<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Paul</first-name><last-name>Harding</last-name></author><book-title>Der Zorn Gottes</book-title><annotation><p>�Vom schlachtschlagenden Ritter �ber steifgefrorene, am Galgen baumelnde Piraten und von Ratten angenagten Skeletten bis hin zu sinnierenden Meuchelm�rdern ist alles versammelt, was das mordliebende Herz begehrt. Das ist eben die sch�ne heile Welt des Mittelalters, in der ungeniert Urtriebe ausgelebt werden k�nnen. Macht auch beim Lesen viel Spa�.�</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="Cranston &amp; Athelstan" number="4"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-14">14.3.2013</date><id>D355B3C7-ECAD-4289-8AC2-CBBB087205DF</id><version>1.0</version></document-info></description><body><section><title><p><strong>Prolog</strong></p></title><p>Der Mann, der in der Ecke des verlassenen Friedhofs zwischen der Poor Jewry und der Sybethe Lane wartete, zuckte zusammen, als eine Eule in der alten Eibe �ber ihm mit klagendem Ruf ihre Geisterschwingen ausbreitete und wie ein dunkler Engel �ber wucherndes Gras und Dornengestr�pp davonschwebte. Der Beobachter sah, wie der Vogel sich auf sein kreischendes Opfer st�rzte und dann wieder m�helos wie eine Rauchwolke zum sternenklaren Himmel aufstieg. Den Mann schauderte, und er fluchte. Geschichten aus seiner Kindheit fielen ihm ein, Geschichten von Gestaltwandlern, jenen Hexen und alten Weibern der Finsternis, die ihr Aussehen ver�ndern konnten und dann solche verlassenen, einsamen Orte heimsuchten. Die Nacht war warm, aber dem Mann war kalt. Die Zeiten waren unruhig. Tags�ber lachte er �ber die Klatschgeschichten von einem Anker an einem Seil, der aus einer Wolke herabhing und in einem Erdh�gel bei Tilbury steckte. Oder vom K�nig der Pygm�en mit seinem gro�en Kopf und feurigen Antlitz, den man gesehen hatte, wie er auf einer Ziege durch die W�lder im Norden der Stadt geritten war. Lachende Teufelchen, so klein wie Spitzm�use, sprangen wie Fische im Netz im Gras um den Galgen zu Tyburn herum. Solche Geschichten waren nur ein Spiegel der Zeiten, Widerhall des Prophetenwortes: �Wehe dem K�nigreich, dessen K�nig ein Kind ist!�</p><p>Eine Prophezeiung, die jetzt in England wahr wurde: Der goldhaarige Richard war nur ein Knabe, und die Staatsgesch�fte lagen in den H�nden seines raffgierigen Onkels, des Regenten John von Gaunt, des Herzogs von Lancaster, der unf�hig schien, Balsam in die Wunden des Reiches zu gie�en. Franz�sische Cialeeren �berfielen und pl�nderten die St�dte an der Kanalk�ste. Im Norden dr�ngten die Schotten �ber die Grenze und feierten Orgien des Brandschatzens und Pl�nderns, und in den Grafschaften rings um London protestierten die Bauern, unter der Steuerlast �chzend und an die Scholle gefesselt, erbittert gegen die Herren des Landes und planten blutige Aufst�nde.</p><p>Gaunt aber war glitschig wie ein Fisch: Au�erstande, dem rebellischen Volk noch weitere Steuern abzupressen, hatte er jetzt das Wunder vollbracht, die in Auseinandersetzungen verstrickten Gilden von London zu einen, um Geld von den reichen B�rgern und Kaufleuten zu bekommen. Dem mu�te ein Ende gemacht werden. Der Beobachter im Dunkel w�nschte nur, es g�be einen leichteren Weg, das zu bewerkstelligen. Er nagte an seiner Unterlippe. Gaunt mu�te vernichtet werden, das war das Wichtigste. Mit der Revolte w�rde im K�nigreich eine neue Ordnung errichtet werden, und die �Gro�e Gemeinschaft�, wie die Bauernf�hrer sich selbst nannten, w�rde entscheiden, wer leben und wer sterben sollte, wer Macht bekommen und wer Handel treiben w�rde. Die Umsichtigen in der Stadtregierung machten bereits Anstalten, mit diesen M�nnern Freundschaft zu schlie�en.</p><p>�Ich bin hier.�</p><p>Der Mann schrak zusammen. H�rte er Gespenster?</p><p>�Ich bin hier�, wiederholte die Stimme, leise und kehlig.</p><p>�Wo bist du?�</p><p>�Wir haben dich umzingelt. Beweg dich nicht. Lauf nicht weg. H�re, was ich dir zu sagen habe.�</p><p>�Wie hei�t du?� fragte der Mann und versuchte, seinen rasenden Herzschlag zu bremsen und die Panik, die ihm die Ged�rme zusammenknotete.</p><p>�Ich bin Ira Dei�, antwortete die Stimme aus der Dunkelheit des Friedhofs. �Ich bin der Zorn Gottes. Und Gottes Zorn wird sich ergie�en �ber jene, die ernten, wo sie nicht ges�t haben, die Gewinne sammeln, wo sie kein Recht dazu haben, und die die Armen der Erde unterdr�cken, als w�ren sie W�rmer und sonst nichts.�</p><p>�Was wollt ihr?�</p><p>�Alles neu machen. Dieses K�nigreich in ein Zeitalter der Unschuld f�hren, denn als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?�</p><p>*</p><p>Der Mann nickte. Er hatte diesen Knittelvers schon von den Bauern geh�rt, die ihn wie eine Hymne best�ndig sangen; sie wollten auf London marschieren, die Stadt in Glut und Asche legen, den Onkel des K�nigs ergreifen, ihm den Kopf abschlagen und auf eine Stange stecken und dann eine Prozession veranstalten.</p><p>�Bist du f�r uns?� fragte die Stimme.</p><p>�Nat�rlich!� stammelte der Mann.</p><p>�Und machen die Pl�ne des Regenten Fortschritte?�</p><p>�Das Bankett ist morgen abend.�</p><p>�Dann mu�t du handeln. Tu, was wir wollen, und wir betrachten dich als Freund.�</p><p>�Ich habe einen Plan�, antwortete der Mann. �H�rt zu ��</p><p>�Still!� schnarrte die Stimme. �Wenn du zu uns geh�ren willst, dann mu�t du Gaunts Pl�ne durchkreuzen. Wie du das tust, ist uns gleich, aber wir werden dich beobachten. Adieu.�</p><p>Der Mann sp�hte angestrengt in die Dunkelheit. Ein Zweig knackte, eine Eule schrie, aber als er rief, hallten seine Worte hohl durch die Stille.</p><p>Eine Meile weiter s�dlich glitt �ber das schwarze, stinkende Wasser der Themse ein kleines Ruderboot mit einer verh�llten Gestalt zwischen die Strombrecher der London Bridge. Der Mann band die Leine sorgfaltig an einen rostigen Ring und kletterte dann den Balken hinauf zu dem blutgetr�nkten Gitter, wo auf Stangen die abgeschlagenen H�upter blicklos �ber den Flu� starrten. Der Mann fluchte und grinste dann.</p><p>�Wie kann man sich eine solche Nacht aussuchen?� wisperte er. Der Flu� stank wie ein Abort, weil die M�llbarken voller Dreck und menschlicher Abf�lle den ganzen Abend flei�ig ihre Jaucheberge ins Wasser gekippt hatten; der Gestank w�rde tagelang nicht vergehen. Dennoch mu�te der Dieb rasch handeln: Der franz�sische Pirat war am Nachmittag hingerichtet worden, sein Kopf noch frisch, die Haut sauber, die Augen noch nicht von den Kr�hen ausgehackt. Vorsichtig sein mu�te er trotzdem. Schon ging das Ger�cht, die Verwaltungsbeh�rden und ganz besonders dieser dicke Riese, Sir John Cranston, der k�nigliche Coroner der Stadt, seien mi�trauisch geworden angesichts der vielen Gliedma�en und abgeschlagenen K�pfe, die von der London Bridge verschwanden.</p><p>Der Dieb, ganz in Schwarz gekleidet und mit schweren Stiefeln, die ihm auf dem glitschigen Holz besseren Halt gaben, hatte jetzt den Vorsprung unter den blutverschmierten Stangen erreicht. Er kauerte im Dunkeln und spitzte die Ohren, um die verschiedenen Ger�usche zu unterscheiden: Eine Barke mit ausgelassenen M�nnern, die betrunken wie die Lords von den Bordellen in Southwark nach Botolph's Wharf zur�ckfuhren; das Pl�tschern und Murmeln des Flusses und fernes Rufen an den Ufern; der L�rm von Schiffen, die zum Auslaufen mit der morgendlichen Flut klargemacht wurden - und vor allem die schweren Schritte der Wachen, die am Aufgang der Br�cke hin und her gingen.</p><p>Der Dieb wartete eine Weile und atmete ger�uschlos; endlich schienen die Wachen m�de zu werden und kehrten zu ihrem kleinen Kohlenbecken zur�ck, um sich aufzuw�rmen. Da kletterte er auf die Br�cke und tappte leise wie eine Katze zu den langen Stangen, die mit ihrer grausigen Zier in den Himmel ragten. Er sp�hte hinauf in die Dunkelheit. Er mu�te achtsam sein. So viele Hinrichtungen, so viele abgeschlagene K�pfe - er wollte nicht den falschen nehmen. Er war am Abend dagewesen, als die K�pfe aufgestellt wurden, aber seitdem konnten sie vertauscht worden sein. Dann sah er die kleine Blutpf�tze am Fu�e einer Stange. Er l�chelte, hob sie behutsam aus ihrer Halterung, nahm den Sch�del von der Spitze, steckte ihn in einen Beutel und kletterte am Balkenwerk hinunter in sein Boot.</p><p>*</p><p>Am S�dufer der Themse, im Labyrinth der tristen, schmutzigen Gassen von Southwark, waren die Schenken noch hell erleuchtet, w�hrend die Meisterdiebe mit ihren Gaunerbanden ihrem �blen Gesch�ft nachgingen: F�lscher, Betr�ger, Taschendiebe und R�uber wollten die Nacht m�glichst gewinnbringend nutzen. Auch andere arbeiteten: Katzenf�nger, die auf der Jagd nach billigem Pelz waren und Fleisch, das sie verkaufen konnten, Hundekotsammler, die S�cke mit stinkender Ware an die Gerber verkaufen wollten, und die Gelegenheitsarbeiter, die von Bierschenke zu Bierschenke zogen und Arbeit suchten, noch ehe der Tag begann. In den Stra�en herrschte gesch�ftiges Treiben, aber in einem gro�en, dreigeschossigen Fachwerkhaus, das ganz offensichtlich bessere Zeiten gesehen hatte � war es dunkel und still.</p><p>Der Hausbesitzer und seine Frau standen stumm und wie versteinert in der T�r zur Kammer ihrer Tochter. Sie sahen sie im Licht einer einzelnen Kerze aufgerichtet in den Polstern sitzen. Die Bettvorh�nge waren weit zur�ckgezogen. Die beiden warteten darauf, da� das Grauenvolle begann, und der Mann schaute das M�dchen beschw�rend an.</p><p>�Elizabeth, wird es wiederkommen?� fragte er flehentlich.</p><p>Seine bleiche Tochter starrte ihn nur an; ihre Augen waren glasig und blicklos.</p><p>�Oh, Elizabeth�, hauchte der Mann, �warum tust du uns das an?�</p><p>�Du wei�t, warum!� kreischte das M�dchen pl�tzlich und beugte sich vor. �Du hast meine Mutter umgebracht, um diese Hure zu heiraten.� Ihre Hand scho� vor und deutete auf die goldblonde, h�bsche zweite Frau ihres Vaters.</p><p>�Das ist nicht wahr�, antwortete er. �Elizabeth, deine Mutter ist krank geworden und gestorben. Ich konnte nichts dagegen tun.�</p><p>�L�gen!� kreischte das M�dchen.</p><p>Sprachlos vor Entsetzen starrten der Mann und seine Frau das M�dchen an, das immer, wenn es dunkel wurde, ein anderer Mensch wurde, ein wahres Zankweib, eine Hexe der Nacht, die behauptete, da� der Geist ihrer Mutter sie besuche und beide als M�rder, Attent�ter und Giftmischer beschimpfte.</p><p>�H�rt nur!� zischte sie. �Mutter kommt wieder!�</p><p>Der Mann lie� den Arm von den Schultern seiner Frau sinken; ein Schauer lief ihm �ber den R�cken, und seine Nackenhaare str�ubten sich angstvoll. Und richtig, im ganzen Haus begann es zu tappen und zu klopfen. Erst im Erdgescho�, dann immer weiter oben, als krieche etwas zwischen Wand und T�felung herauf; langsam und vorsichtig wie eine von der H�lle ausgespuckte Kreatur, bahnte es sich seinen scheu�lichen Weg zu dieser Schlafkammer. Immer lauter wurde das Klopfen und erf�llte bald den ganzen Raum. Der Mann hielt sich die Ohren zu.</p><p>�Aufh�ren!� schrie er. Er ri� sich das Kruzifix vom G�rtel und streckte es seiner bleichen Tochter entgegen. �Im Namen Jesu Christi, ich befehle dir, aufzuh�ren!�</p><p>Aber das Klopfen ging weiter - ein ratterndes Geklapper, das ihn um den Verstand zu bringen drohte.</p><p>�Ich kann nicht mehr�, fl�sterte die Frau an seiner Seite. �Walter, ich kann nicht mehr.�</p><p>Sie rannte die Treppe hinunter und lie� ihren schreckensstarren Mann stehen. Pl�tzlich h�rte das Klopfen auf. Das M�dchen beugte sich vor, und ihre Gesichtshaut war nicht nur wei�, sondern so straff, da� ihr Kopf wie ein Totensch�del wirkte; ein Eindruck, der durch das rabenschwarze, am Hinterkopf zu einem festen Knoten gebundene Haar noch verst�rkt wurde. Der Mann tat einen Schritt nach vorn und schaute seiner Tochter in das fahle Gesicht. Ihre Augen waren leblos, zwei kleine Punkte aus schwarzem Obsidian, die ihn ha�erf�llt anfunkelten, und die roten, weichen Lippen kr�uselten sich in bitterem Hohn.</p><p>Er wollte noch einen Schritt machen, als das Rattern wieder begann, ein kurzer, heftiger L�rm, der gleich wieder erstarb. Der Mann roch den furchtbaren Gestank, an den er sich noch gut erinnern konnte. Sein Mut verlie� ihn; er fiel auf die Knie und starrte seine Tochter mitleidheischend an.</p><p>�Elizabeth!� flehte er. �Im Namen Gottes!�</p><p>�Im Namen Gottes, Walter Hobden, du bist ein M�rder!�</p><p>Der Mann hob den Kopf. Seine bleiche Tochter starrte ihn an; ihre Lippen bewegten sich, aber die Stimme war die seiner toten Frau - genau ihre Intonation, die Art, wie sie das �R� in seinem Vornamen betonte.</p><p>�Walter Hobden, Fluch �ber dich f�r den Wein, den du mir gegeben hast, und das rote Arsen, das er enthielt - ein t�dlicher Trank, der meinen Magen zerfra� und mein Leben vorzeitig beendete, damit du dich ungehindert deinen schmutzigen Gel�sten und heimlichen W�nschen hingeben konntest. Ich war deine Frau. Ich bin deine Frau. Und ich komme aus dem Fegefeuer, um dich zu warnen. Solange deine Seele mit meinem Blut besudelt ist, werde ich dich heimsuchen. Glaube mir, ich habe den Ort gesehen, der in der H�lle auf dich wartet. Du mu�t gestehen! Ich will Gerechtigkeit - erst dann bekommst du deine Absolution.�</p><p>Walter Hobden duckte sich, zitternd vor Angst.</p><p>�Nein! Nein! Nein!� murmelte er. �Das ist nicht wahr! Es ist eine L�ge!�</p><p>�Keine L�ge!� kreischte die Stimme.</p><p>Hobden konnte nicht mehr. Er drehte sich um, kroch wie ein gepr�gelter Hund aus dem Raum und rannte die Treppe hinunter, w�hrend seine Tochter erzitterte, die Augen schlo� und in die Kissen zur�cksank.</p><p>Hobden schlo� seine Kammert�r von innen, lehnte sich dagegen, atmete tief ein und starrte mit wildem Blick in das angsterf�llte Gesicht seiner zweiten Frau. Sie reichte ihm einen Becher Wein.</p><p>�Trink, Gemahl.�</p><p>Er taumelte auf sie zu, ri� ihr den Becher aus der Hand und st�rzte den schweren, s��en Wein herunter.</p><p>�Was soll ich tun?� fragte er mit rauher Stimme. �Warum tut Elizabeth mir das an?�</p><p>Er setzte sich neben sie auf die Bettkante, und sie hielt seine Hand, w�hrend er den Wein schluckte; seine Finger waren kalt wie Eiszapfen.</p><p>�Eleanor?� Er starrte �ber den Becherrand. �Was sollen wir tun? Ist sie besessen? Hat irgendein D�mon von ihrer Seele Besitz ergriffen?�</p><p>Eleanors scharfe Augen flackerten verachtungsvoll. �Sie l�gt und verstellt sich!� versetzte sie. �Deine Tochter hat sich mit einer eingebildeten Krankheit ins Bett gelegt.� Sie wischte ihrem Mann den Schwei� von der Stirn. �Walter, sie t�uscht dich. Sie spielt ein �bles Spiel mit dir.�</p><p>�Wie kann das sein?� antwortete er. �Du h�rst doch das Klopfen. Ich habe ihre H�nde beobachtet. Sie liegen auf der Decke. Wie soll sie das einf�deln, hm? Und wie bringt sie den gr��lichen Geruch zustande und die Stimme? Ich habe ihr Zimmer durchsucht, als sie schlief. Ich kann nichts finden.�</p><p>�Wenn das so ist�, sagte Eleanor scharf, �dann ist sie besessen und geh�rt zusammen mit dieser alten Hexe, ihrer Amme, an einen anderen Ort. In ein Spital, oder in ein Haus f�r Irrsinnige. Oder��</p><p>�Oder?� fragte er hoffnungsvoll. �Wenn das stimmt, wenn der Geist ihrer Mutter wirklich zur�ckkommt, dann mu� es ein verkleideter D�mon sein, der solche L�gen ausspuckt. Dann m�ssen sie und die Kammer einem Exorzismus unterzogen und gesegnet werden.�</p><p>�Aber wer kann das �bernehmen?� Eleanor entwandt seinen starren Fingern den Weinbecher. �Pfaffen gibt es zwei f�r einen Penny.� Sie legte ihm die Arme um seinen Hals und k��te ihn sanft auf die Wange. �Vergi� diese Geister. Deine Tochter ist eine Betr�gerin�, fl�sterte sie. �Und ich werde sie als L�gnerin entlarven!�</p></section><section><title><p><strong>Eins</strong></p></title><p>Sir John Cranston sa� auf der Fensterbank eines Schlafgemachs in einem Haus an der Milk Street am Rande von Westchepe. Er starrte aus dem Glasfenster, das einen guten Blick auf die Kirche von St. Mary Magdalen bot, und beobachtete einen wohlhabend aussehenden Reliquienh�ndler, der seinen Stand aufbaute und die Kunden zusammenrief. Cranston l�chelte ohne Heiterkeit, als er den Burschen kr�hen h�rte; leise klangen die Worte von der Stra�e herauf.</p><p>�Schaut her, ich habe hier Jesu Milchzahn, den er mit zw�lf Jahren verlor! Einen Finger vom Hl. Sylvester! Ein St�ck von dem Sattel, auf dem Christus nach Jerusalem einritt. Und in dieser sch�n beschlagenen Kiste den Arm des Hl. Polycarp - das einzige, was von ihm �brigblieb, nachdem die L�wen ihn in Rom in der Arena in St�cke gerissen hatten. Ihr guten Leute, diese vom Heiligen Vater gesegneten Reliquien k�nnen Wunder wirken und tun es auch!�</p><p>Cranston sah, wie sich leichtgl�ubige Zuschauer um ihn dr�ngten. Ein Gauner, dachte er. Er schaute hin�ber zu dem Leichnam, der auf dem Vierpfostenbett aufgebahrt lag, sorgsam in ein Leichentuch gewickelt; nur das Gesicht schaute hervor, das mit offenem Mund und halb geschlossenen Augen auf dem Kissen ruhte.</p><p>�Es tut mir leid�, murmelte Cranston in das stille Zimmer. Er stand auf, trat an das Bett und betrachtete das graue, eingefallene Gesicht seines ehemaligen Kameraden.</p><p>�Es tut mir leid�, wiederholte er. �Ich, Sir John Cranston, des K�nigs Coroner in London, ein Mann, der mit F�rsten speist, der Gemahl der Lady Maude aus Tweng in Somerset, Vater der beiden Kerlchen, meiner geliebten S�hne Francis und Stephen, ich bin traurig, weil ich dir nicht helfen konnte. Dir, meinem Waffenbruder, meiner rechten Hand in unseren Schlachten gegen die Franzosen. Jetzt liegst du da, ermordet, und ich kann es nicht einmal beweisen.�</p><p>Cranston schaute sich in dem Schlafgemach um und betrachtete die kostbare Einrichtung: silberne Becher, ein fein geschnitztes Lavarium, Schr�nke und taftgepolsterte St�hle, seidene Kissen und Baldachine und einen Kandelaber aus Goldfiligran.</p><p>�Was n�tzt es einem Mann�, murmelte Cranston, �wenn er die ganze Welt gew�nne - nur um dann von seiner Frau umgebracht zu werden?�</p><p>Er fischte zwei Pennies aus seiner B�rse und legte sie dem Toten auf die Augenlider; dann bedeckte er das Gesicht mit dem Leichentuch. Er seufzte und ging zum Fu�ende des Bettes. Als es pl�tzlich hinter ihm raschelte, schrak er zusammen.</p><p>�Verfluchte Ratten!� knurrte er, als er den geschmeidigen, langschw�nzigen, fetten Nager sah, der unter einen Schrank glitt und an der Holzt�felung scharrte. Ein zweites Tier kam unter dem Lavarium hervor und wich m�helos dem Kerzenleuchter aus, den der w�tende Cranston nach ihm schleuderte.</p><p>�Verdammte Ratten!� wiederholte er. �Die Stadt ist verseucht von ihnen. Die Hitze lockt sie heraus.�</p><p>Er betrachtete den einsamen, verh�llten Leichnam seines Freundes. Als er gekommen war, hatte Sir Oliver Ingham schon seit Stunden tot dagelegen, und zwei Ratten nagten an seiner Hand. Cranston hatte Inghams h�bsches junges Weib lautstark beschimpft, aber sie hatte nur verschlagen gel�chelt und gesagt, sie habe ihr Bestes getan, den Leichnam ihres Gatten zu sch�tzen, seit er vor einer Weile von einem Diener gefunden worden sei.</p><p>�Er hatte ein schwaches Herz, Sir John�, hatte sie gelispelt und dabei eine zarte, wei�e Hand auf den Arm ihres �guten Vetters� Albric Totnes gelegt.</p><p>�Ein feiner Vetter!� knurrte Cranston. �Ich wette, die zwei haben zwischen den Laken getanzt, w�hrend Oliver im Sterben lag. Verdammte M�rderbande!�</p><p>Er w�hlte in seiner B�rse und f�rderte einen kurzen Brief zutage, den Oliver Ingham ihm am Tag zuvor geschickt hatte. Er setzte sich und las ihn noch einmal, und seine gro�en, vorquellenden Augen f�llten sich mit Tr�nen.</p><p><emphasis>Ich sterbe, alter Freund. Ich habe die gr��te Torheit begangen, die ein alter Mann begehen kann: Ich habe eine Frau geheiratet, die vierzig Jahre j�nger ist ab ich. Eine Ehe zwischen Mai und Dezember, f�rwahr, aber ich glaubte, sie liebt mich. Ich mu�te feststellen, da� sie es nicht tut. Aber ihr L�cheln und ihre Ber�hrung haben mir gen�gt. Jetzt merke ich, da� sie mich betrogen hat und wom�glich meinen Tod plant. Wenn ich pl�tzlich sterbe, alter Freund, und wenn ich allein sterbe, dann wurde ich ermordet. Meine Seele wird zu Gott um Rache schreien und zu Dir um Gerechtigkeit. Vergi� mich nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Oliver</emphasis></p><p>Cranston faltete das Pergament s�uberlich zusammen und steckte es ein. Noch hatte er es niemandem gezeigt, aber er glaubte, da� sein Freund recht hatte. Etwas in seinem Blut fl�sterte �Mord!�, aber wie sollte er das beweisen? Sir Oliver war am Vormittag von einem Diener tot in seinem Bett gefunden worden, und man hatte nach Cranston geschickt, weil er sein Freund war und noch dazu der Coroner. Bei seiner Ankunft hatte er Inghams junge Frau Rosamund zusammen mit ihrem �Vetter� auf dem S�ller beim Essen vorgefunden, und der Arzt der Familie, ein kahlk�pfiger, frettchengesichtiger Mann in stinkenden Gew�ndern, hatte schlicht erkl�rt, Sir Olivers schwaches Herz habe versagt und seine Seele sei zu Gott gegangen.</p><p>Cranston stand auf und ging wieder zum Bett; dort lag noch immer der Krug, den Oliver im Todeskampf vom Tisch gesto�en hatte. Auf sein Dr�ngen hatte der Arzt zuerst am Krug, dann an Olivers liebstem Becher geschnuppert und feierlich verk�ndet:</p><p>�Nein, Sir John. Nichts als Rotwein und vielleicht ein bi�chen von dem Fingerhut, den ich Sir Oliver zur Kr�ftigung des Herzens verschrieben habe.�</p><p>�K�nnte jemand mehr davon hineingetan haben?� hatte Cranston gefragt.</p><p>�Nat�rlich nicht!� war die schroffe Antwort gewesen. �Was wollt Ihr damit andeuten, Sir John? Eine gr��ere Dosis Fingerhut, und Becher und Krug w�rden danach stinken.�</p><p>Sir John hatte sich gef�gt und nach Theobald de Troyes geschickt, seinem eigenen Arzt - einem Mann, der sich auf seine Kunst verstand und so viele bei Hofe zu seinen Patienten z�hlte. Theobald hatte Leichnam, Becher und Krug auf das gr�ndlichste untersucht.</p><p>�Der Arzt hat recht�, hatte er schlie�lich gesagt. �Wi�t Ihr, Sir John, wenn Sir Oliver zuviel Fingerhut abbekommen h�tte, w�rde sein Leichnam Spuren davon aufweisen. Aber ich kann nur die Wirkung eines pl�tzlichen Anfalls entdecken, und der Becher enth�lt nichts als Spuren von Wein und ein wenig Fingerhut, aber nicht mehr, als ein guter Arzt verschreiben w�rde. Der Krug riecht auch nicht nach Fingerhut.�</p><p>�Irgendwelche Spuren von Gewalt?� hatte Cranston gefragt.</p><p>�Nicht die geringsten, Sir John.� Theobald hatte den Blick gesenkt. �Nur die Rattenbisse an den Fingern der rechten Hand, Sir John. Als Sir Oliver gestern abend zu Bett ging, f�hlte er sich nicht wohl. Seine Diener h�rten, wie er �ber Schw�che, Schwindel und Schmerzen in der Brust klagte. Er schlo� seine Kammert�r ab und lie� den Schl�ssel im Schlo� stecken. Die Fenster waren mit Vorh�ngeschl�ssern gesichert. Niemand konnte hinein, um ihm etwas anzutun.�</p><p>Sir John hatte gegrunzt und ihn verabschiedet. Nun sa� er seit zwei Stunden in diesem Gemach und fragte sich, wie der Mord begangen sein mochte.</p><p>�Ich w�nschte, Athelstan w�re hier�, seufzte er. �Vielleicht w�rde er wissen, was hier nicht stimmt. Der verdammte M�nch! Und ich w�nschte, er w�rde den verflixten Kater mitbringen!�</p><p>Cranston dachte an Athelstans wild aussehenden Kater Bonaventura, den sein Freund und Sekret�r f�r den besten Rattenf�nger von ganz Southwark hielt. Cranston seufzte, bekreuzigte sich, senkte den Blick und sprach ein Gebet f�r den Toten.</p><p>�Gew�hre meinem Freund Oliver die ewige Ruhe�, murmelte er, und seine Gedanken wanderten um Jahre zur�ck� Gro� und stark stand Oliver an seiner Seite, als die franz�sischen Ritter die Reihen der Engl�nder bei Poitiers durchbrachen. Das Schlachtget�se, das Wiehern der Streitr�sser, das Klirren der Schwerter, das leise Schwirren der Pfeile, das Stechen und Hacken, als sie und ein paar andere die ganze Wucht eines letzten Verzweiflungsangriffs der Franzosen auffingen. Der Boden unter ihren F��en war glitschig vom Blute. Cranston stand breitbeinig da und lie� sein Schwert kreisen wie eine m�chtige Sense, als die franz�sischen Ritter zum letzten Schlag herandr�ngten.</p><p>Ein ungeheurer Riese st�rmte auf ihn zu; sein Helm hatte die Form eines Teufelskopfes mit breit geschwungenen H�rnern, und die gelbe Feder wogte im Abendwind. Cranston sah stahlumh�llte Arme mit einer gewaltigen Streitaxt ausholen; er sprang beiseite, glitt aus und fiel in den Schlamm. Er erwartete den t�dlichen Hieb, aber da stand Oliver �ber ihm, fing die Wucht der Axt mit seinem Schild auf, griff dann den Feind an und stie� ihm seinen kleinen Hirschfanger zwischen K�ra� und Helm.</p><p>�Ich schulde dir mein Leben�, hatte Cranston sp�ter bekannt.</p><p>�Eines Tages wirst du die Schuld zur�ckzahlen k�nnen!� Oliver hatte gelacht, als sie auf dem Schlachtfeld sa�en und einander mit zahllosen Bechern von dem Rotwein zuprosteten, den sie aus dem franz�sischen Lager geraubt hatten. �Eines Tages wirst du diese Schuld zur�ckzahlen.�</p><p>Cranston �ffnete die tr�nennassen Augen. Er hob seine rechte Hand und schaute den Toten an. �Verflucht, das werde ich!� knurrte er. Und noch einmal betrachtete er die erbarmungsw�rdige Gestalt in dem Leichentuch.</p><p>�In unseren goldenen Tagen�, fl�sterte er, �da waren wir Greyhounds auf der Jagd! Junge Falken, die auf ihre Beute niederstie�en! Ah, was f�r Zeiten!�</p><p>Cranston klopfte sich auf den umfangreichen Wanst, zog die Bettvorh�nge zu und stapfte aus der Kammer; im Gehen warf er noch einmal einen Blick auf das aufgebrochene Schlo�.</p><p>Wie ein Kolo� stampfte er die Treppe hinunter und marschierte in den S�ller, wo Lady Rosamund und ihr �Vetter� Albric auf der Fensterbank sa�en und das Maschenspiel spielten. In ihrem schwarzen Damastkleid mit dem sorgf�ltig geordneten Schleier von gleicher Farbe sah Rosamund jetzt noch sch�ner aus; ihr schmales Gesicht war zu einer Art Trauermiene verzogen. Cranston funkelte sie nur an, und noch ver�chtlicher betrachtete er ihren jungen Liebhaber mit seinem glatten Gesicht, den schlaffen Lippen und dem kraftlosen Blick.</p><p>�Ihr seid fertig, Sir John?� Rosamund erhob sich, als der glatzk�pfige, rotgesichtige Riese auf sie zukam. Sie erwartete, da� er zumindest ihre Hand k�ssen w�rde, aber Cranston packte sie und Albric bei den Handgelenken, zog beide von der Bank und mit harter Hand dicht zu sich heran.</p><p>�Ihr, Madam, seid ein mordendes Mistst�ck! Nein, Ihr braucht nicht die Augen aufzurei�en und um Hilfe zu schreien! Und Ihr, Sir�� Albric wich seinem Blick aus. �Sieh mich an, Kerl!� Cranston dr�ckte noch fester zu. �Sieh mich an, du mieser Hurensohn!�</p><p>Albric hob den Blick.</p><p>�Du hast mitgemacht. Wenn du den Mut dazu h�ttest, w�rde ich dich zu einem Duell herausfordern und dir den Kopf abschlagen. Vergi� nicht, das Angebot wird bestehenbleiben.�</p><p>�Sir John, das ist doch ��</p><p>�Klappe!� grollte Cranston. �Da oben liegt der treueste Kamerad, den ein Mann sich nur w�nschen kann. Ein guter Soldat, ein schlauer Kaufmann und der allerbeste Freund. Oliver mag ein schwaches Herz gehabt haben, aber er hatte den Mut eines L�wen und den Gro�mut eines Heiligen. Er hat dich angebetet, du bleiche Stute, und du hast ihm das Herz gebrochen. Du hast ihn betrogen. Ich wei�, da� du ihn ermordet hast. Gott allein wei�, wie du es gemacht hast, aber ich werde es herausfinden.� Cranston stie� die beiden zur�ck auf ihre Fensterbank. �Glaubt mir, ich werde euch beide tanzen sehen: in Smithfield, am Ende eines Stricks.�</p><p>Er machte auf dem Absatz kehrt und ging zur T�r.</p><p>�Cranston!� rief Rosamund.</p><p>�Ja, du Bestie�, antwortete er, ohne stehenzubleiben.</p><p>�Ich bin unschuldig am Tode meines Gemahls.�</p><p>Der Coroner machte ein unh�fliches Ger�usch mit den Lippen.</p><p>�In zehn Tagen wird das Testament meines Gatten verlesen werden. All sein Besitz und Reichtum werden mir geh�ren. Ich werde diesen Reichtum dazu nutzen, Euch vor Gericht zu bringen, wegen Verleumdung und �bler Nachrede.�</p><p>�In zehn Tagen�, versetzte Cranston, �sehe ich euch beide in Newgate. Den Toten d�rft ihr hinausbringen, aber sonst nichts anr�hren. Ich habe eine Liste von allem, was da ist!�</p><p>Cranston ging in den Korridor hinaus und bem�hte sich, seinen Zorn im Zaum zu halten, als er das h�hnische Gel�chter hinter sich h�rte. Inghams alter Gefolgsmann Robert stand an der Haust�r; er war bleich wie die Wand.</p><p>�Sir John�, fl�sterte er, �wie k�nnt Ihr beweisen, was Ihr da sagt?�</p><p>Eine Hand am T�rriegel, blieb Cranston stehen und schaute dem Diener in das faltige, m�de Gesicht.</p><p>�Ich kann und werde es tun�, brummte er. �Aber erz�hle mir noch einmal, was gestern passiert ist.�</p><p>�Mein Herr war seit Tagen krank und ersch�pft, er klagte �ber Schwindelgef�hle im Kopf und Schmerzen in der Brust. Gestern abend stand er vom Essen auf und nahm seinen Weinbecher mit. Ich sah, wie er in die Speisekammer ging und eine kleine Dosis Fingerhut in den Krug gab, die er sp�ter mit Wein mischen wollte, wie sein Arzt es ihm verordnet hatte. Dann ging er zu Bett. Er verschlo� seine Kammert�r, und weil ich mir Sorgen machte, stand ich davor Wache.� Die Stimme des Mannes zitterte. �Ich dachte, ich lasse ihn ausschlafen, aber als die Glocken von St. Mary Magdalen zum Vormittagsgebet l�uteten, versuchte ich doch, ihn zu wecken. Ich rief die Diener, wir brachen die T�r auf. Den Rest kennt Ihr.�</p><p>�Konnte niemand ihn vor den Ratten bewahren?� fragte Cranston erbost.</p><p>�Sir John, das Haus ist voll von ihnen. Lady Rosamund ha�t Katzen und andere Tiere.�</p><p>Sir John klopfte ihm auf die Schulter. �Deinem Herrn wird Gerechtigkeit werden, daf�r sorge ich. Jetzt bete f�r seine Seele und k�mmere dich um seinen Leichnam. Einer meiner Amtsdiener wird kommen und das Zimmer versiegeln.�</p><p>Sir John trat auf die Milk Street hinaus. Er ging in die Kirche von St. Mary Magdalen und z�ndete f�nf Kerzen vor der l�chelnden Jungfrau mit dem Kinde an.</p><p>�Eine f�r Maude, zwei f�r die Kerlchen�, fl�sterte er und dachte an die pr�chtigen, st�mmigen S�hne, die jetzt schon sechs Monate alt waren. �Eine f�r Athelstan�, fuhr er fort, �und eine f�r Sir Oliver, Gott schenke ihm die ewige Ruhe.�</p><p>Sir John kniete nieder, schlo� die Augen und sagte drei Avemaria auf, bevor er merkte, wie durstig er war.</p><p>Schwerf�llig wanderte er aus der Kirche, die Milk Street hinunter und in die verlassene Cheapside. Die Standbesitzer hatten f�r heute geschlossen, ihre Ware in die Vorderr�ume ihrer L�den geschafft, die St�nde abgebaut und die breite Stra�e den Knochen- und Lumpensammlern �berlassen. Eine Hure hielt tr�ge nach Kundschaft Ausschau, K�ter balgten sich, und fette Stra�enkatzen konnten ihr Gl�ck kaum fassen, als Myriaden von Ratten die Berge von M�ll und menschlichem Abfall pl�nderten. Ein paar Kesselflicker und Hausierer versuchten immer noch, Gesch�fte zu machen; sie br�llten Sir John gutm�tige Schm�hungen zu, und der zahlte es ihnen mit gleicher M�nze heim, w�hrend er schnurstracks seiner Lieblingsschenke zustrebte, dem Heiligen Lamm Gottes.</p><p>In der stickigen, anheimelnden W�rme des Schankraums hellte Sir Johns Miene sich auf. Ein B�ttel sa� auf Cranstons Lieblingsstuhl mit der hohen Lehne am offenen Fenster mit Blick auf einen freundlichen Garten. Sir John hustete nur, und der Bursche huschte davon wie ein erschrockenes Kaninchen. Sir John setzte sich, klopfte auf den Tisch und betrachtete beif�llig das dunkel polierte Holzwerk und die wei� verputzten W�nde seiner allerheiligsten Trinkst�tte. Er schmatzte und stie� das rautenf�rmige Gitterfenster ein St�ck weiter auf, um den Duft der Kr�uterbeete zu genie�en. Manche Leute mieden das Heilige Lamm; sie behaupteten, es sei �ber einem alten Leichenhaus erbaut, und angeblich spukten hier Geister und Gespenster. Aber f�r Cranston war es sein zweites Zuhause, und die Wirtsfrau verehrte ihn beinahe wie einen Heiligen.</p><p>Vor Jahren war sie einmal von einem Betr�ger �bers Ohr gehauen worden, der behauptete, er k�nne Rotwein und Wei�wein aus demselben Fa� zapfen. Dummerweise hatte sie einer Vorf�hrung zugestimmt. Der Mann hatte ein Loch in die Wand des Fasses gebohrt und sie aufgefordert, es mit dem Finger zuzuhalten, w�hrend er das zweite Loch bohrte, aus dem der Wei�wein kommen sollte. Und dann hatte die ungl�ckselige Frau dagestanden und beide L�cher im Fa� zuhalten m�ssen, w�hrend der Gauner sich aus ihrer Geldb�rse bediente. Sie war vor Schreck wie gel�hmt gewesen, denn wenn sie die Finger herausgezogen h�tte, w�re das ganze Fa� ausgelaufen und h�tte den Schankraum kn�cheltief unter Wein gesetzt, und au�erdem w�re sie zum Gesp�tt der Leute geworden.</p><p>Zum Gl�ck war Sir John gekommen. Er hatte dem Schurken eine Kopfnu� verpa�t, ihr geholfen, das Fa� zu verstopfen, und als der Kerl wieder zu sich gekommen war, hatte Cranston ihn mit heruntergelassener Hose drau�en vor die Schenke gestellt und ihm ein Schild um den Hals geh�ngt, das ihn als L�gner und Betr�ger bezeichnete.</p><p>Eben diese Wirtin kam jetzt gesch�ftig auf ihn zu mit einem gro�en Becher Rotwein in der einen und einer Sch�ssel Zwiebelsuppe in der anderen Hand. Geistesabwesend l�chelnd dankte Sir John ihr. Er nahm einen Schluck Wein und �berlegte, wie er eine andere Betr�gerin, die m�rderische Rosamund, ihrer gerechten Strafe zuf�hren k�nnte. Olivers einsamer Leichnam dort oben in der trostlosen Kammer ging ihm nicht aus dem Kopf, dazu die kichernde Ehefrau und der speichelleckerische �Vetter� im S�ller darunter.</p><p>Cranston h�rte Stimmen und hob den Kopf, als der Reliquienh�ndler, den er in der Milk Street gesehen hatte, hereingeschlichen kam.</p><p>�Ein s�ndiger Gauner�, brummte er bei sich.</p><p>Der Reliquienh�ndler war alt und hinkte ein wenig, aber er hatte ein durchtriebenes, kaltes, schmales Gesicht, einen bohrenden Blick und einen Mund, so hart und gespannt wie eine Schraubzwinge. Er war gut gekleidet, trug eine teure Samttunika und weiche rote Lederstiefel, und in der B�rse an seinem bestickten G�rtel klimperte schwer das Geld. Grinsend winkte er dem Coroner zu, aber der schaute ihn nur w�tend an und senkte den Blick auf seinen Becher. Eigentlich sollte er heimgehen und sich auf den Abend vorbereiten, aber das Haus war leer, denn Lady Maude war mit den beiden Kerlchen zu Verwandten im West Country gereist.</p><p>�Oh, komm doch mit, John�, hatte sie gebettelt. �Die Ruhe wird dir guttun. Und du wei�t, wie sehr Bruder Ralph sich freuen wird, dich zu sehen.�</p><p>Cranston hatte betr�bt den Kopf gesch�ttelt und seine zierliche Frau in seine B�renarme genommen.</p><p>�Ich kann nicht, Lady�, hatte er mi�mutig erwidert. �Der Rat und der Regent bestehen ausdr�cklich darauf, da� ich in London bleibe.�</p><p>Lady Maude hatte sich von ihm gel�st und ihn streng angeschaut.</p><p>�Ist das auch wahr, Sir John?�</p><p>�Bei den Z�hnen Gottes!�</p><p>�Nicht fluchen�, hatte sie gemahnt. �Sag's mir nur.�</p><p>Sir John hatte bei seiner Ehre geschworen, aber es hatte doch eine L�ge daringesteckt. Er konnte Bruder Ralph nicht ausstehen; dieser Mann war so ganz anders als seine Schwester. Ehrlich gesagt, Ralph war der langweiligste Mann, den Cranston je kennengelernt hatte. Seine einzige Leidenschaft war der Ackerbau, und Sir John hatte einmal trocken zu Athelstan gesagt: �Wenn du einmal zwei Stunden lang Ralph bei seinem Vortrag �ber die Zwiebelzucht zugeh�rt hast, dann reicht das f�r die Ewigkeit.�</p><p>Trotzdem hatte Cranston ein schlechtes Gewissen. Ralph hatte ein gutes Herz, und Sir John vermi�te seine Frau und die beiden Kerlchen, wie sie dick und rund auf st�mmigen Beinchen auf ihren Vater zugestapft kamen, damit er ihnen die kleinen Kahlk�pfe streichelte. Er wunderte sich, weshalb Athelstan immer lachte, aber wenn er den Ordensbruder fragte, machte der immer gleich ein ernstes Gesicht, bi� sich auf die Lippe und erkl�rte kopfsch�ttelnd: �Es ist nichts, Sir John, gar nichts. Sie sind Euch nur so �hnlich.�</p><p>�Sir John! Sir John! Wie geht es Euch?�</p><p>Cranston erschrak und blickte auf. Athelstan stand vor ihm; das olivfarbene Gesicht war verschwitzt, das schwarzwei�e Habit mit dem schwarzen Strick um den Leib staubig.</p><p>�Bei den Zitzen des Satans!� schnaufte Cranston. �Was machst du denn hier, M�nch?�</p><p>�Ordensbruder, Sir John.� Grinsend zog Athelstan einen Schemel heran und setzte sich. �Ich bin �ber die London Bridge gegangen, um meinen Pater Prior in Blackfriars zu besuchen. Er l��t mich wichtige Passagen aus Roger Bacons Werk �ber die Astronomie abschreiben. Ich war bei Euch daheim, und die Magd sagte, Ihr w�ret nicht da. Ach, �brigens fri�t Leif, der Bettler, gerade Euer Abendessen.�</p><p>Cranston starrte den Bruder an. Du l�gst, dachte er. Ich wette, du bist hergekommen, weil du mich suchst. Ich wei�, da� Lady Maude darum gebeten hat. Dennoch war Athelstans F�rsorglichkeit herzerw�rmend.</p><p>�Du willst mich bestimmt zu einem Becher einladen.�</p><p>Gesch�ftig kam die Wirtin heran.</p><p>�Ich habe schon bestellt�, sagte Athelstan. �Rotwein f�r Mylord Coroner, und einen Humpen vom k�hlsten Ale f�r mich.� Athelstan nippte an dem Schaum und l�chelte. �Ihr habt recht, Sir John. Im Himmel mu� es Schenken geben.�</p><p>�Was machen die Halunken in deiner Pfarrei?� wollte Cranston wissen.</p><p>�Sie sind S�nder wie wir alle, Sir John�, antwortete Athelstan. �Bonaventura f�ngt die Ratten dutzendweise. Benedicta bereitet ein Erntefest vor. Ich habe angeboten, Brot zu backen, bevor mir einfiel, was f�r ein hoffnungsloser Koch ich bin. Watkin, der Mistsammler, liegt sich immer noch in den Haaren mit Pike, dem Grabenbauer.� Athelstan grinste. �Watkins Frau hat Pike im Kirchenvorraum umgerannt. Sie behauptet, er war betrunken und ist gestolpert. Was beide nicht wissen, ist, da� eine von Watkins T�chtern Pikes �ltesten Sohn heiraten will.�</p><p>�Wissen die Familien es denn?�</p><p>�Noch nicht. Aber wenn sie es erfahren, werdet Ihr das Geschrei bis in die Cheapside h�ren. Cecily, die Kurtisane, hat einen neuen Beau und deshalb auch t�glich ein neues Kleid. Und Huddle bemalt jetzt im neuen Altarraum die W�nde.� Athelstan stellte seinen Humpen hin und machte ein ernstes Gesicht. �Da sind noch zwei Angelegenheiten�, fuhr er leise fort und verfiel dann in ein �rgerliches Schweigen.</p><p>Oh nein, dachte Cranston, du willst doch wohl nicht das Rattenloch von Pfarrgemeinde verlassen, das du so sehr liebst? Oder hat man dich etwa von deinem Amt als mein Schreiber entbunden?</p><p>Cranston musterte den vertr�umt blickenden Ordensbruder. Wegen fr�herer Torheiten war Athelstan zum Gemeindepriester von St. Erconwald und zu Cranstons Secretarius ernannt worden. Als Novize hatte er Blackfriars verlassen und war mit seinem heldengl�ubigen kleinen Bruder nach Frankreich in den Krieg gezogen. Der Junge war gefallen, und Athelstan war heimgekehrt zu dem Schmerz seiner Eltern und dem w�tenden Tadel seiner Ordensoberen.</p><p>�Nun, was gibt's denn?� fragte Cranston gereizt.</p><p>�Glaubt Ihr an den Satan, Sir John?�</p><p>�Jawohl, und da dr�ben sitzt der Schei�er.� Cranston deutete auf den Reliquienh�ndler, der mit einem anderen Gauner ins Gespr�ch vertieft in einer Ecke der Schenke sa�. Athelstan l�chelte und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein, Sir John, ich meine den echten Satan.� Die Worte sprudelten aus ihm hervor. �Glaubt Ihr, da� er jemanden in Besitz nehmen kann?�</p><p>Sir John richtete sich auf. �Ja, Pater, das glaube ich. Ich glaube, da� es eine Geisterwelt gibt, in der Wesen gegen Christus und Seine Heiligen w�ten. Ich glaube allerdings auch, da� der normale D�mon auf seinem Fels in der H�lle hockt und weint, wenn er sieht, zu welchen Schlechtigkeiten der Mensch sich versteigt. Warum fragst du?�</p><p>Athelstan spielte mit seinem Humpen. �Vielleicht ist der Satan nach Southwark gekommen. Heute morgen nach der Messe kam eine Frau zu mir und behauptete, ihre T�chter sei besessen. Jede Nacht spreche der Teufel aus ihr und beschuldige ihren Vater, seine erste Frau, ihre Mutter, ermordet zu haben.� Athelstan betrachtete blinzelnd seinen Humpen. �Die Frau hat mich um einen Exorzismus gebeten.�</p><p>Sir John bedachte ihn mit einem seltsamen Blick. �Aber Athelstan, mit solchen Dingen hast du doch jeden Tag zu tun.�</p><p>�Oh, das wei� ich�, sagte der Bruder und grinste. �Pemel, die Flamin, behauptet, da� D�monen, so gro� wie ihr Daumen, in den dunklen Ecken ihres Hauses lauern und kichern und �ber sie reden. Vor zwei Jahren glaubten Watkin, der Mistsammler, und seine Frau pl�tzlich, das Ende der Welt sei nahe; sie setzten sich mit der ganzen Familie auf das Dach ihres Hauses, und jeder hielt ein Kreuz vor sich, um den D�mon abzuwehren. Aber es passierte weiter nichts, nur das Dach st�rzte ein. Watkins Kn�chel war verstaucht und sein Stolz verletzt.� Athelstan wischte sich mit dem Handr�cken �ber den Mund. �Nein, Sir John, diesmal ist es etwas anderes. Ich sehe dieser Frau an, da� in der Familie etwas B�ses im Gange ist.�</p><p>�Und wirst du den Exorzismus vornehmen?�</p><p>�Das kanonische Recht schreibt vor, da� jede Di�zese einen offiziell ernannten Exorzisten hat, aber er kann nur im Namen des Bischofs t�tig werden und ist f�r sehr ernste, �ffentliche Angelegenheiten zust�ndig. Es kann Monate dauern, bis seine Dienste zur Verf�gung stehen.� Athelstan nahm einen Schluck aus seinem Humpen. �Ich habe Pater Prior um Rat gebeten, und er hat gesagt, da� es meine Pflicht ist, Trost zu geben, so gut ich kann.� Der Bruder zog ein Gesicht. �Sir John, ich glaube, ich habe Angst. Als die Frau mit mir sprach, sp�rte ich, wie das B�se mir das Mark gefrieren lie�.�</p><p>Cranston klopfte ihm mit seiner B�renpranke auf die Schulter. �Bestimmt wird alles gut�, meinte er. �Und vergi� nicht, Bruder: Kaum etwas kann dem alten John Cranston Angst machen. Zum Teufel!� donnerte er pl�tzlich, packte Athelstans halbvollen Humpen und schleuderte ihn durch die Schankstube nach einer langschw�nzigen, fetten Ratte, die unter einem Fa� hervorgeschl�pft war. Der Humpen traf nicht, und die Ratte huschte davon.</p><p>�Sir John, das hatte mir gut geschmeckt.�</p><p>Cranston murmelte eine Entschuldigung und rief nach einem neuen Humpen.</p><p>�Entschuldige, Bruder, aber die Stadt ist verseucht von dem verdammten Ungeziefer. Ich w�rde mich gern mal mit einem deiner Pfarrkinder unterhalten.�</p><p>�Mit Ranulf, dem Rattenf�nger?�</p><p>Athelstan l�chelte und dankte der Wirtsfrau, als sie ihm einen neuen Humpen brachte; brummelnd entschuldigte sich Sir John auch bei ihr.</p><p>�Da habt Ihr eine Auswahl von Rattenf�ngern�, sagte Athelstan. �Ranulf gr�ndet gerade eine Gilde der Rattenf�nger. Sie haben gefragt, ob St. Erconwald nicht ihre Zunftkirche sein kann. In ein paar Tagen wollen sich alle dort treffen, um die Messe und die Zunftbruderschaft zu feiern. Ihr habt recht�, f�gte er hinzu, �das warme Wetter hat Eure pelzigen Freunde in wimmelnden, alles verschlingenden Horden hervorkommen lassen.� Er trank und setzte seinen Humpen ab. �Aber warum so aufbrausend, Sir John? Da� Ihr mit einem guten Getr�nk nach einer Ratte werft, sieht man selten.�</p><p>Cranston trank seinen Weinbecher leer und br�llte nach einem zweiten; dann beugte er sich vor und erz�hlte Athelstan von dem geheimnisvollen Tod seines Kameraden Oliver Ingham. Aufmerksam betrachtete Athelstan den Coroner. Er sah, da� der sonst so freundliche Mann tief verletzt und betr�bt �ber den Tod seines Freundes war. Anfangs sprach Sir John stockend, wurde aber immer wortgewaltiger, als er berichtete, was er im Hause Inghams erlebt hatte. Als er fertig war, schnaubte er ger�uschvoll durch die Nase und trommelte mit st�mmigen Fingern auf seinem dicken Bauch.</p><p>�Ihr seid sicher, da� es Mord war, Sir John?�</p><p>�So sicher, wie ich auf meinem Arsch sitze.�</p><p>Athelstan nagte an der Unterlippe und schaute sich in der mittlerweile vollen Schenke um. �Wenn ich Euch helfen kann � ?� erbot er sich.</p><p>�Du brauchst nur nachzudenken�, sagte Sir John. �Ich kenne dich, Athelstan. Du spazierst davon, setzt dich irgendwo hin und glotzt die bl�den Sterne an, und schon kommt dir irgendeine Idee. Wenn das passiert, komm bitte und sag es mir.� Cranston schl�rfte ger�uschvoll aus seinem Becher und schmatzte dann. �Du sagtest, es ist noch eine zweite Sache, Bruder?�</p><p>Athelstan zog seinen Schemel n�her heran. �Sir John, Ihr habt doch sicher von der wachsenden Unruhe auf dem Lande rings um London geh�rt? Da� die Bauernf�hrer sich zur �Gro�en Gemeinschaft zusammenschlie�en und zum Marsch auf London verschw�ren? Sie sagen, sie wollen die Stadt bis auf die Grundmauern niederbrennen, alle Bisch�fe und Lords umbringen und Gaunts Kopf auf eine Stange stecken.�</p><p>Cranston beugte sich noch weiter vor, denn was sie da redeten, war Hochverrat.</p><p>�Ich wei�, Bruder�, raunte er. �Die Steuerlast ist gro� und die Ernte noch nicht eingefahren, die Gef�ngnisse sind voll, die Galgen ebenfalls. Jede Woche kommt neue Kunde von Unruhen in den D�rfern und Angriffen auf k�nigliche Beamte. In Hertford ist ein Steuereintreiber totgeschlagen und an den Galgen geh�ngt worden, und daneben eine tote Katze, die sie kahlgeschoren und wie einen Bischof angezogen haben.� Er schnaufte. �Aber was k�mmert dich das, Bruder?�</p><p>�Oh, um Gottes willen, Sir John! Geht durch die Gassen von Southwark, und Ihr seht eine ganze Armee, die nur auf das Zeichen wartet: die Unterdr�ckten, die Gauner, die Halsabschneider und Diebe. Die leiseste Provokation, und sie str�men �ber die London Bridge; dann wird die Stadt wochenlang in Flammen stehen.� Athelstan senkte die Stimme noch mehr und spielte mit einem Holzsplitter an der Tischplatte. �Einige meiner Gemeindekinder sind beteiligt. Pike, der Grabenbauer, Tab, der Kesselflicker� dauernd schleichen sie wie die Wiesel zu dieser oder jener Versammlung aufs Land hinaus.�</p><p>�Wenn sie erwischt werden�, sagte Cranston leise, �h�ngt man sie auf.�</p><p>�Ich wei�, ich wei�, und das macht mir Sorgen. Es wird einen Aufstand geben und Tote, Mord und grausame Unterdr�ckung.� Er hielt kurz inne. �Sir John, habt Ihr schon einmal von einem Mann geh�rt, der sich Ira Dei nennt, der Zorn Gottes?�</p><p>Cranston nickte. �Jeder hat schon von ihm geh�rt�, fl�sterte er. �John von Gaunt hat einen furchtbaren Eid geschworen: da� dieser Mann geh�ngt, gestreckt und gevierteilt werden soll. Wei�t du, Athelstan, die Bauern haben recht mit ihren Klagen, und wei� Gott, ihre Lage mu� erleichtert werden. Ihre Anf�hrer sind wilde M�nner - Jack Straw, der Priester John Bull aber hinter ihnen lauert der F�hrer des geheimen Rats der Gro�en Gemeinschaft, die Schattengestalt, die sich selbst Ira Dei nennt. Sein Arm reicht weit und ist sehr stark. Hast du geh�rt, was in Aldersgate passiert ist?�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf.</p><p>�In einem sch�bigen Haus dort drang eine Grabesstimme aus den W�nden. Hunderte von B�rgern dr�ngten hinzu, um dieser, wie sie meinten, Stimme eines Engels zuzuh�ren. Als sie schrien: �Gott sch�tze unseren Regenten, Herzog John, antwortete ihnen das eingemauerte �bernat�rliche Wesen nicht. Als dann einer rief: �Gott sch�tze unseren jungen K�nig Richardis da antwortete die Stimme: �So soll es sein.� Und als man fragte: �Was erwartet Herzog John in der Zukunft?�, da antwortete die Stimme sp�ttisch: �Tod und Vernichtung. � Die Garde wurde geholt, und sie fand eine junge Frau in den Mauern, die so tat, als sei sie der Engel. Sie mu�te tagelang mit kahlgeschorenem Kopf am Pranger sitzen. Aber Gaunt glaubt�, Cranston klopfte mit dem Finger auf dem Tisch, �da� Ira Dei dahintersteckte. Das zeigt, wieviel Macht und Einflu� er hat, mein guter Bruder.�</p><p>�Und was hat Lord Gaunt vor?�</p><p>Cranston legte den Kopf schr�g, denn die Glocken der nahen Kirche von St. Mary Le Bow l�uteten jetzt zum Abendgebet. �Oh, Gaunt macht sich Sorgen. Er kann kein Parlament einberufen, denn das Unterhaus ist ihm feindselig gesonnen. Aber heute abend veranstaltet er ein gro�es Bankett im Rathaus, und ich mu� auch hin.� Cranston holte tief Luft. �Gaunt hofft, zwischen den streitenden Parteien der Gilden Frieden zu stiften. Er ist zum Freund der Londoner Kaufmannsf�rsten und ihrer Anf�hrer geworden: Thomas Fitzroy, Philip Sudbury, Alexander Bremmer, Hugo Marshall, Christopher Goodman und James Denny. Sie werden ihre neue Freundschaft in einer Orgie von Leckereien, Wein und falscher Freundlichkeit feiern.� Er r�usperte sich. �Du mu�t wissen, mein lieber Bruder, da� einer der f�higsten Handlanger Gaunts, der Lord Adam Clifford, sich f�r seinen Herrn dieser Sache angenommen hat. Jeder der Gildemeister hat einen gro�en Goldbarren in eine Truhe gelegt, die in der Rathauskapelle steht - zum Zeichen ihres guten Willens und der Unterst�tzung f�r den Regenten.� Cranston leerte seinen Becher und stand auf. �Und ich, mein Bruder, mu� als Zeuge dieser Farce dabeisein.�</p><p>Athelstan blickte in banger Sorge auf. �Es wird also Frieden geben, Sir John?�</p><p>�Frieden!� Cranston beugte sich �ber ihn. �Mein guter Bruder�, fl�sterte er heiser, �sag deinen Pfarrkindern, sie sollen sich vorsehen. Gaunt hat vor, Truppen aufzustellen, und glaub mir: In den Stra�en von London wird bald Blut flie�en, dick, dunkel und rot wie der Wein aus der Kelter!�</p><p>Athelstan stellte seinen Humpen hin und stand auf. �Glaubt Ihr das wirklich, Sir John?�</p><p>�Ich wei� es! Zu dieser Stunde trifft Gaunt mit den Kaufmannsf�rsten im Rathaus zusammen. Der junge K�nig und sein Tutor, Sir Nicholas Hussey, haben dort heute morgen die Messe besucht. Am Nachmittag hat Gaunt mit dem Sheriff, Sir Gerard Mountjoy, �ber Ma�nahmen gegen die Verschw�rung der Bauern und ihre Anh�nger in der Stadt beraten.� Cranston wischte sich den wei�en Bart. �Und zur Bu�e f�r meine S�nden�, fl�sterte er in einer Wolke von Weindunst, �mu� ich heute abend an dem Bankett teilnehmen, das Gaunt seinen neuen Verb�ndeten gibt.� Er grunzte. �Als ob ich nicht schon genug Probleme h�tte.�</p><p>�Was denn f�r Probleme, Sir John?�</p><p>�Nun, abgesehen von Olivers Tod sind Regent und Beh�rden erbost �ber einen Schurken, der den hingerichteten Verr�tern auf der London Bridge und anderswo die Gliedma�en stiehlt. Was hat es schlie�lich f�r einen Sinn, Leute hinzurichten, mein guter Bruder, wenn man ihre abgehackten, blutigen Glieder nicht als Warnung f�r andere M�chtegern-Verr�ter zur Schau stellen kann?� Er schob seinen Arm unter den des Ordensbruders, und sie verlie�en die Schenke. �Nun, in meiner Abhandlung �ber die Verwaltung dieser Stadt�� Er schnalzte, und Athelstan schlo� die Augen und betete um Geduld. Cranstons gro�es Werk �ber die Regierung der Stadt London war fast fertig, und er lie� sich keine Gelegenheit entgehen, Vortr�ge �ber seine Theorie zur Sicherung von Recht und Ordnung in der Stadt zu halten.</p><p>�In meiner Abhandlung werde ich von solchen Praktiken abraten. Verbrecher sollte man innerhalb der Gef�ngnismauern hinrichten, und die Krone sollte gegen derartige Barbarei ihr Veto einlegen. Die alten Sumerer�� Cranston zog den widerstrebenden Athelstan �ber die Cheapside. �Also, die alten Sumerer ��, wiederholte er.</p><p>�Mylord Coroner! Bruder Athelstan!�</p><p>Die beiden drehten sich um. Ein verschwitzter Diener in der Livree der Stadt London st�tzte sich auf einen leeren Verkaufsstand und rang nach Luft.</p><p>�Was ist denn, Mann?�</p><p>�Sir John, Ihr m��t rasch kommen. Und du auch, Bruder. Der Regent� Seine Gnaden der K�nig ��</p><p>�Was ist?� blaffte Cranston.</p><p>�Ein Mord, Sir John. Sir Gerard Mountjoy, der Sheriff, wurde im Rathaus ermordet!�</p></section><section><title><p><strong>Zwei</strong></p></title><p>Als Cranston und Athelstan ins Rathaus kamen, war alles seltsam still. Bewaffnete s�umten die G�nge und Korridore und bewachten die Ein- und Ausg�nge zu den verschiedenen H�fen. Der Diener f�hrte sie hindurch und sch�ttelte auf Cranstons bohrende Fragen immer nur den Kopf. Er brachte sie in den Garten mit seinen Kr�uterbeeten, dem Springbrunnen und dem Kanal, den Holz- und Steinb�nken, der Laube und den weichen, gr�nen Rasenfl�chen, einen der angenehmsten Orte um das Rathaus. Ein paar M�nner standen am Springbrunnen und sprachen miteinander. Sie verstummten und drehten sich um, als Cranston und Athelstan n�her kamen.</p><p>�Mylord Coroner, wir warten schon auf Euch.�</p><p>�Euer Gnaden�, antwortete Cranston und schaute den dunklen, goldb�rtigen Regenten an, John von Gaunt, den Herzog von Lancaster. �Wir sind gekommen, sowie der Bote uns gefunden hatte.�</p><p>Cranston blickte rasch in die Runde, w�hrend Gaunt die anderen vorstellte. Er kannte sie alle: Sir Christopher Goodman, rotgesichtig und frosch�ugig, war der B�rgermeister. Die �brigen pr�chtig gekleideten M�nner mit den stolzen Gesichtern waren die Gildemeister: Thomas Fitzroy von den Fischh�ndlern, der Cranston mit seinen vorgew�lbten Lippen und den glasigen Augen immer an einen Karpfen erinnerte; Philip Sudbury von den Eisenwarenh�ndlern mit seinem roten Gesicht und roten Haaren, ein eingefleischter Trinker; Alexander Bremmer von den Tuchh�ndlern, mager und mit niedertr�chtigem Blick, ein habs�chtiger, raffgieriger Mann; Hugo Marshall von den Gew�rzh�ndlern, dessen Kopf so kahl war wie ein Taubenei; schlie�lich Sir James Denny von den Kurzwarenh�ndlern, ein Mann mit fleischigem Gesicht, gekleidet wie ein Hofgeck in seiner engen Hose und der gesteppten, am Halse offenen Jacke.</p><p>Cranston nickte allen zu, und auch dem Hauslehrer des K�nigs, Sir Nicholas Hussey, der trotz silbergrauem Haar und Bart noch jung aussah. Der letzte war Sir Adam Clifford, Gaunts wichtigster Helfer; er trug ein braunes Gewand, das gut zu seinem glattrasierten, sonnenverbrannten Gesicht und seinem akkurat frisierten schwarzen Haar pa�te. Gaunt beendete seine Vorstellung.</p><p>�Mylord?� Cranston war erbost �ber das beleidigende Benehmen des Regenten, der Athelstan nicht einmal zur Kenntnis genommen hatte. �Mylord, ich denke, Ihr kennt meinen Secretarius und Schreiber Bruder Athelstan, den Pfarrer von St. Erconwald in Southwark?�</p><p>Gaunt l�chelte herablassend und nickte. Cranston warf dem grinsenden Denny einen erbosten Blick zu.</p><p>�Ihr habt uns rufen lassen, Mylord Regent. Man hat uns gesagt, Sir Gerard Mountjoy sei ermordet worden. Wo, wann und wie?�</p><p>Mit einer Handbewegung deutete Gaunt zu dem kleinen Laubengang am anderen Ende des Gartens; die offene Rathaust�r und ein hohes, efeubewachsenes Spalier verdeckte ihn vor Cranstons Blicken.</p><p>�Dort?� fragte Cranston.</p><p>�Ja. Da liegt Sir Gerard.�</p><p>Gaunt klang zornig, aber auch sarkastische Heiterkeit schwang mit. Er bedeutete ihnen hinzugehen.</p><p>�Ihr habt hoffentlich mehr Gl�ck als wir.�</p><p>Verwundert gingen Cranston und Athelstan am Zaun entlang und schauten �ber ein kleines Tor in den Laubengang hinein. Beide machten einen Satz r�ckw�rts, als zwei gro�e Wolfshunde sich knurrend und bellend gegen die Pforte warfen, die Lefzen hochzogen und bei�w�tig die gelben Z�hne fletschten.</p><p>Die Laube war geschickt angelegt, ein Garten im Garten. Vor dem Spalierzaun stand eine Rasenbank, ein schmaler, gepflasterter Weg f�hrte zu einem Tisch, der auch als Vogelbad diente, und auf Hochbeeten wuchsen duftende Kr�uter: ein friedlicher, freundlicher Ort f�r einen Sp�tsommertag, h�tte da nicht der Mann am Zaun gelegen, dem ein schmaler Dolch tief in der Brust steckte. Ein grotesker Anblick: Der Mund stand offen, und die Augen blicken ein wenig scheel, als starre der Tote verbl�fft auf die blutige Wunde, die sein rostbraunes Gewand befleckte.</p><p>Cranston studierte das stumpfnasige, brutale, tote Gesicht eines der gef�rchtetsten Sheriffs von London, dann ging er zu der Gruppe am Springbrunnen zur�ck.</p><p>�Wann ist das passiert, Mylord?�</p><p>Gaunt zuckte elegant die Schultern und wischte sich die H�nde an seinem blauen Samtmantel ab.</p><p>�Heute morgen waren wir in der Messe und hatten dann eine Versammlung im Ratssaal. Wir bereiteten uns alle auf das Bankett heute abend vor; anscheinend hatte sich Sir Gerard in seine Privatlaube begeben, um ein bi�chen frische Luft und einen Becher Rotwein zu genie�en. Dort fand ihn die Wache so vor.� Er verzog das Gesicht. �Die verdammten K�ter lassen uns nicht in seine N�he.�</p><p>�Wenn sie Euch nicht lassen�, sagte Cranston und wies auf eine Gruppe von Armbrustsch�tzen, die in der Livree von Lancaster geduldig warteten, �dann mu� man sie abschie�en.�</p><p>Athelstan stand neben Cranston und musterte diese m�chtigen, reichen M�nner. Zusammen mit Gaunt beherrschten sie nicht nur London, sondern das ganze K�nigreich. Ihr Silber unterhielt die k�nigliche Armee, versorgte die Flotte und kontrollierte das Parlament. Er sp�rte, da� sie �ber Mountjoys Tod erschrocken, aber im stillen auch erfreut waren, einen m�chtigen Rivalen abtreten zu sehen, denn Mountjoy, selbst ein Kaufmann, war machthungrig gewesen wie sie. Der Regent aber, ein Mann mit einem Gesicht aus Marmor und einem Herzen aus Stahl, hatte gro�e M�he, seine Wut im Zaum zu halten, denn sein Plan, diese m�chtigen Kaufleute unter seine Kontrolle zu bringen, war durch Mountjoys Tod r�de durchkreuzt worden.</p><p>�Nun�, bellte Goodman, �Sir John, Ihr seid des K�nigs Coroner hier in der Stadt. Sir Gerard wurde ermordet, und zwar auf abscheuliche Weise. Wir wissen, wer es getan hat; also schafft die Hunde beiseite.�</p><p>�Ach?� Sir John l�chelte unger�hrt. �Ihr habt den M�rder auf frischer Tat ertappt?�</p><p>�Um Gottes willen, Mann!� schnarrte Goodman. �Schaut Euch die Laube an. An zwei Seiten ist der Gartenzaun, die hintere Mauer ist die Rathausmauer, und die vierte wird durch das Schirmdach gesch�tzt.�</p><p>Cranston und Athelstan betrachteten das langgestreckte, schmale Schr�gdach, das an die Pfeiler des Rathauses angebaut und mit alten Schilden gedeckt war; es bildete einen �berdachten Gang zwischen der K�che und dem eigentlichen Rathaus.</p><p>�Wie sollte irgendjemand�, fuhr Goodman langsam fort, als w�ren Athelstan und Cranston schwer von Begriff, �den Garten betreten, Sir Gerard erstechen und in aller Ruhe wieder fortgehen k�nnen, ohne von den Hunden in St�cke gerissen zu werden?�</p><p>�Was der B�rgermeister sagen will�, warf Clifford ein, �ist, da� die beiden Hunde Sir Gerards st�ndige Begleiter waren. Mountjoy war Junggeselle. Sie ersetzten ihm Weib und Kinder, Familie und Anverwandte. Nur einer konnte sich dem Sheriff n�hern, ohne die Hunde zu st�ren: sein Diener und Amtmann, Philip Boscombe.�</p><p>Cranston nickte und schaute wieder zu der Laube hin�ber.</p><p>�Sir Gerard�, fuhr Clifford fort, �hatte immer Angst vor Attentaten. Niemand - kein Beamter, kein Ratsherr, kein B�rger - konnte sich ihm n�hern, wenn der Sheriff seinen Hunden nicht befohlen hatte, freundlich zu sein. Boscombe war die einzige Ausnahme. Er mu� es gewesen sein. Die Diener haben die Hunde nicht einmal bellen h�ren.�</p><p>Cranston ging zur�ck. Aus sicherem Abstand sp�hte er in die blutbespritzte Laube hinein. Die beiden gro�en Hunde lagen ihrem Herrn zu F��en; ab und zu blickten sie zu ihm hoch, als erwarteten sie, da� er gleich aufwachen und sie rufen w�rde. Sie sp�rten, da� etwas nicht stimmte, und der Blutgeruch machte sie nur noch aggressiver. Knurrend wandten sie ihre Aufmerksamkeit dem Gartentor zu.</p><p>�Clifford mu� recht haben�, fl�sterte Athelstan, der auch herangekommen war. �Das Messer kann nicht geworfen worden sein. Es gibt keine Stelle, von der aus das m�glich w�re. Und seht nur, wie tief es steckt, Sir John.�</p><p>Cranston nickte. �Wo ist Boscombe jetzt?� fragte er.</p><p>�Er beteuert seine Unschuld�, antwortete Goodman. �Er sitzt im Verlies unter dem Rathaus. Sir John, wir warten! Habt Ihr Angst vor den Hunden?�</p><p>�Bringt mir zwei St�cke rohes Fleisch!� rief Cranston. Diese aufgeblasenen Leute warten zu lassen machte ihm Spa�. �Und einen Napf Wasser.�</p><p>Goodman ging ins Rathaus, die anderen h�rten ihn drinnen seine Anweisungen br�llen. Nach kurzer Zeit kam ein Diener heraus; er trug ein Tablett mit zwei blutigen Fleischst�cken und einem Wassernapf, reichte es Cranston, warf einen furchtsamen Blick zu dem Laubengang hin�ber und rannte zur�ck ins Rathaus.</p><p>�Bleibt, wo Ihr seid!� rief der Coroner. �John Cranston hat vor niemandem Angst. Und diese Hunde sind zu edel, als da� man sie umbringen d�rfte.� Er trat an das Tor und sprach ruhig auf die knurrenden Hunde ein. Sie legten die m�chtigen Pfoten auf das Tor und richteten sich auf; ihre gro�en, zottigen K�pfe �berragten das Gartentor um ein ganzes St�ck. Cranston trat zur�ck und redete weiter leise auf sie ein. Die Hunde bellten wild, verstummten aber schlie�lich. Sie legten sich hinter dem Tor nieder und schauten zu diesem Mann mit der sanften Stimme hoch, der das k�stlich duftende Fleisch und den Wassernapf in den H�nden hielt. Athelstan kam langsam n�her. Sir John fl�sterte mit den Bestien, als w�ren sie alte Freunde.</p><p>�Siehst du, Bruder�, murmelte er aus dem Mundwinkel, �kein Lebewesen, mit Ausnahme des Menschen, kann sich der Freundlichkeit verschlie�en.�</p><p>Vorsichtig �ffnete er das Gartentor. Die beiden Hunde standen still und wedelten mit den Schw�nzen. Cranston pfiff leise und lockte sie mit Fleisch und Wasser in den Garten hinaus. Dort legte er ihnen das Fleisch hin. W�hrend sie es herunterschlangen, lie�en sie sich von Cranston die m�chtigen Sch�del streicheln und die Ohren liebkosen.</p><p>�Brave Jungs�, fl�sterte er. �Seid gute Freunde vom alten John.�</p><p>Einer der Hunde h�rte sogar auf zu fressen und leckte ihm die Hand. Cranston ging zur�ck in die Laube. Die Hunde erhoben sich.</p><p>�Platz!�</p><p>Beide Hunde gehorchten, und, gefolgt vom grinsenden Athelstan, betrat Cranston die Laube.</p><p>�Mach die Augen zu, Bruder.�</p><p>Athelstan gehorchte, und er h�rte das unverwechselbare Ger�usch, als Cranston den Dolch aus der Leiche zog. Athelstan �ffnete die Augen wieder und sah sich um.</p><p>Der Leichnam war umgekippt und lag mit dem Gesicht nach unten auf der Rasenbank. Ein Weinbecher lag unter dem Efeu, der an der Rathausmauer emporwuchs, und als Cranston den Dolch im Gras abwischte, wurde Athelstan klar, wie r�tselhaft dieser Mord war. Mountjoy hatte unmittelbar gegen�ber des mit dem Schr�gdach �berdeckten Ganges gesessen. Der Zaun war aus Holzplanken und die L�cken dazwischen zu schmal, als da� jemand ein Messer mit solcher Wucht h�tte hindurchschleudern k�nnen. Die Mauer des Rathauses war eine un�berwindliche Barriere, und um das Messer vom Garten aus zu werfen, h�tte man dazu am Tor stehen m�ssen. Athelstan sch�ttelte den Kopf. Sir Gerard und seine Hunde h�tten nicht zugelassen, da� jemand mit einem gef�hrlich aussehenden Dolch dort stand; sie h�tten geschrien und angegriffen.</p><p>Athelstan blickte auf den Kiesweg, der unter seinen Sandalen knirschte. Niemals h�tte sich ein Attent�ter lautlos �ber diesen Pfad zum Tor schleichen k�nnen, ohne da� die Hunde wie rasend gebellt h�tten. Er schaute an der St�tzmauer des Rathauses hoch, an die das Schr�gdach angebaut war. Die einzigen Fenster dort oben waren schmale Schie�scharten, zu hoch und zu schmal, als da� von dort ein Messer halbwegs kr�ftig und zielgenau h�tte geworfen werden k�nnen. Er schaute Cranston an, der die Messerklinge eingehend betrachtete.</p><p>�Es mu� Boscombe gewesen sein�, sagte Athelstan leise. �Das Messer wurde nicht geworfen. Seht.� Er deutete auf das Spaliergitter, an dem Mountjoy gelehnt hatte. �Der Dolch ist ihm durch die Brust gedrungen und hat den Gitterzaun verkratzt.�</p><p>�Vielleicht ist jemand hinter Sir Gerard �ber den Zaun geklettert?� Clifford kam heran.</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Das bezweifle ich, Mylord. Sir Gerard hat anscheinend gesessen, als er ermordet wurde. Der M�rder m��te auf den Zaun klettern, sich mit dem Dolch herunterschwingen und ihn dem Opfer in die Brust sto�en. K�nnt Ihr Euch vorstellen, da� der Sheriff und seine Hunde das geduldig abwarten?�</p><p>Angef�hrt von Clifford und Gaunt, kamen die Gildemeister vorsichtig in die kleine Laube und schauten sich immer wieder furchtsam nach den beiden gro�en Wolfshunden um, die jetzt mit traurigem Blick im Gras lagen.</p><p>�Sind die Hunde nicht mehr gef�hrlich?� fragte Gaunt leise.</p><p>�Oh nein�, antwortete Gaunt abwesend. �Sie wissen, da� hier etwas nicht stimmt, aber uns betrachten sie nicht als Feinde.� Er lachte schnaubend. �Obwohl wir es ja vielleicht sind. Einer der Anwesenden auf jeden Fall.� Cranston schaute in die Runde. �Ich bin Sir John Cranston, Coroner des K�nigs in der Stadt�, erkl�rte er, �und dies ist mein Urteil: Ich finde Sir Gerard Mountjoy von einer oder mehreren unbekannten Personen ermordet auf.�</p><p>�Was ist mit Boscombe?� fragte Gaunt.</p><p>�M�glich, da� er es war. Aber habt Ihr diesen Dolch gesehen, Mylord?� Cranston hielt ihn in die H�he.</p><p>Erst dachte Athelstan, es handele sich um einen ganz gew�hnlichen walisischen Stichdolch mit schmaler, langer, b�sartiger Klinge und kleinem Griff und Heft. Aber unter den verschmierten Spuren von Cranstons S�uberung war etwas in die Klinge eingraviert. Athelstan nahm Cranston den Dolch aus der Hand und betrachtete ihn genauer.</p><p>�Ira Dei�, murmelte er und las die grob geritzten Zeichen laut vor.</p><p>Gaunt stampfte w�tend ins Gras und stemmte die F�uste in die H�ften. �Bei der Heiligen Messe!� Er funkelte die anderen an. �Diese Bauernschweine bedrohen uns hier in unserer eigenen Stadt, in unseren eigenen Pal�sten.�</p><p>�Ira Dei?� Hussey, der k�nigliche Hauslehrer, dr�ngte sich nach vorn. �Der Zorn Gottes? Mylord Gaunt, was hat das zu bedeuten? Man mu� es dem K�nig berichten.�</p><p>�Mein Neffe wird es beizeiten erfahren�, erwiderte Gaunt gereizt.</p><p>Athelstan sp�rte die tiefe Ablehnung im Ton des Regenten und erinnerte sich an das Getuschel �ber zunehmende Rivalit�ten zwischen ihm und dem Hauslehrer des K�nigs.</p><p>�Ira Dei�, wiederholte Gaunt langsam, �ist ein selbsternannter, geheimnisumwobener F�hrer.�</p><p>�F�hrer wovon?�</p><p>�Der Gro�en Gemeinschaft�, knurrte Gaunt. �Diesen Namen haben die Bauern dem geheimen Rat ihrer Anf�hrer gegeben, der Verrat und Rebellion plant, in London und Umgebung. Sir, Ihr solltet besser Bescheid wissen.�</p><p>�Mylord�, antwortete Hussey geschmeidig, �wie Seine Gnaden der K�nig wei� ich nur das, was man mir sagt.�</p><p>Ver�rgert wandte sich Gaunt ab. �Mountjoy ist tot�, fl�sterte er. �Erstochen von seinem Diener, der offenbar gegen Bezahlung oder aus �berzeugung f�r die Rebellen arbeitet. Sir John, Bruder Athelstan, stimmt Ihr mir zu?�</p><p>Cranston betrachtete den Dolch, w�hrend Athelstan sich bem�hte, den schweren Leichnam des Sheriffs auf die Rasenbank zu legen. Das Gewand des Mannes war dick verkrustet von Blut. Athelstan sprach fl�sternd das Totengebet und untersuchte zugleich die Wunde in der Brust des Mannes, die Schramme im Zaun, an dem er gelehnt hatte, und das Blut an den H�nden des Toten.</p><p>�Mylords�, erkl�rte der Ordensbruder schlie�lich schwer atmend und faltete die H�nde des toten Sheriffs. �Sicher wird Sir John mit mir darin �bereinstimmen, da� Sir Gerard durch einen Dolchstich in die Brust get�tet wurde. Der Dolch kann nicht geworfen worden sein; die Laube ist ringsum geschlossen, und h�tte der M�rder am Tor gestanden, dann h�tte Sir Gerard ihn sehen m�ssen, von seinen Hunden ganz zu schweigen.�</p><p>�Vielleicht haben sie geschlafen, alle drei�, dr�hnte Fitzroy t�richt. �Sir Gerard trank gern Wein.�</p><p>�Aber die Hunde nicht�, gab Denny sp�ttisch zu bedenken.</p><p>�Ich bezweifle es�, sagte Athelstan ruhig. �Solche Hunde h�tten ihren Herrn vor jedem besch�tzt, und Sir Gerard wu�te, wenigstens ein paar Augenblicke zuvor, da� er sterben mu�te. Seht Ihr seine H�nde? Sie sind blutig.�</p><p>�Mein Schreiber spricht aus, was ich dachte�, unterbrach Cranston ihn gro�spurig. Er zwinkerte Athelstan zu und ging zur�ck zum Tor. �Der Dolch wurde nicht geworfen. Der M�rder spazierte durch das Tor, vielleicht mit versteckter Waffe; sie ist lang und schmal und hat keinen gro�en Griff. Sir Gerard sitzt da und trinkt seinen Wein. Er blickt auf, und der M�rder sticht zu, rammt dem Sheriff den Dolch tief ins Herz und durchbohrt den K�rper. Im Todeskampf zerrt Sir Gerard an dem Dolch, seine H�nde fallen herab, er stirbt.� Cranston sah sich strahlend um. �Ich denke, als n�chstes, Mylords, sollten mein Schreiber und ich den Gefangenen verh�ren.�</p><p>Gaunt war einverstanden, und man rief einen Bogensch�tzen, der Cranston und Athelstan ins Rathaus und in das klamme, muffige Kellergew�lbe f�hrte. Die G�nge waren von Fackeln beleuchtet. Vor einer T�r mit eingelassenem Eisengitter standen zwei Bogensch�tzen Wache. Cranston sp�hte durch das Gitterfenster. Das Verlies war von einer �llampe erleuchtet, die auf einem wackligen Tisch stand. Der Gefangene lag zusammengekr�mmt auf einer schmalen Pritsche. Die Wachen schl�ssen die T�r auf, und Cranston und Athelstan schl�pften hinein. St�hnend richtete sich der Mann auf.</p><p>Im tr�ben Licht der �llampe sah er so elend und j�mmerlich aus wie nur menschenm�glich. Er war klein und dick; seine Augen verschwanden zwischen Fettw�lsten und waren noch dazu vom Weinen verquollen. Sein Haar war vom Kerkerschmutz verklebt.</p><p>Athelstan hockte sich neben ihn und schaute dem Amtmann des Sheriffs in das weichliche, verz�rtelte Gesicht. Der Mann verschr�nkte die Arme und fing an, sich vor und zur�ck zu wiegen.</p><p>�Was kommt jetzt? Was kommt jetzt?� murmelte er, und Tr�nen rollten ihm �ber die Wangen. �Werde ich gefoltert? Soll ich h�ngen? Sir, Ihr d�rft mir nichts tun!� Er wimmerte wie ein Kind, und Athelstan sah den Blutergu� an seiner Wange. Sanft ber�hrte er die Hand des Mannes und sah sich dann nach Sir John um. Der Blick des Ordensbruders lie� keinen Zweifel: Athelstan hatte bereits entschieden, da� dieser kleine dicke Mann mit der teigigen Haut und den plumpen H�nden kein M�rder war.</p><p>�Wir wollen dir helfen�, fl�sterte Athelstan, stand auf und lehnte sich an den Tisch. Cranston stellte sich mit dem R�cken zur T�r. �Du mu�t uns nur die Wahrheit sagen.�</p><p>Immer noch schniefend schaute der Mann zu Boden, und seine Schultern bebten.</p><p>�Sir Gerard ist tot�, jammerte er. �Und ich soll h�ngen. Sir, ich bin unschuldig - und dabei hat der Tag so gut angefangen!�</p><p>�Dann beginne mit dem Anfang�, dr�ngte Athelstan. �Boscombe, der Regent h�rt auf Sir John Cranston. Wenn du die Wahrheit sagst und deine Unschuld beweist, dann hast du diese Zelle vielleicht heute abend schon wieder verlassen.�</p><p>Der Gefangene blickte auf, und Athelstan sah Hoffnung flackern in den dunklen, tr�nennassen Augen des Amtmannes.</p><p>�Der Tag fing so gut an�, wiederholte der Mann; dann hustete er, und seine Stimme wurde fester. �Sir Gerard gefiel, was da geschehen sollte: Er und der Regent wollten einen Freundschaftsbund zwischen den Gilden besiegeln. Seine Gnaden, der K�nig, der Regent und die anderen kamen am Vormittag zur Messe in die Rathauskapelle. Sir Gerard war auch dabei. Ich und die �brigen Diener standen hinten. Die Messe begann; die Gildemeister, der Regent und Sir Gerard gaben sich den Friedensku�, sie empfingen das Sakrament, und dann wurden die Schl�ssel gesegnet.�</p><p>�Was?� unterbrach Cranston.</p><p>�Als Garantie f�r ihre guten Absichten�, antwortete Boscombe, �haben die f�hrenden Gilden und auch der Regent je einen Goldbarren in einer eigens angefertigten, mit Eisenriegeln und sechs Schl�ssern gesicherten Truhe deponiert. Einen Schl�ssel hat der Regent, die �brigen haben die Gildemeister.� Boscombe rieb sich die Wange. �Danach bekamen wir Marzipan und s��en Wein von der Kirche. Dann zog der Regent sich mit dem B�rgermeister, dem Sheriff und den f�nf Gildemeistern zu einer geheimen Beratung in die Privatgem�cher des Sheriffs zur�ck.� Boscombe fuhr sich durchs Haar, das verfilzt wie ein Wolfsfell war. �Danach l�ste sich die Versammlung auf, und mein Herr sagte, er wolle es sich in seinem Garten Wohlsein lassen.�</p><p>�Bist du auch hingegangen?�</p><p>�Ja, ich habe ihm einen Becher Wein gebracht. Er sonnte sich und sagte, der Vormittag habe einen guten Verlauf genommen und ich solle ihn nicht noch einmal st�ren.� Boscombe fing wieder an zu weinen. �Ihr Herren, ich war in meiner Kammer, als ich das Geschrei h�rte, und dann kamen die Soldaten mich holen. Man zerrte mich in den Garten hinunter; da sah ich den armen Sir Gerard. Und jetzt�, klagte er, �soll ich h�ngen.�</p><p>Athelstan ber�hrte ihn leicht bei der Schulter.</p><p>�Sei getrost, mein Freund. Du bist kein M�rder. Sir John wird daf�r sorgen, da� Gerechtigkeit geschieht. Eine Frage noch: Hatte Sir Gerard, dein Herr, irgendwelche Feinde?�</p><p>Jetzt l�chelte Boscombe schmal. �Feinde?� wiederholte er. �Ich habe meinem Herrn gut gedient, aber f�r ihn war ich auch nur ein Hund, der einen Tritt bekommt, wenn er etwas falsch macht, und einen Knochen, wenn es gut war. Ihr fragt Euch besser, Pater, ob es jemanden gab, der nicht Sir Gerards Feind war -denn Freunde hatte er nicht. Lord Gaunt ertrug ihn. Sir Christopher Goodman, der B�rgermeister, hielt es kaum mit ihm im selben Raum aus, und die f�nf Gildemeister �� Boscombe verzog h�hnisch den Mund. �Sie sind m�chtige und gef�hrliche M�nner und konnten Sir Gerard nicht ausstehen, nicht nur wegen seines Reichtums, sondern auch weil er ein so hohes Amt in der Stadt errungen hatte.�</p><p>Athelstan erhob sich. �Steh auf�, befahl er.</p><p>Boscombe rappelte sich hoch.</p><p>�Tr�gst du dieselben Kleider wie heute morgen?�</p><p>�Ja, nat�rlich - heute morgen allerdings, Bruder, war das noch mein Sonntagsstaat.� Boscombe zerrte an seinem milchwei�en Wams und ber�hrte die weiche, braune Wollhose; beides war schmutzig und starrte vor Dreck.</p><p>�Seht ihn Euch an, Sir John�, sagte Athelstan. �Hat dieser Mann Sir Gerard einen Dolch ins Herz gesto�en?�</p><p>�Nun ��, murmelte Cranston, und er packte Boscombes Handgelenke und betrachtete aufmerksam beide �rmel. �Keine Blutspuren zu finden.� Er schlug dem Diener so herzhaft auf die Schulter, da� der arme Boscombe beinahe wieder auf das Bett gekippt w�re. �Du bist kein M�rder.� Cranston schmatzte pl�tzlich, und Athelstan merkte, wie lange der Coroner schon nichts mehr getrunken hatte. �Komm jetzt, mein Junge, wir gehen hinauf.�</p><p>Cranston h�mmerte an die T�r. Die Wache �ffnete, wollte Boscombe aber nicht gehen lassen.</p><p>�Verschwinde!� donnerte Cranston. �Wie kannst du es wagen, dich dem Coroner des K�nigs in den Weg zu stellen?�</p><p>Hastig wich der Mann zur�ck und murmelte eine Entschuldigung. Der Coroner schleifte den armen Boscombe an der Hand hinter sich her, durch den Korridor und ins Rathaus hinauf. Sie fanden den Regenten und die anderen im Garten, wo sie auf Holzb�nken sa�en und k�hlen Wei�wein tranken, als w�re es ein sch�ner Sommertag und alles in bester Ordnung. Den M�nnern des Haushalts, die den Leichnam des Sheriffs in T�cher gewickelt hatten und ihn jetzt in den Keller hinunterschleppten, um ihn zwischen Weinf�sser zu legen, wo er k�hl bleiben und nicht stinken w�rde, schenkten sie keinen Blick.</p><p>Cranston und Athelstan traten beiseite, als die Bediensteten, unter ihrer grausigen B�rde fluchend und murrend, vor�berhasteten. In der hinteren Ecke des Gartens lagen die beiden gro�en Wolfshunde einsam im Gras, als w��ten sie, da� ihr privilegiertes Leben nun vorbei war. Sir John trat schwungvoll vor die sitzenden M�nner, den bleichen Boscombe immer noch bei der Hand. Goodman sprang auf, und die �brigen beobachteten Sir John mit schmalen Augen und mi�billigenden Mienen.</p><p>Eine unangenehme Bande, dachte Athelstan: M�nner, die sich der Anh�ufung von Macht und Reichtum verschrieben hatten, dunkle Seelen mit unheimlichen Gedanken und gewaltigem Ehrgeiz. Sie erinnerten ihn an Falken in einem Burghof, die an ihren Fesseln zerrten, bereit, ihren Sitz zu verlassen und zum T�ten auf ihre Beute herabzusto�en. Goodman trat Sir John mit gro�er Geste entgegen.</p><p>�Dieser Mann ist ein Gefangener der Stadt!�</p><p>�Und ich bin der Coroner der Stadt�, antwortete Cranston. Er hatte Mountjoy auch nie leiden k�nnen, aber Goodman verabscheute er als einen Mann, der seine eigene Mutter verraten w�rde, solange der Preis stimmte.</p><p>�Ihr seid aber nicht erm�chtigt, ihn freizulassen�, stammelte Goodman.</p><p>�Was gibt's, Sir John? fragte Lord Adam Clifford, der neben dem Regenten sa�, in tr�gem Tonfall. Der junge Mann beschirmte seine Augen vor der Sp�tnachmittagssonne, als er aufblickte. �G�tiger Gott, Mann, Ihr wollt ihn doch jetzt nicht h�ngen, oder? Ich habe noch nichts gegessen, und dieser Garten hat f�r einen Tag genug Gewaltt�tigkeit gesehen.�</p><p>Cranston wandte sich an den Regenten. �Mylord, ein kleines Theaterspiel - wenn Ihr gestattet?�</p><p>Ohne eine Antwort abzuwarten, machte Cranston kehrt, zwinkerte Athelstan zu und schob den armen Boscombe in Mountjoys Laube. Achselzuckend stellte der Regent seinen Weinbecher auf den Boden und folgte Cranston. Lord Adam l�chelte Athelstan zu.</p><p>�Ein feines Theaterspiel�, murmelte er. �Tja, Gentlemen, ich denke, wir sollten Seiner Gnaden folgen.�</p><p>In der Laube wurde Boscombe wieder nerv�s. Er zitterte wie ein Aspik, als Cranston ihn zu der blutbefleckten Rasenbank f�hrte.</p><p>�So!� Cranston strahlte Gaunt und die �brigen an, die am Tor standen. �Nun, Master Boscombe� - er zog seinen eigenen langen Dolch -, �jetzt sollst du mich ermorden.� Cranston lie� sich auf die Rasenbank fallen, ohne auf das geronnene Blut zu achten, und schaute grinsend zum B�rgermeister hin�ber. �Sir Christopher, seid so gut - einen Becher von dem Wein, den Ihr da trinkt?�</p><p>Der Coroner wischte sich die Stirn und befeuchtete seine Lippen. Goodman wollte protestieren, aber Gaunt schnippte mit den Fingern. Der B�rgermeister eilte davon und kam mit einem randvollen Becher zur�ck, den er dem Coroner in die gro�e Pranke dr�ckte. Wortlos prostete Cranston dem Regenten zu und starrte dann den j�mmerlichen Boscombe an, der mit spitzen Fingern den Dolch festhielt, als f�rchte er, sich daran zu schneiden, von Sir John ganz zu schweigen.</p><p>�Also!� blaffte Cranston und nahm einen Schluck aus seinem Becher. �Erstich mich, Boscombe!�</p><p>Athelstan trat vor. �Na los, Mann�, murmelte er. �Mach schon.�</p><p>Mit vorgestrecktem Dolch tappte Boscombe auf Sir John zu. Was dann geschah, h�tte Athelstan nicht genau sagen k�nnen. Cranston trank weiter von seinem Wein, Boscombe stie� zu - aber im n�chsten Augenblick hatte der Coroner ihm den Dolch aus der Hand geschlagen und den Diener der L�nge nach ins Gras geschleudert. Cranston trank seinen Becher leer und stand auf.</p><p>�Der Lord Coroner hat klargemacht, worauf es ihm ankam�, stellte Athelstan taktvoll fest. �Boscombe kann einen Dolch nicht einmal richtig halten. Genau wie Sir John war Sir Gerard ein feuriger Mann. Er h�tte Widerstand geleistet, von den Hunden ganz zu schweigen. Und was noch wichtiger ist, Mylord�, f�gte Athelstan hinzu, an Gaunt gewandt, �wenn Boscombe ihm den Dolch so tief in die Brust gesto�en h�tte, dann m��te er Blutflecken an H�nden und �rmeln haben. Aber�, schlo� er und half Boscombe auf die Beine, �solche Flecken gibt es nicht.�</p><p>Gaunt starrte erst Athelstan, dann Boscombe an. Seufzend blies er die Wangen auf; dann w�hlte er eine M�nze aus seinem Beutel und warf sie Boscombe zu, der sie trotz seiner Nervosit�t geschickt auffing.</p><p>�Master Boscombe, dir ist schweres Unrecht geschehen. Warte dort dr�ben.�</p><p>Flink wie ein Kaninchen huschte Boscombe davon und lie� sich bei den gro�en Wolfshunden nieder. Gaunt trat auf Cranston und Athelstan zu und strich mit der Fingerspitze �ber den Rand seines Bechers.</p><p>�Wenn Boscombe es nicht war�, sagte er leise, �wer war es dann?�</p><p>Athelstan und Cranston starrten ihn wortlos an.</p><p>�Was noch wichtiger ist�, fuhr Gaunt fort, �wie wurde der Mord vollbracht? Der Garten ist nach allen Seiten geschlossen. Mountjoy war Soldat, und seine Hunde bewachten ihn. Wir haben seinen Weinbecher untersucht, der kein Bet�ubungsmittel enthielt. Wie also konnte jemand so nah herankommen und den Mann umbringen?� Gaunt deutete auf Sir John. �Mylord Coroner, Ihr und Euer Schreiber werdet heute abend bei dem Bankett meine G�ste sein. Ihr habt den Befehl, diese Sache so schnell wie m�glich aufzukl�ren.� Er schaute seine Begleiter an. �Meine Herren, wir m�ssen diese Angelegenheit in die f�higen H�nde des Lord Coroner legen.�</p><p>�Habt Ihr denn die andere Geschichte schon aufgekl�rt?� fragte Goodman boshaft.</p><p>Cranston wurde rot vor Wut �ber das Gel�chter, das diese Bemerkung ausl�ste. Sir Nicholas Hussey, den Cranston insgeheim sch�tzte, machte ein betretenes Gesicht.</p><p>�Um was f�r eine Geschichte geht es?� wollte Gaunt wissen.</p><p>�Oh�, bl�kte Goodman und trat vor, �auf der London Bridge und anderswo werden die abgeschlagenen K�pfe und blutigen Gliedma�en von hingerichteten Verr�tern gestohlen. Schon seit Wochen versucht Sir John, den Dieb zu fangen.�</p><p>Gern h�tte Athelstan dem B�rgermeister in das rote, fleischige Gesicht geschlagen; statt dessen schaute er zu Boden und hoffte, Cranston werde seinem J�hzorn nicht nachgeben. Sir John entt�uschte ihn nicht; er baute sich vor dem B�rgermeister auf, das Gesicht nur noch eine Handbreit von dem seines Widersachers entfernt.</p><p>�Ich werde diese Angelegenheit nicht nur aufkl�ren�, fl�sterte er laut genug, da� die anderen es h�ren konnten, �sondern versichere Euch, Sir, da�, wenn die Sache erledigt ist, auf der London Bridge neue K�pfe auf die Stangen gespie�t werden.�</p><p>Alle wandten sich zum Gehen und wollten gerade das Rathaus betreten, als Boscombe gerannt kam und sich dem Regenten zu F��en warf.</p><p>�Mylord!� heulte der Mann und wandte das tr�nennasse Gesicht zu John von Gaunt empor. �Was soll ich jetzt tun? Mein Herr ist tot. Und die Hunde �?�</p><p>�Habt Ihr eine Stellung f�r ihn?� fragte Gaunt den B�rgermeister.</p><p>Goodman sch�ttelte den Kopf, und der Regent zuckte die Achseln.</p><p>�Dann, Master Boscombe, mu�t du dich mit dem begn�gen, was du hast. Wenigstens bist du frei.�</p><p>�Und die Hunde?� heulte der Mann.</p><p>�Vielleicht sollten sie ihrem Herrn nachfolgen. Es sei denn� - Gaunt warf Cranston einen Blick zu �der Lord Coroner wollte die Kosten f�r euch alle drei �bernehmen.�</p><p>Cranston betrachtete den erb�rmlichen kleinen Mann und die beiden riesigen Wolfshunde, die sich anscheinend mit ihrem Schicksal abgefunden hatten. Schon wollte er ablehnen, aber da sah er Goodmans h�hnische Miene und die traurigen Augen der Hunde.</p><p>�Ich �bernehme die Kosten�, erkl�rte er, bevor Athelstan ihn zur Vorsicht mahnen konnte.</p><p>Cranston stellte Boscombe auf die F��e, pfiff den Hunden und marschierte durch das Rathaus davon. Er grinste boshaft von einem Ohr zum anderen, als die Hunde ihm folgten und die m�chtigen, arroganten M�nner auseinanderstieben lie�en.</p></section><section><title><p><strong>Drei</strong></p></title><p>�Lady Maude wird mich umbringen!� murmelte Sir John. Er sa� mit Athelstan auf einer Gartenbank und schaute zu, wie die beiden gro�en Wolfshunde, die dem Cranston'schen Haushalt bereits eine Heidenangst eingejagt hatten, im Garten herumtollten. Ab und zu kamen sie gerannt, legten dem Coroner die gro�en Pfoten auf die fetten Beine und leckte ihm das Gesicht, bis der Garten von Cranstons w�stesten Fl�chen widerhallte.</p><p>Boscombe hatte keine zweite Einladung gebraucht; er hatte seine kl�glichen Habseligkeiten in ein B�ndel geschn�rt und war Sir John nach Hause gefolgt. Jetzt stand er in der Haust�r, gewaschen, umgezogen und mit einem vollen Becher Rotwein in der Hand.</p><p>�Guter Mann! Braver Mann!� brummte Cranston. �Du stehst bereits hoch in meiner Gunst.� Er hob einen runden Zeigefinger und schaute seinen neuen Diener an. �F�nf Dinge sind mir wichtig�, knurrte er. �Erstens: Lady Maude. Ihr mu� immer und �berall gehorcht werden. Zweitens: Die Sorge um meine S�hne, die beiden Kerlchen. Drittens: Bruder Athelstan hier, mein Freund.� Sanft klopfte er dem Ordensbruder auf die Schulter. �Viertens: Mein Arbeitszimmer, in dem ich meine gro�e Abhandlung aufbewahre, ist mein Heiligtum. Und f�nftens: Mein Weinschlauch. Genau gesagt, gibt es zwei. Der eine h�ngt hinter der T�r zur Speisekammer, der andere in meiner Kammer. Sie m�ssen jederzeit gef�llt sein, aber Lady Maude darf niemals erfahren, da� es zwei gibt.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Sir John.� Boscombe verschwand so lautlos, wie er gekommen war.</p><p>Cranston nahm einen Schluck Wein. �Er wird sich machen�, stellte er fest. �Aber was ist mit den verdammten Hunden, hm? Beim Sack des Satans, Athelstan, die sehen aus, als k�nnten sie die Kerlchen und Lady Maude mit einem Bissen verschlingen.�</p><p>Athelstan nagte an der Unterlippe. Er sah Sir Johns Problem, aber nicht den Schimmer einer L�sung.</p><p>�Das alles wird davon abh�ngen�, sagte er langsam, �wie Lady Maude entscheidet, Sir John.� Er verbi� sich das Lachen. �Wenn Ihr Gl�ck habt, setzt sie die beiden Hunde vor die T�r. Aber wenn sie w�tend ist, m��t Ihr vielleicht mit.�</p><p>Cranston r�lpste. Die beiden Hunde drehten sich um und schauten ihn an.</p><p>�Bei den Z�hnen der H�lle, Jungs�, rief Cranston ihnen zu, �wie soll ich euch denn nennen? Wi�t ihr, da� dieser erb�rmliche Dreckskerl Mountjoy, m�ge Gott ihn verfaulen lassen, sich nicht mal die M�he gemacht hat, euch Namen zu geben? Na, ich habe mir zwei einfallen lassen: Der mit dem blauen Halsband wird Gog hei�en, und der mit dem roten Magog.�</p><p>Die beiden Hunde fanden offenbar, es sei an der Zeit, ihrem neuen Herrn wieder einmal zu danken, denn sie kamen auf ihn zugesprungen. Athelstans Herz tat einen angstvollen Satz, aber Cranston hob die Hand, und die beiden Hunde legten sich hechelnd vor ihn und lie�en sein fettes, rotes Gesicht nicht aus den Augen.</p><p>�Woher habt Ihr dieses Talent mit Hunden? Die w�rden Euch aus der Hand fressen�, meinte Athelstan und zog vorsichtig die F��e unter die Bank.</p><p>�Schon als Dreik�sehoch habe ich mich mit Hunden gut verstanden�, sagte Cranston. �Mein Vater war ein harter Mann. Wenn ich etwas falsch gemacht hatte, sperrte er mich in den Hundezwinger.� Wie immer widerstrebte es ihm, �ber seine Jugend zu sprechen, und er deutete auf das Schreibzeug auf dem Tisch vor Athelstan. �Aber das ist nicht so schwierig wie dieses Problem, was?�</p><p>Athelstan nahm die grobe Zeichnung des Rathausgartens zur Hand. �Wie �?� murmelte er, w�hrend Cranston ihm ger�uschvoll ins Ohr atmete. �Wie konnte dieser Mord geschehen?�</p><p>�Was k�mmert uns das?� grollte der Coroner. ��berlegen wir lieber, wer es war. Bei den Zitzen der H�lle!� knurrte er und beantwortete sich seine Frage gleich selbst. �Der M�glichkeiten sind Legion, und auch diese Hurens�hne und Hosenl�tze kommen in Frage, die ein sch�nes Halsband aus Hanf mehr als verdient haben!�</p><p>Athelstan starrte den Coroner an. �Ich wu�te nicht, da� sie Euch so wichtig sind, Sir John.�</p><p>Cranston redete sich in Rage. �Sie sind eine Bande von miesen, runzligen, doppelz�ngigen, angemalten Schei�haufen!� Er schob Athelstans Pergament beiseite und zerkr�melte die Reste eines St�cks Brot, an dem er geknabbert hatte. �Heute nachmittag im Rathaus, mein lieber M�nch ��</p><p>�Ordensbruder, Sir John.�</p><p>�Ist doch dasselbe�, murmelte er. �Heute nachmittag haben wir die wunderbarste Sammlung von Gaunern kennengelernt, die je dieses K�nigreich zierten.� Cranston legte ein St�ck Brot auf den Tisch. �Da haben wir die Gildemeister, die Handlanger des Teufels. Voll �liger Schmiere - wenn man eine Fackel dranh�lt, brennen sie ewig. Sie hassen einander und verabscheuen die Krone, und jeder von ihnen w�rde London nur gar zu gern regieren. Jeder einzelne k�nnte Mountjoy ermordet haben - oder alle zusammen!</p><p>Und zweitens� - wieder legte er ein St�ck Brot auf den Tisch - �haben wir Gaunts Partei. Gott allein wei�, was dieser durchtriebene F�rst im Schilde f�hrt. Vielleicht will er die Krone, vielleicht auch nur ihr Herr sein. Er will den Londoner P�bel beherrschen, und dazu braucht er das Gold der Gildemeister. Und als n�chstes� - ein drittes St�ck Brot erschien - �haben wir die Partei des K�nigs. Unser junger Prinz ist noch nicht vollj�hrig, aber seine Anh�nger, Hussey zum Beispiel, w�rden nur zu gern die Macht des Regenten brechen und sich an seine Stelle setzen. Au�erdem haben wir die Gro�e Gemeinschaft des Reiches, die Bauernf�hrer mit ihrem geheimen Rat und dem mysteri�sen Anf�hrer, der sich Ira Dei nennt. Und schlie�lich noch das Unbekannte: Wurde Mountjoy vielleicht aus pers�nlichen und nicht aus politischen Motiven ermordet?�</p><p>Cranston senkte die Stimme. �Wer wei�? Es k�nnte Boscombe gewesen sein oder jeder andere aus London. Ich wette, wenn du eine Versammlung derer einberufst, die den Sheriff geha�t haben, dann gibt es in der St.-Paul-Kathedrale keine Stehpl�tze mehr, und die Warteschlange derer, die hineinwollen, w�rde bis zur Themse hinunterreichen.�</p><p>�Aber, Sir John, auf der Messerklinge stand der Name Ira Dei.�</p><p>�Aber, aber, mein schlauer Ordensbruder!� dr�hnte Sir John. �Spiel mir nicht den Unschuldsengel. Bestimmt tauchte irgend so ein M�rder auf, als all diese Honoratioren im Rathaus versammelt waren, und fragte nach dem Weg zum Sheriff, damit er ihn umbringen k�nnte! Es liegt doch auf der Hand�, stellte er fest und richtete sich auf. Sein wei�er Schnurrbart zitterte. �Ich spreche nur laut aus, was diese scheinheilige Bande von Schweinehunden insgeheim wei�: Der M�rder war bereits im Rathaus. Weder der Regent noch dieser Fettklo� Goodman hat gesagt, da� ein Fremder in ihrem vermaledeiten Rathaus gesehen wurde.�</p><p>Athelstan grinste. �Concedo, oh Aufmerksamster unter den Coroners. Die Sache wird also um so verzwickter?�</p><p>�Nat�rlich.� Cranston nahm die Brotst�cke vom Tisch. �Und was ist�, �berlegte er, �wenn es ein B�ndnis zwischen all diesen Gruppen gibt? Eine unheilige Verbindung wie zwischen Pilatus und Herodes?�</p><p>�Wenn das der Fall ist�, sagte Athelstan, �dann haben wir es mit einer Serie von komplexen Verstrickungen zu tun, die sich jeder logischen Analyse widersetzt. Die Gildemeister sind vielleicht nicht einig. Vielleicht sind sie unentschlossen, vielleicht sogar t�ckisch, und machen sowohl Gaunt als auch der Bauernpartei den Hof.�</p><p>�Oder, schlimmer noch�, erwog Cranston, �die Gildemeister k�nnten Gaunt, dem K�nig und den Bauern den Hof machen.� Er wedelte die Patschhand. �Vielleicht ist nur einer der Gildemeister ein Verr�ter. Oder hat Gaunt den Mountjoy umbringen lassen, weil er der einzige Wurm an ihrer Rose war?�</p><p>Athelstan hob die H�nde. �Ich stimme Euch zu, Sir John. Wie Sir Gerard ermordet wurde, ist ein Geheimnis. Wer ihn ermordet hat� nun, es k�nnte jeder gewesen sein. Also bleibt uns die Frage: Warum?�</p><p>�Und die haben wir schon beantwortet.� Cranston stand auf, klopfte sich mit der flachen Hand auf den Bauch und strahlte seinen Schreiber an. �Vielleicht hat Sir Gerard dem Regenten zuviel Schwierigkeiten gemacht? Eines wissen wir jedenfalls. In diesem Spiel geht es um Macht, und der Sieger wird K�nig im Schlo� und kann zusehen, wie seine Feinde vernichtet werden. Ich kann nur sagen: Wir d�rfen niemandem trauen.�</p><p>�Ich glaube folgendes�, sagte Athelstan. �Da der Mord just an dem Tag geschehen ist, als Gaunt seine Allianz mit der Stadt besiegeln wollte, mu� ich daraus schlie�en, da� Sir Gerards Tod nicht auf eine Privatfehde zur�ckzuf�hren ist, sondern diese Allianz zerst�ren und die Saat der Zwietracht und des Mi�trauens s�en soll. In diesem Fall��</p><p>�In diesem Fall - was?�</p><p>�In diesem Fall, teurer Coroner, wird es, ehe wir beide sehr viel �lter sind, noch einen Mord geben.�</p><p>Cranston fluchte leise, fegte die letzten Brotreste vom Tisch und schaute zu, wie Gog und Magog langsam herankamen, um zu sehen, was ihr Herr ihnen da anbot. Die Glocken von St. Mary Le Bow begannen zu l�uten. Sir John blickte zum Himmel; es wurde dunkler.</p><p>�Komm, Bruder. Wir sind zum Bankett des Regenten im Rathaus eingeladen.�</p><p>�Sir John, ich sollte in meine Pfarrei zur�ck.�</p><p>Cranston grinste. �Bei den Zitzen des Teufels! Der Regent hat dich eingeladen, und du mu�t hin!�</p><p>Cranston ging ins Haus und br�llte nach Boscombe. Athelstan wusch sich an einer Wassersch�ssel in der Sp�lk�che. Unterdessen stieg Sir John in seine Kammer hinauf, kleidete sich in ein Gewand aus braunrotem Sarsenett mit goldenen Tressen und wechselte seine Stiefel gegen ein Paar h�fischere, pr�chtigere. Als er in die K�che kam, gl�nzte sein rotes Gesicht, und er duftete s�� wie eine Rose von dem Balsam, mit dem er sich H�nde und Wangen eingerieben hatte.</p><p>�Sir John, Ihr seht vom Scheitel bis zur Sohle aus wie der Lord Coroner.� Athelstan blickte an seiner staubigen Kutte hinunter. �Ich f�rchte, ich habe nichts Sauberes anzuziehen.�</p><p>�Du siehst aus wie das, was du bist�, gab Cranston zur�ck und klopfte ihm sanft auf die Schulter. �Wie ein armer Priester, ein Mann Gottes, ein Diener Christi. Glaub mir, Athelstan, du kannst einen Hundek�ttel in ein St�ck Brokat wickeln, aber ein Hundek�ttel bleibt es trotzdem.�</p><p>Und mit diesem kernigen St�ck hausgemachter Weisheit wandte Cranston sich ab, br�llte den M�gden etwas zu, gab Boscombe Anweisungen wegen der Hunde, holte seinen wunderbaren Weinschlauch und marschierte den Korridor hinunter. Athelstan eilte ihm nach, und Sir John �ffnete die Haust�r.</p><p>�Oh, hau ab!� br�llte er den rothaarigen, einbeinigen Bettler Leif an, der am T�rrahmen lehnte, das sch�bige Bettelbrett um den Hals geh�ngt. Leif sah aus, als wolle er im n�chsten Augenblick vor Ersch�pfung und Hunger zusammenbrechen, aber Athelstan wu�te, da� er ein vollendeter Schauspieler war, der ebenso herzhaft a� und trank wie Sir John.</p><p>�Oh�, winselte Leif, �mein Bauch ist leer.�</p><p>�Dann pa�t er ja zu deinem Kopf!�</p><p>�Sir John, eine Brotkrume, einen Becher Wasser?�</p><p>�Den Teufel!� br�llte Cranston. �Du hast schon mein Abendessen aufgefressen! Du bist ein gieriger, magerer Gauner, Leif.�</p><p>�Sir John, ich bin ein armer Mann.�</p><p>�Ach, geh schon hinein�, knurrte Cranston. �Geh zu Boscombe; er ist mein neuer Dienstmann. Nein, ich hab's mir anders �berlegt. Boscombe!�</p><p>Der kleine Kerl erschien, lautlos wie ein Schatten.</p><p>�Das ist Leif�, sagte Cranston. �Er wird mich mit seiner Fre�gier noch um Haus und Hof bringen. Gib ihm Wein - aber nicht von meinem Roten. Brot ist da und Suppe, und Lady Maude hat eine Pastete in der Speisekammer.�</p><p>�Oh, ich danke Euch, Sir John.� Behende wie ein Eichh�rnchen hoppelte Leif in den Hausflur.</p><p>�Ach, �brigens�� Cranston l�chelte boshaft. �Leif, mein Freund, geh in den Garten. Ich habe zwei neue G�ste, die dich gern kennenlernen wollen.� Er schlug die T�r hinter sich zu und ging leise lachend die Cheapside hinunter.</p><p>�Sir John, war das vern�nftig?�</p><p>�Oh, mach dir nur keine Sorgen um Leif, Athelstan�, rief Cranston �ber die Schulter. �Der ist flink wie ein Floh und kann schneller rennen als du oder ich. Und hat es auch schon oft getan�, f�gte er hinzu.</p><p>Abgesehen von den M�llkarren, den Stra�enkehrern und vereinzelten, safrangelb gekleideten Huren, die sich an den Wirtshaust�ren herumtrieben, lag die Cheapside jetzt verlassen da. Sowie es erst dunkel war, w�rden sie und das �brige Stadtgesindel, l�rmende Burschen und das, was Cranston als �das Nachtgelichter� bezeichnete, ihre Anwesenheit sp�rbar machen.</p><p>Als sie am Rathaus ankamen, war das ganze Geb�ude von k�niglichen Bogensch�tzen und Gardesoldaten umstellt. Cranston schrie seinen Namen und dr�ngte sich an ihnen vorbei, die Treppe hinauf und in den Audienzsaal, wo Lord Adam Clifford sie erwartete.</p><p>Das Gesicht des jungen H�flings verzog sich zu einem aufrichtigen L�cheln. �Sir John, Bruder Athelstan.� Er dr�ckte ihnen warm die Hand. �Ihr seid mir h�chst willkommen.�</p><p>Cranston warf einen Blick auf die schlichte Lederjacke des jungen Edelmannes, die wollene Hose und die hochhackigen Lederreitstiefel.</p><p>�Aber Mylord, kommt Ihr denn nicht auch zum Bankett?�</p><p>Der junge Mann zog eine Grimasse. �Der Lord Regent hat andere Aufgaben f�r mich.�</p><p>Athelstan sah am Blick des jungen Mannes, da� dieser sich nicht gern wegschicken lie�.</p><p>�Ihr seid der letzte Gast, Sir John�, fl�sterte er dr�ngend. �Gleich wird der K�nig kommen, und dann beginnt das Bankett. Beeilt Euch lieber!�</p><p>Clifford �bergab sie einem livrierten Diener, der sie die Treppe hinauf und durch mehrere Korridore f�hrte, die von flackernden Fackeln erhellt waren. Gleichwohl sp�rte Athelstan allenthalben Unbehagen: �berall sah man Bogensch�tzen, entweder mit dem wei�en Hirschen, dem pers�nlichen Wappen des K�nigs, oder mit Gaunts drohendem L�wen auf ihrer Livree.</p><p>�Lord Adam scheint mir ein kluger Kopf zu sein�, bemerkte Athelstan.</p><p>�Ein guter Apfel in einem Fa� voll fauler�, fl�sterte Cranston aus dem Mundwinkel. �Er kommt aus dem Norden und hat seine Geschicke mit Gaunts Stern verbunden. Ich hoffe, da� das klug war. Wenn der Regent st�rzt, st�rzt er mit.�</p><p>Endlich erreichten sie den Rosensaal, die luxuri�se, wenn auch kleine private Banketthalle des Rathauses. Der Diener f�hrte sie hinein, und Athelstan und Cranston mu�ten blinzeln, als ihnen Hunderte von Kerzen entgegenfunkelten. Die anderen G�ste sa�en bereits; sie achteten kaum auf die Neuank�mmlinge und tuschelten miteinander, w�hrend ein Mundschenk Cranston und Athelstan zu ihren Pl�tzen f�hrte.</p><p>�Ein sehr vornehmer Ort�, fl�sterte der Ordensbruder.</p><p>�Vergi� nicht, Bruder�, murmelte Cranston, als sie sich setzten, �heute abend speisen wir mit einem M�rder!�</p></section><section><title><p><strong>Vier</strong></p></title><p>Cranston sa� auf seinem Stuhl im Rosensaal und umschlo� einen Weinbecher liebevoll mit beiden H�nden.</p><p>�Bin das erste Mal hier�, raunte er Athelstan zu.</p><p>Der Ordensbruder musterte seinen dicken Freund besorgt. Wenn Cranston einen richtigen Rausch hatte, war er be�ngstigend unberechenbar. Er konnte einschlafen oder auch anfangen, diesen m�chtigen M�nnern Vortr�ge zu halten. Aber im Augenblick schien der Coroner ganz ruhig zu sein, und Athelstan, der sparsam gegessen und getrunken hatte, schaute sich beifallig im Rosensaal um.</p><p>Der Raum war kreisrund und erinnerte ihn an das Bild eines griechischen Tempels, das er einmal in einem Stundenbuch gesehen hatte. Die Decke war eine Kuppel mit geschickt verzierten, blankpolierten Stichbalken, die sich in der Mitte zu einer riesigen h�lzernen und mit Blattgold belegten Rose trafen. Die W�nde und die dunklen T�r- und Fensternischen waren aus behauenem Stein, und zwischen den St�tzpfeilern aus Porphyr spannten sich Brokatbanner mit dem K�nigswappen oder den Insignien des Hauses Lancaster. Auf dem Marmorboden lag ein Teppich mit einer roten Rose in der Mitte, von der purpurne und wei�e Strahlen ausgingen; am Ende eines jeden stand der Name eines der Ritter aus K�nig Arthurs Tafelrunde. �ber jedem Namen sa� ein Gast an einem separaten Tisch, einer kleinen, mit silberwei�em Tuch bedeckten Eichenholztafel. Auf dem Platz K�nig Arthurs sa� der junge Richard. Sein goldenes Haar war kunstvoll frisiert, und er trug ein silbernes Band um die blasse Stirn. Gekleidet war der junge K�nig von Kopf bis Fu� in purpurroten Damast.</p><p>Athelstan achtete nicht auf die Gespr�che, die ihn umschwirrten; er betrachtete Richard, der ohne mit der Wimper zu zucken in den Saal starrte. Schlie�lich merkte er, da� der Bruder ihn anschaute, und er l�chelte und zwinkerte boshaft. Athelstan grinste verlegen und wandte den Blick ab. Er hatte keine Angst vor Gaunt, der in scharlachroten Gew�ndern zur Rechten des K�nigs sa�, aber er wu�te, wie eifers�chtig der Regent auf die offensichtliche Zuneigung war, die der K�nig Sir John Cranston und auch seinem Secretarius, Bruder Athelstan, entgegenbrachte. Der junge K�nig wandte sich Hussey zu seiner Linken zu und plauderte mit ihm. Dabei hielt er in einer freundschaftlichen Geste das Handgelenk seines Lehrers umfa�t. Cranston war inzwischen bei seinem achten Becher Rotwein angekommen, aber jetzt schaute er doch Athelstan an und zog eine Grimasse: Da� der K�nig bei einem formellen Bankett jemanden ber�hrte, war ein Versto� gegen die Etikette und zugleich das Zeichen h�chster k�niglicher Gunst.</p><p>Athelstan blickte zu Gaunt hin�ber und war scharfsichtig genug, um den Hauch von �rger zu sehen, der �ber das schwerm�tige Gesicht des Regenten huschte, obwohl Gaunt es zu verbergen versuchte, indem er sich �ber den sauber gestutzten, goldblonden Bart strich.</p><p>�Wie ich schon sagte�, fl�sterte Cranston dem Ordensbruder ziemlich ger�uschvoll ins Ohr, �da gibt's kein Liebesges�usel mehr. Hussey ist jetzt der Favorit des K�nigs und noch dazu sein Lehrer. Ein Mann von der Universit�t�, f�gte er hinzu. �Was Hussey und der K�nig wohl von Gaunts Freundschaft mit den Gildemeistern halten? Sieh dir diese Mistk�fer nur an!�</p><p>Athelstan dr�ckte Cranstons Arm. �Sir John, d�mpft Eure Stimme. Habt Ihr gut gegessen?�</p><p>Cranston l�chelte. �So w�rde ich's mir im Paradies w�nschen! Um Gottes willen, Bruder, sieh dir blo� diesen Reichtum an!�</p><p>Athelstan betrachtete seinen Becher, den Teller und die Messer; alles war aus purem Gold und Silber. Der Becher, den er beim Essen kaum anger�hrt hatte, war mit einem Verm�gen an Edelsteinen besetzt; sie stammten aus der Beute, die Gaunt von seinen Kriegsz�gen in Frankreich mitgebracht hatte.</p><p>�Was haben wir denn bis jetzt gegessen, Bruder?�</p><p>�Neunaugen, Lachs, Hirsch, Eberbraten, Schwan und Pfau�, z�hlte Athelstan grinsend auf. �Und der Nachtisch kommt noch.�</p><p>Er wollte Sir John weiter necken, als pl�tzlich Fitzroy, der Gildemeister der Fischh�ndler, aufsprang und an seinem pelzbesetzten Kragen zerrte; sein sonst immer rotes Gesicht war jetzt violett angelaufen, und er hustete und w�rgte. Die �brigen G�ste starrten ihn erstaunt an. Niemand r�hrte sich, als Fitzroy gegen die Tischkante taumelte, eine halbe Drehung machte und krachend zu Boden fiel.</p><p>Trotz seines vollen Bauchs sprang Cranston auf und eilte zu ihm, gefolgt von Athelstan. Fitzroy lag ausgestreckt auf der Seite; Augen und Mund standen offen, aber Athelstan f�hlte kein Leben, als er an der br�unlichen Kehle nach dem Puls tastete. Er schob dem Mann den Finger in den Mund und vergewisserte sich, da� die Zunge frei lag; m�glicherweise war Fitzroy ja daran erstickt. Er verbarg seinen Ekel und schob die Finger weiter hinein, aber die Kehle des Mannes war nicht blockiert. Cranston betastete Fitzroys Handgelenk, dann sein Herz.</p><p>�Er ist hin�ber�, knurrte er. �Tot wie einer von seinen verdammten Fischen, Gott hab ihn selig.�</p><p>Die anderen st�rzten unter Schreien und Rufen herbei, auch der junge K�nig. Seinen jungen Jahren zum Trotz, dr�ngte Richard sich kraftvoll vor.</p><p>�Ist der Mann tot, Sir John?�</p><p>�Gott schenke ihm die ewige Ruhe. Jawohl, Sire.�</p><p>�Und was ist der Grund?�</p><p>Athelstan zuckte die Achseln. �Ich bin kein Arzt, Euer Gnaden. Ein Schlaganfall vielleicht.�</p><p>�Neffe, Ihr solltet nicht hier sein.� Gaunt schob sich heran und legte dem jungen Richard eine beringte Hand auf die Schulter.</p><p>�Aber wir bleiben, Onkel, bis die Todesursache ermittelt ist. Du da, Mann!� Der K�nig nickte einem der k�niglichen Bogensch�tzen zu, der an der T�r auf Posten stand. �Geh und hole Master de Troyes.�</p><p>Gaunt schluckte seinen �rger herunter, nickte dem Soldaten zu und best�tigte so den Befehl seines Neffen. Athelstan starrte den Toten an.</p><p>�Das war kein Schlaganfall, Sir John�, sagte er leise. �Ich glaube nicht, da� Fitzroy eines nat�rlichen Todes gestorben ist.�</p><p>Die �brigen protestierten lautstark, aber Sir John hockte sich neben Athelstan nieder und hielt schweigengebietend einen Finger an den Mund.</p><p>Athelstan beugte sich �ber den Toten und schnupperte an seinem Mund. Er roch Wein, Braten und den bitters��en Duft von etwas anderem, das ihn an eine verwelkende Rose mit einer starken Wermutnote erinnerte.</p><p>�Hat Fitzroy vor dem Essen �ber Unwohlsein geklagt?� fragte Sir John unvermittelt.</p><p>Bremmer, Sudbury, Marshall, Denny und Goodman standen beieinander und sch�ttelten die K�pfe.</p><p>�Er war bester Gesundheit�, quiekte Denny.</p><p>�Familie?� fragte Sir John, der immer noch neben der Leiche hockte.</p><p>�Eine Frau und zwei verheiratete S�hne. Aber sie sind alle nicht in der Stadt.�</p><p>Cranston nickte. Wie Lady Maude, verlie�en viele der Frauen f�hrender st�dtischer Beamter und Kaufleute in den warmen Sommermonaten die Stadt und zogen hinaus in die k�hlen Landh�user. Athelstan blickte auf und betrachtete diese klugen, undurchschaubaren M�nner eingehend. Einer von ihnen war seiner Meinung nach ein Giftmischer. Er stand auf, stieg �ber den Leichnam hinweg und setzte sich an Fitzroys Tisch. Der Silberteller enthielt Fleisch und andere Essensreste. Zwei Weinbecher standen da, jeder zu etwa einem Drittel voll mit rotem oder wei�em Wein. Athelstan griff nach der goldges�umten Serviette und betrachtete sie gr�ndlich; er roch daran und dann auch an den Bechern und den Speiseresten. Es wurde still im Saal, und als er aufblickte, stellte er fest, da� alle ihn neugierig beobachteten.</p><p>�Was ist los, Bruder?� Gaunts Stimme war von Mi�trauen erf�llt.</p><p>�Ich glaube�, sagte Athelstan, ohne sich um Cranstons warnenden Blick zu k�mmern, �da� Master Fitzroy nicht an einem Anfall gestorben ist, sondern vergiftet worden ist.�</p><p>�Ermordet?� schrie Goodman.</p><p>�Unm�glich!� protestierte Marshall. �Was wollt Ihr damit andeuten, Bruder?�</p><p>�Mein Schreiber will �berhaupt nichts andeuten�, erwiderte Cranston und richtete sich auf.</p><p>Athelstan legte die Serviette so auf den Tisch, da� Teller und Becher bedeckt waren.</p><p>�Wenn mein Secretarius sagt, ein Mann ist vergiftet worden�, fuhr Cranston trotzig fort, �dann ist der Mann vergiftet worden.�</p><p>�Na, na, was hei�t denn das?� warf der junge K�nig ein. �Wenn Sir Thomas hier ermordet worden ist, dann ist der M�rder noch im Raum.�</p><p>Athelstan erhob sich und ging zu einem Diener, der mit einem Krug Rosenwasser und einer Sch�ssel dastand; ein kleines Handtuch hing �ber seinem Arm. Athelstan l�chelte den Mann an, streckte die H�nde aus und wusch sich sorgf�ltig die zuckrigs��e Substanz aus Fitzroys Mund von den Fingern. Dann trocknete er die H�nde gr�ndlich mit dem Handtuch ab und ging zur�ck zu den G�sten.</p><p>�Ich glaube, da� Master Fitzroy ermordet wurde�, erkl�rte er. �Ich habe schon Anf�lle gesehen, aber so einen noch nicht. Der Tod kam zu pl�tzlich, und ich habe einen merkw�rdigen Geruch auf den Lippen wahrgenommen.�</p><p>Die m�chtigen Gildenherren starrten Athelstan an. Jetzt glaubten sie ihm, und in ihren arroganten Blicken lag ein Hauch von Angst und Mi�trauen.</p><p>�Wer hat rechts und links von ihm gesessen?� Cranston stellte die Frage, die bis jetzt niemand gestellt hatte.</p><p>�Ich�, sagte Goodman, �ich habe rechts von ihm gesessen.�</p><p>�Und ich zu seiner Linken�, erkl�rte Sudbury. �Wieso - was wollt Ihr damit andeuten?�</p><p>Cranston schaute zu den Dienern hin�ber, die sich an der T�r zusammendr�ngten. �Ihr, Sir!� Ein stumpfer Finger deutete auf einen ver�ngstigt aussehenden Truchse�. �Kommt her.�</p><p>Der Mann kam hastig herbei.</p><p>�Hat Sir Thomas etwas gegessen oder getrunken, was wir nicht bekommen haben?�</p><p>�Nein, Sir. Das ganze Essen wurde von derselben Platte serviert, und seinen Wein bekam er aus demselben Krug wie jeder hier.�</p><p>�Daf�r verb�rge ich mich.� Bremmer, der Meister der Tuchmachergilde, meldete sich zu Wort.</p><p>�Ich auch�, erkl�rte Marshall von den Gew�rzh�ndlern. �Wi�t Ihr, der alte Fitzroy hat gern gegessen und getrunken. Bremmer und ich haben gewettet, da� er von allem eine doppelte Portion verlangen und sich �fter als alle anderen nachschenken lassen w�rde. Ich hatte �brigens recht�, f�gte der Gew�rzh�ndler verschmitzt hinzu und warf Cranston einen kurzen Blick zu. �Er hat sogar mehr gegessen und getrunken als Ihr, Sir John.�</p><p>Cranston funkelte ihn an und r�lpste laut, als sei das die einzige Antwort, deren eine solche Behauptung w�rdig war. Dann sah er Bremmer an. �Dessen seid Ihr sicher?�</p><p>�Jawohl, Sir John.�</p><p>�Und Ihr?� Cranston begann leise zu schwanken, als er sich dem Diener zuwandte und ihn scharf ansah.</p><p>Oh Herr, betete Athelstan bei sich, la� nicht zu, da� Sir John sich jetzt hinsetzt und einschl�ft. Nicht jetzt! Bitte!</p><p>Aber Cranston schien st�rrisch zu werden, als er sich jetzt dem ver�ngstigten Truchse� drohend n�herte.</p><p>�Seid Ihr sicher, da� Fitzroy nur das gegessen und getrunken hat, was wir auch bekommen haben?�</p><p>�Nat�rlich, Sir John. Seht� - der Truchse� drehte sich um und verbeugte sich hastig vor dem K�nig und dem Regenten -, �alle Speisen und Getr�nke wurden zuerst Seiner Gnaden dem K�nig und Mylord Gaunt serviert, und danach allen anderen. Wenn ein Speisenauftr�ger zur�ckgekommen w�re, um neuen Wein oder neues Essen zu holen, ehe er Sir Thomas erreicht h�tte, dann w�rde ich mich daran erinnern.�</p><p>�Ist den Dienern denn zu trauen?� stichelte Goodman.</p><p>W�tend blitzte ihn der Truchse� an. �Wie soll denn einer von uns�, fauchte er, �mit beiden H�nden Speise und Trank servieren und gleichzeitig Gift daraufstreuen oder sch�tten, w�hrend andere, nicht zuletzt Fitzroy, ihn dabei beobachten?�</p><p>�Ich frage ja nur�, grinste Goodman.</p><p>Cranston machte ein ungezogenes Ger�usch und ging zu Athelstan. Turmhoch �berragte er den Bruder und funkelte auf ihn herab. �Hoffentlich hast du recht!� zischte er.</p><p>�Keine Sorge, mein guter Coroner.� Athelstan l�chelte. �Ah, da kommt der Arzt.�</p><p>In einen weiten Mantel geh�llt, kam Theobald de Troyes mit gro�en Schritten herein; er schaute verschlafen und erbost, weil man ihn so sp�t noch gest�rt hatte. Gleichzeitig kam Adam Clifford; seine Reitstiefel waren schlammverkrustet, die Sporen sa�en noch daran und klirrten und klingelten. Der Arzt kauerte sich vor den Leichnam; Gaunt winkte Clifford beiseite und tuschelte mit ihm. Athelstan beobachtete Cliffords Gesicht und wu�te, da� er nicht nur in bezug auf Fitzroy recht hatte. Dieser zweite Mord war offensichtlich ein schwerer Schlag f�r Gaunts politische Tr�ume; daran lie�en �berraschung und Zorn im Blick des Regenten keinen Zweifel.</p><p>Clifford stellte dem Regenten eine Frage, und Gaunt sch�ttelte heftig den Kopf. Clifford dr�ngte sich durch die Gruppe der Gildemeister. Ohne ein h�fliches Wort befahl er dem Arzt knapp, beiseite zu treten, und durchsuchte die Tasche des Toten, ohne auf die Protestrufe der anderen zu achten. Endlich hatte er gefunden, was er suchte; triumphierend strahlte er Gaunt an und hielt einen Schl�ssel in den H�nden.</p><p>�Wir haben ihn, Mylord!�</p><p>�Gut!� Der Regent seufzte erleichtert. �Behaltet ihn einstweilen.� Er drehte sich um. �Master Medicus, k�nnt Ihr die Todesursache benennen?�</p><p>�Oh ja.� De Troyes erhob sich und wischte sich die H�nde am Mantel ab. �Oh ja�, wiederholte er sarkastisch. �Also, erstens: Sir Thomas ist tot. Zweitens: Die Todesursache ist Mord. Und das bedeutet drittens, da� man ihm vermutlich wei�es Arsen in sein Essen getan hat.�</p><p>�Unm�glich!� rief Goodman, und seine vorquellenden Augen funkelten den Arzt an. �Woher wollt Ihr wissen, da� er nicht etwas gegessen oder getrunken hat, bevor er herkam?�</p><p>�Aber, aber!� Der Arzt hob die schmale Hand. �Ich bin hier nur der Arzt, nicht der Giftm�rder.� De Troyes wandte sich ab und zog es vor, Goodman zu ignorieren. Er l�chelte und verbeugte sich vor Sir John und Athelstan. �Mylord Coroner, Bruder Athelstan, so treffen wir uns also wieder?� Gen��lich nahm der Arzt Goodmans Wut zur Kenntnis. �Ihr seid der Coroner der Stadt, Sir John. Ich wurde hergebeten, damit ich die Todesursache feststelle, und das habe ich getan. Darf ich jetzt auch eine Frage stellen? Wie lange hattet Ihr gespeist, als Fitzroy zusammenbrach?�</p><p>�Ungef�hr drei Stunden�, antwortete Cranston. �Warum?�</p><p>�Nun, wei�es Arsen braucht ungef�hr eine Stunde, ehe es die S�fte angreift. Der Patient versp�rt eventuell ein wenig Unbehagen, tut es aber wahrscheinlich als Bl�hung ab oder glaubt, etwas liege ihm schwer im Magen. Bald danach tritt der Tod ein.�</p><p>�Nun, beklagt hat er sich wohl�, meldete Sir James Denny sich zu Wort. �Er sagte, ihm sei nicht ganz wohl, aber bekanntlich liebte Fitzroy die Tafelfreuden und fra� wie ein Schwein.�</p><p>�Sir John�, fuhr der Arzt fort, ohne auf den Gildemeister zu achten, �Ihr habt mein Urteil: Fitzroy wurde hier vergiftet. Ben�tigt Ihr nun noch weiter meine Hilfe?�</p><p>�Jawohl, die brauchen wir.� Der junge K�nig hatte mit seinem Tutor Sir Nicholas Hussey gesprochen; jetzt klopfte er leicht mit der Stiefelspitze auf den Fu�boden, bis alle aufmerksam geworden waren. Richard hatte eine �berraschend kr�ftige Stimme. �Bestimmte Fragen sind also gekl�rt, nicht wahr, liebster Onkel?� Er l�chelte Gaunt ins m�rrische Gesicht. �Erstens: Sir Thomas Fitzroy ist vergiftet worden. Zweitens: Das Gift ist hier verabreicht worden. Aber - drittens -Sir Thomas Fitzroy hat das gleiche gegessen und getrunken wie wir.�</p><p>Gaunt verneigte sich. �Euer Gnaden, teurer Neffe, Ihr seid wie immer �u�erst hellsichtig. Ein kluger Kopf auf so jungen Schultern. Was ratet Ihr als n�chstes?�</p><p>�Mylord Coroner soll seine Aufgabe zu Ende f�hren.�</p><p>Cranston verbeugte sich, ging zu Fitzroys Tisch und zog das Mundtuch weg. Er winkte den Arzt heran, und zusammen mit ihm und Bruder Athelstan untersuchte er sorgfaltig die Speisereste, den Weinbecher sowie Fitzroys Serviette und Messer. Die anderen schauten zu, scharrten unruhig mit den F��en und redeten miteinander. De Troyes h�rte sich trotz seiner Umst�ndlichkeit aufmerksam alles an, was Athelstan zu sagen hatte, w�hrend sie alles auf dem Tisch beschnupperten, ber�hrten und Proben davon kosteten.</p><p>�Nichts�, befand de Troyes schlie�lich. �Mylord Coroner, ich schlage vor, da� die �berreste all dieser Speisen mir �berlassen werden. Es gibt M�glichkeiten, dergleichen zu pr�fen - vielleicht, indem man es als Rattenk�der auslegt. Aber bisher mu� ich schlie�en, da� nichts auf Sir Thomas' Tisch vergiftet ist.�</p><p>Athelstan war ratlos. Er war sicher, da� niemand etwas anger�hrt hatte, nachdem Fitzroy zusammengebrochen war. Er und Cranston waren als erste bei dem Liegenden gewesen, und schon, als Fitzroy aufgesprungen war und sich an den Hals gegriffen hatte, hatte Athelstan die M�nner rechts und links von ihm aufmerksam beobachtet. Weder Goodman noch Denny hatten Anstalten gemacht, etwas auf dem Tisch wegzunehmen oder auszutauschen. Sir John hatte die Tasche des Toten sorgf�ltig durchsucht, ohne aber etwas zu finden, was Fitzroys pl�tzlichen Tod durch Gift erkl�rt h�tte.</p><p>Die Atmosph�re im Saal hatte sich sp�rbar ver�ndert. Die Leute nahmen Abstand voneinander, als ihnen die volle Bedeutung der Ereignisse klar wurde. Sudbury sprach f�r sie alle.</p><p>�Mylord Gaunt�, begann er in emp�rtem Ton, �wir haben diesen Tag so freundschaftlich begonnen, aber binnen weniger Stunden sind zwei aus unserer Mitte tot, gemein hingemordet.�</p><p>�Was wollt Ihr damit sagen?� fauchte Clifford. �Die Schuld an diesen Todesf�llen kann man doch nicht dem Regenten in die Schuhe schieben.�</p><p>�Ich beschreibe nur, was geschehen ist�, versetzte der Gildemeister geschmeidig.</p><p>�Euer Gnaden.� Entschlossen, die Situation in den Griff zu bekommen, wandte Gaunt sich an seinen Neffen. �Euer Gnaden�, wiederholte er, �Ihr solltet Euch zur Ruhe begeben. Sir Nicholas!� Er funkelte den k�niglichen Hauslehrer an.</p><p>�Wir gehen jetzt�, erkl�rte Richard. �Aber, liebster Onkel, im Rathaus wurden zwei Morde begangen. Jemand mu� daf�r zur Rechenschaft gezogen werden.� Der junge K�nig machte auf dem Absatz kehrt und verlie� den Rosensaal, gefolgt von Hussey und dem Arzt.</p><p>Gaunt wartete, bis sie gegangen waren. �R�umt den Saal!� befahl er dann dem Offizier.</p><p>�Sir�, warf der Truchse� ein, �das Bankett ist noch nicht zu Ende. Soll ich den Nachtisch auftragen lassen?�</p><p>Gaunts w�tender Blick beantwortete seine Frage, und der Truchse� und die �brigen Bediensteten eilten hinaus. Leise befahl Clifford den Bogensch�tzen und Soldaten, ebenfalls zu verschwinden. Kaum hatte er die T�r hinter ihnen geschlossen, als ein lautes Klopfen sie ihn wieder �ffnen lie�. Athelstan sah drau�en einen livrierten Diener, der ein paar Worte murmelte und Clifford ein Pergament in die Hand dr�ckte. Clifford schlo� die T�r wieder, trat in die Mitte des Raumes und las, was auf dem Pergament stand; dann reichte er es dem Regenten. Gaunt studierte es, und Wut loderte in seinem Gesicht.</p><p>�Setzen!� befahl er. �Ich habe Neuigkeiten f�r Euch!�</p><p>Alle gehorchten, auch Cranston und Athelstan. Gaunt nahm auf dem Stuhl des K�nigs Platz und hielt das St�ck Pergament vor sich. Sie warteten, bis vier Bogensch�tzen auf Cliffords Befehl hereingekommen waren, Fitzroys Leiche ohne gro�e Umst�nde in ein Leintuch gewickelt und so sorgf�ltig wie einen Haufen M�ll hinausgeschleppt hatten. Gaunt schaute in die Runde der stummen, aufmerksamen G�ste.</p><p>�Ich habe hier eine Proklamation!� Seine Stimme wurde zu einem Br�llen. �Von dem verbrecherischen Verr�ter, der sich Ira Dei nennt!� Er warf Clifford das Pergament zu.</p><p>Der Edelmann strich es glatt. ��Sir Thomas Fitzroy��, las er dann vor, ��Hingerichtet f�r Verbrechen wider das Volk. Gezeichnet, Ira Dei.�� Er blickte auf, und Athelstand sp�rte die Angst bei allen G�sten Gaunts. Sogar Cranston, der nicht so leicht einzusch�chtern war, senkte den Kopf.</p><p>�Was ist das?� murmelte Goodman. �Wer ist dieser �belt�ter, der die Gr��ten der Stadt niederstrecken kann?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Athelstan und versuchte, die Atmosph�re der Angst zu vertreiben. �Aber jetzt stehen drei Dinge fest. Erstens: Fitzroy wurde ermordet. Zweitens: Der Mord wurde von dem Mann begangen, der sich Ira Dei nennt - oder in seinem Auftrag.� Er schwieg und warf Cranston einen Seitenblick zu.</p><p>�Und drittens?� fragte Gaunt.</p><p>�Euer Gnaden, es liegt auf der Hand. Fitzroys Tod ist noch nicht bekanntgegeben worden. Diese Proklamation, die an die Rathaust�r angenagelt war, beweist: Entweder befindet sich Ira Dei in diesem Raum und hat den Brief von einem seiner Schergen anbringen lassen, oder einer seiner Leute ist unter uns, und dieser �Zorn Gottes�, wie er sich nennt, hat das Pergament selbst angebracht.�</p><p>�Was ist mit der Wache?� fragte Cranston. �Als wir kamen, haben wir doch drau�en die Garde gesehen.�</p><p>�Als das Bankett begonnen hatte, wurde sie ins Rathaus zur�ckbeordert.�</p><p>�Dann hat mein Schreiber offenbar recht�, stellte Cranston in scharfem Ton fest. �Wie Ihr es auch deuten m�gt, Euer Gnaden: In Eurer Mitte befindet sich ein m�rderischer Verr�ter!�</p><p>Schon bei Athelstans Worten hatten alle die Brauen hochgezogen. Als der Coroner sie jetzt wiederholte, brach gro�e Best�rzung aus.</p><p>�Was redet Ihr da?� schrie Goodman und sprang auf; alle h�fische Etikette war vergessen.</p><p>�Es ist unerl��lich!� rief der stutzerhafte Denny. �Euer Gnaden, wir m�ssen sofort das Gold inspizieren, das jeder von uns in der Truhe der Rathauskapelle hinterlegt hat!� Er zog den Schl�ssel hervor, der an einer Silberkette an seinem Hals hing, ganz �hnlich dem, den Clifford dem toten Fitzroy abgenommen hatte.</p><p>�Der Meinung bin ich auch�, erkl�rte der rothaarige Sudbury, dessen Gesicht von dem Wein, den er trank, noch r�ter war als sein Schopf. �Euer Gnaden, das ist eine Katastrophe. In unser aller Interesse mu� die Truhe sofort �berpr�ft werden.�</p><p>Gaunt sah Clifford an, und der nickte. Der Regent nahm eine Silberkette ab, die er um den Hals trug. Der Schl�ssel, der daran baumelte, blinkte im Kerzenschein.</p><p>�Es ist wohl am besten so�, pflichtete er bei.</p><p>Clifford rief die Wache, und angef�hrt von vier Soldaten mit Fackeln, marschierten Gaunt und seine jetzt bedr�ckten G�ste, dazu Cranston und Athelstan, durch die Gew�lbeg�nge, die breite Holztreppe hinauf und in die kleine Rathauskapelle. F�r einen Augenblick blieben sie im Eingang stehen, sp�hten in die Dunkelheit und schnupperten den Weihrauchduft; die Wache z�ndete Fackeln an und die Kerzen, die auf dem Hochaltar standen. Die Kapelle, ein kleines Juwel mit blankpolierten Marmors�ulen, Mosaikfu�boden und bemalten W�nden, erwachte zum Leben. Der Marmoraltar war mit reinwei�en T�chern bedeckt. Sie gingen darauf zu. Gaunt zog die T�cher mit entschlossener Bewegung beiseite. Unter dem Altar stand eine lange, mit Eisenb�ndern verst�rkte Holzkiste auf vier S�ulen. Trotz der schlechten Beleuchtung konnte Athelstan die sechs Schl�sser an der Seite erkennen.</p><p>�Herausziehen!� befahl Gaunt.</p><p>Zwei Soldaten zogen die Truhe vor, so da� sie vor dem Altar stand. Schon dieses Unternehmen verursachte Best�rzung, denn die Truhe war unerwartet leicht. Lautstark befahl Gaunt Ruhe, dann steckte er seinen Schl�ssel ins Schlo� und drehte ihn um; Clifford, der Fitzroys Schl�ssel hatte, tat es ihm nach, und die �brigen Gildemeister folgten. Die Beschl�ge wurden heruntergeklappt und die Truhe ge�ffnet. Athelstan und Cranston sp�hten den anderen �ber die Schultern.</p><p>�Nichts!� hauchte Marshall.</p><p>Flinker als der Rest dr�ngte sich Cranston nach vorn und hob das St�ck gelbes Pergament auf, das auf dem Boden der Truhe lag.</p><p>��Diese Steuer wurde eingetrieben�, las er vor, ��von der Gro�en Gemeinschaft des Reiches. Gezeichnet: Ira Dei.��</p><p>�Das ist unertr�glich!� schrie Denny. �Mylord Gaunt, wir sind betrogen worden!�</p><p>Aber der Regent lie� sich nur totenbleich auf den Chorstuhl fallen, starrte ins Dunkel und bewegte stumm die Lippen. Cranston, der John von Gaunt seit Kindertagen kannte, hatte ihn noch nie so ver�ngstigt und ratlos gesehen.</p><p>�Das ist Teufelswerk�, murmelte Gaunt.</p><p>Niemand achtete auf seine Worte; die Gildemeister schrien und fluchten durcheinander. Clifford stand mit offenem Maul da und starrte in die leere Truhe. Cranston packte ihn grob an der Schulter.</p><p>�Um Himmels willen, Mann!� zischte er. �La�t die Kapelle r�umen. Das n�tzt doch alles nichts.�</p><p>Clifford fuhr aus seinen Gedanken hoch und klatschte laut in die H�nde. �Mylord Gaunt mu� �ber diese Sache nachdenken!� rief er in das Durcheinander.</p><p>��ber welche Sache?� kreischte Sudbury. �Mylord Gaunt streckt die Hand aus, und wir ergreifen sie. Er redet von Freundschaft zwischen ihm und der Stadt -und jetzt sind zwei von uns tot. Das Gold, das wir hier hinterlegt haben, ist gestohlen worden, und der Misset�ter Ira Dei mordet und stiehlt nicht nur, sondern macht uns auch noch alle zum Gesp�tt. Was sollen wir unseren Gilden berichten, he? Wie sollen wir unseren Br�dern beibringen, da� Tausende Pfund Sterling verschwunden sind?�</p><p>�Mylord Gaunt wird etwas unternehmen�, antwortete Cranston. �Er ist der Regent und handelt im Namen der Krone. Will irgend jemand etwa Hochverrat begehen und behaupten, Mylord Gaunt sei f�r all das verantwortlich?� Er starrte B�rgermeister Goodman an, der mit verdatterter Miene am Altar lehnte.</p><p>�R�umt jetzt die Kapelle. Mylord B�rgermeister, Ihr solltet noch bleiben.�</p><p>Endlich hatte Cranstons Autorit�t sich durchgesetzt, und die Gildemeister wanderten murrend und sich noch ein paarmal umschauend hinaus. Gaunt wartete, bis sich die T�r hinter ihnen geschlossen hatte, dann hob er das Gesicht.</p><p>�Sir John, Bruder Athelstan, ich danke Euch.� Er erhob sich. �Aber was sollen wir jetzt tun? Die Gildemeister haben recht. Jeder von ihnen hat tausend Pfund Sterling verloren. Mountjoy und Fitzroy sind tot, und Ira Dei tanzt um mich herum, als w�re ich ein verfluchter Maibaum.� Er gestikulierte wild. Athelstan und Cranston setzten sich, Goodman und Lord Adam Clifford ebenfalls. Gaunt rieb sich die Augen, dann sah er Cranston an.</p><p>�Was schlagt Ihr vor, Mylord Coroner?�</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf. Athelstan entging nicht, da� ein Funke von �rger im Auge des Regenten aufspr�hte. Sir John w�rde rasch etwas unternehmen m�ssen, wenn er nicht f�r die Wut im Herzen des Regenten den S�ndenbock spielen wollte.</p><p>�Euer Gnaden.� Athelstan stand auf. Er bem�hte sich, seine M�digkeit abzusch�tteln und das Verlangen nach seiner eigenen, stillen Kirche in Southwark niederzuk�mpfen.</p><p>�Euer Gnaden�, wiederholte er, �zwei M�nner wurden niedertr�chtig ermordet, aber alle M�rder begehen Fehler, und wir m�ssen die Ereignisse dieses unheilvollen Tages noch �berdenken. Wie jedoch das Gold aus einer Truhe verschwinden kann, die nur mit sechs einzelnen Schl�sseln zu �ffnen ist, bleibt r�tselhaft. Ich habe dazu mehrere Fragen. Erstens: Wer hat die Truhe angefertigt?�</p><p>�Peter Sturmey�, sagte Clifford, �ein vertrauensw�rdiger Schlosser in Diensten der Krone. Ich bezweifle sehr, da� er in dieser Sache zum Verr�ter werden w�rde. Sein eigener Sohn ist ein Schatzbeamter, der noch vor kurzem in Colchester beim Eintreiben von Steuern in ein Handgemenge geriet.�</p><p>Athelstan hob die Hand. �Was ist mit der Truhe? Mylord Regent, d�rfen wir sie vielleicht untersuchen?�</p><p>Gaunt grunzte zustimmend. Goodman schaute zu, als Athelstan, unterst�tzt von Cranston und Clifford, die Truhe umdrehte, die Holzw�nde abklopfte und die Schl�sser betrachtete.</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf. �Eine solide, anst�ndige Kiste�, sagte er leise und richtete sich auf. �Geheimf�cher hat sie keine.� Er studierte Beschl�ge und Schl�sser. �Daran hat sich niemand zu schaffen gemacht.�</p><p>Athelstan klopfte sich den Staub von der Kutte. �Damit w�ren wir bei meiner dritten Frage. K�nnte es einen Generalschl�ssel geben?�</p><p>�Unm�glich!� zischte Clifford. �Jedes Schlo� ist einzigartig.� Er zog zwei der Schl�ssel hervor, die die Gildemeister zur�ckgelassen hatten. �Ich bin kein Schlosser, Bruder, aber seht sie Euch sorgf�ltig an. Schaut!� Er hielt die beiden Schl�ssel gegen das Kerzenlicht. �Seht Ihr die Zacken und Kerben in den Schl�sseln? Jeder ist deutlich anders als die anderen. Mylord Gaunt hat darauf bestanden, da� das so ist.�</p><p>Athelstan rieb sich die Lippen, um seine Best�rzung zu verbergen.</p><p>�Eure vierte Frage liegt auf der Hand�, sagte Clifford. �Hat Sturmey von den Schl�sseln Duplikate hergestellt? Aber dann�, fuhr er hastig fort, als er den Regent den Kopf sch�tteln sah, �w�re Sturmey ein Verr�ter, der fr�hlich seine Schl�ssel weitergibt, damit jemand anderes die Schl�sser �ffnen kann.�</p><p>�Bei den Zitzen des Satans!� murmelte Cranston. �Wie konnte es geschehen? War die Kapelle bewacht?�</p><p>Goodman zuckte die Achseln. �Nein, warum auch? Die Truhe war schwer durch das Gold, und bei sechs Schl�ssern�� Er lie� den Satz unvollendet.</p><p>�Wer hat das alles geplant?� fragte Athelstan. �Ich meine, die Goldbarren, die Truhe��</p><p>Clifford verzog das Gesicht und sah Goodman an. �Der Gedanke, das Gold hier in eine Truhe zu legen, stammt von Mylord Gaunt�, sagte er. �Aber ich selbst und Sir Gerard Mountjoy haben Sturmey ausgesucht.� Er l�chelte. �Darauf haben die Gildemeister bestanden.�</p><p>�Weil sie mir nicht trauten!� fauchte Gaunt. �Ich hatte nichts zu tun mit dem Bau der Truhe, der Herstellung der Schl�sser oder der Gestaltung der Schl�ssel. Ich und die Gildemeister haben entschieden, das alles lieber unseren werten Beamten zu �berlassen. Sie haben Truhe und Schl�ssel heute morgen geradewegs aus Sturmeys Werkstatt hergebracht.�</p><p>�Und bevor Ihr fragt�, warf Lord Adam ein, �keiner von ihnen hatte jemals alle sechs Schl�ssel auf einmal in seinem Besitz. Drei hat der B�rgermeister gekauft, Mountjoy den Rest. Fitzroy und Sudbury waren Zeugen der Transaktion, und Stadtb�ttel haben die Truhe hergetragen.�</p><p>Cranston sp�hte mit schmalen Augen ins Dunkel, wie er es immer tat, wenn er in Gedanken versunken war.</p><p>�Sir John!� rief Athelstan. �Was ist denn?�</p><p>Cranston schmatzte - ein sicheres Anzeichen daf�r, da� er trotz der sp�ten Stunde allm�hlich seinen Rotwein vermi�te.</p><p>�Sturmey�, sagte er. �Der Name Sturmey sagt mir etwas. Wie kommt das, hm? Warum sollte ein angesehener Schlosser, dessen Dienste die gro�en und vornehmen Herren in Anspruch nehmen, in meiner Erinnerung eine Saite erklingen lassen?�</p><p>Athelstan grinste. Cranstons Ged�chtnis war wunderbar. Er kannte die Gauner von London beim Namen und die meisten auch von Ansehen, und sogar im dichten Treiben der Cheapside konnte er Taschendieben und Beutelschneidern seine Warnung zubr�llen.</p><p>�Woran erinnert Euch Sturmeys Name denn?� wollte Gaunt sofort wissen.</p><p>Der Coroner sch�ttelte den Kopf. �Das fallt mir noch ein.� Er verbeugte sich. �Mylord Regent, wenn Ihr mich und meinen Schreiber jetzt entschuldigen wollt - wir m�ssen diesen Schlosser unbedingt noch heute abend besuchen. Wo wohnt er?�</p><p>�In der Lawrence Lane, Ecke Mercery�, antwortete Clifford.</p><p>Cranston grinste Athelstan an, der ihn ersch�pft und w�tend anfunkelte. �Dann wollen wir dem Meister Schlosser in der Lawrence Ecke Mercery einen Besuch abstatten und ihm ein paar Fragen stellen, wie?� Noch einmal verneigte er sich vor dem Regenten. Gaunt wandte den Blick ab. Cranston zuckte die Achseln und verlie� die Kapelle, gefolgt von einem niedergeschlagenen Athelstan.</p><p>�Cranston!�</p><p>Sir John drehte sich um. Gaunt stand auf der Altartreppe.</p><p>�Ihr wi�t, da� die Gildemeister wiederkommen werden. Oh, sie werden vern�nftig sein. Sie werden eine gewisse Frist setzen, bis sie ihr Gold und die Antwort auf ihre Fragen bekommen.� Er drohte mit dem Finger. �Auch ich brauche Antworten, Mylord Coroner. Innerhalb von h�chstens zehn Tagen.� Er lie� die unausgesprochene Drohung in der Luft h�ngen. Cranston machte auf dem Absatz kehrt und marschierte aus der Rathauskapelle.</p></section><section><title><p><strong>F�nf</strong></p></title><p>Drau�en blieb Cranston stehen und schaute zum Mond hinauf. �Der Teufel soll auf sie pissen!� fluchte er. �Verdammte S�cke! Was f�r stinkende Schei�k�bel! So eine Sauerei! Diese dreckigen, k�ferk�pfigen, fettb�uchigen, verr�terischen Schweine!�</p><p>Athelstan l�chelte. �Mylord Coroner, Ihr sprecht von unseren Br�dern in Christo, den Gildemeistern?�</p><p>�Jawohl, M�nch, von denen spreche ich.� Cranston zerrte seinen wunderbaren Weinschlauch unter dem Mantel hervor und trank in herzhaften Z�gen. �Oh Gott!� schnaufte er. �Was f�r eine Sauerei! Wie wurde Fitzroy ermordet, Bruder? Er hat das Gift nicht vor dem Essen genommen, und an seinen Speisen und seinem Besteck fanden sich keine Spuren irgendeiner Droge.�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Ihr seid mir voraus, Sir John. Ich denke immer noch �ber Mountjoys Tod nach.� Der Ordensbruder sp�hte �ber die dunkle Cheapside zu den Laternenh�rnern an den gro�en Kaufmannsh�usern, und er dachte an die Worte seines alten Lehrers Pater Paul. �Die Wurzel aller S�nden�, hatte der alte Bruder gedr�hnt, �ist der Stolz. Und das Gegenteil von Liebe ist nicht Ha� oder Gleichg�ltigkeit, sondern Macht. Macht verdirbt, und das Streben nach Macht ist ein Weg, der geradewegs in die H�lle f�hrt.�</p><p>Und auf diesem Weg sind wir jetzt, dachte Athelstan; hier dr�ngen sich m�chtige M�nner mit unstillbarer Gier nach den besten Dingen im Leben. Wir alle sind M�rder, schlo� er, und ihn fr�stelte trotz der warmen Nachtluft. Er f�hlte sich wie ein maskierter Schwertk�mpfer, der im Stockfinstern in ein Turnier gesto�en wurde, bei dem es von M�rdern wimmelte. �Ich will nach Hause�, fl�sterte er, ehe er sich versah.</p><p>Cranston sah ihn verwundert an. �Aber du bist doch hier zu Hause, Bruder.�</p><p>Athelstan l�chelte und sch�ttelte seine Gedanken ab. �Aye, Sir John, aber wir m�ssen noch einen Schlosser besuchen. Sagt, warum hat Euch Sturmeys Name nachdenklich gemacht?�</p><p>Cranston bekreuzigte sich und nahm noch drei Schluck aus seinem Weinschlauch; dann verstopfte er ihn wieder, hakte sich bei Athelstan unter und f�hrte ihn in die Poultry hinauf.</p><p>�Ich wei� es nicht�, knurrte er. �Aber der Name l��t ein Gl�ckchen l�uten. Das braucht seine Zeit, Bruder.�</p><p>Athelstan hielt sich die Nase zu, denn in diesem Teil der Cheapside stank es immer nach totem Gefl�gel. Er versuchte, nicht auf die Ratten zu achten, die zwischen den Jauchegruben in der Mitte der Stra�e hin und her huschten und nach saftigen Bissen st�berten, nach Innereien und den abgeschlagenen K�pfen von H�hnern, Wachteln, Rebh�hnern und Regenpfeifern. Zwei wei�e Federn schwebten zur Erde, und Athelstan mu�te an Engel denken.</p><p>�Engel gibt es hier nicht�, murmelte er.</p><p>�Da hast du verdammt recht!� bekr�ftigte Cranston.</p><p>Sie fuhren zusammen und sprangen beiseite, als pl�tzlich zwei alte Frauen mit einem Schubkarren um die Ecke kamen; auf dem Karren lag der Leichnam einer alten Vettel. Athelstan machte ein Kreuzzeichen in die Luft. Eines der beiden alten Weiber drehte sich um und kicherte.</p><p>�Hin ist sie�, kr�hte sie. �An der Ruhr gestorben, und jetzt ab in die Kalkgruben mit ihr.�</p><p>�Ich w�nschte, ich k�nnte dem ein Ende machen�, bemerkte Cranston. �Sie werden die Tote irgendwo auf eine Kirchentreppe legen.�</p><p>Der Karren rumpelte davon, und die beiden gingen weiter in Richtung Mercery. Zwei Huren standen an der Ecke einer Gasse; ihre safrangelben Kleider und roten Per�cken leuchteten wie Signalfeuer in der Finsternis.</p><p>�Holla, ihr Damen!� rief Cranston. �Ihr kennt das Gesetz?�</p><p>�Welches Gesetz?� erwiderte die gr��ere der beiden. �Wir beten hier nur.�</p><p>�Das ist Cranston!� zischte die kleinere, und die beiden Damen der Nacht fl�chteten wie Gl�hw�rmchen durch die d�stere Gasse.</p><p>Athelstan und Cranston bogen in die Lawrence Lane ein, die wie ein dunkler Tunnel wirkte, weil die H�user zu beiden Seiten so gebaut waren, da� man in den obersten Stockwerken m�helos ans Fenster gegen�ber klopfen konnte.</p><p>�Gib acht, wo du hintrittst!� warnte Cranston.</p><p>Athelstan blickte zu Boden und sah, da� die Gosse in der Stra�enmitte �bergelaufen war und das Kopfsteinpflaster mit stinkendem Dreck �berzogen hatte. Es roch nach Schwefel, den irgendein braver B�rger ausgesch�ttet haben mu�te, um den Gestank zu bek�mpfen. Dunkle Gestalten l�sten sich aus den Hauseing�ngen. Cranston schlug seinen Mantel �ber die Schulter nach hinten und zog seinen langen walisischen Spitzdolch.</p><p>�Guten Abend, ihr B�ckchen! Ich bin John Cranston, der Coroner.�</p><p>Die unheimlichen Schatten verschwanden.</p><p>Sie gingen weiter; Cranston blieb hier und da stehen, um zu den Ladenschildern hinaufzuschauen, die �ber ihnen an Stangen hingen. Kurz bevor die Lawrence Lane in die Catte Street m�ndete, blieb er stehen und deutete auf eine Tafel, die an rostigen Ketten knarrte. Darauf stand �Peter Sturmey, Schlosser�. Cranston trat zur�ck und blickte nach oben. Er sah Kerzenschein in einem der oberen Stockwerke, und so h�mmerte er an die T�r.</p><p>�Verpi�t euch!� schrie jemand von der anderen Stra�enseite.</p><p>Athelstan und Cranston sprangen schnell beiseite, als der stinkende Inhalt eines Nachttopfes geflogen kam.</p><p>�Hau ab!� br�llte Cranston zur�ck. �Ich bin Beamter der Justiz!�</p><p>�Von mir aus kannst du der K�nig selbst sein!� erwiderte die Stimme, aber man h�rte, wie das Fenster zugeschlagen wurde, und Cranston h�mmerte weiter an die T�r.</p><p>Endlich wurde seine Hartn�ckigkeit belohnt. Sie h�rten Schritte, die mit einer Kette gesicherte T�r wurde einen Spaltbreit ge�ffnet, und das blasse Gesicht einer Magd erschien gespenstisch im Kerzenschein.</p><p>�Wer ist da?� fragte sie. �Was gibt es? Habt Ihr Nachricht von meinem Herrn?�</p><p>�Mach auf�, sagte Cranston. �Sei ein braves M�dchen. Ich bin der Coroner der Stadt, und dies ist Bruder Athelstan. Wir haben mit deinem Herrn zu reden.�</p><p>Die Kette wurde gel�st, und die in einen Mantel gewickelte Magd trat zur�ck, um sie einzulassen. Der Kerzenschein im Hausflur lie� tanzende, flackernde Schattengestalten zum Leben erwachen.</p><p>�Ich will zu deinem Herrn�, wiederholte Cranston sanft.</p><p>�Sir, er ist nicht hier. Er ist heute nachmittag fortgegangen und nicht zur�ckgekommen.�</p><p>Athelstan schlo� die Augen. �Oh Gott�, fl�sterte er.</p><p>�Was ist denn?�</p><p>Ein zerzauster Junge mit schlaftrunkenem Blick und dem Antlitz eines Engels kam pl�tzlich aus einer Kammer in den Flur; in der Hand hielt er eine Laterne, die fast so gro� war wie sein Kopf.</p><p>�Und wer bist du, Sir?� fragte ihn Cranston.</p><p>�Perrot�, sagte der Junge. �Master Sturmeys Lehrjunge.�</p><p>Er kam n�her. Athelstan sch�tzte ihn auf dreizehn oder vierzehn Sommer, und wieder f�hlte er sich an einen Engel erinnert, den Huddle in St. Erconwald an die Wand gemalt hatte.</p><p>�Der Meister ist fort�, sagte der Junge unger�hrt. �Er ist kurz nach Mittag weg und nicht zur�ckgekommen.�</p><p>�Und die Herrin des Hauses?�</p><p>�Die ist auch fort und kommt nicht wieder.�</p><p>�Wieso nicht?�</p><p>�Weil sie vor f�nf Jahren gestorben ist.�</p><p>Athelstan grinste und zog einen Penny aus seiner B�rse. Er lie� ihn durch die Luft wirbeln, und der Junge fing ihn geschickt auf.</p><p>�Und Sturmeys Sohn?�</p><p>�Der ist auch nicht da�, sagten Magd und Lehrling im Chor. �Er ist in York. In wichtigen Gesch�ften des K�nigs.�</p><p>Cranston nickte, als er die beiden feierlichen Mienen sah.</p><p>�H�rt mal�, sagte er, �wir k�nnen das nicht hier er�rtern. Junge, schl�fst du in der Werkstatt?�</p><p>�Aye.�</p><p>�Dann la� uns da hineingehen.�</p><p>Der Junge blinzelte und schaute die Magd an; diese nickte.</p><p>�Dann kommt�, sagte Perrot. �Aber Ihr d�rft nichts anfassen, sonst verpr�gelt mich der Meister.�</p><p>Er f�hrte sie in einen Raum, der am Gang lag, z�ndete ein paar Kerzen an und zog zwei Schemel f�r seine unerwarteten Besucher heran. Athelstan nahm Platz und schaute sich um. Noch nie hatte er so viele Schl�ssel gesehen. Sie hingen b�ndelweise an der Wand, dazu Metallst�cke, Gu�formen und Zangen. An der Wand sah er eine kleine Schmiedeesse. Es roch nach verbranntem Holz und Holzkohle, und alles war von feinem Staub bedeckt. Er schaute unter einen Tisch und sah das Bett des Lehrlings: eine Strohmatratze, ein Kissen, eine Wolldecke und einen ziemlich mitgenommenen h�lzernen Reitersmann, vielleicht das Lieblingsspielzeug des Jungen.</p><p>�M�chtet Ihr Wein?� fragte die Magd und bem�hte sich, �lter zu erscheinen, als sie war.</p><p>�Nein, nein.� Athelstan l�chelte. �Sir John r�hrt niemals Wein an - nicht wahr, Mylord Coroner?�</p><p>�Nein�, antwortete Cranston barsch und schaute Athelstan mit schmalen Augen an. Dann richtete er sich auf. �Ich gebe ein gutes Beispiel.�</p><p>Der Junge musterte den riesenhaften Coroner unter gesenkten Lidern und schien nur halb �berzeugt.</p><p>�Wo ist dein Herr hingegangen?� fragte Cranston.</p><p>�Ich wei� nicht. Er ging einfach hinaus.�</p><p>�Und wie war er?�</p><p>�Sehr aufgeregt�, berichtete der Lehrjunge.</p><p>�Weshalb?�</p><p>�Oh, wegen der Truhe f�r die hohen Lords und wegen der Schl�ssel.�</p><p>�Sag mal�, sagte Cranston, beugte sich vor und versuchte, den Weinschlauch unter seinem Mantel zu verbergen. �Hast du deinem Meister geholfen, die Truhe zu machen, die Schl�sser und die Schl�ssel?�</p><p>�Oh ja.�</p><p>�Und wie viele Schl�ssel hat er gemacht?�</p><p>�Sechs.�</p><p>�Nicht mehr - f�r den Fall, da� mal einer verlorengeht?�</p><p>�Oh nein. Mein Meister hat gesagt, das sei verboten.�</p><p>�War denn Besuch in der Werkstatt?� fragte Athelstan. �Jemand Geheimnisvolles in Mantel und Kapuze vielleicht?�</p><p>�Nein.� Der Junge lachte. �Weshalb?�</p><p>Sein Blick war flackernd, und er schlug die Augen nieder. Du verbirgst uns etwas, dachte Athelstan, aber es hat nichts mit dieser Sache zu tun.</p><p>�Und wer von den hohen Herren war hier?�</p><p>�Na, gestern kamen sie alle�, sagte Perrot. �Mit ihren M�nteln, Stiefeln und Biberpelzm�tzen war das ganze Haus voll. Sie mu�ten Truhe und Schl�ssel zum Rathaus bringen. Drau�en waren Soldaten mit einem Karren.�</p><p>�Ja�, fuhr Athelstan fort, �aber bevor dein Meister die Schl�ssel und die Schl�sser fertig hatte, hat ihn da einer der hohen Herren allein besucht?�</p><p>�Ich glaube nicht�, antwortete der Junge. �Ich wohne und schlafe hier. Der Meister bringt seine Besucher immer her, wenn er nicht gerade im Garten arbeitet. Da geht er gern allein hin. Er sagt, er liebt die Abwechslung.�</p><p>�Aber er hatte Besuch?� Athelstan blieb hartn�ckig.</p><p>�Zwei gro�e, dicke Kerle�, antwortete der Junge. �Der B�rgermeister und der Sheriff. Die kamen in den letzten Wochen ein paarmal zusammen und wollten sehen, ob mein Meister seine Arbeit tat.�</p><p>�Sonst niemand?�</p><p>�Nein, Pater.�</p><p>Athelstan sah die junge Magd an, die neben dem Jungen stand. �Und ihr habt beide nichts Geheimnisvolles oder Ungew�hnliches gesehen?�</p><p>Sie sch�ttelten den Kopf.</p><p>�Was ist aus den Gu�formen geworden?� Cranston scharrte mit den F��en. �In denen die Schl�ssel gegossen wurden.�</p><p>�Die wurden vernichtet�, erkl�rte der Junge stolz. �Als die hohen Herren kamen, um Truhe und Schl�ssel abzuholen, standen sie da und schauten zu, wie ich sie mit dem Hammer zerschlug.�</p><p>Cranston schaute Athelstan an, und der sch�ttelte den Kopf.</p><p>Der Coroner erhob sich schwerf�llig, reckte sich und g�hnte. Dann fischte er zwei Pennies aus der Tasche und gab sie dem Jungen und dem M�chen.</p><p>�Sehr gut�, brummte er. �Aber wenn euer Meister zur�ckkommt, dann sagt ihm, er soll zu Sir John Cranstons Haus in der Cheapside kommen. Ich mu� mit ihm sprechen.�</p><p>Die Magd und der Lehrling nickten.</p><p>Cranston und Athelstan gingen wieder hinaus in die Lawrence Lane und hinunter zur Ecke Mercery.</p><p>�Ihr wi�t, da� er niemals zur�ckkommen wird, Sir John?�</p><p>Cranston blies die Wangen auf. �Aye. Morgen werde ich die Beh�rden anweisen, unter den T�ten, die in der Stadt aufgefunden werden, nach ihm zu suchen.� Er unterdr�ckte ein G�hnen. �Bruder, du kannst gern heute bei mir �bernachten.�</p><p>Athelstan schaute hinauf zum sternklaren Himmel. �Danke, Sir John, aber ich mu� zur�ck.�</p><p>Er sah Cranston nach, der ihm einen Abschiedsgru� zubr�llte, wie ein m�chtiger B�r die Cheapside hinaufschlurfte und sich pl�tzlich umdrehte.</p><p>�Bruder, ich begleite dich noch zur Br�cke!�</p><p>�Nein, nein, auf keinen Fall, Sir John. Mir passiert schon nichts. Wer wird einen armen Ordensbruder �berfallen?�</p><p>Cranston sah den Priester die Mercery �berqueren und die Budge Row hinuntergehen.</p><p>�Aye!� murrte er. �Wer wird einen armen Ordensbruder �berfallen? Die Stadt ist voll von Mistkerlen, die so etwas tun!�</p><p>Er wartete, bis Athelstan au�er Sicht war, und folgte ihm dann durch die Budge Row, den Walbrook hinunter in die Ropery und zur Bridge Street. Am anderen Ende standen die Wachen in einem Lichtkreis an der Zufahrt zur Br�cke; sie hatten ihre Fackeln auf Stangen gesteckt. Cranston h�rte ihre Stimmen, als sie den Ordensbruder befragten. Einer lachte, und sie lie�en Athelstan durch. Der Coroner seufzte erleichtert, aber er spitzte noch einmal die Ohren, als er hinter sich leise Schritte h�rte.</p><p>�Also, ihr Nachtv�gel�, knurrte er �ber die Schulter, �ich bin Old John, der Coroner der Stadt. Wenn ihr euch nicht verpi�t, h�nge ich euch eure Eier um den Hals.� Als er sich umdrehte, war die Stra�e leer. Breitbeinig stellte sich Cranston �ber die Gosse, um sich zu erleichtern, und als er beendet hatte, was er sein �devoir� nannte, schlo� er den Hosenlatz und schmatzte. Er schlug das Kreuz und nahm einen gro�z�gigen Schluck aus seinem wunderbaren Weinschlauch. Dann fielen ihm die beiden Hunde Gog und Magog ein, und er fragte sich, was Lady Maude wohl von ihnen halten w�rde. Er st�hnte und beschlo�, da� ein zweiter gro�z�giger Schluck nicht schaden k�nne.</p><p>*</p><p>Athelstan sa� an seinem Tisch im kleinen Pfarrhaus gegen�ber der Kirche von St. Erconwald in Southwark. Bei seiner R�ckkehr hatte er alles in guter Ordnung gefunden. Die Kircht�r war verschlossen, und jemand hatte einen kleinen Topf Honig in eine Mauernische gestellt - offenbar ein Geschenk von einem seiner Pfarrkinder. Sein altes Pferd Philomel lag auf der Seite und atmete schwer durch gebl�hte N�stern, als tr�umte es von seiner fr�heren Glorie als vollbl�tiges Schlachtro� in den Kriegen des alten K�nigs. Athelstan blieb eine Weile in der Stallt�r stehen und redete mit ihm, aber der alte Gaul schnarchte weiter, und der Bruder setzte seinen Rundgang �ber das kleine Kirchengel�nde fort. In seinem Garten war, soweit er sehen konnte, alles in Ordnung. Bonaventura, der gro�e Mauser, dieser ein�ugige Prinz der Gassen, war offenbar unterwegs zu n�chtlichem Liebeswerben oder auf der Jagd.</p><p>Jetzt schaute sich Athelstan in der k�rglichen K�che um. Die W�nde waren zum Schutz vor den Fliegen frisch gek�lkt. Er schlo� die Augen und roch den Duft der Kr�uter, die mit den frischen gr�nen Bingen auf dem Boden verstreut lagen. Dann warf er einen Blick auf den Kessel �ber dem Feuer. Er erhob sich halb, um zu sehen, ob die Hafergr�tze, die er kochte, nicht zu dick oder zu klumpig wurde. Seufzend ging er in die Speisekammer und holte einen Krug Milch. Sie roch noch frisch, und so go� er sie in den Kessel und r�hrte die Gr�tze sorgfaltig um, ganz so, wie Benedicta es ihm eingesch�rft hatte.</p><p>�Wenn ich doch kochen k�nnte�, murmelte er.</p><p>Einmal hatte er Cranston zum Fr�hst�ck bewirtet, und der Coroner hatte geschworen, da� Athelstans Hafergr�tze, wenn man sie mit einem Katapult schleuderte, jede Stadtmauer einrei�en k�nnte. Er trug den Krug zur�ck in die Speisekammer, wischte sich die H�nde an einem Handtuch ab und trat an seinen Tisch, der mit Pergamenten �bers�t war. Jedes Fetzchen Pergament war mit den Einzelheiten eines Mordes beschrieben.</p><p>�Was haben wir denn hier?� fragte Athelstan spielerisch. �Wie hat Rosamund Ingham Sir Johns Freund Sir Oliver get�tet? Keine Spuren von Gewalt. Kein Hinweis auf Gift.� Er rieb sich die Wange. �Wurde der Mann �berhaupt ermordet? Oder war Cranston nur w�tend, weil er mitansehen mu�te, wie sein alter Freund zum Hahnrei gemacht wurde?�</p><p>Aber nein, dachte er, trotz seines buschigen wei�en Schnurrbarts, des roten Gesichts, des m�chtigen Glatzkopfes und des noch gr��eren Bauches war Cranston schlau und verschlagen wie eine Schlange. Sir John hatte einen Riecher f�r Missetaten; wenn er glaubte, da� ein Verbrechen begangen worden war, dann hatte er meistens recht.</p><p>Athelstan nahm ein anderes St�ck Pergament zur Hand und studierte seine Skizze vom Rathausgarten, wo Mountjoy ermordet worden war. �Wie um alles in der Welt �?�� murmelte er. Auf der einen Seite befand sich der hohe Spalierzaun, an dem der Sheriff gelehnt hatte, zu seiner Linken eine kahle Mauer, zur Rechten der von den Hunden bewachte Gartenzaun und vor ihm der Holzzaun des Ganges zwischen Rathaus und K�che. Wie hatte der T�ter in einen derart umschlossenen Raum eindringen und den st�mmigen Mountjoy erstechen k�nnen, ohne da� der Sheriff oder seine furchterregenden Hunde Krach geschlagen hatten?</p><p>Und schlie�lich war da noch Fitzroy, get�tet von unsichtbarer Hand. Wer konnte Gift verabreichen, ohne zu offenbaren, wie? Wer war dieser Ira Dei? Wer von diesen m�chtigen Politikern war der Verr�ter?</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf und wandte sich wieder den Rechnungsb�chern seiner Gemeinde zu. Er war m�de, aber nach seiner R�ckkehr aus der Stadt hatte er nur ein paar Stunden geschlafen, bevor er aufgestanden war und oben in seiner kleinen Schlafkammer bei Kerzenlicht seine Gebete verrichtet hatte; dann hatte er sich gewaschen und angekleidet. Er zog die Rechnungsb�cher her�ber. Er hatte Mord, Intrigen und Geheimnisse satt, und die B�cher mu�ten abgeschlossen werden, bevor er an St. Michaelis mit dem Gemeinderat zusammenkam.</p><p>Athelstan nagte an seinem Federkiel. Der Machtkampf in seinem kleinen Gemeinderat tobte genauso wild wie der der Gildeherren. Watkin, der Mistsammler, Mugwort, der Gl�ckner, Tab, der Kesselflicker, der Maler Huddle, Ursula, die Schweinehirtin, Cecily, die Kurtisane, und Tiptoe, der Schankbursche aus der Taverne zum Gescheckten, wehrten immer noch eine erbitterte Attacke ab, die von Pike, dem Grabenbauer angef�hrt wurde. Auf der Seite des letzteren standen Jacob Arveid, ein freundlich blickender Deutscher mit einer h�bschen Frau und einer Schar von Kindern, Clement aus der Cock Lane, die Flamin Pemel und Ranulf, der Rattenlanger. Athelstan und die Witwe Benedicta bem�hten sich, w�hrenddessen den Frieden zu erhalten.</p><p>Benedicta � da stand sie vor seinem geistigen Auge; ihr kohlschwarzes Haar umrahmte ein glattes, olivfarbenes Antlitz, das dem Maler Huddle immer als Modell f�r die Jungfrau Maria diente.</p><p>Athelstan starrte in die hungrigen Flammen des Feuers und dachte an Pater Pauls Warnung: �Vergi� niemals: Nicht das k�rperliche Verlangen nach einem Weibe wird dich heimsuchen, sondern die blanke, leere Einsamkeit, der bitters��e Geschmack der Sehnsucht nach jemandem, den du niemals besitzen kannst.� Er zuckte zusammen, als eine dunkle Gestalt zum Fenster hereinschl�pfte.</p><p>�Ah, guten Morgen, Bonaventura, mein treuestes Pfarrkind.�</p><p>Der gro�e Kater tappte leise zu seinem Herrn und warf hungrige Blicke auf die Hafergr�tze, die �ber dem Feuer blubberte. Athelstan stand auf und holte ihm ein Sch�fchen Milch aus der Speisekammer. Der Kater schleckte sie zierlich auf und machte es sich dann vor dem Feuer gem�tlich, w�hrend sein Herr sich weiter �ber seine geplagten Pfarrkinder Gedanken machte. Er brauchte Frieden im Gemeinderat, vor allem, wenn er Watkins T�chter und den Sohn von Pike, dem Grabenbauer, trauen sollte.</p><p>�Oh Gott!� sagte er zu dem inzwischen d�senden Bonaventura. �Das wird sein, als fahre der Fuchs unter die H�hner!�</p><p>Bonaventura bewegte tr�ge den Kopf; das eine gesunde bernsteingelbe Auge blickte seinen Herrn voller Mitgef�hl an. Athelstan zog die Kontob�cher n�her zu sich heran. Er fragte sich, ob die Frau mit der besessenen Stieftochter noch einmal gekommen war, und ihn schauderte bei dem Gedanken, was ihn dort erwarten mochte. Er hustete, tauchte den Federkiel ins Tintenfa� und begann, die Spalten auszuf�llen; er trug ein, was er f�r die Ausschm�ckung der Kirche ausgegeben hatte, nachdem der Altarraum mit neuen Platten ausgelegt worden war.</p><empty-line/><p>- die Zehn Gebote ausgebessert 3 s</p><p>- den Pontius Pilatus gefirni�t und einen neuen Vorderzahn eingesetzt 5d</p><p>- den Himmel erneuert, die Sternbilder berichtigt &amp; den Mond geputzt 20s</p><p>- den Sohn des Tobias ges�ubert 4s 6d</p><p>- die Flammen der H�lle aufgehellt, dem Teufel ein neues linkes Horn gemacht &amp; den Schwanz gereinigt 3s</p><p>- Ausgaben f�r die Verdammten 2s 6d</p><p>- dem Jonas eine neues Hemd gemalt &amp; den Rachen des Wales entsprechend vergr��ert 10s 6d</p><p>- f�r Adam und Eva neue Feigenbl�tter gemacht 15s</p><p>Athelstan betrachtete seine Liste und l�chelte. Gerade wollte er weiterschreiben, als es pl�tzlich leise an der T�r klopfte. Er stand auf, �ffnete und schaute hinaus. Es war die Zeit der Schlaflosen, kurz vor dem Morgengrauen: Der Himmel wurde allm�hlich hell, und die Schatten begannen zu verschwinden.</p><p>�Wer ist da?� rief er und schaute sich um. F�r Kinderstreiche war es noch zu fr�h. �Wer ist da?� wiederholte Athelstan. Nur der Wind, der an einem losen Fensterladen an der Kirche r�ttelte, st�rte die Stille. Athelstans Nackenhaare str�ubten sich. Ein Schauder lief ihm �ber den R�cken. Er starrte auf den Weg neben der Kirche. War es irgendein Gauner? Ein Betrunkener aus den Bordellen von Southwark? Pl�tzlich sah er, da� die kleine Pforte zur Kirche halb offen stand. Er packte den Kn�ppel, den Cranston ihm gegeben hatte, und ging darauf zu.</p><p>�Bruder Athelstan!�</p><p>Die Stimme schien hinter der Kirche hervorzukommen, und wachsam ging der Ordensbruder um die Ecke, gefolgt von einem noch neugierigeren Bonaventura. Wieder rief die Stimme seinen Namen, und Athelstan sp�hte �ber die Grabsteine hinweg.</p><p>�Wer ist da?� rief er erbost. �Hier ist kein Spielplatz, sondern ein Gotteshaus und ein Gottesacker.�</p><p>�Dreh dich um, Bruder Athelstan!�</p><p>�Warum sollte ich?�</p><p>Ein Armbrustbolzen schlug neben seinem Kopf in die Kirchenmauer.</p><p>�Du hast mich �berzeugt�, rief Athelstan und drehte sich um; er schlo� die Augen und ballte die Faust. �Was willst du?�</p><p>�Ich bringe eine Botschaft vom Zorn Gottes. Du bist ein Ordensmann und ein Priester des Volkes. Was machst du dich gemein mit den fetten Lords der Erde?�</p><p>�Wenn du der Zorn Gottes bist�, spie Athelstan, �dann bin ich Seine Gerechtigkeit!�</p><p>�H�te dich vor Seinem Zorn�, sagte die Stimme klar und deutlich.</p><p>Athelstan schaute Bonaventura an, dem dieses neue Spiel zu gefallen schien.</p><p>�Cranston hat recht�, fl�sterte er ihm zu. �Du taugst wirklich zu gar nichts.�</p><p>�H�te dich�, wiederholte die Stimme.</p><p>Endlich brach sich Athelstans feuriges Temperament Bahn. �Ach, mach doch, da� du wegkommst!� rief er, stapfte den Weg an der Kirche entlang zur�ck zu seinem Haus und schlug die T�r dr�hnend hinter sich zu.</p><p>Eine Zeitlang stand er mit dem R�cken zur T�r und bem�hte sich, seine zitternden Knie zu beruhigen. Wer wagte es, ihn hier zu verh�hnen? Was w�rde Cranston tun, wenn er das erfuhr? Athelstan marschierte in die Speisekammer, go� einen Becher Wein ein und st�rzte ihn hinunter, bevor er sich wieder an den Tisch setzte.</p><p>�Gottverdammt!� fl�sterte er. Er klappte das Rechnungsbuch zu, r�umte die �brigen Manuskripte beiseite und trug alles zu der gro�en, eisenbeschlagenen Truhe. W�hrend er die Papiere hineinlegte und den Schl�ssel im Schlo� drehte, mu�te er an den waghalsigen Raub im Rathaus denken. Hoffentlich war Sturmey noch am Leben. Wenn Cranston und er den Dieb f�nden, w�rden sie auch den M�rder ausfindig machen. Er fuhr zusammen, als es laut an der T�r klopfte.</p><p>�Pater! Pater!�</p><p>Athelstan ging zur T�r und �ffnete. Drau�en stand Ursula, die Schweinehirtin; ihr sonst so heiteres rotes Warzengesicht war tr�nen�berstr�mt.</p><p>�Oh, Ursula�, sagte Athelstan. �Doch nicht etwa deine Sau? Ich kann nicht schon wieder kommen und sie segnen.�</p><p>�Nein, nein, Pater, es geht um meine Mutter. Sie stirbt!�</p><p>�Bist du sicher?� fragte Athelstan. �Ich habe Griselda schon mindestens dreimal die Letzte �lung gespendet�</p><p>�Nein, Pater, sie sagt, sie stirbt. Sie kann es f�hlen.�</p><p>�Dann komm.�</p><p>Athelstan schlo� die Haust�r und eilte hin�ber zur Kirche. Drinnen war es k�hl und dunkel und duftete nach Kerzentalg und Weihrauch. Das erste Morgenlicht beleuchtete Huddles Bilder an den W�nden, als Athelstan durch den Lettner in den Chor eilte. Er beugte das Knie und �ffnete die Tabernakelt�r, um das Viaticum und die Phiole mit dem Heiligen Ol herauszunehmen. Dann holte er Stola, Mantel, Zunder und eine Kerze aus der Sakristei und gab die Sachen Ursula, die im Vorraum der Kirche wartete. Er z�ndete die Kerze an, legte den Mantel um und schlo� die Kirchent�r ab; die Schweinehirtin beschirmte mit ihren gro�en, groben H�nden die Kerzenflamme.</p><p>Er folgte Ursula durch die schmalen, gewundenen Gassen von Southwark zum Haus der Schweinehirtin, einer kleinen, zweigeschossigen H�tte hinter dem Kloster von St. Mary Overy. Wie immer r�kelte sich die m�chtige Sau, Ursulas Haustier und die Sonne ihres Lebens, vor dem Feuer, w�hrend Griselda in der anderen Ecke hinter einem Vorhang auf einem Strohsack lag, den Kopf zur�ckgelegt; ihre Hakennase ragte in die Luft, und ihre Augen waren halb offen. Athelstan h�tte sie bereits f�r tot gehalten, wenn sich ihre knochige Brust nicht leise gehoben und gesenkt h�tte. Athelstan hockte sich neben sie und stellte das Viaticum und das Heilige Ol auf einen dreibeinigen Schemel. Ursula blieb hinter ihm stehen und hielt die Kerze. Nat�rlich mu�te auch die Sau sehen, was da vor sich ging, und als sie Athelstan erkannte, dessen Kohlbeet sie mit sch�ner Regelm��igkeit pl�nderte, begann sie aufgeregt zu grunzen und zu schn�ffeln.</p><p>�Ach, um Gottes willen, geh weg�, fl�sterte er. �Ursula, um des lieben Herrgotts willen, gib ihr Kohl oder sonst etwas.�</p><p>�Sie i�t keinen Kohl�, versetzte Ursula knapp, packte die Sau beim Ohr und zog sie weg.</p><p>�Aye�, murmelte Athelstan bei sich. �Das verfluchte Vieh mag ihn nur, wenn er frisch ist!�</p><p>�Seid Ihr das, Pater?�</p><p>Athelstan beugte sich �ber die alte Frau; ihre Wangen waren eingefallen, die dicken, blutlosen Lippen ge�ffnet. Aber in den kleinen Knopfaugen leuchtete immer noch das Leben.</p><p>�Ja, Mutter Griselda, ich bin's, Athelstan.�</p><p>�Ihr seid ein guter Priester�, keuchte die Alte, �Ihr kommt, um die alte Griselda zu besuchen. Wollt Ihr meine Beichte h�ren, Pater?�</p><p>Athelstan grinste. �Wieso - was hast du denn angestellt, Mutter, seit ich sie dir das letzte Mal abgenommen habe? Wie viele junge M�nner waren es diesmal?�</p><p>Die Lippen der Alten verzogen sich zu einem zahnlosen L�cheln.</p><p>�Was hast du denn Woll�stiges und Liederliches getan?� fuhr Athelstan fort und betrachtete die alte Frau. �Komm, Griselda, du hast l�ngst deinen Frieden mit Gott geschlossen.�</p><p>Athelstan �ffnete die goldene Pyxis, nahm die wei�e Hostie heraus und schob sie der Sterbenden zwischen die Lippen. Dann salbte er ihr Haupt und Augen, Mund, Brust, H�nde und F��e, w�hrend die Kiefer der Alten die d�nne Oblate zermahlten. Endlich war er fertig. Ursula ging hin�ber und sch�rte das kleine Feuer, und Griselda griff nach Athelstans Hand.</p><p>�Werde ich in den Himmel kommen, Pater?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Wird mein Mann auch da sein?�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Er hat die Weiber geliebt, Pater. In seiner Jugend war er sch�n wie die Sonne. Sein Haar war wie reifes Korn, und seine Augen blau wie der Himmel. Aber er war kein schlechter Mann, Pater, und ich habe ihn geliebt.� Sie hustete, und gelber Speichel rann ihr aus dem Mundwinkel. Athelstan nahm einen Lappen und tupfte ihr behutsam die Lippen ab.</p><p>�Gott weist keinen ab�, sagte er langsam, �der geliebt hat oder geliebt wurde.�</p><p>Die Alte hustete wieder. Athelstan sah sich um.</p><p>�Ursula, einen Becher Wasser!�</p><p>Doch da f�hlte er, wie die Finger, die seine Hand umfa�ten, sich l�sten. Er schaute hinunter. Griseldas Kopf hatte sich zur Seite gesenkt. Er tastete nach dem Pulsschlag an ihrem Hals, aber da war nichts. Er sah Ursula an, die ihm den verschrammten Becher entgegenhielt. Tr�nen rannen ihr �ber die fetten Wangen.</p><p>�Sie hat uns verlassen�, sagte er leise. �Sie ist dahin. Uns vorausgegangen.�</p><p>Er blieb noch eine Weile, um Ursula zu tr�sten. Seinen Protesten zum Trotz bestand sie darauf, ihm eine dicke Speckseite zu geben. Mit Mantel und Stola unter dem einen und der Speckseite unter dem anderen Arm wanderte Athelstan zur�ck zu seiner Kirche.</p><p>Gerade erwachte Southwark zum Leben. Die Kleinh�ndler und Kesselflicker rumpelten mit ihren Handkarren zur Br�cke hinunter, und schwitzende, fluchende Fuhrknechte plagten sich damit, ihre Ware, die sie vom Land hereinbrachten, �ber den Flu� zu schaffen, bevor die gro�en M�rkte �ffneten. Vor dem Hospital von St. Thomas bettelten zwei Auss�tzige in schwarzen Lumpen um Almosen, w�hrend die Bezirksb�ttel und Schergen n�chtliche Ruhest�rer, die sie erwischt hatten, an H�nden und F��en gefesselt zum Pranger hinunterf�hrten. Zwei Betrunkene, die aus einem oberen Fenster gepi�t hatten, hatte man R�cken an R�cken aneinandergebunden und ihnen die Hosen auf die Kn�chel heruntergelassen; man w�rde sie durch die Stra�en treiben und bis zur Mittagsstunde mit Abfall bewerfen lassen; dann w�rde ein Freund sie losschneiden d�rfen. Die Beh�rden hatten offenbar auch ein Bordell ausgehoben; auf einem Karren sa� eine ganze Ladung aneinandergefesselter Huren mit kahlgeschorenen K�pfen und m�rrischen Gesichtern, die zum Flu� hinuntergebracht wurden, um ihre Strafe in Empfang zu nehmen. Ein gelber, magerer Hund knurrte Athelstan an; z�hnefletschend sprang er nach dem Speck. Athelstan scheuchte ihn davon, bog in eine Gasse ein und klopfte bei Tab, dem Kesselflicker, an.</p><p>Seine grauhaarige Frau �ffnete mit besorgter Miene. Athelstan dr�ckte ihr die Speckseite in die H�nde.</p><p>�Pater�, sagte sie leise, �das kann ich nicht.�</p><p>�Doch, das kannst du.� Er deutete auf die Kinder mit den schmutzigen Gesichtern, die an ihrem zerlumpten Rock hingen. �Und sie k�nnen es ganz gewi�. Aber du darfst Ursula nichts verraten.�</p><p>Er setzte seinen Weg fort und wollte gerade an seiner Kircht�r vorbeigehen, als er das St�ck Pergament sah, das dort flatterte. Athelstan las die gekritzelten Worte:</p><p>Der Zorn Gottes wird br�llen aus den Wolken wie der Blitz.</p><p>Fluchend ri� er das Blatt herunter und warf es in den Dreck; ohne auf Pikes Gr��e zu achten, stapfte er w�tend zu seinem Haus.</p></section><section><title><p><strong>Sechs</strong></p></title><p>Umringt von einer Schar junger Erwachsener und Kinder, sa� Athelstan im Mittelschiff seiner Kirche. Es war ein Werktag; die Eltern waren zur Morgenmesse gekommen und gingen jetzt ihren Alltagspflichten nach. Athelstans Schule, wie Cranston es scherzhaft nannte, kam zweimal in der Woche vormittags f�r zwei Stunden zusammen; der Ordensbruder versuchte, der Jugend Lesen und Schreiben sowie die Grundlagen der Arithmetik und der Geometrie beizubringen. Nat�rlich bekamen sie auch Unterricht in ihrem Glauben, und Athelstan war �berrascht, wie gewitzt und eifrig sich manche seiner Sch�ler zeigten.</p><p>Er schaute in die Runde, und sein Herz zog sich vor Mitgef�hl zusammen, als er die schmalen, schmutzigen Gesichter sah, die geflickten Kleider und die zerfetzten Sandalen. Sie sa�en im Kreis, auch Bonaventura fehlte nicht, und Athelstan versuchte ihnen zu erkl�ren, da� Gott �berall sei.</p><p>Hin und wieder warf er einen verstohlenen Blick auf Pikes Sohn Thomas, der so dicht neben Watkins sch�ner T�chter Petronella sa�, wie es nur ging. Athelstan betrachtete das rabenschwarze Haar des M�dchens, die glatte wei�e Haut und die seegr�nen Augen. Wie hatten Watkin und seine f�llige Frau nur ein so sch�nes Kind hervorbringen k�nnen? Thomas war so sehr verliebt in sie, da� er Athelstan kaum eines Blickes w�rdigte.</p><p>�Weiter, Pater!� rief Crim.</p><p>�Nat�rlich.� Athelstan rieb sich die Augen. Die M�hen des vergangenen Tages hatten ihn m�de gemacht. �Nat�rlich ist Gott �berall; Er sieht alles und h�rt alles.�</p><p>�Ist er auch in meiner Hand?� fragte Crim.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Crim schlug die H�nde zusammen. �Dann sitzt er fest. Ich habe ihn!�</p><p>�Nein, nein�, erkl�rte Athelstan lachend. �So ist das nicht, Crim.�</p><p>�Aber Ihr habt gesagt, er ist �berall.�</p><p>�Crim.� Athelstan lehnte sich zur�ck und verzog schmerzlich das Gesicht, als sein Knie knackte. �Gott ist wie die Luft, die wir atmen. Er ist in uns, ist ein Teil von uns, und zugleich ist er au�erhalb von uns. Wie die Luft: Du atmest sie ein, und sie ist gleichzeitig in deiner Hand.�</p><p>Mugwort, der Gl�ckner, kam in die Kirche gest�rmt, und Athelstan verzog das Gesicht, als der kleine, koboldhafte Mann in der Turmnische verschwand und wie ein D�mon am Glockenseil zu zerren anfing, um den mitt�glichen Angelus zu l�uten. Athelstan sprach das Gebet, erhob sich und klopfte seine Kutte ab.</p><p>�Ihr k�nnt jetzt spielen gehen. Crim, nicht aus dem Weihwasserbecken trinken. John und James!� Er schaute die beiden Kesselflickers�hne mit gespielter Strenge an; die beiden glichen sich wie ein Ei dem anderen mit ihren schmutzigen Gesichtern und dem fettigen Borstenhaar. �Der Taufbrunnen ist keine Burg. Ihr k�nnt drau�en auf der Treppe spielen, aber nicht in der Kirche. Petronella und Thomas, bleibt bitte noch einen Augenblick hier.�</p><p>Die �brigen Kinder grinsten hinter vorgehaltenen H�nden, und unter viel �Oooh� und �Aaah� trieb Athelstan sie zur Kirche hinaus. Da� die beiden ein Liebespaar waren, war in der Pfarrgemeinde wohlbekannt - das hei�t, nur ihre Eltern wu�ten nichts.</p><p>�Pater?�</p><p>�Ja, was gibt's?� Athelstan schaute in das angestrengte, bleiche kleine Gesicht, das ihn unter der geteerten Spitzkappe hervor ansp�hte. �Was gibt's, Roland?�</p><p>Der kleine Junge fl�sterte etwas, und Athelstan mu�te sich niederhocken, um besser zu h�ren. Der Sohn des Rattenf�ngers Ranulf lie� ausrichten, da� sein Vater sich dringend mit ihm treffen wolle.</p><p>�Ja, ja�, sagte er dann und richtete sich auf. �Sag deinem Vater, wir sprechen uns morgen.�</p><p>Er bi� sich auf die Unterlippe, um sein L�cheln zu verbergen. Der Kleine war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten; beide hatten die gleichen Gesichtsz�ge wie die Nager, denen sie nachstellten. Der Junge rannte davon, den �brigen nach, und Athelstan ging durch das Kirchenschiff zur�ck zu den beiden jungen Turteltauben, die vor dem Lettner sa�en.</p><p>�Pater.� Thomas stand auf. �Ihr m��t bald mit unseren Eltern sprechen.�</p><p>�Warum?� Nerv�s schaute Athelstan das M�dchen an. �Ist etwas passiert?�</p><p>Sie sch�ttelte l�chelnd den Kopf.</p><p>�Pater�, sagte sie flehend, �wir sind gekommen und haben Euch unser Geheimnis verraten. Ihr habt ins Buch des Blutes geschaut und festgestellt, da� keine Verwandtschaft zwischen uns besteht, au�er, da� Thomas' Ururgro�onkel mit einer Verwandten meiner Gro�mutter verheiratet war.� Das M�dchen z�hlte die Punkte an den Fingern ab. �Wir sind bereit, uns unterrichten zu lassen. Thomas hat eine gute Stellung beim Hafenmeister in Dowgate, und ich kann sehr gut sticken. Pater, ich war es, die diese Altart�cher gemacht hat. Warum also kann nicht das Aufgebot bestellt werden?�</p><p>Athelstan hob die Hand. �Gut. Ich werde am kommenden Sonntag nach der Messe mit euren Eltern sprechen. Vielleicht kommen sie alle auf einen Becher Wein zu mir nach Hause, um die gute Nachricht zu feiern?�</p><p>Das starre L�cheln blieb auf seinem Gesicht, als die beiden Verliebten vor Freude aufsprangen und Hand in Hand durch das Kirchenschiff liefen.</p><p>�Oh Gott!� fl�sterte er. �Nur noch f�nf Tage Zeit, bis Sonntag der B�rgerkrieg ausbricht.�</p><p>�Ich sollte wohl besser auch dasein.�</p><p>Athelstan l�chelte. �Benedicta�, sagte er, ohne sich umzudrehen. �Wie lange bist du schon hier?�</p><p>�Lange genug, um zu h�ren, wie Ihr mit Euch selbst sprecht, Pater.�</p><p>Athelstan drehte sich um und ging durch die Kirche auf die Witwe zu, die dastand, eine Hand an eine S�ule gelehnt. Sie sah elegant und sch�n aus wie immer. Das glatte, olivfarbene Gesicht, von einer sahnegelben Haube umrahmt, diese Augen, die sp�ttisch, heiter, tr�nenfeucht, gro�z�gig, traurig und seelenvoll blicken konnten, und diese Lippen� Athelstan schob die H�nde in die �rmel seiner Kutte, kniff sich in den Arm und dachte an die Worte der Schrift: �Und wenn du ein Weib nur begehrst mit den Augen des Herzens ��</p><p>�Benedicta, was f�hrt dich her?�</p><p>Sie l�chelte schalkhaft. �Wie geht's mit dem Backen f�r das Herbstfest voran?�</p><p>�Das ist meine kleinste Sorge�, antwortete Athelstan bedr�ckt.</p><p>Er erz�hlte von seinem Besuch im Rathaus am Tag zuvor und unterbrach sich nur, als Benedicta bei der Beschreibung Cranstons und seiner beiden Wolfshunde zu lachen anfing. Als er von den Mordtaten sprach, wurde ihr Gesicht ernst.</p><p>�Ihr solltet auf der Hut sein, Pater�, murmelte sie. �Der Tratsch breitet sich in Southwark aus wie Feuer auf einem trockenen Stoppelfeld. Man redet von einer gro�en Revolte, von Angriffen auf Steuereintreiber, und Pike, der Grabenbauer, f�hrt auch wieder was im Schilde.�</p><p>�Sagt dir der Name Ira Dei etwas, Benedicta?�</p><p>�Ich habe geh�rt, da� man ihn sich zuraunt, und auch von der Gro�en Gemeinschaft des Reiches wird getuschelt. Pike, der Grabenbauer, wei� Bescheid.� Sie l�chelte verschmitzt. �Zumindest behauptet er das. Aber Pike hat mehr Bier als Bosheit im Leib.�</p><p>�Ich hatte Cranston erwartet�, sagte Athelstan und schaute zur T�r. �Einer seiner alten Kameraden ist ermordet worden, und die Stadtv�ter verlangen nicht nur ihre Mordf�lle aufgekl�rt zu sehen und ihr Gold zur�ckzubekommen, sie wollen auch wissen, warum den Verr�tern, die auf der London Bridge aufgespie�t stehen, Gliedma�en abgeschnitten und gestohlen werden.�</p><p>�Das ist ein schweres Paket Sorgen�, sagte Benedicta. �Aber, Pater, ich mu� diese B�rde noch vergr��ern.�</p><p>�Wieso?� fragte er scharf.</p><p>�Gestern abend kam eine Frau in die Kirche.� Benedicta machte schmale Augen und versuchte, sich an den Namen zu erinnern. �Eleanor Hobden, so hie� sie.�</p><p>Athelstans Herz wurde schwer.</p><p>�Sie behauptet, ihre Tochter sei besessen�, fuhr Benedicta fort. �Sie sagt, sie will Euch heute nach der Vesper zu sich nach Hause holen. Was bedeutet das, Pater?�</p><p>Athelstans dunkle Augen schauten betr�bt, aber sie widerstand dem Drang, seine Hand zu nehmen oder seine Wange zu streicheln.</p><p>�Sorgen�, murmelte der Priester. �Benedicta, wenn ich heute abend dort hingehe, willst du mitkommen?�</p><p>�Habt Ihr Angst?� fragte sie halb scherzend.</p><p>�Nein, nein. Aber ich werde auch Sir John bitten, mich zu begleiten. In solchen F�llen kann das Salz des gesunden Menschenverstandes oft mehr n�tzen als der Segen eines Pfaffen.�</p><p>�Hab' ich dich endlich erwischt, M�nch!�</p><p>Athelstan und Benedicta fuhren erschrocken herum. Cranston stand barh�uptig und breitbeinig in der Kirchent�r und strahlte sie an.</p><p>�Oh Gott�, fl�sterte Athelstan, �er war wieder an seinem wunderbaren Weinschlauch.�</p><p>�Hab' ich dich endlich erwischt!� dr�hnte Cranston noch einmal und kam auf sie zu. Dann blieb er stehen und sp�hte umher. �Wo ist der verfluchte Kater?�</p><p>�Auf der Jagd.�</p><p>�Gut.� Cranston kam herbei, schlang einen B�renarm um Benedicta und dr�ckte ihr einen schmatzenden Ku� auf die Wange. �Reizendes M�dchen�, fl�sterte er. Dann grinste er Athelstan an. �Sie wird jemandem ein reizendes Weib sein.�</p><p>�Sir John Cranston!� rief Benedicta in gespieltem Zorn.</p><p>�Halt den Schnabel, Weib!� neckte er. �Bruder, du mu�t mitkommen.�</p><p>�Oh nein, Sir John - wohin?�</p><p>�Nach Billingsgate, Botolph Wharf. Gerade ist Sturmeys Leiche aus dem Flu� gefischt worden - mit einem Messer tief in der Brust, ganz �hnlich dem, das bei Mountjoy benutzt wurde. Anscheinend ist er gestern nachmittag verschwunden.�</p><p>�Was wollte er in Billingsgate?�</p><p>�Wei� der Himmel!� Cranston schmatzte und schaute sich bewundernd in der Kirche um. �Allm�hlich sieht es hier aus wie in einem Gotteshaus, und nicht mehr wie in einer Scheune.�</p><p>Athelstan zwinkerte Benedicta zu, drehte sich um und f�hrte Sir John zur T�r. �Wie geht es Gog und Magog?�</p><p>�Die fressen, als k�me morgen das Ende der Welt.�</p><p>Cranston blieb stehen, warf den Kopf in den Nacken und lachte. �Boscombe ist sein Gewicht in Gold wert, aber auch er kann mir nichts weiter �ber Mountjoys Tod sagen. Was er mir indessen erz�hlt hat� - Cranston lachte wieder -, �ist, da� Gog und Magog den armen Leif einen Baum hinaufgejagt haben. Der dumme Trottel wollte stundenlang nicht wieder herunterkommen.�</p><p>Sein Gesicht wurde ernst. �Gaunt und die Gildeherren haben mich heute morgen zum Bericht befohlen. Sie haben mich daran erinnert, da� ich nur zehn Tage Zeit habe, um das Gold zu finden und den M�rder zu fangen.�</p><p>�Bestehen sie darauf?�</p><p>�Ja. Lord Clifford soll ebenfalls herausfinden, was er kann.�</p><p>�Sonst�?� fragte Athelstan neugierig.</p><p>�Was meinst du damit, M�nch?�</p><p>�Ich meine, was passiert, wenn die zehn Tage um sind?�</p><p>�Gaunt verliert seine Verb�ndeten, sein Gold und seine Macht.�</p><p>Cranston blieb stehen und betrachtete den Taufbrunnen. Er studierte die Steinmetzarbeiten, die den Rand schm�ckten. Johannes der T�ufer stand bis zu den H�ften in einem Jordan, der den Coroner eher an die Themse erinnerte als an einen Flu� in Pal�stina. �Diese Gildeherren� Lady, ich bitte um Vergebung� - und er neigte auch den Kopf in Richtung Tabernakel -, �aber sie sind mordgierige Gauner! Wadenbei�er, Bauernfanger, Hunde mit steinernen Herzen und Eselsk�pfen!� Er atmete aus. �Wie gro�e Aspikklumpen sa�en sie da: der glubsch�ugige Goodman, der glatzk�pfige Marshall, der Stutzer Denny und Sudbury mit einem Gesicht, das ein Schwein in Verzweiflung st�rzen w�rde. Was mich w�tend macht, M�nch ��</p><p>�Ordensbruder, Sir John!�</p><p>�Wie gesagt, M�nch: Was mich w�tend macht, ist die Tatsache, da� einer dieser Mistkerle ein M�rder ist, vielleicht sogar mehrere. Ich wei� es. Es mu� so sein!�</p><p>Cranston h�tte seine Litanei von Fl�chen fortgesetzt, aber Athelstan f�hrte ihn hinaus auf die sonnen�berflutete Treppe von St. Erconwald. Er schlo� die Kirchent�r und auch seine Haust�r, packte seine Satteltasche und den Beutel mit seinem Schreibzeug und ging in den Stall, um Philomel zu holen. Cranston nahm noch zwei tiefe Z�ge aus seinem Weinschlauch, verga� die �pockenkranken Gildemeister� und wandte sich wieder seinen ewigen Sp��en mit Benedicta zu.</p><p>Endlich gelang es Athelstan, den widerstrebenden Philomel zu satteln. Er h�ngte seine Tasche ans Sattelhorn und stieg vorsichtig auf.</p><p>Sir John holte sein eigenes Pferd, das auf dem Friedhof graste, und schwang sich mit solcher Wucht in den Sattel, da� Athelstan schmerzlich zusammenfuhr. Kein Wunder, dachte er, da� Crim den Coroner nur den �Pferdezermalmer� nannte. Athelstan trieb Philomel an; er war nicht der beste Reiter und w�re beinahe gegen Sir John geprallt. Der Ordensbruder funkelte die grinsende Benedicta w�tend an und warf ihr die Schl�ssel zur Kirche und seinem Haus zu.</p><p>�Wirst du alles im Auge behalten, Lady?�</p><p>Benedicta bi� sich auf die Lippe, um nicht zu lachen, und nickte.</p><p>�Und zur Vesper kommst du wieder her?�</p><p>Wieder nickte sie.</p><p>Philomel setzte sich in Gang; gefolgt von Cranston warf Athelstan Benedicta eine Ku�hand zu. Dann verlie�en beide den Kirchhof und ritten zur London Bridge hinunter.</p><p>�Was gibt's denn zur Vesper?� fragte Cranston unvermittelt.</p><p>�Da treffen wir den Teufel, Sir John. Ihr, ich und Benedicta.�</p><p>Cranstons R�lpser klang wie ein Fanfarensto�. �Verflucht, was soll das hei�en, M�nch?�</p><p>�Abwarten.�</p><p>Jedes weitere Gespr�ch erwies sich als unm�glich. Es war Markttag, und die Stra�en von Southwark waren voller Menschen; Athelstan mu�te immer wieder Pfarrkindern zuwinken.</p><p>�Gr�� Euch, Mylord Coroner!� bl�kten Pike, der Grabenbauer, und Tab, der Kesselflicker, die mit Alekr�gen in den H�nden vor einer Schenke hockten.</p><p>�Haut blo� ab!� br�llte Cranston zur�ck; ihr sp�ttischer Ton entging ihm nicht.</p><p>Sie kamen an der Taverne zum Gescheckten vorbei. Cranston warf sehns�chtige Blicke durch die dunkle T�r und schlo� die Augen, als er den Duft der w�rzigen Pasteten schnupperte, die dort gebacken wurden. Aber Athelstan weigerte sich anzuhalten. Schlie�lich mu�ten sie doch absteigen, um durch das Gedr�nge um einen Ausrufer zu gelangen, der die Neuigkeiten des Tages bekanntmachte.</p><p>�Die Franzosen sind in Rye gelandet und haben die Kirche niedergebrannt! Der Lord Sheriff ist tot, in seinem eigenen Garten ins Herz gestochen, genau wie Sir Thomas Fitzroy tot ist und verwest wie viele der Fische, die er einst verkaufte! Eine Hexe ward gesehen, wie sie flog �ber St. Paul, und ein Knabe mit zwei K�pfen geboren in einem Haus bei Clerkenwell!�</p><p>Immer weiter sang der Ausrufer und rezitierte, was er erfahren hatte, eine Mischung aus Halbwahrheiten und L�gen. Athelstan und Cranston zogen weiter. Bei der Br�cke machten die Gem�seh�ndler gute Gesch�fte; den Blick starr auf die Ware gerichtet, gingen die Leute vorbei und runzelten nachdenklich die Stirn. Auf den St�nden t�rmten sich die verschiedensten Gem�se und Fr�chte: dunkelrote Liebes�pfel, B�ndel von wei� gl�nzendem Lauch, Sellerie mit rosigen Str�nken und hellgr�nen Spitzen, die wei�en Knollen der Pastinaken und Kastanien in sattbrauner Schale. Die H�ndler br�llten: �St.-Thomas-Zwiebeln!� und �Lauch, ganz frisch aus dem Garten!� Tr�ger dr�ngten sich mit zusammengebissenen Z�hnen durch das Gedr�nge; ihre W�mse waren durchgeschwitzt, und unter �berquellenden Kiepen halb geb�ckt k�mpften sie sich voran. Ein Vogelh�ndler, dessen Stiefel rot vom Staub des Ziegelfeldes waren, stand neben einem Stapel von K�figen und bot H�nflinge, Dompfaffen, Goldfinken und sogar Nester mit Eiern feil. Ein kleines M�dchen in schwarzen Lumpen verkaufte Brunnenkresse aus einem kleinen Fa�. Sie sah so j�mmerlich aus, da� Athelstan f�r zwei Pence bei ihr kaufte; Philomel mampfte die Kresse im Handumdrehen weg.</p><p>Cranston und Athelstan bahnten sich ihren Weg durch das Treiben, vorbei an St�nden mit K�sekuchen, K�mmen, alten H�ten und Schweinsf��en; ein Klingenh�ndler, der Beile sch�rfte, beschimpfte einen Marktbeamten, der bei ihm Steuern kassieren wollte. Vor einer Schenke sa� das Marktgericht und regelte den Betrieb des Marktes - oder versuchte es wenigstens. Die Luft war schwer vom Qualm und Gestank der Gerberei und der dichtgedr�ngten, schwitzenden Menschenleiber.</p><p>�Bei den Z�hnen der H�lle!� schnaufte Cranston. �Das ist des Teufels K�che!�</p><p>Sie mu�ten einen Augenblick haltmachen, weil eine Schar verdrossener B�ttel versuchte, eine Legion von Katzen und streunenden Hunden zu vertreiben, die sich um einen Marktstand versammelt hatten, wo Innereien feilgeboten wurden. Ab und zu warf die alte Frau hinter dem Stand faulige, schmutzige Fleischbrocken weg, was den Appetit der Streuner nur noch mehr anregte und der alten Vettel die Verw�nschungen und Fl�che ihrer H�ndlerkollegen eintrug. Athelstan f�hrte Philomel am Z�gel durch das Getriebe und l�chelte Cecily zu, die auf den Stufen vor dem Marktkreuz sa� und ernst auf einen jungen Laffen in liederlicher Kleidung und fleckiger Hose einredete. Sie winkte Athelstan zu und bedachte Cranston mit einem verf�hrerischen Gurren; dieser wandte sich grunzend ab. Pl�tzlich scho� der Arm des Coroners vor und packte einen zerlumpten, kahlk�pfigen kleinen Mann, der sich mit einem Scho�hund im Arm durch die Menge dr�ckte. W�hrend Philomel Athelstan um mehr Brunnenkresse anbettelte, sah der Ordensbruder erstaunt, wie der kr�ftige Coroner den kleinen Mann am Schlafittchen packte und samt Scho�hund in die H�he hob.</p><p>�Ja, ja, wenn das nicht der alte Peterkin ist!� Cranston sch�ttelte den frettchengesichtigen Bettler. �Peterkin, der alte Hundef�nger. Du rotznasiger kleiner Mistkerl! Was treibst du hier?�</p><p>�Gar nichts, Sir John. Ich habe diesen Hund gefunden und suche seinen Besitzer.�</p><p>Cranston schrie nach einem B�ttel, und der trief�ugige Beamte kam hastig heran.</p><p>�Ich bin Sir John Cranston, der Coroner. Und das hier� - er schob dem B�ttel Peterkin und den Scho�hund in die Arme - �ist ein kleiner Schei�er, der durch die Stadt schleicht, einer Lady den Scho�hund klaut und ihn dann gegen Belohnung zur�ckbringt. K�mmere dich um ihn!�</p><p>Cranston lie� den B�ttel und Peterkin ohne ein weiteres Wort stehen und zwinkerte Athelstan zu; sie bogen um die Ecke und zogen die Hauptstra�e zur London Bridge hinunter.</p><p>Stock und Pranger zu beiden Seiten der Stra�e waren voll von Misset�tern, Nachtschw�rmern, Taschendieben und allerlei Lumpenkerlen aus Southwark. Manche lie�en die Dem�tigungen und den Schmutz, mit dem die Vor�bergehenden sie bewarfen, stoisch �ber sich ergehen, als w�re es ein Berufsrisiko; andere heulten und jammerten um Wasser. Athelstan musterte rasch die Gesichter und sah zu seiner Erleichterung, da� keines seiner Gemeindekinder dabei war.</p><p>Am Zugang zur Br�cke blieb Cranston stehen und h�mmerte gegen die mit Eisenn�geln beschlagene T�r des T�rhauses. Als niemand kam, trat der Coroner, ohne auf Athelstans Fragen einzugehen, gegen die T�r und br�llte: �Komm schon, Burdon, du kleiner Dreckskerl! Wo steckst du?�</p><p>Jetzt wurde die T�r aufgerissen, und eine kleine Kreatur mit behaartem Gesicht erschien, ein wahrer Wichtel. Athelstan l�chelte Robert Burdon an, den Vater von mindestens dreizehn Kindern und Konstabler des Torturms.</p><p>�Ach, Ihr seid's, Cranston. Was wollt Ihr?�</p><p>�Kann ich hereinkommen?� fragte Sir John.</p><p>�Nein, verdammt, das k�nnt Ihr nicht! Ich bin besch�ftigt.�</p><p>Cranston sp�hte zu den Stangen �ber dem Torhaus mit ihrer grausigen Zierde: Dort steckten die abgeschlagenen K�pfe von Verr�tern und Verbrechern.</p><p>�Gut�, sagte Cranston leise. �Aber wer stiehlt die Sch�del?�</p><p>�Zum Teufel, das wei� ich nicht!� erwiderte Burdon und schob die Daumen hinter seinen G�rtel; seine kleinen dunklen Augen funkelten Athelstan an. �Was soll ich machen, Pater? Mein Auftrag ist sehr einfach: Ich soll das Torhaus bewachen und die K�pfe auf die Stangen spie�en, und ich k�mmere mich immer um sie. Aber wenn eine abscheuliche Viper kommt und sie stiehlt - was kann ich da machen?� Er plusterte seinen kleinen Brustkasten auf, so da� er Athelstan noch mehr an ein Sperlingsh�hnchen erinnerte. �Ich bin Konstabier, kein Wachsoldat.�</p><p>�Robert!� Die Frauenstimme, die von drinnen kam, klang sanft und verlockend.</p><p>�Meine Frau�, erkl�rte Burdon. �Sie wird Euch das gleiche sagen. Ich wei� nicht, was passiert ist, Sir John. Ich gehe ins Bett, die K�pfe sind da. Ich wache auf, und die K�pfe sind weg, obwohl jemand aufpa�t.� Er beugte sich vor. �Ich glaube, das sind die Hexen�, raunte er. �Die durch die Nacht reiten.�</p><p>�Bl�dsinn!� donnerte Cranston.</p><p>�Na gut, das ist die einzige verdammte Antwort, die Ihr von mir kriegt. Also macht Euch fort!� Burdon verschwand und schlug die T�r hinter sich zu.</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf und nahm einen gro�z�gigen Schluck aus seinem Weinschlauch.</p><p>�Komm, Bruder.�</p><p>�Was glaubt Ihr, wer die K�pfe stiehlt?� fragte Athelstan, schlang sich Philomels Z�gel um das Handgelenk und ritt neben Cranston her.</p><p>�Wei� der Himmel, Bruder. In dieser Stadt tummeln sich alle D�monen der H�lle. Es k�nnte ein Zauberer sein oder eine Hexe. Die Gilden waren besonders w�tend �ber das Verschwinden eines Sch�dels dieses franz�sischen Kaperkapit�ns, Jacques Larue du erinnerst dich, der vor Gravesend aufgebracht wurde. R�tsel �ber R�tsel.� Cranston seufzte und blieb vor der Kapelle des Hl. Thomas stehen, die mitten auf der Br�cke thronte.</p><p>�Vergi� den Sch�deldieb�, knurrte er. �Wen k�mmert das schon? Burdon nicht, und die Wachen der Gilden sind halb hin�ber vom Saufen.� Er deutete mit dem Kopf auf die eisenbeschlagene Kapellent�r. �Vor Jahren, als ich noch rank und schlank war, ein wahrer Greyhound, da kamen Oliver Ingham und ich hierher, um unsere Gel�bde als Ritter abzulegen und unsere Schwerter dem Dienst am K�nig zu weihen. So viele Jahre ist das her.� Tr�nen brannten in Sir Johns Augen. �Jetzt bin ich fett und alt, und ein hartherziges Weib aus der H�lle l��t Oliver ermordet und stinkend in seinem Bett liegen, wo die Ratten an seiner Leiche nagen. Sie hat ihn umgebracht! Du wei�t es, Athelstan. Ich wei� es. Sie wei� es.�</p><p>�Und Gott wei� es auch�, f�gte Athelstan sanft hinzu. �Kommt, Sir John, la�t die Sache ruhen.�</p><p>Sie �berquerten die Br�cke und wandten sich nach rechts, nach Billingsgate, wo der Fischmarkt in vollem Gange war. Das Geschrei und der Aufruhr, den H�ndler und K�ufer veranstalteten, summte in ihren Ohren wie ein Hornissennest. Der ganze Kai schien von Schubkarren bedeckt zu sein, manche mit K�rben, andere mit S�cken beladen. Die verworrene Takelage der Fischerboote am Flu�ufer erinnerte Athelstan an Seeh�fen. Der Geruch von Fischen und Muscheln, von Heringen, Sprotten und Kabeljau war �berw�ltigend.</p><p>�Feiner Kabeljau, der beste auf dem Markt!� schrie ein Standbesitzer ihnen entgegen. �Wundersch�ne Hummer, gut und billig! Herrliche Krebse, alle lebendig!� rief ein anderer.</p><p>Cranston und Athelstan f�hrten ihre Pferde vorbei an St�nden, auf denen Steinbutt mit perlmuttwei�em Bauch neben scharlachroten Hummern schimmerte. Braune K�rbe voll wimmelnder Aale standen um dampfende Kessel herum, wo Muscheln in Schalen lebendig gekocht wurden.</p><p>�Wo gehen wir hin?� fragte Athelstan leise.</p><p>Cranston deutete auf eine gro�e Schenke, die sch�n f�r sich am anderen Ende des Marktes stand.</p><p>�Zum �Narrenschiff��, erkl�rte er.</p><p>Athelstan st�hnte. �Oh, Sir John, Ihr habt genug Rotwein getrunken.�</p><p>�Schei� darauf!� schrie Cranston durch den L�rm.</p><p>�Wir sind hier, um den Menschenfischer zu treffen.� Aber weiter wollte er nichts sagen.</p><p>Im Hof der Taverne nahm ein Stallknecht ihnen die Pferde ab, und sie betraten den gro�en Schankraum, in dem es nach Bier, Ale und P�kelfleisch stank.</p><p>�Euer Diener.� Ein krummbeiniger Kneipenwirt ber�hrte die Locke auf seiner Stirn, und seine kleinen gierigen Augen blickten unverwandt auf die schwere B�rse an Sir Johns G�rtel.</p><p>�Einen Becher Roten f�r mich, und ein wenig��</p><p>�Ale�, half Athelstan.</p><p>�Ein wenig Ale f�r meinen Schreiber, und noch einen Becher Roten f�r den Menschenfischer. Ich bin Sir John Cranston, der Coroner, und w�nsche ihn zu sprechen.�</p><p>Der Wirt wurde noch unterw�rfiger. Er geleitete Cranston und Athelstan gro�artig wie zwei F�rsten zu einem kleinen Alkoven mit einem Tisch unter dem Fenster, das einen Blick �ber den Flu� gew�hrte. Er holte zwei gro�e Becher Wein und einen Humpen Ale und versicherte Sir John wortreich, da� er bereits einen Jungen losgeschickt habe, der den Menschenfischer holen solle.</p><p>�Wer ist das?� fragte Athelstan.</p><p>�Der Menschenfischer�, antwortete Cranston und trank einen Schluck aus seinem Becher, �ist ein Beamter der Krone. Es sind insgesamt f�nf, die alle am Flu�ufer arbeiten. Dieser hier ist zust�ndig von der Fish Wharf in St. Botolph bis Petty Wales beim Tower.�</p><p>�Ja, aber was tun sie?�</p><p>�Sie fischen Tote aus der Themse. Mordopfer, Selbstm�rder, Verungl�ckte, Betrunkene. Fischen sie einen Lebenden heraus, erhalten sie zwei Pence. F�r ein Mordopfer gibt es drei und f�r Selbstm�rder und Verungl�ckte blo� einen Penny.�</p><p>�Sir John.�</p><p>Athelstan blickte auf. Eine hochgewachsene, d�rre Gestalt war lautlos erschienen. Cranston deutete mit einer Handbewegung auf den Schemel und den Wein.</p><p>�Seid unser Gast, Sir.�</p><p>Der Mann trat aus dem Schatten hervor. Als er sich hinsetze, hatte Athelstan M�he, seine Abscheu zu verbergen. Der Kerl hatte rotes, fettiges, str�hniges Haar, das ihm bis auf die Schulter reichte und ein Gesicht umrahmte, das d�ster wie eine Totenmaske war: alabasterwei�, mit Fischmaul, Stumpfnase und schwarzen Knopfaugen. Cranston machte die beiden miteinander bekannt, und der Menschenfischer musterte den Ordensbruder mit ausdrucksloser Miene.</p><p>�Seid Ihr gekommen, um den Toten anzusehen?�</p><p>Athelstan nickte.</p><p>�D�mpelte an der Oberfl�che herum�, sagte der Mann. �D�mpelte wie ein Korken. Wi�t Ihr, die meisten Mordopfer werden mit Steinen beschwert, aber dieser war merkw�rdig.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Na ja, seht Ihr, Sir John� - der Mann nippte an seinem Weinbecher; sein Gesicht war starr, und er zuckte nicht mit der Wimper , �es kommt sehr selten vor, da� ich meine Kunden kennenlerne, bevor sie sterben. Aber gestern, sp�tnachmittags, kurz nachdem der Markt geschlossen war, kam ich aus St. Mary at Hill, um meinen gewohnten Gang am Kai zu machen. Ich studiere gern den Flu�, die Str�mungen, den Wind.� Der seltsame Bursche begann sich f�r sein Thema zu erw�rmen. �Der Flu� verr�t einem manches. Wenn das Wasser rauh ist oder ein starker Wind geht, dann werden die Leichen in die Strommitte hinausgetragen. Gestern denke ich noch: Der Flu� ist ruhig, er will mir wohl. Die Toten werden ans Ufer gesp�lt.�</p><p>Athelstan verbarg ein Schaudern.</p><p>�Und da geht nun ein Mann auf und ab, auf und ab, als ob er auf jemanden wartet. Oh, denke ich, das ist ein Selbstm�rder, ganz klar. Aber ich will nicht gierig sein, und gehe weiter. Der Mann steht hinter den Fischst�nden, zwischen den St�nden und dem Flu�. Ich h�re einen Schrei. Ich drehe mich um. Der Mann ist weg.� Der Kerl nippte an seinem Weinbecher. �Ich renne am Kai entlang zur�ck, und da ist er: d�mpelt im Flu� mit ausgebreiteten Armen, und aus einer Wunde in seiner Brust str�mt das Blut. Ich werfe meine Angelschnur aus.� Der Kerl klopfte auf die Lederbeutel an seinem G�rtel. �Ich habe ihn hereingezogen, ihm mein Zeichen an die Brust geheftet und in meine Werkstatt gebracht.�</p><p>�Werkstatt?� fragte Athelstan.</p><p>�Ihr werdet schon sehen.�</p><p>Cranston warf Athelstan einen warnenden Blick zu.</p><p>�Sonst war niemand da?� fragte der Coroner. �Ihr habt niemanden in der N�he gesehen?�</p><p>Der Mann sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Keine Menschenseele. Ich sage Euch, Sir John, der Kai war v�llig verlassen. Ich habe auch niemanden geh�rt.�</p><p>�Aber wie kann das sein?� fragte Athelstan. �Wie kann jemand auf Sturmey zugehen, ihm ein Messer ins Herz sto�en und verschwinden wie eine Rauchwolke?�</p><p>Der Menschenfischer zuckte die Achseln und leerte seinen Weinbecher. �Ich ziehe nur die Leichen heraus�, sagte er. �Ich kann nicht sagen, warum sie gestorben sind. Kommt, ich zeige ihn Euch.�</p><p>Er f�hrte sie von der Schenke zu einer Seitenstra�e und bog dann in eine schmale Gasse ein. Vor einem langen, scheunenartigen Geb�ude blieb er stehen und �ffnete die mit einem Vorh�ngeschlo� gesicherte T�r. Sofort bedeckte Athelstan Nase und Mund, denn der Gestank war gr��lich. Der Menschenfischer z�ndete Fackeln an; blakend geriet das Pech in Brand, und Athelstan schaute sich um. Etwa ein Dutzend Tische f�llten den Raum. Einige waren leer, auf anderen lagen lederbedeckte B�ndel.</p><p>�So, welcher ist nun Sturmey?� murmelte der Menschenfischer bei sich. Er zog eine Lederdecke beiseite. �Nein. Das ist der Selbstmord.� Er blieb stehen, legte den Finger an die Lippen und deutete dann auf ein anderes B�ndel. �Und das ist der Betrunkene. Also ist das� - triumphierend schlug er die Decke zur�ck �Sturmey!�</p><p>Ausgestreckt lag der tote Schlosser da; das Gesicht war gespenstisch wei�, sein Haar und die Kleider waren na�. Auf seiner Brust war ein dunkelroter Fleck. Neben dem Leichnam lag ein langes Messer. Athelstan nahm es behutsam in die Hand.</p><p>�Das gleiche�, murmelte er, �wie bei Mountjoy.� Er warf noch einen Blick auf den Toten. Cranston wandte sich ab und labte sich gesch�ftig an seinem Weinschlauch.</p><p>�Woher wi�t Ihr, da� es Sturmey ist?� fragte Athelstan.</p><p>�Er hatte eine Liste mit Besorgungen in seiner Tasche, und darauf stand sein Name�, antwortete der Menschenfischer. �Und Mylord Coroner hatte mich und die anderen meiner Zunft schon beauftragt, nach dem Mann Ausschau zu halten.� Sein Gesicht wurde noch l�nger. �Den Rest wi�t Ihr. Habt Ihr genug gesehen?�</p><p>�Bei den Z�hnen der H�lle, ja!� blaffte Cranston. �Decke sein Gesicht zu!�</p><p>�Wenn Ihr mir die drei Pence bezahlt, Sir John, dann gebe ich den Leichnam frei.�</p><p>Cranston nahm noch einen Schluck aus seinem wunderbaren Weinschlauch. �In Ordnung�, erwiderte er verdrossen. �Um Himmels willen, Athelstan, la� uns hier verschwinden!�</p></section><section><title><p><strong>Sieben</strong></p></title><p>Cranston und Athelstan kehrten zum Stall zur�ck, um ihre Pferde zu holen.</p><p>�Noch einen Becher Roten, Bruder?�</p><p>�Nein, Sir John. Genug des b�sen Trankes f�r diesen Tag. Sagt, ist Euch eingefallen, woher Ihr Sturmeys Namen kanntet?�</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf. �Aber eins wei� ich jetzt, Bruder: Sturmey wurde ermordet, weil er etwas wu�te, das R�tsel der ausgeraubten Truhe l�sen konnte.� Cranston starrte zwei Leprakranken nach, die ganz in Schwarz gekleidet die Stra�e hinunterschlichen, voller Angst, da� man sie erkennen k�nnte. �Sturmey wurde nach Billingsgate gelockt�, fuhr er fort. �Aber wieso? Was konnte einen angesehenen Schlosser dazu bringen, sich an Verrat und Raub zu beteiligen?�</p><p>�Es gibt nur eine Antwort, Sir John. Ich bezweifle, da� er sich hat bestechen lassen; also lautet die Antwort: Erpressung. Wenn Ihr Euer wunderbares Ged�chtnis durchforscht, werdet Ihr bestimmt etwas ziemlich Unappetitliches �ber Master Sturmey herausfinden.�</p><p>Cranston nickte. Sie f�hrten die Pferde weiter die Stra�e hinauf, wo ihre Aufmerksamkeit auf eine Menschenmenge gelenkt wurde, die eine gespenstische, in ein Ziegenfell gekleidete Gestalt umringte. Der Mann hatte langes, graues Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte, und die untere H�lfte seines Gesichts war unter einem dichten, buschigen Bart verborgen; seltsame, wahnsinnige Augen musterten die Menge, die fasziniert war von diesem Propheten des Weltuntergangs und dem hohen, brennenden Kreuz in seiner Hand. Das Kreuz, dessen Querbalken mit Pech und Teer bestrichen war, loderte wild, und die Flammen und der schwarze Rauch verliehen den Warnungen des wahnsinnigen Predigers noch mehr Nachdruck.</p><p>�Diese Stadt ist verdammt wie Sodom und Gomorra! Wie auf Tyrus und Sidon und die Fleischt�pfe der Ebene wird der Zorn Gottes herniederfahren!� Der Mann schwenkte einen sehnigen Arm in Richtung Cheapside. �Ich bringe das brennende Kreuz in diese Stadt als Warnung vor den Feuern, die noch kommen werden! Also bereuet, ihr Reichen, die ihr euch auf goldenen Polstern r�kelt, den Saft der Weintraube trinkt und euch das Maul mit den zartesten Speisen vollstopft!�</p><p>Cranston und Athelstan schauten zu, wie der Mann weiterschwadronierte, obwohl jetzt Soldaten in der Livree der Stadt und mit dem Wappen John von Gaunts aus den Gassen zum Tower str�mten. Die Soldaten bahnten sich mit der flachen Schwertklinge einen Weg durch die Menge, um den wahnsinnigen Propheten zu verhaften. Der P�bel leistete Widerstand, die Stimmung war verdrossen; Pr�geleien brachen aus, und als Athelstan wieder hinschaute, war der Prediger mit seinem Flammenkreuz verschwunden.</p><p>�Kommt, Sir John, ich habe ein Gest�ndnis zu machen.�</p><p>Er f�hrte den Coroner weg von dem Tumult.</p><p>�Was gibt's, Bruder?�</p><p>�Dieser Anf�hrer der Gro�en Gemeinschaft, Ira Dei - er hat mir eine Warnung zukommen lassen.� Und Athelstan berichtete ausf�hrlich von seinem seltsamen Besucher und auch von der Proklamation, die an seiner Kirchent�r gehangen hatte.</p><p>Mit schmalen Lippen h�rte Cranston ihm zu. Er war so besorgt, da� er sogar seinen wunderbaren Weinschlauch verga�.</p><p>�Wieso kommen sie zu mir?� fragte Athelstan schlie�lich.</p><p>Cranston blies die Wangen auf. �Aus Angst, und um dir zu schmeicheln, Bruder. Aus Angst, weil er wei�, da� du mein Schreiber und Secretarius bist.�</p><p>�Und das zweite, Sir John?�</p><p>Cranston grinste schief. �F�r einen Pfaffen bist du ziemlich bescheiden, Athelstan. Hast du noch nicht gemerkt, wie sehr du bei den Armen und Ungl�cklichen in Southwark geachtet, ja, verehrt wirst?�</p><p>Athelstan err�tete und schaute weg.</p><p>�Das ist doch l�cherlich�, sagte er leise.</p><p>�Oh nein, das ist es nicht!� versetzte Cranston und ging weiter. �Vergi� Ira Dei, Bruder. Wenn der Aufstand kommt, dann werden es Priester sein wie du, John More und Jack Straw, die das gemeine Volk f�hren.�</p><p>�Ich werde mich in meiner Kirche verstecken�, gab Athelstan zur�ck. �Da wir gerade davon sprechen �� Er hielt vor St. Dunstan an und zog Philomels Z�gel durch einen Haken an der Mauer.</p><p>�Was ist los, Bruder?�</p><p>�Ich will nachdenken, Sir John, und beten. Ich rate Euch, desgleichen zu tun.�</p><p>Murrend und fluchend band Cranston sein Pferd an, nahm einen gro�z�gigen Schluck aus dem wunderbaren Weinschlauch und folgte Athelstan in den k�hlen, dunklen Vorraum der Kirche.</p><p>In der Kirche brannten einige Fackeln, vor den Statuen der Hl. Jungfrau und der Hl. Joseph und Dunstan standen Kerzen; durch die bunten Glasfenster str�mte Sonnenlicht und lie� die Bilder erstrahlen. Bewundernd schaute Athelstan zu den Fenstern hinauf.</p><p>�So eins m�chte ich zu gern haben�, fl�sterte er. �Nur eins f�r St. Erconwald.�</p><p>W�hrend er die Fenster bestaunte, nahm Cranston einen winzigen Schluck aus seinem Weinschlauch und folgte dem Ordensbruder dann durch das Kirchenschiff zu einer Bank vor dem Lettner. Im Chorgest�hl dahinter probten der Kantor und sein Chor die Michaelismesse. Athelstan setzte sich auf die Bank, schlo� die Augen und lauschte den Worten.</p><p>�Ich sah einen gro�en Drachen, der erschien in den Himmeln; er hatte zehn H�upter und auf jedem Haupt eine Krone, und sein m�chtiger Schweif fegte ein Drittel aller Sterne vom Himmel. Und dann sah ich Michael mit dem Drachen k�mpfen.�</p><p>Triumphierend sang der machtvolle dreistimmige Chor die lateinische Schilderung vom gro�en Sieg des Erzengels Michael �ber den Satan.</p><p>Athelstan schlo� die Augen und betete zu Gott um Hilfe gegen das B�se, dem er jetzt gegen�berstand: Mountjoy, blut�berstr�mt in dem sch�nen Garten; Fitzroy, der sein Leben bei John von Gaunt �ber den goldenen und silbernen Tellern aushauchte; Sturmey, den der Menschenfischer wie ein St�ck Abfall aus dem Flu� gefischt hatte und dessen Leichnam nun da lag, ausgestellt wie ein toter Kabeljau oder Salm.</p><p>Er mu�te an die Warnung denken, die ihm am Morgen �berbracht worden war, und sp�rte, wie sein Zorn aufwallte. Der Mann, der sich Ira Dei nannte, war ein L�sterer! Wie konnte man Gott und Seinen gerechten Zorn mit Mord und b�sem Totschlag in Verbindung bringen? All die Seelen, die da unvorbereitet und ohne Segen in die gro�e Finsternis mu�ten! Und all das andere B�se in der Stadt? Das besessene M�dchen bei den Hobdens. Der �belt�ter, der die abgeschlagenen K�pfe der Verr�ter stahl. Und der Freund des alten Jack Cranston, heimt�ckisch ermordet und den Ratten zum Fra� �berlassen. Was hatten diese Dinge mit Gottes Sch�pfung zu tun? Mit den Sternen, die am Himmel kreisten? Mit dem gr�nen, fetten Gras der Wiese? Mit der einfachen Ehrlichkeit und Gottesfurcht vieler seiner Pfarrkinder? Leise murmelte Athelstan die Worte eines Mentors, Pater Paul: �Gott ist niemals fern. Er kann nur durch uns handeln. Des Menschen freier Wille ist Gottes T�r zur Menschheit.� Was also war mit diesen Morden? Er bem�hte sich, seine Gedanken zu steuern und nach einem alles durchziehenden Faden zu suchen. Der Gesang h�rte auf, und er �ffnete die Augen, als Cranston laut schnarchend r�ckw�rts gegen die Bank stie�.</p><p>�Sir John, kommt!�</p><p>Cranston �ffnete die Augen und schmatzte.</p><p>�F�r mich einen gro�en Becher Roten!� br�llte er.</p><p>�Sir John, wir sind in der Kirche.�</p><p>Cranston rieb sich die Augen und kam schwerfallig auf die Beine.</p><p>�Mir fallt es schwer zu beten, Bruder. Ich will dir zeigen, was ich tue.�</p><p>Wie ein gro�er B�r tappte er in die Seitenkapelle und blieb vor der holzgeschnitzten Figur der Jungfrau Maria stehen, die ihre Arme um die Schultern des Jesusknaben gelegt hatte. Cranston warf zwei M�nzen in eine eisenbeschlagene Kiste und fischte zehn Kerzen heraus, die er wie eine Reihe Soldaten auf dem gro�en Eisenleuchter vor der Statue aufstellte.</p><p>�Zehn Gebete�, murmelte er. �Eins f�r mich, eins f�r Lady Maude, eins f�r jedes der beiden Kerlchen, eins f�r Gog und Magog. Eins f�r dich, eins f�r Boscombe und Leif, eins f�r Benedicta, und eins f�r den alten Oliver.�</p><p>�Das sind neun, Sir John.�</p><p>�Ach ja.� Mit einem Kienspan z�ndete Cranston die letzte Kerze an. �Und eins f�r jeden anderen armen Schei�er, f�r den ich h�tte beten sollen.� Er blies den Kienspan mit weindunstigem Atem aus und st�rmte durch die Kirche zur T�r. �Das war's, Bruder. F�r mich hei�t es jetzt: Ab ins � Heilige Lamm Gottes�!�</p><p>Sie banden ihre Pferde los und wanderten in das gesch�ftige Treiben der Cheapside. Sir John rechnete mit der �blichen hingerissenen Begr��ung in seiner Lieblingsschenke, aber er sah sich entt�uscht. Die Wirtin zeigte nur bebende Erwartung.</p><p>�Sir John, eine Nachricht vom Rathaus! Schon mindestens zweimal war ein Bote hier. Ihr sollt sofort kommen!� Ihre Stimme d�mpfte sich ehrf�rchtig. �Der Lord Regent selbst befiehlt Eure Anwesenheit!�</p><p>Fluchend und murrend bahnte Cranston sich den Weg durch die Cheapside zur�ck, und ein noch bedr�ckterer Athelstan trottete hinter ihm her. Im Rathaus f�hrte sie ein Kammerdiener in einen kleinen Raum mit Blick auf den Garten, in dem Mountjoy ermordet worden war. Der Diener klopfte an die T�r und schob sie dann hinein. Cranston stolzierte durch die T�r und funkelte den Regenten an, der direkt gegen�ber sa�, zu beiden Seiten flankiert von Goodman und den Gildemeistern. Athelstan schaute hinauf zu den silbernen und goldenen Sternen, die an die blaue Decke gemalt waren, und betrachtete dann die Holzt�felung ringsum. Ein angenehmes, luxuri�ses Zimmer, dachte er, in dem die Gro�en der Stadt ihre Pl�ne schmieden. Gaunt winkte sie zu zwei hochlehnigen Polsterst�hlen.</p><p>�Sir John, setzt Euch. Wir warten schon.�</p><p>�Euer Gnaden�, raunzte Cranston und lie� seine Massen auf den Stuhl sinken, �ich war besch�ftigt! Der Schmied Sturmey wurde ��</p><p>�Ich wei�, ich wei߫, unterbrach ihn Gaunt. �Ermordet. Von einem oder mehreren Unbekannten. Sein Leichnam liegt in einem Schuppen in Billingsgate. Und du, Bruder?� Die harten, schlauen Augen musterten Athelstan. �Der Verr�ter Ira Dei hat sich dir offenbart.� Gaunt l�chelte, als er das �berraschte Gesicht des Ordensbruders sah. �Wir haben Mittel und Wege, Bruder, um herauszufinden, was in unserer Stadt vor sich geht. Was Sturmey angeht, Sir John, so habt Ihr seine Werkstatt versiegelt, wenn ich recht verstehe?�</p><p>Cranston nickte.</p><p>�Meine Leute haben die Siegel erbrochen�, erkl�rte Gaunt. �Wir haben sein Haus durchsucht, aber wir fanden keinen Hinweis darauf, da� Sturmey einen zweiten Satz Schl�ssel angefertigt h�tte.�</p><p>�Und doch hat er es getan�, erwiderte Cranston.</p><p>�Woher wi�t Ihr das?� blaffte Goodman b�se.</p><p>�Warum sonst sollte er umgebracht worden sein?�</p><p>Goodman verzog das Gesicht.</p><p>�Ich glaube�, fuhr Cranston langsam fort, �da� Sturmey erpre�t wurde. Wie viele solche M�nner hat er ein Doppelleben gef�hrt.�</p><p>Athelstan entdeckte einen Schimmer von Angst in den Augen Goodmans, aber der B�rgermeister senkte gleich den Kopf, und Cranston redete weiter.</p><p>�Euer Gnaden, ich k�nnte jeden der hier Anwesenden - mit Eurer Erlaubnis, nat�rlich - fragen, wo er sich gestern nachmittag aufgehalten hat, als der Lord Sheriff und Meister Sturmey ermordet wurden. Aber ich habe den Verdacht, da� nichts dabei herauskommen w�rde.�</p><p>�Allerdings�, n�selte Denny. �Wir waren alle besch�ftigt, Mylord Coroner. Auch wenn Sir Gerard Mountjoy herumsitzen, Wein trinken und sich mit seinen Hunden unterhalten konnte.�</p><p>Athelstan griff unter dem Tisch nach Cranstons Handgelenk, und der Coroner schluckte die Frage, die er stellen wollte, rasch herunter.</p><p>�Dann frage ich mich, Euer Gnaden�, sagte er statt dessen, �warum man mich herbefohlen hat. Gibt es Neuigkeiten?�</p><p>�Ja, zwei�, antwortete Gaunt. �Zum einen: Eine Proklamation ist an das Rathaustor genagelt worden. Eine schlichte Botschaft von Ira Dei. Sie lautet: �Tod folgt Tod.� Wie deutet Ihr das, Sir John? Oder sollte ich Bruder Athelstan fragen, der so seltsam still ist?�</p><p>Der Ordensbruder trommelte sanft mit den Fingern auf der Tischplatte. �Es ist die Warnung, Euer Gnaden, da� noch jemand in diesem Raum ermordet werden k�nnte.� Athelstan schaute in die Runde der Gildeherren, aber seine Antwort schien sie nicht zu beruhigen.</p><p>�Ist denn noch ein Mord geschehen?� fragte Cranston. �Wo ist Lord Clifford?�</p><p>�Ein dritter war geplant�, antwortete Gaunt. �Lord Adam wurde heute morgen unweit der Bread Street von ein paar �belt�tern �berfallen, aber gottlob ist ihm die Flucht gelungen. Jetzt ruht er sich in seinem Stadthaus aus. Ich schlage vor, da� Ihr ihn dort besucht.�</p><p>�Ist das alles?�</p><p>�Oh nein.� Gaunt stand rasch auf, ohne Athelstan aus den Augen zu lassen. �Du, Bruder, bist ein treuer Diener der Krone?�</p><p>�Gottes und der Krone, jawohl.� Er versuchte, seine Panik niederzuk�mpfen; er war der eigentliche Grund, weshalb diese m�chtigen M�nner Cranston hatten sehen wollen, und er ahnte schon halb, was sich hinter der selbstgef�lligen Genugtuung ihrer Mienen verbarg. Gaunt stand da und zwirbelte seinen Schnurrbart zwischen Daumen und Zeigefinger.</p><p>�Bruder, dieser Ira Dei ist an dich herangetreten. Du arbeitest als Priester bei den Armen von Southwark. Du bist, was seltsam genug ist, sehr beliebt und geachtet. Wenn wir dich dazu aufforderten, ja, wenn der K�nig es befehlen wollte, w�rdest du Ira Dei dann antworten, in die Gro�e Gemeinschaft des Reiches eintreten und ��</p><p>�Sie verraten?� fauchte Athelstan.</p><p>�Euer Gnaden!� rief Cranston und stie� seinen Stuhl zur�ck. �Dieses Ansinnen ist ebenso t�richt wie unbedacht. Bruder Athelstan ist mein Secretarius. Ich aber bin ein Beamter der Krone. Man w�rde ihm immer mi�trauen.�</p><p>Gaunt sch�ttelte den Kopf. �Sir John, Ihr widersprecht Euch�, sagte er, sorgsam seine Worte w�hlend. �Gestern habt Ihr und Bruder Athelstan noch behauptet, Ira Dei oder einer seiner Schergen sei bei meinem Bankett gewesen. Wenn diese sogenannte Gro�e Gemeinschaft des Reiches sogar die M�chtigsten zu Verr�tern machen kann, warum sollte es dann nicht mit einem Dominikaner gelingen, der unter den Armen lebt?�</p><p>�Ja, warum nicht?� ergriff Goodman das Wort, und Cranston st�hnte, als er begriff, wie er und Athelstan in diese raffinierte Falle getappt waren.</p><p>�Sir John - wie denkt Ihr eigentlich in dieser Sache?� fuhr Goodman fort. �Seid Ihr nicht f�r die Armen? Tretet Ihr nicht f�r Reformen in der Stadt und in den Grafschaften ein? F�r die Entlastung der Kleinh�ndler und Bauern?�</p><p>�Ihr k�nnt mich nicht zwingen�, unterbrach Athelstan leise. �Mein Gehorsam gilt Gott und meinem Pater Superior.�</p><p>�Und deine Treue zur Krone?� rief Gaunt. �Was deinen Pater Superior angeht, so habe ich seine Erlaubnis �brigens schon.�</p><p>�Euer Gnaden, Ihr k�nnt mich nicht zwingen, gegen mein Gewissen zu handeln.�</p><p>Gaunt setzte sich wieder und streckte l�chelnd die beringten H�nde aus. �Aber, aber, Bruder, was verlangen wir denn? Wir wollen doch nicht, da� du zum Verr�ter wirst - weder an der Krone noch an der sogenannten Gro�en Gemeinschaft noch an dir selbst.�</p><p>�Was wollt Ihr dann?� fragte Cranston leise.</p><p>�Nicht viel�, antwortete Gaunt. �Ira Dei ist mit Bruder Athelstan in Verbindung getreten. Soll unser treuer und loyaler Bruder doch zur�ckschreiben. Wer wei�? Vielleicht l��t sich der geheimnisvolle Verr�ter in die Karten schauen?� Gaunt l�chelte. �Sicher ist der Verr�ter kein Dummkopf, und er w�rde Athelstan nie vertrauen. Aber wie es im alten Sprichwort hei�t, Sir John: Keiner kann wissen, was vom Apfelbaum fallt, bevor er ihn sch�ttelt.�</p><p>Athelstan pre�te die Lippen zusammen; er wollte sich auf nichts weiter einlassen und machte seinem Zorn erst Luft, als sie die Ratskammer verlassen hatten und im Erdgescho� des Hauses waren. Cranston war heiterer gestimmt, nicht zuletzt, weil er wieder einen Schluck aus seinem Weinschlauch genommen hatte.</p><p>�Nur Mut, Bruder.� Er klopfte Athelstan auf die Schulter. �Vergi� nicht, der Lord Regent mu� verzweifelt sein.�</p><p>Athelstan blieb am Fu�e der Treppe stehen. �Diese Zusammenkunft war ganz fruchtbar, Sir John, nicht wahr?�</p><p>Cranston grinste. �Ja. Zwei saftige Happen. Erstens: Woher wu�te Denny, da� der Lord Sheriff Wein trank und sich mit seinen Hunden unterhielt? Eine ziemlich eingehende Beobachtung von jemandem, der angeblich nie in die N�he des Lord Sheriffs kam, wenn dieser sich in seinem Privatgarten sonnte.�</p><p>�Und Goodmans Verlegenheit?� fragte Athelstan.</p><p>�Ja, ja. Ich glaube, unser toter Schlossermeister hatte ein dunkles Geheimnis, das unser Herr B�rgermeister kennt.� Cranston warf Athelstan einen scharfen Blick zu. �Da ist aber noch etwas, nicht wahr, Bruder?�</p><p>Der Bruder schaute weg, aber Cranston sah den Aufruhr in seinem sorgenvollen Blick. Athelstan murmelte etwas.</p><p>�Wie bitte, Bruder?�</p><p>�Sagt, Sir John, der Lord Regent hat eine Legion von Spionen, nicht wahr?�</p><p>�Legion ist das richtige Wort, Bruder. Eher noch ein Schw�rm Ameisen, der in der ganzen Stadt umherwimmelt. Niemandem kann man trauen, nicht einmal Leuten wie Leif, dem Bettler. Es sind keine b�sen Menschen; sie sind einfach so arm, da� man sie leicht kaufen kann.� Cranston kam n�her, und Athelstan bem�hte sich, nicht vor dem Weindunst zur�ckzuweichen. �Du fragst dich nat�rlich�, fl�sterte der Coroner, �wieviel Gaunt �ber Ira Dei wei�.�</p><p>Athelstan wollte antworten, als sie ein Ger�usch h�rten; sie drehten sich um und erblickten hinter sich Sir Nicholas Hussey, den Lehrer des K�nigs.</p><p>�Mylord Coroner, Bruder Athelstan.� Der glatte, silberhaarige H�fling verbeugte sich leicht. �Wir haben geh�rt, da� Ihr im Rathaus seid. Seine Gnaden, der K�nig, bittet Euch um einen Augenblick Eurer Zeit.�</p><p>Athelstan warf einen verwunderten Blick auf diesen dunkelh�utigen Gelehrten, der von Beruf Rechtsanwalt war. Jetzt wurde sp�rbar, wie Hussey den K�nig im stillen beherrschte und wie raffiniert er den Knaben manipulierte. Athelstan sah die strahlend blauen Augen des Mannes, klar wie der Himmel an einem Sommertag. Er sah auch die Verschlagenheit und erkannte rasch, da� Hussey wom�glich noch gef�hrlicher war als der Regent, den sie eben verlassen hatten. Auch Cranston blieb stumm und �berlegte, wieviel Hussey wohl geh�rt hatte. Dann l�chelte er.</p><p>�Es ist uns eine Ehre�, brummte er.</p><p>Hussey f�hrte sie durch einen Korridor und zu ihrer �berraschung hinaus in den Privatgarten hinter dem Rathaus, wo Mountjoy ermordet worden war. Der junge K�nig, gekleidet in eine schlichte, lincolngr�ne Tunika, das Blondhaar zerzaust, sa� auf einer Rasenbank, neben sich einen ledernen Schwertgurt und ein Paar Jagdstiefel mit Sporen. Eine Kinderarmbrust lehnte zu seinen F��en, und an den Schmutzspuren an Gesicht und H�nden erkannte Cranston, da� der junge Mann wohl auf der Jagd gewesen war, vermutlich in den W�ldern und Wiesen n�rdlich von Clerkenwell. Er und Athelstan verbeugten sich, aber Richard wischte die Artigkeiten mit einer Handbewegung beiseite und deutete neben sich auf die Bank. Schwertgurt und Stiefel schob er weg.</p><p>�Sir John, Bruder Athelstan.� Mit leuchtenden Augen winkte der K�nig ihnen, sich zu setzen. �Mein Onkel ist nicht hier, und so kann ich tun, was ich will. Sir Nicholas, wollt Ihr bleiben?�</p><p>Der Hauslehrer verbeugte sich. Athelstan sah gerade noch, wie ein Blick zwischen dem jungen K�nig und seinem Mentor hin und her ging. Richard ergriff Cranstons Pranke und beugte sich vor, damit auch Athelstan sein verschw�rerisches Fl�stern h�ren konnte.</p><p>�Habt Ihr den M�rder schon gefunden?�</p><p>�Nein, Euer Gnaden.�</p><p>�Und wi�t Ihr, wer dieser Ira Dei ist?�</p><p>Wieder sch�ttelte Cranston den Kopf. Richard l�chelte.</p><p>�Aber mein Onkel ist au�er sich. Ich habe ihn br�llen h�ren�, fuhr er fort. �Er macht allen Vorw�rfe. Goodman, der B�rgermeister, und sogar seine Kreatur Lord Clifford sind seinem Tadel nicht entkommen. Glaubt Ihr, jemand wird meinen Onkel ermorden?�</p><p>Cranston bedachte den Jungen mit einem strengen Blick. �Euer Gnaden, wie k�nnt Ihr so etwas sagen?�</p><p>�Oh, ganz leicht; mein Onkel w�re gern K�nig.�</p><p>�Euer Gnaden, wer immer Euch das einredet, ist ein Verr�ter und ein Spitzbube. Eines Tages werdet Ihr K�nig sein. Ein gro�er F�rst, wie Euer Vater.�</p><p>Richards Blick umw�lkte sich, als Cranston Gaunts Bruder erw�hnte, den ber�hmten Schwarzen Prinzen.</p><p>�Kanntet Ihr meinen Vater gut, Sir John?�</p><p>Cranston wurde sanft. �Ja, allerdings, Sire. Ich stand an seiner Seite, als die Franzosen in Poitiers versuchten, durchzubrechen.�</p><p>Und auf Richards Bitten hin erz�hlte der Coroner ganz ausf�hrlich von den letzten Phasen des Sieges, den der Schwarze Prinz errungen hatte. Richard lauschte mit aufgerissenen Augen, bis Hussey betonte, da� der Coroner ein vielbesch�ftigter Mann sei und sich um andere Dinge k�mmern m�sse. Richard erlaubte ihnen, sich zu entfernen, und dankte Athelstan und Cranston herzlich. Sie waren im Gehen, als Richard ihnen auf Zehenspitzen durch das Gras nachgelaufen kam und beide am �rmel festhielt.</p><p>�Wenn Ihr Ira Dei findet�, fl�sterte er aufgeregt, �bringt ihn zu mir, Sir John.�</p><p>Cranston l�chelte und verneigte sich. Er und Athelstan durchquerten das Rathaus und traten hinaus in die Hitze der Cheapside.</p><p>�Was sollte denn das nun wieder alles?� brummte Cranston bei sich.</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. Erst als sie wohlbehalten an einem Fensterplatz in der Schenke zum Heiligen Lamm Gottes sa�en, jeder mit einem Humpen k�hlen Ales in der Hand, sprach der Bruder wieder.</p><p>�Als wir aus dem Rathaus kamen, habt Ihr eine Frage gestellt, Sir John. Habt Ihr schon einmal daran gedacht, da� diese Morde vielleicht gar nicht das Werk des Bauernf�hrers Ira Dei sind, sondern das einer anderen Fraktion am Hof, die den Regenten in Mi�kredit bringen will?�</p><p>�Du meinst Hussey und andere?� Cranston sch�ttelte den Kopf. �Darauf, guter Bruder, kann ich nur antworten: Hast du schon einmal daran gedacht, da� der junge K�nig ebenfalls st�rzen k�nnte, wenn Gaunt geht?�</p><p>�berrascht lehnte sich Athelstan zur�ck. �Ist die Lage so heikel, Sir John?�</p><p>�Oh ja. Glaubst du, da� die Bauernf�hrer, falls es tats�chlich zur Revolte kommt, zwischen dem einen und dem anderen F�rsten unterscheiden werden? Hast du nicht ihr Lied geh�rt, Bruder? �Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?�� Cranston nahm einen Schluck aus seinem Bierkrug. �Was mir mehr Sorgen macht, Bruder, sind Leute wie Goodman, Denny und Sudbury, die London gern ohne K�nig sehen w�rden, regiert von Kaufmannsf�rsten wie die St�dte, mit denen sie ihren Handel treiben: Florenz, Pisa und Genua. So viele Mitspieler�, murmelte er. �Wei� der Himmel, Bruder, es ist schwer, zwischen den Guten und den B�sen zu unterscheiden.� Er br�llte nach mehr Ale. �Aber bevor Hussey kam, wolltest du wohl sagen, du vermutest, da� Gaunt einen Spion in deiner Pfarrgemeinde hat?�</p><p>Athelstans Gesicht wurde verschlossen und schmallippig, und Cranston sah, da� der sanftm�tige Bruder einen seiner seltenen Wutanf�lle hatte.</p><p>�Du hast einen Verdacht?�</p><p>�F�r den Augenblick, Sir John, und mit Verlaub will ich meine Gedanken f�r mich und meinen Mund verschlossen behalten. Aber es stimmt, ich habe einen Verdacht.�</p><p>Sie blieben noch eine Stunde sitzen; Cranston beschlo�, lieber in der Schenke zu essen, als in sein leeres Haus zur�ckzukehren. Die Schatten wurden l�nger. Drau�en schlo� der Markt, und die St�nde wurden abgebaut. Als die Taverne sich mit verschwitzten Lehrlingen und heiseren Kesselflickern f�llte, die danach lechzten, ihren Durst zu l�schen, holten Cranston und Athelstan ihre Pferde und kehrten durch die sich leerenden Stra�en zur London Bridge zur�ck.</p><p>Die meisten Leute waren nach Hause gegangen, und so kamen sie m�helos voran. Athelstan bereitete sich in Gedanken auf seinen Besuch bei den Hobdens und den Exorzismus an dem M�dchen Elizabeth vor.</p><p>�Hast du so etwas schon mal gemacht?� fragte Cranston neugierig, w�hrend er einen bekannten Taschendieb im Auge behielt, der einem m�de aussehenden Kesselflicker nachschlich.</p><p>�Was gemacht, Sir John?�</p><p>�Einen Exorzismus, einen richtigen.�</p><p>Pl�tzlich drehte Cranston sich zur Seite und br�llte quer �ber die Bridge Street: �Foulpie!�</p><p>Der Taschendieb fuhr herum und machte ein erschrockenes Gesicht.</p><p>�Foulpie, mein Junge!� donnerte Cranston. �Ich habe dich im Auge, du verdammter kleiner Dieb! Jetzt sei ein braver Junge und verpi� dich!�</p><p>Der ein�ugige Kesselflicker blieb verbl�fft stehen und drehte sich um.</p><p>�Was ist denn los?� rief er.</p><p>Cranston grinste und zeigte auf Foulpie, der schnell wie ein Windhund in Richtung Eastchepe davonrannte.</p><p>�Ein Spitzbube, der es auf deinen Tagesverdienst abgesehen hatte.�</p><p>Der Kesselflicker grinste dankbar, und der Coroner wandte sich wieder seinem bedr�ckten Gef�hrten zu.</p><p>�Nun, Bruder?� fragte er zwischen zwei Schlucken aus dem wunderbaren Weinschlauch. �Hast du schon mal den Herrn Satan oder einen seiner Knechte ausgetrieben?�</p><p>Athelstan grinste schief und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich hab's mal gesehen�, erz�hlte Cranston. �Einen echten Exorzismus. Vor f�nfzehn Jahren, in St. Benet Sherehog. Du kennst die Kirche?�</p><p>Athelstan nickte.</p><p>�Ein Junge aus dem Spital von St. Anthony of Vienne wurde dort hingebracht. Na� - Cranston bediente sich erneut an seinem Weinschlauch -, �ich habe heute noch Alptr�ume, wenn ich daran denke, Bruder. Wei�t du, der Exorzist war einer von diesen seltenen Menschen, ein wirklich heiligm��iger Bruder.� Cranston schniefte �ber seinen eigenen Witz. �Und ich war einer der offiziellen Zeugen, bestellt vom Bischof von London. Sie brachten diesen Bengel -nicht mehr als vierzehn Sommer war er alt - und ketteten ihn an den Chorstuhl, gleich hinter dem Lettner.� Der Coroner r�usperte sich. Athelstan h�rte jetzt aufmerksam zu. �Dieser Junge�, fuhr er dann fort, �konnte in fremden Zungen reden, sich in die Luft erheben und, was das Schlimmste war, er kannte die Geheimnisse der Menschen.�</p><p>�Was ist passiert?� fragte Athelstan neugierig.</p><p>�Nun, der Exorzist begann mit seinem Ritual, und der Junge ver�nderte sich pl�tzlich. Er wurde wild und schimpfte, und er verfluchte den Exorzisten mit jedem Gossenwort, das er kannte. Nun gibt es da eine Stelle in der Zeremonie, wo der Exorzist��</p><p>�Die feierliche Anrufung?� half Athelstan.</p><p>�Richtig. Er ruft den Teufel feierlich an und fragt ihn, bei welchem Namen er genannt werde. Die Stimme des Jungen, die sonst hoch und d�nn klang, wurde pl�tzlich tief und voll. �ICH BIN DER HERR DER SCHWEINE�, antwortete er.� Cranston sch�ttelte den Kopf. �Dann wurde es dunkel im Chor, und alles stank ganz widerlich und verfault. Der Exorzist kam zum Ende des Rituals, wo er den D�mon, der von dem Jungen Besitz ergriffen hatte, befiehlt, auszufahren, und der D�mon antwortete: �WO SOLL ICH HIN? WO SOLL ICH HIN?�� Cranston hielt inne und z�gelte sein Pferd.</p><p>�Weiter, Sir John, bitte.�</p><p>�Nun, es war noch ein zweiter Zeuge dabei, ein junger Anwalt von den Advokateninnungen in der Chancery Lane. Er hatte dem ganzen Vorgang halb sp�ttisch zugeschaut, und als der D�mon rief: �WO SOLL ICH HIN? WO SOLL ICH HIN?., da fl�sterte dieser schlaue junge Kerl pl�tzlich: �Na, er kann zu mir kommen..�</p><p>Sir John drehte sich im Sattel um. �Bruder, das ist nicht gelogen. Der besessene Knabe warf sich r�ckw�rts und fiel in eine todes�hnliche Ohnmacht. Ich h�rte ein Rauschen wie von einem riesigen V�gel, der auf seine Beute herabst��t, und der junge Advokat wurde pl�tzlich in die Luft gehoben und gegen eine S�ule geschleudert. Er war tagelang bewu�tlos.� Cranston trieb sein Pferd weiter.</p><p>�Warum erz�hlt Ihr mir das, Sir John? Wollt Ihr mir Angst machen?�</p><p>�Nein.� Cranstons Gesicht blieb ernst. �Nur dieses eine Mal habe ich so etwas miterlebt und dabei eine Lektion gelernt. Bruder, ich kann gut unterscheiden zwischen den wahren M�chten der Finsternis und den zahllosen Gaukeleien der Scharlatane. Glaub mir, ich habe alles gesehen. Stimmen in der Nacht, Fu�spuren auf staubigen Treppen, Klirren im Keller.� Er grinste. �Also vertraue nur auf den alten John Cranston, Bruder. Bring du dein Ol und dein Weihwasser auf alle F�lle mit, aber la� den alten John tun, was er f�r richtig h�lt.�</p></section><section><title><p><strong>Acht</strong></p></title><p>Cranston und Athelstan hatten St. Erconwald bald erreicht. W�hrend der Coroner es sich im Hause des Priesters gem�tlich machte, schlo� Athelstan die Kirche auf und kniete am Lettner nieder, um sein Stundengebet zu sprechen. Er hatte M�he, sich auf die Worte des Psalmendichters zu konzentrieren, und die Worte �Ein Meer von Plagen� lie�en ihn nicht los. Er hielt inne und dachte an die Probleme, die ihn und Cranston erwarteten, und an die M�glichkeit, da� der Regent sogar in dieser kleinen Pfarrgemeinde von St. Erconwald seine Spitzel hatte. Der Bruder hockte sich auf die Fersen und schaute zum Kruzifix hinauf. Er hoffte, die Pr�fung heute abend w�rde die erste und die letzte sein; im stillen gelobte Athelstan, dann alle seine Kr�fte diesem Ira Dei und den schrecklichen Mordtaten zu widmen, die im Rathaus und anderswo begangen worden waren.</p><p>Er sp�hte zu der neuen, wundersch�n gemei�elten Statue des Hl. Erconwald hin�ber, des Schutzheiligen seiner Pfarrei, und er l�chelte. Erconwald war ein gro�er Bischof in London gewesen, ein Mann, der in dieser betriebsamen Stadt mit vielen Problemen zu k�mpfen hatte, bevor er sich in die Einsamkeit eines Klosters in Barking zur�ckzog. Voller Mitgef�hl betrachtete der Bruder das starre, fromme Gesicht und war so in Gedanken versunken, da� ihn eine sanfte Ber�hrung an der Schulter zusammenfahren lie�.</p><p>�Pater, es tut mir leid.�</p><p>Athelstan drehte sich um und sah Benedicta, die besorgt auf ihn herabblickte.</p><p>�Pater, Ihr habt doch gesagt, ich soll zur Vesper wieder herkommen?�</p><p>Athelstan rieb sich die Augen und l�chelte. �Benedicta, sch�n, da� du gekommen bist. Warte hier.�</p><p>Er stieg die Altarstufen hinauf, �ffnete das Tabernakel und nahm die Heiligen �le heraus und aus der Sakristei eine Flasche mit Weihwasser und ein Aspergillum. Er tat alles in eine kleine Ledertasche und kam wieder in die Kirche.</p><p>�Ich nehme an�, sagte er mit gespielter Strenge, �da� in der Pfarrei alles in Ordnung ist?�</p><p>�Still wie das Meer vor dem Sturm�, neckte sie.</p><p>Sie verlie�en die Kirche, schl�ssen ab und gingen hin�ber zu Cranston, der mit weit offenem Mund und zur�ckgelegtem Kopf auf Athelstans einzigem Stuhl sa� und schnarchte, was das Zeug hielt, w�hrend Bonaventura zusammengerollt auf seinem breiten Scho� ruhte.</p><p>�Oh, du dummer Kater�, fl�sterte Athelstan und hob ihn behutsam herunter, ehe er Cranston wachr�ttelte.</p><p>Der Coroner erwachte wie �blich mit einem Schmatzen, begr��te Benedicta und ging dann auf Athelstans Dr�ngen in die Speisekammer, um sich H�nde und Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Erfrischt kehrte er zur�ck und dr�hnte, nun sei er bereit, es mit dem Teufel und jedem anderen aufzunehmen.</p><p>Die drei verlie�en St. Erconwald, ein jeder versunken in seine Vorstellung von dem, was geschehen w�rde, und sie wanderten durch die engen Gassen und Str��chen von Southwark. Es war kurz vor der Abendd�mmerung. Gesch�fte und St�nde waren geschlossen, und die Menschen gingen nach Hause. Die Gesch�fte des Tages waren getan, und die wilden Nachtfalken von Southwark, die w�sten Zecher und Bewohner der Unterwelt, w�rden erst aus ihren Rattenl�chern kommen, wenn es vollends dunkel w�re. Bevor sie die breite Hauptstra�e �berquerten, die zur London Bridge f�hrte, blieben sie stehen und sahen zu, wie ein Trupp Ritter zu Pferde vor�berzog, strahlend bunt in ihren vielfarbigen Wappenm�nteln. M�chtige Kriegshelme schwangen an den Sattelh�rnern. Knappen und Pagen folgten ihnen mit Schilden und Lanzen sowie zwei Reihen von staubigen Bogensch�tzen, die von Southwark zur alten Stra�e nach S�den, nach Dover, marschierten.</p><p>�Jetzt sind viele von denen unterwegs�, bemerkte Cranston. �Die Franzosen greifen inzwischen alle wichtigen H�fen am Kanal an, und der Regent braucht verzweifelt Soldaten. Wenn er noch mehr aus Hedingham und den anderen Burgen n�rdlich von London abzieht, k�nnte das schlie�lich den Aufstand ausl�sen.�</p><p>Cranston sah zu, wie die Bogensch�tzen vor�bermarschierten, abgeh�rtete M�nner mit kurzgeschnittenen Haaren und wettergegerbten Gesichtern, Veteranen, die mit jedem Bauernaufstand kurzen Proze� machen w�rden.</p><p>�Was wirst du tun?� fragte er Athelstan pl�tzlich. �Ich meine, wenn der Aufstand kommt?�</p><p>Der Bruder verzog das Gesicht. �Ich werde Benedicta fortschicken und jeden, der aus dem Auge des Wirbelsturms entfliehen will. Und dann werde ich in meiner Kirche bleiben.�</p><p>Auch Athelstan betrachtete die Soldaten. Sie erinnerten ihn an seinen Bruder Francis und an sich selbst, als sie mit den englischen Truppen ihren kurzen und ruhmlosen Feldzug nach Frankreich unternommen hatten. Er war heimgekehrt und hatte Francis in irgendeinem Massengrab zur�ckgelassen. Wie immer, wenn er an seinen Bruder dachte, schlo� Athelstan die Augen und fl�sterte ein kurzes Totengebet f�r den Frieden seiner Seele.</p><p>Sie setzten ihre Reise fort und erreichten schlie�lich das schmale, dreist�ckige Haus der Hobdens. Athelstan schaute daran hinauf. Er sah eine einzelne Kerze in einem Fenster im Obergescho� brennen, und ihn fr�stelte.</p><p>�Christus und alle seine Engel m�gen uns besch�tzen!� fl�sterte er und klopfte an die T�r.</p><p>�Keine Angst!� dr�ngte Cranston. �John Cranston ist da.�</p><p>�Ja�, fl�sterte Benedicta. �Ich glaube, Engel gibt es in allen Formen und Gr��en.�</p><p>Cranston wollte gerade zu einer schnippischen Antwort ansetzen, als die T�r sich �ffnete. Walter und Eleanor Hobden begr��ten sie. Athelstan empfand sofort Abneigung gegen alle beide. Der Mann wirkte verschlagen und heimlichtuerisch, und Eleanor mit ihren scharfen Z�gen und dem bohrenden Blick sah aus wie eine richtige Hexe.</p><p>�Pater, seid willkommen.�</p><p>Die Hobdens traten beiseite und lie�en sie eintreten. Als Athelstan in den dunklen Hausflur trat, bem�hte er sich, seine bange Unruhe und das Fr�steln der Erwartung niederzuk�mpfen; er war angespannt, als erwarte er einen Schlag.</p><p>�Ich habe Sir John mitgebracht�, erkl�rte er stockend. �Sir John Cranston, den Coroner der Stadt. Und das ist Benedicta, ein Mitglied meines Gemeinderats.� Er l�chelte unsicher. �In solchen F�llen ist es am besten, wenn man Zeugen hat.�</p><p>Die Hobdens standen rechts und links vom Feuer und schauten sie nur mit harten Augen an; Athelstan hatte M�he, sein wachsendes Unbehagen zu unterdr�cken. Was mochte hier vorgehen? Wieso machte dieses Haus ihm solche Angst? Er kannte die Hobdens kaum, und doch fand er die Atmosph�re in ihrem Haus bedr�ckend und vom unsagbar B�sen erf�llt.</p><p>�Wo ist eure Tochter?� fragte er und merkte wohl, wie bedr�ckt auch Cranston und Benedicta geworden waren. Er warf einen Blick �ber die Schulter. Cranstons sonst so fr�hliches Gesicht wirkte jetzt ernst und d�ster, als habe das Haus seinen gewohnten �berschwang verschluckt.</p><p>�Elizabeth ist oben�, murmelte Walter Hobden. �Pater, habt Ihr Ol und Weihwasser mitgebracht?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Es wird bald anfangen�, sagte Eleanor Hobden. �Sobald es dunkel wird, erscheint der D�mon.�</p><p>�In welcher Weise?� fragte Cranston knapp, bevor Athelstan ihn daran hindern konnte.</p><p>Walter hob die mageren Schultern. �Pater Athelstan wei� es�, sagte er in winselndem Ton. �Elizabeth spricht, aber mit der Stimme ihrer Mutter. Dann ist da ein Klopfen in den W�nden, und dieser Geruch, und die Beschuldigungen �� Seine Stimme brach.</p><p>�Wie ist deine Frau gestorben?� fragte Athelstan. �Ich meine, deine erste Frau?�</p><p>�An einem Absze� in ihrem Inneren�, antwortete Eleanor schroff. �Wir haben die besten �rzte gerufen, aber sie konnten nichts tun. Sie schwand einfach dahin. Ich war eine entfernte Cousine von Sarah, und als sie krank wurde, kam ich her, um sie zu pflegen. Pater, man konnte wirklich nichts tun.�</p><p>Athelstan drehte sich um, als eine alte Frau wie ein Schatten ins Zimmer geschlichen kam.</p><p>�Das ist Anna�, erkl�rte Walter, �Elizabeths Amme.�</p><p>Die alte Frau kam n�her, und ihr runzliges Gesicht verzog sich zu einem L�cheln ohne Heiterkeit.</p><p>�Elizabeth hat sogar mich vertrieben�, jammerte sie. �Sie will nichts mit mir zu tun haben.�</p><p>Athelstan musterte Anna; sie hatte schwarze Knopfaugen, str�hniges graues Haar und eine schmale Nase, und er ahnte eine Bosheit, die sein Unbehagen nur verst�rkte.</p><p>�M�chtet Ihr einen Schluck Wein?� fragten die Hobdens.</p><p>�Nein, nein�, sagte Athelstan und packte seine Tasche mit dem heiligen Ol und der Weihwasserflasche noch fester.</p><p>�Kann ich helfen?� erbot sich Anna.</p><p>�Nein.� Eleanor Hobden fiel ihr schroff ins Wort. �Anna, geh wieder in die K�che. Walter und ich K�mmern uns um alles.�</p><p>Athelstan straffte sich, als er eine Stimme rufen h�rte: �Walter! Walter!�</p><p>Er sah Hobden an, dessen Gesicht noch bleicher geworden war.</p><p>�Es fangt wieder an�, wisperte der Mann. �So fangt es jeden Abend an.�</p><p>�Still, Mann; es ist nur deine Tochter, die dich ruft.�</p><p>�Nein!� Hobden verdrehte die Augen wie ein ver�ngstigtes Tier. �Sir John, ich schw�re, das ist die Stimme meiner toten Frau!�</p><p>Athelstan unterdr�ckte das Zittern seiner Knie.</p><p>�Wir gehen am besten hinauf�, sagte er entschlossen. �Master Hobden, w�rdest du mir den Weg zeigen?�</p><p>Wie ein Verurteilter, der die Stufen zum Galgen hinaufsteigt, f�hrte Hobden sie eine dunkle, gewundene Treppe hinauf in den ersten Stock und durch einen Gang zu einer halboffenen T�r. Langsam schob er sie weit auf, blieb stehen, eine Hand am T�rrahmen, und sp�hte in die von einer Kerze erhellte Kammer. Athelstan, Cranston und Benedicta standen dicht hinter ihm und schauten zu der jungen Frau hinein, die auf dem gro�en, vierpfostigen Bett lag; ihr dunkles Haar war hinten zusammengebunden und die wei�e Gesichtshaut so straff gespannt, da� die hohen Wangenknochen deutlich hervortraten. Mit glasigen Augen starrte sie ihren Vater und die anderen an.</p><p>�So, du hast Besuch mitgebracht, Walter? Zeugen deines Verbrechens?�</p><p>Athelstan sah verwundert, da� die Lippen sich bewegten, w�hrend die Stimme hohl und k�rperlos klang.</p><p>�Elizabeth!� st�hnte Hobden. �H�r auf damit!�</p><p>�Womit soll ich aufh�ren, Walter? Du hast mich ermordet, get�tet mit rotem Arsen, mich vergiftet, damit du eine andere Frau heiraten konntest.�</p><p>�Das ist nicht wahr!�</p><p>Walter wollte weitersprechen, als pl�tzlich das Klopfen einsetzte, langsam erst, undeutlich, doch dann breitete es sich vom Erdgescho� des Hauses nach oben aus, als k�me hinter der Wandt�felung eine dunkle Kreatur aus der H�lle heraufgekrochen.</p><p>Benedicta wich zur�ck. �Pater�, wisperte sie, �seid vorsichtig!�</p><p>Athelstan trat ins Zimmer und ging auf das Fu�ende des Bettes zu. Die dunklen, glasigen Augen des M�dchens faszinierten ihn, ebenso die Lippen, die eine Litanei von Anklagen formten. Das Klopfen dr�hnte wie Trommelschlag, und ein furchtbarer Gestank erf�llte die Kammer und lie� Athelstan w�rgen. Er nahm all seinen Mut zusammen.</p><p>�Elizabeth Hobden, im heiligen Namen Christi bitte ich dich, h�re auf! Ich befehle dir aufzuh�ren!�</p><p>Er schn�rte seine Tasche auf und nahm mit zitternden H�nden die Weihwasserflasche und das Aspergillum heraus. Er sprengte das Weihwasser vor sich und schlug ein Kreuz, aber Elizabeth redete immer weiter. Mit schneidender Stimme wiederholte sie pausenlos die Anschuldigungen gegen ihren Vater. Athelstan bem�hte sich, seine Angst zu verbergen, als er die eigentliche Exorzismuszeremonie begann und mit einer feierlichen Litanei Christus, Seine Selige Mutter und alle Engel und Heiligen anrief. Seine Worte gingen unter im Geschrei des M�dchens und dem furchtbaren H�mmern in den W�nden, und der Geruch wurde immer abscheulicher.</p><p>Athelstan versuchte fortzufahren, auch als eine kleine innere Stimme anfing, seinen eigenen Glauben in Zweifel zu ziehen. Er warf einen Blick hinter sich und sah Benedictas wei�es Gesicht. Hobden stand schreckensstarr in der T�r. Von Cranston war nichts zu sehen. Ach, Sir John! dachte Athelstan. Jetzt, in der Stunde meiner Not�</p><p>Er wandte sich wieder dem M�dchen zu - die Augen blickten ha�erf�llt, und Schultern und Kopf lehnten starr auf den wei�en Kissen. Sie schien sich seiner Anwesenheit nicht bewu�t zu sein und starrte an ihm vorbei ihren Vater an. Als Athelstan wieder zu beten anfing, h�rte er pl�tzlich aus dem Zimmer unter ihnen einen Schrei. Jemand rief, und Schritte polterten die Treppe herauf. Cranston st�rzte schwer atmend herein und h�tte Athelstan beinahe umgerannt.</p><p>�Du verdammtes kleines Luder!� br�llte er das M�dchen an.</p><p>Athelstan starrte ihn verbl�fft an. Er merkte, da� das H�mmern in den W�nden aufgeh�rt hatte. Das M�dchen aber kreischte weiter seine Beschuldigungen, bis Cranston ans Bett trat und ihr rechts und links eine Ohrfeige verpa�te. Dann packte er sie bei den Schultern und sch�ttelte sie.</p><p>�Aufh�ren!� donnerte er. �H�r auf, du verlogene kleine Dirne!� W�tend sah er Athelstan an. �Du bist hereingelegt worden, Bruder!� Wieder sch�ttelte er das M�dchen. �Eine raffinierte kleine Verschw�rung zwischen dieser Kleinen und ihrer Amme.�</p><p>Seine Worte hatten die gew�nschte Wirkung. Das M�dchen verstummte. Das Feuer des Hasses in ihren Augen erlosch, und furchtsam schaute sie erst Athelstan und dann Sir John an. Cranston sank auf die Bettkante und wischte sich den Schwei� von der Stirn.</p><p>�Diese kleine Hexe�, keuchte er, �und ihre Amme haben ein Gemisch von L�gen und T�uschungen zusammengebraut. Komm her, Mann!� Er winkte Walter Hobden herein. Der Vater des M�dchens trat z�gernd ein, und sie barg das Gesicht in den H�nden und schluchzte lautlos. �Bist du denn nie auf den Gedanken gekommen�, fragte Cranston den Mann h�hnisch, �da� dies alles nur ein Mummenschanz sein k�nnte?�</p><p>�Aber sie hat Anna vertrieben�, klagte er.</p><p>�H�r zu, du Erbsenhirn�, erwiderte Cranston und stand auf, �das war doch Teil der Maskerade. Es sollte so aussehen, als seien die beiden verfeindet! W�hrend Elizabeth hier oben Hof hielt, nutzte die gute Amme, die in die K�che verbannt war, allerlei Kaminl�cher und L�cken in der Wandt�felung, um das Pochen erschallen zu lassen.� Er trat an den kleinen Kamin. �Dies ist ein altes Haus�, erkl�rte er. �Hier sind Essen und Rauchabz�ge, Kamine und alte Spalten. Wenn du hinunter in die K�che gehst zur gro�en Feuerstelle, dann kannst du dort mit sorgf�ltig in den Schlot hinaufgeschobenen Stangen klappern und so im ganzen Haus Get�se erschaffen. Das habe ich schon �fter gesehen. Ein Kinderspiel, das man am Vorabend von Allerheiligen treibt.� Cranston klopfte an die Wandt�felung. �Und das hier hilft wahrscheinlich. Es l��t das Echo noch lauter klingen. Ich war unten in der K�che, und da hockte die alte Anna wie eine Mitternachtshexe am Kamin und klapperte gesch�ftig mit ihren Eisenstangen.�</p><p>�Aber die Stimme?� Eleanor Hobden kam herein.</p><p>�Ach, um Himmels willen, Weib!� antwortete Cranston ver�chtlich. �Hast du noch nie geh�rt, da� jemand Stimmen nachahmt?� Er sah den verbl�fften Athelstan an. �Ich glaube, dein Me�diener Crim, so klein er ist, kann mich sehr gut imitieren, nicht wahr?�</p><p>Athelstan l�chelte matt. Er war erleichtert �ber Cranstons unverhoffte Enth�llungen und den kurzen Proze�, den der Coroner mit all diesem betr�gerischen Mummenschanz gemacht hatte; versp�rte aber immer noch ein tiefes Unbehagen.</p><p>�Aber dieser Geruch?� Athelstan schnupperte.</p><p>�Oh, ich bin sicher, auch daf�r findet sich eine Antwort.�</p><p>Cranston kniete nieder, griff unter das Bett und f�rderte zwei kleine, unverschlossene T�pfe zutage. Dann ging er auf die andere Seite und fand dort das gleiche. Er nahm einen hoch, schnupperte daran und wich angewidert zur�ck; dann gab er ihn Athelstan.</p><p>�Wei� der Himmel, was das ist. Wahrscheinlich Ziegenk�se.�</p><p>Athelstan roch daran und wandte sich voller Abscheu ab. �Ziegenk�se�, hustete er, �und noch etwas anderes.�</p><p>�Ein bekannter Trick�, bemerkte Cranston. �Man nimmt die Deckel ab, und verglichen damit duftet ein Schweinestall nach Rosen.� Er grinste. �Stell die N�pfe offen unters Bett, wedle mit den Decken, und ein Gestank aus der H�lle weht herauf.�</p><p>Athelstan betrachtete das schluchzende M�dchen. Ein Gepolter vor der T�r zeigte an, da� die furchterregende Eleanor Hobden jetzt die alte Amme die Treppe herauf zerrte. Mit ver�chtlichem Blick auf ihren Mann kam sie herein und stie� die widerstrebende Anna, die vor Angst einer Ohnmacht nahe schien, auf die Binsenstreu nieder. Dann ging sie zum Bett, packte Elizabeth bei den Haaren und ri� ihr den Kopf in den Nacken. Trotz des b�sartigen Spiels empfand Athelstan Mitleid mit dem M�dchen. Ihr Gesicht sah gespenstisch aus: rotger�nderte Augen und fahle, tr�nennasse Wangen. Sie hatte sich auf die Lippen gebissen, und Blut sickerte �ber ihr Kinn.</p><p>�La� sie in Ruhe!� befahl er.</p><p>B�sartig ri� Eleanor noch einmal an den Haaren des M�dchens. Athelstan packte sie beim Handgelenk.</p><p>�Um Himmels willen, Weib, la� sie in Ruhe!�</p><p>Widerstrebend gehorchte Eleanor, aber sie funkelte Cranston w�tend an.</p><p>�Sie ist eines Verbrechens schuldig, oder? Vorgebliche D�monenbeschw�rung und das Benutzen dieses Gaukelkrams sind fast so schlimm wie die Schwarze Kunst an sich.�</p><p>Cranston, der eine tiefe Abneigung gegen die Frau empfand, nickte. �Du meinst also, ich sollte sie verhaften?�</p><p>�Wenn Ihr es nicht tut, werde ich sie und dieses Mistst�ck von Amme auf die Stra�e werfen!�</p><p>�Eleanor!� st�hnte Walter. �Tu's nicht!�</p><p>�Ach, halt's Maul!� fauchte sie zur�ck. �Ich habe dir gesagt, diese kleine Dirne ist eine L�gnerin und eine Betr�gerin!� Sie trat dicht an ihren Mann heran und reckte ihm ihr Gesicht entgegen. �Entweder die beiden gehen - oder ich!�</p><p>Cranston warf einen verstohlenen Blick auf Athelstan. Der Bruder sah hilflos das schluchzende M�dchen an; Anna kauerte wie ein Hund in der Binsenstreu. Eleanor ging zu dem M�dchen und krallte ihr die Finger in die Schulter.</p><p>�Raus aus diesem Bett und aus diesem Haus - auf der Stelle!�</p><p>�Oh, um der Barmherzigkeit willen!� rief Cranston.</p><p>�Mylord Coroner�, versetzte die Hobden, �Ihr wurdet nicht eingeladen, in dieses Haus zu kommen. Ihr seid hier als Beamter der Justiz. Ihr habt mitangesehen, wie ein Verbrechen begangen wurde, aber Euer Mitgef�hl gilt nicht den Opfern, sondern nur der T�terin.�</p><p>Cranston warf einen Blick zu Walter Hobden hin�ber, aber dieser Hampelmann stand nur da und rieb sich die H�nde mit dem Mut eines erschrockenen Kaninchens.</p><p>�Um Himmels willen!� Benedicta durchquerte das Zimmer. Elizabeths Mummenschanz hatte ihr Angst gemacht, aber vor Eleanor Hobden zeigte sie keine Furcht. �Um Himmels willen!� wiederholte sie. �Weib, dieses Kind ist vielleicht von Sinnen!�</p><p>Athelstan setzte sich auf das Bett, schlang einen Arm um das schluchzende M�dchen und schaute den Vater an.</p><p>�Warum erhebt deine Tochter solche Vorw�rfe?� fragte er.</p><p>�Weil sie mich ha�t�, gab Eleanor zur�ck. �Sie hat mich immer geha�t, und sie wird es immer tun. Jetzt kann sie verschwinden.�</p><p>Flehend blickte Benedicta Athelstan an. Er bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, sie solle der alten Amme aufhelfen.</p><p>�H�r zu�, begann er. �Ich bestehe darauf, Frau -nein, ich verlange es, weil ich auf eure Einladung hergekommen bin. Es stimmt, Sir John wurde nicht eingeladen, aber auch ihm seid ihr etwas schuldig, weil er die Wahrheit an den Tag gebracht hat.�</p><p>Die Frau nickte.</p><p>�Also�, fuhr Athelstan fort, �Elizabeth und ihre Amme werden heute nacht hierbleiben. Morgen fr�h wird Benedicta wiederkommen und die beiden zur Abtei von St. Mary und St. Frances bringen, die an der Kreuzung zwischen der Poor Jewry und der Aldgate Street liegt.�</p><p>Walter murmelte zustimmend. Seine Frau nagte an ihrer Unterlippe und starrte ihre Stieftochter finster an.</p><p>�Von mir aus�, schnarrte sie schlie�lich. �Aber bis zum Mittag ist das Luder verschwunden!�</p><p>*</p><p>An der Ecke der Bread Street und Westchepe blieb Cranston stehen und schaute zu seinem Haus hin�ber.</p><p>�Ach�, seufzte er, �ich w�nschte, Lady Maude w�re wieder da.� Er strich seinem Pferd �ber das Maul, leckte sich die Lippen und blickte hin�ber zu dem verlockend warmen Lichtschein, der aus dem �Heiligen Lamm Gottes� drang. Er hatte Benedicta und Athelstan in Southwark zur�ckgelassen, war allein nach Cheapside gekommen und hatte dabei, wie so oft, laute Selbstgespr�che �ber die Verh�rtungen des menschlichen Herzens und den verstockten Ha� von Leuten wie Eleanor Hobden gef�hrt. Sein Pferd wieherte leise und stupste ihn vor die Brust.</p><p>�Ja, wahrscheinlich hast du recht�, brummte Cranston.</p><p>Er f�hrte das Pferd durch eine Seitenstra�e in den Hof des �Heiligen Lamms�, wo er und Lady Maude ihre Pferde einzustellen pflegten. Sir John brachte das Tier unter, widerstand allen Versuchungen, �berquerte die verlassene Cheapside und ging zu seinem Haus.</p><p>Er hatte die Hand auf dem T�rriegel, als er seinen Namen h�rte. Zwei Gestalten l�sten sich aus einem Durchgang an der Seite des Hauses und traten in den Lichtkreis der Lampe, die an einem Haken neben der T�r hing. Cranstons L�cheln verbla�te.</p><p>�Was zum Teufel wollt ihr?� knurrte er.</p><p>Rosamund Ingham schlug mit einer Hand die Kapuze ihres Mantels zur�ck; die andere ruhte leicht auf dem Arm des schlaffgesichtigen Albric. Ihr Blick war so herrisch und hart wie der Eleanor Hobdens. Cranston sah, wie �hnlich die beiden Frauen einander waren: sch�n, aber mit erbarmungslosen Augen und einem sauren Zug um den Mund. Er legte die Hand wieder auf den T�rriegel.</p><p>�Ich habe gefragt, was ihr wollt?�</p><p>�Sir John, la�t uns in Ruhe. Wie Ihr wi�t, wird mein Mann morgen fr�h beerdigt. Ihr werdet wohl nicht dabei sein?�</p><p>�Nein, das werde ich nicht! Ich habe Sir Oliver geliebt wie einen Bruder. Ich werde nicht in Gegenwart seiner M�rder vor Gott stehen!�</p><p>�Das ist eine L�ge!�</p><p>�Es ist die Wahrheit, und ich werde es beweisen.�</p><p>�Und wenn Ihr es nicht tut� - Rosamund reckte das Kinn vor -, �dann sehen wir uns vor Gericht, Sir John.�</p><p>�Verpi�t Euch!� Seine Hand legte sich auf den Dolchgriff, als er sah, da� Albric einen Schritt vortrat.</p><p>�Nur zu�, h�hnte Cranston. �Zieht Euer Schwert, und ich werde Euch am Hosenlatz kitzeln.�</p><p>Rosamund winkte ihren Liebhaber zur�ck. �Entfernt die Siegel vom Zimmer meines Manns�, verlangte sie. �Und la�t uns in Ruhe, sonst��</p><p>Cranston trat vor. �Sonst, Mylady?�</p><p>Rosamund verzog h�hnisch das Gesicht. �Ich fordere Euch auf, Sir John. Und ich werde Euch nicht noch einmal auffordern.�</p><p>�Gute Nacht, Mylady.� Er stie� die T�r auf und schlug sie hinter sich zu.</p><p>Freudig schnuppernd trat er in die K�che. Gerade zog Boscombe mit hochrotem Gesicht eine golden �berkrustete Pastete aus dem Backofen neben dem Herd.</p><p>�Genau rechtzeitig, Sir John�, strahlte der kleine Mann. �Rindfleischpastete, gew�rzt mit Lauch und Zwiebeln. Ein Glas Rotwein?�</p><p>Sir John strahlte. �Philip, wenn du eine Frau w�rst, w�rde ich dich morgen heiraten.�</p><p>Er wusch sich die H�nde in einer Sch�ssel Rosenwasser und setzte sich an den Tisch.</p><p>�Du bist noch nicht in den seligen Stand der ehelichen Gnade eingetreten?�</p><p>Boscombe sch�ttelte den Kopf. �Keine Frau wollte mich haben, Sir John, und Sir Gerard war ein �beraus harter Herr.�</p><p>�Wenn du das glaubst�, erwiderte Cranston, �dann hast du Lady Maude noch nicht kennengelernt.�</p><p>Gerade wollte er den Becher heben, als pl�tzlich Gog und Magog, die im Garten gelegen hatten, in die K�che st�rmten. Gog warf Cranston vom Stuhl, und Magog sprang gewandt wie ein Falke im Flug in die H�he und ri� Boscombe die Pastete aus den H�nden. Fluchend rappelte sich Cranston auf, aber jetzt hatten die beiden Hunde die Pastete, und ehe er sie zu fassen bekam, hatten die beiden sie schon verschlungen. Boscombe stand jammernd da. Cranston starrte die Hunde an; wenn Tiere dankbar grinsen konnten, dann taten die beiden das jetzt, dessen war er sicher.</p><p>�Brave Jungs�, sagte er leise.</p><p>Die beiden Hunde hatten ihren unerwarteten Festschmaus beendet und sprangen hoch, um ihm das Gesicht zu lecken und die Ohren zu zwicken. �Genug ist genug!� br�llte Cranston und stie� sie weg.</p><p>Er schaute zu Boscombe hin�ber, dem die Tr�nen �ber die Wangen str�mten. Er ging zu ihm und t�tschelte ihm die Schulter, da� der Mann beinahe hingefallen w�re.</p><p>�H�r schon auf, Mann�, knurrte er. �Wenigstens haben sie gut gegessen.�</p><p>Die beiden Hunde leckten sich die Schnauzen und betrachteten voller Bewunderung ihren neuen Herrn, der so gro�z�gig mit seinem Essen umging. Wie Steinfiguren sa�en sie da, als Cranston ihnen warnend mit dem Finger drohte.</p><p>�Versucht das niemals�, ermahnte er sie, �mit Lady Maude�</p><p>Die beiden Hunde schienen die Bedeutung des Wortes �Maude� zu sp�ren, und Gog warf sogar einen furchtsamen Blick zur T�r. Aber es war nur Leif, der sich da ins Haus stahl, angelockt von dem schweren, w�rzigen Duft.</p><p>�Zeit zum Abendessen, Sir John?�</p><p>Cranston grinste. �Da mu�t du schon mehr Gl�ck haben.�</p><p>Leif sah nerv�s die Hunde an. �Aber Sir John, ich habe den ganzen Tag kaum etwas gegessen.�</p><p>�Herr des Himmels!� Cranston ging in die Diele und holte seinen Mantel, und da ihm Rosamund Inghams drohende Blicke noch vor Augen standen, schnallte er auch seinen Schwertgurt um. �Komm, Boscombe. Du auch, Leif, du fauler Schurke! Wir gehen ins �Lamm Gottes�.�</p><p>Die beiden Hunde wollten ihnen folgen.</p><p>�Nein, nein, seid brave Jungs. Hiergeblieben!�</p><p>Die beiden Tiere kauerten sich nieder, und Cranston schob den protestierenden Boscombe und den willigeren Leif vor sich her zur T�r.</p><p>�Sollten wir nicht abschlie�en?� fragte Boscombe, als sie auf der Cheapside waren.</p><p>�H�r mal zu, Mann�, erwiderte Cranston. �Was glaubst du, was diese braven Jungs machen w�rden, wenn irgendein Nachschw�rmer versuchen wollte, da hineinzuspazieren?�</p><p>Boscombe grinste.</p><p>�Jetzt kommt�, dr�ngte Cranston. �Diese Pastete hat k�stlich geduftet. Ich will dir deine gerechte Belohnung geben.�</p><p>Zwei Stunden sp�ter, angef�llt mit Rotwein und der Zwiebelpastete der Wirtin, verlie� Cranston das �Heilige Lamm Gottes�, den einen Arm um Boscombe, den anderen um Leif gelegt, und schaute �ber die Cheapside.</p><p>�Ihr wart also in Poitiers?� fragte Boscombe.</p><p>�Oh ja�, sagte Cranston. �Schlanker und h�bscher war ich damals ��</p><p>Er sprach nicht weiter, denn er hatte einen leisen Hilfeschrei aus einer nahen Gasse geh�rt. Ohne auf Boscombes Warnungen zu achten, und dem Rotwein, den er getrunken hatte, zum Trotz, scho� er pfeilschnell in die Dunkelheit. Er sah zwei Gestalten in Schwarz, die mit erhobener Fackel �ber einem Dritten standen, der am Boden lag. Cranston sah Stahl blinken und h�rte erneut ein mitleiderregendes St�hnen. Er schlang sich den Mantel um den linken Arm und st�rmte vorw�rts wie ein w�tender Bulle.</p><p>�Aidez! Aidez!� br�llte er den gebr�uchlichen Hilfeschrei.</p><p>Die beiden Gestalten blickten auf, und er wu�te sofort, da� hier etwas nicht stimmte. Sie wichen nicht zur�ck; sie hatten Masken auf den Gesichtern, und das �Opfer� sprang pl�tzlich auf. Cranston blieb schwer atmend stehen und wischte sich den Schwei� von der Stirn.</p><p>�Man lernt nie aus�, knurrte er und verfluchte sich daf�r, da� er in eine altbekannte Falle gerannt und einem mutma�lichen Opfer zu Hilfe geeilt war, nur um selbst in einen Hinterhalt zu tappen. Rasch sah er sich um und die Gasse hinauf, wo Boscombe und Leif langsam herankamen.</p><p>�Lauft zur�ck!� br�llte er.</p><p>Er zog sein Schwert und wich langsam zur�ck. Er wagte nicht, sich umzudrehen und zu rennen. Er k�nnte ausrutschen, oder ein fliegendes Messer k�nnte ihn zur Strecke bringen. Au�erdem war er alt und fett, und die drei Angreifer bewegten sich geschmeidig wie makabre T�nzer auf ihn zu. Cranston zog sich weiter zur�ck und sprang unvermittelt zur Seite, um an einem schmalen St�tzpfeiler an der Hauswand seinen R�cken zu sch�tzen.</p><p>Die drei schwarzgekleideten Attent�ter kamen n�her. Jeder trug ein Schwert und einen Dolch. Im N�herkommen teilten sie sich, und Cranston erkannte sie als Berufsm�rder, sehr viel gef�hrlicher als die Gassenratten, die der blo�e Anblick von blankem Stahl in die Flucht schlagen w�rde. Er bem�hte sich, beherrscht zu atmen. Wer mochte sie geschickt haben? Ira Dei? Cranston blinzelte. Nein, nein, das w�re allzu offensichtlich. Dann fiel ihm Rosamund Inghams ha�erf�lltes Gesicht ein, ihre unausgesprochenen Drohungen - und Wut verdr�ngte seine Angst.</p><p>Die drei glitten vorw�rts; breitbeinig und mit ausgestreckten Armen vollf�hrten sie den ausgekl�gelten Tanz berufsm��iger K�mpfer. Cranston behielt den mittleren im Auge und erhaschte einen kurzen Blick; dann wandte er sich den beiden Kumpanen zu, als bereiteten sie ihm gr��ere Sorge.</p><p>�Na, kommt schon, ihr B�ckchen!� h�hnte er. �Jetzt habt ihr den alten John auf den Tanzboden geholt. Dann wollen wir doch auch ein T�nzchen wagen!�</p><p>Die beiden M�rder rechts und links r�ckten weiter vor. Cranston schaute weiter hin und her, aber er kannte die Sorte. Sie wollten ihn t�uschen. Er schaute nach rechts und dann rasch geradeaus, als der mittlere M�rder vorsprang, das Schwert nach unten, den Dolch in die H�he gereckt. Cranston schwang sein langes Schwert und lie� es in einem blinkenden Bogen nach vorn sausen. Der M�rder war tot, ehe er es recht begriffen hatte. Die spitze, scharfe Klinge von Cranstons Schwert hatte ihm die ungesch�tzte Luftr�hre durchtrennt.</p><p>Cranston grinste und parierte erst nach rechts, dann nach links. Er sp�rte, da� der eine der beiden Angreifer unerfahren war und weiter zur�ckwich als n�tig. Cranston fuhr herum und attackierte den anderen, da� es dem den Atem verschlug. Dann wich er zur�ck und rammte dem Kerl das Schwert mit aller Kraft in den Bauch. Als er sich umschaute, verschwand der dritte Angreifer wie ein Hase in der Dunkelheit. Cranston lehnte sich auf sein Schwert, sog die Nachtluft ein und betrachtete die beiden toten Angreifer.</p><p>�T�dliche Streiche�, murmelte er.</p><p>Der eine lag mit dem Gesicht nach unten auf den Pflastersteinen, der andere lehnte wie eine zerbrochene Puppe an der Hauswand. Boscombe und Leif kamen herangehoppelt und starrten entsetzt die beiden Leichen und einen vollkommen ver�nderten Sir John Cranston an. Sein Gesicht war hart wie Eisen im flackernden Licht der Fackel, die auf dem Pflaster lag, wo der eine Angreifer sie hingeworfen hatte.</p><p>�Sir John.� Boscombe ber�hrte seinen neuen Herrn. �Sir John, es tut mir leid, da� wir nicht helfen konnten.�</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf. �Nein, ihr wart sehr klug�, antwortete er leise. �Aber, Master Boscombe, ich danke dir f�r deine Sorge. Das war nichts, womit der alte John nicht h�tte fertigwerden k�nnen.�</p><p>�Aber warum?� schnaubte Leif.</p><p>Ein bitteres L�cheln auf den Lippen, schaute Cranston die Gasse hinunter. �Oh, ich wei�, warum�, br�tete er. �Und jetzt ist der alte John am Zug.�</p></section><section><title><p><strong>Neun</strong></p></title><p>Auch Athelstan br�tete, als er am n�chsten Morgen nach der Messe auf den Altarstufen kniete. Bonaventura nicht mitgerechnet, waren nur drei Pfarrkinder beim Gottesdienst gewesen: Pemel, die Flamin, die Hure Cecily in ihrem bunten Taftkleid und Benedicta, die eben gegangen war. Die Witwe hatte Athelstan versprochen, Elizabeth Hobden und ihre Amme Anna am Vormittag zu den Minoritinnen zu bringen.</p><p>Athelstan nagte an den Fingerkn�cheln und beobachtete die halb offene Kirchent�r. Er war zornig und gekr�nkt und hoffte nur, da� er sich bei der bevorstehenden Begegnung w�rde beherrschen k�nnen.</p><p>Er bekreuzigte sich, stand auf, als er Schritte h�rte, und ging durch das Kirchenschiff auf Pike, den Grabenbauer, zu, der voller Unbehagen am Taufbrunnen stand.</p><p>�Pater, Ihr habt mich rufen lassen?�</p><p>�Ja, Pike, das habe ich. Bitte mach die T�r zu.�</p><p>Pike ging zur�ck, schlo� die T�r und drehte sich erstaunt um, als sein sanfter Pfarrer pl�tzlich wie ein angreifender Ritter auf ihn zugest�rmt kam. Athelstan packte Pike bei seinem schmierigen Wams und stie� ihn r�ckw�rts gegen die T�r. Der Mann wehrte sich nicht; die Wut, die in Athelstans Augen loderte, versetzte ihn in Angst und Schrecken.</p><p>�Pater, was ist denn?� stammelte er.</p><p>�Du verfluchter Judas!� Athelstan sch�ttelte ihn.</p><p>�Pike, ich bin dein Priester, und du hast mich verraten!�</p><p>�Was meint Ihr damit?�</p><p>Aber Athelstan sah die Wahrheit im nerv�sen Blick des Grabenbauers. Er lie� ihn los, stie� ihn von sich und ging das Kirchenschiff hinauf.</p><p>�L�g nicht, Pike!� donnerte er, und seine Worte hallten durch die Kirche. �Du wei�t verdammt genau, was ich damit meine! Du warst der einzige, der gesehen hat, wie ich die Proklamation abgenommen habe, die Ira Dei an meine T�r genagelt hatte.� Athelstan fuhr herum. �Ehrlich gesagt, glaube ich, da� du sie dort angebracht hast! Na gut. Spiel du nur deine dummen, gefahrlichen Spiele von Aufstand und der Errichtung des Reiches Gottes hier in London. Aber sag mir, wissen deine Freunde, wei� die Gro�e Gemeinschaft des Reiches, wei� Ira Dei, da� du ein Verr�ter bist? Ein Spitzel des John von Gaunt?� Athelstan kam zur�ck. �Und was w�rde mit dir passieren, wenn sie es herausfanden? Wie geht deine Geheimgesellschaft mit Verr�tern um?�</p><p>Pike lie� hilflos die H�nde h�ngen, und Athelstans Zorn versiegte angesichts des blanken Entsetzens in Miene und Haltung des Mannes. Er blieb dicht vor dem Grabenbauer stehen.</p><p>�Um des Himmels willen, Pike, ich habe deine Kinder getauft! Ich gebe dir das Sakrament, ich habe dich bewundert, wie du von fr�h bis sp�t f�r einen Hungerlohn arbeitest, um deine Familie zu ern�hren.� Athelstan holte tief Luft. �Du bist nicht wie ich, Pike. Ich habe keine Familie, um die ich mir Sorgen machen mu�. Aber du bist ein guter Arbeiter, ein guter Ehemann, ein guter Vater. Um Gottes willen, warum spielst du den Judas bei einem Mann, der nicht nur ein Priester ist, sondern dein Freund? Konntest du mir nicht vertrauen?�</p><p>Pike wedelte hilflos mit den H�nden, und Tr�nen rannen �ber seine schmutzigen Wangen.</p><p>�Herr im Himmel!� murmelte Athelstan. �Pike, ich will dir nicht drohen. Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Nicht einmal Sir John wei� etwas.�</p><p>Der Grabenbauer scharrte mit den F��en. �So ist es ja nicht, Pater.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Vor drei Monaten�, antwortete Pike, �da haben ich und ein paar andere aus Southwark diesem wahnsinnigen Priester zugeh�rt - Ihr wi�t schon, der mit dem brennenden Kreuz vor St. James Garlickhythe. Da kamen die Soldaten, und wir wurden festgenommen. Ich hatte die Wahl: Ich konnte eine Bu�e zahlen oder Gaunts Spitzel werden. Die Strafe h�tte mich vernichtet, und �� Seine Stimme versagte.</p><p>�Und �?�</p><p>Pike hob trotzig den Kopf. �Glaubt nicht alles, was Ihr h�rt, Pater. Ich bin keiner von diesen Fanatikern. Oh, am Anfang schon, aber jetzt nicht mehr. Nicht, wenn sie von Gemetzel reden und davon, da� sie jeden Priester umbringen und die Guten mit den B�sen verbrennen wollen.� Er lachte s�uerlich. �Pater, jemanden zu verraten, an den man nicht mehr glaubt, ist nicht schwer. Und Lord Gaunt hat inzwischen festgestellt, da� ich nicht der allerf�higste Spion bin. Also erz�hle ich ihm von einer Nachricht an der Kircht�r. Oder da� ein Mitglied der Gro�en Gemeinschaft des Reiches in Southwark war - drei Tage, nachdem der Mann weg ist. Keine Sorge, Pater: Gaunt kann nichts mit dem anfangen, was ich erz�hle.�</p><p>Athelstan betrachtete den gro�en, st�mmigen Grabenbauer, der da mit h�ngendem Kopf vor ihm stand. Du bist der Inbegriff des gemeinen Mannes, sann Athelstan, gefangen zwischen den D�monen, die alles zerst�ren, und denen, die alles bewahren wollen. Er streckte die H�nde aus.</p><p>�Es tut mir leid. Du bist kein Verr�ter, kein Judas.�</p><p>Pike ergriff seine Hand. �K�nnt Ihr mir helfen, Pater?�</p><p>Athelstan sch�rzte die Lippen. �Ja, ich glaube, das kann ich. Aber es wird Zeit brauchen. Tu jetzt nichts Un�berlegtes, Mann. Und ��</p><p>�Und was, Pater?�</p><p>�Was wei�t du von Ira Dei?�</p><p>Pike lachte. �Pater, ich bin ein sehr kleines Blatt ganz unten an einem sehr hohen Baum. Ich wei� nicht einmal, wer die Rebellenf�hrer sind. Niemand wei�, wer Ira Dei ist. Er kommt im Schutze der Dunkelheit, verk�ndet seine Botschaft und verschwindet ebenso geheimnisvoll wieder. Jeder k�nnte es sein. Lady Benedicta, Watkin, sogar Sir John Cranston.� Pike grinste. �Obwohl ich glaube, da� die Leute ihn erkennen w�rden. Pater, ich wei� nichts. Ich schw�re es beim Leben meiner Kinder.�</p><p>�Aber k�nntest du ihm eine Nachricht �bermitteln?�</p><p>�Ich k�nnte sie gewissen Leuten sagen. Wieso?� Pikes Gesicht wurde sorgenvoll. �Pater, seht Euch vor. Habt keinen Umgang mit so gef�hrlichen Leuten, ob es nun Adlige sind oder Bauern. Wi�t Ihr, was ich glaube? Es ist ein Streit zwischen den Ratten und den Frettchen dar�ber, wer �ber die H�hner herrschen soll.�</p><p>Athelstan l�chelte, ger�hrt von Pikes Sorge.</p><p>�Die Nachricht ist einfach. Sag ihnen, Athelstan von St. Erconwald m�chte Ira Dei treffen.� Er lie� Pike den Satz wiederholen.</p><p>�Ist das alles, Pater?�</p><p>�Ja. Ich habe dich jetzt lange genug aufgehalten. Und entschuldige meinen Wutausbruch.�</p><p>Pike zuckte die Achseln. �Man kriegt, was man verdient, Pater. Aber Ihr werdet mir helfen?�</p><p>�Nat�rlich!�</p><p>�Das werde ich Euch nie vergessen, Pater.�</p><p>Pike verschwand. Athelstan dachten an den langaufgeschossenen Sohn des Grabenbauers, der so unsterblich in Watkins Tochter verliebt war, und er starrte Bonaventura an, der die beiden h�chst aufmerksam beobachtet hatte.</p><p>�Ja, ja, mein schlauer Kater�, sagte er leise. �Vielleicht wird der Sonntagmorgen doch nicht so schrecklich werden, hm?�</p><p>Athelstan schaute sich in der Kirche um und dachte an das Versprechen, das er einem anderen Pfarrkind gegeben hatte. Er schlo� St. Erconwald ab und eilte durch die Stra�en zu Ranulf, dem Rattenf�nger. Dessen Haus war eine kleine, zweigeschossige Behausung an der Ecke einer engen Gasse. Der Rattenf�nger mit dem bleichen, verkniffenen Gesicht erwartete ihn schon. Seine Kinder, die alle so aussahen wie er, dr�ngten sich hinter ihrem Vater in der T�r, um den Priester willkommen zu hei�en. Als Athelstan den dunklen Hausflur betrat, entsann er sich, da� Ranulf Witwer war; seine Frau war f�nf Jahre zuvor im Kindbett gestorben. Gefolgt von seiner Brut, f�hrte Ranulf Athelstan in einen kleinen S�ller, der zugleich eine Art Werkstatt war. Athelstan schnupperte, als er dem Stuhl des Rattenf�ngers gegen�ber auf einem Schemel Platz nahm. Die Kinder umringten den Priester und lie�en ihn nicht aus den Augen.</p><p>�Gefallt Euch der Geruch, Pater?�</p><p>�Nun ja, Ranulf, absto�end ist er nicht.�</p><p>Ranulf klopfte an seine schwarzgeteerte Jacke. �Ich habe sie mit Anissaat und Thymian eingerieben. Die Ratten m�gen das.�</p><p>Er hielt inne, als seine �lteste Tochter in einem zerlumpten schwarzen Kleid hereinkam und Athelstan und ihrem Vater mit feierlicher Miene eine wohlschmeckende Suppe servierte. W�hrendessen schaute der Priester sich um. In einer Ecke stand ein K�fig mit Spatzen, in einer anderen hingen Angelschn�re, ein Dachsfell, mehrere Senkbleie und Aalhaken.</p><p>�M�gt Ihr Ratten?� fragte Ranulf unvermittelt.</p><p>Athelstan starrte ihn an.</p><p>�Es gibt vier Arten, Pater. Scheunenratten, Gossenratten, Flu�ratten und Stra�enratten. Die schlimmsten sind die Gossenratten - die sind schwarz.� Er schob den �rmel seiner Teerjacke hoch und entbl��te einen Unterarm, der von Narben �bers�t war. �Die schwarzen Ratten sind Drecksbiester, Pater. Entschuldigt, aber es sind wirklich Drecksbiester! Viermal bin ich an ihren Bissen fast gestorben. Einmal sind mir die Z�hne der Ratte im Finger abgebrochen.� Er streckte die Hand aus. �Es war furchtbar schlimm - alles war geschwollen und faulte. Ich mu�te die abgebrochenen St�cke mit einer Zange herausziehen. �berall haben sie mich schon gebissen, Pater.�</p><p>Athelstan fuhr zusammen, als ein kleines Pelztier, das von nirgendwo zu kommen schien, am Bein des Rattenf�ngers heraufrannte und auf seinem Scho� Platz nahm.</p><p>�Das ist Ferox�, erkl�rte Ranulf. �Mein Frettchen.�</p><p>Ungl�ubig starrte Athelstan das Gesch�pf mit den kleinen schwarzen Augen und der zuckenden Nase an.</p><p>�Ferox bedeutet wild�, fuhr Ranulf fort, ohne da� Athelstan Gelegenheit hatte, etwas zu sagen. �Frettchen sind sehr gef�hrlich, aber Ferox ist gut abgerichtet. Er hat schon mindestens tausend Ratten zu ihrem Sch�pfer heimgeschickt.�</p><p>Athelstan verbarg ein Grinsen; er a� seine Sch�ssel leer und gab sie dem M�dchen mitsamt dem Zinnl�ffel zur�ck. Die �brigen Kinder standen immer noch da und starrten ihren Vater mit gro�en, bewundernden Augen an. Der Priester betrachtete die etwas vorstehenden Z�hne des Rattenf�ngers, die spitze Nase und das bleiche Gesicht mit dem d�nnen Schnurrbart, und er dachte an das Gespr�ch mit Pike. Ranulf war genauso: ein hart arbeitender Mann, ein guter Vater, einer der Kleinen auf Erde, so weit entfernt von Macht und Reichtum, und doch so nah bei Gott.</p><p>�Ranulf, du wolltest mit mir �ber die Zunft sprechen.�</p><p>�Ja, Pater. Wir m�chten, da� St. Erconwald unsere Zunftkirche wird.� Ranulf schluckte nerv�s. �Die Zunft m�chte in der Kirche zusammenkommen, und nachher w�rden wir gern unser Festmahl im Kirchenschiff einnehmen. W�re Euch das recht, Pater?�</p><p>Athelstan nickte feierlich.</p><p>�Jeden dritten Samstag im Monat w�rden wir uns in St. Erconwald zur Messe treffen und hernach im Kirchenschiff unsere Zunftversammlung abhalten.�</p><p>Wieder nickte Athelstan.</p><p>�Und wir w�rden Euch jedes Vierteljahr zwei Pfund f�nfzehn Shilling bezahlen.�</p><p>Athelstan vermutete, da� der Rattenf�nger diesen Betrag f�r ziemlich niedrig hielt.</p><p>�Damit w�re ich �beraus zufrieden�, antwortete er rasch.</p><p>�Seid Ihr sicher, Pater?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Und Frauen und Kinder k�nnen auch dabeisein?�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Und Ihr werdet unsere Frettchen und Fallen segnen?�</p><p>�Ganz ohne Zweifel.�</p><p>�Wi�t Ihr auch einen Schutzheiligen f�r uns, Pater?�</p><p>Athelstan starrte ihn an. �Nein, Ranulf, da bin ich ratlos. Aber ich kann sicher einen f�r euch finden.�</p><p>Ranulf seufzte erleichtert und stand auf.</p><p>�Wenn das so ist, Pater, dann habt Ihr unseren Dank. Osric - das ist der oberste Rattenf�nger von Southwark - wird den Vertrag aufsetzen. Er kennt einen Schreiber in St. Paul.�</p><p>�Ich kann das kostenlos machen�, sagte Athelstan und erhob sich ebenfalls.</p><p>Ranulf kr�hte entz�ckt und klatschte in die H�nde. Seine Kinder lie�en sich von seiner guten Stimmung anstecken und tanzten im Kreis um Athelstan herum, als sei er ihr Schutzpatron. Athelstans Blick fiel auf eine Falle an der Wand, und pl�tzlich mu�te er an Cranstons armen Freund Oliver Ingham denken.</p><p>�Sag, Ranulf, hast du schon einmal geh�rt, da� eine Ratte einen Leichnam angeknabbert hat?�</p><p>�Oh ja, Pater, die fressen alles.�</p><p>�Und du erlegst sie mit Fallen oder mit Frettchen?�</p><p>�Aye, und manchmal auch mit Gift, mit Belladonna oder Nachtschatten, wenn sie besonders gerissen sind.�</p><p>Athelstan bedankte sich l�chelnd und ging zur T�r.</p><p>�Pater!�</p><p>Athelstan drehte sich noch einmal um. �Nein, Ranulf, bevor du fragst - Bonaventura ist nicht zu verkaufen. Aber wir k�nnen ihn ja als Mitglied eurer Zunft eintragen.�</p><p>Und Athelstan verabschiedete sich von Ranulf und seiner Familie. Er hatte die Gasse halb hinter sich, den Kopf immer noch voll von Ratten, Giften, Fallen und Frettchen, als er pl�tzlich mit offenem Mund stehenblieb: Er hatte eine Idee. L�chelnd schaute er hinauf zum heller werdenden Himmel.</p><p>�Oh Herr, gesegnet bist Du�, fl�sterte er. �Und wunderbar sind Deine Wege.�</p><p>Beinahe im Laufschritt kehrte er zum Haus des Rattenf�ngers zur�ck und h�mmerte an die T�r. Ranulf geriet in helle Aufregung, als Athelstan ihn bei der Schulter packte.</p><p>�Pater, was ist denn?�</p><p>�Du mu�t mitkommen. Sofort, Ranulf! Du mu�t mit mir zu Sir John kommen! Ranulf, bitte, ich brauche deine Hilfe.�</p><p>Der Rattenf�nger lie� sich nicht zweimal bitten. Er ging ins Haus, rief seiner T�chter ein paar Anweisungen zu, k��te seine Kinder, nahm Ferox mit, der wohlverwahrt in einem kleinen K�fig sa�, und eilte mit Athelstan durch die Stra�en von Southwark hinunter zur London Bridge.</p><p>*</p><p>Rosamund Ingham erbleichte, als sie auf Sir Johns beharrliches Klopfen die T�r �ffnete. Sie blieb in der halb offenen T�r und funkelte erst den Coroner an, dann Athelstan, hinter dem Ranulf stand. �Was habt Ihr, Mistress?� begr��te Cranston sie. �Ihr seht aus, als h�ttet Ihr ein Gespenst gesehen!�</p><p>�Was wollt Ihr?�</p><p>�Ihr habt mich gestern abend gebeten, die Siegel von der T�r Eures verstorbenen Gatten zu entfernen, und deshalb bin ich hier.� Er stie� die T�r weiter auf. �Wir k�nnen doch hereinkommen, oder? Ich danke recht sehr.�</p><p>Er sah Albric in dem mit Steinplatten ausgelegten Hausflur stehen, und schon aus dieser Entfernung konnte Cranston erkennen, da� der junge Stutzer sichtlich Angst hatte.</p><p>�Dann bringe ich Euch am besten gleich hinauf zu seiner Kammer.� Rosamund hatte ihre Fassung rasch wiedergewonnen, und auf ihrem schnippischen Gesicht stand wieder ein wenig von der alten H�rte.</p><p>Athelstan winkte sie weiter. �Wenn Ihr so gut sein wolltet, Mistress.�</p><p>Cranston zwinkerte ihm zu. �F�r einen M�nch, Bruder, hast du eine nadelspitze Zunge!�</p><p>�Ordensbruder!� zischte Athelstan.</p><p>�Na, noch besser�, wisperte Cranston, als sie die Treppe hinaufstiegen.</p><p>Athelstan senkte den Blick, um Mistress Inghams wippende H�ften nicht anzustarren. Durch und durch kokett, dachte er und wu�te, da� Cranston ein gr�beres Wort benutzt h�tte. Er warf einen Blick zu seinem dicken Freund, der hinter ihm ging. Auf den Lippen des Coroners spielte ein L�cheln, aber seine hellblauen Augen waren hart vor Wut. Oben angekommen, ri� Cranston die Siegel von der T�r und stie� sie auf.</p><p>�Warum sind die hier?� Rosamund deutete mit zierlichem Finger auf Athelstan und Ranulf.</p><p>�Erstens, weil sie Beamte sind wie ich!� blaffte Cranston. �Und zweitens, Mistress, weil ich sie hierhaben will. Ihr habt doch sicher nichts dagegen?�</p><p>Rosamund schob sich zwischen Sir John und die offene T�r. �Ihr habt die Siegel abgenommen!� zischte sie. �Jetzt geht!�</p><p>�Ach, wu�tet Ihr das nicht?� Cranston zog die Brauen hoch. �Wenn der Coroner des K�nigs ein Zimmer entsiegelt, mu� er sich davon �berzeugen, da� alles so ist, wie er es verlassen hat. Ich habt doch sicher nichts dagegen?�</p><p>Die Frau pre�te die Lippen zusammen, und Cranston lie� alle Schauspielerei fallen. �Ich bin nicht als Freund des verstorbenen Sir Oliver hier�, knurrte er und warf einen Blick auf Rosamunds schwarzes Kleid. �Ich nehme an, das Requiem war kurz und s��?�</p><p>�Es war vor einer Stunde zu Ende.�</p><p>Cranston schob sie beiseite. �Ich bin der Coroner des K�nigs�, erkl�rte er. �Ich w�nsche diesen Raum zu besichtigen, und ich w�re Euch dankbar, Mistress, wenn Ihr und diese Kreatur da unten sich bereithalten w�rdet, mir gewisse Fragen zu beantworten.�</p><p>Rosamund rauschte davon, aber Athelstan sah die Angst in ihrem Gesicht und wu�te, da� Sir John recht hatte. Sie war eine M�rderin und ohne Zweifel auch verantwortlich f�r den gestrigen m�rderischen �berfall auf den Coroner. Als er Cranston in die Kammer folgte, betete er stumm, da� Rosamund und ihr windelweicher Liebhaber in die ihnen gestellte Falle gehen m�chten, und da� auch Ranulf ihre Erwartungen rechtfertigen w�rde.</p><p>Schweigend und ernst schaute Cranston sich in der Schlafkammer um. St�ubchen tanzten in dem Sonnenstrahl, der durch ein Glasfenster hereinfiel. Der Coroner �ffnete die L�den vor einem zweiten Fenster, nahm einen Schluck aus seinem Weinschlauch und erlaubte Ranulf in einem Akt beispielloser Gro�z�gigkeit, ebenfalls etwas davon zu trinken.</p><p>�So, mein Junge.� Er schlug dem Rattenf�nger auf die Schulter. �Wie w�rde es dir gefallen, zum obersten Rattenf�nger f�r die Stadtbezirke Castle Baynard, Queenshite und The Vintry ernannt zu werden?�</p><p>Ranulf strahlte vor Freude.</p><p>�Wenn es soweit ist, mein Junge, vielleicht. Aber vorher mu�t du ein paar Ratten f�r mich finden -vorzugsweise tote.�</p><p>Ranulf nahm Ferox aus seinem kleinen K�fig, den er unter dem Mantel getragen hatte. Sofort wich Cranston einen Schritt zur�ck.</p><p>�Du wei�t, was wir suchen, aber halte dieses verfluchte Biest fern von mir! Mir graut vor Frettchen. Ich kannte einen Mann, der einmal eines in seine Hose krabbeln lie�. Am Ende war er kastriert!�</p><p>Ranulf grinste und streichelte das neugierige Frettchen zwischen den Ohren. Das Frettchen starrte Cranston an, ohne mit der Wimper zu zucken.</p><p>�Oh, zum Teufel damit!� sagte der Coroner.</p><p>�Sir John, wenn Ihr Euch wirklich f�rchtet�, meinte Ranulf und deutete auf eine kleine Bank, �dann solltet Ihr vielleicht dort hinaufsteigen.�</p><p>Cranston schaute ihn mi�trauisch an, aber Ranulf verzog keine Miene.</p><p>�Lord Coroner, diesen Rat gebe ich allen meinen nerv�sen Kunden.�</p><p>�Tut lieber, was er sagt�, riet Athelstan l�chelnd. �Ihr wi�t, wie sehr Bonaventura Euch liebt. Ferox hat vielleicht �hnliche Neigungen.�</p><p>Cranston brauchte keine zweite Aufforderung; wie ein Riese stand er auf der kleinen Bank, lehnte sich mit dem R�cken an die Wand und kr�ftigte sich mit gro�en Schlucken aus dem wunderbaren Weinschlauch. Ranulf hielt Ferox an seine Lippen und fl�sterte ihm etwas ins Ohr.</p><p>�Was machst du da?� dr�hnte Cranston.</p><p>�Ich sage ihm, was er tun soll.�</p><p>�Oh, verflucht, sei doch nicht albern, Mann!�</p><p>Behutsam setzte Ranulf Ferox auf die Bodendielen. Das Frettchen schn�ffelte ein paar Augenblicke, dann lief es pfeilschnell unter das gro�e, vierpfostige Bett. Athelstan trat an den kleinen Tisch und nahm den unverschlossenen Krug in die Hand.</p><p>�Darin war der Fingerhut, sagt Ihr?�</p><p>Cranston nickte stumm, ohne das Bett aus den Augen zu lassen.</p><p>�Und Ihr sagt, er war umgesto�en und die Medizin ausgelaufen?�</p><p>�Ja, Bruder, ja, aber la� das jetzt! Was treibt dieses verfluchte Frettchen da?�</p><p>Cranstons Frage wurde beantwortet. Pl�tzlich erhob sich ein heftiges Geraschel unter dem Bett, und Ferox kam hervor. Seine kleine Schnauze war blutig, und er zerrte eine fette, langschw�nzige braune Ratte ans Licht.</p><p>�Braver Junge�, fl�sterte Ranulf.</p><p>�Das verfluchte Biest ist genauso bl�d wie du, Ranulf!� br�llte Cranston. �Er ist nicht hier, um verfluchte Ratten umzubringen, sondern um tote zu finden!� Ranulf nahm die tote Ratte, �ffnete ein Fenster und warf sie auf die Stra�e.</p><p>Ferox machte sich von neuem auf die Suche. Die Zeit verging. Athelstan beobachtete das flei�ige kleine Frettchen und versuchte, nicht zu Cranston hin�berzuschauen, der nach etlichen Schlucken aus seinem Weinschlauch auf seiner Bank ziemlich bedrohlich zu schwanken begann. Immer wieder hob Ranulf das Frettchen auf und schob es unter Schr�nke und hinter Truhen. Manchmal kehrte das Tier gleich zur�ck, dann wieder ging ein gespenstisches Rascheln los, ein markersch�tternder Schrei ert�nte, und Ferox kam mit einer toten Ratte heraus. Athelstan mu�te sich abwenden, als Cranston anfing, lautstarke Schm�hreden zu f�hren. Einmal klopfte Rosamund an die T�r. Cranston br�llte, sie solle abhauen, und befahl seinem �grinsenden M�nch�, wie er Athelstan nannte, die T�r zu verriegeln.</p><p>Endlich war Ranulf fertig. Ferox kam wieder in seinen K�fig. Cranston kletterte von seiner hohen Warte herunter, und alle drei machten sich daran, das Bett und die M�bel zu verr�cken. Ranulf stemmte sogar die Bodendielen hoch, aber sie konnten nichts finden. Schlie�lich standen alle drei mit hochroten Gesichtern und schwei��berstr�mt in der Mitte der Kammer. Cranston war sichtlich beschwingt. Er schlug Athelstan und Ranulf auf die Schultern und entschuldigte sich, weil er Ranulf angeschrien hatte.</p><p>�Ich spendiere dir den besten Rotwein in London�, schwor er. �Und f�r deinen kleinen Freund gibt's auch etwas zu trinken.�</p><p>�Er mag Malmsey, Sir John.�</p><p>�Von mir aus kann er in dem verfluchten Zeug ein Bad nehmen! Aber bist du sicher?�</p><p>Ranulf nickte.</p><p>�Wenn es so ist, sollten wir es mit dem Krug probieren.�</p><p>Er nahm den kleinen Krug, f�llte ihn aus seinem Weinschlauch bis zum Rand und hob ihn zum Mund.</p><p>�Sir John, seid Ihr sicher?�</p><p>�Ach, um Himmels willen, Athelstan, ich werde es ja gleich herausfinden.� Er trank den Krug bis zum letzten Tropfen leer. �A lea jacta est.'� erkl�rte er. �Die W�rfel sind gefallen! Jetzt la�t uns zu dem Luder hinuntergehen.�</p><p>Sie stiegen hinunter in den S�ller, wo die verbissen dreinblickende Rosamund und ein sehr viel nerv�serer Albric sa�en und auf sie warteten.</p><p>�Sir John!� Die Frau erhob sich. �Ihr seid jetzt seit einer guten Stunde in meinem Hause. Verschwindet endlich!�</p><p>�Ich bin noch nicht fertig�, kl�ffte er und trat dicht vor sie.</p><p>�Ja, was wollt Ihr denn noch? Diese l�cherlichen Anschuldigungen!�</p><p>Cranston holte tief Luft. �Rosamund Ingham und Ihr, Albric Totnes: Ich, Sir John Cranston, der Coroner des K�nigs in dieser Stadt, verhafte Euch wegen Mordes und Verrats.�</p><p>Rosamund wurde bleich und starrte ihn an. Albric plumpste auf einen Stuhl und hielt sich den Bauch; seine Augen wurden feucht, und sein Mund stand offen. Er war die leichtere Beute, das erkannte Athelstan. �Oh Herr�, intonierte er, die Psalmen zitierend, �strecke aus Deine Hand und zeige Deine Gerechtigkeit.�</p><p>Rosamund hatte die Fassung rasch wiedergefunden. �Mord? Verrat? Was soll dieser Unsinn?�</p><p>�Das wi�t Ihr ganz genau, Mistress.� Cranston holte den kleinen Krug, den er aus der Schlafkammer mitgenommen hatte, aus seinem weiten �rmel. �In Anwesenheit von Zeugen gebt Ihr zu, Mistress, da� dieser Krug die Medizin Eures verstorbenen Gemahls enthielt, eine Tinktur aus Fingerhut oder Digitalis? Eine Medizin, die, wenn ich recht verstehe, das Herz kr�ftigen kann, wenn sie in kleinen Dosen verabreicht wird?�</p><p>�Ja, so ist es. Was wollt Ihr sagen, Sir John? Da� mein Mann zuviel genommen hat? Er hat sich immer selbst eingegossen. Niemand sonst durfte den Krug anr�hren.�</p><p>Cranston nickte. �Und w�rdet Ihr mir in Gegenwart von Zeugen auch zustimmen, da� dies der Krug ist, der in der Kammer Eures Gatten blieb, als ich die T�r versiegelte, und da� Euer Gatte ihn im Todeskampf umgesto�en hat?�</p><p>�Ja, ja.�</p><p>Ein Ger�usch an der T�r veranla�te Cranston, sich umzudrehen. Er rief den alten Diener herbei.</p><p>�Gerade zur rechten Zeit, mein Freund�, dr�hnte er. �Ich k�nnte noch einen Zeugen gebrauchen. Sagt mir, Mistress� - er wandte sich wieder der Frau zu -, �habt Ihr schon einmal Fingerhuttinktur gekostet?�</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht! Sir John, Ihr habt ja getrunken.�</p><p>�Oh ja. Ja, das habe ich. Ich habe sogar aus diesem Krug getrunken.�</p><p>Athelstan warf einen raschen Blick zu Albric hin�ber. Der Mann mochte ein Feigling sein, aber seinem Gesicht war anzusehen, da� er bereits erraten hatte, worauf Cranston mit seinem Verh�r abzielte, und das schien sein Entsetzen nur zu steigern.</p><p>�Nun�, fuhr Cranston gleichm�tig fort. �Fingerhut schmeckt beinahe nach nichts. Und so habt Ihr Euren Mann ermordet. Er bewahrte den Hauptvorrat seiner Arznei in einer verschlossenen Flasche in der Speisekammer auf. Er wu�te nicht, da� Ihr vielleicht einen Monat vor seinem Tod die ganze Medizin weggesch�ttet und durch ganz harmloses Wasser ersetzt hattet.�</p><p>�Seid nicht albern. Das h�tte mein Mann doch gemerkt.�</p><p>Cranston grinste. �Und wo ist die Flasche?�</p><p>�Ich habe sie weggeworfen!� stammelte Rosamund.</p><p>�So, so�, erwiderte Cranston. �Und warum solltet Ihr das getan haben?�</p><p>�Weil sie nicht mehr gebraucht wurde.�</p><p>�Quatsch! Weil Ihr den Beweis vernichten wolltet. Er h�tte nie etwas gemerkt. Schlie�lich�, fuhr Cranston fort, �sehen wir immer nur das, was wir zu sehen erwarten. Von meinen Medizinerfreunden wei� ich, da� Fingerhut in fl�ssiger Form klar und geschmacklos ist. Vielleicht habt Ihr etwas hineinger�hrt, um die Fl�ssigkeit dicker zu machen? Worum geht's hier, Weib? Da haben wir einen Mann mit schwachem Herzen, krank vor Sorgen wegen seiner treulosen Frau, dem seit Wochen die lebensrettende Medizin vorenthalten wird. Oh ja, Sir Oliver - Gott schenke seiner Seele die ewige Ruhe - starb an einem Herzanfall. Aber Ihr habt ihn herbeigef�hrt! Bruder Athelstan hier ist Theologe.� Cranston warf einen kurzen Blick auf Albric, der zusammengesunken auf seinem Stuhl hockte, die Arme fest vor der Brust verschr�nkt. �Athelstan wird Euch erkl�ren, da� es zwei Arten von S�nde gibt: die t�tige S�nde und die S�nde der Unterlassung. Albric, du wei�t, was Unterlassung bedeutet?�</p><p>Der junge Stutzer sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es bedeutet, du hinterlistiger kleiner Schei�er, da� du eine b�se Tat begehst, indem du etwas nicht tust. Du kannst einen Mann ermorden, indem du ihn in den Flu� wirfst. Aber du kannst ihn auch ermorden, indem du ihn nicht herausziehst.�</p><p>�Was f�r Beweise habt Ihr?� wollte Rosamund wissen.</p><p>�Genug, um Euch zu h�ngen�, versetzte Cranston scharf und trat vor. �Seht Ihr, als Euer Gemahl starb, mitten in seinem Herzanfall, da schlug er um sich und stie� mit der Hand den Medizinkrug um, so da� die Fl�ssigkeit herausflo�. Nun ist dieses Haus voller Ratten, und die Tiere sind neugierig und hungrig.� Cranston konnte vor Wut kaum sprechen.</p><p>�Mylord Coroner will sagen�, sprang Athelstan ihm ruhig bei, �wenn eine Ratte den Leichnam eines Menschen anknabbert, dann wird sie ganz sicher jede Fl�ssigkeit aufschlecken, die sie findet. Ich habe mir den Tisch angeschaut�, log er, �und dieser berufsm��ige Rattenf�nger hat es ebenfalls getan. Auf dem Tisch sind Spuren von Ratten. Ihre Spuren und auch ihr Kot finden sich �berall in dieser Kammer.� Er warf Ranulf einen Blick zu, und der nickte weise. �Was noch wichtiger ist�, fuhr er fort, �und mein guter Freund hier wird es beschw�ren: Wenn eine Ratte Fingerhuttinktur trinkt, dann wird sie gleich sterben. Aber wir haben keine toten Ratten in der Kammer gefunden.� Athelstan bem�hte sich um eine �berzeugende Miene. Er bluffte, denn kein Richter w�rde jemanden aufgrund solcher Beweise verurteilen. Als er Albric st�hnen h�rte, setzte sein Herz fast aus. Der junge Mann l�ste die verschr�nkten Arme und wollte aufstehen.</p><p>�Das ist Unsinn!� fauchte Rosamund, und ihre Augen schimmerten triumphierend. �Erstens k�nnte sich die Ratte fortschleichen, um irgendwo zu verrecken, und tote Ratten haben wir im Haus schon gefunden, nicht wahr, Albric?� Der junge Mann war totenbleich; er nickte nur.</p><p>�Unm�glich!� Ranulf hatte die Lage erkannt und ergriff nun das Wort. �Fingerhut t�tet eine Ratte auf der Stelle, das schw�re ich. Ja, ich k�nnte es Euch sogar vorf�hren.�</p><p>Albric setzte sich wieder und starrte Athelstan furchtsam an.</p><p>�Ihr habt von Verrat gesprochen.� Rosamund redete hastig, um ihre Verwirrung zu �berspielen.</p><p>�Ja, das habe ich�, sagte Cranston leise. �Gestern nacht wurde ich von Strauchdieben �berfallen. Ich schlug sie in die Flucht, aber einen konnte ich gefangennehmen�, log er. �Er hat mir gestanden, da� Ihr sie gedungen hattet, um mich zu ermorden.�</p><p>�Unfug!�</p><p>�Er hat Euren Namen genannt.�</p><p>�Ach, das ist l�cherlich!� h�hnte sie. �Ihr wollt mich beschuldigen, ich h�tte drei Strauchdiebe gedungen?�</p><p>Cranston grinste. �Woher wi�t ihr, da� es drei waren?�</p><p>Der Hohn in Rosamunds Miene erstarb.</p><p>�Dich haben sie auch genannt.� Cranston nickte Albric zu.</p><p>�Das kann nicht sein!� zischte der junge Mann und funkelte Rosamund w�tend an. �Du hast gesagt, es besteht keine Gefahr dabei.�</p><p>�Oh, halt dein Maul, du Dummkopf!� Sie setzte sich und schlug die H�nde vors Gesicht.</p><p>Athelstan atmete aus; er merkte, da� er sich die Fingern�gel in die Handfl�chen gebohrt hatte. Er trat zu dem jungen Mann.</p><p>�Gesteht�, sagte er leise. �Macht Euch zum Zeugen der Krone, und wer wei�, was der Coroner alles f�r Euch tun kann.�</p><p>Athelstan hockte sich nieder und t�tschelte dem jungen Mann die Hand. Albric starrte nur zu Boden, und er richtete sich wieder auf.</p><p>�Ich werde gestehen�, murmelte Albric.</p><p>Rosamund reckte Athelstan ihr tr�nennasses, ha�erf�lltes Antlitz entgegen. �Halt's Maul, du verfluchter Pfaffe! Du zerlumpter Halbmann! Ich hab's f�r dich getan!� zischte sie Albric zu. �F�r dich habe ich's getan!�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Wir sind fertig miteinander�, fl�sterte er.</p><p>Cranston wandte sich um und winkte den Diener herbei. �Schnell, geh die Stra�e hinunter. In der Schenke zum Mond und K�fig findest du vier Wachsoldaten. Die bringst du sofort her!�</p><p>Der Hausdiener eilte davon. Athelstan und Cranston gingen zur Haust�r und warteten auf die vier Soldaten der Stadtwache. Cranston erteilte ihnen fl�sternd ein paar Anweisungen, dann ging er mit seinem Gef�hrten hinaus, w�hrend Rosamunds Zorn sich zur Hysterie steigerte. Rasend vor Wut kreischte sie Cranston und Athelstan hinterher, als die Soldaten sie und Albric in die Ketten legten, die sie mitgebracht hatten.</p><p>Drau�en auf der Stra�e blieb Cranston stehen. Seine Augen schwammen in Tr�nen. �Ich bringe kein Wort hervor�, sagte er, sch�ttelte Athelstan und dann Ranulf f�rmlich die Hand und wischte sich eine Tr�ne ab. �Kommt. Bei Olivers Totenmesse war ich nicht dabei, aber zu seinem Grabtrunk will ich euch einladen.� Er deutete auf Ferox, der jetzt friedlich in seinem K�fig d�ste. �Und unser kleiner Freund hier darf betrunken nach Hause gehen.�</p></section><section><title><p><strong>Zehn</strong></p></title><p>Eine Stunde sp�ter taumelte Ranulf ziemlich betrunken - mit einem Frettchen, das nicht minder beschwipst war - aus der Taverne zum Mond und K�fig hinaus und murmelte, er m�sse jetzt zur�ck nach Southwark.</p><p>Cranston schaute dem Rattenf�nger nach und wurde gef�hlvoll.</p><p>�Ein feiner Mann, Bruder. Ich habe deine Gemeinde immer eine S�nderbande genannt, aber da geht ein pr�chtiger Mann.�</p><p>�S�nder sind wir alle�, antwortete Athelstan. �Aber wei� Gott, wenn ich an Mistress Rosamund denke, so ziehe ich doch eine feine Grenze zwischen denen, die aus Schw�che straucheln, und denen, die aus Bosheit s�ndigen.�</p><p>�Womit wir wieder bei den Morden im Rathaus w�ren, was?� trompetete Cranston und behielt dabei den Reliquienh�ndler im Auge, der in einer Ecke der Schankstube seinen unrechtm��ig erworbenen Gewinn verzehrte.</p><p>Athelstan berichtete kurz von seiner Unterredung mit Pike, dem Grabenbauer. Cranston h�rte zu, schmatzte und schnupperte, als w�rzige D�fte aus der K�che hereinwehten.</p><p>�Pike soll sich vorsehen�, grollte er dann. �Ein Mann, der mit den F��en rechts und links von einer Flamme steht, verbrennt sich leicht die Eier. Ach, �brigens, da wir gerade von Gefahren reden: Hat Lady Benedicta dieses kleine Teufelsweib abgeholt?�</p><p>�Inzwischen, Sir John, m��te sie eigentlich wohlbehalten bei den Minoritinnen sein.�</p><p>�Schlimme Sache, das�, murmelte Cranston. �Wei�t du, Bruder, in diesem Haus gab es etwas B�ses.�</p><p>�Nun, damit ist es aus�, erkl�rte Athelstan halbherzig; er mu�te Cranston recht geben, hatte aber wegen des Geschehenen immer noch Gewissensbisse. �Aber zu dieser Sache im Rathaus �� Er strich mit der Fingerspitze �ber den Rand seines Bechers. �Euch ist klar, Sir John, da� diese Morde anders sind als die, die wir sonst untersucht haben? Ihr wu�tet, da� Sir Oliver ermordet worden war. Jemand im Hause hatte ihn umgebracht. Das gleiche galt f�r die anderen Verbrechen, die wir aufgekl�rt haben, sei es der Fall im Hause Springall oder der Mord an Sir Ralph Whitton im Tower am vergangenen Weihnachtsfest.� Athelstan redete sich warm. �Wi�t Ihr, Sir John, solche Verbrechen haben ihren Ursprung nicht in b�sem Blut, sondern in hei�em Blut. Ein politischer Mord aber ist etwas anderes. Da ist kein pers�nlicher Groll im Spiel, keine boshafte Freude angesichts der Vernichtung des Feindes, sondern reine Zweckm��igkeit. Und damit haben wir es jetzt zu tun: Der Tod Mountjoys und Fitzroys wurde kalten Blutes beschlossen und sollte Lord Gaunts Pl�ne st�ren.�</p><p>Athelstan rieb sich die Lippen, und bevor Cranston noch mehr Wein bestellen konnte, schickte er den Schankburschen wieder weg. �Bedenkt, Sir John, ein Mord ist wie ein Schachspiel. Man macht einen Zug, und der Gegenspieler macht einen Zug. Fr�her oder sp�ter begeht einer einen Fehler, oder es er�ffnet sich ein Weg, der zur Wahrheit und zum Ende des Spiels</p><p>f�hrt. Aber hier k�nnte jeder unser Gegenspieler sein.� Athelstan strich sich ein paar Kr�mel von der Kutte. �Drei Morde�, murmelte er. �Wir wissen, da� sie tot sind, aber wir wissen wenig mehr. Wie wurde Fitzroy vergiftet, wenn er doch a� und trank, was alle anderen a�en und tranken? Wie konnte Mountjoy in der Abgeschiedenheit seines eigenen Gartens erstochen werden? Und Sturmey? Gerade noch steht er am Kai - und im n�chsten Augenblick schwimmt er mit einem Dolch in der Brust in der Themse.� Athelstan verstummte, als lautes Schnarchen seine Worte beantwortete. Er sah Sir John an, und der hatte den Kopf zur�ckgelegt und die Augen geschlossen. Ein seliges L�cheln lag auf seinem Gesicht. �Sir John! Herr im Himmel!� fl�sterte Athelstan und stie� ihn an. �Man findet nicht mal Eure Rippen, so fett seid Ihr!�</p><p>�F�llig�, erwiderte Sir John, �ffnete die Augen und leckte sich die Lippen. �Ich bin f�llig, Athelstan.� Er tippte sich an die rote, fleischige Nase. �Vergi� nicht, Bruder, der Lord Coroner mag d�sen, aber er schl�ft niemals. Was willst du wissen?�</p><p>�Sturmey � Ihr wu�tet etwas aus seiner Vergangenheit?�</p><p>�Wei� Gott! Aber ich komme nicht drauf�, knurrte Cranston und stand auf. �Wir m�ssen noch einmal in seine Werkstatt gehen.�</p><p>�Ich dachte, Gaunts Leute h�tten sie versiegelt?�</p><p>�Ja, aber ich habe die Erlaubnis des Regenten, die Siegel zu entfernen, wenn Lord Clifford dabei ist.�</p><p>�Ich hatte gehofft, ich k�nnte nach Southwark zur�ck.�</p><p>�Kannst du aber nicht. Gottes Werk will hier getan werden. Komm schon, Bruder.�</p><p>Athelstan folgte Cranston hinaus und sah, wie der Coroner absichtlich den heftig trinkenden Reliquienh�ndler anrempelte.</p><p>�Ich hasse solche Mistkerle!� raunte er, als sie vor der Schenke standen. �Wenn es nach mir ginge, w�rde die ganze Bande aus der Stadt verjagt. Sie verkaufen soviel Holz vom wahren Kreuz Christi, da� man daraus eine ganze Flotte von Schiffen bauen k�nnte.�</p><p>Athelstan sah, da� der Coroner schlechte Laune bekam; er hakte sich bei ihm unter und lenkte das Gespr�ch behutsam in ruhigere Gew�sser mit der Frage, wann Lady Maude wohl zur�ckkehren werde. Bald hatten sie Lord Cliffords Haus gefunden, ein h�bsches, dreigeschossiges Geb�ude in der Parchment Lane. Aber der junge Edelmann war nicht da.</p><p>�Er ist zum Arzt gegangen�, erkl�rte ein livrierter Diener und f�hrte sie in einen kleinen, behaglichen S�ller. �Aber er erwartet Euch, Sir John.�</p><p>Athelstan lehnte die angebotene Erfrischung h�flich ab, aber Cranston lie� sich nicht zweimal bitten. Er lehnte sich auf dem gepolsterten Sessel zur�ck, nippte am Rotwein und bewunderte unverhohlen den Luxus im Zimmer. Athelstan, der im stillen betete, Sir John m�ge nicht zuviel trinken, betrachtete gleichfalls die R�stung, die geschmackvoll ringsum an den W�nden verteilt war: ein paar gekreuzte Handschuhe, ein Schild, zwei Hellebarden sowie etliche verschn�rkelte und wundersch�n geschnitzte B�gen und Armbr�ste.</p><p>�Ein reicher Mann�, bemerkte Athelstan.</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Sir John. �Ich habe mit seinem Vater gedient; er hat eine Gruppe von Bogensch�tzen nach Frankreich gef�hrt. Ein wilder Soldat, m�ge er in Frieden ruhen -, und jetzt verfolgt sein Sohn so hohe Ziele.�</p><p>Athelstan warf einen Blick auf die dicken Wollteppiche, die den gl�nzenden Eichenboden bedeckten, und das Silber auf der blanken Tischplatte, funkelnd im Sonnenlicht, das durch ein buntes Glasfenster hereinfiel. Warum wollten M�nner wie Lord Adam, der so viel hatte, immer noch mehr haben? Seine Betrachtungen wurden j�h unterbrochen, als Clifford hereingest�rmt kam. Er warf einem Diener seinen Mantel zu und kam her�ber, um ihnen freundlich die Hand zu sch�tteln. Athelstan sah die Schrammen und Bluterg�sse im Gesicht des jungen Mannes und merkte auch, wie steif er die Schultern hielt.</p><p>�Seid Ihr schlimm verletzt?� fragte der Bruder, als die Begr��ung vor�ber war.</p><p>Clifford grinste und verzog dann das Gesicht. �Ein paar Schrammen und blaue Flecken im Gesicht. Das Schlimmste ist eine Dolchwunde in der Schulter.�</p><p>�Das Werk des Ira Dei?�</p><p>�Ohne Zweifel. Ich wurde bewu�tlos geschlagen, bevor die Wache mich rettete. Die Schweine haben mir sogar eine Nachricht an den Mantel geheftet.�</p><p>�Was stand darauf?�</p><p>��Fordere nicht heraus den Zorn Gottes!�� Vorsichtig bewegte Clifford die Schulter. �Mir ist es schnuppe. Wer mich aufhalten will, braucht schon mehr als ein paar W�stlinge�, bemerkte er trocken.</p><p>Er bot weitere Erfrischungen an, aber Athelstan wies darauf hin, da� die Zeit verging.</p><p>�Sir John�, erkl�rte er, �m�chte Sturmeys Werkstatt aufsuchen, die Siegel des Regenten abnehmen und alles durchsuchen.�</p><p>Clifford war einverstanden, und sie traten hinaus in das Gewimmel des Marktes. Clifford plauderte �ber Gaunts Entschlossenheit, das B�ndnis mit den Gildeherren zu erneuern.</p><p>�Sprecht leise und haltet die Hand auf der B�rse�, riet Cranston und grinste Athelstan an. �Ich glaube, ganz Southwark ist hier.�</p><p>Der Bruder sah sich um. An den St�nden herrschte reges Treiben, und das Gebr�ll der Lehrlinge war ohrenbet�ubend. �St.-Thomas-Zwiebeln!�</p><p>�Frisches Brot!�</p><p>�Hei�e Pasteten!�</p><p>�Nadeln und Spangen f�r eine Dame!�</p><p>�Eine Kappe f�r Euch, Sir!� Ganz London, Edelleute in Seide und Bauern in Sackleinen, dr�ngten sich um die St�nde, und Athelstan sah die scharfgeschnittenen Gesichter von Gaunern, Taschendieben und Beutelschneidern bei der Arbeit. Er war schon so oft mit Cranston durch die Stadt gelaufen, da� er inzwischen genauso geschickt wie der Coroner den Dieben bei ihrer verstohlenen Arbeit zusah - wie sie unentwegt �ber den Marktplatz streiften und nach Opfern Ausschau hielten. Auch jetzt waren diese kleinen Verbrecher besch�ftigt, offensichtlich blind f�r die Strafen, die an den Prangern und Schandpf�hlen der Cheapside vollzogen wurden: Marktb�ttel ketteten dort M�nner und Frauen an und h�ngten ihnen plumpe Schilder um den Hals, auf denen die Litanei ihrer Missetaten stand, sei es nun, da� sie von kostbaren Gew�ndern die Kn�pfe abgeschnitten oder da� sie sich als Knochen- und Lumpensammler nicht gescheut hatten, alles mitzunehmen, was irgendwo von einem Stand gefallen war.</p><p>Ein Abla�h�ndler stand mit schmierigen Schriftrollen in den H�nden vor dem Marktkreuz und bot Nachla� der S�nden f�r jeden feil, der f�r die Schatztruhen des Papstes spendete. H�ker verkauften verbogene L�ffel, rostige Blechbecher und anderen Kleinkram. Huren paradierten umher und hatten dabei ein wachsames Auge auf die Bezirkskonstabler. Wasserh�ndler boten frischen Trunk feil und vertrieben die Hunde, die an ihren Eimern saufen wollten, und die zerlumpten Stra�enjungen, die um einen kostenlosen Schluck bettelten. Ein Hinrichtungskarren bahnte sich einen Weg durch die Menge; ein M�nch mit schwarzer Kutte ging ihm voraus und murmelte Gebete f�r die Todgeweihten. Drei verurteilte Verbrecher sa�en auf ihren billigen Pfeilkistens�rgen und schrien der kleinen zerlumpten Schar ihrer Freunde und Bekannten Abschiedsgr��e zu. Diese begleiteten die Verurteilten zum Galgen und h�ngten sich dort an ihre Beine, um so f�r einen raschen Tod zu sorgen. Hin und wieder wurde Cranston von ehrenwerten B�rgern erkannt und gegr��t oder mit finsteren Blicken und einem Schwall von Obsz�nit�ten von denen bedacht, die schon einmal die fette Hand des Coroner im Nacken gesp�rt hatten.</p><p>Endlich bogen sie in die Ironmonger Lane ein. Sturmeys Werkstatt war mit Brettern vernagelt, aber die blasse Magd und der geschw�tzige Lehrling lie�en sie ein.</p><p>�Sein Sohn ist noch nicht aus dem Norden zur�ck�, erz�hlte der Junge ihnen. �Aber je eher er kommt, desto eher kann ich zu einem neuen Meister.�</p><p>Cranston t�tschelte ihm den Kopf und dr�ckte ihm einen Penny in die Hand. Clifford zog seinen Dolch, durchschnitt das Siegel des Regenten und schlo� mit den Schl�sseln, die von den Beh�rden beschlagnahmt worden waren, die Werkstatt auf. Mit der kundigen Unterst�tzung des jungen Lehrlings machten sie sich daran, die Berge weggeworfener Schl�ssel zu durchsuchen. Athelstan pr�fte das Rechnungsbuch des toten Schlossers, aber nach einer Stunde hatten sie nichts Interessantes gefunden.</p><p>Clifford verzog das Gesicht, weil seine Schulter ihn schmerzte, und er stampfte ver�rgert mit dem Fu� auf.</p><p>�Sturmey mu� einen zweiten Satz Schl�ssel angefertigt haben. Aber wie und wo, das ist ein Geheimnis, Sir John.�</p><p>Cranston betrachtete das Engelsgesicht des jungen Lehrlings. Eine vage Erinnerung regte sich in seinem Kopf.</p><p>�Wie lange hast du Meister Sturmey gedient?� fragte er ihn.</p><p>�Es ist jetzt drei Jahre her, Sir, da� meine Mutter den Vertrag mit ihm gemacht hat, und drei Jahre habe ich noch vor mir.�</p><p>Cranston nickte weise. �Und dein Meister hat immer hier gearbeitet?�</p><p>�Oh ja, hier oder im Garten.�</p><p>�Und er bekam nie Besuch?� l�chelte Cranston. �Von diesem jungen Edelmann hier, zum Beispiel?�</p><p>Der Bursche schaute Clifford an und sch�ttelte den Kopf. �Nein, nein. Es kamen immer nur der B�rgermeister und der Sheriff.�</p><p>Athelstan verlie� die Werkstatt und ging den Korridor hinunter. Er l�chelte der jungen Magd in der K�che zu und ging durch die Hintert�r hinaus. Der Garten war gut gepflegt mit einem kleinen Rosengeb�sch, einem Gem�sebeet sowie Blumen und Kr�utern, Iris, Lilien, Primeln und Kornblumen, die einen kleinen Teich umstanden. Die Luft war vom s��en Duft der Kr�uterbeete erf�llt: Kamille, Fenchel, Lavendel, sogar ein wenig Ysop und Majoran wuchsen dort. Athelstan sah ein kleines Backsteinh�uschen am Ende des Gartens und folgte dem Pfad dorthin. �berrascht stellte er fest, da� die schwere T�r verriegelt und mit einem Vorh�ngeschlo� gesichert war. Er kehrte ins Haus zur�ck und fragte den Jungen nach dem Schl�ssel. Der sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Den hat Master Sturmey extra aufbewahrt�, erkl�rte er. �Wir durften dort nie hinein.�</p><p>Neugierig geworden, folgten Cranston und Clifford Athelstan hinaus in den Garten. Der Coroner hatte Hammer und Mei�el von einer Werkbank mitgenommen und machte kurzen Proze� mit dem Vorh�ngeschlo�. Im Innern des steinernen Schuppens roch es muffig. Cranston stie� die Fensterl�den auf und schaute sich um. Er sah eine Werkbank und ein paar Truhen. Grinsend deutete er auf eine kleine Esse.</p><p>�Hier hat er die Schl�ssel gemacht�, erkl�rte er und hatte mit Hammer und Mei�el die Truhen im Handumdrehen ge�ffnet. Darin lagen alle Werkzeuge, die ein Schlosser ben�tigte: Blei- und Stahlstreifen, Gu�eisen und Schl�sselrohlinge. Cranston w�hlte in einer der Truhen und f�rderte eine Gie�form zutage, die absichtlich zerschlagen worden war. Er gab sie Clifford.</p><p>�Wenn Ihr damit zum Lord Regenten geht, dann werdet Ihr feststellen, da� Sturmey diese und andere benutzt hat, um einen zweiten Satz Schl�ssel herzustellen; das ist so sicher, wie Katzen gern Milch trinken.�</p><p>�Aber f�r wen hat er das gemacht?� fragte Clifford.</p><p>�Ah, das ist das R�tsel.�</p><p>Cranstons Blick fiel auf ein kleines Buch, das tief im Dunkel der Truhe lag. Er nahm es heraus, w�hrend Clifford in den Garten hinausging, um die Bruchst�cke der Gie�form genauer zu untersuchen. Cranston bl�tterte in dem Buch. Erst hielt er es f�r ein kleines Stundenbuch, aber dann sah er die geschickt gezeichneten Illustrationen und schob es in seinen �rmel. Jetzt kannte er Master Sturmeys dunkles Geheimnis.</p><p>Clifford war aufgeregt �ber den Fund, den Cranston gemacht hatte, und konnte es kaum erwarten davonzueilen. Er �berlie� es Cranston und Athelstan, dem Lehrling und der Magd zu danken.</p><p>Als sie das Haus verlassen hatten, zeigte Cranston dem Bruder das Buch. Athelstan bl�tterte die feinporigen Pergamentseiten um und pfiff leise, als er die Bilder betrachtete, die ein geschickter K�nstler gemalt hatte. Knaben und junge M�nner, nackt, wie sie zur Welt gekommen waren, in vielf�ltigen Posen. Manche k�mpften mit Schwertern, eine Gruppe r�kelte sich auf Brokatpolstern, und zwei �bten sich im Speerwerfen. Andere Bilder waren gewagter: junge M�nner, die einander wuschen oder Umarmungen und K�sse austauschten.</p><p>�Meister Sturmey hatte in der Tat ein Geheimnis�, fl�sterte Athelstan. �Ein solches Buch k�nnte einen Mann auf den Scheiterhaufen bringen.�</p><p>Cranston tippte sich an die Nase.</p><p>�Ich wu�te, da� ich's hatte. Komm, Athelstan.�</p><p>Er marschierte zur�ck zur Cheapside, und der Bruder mu�te traben, um mit dem unerwartet eiligen Coroner Schritt zu halten. Aber wenige Schritte vor dem Haus des Coroner hielt Leif, der Bettler, sie auf.</p><p>�Seid auf der Hut, Sir John!� raunte er dramatisch. �Seid auf der Hut!�</p><p>�Was redest du da, du alberner Kerl?�</p><p>�Lady Maude ist wieder da.�</p><p>Cranstons Unterkiefer klappte herunter. �Dann ist sie vor der Zeit zur�ckgekommen�, fl�sterte er. �Oh mein Gott, sie wird die verdammten Hunde sehen!�</p><p>�Sie ist in ganz seltsamer Stimmung�, erkl�rte Leif mit d�sterer Miene; er hatte M�he, seine Schadenfreude zu verbergen.</p><p>�Domina Maude ist immer in ganz seltsamer Stimmung�, knurrte Cranston und sp�hte sehns�chtig �ber die Cheapside zum �Heiligen Lamm Gottes� hin�ber.</p><p>�Oh nein, Sir John!� warnte Leif, dem das alles gro�en Spa� machte. �Lady Maude bestand mit Nachdruck darauf, da� ich vor dem �Heiligen Lamm Gottes� Wache stehen und Euch auf der Stelle nach Hause schicken soll.�</p></section><section><title><p><strong>Elf</strong></p></title><p>Athelstan bekam Mitleid, denn aller Lebensmut schien den alten Cranston verlassen zu haben. Der Coroner stand da und kratzte sich den kahlen Sch�del wie ein kleiner Junge, der beim Apfelstehlen ertappt worden war.</p><p>�Kommt, Sir John�, fl�sterte Athelstan. �Ich bleibe bei Euch. Lady Maude wird es kaum wagen, die Hand gegen die Heilige Mutter Kirche zu erheben.�</p><p>�Domina Maude w�rde selbst Gott herausfordern, wenn sie ihre Sache f�r gerecht h�lt.�</p><p>Cranston blinzelte, holte tief Luft, schob Leif beiseite und schlich sich wie ein Verurteilter ins Haus. In der T�r blieb er stehen, nahm noch einmal einen gro�z�gigen Schluck, dann hob er den Finger an die Lippen, ging auf Zehenspitzen durch den Hausflur und sp�hte in die K�che.</p><p>�Stillgesessen!� Lady Maude stand am Tisch. Gog und Magog sa�en vor ihr wie zwei Statuen. Domina Maude war in vollem Schwung und hielt den beiden Hunden eine kernige Rede �ber die Regeln in diesem Hause. Athelstan schaute dem Coroner �ber die Schulter und sah, da� die beiden Hunden ebenso viel Angst vor Lady Maude hatten wie ihr neugefundener Herr. Hinter den Hunden stand ein stocksteifer Boscombe und nickte ab und zu beif�llig zu dem, was Lady Maude sagte.</p><p>Cranston h�stelte und betrat die K�che. Lady Maude drehte sich um. Sie war kaum mehr als f�nf Fu� gro�, und Athelstan hatte noch nie zuvor eine Frau gesehen, die doppelt so gro� wirken konnte, wie sie tats�chlich war.</p><p>�Sir John!� rief sie honigs��. �Ich bin schon fr�her nach Hause gekommen!�</p><p>Z�gernd ging Cranston auf sie zu und umklammerte seine Biberm�tze.</p><p>�Liebes Weib�, stammelte er, �du bist mir �beraus willkommen. Und die Kerlchen?�</p><p>�Sind oben bei ihrer Amme und schlafen tief und fest. Nein, Sir John� - Cranston hatte sich umgedreht �, �du wirst sie in Ruhe lassen.� Sie trat vor. �Ich habe beschlossen, zur�ckzukommen, weil du mir gefehlt hast.� Sie l�chelte. �Und ich habe eine gute Nachricht. Mein Bruder Ralph, seine Frau und seine Kinder kommen vielleicht nach St. Michaelis zu uns.�</p><p>Cranston wagte nicht, sein starres L�cheln aufzugeben.</p><p>�Oh, Rattenschei�e!� hauchte er.</p><p>Lady Maude kam noch n�her. Sie erhob sich auf die Zehenspitzen und gab ihrem Mann einen Ku� auf jede Wange; dann wandte sie sich Athelstan zu und gab ihm die Hand. Der Bruder sah das L�cheln im Blick der kleinen Frau.</p><p>�Sir John hat sich gut benommen, Bruder?�</p><p>�Wie ein rechtschaffener Mann, Lady Maude.�</p><p>Ihr L�cheln wurde breiter, als sie den sanften Sarkasmus in Athelstans Stimme h�rte. Cranston stand stocksteif da und starrte erst Gog und Magog, dann Boscombe an. Die Hunde beachteten ihn nicht; sie starrten Lady Maude unverwandt an, aber Boscombe erwiderte seinen Blick mit glasigen Augen.</p><p>�Du hast unsere G�ste kennengelernt, Lady Maude?� fragte Cranston.</p><p>�G�ste!� rief seine Frau. �Sir John, sie geh�ren zur Familie. Master Boscombe ist ein seltenes Juwel.�</p><p>�Und die Hunde?�</p><p>�Sie wissen jetzt, wo ihr Platz ist, wie das jeder in diesem Hause wissen sollte.�</p><p>Cranston stand noch kerzengerader, als er den warnenden Unterton in den Worten seiner Frau h�rte. Maude ergriff unvermittelt seine Hand.</p><p>�Du bist ein guter und gro�z�giger Mann�, sagte sie leise. �Ich w�re b�se geworden, wenn du anders gehandelt h�ttest. Wie k�nnte man einen Mann wie Boscombe auf die Stra�e werfen und zwei so sch�ne Gesch�pfe Gottes grausam vernichten? Ich mag den Lord Regenten nicht, und Boscombe hat mir von der Sache im Rathaus berichtet.�</p><p>Cranston warf ihm einen schnellen Blick zu. Der Diener hatte geschworen, �ber den �berfall in der Gasse zu schweigen. Boscombe, der immer noch glasig blickte, sch�ttelte kaum merklich den Kopf. Cranston entspannte sich, als er sah, woher der Wind wehte; er zog den Mantel aus, warf ihn �ber den Tisch und umarmte seine Frau wie ein B�r.</p><p>Das war das Signal: Nun brach das Chaos aus. Die Hunde fingen an zu heulen, Boscombe wurde f�rsorglich. Lady Maude bestand darauf, da� Cranston sich auf seinen hochlehnigen Stuhl setzte und Athelstan ihm gegen�ber Platz nahm, w�hrend sie ihrem �Herrn und Meister� die passenden Erfrischungen servierte.</p><p>Endlich legte sich das Durcheinander. Sir John und Athelstan tauschten Neuigkeiten und Klatschgeschichten mit Lady Maude. Eine schwitzende Magd brachte die beiden Kerlchen herunter; sie schrien ihren Vater, der sie auf den Knien schaukelte, aus Leibeskr�ften an, bis sie vor Wut immer r�ter wurden. Athelstan betrachtete die strammen S�uglinge und warf dann einen bewundernden Blick auf Lady Maude. Insgeheim fragte er sich, wie ein so zartes Wesen zwei Kinder hatte zur Welt bringen k�nnen, die er f�r die st�mmigsten Babys hielt, die er je gesehen hatte. Sie glichen einander wie ein Ei dem anderen mit ihren dicken Backen und kahlen K�pfen.</p><p>Gog und Magog kamen herbei, schnupperten, stupsten und leckten - bis sogar Cranston, der solch liebevolles Chaos geno�, erkl�rte, nun sei es genug, und zum R�ckzug in seine Kanzlei blies. Als er und Athelstan wohlbehalten in dem angekommen waren, was er sein �Heiligtum� nannte, lehnte der Coroner sich an die T�r und wischte sich den Schwei� von der Stirn.</p><p>�Gott sch�tze uns�, sagte er leise. �Gottlob geruhte die Domina, gn�dig zu sein. Glaub mir, Bruder, der alte John Cranston hat vor nichts Angst - au�er vor Domina Maude und ihrer Wut.�</p><p>Von Ferox und Bonaventura einmal nicht zu reden, dachte Athelstan, aber das behielt er f�r sich.</p><p>�Nun�, begann Cranston, �wollen wir einen Blick in meine Akten werfen.� Er klappte den Deckel einer gro�en, eisenbeschlagenen Truhe auf, grub darin wie ein gro�er Hund und warf allerlei Pergamente �ber die Schulter hinter sich. Murmelnd und fluchend entrollte er eine Schriftrolle nach der anderen, nur um sie beiseite zu werfen.</p><p>�Endlich!� kr�hte er dann triumphierend und hockte sich mit dem R�cken zur Wand auf den Boden. Er las die Pergamentrolle, studierte gierig ihren Inhalt; hin und wieder schrie er auf und schlug sich auf den Schenkel.</p><p>�Schmutzige kleine Geheimnisse! Und der alte John kennt sie alle.� Er stand auf, warf Athelstan das Pergament zu und ging hinaus an die Treppe, um Boscombe zu rufen.</p><p>�Geh hinauf zum Rathaus�, befahl er, �und sag dem B�rgermeister und den Gildeherren, der Lord Coroner w�nsche sie unverz�glich zu sprechen, wegen der Geheimnisse des Master Sturmey.� Er grinste den bleichen Diener an. �Guck nicht so �ngstlich! Du richtest ihnen aus, was ich dir gesagt habe, und beobachtest ihre Gesichter. Ich bin in einer Stunde im Ratszimmer.�</p><p>Cranston wandte sich ab und r�umte sein Arbeitszimmer auf, w�hrend Athelstan auf einem Schemel sa� und das Pergament las.</p><p>�Das kann ich nicht glauben�, murmelte er.</p><p>�Oh doch.� Cranston grinste b�se. �Wo Reichtum ist, da ist auch S�nde. Und sie sind alle auf die eine oder andere Weise darin verwickelt.�</p><p>Athelstan las weiter. Das Pergament war zwei Fu� lang, die Schrift klein und dicht. Das Ganze enthielt Memoranden und Berichte, Nachrichten und Abrechnungen. Athelstan mu�te schlie�lich damit zum Fenster gehen, um es genauer zu studieren.</p><p>�Ist Euch noch ein Name aufgefallen, Sir John?�</p><p>�Welcher?�</p><p>�Ein Master Nicholas Hussey, Chorist in St. Paul.�</p><p>Cranston kam herbei und las die Zeile �ber Athelstans Zeigefinger.</p><p>�Bei den Eiern des Teufels!� hauchte er. �Bruder, du hast recht.�</p><p>Athelstan las weiter. Boscombe kam zur�ck und grinste von einem Ohr zum anderen; die Gildeherren und der B�rgermeister wollten Sir John sogleich empfangen, meldete er. Schnaubend wie ein Stier packte Cranston seinen Mantel und rannte geradezu die Treppe hinunter. Er rief Lady Maude ein Lebewohl zu und marschierte dann mit b�sem Grinsen auf den Lippen die Cheapside hinauf. Athelstan hastete hinterher; er versuchte immer noch, den Bericht zu Ende zu lesen, gab aber schlie�lich auf und stopfte die Pergamentrolle in die Ledertasche zu seinem Schreibwerkzeug.</p><p>�Das wird mir Spa� machen�, sagte Cranston leise. �Beobachte nur ihre Gesichter, Athelstan.�</p><p>Der B�rgermeister und die Gildeherren warteten in der Ratskammer. Athelstan sah, da� die Diener fortgeschickt worden waren; keine Erfrischungen wurden angeboten, als Cranston und er mit knappen Worten aufgefordert wurden, an dem gro�en ovalen Tisch Platz zu nehmen. Goodman sah noch glubsch�ugiger und banger aus als sonst. Sudbury und Bremmer waren sichtlich in Schwei� geraten. Marshall kratzte sich den kahlen Sch�del und wollte ihnen nicht in die Augen sehen, und Denny hatte alles Stutzergebaren fallengelassen und starrte Sir John so unverwandt an wie ein erschrockenes Kaninchen, das sich einem Hermelin gegen�bersieht.</p><p>Goodman r�usperte sich. �Sir John, Ihr wolltet uns sehen?�</p><p>�Verdammt, das kann man wohl sagen!� Cranston legte seine massigen Arme auf den Tisch. �Wir wollen nicht um den hei�en Brei reden. Meister Sturmey, der Schlosser, wurde beauftragt, eine besondere Truhe f�r die Goldbarren zu bauen. Sie wurde mit sechs verschiedenen Schl�ssern ausgestattet. Jeder von Euch hatte einen Schl�ssel, und doch wurde das Gold herausgenommen. Sturmey ist tot, und bevor Ihr fragt:</p><p>Jawohl, er wurde ermordet, weil ihn jemand gezwungen hatte, einen zweiten Satz Schl�ssel zu machen.� Cranston wischte sich mit dem Handr�cken �ber den Mund. �Nun m�gt Ihr fragen: Warum? Was k�nnte einen angesehenen Handwerksmeister wie Sturmey dazu bringen, sich in Diebstahl und Verrat verwickeln zu lassen? Die Verlockung des Goldes? Nein, so war Sturmey nicht. Ein anderer Vorteil? Nein, meine Herren. Er war das Opfer eines Erpressers.�</p><p>Der B�rgermeister und die Gildeherren starrten Cranston an wie Verbrecher, die vor einem strengen Richter sitzen.</p><p>�Vor f�nfzehn Jahren�, fuhr der Coroner fort, �war ich stellvertretender Coroner in Cordwainer und Farringdon. Sir Christopher� - er l�chelte den B�rgermeister an -, �Ihr erinnert Euch doch sicher an meine Tage in jenem Amt, denn auch Ihr wart ja ein Justizbeamter. Da gab es einen Skandal, nicht wahr? Gewisse Anschuldigungen wurden dem k�niglichen Rat vorgetragen: M�chtige Kaufleute seien verwickelt in die fleischliche Verf�hrung von Chorknaben und Pagen der St.-Pauls-Kathedrale. Sicher erinnert Ihr Euch noch, nicht wahr?� Cranston r�usperte sich. �Zwei Kaufleute wurden geh�ngt, gestreckt und gevierteilt, weil dieses schmutzige Treiben zum Tod eines der Jungen f�hrte. Tja.� Cranston lehnte sich zur�ck und faltete die H�nde �ber dem Bauch. �Die Ermittlungen f�hrten zu wohlhabenden, m�chtigen B�rgern, die alle befragt wurden, und auf der Liste dieser B�rger standen auch der verstorbene Sir Gerard Mountjoy, der verstorbene Sir Thomas Fitzroy, Philip Sudbury, Alexander Bremmer, Hugo Marshall und James Denny.�</p><p>�Aber wir waren unschuldig!� fauchte Bremmer. �Geschw�tz und Klatsch von boshaften Zungen!�</p><p>�Ich habe nie etwas anderes behauptet�, erwiderte Cranston. �Aber da steht noch ein Name: Peter Sturmey, Schlosser. Wie dem auch sei, die Ermittlungen wurden irgendwann abgeschlossen, sonst w�ren an jedem Galgen der Stadt die fauligen Fr�chte erbl�ht. Im Verlaufe dieser Ermittlungen aber offenbarte Sturmey, gegen den keine Vorw�rfe erhoben worden waren, die Existenz eines M�nnerbordells in einer Gasse bei Billingsgate. Erstens: Die Namen, die ich gerade aufgef�hrt habe, sind alle an der jetzt in Frage stehenden Angelegenheit beteiligt. Zweitens: Sturmey, der ebenfalls in die Sache verwickelt war, wurde jetzt ermordet im Wasser am Kai bei Billingsgate aufgefunden.�</p><p>�Kommt endlich zur Sache�, sagte Goodman leise.</p><p>�Oh, ich denke, es liegt auf der Hand�, warf Athelstan ein. �Selbstverst�ndlich waren alle der hier Anwesenden unschuldig im Sinne der vor f�nfzehn Jahren erhobenen Vorw�rfe. Sturmey aber war schuldig, zumindest vor den Augen Gottes. Als Gras �ber die Sache gewachsen war, schwieg er. Er arbeitete hart in seinem Handwerk, auf das er sich gut verstand, aber er f�hrte sein heimliches Doppelleben weiter. Die Jahre vergingen. Sturmeys Ruf als Schlosser sprach sich herum, und man betraute ihn mit dieser besonderen Aufgabe. Leider aber erinnerte sich jemand an die Vergangenheit, behielt Master Sturmey im Auge und fand heraus, da� der Schlosser immer noch ein Doppelleben f�hrte.�</p><p>�Es ist, wie mein Schreiber sagt�, fuhr Cranston fort. �Sturmey wurde mit zwei Dingen erpre�t: mit der Vergangenheit und, was wichtiger ist, mit der Gegenwart. Wahrscheinlich fertigte er aus lauter Angst einen zweiten Satz Schl�ssel an. Am Tag, als er starb, hatte man ihn nach Billingsgate bestellt, einen Ort, den unser Schlosser nur zu gut kannte - zu seiner, wie er glaubte, letzten Begegnung mit dem Erpresser.� Cranston spreizte die H�nde. �Den Rest kennt Ihr. Der Erpresser hatte nicht vor, Sturmey reden zu lassen. Der Schlosser hatte seine Schuldigkeit getan und wurde brutal ermordet. Den Namen des M�rders kennen wir nicht, und wir wissen auch noch nicht, wie er Sturmey erstechen und den Leichnam in den Flu� werfen konnte.�</p><p>�Und?� quiekte Marshall. �Was hat das mit uns zu tun, Sir John?�</p><p>�Nun, Ihr alle wi�t von dem Skandal, der in Sturmeys Vergangenheit lauert. Auf Euren Wunsch hin wurde er beauftragt, die Truhe zu bauen, die Schl�sser anzufertigen und ��</p><p>�Und was?� zischte Sudbury und beugte sich vor, �Wollt Ihr damit sagen, Sir John, da� einer oder mehrere von uns oder wir alle etwas mit Verrat, Erpressung und Mord zu tun haben?�</p><p>Cranston l�chelte falsch. �Sir, das habe ich nicht gesagt. Ich beschreibe lediglich die Tatsachen. Aber nachdem Ihr die Sache nun zur Sprache gebracht habt, will ich Euch doch fragen: War einer von Euch an dem Tag, als Sturmey starb, in Billingsgate? Oder hat einer von Euch ihn heimlich besucht?�</p><p>Ein Chor trotziger Verneinungen beantwortete Cranstons Fragen. Trotzdem sahen die Gildeherren so erleichtert aus, da� Athelstan den Verdacht bekam, sie k�nnten eine Menge zu verbergen haben. Goodman machte ein betretenes Gesicht. Schlie�lich, dachte Athelstan, hatte er Sturmeys Vergangenheit gekannt und sich trotzdem den �brigen angeschlossen und den toten Schlosser f�r diesen Auftrag ausgew�hlt.</p><p>�Andere wu�ten auch davon�, begehrte Denny auf. �Wieso fragt Ihr nur uns?�</p><p>�Wer wu�te es denn sonst noch?� versetzte Cranston. �Seine Gnaden, der K�nig, war noch nicht geboren, der Lord Regent war ein Knabe, und der Rat d�rfte sich angesichts eines solchen Skandals die Ohren zugehalten haben. Ich habe ein Protokoll der Ermittlungen, und ich glaube nicht, da� noch weitere Abschriften davon existieren. Also bitte, sagt mir, wer wu�te sonst noch davon?� Cranston zuckte die Achseln. �Vielleicht wu�ten andere Bescheid, aber sie sind keine m�chtigen Gildeherren, und keine Zeugen von Verrat, Schatzdiebstahl und dem Mord an einem ihrer Kollegen, von der heimt�ckischen Ermordung eines Londoner Sheriffs ganz zu schweigen.� Cranston schob seinen Stuhl zur�ck und stand auf. �Aber ich sage Euch, Ihr Herren, der alte John Cranston wird die Wahrheit ausgraben, und die Gerechtigkeit wird ihren Lauf nehmen.�</p><p>Als sie das Rathaus verlassen hatten, klatschte er entz�ckt in die H�nde.</p><p>�Die Mistkerle haben Angst�, prustete er. �Oh Gott, Bruder, man kann ihre Angst geradezu riechen.�</p><p>�Was ist�, fragte Athelstan, �wenn diese Morde mehr mit lange zur�ckliegenden Verbrechen zu tun haben als mit dem Ehrgeiz des Regenten oder den finsteren Pl�nen eines Ira Dei?�</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf. �Nein, Athelstan, diese Leute sind machtgierig. Sie stecken bis zum Hals im Laster. Korruption ist ihnen zur zweiten Natur geworden. Alte S�nden spielen hier eine Rolle, aber nur als Mittel, nicht als Ursache. Denke an meine Worte.� Cranston grinste. �Ich habe den Apfelbaum gesch�ttelt. Wei� der Himmel, was nun herunterfallen wird.�</p><p>Der Coroner schaute auf den Markt. �Wir wollen die Sache jetzt auf sich beruhen lassen�, meinte er. �Morgen ist Samstag, und ich mu� ein wenig mit Lady Maude t�ndeln. Du hast mein Manuskript?�</p><p>Athelstan nickte.</p><p>�Behalte es. Studiere es aufmerksam, Bruder.�</p><p>Athelstan versprach es. Sir Johns Abschiedsgr��e dr�hnten ihm noch in den Ohren, als er durch die Mercery und �ber die London Bridge zur�ck nach Southwark wanderte.</p><p>Benedicta erwartete ihn im Pfarrhaus. Sie sah ein wenig bedr�ckt aus.</p><p>�Ich habe das M�dchen Elizabeth und ihre Pflegerin Anna zu den Minoritinnen gebracht. Die Schwestern waren gut und freundlich und halten die beiden f�r hysterisch. Elizabeth bezeichnet ihren Vater und ihre Stiefmutter als M�rder; sie behauptet, die Wahrheit sei ihr von ihrer Mutter im Traum offenbart worden. Pater, was wird mit ihnen passieren?�</p><p>Athelstan lie� sich m�de auf einen Schemel fallen und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Benedicta, ich wei� es nicht. Ich danke dir f�r das, was du getan hast, aber was die Zukunft birgt, wei� nur Gott.�</p><p>Sie ging in die Speisekammer und kam mit einem Krug Ale zur�ck. �Ihr seht m�de aus.� Sie dr�ckte ihm den Krug in die H�nde. �Kommt�, sagte sie, �trinkt, und e�t auch etwas. Wollt Ihr Brot und ein wenig D�rrfleisch? Ich werde soviel vorbereiten, da� es f�r uns beide reicht.�</p><p>Verlegen ob ihrer F�rsorglichkeit, murmelte Athelstan seinen Dank und blieb sitzen; er starrte in die matten Flammen. Benedicta machte sich in der K�che zu schaffen und deckte den Tisch. Dabei erging sich die Witwe absichtlich in einer Litanei von Klatschgeschichten �ber die Pfarrgemeinde, um Athelstan von dem abzulenken, was er so treffend als sein �Meer von Sorgen� beschrieben hatte. W�hrend des Essens versuchte er, ihr zu antworten, aber er war m�de, und sein Kopf brummte von allem, was er an diesem Tag gesehen und geh�rt hatte. Benedicta verabschiedete sich; sie werde morgen zur Messe wiederkommen. Athelstan sah ihr nach; dann lie� er den Kopf auf die Arme sinken und schlief ein.</p><p>Als er aufwachte, war es dunkel. Er fror und war verkrampft, und so fachte er das Feuer wieder an. Er wollte gerade in die Speisekammer gehen, als ein leises Klopfen ihn zusammenzucken lie�.</p><p>�Wer ist da?� rief er. Als er keine Antwort bekam, holte er seinen Kn�ppel aus der Ecke und legte die Hand auf den T�rriegel. �Wer ist da?� wiederholte er und versuchte, seine Bangigkeit zu unterdr�cken. Er spitzte die Ohren, h�rte aber nur das leise Rauschen der B�ume auf dem Friedhof und den gespenstischen Ruf einer Eule. Er �ffnete die T�r und sp�hte ins Dunkel hinaus. Als er hinaustreten wollte, stie� sein Fu� gegen etwas. Er b�ckte sich und hob einen kleinen Laib Brot auf, an dem ein Fetzen Pergament hing. Athelstan sah sich noch einmal um, schlo� die T�r von innen und verriegelte sie wieder; er z�ndete die Kerze an und las, was auf das Pergament gekritzelt war.</p><p>�Ziehst du dir zu den Zorn Gottes, so wirst du dir zuziehen das Brot der Bitternis.�</p><p>Athelstan nahm den kleinen Brotlaib in die Hand und schnupperte vorsichtig daran. Er sah das Salz, das daraufgestreut war, und roch den bitteren Duft eines zersto�enen Krauts. Er las noch einmal, was auf dem Pergament stand, dann warf er Blatt und Brot ins Feuer. �Das Brot der Bitternis�, murmelte er, und das treffende Zitat aus dem alten Testament lie� ihn leise l�cheln. Eine Zeitlang sa� er da und starrte in die Kerzenflamme. Ira Dei hatte ihm geantwortet, hatte ihn verspottet, weil er wu�te, da� Athelstan nur auf Gehei� seines Feindes John von Gaunt mit ihm Verbindung aufnehmen wollte. Der Ordensbruder dachte an die Konfrontation zwischen Cranston und den Gildemeistern, die er an diesem Tag miterlebt hatte. Wahrscheinlich hoffte der Coroner, da� er Ira Dei mit seinen Worten zu einem dummen Fehler verleiten k�nnte.</p><p>Athelstan rieb sich die Augen. �Naja�, brummte er, �Cranston und ich haben jetzt seine Antwort.� Und m�de stieg er die Treppe zu seiner kleinen Schlafkammer hinauf.</p></section><section><title><p><strong>Zw�lf</strong></p></title><p>Athelstan erwachte am n�chsten Morgen frisch und mit neuen Kr�ften. Er wusch und rasierte sich, wechselte die Kutte, f�tterte Bonaventura und fr�hst�ckte rasch. Dann ging er hin�ber in die Kirche, um das Requiem f�r die Mutter der Schweinehirtin Ursula zu lesen.</p><p>Benedicta erwartete ihn am Lettner, als er aus der Sakristei kam.</p><p>�Was gibt's, Benedicta?�</p><p>�Es tut mir leid, Euch zu st�ren, Pater, aber ich habe eine Nachricht von den Minoritinnen erhalten. Ihr sollt hinkommen. Elizabeth Hobden hat letzte Nacht versucht, sich aufzuh�ngen.�</p><p>Athelstan schluckte einen Fluch herunter; er wolle nur die Kirche abschlie�en, sagte er, und werde in einer halben Stunde auf den Stufen von St. Mary Overy auf sie warten. Rasch vergewisserte er sich, da� alles sicher verschlossen war, sch�ttete dem schnarchenden Philomel Hafer und Heu hin und eilte dann hinunter zu Benedicta.</p><p>�Was enthielt die Nachricht sonst noch?� fragte er atemlos, als sie zur London Bridge eilten.</p><p>�Nichts, Pater. Anscheinend wiederholte das M�dchen unentwegt dieselbe Geschichte. Sp�t nachts h�rte eine Schwester dann ein Krachen aus ihrer Zelle, und als sie nachschaute, sah sie, da� das M�dchen versucht hatte, sich mit ihrem Bettlaken zu erh�ngen.�</p><p>Unter dem Tor zur London Bridge blieb Athelstan stehen und schaute hinauf zu den abgeschlagenen Verr�terk�pfen, die dort aufgespie�t waren. Benedicta folgte seinem Blick.</p><p>�Pater, was um alles in der Welt� ?�</p><p>Athelstan zuckte die Achseln. �Ich finde es schwer zu glauben, Benedicta, da� Cranston tats�chlich jemanden jagt, der solche grausigen Dinge stiehlt.�</p><p>Sie verschr�nkte die Arme und starrte in den Dunst �ber der Flu�mitte.</p><p>�Manchmal hasse ich diesen Ort�, murmelte sie. �Ich habe schon daran gedacht, irgendwohin aufs Land zu ziehen - wo es friedlich und sauber ist.�</p><p>�Das darfst du nicht.� Athelstan bi� sich gleich auf die Lippe. Dann sah er sie an. �Wenn du fortgingest, Benedicta, w�rde ich dich vermissen.�</p><p>�Sehr wahr.� Sie grinste. �Und wer w�rde sich um Euch und Cranston k�mmern?�</p><p>Sie hasteten �ber die Br�cke und nach Eastchepe, folgten den Gassen zur Mark Lane und nach Aldgate und bogen dann nach rechts in die Stra�e, die zu den schimmernden Sandsteingeb�uden des Minoritinnenklosters f�hrte. Die Sonne ging auf, und Athelstan wischte sich den Schwei� von der Stirn.</p><p>�Wir h�tten reiten sollen�, brummte er. �Der Himmel allein wei�, warum ich hier bin.�</p><p>�Sie hat doch sonst niemanden.�</p><p>�Aye�, knurrte er. �Das gen�gt als Grund.�</p><p>Die Nonnen begr��ten ihn freundlich und bestanden darauf, da� er und Benedicta sich im Refektorium erfrischten, bevor die Novizenmeisterin, eine st�mmige, aber sehr freundlich blickende Nonne, ihnen erz�hlte, was in der vergangenen Nacht geschehen war.</p><p>�Wir fanden sie auf dem Boden liegend�, begann sie. �Halb erw�rgt von dem Bettlaken, das sie sich um den Hals geschlungen hatte. Wenn es nicht gerissen w�re, und niemand das Gepolter geh�rt h�tte �� Sie spreizte die H�nde. �Dann m��te ich Euch jetzt mit Bedauern ihren Tod melden. Bruder Athelstan, was k�nnen wir tun? Wir haben hier ein M�dchen, ein Kind noch, das Selbstmord begehen k�nnte!�</p><p>Der Bruder stand auf. �La�t mich zu ihr.�</p><p>Die Novizenmeisterin f�hrte sie durch einen Torbogen auf einen k�hlen Gang und klopfte an eine Zellent�r. Eine andere Nonne �ffnete, und die Novizenmeisterin f�hrte sie hinein zu Elizabeth Hobden, die mit dunklen Augen und bleichem Gesicht drinnen auf der Bettkante sa�. An ihrem zarten wei�en Hals leuchtete ein violetter Blutergu�.</p><p>�Wie geht es Anna, ihrer Amme?� fragte Benedicta.</p><p>�Oh, der geht es gut. Sie i�t und trinkt, als w�re morgen der J�ngste Tag�, antwortete die Nonne.</p><p>Athelstan nahm einen Schemel und setzte sich zu Elizabeth. Er blickte zu den beiden Nonnen auf. �Schwestern, w�rdet Ihr uns bitte ein Weilchen allein lassen? Lady Benedicta bleibt bei uns.�</p><p>Die Nonnen gingen. Benedicta blieb an der T�r stehen, und Athelstan ergriff die schlaffe Hand des M�dchens.</p><p>�Elizabeth, schau mich an.�</p><p>Sie hob den Blick. �Was wollt Ihr?� murmelte sie.</p><p>�Ich will helfen.�</p><p>�Das k�nnt Ihr nicht. Sie haben meine Mutter ermordet, und jetzt bin ich eine Verfemte.�</p><p>Athelstan sah das M�dchen an; dann fiel sein Blick auf das Kruzifix, das hinter ihr an der Wand hing. Er nahm es ab und hielt es dem M�dchen vors Gesicht.</p><p>�Elizabeth, glaubst du an Christus?�</p><p>�Ja, Pater.�</p><p>�Dann leg deine Hand auf dieses Kruzifix und schw�re, da� dein Vorwurf wahr ist.�</p><p>Das M�dchen st�rzte sich f�rmlich auf das Kreuz. �Ich schw�re es!� sagte sie mit fester Stimme. �Beim Leib Christi, ich schw�re es!�</p><p>Athelstan h�ngte das Kreuz wieder auf und hockte sich neben sie. �Jetzt versprich mir etwas.�</p><p>Das M�dchen starrte ihn an.</p><p>�Versprich mir, da� du keine Dummheiten mehr machen wirst. Gib mir eine Woche Zeit�, bat er. �Nur eine Woche. Ich werde sehen, was ich tun kann.�</p><p>Das M�dchen nickte, und Athelstan zuckte zusammen, als er den Hoffnungsschimmer in ihrem Blick sah.</p><p>�Ich tue, was ich kann�, wiederholte er. Sanft t�tschelte er ihr die Hand und ging dann hinaus.</p><p>�Was k�nnt Ihr denn tun?� fragte Benedicta, als das Tor des Minoritinnenklosters sich hinter ihnen geschlossen hatte.</p><p>�Ich wei� nicht�, antwortete Athelstan. �Aber vielleicht f�llt Cranston etwas ein.� Er seufzte. �Ich hatte eigentlich vorgehabt, Sir John zumindest bis Montag in Ruhe zu lassen. Aber ich werde ihn wohl daran erinnern m�ssen, da� das B�se niemals ruht.�</p><p>Durch Aldgate und Cornhill gingen sie zur�ck in die Stadt. Der Pranger an der Ecke der Poultry war voll mit �belt�tern, die wegen Ruhest�rung am Freitagabend verhaftet worden waren, und in dem gro�en Eisenk�fig am Wasserspeicher dr�ngten sich Nachtschw�rmer und Huren, die l�rmten und johlten, als sie Athelstan mit einer Frau vorbeikommen sahen. In Poultry, Mercery und Westchepe dagegen war noch alles still, denn die Marktglocke l�utete samstags erst sp�t. Lehrlinge bauten die St�nde auf, w�hrend Stra�enkehrer und Mistsammler halbherzige Versuche unternahmen, den Abfall und M�ll des vergangenen Tages zu beseitigen.</p><p>Als sie bei Cranston klopften, �ffnete ihnen eine Magd und teilte vergn�gt mit, da� Lady Maude noch im Bett liege; Sir John aber sei nach St. Mary Le Bow zur Messe gegangen.</p><p>Athelstan verbarg sein L�cheln und f�hrte Benedicta geradewegs hin�ber zum �Heiligen Lamm Gottes�, wo sie den Coroner in seiner Lieblingsecke beim Fr�hst�ck mit Fleischpastete und einem Krug Ale antrafen. Er begr��te sie st�rmisch und gab keine Ruhe, bis auch Benedicta und Athelstan etwas a�en. Dann h�rte er aufmerksam zu, w�hrend Athelstan von seinem Besuch bei den Minoritinnen erz�hlte.</p><p>�Was k�nnen wir tun?� fragte Athelstan schlie�lich leise.</p><p>Cranston versenkte die Nase in seinem Krug. �Nun, zun�chst einmal haben wir keinen Beweis daf�r, da� Walter und Eleanor Hobden ein Verbrechen begangen haben; nach dem Gesetz haben wir also kein Recht, sie zu verh�ren. Aber ich bin der Coroner des K�nigs in der Stadt, und ich habe die Befugnis, einen Leichnam zu exhumieren. Hobden sagte, seine Frau ist in St. James Garlickhythe begraben?�</p><p>Athelstan nickte.</p><p>�Gut. Dann fangen wir da an.�</p><p>�D�rfen wir das denn, Sir John? Was wird es beweisen?�</p><p>�Erstens darf ich alles. Und zweitens - wer wei�, was wir finden?� Cranston schaute aus dem Fenster. �Wir werden bis zum Abend warten m�ssen. Ein Teil des Friedhofs dort wird als Markt benutzt.�</p><p>Athelstan schlo� die Augen und seufzte. In St. Erconwald gab es soviel zu tun, aber, wie Sir John sagen w�rde: �Aleajacta est - die W�rfel sind gefallen.�</p><p>�Nun, bist du nicht froh?� fragte Cranston und hob den Krug halb zum Munde.</p><p>�Da ist noch etwas, Sir John.� Und Athelstan berichtete von der Nachricht, die Ira Dei ihm am Abend zuvor hinterlassen hatte, und versuchte, Benedicta zu ignorieren, die ver�rgert nach Luft schnappte, weil er ihr von der Gefahr nichts erz�hlt hatte.</p><p>Cranston wischte sich mit dem Handr�cken den Mund ab. �Das hei�t nichts�, sagte er dann. �Gaunt war dumm. Ira Dei w�rde dir kaum vertrauen.�</p><p>�Ja, aber warum antwortet er mir so schnell?� fragte Athelstan. �Wer wu�te von meiner Botschaft an Ira Dei?�</p><p>�Gaunt und die Gildemeister. Als sie uns vom �berfall auf Clifford berichteten, wurde auch dar�ber gesprochen.�</p><p>Das Gespr�ch brach ab, als die Wirtsfrau mit einer Sch�ssel Zuckerpflaumen f�r Sir John an den Tisch trat. Ganz in Gedanken nahm auch Athelstan eine und steckte sie in den Mund. Er wollte weitersprechen, merkte aber, wie dick die Pflaumen mit Honig und Zucker umh�llt waren. Sie klebten an Z�hnen und Gaumen. Er entschuldigte sich, ging zur T�r und versuchte, den klebrigs��en Leckerbissen loszuwerden. Pl�tzlich hielt er inne und starrte auf seine Finger.</p><p>�Wann habe ich das zuletzt getan?� fragte er sich leise.</p><p>Er sah sich nach Benedicta und Cranston um, die die K�pfe zusammengesteckt hatten und miteinander tuschelten; zweifellos erz�hlte der Coroner, was sich im Rathaus zugetragen hatte. Athelstan ging zu dem Lavarium in der hinteren Ecke der Schenke, tauchte die H�nde in Rosenwasser und wischte sie an einem Handtuch ab. Er empfand ein leises Hochgef�hl, denn zum ersten Mal seit Beginn dieser grausigen Morde sah er ein Licht flackern in der Dunkelheit. Er schaute zu einem gesalzenen Schinken hinauf, der am Deckenbalken der Schenke hing, und dachte an die Worte seines Mentors Pater Paul: �Denke immer daran, Athelstan�, hatte der Alte dr�hnend gesagt, �jedes Problem hat eine schwache Stelle. Finde sie, brich sie auf, und die L�sung wird nicht lange auf sich warten lassen.�</p><p>�Was ist los mit dir, Bruder?� br�llte Cranston.</p><p>Athelstan setzte sich wieder. �Sir John, seid Ihr heute besch�ftigt?�</p><p>�Nat�rlich! Ich bin ja kein verdammter Pfaffe!�</p><p>Athelstan l�chelte. �Sir John, la�t uns die Schritte unseres M�rders noch einmal zur�ckverfolgen. Ich will noch einmal zum Rathaus gehen, in den Garten, wo Mountjoy starb, und in den Bankettsaal, in dem Fitzroy vergiftet wurde. Benedicta, m�chtest du mitkommen?�</p><p>Die Frau nickte.</p><p>�Was ist denn los, Bruder?� fragte Cranston neugierig.</p><p>Athelstan grinste. �Nichts weiter, Sir John. Aber der M�rder k�nnte an einer Zuckerpflaume klebenbleiben.�</p><p>Er lie� sich kein weiteres Wort entlocken. Murrend ging Cranston mit ihnen durch die Cheapside zum Rathaus und �ber G�nge und H�fe in den kleinen Garten, wo Mountjoy erstochen worden war. Ein aufgeblasener Beamter wollte sie aufhalten, ergriff aber die Flucht, als Cranston ihn anknurrte. Benedicta schaute sich um, bestaunte den bronzenen Falken auf dem Springbrunnen und das klare Wasser, das aus Leopardenm�ulern in den kleinen, von Lilien und anderen Wildblumen ges�umten Kanal str�mte. Sie huschte durch den Laubengang aus d�nnen, mit Weidenschn�ren zusammengeflochtenen Stangen und bewunderte die Weinranken und Rosen, die sich um sie rankten. Als sie herauskam, war ihr Gesicht ganz rot vor Aufregung.</p><p>�Das ist wundersch�n!� rief sie.</p><p>Athelstan deutete auf die kleine, umfriedete Laube. �Der Schauplatz des Mordes�, sagte er n�chtern. �Dort wurde Mountjoy umgebracht.�</p><p>Sie blieben am Zaun stehen. Wieder fragte sich Athelstan, wie der M�rder an den wilden Hunden vorbei zu Sir Gerard hatte vordringen k�nnen.</p><p>�Kommt, Sir John, la�t uns ein Maskenspiel veranstalten.�</p><p>Athelstan zog den Coroner am �rmel, �ffnete das kleine Tor und f�hrte ihn in den Garten. �Setzt Euch auf die Rasenbank.� Er grinste. �Benedicta, du mu�t so tun, als seist du ein Wolfshund.�</p><p>Beide grinsten und zuckten die Achseln, taten aber, was Athelstan wollte. Cranston lie� sich auf die Rasenbank fallen und nahm einen gro�en Schluck aus seinem Weinschlauch.</p><p>�So�, fl�sterte Athelstan. �Sir Gerard sonnt sich mit seinen Hunden im Garten. Irgendwann an diesem Nachmittag wird er erstochen. Die Klinge wird tief in den K�rper gesto�en; dennoch leistet er keinen Widerstand, und auch die wilden Hunde versuchen nicht, ihn zu verteidigen.� Athelstan ging zur�ck zum Gartentor und deutete auf die Ziegelmauer des Rathauses, die den Garten zur einen Seite begrenzte. �Von dort konnte ein M�rder nicht kommen.� Er drehte sich um. ��ber den Zaun hinter Sir Gerard konnte er kaum klettern, denn der Sheriff und seine Hunde h�tten ihn sofort bemerkt. Auch durch das Tor konnte er mit gez�cktem Dolch nicht hereinkommen.�</p><p>�Und wenn doch?� fragte Benedicta. �Wenn es ein Freund war, den die Hunde gew�hren lie�en, weil ihr Herr ihn herzlich begr��te?�</p><p>�Mountjoy hatte keine Freunde�, knurrte Cranston.</p><p>�Nein.� Benedicta wedelte mit den H�nden. �Der M�rder kommt ganz dicht heran, zieht erst dann seinen Dolch und st��t ihn Sir Gerard in die Brust.�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �M�glich ist es�, sagte er, �aber kaum wahrscheinlich. Sir Gerard h�tte zumindest gesehen, wie der Dolch gezogen wurde; der M�rder d�rfte ihn kaum in der Hand gehabt haben, als er den Garten betrat. Es w�re zu einem Kampf gekommen, und die Hunde w�ren alarmiert worden. Vergi� nicht, Sir Gerard wurde ermordet, ohne da� es die Spuren eines Kampfes gegeben h�tte.�</p><p>Benedicta streckte ihm die Zunge heraus.</p><p>�Es gibt nur eine M�glichkeit�, brummte Cranston und deutete auf die Zaunpf�hle am unteren Ende des Gartens. �Der �berdachte Gang zwischen der K�che und dem Rathaus.�</p><p>�Da sind L�cken im Zaun�, f�gte Benedicta hinzu.</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Zu schmal, um einen Dolch mit solcher Wucht und Genauigkeit hindurchzuwerfen. Pa�t auf und wartet hier.� Er nahm Cranstons Dolch, der dem des M�rders ziemlich �hnlich war, ging zur�ck ins Rathaus den dunkel �berdachten Gang hinunter. Er blieb stehen, und durch L�cken im Zaun sah er Cranston gegen�ber auf der Rasenbank sitzen. Er schob den Dolch durch die L�cke, sie war breit genug, aber er hatte recht: Niemand konnte einen Dolch hindurchwerfen. Athelstan kratzte sich am Kopf und kehrte zur�ck in den Garten. �Ein R�tsel�, murmelte er. �Kommt, la�t uns in den Bankettsaal gehen.�</p><p>Cranston sah Benedicta an und zog eine Grimasse, aber er folgte dem nachdenklichen Ordensbruder in den Bankettsaal. Der Raum lag verlassen da, und die Tische standen noch so wie an jenem schicksalhaften Abend. Athelstan l�cherte Cranston mit Fragen.</p><p>Wer hatte wo gesessen? Was hatten sie gegessen? Wie sp�t hatte es angefangen?</p><p>Dann spazierte er ohne weitere Erkl�rungen davon, sagte nur, er wolle mit dem Truchse� sprechen, der an jenem Abend anwesend war.</p><p>Cranston hatte nichts dagegen. Er wu�te, sein �kleiner Bruder� war einem Hasen auf der Spur und w�rde sich solange in das Problem vertiefen, bis er eine L�sung gefunden h�tte. Au�erdem war der Coroner nur zu gern bereit, sich hinzusetzen und mit der reizenden Benedicta zu schwatzen, die ihn eingehend nach Athelstans Geschichte von einem Dieb befragte, der die abgeschlagenen Verr�terk�pfe vom Torhaus an der London Bridge stahl. Schlie�lich kam Athelstan zur�ck.</p><p>�Nun?� fragte Cranston. �Hast du was gefunden? Hattest du Lust, deine Einsichten mit gew�hnlichen Sterblichen zu teilen?�</p><p>Athelstan grinste und tippte sich an die Schl�fe. �Es ist noch alles durcheinander�, erkl�rte er. �Ich mu� mich hinsetzen, alles aufschreiben und nachdenken.�</p><p>�Dazu gibt es keinen besseren Ort als das �Heilige Lamm Gottes��, meinte Cranston.</p><p>Er f�hrte sie zum Rathaus hinaus und auf einen gesch�ftigen Marktplatz. Die St�nde waren inzwischen aufgebaut, und das Tagesgesch�ft konnte beginnen. Lehrlinge priesen lautstark ihre Waren an, riefen Preise, und versuchten ab und zu, Vor�bergehende am �rmel festzuhalten. An der Stra�enecke stand Cranstons verha�ter Reliquienh�ndler und sang die Litanei dessen, was er zu verkaufen hatte. Der Coroner blieb stehen, als der Kerl Reliquien aufz�hlte, vom Stein, mit dem Goliath erschlagen worden war, bis zum Arm des Hl. Sebbi.</p><p>�Ich habe diese Reliquien�, schrie der Mann, �an einem geheimen Ort, und ich habe sie zu einem besonders hohen Preis vom Erzbischof von K�ln gekauft. Der Kopf des T�ufers Johannes, wunderbar frisch, ganz wie an dem Tag, da der gro�e M�rtyrer starb. Ich sage Euch, Ihr Damen und Herren, Ihr frommen B�rger von London, sein Haar ist rot und weich, seine Haut so glatt wie die eines Kindes.�</p><p>Cranston grinste ver�chtlich und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Warum macht ihr verdammten Pfaffen diesem dummen Gewerbe kein Ende?� knurrte er.</p><p>�Ich frage mich, woher er die Haare des T�ufers Johannes haben mag�, sagte Benedicta.</p><p>Cranston glotzte sie an. �Was hast du gesagt?� fl�sterte er.</p><p>�Wie kommt er an den Kopf von Johannes dem T�ufer? Und woher wei� er, da� der Prophet rote Haare hatte?�</p><p>Cranston packte die �berraschte Frau und k��te sie auf beide Wangen.</p><p>�Kommt!� fl�sterte er. �Zum �Heiligen Lamm Gottes�!�</p><p>Der Coroner dr�ngte sich durch das Gewimmel. An der Art, wie er die Leute anbr�llte, ihm Platz zu machen, sah Athelstan, wie aufgeregt er war. Als sie in der Schenke angekommen waren, w�hlte er in seiner breiten B�rse und holte eine Silberm�nze heraus.</p><p>�Benedicta, geh damit zu dem Reliquienh�ndler. Sag ihm, du hast noch f�nf davon und willst den Kopf von Johannes dem T�ufer kaufen.�</p><p>�Oh, um Himmels willen, Sir John!� warf Athelstan ein. �Ihr wi�t doch, da� der Mann ein Betr�ger ist. Es wird keinen Kopf geben, nur irgendeine dumme Taschenspielerei oder T�uschung. Wer wei�, vielleicht wird Benedicta sogar ausgeraubt?�</p><p>�Still, Athelstan!�</p><p>�Aber Sir John!� flehte Athelstan. �Ihr wi�t es, und ich wei� es.�</p><p>�Was wissen wir?� schnappte Cranston.</p><p>�Er kann den Kopf des T�ufers nicht haben �� Athelstan sprach nicht weiter. Er grinste Cranston an. �Ah! Um den Hl. Paulus zu zitieren, Mylord Coroner, ich sehe wie durch einen dunklen Spiegel.�</p><p>Cranston klatschte in die H�nde wie ein Kind, und Benedicta, der die Versicherungen der beiden M�nner in den Ohren klangen, ging, Cranstons Silber fest in der Hand, zur�ck �ber die Cheapside. Athelstan und Cranston sahen ihr nach. Benedicta blieb bei dem Reliquienh�ndler stehen, fl�sterte ihm etwas zu, und der Mann h�pfte flink wie eine hungrige M�we von seinem Stand herunter. Er f�hrte sie durch eine Gasse davon, und Athelstan und Cranston folgten den beiden eilig. Cranston war aufgeregt, und Athelstan f�rchtete f�r Benedictas Sicherheit, aber der Mann schien harmlos zu sein. Endlich bog er in eine Gasse ein, die zur Old Jewry hinunterf�hrte. Vor einer Haust�r blieb er stehen und sagte etwas zu Benedicta; sie nickte, und beide gingen hinein. Cranston und Athelstan eilten ihnen nach.</p><p>�La� dem Mistkerl ein bi�chen Zeit�, raunte Cranston.</p><p>Athelstan nickte. Cranston z�hlte leise, und als er bei drei�ig angekommen war, trat er mit aller Kraft gegen die klapprige T�r, da� sie aus den rostigen Angeln flog. In dem Haus war es schmutzig und muffig, und als sie durch den Flur liefen, lie� ein schrecklicher Gestank Athelstan w�rgen. Sie h�rten laute Stimmen; auch Benedictas war darunter. Sie fanden sie in einer kleinen Kammer im Hinterhaus, zusammen mit dem Reliquienh�ndler und seinem jungen Gehilfen. Benedicta war kreidewei�, und auch die beiden Betr�ger erbleichten vor Schrecken �ber den Tumult und Cranstons Gebr�ll. Vor ihnen auf dem Tisch lag der abgeschlagene Kopf eines rothaarigen Mannes mit halbgeschlossenen Augen; die violetten Lippen klafften auseinander. Wenn die beiden Reliquienh�ndler h�tten fliehen k�nnen, w�ren sie verschwunden, aber so kauerten sie sich in eine Ecke, als der Coroner den Sch�del packte und hochhob. Benedicta hatte genug gesehen; sie pre�te eine Hand vor den Mund und st�rzte zur T�r hinaus auf die Stra�e.</p><p>�So, so, meine B�ckchen!� Cranston grinste. �Ihr seid beide verhaftet.�</p><p>�Weshalb?� rief der Reliquienh�ndler.</p><p>�Wegen Diebstahls von Eigentum der Krone, mein Freund, wegen F�lschung, wegen betr�gerischer Handlungen und wegen Blasphemie. Das ist nicht der Kopf von Johannes dem T�ufer; er geh�rt Jacques le Roux, dem franz�sischen Piraten, der in der Themsem�ndung gefangengenommen und nach Recht und Gesetz hingerichtet wurde!� Cranston schaute sich in der Kammer um. �Mein Gott, hier stinkt es schlimmer als bei den Metzgern von Newgate!�</p><p>Athelstan vor sich herschiebend, ging er zur T�r hinaus; dann zog er den Schl�ssel aus dem Schlo� und sperrte die beiden sehr bedr�ckt aussehenden Reliquienh�ndler ein.</p><p>�T�ren und Fenster gibt's hier nicht, Athelstan. Die Gauner k�nnen drinbleiben, bis ich den Schl�ssel an die Bezirksbeh�rden �bergeben habe. Jetzt wollen wir sehen, was dieses Schatzhaus noch so alles enth�lt.�</p><p>Athelstan folgte ihm, gab aber nach einer Weile angeekelt von den Dingen, die sie entdeckten, auf und ging zu Benedicta auf die Stra�e hinaus.</p><p>�Bei den Z�hnen der H�lle!� fl�sterte er, Cranston zitierend. �Man sollte das Haus bis auf die Grundmauern niederbrennen.�</p><p>Cranston aber kam stolzgeschwellt heraus. Er zog die Haust�r hinter sich zu und schlo� sie ab.</p><p>�Benedicta�, sagte er, �du bist ein Engel. Wo sonst soll ein Reliquienh�ndler einen Kopf finden, den er als Heiligensch�del verkaufen kann - wenn nicht auf dem Richtplatz?� Der Coroner rieb sich die H�nde. �Wieder ein kleiner Sieg f�r den alten John, hm?�</p><p>Sie gingen zur�ck zur Cheapside und warteten, w�hrend Cranston die Beh�rden informierte und zu dem Haus schickte. Einer der B�ttel a� gerade eine Fleischpastete und mampfte unversch�mt, w�hrend Cranston mit ihm redete. Der Coroner grinste nur, als er die M�nner davonmarschieren sah.</p><p>�Ich habe ihnen nicht gesagt, was sie erwartet�, sagte er heiter. �Aber der Kerl mit seiner Fleischpastete wird bald eine kurze, einpr�gsame Lektion erhalten.�</p><p>Er f�hrte die beiden zur�ck ins �Heilige Lamm Gottes� und lachte laut, als Benedicta sich fragte, wie jemand dumm genug sein k�nne, solchen Gaunern zu vertrauen.</p><p>�Dumm!� wiederholte er. �Du kannst in jede beliebige Stadt in England, Frankreich oder jenseits des Rheins gehen, und du wirst M�nner finden, Kirchenf�rsten, hochgebildete und intelligente Priester, die ein Verm�gen f�r einen schmutzigen Knochensplitter oder einen Lumpenfetzen ausgeben. Wei�t du, hier in London habe ich von einem Kaufmann geh�rt, der hundert Pfund Sterling f�r ein Mundtuch bezahlt hat, mit dem St. Cuthbert sich die Lippen abgetupft hat. Bei den Eiern des Teufels!� Murmelnd entschuldigte er sich bei Benedicta. �Aber bei den Z�hnen der H�lle! Ich w�nschte, alles w�re so leicht. Bruder, hat unser Ausflug ins Rathaus irgendwas gekl�rt?�</p><p>Cranston lie� seinen m�chtigen Hintern auf einen Stuhl sinken und schaute seinen Schreiber mitleidheischend an. �Athelstan�, flehte er, �fr�her oder sp�ter wird der Regent meinen Bericht verlangen.�</p><p>Der Bruder starrte auf die Tischplatte. �Mal sehen�, begann er langsam. �Wir wissen, warum Mountjoy und die beiden anderen ermordet wurden. Nicht wegen einer geheimen S�nde oder wegen pers�nlicher Rivalit�ten, sondern um dem Regenten Kn�ppel zwischen die Beine zu werfen und um seine ehrgeizigen Pl�ne zu blockieren, mit denen er sich bei den Londoner Kaufleuten Unterst�tzung holen wollte. Nun, das ist gelungen, und so wird es keine Morde mehr geben. Zumindest vorl�ufig nicht.� Athelstan schwieg f�r einen Augenblick. �Ich bin sicher, da� man die Morde Ira Dei zur Last legen kann, habe aber den Verdacht, da� er nur der Architekt ist. In Gaunts Partei gibt es einen Verr�ter und einen M�rder: Goodman oder einer dieser m�chtigen Gildeherren.�</p><p>�Warum, Sir John?� unterbrach Benedicta. �Warum ist der Attent�ter dann nicht gegen Gaunt vorgegangen?�</p><p>�Weil der Teufel, den man kennt, Mylady, besser ist als der, den man nicht kennt. Jemand mu� Regent sein - oder, um es unverbl�mter zu sagen, es mu� einen geben, dem man die Schuld geben kann. W�rde Gaunt beseitigt, k�me einer seiner j�ngeren Br�der auf seinen Stuhl. Nein, diese Morde dienen nur dazu, Gaunt die Fl�gel zu stutzen.�</p><p>�Hat unser Treffen mit den Gildeherren wegen Sturmeys Privatleben irgendwelche Folgen gehabt?� fragte Athelstan.</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf. �Bis jetzt noch nicht.�</p><p>�Sir Nicholas Hussey war ein Kind, als der Skandal sich ereignete?�</p><p>�Noch sehr jung�, antwortete Cranston. �Wei� der Himmel, vielleicht erinnert er sich an Getuschel; aber nichts in den Akten weist auf seine Beteiligung hin, nicht einmal als Opfer. Naja.� Er stellte seinen Humpen auf den Tisch. �Was machen wir jetzt?�</p><p>�Abwarten, Sir John, nachdenken, �berlegen. Wie gesagt, die Morde im Rathaus sind keine Verbrechen aus Leidenschaft, sondern aus kalter Berechnung begangen worden. Ich bezweifle, da� wir weitere Spuren oder Hinweise entdecken werden. Wir m�ssen zusammentragen, was wir wissen, uns der Logik bedienen, und so die einzig richtige L�sung herausquetschen.�</p><p>�Wenn es sie gibt�, erg�nzte Cranston m�de.</p><p>Das Gespr�ch versandete. Cranstons Hochstimmung nach der Verhaftung der beiden Reliquienh�ndler wich einer Wolke von D�sternis, und der Coroner versank in dumpfes Br�ten. Benedicta verabschiedete sich; sie hatte genug von Kadavern und Geheimnissen. Sir John ging mit Athelstan nach Hause, aber Lady Maude hatte zu tun, und die Kerlchen waren mit ihrer Amme drau�en in den Feldern n�rdlich von St. Giles. Cranston wurde allm�hlich unertr�glich, und so lie� Athelstan ihn f�r eine Weile allein und beschlo�, seine Br�der in Blackfriars zu besuchen.</p><p>*</p><p>Der Ordensbruder kehrte zur�ck, als der Markt in der Cheapside einem fr�hen Ende entgegenging und die Leute nach Hause eilten, um sich auf den Sonntag vorzubereiten. Cranston war ein wenig erfrischt; er schlug ihm auf die Schulter, und sie gingen wieder ins �Heilige Lamm Gottes�, um sich dort mit Cranstons Freund und Leibarzt, Theobald de Troyes, zu treffen, den der Coroner am Nachmittag aufgesucht hatte.</p><p>�Seid Ihr sicher, da� Ihr kommen wollt?� fragte Cranston.</p><p>�Sir John, ich stehe Euch jederzeit zur Verf�gung�, antwortete der Arzt. �Wei� der Priester in St. James Bescheid?�</p><p>�Ich habe einen Konstabier hingeschickt. Es werden Arbeiter da sein, die das Grab �ffnen und Sarah Hobdens Sarg heben.� Sir John leckte sich die Lippen. �Vielleicht vorher noch etwas zu trinken?�</p><p>Aber Athelstan und der Arzt lehnten schlankweg ab; sie nahmen den widerstrebenden Coroner in die Mitte und eskortierten ihn von Westchepe �ber die Watling Street zur Cordwainer und weiter die Upper Thames Street hinauf bis zu der ziemlich d�steren Kirche von St. James Garlickhythe. Pfarrer Odo, der Priester dort, ein fr�hlicher Mann mit roter Nase um so r�ter nach einer �ppigen Mahlzeit -, kam aus dem Pfarrhaus und f�hrte sie auf einen �berwucherten Friedhof, wo drei Arbeiter im k�hlen Schatten einer Eibe warteten. Zun�chst herrschte absolute Verwirrung, als Pfarrer Odo das Friedhofsbuch zu lesen versuchte, um herauszufinden, wo Sarah Hobden begraben lag.</p><p>�Ich finde es nicht�, murmelte er und schwankte dabei gef�hrlich.</p><p>Athelstan sp�hte ihm �ber die Schulter und sah, da� der betrunkene Pfarrer das Buch verkehrtherum hielt. Er nahm es ihm aus der Hand.</p><p>�La�t mich helfen, Pater�, erbot er sich sanft.</p><p>Der Ordensbruder warf Cranston einen trotzfunkelnden Blick zu und warnte ihn damit, ja nicht zu lachen. Dann setzte er sich auf einen Grabstein und bl�tterte in den Seiten, bis er den Eintrag gefunden hatte: �Sarah Hobden, obiit 1376, Nordwest.�</p><p>�Wo ist das, Pater?�</p><p>Odo deutete in die hintere Ecke des Friedhofs. Athelstan reichte ihm l�chelnd das Friedhofsbuch zur�ck.</p><p>�Pater, setzt Euch hin und ruht ein wenig aus.� Er klopfte dem alten Priester sanft auf die Schulter.</p><p>�Untersteht Euch!� zischte er Cranston zu, als dessen Hand sich zu dem wunderbaren Weinschlauch unter seinem Mantel tastete. �Der arme Mann hat genug, und ehrlich gesagt, Sir John, ich auch!�</p><p>Sie riefen die Arbeiter herbei und gingen zu dem Teil des Friedhofs, auf den Pfarrer Odo gedeutet hatte. Nach einigem Suchen fanden sie Sarah Hobdens Grab, heruntergekommen, �berwuchert und vernachl�ssigt: Auf dem verwitterten, schiefen Holzkreuz stand immer noch verblichen ihr Name. Cranston schnippte mit den Fingern, und die murrenden Arbeiter fingen an, den festgestampften Boden aufzuhacken.</p><p>�Was wird das beweisen?� fragte Athelstan.</p><p>�Ah.� Cranston lehnte sich an einen Grabstein und wiegte seinen Weinschlauch im Arm, als w�re es eines seiner Kerlchen. Er tippte sich an die Nase und bedeutete dem Arzt: �Master Theobald, unterrichtet unseren unwissenden Pfaffen.�</p><p>Der Arzt zwinkerte Athelstan zu. �Als ich Sir Johns Einladung erhielt, studierte ich noch einmal sorgf�ltig die Ursache des Todes.�</p><p>�Und?�</p><p>�Nun, wenn es sich um Arsen handelt, vor allem um rotes Arsen, dann werden wir wom�glich das sehen, was das gemeine Volk ein Wunder nennt. La�t Euch �berraschen, Pater.�</p><p>Der Arzt trat zu den Arbeitern und schaute ihnen zu; ihre Spaten und Hacken l�sten jetzt einen hohlen Klang aus, denn sie hatten den Sargdeckel erreicht. Noch mehr Erde wurde ausgegraben. Athelstan schaute sich auf dem Friedhof um, und ihn fr�stelte. Die Schatten wurden l�nger. Die V�gel waren verstummt. Nur noch das Schnaufen der Arbeiter und das Rieseln der Erde unterbrach die geisterhafte Stille.</p><p>�Warum ist es an solchen Orten nur so ruhig?� dachte Athelstan und spitzte die Ohren. Nur mit M�he h�rte er das Schwatzen und Lachen der H�ndler und Kesselflicker, die auf der anderen Seite der Kirche ihre St�nde abr�umten.</p><p>�Wir sind soweit, Sir John!� rief der Arzt.</p><p>�Dann hievt ihn hoch, Jungs!�</p><p>Ein Arbeiter sprang hinunter auf den Sargdeckel und befestigte ein paar Taue, und nach allerlei Zerren und Fluchen wurde der ausgebleichte, lehmbedeckte Sarg aus dem Grab gewuchtet. Cranston dankte den Arbeitern und schickte sie zu Pfarrer Odo. Dann zog er seinen langen Dolch und begann, den Sargdeckel aufzustemmen. Athelstan sah aufmerksam zu, als die Schlie�en aufgebrochen wurden. Langsam und knarrend �ffnete sich der Deckel, fast als ob der Mensch, der darunter lag, ihn hochstemmte und aufzustehen drohte. Athelstan schob die H�nde in die �rmel, schlo� die Augen und betete.</p><p>Es ist Gottes Gerechtigkeit, dachte er. Dies ist Gottes Werk.</p><p>Der letzte Beschlag brach. Cranston hob das zerschlissene Laken. Athelstan �ffnete die Augen, als er Cranston nach Luft schnappen h�rte. Der Arzt kniete neben dem Sargdeckel und untersuchte sorgf�ltig, was darunter lag.</p><p>Athelstan holte tief Luft, trat an den hohen Holzsarg und schaute hinein. Sprachlos starrte er das Gesicht der T�ten an: Es war fettig, wei� und w�chsern, als sei es aus Kerzentalg. Das Antlitz zeigte keine Spur von Verwesung. Die Z�ge der T�ten waren recht h�bsch, oval und regelm��ig; der Mund war gro�z�gig, die Nase adlerhaft k�hn.</p><p>�Um Gottes willen!� hauchte Athelstan. �Sie ist seit drei Jahren tot! Sie m��te verwest sein!�</p></section><section><title><p><strong>Dreizehn</strong></p></title><p>Vorsichtig ber�hrte der Arzt das Gesicht. Dann strich er mit der Hand innen durch den Sarg. Als er sie wieder herauszog, sah Athelstan, da� sie mit feinem rotem Staub bedeckt war.</p><p>�Nichts Besonderes�, sagte der Arzt trocken. �Wi�t Ihr, Bruder, Arsen ist ein hinterh�ltiges, t�dliches Gift - zumal rotes Arsen. Sein einziger Nachteil ist, da� diese t�dliche Substanz nach dem Tode offenbar wird, weil sie die Verwesung verhindert.� Er klopfte auf den Sarg. �Ich habe solche F�lle schon �fter gesehen. Der feine rote Staub, die nicht einsetzende Verwesung -das alles deutet darauf hin, da� die arme Frau �ber einen betr�chtlichen Zeitraum hinweg rotes Arsen verabreicht bekommen hat.�</p><p>�Und was jetzt?� fragte Athelstan. Er deutete auf den Leichnam. �Da liegt unser Beweis.�</p><p>�Ich werde auf meinen Eid nehmen, was wir hier gesehen haben�, sagte der Arzt, �und Sir John und Ihr ebenfalls. Das wird jeden Richter zufriedenstellen.�</p><p>�Wenn das so ist�, sagte Athelstan und schlug ein Kreuz �ber dem Leichnam, �dann m�ge sie ruhen in Frieden - jetzt, da Gottes Gerechtigkeit und der Wille des K�nigs geschehen werden.�</p><p>Zusammen mit Cranston verschlo� er den Sarg wieder, und die Arbeiter begruben ihn erneut. Nachdem sie sich bei dem schl�frigen Pfarrer Odo und bei Master de Troyes bedankt hatten, wanderten Cranston und Athelstan langsam durch die Ropery zur Bridge Street hinunter. Die Seiler in diesem Viertel, die mit Zelten, Bindfaden, Hanf und Flachs handelten, hatten ihre St�nde abger�umt. Ein Stra�enmusiker spielte den Dudelsack, und eine betrunkene Hure h�pfte dazu in einem wahnwitzigen Tanz herum. Die Bettler, die echten wie die berufsm��igen, krochen aus ihren Verstecken und streckten die H�nde nach Almosen aus, w�hrend eine kleine alte Frau mit verschlissener Segeltuchtasche gesch�ftig die M�llhaufen durchw�hlte.</p><p>Die Schenken waren voll von H�ndlern, die das Ende der Arbeitswoche feierten, aber nach dem gespenstischen Friedhof und dem B�sen, das er dort gesehen hatte, war Athelstan m�de und deprimiert. Aus einem Fenster �ber sich h�rte er ein Baby schreien, und eine junge Frau fing an, ein Schlaflied zu singen; sanft und s�� klang es in der warmen Abendluft.</p><p>�Wir sind von S�nde umgeben, Sir John�, bemerkte Athelstan d�ster. �Wohin wir auch schauen, sehen wir allenthalben die Augen von Raubtieren, wie im finstersten Walde.�</p><p>Cranston r�lpste, streckte sich und schlug dem Bruder auf die Schulter.</p><p>�Aye, Bruder, aber die b�sen Kerle k�nnen auch unsere Augen sehen. Kopf hoch, Bruder. Der Mord liegt uns allen im Blut. Du hast es selbst gesagt: die Inghams, die blutige Geschichte im Rathaus, und jetzt die Hobdens. Aber das Leben besteht nicht nur daraus. H�r doch, wie die Mutter f�r ihr Kind singt. Oder wie die Freunde dort in der Schenke miteinander lachen. Was du brauchst, Bruder, sind ein Becher Rotwein und ein gutes Weib.� Cranston grinste. �Oder vielleicht, in deinem Fall, ein ganz schlechtes!�</p><p>Athelstan erwiderte das L�cheln, wurde dann aber wieder ernst. �Was fangen wir mit den Hobdens an? Wir k�nnen nicht beweisen, da� sie Sarah ermordet haben.�</p><p>�Oh, um Himmels willen, Bruder, du denkst nicht mehr klar. Ich kann durchaus beweisen, da� sie es getan haben. Dieses Biest Eleanor hat doch in meiner Gegenwart zugegeben, da� sie die kranke Frau versorgt hat. Wer sonst w�re an sie herangekommen? Wei�t du, was ich glaube, mein guter M�nch?� Cranston nahm noch einen Schluck aus seinem Weinschlauch. �Walter Hobden ist ein Schlappschwanz, dem diese entz�ckende Eleanor �ber den Weg lief und der sich in sie verliebte. Die beiden steckten die K�pfe zusammen. Walter fing an, seiner armen Frau ein paar Gran Arsen zu verabreichen. Sie wurde krank, und die liebste Eleanor wurde ins Haus geholt, um sie zu pflegen. Die Vergiftung geht Schritt f�r Schritt weiter.�</p><p>�H�tte ein Arzt nichts bemerkt?�</p><p>�Eigentlich nicht. Zunehmende Magenkr�mpfe, Kraftlosigkeit� au�erdem k�nnen die meisten �rzte ihren eigenen Arsch nicht von ihrem Ellbogen unterscheiden!� Cranston kratzte sich die rote Glatze. �Das gro�e Geheimnis, Bruder, ist: Wieso wu�te das M�dchen davon? Sie wu�te nicht nur, da� ihre Mutter vergiftet wurde, sondern sie kannte sogar das Gift, das dazu benutzt wurde. Hat sie nicht gesagt, ihre Mutter habe es ihr im Traum erz�hlt?�</p><p>Athelstan nickte; ihn fr�stelte in der kalten Brise, die vom Flu� heraufwehte.</p><p>�Glaubst du das?� dr�ngte Cranston.</p><p>�Sir John, jeden Morgen nehme ich ein St�ck Brot und verwandele es dem Glauben gem�� in den auferstandenen Leib Christi. Das glaube ich. Ein Kind wurde geboren in Bethlehem, das Mensch und Gott zugleich ist, und das glaube ich. Dieses Kind w�chst zum Manne heran, der gekreuzigt wird und glorreich von den Toten aufersteht, und auch das glaube ich.� Athelstan schaute den Coroner an. �Und man lehrt mich, da� der Geist Gottes weht, wo er will, und da� Gottes Gerechtigkeit geschehen wird. Und wenn ich all das glauben kann, Mylord Coroner, dann kann ich auch die Geschichte der jungen Elizabeth glauben. Der menschliche Geist ist ein feinsinniges Ding, Sir John. Vielleicht hatte sie einen Verdacht, und damit war die Saat gelegt.� Athelstan blies die Wangen auf. �Wei� der Himmel, was dann geschah. Ihr ganzes Leben drehte sich um die Tatsache, da� ihre Mutter vergiftet worden war, und so verb�ndete sie sich mit der alten Amme. Vielleicht verstand diese ja auch etwas von Arzneien. Egal wie, sie dachten sich ein kleines Spiel aus, um den willensschwachen Walter zum Bekenntnis oder wenigstens zur Reue zu zwingen. Aber was fangen wir jetzt an, Sir John?�</p><p>�Oh, ich lasse sie ein paar Tage in ihrem eigenen Saft schmoren. Unterdessen werde ich das M�dchen bei den Minoritinnen besuchen.�</p><p>�Danke, Sir John. Und dann?�</p><p>�Wie gesagt: Dann gehe ich nach Hause und erlasse auf meinen Eid einen Haftbefehl gegen Walter und Eleanor Hobden. Meine Konstabier k�nnen ihn zustellen, und ehe sie viel �lter sind, werden die Hobdens vor den k�niglichen Richtern in Westminster stehen.�</p><p>Athelstan dankte ihm noch einmal und versprach dem Coroner, das ganze Beweismaterial zu den Rathausmorden gr�ndlich zu studieren. Dann trennten sie sich; Cranston ging zu den Minoritinnen, und Athelstan hinunter zur London Bridge.</p><p>*</p><p>�Ite missa est.� Segnend streckte Athelstan die Hand aus; die Sonntagsmesse war zu Ende. Er l�chelte, als seine Pfarrkinder, die doch kaum Latein konnten, zur�ckbr�llten: �Deo gratias!�</p><p>Athelstan stieg die Altarstufen hinunter, beugte das Knie und folgte Crim in die Sakristei. Dann kam er wieder heraus, stellte sich in den Vorraum und sch�ttelte seinen Gemeindemitgliedern die H�nde, als sie hinausgingen. Watkin und Pike, der Grabenbauer, blieben da, wie er sie vor der Messe gebeten hatte. Er verabschiedete Ranulf, den Rattenf�nger, der immer noch strahlte, weil er Cranston geholfen hatte, Pemel, die Flamin, Ursula und ihre Sau, Tab, den Kesselflicker und die Kurtisane Cecily, die prachtvoll aussah in ihrem weizengelben Kleid.</p><p>�Du hast dich anst�ndig benommen?� fragte Athelstan sie.</p><p>�Selbstverst�ndlich, Pater!�</p><p>Also geschehen doch Wunder in Southwark, dachte er. Als letzter ging Jacob Arveid, der Deutsche, mit seiner h�bschen Frau und seiner Kinderschar. Der Deutsche war ein flei�iger Pergamenth�ndler, der sich schon nach kurzer Zeit in einem sch�nen dreigeschossigen Haus mit Garten hinter dem Stadtpalast des Bischofs von Westminster eingerichtet hatte, allerdings immer noch Schwierigkeiten mit der Sprache hatte.</p><p>�Das waren h�bsche Worte�, versicherte er Athelstan jetzt. �Eine sehr genaue Predigt. Ich danke Euch vom Herzen meines Grundes.�</p><p>�Meinst du nicht, vom Grunde deines Herzens?�</p><p>�Von da auch, Pater.�</p><p>Athelstan l�chelte und sah zu, wie seine Gemeinde sich in der Gasse vor einem kleinen Stand versammelte, wo Tab, der Kesselflicker, Ale und S��igkeiten verkaufte. Er ging durch die Kirche zur�ck in die Sakristei, wo ihn Watkin mit seiner furchterregenden Frau und Pike, der Grabenbauer, mit seiner gleicherma�en beeindruckenden Gattin erwarteten.</p><p>Oh Herr, betete Athelstan, bitte la� es friedlich abgehen. Er warf Pike, mit dem er sich vor der Messe heimlich getroffen hatte, einen kurzen Blick zu. Der Grabenbauer, der sich in des Priesters Schuld sah, hatte rasch zugestimmt, da� die Verlobung seines Sohnes mit der Tochter Watkins die beste L�sung sei. Dann hatte er aufmerksam zugeh�rt, als Athelstan ihm eingesch�rft hatte, was er sagen solle, wenn sie mit Watkin zusammenk�men.</p><p>�Nun, hier sind wir, Pater.� Watkin scharrte mit den gro�en, schmutzigen Stiefeln. �Ich wei�, weshalb Ihr uns sprechen wollt, wenn wir auch anscheinend als letzte gemerkt haben, da� unsere Tochter in Pikes Bengel verschossen ist.�</p><p>�Ein junger Mann�, widersprach Pikes Frau.</p><p>�Mir gef�llt das �berhaupt nicht�, meldete sich Pike zu Wort. �Ich sehe in dieser Verlobung keine Zukunft. Mein Sohn sollte sich weiter umschauen.�</p><p>�Was ist denn an meiner Tochter auszusetzen?� zischte Watkins Frau. �Meinst du, dein Sohn ist zu gut f�r sie?�</p><p>Athelstan l�chelte bei sich, schwieg und sah zu, wie Watkin und seine Frau Pike erbittert angriffen. Danach gab es kaum noch Probleme. Erst entschuldigte Pike sich widerstrebend, und dann willigte er - anscheinend ebenso widerstrebend - ein, den Streit beizulegen; sein Sohn w�rde Watkins Tochter am ersten Sonntag nach Ostern heiraten. Alle gingen hin�ber ins Pfarrhaus, um zur Feier des Tages einen Becher Wein zu trinken. Watkin stolzierte ins Haus wie ein erfolgreicher Rechtsanwalt vors Hofgericht. Er hatte den Namen seiner Familie gepriesen und den Ruf seiner Tochter verteidigt; er hatte seinen gro�en Rivalen, Pike den Grabenbauer, zur R�son gebracht und �berredet, seinen Vorschlag anzunehmen. Athelstan schenkte den Wein ein, ohne Pike in die Augen zu schauen, und w�hrend sie auf das junge Paar tranken, betete er stumm, Watkin m�ge nie herausfinden, wie er �berlistet worden war.</p><p>Als sie gegangen waren, nahm Athelstan ein kleines Fr�hst�ck zu sich und ging dann zur�ck in die verlassene Kirche, um sein Brevier zu beten. Danach r�umte er den K�chentisch ab und legte sein Schreibzeug zurecht: Federkiel, Tintenhorn, Bimsstein und eine Rolle neues Pergament, die Cranston ihm geschenkt hatte. Als er damit fertig war, setzte er sich und schrieb alles auf, was er und Cranston �ber Ira Dei erfahren hatten und wie Mountjoy erstochen, Fitzroy vergiftet und Sturmey in Billingsgate pl�tzlich und gewaltsam zu Tode gebracht worden war. Die Zeit verging. Athelstan legte eine Pause ein und a� ein wenig Suppe, D�rrfleisch und Brot. Er ging zum Beten in die Kirche und spazierte dann auf dem Friedhof umher und dachte �ber das nach, was er geschrieben hatte. Er zeichnete einen neuen Plan vom Garten des Rathauses und eine Sitzordnung des Banketts, bei dem Fitzroy gestorben war. Ab und zu fiel ihm noch etwas ein, das er dann s�uberlich einf�gte.</p><p>Als es d�mmerte, glaubte Athelstan, alles aufgeschrieben zu haben, und er begann, seine Notizen aufmerksam zu studieren. L�chelnd dachte er daran, wie seine Mutter in einem alten Umhang einen losen Faden gesucht und wie sie ihn, wenn sie ihn gefunden hatte, sorgf�ltig herausgezupft und die kostbare Wolle aufgeribbelt hatte. Aber hier fand sich nirgends ein loser Faden.</p><p>�Kaltbl�tiger Mord�, murmelte er bei sich. �Kein Verbrechen aus Leidenschaft, keine ungest�me Geste, die den M�rder verraten k�nnte.� Seine Liste enthielt nicht weniger als acht m�gliche Schuldige, und wer Ira Dei war, blieb weiterhin ein Geheimnis.</p><p>Athelstan stand auf und streckte sich; er z�ndete die Kerzen an und entfachte das Feuer, als Bonaventura durch das offene Fenster hereinglitt.</p><p>�Guten Abend, mein Prinz der Gassen.�</p><p>Der gro�e Kater reckte sich vor dem Kamin, und seine rosarote Zunge blitzte hervor. Er schnurrte vor Behagen, als Athelstan einen Krug Milch aus der Speisekammer holte und seinen verbeulten Zinnapf damit f�llte. Der Bruder hockte sich nieder und streichelte den ein�ugigen Kater zwischen den Ohren.</p><p>�Ich w�nschte, ihr Tiere k�nntet sprechen�, sagte er leise. �Ich w�nschte, ich w�re wie der gro�e Franz von Assisi und h�tte die Gabe, mit den kleinen Gesch�pfen Gottes zu reden. Was f�r Geheimnisse siehst du, hm, Bonaventura? Wieviel B�ses beobachtest du, wenn du in den Stra�en und Gassen auf Jagd gehst?�</p><p>Bonaventura schleckte weiter seine Milch, und sein Schwanz zuckte vor Behagen hin und her. Athelstan erhob sich, nahm einen Schluck aus seinem Bierhumpen und widmete sich wieder seinem Problem. Es wurde dunkel; Eulen schrien drau�en auf dem Friedhof, und der Bruder wurde immer gereizter. Er ging die Treppe hinauf und holte die Schriftrolle mit den f�nfzehn Jahre alten Ermittlungsprotokollen, die er von Cranston bekommen hatte und in der auch von Sturmey die Rede war. Unten setzte er sich hin, legte sein Lineal unter jede Zeile, um gr�ndlicher zu lesen, und studierte das Dokument aufmerksam.</p><p>�Oh Herr, hilf mir�, betete er. �Bitte, nur einen losen Faden!� Er las und las, und dann fand er etwas, in einer Ecke am Rande des Manuskripts, wo der Schreiber eine kleine Anmerkung hingeschrieben hatte. �Oh Herr, Du bist unser Erretter!� fl�sterte er. �Oh ja, nat�rlich!�</p><p>Der Ordensbruder l�schte die Kerze, stapfte die Treppe hinauf, legte sich auf sein Bett und starrte an die Decke. An einem so sch�nen Herbstabend, zumal an einem Sonntag, w�re er gew�hnlich auf seinem Kirchturm gewesen, um die Sterne zu betrachten und mit Bonaventura �ber die Theorien Roger Bacons zu debattieren. Aber er mu�te gestehen, da� das Studium des menschlichen Herzens noch faszinierender war. Er begann, eine logische Erkl�rung zu konstruieren, die am Ende hoffentlich den M�rder ans Licht Gottes treiben w�rde. Im Geiste durchk�mmte er alle M�glichkeiten, bis ihm die Lider schwer wurden. Er versank in einen unruhigen Schlaf, und immer wieder plagte ihn ein Alptraum, in dem er im Mondschein im Garten des Rathauses sa�.</p><p>Er sa� da, wo Mountjoy gesessen hatte, und sah, wie der M�rder sich hinter den Zaunpf�hlen bewegte. Er wollte aufstehen, merkte aber, da� er angebunden war und sich nicht r�hren konnte. Er wu�te, da� der M�rder zuschlagen w�rde. Dann drehte Athelstan sich um, weil er jemanden neben sich sp�rte, und erblickte die grauen Gesichter und rotger�nderten Augen einer Reihe von Leichen: Mountjoy, Fitzroy und Sarah Hobden. Auf einer Stange mitten im Garten aber stak der abgeschlagene Kopf des franz�sischen Piraten Jacques le Roux. Die Leichen dr�ngten sich mit aufgerissenen M�ndern um ihn; Athelstan wollte sie wegschieben, wagte aber nicht, den M�rder, der hinter dem Zaun lauerte, aus den Augen zu lassen.</p><p>Endlich erwachte er, schwei�gebadet und st�hnend. Er atmete tief durch, um sein pochendes Herz zu beruhigen, und schaute aus dem Fenster. Der Himmel war bereits r�tlich, und so stand er auf, wusch sich, zog sich an und ging dann hinunter in die K�che, um etwas zu essen.</p><p>Nach einer Weile verbla�ten die Schrecken der Nacht; er sa� mit Bonaventura auf dem Scho� vor dem neu entfachten Feuer und wiegte sich sanft auf dem Stuhl. Schlie�lich wandte er sich wieder dem Schreiben zu, langsam erst, doch dann immer energischer und schneller, und er verfa�te das, was er seine Anklageschrift gegen den M�rder nannte.</p><p>Drau�en erwachten die V�gel, sie schwirrten umher und sangen; die Sonne stieg h�her und wurde kr�ftiger. Athelstan legte die Feder aus der Hand und ging hin�ber in die Kirche, um die Messe zu lesen. Niemand kam. Crim platzte mit verquollenen Augen zur T�r herein, als er fertig war, entschuldigte sich lautstark und berichtete, da� die beiden Familien Watkin und Pike am vergangenen Abend die bevorstehende Verlobung gefeiert h�tten. Athelstan versicherte ihm, da� alles in Ordnung sei, nahm einen Penny aus seiner B�rse und f�hrte Crim hinaus in den Vorraum der Kirche.</p><p>�Du kennst den Lord Coroner, Crim?�</p><p>�Den alten Pferdezermalmer?�</p><p>�Na, Crim!�</p><p>�Ja, Pater, ich kenne den Lord Coroner, und ich wei�, wo er wohnt.�</p><p>�Nun, dann geh zu ihm und richte ihm aus, da� ich im �Heiligen Lamm Gottes� auf ihn warte.� Athelstan machte eine Pause. �Ja, sobald der Markt beginnt. Sag ihm au�erdem, er soll Lord Gaunt und die anderen Edlen bitten, uns gegen Mittag im Rathaus zu erwarten.� Er dr�ckte dem Jungen den Penny in die schmutzige Hand und lie� sich die Nachricht dreimal wiederholen. Crim tat es gehorsam und schlo� dabei konzentriert die Augen. Dann rannte er wie ein Hase durch die Gasse davon.</p><p>Athelstan ging in die Kirche zur�ck und hockte sich am Fu�e einer S�ule nieder. Er w�rde froh sein, wenn diese Sache erledigt w�re. Hoffentlich hatte er recht. Er hatte gewisse Beweise, aber nicht genug; das k�me erst, wenn alle im Rathaus versammelt w�ren, auch wenn er dann w�rde gestehen m�ssen, da� die Identit�t des Ira Dei ein Geheimnis war, das ihm weiterhin verschlossen blieb.</p><p>Athelstan schaute sich in der Kirche um. Allm�hlich mu�te er wirklich wieder seine vernachl�ssigten Gemeindegesch�fte in die Hand nehmen. Huddle hatte das Bild �ber dem Taufbrunnen nicht fertiggemalt und Cecily schon seit Tagen die Kirche nicht geputzt. Athelstan schlo� die Augen. Wenn er doch jemanden �berreden k�nnte, buntes Glas f�r eines der Fenster zu bezahlen, f�r ein strahlendes Bild wie die in den von reichen Patronen gef�rderten Kirchen in London, eine Geschichte aus dem Leben Jesu oder vielleicht auch des Hl. Erconwald, in vielen Einzelheiten abgebildet, so da� er sich in seinen Predigten darauf beziehen konnte.</p><p>Seine Gedanken schweiften ab. Hoffentlich war Elizabeth Hobden bei den Minoritinnen sicher - und ob Cranston wohl den Haftbefehl gegen ihren Vater und ihre Stiefmutter ausgestellt hatte? Seufzend stand Athelstan auf, kehrte ins Pfarrhaus zur�ck, r�umte den Tisch ab, packte die Schreibutensilien in die Ledertasche und ging in den Stall, um den ziemlich mi�mutigen Philomel zu satteln.</p><p>Vorbei an den niedrigen H�tten, in denen viele seiner Pfarrkinder wohnten, ritt er zur London Bridge hinunter. Er widerstand der Versuchung, Ursulas massige Sau �ber den Haufen zu reiten, die sich mit flatternden Ohren schwerf�llig die Stra�e heraufschleppte; wahrscheinlich war sie schnurstracks unterwegs zu seinem Garten. An einer kleinen Aleschenke hielt Athelstan an; Cecily sa� dort mit keck �bereinandergeschlagenen Beinen und war in ein Gespr�ch mit Pike, dem Grabenbauer, vertieft. Athelstan gab den beiden die Kirchenschl�ssel.</p><p>�Cecily�, sagte er in bittendem Ton, �die Kirche mu� einmal gr�ndlich geputzt werden, und ich habe dich daf�r bezahlt.�</p><p>Die kindlichen blauen Augen des M�dchens f�llten sich mit Tr�nen. �Oh, Pater, es tut mir leid, aber ��</p><p>�Cecily war besch�ftigt�, unterbrach Pike. �Mit Alberto.�</p><p>�Mit wem?�</p><p>�Mit einem Matrosen von einer Genueser Kogge, die in Dowgate lag.� Pikes Grinsen wurde breiter. �Jetzt ist er weg, Cecily ist wieder bei uns, und die Kirche ist bald sauber.�</p><p>Athelstan l�chelte. �Hat er dir gefallen, Cecily?�</p><p>�Oh ja, Pater. Er hat versprochen, in zwei Monaten zur�ckzukommen.�</p><p>Athelstan nickte und trieb Philomel voran. Aye, dachte er. Die arme Cecily. Cranston w�rde sagen: �Alberto kommt zur�ck, wenn Ursulas Sau Fl�gel kriegt.� Er t�tschelte Philomels Hals.</p><p>�Wir sind die Armen, Philomel�, sagte er leise. �Vergi� das nie. Und wenn W�nsche Pferde w�ren, dann k�nnten Bettler reiten.�</p><p>�F�hrt Ihr Selbstgespr�che, Pater?�</p><p>Athelstan blickte auf. Er hatte die Priorei von St. Mary Overy hinter sich gelassen und war auf der breiten Stra�e, die zur Br�cke hinunterf�hrte. Um ihn stie�en und dr�ngten sich die Leute, und er sah nicht, wer gesprochen hatte.</p><p>�Pater, ich bin's.�</p><p>Athelstan schaute hinunter. Fast verborgen unter Philomels Maul stand Burdon, der Torhausw�chter.</p><p>�Nein, Master Burdon, ich habe gebetet�, log er.</p><p>Das M�nnchen kam n�her. �Wo ist Sir John? Oh, sagt's mir nicht - er sitzt berauscht in irgendeiner Schenke in der Stadt. Was ist mit meinen K�pfen?�</p><p>�Was soll mit ihnen sein?� fragte Athelstan. �Sind wieder welche verschwunden?�</p><p>�Nein.� Der kleine Mann reckte die Schultern. �Aber die, die weg sind, sollten zur�ckkommen.�</p><p>�Na, ich werde Sir John Bescheid sagen.�</p><p>�Gut. Und sagt ihm, er soll bald vorbeikommen. Meine Frau erwartet wieder ein Kind.�</p><p>Athelstan winkte und trieb Philomel weiter. Burdon sollte sein �berraschtes Grinsen nicht sehen; es war sicher eines der gro�en Geheimnisse Gottes, wie so ein kleiner Mann der stolze Vater eines ganzen Kirchenchors von Kindern sein konnte.</p><p>Auf der London Bridge dr�ngten sich Fuhrwerke und Packpferde, und Athelstan mu�te geduldig warten; er nahm sich vor, nicht durch die L�cken auf den tobenden Flu� hinunterzuschauen. Endlich war er dr�ben und ritt die Bridge Street und die Lombard Street hinauf in die verkehrsreiche Cheapside.</p><p>Erf�llt von den Freuden des Fr�hlings, hatte Sir John die Nachricht von Crim empfangen und sa� im �Heiligen Lamm Gottes�, wo er gesch�ftig einen Teller Aale mit frischgebackenem Brot verzehrte. Er wirkte frisch und ausgeruht und h�tte Athelstan in seiner Umarmung beinahe zerquetscht.</p><p>�Ich hab's schon einmal gesagt�, dr�hnte der Coroner, �und ich sage es wieder: F�r einen M�nch bist du gar nicht so �bel!� Er hielt Athelstan auf Armesl�nge von sich. �Trink einen Roten!�</p><p>�Nein, Sir John.�</p><p>�Du hast den M�rder entlarvt?� fl�sterte Cranston.</p><p>�Habt Ihr die Nachricht zum Rathaus geschickt?�</p><p>Cranston nickte.</p><p>�Dann setzt Euch, Sir John, und ich will Euch erz�hlen, was ich denke.�</p><p>Der Coroner trank, w�hrend Athelstan ihm seine Gedanken darlegte. Er stellte ein paar Fragen; dann sa� er da, hielt seinen Humpen mit beiden H�nden umschlungen und starrte in die Cheapside hinaus.</p><p>�Bist du sicher, Bruder?� fragte er schlie�lich.</p><p>�Nicht ganz, aber es ist die einzig logische Erkl�rung.�</p><p>�Woher wissen wir, da� die Person, die du nennst, nicht Ira Dei ist?�</p><p>�Ich bezweifle es, Sir John, aber m�glich w�re es.�</p><p>�Aber k�nnte jemand so mit einem Dolch umgehen? Nein, nein.� Cranston wedelte mit der Hand. �Andererseits, es k�nnte nat�rlich gehen. Komm, geh mit mir zu Simon, dem Waffenschmied. Unsere Kameraden im Rathaus erwarten uns erst um die Mittagsstunde, oder?�</p><p>Athelstan nickte. Cranston wuchtete seinen m�chtigen Wanst hoch und stapfte breitbeinig hinaus in die Cheapside und die Friday Street hinauf. Dort standen die H�user dicht beieinander; Ladenschilder, die an Stangen hingen, baumelten gefahrlich dicht �ber den K�pfen der Menschen. Cranston blieb unter dem bunten Bild einer Sturmhaube und eines Paars Eisenhandschuhe stehen.</p><p>�Reden wir ein paar Worte mit dem alten Simon.�</p><p>Trotz der schmalen Fassade war die Werkstatt im Innern des Hauses gro� und h�hlenartig. Im Garten dahinter befand sich eine kleine Schmiede, in der schwitzende Lehrlinge Metallst�cke aus dem tosenden Feuer zogen und auf Ambosse legten, um sie mit aller Kraft zurechtzuh�mmern. Ein kleiner, rotgesichtiger Mann erschien wie aus dem Nichts. Mit seinen funkelnden, flinken Augen, dem sch�tteren Haar und den langen, spitzen Ohren erinnerte er Athelstan an einen Kobold.</p><p>�Sir John!� Die Augen des kleinen Mannes blitzten bei der Aussicht auf Profit, als er die K�rpermassen des Coroners erblickte. �Ihr seid gekommen, um eine R�stung zu kaufen?�</p><p>Der kleine Mann befeuchtete sich die Lippen, w�hrend er im Geiste schon ausrechnete, was es kosten w�rde, einen so dicken Bauch mit Kettenhemd und Harnisch zu sch�tzen. Eine Zeitlang neckte Cranston ihn, aber dann schlug er dem kleinen Kerl so heftig auf die Schulter, da� er ihn fast in den Boden gerammt h�tte.</p><p>�Unsinn, Simon, und das wei�t du. Die Tage des Kampfes sind f�r mich vor�ber. Das hier ist Athelstan, mein Schreiber.� Leichthin wedelte er mit einer fetten Hand. �Und er hat eine Theorie. Erkl�re!�</p><p>Athelstan gehorchte. Simon h�rte zu, zog eine Grimasse und zuckte die Achseln. �Nat�rlich.�</p><p>Er ging in den hinteren Teil der Werkstatt und �ffnete - verwickelt in eine hitzige Debatte mit Cranston �ber Dolche, Hirschf�nger, italienische Stilette, Langbogen und gro�e und kleine Armbr�ste - eine gro�e Truhe. Ein Lehrjunge wurde hereingerufen und mu�te durch eine Demonstration beweisen, da� Simon recht hatte.</p><p>Eine Stunde sp�ter wanderten Cranston, Athelstan und der kleine Waffenschmied, der einen Ledersack �ber der Schulter trug, zur�ck in die Cheapside und geradewegs zum Rathaus. Athelstan machte bei einem B�cker halt und kaufte einen Leinenbeutel mit Marzipan und doucettes. Dann mu�ten sie noch einmal stehenbleiben, weil B�ttel eine Reihe von �belt�tern und Str�flingen aus den Gef�ngnissen in Newgate und Fleet ihrer Strafe zuf�hrten.</p><p>Es war die �bliche niedergeschlagene Prozession von Gaunern, Dieben und Nachtv�geln. Aber dann kam ein Karren, dem zwei Dudelsackspieler vorausgingen, die ein munteres, flottes Liedchen spielten. Der Pferdekarren war mit allerlei grausigen Gegenst�nden �bers�t und verbreitete einen Kloakengestank, der die Leute auf der Stra�e emp�rt aufschreien lie�. Hinten auf dem Karren standen die beiden Reliquienh�ndler, die Cranston am Vortag verhaftet hatte. Ihre Gesichter waren blutig, ihre zerzausten Haare von allerlei Unrat verschmiert, und die Menge bewarf sie weiter mit Kot und Abf�llen.</p><p>Cranston grinste, Athelstan aber durchfuhr schmerzliches Mitleid; man hatte den beiden M�nnern die Hose bis auf die Kn�chel heruntergerissen, und ihre blanken Hintern waren wund und blutig, denn zwei B�ttel peitschten sie mit dicken Lederg�rteln. Hinter diesen Misset�tern marschierte ein Beamter mit einer bunt bemalten Proklamation, die �die gr��lichen Verbrechen dieser beiden Betr�ger� schilderte.</p><p>�Was passiert mit ihnen?� fragte Athelstan.</p><p>�Nicht das, was sie verdient h�tten�, grollte Cranston. �Der Karren mit den sogenannten Reliquien fahrt zur London Bridge, dort wird der st�dtische Henker alles verbrennen. Unsere beiden H�bschen werden danach nach Aldgate gepeitscht, losgebunden und aus der Stadt verbannt; werden sie noch einmal ertappt, verlieren sie einen Arm, und beim zweiten Mal ihr Leben.� Cranston blickte �ber die Menge hinweg, die Schimpfworte br�llte, als der Karren in der Mercery verschwand. �Das ist eine Lektion f�r die anderen - die sie morgen bestimmt schon wieder vergessen haben.�</p><p>Sie gingen weiter �ber die Cheapside, und der kleine Waffenschmied verwickelte Cranston von neuem in eine erbitterte Diskussion �ber die �berlegenheit mancher Waffen. Vor dem Rathaus mu�ten sie eine Weile warten, bis ein Ratsdiener sie in den Saal f�hrte, in dem Gaunt sa�, flankiert von Clifford und Hussey und den Gildemeistern. Der Regent lie� alle Etikette beiseite und lud sie nicht einmal ein, Platz zu nehmen. Ver�chtlich musterte er den kleinen Waffenschmied. Simon war derart �berw�ltigt von der Gegenwart so erhabener Pers�nlichkeiten, da� er gar nicht aufh�ren konnte, sich zu b�cken und zu verbeugen, bis Cranston ihm zuzischte, er solle bei der T�r warten und stillstehen.</p><p>�Ihr habt uns etwas zu berichten, Mylord Coroner?�</p><p>�Ja, Euer Gnaden.�</p><p>Gaunt spielte mit den Ledertroddeln an seinem teuren gesteppten Wams. Athelstan sah, da� der Regent sich auf einen Vormittag der Jagd in den Feldern und S�mpfen n�rdlich von Clerkenwell gefreut hatte. Hussey war diplomatisch wie stets, freundlich, aber still. Clifford rieb sich nachdenklich die verletzte Schulter, und die Gildeherren benahmen sich wie eine Meute Jagdhunde. Goodman, der B�rgermeister, trommelte auf dem Tisch, Sudbury und die �brigen schienen arrogant und ver�rgert, weil man sie von ihren morgendlichen Gesch�ften abgehalten hatte.</p><p>�Nun?� schnappte Goodman. �Wir sind vielbesch�ftigte M�nner, Sir John!�</p><p>�Das bin ich auch, Mylord B�rgermeister.�</p><p>�Ihr kommt eher, als wir dachten�, schnarrte Sudbury. �Habt Ihr unser Gold?�</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Habt Ihr Ira Dei verhaftet?�</p><p>�Nein.�</p><p>Gaunt beugte sich vor und l�chelte falsch. �Warum in Gottes Namen sind wir dann hier, Sir John?�</p><p>�Vielleicht, um einen M�rder zu verhaften, Euer Gnaden. Alle Ausg�nge des Rathauses sind zu sichern.�</p><p>Gaunt starrte ihn an, und ein Funken von Interesse erwachte in seinem Auge, als ihm klar wurde, da� dies keine gew�hnliche Versammlung war.</p><p>�Ihr habt also etwas entdeckt, wie?� sagte er leise. �Ihr und Euer kleiner Bruder.�</p><p>Die Atmosph�re im Rathaus �nderte sich dramatisch. Die hatten uns als Versager abgetan, begriff Athelstan. Diese arroganten Falken meinten, der fette Coroner und sein verstaubter Ordensbruder seien zu d�mlich, um die Wahrheit herauszufinden. Er holte tief Luft, um seinen Arger zu beherrschen. Gaunt lehnte sich zur�ck und spreizte die H�nde.</p><p>�Sir John, in dieser Sache sind wir Eure Gefangenen.� Er warf einen w�tenden Blick �ber die Schulter und br�llte einem Hauptmann der Garde an der Wand hinter sich zu: �Sichert das Rathaus! Niemand darf herein oder heraus, bis ich es sage!� Er sah Cranston an. �Was braucht Ihr sonst noch, Mylord Coroner?�</p><p>Statt dessen ergriff Athelstan das Wort. �Ich m�chte, da� die Bankettafel so gedeckt wird wie an dem Abend, als Fitzroy starb.�</p><p>Gaunt nickte. �Und was noch?�</p><p>�Ich m�chte, da� man Kissen und Polster dorthin legt, wo der Sheriff, Sir Gerard Mountjoy, gesessen hat. Und der Garten mu� ger�umt werden.�</p><p>Gaunt l�chelte. �Und schlie�lich?�</p><p>�Ich w�re Euch dankbar, wenn Ihr alle hierbleiben wolltet, bis ich und Sir John fertig sind, Euer Gnaden.�</p><p>Protestgemurmel erhob sich, aber Gaunt schlug schweigengebietend mit der flachen Hand auf den Tisch. Er war rot im Gesicht.</p><p>�Vor wenigen Tagen�, schrie er, �kam ich in dieses Rathaus, um eine Freundschaftspakt mit der Stadt zu unterzeichnen. Der Tod der Herren Fitzroy, Mountjoy und Sturmey hat dem ein Ende gemacht. Ihr Herren, Ihr werdet nun warten, bis diese Sache erledigt ist.� Er deutete mit dem Finger auf Cranston. �Und Euch, Lord Coroner, gnade Gott, wenn Ihr meine Zeit verschwendet.�</p><p>Die Diener wurden herbeigerufen. Gaunt gab ihnen seine Anweisungen. Athelstan f�hrte Cranston und den zitternden Waffenschmied die Treppe hinunter und hinaus in den kleinen �berdachten Gang zwischen der K�che und dem Rathaus. Er versuchte, seine Erregung zu z�geln, als er durch die L�cken in den Zaunpf�hlen sp�hte und sah, wie die Diener befehlsgem�� Kissen und Polster auf der Rasenbank aufbauten. Von seinem Platz aus konnte er durch die Zaunl�cken deutlich sehen, da� sie sich da t�rmten, wo Sir Gerard ermordet worden war. Er wartete, bis die Diener ins Rathaus zur�ckgekehrt waren; dann l�chelte er dem Waffenschmied zu.</p><p>�So, Simon, jetzt habt Ihr Gelegenheit, zu beweisen, da� unsere Theorie stimmt.�</p><p>Der Waffenschmied stellte seinen Sack auf den Boden und nahm eine kleine Armbrust heraus. Die Rinne, in der man den Bolzen einlegte, war eigens verbreitert worden. Als n�chstes f�rderte er einen langen Dolch zutage, �hnlich dem, der in Mountjoys Brust gesteckt hatte. Behutsam legte er ihn in die verbreiterte Bolzenrinne und spannte langsam die starke Armbrustsehne.</p><p>�Sehr gut�, sagte Athelstan leise. �Und jetzt, Simon, versucht, den Dolch mit der Armbrust mitten in das oberste Kissen zu schie�en, in das mit den gr�nen Fransen.�</p><p>Fluchend und grummelnd hob Simon die Armbrust und scho� den Dolch ab; der flog davon wie ein Stein von einer Schleuder, aber der Waffenschmied hatte nicht gut gezielt. Der Dolch blieb im Holzzaun stecken, er hatte die Kissen knapp verfehlt. Keuchend und schnaufend hastete Cranston hin�ber, brachte ihn zur�ck und ermahnte Simon, die H�nde ruhig zu halten, sonst w�rden sie alle drei die n�chste Woche in Newgate verbringen.</p><p>Wieder stemmte der Waffenschmied die Armbrust auf den Boden und kurbelte die Sehne zur�ck. Der lange Dolch wurde in die Bolzenrinne gelegt. Er zielte sorgf�ltig, und diesmal schnellte der Dolch richtig davon, bohrte sich tief in das Kissen und nagelte es an den Holzzaun dahinter. Cranston kr�hte triumphierend und klatschte in die H�nde wie ein Kind.</p><p>�Es klappt!� rief er. �Es klappt!�</p><p>Er st�rzte ins Rathaus und kam kurz darauf mit Gaunt und seinen Gef�hrten aus dem Ratszimmer zur�ck. Athelstan und der Waffenschmied, der die Armbrust wieder in den Sack gesteckt hatte, standen am Gartentor und betrachteten das Polster.</p><p>�Was soll dieser Unsinn?� schrie Goodman. �Ihr bringt uns her, Cranston, um uns ein Kissen mit einem Dolch darin zu zeigen?�</p><p>Gaunt indessen stie� das Gartentor auf und ging hinein; er packte den Dolch und drehte ihn behutsam heraus. Eine kleine Wolke von Staub und G�nsefedern erhob sich.</p><p>�Ihr habt ihn nicht hineingesto�en, Cranston?�</p><p>�Nein, Euer Gnaden�, antwortete der Coroner. �Der Dolch wurde mit einer Armbrust durch eine L�cke im Zaun geschossen.�</p><p>�Geht das denn?� rief Denny.</p><p>�Oh ja, das geht!� Sudbury l�chelte den B�rgermeister honigs�� an. �Meint Ihr nicht auch, Sir Christopher? Ihr geh�rt doch der Bogenmachergilde an.�</p><p>Der B�rgermeister war bla�; Cranstons Bekanntmachung hatte ihn offensichtlich ziemlich ersch�ttert.</p><p>�Nun?� Gaunt funkelte ihn an.</p><p>�Euer Gnaden, das ist ganz einfach�, murmelte der Mann. �Der Dolch gleicht demjenigen, mit dem der Sheriff get�tet wurde; er hat keinen Griffschutz, und man kann ihn mit einer Armbrust abschie�en, wenn man die Bolzenrinne verbreitert und vertieft. Die Armbrust ist ein verst�rkter Bogen, und der Dolch wird zum Pfeil.�</p><p>�Ihr m��t wissen -� fiel ihm Simon, der Waffenschmied, ins Wort. Dann fiel ihm ein, wo er war, und er schlug sich die Hand vor den Mund.</p><p>�Los, Simon�, dr�ngte Cranston leise. �Schie�t den Dolch noch einmal ab!�</p><p>Simon eilte davon. Man sah ihn hinter dem Zaun in dem �berdachten Gang, man h�rte die Sehne schwirren, und wieder sauste der Dolch in die Polster.</p><p>�Da seht Ihr's.� Cranston streckte die H�nde aus. �Stellt Euch vor, Ihr guten Herren, wie Sir Gerard Mountjoy in der Nachmittagssonne sitzt und in seinem Privatgarten seinen Wein und die Gesellschaft seiner Hunde genie�t.� Er sah Denny an. �Ihr habt ihn dort gesehen. Im Rathaus ist es still; alles d�st oder ruht in der Nachmittagshitze, aber unser M�rder schleicht sich durch den �berdachten Gang heran. Unter seinem Umhang hat er eine Armbrust wie diese hier oder einen �hnlichen Bogen, den er extra daf�r gekauft hat. Die L�cke im Zaun ist breit genug. Der M�rder zielt, und Sir Gerard ist auf der Stelle tot, denn der Dolch hat sein Herz durchbohrt, ohne da� der M�rder den Garten betreten und an den Hunden vorbei mu�te. Er schleicht davon. Vermutlich�, fuhr Cranston fort, �hatte er vorher ge�bt, und so war die Mordtat im Handumdrehen ausgef�hrt. Die Hunde bekamen kaum etwas mit, und Sir Gerard war auf der Stelle tot.� Er nickte, als Athelstan ihn beim �rmel fa�te und ihm etwas ins Ohr fl�sterte.</p><p>�Und Fitzroy?� fragte Gaunt.</p><p>Cranston wartete, bis Athelstan durch die Rathaust�r verschwunden war.</p><p>�Oh, der Mord an Fitzroy war noch raffinierter. Dazu m�ssen wir in den Raum zur�ck, in dem er starb. Aber der M�rder, der Mountjoy t�tete, benutzte f�r den Mord an Sturmey die gleiche Methode. Der erbarmungsw�rdige Schlosser wurde aus Gr�nden, die ich sp�ter erl�utern werde, nach Billingsgate zum Kai gelockt. Er wartete auf jemanden. Er ging auf und ab und fragte sich �ngstlich, wann der Mann, der ihn erpre�te, wohl kommen w�rde. Aber der M�rder war schon da und hielt sich zwischen den St�nden oder hinter einem der Lagerh�user versteckt. Wieder wurde die Armbrust erhoben, der Dolch aufgelegt. Eben stand Sturmey noch am Kai, im n�chsten Augenblick sa� der Dolch tief in seiner Brust und lie� ihn in den Flu� st�rzen. Das erkl�rt, warum niemand jemanden auch nur in Rufweite des Ermordeten gesehen hat.�</p><p>Gaunt starrte den Coroner an, und seine Finger vollf�hrten einen Trommelwirbel auf dem breiten, ledernen Jagdg�rtel um seine schmale Taille.</p><p>�Mylord Coroner, der Bankettsaal ist bereit. Euer Schreiber, Bruder Athelstan, ist schon hinaufgegangen. Ich nehme an, er erwartet uns. Wie Mountjoy und Sturmey zu Tode gekommen sind, habt Ihr uns erkl�rt.� Er wollte weiterreden, sah aber Cranstons warnenden Blick, wandte sich ab, w�hlte in seiner B�rse und warf dem Waffenschmied, der in den Garten zur�ckgekommen war, eine Goldm�nze zu.</p><p>�Die hast du dir verdient, Mann. Bleib hier, bis diese Sache erledigt ist. Und wenn du nachher gehst, halte deine Zunge im Zaum, denn sonst werde ich daf�r sorgen, da� du die Zunge mitsamt dem Kopf verlierst!�</p><p>�berw�ltigt von einer Mischung aus Dankbarkeit und Angst, fiel Simon auf die Knie. Cranston f�hrte die anderen zur�ck ins Rathaus.</p></section><section><title><p><strong>Vierzehn</strong></p></title><p>Athelstan erwartete sie im Bankettsaal. Der Aufw�rter hatte die Tafel so gedeckt, wie sie am Abend des Mordes an Fitzroy gewesen war; an jedem Platz stand ein silberner Teller. Auf Athelstans Wunsch nahmen Gaunt, Hussey und die �brigen ihre Pl�tze ein. Eine Zeitlang herrschte Gemurmel und Gemurre, aber die Lektion, die Cranston ihnen im Garten erteilt hatte, erf�llte alle mit banger Erwartung.</p><p>Athelstan setzte sich auf Fitzroys Platz und l�chelte Goodman zu seiner Linken und Denny zur Rechten zu. Er wartete, bis das Gemurmel erstarb, w�hrend Cranston sich an Lord Clifford wandte, der an der T�r stand.</p><p>�Mylord, Ihr k�nnt Bruder Athelstans Platz einnehmen.� Cranston wandte sich ab. �Ich wei�, da� Ihr nicht da wart, als Fitzroy starb.�</p><p>Der junge Edelmann, der nerv�s mit dem Griff seines Dolches spielte, gehorchte stumm. Noch einmal schaute sich Athelstan im Raum um; zwei der Gildeherren waren bereits in seine kleine Falle gegangen. Gaunt schlug mit der Faust auf den Tisch und verlangte, da� es weitergehe. Athelstan stand auf.</p><p>�Euer Gnaden, an dem Abend, da Fitzroy starb, befanden wir uns mitten in einem pr�chtigen Bankett, nicht wahr?�</p><p>�Vorz�glich beobachtet�, versetzte Gaunt spitz.</p><p>�Nein, Euer Gnaden, das ist wichtig. Sagt mir�, fuhr Athelstan beharrlich fort, �war das Bankett schon beendet?�</p><p>Gaunt rutschte auf seinem Platz hin und her. �Nat�rlich nicht. Der Hauptgang war serviert worden, und die K�che bereiteten den Nachtisch zu, als Fitzroy dem Fest ein makabres Ende machte.�</p><p>�Ja�, sagte Athelstan. �Das hatte ich vergessen -bis zu dem Tag, da ich eine kandierte Pflaume a�. Ich geriet in Verlegenheit, weil Zucker und Honigsirup mir an Gaumen und Z�hnen klebten und ich mir die St�cke aus dem Mund stochern mu�te. Als ich danach meine H�nde in einer Sch�ssel wusch, fiel mir ein, da� ich das letztemal so viel Zucker an den H�nden gehabt hatte, als ich Fitzroy unmittelbar nach seinem Tod untersuchte. Ich fragte mich, warum der tote Gildeherr so viel Zucker im Mund hatte, obwohl der Nachtisch noch gar nicht aufgetragen worden war.� Er schaute sich in dem stillen Saal um. �Euer Gnaden, Ihr Herren, erinnert Euch, was an jenem Abend serviert wurde. Kann einer von Euch sich entsinnen, da� wir etwas bekommen haben, was dick mit Zucker oder Sirup �berzogen war?�</p><p>�Fitzroy k�nnte so etwas gegessen haben, bevor er zum Bankett kam�, wehrte Hussey ab.</p><p>�Nein, nein�, antwortete Athelstan. �Wir haben bereits festgestellt, da� Fitzroy, wenn er ein solches Gift vorher zu sich genommen h�tte, binnen einer Stunde gestorben w�re�. Athelstan l�chelte, denn wieder war ein Gildemeister in seine Falle gegangen.</p><p>�Was meint Ihr damit?� blaffte Gaunt.</p><p>�Ich meine damit, Euer Gnaden, wir haben bereits festgestellt, da� Fitzroy das Gift nicht vor dem Bankett genommen hat. Wir haben au�erdem festgestellt, da� nichts von dem, was er beim Bankett gegessen oder getrunken hat, vergiftet war. Und doch�, fuhr Athelstan fort, �wurde Fitzroy ohne Zweifel hier in diesem Raum vergiftet, weil er etwas a�, das niemand sonst a�.�</p><p>�Was denn?� rief Hussey und beugte sich vor. �Genug der R�tsel, Bruder!�</p><p>�Fitzroy wurde von jemandem vergiftet, der wu�te, da� er ein Schleckermaul war. Jawohl, Fitzroy hatte eine gro�e Vorliebe f�r Zuckerwerk. Manche bezeichneten ihn sogar als Vielfra�. Ich glaube, es geschah folgenderma�en: Jemand, der wu�te, wo Fitzroy sitzen w�rde, legte irgendein Zuckerwerk, etwas sehr S��es, neben seinen Silberteller, bevor das Bankett begann. Nur der dicke, klebrige Zucker verbarg die Tatsache, da� diese K�stlichkeit mit Gift getr�nkt war. Und dieser Zucker war es, was ich im Mund des T�ten entdeckte. Und so, vermute ich, wurde Fitzroy get�tet.�</p><p>�Unsinn!� rief Goodman, sein arrogantes Gesicht war jetzt totenbleich. �H�tte Fitzroy das nicht merkw�rdig gefunden?�</p><p>�Nein�, sagte Athelstan. �Erstens war er ja zu einem Bankett gekommen. Vielleicht dachte er, ein Diener habe die S��igkeit fallengelassen oder als besondere Aufmerksamkeit f�r ihn hingelegt. Und zweitens �� Athelstan l�chelte. �Ihr habt Euch alle hingesetzt. Vor jedem von Euch steht ein kleiner silberner Teller. Neben jeden habe ich, bevor Ihr hereinkamt, eine S��igkeit gelegt. Wie viele von Euch haben sie inzwischen aufgegessen? Haben sie geistesabwesend in den Mund gesteckt?�</p><p>Denny, Goodman und Bremmer grinsten verlegen.</p><p>�Woher wi�t Ihr, da� sie nicht vergiftet war?� bellte Cranston und geno� ihren verdatterten Gesichtsausdruck. Schwerf�llig erhob er sich. �Aber Ihr habt getan, was jeder tun w�rde, der an einem Tisch sitzt und aufs Essen wartet. Ihr habt eine Leckerei gefunden und in den Mund gesteckt. Fitzroy war nicht anders. Ja, bei seinem Appetit konnte er wohl kaum widerstehen.�</p><p>�Ja, aber wer hat sie ihm hingelegt?�</p><p>Die Atmosph�re wurde eisig. Gaunts Frage hing wie ein Damoklesschwert �ber ihnen. Cranston deutete auf Lord Adam Clifford.</p><p>�Ihr, Sir, seid ein Verr�ter, ein L�gner und M�rder! Ich beschuldige Euch, in b�ser Absicht den Tod des Sir Thomas Fitzroy, des Peter Sturmey und des Sir Gerard Mountjoy herbeigef�hrt zu haben!�</p><p>Clifford sprang auf; seine Augen waren riesig und sein Gesicht rot vor Zorn. �Du fetter alter Trottel!� br�llte er. �Wie kannst du es wagen?�</p><p>Wie vom Donner ger�hrt lehnte sich Gaunt auf seinem Stuhl zur�ck; die Gildeherren starrten Cranston fassungslos an. Clifford kam drohend auf den Coroner zu, die Hand am Dolch. Sir John zog sein Schwert, aber Gaunts Gardehauptmann trat rasch zwischen die beiden M�nner.</p><p>�Lord Adam, ich schlage vor, Ihr setzt Euch wieder hin�, sagte der Soldat leise und sah sich �ber die Schulter nach seinem Herrn um. Gaunt hatte seine Fassung wiedergefunden und nickte stumm, ohne seinen jungen Adjutanten aus den Augen zu lassen.</p><p>�Setzt Euch, Adam�, sagte er leise. �Mylord Coroner, fahrt fort. Aber sollten sich Eure Anschuldigungen als falsch erweisen, so werdet Ihr Euch daf�r verantworten m�ssen.�</p><p>�Ich werde mich vor Gott verantworten�, erwiderte Cranston und schaute in die Runde. �Jetzt will ich Euch eine Geschichte erz�hlen�, begann er, �von einem K�nigreich, in dem der K�nig ein Kind ist und alle Macht bei seinem Onkel, dem Regenten, liegt. In Abwesenheit eines starken Herrschers entstehen Fraktionen, die sich um die Macht balgen. Die Adligen bei Hofe vertiefen sich in t�dliche Rivalit�ten, in der Stadt wetteifern m�chtige B�rger um die Herrschaft. Das arbeitende Volk drau�en auf dem Land murrt und f�hrt verr�terische Reden. Es bilden sich geheime Zirkel und Gruppen, die Aufstandspl�ne schmieden.�</p><p>�Seht Euch vor, Sir John!� zischte Gaunt.</p><p>Athelstan schlo� die Augen und betete, da� Cranston nicht zu weit gehen m�ge.</p><p>�Wenn ich l�ge�, antwortete Sir John, �soll mir jemand widersprechen.� Er sah die Gildeherren an, aber alle schwiegen - auch Clifford, dem jetzt die Schwei�perlen �bers Gesicht rannen.</p><p>�Ein F�hrer tritt auf den Plan�, fuhr Cranston fort. �Ein geheimnisvoller Mann, der sich Ira Dei nennt, der �Zorn Gottes�. Er f�hrt die �Gro�e Gemeinschaft des Reiches�, einen geheimen Rat von Bauernf�hrern. Sie wissen nicht, wer er ist, und auch sonst wei� es niemand. Er kommt und geht und s�t die Saat der Zwietracht. Und nun ver�ndern sich die Dinge. Seine Gnaden der Regent beschlie�t, einen Freundschaftsbund mit den f�hrenden Kaufleuten der Stadt zu schlie�en. Ira Dei m�chte dies vereiteln, und er sucht sich einen Verr�ter in der Umgebung des Regenten. Den findet er in Mylord Clifford, einem jungen Mann, der seine bescheidene Herkunft nicht vergessen hat, zumindest nicht die seiner Familie. Entweder aus Idealismus oder aus eigenn�tzigem Gewinnstreben - oder aus beiden Gr�nden - willigt Clifford ein, als Agent des Ira Dei die Pl�ne Lord Gaunts zunichte zu machen.�</p><p>�L�ge!� schrie Clifford, aber das Zittern in seiner Stimme trug nicht dazu bei, seine Gef�hrten zu �berzeugen. Mit versteinerten Mienen starrten sie ihn an.</p><p>�Mylord Cliffords Vater�, fuhr Cranston fort, �war Hauptmann bei den Bogensch�tzen, ein erfahrener Sch�tze, der sein Wissen an seinen Sohn Adam weitergab. An dem Nachmittag, als Sir Gerard Mountjoy stirbt, kommt Clifford mit einem Jagdbogen oder einer pr�parierten Armbrust und schleicht sich, als alle ruhen oder ihren Gesch�ften nachgehen, wie der Schatten des Todes in den Gang. Er schie�t den Dolch ab, Mountjoy stirbt unter mysteri�sen Umst�nden, und wir verstricken uns in das R�tsel, wie er wohl gestorben sein mag, statt uns damit zu besch�ftigen, wer ihn warum ermordet hat.� Cranston erquickte sich mit einem gro�z�gigen Schluck aus seinem Weinschlauch. �Am folgenden Abend schl�gt der M�rder wieder zu.�</p><p>�Unm�glich!� rief Goodman. �Wi�t Ihr denn nicht mehr, Sir John, da� Lord Clifford bei dem Bankett gefehlt hat?�</p><p>Cranston dr�ckte den Stopfen fest in seinen Weinschlauch. �Ja, er sagte, er habe anderswo Gesch�fte, aber erst, nachdem er die vergiftete Leckerei neben Fitzroys Teller gelegt hatte.�</p><p>�Nat�rlich!� Gaunt sprang auf und deutete auf seinen Adjutanten. �Adam, Ihr wart f�r die Sitzordnung zust�ndig, und dann habt Ihr Euch entschuldigt und behauptet, Ihr h�ttet Gesch�fte in der Stadt.� Gaunts Gesicht wurde fleckig vor Wut. �Ihr habt �beraus hartn�ckig darauf bestanden. Mylord Coroner hat recht: Nicht einmal ich wu�te, wo jeder sitzen w�rde. Das blieb Euch �berlassen, und Ihr habt es den G�sten gesagt.�</p><p>Auch der B�rgermeister sprang pl�tzlich auf. �Cranston!� rief er. �Ihr seid ein Dummkopf!�</p><p>�Sir Christopher�, schritt Athelstan behutsam ein, �erkl�rt Euch bitte.�</p><p>Der B�rgermeister trat in die Mitte des Saales, und ein selbstzufriedenes L�cheln leuchtete auf seinem Gesicht. �Seht Ihr das denn nicht, Mylord?� fragte er Gaunt. �Mountjoy wurde ermordet, Sturmey wurde ermordet, Fitzroy wurde ermordet. Aber den heimt�ckischen �berfall auf Mylord Clifford wollen wir doch nicht vergessen!�</p><p>�Oh nein�, sagte Athelstan. �Den wollen wir nicht vergessen. Schrammen und Bluterg�sse. Nichts besonders Ernstes. Das wei� Lord Adam sicher selbst.�</p><p>Goodman bi� sich auf die Unterlippe, als ihm bewu�t wurde, wie t�richt sein Ausbruch gewesen war.</p><p>�Ihr meint�?�</p><p>�Ich meine�, sagte Athelstan ruhig, �wenn man Lord Adam in Gewahrsam nimmt und untersucht, wird man feststellen, da� seine Bluterg�sse und sogenannten Wunden nur oberfl�chlich sind.�</p><p>Goodman eilte zu seinem Platz zur�ck.</p><p>�Was f�r ein wunderbares Man�ver�, fuhr Athelstan fort. �Aber �berlegt doch: Wenn Ira Dei die Absicht gehabt h�tte, Clifford zu t�ten, dann h�tte er es getan.�</p><p>�Der �berfall war abgesprochen�, rief der Coroner Goodman zu. �Eine reine Ablenkung.� Er deutete mit dem Zeigefinger auf Clifford. �Ihr wi�t es, Mylord. Wenn Ihr anderer Meinung seid, zieht das Hemd aus, und zeigt uns diese schrecklichen Wunden.�</p><p>Stumm funkelte Clifford ihn an.</p><p>�Und Mylord Gaunt hat recht�, fuhr der Coroner fort. �Ihr wu�tet, wo jeder von uns an jenem Abend sitzen w�rde.�</p><p>�Ich war nicht da�, murmelte Clifford.</p><p>�L�gner!� bellte Cranston.</p><p>Clifford sch�ttelte den Kopf, aber seine Augen verrieten ihn.</p><p>�Ein raffinierter Plan�, sagte Cranston. �Als Fitzroy starb, wart Ihr also nicht da. Aber wie, Mylord Clifford, konntet Ihr auch fehlgehen? Wenn Fitzroy sich woanders hingesetzt h�tte, dann h�tte vielleicht ein anderer die S��igkeit gegessen. Begreift Ihr nicht?� Cranston grinste die Gildemeister boshaft an. �Es ging nicht darum, da� ausgerechnet Mountjoy und Fitzroy starben, solange nur �berhaupt welche von Euch zu Tode kamen, ermordet unter geheimnisvollen Umst�nden; dies w�rde genug Chaos und Verwirrung hervorrufen, um alle Pl�ne des Regenten zunichte zu machen.�</p><p>�Und das Gold? Und Sturmeys Tod?� Nicholas Hussey ergriff das Wort, w�hrend der Regent sich vorbeugte und den Verr�ter am anderen Ende des Tisches anfunkelte.</p><p>�Oh, das Gold�, knurrte Cranston. �Nat�rlich, das hat die Sache dann vollends besiegelt, nicht wahr? Leider hatten Mylord B�rgermeister und der verstorbene Sheriff sich f�r Peter Sturmey entschieden, einen ber�hmten Schlosser, der eine neue, mit sechs Schl�ssern gesicherte Truhe bauen sollte. Aber was Ihr, Sir Christopher, entweder vergessen oder nicht gewu�t hattet, war, da� unser Meister Sturmey ein Doppelleben f�hrte. Er liebte Knaben. Vor f�nfzehn Jahren war er, wie mancher Gro�e in dieser Stadt, in einen Skandal verwickelt gewesen. Gegen Sturmey gab es keine Beweise, aber ich bin sicher, er verfolgte seine heimlichen Leidenschaften von da an verstohlener und vorsichtiger.� Cranston verstummte und schaute den k�niglichen Lehrer an. �Sir Nicholas, ich glaube, Ihr gingt damals in St. Paul zur Schule?�</p><p>Hussey nickte, den Blick gesenkt, die untere Partie des Gesichts hinter den H�nden verborgen. �Ich erinnere mich an den Skandal�, sagte er leise, �aber ich wu�te nicht viel davon. Ich war damals noch ein Junge.�</p><p>�Ja�, sagte Sir John. �Ihr wart noch ein Junge, genau wie Ihr, Mylord Clifford, der Ihr als Page in einem m�chtigen Londoner Haus wart - bei Sir Raymond Bragley, der damals Sheriff von London war. Wie sich Mylord B�rgermeister erinnern wird, ermittelte Bragley damals in dem Skandal, und Ihr, Mylord Clifford, m��t die wichtigen Botschaften gut gekannt haben, die Ihr in der ganzen Stadt bef�rdert habt. Vermutlich wu�tet Ihr von Sturmeys geheimen Lastern und auch, da� er ihnen immer noch fr�nte. Wer wei�? Vielleicht hat er sich sogar an Euch herangemacht - und so konntet Ihr ihn erpressen: Entweder er machte Euch einen zweiten Satz Schl�ssel, oder er w�rde die H�chststrafe f�r Sodomie erleiden, den Tod auf dem Scheiterhaufen in Smithfield.�</p><p>Clifford starrte auf den Tisch und spreizte die H�nde. Er leistete keinen Widerstand, als Gaunt dem Gardehauptmann zunickte und dieser ihm den Dolch aus der Scheide zog.</p><p>�Selbstverst�ndlich mu�te Sturmey sterben�, fuhr Cranston fort. �Deshalb locktet Ihr ihn hinunter nach Billingsgate, wo er am Kai auf Euch wartete. Ein vorz�gliches Ziel, auf das Ihr aus einer dunklen Gasse schie�en konntet.� Cranston zuckte die Achseln. �Was kann ich noch sagen?�</p><p>Clifford fuhr auf und hob den Kopf. �Ihr k�nntet zur Abwechslung einmal einen Beweis erbringen! Das alles sind Vermutungen, Hypothesen, Ihr habt nicht den Fetzen eines Beweises, um einen k�niglichen Richter zu �berzeugen. Jeder k�nnte Mountjoy ermordet haben. Jeder k�nnte eine vergiftete S��igkeit neben Fitzroys Teller gelegt haben. Und was Sturmey angeht - ja, ich erinnere mich an den Fall, aber Ihr habt seine geheime Werkstatt selbst gesehen! Jeder k�nnte ihn gezwungen haben, dort hineinzugehen und sechs Schl�ssel zu machen.�</p><p>Cranston trommelte mit den Fingern auf den Tisch und bem�hte sich, seine Panik zu verbergen. Unter buschigen Augenbrauen hinweg schaute er Athelstan an, der immer noch ganz gefa�t aussah.</p><p>�Lord Adam hat recht�, bekr�ftigte der B�rgermeister. �Ich stimme Euch ja zu, Sir John, aber habt Ihr einen handfesten Beweis daf�r, da� Clifford den Dolch abgeschossen und die Leckerei neben den Teller gelegt hat?�</p><p>�Den haben wir�, sagte Athelstan. �Wir haben das Gold. Eine derartige Menge kostbarer Barren kann man nicht so leicht durch die Stadt transportieren oder auf dem freien Markt verkaufen.� Er sah den Regenten an. �Euer Gnaden, wenn Ihr Eure Soldaten zu Mylord Cliffords Haus schickt, dann, so meine ich, werdet Ihr das Beweismaterial finden. Ihr m��t nach einem Jagdbogen oder eher noch nach einer eigens pr�parierten Armbrust suchen. Nach Dolchen von der Art, wie sie gegen Mountjoy und Sturmey verwendet wurden. Und vor allem nach den sechs Goldbarren, die Mylord Clifford so geschickt aus der Truhe entwendet hat. Der Diebstahl blieb unbemerkt. Niemand w�rde auch nur im Traum darauf kommen, da� jemand einen zweiten Satz Schl�ssel haben k�nnte; sollte der Raub also entdeckt werden, dann w�rde man dem armen Sturmey die Schuld geben. Das Dumme mit dem Gold ist nur: Was f�ngt man damit an, wenn man es einmal an sich genommen hat? Man kann es nur irgendwo sicher verstecken.�</p><p>Athelstan ging zu Clifford und blieb vor ihm stehen. �Warum?� fragte er.</p><p>Der junge Mann starrte ihn an.</p><p>�In der Logik�, fuhr der Ordensbruder fort, �und in der Mathematik ist die Suche nach einem gemeinsamen Faktor der erste Grundsatz. Ihr wart in Sturmeys Skandal verwickelt. Ihr hattet die n�tige Geschicklichkeit, um Mountjoy zu t�ten. Nur Ihr kanntet die Sitzordnung an dem Abend, als Fitzroy starb.� Athelstan st�hlte seine Z�ge, denn was nun kam, war reine Spiegelfechterei. �Und schlie�lich: Ira Dei selbst hat Euch verraten.�</p><p>Clifford erschrak. �Wie das?�</p><p>Dann st�hnte er auf, als er begriff, was f�r einen schrecklichen Fehler er begangen hatte.</p><p>Gaunt schnippte mit den Fingern und befahl dem Gardehauptmann: �Nimm dir zehn Bogensch�tzen, und stell Cliffords Haus auf den Kopf! Sperr seine Diener ein! Wenn n�tig, foltere sie!�</p><p>�Das ist nicht n�tig.� Bleich wie ein Gespenst richtete Clifford sich auf. �Was hat es noch f�r einen Sinn?� murmelte er. �Das Spiel ist gespielt, und jetzt ist es vorbei.� Er leckte sich die Lippen. �Mylord Gaunt, Ihr m�gt mich f�r einen Verr�ter halten, aber ich bin es nicht mehr als jeder andere hier im Raum. Ein paar Kaufleute, die die Armen ausquetschen wie einen feuchten Lappen. Brave M�nner, die sonntags in die Kirche stolzieren und montags alle denkbaren schmutzigen S�nden begehen. W�lfe im Schafspelz!�</p><p>�Und was ist mit mir?� unterbrach ihn Gaunt. �Ich habe Euch vertraut.�</p><p>�Mylord Regent, Ihr vertraut niemandem. Und seht Ihr nicht das Unwetter, das sich zusammenbraut?� Er stie� mit dem Finger nach Gaunt. �Geht nicht auf die Jagd, Mylord. Reitet statt dessen durch die dreckigen Gassen von Southwark oder in die D�rfer in South Essex. Die Menschen werden Euch nachschauen, wenn Ihr vor�berreitet, und in ihren Augen wird die Wut lodern. Das Unwetter kommt!� Clifford machte eine schwungvolle Handbewegung. �Dieses ganze Kartenhaus wird einst�rzen, ausgebrannt vom Keller bis zum Dachboden!� Er wischte sich den Speichel aus dem Mundwinkel. �Um Himmels willen!� schrie er Gaunt an. �Glaubt Ihr, ich sei der einzige? Ist Euch nicht klar, da� hier im Saal Leute sind, die bereits wissen, wie sie ihre Segel zu setzen haben, wenn der Sturm kommt?� Hingerissen von seiner eigenen Raserei, hielt Clifford inne.</p><p>Athelstan sah sich rasch um und schaute in die verschlagenen, heimlichtuerischen Gesichter der Gildeherren. Clifford war ein M�rder, aber er hatte recht. Gaunt w�re ein Narr, wenn er einem von ihnen Vertrauen schenken wollte.</p><p>�Ihr seid ein Verr�ter!� kreischte Goodman und sprang auf. �Ein Verr�ter und ein Schurke! Ein heimt�ckischer M�rder!�</p><p>�Ach, um Gottes willen!� br�llte Clifford, sprang ebenfalls auf und sch�ttelte die Hand eines Soldaten ab. �Mountjoy war ein raffgieriger D�mon, Fitzroy ein korrupter Vielfra�. Und was Sturmey betrifft - den habt Ihr ausgesucht, Mylord B�rgermeister, nicht ich.�</p><p>�F�hrt ihn ab!� befahl Gaunt.</p><p>Clifford drehte sich um und spuckte in Richtung des Regenten.</p><p>��Als Adam grub und Eva spann��, schrie er, ��wo war da der Edelmann?�� Denkt daran, Mylord, wenn sie Euren Palast beim Savoy niederbrennen!�</p><p>�Halt!� Goodman hatte seine Fassung als erster wiedergewonnen und plusterte sich jetzt in rechtschaffenem Zorn auf. �Woher wissen wir, da� dieser Mann nicht Ira Dei ist?�</p><p>Clifford warf den Kopf in den Nacken und lachte. �Du dummer Hanswurst�, zischte er heiser. �Bist du wirklich so d�mlich? Ich bin nicht Ira Dei. Aber vielleicht sitzt er trotzdem hier in diesem Raum?�</p><p>Gaunt wiederholte seinen Befehl. Soldaten f�hrten Clifford hastig hinaus, und andere machten sich marschbereit, um Cliffords Haus von unten bis oben zu durchsuchen.</p><p>Cranston und Athelstan lehnten sich zur�ck und schauten zu, wie die Gildeherren, gl�cklich �ber die Aussicht, Gerechtigkeit zu erfahren, und noch gl�cklicher, weil sie wahrscheinlich ihr Gold zur�ckbekommen w�rden, einander darin �berboten, Clifford zu verdammen und dem Regenten ihre Loyalit�t zu beteuern. John von Gaunt spielte mit, aber Athelstan sah, da� Cliffords Worte ins Schwarze getroffen hatten: Die Offenbarung, da� er einen Verr�ter gef�rdert hatte, war sehr schmerzhaft gewesen. Gaunt, der kaum seinem eigenen Schatten vertraute, war jetzt noch zur�ckgezogener und mi�trauischer. Er sa� auf seinem Stuhl und empfing schweigend den Beifall seiner Kaufmannsf�rsten. Er schien gar nicht zu bemerken, wie Athelstan und Cranston sich verabschiedeten und das Rathaus auf leisen Sohlen verlie�en.</p><p>�Gott sei Dank, das ist vorbei!� schnaufte Cranston. �Wir hatten sehr wenig Beweise, Bruder.� Er warf einen Seitenblick auf den ernsten Ordensbruder. �Du hast ihn sauber in die Falle gehen lassen.�</p><p>�Nein, Sir John, er ist sich selbst in die Falle gegangen. Er war der gemeinsame Faktor bei all diesen Todesf�llen.� Athelstan verzog das Gesicht. �Und ihn zu �berf�hren - das war eine bekannte Methode, Mylord Coroner, die mein alter Lehrer, Bruder Paul, oft benutzt hat; er behauptete, er habe sie von der Inquisition gelernt.� Athelstan streckte die Glieder. �Es ist eine Tatsache, Sir John, da� ein Mann, der in Wut ger�t, weder das Rasen seiner Gedanken noch das Plappern seiner Zunge z�geln kann.�</p><p>Sie �berquerten die gesch�ftige Cheapside; nach der Spannung im Rathaus allerdings erschien ihnen der Marktplatz still und heiter, und Cranston machte sich kaum die M�he, wie �blich mit Falkenaugen nach seinen sogenannten �Freunden aus der Unterwelt� Ausschau zu halten.</p><p>�Komm, Athelstan. Selbst der Herrgott w�rde jetzt sagen, da� ich einen Becher Roten verdient habe -und mein Schreiber einen Humpen Ale.�</p><p>Sie betraten den von gastlicher Fr�hlichkeit erf�llten Schankraum des �Heiligen Lamm Gottes�, und eine Zeitlang tranken sie nur und sannen �ber das Drama nach, dessen Zeugen sie geworden waren.</p><p>�Woher wissen wir, da� er nicht Ira Dei ist?� fragte Cranston schlie�lich.</p><p>�Oh, ich glaube, da hat er die Wahrheit gesagt.� Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Wei� Gott, Sir John, er hat recht. Da braut sich ein Unwetter zusammen, und wenn es losbricht, wird diese Stadt nie wieder so sein wie fr�her.�</p><p>*</p><p>Drei Tage sp�ter verlie� Athelstan den Tower, und als er das Gedr�nge um Billingsgate und die Bridge Street sah, beschlo� er, mit dem Boot vom Wollkai auf dem Flu� nach Southwark zu fahren. Die Sonne ging unter wie eine Feuerkugel und tauchte den Flu� in blitzendes Rot, w�hrend er sich durch die Gassen seinen Weg hinunter zum Kai bahnte. Er war m�de und wollte nach Hause zu seiner Kirche, aber zugleich war ihm unbehaglich, denn er war sicher, da� ihm jemand folgte. Ab und zu sp�hte er durch eine Gasse, sah den Flu� funkeln, h�rte von fern die Rufe der Bootsleute und widerstand dem Drang zu rennen. Er mu�te nur immer weitergehen, und die gewundenen, verschlungenen Gassen w�rden ihn zum Wollkai hinunterbringen. Endlich erblickte er die Treppe, an der die Bootsleute auf Kundschaft warteten. Er wollte schon schneller gehen, als pl�tzlich eine dunkle Gestalt aus einem Hauseingang trat, verh�llt und maskiert. Athelstan sah einen Dolch blinken und blieb stehen.</p><p>�Was willst du?� Er hatte M�he, mit fester Stimme zu sprechen. �Ich bin ein armer Priester, ich habe kein Geld.�</p><p>�Wohl wahr, Bruder Athelstan.� Die Antwort kam mit verstellter, ged�mpfter Stimme. �Arm in vieler Hinsicht, aber in mancher auch reich. Du hast den Schuldigen im Rathaus also gefunden? Und morgen stirbt Mylord Clifford auf dem Tower Hill.�</p><p>Athelstan st�tzte sich auf den Kn�ppel, den er bei sich trug. �Und du mu�t Ira Dei sein.�</p><p>�Oder sein Bote.�</p><p>�Nein.� Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Ich bin sicher, du bist selbst gekommen, um mit mir zu reden.� Er sp�hte �ber die Schulter des Mannes zum Wollkai.</p><p>�Nein, tu das nicht�, befahl die ged�mpfte Stimme leise. �Ruf nicht um Hilfe, Bruder. Ich tue dir nichts.�</p><p>�Warum stellst du dann nicht deine Frage?� versetzte er.</p><p>�Wie lautet sie denn?�</p><p>�Ob ich wei�, wer du bist! Und die Antwort lautet: Nein. Ich will es auch nicht wissen; es k�mmert mich nicht!�</p><p>Die verh�llte Gestalt trat einen Schritt zur�ck. �Du bist ein guter Pfaffe, Athelstan. Du liebst die Armen. Du bist ein Hirte, der an seine Herde denkt, und nicht nur an die Felle. Bald wird um uns herum ein Unwetter losbrechen, aber solange du dich nicht einmischst, wird dir nichts geschehen.�</p><p>�Ich habe auch eine Frage.�</p><p>�Stelle sie.�</p><p>�Clifford hat in deinem Auftrag gemordet?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und es gibt Leute bei Hofe und im Rathaus, die in deinem Sold stehen?�</p><p>�Du hast gesagt, du h�ttest nur eine Frage.�</p><p>Athelstan zuckte die Achseln. �Dein Publikum ist eben gebannt von dir.�</p><p>�Dreh dich um, Bruder.�</p><p>Athelstan wollte sich weigern, sah aber wenig Sinn darin, und so gehorchte er.</p><p>�Um deine Frage zu beantworten, Bruder: Der Verrat ist wie eine Weinranke. Er hat viele Zweige.�</p><p>Athelstan stand bewegungslos da und straffte die Schultern. Als er sich schlie�lich umdrehte, war die Gasse leer.</p><p>Der Bruder ging hinunter zum Wollkai, mietete sich ein Boot und lehnte sich im Heck zur�ck, als der grauhaarige, zahnlose Bootsmann ihn mit st�hlernen Armen kraftvoll zum anderen Ufer ruderte. Athelstan bezahlte und wanderte durch die D�mmerung heim nach St. Erconwald.</p><p>Im Haus und im Stall war alles still. Jemand hatte Philomels Trog gef�llt, und das alte Schlachtro� mampfte, als sei dies seine erste und seine letzte Mahlzeit. Athelstan ging nach vorn zur Kirche und sah erschrocken, da� die T�r angelehnt stand. Er stie� sie ganz auf, schlich auf Zehenspitzen hinein und sp�hte in die Dunkelheit.</p><p>�Wer ist da?� rief er.</p><p>Seine Worte klangen hohl und leer. Athelstan packte seinen Kn�ppel fester und ging durch das dunkle Kirchenschiff zum Lettner.</p><p>�Wer ist da?� rief er. �Dies ist das Haus Gottes!�</p><p>�Um Himmels willen, M�nch, du hast mich erschreckt!�</p><p>Athelstan fuhr herum und sah undeutlich die kr�ftige Gestalt Sir Johns, der an einen S�ulensockel gelehnt dasa�, den wunderbaren Weinschlauch in den Armen.</p><p>�Sir John, Ihr sorgt noch daf�r, da� ich graue Haare bekomme!�</p><p>�Du wirst sie alle verlieren, Bruder, und es wird dich einen Dreck st�ren, genau wie mich!� Cranston klopfte neben sich auf den Boden. �Komm her, setz dich. Wo warst du?�</p><p>Athelstan lie� sich neben seinen dicken Freund niedersinken.</p><p>�Willst du einen Schluck Wein?�</p><p>�Sir John, dies ist eine Kirche!�</p><p>�Ich habe mit dem Herrgott geredet; er hat nichts dagegen.�</p><p>�Wenn das so ist, Sir John �� Athelstan griff nach dem Weinschlauch und nahm einen gro�z�gigen Schluck. �Es stimmt schon�, murmelte er. �Der Wein erfreut des Menschen Herz.� Er reichte den Schlauch zur�ck. �Sir John, ich habe Elizabeth Hobden bei den Minoritinnen besucht. Sie ist gl�cklich und zufrieden.�</p><p>�Ihr Vater und ihre Stiefmutter sind im Gef�ngnis in Marshalsea�, brummte Cranston. �Der Himmel wei�, was aus ihnen werden wird. Aber bis diese Dinge geregelt sind, bleibt das M�dchen unter der Vormundschaft des Gerichts. Und wo warst du noch?�</p><p>�In der H�lle, Sir John. Genauer gesagt, in den Verliesen des White Tower. Morgen bei Tagesanbruch wird Adam Clifford enthauptet. Er hat mich gebeten, ihm die Beichte abzunehmen.�</p><p>�Dich?�</p><p>�Ja, Sir John. Er sagte, beichten k�nne er nur bei mir.�</p><p>�Und was hat er gebeichtet?�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Danach d�rft Ihr mich nicht fragen, Sir John. Nicht einmal der Papst kann das Siegel des Beichtgeheimnisses brechen.�</p><p>�Aber wir haben den richtigen Mann verhaftet, ja?� fragte Cranston besorgt.</p><p>�Oh ja, Sir John.�</p><p>�Und tut es ihm leid?�</p><p>�Es tut ihm leid, da� er sterben mu�. Aber er hat das ganze als Spiel betrachtet, fast wie ein Turnier -eine Sache von Geschicklichkeit und Gl�ck.�</p><p>�Und Ira Dei?�</p><p>Athelstan holte tief Luft; er hielt es f�r das Beste, Sir John nichts von seiner Begegnung am Wollkai zu erz�hlen.</p><p>�Komm schon, Bruder�, dr�ngte Sir John. �Du mu�t Clifford doch danach gefragt haben. Das f�llt doch bestimmt nicht unter das Beichtgeheimnis.�</p><p>�Ja, ich habe ihn danach gefragt.� Athelstan packte das dicke Handgelenk seines Freundes. �Sir John�, fl�sterte er, �bei Gott, ich werde es Euch nur erz�hlen, wenn Ihr mir Euer Wort gebt, wenn Ihr schw�rt, es niemandem zu verraten.�</p><p>�Du hast mein Wort. Das gen�gt.�</p><p>�Nun, ich habe Clifford nach Ira Dei gefragt. Er hat sofort bestritten, irgend etwas zu wissen, und dann sagte er, seit seiner Verhaftung habe er �ber vieles nachgedacht. Was Ira Dei angehe, so sei er nicht sicher; er wolle jetzt seine letzte Beichte ablegen und werde bald vor Gott treten, und so wolle er seine Lage durch falsche Anschuldigungen nicht noch schlimmer machen, aber ��</p><p>�Na?�</p><p>�Bei den wenigen Gelegenheiten, da er Ira Dei tats�chlich begegnet ist, war der Mann verh�llt und maskiert, und seine Stimme klang verstellt und ged�mpft. Aber die Intonation bestimmter Worte, die Art, wie der Mann sprach, brachte Clifford zu der Uberzeugung, da� Ira Dei kein anderer als Sir Nicholas Hussey sei.�</p><p>�Hussey!� rief Cranston.</p><p>�Nun, Sir John, Clifford hat nur einen Verdacht ge�u�ert. Aber er wird sterben, und er hat keinen pers�nlichen Vorteil mehr davon; warum sollte er also l�gen?�</p><p>Sir John lehnte sich zur�ck und stie� einen leisen Pfiff aus. �Wenn Hussey unser Mann ist�, meinte er, �dann hei�t das, da� auch der junge K�nig in die Sache verwickelt ist. Was f�r ein Spiel spielen sie da? Sich mit den Feinden des Regenten zu verb�nden ist eine Sache - aber sie tats�chlich anzuf�hren?�</p><p>�Das dachte ich auch, Sir John; aber es deutet alles daraufhin.�</p><p>Athelstan z�hlte die einzelnen Punkte an den Fingern ab. �Erstens, es wird einen Aufstand geben. Zweitens, dieser Aufstand wird sich gegen den Sitz der Macht richten, also gegen den Regenten. Drittens, Sir John, wenn Ihr ein wildgewordenes Pferd z�geln wollt, was tut Ihr dann? H�ngt Ihr Euch ans Zaumzeug, oder versucht Ihr, im Sattel zu bleiben?�</p><p>Cranston nickte. �Nat�rlich, Hussey sitzt im Sattel. Ja, ja�, fuhr er aufgeregt fort. �Der Regent hat die Probleme nicht verursacht, aber wenn die Revolte kommt, wird Hussey daf�r sorgen, da� Gaunt derjenige ist, der daf�r verantwortlich gemacht wird. Richard dagegen wird die Rolle des unschuldigen jungen K�nigs spielen, der sich keines Verbrechens schuldig gemacht hat und seinen b�sen Onkel nicht im Zaum halten konnte.�</p><p>�Genau, Mylord Coroner. Die Revolte wird vergehen. Gaunt wird vielleicht dahinfahren, die Rebellenf�hrer werden verschwinden. Aber die Krone wird �berleben.�</p><p>Cranston nahm noch einen Schluck aus seinem Weinschlauch und lachte s�uerlich. �Bewahre uns, oh Herr�, fl�sterte er, �vor den L�gen der F�rsten. Ich werde es niemandem sagen, Bruder. Aber ich werde ein scharfes und wachsames Auge auf Sir Nicholas Hussey haben!�</p><p>�Nun, es ist vorbei, Sir John.� Athelstan drehte sich um und sp�rten den kalten S�ulenstein an seiner hei�en Wange.</p><p>�Vorbei ist es nie, Bruder. Erinnerst du dich an Rosamund Ingham? Nun, sie hat im Fleet-Gef�ngnis Selbstmord begangen. Auf irgendeine Weise wurde ein wenig von dem Pulver, das sie dem armen Oliver vorenthalten hatte, zu ihr hineingeschmuggelt. Sie ist dem Henkersstrick entkommen. Und dabei war alles umsonst. Ich war bei Inghams Testamentser�ffnung.�</p><p>�Und?�</p><p>�Er hat fast jeden Penny mir hinterlassen, und seiner Frau nur eine j�mmerliche Kleinigkeit. Sein Haus, die bewegliche Habe, Gold und Silber - alles bekommt der arme John.� Cranston wischte sich die Tr�nen ab. �Bei Gott, ich w�rde alles zur�ckgeben, wenn ich nur noch einmal Olivers Gesicht sehen k�nnte.�</p><p>�Und was werdet Ihr mit dem Geld anfangen, Sir John?�</p><p>�Na, zum Beispiel diese gottverlassene Bude hier ein bi�chen aufhellen.� Er stie� Athelstan in die Rippen. �Ein h�bsches Fenster aus Buntglas, he? Eine passende Erinnerung an den alten Oliver!�</p><p>�Sir John, das w�re ein pr�chtiges Geschenk!�</p><p>Cranston kam taumelnd auf die Beine und streckte sich. �Und du, Bruder, was f�ngst du jetzt an? Wohlgemerkt� - er pustete die Wangen auf - �wir haben noch mehr Morde: Ein Schankwirt in einer Taverne in der Carter Lane ist in einem Fa� Malmsey ers�uft worden. Eine junge Ehefrau in der Shoe Lane in Farrington hat man aus einem Karpfenteich gefischt. Und was noch schlimmer ist��</p><p>�Ja, Sir John?�</p><p>�Mein Schwager Ralph wird n�chste Woche �ber uns kommen. Herrgott, das Spatzenhirn wird schnattern wie ein streits�chtiges Eichh�rnchen!�</p><p>Athelstan grinste. �Da seid Ihr auf Euch selbst gestellt, Sir John. Meine Pfarrgemeinde und ich machen eine Wallfahrt zum Grabe des Hl. Swithun in Winchester.�</p><p>Cranston kratzte sich am Kopf. �Bruder, du machst Witze?�</p><p>�Nein, Coroner.�</p><p>Cranston half Athelstan hoch. �Komm, Bruder, wir trinken einen Becher auf den alten Oliver, noch ein letztes Mal, und �rgern den diebischen Halunken, dem die Schenke zum Gescheckten geh�rt.�</p><p>Cranston hatte ziemliche Schlagseite, und so schob Athelstan seinen Arm unter den des Coroner und f�hrte ihn langsam aus der Kirche. Pl�tzlich blieb Cranston stehen.</p><p>�Habe ich dir das eigentlich schon erz�hlt, Bruder?�</p><p>�Was denn, Sir John?�</p><p>�Ich war eigentlich immer schon ein inniger Verehrer des Hl. Swithun ��</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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