Auf keinen Fall!�, entschied er sofort. �Es sei denn, dir wird die Sache zu hei�. Wegen Edith und der Kinder, meine ich.�</p><p>�Und wenn schon!�, gab Klinke achselzuckend, aber wenig �berzeugend zur�ck, reihte sich in den Kreisverkehr an der Siegess�ule ein, um ihn gleich darauf in Richtung Brandenburger Tor wieder zu verlassen.</p><p>�Sieben Kilometer betonierte Angeberei, Kandelaber, S�ulen und was wei� ich nicht alles f�r ein Schrott! Und das zum Spottpreis von 60 Millionen im Jahr! Wenn dieser Speer keine Meise hat, will ich Winston Churchill hei�en!�, grummelte Sydow vor sich hin.</p><p>�Lieber nicht!�, ging Klinke bereitwillig auf den Themenwechsel ein. �Dazu bist du einfach nicht sch�n genug! Von mangelnder Trinkfestigkeit gar nicht zu reden.�</p><p>�Hahaha! Sehr witzig!�, blaffte Sydow, w�hrend sein Magen h�rbar zu rebellieren begann. �Ist ja nicht jeder so grundsolide wie du.�</p><p>�Nee. Neidisch?�</p><p>�Nicht die Bohne. Auf die Gefahr, dass du gleich eingeschnappt bist. So etwas wie bei dir und Edith ist einfach nichts f�r mich.�</p><p>�Sagst <emphasis>du</emphasis>.�</p><p>�Wei� ich.�</p><p>�Na gut!�, antwortete Klinke pikiert, w�hrend seine Finger auf dem Lenkrad herumtrommelten. Mit einem verkaterten Tom Sydow war nicht gut Kirschen essen, deshalb hielt er lieber den Mund.</p><p>�Sauer?�, brach dieser erst kurz vor dem Brandenburger Tor sein Schweigen.</p><p>�Sauer? Ich? Wenn, dann h�chstens, weil wegen der Beerdigung von Heydrich so viel��</p><p>�Was hast du da eben gesagt?�</p><p>�� Theater gemacht wird. Sag mal, h�rst du mir �berhaupt zu?�</p><p>�Aber klar doch, tu ich!�, warf Sydow halbherzig ein und starrte die �berdimensionalen schwarzen Stoffbahnen, Vorboten des Staatsbegr�bnisses in zwei Tagen, mit nachdenklicher Miene an.</p><p>�Was ist denn auf einmal mit dir los?�</p><p>�Nichts!�, beteuerte Sydow, w�hrend sie die S�ulenhalle hinter dem Tor passierten, vor der die Ehrenformation der SS Aufstellung nahm. Auf dem Boulevard Unter den Linden das gleiche Bild: S�ulen, mit Trauerflor drapiert, Fahnen auf Halbmast und noch mehr Hakenkreuzfahnen als sonst. Eine Atmosph�re, die das Wort �gespenstisch� nur unzureichend beschrieb.</p><p>�Scheint mir aber nicht so!�</p><p>�Gegenfrage, erinnerst du dich an das Bild im Wohnzimmer der M�llendorfs?�</p><p>�Was zum Teufel hat das mit der Beerdigung von Heydrich��</p><p>�Erkl�r ich dir gleich. Erinnerst du dich an das Bild, ja oder nein?�</p><p>�Denkst du vielleicht, ich bin verkalkt oder was? Klar erinnere ich mich dran!�</p><p>�Und an ihre Reaktion, als die Rede auf Heydrich kam?�</p><p>�Logisch.�</p><p>�Auch daran, wie mir die gute Frau ihren Herzallerliebsten gezeigt hat?�</p><p>Klinke grinste verschmitzt. �Und ob! Als w�re es ein Aktfoto von ihm. Falls es das ist, worauf du anspielst.�</p><p>�Nicht ganz.�</p><p>�Auf was dann?�</p><p>�Auf die blonde Bohnenstange, die neben ihm stand. F�ngt es vielleicht jetzt an zu klingeln?�</p><p>�Nicht wirklich. Wieso?�</p><p>�Drei Mal darfst du raten, wer das war!�</p><p>�Und wer, bitte sch�n, sollte es deiner Meinung nach gewesen sein? Komm schon�lass dir doch nicht andauernd die W�rmer aus der Nase ziehen!�</p><p>�Es war Heydrich. Und dir, Kriminalassistent Erich Kalinke, wohnhaft in Kreuzberg, Mariannenstra�e, geb�hrt das Verdienst, mich auf diese Spur gebracht zu haben.�</p><p>�Heydrich? Bist du dir da auch absolut sicher?�</p><p>�So ziemlich.�</p><p>�Na sch�n, nehmen wir an, du hast recht. Was hat das deiner Meinung nach zu bedeuten?�</p><p>�Dass es zwischen dem Attentat auf Heydrich und der Ermordung M�llendorfs m�glicherweise eine, wie auch immer geartete, Verbindung gibt. Das hat es zu bedeuten!�</p><p>W�re Klinke nicht gerade am Zebrastreifen vor der Staatsoper gestanden, h�tte er wahrscheinlich eine Vollbremsung gemacht. Vor Schreck, wie seine konsternierte Miene bewies: �Und selbst wenn es sie g�be�, polterte er, �was, glaubst du, ist los, wenn wir in diese Richtung ermitteln? Ein Wespennest ist nichts dagegen. Dann geht es wirklich aufs Ganze. Anders ausgedr�ckt, da k�nnen wir uns ja gleich einen Strick kaufen!�</p><p>�Das k�nnen wir sowieso!�, lie� Sydow nach einem Blick in den R�ckspiegel verlauten.</p><p>�Sehr witzig! Komm schon, Tom! Du bist doch lange genug in der Firma, um zu wissen, dass es uns dann definitiv an den Kragen geht. Wenn es so ist, wie du glaubst, ist die Sache eine Nummer zu gro� f�r uns. Mit Sicherheit.�</p><p>�Kann es sein, dass ich dich vorhin falsch verstanden habe?�</p><p>�Verdammt noch mal, Tom!�, fluchte Klinke und gab wieder Gas, �ich wei�, was ich vorhin gesagt habe!�</p><p>�Fracksausen?�</p><p>Klinke lief vor Wut rot an. �Ehrlich gesagt, ja!�, bekr�ftigte er. �Gesetzt den Fall, du hast recht und wir gehen der Sache auf den Grund: Dann hetzt uns dieser Moebius die gesamte Gestapo auf den Hals! Und die SS mit dazu.�</p><p>�Zu sp�t.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Ein Blick in den R�ckspiegel, und du wei�t Bescheid.�</p><p>�Schei�e!�, rief Klinke, als sein Blick auf die dunkle Limousine fiel, die dem VW seit geraumer Zeit folgte. �Da haben wir uns ja was Sch�nes eingebrockt!�</p><p>�Nur die Ruhe!�, redete ihm Sydow gut zu. Aber es half nichts. Klinke beschleunigte, riss das Steuer herum und raste mit �ber 80 Sachen an der Vorderseite des Stadtschlosses entlang. Dann wiederholte er sein Man�ver, vollf�hrte eine Linkskurve und bog mit quietschenden Reifen in die K�nigsstra�e ein.</p><p>�Jetzt haben wir wenigstens Gewissheit!�, verk�ndete er lapidar, denn der dunkle Mercedes Benz230 war immer noch hinter ihm.</p><p>�Immer mit der Ruhe!�, war es zur Abwechslung einmal Sydow, der seinem Assistenten gut zuredete, dies allerdings mit wenig Erfolg. Klinke war jetzt so richtig in seinem Element.</p><p>�Die wollen uns nur beschatten!�</p><p>�Wie beruhigend!�, blaffte Klinke, w�hrend er in den vierten Gang schaltete, Vollgas gab und ohne R�cksicht auf Verluste Richtung Alexanderplatz raste. �Wenn hier jemand beinahe �berfahren worden w�re, dann doch wohl ich!�</p><p>�Besser ein paar blaue Flecken als 1,80 m tiefer!�, orakelte Sydow, als der Tacho �ber 100km/h anzeigte.</p><p>�Zum Totlachen!�</p><p>�Wenn du so weitermachst, Fangio-Verschnitt, ist dir ein Strafzettel sicher! Frei Haus.�</p><p>�Noch ein Wort, und du kannst ins Pr�sidium laufen!�</p><p>�Jetzt mach aber halblang! Geht man so mit seinem Lebensretter um?�</p><p>�Wer wei�, vielleicht kann ich mich demn�chst revanchieren!�</p><p>�Nicht n�tig, die Luft ist rein.�</p><p>Klinke warf einen Blick in den R�ckspiegel, gerade rechtzeitig, um die schwarze Limousine in die Spandauer Stra�e abbiegen zu sehen. �Tats�chlich!�, rief er erleichtert aus, schaltete einen Gang herunter und atmete tief durch. �Die sind wir los!�</p><p>Um nicht noch mehr �l ins Feuer zu gie�en, behielt Sydow seine Skepsis f�r sich. Die Sache war noch lange nicht ausgestanden, daran bestand kein Zweifel. Genau genommen ging sie jetzt erst richtig los. �H�chste Zeit, eine zu rauchen!� Er lie� sich lieber nichts anmerken, versetzte Klinke einen Rippensto� und zog ihn am Ohr. �Oder was meinst du, Dicker?�</p><p>�Nur zu, Schnapsleiche�bring dich ruhig um.�</p><p>�Noch sauer, Teddy?�</p><p>�Steck dir eine an, dann hab ich wenigstens meine Ruhe vor dir!�</p><p>�Eye, Eye, Sir!�, feixte Sydow. �Fragt sich nur, wie!�</p><p>�Auf gut Deutsch, ich soll anhalten, damit du dir ein paar Sargn�gel kaufen kannst.�</p><p>�Du hast es erfasst, oh Zierde der Berliner Polizei!�</p><p>Klinke grinste, verpasste Sydow einen Schubs und hielt in Sichtweite des Bahnhofs Alexanderplatz an. Mit Ausnahme eines Eisverk�ufers, der in H�he des Kaufhauses �Wertheim� gerade seinen Stand aufbaute, war kein Mensch zu sehen.</p><p>Paradoxerweise war es dieser Eisverk�ufer, nicht zuletzt aber auch Klinkes Hei�hunger auf S��waren, der ihm am heutigen Tag das Leben rettete.</p><p>Aber das wusste er in diesem Moment noch nicht.</p><p>W�hrend Sydow die Stra�e �berquerte, um sich im �Braust�bl� mit Zigaretten einzudecken, stieg Klinke ebenfalls aus und schlenderte an der Bushaltestelle vorbei auf den Eisverk�ufer zu. Au�er ihm befanden sich zwei weitere Personen in der N�he, zum einen ein distinguierter �lterer Herr, zum anderen ein Handelsvertreter, der sich lautstark �ber die Unp�nktlichkeit der Busse mokierte.</p><p>Ein Sonntagmorgen, so schien es, wie jeder andere.</p><p>Aber das sollte nicht so bleiben.</p><p>Lange Zeit sp�ter, nachdem alles vor�ber war, konnte sich Sydow noch an jedes Detail erinnern. So zum Beispiel daran, wie sp�t es war, n�mlich fast 10.15 Uhr. Des Weiteren daran, dass sein Stammlokal, das an der Stra�enecke gegen�ber dem Bahnhof Alexanderplatz lag, zu seiner Verwunderung noch geschlossen hatte, er dies aber nicht weiter schlimm fand und gem�chlichen Schrittes zu dem Kiosk schlenderte, der sich unmittelbar vor der Bahnunterf�hrung befand. Er konnte sich sogar noch genau an den losen Witz erinnern, den der Kioskbesitzer erz�hlte, bei dem er sich jeden Morgen die Zeitung holte. Und daran, dass im gleichen Moment ein Zug �ber ihn hinwegdonnerte, weshalb die Pointe im ohrenbet�ubenden Geknatter unterging. Und an Dutzende Menschen, die pl�tzlich den Bahnhofsvorplatz bev�lkerten, von denen sich ein Teil zur Bushaltestelle begab.</p><p>Vor allem aber fiel ihm die adrette junge Frau mit dem gebl�mten wei�en Sonntagskleid und dem Kinderwagen auf, die in jenem verh�ngnisvollen Moment die Stra�e �berquerte, ausgerechnet an der Stelle, wo sich der immer noch herrenlose VW-K�belwagen befand.</p><p>Aber da war es bereits zu sp�t.</p><p>Die Detonation, die den VW in Sekundenbruchteilen atomisierte, war so heftig, dass es Sydow buchst�blich zu Boden schlug, einschlie�lich der Passanten, die vor dem �Braust�bl� auf den Bus warteten. Das dreiteilige Fenster des Lokals ging komplett zu Bruch, Abertausende winziger Glassplitter flogen durch die Luft. Unter den ersten Opfern befand sich ein Taxifahrer, dessen soeben geparkte Limousine zur Seite kippte und ihn unter sich begrub. Die Luft war erf�llt von Rauch, den Schreien der Verletzten, dem Gestank von �l und ausgelaufenem Benzin. Brandgeruch stieg empor, und dort, wo sich Klinkes VW befunden hatte, waren nur noch rauchende Tr�mmer zu sehen, aus denen gelblichrote Flammen in die H�he schossen.</p><p>Gerade einmal 10 Sekunden sp�ter war Sydow zur Stelle, Klinke nicht viel sp�ter. Beide hatten nicht viel abgekriegt, abgesehen von ein paar Schrammen und einem durchdringenden Pfeifton im Ohr. F�r die junge, allenfalls 25-j�hrige Frau mit ihrem knapp einj�hrigen T�chterchen kam allerdings jede Hilfe zu sp�t. Sie waren kaum noch zu erkennen, blut�berstr�mt, verst�mmelt, von Wrackteilen durchbohrt.</p><p>�Das sollen uns diese Kerle b��en!�, stie� Klinke zwischen zusammengepressten Z�hnen hervor, w�hrend er neben der verkohlten Kinderleiche kniete. Sydow nickte stumm. In diesem Augenblick, immer noch halb taub, wusste er nicht, was ihn mehr entsetzte, das Blutbad oder die hasserf�llte Miene seines Assistenten, die mit Erich Kalinke, von Beruf Polizist, nicht mehr das Geringste zu tun hatte.</p><empty-line/></section><section><p><sub>13</sub></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>London-Westminster, Cabinet War Rooms | 09.25 h OZ</emphasis></p><empty-line/><p>�Cleverer Bursche, dieser Heydrich, muss ich schon sagen!�, zollte Winston Churchill widerwillig Tribut, f�hrte die Zigarre zum Mund und stie� eine Batterie Rauchkringel in die Luft.</p><p>�Aber nicht clever genug f�r uns!� Auf Sir Stewart Menzies, Chef des Auslandsgeheimdienstes MI6, wirkte Churchills Lob eher deplatziert, und er machte auch keinen Hehl daraus: �Ein �bler Ganove, nicht weniger, aber auch nicht mehr!�</p><p>Churchill fuhr mit dem Zeigefinger an der Unterlippe entlang und machte ein nachdenkliches Gesicht. �Um das zu beurteilen, m�ssten wir erst einmal in den Besitz seines Giftschrankes gelangen!�, sagte der Premier, legte die H�nde auf den Tisch und rappelte sich m�hsam auf. Dann wandte er sich der �berdimensionalen Weltkarte am Kopfende des Kabinettsraumes zu. Seine Laune war nicht die allerbeste, wie immer, wenn er sich in seiner unterirdischen Kommandozentrale befand. �Oder um es prosaischer auszudr�cken: Was mich verdammt noch mal interessiert, ist, was dieser Bursche so alles gehortet hat. Oder vielmehr <emphasis>hatte</emphasis>.�</p><p>�Was immer es ist, es w�rde uns in die Lage versetzen, Hitler und Konsorten kr�ftig eins auszuwischen!�, tat Menzies, dem man seine 52 Jahre kaum anmerkte, seine Meinung unverbl�mt kund. Der Chef des Auslandsgeheimdienstes war hager, gentlemanlike und stets auf sein �u�eres bedacht, so ziemlich das genaue Gegenteil von Churchill, der trotz allem Wert auf dessen Meinung legte.</p><p>�Vorausgesetzt, wir kommen an Heydrichs Geheimunterlagen �berhaupt ran!�, entgegnete der Premier denn auch prompt und nebelte die Weltkarte vollst�ndig ein.</p><p>�Der in der Tat schwierigste Teil der �bung, Sir.�</p><p>�So schwierig, dass unser Spezialagent in Berlin daran scheitern k�nnte?�</p><p>�Der Marder, Sir? Wenn es einer schaffen kann, dann er!�, nahm Menzies seinen besten Mann in Schutz.</p><p>��brigens�netter Deckname.�</p><p>�Und so treffend.�</p><p>�In der Tat!� Churchill verschr�nkte die H�nde hinter dem Kopf und lie� den Blick �ber den Machtbereich Hitlers gleiten. Frankreich besetzt, Europa vom Nordkap bis zu den Pyren�en unter deutscher Kontrolle. Ein nicht enden wollender Albtraum. Der Premierminister seufzte. Wie gut, dass es wenigstens hin und wieder gute Nachrichten gab. �Wie haben Sie es �berhaupt geschafft, den Marder auf unsere Seite zu lotsen?�</p><p>�Reiner Zufall!�, r�umte Menzies freim�tig ein.</p><p>�Wie darf ich das verstehen?�</p><p>Anstatt zu antworten, �ffnete der Chef des MI6 eine Kladde, klemmte den Bl�tterstapel zwischen Daumen und Zeigefinger beider H�nde und lie� die Unterkante auf die Tischplatte rutschen. Dann legte er ihn vor sich hin und begann zu lesen: �Sohn wohlhabender Eltern, j�ngerer Bruder. Vater B�rsenmakler, w�hrend der 20er-Jahre teils in Frankfurt, teils in London beruflich aktiv. Selbstmord unmittelbar nach dem B�rsencrash. Mutter: alter preu�ischer Adel, Rechtsauslegerin und Hitler-Fan. Wie im �brigen zun�chst auch ihr Sohn. Ein Zustand, der indes nicht von langer Dauer war.� Menzies schloss die Kladde, erhob sich und trat an Churchills Seite. Dessen Miene war immer noch ernst, doch nicht mehr ganz so deprimiert wie zuvor. �Wie ich an ihn herangekommen bin, Sir?�, fragte der Geheimdienstchef, dessen Anzug wie immer tadellos sa�. Freilich nur, um die Frage umgehend selbst zu beantworten:</p><p>�Wie gesagt, reiner Zufall! Zumindest sah es ganz danach aus.�</p><p>�Irgendwelche Zweifel an seiner Integrit�t?�</p><p>�Nicht im Geringsten. Ein Mann, der s�mtliche Br�cken hinter sich abgebrochen hat. Und das, wie mir glaubhaft versichert wurde, aus triftigem Grund.�</p><p>�Sicherheitsstufe?�</p><p>�Ah! Inklusive Lizenz zum T�ten.�</p><p>�Worin dieser Marder, wenn ich Sie richtig verstehe, ja eine gewisse �bung zu haben scheint.� Churchill wandte sich zur Seite und sah Menzies direkt ins Gesicht. �W�re nicht der Erste, den uns die Nazis auf dem Silbertablett servieren.�</p><p>�Beileibe nicht, Sir!�, r�umte Menzies ein. �Wobei ich mir seiner allein schon aufgrund des neuesten Coups absolut sicher bin.�</p><p>�Ihr Wort in Gottes Geh�rgang, Menzies!�, lautete Churchills b�rbei�ige Antwort, bevor er sich ein Glas Gin Marke Beefeater genehmigte. �Wenn ich momentan n�mlich etwas nicht vertragen kann, dann mit Sicherheit��</p><p>�Schlechte Nachrichten, Sir, ich wei�!�, vollendete Menzies, lie� s�mtliche Unterlagen in seinem Aktenkoffer verschwinden und gab den Code ein. Dann wandte er sich der Bunkert�r zu. Gerade rechtzeitig, um seinem B�rochef in die Arme zu laufen.</p><p>�Neuigkeiten vom Marder, Sir!�, sprudelte es aus dem st�mmigen Rotschopf hervor, der seine schottische Herkunft nicht verleugnen konnte.</p><p>�Herein!�, rief Churchill und zog indigniert die Brauen hoch.</p><p>�Verzeihung, Prime Minister, Sir, ich habe Sie im Eifer des Gefechts nicht��</p><p>�Schon gut, junger Mann!�, lenkte Churchill am�siert ein. �Lassen Sie sich durch mich nicht unterbrechen. Neuigkeiten, sagten Sie?�</p><p>�In der Tat!�, bekr�ftigte Menzies, w�hrend er den entschl�sselten Funkspruch �berflog, den ihm sein B�rochef in die Hand gedr�ckt hatte.</p><p>�Welcher Art?�</p><p>�Allem Anschein nach ist der Mann, der Heydrichs Giftschrank geleert hat, tot. Selbstmord. Will hei�en, er wurde gefoltert. Behauptet zumindest der Marder.�</p><p>�Und die schlechte Nachricht?�, fragte der vom Schicksal sichtlich gebeutelte Premier.</p><p>�Die schlechte Nachricht, Sir, ist die, dass die Geheimunterlagen nach wie vor verschollen sind.�</p><p>�Ist das alles?�</p><p>�Leider nein, Sir!�, st�hnte Menzies mit betretener Miene auf. �Scheint so, als kaufe die Berliner Kripo der Gestapo den Selbstmord per Kugel von diesem Heydrich-Adlatus nicht ab. Sicher ist, sie ermittelt auf eigene Faust.� Menzies lie� einen Schwall Atemluft entweichen und sah Churchill fragend an.</p><p>Doch der schien nicht im Mindesten irritiert.</p><p>�Gentlemen!�, rief er scheinbar gut gelaunt aus, erhob sein Glas und prostete Menzies und dem Schotten zu. �Die Jagd ist er�ffnet! Cheers!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>14</sub></p><p><emphasis>Berlin-Sch�neberg, Victoria-Luise-Platz��������� | 10.30h</emphasis></p><empty-line/><p>W�re die Falle zugeschnappt, h�tte sie keine Chance gehabt. Ort und Zeitpunkt jedenfalls waren ideal. Die U-Bahn-Station war leer, bis auf einen Betrunkenen und eine alte Frau, Rebecca allein und am Ende ihrer Kraft. Zu ihrer Verbl�ffung blieben die beiden Gestapo-Schn�ffler jedoch einfach stehen. Wieso, sollte ihr indes bald klar werden.</p><p>Dass sie beschattet wurde, hatte Rebecca ziemlich bald gemerkt, keine 100 Meter von Mutter Schulzes Tr�delladen entfernt. Die Hohenstaufenstra�e war wie leergefegt gewesen, zumindest dem Anschein nach. Keine Spazierg�nger, Kirchg�nger, Autos. Kein Laut, der aus den zur Stra�e hin offenen Fenstern gedrungen war. Sonntagmorgen in Sch�neberg, f�r die Jahreszeit viel zu schw�l.</p><p>Je weiter sich Rebecca von ihrem Elternhaus entfernt hatte, umso mehr nahm die imagin�re Stille zu. Auf einmal war da nur noch sie gewesen, das Ger�usch ihrer Abs�tze auf dem Asphalt. Und die Schritte hinter ihr. Keineswegs schnell, laut oder gar hektisch. Eher gelassen, oder, genauer gesagt, von der Gewissheit getragen, die Frau mit den dunklen Haaren habe ohnehin keine Chance.</p><p>Genau da aber hatte sie einen Fehler gemacht, nur zu verst�ndlich, aber folgenschwer.</p><p>Der Blick �ber die Schulter war das Falscheste, was sie h�tte tun k�nnen. Er war fl�chtig gewesen, nur leider eben nicht gekonnt genug. Um ihren Verfolger zu t�uschen, hatten ihre Schauspielk�nste einfach nicht ausgereicht. Daf�r hatte sie zu viel durchmachen m�ssen.</p><p><emphasis>Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzs�ule.</emphasis></p><p>Ein Fehler, und nicht nur das. Denn eines war dem Mann mit der Sonnenbrille, dem breitkrempigen Hut und dem sch�bigen Anzug nat�rlich sofort klar gewesen: Sie, Rebecca Kahn, w�rde ihn nicht etwa zu irgendwelchen Mitwissern, Komplizen oder Geheimtreffen f�hren. Sie w�rde das genaue Gegenteil tun. Und vor allem w�rde sie versuchen, ihre Haut zu retten.</p><p>Und zwar mit aller Macht.</p><p>Das hie�: Sie ging aufs Ganze. Rebecca hatte noch einmal durchgeatmet. Dann war sie losgerannt. Ohne sich umzudrehen, ohne Hilferuf, ohne Ziel. Der n�chste Fehler, aber einer, auf den es nicht mehr angekommen war.</p><p>Die Font�ne auf dem Victoria-Luise-Platz hatte sie kaum beachtet, das U-Bahn-Schild umso mehr. Erst jetzt, kurz vor der Treppenflucht, die zum Bahnsteig der Linie U4 f�hrte, waren die ersten Passanten aufgetaucht, aber Rebecca hatte keinen Blick f�r sie gehabt. Wenn ihr jemand helfen konnte, dann sie selbst. Wegen einer J�din, an deren Fersen ein Gestapo-Spitzel klebte, w�rde kein Mensch einen Finger krumm machen. Mit Sicherheit nicht.</p><p>Rebecca hatte nur noch Augen f�r die Treppe gehabt, erst zwei, dann mehrere Stufen auf einmal genommen und sich mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die Treppe hinuntergest�rzt. Immer noch dicht auf ihren Fersen, hatte sich der Gestapo-Agent nicht absch�tteln lassen. Der lautstarke Protest eines Zeitungsverk�ufers, der zwar sich, nicht aber seine Ware in Sicherheit bringen konnte, war Beweis genug gewesen.</p><p>Alles, was sie jetzt h�tte brauchen k�nnen, w�re ein Qu�ntchen Gl�ck gewesen. Beim Anblick der U-Bahn, die soeben in der Dunkelheit verschwand, konnte jedoch keine Rede mehr davon sein. Kaum hatte Rebecca Luft geholt, war auch schon der Gestapo-Schn�ffler aufgetaucht, und das ohne erkennbare Hast. Warum, war ihr kurz darauf klar geworden.</p><p>Der Mann mit der Sonnenbrille war nicht allein gewesen.</p><p>Zuerst hatte sie gedacht, der Bahnsteig sei leer, au�er einem Betrunkenen und einer Frau, die Selbstgespr�che f�hrte. Ein Fehler, wie sich noch zeigen sollte. Denn da war noch jemand gewesen. Und zwar ein Mann mit einer Zeitung vor dem Gesicht. Er war einfach nur dagestanden, locker, entspannt, mit dem R�cken zur Wand. Einer Bewegung, gleich welcher Art, h�tte es auch nicht bedurft. Dass er mit ihrem Verfolger unter einer Decke steckte, war von Anfang an klar gewesen. Wer wie sie seit Monaten auf der Flucht war, konnte Gefahr f�rmlich riechen, und genau dies war hier der Fall.</p><p>Wie gesagt�w�re die Falle zugeschnappt, h�tte sie keine Chance gehabt. Doch das tat sie nicht. Ein Vorteil, der nicht ungenutzt verstreichen w�rde.</p><p>Rebecca strich sich die Haare aus dem Gesicht und atmete tief durch. Das hatte sie auch bitter n�tig. Die Luft war stickig, abgestanden und roch nach Diesel�l, so durchdringend, dass ihr fast schlecht davon wurde.</p><p>Ihrer K�rperhaltung nach zu urteilen waren sich die Gestapo-Schergen ihrer Sache absolut sicher. Mit dem Ergebnis, dass sie es waren, die den n�chsten Fehler machten, n�mlich den, ihr Opfer zu untersch�tzen. H�tten sie gewusst, mit wem sie es zu tun hatten, w�re alles ganz anders gekommen.</p><p>So aber lie�en sie sich Zeit, und sei es nur, um sich an ihrer Verzweiflung zu weiden. Oder an ihrer Angst, typisch f�r eine derartige Situation. Doch nicht mit ihr. Rebeccas K�rper straffte sich, und im gleichen Moment stand ihr Entschluss fest. Eins zu zehn, dass es klappen w�rde. Mehr nicht. Aber allein das war den Versuch wert.</p><p>Mit jeder Sekunde, die verstrich, stiegen Rebeccas Chancen, aber das wussten die beiden Schn�ffler nicht. Ein grimmiges L�cheln flog �ber ihr hohlwangiges Gesicht. Nur jemand wie sie konnte auf eine derart tollk�hne Idee verfallen. Um ein derartiges Risiko einzugehen, musste einem das Wasser schon bis zum Hals stehen. So wie in ihrem Fall. Ein h�heres war schlichtweg nicht m�glich, das stand fest. Zu verlieren gab es eine Menge, nicht zuletzt ihr Leben. Zu gewinnen jedoch ungleich mehr.</p><p>Und wenn es nur eine weitere Galgenfrist war.</p><p>Gut m�glich, dass es ihr Gesichtsausdruck war, der ihre Verfolger bewog, ihre abwartende Haltung aufzugeben. Oder aber die Tatsache, dass sich der Bahnsteig sp�rbar zu beleben begann. Ein Indiz, dass die Ankunft des n�chsten Zuges unmittelbar bevorstand.</p><p>Nur noch ein, zwei Minuten. H�chstens drei. Dann, und nur dann, h�tte sie eine Chance.</p><p>Als k�nne er Gedanken lesen, beendete der Unbekannte seine Lekt�re, steckte die Zeitung ein und nickte seinem Kollegen zu. Dann setzte er sich mit aufgesetzter L�ssigkeit in Bewegung und schlenderte auf sie zu.</p><p>Kahl rasierter Sch�del, Narbengesicht und Boxernase. Ein Schl�gertyp aus dem Effeff.</p><p>Er hatte es auf sie abgesehen. Das war Rebecca vollkommen klar, sp�testens in dem Moment, als ihr der Mann mit der Sonnenbrille den Weg abschnitt. Dass auf dem Bahnsteig wieder mehr Betrieb herrschte, w�rde das Unvermeidliche nur ein wenig hinausz�gern, zu verhindern war es nicht.</p><p>Es sei denn, alles w�rde so laufen wie geplant.</p><p>Rebecca schickte ein Sto�gebet zum Himmel und lie� den Blick zwischen den beiden hin- und herwandern. Der Mann mit der Sonnenbrille war h�chstens zehn Meter entfernt, das Narbengesicht nicht viel mehr. Zu ihrer �berraschung blieb der Schn�ffler jedoch Sekundenbruchteile sp�ter stehen, ein angewidertes Grinsen im Gesicht. Der Grund hierf�r war ein unvorhergesehener, n�mlich der Betrunkene, der ihn um Feuer bat.</p><p>Ob Zufall oder nicht, es war dieser Mann, der daf�r sorgte, dass Rebecca �berhaupt noch eine Chance hatte. Dieser Mann und die Tatsache, dass der n�chste Zug im Anrollen war. Eine Minute sp�ter, und Rebecca h�tte ihren Plan vergessen k�nnen.</p><p>Doch jetzt, so kurz vor dem Ziel, w�rde sie sich von niemandem mehr aufhalten lassen. Und schon gar nicht von dem Mann mit der Brille. �Geheime Staatspolizei�mitkommen!�, forderte er sie in barschem Ton auf, aber Rebecca h�rte nicht mehr richtig hin. Ihr Entschluss stand fest, und daran w�rde dieser Henkersknecht nichts mehr �ndern. Als er sie am Arm packte, zerrte sie sich einfach los, rammte ihm den Ellbogen in die Rippen und schl�ngelte sich mit katzenhafter Gewandtheit auf die Bahnsteigkante zu.</p><p>Von dem, was dann geschah, bekam Rebecca nicht mehr das Geringste mit. Weder davon, dass das Narbengesicht den Betrunkenen zur Seite stie�, auf sie zurannte und wie elektrisiert stehen blieb, als er ihre Absicht durchschaute, noch davon, dass sich der Mann mit der Sonnenbrille aufrappelte, sich einen Weg zu ihr bahnte und sich beim Herannahen des Zuges an den Kopf fasste.</p><p>Eine Art Dunstschleier hatte sich �ber sie herabgesenkt, so dicht, dass alles dahinter verschwand. Mit Ausnahme der Vorderlichter des Zuges, die das Einzige waren, was noch in ihr Bewusstsein drang. S�mtliche Ger�usche, sogar das Quietschen der Bremsen, blieben hinter dem Schleier zur�ck, gerade so, als ginge sie das alles nichts mehr an. Und doch war dem nicht so. Das Einzige, was im Augenblick z�hlte, waren die Lichter, die sich mit qu�lender Langsamkeit auf sie zubewegten.</p><p>Und Gott, dem ihr letzter Gedanke galt, bevor sie sprang.</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>�Heilige Madonna von Cz�stochowa, steh mir bei!� Nein, so was hatte er noch nie erlebt. Jedenfalls nicht, solange er U-Bahnen fuhr.</p><p>Eine geruhsame Fr�hschicht und danach eine Berliner Wei�e mit Schuss. Mehr hatte Waldemar Opaczynski, Kosename �Polacken-Waldi�, von diesem Sonntagmorgen nicht erwartet. Doch er hatte sich zu fr�h gefreut. Es kam etwas dazwischen, das er sein Lebtag nicht vergessen sollte.</p><p>Er hatte es geahnt. Wer wei�, vielleicht hatte er es sogar gewusst. Auf jeden Fall war da dieses Gef�hl, dass irgendetwas mit der jungen Frau an der Bahnsteigkante nicht stimmte. Ein Gef�hl, das sich Sekundenbruchteile sp�ter bewahrheiten sollte.</p><p>Der Zug war noch halb im Tunnel, als er sie sah. Im Nachhinein fragte er sich, warum er sich gerade auf sie fixierte, fand aber keine Antwort darauf. Seis drum, sie war bildh�bsch, eine Spur zu mager vielleicht, aber ihr sanft gewelltes Haar, die geschwungenen Brauen und dunklen Augen waren einfach etwas Besonderes. Fast so sehr wie ihr Blick, aus dem eine Entschlossenheit sprach, die den Fahrer der Linie vier erschaudern lie�.</p><p>Dass sich jemand vor die U-Bahn warf, kam in letzter Zeit immer h�ufiger vor. Erst neulich war einem Kollegen das Gleiche passiert. Scheu�liche Geschichte. Kaum zu beruhigen, der arme Tropf. Ein Erlebnis, auf das Waldemar glatt h�tte verzichten k�nnen.</p><p>Doch es sollte anders kommen, wenn auch nicht so, wie er dachte. Diese Frau war anders, ganz anders als das Bild, das man sich von einer Selbstm�rderin machte. Und dann war da noch etwas. Sie wirkte entschlossen, keine Frage. Nur eben nicht verzweifelt, verwirrt, zerstreut, durcheinander oder wie man den Gesichtsausdruck eines Selbstm�rders sonst noch beschreiben w�rde.</p><p>Nein, diese Frau war anders. Auf eine Art, wie er es sich nie und nimmer h�tte vorstellen k�nnen.</p><p>Als die Frau auf die Gleise sprang, bremste Waldemar nicht einmal mehr richtig ab. H�tte er es getan, w�re sowieso nichts mehr zu �ndern gewesen. Die Sache war gelaufen, so oder so. Eines fiel �Polacken-Waldi� jedoch sofort auf. Die Frau sprang nicht blindlings, sondern mit System. Keine zehn Meter mehr von der Lokf�hrerkabine entfernt, vollf�hrte sie eine Drehung und landete kopf�ber auf dem Gleis. Der Aufschrei der �brigen Passanten war so laut, dass er das Bremsger�usch �bert�nte, aber in diesem Moment war bereits alles vorbei.</p><p>Dachte er jedenfalls. Doch er sollte eines Besseren belehrt werden.</p><p>Waldemar kam nicht einmal dazu, sich von seinem Schreck zu erholen, denn im gleichen Moment, als er aus der Fahrerkabine st�rzte, konnte er die Frau unter dem Waggon hervorkriechen sehen. Er glaubte zwar nicht an Gespenster, an Wunder daf�r umso mehr. Sp�testens seit dem heutigen Tag.</p><p>Die Frau wirkte ein wenig benommen, schien aber unverletzt. Die Bluse verdreckt, jede Menge Hautabsch�rfungen und blaue Flecken. Sonst war da nicht viel. Eben ein Wunder.</p><p>Wenn da nicht der Zug aus der Gegenrichtung gewesen w�re. Waldemars Mund formte sich zu einem �Oh�, doch die Frau war so sehr mit sich selbst besch�ftigt, dass sie nichts davon mitbekam. Waldemar brach der kalte Schwei� aus den Poren, und trotz seiner 1,90 m, 120 Kilo Lebendgewicht und jeder Menge dickem Fell wurde er von nackter Panik erfasst. Alles, was er in seiner Not tat, war, mit den F�usten ans Fenster zu h�mmern, aber es war genau das Richtige. Die Frau fuhr herum und sah ihn an.</p><p>Ein Blick, den er sein Lebtag nicht vergessen sollte.</p><p>Dann hechtete sie �ber das Gleis, kletterte �ber die Bahnsteigkante und rappelte sich auf, bevor der Zug in den Bahnhof einfuhr.</p><empty-line/></section><section><p><sub>15</sub></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Mitte, Prinz-Albrecht-Stra�e 8������������ | 12.00h</emphasis></p><empty-line/><p>Der Trick war so simpel, dass er sich wunderte, warum die Gestapo noch nicht dahintergekommen war.</p><p>Kaum zu glauben.</p><p>Aber wahr.</p><p>Erster Akt: Funkspruch aus dem Cabinet War Room in London. Adressat: ein MI6-Agent in Berlin.</p><p>Teil zwei: Abschalten des Agenten.</p><p>Dritter Akt: Dechiffrierung. Sein Auftritt im Dienst Seiner Majest�t, der Tarnung halber als Sturmf�hrer der Gestapo. Nicht gerade seine Traumrolle, aber �u�erst effektiv. Risiko gleich null, da die �berwachung des alliierten Funkverkehrs zu seinem Aufgabengebiet in der Abteilung �Gegner, Sabotage und Schutzdienst� und als Verbindungsmann zum Auslandsnachrichtendienst geh�rte.</p><p>Finale: Ausf�hrung der Weisungen aus London. Ein Finale mit Happy End?</p><p>Genau das war das Problem. Der Marder schaute nachdenklich. Verdammt harte Nuss, keine Frage. Dieser Heydrich hatte wirklich an fast alles gedacht.</p><p>Aber eben nur fast.</p><p>Zugegeben, dass er bei M�llendorf an den Falschen geraten war, hatte der Herr Reichsprotektor nicht unbedingt voraussehen k�nnen. Und schon gar nicht, dass seine Telefonate abgeh�rt wurden. Der Marder l�chelte verschmitzt. Der allm�chtige Heydrich�Opfer der Fallstricke, die er jahrelang ausgelegt hatte. Eine Ironie nach seinem Geschmack. Aber noch lange kein Grund zur Freude. Daf�r war die Sache n�mlich viel zu ernst.</p><p>Todernst, um es genau zu sagen.</p><p>Es half alles nichts! Er musste herauskriegen, wo sich Heydrichs Giftschrank befand. Beziehungsweise die Akten, die darin gebunkert gewesen waren. Und das, wenn m�glich, so schnell es ging. Denn wie er Sydow kannte, w�rde er nicht locker lassen. Der nicht. Da waren die Kollegen an den Falschen geraten.</p><p>Pech gehabt.</p><p>Genauso wie M�llendorfs Frau. Gut m�glich, dass sie nicht wusste, wie viel Dreck der Herr Gemahl am Stecken gehabt hatte. Die Miene des Marders verd�sterte sich, und die stahlblauen Augen verloren ihren Glanz. Wie dem auch sei, dachte er, bis jetzt hat sie jedenfalls dicht gehalten! Wie lange noch, war allerdings die Frage. Und ob sie die �Sonderbehandlung�, der man sie gerade unterzog, �berstehen w�rde.</p><p>Dennoch, es gab nichts, was er f�r die Frau tun konnte. Es sei denn, er w�rde sich selbst ans Messer liefern.</p><p>Der Marder lie� die Kladde mit dem Codeschl�ssel in seinem Safe verschwinden, schaltete das Funkger�t vom Typ �K�ln E 52-a/b� ab und trat ans Fenster, das der W�rme wegen offen stand. Das ehemalige preu�ische Abgeordnetenhaus zur Linken, das Reichsluftfahrtministerium im Hintergrund rechts�ein Panorama, auf das er h�tte verzichten k�nnen. Hier droben, in den oberen Stockwerken der Gestapo-Zentrale, kam man n�mlich vor Hitze fast um, und wenn der Wetterbericht stimmte, w�rde dies auch so bleiben. Einem pl�tzlichen Impuls nachgebend, zog der Marder die Gardinen zu und fuhr mit dem Handr�cken �ber die schwei�nasse Stirn. Nichts Schlimmeres, als unt�tig rumsitzen zu m�ssen, aber so lange Heydrichs Giftschrank verschollen blieb, gab es f�r ihn nur eins: abwarten. Warten auf den alles entscheidenden Moment. Und darauf hoffen, dass ihm Sydow nicht in die Quere kam.</p><p>Der Marder trank einen Schluck Lipton, ein Teespleen aus Etoner Tagen. �berhaupt�Eton! Eine gl�ckliche Zeit, zweifellos. Bis zu dem Tag, an dem sein Alter pleite ging und sich ein halbes Jahr sp�ter die Kugel gab. Ende der Vorstellung! Trotzdem, f�r Reminiszenzen, gleich welcher Art, war in diesem Gesch�ft kein Platz. Er hatte einen Auftrag, und den w�rde er ausf�hren.</p><p>R�cksichtslos.</p><p>Ohne dass er sich dessen bewusst wurde, fuhr die Hand des Marders an sein Pistolenhalfter, aber das Telefon holte ihn schlagartig aus seinen Gr�beleien.</p><p>�Referat vier A!�, bellte er in den H�rer. So etwas kam bei der Gestapo bekanntlich gut an.</p><p>�Bitte die St�rung zu entschuldigen, Sturmf�hrer!�, antwortete der Wachhabende devot. �Aber es ist wichtig!�</p><p>Noch so ein Bastard, dem nicht zu trauen ist, dachte der Marder bei sich. Zu klein, zu fett, zu schmierig. Er konnte diese Kreuzung aus G�ring und Goebbels auf den Tod nicht ausstehen. �So wichtig, dass ich meinen Tee nicht zu Ende trinken kann?�</p><p>�Mit Sicherheit.�</p><p>�Und worum handelt es sich?�</p><p>�Geheime Kommandosache, Sturmf�hrer. Ich denke, Sie wissen so gut wie ich, was das hei�t.�</p><p>Nat�rlich, du Trottel, dachte der Marder und schnitt eine Grimasse. Selbstverst�ndlich wusste er, was das hie�. Lange herumraten brauchte man da nicht. �Der Giftschrank, hab ich recht?�</p><p>Doch so leicht lie� sich der Wachhabende nicht aus der Reserve locken. �Bedaure, diesbez�glich Ausk�nfte zu erteilen steht mir nun wirklich nicht zu! Wenn, denke ich, wird Ihnen der Obersturmf�hrer��</p><p>�Auch das noch!�</p><p>�� selbst sagen, worum es geht!�, entgegnete der Wachhabende pikiert und fuhr fort: �In circa einer halben Stunde, falls Sie es noch so lange aushalten k�nnen!�</p><p>Dann legte er auf.</p><p>Der Marder knallte den H�rer auf die Gabel, machte eine obsz�ne Geste und zog seine Uniformjacke an. Eines Tages, schwor er sich, eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages w�rde er mit der Brut hier abrechnen.</p><p>Und wenn es das Letzte war, das er in diesem Leben tat.</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>Diesmal w�rden sie aufs Ganze gehen. Da machte sie sich nichts vor. Die Folter war eine Frage des Wann, weniger des Ob.</p><p>�Besser, Sie kooperieren.� Beim Klang der tonlosen Stimme, sozusagen eine Art Vorgeschmack, erbebte die Frau in Zelle sieben bis ins Mark. Schwindel �berkam sie, und ihr Magen zog sich krampfartig zusammen.</p><p>�Was mich betrifft, Obersturmf�hrer, w�re meiner Aussage nichts mehr hinzuzuf�gen. Glauben Sie mir, mit mir verschwenden Sie nur Ihre Zeit.� Irene Grabow, verwitwete von M�llendorf, war eine mutige Frau. Das stand au�er Frage. Doch w�rde es ihr nichts n�tzen. Nicht hier und nicht bei diesem Mann.</p><p>�Sicher?�</p><p>�Vollkommen.�</p><p>�Zu dumm, dass ich in diesem Punkt anderer Meinung bin.�</p><p>�Wie gesagt, Obersturmf�hrer, mit mir verschwenden Sie nur Ihre Zeit. Sie t�ten besser daran, mich auf freien Fu� zu��</p><p>�Sind Sie eigentlich so naiv, oder tun Sie nur so?�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Keine Fisimatenten. Sonst muss ich andere Saiten aufziehen.� Moebius, dem Anschein nach nur m��ig interessiert, stie� sich vom T�rbalken ab, an den er sich gelehnt hatte, schnippte mit dem Finger und machte einen Schritt nach vorn. Fast gleichzeitig fiel die Zellent�r hinter ihm ins Schloss. Die Geste verfehlte ihre Wirkung nicht.</p><p>�Und wozu soll das Ganze gut sein?�, fragte Frau von M�llendorf in h�rbar alarmiertem Ton.</p><p>�Damit es nicht zum �u�ersten kommt: <emphasis>Ich</emphasis> bin es, der hier die Fragen stellt, ist das klar?�</p><p>�Ganz wie Sie w�nschen, Obersturmf�hrer.�</p><p>�Na also! Warum denn nicht gleich?�, antwortete Moebius barsch. Die Sonne, die vom Hof aus durch das Gitterfenster fiel, brach sich an seiner Brille, weshalb sich die Frau ruckartig abwandte.</p><p>�Aber, aber, wer wird denn gleich so schreckhaft sein? Alles, was ich von Ihnen haben m�chte, sind ein paar Informationen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.�</p><p>�Ausk�nfte, sagen Sie?� W�hrend sie sich an die Pritsche klammerte, richtete Irene von M�llendorf den Blick nach vorn. Der Verputz an der gegen�berliegenden Wand war von dunkelroten Flecken �bers�t, welcher Art, bedurfte keines Kommentars.</p><p>Doch der kam nur Sekundenbruchteile sp�ter.</p><p>�Von Ihrem Vorg�nger, Gn�digste!�, triefte Moebius nur so vor Hohn. �Ein Mann, den man sich in Ihrer Situation nicht unbedingt zum Vorbild nehmen sollte.�</p><p>�Also gut, bringen wirs hinter uns.�</p><p>�Eine lobenswerte Einstellung.� Moebius durchma� die Zelle, blieb unter dem Fenster stehen und drehte sich abrupt um. �Wann also, um die Frage zum x-ten Mal zu wiederholen, haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?�</p><p>�Vor ziemlich genau vier Tagen.�</p><p>�Darf man erfahren, wann?�</p><p>�Auf die Gefahr hin, Sie zu langweilen, Obersturmf�hrer, beim Fr�hst�ck.�</p><p>Der Schlag auf ihre Wange kam pl�tzlich, wie aus heiterem Himmel. Mit einer Wucht, dass Irene von M�llendorf den Halt verlor, mit dem Kopf auf die Bettkante prallte und mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen blieb.</p><p>�Beim Fr�hst�ck, soso!�, fuhr ihr Peiniger unger�hrt fort und kaute auf dem Nagel seines Mittelfingers herum. �Sind Sie sich dessen auch ganz sicher?�</p><p>Selbst wenn sie h�tte antworten wollen, sie konnte es nicht. Ihre Backe war geschwollen, sie selbst so gut wie taub. Folglich nickte sie, das Einzige, wozu sie die Kraft besa�.</p><p>�Zu welchem Zeitpunkt auch immer. Ist Ihnen am Verhalten Ihres Mannes irgendetwas aufgefallen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und wann genau, gesetzt den Fall, Ihre Intimsph�re w�rde nicht allzu sehr verletzt, ist er am vorhergehenden Abend nach Hause gekommen? Oder sollte ich vielleicht �in der vorhergehenden Nacht� sagen?�</p><p>Irene von M�llendorf schloss die Augen, kaum mehr f�hig, sich zu konzentrieren. Der Pfeifton in ihrem Ohr schwoll an, und als sie sich �ber die Lippen fuhr, sp�rte sie, dass Blut an den Fingern klebte. �Ich wei� es nicht!�, wimmerte sie, doch da war es bereits zu sp�t. Moebius machte einen Schritt nach vorn, packte sie an den Haaren und zerrte sie wieder hoch.</p><p>Klar, dass dies erst der Anfang war. �Sicher?�, gab der Obersturmf�hrer zur�ck. Ein Blick von ihm, und es lief ihr kalt �ber den R�cken.</p><p>�Ja.�</p><p>Mehr tot als lebendig biss Irene von M�llendorf die Z�hne zusammen, klammerte sich an die Bettkante und schwieg.</p><p>Moebius lie� dies v�llig kalt. �Wenn wir gerade dabei sind��, setzte er unerbittlich nach, �k�nnen Sie mir sagen, in welcher Beziehung Ihr Gatte zu Obergruppenf�hrer Heydrich stand?�</p><p>Nicht schon wieder, durchzuckte es ihr Gehirn, w�hrend sie verzweifelt �ber einen Ausweg nachsann. �Sie waren miteinander befreundet, soweit ich wei�.�</p><p>�Sagten Sie �waren�?�</p><p>Irene von M�llendorf stierte dumpf vor sich hin. Dann nickte sie, wohl wissend, dass Moebius ihr nicht glauben w�rde.</p><p>�Gesetzt den Fall, Sie sagen die Wahrheit�, gab sich der Obersturmf�hrer keinerlei M�he, mit seiner Skepsis hinterm Berg zu halten, �woher haben sich die beiden gekannt?�</p><p>�Aus seiner Zeit auf der Marineschule�, gab seine Gespr�chspartnerin mit d�nner Stimme preis.</p><p>�Etwas lauter, ich kann Sie nicht verstehen!�</p><p>�Aus M�rwick!�, wiederholte sie. �Soweit ich wei�, haben sie sich dann aber aus den Augen verloren.�</p><p>�Tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe treten muss, aber ich glaube Ihnen kein Wort.�</p><p>�Und warum nicht?�</p><p>�Weil wir �ber Beweise verf�gen, dass sich Ihr Mann und Obergruppenf�hrer Heydrich keineswegs aus den Augen verloren, sondern vor knapp f�nf Tagen ein�wenn auch kurzes�Telefonat gef�hrt haben!�</p><p>�Davon wei� ich nichts.�</p><p>�Durchaus m�glich.� Moebius ging in die Hocke, schob die Hand unter ihr Kinn und dr�ckte es unbarmherzig hoch. �Wissen Sie eigentlich, was Ihr Mann in der fraglichen Nacht sonst noch alles getrieben hat?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber ich.� Mit einem L�cheln im Gesicht rappelte sich Moebius wieder auf. Dann nahm er die Brille ab, rieb die Gl�ser am �rmel sauber und setzte sein Himmler-Imitat wieder auf. �Um ehrlich zu sein, sind wir ziemlich genau im Bilde. Besonders, was seine Stippvisite in einem Edelbordell betrifft.�</p><p>�Woher wollen Sie das wissen?�</p><p>�Wusste ichs doch, dass Sie das interessiert!�, erwiderte Moebius aalglatt. Sein L�cheln war schmieriger denn je, falls dies �berhaupt m�glich war. �Finden Sie nicht, es w�re an der Zeit, Ihre Reserviertheit mir gegen�ber aufzugeben?�</p><p>Anstatt etwas zu erwidern, verbarg Irene von M�llendorf das Gesicht zwischen den H�nden und schwieg.</p><p>F�r Moebius ein Grund mehr, sein Spiel auf die Spitze zu treiben: �Ach so, Sie glauben mir nicht?�, tat er mit gespielter Entr�stung kund. �In diesem Fall, so steht zu bef�rchten, muss ich Sie eines Besseren belehren. Um es kurz zu machen, Gn�digste. Als Ihr Mann den Anruf des Obergruppenf�hrers entgegennahm, war es exakt 20.55 Uhr. Woraufhin er offenbar nichts Eiligeres zu tun hatte, als das Prinz-Albrecht-Palais geradezu fluchtartig zu verlassen. So zumindest der Wachhabende, der ihn dabei beobachtet hat. Mit anderen Worten: Zwischen seinem �berst�rzten Aufbruch und dem Auftauchen im Bordell liegen gut eineinhalb Stunden. Ein Zeitraum, dem mein spezielles Interesse gilt, wenn Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>�Ich f�rchte, nein.�</p><p>�Dann muss ich Ihnen eben ein wenig auf die Spr�nge helfen.� Moebius sch�rzte die Lippen und lie� den Blick scheinbar ziellos durch die Zelle wandern. Die Luft war fast aufgebraucht, so stickig, dass es kaum zum Aushalten war. �Damit wir uns richtig verstehen��, fuhr er geraume Zeit sp�ter fort, �f�r den Bordellbesuch Ihres Mannes gibt es Zeugen und das in rauen Mengen. Sollten Sie ernsthafte Zweifel hegen, w�re es mir ein Leichtes, sie Ihnen zu pr�sentieren.�</p><p>Irene von M�llendorf blickte kurz auf, verneinte dann aber stumm.</p><p>�Da somit keinerlei Grund mehr zu �bertriebener Anh�nglichkeit besteht�, lie� Moebius die Katze aus dem Sack, �nochmals die Frage: Gibt es irgendetwas, das Sie mir im Zusammenhang mit den�gelinde ausgedr�ckt�Machenschaften Ihres Mannes zu sagen haben?�</p><p>�W�re es nicht an der Zeit, mir mitzuteilen, wie er zu Tode kam?�</p><p>Wieder ein L�cheln, diesmal jedoch denkbar kurz. �Irre ich mich, oder k�nnen Sie sich das nicht denken?�, wehrte Moebius h�hnisch ab.</p><p>�Doch.�</p><p>�Na also�wo ist denn dann das Problem?�</p><p>Irene von M�llendorf zuckte die Achseln, aber anscheinend war es genau diese Geste, die den J�hzorn ihres Peinigers erneut aufflammen lie�: �Und darum, Gn�digste, bevor ich Ihnen endg�ltig die Freundschaft k�ndigen muss, wenn Sie Ihre Haut retten wollen, dann packen Sie aus und zwar gleich!� Der Blick des Obersturmf�hrers verengte sich, und die Zornesader auf seiner Stirn schwoll urpl�tzlich an. �Wo hat Ihr sauberer Herr Ehemann die Geheimakten des Obergruppenf�hrers verschwinden lassen, raus mit der Sprache!�</p><p>In der Gewissheit, der Mann mit den ger�teten Augen, dem Borstenschnitt und der ausgebleichten Haut w�rde vor nichts zur�ckschrecken, um sie zum Reden zu bringen, dachte Irene von M�llendorf geraume Zeit nach. Dann richtete sie sich auf und reckte das Kinn nach vorn. �Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen!�, erwiderte sie mit neu erwachtem Trotz.</p><p>Dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, mit dem Moebius ihre Weigerung quittierte, war ihr Leben damit keinen Schuss Pulver mehr wert.</p><p>Aber das hatte Frau von M�llendorf einkalkuliert.</p><empty-line/></section><section><p><sub>16</sub></p><p><emphasis>Polizeipr�sidium am Alexanderplatz������������� | 12.15h</emphasis></p><empty-line/><p>�Sag mal, Tom, hast du eigentlich noch alle Tassen im Schrank?�</p><p>Den H�rer in der einen Hand, die Fluppe in der anderen, lie� Sydow die Schimpfkanonade seines Freundes, Chefpathologe an der Charit�, mit stoischer Gelassenheit �ber sich ergehen. Er war immer noch v�llig fertig, viel zu k.o., um dagegenzuhalten.</p><p>Genau genommen gab es auch keinen Grund. Er war dabei, Wolfgang in etwas hineinzuziehen, von dem man vielleicht besser die Finger lie�. Im Grunde war es dazu jedoch schon zu sp�t. Ein fingierter Selbstmord, gefolgt von einem Mordanschlag beziehungsweise Bombenattentat, das menschenverachtender nicht h�tte sein k�nnen. Dies war kein Nullachtf�nfzehn-Fall. Ganz bestimmt nicht. Hier ging es um mehr, erheblich mehr, als er hatte vorausahnen k�nnen. Sydow inhalierte, legte den Kopf in den Nacken und lie� den Qualm an die Decke seines B�ros steigen.</p><p>Es ging ums nackte �berleben. Daran gab es nichts zu besch�nigen.</p><p>�Wieso?� Es war so ziemlich das D�mmste, was er h�tte antworten k�nnen, denn dadurch kam Dr.Wolfgang Behrens erst richtig in Fahrt.</p><p>�Wieso, fragst du?� schnauzte er ihn an. �Sag mal, Sydow, bist du besoffen, oder was?�</p><p>Nein, war er nicht. Zumindest nicht mehr. Dank eines turbulenten Vormittags hatte sich sein Kater fluchtartig verzogen. Das bislang einzig Gute an diesem Tag. �Nee.�</p><p>�Sollte dem tats�chlich so sein, h�tte ich trotzdem gern gewusst, was du dir bei dieser Aktion gedacht hast, mein Freund.�</p><p>�Nicht viel, wenn es das ist, was du h�ren willst.�</p><p>�Sieht mir ganz danach aus.� Behrens schnappte h�rbar nach Luft, und bei der Vorstellung, dass der sonst so besonnene Pathologe wie Rumpelstilzchen in seinem Labor herumtobte, konnte sich Sydow trotz allem ein Grinsen nicht verkneifen. �Eine Leiche zum Fr�hst�ck! Hab ich mir immer schon gew�nscht!�, strotzte er nur so vor Ironie. �Und dann ausgerechnet noch diesen� diesen� wie war doch gleich sein Name?�</p><p>�M�llendorf!�, erg�nzte Sydow zerknirscht. �Verzeihung, <emphasis>von</emphasis> M�llendorf.�</p><p>�Aha, noch so ein Blaubl�ter. Na ja, ist ja auch wurscht.� Schon eine Nuance gn�diger gestimmt, sagte Behrens: �Ich dachte, mich laust der Affe! Als ob es nicht schon Arbeit genug g�be, lieferst du mir noch ein hohes Tier von der SS ins Haus! Das nenne ich wahre Freundschaft! Und dann, Abrakadabra, tauchen ein paar Minuten sp�ter zwei Rausschmei�ertypen von der Gestapo auf. Damit mir nur ja nicht langweilig wird! Wenn du noch alle Tassen im Schrank hast, will ich Hermann G�ring hei�en!�</p><p>�Na, der muss es doch nun wirklich nicht sein!�</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde kehrte am anderen Ende der Leitung Ruhe ein. Sydow hielt den Atem an. Doch die Entwarnung folgte schneller als gedacht. �Nein, ganz bestimmt nicht!�, prustete Behrens pl�tzlich drauflos.</p><p>�Jedenfalls danke, dass du mich nicht hast h�ngen lassen!�</p><p>Der Pathologe murmelte etwas vor sich hin, das Sydow geflissentlich �berh�rte. �Ganz ehrlich, ich h�tte gro�e Lust dazu gehabt. Sp�testens in dem Moment, als die Gestapo aufgetaucht ist.�</p><p>�Kann ich mir vorstellen!�, pflichtete ihm Sydow kleinlaut bei. �Nicht ratsam, den Kerlen ins Gehege zu kommen.�</p><p>�Du sagst es. Daf�r ist die Sache aber dann doch relativ glimpflich verlaufen. Ein kurzer Plausch, ein paar Fragen. Und schon haben sich die beiden wieder getrollt.�</p><p>�Klingt gut�, antwortete Sydow, aber da er sich nicht vorstellen konnte, dass f�r ihn und Behrens die Sache damit ausgestanden war, behielt er seine Bef�rchtungen lieber f�r sich. �Und dann?�, fragte er so unbeteiligt wie m�glich, obwohl er es kaum abwarten konnte, Details der Obduktion zu erfahren.</p><p>�Na, was wohl?�, flackerte der Unmut des Pathologen kurzzeitig wieder auf. �Ich habe den Herrn SS-Sturmbannf�hrer nach allen Regeln der Kunst obduziert.�</p><p>�H�rt sich so an, als sei dir das eine oder andere dabei aufgefallen.�</p><p>�Und ob!�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>Behrens r�usperte sich, und seine Heiterkeit war dahin. �Ich wei� zwar nicht, worauf ich mich da einlasse, aber wenn dir der Fall wichtig ist, solltest du dich vielleicht hierher bem�hen.�</p><p>Genau das fand Sydow auch. Zumal er sich fragte, ob seine Leitung nicht schon l�ngst angezapft worden war. �Geht klar!�, antwortete er so gelassen wie m�glich. �Und wann?�</p><p>�Sobald es dir deine kostbare Zeit erlaubt. Damit ich die Sache endlich hinter mich bringen kann.�</p><p>Sydow runzelte die Stirn. Doktor Wolfgang Behrens, Chefpathologe an der Charit� und eine absolute Koryph�e auf seinem Gebiet, hatte es erfasst. Wann die Gestapo wieder dazwischenfunken w�rde, war nur eine Frage der Zeit. Dass dieser Moebius zu allem f�hig war, hatte er ja bereits unter Beweis gestellt.</p><p>�Dann bis sp�ter!�, entgegnete Sydow in nachdenklichem Ton. Doch da hatte sein Freund bereits aufgelegt.</p><p>Zum Luftholen kam er trotzdem nicht, denn kaum lag der H�rer auf der Gabel, klopfte es an der T�r und Klinke st�rzte herein. Er lie� Sydow erst gar nicht zu Wort kommen, drehte den Stuhl vor dem Schreibtisch um und nahm ohne Umschweife Platz. �Das wirst du nicht glauben!�, keuchte er.</p><p>�Was denn?�</p><p>�Das da!�, erwiderte Klinke und warf eine Akte auf den Tisch.</p><p>Sydow nahm sie in die Hand, freilich ohne seinen Kollegen dabei aus den Augen zu lassen. �Irgendwas nicht in Ordnung?�</p><p>Klinke st�tzte sich auf die Oberschenkel, beugte sich nach vorn und rang um Fassung. Keine Spur mehr von dem Kollegen, der in kritischen Situationen die Nerven behielt, der seine Schnitzer ausb�gelte, von denen es wahrhaftig gen�gend gab. Sydow zuckte zusammen. Diesem Mann, gut zwei Zentner angestaute Wut, wollte er nicht in die Quere kommen, schon gar nicht, wenn er sich im gegenw�rtigen Zustand befand. Kriminalassistent Erich Kalinke, Vater von drei Kindern und der Polizist mit dem dicksten Fell weit und breit, hatte eine Stinkwut. Auf wen, war nat�rlich klar, aber ob dies unter den gegebenen Umst�nden hilfreich war, bezweifelte Sydow stark.</p><p>�Na, du machst mir vielleicht Spa�!�, ging Klinke fast an die Decke. �Vier Tote, darunter ein Kleinkind, und du fragst mich, ob irgendetwas nicht in Ordnung ist?�</p><p>�Schon gut, schon gut!�, warf Sydow beschwichtigend ein. Klinkes Augen sprangen fast aus den H�hlen, ein falsches Wort, und es g�be den gr��ten Krach. Aber genau das wollte er unbedingt vermeiden. Der Feind stand woanders, nur wo, das war die Frage. Und vor allem, was Moebius &amp; Co. noch alles in petto hatten. �Was hast du rausgekriegt?�</p><p>�Nichts �berraschendes. F�r jemanden, der sich mit so was auskennt, das reinste Kinderspiel.� Klinke verschr�nkte die H�nde hinter dem Kopf, lehnte sich zur�ck und sah ihn erwartungsvoll an.</p><p>Auf eine Reaktion seines Vorgesetzten nach beendeter Lekt�re brauchte er nicht lange zu warten. �Plastiksprengstoff?�, fragte Sydow verbl�fft.</p><p>�Du sagst es! Scheint so, als h�tten die Jungs aus der Prinz-Albrecht-Stra�e an alles gedacht.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Na, du stellst mir vielleicht Fragen! Im Ernst! Der Sprengstoff, mit dem sie unsere Karre in die Luft gejagt haben, ist ein britisches Fabrikat. Sieht aus wie frisch aus dem Knetkasten und tr�gt die Bezeichnung PE-808. Auf gut Englisch: Plastics Explosive, in der Hauptsache aus Cyclotrimethylen-Trinitramin. Oftmals auch RDX oder Research Department Explosive genannt. Kapiert?�</p><p>�Und das alles, damit es nach au�en wie ein britischer Anschlag aussieht. Bist ein helles K�pfchen, Dicker. Kompliment.�</p><p>Klinke lachte kurz auf, jedoch lange nicht so unbeschwert wie sonst. �Die arbeiten wirklich mit allen Tricks.�</p><p>�Das kannst du laut sagen! Die Frage ist nur, wie den Kerlen beizukommen ist. Beziehungsweise wie und unter welchen Umst�nden dieser M�llendorf ins Jenseits bef�rdert worden ist.� Sydow dr�ckte seine Zigarette aus, stand auf und trat ans Fenster, das der Hitze wegen offen war. Er konnte sich nicht helfen, aber irgendwie kam ihm das Panorama am Alexanderplatz total ver�ndert vor. Er wirkte wie ausgestorben, Fu�g�nger und Autos konnte man an einer Hand abz�hlen. Eine eigent�mliche Spannung lag in der Luft, durchbrochen nur durch den Zug, der soeben in den Bahnhof einfuhr. �Und vor allem, wieso!�, meinte er mit Blick auf das Kaufhaus �Wertheim�, Stra�enbahnkreuzung und U-Bahn-Station.</p><p>�Ganz egal, wie, wann und wieso�, lie� Klinkes Antwort nicht lange auf sich warten. �Wer immer das getan hat, kann sich meiner innigen F�rsorge sicher sein.�</p><p>�Bist du dir sicher, dass du die Sache durchziehen willst?�</p><p>�Um nicht unn�tig Zeit zu verschwenden, ich habe bereits mit Edith telefoniert.�</p><p>�Du hast was?�</p><p>�Keine Bange, sie hat nicht die Spur einer Ahnung.� Klinke sah auf die Uhr. �Wenn alles glattgeht, steigt sie gerade mit den Kindern in den Zug. Ab nach Breslau�zur Frau Mama!�</p><p>Zun�chst einmal war Sydow erleichtert, aber es dauerte nicht lange, bis seine Skepsis wieder die Oberhand gewann. �Bist du dir wirklich sicher��, wagte er den n�chsten Versuch, Klinke die Gef�hrlichkeit ihres Vorhabens vor Augen zu f�hren. Doch der lie� ihn nicht einmal ausreden.</p><p>�Wenn du mich aufs Abstellgleis schieben willst, vergiss es, Tom!�, fiel ihm Klinke entschieden ins Wort. �Wenn hier jemand weiter an dem Fall arbeitet, dann nur wir beide! Auf die Tour wirst du mich jedenfalls nicht los.�</p><p>Sydow drehte sich um, ein L�cheln auf dem �bern�chtigten Gesicht. �Ehrlich gesagt habe ich auch mit nichts anderem gerechnet.�</p><p>�Dann bin ich ja beruhigt. Und was nun?�</p><p>�F�rs Erste bin ich erleichtert, dass der hochverehrte Herr Polizeipr�sident die Wochenenden samt Familie am Wannsee zu verbringen pflegt.�</p><p>�Inklusive unseres Abteilungsleiters!�, erg�nzte Klinke und schnitt eine Grimasse, die an Respektlosigkeit nicht zu �berbieten war. �Durchaus zu begr��en, wenn die beiden St�tzen des Regimes mal Pause machen!�</p><p>�Eben!�, pflichtete ihm Sydow bei, obwohl ihm eigentlich nicht zum Lachen zumute war. �Aber Spa� beiseite! Wir m�ssen uns etwas ausdenken, bevor uns die da oben ins Handwerk pfuschen!�</p><p>�Keine Bange, wird uns schon etwas�� Klinke kam nicht dazu, den Satz zu vollenden, denn pl�tzlich klingelte das Telefon.</p><p>�Kripo Berlin!�, klang Sydow nicht gerade freundlich, denn der Anruf kam im denkbar ung�nstigsten Moment. Doch sein Unmut verflog ebenso rasch, wie er gekommen war, und er h�rte gespannt zu.</p><p>Der Mann am Telefon wollte anonym bleiben, und Sydow versuchte auch nicht, ihn umzustimmen. Darauf, wie er hie�, kam es im Moment nicht an, sondern auf das, was er ihm gerade anvertraute. Und das war Sprengstoff pur. Vorausgesetzt, er packte die Sache richtig an, w�rde ihn der Anrufer seinem Ziel ein erhebliches St�ck n�her bringen. �Keine Bange!�, tat er deshalb alles, um seinen Gespr�chspartner zu beschwichtigen. �Wenn Sie den Tathergang schildern, wird Ihnen das keinerlei Nachteile bescheren!�</p><p>�Das sagt sich so leicht!�, antwortete der Mann in einem Ton, aus dem eine geh�rige Portion Skepsis herauszuh�ren war. �Oder muss ich Sie dar�ber belehren, wie weit der Arm der Gestapo reicht?�</p><p>Nein, das musste der anonyme Anrufer nicht.</p><p>�Wie dem auch sei!�, wechselte Sydow rasch das Terrain. �Was mich betrifft, haben Sie keinerlei Repressalien zu bef�rchten!�</p><p>�W�re ja noch sch�ner!�, konterte der Mann selbstbewusst. �Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich der einzige Zeuge in einem Mordfall bin!�</p><p>�Ein Grund mehr, mir alles bis ins Detail zu schildern.�</p><p>�Wenn, dann aber nicht am Telefon!�</p><p>�Einverstanden. Wo dann?�</p><p>Die Antwort kam postwendend, der Anrufer �berlie� also nichts dem Zufall. �Kennen Sie den j�dischen Friedhof an der Pankower Chaussee?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Und wo��</p><p>�Am Grab von Moritz Mannheimer. Um 14�Uhr.� Der Mann am Telefon holte kurz Luft und f�gte hinzu: �Selbstverst�ndlich allein!� Dann h�ngte er auf.</p><p>�Etwas Neues?�, fragte Klinke, der das Gespr�ch mit wachsendem Interesse verfolgte hatte.</p><p>�Und ob!�, antwortete Sydow, schnappte sich seine Zigaretten und steckte sich eine an. Was der Mann gerade vom Stapel gelassen hatte, musste er erst verdauen.</p><p>�M�llendorf?�</p><p>�Genau.� Die Zigarette im Mundwinkel legte Sydow die Handfl�chen auf die Schreibtischkante und lie� das Gespr�ch Revue passieren. �Stell dir vor, der Kerl behauptet, Zeuge davon gewesen zu sein, wie M�llendorf auf der Parkbank gelandet ist. Dreimal darfst du raten, auf wen die Beschreibung des Anf�hrers der Nacht-und-Nebel-Aktion passt! Na, f�ngts an zu klingeln, Dicker?�</p><p>�Doch nicht etwa auf Moebius?�</p><p>�Gratulation, Herr Kollege. Sie haben sich eine Bef�rderung verdient!�</p><p>�Schei� drauf!�, war Klinke anscheinend nicht nach Sydows Scherzen zumute, weshalb er das Thema zur�ck auf den Anrufer brachte: �Wie hat er sich denn angeh�rt?�</p><p>�Der anonyme Anrufer?� Sydow lie� sich auf seinen Stuhl sinken und spielte geistesabwesend mit dem Streichholzbriefchen herum. �Wie ein Mann in mittleren Jahren. Um die 40 vielleicht. Wenn �berhaupt.�</p><p>�Und weiter?�</p><p>�Keine Ahnung. Ich kann mich zwar t�uschen, wage aber zu behaupten, er kommt nicht aus Berlin.�</p><p>�Woher dann?�</p><p>�Das genau ist die Frage! Drauf wetten, dass er von hier ist, w�rde ich jedenfalls nicht.�</p><p>�S�ddeutscher vielleicht?�</p><p>�Kann sein. Wieso fragst du?�</p><p>Klinke rieb sich nachdenklich das Kinn. �Gut m�glich, dass es der Anrufer von heute Morgen war.�</p><p>�Doch nicht etwa der Mann, der M�llendorf gefunden hat?�</p><p>Klinke nickte. �Doch!�, bekr�ftigte er knapp. �Passt doch zusammen, oder nicht?�</p><p>Sydow lie� die Z�hne �ber die Unterlippe gleiten und kratzte sich am Kopf. �Wie dem auch sei�in eineinhalb Stunden sind wir schlauer!�</p><p>�Treffpunkt?�</p><p>�J�discher Friedhof an der Pankower Chaussee.�</p><p>��Der ideale Platz f�r einen Plausch unter Freunden!�, feixte Klinke. �Bin gespannt, mit wem wir es da zu tun kriegen.�</p><p>��Ich auch!�, stimmte Sydow nach einer Kunstpause zu, dr�ckte die Zigarette aus und richtete sich zu voller Gr��e auf. �H�chste Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen!�</p><p>�Und was nun?�</p><p>�Getrennt marschieren, gemeinsam zuschlagen!�, erwiderte Sydow forsch, und das, obwohl ihm �berhaupt nicht danach zumute war. Gesetzt den Fall, es gel�nge ihnen, Moebius und Konsorten des Mordes zu �berf�hren. Was w�rde dies nach sich ziehen? Doch wohl ganz bestimmt nicht seine Verurteilung. Es gab niemanden, der die Gestapo vor Gericht zerren konnte, geschweige denn einen Richter, der Anklage erheben w�rde. Wozu sich dann �berhaupt in Gefahr bringen, Karriere, Leib und Leben riskieren? Sydow fuhr sich mit der Handfl�che �ber den Bart. Die Antwort war denkbar einfach. Weil es nichts mehr zu riskieren gab. Er war bereits zu sehr in den Fall verstrickt, als dass er einen R�ckzieher h�tte machen k�nnen. Heute Morgen, als Klinke beinahe �ber den Haufen gefahren worden w�re, h�tte dies noch einen Sinn gehabt. Jetzt nicht mehr. Nach dem Tod von vier Unschuldigen, darunter einem einj�hrigen Kind, konnte man nicht so einfach zur Tagesordnung �bergehen. Wer, wenn nicht er, war imstande, die T�ter zu �berf�hren? Und wenn nicht, es wenigstens zu versuchen?</p><p>�Und du bist dir auch ganz sicher, dass du die Sache durchziehen willst?�, fragte Klinke ganz unverbl�mt, verschr�nkte die Arme vor der Brust und sah Sydow herausfordernd an. Einmal mehr unter dem Eindruck, sein Kollege k�nne Gedanken lesen, tat sich Sydow mit seiner Antwort schwer. �Du meinst, warum den Fall nicht einfach Fall sein lassen und nach der Pfeife der Gestapo tanzen?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Weil vier Menschen, die nicht das Geringste mit der Sache zu tun haben, auf bestialische Weise ums Leben gekommen sind. Darum.�</p><p>�Und warum noch?�</p><p>�Weil ich eine Stinkwut auf dieses Verbrechersyndikat habe. Schon vergessen, dass nicht mehr viel gefehlt h�tte, und du h�ttest die Radieschen von unten begaffen k�nnen?�</p><p>Ein sibyllinisches L�cheln huschte �ber Klinkes Gesicht. Dass Sydows Frage rhetorisch gemeint war, stand fest, aber sein Assistent tat ihm den Gefallen darauf anzuspringen. �Sonst noch was?�</p><p>�Allerdings!�, retournierte Sydow souver�n.</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Die Tatsache, dass ich glaube, wir sind da einem Riesending auf der Spur. Oder warum glaubst du, dass uns die Gestapo unbedingt von der Bildfl�che pusten will?�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>�Wenn es kein Selbstmord war, sondern tats�chlich eine Exekution, noch dazu durch die Gestapo, was k�nnte deiner Meinung der Grund daf�r sein?�</p><p>Klinke zuckte die Achseln. �Na ja!�, druckste er herum und rutschte auf dem Stuhl hin und her. �Sollte der Kerl von vorhin recht haben, muss M�llendorf ganz sch�n was ausgefressen haben.�</p><p>�Gelinde gesagt.� Sydow erhob sich, verschr�nkte die H�nde hinter dem R�cken und ging vor dem Fenster auf und ab. �Was, frage ich mich, hatte dieser M�llendorf mit Heydrich zu tun?�</p><p>�Du willst doch nicht etwa behaupten, seine�na gut, nennen wir es der Einfachheit halber Exekution!�du denkst doch nicht etwa immer noch, dass der Tod von M�llendorf in Zusammenhang mit dem Attentat auf Heydrich steht? Und selbst wenn, was sollte der Grund daf�r sein? Reichlich gewagt, deine Hypothese, findest du nicht auch?�</p><p>�Und warum hat sich die Gestapo dann die werte Frau Gemahlin vorgekn�pft? Wei�e Handschuhe, und das im Sommer! Auff�lliger gehts ja wohl nicht!�</p><p>�Damit das Kind seine liebe Ruhe hat. Weil sie mit ihm unter einer Decke steckt oder schlicht und ergreifend zu viel wei�!�, war Klinke die Diskussion leid und verzog das Gesicht. �Also, was liegt als N�chstes an?�</p><p>�Gute Frage.� Die H�nde in der Tasche, begutachtete Sydow sein Gesicht im Spiegel, der �ber dem Waschbecken in der Ecke hing. Dreitagebart, Augenr�nder noch und n�cher und eine Platzwunde, die von seiner morgendlichen Rettungsaktion stammte. Er hatte schon mal besser ausgesehen. �Das Beste w�re, du nimmst dir M�llendorfs Frau noch mal ernsthaft zur Brust!�, schlug er Klinke vor.</p><p>�Im wortw�rtlichen Sinn?�</p><p>�Wenn dir danach ist�warum nicht! Spa� beiseite, tu mir den Gefallen und fahr noch mal zu ihr raus. K�nnte mir vorstellen, dass du einen besseren Draht zu ihr hast als ich.�</p><p>�Und was, wenn ich dabei �ber die Stra�e muss?�, passte sich Klinke dem Sydow�schen Humor in be�ngstigender Weise an, schraubte sich in die H�he und ging zur T�r.</p><p>�Sehr witzig, Dicker! Lass dir eben was einfallen. Ach so, noch was: Bevor du dem Charme einer gewissen Frau von M�llendorf erliegst, k�nntest du der Spurensicherung einen kleinen H�flichkeitsbesuch abstatten.�</p><p>Klinke salutierte. �Jawoll, mein F�hrer!�, war er in puncto Galgenhumor nicht mehr zu bremsen. �Und du?�</p><p>�Ich?� Sydow schlug die Hacken zusammen und grinste schief. �Was mich betrifft, steht mir ein weiteres Treffen mit Herrn von M�llendorf bevor!�, antwortete er. �Und ein Stelldichein auf dem Friedhof�damit mir ja nicht zu wohl wird in meiner Haut.�</p><p>�Treffpunkt?�</p><p>�Im �Nussbaum��wo sonst?�</p><p>�Entschuldigung�was f�r eine Frage! Und wann?�</p><p>�So gegen 17 Uhr. In Ordnung?�</p><p>�Denke schon.� Die Hand auf der Klinke, drehte sich Sydows Assistent nochmals um. �Dann machs mal gut!�, sagte er, hob die Hand und verlie� sein B�ro.</p><p>�Du auch, Dicker!�, murmelte Sydow, schnappte sich sein Sakko und folgte Klinke auf dem Fu�. Er war schon an der T�r, als erneut das Telefon klingelte. Zuerst wollte Sydow nicht abheben, tat es der Neugierde halber aber doch.</p><p>�Ja, bitte?�</p><p>�Kommissar Sydow?�, keifte eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung. �Braun hier.�</p><p>�Doch nicht etwa <emphasis>Eva�</emphasis>�</p><p>�Ihre Scherze in Ehren, lieber Herr Kommissar��</p><p>�Hauptkommissar�Ordnung muss schlie�lich sein.�</p><p>�... aber ich f�rchte, dies ist weder die Zeit noch der Ort daf�r.�</p><p>Sydow verdrehte die Augen. Die Sekret�rin des Herrn Polizeipr�sidenten. Ber�hmt-ber�chtigt wegen ihrer Humorlosigkeit. Sozusagen die fleischgewordene Aufforderung zu sexueller Abstinenz.</p><p>Und das nat�rlich genau im richtigen Moment.</p><p>�Was liegt an, verehrtes Fr�ulein Braun?�</p><p>�Das, verehrter Herr Kommissar, w�rde Ihnen der Herr Polizeipr�sident gerne selber sagen!�</p><p>�Und das an seinem freien Tag?�</p><p>�<emphasis>Gerade</emphasis> an seinem freien Tag. Mit anderen Worten: Sie werden gebeten, unverz�glich Kontakt mit ihm aufzunehmen. Per Telefon.�</p><p>�Wenn, dann aber bitte nicht jetzt.�</p><p>Wie Kriemhild Braun, Spitzname �Zerberus�, just in diesem Moment aus der W�sche guckte, konnte sich Sydow lebhaft vorstellen. Genauso gut wie die Tatsache, dass sein Triumph ein �u�erst kurzlebiger sein w�rde.</p><p>�Wie darf ich das verstehen?�</p><p>�So, wie ich es sage. Oder vielmehr gesagt habe.� Dieser Vorzimmerdrache ging ihm gewaltig auf die Nerven, und das nicht erst seit heute. �Und jetzt, in der Hoffnung, dass Ihnen der Ausdruck gel�ufig ist, haben Sie die <emphasis>G�te</emphasis>, mich zu entschuldigen! Ein dringender Fall�Sie verstehen.�</p><p>Bevor seine Gespr�chspartnerin zum Luftholen kam, lag der H�rer wieder auf der Gabel.</p><p>�Schei�e, verfluchte!� Sydow hieb mit der Faust auf den Tisch. Das ging ja schneller als erwartet. Der Polizeipr�sident wollte ihn zur Schnecke machen, dazu bedurfte es keiner Fantasie. Oder, schlimmer noch, ihm den Fall kurzerhand entziehen. So weit allerdings w�rde es nicht kommen. Sydows Z�ge verh�rteten sich. Pech, Herr Polizeipr�sident, rief er sich das imagin�re Bild seines Vorgesetzten in den Sinn. Pech, dass Tom Sydow Lunte gerochen hatte.</p><p>In diesem Moment, zwischen allen nur erdenklichen St�hlen, war Tom Sydow klar, dass die letzte Br�cke hinter ihm bereits ins Wanken geraten war. Nur noch ein paar Stunden, vielleicht weniger, und man w�rde ihm den Fall entziehen. Anders formuliert: Bis es soweit war, musste etwas geschehen. Und das m�glichst bald. Mit jeder Minute, die ungenutzt verstrich, r�ckte das Debakel ein St�ck n�her. Ein Debakel der besonderen Art. Eines, das ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben kosten w�rde.</p><p>Allein mit sich und seinen Gedanken, trotz allem jedoch zum �u�ersten entschlossen, blieb Sydow in der Mitte des Raumes stehen. Auf die Idee, das Fenster zu schlie�en, kam er gar nicht erst, sondern lie� den Blick durch sein spartanisch m�bliertes B�ro schweifen.</p><p>Auf einmal traf es ihn wie ein Blitz, nicht unerwartet, daf�r aber mit voller Wucht.</p><p>Die Erkenntnis, Ausgeburt seines untr�glichen Instinktes, hatte etwas Beruhigendes an sich, wobei er sich dies zun�chst nicht erkl�ren konnte. Von dieser Stunde an w�rde Hauptkommissar Tom Sydow, Beamter der Kripo Berlin, dieses B�ro nicht mehr betreten.</p><p>Nie mehr.</p><p>Doch bevor ihm richtig klar wurde, was das hie�, war die T�r seines B�ros bereits ins Schloss gefallen.</p><p>Ohne dass er sich die M�he gemacht h�tte abzuschlie�en.</p><empty-line/></section><section><p><sub>17</sub></p><p><emphasis>Neue Reichskanzlei, Vo�stra�e 1�19������������� | 12.45h</emphasis></p><empty-line/><p>Jedes Mal, wenn er hier war, kam er sich wie ein HJ-Pimpf vor. Am heutigen Sonntag mehr denn je.</p><p>Nat�rlich trug der Raum, in dem er sich befand, das Seinige dazu bei. Er war fast 400 Quadratmeter gro�, hatte insgesamt f�nf Eing�nge und ebenso viele Fenstert�ren, die auf eine riesige Terrasse hinausf�hrten. An ihrem jeweiligen Ende befanden sich zwei Pferdeskulpturen aus Bronze, daneben die Treppen, die hinunter in den Garten und zum Gew�chshaus f�hrten. Die W�nde des Arbeitszimmers waren mit r�tlichem Marmor verkleidet, die Gem�lde, Werke italienischer Meister, s�ndhaft teuer. Vor der Fensterfront befand sich ein Marmortisch, �berh�uft mit Generalstabskarten, links daneben ein Schreibtisch, dessen Intarsien ein halb aus der Scheide gezogenes Schwert aufwiesen. �ber dem Kamin, um den ein Sofa und ein halbes Dutzend Polstersessel gruppiert waren, hing ein Portr�t Bismarcks, das angesichts der immensen Gr��e des Raumes jedoch ein wenig verloren wirkte. Kein Wunder, denn von einem Ende zum anderen ma� dieser 15 Meter. Ein riesiger Globus verlieh dem protzigen Ambiente sozusagen den letzten Schliff.</p><p>Schuld an dem Gef�hl der Beklommenheit, das Heinrich Himmler, Reichsf�hrer-SS, in diesem Moment empfand, war jedoch nicht nur seine Umgebung. Schuld daran war vor allem die Tatsache, dass Heydrichs sogenannter Giftschrank nach wie vor verschollen war und er dies dem Mann, der mit dem R�cken zu ihm auf der Terrasse stand, so schonend wie m�glich beibringen musste. Die Scheu vor demjenigen, dessen Silhouette sich hinter dem Vorhang abzeichnete, war so gro�, dass er es nicht wagte, den Stoff beiseitezuschieben und sich zu ihm hinaus auf die Terrasse zu begeben.</p><p>�Der getreue Heinrich�p�nktlich wie immer!�, h�rte er den Uniformierten pl�tzlich sagen, und obwohl ihm seine Stimme vertraut war, �berlief es ihn kalt. Wie er ihn auf dem mit Teppichen ausgelegten Marmorfu�boden hatte kommen h�ren, war ihm ein R�tsel, beileibe nicht das einzige, auf das er im Verlauf der Jahre gesto�en war. Nichts Konkretes, aber jede Menge Ger�chte. Und das Interessante war, dass sie nicht verstummen wollten. Ger�chte �ber seine Herkunft, die Zeit im Obdachlosenasyl, Aff�ren. Insbesondere die mit seiner Nichte, ein absolutes Tabu. Ihr Selbstmord, so es denn einer war, hatte f�r erhebliches Aufsehen gesorgt und ihm beinahe das Genick gebrochen. In Parteikreisen unterhielt man sich nur hinter vorgehaltener Hand dar�ber. Ein falsches Wort, und der Betreffende war erledigt.</p><p>F�r Heydrich, der gern im Tr�ben fischte, war die Sache ein gefundenes Fressen gewesen. Dass er vor nichts zur�ckschreckte, war allgemein bekannt, und so hatte er sich auch nicht gro� dar�ber gewundert, als Ger�chte �ber Geheimdossiers im Umlauf waren. Er selbst, Himmler, hatte ihn nie darauf angesprochen, erst vor f�nf Tagen, aber da war es bereits zu sp�t gewesen. Er h�tte sich ohrfeigen k�nnen, daran �ndern konnte er jedoch nichts. Der Lehrling hatte den Meister �bertrumpft, um L�ngen, wie Himmler mit wachsendem Unbehagen registrierte. Heydrich hatte ihn eben gekannt, besser als er sich selbst. Er hatte alles vorausgesehen, geahnt, dass er, der Reichsf�hrer-SS, danach trachten w�rde, in den Besitz seiner Geheimdossiers zu gelangen, gewusst, dass ihn der Besitz des verschollenen Giftschrankes zum unumschr�nkten Herrscher hinter den Kulissen machen w�rde. Mit dem Ergebnis, dass die f�hrenden K�pfe des Reiches nach seiner Pfeife zu tanzen hatten.</p><p>Und nicht nur sie.</p><p>Himmler schloss die Augen und wischte sich den Schwei� von der Stirn. Das Komplott gegen ihn, vor allem die Absprache mit M�llendorf, war klug eingef�delt und eines Heydrich w�rdig gewesen. Folglich musste er sich etwas einfallen lassen. Denn eins stand von vornherein fest: Sollte es ihm gelingen, den Giftschrank aufzutreiben, w�rde er die kostbarsten St�cke des Schatzes f�r sich behalten. Wozu unter anderem das Protokoll der Konferenz am Wannsee geh�rte. Auf gar keinen Fall durfte davon etwas nach au�en dringen. Der Schaden f�r das Reich w�re irreparabel, auch und vor allem, was die Moral der Bev�lkerung anging. Und f�r ihn, denn dann w�re er erledigt. Einen derartigen Schnitzer w�rde ihm der Mann hinter dem Vorhang nie und nimmer verzeihen. Dazu kannte er ihn inzwischen zu gut.</p><p>�Dilettanten, nichts als Dilettanten!�</p><p>�Darf man fragen, wen Sie damit meinen, mein��</p><p>�Keine langatmigen Erkl�rungen, Himmler!� Der Mann hinter dem Vorhang machte eine wegwerfende Geste. �Wenn nicht einmal Sie es schaffen, diese Geheimakten aufzutreiben, wer dann?�</p><p>An einem Punkt angelangt, an dem ihn ein falsches Wort den Kopf kosten konnte, brach ihm der Schwei� aus allen Poren hervor. Himmler war froh, dass keiner seiner Rivalen, allen voran G�ring, ihn so sah. Ein schwacher Trost, denn nun war es an ihm, etwas zu erkl�ren, wof�r es eigentlich keine Erkl�rung gab. Der Giftschrank war nicht aufzufinden, der Mann, der �ber seinen Verbleib Bescheid wusste, tot. Beim Gedanken daran packte ihn die kalte Wut, und Himmler nahm sich vor, die Verantwortlichen zur Rede zu stellen.</p><p>Doch zun�chst einmal war er es, der sich zu rechtfertigen hatte. �Nur noch ein wenig Geduld, mein��, wagte Himmler einen zaghaften Versuch, aber sein Gespr�chspartner fiel ihm erneut ins Wort.</p><p>�Geduld, Geduld, Geduld!�, rief er aus, wobei sich seine Stimme fast �berschlug. Die Silhouette hinter dem Vorhang geriet auf einmal in Bewegung, und was mit einem konvulsivischen Zucken begonnen hatte, endete mit einer Tirade, die Himmler instinktiv zur�ckweichen lie�. �Was hei�t denn hier �berhaupt Geduld! Oder k�nnen Sie sich etwa nicht vorstellen, was passiert, wenn dieser Giftschrank in die falschen H�nde ger�t? Jetzt kommen Sie, Himmler, Sie sind doch sonst nicht so schwer von Begriff!�</p><p>�Wenn ich ehrlich bin, w�re ich nie und nimmer auf die Idee gekommen, dass Heydrich ein derart skrupelloser��</p><p>�Was glauben Sie denn, Himmler, weshalb ich ihn dann nach Prag geschickt habe? Wegen seiner Skrupellosigkeit�weshalb denn sonst? Das und allein das hat ihn doch wohl ausgezeichnet! Noch vor allen anderen! Wer au�er ihm w�re in der Lage gewesen, die Endl�sung mit der gebotenen H�rte voranzutreiben? G�ring vielleicht? Der ist doch voll und ganz damit besch�ftigt, seine Kunstsch�tze zusammenzuramschen!�</p><p>�Genau das ist das Problem. Unter anderen jedenfalls.�</p><p>�Was denn, zum Teufel!�</p><p>�Die Endl�sung.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Soweit mir bekannt ist, soll sich unter Heydrichs Geheimakten das Original von der Konferenz am Gro�en Wannsee befinden.� Himmler scharrte verlegen mit dem Fu�. Die Floskel �Wenn Sie verstehen, was ich meine!� konnte er sich gerade noch verkneifen.</p><p>Sein Gl�ck.</p><p>Gegen das, was nun �ber ihn hereinbrach, war die Tirade von vorhin harmlos gewesen. Der Mann hinter dem Vorhang wirbelte herum, fluchte, tobte und schrie, was das Zeug hielt. Himmler hielt ganz einfach still. Aus Erfahrung wusste er, dass seine Wutausbr�che irgendwann einmal abklingen w�rden. So auch dieses Mal, wenn auch erst nach zehn Minuten: �Unter gar keinen Umst�nden, verstanden?�, bekam er das Ende des Tobsuchtsanfalls gerade noch mit. �Unter gar keinen Umst�nden d�rfen diese Dossiers in die falschen H�nde geraten! Und schon gar nicht dieses Konferenzprotokoll. W�re dies der Fall, m�ssten wir mit unabsehbaren Konsequenzen rechnen! Und darum gilt h�chste Geheimhaltungsstufe!�</p><p>�Zu Befehl!�, f�gte Himmler zackig an, aber offenbar war die Energie seines Gespr�chspartners so sehr ersch�pft, dass er sich umdrehte, die Arme verschr�nkte und in br�tendes Schweigen verfiel. F�r Himmler ein Zeichen, dass das Gespr�ch so gut wie beendet war. H�chste Geheimhaltungsstufe! Das h�rte sich alles so einfach an. Dummerweise waren diese beiden Quertreiber von der Berliner Kripo mit herk�mmlichen Mitteln nicht klein zu kriegen. Die Folge: Er w�rde sich andere, ungleich h�rtere Ma�nahmen einfallen lassen m�ssen. So zum Beispiel Sippenhaft. Damit kriegte man auch noch den renitentesten Zeitgenossen klein.</p><p>�Das war alles! Sie k�nnen gehen!�, lie� sich der Mann auf der anderen Seite des Vorhanges am Ende doch noch zu einer Bemerkung herab.</p><p>�Wie Sie befehlen, mein F�hrer!�, erwiderte Himmler milit�risch knapp.</p><p>Dann wandte er sich zum Gehen.</p><p>�Wenn wir gerade dabei sind, Himmler!�, war der Reichsf�hrer-SS allerdings noch nicht aus dem Schneider. �Wie geht es eigentlich mit den Vorbereitungen f�r Heydrichs Beerdigung voran?�</p><p>�Bestens, mein F�hrer!�, erwiderte Himmler, drehte sich auf dem Absatz um und erstarrte.</p><p>�Denken Sie dran. Das Beste ist gerade gut genug.�</p><p>�Wie darf ich das verstehen?�</p><p>�Genau so, wie es gemeint ist, Himmler. Bekannterma�en ist Beerdigung ja nicht gleich Beerdigung.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, mein F�hrer!�, stie� Himmler sichtlich verunsichert hervor. �Ich verstehe.�</p><p>�Das bezweifle ich.�</p><p>Aus den Erfahrungen, die er w�hrend der letzten Jahre gesammelt hatte, hielt es Himmler f�r das Beste, zu schweigen. Er tat gut daran, denn seine Meinung war ohnehin nicht gefragt: �Es ist mein unab�nderlicher Wille, Himmler�, klang es ihm f�rmlich in den Ohren, �dass Heydrich nicht nur mit allen milit�rischen Ehren bestattet, sondern ein Staatsbegr�bnis erhalten wird.�</p><p>�Ein Staatsbegr�bnis?�</p><p>�Genau. Mit allem, was dazugeh�rt.�</p><p>Wenn Himmler je sprachlos gewesen war, dann in diesem Moment.</p><p>�Mit anderen Worten. Wir werden s�mtliche Register ziehen. Ehrenkompanie, Flammenschalen, Trommelwirbel. Trauerzug durch Berlin und so weiter. Aufbahrung im Mosaiksaal der Reichskanzlei. Musik aus der �G�tterd�mmerung� nicht zu vergessen, das rundet eine Trauerfeier erst richtig ab.�</p><p>�Und das bei jemandem, der sich derma�en ruchlos verhalten hat?�, fiel es Himmler schwer, ein derartiges Ausma� an Zynismus zu verdauen. Und das wollte bekanntlich etwas hei�en.</p><p>�<emphasis>Gerade</emphasis> dann, Himmler!�, lie� die Antwort auf seine Frage jegliche Kompromissbereitschaft vermissen. �Wenn schon, dann bleibt uns nichts anderes �brig, als diese Schmierenkom�die zu Ende zu bringen. Und da dem so ist, darf auf keinen Fall etwas nach au�en dringen. Auf keinen Fall, h�ren Sie? Nicht auszudenken, wenn die Alliierten etwas davon mitbek�men. Dann k�nnten wir uns n�mlich unser eigenes Grab schaufeln. Das ist Ihnen doch wohl hoffentlich klar!�</p><p>Himmler nestelte an seinem Uniformkragen herum. Das genau war das Problem, n�mlich, ob die Sache auf Dauer geheim zu halten war. Zum einen vor den Alliierten, f�r deren Spione die Sache ein gefundenes Fressen sein w�rde, und andererseits vor diesen beiden Quertreibern von der Kripo, f�r die sie offenbar nicht hei� genug sein konnte. Noch nicht, denn dieses Problem w�rde sich bestimmt bald erledigen. Daf�r w�rde er sorgen. Wenn es sein musste, sogar pers�nlich. �Selbstverst�ndlich, mein F�hrer.�</p><p>�Und da w�re noch etwas, Reichsf�hrer.�</p><p>Wenn er gedacht hatte, die Audienz sei f�r ihn beendet, sah sich Himmler get�uscht.</p><p>�Trifft es zu, dass allein in Berlin etwa 5.000 Juden untergetaucht sind?�</p><p>Der Reichsf�hrer-SS schwitzte Blut und Wasser. Mit einem derartigen Frontalangriff hatte er nicht gerechnet. �Ich f�rchte ja, mein F�hrer!�, stie� er m�hsam hervor.</p><p>�Und wie ist das zu erkl�ren?�</p><p>Himmler legte sich eine Antwort zurecht, doch nicht schnell genug, um der n�chsten Attacke zuvorzukommen: �Damit Sie Bescheid wissen: Sollte es noch einmal vorkommen, dass sich einer oder eine der zu Deportierenden ihrem Abtransport durch Flucht entziehen und anschlie�end seelenruhig durch Berlin spazieren, sehe ich mich gezwungen, andere Saiten aufzuziehen! Haben Sie mich verstanden, Reichsf�hrer?�</p><p>Oh ja, das hatte er.</p><p>Erstens: Liquidierung der beiden Kripobeamten. Wenn n�tig, mit s�mtlichen zur Verf�gung stehenden Mitteln.</p><p>Zweitens: Jagd auf s�mtliche Juden im Untergrund. Bis hin zu ihrer v�lligen Beseitigung.</p><p>Heinrich Himmler, Henker von F�hrers Gnaden, schlug die Hacken zusammen. �Zu Befehl!� Seine Beklommenheit war auf einen Schlag verschwunden. Wieder ganz der Alte, ein Mann, der bereits jetzt zu den gr��ten Verbrechern des Jahrhunderts z�hlte, machte er einen Schritt auf die offene Fl�gelt�r zu.</p><p>Doch da war niemand mehr.</p><p>Nur die dr�ckende Schw�le, die ihm wie der Atem der H�lle erschien.</p><empty-line/></section><section><p><sub>18</sub></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Tiergarten, L�tzowplatz��������������������� | 13.20h</emphasis></p><empty-line/><p>Schon von Weitem sah das vierst�ckige Haus am noblen L�tzowplatz alles andere als einladend aus. Der Erbauer, ein Magnat aus der Kaiserzeit, musste ein Faible f�r Burgen gehabt haben. Oder schlicht und ergreifend den falschen Architekten.</p><p>Doch darauf kam es im Moment nicht an. Dieses Haus, nur einen Steinwurf vom Landwehrkanal entfernt, war ihre letzte Hoffnung. So einfach war das. Einfach und deprimierend zugleich.</p><p>W�hrend sie vor der Haust�r stand, musste Rebecca an die Ereignisse des heutigen Tages denken. Mord, Verrat und eine halsbrecherische Flucht, die ebenso gut mit ihrem Tod h�tte enden k�nnen. Sie war mit heiler Haut davongekommen, ein schwacher Trost. Denn mit der schwarzen Limousine, die sie vor der schwedischen Botschaft in der Tiergartenstra�e bemerkt hatte, war ihr Plan, sich dort in Sicherheit zu bringen, gescheitert.</p><p>Um nicht unn�tig Aufsehen zu erregen, ignorierte Rebecca die schmerzenden Gliedma�en, zupfte an ihrem Kleid und steuerte forsch auf die Haust�r zu. Ein Blick auf den Klingelknopf, und schon keimte Hoffnung in ihr auf. Die Familie, bei der sie jahrelang ein- und ausgegangen war, wohnte also noch hier. Vor vier Jahren, genauer gesagt im November 1938, hatte sie dieses Haus zum letzten Mal betreten.</p><p>Danach nie mehr.</p><p>�Sie w�nschen?� Bis sich die T�r der ger�umigen, um nicht zu sagen hochherrschaftlichen Wohnung im Obergeschoss einen Spalt weit �ffnete, vergingen mehrere Minuten. Rebecca rechnete schon nicht mehr damit, dass jemand zu Hause war, aber dann stand sie Agnes, Freundin aus besseren Tagen, Auge in Auge gegen�ber.</p><p>�Sie w�nschen?�, wiederholte die junge Frau und sah sie naser�mpfend an. Sie trug einen Uniformrock, Krawatte und ein Abzeichen mit der Aufschrift �LH� auf der Bluse. Rebecca musste schon zweimal hinsehen, um in der drallen Flakhelferin genau die Frau zu erkennen, mit der sie jahrelang eng befreundet gewesen war.</p><p>Und doch war dem so. Irrtum ausgeschlossen.</p><p>�Agnes?� Rebecca hatte die Frage aus Verlegenheit gestellt, bereute sie jedoch rasch.</p><p>�Sollten Sie fortfahren, mich zu duzen, werde ich daf�r Sorge tragen, dass man Ihre Personalien �berpr�ft. Schneller, als Ihnen lieb sein kann.�</p><p>Das sa�. Rebecca war v�llig perplex. Auf den ersten Blick hatte es so ausgesehen, als habe Agnes sie nicht erkannt. Doch wie so h�ufig in letzter Zeit wurde Rebecca eines Besseren belehrt: �Falls es Sie interessiert�, riss der Kasernenhofton nicht etwa ab, sondern nahm an Sch�rfe noch zu, �wir sind gerade beim Mittagessen. Wenn du� wenn Sie also ein Anliegen haben, dann bitte schnell!�</p><p>Die leichte R�te im Gesicht der uniformierten Frau verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Rebecca musste sich am Gel�nder festhalten, nicht etwa aus Schw�che, sondern um sich klarzumachen, dass dies kein Albtraum war. Ein Anliegen? Wozu auch, eigentlich war doch alles gesagt. Rebeccas Kinn sackte nach vorn. Nur keine Tr�nen, nicht jetzt und vor allem nicht hier, machte sie sich selbst Mut. Auf eine Entt�uschung mehr oder weniger kam es nicht an. Trotz der Schmerzen, die kaum noch zu ertragen waren.</p><p>Im Begriff, sich abzuwenden und an der Treppe, die einem Adelspalais Ehre gemacht h�tte, wieder hinunterzuhangeln, blieb Rebecca auf dem Absatz stehen und suchte den Blick der blonden jungen Frau. Mehrere Sekunden hielt diese ihm stand. Dann tat sie so, als sitze ihr Uniformrock nicht und hantierte verlegen an ihrem G�rtel herum.</p><p>Zeit zu gehen. Wieder einmal. Doch dann, in der Erkenntnis, dass ihre letzte Hoffnung so gut wie zerronnen war, raffte sich Rebecca doch noch zu einer Frage auf. �Wie geht es Tom?�, fragte sie in beil�ufigem Ton.</p><p>Die Reaktion ihrer Gespr�chspartnerin h�tte ungew�hnlicher nicht ausfallen k�nnen. Auf einmal wurde sie leichenblass, und ihr arrogantes Auftreten war dahin. �Ich w�sste nicht, was dich� was Sie das angeht!�, fuhr sie Rebecca in ged�mpftem Ton an, warf einen Blick �ber die Schulter, trat aus dem Haus und zog rasch die T�r hinter sich zu.</p><p>�Und doch ist es so, Agnes!�, tat Rebecca so, als habe sie nichts bemerkt.</p><p>�Fr�ulein von Sydow, wenn ich bitten darf!�, schnappte das Musterbild einer Volksgenossin zur�ck.</p><p>�Meinetwegen!�, konterte Rebecca unger�hrt.</p><p>�Das beantwortet jedoch nicht meine Frage!�</p><p>Anscheinend war genau dies der Ton, der bei ihrer Gespr�chspartnerin Wirkung zeigte, denn sie senkte verlegen den Kopf. �Falls du es noch nicht wei�t��, stakste sie, �Vater, Mutter und ich haben seit fast vier Jahren nichts mehr von ihm geh�rt. Warum, d�rfte dir doch wohl noch in Erinnerung sein.�</p><p>Nat�rlich war es das. Doch das war momentan nicht der Punkt. �Und ob!� Rebecca ging nicht weiter auf die Bemerkung ein. �Ist er immer noch bei der Kripo, oder hat er es sich inzwischen etwa anders �berlegt?�</p><p>�Wenn du willst, frag ihn doch selbst.�</p><p>�Danke f�r den Vorschlag!�, parierte Rebecca gewandt. Nur um zu ihrer eigenen Verwunderung hinzuzuf�gen: �Und wo, sofern ich das Bed�rfnis versp�re, k�nnte ich das tun?�</p><p>�Im Polizeipr�sidium. Wo sonst?�</p><p>�Viel zu aufw�ndig!�, winkte Rebecca ab, drehte sich um und stieg die Treppe hinunter. Auf einmal war ihr alles gleichg�ltig, ihr Schicksal, die Zukunft, selbst die Gestapo, der sie fr�her oder sp�ter in die Arme laufen w�rde. Wohin sie jetzt gehen sollte, wusste sie nicht, und zum ersten Mal, seit sie sich auf der Flucht befand, lie� sie ihr Durchhaltewille im Stich.</p><p>Die Haust�r war bereits halb offen, als sie ein Ger�usch auf der Treppe aufhorchen lie�. Das Sonnenlicht, prall und grell, flutete in den Hausflur und sorgte daf�r, dass die Gestalt auf der Treppe den Unterarm sch�tzend vor die Augen hob.</p><p>�Gibt es noch etwas, das du mir zu sagen hast?�, fragte Rebecca und wandte sich zum Gehen.</p><p>�Proskauer Stra�e�Nummer 10, glaube ich!�, lautete die Antwort, doch als Rebecca einen Blick �ber die Schulter warf, hatte sich die uniformierte Frau scheinbar in Luft aufgel�st.</p><p>Und mit ihr der letzte Rest, der Rebecca mit ihr verband.</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>�Und damit, verehrter Herr von Sydow�, fuhr Moebius mit seiner Vernehmung fort, �w�re es an der Zeit, mir detaillierte Angaben �ber den derzeitigen Aufenthaltsort Ihres Sohnes zu machen!�</p><p>Die Luft im Wohnzimmer der noblen Etagenwohnung mit Blick auf den L�tzowplatz war zum Schneiden dick, nicht nur im wortw�rtlichen, sondern auch im �bertragenen Sinn. Au�er Freiherr von Sydow, 62-j�hriger, in Ehren ergrauter Ministerialdirigent im Au�enministerium, befanden sich insgesamt drei weitere Gestapo-Agenten im Raum, und genau das war es, was dem distinguierten �lteren Herrn mit dem wei�en Schnurrbart und dem spitzen Kinn nicht passte. �Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen!�, sch�tzte er sich und seine Lage v�llig falsch ein. �Seit dem 8. November 1938, also seit nunmehr fast vier Jahren, habe ich nichts mehr von meinem Sohn geh�rt.�</p><p>�Das sagten Sie bereits!�, versch�rfte Moebius seinen Ton. Mit diesem stockpreu�ischen Gesockse, das nicht wahrhaben wollte, dass die alten Zeiten vorbei waren, konnte man eben nicht anders reden. �Von daher mein Vorschlag, mit mir und meinen Kollegen nicht l�nger Katz und Maus zu spielen. Was f�r Sie und Ihre Familie auf dem Spiel steht, brauche ich wohl nicht zu betonen!�</p><p>Trotz dieser unverh�llten Drohung zeigte der Aristokrat alter Schule keinerlei Reaktion. Man musste kein Menschenkenner sein, um zu bemerken, dass er Moebius am liebsten an die frische Luft gesetzt h�tte. �Wie darf ich das verstehen?�, gab er zur�ck, w�hrend seine Tochter Agnes ins Wohnzimmer trat und die Aufmerksamkeit seines Gespr�chspartners auf sich zog.</p><p>�Irgendetwas von Bedeutung?�, fragte Moebius barsch.</p><p>�Eine Hausiererin!�, h�rte sich ihre Antwort nicht gerade �berzeugend an. Wider Erwarten gab sich Moebius jedoch damit zufrieden.</p><p>�Wie das zu verstehen ist?�, fragte er gedehnt, w�hrend er die 24-j�hrige Flakhelferin mit den Augen verschlang. �Ganz einfach: Wenn Sie weiter so tun, als h�tten Sie von Tuten und Blasen keine Ahnung, bleibt mir nichts anderes �brig, als Sie zu Ihrem Gl�ck zu zwingen!�</p><p>�Was glauben Sie �berhaupt, wen Sie hier vor sich haben?�, gab der Hausherr seine diplomatische Zur�ckhaltung auf. �Ein Wort gegen�ber dem Herrn Staatssekret�r, und Sie k�nnen von Gl�ck sagen, wenn Sie als Portier arbeiten d�rfen!�</p><p>�Ein Wort gegen�ber dem Reichsf�hrer, und <emphasis>Sie</emphasis> werden den Rest Ihres Lebens im Arbeitslager verbringen!�, konterte Moebius, lie� von Sydow links liegen und schlenderte auf eine Glasvitrine zu, die sich direkt neben einem Stillleben von Chardin befand. Dass die von Sydows nicht am Hungertuch nagten, war kaum zu �bersehen. Die museale Ausstattung des Wohnzimmers lie� keine andere Schlussfolgerung zu.</p><p>Und genau das war es, was ihm nicht in den Kram passte.</p><p>�Ein Bild aus gl�cklichen Tagen?�, fand Moebius exakt das, wonach er suchte, um von Sydow in die Enge treiben zu k�nnen, n�mlich ein gerahmtes Familienportr�t, das sich inmitten einer Sammlung von Schnupftabakdosen befand. Bevor der Hausherr �berhaupt reagieren konnte, hatte sein ungebetener Gast die Vitrine ge�ffnet und hielt das verh�ngnisvolle Foto in der Hand.</p><p>�Was glauben Sie �berhaupt, wer Sie��, kochte der alte Herr vor Zorn, aber ein Blick auf die Begleiter des Obersturmf�hrers lie� seinen Mut schwinden.</p><p>�Wie sch�n, dass wir uns endlich verstehen!�, lie� Moebius seiner H�me freien Lauf, nur um den Finger erneut in die Wunde zu legen: �Ihre Frau?�</p><p>�Meine Eltern sind seit 14 Jahren geschieden!�, warf die Tochter des Hauses ein.</p><p>Doch Moebius lie� sich nicht beirren. �Sieht mir irgendwie��</p><p>�... britisch aus, falls es das ist, was Sie sagen wollen!�, fiel ihm von Sydow ins Wort. �Um es vorwegzunehmen. Meine Frau lebt in London und ich habe seit meiner R�ckkehr nach Deutschland keinerlei Kontakt mehr zu ihr gehabt.�</p><p>�Wie bedauerlich!�, warf Moebius sarkastisch ein. �Die Frage ist nur, ob das auch auf Ihren Sohn zutrifft.� Um die Wirkung seiner Worte zu steigern, erg�nzte er einige Sekunden sp�ter: �Wenn Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>Das mit Altersflecken gesprenkelte Gesicht des einstigen Karrierediplomaten verf�rbte sich dunkelrot. �Was wollen Sie damit sagen?�, fragte er, obwohl er die Anspielung auf Anhieb verstand.</p><p>�Sagen wir es einmal so: Ihr Sohn, immerhin Kriminalhauptkommissar, ist da in etwas hineingeraten, was erhebliche Zweifel an seiner Loyalit�t gegen�ber F�hrer, Volk und Vaterland wach werden l�sst.�</p><p>�Wollen Sie etwa andeuten, er sei ein britischer Spion?�</p><p>Moebius ging nicht auf die Frage ein, sondern taxierte von Sydows Tochter mit einem anz�glichen Blick. Diese wich ihm aus und starrte mit versteinerter Miene auf die gegen�berliegende Wand. �Was ist der Grund, Herr von Sydow�, wechselte er daraufhin das Thema und stellte das Bild wieder in die Vitrine zur�ck, �weshalb Sie und Ihr Sohn derart aneinandergeraten sind, dass er sich seit vier Jahren nicht mehr hat blicken lassen?� Moebius pausierte und warf seinen Begleitern Kruppke und Claasen vielsagende Blicke zu. �Immer vorausgesetzt, Sie f�hren mich nicht an der Nase herum!�</p><p>�Dinge rein privater Natur.�</p><p>�Die gibt es nicht. Insbesondere dann, wenn das Wohl des Staates auf dem Spiele steht.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Das soll hei�en, Herr von Sydow, dass Sie als Tr�ger von Staatsgeheimnissen in besonderer Weise zur Loyalit�t gegen�ber dem F�hrer und der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft verpflichtet sind. Habe ich mich klar genug ausgedr�ckt? Nein? Dann eben auf ein Neues. Trifft es zu, dass Sie als Ministerialdirigent im Ministerium des �u�eren zu dem Personenkreis geh�ren, der �ber die Durchf�hrung der auf der Konferenz am Gro�en Wannsee gefassten Beschl�sse in Kenntnis gesetzt wurde? Trifft dies zu, Herr von Sydow, ja oder nein?�</p><p>�Was wollen Sie von mir?�</p><p>�Eine Warnung aussprechen, verehrter Herr Ministerialdirigent. Der geringste Verdacht, und unsere Wege werden sich wieder kreuzen. Eins kann ich Ihnen jetzt schon sagen: Sollte es dazu kommen, wird das Ganze beileibe nicht so glimpflich enden wie jetzt. Und was Ihren Sohn betrifft. Die Fahndung nach ihm l�uft bereits auf vollen Touren!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>19</sub></p><p><emphasis>Pathologisches Institut der Charit頠�������������� | 13.40h</emphasis></p><empty-line/><p>�Wie gesagt, Tom, ein klarer Fall, klarer gehts nicht!�, zog Dr. Wolfgang Behrens, Chefpathologe an der Charit�, ohne erkennbare Gem�tsbewegung Bilanz. Mit seiner schnoddrigen Art und seinem Hang zum schwarzen Humor wirkte er wie der Stereotyp eines Pathologen. Hinter dieser Fassade steckte jedoch eine absolute Koryph�e. Das war auch der Grund, weshalb sich Sydow an ihn gewandt hatte. Auf ihn, den ehemaligen Schulfreund, war wenigstens Verlass.</p><p>Behrens nahm das R�ntgenbild von der Projektionsfl�che, dr�ckte es Sydow in die Hand und verdr�ckte die Reste seiner Stulle, ohne sich dabei an dem Leichnam auf dem Seziertisch zu st�ren. Das hier war Routine f�r ihn. Auf die Idee, dass Sydow diesbez�glich nicht die gleiche Abgekl�rtheit besa� wie er, kam er schlichtweg nicht.</p><p>�Und die Kugel?�, fragte Sydow mit Blick auf die Aufnahme, w�hrend sich ein flaues Gef�hl in seiner Magengegend bemerkbar machte.</p><p>�Stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der 7,65-Millimeter-Pistole, die ihr am Tatort gefunden habt. Linksh�nder, sagst du?�</p><p>Sydow nickte.</p><p>�Sch�n bl�d, wenn einem so ein Schnitzer unterl�uft!�, warf Behrens kopfsch�ttelnd ein, tippte mit dem Zeigefinger gegen die Stirn und genehmigte sich noch einen Bissen. �Irgendeinen Schimmer, wer das gewesen sein k�nnte?�, fragte er mit vollem Mund und hielt es nicht f�r n�tig, die Brotkrumen auf seinem Kittel zu beseitigen.</p><p>Sydow zuckte die Achseln. Diesen schrulligen, ihm dennoch �beraus sympathischen Kugelblitz mit Halbglatze und Lockenkranz in etwas hineinzuziehen, bei dem es ums nackte �berleben ging, wollte er nicht riskieren. Je weniger Behrens wusste, umso besser. Schlie�lich konnte man ja nie wissen. Bekanntlich war die Gestapo schon mit ganz anderen Leuten fertig geworden als ihm.</p><p>�Willst du mir nichts sagen, oder kannst du nicht?�</p><p>�Beides.�</p><p>�Dreck am Stecken?�</p><p>�Wer? Ich?�</p><p>�Quatsch�der da!� Behrens verdr�ckte den k�mmerlichen Rest seiner Stulle, wischte sich die Brotkrumen vom Mund und trat an den OP-Tisch, der sich inmitten des unterirdischen, wei� gekachelten Raumes befand. Der Geruch nach Formaldehyd, Essigs�ure und L�sungsmitteln machte ihm offenbar nicht das Geringste aus, und seine gute Laune wirkte echt. In einem Punkt lie� er gegen�ber Sydow jedoch Gnade walten. Er zog das Leinentuch nur bis zum Bauchansatz hoch.</p><p>�Und?�, fragte Sydow ein wenig entt�uscht.</p><p>�Typisch Tom!�, raunzte ihn der Gef�hrte gemeinsamer Flegeljahre von der gegen�berliegenden Seite des OP-Tisches an. �Ohne jegliches Gesp�r f�r die Feinheiten meines Berufs! Gibs zu. Ohne mich w�rst du doch glatt aufgeschmissen!�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Schwer von Begriff, wie?�</p><p>�Normalerweise nicht.�</p><p>�Wenn dem so ist, m�ge der Herr Kriminalkommissar einstweilen einen Blick werfen auf das Gem�chte des Herrn� wie war doch gleich sein Titel?�</p><p>�SS-Sturmbannf�hrer Alfred von M�llendorf�, antwortete Sydow und beugte sich �ber den Tisch. �Und was soll daran so Besonderes sein?�</p><p>�Kein Anlass zu Neidgef�hlen, ich wei�!�, frotzelte Behrens, wurde Zehntelsekunden sp�ter jedoch todernst. �Mal ehrlich! Kannst du wirklich nichts sehen?�</p><p>�Sollte ich?�</p><p>�Na klar doch, Alter.�</p><p>�Dann tu mir den Gefallen und kl�r mich auf!�</p><p>�Nichts lieber als das!� Behrens streifte einen Gummihandschuh �ber, richtete eine Halogenlampe auf den fraglichen Punkt und sagte: �Schwere Verbrennungen, Tom. Ausgerechnet da, wos bei uns M�nnern so richtig wehtut. Kapiert, was ich damit sagen will?�</p><p>Dass ihm erst jetzt ein Licht aufging, war Sydow ziemlich peinlich, aber lieber sp�t als nie. �Folterspuren?�, fragte er, wobei er instinktiv Abstand zu dem OP-Tisch nahm.</p><p>Behrens nickte. �Ein Feuerzeug, w�rde ich sagen. Sieht so aus, als h�tten es die Kollegen aus der Prinz-Albrecht-Stra�e ganz genau wissen wollen.� W�hrend er sprach, lie� der Pathologe das Objekt seiner Betrachtungen nicht aus den Augen. Sydow lie� sich jedoch nicht t�uschen. Er kannte Behrens gut genug, um zu sp�ren, dass er seine Reaktion testen wollte.</p><p>Diese kam zwar, fiel jedoch einsilbiger aus, als es der Pathologe erwartet hatte. �Todesursache?�, fragte Sydow mit belegter Stimme, ohne an der Hypothese seines Freundes auch nur im Geringsten zu zweifeln.</p><p>�Das genau ist der Punkt!�, versetzte Behrens, verschr�nkte die Arme und sah Sydow pr�fend an. Als keine Antwort kam, fuhr er mit der Zunge �ber die Oberlippe und f�gte hinzu: �Unser Patient hier ist n�mlich weder durch die Kugel noch an den Folgen der Folter und schon gar nicht aufgrund der H�matome gestorben, die �berall an seinem K�rper zu finden sind.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Selbstmord, mein Lieber. Vor circa zehn bis zw�lf Stunden.�</p><p>Sydow konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er ziemlich verdutzt aus der W�sche sah, sonst h�tte sich Behrens sein Grinsen mit Sicherheit gespart. �Und wie?�</p><p>�Gift.�</p><p>�Und welches?�</p><p>�Na, was denn wohl? Zyankali.�</p><p>�Donnerwetter, Wolfgang, mein Kompliment!�</p><p>�Reine Routine!�, wehrte Behrens l�chelnd ab.</p><p>�Deine Hypothese?�</p><p>�Komisch�aber ich wollte dich gerade das Gleiche fragen!�</p><p>�Mannomann.� Sydow legte das R�ntgenbild beiseite, die Handballen an die Stirn und fuhr sich mit ihnen �ber die Schl�fen. Einen Moment, der freilich nicht lange dauerte, hatte er das Gef�hl, der Fall sei eine Nummer zu gro� f�r ihn. Dann aber lie� ihn der Drang, einen Blick in den schw�rzesten Abgrund seines Lebens zu werfen, nicht mehr los.</p><p>�Sieht so aus, als h�tte der Herr Sturmbannf�hrer ganz sch�n was auf dem Kerbholz gehabt.�</p><p>�Womit du sicherlich nicht ganz unrecht hast, Herr Kriminalhauptkommissar. Fragt sich nur, was.�</p><p>Ohne dass er eine Erkl�rung daf�r parat hatte, tauchte vor Sydows Auge wieder das Bild auf, das M�llendorf zusammen mit Heydrich zeigte. Wie lautete die Widmung doch gleich? �Marineschule M�rwick�Crew 22�. Purer Zufall, wer wei�. Gut m�glich, dass die beiden kein einziges Wort miteinander gewechselt hatten. So was kam ja bekanntlich in den besten Familien vor.</p><p>Was aber, wenn das Gegenteil zutraf? Wenn M�llendorf und Heydrich �alte Kameraden� waren? Sydow fuhr mit dem Zeigefinger an der Oberlippe entlang und dachte angestrengt nach. Selbst wenn sie es waren, hie� das nat�rlich noch lange nicht, dass Heydrichs Tod und die Folterungen, die M�llendorf hatte �ber sich ergehen lassen m�ssen, in direktem Zusammenhang standen. Diesbez�glich jedoch an einen Zufall zu glauben, brachte Sydow nicht �ber sich. Eines zumindest war klar. M�llendorf musste jede Menge Dreck am Stecken gehabt haben. Sonst h�tte ihn die Gestapo nicht nach allen Regeln der Kunst durch die Mangel gedreht. Da musste schon viel zusammenkommen, dass ein hochrangiger SS-Angeh�riger derart �bel zugerichtet wurde. Viel mehr, als dass man auf die Idee kommen k�nnte, hier wurden lediglich alte Rechnungen beglichen.</p><p>�Und? Schon eine Idee?�, lauerte Behrens, der Sydow keinen Moment aus den Augen lie�.</p><p>�Das zu behaupten, w�re eine glatte L�ge.�</p><p>�Irgendwelche Zeugen?�</p><p>Als sei die Frage ein Signal f�r ihn, warf Sydow einen verstohlenen Blick auf die Uhr: 13.45 Uhr. Zeit, sich auf die Socken zu machen, wollte er den omin�sen Anrufer nicht verpassen. So er denn �berhaupt auf dem j�dischen Friedhof an der Pankower Chaussee auftauchen w�rde.</p><p>�Nicht dass ich w�sste!�, log Sydow, leider wiederum nicht besonders gut.</p><p>Behrens ging geflissentlich dar�ber hinweg. �Wenn du mich fragst, ist die Sache doch wohl ziemlich eindeutig�, lenkte er das Gespr�ch wieder auf seinen Kernpunkt zur�ck.</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Aber klar doch!�, versetzte Behrens und schenkte sich ein Glas Apfelsaft ein. Sydow schluckte, lie� es jedoch bei einem R�uspern bewenden. Dieser Mann musste wirklich ein Gem�t wie ein Fleischwolf haben.</p><p>Oder kein bisschen Angst.</p><p>�Ad eins: Wenn er von seinen eigenen Leuten derart maltr�tiert wird, muss er ein ziemlich gro�es S�ndenregister haben.�</p><p>�Stattgegeben.�</p><p>�Verbindlichsten Dank.� Behrens musste aufsto�en und das gleich mehrfach hintereinander. �Ad zwei: Worum es sich auch immer gehandelt haben mag�er hat dichtgehalten.�</p><p>�Sonst h�tte er sich wohl kaum das Leben genommen.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Was nichts anderes bedeutet�, kam Sydow der Mutter aller R�lpser zuvor, �dass der Gestapo daran gelegen ist, die Aff�re M�llendorf nach M�glichkeit zu vertuschen. Wozu sich die M�he machen, ihn extra auf einer Parkbank zu deponieren und einen Selbstmord vorzut�uschen, wenn man ihn ebenso gut h�tte verschwinden lassen k�nnen? Auf eine Art, wie es schon Dutzende Male durchexerziert worden ist?�</p><p>Behrens knetete mit dem Zeigefinger an seiner Knollennase herum. �Vermutlich deshalb, um von den wahren Geschehnissen abzulenken. Einen hochrangigen SS-Angeh�rigen einfach verschwinden zu lassen, stelle ich mir nicht unbedingt einfach vor. Nach au�en vielleicht, aber ganz bestimmt nicht intern. Im g�nstigsten Fall h�tte es jede Menge Ger�chte gegeben. Und dem wollte man anscheinend aus dem Weg gehen. Was bedeutet, dass f�r Himmler und Co. einiges auf dem Spiel zu stehen scheint. Je kleiner der Kreis der Mitwisser, umso besser.� Behrens lie� einen Schwall Atemluft entweichen und sah Sydow nachdenklich an. �Verdammt hei�es Eisen, das du da anfasst, Tom.�</p><p>�Womit wir auf den Grund zu sprechen k�men, weshalb der Herr Sturmbannf�hrer vergangenen Mittwoch von der Bildfl�che verschwand�, lie� sich Sydow nicht beirren.</p><p>�Des Pudels Kern, keine Frage.� Die Handfl�che auf der Tischkante, starrte Behrens geraume Zeit ins Leere. Dann deckte er den Leichnam wieder zu, lie� den Blick �ber seine Umrisse schweifen und begab sich zu seinem Schreibtisch, der sich am Kopfende des Sezierraumes befand. Im krassen Gegensatz zu seinem bisherigen Gebaren schien er es auf einmal ziemlich eilig zu haben.</p><p>�Was hast du denn vor?�, blieb Sydow der Sinneswandel seines Freundes nicht verborgen.</p><p>�Wei�t du, Tom�, war Behrens bem�ht, die urpl�tzlich aufgekommene Hektik herunterzuspielen, �ich denke, es ist an der Zeit, mal wieder auszuspannen. Urlaub habe ich sowieso genug zu kriegen. Ein, zwei Anrufe und dann nichts wie ab durch die Mitte! Es soll ja noch ein paar Orte geben, wo mich keiner kennt.�</p><p>�Ein weiser Entschluss.�</p><p>�Auf alle F�lle!�, antwortete der Pathologe, w�hrend er die hastig zusammensortierten Unterlagen in seiner Aktenmappe verstaute, den Kittel auszog und ihn achtlos �ber die Stuhllehne warf. �Wenn du schlau bist, tust du das Gleiche!�, f�gte er eilig hinzu.</p><p>�Ich f�rchte, das wird nicht gehen.�</p><p>�Typisch Sydow!�, entr�stete sich Behrens, wenn auch nicht ohne Hochachtung im Ton. �Immer noch ganz der Alte. Ein Ritter ohne Furcht und Tadel!�</p><p>Sydow blieb nicht einmal Zeit zu antworten, denn kaum hatte Behrens seinen Hut vom Haken genommen, war er auch schon verschwunden.</p><p>�Machs gut, Tom!�, h�rte er es noch durch den Gang hallen, bevor er das Licht ausknipste und in der entgegengesetzten Richtung verschwand.</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>Mit dem, was nun geschah, hatte Sydow gerechnet. Nur eben nicht so schnell.</p><p>Das Institut f�r Pathologie, ein potth�sslicher Geb�udekomplex aus der Kaiserzeit, lag in Sichtweite der Spree, nur einen Katzensprung vom Lehrter Bahnhof entfernt. Als er auf die Stra�e trat, war ihm die Freude, dem Gewirr aus G�ngen, H�rs�len und Treppenfluchten entronnen zu sein, deutlich anzumerken. �Das h�tten wir hinter uns!�, seufzte Sydow erleichtert auf, w�hrend er sein Sakko �ber die Schulter h�ngte und sich auf den Weg zu seinem Maybach SW 38 Cabrio machte. Seine Erleichterung sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein, und das nicht nur wegen der Hitze, an die er sich erst wieder gew�hnen musste.</p><p>�Kommissar Sydow?� Die Stimme hinter seinem R�cken lie� jegliche Zweifel auf Anhieb verstummen. Dies war keine Frage, sondern die Aufforderung zur Kapitulation. Gestapo. Um das herauszufinden, h�tte er sich nicht einmal umzudrehen brauchen.</p><p>Was Sydow denn auch nicht tat, denn die obligatorische Mercedes-Limousine vom Typ 230, die auf der gegen�berliegenden Stra�enseite parkte, war auff�llig genug. Noch auff�lliger jedoch war der Mann, der hinterm Steuer sa�. Nicht etwa, weil es sich um einen der beiden Assistenten von Moebius handelte. Sondern weil er sich sicher war, den Mann, der sich in aller Gem�tsruhe auf dem Beifahrersitz r�kelte, fr�her schon einmal gesehen zu haben. Die Frage war lediglich, wo. Und vor allem wann.</p><p>M��ig, dar�ber nachzudenken. Denn da war ja noch dieser Kerl hinter ihm, das momentan weit gr��ere Problem.</p><p>Der Entschluss, so man ihn denn als solchen bezeichnen konnte, war binnen Sekundenbruchteilen gefasst. �Kommissar�?�, wiederholte der Mann, kam jedoch nicht mehr dazu, seine Frage zu vollenden.</p><p>Die Hand am Abzug, wirbelte Sydow herum. Dass es sich bei dem Mann um Kruppke, SS-Sturmf�hrer und Mann f�rs Grobe, handelte, war keine sonderlich gro�e �berraschung mehr f�r ihn. �berrascht war in diesem Moment nur einer, und das war Kruppke selbst. Zum einen, weil sich sein Kollege auf dem Sozius nicht r�hrte, zum anderen, weil ihm Sydow eine WaltherPPK vor die Nase hielt. Und von ihr, so wurde dem Kahlkopf mit dem Gesicht eines Bullterriers klar, w�rde dieser hergelaufene Bastard auch Gebrauch machen.</p><p>�Kommissar Sydow!�, stie� Kruppke paradoxerweise hervor, kein Bellen mehr, sondern ein j�mmerliches Quieken, das aus dem Spalt zwischen den wulstigen Lippen drang.</p><p>�Hauptkommissar�Ordnung muss sein!�, erwiderte Sydow und dr�ckte ab. Dann duckte er sich, riss den Arm herum und nahm den Mann in der Limousine ins Visier.</p><p>Und war wie vom Donner ger�hrt.</p><p>Der Mann auf dem Sozius, schlank, braungebrannt und mit Sonnenbrille, l�chelte. Sydow traute seinen Augen nicht. Erst recht nicht, als er sich eine Zigarette anz�ndete, die H�nde hinter dem Kopf verschr�nkte und so tat, als ginge ihn sein Kollege, dessen Gesicht nur noch aus Blut, Hautfetzen und Knochensplittern bestand, nicht das Geringste an. In diesem Moment, als SS-Sturmf�hrer Kruppke laut winselnd um Hilfe flehte, trafen sich ihre Blicke. Der Mann, in etwa so alt wie er, zog an seiner Zigarette und l�chelte. Sydow wollte abdr�cken, aber er konnte nicht. Wut stieg in ihm auf. Wut und der geradezu unwiderstehliche Drang, diesem arroganten Schn�sel in seiner Luxuskarosse eins auf die Kinnlade zu geben.</p><p>Doch nichts von alldem geschah. Wie lange er wie ein begossener Pudel in der Gegend herumstand, wusste Sydow nicht. W�re die Lernschwester nicht gewesen, mit der sich seine Pfade kreuzten, h�tte das Drama vermutlich einen anderen Verlauf genommen. So aber blieb die graue Maus mit der Rotkreuzhaube stehen, schlug die Hand vor den Mund und ergriff laut kreischend die Flucht.</p><p>Sydow blieb nichts anderes �brig, als ebenfalls zu verduften, und als sein Maybach endlich angesprungen war, warf er einen kurzen Blick in den R�ckspiegel�und war so platt wie schon lange nicht mehr.</p><p>Als habe er alle Zeit der Welt, verlie� Kruppkes vermeintlicher Begleiter seinen Wagen, dr�ckte die Zigarette aus und strich die Krawatte glatt. Dann r�ckte er seine Sonnenbrille gerade und schlenderte �ber die Stra�e, die H�nde tief in den Hosentaschen vergraben. Sydow bekam den Mund nicht mehr zu. Die Szene war so unwirklich, dass sich ihm der Eindruck aufdr�ngte, der junge Mann im feinen Zwirn sei dabei, seinen ostelbischen Herrensitz zu inspizieren.</p><p>Doch dem war nicht so. Ohne sich im Mindesten an seiner Anwesenheit zu st�ren, blieb der Gestapo-Agent neben seinem sich vor Schmerzen kr�mmenden Kollegen stehen, z�ckte die Pistole und schoss sein Magazin bis auf die letzte Kugel leer.</p><p>Das Letzte, was Sydow registrierte, war sein L�cheln.</p><p>Dann nahm er sich zusammen, trat aufs Gas und raste mit quietschenden Reifen davon.</p><empty-line/></section><section><p><sub>20</sub></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Zehlendorf, K�nig-Heinrich-Stra�e����� | 14.05h</emphasis></p><empty-line/><p>Als er das Wohnzimmer der M�llendorfs betrat, beziehungsweise das, was davon �briggeblieben war, traute Kriminalassistent Erich Kalinke seinen Augen nicht. Das hier war der reinste Tr�mmerhaufen, das gr��te Chaos seit Attila.</p><p>Klinke blieb wie ein begossener Pudel stehen. Die Haust�r offen, leergefegte Regale, aufgeschlitzte Polster�und jede Menge Krimskrams, der auf dem Boden herumlag. Um den Volksempf�nger, nur noch ein Haufen Draht, Elektroden und Kabelsalat, war es nat�rlich nicht schade, noch weniger um �Mein Kampf�. Das Buch war einfach in die Ecke gepfeffert worden.</p><p>Nicht gerade die feine germanische Art, dachte Klinke, als sich seine Verbl�ffung allm�hlich zu legen begann. Ganz klar. Um dem Urheber des Durcheinanders auf die Spur zu kommen, bedurfte es keiner gro�en Fantasie. Die Frage war allerdings, warum die Gestapo die Bude des einstigen Vorzeige-Nazis auf den Kopf gestellt hatte. Und wo die Dame des Hauses, mit der er zu gerne ein paar Takte geredet h�tte, abgeblieben war.</p><p>Eine Frage rein rhetorischer Natur, wie Klinke kurz darauf konstatierte. Die Miene des Zwei-Zentner-Mannes verfinsterte sich. Erst Tom und er, dann der Bombenanschlag und jetzt das. Der Fall, der schon l�ngst keiner mehr war, drohte endg�ltig aus dem Ruder zu laufen.</p><p>Was also tun? Und �berhaupt. Was war so wichtig, so wertvoll, dass dieses Verbrechersyndikat aus der Prinz-Albrecht-Stra�e den ganzen Laden aufgemischt hatte? Was zum Teufel hatte dieser M�llendorf ausgefressen, dass nicht nur er, sondern mittlerweile auch Sydow und ein gewisser Erich Kalinke, wohnhaft in Berlin-Kreuzberg, auf der Abschussliste der Gestapo standen?</p><p>�Was haben Sie hier zu suchen? Und wie kommen Sie �berhaupt hier rein?�</p><p>Die Waffe im Anschlag machte Kalinke eine Kehrtwendung, steckte sie aber sofort wieder weg. Ganz gegen sonstige Gewohnheiten waren seine Nerven nicht mehr die allerbesten. Die Kampfhenne an der T�r, der man die Zugehfrau schon aus 100Metern Entfernung ansah, war der lebende Beweis daf�r. �Mein Name ist Kalinke, und ich komme durch die T�r!�, kalauerte er, was den Hausdrachen nur noch mehr gegen ihn aufbrachte.</p><p>�Wenn Sie nicht sofort sagen, weswegen Sie hier sind, rufe ich die Polizei!�</p><p>�Schon passiert!�, kostete Klinke seinen Triumph �ber die klapperd�rre, mit Handtasche, Pelerine und Sonntagsh�tchen ausstaffierte Sp�tf�nfzigerin in vollen Z�gen aus. Der Dienstausweis, den er dem Hausdrachen vor die Nase hielt, durfte nat�rlich nicht fehlen.</p><p>�Da kann ja jeder kommen!�, schnappte die Frau zur�ck.</p><p>Klinke, dem der Sinn nicht nach langatmigen Erkl�rungen stand, ging gar nicht erst darauf ein. �Erich Kalinke, Kripo Berlin!�, fasste er sich betont kurz. �Mit wem habe ich das Vergn�gen?�</p><p>�Erna Paschke.�</p><p>�Beruf?�</p><p>�Haush�lterin.�</p><p>�Grund Ihres Hierseins?�</p><p>�Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt!�, keifte der Dragoner. �Wer gibt Ihnen �berhaupt das Recht��</p><p>�Ist es Ihnen lieber, wenn ich Sie mit aufs Pr�sidium nehme, oder beantworten Sie jetzt endlich meine Fragen?�</p><p>Das sa�. Klinke staunte �ber sich selbst. Anscheinend war genau dies der Ton, den die Frau verstand.</p><p>�Ich wollte einfach nach dem Rechten sehen�, gab der Hausdrache seinen Widerstand auf.</p><p>�Und das ausgerechnet an einem Sonntag? Ach ja, wenn wir gerade dabei sind. Wo ist eigentlich Frau M�llendorf geblieben?�</p><p>�<emphasis>Von</emphasis> M�llendorf.�</p><p>�Na sch�n, wie Sie wollen! Wann hat die Gestapo Ihre Br�tchengeberin abgeholt? Und keinerlei Belehrungen mehr, wenn ich bitten darf!�</p><p>Normalerweise h�tte Erna Paschke jetzt Gift und Galle gespuckt. Ein Blick auf gut zwei Zentner angestauten Zorn �berzeugte sie jedoch vom Gegenteil, und sie lie� es bei einem Naser�mpfen bewenden. �Vor gut zwei Stunden.�</p><p>�Und woher wissen Sie das so genau?�</p><p>�Ich wohne schr�g gegen�ber.�</p><p>�Gut zu wissen. Und wieso haben Sie nichts unternommen?�</p><p>Die Frage war rhetorisch gemeint, verfehlte aber ihre Wirkung nicht.</p><p>�Gegen die Gestapo? Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst!�</p><p>�Und woher wissen Sie �berhaupt, dass es die Gestapo war?�</p><p>Erna Paschke schlug die Augen nieder, umklammerte ihre Handtasche und lie� sich auf den n�chstbesten Stuhl sinken. Aus ihrem Blick, der wie ein Pendel zwischen ihren auf Hochglanz polierten Sonntagsschuhen hin- und herschwang, sprach die Anspannung, unter der sie offensichtlich stand. �Weil sie heute Morgen schon mal da waren.�</p><p>�Etwas pr�ziser, wenn ich bitten darf.�</p><p>�So gegen 7.30 Uhr.�</p><p>�Und wer genau?�</p><p>�Drei M�nner.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Drei M�nner, von denen mir einer sofort aufgefallen ist.�</p><p>Klinke kniff die Augen zusammen und baute sich drohend vor der wie ein H�ufchen Elend zusammengekauerten Zugehfrau auf. �Etwa, weil er wie eine schlechte Kopie von Himmler aussah? Mit Brille, Schmiss und allem Drum und Dran? Ein Albino wie aus dem Panoptikum?�</p><p>Erna Paschke blickte scheu zu ihm auf und verneinte.</p><empty-line/><p>�Hat er ausgesehen wie ein Albino�ja oder nein?�, legte Klinke energisch nach.</p><p>�Ja!�, lautete die verzweifelte Antwort, nachdem Klinkes Gespr�chspartnerin in ihr Taschentuch geschnieft hatte.</p><p>�Na also, warum denn nicht gleich!� Er hasste es, so mit den Leuten umzuspringen, aber schlie�lich stand eine Menge auf dem Spiel. Viel mehr, als diese Frau ahnte. �Und wie lange hat diese Stippvisite gedauert?�</p><p>�Nur etwa zehn Minuten.�</p><p>�So kurz?�</p><p>Erna Paschke nickte stumm.</p><p>�Und weiter?�</p><p>Das Gesicht seiner Gespr�chspartnerin verformte sich zu einer schmerzverzerrten Grimasse, und es kostete sie offenbar gro�e M�he, sich zu einer Antwort durchzuringen. �Keine drei Minuten, und ich h�tte die Polizei gerufen!�, versicherte sie, w�hrend sich die Faust um ihr Taschentuch schloss.</p><p>Klinke ahnte, was jetzt kommen w�rde. Und stellte die Frage trotzdem. �Wieso?�</p><p>�Wieso, fragen Sie? Ganz einfach deshalb, weil man sie bis zu mir hin�ber hat schreien h�ren!�</p><p>�Gibt es au�er Ihnen noch jemanden, der Zeuge des Vorfalls geworden ist?�</p><p>�Bestimmt.�</p><p>Die Frage, die ihm auf der Zunge lag, behielt Klinke lieber f�r sich. Er kannte die Antwort auch so. �Wie lange stehen Sie eigentlich schon im Dienste der Familie?�, hielt er es f�r besser, das Thema zu wechseln.</p><p>�Neun Jahre, vier Monate und drei Tage.�</p><p>�Donnerwetter, da haben Sie aber genau Buch gef�hrt.�</p><p>�Kann man wohl sagen.�</p><p>�Irre ich mich, oder klingt das nicht ein wenig resigniert?�</p><p>Klarer als mithilfe des Schweigens, das auf Klinkes Frage folgte, h�tte Erna Paschke nicht antworten k�nnen.</p><p>Doch so schnell, noch dazu so kurz vor dem Ziel, gab Klinke nicht auf. �Mit anderen Worten, unter einer gl�cklichen Ehe stellt man sich etwas anderes vor.�</p><p>Wieder keine Antwort, bezeichnenderweise jedoch auch kein Widerspruch.</p><p>�Wie oft in der Woche sind Sie eigentlich hier?�</p><p>�T�glich.�</p><p>�Und wann?�</p><p>�Jeden Morgen um 8.30 Uhr.� Die Haush�lterin der M�llendorfs sah Klinke h�nderingend an, die Z�ge noch verh�rmter als zuvor. Der Frage, die unweigerlich folgen musste, w�re sie gerne aus dem Weg gegangen. Doch anders als sonst kannte Klinke kein Pardon.</p><p>��So auch vergangenen Mittwoch?�</p><p>Erna Paschkes Nicken, ein untr�gliches Zeichen der Resignation, h�tte deutlicher nicht ausfallen k�nnen. �Es war so wie immer!�, begann die Haush�lterin, wobei sie Klinkes Blick geflissentlich mied. �Dem Krach nach zu urteilen, den die beiden hatten, war Herr von M�llendorf wieder sp�t in der Nacht nach Hause gekommen. Aber nicht, weil er zu viel zu tun hatte.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Mit der ehelichen Treue, um es dezent auszudr�cken, hat er es nie sonderlich genau genommen. Das ging so weit, dass er sogar regelm��ig Bordelle besucht hat.�</p><p>�Und woher�?�</p><p>�Hier!�, antwortete Erna Paschke mit Nachdruck, nachdem sie ein bedrucktes Streichholzbriefchen aus ihrer Handtasche hervorgekramt hatte. �Deshalb!�</p><p>�... wissen Sie das?� Zur Abwechslung war es einmal Klinke, dem es die Sprache verschlug. �Salon Kitty�. Der aufgedruckte Schriftzug lie� keine Fragen offen.</p><p>�Um Ihre Frage vorwegzunehmen. Ich habe es beim Aufr�umen gefunden. Unabsichtlich.� Die Haush�lterin pausierte und sah Klinke angewidert an. �<emphasis>Unter seinem Bett!</emphasis>�</p><p>�Mit anderen Worten, er hat sich nicht gro� M�he gegeben, seine�h�flich ausgedr�ckt�Eskapaden zu vertuschen�, vollendete Klinke und lie� das Streichholzbriefchen in seinem Jackett verschwinden.</p><p>�H�flich ausgedr�ckt, wohlgemerkt.� Je mehr sie sich in die Lage von M�llendorfs Frau versetzte, umso r�cksichtsloser streifte Erna Paschke ihre Hemmungen ab. �Eigentlich war alles so wie sonst, nur eine Spur schlimmer.�</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Selbst wenn ich mir die gr��te M�he gegeben h�tte. Es war einfach nicht zu �berh�ren. Die gn�dige Frau war au�er sich. Wissen Sie, normalerweise hat sie alles einfach �ber sich ergehen lassen. Aber am Mittwoch war das anscheinend anders. Vor allem dem Herrn Gemahl d�rfte das ziemlich klar geworden sein.�</p><p>�Gab es�?�</p><p>�Ob es einen Grund gab, wollen Sie wissen? Und ob!�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Wie gesagt, zusammen mit Heydrich ins Bordell zu gehen, ist eine Sache, sich mit dem F�hrer, Himmler und G�ring gleichzeitig anzulegen eine andere.�</p><p>�Woher wollen Sie das wissen?�</p><p>�Das mit Heydrich?�, wich Erna Paschke aus, w�hrend sich ihr verh�rmtes Gesicht sp�rbar aufhellte. �So was spricht sich schnell rum. Schneller, als man denkt.�</p><p>�Und die oberste F�hrung? Was hat die damit zu tun?�</p><p>�Keine Ahnung. Alles, was ich mitgekriegt habe, ist, dass der gn�dige Herr behauptet hat, er habe sie alle in der Hand. Man stelle sich das einmal vor: den F�hrer, Reichsf�hrer, Reichsmarschall und zu allem �berfluss auch noch den Propagandaminister so einfach zu��</p><p>�Erpressen?�</p><p>Innerhalb einer Hundertstelsekunde geriet der Redefluss der Haush�lterin ins Stocken. �Das haben <emphasis>Sie</emphasis> gesagt, nicht ich!�, beharrte sie in st�rrischem Ton.</p><p>�Schon m�glich!�, lenkte Klinke ein. �Sonst noch was, das Ihnen aufgefallen ist?�</p><p>�Nicht, dass ich w�sste. Au�er vielleicht, dass der gn�dige Herr darauf gedr�ngt hat, seine Frau m�ge etwas f�r ihn aufbewahren.�</p><p>�Interessant�und was?�</p><p>�Keine Ahnung!�, warf die Haush�lterin achselzuckend ein, erhob sich und r�ckte hastig den Hut zurecht. �Kann ich jetzt gehen?�</p><p>Klinke nickte, und bevor er etwas hinzuf�gen konnte, hatte sich die Wohnzimmert�r hinter Erna Paschke geschlossen.</p><empty-line/><p>*</p><p>Im zweiten Stock, mit Schlafzimmer, Bad und Toilette geradezu luxuri�s, das gleiche Durcheinander. Klinke fluchte, dass die W�nde wackelten. Dieser Moebius wollte es anscheinend ganz genau wissen.</p><p>Die Dame des Hauses, mit der er immer mehr Mitleid bekam, hatte sich also mit dem Herrn Gemahl in die Wolle gekriegt. Und das aus mehrfachem Grund. Stammkunde im Puff�welche Ehefrau w�rde da nicht auf die Barrikaden gehen? Schlimmer noch: Auf der Abschussliste der Gestapo war SS-Sturmf�hrer Alfred von M�llendorf der Spitzenplatz offensichtlich nicht mehr zu nehmen gewesen. Mutma�licher Grund: Erpressung im gro�en Stil. Oder zumindest der Versuch.</p><p>�u�erst riskant, keine Frage. Unter Umst�nden jedoch aber auch lukrativ. Klinke lie� den Blick durch das verw�stete Schlafzimmer schweifen. Aufgeschlitzte Matratzen, Kopfkissen, Bettdecken�diesem Tr�mmerfeld nach zu urteilen war hier jede Menge Wut im Spiel gewesen.</p><p>Oder, viel wahrscheinlicher, jede Menge Ratlosigkeit.</p><p>Was die Frage aufwarf, wonach die Gestapo suchte. �Hm.� Klinke machte ein nachdenkliches Gesicht. Das genau war der Punkt. Dass es sich bei dem Objekt staatspolizeilicher Begierde um den Gegenstand handelte, den die Dame des Hauses dem Willen des Herrn Gemahls zufolge hatte aufbewahren sollen, konnte man sich an f�nf Fingern abz�hlen. Verh�r, und das gleich mehrfach, m�glicherweise Folter, dar�ber hinaus Erpressung im gro�en Stil�die Brisanz des Falles war wirklich nicht zu �bersehen.</p><p>�Genug f�r heute, Herr Kriminalassistent!�, sagte Klinke mit Blick auf den Spiegel, der �ber der Frisierkommode hing. Wenn er sich so anstarrte, blass, ratlos und abgek�mpft, wurde ihm der Schlamassel, in dem er und Sydow steckten, wieder einmal klar. Nur gut, dass Frau und Kinder au�er Reichweite waren. Jetzt, wo es unweigerlich ans Eingemachte ging.</p><p>Hinter was, das so wichtig war, dass sich rein gar nichts mehr an Ort und Stelle befand, war die Gestapo her? Mit einer Brutalit�t, die selbst ihn �berraschte? Was war so wichtig, dass es f�r Moebius kein Halten mehr gab?</p><p>Zur�ck im Erdgeschoss blieb Klinke auf der Schwelle zum Wohnzimmer stehen. Weshalb, war ihm selbst nicht so richtig klar, denn im Grunde hatte er die Nase voll. Hier drinnen, inmitten dieses Durcheinanders, konnte er nicht mehr viel ausrichten. Von der Spurensicherung, die bestimmt l�ngst zur�ckgepfiffen worden war, ganz zu schweigen. Klinke kramte das Streichholzbriefchen mit dem anr�chigen Aufdruck hervor und sah es sich nochmals an. �Salon Kitty�. Na ja, wenigstens etwas, tr�stete er sich, als sein Blick wie zuf�llig auf das Bild mit dem Schriftzug �Marineschule M�rwick� fiel. Der Rahmen war noch intakt, die Glasfl�che zersprungen. Kein Zweifel! Wer auch immer an der Suche beteiligt gewesen war, hatte es verdammt eilig gehabt. Und obendrein �ber M�llendorfs Verbindungen zu Heydrich Bescheid gewusst. Sonst, so Klinkes Schlussfolgerung, w�re das Bild nicht einfach in der Ecke gelandet.</p><p>Bis er M�llendorf ausfindig gemacht hatte, dauerte es nicht lange. Blond, drahtig, hochgewachsen. Ein Recke nach des F�hrers Geschmack. Was in besonderem Ma�e auf den Mann an seiner Seite zutraf, bei dessen Anblick Klinke der kalte Schwei� ausbrach.</p><p>Ein distanziert, fast ein wenig hochn�sig wirkender junger Mann mit auff�llig langer Nase und kurz geschorenem Haar. Heydrich. Irrtum so gut wie ausgeschlossen. Sydow hatte wieder mal recht gehabt.</p><p>In diesem Augenblick, als Klinkes Augen dem Riss folgten, der die Glasscheibe in zwei H�lften und somit auch M�llendorf und Heydrich voneinander trennte, klingelte das Telefon. Das Bild in der Hand, r�hrte sich Klinke nicht von der Stelle. Dann aber, als seine Neugier die Oberhand gewann, klemmte er es sich unter den Arm und nahm ab.</p><p>Die Stimme am anderen Ende der Leitung war ihm bestens bekannt. Bekannt und, nach den Erlebnissen des heutigen Tages kein Wunder, verhasst. �Tut mir wirklich leid, Ihre Ermittlungen zu st�ren!�, kam ihm Moebius um Sekundenbruchteile zuvor, w�hrend sich Klinke die Nackenhaare str�ubten. �Aber ich denke, Sie sollten wissen, dass Sie seit Kurzem auf der Fahndungsliste der Gestapo stehen.�</p><p>�Was Sie nicht sagen!�</p><p>�Wenn ich Sie w�re, w�rde ich mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, Herr <emphasis>Kriminalassistent</emphasis>!�</p><p>�Ihre hellseherischen F�higkeiten in Ehren, Sie <emphasis>Versager</emphasis>, aber wenn ich Sie w�re, w�rde ich mich warm anziehen!�</p><p>Ein Lachen, wie es zynischer nicht h�tte ausfallen k�nnen. �Und das ausgerechnet bei den derzeitigen Temperaturen.� Moebius kriegte sich vor Heiterkeit fast nicht mehr ein. �Wieso, wenn man fragen darf?�</p><p>�Weil Sie auf <emphasis>meiner</emphasis> Fahndungsliste stehen!�, entgegnete Klinke, h�ngte auf und wollte sich gerade aus dem Staub machen, als sein Blick die Erinnerungsplakette streifte, auf die er um ein Haar getreten w�re.</p><p>�R�umungsverkauf�und das zum Nulltarif!�, murmelte er in Sydow�scher Manier, lie� sie samt Erinnerungsfoto in seinem Jackett verschwinden und verlie� fluchtartig das Haus.</p><empty-line/></section><section><p><sub>21</sub></p><p><emphasis>Caf� Kranzler, Linden/Ecke Friedrichsstra�e� | 14.20h</emphasis></p><empty-line/><p>�Und nicht vergessen, Genossin�, sank die Stimme des F�hrungsoffiziers zu einem beschw�renden Fl�stern herab. �Sie sind es, auf der all unsere Hoffnungen ruhen.� Und dann, mit deutlichem Pathos: �Genosse Berija und insbesondere der Genosse Stalin, unser �ber alles geliebter F�hrer, verlassen sich auf Sie!�</p><p>Als ihr F�hrungsoffizier, gutaussehend, dunkelhaarig und elegant gekleidet, das Caf� verlie�, atmete die attraktive Frau um die 30 auf. Typisch Radek, schluckte sie ihren �rger rasch hinunter. F�r ihren Geschmack war das Verhalten des Mannes, dessen wirklichen Namen sie nicht kannte, ausgesprochen leichtsinnig gewesen. Sie selbst, Agentin des NKWD, war da aus anderem Holz geschnitzt. Bei ihr war Vorsicht oberstes Gebot, sozusagen eine Lebensmaxime. Auf der Veranda des �Kranzler�, unter den Augen zahlreicher Flaneure, kam sie sich wie auf dem Pr�sentierteller vor.</p><p>Um ihr Gl�ck nicht �berzustrapazieren, rief die Frau den Kellner, zahlte und machte sich zum Aufbruch bereit. Sie wirkte gelassen, geradezu heiter, aber das war lediglich Fassade. Die Mission, mit der man sie betraut hatte, h�rte sich wie das reinste Himmelfahrtskommando an, und sie fragte sich, warum die Wahl gerade auf sie gefallen war. Die Frau mit der modischen Sonnenbrille, br�nettem Haar und hautenger Bluse samt geschlitztem Rock l�chelte in sich hinein, denn eigentlich stellte sich die Frage nicht. Sie war Stalins beste Agentin, und sie wusste es. Wenn jemand Heydrichs Giftschrank auftreiben konnte, dann sie.</p><p>Erst jetzt, nachdem ihr F�hrungsoffizier in der Menge untergetaucht war, drehte sie sich so unauff�llig wie m�glich um. Zwei, drei Paare, Spazierg�nger und ein Kaffeekr�nzchen. Allem Anschein nach war die Luft rein. Ein typischer Sonntag: Unter den Linden, dr�ckend schw�l, aber friedlich und still. Um zu erkennen, dass sich Berlin im vierten Kriegsjahr befand, musste man schon genau hinsehen.</p><p>Und doch war es so. Kiew gefallen, Leningrad im Belagerungszustand, Moskau immer noch nicht aus dem Schneider. Der Sieg, so er tats�chlich kommen w�rde, war in weite Ferne ger�ckt. Die Miene der Frau verfinsterte sich, und auf ihrer Stirn zeigten sich tiefe Falten. Eines Tages, schwor sie sich, w�rden die faschistischen Aggressoren f�r alles bezahlen. Und sie, die von Stalin Auserkorene, w�rde den Anfang machen. Selbst auf die Gefahr hin, dass sie dabei ihr Leben lie�.</p><p>W�hrend sie das Streichholzbriefchen mit der Aufschrift �Salon Kitty� in ihre Handtasche steckte, lie� der br�nette Vamp unter der Pergola die vergangenen f�nf Tage Revue passieren. F�nf Tage, die es in sich gehabt hatten. Natascha, so ihr Deckname, konnte ihr Gl�ck kaum fassen. M�llendorf. Dass ihr ein derart dicker Fisch ins Netz gehen w�rde, hatte sie nicht zu tr�umen gewagt. Ein leibhaftiger SS-Sturmf�hrer, und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, Vertrauter von Heydrich. Sie hatte mehr Gl�ck als Verstand gehabt. Blieb zu hoffen, dass es ihr auch weiterhin treu bleiben w�rde. Zumindest so lange, bis ihr Auftrag erledigt war.</p><p>Ein zynisches L�cheln, von dem die �brigen G�ste nichts bemerkten, huschte �ber Nataschas Gesicht. SS-Sturmf�hrer Alfred von M�llendorf, ein Judas wie aus dem Bilderbuch. Die Tatsache, dass Heydrich ausgerechnet ihm vertraut hatte, lie� ihn in puncto Menschenkenntnis wie einen blutigen Anf�nger erscheinen. Obwohl, wie sie sehr wohl wusste, er dies selbstverst�ndlich nicht gewesen war. Kein Parteibonze, der vor seinen Schn�ffeleien sicher, kein Ereignis, das von ihm nicht mit Argusaugen beobachtet worden war. Dass hierzu unter anderem auch die deutsch-sowjetischen Geheimverhandlungen z�hlten, war der eigentliche Grund, weshalb sie von Berija auf seinen Giftschrank angesetzt worden war. Davon, hatte ihr Radek eingesch�rft, d�rfe auf keinen Fall etwas publik werden. Hitlers Jugends�nden, G�rings Bestechlichkeit, Goebbels� Amouren und Himmlers Verbrechen�alles gut und sch�n. Was allein z�hlte, war, dass an Stalins B�ndnistreue keinerlei Zweifel aufkam. Die Folgen hiervon w�ren verheerend gewesen.</p><p>�Verzeihung, gn�dige Frau�d�rfte ich Sie wohl zu einem Aperitif einladen?�</p><p>Als einer ihrer Tischnachbarn, ein �M�chtegern-Heesters� mit Bauchansatz, urpl�tzlich vor ihr stand, zuckte sie nicht einmal mit der Wimper. Ein Griff in ihre Handtasche, ein gezielter Schuss aus ihrer Walther 7,65, und dieser Hinterhof-Gigolo h�tte ausgespielt.</p><p>So weit durfte es aber nicht kommen. �Danke!�, wimmelte sie den selbsternannten Kavalier wie ein l�stiges Insekt ab. Nur kein Aufsehen, fuhr es ihr gleichzeitig durch den Sinn. Der Grund, weshalb sie sich ein zus�tzliches, wenn auch gek�nsteltes L�cheln abrang.</p><p>�Dann vielleicht ein andermal?�</p><p>�Ein andermal�vielleicht�, erwiderte sie k�hl, bevor �Heesters der Zweite� den R�ckzug antrat.</p><p>Gl�ck gehabt. Kaum imstande, ihre Wut auf alles M�nnliche zu unterdr�cken, begutachtete sie die rot lackierten Fingern�gel, drapierte das schulterlange Haar und lie� den Verschluss ihrer Handtasche h�rbar einrasten. Keine zehn Sekunden l�nger, und sie h�tte sich etwas einfallen lassen m�ssen.</p><p>Natascha trank ihren Kaffee aus, erhob sich und steuerte mit wiegenden Schritten auf den Ausgang zu. Obwohl sie M�nner abgrundtief hasste, war sie sich ihrer Wirkung auf sie durchaus bewusst. Sie genoss die Blicke, die sie ihr nachwarfen, die unzweideutigen Antr�ge, die man ihr machte, das indignierte Stirnrunzeln anderer, mit weniger optischen Reizen ausgestatteten Frauen. Aber all das �nderte nichts daran. Mit Ausnahme ihres Vaters, dem einzigen Mann, dem sie jemals so etwas wie Zuneigung geschenkt hatte, kannte ihr M�nnerhass keine Grenzen. Es war ein Mann, der sie mit 14 vergewaltigt hatte. Es war ein Mann, genauer gesagt ihr Lehrer, der sie jahrelang drangsaliert hatte, und es war ein SA-Mann aus dem Wedding, der ihren Vater vor neun Jahren zu Tode gefoltert hatte.</p><p>Und es war ein Mann, Typ �Johannes Heesters f�r Arme�, der im Begriff war, sich an ihre Fersen zu heften. Sein Pech, denn er w�rde daf�r mit dem Leben bezahlen.</p><p>So wie alle, die ihrer Mission im Wege standen.</p><empty-line/></section><section><p><sub>22</sub></p><p><emphasis>J�discher Friedhof an der Pankower Chaussee | 14.30h</emphasis></p><empty-line/><p>Der Grabstein war umgesto�en worden, der Davidstern mit Farbe besudelt, die Gebeine �berall verstreut. Sydow konnte es einfach nicht fassen. Nicht einmal vor einem Friedhof hatte dieser Wahnsinn vor vier Jahren haltgemacht.</p><p>Dieser Wahnsinn, der bereits vier Menschen das Leben gekostet und neuerdings nicht einmal die Gestapo verschont hatte. Sydow war immer noch total von der Rolle. Die ganze Fahrt �ber hatte er �ber Kruppkes Exekution nachgedacht. Doch alles Nachdenken war sinnlos, er fand keine Erkl�rung daf�r. Bei der Vorstellung, dass sich die Gestapo gegenseitig selbst dezimierte, hielt sich sein Mitleid nat�rlich in Grenzen. Trotzdem, so sein Fazit, ging hier etwas nicht mit rechten Dingen zu. Der Vorfall war so bizarr gewesen, dass er geglaubt hatte, er leide unter Halluzinationen. Das Einzige, was ihn davon abhielt, war die feste �berzeugung, den Hauptakteur, Kruppkes Begleiter, schon einmal gesehen zu haben. Und das nicht erst heute Morgen, sondern vor l�ngerer Zeit.</p><p>Doch bevor er sich weiter Gedanken machte, musste er zusehen, die Spuren dieser Barbarei zu tilgen. Das war ganz einfach seine Pflicht, Gestapo hin oder her. Sollte ihm Moebius doch eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ihm der Sinn danach stand. Wer immer es war, dessen Ruhe hier gest�rt worden war: Er w�rde daf�r Sorge tragen, diesen Frevel wieder wiedergutzumachen. Und wenn es das Letzte war, was er in diesem Leben tat.</p><p>Die Zeit verging, und Sydow arbeitete wie in Trance. Wie er auf den Gedanken kam, war im Grunde zweitrangig, aber als er sich verzweifelt abrackerte, den mit einem Hakenkreuz beschmierten Grabstein in die H�he zu wuchten, wandten sich seine Gedanken fast automatisch der Vergangenheit zu. Und mit ihr der Frage, warum er nicht schon fr�hzeitig die Konsequenzen aus diesem Wahnsinn gezogen hatte. Keuchend vor Anstrengung hielt Sydow einen Moment inne und fuhr sich durch das schwei�verklebte Haar. Gezogen hatte er sie, na klar, aber viel zu sp�t. Erst dann, als der Bruch mit seiner Familie unvermeidlich geworden war.</p><p>Was wohl aus Rebecca, ihrer Mutter und ihrem Vater, diesem begnadeten Klarinettisten, geworden war? Er hatte sie aus den Augen verloren, so die Entschuldigung, die im Grunde keine war. Er h�tte sich um sie k�mmern k�nnen, ja sogar m�ssen. Das Mindeste nach all dem, was ihnen im November 1938 angetan worden war.</p><p>Er hatte es nicht getan, allen Selbstvorw�rfen zum Trotz. Und jetzt stand er hier, die Gestapo am Hals, vier Tote auf dem Gewissen, das Leben ruiniert. Wenn es mich schon erwischen soll, kam es ihm in einem Anflug von Sarkasmus in den Sinn, dann am besten gleich hier!</p><p>Auge in Auge mit dem Totensch�del, den er aus einem Wirrwarr von Efeu, Gestr�pp und vertrocknetem Laub geborgen hatte, jagte sein Leben mit atemberaubender Geschwindigkeit an ihm vorbei. Der Umzug nach England, die Diplomatenkarriere seines Vaters, die Schulzeit in�</p><p>Der Gedanke kam blitzartig, unerwartet und mit solcher Wucht, dass ihm buchst�blich die Luft wegblieb. War so etwas �berhaupt m�glich? Ein derartiger Zufall und das ausgerechnet jetzt, wo ihm das Wasser bis zum Halse stand?</p><p>�Sie kommen sp�t.� Die Stimme in seinem R�cken hatte etwas Vorwurfsvolles, keineswegs jedoch Bedrohliches an sich. Sie war melancholisch, weich und nicht frei von Resignation. Aber sie fl��te Vertrauen ein. Und dies, wenn schon nicht sein Vertrauen in die menschliche Natur, war der Grund, weshalb Sydow den Sch�del ins Gras bettete und sich ohne einen Anflug von Panik umdrehte.</p><p>Es war der anonyme Anrufer, die drei Worte hatten gen�gt. Sydow hatte ihn sich ganz anders vorgestellt, eher gro�, kr�ftig und resolut. Und nicht b�rtig, ungepflegt und leicht gebeugt. Das hier war ein Mann, der einiges mitgemacht hatte, obwohl sein Alter, wenn �berhaupt, h�chstens 30 betrug.</p><p>�Ich hoffe, Sie werden mir diesen Auftritt verzeihen�aber ich wollte auf Nummer sicher gehen.�</p><p>�Mit anderen Worten, Sie haben mich die ganze Zeit �ber beobachtet!�, antwortete Sydow gereizt, wobei er selbst nicht genau wusste, warum. �Falls Sie es noch nicht gemerkt haben sollten. Mir kann man tats�chlich trauen!�</p><p>Statt zu antworten, irrte der Blick des Mannes zwischen Sydow und dem gesch�ndeten Grab hin und her. �Kommt hier droben leider immer h�ufiger vor!�, entgegnete er in resigniertem Ton, w�hrend er sich mit der Hand den Nacken massierte.</p><p>�Sind Sie��, setzte Sydow zu einer Erwiderung an, brach jedoch mitten im Satz ab.</p><p>�Nein, nein, da liegen Sie v�llig falsch, Herr Kommissar�, beteuerte der Mann am�siert.</p><p>�Hei�t das, Sie k�nnen Gedanken lesen?�</p><p>�Das am allerwenigsten!�, f�gte er mit verschmitztem L�cheln hinzu. �Dass ich hier heimisch geworden bin, hei�t jedenfalls nicht, dass ich Jude bin.�</p><p>�Heimisch? Wie darf ich das verstehen?�</p><p>�Soll ich Ihnen was sagen, Herr Kommissar? Auf die Gefahr hin, mit einem H�ter des Gesetzes in Konflikt zu geraten?�</p><p>�Nur zu.�</p><p>�Dass Sie bei der Kripo sind, merkt man wirklich sofort.�</p><p>�Etwa, weil ich die falschen Fragen stelle?�</p><p>�Schon gut, schon gut!�, lenkte Sydows Gespr�chspartner mit treuherzigem L�cheln ein. �Kein Grund zur Aufregung! Um zu Ihrer Frage zur�ckzukommen, dies hier ist mein Domizil.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Behausung trifft es wohl eher. Oder Unterschlupf.�</p><p>�Anders ausgedr�ckt, Sie sind desertiert.�</p><p>�Mein Kompliment, Herr Kommissar!�, gab der Mann mit der Andeutung eines H�ndeklatschens zur�ck. �Sie begreifen wirklich schnell.�</p><p>�Danke f�r die Blumen!�, konterte Sydow scharf. �Jetzt ist mir einiges klar.�</p><p>�So, ist es das?� Auf einmal war der Mann wie verwandelt. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien er �ber etwas nachzudenken. Und das ausgesprochen gr�ndlich. Doch dann, nachdem fast eine Minute verstrichen war, streckte er pl�tzlich die Hand aus und sagte: �Paul Helfrich.�</p><p>�Tom Sydow. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.�</p><p>�Mich ebenso.�</p><p>�Und das von vorhin trifft wirklich zu?�, fragte Sydow beim H�ndesch�tteln.</p><p>�Das mit dem Domizil? Na klar. Eine gut getarnte Grube, nach M�glichkeit nicht in Grabn�he�und fertig ist die Wohnidylle. Der Vorteil dabei, man hat wenigstens seine Ruhe. Auf die Idee, ausgerechnet hier nach mir zu suchen, ist die Gestapo jedenfalls noch nicht gekommen.� Helfrich wurde pl�tzlich nachdenklich und merkte an: �<emphasis>Noch</emphasis> nicht.�</p><p>�H�rt sich so an, als h�tten Sie einiges hinter sich.�</p><p>�Kann man wohl sagen.�</p><p>�Und was?�</p><p>�Gute Frage.� Helfrich lie� sich auf einem Baumstumpf nieder, st�tzte die Handfl�chen auf die Knie und starrte ins Leere. �Bis Kriegsbeginn lief eigentlich alles normal. Ich wollte Ingenieur werden. Achtes Semester. Beim Wollen ist es dann allerdings geblieben. Sie haben mich eingezogen. Polen, Frankreich und quasi zur Kr�nung nach��</p><p>�Russland.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Wie gesagt, da haben Sie ja einiges hinter sich.�</p><p>Als habe sich Sydow einen makaberen Scherz erlaubt, streifte ihn Helfrich mit seinem Blick, hob einen Stein auf und wog ihn in der Hand. Dann warf er ihn in hohem Bogen ins Geb�sch. �Nichts f�r ungut, Herr Kommissar, aber ich glaube, Sie haben nicht die geringste Ahnung, was ich alles hinter mir habe!�</p><p>�Wenn dem so ist, lassen Sie h�ren.�</p><p>�Sicher?�</p><p>Sydow nickte, und um es Helfrich nicht unn�tig zu erschweren, lie� er den Blick �ber die mit Moos, Efeu und mitunter auch Steinen bedeckten Grabplatten schweifen. Es war merkw�rdig still, zu still nach Sydows Geschmack, und die Hitze machte nicht einmal vor dem von Kastanien �berschatteten Friedhof Halt.</p><p>�Angefangen hat es im Juli 1941�, begann Helfrich in dem f�r ihn typischen, halb melancholischen, halb resignierten Ton. �Irgendwo in der N�he von Minsk. Wo genau, wei� ich ehrlich gesagt nicht mehr.�</p><p>�Angefangen? Mit was denn?�</p><p>�Mit dieser Schlachterei.� Die Ellbogen auf den Knien, bedeckte Helfrich die Augen und sch�ttelte den Kopf. �Wenn mir jemand davon erz�hlt h�tte, w�re ich dem Betreffenden an die Gurgel gegangen. Oder noch schlimmer. Im g�nstigsten Fall h�tte ich ihm einfach nicht geglaubt.�</p><p>Nichts Gutes ahnend, deutete Sydow ein Nicken an und schwieg.</p><p>Doch Helfrich beachtete ihn nicht und fuhr wie in einem Selbstgespr�ch fort: �Wie gesagt, es war Mitte Juli. Und verdammt hei�. Stechm�cken wie Sand am Meer. Fast 50 Kilometer in den Knochen. Wie das eben so ist � zumindest bei der Infanterie! Auf jeden Fall hatte ich mich verdammt noch mal auf die Heia gefreut. Wurde aber nichts draus. Die Parole lautete: Gel�nde sichern. Freiwillige vor. Helfrich, Sie auch! Aber dalli! Wieder mal der Arsch. Wie sollte es auch anders sein.� Die Pause, die nun folgte, war wie die Ruhe vor dem Sturm. Sydow war auf das Schlimmste gefasst. �Was nun geschah, werde ich mein Lebtag nicht vergessen�, fuhr Helfrich fort. �Nach etwa einer halben Stunde kommen wir durch ein Birkenw�ldchen. Pl�tzliche Sch�sse. Salve auf Salve. MGs. So gut wie ohne Unterbrechung. Klar, denke ich, da dr�ben ballert irgendwo der Iwan rum. Fehlanzeige. Es war die SS.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Na, was wohl? Volle Deckung. Und keinen Mucks.� Helfrichs Stimme h�rte sich rau an, und er gab sich erst gar nicht die M�he, nach einer Entschuldigung zu suchen: �Was h�tten wir denn machen sollen? Uns mit der SS anlegen? Um im g�nstigsten Fall vor dem Kriegsgericht zu landen? Wie dem auch sei. Wenn dich der Herr Bataillonskommandeur pers�nlich zum Schweigen verdonnert, ist h�chstwahrscheinlich was faul. Und das wars nat�rlich auch. Partisanenbek�mpfung, wenn ich so was schon h�re! Jede Wette, dass das keine waren. Das waren Juden, Dutzende, Hunderte. Antreten, Feuer, rein in die Grube. Mindestens eine halbe Stunde ging das so. Bei Weitem nicht das einzige Mal, dass so etwas passiert sein soll. Sp�ter, hei�t es, haben sie sogar Lieferwagen benutzt, um die armen Teufel mit den Auspuffgasen ins Jenseits zu bef�rdern. Warum ich Ihnen das alles erz�hle? Ganz einfach, der Mann, der das Erschie�ungskommando befehligt hat, ist mir heute Morgen wieder �ber den Weg gelaufen.�</p><p>�Himmler-Brille, Schmiss und ausgebleichte Haut?�</p><p>�Ich sehe, Sie denken mit, Herr Kommissar. Der Albino mit der schwarzen Uniform, der mindestens ein paar Hundert Juden auf dem Gewissen hat, ist genau der Mann, auf den sich Ihre Ermittlungen konzentrieren sollten.�</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Weil er es war, der daf�r gesorgt hat, dass seine beiden Gorillas die Leiche auf der Parkbank deponiert haben. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.�</p><p>�Wie kommt es eigentlich, dass Sie sich in aller Herrgottsfr�he im��</p><p>�Wieso ich mich ausgerechnet in diesem Moment dort rumgetrieben habe? Ganz einfach, ab und zu braucht man halt etwas Luftver�nderung. Kommt davon, wenn man den lieben langen Tag auf dem Friedhof rumh�ngt! �u�erst ungesund, habe ich mir sagen lassen. Im Ernst, ich bin halt �fter unterwegs. Zwecks Nahrungsmittelbeschaffung. Von irgendwas muss man ja leben. Mein Gl�ck, dass es noch ein paar Freunde gibt, die diese Bezeichnung verdienen. Kurz gesagt, ich kam gerade vom Schnorren zur�ck. In meiner Lage tut man das am besten nachts. War allerdings zu sp�t, mich wieder hierher zu verdr�cken. Deswegen habe ich einfach im Tiergarten �bernachtet. Keine sonderlich gute Idee, wie mir heute Morgen klar geworden ist.�</p><p>�Woher wollen Sie eigentlich wissen, dass der Mann bereits tot gewesen ist?�</p><p>�Was f�r eine Frage, Herr Kommissar! Nach drei Jahren Krieg kriegt man ja wohl ein Gesp�r daf�r.�</p><p>Sydow nickte. �Allerdings!�, stimmte er Helfrich zu. �Was dann auch der Grund war, weshalb Sie einige Stunden gebraucht haben, um sich dazu durchzuringen, mit uns zusammenzuarbeiten.�</p><p>�Volltreffer, Herr Kommissar. Gegen einen hohen SS-Offizier zu Felde zu ziehen, ist ja wohl �u�erst risikoreich. <emphasis>Wenn nicht gar aussichtslos</emphasis>. Was mich zu der Frage bringt, welchen Nutzen meine Kooperationsbereitschaft hat. Diesen Albino vor Gericht zu zerren, ist ja wohl ein Ding der Unm�glichkeit. Und wenn wir gerade dabei sind, was wird eigentlich aus mir?�</p><p>�Gute Frage!�, warf Sydow achselzuckend ein, und fuhr damit fort, die Spuren des Grabfrevels zu beseitigen. �Ehrlich gesagt, ich habe keinen blassen Schimmer. Eins kann ich Ihnen jedoch schon jetzt garantieren.�</p><p>�Und das w�re?�, fragte Helfrich gespannt, erhob sich und ging Sydow zur Hand.</p><p>�Dass ich mit Moebius auf Heller und Pfennig abrechnen werde. Auf meine Art.�</p><empty-line/></section><section><p><sub>23</sub></p><p><emphasis>Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Stra�e 8</emphasis></p><p><emphasis>| 15.10h</emphasis></p><empty-line/><p>Selbst ihn, der er gerade einen Mann exekutiert hatte, lie� der Anblick der halb tot gepr�gelten Frau nicht kalt. Um Kruppke, den Folterknecht, war es nicht schade gewesen. Aber das hier war etwas anderes.</p><p>Die Frau, bei der man schon genau hinsehen musste, um sie als Irene von M�llendorf zu identifizieren, kauerte im �u�ersten Winkel der Zelle. Wie ein waidwundes Tier, Spuren der Misshandlungen im Gesicht. Der Marder erschrak, und bei ihrem Anblick drehte sich ihm der Magen um. Ein Wunder, dachte er, dass die Frau �berhaupt bei Bewusstsein ist.</p><p>Da nutzte es wenig, dass er Moebius hinters Licht gef�hrt und der ihm seine Version von Kruppkes Tod abgekauft hatte. Die Sache hatte n�mlich einen Haken. Auf Sydow, der es anscheinend ganz genau wissen wollte, wurde mit allen verf�gbaren Kr�ften Jagd gemacht. Folglich musste er selbst sehen, wie er �ber die Runden kam. Er, der MI6-Agent, konnte jedenfalls nichts f�r ihn tun. Sonst w�rde seine Tarnung auffliegen. Und das konnte er nicht riskieren, den alten Zeiten zum Trotz.</p><p>Noch nicht.</p><p>Hauptsache also, Moebius hatte keinen Verdacht gesch�pft. Und w�rde es auch in Zukunft nicht tun. Die Miene des Marders verfinsterte sich. Mit Moebius, dem Mann, der f�r all das hier verantwortlich war, w�rde er abrechnen, aber erst, wenn der Zeitpunkt daf�r gekommen war. Zuvor jedoch galt es, die gegenw�rtige Situation zu meistern. Und die, bedeutete ihm sein Instinkt, war beileibe nicht einfach, um nicht zu sagen ausgesprochen prek�r. Profan ausgedr�ckt, sie war zum Kotzen.</p><p>Um das menschliche Wrack, das man ihm zwecks �Sonderbehandlung� �berlassen hatte, nicht noch mehr in die Enge zu treiben, blieb der Marder regungslos stehen. Die Frau, von der er nicht wusste, ob sie nicht schon durchgedreht war, r�hrte sich auch nicht. Ihr Blick, sofern man dieses schreckerf�llte Starren �berhaupt so bezeichnen konnte, ging ins Leere, und die zerquetschten Fingerkuppen waren nicht zu �bersehen. Kein K�rperteil, der ohne Blessuren geblieben war. Wenn er sie so anschaute, musste er aufpassen, dass ihm nicht der Gaul durchging.</p><p>Der Marder trat unschl�ssig auf der Stelle. Zum ersten Mal, seit er hier eingeschleust worden war, hatte ihn seine Kaltschn�uzigkeit im Stich gelassen, und bevor er gro� zum Nachdenken kam, war er neben der Frau niedergekniet und schloss sie in die Arme.</p><p>Gesetzt den Fall, jemand k�me zur T�r herein, w�re er erledigt. Der Marder wusste es, k�mmerte sich jedoch nicht darum. Warum er Kopf und Kragen riskierte, war ihm selbst nicht richtig klar. Klar war nur, dass er das, wozu ihn sein Gewissen dr�ngte, aus �berzeugung tat.</p><p>Geraume Zeit gab die Frau keinen Laut von sich, r�hrte sich keinen Millimeter. Aber dann, als er schon bef�rchtete, Irene von M�llendorf sei tot, drang pl�tzlich ihre Stimme an sein Ohr: �Sie sind nicht von der Gestapo, stimmts?�</p><p>Der Blick des Marders begann zu flackern, und er hatte M�he, seine �berraschung zu verbergen. �Wie kommen Sie darauf?�, fragte er und wandte den Kopf zur T�r.</p><p>Irene von M�llendorf, immer noch starr wie ein Leichnam, rang nach Worten. �Ich wei� nicht�aber irgendwie hatte ich von Anfang an das Gef�hl, dass Sie nicht vom gleichen Schlag sind wie Kruppke oder dieser� dieser��</p><p>Der Marder hasste es, seinen Todfeind beim Namen zu nennen, tat es dann aber doch. �Moebius.�</p><p>�Genau.� Zum ersten Mal seit seinem Auftauchen r�hrte sich die Frau von der Stelle. Ein Zittern durchlief ihren K�rper, und sie st�hnte leise auf. �Wie dem auch sei. Dass Sie nicht von der Gestapo sind, war mir von Anfang an klar. Sp�testens dann, als mich Ihre beiden Kollegen in die Mangel genommen haben.�</p><p>Wovon die Frau sprach, n�mlich von ihrer ersten Begegnung heute fr�h, war dem Marder nur allzu klar. Selbst jetzt, Stunden sp�ter, fr�stelte ihn. Dass Kruppke es war, der ihr die Daumenschrauben angelegt hatte, �nderte nicht das Geringste daran. Er war Zeuge eines Verbrechens geworden, aber nicht eingeschritten. Das war es, was ihm am meisten zu schaffen machte, Giftschrank hin oder her.</p><p>�Agent 004�Secret Service Seiner Majest�t.� Das war er ihr schuldig, wenigstens das.</p><p>Anstelle einer Antwort wand sich die Frau in Kr�mpfen, und den Marder beschlich das Gef�hl, dass ihre Tage definitiv gez�hlt waren. Falls dieses Dahinvegetieren �berhaupt eine Frage von Tagen war.</p><p>�Angenehm!�, fl�sterte ihm Irene von M�llendorf ins Ohr. �Und was kann ich f�r Sie tun?�</p><p>�Nichts!�, beteuerte der Marder, obwohl er wusste, dass das exakte Gegenteil zutraf.</p><p>�Mit� mit Verlaub, aber das kaufe ich Ihnen nicht ab.� Ein schmerzerf�lltes St�hnen entrang sich ihrer Kehle und hallte zwischen den W�nden der Zelle wider. Die Luft war stickig, roch nach Blut, Eiter und Schwei�. �Um Ihre Zeit nicht �ber Geb�hr in Anspruch zu nehmen. Ich denke, es gibt da etwas, das Sie bestimmt interessiert.�</p><p>�Und was sollte das sein?�</p><p>�Das, wonach alle hier suchen.�</p><p>So zu tun, als wisse er von nichts, hatte jetzt keinen Zweck mehr. �Heydrichs Geheimakten?�, fragte der Marder, bem�ht, m�glichst ahnungslos zu klingen.</p><p>Die Andeutung eines L�chelns flog �ber Irene von M�llendorfs Gesicht. �Sie sagen es!�, keuchte sie.</p><p>Der Marder h�rte gespannt zu. Aus Erfahrung wusste er, dass der alles entscheidende Moment gekommen war.</p><p>Und wurde nicht entt�uscht.</p><p>�Eigentlich war alles so wie immer�, begann sie. �Mit dem Unterschied, dass Alfred dieses Mal zu weit gegangen war.�</p><p>�Frauengeschichten?�</p><p>�Das auch. Wobei ich gelernt hatte, damit umzugehen. Womit ich allerdings nicht fertig geworden bin, ist, dass er sich immer wieder vor� vor Heydrichs Karren hat spannen lassen. Um es dezent auszudr�cken.�</p><p>�So auch vergangenen Dienstag?�</p><p>�Genau. Leider war Alfred ein schwacher Mensch. Und das sollte ihm zum Verh�ngnis werden.�</p><p>�Die Mitschnitte auf Band?�</p><p>Irene von M�llendorf nickte. �Er ist blindlings in Himmlers Falle getappt. Zu denken, er k�nne ihm das Wasser reichen�einfach l�cherlich! Wie dem auch sei. Am Mittwochmorgen, kurz vor Dienstbeginn, gerieten wir in Streit. So heftig wie nie zuvor. Es war wieder einmal sehr sp�t geworden�aber Schwamm dr�ber! Daran, wie gesagt, hatte ich mich ja� hatte ich mich bis zu einem gewissen Grad gew�hnt.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann ist er damit herausger�ckt. Heydrichs Geheimunterlagen zu vernichten, weil der Herr Obergruppenf�hrer um das Wohl seiner Familie besorgt ist�welch ein Wahnsinn.�</p><p>�Fast so wahnsinnig, wie sie verschwinden zu lassen und zu gegebener Zeit Kapital daraus zu schlagen.�</p><p>�Sprechen Sie es ruhig aus: um die gesamte F�hrung damit zu erpressen.�</p><p>�Und wen genau?�</p><p>�Alle. Angefangen bei Ribbentrop, bis hin zu Goebbels, G�ring, Himmler und� und��</p><p>�Den F�hrer?�</p><p>Kein Kommentar. Aber auch so war Irene von M�llendorfs Schweigen aussagekr�ftig genug. Der Marder r�usperte sich. Die Sache stand auf des Messers Schneide. �Und wo��, tat er sich mit seiner Frage ungemein schwer, �und wo hat er die Geheimunterlagen verschwinden lassen?�</p><p>�Auf dem Anhalter Bahnhof. Bevor� bevor er zu seinem allw�chentlichen Bordellbesuch aufbrach.� Die Frau befreite sich aus seinen Armen und lehnte sich an die R�ckwand der Zelle. Sie war bleich wie der Tod und wohl auch nicht mehr allzu weit davon entfernt.</p><p>�Und wo genau?�</p><p>�Das wei� ich nicht.�</p><p>Die Z�ge des Marders verh�rteten sich. �Keine Andeutung, kein Hinweis, kein Indiz?�</p><p>�Nicht, dass ich w�sste. Es sei denn�� Kaum noch imstande, sich aufrecht zu halten, kehrte pl�tzlich Leben in das von Schwellungen, Bluterg�ssen und Sch�rfwunden entstellte Gesicht zur�ck.</p><p>�Es sei denn, was?�</p><p>�Es sei denn, es hat etwas mit der Erinnerungsplakette zu tun. Die mit dem Eichenlaub und der kaiserlichen Flagge darauf.�</p><p>�Welche Erinnerungsplakette?�</p><p>�Kurz bevor wir miteinander in Streit geraten sind, habe ich� habe ich Alfred dabei �berrascht, wie� wie er�� Die Stimme der Frau geriet ins Stocken und verstummte dann ganz. Die Augen weit aufgerissen, starrte sie ins Leere.</p><p>�Der Schl�ssel!�, stie� der Marder dank einer pl�tzlichen Eingebung hervor. �Wo hat er den Schl�ssel zu seinem Versteck verschwinden lassen?� Dass es sich dabei um ein Gep�ckfach handelte, lag fast auf der Hand.</p><p>�Die Erinnerungsplakette!�, presste die Frau mit letzter Kraft hervor.</p><p>Der Marder dachte fieberhaft nach. Wo zum Teufel hatte er w�hrend des Verh�rs heute Morgen eine Plakette h�ngen sehen?</p><p>Dann, wider Erwarten, fiel es ihm doch noch ein. �Die neben dem Bild, das ihn zusammen mit seinem Offiziersjahrgang zeigt?�, fragte er, aufs �u�erste erregt.</p><p>Doch die Antwort auf seine Frage blieb aus. Kaum war sie verklungen, als sich Irene von M�llendorf aufb�umte, zur Seite kippte und leise wimmernd in der Schw�rze der Ohnmacht versank.</p><p>Eine Ohnmacht, aus der sie nie mehr erwachen sollte.</p><empty-line/></section><section><p><sub>24</sub></p><p><emphasis>Schlesischer Bahnhof������������������������������������� | 15.55h</emphasis></p><empty-line/><p>�Nerven hast du ja, Tom, das muss dir der Neid lassen!�, fiel die Reaktion auf Sydows Anruf alles andere als positiv aus. Aber mit etwas anderem hatte er auch nicht gerechnet. Diesbez�glich war er Realist genug.</p><p>�Wieso?�</p><p>�Na, du machst mir vielleicht Spa�! Tust so, als seist du �ber beide Ohren verknallt, spielst den Rosenkavalier, s�lzt mir die Ohren voll�und l�sst dich �ber ein halbes Jahr nicht mehr blicken! Nicht genug damit, kriege ich anschlie�end raus, dass du stolzer Besitzer eines Harems bist! Wie hei�t denn des Paschas neue Favoritin, wenn man fragen darf? Oder ist sie vielleicht sogar verheiratet?�</p><p>�Jetzt komm schon, Veronika, hab dich nicht so.�</p><p>�Hei�t das etwa, du willst��</p><p>�Mit dir reden, ganz recht!�, konnte Sydow den Kopf gerade noch aus der Schlinge ziehen. �rger hatte er wei� Gott schon genug am Hals.</p><p>�Soso, auf einmal!�, hatte die Emp�rung seiner Gespr�chspartnerin den Zenit gl�cklicherweise �berschritten. �Und wieso?�</p><p>�Veronika�der Lenz ist da!�</p><p>�Deine Witze werden auch immer schlechter.�</p><p>�Einfach so. Der alten Zeiten wegen!�, erg�nzte Sydow nerv�s. Der wild gestikulierende Mann vor der Telefonzelle, in der er sich gerade befand, trug ebenfalls nicht zu seiner Beruhigung bei.</p><p>�Das kannst du deiner Gro�mutter erz�hlen. Komm schon, Tom. Machen wir uns nichts vor. Du steckst in der Klemme, stimmts?�</p><p>Ohne den Mann zu beachten, wandte sich Sydow ab, fingerte in der Jackentasche herum und d�mpfte den Ton. �Vorsichtig ausgedr�ckt.�</p><p>�Schulden?�</p><p>�Bl�dsinn. So gut solltest du mich wenigstens kennen.�</p><p>�Frauengeschichten?�</p><p>�Jetzt h�r mir gut zu, Veronika, wenn du denkst, ich rufe einfach so zum Spa� bei dir an, dann��</p><p>�Wie bitte? Nicht zum Spa�?�, fiel ihm die Frau am Telefon mit un�berh�rbarer Ironie ins Wort. �Ja, wenn das so ist, musst du ja bis zum Hals��</p><p>�... in der Schei�e stecken!�, platzte Sydow fast der Kragen. �Du hast es erfasst, mein Schatz!�</p><p>Endlich. Sein Dienstausweis. Mal sehen, ob die Nummer wirken w�rde.</p><p>�Und jetzt kannst du mich mal!� Sie tat es. Kaum klebte der Ausweis hinter der Scheibe, schrumpfte der Choleriker mit den Segelohren auf Normalgr��e und trat den R�ckzug an.</p><p>�Was hast du da eben gesagt?�</p><p>�Nat�rlich nicht du, Zuckerp�ppchen, wo denkst du hin!�</p><p>�Sydow, Sydow, wenn du so weitermachst, nimmt es ein b�ses Ende mit dir.�</p><p>�Du wei�t gar nicht, wie recht du damit hast.� Sydow sah sich hastig um. Obwohl die Bahnsteighalle fast leer war, wurde er sein ungutes Gef�hl nicht los. �Also, was ist? Lust auf ein kleines Stelldichein?�</p><p>�Unter einer Bedingung.�</p><p>�Und die w�re?�</p><p>�Dass du zur Abwechslung mit offenen Karten spielst, Tom.�</p><p>�Also gut. Arbeitest du immer noch in der Telefonzentrale?�</p><p>�Bei Heydrich und Co.? Na klar.� Kaum waren die Worte verhallt, kehrte Totenstille ein. Sydow wollte schon aufh�ngen, als er erneut die Stimme seiner Gespr�chspartnerin vernahm. �Moment mal��, sagte sie in deutlich ver�ndertem Ton, �willst du etwa damit sagen, du hast irgendetwas mit��</p><p>�Hab ich dich falsch verstanden, oder wolltest du, dass ich mit offenen Karten spiele?�</p><p>Veronikas Gedanken zu erraten war keine gro�e Kunst. Top oder Flop, das war die Frage. Wenn sie jetzt auflegte, w�rde sie sich eine Menge �rger ersparen.</p><p>Aber das tat sie nicht. �Und wo?�, fragte sie ged�mpft, doch laut genug, um ihre Anspannung deutlich werden zu lassen.</p><p>�Im �Nussbaum��, fiel Sydow ein Stein vom Herzen. �In einer Stunde. Ich hoffe, das reicht, um dich sch�n zu machen.�</p><p>�Arschloch!�, lie� die Antwort nicht lange auf sich warten.</p><p>Dann war die Leitung tot.</p><empty-line/></section><section><p><sub>25</sub></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>�Reichsf�hrung SS�, Prinz-Albrecht-Stra�e 9�� | 16.25h</emphasis></p><empty-line/><p>�Mein ist der Hort, mir muss er geh�ren!�</p><p>�C hier! Walhalla ausl�sen!�</p><p>�Walhalla ausl�sen.�</p><p>Der Blick, den ihm der Reichsf�hrer zuwarf, bevor er sich wieder dem Fenster zuwandte, war deutlich genug. SS-Obersturmf�hrer Carl Gustav Moebius, mit Himmlers Gedankeng�ngen bestens vertraut, hatte verstanden und schaltete das Tonband Marke �Grundig� ab.</p><p>Walhalla�ein Reinfall. Schlau eingef�delt, aber nicht schlau genug. Heydrich war eben doch nicht unfehlbar gewesen. Darauf, dass ausgerechnet M�llendorf ihn hintergehen w�rde, w�re er, Moebius, jedoch im Traum nicht gekommen. Kamerad bei der Reichsmarine, Saufkumpan, Alter Ego�und dann so etwas. Heydrich, der abgebr�hte Verr�ter, und M�llendorf, sein Adlatus. Kaum nachvollziehbar, wer von beiden den anderen an Hintertriebenheit �bertraf.</p><p>Ein Problem indes, das v�llig bedeutungslos war. Hing doch nicht nur seine Karriere, sondern auch die etlicher hochrangiger Pers�nlichkeiten von der Beantwortung einer einzigen Frage ab: Wo hatte M�llendorf die Geheimakten deponiert?</p><p>Darauf, und nur darauf, musste er seine Energie konzentrieren. Egal, wer ihm dabei in die Quere kam. Mochte er nun Sydow, Klinke oder sonst wie hei�en. Um Himmlers Auftrag auszuf�hren, war ihm jedes Mittel recht. Ohne R�cksicht, wer dabei zu Schaden kam. Pech f�r ihn, dass er diese beiden Quertreiber untersch�tzt hatte. Ein bedauerlicher Fauxpas, der sich nicht wiederholen w�rde. Der sich nicht wiederholen <emphasis>durfte</emphasis>. Beim n�chsten Mal war Sydow geliefert. Schneller, als er denken konnte. Und sein Assistent, dieser aufgeschwemmte Presssack, mit dazu.</p><p>�Wie weit, wenn die Frage gestattet ist, sind Ihre Ermittlungen eigentlich gediehen?�</p><p>Tief in Gedanken, hatte Moebius nicht bemerkt, dass sich Himmler umgedreht und ihn mit verkniffenem Blick fixiert hatte. Der Obersturmf�hrer, der sich wie ein unaufmerksamer Sch�ler vorkam, fuhr zusammen, wich ihm aus und nahm instinktiv Haltung an. �Nur noch wenige Tage, Reichsf�hrer, und die Aff�re M�llendorf wird zu Ihrer Zufriedenheit��</p><p>�Sind Sie so schwer von Begriff, oder tun Sie nur so? Nicht �bermorgen, nicht morgen, sondern heute noch! Kapiert? Falls nicht, das Ganze noch mal zum Mitschreiben. Ich gebe Ihnen bis Mitternacht Zeit, um herauszufinden, wo dieser M�llendorf Heydrichs Geheimakten gebunkert hat! Bis Mitternacht, verstanden? Und keine Minute l�nger. Sonst k�nnen Sie Ihren Hut nehmen.�</p><p>�Mit Verlaub, Reichsf�hrer. Sie verlangen Unm�gliches.�</p><p>�Ich will Ihnen was sagen, Sie Schlauberger!�, konterte Himmler, umrundete den Schreibtisch und trat mit verschr�nkten Armen auf Moebius zu. �Noch so eine Panne wie mit diesem Dilettanten namens Kruppke, und ich lasse Sie an die Ostfront versetzen! Und �berhaupt: Was haben Sie sich eigentlich bei diesem Bombenanschlag gedacht? Wenn schon Mafia-Methoden, sollten sie wenigstens erfolgreich sein!�</p><p>�Ich verstehe, Reichsf�hrer�, antwortete Moebius und warf dem knapp 42-j�hrigen Himmler einen fl�chtigen Seitenblick zu.</p><p>�Anscheinend nicht, Sie Idiot!�</p><p>Obwohl Himmler wesentlich kleiner als Moebius war, verfehlte der Zornesausbruch des zweitm�chtigsten Mannes im Reich seine Wirkung nicht.</p><p>�Es soll nicht wieder vorkommen, Reichsf�hrer!�, erwiderte der Obersturmf�hrer devot.</p><p>�Das will ich auch hoffen! <emphasis>Um Ihretwillen</emphasis>.� Himmler, trotz Totenkopfm�tze, Eichenlaubkragen und dunkler Uniform nur mehr eine Karikatur nordischer Ideale, wandte sich kopfsch�ttelnd ab. �Sonst sehe ich mich gezwungen, meine Drohung in die Tat��</p><p>Wie auf Bestellung klingelte in diesem Moment das Telefon. Moebius, der mit dem Schlimmsten gerechnet hatte, atmete erleichtert auf.</p><p>�Himmler.� Gerade eben noch der J�hzorn in Person, hellte sich die Miene des Reichsf�hrers merklich auf. Das Gespr�ch dauerte nicht lange, h�chstens eine Minute. Danach war Himmler wie ausgewechselt, die gute Laune in Person.</p><p>�Na also, warum denn nicht gleich!�, rief er aus, rieb sich die H�nde und nahm hinter dem Schreibtisch Platz.</p><p>�Darf man fragen, worum es geht?�, hatte Moebius offenbar seine Lektion gelernt.</p><p>�Man darf!�, erwiderte Himmler knapp, st�tzte die Ellbogen auf und beugte sich nach vorn. �Jeder, selbst unf�hige Kreaturen wie Sie, Moebius, bekommt bekanntlich eine zweite Chance.� Um sein Gegen�ber noch gef�giger zu machen, als es ohnehin schon war, hielt der Reichsf�hrer mehrere Sekunden inne und wandte sich den Papieren auf seinem Schreibtisch zu. �Ist Ihnen eigentlich klar, dass sich unter Heydrichs Geheimakten das Originalprotokoll der Konferenz am Gro�en Wannsee befinden k�nnte?�, wich er einer Auskunft mit sichtbarer H�me aus.</p><p>�Voll und ganz, Reichsf�hrer.�</p><p>�Dann sehen Sie zu, dass Sie diesen� wie war doch gleich sein Name?�</p><p>�Von Sydow, Reichsf�hrer.�</p><p>�Doch nicht etwa <emphasis>der</emphasis> Sydow?�</p><p>Moebius nickte. �Der Sohn von Ribbentrops Ministerialdirigenten�, gelang es ihm nur mit M�he, die Fassung zu bewahren.</p><p>�Dann nichts wie ran, Obersturmf�hrer!�</p><p>Moebius scharrte verlegen mit dem Fu�. �Wenn Sie die Bemerkung gestatten, Reichsf�hrer�ich verstehe nicht ganz, worum��</p><p>�Aber ich, Sie Meisterspion! Um es kurz zu machen. Der Zufall�tut mir leid, dass ich das so betonen muss�, der Zufall wollte es, dass ein Volksgenosse mit diesem Sydow aneinandergeraten ist. Und zwar kurz nachdem er den Fahndungsaufruf im Radio geh�rt hat. Ein Gl�ck, dass er im Gegensatz zu Ihnen �ber ein Minimum an Kombinationsgabe verf�gt!�</p><p>�Ihre Befehle, Reichsf�hrer?�</p><p>�Na, was wohl? Diesen Volksverr�ter dingfest zu machen�tot oder lebendig! Geht das in Ihren Teutonensch�del rein?�</p><p>Moebius nickte. Sydow w�rde bezahlen. F�r alles. Und sei es f�r Dinge, die er nicht zu verantworten hatte.</p><p>Er w�rde diese Chance nutzen.</p><p>Gnadenlos.</p><empty-line/></section><section><p><sub>26</sub></p><p><emphasis>London-Westminster, 10 Downing Street�� | 15.30 OZ</emphasis></p><empty-line/><p>�Ich will jetzt wissen, was los ist, verdammt noch mal!� Jason McLeod, Wing Commander bei der Royal Air Force, schlug mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett und funkelte den Fahrer des Aston Martin w�tend an. Er hatte seine Heimlichtuerei gr�ndlich satt.</p><p>�Nur die Ruhe, junger Mann�, war alles, was dem feinen Pinkel am Steuer einfiel, bevor sie die Westminster Bridge �berquerten. �Sch�nes Wetter, nicht wahr?�</p><p>McLeod blieb glatt die Spucke weg. Sands�cke, Flakstellungen und Stacheldraht, dazwischen riesige Tr�mmerhaufen�und dieser schr�ge Vogel mit Melone redete vom Wetter! Einfach nicht zu fassen.</p><p>Um sich abzulenken, lie� der 28-j�hrige Wing Commander den Blick �ber das Panorama der City schweifen. Seitdem der angeblich gr��te Feldherr aller Zeiten nun auch mit den Russen im Clinch lag, hatte sich die Lage zwar sp�rbar gebessert. Aus dem Schneider waren London und Gro�britannien damit aber noch lange nicht. Eine Fahrt durch das Regierungsviertel, und man wurde eines Besseren belehrt. Ein Wunder, dass Big Ben und Westminster Abbey kaum etwas abgekriegt hatten.</p><p>�Das ist aber das Einzige!�, nahm McLeod den Ball seines mysteri�sen Chauffeurs nach der �berquerung der Westminster Bridge wieder auf.</p><p>�Nur keine Panik!�, retournierte der mit der gleichen stoischen Gelassenheit. �Ein, h�chstens zwei Jahre, und diesem Br�llaffen wird die Luft ausgehen.�</p><p>�Na, wenn Sie sich da nur nicht irren.�</p><p>�Ich irre mich nie!�, erwiderte der Mann unger�hrt, verzog keine Miene und merkte absichtlich verz�gert an: �Zumindest nicht, was den angemessenen Umgang mit dem F�hrer des Gro�deutschen Reiches angeht.�</p><p>�Ach, daher weht der Wind�, erwiderte sein impulsiver Begleiter und richtete den Blick wieder nach vorn. �Ein Sonderauftrag.�</p><p>�Sie begreifen schnell, junger Mann�, lie� die Antwort von Sir Stuart Menzies, Chef des MI6, nicht lange auf sich warten.</p><p>�Ist das etwa der Grund, weshalb ich seit einem Vierteljahr nur Starts und Landungen auf irgendwelchen R�ttelpisten ge�bt habe?� Der Wing Commander, flachsblond, wettergegerbt und mit nimmerm�der Dynamik ausstaffiert, konnte sein ungest�mes Temperament kaum noch im Zaum halten. �Ein Vierteljahr, und das ausgerechnet dann, wenn uns die Nazis die H�lle hei�machen?� McLeod lief vor �rger rot an. �Ich wei� ja nicht, wie Sie das sehen, aber wahrscheinlich h�tte man mich anderswo dringender gebraucht!�</p><p>�Nur die Ruhe, junger Mann! Ihre Bew�hrungsprobe kommt noch fr�h genug!�, erwiderte Menzies, blinkte und bog nach links in die Downing Street ein.</p><p>Erst jetzt, im Angesicht des salutierenden Constable, k�hlte sich der ungest�me Waliser wieder ab und warf dem Mann, der seinen Mittagsschlaf gest�rt hatte, einen pr�fenden Seitenblick zu. �Kann es sein, dass Sie sich verfahren haben?�, fragte er mit sp�rbarem Unbehagen, als der Aston Martin vor dem Amtssitz des Premierministers hielt.</p><p>�Keineswegs!�, antwortete Menzies, nahm die Aktentasche vom R�cksitz und stieg aus.</p><p>�Oder dass nicht doch eine Verwechslung vorliegt?�</p><p>�Wieder falsch!�, versicherte der Geheimdienstchef l�chelnd und winkte McLeod, ihm zu folgen.</p><p>�Dann w�rde ich jetzt wirklich gerne wissen, was Sie mit mir vorhaben!�, beharrte der Waliser und strich seine Uniformjacke glatt.</p><p>�Das, junger Mann�, fl�sterte ihm Menzies augenzwinkernd zu, w�hrend sich die T�r von 10Downing Street �ffnete, �wird Ihnen Churchill h�chstpers�nlich sagen.�</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>�In Berlin landen�ich?� Sekundenbruchteile lang dachte McLeod, er habe sich verh�rt.</p><p>�In der Tat!�, bekr�ftigte Churchill und nippte an seinem Tee. �Oder ist das etwa ein Problem?�</p><p>McLeod warf einen verstohlenen Blick zu Menzies, der mit undurchdringlicher Miene auf dem Sofa sa�.</p><p>Fehlanzeige.</p><p>�Nat�rlich nicht, Sir!�</p><p>Der Premierminister stellte die Teetasse ab, entspannte sich und lie� die Arme auf der R�ckenlehne des Pl�schsofas ruhen, das vor dem Kaminsims im Empfangszimmer seines Amtssitzes stand. Menzies, der stillvergn�gt l�chelte, tat es ihm gleich.</p><p>�Dann w�re das ja wohl gekl�rt!�, erwiderte Churchill lapidar, schlug die Beine �bereinander und tauschte einen vielsagenden Blick mit dem Geheimdienstchef aus.</p><p>�Eine Frage noch, Sir.�</p><p>�Und die w�re?�</p><p>�Warum gerade ich?�</p><p>�Weil, wie ich mir habe sagen lassen, Sie, mein Junge, einer der besten Piloten der Royal Air Force sind.�</p><p>�Danke, Sir.� McLeod, die Uniformm�tze unter der Achsel und in Habachtstellung, lie� sich durch Churchills Kompliment nicht blenden. �Und wozu das Ganze� ich meine� welchen Sinn sollte ein derart waghalsiges Unternehmen��</p><p>�Was den Sinn angeht, machen Sie sich am besten keine Gedanken!�, machte Menzies unmissverst�ndlich klar. �Alles, was wir von Ihnen wissen m�chten, ist, ob Sie sich zutrauen, den Auftrag auszuf�hren.�</p><p>�Dazu m�sste ich zun�chst einmal wissen, wo genau ich �berhaupt landen soll.�</p><p>�Jedenfalls nicht da, wo Flugzeuge gemeinhin zu landen pflegen�, warf Churchill ein und trank einen weiteren Schluck Tee. �Brr�scheu�liches Zeug, Sir Stuart, finden Sie nicht auch?�</p><p>�Tut mir leid, Sie entt�uschen zu m�ssen, Sir. Ich habe dem Alkohol abgeschworen.�</p><p>�Seit wann k�nnen Sie eigentlich Gedanken lesen?�</p><p>�Wenn die Bemerkung erlaubt ist, Sir. Erfahrung, jahrelange Erfahrung.� Menzies l�chelte in sich hinein. �Doch um auf den Punkt zu kommen, Sir: Ich denke, wir sollten�um beim Thema Alkohol zu bleiben�Wing Commander McLeod reinen Wein einschenken. Zumindest halbwegs.�</p><p>Mit einer Miene, wie man sie sich angewiderter nicht vorstellen konnte, stellte Churchill die Teetasse ab und dachte nach. �Finden Sie?�</p><p>�In der Tat, Sir.�</p><p>�Ist Ihnen klar, mein Junge, dass Sie �ber das, wor�ber hier gesprochen wird, strengstes Stillschweigen zu bewahren haben?�</p><p>�Voll und ganz, Sir.�</p><p>�Kein Wort, nicht einmal gegen�ber Eltern, Freunden, Verwandten?�, insistierte Churchill und warf dem Gem�lde, das K�nigin Victoria im Kreise ihrer Familie zeigte, einen fl�chtigen Seitenblick zu.</p><p>McLeod erstarrte. �Selbstverst�ndlich, Sir!�, best�tigte er sofort.</p><p>�Ich hoffe, Ihnen ist dar�ber hinaus bewusst, dass Sie von diesem Moment an keinerlei Kontakte mehr pflegen d�rfen�auch und vor allem solche privater Natur? Dass Sie sozusagen unter Quarant�ne stehen?�</p><p>McLeod holte Luft und atmete tief durch. �Das ist es, Sir.�</p><p>�Danke, das gen�gt mir!�, antwortete Churchill, schenkte sich ein Glas Brandy Marke Napoleon ein und zwinkerte dem Wing Commander zu. �Hoffen wir, dass Ihre Mission kein Waterloo wird!�</p><p>�Keineswegs, Sir�, war Menzies die Zuversicht in Person. �Die Chancen stehen zwar in etwa bei eins zu zehn, aber McLeod wird das Kind schon schaukeln!�</p><p>Die drei M�nner brachen in Gel�chter aus, das sich jedoch schnell wieder legte.</p><p>�Und worin genau besteht mein Auftrag, Sir?�, konnte McLeod seine Neugier kaum noch bez�hmen.</p><p>�Sie sind dran, Sir Stuart!�, erteilte Churchill Menzies das Wort.</p><p>�Sie sollen einen unserer Jungs raushauen, junger Mann. Wenn alles gut geht, wird es ihm gelingen, die Nazis bis auf die Knochen zu blamieren.� Menzies r�usperte sich und fuhr mit ernster Miene fort: �Der Ehrlichkeit halber sollte ich vielleicht hinzuf�gen, dass Ihnen der Betreffende nicht unbekannt ist.�</p><p>�Und um wen handelt es sich, Sir?�</p><p>�Um Max Claasen, junger Mann. Seines Zeichens Untersturmf�hrer der SS.�</p><p>Bevor McLeod antworten konnte, erhob Churchill sein Glas und prostete den Anwesenden zu. �Cheers, Gentlemen!�, rief er bestens gelaunt aus. �Auf gutes Gelingen!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>27</sub></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Anhalter Bahnhof������������� | 16.45h</emphasis></p><empty-line/><p>Der Meute immer um eine Nasenl�nge voraus. Sydow war wirklich auf Draht. Das musste ihm der Neid lassen.</p><p>�Jetzt mach schon, du Idiot!� Er hatte es eilig, der K�belwagen, der in H�he des Hotels �Kaiserhof� in die Wilhelmstra�e einbog, offensichtlich nicht. Der Marder dr�ckte auf die Hupe, vollf�hrte ein waghalsiges Ausweichman�ver und beschleunigte auf 80 Sachen.</p><p>Ausgerechnet jetzt, wo jede Minute z�hlte. Einfach zum Verr�cktwerden.</p><p>Gemessen an der Pleite, die er soeben erlebt hatte, aber eher ein Klacks. Die Plakette, hinter der er her war, war nicht mehr an Ort und Stelle, unauffindbar, als habe sie sich in Luft aufgel�st. Schlimmer ging es nicht. So viel war jetzt schon sicher. Der Anblick der Wand, auf der sich ihre und die Umrisse des Erinnerungsfotos abzeichneten, w�rde ihn bis in die schlimmsten Albtr�ume verfolgen.</p><p>Heydrichs sagenumwobene Geheimakten, deponiert in einem Schlie�fach auf dem Anhalter Bahnhof. Und dann noch auf einen Sprung ins Bordell. Das sah diesem M�llendorf wirklich �hnlich. Der Mundwinkel des Marders verformte sich zu einem malizi�sen Grinsen. Ein Ganove, dem niemand eine Tr�ne nachweint, bilanzierte er. Und, weitaus schlimmer, ein Dilettant, wie er im Buche stand.</p><p>Als er die Anhalter Stra�e erreichte, bog der Marder nach rechts, stellte den Mercedes Benz 230 ab und ging den Rest des Weges zu Fu�. Gut m�glich, tr�stete er sich, dass die Polizei im Besitz des Schl�ssels war, damit aber nichts anzufangen wusste. Oder war es am Ende gar nicht Sydow gewesen, dem die Eintrittskarte zum Hort des B�sen in die H�nde gefallen war? Wie dem auch sei. Die Gestapo war es jedenfalls nicht. Andernfalls h�tte er es erfahren, er sa� ja an der Quelle. Vielleicht die Haush�lterin, die im Garten herumgeschn�ffelt hatte? Oder jemand Wildfremdes? Der gro�e Unbekannte, mit dem niemand, nicht einmal er selbst, gerechnet hatte?</p><p>Einerlei. Jetzt, da er wusste, wonach er suchen musste, tappte er wenigstens nicht mehr im Dunkeln. Besser noch, er hatte schon einen Plan.</p><p>Ob er klappen w�rde, war allerdings die Frage.</p><p>Zum Anhalter Bahnhof, von wo aus die Z�ge in Richtung Leipzig abfuhren, war es nur ein Katzensprung, und auf dem Askanischen Platz, hinter dem sich das imposante Geb�ude aus gelbem Backstein erhob, herrschte reger Betrieb. Der Marder, dem dies nicht ungelegen kam, r�ckte seine Sonnenbrille zurecht und sah sich unauff�llig um. Dichtes Gewimmel, Geschiebe, Gedr�nge. Zeitungsjungen, Reisende, Gep�cktr�ger. Darunter auch jede Menge Damen auf der Suche nach einem spendablen Kavalier. Der ideale Ort, um unerkannt zu bleiben.</p><p>Eine Melodie auf den Lippen, die er von seiner Schulzeit in Eton her kannte, schlenderte er zum Fahrkartenschalter, l�ste eine Fahrkarte erster Klasse und tauchte in das Gew�hl vor der Absperrung ein. Dort wimmelte es geradezu von Polizisten, und als sein Blick auf das �berdimensionale Fahndungsplakat fiel, wurde ihm der Grund daf�r klar.</p><p>Thomas Randolph von Sydow, Gef�hrte gemeinsamer Internatstage. Eigentlich hatte er sich gar nicht gro� ver�ndert. Sydow, der Herzensbrecher, McLeod, das Sport-As, und er, der Spa�vogel, eine unnachahmliche Mixtur. Sie hatten den Laden ordentlich aufgemischt, bis hin zur Drohung mit dem Hinauswurf. Genutzt hatte es nicht viel. Der Spitzname �Die drei Musketiere�, ein Geistesblitz des seinerzeitigen Rektors, hatte den Nagel jedenfalls voll auf den Kopf getroffen. Der Marder seufzte, und ein wehm�tiges L�cheln flog �ber sein Gesicht. Ein Jammer, dass der Blutsbruder von einst auf der falschen Seite stand.</p><p>Nur nicht sentimental werden, rief sich der Marder zur Ordnung, bahnte sich einen Weg durch die Menge und stieg die Stufen zum Bahnsteig hinauf. Der Lautsprecheransage zufolge fuhr der Schnellzug aus Leipzig gerade ein, und die Zeit lief ihm davon. In der weitr�umigen, von mehr als 60 Meter langen Eisenbindern �berw�lbten Bahnhofshalle herrschte hektische Betriebsamkeit, aber das konnte ihm nur recht sein. Ein Griff unter das Jackett, wo sich seine schussbereite Mauser 08 befand. Schlie�lich konnte man ja nie wissen. Dann bog der Marder in Richtung Gep�ckaufgabe ab.</p><p>�Sehr verehrte Reisende�hier eine kurze Durchsage! Der Schnellzug nach Leipzig f�hrt um 17.05Uhr von Bahnsteig drei ab. N�chstm�gliche Fernverbindung, Montag fr�h um 7.35 Uhr.�</p><p>Obwohl er unter gro�er Anspannung stand, blickte der Marder ohne erkennbare Anzeichen von Hast auf die Uhr.</p><p>Noch sieben Minuten.</p><p>Bis dahin musste sich der Hort in seinen H�nden befinden.</p><p>Und dann nichts wie ab in den Zug, untertauchen bei seinem Kontaktmann und ein paar Wochen sp�ter nach Hause.</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>�Routinekontrolle�was soll das hei�en?�</p><p>�Auf die Gefahr, mich zu wiederholen��, gab der Marder kurz angebunden zur�ck, w�hrend er seinen Dienstausweis wieder verschwinden lie� und sich rasch nach potenziellen Lauschern umsah, �bin ich Ihnen, wie gesagt, keinerlei Ausk�nfte schuldig! Oder m�chten Sie, dass ich mir Ihren Namen notiere?�</p><p>Nein, das wollte der Schalterbeamte mit dem Kaiser-Wilhelm-Bart nicht. Der Wink mit dem Zaunpfahl hatte gen�gt.</p><p>�Ein weiser Entschluss.� Der Marder warf einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Noch f�nf Minuten. �H�tten Sie dann wohl endlich die Freundlichkeit, mir die Liste auszuh�ndigen? In der Hoffnung, dass dies keine allzu gro�en Umst�nde macht?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Herr Untersturmf�hrer.�</p><p>Na, also! Warum nicht gleich? Die feingliedrigen H�nde des Marders t�nzelten auf der blankpolierten Oberfl�che des Schalters hin und her, und winzige Schwei�perlen traten auf seine Stirn.</p><p>Noch vier Minuten.</p><p>�So, Herr Untersturmf�hrer�, wirkte der Schalterbeamte wie ausgewechselt, w�hrend er ihm den Leitz-Ordner pr�sentierte, �hier die gew�nschte��</p><p>�Geben Sie her.�</p><p>Da nicht einmal M�llendorf so dreist gewesen w�re, mit seinem richtigen Namen zu unterschreiben, w�rde ihn das zus�tzlich Zeit kosten. Der Marder riss den Ordner mit der Aufschrift �Schlie�f�cher� an sich, schlug den Deckel zur�ck und bl�tterte ihn hastig durch. Die Zeit zerrann ihm zwischen den Fingern, und mit ihr die Gelassenheit, auf die er sich so viel zugutehielt.</p><p>Gl�ck im Ungl�ck, dass sich unter dem fraglichen Datum nur ein einziger Eintrag befand. Gl�ck vor allem, dass der Schalterbeamte anscheinend ein ganz Penibler war. �Dienstag, 02.06.1942, 21.20 Uhr. Nummer des Schl�ssels: 56.</p><p>Name: Heribert von��</p><p>Geschafft.</p><p>Trotz der Anspannung, unter der er stand, konnte sich der Marder ein Grinsen nicht verkneifen. Adel verpflichtet, dachte er. Auch und gerade dann, wenn man andere �bers Ohr hauen will.</p><p>Noch drei Minuten.</p><p>�Danke, das w�re alles.�</p><p>�Aber ich dachte��</p><p>W�hrend er den Korridor entlang hastete, an dessen Ende sich der Raum mit den Schlie�f�chern befand, lie� der Marder die Hand in die Tasche gleiten. Der Dietrich. Alles kam jetzt darauf an, dass er beim Schl�sserknacken nichts verlernt hatte.</p><p>Noch zwei Minuten.</p><p>�Warum so eilig, Untersturmf�hrer?�</p><p>Keine drei Schritte von seinem Ziel entfernt, verlangsamte der Marder seinen Schritt und drehte sich so gelassen wie m�glich um. Dass dies in unmittelbarer N�he der M�nnertoilette geschah, war reiner Zufall.</p><p>Ein Zufall freilich, der ihm angesichts seiner prek�ren Lage wie gerufen kam.</p><p>Die Stimme des Mannes, der seine Pfade im denkbar ung�nstigsten Moment gekreuzt hatte, h�tte er aus Hunderten heraush�ren k�nnen, und der Versuchung, ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, konnte er fast nicht widerstehen. Er h�tte nicht die geringste Chance gehabt, aber das war nicht der Punkt.</p><p>�Irre ich mich, oder hatte ich Ihnen nicht befohlen, sich den Potsdamer Bahnhof vorzukn�pfen?�</p><p>Das Problem war, dass Moebius nicht alleine, sondern in Begleitung zweier Kollegen war. Und dass der Zug soeben den Bahnhof verlie�. Die Chance, unerkannt zu entkommen, war somit vertan.</p><p><emphasis>Time out</emphasis>. Nichts ging mehr. Zumindest f�r den Augenblick.</p><p>Im Begriff, nach der Waffe zu greifen, l�chelte er und tat so, als suche er nach seinem Feuerzeug. �Tut mir leid, Obersturmf�hrer, da muss mir doch glatt ein Fehler unterlaufen sein.�</p><p>Moebius hob die Augenbrauen, stemmte die H�nde in die H�ften und sah ihn von oben bis unten an. Doch der Funke, der sein Misstrauen h�tte entfachen k�nnen, war nicht stark genug. �Ein Fehler, der sich hoffentlich nicht wiederholen wird!�</p><p>�Keinesfalls, Obersturmf�hrer�, erwiderte der Marder und steckte sich eine Camel an. �Ein Schnitzer, wie er mir eben unterlaufen ist, passiert mir nicht zweimal. Darauf k�nnen Sie Gift nehmen!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>28</sub></p><p><emphasis>Nikolaiviertel, Gastst�tte �Zum Nussbaum��� | 17.30h</emphasis></p><empty-line/><p>Veronika spielte ihre Rolle perfekt, besser als Greta Garbo, Lilian Harvey und Zarah Leander zusammen. Und vor allem sah sie hinrei�end aus. Eng anliegendes, rot gepunktetes Kleid, Schuhe mit hohen Abs�tzen, Nylonstr�mpfe und ein Borsalino, der irgendwie an Marlene Dietrich erinnerte. Einfach umwerfend. Sydow war regelrecht von den Socken. Veronika ging nicht, sie t�nzelte, ein veritables Naturtalent. Als sie den �Nussbaum�, Sydows Stammkneipe, betrat, richteten sich sofort ein Dutzend Augenpaare auf sie. Eigentlich viel zu schade, um sich vor meinen Karren spannen zu lassen, fuhr es ihm durch den Sinn, aber da er nach jedem Strohhalm griff, dachte er lieber nicht dar�ber nach.</p><p>Keine Frage, an Veronika war eine Schauspielerin verloren gegangen. Um keinen Verdacht zu erregen, lie� sie ihn einfach links liegen, bestellte eine Berliner Wei�e und nahm am Nebentisch Platz. Die holzget�felte Wirtsstube, in der schon Zille zu den Stammkunden geh�rt hatte, war nicht sehr gro�, daf�r kannte aber jeder jeden, weshalb ein Spitzel sofort aufgefallen w�re.</p><p>Als die allgemeine Aufmerksamkeit wieder verebbte, kramte Veronika ihren Taschenspiegel hervor, begutachtete ihr Profil und steckte sich eine Ernte in den Mund. Es war das Zeichen, auf das Sydow gewartet hatte.</p><p>�Feuer, gn�dige Frau?�</p><p>Veronika nickte, inhalierte und blies Sydow den Rauch ins Gesicht. �Na, Herzensbrecher!�, witzelte sie mit aufreizendem Augenaufschlag. �Was steht zu Diensten?�</p><p>Sydow und der Wirt wechselten einen raschen Blick. Letzterer grinste �ber beide Backen und schaltete den Phonographen ein.</p><p>�Zun�chst danke, dass du �berhaupt��</p><p>�Deine Willy-Fritsch-Nummer kannst du dir sparen!�, funkelte ihn Veronika an, verstaute ihren Spiegel und r�ckte n�her. Der Phonograph pl�rrte �Lili Marleen�, ein Umstand, der sie zus�tzlich in Rage versetzte.</p><p>�Reine Vorsichtsma�nahme!�, versuchte Sydow sie zu beschwichtigen. �Aber um zum Thema zu kommen, du hattest recht, ich stecke in der Klemme.�</p><p>�Ist inzwischen auch zu mir durchgedrungen!�, antwortete Veronika. �Machs also kurz.� Dann f�gte sie hinzu: �Und mach, dass du fortkommst, bevor sie dich hopsnehmen und du auf Nimmerwiedersehen in der Prinz-Albrecht-Stra�e verschwindest. Ich hoffe, du wei�t, was ich f�r dich alten Schei�kerl riskiere!�</p><p>�Wei� ich.�</p><p>�Dann also raus mit der Sprache!�, fl�sterte Veronika und sah demonstrativ geradeaus. Der Wirt, immer noch im Glauben, hier bahne sich etwas an, zog sich an den �u�ersten Rand des Tresens zur�ck und blickte mit demonstrativem Gleichmut in den Biergarten hinaus, der im Schatten des weitverzweigten Namenspatrons seiner Eckkneipe lag. �Oder lass mich raten! Es hat was mit einem Herrn namens �von M� zu tun.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Wei�t du �berhaupt, in welches Wespennest du da gestochen hast?�</p><p>�Klar.�</p><p>Veronika trank einen Schluck, betupfte die Lippen mit dem Handr�cken und w�rdigte Sydow keines Blickes. Obwohl sie der Ufa alle Ehre gemacht h�tte, waren ihre Nerven zum Zerrei�en gespannt, die mit reichlich Tusche versehenen Wimpern in st�ndiger Bewegung. �Um es kurz zu machen, Traum meiner schlaflosen N�chte! Ich wei� bis ins Detail Bescheid.�</p><p>�Du wei�t was?�</p><p>�Du hast richtig geh�rt. Um dem Herrn Kriminalhauptkommissar�besser gesagt, steckbrieflich gesuchten Vaterlandsverr�ter�ein wenig auf die Spr�nge zu helfen. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch vergangener Woche hatte ich in der Zentrale Dienst.� Veronika wandte den Blick zur Seite und sah Sydow pr�fend an. ��berrascht?�</p><p>�Wenn ich ehrlich bin�ja.�</p><p>�H�rt sich aber nicht unbedingt danach an.�</p><p>�Komm schon, Veronika��</p><p>�Ich wei�, was du sagen willst: �Tu es um der alten Zeiten willen�.� Die 25-j�hrige Blondine geriet ins Stocken, fuhr mit dem Handballen �ber den Augenwinkel und seufzte: �Meinetwegen.� Und kurz darauf: �Also, wie gesagt, war ich letzte Woche f�r die Sp�tschicht eingeteilt. Verdammt langweilige Angelegenheit. Aber dann, wenige Minuten vor 21 Uhr, kam ordentlich Leben in die Bude.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Wei�t du, wenn mir langweilig ist, h�re ich hin und wieder ein bisschen mit. Ja, ja, wei� schon, was du sagen willst! Strengstens verboten, kannst von Gl�ck sagen, dass keiner was mitgekriegt hat! Bin auch kuriert, darauf gebe ich dir Brief und Siegel!� Veronika dr�ckte ihre Zigarette aus, schob ihre Wei�e beiseite und bestellte sich ein Glas Berliner Kindl. �Prost!�, rief sie in Richtung eines Spiegels mit der Aufschrift �Vereinsbrauerei Rixdorf� aus. �Auf dich, altes Haus, auf dass du m�glichst lange unter den Lebenden weilst!�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann, Schmuseb�r, kam der interessante Teil. Und zwar in Gestalt eines Ferngespr�chs. Kurz vor 21 Uhr, genauer gesagt 20.55 Uhr. Direktverbindung. Hab mich aber trotzdem eingeklinkt.� Die Telefonistin im RSHA sah sich instinktiv um. Das Interesse f�r das, was sie mit Sydow zu besprechen hatte, war jedoch gleich null. �Und soll ich dir was sagen? Da war noch jemand in der Leitung.�</p><p>�Wie bitte?� Sydow wurde aschfahl und warf einen Blick in die Runde. �Bist du dir da auch ganz sicher?�</p><p>�Wenn du wie ich drei Jahre in der Branche t�tig bist, f�llt dir so was auf Anhieb auf. Schon mal was von Nebenger�uschen geh�rt? Egal, da lungert also wer in der Leitung rum. Nix wie raus da, denk ich mir. Aber dann wars bereits zu sp�t. Ging nicht mehr, war vor Schreck wie erstarrt.�</p><p>Sydow, dem allm�hlich d�mmerte, auf welche Pointe sich Veronikas Gest�ndnis zubewegte, hielt den Atem an. Die Frage, die ihm auf der Zunge lag, behielt er taktvollerweise f�r sich.</p><p>Er bekam die Antwort auch so. �Das ist doch der Heydrich, denk ich und krieg das gro�e Zittern.�</p><p>�Heydrich? Bist du dir da auch ganz��</p><p>�Gehts noch ein bisschen lauter? Klar bin ich das. Mitgekriegt hab ich aber trotzdem nicht viel. Au�er dem Codewort. Hat sich verdammt noch mal nach Absprache angeh�rt.�</p><p>�Ein Code?�</p><p>��Walhalla ausl�sen!�, hat der Heydrich gesagt. Gleich zwei Mal. Damit es der M�llendorf nur ja��</p><p>�Was hast du da eben gesagt?�</p><p>�... kapiert. Sag mal, Katerchen, wirst du langsam taub, oder was?�</p><p>�Schon m�glich. War das alles?�</p><p>�So gut wie. Der M�llendorf konnte es zun�chst gar nicht fassen. Da ist der Heydrich dann richtig sauer geworden. Von wegen seiner schwangeren Frau und so. Richtig hektisch. Und dann hat er einfach aufgelegt.�</p><p>�Und woher wei�t du so genau, dass es M�llendorf war?�</p><p>�Wollte mir mal an die W�sche.� Veronika hielt inne und sprach mit sarkastischem Unterton: �So wie das bei euch M�nnern hin und wieder der Fall zu sein pflegt.�</p><p>Der Wink mit dem Zaunpfahl w�re nicht n�tig gewesen. Sydow hatte es buchst�blich die Sprache verschlagen. �Und was jetzt?�, fragte er, mehr an die eigene Adresse als an die seiner Exfreundin gerichtet.</p><p>�Jetzt, mein Schatz, mach ich mich d�nne!�, antwortete Veronika Vehrenkamp, packte ihre Siebensachen und machte Anstalten zu gehen. �Ich nehme an, das da geht auf dich!�, l�chelte sie mit einem Blick auf die Getr�nke, wurde im n�chsten Moment jedoch todernst. �Machs gut, Tom!�, fl�sterte sie Sydow ins Ohr, dr�ckte ihm einen fl�chtigen Kuss auf die Wange und strich ihm �bers Haar. �Und pass auf dich auf!�</p><p>�Und du auf dich!�, murmelte Sydow und winkte Veronika hinterher, bevor sie in Richtung Nikolaikirche entschwand. Dann trank er sein Pils in einem Zug leer. �Ein halbes Dutzend ist genug!�, f�gte er hinzu, ohne Klinke, der im selben Moment zur T�r hereinst�rmte, die geb�hrende Aufmerksamkeit zu widmen.</p><p>�Allzeit bereit f�r ein T&#xEA;te-&#xE0;-T&#xEA;te�so was lob ich mir!�, keuchte sein schwergewichtiger Assistent, w�hrend er sich nach potenziellen Spitzeln umsah. Er war v�llig au�er Puste, die Spuren der vergangenen Stunden, die sich tief in seinem Gesicht eingegraben hatten, nicht zu �bersehen.</p><p>�Sp�t kommt Ihr, doch Ihr kommt! Der weite Weg entschuldigt Euer S�umen.�</p><p>�Schiller!�, blaffte Klinke zur�ck. �Falls du es noch nicht wei�t: Gemessen an der Schei�e, in der wir stecken, sind jegliche Witze�!�</p><p>�Scheint so, als h�ttest du recht!�, fiel ihm Sydow ins Wort, da einige der Anwesenden bereits die K�pfe hoben. Dann stand er auf, zahlte und bugsierte Klinke zur T�r. �Parole?�</p><p>�Volle Deckung!�, erwiderte Klinke und folgte ihm auf dem Fu�.</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>�Und was jetzt?� Das Kinn auf die Handballen gest�tzt, sa� Klinke auf der Bank und stierte missmutig vor sich hin.</p><p>�Gute Frage!�, kehrte Sydow den Abgebr�hten heraus. Dass er nur so tat, h�tte ein Klinke in Normalform sicherlich gemerkt. So aber wirkte die Zurschaustellung demonstrativer Gelassenheit wie eine Provokation auf ihn.</p><p>�Ist das alles, was du zu dem Schlamassel zu sagen hast?�</p><p>�Vorschlag: Warum nicht alles noch einmal in Ruhe �berdenken?�, war Sydow bem�ht, seinem Partner den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dennoch lie� er die Umgebung keinen Moment aus den Augen. Au�er den �blichen Spazierg�ngern, Ausfl�glern und Kneipenbesuchern, die es zum Flanieren ins Nikolaiviertel trieb, war jedoch nichts Verd�chtiges zu sehen.</p><p>�Wenn wir gerade von Ruhe reden�ist dir eigentlich klar, worauf wir uns da eingelassen haben?�, fragte Klinke, den es nicht mehr auf der Bank vor der Nikolaikirche hielt.</p><p>�Komisch�aber eine gewisse Veronika Vehrenkamp hat mich vorhin fast das Gleiche gefragt.�</p><p>�Wobei es, wenn ich dich richtig verstehe, nur eine Alternative gibt, und die lautet, die Sache vollends durchzuziehen.�</p><p>�Genau!�, war Sydow entschlossen, etwaige Zweifel von vornherein zu zerstreuen. �Oder hast du es dir etwa anders �berlegt?�</p><p>�Quatsch.�</p><p>�Dann das Ganze noch einmal von vorn!�, schlug Sydow sichtlich erleichtert vor und sah sich nach etwaigen Lauschern um.</p><p>�Nur zu�bin ganz Ohr.�</p><p>�Verbindlichsten Dank. Also, vergangenen Dienstag, vor ziemlich genau f�nf Tagen, geht um 20.55 Uhr im Prinz-Albrecht-Palais ein Anruf ein. Adressat: Alfred von M�llendorf, SS-Sturmbannf�hrer, notorischer Sch�rzenj�ger und Intimus eben jenes Mannes, der am anderen Ende der Leitung ist.�</p><p>�SS-Obergruppenf�hrer Reinhard Tristan Heydrich, gesch�ftsf�hrender Statthalter von B�hmen und M�hren und Himmlers rechte Hand. Und einer der gr��ten Verbrecher aller Zeiten.�</p><p>�Warum so zur�ckhaltend? Du bist doch sonst nicht so! Wie dem auch sei. In der Gewissheit, dass seine Tage gez�hlt sind, erteilt Heydrich einen verschl�sselten Befehl��Walhalla ausl�sen!�. Was nichts anderes bedeutet, als dass von M�llendorf, der offenbar Zugang zu seinen Geheimakten besitzt, diese umgehend zu vernichten hat. Der Grund: Sollte sein Giftschrank in Himmlers H�nde fallen, ist Heydrich wohl nicht ganz zu Unrecht um das Wohl seiner Familie besorgt. Das gilt es zu verhindern, mithilfe eines Mannes, den er seit �ber 20 Jahren kennt und dem er offenbar blind vertraut.�</p><p>�Ein klassischer Fall von Hybris.�</p><p>�Schwer nachvollziehbar, wenn man Heydrich n�her kennt, aber wahr. Stellt sich doch heraus, dass es sich bei M�llendorf nicht etwa um einen echten Kameraden, sondern einen Ganoven der G�teklasse A gehandelt zu haben scheint. Will hei�en, bei der Durchsicht besagter Geheimakten �berlegt es sich der Herr von und zu anders.�</p><p>�Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Sch�nste, was es gibt auf der Welt! Ein Freund bleibt immer Freund und wenn die ganze Welt zusammenf�llt.� Einmal in Fahrt, war Klinke nicht mehr zu bremsen und tr�llerte mit verkl�rtem Blick: �Drum sei doch nicht betr�bt, wenn dich dein Schatz nicht mehr liebt��</p><p>�Komm du mir nicht mehr mit meinem Humor!�</p><p>�Wo waren wir gerade stehen geblieben?�, war Klinke vern�nftig genug, den Bogen nicht zu �berspannen.</p><p>�Bei der abgefeimtesten Gaunerei, die mir bislang untergekommen ist!�, kehrte Sydow zum Thema zur�ck. �Anders ausgedr�ckt: M�llendorf ist zwar nicht der Hellste, daf�r aber mit einer gesunden Portion krimineller Energie ausgestattet, weshalb er beschlie�t, aus dem Wissen um die Geheimnisse des Dritten Reiches Kapital zu schlagen. Im Klartext deutet alles darauf hin, dass er beabsichtigt, die F�hrung zu erpressen.�</p><p>�Wogegen eigentlich nichts einzuwenden gewesen w�re�, bemerkte Klinke trocken.</p><p>�Klar doch! Womit allerdings weder Heydrich noch sein Busenfeind gerechnet haben, tritt ein. Der Anschluss des Herrn Reichsstatthalters wird abgeh�rt, was dazu f�hrt, dass sich M�llendorfs Pl�ne umgehend in Luft aufl�sen.�</p><p>�Sicher, dass sich deine Ex das alles nicht einfach aus den Fingern�geln gesaugt hat?�</p><p>�Vollkommen. Wie sonst w�re es zu erkl�ren, dass ihn die Gestapo einen Tag sp�ter hopsgenommen hat?�</p><p>�Wohl kaum.� Klinke schaute �rgerlich. �Gesetzt den Fall, du hast recht, dann d�rften die Jungs in der Prinz-Albrecht-Stra�e inklusive Reichsh�hnerz�chter Himmler ziemlich dumm aus der W�sche geglotzt haben.�</p><p>�Das mit Sicherheit. Ist es von M�llendorf doch gelungen, den Giftschrank samt Inhalt auf diskrete Art und Weise verschwinden zu lassen. Der Grund, weshalb sich Moebius umgehend M�llendorfs Frau vorgekn�pft hat. Anf�nglich, so steht zu vermuten, mithilfe von Zuckerbrot und dann, wie dir seine Haush�lterin zuzufl�stern geruhte, mit��</p><p>�Daumenschrauben.� Klinke machte ein betretenes Gesicht, und das Lachen war ihm endg�ltig vergangen. �Ganz sch�n dilettantisch!�, bemerkte er geraume Zeit sp�ter.</p><p>�Was denn?�</p><p>�Na ja��, druckste Sydows Assistent herum, griff in die Hosentasche und warf das Streichholzbriefchen mit der Aufschrift �Salon Kitty� bald in die rechte, bald in die linke Hand, �dass er der Versuchung erlegen ist, sich mithilfe der Geheimunterlagen schadlos zu halten, kann ich ja nachvollziehen, aber noch in der gleichen Nacht in den Puff zu gehen, sich mit seiner Frau anzulegen und dann noch von ihr zu verlangen, sie solle��</p><p>�Was schleppst du denn eigentlich die ganze Zeit mit dir rum, Dicker?�, fiel Sydow Klinke ins Wort und deutete auf die Innentasche seines Jacketts.</p><p>�Das da?�, erwiderte Klinke und bem�hte sich vergeblich, das Bild mit dem Konterfei von M�llendorf herauszuziehen. Ohne gro� dar�ber nachzudenken, hatte er es zwar mitgehen lassen, in der Aufregung jedoch glatt vergessen. Mit der Erinnerungsplakette, protzig, sperrig und schwer, verhielt es sich ebenso. �Das Bild aus der Verbrecherkartei.�</p><p>�Himmler und Goebbels?�, feixte Sydow mit sichtlichem Vergn�gen.</p><p>�M�llendorf und Heydrich, du��, setzte Klinke zu einer Schimpfkanonade an, war jedoch so sehr in Anspruch genommen, dass der Rest des Satzes in einem Schwall von Fl�chen unterging.</p><p>�Nur die Ruhe, Dicker, noch ist nicht aller Tage Abend. Lass dir Zeit!�</p><p>�Ach, rutsch mir doch den��, knirschte Klinke mit krebsrotem Kopf, zog, zerrte und zeterte�so lange, bis sein Griff ins Leere ging, das Bild auf dem Pflaster landete und sich die silberne Erinnerungsplakette samt Rahmen in ihre Bestandteile aufl�ste.</p><p>�Sachbesch�digung!�, rief Sydow am�siert aus. �Und das ausgerechnet bei einem Beweisst�ck! Herr Kriminalassistent, ich f�rchte, das wird Sie teuer zu��</p><p>Da es wei� Gott wenig genug zum Lachen gab, hatte Sydow die Chance dazu nicht ungenutzt verstreichen lassen wollen. Selbst auf die Gefahr hin, dass Klinke, Freund und Helfer in der Not, zur Zielscheibe seines Spotts werden w�rde. Mit dem Hintergedanken, es ihm bei Gelegenheit heimzuzahlen, lie� dieser sich nichts anmerken und stimmte in Sydows Gel�chter mit ein.</p><p>Doch beiden, Sydow wie auch Klinke, der dazu etwas l�nger brauchte, sollte das Lachen buchst�blich im Halse stecken bleiben.</p><p>�Denkst du, was ich denke?�, fragte Sydow mit ungl�ubigem Blick, nachdem er die Schwarz-Wei�-Aufnahme in die Brusttasche gesteckt und die Einzelteile der Erinnerungsplakette, nach innen hohl und somit offensichtlich eine Art Geheimversteck, von allen Seiten begutachtet hatte.</p><p>Selten, wenn �berhaupt, um eine Antwort verlegen, blieb Klinke zun�chst stumm. �Anzunehmen!�, fasste er sich betont kurz, den Schl�ssel mit der Nummer 56 in der rechten Hand.</p><p>�Falls das, was ich annehme, stimmt�, fand Sydow die Sprache nur m�hsam wieder, nahm den Schl�ssel in Empfang und lie� ihn in der Hosentasche verschwinden, �scheint dieser M�llendorf bez�glich der Wahl seines Verstecks nicht sonderlich geschickt verfahren zu sein. Anders ausgedr�ckt: Er hat sich wie ein blutiger Anf�nger aufgef�hrt.�</p><p>�Und daf�r bezahlt.�</p><p>Sydow nickte. �Kann man wohl sagen!�, pflichtete er Klinke bei. �So sehr, dass er beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen.�</p><p>�Fragt sich nur, wie er an das Zyankali rangekommen ist. F�r den Fall, dass er es nicht die ganze Zeit �ber mit sich rumgeschleppt hat.�</p><p>��u�erst unwahrscheinlich, wenn du mich fragst.�</p><p>�Stimmt.� Ohne auf Anhieb den Grund zu kennen, kehrten Sydows Gedanken zu seinem Aufeinandertreffen mit den beiden Gestapo-Beamten und dem r�tselhaften Verhalten des Mannes mit der Sonnenbrille zur�ck. Dass er sie trug, �nderte nichts daran. Er hatte ihn vor l�ngerer Zeit schon einmal gesehen, m�glicherweise vor Jahren, nicht erst heute fr�h. Aber das war momentan nicht der Punkt. Der Punkt war, wieso er nicht eingegriffen hatte, selbst dann nicht, als sein Kollege niedergestreckt worden war. Und warum er ihn exekutiert hatte, kaltbl�tig, mit sichtlicher Freude daran.</p><p>�Und dieser Helfrich? Was ist mit dem?�, zerrte ihn Klinkes Frage wieder in die Gegenwart zur�ck. �Denkst du, man kann ihm ohne Weiteres trauen?�</p><p>�Unbedingt.�</p><p>�Will hei�en, aus Angst vor weiteren Folterungen, von denen er laut Obduktionsbericht deines Pathologen-Kumpels jede Menge �ber sich ergehen lassen musste, bringt sich M�llendorf schlie�lich um. Mit oder ohne fremde Hilfe, w�re noch zu kl�ren. Auf jeden Fall, so steht zu vermuten, weiht er niemanden sonst in sein s��es Geheimnis ein.�</p><p>�Und sein Abstecher in den Puff? Bekanntlich sind da schon ganz andere Kaliber schwach geworden.�</p><p>Im Begriff, etwas zu erwidern, geriet Klinke pl�tzlich ins Stocken: �Angenommen, M�llendorf war wirklich so d�mlich, wie es den Anschein hat.�</p><p>�War er.�</p><p>�Komm schon Tom, du glaubst doch nicht etwa im Ernst, dass er sich die M�he gemacht hat, Heydrichs Dossier in einem Schlie�fach verschwinden zu lassen, um es anschlie�end br�hwarm auszuplaudern?�</p><p>�Glauben hei�t bekanntlich nicht wissen.�</p><p>�Auf gut Deutsch: Dir steht der Sinn nach erotischen Eskapaden!�, sp�ttelte Klinke und warf Sydow das Streichholzbriefchen zu. �Ein Gl�ck, dass wir nicht lange zu suchen brauchen!�</p><p>�Du hast es erfasst, Dicker!�, entgegnete Sydow, steckte es ein und t�tschelte die Wange seines Assistenten. �Oder hast du vielleicht eine bessere Idee?�</p><p>�Essen gehen.�</p><p>�Erst die Arbeit, dann das Vergn�gen!�, erwiderte Sydow und grinste breit. �Dank eingehender Ermittlungen eines gewissen Erich Kalinke sind wir zwar in den Besitz des Schl�ssels zum Hort des B�sen gelangt, das wars dann aber auch schon.�</p><p>�Im Klartext: Eine Stippvisite in diesem �Salon Kitty� ist die einzige Chance, die wir noch haben.�</p><p>�Messerscharf gefolgert, Herr Kalinke.�</p><p>�Kriminalassistent, wenn ich bitten darf!�</p><p>�Wenn schon, dann aber auf Lebenszeit!�, witzelte Sydow und wandte sich instinktiv um. �Wie sp�t ist es eigentlich?�</p><p>�Hahaha!�, gab sich Klinke gelassen, schnitt eine Grimasse und sah beil�ufig auf die Uhr. �5.45Uhr!�, antwortete er mit verst�ndnislosem Blick. �Wieso willst du das so genau wissen?�</p><p>Doch Sydow, auf einmal aschfahl, h�rte nur noch mit einem Ohr hin, ging in Deckung und zog seine Waffe: �Weil jetzt zur�ckgeschossen wird!�<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a>, stie� er hervor und bedeutete Klinke, es ihm gleichzutun.</p><p>Klinke verstand, doch seine Reaktion kam um Sekundenbruchteile zu sp�t. Im Visier eines der beiden Gestapo-Fahnder, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, blieb ihm keine Zeit mehr, die Waffe zu ziehen. Die Kugeln kamen in rascher Folge, jede davon ein Treffer, durchsiebten den K�rper des Zwei-Zentner-Mannes, als sei er aus Papier. Doch so leicht lie� sich ein Erich Kalinke nicht unterkriegen. Selbst dann, als das Magazin seines Kontrahenten leer war, hielt er sich immer noch aufrecht, die riesigen Pranken auf die Brust gepresst.</p><p>Dann brach er zusammen, ein L�cheln im Gesicht. �Auf Lebenszeit!�, hauchte er, w�hrend ihm ein Sammelsurium von Bildern, Stimmen und Ger�uschen die Sinne zu verwirren begann.</p><p>Davon, dass Tom Sydow, der einzige Mann, zu dem er je aufgeblickt hatte, die beiden Agenten der Reihe nach liquidierte, bekam Klinke so gut wie nichts mehr mit. Der Aufschrei, der durch die Kehlen der Passanten drang, das aufgeregte Rufen seines Kollegen, ja selbst das Bellen der Handfeuerwaffen. All das ber�hrte ihn nicht mehr. Das Einzige, was ihn noch am Leben hielt, war der verzweifelte Aufschrei Sydows, als er sich �ber seinen von Kugeln durchsiebten K�rper beugte. Aber auch das rettete ihn nicht, und ein paar Sekunden sp�ter war Erich Kalinke tot.</p><empty-line/></section><section><p><sub>29</sub></p><p><emphasis>Berlin-Wilmersdorf, Giesebrechtstra�e 11������ | 19.05h</emphasis></p><empty-line/><p>�Wusste ichs doch, dass du ein Bulle bist!� Nach au�en hin gewohnt souver�n, um nicht zu sagen kalt wie ein Fisch, kn�pfte sich Natascha alias Magda Jannowitz die Bluse zu, ordnete ihr Haar und begab sich auf die Suche nach ihrem Schminkkoffer, um frisches Rouge aufzutragen. Das hatte sie auch bitter n�tig, war die hochdekorierte Sowjet-Agentin doch so kalt erwischt worden wie noch nie.</p><p>Die Suche dauerte l�nger als erwartet, und was Natascha am meisten irritierte, war die Tatsache, dass ihr jegliche Kaltschn�uzigkeit fehlte. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie dieser Bulle angequatscht hatte, war noch alles in Ordnung gewesen, eigentlich wie immer. Die Kundschaft, reichlich Prominenz, Parteibonzen und Mitglieder des Diplomatischen Korps, war die gleiche. Das Ambiente, ein Edelbordell, das h�chsten Anspr�chen gen�gte, war das gleiche. Und die allabendliche Routine, die Suche nach dem sprichw�rtlichen dicken Fisch, der den Genossen vom NKWD von Nutzen sein w�rde, war die gleiche. Nur sie, Stalins Speerspitze, wie Berija sie zu titulieren pflegte, war nicht mehr die Gleiche. Und das, nicht zuletzt aber auch der durchdringende Blick dieses Bullen, war das eigentlich Best�rzende f�r sie.</p><p>Auf die Idee, Alarm zu schlagen, w�re sie trotzdem nicht gekommen. Daf�r war die Angelegenheit viel zu hei�. Und sie, die sie M�nner gew�hnlich kalt lie�en, viel zu konfus. Um Zeit zu gewinnen, zog Natascha ihre Sch�nheitskorrektur absichtlich in die L�nge, wobei es allerdings nichts zu besch�nigen gab. Sie war einfach der Typ, auf den die M�nner flogen, der br�nette Vamp, der die Kerle nach Belieben um den Finger wickelte. Bis dieser Bulle aufgetaucht war, der so aussah, als h�tte man ihn gerade aus der Gosse gezogen und ihr das Bild von M�llendorf unter die Nase gerieben hatte. Das hatte sie buchst�blich umgehauen, und wenn sie diesen Typen richtig einsch�tzte, war ihm das nicht entgangen.</p><p>�Wieso gerade ich?�, fragte Natascha, darauf aus, m�glichst gelassen zu wirken. Ein Blick auf den Bullen, und ihr war klar, dass er sich davon nicht t�uschen lie�. Natascha h�tte sich ohrfeigen k�nnen wegen ihrer Unbeholfenheit. Hinzu kam noch etwas anderes. Etwas, das sie nie und nimmer f�r m�glich gehalten h�tte.</p><p>Dieser Typ gefiel ihr. Und das sogar ziemlich gut. Er hatte einfach das gewisse Etwas. Blaue Augen, rotblondes Haar und Gr�bchen. Ein Mann mit Humor, das sah man ihm an. Aber auch einer, mit dem nicht zu spa�en war.</p><p>�Purer Instinkt!�, antwortete der Mann, der sich ihr als Hauptkommissar Sydow vorgestellt hatte. Es war die Art, wie er es sagte, die Nataschas romantische Anwandlungen auf der Stelle zunichtemachte. Seine Stimme hatte etwas Unberechenbares an sich. Etwas R�cksichtsloses. Der Eindruck, der sich ihr aufdr�ngte, wirkte fast absurd, aber je l�nger sie diesen Sydow in Augenschein nahm, umso mehr gewann sie den Eindruck, der Mann habe mit dem Leben abgeschlossen. Ein Mann, der auf nichts und niemanden mehr R�cksicht zu nehmen gewillt war.</p><p>Folglich ein Mann, vor dem man sich in Acht nehmen musste. Die geringste Bl��e, und sie konnte ihre Mission abschreiben. �Also: Wann genau haben Sie den Mann auf dem Bild hier gesehen?�</p><p>��berhaupt nicht. Wir sind hier schlie�lich kein Kindergarten.�</p><p>Der Bulle l�chelte, auf eine Art, die ihr den kalten Schwei� unter den Achseln hervortrieb. Die Sch�rfwunde in seinem Gesicht, allem Anschein nach frisch, war dazu angetan, ihre Anspannung noch zu erh�hen. �Crew 22�, lie� sich der Kommissar das Heft jedoch nicht aus der Hand nehmen. �Was, Gn�digste, glauben Sie, hat das wohl zu bedeuten? Doch wohl nur, dass das Bild bereits 20 Jahre alt ist. Auf ein Neues. Wann und bei welcher Gelegenheit haben Sie den Mann oben rechts schon einmal gesehen? Um Missverst�ndnissen von vornherein vorzubeugen�es ist der da!�</p><p>Nichts einfacher, so zu tun, als sei ihr M�llendorf noch nie �ber den Weg gelaufen, aber aus einem unbestimmbaren, kaum zu erkl�renden Grund entschied sich Natascha f�r das Gegenteil: �Vergangenen Dienstag!�, lenkte sie ein und setzte sich neben dem Kommissar aufs Bett, die Beine eng aneinandergepresst.</p><p>Der tat so, als sei sie Luft f�r ihn und lie� den Blick durch das mit Hausbar, echtem Perser und Ledersesseln geradezu luxuri�s ausstaffierte S�par�e schweifen, wobei Louis-XV-Tapeten und ged�mpftes Kerzenlicht dem Ganzen sozusagen den letzten Schliff verliehen. An seinem Gesicht, auf dem ein angewidertes L�cheln aufblitzte, war jedoch genau zu erkennen, was der Kommissar davon hielt.</p><p>Wenn sie geglaubt hatte, der Bulle w�rde sich damit zufriedengeben, sah sich Natascha jedoch get�uscht. �Stammkunde?�, fragte er mit einem Ausma� an Geringsch�tzung, das nicht mehr zu �berbieten war.</p><p>�Der? Bei mir?�</p><p>�Mit anderen Worten, der Herr ist Ihnen bestens bekannt!�, lie� sich der Bulle nicht aufs Glatteis f�hren und steckte das Bild wieder ein. �Darf man fragen, wie sehr?�</p><p>�Eben so, wie das bei Stammkunden ist!�, w�re Natascha beinahe der Kragen geplatzt.</p><p>�Besonders deshalb, da es sich um einen �beraus einflussreichen Kunden gehandelt zu haben scheint. Wer w�re auch so dumm, es sich mit Heydrichs rechter Hand zu verderben!�</p><p>Von seinem Beruf hatte dieser Bulle eine Menge Ahnung, das musste ihm der Neid lassen. �Bevor Sie mich danach fragen: Ich kannte nur seinen Namen, mehr war da nicht.�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Alfred von M�llendorf.�</p><p>�Halten Sie mich wirklich f�r so dumm, dass ich Ihnen das M�rchen von der Edelkurtisane und dem b�sen Wolf abkaufe? Ich darf doch wohl annehmen, dass Sie mit Ihrem schwarzen Ritter von der SS etliche Male intim geworden sind. Das l�st die Zunge, um es dezent zu sagen. Da erz�hle ich Ihnen doch wohl nichts Neues!�</p><p>�Was wollen Sie damit sagen?�</p><p>�Ich will damit sagen, dass mir das Gerede um den hei�en Brei langsam aber sicher auf die Nerven geht! Im Klartext: Ich m�chte von Ihnen jetzt alles�aber auch wirklich alles��ber M�llendorf erfahren!�</p><p>�Wieso eigentlich? Hat er etwas verbrochen?�</p><p>Der Bulle lachte kurz auf, und Natascha, die neben ihm auf der Bettkante sa�, r�ckte so weit wie m�glich von ihm weg. Dieser Kerl war nicht nur ausgebufft, sondern auch willens, mit allen Mitteln ans Ziel zu kommen. Sogar mithilfe von Methoden, die Polizisten normalerweise nicht anzuwenden pflegten. �K�nnte man so sagen! Wobei ich mir sicher bin, dass Sie mehr dar�ber wissen, als Sie mir Glauben machen wollen. Darum zum Was-wei�-ich-wievielten Mal. Packen Sie endlich aus, sonst sehe ich mich gezwungen, Methoden anzuwenden, die ich im Grunde verabscheue!�</p><p>�Also gut. Er war Dienstagabend bei mir.�</p><p>�So weit waren wir bereits. Und weiter?�</p><p>�Wollen Sie vielleicht, dass ich eine detaillierte Schilderung abgebe, wie ich mit ihm��</p><p>�Dass Sie Ihr Handwerk verstehen, sieht man Ihnen an!�, unterbrach sie der Bulle mit bei�endem Spott. �Was mich dagegen interessiert, ist, wann er kam, wie lange er blieb und wor�ber Sie gesprochen haben. <emphasis>Danach</emphasis>.�</p><p>�Wann er kam? So gegen 22.30 Uhr.�</p><p>�Gehts vielleicht etwas genauer?�</p><p>�Leider nicht.�</p><p>�Also gut! Wann ist er wieder gegangen?�</p><p>�Relativ sp�t. Kann sein, dass es schon 3 Uhr war oder so.�</p><p>�Oder so!� Der Bulle gab ein ver�chtliches Schnauben von sich. �Donnerwetter�der gute Herr von und zu muss Sie ja ordentlich in Atem gehalten haben!�</p><p>�War ja auch kein Wunder.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil es Dienstag war.�</p><p>�Will hei�en?�</p><p>�Der Tag, an dem f�r die normale Kundschaft Betriebsruhe ist. An dem Heydrich und Konsorten, unter anderem auch M�llendorf, unter sich waren, wenn Sie verstehen, was ich meine?�</p><p>�Folglich der Tag, an dem die Mikrofone ausgeschaltet waren?�</p><p>Wieder einmal kalt erwischt, musste sie sich etwas einfallen lassen. Dieser Bulle war nicht nur ausgebufft, sondern brandgef�hrlich. Einer von der Sorte, die �ber Leichen ging. �So zu tun, als w�ssten Sie von nichts, w�rde jetzt einen ganz, ganz schlechten Eindruck machen!�, lie� er keinen Zweifel daran, dass er nicht lange fackeln w�rde. �Falls es Sie beruhigt, darf ich Ihnen mitteilen, dass die Abh�ranlage drunten im Keller momentan nicht funktionst�chtig ist.�</p><p>�Was wollen Sie damit sagen?�</p><p>�Und der Pappkamerad, der sie normalerweise bedient, ebenso.�</p><p>Keine weiteren Fragen. Natascha schlug die Augen nieder und legte die H�nde in den Scho�. Gegen diesen Bullen mit dem Dreitagebart war kein Kraut gewachsen.</p><p>�Sch�n, dass Sie bereit sind, Vernunft anzunehmen.�</p><p>Und Gedanken lesen konnte er zu allem �berfluss auch. Natascha streifte ihre hochhackigen roten Lackschuhe ab, verpasste ihnen einen Tritt und wandte sich dem Mann zu, der sie wie kein Zweiter in die Enge getrieben hatte. Und noch weiter in die Enge treiben w�rde. �Fragen Sie, und Sie werden Ihre Antwort bekommen. Insofern ich eine wei�.�</p><p>�Sch�n, dass Sie es einrichten k�nnen! Und deshalb mache ich es auch ganz kurz. Damit Sie sich wieder den Freuden des Lebens zuwenden k�nnen.� Mit dem Wort �geringsch�tzig� war der Blick, den ihr der Bulle zuwarf, nur unzureichend umschrieben. �Und darum, Gn�digste, nur noch eine einzige Frage�mit der Bitte um eine pr�zise Antwort. Wor�ber genau hat M�llendorf mit Ihnen gesprochen?�</p><p>�Geprahlt hat er, und nicht zu knapp. Von wegen er h�tte sie alle in der Hand und so.�</p><p>�Wen genau?�</p><p>�Na, wen wohl�die ganz hohen Tiere!�</p><p>�Wie hoch?�</p><p>�Bis es h�her nicht mehr geht.�</p><p>�Erpressung?�</p><p>�So was in der Art!�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Natascha warf Sydow einen fl�chtigen Seitenblick zu, erhob sich und sah zum Fenster hinaus. Die dr�ckende Schw�le hatte etwas nachgelassen, und von Osten her zog eine Gewitterfront herauf. �Der Coup seines Lebens, hat er gesagt.�</p><p>�Und weiter nichts?�</p><p>�Doch.� Natascha holte tief Luft, bevor sie weitersprach. �Dass sich <emphasis>das</emphasis> Staatsgeheimnis schlechthin in seinem Besitz bef�nde, zwecks sp�terer Verwendung sozusagen. In einem seiner Meinung nach todsicheren Versteck.�</p><p>�Das waren seine Worte?�</p><p>Natascha nickte.</p><p>�Und wo?�</p><p>�Keine Ahnung!�, warf Natascha achselzuckend ein.</p><p>�Wirklich nicht?�</p><p>�Wenn ichs Ihnen doch�!�, brach es aus Natascha hervor, bevor ihr die Luft wegblieb, weil sie die M�ndung einer Walther PPK an der Schl�fe sp�rte.</p><p>�Jetzt h�ren Sie gut zu, Gn�digste!�, versch�rfte der Bulle un�berh�rbar den Ton. �Entweder Sie packen aus, oder Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. Dass Sie mir nichts vormachen k�nnen, d�rften Sie ja wohl mitgekriegt haben! Also, wo hat dieser Dreckskerl die Geheimdossiers gebunkert?�</p><p>�Ich wei� es nicht, verdammt noch mal!�</p><p>�Falls Sie mit dem Gedanken spielen, auf eigene Faust zu operieren: Geben Sie sich keine M�he!�, fuhr sie der Bulle an und hielt ihr einen Safeschl�ssel vor die Nase, den er kurz darauf wieder verschwinden lie�.</p><p>�Fehlt also nur noch die Schatzkarte.�</p><p>�Du hast es erfasst, S��e!�, antwortete der Bulle, riss sie herum und dr�ckte ihr den Lauf auf die Stirn. �Und jetzt raus mit der Sprache�deine Zeit l�uft ab!�</p><p>Zu ihrem eigenen Erstaunen war Natascha v�llig ruhig, und als ihr der rote Fleck knapp oberhalb der G�rtellinie auffiel, der sich langsam, aber unaufhaltsam auf seinem Hemd ausbreitete, l�chelte sie, schob die Walther PPK zur Seite und bedachte Sydow mit einem triumphierenden Blick: �Falls Sie es noch nicht gemerkt haben sollten, Herr Kommissar��, h�hnte sie, �Ihre wahrscheinlich auch!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>30</sub></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Berlin-Friedrichshain, Proskauer Stra�e��������� | 20.08h</emphasis></p><empty-line/><p>Der letzte halbe Kilometer war der schlimmste. Sydow machte eine kurze Verschnaufpause, biss die Z�hne zusammen und schleppte sich weiter.</p><p>Nur ein Streifschuss, hatte er anfangs gedacht. Zu Recht. Und sich nicht weiter drum gek�mmert. Klinke hatte seine Hilfe n�tiger gehabt. Aber er war zu sp�t gekommen, wie so oft.</p><p>F�r Selbstmitleid war zum gegenw�rtigen Zeitpunkt jedoch kein Platz. Er war ganz nah dran. Das merkte er genau. Wenn man wie er fast zehn Jahre bei der Kripo war, entwickelte man ein Gesp�r daf�r. Zugegeben, von seiner Stippvisite in diesem Nobelpuff hatte er sich mehr erwartet. Wesentlich mehr. Hinzu kam, dass irgendetwas mit dieser �u�erst attraktiven Frau mit Sicherheit nicht stimmte. Klinke h�tte ihn jetzt bestimmt f�r bekloppt erkl�rt. Aber sie hatte etwas an sich gehabt. Etwas, das nur schwer in Worte zu fassen war. F�r jemanden, der in die Enge getrieben wurde, hatte sie n�mlich erstaunlich gelassen reagiert. Ganz anders, als man es normalerweise in einer derartigen Situation erwarten w�rde. Keine Frage, diese Frau war es gewohnt, mit ihren Gef�hlen hinterm Berg zu halten. Zwischen ihr und den Nutten, mit denen er es bei seinen bisherigen Ermittlungen zu tun gehabt hatte, lagen jedenfalls Welten. Selbst wenn man ber�cksichtigte, dass in einem Bordell der SS das Beste gerade einmal gut genug zu sein schien.</p><p>Derlei Spekulationen, so reizvoll sie auch waren, brachten ihn jedoch nicht weiter. Sydow war schwei�gebadet, seine Stirn gl�hend hei�, und er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Je n�her er seiner Wohnung kam, umso mehr schwindelte ihn, umso st�rker die Zweifel, die sich in ihm regten. Jetzt nur nicht schlappmachen, h�mmerte er sich ein, obwohl ihn der Gedanke beschlich, dass genau das innerhalb der n�chsten Minuten passieren w�rde.</p><p>Nur noch diese eine Ecke, dann war es geschafft.</p><p>Kaum war sein Aufatmen verebbt, meldete sich sein Instinkt, in diesem Falle Gesp�r f�r Gefahr. Sydow zog seine Waffe und pirschte sich mit dem R�cken zur Wand an die H�userecke heran. Gl�ck f�r ihn, dass es dunkel wurde. So hatte er wenigstens eine gewisse Chance.</p><p>Die Limousine, die gerade vorfuhr, war ihm bestens bekannt. Der obligatorische Mercedes Benz230, also doch. Er h�tte es sich denken k�nnen. Wie nicht anders zu erwarten, waren sie ihm dicht auf den Fersen. Etwas zu dicht zwar, da ihm jetzt keine Zeit mehr blieb, sich droben in seiner Wohnung mit Munition, Mullbinden und Tabletten zu versorgen, aber was machte das schon! Sydows Griff um seine Walther PPK verst�rkte sich, genauso wie die Versuchung, die Sache jetzt und hier auszufechten. Dass er ihr nicht erlag, wunderte ihn, aber als sein Blick auf sein blutdurchtr�nktes Hemd fiel, das durch sein Jackett nur notd�rftig verdeckt wurde, besann er sich und zog sich in die n�chstbeste Toreinfahrt zur�ck.</p><p>S�mtliche Geb�ude, die meisten aus der Zeit vor der Jahrhundertwende, waren durch einen gemeinsamen Hinterhof miteinander verbunden. So auch das, in dem er wohnte. Sein Gl�ck. W�hrend er �ber den Hof wankte, flogen die Ereignisse des Tages noch einmal an ihm vorbei. Sydow st�hnte innerlich auf. Klinke tot, Helfrich untergetaucht, Kruppke exekutiert, B�hm auf der Flucht und er, Sydow, so gut wie schachmatt�von den Opfern des Bombenanschlags gar nicht zu reden. Es war viel passiert an diesem Tag. Mehr, als er ertragen konnte.</p><p>Nichts wie hoch in seine Wohnung. Und dann w�rde er weitersehen. Trotz der Tatsache, dass sein K�rper nach wie vor funktionierte, wurde Sydow von l�hmender M�digkeit erfasst. Kaum imstande, klar zu denken, schleppte er sich �ber den Hof und hielt auf die Hintert�r seines Hauses zu. Dass das, was er da tat, Wahnsinn war, wusste er, aber es k�mmerte ihn nicht mehr. Ebenso wenig, dass irgendein Fahnder ihn bereits im Visier haben k�nnte. Der Drang, sich in seiner Wohnung zu verschanzen, war �berm�chtig geworden, vergleichbar mit dem eines verwundeten Raubtiers, das sich in seiner H�hle verkriecht.</p><p>Als die Hoft�r hinter ihm ins Schloss fiel, atmete Sydow h�rbar auf. Die erste Etappe war geschafft, die n�chste jedoch viel schwieriger. Die Blutung war nicht mehr zu stoppen, und Sydow klammerte sich verzweifelt am Treppengel�nder fest. Auf einmal, so schien es, war der Weg in den dritten Stock zu einem un�berwindbaren Hindernis geworden, und er ertappte sich bei der Vorstellung, wie vorteilhaft eine Festnahme in diesem Moment doch w�re.</p><p>Zu seiner �berraschung trat dieser Fall jedoch nicht ein. Trotzdem wurde er das Gef�hl nicht los, dass jemand in der N�he war. Wie er darauf kam, war ihm nicht wirklich klar, denn im Flur war es stockdunkel. Sydow wischte sich den Schwei� von der Stirn, suchte Halt am Gel�nder und arbeitete sich Schritt f�r Schritt, Stufe um Stufe voran. Wenn ihm jetzt, noch dazu in diesem Zustand, jemand in die Quere k�me, w�re er erledigt, selbst wenn es einer der Hausbewohner war. Doch es war und blieb still. Sydow presste einen unterdr�ckten Fluch hervor. Alles wirkte so unwirklich, nachgerade bizarr, und trotz seiner blutverklebten H�nde, die ihren Abdruck auf dem Gel�nder hinterlie�en, kam er sich wie in einem Albtraum vor.</p><p>Als er vor seiner T�r stand, konnte er es selbst kaum glauben. Doch dann, als der Schl�ssel bereits im Schloss steckte, war da wieder dieses Gef�hl von vorhin, merkw�rdigerweise jedoch ohne eine Spur von Beklemmung in ihm zu erzeugen. Eines jedoch konnte er mit Sicherheit sagen: Er war nicht allein.</p><p>Sydow sollte recht behalten, wenn auch auf eine Weise, die er sich nie und nimmer h�tte vorstellen k�nnen.</p><p>Im Begriff, die T�r aufzuschlie�en, w�hrend er die linke Hand auf die Wunde presste, h�rte er pl�tzlich ein Ger�usch, das vom n�chsth�heren Treppenabsatz kam. Ein Knarren, das, wie er reflexartig erkannte, auf die Anwesenheit einer weiteren Person schlie�en lie�. Da es stockdunkel war, er aber nicht einmal mehr die Kraft besa�, zur Waffe zu greifen, st�tzte sich Sydow gegen den T�rrahmen, dr�ckte auf den Lichtschalter und drehte sich langsam nach rechts.</p><p>Zun�chst einmal war er �berrascht. Weniger aufgrund der Tatsache, dass die Beleuchtung auf dem Treppenabsatz nicht funktionierte, sondern deshalb, weil es eine Frau war, die allem Anschein nach auf ihn gewartet hatte. Zuerst dachte er, es sei Evelyn, mit der er sich vorgestern verkracht hatte, oder vielleicht Veronika oder wer ihm sonst noch alles �ber den Weg gelaufen war.</p><p>Aber dem war nicht so.</p><p>Als die mittelgro�e, schlanke und sichtlich mitgenommene Frau aus dem Halbdunkel hervortrat, hielt Sydow den Atem an. Und war sprachlos.</p><p>Jetzt f�ngst du langsam an durchzudrehen, meldete sich seine innere Stimme zu Wort. Er war v�llig durcheinander, so perplex wie schon lange nicht mehr. Dementsprechend lange, f�r seine Begriffe eine Ewigkeit, blieb er einfach stehen, unf�hig, sich von der Stelle zu r�hren.</p><p>Er kannte diese Frau, wenngleich er sie v�llig anders in Erinnerung hatte. Vier Jahre waren eben eine lange Zeit. Ein Zeitraum, in dem sich ein Mensch ver�ndern konnte. Angesichts dessen, was sie hinter sich hatte, auch kein Wunder. Obwohl er sich daf�r sch�mte, blieb Sydows Blick wie gebannt auf ihr haften. Sanft gewelltes, schulterlanges Haar, dunkle Augen, geschwungene Brauen, dazu ein wehm�tiges L�cheln�ein Gesicht wie dieses verga� man einfach nicht. Selbst wenn, wie ihm schmerzlich bewusst wurde, seit seinem letzten Zusammentreffen mit ihr viel Zeit vergangen war.</p><p>�Hallo, Tom!�, tat sie sich offensichtlich genauso schwer wie er. �Wie geht es dir?� Aber dann, auf der vorletzten Stufe, wurde sie pl�tzlich leichenblass und schlug die Hand vor den Mund.</p><p>�Nicht der Rede wert!�, gab sich Sydow betont l�ssig, als ihr Blick auf die Schusswunde fiel. �Und du, Rebecca?�, presste er wie ein sch�chterner Penn�ler hervor. �Wie geht es dir?�</p><p>Eine Frage, die an Unbeholfenheit nicht zu �berbieten war. Sydow h�tte sich daf�r ohrfeigen k�nnen, wollte seinen Schnitzer wiedergutmachen. Dazu sollte es jedoch nicht kommen. Auch ohne umst�ndliche Erkl�rungen hatte Rebecca die Situation sofort erfasst, schloss die T�r auf und bugsierte ihn in die Wohnung hinein. Zu schwach, um von irgendwelchem Nutzen zu sein, lie� Sydow es einfach geschehen.</p><p>�Lass sehen, Tom!� Als sei nichts geschehen, schon gar nicht das, was ihr am heutigen Tage widerfahren war, schlang Rebecca den Arm um ihn und dirigierte ihn behutsam in Richtung Wohnzimmercouch. Sydow lie� auch das geschehen, aber als Rebecca Anstalten machte, ihm das Hemd aufzukn�pfen, wich er ihr sch�chtern aus.</p><p>�Das h�tte ich mir wirklich nicht tr�umen lassen!�, sprach sie mit hintergr�ndigem L�cheln, w�hrend sie die Wunde in Augenschein nahm. Sydow war das alles ziemlich peinlich, und wahrscheinlich sah man ihm das auch an.</p><p>�Was denn?�</p><p>�Dich �berhaupt einmal err�ten zu sehen.�</p><p>Sydow l�chelte schwach, und w�re der Schmerz nicht gewesen, der daf�r sorgte, dass er sich mit zusammengebissenen Z�hnen auf dem Sofa kr�mmte, h�tte es vermutlich irgendeine halbherzige Rechtfertigung gegeben. Daf�r und f�r manch anderes, was ihm auf der Zunge lag, war jedoch nicht die richtige Zeit, die Verletzung ernsthafter als gedacht. �Du kommst im richtigen Moment!�, fl�sterte er und warf einen hastigen Blick zur T�r.</p><p>�Bist du dir da wirklich sicher?�</p><p>Sydow lie� sich mit seiner Antwort Zeit. Sein Gequatsche war ihm ohnehin peinlich genug. �Ich w�sste jedenfalls nicht, was ich ohne dich anfangen sollte!�, h�rte sich sein Kommentar trotzdem wenig �berzeugend an.</p><p>Darin vertieft, den Saum seines Hemdes von der Wunde zu l�sen, schien Rebecca seine Worte nicht geh�rt zu haben. Zumindest tat sie so. �Ich nehme an, das Verbandszeug ist irgendwo im Bad?�, fragte sie.</p><p>Sydow nickte, und w�hrend Rebecca sich auf die Suche machte, wanderte sein Blick erneut zur T�r. Sein Atem beschleunigte sich, und als Rebecca zur�ckkam, richtete er sich m�hsam auf. �H�r zu, Rebecca!�, beschwor er sie, �wenn du klug bist, bring dich so schnell wie m�glich in��</p><p>�... in Sicherheit? Ist es das, was du mir sagen willst?�, fiel ihm Rebecca ins Wort. �Kommt mir irgendwie bekannt vor, Tom!�</p><p>�Die Gestapo ist hinter mir her�deswegen.�</p><p>�Trifft sich gut�hinter mir auch!�, erkl�rte Rebecca lapidar, stellte Verbandszeug, Jod und Necessaire auf den Tisch und dr�ckte ihn sanft aufs Sofa hinab. �So�und jetzt halt einfach still!�</p><p>Sydow setzte zu einer Erwiderung an, hielt jedoch lieber den Mund.</p><p>�Achtung�gleich tuts ein bisschen weh!�, murmelte Rebecca kurz darauf, einen jodgetr�nkten Wattebausch in der Hand. Sydow legte den Kopf in die Handfl�che und biss die Z�hne zusammen. Von wegen �ein bisschen�!, fuhr es ihm durch den Sinn, als Rebecca die Wunde zu s�ubern begann. Der Schmerz ging durch Mark und Bein, speziell dann, als sie zur Pinzette griff, um die Wunde, die sich bereits entz�ndet hatte, von Textilfasern zu s�ubern.</p><p>�An dir ist wirklich eine �rztin verloren gegangen!�, bedankte sich Sydow, als die Prozedur vor�ber war. Rebecca ignorierte dies v�llig, legte den Arm unter seine Achsel und stemmte seinen Oberk�rper so vorsichtig wie m�glich hoch, in der Absicht, die Wunde zu bandagieren.</p><p>�Vater war Arzt, schon vergessen?�, fragte sie, als Sydow schon nicht mehr mit einer Antwort rechnete. Sie tat dies beil�ufig, ohne die Spur eines Vorwurfs im Ton.</p><p>Sydow nickte, und der Stich, den er in diesem Moment empfand, schn�rte ihm die Kehle zu. �Eines Tages, das schw�re ich dir�, begehrte er w�tend auf, �werden sich diese Verbrecher f�r das, was sie angerichtet haben, zu��</p><p>�Schon gut, Tom!�, unterbrach ihn Rebecca sanft. �Was du tun konntest, hast du schlie�lich getan.�</p><p>�Hab ich nicht. Euch davor zu warnen, was dieser Goebbels im Schilde f�hrt, war ja wohl weniger als genug.�</p><p>�Darauf kommt es nicht an, Tom.�</p><p>�Worauf dann?�</p><p>�Du hast getan, was du konntest, Tom. Leib, Leben und Karriere riskiert. Und damit mehr, als die meisten aufs Spiel zu setzen bereit waren.�</p><p>��Reichskristallnacht!�� Sydow spie das Wort f�rmlich aus, was Rebecca, die letzte Hand an seinen Verband legte, mit einem besorgten Stirnrunzeln quittierte.</p><p>�Und dein Vater?�</p><p>�Vater? Den hab ich seit damals nicht mehr wiedergesehen. Was im �brigen auch f�r mein Schwesterherz gilt.�</p><p>�Und trotzdem, ich m�chte die Jahre, in denen ich mit Agnes befreundet gewesen bin, nicht missen.� Ein L�cheln auf den Lippen, rollte Rebecca die �berbleibsel der Mullbinde zusammen und legte sie wieder zur�ck auf den Tisch. �Schlie�lich haben sie mir ja auch einen gro�en Bruder beschert�, erg�nzte sie und warf Sydow einen hintergr�ndigen Seitenblick zu. �Noch dazu einen, f�r den ich �berhaupt nichts konnte!�</p><p>Krebsrot im Gesicht wusste Sydow nicht, wohin mit seinem Blick, und rutschte nerv�s auf der Couch hin und her. �Ob du es nun wahrhaben willst oder nicht, Herr von Sydow��, fl�sterte Rebecca halb belustigt, halb nachdenklich vor sich hin, �es stimmt! Auf dich, wenn schon nicht auf deine Schwester, war wenigstens immer Verlass.�</p><p>�Und deine Mutter?�, lenkte Sydow aus purer Verlegenheit vom Thema ab.</p><p>�Sp�ter, Tom�nicht jetzt!�, gab sich Rebecca pl�tzlich zugekn�pft, w�hrend sich ihre Augen mit Tr�nen f�llten. �Die Zeit ist einfach noch nicht reif daf�r.�</p><p>Sydow verstand, und die Mischung aus Gram, Reue und Schuldgef�hlen, die er in diesem Moment empfand, lie� ihn die Schusswunde glatt vergessen. Geraume Zeit sa�en sie einfach nebeneinander, jeder f�r sich, au�erstande, die richtigen Worte f�r die Geschehnisse zu finden.</p><p>�Gott gebe, dass sie es bereits �berstanden hat!�, war alles, wozu sich Rebecca durchringen konnte, und obwohl er ihren Blick mied, sa� Sydow ein Riesenklo� im Hals.</p><p>Doch dann, schon allein, um sich abzulenken, ergriff er die Initiative. �H�r zu, Rebecca!�, redete er fast beschw�rend auf sie ein. �Wir m�ssen uns etwas einfallen lassen, sonst��</p><p>Sydow hielt abrupt inne, denn im selben Moment klingelte das Telefon. Tief in Gedanken, fuhr Rebecca in die H�he, doch Sydow war schneller, rappelte sich auf und griff zum H�rer. �Ja?�</p><p>�Sydow, altes Haus�na, wenn das keine Freude ist!�, t�nte es ihm vom anderen Ende der Leitung entgegen. �Zeit f�r einen kleinen Plausch?�</p><p>Total von der Rolle, hielt Sydow den Atem an, und eine wirre Abfolge von Bildern, Gespr�chsfetzen und Eindr�cken jagte durch sein Gehirn. Er hatte M�he, sich zu konzentrieren, ein Dilemma, das dem Anrufer offenbar nicht entging: �Sag mal, freust du dich etwa nicht?�, setzte er sofort nach, hocherfreut, ihn kalt erwischt zu haben.</p><p>Nein, ganz bestimmt nicht. Angesichts des Verdachts, den er im Stillen hegte, war ihm das Lachen auf der Stelle vergangen. Ein Verdacht, der seit mehreren Stunden in ihm geschlummert, durch die Stimme des Anrufers aber erst richtig in sein Bewusstsein gedrungen war. Sydow klopfte das Herz bis zum Hals, und sein Blut pulsierte so heftig wie nie. Also doch. Er hatte es, wenn schon nicht gewusst, so doch wenigstens geahnt. Der Mann, der Kruppke mit einem L�cheln auf den Lippen ins Jenseits bef�rdert hatte, war ihm bestens bekannt. Und das war noch untertrieben. Er war einmal sein Freund gewesen. Klinke nicht mitgerechnet vielleicht der beste, den er jemals hatte.</p><p>�Klar doch!� Echte Wiedersehensfreude h�rte sich anders an, und der Argwohn in Sydows Stimme war nicht zu �berh�ren. �Wie gehts?�</p><p>�Danke der Nachfrage!�, antwortete der Marder h�rbar am�siert und f�gte hinzu: �Was man von dir, altes Haus, unter den gegebenen Umst�nden wohl nicht sagen kann!�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Das soll hei�en, Kater Tom�, witzelte der Anrufer, �dass ich Obersturmf�hrer Moebius, meinen allseits gesch�tzten Vorgesetzten, nur mit M�he davon abhalten konnte, dir halb Berlin auf den Hals zu hetzen!�</p><p>Auf einen Schlag wie elektrisiert, begann Sydow zu begreifen, trat ans Fenster und schob den Vorhang ein paar Zentimeter beiseite. Die Dunkelheit brach herein, und drunten auf der Stra�e war kein Mensch zu sehen. Um den Bomberstaffeln des Gegners die Orientierung zu erschweren, war die Stra�enbeleuchtung au�er Betrieb. Der Mann in der Telefonzelle auf der gegen�berliegenden Stra�enseite war dennoch gut zu erkennen. Es war der Mann, der ihm vertraut gewesen war wie kaum ein Zweiter. Der Mann, der Kruppke exekutiert hatte. Aber auch der Mann, dessen Absichten er immer noch nicht durchschaute.</p><p>Der Mann mit den Nerven aus Stahl.</p><p>Dass er gerade jetzt zu ihm hinaufwinkte, grenzte schon fast an Impertinenz. �Wenn du schon dabei bist, die Lage zu sondieren�, war sein Verhalten in puncto Kaltschn�uzigkeit nicht zu �berbieten, �tu mir bitte den Gefallen und wirf einen Blick nach rechts.�</p><p>Sydow hasste es, wie eine Marionette manipuliert zu werden, konnte der Versuchung jedoch nicht widerstehen. �Und was hat das Ganze zu bedeuten?�, fragte er, als er Moebius, seinen Intimfeind, auf dem Beifahrersitz des Mercedes Benz 230 sitzen sah.</p><p>�Der gute Tom Sydow�immer ein wenig schwer von Begriff!�</p><p>�Raus mit der Sprache�was hast du vor?�, fuhr Sydow den Zimmergenossen gemeinsamer Internatstage an.</p><p>�Nennen wir es ein kleines Gesch�ft�um die Angelegenheit nicht unn�tig zu verkomplizieren. Wer wei�, vielleicht gelingt es auf diesem Wege, unsere freundschaftlichen Bande wieder zu aktivieren.�</p><p>�Ein Gesch�ft, soso.�</p><p>�Warum denn so misstrauisch, Tom?�, gab sich der Marder betont k�hl. �An deiner Stelle w�rde ich mir erst anh�ren, was f�r uns beide dabei herausspringen k�nnte.�</p><p>�F�r uns beide?�</p><p>�Du hast richtig geh�rt. Um es kurz zu machen, Tom, wie du dir sicher vorstellen kannst, wei� ich �ber die Aff�re Moebius bestens Bescheid. Jedenfalls gut genug, um dar�ber im Bilde zu sein, dass deine Bem�hungen an einem toten Punkt angelangt sind.�</p><p>�Und woher willst du das wissen?�</p><p>�Komm schon, Tom, machen wir uns nichts vor! Alles, was du bis jetzt rausgekriegt hast, ist, dass M�llendorf tats�chlich Selbstmord begangen hat.�</p><p>�Wobei Moebius, um eine falsche F�hrte zu legen, Kruppke den Befehl gab, ihm eine Kugel samt Abschiedsbrief zu verpassen. Richtig?�</p><p>�Na klar, Herr Kommissar.�</p><p>�Zu dumm, dass sich sein Stiefellecker �ber den Unterschied zwischen rechts und links nicht vollst�ndig im Klaren war.�</p><p>Der Marder lachte in sich hinein. �Hast du von der Gestapo vielleicht was anderes erwartet? Trotzdem, mein Kompliment.�</p><p>�Ein Kompliment, das ich leider nicht erwidern kann.�</p><p>�Und wieso?�</p><p>�Weil ich nicht wei�, was du vorhast, darum!�</p><p>�Warum denn so misstrauisch, Don Juan? Dass deiner neuesten Eroberung kein Haar gekr�mmt wird, versteht sich ja wohl von selbst!�</p><p>�Woher wei�t du, dass��</p><p>�Weil die Pforte zu deinem Harem seit geraumer Zeit unter Bewachung steht. Schon gewusst, dass reichsweit nach dir gefahndet wird? Wobei du von Gl�ck sagen kannst, dass Moebius deine Ergreifung zur Chefsache gemacht und den ausdr�cklichen Befehl erlassen hat, bei deiner Verhaftung zugegen zu sein. Wieso, kannst du dir wahrscheinlich denken! Und was diese Rebecca Kahn betrifft: Einer der beiden Agenten, die schr�g gegen�ber hinter dem Rollladen kleben, hat sie anhand der Fahndungsdatei zweifelsfrei identifiziert. Will hei�en: G�be es mich nicht, w�rst du dazu auserkoren, die Radieschen von unten anzugucken! Nicht gerade das, was man eine Perspektive nennt, oder?�</p><p>�Was hast du vor, Max?�</p><p>�Bravo, Tom! Dass du dich an meinen Namen erinnerst, h�tte ich nicht zu hoffen gewagt!�</p><p>�Wenn Moebius rauskriegt, was du auf dem Kerbholz hast, wird dir das Lachen vergehen.�</p><p>�Schon m�glich. Aber wenigstens sitzen wir dann im gleichen Boot.� Der Marder pausierte, warf einen Blick �ber die Schulter und fuhr in gepflegtem Konversationston fort: �Doch zur�ck zu unserem Gesch�ft, Tom. Im Grunde verh�lt es sich wie fr�her in der Schule. Wir sind aufeinander angewiesen.�</p><p>�Ich w�sste nicht, wieso.�</p><p>�Und ob! Oder muss ich noch gro� betonen, dass wir beide hinter dem gleichen Schatz her sind?�</p><p>Sydow, der Moebius nicht aus den Augen lie�, nickte widerstrebend mit dem Kopf.</p><p>�Wusste ichs doch! Nichts leichter, als die Beute miteinander zu teilen, findest du nicht?�</p><p>�Und weshalb sollte ich das tun?�</p><p>�Ganz einfach, weil du, Kater Tom, im Besitz des Schl�ssels zum Hort des B�sen bist.�</p><p>�Woher willst du das wissen?�</p><p>�Lassen wir das Versteckspiel, Tom. Daf�r kennen wir uns beide doch wohl gut genug. Machen wirs kurz! Ich wei�, wo sich die Geheimdossiers befinden, und du, Edler von Sydow, hast den Schl�ssel dazu. So wie fr�her! Ich wei�, wo man die sch�rfsten Br�ute auftreiben kann, und Kater Tom wickelt sie um den Finger!�</p><p>�Sehr witzig, Max. Das Problem ist nur, dass du bei deinen Planspielen jemanden vergessen hast.�</p><p>�SS-Obersturmf�hrer Moebius�du hast recht. H�chste Zeit, sich mit dem Herrn etwas n�her zu befassen.�</p><p>Beim Klang des Lachens am anderen Ende der Leitung zuckte Sydow j�h zusammen. Da war etwas, das ihn aufhorchen lie�, eine Art Vorgeschmack auf das Geschehen, dessen Zeuge er nun wurde.</p><p>In der f�r ihn typischen, nonchalanten Art legte der Marder den H�rer beiseite, winkte zu ihm hinauf und schlenderte l�chelnd zu der Limousine zur�ck, die in Sichtweite der Telefonzelle am Stra�enrand stand. Er l�chelte auch dann noch, als er die Beifahrert�r ge�ffnet, ein paar Worte mit Moebius gewechselt und ihn mit einem gezielten Handkantenschlag au�er Gefecht gesetzt hatte.</p><p>Sydow traute seinen Augen nicht. Das traf auch auf Rebecca zu, die in diesem Moment neben ihn trat. F�r das, was dort drunten vor sich ging, hatte keiner der beiden eine Erkl�rung.</p><p>Noch nicht.</p><p>Offenbar hatte der Marder nichts dem Zufall �berlassen. Nachdem Moebius zusammengesackt war, kurbelte er das Fenster hoch und schloss die T�r. Dann schlenderte er zum Kofferraum, ohne jegliche Hast. Sydow und Rebecca tauschten einen �berraschten Blick. Noch war ihnen nicht klar, was der schlaksige, 1,90 m gro�e Endzwanziger mit dem betont l�ssigen Auftreten vorhatte. Das sollte sich jedoch bald �ndern, und je l�nger Sydow und Rebecca das Schauspiel verfolgten, desto mehr stockte ihnen der Atem.</p><p>Nachdem der Marder den Kofferraum ge�ffnet hatte, kramte er einen Schlauch hervor, st�lpte ihn �ber den Auspuff und lie� den Kofferraumdeckel wieder einrasten. Dann nahm er das andere Schlauchende zur Hand, dr�ckte es gegen die Heckscheibe und zog ein Requisit aus der Ges��tasche, das wie ein vorsintflutlicher Glasschneider aussah. Mit dessen Hilfe und dem Schlauchende als Schablone ritzte er einen Kreis in die Scheibe, lie� den Schlauch auf den Boden gleiten und warf den Glasschneider achtlos weg. Dann zog er seine Mauser 08 aus dem Halfter und schlug die Heckscheibe mithilfe des Kolbens ein. Was blieb, war ein kreisrundes Loch, und noch w�hrend der Marder das Schlauchende wieder in die Hand nahm und durch das Loch ins Innere der Limousine einf�hrte, wurde Sydow von einer pl�tzlichen Ahnung erfasst. Rebecca hatte denselben Gedanken, doch im Gegensatz zu Sydow wandte sie sich mit wachsbleicher Miene ab.</p><p>Was nun folgen w�rde, stand ihm klar vor Augen, und f�r den Bruchteil einer Sekunde spielte Sydow mit dem Gedanken, es Rebecca gleichzutun. Was ihn daran hinderte, wusste er selbst nicht so genau, aber die Erinnerung an Klinkes Tod gen�gte, das Geschehen weiter zu verfolgen.</p><p>An dem, was nun geschah, h�tte er sowieso nichts mehr �ndern k�nnen. Ob er es billigte, war allerdings eine Frage, �ber die er jetzt lieber nicht nachdenken wollte.</p><p>Der Marder jedenfalls schien zum �u�ersten entschlossen. Nachdem er den Schlauch weit genug ins Wageninnere eingef�hrt hatte, rieb er sich die H�nde und schlenderte gem�chlich zur Beifahrert�r zur�ck. Allem Anschein nach war Moebius im Begriff, das Bewusstsein wiederzuerlangen, doch der Marder war schneller. Bevor sich der Obersturmf�hrer zur Wehr setzen konnte, hatte er ihm ein Paar Handschellen angelegt, ein weiteres Paar, das er im Handschuhfach deponiert hatte, darin verhakt, die einzige noch freie Schlinge um das Steuer geschlungen und mit zufriedenem L�cheln einrasten lassen.</p><p>Sydow lief es eiskalt den R�cken hinunter, und es fiel ihm schwer, in dem Mann, der gerade den Z�ndschl�ssel bet�tigte, seinen ehemaligen Zimmergenossen zu erkennen. Und doch war dem so. Was ihn, der ihm als Max Claasen bekannt war, dazu trieb, wusste er nicht, doch er ahnte, dass dies alles nicht ohne Grund geschah.</p><p>Nicht ohne Grund und, soweit er ihn kannte, vor allem nicht ohne exakten Plan. Claasen war ein Mann, der nichts dem Zufall �berlie�. Ein Mann, der, hatte er erst einmal einen bestimmten Weg eingeschlagen, sich nicht mehr davon abbringen lie�.</p><p>Von nichts und niemandem.</p><p>So wie jetzt, in diesem Augenblick.</p><p>Der Rest erledigte sich von alleine, und nachdem er den Mercedes Benz 230 gestartet hatte, stieg der Marder aus, ging zur Motorhaube und �ffnete sie. Ein paar Handgriffe, und das Standgas lief mit hoher Drehzahl, ein paar mehr, und s�mtliche T�ren waren abgeschlossen. Gerade rechtzeitig, bevor Moebius vollends zu Bewusstsein kam und die Lage, in der er sich befand, zu realisieren begann.</p><p>Doch da war es schon zu sp�t. Der Motor lief auf vollen Touren, spuckte Kubikmeter auf Kubikmeter Kohlenmonoxid aus. Was Moebius betraf, blieb er zun�chst ruhig. Er sa� einfach nur da, den Blick auf den Marder gerichtet, der mit einem Zigarillo im Mund neben der Beifahrert�r stand. Mit dieser Ruhe war es jedoch rasch vorbei. Keine Minute war vergangen, als das Gas in immer dichteren Wolken ins Innere der Limousine drang. Eingedenk der Tatsache, dass es f�r ihn kein Entrinnen gab, riss Moebius den Kopf herum, starrte den Schlauch an, der ihm zum Verh�ngnis wurde. Und dann, als sein Schicksal besiegelt war, geriet der Obersturmf�hrer in Bewegung. Er zappelte, fluchte, schrie�aber es sollte ihm nichts n�tzen. Die Handschellen, mit denen er ans Steuer gekettet war, taten ihren Dienst. Da n�tzte es nichts, dass Moebius wie ein Besessener um sich trat. Er sa� in der Falle, ob er es wahrhaben wollte oder nicht.</p><p>Das Ende kam schnell, doch bevor es kam, war der Marder l�ngst wieder am Apparat und sagte: �Damit wir uns richtig verstehen, Tom�dieser Mann hat Tausende auf dem Gewissen. Das wissen wir genau.�</p><p>�Und wer, bitte sch�n, sind �wir�?�</p><p>�Gestatten, dass ich mich vorstelle: Agent 004, Secret Service Seiner Majest�t.�</p><p>�Ich nehme an, dass du f�r das, was du gerade tust, Gr�nde hast.�</p><p>�Gr�nde? Mehr als genug. Was diejenigen pers�nlicher Natur betrifft, bitte ich um etwas Geduld. Moebius betreffend kann ich dir jedoch eines sagen: Dieser Mann hat es verdient! Schon mal etwas von Gaswagen geh�rt? Purer Zufall, dass ich dahinter gekommen bin. Nach au�en hin l�uft das Ganze unter dem Deckm�ntelchen der Partisanenbek�mpfung. Die meisten von denen, die dieser Dreckskerl auf dem Gewissen hat, haben allerdings noch nie ein Gewehr in der Hand gehabt. Kapiert? Oder muss ich etwa noch deutlicher werden? Und jetzt entschuldige mich, ich habe n�mlich zu tun! Oder bist du imstande, die beiden Schn�ffler im dritten Stock gegen�ber zu liquidieren? Nein? In diesem Fall musst du dich noch einen Moment gedulden!�</p><p>W�hrend er einen Blick auf Moebius warf, der mit ausgestreckter Zunge wie ein Berserker herumzappelte, legte Sydow auf. Dann sah er Claasen hinterher, der sich auf den Weg zur gegen�berliegenden Haust�r machte. Dort angekommen, dr�ckte er auf die Klingel, drehte sich um und winkte zu ihm hinauf.</p><p>Dann dr�ckte er seinen Zigarillo aus, schraubte einen Schalld�mpfer auf seine Mauser und fl�sterte vor sich hin: �H�chste Zeit, den Job zu Ende zu bringen!�</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>�Du, Rebecca? Das kommt �berhaupt nicht infrage!�, entschied Sydow barsch. �Wenn hier einer den Kopf hinh�lt, dann��</p><p>�Lass gut sein, Tom�es stimmt!�, warf Claasen ein, w�hrend er das Magazin seiner Mauser auswechselte. �Je unauff�lliger, desto besser!�</p><p>�Ohne mich.�</p><p>�Das stimmt ausnahmsweise.� Mit dem R�cken gegen den T�rbalken gelehnt, trug der Marder die �bliche Gelassenheit zur Schau. Unter der Oberfl�che sah es jedoch anders aus. Die Ereignisse waren nicht spurlos an ihm vor�bergegangen, allen Anstrengungen, dies zu kaschieren, zum Trotz. Unter seinen Achseln klebte der Schwei�, und der Blick, mit dem er Sydow bedachte, war fahrig und stumpf.</p><p>�Und wieso?� Kaum hatte er Claasen geantwortet, griff sich Sydow an die H�fte, was jener mit dem f�r ihn typischen, mit Ironie durchsetztem L�cheln quittierte.</p><p>�Darum!�, versetzte der Marder, z�ndete sich eine John Player an und deutete auf seinen Verband. �In deiner Verfassung w�rdest du keine 100Meter weit kommen. Und selbst wenn�das Risiko ist zu gro�. Halb Berlin ist hinter dir her, schon vergessen? Von der Gestapo, die Himmel und H�lle in Bewegung setzen wird, ganz zu schweigen.�</p><p>�Und du?�</p><p>Die gr�nen, nahezu wimpernlosen Augen des Marders blitzten kurz auf, bevor er sich mit einer legeren Handbewegung durch die zerzausten Haare fuhr. �Ich? Bevor ich die beiden Schn�ffler aus dem Verkehr gezogen habe, war einer von ihnen gerade am Telefonieren. Noch Fragen? Hinter mir, denke ich, sind sie inzwischen noch mehr her als hinter dir. Au�erdem, f�llt mir gerade ein, gibt es momentan weit Wichtigeres zu tun!�</p><p>�Und f�r mich auch!�, rief Rebecca, drehte sich auf dem Absatz um und begab sich nach drau�en.</p><p>�Und das w�re?�, fragte Sydow, wobei im Unklaren blieb, an wen die Frage gerichtet war.</p><p>�Ein Anruf, der, so hoffe ich, uns dreien das Leben retten wird!�, antwortete der Marder.</p><p>�An den Retter in der Not?�</p><p>�So was in der Art.�</p><p>�Wie selbstlos!�, stie� Sydow sarkastisch hervor, bevor ihn ein neuerlicher Krampf auf das Sofa zwang.</p><p>Im Begriff, den H�rer in die Hand zu nehmen, drehte sich der Marder auf dem Absatz um. �Hast du vielleicht eine bessere Idee?�, fauchte er.</p><p>�Kommt drauf an, was du ausgeheckt hast.�</p><p>�Das kannst du getrost mir �berlassen!�, konterte Claasen und nahm den H�rer in die Hand. �Oder trauen mir Eure Lordschaft etwa immer noch nicht �ber den Weg?�</p><p>�Nicht, bevor du s�mtliche Karten auf den Tisch gelegt hast.�</p><p>�Typisch Sydow�trau keinem �ber 20!�, setzte sich Claasen vehement zur Wehr und sagte: �Zuerst werde ich besagten Anruf t�tigen, dann wird deine� deine��</p><p>�Belassen wir es bei �Bekannte�.�</p><p>Die Lippen des Marders kr�uselten sich, aber ein Blick auf Sydow �berzeugte ihn, dass diesbez�glich nicht mit ihm zu spa�en war. �Also gut! Erst der Anruf, dann der gro�e Auftritt deiner Bekannten und dann, so Gott will, nichts wie ab nach Hause!�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Fassen Sie sich in Geduld, von Sydow, und Sie werden in B�lde im Bilde sein!�, �ffte der Marder den Direktor des Eton College nach, seine Glanznummer aus gemeinsamen Tagen im Internat.</p><p>Trotz wahrhaft h�llischer Schmerzen konnte sich Sydow ein L�cheln nicht verkneifen. �Da bin ich aber gespannt!�</p><p>�Alles halb so wild!�, war der Marder bem�ht, seine Anspannung herunterzuspielen, w�hrend er eine Berliner Nummer w�hlte. Als das Freizeichen ert�nte, blies er den Rauch seiner John Player in die Luft und blinzelte nerv�s. �Jetzt geh schon ran!�, fluchte er vor sich hin, sp�rbar erleichtert, als sich sein Adressat endlich meldete.</p><p>Es war ein kurzes Gespr�ch, mithin das k�rzeste, an das sich Sydow erinnern konnte. �Rheingold� war alles, was der Marder sagte, woraufhin er rasch wieder auflegte. Auf den fragenden Blick seines Schulkameraden reagierte er nicht.</p><p>Doch der gab sich keinesfalls zufrieden. �Darf man fragen, wen du eben an der Strippe gehabt hast?�, fragte Sydow.</p><p>�Jemand, dessen Wohnung soeben frei geworden ist.�</p><p>�Einer eurer Agenten?�</p><p>�Sagen wirs mal so: eine Art Verbindungsmann.�</p><p>�Und zu wem?�</p><p>�Bedaure, streng geheim.�</p><p>�H�chste Zeit, dir deine Geheimniskr�merei abzugew�hnen, findest du nicht?�</p><p>Der Anflug eines L�chelns erhellte Claasens Gesicht. �Immer mit der Ruhe!�, wehrte er ab. �Sonst ist es keine �berraschung mehr!�</p><p>�Auf die Gefahr, dir auf den Wecker zu gehen. Auf �berraschungen jeglicher Art kann ich gerne��</p><p>Anstatt Claasen die in seinen Augen passende Antwort zu geben, blieb Sydow mitten im Satz stecken und starrte mit ungl�ubigem Blick zur T�r. Nicht anders der Marder. Um die junge Frau wiederzuerkennen, musste man schon zwei Mal hinsehen, und selbst dann konnte er es nicht glauben. Noch nie hatte er eine derartige Metamorphose erlebt, und das wollte bei ihm etwas hei�en.</p><p>In der kurzen Zeit, die ihr zur Verf�gung gestanden hatte, schien sich Rebecca grundlegend ver�ndert zu haben. So sehr, dass Sydow sie fast nicht wiedererkannte. Sie trug die Haare nicht mehr offen, sondern streng gescheitelt, dar�ber hinaus Nylonstr�mpfe und ein s�ndhaft teures Kost�m. Die dazu passende Bluse hatte mit Sicherheit ein Verm�gen gekostet, die St�ckelschuhe bestimmt auch. �Wie gut, dass du einen so gro�en Bekanntenkreis hast!�, frotzelte sie, woraufhin Sydow rot wie eine Tomate wurde. �Alles vorhanden�Ausweis inklusive. Sieht ganz danach aus, als sei die Dame in Eile gewesen!�</p><p>Claasen, der Sydows Verlegenheit in vollen Z�gen genoss, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. �So ist er eben, Fr�ulein!�, goss er reichlich �l ins Feuer. �Ein echter Mann von Welt.�</p><p>Beim Klang der Sirene, die sich mit hoher Geschwindigkeit n�herte, blieb ihm jedoch das Lachen im Halse stecken. �H�chste Zeit, von hier zu verduften!�, trieb er Sydow zur Eile an, nachdem er einen Blick aus dem Fenster geworfen hatte.</p><p>�Und wohin?�</p><p>�In eine, um es im Fachjargon zu sagen, konspirative Wohnung!�, antwortete der Marder, pr�fte seine Mauser P 08 und hievte Sydow in die H�he. �Wobei Ihnen, gn�diges Fr�ulein, die Hauptrolle zufallen wird. Das hei�t, falls der Edle von Sydow sein Plazet gibt. Der Ehrlichkeit halber sei gesagt, dass es kaum eine andere M�glichkeit gibt. Wenn �berhaupt jemand unerkannt an die Schatzkiste rankommen kann, dann Sie. F�r dich, mein Bester, meine Wenigkeit mit eingeschlossen, stehen die Chancen bei null. Oder darunter!�</p><p>Sydow atmete tief durch und nickte. �Dann viel Gl�ck!�, fl�sterte er Rebecca zu, w�hrend er den Schl�ssel f�r das Schlie�fach in ihre Hand gleiten lie�. �Und pass auf dich auf.�</p><p>�Keine Sorge!�, beruhigte ihn Rebecca, ein L�cheln im Gesicht, das nur schwer zu deuten war. �Du wei�t doch, f�r mich gibt es nichts mehr zu verlieren. H�chstens zu gewinnen.�</p><p>�Dann w�ren wir uns ja einig!�, vollendete der Marder und versetzte Sydow, der sich nicht von Rebecca losrei�en konnte, einen Rippensto�.</p><p>�Treffpunkt?�, war alles, was Sydow �ber die Lippen brachte.</p><p>�Kompliment, du denkst aber auch an alles!� Der Marder sah auf die Uhr, �berlegte kurz und sagte: �Von jetzt an gerechnet in circa dreieinhalb Stunden.�</p><p>�Also um Mitternacht.�</p><p>�Genau, Fr�ulein.�</p><p>�Und wo?�, fragte Sydow, dem die Aktion immer noch nicht geheuer war.</p><p>�Als Berliner, nehme ich an, d�rften dir die Torh�user auf der Ost-West-Achse nicht unbekannt sein.�</p><p>Sydow sah den Marder entgeistert an. �Sag mal, Max��, brach es aus ihm hervor, �Hast du eigentlich noch alle Tassen im�?�</p><p>�Ich denke schon. Da wir quasi auf dem Sprung sind, nur so viel: Vorausgesetzt, wir sind noch am Leben, werden wir dort einen meiner Kontaktleute treffen. Er wird uns raushauen, worauf du dich verlassen kannst!�</p><p>�Aha, Mister Geheimnisvoll. Und um wen handelt es sich, wenn die Frage gestattet ist?�</p><p>Obwohl die Sirene bedrohlich nahe war, hatte Claasen seinen Humor nicht g�nzlich verloren:</p><p>�Beherrschen Sie sich, von Sydow!�, unterbrach er ihn im Eton-Akzent. �Wenn die Zeit reif ist, werden Sie Ihre Antwort erhalten!� Um unmittelbar darauf hinzuzuf�gen: �Und jetzt raus hier, Don Juan�bevor sie uns beide an die Wand stellen!�</p><p>Ohne Sydow zu beachten, schl�ngelte sich der Marder an ihm vorbei und dirigierte Rebecca zur T�r. Sydow folgte ihnen, drehte sich auf der Schwelle jedoch noch einmal um.</p><p>Ein Tag der Abschiede, dachte er, w�hrend er den Blick �ber sein Grammofon, die Plattensammlung und das �bliche Durcheinander in seiner Junggesellenbude schweifen lie�. Zuerst Behrens, dann Veronika und dann, am schmerzlichsten von den dreien, Klinke. Sein Leben, so viel stand fest, w�rde nie mehr so sein wie fr�her.</p><p>Aber nur dann, falls er den heutigen Tag �berstand.</p><p>�Kommst du, Tom?�, drang Rebeccas Stimme an sein Ohr, und obwohl er es selbst kaum glauben konnte, verfl�chtigte sich sein Pessimismus im Nu.</p><p>Kein Zweifel, er, Tom Sydow, w�rde ihn �berstehen.</p><p>Egal, wer ihm dabei im Wege stand.</p><empty-line/></section><section><p><sub>31</sub></p><p><emphasis>West Malling Airfield���������������������������� | 19.28 h OZ</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>�Runway clear�taking off�</emphasis>, antwortete McLeod, fuhr die beiden Rolls-Royce-Motoren hoch und startete durch. Endlich ging es los. Die Warterei hatte ein Ende.</p><p>Kaum hatte seine �Mossie�, ein umgebauter Nachtj�ger vom Typ Mosquito NF Mk. XIX, die Startgeschwindigkeit erreicht, hob Wing Commander Jason McLeod auch schon ab. Vor ihm zweieinhalb Stunden Flugzeit, ein Gro�teil davon �ber feindlichem Gebiet. Nach landl�ufiger Auffassung kein Zuckerschlecken, f�r ihn dagegen ein Klacks. F�r diese Kaltbl�tigkeit, die nicht, wie bei so vielen, nur vorget�uscht war, war er allgemein bekannt. Letztendlich einer der Gr�nde, weshalb die Wahl auf ihn gefallen war.</p><p>Einer der Gr�nde, beileibe jedoch nicht der einzige. Zum einen war da die Sache mit Claasen. Wenn er ehrlich war, hatte er immer noch daran zu knabbern. Streng geheim, aha. Nachhaken zwecklos. Bei Menzies sowieso. Das konnte einen wirklich wahnsinnig machen. Dar�ber hinaus war er nat�rlich der Beste, den Menzies hatte kriegen k�nnen. McLeod r�kelte sich gen�sslich in seinem Sitz. Bescheidenheit war noch nie sein Ding gewesen.</p><p>H�he: 2.000 Meter. �ldruck: normal. Tank: zum Bersten voll. McLeod warf einen Blick aus der Pilotenkanzel. Von feindlichen Flugzeugen keine Spur. Tief unter ihm breitete sich bereits die Dunkelheit aus. Davon durfte man sich freilich nicht t�uschen lassen. Hatte er erst die franz�sische K�ste erreicht, w�rde es ziemlich ungem�tlich werden. Daf�r w�rde die deutsche Luftabwehr schon sorgen.</p><p>H�he: 2.500 Meter. McLeod sah auf die Uhr. Noch 25 Minuten, und er w�rde sich dem Bomberverband anschlie�en, der vom Treffpunkt aus in Richtung Reichshauptstadt flog. Dann aber, in gut zwei Stunden, w�re er auf sich allein gestellt. Der zweifellos schwierigste Teil des Unternehmens. Eine Mission, f�r die es schlicht und ergreifend keinen Pr�zedenzfall gab.</p><p>3.000. Noch gut 1.000 Meter, und er hatte die Flugh�he erreicht. McLeods Griff um die Steuerung lockerte sich. Zeit, sich ein wenig zu entspannen. Die beiden Rolls-Royce-Motoren, 3.270 PS stark, funktionierten perfekt. F�r die Radarpeilung galt das Gleiche. Auf Dauer konnte einem der Ton, den er via Kopfh�rer empfing, zwar geh�rig auf die Nerven gehen. Er h�rte sich wie eine Oboe an, und er hasste klassische Musik. Aber nur so w�rde er den Bomberverband �berhaupt ausfindig machen k�nnen. Gesetzt den Fall, der Gegner knackte seine Frequenz, konnte er die Operation �Rheingold� n�mlich glatt vergessen. Dann w�rde er wei� Gott wo landen, nur nicht in Berlin.</p><p>Wenn �berhaupt.</p><p>�It�s a long way to Tipperary, it�s a long way to go!� Ein Lied auf den Lippen, das ihn an die Collegezeit erinnerte, �berflog McLeod die franz�sische K�ste. Fast automatisch kehrte er dabei in Gedanken zu Max Claasen zur�ck. Claasen, Sydow und seine Wenigkeit�ein geradezu unschlagbares Team. Der Wing Commander l�chelte stillvergn�gt in sich hinein. Da war kein Auge trocken geblieben, kein Spa� zu derb gewesen, als dass man vor ihm zur�ckgeschreckt w�re. Wie hatte sie der Internatsleiter doch gleich genannt? Genau��die drei Musketiere�! Wenn ein Spitzname je berechtigt gewesen war, dann dieser.</p><p>Keine zehn Meilen von Calais entfernt, schraubte McLeod seine Thermoskanne auf und genehmigte sich einen Schluck Tee. Die Nacht war wolkenlos, von Turbulenzen in Form feindlicher Flakbatterien keine Spur. Folglich war seine Rechnung aufgegangen. F�r eine einzige Mosquito, noch dazu eine mit H�chstgeschwindigkeit, war dem Gegner die Munition offenbar zu schade. Da man ihm in puncto Schnelligkeit ohnehin nichts anhaben konnte, war dar�ber hinaus kein einziger Nachtj�ger zu sehen. McLeod grinste und trommelte vergn�gt auf dem Armaturenbrett herum.</p><p>Doch er hatte sich zu fr�h gefreut.</p><p>Der Wetterbericht, den er �ber Funk erhielt, h�rte sich alles andere als vielversprechend an. Genaugenommen sogar vernichtend.</p><p>Schwere Sommergewitter �ber Berlin. Ausgerechnet dann, wenn es darauf ankommen w�rde.</p><p>McLeod fluchte wie ein Rohrspatz.</p><p>Das hatte ihm gerade noch gefehlt.</p><empty-line/></section><section><p><sub>32</sub></p><p><emphasis>Berlin-Mitte, Potsdamer Platz����������������������� | 21.13h</emphasis></p><empty-line/><p>Als Natascha aus der Stra�enbahn stieg, war es 21.13Uhr. Zumindest nach der Uhr, die sich auf dem Verkehrsturm befand. Und auf die, wenn schon nicht auf ihren Instinkt, war wenigstens Verlass.</p><p>Dass dieser sie im Stich gelassen hatte, �rgerte sie fast so sehr wie die Tatsache, dass sie beinahe die Nerven verloren h�tte. Dieser Bulle hatte sie in die Enge getrieben, keine Frage. Schade um ihn, wirklich schade. Eine Unachtsamkeit, und schon war er auf die Verliererstra�e geraten.</p><p>Sie war am Zug, und diesen Vorteil w�rde sie nicht mehr aus der Hand geben.</p><p>W�hrend sie in H�he des Hotels F�rstenhof die Saarlandstra�e �berquerte, dachte Natascha an ihre Jugend zur�ck. Damals, vor gut zehn Jahren, war alles anders gewesen, der Potsdamer Platz das Herz von Berlin. Hotels, eines mond�ner als das andere, Bars und Caf�s, in denen K�nstler, Literaten und Filmstars verkehrten, Kinos, Leuchtreklame und Am�sements rund um die Uhr. Und heute? Fehlanzeige, abgesehen vielleicht von ein paar Schiebern, Parteibonzen und Kriegsgewinnlern, die sich im Kaisersaal des �Esplanade� herumdr�ckten und so taten, als sei nichts geschehen. Selbst die Leuchtreklame am �Haus Vaterland�, an dem sie soeben vorbeieilte, existierte nicht mehr. Um feindlichen Bombergeschwadern die Orientierung zu erschweren, war Verdunkelung angeordnet, und vom Berlin der 20er-Jahre war nichts mehr zu sehen.</p><p>Aber das w�rde anders werden. �berhaupt w�rde alles anders werden. F�r das, was sie angerichtet hatten, w�rden die Nazis dereinst bezahlen. Die Welt nach Hitler w�rde eine bessere werden. Dessen war sie sich absolut sicher. Daf�r, und nur daf�r, war sie bereit, ihr Leben zu riskieren.</p><p>Riskant war das, was sie vorhatte, n�mlich allemal. Riskant und, sollte ihr Coup gelingen, ein Schlag, von dem sich Himmler, Goebbels und Co. so schnell nicht wieder erholen w�rden. Heydrichs Geheimdossiers in ihrer Hand�allein schon der Gedanke daran lie� sie die Risiken ihrer Mission auf einen Schlag vergessen. Was sie brauchte, war lediglich ein Qu�ntchen Gl�ck, Kaltschn�uzigkeit und einen wachen Verstand. Eigenschaften, �ber die sie seit jeher verf�gte. Bis, ja bis dieser Bulle mit dem durchdringenden Blick aufgekreuzt war.</p><p>Er war auf der richtigen Spur gewesen, und er hatte den Fehler gemacht, ihr diesen Safeschl�ssel zu zeigen. Von diesem Moment an war alles klar gewesen. Pech f�r ihn, so kurz vor dem Ziel noch abgefangen zu werden. Insofern er �berhaupt imstande war, einen Arzt aufzutreiben.</p><p>Ein L�cheln auf den Lippen, �berquerte Natascha den Askanischen Platz, verlangsamte ihren Schritt und steuerte auf das Eingangsportal des Anhalter Bahnhofes zu. �Eine Fahrkarte kaufen�<emphasis>f�r alle F�lle</emphasis>!� Drei Worte, die es wahrhaftig in sich hatten. Normalerweise war M�llendorf immer p�nktlich gewesen, bis auf die Minute. Eben ein Preu�e aus echtem Schrot und Korn. Auf ihre Frage, wo er denn so lange gesteckt habe, hatte er besagte Antwort gegeben. Eine Bemerkung, der sie zun�chst wenig Beachtung geschenkt, die aber vor dem Hintergrund von Sydows Auftritt eine ganz andere Bedeutung erhalten hatte. In diesem Moment, dem Augenblick h�chster Bedr�ngnis, war auf einmal alles klar gewesen. M�llendorfs Versp�tung, der kurze Weg von der Prinz-Albrecht-Stra�e bis hierher, die Drohung, er habe s�mtliche Bonzen bis in h�chste Kreise hinauf in der Hand, das Verh�r, in dessen Verlauf ihr dieser Bulle den Schl�ssel mit der Nummer 56 unter die Nase gerieben hatte�alles passte zusammen, St�ck f�r St�ck, Puzzleteil um Puzzleteil. Kaum mehr f�hig, ihre Triumphgef�hle zu unterdr�cken, malte sie sich aus, wie es w�re, wenn sie Heydrichs Geheimdokumente in den H�nden hielt. F�r Himmler und Konsorten w�rde es den Anfang vom Ende bedeuten, f�r sie die gr��te Genugtuung ihres Lebens. Erst damit, das stand f�r sie fest, w�re der Tod ihres Vaters ger�cht, ihre T�tigkeit von Erfolg gekr�nt.</p><p>Derma�en in Gedanken, dass sie beinahe unter ein Taxi geraten w�re, musste sich Natascha zur Ordnung rufen. Dies war die letzte Etappe, das Finale, der Moment, in dem sich alles entscheiden w�rde.</p><p>Vorausgesetzt, sie behielt einen klaren Kopf.</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>Sie war dieses Gef�hl nicht losgeworden. Dieses Gef�hl, dass etwas schief gehen w�rde.</p><p>Wider Erwarten hatte sie jedoch Gl�ck gehabt. Keine Ausweiskontrolle, keine l�stigen Fragen� nichts. Verglichen mit dem, was sich in Toms Wohnung abgespielt hatte, war die Fahrt mit der U-Bahn die reinste Erholung gewesen. Von Zivilfahndern, Greiftrupps und Gestapo-Agenten jedenfalls keine Spur. Einzige Ausnahme: eine Polizeistreife im Bahnhof Friedrichsstra�e. Und das war es dann auch schon gewesen.</p><p>Ein Grund zur Erleichterung, aber nicht f�r sie. Daf�r hatte sie in den vergangenen Monaten einfach zu viel durchmachen m�ssen. Mutters Deportation, Bonins Ermordung und die Verhaftung, der sie nur um Haaresbreite entgangen war, wahrlich genug, um dar�ber in Verzweiflung zu geraten. Rebecca atmete tief durch und lie� den Blick �ber die lange Reihe der Schlie�f�cher gleiten. So sehr sie versuchte, sich das Gegenteil einzureden, wurde sie das Gef�hl nahenden Unheils nicht los.</p><p>Auf die Idee, alles stehen und liegen zu lassen, w�re sie trotzdem nicht gekommen. Sie w�rde diese Sache zu Ende bringen, Mutter, Bonin und all den anderen zuliebe. So kurz vor dem Ziel aufzugeben kam nicht infrage.</p><p>Der Raum, in dem sich die Schlie�f�cher befanden, war nicht sehr gro�, von daher leicht zu �berschauen. Die T�r stand offen, aber da um diese Tageszeit kaum noch Z�ge verkehrten, war die Gefahr, in eine Falle zu laufen, relativ gering.</p><p>Optimistisch betrachtet.</p><p>Und wenn nicht, musste sie es trotzdem riskieren. Jetzt gleich, bevor aus ihren Vorahnungen Wirklichkeit wurde.</p><p>Um an das Fach mit der Nummer 56 zu gelangen, musste Rebecca in die Hocke gehen, und w�hrend sie den Schl�ssel ins Schloss steckte, ertappte sie sich bei dem Gedanken, was gesch�he, wenn ihr jemand zuvorgekommen war.</p><p>S�mtlichen d�steren Vorahnungen zum Trotz rastete der Schl�ssel jedoch problemlos ein. Mehr noch, die T�r �ffnete sich wie von selbst.</p><p>Als Rebecca einen Blick ins Innere des Schlie�faches warf, war sie fast ein wenig entt�uscht. Obwohl, wie sie zugeben musste, ihre Vorstellung von seinem Inhalt allenfalls h�chst vage gewesen war. �ber das, was sie erwartete, war nicht einmal Tom genau im Bilde gewesen, und au�erdem hatten sie auch keine Zeit gehabt, gro� dar�ber zu diskutieren. Wor�ber sie hingegen genauestens Bescheid wusste, war, auf wessen Betreiben die zu erwartenden Geheimdokumente beiseitegeschafft worden waren. Ein Mann, dessen Namen zu nennen sie nicht �ber sich brachte.</p><p>Gemessen an ihren Erwartungen, nahm sich die sorgsam verschn�rte Einlegemappe mit dem Einband aus rotem Leder geradezu bescheiden aus. Ein Aktenb�ndel wie jedes andere, sollte man meinen. Sogar der obligatorische Staubfilm durfte nicht fehlen. Nur zu gern h�tte Rebecca einen ersten Blick riskiert, und sie konnte der Versuchung nur mit M�he widerstehen.</p><p>Die Vernunft war st�rker, vom Impuls, sich in Sicherheit zu bringen, gar nicht zu reden. Urpl�tzlich, ohne dass sie es sich erkl�ren konnte, klebte der Schwei� an ihren Schl�fen, und als sie sich aufrichtete, wurde ihr so schwindelig, dass sie f�r einen Moment die Augen schloss.</p><p>Als Rebecca sie wieder �ffnete, fuhr ihr der Schreck derma�en in die Glieder, dass sie das Aktenb�ndel beinahe fallen gelassen h�tte. Sie hatte M�he, sich auf den Beinen zu halten, und die Erkenntnis, dass alle M�he vergeblich gewesen war, brachte sie fast um den Verstand.</p><p>Der Albtraum, dem sie entronnen zu sein glaubte, w�rde weitergehen.</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p>Natascha traute ihren Augen nicht, und bis sie begriff, dass sie d�piert worden war, sollten mehrere Sekunden vergehen. Sekunden, in denen sie durch die H�lle ging.</p><p>Nur ein paar Meter von der Bahnhofshalle entfernt, in der immer noch reger Betrieb herrschte, bekam Natascha von alldem nichts mehr mit. Auf einmal war da nur noch sie, Magda Jannowitz alias Natascha, Agentin des NKWD, und diese Frau, deren Namen, geschweige denn Identit�t, sie nicht kannte.</p><p>Sie konnte sich das alles nicht erkl�ren. Beim besten Willen nicht.</p><p>Wie Natascha blitzartig bewusst wurde, war ihre Kontrahentin ausgesprochen h�bsch, ja sogar attraktiv. Und das in einem Ma�e, dass sie, auf die M�nner gew�hnlich flogen, sich in ihrer Gegenwart wie eine Landpomeranze vorkam. Dunkles Haar, geschwungene Brauen, ausdrucksstarker Blick�eine Nazi-Agentin sah wei� Gott anders aus. Zumindest in diesem Punkt war ihr Instinkt noch intakt. Diese Frau konnte alles M�gliche sein. Eine Handlangerin der Gestapo war sie ganz bestimmt nicht. Vielleicht war das auch der Grund, warum Natascha, die mit allen Wassern gewaschene NKWD-Agentin, die Waffe in ihrer Handtasche aus den Fingern gleiten lie�.</p><p>Die Frau ihr gegen�ber, der nicht entgangen war, wer sich dort befand, l�chelte. In diesem Moment war Nataschas Niederlage besiegelt. Dass daraus innerhalb k�rzester Zeit ein Sieg werden w�rde, konnte sie in diesem Moment noch nicht ahnen. Sie stand einfach nur da, unf�hig, das Heft in die Hand zu nehmen.</p><p>In der Frau, die das Schlie�fach abschloss, das Aktenb�ndel in einer Tragetasche verstaute und sie mit einem gewinnenden L�cheln anblickte, hatte Magda Jannowitz alias Natascha ihren Meister gefunden.</p><p>�Agentin im Dienst der Alliierten?�, fragte die Frau mit einer Selbstverst�ndlichkeit, die Natascha auch noch den letzten Rest an Wind aus den Segeln nahm.</p><p>Das Einzige, wozu sie sich daraufhin aufraffen konnte, war ein Nicken. Danach blieb Natascha buchst�blich die Spucke weg.</p><p>�In diesem Fall, denke ich, k�nnte eine kurze Unterredung nicht schaden!�, schlug Rebecca vor, h�ngte ihre Tragetasche �ber die Schulter und bedeutete dem Traum aller M�nner, ihr zu folgen.</p><empty-line/><p><emphasis>�Im M�rz 1947 machte der US-Ankl�ger in den N�rnberger Nachfolgeprozessen eine Entdeckung. Bei dem als �Geheime Reichssache� gekennzeichneten und in einem Ordner des Ausw�rtigen Amts abgehefteten Dokument handelte es sich um ein Sitzungsprotokoll. An der Sitzung hatten 15 hochrangige Angeh�rige der Staatsb�rokratie sowie von Dienststellen der SS und der NSDAP teilgenommen. Stattgefunden hatte sie am 20. Januar 1942 in einer Villa am Berliner Wannsee. Die US-Ermittler waren auf das einzige erhalten gebliebene Exemplar des Protokolls dieser Sitzung gesto�en, die Nummer 16 von urspr�nglich 30.�</emphasis></p><empty-line/><p>(Mark Rosemann: Die Wannsee-Konferenz. Wie die NS-B�rokratie den Holocaust organisierte. Propyl�en, M�nchen/Berlin 2002, S.7)</p><empty-line/></section><section><title><p><sub>Rheingold</sub></p><p><emphasis>Berlin/London</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(Sonntag, 07.06.1942/Montag, 08.06.1942)</emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/></section><section><p><sub>33</sub></p><p><emphasis>Berlin-Kreuzberg, Wrangelstra�e������������������� | 21.55h</emphasis></p><empty-line/><p>�Bruder? Wie bitte? Bruder?�</p><p>�Aber ja, Herr Kommissar.� Was sich wie eines von Claasens Wortspielen anh�rte, war in Wahrheit bitterer Ernst. W�hrend sich Sydow auf dem Sofa ausruhte, stand der Marder mit gez�ckter Waffe am Fenster und lie� die Stra�e nicht aus den Augen. �Du hast richtig geh�rt. Jahrgang 1918, sechs Jahre j�nger als ich.�</p><p>�Warum hast du uns dann nie von ihm��</p><p>�Weil mich Vater zum Schweigen verdonnert hat�darum.�</p><p>�Aber wieso denn?�</p><p>�Schlecht f�rs Gesch�ft�was wei� denn ich!� Der Marder stie� ein gallenbitteres Lachen aus, steckte seine Mauser in den G�rtel und kramte seine letzte John Player hervor. �Wie dem auch sei: Mathias war so etwas wie unser Familiengespenst. St�ndig zugegen, jedoch geflissentlich verschwiegen. Mongoloide. Im Heim, seit ich denken kann.�</p><p>�Auch dann, als ihr in England wart?�</p><p>�Gerade dann.�</p><p>�Und danach?�</p><p>�Nachdem sich Vater zu verzocken und anschlie�end die Kugel zu geben geruhte, sind Mutter und ich, wie du ja wei�t, Hals �ber Kopf nach Deutschland zur�ck. Mithilfe meines Onkels, der ihr unter die Arme griff, hat sie sich halbwegs �ber Wasser halten k�nnen! Um dem Schlamassel zu entgehen, bin ich 1934 in die SS eingetreten. Noch Fragen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und die w�ren?�</p><p>Die Hand auf die H�fte gepresst, sah Sydow zum Fenster hin�ber und fragte: �Warum?�</p><p>�Irren ist menschlich�das m�sstest <emphasis>du</emphasis> doch am besten wissen.� Claasen rauchte den Zigarillo an und schwieg sich geraume Zeit aus. Dann sagte er: �Du wirst es nicht glauben, Tom�ich war wirklich der Meinung, wir w�rden wieder bessere Zeiten erleben. Wie so viele andere auch. Wie <emphasis>Millionen</emphasis> andere auch. Dass mich die Realit�t so schnell einholen w�rde, h�tte ich mir nie im Leben tr�umen lassen.�</p><p>�Und das in deiner Position?�</p><p>�Damit hat es nichts zu tun, Tom.�</p><p>�Womit dann?�</p><p>Ohne sich zu Sydow umzudrehen, holte der Marder tief Luft und murmelte: �Mit Mathias.�</p><p>�Deinem Bruder?�</p><p>Claasen nickte. �Du hast es erfasst, Kater Tom. Und jetzt willst du sicher wissen, wieso.�</p><p>Sydow wandte sich ab und schwieg.</p><p>�Schon gut, Tom�wenn es einer erfahren soll, dann du.� Der Marder sog an seinem Zigarillo, gab seinen Beobachtungsposten auf und lehnte sich gegen die Wand. �Wie gesagt�wir sind dann wieder nach Deutschland zur�ck. Und ich in die SS. Keine Ahnung, wie mein Onkel das hingekriegt hat. Vermutlich Beziehungen. Meinen Bruder, das Familiengespenst, habe ich jedenfalls bewusst verschwiegen. War wohl auch gut so. Was nicht hei�en soll, dass ich mich nicht um ihn gek�mmert h�tte. Das schon. Intensiv sogar. Aber eben inkognito. Beziehungsweise unter falschem Namen.� Der Marder schloss die Augen und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Stirn. �Dass ich mich daf�r zu Tode gesch�mt habe, brauche ich wohl nicht zu sagen.�</p><p>Sydow, der sich nicht zum Richter aufschwingen wollte, lehnte sich zur�ck und schwieg.</p><p>�Dann schlie�lich�, fuhr der Marder geraume Zeit sp�ter fort, �etwa zwei, drei Monate nach Mutters Tod, also vor knapp sieben Jahren, hielt ich eines Tages einen Brief in der Hand. Absender: �Heil- und Pflegeanstalt L�neburg�.� Claasen dr�ckte das Zigarillo aus und lie� sich neben Sydow auf dem Sofa nieder. �Angebliche Todesursache: Herzversagen. Dabei war Mathias gerade einmal 17. Mit anderen Worten, ich lie� die Sache nicht auf sich beruhen. Da ich inzwischen bei der Gestapo gelandet war, sa� ich sozusagen an der Quelle.�</p><p>�Und das bedeutet?�</p><p>�Das bedeutet, dass mein Bruder an den Folgen der gesetzlich verordneten Zwangssterilisation elend zugrunde gegangen ist. Wie, m�chte ich aus Piet�tsgr�nden lieber verschweigen. Und das mit 17�kapiert?�</p><p>�Verdammte Schei�e, ja!�</p><p>�Und jetzt willst du sicher wissen, wie es der MI6 geschafft hat, mich an Land zu ziehen, oder?�</p><p>�Keine gro�e Kunst mehr, w�rde ich sagen.�</p><p>�In der Tat.� Der Marder st�tzte das Kinn auf die Handballen und stierte ins Leere. Es begann zu regnen, und der Wind frischte merklich auf. �Wei� der Teufel, wie der Secret Service �berhaupt auf mich gekommen ist!�, murmelte er. �Eins musste man den Jungs jedoch lassen�sie wussten bestens Bescheid. Angefangen hat es jedenfalls beim 36er-Neujahrsempfang, bei dem ich zur Observation eingeteilt war. Das muss man sich vorstellen! Du gibst dich als deutscher Gesch�ftsmann aus, <emphasis>die</emphasis> Tarnung schlechthin, und dann quatscht dich einer vom MI6 an, der bis ins Detail �ber dich im Bilde ist. Das haut einen wirklich um.�</p><p>�Keinerlei Skrupel?�</p><p>Claasen hob das Kinn und sah Sydow forschend an. �Und du?�</p><p>�Jede Menge. Besonders, als es Rebeccas Familie an den Kragen ging.�</p><p>�Soll das etwa hei�en, dass sie eine��</p><p>�Das soll hei�en, dass sie eine Jugendfreundin von mir ist. Beziehungsweise von meiner Schwester.�</p><p>�Verstehe!�, antwortete der Marder s�ffisant.</p><p>�Ich wei� nicht, was es daran herumzum�keln gibt, Max!�</p><p>Der Marder verkniff sich ein neuerliches L�cheln und wechselte rasch das Thema. �Dein Problem!�, warf er mit erhobenen H�nden ein. �Um jedoch auf deine Frage zur�ckzukommen: Meine Skrupel zu �berwinden ist mir wei� Gott nicht leichtgefallen. Schlie�lich ist dies immer noch mein Land. Wenn es auch, wie dir unschwer entgangen sein d�rfte, nicht mehr lange dauern wird, bis es von diesen Verbrechern in den Ruin getrieben wird. Sagen wirs mal so, Tom. Es war meine Art, f�r den Tod meines Bruders Rache zu nehmen. Dar�ber hinaus nat�rlich f�r alles, was diese Menschenschinder auf dem Kerbholz haben. Wie lang des F�hrers S�ndenregister inzwischen ist, brauche ich dir wohl nicht zu sagen. Nehmen wir doch nur einmal diesen Moebius. Dass wir davon erfahren haben, was er sich an der Ostfront so alles geleistet hat, war purer Zufall. Mobile Vergasungsanstalten in Form von Lieferwagen�anfangs konnte ich es einfach nicht glauben, wurde jedoch bald eines Besseren belehrt. Was ich damit sagen will? Dass eine Regierung, die so etwas duldet, unweigerlich dem Untergang geweiht ist! Wenn nicht in diesem, dann sp�testens im n�chsten oder �bern�chsten Jahr. Darauf kannst du Gift nehmen, Tom. Und soll ich dir was sagen: Wenn nicht bald jemand etwas dagegen unternimmt, haben es unsere Landsleute auch nicht anders verdient!�</p><p>Falls Claasen eine Antwort erwartet hatte, war Sydow nicht bereit, ihm eine zu geben. �ber das, was er h�tte tun oder vielmehr unterlassen sollen, wollte er jetzt lieber nicht nachdenken. Und schon gar nicht reden. Dem Tod nur knapp entronnen, begann der heutige Tag seinen Tribut zu fordern, und wenn es etwas gab, das ihn aufrecht hielt, dann der Wunsch, Rebecca wohlbehalten wiederzusehen. Alles andere, so wichtig es auch sein mochte, musste warten.</p><p>Der Marder erriet seine Gedanken, warf einen Blick auf die Uhr und sagte: �10.05 Uhr. H�chste Zeit, dass wir uns auf die Socken machen!�</p><p>�Denkst du, wir werden es schaffen?�</p><p>Binnen Sekundenbruchteilen wieder der Alte, schnellte Claasen in die H�he und machte sich zum Aufbruch bereit. �Ich muss doch sehr bitten, Sydow��, konnte er seinem Hang zum Kom�diantentum einmal mehr nicht widerstehen. �Etwas mehr Stehverm�gen st�nde Ihnen wahrhaftig besser zu Gesicht!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>34</sub></p><p><emphasis>Hotel Excelsior, Saarlandstra�e��������������������� | 22.50h</emphasis></p><empty-line/><p>�Und was haben Sie jetzt vor?�</p><p>Das Ambiente war mond�n, die Musik ged�mpft, die Ledersessel bequem und der Oberkellner ein Genosse vom NKWD. Natascha l�chelte entspannt und sah die Frau, aus der sie immer noch nicht schlau wurde, neugierig an. Heydrichs Giftschrank war geknackt, der Coup ihres Lebens perfekt. Ein Blick hatte gen�gt, um die Brisanz des Materials �berdeutlich zu machen. Die rote Mappe mit den SS-Runen, so d�rftig sie auf den ersten Blick auch erscheinen mochte, enthielt Sprengstoff pur. Geheime Dossiers �ber Hitlers Herkunft, die Aff�re mit seiner Nichte, die er buchst�blich in den Selbstmord getrieben hatte. Dazu jede Menge Details �ber seine nicht gerade lupenreine Vergangenheit. Kein Ger�cht, dem Heydrich nicht nachgegangen, keine Schw�che, die nicht hinreichend dokumentiert worden war. Und dann erst dieser Goebbels. Eine wahre Fundgrube. Insbesondere bez�glich seiner Amouren. Hochinteressant aber auch die Details zum Thema Ehekrise, von Ger�chten �ber eine Liaison seiner Frau mit Hitler gar nicht zu reden. Beweise �ber G�rings Drogensucht, zahllose Korruptionsaff�ren und Unterschlagungen rundeten den Eindruck der Verkommenheit, den man allein schon bei oberfl�chlicher Betrachtung gewann, entsprechend ab. Folglich konnte Natascha zufrieden sein. Und das Wichtigste: Das Gespr�chsprotokoll �ber die geheimen deutsch-sowjetischen Friedensverhandlungen vom Fr�hjahr befanden sich vollst�ndig in ihrer Hand. �Im Bestreben, einen Schlussstrich unter die seit dem 22.06.1941 offen zutage getretenen Feindseligkeiten zu ziehen���na ja, daraus w�rde wohl nichts mehr werden. Natascha legte das Protokoll wieder in die Mappe zur�ck. Genosse Berija w�rde zufrieden sein, Stalin hoffentlich auch. Ihre Mission war erf�llt, ach was, ein durchschlagender Erfolg! Eine Nacht im Untergrund, h�chstens zwei. Dann w�rde sie sich mithilfe ihres F�hrungsoffiziers in die Schweiz absetzen.</p><p>�Was ich jetzt vorhabe?�, streifte Natascha ihre Zukunftsvisionen ab, w�hrend ihr Blick durch die Bar des �Excelsior� schweifte. Ein gesetzter �lterer Herr in Begleitung einer auf Lolita getrimmten Prostituierten seilte sich gerade in Richtung Hotelzimmer ab, weshalb sie mit der Frau, deren Namen sie immer noch nicht kannte, alleine war. �Keine Ahnung. Und Sie?�</p><p>Anstatt zu antworten, stierte die Frau ins Leere. Natascha sch�ttelte kaum merklich den Kopf. Aus der soll einer schlau werden, machte sie ihrer Verbl�ffung in Gedanken Luft. Erst dieses bizarre Aufeinandertreffen auf dem Anhalter Bahnhof. Und dann, um die Verwirrung komplett zu machen, noch die Bereitschaft, auf einen Gro�teil der Geheimdossiers zu verzichten. Aus freien St�cken! Diese Frau gab einem wirklich ein R�tsel nach dem anderen auf. Naivit�t, Zufall oder wohldurchdachter Plan? Das war die Frage. In wessen Auftrag sie handelte, die n�chste. Von der alles entscheidenden, wie sie in den Besitz des Safeschl�ssels gekommen war, �berhaupt nicht zu reden. Natascha mimte die Unbeteiligte, atmete nichtsdestoweniger jedoch tief durch. Dass es sich bei der Frau, aus der sie wohl niemals schlau werden w�rde, um eine Agentin handelte, konnte sie einfach nicht glauben.</p><p>Da steckte etwas anderes dahinter. Mehr, als sie m�glicherweise ahnte. Was genau, konnte ihr letztendlich gleichg�ltig sein. Sie, die Speerspitze des NKWD, hatte ihre Sch�fchen im Trockenen. Und das war immer noch das Wichtigste.</p><p>�Ich wei� es nicht!�, antwortete die Frau nach einer Weile und bl�tterte die Akte in ihrer Hand zum wiederholten Male durch. Sie trug den Stempel �Geheime Reichssache�, wie s�mtliche �brigen Dokumente auch, dar�ber hinaus den Vermerk �30 Ausfertigungen�1.�Ausfertigung� und jede Menge Namen und Zahlen, die ihr auf den ersten Blick nichts sagten. Der Grund, weshalb Natascha ihr kaum Beachtung geschenkt und sie der Frau auf ihren ausdr�cklichen Wunsch hin �berlassen hatte. Wom�glich ein Fehler, aber selbst wenn, war daran kaum noch etwas zu �ndern. Gemessen an dem, was sich in H�nden dieser mysteri�sen Sch�nheit befand, war sie mehr als nur gut bedient. Fertig.</p><p>�Weshalb� weshalb sind Sie dann �berhaupt ein solches Risiko eingegangen, wenn��</p><p>�Weil ich mich dazu verpflichtet gef�hlt habe!�, erkl�rte die Frau klipp und klar und trank ihren Kaffee aus. Ihr Blick, von tiefen Schatten getr�bt, schweifte dabei ins Leere.</p><p>F�r Nataschas Begriffe klang das reichlich mysteri�s, und um ihre Ratlosigkeit zu �berspielen, tat sie das Gleiche und warf einen Blick auf die Uhr.</p><p>10.55 Uhr. H�chste Zeit, die Zelte abzubrechen.</p><p>�Dann also auf Wiedersehen!�, sagte sie, nahm die Ledermappe an sich und reichte der Frau die Hand. Doch alles, was sie als Antwort bekam, war ein Kopfnicken. Ein Kopfnicken, die Andeutung eines L�chelns und einen dieser Blicke, die ihr auf ewig ein R�tsel bleiben w�rden.</p><p>Allein schon deshalb, weil Natascha bemerkte, dass der Frau die Tr�nen in die Augen stiegen.</p><empty-line/><p>*</p><empty-line/><p><emphasis>In gro�en Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsf�higen Juden stra�enbauend in diese Gebiete gef�hrt, wobei zweifellos ein Gro�teil durch nat�rliche Verminderung ausfallen wird.</emphasis></p><p><emphasis>Der allf�llig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsf�higsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden m�ssen, da dieser, eine nat�rliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen j�dischen Aufbaues anzusprechen ist. (Siehe die Erfahrung der Geschichte.)</emphasis></p><p><emphasis>Im Zuge der praktischen Durchf�hrung der Endl�sung wird Europa vom Westen nach Osten durchk�mmt. Das Reichsgebiet einschlie�lich �Protektorat B�hmen und M�hren� wird, allein schon aus Gr�nden der Wohnungsfrage und sonstigen sozial-politischen Notwendigkeiten, vorweggenommen werden m�ssen. Die evakuierten Juden werden zun�chst Zug um Zug in sogenannte Durchgangsghettos verbracht, um sie von dort aus�</emphasis></p><p>Rebecca stockte der Atem, und gegen den Schmerz, den sie beim Anblick der 15 Seiten empfand, f�hlten sich die Qualen der H�lle wie Balsam an. Ihr war, als holte man ihr bei lebendigem Leibe das Herz aus der Brust. F�r das, was sie da las, fehlten ihr die Worte, und der Boden unter ihren F��en geriet ins Wanken. Die maschinengeschriebenen W�rter wirbelten durcheinander, formierten sich neu und ergaben nicht mehr den geringsten Sinn. Nichts ergab �berhaupt mehr einen Sinn. Die 15Seiten, das, was daraus folgte, ihre ganze erb�rmliche Existenz. Nur ein einziges Wort mehr, und sie w�rde den Verstand verlieren.</p><p>Bis er wieder funktionierte, verging eine halbe Ewigkeit. Rebeccas Atem ging sto�weise, wie ein Schmiedehammer, der aus dem Takt geraten war. Nichts und niemand konnte ihr jetzt mehr helfen, und wenn es die H�lle auf Erden gab, dann steckte sie mittendrin. Auf einen Schlag war die Welt eine andere geworden, ohne dass sie, Rebecca Kahn, darauf vorbereitet gewesen w�re.</p><p>Eine Welt, in der f�r sie kein Platz mehr war.</p><p>Fast automatisch schl�pfte ihre Hand in die Tasche, die ihre Kontrahentin in der Eile stehen gelassen hatte. Dort stie� sie auf etwas Hartes, Metallisches.</p><p>Todbringendes.</p><p>So sehr sie dem Gedanken daran immer ausgewichen war, hatte der Tod seine Schrecken f�r sie verloren, kam er ihr urpl�tzlich wie eine Verhei�ung vor. Auf einmal, von einem Augenblick auf den anderen, gab es nichts mehr, was sie mit diesem Leben verband, au�er dem Bedauern, diesen Schritt nicht schon viel fr�her getan zu haben. Ein L�cheln glitt �ber Rebeccas Gesicht und zog die Spuren, welche die letzten Monate darin hinterlassen hatten, wie von Zauberhand glatt. In ein paar Sekunden w�rde alles vor�ber sein. Dann w�rde sie Vater, Mutter und all die anderen wiedersehen.</p><p>Den Zeigefinger am Abzug umschloss Rebeccas Hand den kalten Stahl. Einen Wimpernschlag sp�ter sah sie sich um und atmete erleichtert durch. Bis der Barkeeper reagieren w�rde, w�re sie bereits tot.</p><p>Daheim. Bei Vater und Mutter.</p><p>Aller Sorgen und N�te ledig.</p><p>Eins� zwei�</p><p><emphasis>Was war denn das?</emphasis></p><p>Das Ger�usch, das keines war, zerrte sie mit brachialer Gewalt in die Gegenwart zur�ck. Es ging durch Mark und Bein, r�ttelte sie wach, brachte s�mtliche Nervenstr�nge auf einmal zum Vibrieren.</p><p>Und es bewirkte, dass sich ihre Hand von Nataschas Tokarew TT-33 l�ste.</p><p>Luftalarm.</p><p>Als sei dies ein Fingerzeig Gottes, kehrten Rebeccas Gedanken zu der Akte zur�ck, die immer noch vor ihr auf dem Bartisch lag. Auf einen Schlag war wieder alles wie fr�her. Das Protokoll, die unterstrichenen Textpassagen und die Worte, die einem das Blut in den Adern gefrieren lie�en: <emphasis>Im Zuge der praktischen Durchf�hrung der Endl�sung wird Europa von Westen nach Osten�</emphasis></p><p>�Verzeihung, Fr�ulein, aber w�re es nicht an der Zeit, den Keller aufzusuchen?�</p><p>Der Oberkellner, Kavalier der alten Schule, versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Nichtsdestotrotz wirkte seine Frage wie eine Aufforderung f�r sie.</p><p>�Besten Dank. Ich komme gleich.� W�hrend sich der Oberkellner entfernte, verstaute Rebecca die Akte, nahm die zur�ckgelassene Tasche an sich und richtete sich entschlossen auf. Ihre Niedergeschlagenheit verflog im Nu, und mit ihr der Gedanke, ihrem Leben ein Ende zu setzen.</p><p>Sie hatte eine Mission zu erf�llen.</p><p>Mehr denn je.</p><empty-line/></section><section><p><sub>35</sub></p><p><emphasis>52� 31� N, 10� 47� O������������������������������������� | 22.56h</emphasis></p><empty-line/><p>�Sag mal, haben die beim Bomber Command jetzt alle den Verstand verloren?�, konnte sich der Kommandant des schweren Bombers vom Typ Avro 683 Lancaster nach Erhalt des Funkspruchs kaum beruhigen.</p><p>�Wieso?� James Dickinson, der neuseel�ndische Bombensch�tze, ganz auf die �berpr�fung der Zieloptik konzentriert, h�rte nur mit halbem Ohr hin. Der bevorstehende Einsatz �ber Berlin war erst sein dritter, und ihm war nicht gerade wohl in seiner Haut.</p><p>�Wieso, wieso, wieso!�, schnauzte Flight Lieutenant Greg Thompson zur�ck. Aufgrund seiner Erfahrung, die er in gut drei Dutzend Eins�tzen gesammelt hatte, galt er als alter Hase und Meister seines Fachs. Sich selbst hatte er allerdings nicht immer im Griff, wie der gegenw�rtige Wutanfall bewies: �Erst hei�t es �Kurs auf Berlin�, und dann so was! Da soll mal einer schlau daraus werden!�</p><p>�Jetzt r�ck schon raus damit.� Die beiden Rolls-Royce-Motoren, insgesamt mehr als 5.000 PS stark, liefen mit gewohnter Pr�zision. Die Propeller ebenso, weshalb sich Dickinsons Puls langsam zu stabilisieren begann. F�r einen Neuling wie ihn, der noch nicht die n�tige Routine hatte, war das ziemlich normal. Je dichter an Berlin, umso st�rker die Flak, umso gr��er jedoch auch die Gefahr, vom Himmel geholt zu werden. �Was gibts denn zu meckern?�</p><p>�Na, du machst mir vielleicht Spa�, Kiwi!�</p><p>�Wozu denn die Aufregung? Lief doch bis jetzt alles wie am Schn�rchen.�</p><p>�Aber nicht mehr lange.�</p><p>�Spuck es aus, Greg. Und lass dir nicht immer alles aus der Nase ziehen.� Auf dem Bauch liegend hantierte Dickinson immer noch an der Zieloptik herum. Demn�chst w�rde es hier droben ziemlich ungem�tlich werden. Schon allein deshalb konnte er sich keinen Patzer leisten.</p><p>�Wir sollen weiter Kurs halten, �ber Berlin-Mitte dann aber Richtung Leipzig abdrehen.�</p><p>�Wie bitte?� In seiner Eigenschaft als Bombensch�tze konnte sich Dickinson den Luxus �berbordender Gef�hle zwar nicht leisten. �berrascht war er aber trotzdem.</p><p>�Du hast richtig geh�rt, Jamie-Boy. Kurs auf Berlin. Freilich ohne unsere kleine Aufmerksamkeit f�r den F�hrer auch loszuwerden. Das wird, insofern es sich diese Schlauberger beim Bomber Command nicht anders �berlegen, erst �ber Leipzig der Fall sein.�</p><p>Pilot Officer Dickinson, der sich beharrlich gegen die Vorstellung str�ubte, was gut sechs Tonnen Bomben an Bord einer viermotorigen Lancaster anrichten w�rden, lie� nicht locker. �Und wozu das Ganze?�, fragte er, auf einen neuerlichen Wutausbruch des cholerischen Australiers gefasst.</p><p>�Keine Ahnung!�, gab der sich ungewohnt moderat und lie� den H�henmesser, der knapp 17.000Fu� anzeigte, nicht aus den Augen. �Wie hei�t es doch so sch�n? Befehl ist Befehl.�</p><p>�Und die Pfadfinder-Maschinen?�</p><p>�Das ist es ja gerade!�, antwortete Thompson und rieb sich das Kinn. �Laut Anweisung sollen sie die gewohnte Show abziehen. Zielmarkierung �ber dem Tiergarten. Mit allem Drum und Dran. Wenn du mich fragst: Die Jungs in High Wycombe haben wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank.�</p><p>�Scheint so.�</p><p>�<emphasis>Ist</emphasis> so.� Flight Lieutenant Thompson sch�ttelte resigniert den Kopf. Auf seine australischen Fl�che wollte er jetzt lieber nicht zur�ckgreifen, obwohl er einen unwiderstehlichen Drang dazu versp�rte. �W�sste nur zu gerne, was dahintersteckt.�</p><p>�Ich auch.� Nachdem er alle nur erdenklichen Vorkehrungen getroffen hatte, bewegte Dickinson die steifen Glieder und sagte: �Wei� nicht�vielleicht hats etwas mit der Mosquito zu tun, die wir in unsere br�derliche Mitte genommen haben.�</p><p>�Meinst du?�</p><p>Der Pilot Officer gab einen zustimmenden Grunzlaut von sich. �Na klar. Irgendeine geheime Operation�was wei� ich.�</p><p>�Kann es sein, dass du zu viele Spionageromane gelesen hast?�</p><p>�War ja nur so ein Gedanke!�, gab Dickinson beleidigt zur�ck und wandte sich wieder seinen optischen Ger�ten zu. F�r ihn war das Gespr�ch beendet, f�r Thompson, der sich an die Stirn tippte, offensichtlich auch.</p><p>Wenn er gewusst h�tte, dass sein Bombensch�tze auf der richtigen Spur war, h�tte er sich die respektlose Geste mit Sicherheit verkniffen.</p><empty-line/><p><emphasis>| 23.26h</emphasis></p><empty-line/><p>Immer wenn er dieses Ger�usch h�rte, lief es Sydow kalt den R�cken hinunter. Besonders am heutigen Tag. Sie waren sp�t dran, und er musste all seine Kraft aufbieten, um mit Claasen Schritt halten zu k�nnen. Trotzdem ging ihm das Brummen, das sich von Westen her dem Stadtzentrum n�herte, durch Mark und Bein. Die Verdunkelung, derentwegen man die Umrisse des Reichstages nur schemenhaft erkennen konnte, war nicht das Problem. Die Gestapo-Agenten, Zivilfahndung und s�mtliche Greiftrupps, die es sonst noch so gab, ebenfalls nicht. F�r diesen Fall hatten Max und er vorgesorgt. Das Problem war dieses Brummen, dem niemand, egal, wo er sich gerade befand, zu entrinnen vermochte.</p><p>Zehn Minuten, vielleicht ein paar mehr. Dann w�rde das Inferno seinen Anfang nehmen.</p><p>Und er, Sydow, genau mittendrin.</p><p>Je n�her am verabredeten Treffpunkt, umso mehr wurde Sydow von Panik erfasst, und das Brummen, aus dem ein ohrenbet�ubendes Dr�hnen wurde, das innerhalb der n�chsten Minuten zum Crescendo anschwellen w�rde, wurde pl�tzlich zur Nebensache. Seine Wunde, die wieder aufgebrochen war, Claasen, dessen aufgesetzte Gelassenheit ihn fast in den Wahnsinn trieb, der bevorstehende Bombenangriff�all das nahm sich neben der Sorge um Rebecca geradezu harmlos aus. Auf Heydrichs Giftschrank, Ziel s�mtlicher Bem�hungen, verschwendete er ohnehin keinen Gedanken mehr. Sollte den Kram doch der Teufel holen.</p><p>Und die Gestapo gleich mit dazu.</p><p>Nachdem sie den Reichstag hinter sich gelassen hatten, schlugen Sydow und Claasen den Weg in Richtung Ost-West-Achse ein. Der Regen fiel in dicken Tropfen, und die Luft hatte sich kaum abgek�hlt. Neben dem Unheil, das jeden Moment �ber die Stadt hereinbrechen w�rde, deuteten s�mtliche Anzeichen auf ein Unwetter hin. Sydow biss die Z�hne zusammen und schleppte sich mit letzter Kraft hinter Claasen her. Eines konnte man jetzt schon sagen. Es blieb ihnen wirklich nichts erspart.</p><p>Dies sollte, soweit sich Sydow erinnern konnte, sein letzter klarer Gedanke sein. Denn kaum war er ihm gekommen, �ffnete die H�lle ihre Pforten.</p><p>Die Flak machte den Anfang, allen voran der Bunker am Zoo. Die 12,8 cm Zwillingsflak-Gesch�tze feuerten wie wild, und in die Motorenger�usche der herannahenden Bomber mischte sich das Krachen explodierender Granaten. Ein allumfassendes Dr�hnen erf�llte die Luft, so laut, dass Sydow beinahe die Trommelfelle platzten. Jeden Moment w�rden die ersten Bomben fallen, Hunderte, h�chstwahrscheinlich sogar Tausende. Das hier war das Ende, heil hier herauszukommen ein Ding der Unm�glichkeit.</p><p>Im Gegensatz zu Sydow, der die Gefahr deutlich vor Augen hatte, schien sich Claasen f�r das Inferno �ber ihren K�pfen nicht im Mindesten zu interessieren. Er bewegte sich zielsicher, gelassen, ohne erkennbare Hast. Ein Mann, der genau zu wissen schien, was er wollte. Was fehlte, war lediglich ein Spazierstock. Dann w�re der Landedelmann perfekt gewesen. F�r Sydow, der sp�rte, wie nahe sie dem Tode waren, war das des Guten zu viel, und er warf einen Blick nach oben. Es war immer die gleiche Prozedur. Als Erstes w�rden die Markierungsbomben fallen, abgeworfen von sogenannten Pfadfindern. Zuerst rote, dann gr�ne. Dazwischen Leuchtkerzen, f�nf Dutzend pro Bombe, die in etwa einem Kilometer H�he explodieren und ein wahres Feuerwerk entfachen w�rden. Am Boden angelangt, w�rde jede Leuchtkerze zehn Minuten gl�hen, so lange, bis die Nachmarkierer zur Stelle waren und den Tiergarten in gespenstisches Gr�n tauchen w�rden. All das w�rde jedoch nur der Anfang sein. Nach mehreren Wellen von Pfadfindern, zumeist Mosquitos, w�rden die sogenannten �fire raiser� kommen. Bomber auf Bomber, Brandsatz auf Brandsatz, eine Explosion verheerender als die andere.</p><p>Und Claasen? Der tat weiter so, als sei er zu einer Dinner-Party unterwegs, blieb hin und wieder stehen, wartete, bis Sydow ihn eingeholt hatte und spazierte seelenruhig weiter. Zwei Minuten sp�ter war es geschafft. Sie hatten die Ost-West-Achse erreicht, von wo aus es nur noch ein Katzensprung zu dem verabredeten Treffpunkt war. Schon keimte so etwas wie Hoffnung in Sydow auf.</p><p>Zu fr�h, denn im gleichen Moment brach �ber ihren K�pfen das Chaos aus.</p><p>Es kam so, wie von Sydow bef�rchtet. Der Himmel st�rzte zusammen, und in das Dr�hnen der Flugzeugmotoren mischte sich ein neues, bislang nicht aufgetretenes Ger�usch. Bevor Sydow begriff, was geschah, regneten Dutzende von Leuchtbomben auf den Tiergarten herab. Wo man auch hinh�rte, nichts als Pfeifen, Surren und die sich anschlie�ende Detonation. Der Himmel �ber Berlin erstrahlte in grellem Rot, dem Rot des H�llenrachens, der ein Geschoss nach dem anderen ausspie. Minutenlang ging das so, und obwohl er h�tte in Deckung gehen m�ssen, blieb Sydow stehen und schaute wie gebannt zu. Erst die Markierungsbomben, dann die Leuchtkerzen, Hunderte an der Zahl. Genau so stellte er sich den Weltuntergang vor. Schwer vorstellbar, dass dies alles mit System geschah. Und doch war dem so.</p><p>Keine f�nf Minuten, und auf der Ost-West-Achse war helllichter Tag. Mittlerweile verstand man sein eigenes Wort nicht mehr, und ein Glutofen war nichts hiergegen. Bei�ender Kerosingeruch erf�llte die Luft, raubte ihm fast den Atem. Claasen hatte seinen Weg fortgesetzt, und als Sydow sich endlich losrei�en konnte, betrug sein Vorsprung mindestens 100 Meter. Sydow, der seine letzten Reserven mobilisierte, hielt sich sch�tzend die Hand vors Gesicht. Der Atem der H�lle fegte �ber die Allee. �berall Br�nde, fast keine Luft zum Atmen, der Sauerstoff wurde knapp. Kaum mehr Herr seiner selbst, rang Sydow nach Luft. Wenn es den Vorhof zur H�lle tats�chlich gab, dann befand er sich genau hier.</p><p>Nicht einmal mehr 100 Meter vom Ziel entfernt, drehte sich Claasen nach Sydow um. Er l�chelte, auf die gleiche Weise wie w�hrend Kruppkes Exekution. Sydow verharrte regungslos, nicht mehr ganz sicher, ob dies nicht ein Albtraum und dieses gespenstische L�cheln �berhaupt Wirklichkeit war.</p><p>Doch das war es. Kein Albtraum, und w�re er auch noch so schlimm, h�tte ein derartiges Szenario ersinnen k�nnen. �Sputen Sie sich, Sydow!�, erhob sich die altbekannte, �ber das Bersten, Krachen und die ohrenbet�ubenden Detonationen wie entr�ckt wirkende Stimme. �Oder wollen Sie etwa, dass unser Kommilitone auf uns warten muss?�</p><p>�Kommilitone?�</p><p>�Schon mal was von den �drei Musketieren� geh�rt?�, rief ihm der Marder zu, als das Grollen, Dr�hnen und Rumoren f�r Sekundenbruchteile aussetzte.</p><p>Sydow verstand. Und blieb stumm. Sein Gesicht sprach B�nde, was Claasen mit einem weiteren Grinsen quittierte. Im Widerschein der explodierenden Leuchtk�rper, von denen einige in unmittelbarer N�he niedergingen, sah sein Gesicht wie das eines D�mons aus. �Du wei�t doch, Tom��, rief er mit gezwungener Heiterkeit aus, �einer f�r alle, alle f�r��</p><p>Weiter kam Max Claasen nicht mehr. Er hatte die Phosphorbombe, die ihm zum Verh�ngnis werden sollte, nicht kommen sehen. Ihm blieb nicht einmal mehr Zeit, seinen Satz zu vollenden, geschweige denn zu schreien.</p><p>Und er musste keine Qualen durchleiden, denn kaum war die Bombe in n�chster N�he explodiert, wurde der Marder von einem hell auflodernden, gefr��igen, alles verschlingenden Feuerball verschluckt.</p><empty-line/><p><emphasis>| 23.48h</emphasis></p><empty-line/><p>�Sie k�nnen jetzt nicht da raus, Fr�ulein!�, redete der Luftschutzwart Rebecca gut zu. �Da droben ist gerade die H�lle los!�</p><p>�Mag sein�, antwortete sie und warf einen Blick auf die Uhr. �Bedauerlicherweise wird mir nichts anderes �brig bleiben.�</p><p>Der Keller, in den sie sich vor knapp 20 Minuten gefl�chtet hatte, lag an der Hermann-G�ring-Stra�e, in unmittelbarer N�he der Ecke Tiergartenstra�e. Aufgrund der Zivilstreifen, Schupos und Luftwaffenhelfer, die jeden aufgegriffen hatten, der sich noch im Freien aufhielt, war ihr nichts anderes �briggeblieben. Allm�hlich lief ihr jedoch die Zeit davon, und das Ticken der Uhr in dem engen, hoffnungslos �berf�llten Kellergew�lbe brachte sie fast um den Verstand. Bek�me das Haus einen Volltreffer ab, h�tte ohnehin niemand eine Chance.</p><p>Die Blicke der Hausbewohner im R�cken, die wie in einer Sardinenb�chse aneinander gedr�ngt waren, sah Rebecca den Luftschutzwart beschw�rend an. Bez�glich der Frage, ob einer strammer Nazi war oder nicht, hatte sie ihr Instinkt bislang nur selten im Stich gelassen. Dieser Mann hier, um die 60, grauhaarig und mit leicht ger�tetem Gesicht, war es jedenfalls nicht. Sonst w�re jegliche Diskussion von vornherein zwecklos gewesen.</p><p>�So nehmen Sie doch Vernunft an, Fr�ulein!�, beschwor sie der gro�v�terlich wirkende Mann und hantierte nerv�s an seiner Gasmaske herum. �Ein Schritt vor die T�r, und es ist aus und vorbei!�</p><p>Rebecca umklammerte die Tasche, in der sich das Schriftst�ck befand, um dessentwillen sie das alles hier auf sich nahm. �Und selbst wenn��, lie� sie nicht locker und reckte trotzig das Kinn, �ich muss es einfach riskieren!�</p><p>Der Luftschutzwart runzelte die Stirn. Es w�re ihm ein Leichtes gewesen, Rebecca von ihrem Vorhaben abzubringen, zumal er der weitaus Kr�ftigere war. Aus einem unerfindlichen Grund lie� er es darauf jedoch nicht ankommen, kratzte sich hinterm Ohr und zuckte verst�ndnislos die Achseln. �Wer immer Sie auch sein m�gen, Fr�ulein��, brummte er, �Sie m�ssen ja etwas wirklich Dringendes zu erledigen haben.�</p><p>Rebecca l�chelte schwach. �In der Tat!�, erwiderte sie, w�hrend sie die Tasche, f�r deren Inhalt sie ihr Leben aufs Spiel setzte, wie ein Kleinkind in den Armen barg.</p><p>Der Luftschutzwart bedachte diese mit einem forschenden Blick, vermied es jedoch, Rebecca nach ihrem Inhalt zu fragen. Im Bilde zu sein war gut, �ber Dinge hinwegzusehen, derentwegen man Scherereien bekommen konnte, noch besser.</p><p>�Dann man viel Gl�ck, Fr�ulein!�, rief er der mysteri�sen jungen Frau noch hinterher, tippte an den Schirm seiner M�tze und seufzte tief.</p><p>Eine Antwort sollte er jedoch nicht bekommen. Die Tasche fest an die Brust gepresst, hatte Rebecca die Kellertreppe l�ngst hinter sich gelassen.</p><empty-line/><p><emphasis>| 23.50h</emphasis></p><empty-line/><p>Der Anblick, so grausam er ihm auch erschien, hatte etwas Faszinierendes an sich. Von seinen Eins�tzen �ber dem besetzten Frankreich war er zwar einiges gewohnt. An das hier reichten seine Erfahrungen jedoch nicht heran.</p><p>McLeod, der dem gut 400 Bomber umfassenden Verband im Abstand von f�nf Minuten folgte, fehlten die Worte. Schon aus einer Entfernung von 20 Kilometern war die Zielmarkierung deutlich zu erkennen, und wenn ihm die Flak jetzt keinen Strich durch die Rechnung machte, w�re der Rest so etwas wie Routine f�r ihn.</p><p>Na ja, jedenfalls fast.</p><p>Das Einzige, was ihm derzeit Kopfzerbrechen bereitete, war diese Unwetterwarnung, mehr als s�mtliche Flakbunker zusammen. Dar�ber wollte er sich jedoch nicht allzu viele Gedanken machen. Worauf es ankam, war, diesen Vogel heil runterzubringen, Claasen aufzust�bern und so schnell wie m�glich wieder abzuhauen.</p><p>Das M�ndungsfeuer der Flakbatterien vor Augen, deren Geschosse immer dichter neben seiner Mosquito NF Mk. XIX explodierten, ging McLeod auf 6.000 Fu� und steuerte auf das hell auflodernde Rechteck zu, in dessen Mitte sich die Ost-West-Achse befand. Die Jungs von der Pfadfinder-Schwadron hatten wirklich ganze Arbeit geleistet. Das Gebiet um den Tiergarten war leicht zu erkennen, viel besser als erhofft. Selbst ein Anf�nger h�tte hier landen k�nnen.</p><p>Na, das nun nicht gerade.</p><p>Wenn, ja, wenn nur die Flak nicht gewesen w�re. Trotz seiner Abgebr�htheit klebten McLeods H�nde am Steuer, und die Uniform mit den schwarzblau gestreiften �rmeln war v�llig durchgeschwitzt. Ein Gl�ck, dass die zwei Motoren reibungslos liefen. Sonst w�ren seine Chancen, diesem H�llenfeuer zu entrinnen, auf null gesunken.</p><p>3.500 Fu�. Die Br�nde waren so hell, der Verlauf der Ost-West-Achse derart gut zu erkennen, dass er das Gef�hl hatte, sich im Landeanflug auf seinen St�tzpunkt zu befinden. Daran, dass dem nicht so war, erinnerte ihn die dicht neben der rechten Tragfl�che explodierende Granate, die dazu f�hrte, dass einer der Motoren sofort ausfiel, der andere vor�bergehend ins Stottern geriet. Mit seiner britischen Gelassenheit war es jedenfalls schlagartig vorbei, ungeachtet der Tatsache, dass er die Mosquito trotzdem auf Kurs halten konnte. Noch so ein Ding, und die da drunten w�rden ihn G�ring zum Fra� vorwerfen.</p><p>Worauf er liebend gern verzichten w�rde.</p><p>3.000. Der Steuerbordmotor lief nur noch auf halber Kraft, h�chste Zeit, den Showdown hinter sich zu bringen. Vor ihm ein Meer explodierender Granaten, Flugabwehrgeschosse und detonierender Gesch�tzmunition, versuchte McLeod, seine �Mossie� zu stabilisieren. Eines musste man den Jungs dort unten lassen. Sie machten ihm das Leben verdammt schwer. McLeod st�hnte innerlich auf. Zu dumm, dass ausgerechnet jetzt das Wetter nicht mitspielte. Im Osten, �ber dem Bezirk Friedrichshain, leuchteten bereits die ersten Blitze auf. Und genau dorthin, mitten in das sich zusammenbrauende Unwetter, w�rde er jetzt fliegen. Also sch�n brav die Arschbacken zusammengekniffen, Eier eingeklemmt und den Glauben an K�nig und Vaterland im Blick. Und von dort dr�ben aus eine Schleife in Richtung Linden drehen.</p><p>Rundflug �ber Berlin. Hatte er sich schon immer gew�nscht.</p><p>800 Fu� und ein paar Zerquetschte. Kaum hatte McLeod sein Wendeman�ver beendet, schlug der Blitz in die linke Tragfl�che ein. Auf einen Schlag fiel die komplette Elektronik aus, und die Maschine geriet ins Trudeln, sackte innerhalb von Sekundenbruchteilen auf 500�Fu� ab. Gl�ck f�r ihn, dass der Stromausfall nur von kurzer Dauer war. Sonst h�tte er sein Testament machen k�nnen.</p><p>Um dem Beschuss auszuweichen, den der zweite der drei Berliner Flakt�rme ausspie, vollf�hrte McLeod eine weitere Drehung und setzte erneut zum Landeanflug an, musste, da er zu hoch flog, seine Maschine in H�he des Alexanderplatzes aber erneut durchsacken lassen.</p><p>Bullshit! Aus der gem�tlichen Spritztour w�rde nichts mehr werden.</p><p>H�tte er sich eigentlich gleich denken k�nnen.</p><p>An Max Claasen, den er irgendwo dort unten auflesen sollte, verschwendete er keinen Gedanken mehr.</p><p>Vorerst jedenfalls.</p><p>F�r ihn, Wing Commander Jason McLeod, ging es n�mlich nur noch um eins: ums nackte �berleben.</p><empty-line/><p><emphasis>| 23.58 h</emphasis></p><empty-line/><p>Zuerst die Pfadfinder. Dann der �bliche Budenzauber. Und dann, ein paar Minuten sp�ter, die Bomberflotte, mehrere Hundert Mosquito, Halifax und Lancaster-Maschinen stark. Der Weltuntergang, und das h�chstens einen halben Kilometer entfernt.</p><p>Der Weltuntergang, aus dem wider Erwarten nichts werden sollte.</p><p>Die Brandwache auf dem Pariser Platz, zwei Feuerwehrleute vom Typ Laurel und Hardy, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vor nicht einmal zehn Minuten war der Bezirk Mitte keinen Schuss Pulver mehr wert gewesen.</p><p>Und jetzt das.</p><p>�Kapierst du das?�, machte die Hardy-Kopie aus seiner Ratlosigkeit keinen Hehl.</p><p>�Nee.� Sein Kollege, ein Lethargiker von hohen Gnaden, wischte sich den Schwei� von der Stirn und stierte dumpf vor sich hin. �Du?�</p><p>�Denkst du vielleicht, ich kann hellsehen? Woher soll denn ausgerechnet ich wissen, weshalb die Tommies ihre Eier nicht abgeworfen haben?�</p><p>�Egal. Uns kanns jedenfalls wurscht sein.�</p><p>�Ein Gem�t wie ein Fleischwolf. So was wie dich gibts wirklich kein zweites Mal.�</p><p>��bung macht den Meister. Wer wei�, vielleicht haben sie im letzten Moment Fracksausen gekriegt!�</p><p>Der Blick, mit dem ihn sein Kollege bedachte, sprach B�nde, und der Lethargiker wandte sich beleidigt ab.</p><p>�Quatsch!�, verk�ndete Oliver Hardy der Zweite. �Ich sag dir eins. Da steckt was ganz anderes da��</p><p>Vom Ger�usch einer herannahenden Mosquito NF Mk. XIX irritiert, verstummte der Brandw�chter auf einen Schlag. Er war v�llig perplex, au�erstande zu reagieren. Erst als die Maschine, welche die Quadriga auf dem Brandenburger Tor nur um Haaresbreite verfehlte, seinen Blicken entschwunden war, fand er die Sprache wieder. �Hast du die Registriernummer notiert?�, fragte er seinen Kollegen, ohne Gesp�r daf�r, wie absurd seine Frage war. �Der Trottel verletzt die Vorschriften!�</p><empty-line/><p><emphasis>| 23.59h</emphasis></p><empty-line/><p>Drei Dinge waren es, die Tom Sydow wieder zum Leben erweckten. Zum einen die Regenschauer, die �ber die Ost-West-Achse peitschten und ihn in Sekundenschnelle durchn�sst hatten. Zum anderen, weit ungew�hnlicher, die Ger�usche eines Flugzeuges, dessen Bugr�der in unmittelbarer N�he �ber den Asphalt radierten. Doch weder die Regentropfen, die seine gl�hend hei�e Stirn k�hlten, noch die Propellerger�usche der zweimotorigen Mosquito w�ren imstande gewesen, ihn dem Abgrund seiner Ohnmacht zu entrei�en.</p><p>H�tte es da nicht die Hand gegeben, die ihm behutsam �ber die Haare strich.</p><p>Seltsam, aber wie er so dalag, den Kopf auf etwas Weiches gebettet, versp�rte er den pl�tzlichen Wunsch, dies m�ge immer so weitergehen. Doch dann, gerade eben noch dem Tode nahe, schlug Tom Sydow die Augen auf. Bis er begriff, dass das, was er im Stillen gehofft hatte, Wirklichkeit geworden war, verging einige Zeit. Sekunden, in denen sich das Inferno ringsum in Nichts aufl�ste. Gerade so, als sei er aus einem Albtraum erwacht.</p><p>Das konnte jedoch nicht sein. Die Frau, in deren Augen sich sein Blick versenkte, hatte mit einem Albtraum nicht das Geringste zu tun. Eher mit seinem Gegenteil.</p><p>Erleichtert, ihn wieder unter den Lebenden zu wissen, leuchtete Rebeccas Gesicht vor Freude auf. Das L�cheln, das �ber ihre bleichen Z�ge glitt, sagte mehr als Worte. Sydow h�tte viel daf�r gegeben, wenn dieser Augenblick von Dauer gewesen w�re. Doch da drang auf einmal wieder dieser Motorenl�rm an sein Ohr. Und pl�tzlich, obwohl er sich dagegen str�ubte, kehrte seine Erinnerung wieder zur�ck. W�re Rebecca nicht gewesen, h�tte er ihr vermutlich nicht standhalten k�nnen.</p><p>So aber erwiderte er ihr L�cheln, und als er sich aufrappelte, bemerkte er, dass sie eine Tasche bei sich trug. Alles, was er auf seinen fragenden Blick hin als Antwort erhielt, war ein resigniertes Nicken. Sydow verstand. Es war also alles gut gegangen. Mehr brauchte, mehr wollte er im Moment auch nicht erfahren. Was er wissen wollte, und das mit jeder Faser seines Wesens, wusste er bereits. Rebecca hatte es tats�chlich geschafft. Und das, nicht die Tatsache, dass Claasen, Klinke und er die Gestapo nach allen Regeln der Kunst ausman�vriert hatten, war f�r ihn das Wichtigste. Sollte Heydrich, Himmler und die ganze verkommene Sippschaft doch seinetwegen der Teufel holen. F�r seinen Teil hatte er von dem Fall, der ihn beinahe das Leben gekostet h�tte, genug.</p><p>Das Ger�usch sich n�hernder Motoren, offensichtlich die eines Kampfflugzeuges, brachte Sydow wieder in die Wirklichkeit zur�ck. W�re Rebecca nicht gewesen, mit deren Hilfe er sich aufrecht hielt, h�tte er den Anblick der zweimotorigen Mosquito f�r eine Sinnest�uschung gehalten. Dass dem nicht so war, begriff er sp�testens in dem Moment, als die Maschine mit dem Hoheitszeichen der RAF die Siegess�ule zu umrunden und erneut in Richtung Brandenburger Tor einzuschwenken begann.</p><p>Was dann folgte, konnte man schlecht beschreiben, und schon gar nicht die Gef�hle, die Sydow �berkamen. Er konnte es immer noch nicht fassen. Im Guten wie im B�sen. Zu ausgelaugt, um auch nur ein Wort �ber die Lippen zu bringen, starrte er den mit Tarnfarben bemalten Nachtj�ger britischer Bauart wie ein Phantomgebilde an.</p><p>Mit seinem Piloten, der soeben aus der Kanzel stieg, erging es ihm ebenso. Obwohl er wusste, wen er hier antreffen w�rde, konnte es Sydow immer noch nicht richtig glauben und starrte seinen ehemaligen Internatsgef�hrten ungl�ubig an.</p><p>McLeod, um einiges irritierter als er, erging es nicht anders. Im Begriff, auf Sydow und Rebecca zuzueilen, blieb er wie versteinert stehen. Der Regen ergoss sich vom Himmel, und ein Gemisch aus Flugbenzin, Phosphor und verkohltem Holz lag in der Luft. McLeod wusste nicht, wor�ber er sich mehr freuen sollte: �ber die gegl�ckte Landung, das Abklingen der Brandherde oder das unerwartete Treffen mit einem alten Freund.</p><p>Ein Zusammentreffen, mit dem er nicht gerechnet hatte. Nicht einmal in seinen k�hnsten Fantasien.</p><p>W�ren die Sirenen nicht gewesen, die f�rs Erste Entwarnung gaben, h�tte keiner der beiden M�nner ein Wort gesagt. So aber dr�ngte die Zeit. Zumal, wie eine Feuerwehrsirene ank�ndigte, sie nicht mehr lange unter sich sein w�rden. Und so rettete Wing Commander Jason McLeod in unnachahmlicher Weise die Situation: �Gestatten�McLeod!�, stellte er sich Rebecca vor. Und f�gte, an Sydow gewandt, hinzu: �Thomas Randolph von Sydow, nehme ich an?�</p><p>Sekunden des Z�gerns, dann ein L�cheln, und schon lagen sich die Freunde in den Armen.</p><p>�Max ist tot, Jason.� Ohne es zu wollen, wanderte Sydows Blick zu der Stelle, an der ein verkr�mmter, im Zwielicht des soeben erl�schenden Brandsatzes kaum auszumachender Leichnam lag. �Wir k�nnen nichts mehr f�r ihn tun.�</p><p>McLeod schluckte, wandte sich jedoch gleich wieder ab.</p><p>�Mission completed, Jason. Er hat sein Bestes getan. Die Dame an meiner Seite nicht zu vergessen. Ohne sie w�ren wir glatt aufgeschmissen gewesen.�</p><p>Obwohl sein Deutsch nicht das Beste war, flog ein L�cheln �ber McLeods Gesicht und er sch�ttelte Rebecca die Hand.</p><p>�Dann packen Sie mal mit an, Frollein!�, radebrechte er, als die Feuerwehrsirenen bereits ganz nahe waren. �Damit wir rechtzeitig die� wie sagt man bei Ihnen in Deutschland doch gleich?�</p><p>�Die Fliege machen!�, presste Rebecca heraus, Tr�nen der Erleichterung und zugleich tiefster Verzweiflung im Gesicht. Die Tasche �ber ihrer Schulter wog so schwer wie Blei, und sie hatte M�he, die Fassung zu bewahren.</p><p>�Und wohin bringst du uns, Jason?�, fragte Sydow, w�hrend ihn McLeod und Rebecca zum Flugzeug eskortierten.</p><p>�Nach Hause, Tom!�, antwortete der Wing Commander knapp. �Nach Hause!�</p><empty-line/></section><section><p><sub>36</sub></p><p><emphasis>London-Westminster, 10 Downing Street | 06.52 h OZ</emphasis></p><empty-line/><p>�Ein Sitzungsprotokoll�mehr nicht? Und deswegen schmei�en Sie mich aus den Federn raus?� Winston Churchill, Sp�taufsteher aus Passion, funkelte Sir Stewart Menzies, Chef des MI6, w�tend an. McLeod, die Strapazen der letzten Stunden im �bern�chtigten Gesicht, nahm instinktiv Haltung an. Auf die Aufforderung, sich zu setzen, hatte er vergeblich gewartet. Kein Wunder bei der schlechten Laune, die der Premierminister hatte.</p><p>�Etwas Geduld, Sir, wenn ich bitten darf.� �ber das 15-seitige Protokoll gebeugt, das ihm McLeod vor zehn Minuten in die Hand gedr�ckt hatte, sa� Menzies am Kabinettstisch und nahm von Churchills Griesgr�migkeit nur am Rande Notiz. Obwohl sein Deutsch nicht das allerbeste war, hatte er sich von seiner Arbeit nicht abbringen lassen. Sein Instinkt, auf den er sich stets hatte verlassen k�nnen, sagte ihm, dass dieses Dokument mehr wert war als s�mtliche Geheimdossiers des Dritten Reiches zusammen.</p><p>�Wie w�rs denn mit einem �bersetzer?�, polterte Churchill drauflos.</p><p>�Schon unterwegs, Sir!�, lie� sich Menzies nicht beirren. Je l�nger er �ber dem Dokument mit dem Vermerk �Geheime Reichssache� br�tete, umso mehr �berkam ihn die �berzeugung, dass sich die M�he trotz allem gelohnt zu haben schien. Claasen, dessen Tod ihn alles andere als kalt gelassen hatte, war nicht umsonst gestorben. Das stand f�r ihn jetzt schon fest.</p><p>�Nichts �ber Hitler, Goebbels und die ganze verfluchte Brut?�, wandte sich Churchill dem Wing Commander zu, der am liebsten im Boden versunken w�re.</p><p>�Nein, Sir.�</p><p>�Diese Rebecca Kahn oder wie immer sie auch hei�en mag�sind Sie der Meinung, sie spielt ein doppeltes Spiel?�</p><p>�Auf keinen Fall, Sir.�</p><p>�Na ja, k�nnte doch sein.� Churchill zuckte die Achseln und nippte an seinem Tee. Mit dem Erfolg, dass seine Laune endg�ltig in den Keller sank. �Wer sagt uns, dass sie die �brigen Dokumente aus dem Schlie�fach nicht beiseite geschafft hat? Um gegebenenfalls Kapital daraus zu schlagen?�</p><p>�Kann ich mir nicht vorstellen, Sir.�</p><p>�Was macht Sie so sicher, McLeod?�</p><p>�Pure Menschenkenntnis, Sir.�</p><p>�Menschenkenntnis, soso.� Im Begriff, es mit einem Glas Milch zu probieren, das sich auch auf seinem Fr�hst�ckstablett befand, schnitt Churchill eine Grimasse und schob es angewidert weg.</p><p>�Und wo, wenn die Frage erlaubt ist, h�lt sich besagte Dame momentan auf?�</p><p>�Im Krankenhaus. Bei ihrem��</p><p>�Wie hei�t Ihr Eton-Kumpan gleich noch mal?�</p><p>�Sydow, Sir. Thomas Randolph von Sydow.�</p><p>�Vertrauensw�rdig?�</p><p>�Voll und ganz, Sir.�</p><p>�Wie dem auch sei! Wir werden nicht umhinkommen, ein Auge auf ihn zu haben.�</p><p>McLeod runzelte die Stirn, zog es jedoch vor, die Stimmung nicht weiter anzuheizen.</p><p>�Besser, Sie k�mmern sich jetzt um ihn, junger Mann.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Sir!�, antwortete McLeod, salutierte und begab sich zur T�r.</p><p>�Ach, noch was, mein Junge!�, rief ihm Churchill hinterher, als die Hand des Walisers bereits auf der T�rklinke lag.</p><p>�Sir?�</p><p>�Danke.�</p><p>McLeods Mundwinkel verzogen sich zu einem L�cheln. Dann �ffnete er die T�r und verschwand.</p><p>�Und? Schlauer geworden?�, war Churchill schon wesentlich milder gestimmt, als er sich wieder Menzies zuwandte. Doch der schien seine Frage �berhaupt nicht geh�rt zu haben. Drauf und dran, wieder loszupoltern, bemerkte Churchill jedoch im letzten Moment, dass sein Geheimdienstchef auf einmal leichenblass geworden war. Churchill stutzte. So lange er denken konnte, hatte er Menzies in keiner vergleichbaren, ans Depressive grenzenden Stimmung erlebt. �Irgendwelche neuen Erkenntnisse?�, milderte er den Tonfall seiner Frage denn auch deutlich ab.</p><p>�Kann man wohl sagen, Sir.�</p><p>�Welche?�</p><p>Das Gesicht in die Handballen gest�tzt, schwieg sich Menzies eine Zeit lang aus. Dann hob er den Kopf, legte die Handfl�chen aneinander und sagte: �Um es kurz zu machen, Sir! Wenn ich dieses Dokument richtig deute, wurde Heydrich damit beauftragt, die Vernichtung s�mtlicher im Machtbereich der Nazis wohnhafter Juden in die Wege zu leiten.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Bei allem gebotenen Respekt! Sie haben richtig geh�rt, Sir. Sieht so aus, als g�be es auch schon ein Wort daf�r: Endl�sung!�</p><p>Churchill erhob sich, fuhr mit Daumen und Zeigefinger �ber das unrasierte Kinn und watschelte mit bed�chtigen Schritten auf Menzies zu. �Irgendwelche Erkenntnisse, die zu der Annahme berechtigen, dass der Wortlaut dieses Protokolls der Wahrheit entspricht?�</p><p>Menzies sch�rzte die Lippen, nickte und lie� sein Gesicht wieder zwischen den Handfl�chen versinken. �Wenn, dann nichts Genaues, Sir.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Dass, zumindest was das Reichsgebiet betrifft, derzeit umfangreiche Deportationen im Gange sind.�</p><p>�Und wohin?�</p><p>�Ins besetzte Polen. Unter anderem nach Auschwitz, Belzec und Treblinka.�</p><p>�Etwas genauer, wenns beliebt.�</p><p>Binnen Minuten um Jahre gealtert, starrte Menzies Churchill durchdringend an. �Lager, Sir, riesige Lager. Die SS ist dabei, halb Polen mit einem Netz von Lagern zu �berziehen. Muss ich etwa noch deutlicher werden?�</p><p>�Nicht n�tig.� Beide H�nde auf das Kaminsims gest�tzt, starrte Churchill in die hell auflodernde Glut. Kein Laut durchbrach die Stille, bis auf das Ticken der Standuhr, die sich links neben dem Kamin befand.</p><p>Pl�tzlich, nach minutenlangem Schweigen, stie� sich Churchill ab, drehte sich um und nahm das Dokument mit der Aufschrift �Geheime Reichssache� in die Hand. �Wissen Sie was, Menzies?�, fragte er mit belegter Stimme.</p><p>Menzies drehte sich um und sah Churchill fragend an. �Sir?�</p><p>�Bisweilen ist es von Vorteil, nicht allzu genau �ber derartige Dinge im Bilde zu sein.�</p><p>�Ich f�rchte, ich verstehe nicht ganz, Sir.�</p><p>Ohne auf Menzies zu achten, der jede seiner Bewegungen aufmerksam registrierte, wandte sich Churchill ab, b�ckte sich und hielt die Akte in die Glut.</p><p>Kaum war dies geschehen, fing sie Feuer.</p><empty-line/></section><section><p><sub>37</sub></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Saint Thomas Hospital���������������������������������� | 11.58h</emphasis></p><empty-line/><p>�Bedaure, Schwester, ich habe einen dringenden Termin!�, fertigte Sydow die wandelnde Kriegserkl�rung, die sich Schwester nannte, kurzerhand ab.</p><p>�Na sch�n, dann aber auf eigene Gefahr.�</p><p>�Wissen Sie was, Schwester?�, konterte Sydow mit Blick auf die Stelle, wo sich seine frisch bandagierte Verletzung befand. �Was Gefahr angeht, kann mich wirklich nichts mehr ersch�ttern.� Dann setzte er sein strahlendstes L�cheln auf, schnappte sich sein Jackett und verlie� die Ambulanz.</p><p>�Was? Schon fertig?�, empfing ihn Rebecca drau�en auf dem Flur.</p><p>�Klar!�, erwiderte Sydow, immer noch bleich im Gesicht. �Einen wie mich haut so schnell nichts um.�</p><p>�Nat�rlich. Wie konnte ich das nur vergessen!�, entgegnete Rebecca mit gutm�tigem Spott und hakte sich bei ihm unter.</p><p>�Aua! Ich f�rchte, da tuts noch ein wenig��</p><p>�Weh?�</p><p>�Das nun nicht gerade, aber w�rde es dir etwas ausmachen, wenn du��</p><p>�So richtig?�, antwortete Rebecca, strich sich die Haare aus dem Gesicht und ergriff seine Hand.</p><p>Sydow strahlte �ber das ganze Gesicht. Mit Ausnahme der Freunde, um die er trauerte, war auf einmal alles vergessen, was ihn an den gestrigen Tag erinnerte.</p><p>�Und jetzt?�, fragte Rebecca, die ebenfalls kaum wiederzuerkennen war.</p><p>�Jetzt werden wir�f�r den Fall, dass er genauso p�nktlich wie gestern ist�, zusammen mit McLeod eine kleine Spritztour durch London machen. Und uns anschlie�end zum Tee bei meiner Mutter einladen. Was h�ltst du von der Idee?�</p><p>�Klingt nicht schlecht!�, antwortete Rebecca und fuhr durch ihr seidenweiches Haar.</p><p>�Du machst mich verlegen, wei�t du das?�</p><p>�Und das bei dir�einfach nicht zu glauben!�, lachte Rebecca, verst�rkte ihren Griff und zog ihn mit sich fort.</p><p>Den Stich, den sie dabei im Herzen empfand, ignorierte sie, so gut es ging. Die Erinnerung an das Vergangene w�rde stets pr�sent in ihr sein. Wohin sie auch gehen, was immer sie tun w�rde.</p><p>Und dennoch: Sie w�rde leben.</p><p>Endlich wieder leben.</p><empty-line/><p><emphasis>�Und am 9. Juni befahl Hitler [...] das gesamte Dorf Lidice auszuradieren. SS-Leute exekutierten alle 184�M�nner des Dorfes, deportierten die 198 Frauen ins KZ Ravensbr�ck (aus dem nur 143 heimkehrten) und verschleppten die 105 Kinder nach Lodz (nur 17 �berlebten). Lidice wurde dem Erdboden gleichgemacht.�</emphasis></p><empty-line/><p>(Mario Dederichs: Heydrich. Das Gesicht des B�sen. Piper, M�nchen 2005, S. 201)</p><empty-line/></section><section><title><p><sub>Epilog</sub></p><p><emphasis>Prag</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>(Donnerstag, 18.06.1942)</emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/></section><section><p><sub>38</sub></p><p><emphasis>Prag, Kirche des Heiligen Cyrill und Methodius</emphasis></p><p><emphasis>| fr�hmorgens</emphasis></p><empty-line/><p>Kubi�, Gab��k, Val��k und die vier anderen hatten vorgesorgt. Sie w�rden der SS nicht lebend in die H�nde fallen.</p><p>Um keinen Preis.</p><p>Um 2 Uhr war es soweit. Die SS kam von zwei Seiten, trotz heftiger Gegenwehr. Was folgte, war eine wilde Schie�erei, und das volle drei Stunden lang. Gegen 7 Uhr starb der erste, zwei andere, darunter Kubi�, exekutierten sich schwer verletzt selbst durch einen Kopfschuss. Die �brigen vier Fallschirmj�ger, die sich in der Krypta verschanzt hatten, fand die SS zun�chst nicht.</p><p>Noch nicht.</p><p>Doch dann, wenig sp�ter, stie� sie auf den Einstieg, der hinunter in die Krypta f�hrte. Woraufhin die Schie�erei ihren Fortgang nahm, trotz Intervention des Priesters, der seine Sch�tzlinge vergeblich zur Aufgabe bewegen wollte.</p><p>Die vier Widerstandsk�mpfer, unter ihnen Gab��k und Val��k, waren entschlossen, die eigene Haut so teuer wie m�glich zu verkaufen. Um die Eingeschlossenen zur Aufgabe zu zwingen, setzte die SS Tr�nengas und, als dies nichts n�tzte, Wasserschl�uche ein, mit der Absicht, die Krypta der Kirche zu fluten.</p><p>Vergeblich. Die vier Fallschirmj�ger hielten weiter dagegen, schleuderten Handgranaten, schnitten die Feuerwehrschl�uche durch. Als die SS Dynamit einsetzte, neigte sich der ungleiche Kampf jedoch dem Ende zu.</p><p>Den Schwur, vor der SS nicht zu kapitulieren, haben die vier Widerstandsk�mpfer trotzdem gehalten.</p><p>Als die SS die Krypta st�rmte, waren sie alle tot. Sie hatten sich eine Kugel durch den Kopf geschossen, zwei von ihnen zus�tzlich Gift genommen.</p><p>Am Exempel, das sie damit statuiert hatte, konnte sich die SS trotzdem nicht freuen, denn knapp drei Jahre sp�ter, nach dem Einmarsch der Roten Armee am 09.05.1945, war Prag endlich wieder frei.</p><p>Frei?</p><empty-line/><p>E N D E</p><empty-line/></section></body><body name="notes"><title><p>&#x41F;&#x440;&#x438;&#x43C;&#x435;&#x447;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x44F;</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><p>Anspielung auf Hitler-Rede bei Kriegsbeginn: �Seit 5.45 Uhr wird jetzt zur�ckgeschossen!</p></section></body><binary id="cover" 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