<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Carlos</first-name><middle-name>Ruiz</middle-name><last-name>Zaf�n</last-name></author><book-title>Der dunkle W�chter</book-title><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>es</src-lang><translator><first-name>Lisa</first-name><last-name>Gr�neisen</last-name></translator><sequence name="Die Nebel-Trilogie" number="3"/></title-info><src-title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Carlos</first-name><middle-name>Ruiz</middle-name><last-name>Zaf�n</last-name></author><book-title>Las luces de septiembre</book-title><date/><lang>es</lang></src-title-info><document-info><author><first-name>Elena</first-name><last-name/></author><program-used>calibre 0.9.22, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-11">11.3.2013</date><id>8849a262-4b6e-4287-867c-048597dbfeb6</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438;&#x437;�&#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430;�(epub) Elena</p></history></document-info><publish-info><book-name>Carlos Ruiz Zaf�n. Der dunkle W�chter</book-name><publisher>S. Fischer Verlag GmbH</publisher><city>Frankfurt am Main</city><year>2009</year><isbn>978-3-10-401696-2</isbn></publish-info></description><body><title><p>Carlos Ruiz Zaf�n</p><p>Der dunkle W�chter</p></title><section><p><emphasis>Liebe Irene,</emphasis></p><p><emphasis>die Septemberlichter haben mich gelehrt, Deine Fu�spuren in Erinnerung zu behalten, die von den Gezeiten hinweggesp�lt wurden. Bereits damals wusste ich, dass der Winter schon bald die Illusion des Sommers verwischen w�rde, den wir gemeinsam in der Blauen Bucht verbrachten. Du w�rst �berrascht, wie wenig sich seither ver�ndert hat. Der Leuchtturm ragt auch heute noch wie ein W�chter aus dem Dunst empor, und die Stra�e, die am Strand des Engl�nders entlangf�hrte, ist nur mehr ein blasser Pfad, der sich durch den Sand dem Nirgendwo entgegenwindet.</emphasis></p><p><emphasis>Schweigend und in ein Tuch aus Finsternis geh�llt, lassen sich die Ruinen von Cravenmoore hinter den Baumkronen des Waldes erahnen. Bei den immer selteneren Gelegenheiten, da ich mit dem Segelboot in die Bucht hinausfahre, kann ich immer noch die zerborstenen Fensterscheiben des Westfl�gels sehen, die wie gespenstische Signale durch den Nebel blitzen. Manchmal, wenn die Erinnerung an jene Tage wiederkehrt, als wir in der Abendd�mmerung durch die Bucht zum Hafen zur�cksegelten, kommt es mir vor, als s�he ich wieder die Lichter in der Dunkelheit funkeln. Aber ich wei�, dass dort niemand mehr ist. Niemand.</emphasis></p><p><emphasis>Du wirst Dich fragen, was aus dem Haus am Kap geworden ist. Nun, es steht noch immer dort, trotzt an der �u�ersten Spitze des Kaps einsam dem endlosen Ozean. Letzten Winter zerst�rte ein Sturm das, was von dem kleinen Anlegeplatz am Strand noch �brig war. Ein wohlhabender Juwelier aus irgendeiner namenlosen Stadt war nicht abgeneigt, es f�r einen Spottpreis zu erwerben, doch die Westwinde und die tosende Brandung an den Klippen brachten ihn wieder davon ab. Das Salz hat sich in das wei�e Holz gefressen. Der verborgene Pfad, der zur Lagune f�hrte, ist nun ein undurchdringliches Dickicht aus wild wucherndem Unterholz und herabgest�rzten �sten.</emphasis></p><p><emphasis>Manchmal, wenn es mir die Arbeit im Hafen erlaubt, steige ich aufs Rad und fahre zum Kap, um von der Veranda hoch �ber den Klippen den Sonnenuntergang zu betrachten: Nur ich und ein Schwarm M�wen, die sich in der Rolle der neuen Bewohner eingerichtet zu haben scheinen, ohne je die Kanzlei eines Notars aufgesucht zu haben. Von dort oben kann man noch immer sehen, wie der Mond, wenn er am Horizont erscheint, eine silberne Girlande bis zur Fledermausgrotte spannt.</emphasis></p><p><emphasis>Ich wei� noch, wie ich Dir von dieser H�hle erz�hlte und Dir die phantastische Geschichte von einem gef�rchteten Korsaren auftischte, dessen Schiff in einer Nacht des Jahres 1746 von der Grotte verschlungen worden sei. Das war eine L�ge. Es hat nie einen verwegenen Schmuggler oder Freibeuter gegeben, der sich in diese d�stere Grotte hineingewagt h�tte. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass dies die einzige L�ge war, die Du je aus meinem Mund geh�rt hast. Aber das hast Du wahrscheinlich von Anfang an durchschaut.</emphasis></p><p><emphasis>Als ich heute Morgen ein B�ndel Netze einholte, die sich im Riff verheddert hatten, ist es wieder passiert. F�r eine Sekunde glaubte ich, Dich auf der Veranda des Hauses am Kap zu sehen, wie Du schweigend zum Horizont blicktest, so wie Du es immer gerne getan hast. Als die M�wen aufflogen, wurde mir klar, dass dort niemand war. In der Ferne schwebte der Mont-Saint-Michel �ber dem Nebel wie eine auf Grund gelaufene Insel.</emphasis></p><p><emphasis>Manchmal denke ich, dass alle die Blaue Bucht weit hinter sich gelassen haben, w�hrend ich in der Zeit gefangen bin und vergeblich darauf warte, dass die purpurrote Septembersee mir mehr zur�ckbringt als nur Erinnerungen. Gib nicht viel auf mein Gerede. So ist das mit dem Meer; nach einer Weile bringt es alles wieder zur�ck, besonders die Erinnerungen.</emphasis></p><p><emphasis>Mit diesem Brief habe ich Dir wohl schon an die hundert Mal an Deine letzte Adresse geschrieben, die ich in Paris ausfindig machen konnte. Manchmal frage ich mich, ob Du jemals einen davon erhalten hast und ob Du Dich noch an mich und an jene Morgend�mmerung am Strand des Engl�nders erinnerst. Vielleicht ist es so, vielleicht aber hat Dich das Leben weit von hier fortgef�hrt, weit fort von allen Erinnerungen an den Krieg.</emphasis></p><p><emphasis>Das Leben war so viel einfacher damals, erinnerst Du Dich? Wohl nicht. Langsam glaube ich, dass ich armer Spinner der Einzige bin, der nach wie vor in der Erinnerung an jeden einzelnen jener Tage des Jahres 1937 lebt, als Du noch hier warst, hier bei mir�</emphasis></p></section><section><title><p>1. Der Himmel �ber Paris</p></title><p><strong>Paris, 1936 </strong></p><p>Jeder, der sich an die Nacht erinnert, in der Armand Sauvelle starb, schw�rt, dass ein purpurroter Lichtstrahl die Himmelskuppel durchzog, mit einem gl�henden Funkenschweif, der sich am Horizont verlor. Ein Lichtstrahl, den seine Tochter Irene nicht sehen konnte, der jedoch viele Jahre lang durch ihre Tr�ume geistern sollte.</p><p>Es war ein kalter Wintermorgen, und die Fensterscheiben des Krankensaals Nummer Vierzehn im Hospital Saint George waren von einer feinen Eisschicht �berzogen, die in der vergoldeten D�mmerung unwirkliche Tuschebilder der Stadt auf das Glas zeichnete.</p><p>Armand Sauvelles Lebenslicht verlosch leise, nahezu ohne einen Seufzer. Seine Frau Simone und seine Tochter Irene sahen auf, als die ersten Strahlen die Nacht durchbrachen und nadelfeine Linien in den Saal warfen. Dorian, Irenes j�ngerer Bruder, kauerte schlafend auf einem Stuhl. Eine erschreckende Stille legte sich �ber den Saal. Es waren keine Worte n�tig, um zu begreifen, was geschehen war. Nach sechsmonatigem Leiden hatte das schwarze Gespenst einer Krankheit, deren Namen er niemals auszusprechen wagte, Armand Sauvelle aus dem Leben gerissen. Einfach so.</p><p>Das war der Beginn jenes Jahres, das die Familie Sauvelle als das schlimmste ihres Lebens in Erinnerung behalten sollte.</p><empty-line/><p>Armand Sauvelle nahm seinen Zauber und sein ansteckendes Lachen mit ins Grab, seine zahlreichen Schulden jedoch begleiteten ihn nicht auf seiner letzten Reise. Bald fiel eine Heerschar von Gl�ubigern und allerlei feingewandeten Aasgeiern mit honorigen Titeln �ber die Wohnung der Sauvelles am Boulevard Haussmann her. Auf die unterk�hlten Beileidsbesuche folgten versteckte Drohungen. Und auf diese mit der Zeit die Pf�ndungen.</p><p>Statt renommierter Schulen und einer tadellosen Garderobe bestimmten nun Aushilfst�tigkeiten und bescheidenere Kleider das Leben von Irene und Dorian. Es war der Anfang des schwindelerregenden Abstiegs der Sauvelles in die wirkliche Welt. Aber am schlimmsten traf es Simone. Sie hatte wieder eine Stelle als Lehrerin angenommen, doch der Verdienst reichte nicht aus, um die Schuldenflut zu stoppen, die ihre sp�rlichen Ersparnisse auffra�. In jeder Ecke tauchte ein weiteres Schriftst�ck auf, das Armand unterschrieben hatte, ein weiterer unbezahlter Schuldschein, ein weiteres schwarzes Loch ohne Boden�</p><p>Damals begann der kleine Dorian zu argw�hnen, die halbe Bev�lkerung von Paris bestehe aus Anw�lten und Buchhaltern, einer Art oberirdisch lebender Ratten. Zur gleichen Zeit nahm Irene eine Besch�ftigung in einem Tanzlokal an, ohne dass ihre Mutter davon wusste. F�r ein paar M�nzen (die sie sp�tnachts in die Sparb�chse steckte, die ihre Mutter unter der K�chensp�le aufbewahrte) tanzte sie mit den Soldaten, die kaum mehr waren als verschreckte Halbw�chsige.</p><p>Gleichzeitig stellten die Sauvelles fest, dass die Liste derer, die sich ihre Freunde und Wohlt�ter nannten, dahinschmolz wie Raureif am Morgen. Immerhin machte Henri Leconte, ein alter Freund von Armand Sauvelle, der Familie anfangs des folgenden Sommers das Angebot, die kleine Wohnung �ber dem Gesch�ft f�r Zeichenbedarf zu beziehen, welches er in Montparnasse betrieb. Die Miete stundete er in Erwartung k�nftigen Wohlstands, daf�r sollte Dorian als Laufbursche aushelfen, da seine Knie nicht mehr so wollten wie in seiner Jugend. Simone fand nie gen�gend Worte, um dem alten Monsieur Leconte f�r seine G�te zu danken, und der H�ndler bat auch nie darum. In einer Welt voller Ratten waren sie einem Engel begegnet.</p><p>Als die ersten Wintertage Einzug in den Stra�en hielten, wurde Irene vierzehn Jahre alt, auch wenn sie sich vorkam wie vierundzwanzig. Dieses eine Mal kaufte sie von den M�nzen, die sie in dem Tanzlokal verdiente, einen Kuchen, um mit Simone und Dorian ihren Geburtstag zu feiern. Armands Abwesenheit schwebte �ber ihnen wie ein bedr�ckender Schatten. Gemeinsam pusteten sie in der engen Wohnstube am Montparnasse die Kerzen auf dem Kuchen aus, w�hrend sie sich w�nschten, mit den Flammen m�ge auch das Phantom des Ungl�cks, das sie seit Monaten verfolgte, seinen Geist aushauchen. Dieses eine Mal wurde ihr Wunsch nicht �berh�rt. Noch wussten sie es nicht, doch jene d�stere Zeit neigte sich dem Ende zu.</p><empty-line/><p>Wochen sp�ter zeigte sich unerwartet ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Dank der Bem�hungen von Monsieur Leconte und seiner unz�hligen Bekannten er�ffnete sich f�r ihre Mutter die Aussicht auf eine gute Stelle in einem kleinen Dorf an der K�ste, Baie Bleue, weit weg vom d�steren Grau von Paris, weit weg von den traurigen Erinnerungen an die letzten Tage von Armand Sauvelle. Offensichtlich ben�tigte ein beg�terter Erfinder und Spielzeugfabrikant namens Lazarus Jann eine Hauswirtschafterin, die sich um sein palastartiges Anwesen im Wald von Cravenmoore k�mmern sollte.</p><p>Der Erfinder lebte in der riesigen Villa neben seiner fr�heren Spielzeugfabrik, die mittlerweile geschlossen war. Seine einzige Gesellschaft war seine Frau Alexandra, die seit zwanzig Jahren schwerkrank in einem Zimmer des gro�en Hauses lag. Die Bezahlung war gro�z�gig, und au�erdem bot Lazarus Jann der Familie die M�glichkeit, in das Haus am Kap zu ziehen, ein einfaches Haus oben auf den Klippen, am anderen Ende des Walds von Cravenmoore.</p><p>Mitte Juni 1937 verabschiedete Monsieur Leconte die Familie Sauvelle auf Bahnsteig sechs der Gare d�Austerlitz. Simone und ihre beiden Kinder bestiegen den Zug, der sie an die K�ste der Normandie bringen sollte.</p><p>W�hrend der alte Leconte den Zug in der Ferne verschwinden sah, l�chelte er vor sich hin, und f�r einen Augenblick hatte er das Gef�hl, dass die Geschichte der Sauvelles, ihre wahre Geschichte, gerade erst begonnen hatte.�</p></section><section><title><p>2. Geographie und Anatomie</p></title><p><strong>Normandie, Sommer 1937 </strong></p><p>An ihrem ersten Tag im Haus am Kap versuchten Irene und ihre Mutter ein wenig Ordnung in ihr neues Zuhause zu bringen. Dorian entdeckte unterdessen seine neue Leidenschaft: die Geographie, oder genauer gesagt, das Zeichnen von Karten. Mit Stiften und einem Heft bewaffnet, die Henri Leconte ihm bei der Abreise geschenkt hatte, zog sich der Sohn von Simone Sauvelle auf ein kleines Plateau zwischen den Klippen zur�ck, einen hervorragenden Ausguck, der ihm eine spektakul�re Aussicht bot.</p><p>Das Dorf und die kleine Fischermole beherrschten das Zentrum der breiten Bucht. �stlich davon erstreckte sich ein endloser wei�er Sandstrand, eine perlwei�e W�ste am Meer, auch als �der Strand des Engl�nders� bekannt. Und dann folgte die Nadel des Kaps, die sich wie eine spitze Kralle ins Meer bohrte. Das neue Zuhause der Sauvelles befand sich an seiner �u�ersten Spitze, die den Ort von dem breiten Golf trennte, der von den Einheimischen wegen seines tiefen, dunklen Wassers die Schwarze Bucht genannt wurde.</p><p>Drau�en auf dem Meer, eine halbe Meile vor der K�ste, konnte Dorian im sich aufl�senden Dunst die kleine Leuchtturminsel erkennen. Der Leuchtturm ragte dunkel und geheimnisvoll aus den Nebelschwaden auf. Wenn er zur Landseite blickte, sah Dorian seine Schwester Irene und seine Mutter auf der Veranda des Hauses am Kap.</p><p>Ihre neue Unterkunft war ein zweist�ckiges wei�es Holzhaus, das hoch oben auf den Felsen klebte: eine Terrasse �ber dem Nichts. Gleich hinter dem Haus begann der dichte Wald, und �ber den Wipfeln der B�ume war das majest�tische Anwesen von Lazarus Jann zu erkennen, Cravenmoore.</p><p>Cravenmoore erinnerte eher an ein Schloss, ein kathedralenartiges Hirngespinst, Ausgeburt einer �berspannten, gequ�lten Phantasie. Seine verschachtelten D�cher waren mit einem Labyrinth aus B�gen, Strebepfeilern, T�rmchen und Kuppeln �bers�t. Das Geb�ude erhob sich �ber einem kreuzf�rmigen Grundriss, von dem mehrere Fl�gel abgingen. Dorian betrachtete eingehend die unheimliche Silhouette von Lazarus Janns Wohnsitz. Ein Heer von Wasserspeiern und Engeln wachte �ber dem Fassadenfries wie eine Schar versteinerter Gespenster in Erwartung der Nacht. W�hrend er sein Heft zuklappte und sich auf den R�ckweg zum Haus am Kap machte, fragte sich Dorian, was f�r ein Mensch sich einen solchen Ort zum Leben aussuchte. Er w�rde es bald herausfinden, denn an diesem Abend waren sie zum Essen nach Cravenmoore eingeladen. Eine freundliche Geste ihres neuen Wohlt�ters, Lazarus Jann.</p><empty-line/><p>Irenes neues Zimmer wies in Richtung Nordwesten. Von ihrem Fenster aus konnte sie die Leuchtturminsel und die Lichtflecken sehen, die die Sonne auf den Ozean malte, Seen aus glei�endem Silber. Nach den beengten Monaten in der winzigen Wohnung in Paris kam ihr ein eigenes Zimmer beinahe wie ein anst��iger Luxus vor. Es war ein berauschendes Gef�hl, die T�r schlie�en zu k�nnen und einen Platz ganz f�r sich allein zu haben.</p><p>W�hrend sie zusah, wie die untergehende Sonne das Meer kupferrot f�rbte, hing sie der Frage nach, was sie zu ihrem ersten Abendessen mit Lazarus Jann anziehen sollte. Sie besa� nur noch einen kleinen Teil ihres einstmals gut gef�llten Kleiderschranks. Bei der Vorstellung, im Herrenhaus von Cravenmoore empfangen zu werden, kamen ihr all ihre Kleidungsst�cke wie armselige, besch�mende Fetzen vor. Nachdem sie die einzigen beiden Kleider anprobiert hatte, die alle Voraussetzungen f�r einen solchen Anlass erf�llten, wurde sich Irene eines weiteren Problems bewusst, mit dem sie nicht gerechnet hatte.</p><p>Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr schien ihr K�rper an gewissen Stellen an Umfang zuzunehmen und an anderen zu verlieren. Als sich die fast F�nfzehnj�hrige nun im Spiegel betrachtete, fielen Irene die Launen der Natur st�rker ins Auge als je zuvor. Ihre neue, kurvenreiche Figur passte nicht mehr zu den schlichten Schnitten ihrer angestaubten Garderobe.</p><p>Ein glutrotes Band zog sich am Horizont �ber die Blaue Bucht, als Simone Sauvelle kurz vor dem Einbruch der Dunkelheit leise an ihre T�r klopfte.</p><p>�Herein!�</p><p>Ihre Mutter schloss die T�r hinter sich und erfasste mit einem raschen R�ntgenblick die Situation. S�mtliche Kleider ihrer Tochter lagen auf dem Bett ausgebreitet. Irene stand in einem schlichten wei�en Hemd am Fenster und beobachtete die fernen Lichter der Schiffe im �rmelkanal. Simone betrachtete Irenes schlanken K�rper und l�chelte.</p><p>�Die Zeit vergeht, und wir bemerken es gar nicht, nicht wahr?�</p><p>�Mir passt keines mehr davon. Tut mir leid�, antwortete Irene. �Ich hab�s probiert.�</p><p>Simone trat ans Fenster und ging neben ihrer Tochter in die Hocke. Die Lichter des Dorfes im Zentrum der Bucht malten schimmernde Aquarelle auf das Wasser. Die beiden betrachteten eine Weile das eindrucksvolle Schauspiel des Sonnenuntergangs �ber der Blauen Bucht. Simone streichelte ihrer Tochter �bers Gesicht und l�chelte.</p><p>�Ich glaube, hier wird es uns gefallen. Was meinst du?�, fragte sie.</p><p>�Und wir? Werden wir ihm gefallen?�</p><p>�Lazarus Jann?�</p><p>Irene nickte.</p><p>�Wir sind eine bezaubernde Familie. Er wird uns lieben�, antwortete Simone.</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>�W�re gut, meine Kleine.�</p><p>Irene deutete auf ihre Kleider.</p><p>�Zieh eins von meinen an�, sagte Simone l�chelnd. �Ich denke, sie werden dir besser stehen als mir.�</p><p>Irene err�tete leicht.</p><p>�Dass du immer �bertreiben musst�, warf sie ihrer Mutter vor.</p><p>�Warten wir�s ab.�</p><empty-line/><p>Der Blick, mit dem Dorian seine Schwester bedachte, als diese in einem Kleid von Simone am Fu� der Treppe erschien, war preisw�rdig. Irene heftete ihre gr�nen Augen auf Dorian und gab ihm mit drohend erhobenem Zeigefinger einen gutgemeinten Rat:</p><p>�Sag nichts.�</p><p>Dorian nickte stumm, unf�hig, seinen Blick von dieser Unbekannten zu wenden, die mit derselben Stimme sprach wie seine Schwester Irene und ihr aufs Haar glich. Simone bemerkte seine Miene und verkniff sich ein L�cheln. Dann legte sie mit feierlichem Ernst ihre Hand auf die Schulter des Jungen und ging vor ihm in die Hocke, um seine dunkle Haartolle glattzustreichen, ein Erbe seines Vaters.</p><p>�Du bist von Frauen umzingelt, mein Junge. Gew�hn dich daran.�</p><p>Dorian nickte erneut, halb resigniert, halb erstaunt. Als die Wanduhr acht Uhr schlug, waren alle bereit f�r die gro�e Begegnung und in ihre besten Kleider gewandet. Und au�erdem halbtot vor Angst.</p><empty-line/><p>Eine sanfte Brise wehte von See und strich durch den dichten Wald rund um Cravenmoore. Das verborgene Wispern der Bl�tter begleitete die Schritte von Simone und ihren Kindern auf dem Pfad, der durch den Wald f�hrte, ein regelrechter Tunnel, der in das dunkle, unergr�ndliche Dickicht geschlagen war. Das bleiche Antlitz des Mondes lugte hinter dem Leichentuch aus dunklen Schatten hervor, das �ber dem Wald lag. Die Rufe der V�gel, die in den Kronen der gewaltigen, hundertj�hrigen B�ume nisteten, vereinten sich zu einer beunruhigenden Litanei.</p><p>�Dieser Ort macht mir G�nsehaut�, bemerkte Irene.</p><p>�Ach was�, fiel ihre Mutter ihr ins Wort. �Es ist einfach nur ein Wald. Vorw�rts.�</p><p>Dorian, der die Nachhut bildete, betrachtete schweigend die Schatten des Waldes. Die Dunkelheit formte bedrohliche Schemen und befeuerte seine Phantasie, die in ihnen Dutzende von teuflischen, auf der Lauer liegenden Kreaturen sah.</p><p>�Bei Tageslicht ist hier nichts weiter als Gestr�pp und B�ume�, wiegelte Simone Sauvelle ab und pulverisierte den fl�chtigen Zauber, dem Dorian nachhing.</p><p>Einige Minuten sp�ter, nach einer n�chtlichen Wanderung, die Irene endlos vorkam, standen sie vor der eindrucksvollen, verwinkelten Silhouette von Cravenmoore, das wie ein M�rchenschloss aus dem Nebel auftauchte. Die Fenster des riesigen Anwesens von Lazarus Jann waren von goldenem Licht erleuchtet. Das Heer von Wasserspeiern zeichnete sich vor dem Himmel ab. Etwas abseits war die Spielzeugfabrik zu erkennen, ein Seitentrakt der Villa.</p><p>Simone und ihre Kinder blieben am Waldrand stehen, um die �berw�ltigende Gr��e der Residenz des Spielzeugfabrikanten auf sich wirken zu lassen. In diesem Augenblick flatterte ein Vogel� ein Rabe, wie es schien� aus dem Geb�sch und flog eine neugierige Runde �ber dem Park, der Cravenmoore umgab. Der Vogel kreiste �ber einem der steinernen Brunnen und lie� sich schlie�lich zu Dorians F��en nieder. Nachdem er aufgeh�rt hatte, mit den Fl�geln zu schlagen, wiegte er sich langsam hin und her, bis er schlie�lich reglos sitzen blieb. Der Junge ging in die Hocke und streckte langsam seine rechte Hand nach dem Tier aus.</p><p>�Sei vorsichtig�, warnte ihn Irene.</p><p>Dorian h�rte nicht auf ihren Rat und strich dem Raben �bers Gefieder. Der Vogel r�hrte sich nicht. Der Junge nahm ihn in die H�nde und breitete seine Fl�gel aus. Ein Ausdruck der Verbl�ffung �berschattete sein Gesicht. Nach einigen Sekunden wandte er sich zu Irene und Simone um.</p><p>�Er ist aus Holz�, murmelte er. �Es ist eine Maschine.�</p><p>Die drei warfen sich schweigende Blicke zu. Simone seufzte und sagte dann zu ihren Kindern:</p><p>�Wir wollen einen guten Eindruck hinterlassen, ja?�</p><p>Diese nickten. Dorian stellte den Holzvogel wieder auf den Boden. Simone Sauvelle l�chelte, und auf ihr Nicken hin stiegen die drei die geschwungene Freitreppe aus wei�em Marmor hinauf, die zu dem m�chtigen Bronzeportal f�hrte, hinter dem sich die geheime Welt des Lazarus Jann verbarg.</p><p>Die T�ren von Cravenmoore �ffneten sich vor ihnen, ohne dass sie den eigent�mlichen bronzenen T�rklopfer in Gestalt eines Engelsgesichts bet�tigen mussten. Ein intensiver goldener Lichtschein drang aus dem Inneren des Hauses. In der Helligkeit zeichnete sich eine reglose Silhouette ab. Pl�tzlich erwachte die Gestalt zum Leben und neigte den Kopf, w�hrend gleichzeitig ein mechanisches Rattern zu h�ren war. Leblose Augen starrten sie an, hohle Glaskugeln, eingelassen in eine Maske, deren einziger Ausdruck ein schauriges Grinsen war.</p><p>Dorian schluckte. Irene und ihre Mutter, die leichter zu beeindrucken waren, wichen einen Schritt zur�ck. Die Gestalt streckte ihnen eine Hand entgegen und erstarrte dann wieder.</p><p>�Ich hoffe, Christian hat Sie nicht erschreckt. Er ist eine fr�he, plumpe Sch�pfung.�</p><p>Die Sauvelles wandten sich zu der Stimme um, die vom Fu� der Treppe aus zu ihnen sprach. Ein freundliches Gesicht, dem ein gl�ckliches Alter beschieden schien, l�chelte ihnen mit einer gewissen Verschmitztheit zu. Die Augen des Mannes waren blau und blitzten unter einem dichten, sorgf�ltig gescheitelten Haarschopf hervor. Der Mann, formvollendet gekleidet und mit einem Gehstock aus bemaltem Ebenholz in der Hand, trat n�her und bedachte sie mit einer respektvollen Verbeugung.</p><p>�Mein Name ist Lazarus Jann, und ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen�, sagte er.</p><p>Seine Stimme klang warm und g�tig, eine Stimme, in der etwas Beruhigendes und merkw�rdig Gelassenes lag. Seine gro�en blauen Augen betrachteten aufmerksam jedes einzelne Familienmitglied und blieben schlie�lich auf Simones Gesicht ruhen.</p><p>�Ich habe meinen gewohnten Abendspaziergang durch den Wald unternommen und mich versp�tet. Madame Sauvelle, wenn ich nicht irre��</p><p>�Sehr erfreut, Monsieur.�</p><p>�Bitte nennen Sie mich Lazarus.�</p><p>Simone nickte.</p><p>�Das ist meine Tochter Irene. Und das ist Dorian, das Nesth�kchen der Familie.�</p><p>Lazarus Jann reichte beiden freundlich die Hand. Sein H�ndedruck war fest und angenehm, sein L�cheln ansteckend.</p><p>�Nun, was Christian betrifft, vor dem brauchen Sie wirklich keine Angst zu haben. Ich behalte ihn als Erinnerung an meine Anfangszeit. Er ist plump und sieht alles andere als freundlich aus, ich wei�.�</p><p>�Ist er eine Maschine?�, fragte Dorian fasziniert.</p><p>Simones tadelnder Blick kam zu sp�t. Lazarus l�chelte dem Jungen zu.</p><p>�So k�nnte man es nennen. Technisch gesehen ist Christian das, was wir einen Automaten nennen.�</p><p>�Haben Sie ihn gebaut, Monsieur?�</p><p>�Dorian!�, schalt seine Mutter.</p><p>Lazarus l�chelte erneut. Offensichtlich st�rte ihn die Neugier des Jungen nicht im Geringsten.</p><p>�Ja. Ihn und viele andere. Das ist oder vielmehr war mein Beruf. Aber das Abendessen wartet. Was halten Sie davon, wenn wir das alles bei einem guten Happen besprechen und uns so besser kennenlernen?�</p><p>K�stlicher Bratenduft stieg ihnen in die Nase wie ein Zauberelixier. Selbst ein Stein h�tte ihre Gedanken lesen k�nnen.</p><empty-line/><p>Doch der �berraschende Empfang durch den Automaten und die �berw�ltigende Au�enansicht von Cravenmoore waren nur ein Vorgeschmack darauf, was die Sauvelles im Inneren von Lazarus Janns Villa erwartete. Kaum waren sie �ber die Schwelle getreten, als die drei in eine phantastische Welt eintauchten, die weit �ber ihre k�hnsten Vorstellungen hinausging.</p><p>Eine prunkvolle Treppe schien sich spiralf�rmig ins Endlose hinaufzuwinden. Wenn sie den Blick nach oben richteten, sahen die Sauvelles einen hohen Raum, der bis in die zentrale Kuppel von Cravenmoore hinaufreichte. Eine Laterna magica tauchte das Innere des Hauses in ein diffuses, gebrochenes Licht. Von diesem gespenstischen Schimmern �bergossen, war eine schier endlose Galerie mechanischer Gesch�pfe zu erkennen. Eine gro�e Standuhr mit Augen und einer karikaturenhaften Grimasse grinste den Besuchern entgegen. Eine Ballerina im luftigen Schleier drehte sich in der Mitte eines ovalen Raumes, in dem jeder Gegenstand, jedes Detail Teil einer von Lazarus Jann geschaffenen Welt war.</p><p>Die T�rkn�ufe zierten fr�hlich lachende Gesichter, die mit den Augen zwinkerten, wenn man daran drehte. Ein gro�er Uhu mit pr�chtigem Gefieder zeigte seine gl�sernen Pupillen und schlug im D�mmerlicht langsam mit den Fl�geln. Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Miniaturen und Spielzeugen f�llten endlose W�nde und Vitrinen, f�r deren Erkundung man ein ganzes Leben gebraucht h�tte. Ein niedliches mechanisches H�ndchen wedelte mit dem Schwanz und kl�ffte einer vorbeihuschenden Blechmaus hinterher. Von der unsichtbaren Decke hing ein Mobile aus Feen, Drachen und Sternen herab und tanzte um ein Schloss, das zum fernen Klang einer Spieluhr inmitten von Wattewolken schwebte�</p><p>Wohin sie auch sahen, entdeckten die Sauvelles immer neue Wunder, immer neue unglaubliche Sch�pfungen, die alles je Gesehene �bertrafen. Unter Lazarus� am�siertem Blick blieben die drei minutenlang stehen, in einem Zustand v�lliger Verzauberung gefangen.</p><p>�Es ist� es ist wunderbar!�, sagte Irene, die ihren Augen nicht traute.</p><p>�Nun, das ist erst die Eingangshalle. Aber es freut mich sehr, dass sie Ihnen gef�llt�, erkl�rte Lazarus, w�hrend er sie zu dem gro�en Speisesaal von Cravenmoore f�hrte.</p><p>Dorian, dem es die Sprache verschlagen hatte, betrachtete alles mit tellergro�en Augen. Simone und Irene, die nicht minder beeindruckt waren, gaben sich alle M�he, nicht v�llig jenem hypnotischen Traumzustand zu verfallen, den das Haus hervorrief.</p><p>Der Saal, in dem das Abendessen aufgetragen wurde, stand der Eingangshalle in nichts nach. Von den Gl�sern bis zum Besteck, von den Tellern bis zu den kostbaren Teppichen, die den Boden bedeckten, trug alles den Stempel von Lazarus Jann. Nicht ein einziger Gegenstand im Haus schien der grauen, so schrecklich normalen wirklichen Welt anzugeh�ren, die sie mit dem Betreten dieses Hauses hinter sich gelassen hatten. Dabei entging Irene nicht das riesige Portr�t, das �ber dem Kamin hing, dessen Flammen aus den M�ulern mehrerer Drachen flackerten. Es zeigte eine bet�rend sch�ne Dame im wei�en Kleid. Ihr Blick war von solcher Eindringlichkeit, dass die Grenze zwischen der Wirklichkeit und dem Pinselstrich des K�nstlers verschwamm. Irene versank sekundenlang in diesem magischen, bezaubernden Blick.</p><p>�Meine Frau Alexandra� als sie noch bei guter Gesundheit war. Es waren wunderbare Zeiten�, sagte Lazarus hinter ihr mit einer Stimme, die von Melancholie und Resignation umh�llt war.</p><empty-line/><p>Das Essen bei Kerzenschein verlief angenehm. Lazarus Jann entpuppte sich als exzellenter Gastgeber, der rasch mit Scherzen und allerlei Schnurren die Sympathie von Dorian und Irene gewann. Im Verlauf des Abends erz�hlte er ihnen, dass die k�stlichen Gerichte, die sie genossen, von Hannah zubereitet worden seien, einem M�dchen in Irenes Alter, das als K�chin und Zimmerm�dchen f�r ihn arbeite. Nach wenigen Minuten verschwand die anf�ngliche Anspannung, und alle beteiligten sich an der lockeren Unterhaltung, die der Spielzeugfabrikant mit unaufdringlicher Geschicklichkeit entspann.</p><p>Als sie zum zweiten Gang kamen, einem Truthahnbraten, Hannahs Spezialit�t, hatten die Sauvelles das Gef�hl, es mit einem alten Bekannten zu tun zu haben. Zu ihrer Beruhigung stellte Simone fest, dass die Sympathie zwischen ihren Kindern und Lazarus auf Gegenseitigkeit beruhte und auch sie sich seinem Charme nicht entziehen konnte.</p><p>Zwischen zahlreichen Anekdoten gab Lazarus ihnen hilfreiche Erl�uterungen zum Haus und den Aufgaben, die mit der neuen Stelle verbunden waren. Freitags hatte Hannah ihren freien Abend, den sie bei ihrer Familie, einfachen Leuten, in Baie Bleue verbrachte. Lazarus k�ndigte jedoch an, dass sie Gelegenheit haben w�rden, sie kennenzulernen, sobald sie wieder zur Arbeit kam. Hannah war neben Lazarus und seiner Frau die einzige Person, die auf Cravenmoore lebte. Sie w�rde ihnen dabei helfen, sich einzuleben, und ihnen bei allen Fragen bez�glich des Hauses zur Verf�gung stehen.</p><p>Beim Nachtisch, einer unwiderstehlichen Himbeertorte, begann Lazarus zu erkl�ren, was er von ihnen erwartete. Obwohl im Ruhestand, arbeite er nach wie vor gelegentlich in der Spielzeugwerkstatt. Sowohl zur Fabrik als auch zu den Zimmern der oberen Stockwerke sei ihnen der Zugang verboten. Sie d�rften sie unter keinen Umst�nden betreten. Dies gelte insbesondere f�r den Westfl�gel des Hauses, in dem sich die R�umlichkeiten seiner Frau bef�nden.</p><p>Alexandra Jann litt seit mehr als zwanzig Jahren an einer seltsamen, unheilbaren Krankheit, die sie zwang, absolute Bettruhe zu halten. Sie lebte zur�ckgezogen in ihrem Zimmer im zweiten Stock des Westfl�gels, das nur ihr Mann betrat, um sich um sie zu k�mmern und ihr alle Pflege angedeihen zu lassen, die sie in ihrem Zustand ben�tigte. Der Spielzeugfabrikant erz�hlte ihnen, wie sich seine Frau, damals eine lebensfrohe, jugendliche Sch�nheit, die mysteri�se Krankheit auf einer Reise durch Mitteleuropa zugezogen habe.</p><p>Der Virus, gegen den es offenbar keine Heilung gab, hatte zusehends von ihr Besitz ergriffen. Bald konnte sie kaum noch gehen oder einen Gegenstand festhalten. Binnen sechs Monaten verschlechterte sich ihr Zustand derart, dass sie zur Invalidin wurde, ein trauriges Abbild der Person, die er nur wenige Jahre zuvor geheiratet hatte. Ein Jahr nach dem Ausbruch der Krankheit begann das Ged�chtnis der Erkrankten nachzulassen, und nach wenigen Wochen war sie kaum noch imstande, ihren eigenen Ehemann zu erkennen. Dann h�rte sie auf zu sprechen, und ihr Blick starrte ins Leere. Alexandra Jann war zu diesem Zeitpunkt sechsundzwanzig Jahre alt. Seit jenem Tag hatte sie Cravenmoore nicht mehr verlassen.</p><p>Die Sauvelles lauschten Lazarus� trauriger Erz�hlung mit respektvollem Schweigen. Der Fabrikant, den die Erinnerung und die zwei Jahrzehnte voller Einsamkeit und Leid sichtlich aufw�hlten, versuchte dem Ganzen die Schwere zu nehmen, indem er das Gespr�ch auf Hannahs k�stliche Torte lenkte. Doch die traurige Bitternis in seinem Blick blieb Irene nicht verborgen.</p><p>Es fiel ihr nicht schwer, sich Lazarus Janns R�ckzug ins Nirgendwo vorzustellen. Nachdem ihm das genommen worden war, was er am meisten liebte, hatte sich Lazarus in seine Phantasiewelt zur�ckgezogen und Hunderte von Wesen und Objekten geschaffen, um mit ihnen die tiefe Einsamkeit auszuf�llen, die ihn umgab.</p><p>Nachdem sie die Geschichte des Spielzeugfabrikanten geh�rt hatte, war Irene klar, dass sie diesen einer �berbordenden Einbildungskraft entsprungenen Kosmos von Cravenmoore nicht l�nger als die spektakul�re, beeindruckende Laune seines Sch�pfers sehen konnte. F�r sie, die die Leere des Verlusts am eigenen Leib erfahren hatte, war Cravenmoore nichts anderes als der dunkle Widerhall des Labyrinths aus Einsamkeit, in dem Lazarus Jann in den letzten zwanzig Jahren gelebt hatte. Jeder Bewohner dieser wundersamen Welt, jedes Gesch�pf war nichts anderes als eine stumm vergossene Tr�ne.</p><p>Nach dem Essen wusste Simone Sauvelle genau �ber ihre Pflichten und Zust�ndigkeiten im Haus Bescheid. Ihre Aufgaben entsprachen denen einer Haush�lterin, eine Arbeit, die wenig mit ihrem urspr�nglichen Beruf als Lehrerin zu tun hatte, aber f�r eine gute Zukunft ihrer Kinder war sie gewillt, ihr M�glichstes zu tun. Simone sollte Hannahs Arbeit und jene der Aushilfsbediensteten �berwachen, sie w�rde sich um die Verwaltung und Instandhaltung von Lazarus Janns Anwesen k�mmern, die Gesch�fte mit den Lieferanten und den H�ndlern im Dorf abwickeln, die Korrespondenz f�hren, Bestellungen aufgeben und daf�r sorgen, dass nichts und niemand den Fabrikanten in seinem selbstgew�hlten R�ckzug von der Au�enwelt st�rte.</p><p>Im Gegenzug konnte Simone mit ihren Kindern im Haus am Kap wohnen und erhielt ein mehr als anst�ndiges Gehalt. Lazarus w�rde �berdies Irenes und Dorians Schulgeld f�r das kommende Schuljahr �bernehmen. Au�erdem verpflichtete er sich, beiden das Studium zu bezahlen, wenn die jungen Leute die Bef�higung und den Willen dazu zeigten. Irene und Dorian wiederum konnten ihrer Mutter bei den Aufgaben zur Hand gehen, die diese ihnen im Haus zuwies, solange sie sich an die goldene Regel hielten und niemals die von seinem Besitzer abgesteckten Grenzen �berschritten.</p><p>In Anbetracht der letzten Monate in Schulden und Elend erschien Lazarus� Angebot Simone Sauvelle wie ein Geschenk des Himmels. Die Blaue Bucht war eine paradiesische Umgebung, um mit ihren Kindern ein neues Leben anzufangen. Die Stelle war attraktiv, und es sah ganz so aus, als ob Lazarus ein gro�z�giger, g�tiger Arbeitgeber w�re. Fr�her oder sp�ter musste ihnen das Gl�ck wieder hold sein. Das Schicksal hatte sie an diesen abgelegenen Ort gef�hrt, und zum ersten Mal seit langem war Simone gerne bereit, dem Schicksal Folge zu leisten. Mehr noch, wenn ihr Gef�hl sie nicht trog� und das tat es selten�, sp�rte sie, dass ihr und ihrer Familie aufrichtige Sympathie entgegengebracht wurde. Sie konnte sich durchaus vorstellen, dass ihre Gesellschaft und ihre Anwesenheit auf Cravenmoore Balsam f�r die unendliche Einsamkeit sein mochte, die seinen Besitzer zu umfangen schien.</p><p>Das Abendessen endete mit einer Tasse Kaffee und Lazarus� Versprechen, den zutiefst faszinierten Dorian irgendwann in die Geheimnisse der Herstellung von Automaten einzuweihen. Bei diesem Angebot begannen die Augen des Jungen zu leuchten, und f�r einen kurzen Moment trafen sich Lazarus� und Simones Blicke im Kerzenschein. Simone entdeckte in ihnen die Spur jahrelangen Alleinseins, einen Schatten, den sie nur zu gut kannte. Ziellos dahintreibende Schiffe, deren Wege sich in der Nacht kreuzen. Der Spielzeugfabrikant wandte den Blick ab und stand schweigend auf, um die Tafel aufzuheben.</p><p>Dann begleitete er sie zum Haupteingang, wobei er hin und wieder kurz stehen blieb, um ihnen eines der Wunderwerke zu erkl�ren, die ihren Weg s�umten. Dorian und Irene lauschten seinen Erl�uterungen mit offenem Mund. Cravenmoore beherbergte so viele wundersame Dinge, dass es f�r hundert Jahre Staunen gereicht h�tte. Kurz bevor sie die Eingangshalle erreichten, blieb Lazarus vor einer komplizierten Apparatur aus Spiegeln und Linsen stehen und warf Dorian einen r�tselhaften Blick zu. Wortlos steckte er den Arm in einen Spiegelschacht. Das Abbild seiner Hand l�ste sich langsam auf, bis sie schlie�lich nicht mehr zu sehen war. Lazarus l�chelte.</p><p>�Du darfst nicht alles glauben, was du siehst. Das Abbild der Wirklichkeit, das unsere Augen wiedergeben, ist nur eine Illusion, ein optischer Effekt�, sagte er. �Das Licht ist eine gro�e L�gnerin. Gib mir deine Hand.�</p><p>Dorian folgte den Anweisungen des Spielzeugfabrikanten und lie� zu, dass dieser seine Hand ebenfalls in den Spiegelschacht schob, wo seine Hand vor seinen Augen verschwand. Dorian wandte sich mit einer stummen Frage im Blick zu Lazarus.</p><p>�Kennst du dich mit den Gesetzen der Optik und des Lichts aus?�, fragte der.</p><p>Dorian sch�ttelte den Kopf. In diesem Moment wusste er nicht einmal, wo seine rechte Hand war.</p><p>�Die Magie ist nur eine Erweiterung der Physik. Wie steht es mit der Mathematik?�</p><p>�Mit Ausnahme der Trigonometrie, so lala��</p><p>Lazarus l�chelte.</p><p>�Damit werden wir beginnen. Die Phantasie besteht aus Zahlen, Dorian. Das ist der ganze Trick.�</p><p>Der Junge nickte, ohne genau zu wissen, wovon Lazarus sprach. Schlie�lich wies dieser zur T�r und begleitete sie bis auf die Schwelle. In diesem Augenblick glaubte Dorian etwas zu sehen, das unm�glich war. Als sie an einer der flackernden Laternen vorbeikamen, zeichneten sich die Schatten ihrer K�rper an den W�nden ab. Alle bis auf einen: der von Lazarus hinterlie� keine Spur an der Wand, als sei seine Gegenwart nur eine Illusion.</p><p>Als er sich umdrehte, beobachtete Lazarus ihn aufmerksam. Der Junge schluckte. Der Spielzeugfabrikant kniff ihm z�rtlich in die Wange, scherzhaft.</p><p>�Glaub nicht alles, was deine Augen sehen��</p><p>Und Dorian folgte seiner Mutter und seiner Schwester nach drau�en.</p><p>�Danke f�r alles, und gute Nacht�, sagte Simone zum Abschluss.</p><p>�Es war mir ein Vergn�gen. Und das sage ich nicht aus H�flichkeit�, erkl�rte Lazarus herzlich. Er l�chelte freundlich und hob zum Abschied die Hand.</p><empty-line/><p>Kurz vor Mitternacht machten sich die Sauvelles auf den R�ckweg durch den Wald zum Haus am Kap.</p><p>Dorian war ganz still. Er stand noch unter dem Eindruck von Lazarus Janns wundersamem Anwesen. Irene war weit weg, in ihre eigenen Gedanken vertieft. Simone wiederum atmete beruhigt auf und dankte Gott f�r das Gl�ck, das er ihnen gesandt hatte.</p><p>Kurz bevor die Umrisse von Cravenmoore hinter ihnen verschwanden, drehte sich Simone noch einmal um, um es ein letztes Mal zu betrachten. Ein einziges Fenster im zweiten Stock des Westfl�gels war noch erleuchtet. Eine Gestalt stand reglos hinter den Vorh�ngen. Genau in diesem Moment verlosch das Licht, und das hohe Fenster versank in Dunkelheit.</p><empty-line/><p>Zur�ck in ihrem Zimmer, zog Irene das Kleid aus, das ihre Mutter ihr geliehen hatte, und legte es sorgf�ltig �ber den Stuhl. Im Nachbarzimmer waren Simones und Dorians Stimmen zu h�ren. Das M�dchen l�schte das Licht und legte sich aufs Bett. Blaue Schatten huschten �ber den klaren Himmel wie tanzende Gespenster im Nordlicht. Das Murmeln der Wellen, die sich an den Klippen brachen, liebkoste die Stille. Irene schloss die Augen und versuchte vergeblich zu schlafen.</p><p>Es war kaum zu glauben, dass sie von dieser Nacht an ihr altes Zimmer in Paris nie mehr wiedersehen w�rde und auch nicht mehr in das Tanzlokal gehen musste, um sich die paar M�nzen zu verdienen, die die Soldaten dabeihatten. Sie wusste, dass die Schatten der gro�en Stadt sie hier nicht erreichen konnten, doch die Erinnerungen lie�en sich nicht aufhalten. Sie stand wieder auf und trat ans Fenster.</p><p>Der Leuchtturm ragte in der Dunkelheit auf. Sie betrachtete die Insel im wei�en Nebel. Ein fl�chtiger Lichtreflex schien aufzuleuchten, wie das Aufblitzen eines Spiegels in der Ferne. Sekunden sp�ter erschien der Lichtstrahl erneut, um dann endg�ltig zu verschwinden. Irene runzelte die Stirn und bemerkte, dass ihre Mutter unten auf der Veranda stand. In einen dicken Pullover geh�llt, betrachtete sie schweigend das Meer. Irene brauchte ihr Gesicht in der Dunkelheit nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie weinte und dass sie beide lange brauchen w�rden, um einzuschlafen. In dieser ersten Nacht im Haus am Kap, nach diesem ersten Schritt, der sie dem Horizont des Gl�cks n�herzubringen schien, machte sich Armand Sauvelles Fehlen schmerzlicher bemerkbar als je zuvor.</p></section><section><title><p>3. Die Blaue Bucht</p></title><p>Kein Morgen ihres Lebens war Irene je strahlender vorgekommen als dieser 22.Juni 1937. Das Meer glitzerte diamanten unter einem Himmel, der von einer solchen Klarheit war, wie sie es in den Jahren in der Stadt nie f�r m�glich gehalten h�tte. Von ihrem Fenster aus war die Leuchtturminsel nun ganz deutlich zu erkennen, genau wie die kleinen Felsen in der Mitte der Bucht, die aussahen wie der Kamm eines Meeresdrachens. Die ordentlich aufgereihten H�user an der Uferpromenade des Dorfes, hinter dem Strand des Engl�nders, verschwammen im Dunst, der von der Fischermole aufstieg, zu einem flimmernden Aquarell. Wenn sie die Augen halb schloss, wirkte das Bild wie das Paradies von Claude Monet, dem Lieblingsmaler ihres Vaters.</p><p>Irene riss das Fenster weit auf und lie� die salzgeschw�ngerte Meeresluft ins Zimmer str�men. Die M�wen, die auf den Klippen hockten, be�ugten sie neugierig. Neue Nachbarn. Nicht weit von ihnen entfernt entdeckte Irene Dorian, der sich bereits an seinen Lieblingsplatz zwischen den Felsen zur�ckgezogen hatte, wo er Luftspiegelungen und kleine Tiere abzeichnete� oder was auch immer er auf seinen einsamen Ausfl�gen trieb.</p><p>Irene war bereits ganz mit der Frage besch�ftigt, was sie an diesem traumhaften Tag anziehen sollte, als eine unbekannte, glockenhelle Plapperstimme aus dem unteren Stockwerk zu ihr hinaufdrang. Nach ein paar Sekunden aufmerksamen Lauschens h�rte sie die ruhige, sanfte Stimme ihrer Mutter heraus, die sich unterhielt oder vielmehr versuchte, kurze Bemerkungen in den wenigen Atempausen unterzubringen, die ihre Gespr�chspartnerin machte.</p><p>W�hrend sie sich anzog, versuchte Irene anhand der Stimme zu erraten, wie diese Person wohl aussehen mochte. Schon als Kind war das einer ihrer liebsten Zeitvertreibe gewesen: mit geschlossenen Augen eine Stimme zu h�ren und sich vorzustellen, zu wem sie wohl geh�rte. Sich die Statur dazu auszumalen, das Gesicht, den Charakter�</p><p>Diesmal sah sie vor ihrem inneren Auge eine junge Frau, nicht sehr gro�, quecksilbrig und quirlig, mit dunklem Haar und wahrscheinlich dunklen Augen. Mit diesem Bild im Kopf ging sie nach unten� um ihren Appetit auf ein ordentliches Fr�hst�ck zu stillen und vor allem ihre Neugier auf die Besitzerin dieser Stimme.</p><p>Als sie das Wohnzimmer im Erdgeschoss betrat, stellte sie fest, dass sie sich nur in einem Punkt geirrt hatte: die Haare des M�dchens waren strohblond. Mit dem Rest hatte sie ins Schwarze getroffen. Auf diese Weise lernte Irene die hinrei�ende, stets vergn�gte Hannah kennen� als Erstes vom H�ren.</p><empty-line/><p>Simone Sauvelle gab sich alle M�he, das Abendessen, das Hannah tags zuvor f�r ihre Begegnung mit Lazarus Jann zubereitet hatte, mit einem k�stlichen Fr�hst�ck zu erwidern. Beim Essen ging das Mundwerk des M�dchens noch schneller als beim Reden. Der Schwall an Anekdoten, Klatsch und allerlei Hist�rchen �ber das Dorf und seine Bewohner, der �ber sie hereinbrach, gab Simone und Irene schon nach wenigen Minuten das Gef�hl, Hannah ein Leben lang zu kennen.</p><p>Zwischen einem Toast und dem n�chsten lieferte Hannah ihnen eine rasche Abfolge von Schlaglichtern auf ihr Leben. Im November werde sie sechzehn; ihre Eltern h�tten ein Haus im Dorf, er sei Fischer, sie B�ckerin; bei ihnen lebe auch noch ihr Cousin Ismael, der habe vor Jahren seine Eltern verloren und gehe seinem Onkel, also ihrem Vater, auf dem Boot zur Hand. Zur Schule gehe sie nicht mehr, weil Jeanne Brau, diese Hexe, die Direktorin der Dorfschule, sie als faul und begriffsstutzig angesehen habe. Nun bringe ihr halt Ismael das Lesen bei, und ihre Kenntnisse im Einmaleins w�rden w�chentlich besser. Sie liebe die Farbe Gelb und sammle Muscheln, die sie am Strand des Engl�nders suche. Am liebsten h�re sie Fortsetzungsromane im Radio und gehe im Sommer zum Tanz auf dem Dorfplatz, wenn fahrende Musikgruppen vorbeik�men. Sie benutze kein Parf�m, habe aber eine Schw�che f�r Lippenstifte�</p><p>Wer Hannah zuh�rte, erlebte etwas irgendwo zwischen Vergn�gen und Ersch�pfung. Nachdem sie ihr eigenes Fr�hst�ck verschlungen hatte sowie alles, was Irene nicht schaffte, hielt Hannah f�r einige Sekunden in ihrem Geplapper inne. Die Stille, die nun im Haus eintrat, erschien unwirklich. Aber sie w�hrte nat�rlich nicht lange.</p><p>�Wie w�r�s, wenn wir beide einen Spaziergang machen und ich dir das Dorf zeige?�, fragte Hannah, pl�tzlich begeistert von der Aussicht, als Fremdenf�hrerin von Baie Bleue zu dienen.</p><p>Irene und ihre Mutter wechselten einen Blick.</p><p>�Ich w�rde mich freuen�, antwortete Irene schlie�lich.</p><p>Hannah strahlte bis �ber beide Ohren.</p><p>�Keine Sorge, Madame Sauvelle. Ich bringe sie Ihnen gesund und munter zur�ck.�</p><p>Und so st�rzten Irene und ihre neue Freundin aus der T�r und liefen zum Strand des Engl�nders hinunter, w�hrend langsam wieder Ruhe im Haus am Kap einkehrte. Simone nahm ihre Kaffeetasse und trat auf die Veranda, um den Frieden des Morgens zu genie�en. Dorian winkte ihr von den Klippen aus zu.</p><p>Simone winkte zur�ck. Ein neugieriger Junge. Und immer allein. Er schien kein Interesse daran zu haben, Freunde zu finden, oder er wusste nicht, wie man das anstellte. Er lebte in seiner eigenen Welt, in seinen Heften, und nur der Himmel wusste, was in seinem Kopf vorging. W�hrend sie ihren Kaffee austrank, warf Simone einen letzten Blick auf Hannah und ihre Tochter, die auf dem Weg zum Dorf waren. Hannah redete unerm�dlich. Die einen zu viel, die anderen zu wenig.</p><empty-line/><p>Die Einweisung der Familie in die Geheimnisse und Feinheiten des Lebens in einem kleinen K�stenort nahm den gr��ten Teil des Julis in Baie Bleue ein. Die erste Phase des Kulturschocks und der Verwirrung dauerte eine lange Woche. In diesen Tagen stellte die Familie fest, dass die Sitten und Gebr�uche in Baie Bleue mit denen in Paris nichts gemeinsam hatten au�er der Verwendung des Dezimalsystems. Da war zun�chst die Sache mit den Uhrzeiten. Es w�re nicht vermessen zu behaupten, dass in Paris auf tausend Einwohner ebenso viele Uhren kamen, kleine Tyrannen, die das Leben mit milit�rischer Willk�r organisierten. In Baie Bleue hingegen gab es kein anderes Stundenma� als das der Sonne. Und keine weiteren Autos als die von Doktor Giraud, der Gendarmerie und von Lazarus. Die Reihe der Gegens�tze war endlos. Und im Grunde machten nicht Zahlen den Unterschied, sondern Gewohnheiten.</p><p>Paris war eine Stadt von Unbekannten, ein Ort, an dem man jahrelang leben konnte, ohne den Namen des Menschen zu kennen, der auf der anderen Seite des Treppenhauses wohnte. In Baie Bleue hingegen war es unm�glich, zu niesen oder sich an der Nase zu kratzen, ohne dass das Ereignis in der ganzen Gemeinde gro�en Widerhall gefunden h�tte. Es war ein Dorf, in dem ein Schnupfen eine Nachricht war und Nachrichten ansteckender waren als ein Schnupfen. Es gab keine Dorfzeitung, und es war auch keine n�tig.</p><p>Es war Hannahs Auftrag, sie in das Leben, die Geschichte und die Wunder der Gemeinde einzuweisen. Da das M�dchen beim Reden eine atemberaubende Geschwindigkeit entwickelte, gelang es ihm, in einigen wenigen Vortr�gen gen�gend Informationen und Klatsch unterzubringen, um ein ganzes Buch damit zu f�llen. So erfuhren die Zuh�rer, dass Laurent Savant, der �rtliche Pfarrer, Tauchwettbewerbe und Marathonl�ufe veranstaltete und nicht nur in seinen Predigten gegen M��iggang und mangelnde K�rperert�chtigung wetterte, sondern selbst mehr Meilen auf dem Fahrrad zur�ckgelegt hatte als Marco Polo. Sie erfuhren au�erdem, dass der Gemeinderat dienstags und donnerstags um ein Uhr mittags zusammenkam, um �ber Dorfangelegenheiten zu beraten, derweil Ernest Dijon, der stillschweigend auf Lebenszeit gew�hlte B�rgermeister, dessen Alter an das von Methusalem heranreichte, sich damit unterhielt, unterm Tisch neckisch in das Polster seines Sessels zu kneifen in der festen �berzeugung, er erkunde den strammen Oberschenkel von Antoinette Fabr�, Schatzmeisterin der Gemeindeverwaltung und eine eiserne Jungfrau ohnegleichen.</p><p>Hannah feuerte min�tlich ein Dutzend Geschichten dieses Kalibers auf sie ab. Das lag nicht zuletzt daran, dass ihre Mutter Elisabet in der Dorfb�ckerei arbeitete, die zugleich als Nachrichtenb�rse, Spionagezentrale und Kummerkasten von Baie Bleue fungierte.</p><p>Die Sauvelles begriffen schon bald, dass die Gesch�fte des Dorfes einer besonderen Form des Pariser Kapitalismus folgten. Die B�ckerei verkaufte scheinbar nur Baguettes, aber im Hinterzimmer hatte das Informationszeitalter Einzug gehalten. Monsieur Safont, der Schuster, reparierte Schn�rsenkel, Rei�verschl�sse und Schuhsohlen, doch seine St�rke und der Anziehungspunkt f�r seine Kundschaft waren sein Doppelleben als Astrologe sowie seine Sternenkarten�</p><p>Das Schema wiederholte sich immer wieder. Das Leben erschien ruhig und einfach, doch gleichzeitig war es undurchsichtiger als ein byzantinischer Schleier. Der Schl�ssel lag darin, sich auf den besonderen Rhythmus des Dorfes einzulassen, den Leuten zuzuh�ren und sich von ihnen in die Rituale einf�hren zu lassen, die jeder Neuank�mmling durchlaufen musste, bevor er behaupten konnte, ein Bewohner von Baie Bleue zu sein.</p><p>Deshalb lie� sich Simone jedes Mal, wenn sie ins Dorf ging, um die Post und die Bestellungen f�r Lazarus abzuholen, in der B�ckerei blicken und machte sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft vertraut. Die Frauen von Baie Bleue nahmen sie bereitwillig auf und bombardierten sie sogleich mit Fragen �ber ihren geheimnisvollen Arbeitgeber. Lazarus f�hrte ein zur�ckgezogenes Leben und lie� sich nur selten in Baie Bleue blicken. Zusammen mit den Fluten von B�chern, die er jede Woche erhielt, machte ihn das zum Mittelpunkt endloser Spekulationen.</p><p>�Stellen Sie sich das vor, meine liebe Simone�, raunte ihr einmal Pascale Lelouch, die Frau des Apothekers, zu, �ein alleinstehender Mann� nun ja, praktisch alleinstehend, in diesem Haus, mit all diesen B�chern��</p><p>Simone bedachte diese scharfsinnigen Ausf�hrungen f�r gew�hnlich mit einem Kopfnicken und einem L�cheln, ohne weiter darauf einzugehen. Wie ihr verstorbener Mann einmal gesagt hatte, lohnte es nicht, seine Zeit damit zu vertr�deln, die Welt ver�ndern zu wollen; es gen�gte zu verhindern, dass die Welt einen selbst ver�nderte.</p><p>Sie lernte auch, Lazarus� sonderbare Anweisungen bez�glich seiner Korrespondenz zu respektieren. Die pers�nliche Post musste am Tag nach Erhalt ge�ffnet und dann umgehend beantwortet werden. Gesch�ftliche oder offizielle Schreiben mussten noch am gleichen Tag ge�ffnet, durften jedoch niemals vor Wochenfrist beantwortet werden. Und vor allem sollte ihm jeder Brief von einem gewissen Daniel Hoffmann aus Berlin pers�nlich �bergeben werden und durfte niemals, unter keinen Umst�nden, von ihr ge�ffnet werden. Das Warum f�r all diese Dinge ging sie nichts an, beschloss Simone. Sie hatte gemerkt, dass sie gerne an diesem Ort lebte und diese Gegend bestens geeignet war, um ihre Kinder fernab von Paris gro�zuziehen. An welchem Tag die Post ge�ffnet wurde, war ihr v�llig schnuppe.</p><p>Dorian wiederum stellte fest, dass ihm seine eifrige Besch�ftigung mit der Kartographie noch genug Zeit lie�, um sich mit den Jungs aus dem Dorf anzufreunden. Niemand schien es wichtig zu finden, ob seine Familie neu hier war oder nicht und ob er ein guter Schwimmer war oder nicht (am Anfang war er das nicht, aber seine neuen Kameraden brachten ihm bei, sich leidlich �ber Wasser zu halten). Er lernte, dass P�tanque eine Besch�ftigung f�r Herren im Rentenalter war und M�dchen hinterherzujagen etwas f�r rotznasige F�nfzehnj�hrige im Hormonrausch, welcher Haut und Verstand in Mitleidenschaft zog. In seinem Alter fuhr man wohl mit dem Fahrrad durch die Gegend, hing seinen Phantasien nach und interessierte sich f�r die Welt, in der Hoffnung, dass sich die Welt f�r einen selbst zu interessieren begann. Und Sonntag nachmittags ging es ins Kino. So kam es, dass Dorian eine neue, unaussprechliche Liebe entdeckte, neben der die Kartographie verblasste wie von Motten zerfressenes Pergamentpapier: Greta Garbo. Ein g�ttliches Gesch�pf, dessen Erw�hnung bei Tisch ausreichte, um ihm den Appetit zu verschlagen, obwohl sie im Grunde genommen eine alte Frau war� Drei�ig Jahre!</p><p>W�hrend Dorian gr�belte, ob seine Schw�rmerei f�r eine Frau an der Schwelle des Alters schon als pervers zu bezeichnen war, war Irene mehr als alle anderen der vollen Breitseite von Hannahs Vorst��en ausgesetzt. Jeden Tag war die Liste begehrenswerter junger M�nner ohne Freundinnen zu diskutieren. Hannah glaubte, dass die Jungs Irene bald f�r ein sonderbares Wesen halten w�rden, wenn sie nach vierzehn Tagen im Dorf nicht langsam anfing, mit einem von ihnen anzub�ndeln. Hannah selbst war allerdings auch die Erste, die zugab, dass sich die Liste der Jungs hinsichtlich des Bizeps durchaus sehen lassen k�nne, dass bei der Verteilung des Hirns Gott indes sehr sparsam und rein zweckm��ig vorgegangen sei.</p><p>�Meine Liebe, wenn ich so viel Schlag h�tte wie du, w�re ich schon l�ngst Mata Hari�, sagte Hannah des �fteren.</p><p>Irene l�chelte sch�chtern, w�hrend sie einen Blick auf die herumstrolchenden Jungs warf, die ihnen wie zuf�llig entgegenkamen.</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob ich das m�chte� Sie wirken ein bisschen einf�ltig.�</p><p>�Einf�ltig?�, brach es angesichts dieser Vergeudung von M�glichkeiten aus Hannah heraus. �Wenn du etwas Spannendes willst, dann geh ins Kino oder nimm ein Buch!�</p><p>�Ich werd�s mir �berlegen�, lachte Irene.</p><p>Hannah sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Du endest noch wie mein Cousin Ismael�, urteilte sie dann.</p><p>Ismael war sechzehn Jahre alt und wuchs, so hatte Hannah erz�hlt, nach dem Tod seiner Eltern bei ihrer Familie auf. Er arbeitete auf dem Boot seines Onkels mit, doch seine wahren Leidenschaften schienen die Einsamkeit und sein Segelboot zu sein, eine kleine Jolle, die er eigenh�ndig gebaut und auf einen Namen getauft hatte, an den Hannah sich nie erinnern konnte.</p><p>�Etwas Griechisches, glaube ich. Puh!�</p><p>�Und wo ist er jetzt?�, fragte Irene.</p><p>�Auf See. Die Sommermonate sind gut f�r die Fischer, die auf Hochseefang gehen. Papa und er sind auf der <emphasis>Estelle</emphasis> unterwegs. Sie kommen nicht vor August zur�ck�, erkl�rte Hannah.</p><p>�Das muss sehr traurig sein. Die ganze Zeit auf See verbringen zu m�ssen, getrennt von��</p><p>Hannah zuckte mit den Schultern.</p><p>�Von irgendwas muss man ja leben��</p><p>�Du magst deine Arbeit auf Cravenmoore nicht besonders, stimmt�s?�, fragte Irene.</p><p>Ihre Freundin sah sie erstaunt an.</p><p>�Es geht mich nat�rlich nichts an��, stellte Irene klar.</p><p>�Die Frage macht mir nichts aus�, sagte Hannah l�chelnd. �Nein, ich mag sie tats�chlich nicht sonderlich.�</p><p>�Wegen Lazarus?�</p><p>�Nein. Lazarus ist liebensw�rdig, und er ist sehr gut zu uns gewesen. Als Papa vor Jahren den Unfall mit der Schiffsschraube hatte, hat er die ganze Operation bezahlt. Wenn Lazarus nicht gewesen w�re��</p><p>�Was ist es dann?�</p><p>�Ich wei� nicht. Es ist dieser Ort. Die Maschinen� �berall stehen Maschinen, die dich die ganze Zeit anstarren.�</p><p>�Es sind nur Spielzeuge.�</p><p>�Versuch mal, eine Nacht dort zu schlafen. Sobald du die Augen schlie�t, geht es tick-tack, tick-tack��</p><p>Die beiden sahen sich an.</p><p>�Tick-tack, tick-tack?�, wiederholte Irene.</p><p>Hannah bedachte sie mit einem sarkastischen L�cheln.</p><p>�Ich bin vielleicht ein Feigling, aber du bist auf dem besten Wege, eine alte Jungfer zu werden.�</p><p>�Ich mag alte Jungfern�, gab Irene zur�ck.</p><empty-line/><p>Auf diese Art verstrich fast unbemerkt ein Tag nach dem anderen auf dem Kalender, und bevor sie sich versahen, stand der August vor der T�r. Mit ihm kamen auch die ersten Sommerregen, kurze Gewitter, die nur ein paar Stunden dauerten. Simone war mit ihren neuen Aufgaben besch�ftigt. Irene gew�hnte sich an das Leben mit Hannah. Und Dorian lernte zu tauchen, w�hrend er in Gedanken Landkarten der geheimen Geographie von Greta Garbo zeichnete.</p><p>Eines Tages, an einem dieser Sommertage, an denen der Regen der Nacht zuvor wattewei�e Wolkenschl�sser vor einem leuchtend blauen Grund aufget�rmt hatte, beschlossen Hannah und Irene, einen Spaziergang am Strand des Engl�nders zu machen. Vor anderthalb Monaten waren die Sauvelles in die Blaue Bucht gekommen. Und als es schien, als seien keine �berraschungen mehr zu erwarten, fingen diese gerade erst an.</p><empty-line/><p>In der Mittagssonne war eine Fu�spur entlang des Wassersaumes zu erkennen; �ber dem Meer flimmerten unwirklich die Masten im fernen Hafen.</p><p>Mitten in dieser wei�en Endlosigkeit aus staubfeinem Sand sa�en Irene und Hannah auf den �berresten eines alten, auf Grund gelaufenen Bootes, umgeben von einem Schwarm kleiner blauer V�gel, die in den schneewei�en Strandd�nen zu nisten schienen.</p><p>�Warum hei�t das hier �Strand des Engl�nders�?�, fragte Irene, w�hrend sie die menschenleere Fl�che betrachtete, die sich zwischen dem Dorf und dem Kap erstreckte.</p><p>�Hier lebte jahrelang in einer H�tte ein alter englischer Maler. Der arme Kerl hatte mehr Schulden als Pinsel. Er schenkte den Leuten im Dorf Bilder im Tausch gegen Essen und Kleidung. Vor drei Jahren ist er gestorben. Er wurde hier beerdigt, an dem Strand, an dem er sein ganzes Leben verbracht hatte�, erkl�rte Hannah.</p><p>�Wenn ich die Wahl h�tte, w�rde ich auch gerne an einem Ort wie diesem beerdigt.�</p><p>�Das sind ja fr�hliche Gedanken�, scherzte Hannah, nicht ohne einen gewissen Vorwurf.</p><p>�Ich hab�s ja nicht eilig damit�, stellte Irene klar, w�hrend ihr Blick auf ein kleines Segelboot fiel, das etwa hundert Meter vor der K�ste in der Bucht kreuzte.</p><p>�Oha�, murmelte ihre Freundin. �Da ist ja der einsame Seemann. Hat es keinen Tag ausgehalten, ohne in sein Boot zu steigen.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Gestern sind mein Vater und mein Cousin mit dem Schiff zur�ckgekommen�, erkl�rte Hannah. �Mein Vater schl�ft noch, aber der da� Dem ist nicht zu helfen.�</p><p>Irene sah aufs Meer hinaus und betrachtete die Jolle, die durch die Bucht glitt.</p><p>�Das ist mein Cousin Ismael. Er verbringt sein halbes Leben auf diesem Kahn, zumindest wenn er nicht mit meinem Vater an der Mole arbeitet. Aber er ist ein feiner Kerl� Siehst du dieses Medaillon?�</p><p>Hannah zeigte ihr das wundersch�ne Schmuckst�ck, das sie an einem Goldkettchen um den Hals trug: eine im Meer versinkende Sonne.</p><p>�Es ist ein Geschenk von Ismael��</p><p>�Es ist wundersch�n�, sagte Irene, w�hrend sie das Medaillon eingehend betrachtete.</p><p>Hannah sprang pl�tzlich auf und stie� ein wildes Geheul aus, das den Schwarm blauer V�gel ans andere Ende des Strands katapultierte. Wenig sp�ter winkte die undeutliche Gestalt am Ruder des Segelbootes und nahm Kurs auf den Strand.</p><p>�Vor allem frag ihn nicht nach dem Boot�, riet ihr Hannah. �Und wenn er selbst auf das Thema zu sprechen kommt, dann frag ihn nicht, wie er es gebaut hat. Er kann stundenlang dar�ber reden, ohne aufzuh�ren.�</p><p>�Liegt wohl in der Familie��</p><p>Hannah warf ihr einen w�tenden Blick zu.</p><p>�Ich glaube, ich lasse dich hier am Strand sitzen und �berlasse dich den Krebsen.�</p><p>�Entschuldigung.�</p><p>�Angenommen. Aber wenn du mich geschw�tzig findest, dann lern erst mal meine Patentante kennen. Neben ihr wirkt der Rest der Familie stumm.�</p><p>�Ich w�rde sie wahnsinnig gerne kennenlernen.�</p><p>�Ha, ha.� Hannah konnte ein sp�ttisches Lachen nicht unterdr�cken.</p><empty-line/><p>Ismaels Segelboot durchschnitt sauber die Brandungslinie, und der Rumpf des Bootes schob sich auf den Sand. Der Junge holte rasch das Segel ein und verzurrte es in Sekundenschnelle unten am Baum. An �bung fehlte es ihm offensichtlich nicht. Sobald er festen Boden unter den F��en hatte, musterte er Irene unbewusst vom Kopf bis zu den F��en und verlor dabei genauso viele Worte wie beim Segeln. Hannah, die sp�ttisch die Augen verdrehte und hechelnd die Zunge herausstreckte, stellte sie einander vor, auf ihre Weise nat�rlich.</p><p>�Ismael, das ist meine Freundin Irene�, verk�ndete sie liebensw�rdig, �aber friss sie nicht gleich auf.�</p><p>Der Junge stie� seine Cousine mit dem Ellenbogen an und reichte dann Irene die Hand.</p><p>�Hallo��</p><p>Sein knapper Gru� wurde von einem scheuen, aufrichtigen L�cheln begleitet. Irene sch�ttelte ihm die Hand.</p><p>�Keine Sorge, er ist nicht einf�ltig; es ist seine Art zu sagen, dass er sehr erfreut ist und all das�, bemerkte Hannah.</p><p>�Meine Cousine redet so viel, dass ich manchmal glaube, sie quatscht ein W�rterbuch leer�, stichelte Ismael. �Bestimmt hat sie dir schon gesagt, dass du mich nicht nach dem Segelboot fragen sollst��</p><p>�Ehrlich gesagt, nein�, antwortete Irene vorsichtig.</p><p>�Aha. Hannah denkt, es ist das einzige Thema, zu dem ich etwas zu sagen habe.�</p><p>�Wenn es um Netze und Takelagen geht, bist du auch nicht schlecht, aber bei diesem Boot, mein lieber Cousin, bist du nicht mehr zu bremsen.�</p><p>Irene verfolgte am�siert das Wortgefecht, das sich die beiden lieferten. Es schien nicht b�se gemeint zu sein, zumindest nicht mehr als n�tig, um dem Alltag ein wenig W�rze zu verleihen.</p><p>�Ich habe geh�rt, ihr seid in das Haus am Kap gezogen�, sagte Ismael.</p><p>Irene betrachtete den Jungen und machte sich ein eigenes Bild. Er war etwa sechzehn; Haut und Haare verrieten, dass er eine Zeit auf See verbracht hatte. Seine Statur lie� die harte Arbeit an der Mole erkennen, und seine H�nde waren mit kleinen Narben �bers�t, wie man sie bei den Pariser Jungs nur selten sah. Eine sehr lange, ausgepr�gte Narbe zog sich �ber sein rechtes Bein, von etwas oberhalb des Knies bis hinunter zum Kn�chel. Irene fragte sich, wo er sich diese Troph�e geholt haben mochte. Zuletzt widmete sie sich seinen Augen, dem einzigen Merkmal, das ihr wirklich au�ergew�hnlich vorkam. Ismaels Augen waren gro� und klar und schienen wie geschaffen, um hinter einem eindringlichen und irgendwie traurigen Blick Geheimnisse zu verbergen. Sie erinnerten Irene an die Blicke der namenlosen Soldaten, mit denen sie drei kurze Minuten zu den Kl�ngen einer viertklassigen Kapelle geteilt hatte, Blicke, hinter denen sich Angst, Traurigkeit und Verbitterung verbargen.</p><p>�Tr�umst du, meine Liebe?�, riss Hannah sie aus ihren Gedanken.</p><p>�Ich habe dran gedacht, dass ich sp�t dran bin. Meine Mutter wird sich Sorgen machen.�</p><p>�Deine Mutter wird froh sein, dass sie mal ein paar Stunden Ruhe vor dir hat. Aber wie du meinst�, sagte Hannah.</p><p>�Ich kann dich mit dem Boot hinbringen, wenn du willst�, bot Ismael an. �Das Haus am Kap hat einen kleinen Anlegeplatz zwischen den Felsen.�</p><p>Irene warf Hannah einen fragenden Blick zu.</p><p>�Wenn du nein sagst, brichst du ihm das Herz. Mein Cousin w�rde nicht mal Greta Garbo auf sein Segelboot einladen.�</p><p>�Kommst du nicht mit?�, fragte Irene, ein wenig eingesch�chtert.</p><p>�Ich w�rde nicht mal in diesen Kahn steigen, wenn man mir Geld daf�r g�be. Au�erdem ist heute mein freier Tag, und heute Abend ist Tanz auf dem Dorfplatz. Ich an deiner Stelle w�rde es mir gut �berlegen. Die guten Partien findest du an Land. Und das sagt die Tochter eines Fischers. Aber was rede ich. Los, mach schon. Und f�r dich, Seemann, w�re es besser, wenn du meine Freundin heil in den Hafen bringst. Hast du verstanden?�</p><empty-line/><p>Das Segelboot, das der Schrift auf dem Rumpf zufolge den Namen <emphasis>Kyaneos</emphasis> trug, nahm Kurs auf das Kap, w�hrend sich die wei�en Segel bl�hten und der Bug durchs Wasser pfl�gte.</p><p>Ismael warf dem M�dchen immer wieder ein scheues L�cheln zu, w�hrend er das Boot man�vrierte, und setzte sich erst hin, als das Boot auf stabilem Kurs in der Str�mung lag. An die Sitzbank geklammert, sp�rte Irene die Wassertropfen auf ihrer Haut, die der Wind ihnen entgegenspr�hte. Hannah war zu einer winzigen Gestalt geschrumpft, die ihnen vom Ufer aus hinterherwinkte. Die Kraft, mit der das Segelboot durch die Bucht glitt, und das Ger�usch der Wellen, die gegen den Rumpf schlugen, entlockten Irene ein Lachen, f�r das es keinen offensichtlichen Grund gab.</p><p>�Das erste Mal?�, fragte Ismael. �Auf einem Segelboot, meine ich?�</p><p>Irene nickte.</p><p>�Ist was anderes, stimmt�s?�</p><p>Sie nickte erneut und l�chelte, ohne die Augen von der gro�en Narbe abwenden zu k�nnen, die sich �ber Ismaels Bein zog.</p><p>�Eine Mur�ne�, erkl�rte der Junge. �Ist eine ziemlich lange Geschichte.�</p><p>Irene sah auf und betrachtete die Umrisse von Cravenmoore, die hinter den Wipfeln des Waldes auftauchten.</p><p>�Was bedeutet der Name deines Bootes?�</p><p>�Das ist griechisch. <emphasis>Kyaneos</emphasis>� Cyan�, antwortete Ismael geheimnisvoll.</p><p>Als Irene verst�ndnislos die Stirn runzelte, fuhr er fort:</p><p>�Die Griechen verwendeten dieses Wort, um ein dunkles Blau zu beschreiben, die Farbe des Meeres. Wenn Homer vom Meer spricht, vergleicht er seine Farbe mit dem von dunklem Wein. Das war sein Wort: <emphasis>kyaneos.</emphasis>�</p><p>�Ich sehe, du kannst auch �ber etwas anderes reden als �ber dein Boot und Fischernetze.�</p><p>�Ich gebe mir M�he.�</p><p>�Wer hat dir das beigebracht?�</p><p>�Zu segeln? Das habe ich mir selbst beigebracht.�</p><p>�Nein, das �ber die Griechen��</p><p>�Mein Vater hatte eine Schw�che f�r Geschichte. Ich besitze noch einige seiner B�cher��</p><p>Irene schwieg.</p><p>�Hannah hat dir sicher erz�hlt, dass meine Eltern gestorben sind.�</p><p>Sie nickte nur. Ein paar hundert Meter vor ihnen kam die Leuchtturminsel in Sicht. Irene betrachtete sie fasziniert.</p><p>�Der Leuchtturm ist seit vielen Jahren au�er Betrieb. Jetzt wird der im Hafen von Baie Bleue genutzt�, erkl�rte er ihr.</p><p>�Kommt niemand mehr auf diese Insel?�, fragte Irene.</p><p>Ismael sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Und warum?�</p><p>�Magst du Geistergeschichten?�, gab er ihr zur Antwort.</p><p>�Kommt darauf an��</p><p>�Die Leute im Dorf glauben, dass die Leuchtturminsel verhext ist oder so. Es hei�t, vor langer Zeit sei dort eine Frau ertrunken. Manche wollen Lichter gesehen haben. Jedes Dorf hat seine Geschichten, und dieses hier ist keine Ausnahme.�</p><p>�Lichter?�</p><p>�Die Septemberlichter�, sagte Ismael, w�hrend die Insel backbords zur�ckblieb. �Der Legende zufolge� falls du es so nennen willst� beobachteten die Leute in einer Nacht im Sp�tsommer, als im Dorf der Maskenball stattfand, wie eine maskierte Frau im Hafen ein Segelboot bestieg und aufs Meer hinausfuhr. Einige glauben, dass sie zu einem heimlichen Treffen mit ihrem Geliebten auf der Leuchtturminsel fuhr; andere, dass sie vor einem sch�ndlichen Verbrechen floh� Alle Erkl�rungen sind m�glich, denn tats�chlich fand niemand je heraus, wer sie wirklich war. Ihr Gesicht war ja verh�llt. Aber als sie durch die Bucht fuhr, schleuderte ein furchtbarer, pl�tzlich aufkommender Sturm ihr Boot gegen die Felsen und zerst�rte es. Die geheimnisvolle Frau ohne Gesicht ertrank vermutlich, zumindest wurde ihre Leiche nie gefunden. Tage sp�ter schwemmte die Flut ihre von den Felsen zerst�rte Maske an. Seit damals erz�hlen die Leute, dass im Sp�tsommer, wenn es Nacht wird, Lichter auf der Insel zu sehen seien��</p><p>�Der Geist der Frau��</p><p>�� die ihre unvollendete Fahrt auf die Insel zu Ende bringen will. So erz�hlt man sich.�</p><p>�Und, stimmt es?�</p><p>�Es ist eine Geistergeschichte. Entweder du glaubst daran oder nicht.�</p><p>�Glaubst du daran?�, wollte Irene wissen.</p><p>�Ich glaube nur an das, was ich sehe.�</p><p>�Ein skeptischer Seemann.�</p><p>�So in etwa.�</p><p>Irene sah erneut zu der Insel her�ber. Die Wellen brachen sich donnernd an den Felsen. Die gesprungenen Scheiben des Leuchtturms brachen das Licht zu einem gespenstischen Regenbogen, der sich in dem Wasserschleier aufl�ste, der am Riff aufstob.</p><p>�Warst du mal dort?�, fragte sie.</p><p>�Auf der Insel?�</p><p>Ismael straffte die Leine, und mit einer Bewegung des Ruders neigte sich das Boot nach Steuerbord, drehte den Bug in Richtung Kap und durchquerte die Str�mung, die vom �rmelkanal kam.</p><p>�Vielleicht w�rde es dir ja gefallen, dort hinzufahren�, schlug er vor. �Zur Insel.�</p><p>�Kann man das?�</p><p>�Man kann alles. Die Frage ist, ob man sich traut�, gab Ismael mit einem herausfordernden L�cheln zur�ck.</p><p>Irene hielt seinem Blick stand.</p><p>�Wann?�</p><p>�N�chsten Samstag. Mit meinem Segelboot.�</p><p>�Allein?�</p><p>�Allein. Aber wenn du Angst hast��</p><p>�Ich habe keine Angst�, wehrte Irene ab.</p><p>�Dann am Samstag. Ich hole dich vormittags am Anlegeplatz ab.�</p><p>Irene sah zur K�ste hin�ber. Das Haus am Kap thronte hoch oben auf den Klippen. Dorian stand auf der Veranda und beobachtete sie mit unverhohlener Neugier.</p><p>�Mein Bruder Dorian. Vielleicht m�chtest du mit raufkommen, um meine Mutter kennenzulernen��</p><p>�Ich bin nicht so gut bei solchen Vorstellungen.�</p><p>�Dann ein andermal.�</p><p>Das Segelboot glitt in den kleinen Naturhafen, der von den Klippen unterhalb des Hauses am Kap gesch�tzt wurde. Mit gro�em Geschick reffte Ismael das Segel und lie� das Boot zum Anlegeplatz treiben. Dann nahm er ein Tau und sprang an Land, um das Boot festzumachen. Als es sicher vert�ut war, reichte er Irene die Hand.</p><p>�Aber Homer war blind. Wie konnte er wissen, welche Farbe das Meer hat?�, fragte das M�dchen.</p><p>Ismael nahm ihre Hand und half ihr schwungvoll ans Ufer.</p><p>�Ein Grund mehr, nur das zu glauben, was du siehst�, entgegnete der Junge, der nach wie vor ihre Hand hielt. Lazarus� Worte am ersten Abend auf Cravenmoore kamen Irene in den Sinn.</p><p>�Manchmal t�uschen einen die Augen�, stellte sie fest.</p><p>�Mich nicht.�</p><p>�Danke f�r die �berfahrt.�</p><p>Ismael nickte, w�hrend er z�gernd ihre Hand loslie�.</p><p>�Bis Samstag dann.�</p><p>�Bis Samstag.�</p><p>Ismael sprang wieder ins Boot, l�ste das Tau und lie� sich von der Str�mung vom Ufer wegtreiben, w�hrend er erneut das Segel setzte. Der Wind trieb ihn zur Ausfahrt des kleinen Hafens, und nach wenigen Sekunden erreichte die <emphasis>Kyaneos</emphasis>, auf den Wellen schaukelnd, die Bucht.</p><p>Irene blieb am Anlegeplatz stehen und sah zu, wie das wei�e Segel in der endlosen Bucht immer kleiner wurde. Irgendwann stellte sie fest, dass immer noch ein L�cheln auf ihrem Gesicht klebte und ihre H�nde verd�chtig kribbelten. Da wusste sie, dass diese Woche sehr, sehr lang werden w�rde.</p></section><section><title><p>4. Geheimnisse und Schatten</p></title><p>In Baie Bleue unterschied der Kalender nur zwei Jahreszeiten: den Sommer und den Rest des Jahres. Im Sommer arbeiteten die Leute im Dorf dreimal so viel, um die benachbarten K�stenorte zu beliefern, in denen es Badeanstalten, Touristen und St�dter auf der Suche nach Strand, Sonne und bezahlter Langeweile gab. B�cker, Kunsthandwerker, Schneider, Schreiner, Maurer und allerlei andere Berufe waren auf diese drei langen Monate angewiesen, in denen an der K�ste der Normandie die Sonne schien. In diesen dreizehn oder vierzehn Wochen verwandelten sich die Einwohner von Baie Bleue in flei�ige Ameisen, um dann das restliche Jahr vor sich hin zu schmachten wie billige Zigarren. Und wenn es besonders anstrengende Tage gab, dann waren es die ersten Tage im August, wenn die Nachfrage nach heimischen Produkten von Null ins Unermessliche stieg.</p><p>Einer der wenigen, der von dieser Regel ausgenommen war, war Christian Hupert. Wie auch die anderen Besitzer der Fischkutter des Dorfes schuftete er zw�lf Monate im Jahr wie ein Pferd. Diese Gedanken gingen dem erfahrenen Fischer jeden Sommer zur gleichen Zeit durch den Kopf, wenn er sah, wie das Dorf ringsum in Fahrt geriet. Dann dachte er, dass er den falschen Beruf gew�hlt habe und es kl�ger gewesen w�re, mit der Tradition �ber sieben Generationen zu brechen und Hotelier, Ladenbesitzer oder was auch immer zu werden. Vielleicht m�sste seine Tochter Hannah dann nicht die Woche �ber in Cravenmoore dienen, und vielleicht w�rde der Fischer dann seine Frau l�nger als drei�ig Minuten am Tag sehen, eine Viertelstunde am Morgen und eine Viertelstunde am Abend.</p><p>Ismael beobachtete seinen Onkel, w�hrend beide mit der Reparatur der Lenzpumpe des Schiffes besch�ftigt waren. Der abwesende Blick verriet die Gedanken des Fischers.</p><p>�Du k�nntest eine Schiffswerkstatt er�ffnen�, schlug Ismael vor.</p><p>Sein Onkel antwortete mit einer Art Knurren.</p><p>�Oder das Schiff verkaufen und in den Laden von Monsieur Didier investieren. Seit sechs Jahren liegt er dir mit diesem Vorschlag in den Ohren.�</p><p>Sein Onkel unterbrach die Arbeit und musterte seinen Neffen. In den dreizehn Jahren, die er ihm nun den Vater ersetzte, war es ihm nicht gelungen, dem Jungen das auszutreiben, was er an diesem am meisten f�rchtete und bewunderte: seine unersch�tterliche, un�bersehbare �hnlichkeit mit seinem verstorbenen Vater, bis hin zu dem Hang, seine Meinung zum Besten zu geben, wenn niemand ihn um Rat gefragt hatte.</p><p>�Vielleicht solltest du das machen�, gab Christian Hupert zur�ck. �Ich gehe schon auf die F�nfzig zu. In meinem Alter wechselt man nicht einfach den Beruf.�</p><p>�Was beklagst du dich dann?�</p><p>�Wer beklagt sich denn?�</p><p>Ismael zuckte mit den Schultern. Die beiden widmeten sich wieder der Lenzpumpe.</p><p>�Schon gut. Ich werde kein Wort mehr sagen�, murmelte Ismael.</p><p>�Das wird uns wohl nicht verg�nnt sein. Mach mal die Klemme da fest.�</p><p>�Die ist v�llig hin�ber. Wir sollten die Pumpe austauschen. Irgendwann werden wir eine b�se �berraschung erleben.�</p><p>Hupert setzte sein ber�chtigtes L�cheln auf, das den Sch�tzern der Warenb�rse, den Hafenbeh�rden und anderen Schlaumeiern vorbehalten war.</p><p>�Diese Pumpe hat schon meinem Vater geh�rt. Und davor meinem Gro�vater. Und davor��</p><p>�Genau das meine ich�, fiel Ismael ihm ins Wort. �Vielleicht w�re sie in einem Museum besser aufgehoben als hier.�</p><p>�Amen.�</p><p>�Ich habe recht. Und du wei�t es.�</p><p>Seinen Onkel zur Wei�glut zu treiben war neben den Ausfl�gen mit seinem Segelboot eine von Ismaels Lieblingsbesch�ftigungen.</p><p>�Ich habe keine Lust, weiter �ber das Thema zu diskutieren. Schluss. Aus. Ende.�</p><p>Um letzte Unklarheiten zu beseitigen, unterstrich Hupert seine Aussage mit einem energischen, entschlossenen Drehen des Schraubenschl�ssels.</p><p>Pl�tzlich war ein verd�chtiges Knirschen im Inneren der Lenzpumpe zu h�ren. Hupert l�chelte dem Jungen zu. Zwei Sekunden sp�ter schoss die Klemme, die er soeben festgedreht hatte, im hohen Bogen �ber die K�pfe der beiden hinweg, gefolgt von etwas, das wie ein Kolben aussah, einem kompletten Satz Schraubenmuttern und allerlei Metallteilen. Onkel und Neffe verfolgten die Flugbahn des Schrotts, bis dieser nicht sehr diskret auf das Deck des Nachbarschiffs von Gerard Picaud niederging. Picaud, ein ehemaliger Boxer mit der Konstitution eines Stiers und dem Grips einer Muschel, nahm die Teile in Augenschein und starrte dann in den Himmel. Hupert und Ismael wechselten einen Blick.</p><p>�Ich glaube nicht, dass wir den Unterschied merken werden�, gab Ismael zu bedenken.</p><p>�Wenn ich deine Meinung wissen will��</p><p>�� wirst du mich danach fragen. Einverstanden. �brigens, ich hab mich gefragt, ob du etwas dagegen hast, wenn ich mir n�chsten Samstag freinehme. Ich m�chte ein bisschen was am Segelboot reparieren��</p><p>�Sind diese Reparaturen zuf�llig blond, einen Meter siebzig gro� und gr�n�ugig?�, fragte Hupert.</p><p>Der Fischer grinste seinen Neffen verschmitzt an.</p><p>�Die Neuigkeiten verbreiten sich schnell�, sagte Ismael.</p><p>�Wenn deine Cousine ihre Finger im Spiel hat, bekommen sie Fl�gel, mein lieber Neffe. Wie hei�t die junge Dame denn?�</p><p>�Irene.�</p><p>�Verstehe.�</p><p>�Da gibt es nichts zu verstehen.�</p><p>�Man wird sehen.�</p><p>�Sie ist nett, das ist alles.�</p><p>�Sie ist nett, das ist alles�, echote Hupert, die k�hle Teilnahmslosigkeit in der Stimme seines Neffen nach�ffend.</p><p>�Vergiss es. War keine gute Idee. Ich werde am Samstag arbeiten�, sagte Ismael knapp.</p><p>�Der Laderaum muss geschrubbt werden. Da liegt seit Wochen verdorbener Fisch drin, es stinkt zum Gotterbarmen.�</p><p>�Alles klar.�</p><p>Hupert lachte lauthals los.</p><p>�Du bist genauso halsstarrig wie dein Vater. Gef�llt dir das M�dchen nun oder nicht?�</p><p>�Hm.�</p><p>�Sei nicht so maulfaul mir gegen�ber, Romeo. Ich bin dreimal so alt wie du. Gef�llt sie dir oder nicht?�</p><p>Der Junge zuckte mit den Schultern. Seine Wangen gl�hten wie reife Melonen. Schlie�lich entwischte ihm ein unverst�ndliches Gemurmel.</p><p>��bersetze.� Sein Onkel lie� nicht locker.</p><p>�Ich habe ja gesagt. Glaube ich jedenfalls. Ich kenne sie ja kaum.�</p><p>�Gut. Das ist mehr als das, was ich �ber deine Tante sagen konnte, als ich sie das erste Mal sah. Und der Himmel ist mein Zeuge, dass sie ein Engel ist.�</p><p>�Wie war sie als junges M�dchen?�</p><p>�Lass uns nicht damit anfangen, oder du verbringst den Samstag im Laderaum�, drohte Hupert.</p><p>Ismael nickte und machte sich daran, das Werkzeug einzusammeln. Sein Onkel wischte sich das �l von den H�nden, w�hrend er ihn aus dem Augenwinkel beobachtete. Das letzte M�dchen, f�r das er sich interessiert hatte, war eine gewisse Laura gewesen, die Tochter eines Handelsvertreters aus Bordeaux, und das war fast zwei Jahre her. Die einzige Liebe seines Neffen schienen das Meer und die Einsamkeit zu sein. Das M�dchen musste etwas Besonderes haben.</p><p>�Bis Freitag hab ich den Laderaum sauber�, verk�ndete Ismael.</p><p>�Er geh�rt ganz dir.�</p><p>Als Onkel und Neffe auf die Mole sprangen, um bei Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein, untersuchte ihr Nachbar Picaud noch immer die mysteri�sen Teile und versuchte herauszufinden, ob es in diesem Sommer Schrauben regnete oder ob der Himmel ihm ein Zeichen schicken wollte.</p><empty-line/><p>Im August kam es den Sauvelles bereits so vor, als lebten sie schon seit mindestens einem Jahr in Baie Bleue. Wer sie nicht kannte, war durch das Kommunikationstalent von Hannah und ihrer Mutter Elisabet Hupert �ber ihr Leben auf dem Laufenden. Durch ein seltsames Ph�nomen, das irgendwo zwischen Dorfklatsch und Zauberei anzusiedeln war, erreichten Neuigkeiten die B�ckerei, in der Elisabet Hupert arbeitete, bevor sie sich �berhaupt ereigneten. Weder das Radio noch die Zeitung konnten mit ihrem Laden mithalten. Croissants und ofenfrische Neuigkeiten von morgens bis abends. So waren am Freitag die einzigen Bewohner der Blauen Bucht, die nicht �ber die angebliche Liebelei zwischen Ismael Hupert und der zugezogenen Irene Sauvelle auf dem Laufenden waren, die Fische und die Betroffenen selbst. Dabei tat es wenig zur Sache, ob da etwas gelaufen war oder noch laufen w�rde. Der kurze Segelt�rn vom Strand des Engl�nders zum Haus am Kap war bereits in die Annalen jenes Sommers 1937 eingegangen.</p><p>Tats�chlich vergingen die ersten Augusttage in der Blauen Bucht im Handumdrehen. Simone war es endlich gelungen, sich den Grundriss von Cravenmoore einzupr�gen. Die Liste s�mtlicher wichtigen Aufgaben im Haushalt war schier endlos. Schon die Verst�ndigung mit den H�ndlern im Dorf, die Begleichung der Rechnungen, die Buchf�hrung und die Bearbeitung von Lazarus� Korrespondenz nahmen ihre gesamte Zeit in Anspruch, die Minuten, die sie zum Durchatmen und Schlafen brauchte, nicht mitgez�hlt. Ausger�stet mit einem Fahrrad, das Lazarus Dorian freundlicherweise als Willkommensgeschenk gemacht hatte, diente ihr Sohn als Brieftaube, und nach einigen Tagen kannte der Junge jeden Stein und jedes Schlagloch auf der Stra�e am Strand des Engl�nders.</p><p>Simone begann ihren Arbeitstag jeden Morgen damit, die ausgehende Post zu erledigen und die eingehende sorgf�ltig so zu sortieren, wie Lazarus es ihr erkl�rt hatte. Ein kleiner Notizzettel, nicht mehr als ein gefaltetes Blatt Papier, erm�glichte ihr einen raschen �berblick �ber alle Marotten, die Lazarus pflegte. Sie erinnerte sich noch an ihren dritten Tag, als sie um ein Haar versehentlich einen der Briefe von besagtem Daniel Hoffmann aus Berlin ge�ffnet h�tte. Im letzten Augenblick war es ihr wieder eingefallen.</p><p>Hoffmanns Schreiben trafen mit nahezu mathematischer Pr�zision alle acht Tage ein. Die Pergamentumschl�ge waren stets mit einem �D� versiegelt. Simone gew�hnte sich rasch an, sie von den �brigen zu trennen, und besch�ftigte sich nicht weiter mit dem Thema. In der ersten Augustwoche jedoch geschah etwas, das erneut ihre Neugier bez�glich der geheimnisvollen Briefe des Herrn Hoffmann weckte.</p><p>Simone war gleich morgens in Lazarus� Arbeitszimmer gegangen, um eine Reihe von Rechnungen und eingegangenen Zahlungen auf seinen Schreibtisch zu legen. Sie erledigte das am liebsten in den fr�hen Morgenstunden, bevor der Spielzeugfabrikant sein Arbeitszimmer betrat, um ihn sp�ter nicht zu unterbrechen und zu st�ren. Der verstorbene Armand hatte die Angewohnheit gehabt, seinen Tag mit der Durchsicht von Rechnungen und Zahlungseing�ngen zu beginnen. Solange er konnte.</p><p>An jenem Morgen jedenfalls betrat Simone wie gew�hnlich das Arbeitszimmer und bemerkte Tabakgeruch in der Luft, was sie vermuten lie�, dass Lazarus bis sp�t in die Nacht dort gewesen war. Sie legte gerade die Unterlagen auf seinen Schreibtisch, als sie bemerkte, dass etwas in der n�chtlichen Glut des Kamins verkohlte. Neugierig trat sie n�her heran und versuchte mit dem Sch�rhaken herauszufinden, was es war. Auf den ersten Blick schien es sich um einen verschn�rten Packen Papier zu handeln, den das Feuer nicht ganz vernichtet hatte. Sie wandte sich gerade zum Gehen, als sie in der Glut klar und deutlich das Siegelzeichen auf dem Papiersto� erkannte. Briefe. Lazarus hatte Daniel Hoffmanns Briefe ins Feuer geworfen, um sie zu vernichten. Was auch immer der Grund daf�r sein mochte, sagte sich Simone, es ging sie nichts an. Sie legte den Sch�rhaken beiseite und verlie� das Arbeitszimmer, fest entschlossen, nie mehr in den pers�nlichen Angelegenheiten ihres Arbeitgebers herumzuschn�ffeln.</p><empty-line/><p>Hannah wurde vom Prasseln des Regens geweckt, der an die Fensterscheiben klopfte. Es war Mitternacht. Das Zimmer war in bl�uliche Dunkelheit getaucht, und das Wetterleuchten drau�en �ber dem Meer warf gespenstische Schatten rings um sie herum. An der Wand tickte mechanisch eine von Lazarus� sprechenden Uhren, w�hrend die Augen in dem Grinsegesicht unabl�ssig von einer Seite zur anderen huschten. Hannah seufzte. Sie hasste es, auf Cravenmoore zu �bernachten.</p><p>Bei Tageslicht kam ihr Lazarus Janns Haus wie ein riesiges Museum voller Wunderwerke vor. Doch mit Einbruch der Nacht verwandelten sich die vielen hundert mechanischen Gesch�pfe, Masken und Automaten in eine schaurige Gesellschaft, die nie schlief, sondern wach und aufmerksam in der Dunkelheit des Hauses wartete, unbeirrt l�chelnd und ohne den Blick abzuwenden.</p><p>Lazarus schlief in einem der Zimmer im Westfl�gel, gleich neben dem Zimmer seiner Frau. Abgesehen von diesen beiden und Hannah selbst wurde das Haus lediglich von den Gesch�pfen des Spielzeugfabrikanten bev�lkert. In jedem Korridor, in jedem Zimmer standen sie. In der Stille der Nacht konnte Hannah das Schnarren ihrer mechanischen Eingeweide h�ren. Manchmal, wenn sie nicht schlafen konnte, stellte sie sich stundenlang vor, wie sie reglos dastanden, w�hrend ihre gl�sernen Augen in der Dunkelheit funkelten.</p><p>Sie hatte die Augen gerade wieder geschlossen, als sie zum ersten Mal das Ger�usch h�rte, ein regelm��iges, vom Regen ged�mpftes Klopfen. Hannah stand auf und tapste durchs Zimmer bis zum hellen Ausschnitt des Fensters. Das Gewitter hing nun �ber dem Gewirr der T�rme, B�gen und verschachtelten D�cher von Cravenmoore. Die Wolfsm�uler der Wasserspeier spien B�che schwarzen Wassers in die Tiefe. Wie sie diesen Ort hasste�</p><p>Wieder drang das Ger�usch an ihr Ohr, und Hannahs Blick fiel auf die Fensterreihe des Westfl�gels. Der Wind schien eines der Fenster im dritten Stock aufgesto�en zu haben. Die Vorh�nge wehten im Regen, und die Fensterfl�gel schlugen immer wieder auf und zu. Das M�dchen verfluchte sein Schicksal. Allein die Vorstellung, auf den Korridor hinauszugehen und durch das ganze Haus bis zum Westfl�gel zu laufen, lie� ihr das Blut in den Adern gefrieren.</p><p>Bevor die Angst sie von ihrer Pflicht abhielt, schl�pfte sie in einen Morgenmantel und Hausschuhe. Elektrisches Licht gab es nicht, also nahm sie einen Kerzenleuchter und entz�ndete die Kerzen. Ihr kupfergoldenes Flackern tauchte die Umgebung in unheimliches Licht. Hannah legte die Hand auf den kalten T�rknauf des Zimmers und schluckte. In der Ferne schlugen immer wieder die Fensterfl�gel jenes dunklen Zimmers. Als warteten sie auf sie.</p><p>Sie zog die Zimmert�r hinter sich zu und sah sich der endlosen Flucht des Korridors gegen�ber, der in der Dunkelheit verschwand. Sie hob den Kerzenleuchter hoch und trat in den Korridor, der von den im Nichts schwebenden Schattenrissen der schlaftrunkenen Spielzeuge flankiert wurde. Hannah sah stur geradeaus und ging rasch weiter. Im dritten Stock standen zahlreiche von Lazarus� alten Automaten, Kreaturen, die sich ungelenk bewegten und deren Gesichtsz�ge h�ufig grotesk und nicht selten bedrohlich wirkten. Fast alle waren in Vitrinen hinter Glas gebannt, in denen sie pl�tzlich ohne Vorwarnung zu Leben erwachten, einem inneren Mechanismus gehorchend, der sie aufs Geratewohl aus ihrem mechanischen Schlaf erweckte.</p><p>Hannah kam an Madame Sarou vorbei, der Wahrsagerin, die mit ihren pergamentenen H�nden die Tarotkarten mischte, eine ausw�hlte und sie dem Zuschauer zeigte. Trotz aller Bem�hungen konnte das M�dchen nicht anders, als die gespenstische Gestalt dieser aus Holz geschnitzten Zigeunerin zu betrachten. Die Augen der Zigeunerin �ffneten sich, und ihre H�nde streckten ihr eine Karte entgegen. Hannah schluckte. Die Karte zeigte einen roten, in Flammen geh�llten Teufel.</p><p>Ein paar Meter weiter pendelte der Rumpf des Maskenmannes von einer Seite zur anderen. Der Automat riss sich immer neue Masken herunter, doch das Gesicht blieb unsichtbar. Hannah wandte den Blick ab und ging hastig weiter. Sie war hunderte Male bei Tageslicht durch diesen Korridor gegangen. Es waren nur leblose Maschinen, die sie nicht beachten und erst recht nicht f�rchten musste.</p><p>Mit diesem beruhigenden Gedanken bog sie in den Korridor ein, der zum Westfl�gel f�hrte. Auf einer Seite des Gangs stand das Miniaturorchester von Maestro Firetti. Gegen eine M�nze spielten die Figuren eine besondere Version von Mozarts <emphasis>T�rkischem Marsch.</emphasis></p><p>Hannah blieb vor der letzten T�r des Korridors stehen, einer schweren Eichenholzt�r. Jede T�r auf Cravenmoore zierte ein anderes Relief, das Szenen aus bekannten M�rchen zeigte: die Gebr�der Grimm, in kunstvollen, r�tselhaften Schnitzereien verewigt. In den Augen des M�dchens allerdings waren die Bilder einfach nur gruselig. Sie hatte diesen Raum noch nie betreten; eines von vielen Zimmern im Haus, in die sie noch nie einen Fu� gesetzt hatte. Und sie w�rde es auch nicht tun, solange es nicht notwendig war.</p><p>Das Fenster auf der anderen Seite der T�r schlug auf und zu. Der kalte Lufthauch der Nacht drang durch die T�rritzen und streifte ihre Haut. Hannah warf einen letzten Blick in den langen Korridor hinter ihr. Die Gesichter des Orchesters sp�hten aus dem Dunkel. Man h�rte deutlich das Rauschen des Wassers und den Regen auf den D�chern von Cravenmoore, der sich anh�rte wie das Krabbeln tausender kleiner Spinnen. Das M�dchen atmete tief durch, legte die Hand auf den T�rknauf und betrat das Zimmer.</p><p>Ein eisiger Windsto� umfing sie, schlug heftig die T�r hinter ihr zu und brachte die Kerzen zum Erl�schen. Die vom Regen durchn�ssten Voilevorh�nge wehten im Wind wie Leichent�cher. Hannah trat einige Schritte ins Zimmer und schloss rasch das Fenster, dessen Griff der Wind gelockert hatte. Das M�dchen tastete mit zittrigen Fingern in der Tasche ihres Morgenmantels und zog die Streichholzschachtel hervor, um die Kerzen wieder anzuz�nden. Im flackernden Licht des Leuchters erwachte die Dunkelheit um sie herum zum Leben. Hinter den Kerzen war etwas zu erkennen, das in ihren Augen wie das Zimmer eines Kindes aussah. Ein kleines Bett neben einem Schreibtisch. B�cher und Kinderkleidchen auf einem Stuhl. Ein Paar ordentlich vor dem Bett aufgestellte Schuhe. Ein winziges Kreuz, das an einem der Bettpfosten hing.</p><p>Hannah trat ein wenig n�her. Diese Gegenst�nde und M�belst�cke hatten etwas Sonderbares, etwas Beunruhigendes, das sie nicht einordnen konnte. Ihre Augen erforschten erneut das Kinderzimmer. Es gab keine Kinder auf Cravenmoore. Es hatte nie welche gegeben. Was sollte dieses Zimmer?</p><p>Pl�tzlich fiel es ihr auf. Jetzt begriff sie, was sie anf�nglich verwirrt hatte. Es war nicht die Ordnung. Es war nicht die Sauberkeit. Es war etwas so Einfaches, so Simples, dass es einem schwerfiel, �berhaupt auf diesen Gedanken zu kommen. Dies hier war das Zimmer eines Kindes. Aber es fehlte etwas� Spielzeug. Es gab im ganzen Zimmer kein einziges Spielzeug.</p><p>Hannah hob den Leuchter hoch und entdeckte noch etwas an den W�nden. Bl�tter. Zeitungsausschnitte. Das M�dchen stellte den Kerzenleuchter auf dem Kinderschreibtisch ab und ging n�her heran. Eine Collage aus alten Zeitungsausschnitten und Fotografien bedeckte die Wand. Auf einem Portr�t war eine blasse Dame zu sehen; ihre Gesichtsz�ge waren hart, streng, und von ihren schwarzen Augen ging etwas Bedrohliches aus. Dasselbe Gesicht war auch noch auf weiteren Bildern zu sehen. Hannahs Blick fiel auf ein Bild der geheimnisvollen Frau mit einem Kind auf dem Arm.</p><p>Ihr Blick wanderte weiter �ber die Wand und blieb an alten Zeitungsausschnitten h�ngen, deren Schlagzeilen in keinem Zusammenhang zu stehen schienen. Meldungen �ber einen schrecklichen Brand in einer Pariser Fabrik und einen gewissen Hoffmann, der bei der Trag�die verschwunden war. Fast zwanghaft schien sich die Spur dieses Ereignisses durch die ganze Sammlung von Zeitungsausschnitten zu ziehen, die wie Grabsteine entlang der Mauern eines Friedhofs der Erinnerungen aufgereiht waren. Und mittendrin, umgeben von Dutzenden anderer unleserlicher Ausrisse, die Titelseite einer Zeitung aus dem Jahr 1890. Darauf das Gesicht eines Kindes. Seine Augen waren schreckgeweitet, die Augen eines gepr�gelten Tieres.</p><p>Die Ausdruckskraft dieses Bildes traf sie mit voller Wucht. Dieser knapp Sechs- oder Siebenj�hrige schien Augenzeuge eines entsetzlichen Geschehens geworden zu sein, das er kaum begreifen konnte. Hannah fror. Es war eine intensive K�lte, die aus ihrem eigenen Inneren kam. Ihre Augen versuchten den verblassten Text zu entziffern, der das Bild umgab. �Ein achtj�hriger Knabe wurde aufgefunden, nachdem er acht Tage allein in einem dunklen Keller eingesperrt gewesen war�, stand unter dem Foto. Hannah betrachtete erneut das Gesicht des Kleinen. Da war etwas Vertrautes in seinem Gesicht, vielleicht in seinen Augen�</p><p>Genau in diesem Moment glaubte Hannah eine Stimme zu h�ren, eine Stimme, die hinter ihrem R�cken wisperte. Sie fuhr herum, doch dort war niemand. Das M�dchen seufzte erleichtert auf. Die tr�ben Lichts�ulen, die von den Kerzen aufstiegen, trafen in der Luft auf Tausende Staubk�rnchen und verbreiteten einen purpurfarbenen Nebel ringsum. Sie trat an eines der Fenster und wischte mit den Fingern �ber die beschlagene Scheibe. Der Wald lag im Nebel. In Lazarus� Arbeitszimmer im Fl�gel schr�g gegen�ber brannte Licht, und in dem warmen, goldenen Widerschein, der hinter den Vorh�ngen flackerte, zeichnete sich seine Silhouette ab. Ein d�nner Lichtstrahl fiel durch die freigewischte Stelle auf der Scheibe und zog sich wie ein heller Faden durch das Zimmer.</p><p>Erneut erklang die Stimme, deutlicher und n�her diesmal. Sie wisperte ihren Namen. Hannah wandte sich dem dunklen Zimmer zu und bemerkte zum ersten Mal das Leuchten, das von einem kleinen Kristallflakon ausging. Der Flakon, schwarz wie Obsidian, stand in einer kleinen Wandnische, umgeben von Lichtreflexen.</p><p>Das M�dchen trat langsam n�her und nahm den Flakon in Augenschein. Auf den ersten Blick wirkte er wie eine Parf�mflasche, aber sie hatte noch nie ein so sch�nes Exemplar gesehen wie dieses, einen so feinen Kristallschliff, wie ihn dieser Flakon aufwies. Ein Verschluss in Form eines Prismas warf ringsum einen Regenbogen. Hannah versp�rte einen unwiderstehlichen Drang, diesen Gegenstand in die Hand zu nehmen und mit den Fingerspitzen die perfekten Linien des Kristalls nachzuziehen.</p><p>Mit �u�erster Vorsicht umfasste sie den Flakon. Er wog mehr, als sie erwartet hatte, und das Kristall f�hlte sich kalt an, schmerzte fast beim Kontakt mit der Haut. Sie hielt ihn auf H�he der Augen und versuchte hineinzusp�hen. Alles, was sie erkennen konnte, war undurchdringliche Schw�rze. Im Gegenlicht allerdings kam es Hannah so vor, als bewegte sich etwas in seinem Inneren. Eine tr�ge, schwarze Fl�ssigkeit, ein Parf�m vielleicht�</p><p>Mit zitternden Fingern packte sie den geschliffenen Kristallverschluss. Im Flakon regte sich etwas. Hannah z�gerte einen Moment. Doch die Vollkommenheit dieses Gef��es schien den verf�hrerischsten Duft zu versprechen, den sie sich vorstellen konnte. Langsam drehte sie den Verschluss. Die Schw�rze im Inneren des Flakons geriet erneut in Bewegung, aber sie achtete nicht mehr darauf. Schlie�lich gab der Verschluss nach.</p><p>Ein unbeschreibliches Ger�usch, ein Zischen wie von Gas, das unter Druck entweicht, erf�llte den Raum. Im Bruchteil einer Sekunde quoll eine schwarze Masse aus dem Flaschenhals und breitete sich in der Luft aus wie ein Tintenfleck in einem See. Hannah sp�rte, wie ihre H�nde zitterten und diese wispernde Stimme sie umfing. Als sie erneut den Flakon betrachtete, stellte sie fest, dass das Kristall jetzt durchsichtig war und das, was darin gewesen war, sich durch ihre Hilfe befreit hatte. Das M�dchen stellte den Flakon an seinen Platz zur�ck. Sie sp�rte einen kalten Lufthauch durch das Zimmer streichen, der eine Kerze nach der anderen verl�schen lie�. W�hrend sich die Dunkelheit �ber den Raum senkte, wurde etwas Neues in der Schw�rze sichtbar. Eine unheimliche Form kroch �ber die W�nde und tauchte sie in Finsternis.</p><p>Ein Schatten.</p><p>Hannah wich langsam zur T�r zur�ck. Ihre zitternden H�nde legten sich auf den kalten T�rknauf hinter ihrem R�cken. Langsam �ffnete sie die T�r, ohne die Augen von der Dunkelheit abzuwenden, und machte sich bereit, das Zimmer so schnell wie m�glich zu verlassen. Etwas kam auf sie zu, sie konnte es f�hlen.</p><p>Einmal drau�en, drehte das M�dchen den T�rknauf, um das Zimmer abzuschlie�en, doch das Kettchen um ihren Hals verhakte sich in einem der T�rreliefs. Gleichzeitig war aus dem Zimmer ein durchdringendes, schauriges Ger�usch zu h�ren, das Zischen einer riesigen Schlange. Hannah sp�rte, wie Tr�nen des Entsetzens ihre Wangen hinabrannen. Das Kettchen zerriss, und das M�dchen h�rte, wie das Medaillon in der Dunkelheit zu Boden fiel. Von ihrer Fessel befreit, st�rzte Hannah in den finsteren Tunnel, der sich vor ihr �ffnete. Die T�r an seinem Ende, die zur Treppe des hinteren Fl�gels f�hrte, stand offen. Das gespenstische Zischen war erneut zu h�ren. N�her diesmal. Hannah rannte zum Treppenabsatz. Sekunden sp�ter h�rte sie das Ger�usch des T�rgriffs, der sich in der Dunkelheit zu drehen begann. Diesmal entrang sich ihrer Kehle ein panischer Schrei, und das M�dchen st�rzte die Treppe hinunter.</p><p>Der Weg nach unten ins Erdgeschoss kam ihr endlos vor. Hannah nahm keuchend immer drei Stufen auf einmal, w�hrend sie sich vergeblich bem�hte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als sie die T�r erreichte, die in den hinteren Teil des Parks von Cravenmoore f�hrte, waren ihre Kn�chel und Knie mit blauen Flecken �bers�t, aber sie nahm den Schmerz kaum wahr. Das Adrenalin jagte gl�hend hei� durch ihre Adern und trieb sie weiter vorw�rts. Die T�r, die nie benutzt wurde, war verschlossen. Hannah zerschlug das Glas mit dem Ellenbogen und brach sie von au�en auf. Sie sp�rte den Schnitt am Unterarm erst, als sie im dunklen Park stand.</p><p>Sie rannte zum Waldrand, w�hrend die k�hle Nachtluft �ber ihre von kaltem Schwei� durchtr�nkten Kleider strich und sie an ihrem K�rper festkleben lie�. Bevor sie auf den Pfad einbog, der durch den Wald von Cravenmoore f�hrte, drehte sich Hannah noch einmal zum Haus um. Sie erwartete, ihren Verfolger aus der Dunkelheit des Parks auftauchen zu sehen. Doch von der Erscheinung keine Spur. Sie atmete tief durch. Die kalte Luft brannte in ihrer Kehle und versetzte ihr einen scharfen Stich in die Lungen. Sie wollte gerade wieder loslaufen, als sie die Silhouette an die Fassade von Cravenmoore geklammert sah. Ein Gesicht w�lbte sich aus der schwarzen Masse hervor, und der Schatten kroch zwischen den Wasserspeiern nach unten wie eine riesige Spinne.</p><p>Hannah st�rzte sich in das Labyrinth aus Finsternis, das den Wald durchzog. Der Mond schien nun zwischen den Wolken hervor und tauchte den Dunst in blaues Licht. Der Wind entfachte ringsum die wispernden Stimmen tausender Bl�tter. Die B�ume standen am Wegesrand wie versteinerte Gespenster, die ihr die Arme entgegenstreckten, eine Wand aus bedrohlichen Klauen. Verzweifelt rannte sie dem Licht entgegen, das sie zum Ende dieses gespenstischen Tunnels leitete, eine T�r ins Licht, die sich immer weiter von ihr zu entfernen schien, je verzweifelter sie versuchte, sie zu erreichen.</p><p>Ein ohrenbet�ubendes Get�se erf�llte den Wald. Der Schatten w�lzte sich durch das Unterholz, zerst�rte alles, was sich ihm in den Weg stellte, eine t�dliche Fr�se, die sich eine Schneise zu ihr schlug. Dem M�dchen blieb der Schrei im Halse stecken. Zweige und Gestr�pp hatten Dutzende von Schnitten an ihren H�nden und Armen und in ihrem Gesicht hinterlassen. Die Ersch�pfung h�mmerte in ihrem Kopf und tr�bte ihre Sinne, fl�sterte ihr ein, der M�digkeit nachzugeben, sich einfach hinzusetzen und abzuwarten� Aber sie musste weiter. Sie musste von hier weg. Noch ein paar Meter, und sie w�rde die Stra�e erreichen, die zum Dorf f�hrte. Dort w�rde sie ein Auto treffen, jemanden, der sie mitnahm und ihr half. Die Rettung war nur ein paar Sekunden entfernt, gleich hinter dem Waldrand.</p><p>Die fernen Scheinwerfer eines Wagens, der am Strand des Engl�nders entlangfuhr, tasteten sich durch die Dunkelheit des Waldes. Hannah richtete sich auf und schrie mit letzter Kraft um Hilfe. Hinter ihr schien ein Wirbelsturm durch den Wald zu fegen und zwischen den �sten der B�ume aufzusteigen. Hannah sah nach oben zu der dichten Kuppel aus Zweigen, die das Gesicht des Mondes verbargen. Langsam breitete sich der finstere Schatten aus. Hannah entfuhr ein letztes Wimmern. Wie ein Regen aus Teer st�rzte sich der Schatten von oben auf sie. Das M�dchen schloss die Augen und dachte an die l�chelnde, lebhafte Miene ihrer Mutter.</p><p>Dann sp�rte sie den kalten Atem des Schattens auf ihrem Gesicht.</p></section><section><title><p>5. Ein Schloss im Nebel</p></title><p>Ismaels Segelboot tauchte p�nktlich aus dem Dunstschleier auf, der die Oberfl�che der Bucht liebkoste. Irene und ihre Mutter, die still auf der Veranda sa�en und eine Tasse Milchkaffee tranken, wechselten einen Blick.</p><p>�Ich muss dir ja nicht sagen��, begann Simone.</p><p>�Nein, musst du nicht�, antwortete Irene.</p><p>�Wann haben wir beide uns zum letzten Mal �ber M�nner unterhalten?�, fragte ihre Mutter.</p><p>�Als ich sieben wurde und unser Nachbarsjunge Claude mich �berredet hat, meinen Rock gegen seine Hose zu tauschen.�</p><p>�So ein Ferkel.�</p><p>�Er war erst f�nf, Mama.�</p><p>�Wenn sie mit f�nf schon so sind, dann stell sie dir mit f�nfzehn vor.�</p><p>�Sechzehn.�</p><p>Simone seufzte. Sechzehn Jahre, mein Gott. Ihre Tochter hatte vor, mit einem alten Seeb�ren durchzubrennen.</p><p>�Dann sprechen wir von einem Erwachsenen.�</p><p>�Er ist nur ein gutes Jahr �lter als ich. Was bin ich dann?�</p><p>�Du bist noch ein Kind.�</p><p>Irene l�chelte ihrer Mutter nachsichtig zu. Als Feldwebel hatte Simone Sauvelle keine Zukunft.</p><p>�Nur die Ruhe, Mama. Ich wei�, was ich tue.�</p><p>�Das ist es ja, was mir Angst macht.�</p><p>Das Segelboot fuhr in die kleine Bucht ein. Ismael winkte vom Boot aus. Simone musterte den Jungen mit wachsam hochgezogener Augenbraue.</p><p>�Warum kommt er nicht rauf und du stellst ihn mir vor?�</p><p>�Mama��</p><p>Simone nickte. Sie hatte sowieso nicht daran geglaubt, dass dieser Trick ziehen w�rde.</p><p>�Gibt es etwas, das ich dir mit auf den Weg geben sollte?�, schlug sie, klein beigebend, vor.</p><p>Irene gab ihr einen Kuss auf die Wange.</p><p>�W�nsch mir einfach einen sch�nen Tag.�</p><p>Ohne eine Antwort abzuwarten, lief Irene zum Anlegeplatz. Simone beobachtete, wie ihre Tochter die Hand dieses Fremden ergriff (der in ihren argw�hnischen Augen nicht mehr viel von einem Jungen hatte) und an Bord seines Segelbootes sprang. Als Irene sich umdrehte, um ihr zuzuwinken, l�chelte ihre Mutter gezwungen und winkte zur�ck. Dann sah sie zu, wie sie im friedlichen, strahlenden Sonnenschein in die Bucht hinaussegelten. Auf dem Gel�nder der Veranda sa� eine M�we, vielleicht auch sie eine besorgte Mutter, und betrachtete sie resigniert.</p><p>�Es ist nicht fair�, sagte sie zu der M�we. �Wenn sie auf die Welt kommen, sagt einem keiner, dass sie irgendwann das Gleiche machen werden wie man selbst in ihrem Alter.�</p><p>Der Vogel, dem solche �berlegungen fremd waren, folgte Irenes Beispiel und segelte davon. Simone musste �ber sich selbst l�cheln und machte sich auf den Weg nach Cravenmoore. Arbeit hilft immer, sagte sie sich.</p><empty-line/><p>Irgendwann verwandelte sich das ferne Ufer in eine wei�e Linie, die sich zwischen Himmel und Erde dahinzog. Der Ostwind bl�hte die Segel der <emphasis>Kyaneos</emphasis>, und der Bug des Bootes glitt �ber die kristallklare, smaragdblau schimmernde Fl�che, durch die man bis auf den Grund schauen konnte. Irene, deren einzige bisherige Erfahrung an Bord eines Schiffes die kurze �berfahrt vor einigen Tagen gewesen war, betrachtete mit offenem Mund, wie hinrei�end sch�n die Bucht aus dieser neuen Perspektive war. Das Haus am Kap war zu einem wei�en Einschnitt zwischen den Felsen geworden, und die leuchtend bunten Fassaden der H�user im Dorf spiegelten sich glitzernd im Wasser. In der Ferne zogen die Ausl�ufer eines Gewitters zum Horizont. Irene schloss die Augen und h�rte das Rauschen des Meeres ringsum. Als sie sie wieder �ffnete, war alles immer noch da. Es war Realit�t.</p><p>Nachdem er das Boot auf Kurs gebracht hatte, blieb Ismael nicht viel anderes zu tun, als Irene zu betrachten, die unter dem Eindruck eines Meereszaubers zu stehen schien. Mit wissenschaftlicher Gr�ndlichkeit begann er seine Beobachtungen bei ihren blassen Kn�cheln, um dann langsam und gewissenhaft hinaufzuwandern bis zu der Stelle, wo der Rock mit ungew�hnlicher Keckheit die obere H�lfte der Oberschenkel des M�dchens verbarg. Dann fuhr er damit fort, die gelungene Gestaltung ihres schlanken Oberk�rpers in Augenschein zu nehmen. Dieser Vorgang zog sich eine unbestimmte Zeit hin, bis seine Augen unvermutet jenen von Irene begegneten und Ismael feststellte, dass seine Musterung nicht unbemerkt geblieben war.</p><p>�Woran denkst du?�, fragte sie.</p><p>�An den Wind�, log Ismael glatt heraus. �Er schl�gt um und dreht auf S�d. Das ist h�ufig so, wenn Sturm aufkommt. Ich habe mir gedacht, du w�rdest vielleicht gerne zuerst das Kap umsegeln. Die Aussicht ist einzigartig.�</p><p>�Welche Aussicht?�, fragte Irene unschuldig.</p><p>Diesmal bestand kein Zweifel; das M�dchen machte sich �ber ihn lustig. Ohne auf die ironische Bemerkung seiner Passagierin zu achten, lenkte Ismael das Boot zum Scheitelpunkt der Str�mung, die eine Meile vom Kap entfernt am Riff entlang verlief. Sobald sie �ber diesen Punkt hinweg waren, konnten sie die Endlosigkeit des menschenleeren, wilden Strandes betrachten, der sich bis zu den Dunstschwaden dahinzog, die den Mont-Saint-Michel umgaben, ein Schloss, das aus dem Nebel emporragte.</p><p>�Das ist die Schwarze Bucht�, erkl�rte Ismael. �Sie wird so genannt, weil ihre Gew�sser tiefer sind als die der Blauen Bucht, bei der es sich im Grunde um eine Sandbank knapp sieben oder acht Meter unter Wasser handelt. Eine Untiefe.�</p><p>F�r Irene klang dieses Seglerlatein wie Chinesisch, aber die spr�de Sch�nheit, die diese Landschaft ausstrahlte, stellte ihr die Nackenh�rchen auf. Ihr Blick fiel auf etwas, das wie eine L�cke im Felsen aussah, ein zum Meer sich �ffnender Schlund.</p><p>�Dahinter liegt die Lagune�, sagte Ismael. �Sie ist nur durch diesen schmalen Durchlass mit dem offenen Meer verbunden. Auf der anderen Seite der Lagune liegt die Fledermausgrotte. Dieser Tunnel, der dort in den Fels hineinf�hrt, siehst du? Angeblich wurde im Jahr 1746 w�hrend eines Sturms eine Piratengaleone dort hineingetrieben. Die �berreste des Schiffes� und der Piraten� liegen noch immer dort.�</p><p>Irene warf ihm einen skeptischen Blick zu. Ismael mochte ein guter Kapit�n sein, aber was dieses Seemannsgarn anging, war er ein einfacher Schiffsjunge.</p><p>�Das ist die Wahrheit�, beteuerte Ismael. �Ich tauche manchmal dort. Die Grotte f�hrt tief in den Fels hinein und nimmt gar kein Ende.�</p><p>�Nimmst du mich mal mit hin?�, fragte Irene, w�hrend sie vorgab, die absurde Geschichte von einem spukenden Korsaren zu glauben.</p><p>Ismael err�tete ein wenig. Das klang nach Fortsetzung. Nach Verbindlichkeit. Mit einem Wort, nach Gefahr.</p><p>�Aber es gibt Flederm�use dort. Daher der Name��, gab der Junge zu bedenken, au�erstande, ein �berzeugenderes Argument zu finden.</p><p>�Ich mag diese fliegenden Ratten�, behauptete sie gutgelaunt, bem�ht, ihn weiter auf den Arm zu nehmen.</p><p>�Gut, wann du willst�, lenkte Ismael ein.</p><p>Irene schenkte ihm ein strahlendes L�cheln, das ihn v�llig aus der Fassung brachte. F�r einige Sekunden wusste er nicht mehr, ob der Wind von Nord wehte oder ob ein Kiel ein besonders leckeres Geb�ck war. Und das Schlimmste war, dass das M�dchen es zu bemerken schien. Zeit f�r eine Kurs�nderung. Ismael riss das Ruder herum und machte eine vollst�ndige Wende, so dass das Gro�segel auf die andere Seite schlug. Das Boot neigte sich so stark zur Seite, dass das Meer mit seiner kalten Zunge an Irenes Haut leckte. Das M�dchen schrie lachend auf. Ismael l�chelte ihr zu. Er wusste immer noch nicht genau, was er in ihr sah, aber in einem war er sich sicher: Er konnte den Blick nicht von ihr lassen.</p><p>�Auf zum Leuchtturm�, verk�ndete er.</p><p>Sekunden sp�ter schoss die <emphasis>Kyaneos</emphasis>, die unsichtbare Hand des Windes im R�cken, wie ein Pfeil durch die Brandung am Riff. Ismael sp�rte, wie Irene seine Hand umklammerte. Das Segelboot glitt dahin, als ob es kaum das Wasser ber�hrte. Im Kielwasser malte die Gischt wei�e Wirbel ins Wasser. Irene sah Ismael an und bemerkte, dass er sie ebenfalls betrachtete. F�r einen Moment versanken seine Augen in den ihren, und Irene sp�rte, wie der Junge sanft ihre Hand dr�ckte. Noch nie war die Welt so weit weg gewesen.</p><empty-line/><p>Am sp�ten Vormittag jenes Tages betrat Simone Sauvelle Lazarus Janns pers�nliche Bibliothek, die sich in einem gro�en ovalen Saal im Herzen von Cravenmoore befand. Ein unendliches Universum aus B�chern wand sich in einer babylonischen Spirale nach oben, einer Kuppel aus bunt gef�rbtem Glas entgegen. Tausende unbekannter, geheimnisvoller Welten gaben sich in dieser Kathedrale der B�cher ein Stelldichein. Sekundenlang stand Simone mit offenem Mund da, den Blick auf einen sich aufl�senden Dunstschleier geheftet, der zur Kuppel aufstieg. Es dauerte fast zwei Minuten, bis sie bemerkte, dass sie nicht alleine war.</p><p>In einem Lichtstrahl, der senkrecht von der Kuppel herabfiel, sa� eine sorgf�ltig gekleidete Gestalt an einem Schreibpult. Als er ihre Schritte h�rte, wandte sich Lazarus um, schlug das Buch zu, in dem er gerade gelesen hatte, einen alten, in schwarzes Leder gebundenen Band, der aus vergangenen Jahrhunderten zu stammen schien, und l�chelte liebensw�rdig. Es war ein warmes, ansteckendes L�cheln.</p><p>�Ah, Madame Sauvelle. Willkommen in meinem kleinen Refugium�, sagte er, w�hrend er aufstand.</p><p>�Ich wollte Sie nicht st�ren��</p><p>�Aber nicht doch, ich freue mich, dass Sie es getan haben�, sagte Lazarus. �Ich wollte mit Ihnen �ber eine Buchbestellung sprechen, die ich bei Arthur Francher t�tigen m�chte��</p><p>�Arthur Francher in London?�</p><p>Lazarus� Gesicht begann zu strahlen.</p><p>�Sie kennen ihn?�</p><p>�Mein Mann hat h�ufig B�cher dort gekauft, wenn er auf Reisen war. Burlington Arcade.�</p><p>�Ich wusste, ich h�tte keine geeignetere Person f�r diese Stelle finden k�nnen�, sagte er. Simone err�tete.</p><p>�Wie w�re es, wenn wir bei einer Tasse Kaffee dar�ber spr�chen?�, lud er sie ein.</p><p>Simone willigte sch�chtern ein. Lazarus l�chelte erneut und stellte das dicke Buch, das er in H�nden hielt, an seinen Platz zwischen Hunderten �hnlicher B�nde zur�ck. Simone beobachtete ihn dabei, und ihr Blick fiel zwangsl�ufig auf den Titel, der von Hand auf den Buchr�cken gepr�gt war. Ein einziges unbekanntes, unverst�ndliches Wort:</p><empty-line/><p><emphasis>Doppelg�nger</emphasis></p><empty-line/><p>Kurz vor Mittag sah Irene die Leuchtturminsel vor dem Bug auftauchen. Ismael beschloss, sie zu umrunden, um dort in einer kleinen Bucht vor der zerkl�fteten, felsigen Insel zu ankern. Dank Ismaels Erkl�rungen war Irene mittlerweile bereits um einiges beschlagener in der Kunst des Navigierens und der elementaren Physik des Windes. So gelang es ihnen gemeinsam, sich nach seinen Anweisungen die Str�mung zunutze zu machen und in die schmale Passage zwischen den Klippen zu gleiten, die zu dem alten Anleger am Leuchtturm f�hrte.</p><p>Die Insel war kaum mehr als ein trostloses St�ck Fels, das in der Bucht emporragte. Eine beachtliche M�wenkolonie nistete dort. Einige von ihnen musterten die Eindringlinge mit einer gewissen Neugier. Die �brigen flogen auf. Im Vorbeifahren sah Irene morsche, �ber Jahrzehnte sich selbst �berlassene Holzschuppen.</p><p>Der Leuchtturm war ein schlanker, von einer Prismenlaterne bekr�nter Turm, der ein kleines, knapp einst�ckiges Haus �berragte, die ehemalige Wohnung des Leuchtturmw�rters.</p><p>�Au�er mir, den M�wen und dem einen oder anderen Krebs war seit Jahren niemand mehr hier�, sagte Ismael.</p><p>�Den Wiederg�nger von dem Piratenschiff nicht zu vergessen�, scherzte Irene.</p><p>Der Junge steuerte das Boot zum Anleger und sprang an Land, um das Bugtau festzumachen. Irene folgte seinem Beispiel. Sobald die <emphasis>Kyaneos</emphasis> ordentlich vert�ut war, nahm Ismael einen Picknickkorb heraus, den ihm seine Tante in der �berzeugung zurechtgemacht hatte, dass sich eine junge Dame nicht mit leerem Magen erobern lasse und man bei der Befriedigung der Instinkte Priorit�ten setzen m�sse.</p><p>�Komm. Wenn du Geistergeschichten magst, wird dich das interessieren��</p><p>Ismael stie� die T�r des Leuchtturmhauses auf und bedeutete Irene, voranzugehen. Beim Betreten des alten Hauses hatte das M�dchen das Gef�hl, einen Schritt zwei Jahrzehnte zur�ck in die Vergangenheit gemacht zu haben. Alles war von einer Schimmelschicht �berzogen, die durch die jahrelange Feuchtigkeit entstanden war. Dutzende von B�chern, Gegenst�nden und M�beln waren zur�ckgeblieben und unversehrt, als h�tte ein Geist den Leuchtturmw�rter in der Nacht mitgenommen. Irene sah Ismael fasziniert an.</p><p>�Warte erst mal, bis du den Leuchtturm siehst�, sagte er.</p><p>Der Junge nahm ihre Hand und zog sie zu der Wendeltreppe, die in den Leuchtturm hinauff�hrte. Irene f�hlte sich wie ein Eindringling, als sie diesen aus der Zeit gefallenen Ort betrat, und zugleich wie eine Abenteurerin, die kurz davor war, ein seltsames Geheimnis zu enth�llen.</p><p>�Was ist mit dem Leuchtturmw�rter passiert?�</p><p>Ismael lie� sich Zeit mit der Antwort.</p><p>�Eines Nachts stieg er in sein Boot und verlie� die Insel. Er hat sich nicht einmal damit aufgehalten, seine Sachen zu packen.�</p><p>�Weshalb mag er so etwas getan haben?�</p><p>�Er hat es nie erz�hlt�, antwortete Ismael.</p><p>�Weshalb, glaubst du, hat er es getan?�</p><p>�Aus Angst.�</p><p>Irene schluckte und blickte �ber ihre Schulter, als erwartete sie jeden Moment, den Geist der ertrunkenen Frau wie einen D�mon hinter sich auf der Wendeltreppe zu sehen, die langen Krallen nach ihr ausgestreckt, das Gesicht porzellanwei�, dunkle Ringe um die ger�teten Augen.</p><p>�Hier ist niemand, Irene. Nur du und ich.�</p><p>Das M�dchen nickte, nicht sehr �berzeugt.</p><p>�Nur M�wen und Krebse, ja?�</p><p>�Genau.�</p><p>Die Treppe f�hrte zur Plattform des Leuchtturms, einem Ausguck hoch �ber der Insel, von wo aus man die ganze Blaue Bucht �berblicken konnte. Die beiden traten nach drau�en. Die frische Brise und das glei�ende Licht vertrieben alles Unheimliche, das vom Inneren des Leuchtturms ausging. Irene atmete tief durch und lie� sich von der Aussicht verzaubern, die man nur von dort aus hatte.</p><p>�Danke, dass du mich hierhergef�hrt hast�, fl�sterte sie.</p><p>Ismael nickte und wandte nerv�s den Blick ab.</p><p>�W�rdest du gern etwas essen? Ich sterbe vor Hunger�, erkl�rte er.</p><p>Also setzten sich die beiden an den Rand der Plattform, lie�en die F��e ins Leere baumeln und machten sich �ber die Leckereien her, die sich in dem Korb verbargen. Keiner von ihnen hatte gro�en Appetit, aber beim Essen waren H�nde und Geist besch�ftigt.</p><p>In der Ferne d�mmerte die Blaue Bucht in der Nachmittagssonne, unbeeindruckt von dem, was auf dieser abgelegenen Insel geschah.</p><empty-line/><p>Drei Tassen Kaffee und eine Ewigkeit sp�ter sa� Simone immer noch in Gesellschaft von Lazarus da. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Was als nette Plauderei begonnen hatte, hatte sich zu einem langen, tiefsinnigen Gespr�ch �ber B�cher, Reisen und alte Erinnerungen entwickelt. Nach wenigen Stunden schon hatte sie das Gef�hl, Lazarus ein Leben lang zu kennen. Zum ersten Mal seit Monaten und mit einem Gef�hl der Erleichterung beobachtete sie sich dabei, wie sie schmerzliche Erinnerungen an die letzten Lebenstage von Armand zulassen konnte. Lazarus h�rte aufmerksam und respektvoll schweigend zu. Er wusste, wann er das Gespr�ch in eine andere Richtung lenken musste und wann er den Erinnerungen freien Lauf lassen konnte.</p><p>Es fiel ihr schwer, in Lazarus nur ihren Arbeitgeber zu sehen. In ihren Augen war der Spielzeugfabrikant eher ein Freund, ein guter Freund. Im Laufe des Nachmittag gestand sich Simone mit einer Mischung aus schlechtem Gewissen und beinahe kindlicher Scham ein, dass dieses seltsame Einvernehmen zwischen ihnen beiden unter anderen Umst�nden, in einem anderen Leben, der Grundstein zu mehr h�tte sein k�nnen. Der Schatten ihrer Witwenschaft und die Erinnerungen lasteten auf ihrer Seele wie die Spuren eines Sturms, so wie auch die unsichtbare Gegenwart von Lazarus� kranker Frau die Atmosph�re auf Cravenmoore durchtr�nkte. Unsichtbare Zeugen in der Dunkelheit.</p><p>Einige Stunden schlichter Konversation gen�gten ihr, um aus dem Blick des Spielzeugfabrikanten lesen zu k�nnen, dass ihm �hnliche Gedanken durch den Kopf gingen. Aber sie las auch darin, dass er seiner Frau auf ewig verpflichtet sein w�rde und die Zukunft f�r sie beide nicht mehr bereithielt als eine Freundschaft. Eine tiefe Freundschaft. Eine unsichtbare Br�cke zwischen zwei Welten, getrennt durch Ozeane voller Erinnerungen.</p><p>Goldenes Licht k�ndigte die Abendd�mmerung an und fiel wie ein Gespinst aus leuchtenden F�den in Lazarus� Arbeitszimmer. Lazarus und Simone sahen sich schweigend an.</p><p>�Darf ich Ihnen eine pers�nliche Frage stellen, Lazarus?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Aus welchem Grund sind Sie Spielzeugfabrikant geworden? Mein verstorbener Mann war Ingenieur, und ein recht begabter. Aber Ihre Arbeit l�sst ein wirklich bahnbrechendes Talent erkennen. Und ich �bertreibe nicht, Sie wissen das genauso gut wie ich. Weshalb Spielzeug?�</p><p>Lazarus l�chelte stumm.</p><p>�Sie m�ssen mir nicht antworten�, setzte Simone hinzu.</p><p>Der Mann erhob sich und trat langsam ans Fenster. Seine Gestalt wurde in Gold getaucht.</p><p>�Das ist eine lange Geschichte�, begann er. �Als ich noch ein Kind war, lebte meine Familie im alten Distrikt Les Gobelins in Paris. Vielleicht kennen Sie die Gegend, ein Armeleuteviertel mit d�steren, ungesunden alten H�usern. Eine gespenstische graue Zitadelle mit engen, elenden Gassen. Zu jener Zeit war die Situation noch viel schlimmer, als Sie das in Erinnerung haben m�gen� falls das �berhaupt m�glich ist. Wir hausten in einer winzigen Bleibe in einem alten Mietshaus in der Rue des Gobelins. Ein Teil der Fassade war abgest�tzt, weil sie einzust�rzen drohte, doch keine der Familien, die dort wohnten, konnte es sich leisten, in eine bessere Gegend des Viertels zu ziehen. Wie wir dort alle zusammen wohnen konnten, meine drei Br�der und ich, meine Eltern und Onkel Luc, ist mir nach wie vor ein R�tsel. Aber ich schweife ab�</p><p>Ich war ein einsamer Junge. Immer schon. Die meisten Jungen aus der Stra�e schienen sich f�r Dinge zu interessieren, die mich langweilten, die Dinge hingegen, die mich interessierten, lockten niemanden, den ich kannte, hinterm Ofen hervor. Ich hatte lesen gelernt� ein Wunder�, und meine Freunde waren �berwiegend B�cher. Das w�re durchaus ein Grund zur Sorge f�r meine Mutter gewesen, h�tte es nicht dr�ngendere Probleme zu Hause gegeben. Meine Mutter glaubte immer, eine gute Kindheit bestehe darin, durch die Stra�en zu stromern und sich durch Nachahmen das Verhalten und die Ansichten seiner Umgebung anzueignen.</p><p>Mein Vater wartete nur darauf, dass meine Br�der und ich alt genug waren, um zum Unterhalt der Familie beizutragen.</p><p>Andere Kinder hatten weniger Gl�ck. In unserem Haus wohnte damals ein Junge in meinem Alter namens Jean Neville. Jean und seine Mutter, eine Witwe, hausten in einer winzigen Wohnung im Parterre, gleich neben dem Eingang. Der Vater des Jungen war Jahre zuvor an einer Nervenerkrankung gestorben, die er sich in der Fliesenfabrik zugezogen hatte, in der er sein Leben lang gearbeitet hatte. Eine h�ufige Sache, wie es scheint. Ich erfuhr das alles, weil ich der einzige Freund war, den der kleine Jean im Viertel hatte. Anne, seine Mutter, lie� ihn nicht aus dem Haus und dem Hinterhof. Sein Zuhause war ein Gef�ngnis.</p><p>Acht Jahre zuvor hatte Anne Neville im alten Hospital Saint Christian in Montparnasse Zwillinge zur Welt gebracht. Jean und Joseph. Joseph kam tot zur Welt. In den darauffolgenden acht Jahren seines Lebens lernte Jean, mit der finsteren Schuld aufzuwachsen, seinen Bruder bei der Geburt umgebracht zu haben. Zumindest glaubte er das. Anne erinnerte ihn an jedem Tag seines Lebens daran, dass sein Bruder durch seine Schuld leblos zur Welt gekommen sei; w�re er nicht gewesen, n�hme nun ein wunderbarer Junge seinen Platz ein. Nichts, was er tat oder sagte, fand die Zustimmung seiner Mutter.</p><p>Nach au�en hin lie� Anne Neville ihrem Sohn nat�rlich die �bliche Zuwendung angedeihen. Doch die Wirklichkeit in der Einsamkeit der Wohnung sah anders aus. Anne machte Jean Tag f�r Tag Vorw�rfe: Er sei ein Faulpelz. Ein Nichtsnutz. Seine Schulleistungen seien ein Trauerspiel. Seine F�higkeiten mehr als fraglich. Seine Bewegungen t�lpelhaft. Kurzum, sein Leben sei ein einziger Fluch. Sein Bruder Joseph hingegen w�re ein bewundernswerter, flei�iger, liebevoller Junge geworden� alles, was er niemals sein werde.</p><p>Der kleine Jean begriff bald, dass er es war, der vor acht Jahren in jenem dunklen Krankenhauszimmer h�tte sterben sollen. Er nahm den Platz eines anderen ein� S�mtliche Spielsachen, die Anne �ber Jahre f�r ihr zuk�nftiges Kind beiseitegelegt hatte, landeten in der Woche, nachdem sie aus dem Krankenhaus kam, im Herdfeuer. Jean hat niemals Spielzeug besessen. Es war ihm verboten. Er hatte keines verdient.</p><p>Eines Nachts, als der Junge schreiend aus dem Schlaf hochfuhr, kam seine Mutter zu ihm ans Bett und fragte ihn, was los sei. Ver�ngstigt erz�hlte Jean, er habe getr�umt, ein Schatten, ein b�ser Geist verfolge ihn durch einen endlosen Tunnel. Annes Antwort war unmissverst�ndlich. Dieser Traum sei ein Zeichen. Der Schatten, von dem er getr�umt habe, sei der Geist seines toten Bruders, der nach Rache schreie. Er m�sse sich ein weiteres Mal bem�hen, ein besserer Sohn zu sein, seiner Mutter in allem zu gehorchen, keines ihrer Worte und keine ihrer Taten in Frage zu stellen. Sonst werde der Schatten zum Leben erwachen und kommen, um ihn in die H�lle zu schleppen. Mit diesen Worten packte Anne ihren Sohn und brachte ihn in den Keller des Hauses, wo sie ihn zw�lf Stunden im Dunkeln allein lie�, damit er �ber das nachdenken konnte, was sie ihm gesagt hatte. Das war das erste Mal, dass er eingesperrt wurde.</p><p>Als der kleine Jean mir das alles eines Nachmittags, ein Jahr sp�ter, erz�hlte, war ich entsetzt. Ich wollte dem Jungen helfen, ihn tr�sten und irgendwie das Elend ausgleichen, in dem er lebte. Das Einzige, was mir einfiel, war, die M�nzen zusammenzukratzen, die ich �ber Monate in meiner Sparb�chse verwahrt hatte, und in Monsieur Giradots Spielwarengesch�ft zu gehen. Meine Ersparnisse reichten nicht weit, und ich bekam nur eine alte Marionette, einen Engel aus Pappmach�, den man mit Schn�ren bewegen konnte. Ich wickelte ihn in Glanzpapier und wartete am n�chsten Tag, bis Anne Neville zum Einkaufen gegangen war. Dann klopfte ich an der Wohnungst�r und sagte, dass ich es sei, Lazarus. Jean �ffnete, und ich gab ihm das P�ckchen. Es sei ein Geschenk, sagte ich, und ging.</p><p>Drei Wochen sah ich ihn nicht. Ich ging davon aus, dass Jean sich an meinem Geschenk erfreute, wenn ich schon nichts mehr von meinen Ersparnissen hatte. Sp�ter erfuhr ich, dass der Engel aus Stoffresten und Pappmach� nur einen Tag �berlebte. Anne fand ihn und verbrannte ihn. Auf ihre Frage, woher er ihn habe, antwortete Jean, der mich nicht in die Sache hineinziehen wollte, er habe ihn selbst gebastelt.</p><p>Und eines Tages fiel die Strafe noch viel grausamer aus. Anne zerrte ihren Sohn v�llig au�er sich in den Keller, sperrte ihn ein und drohte ihm, diesmal werde ihn der Schatten im Dunkeln holen kommen und f�r immer mitnehmen.</p><p>Jean Neville verbrachte eine ganze Woche dort unten. Seine Mutter war derweil in einen Streit auf dem Markt in Les Halles verwickelt und wurde zusammen mit mehreren anderen von der Polizei in eine Gemeinschaftszelle gesperrt. Nach ihrer Entlassung irrte sie tagelang durch die Stra�en.</p><p>Bei ihrer R�ckkehr fand sie die Wohnung verlassen und die Kellert�r verriegelt vor. Nachbarn halfen ihr, sie aufzubrechen. Der Keller war leer. Von Jean keine Spur.�</p><p>Lazarus machte eine Pause. Simone wartete schweigend darauf, dass er den Ausgang der Geschichte erz�hlte.</p><p>�Jean wurde nie wieder im Viertel gesehen. Die meisten, die die Geschichte kannten, gingen davon aus, dass der Junge durch ein Kellerloch geflohen war, so weit weg von seiner Mutter wie m�glich. Ich vermute, genauso war es auch. Wenn Sie allerdings seine Mutter gefragt h�tten, die den Verlust des Jungen wochen- und monatelang untr�stlich beweinte, dann h�tte sie mit Sicherheit behauptet, der Schatten habe ihn mitgenommen� Ich sagte Ihnen vorhin, ich sei wahrscheinlich der einzige Freund von Jean Neville gewesen. Ehrlich gesagt war es wohl eher umgekehrt. Er war mein einziger Freund. Jahre sp�ter schwor ich mir, alles in meiner Macht Stehende zu tun, damit nie wieder ein Kind ohne Spielzeug sein m�sse. Kein Kind sollte noch einmal den Alptraum durchleben, der die Kindheit meines Freundes Jean �berschattet hatte. Noch heute frage ich mich, wo er wohl sein mag, falls er noch lebt. Vermutlich finden Sie meine Erkl�rung ein wenig sonderbar��</p><p>�Ganz und gar nicht�, antwortete sie, das Gesicht in der Dunkelheit verborgen.</p><p>Dann beugte sich Simone ins Licht und schenkte Lazarus ein strahlendes L�cheln.</p><p>�Es ist sp�t geworden�, sagte der Spielzeugfabrikant leise. �Ich muss zu meiner Frau.�</p><p>Simone nickte.</p><p>�Danke f�r Ihre Gesellschaft, Madame Sauvelle�, sagte Lazarus und verlie� dann schweigend den Raum.</p><p>Sie sah ihm hinterher und seufzte tief. Die Einsamkeit erschuf seltsame Labyrinthe.</p><empty-line/><p>Die Sonne ging �ber der Bucht unter, und die Linse des Leuchtturms warf bernsteingelbe und scharlachrote Lichtblitze auf das Meer. Der Wind war aufgefrischt, und der Himmel nahm ein helles Blau an, durchzogen von einigen Wolken, die wie Zeppeline aus wei�er Watte dahinschwebten. Irene sa� schweigend da, leicht gegen Ismaels Schulter gelehnt.</p><p>Der Junge legte langsam den Arm um sie. Sie sah zu ihm auf. Ihre Lippen waren leicht ge�ffnet und bebten kaum merklich. Ismael sp�rte ein Kribbeln im Bauch und h�rte ein seltsames Klopfen in seinen Ohren. Es war sein eigenes Herz, das wie verr�ckt h�mmerte. Vorsichtig n�herten sich ihre Lippen einander. Irene schloss die Augen. Jetzt oder nie, schien eine innere Stimme Ismael zuzufl�stern. Der Junge entschied sich f�r das �Jetzt� und ber�hrte Irenes Lippen mit den seinen. Die n�chsten zehn Sekunden dauerten zehn Jahre.</p><p>Sp�ter, als beide das Gef�hl hatten, dass es keine Grenze mehr zwischen ihnen gab, dass jeder Blick, jede Geste ein Wort in einer Sprache war, die nur sie verstanden, sa�en sie schweigend und eng umschlungen dort oben auf dem Leuchtturm. W�re es nach ihnen gegangen, sie h�tten noch am J�ngsten Tag so dagesessen.</p><empty-line/><p>�Wo w�rst du gerne in zehn Jahren?�, fragte Irene pl�tzlich.</p><p>Ismael dachte �ber eine Antwort nach. Gar nicht so einfach.</p><p>�Was f�r eine Frage. Ich wei� es nicht.�</p><p>�Was w�rdest du gerne machen? In die Fu�stapfen deines Onkels treten?�</p><p>�Ich glaube, das w�re keine gute Idee.�</p><p>�Was dann?�, beharrte sie.</p><p>�Ich wei� nicht. Es ist vermutlich eine Spinnerei��</p><p>�Was ist eine Spinnerei?�</p><p>Ismael h�llte sich in ein langes Schweigen. Irene wartete geduldig.</p><p>�H�rspiele f�rs Radio. Ich w�rde gerne H�rspiele f�rs Radio schreiben�, erkl�rte er schlie�lich.</p><p>Jetzt war es heraus.</p><p>Irene l�chelte ihm zu. Wieder dieses unbestimmbare, geheimnisvolle L�cheln.</p><p>�Was f�r H�rspiele?�</p><p>Ismael sah sie aufmerksam an. Er hatte noch nie mit jemandem �ber dieses Thema gesprochen und f�hlte sich nicht auf sicherem Terrain. Vielleicht war es besser, die Segel zu streichen und zur�ckzurudern.</p><p>�Spukgeschichten�, antwortete er schlie�lich z�gernd.</p><p>�Ich dachte, du glaubst nicht an Geister.�</p><p>�Man muss nicht an Geister glauben, um �ber sie zu schreiben�, entgegnete Ismael. �Ich sammle schon seit geraumer Zeit Artikel �ber einen Typen, der H�rspiele macht. Er hei�t Orson Welles. Vielleicht k�nnte ich versuchen, mit ihm zusammenzuarbeiten��</p><p>�Orson Welles? Ich habe noch nie von ihm geh�rt, aber vermutlich kommt man nicht so leicht an ihn heran. Hast du schon eine Idee?�</p><p>Ismael nickte vage.</p><p>�Du musst mir versprechen, keinem davon zu erz�hlen.�</p><p>Das M�dchen hob feierlich die Hand. Sie fand Ismaels Gebaren ein wenig kindisch, aber die Sache machte sie neugierig.</p><p>�Komm mit.�</p><p>Ismael f�hrte sie wieder in die Wohnung des Leuchtturmw�rters. Dort ging er zu einer Truhe, die in einer Ecke stand, und �ffnete sie. Seine Augen leuchteten vor Aufregung.</p><p>�Als ich zum ersten Mal hierherkam, bin ich getaucht und habe das Wrack des Bootes gefunden, in dem vermutlich vor zwanzig Jahren diese Frau ertrunken ist�, sagte er in geheimnisvollem Ton. �Du erinnerst dich an die Geschichte, die ich dir erz�hlt habe?�</p><p>�Die Septemberlichter. Die mysteri�se Dame, die im Sturm verschwunden ist��, erkl�rte Irene.</p><p>�Genau. Rate mal, was ich in dem Wrack gefunden habe.�</p><p>�Was?�</p><p>Ismael griff in die Truhe und holte ein kleines, ledergebundenes Buch hervor, das in einer Art Metallh�lse steckte, kaum gr��er als eine Zigarettenschachtel.</p><p>�Das Wasser hat einige Seiten zerst�rt, aber einige Passagen sind noch lesbar.�</p><p>�Ein Buch?�, fragte Irene neugierig.</p><p>�Es ist nicht irgendein Buch�, erkl�rte er. �Es ist ein Tagebuch. Ihr Tagebuch.�</p><empty-line/><p>Kurz vor Sonnenuntergang nahm die <emphasis>Kyaneos</emphasis> wieder Kurs auf das Haus am Kap. Ein Sternenmeer funkelte auf dem blauen Tuch, das die Bucht �berspannte, und die Sonne versank blutrot am Horizont wie eine Scheibe aus gl�hendem Eisen. Irene beobachtete schweigend, wie Ismael das Segelboot steuerte. Der Junge l�chelte ihr zu, dann richtete er den Blick wieder auf die Segel, um genau auf die Richtung des Windes zu achten, der von Westen aufkam.</p><p>Vor ihm hatte Irene zwei Jungen gek�sst. Das erste Mal mit dem Bruder einer Schulfreundin war vor allem ein Experiment gewesen. Sie hatte wissen wollen, was man dabei empfand. Es war keine gro�e Sache gewesen. Der Zweite, Gerard, hatte mehr Angst gehabt als sie, und das Erlebnis hatte ihre Zweifel hinsichtlich des Themas nicht zerstreut. Ismael zu k�ssen war anders gewesen. Als sich ihre Lippen ber�hrten, war eine Art Stromsto� durch ihren K�rper gefahren. Er f�hlte sich anders an. Er roch anders. Alles an ihm war anders.</p><p>�Woran denkst du?� Diesmal war es Ismael, den ihre abwesende Miene neugierig machte.</p><p>Irene zog geheimnisvoll die Augenbraue hoch.</p><p>Er zuckte mit den Schultern und hielt weiter auf das Kap zu. Ein Vogelschwarm begleitete sie bis zum Anleger zwischen den Klippen. Die Lichter des Hauses lie�en helle Reflexe auf der kleinen Bucht tanzen. Weiter weg glitzerten die Lichter des Dorfes auf dem Wasser wie eine funkelnde Kette aus Sternen.</p><p>�Es ist schon dunkel�, stellte Irene ein wenig besorgt fest. �Dir wird doch nichts passieren, oder?�</p><p>Ismael l�chelte.</p><p>�Die <emphasis>Kyaneos</emphasis> findet den Weg von alleine. Mir passiert nichts.�</p><p>Das Segelboot schmiegte sich sanft an den Anleger. Das Kr�chzen der V�gel auf den Klippen bildete ein fernes Echo. Ein dunkelblauer Streifen legte sich nun �ber die flammend rote Linie des Sonnenuntergangs am Horizont, und der Mond spitzte zwischen den Wolken hervor.</p><p>�Also dann� Es ist schon sp�t�, setzte Irene an.</p><p>�Ja��</p><p>Das M�dchen sprang an Land.</p><p>�Ich nehme das Tagebuch mit. Ich passe gut darauf auf, versprochen.�</p><p>Ismael nickte. Irene rutschte ein kleines, nerv�ses Lachen heraus.</p><p>�Gute Nacht.�</p><p>Die beiden sahen sich im D�mmerlicht an.</p><p>�Gute Nacht, Irene.�</p><p>Ismael machte die Leinen los.</p><p>�Ich habe �berlegt, morgen zur Lagune zu fahren. Vielleicht willst du ja mitkommen��</p><p>Sie nickte. Die Str�mung trug das Boot davon.</p><p>�Ich komme dich hier abholen��</p><p>Die <emphasis>Kyaneos</emphasis> verschwand in der Dunkelheit. Irene blieb stehen und sah ihr hinterher, bis die schwarze Nacht die Jolle vollst�ndig verschluckt hatte. Dann schwebte sie zwei Handbreit �ber dem Boden zum Haus am Kap hinauf. Ihre Mutter sa� wartend auf der dunklen Veranda. Man brauchte kein Hellseher zu sein, um zu erkennen, dass Simone die ganze Szene am Anleger verfolgt hatte.</p><p>�Wie war dein Tag?�, fragte sie.</p><p>Irene schluckte. Ihre Mutter l�chelte verschmitzt.</p><p>�Du kannst es mir ruhig erz�hlen.�</p><p>Irene setzte sich neben ihre Mutter und lie� sich von ihr in den Arm nehmen.</p><p>�Und du?�, fragte das M�dchen zur�ck. �Was hast du so gemacht?�</p><p>Simone entfuhr ein Seufzer, als sie an den Nachmittag mit Lazarus dachte.</p><p>Schweigend umarmte sie ihre Tochter und l�chelte vor sich hin.</p><p>�Es war ein merkw�rdiger Tag, Irene. Ich glaube, ich werde alt.�</p><p>�So ein Unsinn.�</p><p>Sie sah ihrer Mutter in die Augen.</p><p>�Ist etwas nicht in Ordnung, Mama?�</p><p>Simone l�chelte schwach und sch�ttelte stumm den Kopf.</p><p>�Ich vermisse deinen Vater�, antwortete sie schlie�lich, w�hrend ihr eine Tr�ne die Wange hinablief.</p><p>�Papa ist fort�, sagte Irene. �Du musst ihn gehen lassen.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich ihn gehen lassen will.�</p><p>Irene nahm sie in die Arme und h�rte, wie Simone in der Dunkelheit ihre Tr�nen vergoss.</p></section><section><title><p>6. Das Tagebuch der Alma Maltisse</p></title><p>Am n�chsten Morgen war alles in eine Nebeldecke geh�llt. Als der Tag anbrach, war Irene immer noch in die Lekt�re des Tagebuchs vertieft, das Ismael ihr �berlassen hatte. Was vor Stunden als blo�e Neugier begonnen hatte, war im Laufe der Nacht immer st�rker geworden und hatte sich schlie�lich in Besessenheit verwandelt. Mit der ersten, von der Zeit ausgeblichenen Zeile an hatten sich die handschriftlichen Aufzeichnungen dieser mysteri�sen, in den Wassern der Bucht verschollenen Dame zu einem fesselnden Geheimnis entwickelt, einem ungel�sten R�tsel, das das M�dchen nicht einmal an Schlaf denken lie�.</p><empty-line/><p><emphasis>� Heute habe ich zum ersten Mal das Gesicht des Schattens gesehen. Reglos lauernd, hat er mich stumm aus der Dunkelheit beobachtet. Ich wei� genau, was in diesen Augen lag, was ihn am Leben h�lt: Hass. Ich konnte seine Gegenwart sp�ren und wusste, dass sich unsere Tage an diesem Ort fr�her oder sp�ter in einen Alptraum verwandeln werden. Jetzt wird mir klar, dass er meine ganze Hilfe braucht und dass ich ihn, was auch immer geschieht, nicht allein lassen kann�</emphasis></p><empty-line/><p>Seite um Seite schien die eigent�mliche Stimme dieser Frau Irene etwas zuzuraunen, ihr Geheimnisse anzuvertrauen, die jahrelang versunken und vergessen gewesen waren. Sechs Stunden, nachdem sie mit dem Lesen des Tagebuchs begonnen hatte, war die unbekannte Frau zu einer Art unsichtbarer Freundin geworden, eine Stimme aus dem Nebel, die in Ermangelung eines anderen Trostes sie ausgew�hlt hatte, um ihr Innerstes zu offenbaren, ihre Erinnerungen und das R�tsel jener Nacht mitzuteilen, als sie im kalten Wasser der Leuchtturminsel den Tod gefunden haben musste, damals, in jener Septembernacht.</p><empty-line/><p><emphasis>� Es ist wieder passiert. Diesmal waren es meine Kleider. Als ich heute Morgen mein Ankleidezimmer betrat, stand die T�r meines Schranks weit offen und alle meine Kleider, die Kleider, die er mir �ber die Jahre geschenkt hat, waren zerfetzt, wie von Hunderten von Messern zerschlitzt. Vor sieben Tagen war es mein Verlobungsring. Ich fand ihn verbogen und v�llig zerst�rt auf dem Fu�boden. Andere Schmuckst�cke sind verschwunden. Die Spiegel in meinem Zimmer wurden zerkratzt. Mit jedem Tag wird seine Gegenwart st�rker und seine Wut greifbarer. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis seine Angriffe nicht mehr l�nger meinem Besitz gelten und sich gegen mich richten. Ich bin es, die er hasst. Ich bin es, die er tot sehen will. An diesem Ort ist kein Platz f�r uns beide�</emphasis></p><empty-line/><p>Die Morgend�mmerung hatte einen kupfergoldenen Teppich �ber das Meer gebreitet, als Irene auf der letzten Seite des Tagebuchs angelangt war. Ihr ging durch den Kopf, dass sie noch nie zuvor so viel �ber jemanden gewusst hatte. Noch nie hatte ein Mensch, nicht einmal ihre Mutter, die Geheimnisse seiner Seele mit solcher Aufrichtigkeit vor ihr ausgebreitet wie dieses Tagebuch einer Frau, die sie gar nicht kannte. Einer Frau, die Jahre vor ihrer Geburt gestorben war.</p><empty-line/><p><emphasis>� Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann, niemanden, dem ich die �ngste offenbaren kann, die sich Tag f�r Tag meiner Seele bem�chtigen. Manchmal w�rde ich gerne zur�ckgehen, auf meinem Weg durch die Zeit umkehren. Dann wird mir klar, dass meine Angst und meine Trauer nicht mit seiner vergleichbar sind, dass er mich braucht und dass ohne mich sein Licht f�r immer verl�schen w�rde. Ich bitte Gott nur, dass er uns die Kraft gibt, zu �berleben, dem Schatten zu entfliehen, der sich �ber uns legt. Bei jeder Zeile, die ich in dieses Tagebuch schreibe, kommt es mir vor, als sei es die letzte.</emphasis></p><empty-line/><p>Aus irgendeinem Grund, stellte Irene fest, war ihr zum Heulen zumute. Stumm vergoss sie ihre Tr�nen in Gedanken an die unsichtbare Dame, deren Tagebuch ein Licht in ihrem eigenen Inneren entz�ndet hatte. Was die Identit�t der Schreiberin anging, gab das Tagebuch allerdings nur zwei W�rter oben auf der ersten Seite preis.</p><empty-line/><p><emphasis>Alma Maltisse</emphasis></p><empty-line/><p>Kurz darauf sah Irene das Segel der <emphasis>Kyaneos</emphasis> aus dem Nebeldunst vor dem Haus am Kap auftauchen. Sie nahm das Tagebuch und schlich auf Zehenspitzen zu ihrem zweiten Treffen mit Ismael.</p><empty-line/><p>Nach wenigen Minuten hatte das Boot die Str�mung hinter sich gelassen, die gegen die Spitze des Kaps dr�ngte, und erreichte die Schwarze Bucht. Das Morgenlicht warf scharfe Schattenrisse auf die Steilklippen, die weite Teile der normannischen K�ste bestimmten, schroffe Felsw�nde, die dem rauen Ozean trotzten. Sonnenreflexe aus Gischt und glei�endem Silber flirrten auf dem Wasser. Der Nordwind trieb das Segelboot kr�ftig vorw�rts, der Kiel durchschnitt die Wasseroberfl�che wie ein Schwert. F�r Ismael war es reine Routine, f�r Irene Tausendundeine Nacht.</p><p>Einer unerfahrenen Seglerin wie ihr schien dieses �berbordende Schauspiel aus Licht und Wasser Tausende Abenteuer und Geheimnisse zu verhei�en, die unter der Meeresoberfl�che darauf warteten, entdeckt zu werden. Ismael, der am Ruder sa�, l�chelte ungew�hnlich viel und nahm Kurs auf die Lagune. Irene, umfangen vom Zauber des Meeres, berichtete weiter, was sie bei der ersten Lekt�re von Alma Maltisse Tagebuch herausgefunden hatte.</p><p>�Sie hat es offensichtlich f�r sich selbst geschrieben�, erkl�rte sie. �Es ist merkw�rdig, dass sie niemanden mit Namen erw�hnt. Es ist, als erz�hlte sie von lauter Unsichtbaren.�</p><p>�Es ist v�llig unverst�ndlich�, stellte Ismael fest, der bereits vor einiger Zeit an der Lekt�re des Tagebuchs gescheitert war.</p><p>��berhaupt nicht�, widersprach Irene. �Es ist nur so, dass man eine Frau sein muss, um es zu verstehen.�</p><p>Angesichts dieser Behauptung wollten Ismaels Lippen eine Erwiderung formen, doch aus irgendeinem Grund behielt er seine Gedanken f�r sich.</p><p>Bald hatte sie der Wind von achtern zur Einfahrt der Lagune gebracht. Ein schmaler Durchlass zwischen den Felsen f�hrte in einen nat�rlichen Hafen. Das Wasser in der Lagune, kaum drei bis vier Meter tief, bildete einen durchsichtigen, smaragdgr�nen Garten, und der sandige Grund wellte sich unter ihren F��en wie ein zarter wei�er Schleier. Irene lauschte staunend der Verzauberung nach, in die sie der sanfte Bogen der Lagune versetzte. Ein Fischschwarm tanzte unter dem Rumpf der <emphasis>Kyaneos</emphasis> wie silbrig glitzernde Pfeile.</p><p>�Das ist unglaublich�, stammelte Irene.</p><p>�Das ist die Lagune�, erkl�rte Ismael prosaisch.</p><p>Dann holte er die Segel ein und warf den Anker, w�hrend das M�dchen noch unter dem ersten Eindruck dieser Umgebung stand. Die <emphasis>Kyaneos</emphasis> schaukelte sanft hin und her wie ein Blatt auf einem stillen See.</p><p>�Also, willst du die Grotte nun sehen oder nicht?�</p><p>Irenes einzige Antwort bestand in einem herausfordernden L�cheln, und ohne den Blick von ihm abzuwenden, zog sie langsam ihr Kleid aus. Ismael bekam Augen so gro� wie Untertassen. Nicht einmal in seinen wildesten Phantasien hatte er mit einem solchen Auftritt gerechnet. Irene, die nun einen eng anliegenden Badeanzug trug, der so knapp war, dass er in den Augen ihrer Mutter diesen Namen niemals verdient h�tte, grinste, als sie Ismaels Gesichtsausdruck sah. Nachdem sie ihn einige Sekunden mit ihrem Anblick becirct hatte, gerade lang genug, dass er sich nicht daran gew�hnen konnte, sprang sie ins Wasser und tauchte unter die sanft wogende, schimmernde Oberfl�che. Ismael schluckte. Entweder er war eine lahme Schnecke oder dieses M�dchen war zu schnell f�r ihn. Ohne lange zu �berlegen, sprang er hinter ihr ins Wasser. Er brauchte eine Abk�hlung.</p><p>Ismael und Irene schwammen zum Eingang der Fledermausgrotte. Der Tunnel verschwand im Fels wie eine in Stein gehauene Kathedrale. Eine schwache Str�mung kam aus dem Inneren und strich unter Wasser �ber ihre Haut. Das Innere der Meeresgrotte erweiterte sich zu einer Kuppel mit Hunderten langer Felsnadeln, die in die Tiefe hingen wie versteinerte Tr�nen aus Eis. Glitzerndes Wasser fing sich in zahllosen Nischen zwischen den Felsen, und von dem sandigen Boden ging ein geisterhaftes, phosphoreszierendes Leuchten aus, das einen Teppich aus Licht im Inneren der Grotte ausbreitete.</p><p>Irene tauchte und �ffnete unter Wasser die Augen. Eine Welt aus tanzenden Lichtreflexen schwebte vor ihr, bev�lkert von seltsamen, faszinierenden Kreaturen. Kleine Fische, deren Schuppen je nach Lichteinfall die Farbe wechselten. Bunt schillernde Pflanzen auf den Felsen. Winzige Krebse, die �ber den sandigen Meeresboden krabbelten. Das M�dchen betrachtete das Leben in der Grotte, bis ihr die Luft ausging.</p><p>�Wenn du so weitermachst, w�chst dir noch ein Fischschwanz wie den Meerjungfrauen�, sagte Ismael.</p><p>Sie zwinkerte ihm zu und k�sste ihn im ged�mpften Licht der Grotte.</p><p>�Ich bin eine Meerjungfrau�, fl�sterte sie, w�hrend sie tiefer in die Fledermausgrotte hineinschwamm.</p><p>Ismael wechselte einen Blick mit einem gleichm�tigen Krebs, der ihn von der Felswand aus musterte und ein menschenkundliches Interesse an der Szene zu haben schien. Der wissende Blick des Schalentieres lie� keinen Zweifel. Man machte sich wieder �ber ihn lustig.</p><empty-line/><p>Ein ganzer Fehltag, dachte Simone. Hannah war seit Stunden verschwunden, ohne Bescheid zu geben. Simone fragte sich, ob sie es mit einem rein disziplinarischen Problem zu tun hatte. Hoffentlich war es so. Sie hatte den ganzen Sonntag damit verbracht, auf Nachrichten von dem M�dchen zu warten. Wahrscheinlich hatte es nach Hause gemusst, dachte sie. Eine kleine Unp�sslichkeit. Eine unvorhergesehene Verpflichtung. Sie h�tte sich mit jeder Erkl�rung zufriedengegeben. Nach stundenlangem Warten beschloss sie, etwas zu unternehmen. Sie wollte gerade zum H�rer greifen, um bei Hannah zu Hause anzurufen, als ihr ein eingehender Anruf zuvorkam. Die Stimme am anderen Ende kam ihr unbekannt vor, und die Art und Weise, wie sich ihr Besitzer vorstellte, trug nicht eben dazu bei, sie zu beruhigen.</p><p>�Guten Tag, Madame Sauvelle. Mein Name ist Henri Faure. Ich bin der Chefinspektor der Gendarmerie von Baie Bleue�, erkl�rte er, und jedes Wort klang bedeutungsschwerer als das vorherige.</p><p>In der Leitung herrschte angespanntes Schweigen.</p><p>�Madame?�, fragte der Polizist schlie�lich.</p><p>�Ich h�re.�</p><p>�Es f�llt mir nicht leicht, Ihnen das mitzuteilen��</p><empty-line/><p>Dorian hatte seine Boteng�nge f�r diesen Tag beendet. Die Auftr�ge, die Simone ihm anvertraut hatte, waren alle erledigt, und die Aussicht auf einen freien Nachmittag befl�gelte ihn. Als er zum Haus am Kap kam, war Simone noch nicht von Cravenmoore zur�ck und seine Schwester Irene musste sich irgendwo mit diesem Freund herumtreiben, den sie sich geangelt hatte. Nachdem er ein paar Gl�ser kalte Milch heruntergest�rzt hatte, kam ihm das leere Haus ohne die Frauen ein wenig unheimlich vor. Man gew�hnte sich so an sie, dass die Stille irgendwie beunruhigend war.</p><p>Dorian beschloss, die Stunden zu nutzen, die es noch hell sein w�rde, um den Wald von Cravenmoore zu erkunden. Genau wie Simone vorhergesagt hatte, waren die unheimlichen Schatten bei Tageslicht nichts weiter als B�ume, B�sche und Gestr�pp. Mit diesem Gedanken ging der Junge immer tiefer in den dichten, labyrinthischen Wald hinein, der zwischen dem Haus am Kap und Lazarus Janns Anwesen lag.</p><p>Er war zehn Minuten ohne festes Ziel umhergestreift, als er zum ersten Mal auf Spuren stie�, die von den Klippen in den Wald hineinf�hrten und am Rand einer Lichtung auf unerkl�rliche Weise verschwanden. Der Junge kniete nieder und betastete die Spuren, undeutliche Abdr�cke, die sich tief in den Waldboden gegraben hatten. Wer oder was auch immer diese Abdr�cke hinterlassen hatte, besa� ein beachtliches Gewicht. Dorian untersuchte noch einmal das letzte St�ck der Spur bis zu der Stelle, wo sie verschwand. Wenn man den Indizien Glauben schenken durfte, war derjenige, der sie verursacht hatte, an dieser Stelle stehen geblieben und hatte sich in Luft aufgel�st.</p><p>Er sah nach oben und betrachtete das Gewirr aus Licht und Schatten in den Baumkronen. Einer von Lazarus� V�geln flatterte in den Zweigen. Dem Jungen lief es kalt den R�cken hinunter. Gab es kein einziges lebendes Tier in diesem Wald? Die einzig greifbare Gegenwart war jene dieser mechanischen Gesch�pfe, die aus den Schatten auftauchten und wieder verschwanden, ohne dass man sich vorstellen konnte, woher sie kamen und wohin sie gingen. Sein Blick wanderte weiter �ber das Bl�tterwerk des Waldes und blieb dann an einer tiefen Scharte in einem nahen Baum h�ngen. Dorian trat zu dem Baumstamm und nahm die Stelle in Augenschein. Irgendetwas hatte eine tiefe Wunde ins Holz geschlagen. �hnliche Schrammen zogen sich den ganzen Stamm hinauf bis zum Wipfel. Der Junge schluckte heftig und beschloss, das Weite zu suchen.</p><empty-line/><p>Ismael schwamm mit Irene zu einem kleinen, flachen Felsen, der in der Mitte der Grotte einige Handbreit aus dem Wasser ragte, und die beiden legten sich darauf, um ein wenig auszuruhen. Das Licht, das durch den H�hleneingang fiel, wurde im Inneren reflektiert und warf seltsam tanzende Schemen auf die Kuppel und die W�nde der Grotte. Das Wasser schien hier w�rmer zu sein als im offenen Meer, ein zarter Dunstschleier stieg daraus empor.</p><p>�Gibt es noch mehr Zug�nge zu der H�hle?�, fragte Irene.</p><p>�Noch einen, aber der ist gef�hrlich. Der einzig sichere Weg hinein und heraus f�hrt �ber das Meer, durch die Lagune.�</p><p>Das M�dchen betrachtete das Schauspiel des sich stetig ver�ndernden Lichts, in dem das Innere der H�hle lag. Von diesem Ort ging eine unwiderstehliche, hypnotische Stimmung aus. F�r einige Sekunden glaubte sich Irene im gro�en Saal eines Felspalastes, an einem sagenhaften Ort, der nur im Traum existieren konnte.</p><p>�Es ist� magisch�, sagte sie.</p><p>Ismael nickte zustimmend.</p><p>�Manchmal komme ich hierher und sitze stundenlang auf einem der Felsen, w�hrend ich zusehe, wie das Licht unter Wasser die Farbe wechselt. Es ist meine pers�nliche Kirche��</p><p>�Weit weg von der Welt, nicht wahr?�</p><p>�So weit, wie du dir nur vorstellen kannst.�</p><p>�Du magst die Menschen nicht besonders, stimmt�s?�</p><p>�Kommt auf die Menschen an�, antwortete er mit einem L�cheln auf den Lippen.</p><p>�Ist das ein Kompliment?�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Der Junge sah rasch weg und betrachtete den H�hleneingang.</p><p>�Wir sollten jetzt besser gehen. Die Flut wird bald kommen.�</p><p>�Na und?�</p><p>�Bei Flut dr�ckt die Str�mung in die Grotte, und die H�hle f�llt sich bis zur Decke mit Wasser. Es ist eine t�dliche Falle. Dann sitzt du fest und ers�ufst wie eine Ratte.�</p><p>Pl�tzlich verwandelte sich die Magie des Ortes in eine Bedrohung. Irene stellte sich vor, wie die H�hle mit eiskaltem Wasser volllief, ohne eine M�glichkeit, zu entkommen.</p><p>�Kein Grund zur Eile��, beschwichtigte Ismael.</p><p>Ohne lange abzuwarten, schwamm Irene zum Ausgang und hielt nicht eher inne, bis die Sonne ihr wieder zulachte. Er beobachtete sie dabei und l�chelte vor sich hin. Das M�dchen hatte Mut.</p><p>Die R�ckfahrt verlief schweigend. Die Seiten des Tagebuchs hallten in Irenes Kopf wider wie ein Echo, das nicht verstummen wollte. Eine dichte Wolkenbank war am Himmel aufgezogen, die Sonne war verschwunden, und das Meer hatte einen bleiernen, metallischen Ton angenommen. Der Wind war k�hler geworden, und Irene schl�pfte wieder in ihr Kleid. Diesmal sah Ismael kaum hin, als sie sich anzog, ein Zeichen daf�r, dass der Junge seinen eigenen Gedanken nachhing, wie auch immer diese aussehen mochten.</p><p>Am sp�ten Nachmittag umfuhr die <emphasis>Kyaneos</emphasis> das Kap und hielt auf das Haus der Sauvelles zu, w�hrend die Leuchtturminsel im Dunst versank. Ismael steuerte das Boot zum Anleger und vert�ute es sorgf�ltig wie immer, obwohl man merkte, dass er mit seinen Gedanken meilenweit entfernt war.</p><p>Als der Moment des Abschieds gekommen war, ergriff Irene die Hand des Jungen.</p><p>�Danke, dass du mich in die H�hle mitgenommen hast�, sagte sie, w�hrend sie an Land sprang.</p><p>�Du bedankst dich dauernd, und ich wei� nicht, wof�r� Ich danke dir, dass du mitgekommen bist.�</p><p>Irene h�tte ihn zu gerne gefragt, wann sie sich wieder sehen w�rden, doch ein weiteres Mal riet ihr Instinkt ihr, zu schweigen. Ismael machte das Bugtau los, und die <emphasis>Kyaneos</emphasis> wurde von der Str�mung davongetragen. Irene blieb an der steinernen Treppe stehen, die die Klippe hinauff�hrte, und sah zu, wie sich das Segelboot entfernte. Ein Schwarm M�wen begleitete es auf seinem Weg zu den Lichtern der Mole. Der Mond zwischen den Wolken spannte eine silbrig glitzernde Br�cke �ber das Meer, die das Segelboot zur�ck zum Dorf geleitete.</p><p>Auf ihrem Weg die steinerne Treppe hinauf hatte Irene ein L�cheln auf den Lippen, das niemand sehen konnte. Dieser Junge gefiel ihr wahnsinnig gut�</p><empty-line/><p>Als sie ins Haus kam, merkte Irene sofort, dass etwas nicht stimmte. Alles war zu aufger�umt, zu still, zu ruhig. Das Licht im Wohnzimmer leuchtete in der bl�ulichen D�mmerung dieses wolkenverhangenen Abends. Dorian sa� in einem Sessel und starrte schweigend in die Flammen des Kamins. Simone stand mit dem R�cken zur T�r an dem gro�en Fenster in der K�che und blickte aufs Meer hinaus, eine Tasse kalten Kaffees in der Hand. Das einzige Ger�usch war das S�useln des Windes, der �ber das Dach strich.</p><p>Dorian und seine Schwester wechselten einen Blick. Dann ging Irene zu ihrer Mutter und legte ihr die Hand auf die Schulter. Simone Sauvelle drehte sich um. In ihren Augen standen Tr�nen.</p><p>�Was ist passiert, Mama?�</p><p>Ihre Mutter umarmte sie. Irene dr�ckte die H�nde ihrer Mutter. Sie waren kalt. Sie zitterten.</p><p>�Es ist wegen Hannah�, fl�sterte Simone.</p><p>Langes Schweigen. Der Wind r�ttelte an den Fensterl�den des Hauses.</p><p>�Sie ist tot�, setzte sie hinzu.</p><p>Langsam, wie ein Kartenhaus, brach die Welt rings um Irene zusammen.</p></section><section><title><p>7. Ein Weg voller Schatten</p></title><p>Die Stra�e, die am Strand des Engl�nders entlangf�hrte, gl�hte im Licht des Sonnenuntergangs und wand sich wie eine scharlachrote Schlange dem Dorf entgegen. Irene, die mit dem Fahrrad ihres Bruders unterwegs war, sah zum Haus am Kap zur�ck. Simones Worte und die Angst in ihren Augen, als sie gesehen hatte, wie ihre Tochter bei Sonnenuntergang �berst�rzt das Haus verlie�, gingen ihr immer noch nach, doch der Gedanke an Ismael, der der Nachricht von Hannahs Tod entgegensegelte, war st�rker als jedes schlechte Gewissen.</p><p>Simone hatte ihr erkl�rt, dass einige Stunden zuvor zwei Ausfl�gler Hannahs Leiche in der N�he des Waldes gefunden h�tten. Von diesem Moment an hatte die Nachricht Verzweiflung, Schmerz und Mutma�ungen bei allen ausgel�st, die das Gl�ck gehabt hatten, das lebhafte M�dchen zu kennen. Man wusste, dass ihre Mutter Elisabet einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, als sie die Nachricht erhielt, und von Doktor Giraud Beruhigungsmittel verabreicht bekam. Aber nicht viel mehr.</p><p>Ger�chte �ber eine fr�here Verbrechensserie, die das Leben im Dorf vor Jahren ersch�ttert hatte, waren erneut an die Oberfl�che gelangt. Einige wollten in dem Ungl�ck eine Neuauflage jener makabren Mordgeschichte sehen, ohne jedoch eine Erkl�rung daf�r zu haben, dass diese sich schon in den zwanziger Jahren im Wald von Cravenmoore ereignet hatte.</p><p>Andere warteten lieber ab, bis weitere Einzelheiten �ber die genauen Umst�nde der Trag�die bekannt wurden. Doch bei allen Spekulationen kam kein Licht in die m�gliche Todesursache. Die beiden Ausfl�gler, die die Leiche gefunden hatten, waren stundenlang auf dem Gendarmerieposten, um ihre Aussage zu machen, und zwei Gerichtsmediziner, so hie� es, seien auf dem Weg aus La Rochelle. Dar�ber hinaus war Hannahs Tod ein Mysterium.</p><p>Obwohl sie so schnell fuhr, wie sie nur konnte, erreichte Irene das Dorf erst, als die Sonne bereits vollst�ndig hinter dem Horizont verschwunden war. Die Stra�en waren verwaist, und die wenigen Gestalten, die unterwegs waren, gingen schweigend ihrer Wege wie herrenlose Schatten. Das M�dchen lehnte das Rad gegen eine alte Stra�enlaterne, die den Anfang des G�sschens beleuchtete, in dem das Haus von Ismaels Onkel lag. Es war ein einfaches, bescheidenes Haus, eine Fischerkate an der Bucht. Der letzte Anstrich musste Jahrzehnte zur�ckliegen, und das warme Licht zweier �llampen fiel auf eine vom salzigen Seewind zerfressene Fassade.</p><p>Mit Magenschmerzen n�herte sich Irene der Haust�r. Sie hatte Angst, anzuklopfen. Mit welchem Recht wagte sie es, in einem solchen Moment den Schmerz einer Familie zu st�ren? Was dachte sie sich nur dabei?</p><p>Sie blieb unvermittelt stehen, unf�hig, weiterzugehen oder umzukehren, wie festgenagelt zwischen ihren Bedenken und dem Bed�rfnis, Ismael zu sehen, in einem Moment wie diesem bei ihm zu sein. In diesem Augenblick �ffnete sich die Haust�r und der dickb�uchige, strenge Dorfarzt Doktor Giraud trat auf die Stra�e. Die hinter Brillengl�sern hervorblitzenden Augen des Arztes entdeckten Irene in der Dunkelheit.</p><p>�Du bist doch die Tochter von Madame Sauvelle, stimmt�s?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Wenn du zu Ismael willst, der ist nicht zu Hause�, erkl�rte Giraud. �Als er das von seiner Cousine erfahren hat, ist er in sein Boot gestiegen und davongesegelt.�</p><p>Der Arzt sah, wie das Gesicht des M�dchens blass wurde.</p><p>�Er ist ein guter Seemann. Er wird zur�ckkommen.�</p><empty-line/><p>Irene ging bis zum Ende der Mole. Vom Mond beschienen, zeichnete sich die einsame Silhouette der <emphasis>Kyaneos</emphasis> im Dunst ab. Das M�dchen setzte sich auf den Damm und beobachtete, wie Ismael Kurs auf die Leuchtturminsel nahm. Nichts und niemand konnte ihn jetzt aus der selbstgew�hlten Einsamkeit retten. Irene w�re zu gerne in eines der Boote gestiegen und dem Jungen bis ans Ende seiner geheimen Welt gefolgt, doch sie wusste, dass jetzt jede M�he vergebens war.</p><p>Sie sp�rte, wie die Nachricht mit voller Wucht in ihr Bewusstsein r�ckte, und ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen. Als die <emphasis>Kyaneos</emphasis> in der Dunkelheit verschwunden war, nahm sie das Fahrrad und machte sich auf den Heimweg.</p><p>W�hrend sie die Strandstra�e entlangfuhr, stellte sie sich vor, wie Ismael schweigend auf dem Leuchtturm sa�, ganz allein mit sich. Sie erinnerte sich an die unz�hligen Male, die sie selbst diese Reise in ihr eigenes Inneres unternommen hatte, und sie schwor sich, dass sie, was auch immer geschehen mochte, nicht zulassen w�rde, dass der Junge auf diesem Weg voller Schatten verloren ging.</p><empty-line/><p>Das Abendessen fiel kurz aus. Bei dieser schweigsamen Mahlzeit sa� die Trauer mit am Tisch, w�hrend Simone und ihre beiden Kinder so taten, als br�chten sie tats�chlich einen Bissen herunter, bevor sie sich in ihre Zimmer zur�ckzogen. Punkt elf war niemand mehr auf dem Korridor unterwegs, und im ganzen Haus brannte nur noch ein einziges Licht: Dorians Nachttischl�mpchen.</p><p>Ein k�hler Wind wehte durch das ge�ffnete Fenster ins Zimmer. Auf seinem Bett liegend, lauschte Dorian den unheimlichen Stimmen des Waldes, den Blick in der Dunkelheit verloren. Kurz vor Mitternacht l�schte er das Licht und trat ans Fenster. Ein dunkles Bl�ttermeer wogte im Wind. Dorian starrte auf das Gewimmel von Schatten, die in den B�umen tanzten. Er konnte f�rmlich sp�ren, wie dieses Wesen durch die Dunkelheit streifte.</p><p>Jenseits des Waldes waren die gezackten Umrisse von Cravenmoore zu sehen und das golden erleuchtete Rechteck des letzten Fensters des Nordfl�gels. Pl�tzlich brach ein heller, flackernder Strahl durch die Bl�tter. Lichter im Wald. Eine Laterne oder eine Taschenlampe im Unterholz. Der Junge schluckte. Lichtblitze flammten auf und zogen im Inneren des Waldes ihre Kreise.</p><p>Eine Minute sp�ter schlich Dorian in einem dicken Pullover und seinen Lederstiefeln leise die Treppe hinunter und �ffnete ganz vorsichtig die Verandat�r. Die Nacht war kalt, und das Meer br�llte in der Dunkelheit am Fu� der Klippen. Er folgte mit den Augen dem silbrigen Band des Mondlichts, das sich zum Wald spannte. Mit einem Kribbeln im Magen dachte Dorian an die warme Sicherheit seines Zimmers. Er atmete tief durch.</p><p>Die Lichter bohrten sich wie wei�e Nadeln durch den Nebel am Waldrand. Der Junge setzte einen Fu� vor den anderen, immer weiter. Bevor er sich versah, umfingen ihn die Schatten des Waldes, und das Haus am Kap erschien ihm weit weg, unendlich weit.</p><empty-line/><p>Keine Dunkelheit und keine Stille der Welt halfen Irene in dieser Nacht, Schlaf zu finden. Um Mitternacht gab sie schlie�lich auf und knipste das kleine Nachttischl�mpchen an. Alma Maltisse Tagebuch lag neben dem winzigen Medaillon, das ihr Vater ihr vor Jahren geschenkt hatte, ein kleiner silberner Engel. Irene nahm das Tagebuch zur Hand und schlug es erneut auf der ersten Seite auf.</p><p>Die feine, geschwungene Handschrift hie� sie willkommen. Das vergilbte, ockerfarbene Blatt erinnerte an ein Roggenfeld, das im Wind wogte. W�hrend ihr Blick �ber die Zeilen glitt, machte sich Irene erneut auf die Reise in das geheime Ged�chtnis der Alma Maltisse.</p><p>Schon als sie die erste Seite umbl�tterte, f�hrte sie der Zauber der Worte weit weg. Sie h�rte weder das Schlagen der Wellen noch den Wind im Wald. Sie war in einer anderen Welt�</p><empty-line/><p><emphasis>� Heute Nacht h�rte ich sie in der Bibliothek streiten. Er schrie ihn an, flehte ihn an, ihn in Ruhe zu lassen, das Haus f�r immer zu verlassen. Er sagte ihm, er habe kein Recht dazu, das mit unserem Leben zu tun. Ich werde nie dieses wilde Gel�chter vergessen, das w�tende, rasende Heulen eines Tieres, das durch die Mauern drang. Das Ger�usch tausender B�cher, die aus den Regalen flogen, war im ganzen Haus zu h�ren. Sein Zorn wird immer gr��er. Seit ich diese Bestie aus ihrem Bann befreite, ist sie jeden Tag m�chtiger geworden.</emphasis></p><p><emphasis>Er wacht jede Nacht am Fu� meines Bettes. Ich wei�, dass er Angst hat, der Schatten werde mich holen, wenn er mich nur einen Moment alleine l�sst. Seit Tagen sagt er mir nicht, was ihm im Kopf herumgeht, aber das ist auch nicht n�tig. Er hat seit Wochen nicht geschlafen. Jede Nacht besteht aus furchtbarem, endlosem Warten. Er stellt Hunderte von Kerzen �berall im Haus auf, versucht jeden Winkel mit Licht zu f�llen, um zu verhindern, dass der Schatten Zuflucht in der Dunkelheit sucht. Sein Gesicht ist in einem Monat um zehn Jahre gealtert.</emphasis></p><p><emphasis>Manchmal glaube ich, dass alles meine Schuld ist, dass der Fluch sich mit mir aufl�ste, wenn ich verschw�nde. Vielleicht ist es das, was ich tun sollte: Von hier fortgehen und mich der unvermeidlichen Begegnung mit dem Schatten stellen. Nur das w�rde uns Frieden bringen. Das Einzige, was mich von diesem Schritt abh�lt, ist die Tatsache, dass ich den Gedanken nicht ertrage, ihn zu verlassen. Ohne ihn hat nichts einen Sinn. Weder das Leben noch der Tod�</emphasis></p><empty-line/><p>Irene sah von dem Tagebuch auf. Das Labyrinth der Zweifel, in dem sich Alma Maltisse befand, kam ihr verst�rend vor und zugleich beunruhigend nah. Es schien nur eine feine Linie zwischen Almas Schuldgef�hl und ihrem Lebenswillen zu liegen, schmal wie die Schneide eines vergifteten Messers. Irene l�schte das Licht. Das Bild ging ihr nicht aus dem Kopf. Ein vergiftetes Messer.</p><empty-line/><p>Dorian ging immer tiefer in den Wald, folgte den Lichtern, die er im Geb�sch aufblitzen sah, ein kurzes Aufscheinen, das von �berall aus dem Dickicht kommen konnte. Die nebelfeuchten Bl�tter bildeten einen F�cher unerkl�rlicher Erscheinungen. Der Klang seiner eigenen Schritte kam ihm nun wie eine be�ngstigende Warnung vor. Schlie�lich atmete er tief durch und rief sich sein Vorhaben in Erinnerung: Er w�rde nicht eher von hier fortgehen, bis er herausgefunden hatte, was sich im Wald verbarg. Das war alles.</p><p>Der Junge blieb am Rand der Lichtung stehen, wo er tags zuvor die Fu�spuren entdeckt hatte. Die Spur war nun verwischt und kaum noch zu erkennen. Er ging zu dem zerfetzten Baumstamm und betastete die Schrammen. In seiner Vorstellung machte sich der Gedanke an ein Wesen breit, das in rasender Geschwindigkeit die B�ume erklomm, wie eine Raubkatze direkt aus der H�lle. Zwei Sekunden sp�ter verriet ihm das erste Knacken hinter seinem R�cken, dass jemand � oder etwas� in der N�he war.</p><p>Dorian verbarg sich im Geb�sch. Nadelspitze Zweige zerkratzten ihm die Haut. Er hielt den Atem an und betete, dass derjenige, der sich dort n�herte, sein Herz nicht so laut pochen h�rte wie er selbst in diesem Moment. Wenig sp�ter tasteten sich die flackernden Lichter, die er aus der Ferne gesehen hatte, durch das Unterholz und verwandelten den wabernden Nebel in einen r�tlichen Brodem.</p><p>Auf der anderen Seite der B�sche waren Schritte zu h�ren. Der Junge schloss die Augen, w�hrend er zur Statue erstarrte. Die Schritte hielten inne. Dorian ging die Luft aus, aber wenn n�tig, konnte er noch die n�chsten zehn Jahre durchhalten, ohne zu atmen. Als er schlie�lich glaubte, seine Lungen w�rden platzen, schoben zwei H�nde die Zweige des Geb�schs auseinander, hinter dem er sich versteckte. Seine Beine wurden zu Pudding. Das Licht einer Laterne blendete ihn. Nach einem Moment, der dem Jungen endlos vorkam, stellte der Unbekannte die Laterne auf den Boden und hockte sich vor ihm nieder. Ein vage vertrautes Gesicht leuchtete vor ihm auf, doch die Panik hinderte ihn daran, es zu erkennen. Der Unbekannte l�chelte.</p><p>�Sieh an. Darf man erfahren, was du hier machst?�, fragte eine ruhige, freundliche Stimme.</p><p>Irgendwann begriff Dorian, dass der Mann dort vor ihm schlicht und einfach Lazarus war. Erst jetzt atmete er auf.</p><p>Es dauerte eine gute Viertelstunde, bis das Zittern in Dorians H�nden nachlie�. Lazarus reichte ihm eine Schale hei�e Schokolade und setzte sich ihm gegen�ber. Lazarus hatte ihn zu dem Anbau neben der Spielzeugfabrik gef�hrt. Dort hatte er in aller Ruhe zwei Tassen Schokolade zubereitet.</p><p>Beide schl�rften laut und sahen sich �ber die Tassen hinweg an, bis Lazarus schlie�lich zu lachen begann.</p><p>�Du hast mir einen Riesenschreck eingejagt, mein Junge�, sagte er.</p><p>�Wenn es Sie tr�stet: das war nichts im Vergleich zu dem Schreck, den Sie mir eingejagt haben�, setzte Dorian hinzu, w�hrend er sp�rte, wie die hei�e Schokolade in seinem Magen ein warmes Gef�hl der Ruhe verbreitete.</p><p>�Daran habe ich keinen Zweifel�, lachte Lazarus. �Jetzt sag mir, was du da drau�en gemacht hast.�</p><p>�Ich habe Lichter gesehen.�</p><p>�Du hast meine Laterne gesehen. Und deshalb bist du nach drau�en gegangen? Um Mitternacht? Hast du vergessen, was mit Hannah passiert ist?�</p><p>Dorian schluckte, und es kam ihm vor, als schluckte er eine gro�kalibrige Bleikugel.</p><p>�Nein, Monsieur.�</p><p>�Gut. Dann vergiss es nicht. Es ist gef�hrlich, im Dunkeln hier herumzulaufen. Ich habe seit Tagen das Gef�hl, dass sich jemand im Wald herumtreibt.�</p><p>�Haben Sie auch die Spuren gesehen?�</p><p>�Welche Spuren?�</p><p>Dorian erz�hlte ihm von seinen �ngsten und Bef�rchtungen bez�glich dieses seltsamen Wesens, das er im Wald vermutete. Anfangs glaubte er, er sei nicht dazu in der Lage, doch Lazarus fl��te ihm die n�tige Ruhe und das n�tige Vertrauen ein, um seine Zunge zu l�sen. W�hrend der Junge erz�hlte, h�rte Lazarus aufmerksam zu, doch bei den phantastischsten Details seiner Schilderung konnte er ein gewisses Erstaunen und auch das eine oder andere L�cheln nicht verbergen.</p><p>�Ein Schatten?�, fragte Lazarus pl�tzlich.</p><p>�Sie glauben kein Wort von dem, was ich gesagt habe�, stellte Dorian fest.</p><p>�Doch, doch. Ich glaube dir. Oder ich versuche dir zu glauben. Du musst verstehen, dass das, was du mir erz�hlst, ein wenig� sonderbar klingt�, sagte Lazarus.</p><p>�Aber Sie haben doch auch etwas gesehen. Deshalb sind Sie im Wald gewesen. Ist es nicht so?�</p><p>Lazarus l�chelte.</p><p>�Ja. Ich hatte auch den Eindruck, etwas gesehen zu haben, aber ich kann es nicht so detailliert beschreiben wie du.�</p><p>Dorian trank seine Schokolade aus.</p><p>�Noch mehr?�, bot Lazarus an.</p><p>Der Junge nickte. Die Gesellschaft des Spielzeugfabrikanten war ihm angenehm. Mitten in der Nacht bei einer Tasse Schokolade mit ihm zusammenzusitzen erschien ihm aufregend und lehrreich.</p><p>Als er einen Blick in die Werkstatt warf, in der sie sich befanden, bemerkte Dorian auf einer der Werkb�nke eine riesige Figur mit weit ausgebreiteten Armen, die unter einem Tuch verborgen war.</p><p>�Arbeiten Sie an etwas Neuem?�</p><p>Lazarus nickte best�tigend.</p><p>�Soll ich es dir zeigen?�</p><p>Dorians Augen wurden riesengro�. Eine Antwort war nicht n�tig.</p><p>�Nun, du musst ber�cksichtigen, dass es eine unvollendete Arbeit ist�� sagte der Mann, w�hrend er zu dem Tuch ging und eine Laterne hochhielt.</p><p>�Ist es ein Automat?�, wollte der Junge wissen.</p><p>�In gewisser Weise, ja. Eigentlich ist es ein ziemlich au�ergew�hnliches St�ck, wie ich finde. Die Idee ging mir seit Jahren durch den Kopf. Es war ein Junge ungef�hr in deinem Alter, der mich vor langer Zeit darauf gebracht hat.�</p><p>�Ein Freund von Ihnen?�</p><p>Lazarus l�chelte wehm�tig.</p><p>�Bereit?�, fragte er.</p><p>Dorian nickte lebhaft mit dem Kopf. Lazarus zog das Tuch weg, das die Gestalt verh�llte� und der Junge wich erschreckt einen Schritt zur�ck.</p><p>�Es ist nur eine Maschine, Dorian. Du brauchst keine Angst zu haben.�</p><p>Dorian betrachtete die wuchtige Figur. Lazarus hatte einen Engel aus Metall gebaut, einen Koloss von fast zwei Metern H�he mit zwei gewaltigen Schwingen. Das aus Stahl getriebene Gesicht gl�nzte unter einer Kapuze hervor. Die riesigen H�nde h�tten seinen Kopf mit einer Faust umfassen k�nnen.</p><p>Lazarus dr�ckte eine Feder im Nacken des Engels, und das mechanische Gesch�pf �ffnete die Augen, zwei Rubine, die leuchteten wie gl�hende Kohlen. Sie sahen ihn an. Ihn.</p><p>Dorian sp�rte, wie sich sein Magen verkrampfte.</p><p>�Bitte, stellen Sie ihn ab�� bat er.</p><p>Lazarus bemerkte den angsterf�llten Blick des Jungen und deckte den Automaten rasch wieder zu.</p><p>Dorian seufzte erleichtert auf, als der d�monische Engel nicht mehr zu sehen war.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte Lazarus. �Ich h�tte ihn dir nicht zeigen sollen. Es ist nur eine Maschine, Dorian. Metall. Lass dich nicht von seinem Aussehen erschrecken. Es ist nur ein Spielzeug.�</p><p>Der Junge nickte ohne jede �berzeugung.</p><p>Lazarus schenkte ihm rasch eine weitere Tasse dampfender Schokolade ein. Dorian schl�rfte ger�uschvoll die dicke, st�rkende Fl�ssigkeit unter dem aufmerksamen Blick des Spielzeugfabrikanten. Als er die Tasse halb ausgetrunken hatte, sah er Lazarus an, und die beiden tauschten ein L�cheln.</p><p>�War ein ordentlicher Schreck, was?�, fragte der Mann.</p><p>Der Junge lachte unsicher.</p><p>�Sie m�ssen mich f�r einen Angsthasen halten.�</p><p>�Im Gegenteil. Nur wenige w�rden sich trauen, da drau�en im Wald herumzulaufen, nach dem, was mit Hannah passiert ist.�</p><p>�Was, glauben Sie, ist denn passiert?�</p><p>Lazarus zuckte mit den Schultern.</p><p>�Schwer zu sagen. Vermutlich m�ssen wir abwarten, bis die Polizei ihre Untersuchungen abgeschlossen hat.�</p><p>�Ja, aber��</p><p>�Aber was?�</p><p>�Und wenn wirklich etwas im Wald ist?�, fragte Dorian.</p><p>�Der Schatten?�</p><p>Dorian nickte ernst.</p><p>�Hast du schon einmal von <emphasis>Doppelg�ngern</emphasis> geh�rt?�, fragte Lazarus.</p><p>Der Junge sch�ttelte den Kopf. Lazarus beobachtete ihn unauff�llig.</p><p>�Es ist ein deutscher Begriff�, erkl�rte er. �Er wird verwendet, um den Schatten einer Person zu beschreiben, der sich aus irgendeinem Grund von seinem Besitzer gel�st hat. Willst du eine merkw�rdige Geschichte h�ren?�</p><p>�Gerne��</p><p>Lazarus machte es sich dem Jungen gegen�ber in einem Sessel bequem und zog eine dicke Zigarre hervor. Dorian wusste aus dem Kino, dass diese Art Torpedo den Namen <emphasis>Havanna</emphasis> trug und, obwohl sie ein Verm�gen kostete, einen bei�enden, durchdringenden Gestank verbreitete. Nach Greta Garbo war Groucho Marx sein Held der Sonntagnachmittagsvorstellungen. Die einfachen Leute im Dorf mussten sich damit zufrieden geben, den Rauch aus zweiter Hand zu schnuppern. Lazarus betrachtete die Zigarre und steckte sie unangez�ndet wieder weg, um dann mit seiner Erz�hlung zu beginnen.</p><p>�Also gut. Die Geschichte hat mir vor langer Zeit ein Kollege erz�hlt. Wir schreiben das Jahr 1915. Wir befinden uns in Berlin�</p><p>Von allen Uhrmachern in Berlin war keiner mit so viel Hingabe bei der Arbeit und strebte so sehr nach Vollkommenheit wie Hermann Bl�cklin. In seiner Besessenheit, die pr�zisesten Uhrwerke zu schaffen, hatte er sogar eine Theorie �ber das Verh�ltnis zwischen der Zeit und der Geschwindigkeit entwickelt, mit der sich das Licht im Universum fortbewegt. Bl�cklin lebte umgeben von Uhren im Hinterzimmer seiner Werkstatt in der Henrichstra�e. Er war ein einsamer Mann. Er hatte keine Familie. Er hatte keine Freunde. Seine einzige Gesellschaft war ein alter Kater, Salman, der stundenlang reglos neben ihm lag, w�hrend Bl�cklin Stunden und Tage mit seiner Wissenschaft in der Werkstatt zubrachte. Im Laufe der Jahre wurde aus Interesse Besessenheit. Es kam nicht selten vor, dass er seinen Laden tagelang zusperrte. Tage, an denen er vierundzwanzig Stunden ohne Pause an seinem gr��ten Vorhaben arbeitete: der perfekten Uhr, dem universellen Zeitmessger�t.</p><p>An einem solchen Tag, als seit zwei Wochen ein eisiger Schneesturm �ber Berlin tobte, erhielt der Uhrmacher Besuch von einem sonderbaren Kunden, einem vornehmen Herrn namens Andreas Corelli. Corelli trug einen teuren, bl�tenwei�en Anzug und seine langen, seidig gl�nzenden Haare waren silbergrau. Seine Augen waren hinter schwarzen Brillengl�sern verborgen. Bl�cklin wies ihn darauf hin, dass der Laden f�r Kundschaft geschlossen sei, doch Corelli lie� nicht locker, sondern erz�hlte, er sei von weither angereist, nur um ihn aufzusuchen. Er erkl�rte ihm, er sei �ber seine technischen Errungenschaften auf dem Laufenden und beschrieb diese sogar detailliert, was den Uhrmacher au�erordentlich aufregte, war er doch �berzeugt, dass seine Entdeckungen bis dahin ein Geheimnis f�r die Welt waren.</p><p>Corellis Ansinnen war nicht weniger sonderbar. Bl�cklin sollte ihm eine Uhr machen, jedoch eine besondere Uhr. Ihre Zeiger sollten sich entgegen der �blichen Richtung bewegen. Der Grund f�r diesen Auftrag sei, dass Corelli an einer t�dlichen Krankheit leide, die ihm nur noch wenige Monate zu leben lasse. Aus diesem Grund wolle er eine Uhr haben, die die Stunden, Minuten und Sekunden z�hle, die ihm noch blieben.</p><p>Dieses au�ergew�hnliche Ansinnen war von einem mehr als gro�z�gigen finanziellen Angebot begleitet. Dar�ber hinaus garantierte Corelli ihm ausreichend Geldmittel, um seine Forschungen lebensl�nglich bezahlen zu k�nnen. Als Gegenleistung m�sse er lediglich einige Wochen auf den Bau dieses Uhrwerks verwenden.</p><p>Keine Frage, dass Bl�cklin auf den Handel einging. Es vergingen zwei Wochen intensiver Arbeit in seiner Werkstatt. Bl�cklin war ganz in seine Aufgabe vertieft, als Tage sp�ter erneut Andreas Corelli an seine T�r klopfte. Die Uhr war fertig. Corelli begutachtete sie l�chelnd, und nachdem er die Arbeit des Uhrmachers gelobt hatte, sagte er, dieser habe seinen Lohn mehr als verdient. Bl�cklin bekannte ersch�pft, dass er seine ganze Seele in diesen Auftrag gesteckt habe. Corelli nickte. Dann zog er die Uhr auf und setzte ihren Mechanismus in Gang. Er �berreichte Bl�cklin einen Beutel mit Goldm�nzen und verabschiedete sich.</p><p>Au�er sich vor Freude und Gier, z�hlte der Uhrmacher gerade seine Goldm�nzen, als sein Blick auf sein Abbild im Spiegel fiel. Er sah �lter aus, abgezehrt. Er hatte zu viel gearbeitet. Mit dem Entschluss, sich einige Tage freizunehmen, legte er sich schlafen.</p><p>Am n�chsten Morgen schien eine strahlende Sonne durchs Fenster. Noch m�de, stand Bl�cklin auf, um sich das Gesicht zu waschen, und betrachtete erneut sein Spiegelbild. Doch diesmal lief es ihm kalt den R�cken hinunter. Als er sich am Abend zuvor schlafen gelegt hatte, war sein Gesicht das eines einundvierzigj�hrigen Mannes gewesen, m�de und ersch�pft zwar, aber noch jugendlich. An diesem Tag nun sah er sich dem Abbild eines Mannes um die sechzig gegen�ber. Erschrocken ging er in den Park, um frische Luft zu schnappen. Als er in den Laden zur�ckkehrte, nahm er erneut sein �u�eres in Augenschein. Aus dem Spiegel blickte ihm ein Greis entgegen. Von Panik gepackt, st�rzte er auf die Stra�e und stie� mit einem Nachbarn zusammen, der ihn fragte, ob er den Uhrmacher Bl�cklin gesehen habe. Hysterisch rannte Hermann davon.</p><p>Diese Nacht verbrachte er in Gesellschaft von Kriminellen und zweifelhaften Gestalten in einem Winkel einer elenden Kaschemme. Lieber das, als alleine zu sein. Er f�hlte, wie seine Haut mit jeder Minute runzliger wurde. Seine Knochen kamen ihm br�chig vor. Sein Atem ging schwer.</p><p>Es ging auf Mitternacht zu, als ihn ein Unbekannter fragte, ob er sich zu ihm setzen d�rfe. Bl�cklin sah ihn an. Es war ein junger, gutaussehender Mann von knapp zwanzig Jahren. Sein Gesicht kam ihm fremd vor, bis auf die dunkle Brille, die seine Augen verbarg. Bl�cklin sp�rte, wie ihm das Herz stehen blieb. Corelli�</p><p>Andreas Corelli setzte sich ihm gegen�ber und zog die Uhr hervor, die Bl�cklin Tage zuvor angefertigt hatte. Verzweifelt fragte der Uhrmacher, was das f�r ein seltsames Ph�nomen sei, unter dem er leide. Weshalb nur altere er in Sekundenschnelle? Corelli zeigte ihm die Uhr. Die Zeiger drehten sich langsam gegen den Uhrzeigersinn. Corelli erinnerte ihn an seine Worte, dass er seine ganze Seele in diese Uhr gesteckt habe. Aus diesem Grund alterten sein K�rper und seine Seele mit jeder Minute, die verstreiche.</p><p>Au�er sich vor Angst, flehte Bl�cklin ihn um Hilfe an. Er sei bereit, alles zu tun, auf alles zu verzichten, wenn er nur seine Jugend und seine Seele wiederbek�me. Corelli l�chelte ihn an und fragte, ob er sich da sicher sei. Der Uhrmacher beteuerte noch einmal: zu allem sei er bereit.</p><p>Daraufhin willigte Corelli ein, ihm die Uhr und damit seine Seele zur�ckzugeben, wenn er daf�r etwas bekomme, das Bl�cklin im Grunde von keinerlei Nutzen sei: seinen Schatten. �berrascht fragte der Uhrmacher, ob das der ganze Preis sei, den er zu zahlen habe: ein Schatten. Corelli bejahte, und Bl�cklin ging auf den Handel ein.</p><p>Der seltsame Kunde zog einen Glasflakon hervor, �ffnete den Verschluss und stellte ihn auf den Tisch. In der n�chsten Sekunde sah Bl�cklin, wie sein Schatten in dem Flakon verschwand wie ein Wirbel aus Gas. Corelli verschloss die Flasche, und nachdem er sich von Bl�cklin verabschiedet hatte, verschwand er in der Nacht. Kaum hatte er die T�r der Kneipe durchschritten, als die Zeiger der Uhr, die Bl�cklin in den H�nden hielt, ihre Richtung �nderten.</p><p>Als Bl�cklin im Morgengrauen nach Hause kam, war sein Gesicht wieder das eines jungen Mannes. Der Uhrmacher atmete erleichtert auf. Doch es wartete noch eine weitere �berraschung auf ihn. Salman, sein Kater, war nirgendwo zu sehen. Er suchte ihn in der ganzen Wohnung, und als er ihn schlie�lich fand, packte ihn das kalte Grausen. Das Tier baumelte an einer Lampe in der Werkstatt, ein Kabel um den Hals. Seine Werkbank war umgesto�en und sein Werkzeug im ganzen Raum verstreut. Man h�tte meinen k�nnen, ein Tornado sei durch das Zimmer gefegt. Alles war zerst�rt. Doch da war noch etwas: Zeichen an den W�nden. Jemand hatte ungelenk ein unverst�ndliches Wort auf die W�nde gekritzelt:</p><empty-line/><p><emphasis>Nilkc�lb</emphasis></p><empty-line/><p>Der Uhrmacher betrachtete lange diese Schmiererei, aber es dauerte, bis er ihren Sinn verstand. Es war sein eigener Name, nur r�ckw�rts. Nilkc�lb. Bl�cklin. Eine Stimme raunte hinter seinem R�cken, und als Bl�cklin sich umdrehte, stand er einem dunklen Abbild seiner selbst gegen�ber, einem teuflischen Trugbild seines eigenen Gesichts.</p><p>Da begriff der Uhrmacher. Es war sein Schatten, der ihn beobachtete. Sein eigener Schatten, der ihn herausfordernd anstarrte. Er versuchte ihn festzuhalten, doch der Schatten lachte keckernd wie eine Hy�ne und huschte �ber die W�nde. Entsetzt sah Bl�cklin, wie der Schatten ein langes Messer ergriff und durch die T�r floh, bevor er in der Dunkelheit verschwand.</p><p>Das erste Verbrechen in der Henrichstra�e ereignete sich noch in dieser Nacht. Mehrere Zeugen sagten aus, gesehen zu haben, wie der Uhrmacher Bl�cklin kaltbl�tig einen Soldaten erstochen habe, der in den fr�hen Morgenstunden die Stra�e entlanggegangen sei. Die Polizei nahm ihn fest und unterzog ihn einem langen Verh�r. In der folgenden Nacht ereigneten sich zwei weitere Todesf�lle, w�hrend Bl�cklin unter Bewachung in seiner Zelle sa�. Die Leute begannen �ber einen geheimnisvollen M�rder zu sprechen, der sich in der Dunkelheit der Berliner Nacht bewege. Bl�cklin versuchte den Beamten zu erkl�ren, was da vor sich ging, doch niemand wollte ihm zuh�ren. Die Zeitungen spekulierten �ber die M�glichkeit, dass ein M�rder Nacht f�r Nacht auf r�tselhafte Weise aus seiner Hochsicherheitszelle entwich, um die abscheulichsten Verbrechen zu begehen, an die sich Berlin erinnern konnte.</p><p>Der Terror des Schattens von Berlin dauerte genau f�nfundzwanzig Tage. Das Ende dieses sonderbaren Falls kam genauso unerwartet und unerkl�rlich, wie er begonnen hatte. In der Nacht des 12.Januar 1916 drang Hermann Bl�cklins Schatten in das d�stere Gef�ngnis der Kriminalpolizei ein. Ein Beamter, der vor der Zelle Wache hielt, schwor, er habe Bl�cklin mit einem Schatten k�mpfen gesehen, und irgendwann w�hrend des Gerangels habe der Uhrmacher auf den Schatten eingestochen. Am Morgen fand die Wachabl�sung Bl�cklin tot in seiner Zelle, eine Wunde klaffte in seinem Herzen.</p><p>Einige Tage sp�ter erbot sich ein Unbekannter namens Andreas Corelli, s�mtliche Kosten f�r Bl�cklins Beerdigung in einem Gemeinschaftsgrab auf einem Berliner Friedhof zu �bernehmen. Au�er dem Bestatter und einer sonderbaren Gestalt, die eine dunkle Brille trug, nahm niemand an der Trauerfeier teil.</p><p>Die Mordf�lle aus der Henrichstra�e liegen immer noch ungel�st in den Akten der Berliner Polizei��</p><p>�Puh��, fl�sterte Dorian, als Lazarus zu Ende erz�hlt hatte. �Und das ist wirklich passiert?�</p><p>Der Spielzeugfabrikant l�chelte.</p><p>�Nein. Aber ich wusste, dass dir die Geschichte gefallen w�rde.�</p><p>Dorian versenkte den Blick in seine Tasse. Er begriff, dass sich Lazarus diese Geschichte nur ausgedacht hatte, um ihn die Angst vor dem mechanischen Engel vergessen zu lassen. Ein guter Trick, aber eben ein Trick. Lazarus klopfte ihm sportlich auf die Schulter.</p><p>�Ich finde, es ist ein bisschen sp�t geworden, um Detektiv zu spielen�, bemerkte er. �Komm, ich begleite dich nach Hause.�</p><p>�Versprechen Sie mir, meiner Mutter nichts zu sagen?�, bat Dorian.</p><p>�Nur wenn du mir versprichst, nicht mehr alleine bei Nacht durch den Wald zu spazieren, solange nicht gekl�rt ist, was mit Hannah passiert ist.�</p><p>Die beiden sahen sich in die Augen.</p><p>�Abgemacht�, willigte der Junge ein.</p><p>Lazarus streckte ihm die Hand entgegen wie ein richtiger Gesch�ftsmann. Dann ging der Spielzeugfabrikant mit einem geheimnisvollen L�cheln zu einem Schrank und nahm ein Holzk�stchen heraus. Er reichte es Dorian.</p><p>�Was ist das?�, fragte der Junge neugierig.</p><p>�Geheimnis. �ffne es.�</p><p>Dorian klappte das K�stchen auf. Im Licht der Lampen kam eine silberne Figur von der Gr��e seiner Handfl�che zum Vorschein. Dorian sah Lazarus staunend an. Der Spielzeugfabrikant l�chelte.</p><p>�Komm, ich zeige dir, wie sie funktioniert.�</p><p>Lazarus nahm die Figur und stellte sie auf den Tisch. Auf Knopfdruck entfaltete die Figur ihre Fl�gel und verriet ihre wahre Natur. Ein Engel. Genau wie der, den er zuvor gesehen hatte, ma�stabsgetreu.</p><p>�In dieser Gr��e macht er dir keine Angst, oder?�</p><p>Dorian sch�ttelte begeistert den Kopf.</p><p>�Dann soll er dein Schutzengel sein. Um dich vor dunklen Schatten zu besch�tzen��</p><p>Lazarus begleitete Dorian durch den Wald bis zum Haus am Kap, w�hrend er ihm von den Geheimnissen und der Funktionsweise von Automaten und mechanischen Objekten erz�hlte, die Dorian in ihrer Vertracktheit und ihrem Einfallsreichtum an Magie zu grenzen schienen. Lazarus schien alles zu wissen und hatte selbst auf die gewieftesten und hintergr�ndigsten Fragen eine Antwort. Man bekam ihn einfach nicht zu packen. Als sie die andere Seite des Waldes erreicht hatten, war Dorian fasziniert und stolz auf seinen neuen Freund.</p><p>�Denk an unsere Abmachung, ja?�, fl�sterte Lazarus. �Keine n�chtlichen Ausfl�ge mehr.�</p><p>Dorian sch�ttelte den Kopf und ging zum Haus. Der Spielzeugfabrikant wartete drau�en und ging nicht eher, bis der Junge in seinem Zimmer war und ihm vom Fenster aus zuwinkte. Lazarus winkte zur�ck und verschwand dann wieder in der Dunkelheit des Waldes.</p><p>Als Dorian im Bett lag, hatte er immer noch ein L�cheln auf dem Gesicht. All seine Sorgen und �ngste schienen sich in Luft aufgel�st zu haben. Beschwingt �ffnete der Junge das K�stchen und nahm den mechanischen Engel heraus, den Lazarus ihm geschenkt hatte. Es war eine perfekte Arbeit von au�ergew�hnlicher Sch�nheit. Der komplizierte Mechanismus verriet eine geheimnisvolle, fesselnde Wissenschaft. Dorian stellte die Figur auf den Fu�boden vor seinem Bett und l�schte das Licht. Lazarus war ein Genie. Das war das richtige Wort. Dorian hatte es Hunderte Male geh�rt und war jedes Mal erstaunt, dass es so oft verwendet wurde, wo es doch in Wahrheit in keinem der F�lle auf den so Bezeichneten passte. Am Ende hatte er doch ein wahres Genie kennengelernt. Und au�erdem war er sein Freund.</p><p>Die Begeisterung machte einer un�berwindlichen Schl�frigkeit Platz. Dorian �berlie� sich der M�digkeit, und seine Gedanken trieben einem Abenteuer entgegen, in dem er als Lazarus� Nachfolger eine Maschine erfand, die Schatten fing und die Welt von einer finsteren, verbrecherischen Vereinigung befreite.</p><p>Dorian schlief schon, als die Figur ohne jede Vorank�ndigung langsam ihre Fl�gel auszubreiten begann. Der metallene Engel wackelte mit dem Kopf und hob einen Arm. Seine schwarzen Augen gl�nzten in der Dunkelheit wie zwei Tr�nen aus Obsidian.</p></section><section><title><p>8. Inkognito</p></title><p>Drei Tage vergingen, ohne dass Irene etwas von Ismael h�rte. Im Dorf war keine Spur von dem Jungen zu sehen, und sein Segelboot lag nicht an der Mole. Eine Sturmfront fegte �ber die K�ste der Normandie hinweg und breitete ein aschgraues Tuch �ber die Bucht, das sich fast eine Woche halten sollte.</p><p>Die Stra�en des Dorfes lagen schl�frig unterm Nieselregen, als Hannah ihre letzte Reise auf den kleinen Friedhof antrat, der auf einer Anh�he nord�stlich von Baie Bleue lag. Die Prozession hielt am Tor des Gottesackers, denn auf ausdr�cklichen Wunsch der Familie fand die Aussegnung im engsten Kreis statt, w�hrend die Leute aus dem Dorf schweigend durch den Regen zu ihren H�usern zur�ckgingen, �berschattet von der Erinnerung an das M�dchen.</p><p>Lazarus erbot sich, Simone und ihre Kinder zum Haus am Kap zur�ckzufahren, als sich die Trauergemeinde aufl�ste wie eine Nebelbank im Morgengrauen. In diesem Moment entdeckte Irene die einsame Gestalt von Ismael auf der obersten Spitze der Klippen, die den Friedhof begrenzten. Er sah auf das bleierne Meer hinaus. Ein kurzer Blickwechsel zwischen ihr und ihrer Mutter gen�gte. Simone nickte und lie� sie gehen. Wenig sp�ter fuhr Lazarus� Wagen �ber die Stra�e an der Kapelle Saint Roland davon, und Irene stieg den Pfad hinauf, der zu den Klippen f�hrte.</p><p>Am Horizont war ein Wetterleuchten �ber dem Meer zu sehen, Vorh�nge aus Licht flammten zwischen den Wolken auf, die an Panzer aus wei�gl�hendem Stahl erinnerten. Das M�dchen fand Ismael auf einem Felsen sitzend, den Blick auf dem Ozean verloren. In der Ferne versanken die Leuchtturminsel und das Kap im Nebel.</p><empty-line/><p>Auf dem R�ckweg ins Dorf erz�hlte Ismael Irene ganz unvermittelt, wo er in den letzten drei Tagen gesteckt hatte. Der Junge begann mit dem Moment, als er die Nachricht erhalten hatte.</p><p>Er war mit der <emphasis>Kyaneos</emphasis> zur Leuchtturminsel aufgebrochen, um vor seinen Gef�hlen zu fliehen, vor denen es kein Entrinnen zu geben schien. In den folgenden Stunden bis zum Morgengrauen gelang es ihm, einen klaren Kopf zu bekommen und seine Aufmerksamkeit auf ein neues Ziel zu richten: dem Verantwortlichen f�r dieses Ungl�ck die Maske vom Gesicht zu rei�en und ihn f�r seine Tat bezahlen zu lassen. Der Drang nach Rache schien das einzige Gegenmittel zu sein, das den Schmerz zu lindern vermochte.</p><p>Die Erkl�rungen der Gendarmerie stellten ihn absolut nicht zufrieden. Die Geheimniskr�merei, mit der die �rtlichen Beh�rden den Fall behandelten, kam ihm zumindest verd�chtig vor. Irgendwann, bevor der n�chste Morgen anbrach, hatte Ismael bereits beschlossen, seine eigenen Nachforschungen anzustellen. Um jeden Preis. Von nun an galten keine Regeln mehr. Noch in derselben Nacht schlich er sich in das provisorische forensische Labor von Doktor Giraud ein. Mit Hilfe seines Muts und einer Zange �berwand er Vorh�ngeschl�sser und alles, was sich ihm in den Weg stellte.</p><p>Halb staunend, halb ungl�ubig h�rte Irene zu, wie sich Ismael in die unheimlichen R�umlichkeiten eingeschlichen und gewartet hatte, bis Giraud verschwand, um dann im Formalinnebel und einem gespenstischen Zwielicht die Archive des Arztes eingehend nach Hannahs Akte zu durchsuchen.</p><p>Woher er die Kaltbl�tigkeit f�r diesen Coup genommen hatte, blieb unklar, aber offenbar hatte er sich nicht von den beiden Leichen abschrecken lassen, die, mit T�chern bedeckt, dort lagen. Es handelte sich um zwei Taucher, die das Pech gehabt hatten, in der Nacht zuvor in der Meerenge von La Rochelle in eine Unterwasserstr�mung zu geraten, als sie versucht hatten, die Ladung eines auf dem Riff aufgelaufenen Segelschiffes zu bergen.</p><p>Bleich wie eine Porzellanpuppe h�rte sich Irene die schaurige Geschichte von vorne bis hinten an, auch, wie Ismael mit einem der Seziertische zusammengesto�en war. Als die Erz�hlung des Jungen wieder im Freien anlangte, atmete sie erleichtert auf. Ismael hatte die Akte auf sein Boot mitgenommen und zwei Stunden lang versucht, sich durch den Dschungel von Doktor Girauds Wortgeklingel und Medizinerjargon zu k�mpfen.</p><p>Irene schluckte.</p><p>�Wie ist sie gestorben?�, fl�sterte sie.</p><p>Ismael sah ihr direkt in die Augen. In den seinen lag ein seltsames Glitzern.</p><p>�Sie wissen es nicht. Aber sie wissen, woran. Dem Bericht zufolge war die offizielle Todesursache ein Herzstillstand�, erkl�rte er. �In seiner abschlie�enden Analyse erkl�rt Doktor Giraud, dass Hannah seiner pers�nlichen Meinung nach im Wald etwas gesehen hat, das sie in Panik versetzte.�</p><p>Panik. Das Wort hallte in ihrem Kopf wider. Ihre Freundin Hannah war vor Angst gestorben, und was immer diese Angst ausgel�st hatte, befand sich noch im Wald.</p><p>�Es war am Sonntag, oder?�, sagte Irene. �Etwas muss an diesem Tag passiert sein��</p><p>Ismael nickte bed�chtig. Es war offensichtlich, dass der Junge diesen Gedanken schon lange vor ihr gehabt hatte.</p><p>�Oder in der Nacht davor�, f�gte er hinzu.</p><p>Irene warf ihm einen fragenden Blick zu.</p><p>�Hannah hat diese Nacht auf Cravenmoore verbracht. Am n�chsten Tag war sie spurlos verschwunden. Bis man sie tot im Wald gefunden hat�, sagte der Junge.</p><p>�Was willst du damit sagen?�</p><p>�Ich war im Wald. Es gibt Spuren. Abgeknickte �ste. Es hat ein Kampf stattgefunden. Jemand hat Hannah vom Haus aus verfolgt.�</p><p>�Von Cravenmoore?�</p><p>Ismael nickte erneut.</p><p>�Wir m�ssen herausfinden, was in der Nacht vor ihrem Verschwinden passiert ist. Vielleicht erkl�rt das, wer oder was sie im Wald verfolgt hat.�</p><p>�Und wie sollen wir das anstellen? Ich meine, die Polizei��, warf Irene ein.</p><p>�Ich wei� nur einen Weg.�</p><p>�Cravenmoore�, murmelte sie.</p><p>�Genau. Heute Nacht��</p><empty-line/><p>Die untergehende Sonne brach rotgl�hend zwischen den Sturmwolken hervor, die am Horizont vor�berjagten. W�hrend sich die Dunkelheit �ber die Bucht breitete, war eine aufklarende Stelle am Himmel zu sehen, durch die in einem nahezu vollkommenen Kreis das Licht des zunehmenden Mondes fiel. Sein silbriges Leuchten bahnte sich einen Weg in Irenes Zimmer. Das M�dchen sah kurz von Alma Maltisse Tagebuch auf und betrachtete den Himmelsk�rper, der ihr vom Firmament aus zul�chelte. Noch vierundzwanzig Stunden, und seine Scheibe w�rde vollkommen sein. Der dritte Vollmond des Sommers. Die Nacht der Masken in der Blauen Bucht.</p><p>Doch in diesem Moment hatte der Mond eine andere Bedeutung f�r sie. In wenigen Minuten w�rde sie zu ihrem heimlichen Treffen mit Ismael am Waldrand gehen. Die Idee, durch die stockfinstere Nacht zu streifen und sich in die unergr�ndlichen Tiefen von Cravenmoore zu wagen, erschien ihr nun unbesonnen. Oder vielmehr ziemlich dumm. Andererseits f�hlte sie sich in diesem Augenblick genauso wenig in der Lage, Ismael zu entt�uschen, wie am Nachmittag, als er von seiner Absicht erz�hlt hatte, auf Lazarus Janns Anwesen nach Antworten auf Hannahs Tod zu suchen. Da das M�dchen seine Gedanken nicht ordnen konnte, nahm es erneut Alma Maltisse Tagebuch zur Hand und fl�chtete sich in seine Seiten.</p><empty-line/><p><emphasis>� Seit drei Tagen habe ich nichts mehr von ihm geh�rt. Er ist �berst�rzt um Mitternacht aufgebrochen, �berzeugt, dass der Schatten ihm folgen werde, wenn er von mir fortginge. Er wollte mir nicht sagen, wohin er geht, aber ich vermute, dass er auf der Leuchtturminsel Zuflucht gesucht hat. Er hat sich immer an diesen einsamen Ort zur�ckgezogen, um Frieden zu finden, und ich habe den Eindruck, dass er diesmal dorthin zur�ckgekehrt ist, wie ein ver�ngstigtes Kind, um sich seinem Alptraum zu stellen. Doch seine Abwesenheit l�sst mich an allem zweifeln, was ich bisher geglaubt habe. Der Schatten ist in diesen drei Tagen nicht wiedergekommen. Ich habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen, umgeben von Lampen, Kerzen und �llichtern. Jeder Winkel des Raumes ist erleuchtet. Ich habe kaum geschlafen.</emphasis></p><p><emphasis>W�hrend ich mitten in der Nacht diese Zeilen schreibe, kann ich von meinem Fenster aus die Leuchtturminsel im Nebel liegen sehen. Ein Licht leuchtet zwischen den Felsen auf. Ich wei�, das ist er, ganz allein, eingeschlossen in dem Kerker, zu dem er sich verurteilt hat. Ich kann keine Stunde l�nger hier bleiben. Wenn wir uns diesem Alptraum stellen m�ssen, dann will ich, dass wir es gemeinsam tun. Und wenn wir bei dem Versuch sterben sollen, dann werden wir auch das gemeinsam tun.</emphasis></p><p><emphasis>Es ist mir gleichg�ltig, ob mein Leben in diesem Irrsinn einen Tag l�nger oder k�rzer dauert. Der Schatten wird uns keine Ruhe lassen. Eine weitere Woche wie diese ertrage ich nicht. Ich habe ein reines Gewissen, und ich habe meinen Frieden mit mir gemacht. Die Angst der ersten Tage ist M�digkeit und Verzweiflung gewichen.</emphasis></p><p><emphasis>Morgen, wenn die Leute im Ort den Maskenball auf dem Dorfplatz feiern, werde ich im Hafen ein Boot nehmen und zu ihm fahren. Die Folgen sind mir egal. Ich bin bereit, sie zu akzeptieren. Es gen�gt mir, an seiner Seite zu sein und ihm bis zum letzten Augenblick beizustehen.</emphasis></p><p><emphasis>Etwas in mir sagt mir, dass es vielleicht doch noch eine M�glichkeit f�r uns gibt, ein normales, gl�ckliches, friedliches Leben zu f�hren. Mehr erhoffe ich mir nicht�</emphasis></p><empty-line/><p>Irene wurde von einem winzigen Steinchen, das gegen ihr Fenster flog, aus der Lekt�re gerissen. Sie klappte das Buch zu und sah nach drau�en. Ismael wartete am Waldrand. W�hrend sie eine dicke Strickjacke �berzog, verschwand langsam der Mond hinter den Wolken.</p><p>Irene blieb oben an der Treppe stehen und betrachtete aufmerksam ihre Mutter. Simone war wieder einmal in ihrem Lieblingssessel vor dem gro�en Fenster eingeschlafen, das auf die Bucht hinausging. Ein Buch ruhte in ihrem Scho�, und die Lesebrille war ihr von der Nase gerutscht. Aus dem Radio in der Zimmerecke, dessen Holzgeh�use mit verspielten Jugendstilornamenten verziert war, drangen leise die unheimlichen Auftaktakkorde einer Kriminalgeschichte. Diese Deckung nutzend, schlich Irene auf Zehenspitzen an Simone vorbei und huschte in die K�che, die zum Hof des Hauses hinausf�hrte. Die ganze Aktion dauerte kaum f�nfzehn Sekunden.</p><p>Ismael erwartete sie drau�en. Er trug eine schlichte Lederjacke, Arbeitshose und Stiefel, die aussahen, als w�re jemand in ihnen ein halbes Dutzend Mal nach Konstantinopel und zur�ck gegangen. Die n�chtliche Brise trieb kalten Nebel von der Bucht heran, der sich wie eine Girlande aus tanzenden Schatten �ber den Wald legte.</p><p>Irene kn�pfte ihre Jacke bis obenhin zu und nickte Ismael, der sie aufmerksam ansah, stumm zu. Wortlos schlugen die beiden den Pfad zwischen den B�umen ein. Verborgene Ger�usche bev�lkerten die Schatten des Waldes. Das Wispern der Bl�tter im Wind �bert�nte das Rauschen des Meeres, das sich an den Klippen brach. Irene ging hinter Ismael her durch den dichten Wald. Das Gesicht des Mondes lie� sich fl�chtig zwischen den Wolken blicken, die �ber die Bucht dahinjagten und den Wald in ein gespenstisch flackerndes Helldunkel tauchten. Auf halber Strecke nahm Irene Ismaels Hand und lie� sie nicht mehr los, bis die Umrisse von Cravenmoore vor ihnen auftauchten.</p><p>Auf ein Zeichen des Jungen hin blieben sie hinter einem toten Baum stehen, in den einmal ein Blitz eingeschlagen hatte. F�r Sekunden zerriss der Mond den samtenen Wolkenvorhang, und ein Lichtfleck huschte �ber die Fassade von Cravenmoore. Im Schlagschatten wurde jedes einzelne Relief und jede Kontur sichtbar, und es entstand das faszinierende Bild einer wundersamen, in der Tiefe eines verwunschenen Waldes verlorenen Kathedrale. Dann versank die fl�chtige Vision in einem See aus Dunkelheit, und von goldenem Licht umrahmt, zeichnete sich die Silhouette von Lazarus Jann vor dem Hauptportal ab. Der Spielzeugfabrikant schloss die T�r hinter sich, ging langsam die Treppenstufen hinunter und schlug den Weg zum Waldrand ein.</p><p>�Das ist Lazarus. Er geht jede Nacht im Wald spazieren�, wisperte Irene.</p><p>Ismael nickte schweigend und hielt das M�dchen zur�ck, die Augen auf die Gestalt des Spielzeugfabrikanten gerichtet, der auf den Wald zukam, genau in ihre Richtung. Irene warf Ismael einen fragenden Blick zu. Der Junge seufzte und sah sich nerv�s um. Lazarus Schritte wurden h�rbar. Ismael packte Irene am Arm und zog sie ins Innere des toten Baumstamms.</p><p>�Da lang. Schnell!�, fl�sterte er.</p><p>Im Innern des Baumstamms roch es feucht und modrig. Helligkeit fiel durch kleine �ffnungen im toten Holz und bildete eine unwirkliche Stufenleiter aus Licht, die in dem hohlen Baumstamm nach oben f�hrte. Irene hatte ein flaues Gef�hl im Magen. Zwei Meter �ber ihnen bemerkte sie eine Reihe winziger gl�nzender Punkte. Augen. Sie war kurz davor zu schreien. Ismaels Hand kam ihr zuvor. Der Junge presste sie fest an sich, um ihren Schrei zu ersticken.</p><p>�Das sind nur Flederm�use! Sei still!�, fl�sterte er ihr zu, w�hrend sich Lazarus� Schritte an dem Baumstamm vorbei in Richtung Wald entfernten.</p><p>In weiser Voraussicht lockerte Ismael den Knebel vor Irenes Mund erst, als die Schritte des Herrn von Cravenmoore sich im Wald verloren. Die unsichtbaren Schwingen der Flederm�use flatterten in der Dunkelheit. Irene sp�rte den Lufthauch auf ihrem Gesicht und nahm den bei�enden Geruch der Tiere wahr.</p><p>�Ich dachte, du hast keine Angst vor Flederm�usen�, sagte Ismael. �Los, weiter.�</p><p>Irene folgte ihm durch den Park von Cravenmoore zum r�ckw�rtigen Trakt des Hauses. Bei jedem Schritt sagte sich das M�dchen, dass niemand zu Hause war und das Gef�hl, beobachtet zu werden, nur eine Sinnest�uschung sein konnte.</p><p>Sie erreichten den Fl�gel, der zu Lazarus� ehemaliger Spielzeugfabrik f�hrte, und blieben vor einer T�r stehen, die zu einer Werkstatt oder einer Montagehalle zu geh�ren schien. Ismael zog ein Messer hervor und klappte es auseinander. Die Klinge blitzte in der Dunkelheit auf. Der Junge f�hrte die Messerspitze in das T�rschloss ein und ertastete vorsichtig den Schlie�mechanismus.</p><p>�Geh mal zur Seite. Ich brauche mehr Licht.�</p><p>Irene trat ein paar Schritte zur�ck und sp�hte in die Dunkelheit, die im Inneren der Spielzeugfabrik herrschte. Die Scheiben waren vom jahrelangen Leerstand wie beschlagen, und es war nahezu unm�glich zu erkennen, was sich auf der anderen Seite befand.</p><p>�Los, komm schon�, murmelte Ismael vor sich hin, w�hrend er das Schloss bearbeitete.</p><p>Irene sah ihm zu und brachte die innere Stimme zum Schweigen, die ihr zuzufl�stern begann, dass es keine gute Idee war, unbefugt in fremdes Eigentum einzudringen. Schlie�lich gab das Schloss mit einem leisen Klacken nach. Ein L�cheln huschte �ber Ismaels Gesicht. Die T�r �ffnete sich ein paar Zentimeter.</p><p>�Das h�tten wir�, sagte er, w�hrend er sie langsam aufstie�.</p><p>�Wir sollten uns beeilen�, bemerkte Irene. �Lazarus wird nicht lange wegbleiben.�</p><p>Ismael trat ein. Irene atmete tief durch und folgte ihm dann. Das Innere war in ein tr�bes Licht getaucht, in dem ein dichter Staubschleier hing. Der Geruch chemischer Mittel lag in der Luft. Ismael schloss die T�r hinter sich, und die beiden betraten eine Welt voller unergr�ndlicher Schatten. Die �berreste von Lazarus Janns Spielzeugfabrik lagen in ewigen Schlaf versunken.</p><p>�Man sieht gar nichts�, wisperte Irene, w�hrend sie den Drang unterdr�ckte, diesen Ort so schnell wie m�glich zu verlassen.</p><p>�Wir m�ssen warten, bis sich unsere Augen an die Dunkelheit gew�hnt haben. Es ist eine Sache von Sekunden�, erkl�rte Ismael nicht sehr �berzeugt.</p><p>Die Sekunden verstrichen, doch der schwarze Vorhang, der �ber Lazarus Fabrik lag, lichtete sich nicht. Irene versuchte, einen Weg auszumachen, dem sie folgen konnten, als ihr Blick auf eine gro�e, reglose Gestalt fiel, die ein paar Meter weiter weg stand.</p><p>Vor Angst verkrampfte sich ihr Magen.</p><p>�Ismael, da ist jemand�, sagte das M�dchen, w�hrend es den Arm des Jungen umklammerte.</p><p>Ismael sp�hte in die Dunkelheit. Dort schwebte mit ausgebreiteten Armen eine Gestalt. Die Figur schwang langsam hin und her, wie ein Pendel, langes Haar fiel ihr �ber die Schultern. Mit zitternden H�nden tastete der Junge in seiner Jackentasche und zog eine Streichholzschachtel hervor. Die Figur verharrte reglos, wie eine lebende Statue, bereit, sich auf sie zu st�rzen, sobald er das Licht entz�ndete.</p><p>Ismael riss das Streichholz an, und die aufscheinende Flamme blendete sie f�r einen kurzen Augenblick. Irene klammerte sich fest an ihn.</p><p>Der Anblick, der sich ihnen Sekunden sp�ter bot, lie� ihre Knie weich werden. Eine eisige K�ltewelle durchflutete Irene. Vor ihr baumelte im flackernden Licht der Flamme der K�rper ihrer Mutter Simone mit ausgebreiteten Armen von der Decke.</p><p>�Mein Gott��</p><p>Die Figur drehte sich langsam um sich selbst und gab den Blick auf die andere Seite ihres Gesichts frei. Dr�hte und Zahnr�der blitzten im schwachen Licht auf. Das Gesicht war in zwei H�lften geteilt, und erst eine von ihnen war fertiggestellt.</p><p>�Es ist eine Maschine, einfach nur eine Maschine�, versuchte Ismael sie zu beruhigen.</p><p>Irene betrachtete das makabre Ebenbild von Simone. Ihre Gesichtsz�ge. Die Farbe ihrer Augen, ihrer Haare. Jedes Mal ihrer Haut, jede Linie ihres Gesichts war zu einer ausdruckslosen, schaurigen Maske nachgebildet.</p><p>�Was geht hier vor?�, fragte sie.</p><p>Ismael deutete auf eine T�r am anderen Ende der Werkstatt, die ins Haus zu f�hren schien.</p><p>�Da entlang�, sagte er und zog Irene von diesem Ort und der unheimlichen, in der Luft baumelnden Figur fort. Das M�dchen, das immer noch unter dem Eindruck dieser Erscheinung stand, folgte ihm verwirrt und ver�ngstigt. Einen Augenblick sp�ter verlosch das Streichholz, das Ismael hielt, und um sie herum wurde es wieder dunkel.</p><p>Als sie zu der T�r kamen, die ins Innere von Cravenmoore f�hrte, wuchs die dunkle Masse, die sich zu ihren F��en ausgebreitet hatte, hinter ihnen in die H�he wie eine schwarze Blume und kroch �ber die W�nde. Der Schatten wanderte zu den Arbeitstischen der Werkstatt und glitt �ber das wei�e Tuch, das den mechanischen Engel bedeckte, den Lazarus Dorian in der Nacht zuvor gezeigt hatte. Langsam kroch der Schatten unter die Falten des Tuches, und seine wabernde Masse drang durch die Ritzen der Metallkonstruktion.</p><p>Das schwarze Wesen verschwand vollst�ndig im Inneren des Metallk�rpers. Ein frostiger Hauch �berzog die mechanische Figur und formte ein Spinnennetz aus Eis. Dann �ffneten sich die Augen des Engels langsam in der Dunkelheit, zwei Rubine, die unter dem Tuch hervorgl�hten.</p><p>Die riesenhafte Gestalt richtete sich allm�hlich auf und breitete ihre Fl�gel aus. Schwerf�llig stellte sie beide F��e auf den Boden. Ihre Klauen krallten sich in die Oberfl�che des Holzes und hinterlie�en tiefe Scharten. Das seltsame bl�uliche Licht, das in der Luft schwebte, erstickte die Rauchspirale, die von dem Streichholz aufstieg, das Ismael fallen gelassen hatte. Der Engel schritt dar�ber hinweg und verschwand in der Dunkelheit, Ismael und Irene auf den Fersen.</p></section><section><title><p>9. Die verwandelte Nacht</p></title><p>Der ferne Widerhall eines hartn�ckigen Klopfens riss Simone aus einer Welt voller tanzender Bilder und Monde, die zu gl�henden Silberm�nzen verschmolzen. Das Ger�usch drang erneut an ihre Ohren, und diesmal wurde Simone endg�ltig wach und begriff, dass die M�digkeit st�rker gewesen war als ihr Vorsatz, vor Mitternacht noch ein paar Kapitel zu lesen. Als sie ihre Lesebrille aufhob, h�rte sie es wieder. Jemand klopfte leise an das Fenster, das zur Veranda hinausging. Simone stand auf und erkannte Lazarus� l�chelndes Gesicht auf der anderen Seite der Scheibe. Sofort sp�rte sie, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. W�hrend sie die T�r �ffnete, betrachtete sie sich im Spiegel im Vorraum. Ein Desaster.</p><p>�Guten Abend, Madame Sauvelle. Vielleicht komme ich ungelegen��, sagte Lazarus.</p><p>��berhaupt nicht. Ich� Ehrlich gesagt habe ich gelesen und bin fest eingeschlafen.�</p><p>�Das hei�t, Sie sollten das Buch wechseln�, bemerkte Lazarus.</p><p>�Vermutlich. Aber kommen Sie doch herein.�</p><p>�Ich m�chte Ihnen nicht l�stig fallen.�</p><p>�Reden Sie keinen Unsinn. Bitte, treten Sie n�her.�</p><p>Lazarus nickte h�flich und trat ins Haus. Seine Augen schweiften rasch durch den Raum.</p><p>�Das Haus war nie in einem besseren Zustand�, stellte er fest. �Gratuliere.�</p><p>�Das ist allein Irenes Verdienst. Sie ist die Dekorateurin in der Familie. Eine Tasse Tee? Kaffee?�</p><p>�Ein Tee w�re perfekt, aber��</p><p>�Kein Wort mehr. Mir wird er auch guttun.�</p><p>Ihre Blicke begegneten sich f�r einen Moment. Lazarus l�chelte freundlich. Simone senkte verwirrt den Blick und konzentrierte sich darauf, den Tee f�r sie beide zuzubereiten.</p><p>�Sie werden sich nach dem Grund meines Besuchs fragen�, begann der Spielzeugfabrikant.</p><p>In der Tat, dachte Simone bei sich.</p><p>�Ich mache jeden Abend einen kleinen Spaziergang durch den Wald bis zu den Klippen. Es hilft mir, mich zu entspannen�, h�rte sie Lazarus sagen.</p><p>Es entstand eine Pause zwischen ihnen, w�hrend das Wasser im Teekessel summte.</p><p>�Haben Sie schon von dem j�hrlichen Maskenball in Baie Bleue geh�rt, Madame Sauvelle?�</p><p>�Am letzten Vollmond im August��, rief Simone sich in Erinnerung.</p><p>�So ist es. Ich habe mich gefragt� Nun, Sie sollen wissen, dass mein Vorschlag Sie zu nichts verpflichtet, andernfalls w�rde ich es nicht wagen, ihn auszusprechen. Also, ich wei� nicht, ob ich mich verst�ndlich mache��</p><p>Lazarus schien mit sich zu ringen wie ein nerv�ser Penn�ler. Sie l�chelte ihm aufmunternd zu.</p><p>�Ich habe mich gefragt, ob Sie wohl Lust h�tten, mich dieses Jahr zu begleiten�, schloss der Mann schlie�lich.</p><p>Simone schluckte. Lazarus� L�cheln erstarb.</p><p>�Es tut mir leid. Ich h�tte Sie nicht fragen sollen. Nehmen Sie meine Entschuldigung an��</p><p>�Mit oder ohne Zucker?�, warf Simone freundlich ein.</p><p>�Bitte?�</p><p>�Der Tee. Mit oder ohne Zucker?�</p><p>�Zwei L�ffel.�</p><p>Simone nickte und r�hrte die beiden L�ffel Zucker langsam um. Dann reichte sie Lazarus l�chelnd die Tasse.</p><p>�Wom�glich habe ich Sie beleidigt��</p><p>�Das haben Sie nicht. Ich bin es nur nicht mehr gew�hnt, dass mich jemand einl�dt, mit ihm auszugehen. Aber ich w�rde gerne mit Ihnen zu diesem Ball gehen�, antwortete sie, �berrascht �ber ihre eigene Entscheidung.</p><p>Auf Lazarus� Gesicht erschien ein strahlendes L�cheln. F�r einen Augenblick f�hlte sich Simone drei�ig Jahre j�nger. Es war ein zwiesp�ltiges Gef�hl, auf halbem Wege zwischen erhebend und l�cherlich. Ein gef�hrlich berauschendes Gef�hl. Ein Gef�hl, das st�rker war als Scham, Bedenken oder ein schlechtes Gewissen. Sie hatte vergessen, wie befl�gelnd es war, zu sp�ren, dass sich jemand f�r sie interessierte.</p><p>Zehn Minuten sp�ter ging das Gespr�ch auf der Veranda des Hauses am Kap weiter. Die �llampen, die an der Wand hingen, schaukelten im Seewind. Lazarus sa� auf der h�lzernen Br�stung und sah zu den Baumkronen des Waldes hin�ber, die rauschten wie ein schwarzes, wogendes Meer.</p><p>Simone betrachtete das Gesicht des Spielzeugfabrikanten.</p><p>�Es freut mich zu h�ren, dass Sie sich in dem Haus wohlf�hlen�, bemerkte Lazarus. �Wie leben sich Ihre Kinder in der Blauen Bucht ein?�</p><p>�Ich kann nicht klagen. Im Gegenteil. Irene scheint schon mit einem Jungen aus dem Dorf angebandelt zu haben. Einem gewissen Ismael. Kennen Sie ihn?�</p><p>�Ismael� Ja, nat�rlich. Ein anst�ndiger Junge, scheint mir�, sagte Lazarus zur�ckhaltend.</p><p>�Das hoffe ich. Offen gestanden warte ich noch darauf, dass sie ihn mir vorstellt.�</p><p>�So sind die jungen Leute. Man muss sich in sie hineinversetzen��, warf Lazarus ein.</p><p>�Wahrscheinlich mache ich mich wie alle M�tter l�cherlich, indem ich meine fast f�nfzehnj�hrige Tochter �berbeh�te.�</p><p>�Das ist doch nur nat�rlich.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob sie das genauso sieht.�</p><p>Lazarus l�chelte, sagte aber nichts.</p><p>�Was wissen Sie �ber ihn?�, fragte Simone.</p><p>��ber Ismael? Nun ja, nicht sehr viel�, begann er. �Fest steht, dass er ein guter Seemann ist. Ich halte ihn f�r einen in sich gekehrten jungen Mann, der sich nicht leicht damit tut, Freunde zu finden. Ehrlich gesagt kenne ich mich im Dorfleben auch nicht besonders gut aus� Aber ich glaube nicht, dass Sie sich Sorgen machen m�ssen.�</p><empty-line/><p>Das Stimmengemurmel stieg in unregelm��igen Spiralen zu seinem Fenster herauf wie der Rauch einer schlecht ausgedr�ckten Zigarette. Es zu ignorieren, war unm�glich. Das Rauschen des Meeres �bert�nte kaum die Worte von Lazarus und seiner Mutter dort unten auf der Veranda, obwohl sich Dorian f�r einen Moment w�nschte, dass es so w�re und er diese Unterhaltung niemals mit angeh�rt h�tte. Da war etwas in jedem Satz, in jeder Betonung, das ihn beunruhigte. Etwas Unbestimmbares, Unsichtbares, das jede Wendung des Gespr�chs zu durchdringen schien.</p><p>Wom�glich war es einfach die Vorstellung, seine Mutter vergn�gt mit einem Mann plaudern zu h�ren, der nicht sein Vater war, selbst wenn es sich bei diesem Mann um Lazarus handelte, den Dorian als Freund betrachtete. Vielleicht war es diese Vertrautheit, die jedes Wort zwischen den beiden zu durchtr�nken schien. Vielleicht, sagte sich Dorian schlie�lich, war es nur Eifersucht und der dumme, trotzige Anspruch, dass seine Mutter nie wieder Freude an einem Gespr�ch mit einem anderen erwachsenen Mann empfinden d�rfe. Und das war ziemlich egoistisch. Egoistisch und ungerecht. Schlie�lich war Simone nicht nur seine Mutter, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, die sich vermutlich Freunde w�nschte und andere Gesellschaft als nur die ihrer Kinder. Das konnte man in jedem Buch lesen, das etwas auf sich hielt. Dorian ging das Ganze noch einmal theoretisch durch. Auf dieser Ebene erschien ihm alles bestens. In der Praxis allerdings sah das ganz anders aus.</p><p>Ohne das Licht in seinem Zimmer anzumachen, trat Dorian vorsichtig ans Fenster und warf einen fl�chtigen Blick auf die Terrasse. �Ein Egoist, und dar�ber hinaus auch noch ein Spion�, schien eine Stimme in seinem Inneren zu fl�stern. Aus seinem bequemen Versteck in der Dunkelheit sah Dorian den Schatten seiner Mutter, der auf die Veranda fiel. Lazarus stand schwarz und reglos daneben und blickte aufs Meer hinaus. Dorian schluckte. Der Wind bewegte die Vorh�nge, hinter denen er sich verbarg, und der Junge trat instinktiv einen Schritt zur�ck. Die Stimme seiner Mutter formte einige unverst�ndliche W�rter. Es ging ihn nichts an, beschloss er, besch�mt dar�ber, dass er heimlich spioniert hatte.</p><p>Der Junge wollte gerade leise seinen Platz am Fenster verlassen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Zimmer wahrnahm. Dorian fuhr herum, w�hrend er sp�rte, wie sich ihm s�mtliche Nackenhaare aufstellten. Das Zimmer lag im Dunkeln, nur durchzogen von schmalen, bl�ulichen Lichtstreifen, die durch die wehenden Vorh�nge sickerten. Seine Hand tastete langsam �ber den Nachttisch, um nach dem Lichtschalter zu suchen. Das Holz war kalt. Erst nach einigen Sekunden fanden seine Finger den Knopf. Die Metallspirale im Inneren der Gl�hbirne flammte kurz auf und verlosch dann zischend. Das pl�tzliche Aufleuchten blendete ihn f�r einen Augenblick. Danach wurde die Dunkelheit noch finsterer, wie ein tiefer, schwarzer Brunnen.</p><p>�Die Gl�hbirne ist durchgebrannt�, sagte er sich. �Nichts Besonderes. Das Wolfram, aus dem der Gl�hfaden gemacht wird, hat eben nur eine begrenzte Lebensdauer.� Das hatte er in der Schule gelernt.</p><p>All diese beruhigenden Gedanken versagten, als Dorian erneut diese Bewegung in der Dunkelheit wahrnahm. Genauer gesagt war es die Dunkelheit selbst, die sich bewegte.</p><p>Es �berlief ihn eiskalt, als er bemerkte, dass sich in der Schw�rze vor ihm eine Gestalt herauszubilden schien. Der schwarze, dichte Schemen verharrte in der Zimmermitte. �Er beobachtet mich�, fl�sterte die Stimme in seinem Inneren. Der Schatten schien in der Dunkelheit n�herzukommen, und Dorian stellte fest, dass es nicht der Boden war, der sich bewegte, sondern seine Knie, die beim Anblick dieser gespenstischen Gestalt, die Schritt f�r Schritt n�herkam, vor lauter Angst schlotterten.</p><p>Dorian wich einige Schritte zur�ck, bis er in dem schwachen Lichtfleck stand, der durchs Fenster fiel. Der Schatten hielt an der Schwelle der Dunkelheit inne. Der Junge sp�rte, wie seine Z�hne klapperten, aber er presste die Kiefer fest aufeinander und unterdr�ckte seinen Drang, die Augen zu schlie�en. Pl�tzlich schien jemand etwas zu sagen. Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff, dass er selbst es war. Mit fester Stimme und ohne eine Spur von Angst.</p><p>�Verschwinde�, sagte er in die Dunkelheit hinein. �Verschwinde, habe ich gesagt.�</p><p>Ein furchterregendes Ger�usch war zu h�ren, ein Ger�usch, das wie das ferne Echo eines grausamen, b�sartigen Lachens klang. Im gleichen Augenblick tauchten die Gesichtsz�ge des Schattens aus der Dunkelheit auf wie ein Spiegelbild auf tiefschwarzem Wasser. D�ster. D�monisch.</p><p>�Verschwinde�, h�rte Dorian sich selbst sagen.</p><p>Die schwarze Nebelgestalt l�ste sich vor seinen Augen auf, und der Schatten bewegte sich rasend schnell wie eine Wolke aus gl�hendem Gas durch das Zimmer zur T�r. Dort verwandelte sich das Gebilde in eine schwebende Spirale, die von einer unsichtbaren Kraft durch das Schl�sselloch gesogen wurde wie ein Tornado aus dunkelster Schw�rze.</p><p>Erst jetzt flammte die Gl�hbirne wieder auf und tauchte das Zimmer in warmes Licht. Der Junge schrie beinahe vor Schreck. Sein Blick schoss in jeden Winkel des Zimmers, doch nirgendwo war eine Spur der Erscheinung zu entdecken, die er Sekunden zuvor zu sehen geglaubt hatte.</p><p>Dorian atmete tief durch und ging zur T�r. Als er die Hand auf den T�rgriff legte, war das Metall eiskalt. Entschlossen �ffnete er die T�r und sp�hte in den dunklen Flur. Nichts.</p><p>Leise schloss er sie wieder und trat erneut ans Fenster. Unten auf der Veranda verabschiedete sich Lazarus von seiner Mutter. Bevor er sich auf den Weg machte, beugte sich der Spielzeugfabrikant hinunter und k�sste sie auf die Wange. Es war ein kurzer Kuss, beinahe hingehaucht. Dorian sp�rte, wie sich sein Magen zur Gr��e einer Erbse zusammenkrampfte. In diesem Moment blickte der Mann aus der Dunkelheit zu ihm auf und l�chelte ihm zu. Das Blut gefror ihm in den Adern.</p><p>Im Mondlicht ging der Spielzeugfabrikant langsam auf den Wald zu, doch sosehr Dorian sich auch bem�hte, er konnte nicht sehen, wohin Lazarus� Schatten fiel. Kurz darauf verschluckte ihn die Dunkelheit.</p><empty-line/><p>Nachdem sie einem langen Korridor gefolgt waren, der die Spielzeugfabrik mit dem Wohnhaus verband, betraten Ismael und Irene das Innerste von Cravenmoore. Unter dem Mantel der Nacht wirkte Lazarus� Anwesen wie ein Palast der Finsternis, dessen von unz�hligen mechanischen Gesch�pfen bev�lkerte Galerien in alle Himmelsrichtungen in die Dunkelheit abzweigten. Die bunte Laterne, die �ber der spindelf�rmigen Treppe in der Mitte des Hauses hing, verspr�hte einen Regen aus roten, goldenen und blauen Lichtreflexen, die im Inneren von Cravenmoore zur�ckstrahlten wie aus einem Kaleidoskop entwichene Glasperlen.</p><p>Irene musste bei den erstarrten Figuren der Automaten und den ausdruckslosen Gesichtern entlang der W�nde an einen unheimlichen Zauber denken, der die Seelen fr�herer Hausbewohner gefangen hielt. Ismael war da n�chterner und sah in ihnen lediglich den verworrenen, unergr�ndlichen Geist ihres Sch�pfers. Doch das beruhigte ihn keinesfalls; im Gegenteil, je weiter sie in Lazarus Janns Privatgem�cher vordrangen, desto intensiver war die unsichtbare Gegenwart des Spielzeugfabrikanten zu sp�ren. Seine Pers�nlichkeit steckte in jedem kleinen Detail dieses barocken Baus, von den mit Fresken bemalten Decken, die Szenen aus bekannten M�rchen zeigten, bis zu dem Boden, �ber den sie gingen, ein nicht enden wollendes Schachbrett, dessen hypnotisches Muster dem Auge in einem raffinierten optischen Effekt endlose Tiefe vort�uschte. Durch Cravenmoore zu streifen war, als wandelte man durch einen atemberaubenden und zugleich be�ngstigenden Traum.</p><p>Ismael blieb am Fu� der Treppe stehen und betrachtete, wie sie sich in die H�he wand. Unterdessen bemerkte Irene, wie eines von Lazarus� mechanischen Uhrengesichtern in Form einer Sonne die Augen aufschlug und ihnen zul�chelte. Als der Stundenzeiger auf Mitternacht wanderte, drehte sich die Scheibe um und an die Stelle der Sonne trat ein Mond, von dem ein gespenstisches Leuchten ausging. Die dunkel gl�nzenden Augen des Mondes wanderten langsam hin und her.</p><p>�Gehen wir rauf�, fl�sterte Ismael. �Hannahs Zimmer war im zweiten oder dritten Stock.�</p><p>�Hier gibt es Dutzende von Zimmern, Ismael. Woher sollen wir wissen, welches ihres war?�</p><p>�Hannah hat mir mal erz�hlt, dass ihr Zimmer am Ende eines Korridors lag. Mit Blick auf die Bucht, glaube ich.�</p><p>Irene nickte, obwohl sie diese Erkl�rung nicht sehr erhellend fand. Der Junge schien von der Atmosph�re dieses Ortes genauso beeindruckt zu sein wie sie, aber das w�rde er in hundert Jahren nicht zugeben. Beide warfen einen letzten Blick auf die Uhr.</p><p>�Es ist schon Mitternacht. Lazarus wird bald zur�ck sein�, sagte Irene.</p><p>�Dann mal los.�</p><p>Die Treppe wand sich in einer byzantinischen Spirale nach oben, die das Gesetz der Schwerkraft aufzuheben schien. Nach einem schwindelerregenden Aufstieg lie�en sie den ersten Stock hinter sich. Ismael packte Irenes Hand und stieg weiter hinauf. Die W�lbung der W�nde wurde nun st�rker, und der Weg glich allm�hlich einem in den Stein gehauenen, klaustrophobischen Schlund.</p><p>�Nur noch ein kleines St�ck�, sagte der Junge, der Irenes �ngstliches Schweigen richtig deutete.</p><p>Eine Ewigkeit sp�ter� in Wirklichkeit waren es drei�ig Sekunden� konnten die beiden die beklemmende Treppe hinter sich lassen und erreichten den Zugang zum zweiten Stockwerk von Cravenmoore. Vor ihnen lag der Hauptkorridor des Ostfl�gels. Eine Schar versteinerter Figuren lauerte in der Dunkelheit.</p><p>�Am besten, wir teilen uns auf�, stellte Ismael fest.</p><p>�Ich wusste, dass du das sagen w�rdest.�</p><p>�Daf�r darfst du dir aussuchen, welchen Teil du dir vornimmst�, versuchte Ismael zu scherzen.</p><p>Irene sah sich um. Nach Osten waren drei in Kapuzen geh�llte Figuren rings um einen riesigen Kessel zu erkennen: Hexen. Das M�dchen zeigte in die entgegengesetzte Richtung.</p><p>�Diesen.�</p><p>�Es sind nur Maschinen, Irene�, sagte Ismael. �Sie sind leblos. Nichts weiter als Spielzeug.�</p><p>�Erz�hl mir das morgen fr�h.�</p><p>�In Ordnung, ich sehe mir diesen Teil an. Wir treffen uns in f�nfzehn Minuten hier. Wenn wir nichts gefunden haben, Pech. Dann gehen wir, versprochen.�</p><p>Sie nickte. Ismael reichte ihr seine Streichholzschachtel.</p><p>�F�r alle F�lle.�</p><p>Irene steckte sie in ihre Jackentasche und warf Ismael einen letzten Blick zu. Der Junge beugte sich vor und k�sste sie sacht auf den Mund.</p><p>�Viel Gl�ck�, murmelte er.</p><p>Bevor sie antworten konnte, ging er den Korridor hinunter, der in tiefschwarze Finsternis getaucht war. �Viel Gl�ck�, dachte Irene.</p><p>Die Schritte des Jungen verhallten hinter ihr. Irene atmete tief durch und ging zum entgegengesetzten Ende der Galerie, die durch die zentrale Kuppel des Hauses lief. Die Galerie teilte sich, als sie auf die Treppe traf. Irene beugte sich leicht �ber den Abgrund, der bis ins Erdgeschoss reichte. Ein B�ndel gebrochenen Lichts fiel senkrecht von der Laterne in der Kuppel herab und formte einen Regenbogen, der durch die Dunkelheit brach.</p><p>An diesem Punkt gabelte sich die Galerie in zwei Richtungen, nach S�den und nach Westen. Der Westfl�gel war der einzige, der Sicht auf die Bucht bot. Ohne einen Augenblick zu z�gern, betrat Irene den langen Gang und lie� die beruhigende Helligkeit hinter sich, die von der Laterne ausging. Pl�tzlich bemerkte das M�dchen, das ein durchscheinender Stoff den Gang abtrennte, ein d�nner Gazevorhang, hinter dem der Korridor auff�llig anders aussah als �berall sonst. Es waren keine Figuren mehr zu sehen, die in der Dunkelheit lauerten. Ein Buchstabe war auf den Ring gestickt, der den trennenden Vorhang hielt. Eine Initiale:</p><empty-line/><p><emphasis>A</emphasis></p><empty-line/><p>Irene schlug den Vorhang mit den H�nden beiseite und passierte diese sonderbare Grenze, die den Westfl�gel zweizuteilen schien. Ein kalter Hauch streifte ihr Gesicht, und das M�dchen bemerkte zum ersten Mal, dass die W�nde �ber und �ber mit Holzschnitzereien bedeckt waren. Es waren nur drei T�ren zu sehen. Zwei zu beiden Seiten des Korridors und eine dritte, gr��ere, an der Stirnseite, auch sie verziert mit der Initiale, die sie auf dem Vorhang gesehen hatte.</p><p>Irene ging langsam auf die T�r zu. Die Holzreliefs ringsum zeigten geheimnisvolle Szenen, die von merkw�rdigen Kreaturen bev�lkert waren. Eine ging in die n�chste �ber, einen Ozean aus Hieroglyphen bildend, deren Bedeutung ihr vollst�ndig verborgen blieb. Als Irene die T�r am Ende des Flurs erreichte, war sie bereits zu der �berzeugung gelangt, dass Hannah unm�glich ein Zimmer in diesem Trakt bewohnt haben konnte. Doch die Anziehungskraft dieses Ortes war st�rker als die unheimliche Aura des Verbotenen, die von ihm ausging. Eine intensive Pr�senz schien in der Luft zu liegen. Eine fast greifbare Pr�senz.</p><p>Irene sp�rte, wie ihr Puls raste. Sie legte ihre zitternde Hand auf den T�rknauf. Etwas hielt sie zur�ck. Eine Vorahnung. Noch war Zeit, umzukehren, zu Ismael zur�ckzugehen und das Haus zu verlassen, bevor Lazarus ihr Eindringen bemerkte. Der T�rknauf drehte sich sachte unter ihren Fingern, glitt an ihrer Haut entlang. Irene schloss die Augen. Es gab keinen Grund, dort hineinzugehen. Sie brauchte nur umzukehren. Es gab keinen Grund, dieser unwirklichen, traumhaften Aura nachzugeben, die ihr einfl�sterte, die T�r zu �ffnen und unwiderruflich die Schwelle zu �bertreten. Das M�dchen �ffnete die Augen.</p><p>Der Korridor wies den Weg zur�ck durch die Dunkelheit. Irene seufzte, und ihr Blick blieb an den Lichtschlieren h�ngen, die �ber den Gazevorhang huschten. In diesem Moment zeichnete sich eine dunkle Gestalt hinter dem Vorhang ab und blieb auf der anderen Seite stehen.</p><p>�Ismael?�, fl�sterte Irene.</p><p>Die Gestalt verharrte einige Sekunden reglos, dann zog sie sich lautlos in die Dunkelheit zur�ck.</p><p>�Ismael, bist du�s?�, fragte sie noch einmal.</p><p>Das langsame Gift der Panik begann sich in ihre Adern zu schleichen. Ohne den Blick von jenem Punkt abzuwenden, �ffnete sie die T�r zu dem Zimmer, schl�pfte hinein und schloss sie wieder hinter sich. F�r einen Moment wurde sie von dem saphirblauen Licht geblendet, das durch die hohen, schmalen Fenster drang. Als sich ihre Augen an die schillernde Helligkeit im Zimmer gew�hnt hatten, gelang es ihr, mit zitternden H�nden eines der Streichh�lzer zu entz�nden, die Ismael ihr �berlassen hatte. Im r�tlichen Schein der Flamme wurde ein feudaler Salon sichtbar, dessen Luxus und Pracht einem M�rchenbuch zu entstammen schienen.</p><p>Der �berbordende Stuck der Decke lief in der Zimmermitte zu einem barocken Strudel zusammen. Am anderen Ende des Raumes stand ein kostbares Himmelbett mit langen, goldfarbenen Vorh�ngen. In der Mitte des Zimmers befand sich ein Marmortisch mit einem gro�en Schachspiel darauf, dessen Figuren aus Kristall geschliffen waren. Am anderen Ende des Raumes entdeckte Irene eine weitere Lichtquelle, die zu der unwirklichen Atmosph�re beitrug: der tiefe Rachen eines Kamins, in dem dicke Holzscheite gl�hten. Dar�ber hing ein gro�es Portr�t. Ein blasses Antlitz mit den feinsten Gesichtsz�gen, die man sich vorstellen konnte, umrahmte die unergr�ndlichen, traurigen Augen einer hinrei�end sch�nen Frau. Die Dame auf dem Bild trug ein langes wei�es Kleid, und im Hintergrund sah man die Leuchtturminsel in der Bucht liegen.</p><p>Irene ging langsam auf das Gem�lde zu, wobei sie das brennende Streichholz hochhielt, bis die Flamme ihr die Finger verbrannte. Als sie die Wunde ableckte, sah sie einen Kerzenleuchter auf einem Schreibtisch stehen. Sie brauchte ihn nicht unbedingt, aber sie entz�ndete dennoch mit einem weiteren Streichholz die Kerze. Die Flamme verbreitete einen hellen Schein ringsum. Auf dem Schreibtisch lag ein ledergebundenes Buch. Es war in der Mitte aufgeschlagen.</p><p>Irene erkannte die so vertraute Handschrift auf dem pergamentartigen Papier wieder, bedeckt von einer Staubschicht, die es fast unm�glich machte, die Seiten zu lesen. Das M�dchen pustete vorsichtig, und eine Wolke aus Tausenden glitzernder Teilchen breitete sich auf dem Tisch aus. Sie nahm das Buch zur Hand und bl�tterte, bis sie auf der ersten Seite angelangt war. Sie hielt das Buch ans Licht und las die silbergepr�gten Buchstaben. W�hrend ihr Verstand allm�hlich erfasste, was das alles bedeutete, setzte sich langsam das Grauen in ihrem Nacken fest wie eine eisige Nadel.</p><empty-line/><p><emphasis>Alexandra Alma Maltisse</emphasis></p><p><emphasis>Lazarus Joseph Jann</emphasis></p><p><emphasis>1915</emphasis></p><empty-line/><p>Ein brennendes Holzscheit knackte im Feuer und verspr�hte kleine Funken, die auf dem Boden verglommen. Irene schloss das Buch und legte es auf den Tisch. In diesem Moment bemerkte sie, dass sie jemand vom anderen Ende des Zimmers durch den Vorhang des Himmelbetts beobachtete. Eine zierliche Gestalt lag auf dem Bett. Eine Frau. Irene trat einige Schritte auf sie zu. Die Frau hob eine Hand.</p><p>�Alma?�, wisperte Irene, erschreckt �ber den Klang ihrer eigenen Stimme.</p><p>Sie ging bis zum Bett und blieb auf der anderen Seite der Vorh�nge stehen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und ihr Atem ging sto�weise. Langsam zog sie die Vorh�nge beiseite. Im gleichen Augenblick wehte ein eisiger Lufthauch durchs Zimmer und lie� die Kerzen flackern. Irene blickte zur T�r. Ein Schatten breitete sich auf dem Boden aus wie ein gro�er Tintenfleck, der unter der T�r hindurchsickerte. Ein gespenstisches Ger�usch, eine ferne, hasserf�llte Stimme schien etwas aus der Dunkelheit zu fl�stern.</p><p>Im n�chsten Augenblick flog die T�r mit gewaltiger Kraft auf und schlug innen ins Zimmer, wobei sie beinahe die Angeln aus der Wand riss, die sie hielten. Als eine Hand mit langen, messerscharfen st�hlernen Klauen aus der Dunkelheit auftauchte, schrie Irene, so laut sie konnte.</p><empty-line/><p>Ismael begann zu vermuten, dass ihm bei der Lagebestimmung von Hannahs Zimmer ein Fehler unterlaufen war. Als sie ihm das Haus beschrieben hatte, hatte sich der Junge seinen eigenen Plan von Cravenmoore gemacht. Doch einmal in seinem Inneren, kam ihm der labyrinth�hnliche Aufbau des Anwesens undurchschaubar vor. Alle Zimmer in dem Fl�gel, den er erkunden wollte, waren fest verschlossen. Kein einziges Schloss hatte bei seinen Versuchen nachgegeben, und die Uhr schien angesichts seines v�lligen Scheiterns keinerlei Erbarmen mit ihm zu haben.</p><p>Die vereinbarten f�nfzehn Minuten waren ergebnislos verstrichen, und die Vorstellung, die Suche f�r diese Nacht abzubrechen, erschien ihm verlockend. Ein Blick auf das d�stere Innenleben bot ihm tausenderlei Vorw�nde, von hier zu verschwinden. Sein Entschluss, das Haus zu verlassen, stand bereits fest, als er Irenes Schrei h�rte, kaum mehr als ein d�nnes Stimmchen, das von irgendeinem entfernten Ort durch die Dunkelheit von Cravenmoore hallte. Das Echo breitete sich in verschiedene Richtungen aus. Ismael sp�rte, wie ihm das Adrenalin in die Adern schoss, und er rannte zum anderen Ende des endlosen Korridors, so schnell ihn seine Beine trugen.</p><p>Er hatte kaum einen Blick f�r den unheimlichen, von dunklen Schemen bev�lkerten Tunnel, der an ihm vorbeizog. Er lief unter dem gebrochenen Licht der Kuppellaterne hindurch und lie� die Abzweigungen zu den G�ngen rings um die zentrale Treppe hinter sich. Das Muster der Bodenfliesen schien sich unter seinen F��en auszudehnen, und die schwindelerregende Flucht des Korridors wurde vor seinen Augen immer l�nger, als dehnte er sich ins Endlose aus.</p><p>Erneut waren Irenes Schreie zu h�ren, n�her diesmal. Ismael durchquerte den durchsichtigen Vorhang und entdeckte schlie�lich das Zimmer am Ende des Westfl�gels. Ohne lange zu �berlegen, st�rzte der Junge hinein, ohne zu wissen, was ihn dort erwartete.</p><p>Im Widerschein des Feuers, das im Kamin knisterte, erkannte er undeutlich ein riesiges Zimmer. Irenes Silhouette, die sich vor einem gro�en, in blaues Licht getauchten Fenster abzeichnete, beruhigte ihn zun�chst, doch dann sah er das blanke Entsetzen in den Augen des M�dchens. Ismael drehte sich instinktiv um, und das, was er dort vor sich sah, vernebelte ihm den Verstand, l�hmte ihn wie der hypnotisierende Tanz einer Schlange.</p><p>Aus der Dunkelheit l�ste sich eine gewaltige Gestalt und breitete zwei gro�e, schwarze Schwingen aus. Wie eine Fledermaus. Oder ein D�mon.</p><p>Der Engel streckte seine langen Arme aus, die in spitzen Klauen mit langen, schwarzen Fingern ausliefen. Die st�hlernen Klingen seiner N�gel blitzten vor seinem unter einer Kapuze verborgenen Gesicht.</p><p>Ismael wich einen Schritt in Richtung Feuer zur�ck, und der Engel sah auf, offenbarte im Schein der Flammen seine Gesichtsz�ge. Diese unheimliche Gestalt war mehr als nur eine Maschine. Etwas hatte sich in ihr Inneres zur�ckgezogen und verwandelte sie in eine teuflische Marionette, ein greifbares, b�sartiges Wesen. Der Junge riss sich zusammen, um nicht die Augen zu schlie�en, und packte das Ende eines halb verkohlten Holzscheits. Das brennende Holzscheit vor dem Engel hin und her schwenkend, deutete er zur Zimmert�r.</p><p>�Geh langsam zur T�r�, fl�sterte er Irene zu.</p><p>Das M�dchen, vor Angst wie gel�hmt, reagierte nicht auf seine Worte.</p><p>�Tu, was ich dir sage�, befahl Ismael energisch.</p><p>Der Ton seiner Stimme riss Irene aus ihrer Erstarrung. Sie nickte zitternd und machte sich auf den Weg in Richtung T�r. Sie war kaum zwei Schritte gegangen, als der Engel ihr das Gesicht zuwandte wie ein geduldig lauerndes Raubtier. Irene hatte das Gef�hl, am Boden festgenagelt zu sein.</p><p>�Sieh ihn nicht an und geh weiter�, befahl Ismael, w�hrend er unaufh�rlich mit dem Holzscheit vor dem Engel herumfuchtelte.</p><p>Irene machte einen weiteren Schritt vorw�rts. Das Gesch�pf folgte ihr mit dem Kopf, und das M�dchen begann zu schluchzen.</p><p>Ismael nutzte die Ablenkung und zog dem Engel das Holzst�ck �ber den Kopf. Der Aufprall lie� gl�hende Funken regnen. Bevor er das Holzscheit wieder zur�ckziehen konnte, packte eine Pranke das Holz, und f�nf Zentimeter lange Krallen, scharf wie Jagdmesser, zerfetzten es vor seinen Augen zu Sp�nen. Der Engel machte einen Schritt auf Ismael zu. Der Junge sp�rte, wie der Fu�boden unter dem Gewicht seines Widersachers vibrierte.</p><p>�Du bist nur eine verdammte Maschine. Ein verdammter Haufen Blech�� murmelte er, w�hrend er den schrecklichen Anblick der scharlachroten Augen zu verdr�ngen versuchte, die unter der Kapuze des Engels hervorblitzten.</p><p>Die d�monischen Pupillen der Gestalt verengten sich langsam zu blutroten Schlitzen in kohlenschwarzer Hornhaut, bis sie an die Augen einer gro�en Raubkatze erinnerten. Der Engel machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. Ismael warf einen raschen Blick zur T�r. Es waren mehr als acht Meter bis dorthin. F�r ihn gab es kein Entkommen, f�r Irene hingegen schon.</p><p>�Wenn ich es dir sage, rennst du zur T�r und bleibst nicht eher stehen, bis du aus dem Haus heraus bist.�</p><p>�Was redest du da?�</p><p>�Keine Diskussionen jetzt�, befahl Ismael, ohne den Blick von dem Wesen abzuwenden. �Lauf!�</p><p>Der Junge �berschlug gerade, wie lange er brauchen w�rde, um zum Fenster zu gelangen und zu versuchen, �ber die Gesimse der Fassade zu entkommen, als das Unerwartete geschah. Statt zur T�r zu rennen und zu fliehen, packte Irene ein brennendes Holzscheit aus dem Kamin und stellte sich dem Engel gegen�ber.</p><p>�Sieh mich an, du Ungeheuer�, br�llte sie und setzte mit dem flackernden Holzst�ck den Umhang des Engels in Brand. Der Schatten, der sich in seinem Inneren verbarg, lie� einen w�tenden Schrei los.</p><p>Entsetzt warf sich Ismael auf Irene und riss sie gerade noch rechtzeitig zu Boden, bevor die messerscharfen Krallen sie in der Luft zerfetzen konnten. Der Umhang des Engels ging in Flammen auf, und die riesige Gestalt verwandelte sich in eine Feuerspirale. Ismael packte Irene am Arm und zog sie hoch. Gemeinsam versuchten sie zum Ausgang zu laufen, doch der Engel stellte sich ihnen in den Weg, nachdem er sich von dem lichterloh brennenden Umhang befreit hatte, der ihn verh�llte. Ein Gerippe aus geschw�rztem Stahl kam unter den Flammen zum Vorschein.</p><p>In Erwartung weiterer sinnloser Heldentaten lie� Ismael das M�dchen keine Sekunde los, zog sie zum Fenster und warf einen Sessel in die Scheibe. Ein Scherbenregen prasselte herunter, und der kalte Nachtwind wehte die Vorh�nge bis an die Decke. Sie h�rten die Schritte des Engels hinter sich.</p><p>�Schnell! Spring auf den Mauervorsprung!�, schrie der Junge.</p><p>�Was?�, wimmerte Irene ungl�ubig.</p><p>Ohne lange zu z�gern, dr�ngte er sie nach drau�en. Das M�dchen taumelte durch das klaffende Loch in der Scheibe und sah sich einem Abgrund von fast vierzig Metern gegen�ber. Ihr blieb beinahe das Herz stehen, �berzeugt, dass sie in Sekundenbruchteilen in die Tiefe st�rzen werde. Doch Ismael lockerte seinen Griff keinen Millimeter und zog sie mit Schwung wieder auf das schmale Sims, das an der Fassade entlanglief wie ein Laufgang in den Wolken. Dann kletterte er hinterher und schob sie vorw�rts. Der Wind k�hlte den Schwei�, der ihm �bers Gesicht rann.</p><p>�Schau nicht nach unten!�, br�llte er.</p><p>Sie waren noch nicht weit gekommen, als in dem Fenster hinter ihnen die Klaue des Engels erschien; seine Krallen fegten einen Schauer aus Glasscherben auf den Stein und hinterlie�en vier tiefe Scharten in den Quadern. Irene schrie auf, als sie sp�rte, dass ihre F��e auf dem Sims zitterten und ihr K�rper gef�hrlich auf den Abgrund zuzuwanken schien.</p><p>�Ich kann nicht weitergehen, Ismael�, verk�ndete sie. �Wenn ich noch einen Schritt mache, werde ich fallen.�</p><p>�Du kannst. Und du wirst. Los�, n�tigte er sie und umklammerte ihre Hand. �Wenn du f�llst, fallen wir beide.�</p><p>Das M�dchen versuchte zu l�cheln. Pl�tzlich zerbarst ein paar Meter vor ihnen ein Fenster und Tausende Glassplitter wurden nach au�en geschleudert. Die Krallen des Engels erschienen in der �ffnung, und einen Augenblick sp�ter klammerte sich der K�rper des Ungeheuers an die Fassade wie eine Spinne.</p><p>�Mein Gott��, wimmerte Irene.</p><p>Ismael versuchte zur�ckzuweichen und zog sie hinter sich her. Der Engel kroch �ber den Stein; seine Gestalt verschmolz beinahe mit den teuflischen Fratzen der Wasserspeier, die den Dachfries der Fassade von Cravenmoore zierten.</p><p>Der Junge sondierte in fliegender Hast die M�glichkeiten, die sich ihnen boten. Unterdessen kam das Gesch�pf Handbreit f�r Handbreit n�her.</p><p>�Ismael��</p><p>�Ja, ich wei�!�</p><p>Der Junge w�gte ihre Chancen ab, einen Sprung aus dieser H�he zu �berleben. Sie lagen bei Null, gro�z�gig betrachtet. Ins Zimmer zur�ckzuklettern dauerte zu lange. In der Zeit, die sie brauchten, um auf dem Gesims umzukehren, w�rde der Engel sie erwischen. Er wusste, dass ihm nur ein paar Sekunden blieben, um eine Entscheidung zu treffen, wie auch immer diese ausfiel. Irenes Hand umklammerte die seine; sie zitterte. Der Junge warf einen letzten Blick auf den Engel, der langsam, aber unausweichlich auf sie zukroch. Er schluckte und sah in die andere Richtung. Neben ihnen f�hrte das Fallrohr der Regenrinne nach unten. Die eine H�lfte seines Hirns fragte sich, ob diese Konstruktion das Gewicht zweier Personen aushalten w�rde, w�hrend die andere H�lfte dar�ber nachsann, wie man dieses dicke Rohr zu packen bekommen k�nnte. Ihre letzte Chance.</p><p>�Klammere dich ganz fest an mich�, fl�sterte er.</p><p>Irene sah ihn an, dann schaute sie nach unten in den Abgrund und erriet seinen Gedanken.</p><p>�Oh mein Gott!�</p><p>Ismael zwinkerte ihr zu.</p><p>�Viel Gl�ck�, sagte er leise.</p><p>Die Klaue des Engels bohrte sich nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt in den Stein. Irene schrie auf und umklammerte mit geschlossenen Augen Ismaels R�cken. In schwindelerregendem Fall ging es abw�rts. Als das M�dchen die Augen wieder �ffnete, befanden sie sich �ber dem Nichts. Ismael rutschte praktisch ungebremst das Fallrohr hinunter. Der Magen hing ihm bis zum Hals. �ber ihnen r�ttelte der Engel an dem Rohr und schlug es gegen die Fassade. Ismael sp�rte, wie ihm die Reibung erbarmungslos die Haut von den H�nden und Unterarmen riss und eine starke Hitze erzeugte, die sich binnen Sekunden in einen rasenden Schmerz verwandeln w�rde. Der Engel kroch auf sie zu, er versuchte das Rohr zu umklammern� und riss es mit seinem Eigengewicht aus der Wand.</p><p>Die metallische Masse des Ungeheuers st�rzte in die Tiefe und riss das ganze Regenrohr mit sich, das sich mitsamt Ismael und Irene durch die Luft bis zum Boden bog. Der Junge versuchte, nicht die Kontrolle zu verlieren, doch der Schmerz und die Geschwindigkeit, mit der sie fielen, waren st�rker.</p><p>Das Rohr entglitt seinen H�nden, und die beiden st�rzten auf den gro�en Teich zu, der neben dem Westfl�gel von Cravenmoore lag. Der Aufprall auf die kalte, schwarze Wasserfl�che war sehr heftig. Die Geschwindigkeit des Falls bef�rderte sie bis auf den glitschigen Grund des Sees. Irene sp�rte, wie das eiskalte Wasser in ihre Nase drang und in ihrer Kehle brannte. Eine Welle panischer Angst �berrollte sie. Sie �ffnete die Augen unter Wasser und sah vor lauter Brennen nur ein schwarzes Loch. Da tauchte neben ihr eine Gestalt auf: Ismael. Der Junge packte sie und brachte sie an die Oberfl�che. Prustend tauchten die beiden auf.</p><p>�Schnell�, dr�ngte Ismael.</p><p>Irene bemerkte die Absch�rfungen und Wunden an seinen H�nden und Armen.</p><p>�Das ist nichts�, log der Junge, w�hrend er aus dem Teich kletterte.</p><p>Sie folgte ihm. Ihre Kleider waren klatschnass und klebten in der n�chtlichen K�lte an ihrer Haut wie ein schmerzender Panzer aus Eis. Ismael sp�hte in die Dunkelheit.</p><p>�Wo ist er?�, fragte Irene.</p><p>�Vielleicht ist er beim Aufprall um-�</p><p>Etwas bewegte sich im Geb�sch. Sie erkannten die glutroten Augen sofort. Der Engel war immer noch da, und was auch immer ihn antrieb, er war nicht bereit, sie lebend davonkommen zu lassen.</p><p>�Renn!�</p><p>Die beiden st�rzten, so schnell sie konnten, auf den Waldrand zu. Ihre nassen Kleider behinderten sie, und die K�lte begann ihnen in die Knochen zu dringen. Die Ger�usche des Engels folgten ihnen durchs Unterholz. Ismael zog das M�dchen hinter sich her, immer tiefer in den Wald hinein, wo der Nebel dichter wurde.</p><p>�Wohin laufen wir?�, keuchte Irene, als sie merkte, dass sie einen Teil des Waldes betraten, den sie nicht kannte.</p><p>Ismael hielt sich nicht damit auf, zu antworten, und zog sie verzweifelt hinter sich her. Irene sp�rte, wie das Gestr�pp ihre Kn�chel zerkratzte und die Ersch�pfung schwer an ihren Muskeln zehrte. Sie konnte dieses Tempo nicht mehr lange durchhalten. Es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis das Ungeheuer sie mitten im Wald einholte und mit seinen Klauen zerfleischte.</p><p>�Ich kann nicht mehr��</p><p>�Doch, du kannst!�</p><p>Der Junge zerrte sie hinter sich her. Ihr Kopf spielte verr�ckt, und nur wenige Meter hinter ihnen h�rte sie das Knacken der Zweige. F�r einen kurzen Moment dachte sie, es w�rde verschwinden, doch ein stechender Schmerz im Bein brachte ihr die Wirklichkeit schmerzlich ins Bewusstsein. Eine Klaue des Engels war aus dem Geb�sch hervorgeschnellt und hatte ihr den Oberschenkel aufgeschlitzt. Das M�dchen schrie auf. Das Gesicht des Ungeheuers erschien hinter ihnen. Irene versuchte die Augen zu schlie�en, aber sie konnte den Blick nicht von diesem teuflischen Raubtier abwenden.</p><p>In diesem Moment tauchte der Eingang einer hinter B�schen verborgenen H�hle vor ihnen auf. Ismael rannte hinein und zog sie mit sich. Das war also der Ort, zu dem er sie f�hrte. Eine H�hle. Glaubte Ismael etwa, der Engel werde z�gern, sie auch dorthin zu verfolgen? Als einzige Antwort vernahm Irene das Ger�usch, mit dem die Klauen an den Felsw�nden der H�hle entlangkratzten. Ismael zog sie durch den engen Gang, bis er schlie�lich vor einem Loch im Boden stehen blieb, einer �ffnung in die Tiefe. Ein kalter, salziger Wind str�mte daraus hervor. Unten in der Dunkelheit war ein lautes Rauschen zu h�ren. Wasser. Das Meer.</p><p>�Spring!�, befahl ihr der Junge.</p><p>Irene starrte in das schwarze Loch. Der direkte Weg in die H�lle w�re einladender gewesen.</p><p>�Was ist da unten?�</p><p>Ismael keuchte ersch�pft. Die Schritte des Engels klangen nah. Sehr nah.</p><p>�Die Fledermausgrotte.�</p><p>�Das ist der zweite Zugang? Du hast gesagt, der ist gef�hrlich!�</p><p>�Wir haben keine andere Wahl��</p><p>Die Blicke der beiden trafen sich im Halbdunkel. Zwei Meter weiter lie� der schwarze Engel seine Krallen knirschen. Ismael nickte. Das M�dchen nahm seine Hand und sprang mit geschlossenen Augen ins Leere. Der Engel folgte ihnen und st�rzte sich ebenfalls in die H�hle.</p><p>Der Fall durch die Dunkelheit erschien endlos. Als sie schlie�lich ins Meer eintauchten, drang eine bei�ende K�lte in jede ihrer Poren. Als sie wieder an die Oberfl�che kamen, fiel nur ein schwacher Lichtstrahl durch die �ffnung in der Kuppel der Grotte. Die Brandung sp�lte sie gegen schroffe Felsw�nde.</p><p>�Wo ist er?�, fragte Irene, bem�ht, das durch das eisige Wasser ausgel�ste Zittern zu unterdr�cken.</p><p>Die beiden umarmten sich schweigend, w�hrend sie jeden Moment damit rechneten, dass diese Ausgeburt der H�lle aus dem Wasser auftauchte und ihnen in der dunklen H�hle den Garaus machte. Doch dieser Moment kam nicht. Ismael entdeckte ihn zuerst.</p><p>Die scharlachroten Augen des Engels leuchteten vom Grund der Grotte herauf. Sein enormes Gewicht hinderte ihn am Auftauchen. Ein w�tendes Br�llen drang durch das Wasser zu ihnen. Das Wesen, das sich des Engels bediente, wand sich vor Zorn, als es feststellte, dass seine m�rderische Marionette in eine Falle gegangen war, die sie unbrauchbar machte. Dieser Metallklumpen w�rde nie wieder an die Oberfl�che gelangen. Er war dazu verdammt, auf dem Grund der Grotte zu liegen, bis das Meer einen Haufen rostigen Schrotts aus ihm gemacht hatte.</p><p>Die beiden beobachteten, wie das Gl�hen der Augen verblasste und schlie�lich im Wasser f�r immer erlosch. Ismael seufzte erleichtert auf. Irene weinte still vor sich hin.</p><p>�Es ist vorbei�, murmelte das M�dchen zitternd. �Es ist vorbei.�</p><p>�Nein�, sagte Ismael. �Das war nur eine leblose, willenlose Maschine. Etwas hat sie von innen heraus gelenkt. Das, was versucht hat, uns zu t�ten, ist immer noch da��</p><p>�Aber was soll das sein?�</p><p>�Ich wei� es nicht��</p><p>In diesem Moment gab es eine Explosion auf dem Grund der Grotte. Eine Wolke schwarzer Bl�schen stieg an die Oberfl�che und verschmolz zu einem schwarzen Gebilde, das �ber die Felsw�nde bis zum Eingang in der Kuppel der Grotte glitt. Dort hielt der Schatten inne, um sie zu beobachten.</p><p>�Ist er weg?�, fragte Irene ver�ngstigt.</p><p>Ein grausames, giftiges Lachen hallte durch die Grotte. Ismael sch�ttelte langsam den Kopf.</p><p>�Er l�sst uns hier zur�ck��, sagte der Junge, �damit die Flut den Rest erledigt��</p><p>Der Schatten schl�pfte durch den Eingang der H�hle.</p><p>Ismael atmete auf und brachte Irene zu einem kleinen Felsen, der aus dem Wasser ragte und gerade gen�gend Platz f�r sie beide bot. Er hievte sie auf den Stein und schlang die Arme um sie. Sie zitterten vor K�lte und waren verletzt, aber f�r einige Minuten lagen sie einfach nur still da und atmeten tief durch. Irgendwann merkte Ismael, dass das Wasser wieder ihre F��e ber�hrte, und er begriff, dass die Flut kam. Nicht dieses Wesen, das sie verfolgte, war in die Falle gegangen, sondern sie selbst�</p><p>Der Schatten hatte sie einem langsamen, schrecklichen Tod �berlassen.</p></section><section><title><p>10. In der Falle</p></title><p>Das Meer brach sich donnernd am Eingang der Fledermausgrotte. Die kalte Str�mung aus der Schwarzen Bucht floss gurgelnd in die Rinnen im Fels, ein be�ngstigendes Ger�usch, das in der in Dunkelheit getauchten Grotte widerhallte. �ber ihnen war in unerreichbarer Ferne die �ffnung im Fels zu sehen, die an das Auge einer Kuppel erinnerte. In wenigen Minuten war der Wasserstand um mehrere Zentimeter gestiegen. Irene stellte bald fest, dass die Felsfl�che, auf der sie wie Schiffbr�chige kauerten, immer kleiner wurde. Millimeter f�r Millimeter.</p><p>�Die Flut kommt�, murmelte sie.</p><p>Ismael nickte nur niedergeschlagen.</p><p>�Was wird jetzt mit uns geschehen?�, fragte sie, auch wenn sie die Antwort erahnte. Aber sie hoffte, der Junge, der doch immer f�r eine �berraschung gut war, werde im letzten Augenblick irgendeinen Trumpf aus dem �rmel sch�tteln.</p><p>Er warf ihr einen d�steren Blick zu, der Irenes Hoffnungen augenblicklich zunichte machte.</p><p>�Wenn das Wasser steigt, versperrt es den H�hleneingang�, erkl�rte Ismael. �Und dann bleibt kein anderer Ausweg mehr als die �ffnung in der H�hlendecke, aber die ist von hier aus unerreichbar.�</p><p>Er machte eine Pause, und sein Gesicht versank in der Dunkelheit.</p><p>�Wir sitzen in der Falle, drau�en ist die Str�mung zu stark�, sagte er schlie�lich.</p><p>Die Vorstellung der langsam ansteigenden Flut, die sie in einem dunklen, kalten Alptraum wie Ratten ertr�nkte, lie� Irene das Blut in den Adern gefrieren. Auf ihrer Flucht vor dem mechanischen Ungeheuer hatte die Aufregung so viel Adrenalin in ihre Adern gepumpt, dass sie nicht mehr klar denken konnte. W�hrend sie nun in der Dunkelheit vor K�lte zitterte, kam ihr die Aussicht auf einen langsamen Tod unertr�glich vor.</p><p>�Es muss doch einen Weg geben, hier herauszukommen�, wandte sie ein.</p><p>�Nein, gibt es nicht.�</p><p>�Und was machen wir jetzt?�</p><p>�F�rs Erste, abwarten��</p><p>Irene begriff, dass sie den Jungen auf der Suche nach Antworten nicht weiter bedr�ngen durfte. Wahrscheinlich stand er, der die Gefahren der H�hle kannte, gr��ere �ngste aus als sie. Und recht betrachtet, konnte ihnen ein Themenwechsel nicht schaden.</p><p>�Noch etwas��, begann sie. �In Cravenmoore� Als ich in dieses Zimmer kam, habe ich dort etwas gesehen. Etwas �ber Alma Maltisse��</p><p>Ismael warf ihr einen unergr�ndlichen Blick zu.</p><p>�Ich glaube� Ich glaube, Alma Maltisse und Alexandra Jann sind ein und dieselbe Person. Alma Maltisse war Alexandras M�dchenname, bevor sie Lazarus heiratete�, erkl�rte Irene.</p><p>�Das ist unm�glich. Alma Maltisse ist vor Jahren vor der Leuchtturminsel ertrunken�, wandte Ismael ein.</p><p>�Aber ihre Leiche wurde nie gefunden��</p><p>�Es ist unm�glich�, beharrte der Junge.</p><p>�Als ich in diesem Zimmer war, habe ich ein Bild von ihr gesehen� Und da lag jemand im Bett. Eine Frau.�</p><p>Ismael rieb sich die Augen und versuchte seine Gedanken zu ordnen.</p><p>�Einen Moment. Mal angenommen, du h�ttest recht. Mal angenommen, Alma Maltisse und Alexandra Jann w�ren ein und dieselbe Person. Wer ist dann die Frau, die du auf Cravenmoore gesehen hast? Wer ist die Frau, die all diese Jahre unter der Identit�t von Lazarus� kranker Frau dort gelebt hat?�, fragte er.</p><p>�Ich wei� es nicht. Je mehr wir �ber diese Sache herausfinden, desto weniger verstehe ich�, sagte Irene. �Und da ist noch etwas, das mich besch�ftigt. Was hat diese Figur zu bedeuten, die wir in der Spielzeugfabrik gesehen haben? Es war eine Nachbildung meiner Mutter. Schon bei dem Gedanken stehen mir die Haare zu Berge. Lazarus baut eine Puppe mit dem Gesicht meiner Mutter��</p><p>Eiskaltes Wasser umsp�lte ihre Kn�chel. Seit sie dort sa�en, war der Meeresspiegel mindestens eine Handbreit angestiegen. Die beiden wechselten einen erschreckten Blick. Das Meer donnerte erneut, und ein Wasserschwall schwappte in den H�hleneingang. Es versprach eine sehr lange Nacht zu werden.</p><empty-line/><p>Um Mitternacht hatte sich ein Nebelschleier �ber die Klippen gelegt, der nun Stufe f�r Stufe vom Anleger zum Haus am Kap hinaufkroch. Auf der Veranda baumelte noch die �llampe, deren Licht nur noch m�de flackerte. Abgesehen vom Rauschen des Meeres und dem Rascheln der Bl�tter im Wald herrschte absolute Stille. Dorian lag im Bett, in der Hand ein kleines Glas mit einer brennenden Kerze darin. Er wollte nicht, dass seine Mutter das Licht sah, und au�erdem hatte er nach dem Vorgefallenen kein Vertrauen mehr in seine Nachttischlampe. Die Flamme flackerte launisch in seinem Atem wie eine tanzende Feuerelfe. Lichtreflexe lie�en in jeder Ecke unerwartete Formen erstehen. Dorian seufzte. In dieser Nacht w�rde er f�r kein Geld der Welt ein Auge zutun k�nnen.</p><p>Kurz nachdem Lazarus sich verabschiedet hatte, hatte Simone einen Blick in sein Zimmer geworfen, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging. Dorian hatte sich, vollst�ndig angezogen, unter die Bettdecke gekauert und eine seiner Glanzvorstellungen vom s��en Schlaf der Gerechten gegeben. Daraufhin war seine Mutter zufrieden in ihrem Schlafzimmer verschwunden, um seinem Beispiel zu folgen. Seitdem waren Stunden vergangen, wenn nicht gar Jahre, wie es dem Jungen vorkam. Die nicht enden wollende Nacht hatte ihm Gelegenheit gegeben, sich dar�ber klar zu werden, dass seine Nerven gespannt waren wie die Saiten eines Klaviers. Bei jedem Lichtschein, jedem Knarren, jedem Schatten begann sein Herz wie wild zu rasen.</p><p>Langsam wurde das Licht der Kerze schw�cher, bis nur noch ein blaues Fl�mmchen �brigblieb, dessen fahler Schein kaum noch die Dunkelheit durchdrang. Augenblicklich legte sich wieder Finsternis �ber den Raum, aus dem sie nur widerstrebend gewichen war. Dorian konnte sp�ren, wie das hei�e Wachs hinuntertropfte und in dem Glas erkaltete. Vom Nachttisch aus beobachtete ihn schweigend der Bleiengel, den Lazarus ihm geschenkt hatte. �Ist ja schon gut�, dachte Dorian und beschloss, zu seinem bevorzugten Mittel gegen Schlaflosigkeit und Alptr�ume zu greifen: etwas zu essen.</p><p>Er schlug die Bettdecke zur�ck und stand auf. Er hatte entschieden, auf Schuhe zu verzichten, um das Knarren, Knarzen und Knacken zu vermeiden, das seine F��e f�rmlich anzuziehen schienen, wann immer er vorhatte, lautlos durch das Haus am Kap zu schleichen, und nun nahm er seinen ganzen Mut zusammen und tappte auf Zehenspitzen quer durchs Zimmer zur T�r. Die Klinke herunterzudr�cken, ohne dass das �bliche Mitternachtskonzert rostiger T�rangeln einsetzte, kostete ihn zehn lange Sekunden, aber es war die M�he wert. In Zeitlupe �ffnete er die T�r und pr�fte, ob die Luft rein war. Der Flur lag im Dunkeln, und die Treppe zeichnete sich als Schatten an der Wand ab. Kein Staubk�rnchen regte sich in der Luft. Dorian zog die T�r hinter sich zu und schlich vorsichtig bis zum Treppenabsatz, an Irenes Zimmer vorbei.</p><p>Seine Schwester war vor Stunden unter dem Vorwand, sie habe rasende Kopfschmerzen, schlafen gegangen, obwohl Dorian vermutete, dass sie noch las oder alberne Liebesbriefe an diesen Fischer schrieb, mit dem sie neuerdings mehr Stunden verbrachte, als ein Tag lang war. Seit er sie in Simones Kleid gesehen hatte, wusste er, dass von ihr nur noch eines zu erwarten war: Probleme. W�hrend er wie ein Indianer auf der Pirsch die Treppe hinunterschlich, schwor sich Dorian, dass er mehr Haltung an den Tag legen w�rde, sollte er eines Tages die Dummheit begehen, sich zu verlieben. Frauen wie Greta Garbo machten sich nichts aus solchem Bl�dsinn wie Liebesbriefchen und Blumen. Er mochte ein Feigling sein; aber ein Lackaffe, niemals.</p><p>Im Erdgeschoss angelangt, stellte Dorian fest, dass eine Nebelbank das Haus umgab und die Schwaden den Blick aus allen Fenstern verwehrten. Das L�cheln, mit dem er sich auf Kosten seiner Schwester lustig gemacht hatte, verflog. �Kondensiertes Wasser�, sagte er sich. �Es ist nur kondensiertes Wasser, das sich niederschl�gt. Elementare Chemie.� Nach dieser beruhigenden wissenschaftlichen Erkl�rung achtete er nicht weiter auf den Nebel, der durch die Fensterritzen kroch und in die K�che waberte. Dort stellte er fest, dass die Romanze zwischen Irene und ihrem Schwarzen Korsar auch ihre positiven Seiten hatte: Seit sie sich mit ihm traf, hatte seine Schwester die Schachtel mit der k�stlichen Schweizer Schokolade nicht mehr anger�hrt, die Simone in der zweiten Schublade des Vorratsschranks aufbewahrte.</p><p>Er leckte sich �ber die Lippen wie eine Katze und machte sich �ber das erste Pralin� her. Die k�stliche Geschmacksexplosion von Tr�ffel, Mandel und Kakao tr�bte ihm die Sinne. Was ihn betraf, war Schokolade nach der Kartographie die wohl gro�artigste Erfindung der Menschheit. Insbesondere Pralinen. �Ein erfinderisches Volk, die Schweizer�, dachte Dorian. �Uhren und Schokolade, die Essenz des Lebens.� Ein pl�tzliches Ger�usch riss ihn auf einen Schlag aus seinen angenehmen �berlegungen. Wie erstarrt h�rte Dorian erneut das Ger�usch, und die zweite Praline glitt ihm aus den Fingern. Jemand klopfte an der T�r.</p><p>Der Junge versuchte zu schlucken, aber sein Mund war ganz trocken. Erneut waren zwei pr�zise Schl�ge gegen die Haust�r zu vernehmen. Dorian ging ins Wohnzimmer, ohne den Blick vom Eingang abzuwenden. Nebel kroch unter der T�rschwelle hindurch. Wieder wurde zweimal an die T�r geklopft. Dorian blieb davor stehen und z�gerte kurz.</p><p>�Wer ist da?�, fragte er mit gebrochener Stimme.</p><p>Erneutes zweimaliges Klopfen war die einzige Antwort, die er erhielt. Der Junge trat ans Fenster, doch durch die Nebeldecke war nichts zu sehen. Es waren auch keine Schritte auf der Veranda zu h�ren. Der Unbekannte war gegangen. Vielleicht ein Wanderer, der sich verlaufen hatte, dachte Dorian. Er wollte gerade in die K�che zur�ckgehen, als das zweimalige Klopfen erneut zu vernehmen war, diesmal jedoch an der Fensterscheibe, kaum zehn Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Ihm blieb fast das Herz stehen. Dorian wich langsam in die Mitte des Wohnzimmers zur�ck, bis er r�ckw�rts gegen einen Sessel stie�. Instinktiv packte der Junge einen Kerzenleuchter aus Metall und hielt ihn vor sich.</p><p>�Geh weg��, fl�sterte er.</p><p>F�r Sekundenbruchteile schien sich in dem Nebel auf der anderen Seite der Fensterscheibe ein Gesicht zu formen. Dann pl�tzlich stie� ein heftiger Windsto� das Fenster auf. Eisige K�lte drang Dorian durch Mark und Bein, und entsetzt beobachtete er, wie sich ein schwarzer Fleck auf dem Boden ausbreitete.</p><p>Ein Schatten.</p><p>Die Masse kroch auf ihn zu und nahm allm�hlich Gestalt an, richtete sich vom Boden auf wie eine Marionette aus Finsternis, die von unsichtbaren F�den gehalten wurde. Der Junge versuchte mit dem Kerzenleuchter nach dem Eindringling zu schlagen, doch das Metall ging einfach durch den dunklen Schemen hindurch. Dorian trat einen Schritt zur�ck, und der Schatten legte sich �ber ihn. Zwei H�nde aus schwarzem Nebel umfassten seinen Hals; er sp�rte die eisige Ber�hrung auf seiner Haut. Die Umrisse eines Gesichts zeichneten sich vor ihm ab. Ein Schauder durchlief seinen ganzen K�rper. Eine knappe Handbreit vor seinem Gesicht erschien das Antlitz seines Vaters. Armand Sauvelle l�chelte ihm zu. Ein Wolfsgrinsen, grausam und voller Hass.</p><p>�Hallo Dorian. Ich bin gekommen, um Mama zu holen. Bringst du mich zu ihr, Dorian?�, raunte der Schatten.</p><p>Der Klang dieser Stimme lie� ihm das Blut in den Adern gefrieren. Das war nicht die Stimme seines Vaters. Diese d�monisch gl�henden Lichtpunkte waren nicht seine Augen. Und auch diese langen, spitzen Z�hne, die zwischen den Lippen hervorbleckten, geh�rten nicht Armand Sauvelle.</p><p>�Du bist nicht mein Vater��</p><p>Das Wolfsgrinsen des Schattens erlosch, und das Gesicht zerfloss wie Wachs in der Flamme.</p><p>Ein hasserf�lltes tierisches Br�llen gellte ihm in den Ohren, und eine unsichtbare Kraft schleuderte ihn ans andere Ende des Zimmers. Dorian krachte gegen einen der Sessel, der dabei umfiel.</p><p>Benommen rappelte sich der Junge wieder auf, um gerade noch zu sehen, wie der Schatten die Treppe hinaufkroch, eine zum Leben erwachte Teerpf�tze, die nun die Stufen erklomm.</p><p>�Mama!�, schrie Dorian und st�rzte zur Treppe.</p><p>Der Schatten blieb stehen und starrte ihn an. Seine Obsidianlippen formten unh�rbar ein Wort. Seinen Namen.</p><p>Da zerbarsten die Fensterscheiben im ganzen Haus in einem Schauer t�dlicher Scherben, und der Nebel str�mte heulend in das Haus am Kap, w�hrend der Schatten weiter in den ersten Stock hinaufglitt. Dorian st�rzte hinter diesem gespenstischen Gebilde her, das �ber den Boden auf Simones Schlafzimmert�r zukroch.</p><p>�Nein!�, br�llte der Junge. �Fass meine Mutter nicht an!�</p><p>Der Schatten grinste, und im n�chsten Moment wurde die schwarze Masse zu einem Strudel, der im T�rschloss des Schlafzimmers verschwand. Danach folgte eine Sekunde t�dlicher Stille.</p><p>Dorian rannte auf die T�r zu, doch noch bevor er sie erreichen konnte, wurde sie mit der St�rke eines Hurrikans aus den Angeln gehoben und zerschellte mit Wucht am Ende des Flurs. Dorian warf sich zur Seite und konnte um Haaresbreite ausweichen.</p><p>Als er sich wieder aufrichtete, bot sich seinen Augen ein alptraumhafter Anblick. Der Schatten wanderte �ber die W�nde von Simones Zimmer. Die Umrisse seiner Mutter, die schlafend auf dem Bett lag, zeichneten sich gleichfalls als Schatten an der Wand ab. Dorian beobachtete, wie der dunkle Schemen die W�nde entlangglitt und die Lippen dieser Erscheinung diejenigen des Schattens seiner Mutter ber�hrten. Simone w�lzte sich im Schlaf hin und her, auf geheimnisvolle Weise in einem Alptraum gefangen. Zwei unsichtbare H�nde packten sie und hoben sie vom Laken hoch. Dorian stellte sich ihnen in den Weg. Wieder wurde er mit unbez�hmbarer Wut weggesto�en und aus dem Zimmer geschleudert. Mit Simone in den Armen verschwand der Schatten rasch die Treppe hinunter. Dorian k�mpfte darum, nicht das Bewusstsein zu verlieren, rappelte sich wieder auf und verfolgte ihn ins Erdgeschoss. Die Erscheinung wandte sich um, und f�r einen Moment starrten sich beide an.</p><p>�Ich wei�, wer du bist�, murmelte der Junge.</p><p>Ein neues, ihm unbekanntes Gesicht wurde sichtbar: Das Antlitz eines jungen, gutaussehenden Mannes mit leuchtenden Augen.</p><p>�Gar nichts wei�t du�, sagte der Schatten.</p><p>Dorian beobachtete, wie die Augen der Erscheinung durch den Raum schweiften und an der Kellert�r haften blieben. Die alte Holzt�r �ffnete sich pl�tzlich, und der Junge sp�rte, wie er von einer unsichtbaren Macht dorthin geschoben wurde, ohne dass er etwas tun konnte, um es zu verhindern. Er st�rzte die Treppe hinunter, der Finsternis entgegen. Die T�r schloss sich wieder, wie eine unverr�ckbare Grabplatte.</p><p>Dorian wusste, dass er in den n�chsten Sekunden bewusstlos werden w�rde. Er h�rte den Schatten lachen wie einen Schakal, w�hrend er seine Mutter durch den Nebel zum Wald schleppte.</p><empty-line/><p>Je h�her die Flut in der H�hle stieg, desto deutlicher sp�rten Irene und Ismael, wie sich die t�dliche Schlinge immer enger um sie zog, eine erstickende, t�dliche Falle. Irene hatte schon den Moment vergessen, als das Wasser ihnen ihre vorl�ufige Zuflucht auf dem Felsen genommen hatte. Ihre F��e fanden keinen Halt mehr. Sie waren nun auf die Gezeiten und ihr eigenes Durchhalteverm�gen angewiesen. Die K�lte verursachte starke Schmerzen in den Muskeln, ein Schmerz wie von tausend Nadeln, die sich in ihr Innerstes bohrten. Sie begann das Gef�hl in den H�nden zu verlieren, und die Ersch�pfung griff mit bleiernen Krallen nach ihr, die sie an den Kn�cheln zu packen und nach unten zu ziehen schienen. Eine innere Stimme fl�sterte ihr zu, aufzugeben und sich dem friedlichen Schlaf zu �berlassen, der sie unter Wasser erwartete. Ismael hielt das M�dchen an der Wasseroberfl�che und merkte, wie ihr K�rper in seinen Armen zitterte. Wie lange er so durchhalten w�rde, h�tte er nicht sagen k�nnen. Und noch weniger, wie lange es noch dauerte, bis der Morgen kam und sich die Flut zur�ckzog.</p><p>�Nicht die Arme h�ngen lassen. Beweg dich. H�r nicht auf, dich zu bewegen�, keuchte er.</p><p>Irene nickte, am Rand der Bewusstlosigkeit.</p><p>�Ich bin m�de��, murmelte sie beinahe im Delirium.</p><p>�Nein. Du darfst jetzt nicht einschlafen�, befahl ihr Ismael.</p><p>Irene blickte ihn aus halb ge�ffneten Augen an, ohne ihn wirklich zu sehen. Er streckte den Arm aus und tastete an der felsigen Decke entlang, bis zu der sie die Flut emporgetragen hatte. Die Binnenstr�mung trieb sie von der �ffnung in der Kuppel weg, immer tiefer in die H�hle hinein, und verwehrte ihnen so den einzig m�glichen Fluchtweg. Sosehr er sich auch anstrengte, sich unter der �ffnung zu halten, es gab keine M�glichkeit, sich festzuklammern und so zu verhindern, dass die Str�mung sie mit unaufhaltsamer Kraft davontrieb. Sie hatten kaum noch Raum zum Atmen. Und die Flut stieg erbarmungslos weiter.</p><p>Irenes Gesicht sank auf das Wasser. Ismael packte sie und zog sie an sich. Das M�dchen war v�llig benommen. Er wusste von st�rkeren und erfahreneren M�nnern, die so den Tod gefunden hatten, drau�en auf dem Meer. Gegen die K�lte war man machtlos. Dieser t�dliche Mantel l�hmte die Muskeln und vernebelte den Verstand, w�hrend er geduldig abwartete, dass sich das Opfer seinem Ende ergab.</p><p>Ismael sch�ttelte das M�dchen und drehte es zu sich um. Sie stammelte sinnentleert vor sich hin. Ohne lange zu z�gern, gab Ismael ihr eine kr�ftige Ohrfeige. Irene �ffnete die Augen und schrie entsetzt auf. F�r einige Sekunden wusste sie nicht, wo sie war. Im Dunkeln von eisigem Wasser umgeben und in den Armen eines Fremden, glaubte sie in ihrem schlimmsten Alptraum aufzuwachen. Dann fiel ihr alles wieder ein. Cravenmoore. Der Engel. Die Grotte. Als Ismael sie umarmte, konnte sie die Tr�nen nicht zur�ckhalten. Sie schluchzte wie ein ver�ngstigtes Kind.</p><p>�Lass mich nicht hier sterben�, fl�sterte sie.</p><p>F�r den Jungen waren ihre Worte wie ein vergifteter Dolchstich.</p><p>�Du wirst nicht hier sterben. Ich verspreche es dir. Das werde ich nicht zulassen. Die Flut wird bald zur�ckgehen, und vielleicht l�uft die H�hle nicht ganz voll� Wir m�ssen noch ein bisschen durchhalten. Nur noch ein kleines bisschen, dann kommen wir hier raus.�</p><p>Irene nickte und umarmte ihn noch fester. Ismael h�tte seinen Worten gerne genauso geglaubt wie seine Begleiterin.</p><empty-line/><p>Lazarus Jann stieg langsam die Stufen der Haupttreppe von Cravenmoore hinauf. Die Aura einer fremden Gegenwart schwebte unter dem Lichtkegel der Kuppellaterne. Er bemerkte es am Geruch der Luft, an dem Gewirr aus silbrigen Staubteilchen, das sichtbar wurde, wenn das Licht darauf fiel. Als er den zweiten Stock erreichte, fiel sein Blick auf die T�r am Ende des Korridors, auf der anderen Seite des Vorhangs. Die T�r stand offen. Seine H�nde begannen zu zittern.</p><p>�Alexandra?�</p><p>Der kalte Lufthauch bewegte die Vorh�nge in dem finsteren Korridor. Eine dunkle Vorahnung �berkam ihn. Lazarus schloss die Augen und fasste sich an die Seite. Ein stechender Schmerz durchfuhr seine Brust und breitete sich in den rechten Arm aus wie Feuer, das seine Nerven zu brennendem Staub vergl�hen lie�.</p><p>�Alexandra?�, stie� er erneut hervor.</p><p>Lazarus rannte zu der T�r und blieb auf der Schwelle stehen, als er die Spuren des Kampfes und die zerschmetterten Fenster sah, durch die ungehindert der kalte Nebel eindringen konnte, der vom Wald her�berwehte. Er ballte die Faust, bis er merkte, wie sich die Fingern�gel in die Handfl�che bohrten.</p><p>�Verflucht sollst du sein��</p><p>Nachdem er sich den kalten Schwei� von der Stirn gewischt hatte, trat er an das Bett und schlug mit unendlicher Behutsamkeit die Vorh�nge beiseite.</p><p>�Es tut mir leid, mein Liebling��, sagte er, w�hrend er sich auf die Bettkante setzte. �Es tut mir leid��</p><p>Ein merkw�rdiges Ger�usch fesselte seine Aufmerksamkeit. Die Zimmert�r schwang langsam hin und her. Lazarus stand auf und n�herte sich vorsichtig der T�r.</p><p>�Wer ist da?�, fragte er.</p><p>Er erhielt keine Antwort, aber die T�r bewegte sich nicht mehr. Lazarus trat ein paar Schritte in den Flur hinaus und sp�hte in die Dunkelheit. Als er das Zischen hinter sich h�rte, war es schon zu sp�t. Ein heftiger Schlag ins Genick lie� ihn halb bewusstlos zu Boden gehen. Er sp�rte, wie er an den Schultern gepackt und durch den Flur geschleift wurde. F�r einen fl�chtigen Moment nahmen seine Augen eine Gestalt wahr: Es war Christian, der das Hauptportal bewachte. Der Automat wandte ihm das Gesicht zu. Ein grausamer Glanz lag in seinen Augen.</p><p>Dann verlor Lazarus das Bewusstsein.</p><empty-line/><p>Als sich die Str�mung zur�ckzog, die sie die ganze Nacht hindurch erbarmungslos ins Innere der Grotte gezogen hatte, wusste Ismael, dass der Morgen nicht mehr weit war. Die unsichtbaren H�nde des Meeres lie�en ihre Beute allm�hlich los, so dass es ihm nun m�glich war, die bewusstlose Irene in den h�her gelegenen Teil der Grotte zu bringen, wo der Wasserspiegel ihnen eine kleine Luftblase zum Atmen �briglie�. Als die Helligkeit drau�en, die von dem sandigen Grund zur�ckgeworfen wurde, einen schwachen Lichtstrahl ins Innere der H�hle schickte und die Flut den R�ckzug antrat, stie� Ismael einen Freudenschrei aus, den niemand h�ren konnte, nicht einmal seine Begleiterin. Der Junge wusste, dass die H�hle selbst ihnen den Weg nach drau�en in die Lagune weisen w�rde, sobald der Wasserspiegel zu sinken begann.</p><p>Bereits seit mehreren Stunden, zwei vielleicht, hielt sich Irene nur noch mit Ismaels Hilfe �ber Wasser. Dem M�dchen gelang es kaum noch, wach zu bleiben. Ihr K�rper zitterte nicht mehr, sondern wiegte sich einfach nur auf den Wellen wie ein lebloser Gegenstand. W�hrend er geduldig abwartete, dass die Ebbe den Eingang freigab, wurde Ismael klar, dass Irene, w�re er nicht dagewesen, schon vor Stunden gestorben w�re.</p><p>W�hrend er sie �ber Wasser hielt und ihr aufmunternde Worte zufl�sterte, die das M�dchen nicht verstehen konnte, erinnerte sich der Junge an die Geschichten, die die Seeleute �ber Begegnungen mit dem Tod erz�hlten, und dass, wenn einer einem anderen auf See das Leben rettete, ihre Seelen f�r immer durch ein unsichtbares Band verbunden blieben.</p><p>Allm�hlich wurde die Str�mung schw�cher, und Ismael konnte mit Irene im Schlepptau durch den Ausgang der Grotte in die Lagune schwimmen. Im bernsteinfarbenen Licht des Sonnenaufgangs, das sich den Horizont entlangzog, brachte der Junge sie ans Ufer. Als das M�dchen benommen die Augen aufschlug, blickte sie in Ismaels Gesicht, der sie l�chelnd ansah.</p><p>�Wir sind am Leben�, murmelte er.</p><p>Irene fielen vor Ersch�pfung die Augen wieder zu.</p><p>Ismael blickte ein letztes Mal in den Himmel und betrachtete das Morgenlicht �ber dem Wald und den Klippen. Es war das sch�nste Schauspiel, das er je in seinem Leben gesehen hatte. Dann sank er langsam neben Irene in den wei�en Sand und �berlie� sich der M�digkeit. Nichts h�tte sie aus diesem Schlaf aufwecken k�nnen. Nichts.</p></section><section><title><p>11. Das Gesicht unter der Maske</p></title><p>Das Erste, was Irene sah, als sie aufwachte, waren zwei dunkle, undurchdringliche Augen, die sie eingehend musterten. Das M�dchen zuckte zusammen, und die M�we flog erschreckt davon. Irenes Lippen f�hlten sich rissig und trocken an, ihre Haut brannte, und es juckte sie am ganzen K�rper. Ihre Muskeln kamen ihr wie Pudding vor und der Kopf wie aus Watte. Eine Welle der �belkeit stieg ihr von der Magengrube bis in den Kopf. Als sie sich aufsetzte, stellte sie fest, dass dieses merkw�rdige Brennen, das ihren K�rper wie S�ure zu zerfressen schien, von der Sonne kam. Sie hatte einen bitteren Geschmack auf den Lippen. Das undeutliche Bild einer kleinen Felsbucht drehte sich um sie wie ein Karussell. Sie hatte sich noch nie im Leben schlechter gef�hlt.</p><p>Als sie sich erneut streckte, entdeckte sie Ismael neben sich. H�tte er nicht sto�weise geatmet, Irene h�tte geschworen, dass er tot war. Sie rieb sich die Augen und legte dann ihre mit Sch�rfwunden �bers�te Hand an den Hals ihres Gef�hrten. Puls. Sie streichelte Ismaels Gesicht, und wenig sp�ter schlug der Junge die Augen auf. Die Sonne blendete ihn einen Augenblick.</p><p>�Du siehst furchtbar aus�, murmelte er und l�chelte m�hsam.</p><p>�Du m�sstest dich mal sehen�, erwiderte das M�dchen.</p><p>Wie zwei Schiffbr�chige, die der Sturm am Strand ausgespien hat, standen die beiden taumelnd auf und fl�chteten sich in den Schatten eines herabgest�rzten Baumstamms zwischen den Klippen. Die M�we, die ihren Schlaf bewacht hatte, lie� sich erneut im Sand nieder. Ihre Neugier war noch nicht befriedigt.</p><p>�Wie sp�t mag es sein?�, fragte Irene, w�hrend sie gegen das wilde Pochen ank�mpfte, das bei jedem Wort gegen ihre Schl�fen h�mmerte.</p><p>Ismael zeigte ihr seine Uhr. Das Zifferblatt stand voller Wasser, und der abgerissene Sekundenzeiger erinnerte an einen versteinerten Aal in einem Fischglas. Der Junge hielt beide H�nde sch�tzend vor die Augen und beobachtete die Sonne.</p><p>�Es ist Mittag vorbei.�</p><p>�Wie lange haben wir geschlafen?�, fragte sie.</p><p>�Nicht lange genug�, entgegnete Ismael. �Ich k�nnte eine ganze Woche am St�ck schlafen.�</p><p>�Zum Schlafen ist jetzt keine Zeit�, dr�ngte Irene.</p><p>Er nickte und suchte die Klippen nach einem m�glichen Fluchtweg ab.</p><p>�Das wird nicht leicht. Ich kenne nur den Weg �bers Meer in die Lagune��, begann er.</p><p>�Was ist hinter den Felsen?�</p><p>�Der Wald, durch den wir gekommen sind.�</p><p>�Worauf warten wir dann noch?�</p><p>Ismael betrachtete erneut die Klippen. Eine Wand aus spitzen steinernen Nadeln ragte vor ihnen auf. Diese Felsen zu erklimmen w�rde seine Zeit brauchen, ganz zu schweigen von den zahllosen M�glichkeiten, Bekanntschaft mit dem Gesetz der Schwerkraft zu machen und sich den Kopf zu zerschmettern. �Wie ein Ei, das auf dem Boden zerschellt�, dachte er. �Ein perfektes Ende.�</p><p>�Kannst du klettern?�, fragte er dann.</p><p>Irene zuckte mit den Schultern. Der Junge betrachtete ihre nackten, von Sand bedeckten F��e. Die wei�e Haut an Armen und Beinen war v�llig ungesch�tzt.</p><p>�Ich hatte Sport in der Schule und war eine der Besten beim Seilklettern�, sagte sie. �Ich nehme an, das ist dasselbe.�</p><p>Ismael seufzte. Ihre Probleme waren noch nicht ausgestanden.</p><empty-line/><p>F�r Sekunden war Simone Sauvelle wieder acht Jahre alt. Sie sah wieder die kupferfarbenen und silbernen Lichter, die fl�chtige Bilder aus Rauch in die Luft malten. Sie nahm den intensiven Duft des verbrennenden Wachses wahr, die fl�sternden Stimmen im Halbdunkel, das unsichtbare Flackern hunderter Kerzen, die in diesem geheimnisvollen, wundersamen Palast brannten, der die Erinnerungen ihrer Kindheit verzaubert hatte: die altehrw�rdige Kathedrale Saint Etienne. Doch der Zauber w�hrte nur diese paar Sekunden.</p><p>Als ihre m�den Augen wenig sp�ter durch die unheimliche Finsternis irrten, die sie umgab, begriff Simone, dass diese Kerzen nicht in einer Kapelle standen, dass die Lichtflecken, die auf den W�nden tanzten, alte Fotografien waren und die Stimmen ein fernes Fl�stern, das nur in ihrem Kopf existierte. Ihr Gef�hl sagte ihr, dass sie sich weder im Haus am Kap befand noch an irgendeinem anderen Ort, an den sie sich erinnern konnte. In ihrem Kopf hallte ein unscharfes Echo der vergangenen Stunden wider. Sie wusste noch, dass sie sich mit Lazarus auf der Veranda unterhalten hatte. Sie wusste noch, dass sie sich ein Glas hei�e Milch gemacht hatte, bevor sie zu Bett gegangen war, und sie erinnerte sich noch an die letzten Worte, die sie in dem Buch gelesen hatte, das auf ihrem Nachttisch lag.</p><p>Nachdem sie das Licht gel�scht hatte, erinnerte sie sich vage, von einem schreienden Kind getr�umt zu haben, und an das merkw�rdige Gef�hl, mitten in der Nacht aufzuwachen und zu beobachten, wie die Schatten durch die Dunkelheit zu wandern schienen. Dar�ber hinaus verschwammen ihre Erinnerungen wie die R�nder einer unvollendeten Zeichnung. Ihre H�nde ber�hrten einen Baumwollstoff, und Simone wurde klar, dass sie noch ihr Nachthemd trug. Sie stand auf und n�herte sich langsam der Wand, von der das Licht Dutzender wei�er Kerzen zur�ckstrahlte, die sorgf�ltig in von w�chsernen Tr�nen �berzogenen Kandelabern aufgestellt waren.</p><p>Die Flammen knisterten gleichm��ig. Dieses Ger�usch waren die Stimmen, die sie zu h�ren geglaubt hatte. Der goldene Widerschein all dieser brennenden Lichter weitete ihre Pupillen, und eine seltsame Helligkeit durchflutete ihren Geist. Die Erinnerungen kamen tropfenweise, wie ein Regenschauer bei Tagesanbruch. Mit ihnen kam der erste Panikanfall.</p><p>Sie erinnerte sich an die Ber�hrung unsichtbarer H�nde, die sie durch die Dunkelheit trugen. Sie erinnerte sich an eine Stimme, die ihr etwas ins Ohr fl�sterte, w�hrend jede Faser ihres K�rpers erstarrt war, unf�hig, zu reagieren. Sie erinnerte sich an eine schemenhafte Gestalt, die sie durch den Wald trug. Sie erinnerte sich, wie dieser gespenstische Schatten ihren Namen gefl�stert hatte und wie sie, starr vor Angst, begriffen hatte, dass all dies kein Alptraum war. Simone schloss die Augen und schlug die H�nde vor den Mund, um einen Schrei zu unterdr�cken.</p><p>Ihr erster Gedanke galt ihren Kindern. Was war mit Irene und Dorian geschehen? Waren sie noch im Haus? Hatte diese unbeschreibliche Erscheinung sie geholt? Mit herzzerrei�ender Macht brannten ihr diese Fragen auf der Seele. Sie lief dorthin, wo sie die T�r vermutete, und r�ttelte vergeblich an der Klinke, sie schrie und heulte, bis Ersch�pfung und Verzweiflung sie �bermannten. Allm�hlich brachte eine kalte Gleichg�ltigkeit sie in die Wirklichkeit zur�ck.</p><p>Sie war gefangen. Wer auch immer sie mitten in der Nacht entf�hrt hatte, hatte sie in diesem Raum eingesperrt und wom�glich auch ihre Kinder in seine Gewalt gebracht. Der Gedanke, er k�nne ihnen wehgetan oder sie verletzt haben, lag au�erhalb ihrer Vorstellungskraft. Wenn sie etwas f�r sie tun wollte, dann musste sie jeden neuen Anflug von Panik unterdr�cken und die Kontrolle �ber ihre Gedanken behalten. Simone ballte die F�uste, w�hrend sie sich diese Worte immer wieder vorsagte. Sie atmete mit geschlossenen Augen tief durch, bis sie sp�rte, wie ihr Herz wieder im normalen Rhythmus schlug.</p><p>Dann �ffnete sie die Augen wieder und sah sich aufmerksam um. Je rascher sie verstand, was hier vor sich ging, desto schneller w�rde sie hier rauskommen und Irene und Dorian zu Hilfe kommen k�nnen.</p><p>Das Erste, was ihr ins Auge fiel, waren die kleinen, schlichten M�bel. Kinderm�bel, einfach geschreinert, fast schon �rmlich. Sie war in einem Kinderzimmer, aber ihr Gef�hl sagte ihr, dass dort schon lange kein Kind mehr lebte. Die Pers�nlichkeit, die diesen Ort fast greifbar durchdrang, strahlte Alter und Verfall aus. Simone trat ans Bett und setzte sich hin, um das Zimmer von dort aus zu betrachten. In diesem Zimmer gab es keine Unschuld. Was sie sp�rte, war Dunkelheit. Bosheit.</p><p>Das schleichende Gift der Angst begann ihre Adern zu durchstr�men, doch Simone ignorierte ihre Warnzeichen, ergriff einen der Kerzenleuchter und n�herte sich der Wand. Unz�hlige Zeitungsausschnitte und Fotografien bildeten eine Collage, die sich im Dunkel verlor. Ihr fiel auf, mit welcher Sorgfalt all diese Bilder an die Wand geheftet worden waren. Ein d�steres Museum der Erinnerungen entfaltete sich vor ihren Augen, und jeder dieser Ausrisse schien stumm von der Bedeutung zu erz�hlen, die hinter all dem steckte. Eine Stimme, die sich aus der Vergangenheit bemerkbar zu machen versuchte. Simone hielt die Kerze eine knappe Handbreit vor die Wand und lie� die Flut von Fotografien und Abbildungen, W�rtern und Illustrationen auf sich einstr�men.</p><p>Beim �berfliegen der Berichte blieben ihre Augen an einem vertrauten Namen h�ngen: Daniel Hoffmann. Der Name kam wie ein Schlaglicht aus ihrer Erinnerung zum Vorschein. Die geheimnisvolle Person aus Berlin, deren Korrespondenz sie Lazarus� Anweisungen zufolge aussortieren sollte. Die merkw�rdige Gestalt, deren Briefe, wie Simone durch Zufall herausgefunden hatte, in den Flammen gelandet waren. Doch etwas stimmte an der ganzen Sache nicht. Der Mann, von dem in diesen Artikeln die Rede war, lebte nicht in Berlin, und den Erscheinungsdaten der Zeitungen zufolge musste er mittlerweile in einem unwahrscheinlich hohen Alter sein. Verwirrt vertiefte sich Simone in den Text des Berichts.</p><p>Der Hoffmann aus den Zeitungsartikeln war ein reicher Mann, unfassbar reich. Ein paar Zentimeter weiter berichtete <emphasis>Le Figaro</emphasis> auf der ersten Seite von einem Brand in einer Spielzeugfabrik. Hoffmann war bei dem Ungl�ck ums Leben gekommen. Flammen schlugen aus dem Geb�ude, und davor dr�ngte sich eine Menschenmenge, die gebannt das grauenvolle Schauspiel beobachtete. Unter ihnen befand sich ein Junge, der mit ver�ngstigten Augen verloren in die Kamera blickte.</p><p>Derselbe Blick war auf einem anderen Ausschnitt zu sehen. Diesmal schilderte der Artikel die d�stere Geschichte eines Jungen, der sieben Tage in v�lliger Dunkelheit in einem Keller eingesperrt gewesen war. Polizeibeamte hatten ihn entdeckt, nachdem sie seine Mutter tot in einer der Wohnungen vorgefunden hatten. Das Gesicht des Jungen, der knapp sieben oder acht Jahre z�hlen mochte, war ein bodenloser Abgrund.</p><p>Ein heftiger Schauder durchlief ihren K�rper, w�hrend sich die Bruchst�cke eines unheimlichen R�tsels in ihrem Kopf zusammenzuf�gen begannen. Doch da war noch mehr, und die faszinierende Macht dieser Bilder war hypnotisierend. Die Zeitungsausschnitte schritten in der Zeit voran. In vielen war von verschwundenen Personen die Rede, Menschen, von denen Simone noch nie geh�rt hatte. Unter ihnen stach ein strahlend sch�nes M�dchen hervor, Alexandra Alma Maltisse, Erbin eines Stahlimperiums aus Lyon, die einer Zeitschrift aus Marseille zufolge die Verlobte eines jungen, aber angesehenen Ingenieurs und Spielzeugerfinders war, Lazarus Jann. Neben diesem Bericht zeigte eine Reihe von Fotografien das gl�ckliche Paar beim Verteilen von Spielzeug in einem Waisenhaus in Montparnasse. Die beiden strahlten f�rmlich vor Gl�ck. �Es ist mein fester Vorsatz, dass alle Kinder in diesem Land ungeachtet ihrer Lebenssituation ein Spielzeug besitzen sollen�, erkl�rte der Erfinder unter der Fotografie.</p><p>Daneben zeigte eine andere Zeitung die Verm�hlung von Lazarus Jann und Alexandra Maltisse an. Das offizielle Verlobungsfoto war am Fu� der Freitreppe von Cravenmoore gemacht worden.</p><p>Ein vor Jugend strotzender Lazarus umarmte seine Braut. Keine einzige Wolke tr�bte dieses traumhafte Bild. Der junge, umtriebige Lazarus Jann hatte das pr�chtige Anwesen erworben, um dort seinen ehelichen Hausstand zu gr�nden. Mehrere Bilder von Cravenmoore illustrierten den Artikel.</p><p>Immer mehr Bilder und Zeitungsausschnitte reihten sich aneinander und vergr��erten diese Galerie von Personen und Ereignissen aus der Vergangenheit. Simone blieb stehen und machte kehrt. Das Gesicht dieses verlorenen, ver�ngstigten Jungen lie� sie nicht los. Ihre Augen versanken in diesem verzweifelten Blick, und langsam erkannte sie darin den Blick wieder, in den sie Hoffnungen und Freundschaft gesetzt hatte. Es war nicht der Blick dieses Jean Neville, von dem Lazarus ihr erz�hlt hatte. Dieser Blick war ihr vertraut, schmerzlich vertraut. Es war der Blick von Lazarus Jann.</p><p>Eine schwarze Wolke breitete einen Schleier �ber ihr Herz. Sie atmete tief durch und schloss die Augen. Aus irgendeinem Grund wusste Simone schon, dass sich noch jemand im Zimmer befand, noch bevor die Stimme hinter ihrem R�cken erklang.</p><empty-line/><p>Um kurz vor vier am Nachmittag standen Ismael und Irene oben auf den Klippen. Die blauen Flecke und Schnittwunden, die der Stein ihnen an Armen und Beinen beigebracht hatte, zeugten von dem schwierigen Aufstieg. Das war der Preis daf�r, dass sie diesen verbotenen Pfad betreten hatten. Ismael hatte damit gerechnet, dass der Aufstieg schwierig werden w�rde, doch die Wirklichkeit hatte sich als noch schlimmer und gef�hrlicher erwiesen als bef�rchtet. Irene hatte, ohne eine Sekunde zu z�gern und ohne auch nur einmal den Mund aufzumachen, um sich �ber die Kratzer zu beklagen, die ihr die Haut aufrissen, einen Mut an den Tag gelegt, den er noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte.</p><p>Das M�dchen war nach oben geklettert und hatte sich auf Felsvorspr�nge gewagt, auf die niemand bei klarem Verstand einen Fu� gesetzt h�tte. Als sie schlie�lich den Waldrand erreichten, umarmte Ismael sie nur schweigend. Die St�rke, die in diesem M�dchen brannte, konnte nicht einmal ein ganzer Ozean l�schen.</p><p>�M�de?�</p><p>Atemlos sch�ttelte Irene den Kopf.</p><p>�Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du der sturste Mensch auf diesem Planeten bist?�</p><p>Ein leises L�cheln erschien auf den Lippen des M�dchens.</p><p>�Warte, bis du meine Mutter kennenlernst.�</p><p>Bevor Ismael etwas erwidern konnte, nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn in den Wald. Hinter ihnen glitzerte in schwindelerregender Tiefe die Lagune.</p><p>Wenn ihm einer gesagt h�tte, dass er eines Tages diese teuflischen Klippen hinaufklettern w�rde, h�tte er ihm nicht geglaubt. Was allerdings Irene anging, so war er bereit, alles zu glauben.</p><empty-line/><p>Simone wandte sich langsam der Dunkelheit zu. Sie konnte die Gegenwart des Eindringlings sp�ren, sie konnte sogar das Hauchen seines langsamen Atems h�ren. Aber sehen konnte sie ihn nicht. Der Schein der Kerzen verschwamm zu einem undurchdringlichen Lichtkreis, hinter dem sich das Zimmer in einen dunklen, bodenlosen B�hnenraum verwandelte. Simone starrte in die Finsternis. Eine seltsame Ruhe �berkam sie und lie� sie so klar denken, dass sie selbst �berrascht war. Ihre Sinne schienen mit unheimlicher Genauigkeit jedes kleine Detail ihrer Umgebung zu erfassen. Sie nahm jede Regung der Luft, jedes Ger�usch, jeden Lichtreflex wahr. Hinter diesem Zustand merkw�rdiger Ruhe verschanzt, stand sie schweigend der Dunkelheit gegen�ber und wartete, dass sich der Besucher zu erkennen gab.</p><p>�Ich hatte nicht erwartet, Sie hier zu sehen�, sagte schlie�lich eine Stimme aus der Dunkelheit, eine leise, distanzierte Stimme. �Haben Sie Angst?�</p><p>Simone sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Gut. Das brauchen Sie auch nicht. Sie brauchen keine Angst zu haben.�</p><p>�Wollen Sie sich weiter dort verstecken, Lazarus?�</p><p>Auf ihre Frage folgte ein langes Schweigen. Lazarus� Atmen war deutlicher zu h�ren.</p><p>�Ich ziehe es vor, hier zu bleiben�, antwortete er schlie�lich.</p><p>�Warum?�</p><p>Etwas blitzte im Dunkeln auf. Ein fl�chtiges, fast unmerkliches Funkeln.</p><p>�Weshalb setzen Sie sich nicht, Madame Sauvelle?�</p><p>�Ich ziehe es vor, stehen zu bleiben.�</p><p>�Wie Sie wollen.� Der Mann machte erneut eine Pause. �Wahrscheinlich werden Sie sich fragen, was geschehen ist.�</p><p>�Unter anderem�, sagte Simone br�sk. Die Entr�stung war aus ihrem Tonfall herauszuh�ren.</p><p>�Vielleicht ist es am einfachsten, wenn Sie mir Ihre Fragen stellen und ich versuche, sie zu beantworten.�</p><p>Simone lie� ein w�tendes Schnaufen vernehmen.</p><p>�Meine erste und einzige Frage lautet, wie ich hier rauskomme�, sagte sie knapp.</p><p>�Ich f�rchte, die Antwort darauf ist mir nicht m�glich. Noch nicht.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Ist das eine weitere Frage?�</p><p>�Wo bin ich?�</p><p>�Auf Cravenmoore.�</p><p>�Wie bin ich hierhergekommen und weshalb?�</p><p>�Jemand hat sie hergebracht��</p><p>�Sie?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wer dann?�</p><p>�Jemand, den Sie nicht kennen� noch nicht.�</p><p>�Wo sind meine Kinder?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>Simone ging langsam auf die Dunkelheit zu, das Gesicht zornger�tet.</p><p>�Sie verdammtes Scheusal!�</p><p>Sie ging auf die Stelle zu, von wo die Stimme kam. Allm�hlich nahmen ihre Augen eine Gestalt in einem Lehnsessel wahr. Lazarus. Aber etwas an seinem Gesicht war seltsam. Simone blieb stehen.</p><p>�Es ist eine Maske�, sagte Lazarus.</p><p>�Wozu?�, fragte sie, w�hrend sie sp�rte, wie sich die Ruhe, die sie empfunden hatte, mit atemberaubender Geschwindigkeit verfl�chtigte.</p><p>�Masken enth�llen das wahre Gesicht eines Menschen��</p><p>Simone bem�hte sich, die Ruhe zu bewahren. Ihrer Wut freien Lauf zu lassen w�rde zu nichts f�hren.</p><p>�Wo sind meine Kinder? Bitte��</p><p>�Ich habe es Ihnen doch schon gesagt, Madame Sauvelle. Ich wei� es nicht.�</p><p>�Was haben Sie mit mir vor?�</p><p>Lazarus streckte eine Hand aus, die in einem Satinhandschuh steckte. Die Oberfl�che der Maske blitzte erneut auf. Das war das Funkeln, das sie zuvor bemerkt hatte.</p><p>�Ich tue Ihnen nichts, Simone. Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben. Sie m�ssen mir vertrauen.�</p><p>�Ein etwas unpassendes Ansinnen, finden Sie nicht?�</p><p>�Es ist zu Ihrem eigenen Besten. Ich versuche Sie zu besch�tzen.�</p><p>�Vor wem?�</p><p>�Setzen Sie sich doch, bitte.�</p><p>�Was zum Teufel geht hier vor? Warum sagen Sie mir nicht, was los ist?�</p><p>Simone merkte, wie ihre Stimme zu einem d�nnen, kindlichen Wispern wurde. Weil sie merkte, dass sie sich am Rand der Hysterie bewegte, ballte sie die F�uste und atmete tief durch. Dann trat sie ein paar Schritte zur�ck und nahm in einem der Sessel Platz, die rings um ein leeres Tischchen standen.</p><p>�Danke�, fl�sterte Lazarus.</p><p>Eine Tr�ne rollte ihr die Wange hinab.</p><p>�Zun�chst einmal sollen Sie wissen, dass ich es zutiefst bedauere, dass Sie in all das hineingezogen wurden. Ich h�tte nie gedacht, dass es so weit kommen w�rde�, erkl�rte der Spielzeugfabrikant.</p><p>�Es gab nie einen Jungen namens Jean Neville, nicht wahr?�, fragte Simone. �Dieser Junge waren Sie. Die Geschichte, die Sie mir erz�hlt haben� Das war die halbe Wahrheit Ihrer eigenen Geschichte.�</p><p>�Ich sehe, Sie haben meine Sammlung von Zeitungsausschnitten gelesen. Das hat sie wahrscheinlich zu einigen interessanten, aber falschen Schlussfolgerungen kommen lassen.�</p><p>�Die einzige Schlussfolgerung, die ich gezogen habe, Monsieur Jann, ist die, dass Sie ein kranker Mann sind, der Hilfe braucht. Ich wei� nicht, wie Sie es geschafft haben, mich hierherzubringen, aber ich versichere Ihnen, dass mich mein erster Gang zur Gendarmerie f�hren wird, sobald ich hier herauskomme. Entf�hrung ist ein Verbrechen��</p><p>Ihre Worte kamen ihr ebenso l�cherlich wie fehl am Platz vor.</p><p>�Darf ich daraus schlie�en, dass Sie beabsichtigen, Ihre Stelle aufzugeben, Madame Sauvelle?�</p><p>Diese merkw�rdige Form von Ironie lie� Simone hellh�rig werden. Diese Bemerkung passte so gar nicht zu dem Lazarus, den sie kannte. Aber wenn etwas klar war, dann, dass sie ihn eigentlich �berhaupt nicht kannte.</p><p>�Ich ahne, was Sie wollen�, gab sie k�hl zur�ck.</p><p>�Gut. In diesem Fall gestatten Sie mir, bevor Sie zur Polizei gehen� meine Erlaubnis dazu haben Sie�, dass ich die fehlenden Teile der Geschichte erg�nze, die Sie sich zweifellos bereits in Ihrem Kopf zurechtgelegt haben.�</p><p>Simone betrachtete die fahle, v�llig ausdruckslose Maske. Ein Porzellangesicht, aus dem diese kalte, distanzierte Stimme hervordrang. Seine Augen waren zwei dunkle H�hlen.</p><p>�Sie werden sehen, meine liebe Simone, die einzige Moral, die sich aus dieser und jeder anderen Geschichte ziehen l�sst, ist die, dass im wahren Leben, anders als in Romanen, nichts so ist, wie es scheint��</p><p>�Versprechen Sie mir eines, Lazarus�, unterbrach sie ihn.</p><p>�Wenn es in meiner Macht steht��</p><p>�Versprechen Sie mir, dass Sie mich mit meinen Kindern von hier fortgehen lassen, wenn ich mir Ihre Geschichte anh�re. Ich schw�re Ihnen, dass ich nicht zur Polizei gehen werde. Ich werde nur meine Familie nehmen und das Dorf f�r immer verlassen. Sie werden nie wieder von mir h�ren�, bat Simone.</p><p>Die Maske schwieg einige Sekunden.</p><p>�Das ist es, was Sie wollen?�</p><p>Sie nickte und schluckte die Tr�nen hinunter.</p><p>�Sie entt�uschen mich, Simone. Ich dachte, wir seien Freunde. Gute Freunde.�</p><p>�Bitte��</p><p>Die Maske ballte die Faust.</p><p>�Gut. Wenn es Ihr Wunsch ist, mit Ihren Kindern vereint zu sein, soll es so sein. Zu seiner Zeit��</p><empty-line/><p>�Erinnern Sie sich an Ihre Mutter, Madame Sauvelle? Alle Kinder haben in ihrem Herzen einen Platz f�r die Frau reserviert, die ihnen das Leben schenkte. Sie ist wie ein Lichtpunkt, der nie erlischt. Ein Stern am Firmament. Ich habe den gr��ten Teil meines Lebens mit dem Versuch verbracht, diesen Punkt zu l�schen. Ihn v�llig zu vergessen. Doch das ist nicht leicht. Wirklich nicht leicht. Ich hoffe, dass Sie sich meine Geschichte anh�ren, bevor Sie �ber mich urteilen, mich verurteilen. Ich werde mich kurz fassen. Gute Geschichten kommen mit wenigen Worten aus�</p><p>Ich kam in der Nacht des 26.Dezember 1882 in einem heruntergekommenen Haus in der finstersten Gasse des Gobelins-Viertels von Paris zur Welt. Ein d�sterer, ungesunder Ort. Haben Sie Victor Hugo gelesen, Madame Sauvelle? Wenn ja, dann wissen Sie, wovon ich rede. Dort also brachte meine Mutter mit Hilfe ihrer Nachbarin Nicole ein kleines Baby zur Welt. Es war ein so bitterkalter Winter, dass es offenbar Minuten dauerte, bis ich zu schreien begann, wie man es von einem Baby erwartet. So kam es, dass meine Mutter zun�chst �berzeugt war, ich sei tot geboren worden. Als sie feststellte, dass dem nicht so war, glaubte die �rmste an ein Wunder und beschloss� Ironie des Schicksals�, mich auf den Namen Lazarus zu taufen.</p><p>R�ckblickend gesehen, ist meine Kindheit f�r mich eine einzige Abfolge von l�rmendem Geschrei in den Gassen und langen Krankheiten meiner Mutter gewesen. In einer meiner fr�hesten Erinnerungen sitze ich auf den Knien von Nicole, der Nachbarin, und h�re zu, wie die gute Frau mir erz�hlt, dass meine Mutter sehr krank sei und sich nicht um mich k�mmern k�nne, ich solle so gut sein und zu den anderen Kindern spielen gehen. Bei den anderen Kindern, von denen sie sprach, handelte es sich um eine Horde zerlumpter Jungs, die den lieben langen Tag bettelten und mit sieben Jahren bereits gelernt hatten, dass man im Viertel nur �berlebte, wenn man Krimineller oder Polizist wurde. Unn�tig zu erkl�ren, welche der beiden M�glichkeiten die bevorzugte war.</p><p>Der einzige Hoffnungsschimmer in jenen Tagen im Viertel war eine geheimnisvolle Gestalt, die uns bis in unsere Tr�ume besch�ftigte. Ihr Name war Daniel Hoffmann, und dieser Name war f�r uns alle so phantastisch, dass viele sogar an der Existenz des Mannes zweifelten. Der Legende zufolge streifte Hoffmann in unterschiedlichen Verkleidungen und unter verschiedenen Identit�ten durch die Stra�en von Paris, um Spielzeug an die armen Kinder zu verteilen, das er in seiner Fabrik hergestellt hatte. Alle Kinder in Paris hatten von ihm geh�rt und tr�umten davon, dass eines Tages sie die Gl�cklichen sein w�rden.</p><p>Hoffmann war der Herrscher �ber Magie und Phantasie. Nur eines konnte die Faszination f�r ihn zunichte machen: das Alter. Wenn die Kinder �lter wurden und die F�higkeit verloren, zu tr�umen und zu spielen, verschwand der Name Daniel Hoffmann aus ihrem Ged�chtnis, bis sie ihn eines Tages, nun erwachsen, nicht mehr wiedererkannten, wenn sie ihn aus dem Munde ihrer eigenen Kinder h�rten�</p><p>Daniel Hoffmann war der gr��te Spielzeugfabrikant, den es je gegeben hatte. Er besa� eine riesige Fabrik im Gobelins-Viertel. Seine Spielzeugmanufaktur erinnerte an eine m�chtige Kathedrale, die sich aus der Finsternis dieses unheimlichen, von Gefahren und Armut heimgesuchten Viertels erhob. Mittendrin ragte ein spitzer Turm empor, der bis zu den Wolken reichte. Von dort erklangen jeden Tag des Jahres die Morgen- und die Abendglocken. Das L�uten dieser Glocken war in der ganzen Stadt zu h�ren. Jedes Kind im Viertel kannte dieses Geb�ude, die Erwachsenen hingegen konnten es nicht sehen und glaubten, an dieser Stelle bef�nde sich ein riesiges, undurchdringliches Sumpfgel�nde, eine Brache im dunklen Herzen von Paris.</p><p>Niemand hatte jemals Daniel Hoffmanns wahres Gesicht gesehen. Es hie�, der Spielzeugmacher bewohne einen Raum ganz oben im Turm, den er kaum je verlasse, au�er wenn er in der Abendd�mmerung verkleidet durch die Stra�en von Paris streife, um den notleidenden Kindern der Stadt Spielzeug zu schenken. Als Gegenleistung verlange er nur eines: das Herz der Kinder, die ihm auf ewig Liebe und Gehorsam versprechen mussten. Jeder Junge aus dem Viertel h�tte ihm, ohne zu z�gern, sein Herz gegeben. Aber nicht alle h�rten den Ruf. Ger�chte sprachen von Hunderten unterschiedlicher Verkleidungen, hinter denen Hoffmann sein wahres Ich verberge. Einige verstiegen sich zu der Behauptung, Daniel Hoffmann verwende keine Aufmachung ein zweites Mal.</p><p>Aber kehren wir zu meiner Mutter zur�ck. Die Krankheit, von der Nicole sprach, ist f�r mich noch heute ein R�tsel. Ich habe den Eindruck, dass manche Menschen wie Spielzeug mit einem Fabrikationsfehler zur Welt kommen. In gewisser Weise macht uns das alle zu kaputtem Spielzeug, finden Sie nicht? Jedenfalls ging mit dem Leiden meiner Mutter mit der Zeit ein zunehmender Verlust ihrer geistigen F�higkeiten einher. Wenn der K�rper versehrt ist, kommt nach kurzer Zeit auch der Geist vom Weg ab. So ist das Leben.</p><p>So wuchs ich also auf, und die Einsamkeit war mein einziger Begleiter, w�hrend ich davon tr�umte, dass eines Tages Daniel Hoffmann auftauchen werde, um mir zu helfen. Ich erinnere mich, dass ich jeden Abend vor dem Einschlafen zu meinem Schutzengel betete, er m�ge mich zu ihm f�hren. Jeden Abend. Und so kam es, dass ich, wahrscheinlich geleitet von meinen Hoffmann-Phantasien, mein eigenes Spielzeug herzustellen begann.</p><p>Dazu verwendete ich Schrott, den ich im M�ll des Viertels fand. Ich baute meinen ersten Zug und eine dreist�ckige Burg. Auf diese folgten ein Drache aus Pappmach� und noch sp�ter eine Flugmaschine, lange bevor Flugzeuge eine allt�gliche Erscheinung am Himmel wurden. Mein liebstes Spielzeug allerdings war Gabriel. Gabriel war ein Engel. Ein wundersch�ner Engel, den ich eigenh�ndig gebastelt hatte, damit er mich vor der Finsternis und den Gefahren des Schicksals bewahre. Ich fertigte ihn aus den Resten eines B�geleisens und Eisenteilen, die ich in einer leerstehenden Weberei zwei Stra�en von unserer Wohnung entfernt auftrieb. Doch meinem Schutzengel Gabriel war nur ein kurzes Leben beschieden.</p><p>An dem Tag, als meine Mutter mein gesamtes Spielzeugarsenal entdeckte, war Gabriel dem Tod geweiht.</p><p>Meine Mutter brachte mich in den Keller des Hauses, und dort erz�hlte sie mir im Fl�sterton, dass jemand im Schlaf zu ihr spreche. Dabei blickte sie sich st�ndig um, als f�rchtete sie, jemand k�nne in der Dunkelheit lauern. Dieser Einfl�sterer habe ihr mitgeteilt, Spielzeug� jedes Spielzeug� sei das Werk des Teufels, mit dem dieser die Seelen der Kinder der Welt verderben wolle. Noch in dieser Nacht landeten Gabriel und mein gesamtes Spielzeug im K�chenherd.</p><p>Meine Mutter bestand darauf, dass wir die Spielsachen gemeinsam vernichteten, um sicherzugehen, dass sie zu Asche verbrannten. Andernfalls, so erkl�rte sie, werde mich der Schatten meiner verdammten Seele heimsuchen. Jedes Missverhalten, jeder Fehler, jeder Ungehorsam falle auf diesen Schatten zur�ck, den ich stets in mir tr�ge, sei er doch ein Spiegelbild meines schlechten, r�cksichtslosen Verhaltens ihr und der ganzen Welt gegen�ber�</p><p>Damals war ich sieben Jahre alt.</p><p>Um diese Zeit herum spitzte sich die Krankheit meiner Mutter zu. Sie fing an, mich im Keller einzusperren, wo mich der Schatten nicht finden k�nne, wenn er mich holen k�me. W�hrend dieser langen Gefangenschaften wagte ich kaum zu atmen, aus lauter Angst, mein Schluchzen k�nne den Schatten auf mich aufmerksam machen, diesen b�sartigen Spiegel meiner schwachen Seele, und mich direkt in die H�lle bringen. Das alles mag Ihnen komisch oder vielleicht traurig erscheinen, Madame Sauvelle, doch f�r den kleinen Jungen von damals war es schauriger Alltag.</p><p>Ich will Sie nicht mit schn�den Details aus jener Zeit langweilen. Es gen�gt, zu erz�hlen, dass w�hrend eines solchen Arrests meine Mutter den letzten Rest Verstand verlor, der ihr noch geblieben war, und ich eine ganze Woche alleine in diesem stockfinsteren Keller sa�. Sie werden es bereits in dem Zeitungsartikel gelesen haben, nehme ich an. Eine dieser Geschichten, die die Leute von der Presse gerne auf die Titelseite ihrer Bl�tter heben. Schlechte Nachrichten, besonders wenn sie ungeheuerlich und haarstr�ubend sind, tragen mit erstaunlichem Erfolg dazu bei, die Geldb�rsen des Publikums zu �ffnen. Ach ja, Sie werden sich bestimmt fragen, was ein Kind macht, das sieben Tage und N�chte in einem dunklen Keller eingesperrt ist?</p><p>Zun�chst einmal erlauben Sie mir die Feststellung, dass der Mensch nach einigen Stunden ohne Licht das Zeitgef�hl verliert. Stunden werden zu Minuten und Sekunden. Oder Wochen, wenn Ihnen das lieber ist. Zeit und Licht h�ngen eng zusammen. Jedenfalls geschah in diesem Zeitraum etwas wirklich Unglaubliches. Ein Wunder. Mein zweites Wunder, wenn Sie so wollen, nach jenen ungewissen Minuten gleich nach meiner Geburt.</p><p>Meine Gebete wurden erh�rt. All die N�chte, in denen ich stumm gebetet hatte, waren nicht vergebens gewesen. Nennen Sie es Gl�ck, nennen Sie es Schicksal.</p><p>Daniel Hoffmann kam zu mir. Zu mir. Von allen Kindern in Paris war ich in dieser Nacht auserw�hlt worden, seine Gunst zu empfangen. Ich erinnere mich noch heute, wie es leise an der Kellerluke klopfte, die nach drau�en auf die Stra�e f�hrte. Ich konnte sie nicht erreichen, aber ich konnte der Stimme antworten, die von drau�en mit mir sprach� die wunderbarste und g�tigste Stimme, die ich jemals geh�rt habe. Eine Stimme, die die Dunkelheit vertrieb und die Angst eines armen ver�ngstigten Kindes dahinschmelzen lie� wie Eis in der Sonne. Und wissen Sie was, Simone? Daniel Hoffmann nannte mich beim Namen.</p><p>Und ich �ffnete ihm mein Herz. Pl�tzlich erf�llte ein wundervolles Licht den Keller, und Hoffmann erschien wie aus dem Nichts. Er trug einen strahlend wei�en Anzug. Wenn Sie ihn gesehen h�tten, Simone. Er war ein Engel, ein leibhaftiger Engel des Lichts. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der eine solche Aura von Sch�nheit und Frieden verbreitete.</p><p>In jener Nacht unterhielten Daniel Hoffmann und ich uns ganz vertraut, so wie Sie und ich es jetzt tun. Ich brauchte ihm nicht von Gabriel und meinen �brigen Spielsachen zu erz�hlen; er wusste bereits Bescheid. Hoffmann war gut informiert, m�ssen Sie wissen. Er wusste auch von den Geschichten, die mir meine Mutter �ber den Schatten erz�hlt hatte. Er wusste alles dar�ber. Erleichtert gestand ich ihm, dass dieser Schatten mich wirklich ge�ngstigt hatte. Sie k�nnen sich nicht vorstellen, wie viel Mitgef�hl und Anteilnahme von diesem Mann ausgingen. Er h�rte sich geduldig an, was mir widerfahren war, und ich konnte sp�ren, dass er an meinem Leid und meiner Angst teilhatte. Und insbesondere verstand er, was meine gr��te Angst war, mein schlimmster Alptraum: der Schatten. Mein eigener Schatten, dieser b�sartige Geist, der mir �berallhin folgte und der alles B�se auf sich vereinte, das ich in mir trug�</p><p>Es war Daniel Hoffmann, der mir erkl�rte, was ich tun sollte. Bis dahin hatte ich keine Ahnung, m�ssen Sie wissen. Was wusste ich schon �ber Schatten? Was wusste ich �ber diese geheimnisvollen Geister, die die Menschen in ihren Tr�umen heimsuchten und ihnen von der Zukunft und der Vergangenheit erz�hlten? Nichts.</p><p>Aber er wusste. Er wusste <emphasis>alles</emphasis>. Und er war bereit, mir zu helfen.</p><p>In jener Nacht offenbarte Daniel Hoffmann mir die Zukunft. Er sagte mir, dass ich auserw�hlt sei, ihm an die Spitze seines Imperiums nachzufolgen. Er erkl�rte mir, dass sein ganzes Wissen und seine ganze Kunst eines Tages mir geh�ren w�rden und die Welt aus Armut, die mich umgab, f�r immer verschwinden werde. Er gab mir eine Perspektive, von der ich niemals zu tr�umen gewagt h�tte. Eine Zukunft. Ich wusste �berhaupt nicht, was das war. Er erm�glichte sie mir. Ich musste nur eines daf�r tun. Ein kleines, unbedeutendes Versprechen: ich musste ihm mein Herz schenken. Nur ihm und niemandem sonst.</p><p>Der Spielzeugfabrikant fragte mich, ob ich begriffe, was das bedeute. Ich bejahte, ohne einen Augenblick zu z�gern. Nat�rlich konnte er mein Herz haben. Er war der einzige Mensch, der jemals gut zu mir gewesen war. Der einzige Mensch, dem ich etwas bedeutet hatte. Er sagte mir, wenn ich wolle, k�me ich sehr bald fort und w�rde weder dieses Haus noch diesen Ort jemals wiedersehen, nicht einmal meine Mutter. Und das Wichtigste, ich br�uchte mich nie wieder wegen des Schattens zu sorgen. Wenn ich tun w�rde, was er von mir verlange, werde eine strahlende Zukunft vor mir liegen.</p><p>Er fragte mich, ob ich ihm vertraute. Ich bejahte. Daraufhin zog er einen kleinen Kristallflakon hervor, �hnlich jenen, in denen Sie Parf�m aufbewahren w�rden. L�chelnd �ffnete er den Verschluss, und ich wurde Zeuge eines �berw�ltigenden Schauspiels. Mein Schatten, mein Abbild an der Wand, verwandelte sich in einen tanzenden Fleck. Eine dunkle Wolke, die von dem Flakon aufgesogen wurde, f�r immer in seinem Inneren gefangen. Dann verschloss Daniel Hoffmann den Flakon und reichte ihn mir. Das Kristall war kalt wie Eis.</p><p>Er erkl�rte mir, dass ihm von nun an mein Herz geh�re und all meine Probleme bald, sehr bald, verschwunden sein w�rden. Falls ich meinen Schwur nicht br�che. Ich beteuerte, dass ich so etwas niemals tun w�rde. Er l�chelte mir noch einmal freundlich zu und �berreichte mir ein Geschenk. Ein Kaleidoskop. Dann forderte er mich auf, die Augen zu schlie�en und mit aller Kraft an das zu denken, was ich mir am meisten w�nschte auf der Welt. W�hrend ich das tat, beugte er sich zu mir herunter und k�sste mich auf die Stirn. Als ich die Augen wieder �ffnete, war er nicht mehr da.</p><p>Eine Woche sp�ter befreite mich die Polizei aus diesem Loch, alarmiert von einem unbekannten Informanten, der gemeldet hatte, was bei mir zu Hause vorging. Meine Mutter war tot�</p><p>Auf dem Weg zum Kommissariat waren die Stra�en auf einmal voller Feuerwehrwagen. Man konnte das Feuer in der Luft riechen. Die Polizisten, die mich begleiteten, machten einen Umweg, und da konnte ich es sehen: Am Horizont brannte Daniel Hoffmanns Fabrik. Es war einer der schrecklichsten Br�nde, die Paris in seiner Geschichte erlebt hatte. Die Menschen, die das Geb�ude nie wahrgenommen hatten, starrten auf diese Kathedrale aus Feuer. Und da erinnerten sich alle an den Namen der Person, die einmal Tr�ume in ihre Kinderherzen ges�t hatte: Daniel Hoffmann. Der Palast des Herrschers brannte�</p><p>Die Flammen und die schwarze Rauchs�ule stiegen drei Tage und drei N�chte in den Himmel, als h�tte sich im dunklen Herzen der Stadt die Pforte der H�lle aufgetan. Ich war dort und habe es mit eigenen Augen gesehen. Tage sp�ter, als nur noch Asche von dem eindrucksvollen Geb�ude k�ndete, das einmal dort gestanden hatte, verbreiteten die Zeitungen die Meldung.</p><p>Nach einiger Zeit machten die Beh�rden einen Verwandten meiner Mutter ausfindig, der sich meiner annahm, und ich zog zu seiner Familie nach Cap d�Antibes. Dort wuchs ich auf und ging zur Schule. Ein normales, gl�ckliches Leben, wie Daniel Hoffmann es mir versprochen hatte. Ich erlaubte mir sogar, eine Variante meiner Vergangenheit zu ersinnen, um sie mir selbst zu erz�hlen: Die Geschichte, die ich auch Ihnen erz�hlt habe.</p><p>An meinem achtzehnten Geburtstag erhielt ich einen Brief. Er war acht Jahre zuvor im Postamt von Montparnasse abgestempelt worden. Darin teilte mein alter Freund mir mit, in der Anwaltskanzlei eines gewissen Monsieur Gilbert Travant in Fontainebleau seien die Dokumente f�r ein Anwesen an der K�ste der Normandie hinterlegt, das mit Vollendung der Vollj�hrigkeit rechtm��ig in meinen Besitz �bergehe. Die Nachricht auf B�ttenpapier war mit einem �D� gezeichnet.</p><p>Erst einige Jahre sp�ter nahm ich Cravenmoore in Besitz. Damals war ich bereits ein aufstrebender Ingenieur. Meine Spielzeugentw�rfe �bertrafen alles, was man zur damaligen Zeit kannte. Bald wurde mir klar, dass die Zeit gekommen war, meine eigene Fabrik zu gr�nden. In Cravenmoore. Alles geschah genau so, wie es mir angek�ndigt worden war. Alles, bis sich der <emphasis>Zwischenfall</emphasis> ereignete. Es geschah an einem 13.Februar an der Porte Saint Michel. Sie hie� Alexandra Alma Maltisse und war das sch�nste Gesch�pf, das ich jemals gesehen hatte.</p><p>In all diesen Jahren hatte ich stets den Flakon aufbewahrt, den Daniel Hoffmann mir in jener Nacht in dem Keller in der Rue des Gobelins �bergeben hatte. Er f�hlte sich noch genauso kalt an wie damals. Sechs Monate sp�ter brach ich das Versprechen, das ich Daniel Hoffmann gegeben hatte, und schenkte mein Herz diesem jungen M�dchen. Ich heiratete sie. Es war der gl�cklichste Tag meines Lebens. In der Nacht vor der Hochzeit, die auf Cravenmoore stattfinden sollte, nahm ich den Flakon mit meinem Schatten und ging zu den Klippen am Kap. Von dort warf ich ihn ins dunkle Wasser, um ihn f�r immer dem Vergessen anheimzugeben.</p><p>Nat�rlich brach ich mein Versprechen��</p><empty-line/><p>Die Sonne senkte sich bereits �ber die Bucht, als Ismael und Irene durch die B�ume hindurch die R�ckseite des Hauses am Kap erkennen konnten. Die Ersch�pfung der beiden schien sich unauff�llig an einen nicht allzu fernen Ort zur�ckgezogen zu haben, um in einem geeigneteren Moment zur�ckzukehren. Ismael hatte schon einmal von diesem Ph�nomen geh�rt, eine Art zweite Luft, wie sie Sportler bekamen, wenn sie die Grenze ihrer eigenen Leistungsf�higkeit �berschritten. War dieser Punkt einmal �berwunden, machte der K�rper einfach weiter, ohne Anzeichen von Erm�dung zu zeigen. Nat�rlich nur, bis der Motor anhielt. War die Anstrengung vor�ber, folgte die Strafe auf dem Fu�e. Eine Bringschuld der Muskeln, sozusagen.</p><p>�Woran denkst du?�, fragte Irene, als sie die nachdenkliche Miene des Jungen bemerkte.</p><p>�Daran, dass ich Hunger habe.�</p><p>�Und ich erst mal. Ist das nicht seltsam?�</p><p>�Im Gegenteil. Nichts macht solchen Appetit wie ein ordentlicher Schreck�� scherzte Ismael.</p><p>Das Haus am Kap lag still da, nichts deutete darauf hin, dass jemand dort war. Zwei Reihen trockener W�sche flatterten an der Leine im Wind. Ismael erhaschte aus den Augenwinkeln einen kurzen Blick auf etwas, bei dem es sich um Irenes Unterw�sche zu handeln schien. In Gedanken malte er sich aus, wie sie wohl darin aussehen mochte.</p><p>�Bist du in Ordnung?�, erkundigte sie sich.</p><p>Der Junge schluckte, aber er nickte.</p><p>�Nur m�de und hungrig, das ist alles.�</p><p>Irene warf ihm ein unergr�ndliches L�cheln zu. F�r eine Sekunde erwog Ismael die M�glichkeit, dass alle Frauen insgeheim in der Lage sein k�nnten, Gedanken zu lesen. Besser, sich nicht mit leerem Magen solchen �berlegungen hinzugeben.</p><p>Das M�dchen versuchte die Hintert�r des Hauses zu �ffnen, aber offenbar hatte jemand von innen den Riegel vorgeschoben. Irenes L�cheln wich einer besorgten Miene.</p><p>�Mama? Dorian?�, rief sie, w�hrend sie einige Schritte zur�cktrat und zu den Fenstern im ersten Stock hinaufsah.</p><p>�Versuchen wir es vorne�, sagte Ismael.</p><p>Sie folgte ihm ums Haus herum zur Veranda. Ein Teppich aus zerbrochenem Glas breitete sich vor ihren F��en aus. Die beiden blieben stehen, und ihr Blick fiel auf die zerst�rte T�r und die zerborstenen Fenster. Auf den ersten Blick sah es so aus, als h�tte eine Gasexplosion die T�r aus den Angeln gehoben und einen Scherbenregen nach drau�en geschleudert. Irene versuchte gegen die K�lte anzuk�mpfen, die aus ihrem Magen hochkroch. Vergeblich. Sie warf Ismael einen ver�ngstigten Blick zu und wollte ins Haus gehen. Er hielt sie wortlos zur�ck.</p><p>�Madame Sauvelle?�, rief er von der Veranda aus.</p><p>Seine Stimme verhallte in der Tiefe des Hauses. Ismael ging vorsichtig hinein und sah sich die Lage an. Irene erschien hinter ihm. Der Aufschrei des M�dchens ging durch Mark und Bein.</p><p>Falls es ein Wort gab, um den Zustand des Hauses zu beschreiben, dann war es Verw�stung. Ismael hatte noch nie die Auswirkungen eines Tornados gesehen, aber er stellte sich vor, dass es so �hnlich aussehen musste wie das, was er hier vor sich hatte.</p><p>�Mein Gott��</p><p>�Vorsicht mit den Scherben�, warnte der Junge.</p><p>�Mama!�</p><p>Der Schrei hallte durchs Haus, wie ein Geist, der von Zimmer zu Zimmer schwebte. Ohne Irene auch nur eine Sekunde loszulassen, trat Ismael an die Treppe und warf einen Blick in den oberen Stock.</p><p>�Gehen wir rauf�, sagte sie.</p><p>Sie gingen langsam die Treppe hinauf, w�hrend sie die Spuren betrachteten, die eine unsichtbare Kraft ringsum hinterlassen hatte. Irene bemerkte zuerst, dass Simones Schlafzimmer keine T�r mehr hatte.</p><p>�Nein��, murmelte sie.</p><p>Ismael trat rasch in den T�rrahmen und sah hinein. Nichts. Dann durchsuchten die beiden nacheinander s�mtliche Zimmer im ersten Stock. G�hnende Leere.</p><p>�Wo sind sie?�, fragte das M�dchen mit bebender Stimme.</p><p>�Hier ist niemand. Lass uns wieder runtergehen.�</p><p>Soweit er sehen konnte, war der Kampf oder was auch immer dort stattgefunden hatte, heftig gewesen. Der Junge behielt seine Beobachtungen f�r sich, aber ein dunkler Verdacht hinsichtlich des Schicksals von Irenes Familie ging ihm durch den Kopf. Das M�dchen, das noch unter Schock schien, stand lautlos weinend am Fu� der Treppe. In ein paar Minuten w�rde die Hysterie einsetzen, dachte Ismael. Besser er �berlegte sich etwas, und zwar schnell, bevor es so weit war. Er ging in Gedanken ein Dutzend M�glichkeiten durch, eine sinnloser als die andere, als beide zum ersten Mal das Klopfen h�rten. Dann war es wieder totenstill.</p><p>Irene blickte aus verweinten Augen auf und sah Ismael fragend an. Der Junge nickte und hob einen Finger, um ihr zu bedeuten, dass sie still sein solle. Das Klopfen wiederholte sich, hart und metallisch hallte es durchs Haus. Ismael brauchte einige Sekunden, bis er diese dumpfen, dunklen Schl�ge einordnen konnte. Metall. Etwas oder jemand schlug irgendwo im Haus auf ein St�ck Metall. Das Ger�usch wiederholte sich regelm��ig. Ismael sp�rte das Vibrieren unter seinen F��en, und sein Blick fiel auf eine verschlossene T�r im Flur, der in die K�che im r�ckw�rtigen Teil des Hauses f�hrte.</p><p>�Wohin f�hrt diese T�r?�</p><p>�In den Keller��, antwortete Irene.</p><p>Der Junge ging zu der T�r und presste sein Ohr an das Holz, um zu lauschen. Das Klopfen erklang zum wiederholten Mal. Ismael versuchte die T�r zu �ffnen, aber sie war verriegelt.</p><p>�Ist da jemand?�, rief er.</p><p>Schritte waren zu h�ren, die leise die Treppe hinaufkamen.</p><p>�Sei vorsichtig�, sagte Irene.</p><p>Ismael entfernte sich von der T�r. F�r einen Moment schoss ihm das Bild des Engels durch den Kopf, der aus dem Keller hervorst�rzte. Doch auf der anderen Seite war nur leise eine gebrochene Stimme zu vernehmen. Irene sprang auf und rannte zur T�r.</p><p>�Dorian?�</p><p>Die Stimme stammelte etwas.</p><p>Irene sah Ismael an und nickte.</p><p>�Es ist mein Bruder��</p><p>Der Junge stellte fest, dass eine T�r aufzubrechen� oder in diesem Fall zu zertr�mmern� viel komplizierter war, als die H�rspiele im Radio vorgaben. Es vergingen gut zehn Minuten, bis die T�r schlie�lich dem Druck einer Eisenstange nachgab, welche sie im Vorratsschrank in der K�che gefunden hatten. Schwei��berstr�mt trat Ismael ein paar Schritte zur�ck, und Irene erledigte den Rest. Das Schloss fiel zu Boden, ein Haufen Holzsplitter ragten aus dem verrosteten, klemmenden Mechanismus. Ismael fand, dass es wie ein Igel aussah.</p><p>Ein bleicher Junge tauchte aus der Dunkelheit auf. Sein Gesicht war zu einer angsterf�llten Maske verzerrt, und seine H�nde zitterten. Wie ein verschrecktes Tier schmiegte sich Dorian in die Arme seiner Schwester. Diese warf Ismael einen besorgten Blick zu. Was auch immer der Junge gesehen hatte, es hatte ihn sehr mitgenommen. Irene kniete vor ihm nieder und s�uberte sein schmutziges, von getrockneten Tr�nen fleckiges Gesicht.</p><p>�Bist du in Ordnung, Dorian?�, fragte sie ruhig, w�hrend sie den K�rper des Jungen nach Verletzungen oder Br�chen abtastete.</p><p>Dorian nickte mehrmals.</p><p>�Wo ist Mama?�</p><p>Der Junge blickte auf. In seinen Augen stand das blanke Entsetzen.</p><p>�Dorian, es ist wichtig. Wo ist Mama?�</p><p>�Er hat sie mitgenommen��, stammelte er.</p><p>Ismael fragte sich, wie lange er dort unten im Dunkeln gehockt hatte.</p><p>�Er hat sie mitgenommen�� sagte Dorian noch einmal, als st�nde er unter Hypnose.</p><p>�Wer hat sie mitgenommen, Dorian?�, fragte Irene gefasst. �Wer hat Mama mitgenommen?�</p><p>Dorian sah die beiden an und l�chelte dann kl�glich, als sei die Frage, die sie stellten, v�llig abwegig.</p><p>�Der Schatten��, antwortete er. �Der Schatten hat sie mitgenommen.�</p><p>Ismael und Irene sahen sich an. Sie atmete tief durch und packte ihren Bruder dann an beiden Armen.</p><p>�Dorian, ich m�chte dich um etwas sehr Wichtiges bitten. Verstehst du mich?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Du musst zur Gendarmerie ins Dorf laufen und dem Kommissar sagen, dass sich auf Cravenmoore ein schrecklicher Unfall ereignet hat. Dass Mama verletzt ist und sie so schnell wie m�glich kommen sollen. Hast du mich verstanden?�</p><p>Dorian sah sie verst�ndnislos an.</p><p>�Den Schatten darfst du nicht erw�hnen. Sag nur, was ich dir aufgetragen habe. Es ist sehr wichtig� Sonst wird dir niemand glauben. Sprich nur von einem <emphasis>Unfall</emphasis>.�</p><p>Ismael stimmte ihr zu.</p><p>�Tu es f�r mich und f�r Mama. Bekommst du das hin?�</p><p>Dorian sah Ismael an und dann seine Schwester.</p><p>�Mama hat einen Unfall gehabt und liegt verletzt in Cravenmoore. Sie braucht dringend Hilfe�, wiederholte der Junge mechanisch. �Aber es geht ihr doch gut� Oder?�</p><p>Irene umarmte ihn l�chelnd.</p><p>�Ich hab dich lieb�, fl�sterte sie ihm zu.</p><p>Dorian k�sste seine Schwester auf die Wange, und nachdem er sich kameradschaftlich von Ismael verabschiedet hatte, rannte er los, um sein Fahrrad zu holen. Er fand es neben dem Verandagel�nder. Lazarus� Geschenk war nur noch ein Gewirr aus Draht und verbogenem Metall. Der Junge starrte auf die Reste seines Fahrrads, bis Ismael und Irene aus dem Haus kamen und den unheimlichen Fund bemerkten.</p><p>�Wer ist nur zu so etwas f�hig?�, fragte Dorian.</p><p>�Du solltest dich lieber beeilen, Dorian�, erinnerte ihn Irene.</p><p>Er nickte und rannte davon. Sobald er verschwunden war, traten Irene und Ismael auf die Veranda. Die Sonne ging hinter der Bucht unter, ein d�sterer Ball, der die Wolken mit Blut �berzog und das Meer scharlachrot f�rbte. Die beiden sahen sich an, und ohne dass Worte n�tig waren, wussten sie, was sie im Herzen der Finsternis jenseits des Waldes erwartete.</p></section><section><title><p>12. Doppelg�nger</p></title><p>�Niemals zuvor und niemals danach hat eine sch�nere Braut vor dem Altar gestanden�, sagte die Maske. �Niemals.�</p><p>Simone konnte das stumme Weinen der Kerzen h�ren, die in der Dunkelheit flackerten, und hinter den Mauern das S�useln des Windes, der durch den Wald aus Wasserspeiern strich, die Cravenmoore bekr�nten. Die Stimmen der Nacht.</p><p>�Das Licht, das Alexandra in mein Leben brachte, l�schte alle ungl�cklichen Erinnerungen aus, die mein Leben seit der Kindheit bestimmt hatten. Noch heute denke ich, dass es nur wenigen Sterblichen beschieden ist, diesen Zustand des Gl�cks und des Friedens kennenzulernen. Ich war nicht l�nger dieser Junge aus dem armseligsten Viertel von Paris. Ich verga� das lange Eingesperrtsein im Dunkeln, lie� diesen schwarzen Keller f�r immer hinter mir, in dem ich immerzu Stimmen zu h�ren geglaubt hatte, in dem die Stimme meines schlechten Gewissens mir einfl�sterte, dass dieser Schatten existierte, dem die Krankheit meiner Mutter ein Tor aus der H�lle ge�ffnet hatte. Ich verga� diesen Alptraum, der mich jahrelang verfolgte� Darin hatte eine Treppe aus der Tiefe des Kellers in der Rue des Gobelins in die Unterwelt des Styx hinabgef�hrt. Das alles war Vergangenheit. Und wissen Sie, warum? Weil Alexandra Alma Maltisse, der wahre Engel meines Lebens, mir beibrachte, dass ich kein schlechter Mensch war, anders als meine Mutter mir immer wieder eingeredet hatte, seit ich denken konnte. Verstehen Sie, Simone? Ich war kein schlechter Mensch. Ich war wie alle anderen. Ich war unschuldig.�</p><p>Lazarus� Stimme verstummte. Simone stellte sich vor, wie stille Tr�nen unter der Maske hervortropften.</p><p>�Gemeinsam erkundeten wir Cravenmoore. Viele denken, all die wundersamen Dinge, die es in diesem Haus gibt, seien mein Werk. Das stimmt nicht. Ich habe nur einen kleinen Teil davon erschaffen. Der Rest, endlose Galerien voller Meisterwerke, die nicht einmal ich durchschaue, war schon hier, als ich das Haus zum ersten Mal betrat. Ich werde nie erfahren, wie lange diese Dinge sich schon in diesem Haus befanden. Es gab eine Zeit, in der ich dachte, dass vor mir bereits andere an meiner Stelle gewesen waren. Manchmal, wenn ich schweigend in die Nacht lausche, glaube ich das Echo fremder Stimmen, fremder Schritte zu h�ren, die durch die Flure dieses Palasts hallen. Dann wieder denke ich, dass in all diesen Zimmern, in all diesen leeren Korridoren die Zeit stehen geblieben ist und die Gesch�pfe, die diesen Ort bev�lkern, einmal aus Fleisch und Blut gewesen sind. Wie ich.</p><p>Ich habe vor langer Zeit aufgeh�rt, �ber diese Geheimnisse nachzugr�beln, selbst als ich nach Monaten auf Cravenmoore immer noch neue Zimmer entdeckte, in denen ich noch nie gewesen war, neue G�nge, die zu unbekannten Fl�geln f�hrten� Ich glaube, manche Orte� uralte Pal�ste, die man an einer Hand abz�hlen kann� sind viel mehr als nur Geb�ude. Sie leben. Sie haben eine Seele und ihre eigene Art, zu uns zu sprechen. Cravenmoore ist einer dieser Orte. Niemand wei�, wann es erbaut wurde, noch von wem und wozu. Aber wenn dieses Haus zu mir spricht, h�re ich zu�</p><p>Im Fr�hsommer des Jahres 1916, auf dem Gipfel unseres Gl�cks, geschah etwas. Eigentlich hatte das Schicksal schon ein Jahr zuvor seinen Lauf genommen, ohne dass ich etwas davon erfuhr. Am Tag nach unserer Hochzeit stand Alexandra fr�hmorgens auf und ging in den gro�en ovalen Salon, um die vielen hundert Geschenke in Augenschein zu nehmen, die wir erhalten hatten. Dabei fiel ihr Blick auf eine kleine, handgearbeitete Schatulle. Ein wahres Schmuckst�ck. Fasziniert �ffnete Alexandra sie. Sie enthielt ein K�rtchen und einen Kristallflakon. In dem K�rtchen, das an sie gerichtet war, hie� es, dies sei ein ganz besonderes Geschenk. Eine �berraschung. Der Flakon enthalte mein Lieblingsparf�m, den Duft, den meine Mutter benutzt habe. Sie solle es bis zu unserem ersten Hochzeitstag verwahren, bevor sie es auftrage. Doch das m�sse ein Geheimnis zwischen ihr und dem Unterzeichnenden bleiben, einem alten Freund aus Kindertagen, Daniel Hoffmann�</p><p>Alexandra hielt sich getreulich an die Anweisungen, in der �berzeugung, dass sie mich damit gl�cklich mache, und bewahrte den Flakon zw�lf Monate bis zu dem angegebenen Datum auf. Als der Tag gekommen war, nahm sie ihn aus der Schatulle und �ffnete ihn. Unn�tig zu sagen, dass dieser Flakon kein Parf�m enthielt. Es war der Flakon, den ich am Vorabend unserer Hochzeit ins Meer geworfen hatte. Von dem Moment an, als Alexandra den Flakon �ffnete, verwandelte sich unser Leben in einen Alptraum�</p><p>Zu diesem Zeitpunkt begann ich die Briefe von Daniel Hoffmann zu erhalten. Nun schrieb er mir aus Berlin, wo er, so erkl�rte er mir, vor einer gro�en Aufgabe stehe, die eines Tages die Welt ver�ndern werde. Millionen Kinder bedenke er bei seinen Besuchen mit Geschenken. Millionen Kinder, die eines Tages die gr��te Armee bilden w�rden, die es je in der Geschichte gegeben habe. Bis heute habe ich nicht begriffen, was er damit sagen wollte�</p><p>Einem seiner ersten Schreiben lag ein uraltes, in Leder gebundenes Buch bei. Auf dem Einband stand ein einziges Wort: <emphasis>Doppelg�nger.</emphasis> Haben Sie schon einmal vom Doppelg�nger geh�rt, meine liebe Freundin? Nat�rlich nicht. Legenden und alte Magie interessieren niemanden mehr. Es ist ein Begriff deutschen Ursprungs; er bezeichnet den Schatten, der sich von seinem Besitzer l�st und sich gegen diesen wendet. Aber das ist nat�rlich nur der Anfang. Und so war es auch f�r mich. Zu Ihrer Information sei gesagt, dass es sich bei dem Band im Wesentlichen um ein Lehrbuch �ber Schatten handelte. Eine Rarit�t. Als ich anfing, darin zu lesen, war es schon zu sp�t. Etwas wuchs, in der Dunkelheit dieses Hauses verborgen, heran; Monat um Monat, wie eine Schlange, die auf den Moment wartet, um aus ihrem Ei zu schl�pfen.</p><p>Im Mai 1916 geschah etwas mit mir. Das Leuchten dieses ersten Jahres mit Alexandra erlosch langsam. Wenig sp�ter begann ich die Anwesenheit des Schattens zu erahnen. Doch als ich es tat, war es bereits zu sp�t. Bei den ersten Angriffen kamen wir noch mit einem Schrecken davon. Alexandras Kleider wurden zerfetzt. T�ren schlugen zu, wenn sie vor�berging, und unsichtbare H�nde warfen Gegenst�nde nach ihr. Stimmen in der Dunkelheit. Es war erst der Anfang�</p><p>In diesem Haus gibt es Tausende von Winkeln, in denen sich ein Schatten verstecken kann. Mir wurde klar, dass er nichts anderes war als die Seele seines Sch�pfers, Daniel Hoffmann, und dass der Schatten immer weiter wachsen und mit jedem Tag st�rker werden w�rde. Ich hingegen w�rde immer schw�cher werden. Alle Kraft, die in mir war, w�rde auf ihn �bergehen, und langsam w�rde ich der Schatten werden und er der Gebieter, w�hrend ich in die Finsternis meiner Kindheit in Les Gobelins zur�ckkehrte.</p><p>Ich beschloss, die Spielzeugfabrik zu schlie�en und mich auf mein altes Steckenpferd zu konzentrieren. Ich wollte Gabriel wieder zum Leben erwecken, jenen Schutzengel, der in Paris �ber mich gewacht hatte. Auf meinem Weg zur�ck in die Kindheit glaubte ich, wenn es mir gel�nge, ihn wieder zum Leben zu erwecken, werde er Alexandra und mich vor dem Schatten besch�tzen. So entwarf ich das gewaltigste mechanische Gesch�pf, das ich je ersonnen hatte. Einen st�hlernen Koloss. Einen Engel, um mich von meinem Alptraum zu befreien.</p><p>Was war ich naiv! Kaum war dieses Monstrum in der Lage, sich von meinem Werktisch zu erheben, als jede Phantasie von Gehorsam, die ich gehegt haben mochte, zerplatzte. Nicht auf mich h�rte es, sondern auf den anderen. Seinen Gebieter. Und er, der Schatten, konnte ohne mich nicht existieren, denn ich war die Quelle, aus der er seine ganze Kraft sog. Nicht nur, dass mich der Engel nicht aus diesem elenden Leben befreite, er wurde zum schlimmsten aller W�chter. Dem W�chter dieses schrecklichen Geheimnisses, das mich f�r immer verdammte, einem W�chter, der jedes Mal erwachen w�rde, wenn etwas oder jemand dieses Geheimnis in Gefahr brachte. Erbarmungslos.</p><p>Die Angriffe auf Alexandra wurden schlimmer. Der Schatten war jetzt st�rker, und die Bedrohung wuchs mit jedem Tag. Er hatte beschlossen, mich zu bestrafen, indem er meine Frau leiden lie�. Ich hatte Alexandra mein Herz geschenkt, das mir nicht mehr geh�rte. Diese Verfehlung sollte unser Verderben sein. Als ich kurz davor war, den Verstand zu verlieren, fiel mir auf, dass der Schatten nur aktiv wurde, wenn ich in der N�he war. Er konnte nicht fern von mir leben. Deshalb beschloss ich, Cravenmoore zu verlassen und mich auf die Leuchtturminsel zur�ckzuziehen. Dort konnte er niemandem schaden. Wenn jemand den Preis f�r meinen Verrat zu zahlen hatte, dann war das ich. Aber ich untersch�tzte Alexandras Willensst�rke. Ihre Liebe zu mir. Sie lie� ihre Angst und die Gefahr f�r ihr Leben au�er acht und machte sich in der Nacht des Maskenballs auf den Weg, um mir beizustehen. Das Boot, mit dem sie die Bucht durchquerte, hatte sich kaum der Insel gen�hert, als der Schatten �ber sie herfiel und sie in die Tiefe zog. Ich kann noch immer sein Gel�chter in der Dunkelheit h�ren, als er aus den Wellen auftauchte. Am n�chsten Tag zog er sich wieder in den Kristallflakon zur�ck. Die n�chsten zwanzig Jahre bekam ich ihn nicht wieder zu Gesicht��</p><p>Simone erhob sich zitternd aus ihrem Sessel und wich Schritt f�r Schritt zur�ck, bis sie mit dem R�cken an der Wand stand. Sie wollte kein einziges Wort mehr aus dem Mund dieses Mannes h�ren, dieses� Geisteskranken. Nur eines hielt sie aufrecht und hinderte sie daran, sich der Panik hinzugeben, die dieser Maskierte in ihr ausl�ste, nachdem sie seine Geschichte geh�rt hatte: der Zorn.</p><p>�Nein, meine Liebe, nicht doch. Machen Sie diesen Fehler nicht� Begreifen Sie nicht, was hier vorgeht? Als Sie mit Ihrer Familie hierherkamen, konnte ich nicht verhindern, dass mein Herz etwas f�r Sie empfand. Ich tat es nicht bewusst. Ich merkte nicht einmal, was da geschah, bis es zu sp�t war. Ich versuchte den Zauber zu bannen, indem ich eine Maschine nach Ihrem Ebenbild schuf��</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Ich glaubte� Kurze Zeit, nachdem Sie mit Ihrer Gegenwart wieder Leben in dieses Haus brachten, erwachte der Schatten, der zwanzig Jahre in diesem verfluchten Flakon geschlafen hatte, aus seiner Starre. Schon bald fand er ein geeignetes Opfer, das ihn wieder befreite��</p><p>�Hannah��, murmelte Simone.</p><p>�Ich wei�, was Sie jetzt empfinden und denken m�ssen, glauben Sie mir. Aber es gibt keinen Ausweg. Ich habe alles getan, was ich konnte� Sie m�ssen mir glauben��</p><p>Die Maske stand auf und kam auf sie zu.</p><p>�Kommen Sie keinen Schritt n�her!�, schrie Simone.</p><p>Lazarus blieb stehen.</p><p>�Ich will Ihnen nicht wehtun, Simone. Ich bin Ihr Freund. Wenden Sie sich nicht von mir ab.�</p><p>Sie sp�rte eine Welle des Hasses, die aus ihrem tiefsten Inneren kam.</p><p>�Sie haben Hannah umgebracht��</p><p>�Simone��</p><p>�Wo sind meine Kinder?�</p><p>�Sie haben ihr eigenes Schicksal gew�hlt��</p><p>Eine eisige Faust umklammerte ihr Herz.</p><p>�Was� Was haben Sie mit ihnen gemacht?�</p><p>Lazarus hob die behandschuhten H�nde.</p><p>�Sie sind tot.�</p><p>Bevor Lazarus Jann zu Ende sprechen konnte, stie� Simone einen Schrei aus wie eine Furie, packte einen der Kerzenleuchter, die auf dem Tisch standen, und st�rzte sich auf den Mann vor ihr. Der Fu� des Leuchters traf mit voller Wucht mitten auf die Maske. Das Porzellangesicht zerbrach in tausend St�cke, und der Leuchter polterte in die Finsternis. Dort war nichts.</p><p>Wie gel�hmt starrte Simone auf die schwarze Masse, die vor ihr schwebte. Der Schemen legte die wei�en Handschuhe ab, darunter war nur Schw�rze. Erst jetzt konnte Simone die d�monische Fratze sehen, die vor ihren Augen entstand, eine Wolke aus Dunkelheit, die langsam Gestalt annahm und w�tend zischelte wie eine Schlange. Ein grauenvoller Schrei gellte in ihren Ohren, ein Heulen, das s�mtliche Kerzen verl�schen lie�, die im Zimmer brannten. Zum ersten und letzten Mal h�rte Simone die wahre Stimme des Schattens. Dann wurde sie von den Klauen gepackt und in die Dunkelheit geschleift.</p><empty-line/><p>Als sie tiefer in den Wald kamen, bemerkten Ismael und Irene, wie sich die d�nne Nebelschicht, die �ber den B�umen hing, allm�hlich in einen hell leuchtenden Schleier verwandelte. Der Nebel schluckte die Lichter von Cravenmoore und verzerrte sie zu einem gespenstischen Trugbild, einem dichten goldenen Dunst. Als sie den Waldsaum erreichten, lag die Erkl�rung f�r dieses sonderbare Ph�nomen vor ihnen, beunruhigend und irgendwie bedrohlich. S�mtliche Fenster des Anwesens waren hell erleuchtet und verliehen dem riesigen Bau �hnlichkeit mit einem aus der Tiefe auftauchenden Geisterschiff.</p><p>Die beiden blieben vor dem lanzenbewehrten Tor stehen, das den Zugang zum Park versperrte, und betrachteten diesen fesselnden Anblick. In den Lichtschleier eingeh�llt, wirkten die Umrisse von Cravenmoore noch unheimlicher als im Dunkeln. Die Fratzen unz�hliger Wasserspeier schwebten �ber allem wie W�chter aus einem Alptraum. Aber es war nicht dieser Anblick, der sie innehalten lie�. Da lag noch etwas in der Luft, etwas Unsichtbares, noch viel Be�ngstigenderes. Die Ger�usche Dutzender, Hunderter sich bewegender und durchs Haus wandernder Automaten wurden vom Wind herangetragen, die scheppernde Musik eines Karussells und das mechanische Gel�chter einer ganzen Heerschar von Gesch�pfen, die sich an jenem Ort verbargen.</p><p>Ismael und Irene lauschten einige Sekunden wie erstarrt den Stimmen von Cravenmoore. Sie stellten fest, dass die h�llische Kakophonie von dem gro�en Hauptportal kam. Aus dem Eingang, der sperrangelweit offen stand, krochen golden leuchtende Schwaden, hinter denen Schatten zuckten und zu einer Melodie tanzten, die einem das Blut in den Adern gefrieren lie�. Irene umklammerte instinktiv Ismaels Hand, und der Junge warf ihr einen undurchdringlichen Blick zu.</p><p>�Bist du sicher, dass du da rein willst?�, fragte er.</p><p>Hinter einem der Fenster zeichnete sich die Silhouette einer T�nzerin ab, die sich um ihre eigene Achse drehte. Irene wandte den Blick ab.</p><p>�Du brauchst nicht mitzukommen. Schlie�lich ist es meine Mutter��</p><p>�Ein verlockendes Angebot. Sag das lieber kein zweites Mal�, erkl�rte Ismael.</p><p>�In Ordnung�, sagte Irene. �Und egal, was passiert��</p><p>�Egal, was passiert.�</p><p>Ohne auf das Lachen, die Musik, die Lichter und die schauerliche Prozession schemenhafter Gestalten zu achten, die durch das Haus geisterten, gingen die beiden die Treppe von Cravenmoore hinauf. Als Ismael sp�rte, wie sie der Geist des Hauses umfing, wurde ihm klar, dass alles, was sie bisher gesehen hatten, nur der Auftakt gewesen war. Es waren nicht der Engel und Lazarus� �brige Automaten, die ihm Angst einjagten. Da war noch etwas in diesem Haus. Etwas Sp�rbares und M�chtiges. Etwas, das Hass und Wut ausstrahlte. Und irgendwie wusste Ismael, dass es auf sie wartete.</p><empty-line/><p>Dorian h�mmerte immer wieder an die T�r der Gendarmerie. Der Junge war au�er Atem, und seine Beine waren kurz davor, zu versagen. Wie ein Besessener war er durch den Wald zum Strand des Engl�nders gerannt und dann immer weiter auf der schier endlosen Stra�e, die an der Bucht entlang zum Dorf f�hrte, w�hrend die Sonne hinterm Horizont versank. Er war keine Sekunde stehen geblieben, denn ihm war klar, dass er zehn Jahre keinen Schritt mehr machen w�rde, sobald er einmal anhielt. Nur ein Gedanke trieb ihn vorw�rts: das Bild dieses gespenstischen Schemens, der seine Mutter in die Finsternis davonschleppte. Er brauchte nur daran zu denken, und er w�re bis ans Ende der Welt gelaufen.</p><p>Schlie�lich �ffnete sich die T�r der Gendarmerie, und die rundliche Gestalt Kommissar Jobarts schob sich zwei Schritte vor. Mit winzigen �uglein musterte der Gendarm den Jungen, der aussah, als w�rde er gleich in Ohnmacht fallen. Dorian hatte das Gef�hl, vor einem Rhinozeros zu stehen. Der Gendarm setzte ein h�misches L�cheln auf, dann hakte er die Daumen routiniert in die Taschen der Uniformjacke ein und setzte sein Wer-st�rt-mich-um-diese-Uhrzeit-Gesicht auf. Dorian seufzte und versuchte zu schlucken, aber sein Mund war vollkommen trocken.</p><p>�Was gibt�s?�, blaffte Jobart.</p><p>�Wasser��</p><p>�Das hier ist keine Kneipe, Kamerad Sauvelle.�</p><p>Die feine Ironie sollte wahrscheinlich die beneidenswerte Auffassungsgabe und den Sp�rsinn des Dickh�uters zeigen. Immerhin lie� Jobart den Jungen herein und gab ihm ein Glas Leitungswasser. Dorian h�tte niemals gedacht, dass Wasser so k�stlich schmecken k�nnte.</p><p>�Mehr.�</p><p>Jobart reichte ihm noch ein Glas, diesmal begleitet von seinem Sherlock-Holmes-Blick.</p><p>�Hier.�</p><p>Dorian trank es bis auf den letzten Tropfen aus und sah dann den Polizisten an. Irenes Anweisungen kamen ihm klar und deutlich in den Sinn.</p><p>�Meine Mutter hatte einen Unfall und ist verletzt. Schwer verletzt. Sie ist in Cravenmoore.�</p><p>Jobart ben�tigte einige Sekunden, um so viel Information zu verarbeiten.</p><p>�Was f�r einen Unfall?�, erkundigte er sich im Tonfall des scharfsinnigen Beobachters.</p><p>�Jetzt machen Sie schon!�, brach es aus Dorian heraus.</p><p>�Ich bin allein. Ich kann die Wache nicht verlassen.�</p><p>Der Junge seufzte. Von allen Schwachk�pfen, die es auf diesem Planeten gab, hatte er auf ein echtes Prachtexemplar treffen m�ssen.</p><p>�Rufen Sie Unterst�tzung �ber Funk! Tun Sie etwas! Und zwar sofort!�</p><p>In Dorians Stimme und seinem Blick lag eine Beunruhigung, die Jobart dazu brachte, seinen beachtlichen Hintern zum Funkger�t zu schieben und den Apparat einzuschalten. Er drehte sich noch einmal um und sah den Jungen argw�hnisch an.</p><p>�Jetzt machen Sie schon! Los!�, schrie Dorian.</p><empty-line/><p>Als Lazarus pl�tzlich wieder zu sich kam, sp�rte er einen stechenden Schmerz im Nacken. Er f�hrte die Hand dorthin und betastete die offene Wunde. Er erinnerte sich vage an Christians Gesicht im Flur des Westfl�gels. Der Automat hatte ihn niedergeschlagen und hierher geschleift. Lazarus sah sich um. Er befand sich in einem der unbenutzten Zimmer, die es in Cravenmoore zuhauf gab.</p><p>Langsam rappelte er sich auf und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Kaum dass er sich auf den Beinen hielt, �berkam ihn eine tiefe Ersch�pfung. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Als er sie wieder �ffnete, bemerkte er einen kleinen Spiegel an der Wand. Er stellte sich davor und betrachtete sich.</p><p>Dann trat er an ein kleines Fenster, das auf die Hauptfassade blickte, und sah zwei Gestalten durch den Park auf das Hauptportal zugehen.</p><empty-line/><p>Irene und Ismael traten �ber die T�rschwelle in den Lichtstrahl, der aus der Tiefe des Hauses kam. Das Dr�hnen des Karussells und das metallische Rattern Tausender zum Leben erwachter Zahnr�der drang ihnen durch Mark und Bein. Hunderte kleiner mechanischer Werke bewegten sich an den W�nden. Eine ganze Welt unwirklicher Kreaturen regte sich in den Vitrinen, baumelte an Mobiles, die sich in der Luft drehten. Es war unm�glich, den Blick irgendwohin zu wenden, ohne eine von Lazarus� Sch�pfungen in Bewegung zu sehen. Uhrengesichter, Puppen, die wie Schlafwandler umhergingen, gespenstische Fratzen mit einem hungrigen Wolfsgrinsen�</p><p>�Diesmal trennst du dich aber nicht von mir�, sagte Irene.</p><p>�Das hatte ich nicht vor�, erwiderte Ismael, bedr�ckt von all den zappelnden Wesen ringsum.</p><p>Sie waren erst ein paar Meter weit gekommen, als das Hauptportal mit Wucht hinter ihnen zufiel. Irene schrie auf und klammerte sich an den Jungen. Die h�nenhafte Gestalt eines Mannes stand vor ihnen. Sein Gesicht war von einer Maske bedeckt, die einen teuflischen Clown darstellte. Zwei gr�ne Pupillen funkelten unter der Maske hervor. Die beiden wichen zur�ck, w�hrend die Erscheinung immer n�her kam. Ein Messer blitzte in ihren H�nden. Irene kam schlagartig der mechanische Butler in den Sinn, der ihnen bei ihrem ersten Besuch auf Cravenmoore die T�r ge�ffnet hatte. Christian. Das war sein Name. Der Automat erhob das Messer.</p><p>�Nein, Christian!�, schrie Irene. �Nein!�</p><p>Der Butler erstarrte. Das Messer fiel ihm aus den H�nden. Ismael sah das M�dchen verst�ndnislos an. Die Figur beobachtete sie reglos.</p><p>�Schnell!�, dr�ngte das M�dchen und lief tiefer ins Haus hinein.</p><p>Ismael rannte hinter ihr her, nicht ohne zuvor das Messer aufzuheben, das Christian fallen gelassen hatte. Er holte Irene unter der hohen Kuppel ein, die sich �ber der Treppenhalle w�lbte. Das M�dchen sah sich um und versuchte sich zu orientieren.</p><p>�Wohin jetzt?�, fragte Ismael, w�hrend er immer wieder zur�ckschaute.</p><p>Irene z�gerte, unentschlossen, welchen Weg durch das Labyrinth von Cravenmoore sie einschlagen sollten.</p><p>Pl�tzlich wurden sie von einem kalten Windsto� aus einem der Korridore erfasst, und der metallische Klang einer Grabesstimme drang zu ihnen her�ber.</p><p>�Irene��, fl�sterte die Stimme.</p><p>Dem M�dchen gefror das Blut in den Adern. Die Stimme war erneut zu h�ren. Irene starrte ans Ende des Korridors. Ismael folgte ihrem Blick, und da sah er sie. In feinen Nebel geh�llt, schwebte Simone mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Ein teuflischer Glanz lag in ihren Augen. Hinter ihren pergamentenen Lippen blitzten st�hlerne Rei�z�hne hervor.</p><p>�Mama�, schluchzte Irene.</p><p>�Das ist nicht deine Mutter�, sagte Ismael und schob das M�dchen aus der Bahn dieser Kreatur.</p><p>Licht fiel auf ihr Gesicht und zeigte es in seiner ganzen Entsetzlichkeit. Ismael warf sich auf Irene, um den Krallen des Automaten auszuweichen. Das Gesch�pf drehte sich um die eigene Achse und kam erneut auf sie zu. Das Gesicht war nur halb fertiggestellt. Die andere H�lfte war nichts weiter als eine Metallmaske.</p><p>�Es ist die Puppe, die wir gesehen haben. Nicht deine Mutter�, sagte der Junge, der versuchte, das M�dchen aus der Erstarrung zu rei�en, die die Erscheinung in ihr ausgel�st hatte. �Dieses Wesen bewegt sie, als ob sie Marionetten w�ren��</p><p>Der Mechanismus, der den Automaten hielt, lie� ein Quietschen vernehmen. Ismael konnte sehen, wie die Krallen erneut auf sie zuschossen. Der Junge packte Irene und lief davon, ohne genau zu wissen, wohin. So schnell ihre F��e sie trugen, rannten sie einen Flur entlang. Dieser war ges�umt von T�ren, die aufflogen, wenn sie vorbeikamen; Schemen l�sten sich von der Decke.</p><p>�Schnell!�, schrie Ismael, als er das Knarren der Halteseile hinter sich h�rte.</p><p>Irene drehte sich um und blickte zur�ck. Das Raubtiergebiss dieser monstr�sen Nachbildung ihrer Mutter schnappte zwanzig Zentimeter vor ihrem Gesicht zu. F�nf nadelspitze Krallen fuhren auf ihr Gesicht zu. Ismael zog sie beiseite und stie� sie in einen, so schien es, sehr gro�en, dunklen Raum.</p><p>Das M�dchen fiel der L�nge nach hin, und Ismael schlug die T�r hinter sich zu. Die Krallen des Automaten bohrten sich durch die T�r wie t�dliche Pfeilspitzen.</p><p>�Mein Gott��, seufzte er. �Nicht noch mal��</p><p>Irene blickte auf. Ihre Haut war wei� wie Papier.</p><p>�Bist du in Ordnung?�, fragte Ismael sie.</p><p>Das M�dchen nickte abwesend und sah sich dann um. B�cherw�nde wuchsen schier endlos in die H�he. Tausende und Abertausende von B�chern formten eine babylonische Spirale, ein Labyrinth aus Leitern und Laufg�ngen.</p><p>�Wir sind in Lazarus� Bibliothek.�</p><p>�Na, dann hoffe ich, dass es noch einen zweiten Ausgang gibt. Ich habe n�mlich nicht vor, mich noch mal da drau�en blicken zu lassen�, sagte Ismael und deutete hinter sich.</p><p>�Es muss einen geben. Glaube ich zumindest, aber ich wei� nicht, wo�, sagte sie. Sie ging in die Mitte des gro�en Raums, w�hrend der Junge die T�r mit einem Stuhl verbarrikadierte.</p><p>Wenn diese Barriere l�nger als zwei Minuten h�lt, sagte er sich, glaube ich auf der Stelle an Wunder. Hinter ihm murmelte Irene etwas. Er drehte sich um und sah sie neben einem Lesetischchen stehen, wo sie ein uralt aussehendes Buch in Augenschein nahm.</p><p>�Hier ist etwas�, sagte sie.</p><p>Eine dunkle Vorahnung stieg in ihm auf.</p><p>�Lass das Buch liegen.�</p><p>�Warum?�, fragte Irene verst�ndnislos.</p><p>�Lass es liegen.�</p><p>Das M�dchen schlug das Buch zu und tat, was ihr Freund verlangte. Die Goldbuchstaben auf dem Einband gl�nzten im Widerschein des Kaminfeuers, das die Bibliothek w�rmte: <emphasis>Doppelg�nger.</emphasis></p><p>Irene hatte sich gerade ein paar Schritte von dem Tisch entfernt, als sie ein heftiges Beben unter ihren F��en durch den Raum laufen sp�rte. Die Flammen im Kamin wurden schw�cher, und einige B�nde in den endlosen Regalreihen begannen zu zittern. Das M�dchen lief zu Ismael.</p><p>�Was zum Teufel��, setzte er an, denn auch er nahm dieses deutliche Grollen wahr, das tief aus dem Inneren des Hauses zu kommen schien.</p><p>In selben Augenblick klappte pl�tzlich das Buch auf, das Irene auf das Tischchen gelegt hatte. Das Kaminfeuer verlosch, von einem eisigen Lufthauch erstickt. Ismael schlang seine Arme um das M�dchen und dr�ckte es an sich. Von unsichtbarer Hand bewegt, begannen B�cher in die Tiefe zu st�rzen.</p><p>�Hier ist jemand�, fl�sterte Irene. �Ich kann es sp�ren��</p><p>Die Seiten des Buches begannen sich langsam im Windhauch umzuwenden. Ismael starrte auf die Seiten des alten Bandes, die von innen heraus leuchteten, und bemerkte, wie sich die Buchstaben einer nach dem anderen aufzul�sen schienen und eine Wolke aus schwarzem Gas formten, die �ber dem Buch schwebte. Dieses unf�rmige Gebilde schluckte Wort um Wort, Satz um Satz.</p><p>Die Form, die sich nun verdichtete, erinnerte ihn an einen Geist aus schwarzer Tinte, der in der Luft schwebte.</p><p>Die schwarze Wolke dehnte sich aus, und aus dem Nichts entstanden H�nde, Arme, ein Rumpf. Ein regloses Gesicht tauchte aus der Dunkelheit auf.</p><p>Starr vor Schreck, betrachteten Ismael und Irene diese Erscheinung und sahen, wie ringsum weitere Formen, weitere Schatten den Seiten der zu Boden gefallenen B�cher entstiegen. Langsam erstand unter ihren ungl�ubigen Blicken eine ganze Armee von Schatten. Schatten von Kindern, von Greisen, von Damen in eigenartigen Kleidern� Sie wirkten wie gefangene Geister, zu schwach, um Form und Gestalt anzunehmen. Tote Gesichter, m�de und willenlos. Bei ihrem Anblick hatte Irene das Gef�hl, es mit verlorenen Seelen zu tun zu haben, die in einem furchtbaren Zauber gefangen waren. Sie sah, wie sie ihnen hilfesuchend die H�nde entgegenstreckten, doch ihre Finger l�sten sich zu fl�chtigem Dunst auf. Sie konnte den Schrecken ihres Alptraums sp�ren, des schwarzen Traums, der sie in seinen F�ngen hielt.</p><p>In den wenigen Sekunden, die diese Vision dauerte, fragte sie sich, wer diese Gestalten waren und wie sie hierhergekommen waren. Waren es unvorsichtige Besucher dieses Anwesens gewesen, so wie sie selbst? F�r einen Augenblick hoffte sie, ihre Mutter unter diesen verdammten Seelen, diesen Gesch�pfen der Nacht zu entdecken. Doch auf eine Geste des Schattens hin verschmolzen ihre durchl�ssigen K�rper zu einem schwarzen Strudel, der durch den Saal wirbelte.</p><p>Der Schatten �ffnete seinen Schlund und verschlang all diese Seelen, nahm ihnen die wenige Kraft, die noch in ihnen lebte. Auf ihr Verschwinden folgte eine t�dliche Stille. Dann �ffnete der Schatten die Augen, und sein Blick leuchtete blutrot durch die Dunkelheit.</p><p>Irene wollte schreien, doch ihre Stimme ging in dem ohrenbet�ubenden Get�se unter, das Cravenmoore ersch�tterte. Nacheinander schlugen s�mtliche T�ren und Fenster des Hauses zu und verwandelten es in ein finsteres Grab. Ismael h�rte das d�stere Dr�hnen durch die endlosen G�nge von Cravenmoore laufen und sp�rte, wie seine Hoffnung, diesen Ort lebend zu verlassen, in der Dunkelheit dahinschwand.</p><p>Nur ein schwacher Lichtstrahl durchzog die Kuppel wie ein d�nnes Drahtseil hoch oben in einem unheimlichen Zirkuszelt. Das Licht zog Ismaels Blick an, und ohne eine Sekunde l�nger zu warten, nahm er Irene bei der Hand und f�hrte sie, blind tastend, ans andere Ende des Saals.</p><p>�Vielleicht ist dort der zweite Ausgang�, fl�sterte er.</p><p>Irene folgte mit dem Blick dem Zeigefinger des Jungen. Sie bemerkte den Lichtfaden, der durch ein Schl�sselloch zu fallen schien. Die Bibliothek war wie ein nach oben zulaufendes Oval aufgebaut; ein schmaler Umgang f�hrte spiralf�rmig die Wand hinauf und diente als Zugang zu den einzelnen Galerien, die von dort abzweigten. Simone hatte ihr von dieser architektonischen Laune erz�hlt: Wenn man diesem Gang bis zum Ende folge, gelange man fast bis in den dritten Stock des Hauses. Eine Art Turm von Babel mit T�ren, stellte sie sich vor. Jetzt war sie es, die Ismael zu dem Umgang f�hrte und dort rasch nach oben lief.</p><p>�Wo willst du hin?�, fragte der Junge.</p><p>�Vertrau mir.�</p><p>Ismael rannte hinter ihr her. Er sp�rte, wie der Boden unter seinen F��en langsam anstieg, je weiter sie kamen. Ein kalter Lufthauch streifte seinen Nacken, und Ismael sah, wie sich der z�he schwarze Fleck auf dem Boden hinter ihm ausdehnte. Der Schatten hatte eine beinahe feste Struktur, nur seine Umrisse schienen mit der Dunkelheit zu verschmelzen. Der gespenstische Fleck breitete sich aus wie eine dicke, gl�nzende �llache.</p><p>Sekunden sp�ter hatte das Gebilde aus fl�ssiger Schw�rze seine F��e erreicht. Ismael sp�rte eine eisige K�lte, als laufe er �ber gefrorenes Wasser.</p><p>�Schnell!�, schrie er.</p><p>Wie sie vermutet hatten, kam der Lichtstrahl durch das Schl�sselloch einer T�r, die nur noch ein halbes Dutzend Schritte von ihnen entfernt war. Ismael rannte schneller, und es gelang ihm, den Schatten unter seinen F��en f�r einen kurzen Moment abzusch�tteln. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese T�r nicht abgeschlossen war, erschien ihm gleich Null. Es w�rde ihnen wenig nutzen, die T�r zu erreichen, wenn diese nirgendwohin f�hrte.</p><p>Irene tastete im Dunkeln das Schloss ab, auf der Suche nach einer Sperrfeder, um sie zu �ffnen. Der Junge drehte sich nach dem Schatten um, und sein Blick fiel auf die pechschwarze Masse, die sich vor ihm erhob, eine Skulptur aus dichtem Gas, die langsam Gestalt annahm. Ein finsteres Gesicht bildete sich heraus. Ein vertrautes Gesicht. Ismael glaubte, seine Augen w�rden ihm einen Streich spielen. Er blinzelte. Das Gesicht blieb. Sein eigenes Gesicht.</p><p>Sein dunkles Ebenbild grinste ihn boshaft an, und eine Reptilienzunge schnellte zwischen den Lippen hervor. Instinktiv zog Ismael das Messer, das er dem Automaten in der Eingangshalle abgenommen hatte, und fuchtelte damit vor dem Schatten herum. Die Gestalt hauchte ihren eisigen Atem darauf, und ein Netz aus Eiskristallen �berzog die Waffe von der Spitze bis zum Heft. Das gefrorene Metall brannte in seiner Handfl�che. Die K�lte, eine bittere K�lte, brannte genauso oder noch st�rker als Feuer.</p><p>Ismael war kurz davor, die Waffe fallen zu lassen, aber er k�mpfte gegen die Muskelstarre an, die seinen Unterarm l�hmte, und versuchte die Klinge durch das Gesicht des Schattens zu ziehen. Die Klinge trennte die Zunge ab, die auf einen seiner F��e fiel. Sofort umh�llte die kleine schwarze Masse seinen Kn�chel wie eine zweite Haut und begann langsam nach oben zu kriechen. Der Kontakt mit dieser z�hen, kalten Materie verursachte ihm �belkeit.</p><p>In diesem Augenblick h�rte er das Schloss knacken, mit dem sich Irene hinter seinem R�cken abm�hte, und ein Tunnel aus Licht �ffnete sich vor ihnen. Das M�dchen lief auf die andere Seite der T�r. Ismael folgte ihr, dann knallte er die T�r zu und lie� ihren Verfolger auf der anderen Seite zur�ck. Das abgetrennte St�ck des Schattens kletterte sein Bein hinauf und nahm die Gestalt einer gro�en Spinne an. Ein heftiger Schmerz durchfuhr sein Bein. Ismael schrie auf, und Irene versuchte dieses vielbeinige Monstrum abzusch�tteln. Nun wandte sich die Spinne gegen das M�dchen und sprang es an. Irene schrie entsetzt auf.</p><p>�Mach sie weg!�</p><p>Der Junge blickte sich verzweifelt um und entdeckte, woher das Licht kam, das sie geleitet hatte. Eine lange Reihe von Kerzen verlor sich in der Dunkelheit wie eine gespenstische Prozession.</p><p>Der Junge ergriff eine der Kerzen und n�herte die Flamme der Spinne, die auf Irenes Hals zukroch. Beim Kontakt mit dem Feuer stie� das Tier ein w�tendes, schmerzerf�lltes Zischen aus und zerfloss zu einem Regen aus schwarzen Tropfen, die zu Boden prasselten. Ismael lie� die Kerze fallen und zog Irene beiseite. Die Tropfen glitten wie Gelatine �ber den Fu�boden und verschmolzen zu einem einzigen K�rper, der zur T�r kroch und auf der anderen Seite verschwand.</p><p>�Das Feuer. Das Feuer macht ihm Angst��, sagte Irene.</p><p>�Dann werden wir ihm genau das geben.�</p><p>Ismael hob die Kerze wieder auf und stellte sie vor den T�rspalt, w�hrend sich Irene in dem Raum umsah, in dem sie sich befanden. Er wirkte wie ein kahler Vorraum, unm�bliert und von jahrzehntealtem Staub bedeckt. Vielleicht hatte diese Kammer irgendwann einmal als Lagerraum oder zus�tzliches Archiv der Bibliothek gedient. Bei genauerem Hinsehen allerdings waren Formen an der Decke zu erkennen. D�nne Rohre. Irene nahm eine Kerze und hielt sie �ber ihren Kopf, um den Raum zu untersuchen. Fliesen und Mosaike erstrahlten im Kerzenschein an den W�nden.</p><p>�Wo zum Teufel sind wir?�, fragte Ismael.</p><p>�Ich wei� es nicht. Sieht aus wie Duschen��</p><p>Das Licht der Kerze fiel auf die Metallbrausen, trichterf�rmige Gebilde mit Hunderten von L�chern, in denen die Rohre ausliefen. Die �ffnungen waren verrostet und von einer Festung aus Spinnweben �berzogen.</p><p>�Was auch immer das sein soll, hier hat seit Jahrhunderten keiner mehr��</p><p>Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als ein metallisches Kreischen zu vernehmen war, das unverwechselbare Ger�usch eines verrosteten Wasserhahns, der aufgedreht wurde. Dort drinnen, direkt neben ihnen.</p><p>Irene leuchtete mit der Kerze an die gekachelte Wand, und die beiden sahen zwei Zugangsh�hne, die sich langsam drehten.</p><p>Ein tiefes Brummen lief durch die W�nde. Dann, nach einigen Sekunden Stille, konnten sie das Ger�usch zuordnen. Es war das Ger�usch von etwas, das durch die Rohre �ber ihren K�pfen kam. Etwas zw�ngte sich durch die engen Leitungen.</p><p>�Er ist hier!�, schrie Irene.</p><p>Ismael nickte, ohne den Blick von den Brausek�pfen zu wenden. Nach einigen Sekunden begann eine undurchdringliche Masse aus den �ffnungen zu triefen. Irene und Ismael wichen langsam zur�ck, ohne den Blick von dem Schatten zu wenden, der sich langsam vor ihnen aufbaute, so wie die K�rner einer Sanduhr einen Berg formen, wenn sie nach unten rieseln.</p><p>Zwei Augen zeichneten sich im Dunkeln ab. Lazarus� freundliches Gesicht l�chelte ihnen entgegen. Ein beruhigender Anblick, h�tten sie nicht sofort gewusst, dass es nicht Lazarus war, den sie vor sich hatten. Irene machte einen Schritt auf ihn zu.</p><p>�Wo ist meine Mutter?�, fragte sie herausfordernd.</p><p>Eine tiefe, nicht menschliche Stimme war zu h�ren.</p><p>�Sie ist bei mir.�</p><p>�Halt Abstand von ihm�, warnte Ismael.</p><p>Der Schatten starrte ihn an, und der Junge schien in Trance zu fallen. Irene sch�ttelte ihren Freund und wollte ihn von dem Schatten wegziehen, doch er stand noch immer unter dem Einfluss dieses Wesens und war unf�hig zu reagieren. Das M�dchen trat zwischen die beiden und gab Ismael eine Ohrfeige, die ihn aus seinem Bann riss. Das Gesicht des Schattens zerschmolz zu einer w�tenden Grimasse, und zwei lange Arme streckten sich nach ihnen aus. Irene stie� Ismael gegen die Wand und versuchte dem Griff der Klauen zu entkommen.</p><p>In diesem Augenblick �ffnete sich eine T�r in der Dunkelheit, und ein Licht leuchtete am anderen Ende des Raumes auf. Die Gestalt eines Mannes mit einer �llampe in der Hand zeichnete sich im T�rrahmen ab.</p><p>�Raus hier!�, br�llte er, und Irene erkannte seine Stimme. Es war Lazarus Jann, der Spielzeugfabrikant.</p><p>Der Schatten stie� ein hasserf�lltes Geheul aus, und die Kerzen verloschen eine nach der anderen. Lazarus ging auf den Schatten zu. Sein Gesicht wirkte viel �lter, als Irene es in Erinnerung hatte. Seine ger�teten Augen verrieten furchtbare Ersch�pfung. Die Augen eines Mannes, der von einer grausamen Krankheit verzehrt wurde.</p><p>�Raus hier!�, br�llte er erneut.</p><p>Der Schatten zeigte kurz seine d�monische Fratze und verwandelte sich dann in eine Gaswolke, die in die Ritzen des Fu�bodens kroch und schlie�lich durch einen Mauerspalt verschwand. Bei seiner Flucht machte er ein Ger�usch, das dem Heulen des Windes hinter den Fenstern glich.</p><p>Lazarus beobachtete noch einige Sekunden die Mauerspalte, dann wandte er ihnen seinen durchdringenden Blick zu.</p><p>�Was habt ihr hier zu suchen?�, fragte er, ohne seine Wut zu verbergen.</p><p>�Ich bin hergekommen, um meine Mutter zu suchen, und ich werde nicht ohne sie hier weggehen�, erkl�rte Irene und hielt seinem eindringlichen, forschenden Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken.</p><p>�Du wei�t nicht, mit wem du es zu tun hast��, sagte Lazarus. �Schnell, dort entlang. Er wird bald zur�ckkommen.�</p><p>Lazarus f�hrte sie durch die T�r hinaus.</p><p>�Was ist das? Was haben wir da gesehen?�, fragte Ismael.</p><p>Lazarus sah ihn lange an.</p><p>�Das bin ich. Das, was du gesehen hast, bin ich��</p><empty-line/><p>Lazarus f�hrte sie durch ein verworrenes Tunnellabyrinth, das sich parallel zu Fluren und Korridoren durch Cravenmoore zu ziehen schien. Zu beiden Seiten der schmalen G�nge lagen zahlreiche verschlossene T�ren, Zweitzug�nge zu den vielen Dutzend Zimmern und Salons des Hauses. Ihre Schritte hallten in dem engen Gang wider und erweckten den Eindruck, dass sie von einer unsichtbaren Armee verfolgt w�rden.</p><p>Lazarus� Laterne warf einen warmen Lichtkreis auf die W�nde. Ismael beobachtete, wie ihre Schatten, seiner und Irenes, neben ihnen an der Wand entlangwanderten. Lazarus warf keinen Schatten. Der Spielzeugfabrikant blieb vor einer hohen, schmalen T�r stehen, zog einen Schl�ssel hervor und schloss auf. Er sp�hte ans Ende des Ganges, durch den sie gekommen waren, und bedeutete ihnen dann, einzutreten.</p><p>�Hier entlang�, sagte er nerv�s. �Hierher wird er nicht kommen. Zumindest nicht in den n�chsten Minuten��</p><p>Ismael und Irene wechselten einen misstrauischen Blick.</p><p>�Euch bleibt nichts anderes �brig, als mir zu vertrauen�, gab Lazarus zu bedenken.</p><p>Der Junge seufzte und betrat dann das Zimmer, gefolgt von Irene und Lazarus. Dieser schloss die T�r wieder. Im Schein der Laterne war eine Wand mit unz�hligen Fotografien und Zeitungsartikeln zu sehen. In einer Ecke standen ein kleines Bett und ein kahler Schreibtisch. Lazarus stellte die Laterne auf dem Fu�boden ab und sah zu, wie die beiden Jugendlichen all diese Papierschnipsel betrachteten, die an der Wand klebten.</p><p>�Ihr m�sst Cravenmoore verlassen, solange noch Zeit ist.�</p><p>Irene drehte sich zu ihm um.</p><p>�Er will nicht euch�, setzte der Spielzeugfabrikant hinzu, �sondern Simone.�</p><p>�Weshalb? Was hat er mit ihr vor?�</p><p>Lazarus senkte den Blick.</p><p>�Er will sie vernichten. Um mich zu strafen. Und euch steht das gleiche Schicksal bevor, wenn ihr euch ihm in den Weg stellt.�</p><p>�Was hat das alles zu bedeuten? Was wollen Sie uns damit sagen?�, fragte Ismael.</p><p>�Ich habe euch alles gesagt, was ich zu sagen habe. Ihr solltet von hier verschwinden. Fr�her oder sp�ter wird er zur�ckkehren, und dann kann ich nichts mehr tun, um euch zu sch�tzen.�</p><p>�Aber� wer wird zur�ckkommen?�</p><p>�Du hast ihn mit eigenen Augen gesehen.�</p><p>In diesem Moment war irgendwo im Haus ein fernes Grollen zu h�ren. Es kam n�her. Irene schluckte und sah Ismael an. Schritte. Einer nach dem anderen, dr�hnend wie Sch�sse, immer n�her. Lazarus l�chelte schwach.</p><p>�Das ist er�, verk�ndete er. �Euch bleibt nicht viel Zeit.�</p><p>�Wo ist meine Mutter? Wohin hat er sie gebracht?�, wollte das M�dchen wissen.</p><p>�Ich wei� es nicht, aber selbst wenn ich es w�sste, w�rde es nichts n�tzen.�</p><p>�Sie haben diese Maschine mit ihrem Gesicht gebaut��, warf Ismael ihm vor.</p><p>�Ich glaubte, er w�rde sich damit begn�gen, aber er wollte mehr. Er wollte sie.�</p><p>Die entsetzlichen Schritte waren nun hinter der T�r zu h�ren. Sie kamen den Gang entlang.</p><p>�Auf der anderen Seite dieser T�r�, erkl�rte Lazarus, �liegt ein Gang, der zur Haupttreppe f�hrt. Wenn ihr noch einen Funken Verstand besitzt, dann lauft und betretet dieses Haus nie wieder.�</p><p>�Wir gehen nirgendwo hin�, erkl�rte Ismael. �Nicht ohne Simone.�</p><p>Die T�r, durch die sie gekommen waren, wurde heftig ersch�ttert. Sekunden sp�ter sickerte eine schwarze Masse unter der T�rschwelle hindurch.</p><p>�Lass uns verschwinden�, dr�ngte Ismael.</p><p>Der Schatten legte sich um die Laterne und zerbrach das Glas. Ein eisiger Lufthauch lie� die Flamme verl�schen. Aus der Dunkelheit sah Lazarus, wie Irene und Ismael durch den zweiten Ausgang entkamen. Neben ihm formte sich eine schwarze, geheimnisvolle Gestalt.</p><p>�Lass sie in Ruhe�, fl�sterte er. �Es sind nur zwei Kinder. Lass sie gehen. Nimm endlich mich. Ist es nicht das, was du willst?�</p><p>Der Schatten lachte.</p><empty-line/><p>Der Flur, in dem sie sich befanden, kreuzte die zentrale Achse von Cravenmoore. Irene erkannte das Gewirr von G�ngen wieder und f�hrte Ismael unter der Kuppel hindurch. Hinter den Scheiben waren die vor�berziehenden Wolken zu sehen, gewaltige Riesen aus schwarzer Watte, die ihre Bahn am Himmel zogen. Die Laterne, die den Scheitel der Kuppel bekr�nte, verbreitete einen Kranz kaleidoskopartiger Reflexe.</p><p>�Da entlang�, bestimmte das M�dchen.</p><p>�Da entlang wohin?�, fragte Ismael nerv�s.</p><p>�Ich glaube, ich wei�, wo er sie festh�lt.�</p><p>Der Junge blickte �ber die Schulter zur�ck. Der Korridor lag im Dunkeln, ohne ein sichtliches Zeichen von Bewegung, obwohl Ismael klar war, dass der Schatten sich aus dieser Richtung n�hern konnte, ohne dass sie ihn bemerkten.</p><p>�Ich hoffe, du wei�t, was du tust�, sagte er. Er wollte so schnell wie m�glich von dort weg.</p><p>�Komm.�</p><p>Irene betrat einen der Seitenfl�gel, der sich in der Dunkelheit verlor, und Ismael folgte ihr. Allm�hlich wurde das Licht der Laterne schw�cher, und die Umrisse der mechanischen Gesch�pfe, die den Korridor s�umten, verwandelten sich in dunkel gl�nzende Schemen. Ihre Schritte gingen in dem Plappern, Lachen und H�mmern Hunderter mechanischer R�derwerke unter. Der Junge wandte sich erneut um und sp�hte zum Anfang dieses Tunnels, den sie entlanggingen. Ein kalter Lufthauch zog durch den Gang. Als er sich umsah, erkannte Ismael die Gazevorh�nge wieder, die vor ihnen wehten, bestickt mit einem Buchstaben, der sich sanft wiegte.</p><empty-line/><p><emphasis>A</emphasis></p><empty-line/><p>�Ich bin sicher, dass er sie hier festh�lt�, sagte Irene. Hinter den Vorh�ngen war am Ende des Korridors die geschnitzte Holzt�r zu sehen. Sie war geschlossen. Erneut umfing sie ein kalter Lufthauch, der die Vorh�nge in Bewegung brachte. Ismael blieb stehen und starrte in die schwarze Finsternis. Angespannt versuchte er, etwas zu erkennen.</p><p>�Was ist los?�, fragte Irene, als sie die Unruhe bemerkte, die sich seiner bem�chtigt hatte.</p><p>Der Junge �ffnete den Mund, um zu antworten, doch er blieb stumm. Sie sp�hte in den Korridor hinter ihnen. Ein kleiner Lichtpunkt am Ende des Tunnels. Der Rest war Dunkelheit.</p><p>�Er ist da�, sagte Ismael. �Er beobachtet uns.�</p><p>Irene klammerte sich an ihn.</p><p>�Sp�rst du es nicht?�</p><p>�Lass uns nicht l�nger hierbleiben, Ismael.�</p><p>Er nickte, doch in Gedanken war er woanders. Irene nahm ihn bei der Hand und zog ihn zu der T�r. Der Junge behielt die ganze Zeit den Gang hinter ihnen im Auge. Als das M�dchen schlie�lich vor der T�r stehen blieb, wechselten die beiden einen Blick. Wortlos legte Ismael die Hand auf den T�rknauf und drehte ihn vorsichtig. Das Schloss gab mit einem leisen metallischen Klicken nach, und durch das Gewicht des schweren T�rblatts schwang die T�r an den Angeln nach innen.</p><p>Ein fl�chtiger blauer Dunst lag �ber dem Raum, nur durchbrochen von dem scharlachroten Flackern des Feuers.</p><p>Irene trat ein paar Schritte ins Zimmer. Alles war genau so, wie sie es in Erinnerung hatte. Das gro�e Portr�tbild von Alma Maltisse leuchtete �ber dem Kamin. Lichtreflexe tasteten sich durch die dichte Atmosph�re des Zimmers und deuteten die Umrisse der Vorh�nge aus durchscheinender Seide an, die das Himmelbett verh�llten. Ismael schloss vorsichtig die T�r hinter sich und folgte Irene.</p><p>Das M�dchen hielt ihn am Arm zur�ck. Sie deutete auf einen Lehnsessel, der mit dem R�cken zu ihnen vor dem Feuer stand. �ber eine der Lehnen hing eine bleiche Hand, die wie eine verwelkte Blume auf den Boden gesunken war.</p><p>Daneben blitzten Glasscherben in einer Pf�tze aus Fl�ssigkeit wie glitzernde Perlen auf einem Spiegel. Irene sp�rte, wie ihr Herz zu rasen begann. Sie lie� Ismaels Hand los und ging Schritt f�r Schritt auf den Sessel zu. Das flackernde Licht der Flammen beschien ein regloses Gesicht: Simone.</p><p>Irene kniete neben ihrer Mutter nieder und nahm ihre Hand. Sekundenlang gelang es ihr nicht, ihren Puls zu ertasten.</p><p>�Oh mein Gott��</p><p>Ismael st�rzte zum Schreibtisch und griff nach einem kleinen Silbertablett. Dann lief er zu Simone und hielt es ihr vors Gesicht. Eine schwache Dunstwolke beschlug die Oberfl�che. Irene atmete tief durch.</p><p>�Sie lebt�, sagte Ismael. Er betrachtete das Gesicht der bewusstlosen Frau und glaubte in ihr eine gereifte, weise Irene wiederzuerkennen.</p><p>�Wir m�ssen sie hier wegbringen. Hilf mir mal.�</p><p>Sie postierten sich zu beiden Seiten von Simone, umfassten sie mit den Armen und versuchten sie aus dem Sessel hochzuziehen.</p><p>Sie hatten sie kaum einige Zentimeter hochgehievt, als im Zimmer ein tiefes, unheimliches Zischeln zu vernehmen war. Die beiden hielten inne und blickten sich um. Das Feuer vervielfachte ihre eigenen Schatten an den W�nden.</p><p>�Wir d�rfen keine Zeit verlieren�, dr�ngte Irene.</p><p>Ismael hob Simone erneut hoch, doch diesmal war das Ger�usch schon viel n�her zu h�ren. Seine Augen irrten durch die Dunkelheit. Das Portr�t! Mit einem Mal verformte sich der Schleier, der das �lbild �berzog, zu einer Platte aus dunkler Fl�ssigkeit, die Gestalt annahm und zwei lange, in messerscharfen Klauen auslaufende Arme ausstreckte.</p><p>Ismael versuchte zur�ckzuweichen, doch der Schatten schnellte von der Wand wie eine Katze, glitt durch die Dunkelheit und duckte sich hinter ihn. F�r einen kurzen Augenblick konnte der Junge nur seinen eigenen Schatten sehen, der ihn beobachtete. Dann wuchs aus den Umrissen seiner eigenen Silhouette eine andere Gestalt hervor, die sich dickfl�ssig ausdehnte, bis sie seinen eigenen Schatten vollst�ndig verschluckt hatte. Der Junge merkte, wie Simones K�rper seinen Armen entglitt. Eine kr�ftige Faust aus eiskaltem Gas umklammerte seinen Hals und schleuderte ihn mit gewaltiger Kraft gegen die Wand.</p><p>�Ismael!�, schrie Irene.</p><p>Der Schatten wandte sich ihr zu. Das M�dchen rannte ans andere Ende des Zimmers, doch die Dunkelheit zu ihren F��en umschloss sie wie eine t�dliche Blume. Sie sp�rte die eisige, schaudererregende Ber�hrung des Schattens, der ihren K�rper umh�llte und ihre Muskeln l�hmte. Vergeblich versuchte sie sich zur Wehr zu setzen, w�hrend sie entsetzt zusah, wie sich von der Decke ein Tuch aus Finsternis herabsenkte, das allm�hlich die vertrauten Formen von Hannahs Gesicht annahm. Das gespenstische Ebenbild warf ihr einen hasserf�llten Blick zu, und zwischen den d�steren Lippen blitzten lange, feucht gl�nzende Rei�z�hne auf.</p><p>�Du bist nicht Hannah�, sagte Irene mit versagender Stimme.</p><p>Der Schatten schlug ihr ins Gesicht, und eine Schnittwunde klaffte in ihrer Wange. Die Blutstropfen, die aus der Wunde hervorquollen, wurden augenblicklich von dem Schatten absorbiert, als w�rden sie von einer starken Luftstr�mung angesogen. Zwei lange, spitze Krallen kamen langsam auf ihre Augen zu.</p><p>Als sich Ismael, noch benommen von dem Aufprall, wieder aufrappelte, h�rte er die raue, b�sartige Stimme. Der Schatten stand mitten im Raum und hatte Irene gepackt, bereit, sie zu vernichten. Der Junge schrie auf und warf sich gegen die Masse. Sein K�rper ging einfach so hindurch, und der Schatten zersprang in Tausende winziger Tr�pfchen, die wie ein Schauer aus fl�ssiger Kohle zu Boden prasselten. Ismael zog Irene hoch und brachte sie au�er Reichweite des Schattens. Dessen Bestandteile verschmolzen auf dem Fu�boden zu einem Wirbel, der die M�belst�cke ringsum ersch�tterte und als t�dliche Geschosse gegen W�nde und Fenster schleuderte.</p><p>Ismael und Irene warfen sich auf den Boden. Der Schreibtisch flog durch eine der Fensterscheiben und pulverisierte sie dabei f�rmlich. Ismael w�lzte sich auf Irene, um sie vor den Scherben zu sch�tzen. Als er wieder hochsah, nahm der dunkle Strudel festere Formen an. Zwei riesige schwarze Fl�gel breiteten sich aus, und der Schatten erschien wieder, gr��er und st�rker denn je. Er hob eine seiner Klauen und zeigte die offene Handfl�che. Zwei Augen und Lippen waren darauf zu sehen.</p><p>Ismael zog erneut sein Messer und hielt es der Erscheinung entgegen, w�hrend er sich vor Irene stellte. Der Schatten richtete sich auf und kam auf sie zu. Seine Faust umklammerte die Messerklinge. Ismael sp�rte, wie ein eisiger Strom seine Finger und seine Hand durchfuhr und seinen Arm l�hmte.</p><p>Die Waffe fiel zu Boden, und der Schatten h�llte den Jungen ein. Irene versuchte vergeblich, ihn festzuhalten. Der Schatten zerrte Ismael zum Feuer.</p><p>In diesem Moment �ffnete sich die T�r, und die Gestalt von Lazarus Jann erschien auf der Schwelle.</p><empty-line/><p>Das gespenstische Licht, das aus dem Wald drang, brach sich in der Windschutzscheibe des Polizeiautos, das den Konvoi anf�hrte. Hinter ihm rasten Doktor Girauds Wagen und ein bei der Klinik von La Rochelle angeforderter Rettungswagen �ber die Stra�e am Strand des Engl�nders.</p><p>Dorian, der neben Chefinspektor Henri Faure sa�, bemerkte als Erster den goldenen Lichtschein, der durch die B�ume drang. Hinter dem Wald waren die Umrisse von Cravenmoore zu erkennen, ein riesiges, geisterhaftes Karussell im Nebel.</p><p>Der Inspektor runzelte die Stirn und betrachtete diese Erscheinung, die er in den zweiundf�nfzig Jahren, die er in diesem Dorf lebte, noch nie gesehen hatte.</p><p>�Schneller!�, flehte Dorian.</p><p>Der Inspektor sah den Jungen an, und w�hrend er beschleunigte, begann er sich zu fragen, ob an der Geschichte von diesem angeblichen Unfall irgendetwas dran war.</p><p>�Gibt es da etwas, das du uns nicht erz�hlt hast?�</p><p>Dorian gab keine Antwort, sondern starrte einfach geradeaus.</p><p>Der Inspektor trat das Gaspedal ganz durch.</p><empty-line/><p>Der Schatten wandte sich um. Als er Lazarus sah, lie� er Ismael wie ein lebloses B�ndel fallen. Der Junge krachte heftig zu Boden und unterdr�ckte einen Schmerzensschrei. Irene rannte zu ihm.</p><p>�Bring ihn hier weg�, sagte Lazarus, w�hrend er langsam auf den zur�ckweichenden Schatten zuging.</p><p>Ismael bemerkte einen stechenden Schmerz in der Schulter und st�hnte.</p><p>�Bist du in Ordnung?�, fragte das M�dchen.</p><p>Der Junge murmelte etwas Unverst�ndliches, aber er stand auf und nickte. Lazarus warf ihnen einen durchdringenden Blick zu.</p><p>�Nehmt sie mit und verschwindet von hier�, befahl er.</p><p>Der Schatten vor ihm zischte wie eine Schlange vor ihrer Beute. Pl�tzlich sprang er an die Wand und wurde wieder von dem Bild verschluckt.</p><p>�Ihr sollt verschwinden, habe ich gesagt!�, br�llte Lazarus.</p><p>Ismael und Irene packten Simone und schleiften sie zur T�r. Bevor sie gingen, drehte sich Irene noch einmal zu Lazarus um und sah, wie der Spielzeugfabrikant an das Himmelbett trat und mit unendlicher Sanftheit die Vorh�nge zur Seite schlug. Dahinter war die Gestalt einer Frau zu erkennen.</p><p>�Warte�� fl�sterte Irene, w�hrend sich ihr Herz verkrampfte.</p><p>Es musste Alma sein. Ein Schauder durchlief ihren K�rper, als sie die Tr�nen auf Lazarus� Gesicht bemerkte. Der Spielzeugfabrikant umarmte Alma. Noch nie im Leben hatte Irene gesehen, wie jemand einen anderen mit solcher Zartheit umarmte. Jede Geste, jede Bewegung von Lazarus verrieten eine Liebe und eine Z�rtlichkeit, die nur aus lebenslanger Bewunderung erwachsen sein konnten. Almas Arme umschlangen ihn ebenfalls, und f�r einen magischen Moment waren beide in der Finsternis vereint, fernab von dieser Welt. Irene war den Tr�nen nahe, doch dann zeigte sich ihnen eine neue, bedrohliche Schreckensvision.</p><p>Der Schatten kroch langsam aus dem Bild und zum Bett hin�ber. Panik befiel das M�dchen.</p><p>�Vorsicht, Lazarus!�</p><p>Der Spielzeugfabrikant drehte sich um und sah, wie sich der Schatten rasend vor Wut vor ihm aufrichtete. Er hielt dem Blick dieses H�llenwesens stand, ohne Angst zu zeigen. Dann blickte er zu ihnen beiden her�ber; seine Augen schienen Botschaften auszusenden, die sie nicht verstanden. Pl�tzlich begriff Irene, was Lazarus vorhatte.</p><p>�Nein!�, schrie sie, w�hrend sie merkte, dass Ismael sie zur�ckhielt.</p><p>Der Spielzeugfabrikant ging auf den Schatten zu.</p><p>�Du wirst sie mir nicht noch einmal nehmen��</p><p>Der Schatten erhob eine seiner Klauen, um seinen Herrn zu attackieren. Lazarus griff in die Tasche seines Jacketts und zog einen gl�nzenden Gegenstand hervor. Einen Revolver.</p><p>Das Gel�chter des Schattens hallte durch den Raum wie das Keckern einer Hy�ne.</p><p>Lazarus dr�ckte den Abzug. Ismael starrte ihn verst�ndnislos an. Der Spielzeugfabrikant sah mit einem leisen L�cheln zu ihm, dann entglitt der Revolver seinen H�nden. Ein dunkler Fleck breitete sich auf seiner Brust aus. Blut.</p><p>Der Schatten brach in ein Geheul aus, das das gesamte Haus ersch�tterte. Es war ein Schrei des Entsetzens.</p><p>�Mein Gott��, wimmerte Irene.</p><p>Ismael eilte Lazarus zu Hilfe, doch der hielt ihn mit einer Handbewegung zur�ck.</p><p>�Nein. Lasst mich bei ihr. Und verschwindet von hier��, fl�sterte er, und ein Blutrinnsal floss aus seinem Mundwinkel.</p><p>Ismael st�tzte ihn und brachte ihn zum Bett. Der Anblick ihres bleichen, traurigen Gesichts traf ihn wie ein Schlag. Ismael stand Alma Maltisse von Angesicht zu Angesicht gegen�ber. Ihre tr�nenumflorten Augen blickten ihn starr an, in einem Schlaf verloren, aus dem sie nie erwachen w�rde.</p><p>Eine Maschine.</p><p>In all diesen Jahren hatte Lazarus mit einer Maschine gelebt, um die Erinnerung an seine Frau lebendig zu halten, die Erinnerung, die ihm der Schatten genommen hatte.</p><p>Wie benommen trat Ismael einen Schritt zur�ck. Lazarus sah ihn flehend an.</p><p>�Lass mich mit ihr allein� Bitte.�</p><p>�Aber es ist nur eine� eine��, setzte Ismael an.</p><p>�Sie ist alles, was ich habe��</p><p>Dem Jungen wurde klar, warum man die Leiche der Frau, die vor der Leuchtturminsel ertrunken war, nie gefunden hatte. Lazarus hatte sie aus dem Wasser gefischt und ihr wieder Leben eingehaucht, ein nichtvorhandenes, mechanisches Leben. Unf�hig, sich mit der Einsamkeit und dem Verlust seiner Frau abzufinden, hatte er aus ihrem K�rper ein Phantom geschaffen, ein trauriges Ebenbild, mit dem er in den vergangenen zwanzig Jahren zusammengelebt hatte. Und als er in Lazarus� brechende Augen blickte, wusste Ismael auch, dass Alexandra Alma Maltisse im Herzen des Fabrikanten auf eine ihm unbegreifliche Weise weiterlebte.</p><p>Lazarus warf ihm einen letzten, schmerzerf�llten Blick zu. Der Junge nickte langsam und ging zu Irene zur�ck. Sie bemerkte sein bleiches Gesicht, als h�tte er soeben dem Tod pers�nlich ins Auge geblickt.</p><p>�Was hast du?�</p><p>�Verschwinden wir von hier. Schnell�, dr�ngte Ismael.</p><p>�Aber��</p><p>�Ich habe gesagt, lass uns von hier verschwinden!�</p><p>Gemeinsam schleppten sie Simone in den Korridor. Mit einem Krachen fiel die T�r hinter ihnen zu; jetzt war Lazarus im Zimmer eingeschlossen. Irene und Ismael rannten, so schnell sie konnten, durch den Gang zur Haupttreppe, wobei sie versuchten, das unmenschliche Geheul zu ignorieren, das von der anderen Seite der T�r zu vernehmen war. Es war die Stimme des Schattens.</p><empty-line/><p>Lazarus Jann erhob sich vom Bett und stellte sich dem Schatten taumelnd entgegen. Dieser warf ihm einen verzweifelten Blick zu. Das winzige Loch, das die Kugel gerissen hatte, wurde immer gr��er und verzehrte auch ihn mit jeder Sekunde. Der Schatten setzte erneut zum Sprung an, um in dem Bild zu verschwinden, doch diesmal packte Lazarus ein brennendes Holzscheit und setzte das �lgem�lde in Brand.</p><p>Das Feuer breitete sich auf der Leinwand aus wie Wellen auf einem See. Der Schatten heulte auf. Zur gleichen Zeit begannen in der Dunkelheit der Bibliothek die Seiten des schwarzen Buches zu bluten, bis sie schlie�lich in Flammen aufgingen.</p><p>Lazarus schleppte sich wieder zum Bett, doch der Schatten st�rzte hinter ihm her, aufgebl�ht vor Wut und von den Flammen verzehrt, eine Spur aus Feuer hinter sich herziehend. Die Vorh�nge des Himmelbetts fingen Feuer, und die Flammen z�ngelten bis zur Decke und �ber den Fu�boden, alles verschlingend, was sie fanden. In Sekundenschnelle war das Zimmer ein flammendes Inferno.</p><p>Die Flammen leckten an einem der Fenster empor, und die Hitze lie� die wenigen Glasscheiben bersten, die noch heil waren, um dann mit uners�ttlicher Kraft die Nachtluft anzusaugen. Die Zimmert�r krachte lichterloh brennend in den Korridor, und langsam, aber unaufhaltsam griff das Feuer auf das ganze Haus �ber.</p><p>Durch die Flammen taumelnd, holte Lazarus den Kristallflakon hervor, der den Schatten jahrelang beherbergt hatte, und hielt ihn hoch. Mit einem verzweifelten Heulen verschwand der Schatten darin. Das Glas �berzog sich mit einem Netz aus Eis. Lazarus verschloss den Flakon, und nachdem er ihn ein letztes Mal betrachtet hatte, warf er ihn ins Feuer. Der Flakon zerbarst in tausend St�cke; der Schatten verging f�r immer wie der letzte Atemzug eines Fluchs. Und mit ihm sp�rte auch der Spielzeugfabrikant, wie langsam das Leben durch die t�dliche Wunde entwich.</p><empty-line/><p>Als Irene und Ismael aus dem Hauptportal st�rzten, die bewusstlose Simone zwischen sich, schlugen die Flammen bereits aus den Fenstern im dritten Stock. Binnen Sekunden zersprangen nacheinander alle Fensterscheiben und lie�en einen Platzregen aus gl�hend hei�em Glas auf den Park hinunterprasseln. Die beiden rannten zum Waldrand. Erst im Schutz der B�ume blieben sie stehen und blickten zur�ck.</p><p>Cravenmoore brannte.</p></section><section><title><p>13. Septemberlichter</p></title><p>In jener Nacht des Jahres 1937 wurden die absonderlichen Kreaturen, die das Universum des Lazarus Jann bev�lkert hatten, eine nach der anderen ein Raub der Flammen. Die Zeiger sprechender Uhren zerschmolzen zu F�den aus gl�hendem Blei. T�nzerinnen und mechanische Orchester, Zauberer, Hexen und Schachspielautomaten, Wunderwerke, f�r die es kein Morgen mehr geben w�rde� keines von ihnen wurde verschont. Stockwerk f�r Stockwerk, Zimmer f�r Zimmer l�schte der Geist der Zerst�rung f�r immer alles aus, was dieser magische Ort des Schreckens an Sch�tzen barg.</p><p>Jahrzehnte der Phantasie gingen in Rauch auf und lie�en nur ein H�ufchen Asche zur�ck. Nur die Flammen waren Zeuge, wie irgendwo in diesem Inferno die Fotografien und Zeitungsausschnitte vergl�hten, die Lazarus Jann gesammelt hatte, und als die Rettungskr�fte vor diesem gespenstischen Scheiterhaufen vorfuhren, der den mittern�chtlichen Himmel erleuchtete, schloss der ver�ngstigte Knabe von damals in einem Zimmer, in dem es kein Spielzeug gab und niemals geben w�rde, f�r immer die Augen.</p><p>Niemals in seinem Leben w�rde Ismael diese letzten Augenblicke von Lazarus und seiner Gef�hrtin vergessen. Das Letzte, was er hatte sehen k�nnen, war, wie Lazarus sie auf die Stirn k�sste. Damals schwor er sich, dass er ihr Geheimnis bis ans Ende seiner Tage f�r sich behalten w�rde.</p><empty-line/><p>Das erste Tageslicht enth�llte eine Wolke aus Asche, die �ber die purpurrote Bucht dem Horizont entgegenzog. Als sich in der Morgend�mmerung der Nebel �ber dem Strand des Engl�nders lichtete, zeichneten sich langsam die Ruinen von Cravenmoore hinter den Wipfeln des Waldes ab. Rauchspiralen stiegen in den Himmel und malten Bahnen aus schwarzem Samt auf die Wolken, durchbrochen nur von Vogelschw�rmen, die gen Westen flogen.</p><p>Die Nacht zog sich nur z�gerlich zur�ck, und der kupferfarbene Dunst, der weiter drau�en die Leuchtturminsel umh�llte, zerfloss zu einem Truggebilde aus wei�en Fl�geln, das in der morgendlichen Brise emporschwebte.</p><p>Irene und Ismael sa�en im wei�en Sand, irgendwo im Nirgendwo, und betrachteten die letzten Minuten jener langen Sommernacht des Jahres 1937. Schweigend hielten sie sich an den H�nden und sahen zu, wie die ersten rosaroten Sonnenstrahlen, die durch die Wolken brachen, eine Kette aus glitzernden Perlen �bers Meer streuten. Der Leuchtturm ragte dunkel und einsam aus dem Dunst. Ein L�cheln huschte �ber Irenes Lippen, als sie begriff, dass jene Lichter, die die Einheimischen im Nebel hatten aufleuchten sehen, nun f�r immer verl�schen w�rden. Die Septemberlichter waren mit der Morgend�mmerung verschwunden.</p><p>Nichts, nicht einmal die Erinnerung an die Ereignisse jenes Sommers, w�rde die umherirrende, in der Zeit verlorene Seele der Alma Maltisse auf ihrem letzten Weg noch l�nger aufhalten k�nnen. W�hrend die Brandung diese Gedanken davontrug, sah Irene zu Ismael hin�ber. Die Andeutung einer Tr�ne glitzerte in seinen Augen, doch das M�dchen wusste, dass er sie niemals weinen w�rde.</p><p>�Gehen wir nach Hause�, sagte er.</p><p>Irene nickte, und gemeinsam liefen sie am Strand entlang zum Haus am Kap. Dabei ging dem M�dchen nur ein einziger Gedanke durch den Kopf. In einer Welt voller Licht und Schatten mussten alle, musste jeder Einzelne von uns seinen eigenen Weg finden.</p><p>Als Simone ihnen Tage sp�ter anvertraute, was ihr der Schatten �ber die wahre Geschichte von Lazarus Jann und Alma Maltisse erz�hlt hatte, begannen sich alle Bruchst�cke des R�tsels zusammenzuf�gen. Doch die Tatsache, dass nun Licht auf das fiel, was sich wirklich ereignet hatte, �nderte nichts mehr am Lauf der Dinge. Der Fluch hatte Lazarus Jann von seiner tragischen Kindheit bis in den Tod verfolgt. Einen Tod, von dem er im letzten Moment begriff, dass er der einzige Ausweg war. Ihm blieb nichts anderes mehr, als seine letzte Reise anzutreten, um sich wieder mit Alma zu vereinen, nun unerreichbar f�r seinen Schatten und den b�sen Zauber jenes unbekannten Herrschers der Schattenwelt, der sich hinter dem Namen Daniel Hoffmann verbarg. Nicht einmal er w�rde mit all seiner Macht und seinen Machenschaften jemals das Band zerrei�en k�nnen, das Lazarus und Alma jenseits von Leben und Tod vereinte.</p><empty-line/><p><strong>Paris, 26.Mai 1947 </strong></p><empty-line/><p><emphasis>Lieber Ismael,</emphasis></p><p><emphasis>es ist viel Zeit vergangen, seit ich Dir das letzte Mal schrieb. Zu viel Zeit. Vor knapp einer Woche schlie�lich geschah das Wunder. Alle Briefe, die Du mir in diesen Jahren an meine alte Adresse geschrieben hast, wurden mir durch eine freundliche Nachbarin �berbracht, eine alte Frau von fast neunzig Jahren. Sie hatte sie all diese Zeit aufbewahrt in der Hoffnung, irgendwann werde sie jemand abholen kommen.</emphasis></p><p><emphasis>In diesen letzten Tagen habe ich sie wieder und wieder gelesen, bis zum �berdruss. Ich habe sie geh�tet wie meinen wertvollsten Schatz. Es f�llt mir schwer, die Gr�nde f�r mein Schweigen, die lange Abwesenheit, zu erkl�ren. Insbesondere Dir, Ismael. Ganz besonders Dir.</emphasis></p><p><emphasis>Die beiden Jugendlichen damals am Strand hatten keine Ahnung, dass sich nach dem Morgen, an dem Lazarus Janns Schatten f�r immer verschwand, ein noch viel schrecklicherer Schatten �ber die Welt legen w�rde. Der Schatten des Hasses. Wir alle dachten wohl an jene Worte �ber Daniel Hoffmann und seine �Aufgabe� in Berlin.</emphasis></p><p><emphasis>Als ich in jenen schrecklichen Kriegsjahren den Kontakt zu Dir verlor, schrieb ich Dir Hunderte von Briefen, die nie ankamen. Ich frage mich noch immer, wo sie wohl sind, wo all diese S�tze, all diese Dinge geblieben sind, die ich Dir sagen wollte. Du sollst wissen, dass die Erinnerung an Dich und an jenen Sommer in der Blauen Bucht in diesen furchtbaren Zeiten der Finsternis die Flamme war, die mich am Leben hielt, die Kraft, die mir half, Tag um Tag zu �berstehen.</emphasis></p><p><emphasis>Du wirst erfahren haben, dass Dorian eingezogen wurde und zwei Jahre in Nordafrika diente, von wo er mit einem Haufen absurder Blechmedaillen und einer Verletzung zur�ckkehrte, durch die er f�r den Rest seines Lebens hinken wird. Und er war einer der Gl�cklichen. Er kehrte zur�ck. Es wird Dich freuen, zu h�ren, dass er schlie�lich eine Anstellung im Kartographenamt der Handelsmarine bekam und in den raren Momenten, in denen seine Verlobte Michelle ihn l�sst (Du m�sstest sie sehen�), mit der Zirkelspitze Punkt f�r Punkt die Welt durchmisst.</emphasis></p><p><emphasis>Was soll ich Dir �ber Simone erz�hlen? Ich beneide sie um ihre St�rke und diese Beharrlichkeit, mit der sie uns alle so h�ufig durchgebracht hat. Die Kriegsjahre sind hart f�r sie gewesen, vielleicht noch mehr als f�r uns. Sie spricht nie dar�ber, aber manchmal, wenn ich sie schweigend am Fenster stehen sehe, wie sie die Vor�bergehenden betrachtet, frage ich mich, was wohl in ihrem Kopf vorgehen mag. Sie will das Haus nicht mehr verlassen und verbringt die Stunden in Gesellschaft von B�chern. Es ist, als w�re sie auf die andere Seite einer Br�cke gegangen, zu der ich keinen Zutritt habe�� Manchmal �berrasche ich sie dabei, wie sie alte Fotos von Papa betrachtet und dabei still vor sich hin weint.</emphasis></p><p><emphasis>Was mich betrifft, mir geht es gut. Vor einem Monat habe ich im Lazarett Saint Bernard aufgeh�rt, wo ich in den vergangenen Jahren gearbeitet hatte. Es wird abgerissen. Hoffentlich verschwinden mit dem alten Geb�ude auch die Erinnerungen an das Leid und den Schrecken, die ich w�hrend des Krieges dort miterlebt habe. Ich glaube, auch ich bin nicht mehr dieselbe, Ismael. In mir drinnen ist etwas geschehen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe vieles gesehen, von dem ich niemals dachte, dass es so etwas geben k�nne� Die Welt ist voller Schatten, Ismael. Schatten, die viel schlimmer sind als alles, wogegen wir beide in jener Nacht in Cravenmoore gek�mpft haben. Schatten, neben denen Daniel Hoffmann nichts weiter ist als ein Kinderspielzeug. Schatten, die jeder Einzelne von uns in sich tr�gt.</emphasis></p><p><emphasis>Manchmal bin ich froh, dass Papa sie nicht mehr sehen muss. Du wirst denken, dass ich eine wehm�tige Tr�umerin geworden bin. Ganz und gar nicht. Als ich Deinen letzten Brief las, machte mein Herz einen Satz. Es war, als w�re nach zehn dunklen, regenverhangenen Jahren die Sonne wieder aufgegangen. Ich lief wieder am Strand des Engl�nders entlang, erkundete die Leuchtturminsel, segelte an Bord der</emphasis> Kyaneos <emphasis>durch die Bucht. In meiner Erinnerung werden diese Tage immer die wundervollsten meines Lebens sein.</emphasis></p><p><emphasis>Ich will Dir ein Geheimnis verraten. In den langen Wintern�chten des Krieges, wenn die Sch�sse und die Schreie durch die Dunkelheit hallten, wanderten meine Gedanken oft dorthin zur�ck, zu Dir, zu jenem Tag, den wir gemeinsam auf der Leuchtturminsel verbrachten. H�tten wir diesen Ort doch nie verlassen! W�re dieser Tag doch nie zu Ende gegangen!</emphasis></p><p><emphasis>Vermutlich wirst Du Dich fragen, ob ich geheiratet habe. Die Antwort lautet nein. Nicht dass Du glaubst, es h�tte an Verehrern gemangelt. Ich bin immer noch eine recht begehrte junge Frau. Es gab ein paar Liebeleien. Sie kamen und gingen. Die Kriegstage waren zu hart, um alleine zu sein, und ich bin nicht so stark wie Simone. Aber mehr war es nicht. Ich habe gelernt, dass das Alleinsein manchmal ein Weg ist, der zum Frieden f�hrt. Und monatelang habe ich mir nichts mehr gew�nscht als das: Frieden.</emphasis></p><p><emphasis>Das ist alles. Oder nichts. Wie soll ich Dir all meine Gef�hle, all meine Erinnerungen dieser Jahre schildern? Am liebsten w�rde ich sie mit einem Federstrich tilgen. Ich w�nschte, meine letzte Erinnerung w�re die an jenen Sonnenaufgang am Strand und ich w�rde feststellen, dass all diese Zeit nur ein langer Alptraum gewesen ist. Ich w�re gerne wieder ein f�nfzehnj�hriges M�dchen, das die Welt um sich herum nicht begreift, doch das ist unm�glich.</emphasis></p><p><emphasis>Ich will nicht mehr schreiben. Beim n�chsten Mal w�rde ich gerne pers�nlich mit Dir sprechen.</emphasis></p><p><emphasis>In einer Woche wird Simone f�r ein paar Monate zu ihrer Schwester nach Aix-en-Provence fahren. An diesem Tag werde ich zur Gare d�Austerlitz gehen und wie vor zehn Jahren den Zug in die Normandie nehmen. Ich wei�, dass Du mich erwarten wirst, und ich wei�, dass ich Dich in der Menge erkennen werde, so wie ich Dich auch erkennen w�rde, wenn tausend Jahre vergangen w�ren. Das wei� ich schon lange.</emphasis></p><p><emphasis>Vor einer Ewigkeit, in den schlimmsten Tagen des Krieges, hatte ich einen Traum. Darin ging ich mit Dir am Strand des Engl�nders entlang. Die Sonne ging unter, und die Leuchtturminsel war im Dunst zu erkennen. Alles war wie fr�her: das Haus am Kap, die Bucht� Sogar die Ruinen von Cravenmoore hinter dem Wald. Alles, nur wir nicht. Wir waren alt geworden. Du konntest nicht mehr zur See fahren, und meine Haare waren schlohwei�. Aber wir waren zusammen.</emphasis></p><p><emphasis>Seit jener Nacht wusste ich, dass irgendwann, ganz gleich, wann, unser Augenblick kommen w�rde. Dass an einem fernen Ort die Septemberlichter f�r uns aufleuchten w�rden und diesmal keine Schatten auf unseren Weg fielen.</emphasis></p><p><emphasis>Diesmal w�rde es f�r immer sein.</emphasis></p></section><section><title><p>�ber Carlos Ruiz Zaf�n</p></title><p>Carlos Ruiz Zaf�n wurde 1964 in Barcelona geboren und lebt heute in Los Angeles. Mit den fulminanten Barcelona-Romanen �Der Schatten des Windes�, �Das Spiel des Engels� und �Marina� begeistert er ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt; seine B�cher wurden in �ber 40 Sprachen �bersetzt. Die ersten gro�en Erfolge feierte er mit drei phantastischen Schauerromanen, darunter �Der dunkle W�chter�. Bei FJB sind ebenso �Der F�rst des Nebels� und �Mitternachtspalast� erschienen.</p></section><section><title><p>Impressum</p></title><p>Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel</p><empty-line/><p>�Las Luces de Septiembre� im Verlag Edeb�, Barcelona</p><empty-line/><p>� Dragonworks, S.L.</p><empty-line/><p>F�r die deutsche Ausgabe:�</p><p>� 2009 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main</p><p>Dieses E-Book ist urheberrechtlich gesch�tzt.�</p><p>Covergestaltung: Hauptmann + Kompanie, M�nchen,�</p><p>nach einer Idee von opalworks</p><empty-line/><p>Coverabbildung: corbis</p><p>ISBN 978-3-10-401696-2</p></section></body><binary id="cover" 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