<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Paul</first-name><last-name>Harding</last-name></author><book-title>Das Haus des roten Schl�chters</book-title><annotation><p>Der trinkfreudige Coroner Sir John und sein scharfsinniger Schreiber Bruder Athelstan werden durch einige geheimnisvolle Morde bei ihren Recherchen auf die Spur eines geraubten Schatzes des Kalifen gef�hrt - und erfahren die Leiden vergeblicher Liebe.</p><empty-line/><p><strong>�ber den Autor</strong></p><p>Paul Harding wurde 1967 in Wenham, Massachusetts, geboren und lebt mit seiner Frau und seinen beiden S�hnen in der N�he von Boston. Er studierte Englische Literatur, war Schlagzeuger in einer Rockband und machte den Master in Creative Writing am Iowa Writers Workshop. Paul Harding war Stipendiat am Fine Arts Work Center in Provincetown und Guggenheim Fellow und hat in Harvard und der University of Iowa unterrichtet. F�r seinen ersten Roman "Tinkers" wurde er 2010 u.a. mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="Cranston &amp; Athelstan" number="2"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-14">14.3.2013</date><id>674A0528-A5CE-4DE3-9F9F-C7C132160F6B</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2000</year></publish-info></description><body><section><title><p><strong>Prolog</strong></p><p>Juni 1362</p></title><p>Der Tag hatte hei� begonnen, und mittags hing die Hitze wie eine Decke �ber der dreimastigen Karake aus dem zyprischen Famagusta. Schlaff hingen die Segel, und Pech und Teer schmolzen zwischen verschimmelten Planken. An Bord suchten die Passagiere - Pilger, H�ndler, Reisende und Kesselflicker - Schatten, wo immer sie ihn fanden. Manche z�hlten die Perlen an ihrem Rosenkranz, andere sch�tzten die rotger�nderten Augen vor der Sonne und suchten den Himmel nach winzigen Vorboten des Windes ab. Die Decks der Saint Mark waren gl�hend hei�; selbst die Besatzung war vor dem grellen Glast gefl�chtet. Der Ausguck d�ste hoch oben in den Rahen. Ein silberner Christophorus, der �ber seinem Kopf an den Mast genagelt war, fing das Sonnenlicht ein und warf es zur�ck wie ein Gebet um Schatten und starken, k�hlenden Wind.</p><p>Unter dem Ausguck d�ste ein Ritter in wei�em Leinenhemd und schwei�fleckiger Hose. Seine ledernen Stiefel bewegten sich rastlos. Der Ritter wischte sich den Schwei� von der Stirn und kratzte sich den schwarzen Bart, der sein Gesicht halb verdeckte. Ein Junge, der im Schatten der Reling Schutz gesucht hatte, betrachtete mit gro�en, staunenden Augen das R�stzeug, das sich neben ihm t�rmte: Kettenhemd, Handschuhe, Brustpanzer und Halsberge. Aber was die Aufmerksamkeit des Jungen fesselte, war der wei�e Kattun�berwurf, der mit einem ungef�gen, riesigen roten Kreuz bemalt war. Der Junge sp�hte zum Ritter hin�ber, w�hrend seine H�nde sich verstohlen dem drahtumflochtenen Griff des m�chtigen zweischneidigen Schwertes n�herten.</p><p>�Fa� es ruhig an, Knabe�, sagte der Ritter leise, und wei�e Z�hne blitzten in seinem sonnenverbrannten Gesicht. �Nur los, fa� es an, wenn du willst.�</p><p>Der Junge tat es und strahlte.</p><p>�Willst du Ritter werden, Knabe?�</p><p>�Ja, Herr, ein Kreuzritter. Aber ich bin Waise�, antwortete der Junge ernst.</p><p>Der Ritter grinste, aber sein Gesicht wurde ernst, als er zum Achterdeck schaute. Der Steuermann hatte den Kapit�n gerufen, und beide starrten nun auf das Meer hinaus. Der Kapit�n schien sich Sorgen zu machen. Er nahm den gro�en, breitkrempigen Hut ab, stampfte auf das Deck, und der Ritter h�rte seine gemurmelten Fl�che. �ber ihnen schrie der Ausguck pl�tzlich: �Ich sehe Schiffe ohne Segel, und sie kommen schnell n�her!� Sein Ausruf erweckte das Schiff zum Leben. Schiffe ohne Segel, die �ber das Meer heranjagten - das konnte nur ein maurischer Korsar sein. Die Menschen an Deck waren aufgest�rt, Kinder weinten, M�nner und Frauen riefen durcheinander. Harte Sohlen trappelten auf den Leitern, Soldaten und Matrosen hasteten an ihre Pl�tze. Der Chor der Seufzer wurde immer lauter. �Keine Segel!� rief ein Soldat. �Dann m�ssen es Galeeren sein!� Das Geschrei verstummte, und Todesangst vertrieb den Verdru� �ber die sengend hei�e Sonne. Der Tag w�rde zu Ende gehen, die Dunkelheit w�rde kommen und die Luft k�hler werden. Aber die gr�nbeflaggten Galeeren der Korsaren mit ihren schnittigen Rudern w�rden nicht verschwinden. Sie umstreiften die griechischen Inseln wie w�tende W�lfe, und wenn sie angriffen, gab es kein Entkommen. Genuesische Armbrustsch�tzen kamen an Deck, die K�pfe mit wei�wollenen T�chern umwickelt. Gro�e Armbr�ste h�pften auf ihren R�cken, und Jungen mit K�chern voll widerhakiger Bolzen folgten ihnen.</p><p>�Eine Galeere!� rief der Ausguck. �Nein, zwei! Nein, vier! Kurs Nordnordost.�</p><p>Matrosen, Passagiere und Soldaten st�rzten an die Reling, so da� das Schiff wie ein Habicht hinabtauchte.</p><p>�Zur�ck auf eure Posten!� Der braungebrannte Kapit�n kletterte hastig die Leiter vom Achterdeck herunter. �Bootsmann!� rief er. �Die Waffen herausgeben! Armbrustsch�tzen aufs Achterdeck!�</p><p>Wieder erhob sich eiliges Getrappel; ringsum an Deck wurden schnell gro�e Eimer mit Meerwasser neben Tonnen mit hartem grauen Sand aufgestellt. Matrosen und Soldaten �bersch�tteten die �ngstlichen Passagiere mit Fl�chen und schickten sie hinunter in die faulig stinkende Finsternis unter Deck.</p><p>Der Ritter richtete sich auf, als der Kapit�n auf ihn zukam. �Galeeren�, sagte der Seemann leise. �Der Herr sei uns gn�dig - und so viele!� Er blickte in den blauen Himmel. �Wir k�nnen ihnen nicht entkommen. Eine w�rde vielleicht nicht angreifen, aber vier��</p><p>�Wirst du k�mpfen?� fragte der Ritter.</p><p>Der Kapit�n spreizte die H�nde. �Vielleicht greifen sie nicht an�, meinte er verzweifelt. �Oder sie verlangen nur einen Zoll.�</p><p>Der Ritter nickte, aber er wu�te, da� der Seemann log. Er wandte sich an den kleinen Jungen, der jetzt neben ihm stand. �Ein guter Tag zum Sterben�, sagte der Ritter leise. �Hilf mir, die R�stung anzulegen.�</p><p>Der Junge rannte zur Reling und kehrte wankend unter der Last des schweren Kettenhemdes zur�ck. Der Ritter sah sich um, w�hrend er sich f�r die Schlacht ankleidete. Die Mannschaft hatte getan, was sie konnte. T�dliche Stille lag jetzt �ber dem Schiff, nur unterbrochen vom Pl�tschern des Wassers an seinen Flanken und dem Gemurmel der herannahenden, dunklen Galeeren.</p><p>�Sie bringen den Tod�, murmelte der Ritter.</p><p>Der Kapit�n h�rte ihn und drehte sich rasch um.</p><p>�Warum so viele?� fragte er ratlos. �Als h�tten sie gewu�t, da� wir hier sind.�</p><p>Der Ritter streifte m�hsam das Kettenhemd �ber und schnallte sich den ledernen Schwertgurt um den Leib.</p><p>�Deine Ladung?�</p><p>Der Kapit�n zuckte die Achseln. �Fahrg�ste�, sagte er. �Einige Fa� Obst. Weinschl�uche. Ein paar Ellen Tuch.�</p><p>�Kein Schatz?�</p><p>Der Kapit�n zog eine ver�chtliche Grimasse und suchte aufs neue am Himmel nach einem Windhauch; das goldene Glei�en der Sonnne war sein einziger Lohn. Der Ritter betrachtete die Galeeren: lang, schwarz, falkenhaft. Jetzt erkannte er an Deck die angetretenen Soldaten in ihren gelben Baumwollgew�ndem und wei�en Turbanen. Er erstarrte, und seine Augen wurden schmal.</p><p>�Janitscharen!�</p><p>Der Junge blickte auf. �Was, Herr?�</p><p>�Bei den heiligen Gebeinen�, erwiderte der Ritter. �Wieso jagt die Elitetruppe, die Creme der muselmanischen Horden, mit Galeeren einem Schiff hinterher, das nichts als Wein und Obst geladen hat?�</p><p>Der Junge schaute stumm hoch, und der Ritter strich ihm �ber den Kopf.</p><p>�Bleib bei mir�, fl�sterte er. �Bleib an meiner Seite, und zeige keine Furcht, wenn ich falle. So kommst du mit dem Leben davon.�</p><p>Die Galeeren rauschten heran, und der Ritter roch den fauligen Gestank von Hunderten schwitzender Sklaven an den Rudern. Er h�rte die Befehle des Maurenkapit�ns, rauhe arabische Silben, die �ber das Wasser hallten. Die Galeeren umzingelten das aufgebrachte Schiff, und die Ruder blitzten wei� und tropfend wie Hunderte von Speeren. Eine Galeere postierte sich achtem, die zweite vor dem Bug, w�hrend die dritte und vierte der m�chtigen Galeeren die beiden Seiten �bernahmen. Der Kapit�n der Saint Mark wischte sich mit dem �rmel seines Wamses den Schwei� aus dem Gesicht.</p><p>�Vielleicht greifen sie nicht an�, sagte er leise. Er drehte sich um, und der Ritter sah die Erleichterung in seinem Blick. �Sie wollen verhandeln.�</p><p>Behende wie ein Affe kletterte der Kapit�n wieder aufs Achterdeck. Die Galeere an Steuerbord schob sich n�her heran, und der Ritter erkannte die strahlend bunten Livreen einer Gruppe maurischer Offiziere. Einer von ihnen erklomm jetzt die Reling der Galeere.</p><p>�Seid ihr die Saint Mark aus Famagusta?� rief er her�ber.</p><p>�Ja�, antwortete der Kapit�n. �Wir haben nur Passagiere und D�rrobst an Bord. Es herrscht Waffenstillstand�, f�gte er flehend hinzu. �Euer Kalif hat einen Eid geschworen.�</p><p>Der maurische Offizier griff nach zwei der aufgestellten Ruder, um sich festzuhalten.</p><p>�Du l�gst!� schrie er. �Du hast einen Schatz an Bord - einen Schatz, der unserem Kalifen gestohlen wurde. �bergib ihn, und la� uns dein Schiff nach dem Schurken durchsuchen, der ihn geraubt hat.�</p><p>�Wir haben keinen Schatz�, wimmerte der Kapit�n.</p><p>Der Offizier sprang herunter. Eine beringte Hand durchschnitt die Luft, ein gutturaler Befehl erklang. Der Kapit�n der Saint Mark drehte sich um und sah verzweifelt den Ritter an; im selben Augenblick brachen er und der Steuermann unter einem Pfeilhagel zusammen, der von den Galeeren her�berschwirrte. Der Ritter klappte l�chelnd das Visier seines Helms herunter und zog den Jungen neben sich. Dann packte er sein gro�es zweischneidiges Schwert und stellte sich mit dem R�cken zum Mast. �Ja�, fl�sterte er. �Es ist ein guter Tag zum Sterben.�</p><p>Die Kesselpauken auf den Galeeren schlugen den Rhythmus des Krieges, Becken krachten, Gongschl�ge hallten. Die genuesischen Bogensch�tzen auf dem Handelsschiff taten ihr Bestes, aber die Galeeren schoben sich heran, und die gelbgewandeten, von Rauschgift entfesselten Janitscharen st�rzten an Deck der Saint Mark. Hier und dort k�mpften und starben kleine Gruppen von Pilgern und Kaufleuten. Einzelne versuchten, nach unten in die Dunkelheit zu entkommen; die Janitscharen verfolgten sie, und das Blut str�mte wie Wasser �ber die verpichten Planken des Schiffes. Aber die eigentliche Schlacht wurde am Mast ausgefochten, dort, wo der Ritter stand, die Beine leicht gespreizt, die F��e fest am Boden. Sein gro�es Schwert durchschnitt die Luft wie eine Sense, bis das Blut kn�cheltief stand und neue Angreifer ausglitten und wegrutschten, wenn sie sich mordlustig auf ihn st�rzen wollten. Der Junge feuerte ihn schreiend an; aber kein Mensch konnte solcher Macht auf ewig widerstehen. Nach einer Weile erstarb die Schlacht, und die Galeeren zogen ab, das Achterschiff voll beladen mit Raubgut und Gefangenen. Flammen leckten am Holzwerk der Saint Mark, sacht trieb sie in einer zunehmenden Brise dahin und wurde schlie�lich zu einem lodernden Scheiterhaufen. Als die Nacht kam, war das Schiff gesunken. Hier und dort d�mpelte noch eine Leiche auf dem Wasser; sonst gab es keine Spur mehr von dem gro�en Morden, das hier gew�tet hatte.</p><p>*</p><p>Dezember 1377</p><p>Ein m�rderisch kalter Wind trieb den Schnee durch London, und die Eis und Hagelb�en waren scharf wie Dolche. Erst waren es nur wenige wei�e Flocken gewesen, aber jetzt fielen sie dick und schwer wie Gottes Gnade vom Himmel und bedeckten die Wunden dieser d�steren Stadt. Die Chronisten in den Kl�stern am Rande von London kauerten in eiskalten Kammern, versuchten, sich die Finger zu w�rmen, und schrieben, da� dieses schreckliche Wetter Gottes Strafe f�r die Stadt sei.</p><p>Strafe Gottes oder nicht, der Schnee fiel unaufh�rlich und legte sich wie ein Teppich auf die stinkenden Stra�en und die Kotberge der M�llkippen an der Themse, wo die Flu�piraten an den niedrigen Galgen baumelten und schwarz und hart wurden, w�hrend der Flu� gefror. Im w�stkalten Dezember schlich der Frost sich wie ein Meuchelm�rder in die Stadt, um die Bettler in ihren Lumpen umzubringen. Die Leprakranken, die drau�en vor Smithfield in ihrem Dreck kauerten, schrien und st�hnten, als der Frost in ihre offenen Wunden bi�. Alte, verlotterte, r�telgeschminkte Huren fand man mit frostfleckigen Gesichtem, kalt und tot, an der Ecke der Cock Lane. Die Stra�en waren ausgestorben; nicht einmal die Ratten konnten auf Beutezug gehen, denn die gro�en M�llhaufen und die offenen Rinnsteine in der Mitte der Stra�e - sonst voll und glitschig von menschlichem Auswurf - waren steinhart gefroren.</p><p>Schneest�rme verh�llten den Himmel und machten die N�chte so finster wie die H�lle. Keine gottesf�rchtige Seele ging mehr vor die T�r - besonders in Petty Wales und East Smithfield, der Gegend um den gro�en Tower, dessen schneebedeckte T�rmchen trotzig in den schwarzen Nachthimmel ragten. Die Wachposten auf den vereisten Zinnen der Festung gaben ihre Wache auf und verkrochen sich hinter den Mauern. Auch am Gittertor stand kein W�chter, denn Schl�sser und Ketten waren eisenhart gefroren: Wer h�tte sie �ffnen k�nnen?</p><p>Allerdings mied man den Tower auch an linden Sommertagen. Alte Vetteln tuschelten, der Bau sei Teufelswerk, und die schwarzen Raben, die um die grimmigen T�rme flatterten, seien Scharen von Teufeln auf der Suche nach menschlichen Seelen. Mit Menschenblut, behaupteten die Weiber, sei der M�rtel der Mauern gemischt, und unter den Felsfundamenten ruhten die Skelette der Menschenopfer, ermordet vom gro�en Caesar, als er die erste Festung hier erbaut hatte. Die wenigen, die lesen konnten, taten solche Geschichten als Unsinn ab: Der Tower mit seinem gro�en wei�en Bergfried war von William dem Eroberer gebaut worden, um London einzusch�chtem, und sie lachten �ber Geschichten, die Kindern angst machen sollten. Trotzdem hatten die alten Vetteln recht: Der Tower hatte seine makabren Geheimnisse. Unter einer seiner Mauern lagen kalte, gr�n verschleimte G�nge; alte und ru�geschw�rzte Fackeln hingen kraftlos in ihren Haltern, die an den W�nden verrosteten. Seit Jahren war niemand mehr unten gewesen; nicht einmal die Soldaten kamen in dieses geheimnisumwobene Tunnelgewirr. Drei Verliese gab es hier, aber nur zwei T�ren, und in der mittleren Zelle, einem viereckigen schwarzen Loch, lag ein zerfallendes Skelett. Keine Spur war mehr davon, wie es einst ausgesehen hatte, als Fleisch die Knochen noch umgab und das Blut wie hei�er Wein durch Herz und Hirn gestr�mt war. Das Skelett vergilbte langsam; eine Ratte wieselte durch den Brustkorb und nagte erfolglos in den leeren Augenh�hlen herum, bevor sie am Armknochen entlanghuschte, der unter dem roh gezeichneten Bild eines dreimastigen Schiffes an der Wand lehnte.</p><p>Der Meuchelm�rder, der sich hinter der gefrorenen Brustwehr auf dem gro�en Glockenturm versteckte, wu�te nichts von solch geheimen Orten, obwohl ihm klar war, da� der Tower viele Geheimnisse barg. Er zog den Mantel fester um sich.</p><p>�Die Zeit ist gekommen�, murmelte er, die Bibel zitierend, vor sich hin, �da alles, was im Dunkeln verborgen ist, im hellen Licht des Tages offenbar werden soll. �Er blinzelte zum Himmel. �Blut kann nur ger�cht werden�, raunte er, �indem Blut vergossen wird.�</p><p>Ja, dieser Gedanke gefiel ihm: Gerechtigkeit und Tod gingen Hand in Hand. Er sp�hte hin�ber zum dunklen Gebirge der Kapelle von St. Peter ad Vincula. Sicher w�rde Gott das verstehen. Hatte er nicht Kain gebrandmarkt, weil er Abel erschlagen hatte? Warum sollten M�rder ungestraft davonkommen? Der bei�ende Wind st�rte ihn nicht und auch nicht die stetig fallenden Schneeflocken oder das einsame geisterhafte Kreischen der Nachtv�gel unten am eisigen Flu�.</p><p>�Es gibt Dinge, die sind k�lter als der Wind�, fl�sterte er und wandte sich nach innen, meditierte �ber seine eigene, trostlose Seele und die gro�e, offene Wunde, die dort schw�rte. Bald k�me Weihnachten und dann das Fest der Unschuldigen Kinder. Eine Zeit voll Unschuld und W�rme, wo gutes Essen langsam am Drehspie� briet. Gr�ne Zweige w�rden die Zimmer schm�cken; Mummenschanz w�rde es geben und Gelage, Spiele, hei�e Kuchen und Gl�hwein. Der Attent�ter l�chelte. Und wie an jedem Weihnachtsfest w�rden die M�rder sich hier im Tower versammeln. Sanft wiegte er sich. Der Proze� w�rde beginnen; die Warnungen waren schon bereit. Er streckte die H�nde zum Nachthimmel empor.</p><p>�Das Blut soll flie�en�, fl�sterte er. �Der Mord soll meine Waffe sein.�</p><p>Er bemerkte das Kreuz von St. Peter ad Vincula. �Gott soll mein Richter sein�, endete er und schob die H�nde unter den Mantel. Seine Augen starrten hinaus in die schwarze Nacht. Im Gedenken an die Vergangenheit wiegte er sich sachte und sang leise ein Lied, das nur er verstand. Jetzt war ihm warm. Im Blute seiner Opfer w�rde er die Wunden seiner Seele baden.</p></section><section><title><p><strong>1. Kapitel</strong></p></title><p>Bruder Athelstan stand auf dem Turm der Kirche von St. Erconwald in Southwark und starrte in den Himmel. Er nagte an seiner Lippe und fluchte leise. Er hatte gehofft, da� die Wolkendecke aufrei�en werde, und f�r eine Weile war es auch geschehen. Die Sterne hatten gefunkelt wie Juwelen auf einem schwarzen Samtkissen. Athelstan hatte die Sternbilder studieren wollen, da die l�ngste Nacht des Jahres nahte; er hatte sehen wollen, ob der Verfasser von <emphasis>Equatorie of the Planets</emphasis> recht hatte. Aber wie einen undurchsichtigen Schleier hatte der Wind die Schneewolken wieder �ber den Himmel gezogen.</p><p>Der Ordensbruder stampfte in seinen Sandalen auf und blies sich die frierenden Finger. Dann raffte er Tintenhorn, Feder, Astrolabium und Pergamentrolle zusammen, hob die Fallt�r und stieg vorsichtig die Treppe hinunter. In der Kirche war es eiskalt und finster. Mit etwas Zunder entfachte er die Kiensp�ne vor der Statue Unserer Lieben Frau, die Fackeln im Kirchenschiff und die dicken, wei�en Bienenwachskerzen auf dem Altar. Athelstan ging die Altarstufen hinunter und unter dem neugeschnitzten Chorgitter hindurch, das Huddle gerade mit einem Tableau bemalt hatte: Christus f�hrte die Seelen aus dem Fegefeuer. Athelstan bewunderte die kraftvollen gr�nen, roten, blauen und goldenen Pinselstriche des Malers.</p><p>�Der junge Mann ist ein Genie�, brummte er und trat zur�ck, um die Figuren genauer zu betrachten. Er w�nschte blo�, Huddle w�re ein bi�chen zur�ckhaltender in der Darstellung einer jungen Lady gewesen, deren runde, strotzende Br�ste die Hure Cecily als ihre eigenen erkannt hatte.</p><p>�Na, dann la� mal sehen!� hatte Tab, der Kesselflicker, gerufen, bevor Ursula, die Schweineb�uerin, ihm einen spitzen Ellbogen in die Rippen gesto�en hatte.</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf und ging hin�ber, um sich die H�nde �ber dem kleinen Holzkohlenbecken zu w�rmen, das mit seiner Glut die eiskalte Nachtluft ein wenig linderte. Er blickte auf das Kirchenschiff und sah die immergr�nen Zweige von Stechpalmen und Efeu, die die Frau von Watkin, dem Mistsammler, um die dicken Pfeiler gewunden hatte. Athelstan war zufrieden. Das Dach war geflickt, die Fenster mit Horn verglast. �Jetzt sieht�s schon eher wie eine Kirche aus�, brummte er, �und nicht mehr wie ein langer dunkler Tunnel mit L�chern in den W�nden.� Bald w�re die Adventszeit vor�ber. Das Gr�n sollte den neugeborenen Christus begr��en. �Immergr�n�, murmelte der Bruder, �f�r unseren immergr�nen Herrn.� Ein kleiner Schatten strich durch den dunklen Gang herauf.</p><p>�Du wei�t immer, wann der Zeitpunkt g�nstig ist, Bonaventura.�</p><p>Der gro�e Kater tappte her�ber, blieb vor Athelstan stehen, streckte sich und rieb sich dann bettelnd an der schwarzen Kutte des Bruders. Athelstan schaute zu ihm hinunter.</p><p>�Hier gibt�s keine M�use�, sagte er leise. �Gott sei Dank.�</p><p>Nie w�rde er vergessen, wie Ranulf, der Rattenf�nger, heimlich Fallen in der Binsenstreu auf dem Fu�boden versteckt hatte, und Cecily eines Morgens, als sie hier saubergemacht hatte, mit der Zehe hineingeraten war. Athelstan war seit drei�ig Jahren auf der Welt und auch Soldat gewesen, aber noch nie hatte er derart saftige Fl�che geh�rt, wie sie sich da aus Cecilys h�bschem Munde ergossen hatten.</p><p>Der Bruder b�ckte sich und hob den Kater auf. Er betrachtete das runde, schwarzwei�e Gesicht und die zerfransten Ohren. �Bonaventura, der gro�e Mauser�, murmelte er. �Bist du gekommen, um dir deinen Lohn zu holen?� Athelstan ging in einen der dunklen Transepte und nahm eine Schale mit gefrorener Milch und kleingeschnittenen Sprotten vom Fenstersims. �Wessen Leben ist lohnender, Bonaventura?� fragte er, w�hrend er sich hinhockte, um das Tier zu f�ttern. �Das eines Katers in Southwark oder das eines Dominikanerm�nchs, der die Sterne liebt und im Schlamm rackem mu�?�</p><p>Der Kater blinzelte ihn an, lie� sich nieder und fra�. Mit einem Auge blickte er wachsam zum Fu� einer S�ule, denn dort, wo die Binsen etwas dichter aufgesch�ttet waren, raschelte es leise. Athelstan kehrte zur Altartreppe zur�ck, kniete nieder, bekreuzigte sich und begann mit dem ersten Gebet des Gottesdienstes. �Veni, veni, Emmanuel!� Komm, oh, komm, Emmanuel.</p><p>Wann w�rde Christus wohl wiederkommen? fragte Athelstan sich. Um Wunden zu heilen und Gerechtigkeit zu �ben� Nein. Er schlo� die Augen. Er hatte sich geschworen, nicht an Cranston zu denken - nicht an das fette, rote Gesicht und den kahlen Sch�del, nicht an die boshaften blauen Augen und den m�chtigen Wanst, der einen ganzen Weinberg trockensaufen konnte. Die alte Geschichte vom Teufel fiel ihm ein, der all die halbherzigen Gebete der Priester sammelte und jedes fehlende Wort in einem Sack aufhob, den er dann beim J�ngsten Gericht aussch�tteln w�rde. Athelstan schlo� die Augen und atmete tief. Er beendete seine Psalmen und ging in die kleine, eiskalte Sakristei. �Heute keine purpurnen Gew�nder�, sagte er sich und klappte das gro�e Me�buch auf. �Heute ist das Fest der heiligen Lucia.� Er schlo� den verschrammten Schrank auf und nahm das gold�berzogene, mit einem scharlachroten Kreuz bestickte Me�gewand heraus. Im Gegensatz zu dem muffigen Schrank war das Me�gewand neu und duftete zart. Bewundernd betrachtete er die Handarbeit und dachte an die K�nstlerin, die Witwe Benedicta. �So sch�n wie sie�, murmelte er. �Vergib mir, vergib�, bat er fl�sternd und sprach dann die Gebete, die jeder Priester beim Ankleiden zur heiligen Messe sprechen mu�.</p><p>Athelstan kannte sich. Er kannte die dunklen Schatten in seiner Seele, die sich zu erheben und seine morgendliche Routine zu st�ren drohten. Er durfte nicht an sie denken. Das kleine Sakristeifenster klapperte, als der Fensterladen dagegen schlug. Athelstan schrak auf. Noch lag Dunkelheit �ber dem Friedhof, dem Gottesacker mit seinen zerbrochenen Holzkreuzen, die Erdh�gel bewachten, unter denen die Vorfahren der braven Leute seiner Gemeinde den ewigen Schlaf schliefen und auf Christi Wiederkunft warteten. Aber Athelstan wu�te, da� da drau�en noch etwas anderes lauerte, etwas Dunkles, B�ses, das die schreckliche Blasphemie beging, Tote aus der Erde zu zerren.</p><p>Der Bruder sch�ttelte seine morbiden Tagtr�ume ab. Er �ffnete die Kassette und nahm Kelch und Patene heraus. Er legte wei�e Hostien auf den Teller und f�llte den Kelch zur H�lfte mit Me�wein. Dann hob er den Weinkrug in die H�he und be�ugte mi�trauisch den Inhalt.</p><p>�Es sieht so aus�, verk�ndete er in die leere Dunkelheit, �als untern�hme unser Sakristan, Watkin, der Mistsammler, hier kleine Weinproben.� Er f�llte die Wassersch�ssel f�r das Lavabo, jenen Teil der Messe, wo der Priester seine S�nden abw�scht, und starrte auf das Wasser, auf dem d�nne Eissplitter schwammen. �Was f�r S�nden?� fl�sterte er. Das Alabastergesicht der Witwe Benedicta hinter dem Schleier ihres blauschwarzen Haars kam ihm in den Sinn, und er merkte, wie Bonaventura an seinem Bein vorbeistrich. �Keine S�nde�, fl�sterte er dem Kater zu. �Bestimmt ist das keine S�nde! Sie ist eine Freundin, und ich bin einsam.� Er holte tief Luft. �Du bist ein Trottel, Athelstan�, knurrte er. �Du bist Priester - also was erwartest du?� Und er dachte weiter dar�ber nach, w�hrend er sich ankleidete. Er hatte dem Pater Prior gebeichtet - aber warum war er einsam? Trotz seines Jammems wollte Athelstan von seiner Gemeinde und den Menschen, denen er diente, geliebt werden. Es war sein zweites Amt als Schreiber bei Sir John Cranston, dem Coroner, das ihn bedr�ckte. Und warum? Geistesabwesend hob Athelstan den Kater hoch und streichelte ihn. Mit den gewaltsamen Todesf�llen, mit dem Blut und den klaffenden Wunden konnte er zurechtkommen. Etwas anderes lie� ihm das Blut gefrieren: die geplanten Morde, k�hl berechnet von Seelen, die gefangen waren in der schwarzen Nacht der Tods�nde. Athelstan sp�rte, da� wieder ein solches Geheimnis nahte. Irgend etwas warnte ihn, ein sechster Sinn, als warte das B�se, das auf dem einsamen Friedhof lauerte, nur darauf, ihm entgegenzutreten. Er gab Bonaventura einen Ku� auf den Kopf. �Ich mu� die Messe lesen.�</p><p>Athelstan ging zur�ck in die Kirche, blickte hoch und sah den ersten Schimmer des Morgengrauens hinter den Hornscheiben der Fenster. Ihn schauderte. Trotz der Kohlebecken war es m�rderisch kalt. Er trat an den Altar und schaute hin�ber zu der Pyx mit dem heiligen Sakrament, Christus in der Gestalt des Brotes, unter ihrem goldenen Baldachin; eine einsame Kerze auf dem Altar war Symbol f�r die Gegenwart Gottes. Hinter ihm flog krachend die T�r auf, und Mugwort, der Gl�ckner, kam hereingewatschelt, den kahlen Kopf und die zitternden roten Wangen unter wollenen Lumpen verborgen.</p><p>�Guten Morgen, Pater!� br�llte er mit einer Stimme, die man vermutlich bis an die Grenzen der Pfarrgemeinde h�ren konnte. Der Bruder schlo� die Augen und betete um Geduld, w�hrend Mugwort das Glockenseil zog; es klang mehr wie eine Sturmglocke denn wie der Ruf zum Gebet. Endlich war das Geschepper zu Ende. In einen braunen Mantel geh�llt, schl�pfte Benedicta zur T�r herein. Scheu l�chelte sie dem Ordensbruder zu, der geduldig wartend am Fu�e der Treppe stand. Cecily, die Hure, war die n�chste. Athelstan erkannte sie an der Wolke von billigem Parf�m, die ihr stets vorauswehte. Wieder schlo� er die Augen und betete, da� Cecily inzwischen nur noch als N�herin f�r Benedicta und als Putzfrau in der Kirche arbeiten m�ge. Er mu�te an einen Witz denken, den man sich in der Gemeinde erz�hlte: Cecily habe �fter auf dem Friedhof geruht als der gemeindeeigene Sarg. Pemel, die alte fl�mische Lady, war die n�chste, das Haar rot gef�rbt, das Gesicht wei� geschminkt, eine Frau von unbestimmbarer Herkunft und noch weniger klarer Moral. Athelstan schwor sich im stillen, sie im Auge zu behalten. Er hatte munkeln h�ren, da� Pemel die Hostie nicht herunterschlucke, sondern sie mit nach Hause nehme und in ihren Bienenkorb lege, damit die Bienen gesund blieben. Wenn er sie dabei erwischte, w�rde er ihr die Eucharistie verweigern, und er w�rde sich auch nicht mit der albernen Antwort abspeisen lassen, da� die Waben aus ihrem Bienenkorb immer auss�hen wie eine Kirche. Endlich erschien auch Watkin, der Mistsammler, Totengr�ber und K�ster von St. Erconwald und Vorsitzende des Gemeinderates. Seine stets wachsende Kinderbrut klapperte in ihren Holzschuhen den Gang herauf; einer der Kleinen, Crim, hatte sich wenigstens die H�nde gewaschen, bevor er neben Athelstan auftauchte, um als Me�diener vor den Altar zu treten. Der Bruder kam sich ein wenig l�cherlich vor, zwischen Crim mit seinem schmutzigen Gesicht auf der einen und dem Kater Bonaventura auf der anderen Seite.</p><p>Manyer, der Henker, kam als letzter und warf die Kirchent�r hinter sich zu. Athelstan holte tief Luft, machte das Kreuzzeichen und beschlo�, sich auf die Messe zu konzentrieren, nicht auf das B�se drau�en auf dem Friedhof.</p><p>*</p><p>Sir John Cranston, Coroner der Stadt London, stand in der Blind Basket Alley, unweit der Poor Jewry. Der Abwasserkanal lag wie eine Scheibe aus Eis zwischen den �berh�ngenden H�usern. Der brave Coroner stampfte mit den F��en und blies sich auf die behandschuhten H�nde in dem vergeblichen Versuch, sie zu w�rmen. �Halte die Fackel h�her!� blaffte er den Ratsschreiber an. Cranston starrte die M�nner an, die ihn umstanden, dunkle Gestalten im tr�ben Licht, und blickte dann hinauf zu dem verrammelten Fenster des d�steren, trostlosen Hauses. Den giftigsten Blick hob er sich auf f�r Luke Venables, den Ratsherrn des Bezirks, der ihn aus seinem warmen Bett geholt hatte. Sir John sch�tzte seinen Schlaf zu jeder Zeit, aber nach einer anstrengenden Woche ganz besonders. Vor zwei Tagen war er in die Kirche von St. Stephen in Walbrook gegangen, um dort den Leichnam eines William Clarke zu beschauen, der in den Glockenturm geklettert war, um nach Taubennestern zu suchen. Der Idiot war von Balken zu Balken gestiegen, schlie�lich abgerutscht, heruntergefallen und auf der Stelle tot gewesen. Cranston war zu dem Urteil gekommen, da� der Balken schuld sei, und hatte dem erbosten Pfarrer eine Bu�e von vier Pence auferlegt. Gestern hatte er nach West Chepe gemu�t, um die Leiche eines William Pannar zu beschauen, eines Gerbers, der in der N�he der Wasserleitung gefunden worden war. Pannar war so dumm gewesen, wegen irgendeiner Krankheit zu einem Arzt zu gehen. Nat�rlich hatte der ihn zur Ader gelassen, und zwar so heftig, da� der arme Hund auf dem Heimweg zusammengebrochen und auf der Stelle gestorben war. Cranston bi� sich auf die Unterlippe und h�mmerte von neuem gegen die T�r. Aber es war nicht blo� seine Arbeit, die ihm Sorgen machte. Da war noch etwas anderes: Seine geliebte Frau Maude war nicht ehrlich zu ihm, und Cranston vermutete, da� sie ein furchtbares Geheimnis hatte. Sir John war vernarrt in seine Frau und konnte den Freuden des Schlafgemachs nie widerstehen; aber in letzter Zeit - so auch in der vergangenen Nacht - hatte er sich wohlig an sie geschmiegt und war in seinen Avancen abgewiesen worden. Leise weinend hatte sie im Dunkeln protestiert, wollte ihm aber keinen Grund daf�r sagen und sich auch nicht tr�sten lassen. Und jetzt hatte ihn dieser Idiot Venables in aller Herrgottsfr�he in die K�lte gehetzt, um sich gewaltsam Zutritt in dieses geheimnisvolle Haus zu verschaffen. Cranston h�mmerte von neuem an die T�r, aber nichts r�hrte sich; nur die ged�mpften Fl�che und stampfenden F��e seiner Begleiter waren zu h�ren.</p><p>�So.� Cranston wandte sich an den Ratsherrn. �Erz�hlt mir noch mal, was das Problem ist.�</p><p>Venables kannte Sir John und schaute ihm �ngstlich in das schnauzb�rtige, rote Gesicht mit den eisblauen Augen und der gefurchten Stirn unter dem gro�en, wollenen Hut. Sir John war ein guter Mann, dachte Yenables, aber wenn ihm der Kragen platzte, dann konnte er sich in einen leibhaftigen Teufel verwandeln. Venables deutete auf das abgebrochene Schenkenschild �ber der T�r.</p><p>�Die Sache ist die, Sir John: Der Hausherr hei�t Simon de Wyxford. Dies ist seine Schenke. Er hatte keine Familie, nur einen Diener namens Roger Droxford. Vor acht Tagen bekamen Herr und Diener einen heftigen Streit, der sich �ber den ganzen Tag hinzog. Am sechsten Dezember �ffnete Roger, der Diener, wie immer die Schenke, stellte die B�nke heraus und verkaufte Wein, aber von Simon keine Spur. Am n�chsten Tag fragten die Nachbarn Roger nach seinem Herrn. Er behauptete, Simon sei nach Westminster gegangen, um Schulden einzutreiben.� Venables blies die Backen auf und wandte sich an eine der schattenhaften Gestalten neben ihm.</p><p>�Erz�hl du Sir John den Rest.�</p><p>�Vor vier Tagen��, begann der Mann, ein kleiner Kerl, in weite M�ntel geh�llt. Cranston sah nur ein paar sch�chterne Augen und eine tropfende Nase �ber einem Schal.</p><p>�Lauter!� befahl er. �Und nehmt den Schal vom Mund.�</p><p>�Vor vier Tagen�, fuhr der Mann fort und gehorchte Sir John bereitwillig, �ist Roger von hier fort. Er trug ein B�ndel auf dem R�cken. Wir dachten, er wollte fl�chten, aber er ging zu einem Nachbarn, zu Hammo, dem Koch, und sagte, er wollte Simon, seinen Herrn, suchen gehen. Dann gab er Hammo den Schl�ssel, falls de Wyxford pl�tzlich zur�ckkehrte. Gestern abend� - er r�usperte sich - �kam Francis Boggett, ein Schankwirt, um eine Schuld zu kassieren, die Master Simon bei ihm hatte.�</p><p>�Weiter! Weiter!� unterbrach Cranston.</p><p>�Boggett ging ins Haus�, schaltete der Ratsherr sich geschmeidig ein, �und fand keine Spur, weder von Simon noch von seinem Diener. Da nahm er sich drei Fa� Wein zum Ausgleich f�r seine Forderung.�</p><p>�Wie ist er reingekommen?� wollte Cranston wissen.</p><p>�Hammo, der Koch, hat ihm den Schl�ssel gegeben.�</p><p>Sir John sch�rzte die Lippen. �Boggett zahlt f�nf Pence Bu�e f�r unerlaubtes Eindringen, und der Koch zwei Pence wegen Beihilfe.� Er funkelte den Ratsherrn an. �Habt Ihr den Schl�ssel dabei?�</p><p>Venables nickte. Cranston schnippte mit den Fingern, und der Ratsherr gab ihm den Schl�ssel. Der Coroner richtete sich zu voller Gr��e auf.</p><p>�Als Coroner dieser Stadt�, verk�ndete er gro�artig, �und angesichts der geheimnisvollen Ereignisse, von denen mir berichtet wurde, erm�chtige ich uns nunmehr, dieses Haus zu betreten, um die Wahrheit festzustellen. Ratsherr, Ihr werdet mich begleiten.�</p><p>Als Venables sich von einem seiner Begleiter ein St�ck Zunder geben lie�, entstand neue Verwirrung. Sir John schlo� die T�r auf und betrat die kalte, dunkle Taverne. Es roch schmutzig und muffig. Sie stie�en gegen F�sser, Schemel und Tische, bis Venables seinen Zunder entfacht und zwei Pechfackeln damit angez�ndet hatte. Eine davon reichte er Cranston. Sie gingen von Zimmer zu Zimmer und dann in den ersten Stock. Die beiden Kammern dort waren verw�stet, Kisten und Truhen aufgebrochen, die Deckel beiseite geworfen. Aber keine Spur von einer Leiche.</p><p>�Ihr wi�t, wonach wir suchen?� fragte Cranston leise.</p><p>Venables nickte. �Aber bis jetzt - nichts, Sir John.�</p><p>�Gibt�s einen Keller?�</p><p>Der Ratsherr f�hrte Cranston die Treppe hinunter. Sie suchten den dunklen Schankraum ab, bis sie eine Fallt�r fanden. Venables klappte sie auf. Vorsichtig stiegen die beiden M�nner eine Holzleiter hinunter. Der Keller war ein langgestrecktes Loch. Am hinteren Ende befand sich noch eine Fallt�r, damit die Karren von der Stra�e ihre F�sser herunterrollen lassen konnten. Cranston befahl Venables stehenzubleiben und ging durch den Keller; im tr�ben Schein der Fackeln sah sein m�chtiger Wanst grotesk aus. Am Ende blieb er stehen, senkte die Fackel und sp�hte hinter drei gro�e Weinf�sser. Im Lichtschein schimmerten die Spinnweben an den F�ssern wie goldene Schleier. Cranston beugte sich vor und betastete die klebrige Masse, die er entdeckt hatte. Dann hob er die Hand in den Lichtschein und betrachtete das Blut, das an seinen Fingern klebte. Er zw�ngte den Arm wieder hinter die F�sser und tastete umher.</p><p>�Sir John?� rief der Ratsherr. �Ist alles in Ordnung?�</p><p>�Soweit wie m�glich, Master Venables. Ich habe den Wirt gefunden - oder wenigstens einen Teil von ihm.� Cranston hob den rumpflosen Kopf hinter den F�ssern auf und hielt ihn in die H�he wie der st�dtische Henker. Der Ratsherr warf einen Blick auf das blauwei�e Gesicht, die halbgeschlossenen Augen, den schlaffen blutigen Mund und den ausgefransten Stumpf, der fr�her einmal ein Hals war. Dann lie� er sich auf einen Stein sinken und w�rgte heftig. Cranston legte den Kopf wieder hin und kam zur�ck; unterwegs wischte er die Finger an der modrigen Wand ab. Im Vorbeigehen klopfte er Venables sanft auf die Schulter.</p><p>�Nehmt einen Schluck Rotwein, mein Bester. Der beruhigt den Magen und st�rkt das Herz. Und dann schreibt Ihr einen Haftbefehl f�r Roger Droxford. La�t nach ihm fahnden, und setzt��</p><p>Cranston verdrehte die Augen. �Ja, setzt zehn Pfund Belohnung auf seinen Kopf aus - tot oder lebendig. Das Haus la�t versiegeln; sollte kein Testament und kein selbsternannter Erbe auftauchen, wird der Rat der Stadt vielleicht ein wenig reicher.�</p><p>Er kletterte die Leiter zum Schankraum hinauf und trat hinaus auf die bitterkalte Stra�e.</p><p>�Wir haben den Wirt gefunden�, gab er bekannt. �Ermordet. Ich glaube, der gute Ratsherr braucht eure Hilfe, um die Leiche zusammenzusetzen.�</p><p>Die Hand auf dem langen walisischen Dolch, stapfte Sir John dann durch vereiste Gassen und Stra�en zur�ck. Er bog in die Mercery ein und schnappte nach Luft. Der eisige Wind verschlug ihm den Atem. �Ach, w�re doch Sommer!� dachte er wehm�tig. �Mit gr�nen Pflanzen und sch�nem, fettem Gras!� Er schlitterte �ber das vereiste Kopfsteinpflaster und lehnte sich grinsend an das Holz eines Hauses.</p><p>�Athelstan m��te hier sein und helfen�, dachte er. �Wenn schon nicht bei enthaupteten Leichen, dann sollte er wenigstens mich auf dem Glatteis st�tzen.�</p><p>Er wanderte die Cheapside hinauf. Eine dunkle Gestalt l�ste sich aus dem Schatten und kam auf ihn zu. Cranston zog den Dolch halb aus der Scheide.</p><p>�Sir John, um der Liebe Christi willen!�</p><p>Cranston betrachtete das grobknochige Gesicht des einbeinigen Bettlers, der sonst an einem wackligen Stand an der Ecke der Milk Street billigen Glitzerschmuck verkaufte.</p><p>�Nicht im Bett, Leif? Auf der Suche nach �ner Lady, was?�</p><p>�Sir John, man hat mich beraubt!�</p><p>�Geh zum Sheriff.�</p><p>�Sir John, ich habe kein Geld und nichts mehr zu essen.�</p><p>�Dann bleib im Bett.�</p><p>Leif lehnte sich an die Wand. �Ich habe die Miete nicht bezahlt. Da bin ich aus meiner Dachkammer geflogen�, klagte er.</p><p>�Na, dann geh betteln bei St. Bartholomew�, kl�ffte Cranston und ging weiter. Er h�rte, wie Leif hinter ihm herhumpelte. �Sir John, helft mir.�</p><p>�Verpi� dich.�</p><p>�Danke, Sir John�, rief der Bettler, als die M�nzen klimpernd zu Boden fielen. Leif kannte den dicken Coroner gut genug, um zu wissen, da� Sir John es ha�te, wenn man ihn bei Mildt�tigkeiten beobachtete.</p><p>Cranston blieb vor seinem Haus stehen und schaute hinauf zu den erleuchteten Fenstern. Leif w�re fast gegen ihn geprallt, und Cranston sch�ttelte ihn ab. Was ist los mit Maude? fragte er sich. Er hatte die Ehe immer mit dem Griff in einen Sack voller Aale verglichen: Was man herauszog, war eine Frage des Gl�cks. Aber er hatte doch solches Gl�ck gehabt. Er betete Maude an, vom mausfarbenen Haar auf ihrem Kopf bis zur Sohle ihrer winzigen F��e.</p><p>W�hrend er noch gedankenverloren dastand, kam eine Gestalt aus der Gasse auf sein Haus zu.</p><p>�In drei Teufels Namen!� rief er. �Schl�ft denn niemand in dieser Stadt?�</p><p>Der Mann trat n�her, und Cranston erkannte die Livree des B�rgermeisters.</p><p>�In drei Teufels Namen!� wiederholte er. �Noch mehr �rger.� Mit klappernden Z�hnen und heiserer Stimme �berbrachte der junge Bote seine Nachricht.</p><p>�Sir John, der Lord Mayor und seine Sheriffs w�nschen Euch unverz�glich im Rathaus zu sehen.�</p><p>�Geh zum Teufel!�</p><p>�Danke sehr, Sir John. Der Lord Mayor hat gesagt, Eure Antwort w�rde so �hnlich lauten. Soll ich auf Euch warten?� Der junge Mann schlug die H�nde zusammen. �Sir John, mir ist kalt.�</p><p>Unter weiteren Beschimpfungen h�mmerte Cranston an seine Haust�r. Eine schmalgesichtige Magd �ffnete. Hinter ihr stand Maude, vollst�ndig angezogen, das liebe Gesicht tr�nenverschmiert. Sir John grinste sie an, seine Beunruhigung verbergend.</p><p>�Liebes Weib, ich mu� zum Rathaus - aber nicht ohne Fr�hst�ck.� Er zog den jungen Boten ins Haus. �Der hier mu� auch essen. Er sieht aus, als h�tte er�s n�tig.�</p><p>Cranston machte auf dem Absatz kehrt, ging noch einmal hinaus und packte Leif beim Kragen. �Dieser faule Hund leistet uns ebenfalls Gesellschaft. Danach gibst du ihm was zu tun. Er bleibt �ber Weihnachten bei uns.� Nun klopfte er sich auf den dicken Bauch. �F�r uns alle hei�e Hafergr�tze und W�rzkuchen.� Er schnupperte. �Und etwas von dem frischgebackenen Wei�brot.� Er warf seiner Frau einen gerissenen Blick zu. �Und Rotwein, hei� und gew�rzt. Und dann sag dem Hausknecht, ich brauche mein Pferd.� Er grinste breit, sah aber, allem Gepolter zum Trotz, wie bla� und krank seine Frau wirkte. Er schaute weg. O Gott, dachte er, werde ich Maude verlieren? Er warf den Mantel ab, ging an seiner Frau vorbei und ber�hrte dabei sanft ihre Schulter.</p><p>*</p><p>Athelstan teilte die Kommunion aus und legte seinen Gemeindekindem die d�nnen wei�en Hostien auf die Zungen. Crim hielt ihnen dabei den Silberteller unters Kinn, um jeden Kr�mel aufzufangen, der vielleicht herunterfiel. Der Gemeinderat war fast vollst�ndig erschienen; einige waren noch hereinspaziert, als die Messe schon halb vorbei war.</p><p>Der Ordensbruder wollte gerade zum Altar zur�ckkehren, als er an der Au�enmauer des Seitenschiffes ein Klopfen h�rte. Nat�rlich! Er hatte die Leprakranken vergessen, die beiden ungl�ckseligen Auss�tzigen, denen er erlaubt hatte, im muffigen Beinhaus auf dem Kirchhof unterzukriechen. Athelstan versorgte sie mit Essen und Trinken sowie mit einer Sch�ssel Wasser mit Maulbeeren, damit sie sich waschen konnten. Noch nie hatte er ihre schorfigen wei�en Gesichter gesehen. Den Kleidern nach zu urteilen, war einer fraglos ein Mann. Gern h�tte er mehr f�r sie getan, aber das kanonische Recht war unerbittlich: Ein Auss�tziger durfte nicht zusammen mit der �brigen Gemeinde die Kommunion empfangen, sondern nur durch den Lepraspalt, ein kleines Loch in der Kirchenmauer. Crim besann sich auf seine Pflichten, nahm einen kleinen Eschenzweig und reichte ihn dem Ordensbruder. Der legte eine Hostie auf das Ende und schob sie durch den Lepraspalt. Das wiederholte er und kehrte nach einem gefl�sterten Gebet zum Altar zur�ck, um die Messe zu Ende zu bringen.</p><p>Nachher legte Athelstan in der Sakristei seine Gew�nder ab, und er schlo� seine Ohren vor dem Krach aus der Kirche: Watkin, der Mistsammler, schob die B�nke zusammen f�r die Sitzung des Gemeinderates. Athelstan kniete auf seinem Betstuhl, betete zu Gott und hoffte, da� seine Gemeinde die grausigen Vorg�nge auf dem Friedhof �bersehen werde.</p><p>Als er in die Kirche hinaustrat, wu�te er, da� seine Gebete fruchtlos gewesen waren. Watkin sa� auf dem Ehrenplatz, die anderen Gemeindemitglieder kauerten rechts und links von ihm auf den B�nken. Crim hatte Athelstans Stuhl aus dem Chorraum geholt: als er Platz nahm, sah Athelstan, da� Watkin eine h�chst wichtige Miene aufgesetzt hatte. Sein Blick flackerte geheimnisvoll, und der Mund war gesch�rzt, als g�lte es, etwas sehr Bedeutendes zu verk�nden.</p><p>Auch Ursula, die Schweineb�uerin, war gekommen; sie hatte, den Protesten der anderen zum Trotz, ihre gro�e fette Sau mitgebracht. Das Tier watschelte behaglich grunzend umher. Athelstan war sicher, da� das �rgerliche Gesch�pf ihn angrinste, aber er erhob keine Einw�nde. Besser hier als drau�en. Ursula war ein streits�chtiges, aber gutherziges altes Weib. Dennoch hegte der Bruder blinden Ha� gegen ihre gro�e, fettb�uchige Sau, die in regelm��igen Abst�nden �ber seinen Garten herfiel und alles Gem�se wegfra�, das er dort anzupflanzen versuchte. Athelstan sprach ein Gebet zum Heiligen Geist und lehnte sich in seinem Stuhl zur�ck.</p><p>�Br�der und Schwestern�, begann er, �willkommen zu unserer Versammlung am Fest der heiligen Lucia.� Er ignorierte Watkins Flackerblick. �Wir haben einiges zu besprechen.� Er l�chelte Benedicta zu und sah dann erschrocken, da� Watkins Frau die Hure Cecily w�tend anfunkelte. Zwischen diesen beiden Frauen herrschte heftige Antipathie; Watkins Frau hatte sich in der Vergangenheit oft laut gefragt, weshalb ihr Mann eigentlich so oft mit Cecily die Reinigung der Kirche besprechen mu�te. Huddle, der Maler, starrte mit leerer Miene auf eine kahle Wand; wahrscheinlich tr�umte er von dem Bild, das er darauf malen w�rde, wenn Athelstan ihm das n�tige Geld g�be. Der gr��te Teil der Gemeindegesch�fte waren profane Angelegenheiten. Die Tochter von Pike, dem Grabenbauer, wollte den �ltesten Sohn von Amisias, dem Walker, heiraten. Das gro�e Buch des Blutes wurde befragt, ob zwischen den beiden Familien eine Blutsverwandtschaft bestand. Zu seiner Freude konnte Athelstan bekanntgeben, da� es keine gab, und man wandte sich den Fragen der nahenden Weihnachtszeit zu, sprach �ber die Sternenfeier, die in der Kirche stattfinden w�rde, �ber die drei Messen am Weihnachtstag, �ber die Nichtbezahlung von Begr�bnisgeb�hren und �ber die Angewohnheit der Kinder, aus dem Weihwasserbecken zu trinken. Tab, der Kesselschmied, erbot sich, neue Kerzenhalter zu machen, zwei gro�e, mit L�wen. Der Schreiber Gamelyn war bereit, zum Ende jeder Weihnachtsmesse ein sch�nes Lied zu singen. Athelstan war einverstanden mit dem Mummenschanz, der am St.-Stephans-Tag in der Kirche stattfinden sollte, und es gab einige Diskussionen �ber die Frage, wer am 28. Dezember, dem Fest der Unschuldigen Kinder, die Rolle des Kinderbischofs spielen sollte.</p><p>Athelstan sah jedoch mit wachsender Verzweiflung, wie Watkin auf seiner Bank hing, ungeduldig in die Runde schaute, sein Gem�cht zurechtr�ckte und mit den lehmbeschmierten Stiefeln scharrte. Benedicta bemerkte Athelstans Blick und sah besorgt den Mann an, den sie liebte, aber niemals haben durfte, weil er ein geweihter Priester war. Endlich wu�te Athelstan nichts mehr zu sagen.</p><p>�Also, Watkin�, bemerkte er trocken, �du hast eine sehr dringende Angelegenheit vorzubringen?�</p><p>Watkin richtete sich zu voller Gr��e auf. Die fettige Stirn runzelte sich unter dem leuchtend roten Schopf, der immer mehr zu einem buschigen Haarkranz wurde. Die hellblauen Augen, die neben der Knollennase um Platz zu k�mpfen schienen, funkelten in die Runde.</p><p>�Der Friedhof ist gepl�ndert!� platzte er heraus.</p><p>Athelstan st�hnte auf und senkte den Kopf.</p><p>�Wie meinst du das?� fragte Ranulf, der Rattenf�nger, mit dem scharfgeschnittenen Gesicht unter der schwarzen Teerkappe. �In den letzten paar Tagen�, verk�ndete Watkin, �sind Leichen ausgegraben worden.�</p><p>Best�rzung allenthalben. Athelstan erhob sich und klatschte in die H�nde, so lange, bis der L�rm sich legte. �Ihr wi�t�, begann er, �da� auf unserem Friedhof von St. Erconwald oft Fremde begraben werden - Bettler zum Beispiel, deren Leichen niemand beansprucht. Die Gr�ber von Gemeindemitgliedern sind nicht anger�hrt worden.� Er holte tief Luft. �Trotzdem-Watkin hat recht. Aus drei Gr�bern sind die Toten verschwunden. Alle drei waren eben erst bestattet worden. Eine junge Bettlerin, ein S�ldner aus Brabant, der nach einer Pr�gelei im Wirtshaus tot gefunden wurde, und ein alter Mann, den man vor dem Hospital des Heiligen Thomas hatte betteln sehen; er wurde erfroren im Hof des Gasthofs Zum Wappenrock gefunden.� Athelstan fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen. �Der Boden ist hart gefroren�, fuhr er dann fort. �Watkin wei�, wie schwer es ist, mit Hacke und Schaufel so tief zu graben, da� es f�r ein Grab reicht. Die geringe Tiefe der Gr�ber hat also den frevelhaften R�ubern die Arbeit erleichtert.�</p><p>�Dann mu� man eine Wache aufstellen�, rief Pike, der Grabenbauer.</p><p>�Willst du das �bernehmen?� fragte Benedicta sanft. �Willst du die Nacht auf dem Friedhof verbringen, Pike, und auf die Grabr�uber warten?� Ihre dunklen Augen musterten den Gemeinderat. �Wer will Wache stehen? Und wer wei߫, fuhr sie fort, �ob diese Grabfrevel nachts begangen werden? Vielleicht geschieht es nachmittags oder abends?�</p><p>Athelstan warf ihr einen dankbaren Blick zu. �Ich k�nnte Wache halten�, schlug er vor. �Ich habe es schon getan, wenn ich� �h ��Er brach ab.</p><p>�Wenn du die Sterne studierst, Bruder�, sagte Ursula, die Schweineb�uerin; leises Gel�chter war die Folge, denn die ganze Gemeinde wu�te nat�rlich von der seltsamen Besch�ftigung ihres Priesters.</p><p>Huddle, der Maler, regte sich. �Du k�nntest Sir John Cranston bitten, uns zu helfen. Vielleicht k�nnte er Soldaten schicken, die die Gr�ber bewachen?�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Der Lord Coroner hat nicht die Macht, die Soldaten des K�nigs hierhin und dorthin zu schicken�, sagte er.</p><p>�Und die B�ttel?� fragte Watkins Frau. �Die Bezirkswache?� Ja, was ist mit denen? fragte Athelstan sich betr�bt. Der Rat und die Beamten des Bezirks k�mmerten sich kaum um St. Erconwald und schon gar nicht um seinen Friedhof, und da� die Gr�ber dreier Unbekannter ausger�umt worden waren, w�rde sie einen Dreck interessieren.</p><p>�Wer tut so etwas?� fragte Benedicta leise. �Und warum? Was wollen sie?�</p><p>Auf ihre Fragen folgte Schweigen. Alle Gesichter wandten sich wortsuchend dem Priester zu. Diesen Augenblick hatte Athelstan gef�rchtet. Der Friedhof war ein Gottesacker. Als er vor neun Monaten in diese Gemeinde gekommen war, hatte er sehr streng reagiert, wenn jemand dort einen Marktstand aufstellen wollte oder die Kinder mit von streunenden Hunden oder Schweinen ausgegrabenen Knochen spielten. �Der Friedhof�, hatte er erkl�rt, �ist Gottesland; hier warten die Gl�ubigen darauf, da� Christus wiederkommt.� Athelstan hatte damals nicht alle Gr�nde f�r seine Strenge benannt. Insgeheim teilte er die Angst der Kirche vor denen, die Satan, den Herrn des Kreuzwegs und Meister des Galgens, anbeteten und ihre schwarzen K�nste auf Friedh�fen aus�bten. Er hatte von einem Fall in der Gemeinde von St. Peter Cornhill geh�rt, wo ein Schwarzer Magier das Blut solcher Leichen benutzt hatte, um D�monen und Skorpione heraufzubeschw�ren.</p><p>Athelstan hustete. Was sollte er antworten? Da flog die T�r auf, und Cranston, sein massiger Erretter, kam hereingerauscht.</p></section><section><title><p><strong>2. Kapitel</strong></p></title><p>Sir John warf seinen Mantel zur�ck und schob sich den Biberhut in den Nacken.</p><p>�Komm, Bruder�, donnerte er und zwinkerte Benedicta zu. �Man braucht uns im Tower. Anscheinend schert der Mord sich nicht ums Wetter.�</p><p>Ausnahmsweise war Athelstan froh �ber Cranstons dramatischen Auftritt. Er musterte ihn eingehend.</p><p>�Ihr wart am Rotwein, Sir John?�</p><p>Cranston tippte sich an die fleischige Nase. �Ein bi�chen�, antwortete er zungenschwer.</p><p>�Was wird mit dem Friedhof?� jammerte Watkin. �Sir John, unser Priester mu� sich darum k�mmern.�</p><p>�Hau ab, du stinkiges M�nnchen!�</p><p>Watkins Frau stand auf und starrte den Coroner vorwurfsvoll an. �Lord Coroner, ich bin gleich bei Euch�, schaltete sich Athelstan ein. �Watkin, ich k�mmere mich um die Sache, sowie ich zur�ck bin. Inzwischen sorgst du daf�r, da� Bonaventura sein Futter bekommt und die Fackeln gel�scht werden. Cecily, stellst du den Auss�tzigen Essen hin?�</p><p>Das M�dchen starrte ihn t�richt an und nickte.</p><p>�Vergi� nicht�, f�gte Athelstan hinzu, �tags�ber wandern sie ja meist umher und sorgen selbst f�r sich.�</p><p>Er l�chelte selig in die Runde seiner Lieblinge und lief dann rasch die vereiste Kirchentreppe hinunter zum Pfarrhaus. Dort schnitt er sich eine Scheibe Brot ab, spuckte aber schon den ersten Bissen wieder aus, denn es schmeckte sauer und abgestanden. �Dann esse ich unterwegs�, dachte er und packte Pergament, Federkasten und Tintenhorn in seine Satteltasche. Philomel, sein altes Schlachtro�, wieherte leise und stupste ihn, was ziemlich l�stig war, weil Athelstan gleichzeitig versuchte, den Sattelgurt unter dem gewichtigen Bauch des betagten Rosses zu befestigen.</p><p>�Deine �hnlichkeit mit Cranston wird jeden Tag gr��er�, brummelte Athelstan.</p><p>Er f�hrte Philomel vor die Kirche und lief die Treppe hinauf. Cranston lehnte an einem Pfeiler, gaffte Cecily an und versuchte gleichzeitig, Bonaventura zu vertreiben, der ihm um die Beine strich. Seit seinem Frankreichfeldzug konnte der Coroner Katzen nicht ausstehen; die Franzosen hatten damals ihre Kadaver in eine kleine Festung, die er hatte halten sollen, hineinkatapultiert, um ansteckende Seuchen zu verbreiten. Bonaventura betete den Coroner an; er schien zu wissen, wann dieser in der N�he war, und erschien jedesmal.</p><p>Athelstan wechselte leise ein paar Worte mit Benedicta und l�chelte Watkin und den anderen zu. Dann holte er seinen Kapuzenmantel aus dem Chorraum und kam gerade rechtzeitig zur�ck, um Cranston festzuhalten, der sonst �ber Ursulas fette Sau gestolpert und kopf�ber die Treppe hinuntergefallen w�re. Der Coroner st�rmte hinaus. Mit warnendem Blick bestieg er sein Pferd und fluchte dr�hnend �ber Schweine in Kirchen, und da� ihm jetzt nichts besser schmecken w�rde als ein St�ck saftiger Schweinebraten. Athelstan schwang seine Satteltasche �ber Philomels R�cken, sa� auf und f�hrte Cranston davon in den Fennel Alleyway, ehe er noch mehr Unheil anrichten konnte.</p><p>�Warum zum Tower, Sir John?� fragte er eilig, um den Coroner abzulenken.</p><p>�Sp�ter, M�nch!� schnarrte Cranston.</p><p>�Ich bin Ordensbruder und kein M�nch�, widersprach Athelstan leise.</p><p>Cranston r�lpste und nahm einen Schluck aus seinem Weinschlauch. �Was war denn?� wollte er wissen.</p><p>�Eine Versammlung des Gemeinderates.�</p><p>�Nein, ich meine den Friedhof.�</p><p>Athelstan berichtete, und der Coroner wurde ernst.</p><p>�Glaubst du, es sind Satansanbeter? Die Schwarzen F�rsten der Friedh�fe?� fragte er leise und lenkte sein Pferd dichter an Athelstan heran.</p><p>Der verzog das Gesicht. �Kann sein.�</p><p>�Wer sonst�, versetzte Cranston, �w�rde sich f�r verwesende Leichen interessieren? Ich w�rde die Bande gern ausrotten�, erkl�rte er mit schwerer Zunge. �In meiner Abhandlung �ber die Londoner Verwaltung �� Zwei blaue Augen musterten Athelstan, ob er etwa Langeweile zeigte, wenn der Coroner sich �ber sein Lieblingsthema verbreitete. �In meiner Abhandlung�, fuhr er fort, �schreibe ich, da� jeder beim ersten solchen Vergehen eine schwere Bu�e und beim zweiten Mal die Todesstrafe zu erwarten hat.� Er zuckte die Achseln. �Aber vielleicht ist es ja auch ein nicht so schlimmer Frevel.�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �So etwas ist nie nicht so schlimm�, antwortete er. �Ich habe einmal in einer kleinen Kirche bei Blackfriars einen Exorzismus miterlebt. Ein Junge war von D�monen besessen. Er redete in fremden Zungen und schwebte �ber dem Boden. Er behauptete, die D�monen seien nach einer Zeremonie in ihn eingedrungen, bei der der Leichnam eines Erh�ngten als Altar gedient habe.�</p><p>Cranston schauderte es. �Wenn du Hilfe brauchst��, bot er z�gernd an.</p><p>Athelstan l�chelte. �Das ist sehr g�tig von Euch, Lord Coroner. Wie immer verschl�gt mir Eure Gro�z�gigkeit die Sprache.�</p><p>�Jeder Freund unseres Herrn ist auch der meine�, witzelte Cranston. �Selbst, wenn es ein M�nchlein ist.�</p><p>�Ich bin Ordensbruder�, erwiderte Athelstan. �Kein M�nch.� Er schaute Cranston w�tend an, der warf den Kopf in den Nacken und und lachte br�llend �ber seine ewigen Witzeleien auf Athelstans Kosten.</p><p>Endlich verlie�en sie die engen Gassen, wo sie stets dem Schnee ausweichen mu�ten, der von den steilen D�chern herunterrutschte. Sie bogen in die Hauptstra�e ein, die zur London Bridge f�hrte. Die gepflasterte Stra�e war vereist und von einer d�nnen Schneeschicht bedeckt, die im bei�end kalten Wind unversehens hochwirbelte. Ein paar St�nde waren offen, aber die H�ndler sch�tzten sich mit Segeltuchplanen gegen den scharfen Wind, der tiefdunkle Schneewolken �ber den Himmel trieb.</p><p>�An einem solchen Tag sollte man zu Hause bleiben�, knurrte Cranston.</p><p>Ein Reliquienh�ndler stand vor dem Gasthaus Zum Abt von Hydes und wollte einen Stab verkaufen, der angeblich Moses geh�rt hatte. Zwei Gefangene, aneinandergekettet und aus dem Gef�ngnis Marshalsea entlassen, wo man die Schuldner einkerkerte, bettelten um Almosen f�r sich selbst und andere arme Ungl�ckliche. Athelstan warf ihnen ein paar Pennies zu; ihre blaugefrorenen F��e hatten sein Mitleid erregt.</p><p>Ihre beiden Pferde waren gut beschlagen, aber die wenigen Leute, die unterwegs waren, drohten auf dem t�ckischen Glatteis das Gleichgewicht zu verlieren. Sie tasteten sich behutsam voran und klammerten sich an jede H�userkante. Trotz allem, bemerkte Cranston, war die Justiz nicht unt�tig; vor dem Hospital des Heiligen Thomas war ein B�cker auf einen Bock gebunden, weil er verschimmeltes Brot verkauft hatte. Athelstan mu�te an das alte Brot denken, das er ausgepackt hatte, und sah zu, wie der Ungl�ckliche von einem Esel durch die Stra�en gezogen wurde. Ein betrunkener Dudelsackpfeifer schlitterte hinterdrein und spielte eine schrille Melodie, um das Gest�hn des B�ckers zu �bert�nen. Am Pranger zwang man einen schiefm�uligen Schankwirt, sauren Wein zu saufen, und eine Dirne, der die Fesseln tief ins Fleisch schnitten, wurde von einem schwitzenden Gerichtsdiener ausgepeitscht; mit langen, dicken Stechpalmenzweigen pr�gelte er auf den R�cken der armen Frau ein.</p><p>�Sir John�, sagte Athelstan leise, �das arme Weib hat genug.�</p><p>�Zum Teufel mit ihr�, zischte Cranston. �Wahrscheinlich hat sie�s verdient.�</p><p>Athelstan schaute dem Coroner in das runde, rote Gesicht. �Sir John, um des Erbarmens willen - was ist los?�</p><p>Athelstan sp�rte, da� der Coroner unter seiner gespielten Vitalit�t und Weinseligkeit entweder sehr erbost oder sehr besorgt war. Cranston blinzelte und grinste gezwungen. Er zog sein Schwert, trieb sein Pferd zur Seite hin�ber zu dem Pfahl und schlug die Seile durch, mit denen die Dirne festgebunden war. Die Frau sank in einem blutigen Haufen zu Boden. Der Gerichtsdiener kam drohend auf Cranston zu; er bleckte die Z�hne, und sein h��liches Gesicht wirkte noch grotesker. Sir John schwenkte sein Schwert und zog sich den Schal vom Gesicht.</p><p>�Ich bin Cranston, der Coroner der Stadt!� donnerte er.</p><p>Der Mann wich hastig zur�ck. Sir John w�hlte unter seinem Mantel herum, zog ein paar Pennies hervor und warf sie der Hure zu.</p><p>�Verdiene dir ein ehrliches St�ck Brot!� knurrte er.</p><p>Ein w�tender Blick riet seinem Begleiter, lieber keinen Kommentar abzugeben. Sie ritten weiter, vorbei an den Fischteichen und auf die riesige London Bridge. Die Br�cke war vereist und von Nebel verh�llt. Athelstan hielt an und legte Cranston eine Hand auf den Arm.</p><p>�Sir John, hier stimmt etwas nicht! Es ist so still.�</p><p>Cranston grinste. �Hast du�s noch nicht gemerkt, Bruder? Sieh hinunter: Der Flu� ist zugefroren.�</p><p>Athelstan starrte ungl�ubig �ber das Br�ckengel�nder. Sonst rauschte und brodelte unten das Wasser. Jetzt hatte sich der Flu�, soweit das Auge reichte, in ein wei�es Eisfeld verwandelt. Athelstan reckte den Kopf und h�rte die Schreie der Kinder, die sich die Schienbeine eines Ochsen unter die F��e gebunden hatten und dort Schlittschuh liefen. Jemand hatte einen Stand er�ffnet, und Athelstans Magen meldete sich un�berh�rbar, als ihm der aromatische Duft hei�er Rindspastete in die Nase stieg. Sie ritten weiter, vorbei an der St.-Thomas-Kapelle und auf die Bridge Street, nach Billingsgate hinein und dann die Botolph�s Lane hinauf nach Eastcheap. Die Stadt lag wie unter dem Zauberbann einer Eishexe. Nur wenige L�den waren offen, und das gewohnte Geschrei von Lehrjungen und H�ndlern war unter dem Klammergriff des Winters verstummt. An einem Pastetenladen machten sie halt. Athelstan kaufte sich eine hei�e Hackfleischpastete, bi� kr�ftig hinein und geno� den Saft, der herausquoll, und den k�stlichen Duft der frischgebackenen Teigh�lle und des scharfgew�rzten Fleisches. Cranston sah ihm zu. �Das schmeckt dir, Bruder?�</p><p>�Ja, Herr. Warum e�t Ihr nicht auch?�</p><p>Cranston l�chelte boshaft. �Das w�rde ich gerne tun�, antwortete er. �Aber hast du nicht etwas vergessen, Bruder? Wir haben Advent. Da soll man sich des Fleisches enthalten.�</p><p>Athelstan schaute sehns�chtig auf die halbverzehrte Pastete; dann grinste er, a� sie auf und leckte sich die Finger ab. Cranston sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Was soll aus uns werden?� klagte er scherzhaft. �Wenn schon die Ordensbr�der das Kirchenrecht ignorieren?�</p><p>Athelstan beugte sich vor.</p><p>�Ihr irrt Euch, Sir John. Heute ist der dreizehnte Dezember, ein heiliger Tag: das Fest der heiligen Lucia, Jungfrau und M�rtyrerin. Also darf ich Fleisch essen.� Er machte ein Kreuzzeichen in die Luft. �Und Ihr d�rft doppelt soviel Rotwein trinken wie sonst.� Der Ordensbruder raffle die Z�gel seines Pferdes. �Also, Sir John - was f�hrt uns in den Tower?�</p><p>Cranston trieb sein Pferd zur Seite, als ein breitr�driger Karren, mit sauren gr�nen �pfeln beladen, vor�berrumpelte.</p><p>�Sir Ralph Witton, der Konstabler des Tower. Du hast von ihm geh�rt?�</p><p>Athelstan nickte. �Wer nicht? Er ist ein grausamer Soldat, ein tapferer Kreuzritter und ein pers�nlicher Freund des Regenten, John von Gaunt.�</p><p>�Er war es�, verbesserte Cranston. �Heute fr�h wurde Whitton in seinem Gemach in der n�rdlichen Bastion des Tower gefunden. Seine Kehle war von einem Ohr zum anderen durchgeschnitten, und auf der Brust war mehr Blut als bei einem abgestochenen Schwein.�</p><p>�Irgendeine Spur vom M�rder oder der Waffe?�</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf und blies sich auf die blaugefrorenen Finger. �Nichts�, knirschte er. �Whitton hatte eine Tochter. Philippa. Sie ist verlobt mit Geoffrey Parchmeiner. Anscheinend mochte Sir Ralph den jungen Mann und vertraute ihm. Heute morgen wollte Geoffrey seinen k�nftigen Schwiegervater wecken und fand ihn ermordet.� Er holte tief Luft. �Und was noch merkw�rdiger ist: Sir Ralph vermutete, da� jemand ihm ans Leben wollte. Vier Tage vor seinem Tod bekam er eine schriftliche Warnung.�</p><p>�Was stand darin?�</p><p>�Das wei� ich nicht, aber anscheinend bekam der Konstabler es mit der Angst zu tun. Er verlie� seine gewohnten Gem�cher im Turm des White Tower und zog aus Sicherheitsgr�nden in die Nordbastion. Die Treppe zu seiner Kammer wurde von zwei Gefolgsleuten seines Vertrauens bewacht. Die T�r zwischen Treppe und dem Gang war abgeschlossen. Sir Ralph hatte den einen Schl�ssel, die Wachen den anderen. F�r Sir Ralphs Kammer gilt das gleiche. Er hatte sie von innen verschlossen, und die beiden Wachposten hatten den anderen Schl�ssel.� Cranston lehnte sich pl�tzlich her�ber, packte Philomels Zaumzeug und ri� das Pferd zur Seite. Im selben Augenblick rutschte ein dicker Schneeklumpen vom Dach und krachte auf das Eis. �Wir sollten machen, da� wir weiterkommen�, bemerkte der Ordensbruder trocken. �Sonst habt Ihr vielleicht noch einen Toten am Halse, Sir John, und dann seid Ihr der Verd�chtige.�</p><p>Cranston r�lpste und nahm einen gro�en Schluck aus seinem Weinschlauch.</p><p>�Steht der junge Geoffrey unter Verdacht?� erkundigte sich Athelstan.</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube nicht. Beide T�ren waren noch abgeschlossen; die Wachen schlossen eine auf, lie�en ihn durch und schlossen hinter ihm wieder zu. Anscheinend ging Geoffrey den Gang hinunter zu Sir Ralphs T�r, klopfte an und versuchte, ihn zu wecken. Das gelang ihm nicht, und er holte die Wachen, die ihm aufschlossen. Sie fanden den Konstabler mit durchgeschnittener Kehle auf dem Bett, und die Holzl�den vor dem Fenster standen weit offen.� Cranston r�usperte sich, und dann wandte er sich ab und spuckte aus. �Noch etwas: Die Wachen haben niemanden ohne rigorose Leibesvisitation vorbeigelassen, auch nicht den jungen Geoffrey. Man fand keinen Dolch bei ihm, und auch in der Kammer war kein Messer.�</p><p>�Wovor hatte Sir Ralph solche Angst?�</p><p>Cranston sch�ttelte den Kopf. �Das wei� der Himmel. Aber es gibt eine ordentliche Ansammlung von Verd�chtigen. Sein Vertreter, Gilbert Colebrooke, stand mit ihm auf Kriegsfu� und wollte seinen Posten haben. Dann ist da der Kaplan, William Hammond, den Sir Ralph dabei ertappt hat, wie er Lebensmittel aus den Vorr�ten des Tower verkaufte. Zwei Freunde von Sir Ralph, Hospitaliterritter, waren wie �blich gekommen, um das Weihnachtsfest mit ihm zu verbringen. Und dann ist da noch ein Heide, ein stummer Diener, ein Sarazene, den Sir Ralph vom Kreuzzug aus Outremer mitgebracht hat.�</p><p>Athelstan zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht, denn der kalte Wind bi� ihm in die Ohren. �Cui bono?�fragte er.</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Ciceros ber�hmte Frage: Wer hat etwas davon?�</p><p>Cranston sch�rzte die Lippen. �Eine gute Frage, mein lieber Bruder. Sie f�hrt uns zu Sir Ralphs Bruder, Sir Fulke Whitton. Der wird ein gut Teil vom Verm�gen seines Bruders erben.� Cranston verstummte und r�lpste leise mit halbgeschlossenen Augen. Athelstan r�hmte sich, den dicken Coroner so gut zu kennen wie seine eigene Handfl�che.</p><p>�Aber, Sir John�, bohrte er, �da ist doch noch mehr, oder?� Cranston klappte die Augen auf. �Selbstverst�ndlich. Whitton war nicht beliebt, weder bei Hofe noch bei den Londonern, und auch nicht bei den Bauern.�</p><p>Athelstan war best�rzt. Auf diesen Pfaden waren sie schon �fter gewandelt.</p><p>�Ihr meint, dahinter steckt vielleicht die Gro�e Gemeinde?� Cranston nickte. �K�nnte sein. Und denke daran, Bruder: Auch einige deiner Pfarrkinder k�nnten dazugeh�ren. Wenn die Gro�e Gemeinde handelt und die Revolte sich ausbreitet, dann werden die Rebellen versuchen, den Tower zu erobern. Wer ihn beherrscht, beherrscht den Flu�, die Stadt, Westminster und die Krone.�</p><p>Athelstan zog die Z�gel an und �berdachte Cranstons Worte. Es stand nicht gut um London. Der K�nig war ein Kind, sein Onkel John von Gaunt ein h�chst unpopul�rer Regent. Der Hof war verlottert, aber den Bauern wurden endlos Steuern abgepre�t, und sie waren durch grausame Gesetze an ihre Scholle gebunden. Schon seit einer Weile gab es Gemunkel, Ger�chte, die wie Bl�tter im Wind trieben: Bauern in Kent, Middlesex und Essex h�tten eine Geheimgesellschaft gegr�ndet, die �Gro�e Gemeinde�. Deren F�hrer planten angeblich den Aufstand und den Marsch nach London. Athelstan kannte sogar einen der Anf�hrer fl�chtig - John Ball, ein Wanderpriester und Mann von solcher Beredsamkeit, da� er mit S�tzen wie: �Als Adam pfl�gt� und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?� noch die friedfertigsten Bauern in Rebellen verwandeln konnte. War Whittons Tod das Vorspiel zum Drama, fragte sich Athelstan. Und waren seine Pfarrkinder beteiligt? Er wu�te, da� sie sich in den Ale-H�usern und Schankstuben trafen und wei� Gott berechtigte Klagen zu f�hren hatten.</p><p>Und wenn der Aufstand k�me, was sollte er dann tun? Sich auf die Seite der Beh�rden stellen oder sich, wie viele Priester, den Rebellen anschlie�en? Er warf Cranston einen Seitenblick zu. Der Coroner schien seinen Gedanken nachzuh�ngen; wieder sp�rte der Ordensbruder die Traurigkeit, die ihn umgab.</p><p>�Sir John, fehlt Euch etwas?�</p><p>�Nein, nein�, murmelte der Coroner.</p><p>Athelstan lie� ihn in Ruhe. Vielleicht, �berlegte er, hatte Sir John am letzten Abend zu tief ins Glas geschaut.</p><p>Sie ritten die verschneite Tower Street herunter, vorbei an der Kirche, vor der ein Almosenempf�nger kniete und f�r irgendeine S�nde Bu�e tat; seine H�nde, die den Rosenkranz umklammerten, waren hart vom Frost. Athelstan grauste es bei dem Gedanken an die Bu�en, die manche seiner Br�der im Priesteramt ihren Gemeindekindern auferlegten. Sir Johns Atem hing wie Weihrauch in der kalten Luft.</p><p>�In drei Teufels Namen�, murrte er. �Wann kommt endlich die Sonne wieder?�</p><p>Sie waren in Petty Wales angelangt, als pl�tzlich eine Frauenstimme klar und melodisch ein Weihnachtslied zu singen begann, das Athelstan besonders mochte. Sie blieben einen Augenblick stehen, um zuzuh�ren, und �berquerten dann den eisglatten Platz. Vor ihnen ragten die schneebedeckten Mauern des Tower empor, die T�rme, Bastionen, Bollwerke und Zinnen - ein Berg aus behauenem Stein. Die gewaltige Festung schien London weniger zu verteidigen als einzusch�chtern. �Ein bedr�ckender Ort�, sagte Cranston leise. �Das Haus des Roten Schl�chters.� Er warf Athelstan einen eigenartigen Blick zu. �Unsere alten Freunde Mord und Totschlag lauern hier.� Athelstan �berlief ein Schauer, nicht nur wegen der K�lte. Sie �berquerten die Zugbr�cke. Der Graben unter ihnen, das Wasser und auch der gr�ne Schleim, der es stets bedeckte, waren gefroren. Sie ritten durch den schwarzen Torbogen des Middle Tower. Das gro�e Tor klaffte wie ein aufgerissenes Maul, und das halb herabgelassene Fallgitter waren die Z�hne. Von oben grinsten die abgeschlagenen K�pfe zweier im Kanal gefa�ter Piraten herunter. Athelstan fl�sterte ein Gebet. �Gott sch�tze uns vor allen Teufeln, D�monen, Skorpionen und den b�sen Geistern, die hier hausen.�</p><p>�Gott sch�tze mich vor den Lebenden�, witzelte Cranston zur�ck. �Ich f�rchte, sogar Satan weint �ber das B�se, dessen die Menschen f�hig sind.� Das Tor war von Soldaten bewacht, die, in braune Wollm�ntel geh�llt, unter dem engen Torgew�lbe standen.</p><p>�Sir John Cranston, der Coroner!� verk�ndete Cranston mit dr�hnender Stimme. �Ich habe die Vollmacht des K�nigs. Und dies ist mein Schreiber, Bruder Athelstan, der seiner unbestreitbaren S�nden wegen auch Pfarrer von St. Erconwald in Southwark ist. An einem Ort also�, fuhr der Coroner grinsend fort, als er die Emp�rung in Athelstans Gesicht sah, �wo Tugend und Laster sich aneinander reiben und die H�nde sch�tteln.�</p><p>Die Wachen nickten; in der durchdringenden K�lte war jede Bewegung zuviel. Athelstan und Cranston ritten am Byward Tower vorbei und einen gepflasterten Damm hinauf; ihre Pferde rutschten und stolperten auf den eisigen Steinen. Am Wakefield Tower wandten sie sich nach links, und durch einen konzentrischen Kreis von Befestigungsanlagen gelangten sie auf das Tower Green, eine Wiese, die jetzt von dickem Schnee bedeckt war. Auch die gro�en Kriegsmaschinen waren davon verh�llt: Katapulte, Rammb�cke, Steinschleudern und schwere, eisenbeschlagene Karren. Rechts stand eine m�chtige, aus Fachwerk erbaute Gro�e Halle, an die weitere Gem�cher angebaut waren. Ein Wachposten sa� d�send auf der Treppe und blickte nicht einmal auf, als Cranston br�llte. Ein schniefender, rotnasiger Pferdeknecht kam schlie�lich gerannt und nahm ihnen die Pferde ab. Ein anderer f�hrte sie die Treppe hinauf in die Gro�e Halle. Zwei struppige Jagdhunde schn�ffelten in der schmutzstarrenden Binsenstreu am Boden. Einer von ihnen wollte das Bein an Sir Johns Stiefeln heben und knurrte, als der Coroner nach ihm trat.</p><p>Die Halle war ein gro�er, d�sterer Raum mit schmutzigem Steinboden und wuchtigen Deckenbalken. Ein Kamin am hinteren Ende war gro� genug, um einen Ochsen zu braten. Auf dem Feuerrost t�rmten sich die Scheite, aber der Kamin war offenbar verru�t, denn der Rauch wurde zum Teil in die Halle zur�ckgedr�ckt, wo er wie Nebel unter den Deckenbalken wirbelte. Die Fr�hmahlzeit war gerade zu Ende; K�chenjungen r�umten Zinnbecher und h�lzerne Teller von den Tischen. In einer Ecke foppten zwei M�nner einen Dachs mit einem Hund; andere dr�ngten sich ans Feuer. Athelstan schaute sich um. Das Leichentuch des Todes lag schwer �ber dem Saal. Er kannte den Gestank, das Mi�trauen und das unausgesprochene Grauen, das stets auf einen gewaltt�tigen, geheimnisvollen Mord folgte. Eine der Gestalten am Feuer erhob sich und kam eilig her�ber, als Cranston zum zweiten Mal seinen Titel durch die Halle br�llte. Es war ein langer, d�nner Kerl mit roten Haaren; seine Augenlider waren rosig und wimpernlos. Eine Adlernase beherrschte das halbrasierte, eckige Gesicht.</p><p>�Ich bin Gilbert Colebrooke, der Lieutenant. Sir John, Ihr seid h�chst willkommen.� Seine tr�ben Augen richteten sich auf Athelstan.</p><p>�Mein Schreiber�, verk�ndete Cranston. Dann deutete er auf die Gruppe am Feuer. �Der Haushalt des Konstablers, nehme ich an?�</p><p>�Jawohl�, antworte Colebrooke knapp.</p><p>�Ja, Mann, dann macht uns bekannt!�</p><p>Als sie hin�bergingen, standen die Leute, die auf Schemeln am Feuer hockten, auf und begr��ten sie. Man wurde einander vorgestellt, und Cranston beherrschte unweigerlich das Geschehen. Wie immer hielt Athelstan sich zur�ck und studierte die Leute, die er bald befragen w�rde. Er w�rde ihre Geheimnisse ausgraben, vielleicht sogar Skandale aufdecken, die besser verborgen geblieben w�ren. Da war der Kaplan, Master William Hammond, mager und ernst in seinem schwarzen Gewand. Seine Bewegungen waren wie die eines angreifenden Vogels, sein Gesicht sah ungesund aus, und fettige graue Haarstr�hnen zogen sich sch�tter �ber den kahlen Sch�del. Ein bitterer Mann, schlo� Athelstan, mit einer Nase, so spitz wie ein Dolch, kleinen schwarzen �uglein und einem schmallippigen Mund, so fest verschlossen wie die B�rse eines Geizkragens. Zur Rechten des Kaplans stand Sir Fulke Whitton, der Bruder des Toten: glatt und fett, mit freundlichem Gesicht und strohblondem Haar. Sein H�ndedruck war fest, und er bewegte sich trotz seines betr�chtlichen Leibesumfangs mit der Anmut und Geschwindigkeit eines Athleten.</p><p>Neben ihm stand die Tochter des toten Konstablers, Philippa. Keine gro�e Sch�nheit mit ihrem breiten Gesicht, aber sie hatte angenehme braune Augen und h�bsches, kastanienbraunes Haar. Sie war ziemlich rundlich und erinnerte Athelstan an einen �berm�steten Kapaun. An ihrer Seite stand - oder besser: schwankte - ihr Verlobter Geoffrey Parchmeiner. Sein Haar war schwarz wie die Nacht und ge�lt und frisiert wie das einer Frau. Er schien ein ganz angenehmer Bursche zu sein; seine Gesichtsz�ge wirkten kraftvoll, auch wenn sein glattrasiertes Gesicht leicht ger�tet war vom blutroten Wein, den er in einem tiefen Becher kreisen lie�. Ein heiterer Bursche, dachte Athelstan, und belustigt schaute er auf Geoffreys enge Hose mit dem vorgew�lbten Hosenlatz. Unter einem sarazenischen Wams schaute ein r�schenbesetztes Hemd hervor, und die Spitzen seiner Schuhe waren so lang und d�nn, da� sie mit einer roten Kordel an der Wade festgebunden waren. Wei� Gott, wie der sich auf Eis fortbewegt, dachte Athelstan. Er kannte diesen Typus: ein junger Mann, der die Gecken des Hofes nach�ffte. Als Pergamenth�ndler mit einem Laden in Londons Stra�en w�rde Geoffrey Geld genug haben, um sich aufzuf�hren wie ein H�fling.</p><p>Die beiden Hospitaliterritter, von denen Cranston gesprochen hatte, Sir G�rard Mowbray und Sir Brian Fitzormonde, h�tten Br�der sein k�nnen. Beide trugen das graue Gewand ihres Ordens. Auf den M�nteln prangten dicke, wei�e Kreuze. Athelstan kannte den furchterregenden Ruf dieser M�nchsritter und war gelegentlich sogar als Beichtvater in ihrer Festung in Clerkenwell gewesen. G�rard und Brian waren mittleren Alters und, mit ihren sauber getrimmten B�rten, scharfen Augen und kurzgeschorenen Haaren, Soldaten vom Scheitel bis zur Sohle. Sie bewegten sich wie Katzen, M�nner im Bewu�tsein ihrer �berlegenheit. Krieger, dachte Athelstan, M�nner, die t�teten, wenn sie ihre Sache f�r gerecht hielten.</p><p>Zwischen ihnen stand ein dunkelh�utiger Mann von geschmeidiger Gestalt, dessen Haar und Bart �ppig einge�lt waren. Er trug blaue, weite Hosen und �ber dem Wams einen Milit�rmantel. Seine Augen waren st�ndig in Bewegung, und er beobachtete Cranston und Athelstan, als w�ren sie Feinde. Der Coroner stellte ihm barsch eine Frage, aber der Bursche starrte ihn nur wortlos an, �ffnete den Mund und deutete mit dem Finger. Athelstan wandte den Blick mitleidig ab, als er das schwarze Loch sah, wo die Zunge des Mannes h�tte sitzen m�ssen. �Rastani ist stumm�, sagte Philippa mit �berraschend dunkler, heiserer Stimme. �Er war Moslem, hat sich aber zu unserem Glauben bekehrt. Er ist�� Sie bi� sich auf die Lippe. �Er war der Diener meines Vaters.� Ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen, und sie klammerte sich an den Arm ihres Verlobten, obwohl der junge Mann weniger sicher auf den Beinen war als sie.</p><p>Als alle einander vorgestellt waren, rief Colebrooke nach weiteren Schemeln, und als er den gierigen Blick sah, den Sir John auf den Becher des jungen Mannes warf, lie� er auch noch hei�e Milch mit Rotwein bringen. Cranston und Athelstan setzten sich in die Mitte. Sir John zeigte keine Hemmungen; er warf den Mantel zur�ck, streckte seine st�mmigen Beine von sich und geno� die W�rme des Feuers. Seinen Becher hatte er in einem Zug geleert, lie� sich nachschenken und schl�rfte ger�uschvoll. Er schmatzte und lie� seinen Blick �ber die Runde wandern, als seien alle seine engsten Busenfreunde. Athelstan sprach ein stummes Gebet, w�hrend er sein Schreibtablett auf den Knien ordnete: Mochte der Herr daf�r sorgen, da� Cranston n�chtern und wach blieb. Geoffrey kicherte, und die beiden Ritter starrten den Coroner ungl�ubig an.</p><p>�Ihr seid der Coroner des K�nigs?� fragte Sir Fulke.</p><p>�Ja, das ist er�, schaltete Athelstan sich ein. �Und Sir John ist nicht immer so, wie er zu sein scheint.�</p><p>Cranston schmatzte wieder.</p><p>�Nein, nein, das bin ich nicht�, knurrte er. �Und ich sch�tze, das gilt auch f�r jeden anderen hier im Raum. Es gibt einen n�tzlichen Spruch, den Ihr stets bedenken solltet: Ein jeder aus dem Weibe geborene Mann ist dreierlei: Was er zu sein scheint, was er zu sein behauptet, und� - strahlend blickte er in die Runde - �was er in Wahrheit ist.� L�stern grinste er Philippa an. �Das gleiche gilt auch f�r das sch�nere Geschlecht.� Pl�tzlich fiel ihm Maude ein, und der Gedanke ern�chterte ihn schneller als ein Schwall kalten Wassers. �Und das gleiche�, fuhr er unwirsch fort, �gilt f�r den M�rder des Konstablers Sir Ralph Whitton.�</p><p>�Ihr verd�chtigt einen der Anwesenden?� fragte Sir Fulke; jegliche Gleichg�ltigkeit war jetzt aus seinem Gesicht verschwunden.</p><p>�Ja, das tue ich�, knurrte Cranston.</p><p>�Das ist eine Beleidigung!� platzte der Kaplan heraus. �Lord Coroner, Ihr seid betrunken. Ihr kommt hier hereingeschwankt, Ihr kennt uns nicht��</p><p>Athelstan legte dem Coroner eine Hand auf den Arm. Er sp�rte, da� Sir John in gef�hrlicher Stimmung war, und er sah auch, da� die beiden Hospitaliterritter ihre M�ntel ge�ffnet, die Dolche in ihren G�rteln freigelegt hatten. Cranston nahm die Warnung an.</p><p>�Ich beschuldige niemanden�, sagte er sanft. �Aber es erweist sich meist, da� der Mord - wie die Barmherzigkeit - zu Hause wurzelt.�</p><p>�Wir haben es mit drei Problemen zu tun�, warf Athelstan diplomatisch ein. �Wer hat Sir Ralph get�tet, warum und wie?� Der Lieutenant schnalzte unh�flich. Cranston beugte sich vor. �Ihr wollt etwas sagen, Sir?�</p><p>�Ja, allerdings. Sir Ralph k�nnte von einem Rebellen aus London ermordet worden sein, von einem Bauern aus den vielen hundert D�rfern der Umgebung oder von einem getarnten Attent�ter, der geschickt wurde, um die grausige Tat zu begehen.�</p><p>Cranston nickte ihm l�chelnd zu.</p><p>�Vielleicht�, antwortete er liebensw�rdig. �Aber ich werde sp�ter auf Eure Theorie zur�ckkommen. Einstweilen wird keiner von Euch den Tower verlassen.� Er schaute sich in der d�steren Halle um. �Wenn ich den Leichnam gesehen habe, will ich Euch alle noch einmal sprechen, aber in angenehmerer Umgebung.�</p><p>Der Lieutenant nickte. �In der St.-John�s-Kapelle im White Tower�, schlug er vor. �Dort ist es warm, sicher und einigerma�en ungest�rt.�</p><p>�Gut. Gut.� Cranston grinste falsch in die Runde. �Dort werde ich Euch treffen. Jetzt w�nsche ich Sir Ralphs Leiche zu begutachten.�</p><p>�In der Nordbastion�, antwortete Colebrooke, stand abrupt auf und ging ihnen voran aus der Halle.</p><p>Sir John folgte ihm schwankend wie eine Galeone, w�hrend Athelstan hastig Feder, Tintenhorn und Pergament einpackte. Der Ordensbruder war zufrieden: Er hatte Namen und einen ersten Eindruck, und Cranston hatte seinen �blichen Lieblingstrick angewandt und jedermann befremdet. Der Coroner war gerissen wie ein Fuchs.</p><p>�Wenn du Verd�chtige grob behandelst�, hatte er einmal erkl�rt, �werden sie wahrscheinlich weniger Zeit mit L�gen verschwenden. Und, wie du wei�t, Bruder, die meisten M�rder sind L�gner.�</p><p>Colebrooke wartete am Fu� der Treppe zur Gro�en Halle und f�hrte sie schweigend am White Tower vorbei, der sich schimmernd aus dem tiefen Schnee erhob. Jeder Absatz, jedes Sims und jedes Fensterbrett waren von Eis und Schnee bedeckt. Athelstan blieb stehen und schaute hoch.</p><p>�Prachtvoll!� murmelte er. �Wie gro� sind doch die Werke des Menschen.�</p><p>�Und wie schrecklich�, f�gte Cranston hinzu.</p><p>Beide standen f�r ein paar Augenblicke da und bewunderten die kahlen, wei�en Mauern des gewaltigen Turmes. Sie wollten gerade weitergehen, als unter einer Au�entreppe am Fu�e der Festung eine T�r aufflog. Ein phantastisches Gesch�pf mit einem Buckel und dichtem wei�en Haar stand pl�tzlich f�r einen Augenblick wie angefroren vor ihnen. Sein Gesicht war bleich, und sein K�rper war von zahllosen bunten und schmutzigen Lumpen bedeckt; die F��e steckten in viel zu gro�en Stiefeln. Endlich kam er wie ein Hund auf allen vieren auf sie zu. Schneewolken stoben rechts und links in die H�he. Der Lieutenant wandte sich fluchend ab.</p><p>�Willkommen im Tower!� kreischte das Gesch�pf. �Willkommen in meinem K�nigreich! Willkommen im Tal der Schatten des Todes!�</p><p>Athelstan schaute hinunter in das verzerrte fahle Gesicht und die milchigen Augen des Albinos, der vor ihnen kauerte. �Guten Morgen, Sir�, entgegnete er. �Und wer seid Ihr?�</p><p>�Rothand. Rothand�, brummelte der Bursche. Seine bl�ulichen Lippen �ffneten sich, und schmutziggelbe Z�hne klapperten vor K�lte. �Mein Name ist Rothand.�</p><p>�Na, du bist mir ein komischer Halunke, Rothand�, rief Cranston.</p><p>Die irren Augen betrachteten den Coroner verschlagen. �Wahnsinn ist, was Wahnsinn treibt�, murmelte Rothand. �Doppelt so verr�ckt wie einige und halb so verr�ckt wie andere.� Er holte die Hand hinter dem R�cken hervor und sch�ttelte einen Stock, an dem eine schmutzige, aufgeblasene Schweinsblase festgebunden war. �Also, meine Sch�tzchen, wollt Ihr mit Rothand spielen?�</p><p>�Verpi� dich, Rothand�, schnarrte der Lieutenant und machte einen drohenden Schritt auf ihn zu.</p><p>Der Albino funkelte Colebrooke nur an.</p><p>�Der alte Rothand wei� so manches�, sagte er. �Der alte Rothand ist nicht so bl�d, wie er aussieht.� Schmierige Klauenfinger streckten sich Athelstan entgegen. �Rothand kann dein Freund sein. Er hat seinen Preis.�</p><p>Athelstan schn�rte seinen Beutel auf und legte dem Verr�ckten zwei M�nzen in die Hand. �Da�, sagte er leise. �Jetzt kannst du Sir Johns Freund sein und der meine.�</p><p>�Was wei�t du denn?� fragte Cranston.</p><p>Der Albino h�pfte auf und ab. �Sir Ralph ist tot. Hingerichtet vom Finger Gottes. Die dunklen Schatten sind hier. Die Vergangenheit eines Mannes ist immer um ihn. Sir Ralph h�tte daran denken sollen.� W�tend starrte er den Lieutenant an. �Und andere sollten das auch tun! Andere auch! Aber Rothand hat zu tun. Rothand mu� gehen.�</p><p>�Lord Coroner, Bruder Athelstan�, unterbrach Colebrooke, �Sir Ralphs Leichnam wartet.�</p><p>�Blut und Schleim anschauen, wie?� kr�hte Rothand und h�pfte auf und ab. �Ein b�ser Mann, Sir Ralph. Er hat verdient, was er gekriegt hat!�</p><p>Der Lieutenant trat nach ihm, aber Rothand wieselte davon, kreischend und lachend.</p><p>�Wer ist das?� fragte Athelstan leise.</p><p>�Er war fr�her Maurer hier. Seine Familie kam vor vielen Jahren bei einem Unfall ums Leben.�</p><p>�Und Sir Ralph hat ihn hierbleiben lassen?�</p><p>�Sir Ralph war sein Anblick verha�t. Aber er konnte wenig machen. Rothand ist ein k�niglicher G�nstling. Er war Maurermeister beim alten K�nig, bekommt eine Rente und hat Wohnrecht hier im Tower.�</p><p>�Und warum Rothand?�</p><p>�Er wohnt in den Kerkergew�lben und schrubbt die Folterinstrumente und den Richtblock nach der Exekution.�</p><p>Athelstan schauderte es; er zog den Mantel fester um die Schultern. Wahrlich, dachte er, dies war das Tal der Schatten, ein Ort der Gewalt und des pl�tzlichen Todes. Der Lieutenant wollte weitergehen, aber Cranston hielt ihn am Arm fest. �Wieso hat Rothand gesagt, Sir Ralph sei ein b�ser Mann gewesen und habe bekommen, was er verdiente?�</p><p>Colebrooke wandte den tr�ben Blick ab. �Sir Ralph war ein seltsamer Mann�, sagte er leise. �Manchmal denke ich, in seiner Seele lauerten D�monen.�</p></section><section><title><p><strong>3. Kapitel</strong></p></title><p>Athelstan und Cranston folgten Colebrooke um Holzschuppen und Nebengeb�ude, durch einen Torbogen in der inneren Festungsmauer und �ber einen vereisten Platz zu einem riesigen Turm, der sich �ber den Festungsgraben hinausw�lbte. Der Lieutenant blieb stehen.</p><p>�Dort liegen unterirdische Verliese, und dar�ber f�hren Stufen in eine Kammer im Obergescho�.� Er zuckte die Achseln. �Dort ist Sir Ralph gestorben.�</p><p>�Ermordet worden�, korrigierte Cranston.</p><p>�Gibt es noch andere R�ume?� fragte Athelstan.</p><p>�Fr�her mal, noch ein weiteres Stockwerk, aber die T�r dorthin wurde zugesch�ttet.�</p><p>Athelstan schaute hinauf zu den verschneiten Zinnen und seufzte.</p><p>�Ein Turm des Schweigens�, murmelte er. �Ein trostloser Ort zum Sterben.�</p><p>Sie stiegen die Treppe hinauf. Drinnen hockten zwei W�chter auf Schemeln vor einem Kohlebecken. Colebrooke nickte ihnen zu. Sie erkletterten eine zweite, steile Treppe und dr�ckten oben die halboffene T�r auf. Ein dunkler, muffig riechender Gang erstreckte sich vor ihnen. Leise vor sich hin fluchend, nahm Colebrooke etwas Zunder von einem Steinsims, und bald darauf loderten die Fackeln in den Wandhaltern. Sie betraten den kalten Korridor. Athelstan sah einen Berg von Mauerbrocken, losen Ziegeln und Schieferplatten, der den Zugang zum dar�berliegenden Stockwerk verschlo�. Colebrooke probierte ein paar Schl�ssel, die er unter seinem Mantel hervorgezogen hatte; schlie�lich schlo� er die T�r auf und lud Cranston und Athelstan mit einer beinahe sp�ttischen Geb�rde ein einzutreten.</p><p>Es war ein Raum mit gew�lbter Decke aus Stein. Der erste Eindruck war der eines alles beherrschenden Graus. Keine Wandbeh�nge oder Teppiche an den W�nden, nichts au�er der hageren Gestalt eines sterbenden Christus an einem schwarzen Holzkreuz. Mitten im Raum stand ein gro�es vierpfostiges Bett, dessen schmutzige, lohbraune Vorh�nge fest geschlossen waren. Es gab einen Tisch und ein paar Schemel, und drei oder vier Holzzapfen steckten neben dem Bett in der Wand; ein Mantel, ein schweres Wams und ein breiter, lederner Schwertgurt hingen noch daran. Auf der anderen Seite des Bettes stand ein h�lzernes Lavarium mit einer riesigen Zinnsch�ssel und einem Krug, auf dem ein schmutziges Tuch lag. Ein kleiner Kamin h�tte ein wenig W�rme gespendet, aber nur kalte, pulverige Asche lag darin. Ein Kohlebecken voll halbverbrannter Holzkohle stand verloren im Raum. Athelstan war sicher, da� es hier k�lter war als drau�en. Cranston schnippte mit den Fingern und deutete auf die offenen Fensterl�den.</p><p>�Bei den Titten des Teufels, Mann!� rief er. �Es ist lausig kalt!�</p><p>�Wir haben alles so gelassen, wie es war, Lord Coroner�, versetzte Colebrooke scharf.</p><p>Athelstan deutete auf das Fenster. �Und da soll der M�rder hereingeklettert sein?� fragte er.</p><p>Er starrte auf die gro�e �ffnung.</p><p>�Nur so kann es gewesen sein�, sagte Colebrooke, ging zum Fenster und warf dr�hnend die L�den zu. Athelstan schaute sich im Zimmer um. Er erkannte den fauligen Gestank des Todes, und mit Abscheu sah er die schmutzigen Binsen auf dem Boden und den gesprungenen Nachttopf voll Nachtkot und Urin.</p><p>�In drei Teufels Namen!� bellte Cranston und stampfte auf. �La�t das wegschaffen, sonst stinkt es hier bald wie in einer Pestgrube.�</p><p>Dann trat er ans Bett und ri� die Vorh�nge auf. Athelstan warf einen Blick hinein und wich entsetzt zur�ck. Der Tote lag wei� und blutlos auf verschmierten Kissen und Laken. Die starren H�nde krallten sich noch in die blutgetr�nkte Bettdecke. Der Kopf des Mannes war zur�ckgebogen, das Gesicht im Grinsen des Todes verzerrt. Die schweren Augenlider waren halb ge�ffnet, und es war, als starrten die Augen auf den furchtbaren Schnitt hinunter, der sich von einem Ohr zum anderen zog. Das Blut war herausgestr�mt wie Wein auseinem zerbrochenen Fa� und lag dick und geronnen auf Brust und Bettzeug. Athelstan zog die Decke zur�ck und betrachtete den halbnackten wei�en Leib.</p><p>�Die Todesursache liegt auf der Hand�, murmelte er. �Keine anderen Wunden oder Bluterg�sse.� Wortlos schlug er das Kreuz �ber den Leichnam und trat zur�ck.</p><p>Colebrooke hielt klugen Abstand. �Sir Ralph hat einen solchen Tod bef�rchtet�, sagte erleise.</p><p>�Seit wann?� wollte Athelstan wissen.</p><p>�Oh, seit drei oder vier Tagen.�</p><p>�Weshalb?� fragte Cranston. �Wovor hat Sir Ralph sich gef�rchtet?�</p><p>Colebrooke zuckte die Achseln. �Das wei� der Himmel. Vielleicht werdet Ihr es von seiner Tochter oder von seinem Bruder erfahren. Ich wei� nur, da� Sir Ralph den Engel des Todes an seiner Seite zu sp�ren glaubte.�</p><p>Cranston trat ans Fenster, klappte die L�den wieder auf und lehnte sich in die eisige Luft.</p><p>�Da geht�s aber tief runter�, bemerkte er und zog sich zu Athelstans gro�er Erleichterung wieder zur�ck. Nur Athelstan war klar, wieviel der brave Coroner schon getrunken hatte.</p><p>�Wer w�rde mitten in der Nacht, im tiefsten Winter, einen solchen Aufstieg wagen?�</p><p>�Oh, in die Mauer sind Stufen gehauen�, antwortete Colebrooke selbstzufrieden. �Aber nur wenige Leute wissen davon.�</p><p>�Wieso?� fragte Athelstan.</p><p>�Es sind eigentlich nur Kerben, in denen ein Fu� Halt findet�, sagte Colebrooke. �Der Maurer, der den Turm gebaut hat, war ein vorsichtiger Mann. Wenn jemand in den Graben fiel, konnte er so wieder rausklettern.�</p><p>�Ihr sagt also�, Cranston lie� sich auf einen Schemel fallen und wischte sich die Stirn, �da� irgend jemand, wahrscheinlich ein Soldat oder ein gedungener M�rder, diese Trittkerben benutzt hat und zum Fenster heraufgeklettert ist.� Er drehte sich um und betrachtete die Fensterl�den. �Eurer Meinung nach�, fuhr er fort, �hat der M�rder einen Dolch durch den Spalt geschoben und den Riegel hochgehoben, dann ist er eingestiegen und hat Sir Ralph die Kehle durchgeschnitten.�</p><p>Colebrooke nickte langsam. �Das nehme ich an, Sir John.�</p><p>�Und ich nehme an�, erg�nzte Cranston sarkastisch, �da� Sir Ralph seinen M�rder einfach hereinklettern lie�, gar nicht erst aufstand, sondern wie ein L�mmchen liegenblieb und sich die Kehle durchschneiden lie�.�</p><p>Colebrooke ging zum Fenster, schlo� es vernehmlich und schob den h�lzernen Riegel vor. Dann zog er den Dolch, schob ihn in den Spalt zwischen den beiden L�den und hob behutsam den Riegel aus seiner Halterung. Er dr�ckte die L�den auf, drehte sich um und schaute Cranston l�chelnd an.</p><p>�Es geht also, Lord Coroner�, bemerkte er trocken. �Der M�rder durchquert dann auf leisen Sohlen die Kammer. Einem Mann die Kehle durchzuschneiden dauert nicht lange, vor allem, wenn er viel getrunken hat.�</p><p>Athelstan dachte �ber die Worte des Lieutenants nach. Plausibel war es. Er und Cranston wu�ten von den Nachtschatten, einer R�uberbande, die im Schutze der Dunkelheit in ein Haus eindringen und es auspl�ndern konnte, ohne da� B�rger, Frauen, Kinder und sogar Hunde aufwachten. Warum sollte es hier anders sein? Athelstan musterte das Gemach aufmerksam: dicke Granitmauem, ein steinernes Gew�lbe, kalte Steinplatten unter der Binsenstreu.</p><p>�Nein, Bruder.� Colebrooke schien seine Gedanken gelesen zu haben. �Es gibt keinen Geheimgang. Nur zwei Wege f�hren in diese Kammer - durch das Fenster oder durch die T�r. Das untere Stockwerk ist bewacht; wir sind an den W�chtern vorbeigekommen. Und der Zugang zum oberen Stockwerk ist durch eingest�rztes Gem�uer versch�ttet.�</p><p>�Hat man irgendwo Blutspuren gefunden?� fragte Athelstan. Er sah, da� der Lieutenant einen sp�ttischen Seitenblick auf die blutige Leiche warf. �Nein�, fuhr er �rgerlich fort, �ich meine, anderswo. Am Fenster. Bei der T�r. Als der M�rder seine Tat vollbracht hatte, mu� sein Messer oder sein Schwert doch voller Blut gewesen sein.�</p><p>Colebrooke sch�ttelte den Kopf. ��berzeugt Euch selbst, Bruder. Ich habe nichts gefunden.�</p><p>Athelstan warf Cranston einen mutlosen Blick zu; dieser sa� inzwischen wie ein nasser Sack auf seinem Schemel und hatte die Augen halb geschlossen nach dem vielen Wein und den heftigen Anstrengungen in der Morgenk�lte. Der Ordensbruder sah sich gr�ndlich um. Bettzeug und Leichnam waren von getrocknetem Blutgetr�nkt, aber weder am Fenster noch in den Binsen oder in der N�he der T�r fand er eine Spur davon. �Ist sonst etwas ver�ndert worden?�</p><p>Colebrooke sch�ttelte den Kopf. Cranston regte sich pl�tzlich. �Warum ist Sir Ralph hierhergezogen?� fragte er unvermittelt. �Das ist doch nicht sein gewohntes Gemach.�</p><p>�Er glaubte, er w�re hier sicher. Die n�rdliche Bastion ist eine der unzug�nglichsten in der ganzen Festung. Eigentlich wohnte der Konstabler in den K�niglichen Gem�chern im White Tower.�</p><p>�Und hier war er auch sicher�, schlo� Athelstan, �bis der Wassergraben zufror.�</p><p>�Ja�, sagte Colebrooke. �Daran hat niemand gedacht, weder ich noch sonst jemand.�</p><p>�H�tte man einen Attent�ter nicht sehen m�ssen?� fragte Cranston.</p><p>�Das bezweifle ich, Sir John. Nachts ist der Tower in Dunkelheit geh�llt. Auf der Nordbastion standen keine Wachen, und die auf der Mauer d�rften die meiste Zeit damit verbracht haben, sich zu w�rmen.�</p><p>Cranstons Augen wurden schmal. �Dann wollen wir jetzt, bevor wir mit den anderen sprechen, die Abfolge der Ereignisse kl�ren.�</p><p>�Sir Ralph a� in der Gro�en Halle zu Abend und trank viel. Geoffrey Parchmeiner und die beiden Wachen eskortierten ihn hierher. Letztere durchsuchten die Kammer, den Korridor und den Raum darunter. Alles war in Ordnung.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Sir Ralph schlo� die T�r hinter sich ab. Das haben die Wachen drau�en geh�rt. Sie begleiteten Geoffrey aus dem Gang, verschlossen die T�r am anderen Ende und begannen ihre Wache. Sie waren die ganze Nacht auf ihrem Posten und haben nichts Au�ergew�hnliches bemerkt. Ich bei meinen �blichen n�chtlichen Rundg�ngen genausowenig.�</p><p>Athelstan hob die Hand. �Diese Schl�sselgeschichte �?�</p><p>�Sir Ralph hatte einen Schl�ssel zu seiner Kammer. Den zweiten hatten die Wachen an einem Schl�sselbund unten.�</p><p>�Und f�r die T�r am Ende des Ganges?�</p><p>�Auch hier hatten Sir Ralph und die Wachen je einen Schl�ssel. Ihr werdet sie gleich sehen, wenn Ihr hinuntergeht; sie h�ngen an Haken an der Wand.�</p><p>�Weiter, Lieutenant - was geschah dann?�</p><p>�Gleich nach dem Morgengebet kam Geoffrey Parchmeiner��</p><p>Der Lieutenant sah Athelstan verschlagen an. �Ihr habt ihn kennengelernt? Den geliebten zuk�nftigen Schwiegersohn? Nun, er kam, um Sir Ralph zu wecken.�</p><p>�Wieso Geoffrey?�</p><p>�Sir Ralph hat ihm vertraut.�</p><p>�Brachte er etwas zu essen oder zu trinken mit?�</p><p>�Nein. Er wollte, aber wegen des kalten Wetters wollte Sir Ralph, da� Geoffrey ihm die Aufwartung machen und ihn wecken sollte. Dann wollten sie den Tag planen und mit den anderen in der Gro�en Halle fr�hst�cken.�</p><p>�Weiter�, befahl Cranston und stampfte mit den F��en, um sie zu w�rmen.</p><p>�Nun, die Wachen f�hrten Geoffrey die Stiege herauf, lie�en ihn auf den Korridor und schlossen hinter ihm wieder ab. Sie h�rten, wie er den Gang entlangging, an die Kammert�r klopfte und rief, aber Sir Ralph r�hrte sich nicht. Nach einer Weile kam Geoffrey zur�ck und erkl�rte, Sir Ralph sei nicht wachzukriegen.� Colebrooke brach ab, kratzte sich am Kopf und schlo� die Augen, um sich zu konzentrieren. �Geoffrey nahm den Schl�ssel zu Sir Ralphs Kammer vom Haken, besann sich dann aber und holte mich. Ich war in der Gro�en Halle, kam sofort, nahm den Schl�sselbund an mich und schlo� die T�r auf.� Der Lieutenant deutete auf das Bett. �Wir fanden Sir Ralph, wie Ihr ihn hier seht.�</p><p>�Und das Fenster stand offen?� fragte Cranston.</p><p>�Ja.�</p><p>�Seit wann ist der Festungsgraben zugefroren?� erkundigte sich Athelstan.</p><p>�Seit ungef�hr drei Tagen.� Colebrooke rieb sich heftig die H�nde. �Sir John, wir m�ssen doch sicher nicht hierbleiben�, sagte er flehentlich. �Es gibt w�rmere Orte f�r solche Fragen.� Cranston stand auf und streckte sich.</p><p>�Gleich�, brummte er. �Seit wann war Sir Ralph Konstabler?�</p><p>�Oh, seit ungef�hr vier Jahren.�</p><p>�Mochtet Ihr ihn?�</p><p>�Nein. Er war ein Pedant, verlangte fanatisch Disziplin - nur von seiner Tochter und ihrem Liebhaber nicht.�</p><p>Cranston nickte und wandte sich noch einmal dem Leichnam zu. �Ich nehme an�, knurrte er, �von der Mordwaffe gibt es keine Spur. Vielleicht k�nntest du noch einmal nachsehen, Athelstan.�</p><p>Der Bruder st�hnte, durchsuchte aber mit Colebrookes Hilfe noch einmal den Raum. Sie stocherten in der Binsenstreu und siebten die kalte Asche im Kamin.</p><p>�Nichts�, erkl�rte Colebrooke dann. �Hier k�nnte man noch nicht einmal eine Stecknadel verstecken.�</p><p>Athelstan ging zu Sir Ralphs Schwertgurt und zog die Klinge heraus. �Auch hier keine Blutflecken�, sagte er. �Kein Tr�pfchen, kein Fleckchen. Sir John, wir sollten jetzt gehen.� Drau�en untersuchten sie noch einen Flecken auf dem Boden des Ganges, aber es war nur �l. Auf der H�lfte der Treppe hielt Athelstan pl�tzlich den Lieutenant fest. �Die beiden Wachposten�, fl�sterte er. �Sind das dieselben wie letzte Nacht?�</p><p>�Ja. S�ldner, die Sir Ralph schon gedient haben, als er noch zum Haushalt Seiner Gnaden des Regenten geh�rte.�</p><p>�Sind sie loyal?�</p><p>Colebrooke verzog das Gesicht. �Das nehme ich an. Sie haben einen Eid auf ihn geleistet. Und was noch wichtiger ist: Sir Ralph hatte ihren Sold verdoppelt. Sie hatten von seinem Tod nichts zu gewinnen, sondern sehr viel zu verlieren.�</p><p>�Habt Ihr etwas zu gewinnen?� fragte Cranston mit schwerer Zunge.</p><p>Colebrookes Hand fuhr zum Griff seines Dolches. �Sir John, diese Frage gef�llt mir nicht. Ich gebe zu, da� ich Sir Ralph nicht leiden konnte - obwohl Seine Gnaden der Regent ihn sch�tzte.�</p><p>�Wolltet Ihr Whittons Posten?�</p><p>�Nat�rlich. Ich halte mich f�r den besseren Mann.�</p><p>�Aber der Regent war anderer Ansicht?�</p><p>�John von Gaunt hat sich dar�ber nicht mit mir beraten�, bemerkte Colebrooke s�uerlich. �Ich hoffe allerdings, da� er mich jetzt zu Whittons Nachfolger ernennt.�</p><p>�Warum?� fragte Athelstan leise.</p><p>Colebrooke schien �berrascht. �Ich bin loyal; sollte es Unruhen geben, werde ich den Tower bis zum letzten Atemzug halten.�</p><p>Cranston grinste und tippte ihn sanft gegen die Brust. �Das ist es, mein guter Lieutenant. Wir denken beide das gleiche: Sir Ralphs Tod h�ngt vielleicht zusammen mit den Verschw�rungen, die wie Unkraut aus dem Boden schie�en in den D�rfern und Siedlungen rings um London.�</p><p>Colebrooke nickte. �Whitton war ein harter Zuchtmeister�, sagte er, �und ein gedungener M�rder der Gro�en Gemeinde h�tte einen solchen Auftrag sicher leicht erledigen k�nnen.�</p><p>Auch Athelstan l�chelte und klopfte Colebrooke auf die Schulter. �Da m�gt Ihr recht haben, Master Colebrooke. An einer solchen Theorie w�re nur eines auszusetzen.�</p><p>Der Lieutenant starrte ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Versteht Ihr nicht?� fragte Athelstan. �Irgendjemand im Tower mu� einem solchen Meuchelm�rder doch sagen, wo, wann und wie Sir Ralph zu finden ist.�</p><p>Ein sehr entt�uschter Lieutenant f�hrte sie zum Fu� der Treppe. Die beiden vierschr�tigen, untersetzten Wachposten sa�en immer noch mit ausgestreckten H�nden vor dem rotgl�henden Kohlebecken. Sie r�hrten sich kaum, als Colebrooke n�hertrat, und Athelstan sp�rte ihre Verachtung f�r den so pl�tzlich aufgestiegenen Zweiten Offizier.</p><p>�Ihr hattet gestern nacht Wache?�</p><p>Die S�ldner nickten.</p><p>�Ihr habt nichts Au�ergew�hnliches gesehen?�</p><p>Sie sch�ttelten den Kopf und grinsten herablassend, als f�nden sie Athelstan ziemlich am�sant und ein bi�chen langweilig. �Aufgestanden!� br�llte Cranston. �Auf! Ihr unversch�mten Hurens�hne! In drei Teufels Namen, ich habe bessere M�nner als euch an einen Baum binden und auspeitschen lassen, bis ihr R�cken blutig rot war!�</p><p>Die st�hlerne Drohung in Cranstons Stimme brachte die beiden Soldaten auf die Beine.</p><p>�So ist es besser�, schnurrte der Coroner sanft. �Und jetzt, ihr Schei�kerle, beantwortet ihr die Fragen meines Schreibers, und alles ist gut.� Er packte den einen bei der Schulter. �Sonst k�nnte ich vielleicht auf die Idee kommen, da� ihr mitten in der Nacht euren Herrn ermordet habt.�</p><p>�Das stimmt nicht�, knirschte der Kerl. �Wir waren Sir Ralph treu ergeben. Wir haben nichts gesehen und nichts gemerkt, bis dieser Geck,� - der Posten zuckte die Achseln - �der zuk�nftige Schwiegersohn des Konstablers, gerannt kommt und behauptet, er kann Sir Ralph nicht wachkriegen. Er schnappt sich den Schl�ssel und will zur�ck, aber dann �berlegt sich�s der Feigling anders und st�rzt zum Lieutenant.�</p><p>�Ihr habt ihn klopfen und Sir Ralphs Namen rufen h�ren?� fragte Athelstan.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Aber er ist nicht in die Kammer gegangen?�</p><p>�Der Schl�ssel war ja hier.� Der Soldat deutete auf einen Holzzapfen in der Wand. �Er hing hier vor unseren Augen. Und es gibt nur zwei. Einer war hier, und Sir Ralph hatte den anderen.�</p><p>�Dessen bist du sicher?� sagte Cranston.</p><p>�Ja, klar�, bekr�ftigte der Bursche. �Den anderen Schl�ssel habe ich auf dem Tisch neben dem Bett des Konstablers gefunden, nachdem ich aufgeschlossen hatte. Er ist jetzt hier.� Cranston nickte. �Genug ist genug. Wir wollen uns den Turm von au�en ansehen.�</p><p>Als sie die Nordbastion verlie�en, drang pl�tzlich ein furchtbares Get�se aus dem Innenhof. Sie folgten dem Lieutenant, der eilig durch den Torbogen lief, und sp�hten �ber die verschneite Wiese. Der L�rm kam aus einem Geb�ude zwischen der Gro�en Halle und dem White Tower. Erst konnte Athelstan nicht erkennen, was los war. Er sah Leute hin und her rennen, und Hunde sprangen kl�ffend im Schnee herum. Colebrooke atmete tief durch und entspannte sich.</p><p>�Ach, er ist�s nur�, sagte er leise. �Seht.�</p><p>Athelstan und Cranston sahen verbl�fft einen gro�en, zottigen Braunb�ren auf den Hinterbeinen stehen. Die Vorderpranken schlugen in die Luft.</p><p>�B�ren habe ich schon gesehen�, murmelte Cranston. �Rauhhaarige kleine Biester, �ber die die Hunde herfielen. Aber etwas so Majest�tisches noch nie.�</p><p>Der B�r br�llte, und Athelstan sah den Eisenring um seinen Hals und daran die schweren Ketten, die von W�rtern gehalten wurden. Der verr�ckte Rothand f�hrte das Tier durch den Innenhof zu einem dicken Pfahl am hinteren Ende der Gro�en Halle, wo es festgemacht wurde.</p><p>�Der B�r ist prachtvoll�, fl�sterte Athelstan.</p><p>�Ein Geschenk�, erkl�rte der Lieutenant, �von einem norwegischen F�rsten an den Gro�vater des jetzigen K�nigs, Gott hab ihn selig. Er hei�t Ursus magnus.�</p><p>�Aha!� l�chelte Athelstan. �Nach dem Sternbild.�</p><p>Colebrooke sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Die Sterne�, beharrte Athelstan. �Ein Bild am Himmel�� Colebrooke l�chelte schmal und f�hrte sie zu einer Pforte in der �u�eren Festungsmauer. Er zog ein paar Riegel zur�ck, und die Angeln kreischten protestierend, als er das massive Tor �ffnete.</p><p>Durch diese Pforte ist seit Monaten niemand gegangen, dachte Athelstan.</p><p>Vorsichtig traten sie auf den zugefrorenen Wassergraben. Die Stille und der dichte Nebel lie�en alles unwirklich erscheinen. �Das einzige Mal, da� du je auf dem Wasser wandeln wirst, Priester�, knurrte Cranston.</p><p>Athelstan grinste. �Ein seltsames Gef�hl�, erwiderte er und sah Colebrookes ernstes Gesicht. �Wozu dient dieses Tor?�</p><p>Der Lieutenant zuckte die Achseln. �Es wird selten benutzt. Manchmal f�hrt ein Spion oder ein geheimer Bote heimlich �ber den Graben, oder jemand will den Tower unbemerkt verlassen. Jetzt� - er klopfte mit dem Stiefel auf das dicke Eis - �spielt es keine Rolle.�</p><p>Athelstan sah sich um. Hinter ihm ragte die m�chtige Festungsmauer bis in die schneebeladenen Wolken. Das andere Ufer des Wassergrabens lag im dichten Nebel verborgen. Nichts regte sich. Ihr Atem und das Scharren ihrer Stiefel auf dem Eis waren die einzigen Ger�usche. Sie setzten die F��e so behutsam und vorsichtig voreinander, als k�nnte das Eis jederzeit brechen und das Wasser wieder zum Vorschein kommen. An der steilen Mauer entlang gingen sie um die Nordbastion herum.</p><p>�Wo sind diese Trittkerben?� fragte Cranston.</p><p>Colebrooke winkte sie weiter und deutete auf das Mauerwerk. Auf den ersten Blick waren die Stufen in der Wand kaum zu erkennen, aber schlie�lich sahen sie sie, tief ins Gestein eingegraben wie die Klauenspuren eines riesigen Vogels. Cranston legte die Hand in eine der Kerben.</p><p>�Ja�, murmelte er. �Hier ist jemand gewesen. Schau, das Eis ist gebrochen.�</p><p>Atheisten besichtigte die vereisten H�hlungen und nickte.</p><p>�Ein schwieriger Aufstieg�, bemerkte er. �H�chst gef�hrlich in finsterer Nacht.� Sein Blick wanderte �ber den hartgefrorenen Schnee; er b�ckte sich, hob etwas auf und verbarg es in der hohlen Hand, bis Colebrooke sich zum Gehen wandte.</p><p>�Was ist das?� fragte Cranston undeutlich. �Was hast du da gefunden?�</p><p>Der Ordensbruder �ffnete die Faust, und Cranston l�chelte, als er die versilberte Stiefelschnalle sah.</p><p>�Aha�, murmelte er. �Also war jemand hier. Jetzt brauchen wir nur noch den Tr�ger dieser Schnalle und dann: Hei-ho, ab zum Oberhofgericht, einen kurzen Proze� und eine etwas l�ngere Hinrichtung.�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Ach, Sir John�, sagte er leise, �wenn die Dinge doch so einfach w�ren ��</p><p>Sie gingen zur�ck in den Innenhof. Der Tower war inzwischen zum Leben erwacht, obwohl der Frost nicht nachgelassen hatte und nichts auf einen Wetterumschwung hindeutete. Hufschmiede hatten ihre Feuer entz�ndet, und der Hof hallte vom Klang der H�mmer und dem Rauschen der Blaseb�lge, an denen zerlumpte Lehijungen sich abrackerten, um den Schmiedefeuern Lebenshauch einzublasen. Ein Metzger schnitt ein Schwein auf, und K�chenjungen rannten umher, sch�ttelten das Blut von den Fleischst�cken und stopften sie in dickbauchige F�sser mit P�kellake, damit sie bis zum Fr�hling hielten. Ein Ro�knecht f�hrte ein lahmendes Pferd im Kreis herum, damit seine Kameraden nach dem Fehler schauen konnten. Hausdiener und M�gde tauchten Berge fettverschmierter Zinnteller in Bottiche mit kochendhei�em Wasser. Der Lieutenant betrachtete das Schauspiel und grinste.</p><p>�Bald ist Weihnachten�, erkl�rte er. �Da mu� alles sauber und vorbereitet sein.�</p><p>Athelstan nickte. Er sah drei Jungen Stechpalmen und anderes immergr�ne Gezweig �ber den Schnee zur Treppe des gro�en Burgturms schleifen.</p><p>�Ihr werdet Weihnachten feiern?� fragte Athelstan und deutete auf einen hochr�drigen Karren, von dem Soldaten gerade m�chtige Weinf�sser abluden.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Colebrooke. �Der Tod ist ja kein Fremder im Tower, und Sir Ralph wird vor dem Heiligen Abend unter der Erde sein.� Er ging weiter, als sei er ihre Fragerei leid.</p><p>Athelstan zwinkerte Cranston zu, blieb stehen und rief: �Master Colebrooke?�</p><p>Der Lieutenant drehte sich um und hatte M�he, seine Gereiztheit zu verbergen.</p><p>�Ja, Bruder?�</p><p>�Warum sind so viele Leute hier? Ich meine - die Hospitaliter, Master Geoffrey, Sir Fulke?�</p><p>Colebrooke zuckte die Achseln. �Der Bruder des Konstablers wohnt hier.�</p><p>�Und der junge Geoffrey?�</p><p>Colebrooke verzog sp�ttisch das Gesicht. �Ich glaube, der ist auf Mistress Philippa ebenso scharf wie sie auf ihn. Sir Ralph hat ihn zu Weihnachten in den Tower eingeladen, und warum auch nicht? Der Frost hat allen Gesch�ften in der Stadt ein Ende gemacht, und Sir Ralph bestand darauf, da� der Verlobte seiner Tochter bei ihm sei - besonders, seit er so merkw�rdig �ngstlich wurde.�</p><p>�Und die beiden Hospitaliter?� fragte Cranston.</p><p>�Alte Freunde�, antwortete Colebrooke. �Sie kommen jedes Jahr zu Weihnachten in immer gleichem Ritual. Zwei Wochen vor Weihnachten reisen sie an, und am Heiligen Abend speisen sie in der Goldenen Mitra au�erhalb des Tower. Sie bleiben stets bis zum Dreik�nigstag, und nach dem Fest der Erscheinung des Herrn fahren sie wieder. Dreimal haben sie es jetzt schon so gemacht; wei� der Himmel, warum.� Er wandte sich ab und spuckte gelben Schleim in den Schnee. �Wie gesagt, Sir Ralph hatte seine Geheimnisse, und ich war nie neugierig.�</p><p>Cranston fing an zu zappeln, ein Zeichen daf�r, da� er sich allm�hlich langweilte und die K�lte satt hatte. Athelstan lie� zu, da� Colebrooke sie in den White Tower zur�ckbrachte, eine steinerne Wendeltreppe hinauf und durch einen Vorraum in die St.-John�s-Kapelle.</p><p>Als Athelstan den Weihrauchduft roch, entspannte er sich augenblicklich. Er betrat das Kirchenschiff mit seiner hohen Balkendecke und den breiten G�ngen, die jeweils flankiert waren von zw�lf runden, mit breiten gr�nen und scharlachroten Samtb�ndern umwickelten S�ulen. Der Boden war blank gebohnert; die seltsamen roten Steinplatten schienen eigene W�rme abzugeben. Die zarten Gem�lde an den W�nden und die gro�en Glasfenster fingen das blendend wei�e Licht des Schnees ein und tauchten Chorraum und Kirchenschiff in warme, goldene Glut. An jeder S�ule standen Kohlebecken mit Kr�utern, und die Luft war schwer von der stickigen S��e des Sommers. Athelstan wurde es warm, behaglich und friedlich ums Herz, obwohl er die Kirche nicht ohne Neid betrachtete. H�tte er doch solchen Schmuck auch in St. Erconwald! Er sah den gro�en Silberstern �ber der Kanzel und ging entz�ckt nach vorn in den stillen Chorraum, bestaunte die Marmorstufen und den prachtvollen, aus reinwei�em Alabaster gehauenen Altar.</p><p>�Welch stille Heiterkeit�, murmelte er, als er zu den anderen zur�ckkehrte.</p><p>Colebrooke l�chelte befangen. �Als wir die Halle verlie�en, habe ich der Dienerschaft befohlen, hier alles vorzubereiten�, erkl�rte er und sah sich um. �Durch irgendeinen Trick oder Kunstgriff der Architekten, sei es nun die Dicke des Mauerwerks oder seine Lage im Tower, ist es hier in der Kapelle immer warm.�</p><p>�Ich brauche eine Erfrischung�, verk�ndete Cranston feierlich. �Ich habe zahllose Treppen erklommen, einen grausigen Leichnam beschaut, bin �ber glattes Eis balanciert, und jetzt habe ich genug. Master Colebrooke, Ihr scheint mir ein verst�ndiger Mann zu sein. Ihr werdet die anderen hier versammeln, und da Vorweihnachtszeit ist, werdet Ihr einen Krug Wein f�r mich und meinen Schreiber mitbringen.�</p><p>Colebrooke nickte und eilte davon, nicht ohne zuvor mit Athelstans Hilfe die St�hle in weitem Halbkreis aufzustellen. Als er weg war, holte Athelstan einen blankpolierten Tisch aus dem Chorraum und legte Feder, Tintenhorn und Pergament bereit. Sorgsam w�rmte er die Tinte �ber dem Kohlebecken, bis sie glatt und gleichm��ig aus der Feder flo�. Cranston hockte auf seinem Stuhl, schlug den Mantel zur�ck und geno� die duftende W�rme. Athelstan betrachtete ihn aufmerksam.</p><p>�Sir John�, sagte er leise. �Seht Euch vor mit dem Wein. Ihr habt schon genug getrunken, und Ihr seid m�de.�</p><p>�Hau ab, Athelstan!� lallte Cranston erbost. �Ich trinke, was mir pa�t, verdammt!�</p><p>Athelstan schlo� die Augen und betete stumm um Hilfe. Bis jetzt hatte Sir John sich benommen, aber der Wein in seinem Wanst konnte den Teufel in seinem Herzen wecken, und nur der Herrgott wu�te, welches Unheil dann drohte.</p><p>Colebrooke kam schnellen Schritts zur�ck. Hinter ihm, Athelstan sah es mit Verzweiflung, schleppte ein Diener einen gro�en Krug Rotwein und zwei bauchige Becher. Cranston packte den Krug wie ein Verdurstender und st�rzte zwei Becher Wein hinunter, w�hrend Familie und G�ste des Konstablers die Kapelle betraten und auf den St�hlen Platz nahmen. Endlich schlo� Cranston die Augen, r�lpste vollt�nend und satt und war zufrieden. Seine z�gernden G�ste betrachteten ungl�ubig das rote Gesicht des k�niglichen Coroners, der sich mit h�ngenden Armen und Beinen vor ihnen auf dem Stuhl r�kelte. Athelstan war hin- und hergerissen zwischen Zorn und Bewunderung. Cranston machte sich wegen irgend etwas Sorgen, und nur der Himmel wu�te, weshalb. Aber die F�higkeit des Coroners, einen Weinberg leerzusaufen und trotzdem seinen Scharfsinn nicht zu verlieren, war immer wieder faszinierend.</p><p>Der Dominikaner lie� den Blick rasch �ber die Versammlung wandern. Die beiden Hospitaliter schauten unbeteiligt und ver�chtlich drein. Philippa klammerte sich noch fester an ihren beschwipsten Verlobten, der Cranston wohlwollend angrinste. Rastani, der Diener, schien beklommen; anscheinend f�rchtete er sich vor dem gro�en Kreuz, das an einem der Balken �ber ihm hing, und Athelstan fragte sich, wie echt die Bekehrung des Moslems zum wahren Glauben war. Sir Fulke wirkte gelangweilt, als w�nschte er, von diesen erm�denden Vorg�ngen verschont zu bleiben. Der Kaplan konnte seine Verdrossenheit �ber die unvermittelte Vorladung kaum verbergen.</p><p>�Ich danke Euch sehr�, begann Athelstan sanft, �da� Ihr gekommen seid. Mistress Philippa, bitte nehmt den Ausdruck unseres Mitgef�hls zu dem j�hen und grausigen Verlust Eures Vaters entgegen.� Athelstan spielte mit dem Stiel seiner G�nsefeder. �Wir kennen jetzt die Einzelheiten seines Todes.�</p><p>�Es war Mord!� Philippa beugte sich vor, und ihr �ppiger Busen wogte unter dem dicken Taft ihres Kleides. �Mord, Bruder! Mein Vater wurde ermordet!�</p><p>�Ja, ja, das wurde er�, lallte Cranston. �Aber von wem, he? Warum? Und wie?� Er richtete sich auf und tippte trunken an seine feuerrote Nase. �Sorgt Euch nicht, Mistress. Der M�rder wird gefunden, und dann tanzt er seinen letzten Tanz auf dem Schafott zu Tyburn.�</p><p>�Euer Vater�, unterbrach Athelstan, �schien gro�e Angst zu haben, Mistress Philippa. Er ist aus seinem gewohnten Quartier ausgezogen und hat sich in der Nordbastion verrammelt. Warum? Wovor hat er sich gef�rchtet?�</p><p>Seltsames Schweigen senkte sich �ber die Gruppe.</p><p>�Ich habe eine Frage gestellt�, sagte Athelstan leise. �Wovor hatte Sir Ralph solche Angst, da� er sich in eine Kammer einschlo�, den Sold seiner Wachen verdoppelte und jeden, der zu ihm kam, durchsuchen lie�? Wem war an Sir Ralphs Tod so viel gelegen, da� er in finsterer Nacht einen gefrorenen Wassergraben �berquerte, an der Au�enwand des Turmes hinaufkletterte und in eine bewachte Kammer eindrang, um einen scheu�lichen Mord zu begehen?�</p><p>�Den Rebellen!� rief Colebrooke. �Verr�ter wollten einen Mann beseitigen, der den jungen K�nig bis zum letzten Blutstropfen verteidigen w�rde.�</p><p>�Unsinn!� erwiderte Athelstan knapp. �Seine Gnaden, der Regent John von Gaunt, wird, wie Ihr selbst schon sagtet, Master Colebrooke, einen Nachfolger ernennen, der in seiner Loyalit�t nicht weniger gl�hend ist.�</p><p>�Mein Vater war etwas Besonderes!� platzte Philippa heraus. �Mistress.� Athelstan lenkte ihren tr�nenverschleierten Blick auf sich. �Gott wei�, da� Euer Vater etwas Besonderes war, in seinem Leben wie in seinen Geheimnissen. Ihr wi�t etwas - warum erz�hlt Ihr es uns nicht?�</p><p>Das M�dchen schlug die Augen nieder. Sie zog die Hand unter ihrem Umhang hervor und warf ein vergilbtes St�ck Pergament auf den Tisch. �Das hier hat das Leben meines Vaters ver�ndert�, stammelte sie. �Nur der Himmel wei�, warum!� Athelstan griff nach dem Pergament und schaute rasch in die Runde. Die Hospitaliter wirkten pl�tzlich angespannt. Insgeheim mu�te er l�cheln. Gut, dachte er. Jetzt l�ftet sich das Geheimnis.</p></section><section><title><p><strong>4. Kapitel</strong></p></title><p>Das Pergament war fettig und trug Fingerspuren. Es ma� sechs Zoll im Quadrat; ein Dreimaster war roh in die Mitte und in jede Ecke ein dickes schwarzes Kreuz gezeichnet.</p><p>�Ist das alles?� fragte Athelstan und reichte das Pergament zur�ck.</p><p>Das M�dchen straffte sich. Ihre Unterlippe zitterte, und ihre Augen schwammen in Tr�nen.</p><p>�Da war doch noch etwas�, stellte Athelstan fest. �Nicht wahr?� Philippa nickte. Geoffrey nahm ihre Hand und streichelte sie sanft wie die eines Kindes.</p><p>�Da war noch ein Sesamkuchen.�</p><p>�Was?� bellte Cranston.</p><p>�Ein kleiner Sesamkuchen, wie ein Biskuit, und schmutziggelb.�</p><p>�Was ist daraus geworden?� fragte Cranston.</p><p>�Ich habe gesehen, wie mein Vater oben an der Brustwehr entlangging. Er wirkte sehr aufgeregt, holte weit aus und warf den Kuchen in den Wassergraben. Danach war er ein anderer Mensch, hielt jeden von sich fern und bestand darauf, in die Nordbastion umzuziehen.�</p><p>�Stimmt das?� fragte Cranston die anderen. �Selbstverst�ndlich!� fauchte der Kaplan. �Mistress Philippa ist doch keine L�gnerin.�</p><p>�Nun, Pater?� fragte Cranston seidig, �hat Sir Ralph Euch seine Geheimnisse anvertraut?� Er hielt eine fette Hand in die H�he. �Ich kenne das Siegel der heiligen Beichte. Ich frage nur: Hat er sich Euch anvertraut?�</p><p>�Das glaube ich kaum�, warf Colebrooke h�misch ein. �Sir Ralph hat dem Kaplan gewisse Fragen gestellt, was Vorr�te und Lebensmittel anging, die anscheinend verschwunden sind.� Der Priester fuhr herum, und seine Lippen kr�uselten sich wie die Lefzen eines w�tenden Hundes.</p><p>�H�tet Eure Zunge, Lieutenant!� schnarrte er. �Sachen sind verschwunden, das stimmt. Aber das hei�t nicht, da� ich der Dieb bin. Schlie�lich haben noch andere Zugang zum Wardrobe Tower�, f�gte er vielsagend hinzu.</p><p>�Was soll das hei�en?� rief Colebrooke.</p><p>�Ach, seid schon still!� befahl Cranston. �Hier geht es nicht um Lebensmittel, sondern um das Leben eines Menschen. Ich frage Euch alle: Bei Eurer Treue zum K�nig - hier geht es vielleicht um einen Hochverrat -, hat Sir Ralph sich einem von Euch anvertraut? Sagt dieses Pergament einem von Euch etwas?� Ein vielfaches �Nein� ert�nte, aber Athelstan sah, da� die Hospitaliter beiseite blickten, als sie ihre Antwort murmelten. �Hoffentlich sagt Ihr auch die Wahrheit�, meinte Cranston bissig. �Vielleicht wurde Sir Ralph von Bauemf�hrem ermordet, die einen Aufstand planen. Euer Vater, Mistress Philippa, war ein naher Freund und treuer Verb�ndeter des Hofes.�</p><p>Athelstan versuchte, die Situation zu beruhigen. �Mistress Philippa, erz�hlt mir von Eurem Vater.�</p><p>Das M�dchen verschr�nkte nerv�s die Finger und schaute zu Boden.</p><p>�Er war immer Soldat�, begann sie. �Er diente in Preu�en gegen die Letten, auf dem Kaspischen Meer, und dann reiste er nach Outremer, �gypten, Pal�stina und Zypern.� Sie blinzelte und nickte zu den Hospitalitern hin�ber. �Sie k�nnen mehr dar�ber berichten als ich.� Sie holte tief Luft. �Vor f�nfzehn Jahren war er in �gypten bei der Armee des Kalifen, und danach kam er als reicher Mann und ruhmbedeckt nach Hause. Ich war drei Jahre alt. Meine Mutter starb ein Jahr sp�ter, und wir kamen zum Haushalt John von Gaunts. Mein Vater wurde einer seiner wichtigsten Gefolgsleute. Vor vier Jahren wurde er zum Konstabler des Tower ernannt.�</p><p>Athelstan l�chelte verst�ndig. Er kannte Menschen wie Sir Ralph: ein Berufssoldat, ein S�ldner, der f�r den Glauben auf einen Kreuzzug gehen w�rde, aber nichts dagegen hatte, in den Armeen der Ungl�ubigen zu dienen. Athelstan sah sich in der Gruppe um. Alle schienen ruhig und gelassen, aber er sp�rte, da� etwas nicht stimmte. Hinter dem �bereifer, mit dem sie seine Fragen beantworteten, verbargen sie Abneigungen und Rivalit�ten.</p><p>�Ich nehme an�, bemerkte er trocken, �Ihr habt Sir Ralphs Papiere bereits durchgesehen?�</p><p>Er sah Sir Fulke an, und der nickte.</p><p>�Selbstverst�ndlich habe ich die Dokumente meines Bruders gepr�ft, seine Haushaltsabrechnungen, Memoranden und Briefe. Es war nichts Ungew�hnliches dabei. Schlie�lich� - er sah sich im Raum um, als erwarte er Widerspruch - �bin ich Sir Ralphs Testamentsvollstrecker.�</p><p>�Nat�rlich, nat�rlich�, meinte Cranston beschwichtigend. Athelstan st�hnte leise auf. Ja, dachte er, und wenn irgend etwas Kompromittierendes dabei war, dann ist es jetzt weg. Er schaute den jungen Mann an Philippas Seite an.</p><p>�Wie lange, Sir, kennt Ihr Eure Verlobte schon?�</p><p>Geoffreys vom Wein ger�tetes Gesicht erstrahlte, und er umfa�te ihre Hand noch fester. �Zwei Jahre.�</p><p>Athelstan entging das verschw�rerische L�cheln nicht, das die beiden Verliebten wechselten. Cranston glotzte das M�dchen l�stern an und dachte, wie wenig die beiden zueinander pa�ten. Geoffrey war au�ergew�hnlich gutaussehend und vermutlich ziemlich reich, Philippa dagegen geradezu reizlos. �berdies war Sir Ralph Soldat gewesen, und Geoffrey schien auf den ersten Blick nicht der Mann zu sein, den eine solche Familie willkommen hei�en w�rde. Dann mu�te Cranston an Maude denken und an die Leidenschaft, mit der er sie umworben hatte. Die Liebe ging seltsame Wege, wie Athelstan immer wieder sagte, und Gegens�tze zogen sich oft an.</p><p>�Sagt mir, Geoffrey, wieso seid Ihr in den Tower gezogen?� Der junge Mann r�lpste und blinzelte, als sei er kurz davor einzuschlafen. �Nun�, murmelte er, �der gro�e Frost hat allen Handel in der Stadt zum Stillstand gebracht. Sir Ralph wollte mich in der Weihnachtszeit hier haben - um so mehr, seit er so verst�rt und aufgebracht war.�</p><p>�Kanntet Ihr den Grund f�r seine Furcht?�</p><p>�Nein�, lallte Geoffrey. �Woher?�</p><p>�Mochtet Ihr Sir Ralph?�</p><p>�Ich habe ihn geliebt wie ein Sohn den Vater.�</p><p>Cranston wandte seine Aufmerksamkeit Sir Fulke zu, der jetzt unverhohlen unruhig wurde.</p><p>�Sir Fulke, Ihr seid Sir Ralphs Testamentsvollstrecker?�</p><p>�Jawohl. Und bevor Ihr fragt: Ich bin auch einer der Erben, sofern das Testament vom Nachla�gericht f�r Rechtens befunden wird.�</p><p>�Was sieht das Testament vor?�</p><p>�Nun, Sir Ralph hatte Grundbesitz neben dem Kart�userkloster in St. Giles. Dieser und alles Geld, das sich auf der Bank der Lombards in Comhill befindet, geht an Philippa.�</p><p>�Und Ihr?�</p><p>�Ich bekomme die Wiesen und Weiden von Holywell in der N�he von Oxford.�</p><p>�Ein reiches Gut?�</p><p>�Ja, Sir John, ein reiches Gut, aber nicht reich genug, um daf�r einen Mord zu begehen.�</p><p>�Das habe ich nicht gesagt.�</p><p>�Aber angedeutet.�</p><p>�Sir Ralph�, unterbrach Athelstan heftig, �war wohl ein reicher Mann?�</p><p>�Er hat seinen Reichtum auf seinen Reisen gesammelt�, erwiderte Sir Fulke bissig. �Und er ist mit seinen Finanzen vorsichtig umgegangen.�</p><p>Athelstan bemerkte das s�uerliche L�cheln des Kaplans. Sir Ralph war sicher ein Geizkragen, dachte er. Er warf einen Seitenblick auf Cranston und st�hnte leise. Der brave Coroner machte eines seiner kurzen Nickerchen; sein fetter Wanst hing schlaff herab, und der Mund stand halb offen. O Gott, betete Athelstan, bitte sorge daf�r, da� er nicht schnarcht.</p><p>�Warum wohnt Ihr im Tower, der schlie�lich f�r jedermann eine trostlose Behausung ist?� fragte Athelstan unvermittelt.</p><p>Sir Fulke zuckte die Achseln. �Mein Bruder hat mich bezahlt, damit ich ihm offiziell zur Seite stand.�</p><p>Er wie Athelstan ignorierte das schnaubende Gel�chter, in das Colebrooke ausbrach. Cranston nickte still vor sich hin, r�lpste leise und schmatzte. Mistress Philippa machte einen schmalen Mund, und Athelstan fluchte insgeheim: Er wollte seine Vernehmung nicht in Hohngel�chter untergehen sehen.</p><p>�Sir G�rard, Sir Brian!� Er br�llte fast, um Cranston zu wecken. �Wie lange seid Ihr schon im Tower?�</p><p>�Seit zwei Wochen�, antwortete Fitzormonde. �Wir kommen jedes Jahr.�</p><p>�Es ist ein Ritual�, antwortete Mowbray. �Seit wir mit Sir Ralph in �gypten waren. Wir treffen uns und sprechen �ber alte Zeiten.�</p><p>�Ihr wart also mit Sir Ralph eng befreundet?�</p><p>�In gewissem Sinne. Kollegen, Veteranen aus alten Kriegen.� Mowbray strich sich �ber den sorgf�ltig getrimmten Bart. �Aber ich will ehrlich mit Euch sein: Sir Ralph war jemand, dem jeder eher Furcht und Respekt als Liebe entgegenbrachte.� Athelstan hielt ihnen das vergilbte Pergament hin.</p><p>�Wi�t Ihr, was diese Zeichnung oder der Sesamkuchen zu bedeuten haben?�</p><p>Die beiden Ritter sch�ttelten den Kopf, aber Athelstan war sicher, da� sie logen. �Warum?� fragte er leise. �Warum sollte Sir Ralph solche Angst davor haben?� Langsam lie� er den Blick durch die Runde wandern.</p><p>�Einen Becher Wei�en!� murmelte Cranston undeutlich.</p><p>�Wer hat es gefunden?� fragte Athelstan rasch.</p><p>Sir Fulke deutete auf Rastani, dessen dunkles Gesicht �ngstlich wirkte.</p><p>�Was bedeutet das, Rastani?� fragte Athelstan.</p><p>Der Diener starrte ihn ausdruckslos an.</p><p>�Wo hast du es gefunden?�</p><p>Der Mann machte pl�tzlich seltsame Zeichen mit den H�nden.</p><p>�Er kann h�ren, aber nicht sprechen�, erinnerte Philippa den Ordensbruder.</p><p>Fasziniert beobachtete Athelstan die seltsamen Geb�rden, die Philippa ihm �bersetzte.</p><p>�Auf einem Tisch in der Kammer meines Vaters hat er es gefunden�, sagte sie. �Vor vier Tagen. Fr�h am Morgen des neunten Dezember - das Pergament und den hartgebackenen K�merkuchen.�</p><p>Athelstan schaute Rastani fest in die Augen.</p><p>�Du warst Sir Ralph ein treuer Diener?�</p><p>Der Mann nickte.</p><p>�Warum bist du nicht mit deinem Herrn in die Nordbastion gezogen?�</p><p>Der Mann klappte den Mund auf und zu wie ein gestrandeter Karpfen.</p><p>�Darauf kann ich Euch antworten�, erbot sich Philippa. �Als diese Botschaft gefunden wurde, zog sich mein Vater von Rastani zur�ck - wei� Gott, warum.� Sie streichelte dem Mann sanft die Hand. �Wie gesagt, Vater wurde sonderbar. Selbst ich erkannte ihn nicht wieder.�</p><p>Cranston schmatzte mit den Lippen und geriet pl�tzlich in Bewegung.</p><p>�Ja, ja, alles sehr sch�n�, bl�kte er. �Aber ist denn einer von Euch in der Mordnacht zum Turm an der Nordbastion gegangen?�</p><p>Diese Frage wurde entschieden verneint.</p><p>�Ihr k�nnt alle Rechenschaft �ber Euren Aufenthalt geben?�</p><p>�Ich kann es�, erkl�rte der Bruder. �Rastani und ich waren �berhaupt nicht hier. Wir hatten den Auftrag, bei einem H�ndler in Cripplegate Vorr�te zu kaufen. Dort ist zumindest sein Speicher. Ihr k�nnte Master Christopher Manley in der Heyward Lane bei All Hallows fragen.�</p><p>�Ist das in der N�he des Tower?�</p><p>�Jawohl, Sir John.�</p><p>�Und wann seid Ihr hier fortgegangen?�</p><p>�Vor dem Abendessen. Wir sind erst heute morgen nach dem Fr�hgebet zur�ckgekommen und erfuhren hier, da� Sir Ralph tot ist. Rastani und ich k�nnen f�reinander zeugen. Und wenn Ihr noch Zweifel habt, sprecht mit Master Manley. Er hat gesehen, wie wir in einem Gasthaus in der Musewell Street Quartier bezogen.�</p><p>Sir John stand auf und streckte sich.</p><p>�Nun gut�, trompetete er. �Jetzt w�rden mein Schreiber und ich gern jeden von Euch allein befragen. Mistress Philippa und Geoffrey sollten allerdings besser zusammenbleiben.� Er grinste das M�dchen an. �Master Colebrooke, es gibt ein Stockwerk tiefer noch einen Raum. Vielleicht k�nnten unsere G�ste dort warten?�</p><p>Protestgemurmel und Gest�hn folgten, aber Cranston, erfrischt nach seinem Nickerchen, zog die dichten Brauen zusammen und funkelte in die Runde. Von Colebrooke angef�hrt, gingen alle hinaus; nur Philippa und Geoffrey blieben sitzen.</p><p>�Euer Gemach, Master Geoffrey�, begann Athelstan, �wo liegt es?�</p><p>��ber dem Torhaus.�</p><p>�Und dort wart Ihr die ganze Nacht?�</p><p>Der junge Mann l�chelte schwach. �Ihr seid ein Mann, dem nichts entgeht, Sir John. Deshalb habt Ihr mich aufgefordert zu bleiben, oder? Ich habe die Nacht bei Philippa verbracht.�</p><p>Das M�dchen schlug err�tend die Augen nieder. Cranston grinste und klopfte dem Mann leicht auf die Schulter. �Warum habt Ihr Sir Ralph nicht selbst geweckt?�</p><p>Der junge Mann rieb sich die Augen. �Ich hatte keinen Schl�ssel, und - Gott ist mein Zeuge! - ich wu�te, da� da etwas nicht stimmte. Im Gang war es kalt, und aus Sir Ralphs Kammer kam kein Laut.� Er l�chelte Athelstan betr�bt an. �Ich bin nicht gerade der Tapferste. Ehrlich gesagt, mir hat es nicht gepa�t, da� Sir Ralph mich als Pagen benutzte, aber den anderen hat er mi�traut.�</p><p>�Ihr meint, Colebrooke und den anderen.�</p><p>�Ja, das glaube ich.�</p><p>Cranston schaute Philippa an. �War Euer Vater schon �fter in solch dunkler Stimmung?�</p><p>�Ja, vor etwa drei Jahren einmal, kurz vor Weihnachten. Aber das ging vor�ber, als, wie immer, seine Kameraden kamen und er mit ihnen in der Goldenen Mitra speiste.�</p><p>�Wer waren diese Kameraden?� wollte Athelstan wissen.</p><p>�Nun, die beiden Hospitaliter, Sir G�rard Mowbray und Sir Brian Fitzormonde. Und dann noch Sir Adam Horne; der ist Kaufmann in der Stadt.�</p><p>�Waren das alle Waffenbr�der Eures Vaters?�</p><p>�O nein, da war noch einer namens Bartholomew �� Das M�dchen nagte an der Oberlippe. �� Burghgesh, glaube ich. Aber der ist nie gekommen.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich glaube, er ist tot.�</p><p>�Und wieso hat Euer Vater sich jedes Jahr vor Weihnachten mit seinen Freunden getroffen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Irgendein Pakt, den sie vor langer Zeit geschlossen haben.�</p><p>Athelstan musterte das M�dchen aufmerksam. Er war sicher, da� sie etwas verheimlichte. Er versuchte es auf anderem Weg. �Sagt, gibt es eigentlich mehr als eine Seitenpforte zum Wassergraben?�</p><p>�O ja�, sagte Philippa. �Mehrere sogar.�</p><p>Athelstan warf Cranston einen Blick zu. �Mylord Coroner, habt Ihr noch Fragen?�</p><p>�Nein�, sagte Sir John. �Genug ist genug. Master William Hammond soll jetzt hereinkommen.�</p><p>Der Priester kam, mi�mutig und verdrossen, und er nagte an seinem Daumennagel, bis das Blut kam, w�hrend er Athelstans Fragen wortkarg beantwortete. Ja, er habe den Abend in der Festung verbracht, aber in seiner Kammer im Beauchamp Tower, in der N�he der Kirche St. Peter ad Vincula.</p><p>Die beiden Hospitaliter-Ritter waren h�flicher, aber ebenso unersch�tterlich. Sie bewohnten Gem�cher im Martins Tower und hatten fast den ganzen Abend �ber getrunken oder sich am Schachspiel versucht.</p><p>�Ich versichere Euch, Sir John�, schnarrte Mowbray, �wir finden uns ja schon bei Tage kaum im Tower zurecht, von einer eiskalten Wintemacht ganz zu schweigen.�</p><p>�Aber Ihr wi�t, was das hier bedeutet, nicht wahr?� attackierte Athelstan die beiden und hielt das gelbe Pergament in die H�he. �Beim Himmel, das wissen wir nicht!� antwortete Fitzormonde. �Sir�, versetzte Athelstan, �ich glaube, Ihr wi�t es, und Ihr wi�t auch, was der Kuchen bedeutet.�</p><p>Die beiden Hospitaliter sch�ttelten die K�pfe.</p><p>�La�t uns nicht Versteck spielen�, sagte Athelstan. �Ihr seid M�nche und Ritter. Euer Orden k�mpft f�r das Kreuz in Outremer. Auch Br�der meines Ordens dienen dort. Sie kommen mit Geschichten zur�ck, die sie dann beim Abendbrot in Blackfriars erz�hlen.�</p><p>�Was f�r Geschichten?� fragte Mowbray herausfordernd.</p><p>�Von einer geheimen Sekte von Ungl�ubigen in den Bergen Pal�stinas, den Assassinen, deren Oberhaupt der Alte vom Berge hei�t. Das Gesch�ft dieser Gemeinschaft ist der Meuchelmord. Ihr Meister f�ttert sie mit Rauschgift und sendet sie mit goldenen Dolchen aus. Sie t�ten, wen er zu vernichten bestimmt hat.�</p><p>Cranston sah, wie die beiden Ritter sich strafften und zum ersten Mal nerv�s wurden - vor allem Fitzormonde.</p><p>�Diese Assassinen�, fuhr Athelstan fort, �lassen ihren Opfern immer eine faire Warnung zukommen. Ein Bild hinterlassen sie nicht, wohl aber einen flachen, kleinen Sesamkuchen zum Zeichen daf�r, da� der gewaltsame Tod nahe ist.� Athelstan stand auf und streckte die verkrampften Beine. �Ich frage mich: Warum begeht diese geheime Sekte, die am Mittelmeer bl�ht, einen Mord in den kalten, d�steren Gem�chern des Tower zu London?�</p><p>�Wollt Ihr uns beschuldigen?� rief Mowbray. �Wenn ja, so tut es nur!�</p><p>�Ich will niemanden beschuldigen. Ich konstatiere nur einen merkw�rdigen Zufall.�</p><p>�Rastani ist aus Pal�stina!� rief Mowbray. �Und Sir Ralph hat sich von seinem angeblich treuen Diener abgewandt.�</p><p>�Warum sagt Ihr angeblich?� fragte Cranston rasch.</p><p>�Weil ich nicht glaube, da� Rastanis Bekehrung zu unserem Glauben ehrlich war. Wenn solche Leute einen Groll hegen, warten sie jahrelang, bis sie die Rechnung pr�sentieren.�</p><p>�Aber Rastani war doch nicht im Tower?�</p><p>�Er k�nnte sich zur�ckgeschlichen haben.�</p><p>�Nein, nein, nein.� Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Sir Ralphs Tod ist komplizierter. Ihr habt mit ihm gedient?�</p><p>�Ja. Der Kalif von Kairo hat uns in seinen Sold genommen, um die Aufst�nde in der Stadt Alexandria niederzuschlagen.�</p><p>�Und danach?�</p><p>�Sir Ralph fuhr nach Hause. Wir blieben noch eine Weile, bevor wir in unser Ordenshaus in Clerkenwell heimkehrten.�</p><p>�Seid Ihr je �bers Meer zur�ckgekehrt?� fragte Cranston. Mowbray sch�ttelte den Kopf. �Nein, Fitzormonde irrt sich da in einer Kleinigkeit. Als wir mit Sir Ralph dienten, waren wir keine Hospitaliter. Wir sind erst in den Orden eingetreten, nachdem Sir Ralph weg war. Der Orden hat uns dann nach England zur�ckgeschickt. Ich bin in Clerkenwell, Fitzormonde in unserem Ordenshaus in Rievaulx in der N�he von York.� Athelstan studierte die verschlossenen, finsteren Gesichter der beiden Ritter.</p><p>�Verzeiht mir�, sagte er ruhig, �ich m�chte Euch nicht L�gner nennen, aber hier ist etwas sehr Geheimnisvolles im Gange, und Ihr seid daran beteiligt.� Er beugte sich vor und zog pl�tzlich Mowbrays Mantel zur Seite. �Ihr tragt ein Kettenhemd? Und Ihr auch, Sir Brian? Warum? F�rchtet auch Ihr den Dolch des Assassinen? Wie gut schlaft Ihr des Nachts? Welche Geheimnisse teiltet Ihr mit Sir Ralph?�</p><p>�Beim Heiligen Kreuz!� Sir Brian sprang auf. �Das habe ich mir jetzt lange genug angeh�rt. Wir haben Euch gesagt, was wir k�nnen. Bela�t es dabei!�</p><p>Die beiden Hospitaliter rauschten hinaus. Cranston lie� sich auf einen Schemel fallen und streckte die Beine aus.</p><p>�Ein ziemliches Durcheinander, was, Bruder? Womit haben wir es hier zu tun? Mit Hochverrat, begangen von Unbekannten? Oder mit gemeinem Mord um Mitternacht?�</p><p>�Ich wei� es nicht.� Athelstan dr�ckte den Stopfen auf sein Tintenhorn und ordnete sein Schreibzeug. �Aber wir haben die Schnalle, die wir auf dem Eis des Festungsgraben gefunden haben, und ich wei�, wem sie geh�rt.�</p><p>�In drei Teufels Namen!� rief Cranston. �F�r einen M�nch hast du scharfe Augen, Athelstan.�</p><p>�F�r einen Ordensbruder bin ich ziemlich flink, Mylord Coroner, und das w�ret Ihr auch, wenn Ihr weniger Rotwein trinken wolltet.�</p><p>�Ich trinke, um meinen Schmerz zu ertr�nken.� Cranston wandte den Blick ab. Was Maude wohl gerade tat? dachte er bang. Was verbarg sie vor ihm? Warum sprach sie es nicht aus, statt ihm diese langen, trauervollen Blicke zuzuwerfen? Cranston starrte w�tend die kleine Statue in einer Nische an, die Jungfrau mit dem Kind. Insgeheim ha�te er das Weihnachtsfest. Um diese Zeit erwachte immer die Erinnerung an den kleinen Matthew, den die Pest geholt hatte - aber nicht, bevor der Kleine ihn jenes Staunen hatte sehen lassen, mit dem jedes Kind das Weihnachtsfest begr��t. Hatte auch Maude ihre Erinnerungen? �Sir John!�</p><p>Cranston blinzelte die Tr�nen weg und grinste zu Athelstan hin�ber.</p><p>�Ich brauche eine Erfrischung, M�nch!�</p><p>Athelstan sah den Schmerz im Gesicht seines Freundes und wandte sich ab.</p><p>�Nachher, Sir John. Erst m�ssen wir mit Sir Fulke sprechen. Ich m�chte Sir Ralphs Schlafgemach hier im White Tower durchsuchen.�</p><p>Cranston nickte und schwankte schwerf�llig davon. Athelstan packte sein Schreibpapier ein, blieb sitzen und bewunderte die Sch�nheit der St.-Johns-Kapelle und verglich sie mit der D�sternis von St. Erconwald. Dann dachte er an Benedicta. Wie h�bsch sie in der Fr�hmesse ausgesehen hatte. Ob Huddle sie f�r sein Gem�lde von Mari� Heimsuchung verwenden w�rde, das f�r einen der G�nge geplant war? Und was w�rde sie wohl Weihnachten Vorhaben? Sie hatte von einem Bruder in Colchester gesprochen. Vielleicht w�rde sie aber auch in Southwark bleiben, mit ihm Spazierengehen oder sich wenigstens auf einen Becher Wein zu ihm setzen und �ber die Vergangenheit plaudern. Weihnachten konnte so einsam sein � Athelstans Blick fiel auf ein Kruzifix, und pl�tzlich fielen ihm die Greuel ein, die auf dem Friedhof von St. Erconwald geschahen. Er mu�te dieser Sache auf den Grund kommen. Wer tat so etwas, und warum? �Bruder Athelstan! Bruder Athelstan!� Cranston stand vor ihm und grinste sp�ttisch auf ihn herab. �Du trinkst zuviel Rotspon, Priester�, verk�ndete der Coroner feixend. �Komm, wir m�ssen uns die Gem�cher des verstorbenen Konstablers anschauen. Colebrooke und Sir Fulke sind schon unterwegs.�</p><p>Sir Ralphs Quartier erreichte man �ber eine blankgebohnerte Holztreppe in einem der T�rme des White Tower: ein angenehmes, von Wohlgeruch erf�lltes Gemach, so ganz anders als die finstere Zelle dr�ben in der Nordbastion. Durch zwei kleine Nischenfenster mit gepolsterten Fensterb�nken und ein gro�es Erkerfenster, dessen buntes Glas das Lamm Gottes darstellte, fiel Licht herein. Die verputzten W�nde waren hellgr�n und mit silbernen und goldenen Rauten verziert. Ein dicker Teppich hing �ber dem kleinen Kamin, der Boden gl�nzte, und auf dem gro�en Bett lag eine goldbetre�te Decke. Am Fu�ende des Vierpfostenbettes stand aufgeklappt Sir Ralphs gro�e Privattruhe.</p><p>�Das ist ja luxuri�s!� fl�sterte Cranston. �Was hat Sir Ralph nur so sehr ge�ngstigt, da� er von hier in diese trostlose Kerkerzelle umgezogen ist?�</p><p>Cranston und Athelstan hockten sich vor die Truhe und sahen Sir Ralphs pers�nliche Papiere durch, fanden aber nichts �ber seine Jahre in Outremer. Alle Dokumente betrafen sein Amt als Konstabler oder seinen Dienst in John von Gaunts Gefolge. Etwa eine Stunde verbrachten sie damit, Briefe, Vertr�ge und Memoranden zu sichten. Nur ein Stundenbuch fiel Athelstan auf. Jede Seite war mit zarten, filigranen Schn�rkeln in strahlenden Farben verziert: Auf einer Seite fanden sich mit leichter Hand gemalte Engelsgestalten, auf einer anderen besprengte ein Priester einen in T�cher geh�llten Leichnam mit Weihwasser, bevor er ihn ins Grab legte. Auch die Christgeburt war dargestellt, Maria und Joseph beugten sich �ber das schlafende Kind, und Christus im Fegefeuer, wie er schwarzgesichtige D�monen mit der blo�en Kraft seines goldenen Auges vertrieb. Athelstan war fasziniert von der Sch�nheit des Buches. Er schaute auf die Innenseite des Einbandes und sah Sto�gebete an den heiligen Julian, die Sir Ralph hingekritzelt hatte. �St. Julian, bitte f�r mich! St. Julian, wende ab den Zorn Gottes! St. Julian, sei mein F�rsprecher bei der Mutter des Herrn!� Die leeren Seiten am Ende des Buches waren mit �hnlichen Beschw�rungen gef�llt. Athelstan las sie gr�ndlich und ignorierte Cranstons Murren und Sir Fulkes ver�rgertes Stiefelknarren. Endlich klappte er die Truhe zu und richtete sich auf.</p><p>�Seid Ihr fertig, Bruder?� fauchte der Edelmann.</p><p>Athelstan sah ihn scharf an. Sir Fulke war offensichtlich ein Mann, der sich hinter einer Mauer aus Leutseligkeit und Gutm�tigkeit verbarg; jetzt aber schien er w�tend, mi�trauisch und ver�rgert �ber ihr Eindringen.</p><p>�Bin ich fertig?� echote Athelstan. �Ja und nein, Sir Fulke.�</p><p>Der Ritter blies die Wangen auf. �Der Tag vergeht, Bruder�, bemerkte er schnippisch und sp�hte aus dem Fenster. �Ich bin ein vielbesch�ftigter Mann, der sich um manches zu k�mmern hat. Was wollt Ihr noch?�</p><p>�Ihr tragt Stiefel, Sir Fulke?�</p><p>�Ja, ich trage Stiefel�, �ffte er Athelstans Tonfall nach.</p><p>�Stiefel mit Schnallen?�</p><p>Alle Farbe wich aus Sir Fulkes Gesicht.</p><p>�Ja�, murmelte er.</p><p>�Nun �� Athelstan zog die Schnalle, die er auf dem gefrorenen Wassergraben gefunden hatte, aus seinem Beutel. �Ich nehme an, die geh�rt Euch. Wir haben sie vor dem Turm der Nordbastion gefunden. Dennoch sagt Ihr, Ihr wart die ganze Nacht in der Stadt.�</p><p>Sir Ralphs Bruder schluckte, alle Arroganz war aus seiner Stimme verschwunden.</p><p>�Ich habe die Schnalle gestern verloren.�</p><p>�Wart Ihr auf dem Eis?�</p><p>Sir Fulke l�chelte pl�tzlich. �Ja. Heute fr�h. Ihr seid nicht der einzige, Bruder, der auf die Idee gekommen ist, die M�rder k�nnten nachts an der Mauer hinaufgeklettert sein, um Sir Ralph zu ermorden.�</p><p>Athelstan warf ihm die Schnalle zu, und Sir Fulke fing sie ungeschickt auf.</p><p>�Damit sind wir hier fertig, Sir John. Vielleicht eine Erfrischung?�</p><p>Auf dem Gang trafen sie Colebrooke, dankten ihm f�r seine Aufmerksamkeit und gingen �ber die Au�entreppe in den Innenhof des Tower. Athelstan sch�tzte, da� es zwei Uhr mittags sein m�sse, und ein Diener, den sie an der Gro�en Halle trafen, best�tigte dies. Sie wollten gerade durch das Tor von Wakefield hinausgehen, als Athelstan den gro�en Braunb�ren entdeckte, der in der Ecke beim Bell Tower an die Mauer gekettet war. �Noch nie habe ich einen so gro�en B�ren gesehen, Sir John�, rief er.</p><p>Cranston schlug ihm auf die Schulter. �Dann wird es aber Zeit, mein Junge!�</p><p>Der Bruder war fasziniert. Der B�r erwiderte die Komplimente kaum; er sa� auf seinem Hinterteil und stopfte sich Abf�lle, die um ihn herum verstreut lagen, in den m�chtigen Rachen. Cranston klatschte in die H�nde, und das Untier wandte den gro�en, dunklen Sch�del. Eine Pranke hob sich, aber Athelstan blieb wie angewurzelt stehen, war hypnotisiert von den gro�en, sabbernden Lefzen, den Z�hnen - lang, wei� und so spitz wie Dolche - und der rasenden Wildheit der rotbraunen Augen. Der B�r kam schwankend auf sie zu und grollte leise. Cranston packte Athelstan beim Arm und zog ihn zur�ck. Erschreckt durch die pl�tzliche Bewegung, richtete sich das Tier zu voller Gr��e auf, und die gro�en Pranken schlugen in die Luft, als der B�r an dem massiven Eisenhalsband zerrte. Der Coroner und sein Gef�hrte sahen, wie die an der Mauer befestigte Kette sich an ihren Halterungen spannte.</p><p>�Diese Kette�, murmelte Athelstan, �ist nicht so sicher, wie sie sein sollte.�</p><p>�Leb wohl, Ursus�, sagte Cranston leise. �La� uns verschwinden, Athelstan. Ganz ruhig.�</p><p>Sie holten ihre Pferde und verlie�en den Tower. Ein paar Marktst�nde drau�en in Petty Wales waren ge�ffnet, und eine Handvoll Tapferer bahnte sich einen Weg durch den kn�cheltiefen, schlammigen Schneematsch. Zwei Bettlerkinder mit reisigd�nnen Armen und Beinen standen an einem Kohlebecken und sangen ein Weihnachtslied. Cranston warf ihnen einen Penny hin; dann sah er zu, wie eine Frau, die wegen ihrer Streitsucht verurteilt worden war, von einem B�ttel zum Pranger in der Tower Street gef�hrt wurde. Ein eiserner Zankzaum umspannte ihren Kopf. In den schmutzigen Seitengassen bl�hte das Gesch�ft der Huren mit ihren roten Per�cken, denn die Garnison im Tower versorgte sie mit einem endlosen Strom von Kunden.</p><p>Cranston fragte einen ein�ugigen Bettler und kam strahlend zur�ck.</p><p>�Ich hab�s gefunden�, verk�ndete er. �Das Gasthaus Zur Goldenen Mitra. Du wei�t schon - wo Sir Ralph und die Hospitaliter-Ritter jedes Jahr zu Weihnachten ihr Bankett abhielten.�</p><p>Das Gasthaus lag neben dem Zollhaus an der Ecke der Thames Street: ein gro�artiges, ger�umiges Anwesen. Ein rotnasiger Hausknecht nahm ihnen die Pferde ab. Der Schankraum war luftig, und ein Kaminfeuer sorgte f�r wohlige W�rme. Die Binsenstreu auf dem Boden war sauber und mit Rosmarin und Thymian durchmischt. Die W�nde hatten einen Anstrich aus Kalk, um Insekten femzuhalten, und die Schinken, die von den schwarzen Deckenbalken hingen, verstr�mten einen so k�stlichen scharfen Duft, da� Cranston sich die Lippen leckte. Sie setzten sich an einen Tisch zwischen dem Feuer und den gro�en, blankpolierten Weinf�ssern. Der Wirt, ein kleiner, rotgesichtiger, kahlk�pfiger Bursche mit erstaunlich sauberer Sch�rze vor dem umfangreichen Bauch, warf nur einen Blick auf Sir John und brachte sogleich eine tiefe Schale, die bis zum Rand mit blutrotem Wein gef�llt war.</p><p>�Sir John!� rief er. �Erinnert Ihr Euch?�</p><p>Cranston packte die Schale an den beiden silbernen Henkeln und trank sie in einem Zug halb leer. �Ja�, antwortete er dann und sp�hte schmatzend �ber den Rand. �Du bist Miles Talbot und hast fr�her als Ale-Pr�fer in den Schenken rings um St. Paul gearbeitet.� Cranston stellte die Schale hin und sch�ttelte dem Wirt die Hand. �La� dich mit einem ehrlichen Mann bekanntmachen, Bruder Athelstan. Talbot hat immer gemerkt, wenn ein Krug Ale verw�ssert war. So, so, so.� Cranston l�ste seine Mantelspange und geno� die k�stlichen Ger�che und die W�rme des Wirtshauses. �Was kannst du uns auftischen, Master Talbot? Und komm mir nicht mit Fisch! Wir wissen, da� der Flu� zugefroren und die Stra�e unpassierbar ist; also mu� alles, was aus dem Wasser kommt, ein paar Wochen alt sein.�</p><p>Der Wirt z�hlte grinsend auf, was die Speisekammer zu bieten hatte, und keine halbe Stunde sp�ter servierte er zwei mit Kr�utern gef�llte H�hnchen in einer pikanten Sauce aus s��er Butter und wilden Beeren, eine geschmorte Pastete, einen Apfelpfannkuchen und einen gewaltigen Rindermarkpudding. Athelstan sa� sprachlos da und trank sein Bier, w�hrend Cranston jeden Teller blankputzte und alles mit einer zweiten Schale Rotwein hinuntersp�lte. Schlie�lich r�lpste er, streckte sich und blickte strahlend in der Schenke umher. Dann winkte er Talbot heran.</p><p>�Master Miles - eine Gef�lligkeit!�</p><p>�Was Ihr w�nscht, Sir John.�</p><p>�In deinem Haus verkehrt - besser gesagt, verkehrte - der verstorbene Konstabler des Tower, Sir Ralph Whitton?� Talbots Miene wurde wachsam. �Hin und wieder�, brummelte er. �Er traf sich hier jedes Jahr zur Weihnachtszeit mit zwei Hospitalitern und anderen.�</p><p>�Ach, komm schon, Miles. Ich bin nicht dein Feind. Du kannst mir vertrauen. Wor�ber haben sie geredet?�</p><p>Talbot trommelte mit seinen runden Fingern auf dem Tisch. �Die sa�en wie Ihr, Sir John, ein gutes St�ck abseits von den anderen. Sowie ich oder einer der Hausburschen in ihre N�he kam, sagten sie kein Wort.�</p><p>�Und ihr Benehmen? Waren sie bedr�ckt oder fr�hlich?�</p><p>�Manchmal lachten sie, aber meistens taten sie sehr geheimnisvoll. Oft gerieten die beiden Hospitaliter in Streit mit Sir Ralph, und dann wurde er ziemlich feindselig und blaffte sie an.�</p><p>�Sonst noch was?�</p><p>Talbot sch�ttelte den Kopf und wandte sich ab. Cranston sah Athelstan an, schnitt eine Grimasse und zuckte die Achseln. Pl�tzlich stand der Wirt wieder am Tisch.</p><p>�Eines noch�, sagte er. �Etwas war merkw�rdig: Vor ungef�hr drei Jahren, zu Weihnachten, kam ein Fremder herein.�</p><p>�Wie sah er aus?�</p><p>�Daran kann ich mich nicht erinnern, aber er hatte etwas Besonderes an sich. Er verbarg sich unter M�tze und Kapuze, redete aber wie ein Soldat. Er wollte wissen, ob Sir Ralph hier trank. Ich sagte, ich w��te von nichts. Er verschwand, und ich habe ihn nie wiedergesehen.� Talbot l�chelte bedauernd. �Sir John - auf meinen Eid, aber das ist alles, was ich wei�.�</p><p>Der Coroner sa� mit gesch�rzten Lippen da und starrte auf die leeren Teller und Sch�sseln, als w�nschte er sich, das Essen, das er verzehrt hatte, m�ge auf magische Weise wiedererscheinen. Athelstan musterte ihn aufmerksam und ein bi�chen besorgt, denn eigentlich h�tte Sir John inzwischen l�ngst nach mehr Rotwein oder spanischem Wei�en br�llen m�ssen. �Mylord Coroner?�</p><p>�Ja, Bruder Athelstan?�</p><p>�Wir m�ssen ein paar Schlu�folgerungen zum Tode Sir Ralphs verfassen.�</p><p>Cranston pustete ger�uschvoll. �Was k�nnen wir sagen?�</p><p>�Erstens werdet Ihr mir sicher zustimmen, da� Sir Ralph nicht ermordet wurde, weil er Konstabler im Tower war, ich meine, von irgendwelchen Bauern, die Verrat und Aufstand planen.�</p><p>�Da stimme ich dir zu, Bruder, aber der M�rder k�nnte trotzdem von drau�en gekommen und ein Berufsm�rder gewesen sein. Es gibt genug ehemalige Soldaten in der Stadt, die ihrer eigenen Mutter die Kehle durchschneiden w�rden, wenn der Preis stimmt.�</p><p>Athelstan strich mit dem Finger �ber den Rand des Weinbechers.</p><p>�Das w�rde ich gern glauben, Sir John, aber trotzdem: Es sieht nicht danach aus.� Er hob die Schultern. �Diskussionshalber k�nnen wir mal annehmen, da� der M�rder den zugefrorenen Graben �berquert, die Nordbastion erklettert, die Fensterl�den ge�ffnet und Sir Ralph lautlos die Kehle durchgeschnitten hat.�</p><p>�Das ist m�glich und so geschehen, mein guter Priester.�</p><p>�Nat�rlich�, fuhr Athelstan fort, �kann der M�rder auch jemand im Tower gewesen sein, der wu�te, wo Sir Ralph schlief, und die Gelegenheit nutzte, die der zugefrorene Wassergraben ihm bot, um zu den Trittkerben in der Mauer der Nordbastion zu gelangen. Entweder hat der M�rder die Tat selbst ausgef�hrt oder jemanden daf�r bezahlt, da� der es tat.�</p><p>Cranston nahm einen gro�en Schluck Wein. �F�gen wir die beiden M�glichkeiten mal zusammen. Sagen wir diskussionshalber, da� Anstifter und M�rder ein und dieselbe Person sind. Buchst�blich jeder von denen, die wir befragt haben - einschlie�lich Mistress Philippa, die vielleicht ein bi�chen rundlich, aber sehr leichtf��ig, jung und beweglich ist -, k�nnte auf diesen Turm geklettert sein.�</p><p>�Aber sie haben praktisch alle eine Geschichte, die den Zeitraum abdeckt.�</p><p>Cranston nickte. �Die haben sie. Und nachzuweisen, da� einer von ihnen l�gt, w�re eine Aufgabe f�r den Teufel. Au�erdem - ist dir aufgefallen, da� jeder au�er dem Kaplan einen Zeugen hat, der seine Geschichte best�tigen kann? Das bedeutet�, folgerte Cranston, �da� wir es wom�glich mit zwei M�rdern zu tun haben statt mit einem. Die beiden Hospitaliter. Sir Fulke und Rastani. Philippa und ihr junger Liebhaber. Colebrooke und einer der W�chter.�</p><p>Athelstan starrte nachdenklich zu einem der Schinken hinauf, der sich am Balken drehte. �Eigentiich wissen wir �berhaupt nichts�, meinte er. �Wir haben keine Ahnung, wer der M�rder ist oder wie er oder sie zu Sir Ralph ins Zimmer kamen. Allerdings haben wir Sir Fulkes Schnalle gefunden.�</p><p>�Aber er behauptet, heute morgen vor unserer Ankunft auf dem zugefrorenen Graben herumgelaufen zu sein.�</p><p>�Ich glaube ihm�, sagte Athelstan. �Aber erinnert Euch, wie er sagte, er habe die Schnalle am Tag zuvor verloren.�</p><p>�Was willst du damit sagen, Bruder?�</p><p>�Entweder hat er sie verloren, als er �ber den Burggraben geschlichen ist, um Sir Ralph umzubringen, oder ein anderer hat sie dort hingelegt. Ich vermute letzteres. Da� Sir Fulke ehrlich zugibt, auf dem Wassergraben gewesen zu sein, bewahrt ihn vor dem Verdacht. H�tte er es abgestritten, und wir k�nnten sp�ter beweisen, da� er doch drau�en war, s�he die Sache anders aus.�</p><p>�Woher wissen wir, da� er nicht l�gt?� rief Cranston. �Ist dir die Pforte vor dem Wassergraben aufgefallen? Die Angeln waren ganz verrostet. Vor uns hat diesen Durchgang seit Jahren keiner mehr benutzt. K�nnte also sein, da� Sir Fulke l�gt.�</p><p>�Er konnte aber auch durch eine andere Pforte gekommen sein.�</p><p>�Ein interessanter Einfall, Bruder, aber la� uns die Motive ansehen.�</p><p>Athelstan spreizte die H�nde. �Es gibt ebenso viele Motive wie Leute im Tower, Sir John. War Sir Fulke habgierig? War der Kaplan w�tend, weil man ihn einen Dieb genannt hat? Wollte Colebrooke Sir Ralphs Posten? Sahen Philippa und ihr Liebhaber in Sir Ralph ein Hindernis f�r ihre Heirat oder f�r Philippas Erbe?�</p><p>�Und damit�, schlo� Cranston, �sind wir bei den beiden Hospitalitern. Wir wissen, da� sie nicht die Wahrheit sagen. Auf irgendeine Weise sind das Pergament und der Kuchen mit dem Mord verbunden, und sie wissen �ber beides etwas. Sir Ralphs Todesank�ndigung zeigte ein Schiff, einen Dreimaster, wie er oft im Mittelmeer unterwegs ist. Der Sesamkuchen ist das Zeichen der Assassinen. Ergo: Sir Ralphs Tod mu� mit irgendeinem Geheimnis in seiner Vergangenheit Zusammenh�ngen, mit seiner Zeit als Soldat in Outremer.�</p><p>Athelstan stellte seinen Krug auf den Tisch. Er klappte den Mund auf und zu.</p><p>�Was ist los, Bruder?�</p><p>�Es l��t nur eine Schlu�folgerung zu, Master Coroner: Sir Ralph ist vielleicht nicht der letzte, der im Tower stirbt, bevor das Weihnachtsfest beginnt.�</p></section><section><title><p><strong>5. Kapitel</strong></p></title><p>Sie blieben noch eine Weile im Wirtshaus. Athelstan hatte erwartet, da� Cranston schlie�lich sein Pferd besteigen und nach Cheapside zur�ckreiten werde, aber der Coroner sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich will zu deinem verfluchten Friedhof�, schnaubte er. �Du brauchst jemanden mit einem scharfen Verstand, um das Geheimnis dort zu ergr�nden.�</p><p>�Aber Lady Maude wartet sicher.�</p><p>�Soll sie!�</p><p>�Sir John, stimmt etwas nicht?�</p><p>Cranston runzelte die Stirn und blickte woanders hin.</p><p>�Geht es um Matthew?� fragte Athelstan sanft. �Ist es der Jahrestag seines Todes?�</p><p>Cranston stand auf und hakte sich bei Athelstan unter, als sie hinausgingen. Vor der T�r blieben sie stehen und warteten, bis der Hausknecht ihre Pferde gesattelt hatte. �Sag mir, Bruder, als du damals als Novize von deinem Orden weggelaufen und mit deinem kleinen Bruder nach Frankreich in den Krieg gezogen bist, warst du da gl�cklich?�</p><p>Athelstan sp�rte, wie sein Herz einen Satz tat. �Nat�rlich.� Er l�chelte schmal. �Ich war damals jung. Das Blut kochte in meinen Adern, und ich sehnte mich nach gro�en Abenteuern.�</p><p>�Und als du deinen Bruder tot und kalt wie Eis auf dem Schlachtfeld fandest und nach England zur�ckfuhrst, um deinen Eltern zu beichten, was du getan hattest - was war da?�</p><p>Athelstan schaute in den Hof hinaus; es wurde langsam dunkel. �Im Evangelium, Sir John, sagt Christus, am Ende der Welt wird der Himmel wanken, und die Planeten werden in loderndem Feuer auf die Erde fallen.� Athelstan schlo� die Augen. Er f�hlte Francis� Geist ganz deutlich. �Als ich meinen Bruder tot auf dem Feld fand�, fuhr er fort, �da st�rzte f�r mich der Himmel auf die Erde.�</p><p>�Und was dachtest du da �ber das Leben?�</p><p>Athelstan rieb sich den Mund und schaute in Cranstons trauriges Gesicht. �Ich f�hlte mich von ihm verraten�, sagte er leise. Cranston klopfte ihm sanft auf die Schulter. �Aye, Bruder - vergi� nicht: Der blutrote Ku� des Verr�ters ist immer der s��este. Daran wirst du dich erinnern, ebenso wie ich.� Athelstan starrte ihn sprachlos an. So hatte er Cranston noch nie gesehen. Der Coroner h�tte l�ngst aus vollem Hals irgendein l�sterliches Lied singen und dem Wirt Beschimpfungen an den Kopf werfen oder Athelstan dr�ngen m�ssen, mit ihm nach Hause zu kommen.</p><p>Sie stiegen auf ihre Pferde, ritten still zum verschneiten Billingsgate hinauf und dann nach links in die Zuf�hrung zur London Bridge. Dort wimmelte es von Menschen, obwohl der kalte Wind einem in Gesicht und H�nde bi�. Unter verhangenem Himmel bewarfen sich ein paar Jungen mit Schneeb�llen und kreischten vor Lachen, wenn sie trafen. Ein Bettler ohne Beine zog sich auf Brettern durch den Matsch. Ein paar zerlumpte F�hrleute standen murrend am Ufer des zugefrorenen Flusses und fluchten �ber das Wetter, das ihnen ihren Lebensunterhalt genommen hatte. M�tzen und Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, dr�ngten andere stadteinw�rts oder �berquerten zusammen mit Athelstan und Cranston die schmale, eisbedeckte Br�cke nach Southwark.</p><p>Der Coroner z�gelte pl�tzlich sein Pferd und drehte sich nach einer Schar dunkler Gestalten um, die eben vor�bergehuscht waren. War es eine Gruppe gewesen oder eher eine Handvoll einzelner, die aus Bequemlichkeit und Sicherheit zusammen unterwegs waren? Er war sicher, Lady Maude unter ihnen gesehen zu haben, wie sie mit blassem Gesicht unter ihrer Kapuze hervorgelugt hatte. Aber was wollte sie in Southwark? Au�er Athelstan kannte sie dort niemanden, und an so einem Wintertag war Southwark ein gef�hrlicher Ort.</p><p>�Sir John, ist alles in Ordnung?�</p><p>Cranston blickte noch einmal der kleinen Gruppe nach, die in der Dunkelheit verschwand. Sollte er zur�ckreiten? Aber dann kam ein gro�er Karren mit eisenberingten R�dern krachend vorbei, die Leute hinter Cranston begannen, zu murren und zu st�hnen. Der Coroner gab seinem Gef�hrten zu verstehen, sie sollten weiterreiten. Beide �berquerten die Br�cke, kamen auf der anderen Seite am Priorat von St. Mary Overy vorbei und nahmen die Hauptstra�e nach Southwark. Sie ritten durch enge Gassen, vorbei an gro�en, vierst�ckigen H�usern und den wackligen H�tten und Verschl�gen der Arbeiter und Handwerker. Dem Coroner drang der stechende Geruch von Hundepisse in die Nase.</p><p>Athelstan zog sich die Kapuze dichter ums Gesicht, um dem Anblick des verfaulenden Abfalls zu entgehen, den weggeworfenen Essensresten und menschlichen Exkrementen aus den Nachtt�pfen, die morgens geleert wurden, und dem Kehricht aus den H�usern, die von ihren Bewohnern jetzt f�r die Festtage geputzt wurden. Southwark kam freilich nie zur Ruhe. Die Handwerker und K�tner gingen unabl�ssig ihren Berufen nach: Lichtzieher kochten Schweinefett zu Talg, Abdecker, K�seh�ndler, M�tzenmacher und Schmiede gingen ihrem Tagwerk nach, und abends, wenn die L�den schlossen, kamen die grobknochigen Gauner der Unterwelt hervor und suchten zwischen Bordellen und Gark�chen am Ufer der Themse nach leichter Beute. Aber niemand kam Cranston oder Athelstan zu nahe. Der Bruder war �berall hochgeachtet und Cranston gef�rchteter als der Oberrichter pers�nlich.</p><p>St. Erconwald lag im Dunkel; Athelstan sah erfreut, da� Watkin die Lichter gel�scht hatte. Er wollte gerade Sir John durch die Pforte zum Pfarrhaus geleiten, als eine dunkle Gestalt aus dem Schatten hervorsprang und Philomel beim Zaumzeug packte. Athelstan blickte in ein langes, bleiches Gesicht unter einer teerschwarzen Kapuze.</p><p>�Ranulf, um Gottes willen, was ist los?�</p><p>�Pater, ich habe den ganzen Nachmittag auf Euch gewartet.�</p><p>�Sag ihm, er soll verschwinden, Athelstan! Mir ist kalt!�</p><p>�K�mmere dich nicht um Sir John�, sagte Athelstan beruhigend. �Was willst du, Ranulf?�</p><p>Der Rattenf�nger leckte sich die blutleeren Lippen.</p><p>�Ich habe eine Idee, Pater. Ihr wi�t doch, da� die gro�en Z�nfte dr�ben am anderen Ufer ihre eigenen Kirchen haben. St. Mary Le Bow f�r die Seidenh�ndler, St. Paul f�r die Pergamentmacher.�</p><p>�Ja. Und?�</p><p>Der Rattenf�nger schaute flehentlich.</p><p>�Weiter, Ranulf. Was willst du?�</p><p>�Na ja, Pater, ich und die anderen Rattenf�nger haben uns gefragt, ob St. Erconwald nicht die Kirche unserer Zunftbruderschaft sein k�nnte.�</p><p>Athelstan unterdr�ckte ein L�cheln, warf einen Blick in Cranstons finsteres Gesicht und raffte die Z�gel in der Faust.</p><p>�Die Bruderschaft der Rattenf�nger, Ranulf? Mit St. Erconwald als Zunftkirche und mir als Kaplan?�</p><p>�Ja, Pater.�</p><p>Athelstan stieg ab. �Aber gem.�</p><p>�Wir w�rden nat�rlich unsere Abgaben zahlen.�</p><p>�In was?� johlte Cranston. �In Ratten? Ein Zehntel eures Fangs?� Ranulf warf dem Coroner einen scharfen Blick zu, aber Cranston bog sich bereits im Sattel und lachte unb�ndig �ber seinen eigenen Witz.</p><p>�Ich finde die Idee ausgezeichnet�, sagte Athelstan leise. �Wir werden uns noch dar�ber unterhalten. Du hast meine grunds�tzliche Zustimmung, Ranulf, aber im Augenblick sind Sir John und ich sehr besch�ftigt mit anderen Dingen. Wenn du vielleicht unsere Pferde in den Stall bringen und ihnen ein wenig Heu geben k�nntest��</p><p>Der Rattenf�nger nickte heftig, packte die Z�gel von Sir Johns Pferd und verschwand damit in der Dunkelheit. Philomel folgte ihm etwas flotter als �blich; er sp�rte, da� die Futterzeit nahte. Athelstan f�hrte Cranston um die Kirche, blieb stehen und bat den Coroner zu warten, damit er eine Fackel holen k�nne. Er lief zum Pfarrhaus, nahm eine aus der Wandhalterung, z�ndete sie an und lief zur�ck, bevor die Fl�che des Coroners allzu deutlich h�rbar wurden.</p><p>Sie betraten den Friedhof. Selbst zur Sommerzeit war es ein d�sterer Ort. Jetzt lag er unter einem Schneeteppich, und die �ste der Eiben spreizten sich wie gro�e, wei�e Krallen �ber den einsamen Erdh�geln, den plumpen Kreuzen und zerbr�ckelnden Grabsteinen. Athelstan f�hlte sich mutterseelenallein. Gespenstische Stille hing wie eine Wolke �ber dem Land, und selbst der Wind wehte leiser. Die B�ume standen regungslos. Kein Nachtvogel war zu h�ren. Hier und dort wirkten die Schatten bedr�ckend und finster, wie unheimliche Verstecke, in denen D�monen oder b�se Geister lauerten. Athelstan hob die Fackel in die H�he, und Cranston schaute sich auf dem d�stersten aller Gottes�cker um.</p><p>�In drei Teufels Namen, Athelstan!� zischelte er. �Wer kommt mitten in der Nacht hierher und rei�t Leichen aus der letzten Ruhest�tte? Wo sind die Gr�ber?�</p><p>Athelstan zeigte ihm die flachen L�cher im Boden. Die Erde t�rmte sich zu beiden Seiten, als h�tte irgendeine wahnsinnige Kreatur die Leichname mit blo�en Klauen hervorgew�hlt. Cranston kniete am Rande einer Grube nieder und pfiff leise durch die Z�hne. Er blickte hoch, und sein fettes Gesicht schien im Fackelschein zur Grimasse verzerrt.</p><p>�Bruder, du sagst, nur die Leichen von Bettlern und Fremden wurden gestohlen?�</p><p>�Ja, Sir John.�</p><p>�Und wie sind sie beerdigt worden?�</p><p>�Der Leichnam wird in Segeltuch geh�llt und auf einem St�ck Korbgeflecht in den Gemeindesarg gelegt. W�hrend der Totenmesse wird dieser mit einer purpurnen Schabracke bedeckt, und wenn der K�rper in die Erde gesenkt wird, bleibt der Sarg zur�ck.�</p><p>�Und ihr habt keine Spur von den Grabr�ubem gefunden?�</p><p>�Keine einzige.�</p><p>Cranston stand auf und wischte sich den Schneematsch von den H�nden. �Wir haben drei M�glichkeiten, Bruder. Erstens: Es k�nnte ein makabrer Scherz sein. Manche unserer gelangweilten, reichen jungen Stutzer finden es komisch, einem Freund eine solche Leiche ins Bett zu legen. Aber in letzter Zeit hat man nichts von einem solchen �blen Streich geh�rt. Zweitens: Es k�nnten Tiere gewesen sein, vierf��ige oder menschliche. O ja�, f�gte er leise hinzu, als er Athelstans schockiertes Gesicht sah, �beim Milit�r in Frankreich habe ich solche Abscheulichkeiten in der Gegend von Poitou gesehen.� Er stampfte mit den F��en und blickte hinauf zu den dunklen Umrissen der Kirche. �Aber nicht einmal in Southwark kann jemand so verkommen sein. Und schlie�lich sind da noch die Satanisten, die Astrasoi, die unter einem b�sen Stern geboren sind.� Er zuckte die Achseln. �Aber von solchen Leuten wei�t du mehr als ich, Bruder. Die Leiche mag als Altar benutzt worden sein, oder man hat ihr das Blut abgezapft, um einen D�mon heraufzubeschw�ren. Oder sie brauchen eines der Gliedma�en. Hast du schon von der �Hand der Herrlichkeit� geh�rt?�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nun, da wird einem Leichnam die Hand abgehackt. Der Name desjenigen, dem die Hexe oder der Hexenmeister schaden will, wird auf einen Zettel geschrieben und zwischen die Finger geschoben. Dann wird die Hand beim ersten Schlag der Mitternachtsstunde am Fu�e eines Galgens vergraben.�</p><p>Athelstan rieb sich das Gesicht. �Aber wie kann ich einem solchen Frevel ein Ende machen, Sir John? Die Gemeindediener und B�ttel k�mmert es nicht. Niemand will unseren Friedhof bewachen.�</p><p>�Ich werde sehen, was ich tun kann�, sagte Cranston. Pl�tzlich drehte er sich um. �Da ist jemand.� Er zeigte auf zwei dunkle Gestalten neben dem Leichenhaus am anderen Ende des Friedhofes. �Siehst du, dort!� Er st�rmte �ber die verschneite Wiese wie ein angreifender Stier, und Athelstan folgte ihm eilig.</p><p>�Halt!� br�llte Sir John. �Im Namen des K�nigs - halt!�</p><p>Die beiden in M�ntel geh�llten Gestalten drehten sich um und kamen ihnen langsam entgegen. Das Klappern von St�cken und das leise Klingen einer Glocke lie� Cranston schnell zur�ckweichen.</p><p>�Auss�tzige!� fl�sterte er, und er packte Athelstans Fackel und hielt sie hoch. �In drei Teufels Namen!� hauchte er und starrte mitleidig auf die Gesichter unter den wei�en Kapuzen. �Du l��t sie hier wohnen?�</p><p>Athelstan nickte. �Tags�ber. Nachts ist es leichter f�r sie, unbehelligt zu bleiben.�</p><p>�Haben sie etwas gesehen?�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Sie sind stumm, aber ich glaube, sie w�rden sich sowieso nicht einmischen. Man mu� schon ein tapferer Mann sein, Sir John, und ein gesunder sowieso, wenn man sich Grabr�ubem entgegenstellen will.�</p><p>�Du bist sicher, da� sie Lepra haben?� fragte Cranston leise. Athelstan grinste in die Dunkelheit. �Sie haben Briefe von den Bisch�fen. Seht Euch ihre Handgelenke und die H�nde an. Allerdings, wenn Ihr sie untersuchen wollt�?�</p><p>Cranston fluchte und warf einer der Kreaturen eine M�nze zu. Dann stapfte er zum Haus zur�ck und r�hrte, er habe nun genug gesehen. Ranulf, der Rattenf�nger, war offenbar verschwunden, und auch alle anderen Gemeindekinder hatten sich verdr�ckt, als der Coroner aufgekreuzt war.</p><p>�Bleibt Ihr noch auf eine Schale Suppe, Sir John? Ich habe auch guten Rotwein.�</p><p>Cranston untersuchte �chzend und prustend den Sattelgurt seines Pferdes. �Das w�rde ich gern, Bruder�, antwortete er �ber die Schulter, �aber ich mu� nach Hause.� Er wollte nicht, da� Athelstan seinen Sorgen um Lady Maude auf den Grund ging. �Ich mu� nachdenken �ber das, was wir im Tower gesehen haben.� Er deutete auf den Kirchhof. �Mal sehen, wie ich dir dort helfen kann.� Er schwang sich aufs Pferd und trappelte in die Dunkelheit davon.</p><p>Athelstan seufzte und ging die Kirche aufschlie�en. Drinnen war es kalt, aber der Ordensbruder registrierte erfreut, da� der muffige Geruch verflogen war. Gen��lich roch er den Duft der gr�nen Zweige, die so liebevoll im Kirchenschiff und auf den Stufen zum Chorraum verteilt worden waren. Die St.-Johns-Kapelle im Tower fiel ihm ein, und er �berlegte, wieviel L�gen ihm dort wohl erz�hlt worden waren. Athelstan war sicher, da� der M�rder im Tower lebte, und ebenso �berzeugt davon, da� eine b�se Tat aus der Vergangenheit Sir Ralph schlie�lich doch noch eingeholt hatte.</p><p>Er nahm etwas Zunder aus seinem Beutel, z�ndete zwei Fackeln im Kirchenschiff an und ging in die Sakristei, um sein zerfleddertes Gebetbuch zu holen. Dann kniete er nieder und begann seine Gebete. Als er bei der Psalmzeile �Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?� ankam, hielt er inne, lie� sich auf die Fersen sinken und starrte in das Flackerlicht einer Kerze.</p><p>Hatte Gott ihn verlassen? Warum geschahen solche Dinge wie die Sch�ndung des Friedhofes, der Mord an Sir Ralph oder Cranstons Schmerz? Oh, Athelstan wu�te um das B�se, aber manchmal, vor allem, wenn er so in die Dunkelheit starrte, fragte er sich doch, ob ihm jemand zuh�rte. Was, wenn nicht? Wenn Christus nicht von den Toten auferstanden und wenn die Religion nichts als Hokuspokus war?</p><p>Schmerzerf�llt wich Athelstan vor dem Abgrund des Zweifels und der Niedergeschlagenheit zur�ck. Er beendete seine Gebete, schlug ein Kreuz und hockte sich mit dem R�cken ans Chorgitter. Er atmete tief durch und versuchte, Geist und Seele zu beruhigen, damit er sich auf die j�ngsten Ereignisse im Tower konzentrieren konnte.</p><p>�Was ist�, fragte er in die Dunkelheit, �wenn Sir Ralph von geheimen Bauemf�hrern ermordet worden war? Und wenn der Aufstand kommt� ?�</p><p>Er d�ste etwa eine Stunde; dann schob sich ein warmes, pelziges Etwas unter seine Hand. �Guten Abend, Bonaventura�, sagte er. �Ein kalter Tag f�r einen Gentleman mit Sinn f�r Mu�e.�</p><p>Er streichelte den Kater z�rtlich und kraulte ihn hinter den Ohren; Bonaventura schnurrte vor Wohlbehagen. �Hast du alle deine Damen in der Nachbarschaft besucht?� Athelstan kannte Bonaventuras sexuelle Talente. Manchmal brachte der Kater seine �Damen� sogar mit auf die Kirchentreppe, wo sie dann einem kalten Silbermond ihre eigenen gespenstischen Vespern sangen. �Was wird geschehen, Bonaventura, wenn der Aufstand kommt? Werden wir uns auf die Seite von Pike, dem Grabenbauer, und den anderen Besitzlosen stellen?�</p><p>Bonaventura grinste und zeigte dabei rosiges Zahnfleisch und spitze Elfenbeinz�hne. Pike, der Grabenbauer! Merkw�rdig, dachte Athelstan, aber so war es nun mal. Er konnte es nicht beweisen, war aber sicher, da� der Grabenbauer der Gro�en Gemeinde angeh�rte und f�r ihre Anf�hrer geheime Botschaften �berbrachte. Athelstan straffte sich, als die Kirchent�r aufging.</p><p>�Bruder Athelstan? Bruder Athelstan?�</p><p>Der Ordensbruder l�chelte. Benedicta. Vielleicht w�rde sie das Abendbrot mit ihm teilen? Sie k�nnten �ber die Gemeinde plaudern und klatschen; alles, solange es nur Ablenkung brachte. Er setzte Bonaventura hin, stand auf und l�chelte dann noch etwas breiter, um seine Entt�uschung zu verbergen. Neben Benedicta stand, im Fackelschein deutlich sichtbar, ein hochgewachsener Mann. Sein Gesicht war von der Sonne dunkelbraun gebrannt, und sein rabenschwarzes Haar am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengebunden. Er trug einen blauen Mantel, der bis auf die schneefleckigen Stiefel reichte. Athelstan ging ihnen entgegen. Der Mann sah auffallend gut aus, fand er; er hatte die scharfen Z�ge eines Wanderfalken, lebhafte dunkelbraune Augen, eine Hakennase und einen sauber getrimmten Bart. Athelstan sah eine Perle, die an einer goldenen Kette an seinem Ohrl�ppchen hing.</p><p>�Das ist Doktor Vincentius�, erkl�rte Benedicta.</p><p>Athelstan ergriff eine kraftvolle braune Hand. �Guten Abend, Sir. Ich habe von Euch geh�rt.�</p><p>Und wer h�tte das nicht? dachte er bei sich. Der Arzt wohnte in der Duckets Lane, abseits der Windmill Street, auf der anderen Seite des Gasthofes Zum Wappenrock. Dort hatte er vor kurzem ein gro�es Haus gekauft, mit einem Garten, der an den Flu� grenzte - direkt gegen�ber von Botolph�s Wharf. Vincentius hatte sich als Arzt einen Namen gemacht. Seine Honorare waren gering, er lie� die Patienten nicht mit Blutegeln zur Ader und benutzte auch keine wunderlichen Sternenkarten oder t�richte Beschw�rungsges�nge. Statt dessen legte er gro�es Gewicht auf Sauberkeit, vern�nftige Ern�hrung, die Wirkung von abgekochtem Wasser und die Notwendigkeit, Wunden sauberzuhalten. Cecily, die Hure, hatte einmal angedeutet, da� er eine Salbe verwende, die gewisse Geschw�re an den empfindlichsten K�rperteilen h�chst wirkungsvoll zum Abklingen bringe. Athelstan betrachtete das gutaussehende Gesicht, und er sah auch Benedictas strahlendes L�cheln. Eifersucht durchfuhr ihn wie ein Stich.</p><p>�Ich habe von Euch geh�rt, Pater�, erwiderte der Doktor l�chelnd.</p><p>Athelstan zuckte die Achseln. �Ich bin Priester, Ordensbruder, einer von Tausenden.�</p><p>Der Arzt spreizte die H�nde, und die Ringe an seinen Fingern funkelten. �Es steht auch auf vielen Grabsteinen: Ich war ein reicher Mann, bevor ich einem Arzt begegnete ��</p><p>Athelstan lachte. Der Mann gefiel ihm. �Man sieht Euch nicht in der Kirche�, neckte er.</p><p>�Eines Tages vielleicht, Pater.�</p><p>�Doktor Vincentius wollte Euch unbedingt kennenlemen.� Benedicta sprach sch�chtern wie ein junges M�dchen. �Ich dachte mir, Pater, Ihr k�nntet vielleicht mit uns zu Abend essen?� Athelstan hatte gro�e Lust abzulehnen, aber das w�re unh�flich gewesen. Er klatschte in die H�nde, l�schte die Lichter in der Kirche und schlo� die T�r ab; Bonaventura konnte auch im Dunkeln auf die Jagd gehen. Er ging zum Haus hin�ber; Benedicta und ihr fremder Gast warteten auf der Kirchentreppe. Philomel mampfte immer noch ger�uschvoll seinen Hafer. Athelstan klopfte ihm sanft den Hals, holte seinen Mantel und kehrte zur�ck zu Benedicta und Vincentius.</p><p>Durch stille, vereiste Stra�en gingen sie zur Flete Lane, nicht weit vom Holyrood Walk, wo die Witwe wohnte. Es war das erste Mal, da� Athelstan ihr Haus betrat, ein einst�ckiges, alleinstehendes Geb�ude mit Garten zwischen zwei schmalen Gassen. Im Erdgescho� lagen eine gro�e K�che, eine Wohnstube und eine Vorratskammer. Die Steinplatten waren geschrubbt und sauber gefegt, aber ohne Binsenstreu. Zwei St�hle standen vor einem lodernden Holzfeuer. Den Kamin schm�ckte ein breites Eichenholzbord mit Silber- und Zinnbechem, die im Licht zweier vielarmiger Kerzenleuchter schimmerten. Dunkelrote Wollteppiche hingen an wei�gekalkten W�nden. Ein warmer, anheimelnder Ort, fand Athelstan, genau so, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Die beiden M�nner halfen Benedicta, das Essen zuzubereiten und aufzutischen. Erst gab es einen Brei aus Eiern und gew�rztem Brot, dann einen saftigen Hasen, in Wein gekocht, mit einem Pudding in Form einer Burg, einen Krug k�hlen Wei�wein und Rotwein, den Cranston im Handumdrehen leer getrunken h�tte.</p><p>Vincentius beherrschte die Unterhaltung mit seiner ruhigen Art. Athelstan fand sein h�fliches Benehmen und seine sanfte, wohlmodulierte Stimme faszinierend. Vincentius merkte schlie�lich, da� er zuviel redete, wechselte das Thema und erkundigte sich nach dem Tag des Ordensbruders. Athelstan erz�hlte von seinem Ausflug in den Tower und von Sir Ralph Whittons Tod. �Keiner wird ihn vermissen�, bemerkte Vincentius. �Ein finsterer, kriegerischer Mann.�</p><p>�Ihr kanntet ihn?�</p><p>Der Arzt l�chelte. �Ich habe von ihm geh�rt, aber eigentlich finde ich den Tower interessanter. Ich war gestern dort. Ein wunderbares Zeugnis der Feinsinnigkeit des menschlichen Geistes, zumal, wenn es um kriegerische Maschinen und Anlagen geht.� Vincentius nahm einen Schluck aus seinem Kelch. �Ihr sagt, man hat Sir Ralph die Kehle durchgeschnitten?�</p><p>�Ja�, sagte Athelstan. �Warum?�</p><p>�In welchem Zustand war der Leichnam, als man ihn entdeckte?�</p><p>�Wie meint Ihr das?�</p><p>�War er kalt? War das Blut geronnen?�</p><p>�Ja�, antwortete Athelstan, erinnerte sich, da� er diese Frage nicht gestellt hatte, und wechselte geschickt das Thema. �Woher kommt Ihr, Doktor?� Der Arzt stellte seinen Weinbecher behutsam hin.</p><p>�Ich bin in Griechenland geboren, als Sohn fr�nkischer Eltern. Ich habe in Cambridge studiert, sp�ter in Santiago und Salerno.� Er grinste. �In Salerno�, fuhr er fort, �habe ich die meiste Zeit darauf verwendet zu vergessen, was ich in Cambridge gelernt hatte. Die Araber haben die Medizin gr�ndlicher begriffen als wir. Sie wissen mehr �ber den K�rper des Menschen, und sie haben gute griechische �bersetzungen von Galens Kunst der Medizin und Hippokrates� Buch der Symptome.�</p><p>�Und was hat Euch nach Southwark zur�ckgebracht?� wollte Benedicta wissen.</p><p>Der Arzt l�chelte wie �ber einen geheimen Scherz. �Was spr�che dagegen?� sagte er scherzhaft. �Reichtum? Ich habe genug. Und, wie Ihr wi�t, Bruder: Die Armen brauchen jede nur m�gliche Hilfe.� Er beugte sich vor und schaute Athelstan aufmerksam an.</p><p>�Was werdet Ihr empfehlen, Doktor?� fragte Athelstan sp�ttisch. �Die Arznei des Adlers gegen schlechte Augen?�</p><p>�Was ist das?� fragte Benedicta.</p><p>�Bruder Athelstan scherzt�, sagte Vincentius. �Die Scharlatane behaupten, der Adler habe so scharfe Augen, weil er rohen Salat fri�t. Deshalb behaupten sie, die Augen mit Salatsaft einzureiben helfe gegen jede Art von Augenentz�ndung.�</p><p>�Und stimmt das?�</p><p>�Ein Haufen Unsinn ist das�, brauste Vincentius auf. �Warmes Wasser und ein sauberes Tuch leisten bessere Dienste! Nein, Bruder.� Er klopfte Athelstan sanft auf die Finger. �Was Ihr braucht, ist mehr Schlaf. Und wenn Ihr Salat habt, dann e�t ihn. Er wird Euch guttun.�</p><p>Athelstan lachte. �Wenn ich noch welchen h�tte! Der Frost hat fast alles in meinem Garten vernichtet, und Ursulas Schwein fri�t den Rest.�</p><p>Benedicta erz�hlte von Ursula und dem b�sartigen Schwein; Athelstan f�hlte sich versucht, mit Vincentius �ber die Entweihung seines Friedhofes zu sprechen, fand dann aber dieses Thema f�r ein Tischgespr�ch nicht besonders geeignet. Er warf einen Blick auf die Stundenkerze, sah, da� es sp�t war, und stand auf, um sich zu verabschieden. Als Benedicta bat, noch zu bleiben, lehnte er h�flich ab. Das Essen hatte ihm gut geschmeckt, aber jetzt war er froh, verschwinden zu k�nnen: Er war Priester, ermahnte er sich, und Benedicta war Herrin �ber ihr Leben. Er verlie� das Haus und stapfte m�de durch den Schnee. Die Nacht war kalt und schwarz, aber als er stehenblieb und zwischen den dunklen, �berh�ngenden Hausgiebeln in die H�he schaute, sah er zu seiner Freude, da� die Wolken aufzurei�en begannen. Eigentlich wollte er sofort nach Hause gehen, doch da entdeckte er Pike, den Grabenbauer, betrunken wie ein Bischof, am Weg zur Kirche. Athelstan half seinem verirrten Gemeindekind auf die Beine.</p><p>�Guten Abend, Pater.�</p><p>Athelstan zuckte zur�ck vor den D�nsten, die ihm entgegenwallten.</p><p>�Pike, Pike�, tadelte er. �Du Trottel. Du solltest bei deiner Frau im Bett liegen.�</p><p>Pike wankte davon und rieb sich die Nase. �Ich habe mich mit Leuten getroffen, Pater.�</p><p>�Das wei� ich, Pike.� Athelstan packte ihn am Arm. �Um Gottes willen, Mann, sieh dich vor! Oder willst du am Ende an irgendeinem Galgen baumeln, wo die Kr�hen dir die Augen aushacken?�</p><p>�Wir werden herrschen wie der K�nig�, lallte Pike. Er ri� sich los und machte ein paar Tanzschritte. �Als Adam pfl�gt� und Eva spann�, sang er, �wo war denn da der Edelmann?� Er grinste Athelstan betrunken an. �Aber dir wird nichts geschehen, Pater. Dir und deinem Kater und deinen bl�den Sternen!� Er lachte.</p><p>�Du bist ein Schatz! Du forderst keine Steuer! Wenn du blo�, verflucht noch mal, manchmal lachen w�rdest.�</p><p>�Ich werde, verflucht noch mal, lachen, wenn du wieder n�chtern bist�, zischte Athelstan. Und er schleifte den Grabenbauer zu seiner Frau, die w�tend in der H�tte in der Crooked Lane wartete.</p><p>Dankbar erreichte Athelstan schlie�lich St. Erconwald, sah nach, ob alle T�ren verschlossen waren, und ging dann zu seinem Haus. Erst als er auf seinem Strohbett lag und versuchte zu beten, statt an Benedictas h�bsches Gesicht zu denken, fiel ihm pl�tzlich ein, was Vincentius gesagt hatte. Was hatte der gute Arzt im Tower gesucht? Au�erdem hatte Vincentius zugegeben, da� er in dem Teil des Mittelmeerraumes ausgebildet worden war, wo auch Sir Ralph und andere gewesen waren. Ob es da einen Zusammenhang gab? Athelstan gr�belte �ber dieses Problem nach und versank bald in tiefen, traumlosen Schlaf.</p><p>*</p><p>Auch Cranston dachte an die Ereignisse im Tower, war aber zu beunruhigt, um sich zu konzentrieren. Einsam und verlassen sa� der Coroner an seinem Pult in der Kammer, seiner Kanzlei oder Schreibstube, wie er gern sagte; es war ein Zimmer, das er liebte, im hinteren Teil des Hauses gelegen, abseits der l�rmenden Cheapside. Er schaute sich um. Der Fu�boden war mit kleinen, roten und wei�en rautenf�rmigen Fliesen ausgelegt und mit wollenen Teppichen bedeckt. Die Fenster hatten Glasscheiben, und die L�den waren gegen die schneidende Zugluft fest verrammelt. Kiefernholz knackte und prasselte im kleinen Kamin, und W�rmpfannen standen auf Gestellen zu beiden Seiten des gro�en Schreibpultes. Sir John verbrachte gern seine Zeit hier, mit seiner gro�en Abhandlung �ber die Verwaltung der Stadt. Aber heute abend konnte er sich nicht entspannen; zu sehr war er abgelenkt von der unbehaglichen Atmosph�re in seinem Haus. Oh, Maude hatte er ein bi�chen fr�hlicher vorgefunden; sie hatten die �blichen Nettigkeiten ausgetauscht, aber Cranston wurde das Gef�hl nicht los, da� sie ihm etwas verheimlichte.</p><p>Als das Hausm�dchen unten eine Glocke l�utete, um zum Essen zu rufen, stemmte er �chzend seine K�rpermassen hoch und watschelte betr�bt hinunter in die von D�ften erf�llte K�che. Leif, der Bettler, kauerte am Herd und stopfte sich Hirschfleisch mit dicker Tunke in den Mund. Er grinste Sir John zu und starrte ihm �berrascht nach, als dieser bedr�ckt vorbeiging. Normalerweise begr��te Cranston ihn mit einem Schwall gutm�tiger Beschimpfungen.</p><p>Achselzuckend wandte der Bettler sich wieder seinem Essen zu. Er war guter Dinge. Lady Maude hatte ihm ein paar Pennies gegeben, und morgen w�rde er seinen Freund in der Grabbe Street besuchen. Sie w�rden in einer Schenke essen und dann nach Moorfields gehen, wo Mastiffs mit blutigen M�ulern auf sch�umende B�ren, Keiler mit m�chtigen Hauern und fette Stiere gehetzt wurden.</p><p>In dem mit Leinen ausgeschlagenen Speisezimmer war der Tisch besonders liebevoll gedeckt; auf wei�em Batist standen Kerzenleuchter aus ziseliertem Gold. Cranston warf seiner Frau einen argw�hnischen Blick zu. Sie sah gl�cklich aus. Ihre Wangen waren ger�tet, und ihre Augen blitzten vor Vergn�gen. Sir John wurde noch trauriger. Hatte Lady Maude einen anderen gefunden? Einen jungen Liebhaber, mannhafter und woll�stiger als er? Oh, er wu�te, da� so etwas oft vorkam. Die gelangweilten Ehefrauen alter M�nner und B�rger fanden oft neues Gl�ck in den Armen eines Hofgecken oder adeligen Stutzers.</p><p>Sir John lie� sich in seinen gro�en Stuhl am Kopf der Tafel sinken und dachte d�ster an die Vergangenheit. Ja, seine Heirat war damals arrangiert worden. Maude Philpott, die Tochter eines Klingenschmieds, war feierlich mit dem jungen Cranston verlobt worden. Jung? F�nfzehn Jahre �lter als sie war er gewesen, als sie einander vor der Kirchent�r begegneten, aber er war schlanker gewesen, geschmeidig wie ein Windhund, ein wahrer Hektor auf dem Schlachtfeld und ein Paris im Schlafgemach. Sir John sah seine Frau wehm�tig an, und sie l�chelte zur�ck. Sollte er davon anfangen? Sir John schluckte. Er wagte es nicht. Cranston hatte vor niemandem Angst; er hatte den K�rper eines Stieres und das Herz eines L�wen. Aber insgeheim war er auf der Hut vor seiner zierlichen, puppenhaften Frau. Oh, sie schrie niemals und bewarf ihn auch nicht mit Gegenst�nden. Sie sa� einfach da und widersprach ihm und sch�lte seine Aufgeblasenheit ab wie die H�ute einer Zwiebel, bevor sie dann schlie�lich schmollte und tagelang kein Wort mit ihm sprach.</p><p>�Sir John, ist alles in Ordnung?�</p><p>�Ja, Mylady�, murmelte Cranston.</p><p>Die Magd trug das Essen auf. Geschmorte Rindspasteten, die Teigh�lle knusprig und golden. Das Fleisch darin war mit Kr�utern gew�rzt und in einer dicken Zwiebeltunke gegart. Befeuert durch zwei gro�z�gig gef�llte Becher Rotwein, besserte sich Cranstons Laune.</p><p>�Ihr wart heute im Tower, Sir John?�</p><p>�Jawohl - wegen Sir Ralph Whitton, dem Konstabler. Gestern war er noch ganz, und heute morgen war seine Kehle durchgeschnitten.�</p><p>Lady Maude nickte; sie hatte geh�rt, da� Sir Ralph ein harter, grausamer Mann sei.</p><p>�Und Ihr, Mylady?�</p><p>�Oh, heute morgen habe ich die Haushaltsb�cher gef�hrt, und dann war ich an der frischen Luft.�</p><p>�Wo denn?�</p><p>�In Cheapside. Warum?�</p><p>�Ihr wart nicht in Southwark?�</p><p>�Bei der Heiligen Messe, Sir John, nein! Warum fragt Ihr?� Cranston sch�ttelte den Kopf und wandte den Blick ab. Er hatte gemerkt, wie ihre Stimme zitterte. Sein Herz krampfte sich zusammen, und er lie� den dunkelroten Wein pl�tschernd in seinen Becher flie�en, bis dieser randvoll war.</p><p>*</p><p>Im dunklen Tower wanderte der Hospitaliter G�rard Mowbray an der hohen Brustwehr entlang, die auf der inneren Mauer vom Broad Arrow Tower zum Salt Tower reichte. Der Nachtwind zerrte an seinem sch�tteren grauen Haar, bi� ihm in Ohren und Wangen und krallte sich in seinen grauen Umhang. Sir G�rard k�mmerte sich nicht um die K�lte. Er kam immer hierher. Hier ging er am liebsten spazieren. Oft blieb er stehen und hielt in der Dunkelheit Ausschau nach den Ruinen aus Caesars Zeiten, aber nicht heute nacht. Der Nebel war zu dicht. Im Norden konnte er noch das Leuchtfeuer im Turm von St. Mary Grace erkennen und im S�den die Feuer und den Fackelschein vom Hospital von St. Katharina. Sir G�rard schaute in den Himmel hinauf. Die Wolken rissen auf und enth�llten einen Wirbel von Sternen. Seltsam, dachte er. In Outremer wirkten die Sterne n�her, und das samtene Dunkel des Himmels war so nah gewesen, da� man auf Zehenspitzen die Lichter vom Himmel pfl�cken zu k�nnen meinte.</p><p>Mowbray lehnte sich an die Zinnenmauer. Ja, das waren gl�cklichere Zeiten gewesen! Er dachte an den brennend hei�en Sand vor Alexandria, wo er, Sir Brian, Sir Ralph und die anderen ein Trupp sorgenfreier Ritter gewesen waren, die nur zu gern das Gold des Feindes eingesackt hatten. Mowbray erinnerte sich an den H�hepunkt dieses Feldzuges. In Alexandria hatte es einen Aufstand gegeben, und das Heer des Kalifen, Mowbrays Truppe eingeschlossen, war vor der Stadt aufgezogen. Die Luft hatte vibriert im Rhythmus der Kesselpauken, die gro�en gr�nen Banner im Wind geknattert, und die silbernen Halbmonde auf den Standarten hatten in der sengenden Sonne geblitzt. Monatelang war die Stadt belagert worden; schlie�lich hatte man eine Bresche in die Mauer schlagen k�nnen. Er und Sir Brian waren als erste hineingest�rmt, hatten Schulter an Schulter mit ihren Kameraden einen k�mpfenden Ring aus Stahl gebildet, der sich langsam in die Stadt hineinschob. Die Heerscharen des Kalifen waren ihnen mit ihrem Kampfgeschrei gefolgt, das anschwoll und nachlie� wie ein d�monischer Chorgesang. Die Ritter hatten sich ihren Weg durch die Bresche gebahnt und weiter an der Mauer entlang zu den Stufen, die zur Brustwehr �ber dem Haupttor hinauff�hrten.</p><p>Sir Gerards Gedanken versanken bereitwillig in der Vergangenheit. Er dachte an die durchdringende Hitze, an das Sonnenlicht, das auf Schwertklingen und Dolchen tanzte, an das Tosen der Schlacht und das Blut, das emporspr�hte wie aus tausend Springbrunnen, wenn M�nner mit furchtbaren Wunden an Kopf, K�rper oder Bein schreiend zu Boden fielen. Langsam hatten sie sich die Treppe hinaufgek�mpft, einen Weg durch menschliches Fleisch gehackt, bis sie �ber dem Haupttor angekommen waren. Und dann, wer war�s gewesen? Nat�rlich, wie immer - Bartholomew. Er war hinuntergesprungen, hatte einen riesigen Mamelucken angegriffen, anmutig wie ein T�nzer, und sein Schwert war zur silbernen Schlange geworden. Eine Finte zum Unterleib, dann aufw�rts und im Halbkreis, genau zwischen Helm und Halsberge, hatte er den Feind aufgeschlitzt. Ralph war ihm gefolgt. Damals war er ein ehrenhafter Ritter gewesen.</p><p>Der schwere Riegel am Tor war gehoben worden, und die M�nner des Kalifen hatten sich in die Stadt ergossen. Was f�r ein Blutbad! Erbarmen wurde weder erfleht noch gew�hrt. Die engen, hei�en Stra�en hallten wider vom silbernen Schmettern der Trompeten und den Schreien sterbender M�nner und Frauen. Die Ritter hatten an diesem Massaker nicht teilgenommen; sie hatten ihre Aufgabe erf�llt und hielten jetzt nach entsprechender Belohnung Ausschau. Schlie�lich gelangten sie auf einen gro�en Platz mit einem wei�en Marmorspringbrunnen.</p><p>In der N�he stand das verlassene Haus eines Bankiers. Oh, welche Sch�tze sie dort gefunden hatten! Adam war knietief durch silberne Dukaten und juwelenbesetzte Kelche voller Perlen gewatet.</p><p>Mowbray sch�ttelte die Erinnerungen j�h ab. Er glaubte ein Ger�usch geh�rt zu haben, dort hinten am Ende der Br�stung, wo die Treppe begann. Nein, dachte er dann, es war nur der Wind. Er kehrte zu seinen Erinnerungen zur�ck. Merkw�rdig, da� Adam dieses Jahr zu Weihnachten nicht gekommen war. Vielleicht hatte er zuviel Angst gehabt. Oder hatten der tote Sir Ralph und der jetzt so reiche B�rger Adam etwas gewu�t, was er nicht wu�te? Was war vor drei Jahren passiert, da� der Konstabler solche Angst bekommen hatte?</p><p>�Wir alle f�rchten uns�, fl�sterte Mowbray. Diese Angst hatte sie alle ver�ndert. Das tut das B�se mit dir, dachte er: Es zerfri�t den Willen, l��t die Seele verrotten und erf�llt die Kammern und G�nge des Verstandes mit seinem �blen Geruch. Und was damals geschehen war, vor so vielen Jahren in Outremer, war b�se! Bartholomew war ihr Anf�hrer gewesen. Die H�lfte des Schatzes hatte ihm geh�rt, und er hatte ihnen vertraut - ein schrecklicher Fehler. Betrug! Verrat! Die Worte kreischten wie gepeinigte Geister durch die d�steren Tiefen in Mowbrays Seele. Ralph hatte es geplant, aber sie alle hatten sich beteiligt an der b�sen Tat. Mowbray stampfte mit den F��en, um die K�lte zu vertreiben. Oh, er hatte seine S�nden gebeichtet, war barfu� zum Schrein des heiligen Jakob zu Compostela gepilgert, und er und Fitzormonde waren Hospitaliter-Ritter geworden, um S�hne zu leisten.</p><p>Er starrte hinaus in die Finsternis. �O g�tiger Jesus�, betete er, �war das noch nicht genug?�</p><p>Der Hospitaliter f�hlte, wie die schwarzen D�monen der H�lle ihn umzingelten. Welches Grauen barg die ewige Verdammnis f�r den Verr�ter? W�rde man ihn mit Pech bestreichen und in eine schwarze Grube voller Schwefel werfen, wo Nattern ihm die Augen aussaugten und Ottern sich um seine l�genhafte Zunge wanden? Was konnte er tun, um sich von solchen Phantasien zu befreien? Mit Cranston reden? Nein! Vielleicht Bruder Athelstan? Mowbray dachte an die dunklen Augen und das verschlossene Gesicht des Dominikaners. Er war solchen M�nnern schon begegnet; einige seiner Oberen bei den Hospitalitern hatten die gleiche Gabe, konnten, wie Athelstan, jeden Gedanken sp�ren. Der Ordensbruder wu�te, da� hinter Sir Ralphs Tod etwas B�ses, Verkommenes steckte.</p><p>Mowbray fuhr hoch, als ein Nachtvogel hinter den Mauern kreischte. Ein Hund heulte protestierend. War es ein Hund? Oder einer von Satans Sp�hern, der die Legionen der Verdammten aus den Abgr�nden der H�lle heraufbefahl? Eine Glocke schepperte. Mowbray st�hnte voller Angst, seine Phantasiegebilde hatten ihn im Griff. Die Glocke schien aus den Eingeweiden der Erde heraufzuschallen. Fluchend versuchte er, sich zu beruhigen.</p><p>Es war die Sturmglocke des Tower! Mowbrays Hand fuhr zum Schwertgriff; diese gro�e Messingstimme erklang nur, wenn der Tower angegriffen wurde! Fest umklammerte er das Schwert. Vielleicht hatte er sich geirrt? Vielleicht war Sir Ralphs Tod das Werk von Rebellen gewesen, die jetzt zur�ckkamen? Er lief auf der kiesbestreuten Mauer entlang. Er wollte k�mpfen. Er wollte t�ten, wollte der Wut, die in ihm kochte, Luft machen. Pl�tzlich stolperte er. Er schlug mit den Armen wie ein Vogel mit den Fl�geln, rabenschwarz gegen den Himmel, und dann verlor er das Gleichgewicht und fiel, und sein Geist war noch in den Klauen des Deliriums. Er war wieder ein Junge, und er sprang von einer Klippe in einen der lieblichen Fl�sse in South Yorkshire. Er war der tapfere junge Ritter, der die Mauern von Alexandria erst�rmte und den anderen zurief, sie sollten ihm folgen. Und dann - Dunkelheit.</p><p>Mowbrays K�rper schlug krachend auf dem Boden auf, und als sein Kopf auf die scharfen, vereisten Steine traf, zerspritzte sein Gehirn. Er zuckte noch einmal und lag dann still; nur eine sterbende Hand schob sich tastend unter den Mantel zu der Tasche mit dem gelben Pergament, auf das ein Schiff gezeichnet war, mit dunklen Kreuzen in jeder Ecke.</p></section><section><title><p><strong>6. Kapitel</strong></p></title><p>Athelstan stand vor seiner Kirche und schaute voll ungl�ubiger Freude in den blitzblauen Himmel. Die fr�he Morgensonne tanzte schimmernd auf den schneebedeckten D�chern seiner Pfarrei. Der Ordensbruder atmete tief durch und seufzte. Er hatte gut geschlafen, war fr�h aufgewacht, hatte das Offizium gesprochen, die Messe gefeiert, gefr�hst�ckt und dann das Haus und Philomels Stall ausgefegt. Auf dem Friedhof war er auch schon gewesen. Die Auss�tzigen waren fort und alle Gr�ber unber�hrt. Athelstan war zufrieden, um so mehr, weil das kalte Winterwetter sich so pl�tzlich aufgeheitert hatte, als wolle Christus h�chstpers�nlich an seinem hohen Festtag sch�nes Wetter haben. Athelstan schaute sich um und l�chelte Cecily zu, die die Kirchentreppe fegte. Sie l�chelte und schaute dann mit unergr�ndlichem Blick zu Huddle hin�ber, der vertr�umt mit Holzkohle eines seiner kraftvollen Gem�lde f�r die Kirche skizzierte.</p><p>�La� dich nicht ablenken, Cecily�, brummte Athelstan, streckte sich und wandte das Gesicht zur Sonne. �Gelobt seist Du, O Herr�, betete er, �f�r den Bruder Tag. Gelobt seist Du, O Herr�, fuhr er im Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi fort, �f�r unsere Schwester, die Mutter Erde.� Er schnupperte und r�mpfte die Nase. �Auch wenn sie in Southwark eher nach saurem Gem�se und M�ll stinkt�, f�gte er im stillen hinzu. Andere sch�ne Morgen fielen ihm ein, auf dem Bauernhof seines Vaters in Sussex, und gleich schien die Sonne weniger hell zu strahlen. �Seid ihr gl�cklich, Pater?�</p><p>Athelstan l�chelte Benedicta an. �Ja. Du bist heute nicht bis zum Ende der Messe geblieben!�</p><p>�Ich konnte nicht, Pater - hattet Ihr das vergessen?�</p><p>Athelstan fiel das Datum ein, und er verzog das Gesicht. Nein, Simon, den Zimmermann, hatte er nicht vergessen - eines seiner ungeratenen Pfarrkinder, einen rotgesichtigen, vierschr�tigen Mann voller J�hzorn und mit einem langen walisischen Dolch. Vor zwei Wochen hatte Simon nach einem Saufgelage in der Old Fish Street ein M�dchen vergewaltigt und danach brutal verpr�gelt. Man hatte ihm im Rathaus den Proze� gemacht, und morgen w�rde er h�ngen. Simon besa� weder Familie noch Freunde, und vor drei Tagen hatte der Gemeinderat Athelstan und Benedicta gebeten, den Ungl�cklichen noch einmal zu besuchen. Der Ordensbruder hatte Cranston sogar um Umwandlung des Urteils gebeten, aber der Coroner hatte bedauernd den Kopf gesch�ttelt.</p><p>�Bruder�, hatte er gesagt, �selbst wenn ich wollte, ich k�nnte wenig tun: Das M�dchen ist erst zw�lf Jahre alt und wird nie mehr laufen k�nnen. Der Kerl mu� sterben.�</p><p>Athelstan schaute zum Himmel. �Gott im Himmel, erbarme Dich seiner�, sagte er leise. �Und hilf auch seinem armen Opfer!�</p><p>�Was sagt Ihr, Pater?�</p><p>�Nichts, Benedicta, gar nichts.� Athelstan wollte gerade in die Kirche zur�ckgehen, als ein junger Bote schlitternd um die Ecke kam und seinen Namen rief. Athelstan st�hnte auf. �Was gibt�s, Mann?� Als w��te er es nicht schon l�ngst.</p><p>�Sir John Cranston erwartet Euch, Pater, in der Taverne Zum Goldenen Lamm beim Rathaus. Er sagt, es sei dringend, Pater. Ihr m��t sofort kommen.�</p><p>Athelstan fischte einen Penny aus seiner Geldb�rse und warf ihn dem Jungen zu. �Lauf zu Sir John und sag ihm, er soll bleiben, wo er ist, und nicht zuviel trinken. Ich bin bald da.�</p><p>Athelstan nahm die Schl�ssel zur Kirche, die er an einer Schnur um den Leib trug, und dr�ckte sie Benedicta in die weiche, warme Hand.</p><p>�K�mmere dich um die Kirche�, bat er.</p><p>Ihre Augen weiteten sich in gespieltem Erstaunen. �Als Frau verantwortlich f�r die Kirche, Pater? Als n�chstes werdet Ihr sagen, Gott liebe die Frauen mehr als die M�nner, weil er Eva erst im Paradies erschaffen hat und nicht vorher wie Adam.�</p><p>�Es hei�t aber auch, die Schlange habe das Gesicht eines Weibes gehabt.�</p><p>�Aye, und das verlogene Herz eines Mannes.�</p><p>�Du wirst die Kirche abschlie�en?�</p><p>�So viel Vertrauen, Pater?�</p><p>Athelstan l�chelte. �Ich glaube, du wirst die Aufgabe besser erf�llen als irgendein Mann. Im Ernst, Benedicta, pa� auf, da� Ranulf nicht Bonaventura mitnimmt. Und die Kinder sollen keine Schneeballschlachten auf dem Vorplatz machen. Ursulas Schwein soll die �berreste meines Gartens in Ruhe lassen, und k�mmere dich vor allem um Cecily. Ich glaube, sie ist schon wieder drauf und dran, sich zu verlieben.� Er ging die Treppe hinunter und drehte sich noch einmal um. �Ach, Benedicta?�</p><p>�Ja, Pater?�</p><p>�Gestern abend - dieses k�stliche Essen. Ich danke dir. Ein sonderbarer Mann, dieser Doktor Vincentius.�</p><p>Benedicta l�chelte. �Nicht so sonderbar wie manche Priester, denen ich begegnet bin.�</p><p>Athelstan funkelte sie in gespielter Emp�rung an, und sie h�pfte wie ein junges M�dchen in die Kirche.</p><p>Er weckte den schnarchenden Philomel, sattelte ihn und war bald darauf unterwegs zur London Bridge. Bei den Bordellen am Flu�ufer herrschte ein so reges Treiben wie auf einem aufgew�hlten Ameisenhaufen im Sommer; Bootsleute, Matrosen und Fischer str�mten in Scharen zur Uferb�schung hinunter, um zu sehen, wie das Eis schmolz. Athelstan trieb Philomel behutsam durch das Gedr�nge an der Br�cke. Er schaute nicht nach rechts oder links; diese Br�cke zu �berqueren konnte schon an wundersch�nen Tagen ein be�ngstigendes Erlebnis sein; heute galt das um so mehr, da das Eis unter ihr brach und krachte. Athelstan schaute lieber hin�ber zu den Schiffen, die an den Docks von Billingsgate und Queenshithe hektisch lavierten. Galeonen aus der Gascogne, beladen mit Weinf�ssern, Holzfrachter f�r die Picardie, die kleinen Schalenboote aus Essex und m�chtige Schiffe aus Alamein und Norwegen, die sich zur gro�en Fahrt r�steten. Fischerboote, Barken und Leichter umschw�rmten gesch�ftig die Schiffe, und M�nner zerschlugen das Eis mit Hacken und Schaufeln und H�mmern. Auf dem hochragenden Achterkastell einer genuesischen Kogge sang ein Junge eine Hymne an die Jungfrau zum Dank f�r den Wetterumschwung, w�hrend die Matrosen auf einer griechischen Galeere singend um Gnade beteten:�Kyrie eleison, Christe eleison, kyrie eleison - Herr, erbarme Dich, Christus, erbarme Dich.� Ihr Gesang war so sch�n, da� Athelstan anhielt und mit geschlossenen Augen zuh�rte, bis ein w�st fluchender Kutscher mit seiner Peitsche knallte und br�llte, manche Leute m��ten arbeiten und k�nnten nicht herumtr�deln wie die bl�den Pfaffen. Athelstan machte ein Kreuzzeichen f�r seinen Qu�lgeist, stieg ab und f�hrte Philomel an der Kirche St. Magnus an der Ecke zur Bridge Street vorbei.</p><p>In der Candlewick Street dr�ngten sich jetzt Karren, Packpferde und Lastwagen, denn buchst�blich jeder H�ndler in der Stadt nutzte die Gelegenheit, die der Wetterumschwung bot. Athelstan ritt weiter in Richtung Walbrook. Auf der einen Seite der Stra�e flo� in einem tiefen Graben ein tr�ger Bach. Das Wasser war schwarz und voller Eisst�cke, und auf einem der kotverschmierten Stege pr�gelten zwei Halbw�chsige mit St�cken aufeinander ein. Athelstan und Philomel stapften weiter, mu�ten allerdings kurz an die �berh�ngenden H�user fl�chten, als eine Gruppe Ratsherren wichtigtuerisch die Stra�e herunterkam. Ein Herold lief vor ihnen her, die Silbertrompete an den Lippen, w�hrend zwei Ratsdiener ihnen mit empfindlichen Stockhieben den Weg frei machten. �ber den Ratsherren knatterte die Stadtflagge in prachtvollem Zinnoberrot, und die golden aufgestickte St.-Pauls-Figur schien eigenartig zu strahlen. An der Ecke der Walbrook waren Stra�enkehrer an der Arbeit; mit m�chtigen Holzrechen schoben sie Matsch und M�ll zu hohen, stinkenden Bergen zusammen. Ein B�ttel hatte ein Schwein gefunden, das sich herumtrieb, und ihm, den st�dtischen Verordnungen entsprechend, auf der Stelle die Kehle durchgeschnitten. Das Blut scho� in hei�em, rotem Strom hervor, und der Besitzer des Schweins, ein kleiner, kahlk�pfiger Mann, �bersch�ttete den Beamten mit einem Schwall grausiger Fl�che. Athelstan mu�te an Ursula und ihre gro�e, fette Sau denken und fragte sich, ob der B�ttel wohl auch nach Southwark gehen w�rde. Die Parasiten der Stadt wimmelten umher wie Fliegen �ber einem St�ck Schei�e: samth�utige Burschen, Taschendiebe, Quacksalber, Nachtwanderer, Schauspieler und t�ppische Gaukler.</p><p>Endlich fand Athelstan das Goldene Lamm, eine kleine Schenke an der Ecke einer Gasse. Der dunkle Schankraum war beherrscht von einem mi�mutigen Cranston, der mit dem R�cken zur Wand auf einer Bank hockte. Die leeren Ale-Kr�ge, die vor ihm auf dem Tisch standen, lie�en den Coroner wie einen erbosten, von Votivopfem umgebenen Bacchus aussehen. Athelstan ging auf ihn zu, und Cranston fixierte ihn.</p><p>�Wo hast du gesteckt?� fauchte der Coroner.</p><p>�Ich bin gekommen, so schnell ich konnte.�</p><p>�Das war nicht schnell genug!�</p><p>Athelstan betete im stillen um Geduld und setzte sich Sir John gegen�ber auf einen Schemel. Das Aussehen des Coroners machte ihm Sorgen. Cranston war ein Trinker, aber meist eine joviale Seele, sich seiner S�nden, Fehler und Unzul�nglichkeiten bewu�t und deshalb tolerant gegen die der anderen. Jetzt wirkte er regelrecht unheimlich; mit blitzenden Augen sah er sich st�ndig um, als hoffe er auf Streit. Seine Lippen bewegten sich lautlos, und sogar sein wei�er Schnurrbart bebte vor innerer Raserei.</p><p>�Willst du Wein, Priester?�</p><p>�Nein, Sir John, und ich glaube, Ihr habt auch genug.�</p><p>�Du kannst mich mal!�</p><p>Athelstan beugte sich vor. �Sir John, bitte, was ist los? Vielleicht kann ich helfen?�</p><p>�K�mmere dich um deinen eigenen Kram.�</p><p>Athelstan hustete und wich zur�ck. �Das wird ein sehr anstrengender Tag werden�, sagte er leise. �Ihr sagtet, der B�rgermeister und die Sheriffs wollten uns sprechen?�</p><p>�Sie haben mit mir gesprochen. Sie hatten keine Lust, auf dich zu warten.�</p><p>�Und was haben sie gesagt, Sir John?� fragte Athelstan unschuldig.</p><p>Der Coroner sch�ttelte sich und grinste Athelstan besch�mt an. �Verzeih mir, Bruder�, murmelte er. �Eine schlechte Nacht� ich habe Kopfschmerzen.�</p><p>Und eine miese Laune dazu, dachte Athelstan, hielt es aber f�r kl�ger, den Mund zu halten. Sir John w�rde schon noch reden. Cranston nagte an seiner Unterlippe und starrte w�tend in eine Ecke, wo eine dicke Ratte in der schmutzigen Binsenstreu an einem gro�en, blutigen Fettklumpen nagte. �Ist es die schwarze oder die braune Ratte, die Krankheiten �bertr�gt?� wollte er pl�tzlich wissen.</p><p>Athelstan folgte seinem Blick und sch�ttelte sich angewidert. �Ich glaube, beide. Deshalb werde ich hier nichts essen, Sir John, und ich schlage vor, Ihr tut es auch nicht. Aber sagt mir doch, was passiert ist.�</p><p>�Im Tower hat es weiteres Blutvergie�en gegeben. Sir G�rard Mowbray, der ebenfalls eine Todeswamung bekommen hatte, ist auf der Mauer ausgerutscht und abgest�rzt.�</p><p>�Und?�</p><p>�Etwa um die Zeit seines Todes wurde die gro�e Sturmglocke des Tower gel�utet, und die Garnison glaubte, der Tower werde angegriffen.�</p><p>�Aber er wurde nicht angegriffen�, sagte Athelstan. �Und bestimmt gibt es keine Spur von einem Gl�ckner.�</p><p>�Anscheinend nicht.�</p><p>�Was wollte denn der B�rgermeister?�</p><p>Athelstan sprang auf, als ein wilder Kater aus dem Schatten hervorscho�, die Ratte am Bein packte und das quiekende Tier in die Mitte des Raumes zerrte.</p><p>�Herrgott noch mal!� br�llte Cranston den Wirt an.</p><p>Der Bursche kam her�ber, schwenkte einen Besenstiel, und der Kater fl�chtete, die Beute im Maul, die h�lzerne Wendeltreppe hinauf. Cranston griff nach seinem Ale-Krug, dachte an die Ratte und knallte ihn wieder auf den Tisch.</p><p>�Der B�rgermeister, mein lieber Athelstan, hatte folgendes auf dem Herzen: Sir Adam Horne, B�rger, Ratsherr und enger Freund des verstorbenen Sir Ralph, hat die Zeichnung einer dreimastigen Kogge erhalten, und dazu einen kleinen, flachen Sesamkuchen.�</p><p>�Und wo ist Horne jetzt?�</p><p>�In seinem Speicher unten an der Themse. Seine Frau hat dem B�rgermeister davon erz�hlt, nicht er. Die Nachricht und der Kuchen wurden ihr anonym gebracht. Sie hat beides ihrem Mann gegeben und war von seiner Reaktion schockiert. Er wurde bleich und krank wie nach einem pl�tzlichen Anfall.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Heute vormittag. Die Frau ist sofort zu einem der Sheriffs gelaufen. Den Rest kennst du.�</p><p>�Lady Horne hat sehr schnell gehandelt.�</p><p>�Ja, auch der B�rgermeister ist mi�trauisch. Er glaubt, da� Lady Horne mehr wei�, als sie zugibt.�</p><p>Athelstan schaute zur T�r; eine Horde Hausierer mit verschrammten Umh�ngetabletts dr�ngte herein und br�llte w�st nach Ale. Ein ein�ugiger Bettler folgte, und f�r einen Penny war er bereit zu tanzen. Der klapperd�rre, in schmutzige Lumpen geh�llte K�rper h�pfte grotesk und unter dem h�hnischen Gel�chter der Kesselflicker von einem Fu� auf den anderen. �Ist es nicht merkw�rdig, Sir John�, meinte Athelstan leise, �wie wir Menschen ein solches Vergn�gen an der Dem�tigung anderer finden?�</p><p>Cranston dachte an Lady Maude, blinzelte und schaute weg. Athelstan wurde unmhig. �Also, Sir John, befragen wir jetzt Horne oder gehen wir zum Tower?�</p><p>Cranston stand auf. �Meine Aufgabe ist es, die Ursache des Todes zu ergr�nden�, verk�ndete er gro�spurig. �Nicht, Boteng�nge f�r die M�chtigen der Stadt zu erledigen. Also gehen wir zum Tower. Schlie�lich - wie hei�t es in der Schrift? Wo der Leichnam liegt, da sammeln sich die Geier.�</p><p>�Sir John?� Athelstan kratzte sich am Kopf. �Diese Warnung - der Sesamkuchen und das Schiff� das beunruhigt mich immer noch.�</p><p>�Was meinst du damit?� fragte Cranston schwerz�ngig und schwankte gef�hrlich.</p><p>�Nun, Horne zum Beispiel hat den Sesamkuchen als Drohung erkannt. Aber weshalb ist diese plumpe Zeichnung von einem Schiff f�r ihn und die anderen so schrecklich?�</p><p>�Alle haben Angst, weil sie L�gner sind�, fauchte Cranston. �Keiner sagt die Wahrheit.� Er funkelte Athelstan unter borstigen Brauen hinweg an.</p><p>�Was ist mit Euch, Sir John?� fragte Athelstan hartn�ckig. �Ich sp�re doch die Wut und den Schmerz, der in Euch g�rt. Ihr m��t es mir sagen.�</p><p>�Bald�, knurrte der Coroner. �La� uns gehen.�</p><p>Sie holten ihre Pferde aus dem Stall und gingen durch die kalten, vollgestopften Stra�en. Jeder Londoner schien unterwegs zu sein; die Standbesitzer versuchten, entgangene Gesch�fte wettzumachen, und die Luft war schwer vom w�rzigen Duft aus Schenken und K�chen. Sie kamen nach Comhill, und dann ging es vorbei an Leadenhall und Aldgate. Bei einer Menschenmenge blieben sie stehen, die sich an der Ecke von Poor Jewry um einen Redner dr�ngte, eine erstaunliche Gestalt mit langem, strengem Gesicht; sein Kopf war v�llig kahlgeschoren und der d�rre K�rper von Kopf bis Fu� in ein schwarzes Gewand geh�llt. Der Mann verstummte, als er Cranston erblickte, und sein Mund und Kinn strafften sich vor Wut. Der Zorn lie� seine Augen gl�hen, und Athelstan f�hlte sich an die Gestalt Johannes des T�ufers im Mummenschanz erinnert. Der Mann lie� Cranston nicht aus den Augen, holte tief Luft und reckte einen knochigen Finger in den klaren blauen Himmel.</p><p>�Weh dieser Stadt!� schnarrte er. �Weh ihren korrupten Beamten! Weh jenen, denen sie dienen, die, in Seide gekleidet, sich faul auf den Kissen l�mmeln und die B�uche mit bestem Essen und schwerstem Wein f�llen! Sie werden der Wut, die dakommt, nicht entrinnen. Wie k�nnen wir essen und trinken, wenn unsere armen Br�der und Schwestern hungern? Was werden sie uns dereinst antworten?�</p><p>Cranston trat w�tend nach vom, aber Athelstan hielt ihn am �rmel fest.</p><p>�Nicht jetzt, Sir John!�</p><p>�Wer ist das?� fauchte Cranston.</p><p>�Der Heckenpriester. John Ball. Ein gro�er Prediger�, fl�sterte Athelstan. �Der Mann ist sehr beliebt. Dies ist weder die richtige Zeit noch der richtige Ort.�</p><p>Cranston holte tief Luft, machte auf dem Absatz kehrt und stapfte weiter. Die flammende Rede des Predigers folgte ihnen bis zum Ordenshaus der Kreuzbr�der und weiter durch eine Gasse Richtung Tower.</p><p>�Eines Tages�, knirschte Cranston, �werde ich diesen Bastard h�ngen sehen!�</p><p>�Sir John, was er sagt, ist die Wahrheit.�</p><p>Der Coroner drehte sich um. Alle Wut wich, und sein Gesicht und sein K�rper schienen zu schrumpfen.</p><p>�Was soll ich tun, Athelstan? Wie kann ich die Armen von Kent ern�hren? Vielleicht esse ich zuviel, und sicher trinke ich zuviel, aber ich strebe nach Gerechtigkeit und tue, was ich kann.� Cranstons gro�e dicke H�nde flatterten wie die Fl�gel eines verletzten Vogels, und Athelstan sah den Schmerz in seinen Augen.</p><p>�In drei Teufels Namen, Bruder, ich habe ja nicht einmal meinen eigenen Haushalt im Griff.�</p><p>�Lady Maude?� fragte Athelstan.</p><p>Cranston nickte. �Ich f�rchte, sie hat einen anderen kennengelernt. Vielleicht einen Stutzer vom Hofe.�</p><p>Athelstan starrte ihn ungl�ubig an.</p><p>�Lady Maude? Niemals! Sir John, Ihr seid verr�ckt!�</p><p>�Wenn jemand anderes das zu mir sagte, w�rde ich ihn umbringen.�</p><p>�Also ich sage es. Lady Maude ist eine ehrbare Frau, und sie liebt Euch von Herzen. Allerdings frage ich mich manchmal�, knurrte er erbost, �wie sie das schafft.� Er packte den dicken Coroner beim Mantel. �Welchen Beweis habt Ihr daf�r?�</p><p>�Gestern abend habe ich sie �ber die London Bridge aus Southwark kommen sehen, aber als ich sie fragte, wo sie war, sagte sie: Nur bis zur Cheapside.�</p><p>Athelstan war im Begriff, knapp und w�tend zu antworten, aber die Worte des Coroners erinnerten ihn: Eine Woche zuvor, kurz vor dem Fest der Heiligen Jungfrau, hatte er Lady Maude in der N�he des Gasthauses in Southwark gesehen. Er hatte es merkw�rdig gefunden, dann aber vergessen. Cranstons Augen wurden schmal.</p><p>�Du wei�t etwas, nicht wahr, du verfluchter M�nch?� Athelstan wandte sich ab. �Ich bin ein Ordensbruder�, entgegnete er sanft. �Sir John, ich wei� nur, da� ich Euch und Lady Maude sehr sch�tze. Und ich wei�, da� sie Euch niemals betr�gen w�rde.�</p><p>Cranston dr�ngte an ihm vorbei. �Los!� bellte er. �Wir haben zu tun!�</p><p>Am Ende der Gasse angelangt, gingen sie den Hang hinauf und betraten den Tower durch eine Seitenpforte. Eine der Wachen nahm ihnen die Pferde ab und f�hrte sie �ber das Tower Green, das jetzt kn�cheltief von Schneematsch bedeckt war, zu Colebrooke, der sie niedergeschlagen erwartete.</p><p>�Wieder ein Toter� sagte er betr�bt. �Sir John, ich w�nschte, ich k�nnte sagen, Ihr seid mir willkommen.� Er schaute zum blauen Himmel hinauf, wo die Raben kr�chzten, und deutete in die H�he. �Ihr kennt die Legenden, Sir John? Solange die Raben hier sind, wird der Tower nicht fallen. Und wenn sie so durchdringend kr�chzen, ist das immer ein Zeichen des nahenden Todes.� Colebrooke blies sich auf die Fingerspitzen. �Ungl�cklicherweise nimmt das Lied der Raben allm�hlich kein Ende mehr.�</p><p>�Wu�te irgend jemand, da� Mowbray die gleiche Warnung erhalten hatte wie Sir Ralph?� fragte Cranston unvermittelt. Colebrooke sch�ttelte den Kopf. �Nein. Mowbray f�hlte sich unbehaglich, aber nach Sir Ralphs Tod ging es uns allen so. Er und Sir Brian zogen sich zur�ck. Gestern nacht machte Mowbray seinen �blichen Spaziergang oben auf der Mauer zwischen dem Salt Tower und dem Broad Arrow Tower. Dort war er, als die Sturmglocke l�utete. Anscheinend h�rte er den Alarm, lief los, rutschte aus und st�rzte zu Tode.�</p><p>�War niemand bei ihm auf dem Wehrgang?�</p><p>�Nein. Und wenn wir die Warnung nicht in seiner Tasche gefunden h�tten, h�tten wir das Ganze tats�chlich f�r einen simplen Unfall gehalten.�</p><p>�War es rutschig dort oben?�</p><p>�Nein, selbstverst�ndlich nicht. Sir John, Sir Ralph war �u�erst streng in diesen Dingen. Sowie das Wetter sich verschlechtert, wird jede Stufe mit Sand oder Kies bestreut.�</p><p>�Und wer hat die Glocke gel�utet?� fragte Athelstan.</p><p>�Das ist das Geheimnis. Kommt, ich zeig�s Euch.�</p><p>Sie gingen in die Mitte des Tower Green. Der Schnee war dort fast unber�hrt und t�rmte sich um einen m�chtigen Holzpfahl, an dem ein waagerechter Balken angebracht war, wie bei einem Galgen. An einem eisernen Ring hing die Sturmglocke, und vom schweren Messingkl�ppel baumelte ein langes Seil.</p><p>�Seht Ihr�, sagte Colebrooke und zeigte auf die Glocke, �sie wird nur gel�utet, wenn der Tower direkt angegriffen wird. Die Glocke ist so aufgeh�ngt, da� sie, wenn man das Seil auch nur ber�hrt, pausenlos l�utet.�</p><p>Sir John schaute hoch und nickte weise. �Nat�rlich�, sagte er. �Solch einen Mechanismus habe ich schon mal gesehen. Auch wenn die Wache verwundet ist, braucht sie die Glocke nur in Gang zu setzen, und dann schwingt und l�utet sie so lange, bis sie angehalten wird.�</p><p>�Genau!� sagte Colebrooke. �Und da liegt das Geheimnis. Ich selbst habe die Glocke angehalten. Es war niemand in der N�he.�</p><p>�Aber jemand k�nnte sie gel�utet haben und dann weggelaufen sein�, meinte Cranston.</p><p>Colebrooke sch�ttelte den Kopf. �Unm�glich. Ich kam mit einer Fackel heraus und brachte die Glocke zur Ruhe, aber als ich den Schnee untersuchte, fand ich weit und breit keine Fu�spuren.�</p><p>�Wie?� fragte Cranston. ��berhaupt keine?�</p><p>�Keine einzige, Sir John.� Colebrooke deutete auf den Schneeteppich ringsum. �Weil diese Glocke so wichtig ist�, erkl�rte er, �darf niemand ihr nahe kommen. Sogar wenn die Soldaten betrunken sind, halten sie Abstand, damit sie nicht dagegen stolpern und die Glocke in Gang setzen.�</p><p>�Und es fand sich auch sonst nichts?�</p><p>�Nichts. Nur die Klauenspuren der Raben.�</p><p>�Aber das kann nicht sein�, meinte Athelstan.</p><p>Colebrooke seufzte. �Da bin ich ganz Eurer Meinung, Pater. Und die Sache wird noch geheimnisvoller, weil die Wachen, die rund um die Wiese patrouillierten, niemanden gesehen haben, der in die N�he der Glocke gekommen w�re. Und es wurden keine Fu�spuren gefunden.� Colebrooke wandte sich ab und spuckte aus. �Zeit zum Sterben�, klagte er. �Das Lied der Raben ist das einzige, das wir h�ren.�</p><p>�Und wo waren alle?� fragte Cranston.</p><p>�Oh, Mistress Philippa hatte uns alle zum Abendessen in den Beauchamp Tower eingeladen.�</p><p>�Alle?� wiederholte Athelstan.</p><p>�Naja, die beiden Hospitaliter hatten abgesagt. Rastani ist nicht gekommen, und ich war nicht st�ndig da, weil ich meinen Rundgang machen mu�te. Ich war gerade wieder zu Mistress Philippas Gesellschaft zur�ckgekehrt, als die Glocke losging.�</p><p>�Und Ihr habt niemanden entdeckt?� Cranston blieb beharrlich.</p><p>�Niemanden�, bekr�ftigte Colebrooke. �Jetzt wird es den Soldaten unbehaglich. Sie f�hren d�stere Reden von D�monen und Gespenstern, und der Tower ist keine beliebte Garnison. Ihr kennt ja Soldaten, Sir John; sie sind schlimmer als Seeleute. Sie erz�hlen sich jetzt die alten Geschichten von der uralten Opferst�tte, auf deren �berresten der Tower angeblich steht. Vom Blut, das in den M�rtel gemischt sei, und von den Leichen in den Fundamenten.�</p><p>�Unsinn!� knurrte Cranston. �Was meinst du, Bruder?� Athelstan zuckte die Achseln. �Der Lieutenant hat vielleicht recht, Sir John. Es gibt mehr M�chte zwischen Himmel und Erde, als wir kennen.�</p><p>�Du glaubst also den Unsinn von den Gespenstern?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Aber der Tower ist ein blutiger Ort. M�nner und Frauen sind hier eines schrecklichen Todes gestorben.� Athelstan schaute sich um und schauderte trotz des strahlenden Sonnenscheins.</p><p>�Die Angst ist das eigentliche Gespenst�, fuhr er dann fort. �Sie saugt uns die Harmonie aus dem Herzen und verst�rt unsere Seele. Sie schafft eine Atmosph�re der Gefahr, der unheimlichen Bedrohung. Unser M�rder ist h�chst geschickt und intelligent. Er erreicht genau das, was er will.�</p><p>�Wer hat den Toten gefunden?� fragte Cranston.</p><p>�Fitzormonde. Als die Glocke l�utete, rannte alles umher und kontrollierte T�ren und Tore. Fitzormonde suchte Mowbray und fand die Leiche.�</p><p>�Wir werden uns den Wehrgang ansehen�, sagte Athelstan. �Master Lieutenant, ich w�re Euch dankbar, wenn Ihr alle in Mistress Philippas Gem�chern versammeln k�nntet. �bermittelt der Lady meine Entschuldigung und meine Bitte um Nachsicht, aber es ist wichtig, da� wir uns dort treffen, wo Ihr gestern abend wart, als die Sturmglocke l�utete.�</p><p>Cranston und Athelstan sahen Colebrooke nach.</p><p>�Glaubst du, da ist ein Zusammenhang?� fragte Cranston. �Wo?�</p><p>�Zwischen der Sturmglocke und Mowbrays Absturz.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Sir John.� Athelstan zog ihn am �rmel, und sie gingen �ber den menschenleeren Innenhof zu der Treppe, die zum Wehrgang hinauff�hrte. Dort blieben sie stehen und schauten an der Festungsmauer hinauf.</p><p>�Ein furchtbarer Sturz�, murmelte Athelstan.</p><p>�Du sagst, da ist ein Zusammenhang�, dr�ngte Cranston gereizt, �zwischen der Sturmglocke und Mowbrays Absturz.�</p><p>�Nur eine Hypothese, Sir John. Mowbray ging oben auf der Mauer spazieren. Wie viele alte Soldaten war er gern allein, um nachzudenken. Da steht er nun und schaut in die Dunkelheit. Er hat Warnungen erhalten: Sein Tod soll unmittelbar bevorstehen. Er ist versunken in Gedanken, Bef�rchtungen, �ngsten. Pl�tzlich gellt die Sturmglocke; also wird die gr��te Festung des K�nigreiches angegriffen.� Athelstan schaute Sir John in die traurigen Augen. �Was h�ttet Ihr getan - an Mowbrays Stelle? Schlie�lich, Sir John�, f�gte er verschmitzt hinzu, �seid auch Ihr ein Kriegsmann, ein Soldat.�</p><p>Cranston schob die Biberfellm�tze in den Nacken, kratzte sich den fast kahlen Sch�del und sch�rzte die Lippen wie Alexander der Gro�e pers�nlich. �Ich w�rde losrennen, um herauszukriegen, was dahintersteckt�, antwortete er dann nachdenklich. �Ja, das w�rde ich tun.� Er sah Athelstan an. �Nat�rlich, Mowbray wird das gleiche getan haben. Aber was ist dann passiert? Ist er ausgerutscht? Oder wurde er gesto�en?�</p><p>�Ich glaube nicht, da� er ausgerutscht ist. Mowbray d�rfte zu vorsichtig gewesen sein. Und ich bezweifle, da� er sich von irgend jemandem dort kampflos h�tte herunterst�rzen lassen.�</p><p>�Also wie dann?�</p><p>�Ich wei� es nicht, Sir John. La�t uns zun�chst die Tatsachen sichten.�</p><p>Sie wollten gerade die Treppe hinaufsteigen, als pl�tzlich eine Stimme sang: �Guten Morgen, meine Freunde!� Rothand sprang, von seinen bunten Lumpen umflattert, durch den Matsch auf sie zu. �Guten Morgen, Master Coroner. Guten Morgen, Sir Pfaffe! M�gt Ihr den alten Rothand?�</p><p>Athelstan sah das Huhn in seiner Hand zappeln. Der arme Vogel kreischte und flatterte, und seine Krallen schlugen gegen Rothands Bauch und zerrissen seine Lumpen noch mehr, aber Rothand hielt ihn fest bei der Kehle.</p><p>�Wieder ist der Tod gekommen!� sang er, und in seinen hellblauen Augen funkelte grausame Freude. �Der alte Rote Schl�chter ist zur�ckgekommen, und noch mehr Menschen werden sterben. Wartet�s nur ab. Der Tod kommt, schnapp, gerade so!�</p><p>Und ehe Athelstan und Cranston etwas tun konnten, bi� der Verr�ckte in den H�hnerhals und ri� die Gurgel heraus. Der Vogel kr�chzte noch einmal, zappelte und erschlaffte dann. Rothand starrte sie an, und sein Mund war voller Blut, Schleim und Federn.</p><p>�Tod! Tod! Tod!� sang er.</p><p>�Verschwinde!� kl�ffte Cranston. �Hau ab, du kleiner Schei�er!� Rothand drehte sich um und rannte davon; das Blut des get�teten Huhns spritzte in den Schneematsch. Cranston sah ihm nach, bis er hinter einer Mauer verschwunden war.</p><p>�In meiner Abhandlung, Bruder�, sagte er leise, �werde ich H�user f�r solche Menschen vorschlagen. Allerdings frage ich mich��</p><p>�Was, Sir John?�</p><p>�Nun, ich frage mich, ob Rothand so verr�ckt ist, wie er tut.� Athelstan zuckte die Achseln. �Wer k�nnte entscheiden, wer verr�ckt ist, Sir John? Vielleicht h�lt Rothand sich f�r den einzigen vern�nftigen Menschen hier.�</p><p>Athelstan ging voran, die steile Treppe hinauf. Sir John folgte ihm schnaufend und finstere Fl�che murmelnd. Der Wind peitschte ihre Gesichter. Auf halber H�he blieb Athelstan stehen, b�ckte sich und hob eine Handvoll des mit Kies gemischten Sandes hoch, der jede Treppenstufe bedeckte.</p><p>�Niemand w�rde hier ausrutschen, Sir John.�</p><p>�Au�er, er w�re betrunken oder unvorsichtig�, erwiderte Cranston.</p><p>�Aye, Sir John. Und ein n�chterner Soldat ist in der Tat eine Seltenheit.�</p><p>�Aye, M�nchlein, eine gro�e Seltenheit, aber nicht so selten wie ein heiliger Priester.�</p><p>Athelstan grinste und ging weiter bis zur Brustwehr hinauf. Der Wehrgang war etwa anderthalb Schritt breit und ebenso sorgf�ltig wie die Treppe mit Sand und Kies bestreut. Die beiden lehnten sich an die Br�stung. Schwer atmend sp�hte Cranston hinunter und beobachtete neugierig die Gestalten, die dort wie schwarze Ameisen den diversen Gesch�ften einer Garnison nachgingen. Dann schaute er hinauf in den blauen Himmel; zarte Wolkenschleier strahlten in der kr�ftigen Mittagssonne. Dem Coroner war pl�tzlich ziemlich schwindlig, und er verfluchte sich insgeheim, weil er so viel getrunken hatte.</p><p>�Das Alter�, murmelte er.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�In media vitae sumus in morte�, sagte Cranston. �Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, Bruder. Ich f�hle mich hier oben nicht allzu sicher. Damals in Frankreich, als ich j�nger, aber noch nicht so weise war wie heute, habe ich einen solchen Wehrgang gegen die Besten gehalten, die die Franzosen uns heraufschickten.� Cranston f�hlte, wie ihn Selbstmitleid durchstr�mte. Ob auch Maude ihn alt fand? Sir John holte tief Luft und bem�hte sich, Wut und Angst, die ihn durchzuckten, zu unterdr�cken. �Geh du weiter, Athelstan�, brummte er. �Sichte deine verfluchten Tatsachen.�</p><p>�Bleibt hier, Sir John�, sagte Athelstan leise, und lie� mutlos den Blick �ber den Kiessand wandern. �Vermutlich sind seit Mowbrays Absturz so viele hier oben gewesen, da� wir gar nichts mehr finden werden.�</p><p>Mit vorsichtigen Schritten ging Athelstan an der von Schie�scharten unterbrochenen Mauer entlang. Er ging langsam und wagte nicht, in den Abgrund zu seiner Rechten hinunterzuschauen. Immer mehr sp�rte er die K�lte, den schneidenden Wind und ein gespenstisches Gef�hl von Einsamkeit.</p><p>Der Wehrgang erstreckte sich zwischen zwei T�rmen. In der N�he des Salt Tower sah er, da� der kiesbestreute Schneematsch aufgew�hlt war. Hier hatte wohl jemand l�ngere Zeit gestanden. Athelstan untersuchte die Stelle gr�ndlich.</p><p>�Was hast du gefunden, Bruder?� br�llte Cranston.</p><p>Athelstan kam vorsichtig zur�ck.</p><p>�Mowbray stand dort, wo ich gerade stehengeblieben bin. So, Sir John - wenn Ihr jetzt vorausgehen m�chtet��</p><p>Cranston ging zur�ck, und Athelstan folgte ihm.</p><p>�Weiter, Sir John. Bleibt auf der obersten Stufe stehen.� Cranston gehorchte mit geschlossenen Augen, denn ihm ging es inzwischen gar nicht gut.</p><p>�Was ist, Bruder?� �chzte er.</p><p>Athelstan hockte sich nieder und betrachtete aufmerksam den verstreuten Kiessand. �Ich vermute, hier ist Mowbray gefallen�, sagte er. �Aber warum? Und wie?� Er untersuchte die Schie�scharten, durch die die Bogensch�tzen die Mauer verteidigen w�rden. �Seltsam�, murmelte er. �Da ist eine frische Kerbe in der Mauer, als h�tte jemand mit der Axt dagegengeschlagen. Und seht nur, Sir John�� Erhob ein paar Holzsplitter auf. �Die sind frisch.�</p><p>Cranston �ffnete die Augen. �Ja, Bruder, aber was bedeutet das?�</p><p>�Ich wei� es nicht, aber es sieht aus, als h�tte jemand eine Axt mit solcher Wucht gegen die Mauer geschlagen, da� der Stein 'abgesplittert und der Holzstiel zerbrochen ist.�</p><p>Cranston sch�ttelte ungl�ubig den Kopf.</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Athelstan. �Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen Mowbrays Sturz und diesen Spuren.� Der Dominikaner warf einen mi�trauischen Blick auf Cranstons wei�es, eingefallenes Gesicht, die tr�ben, roten Augen und bemerkte sein gef�hrliches Schwanken auf der obersten Treppenstufe. �Kommt, Sir John�, sagte er sanft, �hier sind wir fertig, und die Leute erwarten uns.�</p><p>Vorsichtig stiegen sie hinunter. Unten angekommen, war es Cranston gleich wohler, und er drehte sich um und strahlte Athelstan an.</p><p>�Gott sei Dank!� dr�hnte er. �So was geschieht nicht jeden Tag, was, Bruder?�</p><p>Gott sei Dank hast du auch nicht jeden Tag eine solche Laune, dachte Athelstan und sah sich um. In der Garnison herrschte reges Treiben. Soldaten in halbangelegter R�stung r�kelten sich auf den B�nken; trotz der K�lte wollten sie die Sonne genie�en. Einige w�rfelten, andere teilten sich einen Weinschlauch. Ein K�chenjunge lief mit einem Korb voll frischgekochtem Fleisch �ber den Platz zu einer der K�chen, wo es ger�uchert, gew�rzt, gep�kelt und f�r den Winter eingelagert werden sollte. Hammerschl�ge hallten aus der Schmiede wie eine Glocke. Irgendwo weinte ein Kind, Sohn oder Tochter eines Soldaten. Im Au�enhof befahl ein Offizier br�llend, ein Tor zu �len. Ein Hund bellte, und aus einer der K�chen drang Gel�chter. Athelstan l�chelte und entspannte sich.</p><p>Man durfte die kleinen Dinge des Lebens nicht vergessen, ermahnte er sich, denn sie hielten einen bei Verstand. Er hakte sich bei Sir John unter; sie schlenderten vorsichtig durch den schmutzigen Matsch und nahmen sich in acht vor noch nicht aufgetauten Stellen.</p><p>*</p><p>Ein W�chter f�hrte sie in den Beauchamp Tower und in Mistress Philippas Gemach im ersten Stock. Es war ein ger�umiges Zimmer mit gro�em Erkerfenster, das zum Tower Green hinausging. Die Fensterb�nke waren mit gesteppten Polstern geschm�ckt und die Fenster bunt verglast. Schon beim Eintreten sp�rte Athelstan, da� dies das Zimmer einer Frau war. Handgewebte Gobelins hingen an den W�nden; einer zeigte eine goldene Schlange im Kampf mit einem silbernen Drachen. Auf einem zweiten l�chelte das Jesuskind mit ausgestreckten Armen in seiner Krippe in Bethlehem, und die Mutter Gottes stand in goldenem Kleid und einem Mantel von tiefem Himmelblau daneben. Die Backsteine waren abwechselnd wei� und rot angemalt. In gro�en Schr�nken, deren T�ren halb offen standen, sah man Gew�nder, Kleider, Umh�nge und Kapuzenm�ntel in verschiedenen Farben und Stoffen. Ein kleines Kiefemholzfeuer flackerte im Kamin. In einer Ecke stand ein Spinnrad, die F�den straff gespannt. In der anderen war das Bett, durch einen Vorhang abgeschirmt. Ein gro�er, blankpolierter Tisch stand mitten im Zimmer; darauf waren W�rmpfannen mit gl�hender Holzkohle, Kr�utern und Gew�rzen verteilt. Ihr Duft erinnerte Athelstan an einen frischen Fr�hlingsmorgen auf dem Bauernhof seiner Eltern in Sussex. Er sah auch die T�r am anderen Ende des Raumes, die hinter einem dicken roten Teppich fast verborgen war. Athelstan grinste und zwinkerte Sir John zu. �Eine Kemenate, Mylord Coroner�, fl�sterte er.</p><p>Cranston grinste, dachte aber dann an Lady Maude, und sein Gesicht wurde lang.</p><p>Mistress Philippa erhob sich, als sie eintraten. In ihrem Temperament erinnerte sie Athelstan an Benedicta, allerdings nicht im Aussehen; sie zeigte die gleiche Fassung, und er hatte den st�hlernen Ausdruck in ihrem Blick bemerkt. War Philippa stark und skrupellos genug, um einen Mord zu begehen?</p><p>Die anderen waren bereits versammelt; sie plauderten leise miteinander wie Leute, die den Schein zu wahren suchten, obwohl ihre Anspannung f�hlbar war. Als Cranston schwerf�llig durch den Raum schwankte, brach das Gespr�ch abrupt ab. Entweder Philippa oder die feminine Atmosph�re ihres Gemaches erinnerten Cranston an Lady Maude; jedenfalls benahm er sich dem M�dchen gegen�ber pl�tzlich sehr streits�chtig. �Noch so ein verdammter Mord!� donnerte er. �Was nun, he?� Geoffrey Parchmeiner, Philippas Verlobter, erhob sich und kam her�ber. Er sah �ngstlich aus, blasser und auch n�chterner als beim letzten Mal, da Athelstan ihn gesehen hatte.</p><p>�Ein Mord, Mylord Coroner?� stammelte er. �Wie k�nnt Ihr das beweisen? Ihr kommt hier hereinstolziert - in das Gemach meiner Dame - und schreit Verd�chtigungen heraus, zeigt uns aber keinen Beweis. Wie sollen wir das verstehen?�</p><p>Athelstan sah sich um. Sir Fulke wirkte bedr�ckt und hing zusammengesunken auf seinem Stuhl. Der Kaplan hockte auf einem Schemel am Kamin, starrte in die Flammen und rang die H�nde, w�hrend Rastani, der stumme, dunkle Diener, mit dem R�cken an der Wand sa�, als sollten die Steine sich auftun und ihn verschlucken. Fitzormonde, der andere Hospitaliter, stand mit gefalteten H�nden am Fenster und starrte zu Boden, als habe er Cranston noch gar nicht bemerkt. Colebrooke wirkte verlegen, tappte mit dem Fu� auf den Boden und pfiff lau�os vor sich hin.</p><p>�Mein Verlobter hat Euch etwas gefragt�, bekr�ftigte Philippa. �Woher wi�t Ihr, da� der Ritter ermordet wurde? Und wieso interessiert Euch das, Sir Coroner? Auch mein Vater wurde ermordet - und seid Ihr dem M�rder inzwischen etwa auf die Spur gekommen?�</p><p>�Der Mord an Eurem Vater wird ges�hnt werden�, blaffte Cranston. �Was Mowbray betrifft, so hatte er das verfluchte Pergament und einen zerbrochenen Sesamkuchen bei sich. Welchen Beweis braucht Ihr noch?�</p><p>Philippa schaute ihn k�hl an.</p><p>�Nun�, br�llte Cranston, �jetzt habe ich Eure bl�de Frage beantwortet!�</p><p>�Sir John�, erwiderte sie eisig, �m��igt Euch. Mein Vater� - fast brach ihr die Stimme - �liegt aufgebahrt im Sarg in der Kapelle St. Peter ad Vincula. Ich, seine Tochter, trauere und verlange Gerechtigkeit, bekomme aber nichts au�er der anst��igen Sprache der Gassen und Gossen von Southwark. Sir, ich bin eine Lady.�</p><p>Cranstons Augen wurden schmal und b�se.</p><p>�Na und?� versetzte er, bevor Athelstan sich einschalten konnte. �Zeigt mir eine Lady, und ich zeige Euch eine Hure!�</p><p>Das M�dchen schnappte nach Luft. Ihr Verlobter sprang auf, und seine Hand griff nach dem Messer an seinem G�rtel, aber Cranston schenkte ihm nur einen ver�chtlichen Blick. Athelstan sah eine schnelle Bewegung des Hospitaliters und bemerkte mit Erschrecken, da� der Ritter einen seiner Handschuhe umklammerte.</p><p>Guter Gott! dachte der Ordensbruder, nicht hier, nicht jetzt! Das letzte, was Sir John gebrauchen kann, ist eine Forderung zum Duell!</p><p>�Sir John!� rief er. �Mistress Philippa hat recht. Ihr seid der Coroner des K�nigs. Sie ist eine Lady von hohem Stand, die ihren Vater verloren hat und nun erleben mu�, da� einen seiner Freunde ein �hnlich schrecklicher Tod ereilt.� Er packte den Coroner beim Arm und drehte ihn zu sich; dabei behielt er den Hospitaliter, der jetzt hinter ihnen stand, im Auge.</p><p>�Sir John, rei�t Euch zusammen, bitte�, sagte er leise. �Um meinetwillen.�</p><p>Cranston starrte ihn aus rotger�nderten Augen an. Er erinnerte den Bruder an den gro�en, zottigen B�ren, der unten im Hof hockte. Der Priester ber�hrte sanft Cranstons Hand.</p><p>�Sir John�, fl�sterte er. �Bitte. Ihr seid ein Gentleman und ein Ritter.�</p><p>Der Coroner schlo� die Augen, holte tief Luft, �ffnete sie wieder und grinste.</p><p>�Wenn du da bist, M�nch�, knurrte er, �brauche ich kein verdammtes Gewissen.� Er wandte sich Philippa zu. �Mylady�, sagte er, �bevor Sir Brian oder Sir Fulke� - er warf einen ver�chtlichen Blick auf den Onkel des M�dchens, der immer noch zusammengesunken auf seinem Stuhl hockte - �mich zum Duell fordern, bitte ich �berschwenglich um Vergebung.� Er schenkte ihr ein strahlendes L�cheln. �Es gibt alte M�nner, Mistress, und es gibt Trottel. Aber es gibt nichts Schlimmeres als einen alten Trottel.� Er griff nach der nicht widerstrebenden Hand des M�dchens und k��te sie auf eine Weise, um die ihn der professionellste H�fling beneidet h�tte.</p><p>�Ich war �u�erst unh�flich�, dr�hnte er. �Ihr m��t mir verzeihen, zumal jetzt, da der Leichnam Eures Vaters noch nicht unter der Erde ist.�</p></section><section><title><p><strong>7. Kapitel</strong></p></title><p>Die Atmosph�re im Raum entspannte sich. Athelstan schlo� die Augen. Guter Gott, betete er, ich danke Dir! Der Hospitaliter war drauf und dran gewesen, Sir John mit dem Handschuh zu schlagen, und dann - Athelstan kannte Cranston - w�re es zu einem Duell � outrance gekommen - bis zum Tode. Mistress Philippa l�chelte und trat ins Licht, und Athelstan begriff, wie r�pelhaft Cranston sich aufgef�hrt hatte.</p><p>Das M�dchen war kreidebleich, ihre Augen rotger�ndert und von tiefen Schatten umgeben. Aber sie sp�rte, da� Cranston sie nicht absichtlich beleidigt hatte; sie beugte sich vor und k��te ihn zart auf die Wange. Dies vergr��erte nur die Best�rzung des Coroners; er schlug die Augen nieder und scharrte mit den F��en wie ein unbeholfener Schuljunge. Philippa ging zu einem Tablett mit Bechern, f�llte zwei und brachte sie her�ber. Einen gab sie Athelstan, den anderen dr�ckte sie Sir John in die gro�e Pranke. Der Coroner betrachtete l�chelnd den Wein, hob den Becher und st�rzte ihn in einem Zug herunter. Schmatzend zwinkerte er dem M�dchen zu und hielt ihr den Becher hin, damit sie nachschenken k�nnte. Philippa gehorchte l�chelnd, und Athelstan st�hnte. Er wu�te nicht, was schlimmer war - Cranston, wenn er schmollte, oder Cranston, wenn er betrunken war.</p><p>Sir John nahm den Becher, ging zum Fenster und schaute hinaus auf den Schnee, der in der Sonne glitzerte. Die anderen r�hrten sich kaum, als seien sie ganz fasziniert von dem, was der Coroner sagte und tat. Sie beobachteten ihn so aufmerksam, wie Sch�ler ihren gef�rchteten Lehrer im Auge behalten. Cranston betrachtete den Schimmer der Sonnenstrahlen auf der gro�en Sturmglocke und drehte sich dann unvermittelt um. �Mowbray�, verk�ndete er, �ist ermordet worden. Zumindest glaube ich das. Er hat die gleiche Botschaft erhalten wie Sir Ralph. Ich glaube, er ist auf die Mauer hinaufgestiegen, und die Sturmglocke ist gel�utet worden, damit er rannte. Ich habe den Wehrgang �u�erst gr�ndlich untersucht��</p><p>Athelstan mu�te daran denken, wie Cranston kraftlos an der Brustwehr gelehnt hatte, und verbarg sein L�cheln.</p><p>�Ich habe den Wehrgang �u�erst gr�ndlich untersucht�, wiederholte Cranston und funkelte Athelstan w�tend an. �Mowbray ist nicht aus Versehen ausgerutscht. Dort oben liegt eine zolldicke Schicht aus Sand und Kies. Nein - jemand hat den Absturz geplant.�</p><p>�Hat Mowbray getrunken?� fragte Athelstan.</p><p>Cranston sah den anderen Hospitaliter an. Sir Brian sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Er war ein erfahrener Soldat�, sagte der Ritter. �Er h�tte auf einem solchen Wehrgang blind durch einen Schneesturm laufen k�nnen.�</p><p>�Was ist eigentlich gestern abend geschehen?� fragte Cranston. �Ich meine, bevor Mowbray abst�rzte?�</p><p>Sir Fulke ergriff das Wort. Er l�chelte. �Mistress Philippa hatte uns zum Abendessen eingeladen. Wir waren alle hier.�</p><p>�Ich nicht!� fauchte Fitzormonde. �Ich war in meiner Kammer und habe darauf gewartet, da� der arme Mowbray zur�ckkam.�</p><p>�Und Rastani nat�rlich auch nicht�, stotterte der Kaplan und wand sich auf seinem Schemel.</p><p>�Ja�, knurrte Fitzormonde. �Der Morisco war auch nicht hier.� Athelstan stand auf und hockte sich vor Rastani auf den Boden. Er schaute ihm in das stumme, angstvolle Gesicht.</p><p>�Mylady Philippa�, bat er �ber die Schulter, �ich m�chte mit Rastani sprechen. Allerdings vermute ich, da� er wei�, was ich ihn fragen werde.�</p><p>�Ich wei� es auch!� schrie Sir Fulke. �Ich werde f�r ihn antworten.�</p><p>�Nein, Sir, das werdet Ihr nicht!� herrschte Cranston ihn an. Athelstan ber�hrte Rastanis Hand. Sie war kalt wie Eis. Der Ordensbruder schaute in ein Paar feuchte schwarze Augen. Der Mann hatte gro�e Angst, aber wovor? Vor der Entdeckung? Vor der Enttarnung?</p><p>�Wo warst du, Rastani?� fragte er.</p><p>Neben ihm machte Philippa seltsame Geb�rden mit den Fingern, und Rastani antwortete in derselben Zeichensprache.</p><p>�Er sagt, er hat schrecklich gefroren�, �bersetzte Philippa. �Er ist im alten Gemach meines Vaten im White Tower geblieben.�</p><p>�Er ist leichtf��ig wie eine Katze�, bemerkte Cranston. �Er k�nnte in der Festung umherschleichen, ohne da� irgend jemand ihn bemerken w�rde.�</p><p>�Was wollt Ihr damit andeuten, Sir John?� fragte Philippa. �Rastani k�nnte die Glocke gel�utet haben.�</p><p>�Wie, um alles in der Welt, h�tte er das tun k�nnen, ohne Fu�abdr�cke zu hinterlassen?� h�hnte Geoffrey und trat neben Philippa.</p><p>Cranston l�chelte. �Mit einem Schneeball.�</p><p>Colebrooke schnaubte. �Ich habe Euch doch schon gesagt, Sir John, da� der Platz rings um die Glocke von Wachen einzusehen war. Und ihnen ist niemand aufgefallen.�</p><p>Cranston schniefte ger�uschvoll und schaute sehns�chtig auf seinen inzwischen geleerten Weinbecher.</p><p>�Bevor Ihr fortfahrt�, meinte Fitzormonde, �und dar�ber spekuliert, wo ich denn wohl gewesen sein k�nnte, darf ich Euch sagen, da� ich in meiner Kammer war und mich dort niemand gesehen hat.� Er funkelte Cranston erbost an. �Aber ich bin Priester, Ritter und Gentleman. Ich bin kein L�gner.�</p><p>�Und warum seid Ihr dort geblieben, Sir Brian?� fragte Athelstan taktvoll.</p><p>Sir Brian zuckte die Achseln. �Weil ich Angst hatte. Auch ich habe einen Todesbrief erhalten.� Er zog ein Pergament unter seinem Mantel hervor. Cranston ri� es ihm fast aus der Hand. Der Hospitaliter hatte recht. Es war die gleiche Zeichnung, die auch Sir Ralph Whitton und Mowbray bekommen hatten: ein grob gezeichnetes Schiff unter vollen Segeln und in jeder Ecke des Pergaments ein schwarzes Kreuz.</p><p>�Der Sesamkuchen war auch dabei�, murmelte Fitzormonde. �Aber ich habe ihn weggeworfen.�</p><p>�Als Mowbray gest�rzt war�, fragte Cranston pl�tzlich, �hat da noch jemand den Wehrgang inspiziert?�</p><p>�Ja - Fitzormonde, Colebrooke und ich�, bekannte Sir Fulke. �Als die Alarmglocke l�utete, rannten wir alle aus dem Zimmer.</p><p>Der Hospitaliter war bei uns, als Mowbrays Leiche gefunden wurde. Unser junger Galan dort� - er deutete ver�chtlich auf Geoffrey - �wurde gebeten, uns auf die Mauer zu begleiten, aber es ist allgemein bekannt, da� er unter H�henangst leidet.� Geoffrey err�tete verlegen und wandte den Blick ab.</p><p>�Onkel!� murrte Philippa. �Das ist nicht fair.�</p><p>�Unfair ist�, unterbrach Cranston, �da� wir so wenig �ber den gestrigen Abend wissen. Mistress Philippa, um welche Zeit haben Eure G�ste sich versammelt?�</p><p>�Gleich nach der Vesper, gegen acht Uhr.�</p><p>�Und alle, au�er Rastani und dem Hospitaliter, sind gekommen?�</p><p>�Ja, ganz recht.�</p><p>Cranston wandte sich an den Hospitaliter. �Und Ihr wart wo?�</p><p>�In meiner Kammer.�</p><p>�Und Mowbray?�</p><p>�Auf dem Wehrgang.�</p><p>�Das hei�t also�, sagte Cranston und tat einen tiefen Seufzer, �w�hrend Mowbray auf der Mauer br�tete, waren alle anderen bis auf Fitzormonde hier.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wieviel sp�ter hat die Glocke gel�utet?�</p><p>�Ungef�hr zwei, drei Stunden.�</p><p>�Und inzwischen ist niemand weggewesen?�</p><p>�Nur Colebrooke, weil er seine Runden machen mu�te, und andere, wenn sie einen gewissen Ort aufsuchen mu�ten - aber der liegt gleich hier am Gang.� Das M�dchen l�chelte matt. �Wir haben alle viel getrunken.�</p><p>Athelstan hob die Hand. �Das soll uns jetzt nicht interessieren.� Er nahm Cranston das Pergament aus der Hand, ging zu dem Hospitaliter und hielt ihm die Zeichnung unter die Nase. �Sir Brian, was hat das zu bedeuten?�</p><p>Der Ritter wandte den Kopf ab.</p><p>�Sir Brian Fitzormonde�, wiederholte Athelstan. �Ihr werdet bald vor dem Richterstuhl Gottes erscheinen. Bei Euerm Gel�bde als Ritter frage ich Euch, was hat dieses Pergament zu bedeuten?�</p><p>Der Hospitaliter blickte auf. Die rotger�nderten Augen in dem blassen, ernsten Gesicht gaben Athelstan das Gef�hl, einen Mann vor sich zu sehen, der bereits von den gro�en schwarzen Schwingen des Todes �berschattet wurde. Der Bruder beugte sich vor, bis er die feinen roten Adern in den Augen des Ritters und in der staubiggrauen, fahlen Wangenhaut sehen konnte. Fitzormonde war wahrscheinlich ein mutiger Mann, aber Athelstan konnte den Gestank der Angst, der von ihm ausging, fast schmecken.</p><p>�Bei Euerm Gel�bde vor Jesus�, fl�sterte Athelstan. �Sagt die Wahrheit.�</p><p>Sir Brian hob den Kopf und fl�sterte Athelstan etwas ins Ohr. Der Dominikaner wich �berrascht zur�ck, nickte aber.</p><p>�Was hat er gesagt?� wollte Cranston wissen.</p><p>�Sp�ter, Sir John.� Athelstan wandte sich den anderen zu. �Was ist gestern abend hier vorgegangen?� Er lenkte die Befragung in eine andere Richtung.</p><p>Sir Fulke, dessen Miene jetzt die gewohnte falsche Leutseligkeit ausstrahlte, beugte sich vor. �Meine Nichte wollte sich bedanken, weil wir nach Sir Ralphs Tod so g�tig zu ihr waren. Wir haben wie Freunde zusammengesessen und gegessen, von alten Zeiten geplaudert und von dem, was in Zukunft geschehen mag.�</p><p>�Und niemand hat den Raum verlassen?�</p><p>�Erst als die Glocke l�utete.�</p><p>�Nein, Sir Fulke�, unterbrach Geoffrey. �Bedenkt, Ihr habt viel getrunken.� Er l�chelte unaufrichtig. �Vielleicht zuviel, um Euch noch zu erinnern. Der Priester ist gegangen.� Geoffrey deutete auf den Kaplan, William Hammond, der auf seinem Schemel vor dem Feuer hockte wie eine Kr�he. �Erinnert Ihr Euch, Kaplan? Ihr seid verschwunden.�</p><p>�Ja. Ich bin in mein Zimmer gegangen�, gab der Kaplan zu. �Ich hatte dort noch Wein.� Er warf Geoffrey und Colebrooke b�sartige Blicke zu. �Ein Mitglied meiner Gemeinde hat ihn mir geschenkt. Er stammt nicht aus der Vorratskammer des Tower, wenn Ihr das denkt.� Er zuckte die Achseln. �Ja, ich hatte zuviel getrunken, war nicht mehr sicher auf den Beinen und brauchte eine Weile f�r den R�ckweg. Ich wollte gerade den Beauchamp Tower betreten, als die Glocke zu l�uten begann.�</p><p>�Und dann?� fragte Athelstan. Er sah Colebrooke an und merkte pl�tzlich, da� der Lieutenant seine eigenen Unternehmungen kaum erw�hnt hatte. �Nun, Lieutenant? Was geschah dann?�</p><p>�Nun, die Glocke l�utete. Ich und die anderen verlie�en Mistress Philippa. Die Garnison wurde in Alarmzustand versetzt, alle Tore wurden kontrolliert. Dann verstreuten wir uns und versuchten festzustellen, was passiert war. Fitzormonde entdeckte Mowbrays Leiche, wir kamen dazu, und dann erschien auch Master Parchmeiner. Wir untersuchten den Toten, und ich stieg auf den Wehrgang.�</p><p>�Und?� bellte Cranston.</p><p>�Ich habe nichts gefunden. Aber das L�uten der Alarmglocke beunruhigte uns mehr.�</p><p>�Von dem, der sie gel�utet hatte, habt Ihr keine Spur gefunden?� fragte Athelstan.</p><p>�Nein. Das habe ich Euch doch schon gesagt.�</p><p>Athelstan schaute mutlos in die Runde. Wie konnte eine Glocke l�uten, ohne da� jemand erkennbar am Seil zog? Ohne da� �berhaupt in der N�he der Glocke eine Spur gefunden wurde? Was war geschehen? Und wie konnte der Gl�ckner unbemerkt quer durch den Tower laufen und Mowbrays Sturz arrangieren? Athelstan holte tief Luft.</p><p>�Wo ist Mowbrays Leiche jetzt?�</p><p>�Sie ist bereits ins Leichentuch gewickelt�, sagte Philippa. �Aufgebahrt im Sarg vor dem Chorgitter.�</p><p>�Und ich werde ihm dort Gesellschaft leisten�, murmelte Fitzormonde. Er blickte auf und l�chelte matt. �O ja, ich trage das Zeichen des Todes.�</p><p>Der Satz schwebte in der Luft wie ein Pfeil.</p><p>Als ein lautes Schnarchen von Cranston das Schweigen brach, fuhr Athelstan herum. Er h�rte Geoffrey kichern, und sogar die bleiche Philippa l�chelte. Der Kaplan grinste s�uerlich, und Sir Fulke prustete vor Lachen.</p><p>�Sir John hat zahlreiche kr�fteraubende Probleme�, erkl�rte Athelstan. �Mistress Philippa, d�rfen wir f�r eine Weile Eure G�ste sein?� Er sah Colebrooke an. �Master Lieutenant, ich mu� mit Sir Brian reden. Gibt es hier ein Zimmer, in dem wir ungest�rt sind?�</p><p>Philippa deutete auf die T�r am anderen Ende des Raumes. �Am Ende des Korridors ist ein kleines K�mmerchen.� Sie err�tete. �Gleich hinter dem Abtritt. Dort wird es warm sein. Ich habe heute morgen ein Kohlebecken hineinstellen lassen.� Athelstan verneigte sich, l�chelte den anderen schmallippig zu, warf einen verzweifelten Blick auf den schnarchenden Cranston und ging mit Sir Brian hinaus. Zur Linken lag, hinter einem Vorhang an einer Eisenstange, der Abtritt. Athelstan zog den Vorhang beiseite und r�mpfte die Nase ob des Geruchs. Es war ein einfacher Abort - eine kleine Nische mit einem Latrinensitz unter einem kleinen, offenen Fenster, das auf das Tower Green hinausging.</p><p>�Der Abflu� geht in den Wassergraben�, sagte Sir Brian leise. Athelstan nickte, lie� den Vorhang fallen und ging weiter. In der Kammer am Ende des Ganges duftete es besser, und sauberer war es auch. Die W�nde waren gekalkt, die Fenster fest geschlossen. Athelstan setzte sich auf einen Schemel und deutete auf eine Bank an der Wand.</p><p>�Setzt Euch, Sir Brian. Und jetzt sagt, was Ihr wollt.�</p><p>Sir Brian fiel pl�tzlich vor Athelstan auf die Knie und machte ein Kreuzzeichen. Athelstan schaute sich verzagt um. Er ahnte, was kommen w�rde.</p><p>�Segne mich, Vater�, murmelte Fitzormonde, �denn ich habe ges�ndigt. Und dies ist meine Beichte.�</p><p>Athelstan lehnte sich zur�ck, und die Beine des Schemels scharrten auf dem Steinboden. �Das geht nicht!� fl�sterte er. �Sir Brian, Ihr habt mich hereingelegt. Was immer Ihr mir jetzt sagt, f�llt unter das Beichtgeheimnis.�</p><p>�Das wei� ich�, zischte Fitzormonde. �Aber meine Seele steckt tief in schw�rzester S�nde.�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf und wollte aufstehen. �Das geht nicht�, wiederholte er. �Was Ihr mir beichten wollt, darf ich nur auf Befehl des Heiligen Vaters, des Papstes in Avignon, offenbaren. Sir Brian, das ist �u�erst unfair. Warum solche Tricks?� Fitzormonde blickte auf, und seine Augen schimmerten feucht. �Das ist kein Firlefanz�, sagte er. �Vater, ich will beichten. Ihr m��t mir die Beichte abnehmen. Ich bin ein S�nder in periculo mortis.�</p><p>Athelstan seufzte. Sir Brian hatte recht. Das kanonische Recht war in dieser Frage �beraus streng: Ein Priester war verpflichtet, einem Menschen, der sich in Todesgefahr glaubte, die Beichte abzunehmen. Abzulehnen w�re eine schreckliche S�nde gewesen. �Also gut�, fl�sterte Athelstan.</p><p>Wieder machte Sir Brian das Kreuzzeichen.</p><p>�Segne mich, Vater, denn ich habe ges�ndigt. Meine letzte Beichte liegt viele Jahre zur�ck, und ich bekenne im Angesicht Gottes und voller Hoffnung auf seine g�ttliche Gnade im Herannahen des Todes.�</p><p>Athelstan schlo� die Augen. Er lauschte der Litanei der S�nden: unreine Gedanken und Taten, die Gel�ste des Fleisches, Habgier, Ungeduld, �ble Reden und kleinlicher Zank, der in jeder Gemeinschaft vorkommt. Sir Brian sprach von seinem Kampf gegen die S�nde, von seinem Willen, Gutes zu tun, von seinem best�ndigen Scheitern.</p><p>Als erfahrener Beichtvater sah Athelstan, da� Sir Brian ein guter, aber tief verst�rter Mann war. Endlich war der Hospitaliter fertig; er lie� sich auf die Fersen sinken, hielt aber den Kopf gesenkt.</p><p>�Ich bin ein S�nder, Vater�, fl�sterte er.</p><p>�Gott wei�, da� wir alle S�nder sind, Sir Brian�, antwortete Athelstan. �Jene, die begreifen, da� sie S�nder sind, beichten und bem�hen sich, nach dem Guten zu streben. Ihr seid einer von ihnen. Andere sind wie die Pharis�er; Ihnen kann man nicht vergeben, denn sie glauben, nie etwas Unrechtes zu tun.� Athelstan beugte sich vor. �Wollt Ihr jetzt die Absolution?� Er hob die Hand. �Te absolvo�, intonierte er. �Ich spreche dich los von deinen S�nden.�</p><p>�Halt!� Sir Brian hob den Kopf, und Athelstan sah Tr�nen auf den bleichen, hageren Wangen.</p><p>�Da ist noch mehr?� fragte er sanft.</p><p>�Nat�rlich ist da noch mehr!� keuchte Fitzormonde. �Ich bin ein M�rder, Vater. Ein Meuchelm�rder. Ich habe meinem Freund das Leben genommen. Nein! Nein!� Er sch�ttelte den Kopf, als rede er mit sich selbst. �Ich habe an einem Mord teilgehabt. Ich habe weggesehen.�</p><p>Athelstan versuchte, das Kribbeln der inneren Erregung zu verbergen, die tiefe Neugier eines Priesters, der in der Beichte sieht, wie eine Seele sich entbl��t.</p><p>�Wer wurde ermordet?� fragte er leise.</p><p>Sir Brian sch�ttelte den Kopf und schluchzte wie ein Kind.</p><p>�Sir Brian.� Athelstan klopfte ihm leicht auf die Schulter. �Setzt Euch, Mann! Los, setzt Euch hin!�</p><p>Sir Brian lie� sich auf die Bank fallen. Athelstan schaute sich in der Kammer um und entdeckte auf der Truhe Weinkrug und Becher. Er stand auf, f�llte einen Becher und dr�ckte ihn Fitzormonde in die Hand.</p><p>�Das Kirchenrecht�, meinte er l�chelnd, �verbietet nicht, da� man w�hrend der Beichte etwas trinkt.� Er wischte sich die schwei�feuchten H�nde an der Kutte ab. �Oder, um mit dem heiligen Paulus zu sprechen: Nehmt um des Magens willen ein wenig Wein zu euch.�</p><p>Sir Brian nahm einen Schluck und l�chelte. �Aye, Vater�, sagte er, �und, wie die R�mer sagten, in vino veritas. Im Wein liegt Wahrheit.�</p><p>Athelstan nickte, zog seinen Schemel heran und setzte sich. �Erz�hlt mir, Sir Brian, die Wahrheit �ber diesen Mord, in Euren eigenen Worten und so, wie Ihr wollt.�</p><p>�Es war vor vielen Jahren�, begann Fitzormonde. �Ich war ein wilder junger Mann, ein Ritter, der davon tr�umte, Kreuzfahrer zu werden. Meine Freunde waren alle �hnlich gesonnen. Wir kamen alle aus London oder aus der Umgebung: Ralph Whitton, G�rard Mowbray, Adam Horne und �� Seine Stimme versagte. �Und wer?�</p><p>�Unser Anf�hrer, Bartholomew Burghgesh aus Woodforde in Essex.� Fitzormonde holte tief Luft. �Der Krieg in Frankreich war vor�ber. Du Guesclin erneuerte die franz�sische Armee, unser alter K�nig wurde allm�hlich tatterig, und in Frankreich wurden englische Schwerter nicht l�nger gebraucht; also reisten wir nach Outremer. Wir boten unser Schwert dem K�nig von Zypern an. Zwei Jahre verbrachten wir dort, und wir badeten in Blut. Schlie�lich entlie� uns der zypriotische K�nig aus seinen Diensten, und wir hatten nichts au�er unserer Kleidung, den Pferden, R�stungen und den Wunden aus den Schlachten. Da wurden wir S�ldner im Heer des Kalifen von �gypten.�</p><p>�Ihr alle?� fragte Athelstan.</p><p>�Ja, ja. Wir waren immer noch wie Br�der, wie David und Jonathan.� Fitzormonde l�chelte. �Wir f�rchteten nichts. Wir hatten ja einander, und wir teilten alles. Da gab es in Alexandria einen Aufstand. Unser Anf�hrer, Bartholomew, wurde vom Kalifen beauftragt, sich seinen Satrapen anzuschlie�en und den Aufstand niederzuschlagen.� Fitzormonde nahm einen Schluck Wein. �Es war ein blutiges Gesch�ft, aber schlie�lich konnten wir eine Bresche in den Verteidigungsring schlagen, und Bartholomew f�hrte uns hindurch.� Der Hospitaliter sah Athelstan in die Augen. �Wir hackten uns einen Weg durch Mauern aus Menschenfleisch. Glaubt Ihr, da� man die Pflastersteine nicht mehr sah, weil das Blut wie Wasser dar�ber hinstr�mte? Die Truppen des Kalifen folgten uns, und dann ging das Schlachten erst richtig los. M�nner, Frauen und Kinder sprangen �ber die Klinge.� Fitzormonde verstummte und wischte sich mit dem Handr�cken �ber den Mund. �Auch das, Vater, will ich beichten, obwohl ich keinen Anteil daran hatte. Bartholomew f�hrte uns weg. Wir fanden ein Kaufmannshaus voller Sch�tze.� Fitzormonde schlo� die Augen und erinnerte sich an das, was vor so langer Zeit in jener sonnendurchfluteten Stadt geschehen war. �Die Befehle des Kalifen waren streng�, fuhr er fort. �Als S�ldnern war es uns nicht erlaubt zu pl�ndern, und so konnten wir mit dem gr��ten Teil der Sch�tze nichts anfangen. Aber Bartholomew fand einen schweren Beutel mit Gold.� Der Ritter zeigte auf den Strick, den Athelstan um den Leib trug. �Denkt Euch den zehnmal so dick, Vater. Zwei schwere Streifen Leder, zusammengen�ht und mit Geld vollgestopft. Und jede M�nze war aus purem Gold. Ein k�niglicher Schatz in einem Lederg�rtel. Es m�ssen Tausende gewesen sein.�</p><p>Wieder verstummte Fitzormonde. Er war in die Vergangenheit zur�ckgekehrt, stand blutbeschmiert da und starrte mit offenem Mund auf den Geldg�rtel, den Bartholomew in einem Versteck unter den Bodenfliesen gefunden hatte.</p><p>�Und was geschah dann?� fragte Athelstan.</p><p>Fitzormonde l�chelte. �Bartholomew tat etwas Mutiges. Er sagte, er wolle abwarten, ob der Kalif uns belohnen w�rde, weil wir die Bresche geschlagen haben. Er tat es nicht, also behielt Bartholomew den G�rtel.�</p><p>�Wieso war das mutig?�</p><p>�Nun, wenn er ertappt worden w�re, h�tte man ihn von der Kehle bis zum Unterleib aufgeschlitzt, ihm die Genitalien abgerissen und in den Mund gestopft, und dann w�re er enthauptet und der Kopf auf eine Stange �ber dem Stadttor aufgespie�t worden. Bartholomew war bereit, die B�rse zu verstecken, stellte aber die Bedingung, da� er die H�lfte bekam und wir den Rest. Wir waren einverstanden, flohen in der Nacht aus dem Heerlager des Kalifen und fuhren �bers Meer nach Zypern.�</p><p>�Daher das Schiff?� fragte Athelstan.</p><p>�O nein. Wir kamen wohlbehalten auf Zypern an, aber der Kalif schickte uns Assassinen hinterher, Haschischoni, die Anh�nger des Alten vom Berge, erfahrene Meuchelm�rder, die nachts kamen. Sie f�hlten sich so sicher, da� sie uns ihre Ankunft sogar ank�ndigten.�</p><p>�Mit einem flachen, kleinen Sesamkuchen?� fragte Athelstan. �Ja. Aber Bartholomew erwartete sie. Eines Nachts schlichen sie sich in unser Haus. Aber er hatte daf�r gesorgt, da� wir auf dem Dach schliefen, und er beobachtete unsere Schlafkammer durch eine Ritze von oben. Wi�t Ihr, Bartholomew zeigte �berhaupt keine Angst�, sagte er mit tr�umerischer Stimme. �Er sperrte alle drei in die Kammer und brachte sie um.� Sir Brians Stimme brach. �Er war der Beste - Bartholomew, meine ich. Er war ehrenhaft und anst�ndig. Ich habe nie einen furchterregenderen K�mpfer gesehen. Aber wir haben ihn ermordet.� Athelstan stand auf, holte den Weinkrug und schenkte dem Mann nach.</p><p>�Fahrt fort, Sir Brian.�</p><p>�Bartholomew wollte nach Hause in sein Landhaus in Woodforde. Seine Frau war kr�nklich, und er f�rchtete um das Leben seines kleinen Sohnes. Au�erdem hatte er Schwierigkeiten mit Sir Ralph Whitton.� Fitzormonde starrte in seinen Weinbecher. �Ralph war die Raupe auf der Rose. Ich glaube, insgeheim war er eifers�chtig auf Bartholomew. Er fing an, gegen die Aufteilung des Schatzes zu protestieren, aber Bartholomew nahm ihn nicht ernst. Er fand, ein Handel sei ein Handel: Er hatte den Schatz gefunden, er hatte den Zorn des Kalifen riskiert, und er hatte die drei Assassinen get�tet. Aber er vertraute seinen Blutsbr�dern und lie� den Schatz bei uns, als er Zypern zu Schiff verlie�.� Fitzormonde starrte Athelstan an, und der Ordensbruder ahnte pl�tzlich, was sich hinter den Zeichnungen auf dem Pergament verbarg.</p><p>�Was geschah mit dem Schiff, Sir Brian?�</p><p>Der Ritter leerte seinen Weinbecher in einem Zug. �Ein paar Tage sp�ter erfuhren wir, da� Whitton dem Kalifen eine geheime Botschaft gesandt hatte.� Er zuckte die Achseln. �Der Rest ist klar. Das Schiff, auf dem Bartholomew reiste, wurde aufgebracht und versenkt.�</p><p>Athelstan fuhr herum, als die T�r krachend aufflog. Cranston stand mit b�ser Miene und tr�ben Augen im T�rrahmen. �Verdammt, was ist los, M�nch?� schrie er. �Wo zum �� Cranston lie� einen obsz�nen Fluch h�ren und funkelte den Ritter an. �Wollt Ihr mich noch immer herausfordem, Sir Brian?� Athelstan sprang auf, packte Cranston beim Arm, schob ihn hinaus und schlo� die T�r.</p><p>�Sir John!� fauchte er dann. �Ich nehme diesem Mann die Beichte ab.�</p><p>Cranston versuchte, ihn beiseite zu schieben. �In drei Teufels Namen�, erwiderte er, �das ist mir schei�egal.�</p><p>�Sir John, dies hat nichts mit Euch zu tun.�</p><p>Mit aller Kraft stie� er Sir John zur�ck, der taumelnd den Gang hinunterstolperte. Als Cranston sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, zog er einen langen, gef�hrlich aussehenden Dolch aus der Scheide und kam langsam, den Blick starr auf Athelstan gerichtet, zur�ck. Der Ordensbruder versperrte ihm die T�r.</p><p>�Was habt Ihr vor, Sir John?� fragte er leise. �Wollt Ihr, der Lord Coroner, einen Priester ermorden, einen Kollegen und Freund?�</p><p>Sir John blieb stehen, sackte gegen eine Wand und starrte hinauf zu den dicken Deckenbalken, die auf ihren Kragsteinen ruhten. �Gott verzeih mir, Athelstan�, fl�sterte er. �Ich bitte auch Sir Brian um Vergebung; sag ihm das. Ich warte unten auf dich.� Der Ordensbruder kehrte ins Zimmer zur�ck. Fitzormonde sa� noch immer auf der Bank und hatte das Gesicht in den H�nden vergraben. Athelstan ber�hrte leicht seine Schulter.</p><p>�K�mmert Euch nicht um Cranston�, sagte er. �Sein Bellen ist schlimmer als sein Bi�. Sir Brian, ich soll Euch die Beichte abnehmen. Burghgesh wurde also ermordet. Die Schuld liegt doch sicher bei Sir Ralph.�</p><p>Fitzormonde sch�ttelte den Kopf und blickte auf. �Ihr braucht mich nicht in Schutz zu nehmen, Vater. Ralph sagte uns, was er getan hatte. Wir h�tten es verhindern k�nnen. Wir h�tten Sir Ralph vor Gericht bringen, das Meer absuchen k�nnen, um zu sehen, ob Bartholomew vielleicht �berlebt hatte.�</p><p>�K�nnte das sein?�</p><p>�Vielleicht. Manchmal verkaufen die Mohren Gefangene auf dem Sklavenmarkt. Aber wir suchten auch dort nicht. Wir h�tten uns um Bartholomews Witwe und seinen kleinen Sohn k�mmern k�nnen, aber auch das haben wir nicht getan. Wir h�tten Sir Ralph hinrichten sollen. Statt dessen wurden wir seine Komplizen und teilten uns den unverdienten Reichtum.�</p><p>�Was ist aus Bartholomews Witwe geworden?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Unsere Wege trennten sich. Irgendwann plagte das Gewissen Mowbray und mich so sehr, da� wir zu den Hospitalitern gingen und dem Orden unseren Besitz �bereigneten. Horne kehrte nach London zur�ck und kam durch sein Geld zu gro�er Macht. Whitton trat bei John von Gaunt in Dienst.� Fitzormonde stellte den Becher vor sich auf den Boden. �Erst als Whitton tot war, wurde mir klar, wie sehr er uns alle in einem b�sen Bann gehalten hatte.� Fitzormonde schwieg. Dann fragte er: �Habt Ihr den gro�en B�ren im Hof des Tower gesehen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Jeden Nachmittag gehe ich hin und starre ihn an. Das Tier ist eine m�rderische Bestie, aber er fasziniert mich. Whitton war genauso. Er hat aus seiner Schuld ein Band geschmiedet, das uns alle zusammenhielt. Im Laufe der Jahre wurden wir immer zuversichtlicher; wir hielten unser Verbrechen f�r vergessen und begannen, jedes Jahr zusammen Weihnachten zu feiern. Dabei sprachen wir kein Wort �ber Bartholomew.�</p><p>Athelstan nickte. �Das ist das Schreckliche an der S�nde, Sir Brian. Wir lassen zu, da� sie ein Teil unser selbst wird, wie ein fauler Zahn, den wir ertragen und schlie�lich vergessen.� Fitzormonde rieb sich das Gesicht.</p><p>�Aber was ist vor drei Jahren passiert?� fragte Athelstan.</p><p>�Ich wei� nicht. Wir kamen zur Weihnachtszeit als Ralphs G�ste in den Tower und a�en wie gew�hnlich in der Goldenen Mitra in Petty Wales, aber als wir Sir Ralph begegneten, sah er aus, als h�tte er ein Gespenst gesehen. Er behauptete tats�chlich, eines gesehen zu haben, aber mehr wollte er nicht sagen.�</p><p>Athelstan ergriff das Handgelenk des Mannes und zwang ihn aufzublicken. �Habt Ihr jetzt alles gebeichtet, Sir Brian?�</p><p>�Alles, was ich wei�.�</p><p>�Und das Pergament?�</p><p>�Soll uns an das Schiff erinnern, auf dem Bartholomew segelte.�</p><p>�Und die vier Kreuze?�</p><p>�Stehen f�r Bartholomews vier Gef�hrten.�</p><p>�Und der Sesamkuchen?�</p><p>Fitzormonde seufzte. �Eine Erinnerung daran, da� Bartholomew uns vor den Assassinen gerettet hat, und eine Warnung vor unserem eigenen nahenden Tod.�</p><p>�Wi�t Ihr, wer Sir Ralph und Sir G�rard ermordet hat?�</p><p>�Bei Gott, ich wei� es nicht!�</p><p>�K�nnte es sein, da� Bartholomew noch lebt?�</p><p>�Das w�re m�glich.�</p><p>Athelstan starrte an die wei�gekalkte Wand. �Was ist mit Bartholomews Sohn? Der d�rfte inzwischen ein junger Mann sein.� Fitzormonde zuckte die Achseln. �Daran habe ich auch schon gedacht. Aber ich habe mich erkundigt: Der junge Burghgesh ist in Frankreich gefallen. Vater, was soll ich zur Bu�e tun?� Athelstan hob die Hand und sprach die Absolution; dabei machte er ein ausladendes Kreuzzeichen �ber Fitzormondes gesenkten Kopf. Sir Brian blickte auf.</p><p>�Meine Bu�e, Vater?� wiederholte er.</p><p>�Eure Bu�e ist die Schuld, die Ihr getragen habt. Au�erdem sollt Ihr f�r Burghgeshs Seele und auch f�r Sir G�rard und Sir Ralph beten. Und noch etwas.�</p><p>�Ja, Vater?�</p><p>�Ihr sollt hinuntergehen und vor Sir John wiederholen, was Ihr gebeichtet habt.�</p><p>�Er wird mich wegen Mordes verhaften!�</p><p>Athelstan grinste. �Sir John ist ein alter Soldat und, wenn er n�chtern ist, ein eifriger Erforscher des menschlichen Herzens. Er hat mehr Mitgef�hl in seinem kleinen Finger als mancher Priester. Er wird Euch anh�ren und dann wahrscheinlich nach einem Becher Wein br�llen.�</p><p>Fitzormonde ging hinaus und machte die T�r leise hinter sich zu. Athelstan trat ans Fenster und schaute hinaus; geistesabwesend betrachtete er die gro�e Sturmglocke, die an ihrem eisverkrusteten Seil �ber der schneebedeckten Wiese hing. Die Sonne ging gerade unter, und die Glocke schimmerte wie Silber. Als Athelstan sich umdrehte, sah er Fitzormonde mit Cranston sprechen. Der Coroner nickte und h�rte sich aufmerksam an, was der Hospitaliter zu gestehen hatte.</p><p>Athelstan ging langsam zur�ck zu Philippas Gemach, aber dort war niemand. Er dachte �ber das nach, was Fitzormonde ihm berichtet hatte. Erstens, die Morde an Sir Ralph und Mowbray hingen zusammen mit jenem schrecklichen Verrat, der vor so vielen Jahre auf Zypern begangen worden war. Zweitens, und hier schauderte es Athelstan, w�rde es weitere Morde geben. Er packte sein Schreibzeug zusammen und dachte �ber die anderen M�glichkeiten nach. Erstens, Burghgesh konnte �berlebt haben und zur�ckgekommen sein, um Rache zu �ben. Zweitens, jemand anders, vielleicht Burghgeshs Sohn, war zur�ckgekommen, um die M�rder seines Vaters f�r ihre Tat b��en zu lassen. Aber in jedem Fall blieb die Frage: Wie hatte der T�ter in den Tower gelangen, auf mysteri�se Weise die Sturmglocke l�uten und Mowbrays Sturz arrangieren k�nnen? Der Mord an Sir Ralph Whitton war eine simple Sache verglichen mit den verzwickten Umst�nden von Mowbrays Tod. Athelstan rieb sich das Kinn und erinnerte sich, da� er Benedicta versprochen hatte, sie vor dem Fleet-Gef�ngnis zu treffen, wo Simon, der Zimmermann, seine letzte Nacht auf Erden verbringen w�rde. Der Gedanke an Benedicta lie� ihn l�cheln. Die Beziehung zwischen ihnen war ruhiger geworden, sanfter; dann mu�te er an Doktor Vincentius denken, und er hoffte, der Arzt werde sie nicht umgarnen. Athelstans L�cheln wurde breiter. Da stand er nun, ein Ordensbruder, ein Priester, ein Mann, der Keuschheit gelobt hatte, und war eifers�chtig wegen einer Frau, die doch nur seine Freundin sein durfte.</p><p>Er sch�ttelte diese Gedanken ab und sah sich um. Die Morde� Wer kam daf�r in Frage? War es einer aus der Gruppe? Nicht Fitzormonde - aber vielleicht Horne, der Kaufmann? Oder Colebrooke, der Sir Ralphs d�stere Vergangenheit aufgedeckt hatte und nun unter dem Deckmantel der Rache f�r vergangene Verbrechen seinen eigenen Ehrgeiz verbarg? Athelstan legte sich den Mantel um die Schultern, nahm sein Schreibzeug und betrachtete die sch�ne Stickerei auf der Stuhllehne. Nat�rlich - so schrecklich diese Vorstellung auch sein mochte, Mistress Philippa war k�hl und beherrscht genug, um einen Mord zu begehen, und Parchmeiner konnte durchaus ihr Komplize sein. Hammond, der Kaplan, hegte genug Groll, und Sir Fulke hatte viel zu gewinnen.</p><p>Athelstan h�rte, wie Cranston seinen Namen br�llte; er verlie� das Gemach und ging die Treppe hinunter. Unten stapfte der Coroner geistesabwesend im Schnee hemm.</p><p>�Geht es Euch besser, Sir John?�</p><p>Cranston grunzte.</p><p>�Und Fitzormonde hat Euch alles erz�hlt?�</p><p>Der Coroner blickte auf. �Ja, ich glaube schon, Athelstan. Denkst du das gleiche wie ich?�</p><p>Athelstan nickte. �Unsere S�nden�, murmelte er, �holen uns immer wieder ein. Die Griechen nennen sie Furien. Wir Christen sagen: Der Zorn Gottes.�</p><p>Cranston wollte antworten, als Colebrooke auf sie zukam. Er sah bla� und angespannt aus.</p><p>�Mylord Coroner?� rief er. �Ihr seid hier fertig?�</p><p>�Mit anderen Worten�, fl�sterte Cranston Athelstan zu, �der Bursche fragt, wann wir uns endlich verpissen.�</p><p>�Wir gehen gleich�, rief Athelstan laut. �Darf ich Euch vorher noch um einen Gefallen bitten?�</p><p>Colebrooke verbarg seinen Widerwillen hinter einem k�nstlichen L�cheln.</p><p>�Aber nat�rlich, Bruder.�</p><p>�Ihr habt doch Boten hier. K�nnt Ihr einen zur Witwe Benedicta in St. Erconwald in Southwark schicken? Sie m�ge Sir John und mich in den Drei Kranichen in Cheapside treffen. Und - Master Lieutenant?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Sir Ralphs Leiche - war sie kalt und das Blut geronnen?�</p><p>�Ich bin Soldat, Bruder, kein Arzt. Aber - jawohl, ich glaube, so war es. Warum?�</p><p>�Oh, nur so�, murmelte Athelstan. �Ich danke Euch.� Colebrooke nickte und ging davon. Cranston streckte sich tr�ge. �Ein sch�ner Schlamassel, Bruder.�</p><p>�Pst, Sir John. Nicht hier. Ich glaube, diese W�nde haben Ohren, und unser lieber Kumpan Rothand w�nscht eine Audienz.� Cranston drehte sich um und fluchte leise, als er den Verr�ckten, japsend wie einen freudig erregten Hund, durch den Schnee heranpurzeln sah, um sie zu begr��en.</p><p>�So viel Blut! So viel Blut!� kr�hte er. �Viele tot, dunkle Geheimnisse! Drei Kerker, aber nur zwei T�ren. Dunkle G�nge. Rothand sieht sie alle! Rothand sieht die Schatten knarren!� Der Irre tanzte vor ihnen im Schnee. �Auf und ab! Auf und ab f�llt der K�rper! Was glaubt Ihr? Was denkt Ihr?�</p><p>�Hau ab, Rothand�, knurrte Cranston, nahm Athelstan beim Arm und ging mit ihm an der Gro�en Halle vorbei zum Tor unter dem Wakefield Tower. Pl�tzlich fiel Athelstan der B�r ein; er ging zur�ck zu dem Tier, das angekettet in der Ecke sa�, wo die Mauer an den Bell Tower stie�. Der Bruder war fasziniert und unterdr�ckte ein L�cheln. Hoffentlich merkte Sir John es nicht, aber es bestand eine gro�e �hnlichkeit zwischen dem zottigen Ungeheuer und dem korpulenten Coroner.</p><p>�Es stinkt wie im Totenhaus�, st�hnte Cranston.</p><p>Der B�r drehte sich um, und Athelstan sah die Wut in den kleinen roten Augen. Die m�chtige Bestie kam schwerf�llig auf die Beine und zerrte an der Kette um den Hals.</p><p>�Ich frage mich, wer verr�ckter ist�, brummt Cranston. �Der B�r oder Rothand.�</p><p>Der B�r schien zu verstehen, was Sir John gesagt hatte, denn er sprang mit dumpfem Gebr�ll auf ihn zu. Sein Maul kr�uselte sich, und eine Reihe Z�hne, so spitz wie Dolche, kam zum Vorschein.</p><p>�Ich glaube, Ihr habt recht, Sir John�, sagte Athelstan. �Vielleicht sollten wir gehen.�</p><p>Der Ordensbruder sah mit Erschrecken, wie die Kette um den Hals des B�ren knirschte und der Eisenhaken, der in die Mauer getrieben war, zitterte. Sie wandten sich nach links, um ihre Pferde aus dem Stall zu holen.</p><p>�Wir k�nnten sie auch hierlassen�, schlug Athelstan vor, �und mit dem Boot flu�abw�rts fahren.�</p><p>�Gott beh�te, Bruder�, widersprach Cranston. �Hast du den Verstand verloren? Das verfluchte Eis treibt noch, und unter der London Bridge hindurchzuschie�en habe ich selbst an einem sch�nen Tag keine Lust.�</p></section><section><title><p><strong>8. Kapitel</strong></p></title><p>Sie verlie�en den Tower und ritten durch Eastchepe und Gracechurch, vorbei am Commarket, wo St. Peter on Comhill stand, und in die Cheapside. Der Krach auf dieser Hauptstra�e war ohrenbet�ubend: H�ndler, Kaufleute und Lehrjungen schrien sich heiser und versuchten, das entgangene Gesch�ft aufzuholen. Auch die Gemeindediener und B�ttel hatten alle H�nde voll zu tun: Zwei Trunkenbolde mit F�ssern auf den K�pfen wurden �ber den Marktplatz gef�hrt, und eine Horde schmutziger, zerlumpter Stra�enjungen bewarf die Ungl�cklichen mit Eis und Schneeb�llen.</p><p>An der Ecke der Threadneedle Street war ein Bettler gestorben. Der Leichnam war inzwischen steif und vor K�lte blau geworden. Ein kleiner Junge versuchte, mit einem Stock zwei hungrig aussehende Hunde zu vertreiben, die verd�chtig an den blutigen F��en des toten Bettlers schnupperten. Cranston warf dem Jungen einen Penny zu, stieg auf ein umgest�rztes Fa� und br�llte so laut, da� der halbe Markt ihn h�ren konnte, er sei der Coroner der Stadt, und warum niemand dem armen Bengel helfe, den Toten wegzuschaffen?</p><p>�Und wenn du der verfluchte B�rgermeister selbst bist, das ist mir doch egal!� schrie einer der H�ndler zur�ck. �Verpi� dich und la� uns in Ruhe!�</p><p>Athelstan zog sich die Kapuze �ber den Kopf und die �rmel herunter. Er wu�te, was jetzt kam. Cranston, ganz in seinem Element, sprang vom Fa� herunter und packte den ungl�cklichen H�ndler an der Kehle.</p><p>�Ihr seid verhaftet, Sir!� donnerte er. �Wegen Hochverrats! Denn dieses Verbrechen habt Ihr begangen. Ich bin der Coroner des K�nigs. Verspottet mich, und Ihr verspottet die Krone.� Der Mann wurde bleich und ri� die Augen auf.</p><p>�Und jetzt, Sir�, fuhr Cranston ruhig fort, w�hrend die anderen H�ndler unauff�llig verschwanden, �kann ich den Bezirksvorsteher auffordem, ein Standgericht einzuberufen, oder wir k�nnen uns auf ein Bu�geld einigen.�</p><p>�Ein Bu�geld! Ein Bu�geld!� �chzte der Mann mit jetzt puterrotem Gesicht.</p><p>Sir John packte fester zu. �Zwei Shilling!� verk�ndete er und sch�ttelte den Kerl so heftig, da� Athelstan einen Schrecken bekam und sich einmischen wollte; aber der Coroner winkte ab. �Zwei Shilling, zahlbar sofort�, wiederholte er.</p><p>Der Mann w�hlte in seiner B�rse und dr�ckte dem Coroner die M�nzen in die Hand. Sir John lie� ihn los, und der Mann lie� sich w�rgend und hustend auf alle viere fallen.</p><p>�War das n�tig, Sir John?� fragte Athelstan leise.</p><p>�Ja, Bruder, das war n�tig�, erwiderte Cranston. �In dieser Stadt regiert die Furcht. Wenn ein H�ndler mich verspotten darf, wird es binnen einer Woche jeder Bastard in London ihm gleichtun.� Cranston runzelte die Stirn, als zwei B�ttel, durch den Aufruhr aufmerksam geworden, herankamen. Ihre wichtigtuerischen Mienen ver�nderten sich, als sie Sir John erkannten.</p><p>�Mylord Coroner!� rief einer von ihnen atemlos. �Was w�nscht Ihr?�</p><p>Cranston deutete auf den toten Bettler. �La�t den entfernen!� befahl er. �Ihr kennt eure Aufgabe. Wer wei�, wie lange der arme Teufel hier schon liegt. Jetzt bewegt euch ein bi�chen, sonst trete ich euch beiden in den Arsch!�</p><p>Die B�ttel zogen sich unter Verneigungen und Kratzf��en zur�ck, als w�re der Coroner der Regent pers�nlich. Cranston wandte sich dem Jungen zu und schnippte mit den Fingern. Der Junge kam heran; seine Arme und Beine waren d�nn wie Reisig, seine Augen gro� und rund in einem langen, bleichen Gesicht. Er steckte den Daumen in den Mund.</p><p>�Hier, mein Junge.� Cranston dr�ckte die zwei Shilling in die ausgemergelte Hand. �Und jetzt gehst du nach Greyfriars. Das kennst du? Das Kloster zwischen Newgate und St. Martin�s Lane. Frag nach Bruder Ambrose und sag ihm, Sir John hat dich geschickt.�</p><p>Der Junge ballte die Faust um das Geld, starrte Sir John an, spuckte ihm sauber zwischen die Stiefel und flitzte davon.</p><p>Der Coroner sah ihm nach. �Der Prediger Ball hat recht�, brummte er. �Sehr bald werden in dieser Stadt die Feuer des Aufstands lodern, wenn die Reichen nicht ihre fetten �rsche bewegen und mehr tun, um den Armen zu helfen.� Er wandte sich ab, und sein Gesicht war ernst und bek�mmert. �Glaub mir, Bruder, der Engel des Herrn steht auf der Schwelle, den Dreschflegel der g�ttlichen Vergeltung in der Hand. Und wenn dieser Tag kommt�, fl�sterte er rauh, �dann werden mehr Menschen umkommen, als jetzt hier auf dem Markt sind.�</p><p>Athelstan nickte und schaute sich um. Der Marktplatz war voll von reichen H�ndlern, in Pelze geh�llten Kaufleuten und den wohlhabenden Handwerkern in ihren Jacken aus Kaninchen- und Maulwurfsfell. Die meisten sahen gut gen�hrt, ja, rundlich aus; aber in den Gassen abseits des Marktes sah Athelstan die Armen - nicht solche wie die in seiner Pfarrgemeinde, sondern die Landlosen, die aus ihren Katen vertrieben worden waren und in die Stadt gezogen waren, um Arbeit zu finden, obwohl es hier keine gab. Die Z�nfte beherrschten alles, und bald w�rden die Streuner hinausgeworfen werden; man w�rde sie �ber die London Bridge scheuchen, in die Elendsquartiere und die gewaltt�tige Unterwelt von Southwark.</p><p>�Kommt, Sir John�, murmelte er.</p><p>Sie ritten die Mercery hinauf und wichen aus, als eine Gruppe von Schuldh�ftlingen aus dem Gef�ngnis Marshalsea, mit Ketten aneinandergefesselt, um Almosen f�r sich und die anderen H�ftlinge bettelten. Die Schenke Zu den Drei Kranichen lag an der Ecke eines G��chens gegen�ber von St. Mary Le Bow. Benedicta sa� vor dem lodernden Feuer und erwartete sie schon. Neben ihr auf dem Boden hockte Orme, einer der S�hne von Watkin, dem Mistsammler. Athelstan steckte ihm einen Penny zu, t�tschelte ihm den Kopf, und der Junge wieselte davon.</p><p>�Nun, Benedicta, hast du meine Kirche in ordentlichem Zustand verlassen?�</p><p>Die Witwe l�chelte und �ffnete die Spange ihres Mantels. Athelstan fragte sich pl�tzlich, wie sie wohl in einem Taftkleid in leuchtendem Scharlachrot aussehen w�rde anstatt der dunklen Braun-, Gr�n- und Blaut�ne, die sie immer trug.</p><p>�Ist alles in Ordnung?� wiederholte er hastig.</p><p>Benedicta l�chelte. �Cecily und Watkins Frau haben sich ordentlich beschimpft, aber davon abgesehen werdet Ihr betr�bt sein zu h�ren, da� die Kirche noch steht. Sir John, Euch geht es gut?� Sie verdrehte den Kopf, um den Blick des Coroners auf sich zu lenken; aber der sp�hte finster zum Wirt hin�ber, der bei den gro�en Weinf�ssern gesch�ftig mit anderen G�sten schwatzte.</p><p>�Mylady�, gab Cranston zur�ck, �mir w�rde es besser gehen� - und er hob die Stimme zum Gebr�ll -, �mir w�rde es besser gehen, wenn ich Bedienung h�tte und die Aufmerksamkeit, die einem Beamten des K�nigs geb�hrt!�</p><p>Der Wirt schwatzte weiter. Cranston ging hin�ber und forderte br�llend einen Becher vom spanischen Wei�en und Wein f�r seine Gef�hrten.</p><p>�Was ist mit ihm?� fl�sterte Benedicta.</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich glaube, Lady Maude hat ihn beunruhigt. Sie benimmt sich geheimnisvoll und verschlossen.�</p><p>�Merkw�rdig�, sagte Benedicta nachdenklich. �Ich wollte es Euch schon sagen, Bruder. Lady Maude ist vor gut einer Woche in Southwark gesehen worden. Man vergi�t sie ja nicht leicht - so zierlich und niedlich, wie sie ist.� Benedicta kniff die Augen zusammen. �Ja, ich bin sicher, man hat mir erz�hlt, da� sie aus Doktor Vincentius� Haus kam.�</p><p>�Ist er ein Frauenheld?� fragte Athelstan hastig, und im selben Moment h�tte er sich am liebsten die Zunge abgebissen. Benedicta sah ihn k�hl an.</p><p>�Bruder Athelstan�, antwortete sie, �k�nnt Ihr mir einen Mann zeigen, der keiner ist?�</p><p>Cranstons R�ckkehr bewahrte Athelstan vor weiteren Peinlichkeiten. Der Coroner ri� sich die Biberm�tze vom Kopf, kratzte sich den kahlen Sch�del, zwinkerte Benedicta woll�stig zu und sah dann zu, wie der jetzt ganz versch�chterte Wirt eine gro�e Zinnschale mit Sherry und Rotweinbecher f�r seine Gef�hrten her�bertrug.</p><p>�Ihr wollt nichts essen, Sir John?�</p><p>�Nein!� knurrte Cranston. �Ich bin nicht hungrig, und der Wirt w�rde nach meinem Auftritt bestimmt das verdammte Essen vergiften.�</p><p>Benedicta lachte fr�hlich. �Sir John, Ihr m��t Euch beruhigen!�</p><p>�Nein�, erwiderte Cranston und hob seine Schale. �Heitere Gelassenheit finde ich erst auf dem Boden dieses Bechers!� Benedicta sah ungl�ubig zu, wie Cranston das Gef�� in einem einzigen Zug leerte, dr�hnend nach mehr verlangte und dabei schmatzte, �chzte und leise r�lpste. Sie bi� sich auf die Unterlippe, um nicht zu lachen.</p><p>�Nun, Bruder �� Cranston klopfte sich auf den fetten Wanst. �Mit meiner Entschuldigung an Lady Benedicta - aber was h�ltst du von Mowbrays Tod � oder von Sir Ralphs?� Athelstan lehnte sich vor und strich mit der Fingerspitze �ber den Rand seines Weinbechers. �Erstens: Wir haben festgestellt, da� Sir Ralph wahrscheinlich von jemandem ermordet wurde, der den Tower �ber den zugefrorenen Wassergraben betreten hat. Zweitens: Mowbray wurde durch die Alarmglocke in den Tod gelockt. Drittens: Beide Todesf�lle h�ngen sicher mit dem schrecklichen Verrat zusammen, den Sir Ralph vor so vielen Jahre auf Zypern an Bartholomew Burghgesh begangen hat.� Athelstan l�chelte, als er Benedictas fragenden Blick sah. �Du bist verwirrt. Nun, wir sind es auch. Erstens: Wie kann jemand den Tower betreten, Sir Ralph ermorden und dann die Festung verlassen, ohne da� jemand ihn bemerkt? Zweitens: Warum ist Sir Ralph einfach liegengeblieben und hat sich die Kehle so brutal durchschneiden lassen, da� ihm fast der Kopf vom K�rper getrennt worden w�re? Ihr habt die Leiche gesehen, Sir John, und auch die Kammer: Da war keine Spur eines Kampfes, und die Wachen haben auch nichts geh�rt. Drittens: Wer hat die Sturmglocke gel�utet und gleichzeitig so feinsinnig daf�r gesorgt, da� Mowbray von der Mauer st�rzte?�</p><p>Das Gesicht des Coroners wurde bei jedem Wort l�nger.</p><p>�Und die Liste der Verd�chtigen�, fuhr Athelstan erbarmungslos fort, �ist immer noch lang. Vielleicht sind wir dem M�rder schon begegnet, aber genausogut kann es jemand im Tower oder in der Stadt sein, von dem wir gar nichts wissen.�</p><p>�Ich kenne nicht die ganze Geschichte�, unterbrach Benedicta, �aber in Southwark herrscht Freude �ber Sir Ralphs Tod.� Sie senkte die Stimme. �Pike, der Grabenbauer, meint, es war das Werk der Gro�en Gemeinde. Die geheimen Bauernf�hrer wollen die Stadt schw�chen, bevor sie ihren gro�en Aufstand organisieren.�</p><p>�Unsinn!� sagte Cranston schwerz�ngig; er war schon bei seinem dritten Becher Sherry. �Pike, der Grabenbauer - halten zu Gnaden, Mylady Benedicta -, sollte seinen Mund halten und auf seinen Hals achten. Sir Ralph wurde von keinem Bauern umgebracht.�</p><p>Athelstan nahm einen kleinen Schluck Wein und verzog das Gesicht, denn dieser war sehr sauer. �Ein Beteiligter, den wir noch nicht kennen, Mylord Coroner, ist der Kaufmann Adam Horne. Benedicta, bevor wir zu Simon ins Fleet-Gef�ngnis gehen, m�ssen wir noch bestimmte Erkundigungen einholen. Willst du uns begleiten?�</p><p>Benedicta war einverstanden, und so erhoben sie sich und gingen, nicht ohne da� Cranston dem ungl�cklichen Wirt noch ein paar Beleidigungen an den Kopf warf. Drau�en wurde es dunkel; nur ein roter Schimmer zeigte, wo eben die Sonne untergegangen war. Cranston balancierte vorsichtig auf dem glatten Kopfsteinpflaster und schaute zum Himmel.</p><p>�Wieso ist die Sonne abends immer rot?�</p><p>�Manche behaupten�, sagte Athelstan, �weil die Sonne in die H�lle hinabsteigt, aber ich glaube, das ist ein Altweiberm�rchen. Kommt, Sir John.�</p><p>Athelstan umkurvte den Coroner und hakte sich taktvoll bei ihm ein; Benedicta �bernahm die andere Seite, und sie �berquerten die inzwischen verlassene Cheapside. Allenthalben wurden St�nde weggepackt, und die letzten eisenbeschlagenen Karren polterten in Richtung Newgate oder ostw�rts nach Aldgate. M�de Lehrjungen und H�ndler machten ihre L�den zu und h�ngten Lichth�rner heraus. St. Mary Le Bow begann mit dem Abendl�uten, das Zeichen, da� aller Handel aufzuh�ren habe, und vier Jungen schleppten einen dicken Weihnachtsklotz zur T�r eines gro�en Kaufmannshauses. Cranston blieb stehen, um einen Marktw�chter in seinem Zollh�uschen an der Ecke der Wood Street nach dem Weg zu fragen. Der Mann deutete zur Ecke Mercery und Lawrence Street.</p><p>�Dort findet Ihr Hornes Haus�, sagte er. �Ein sch�nes Haus mit einer gro�en schwarzen Holzt�r und einem Wappen dar�ber.� Sie machten kehrt und hielten sich in der Mitte der Cheapside, denn der schmelzende Schnee rutschte hier und da von den schr�gen Ziegeld�chern herunter. Das Hornesche Haus wirkte verlassen; keine Laterne hing �ber der T�r, nur ein m�de aussehender Weihnachtskranz. Cranston trat zur�ck und schaute zu den bleiverglasten Fenstern hinauf.</p><p>�Kein Kerzenlicht�, brummte er.</p><p>Athelstan zog Benedicta n�her an die Hauswand, um sie vor dem Schnee, der von dem kleinen Vordach �ber der Haust�r herunterrutschen konnte, in Sicherheit zu bringen. Er hob den gro�en, wie ein Drachenkopf geformten Messingklopfer und lie� ihn krachend fallen. Nichts r�hrte sich, und so klopfte er noch einmal. Jetzt h�rte man Schritte, und eine k�sige Magd �ffnete die T�r.</p><p>�Ist der Ratsherr Horne zu Hause?� fragte Cranston.</p><p>Das junge M�dchen sch�ttelte wortlos den Kopf.</p><p>�Wer ist da?� fragte eine Stimme aus der Dunkelheit hinter ihr. �Lady Horne?� rief Cranston. �Ich bin Sir John Cranston, der Coroner. Ihr habt heute den Sheriffs im Rathaus eine Nachricht geschickt?�</p><p>Eine Frau trat aus der Dunkelheit, und die brennende Kerze in ihrer Hand lie� ihr kummervolles Gesicht noch bleicher erscheinen. Ihre Wangen waren tr�nenfeucht, ihre traurigen Augen von dunklen Schatten umringt, und ihr stahlgraues Haar hing unordentlich unter einem wei�en Schleier.</p><p>�Sir John!� Sie l�chelte gezwungen. �Kommt doch herein. M�dchen, z�nde die Fackeln auf dem S�ller an. Und bring Kerzen her.�</p><p>Lady Horne f�hrte sie �ber einen Gang in einen bequemen, aber kalten S�ller. Im Kamin flackerte ein schwaches Feuer. Lady Horne lie� sie Platz nehmen, w�hrend das M�dchen Kerzen entz�ndete. Athelstan sah sich um. Der Raum war luxuri�s eingerichtet mit farbenfrohen Wandbeh�ngen und exquisit bestickten Leinent�chem auf Tischen, Truhen und Stuhllehnen. Trotzdem glaubte er, den Gestank der Angst fast zu riechen: Das Haus war zu still. Er sah Lady Horne an, die an der anderen Seite des Kamins sa� und einen Rosenkranz aus Elfenbein und Perlen um die Finger geschlungen hatte.</p><p>�M�chtet Ihr eine Erfrischung?� fragte sie mit leiser Stimme. Cranston wollte antworten, aber Athelstan schnitt ihm das Wort ab.</p><p>�Nein, Mylady. Die Sache ist dringend. Wo ist Euer Mann?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, wisperte sie. �Diese schreckliche Nachricht kam heute morgen, und Sir Adam ist gleich darauf gegangen. Er sagte, er wolle den Flu� hinauf zu den Speichern.� Sie pre�te die H�nde zusammen. �Ich habe einen Boten hingeschickt, aber der Junge kam zur�ck und sagte, mein Mann sei schon weg. Sir John, was ist nur los?� Ihre m�den Augen flehten den Coroner an. �Was hat das alles zu bedeuten?�</p><p>�Ich wei� nicht�, log er. �Aber Euer Gatte, Lady Horne, ist in schrecklicher Gefahr. Wei� jemand, wohin er gegangen ist?� Die Frau senkte den Kopf, und ein Schluchzen lie� ihre Schultern beben. Benedicta stand auf, kauerte sich neben sie und streichelte sanft ihre H�nde.</p><p>�Lady Horne, bitte�, dr�ngte Athelstan. �Wi�t Ihr etwas �ber die Nachricht? Wovor hatte Euer Gemahl solche Angst?�</p><p>Die Frau sch�ttelte den Kopf. �Ich wei� es nicht. Aber Adam kannte keinen Frieden.� Sie blickte auf. �Er war ein Mann von gro�em Reichtum, aber nachts wachte er oft auf und schrie etwas von einem feigen, blutigen Mord und war schwei�gebadet. Manchmal zitterte er danach noch eine Stunde lang. Aber nie hat er sich mir anvertraut.�</p><p>Cranston schaute zu Athelstan her�ber und verzog das Gesicht. Der Bruder schaute auf die Stundenkerze, die hinter ihm auf dem Tisch stand.</p><p>�Sir John�, sagte er und erhob sich, �es ist fast sieben. Wir m�ssen gehen.�</p><p>�Lady Horne.� Die Kaufmannsfrau wollte aufstehen, aber Cranston legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. �Bleibt hier und haltet Euch warm; das M�dchen wird uns hinausbringen. Wenn Euer Mann zur�ckkommt, sagt ihm, er soll mich zu Hause aufsuchen. Das ist nicht weit. Versprecht Ihr mir das?�</p><p>Die Frau nickte, bevor sie sich abwandte und in die verl�schende Glut schaute.</p><p>Drau�en stampfte Cranston mit den F��en und klatschte in die H�nde.</p><p>�Diese Frau hat schreckliche Angst�, stellte er fest. �Ich vermute, sie wei�, woher der Reichtum ihres Mannes stammt. Aber was k�nnen wir tun? Horne kann �berall in der Stadt sein.� Athelstan zuckte die Achseln. �Sir John, Benedicta und ich m�ssen jetzt ins Gef�ngnis von Fleet. Wir haben der Pfarrgemeinde versprochen, Simon, den Zimmermann, zu besuchen.�</p><p>�Ah ja�, erwiderte Cranston bissig. �Den M�rder.�</p><p>�Ihr geht nach Hause?�</p><p>Sir John starrte in die Dunkelheit. Gern h�tte er das getan, aber wozu? Er w�rde nur dasitzen und sich um den Verstand saufen. �Sir John�, wiederholte Athelstan, �Lady Maude wartet schon auf Euch.�</p><p>�Nein�, antwortete Cranston st�rrisch. �Ich gehe mit zum Gef�ngnis. Vielleicht kann ich helfen.�</p><p>Athelstan warf Benedicta einen Blick zu und verdrehte dann die Augen gen Himmel. Gern w�re er Sir John losgeworden; er hatte die dauernde schlechte Laune und die j�hen Tobsuchtsanf�lle des Coroners satt. Er liebte den fetten Edelmann, aber jetzt h�tte er ihn zu gern von hinten gesehen. Trotzdem willigte er ein.</p><p>Sie stapften durch den blutbespritzten Schneematsch der Shambles und hielten sich vor dem ekelhaften, fauligen Gestank aus dem Schlachthaus die Nase zu. Dann ging es nach links in die Old Deans Lane, eine schmale Gasse, wo der Sp�licht kn�cheltief zwischen den dunklen, �berh�ngenden H�usern dahinflo�. In der Feme bellte traurig ein Hund. An der Ecke der Bowyers Row mu�ten sie einem gro�en Holzkarren ausweichen, der von vier Pferden mit gestutzten M�hnen und Scheuklappen gezogen wurde. Ihre N�stern bl�hten sich im Verwesungsgeruch des Todes. Die Hufe der Pferde und die R�der des Karrens waren mit Stroh umwickelt, und das Gespann schien vor�berzugleiten wie ein grausiger Spuk. Auf einer Ecke des Karrens steckte eine lodernde Fackel und beleuchtete den Kutscher wie ein gespenstisches Relief; vermummt und verh�llt hockte er da, eine grimmige Todesmaske vor dem Gesicht.</p><p>�Was ist das?� fragte Benedicta.</p><p>Sie hob ihren Mantelsaum vor die Nase. Athelstan schlug ein Kreuz und betete, der Karren m�ge weiterfahren, aber er blieb neben ihnen stehen. Der Kutscher versuchte, die Pferde zu beruhigen, als zwei kreischende Katzen, die sich um irgendwelches Ungeziefer balgten, aus dem Schatten hervorschossen. Cranston wu�te, was auf dem Karren war; er hatte in dem Kutscher den Henker von Tyburn erkannt.</p><p>�Nicht hin schauen�, fl�sterte er.</p><p>Aber Benedictas Neugier war geweckt; sie st�tzte sich auf Athelstans Arm, stellte sich auf die Zehenspitzen und lugte �ber den Rand des Karrens. Entsetzt erblickte sie wei�e, gefrorene Kadaver unter einer zerfetzten Segeltuchplane. Die Glieder waren merkw�rdig verdreht; um den Hals hatte jeder einen dicken, purpurroten Strich, und ihre ebenso leuchtendroten Gesichter waren verzerrt. Geschwollene Zungen klemmten zwischen eiskalten Lippen, und von den Augen war nur das Wei�e zu sehen. �Oh, g�tiger Gott!� hauchte sie und lehnte sich an die Hauswand. Der Kutscher lie� die Peitsche knallen, und der Karren rollte weiter.</p><p>�Was war das?�</p><p>�Die Gehenkten von The Elms�, sagte Cranston. �Nachts werden die Leichen abgeschnitten und in die gro�en Kalkgruben am Kart�userkloster gekippt.� Er funkelte die Witwe erbost an. �Ich habe Euch doch gesagt, Ihr sollt nicht hinsehen!� Benedicta w�rgte und folgte Cranston, auf Athelstans Arm gest�tzt, durch Ludgate zum Gef�ngnis.</p><p>Der Kerker verbesserte ihre Stimmung nicht. Hinter grauen, d�steren Mauern lugten ein paar finstere Geb�ude hervor, und ein schwarzes Tor g�hnte vor ihnen wie ein Rachen, der jeden Ungl�cklichen verschlucken wollte. Cranston zog am Glockenseil, und man lie� sie zu einem Pf�rtchen herein, das in das m�chtige Tor eingelassen war. Ein W�rter f�hrte sie zum Pf�rtner, der, als er Sir John erkannte, katzbuckelte und einen Kratzfu� nach dem anderen machte. Jetzt war Athelstan doch froh, da� der Coroner dabei war. Sie durchquerten eine gro�e Halle, wo die Schuldh�ftlinge eingesperrt waren; B�nke und zwei lange Tische aus Eichenholz waren mit fettigem Schmutz �berzogen.</p><p>Die Leute, die an diesen Tischen sa�en, waren dreckig und stanken; M�nner wie Frauen trugen fadenscheinige W�mse und zerlumpte M�ntel.</p><p>Die drei eilten durch die Halle und einen mit Stein ausgelegten Gang hinauf, vorbei an vergitterten Fenstern, wo arme Schuldner ihre Bettelschalen sch�ttelten und um Almosen winselten. Schlie�lich ging es �ber eine schmierige, geborstene Treppe hinunter in die Halle der Verdammten, einen massiven Gew�lbekeller, in dessen hintere Wand die Kerkerzellen f�r die Todgeweihten eingelassen waren.</p><p>�Wen wollt Ihr sprechen?� fragte der Pf�rtner.</p><p>�Simon, den Zimmermann.�</p><p>Der Pf�rtner kramte einen Schl�ssel hervor und schlo� eine der Kerkert�ren auf.</p><p>�Los, Simon!� br�llte er hinein. �Eine seltene Gunst! Der Coroner der Stadt London, ein Ordensbruder und eine sch�ne Dame! Was kann man mehr verlangen?�</p><p>Simon kam aus der Zelle gekrochen. Athelstan erkannte ihn kaum wieder: Sein Gesicht war voller Geschw�re, sein Haar lang und verfilzt und voller Ungeziefer. Seine Kleider hingen in Fetzen, und er trug schwere Ketten. M�hsam kam er auf sie zugeschlurft und hob die gefesselten H�nde, um sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Seine Lippen waren blau vor K�lte, und die Augen �ber den gelben, eingefallenen Wangen gl�nzten fiebrig.</p><p>�Pater, bringt Ihr mir einen Gnadenbescheid?� fragte er hoffnungsvoll.</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Nein, leider nicht. Ich bin nur gekommen, um dich zu besuchen, Simon. Kann ich etwas f�r dich tun?�</p><p>Der Zimmermann sah erst ihn, dann Benedicta an; pl�tzlich warf er den Kopf in den Nacken und lachte hysterisch, bis der Kerkermeister ihm ins Gesicht schlug. Der Verurteilte sackte zu Boden und kauerte dort wie ein gepr�gelter Hund. Athelstan kniete neben ihm.</p><p>�Simon!� murmelte er. �Simon!�</p><p>Der Zimmermann hob den Kopf.</p><p>�Willst du die Absolution? Ich nehme dir die Beichte ab.�</p><p>Der Mann sah ihn verzweifelt an.</p><p>�Es ist nicht mehr zu �ndern�, fl�sterte Athelstan. �Morgen um diese Zeit, Simon, bist du bei Gott.�</p><p>Der Zimmermann nickte und begann zu weinen wie ein Kind. Athelstan drehte sich um.</p><p>�Sir John, Benedicta - bitte, la�t mich einen Augenblick mit ihm allein.�</p><p>Die beiden zogen sich zur�ck; der Coroner befahl dem W�rter, ihnen zu folgen, und zum zweitenmal an diesem Tag nahm Athelstan einem zum Tode Verurteilten die Beichte ab. Zu Anfang sprach Simon sehr langsam, und Athelstan hatte gro�e M�he, Haltung zu bewahren, denn die K�lte des Verlieses drang durch seine Kutte und verwandelte seine Beine in Eisbl�cke. Aber dann lie� Simon seinen Gef�hlen freien Lauf. Er sprach alles aus - eine jammervolle Litanei des Scheitems, deren H�hepunkt die Vergewaltigung eines Kindes war. Athelstan h�rte ihm zu, erteilte ihm die Absolution und erhob sich. Er rieb sich die steifen Beine, um das Leben zur�ckzubringen, und der W�rter kam heran.</p><p>�Morgen, Simon�, fl�sterte Athelstan. �Ich werde an dich denken. Und - Simon?�</p><p>Der Verurteilte blickte auf.</p><p>�Wenn du vor dem Thron Gottes stehst, denke an mich.�</p><p>Der Zimmermann nickte. �Ich wollte es nicht tun, Pater. Ich war einsam, und ich hatte zuviel getrunken.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Athelstan leise. �Gott helfe dir und ihr!� Er drehte sich nach dem W�rter um und warf ihm eine Silberm�nze zu. �Eine gute Mahlzeit f�r ihn, Sir.�</p><p>Der W�rter fing die M�nze und nickte.</p><p>�Eine gute�, wiederholte Athelstan. �Ich frage nach, vergi� das nicht.�</p><p>Er wollte gerade gehen, als Simon ihn rief. �Pater?�</p><p>�Ja, Simon?�</p><p>�Ranulf, der Rattenf�nger, war heute hier. Ein Metzger in den Shambles hatte ihn kommen lassen. Er sagte, Ihr wart im Tower wegen Sir Ralph Whittons Tod.� Der Zimmermann grinste. �Ich habe zwar gerade gebeichtet, aber es ist doch gut zu wissen, da� dieser Dreckskerl vor mir dahingefahren ist. Ein seltsamer Ort, der Tower, Pater.�</p><p>Athelstan nickte. Er hatte das Gef�hl, Simon wollte den Besuch in die L�nge ziehen.</p><p>�Ich habe da mal gearbeitet�, sagte der Zimmermann. �Ein seltsamer Ort. Schlimmer als dieser hier.�</p><p>�Warum, Simon?�</p><p>�Hier haben die Zellen wenigstens T�ren. Im Tower gibt es R�ume, Verliese, da geht man rein, und dann werden die T�ren zugemauert, und man sitzt bis zum Tod hinter einer Mauer aus Stein.�</p><p>�Ist das wahr?� Athelstan l�chelte. �Gott sei mit dir, Simon.�</p><p>Er ging die Treppe hinauf zu Cranston und Benedicta. Keiner sprach ein Wort, bis sie das Gef�ngnis verlassen hatten und die Pforte hinter ihnen ins Schlo� gefallen war.</p><p>�Der Vorraum der H�lle�, murmelte Athelstan, als sie im Schatten der dunklen St.-Pauls-Kirche die Bowyers Row hinuntergingen. Bei der Friday Street wollte Sir John sich verabschieden. Athelstan nahm ihn beiseite und schaute ihm in die traurigen Augen.</p><p>�Ich danke Euch, da� Ihr mitgekommen seid, Sir John. Geht in Frieden und sprecht mit Lady Maude; ich bin sicher, es wird alles gut.�</p><p>Cranston kratzte sich am Kopf. �Wer wei�, Bruder - aber das einzig Gute, was ich heute getan habe, war, Fitzormonde zuzuh�ren und diesem Kind zu helfen. Du wei�t schon, dem Kleinen bei dem toten Bettler.�</p><p>�Und Ihr seid mit uns ins Gef�ngnis gekommen.�</p><p>�Aye�, brummte Cranston. �Ein Pardon f�r Simon konnte ich nicht erwirken; aber eine letzte Gnade.�</p><p>�Was hei�t das, Sir John?�</p><p>�Ich habe eine M�nze f�r den Henker dagelassen. Simon wird nicht tanzen. Man wird ihn sehr hoch auf die Leiter steigen lassen.� Cranston schnippte mit den Fingern. �Es wird ihm das Genick brechen, und alles ist sehr schnell vorbei.� Der Coroner stampfte mit den F��en und schaute in den sternenklaren Himmel. �Mach jetzt, da� du nach Hause kommst, Bruder. Die Sterne warten auf dich.� Er wandte sich ab und stapfte die Stra�e hinauf. �Ich w�nschte blo߫, rief er im Gehen, �wir h�tten den Ratsherrn Horne gefunden!�</p></section><section><title><p><strong>9. Kapitel</strong></p></title><p>W�hrend Athelstan und Benedicta langsam das dunkle, wilde Wasser der Themse �berquerten und nach Hause gingen, verlie� Adam Horne das Kloster der Gekreuzigten Br�der an der Mark Lane, an der Nordseite des Tower. Er war gleich nach der Vesper angekommen, um die Botschaft abzuholen, die ihn dort erwarten sollte. Der grauhaarige Laienbruder hatte zahnlos gegrinst und ihn in das Pf�rtnerh�uschen gewinkt.</p><p>�Das liegt schon den ganzen Nachmittag hier�, hatte der Bruder gemurmelt und ihm eine d�nne Pergamentrolle gereicht. Bang hatte Horne das Pergament entrollt, den Bruder um eine Kerze gebeten und dann hastig gelesen, was darauf stand.</p><p>�O mein Gott!� Er st�hnte, als er seine Hoffnungen zerst�rt sah. Am Vormittag hatte er ein St�ck Pergament mit einem grob gezeichneten Schiff und einen flachen Sesamkuchen bekommen. Er hatte versucht, seine Angst vor seiner armen Frau zu verbergen, und war zum Speicher hinuntergegangen, wo ihn die n�chste Nachricht erwartet hatte: Er solle nicht nach Hause gehen, wies ihn der kurze Brief an, sondern sich zum Haus der Gekreuzigten Br�der begeben. Dort w�rden seine Bef�rchtungen vertrieben werden. Er solle sich nicht f�rchten, sondern auf den Absender des Schreibens vertrauen, der ihm wohlgesonnen sei. Nun zerschlug diese kurze Notiz grausam alle seine Hoffnungen: Der geheimnisvolle Schreiber entschuldigte sich, weil er ihn nicht habe treffen k�nnen, und bat ihn, in den alten Ruinen nordwestlich des Tower zu warten. Horne zerri� den Brief, verlie� das Kloster und wanderte �ber dunkle, eisbedeckte Landstra�en, die um Bauernh�fe und Katen herumf�hrten. Er schaute zum sternen�bers�ten Himmel hinauf, und es fr�stelte ihn - daran war nicht nur die bei�ende K�lte schuld, sondern auch seine d�stere Angst vor dem, was ihn erwarten mochte. Sein gesunder Menschenverstand dr�ngte ihn wegzulaufen, aber er hatte schon zu lange gewartet. Seit Jahren hing die Drohung wie ein Schwert �ber seinem Kopf, und er wollte ihr ein f�r allemal gegen�bertreten. Als selbstbewu�ter Kaufmann glaubte Horne au�erdem, da� diese Begegnung seine Angst zu einem guten Ende bringen k�nnte. Danach w�rde er, befreit von seinem Teil der Schuld an jenem schrecklichen Verbrechen, das vor so vielen Jahren begangen worden war, nach Hause gehen. Die Baumreihe endete, und Horne stand am Rand der Gemeindewiese; in der Ferne ragte der riesige Tower. Vielleicht sollte er dorthin gehen? Er seufzte verzweifelt. Wer konnte ihm helfen? Sir Ralph war tot, und der �berlebende Hospitaliter h�tte sicher keine Zeit f�r ihn. Horne schluckte, als ihm die eigene Schuld zu Bewu�tsein kam. Sollte er weitergehen? Er schaute auf den eisbedeckten Boden und lauschte mit halbem Ohr auf den kalten Wind, der leise in den B�umen st�hnte. �ber ihm kr�chzte ein Rabe, der zu den Schlickb�nken am Flu� flog, um zu jagen. Ein Fuchs kl�ffte so schrill, da� ihm das Nackenhaar zu Berge stand. Er drehte sich um und starrte beklommen den schlammigen Weg hinunter. War da jemand? Wurde er verfolgt? Horne verzog das Gesicht zur Grimasse. Heute mochte er ein fetter, reicher Kaufmann sein, aber vor f�nfzehn Jahren hatte er als Ritter gek�mpft, Schulter an Schulter mit M�nnern, die nichts auf der Welt f�rchteten. Ja, er hatte Schuld auf sich geladen, ebensoviel wie Whitton. Fitzormonde und Mowbray waren immer Waschlappen gewesen; sie hatten gewinselt und geheult, sie tr�fe keine Schuld. Aber Horne war mit Whittons Plan einverstanden gewesen und hatte sich aus dem Gewinn ein bl�hendes Gesch�ft aufgebaut.</p><p>Er betastete den langen Dolch, den er in seinem Beutel verbarg; der drahtumwickelte Griff gab ihm Zuversicht. Wenn ein M�rder es auf ihn abgesehen hatte, beruhigte er sich, dann war es besser, ihm gegen�berzutreten statt sich in dunkler Nacht �berraschen zu lassen. Eine Eule schrie. �Sollen doch alle H�llenhunde aus des Satans finsteren Abgr�nden heraufkommen�, knurrte Horne. �Ich werde keinen Hieb schuldig bleiben!� Seine leeren Worte tr�steten ihn, als er auf die Ruinen zuging, eine Ansammlung schneebedeckter Steinbl�cke. Die Alten sagten, der gro�e Caesar habe hier einen Palast gehabt. Zutiefst aufgew�hlt von Angst, Grauen und gezwungener Tollk�hnheit, setzte Horne sich zwischen die Ruinen. Gleich f�hlte er sich sicherer; es war zwar dunkel, aber die verschneite Gemeindewiese und das spr�de Eis w�rden ihn warnen, wenn ein M�rder sich n�herte.</p><p>Der Kaufmann schaute sich in den Ruinen der r�mischen Villa um. Ein paar Schritte entfernt stand eine halbhohe Mauer. Horne betrachtete sie ver�chtlich. Ein M�rder, der dort lauerte, w�rde die freie Fl�che �berqueren m�ssen, und Horne hatte etwas Besonderes mitgebracht. Eine kleine Armbrust baumelte an seinem G�rtel, und der Bolzen war bereits an seinem Platz. Die Dunkelheit wuchs. Horne konzentrierte sich auf die Lichter in der Feme. Der Wein, den er getrunken hatte, die Angst und die Anstrengungen lie�en ihn warm und schl�frig werden. Eine kurze, eiskalte Windb� lie� ihn sich fester in seinen Mantel wickeln, und er versuchte, das warme Blut in seinen Adern im Flu� zu halten. Er starrte in die Finsternis, und sein Mut begann zu verebben, w�hrend er sich fragte, wer sein seltsamer Wohlt�ter wohl sein mochte. Er schlo� die Augen, schlief halb, d�ste. Das hatte Bartholomew Burghgesh ihm immer geraten.</p><p>�Ruhe dich aus, wann immer du kannst, mein lieber Adam. Ein echter Soldat i�t, trinkt, schl�ft und nimmt sich ein Weib, wann immer sich Gelegenheit bietet.�</p><p>Horne l�chelte. Tapferer, furchterregender Mann! Ein wahrer Paladin! Horne hatte ihn gemocht, aber Ralph Whitton war immer eifers�chtig gewesen, weil Bartholomew der bessere Soldat war. Doch sicher hatte mehr dahinter gesteckt�? Irgend etwas mit Whittons Frau, die wohl ziemlich verschossen in den jungen Bartholomew war, als der eine Zeitlang als F�hnrich im Tower gedient hatte. Horne kicherte. Seltsamer Zufall - genau dort hatte Whitton den Tod gefunden.</p><p>Er blickte auf. Hatte er da ein Ger�usch geh�rt? Er sa� ganz still und spitzte die Ohren, aber nur das Kr�chzen der Raben und das Gebell eines Hofhundes drangen durch die eisige Stille. Horne scharrte rastlos mit den F��en. Ein paar Minuten w�rde er noch warten, und dann w�rde er gehen. Er schaute zu Boden. Wer war der M�rder? K�nnte es der Hospitaliter Fitzormonde sein? Oder Fulke, Sir Ralphs Bruder? Der hatte Burghgesh ziemlich gut gekannt. Oder jemand anderes, der sich f�r den Stellvertreter Gottes auf Erden hielt und Recht und Vergeltung �bte? Vielleicht hatte Burghgesh auch �berlebt, war in Gefangenschaft geraten und Jahre sp�ter nach England zur�ckgekehrt, um seine Feinde blutig zu vernichten? Oder vielleicht sein Sohn und Erbe? War der wirklich in Frankreich gestorben? Oder hatte er vom schrecklichen Schicksal seines Vaters erfahren und war heimlich zur�ckgekommen, um die M�rder seines Erzeugers aufzusp�ren?</p><p>Horne kniff den Mund zusammen. Er mu�te der Tatsache ins Auge sehen, da� er ein M�rder war; er hatte mitgeholfen, Burghgesh umzubringen. Manchmal lie� ihn dieser Gedanke nachts schreiend aus dem Schlaf fahren. Hatte Gott ihm vielleicht deshalb den Sohn und Erben verweigert? War die Unfruchtbarkeit seiner Frau Ergebnis g�ttlicher Gerechtigkeit? Horne h�rte ein Ger�usch. Entsetzt sprang er auf und starrte auf die Gestalt vor der Ruinenmauer.</p><p>Ein Mann in Ritterr�stung, auf der Brust das rote Kreuz der Kreuzritter, und das Gesicht verborgen unter diesem Helm! Die gleiche st�hlerne, spitze Haube mit den Adlerschwingen rechts und links und dem blauen Federbusch. Kaltes Grauen erfa�te Hornes Herz.</p><p>�Mein Gott!� fl�sterte er. �Es ist Burghgesh!�</p><p>Oder war es eine Erscheinung aus der H�lle? Die gepanzerte, behelmte Gestalt stand da, die Beine leicht gespreizt, und eiserne F�uste umschlossen den Griff des gro�en Schwertes, dessen Klinge auf der Schulter ruhte.</p><p>�Bist du Burghgesh?� zischte Horne.</p><p>Die Erscheinung kam n�her. Nur das Knirschen der gepanzerten F��e auf dem harten Eis war zu h�ren.</p><p>�Adam! Adam!� Die Stimme geh�rte Burghgesh, klang aber d�ster und hohl. �Adam!� rief die Stimme noch einmal. �Ich bin zur�ckgekehrt, um mich zu r�chen. Du, mein Waffengef�hrte, mein Freund, f�r den ich mein Leben gegeben h�tte �� Eine eiserne Hand deutete auf ihn. �Du hast mich verraten! Du, Whitton und die anderen!�</p><p>Hornes Hand fuhr zu der kleinen Armbrust, die an seinem G�rtel hing.</p><p>�Du bist kein Phantasiegebilde!� fauchte der Kaufmann. �Und wenn doch, fahre zur�ck zur H�lle, wohin du geh�rst!�</p><p>Er hob die Armbrust, doch im selben Augenblick sauste das zweischneidige Schwert wie eine Sense durch die Luft und trennte sauber den Kopf des Kaufmanns von den Schultern. Der Kopf flog wie ein Ball durch die Luft, und die Lippen bewegten sich noch. Der K�rper stand da wie ein Springbrunnen, der rotes, hei�es Blut verspr�hte, dann sackte er auf das blutbespritzte Eis. Der Henker in seiner R�stung wischte sorgf�ltig sein Schwert ab, zog ein Messer und kniete neben dem blutenden Torso seines Opfers nieder.</p><p>*</p><p>Ein paar Stunden sp�ter stapfte Sir John Cranston, knurrend und fluchend, von der Blind Basket Alley durch die Mincing Lane zur Fenchurch Street hinauf. Der Morgen graute eben, und weil er nicht hatte schlafen k�nnen, war er fr�h aufgestanden, um sich mit dem Ratsherrn Venables �ber den wegen Mordes an seinem Herrn gesuchten und immer noch verschwundenen Roger Droxford zu beraten. Sir John hatte sich in seinem gro�en Doppelbett von einer Seite auf die andere geworfen und eine ruhelose Nacht verbracht. Er hatte versucht, ruhig zu bleiben, aber das unersch�tterliche Schweigen, das Maude seinem Flehen und seinen Fragen entgegensetzte, lie� ihn vor Wut kochen: Sie nagte immer nur an ihrer Lippe, sch�ttelte den Kopf und wandte sich unter Tr�nenfluten ab. Schlie�lich war Cranston aufgestanden und in sein Schreibzimmer gegangen; weil er sich nicht konzentrieren konnte, hatte er sich schlie�lich angezogen und war losgegangen, um Venables aus dem Bett zu holen. Cranston grinste boshaft. Es machte Spa�, den braven Ratsherren sp�ren zu lassen, wie es war, vor Tagesanbruch geweckt zu werden. Aber der verschlafen dreinblickende Ratsherr konnte ihm nichts Neues von Droxford berichten.</p><p>�Weit kann er nicht geflohen sein, Sir John�, murmelte Venables. �Bei diesem Wetter w�rde nur ein Narr versuchen, die Stadtgrenze hinter sich zu lassen, und au�erdem sind seine Beschreibung und die ausgesetzte Belohnung �berall angeschlagen.� Venables grinste. �Schlie�lich ist er ein Mann, an den man sich erinnern w�rde.�</p><p>�Was meint Ihr damit?�</p><p>�Nun, an der einen Hand fehlen ihm zwei Finger, und im Gesicht hat er lauter behaarte Warzen.� Der Ratsherr zog den pelzverbr�mten Hausmantel fester um die Schultern, trat auf dem Steinboden unruhig von einem Bein aufs andere und gab dem Coroner zu verstehen, da� er verschwinden solle. �Was ist �berhaupt so Besonderes an Droxford, Sir John?�</p><p>�Er ist etwas Besonderes, Master Venables, weil er ein M�rder ist und ein Verbrecher, der seinem Herm �ber zweihundert Pfund gestohlen hat, und weil es so aussieht, als k�me er ungeschoren davon!�</p><p>Venables warf einen Blick in Cranstons w�tendes Gesicht und pflichtete ihm sofort bei. Sir John stapfte davon und fluchte leise �ber Amtstr�ger, denen anscheinend alles egal war. Aber im Grunde seines Herzens wu�te er, da� er ein Heuchler war. Die Angelegenheit im Tower war immer noch geheimnisvoll. Der geflohene Droxford - von dem fahrl�ssigen Ratsherrn ganz zu schweigen - bot ihm nur eine willkommene Gelegenheit, seine schlechte Laune auszutoben.</p><p>Er bog in die noch verlassene Lombard Street ein und kam zu dem gro�en Pranger vor der Poultry. Ein paar B�ttel standen um einen Bettler, der dort eingeschlossen war. F��e und H�nde klemmten zwischen den schweren Balken, das Gesicht war blaugefroren, die Augen offen.</p><p>�Was ist hier los?� polterte Cranston.</p><p>Die B�ttel traten von einem Bein aufs andere.</p><p>�Irgend jemand hat gestern abend vergessen, ihn herauszulassen�, antwortete einer von ihnen. �Das arme Schwein ist erfroren.�</p><p>�Dann wird ein anderes Schwein daf�r bezahlen!� br�llte Sir John und ging die breite Hauptstra�e hinauf zu seinem Haus. Eine ver�ngstigt aussehende Magd machte ihm die T�r auf. Sir John blieb pl�tzlich stehen, und seine Augen wurden schmal. Hatte er da nicht einen Schatten in der Gasse neben dem Haus gesehen? Er ging zur�ck. Nichts. Cranston sch�ttelte den Kopf, schwor sich, weniger zu trinken und rauschte an der bang blickenden Magd vorbei in die K�che. Gott sei Dank, Maude war nicht da. Er hatte die Auseinandersetzungen mit ihr satt. �Irgendwelche Nachrichten f�r mich?� kl�ffte er den bedr�ckt aussehenden Leif an, der immer noch an seinem Lieblingsplatz neben dem Kamin hockte. Der einbeinige Bettler schaute von einer Sch�ssel mit Gem�se und W�rzfleisch hoch und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein, Sir John�, antwortete er. �Aber ich habe die Zinnt�pfe poliert.�</p><p>�Gut�, knurrte der Coroner. �Wenigstens einer in dieser Stadt, der arbeitet.�</p><p>Er go� sich einen gro�z�gig bemessenen Becher Wein ein und nahm ein kleines Wei�brot, das die K�chin zum Ausk�hlen auf den K�chentisch gelegt hatte. Er brach St�ck f�r St�ck davon ab und trank ger�uschvoll aus seinem Becher; dabei starrte er w�tend ins Kaminfeuer. Was sollte er tun? Die Morde an Whitton und Mowbray im Tower waren so r�tselhaft wie eh und je, und Horne hatte er nicht auftreiben k�nnen. Sir John wu�te, da� es nur eine Frage der Zeit war, wann die Herren im Rathaus - oder, schlimmer noch, der Regent im Savoy-Palast - von ihm Rechenschaft verlangen w�rden. Es klopfte heftig an der T�r.</p><p>�Los, Leif�, knurrte Cranston. �Mir ist zu kalt, um hinzugehen, verdammt!�</p><p>Leif schaute ihn mitleidheischend an.</p><p>�Los, du fauler Hund!� br�llte Cranston. �In diesem Hause wird nicht blo� auf dem Arsch gesessen und sich das Maul vollgestopft mit jedem Bissen, den du in deine klebrigen Finger kriegst!�</p><p>Leif seufzte, stellte seine Sch�ssel hin und humpelte zur T�r hinaus. Cranston h�rte, wie die T�r aufging, dann kam der Mann langsam zur�ckgehinkt.</p><p>�Was gibt�s?� Gutm�tig zwinkerte Cranston der Magd zu, die ebenfalls zur T�r gelaufen war. Das M�dchen l�chelte �ngstlich zur�ck, und Cranston verfluchte sich im stillen. Mit seinem J�hzorn versetzte er jeden in Angst und Schrecken. Er mu�te sich besser beherrschen. Vielleicht sollte er Athelstan bitten einzugreifen? �Also�, dr�ngte er. �Wer war da?�</p><p>�Niemand, Sir John.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Naja, es war niemand da.� Leif lehnte sich haltsuchend an den T�rrahmen. �Nur das hier.� Er hielt einen verschlissenen Lederbeutel hoch, der oben zugebunden war und unten feuchte, dunkle Flecken hatte. �Ich habe die T�r aufgemacht�, berichtete Leif schwerf�llig, �und es war niemand da, nur dieser Beutel.�</p><p>�Dann mach ihn doch auf, Mann!� befahl Sir John gereizt.</p><p>Er wandte sich ab, um seinen Becher wieder vollzugie�en, fuhr aber herum, als Leif einen Entsetzensschrei ausstie� und die Magd ohnm�chtig zu Boden fiel. Der Bettler stand mit schreckgeweiteten Augen und offenem Maul da. In der erhobenen Hand hielt er bei den Haaren den Kopf des Ratsherrn und Kaufmannes Adam Horne.</p><p>Nun hatte Cranston schon �fter abgeschlagene K�pfe gesehen, etwa den des ermordeten Wirts, oder wenn irgendein Lord auf dem Tower Hill hingerichtet wurde. Aber dieser Anblick war wirklich grausig - nicht so sehr wegen der halb geschlossenen Augen oder des immer noch blutenden Halsstumpfes, sondern weil jemand den Mund aufgestemmt und die zerfleischten �berreste von Hornes Genitalien hineingestopft hatte.</p><p>Cranston ri� dem entsetzten Bettler den Kopf aus der Hand und steckte ihn wieder in den Beutel. Dann stieg er �ber die immer noch am Boden liegende Magd hinweg, br�llte nach Maude und lief den Korridor hinunter zur T�r. Er ri� sie auf und st�rmte die Cheapside hinunter wie ein w�tender Bulle; aber die verschneite Stra�e lag verlassen da, und von dem geheimnisvollen, grausigen Besucher war nichts zu sehen oder zu h�ren. Cranston blieb stehen, beugte sich vor und erbrach sich heftig, als das Grauen dessen, was er gesehen hatte, seinen Geist erreichte und ihm den Magen auswrang wie einen nassen Lappen. �Dieses Schwein!� fl�sterte er. �O Gott, hilf uns!�</p><p>Er wankte ins Haus zur�ck. Maude stand mit bleichem Gesicht am Fu�e der Treppe.</p><p>�Sir John, was ist?�</p><p>�Geh hinauf in dein Zimmer, Weib!� schrie Cranston. �Und bleib dort.�</p><p>Er wandte sich zu der Dienerschaft, die sich an der K�chent�r zusammendr�ngte.</p><p>�Du!� kl�ffte Cranston einen an. �Du gehst und holst einen Arzt! Und ihr� - er deutete auf die K�chin und ihre Gehilfin -, �ihr bringt die Magd auf den S�ller.�</p><p>Das arme, immer noch halb ohnm�chtige M�dchen wurde auf die F��e gestellt. Cranston ging in die K�che. Leif sa� auf einem Schemel, als h�tte ihn der Schlag getroffen. Der Beutel mit seinem grausigen Inhalt lag da, wo Cranston ihn hatte fallen lassen.</p><p>Der Coroner lief gesch�ftig durchs Haus; er rasierte sich, wechselte das Wams, legte seinen Schwertgurt um und nahm den schwersten Mantel vom Haken neben der Speisekammer. In einem Verschlag fand er einen dicken Mehlsack und steckte vorsichtig den verschlissenen Lederbeutel hinein.</p><p>�Leif�, befahl er, �sag Lady Maude, ich gehe zum Rathaus und dann nach Southwark.�</p><p>Der sonst so widerspruchsfreudige Bettler war immer noch wie vom Donner ger�hrt; er starrte den Coroner an und nickte mit offenem Mund. Cranston warf sich den Mehlsack �ber die Schulter.</p><p>�Ach, Leif�� Er drehte sich noch einmal um und grinste den Bettler boshaft an. �Da ist noch mehr von diesem fetten Eintopf, wenn du willst.�</p><p>Leif fing an zu w�rgen. Cranston stapfte zur T�r hinaus und murmelte Racheschw�re gegen die ganze Welt.</p><p>*</p><p>In der Kirche von St. Erconwald hatte Athelstan eben die Totenmesse beendet und segnete gerade den Leichnam eines alten S�ufers namens Tosspot, der im Keller der Schenke Zum Gescheckten Pferd gehaust hatte. Tosspot war am vergangenen Nachmittag tot aufgefunden worden. Da es keine Angeh�rigen gab, hatten Pike und Watkin den Toten in einen Leinensack gen�ht und auf einem Holzgestell vor dem Chorgitter aufgebahrt. Athelstan hatte strikte Anweisung gegeben: Jeder Arme, der in seiner Gemeinde tot gefunden wurde, bekam ein ehrenvolles Begr�bnis. Das galt auch f�r Tosspot. Athelstan schlug das Kreuz �ber dem Leichnam und besprengte ihn mit Weihwasser. Die �blichen Messebesucher, darunter auch Benedicta, sahen fasziniert zu, wie Athelstan die Seele beschwor, zu Christus zu gehen, und als Priester der Heiligen Kirche die himmlischen Heerscharen anflehte, der Seele dieses Ungl�cklichen entgegenzugehen, sie ins Paradies zu f�hren und nicht dem Satan in die H�nde fallen zu lassen. Dann schwieg Athelstan. Und der Leib? dachte er. W�rde der in Sicherheit ruhen? Er schaute auf seine H�nde und sah den Kalkstaub an den Fingerspitzen. Woher kam der? W�hrend der Messe war er noch nicht dagewesen.</p><p>�Pater?� fl�sterte Crim, der Ministrant.</p><p>Athelstan schrak hoch.</p><p>�Pater�, wiederholte der Junge, und sein Gesicht verzog sich zu einem kecken Grinsen. �Ihr habt aufgeh�rt zu beten.� Athelstan sch�ttelte seine Gedanken ab.</p><p>�Wir bitten Dich, heiliger Erzengel Michael�, intonierte er das letzte Gebet, �nimm die Seele dieses unseres Bruders ��Er hielt inne. Wie sollte er ihn nennen? Tosspot? Aber das bedeutete �Saufkopf�. Was w�rden die Engel von einem solchen Namen denken? �Nimm die Seele unseres Bruders Tosspot�, fuhr er trotzig fort, �zu dir in Abrahams Scho�.�</p><p>Der Bruder funkelte die Gemeinde an, aber alle knieten da und hielten die K�pfe weise gesenkt, um ihr Grinsen zu verbergen. Athelstan versuchte, sich seine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen; er winkte Watkin und Pike, die Bahre zu nehmen und ihm und Crim, der einen brennenden Kienspan trug, auf den Kirchhof zu folgen. Der kalte Wind drau�en blies den Kienspan aus. Crim rutschte auf dem Eis aus und fiel auf den Hintern; er fluchte so laut, da� Athelstan sich auf die Lippe bei�en mu�te, um ernst zu bleiben. Sie gingen �ber den einsamen, gespenstischen Kirchhof zu dem flachen Grab, das Pike ausgehoben hatte. Athelstan sah die beiden Auss�tzigen in ihren Kapuzenm�nteln am Totenhaus. Pl�tzlich fiel ihm ein, wie er mit dem Zweig die Hostien f�r die beiden Ungl�ckseligen durch den Lepraspalt geschoben hatte. Athelstan l�chelte. Daher kam der Kalkstaub.</p><p>Sie hatten das Grab erreicht. Pike und Watkin rollten den alten Tosspot in die flache Grube und bedeckten ihn hastig mit gefrorenen Erdklumpen, w�hrend Athelstan ein paar Gebete murmelte. Athelstan segnete das Grab, und Watkin �u�erte d�ster die Hoffnung, der Leichnam m�ge drinbleiben. Dann kehrten sie in die Kirche zur�ck. Athelstan beschlo�, die Spekulationen des Mistsammlers zu ignorieren. Die Grabr�uber, wer immer sie gewesen sein mochten, waren anscheinend nicht mehr da. Vielleicht waren sie weitergezogen, um einen anderen ungl�cklichen Priester zu qu�len. Er ging durch das Kirchenschiff in die kleine, eisige Sakristei und schrak zusammen, als eine gro�e Gestalt aus dem Schatten hervortrat.</p><p>�Sir John!� schimpfte er. �M��t Ihr da lauern wie ein Dieb in der Nacht?�</p><p>Cranston grinste verschlagen. �Ich habe mit dir zu reden, Bruder. Aber nicht hier.�</p><p>Athelstan musterte ihn aufmerksam. �Habt Ihr getrunken, Sir John?�</p><p>Cranston grinste. �Ja und nein. Schnell! Ich warte, w�hrend du dich umziehst.�</p><p>Athelstan verbarg seinen �rger. Er streifte Me�gewand, Stola und Chorrock ab, h�ngte alles eilig in den Schrank, gab dem gaffenden Crim einen Penny f�r seine Hilfe und schob Sir John in die Kirche zur�ck. Dann winkte er Benedicta heran, die vor dem Taufbrunnen stand.</p><p>�Schlie� die Sakristei ab�, bat er sie leise. �Und dann r�umt die Kirche auf.� Er sah sich um. �Watkin!� rief er. Der Mistsammler kam langsam n�her und lie� Sir John nicht aus den Augen. �Watkin�, vertraute Athelstan ihm an, �ich werde eine Weile weg sein. Du sollst darauf achten, da� die Kerzen gel�scht werden und die Kirche abgeschlossen ist, und wenn du dir solche Sorgen um den Friedhof machst, kannst du ja selbst dort Wache halten.�</p><p>Der Sakristan machte ein gekr�nktes Gesicht; und Athelstan h�tte sich die Zunge abbei�en k�nnen. Er hatte nicht so scharf sein wollen, aber Cranstons geheimnisvolles Auftauchen hatte ihn nerv�s gemacht.</p><p>Er f�hrte den Coroner zur Kirche hinaus. Cranston sah Bonaventura heranspringen, um sie zu begr��en, aber er hatte keine Lust darauf, da� der verfluchte Kater sich wieder an seinem Bein rieb; also schickte er Athelstan, die Pferde holen.</p><p>�Folge mir, mein Mephistopheles�, knurrte er, �zu einem Ort, wo es warm und sicher ist.�</p><p>Sie �berquerten den ausgefahrenen Weg, schl�ngelten sich zwischen schwerr�drigen Karren hindurch und f�hrten die Pferde hinunter zur London Bridge und in die willkommene W�rme der Schenke Zum Gescheckten Pferd. Cranston liebte dieses Lokal, eine wahre Lasterh�hle, aber auch ein Ort, wo es gutes Ale, feinen Wein und k�stliches Essen gab. Selbstverst�ndlich kannte der Coroner den Wirt, Joscelyn, pers�nlich.</p><p>�Ein echter S�nder�, so hatte er ihn einmal beschrieben, �der in den Himmel kommen wird, weil er die Himmelspforte geklaut hat.�</p><p>Athelstan gab ihm recht. Der Wirt des Gescheckten Pferdes war ein einarmiger ehemaliger Seer�uber, der dem Ordensbruder einmal im Vertrauen erkl�rt hatte, wie gern er in die Kirche ginge, wenn ihm vom Geruch des Weihrauchs nicht immer so schlecht w�rde. Athelstan grinste. Es war doch seltsam, da� er gerade erst Tosspot beerdigt hatte, der ausgerechnet in diesem Wirtshaus Kr�ge und Teller abgewaschen hatte. Er sah sich um. Das Lokal sah sauberer aus; die W�nde waren frisch verputzt, das Holz neu gestrichen, und die Binsenstreu auf dem Boden war frisch und duftete. Joscelyn kam ihnen entgegengewatschelt. Der alte Halunke strahlte �ber das ganze feinge�derte Gesicht, und seine eine Hand kratzte sein Kinn, als er gen��lich an den fetten Gewinn dachte, der da in Aussicht stand. Sir John war ein t�chtiger Trinker und bei den Wirten der Stadt sehr beliebt.</p><p>�Mylord Coroner�, sagte Joscelyn und verneigte sich sp�ttisch. �Ihr seid mir h�chst willkommen in meiner bescheidenen Behausung.�</p><p>�In drei Teufels Namen, du alter Halunke!� dr�hnte Cranston. �Bist du zu deinen alten gottlosen Gewohnheiten zur�ckgekehrt? Woher hast du das Geld, um diese Kloake der Niedertracht zu s�ubern?�</p><p>Joscelyn zuckte die Achseln und spreizte die Finger. �Ich habe einen neuen Partner�, verk�ndete er stolz. �Er hat sein Wirtshaus in der Barbican Street verkauft und ist auf die andere Seite des Flusses gezogen, um von der Schn�ffelei gewisser Herren Coroner verschont zu werden.�</p><p>Cranston br�llte vor Lachen und ging mit Athelstan in eine Ecke, wo abseits der �brigen G�ste noch ein Tisch und ein paar Schemel standen. Athelstan war ziemlich verlegen. An den Weinf�ssern hatte er Pike, den Grabenbauer, entdeckt; die Friedhofserde klebte noch an seinen H�nden, und er war in ein Gespr�ch mit einigen Fremden vertieft. Die Gro�e Gemeinde, dachte Athelstan, Bauern von den verschneiten Feldern au�erhalb Londons, die sich hereinschlichen, um vom Aufstand zu reden, Verrat zu planen und Komplotte zu schmieden. Pike bemerkte ihn und hob mit wachsamem Blick seinen Bierkrug. Athelstan l�chelte ihm zu, und kurz darauf stand Pike auf und ging mit seinen Kumpanen hinaus.</p><p>Cranston hockte sich mit dem R�cken zur Wand und sp�hte hungrig zu den Schinken und Fleischbrocken hinauf, die an Stricken von den Deckenbalken zum Trocknen hingen. Er sah, wie ein Schankbursche ein neues Fa� anstach, und durch eine offene T�r konnte man einen Blick in die K�che mit dem riesigen Ofen werfen, wo Joscelyn sein eigenes Brot buk. Ein Junge mit staubgrauem Gesicht harkte Kohlen und Holz zu einem sauberen wei�en Aschehaufen zusammen. Man w�rde das Brot hineinschieben, den Ofen verschlie�en, und w�hrend er abk�hlte, w�rde das Brot darin backen. Ein sonderbares Gasthaus, dachte Sir John, mitten im Herzen von Southwarks Dreck, aber die Biere und Weine waren immer frisch und die Speisen k�stlich. Auf einem Tisch entdeckte er einen gro�en Gew�rzbeh�lter aus Silber. Cranston kratzte sich am Kopf. Soviel neuer Reichtum. M��ig fragte er sich, ob Joscelyn vielleicht wirklich zu seinen alten Gewohnheiten zur�ckgekehrt war und ein kleines Schmuggleruntemehmen betrieb.</p><p>Athelstan betrachtete den Coroner aus dem Augenwinkel. Sir Johns Laune hatte sich zwar gebessert, aber Athelstan graute davor, einen ganzen Tag lang zuzuschauen, wie er einen Becher Wein nach dem anderen hinuntersch�ttete. Der Wirt kam. �Mylord Coroner, wollt Ihr etwas bestellen?�</p><p>Cranston starrte versonnen zur Decke hinauf.</p><p>�Keinen Fisch�, sagte er dann. �Einen Fasan vielleicht oder ein paar Wachteln, goldbraun geschmort und mit Kr�utern gef�llt. Und eine dicke Tunke dazu. Und frisches Brot.�</p><p>�Und der ehrw�rdige Vater?� fragte Joscelyn sarkastisch.</p><p>�Der ehrw�rdige Vater�, erwiderte Athelstan geschmeidig, �m�chte einen Teller dicke Lauchsuppe, etwas Brot und einen Becher Wein - mehr Wasser als Wein.�</p><p>Sie warteten, bis Joscelyn gegangen war.</p><p>�Nun, Mylord Coroner?� fragte Athelstan. �Was ist passiert?� Cranston schilderte in kurzen, b�ndigen S�tzen das grausige Ereignis, das in seinem Haus stattgefunden hatte. �Ich war auch schon im Rathaus�, schlo� er betr�bt. �Der B�rgermeister hat mir unmi�verst�ndlich zu verstehen gegeben, wie unzufrieden Seine Gnaden der Regent �ber unsere mangelnden Fortschritte ist. Adam Horne geh�rte anscheinend zu seinem Gefolge.�</p><p>�Und was habt Ihr geantwortet?�</p><p>�Ich habe ihm gesagt, da� mich das alles einen Rattenarsch interessiert und ich mein Bestes tue.�</p><p>�Vermutlich war der B�rgermeister mit dieser wortgewaltigen Antwort zufrieden, oder?�</p><p>Cranston lehnte sich an die Wand. �Oh, wir hatten einen Streit, aber ich bin vern�nftig genug, die Konfrontation nicht zu suchen. Ich habe ihm erkl�rt, da� wir Horne gesucht und nicht gefunden haben.� Er sah Athelstan an, und sein Blick war voller Selbstmitleid. �Ich mu� diese Sache mit Lady Maude aus der Welt schaffen�, sagte er leise. �Sie benebelt mir den Verstand.� Athelstan wartete, bis die schlampige Bedienung ihnen die Weinbecher hingestellt hatte.</p><p>�Sir John, wir wollen die Ereignisse einmal der Reihe nach betrachten.� Er hob eine Hand. �Nein, das ist notwendig. Und - bitte, verzeiht mir - wir m�ssen die Angelegenheit mit Lady Maude einstweilen beiseite stellen.�</p><p>Cranston nickte d�ster.</p><p>�Sir Ralph Whitton�, begann Athelstan, �wurde gewarnt, da� er sterben werde, weil er Vorjahren in Outremer einen schrecklichen Verrat begangen hat. Ich wei߫, f�gte er leise hinzu, �da� er einer solchen Tat schuldig war. Deshalb hat er hinten in sein Stundenbuch all diese Gebete an Julian, den Hospitaliter, gekritzelt.�</p><p>�Wer war denn das?�</p><p>�Ein Ritter, der schreckliche Mordtaten begangen hat und sein restliches Leben damit zubrachte, Bu�e zu tun. Jedenfalls�, fuhr Athelstan fort, �zieht Sir Ralph aus seinem Gemach in die vermeintliche Sicherheit der n�rdlichen Bastion. Er hat Angst und will nicht einmal seinen maurischen Diener Rastani mitnehmen. Am Abend vor seinem Tod trinkt er viel und zieht sich dann in seine Schlafkammer zur�ck. Was ist danach passiert?� fragte Athelstan, um Cranston aus seinen finsteren Gr�beleien zu rei�en.</p><p>Der Coroner trank ger�uschvoll aus seinem Becher. �Tja, lieber Bruder, nach allem, was wir wissen, schlo� Sir Ralph die T�r von innen ab, ging zu Bett und nahm den Schl�ssel mit. Die T�r zu dem Gang, an dem sein Zimmer liegt, wurde von den beiden W�chtern verschlossen; das andere Ende des Ganges ist durch eingest�rztes Mauerwerk versperrt. Die W�chter sind die ganze Nacht auf ihrem Posten im Eingang zur Nordbastion. Sie sind vertrauensw�rdig, und der Schl�ssel zum Gang und ein zweiter Schl�ssel zu Sir Ralphs Kammer h�ngen neben ihnen an einem Haken. Wir haben zuverl�ssig ermitteln k�nnen, da� keiner der beiden W�chter seinen Posten verlassen hat und beide nichts Au�ergew�hnliches gesehen und geh�rt haben.�</p><p>�Und jetzt zum Mord�, dr�ngte Athelstan.</p><p>�Der junge Geoffrey�, fuhr Cranston fort, �an dem Sir Ralph offenbar einen Narren gefressen hatte, erscheint fr�h am n�chsten Morgen. Die W�chter durchsuchen ihn nach Waffen und schlie�en ihm dann die T�r zum Gang auf. Diese T�r wird, anscheinend weil Sir Ralph es so befohlen hat, gleich wieder abgeschlossen, und Geoffrey geht, um ihn zu wecken. Die Wachen h�ren ihn klopfen und rufen, dann kommt unser junger Held zur�ck. Er verk�ndet, er sei au�erstande, Sir Ralph zu wecken, will umkehren, um selbst aufzuschlie�en, besinnt sich aber und l�uft zu Colebrooke, dem Lieutenant. Zusammen kehren sie zur�ck und �ffnen Sir Ralphs Kammer. Der Raum ist unber�hrt, aber Whitton liegt mit durchgeschnittener Gurgel im Bett. Der Leichnam ist eiskalt, und die Fensterl�den stehen sperrangelweit offen. Und hier, mein lieber Bruder, fangen unsere Probleme an.�</p><p>�Nicht, wenn wir bei unserer Schlu�folgerung bleiben�, erwiderte Athelstan. �Da� n�mlich jemand den zugefrorenen Wassergraben �berquert hat und �ber die Trittstufen in der Mauer zu Sir Ralphs Kammer hinaufgeklettert ist. Der M�rder schob den Riegel der Fensterl�den hoch, stieg hinein und beging das Verbrechen. Allerdings ist auch unsere Schlu�folgerung nicht unproblematisch. Wieso n�mlich ist Sir Ralph einfach liegengeblieben und hat sich die Kehle durchschneiden lassen? Er war Soldat, ein K�mpfer.� Der Ordensbruder sch�ttelte den Kopf. �Wir wissen nur, da� der M�rder zu jenen Bewohnern des Tower geh�ren mu�, die wu�ten, da� Sir Ralph umgezogen war; entweder hat er oder sie den Mord dann eigenh�ndig begangen oder daf�r einen Berufsm�rder angeheuert.� Athelstan schaute hin�ber zu einer Gruppe W�rfelspieler, die am anderen Ende des Schankraumes l�rmten.</p><p>�Und der Mord an Sir G�rard Mowbray�, stellte Cranston fest, �ist auch nicht klarer. Wer hat die Sturmglocke gel�utet? Wie ist Mowbray abgest�rzt? Hornes Ermordung�, fuhr er fort, �sieht dagegen relativ einfach aus. Der M�rder machte sich sein schlechtes Gewissen und seine Angst zunutze und lockte den Ungl�cklichen an jenen grausigen Ort und in den Tod.�</p><p>�Wo ist er denn gestorben?� fragte Athelstan.</p><p>�In den alten Ruinen n�rdlich des Tower. Und - bevor du fragst: Sein M�rder hat keine Spuren hinterlassen.�</p><p>�Und die Verd�chtigen?� fragte Athelstan m�de, beugte sich vor und legte dem Coroner die Hand auf den Arm. �Kommt, Sir John, benutzt Euren scharfsinnigen Verstand.�</p><p>Cranston zuckte die Achseln.</p><p>�Also, es k�nnte Sir Fulke gewesen sein. Die Schnalle, die auf dem Eis lag, geh�rt ihm, und er hat Vorteile vom Tod seines Bruders. Sir Ralphs Diener Rastani w�re geschmeidig und kr�ftig genug, um die Mauer hinaufzuklettem.� Cranston zog eine Grimasse. �Ich habe �brigens ihre Angaben zu dem Abend, an dem Sir Ralph starb, nachgepr�ft. Sir Fulke und Rastani waren nicht im Tower, und es gibt Leute, die das bezeugen k�nnen.�</p><p>�Master Geoffrey k�nnte der T�ter sein�, meinte Athelstan. �Aber in der Nacht, als Sir Ralph starb, lag er in Philippas Bett, und in der Nacht von Sir Gerards Tod war er ebenfalls im Gemach seiner Lady. Gut, er kam, um Sir Ralph zu wecken, wurde aber nach Waffen durchsucht, hatte keinen Schl�ssel, und selbst wenn er die Kammer betreten h�tte - G�nstling oder nicht -, h�tte Sir Ralph sich wohl kaum in aller Ruhe die Kehle von ihm durchschneiden lassen.� Athelstan rieb sich das Gesicht. �Die M�glichkeiten sind endlos. Hammond, der Gauner von Kaplan. Colebrooke, der neidische Lieutenant. Die ehrw�rdige Mistress Philippa. Nicht zu reden von unserem Hospitaliter, der uns vielleicht nur einen Haufen L�gen erz�hlt hat.� Der Bruder machte schmale Augen. �Wir m�ssen alle �berpr�fen�, sagte er.</p><p>�Und Rothand�, bemerkte Cranston. �Der Mann ist vielleicht nicht so verr�ckt, wie er aussieht.�</p><p>Athelstan blickte auf und l�chelte. �Wir haben Fortschritte gemacht, Sir John. Wenn man Fitzormonde glauben darf, kennen wir den Grund f�r die Mordtaten: Burghgeshs Tod auf dem unseligen Schiff im Mittelmeer vor so vielen Jahren. Das Bild auf dem Pergament soll die M�rder an ihre �ble Tat erinnern, und der Sesamkuchen ist ein Zeichen f�r ihr bevorstehendes Ende.�</p><p>�Und das� - Cranston br�llte fast und bedeutete dem Wirt, ihm endlich das Essen zu bringen, denn sein Magen knurrte - �bringt uns zum n�chsten Geheimnis. Ist Burghgesh wirklich tot? Oder ist er wieder da und verbirgt sich in London, vielleicht sogar im Tower? Oder steckt sein Sohn dahinter? Oder ein Freund?�</p><p>Cranston lehnte sich zur�ck; Joscelyn brachte die dampfenden Sch�sseln mit dem Essen. Sir John bediente er eigenh�ndig; er schnitt mit seiner einen Hand dicke Scheiben von der Fasanenbrust ab und legte sie geschickt auf den Zinnteller, w�hrend eine Magd mit einem Krug dampfender Sauce herbeikam, in der der Vogel geschmort war. Sir John grinste dankend, zog seinen eigenen Zinnl�ffel aus der Tasche, griff nach seinem Dolch und machte sich �ber das Essen her, als h�tte er seit Tagen nichts mehr bekommen. Athelstan sah staunend zu: Sir Johns unabl�ssiger Hunger faszinierte ihn stets. Eine Hausmagd brachte auch ihm sein Essen, eine Sch�ssel mit dicker, starkgew�rzter Suppe. Athelstan bat um einen Zinnl�ffel und a� langsam.</p><p>�Die haben das Brot vergessen�, brummte Sir John.</p><p>Athelstan rief das M�dchen zur�ck, und sofort wurden kleine, frische, in Leint�cher gewickelte Wei�brote herbeigebracht. Athelstan dachte �ber das Besprochene nach und wartete, bis Sir John seinen gr��ten Hunger gestillt hatte.</p><p>�Eines haben wir �bersehen�, sagte er dann.</p><p>�N�mlich?� mampfte Cranston mit vollem Mund.</p><p>�Nach dem Mord an Horne wissen wir, da� der T�ter uns kennt. Weshalb h�tte er Euch sonst eine so grausige Jagdtroph�e ins Haus geschickt?�</p><p>�Weil der Hund verr�ckt ist!�</p><p>�Nein, nein, Sir John. Es soll eine Warnung sein. Dieser M�rder bildet sich ein, Gottes Werk zu tun. Er schickt uns eine Botschaft: Haltet Euch zur�ck, bis meine Arbeit getan ist. Mischt Euch nicht ein.� Athelstan lie� den L�ffel sinken. �Was f�r eine schreckliche Sache�, fl�sterte er. �Einem Mann die Genitalien abzuhacken und sie dem abgetrennten Kopf in den Mund zu stopfen. Aber Fitzormonde hat so etwas erw�hnt.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Nun, der Kalif von �gypten habe jeden so bestraft, der gegen seinen Befehl verstie� - Kopf und Genitalien abgehackt und auf dem Stadttor von Alexandria zur Schau gestellt. Es liegt auf der Hand, Sir John�, fuhr er fort, �da� unser M�rder jemand sein mu�, der in Outremer war, jemand, der �ber die Haschischoni Bescheid wei� - bedenkt den flachen Sesamkuchen und die schreckliche Art, den Leichnam eines hingerichteten Verbrechers zu dem�tigen.�</p><p>Cranston lie� seinen Dolch sinken. �Aber wer ist es, Bruder?�</p><p>�Ich wei� nicht, Sir John, aber ich glaube, wir sollten noch einmal in den Tower gehen und mit unseren Verd�chtigen sprechen.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann gehen wir nach Woodforde.�</p><p>Cranston st�hnte.</p><p>�Sir John�, beharrte Athelstan, �es ist nicht weit - ein paar Meilen durch Aldgate, und dann die Mile End Road hinunter. Wir m�ssen herausfinden, ob Burghgesh je zur�ckgekehrt ist und was aus seinem Sohn geworden ist. Au�erdem�, f�gte er hinzu, �findet Ihr dabei vielleicht ein bi�chen Zeit, um �ber Lady Maude nachzudenken.�</p><p>Cranston stie� seinen Dolch in ein St�ck zartes Fleisch, willigte brummend ein und a� weiter, als h�nge sein Leben davon ab.</p></section><section><title><p><strong>10. Kapitel</strong></p></title><p>Athelstan und Cranston beendeten ihre Mahlzeit und �berquerten die London Bridge. Unter ihnen rauschte das Wasser schwarz und tr�ge, und die Eisschollen krachten gegen die Verkleidungen, die die Holzpfeiler der Br�cke vor dem W�ten der Themse sch�tzen sollten. Sie kamen durch Billingsgate. Die Verkaufsst�nde verstr�mten heftigen Gestank; sie waren wieder frisch gef�llt mit Hering, Kabeljau, Schleie und sogar Hecht, denn auch die Flotte der Fischerboote hatte den Wetterumschwung genutzt.</p><p>Im Tower herrschte reges Treiben, als sie ankamen. Wie jeder gute Soldat lie� Colebrooke die Garnison arbeiten, um die durch den Frost ausgel�ste Tr�gheit zu beenden und sich selbst von den Morden abzulenken. Der Lieutenant stand auf dem Tower Green und rief den Arbeitern, die die Steinschleudern, die Skorpione und die gro�en Rammen �berholten, Befehle zu. Bogensch�tzen standen kn�cheltief im Matsch und �bten an den Zielscheiben; andere wurden von ihren Feldwebeln gnadenlos gedrillt. Athelstan entsann sich, Ger�chte geh�rt zu haben: Im Fr�hjahr w�rden die Franzosen vielleicht die Kanalh�fen angreifen und sich sogar die Themse heraufk�mpfen, um die Stadt zu pl�ndern und niederzubrennen.</p><p>Colebrookes Mi�vergn�gen, als er Cranston und Athelstan sah, war un�bersehbar.</p><p>�Habt Ihr den M�rder gefunden?� schrie er.</p><p>�Nein, Master Lieutenant�, antwortete Cranston. �Aber wir werden ihn finden. Und wenn es soweit ist, k�nnt Ihr die Galgen bauen.�</p><p>Cranston trat beiseite, als ein Metzger und zwei Bogensch�tzen F�sser mit gep�keltem Schweinefleisch zum Vorratslager rollten. Der Coroner r�mpfte die Nase. Trotz der starken Gew�rze und der dicken wei�en Salzschicht roch das Fleisch faulig, und er mu�te w�rgen, als er Insekten �ber den Rand der F�sser krabbeln sah. Im stillen schwor er sich, kein Essen aus den Vorratskammern oder den K�chen des Tower anzunehmen. Colebrooke sah, da� seine Besucher sich nicht abschrecken lie�en, wandte sich ab und erteilte ein paar Befehle. Athelstan nutzte den Moment, um zu dem B�ren hin�berzuschleichen, der in seinem eigenen Kot hockte und einen Berg Unrat pl�nderte. Der verr�ckte Rothand sa� da wie ein Kobold und betrachtete das Untier fasziniert.</p><p>�Du bist zufrieden, Rothand?� fragte Athelstan leise.</p><p>Der Mann zog eine Grimasse und wedelte mit den H�nden, wie um den B�ren zu imitieren. Athelstan kauerte sich neben ihn. �Magst du den B�ren, Rothand?�</p><p>Der Bursche nickte, ohne den B�ren aus den Augen zu lassen. �Der Ritter aber auch�, sagte er mit schwerer Zunge, und Athelstan roch Weingestank.</p><p>�Welcher Ritter?�</p><p>�Der mit dem Kreuz.�</p><p>�Du meinst Fitzormonde?�</p><p>�Ja, ja, Fitzormonde. Der kommt oft und gafft ihn an. Rothand mag Fitzormonde. Rothand mag auch den B�ren. Den Colebrooke mag Rothand nicht. Colebrooke w�rde Rothand umbringen.�</p><p>�Mochtest du Burghgesh?� fragte Athelstan schnell, und er sah, da� die Augen des Irren aufleuchteten. �Du kanntest ihn�, f�gte er hinzu. �Als junger Soldat hat er hier gedient.�</p><p>Rothand blickte weg.</p><p>�Du erinnerst dich doch?� dr�ngte Athelstan.</p><p>Der Verr�ckte sch�ttelte den Kopf und starrte den B�ren an, aber Athelstan sah, da� er mit den Tr�nen k�mpfte. Der Ordensbruder erhob sich seufzend und klopfte sich das Eis von der Kutte.</p><p>�Bruder Athelstan!� schrie Cranston. �Master Colebrooke ist ein vielbesch�ftigter Mann. Er sagt, er kann nicht den ganzen Tag warten, w�hrend du dich mit einem Verr�ckten unterh�ltst!�</p><p>�Master Colebrooke sollte begreifen�, erwiderte Athelstan, �da� es Ansichtssache ist und wohl auch dem Urteil Gottes unterliegt, wer verr�ckt ist und wer nicht.�</p><p>�Pater, es war ja nicht b�se gemeint�, sagte Colebrooke; er nahm den kegelf�rmigen Helm ab und hielt ihn in den Armen. �Aber ich habe hier eine Garnison zu f�hren. Ich werde tun, was Ihr wollt.�</p><p>Athelstan l�chelte. �Gut. Mowbrays Leichnam - wo liegt der?� Colebrooke deutete auf die Kapelle von St. Peter ad Vincula. �Vor dem Chorgitter. Morgen wird er auf dem Friedhof der Allerheiligenkirche begraben.�</p><p>�Ist er schon eingesargt?�</p><p>�Nein, nein.�</p><p>�Gut. Ich will die Leiche sehen, und danach w�rden Mylord Coroner und ich gern mit all denen sprechen, die von Sir Ralphs Tod ber�hrt sind.�</p><p>Colebrooke st�hnte auf.</p><p>�Wir sind hier im Auftrag des Regenten�, betonte Athelstan.</p><p>�Wenn die Angelegenheit gekl�rt ist, werde ich in meinem Bericht auch die Unterst�tzung erw�hnen, die wir bei unseren Ermittlungen bekommen oder nicht bekommen haben. Wir erwarten die Leute in der Kapelle von St. John.�</p><p>Colebrooke l�chelte gezwungen und eilte davon; unterwegs befahl er einigen Soldaten, Sir Fulke und die anderen zu suchen. Cranston und Athelstan gingen zu St. Peter. Die Kirche war ein strenger, ernster Ort, kalt und klamm. Das Kirchenschiff war viereckig, und runde S�ulen bewachten dunkle Seiteng�nge. Eine kleine Fensterrosette in der Giebelwand spendete Licht. Das Chorgitter war aus poliertem Eichenholz, und davor lagen, von Kerzen umgeben, die beiden Toten Sir Ralph Whitton und Sir G�rard Mowbray. Die Einbalsamierer hatten getan, was sie konnten, aber schon im Kirchenschiff drang Cranston und Athelstan der Geruch der Verwesung in die Nase.</p><p>Die beiden Leichname lagen unter Leint�chern auf geflochtenen Matten und Holzgestellen. Cranston blieb stehen und winkte Athelstan weiterzugehen.</p><p>�Ich habe zu fett gegessen, Bruder�, brummte er. �Sieh dir an, was du willst, und dann la� uns verschwinden.�</p><p>Athelstan gehorchte nur zu gern. Er ignorierte Sir Ralphs Leichnam und schlug die Insignien des Hospitaliters und das Leintuch darunter beiseite. Mowbrays Gesicht wollte er nicht sehen; er kannte das Gesicht des Todes. Statt dessen untersuchte er die wei�en, schorfigen Beine des Hospitaliters. Er nahm eine der Kerzen, um den bl�ulichgelben Blutergu� am rechten Bein des Toten unter dem Knie zu inspizieren. Befriedigt zog er das Leintuch wieder an seinen Platz, steckte die Talgkerze in den Halter, kniete kurz vor dem Allerheiligsten und ging zum Ausgang. Cranston folgte ihm, so schnell er konnte. Drau�en blieben sie stehen und sogen gierig die erfrischende kalte Luft ein.</p><p>�G�tiger Gott, Sir John�, sagte Athelstan. �Ich dachte ja immer, St. Erconwald ist schlimm; aber wenn ich jemals wieder dar�ber jammere, m��t Ihr mich an diese Kirche erinnern, und ich halte den Mund.�</p><p>Cranston grinste. �Aber mit Vergn�gen, Bruder. Hast du gefunden, was du gesucht hast?�</p><p>�Ja, Sir John. Ich glaube, Sir G�rard wurde nicht von der Mauer heruntergesto�en, sondern jemand hat einen Speer oder ein St�ck Holz oben �ber die Treppe gelegt, als der Hospitaliter am anderen Ende des Wehrganges auf seinem gewohnten Platz beim Salt Tower stand. Im Schutze der Dunkelheit w�re das m�glich gewesen, wenn Sir G�rard in Gedanken versunken war.� Mit schmalen Augen schaute er zur fernen Mauer hin�ber. �Die Sturmglocke ert�nte. Mowbray lief den Wehrgang entlang. Im Dunkeln sah er das Hindernis nicht, stie� mit dem Bein dagegen, rutschte und st�rzte in den Tod.�</p><p>�Aber wir wissen nicht, wer die Glocke gel�utet oder die Stange �ber die Treppe gelegt hat�, sagte Cranston. �Du darfst nicht vergessen, da� au�er Colebrooke und Fitzormonde alle bei Mistress Philippa waren.�</p><p>�Colebrooke k�nnte es getan haben�, meinte der Bruder. �Er k�nnte den Ritter oben an der Brustwehr gesehen, sich hinaufgeschlichen und die Stange hingelegt haben, um dann auf irgendeine Weise die Sturmglocke l�uten zu lassen.�</p><p>�Aber wir haben keine Beweise.�</p><p>�Nein, Sir John, noch nicht. Aber wir tragen sie zusammen, St�ck f�r St�ck.� Athelstan seufzte. �Nur die Zeit wird zeigen, ob wir Erfolg haben.�</p><p>Sie fanden Colebrooke und die anderen in der Kapelle von St. John. Das Mi�vergn�gen �ber diese Versammlung war un�bersehbar. Hammond drehte ihnen halb den R�cken zu. Fulke r�kelte sich auf seinem Platz und schaute an die Decke. Rastani wirkte selbstbewu�ter; Athelstan sah den sarkastischen Spott in seinen dunkel funkelnden Augen. Colebrooke marschierte auf und ab wie bei einer Parade, und Mistress Philippa lehnte an der Wand und starrte betr�bt auf das Tower Green hinunter.</p><p>�Wo ist Geoffrey?� fragte Athelstan.</p><p>�Geoffrey Parchmeiner�, antwortete Fulke, �mag ein ziemlich �ngstlicher, t�richter junger Mann sein, der viele Laster hat.� Der Ritter ignorierte den erbosten Blick seiner Nichte. �Aber er arbeitet schwer. Er hat Besseres zu tun, als im Tower herumzulungern und m��ige Fragen zu beantworten, w�hrend brave M�nner get�tet werden und der M�rder ungeschoren herumspaziert.�</p><p>�Ich danke Euch f�r diese Rede, Sir Fulke�, versetzte Cranston und strahlte mit gespielter Freundlichkeit in die Runde. �Wir haben nur eine Frage - und ich mu� mich bei Euch entschuldigen, Sir Brian -, aber es ist nur ein Name, weiter nichts. Bartholomew Burghgesh. Sagt das einem von Euch irgend etwas?�</p><p>Athelstan war verbl�fft �ber die Verwandlung, die Cranstons Worte ausl�sten. Das Grinsen des Coroners wurde breiter. �Gut�, stellte er fest. �Jetzt haben wir Eure Aufmerksamkeit.� Er warf einen kurzen Blick auf den w�tenden Hospitaliter. �Sir Brian, Ihr braucht nicht zu antworten, und wenn Ihr Geduld habt, werdet Ihr sehen, warum wir fragen. Nun?� Der Coroner klatschte in die H�nde. �Bartholomew Burghgesh?�</p><p>�Bei den Z�hnen der H�lle!� schnarrte Sir Fulke und trat in die Mitte des Raumes. �Treibt keinen Schabernack, Sir John. Burghgesh war ein Name, dessen Erw�hnung mein Bruder, Sir Ralph, in seiner Gegenwart nicht geduldet h�tte!�</p><p>�Warum nicht?� fragte Athelstan unschuldsvoll.</p><p>�Weil mein Bruder den Mann nicht ausstehen konnte.�</p><p>�Aber sie sind doch Waffenbr�der gewesen.�</p><p>�Gewesen�, betonte Sir Fulke. �In Outremer hatten sie einen Streit. Sp�ter kam Bartholomew ums Leben, als sein Schiff im Mittelmeer von maurischen Piraten gekapert wurde.�</p><p>�Warum?� fragte Cranston.</p><p>�Warum was?�</p><p>�Warum konnte Euer Bruder Burghgesh nicht ausstehen?� Fulke kam n�her und senkte den Blick. �Es war eine Ehrensache�, sagte er leise, fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen und schaute nerv�s Philippa an. �Sir Ralph hat Bartholomew einmal beschuldigt, er widme deiner Mutter, seiner Frau, zuviel Aufmerksamkeit.�</p><p>�Und traf diese Beschuldigung zu?� wollte Athelstan wissen. Fulkes Miene wurde milder. �Nein�, stammelte er. �Ich will ehrlich sein - ich mochte Bartholomew. Er war lustig und glaubte von allen immer nur das Beste. Er war sanftm�tig und h�flich.�</p><p>Athelstan sp�rte pl�tzlich die st�hlerne H�rte in Sir Fulkes Charakter.</p><p>�Ihr hattet ihn wirklich gern, nicht wahr?�</p><p>�Ja. Ich war sehr betr�bt, als ich von seinem Tod erfuhr.� Er scharrte mit den F��en und schaute zu Boden. �Ehrlich gesagt�, fuhr er fort, �als ich j�nger war, w�nschte ich mir immer, Bartholomew w�re mein Bruder, weil ich - Gott verzeihe mir - Ralph nicht leiden konnte.� Er hob den Kopf, und sein Blick war traurig. �Vorjahren dienten er und Bartholomew hier im Tower als Offiziere.� Fulke hustete und r�usperte sich. �Mein Bruder war heimt�ckisch. Er war grausam. Er hat Rothand schlecht behandelt. Er hat sogar den Priester hier geschlagen, als er noch ein junger Novize war.�</p><p>Der Kaplan err�tete verlegen. �Los, sagt endlich die Wahrheit!� Fulke schaute w�tend in die Runde und fletschte die Z�hne wie ein Hund. �Sir Ralph war allen verha�t!�</p><p>Kreidewei� vor Wut, trat Mistress Philippa vor. �Mein Vater liegt aufgebahrt und erwartet seine Beerdigung, und du sprichst so schlecht von ihm!�</p><p>�Gott verzeihe mir, Philippa, aber ich sage die Wahrheit!� Fulke streckte die Hand aus. �Frag Rastani! Wer hat ihm denn die Zunge herausgerissen, als er ein Junge war?�</p><p>Der Schwarze starrte ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. �Das stimmt�, schaltete sich Fitzormonde ein. �Als es zum erstenmal b�ses Blut zwischen Burghgesh und Whitton gab, ging es um den Mohren.�</p><p>Fulke lie� sich auf die Bank fallen. �Ich habe genug gesagt�, seufzte er. �Aber ich habe diese Fragen satt. Philippa, dein Vater war ein Schweinehund, und niemand hier wird mir widersprechen.�</p><p>Cranston und Athelstan waren verbl�fft �ber diesen unverhofften Ausbruch von Ha� und Feindseligkeit. Du lieber Gott, dachte Athelstan: Jeder von ihnen konnte Sir Ralphs M�rder sein. Burghgesh war sehr beliebt gewesen. Hielt einer der Anwesenden sich f�r Gottes Henker, der den Tod des guten Mannes zu r�chen hatte? Athelstan schaute in die Runde.</p><p>�Master Parchmeiner wird heute nicht kommen?� fragte er, die pl�tzliche Stille nutzend.</p><p>�Nein�, antwortete Sir Fulke m�de. �Um Himmels willen, Pater, wer w�rde sich gern hier aufhalten? So viele Erinnerungen, so viel Ha�.�</p><p>Mistress Philippa sa� zusammengesunken auf einer Bank und hatte die H�nde vors Gesicht geschlagen. Sir Fulke ging zu ihr und t�tschelte ihr leicht die Schulter. Cranston sah, da� Rastani sp�ttisch die Mundwinkel verzog. War er der M�rder? Der Coroner dachte an Athelstans Worte: Adam Hornes M�rder hatte eine Methode benutzt, mit der man in den maurischen L�ndern den Leichnam eines Verbrechers und Verr�ters sch�ndete.</p><p>�Wir haben genug gesehen�, fl�sterte Athelstan. �Wir sollten jetzt gehen.�</p><p>�Eines noch�, sagte Cranston. �Ihr kennt den Kaufmann Adam Horne?�</p><p>�Noch so ein Schweinehund�, zischte Sir Fulke. �Ja, ja, Sir John, Horne war ein Freund meines Bruders.�</p><p>�Nun, er ist tot�, verk�ndete Cranston ohne Umschweife. �Gestern nacht in den Ruinen n�rdlich von hier ermordet.� Fitzormonde fluchte leise. Die anderen blickten erschrocken auf.</p><p>�Ich w��te zu gern, wo jeder einzelne von Euch gewesen ist�, sagte Cranston.</p><p>�Bei den Z�hnen der H�lle, Sir John!� fauchte Colebrooke. �Jetzt, wo es getaut hat, kann jeder unauff�llig kommen und gehen.�</p><p>Cranston l�chelte matt. Der Lieutenant hatte recht: Es w�re praktisch sinnlos, von allen Rechenschaft �ber ihre Aktivit�ten zu fordern. Horne konnte zu jeder beliebigen Zeit zwischen Abendd�mmerung und Morgengrauen ermordet worden sein. �Kommt, Sir John�, sagte Athelstan.</p><p>Cranston winkte Colebrooke heran, und sie verabschiedeten sich. Sie sprachen kaum ein Wort, bis sie ihre Pferde abgeholt, den Tower verlassen und die Richtung nach Eastcheap eingeschlagen hatten.</p><p>�O Herr, errette uns!� Cranston brach unvermittelt das Schweigen. �Wieviel Ha� doch des Menschen Herz erf�llt, wie, Bruder?�</p><p>�Aye�, antwortete Athelstan und lenkte Philomel behutsam von der verschneiten Kloake weg, die in der Mitte der Stra�e entlangf�hrte. �Vielleicht sollten wir alle das bedenken, Sir John. Kleine Eifers�chteleien und Mi�verst�ndnisse k�nnen aus den Funken eines Zanks ein tosendes Feuer des Hasses entfachen.�</p><p>Cranston warf Athelstan einen Blick zu und l�chelte �ber diese stachelige Ermahnung: Was f�r Fulke und die anderen im Tower galt, galt nat�rlich auch f�r seine Beziehung zu Lady Maude. �Wohin jetzt, Bruder?� fragte er.</p><p>�Zu Master Parchmeiners Laden gegen�ber dem Chancellor�s Inn bei St. Paul.�</p><p>�Warum?� fragte Cranston.</p><p>�Weil er nicht bei den anderen im Tower war, Sir John, und weil wir jeden befragen m�ssen.�</p><p>Sie ritten die Candlewick Street zur Trinity hinauf, in einem wohlhabenden Stadtteil, den Athelstan nur selten besuchte. Die H�user waren ger�umig und beeindruckend; die unteren Stockwerke waren aus massivem Holz gebaut, die �berh�ngenden Giebel dar�ber ein Fachwerk aus schwarzen Balken und wei�em Putz. Die D�cher waren mit Ziegeln gedeckt, anders als viele der H�user in Athelstans Pfarrgemeinde, die sich mit Ried oder Stroh begn�gen mu�ten. Viele der Fenster waren aus reinem Glas und mit Holzl�den und Eisengittem gesichert. In diesen H�usern sp�lten Dienstboten regelm��ig die Kloake mit dem Wasser, das sie zum Waschen der Kleider benutzten; deshalb stank es hier nicht so wie in Southwark. Vor etlichen der imposanten Hauseing�nge standen bewaffnete Gefolgsleute mit den bunten Wappen ihrer Herren, auf denen B�ren, Schw�ne, gefl�gelte Drachen, L�wen und noch seltsamere Tiere dargestellt waren. Untersetzte, wohlgen�hrte Kaufleute spazierten Arm in Arm mit ihren rundlichen Ehefrauen, die in Seide und Satin geh�llt und mit winzigen Perlen von exquisiter Zartheit geschm�ckt waren. Zwei Domherren aus der Kathedrale in dicken wollenen, mit Hermelin verbr�mten Roben stolzierten vorbei. Eine Gruppe von Rechtsanw�lten in roten und violetten, lammwollgef�tterten Gew�ndern schlenderten arrogant vor�ber; sie hatten ihre M�ntel zur�ckgeschlagen und stellten prachtvolle, tiefh�ngende G�rtel zur Schau.</p><p>Schweine mit Glocken um den Hals streiften umher; sie geh�rten dem Hospital von St. Anthony und durften nicht geschlachtet werden. B�ttel vertrieben mit stahlbeschlagenen St�cken das freilaufende Gefl�gel oder machten dem Gekl�ff wilder, gelber Hunde ein Ende, und Gemeindediener versuchten, ein merkw�rdiges, wie eine Elster in schwarzwei�e Lumpen gekleidetes Gesch�pf zu vertreiben, einen Burschen, der lautstark behauptete, in seinem ramponierten Lederkoffer ein paar der wunderbarsten Reliquien der Christenheit zu haben. �Einen Zahn von Karl dem Gro�en!� schrie er. �Zwei Beine des Esels, der Maria trug! Den Sch�del eines Dieners des Herodes und ein paar von den Steinen, die Christus in Brot verwandelte.�</p><p>Athelstan blieb stehen und hielt die B�ttel zur�ck, die den armen Kerl bedr�ngten.</p><p>�Du sagst, du hast einen von den Steinen, die Christus in Brote verwandelt hat?�</p><p>�Jawohl, Bruder.� Die Augen des Reliquienh�ndlers leuchteten in Vorfreude auf den Gewinn.</p><p>�Aber Christus hat keine Steine in Brot verwandelt. Der Teufel wollte, da� er das tut, aber Christus hat abgelehnt.�</p><p>Cranston grinste und kam n�her, um zu sehen, wie der Scharlatan reagieren w�rde. Der Reliquienh�ndler leckte sich die trockenen Lippen.</p><p>�Nat�rlich hat er es getan, Bruder�, antwortete jener halb fl�sternd. �Ich wei� es aus zuverl�ssiger Quelle: Nachdem Satan gegangen war, hat Christus das gemacht. Und sie dann wieder zur�ckverwandelt in Steine, um zu beweisen, da� er sich nicht in Versuchung f�hren l��t. Das St�ck kostet dich nur einen Penny.�</p><p>Athelstan holte eine M�nze hervor.</p><p>�Hier.� Er dr�ckte dem Burschen das Geld in seine schmierige Pfote. �Das ist nicht f�r den Stein. Behalte es nur. Als Belohnung f�r deinen Einfallsreichtum.�</p><p>Der Mann glotzte ihn mit offenem Mund an; �ber die Schlagfertigkeit des Reliquienh�ndlers leise lachend, ritten Athelstan und Cranston weiter. Sie kamen an St. Pauls Littlegate vorbei, wo ein Laienbruder Leprakranke mit verschimmeltem Brot und verfaultem Schweinefleisch f�tterte, wie es von den Stadtv�tem bestimmt worden war, die glaubten, eine solche Di�t werde den Kranken helfen. Cranston schaute angewidert.</p><p>�Meinst du, das hilft wirklich?� fragte er Athelstan.</p><p>�Was, Sir John?�</p><p>�Solches Essen - hilft es den Leprakranken?�</p><p>Athelstan schaute hin�ber zu den grau verh�llten Gestalten mit ihren St�ben und Almosensch�sseln. �Ich wei� es nicht�, sagte er leise. �Vielleicht.�</p><p>Die Auss�tzigen lie�en ihn an die beiden denken, die auf dem Friedhof von St. Erconwald hausten. Eine Erinnerung regte sich, aber er konnte nichts damit anfangen und schob sie beiseite.</p><p>Die beiden bogen von der Friday Street ab in eine kleine Gasse, und Cranston fragte Vor�bergehende lautstark nach dem Weg zu Parchmeiners Laden. Sie fanden ihn an der Ecke zur Bread Street in einem schmalen, einst�ckigen Haus mit dem Laden im Erdgescho� und einer Wohnung dar�ber. Davor war ein Stand aufgebaut, der wegen des unfreundlichen Wetters leer war; also �ffneten sie die Ladent�r und gingen hinein. Athelstan schlo� sofort die Augen und geno� den s��en Duft von frischgeb�rstetem Pergament und Velin. Der Geruch erinnerte ihn lebhaft an die wohlbest�ckte Bibliothek und die stille Schreibstube seiner Novizenzeit in Blackfriars. Der Laden war ein kleiner, wei�gekalkter Raum; auf den Regalen an den W�nden stapelten sich Pergamentb�gen, Tintenh�rner, Bimssteine, Federkiele und alles andere, was in einer Bibliothek oder Schreibstube gebraucht wurde.</p><p>Geoffrey sa� an einem kleinen Schreibpult. Er erhob sich l�chelnd, um sie zu begr��en.</p><p>�Sir John!� rief er. �Und Bruder Athelstan! Seid mir willkommen.� Er verschwand nach hinten in die Dunkelheit und kehrte mit zwei Schemeln zur�ck. �Bitte setzt Euch. M�gt Ihr Wein?�</p><p>�berraschenderweise sch�ttelte Cranston den Kopf.</p><p>�Ich trinke nur, wenn Sir John es auch tut�, sagte Athelstan sp�ttisch.</p><p>Der Pergamenth�ndler grinste und setzte sich wieder hinter sein Pult.</p><p>�Nun, was kann ich f�r Euch tun? Ich glaube kaum, da� Ihr Pergament oder Velin kaufen wollt - obwohl ich, Bruder, das beste in der Stadt f�hre. Ich bin Mitglied der Zunft, und alles, was ich verkaufe, tr�gt das Zunftzeichen.� Geoffreys gutm�tiges Gesicht legte sich in kleine Lachf�ltchen. Er sch�ttelte den Kopf. �Aber Ihr seid sicher nicht zum Kaufen hier.� Sein Gesicht wurde wieder ernst. �Es geht um die Sache im Tower, nicht wahr?�</p><p>�Nur eine Frage�, sagte Cranston und rutschte unbehaglich auf dem kleinen Schemel herum. �Sagt Euch der Name Bartholomew Burghgesh etwas?�</p><p>�Ja und nein�, antwortete Geoffrey. �Gesehen habe ich ihn nie, aber Sir Fulke hat ihn erw�hnt, und einmal hat Philippa in Gegenwart ihres Vaters diesen Namen ausgesprochen. Sir Ralph wurde w�tend und ist hinausgest�rmt. Nat�rlich habe ich Philippa gefragt, warum. Sie sch�ttelte nur den Kopf und meinte, er sei ein alter Feind ihres Vaters. Mehr wollte sie nicht sagen.�</p><p>Athelstan beobachtete den jungen Mann aufmerksam. Konnte dieser tr�ge, ziemlich nichtsnutzige Stutzer der Rote Schl�chter sein? Der schreckliche M�rder, der sich im Tower seine Opfer suchte?</p><p>�Geoffrey?� sagte er.</p><p>�Ja, Bruder?�</p><p>�Wie lange kennt Ihr Philippa?�</p><p>�Seit ungef�hr zwei Jahren.�</p><p>�Und Sir Ralph hat Euch gemocht?�</p><p>Der Pergamenth�ndler grinste. �Ja, obwohl Gott allein wei�, warum. Ich kann kaum reiten, und der Ruf der Waffen st��t bei mir auf taube Ohren.�</p><p>�Ihr wart am Abend vor seinem Tod bei ihm?�</p><p>�Ja, wie schon gesagt, ich war mit ihm in der Gro�en Halle. Sir Ralph war m�rrisch, und als er betrunken war, wurde er weinerlich.�</p><p>�Er war betrunken?�</p><p>�Sehr.�</p><p>�Und Ihr habt ihn in seine Kammer gebracht?�</p><p>�Tja, wieder mu� ich sagen, ja und nein. Master Colebrooke hat mir geholfen. Ich brachte Sir Ralph bis zur Treppe in der Nordbastion, aber der Gang war so eng, da� Colebrooke allein ihm dort weiterhalf.�</p><p>�Und Ihr habt diese Nacht bei Mistress Philippa verbracht?� Der junge Mann schlug verlegen die Augen nieder. �Ja. Wenn Sir Ralph das gewu�t h�tte, w�re er sehr w�tend geworden.�</p><p>�Aber ihm gefiel, da� Ihr seiner einzigen Tochter den Hof machtet?�</p><p>�Ja, ich glaube schon.�</p><p>�Warum?� donnerte Cranston. �Wie Ihr schon sagtet, schlie�lich seid Ihr kein Soldat.�</p><p>�Nein. Ich bin weder Lord noch Ritter, sondern Kaufmann, Sir John. Aber ein sehr guter. Ich geh�re zu denen, die dem K�nig Geld leihen, damit er seine Ritter bezahlen kann.� Der Pergamenth�ndler deutete auf seinen gutsortierten Laden. �Vielleicht sieht es nicht so aus, aber meine Gewinne sind hoch. Ich bin ein reicher Mann, Sir John.�</p><p>�Noch eine andere Frage�, sagte Athelstan l�chelnd. �Wir haben sie schon einmal angesprochen. Ihr seid Sir Ralph wecken gegangen. Was ist dann passiert?�</p><p>�Die Wachen haben mir die T�r zum Gang aufgeschlossen und sie, wie Sir Ralph es befohlen hatte, hinter mir wieder geschlossen. Ich bin zur Kammert�r gegangen und habe versucht, den Konstabler zu wecken. Er hat nicht geantwortet; also bin ich zur�ckgegangen. Ich wollte selbst aufschlie�en, habe es mir dann anders �berlegt und Colebrooke geholt.�</p><p>�Warum?�</p><p>Geoffrey zog eine Grimasse. �Als es so still war, wu�te ich, da� da etwas nicht stimmt - von dem kalten Luftzug unter der T�r ganz zu schweigen.�</p><p>Athelstan erinnerte sich an den Spalt unter Sir Ralphs T�r und nickte. Wer davor gestanden h�tte, m��te den starken Luftzug gesp�rt und geahnt haben, da� etwas nicht in Ordnung war.</p><p>�Ja, aber warum habt Ihr die T�r nicht selbst ge�ffnet?� fragte Cranston.</p><p>Der junge Mann l�chelte matt. �Sir John, ich hatte Angst. Sir Ralph war nicht beliebt. Heute glaube ich, da� ich bef�rchtete, jemand k�nnte in der Kammer sein.�</p><p>�Und in der Nacht, als Mowbray starb?�</p><p>�� war ich bei Philippa, betrunken wie ein Lord. Da k�nnt Ihr die anderen fragen.�</p><p>�Und Ihr habt sie nicht verlassen?�</p><p>Geoffrey zog ein Gesicht. �Wie alle anderen habe ich den Abtritt am Korridor benutzt. Als der Alarm losging, bin ich hinausgewankt, um zu sehen, was los war. Aber viel getan habe ich nicht; ich war betrunken und hasse diese Mauertreppen. Also lief ich herum und tat besch�ftigt, und dann sah ich Fitzormonde und Colebrooke, die bei Mowbrays Leiche standen.� Der junge Mann schwieg und sah Athelstan scharf an. �Ich wei�, warum Ihr gekommen seid. Es gibt wieder einen Toten im Tower, nicht wahr?�</p><p>�Ja�, sagte Athelstan leise, und dann berichtete er, wie Horne gestorben war.</p><p>Geoffrey lehnte sich zur�ck und pfiff leise. �Vermutlich�, sagte er m�de, �wollt Ihr mich deshalb vernehmen.�</p><p>�Es w�re hilfreich zu wissen, wo Ihr gestern nacht wart�, bemerkte Cranston.</p><p>Parchmeiner zuckte die Achseln. �Ich habe hier gearbeitet und mich dann in einer Taverne in der Nachbarschaft vollaufen lassen. Im Goldenen Streifen. Dort k�nnt Ihr nachfragen.� Athelstan l�chelte. Was w�rde das n�tzen? Horne konnte zu jeder beliebigen Nachtstunde ermordet worden sein. Er betrachtete Parchmeiners m�dchenhaftes Gesicht. �Seid Ihr eigentlich in London geboren?� erkundigte er sich und versuchte, das Pergament auf Parchmeiners Tisch zu entziffern.</p><p>�Nein, Bruder. Meine Familie ist aus Wales, wie man an meiner Haarfarbe sieht. Sie ist nach Bristol gezogen, und mein Vater handelte in einem Laden unter der Kathedrale mit Pergamenten und Velin. Als er starb, zog ich nach London.� Geoffrey nahm das Pergament zur Hand. �Meine Schwester, die inzwischen verheiratet ist, lebt immer noch dort; sie schreibt mir gerade, da� sie zu Weihnachten kommen will. Sie, ihr Gemahl� - seine Miene zeigte gespielte Feierlichkeit - �und ihre gro�e Kinderbrut werden ein wenig Leben in den Tower bringen.� Er sah Sir John an. �Mylord Coroner, habt Ihr sonst noch Fragen?�</p><p>Sir John sch�ttelte den Kopf. �Nein, Sir, keine.�</p><p>Sie standen auf und verabschiedeten sich, und Sir John und der Ordensbruder traten hinaus auf die kalte Stra�e.</p><p>�Was meinst du, Bmder?�</p><p>�Ein junger Mann, der es in seinem Gesch�ft noch weit bringen wird, Sir John. Er steht mit beiden Beinen fest auf der Erde.� Athelstan grinste. �Ja, Sir John, genau wie Ihr habe ich mich gefragt, ob er nicht Burghgeshs Sohn sein k�nnte. Aber ich bin sicher, er ist es nicht.� Athelstan sah den Coroner eindringlich an. �Wir suchen einen M�rder ohne Bindungen, Sir John. Jemanden, der vorgibt, etwas zu sein, was er nicht ist. Jemanden, der von dem gro�en Verrat vor so vielen Jahren wei�. Die Frage ist: Wer ist es?�</p><p>�Tja!� Cranston klatschte in die H�nde. �Das werden wir hier nicht herausfinden, Bruder. Aber vielleicht in Woodforde �� Der Coroner wischte sich mit dem Handr�cken die Nase und schaute zum Himmel. �Ich will nicht in London bleiben�, sagte er leise. �Lady Maude mu� sich von mir erholen. Und du, Bruder?�</p><p>�Meine Pfarrgemeinde�, antwortete Athelstan trocken, �wird die fortgesetzte Abwesenheit ihres Pastors noch ein Weilchen �berleben, denke ich.�</p><p>Sie trennten sich an der Ecke Friday Street und Fish Street und vereinbarten, sich in zwei Stunden in einer Schenke auf der Mile End Road zu treffen.</p><p>Sir John verschwand, sein Pferd am Z�gel, und Athelstan ritt durch die Trinity und Walbrook Street an der Ropery entlang zur London Bridge. Gottlob fand er die kleine Kirche beinahe verlassen vor; nur Watkin war da, dem er strikte Anweisungen f�r die Kirche erteilte, und Ranulf, der Rattenf�nger, der gekommen war, um ihn an sein Versprechen zu erinnern, St. Erconwald zur Zunftkirche zu machen, wenn eine Zunft der Rattenf�nger gegr�ndet werde.</p><p>�Ich verspreche dir, Ranulf, ich werde mir die Sache �berlegen�, sagte Athelstan und versuchte, nicht zu l�cheln beim Gedanken an eine Kirche voller Rattenf�nger mit Teerm�tzen, die alle aussahen wie Ranulf. Das gelbe, vertrocknete Gesicht des Burschen verzog sich zu einem Grinsen und entbl��te eine Reihe spitzer Z�hne. Er h�pfte die Treppe hinunter, gl�cklich wie ein kleiner Junge.</p><p>�Bruder?� sagte Watkin kl�glich.</p><p>�Was gibt�s?�</p><p>�Na ja�� Der Mistsammler drehte sich auf der obersten Stufe der Kirchentreppe um und deutete zum Friedhof hin�ber. �Wir haben immer noch keine Wache aufgestellt.�</p><p>�Warum sollten wir, Watkin? Die Grabr�uber sind fort.�</p><p>Der Mistsammler sch�ttelte den Kopf. �Das glaube ich nicht, Bruder; ich f�rchte, es kommt noch schlimmer.�</p><p>Athelstan zwang sich zu einem L�cheln. �Unsinn. H�r zu, Watkin, ich komme morgen am sp�ten Abend zur�ck. Geh zu Pater Luke in St. Olave. Er m�chte so freundlich sein, morgen fr�h hier die Messe zu lesen. Du wei�t, wo alles ist? Und sag der Witwe Benedicta, sie soll dir helfen. Machst du das?�</p><p>Watkin nickte und stapfte davon, er schimpfte leise �ber Priester, die nicht zuh�rten, wenn man ihnen von dunklen Gestalten erz�hlte, die auf den Friedh�fen der Stadt grausige Dinge trieben. Athelstan sah ihm nach und seufzte. Was konnte er tun, wenn nichts darauf hindeutete, da� dem Friedhof Gefahr drohte? Er vergewisserte sich, da� die Kirchent�r abgeschlossen war, und war dabei in Gedanken bei Cranston. Der Lord Coroner wurde allm�hlich zu einem genauso gro�en Problem wie die furchtbaren Todesf�lle, die sie zu untersuchen hatten. Was war mit Maude los? Und wieso fragte er sie nicht einfach?</p><p>Athelstan l�chelte, als er zu seinem Haus hin�berging. Seltsam, dachte er: Cranston, der sich vor nichts f�rchtete, was auf zwei Beinen herumlief, hatte vor seiner kleinen Frau anscheinend schreckliche Angst. Er sah nach, ob Fenster und T�ren des Pfarrhauses sicher verschlossen waren, warf dem protestierenden Philomel die Satteltaschen �ber, und m�de machten sich Pferd und Reiter auf den Weg. An einem Ale-Haus machte er noch einmal halt, um bei Tab, dem Kesselflicker, Auftr�ge f�r Watkin und Benedicta zu hinterlassen: Sie sollten nach der Fr�hmesse die Kirche abschlie�en, und falls Benedicta einverstanden war, solle sie Bonaventura mit nach Hause nehmen. Dann ritt der Ordensbruder zur�ck auf die Hauptstra�e, am Priorat von St. Mary Overy vorbei und �ber die London Bridge. Unterwegs sprach er in der St.-Thomas-Kapelle ein Gebet f�r die Reise.</p><p>Cranston erwartete ihn in der kleinen Taverne hinter Aldgate mit Blick auf den stinkenden Abflu�graben der Stadt. Der Coroner schien guter Dinge zu sein. Athelstan vermutete, dies sei auf den gro�en, leeren Weinbecher zur�ckzuf�hren, der vor ihm auf dem Tisch stand, aber Cranston blieb - zwinkernd und r�lpsend - fest bei seinem geheimen Vorsatz, Athelstan mit seinen Sorgen und N�ten nicht weiter zu behelligen. Der Ordensbruder trank mit Sir John ein letztes Glas mit Zimt gew�rzten Gl�hwein. Dann holten sie ihre Pferde aus dem Stall und machten sich auf den Weg �ber die allm�hlich dunkler werdende Landstra�e nach Mile End. Unterst�tzt von einem wunderbaren Weinschlauch, der anscheinend nie leer wurde, behielt Cranston seine blendende Laune. Athelstan war m�de und wund geritten; er betete und fluchte abwechselnd, w�hrend Cranston, furzend und im Sattel schwankend, �ber dieses und jenes schwatzte. Schlie�lich z�gelte Athelstan sein Herd und fa�te den Coroner beim Handgelenk.</p><p>�Sir John�, sagte er m�de, �diese Sache im Tower � wir kommen einfach nicht voran. Wieviel Zeit haben wir noch?�</p><p>�So lange, bis wir sie erledigt haben�, antwortete Cranston mit gl�nzenden Augen. �In drei Teufels Namen, Bruder - Befehl ist Befehl, und ich gebe einen Rattenfurz auf murrende M�nche, vereiste Stra�en und Reisen durch die K�lte. Habe ich dir eigentlich schon von Lady Maudes Weihnachtsvorbereitungen erz�hlt?�</p><p>Athelstan st�hnte, sch�ttelte den Kopf und trieb Philomel voran, w�hrend Cranston ausf�hrlich Lady Maudes geplantes Bankett schilderte: Eberkopf, Schwan- und Hirschbraten, Quittentorte und Apfelsahne sollte es geben. Der Coroner schwatzte wie eine Elster, w�hrend das matte Tageslicht vollends verging und die D�mmerung sich wie grauer Staub �ber die endlos weiten Schneefl�chen senkte. Der ferne Wald verschwand in diesiger Dunkelheit, die alles verh�llte; nur hier und da, wenn sie an einem Haus oder Dorf vorbeikamen, leuchteten ein paar Lichtpunkte. Es war totenstill, bitter kalt und vollkommen windstill.</p><p>�Bestimmt werden die V�gel auf den B�umen erfrieren�, murmelte Athelstan vor sich hin, �und die Kaninchen auf den H�geln bleiben unter der Erde.�</p><p>Cranston, dessen Weinschlauch �berraschenderweise jetzt doch leer war, antwortete nur mit einem kurzen R�lpser. Sie kamen an einem Kreuzweg vorbei, wo an einem Galgen ein schwarzer, steifgefrorener Kadaver hing; der Kopf war verrenkt und das Gesicht unkenntlich, nachdem die Kr�hen sich daran bedient hatten. Cranston deutete den Weg hinunter auf ein Licht, das in einiger Entfernung leuchtete.</p><p>�Dort �bernachten wir, Bruder. Ein gutes, gem�tliches Wirtshaus, Zum Freund des Galgens genannt.� Er lehnte sich her�ber und grinste Athelstan an. �Dem Namen zum Trotz wird es dir gefallen.�</p><p>Und es gefiel ihm tats�chlich. Es war ein sauberer, gut gefegter Gasthof mit festen Stallungen, einem nach frischen Kr�utern duftenden Schankraum und einem lodernden Feuer, in dem die Holzscheite sich t�rmten. Als Athelstan jedoch das gro�e Bett sah, das er mit Sir John teilen sollte, str�ubte er sich.</p><p>�Nein, nein, Mylord Coroner�, sagte er, �ich bestehe darauf, da� Ihr allein schlaft.�</p><p>�Wieso, M�nch?�</p><p>�Weil Ihr mich, wenn Ihr Euch im Schlaf umdreht, zerquetschen w�rdet.�</p><p>Lachend und scherzend lie�en sie ihre Taschen in der Kammer und gingen hinunter in die Schankstube, wo die Wirtin ihnen m�chtige Fleischpasteten auftischte, unter deren knusprig goldener Kruste eine w�rzige Sauce den fauligen Geruch des Fleisches �berdeckte. Athelstan bat den Wirt taktvoll, ihnen noch einen Strohsack in die Kammer zu legen. Dann setzte er sich zu Tisch und langte fast so herzhaft zu wie Cranston. Selbstverst�ndlich trank der Coroner, als sei das Ende der Welt nahe, und als er genug hatte, sank er gegen die Einfassung des gro�en Kamins, r�lpste und war es zufrieden. Athelstan starrte in die Flammen und lauschte mit halbem Ohr dem inzwischen aufgekommenen Wind, der heulend an den verschlossenen Fensterl�den r�ttelte.</p><p>�Bruder?�</p><p>�Ja, Sir John?�</p><p>�Die Sache im Tower - k�nnte das Schwarze Magie sein?�</p><p>�Wie meint Ihr das?�</p><p>�Na ja, der Kopf, den ich geschickt bekommen habe �� Athelstan streckte die Hand dem Feuer entgegen. �Nein, Sir John. Ich habe schon einmal gesagt, wir haben es nicht mit einem D�mon zu tun, sondern mit etwas Schlimmerem: mit einer Seele in Tods�nde. Aber mit wessen Seele?� Er sah Sir John an, der seine leuchtend rote Nase schon wieder tief in den Weinbecher versenkt hatte. �Warum ausgerechnet jetzt? Das verstehe ich nicht. Warum hat der M�rder sich diesen Zeitpunkt gesucht? Und woher wei� er von den schrecklichen Ereignissen um Burghgeshs Tod?�</p><p>�Wie meinst du das?� lallte Cranston.</p><p>Athelstan reckte sich.</p><p>�Wir sollten Ausschau halten nach jemandem ohne jeden Hintergrund, jemandem, der unvermittelt auf der Szene erschienen ist; aber alle die, mit denen wir gesprochen haben, haben ihre eigene kleine Nische.�</p><p>Cranston r�lpste. �Ich wei� nicht. Aber es k�nnte trotzdem Schwarze Magie sein, denn ich kann verdammt keinen Weg durch dieses Gestr�pp finden. Ich habe schon zu Lady Maude gesagt��</p><p>Pl�tzlich verstummte der Coroner, starrte in seinen Becher, und seine Miene wurde ernst.</p><p>�Kommt, Sir John�, sagte Athelstan ruhig. �Zeit zum Schlafengehen.�</p><p>�berraschenderweise willigte Cranston ein; er trank seinen Becher leer und stellte ihn dr�hnend auf den Tisch. Dann stand er schwankend auf und grinste wohlwollend auf seinen Gef�hrten herunter.</p><p>�Aber glaubst du daran, Bruder?�</p><p>�Woran, Sir John?�</p><p>�An Schwarze Magie? Ich meine, zum Beispiel die Sache auf deinem Friedhof.�</p><p>Athelstan grinste. �Um ganz ehrlich zu sein, Sir John, vor dem menschlichen Herzen habe ich mehr Angst als vor irgendeinem b�sen D�mon. Und jetzt kommt; es wird Zeit.�</p><p>Athelstan war froh, den richtigen Zeitpunkt getroffen zu haben, denn als sie die wacklige Holzstiege erklettert hatten, war Cranston schon halb eingeschlafen und murmelte herzerweichend von Lady Maude und wie sehr er sie vermi�te. Athelstan f�hrte ihn durch einen kalten, dunklen Korridor in die Schlafkammer. Behutsam lie� er ihn auf das Bett sinken, zog ihm die Stiefel aus und machte es ihm so bequem wie m�glich. Der Coroner w�lzte sich auf die Seite, r�lpste noch einmal und fing an zu schnarchen. Athelstan grinste und deckte die massige Gestalt zu. Im Schlaf hatte Cranston noch mehr �hnlichkeit mit dem gro�en B�ren im Tower. Athelstan ging zu dem kleinen Fenster mit der Hornscheibe, kniete nieder, bekreuzigte sich und sprach leise die Worte des Psalms Davids.</p><p>�Aus der Tiefe rufe ich zu dir, O Herr, Herr erh�re meine Stimme.�</p><p>Als er beim vierten Vers angekommen war, schweiften seine Gedanken bereits ab. Ob Sir John recht hatte? Spukte der gro�e D�mon, der Rote Schl�chter, auf seinem Friedhof und im Tower in London? Athelstan schlo� die Augen, beendete den Psalm und legte sich auf seinen Strohsack. Eine Zeitlang lag er da und lauschte Cranstons lautem Schnarchen, dann schlief er ein - fast zur gleichen Zeit, als Schatten �ber den dunklen Friedhof von St. Erconwald huschten und sich �ber ein frisches Grab beugten.</p></section><section><title><p><strong>11. Kapitel</strong></p></title><p>Im Traum stand Athelstan auf einem dunklen Schiff. Bugspriet, Mast und Segel waren mit dunklem Cr�pe verhangen. Auf dem Achterdeck �ber ihm stand ein Skelett, dessen Gesicht eine wei�e, h�hnische Maske war, am Steuer und grinste b�se auf ihn herab. Die See war glatt und klar wie dickes, dunkles Glas. Der sternenlose Himmel hing wie ein blauviolettes Tuch �ber dem Schiff, das dem Horizont entgegentrieb, wo feurigrote Glut das Tor zur H�lle wies. An einem Mast hing krampfhaft zuckend eine Gestalt. Athelstan erkannte das schwarze, verzerrte Gesicht des Grabenbauers Pike, der dort aufgeh�ngt worden war. Jemand klopfte ihm auf die Schulter. Sein Bruder Francis stand hinter ihm; sein Gesicht unter dem dichten schwarzen Haar war bl�ulich wei�. Ein d�nnes Rinnsal von rotem Blut sickerte ihm aus dem Mundwinkel, und seine Brust, wo er die t�dliche Wunde empfangen hatte, war eine offene, blutig blubbernde Masse.</p><p>�Du bist weggelaufen aus deinem Kloster, Bruder?� Seine Stimme klang hohl.</p><p>Athelstan streckte die Hand aus. �Es tut mir leid, Francis�, murmelte er und schaute sich um. War Cranston hier? Er war sicher, da� er die Stimme des Coroners geh�rt hatte.</p><p>Athelstan ging zur Ladeluke und sp�hte hinunter: Dort hockte eine nackte Frau, das Gesicht hinter einem schwarzen Schleier verborgen. Aus ihrem Mund quoll eine ekelhafte Kr�te, und um ihren Hals ringelte sich eine gelbe Schlange, deren rote Schlitzaugen wie Diamanten funkelten. Eine dicke Ratte hockte neben ihr. Athelstan stieg die Leiter hinunter. Hinter der Frau kniete ein Ritter in voller R�stung mit strenger, unger�hrter Miene; seine eisengepanzerten H�nde ruhten auf dem Heft eines m�chtigen zweischneidigen Schwertes. Es stank nach Tod, und Athelstan f�hlte, da� jemand hinter ihm stand. Er sch�ttelte sich heftig, als eine Hand seine Schulter packte.</p><p>�Athelstan! Athelstan! Bruder, um Gottes willen!�</p><p>Der Ordensbruder schlug die Augen auf. Cranston schaute auf ihn herab, das runde Gesicht in sorgenvolle Falten gelegt. �Bruder, was ist los?�</p><p>Athelstan starrte ihn an. �Lieber Sir John � ich hatte einen Traum.� Er rieb sich mit einer feuchtkalten Hand �ber das Gesicht. �Ich hatte einen Traum�, wiederholte er.</p><p>�Aber keinen angenehmen!�</p><p>�Das stimmt, Sir John. Ein Succubus der Nacht mit der Macht von tausend Skorpionen hat meinen Geist ergriffen.�</p><p>Cranston machte ein verst�ndnisloses Gesicht, und Athelstan l�chelte.</p><p>�Das war nicht ernst gemeint. Ich glaube, mein Alptraum hatte mehr mit dem Essen als mit dem Sterben zu tun. Wir haben gestern abend gut get�felt.�</p><p>�Gestern ist gestern, und heute ist heute�, antwortete Cranston gewichtig. �Los, Bruder, der Tag bricht an.�</p><p>Athelstan stand auf, sprach ein hastiges Gebet und wusch sich mit eiskaltem Wasser aus einem rissigen Zinnkrug. Sie rafften ihre Habseligkeiten zusammen und gingen in den kalten, verlassenen Schankraum. Es brannte kein Feuer, und der Raum wirkte nicht so freundlich und anheimelnd wie am Abend zuvor.</p><p>Sie a�en rasch ein paar warme Haferkuchen und tranken hei�en Wein dazu. Dann sattelten sie ihre Pferde und ritten hinauf zur Hauptstra�e.</p><p>Es versprach ein sch�ner Tag zu werden. Eine blasse Sonne erhob sich �ber den Horizont und vertrieb die Dunkelheit. Ihre Pferde stapften auf dem gefrorenen Weg dahin, und die beiden Reiter achteten besonders auf Schlagl�cher, die manchmal so tief waren, da� ein unachtsamer Reiter mitsamt seinem Pferd st�rzen und sich den Hals brechen konnte.</p><p>Das Land lag verlassen und schweigend vor ihnen. Athelstan schauderte bei dem Gedanken an seinen Alptraum und die gespenstische Stille auf dem unheimlichen Schiff. Die Hecken zu beiden Seiten waren noch schneebedeckt und die Felder steinhart gefroren unter Schichten von Eis. Hungrige Kr�hen kreisten ger�uschvoll �ber einer Gruppe Eichen, die ihre schwarzen �ste in den heller werdenden Himmel reckten.</p><p>�Ich w�nschte, ich w�re wieder in London�, st�hnte der Coroner. �Ich hasse das verfluchte Land. Die Stille ist mir ein Greuel!�</p><p>Athelstan bemerkte etwas Buntes in einem Graben, und er lenkte sein Pferd dorthin, um nachzusehen. Der Leichnam des alten Mannes war von Kopf bis zu den Knien mit einem weiten, fadenscheinigen Gewand bedeckt und steifgefroren. Als Athelstan die blauschwarzen L�cher sah, die hungrige Raben in das magere wei�e Fleisch gehackt hatten, schlo� er die Augen und fl�sterte ein Gebet.</p><p>�Gott gebe ihm die ewige Ruhe�, murmelte Cranston. �Bruder, wir k�nnen nichts f�r ihn tun.�</p><p>Sie kamen durch ein stilles, schlafendes Dorf; ein paar schwarze Rauchfahnen waren das einzige Lebenszeichen. Eine Stunde sp�ter ritten sie auf das Dorf Leighton zu. Am Kreuzweg sahen sie eine Schar Dorfbewohner, die sich um ein geschw�rztes Schafott dr�ngten. Gottlob war der eiserne Galgen leer.</p><p>Die Leute umstanden einen Toten, w�hrend zwei st�mmige Arbeiter den steinharten Boden am Fu�e des Schafotts aufhackten. Mit Spaten und Hacken hoben sie eine flache Grube aus, und ihr Atem hing in der frostigen Luft. Athelstan sah Cranston an. Der Coroner zuckte die Achseln, schob aber die Hand unter den Mantel, ob der Dolch auch locker in der Scheide steckte.</p><p>Die Dorfbewohner schauten auf, als die Reiter n�her kamen. Eine alte Frau mit gelbem und runzligem Gesicht, deren ausgemergelte Gestalt in eine verschlissene Kuhhaut geh�llt war, kam ihnen entgegengeschlurft.</p><p>�Morgen, Morgen!� kr�hte sie. �Reisende auf einer solchen Stra�e?� Mit milchig tr�ben Augen grinste sie verschlagen zu Athelstan hinauf. �Guten Morgen, Vater. Selten sieht man einen Priester so fr�h.�</p><p>�M�tterchen!� schrie Cranston und lockerte sich den Schal vor dem Mund. �Es ist gut, bei diesem gottverlassenen Wetter �berhaupt jemanden zu sehen. Was macht ihr hier?�</p><p>�Wir begraben Eadwig.�</p><p>�Hier?� fragte Athelstan. �Hier ist weder Kirche noch Friedhof.� Die alte Vettel hob die hagere Hand. �Kommt und seht! Kommt und seht!�</p><p>Widerstrebend trieben sie ihre Pferde n�her heran. Cranstons Tier wurde nerv�s, und auch Philomel zeigte ein lebhaftes Interesse f�r die Gruppe am Schafott. Die Dorfbewohner gaben den Weg frei f�r den Coroner und seinen Begleiter. Athelstan sah rote, schmutzige Gesichter, fettiges, verfilztes Haar und hier und da ha�erf�llte Blicke auf ihre wohlgen�hrten Pferde und warmen Wollm�ntel.</p><p>Cranston warf einen Blick auf Eadwigs Leichnam, schlo� die Augen und wich zur�ck. Der Bauer hatte gehangen. Sein Gesichtwar schwarz, die Zunge klemmte, halb abgebissen, immer noch zwischen den gelben Z�hnen, und ein Auge war aus seiner H�hle gequollen und hing grotesk auf der verschrammten Wange.</p><p>�G�tiger Gott!� hauchte Athelstan. �Was ist passiert?�</p><p>�Er hat sich umgebracht!� gackerte die Alte. �Du kennst das Gesetz, Vater?�</p><p>�O ja, M�tterchen, ich kenne das Gesetz.� Er warf einen Blick auf den kleinen Pfahl, der am Schafott lehnte. �Sir John, wir sollten weiterreiten.�</p><p>Der Coroner brauchte keine zweite Aufforderung. Sie wendeten ihre Pferde, ohne sich um das leise Gekicher hinter ihnen zu k�mmern. Athelstan schlo� die Augen und betete etwas aus dem n�chstbesten Psalm, um das furchtbare Grauen abzuwehren, das zur Welt der Menschen geh�rte. Hinter sich h�rte er noch die Schl�ge des Holzhammers, mit dem der Pfahl durch das Herz des Selbstm�rders getrieben wurde.</p><p>�G�tiger Gott�, murmelte Cranston. �Ihr Priester solltet das schleunigst �ndern. Nur der Herr im Himmel wei�, weshalb der arme Hund sich umgebracht hat. Aber mu� man einen Selbstm�rder wirklich am Kreuzweg bei einem Galgen begraben und ihm vorher mit einem Pfahl das Herz durchbohren?�</p><p>�Die Bisch�fe haben versucht, dem ein Ende zu machen�, sagte Athelstan. �Aber in gewissen Gegenden und auch auf gewissen Herzen, Sir John, liegen die Lehren Christi so d�nn und lose wie ein Spinnennetz.�</p><p>Sie ritten durch Leighton und folgten dem Weg, der an den dunklen Massen des Epping Forest vorbei nach Woodforde f�hrte. Als die Glocke zur neunten Stunde schlug, hatten sie das Dorf erreicht. Es war reizlos. Ein paar D�rfler, mit Kapuzenm�nteln vor der K�lte gesch�tzt, liefen umher und scheuchten d�rre H�hner vor den Pferden weg. Ein paar Jungen zogen abgenutzte Holzeimer aus einem Brunnen herauf, und hier und da kippte eine Hausfrau den Inhalt des Nachttopfes mitten auf die Stra�e. Sogar das Ale-Haus war noch verriegelt und verrammelt.</p><p>�Wie ein Dorf der Toten�, murmelte Athelstan.</p><p>�Aye, das kann gut sein, Bruder�, antwortete Cranston durch seinen Schal. �Bei der K�lte kann niemand auf den Feldern arbeiten.�</p><p>Ein kleiner Junge, das Gesicht vor K�lte wei� verkniffen, lief pl�tzlich feierlich neben ihnen her; mit der einen knochigen Hand umklammerte er einen schmutzigen Segeltuchbeutel. Athelstan z�gelte Philomel.</p><p>�Was gibt es, Junge?�</p><p>Der Junge starrte mit runden Augen wortlos auf Philomels Schwanz.</p><p>�Komm schon, Kleiner - was willst du?�</p><p>�Mutter sagt, ich soll mitgehen. Sagt, ich soll warten, bis das Pferd den Schwanz hebt.�</p><p>Cranston gluckste. �Er wartet darauf, da� unsere Pferde schei�en. Das ist guter D�nger, und wenn man es trocknet, brennt es warm und fr�hlich.�</p><p>Athelstan schlug grinsend seine Kapuze zur�ck, w�hlte in seiner B�rse und warf dem Jungen einen Penny zu. �Du kannst alles haben, was unsere Pferde fallen lassen, mein Junge�, erkl�rte er. �Hier ist ein Penny f�r deine M�hen. Du kennst doch die Familie Burghgesh. Sie haben hier ein Herrenhaus.�</p><p>�Oh, alle weg�, antwortete der Bengel, ohne den Blick von Philomels Schwanz zu wenden. �Das Haus liegt hinter dem Dorf bei Buxfield, aber es ist leer und zugeschlossen. Pater Peter wei� Bescheid.� Er deutete auf die ziegelgedeckte Kirche, deren grauer Schieferturm �ber die Baumwipfel ragte.</p><p>Athelstan trieb Philomel an. �Dann machen wir dort halt.�</p><p>Sie ritten durch die Pforte auf den Kirchhof und folgten einem Pfad, der sich zwischen B�umen und �berwucherten Gr�bern auf die normannische Kirche zuschl�ngelte. Daneben stand ein bescheidenes, einst�ckiges Haus mit gelbem Strohdach; die Fenster waren einfache Holzl�den. Athelstan sah sich um. Der Junge stand immer noch hinter ihm, den Beutel in der einen Hand, die andere zur Faust geballt, um Athelstans Penny zu bewachen, als w�re er der Schl�ssel zum Himmelstor.</p><p>�Ist Pater Peter da?�</p><p>�Er ist drinnen�, sagte der Junge. �Und f�r noch einen Penny passe ich auf Eure Pferde auf.�</p><p>Athelstan nickte, und noch eine M�nze flog durch die Luft. �Dieser junge Mann wird es noch weit bringen�, knurrte Cranston, als sie abstiegen und an die T�r klopften. Riegel wurden zur�ckgezogen, die T�r ging auf, und ein glattrasierter, fr�hlicher Pater Peter schaute heraus.</p><p>�Reisende bei diesem Wetter?� Er sprach rollenden b�uerlichen Dialekt; seinem schneewei�en Haar und den leicht gebeugten Schultern zum Trotz war Pater Peter ein tatkr�ftiger, fr�hlicher Mann. Er wartete nicht, bis sie sich vorgestellt hatten, sondern zog sie gleich in seine warme, duftende Stube, und er fragte und plauderte wie eine Elster. Zugleich nahm er ihnen die M�ntel ab, und sie mu�ten sich auf eine Bank setzen, die er vor das warme Feuer schob.</p><p>�Ein Coroner und ein Dominikaner kommen mich besuchen�, verk�ndete er in gespieltem Erstaunen. Er nahm drei irdene Sch�sseln aus einem kleinen Schrank neben dem Kamin und verteilte �ppige Portionen Suppe aus einem schwarzen Topf, der bedenklich schaukelnd an einem Eisenhaken �ber dem Feuer hing. Dann setzte er sich zu ihnen. �Rindfleisch, ein paar Kr�uter, und was ich noch an Gem�se habe.� Der Priester verdrehte die Augen. �Ach ja, und ein paar Zwiebeln.�</p><p>Athelstan und der Coroner nahmen die warmen Sch�sseln und tranken von der kr�ftigen Br�he, die ihnen zwar den Mund verbrannte, aber ein wenig W�rme in ihre kalten B�uche brachte. Pater Peter sah ihnen zu. Athelstan l�chelte und stellte seine Sch�ssel auf den Boden.</p><p>�Sie ist noch zu hei�, Pater�, sagte er entschuldigend. �Man kann den Topf nicht mal halten.�</p><p>Cranston kannte solche Schwierigkeiten nicht. Er schl�rfte ger�uschvoll wie ein verhungernder Hund und wischte das Gem�se mit harten Brotkrusten auf, die Pater Peter ihm auf einem Holzteller hinschob. Endlich r�lpste er, wischte sich den Mund ab und gab seine Sch�ssel zur�ck.</p><p>�Das Beste, was ich seit Tagen gegessen habe, Pater. Wir danken Euch f�r Eure Gastfreundschaft.� Der Coroner streckte seine gro�en H�nde dem Feuer entgegen. �Wir wollen Euch nicht lange aufhalten. Ihr kennt die Familie Burghgesh?�</p><p>Die Augen des Paters wurden schmal. �Aye�, antwortete er. �Ich wei�, wer sie sind.�</p><p>Athelstan begann vorsichtig, seine inzwischen etwas abgek�hlte Suppe zu trinken.</p><p>�Werdet Ihr uns von ihnen erz�hlen, Pater?�</p><p>Der Priester zuckte die Achseln. �Was gibt es da zu sagen? Bartholomew Burghgesh und seine Frau wohnten in einem Herrenhaus bei Buxfield. Bartholomew war immer ein rastloser Mann, geboren f�r Schwert und Pferd, nicht f�r den Pflug und die Kontob�cher des Gemeindedieners. Er ging nach London und diente im Gefolge der Gro�en. In den Tagen des alten K�nigs war er in der Garnison des Tower; dann zog er mit anderen nach Outremer, um dort zu k�mpfen.�</p><p>�Und seine Frau?�</p><p>Pater Peter zuckte die Achseln. �Sie war eine stille, kr�nkliche Frau. Sie hatten einen Jungen � wie hie� er noch? Ach ja, Mark.� Der Pater seufzte. �Sie waren gut versorgt. Ein Verwalter f�hrte das Gut, und Bartholomew schickte immer wieder Gold. Und dann - vor vierzehn, f�nfzehn Jahren - kam die Nachricht von Bartholomews Tod. Er war an Bord eines Schiffes gewesen, das die Mauren im Mittelmeer gekapert hatten, und sie haben ihn umgebracht. Da war Mark schon ein junger Mann.</p><p>Der Tod seines Vaters schien ihn wenig zu ber�hren, aber die Mutter wurde krank und starb knapp ein Jahr nach ihrem Mann.�</p><p>�Und Mark Burghgesh?�</p><p>�Er war wie sein Vater, hatte den Kopf voller Geschichten �ber Roland und Oliver und vollbrachte Meisterleistungen mit seinen Waffen. Eine Zeitlang war er der Lord des Herrenhauses. Als der alte K�nig seine Siege in Frankreich errungen hatte, lieh Mark Geld bei den Bankiers, kaufte sich ein Schlachtro� und eine R�stung und stellte aus gleichgesinnten M�nnern des Dorfes einen kleinen Trupp Bogensch�tzen zusammen.� Der Priester schwieg und schaute ins Feuer. �Ich erinnere mich noch an den Morgen ihrer Abreise�, fuhr er dann versonnen fort. �Es war ein herrlicher Sommertag. Sir Mark auf seinem schwarzen Schlachtro�, das dunkelrote Haar einge�lt und gek�mmt. Vor ihm ging sein Knappe mit einem Wimpel, der das Wappen der Burghgeshs trug, und dahinter marschierten sechs Bogensch�tzen mit Helmen, gesteppten W�msern, Langbogen und K�chern voll gefiederter Pfeile. Was f�r ein Anblick.� Der Priester wiegte sich leicht vor und zur�ck. �Keiner kam zur�ck�, sagte er leise. �Sie starben alle in Blut und Schlamm.� Athelstan hielt den Atem an. Genauso klang seine eigene Geschichte. Er und Francis hatten sich auch einem solchen Gefolgszug angeschlossen. Athelstan war zur�ckgekommen, aber der Leichnam seines Bruders vermoderte auf irgendeinem gottverlassenen Feld in Frankreich.</p><p>�Keiner kam zur�ck?� wiederholte Cranston und hatte gro�e M�he, die Erregung in seiner Stimme zu beherrschen. �Das hei�t, Mark Burghgesh k�nnte noch am Leben sein, oder?� Der Priester schaute ihn an und sch�ttelte den Kopf. �O nein, Sir John. Ich habe mich falsch ausgedr�ckt. Keiner kam lebend zur�ck. Kommt, ich zeige Euch, wo Mark ist.�</p><p>Sie standen auf; Pater Peter reichte ihnen ihre M�ntel und nahm seinen eigenen von einem h�lzernen Haken, und sie folgten ihm hinaus in die K�lte. Der Junge stand immer noch da wie ein Soldat, hielt die Z�gel der Pferde fest und bewachte eifrig die dampfenden Dunghaufen, die Philomel und Cranstons Pferd pflichtschuldig hatten fallen lassen. Pater Peter blieb stehen. �Junge, bring die Pferde nach hinten in den Stall. Da findest du auch Hafer f�r sie. Und dann gehst du ins Haus und nimmst dir Suppe. Keine Sorge, die Pferde laufen nicht weg.�</p><p>Der Junge schaute Athelstan an.</p><p>�Nur zu, Kleiner�, meinte der Bruder. �Du wirst erfrieren, wenn du hier stehenbleibst. Und ich verspreche dir, der Pferdemist geh�rt dir.�</p><p>Pater Peter schlo� die Kirchent�r auf, und sie betraten den Innenraum. Es war dunkel dort drinnen, und die Luft war eisig. Athelstan betrachtete die eckigen, gedrungenen S�ulen, die mit gr�nen Girlanden geschm�ckt waren wie die in St. Erconwald, aber nicht so sch�n. Er hat keinen Maler, dachte er. Pater Peter sah ihn an, und Athelstan sch�mte sich wegen seines kleinlichen Stolzes.</p><p>�Eine sch�ne Kirche, Pater�, murmelte er.</p><p>Pater Peter grinste. �Wir geben uns M�he, Bruder. Aber ich g�be ein Verm�gen f�r einen guten Maler und Handwerker.� Sie schritten unter dem einfachen Chorgitter hindurch in eine kleine Marienkapelle in der hinteren Ecke der Kirche. Eine gro�e h�lzerne Statue der Jungfrau mit dem Kind ruhte auf einem Steinsockel, und ringsum an den W�nden standen Sarkophage, einfach und kantig, ohne Bildwerk oder Zierat. Pater Peter ging zu einem und klopfte sacht darauf.</p><p>�Sir Mark Burghgesh liegt hier�, sagte er leise. �Sein Leichnam wurde zur Beerdigung heimgebracht.�</p><p>Cranston betrachtete entt�uscht den grauen Schiefersarkophag. �Seid Ihr sicher, Pater?�</p><p>�Ja�, antwortete der Priester. �Die Einbalsamierer haben ihr Bestes getan, um den Toten zurechtzumachen: Bevor der Sarg hineingestellt wurde, habe ich mir das Gesicht noch einmal angesehen. Sir Mark hatte eine schreckliche Wunde am Kopf, wo ihn eine Streitaxt oder eine Keule getroffen und get�tet hat. Aber ich bin sicher, da� er es war.�</p><p>Athelstan verbarg seine Entt�uschung und schaute Cranston niedergeschlagen an. Die Reise �ber das bitterkalte Land von Essex war umsonst gewesen.</p><p>�Warum wollt Ihr das alles wissen?� fragte Pater Peter und f�hrte sie hinaus.</p><p>�In London ist ein Mord geschehen, Pater�, erkl�rte Cranston und nagte an der Lippe. �Wir hatten gehofft, unsere Reise hierher w�rde neues Beweismaterial erbringen. Ist Euch im Dorf etwas Ungew�hnliches aufgefallen?�</p><p>�Was zum Beispiel? �</p><p>�Irgend etwas�, sagte Athelstan flehentlich. �Neuigkeiten oder Klatsch �ber die Familie Burghgesh zum Beispiel.�</p><p>Der Priester sch�ttelte den Kopf. Athelstan und Cranston wechselten bedr�ckte Blicke, als sie in das Haus des Priesters zur�ckkehrten, wo der Junge eben seine zweite Schale Suppe ausschleckte und gleich in eine Ecke huschte. Der Priester lie� sie wieder Platz nehmen, ging zu einem Krug vor der kleinen Speisekammer und go� ihnen gro�z�gig bemessene Becher Ale ein.</p><p>�Nein�, sagte er, setzte sich auf seinen Schemel und umfa�te den schwarzen Ale-Becher mit beiden H�nden. �Woodforde ist ein stilles Dorf. Jetzt, da die Burghgeshs nicht mehr da sind, noch stiller.�</p><p>�Was ist aus dem Herrenhaus geworden?�</p><p>�Die Kommissare des K�nigs haben es versiegelt. Seitdem ist niemand mehr dagewesen.� Der Priester hustete. �Ich w��te es sonst. Der Sheriff von Essex zahlt mir ein kleines Handgeld, damit ich darauf achte, da� die Siegel an T�ren und Fenstern nicht aufgebrochen werden.� Er sah Cranston an. �Und sie sind immer noch unversehrt. Es ist ja auch nichts mehr drin. Alles ist fortgeschafft worden, das Dach ist eingest�rzt, die Wiesen und das Ackerland ringsum sind verkauft.�</p><p>�Es gab weiter keinen Erben?�</p><p>�Nicht, da� ich w��te.� Pater Peter stellte pl�tzlich seinen Becher beiseite. �Beim heiligen Gott�, rief er. �Doch, da war etwas�, murmelte er aufgeregt. �Vor drei oder vier Jahren, da war etwas sehr Merkw�rdiges. Wie ein Traum. Wann war das gleich? Ja, zu Beginn des Advent. Das Jahr habe ich vergessen. Ich hatte die Fr�hmesse gelesen und war ins Haus gegangen, um zu fr�hst�cken, und ging dann zur�ck in die Kirche, um den Altar aufzur�umen.� Pater Peter schaute ins Feuer. �Ich kam durch das Kirchenschiff und sah zu meiner �berraschung einen Mann, der in Mantel und Kapuze vor dem Eingang zur Marienkapelle kniete.�</p><p>�Wo Mark Burghgesh bestattet ist?�</p><p>�Ja. Ich habe einen leisen Gang, und zuerst h�rte der Mann mich nicht. Aber als er mich bemerkte, stand er sehr hastig auf, zog sich die Kapuze tief ins Gesicht, dr�ngte an mir vorbei und verlie� die Kirche, ohne meinen Gru� zu erwidern. Ich konnte nur ein paar wei�e Haarstr�hnen sehen und seinen grauen, sauber getrimmten Bart.� Er nahm seinen Becher und trank einen Schluck. �Nun war es Jahre her, seit ich Bartholomew Burghgesh gesehen hatte, und ich hatte geglaubt, er sei l�ngst tot, aber der Mann, den ich an jenem kalten Dezembermorgen sah, war Sir Bartholomew pers�nlich. Dessen bin ich sicher. Er hatte seinen Gang und die Haltung eines Berufssoldaten.�</p><p>Athelstan beugte sich aufgeregt vor. War Sir Bartholomew etwa am Leben? War er der Schl�chter mit den blutigen H�nden, der seinen Opfern auflauerte? �Sprecht weiter, Pater�, bat er.</p><p>�Nun, ich habe niemandem etwas davon gesagt. Die Leute im Dorf h�tten ja geglaubt, ich h�tte getrunken oder sonstwie den Verstand verloren.� Er grinste Athelstan an. �Ihr wi�t ja, Bruder, wie gern die Sch�fchen �ber ihren Hirten tratschen.�</p><p>Athelstan l�chelte und warf einen Seitenblick auf Cranston, der mit offenem Mund dasa� und den Enth�llungen des Priesters lauschte.</p><p>�Ein Jahr sp�ter�, fuhr Pater Peter fort, �am Fest Allerheiligen, war ich im Ale-Haus des Dorfes. Es war Herbst, und die Landschaft verblich im rauheren Wetter. Wir redeten �ber den Tod und erz�hlten uns gruselige Gespenstergeschichten. Der Wirt - Gott hab ihn selig, er ist inzwischen gestorben - erkl�rte pl�tzlich, er habe Sir Bartholomew Burghgeshs Geist gesehen. Die �ndern lachten ihn nat�rlich aus, aber er blieb dabei und erz�hlte, etwa zur selben Zeit, als ich glaubte, Sir Bartholomew gesehen zu haben, sei sp�t abends ein Fremder ins Dorf gekommen und in der Schenke eingekehrt, um dort zu essen und zu trinken. Der Mann hatte Mantel und Kapuze getragen und kaum ein Wort gesprochen, au�er um zu bestellen.� Der Pater schlo� die Augen. �Der Wirt berichtete, der Mann habe deutlich gemacht, da� er in Ruhe gelassen werden wollte. Woodforde liegt schlie�lich an der Landstra�e nach London, und wir haben oft Leute hier, die ihre Angelegenheiten lieber f�r sich behalten. Jedenfalls - der Fremde wollte gerade gehen, als ein Schankm�dchen einen Krug fallen lie�. Der Mann fuhr herum, und f�r ein paar Sekunden sah der Wirt sein Gesicht. Und er schwor, es war Bartholomew Burghgesh.� Pater Peter seufzte. �Ich sagte nat�rlich kein Wort, aber ich war doch verbl�fft und ging am n�chsten Tag zu dem alten Herrensitz bei Buxfield. Wenn es Burghgesh war, dachte ich, war er doch sicher zu seinem alten Haus zur�ckgekehrt. Aber nichts war anger�hrt worden.� Achselzuckend spreizte er die H�nde. �Das ist alles. Gott allein wei�, ob der Mann, den der Wirt und ich gesehen haben, wirklich Sir Bartholomew war. Andere Ger�chte von pl�tzlicher R�ckkehr aus dem Morgenland oder aus dem Grab habe ich nicht geh�rt. Da lie� ich die Sache auf sich beruhen.�</p><p>�Pater�, sagte Athelstan, �bitte, wann war das? Vor drei odervier Jahren?�</p><p>Der Priester starrte ins Feuer.</p><p>�Ja � vor drei Jahren�, antwortete er schlie�lich. �Aber mehr kann ich Euch wirklich nicht sagen.� Er l�chelte.</p><p>Cranston beugte sich vor und packte den Priester am Handgelenk.</p><p>�Pater, Eure Gastfreundschaft ist so wertvoll wie das, war Ihr uns da erz�hlt habt.� Er sah Athelstan an und l�chelte. �Komm, Bruder, es ist noch nicht einmal Mittag. Wenn wir schnell reiten, k�nnen wir vor Anbruch der Dunkelheit wieder in der Stadt sein.� Er sah Pater Peter an. �Ich danke Euch, Pater.� Er drehte sich um und warf dem Jungen, der immer noch in der Ecke hockte, einen Penny zu. �Und du, mein Junge, wirst entweder ein guter Knappe oder ein Kaufmann.�</p><p>Sie erhoben sich, zogen ihre M�ntel an, und eine Stunde sp�ter lag Woodforde bereits hinter ihnen. Sie ritten durch Leighton, vorbei an dem grausigen Schafott mit dem frischen Grab, und gelangten wieder auf die Mile End Road. Cranston hatte sich in einer Dorfschenke seinen wunderbaren Weinschlauch f�llen lassen und plauderte jetzt munter drauflos.</p><p>�Es ist m�glich, Bruder�, dr�hnte er zum x-ten Mal, und seine b�rtigen Lippen waren rot vom Saft der Trauben, �durchaus m�glich, da� Sir Bartholomew noch lebt und im Tower oder ganz in der N�he versteckt seinen lautlosen Rachefeldzug f�hrt.�</p><p>�Sir John�, erwiderte Athelstan, �das k�nnte ja sein, aber wie sollte Burghgesh sich tarnen? Als Mitglied der Garnison? Als K�chengehilfe? Als H�ndler, der Zugang zum Tower hat?� Cranston machte ein ordin�res Ger�usch.</p><p>�Oder�, fuhr Athelstan fort, �hockt er wie eine schwarze Spinne irgendwo in der Stadt, und andere f�hren seine grausigen Befehle aus?�</p><p>Cranston z�gelte sein Pferd.</p><p>�Merkw�rdig, wei�t du�, brummte er.</p><p>�Was denn?�</p><p>�Na, vor drei Jahren war Whitton verst�rt und aufgeregt, als h�tte er einen Geist gesehen. Gleichzeitig wurde eine Gestalt in Mantel und Kapuze in einer Taverne am Tower gesehen. Und dieselbe Person, wahrscheinlich Burghgesh, wurde in Woodforde gesichtet.�</p><p>�Wollt Ihr damit sagen, Whittons Aufregung war durch Burghgeshs pl�tzlichen Auftritt ausgel�st worden?�</p><p>� Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Aber wenn das stimmt, was soll seitdem aus Burghgesh geworden sein?�</p><p>Die beiden er�rterten immer noch ihre widerspr�chlichen Theorien, als sie lange nach Einbruch der Dunkelheit Aldgate erreichten und durch eine kleine Pforte im Tor in die Stadt gelangten. Berauscht von Wein und seinen Ideen, war Cranston inzwischen sicher, da� sie die Wahrheit gefunden hatten. Athelstan widersprach nicht mehr. Zumindest, dachte er, hatte die Reise nach Woodforde den Coroner von seinen unaufh�rlichen, qualvollen Gr�beleien �ber das geheimnisvolle Verhalten der Lady Maude abgelenkt.</p><p>*</p><p>W�hrend Athelstan und Cranston zur Stadt zur�ckritten, stand der Hospitaliter Fitzormonde im Innenhof des Tower und betrachtete den riesigen B�ren, der sich Essensreste aus der K�che in den Rachen stopfte. Wie Athelstan war auch Fitzormonde fasziniert von der Bestie und bewunderte insgeheim den verr�ckten Rothand, der als einziger wagte, sich dem Tier zu n�hern. Auf all seinen Reisen hatte Fitzormonde noch nie ein so gewaltiges Untier gesehen. Die meisten B�ren waren klein und schwarz, manchmal nicht gr��er als ein Mensch. Dieses gro�e, zottelhaarige Tier erinnerte ihn an die Geschichten, die Ritter erz�hlt hatten, nachdem sie in den Teutonischen Orden in den wilden schwarzen W�ldern des Nordens gewesen waren. Sie hatten von Rehwild gesprochen, das doppelt so gro� sein sollte wie irgendeines in England, und von B�ren, so riesig wie dieser hier, der mit seinen gewaltigen Vorderpfoten ein Pferd zerquetschen k�nnte.</p><p>Der B�r h�rte pl�tzlich auf zu fressen und funkelte den Ritter an. Seine kleinen Schweins�uglein waren rot und voller Ha�. Er ri� das Maul auf und entbl��te b�sartig scharfe Z�hne. Ein Grollen drang aus seiner Kehle. Das schwere Tier zerrte an der dicken Eisenkette. Fitzormonde machte ein paar Schritte zur�ck, und der B�r widmete sich wieder seinem Fressen. Er schob die Abf�lle zu einem schmutzigen Haufen zusammen, als wolle Fitzormonde ihm etwas wegnehmen. Der Ritter stampfte mit den F��en, um sich zu w�rmen. Morgen w�rde er den Tower verlassen, dachte er. Mistress Philippa hatte er bereits informiert, als er ihr und ihrem ziemlich weibischen Verlobten begegnet war.</p><p>Fitzormonde schaute hinauf zu den grausamen Fratzen der Wasserspeier oben an der Kapelle von St. Peter ad Vincula. Ja, dachte er, morgen w�rde er dem Kaplan etwas zahlen, damit dieser eine letzte Messe f�r seine gefallenen Kameraden las, und dann w�rde er in die Stadt zur�ckkehren und seine Oberen um eine Mission oder Aufgabe bitten, die ihn weit wegf�hren w�rde von dieser finsteren Festung.</p><p>Als er ein Schwirren in der Luft h�rte, schrak er hoch. Er schaute in die H�he. Ein Rabe? Nein, was war es? Der B�r erwachte pl�tzlich zum Leben, b�umte sich vor ihm auf und schlug mit den riesigen Pranken in die Luft. Der Hospitaliter sprang in j�her Panik zur�ck. Der B�r br�llte w�tend auf. Seine schwarzen Lefzen und der m�chtige Kiefer waren von dickem wei�em Schaum bedeckt. Fitzormondes Hand fuhr zum Dolch, als der B�r wie ein D�mon zu tanzen begann und an der schweren Kette zerrte, die an der Mauer befestigt war. Was hatte das Tier nur? Was war passiert?</p><p>Fitzormonde wollte davonlaufen, aber bevor er sich umgedreht hatte, h�rte er, wie die Eisenkette aus dem Haken in der Mauer sprang und der B�r auf ihn losst�rzte. Er zerrte an seinem Dolch und hatte ihn nur halb gezogen, als eine krallenbewehrte Pranke ihm schon den Kopf zerschmetterte wie einen faulen Apfel. Wutentbrannt schlug der B�r seine Klauen in den ungesch�tzten R�cken des sterbenden Ritters und schleifte ihn �ber das Pflaster. Rasendes Geheul k�ndete von seinem Triumph.</p></section><section><title><p><strong>12. Kapitel</strong></p></title><p>Athelstan war w�tend. Er f�hlte den Zorn in seinen Ged�rmen brennen, bis ihm das Blut in den Ohren rauschte. F�r einen Augenblick war dem Bruder alles egal - die Lehren seines Ordens �ber die Sanftmut oder die Verpflichtung zur G�te, die das Evangelium enthielt. Jetzt z�hlte nur noch der Zorn, der in ihm tobte, als er auf dem Friedhof vor der Kirche von St. Erconwald stand. Der Schnee hatte sich in eisigen Matsch verwandelt, der von Gr�bern, B�umen, B�schen und niedrigen Friedhofsmauern tropfte; bei klarem Himmel und kraftloser Wintersonne hielt das Tauwetter an. Athelstan fluchte und benutzte jedes Schimpfwort, das er von Cranston gelernt hatte. Mit dem Stab schlug er gegen das lose Mauerwerk und h�tte am liebsten die Ziegel zu Staub zermahlen.</p><p>Oh, bei seiner R�ckkehr war alles in bester Ordnung gewesen:</p><p>Bonaventura hatte wohlig zusammengerollt wie ein fetter Bischof in der Kirche geschlummert. Cecily hatte das Kirchenschiff gefegt und gewischt; Benedicta und Watkin hatten in einem Seitengang die Krippe aufgestellt - mit Figuren, die Huddle geschnitzt hatte. Gleich �ber dem Taufbrunnen am Eingang der Kirche hatte der Maler auch ein leuchtend buntes Bild Christi in der Krippe vollendet. Sogar Ursulas Schwein hatte diesmal die �blichen Raubz�ge durch seinen Garten unterlassen, und Pike, der Grabenbauer, hatte den Kiesweg vor der Kirche gereinigt.</p><p>Athelstan war zufrieden gewesen und hatte �ber Pfarrangelegenheiten geschwatzt, w�hrend er Philomel in den Stall gebracht, getr�nkt und gef�ttert hatte. Aber schon da war ihm die bange Sorge in den Gesichtem derer aufgefallen, die ihn begr��t hatten: Benedicta, Pike, Watkin, Cecily und Tab, der Kesselflicker. Sie waren ihm um die Kirche herum gefolgt, hatten seine Fragen beantwortet und dabei verstohlen �ngstliche Blicke gewechselt.</p><p>Anfangs hatte Athelstan ihre Unruhe nicht so ernst genommen. Vielleicht hatte Cecily wieder geflirtet, oder einer von Pikes S�hnen hatte in die Kirche gepinkelt. Oder hatte Ranulf sich Bonaventura ausgeliehen? Hatten Watkins Kinder aus dem Weihwasserbecken getrunken? Die Mitglieder seines Gemeinderates umgaben ihn wie gackernde H�hner. Schlie�lich hatte Athelstan genug von ihrer Heimlichtuerei.</p><p>�Also, heraus damit!� verlangte er und baute sich vor ihnen auf. �Was ist passiert?�</p><p>Sie scharrten mit den F��en und schauten zu Boden. Benedicta k�mmerte sich pl�tzlich eingehend um einen unsichtbaren Fleck auf ihrem Kleid.</p><p>�Es ist wegen dem Friedhof, Pater!� platzte Watkin heraus. �Tosspots Grab ist aufgemacht worden.�</p><p>�Wann?�</p><p>�In der Nacht, nachdem Ihr weggeritten seid.�</p><p>Athelstan war so w�tend geworden, da� er Ausdr�cke benutzte, die selbst Pike erbleichen lie�en.</p><p>�Vielleicht unternimmt Sir John jetzt etwas�, unterbrach Benedicta ihn taktvoll. �Oder wir schreiben eine Petition an den Bezirksamtmann.�</p><p>�Aye!� fauchte Athelstan. �Und vielleicht k�nnen Schweine fliegen, und morgen finden wir Koteletts auf den B�umen! Leute, die etwas so Schreckliches tun, sind Dreckskerle! Sie sind b�se und f�rchten weder Gott noch die Menschen. Selbst die Heiden ehren den Leib eines Toten. Nicht einmal ein Hund w�rde so etwas tun!�</p><p>Seine Sch�fchen wichen zur�ck; die schreckliche Wut ihres sanftm�tigen Priesters schreckte sie mehr als die grausige Nachricht, die sie ihm gebracht hatten. Athelstan st�rmte in sein Haus und leerte einen Becher Wein mit einer Geschwindigkeit, die Cranston bewundert h�tte.</p><p>Er schlief unruhig in dieser Nacht, denn er kochte noch immer vor Wut �ber die Entweihung seines Friedhofes. Am n�chsten Morgen stand er fr�h auf, �ffnete die Kirche, f�tterte Bonaventura fl�chtig, leierte hastig die Morgengebete herunter und konzentrierte sich mit M�he auf die heilige Messe. Der Kater Bonaventura, schlau, wie er war, schien die Wut seines Herrn zu sp�ren und schlich sich leise davon. Am Ende des Gottesdienstes, vor dem Schlu�segen, sagte Athelstan in scharfem, knappem Ton:</p><p>�Unser Friedhof ist wieder einmal gesch�ndet worden. Ich, Athelstan, Pfarrer dieser Gemeinde, sage, und Gott sei mein Zeuge: Hier wird niemand mehr beerdigt werden, ehe die Erde neuerlich geweiht und dieses Problem aus der Welt geschafft ist!� Mit funkelnden Augen sah er seine kleine Gemeinde an. �Ich werde zu den H�chsten des Landes gehen, und wenn es der junge K�nig selbst ist oder der Erzbischof von Canterbury.</p><p>Man wird Wachen aufstellen und - Gott verzeihe mir! - ich werde diese Schurken h�ngen sehen!�</p><p>Seine Gemeinde ging still hinaus, und Athelstan bekam, als er sich allm�hlich beruhigte, leise Gewissensbisse, als er auf Tosspots verw�stetes Grab schaute.</p><p>�Dein Temperament, Priester�, brummte er bei sich, �ist so wenig gez�hmt wie vor zwanzig Jahren, und deine Zunge ist so scharf wie eh und je.�</p><p>Er atmete tief. Ja, er war zu hart gewesen, dachte er, war viel zu schroff mit Benedicta und den anderen umgegangen, aber vor allem mit der Witwe. Sie war nach der Messe noch einen Augenblick geblieben - nicht, um zu plaudern, sondern nur, um ihm zu sagen, da� der Oberb�ttel des Bezirks, Master Bladdersniff, sie auf dem Weg zur Kirche angesprochen habe. Er w�nsche Athelstan in einer dringenden Angelegenheit zu sehen.</p><p>�Ah ja�, knurrte Athelstan, �Master Bladdersniff will, wie gew�hnlich, die Stallt�r verriegeln, wenn das Pferd fortgelaufen ist!� Er f�hlte, wie die Wut von neuem in ihm aufwallte. W�re St. Erconwald eine der reichen Stadtkirchen gewesen, dann h�tte man sofort Wachen aufgestellt, und nichts dergleichen w�re geschehen. Nicht einmal Cranston, dieser Fettarsch von Coroner, hatte ihm geholfen, weil er wie eine jammernde Magd in seine eigenen Sorgen vertieft war.</p><p>Athelstan schaute sich auf dem Friedhof um; es war so kalt, so trostlos. Pater Peter fiel ihm ein, und er beneidete den Pfarrer von Woodforde um seine stille H�uslichkeit. �Verdammter Cranston!� murrte Athelstan. �Diese verfluchten Morde! Der verflixte Tower! Die verfluchten Herzen der Menschen und ihr b�ses Treiben! Ich bin ein Priester!� zischte er bei sich. �Nicht irgendein Gehilfe des Sheriffs!�</p><p>�Pfarrer Athelstan?�</p><p>Der Ordensbruder drehte sich um und funkelte den jungen Boten an, der in Mantel und Kapuze hinter ihm stand.</p><p>�Ja, Mann, was gibt�s?�</p><p>�Ich komme aus dem Tower. Sir John Cranston schickt mich. Er erwartet Euch in der Taverne Zum Heiligen Lamm an der Cheapside.�</p><p>�Sag dem Coroner�, versetzte Athelstan, �da� ich komme, wenn ich komme, und ich rate ihm, n�chtern zu sein!�</p><p>Der junge Mann sah ihn �berrascht und gekr�nkt an. Athelstan zog eine Grimasse und spreizte die H�nde.</p><p>�Mein Gott, Mann, es tut mir leid. Pa� auf, du sagst Sir John, ich komme, sobald ich kann.�</p><p>Er trat einen Schritt n�her und sah das bleiche, verkniffene Gesicht und die tropfende Nase. �Du frierst ja. Geh hin�ber in mein Haus; da steht ein Krug Wein auf dem Tisch. Nimm dir einen Becher voll - du findest einen auf dem Bord �ber dem Kamin. Trink etwas von dem gew�rzten Wein, damit du was Warmes in den Bauch kriegst, bevor du zur�ckl�ufst.�</p><p>Der Bote lief davon wie ein Windhund.</p><p>�Ach, �brigens�, rief Athelstan ihm nach, �ich habe gemeint, was ich gesagt habe: Sir John soll nicht so viel trinken.� Langsam ging Athelstan zur�ck zu seiner Kirche, stieg die Treppe hinauf und betrat den Vorraum.</p><p>�Pater?�</p><p>Athelstan schrak zusammen, als Master Luke Bladdersniff, der Oberb�ttel des Bezirks, aus dem Schatten hervortrat; sein hageres, gelbliches Gesicht und das d�nne Blondhaar verschwanden fast unter einer zerdr�ckten Biberm�tze.</p><p>�Guten Morgen, B�ttel.�</p><p>Athelstan betrachtete den Bezirksdiener; seine eng zusammenstehenden Augen waren dunkel umr�ndert und glichen tats�chlich Pi�l�chem im Schnee, wie Cranston sie treffend beschrieb. Die Nase des Mannes hatte Athelstan schon immer fasziniert. Sie war gebrochen und leicht verbogen und verlieh Bladdersniff ein etwas komisches Aussehen, das schlecht zu der bombastischen Wichtigtuerei pa�te, mit der der Bursche aufzutreten pflegte. Athelstan winkte ihn m�de in die Kirche.</p><p>�Master Bladdersniff, Ihr seid bestimmt gekommen, um zu besprechen, weshalb mein Friedhof gesch�ndet und die Gr�ber beraubt werden, ohne da� Ihr und der Bezirksrat irgend etwas dagegen unternehmt?�</p><p>Bladdersniff sch�ttelte den Kopf und sp�hte �ber die Schulter in die Dunkelheit des Kirchenvorraums.</p><p>�Was ist, Mann? Was gibt�s da dr�ben?�</p><p>Der B�ttel klappte den Mund auf und zu wie ein gestrandeter Karpfen, und Athelstan schaute aufmerksamer hin. Der Kerl sah aus, als wolle er sich gleich �bergeben. Sein bleiches Gesicht war gr�nlich �berhaucht, und die dunklen Augen waren w��rig, als ob Bladdersniff heftig gew�rgt h�tte.</p><p>�Um Himmels willen, Mann, was ist los?�</p><p>Wieder schaute der B�ttel nach hinten ins Dunkel.</p><p>�Es ist wegen Tosspot�, fl�sterte er.</p><p>�Was?�</p><p>�Tosspot! Oder wenigstens ein Teil von ihm.� Bladdersniff bedeutete dem Priester, ihm zu folgen.</p><p>Athelstan nahm sich einen Kienspan und ging hinter dem B�ttel her, der in einer dunklen Ecke des Kirchenvorraums vor einem schmutzigen St�ck Leinwand stehenblieb. Bladdersniff zog den Stoff beiseite, und Athelstan wandte sich angeekelt ab. Da lag das Bein eines Mannes, ein Teil davon wenigstens, so s�uberlich und glatt �ber dem Knie abgeschnitten wie ein St�ck Stoff von einem erfahrenen Schneider. Athelstan starrte den blutigen Stumpf und die fleckige Haut an.</p><p>�G�tiger Gott!� hauchte er, und der Gestank der Verwesung von dem etwas aufgedunsenen Fleisch drang ihm in die Nase. �Deckt das zu, Mann! Deckt es zu!�</p><p>Athelstan l�schte seinen Kienspan, ging zur Kirche hinaus und blieb an der Treppe stehen; er atmete die frische Morgenluft in tiefen Z�gen. Hinter sich h�rte er Bladdersniff.</p><p>�Wie kommt Ihr darauf, da� das Tosspot geh�rte?�</p><p>�Ihr erinnert Euch bestimmt, Pater, da� Tosspot seiner Kundschaft in der Schenke immer von seiner alten Kriegsverletzung erz�hlt hat, einer Pfeilwunde im Bein. Dauernd zeigte er seine Narbe herum wie eine Reliquie.�</p><p>Athelstan nickte. �Aye. Das tat der alte Tosspot immer, wenn er betrunken war.� Er sah den B�ttel an. �Und dieses Bein tr�gt die gleiche Narbe?�</p><p>�Ja, Pater, unter dem Knie.�</p><p>�Wo wurde es gefunden?�</p><p>�Wollt Ihr es sehen?�</p><p>�Ja.�</p><p>Bladdersniff f�hrte ihn die Bridge Street hinunter, �ber die Jerwald hinweg und in die Longfish Alley, die hinunter zur Broken Wharf am Flu� f�hrte. Unterwegs sprach Athelstan kein Wort, und die Leute, die ihn kannten, traten beiseite, als sie den wildentschlossenen Ausdruck in dem sonst so sanften Gesicht des Priesters sahen.</p><p>Athelstan bemerkte kaum etwas au�er dem schmutzigen Schlamm auf den Stra�en, durch die sie kamen. Er ignorierte jeden Gru� und schien die H�ndler und H�ker, die hinter ihren wackligen St�nden nach Kundschaft schrien, gar nicht wahrzunehmen. Selbst die stramm in den Block geschlossenen Gauner am Pranger erregten diesmal nicht sein Mitgef�hl, und auch Bladdersniff behandelte er, als sei der B�ttel nicht vorhanden. Athelstan f�hlte sich von Herzen krank. Wer konnte dem Leichnam des armen Tosspot so etwas antun?</p><p>Sie erreichten die Broken Wharf oberhalb des Flu�ufers; Bladdersniff nahm den Ordensbruder beim Arm und deutete hinunter auf die schmutzigen Schlickb�nke, wo M�wen und Kr�hen sich um den angeschwemmten M�ll balgten. Athelstan schaute auf die Themse. Das Wasser war so schmutzig und dunkel wie seine eigene Stimmung. Immer noch trieben gro�e Eisschollen vorbei, krachten kreiselnd aneinander und prallten donnernd gegen die Bogenpfeiler der London Bridge.</p><p>�Wo habt Ihr es gefunden?�</p><p>�Da unten, Pater�, antwortete Bladdersniff knapp. �Im Schlick, in ein St�ck Leintuch gewickelt. Ein Bengel, der nach Treibholz suchte, hat es gefunden und zu einem der H�ndler gebracht, der Tosspots Narbe wiedererkannte.� Der B�ttel hustete nerv�s. �Ich habe von den Grabr�ubereien auf Eurem Friedhof geh�rt.�</p><p>�Ach ja? Das freut mich aber�, sagte Athelstan mit falschem L�cheln. �Glaubt Ihr, das Bein wurde angeschwemmt?�</p><p>�Ja. Zu jeder anderen Zeit h�tte der Flu� es fortgetragen. Aber der schwere Eisgang hat die Str�mung ver�ndert, und deshalb ist der Beutel ans Ufer gedr�ckt worden.�</p><p>�Mit anderen Worten, es ist hier hineingeworfen worden?�</p><p>�Ja, Pater. Entweder hier oder irgendwo in der N�he.� Athelstan schaute auf die Schlickb�nke und Mauern, die sich zur Linken bis zur London Bridge erstreckten. Das Gel�nde war zu offen, �berlegte er. Kein Verbrecher w�rde sich auch nur im Traum einfallen lassen, eine so schreckliche Tat an einem Ort zu begehen, wo er gesehen werden konnte. Sein Blick ging nach rechts, zu der langen Reihe gro�er H�user, deren G�rten bis zum Flu� reichten. Eine Erinnerung regte sich. �K�nnte das sein?� murmelte er, �ich frage mich wirklich �?�</p><p>�Was denn, Pater?�</p><p>�Nichts, Master Bladdersniff. Geht zur�ck zu meiner Kirche, nehmt, was von dem armen Tosspot �brig ist, und begrabt alles, wie Ihr es f�r richtig haltet.�</p><p>�Aber, Pater, es ist nicht meine ��</p><p>�Tut, was ich sage!� bellte Athelstan. �Tut es oder verantwortet Euch vor dem Coroner der Stadt, Sir John Cranston!�</p><p>�Der ist hier nicht zust�ndig.�</p><p>�Nein, aber das kann er leicht �ndern�, versetzte Athelstan. �Um Himmels willen, Mann, tut es f�r mich. Tut es f�r den armen Tosspot. Bitte.�</p><p>Bladdersniff starrte ihn an, nickte dann und marschierte davon. Athelstan kehrte nach St. Erconwald zur�ck. Er hatte eines der H�user am Flu� wiedererkannt und zugleich daran gedacht, wie sauber und glatt das Bein abgetrennt worden war. Erinnerungen an seine Zeit als Soldat in den Notlazaretten bei den Truppen des alten K�nigs in Frankreich waren erwacht. Und Athelstan dachte an den Friedhof. Wo waren die Leprakranken? Wieso hatten sie nichts bemerkt? Athelstan dachte an die Auss�tzigen, die er in der N�he von St. Paul gesehen hatte, als er mit Cranston bei Geoffrey Parchmeiner gewesen war. Ihre Bettelschalen! Athelstan blieb mitten auf der Lad Alley stehen. �O mein Gott!� wisperte er. �Oh, um der himmlischen Barmherzigkeit willen!� Der wei�e Kalkstaub, den er nach der Messe an seinen Fingern bemerkt hatte, nachdem er die heilige Hostie durch die Lepraspalte nach drau�en geschoben hatte � Dem Bruder wurde pl�tzlich schwindlig, und er lehnte sich an eine urinfleckige Mauer. Andere Erinnerungen kamen ihm. �Nat�rlich!� fl�sterte er. �Deshalb wurde der Friedhof eine Zeitlang in Ruhe gelassen. Der Frost! Erst als der Flu� wieder auftaute, konnten sie das, was sie gestohlen hatten, verschwinden lassen!� Athelstans Gesicht verzerrte sich vor Wut. �Diese Schweine�, zischte er. �Diese verkommenen Schweine!�</p><p>Er stapfte die Lad Alley hinunter zu einer der belebten Hauptstra�en, die parallel zum Flu� verliefen. Ein kleiner Junge, der einem Ball nachlief, rutschte in dem eisigen Matsch aus und prallte gegen ihn. Athelstan packte ihn so fest bei der Schulter, da� der Junge schmerzlich das Gesicht verzog.</p><p>�Pater, Pater, das wollte ich nicht! Ehrlich!�</p><p>Athelstan sah das bleiche Gesicht des Kleinen. �Es tut mir leid�, antwortete er sanft. �Ich wollte dir nicht weh tun. Hier, mein Junge - f�r einen Penny bringst du mich zum Haus des Doktor Vincentius. Du kennst den Arzt?�</p><p>Der Junge sch�ttelte den Kopf, lief aber zu einem Ladenbesitzer, der ihm den Weg erkl�rte. Dann f�hrte er Athelstan durch eine Gasse auf eine stille Stra�e mit gro�en Fachwerkh�usern, an denen allerdings inzwischen die Farbe abbl�tterte; ihre schmutzigen Fassaden erinnerten an bessere Zeiten und vergangenen Wohlstand. Der Junge deutete auf das dritte Haus; die Fensterl�den waren verschlossen, aber die gro�e Haust�r war frisch gestrichen und mit gl�nzenden Stahlb�ndern verst�rkt. Athelstan gab dem Jungen den Penny und klopfte an die T�r, bis er von drinnen schnelle Schritte h�rte und der Riegel zur�ckgezogen wurde. Ein junger Mann mit glatten, str�hnigen Haaren �ffnete; er trug eine blaue cote-hardie mit einem Besatz aus Eichh�rnchenfell. Als er den Priester sah, ri� er erschrocken die Augen auf.</p><p>�Bruder Athelstan!�</p><p>�Woher kennst du meinen Namen, du Mistkerl?� schrie der Ordensbruder und stie� ihn gegen die Wand. �Wo ist Doktor Vincentius?�</p><p>�In seiner Kammer.�</p><p>Athelstan wartete nicht, bis der Bursche ihn hinf�hrte, sondern lief den wei�gekalkten Steinkorridor hinunter und ri� die T�r am Ende auf. Vincentius sa� hinter einem gro�en Eichenholzschreibtisch in einem warmen, dunklen, holzget�felten Zimmer. Athelstan sah Regale voller Pergamentrollen und eine Tierkreiskarte an der Wand; es duftete nach Kr�utern und Gew�rzen, und ein kleines Holzfeuer knisterte munter im Kamin. Der Doktor erhob sich. Seine dunklen Augen blickten wachsam, aber ein L�cheln �berzog das braune Gesicht.</p><p>�Bruder Athelstan! Was gibt es? Was w�nscht Ihr �?�</p><p>�Zuerst dies!� Athelstan gab dem Doktor einen heftigen Sto�; Vincentius flog r�ckw�rts gegen die Wand, stie� einen kleinen Tisch um, und ein gelber Sch�del fiel krachend auf den von Karten �bers�ten Boden. Der Doktor rappelte sich auf und betupfte eine Wunde am Mundwinkel. Seine dunklen Augen machten sich �ber den Priester lustig.</p><p>�Ihr wirkt erz�rnt, Pater?�</p><p>Athelstan h�rte den jungen Mann hinter sich.</p><p>�Es ist schon gut, Gidaut�, murmelte Vincentius. �Aber wir sollten wohl wieder einmal packen.�</p><p>Athelstan funkelte den Arzt an, w�hrend sich hinter ihm leise die T�r schlo�.</p><p>�Ihr seid ein Hund, Doktor! Ein Ketzer! Ein Grabsch�nder! Ich habe gerade gesehen, was vom Leichnam des armen Tosspot �brig ist. Wenn der Bezirksaufseher einen Funken Verstand h�tte, w�re er mit der Stadtgarde schon hier. Nur ein erfahrener Arzt k�nnte ein Bein so sauber abtrennen.� Er trat n�her an das Schreibpult heran. �Und l�gt jetzt nicht! Ihr und Eure Kreatur da drau�en �� Athelstan deutete auf die T�r. �Ein gerissenes Paar. Gekleidet wie Auss�tzige, mit Gesichtsmasken aus kalkbest�ubter Tierhaut - so habt Ihr bei Tag auf meinem Friedhof gehaust und gesehen, was da vor sich ging. Und nachts kamt Ihr dann nat�rlich zur�ck und habt Euch geholt, was Ihr wolltet.� Athelstan atmete schwer. �Gott verzeihe mir�, sagte er leise, �ich bin nicht besser als andere Menschen. Wi�t Ihr, da� einer, der f�r auss�tzig erkl�rt wird, an seiner eigenen Totenmesse teilnimmt? Wir betrachten ihn dann schon als tot, und ich habe es genauso gemacht. Die Auss�tzigen in meinem Kirchhof waren Schatten f�r mich, wandelnde Lumpenb�ndel. Nur eines fehlte: Ich habe sie nie mit einer Bettelschale gesehen, und das ist mir erst heute morgen klargeworden.� Er funkelte den Arzt an. �Ihr h�ttet wirklich besser aufpassen sollen, Vincentius. Ihr habt die Leichen gestohlen, und wenn Ihr fertig wart, habt Ihr, was von ihnen �brig war, in die Themse geworfen. Aber der Flu� ist tr�ge. Heute morgen sind die grausigen �berreste Eures makabren Treibens wieder ans Ufer getrieben worden.�</p><p>Der Arzt stand immer noch mit dem R�cken zur Wand und beobachtete den Priester wachsam. �Ihr seid h�chst scharfsichtig, Bruder. Das hat Benedicta mir schon erz�hlt.�</p><p>Athelstan zuckte zusammen, als er den Blick des Arztes sah. �Aye�, sagte er und lie� sich auf einen Schemel fallen. �Aber ich h�tte noch sch�rfer hinschauen m�ssen. Ich habe Kreide an meinen Fingern gefunden, nachdem ich die Hostie durch den Lepraspalt gereicht hatte.� Zornig starrte er den Arzt an. �Das ist ein Sakrileg, wi�t Ihr das? Die Heilige Eucharistie zur Tarnung f�r Euer gottesl�sterliches Tun zu benutzten. Ja�, seufzte er, �ich h�tte aufmerksamer sein m�ssen. Nie habe ich Euch mit einer Bettelschale gesehen, und ich kann mich auch nicht erinnern, Euch je auf den Stra�en rings um die Kirche begegnet zu sein.� Er stand auf. �Ihr habt gegen das Gesetz Gottes und das des K�nigs versto�en. Ich gehe, aber ich komme mit der Stadtgarde zur�ck. Heute abend seid Ihr in Newgate und bereitet Euch auf Euren Proze� vor dem Oberhofgericht in Westminster vor.�</p><p>�Benedicta hat mir au�erdem erz�hlt, Ihr w�ret ein toleranter Priester. Wollt Ihr mich �berhaupt nicht fragen, warum, Pater?� erwiderte Vincentius leise. Er wirkte pl�tzlich erschrocken und voller Angst. �Ich habe Unrecht getan�, sagte er leise und lie� sich auf einen Stuhl fallen. �Aber wem habe ich denn geschadet? Nein, nein.� Er brachte Athelstan mit einer Handbewegung zum Schweigen. �H�rt mir zu. Ich habe in Bologna Medizin studiert, bei den Arabern in Spanien und Nordafrika und an der gro�en Schule der Medizin in Salerno. Aber wir �rzte wissen gar nichts, Pater, au�er wie man Blutegel ansetzt und einen Menschen ausbluten l��t.� Vincentius verschr�nkte die Finger und st�tzte die Ellbogen auf den Schreibtisch. ��ber den menschlichen K�rper k�nnen wir nur dann etwas lernen, wenn wir ihn �ffnen.</p><p>Jedes einzelne Teil sezieren, die Position des Herzens studieren, den Kreislauf des Blutes, die Zusammensetzung der Magenw�nde. Aber das verbietet die Kirche.� Er hob eine beringte Hand. �Ich schw�re, ich wollte nicht ungehorsam sein, aber meine Sehnsucht nach medizinischem Wissen, Pater, ist genauso gro� wie die Eure nach der Errettung der Seelen. Und wohin k�nnte ich gehen? Zu den Richtst�tten oder auf die Schlachtfelder, wo die Leichen bis zur Unkenntlichkeit verst�mmelt sind? Da kam ich nach Southwark, denn es liegt au�erhalb der st�dtischen Gerichtsbarkeit. Ja, ja.� Er sah den �rger in Athelstans Blick. �In eine arme Gemeinde, wo niemand sich darum k�mmerte - so wenig wie um die ausgehungerten Kinder auf den Stra�en rings um die Kirche.� Vincentius spielte mit einem kleinen Messer. �Ich fing an, einen Leprakranken zu spielen, um auf dem Friedhof spionieren zu k�nnen. Aber ich habe nur Leichen genommen, auf die niemand einen Anspruch erhob.�</p><p>�Ich habe Anspruch auf sie erhoben!� schrie Athelstan. �Gott hat Anspruch auf sie erhoben. Die Kirche!�</p><p>�Ja, ich habe die Leichen gestohlen�, fuhr Vincentius fort, �und ich habe sie seziert. Gidaut und ich haben sie nachts in den Flu� geworfen, aber als der gro�e Frost kam, mu�ten wir aufh�ren.� Er sch�ttelte den Kopf. �Ich habe Unrecht getan, aber wollt Ihr mich deshalb hetzen? Ich habe hier gute Arbeit geleistet, Priester. Geht hinaus auf die Stra�en von Southwark und sprecht mit der Mutter, der ich eine Zyste lanciert habe. Fragt den kleinen Jungen, der wieder klar sehen kann. Den Arbeiter, dem ich das gebrochene Bein gut gerichtet habe. Und wenn ich h�nge, Bruder, was dann? Wen wird das interessieren? Die Armen werden weiter sterben, und die �rzte in der Cheapside, die ihren Patienten Geld und Gesundheit abnehmen, werden in die H�nde klatschen, wenn sie mich am Strick tanzen sehen.�</p><p>Athelstan lie� m�de den Kopf h�ngen.</p><p>�Ich will Euren Tod nicht�, sagte er. �Ich will, da� die Toten auf meinem Friedhof so liegenbleiben, wie Gott es von ihnen erwartet. Ich will, da� Ihr verschwindet, Doktor.� Er stand auf und klopfte sich den Staub von seiner Kutte. �Es tut mir leid, da� ich Euch geschlagen habe.� Er starrte Vincentius an. �Aber Ihr m��t von hier verschwinden. Ich wei� nicht, wohin, und eigentlich ist es mir auch egal, aber ich will, da� Ihr binnen einer Woche die Stadt verla�t.� Athelstan f�hlte sich pl�tzlich ersch�pft und matt, und er merkte, da� er seit langem nicht mehr gegessen hatte. �Es tut mir leid, da� ich Euch geschlagen habe�, wiederholte er, �aber ich war zornig.� Pl�tzlich fiel ihm ein, da� Cranston auf ihn wartete, und er sah den Doktor an. �Ach ja�, sagte er, �einen Gefallen schuldet Ihr mir noch.�</p><p>Vincentius lehnte sich zur�ck. �Welchen, Pater?�</p><p>�Genaugenommen sind es zwei. Erstens, Ihr hattet hier eine Besucherin - Lady Maude Cranston. Warum ist sie gekommen?�</p><p>Vincentius grinste. �Lady Maude ist zwar schon im drei�igsten Jahr, aber sie ist enceinte.�</p><p>Athelstan starrte ihn ungl�ubig an. �Sie ist schwanger?�</p><p>�Ja, Priester. Etwa im zweiten Monat. Sie und das Kind sind gesund, aber sie hat Angst, da� Sir John ihr nicht glauben k�nnte. Sie will ihn nicht entt�uschen. Sie haben wohl vor einigen Jahren schon ein Kind verloren.�</p><p>Athelstan nickte, und der Arzt geno� die Verbl�ffung des Priesters.</p><p>�Sie hat mir von Sir John erz�hlt. Ich habe ihr geraten, bei den Freuden des Fleisches �u�erst vorsichtig zu sein. Ihr Gatte ist anscheinend ein Berg von einem Mann?�</p><p>�Aye.� Athelstan war immer noch wie vom Donner ger�hrt. �Das ist Sir John allerdings.�</p><p>�Und wie lautet der zweite Gefallen, Pater?�</p><p>�Ihr habt in Outremer gedient?�</p><p>�Ja. Eine Zeitlang habe ich in Krankenh�usern in Tyrus und Sidon praktiziert.�</p><p>�Wenn Ihr dort jemandem begegnet seid, wie habt Ihr ihn gegr��t?�</p><p>Jetzt machte der Arzt ein �berraschtes Gesicht. �Schalom�, antwortete er. �Das ist der �bliche semitische Ausdruck f�r Friede sei mit Euch.�</p><p>Athelstan hob die Hand. �Doktor Vincentius, ich sage Euch Lebewohl. Wir werden uns sicher nicht Wiedersehen.�</p><p>�Priester?�</p><p>�Ja, Arzt?�</p><p>�Freut es Euch, da� ich fortgehe, weil ich Unrecht getan habe oder freut es Euch, da� ich die Witwe Benedicta nicht wiedersehe? Ihr liebt sie, nicht wahr? Ihr mit Euren heftigen Angriffen gegen andere!�</p><p>�Nein, ich liebe sie nicht!� fauchte Athelstan. Aber w�hrend er die T�r hinter sich schlo�, wu�te er, da� er, wie der heilige Petrus, die Wahrheit leugnete.</p><p>*</p><p>Sir John Cranston, Coroner der Stadt, hockte mit tr�bem Blick in der Schenke Zum Heiligen Lamm und starrte voller Selbstmitleid auf die Cheapside hinaus. Er hatte gut und gern eine Viertelgallone Ale getrunken. Athelstan war nicht gekommen; also w�rde er nach Hause gehen. Er w�rde sich seine Frau vornehmen, wie sich das f�r einen Mann geh�rte, mit j�hen Vorw�rfen und scharfen Fragen; aber er w�nschte, der Bruder w�re gekommen. Er h�tte in so vielen Dingen gern seinen Rat geh�rt.</p><p>Cranston lehnte sich an die Wand und blinzelte durch den Schankraum. Die neueste Geschichte aus dem Tower war furchtbar. Er war hingegangen, um sich Fitzormondes �bel zerfleischten Leichnam anzuschauen: Das halbe Gesicht war weggerissen und der K�rper bis zur Unkenntlichkeit verst�mmelt. Cranston rieb sich die Wange. Zun�chst hatte Colebrooke das Ganze f�r einen Ungl�cksfall gehalten.</p><p>�Es war kurz nach Einbruch der D�mmerung�, hatte der Lieutenant ihm berichtet. �Fitzormonde war, wie es seine Gewohnheit war, zu dem B�ren gegangen. Gerade war noch alles friedlich, und im n�chsten Augenblick schien Satan pers�nlich aus der H�lle hervorzubrechen. Der B�r ri� sich los und zerfleischte den ungl�cklichen Hospitaliter. Ich befahl die Bogensch�tzen her, und der B�r wurde get�tet.� Colebrooke zuckte die Achseln. �Sir John, wir hatten keine Wahl.�</p><p>�War es ein Unfall?� fragte Cranston. �Da� der B�r sich losri�, meine ich?�</p><p>�Erst dachten wir es, aber als wir das Tier untersuchten, fanden wir das hier in seinem Hinterteil.� Der Lieutenant gab Cranston einen kleinen Armbrustbolzen von der Art, wie eine Dame ihn f�r die Jagd benutzen w�rde.</p><p>�Wer war zur fraglichen Zeit im Tower?�</p><p>�Alle�, antwortete Colebrooke. �Ich, Mistress Philippa, Rastani, Sir Fulke, Hammond, der Kaplan - alle, au�er Master Geoffrey, der in seinen Laden in der Stadt zur�ckgegangen war.� Cranston hatte dem Lieutenant gedankt und war in das sch�bige, feuchte Leichenhaus neben St. Peter ad Vincula gegangen, wo Fitzormondes zerfleischte �berreste aufgebahrt lagen, bis man sie in ein leinenes Leichentuch n�hte. Der Leichnam hatte einen scheu�lichen Anblick geboten, er war kaum mehr als ein zerfetzter, blutiger Fleischklumpen gewesen. Cranston war so schnell wie m�glich gegangen, hatte alle, die er finden konnte, vernommen, und war zu dem Schlu� gekommen, da� der Armbrustbolzen von einem versteckten Sch�tzen abgeschossen worden sein m�sse: Davon zur Wei�glut gereizt, hatte der B�r seine Kette zerrissen und Fitzormonde angefallen.</p><p>Cranston schaute sich noch einmal in der Schenke um und schlo� dann seufzend die Augen. Gab es wirklich keine L�sung f�r dieses Problem? Und wo, zum Teufel, blieb Athelstan? �Mylord Coroner?�</p><p>Cranston �ffnete die Augen. �Wo hast du gesteckt, M�nch? Und weshalb grinst du so?�</p><p>Athelstan l�chelte und rief dem Wirt zu: �Zwei Becher von deinem besten Bordeaux. Deinem allerfeinsten.� Er setzte sich hin und strahlte Sir John an. �Mylord Coroner, ich habe Neuigkeiten f�r Euch.�</p></section><section><title><p><strong>13. Kapitel</strong></p></title><p>Sir John Cranston sa� auf dem hochlehnigen Stuhl in seiner ger�umigen K�che und schaute liebevoll Lady Maude an, die am Tisch stand und Gl�ser mit kandierten Fr�chten f�llte. Er hatte Athelstans Geschichte kaum glauben k�nnen, wenigstens nicht sofort. Erst nach drei weiteren Bechern Bordeaux hatte es ihm ged�mmert, und Athelstan hatte ein paarmal wiederholen m�ssen, was er von Doktor Vincentius erfahren hatte. Endlich, dachte Cranston, ergibt das alles einen Sinn �</p><p>Er warf einen verstohlenen Blick auf die Taille seines Weibes und sah, da� die volumin�sen R�cke jede Rundung verbergen w�rden; selbst Lady Maudes Nachthemden waren wattiert, und der Gedanke an ein weiteres Kind war ihm einfach nie gekommen. Nachdem Matthew vor so langer Zeit mit drei Jahren an der Pest gestorben war, hatte Cranston alle Hoffnung auf einen Erben aufgegeben. Er trommelte mit den Fingern auf der Armlehne. Lady Maude sah seinen Blick und schnupperte an einem Glas, um ihre Verwunderung �ber Sir Johns pl�tzlichen Stimmungsumschwung zu verbergen. Sollte sie es ihm jetzt erz�hlen? �berlegte sie. Oder sollte sie, wie geplant, bis Weihnachten warten?</p><p>Lady Maude war wie vom Donner ger�hrt gewesen, als ihre Monatsregel ausgeblieben war; eine Freundin hatte ihr Doktor Vincentius empfohlen. Der Arzt hatte ihre Hoffnungen best�tigt und ihr geraten, was sie essen und trinken und da� sie behutsam mit sich umgehen sollte. Sir Johns amour�se Ann�herungen mu�te sie zur�ckweisen, konnte ihm aber nicht sagen, warum. Erst mu�te sie sich ganz sicher sein. Lady Maude bi� sich auf die Lippe. Es gab noch einen zweiten Grund: Wenn Sir John erst einmal die Wahrheit w��te, w�rde sie keinen Frieden mehr finden. Er w�rde sie umkreisen wie ein gro�er, zottiger Wachhund, jede ihrer Bewegungen beobachten und endlose Vortr�ge halten, wie man �vorsichtig und gesund� lebte. Lady Maude senkte den Kopf. La� das Kind gesund sein, betete sie. Nie w�rde sie vergessen, wie Matthew gestorben war. Sir John, sonst mutig wie ein L�we, hatte dagesessen wie ein kleiner Junge, ohne ein Wort, ohne ein Seufzen - stumm waren ihm endlose Tr�nen �bers Gesicht gelaufen.</p><p>Sir Johns Gedanken gingen einen �hnlichen Weg: Er hatte Athelstan feierlich versprochen, die Sache nicht zur Sprache zu bringen, bevor seine Frau es t�te. Au�erdem hatte er versprochen, Vincentius unbehelligt aus London verschwinden zu lassen. Aber das - Cranstons Augen wurden schmal - w�rde er sich noch einmal �berlegen m�ssen. Vielleicht sollte man im neuen Jahr Briefe an alle Sheriffs von England schicken und Doktor Vincentius und sein gottloses Treiben auf den Friedh�fen anderer Leute schildern? Der Coroner schaute hin�ber zu Athelstan, der sich munter mit Leif, dem Bettler, unterhielt.</p><p>�Bruder, bleibst du zum Essen?�</p><p>�Nein, Sir John, ich mu� gehen. Vielleicht ein andermal?�</p><p>�Und die Sache im Tower?�</p><p>Athelstan erhob sich. �Ich wei� nicht, Sir John. Vielleicht ist es das beste, wenn Ihr e�t und �ber das nachdenkt, was wir bisher herausgefunden haben. Morgen sprechen wir dar�ber, hm?� Voller Bewunderung schaute er auf die Einmachgl�ser, die Lady Maude da f�llte. �Ihr erwartet G�ste zu Weihnachten?�</p><p>�Eigentlich ja, Pater�, antwortete sie. �Meine Verwandten aus Tiverton in Devon.� Lady Maude warf einen am�siert �rgerlichen Blick auf Cranstons Grimasse. �Sie sollten kommen, aber die Stra�en sind unpassierbar; nicht einmal Boten kommen durch. Ich habe mit einer der Ratsherrengattinnen gesprochen; das Gesch�ft ihres Mannes hat arg gelitten. Alle seine Reisenden, die in den S�dwesten wollten, mu�ten umkehren.� Athelstan l�chelte, und Lady Maude wandte sich wieder ihren Einmachgl�sern zu und hatte M�he, ihre Aufregung zu verbergen, als Athelstan dem Coroner erz�hlte, da� eines seiner Gemeindemitglieder, ein gewisser Doktor Vincentius, Southwark f�r immer verlasse. Lady Maude verbarg ihr Gesicht. Sie bedauerte, da� der Arzt fortging. Er war ein �beraus t�chtiger Mann. Seufzend starrte sie auf den Tisch. Nun w�rde sie sich einen anderen guten Arzt suchen m�ssen; einen, der besser war als die �blichen Blutsauger von Cheapside.</p><p>Athelstan zwinkerte Cranston zu, verabschiedete sich und trat hinaus auf die dunkle Stra�e. Er holte Philomel aus dem Stell des Heiligen Lammes und ritt durch die Dunkelheit heimw�rts. Beim Gedanken an Sir Johns Reaktion auf seine Neuigkeiten mu�te er leise lachen. Hoffentlich hatte Lady Maude zugeh�rt, als er von Vincentius� Abreise gesprochen hatte. Vielleicht, �berlegte der Ordensbruder, war es so am besten f�r alle. Pl�tzlich geriet Philomel auf einer vereisten Stelle ins Rutschen. Athelstan st�hnte auf, stieg ab und f�hrte den alten Gaul vorsichtig am Z�gel �ber die dunkle Stra�e. Die H�user ringsumher wirkten d�ster. Vor jedem der gro�en Herrenh�user in der Cheapside brannte eine �llampe, aber als Athelstan bei St. Peter Comhill um die Ecke bog und zur Bridge Street hinunterging, wurden die Stra�en dunkler. Vorsichtig mu�te er sich seinen Weg bahnen, zwischen M�ll, Nachtkot und Essensabf�llen hindurch, wo die Ratten knabbernd umherhuschten. Hinter ihm wurde eine T�r zugeschlagen, und ein Nachtvogel, der unter der Dachkante eines Hauses nistete, flatterte in einer Wolke schwarzer Federn auf, da� Athelstan zusammenfuhr. Bettler wimmerten um Almosen. Eine Hure stand an der Ecke; die orangegelbe Per�cke, die struppig �ber ihrem r�telgeschminkten Gesicht thronte, sah im Licht der Kerze in ihrer Hand um so gespenstischer aus. Sie lachte, als Athelstan vor�berzog, und machte eine obsz�ne Geb�rde. Er schlug ein Kreuz in ihre Richtung. Ein Schl�ger, der an der T�r einer Ale-Schenke lehnte, sah die einsame Gestalt herankommen und tastete nach dem Holzgriff seines Messers. Aber als er Athelstans Tonsur und das Kruzifix an seinem Hals sah, �berlegte er es sich anders.</p><p>Athelstan zog weiter; erleichtert sah er im Fackelschein die Soldaten, die an der London Bridge auf Posten standen. Die Tore waren geschlossen, aber die st�dtischen Bogensch�tzen erkannten den �Kaplan des Coroners�, wie sie ihn nannten, und lie�en ihn passieren.</p><p>Der Bruder �berquerte die Br�cke; Philomels Hufe dr�hnten hohl auf den Bohlen. Es war gespenstisch. Sonst herrschte auf der Br�cke immer gro�er Betrieb, aber jetzt lag sie still da und umh�llt von dichtem Flu�nebel. Athelstan hatte das unheimliche Gef�hl, �ber einen Abgrund zwischen Himmel und H�lle zu wandeln. Die M�wen, die in den Holzb�gen nisteten, flogen auf und protestierten kreischend gegen die unerwartete St�rung. Athelstan dachte an die Raben im Tower. Schon wieder ein Toter, dachte er - zwei, wenn man den B�ren mitz�hlte. Athelstan hatte Mitleid mit dem Tier.</p><p>�Vielleicht war es am besten so. Noch nie habe ich ein so ungl�ckliches Tier gesehen.� Er dachte an die Lehren einiger Franziskanerbr�der, die wie ihr Ordensgr�nder �berzeugt waren, da� alle Tiere Gottes Gesch�pfe seien und deshalb niemals schlecht behandelt oder gefangengehalten werden d�rften.</p><p>Athelstan kam an der stillen, dunklen Kapelle von St. Thomas von Canterbury vorbei, die in der Mitte der Br�cke stand. Die Wachposten am Ufer von Southwark riefen ihm zu; einige hielten ihn sogar f�r einen Geist. Athelstan rief seinen Namen; man lie� ihn durch und neckte ihn wegen seines unverhofften Erscheinens.</p><p>Der Ordensbruder f�hrte Philomel durch die dunklen Gassen von Southwark. Hier f�hlte er sich sicherer. Man kannte ihn, und niemand w�rde wagen, ihn zu �berfallen. Er kam an einer Schenke vorbei, wo ein Junge, der sich ein paar Brotkrusten verdienen wollte, im Eingang stand und mit wundersch�ner Stimme ein Weihnachtslied sang. Athelstan lauschte den Worten, die W�rme und Fr�hlichkeit verhie�en. Er t�tschelte Philomels Hals. �Wo werden wir das Weihnachtsfest verbringen, he, alter Freund?� fragte er und wanderte weiter. �Vielleicht l�dt Lady Cranston mich ein, jetzt, wo ihre Verwandten aus dem West Country nicht kommen.�</p><p>Unvermittelt blieb er stehen. �Lady Maudes Verwandte!� murmelte er auf der stillen, ruhigen Stra�e, und ein Schauder lief ihm �ber den R�cken. �Seltsam�, fuhr er fort. �Eine solche Kleinigkeit, blo� ein Schaum auf den Ereignissen des Tages�� Er rieb sich das Gesicht. Lady Maudes Worte hatten die Erinnerung an etwas anderes geweckt.</p><p>Fast zerrte er nun Philomel nach St. Erconwald zur�ck und hatte es so eilig, da� das Pferd ihn erbost anwieherte. Athelstan brachte das alte Streitro� in seinen Stall, schaute nach der Kirche und erinnerte sich schuldbewu�t an den Zorn, den er heute an den Tag gelegt hatte. Bonaventura war anscheinend auf Freiersf��en unterwegs. Athelstan ging in sein Haus, z�ndete ein Feuer an und a� hastig ein St�ck kaltes Fleisch. Nach wenigen Bissen warf er den Rest ins Feuer; das Schweinefleisch war faulig. Er go� sich einen Becher verd�nnten Wein ein, r�umte den Tisch ab und machte sich daran, alles aufzulisten, was er �ber die Morde im Tower wu�te.</p><p>Der Gedanke, der vorhin seine Erinnerung in Gang gesetzt hatte, war m�glicherweise der Schl�ssel zur L�sung des ganzen Problems. L�chelnd dachte er an Pater Anselm und dessen oft wiederholtes Axiom in seinen Vorlesungen �ber die Logik. �Wo es ein Problem gibt, mu� es auch eine L�sung geben. Man mu� nur den Weg finden. Manchmal gen�gt das kleinste Lichtf�nkchen.� Dann hatte Anselm ihn mit seinen schwarzen �uglein angesehen. �Denke immer daran, mein junger Athelstan. Das gilt f�r das Reich der Metaphysik ebenso wie f�r die Ereignisse eines jeden Tages.�</p><p>Athelstan schlo� die Augen. �Ich denke immer noch daran, Vater�, murmelte er. �Der Herr lasse dich ruhen in Frieden.� Er r�ckte sein Schreibtablett zurecht, ordnete seine Gedanken und tauchte die graue G�nsefeder in die Tinte. Fluchend stellte er fest, da� die Tinte zu kalt war; er hielt den Topf �ber die Kerze, um sie zu w�rmen, und las noch einmal schnell durch, was er sich im Tower notiert hatte. Als die Tinte warm genug war, schrieb er sorgf�ltig auf, zu welchen Schlu�folgerungen er gekommen war.</p><p>Primo: Obwohl gut gesch�tzt, war Sir Ralph Whitton im Turm der Nordbastion ermordet worden. Sir Ralph hatte hinter einer verschlossenen T�r geschlafen, f�r die er und die Wachen drau�en einen Schl�ssel gehabt hatten. Die T�r zu dem Gang, der zu der Schlafkammer f�hrte, war ebenfalls verschlossen, und auch diese Schl�ssel hatten nur er und seine vertrauten Leibw�chter. Aber all diese Vorsichtsma�nahmen hatten nichts gen�tzt. Sein M�rder war anscheinend �ber den gefrorenen Festungsgraben gekommen, die Trittkerben in der Turmwand hinaufgeklettert, hatte den Fensterladen entriegelt und Sir Ralph get�tet.</p><p>Secundo: Der M�rder mu�te den Tower gut kennen, um von den Trittkerben in der Mauer zu wissen. Warum hatte das Ger�usch der Fensterl�den, die ge�ffnet wurden - vom Eindringen des M�rders in die Schlafkammer ganz zu schweigen -, Sir Ralph nicht geweckt? Eine Stiefelschnalle von Sir Fulke hatte auf dem Eis gelegen. War das ein Hinweis auf den m�glichen M�rder?</p><p>Tertio: Der junge Parchmeiner hatte als erster versucht, Sir Ralph zu wecken, aber ge�ffnet hatte die Kammer der Lieutenant, Master Colebrooke. Spielte Sir Ralphs Stellvertreter eine Rolle bei diesem Mord?</p><p>Quarto: Mowbray war durch einen Sturz von der Mauer ums Leben gekommen, aber wie war er gefallen? Wer hatte die Sturmglocke gel�utet? Wer war nicht in Mistress Philippas Gemach gewesen? Nur zwei: Fitzormonde und Colebrooke. Wieder sch�ttelte Athelstan den Kopf.</p><p>Quinto: Der Tod des Ratsherrn Horne. Athelstan zog eine Grimasse. �berhaupt keine Hinweise.</p><p>Sexto: Fitzormondes Tod. Er und Cranston hatten wohl gesehen, da� man die Kette des B�ren besser h�tte befestigen k�nnen, und Fitzormonde hatte die Gewohnheit gehabt, den B�ren anzuschauen. Aber wer war der M�rder gewesen? Wer hatte den Bolzen abgeschossen und das Tier damit zu so m�rderischer Wut angestachelt?</p><p>Septimo: Sir Ralph und andere waren wegen eines schrecklichen Verrats an Sir Bartholomew Burghgesh gestorben. War Burghgesh vor all den Jahren auf dem Schiff gestorben oder war er nach England zur�ckgekehrt? Der Pfarrer von Woodforde behauptete, ihn gesehen zu haben, und der Wirt des Gasthauses ebenfalls. War es dieselbe geheimnisvolle Person, die auch der Wirt in der Goldenen Mitra gesehen hatte? Wenn ja, dann war Burghgesh vor drei Jahren im Advent von mindestens drei Leuten gesehen worden; zur selben Zeit war Sir Ralph Whitton in einen Zustand tiefer Niedergeschlagenheit verfallen. Aber wenn Burghgesh �berlebt hatte und nach England zur�ckgekehrt war, wo verbarg er sich jetzt? Und noch ein Problem: Sir Ralphs Best�rzung hatte sich anscheinend wieder gelegt. Das w�re sicher nicht geschehen, wenn Burghgesh noch lebte. Sir Ralph h�tte nur dann Ruhe gefunden, wenn er vor drei Jahren aufgetaucht und dann gestorben w�re.</p><p>Octavo: Wer immer die unheimlichen Mitteilungen an Whitton und die anderen gesandt hatte, mu�te Zugang zum Tower haben. Waren Burghgesh oder sein Sohn irgendwo in der Stadt versteckt und schickten ihre Botschaften und Komplizen in den Tower?</p><p>Nono: Wer profitierte von den Morden? Colebrooke? Der wollte bef�rdert werden, kannte sich gut aus und war bei allen drei Todesf�llen im Tower gewesen. Sir Fulke? Auch er hatte einen Gewinn vom Tod seines Bruders, und seine Stiefelschnalle hatte auf dem Eis vor der Nordbastion gelegen. Auch er kannte den Tower gut und war dort gewesen, als die beiden Hospitaliter den Tod gefunden hatten. Und Rastani? Ein verstohlener, feinnerviger Mann, der Sir Ralph und seinen Kameraden ebenfalls Rache geschworen haben mochte. Er kannte sich in der Festung aus und war dort gewesen, als die Hospitaliter gestorben waren. Athelstan sch�ttelte den Kopf. Das gleiche galt auch f�r Hammond, diesen recht d�steren Kaplan. Oder waren es Mistress Philippa und ihr Geliebter? Und was war mit Rothand, dem Verr�ckten, der vielleicht vern�nftiger war, als er aussah? Athelstan hob den Kopf und schnappte nach Luft. Rothand! Der bucklige Albino hatte von zugemauerten Geheimverliesen geredet, und Simon, der Zimmermann, hatte etwas �hnliches gemurmelt.</p><p>Athelstan st�tzte den Kopf auf beide H�nde. Dann griff er nach seinem Federkiel und sah sich in der dunklen K�che um. In der Ecke stand ein Stechpalmenzweig. In ein paar Tagen war Weihnachten. Er stand auf, w�rmte sich die Finger am Kohlebecken und w�nschte, Benedicta w�re dagewesen, um einen Becher Gl�hwein mit ihm zu trinken. Er dachte an das, was Doktor Vincentius �ber seine Zuneigung zu der Witwe gesagt hatte, und starrte ins Feuer. War es so offensichtlich? Wu�ten auch andere in der Gemeinde um seine Gef�hle? Er sch�ttelte den Kopf. Nein, jetzt mu�te er sich auf ein anderes Problem konzentrieren.</p><p>Ein Fensterladen klapperte, und Athelstan fuhr zusammen, als ein dunkler Schatten auf dem binsenbestreuten Fu�boden landete.</p><p>�Bonaventura!� murmelte er. Der Kater kam herangetappt und rieb sich majest�tisch am Bein des Ordensbruders. �Nun, Herr Kater, seid Ihr gekommen, um zu speisen?�</p><p>Der Kater streckte sich und machte dann einen Buckel. Athelstan ging in die Speisekammer, go� Milch in eine rissige Zinnsch�ssel und sah zu, wie der Kater alles aufschleckte, bevor er sich vorm Feuer ausstreckte. Athelstan ging zum Fenster und schlo� die L�den. Fenster, T�ren, G�nge, dachte er - und Rothands Gestammel und Simons d�stere Warnungen gingen ihm durch den Kopf. Neidisch sah er den Kater an. �Manche haben�s gut�, knurrte er und setzte sich wieder an seine Pergamente. Er nahm sich jeden Namen einzeln vor und baute eine Argumentationskette auf, als gelte es, eine theologische Disputation zu verfassen.</p><p>Die Stunden vergingen. Athelstan rieb sich m�de die Augen. Nur ein Weg blieb noch: der, den Lady Maude ihm mit ihrer unschuldigen Bemerkung gezeigt und der ihn so abrupt nach Southwark hatte zur�ckkehren lassen. Athelstan zeichnete einen groben Grundri� des Tower und bedachte die Schl�sse, die er gezogen hatte. Kurz vor Tagesanbruch war er dann endlich zufrieden. Er hatte den M�rder gefunden - mehr aber nicht. F�r alles weitere brauchte er Cranston.</p><p>Am n�chsten Morgen ritt Sir John wie ein junger Ritter die Cheapside hinunter zur Goldenen Mitra. Er hatte das Gef�hl zu schweben. Sogar der kalte Morgenwind war warm und sanft wie die Liebkosung einer jungen Frau.</p><p>Cranston hatte Lady Maude auf das leidenschaftlichste umarmt, bevor er aufgestanden war. Tr�nenreich hatte sie sich an seine Brust geschmiegt und gestammelt, da� sie bald mit ihm sprechen wolle. Er hatte s��e Nichtigkeiten gemurmelt, ihr den Kopf gestreichelt, und dann war er aufgestanden, hatte sich angekleidet und war nach unten gegangen. Dort hatte er nach einem Becher Sherry gebr�llt, w�hrend ein Hausknecht sein Pferd sattelte. Zu wissen, da� er wieder Vater werden w�rde, machte ihn stolz wie einen Pfau. Er belohnte sich mit einem Schluck aus seinem �wunderbaren Weinschlauch�, wie Athelstan ihn nannte, und geno� den kr�ftigen roten Saft. �berschwenglich strahlte er in die Runde. Oh, der Tag war herrlich und das Leben eine Wonne!</p><p>Sir John streute einer Schar Bettler, die fr�stelnd an der Ecke der Mercery hockten, eine Handvoll Pennies hin. Er br�llte den Gefl�gelmetzgern, die an ihren gro�en Eisenbottichen standen und H�hner und anderes Federvieh f�r das Weihnachtsfest s�uberten und ausnahmen, fr�hliche Beschimpfungen zu. Eine Hure wurde mit nackten Schultern durch die Stra�en gef�hrt; auf ihrem kahlrasierten Sch�del trug sie eine spitze wei�e M�tze. Ein Dudelsackpfeifer schritt vor ihr her, und ein gekritzeltes Schild, das an ihrem schmutzigen Mieder steckte, erkl�rte sie zur stadtbekannten Schlampe. Cranston hielt die Prozession an und befahl, sie freizulassen.</p><p>�Aber warum, Sir John?� fragte ein rattenm�uliger B�ttel verbl�fft.</p><p>�Weil Weihnachten ist!� dr�hnte Cranston. �Und weil Christus, der sch�ne Knabe aus Bethlehem, wieder zu uns kommt!�</p><p>Der B�ttel wollte widersprechen, aber Cranston griff nach seinem Dolch, und der Kerl schnitt die Fesseln durch. Die Frau streckte dem B�ttel die Zunge heraus, bedachte Cranston mit einer obsz�nen Geste und huschte durch eine Gasse davon. Sir John ritt weiter nach Petty Wales. An der Schenke warf er dem Hausknecht die Z�gel zu und betrat den angenehm duftenden Schankraum.</p><p>�M�nch, wo zum Teufel steckst du?� br�llte er, da� die anderen G�ste um ihr liebes Leben f�rchteten und der Wirt mit aufgerissenen Augen angelaufen kam, um ihn zu bedienen.</p><p>�Sir John, Ihr seid gl�cklich?�</p><p>�Gl�cklich wie eine Fliege auf einem Pferdearsch im Sommer!� br�llte Sir John und warf dem Wirt den wunderbaren Weinschlauch zu. �Vollmachen! Der Bruder hat gesagt, wir treffen uns hier�, knurrte er. Er sp�hte durch das verr�ucherte Halbdunkel, sah Athelstan d�send an einem Tisch sitzen und nickte.</p><p>�Bring mir einen Becher Wein�, befahl Cranston dem Wirt. �Frische Haferbr�tchen und einen Streifen ged�rrten Speck.� Er schmatzte. �F�r den Bruder eine dicke Suppe - und auch wenn Advent ist, wird er einen Krug verd�nntes Ale nicht ablehnen!�</p><p>Der Coroner trat breitbeinig an Athelstans Tisch und klopfte dem d�senden Ordensbruder auf die Schulter. �Auf, auf, Bruder!� bl�kte er. �Denn, verflucht, der Teufel geht um wie ein br�llender L�we und sucht, wen er verschlingen k�nnte!�</p><p>�Hoffentlich hat er nicht so schwere Pranken wie Ihr, Sir John�, murrte Athelstan, schlug die Augen auf und hob m�de den Kopf. Cranston beugte sich zu ihm herunter. �Guten Morgen, M�nch!�</p><p>�Ich bin Ordensbruder.�</p><p>�Guten Morgen, Ordensbruder. Und warum bist du nicht voller Weihnachtsfreude?�</p><p>�Weil ich friere, Sir John, weil ich m�de bin und v�llig ersch�pft.� Athelstan wollte die Litanei seiner Leiden fortsetzen, als er den Schelm sah, der wie kleine Teufel in Cranstons Augen tanzte. �Aber es ist sch�n, Euch gl�cklich zu sehen, Sir John. Ich nehme an, Ihr habt etwas zu essen bestellt?�</p><p>Cranston nickte, ri� sich den m�chtigen Biberhut vom Kopf und lie� sich gegen�ber auf die Bank fallen.</p><p>Sie hatten sich satt gegessen, und Cranston hatte zwei Becher Rotwein vertilgt, bevor Athelstan mit seinem Bericht fertig war. Der Coroner sch�ttelte den Kopf, stellte ein paar Fragen und pfiff dann leise.</p><p>�In drei Teufels Namen - bist du sicher, Bruder? So viel aus einer unschuldigen kleinen Bemerkung von Lady Maude?�</p><p>Athelstan zuckte die Achseln. �Lady Maudes kleine Bemerkungen haben in den letzten paar Tagen f�r eine Menge Best�rzung gesorgt, Sir John.�</p><p>Cranston r�lpste, stand auf und br�llte nach seinem Weinschlauch, und dabei warf er dem Wirt ein paar M�nzen hin. �Habt Ihr getan, worum ich Euch gebeten hatte, Sir John?�</p><p>�Ja, Bruder, das habe ich.� Sir John streckte sich und g�hnte. �Alle unsere Verd�chtigen warten im Tower; nur Parchmeiner kommt sp�ter. Willst du zuerst Colebrooke sehen?�</p><p>�Und Rothand?�</p><p>�Ah ja, Rothand.�</p><p>�Ihr habt den Haftbefehl, Sir John?�</p><p>�Ich brauche keinen verdammten Haftbefehl, M�nch! Ich bin Cranston, der Coroner des K�nigs in dieser Stadt. Entweder sie beantworten die Frage, oder sie werden die Folgen zu tragen haben.�</p><p>Die beiden lie�en die Pferde an der Schenke und wanderten durch ein paar Gassen zum g�hnenden Eingang des Tower. Colebrooke erwartete sie im Torhaus. Athelstan sah, da� er Halsberge, Kettenhemd und Beinschienen trug.</p><p>�Ihr erwartet Schwierigkeiten, Master Lieutenant?�</p><p>�Sir Johns Anweisungen waren ziemlich strikt�, antwortete Colebrooke.</p><p>�Wo ist Rothand?�</p><p>�Warum wollt Ihr diesen verr�ckten Hund sehen?�</p><p>�Weil ich es befohlen habe�, antwortete Cranston.</p><p>Sie �berquerten die Wiese; das k�rgliche Gras schimmerte jetzt durch den grauen Matsch. Zwei Soldaten trotteten hinter ihnen her. Colebrooke schickte den einen zu einer kleinen T�r im Fu�e des White Tower. Athelstan schaute betr�bt zu der Ecke hin, wo der gro�e B�r gesessen hatte. Die Stelle wirkte jetzt leer und einsam, aber der Boden trug noch Spuren des Aufenthaltes, und ein paar kl�gliche Essensreste lagen auf dem Kopfsteinpflaster verstreut.</p><p>�Gott schenke der Seele des B�ren die ewige Ruhe�, betete Athelstan.</p><p>Cranston drehte sich um. �Haben B�ren eine Seele, Bruder? Kommen sie in den Himmel?�</p><p>Athelstan grinste. �Wenn Ihr im Himmel B�ren braucht, Sir John, dann wird es sie dort auch geben. Aber in Eurem Fall besteht der Himmel vermutlich aus einer endlosen Reihe von Schenken und ger�umigen Ale-Stuben.�</p><p>Cranston schlug sich mit dem Handschuh auf den Schenkel. �Du gef�llst mir, Bruder!� Und er strahlte den �berraschten Colebrooke an.</p><p>Pl�tzlich wurde die Pforte des White Tower aufgesto�en, der Soldat kam hervor und zerrte Rothand am Kragen hinter sich her.</p><p>�Loslassen!� rief Athelstan. Er lief zu dem Buckligen hin�ber, hockte sich vor ihn und ergriff seine Hand. Er schaute in die eisblauen Augen des Narren und sah die Tr�nen auf den fleckigen Wangen. �Du trauerst um den B�ren, Rothand?�</p><p>�Ja. Rothands Freund ist fort.�</p><p>Athelstan bedeutete dem Soldaten, er solle verschwinden. �Ich wei�, Rothand�, fl�sterte er dann. �Der B�r war ein prachtvolles Tier. Aber er ist jetzt gl�cklich. Sein Geist ist frei.�</p><p>Rothand sah Athelstan mit w��rigen Augen an und l�chelte. �Bist du Rothands Freund?�</p><p>Athelstan betrachtete das Gesicht des Buckligen, das sch�ttere wei�e Haar und die grotesken kunterbunten Lumpen. Er dachte an Pater Anselms weise Worte: �Bedenke stets, Athelstan: Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. In einem zerbrochenen Glas brennt die Flamme ebenso hell wie in einer kunstvoll verzierten Lampe.�</p><p>�Ich bin dein Freund�, antwortete er. �Und ich brauche deine Hilfe.�</p><p>Rothands Blick wurde wachsam.</p><p>�Ich m�chte, da� du mir deine Geheimnisse zeigst.�</p><p>�Was f�r Geheimnisse, Herr?�</p><p>�Was zum Teufel machst du da, Bruder?� rief Cranston. Athelstan warf ihm einen warnenden Blick zu.</p><p>�H�r zu, Rothand�, sagte er leise. �Du hast mir doch von Kerkern erz�hlt, von Verliesen, die zugemauert wurden.�</p><p>Rothand wollte sich losrei�en, aber Athelstan hielt seine Hand fest.</p><p>�Bitte�, dr�ngte er. �Hatte Sir Ralph solche geheimen Gew�lbe? Wenn du es mir sagst, Rothand, dann kann ich den Mann fangen, der schuld ist am Tod des B�ren.�</p><p>Mehr Ermutigung brauchte der Verr�ckte nicht. Er drehte sich um. �Warte. Warte hier�, bat er und verschwand wieder durch die kleine Pforte im White Tower. Sekunden sp�ter war er wieder da und hielt ein klingendes Gl�ckchen in der Hand. �Folgt Rothand!� schrie er. �Folgt Rothand!�</p><p>Cranston schaute Athelstan ungl�ubig an. Colebrooke winkte ver�rgert.</p><p>�Was hat der kleine Halunke vor?� fragte Cranston leise, als der Narr sie h�pfend �ber das Tower Green zu einer v�llig eingerosteten T�r im Wakefield Tower f�hrte. Rothand blieb davor stehen, verbeugte sich dreimal und lie� sein Gl�ckchen klingeln.</p><p>�Was ist da drin?� fragte Athelstan.</p><p>Colebrooke zuckte die Achseln. �Irgendwelche Gew�lbe tief unter der Erde.�</p><p>�Aufmachen!�</p><p>�Ich habe keinen Schl�ssel.�</p><p>�Macht uns keine Schwierigkeiten!� kl�ffte Cranston. �Schlie�t das verdammte Ding auf!�</p><p>Colebrooke stemmte die H�nde in die H�ften, drehte sich um und br�llte einen Befehl. Soldaten kamen gerannt. Unter Colebrookes Leitung schoben sie einen m�chtigen Rammbock heran und stie�en seinen eisenbeschlagenen Kopf gegen die Pforte, bis diese nachgab und aus den Angeln flog.</p><p>�Fackeln!� befahl Cranston.</p><p>Man brachte Pechfackeln und z�ndete sie hastig an. Rothand h�pfte die glitschigen Treppenstufen hinunter in eiskalte Finsternis.</p><p>Am Fu�e der Treppe begann ein Korridor, schmal, klamm und stinkend. Zur Rechten waren nur schimmelige W�nde, zur Linken zwei Zellent�ren mit eingerosteten Schl�ssern. Athelstan erstarrte, als er etwas quieken und rascheln h�rte; er fuhr herum und sah ein braunes, fettgl�nzendes Etwas, das ins Dunkel glitt und verschwand.</p><p>�Schlagt die T�ren ein!� rief Cranston.</p><p>Die Soldaten attackierten das schwere, aber verrottete Holz und schlugen ein gro�es Loch hinein. Athelstan nahm eine Fackel und kletterte hinein. Dahinter war nichts au�er ein paar Ratten, die quiekend und raschelnd in einem vermoderten Strohhaufen in der Ecke sa�en.</p><p>�Bei allen Z�hnen der H�lle!� zischte Cranston. �Nichts!�</p><p>Sie kletterten durch das Loch in der T�rwieder hinaus. Cranston hielt die Fackel hoch und untersuchte die Wand zwischen den T�ren.</p><p>�Sieh doch, Athelstan!� rief er.</p><p>Der Ordensbruder betrachtete die Wand aufmerksam.</p><p>�Da ist noch eine T�r�, stellte Cranston fest. �Aber sie ist zugemauert. Hier, sie w�lbt sich, und der Putz ist frischer.�</p><p>�Ihr habt�s gefunden! Ihr habt�s gefunden! Ihr habt�s gefunden!� Rothand klatschte in die H�nde und h�pfte wie ein spielendes Kind. �Sie haben die Geheimt�r gefunden!� kr�hte er. �Sie haben das Spiel gewonnen!� Der Irre wurde pl�tzlich still. �Ich hab das gemacht�, erkl�rte er dann stolz. �Sir Ralph Whitton hat es mir befohlen. Die T�r wurde abgeschlossen, und ich habe den Eingang zugemauert.�</p><p>�Wann?� fragte Athelstan.</p><p>�Oh, vor Jahren. Vor Jahren!�</p><p>Cranston schnippte gebieterisch mit den Fingern. �Rei�t die Mauer ein!�</p><p>Die Soldaten machten sich mit eisernen H�mmern und Schlegeln an die Arbeit. Bald war der Gang voll wei�em, modrigem Staub.</p><p>�Da ist eine T�r!� rief einer.</p><p>�Einschlagen!� befahl Cranston.</p><p>Wenig sp�ter brach und krachte das verrottete Holz, das hinter der niedergerissenen Mauer zum Vorschein gekommen war; die Soldaten schlugen ein Loch hinein, und Cranston und Athelstan krochen hindurch. Cranston rief nach Fackeln und hielt dann eine in die H�he.</p><p>�Barmherziger Gott!� wisperte er und starrte das zerfallene Skelett an, das auf einem verfaulten Strohsack lag. �Wer ist das?</p><p>Und welcher gr��liche Sohn des Satans hat einen so furchtbaren Tod befohlen?�</p><p>�Um Eure Fragen zu beantworten, Sir John: Ich nehme an, dies sind die sterblichen �berreste des Bartholomew Burghgesh. Und Whitton, ein Mann, dessen Herz eine M�rdergrube ist, hat den Befehl gegeben.�</p><p>�Sieh doch!� zischte Sir John und leuchtete mit seiner Fackel an die Wand, wo der wei�e Knochenarm lehnte. Athelstan sp�hte genauer hin und sah die grobe Zeichnung eines Dreimasters in den Stein geritzt; es war die gleiche Zeichnung wie in den Briefen an Sir Ralph und die anderen. Cranstons Augen rundeten sich �berrascht.</p><p>�Bruder, du hast recht!�</p><p>�Ja, Sir John. Jetzt wollen wir sehen, ob der Rest meiner Theorie ebenfalls standh�lt.�</p><p>Sie befahlen Colebrooke, Wachen vor der Zelle aufzustellen, und kehrten schnell in die kalte, frische Luft des Tower Green zur�ck.</p><p>�Was habt Ihr denn gefunden?� fragte der Lieutenant besorgt hinter ihnen.</p><p>�Nur Geduld, Master Lieutenant. Aber kommt, ich mu� Euch noch um weitere Gef�lligkeiten bitten.� Athelstan nahm Colebrooke beim Ellbogen und f�hrte ihn beiseite, und Cranston sah, wie Ordensmann und Soldat leise miteinander sprachen.</p><p>�Braucht Ihr Rothand noch?� Pl�tzlich h�pfte der Bucklige wieder neben ihnen.</p><p>Cranston l�chelte und w�hlte in seiner B�rse nach zwei Silberst�cken und dr�ckte sie dem Mann in die Hand. Dann t�tschelte er ihm sanft die Wange.</p><p>�Im Augenblick nicht, Rothand. Aber ich danke dir, und ebenso der Regent, der B�rgermeister und die Stadt London.�</p><p>Die Augen des Buckligen blitzten entz�ckt. Er rannte davon, machte Bockspr�nge vor Freude, schlug Purzelb�ume und lachte den Raben zu, die lautstark �ber ihm kr�chzten.</p><p>�Rothand ist der Gr��te! Rothand ist der Beste!� kreischte er. Athelstan trat zu Sir John. �Der Lieutenant wei�, was er zu tun hat�, sagte er. �Kommt, Mylord Coroner, das Drama kann beginnen.�</p><p>Die anderen warteten in Philippas Gemach. Sir Fulke war sehr elegant in ein dunkles Gewand in goldges�umtem Maulbeerrot gekleidet. Philippa trug Trauerkleidung und einen schwarzen Schleier; sie sa� am Fenster, den Kopf �ber eine Stickerei gebeugt. Rastani hockte vor dem Feuer, und der Kaplan sa� ihm gegen�ber auf einem Schemel. Alle au�er Philippa blickten w�tend auf, als Athelstan und Cranston hereinkamen.</p><p>�Wir warten schon seit einer Stunde!� schimpfte Sir Fulke. �Gut�, erwiderte Sir John. �Und in drei Teufels Namen, wenn ich will, wartet Ihr noch mal eine verdammte Stunde! Wir sind hier im Auftrag des K�nigs. Vier M�nner sind tot, und einer von ihnen ist Sir Ralph Whitton, ein hoher Staatsbeamter, wenn auch ein vollendeter Dreckskerl!�</p><p>Mistress Philippa blickte auf, und ihr Gesicht war eine wei�e Maske der Wut. Athelstan schlo� die Augen, w�hrend Sir John das M�dchen mit �berschwenglichsten Entschuldigungen �bersch�ttete.</p><p>�So - k�nnen wir jetzt anfangen?� fragte Sir Fulke.</p><p>�Gleich, gleich�, brummte Athelstan. �Ich glaube, wir warten noch auf Master Colebrooke und den jungen Geoffrey.� Cranston lie� sich neben Philippa auf die Fensterbank fallen, aber sie wandte ihm den R�cken zu. Athelstan trug einen Schemel zum Tisch und legte Tablett, Tintenfa� und Federkiel bereit. Colebrooke stie� schwer atmend die T�r auf.</p><p>�Es ist alles bereit, Sir John.� Der Lieutenant kam zu Athelstan. �Hier, Bruder.�</p><p>Athelstan nahm, was der Lieutenant ihm gab, und verbarg es in seinem volumin�sen �rmel. Er schaute in die schweigende Runde. Hier, dachte er, werden wir den M�rder fangen.</p></section><section><title><p><strong>14. Kapitel</strong></p></title><p>Cranston drehte Daumen und schaute strahlend in die Runde. Athelstan sah mit stiller Belustigung, da� Sir John unter seinem Mantel Wams und Hose in dunklem Flaschengr�n mit silbernen Fransen und dazu passenden Kn�pfen trug. Das war einer der besten Anz�ge des Coroners, ein sicheres Anzeichen daf�r, da� er in bester Verfassung war. Die anderen indessen wirkten niedergedr�ckt: Hammond starrte auf den Boden, Rastani ins Feuer. Sir Fulke nagte an seiner Unterlippe und wippte ungeduldig mit dem Fu�. Colebrooke zappelte, w�hrend Philippa w�tend auf ihre Stickerei einstach. Drau�en waren Schritte zu h�ren; die T�r ging auf, und Parchmeiner trat ein. Athelstan sah die Wachen drau�en und war froh, da� Colebrooke so vern�nftig gewesen war, bewaffnete Soldaten herbeizubefehlen. Der junge Mann hatte rote Wangen und war au�er Atem. Er l�chelte Philippa zu, ging hin�ber und k��te sie sanft auf den Mund, bevor er sich erwartungsvoll umsah.</p><p>�Sir John! Bruder Athelstan! Was soll dieser pl�tzliche Aufstand?�</p><p>Der Ordensbruder erhob sich. �Schalom, Geoffrey!�</p><p>�Friede sei mit Euch, Bruder.� Pl�tzlich err�tete der junge Mann.</p><p>Athelstan l�chelte. �Woher kennt Ihr das arabische Wort f�r Frieden?�</p><p>Der junge Mann zuckte die Achseln. �Ich kaufe und verkaufe. Ich kenne mehr als eine Sprache.�</p><p>�Schlagt Eure Manschetten zur�ck, Master Parchmeiner.� Parchmeiner machte ein verbl�fftes Gesicht. �Wieso?�</p><p>�Schlagt sie zur�ck.�</p><p>�Ich begreife nicht��</p><p>�Schlagt sie zur�ck!� befahl Cranston. �Sofort!�</p><p>Parchmeiner kn�pfte die bestickte Manschette auf, klappte sie zur�ck, und Athelstan sah die wei�en Streifen, die sich wie Ringe um die braunen Handgelenke des Mannes zogen.</p><p>�Wie kommt Ihr an die Spuren von Sklavenketten?� fragte Athelstan. �Durch Handel?� Mit einer raschen Bewegung zog er dem Mann das Messer aus dem G�rtel und warf es Cranston zu. �Und wie geht es Euren Verwandten in Bristol? Habt Ihr wieder von ihnen geh�rt?�</p><p>Die Augen des jungen Mannes wurden schmal, und Athelstan sah den entschlossenen Zug um Mund und Kinn. Die Maske fiel. In Zukunft, nahm Athelstan sich insgeheim vor, w�rde er Gesichter aufmerksamer betrachten.</p><p>�L�gt jetzt nicht, Geoffrey. Ihr habt keine Schwester in Bristol. Sie hat Euch keinen Brief geschickt. Das West Country ist wegen des Schnees vollkommen abgeschnitten. Wie k�nnt Ihr mit jemand in Bristol in Verbindung stehen, wenn die Stra�en nach Westen unpassierbar sind?� Athelstan l�chelte Cranston ohne Heiterkeit zu. �Ist es nicht eigenartig, wie eine so unschuldige Bemerkung die ganze Sache zum H�hepunkt treiben kann?� Athelstan trat n�her; die Atmosph�re im Raum hatte sich pl�tzlich ver�ndert. Philippa war aufgestanden und pre�te die Faust vor den Mund. Die anderen waren angespannt und regungslos wie Statuen.</p><p>�Euer Name ist nicht Parchmeiner, stimmt�s?� fragte Cranston. Athelstan trat noch n�her. �Wer seid Ihr?� fragte er leise. �Seid Ihr Mark Burghgesh?�</p><p>Ein L�cheln zuckte �ber Parchmeiners Gesicht, w�hrend er versuchte, sich zu fassen. �Was soll der Unfug?� fauchte er. �Philippa, wir kennen uns seit drei Jahren. Ich komme aus Bristol. Meine Schwester wohnt dort. Sie wird in ein paar Tagen hiersein.�</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Nein, das wird sie nicht, junger Mann. Aber Ihr habt uns immer noch nichts �ber die Ringe an Euren Handgelenken erz�hlt.�</p><p>Der junge Mann wandte den Blick ab. �Ich habe fr�her Armb�nder getragen�, antwortete er geschmeidig.</p><p>�Das ist doch alles Unsinn�, schaltete sich Philippa ein. �Wollt Ihr Geoffrey beschuldigen, meinen Vater ermordet zu haben?�</p><p>�Jawohl, das will ich�, erkl�rte Athelstan.</p><p>�Aber jemand ist von au�en an der Nordbastion hinaufgeklettert!�</p><p>�Nein.� Athelstan sah Colebrooke an. �Master Lieutenant, habt Ihr alles vorbereitet?�</p><p>Colebrooke blinzelte nerv�s und nickte.</p><p>�Dann la�t uns anfangen!� rief Cranston. �Master Lieutenant, Ihr habt bewaffnete Wachen und Bogensch�tzen im Gang und unten?�</p><p>�Jawohl, Sir John.�</p><p>�Gut. Sie werden alle bewachen. Wenn irgendjemand versucht zu fliehen, sollen sie schie�en.�</p><p>Cranston an der Spitze, verlie�en sie das Gemach, gingen die Treppe hinunter und �ber das Tower Green bis vor die erste Festungsmauer zur einsamen, trostlosen Nordbastion. Sie traten durch die T�r, im Vorraum standen zwei Soldaten erwartungsvoll auf ihrem Posten. An der hinteren Wand hing ein Holzgestell mit verschiedenen Schl�sseln.</p><p>�So�, sagte Athelstan zu den beiden Wachen. �Jener Morgen, als Sir Ralph tot gefunden wurde � Erz�hlt mir noch einmal, was da passiert ist.�</p><p>Der eine der beiden Soldaten zog eine Grimasse. �Na, ich bring den jungen Parchmeiner rauf�, sagte er. �Nein, erst nehm ich den Schl�ssel vom Haken. Dann bring ich ihn rauf. Ich schlie� die T�r zum Gang auf, la� ihn rein, schlie� die T�r wieder ab und komm runter.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Na�, unterbrach der zweite Soldat, �wir h�ren Master Geoffrey nach Sir Ralph rufen.�</p><p>�Und dann?� fragte Athelstan.</p><p>�Er kommt zur�ck und klopft an die T�r.� Der Bursche deutete die Treppe hinauf. �Wie schlie�en auf, er kommt runter und schickt nach dem Lieutenant.�</p><p>�Nein�, widersprach Athelstan. �Da war noch etwas. Das habt ihr uns zumindest erz�hlt.�</p><p>Der eine Soldat kratzte sich das Stoppelkinn.</p><p>�Ah�, meldete sich sein Kamerad, �ich wei� schon. Der junge Geoffrey sagt, er will Sir Ralph selbst wecken, und wir geben ihm den Schl�ssel. Er geht die Treppe rauf, �berlegt sich�s dann anders, kommt wieder runter, gibt uns den Schl�ssel und geht Master Colebrooke holen.�</p><p>�Gut.� Athelstan l�chelte. �Und jetzt, Sir John, werde ich Parchmeiners Weg zur�ckverfolgen.� Er warf einen raschen Blick auf den jungen Mann, der mit bleichem Gesicht und schmalen Augen wachsam dastand. Philippa starrte ihn an wie ein Kind, das sich den pl�tzlichen Stimmungswandel eines Erwachsenen nicht erkl�ren kann. Sir Fulke und der Kaplan machten verwirrte Gesichter, aber Athelstan bemerkte, da� der stumme Rastani, die Hand am Messer, sich n�her an Parchmeiner herangeschoben hatte.</p><p>�Mylord Coroner�, rief Athelstan, �ehe wir fortfahren, sollten alle, au�er Lieutenant Colebrooke, lieber ihre Waffen abliefem.�</p><p>Leiser Protest erhob sich, aber Cranston wiederholte Athelstans Befehl, und Messer und Schwerter fielen klappernd auf einen unordentlichen Haufen.</p><p>�Nun fangen wir an�, sagte Athelstan. �Sir John, wollt Ihr bitte z�hlen?�</p><p>Er nickte einem der Wachposten zu. �Schlie�t oben die T�r auf!� Cranston begann laut zu z�hlen, und Athelstan lief die Treppe hinauf. Die T�r schwang auf und wurde hinter ihm abgeschlossen. Cranston verharrte ein paar Augenblicke bei Zwanzig, als Athelstan oben Sir Ralphs Namen rief; dann z�hlte er weiter. Er war gerade bei F�nfzig angelangt, als Athelstan oben an der Treppe gegen die T�r h�mmerte. Einer der Wachen lief hinauf und schlo� auf. Athelstan kam hervor und folgte dem Soldaten die Treppe herunter.</p><p>�Und jetzt�, rief der Bruder, �will ich den Schl�ssel zu Sir Ralphs Kammer!�</p><p>Athelstan nahm einen Schl�ssel vom Haken und lief die Treppe hinauf; auf halber H�he blieb er stehen, sch�ttelte den Kopf und kam wieder herunter.</p><p>�Andererseits�, sagte er, �wollen wir doch lieber Master Colebrooke kommen lassen.� Er gab dem Soldaten den Schl�ssel zur�ck. �Sag mir�, forderte er ihn dann auf, �habe ich l�nger gebraucht als der junge Geoffrey?�</p><p>�Nein, ungef�hr genauso lange. Er war �n bi�chen l�nger oben im Gang. Aber nicht viel.�</p><p>Sir Fulke dr�ngte sich nach vom. �Was hat das alles zu bedeuten?� fragte er.</p><p>Athelstan l�chelte. �Das werde ich Euch gleich zeigen. Master Lieutenant, schlie�t die T�r oben an der Treppe auf.�</p><p>Der Lieutenant ging die Treppe hinauf, schlo� die T�r wieder auf, und alle folgten ihm in den kalten Gew�lbegang. Colebrooke schlo� Whittons Kammer auf, und nacheinander traten alle ein. Sir Fulke fluchte. Philippa stie� einen kurzen Schrei aus. In der Kammer war es eiskalt. Die Fensterl�den standen weit offen, und das Federbett auf der schmutziggrauen Matratze des vierpfostigen Bettes war aufgeschlitzt worden. G�nsefedern quollen hervor - eine grausige Erinnerung an den Mord an Sir Ralph. �Wer war das? Was ist das f�r ein �bler Unsinn?� fragte Kaplan Hammond.</p><p>Athelstan k�mmerte sich nicht um ihn und stellte sich vor Parchmeiner.</p><p>�Ihr wi�t, was ich getan habe�, sagte er ruhig. �Genau das, was Ihr an jenem Morgen tatet, als Ihr Sir Ralph ermordet habt. Und ich sage Euch, wie es sich abgespielt hat. Erstens: Als Sir Ralph in die Nordbastion zog, spieltet Ihr die Rolle des unterw�rfigen Schwiegersohnes. Ihr halft ihm, ein paar Dinge hin�berzuschaffen. Die Kammer war ja erst bewacht, als Sir Ralph eingezogen war, nicht vorher; deshalb �ltet Ihr sorgf�ltig Angeln und T�rschlo�, was die �lflecke drau�en im Gang erkl�rt. Zweitens: Das Stockwerk dar�ber ist abgeriegelt; das Ende des Korridors ist durch eingest�rztes Mauerwerk versperrt. In diesem Ger�ll habt Ihr einen Dolch versteckt, wie es Colebrooke jetzt auf meine Bitte mit Sir Johns Dolch getan hat. Ich habe das Federbett aufgeschlitzt und den Dolch wieder dort versteckt. Am Abend vor Sir Ralphs Tod habt Ihr mit ihm gegessen und habt daf�r gesorgt, da� er viel trank. Wahrscheinlich habt Ihr noch ein ziemlich starkes Schlafmittel hinzugegeben, um ihn benommen zu machen. Drittens: Ihr habt Sir Ralph bis zur Treppe gebracht, die Wachen halfen ihm zu seiner Kammer hinauf, und wahrscheinlich habt Ihr bei dieser Gelegenheit den Schl�ssel vertauscht: Ihr habt den weggenommen, den Sir Ralph f�r die Wache dagelassen hatte, und einen anderen an den Haken geh�ngt. Als wir vorhin in Philippas Gemach waren, hat er mir den richtigen Schl�ssel zugesteckt.� Athelstan machte eine Pause. �Am n�chsten Morgen kommt Ihr her�ber, die Wachen durchsuchen Euch, aber Ihr habt nichts bei Euch als Eure eigenen harmlosen Habseligkeiten, zu denen� - Athelstan griff dem jungen Mann vorsichtig an die Seite - �wie bei jedem Kaufmann ein Schl�sselbund geh�rt. Ihr geht die Treppe hinauf, die Wache macht Euch auf, und Ihr geht durch den Gang zu Sir Ralphs Kammer. W�hrend Ihr klopft und br�llt, schlie�t Ihr lautlos die T�r auf; schlie�lich sind Schlo� und T�rangeln so gut ge�lt. Der Rest ist einfach.�</p><p>�Aber �� Colebrooke wollte etwas sagen.</p><p>�Noch nicht�, unterbrach Athelstan ihn und betrachtete Parchmeiner aufmerksam. �Drinnen handelt Ihr blitzschnell. Die Fensterl�den ge�ffnet, die kalte Luft hereingelassen. Dann hin�ber zu Whittons Bett, den Kopf zur�ckgerissen. Sir Ralph, immer noch schwer benommen, schl�gt vielleicht f�r einen Moment die Augen auf, als Ihr ihm die Gurgel durchschneidet. Ihr wischt das Messer am Bettzeug ab, schlie�t wieder ab, schiebt die Waffe in den Schutt und h�mmert an die T�r zum Gang.� Athelstan sah leise Belustigung in Parchmeiners Blick; das Gesicht des jungen Mannes blieb kalt und unbewegt.</p><p>�Jetzt�, fuhr Athelstan fort, �macht Ihr den Schl�ssel zu Sir Ralphs Kammer von Eurem Ring los. Ihr geht nach unten, la�t Euch den falschen Schl�ssel geben, steigt die Treppe hinauf und vertauscht die beiden Schl�ssel, w�hrend Ihr den Soldaten den R�cken zukehrt. Dann gebt Ihr den Wachen den richtigen Schl�ssel zur�ck; ich habe eben bewiesen, da� zwei Schl�ssel sehr �hnlich aussehen k�nnen. Und dann macht Ihr Euch auf die Suche nach Colebrooke.�</p><p>�O nein!� Philippa sank bleich und best�rzt gegen Sir Fulke, ohne Geoffrey aus den Augen zu lassen. �Oh, bitte, lieber Gott, nein!�</p><p>�Ja, so ist es gewesen�, verk�ndete Cranston obenhin. �Mein Schreiber hat es bewiesen. Die beiden Wachen haben nur gesehen und geh�rt, was sie sollten.�</p><p>�Bruder Athelstan?�</p><p>�Ja, Sir Fulke?�</p><p>�Der Leichnam meines Bruders war kalt, als Colebrooke kam.�</p><p>�Ja, selbstverst�ndlich�, erwiderte Cranston bissig. �Kohlebecken und Kaminfeuer waren erloschen; das l��t vermuten, da� Whitton von Drogen berauscht war. Der M�rder stie� die Fensterl�den auf, und die eiskalte Luft str�mte herein. Bedenkt, es war ein frostiger Morgen. Da� Master Parchmeiner nicht gleich nach Colebrooke schickte, d�rfte mit dazu beigetragen haben.�</p><p>Aus dem Augenwinkel sah Athelstan pl�tzlich eine schnelle Bewegung. �Sir John! Rastani!�</p><p>Trotz seiner K�rpermassen bewegte der Coroner sich flink. Er packte den Stummen, der sich gerade auf den M�rder seines Herrn st�rzen wollte, am Wams und hob ihn hoch wie ein kleines Kind.</p><p>�Ihr, Sir�, sagte er leise, �werdet auf Eurem Platz bleiben, bis diese Angelegenheit erledigt ist.� Er sch�ttelte Rastani wie eine Lumpenpuppe. �Habt Ihr verstanden?�</p><p>Der Stumme warf Parchmeiner einen ha�erf�llten Blick zu. �Ob Ihr verstanden habt?� Cranstons Griff wurde h�rter.</p><p>Der Stumme klappte den Mund auf und zu und nickte dann. Cranston lie� ihn sanft zu Boden gleiten, und zwei von Colebrookes Soldaten postierten sich rechts und links von dem Mauren.</p><p>�Bewacht ihn gut!� befahl Cranston knapp. �Zieht eure Schwerter!�</p><p>W�hrend dieses Auftritts hatte Parchmeiner nicht mit der Wimper gezuckt, sondern den Ordensbruder mit k�hlem Blick betrachtet; dieser wu�te, da� er einem Mann gegen�berstand, f�r den Mord etwas Nat�rliches war und der die Gelegenheit genutzt hatte, furchtbare Rache zu �ben.</p><p>�Master Colebrooke!� rief Athelstan, ohne den M�rder aus den Augen zu lassen. �Ich m�chte, da� man Master Parchmeiner die H�nde fesselt und ein Seil um den Leib bindet.�</p><p>Colebrooke erteilte Befehle; einer der Soldaten drehte Parchmeiner die Arme auf den R�cken und fesselte Handgelenke und Daumen aneinander. Ein anderer Soldat l�ste seinen G�rtel, schob das eine Ende durch Parchmeiners G�rtel und schnallte das andere fest an die Ledermanschette an seinem Handgelenk. Athelstan entspannte sich und schaute sich in der kalten Todeskammer um.</p><p>�Wir m�ssen nicht hierbleiben�, erkl�rte er. �Wir k�nnen in Mistress Philippas Gemach zur�ckkehren.�</p><p>Das junge M�dchen sprach kaum ein Wort und st�hnte leise, als ihr Onkel sie in die Arme nahm. Die Gruppe verlie� die Nordbastion. Auf dem Tower Green befahl Colebrooke, dem die Gefahr bewu�t geworden war, einem Wachoffizier, die Trommel zu schlagen und die Garnison zu den Waffen zu rufen. Befehle erschallten, Tore schlossen sich, und w�hrend sie die Treppe zu Philippas Gemach hinaufgingen, h�rte Athelstan, wie Soldaten und Bogensch�tzen unten in Stellung gingen. Er drehte sich um und l�chelte Cranston an.</p><p>�Ich mu� mich entschuldigen. Euer Dolch liegt noch in dem Schutthaufen in der Nordbastion.�</p><p>�Keine Sorge�, knurrte Cranston. �Was ich gesehen habe, ist mehr wert als tausend Dolche.�</p><p>Oben angekommen, blieb Parchmeiner zwischen den beiden Wachen stehen. Athelstan sah ihn neugierig an, denn der junge Mann l�chelte wie �ber einen geheimen Scherz. Die anderen waren ein stilles, gebanntes Publikum. Rastani hockte m�rrisch und verschlossen zwischen zwei vierschr�tigen Wachen auf einem Schemel. Philippa seufzte leise; sie war ganz in ihren Schmerz versunken. Ihr Onkel und der Kaplan standen ihr zur Seite. Cranston go� sich einen Becher Wein ein. Athelstan ging zum Kamin und w�rmte sich die H�nde am Feuer.</p><p>�Die anderen Morde�, fuhr er ruhig fort, �waren ein Kinderspiel. Als Mowbray starb, war er oben auf dem Wehrgang beim Salt Tower, w�hrend Ihr anderen hier zum Abendessen bei Philippa versammelt wart. Master Parchmeiner, nehme ich an, kam als letzter. Mowbray war, wie jeder Soldat� - er drehte sich um und l�chelte Colebrooke zu -, �ein Gewohnheitstier. Wir wollen annehmen, da� die Geschichte von Master Parchmeiners H�henangst gelogen ist. Er wu�te, da� Mowbray am anderen Ende der Brustwehr auf seinem gewohnten Platz stand; er schlich sich hinauf, legte den Schaft eines Speeres oder einer Axt oben �ber die Treppe und verkeilte ihn fest in einer der Schie�scharten. Dann begab er sich in Mistress Philippas Gemach, und das Essen konnte beginnen.�</p><p>�Aber er ist dann nicht wieder weggegangen�, gab Sir Fulke zu bedenken. �Er ist nicht weggegangen, um die Sturmglocke zu l�uten.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte Cranston. �Master Colebrooke, ist alles bereit? Ist die Garnison gewarnt? Nun �� Cranston stellte seinen Weinbecher auf den Tisch. �Ich mu� mich erleichtern. Wenn ich recht verstanden habe, gibt es einen Abtritt unten am Gang?�</p><p>Sir Fulke nickte verbl�fft. Cranston ging zur Seitent�r hinaus. Die anderen blieben regungslos sitzen wie Figuren auf einem Fresko. Pl�tzlich sprang alles auf, denn die gro�e Sturmglocke l�utete los. Befehle wurden gebr�llt, M�nner rannten, und das Gel�ut verstummte. Cranston kam grinsend wieder hereingeschlendert.</p><p>�Wer hat die Glocke gel�utet?� quiekte der Kaplan.</p><p>�Ich�, sagte Sir John.</p><p>�Wie denn?�</p><p>Athelstan wandte dem Feuer den R�cken zu und ergriff das Wort. �Sir John ging zum Abort�, sagte er ruhig. �Ein Bogensch�tze mit einer kleinen Armbrust begleitete ihn. Mir war aufgefallen, da� man durch das Fenster �ber dem Abtritt auf das Tower Green schaut. Der Bogensch�tze brauchte sich nur hinter den Vorhangzu stellen, der den Abtritt verbirgt, einen Bolzen abzuschie�en und die Glocke zu treffen.� Athelstan zuckte die Achseln. �Ihr kennt den Mechanismus. Wenn die Glocke einmal ins Schwingen gebracht wird, l�utet sie endlos.�</p><p>�Aber es war doch dunkel�, wandte Sir Fulke ein.</p><p>�Nein, Sir Fulke. Wie Ihr Euch vielleicht erinnert, stehen Fackeln um die Glocke.�</p><p>�Aber der Bolzen wurde nicht gefunden!�</p><p>�Nat�rlich nicht. Der Schnee rings um die Sturmglocke lag dick und unber�hrt. Der Bolzen traf die Glocke und fiel in den Schnee. Als die Soldaten nachschauten, weshalb die Glocke gel�utet hatte, suchten sie nach Fu�abdr�cken und nicht nach einem Armbrustbolzen, kleiner als Eure Hand, der tief im Schnee steckte.�</p><p>�Und die Armbrust?� Zum ersten Mal sprach Parchmeiner jetzt; seine Stimme klang schroff und abgehackt.</p><p>Athelstan sch�ttelte den Kopf. �Wie den Dolch konntet Ihr sie im Korridor liegenlassen und sp�ter beiseite schaffen oder durch das Abtrittloch werfen. Au�erdem: Wer w�rde etwas merken? Als Ihr hastig den Abort verlie�t und ins Gemach zur�ckranntet, war alles in Aufruhr, weil die Alarmglocke l�utete. Niemand sah einen Zusammenhang zwischen Eurer Abwesenheit und dem L�uten der Glocke. Ihr wart ja auf dem Abort und nicht unten, und die Wachen hatten niemanden in der N�he der Glocke gesehen. Der Rest war dann einfach�, fuhr Athelstan fort. �Im n�chtlichen Wirrwarr konntet Ihr zum Wehrgang hinauflaufen und den Schaft �ber die Brustwehr in den Wassergraben werfen. Wenn Euch jemand auf der Treppe bemerkt h�tte, h�ttet Ihr als Held gegolten, der herausfinden wollte, weshalb der arme Mowbray zu Tode gest�rzt war.� Athelstan sah Cranston an. �Als Sir John mir erz�hlte, da� ein Armbrustbolzen im Fleisch des B�ren gesteckt habe, fiel mir pl�tzlich ein, wie das geheimnisvolle L�uten der Sturmglocke bewerkstelligt sein konnte.� Athelstan war pl�tzlich m�de. Er rieb sich mit beiden H�nden das Gesicht.</p><p>�Gott allein wei߫, dr�hnte der Coroner und baute sich breitbeinig vor dem Gefangenen auf, �wie Ihr den armen Horne in den Tod gelockt habt. Allerdings war der Mann so voller Angst, da� es kein Problem gewesen sein d�rfte, damit zu spielen.� Er umspannte Parchmeiners Gesicht mit Daumen und Zeigefinger und dr�ckte die Wangen zusammen. �Ich habe die grausigen �berreste Eurer Tat gesehen.�</p><p>Parchmeiner bog den Kopf zur�ck, l�chelte und spuckte dem Coroner mitten ins Gesicht. Der Coroner wischte sich den Speichel mit dem Mantelsaum von der Wange; dann holte er aus und schlug Parchmeiner schallend ins Gesicht. Der junge Mann str�ubte sich gegen die Wachen, die ihn festhielten, und Cranston schaute Athelstan an.</p><p>�Keine Angst�, sagte er. �Ich schlage ihn nicht noch einmal. Aber er hatte es verdient, weil er seine �ble Tat unter mein Dach und in mein Haus getragen hat.�</p><p>Er schenkte sich Wein nach und trug den Becher zu Philippa hin�ber, die neben ihrem Onkel sa�. Sie hob nicht einmal den Kopf. Sir Fulke wandte sich ab, und so stellte Cranston sich mitten ins Zimmer und nahm selbst einen Schluck. �Schlie�lich Fitzormondes Tod.� Er verzog das Gesicht. �Das war leicht.� Er deutete auf Parchmeiner. �Unser junger Mordbube hier tut so, als verlasse er den Tower. Bei dem starken Tauwetter sind so viele Leute auf den Beinen, da� kaum jemand bemerken d�rfte, wie er sich, vielleicht in einem anderen Mantel oder mit einer Kapuze, wieder herein schleicht. In dieser Festung gibt es genug finstere Winkel, um eine ganze Armee zu verstecken. Jeden Abend ging Fitzormonde zum B�ren, und Parchmeiner nutzte diese Gelegenheit. Wieder mit seiner kleinen Armbrust bewaffnet, schie�t er auf das Tier. Die Bestie ger�t in Raserei und st�rzt sich auf Fitzormonde. Die schlecht gesicherte Kette rei�t, und der Hospitaliter stirbt. Geoffrey nutzt das Chaos und verschwindet durch das Haupttor oder durch eine der Seitenpforten. Man kann ihm nichts zur Last legen.�</p><p>�Ihr habt keinen Beweis!� schnarrte Parchmeiner. �Nicht den kleinsten Beweis f�r das alles.�</p><p>�Nein, aber den bekommen wir noch�, erwiderte Athelstan. �Erstens kann ich beweisen, da� ein Mann durchaus im k�ltesten Winter nachts an der Au�enmauer der Nordbastion hinaufklettern kann. Aber w�rde er auch wieder heil herunterkommen? Ich kann den Schutt vor Sir Ralphs Kammer nach Blutflecken von dem Dolch absuchen, den Ihr dort versteckt und sp�ter zweifellos wieder geholt habt. Master Colebrooke kann feststellen, wer das Schlo� und die T�rangeln von Sir Ralphs Kammer ge�lt hat. Man kann die Sturmglocke nach Spuren eines Bolzenschusses absuchen und ebenso den Boden darunter, denn das Gescho� liegt bestimmt noch im Schneematsch. Wir k�nnen ermitteln, wer wo war, als Adam Horne umgebracht wurde.� Athelstan trat auf den bleichen Mann zu. �Wir k�nnen Euch auch hier in einen Kerker sperren, bis der Schnee schmilzt, und uns dann nach Euren Verwandten in Bristol erkundigen.�</p><p>�Aber wamm? Warum?� Philippas eingefallenes Gesicht war vom Schmerz verd�stert, und dunkle Schatten lagen unter ihren ger�teten Augen. �Warum?� kreischte sie.</p><p>�Vor f�nfzehn Jahren�, antwortete Cranston, der sie vor lauter Mitleid nicht anschauen konnte, �dienten Euer Vater und die anderen, die Parchmeiner ermordet hat, unter F�hrung von Sir Bartholomew Burghgesh als Ritter in Outremer. Ihr habt den Namen schon einmal geh�rt? Euer Vater�, fuhr er fort, ohne auf eine Antwort zu warten, �und die anderen verrieten Sir Bartholomew auf grausame Weise, um einen Schatz an sich zu bringen, den er dem Kalifen von �gypten weggenommen hatte. Sir Bartholomew verlie� Zypern und wollte nach Genua reisen, aber die anderen, angestiftet von Sir Ralph, informierten insgeheim den Kalifen, und das Schiff, auf dem Sir Bartholomew reiste, wurde �berfallen.� Cranston kratzte sich am Kopf. �Man hatte allgemein angenommen, da� Bartholomew auf diesem Schiff sein Leben aushauchte, aber wie wir jetzt wissen, kam er vor drei Jahren zu Eurem Vater in den Tower. Sir Ralph nahm Sir Bartholomew gefangen - entweder durch einen Trick oder mit Gewalt - und sperrte ihn in ein Verlies unter diesem Turm hier. Er befahl dem Narren Rothand, die Zelle zuzumauern. Wer w�rde nachher schon auf das Geschw�tz eines Idioten h�ren?� Parchmeiner begann, zwischen seinen beiden W�chtern zu toben.</p><p>�Er ist hier?� schrie Geoffrey. �Bartholomews Leiche ist hier?� Pl�tzlich erschlaffte er. �O Gott!� fl�sterte er. �Wenn ich das nur gewu�t h�tte!�</p><p>Athelstan kam zu ihm. Aller Hochmut und Ha� waren verschwunden, dem jungen Mann kamen die Tr�nen, und Mitgef�hl durchstr�mte den Ordensbruder.</p><p>�Wer seid Ihr?� fragte Athelstan leise. �Sagt es mir. Ich verspreche Euch, Ihr d�rft Bartholomews letzte Ruhest�tte sehen.� Parchmeiner schaute zu Boden. �Burghgesh war nicht mein Vater�, begann er, und seine Stimme klang wie aus weiter Ferne. �Aber ich w�nschte zu Gott, er w�re es gewesen. Ich war mit ihm auf dem Schiff, als es gekapert wurde. Ich war ein Waisenjunge, und ich klammerte mich an Sir Bartholomew.� Geoffrey l�chelte matt. �Und er besch�tzte mich�, fl�sterte er. �Er schob mich hinter sich und k�mpfte wie ein Paladin, bis die Mauren versprachen, uns beiden das Leben zu schenken, wenn er sich erg�be.� Der junge Mann blickte auf und blinzelte. �Sie hielten Wort, aber Bartholomew wurde mit Riemen geschlagen, bis seine Fu�sohlen rohes Fleisch waren. Dann verkauften sie uns als Sklaven an einen Kaufmann in Alexandria. Sir Bartholomew arbeitete im Garten, und ich kam ins Scriptorium, wo ich Pergament bearbeiten und einlagern mu�te. Die Jahre vergingen. Sir Bartholomew gab die Hoffnung niemals auf. Er k�mmerte sich um mich, sorgte f�r mich wie f�r einen Sohn und besch�tzte mich vor denen, die mich gern wie eine Frau behandelt h�tten. Und eines Nachts Schnitt er unserem Herrn die Kehle durch und pl�nderte seine Schatzkammer. Wir flohen durch die W�ste nach Damietta, bestachen dort einen Kaufmann, fuhren zu Schiff nach Zypern und weiter nach Genua; dann reisten wir quer durch Europa nach Southampton.�</p><p>�Wie lange ist das her?�</p><p>�Vier Jahre. Sir Bartholomew hatte mir von Whitton und dem Schatz erz�hlt, aber�� Fast brach ihm die Stimme. �Mein Herr war ein guter, ehrlicher Mensch. Er konnte einfach nicht glauben, da� seine Kameraden� er spuckte das Wort aus -, �da� seine Kameraden ihn verraten hatten!� Der junge Mann sch�ttelte den Kopf und fluchte leise. �Wir gingen nach London. Sir Bartholomew hatte noch den Schatz, den er dem Kaufmann in Alexandria gestohlen hatte, Gold- und Silberm�nzen, und wir lebten wie die F�rsten in einem Gasthaus an der Barbican Street.� Geoffrey schaute Athelstan an. �K�nnt Ihr das glauben, Bruder? Er wollte sich nicht damit abfinden, da� er verraten worden war. Er lie� mich im Gasthaus zur�ck und reiste nach Woodforde, aber von dort kam er verzweifelt zur�ck. Seine Frau und sein Sohn waren gestorben, das Herrenhaus war verfallen. Wir blieben im Gasthof, bis Sir Bartholomew sagte, seine Kameraden w�rden sich, wie verabredet, zu jedem Advent in der N�he des Tower treffen.� Der junge Mann fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen. �Er erkundigte sich, was aus seinen Kameraden geworden war. Zwei waren inzwischen Hospitaliter und einer Kaufmann.� Geoffrey lachte. �Sir Bartholomew, Gott segne ihn, freute sich sogar, als er h�rte, da� Whitton jetzt Konstabler des Tower war, und er erz�hlte von der Festung, schilderte mir jede Ecke und jeden Winkel.�</p><p>Parchmeiner stand rastlos zwischen seinen Bewachern, ganz in seine Erinnerungen versunken. �Dann ging Bartholomew zu Whitton. Er wollte um jeden Preis die Wahrheit herausfinden.� Der junge Mann zog eine Grimasse. �Aber er kam nicht zur�ck, und mein Verdacht best�tigte sich. Whitton hatte ihn vor f�nfzehn Jahren verraten, und er hatte auch jetzt seine Stellung benutzt, um Bartholomew ermorden zu lassen.� Er funkelte Athelstan an. �Ich bin froh, da� ich sie umgebracht habe! Ich habe sie gewarnt und dazu das Zeichen benutzt, das Bartholomew und ich in unserer Gefangenschaft verwandten - das Schiff mit den drei Masten, das uns zusammenbrachte.�</p><p>�Und ich?� rief Philippa da. �Was ist mit mir?�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Hast du mich nicht geliebt?�</p><p>Parchmeiner lachte. �Um jemanden zu lieben, Philippa, braucht man ein Herz. Ich habe kein Herz, keine Seele. Bartholomew war mein Leben.� Er warf dem M�dchen einen ver�chtlichen Blick zu. �Ich habe dich benutzt�, fuhr er fort, ohne auf ihr lautes Schluchzen zu achten. �Mit Bartholomews Gold habe ich Whittons Untergang bewerkstelligt. Ich verstehe etwas von Manuskripten und Pergament, und so wurde ich Geoffrey Parchmeiner. Ach, Geoffrey ist �brigens wirklich mein Vorname. Ihr k�nnt mich Geoffrey Burghgesh nennen. Ich verkaufte dem Tower bestes Pergament zu einem l�cherlichen Preis; ich freundete mich mit der Tochter des Konstablers an, erschmeichelte mir ihre Zuneigung.� Der M�rder l�chelte.</p><p>�Und Ihr habt den Konstabler beobachtet? Seine Handlungen? Seine Stimmungen?�</p><p>�O ja, Bruder. Ich wu�te, da� er und die anderen M�rder sich jedes Jahr im Advent trafen, um ihre S�nden zu feiern und zu schmausen. Ich wurde das, was er gern in mir sehen wollte: ein reicher, junger Kaufmann, ganz vernarrt in seine ziemlich reizlose Tochter. Wer seine Jugend als Gefangener der Mauren verbringt, der lernt zu schauspielern. Das mu� man, wenn man �berleben will.�</p><p>�Und warum jetzt?� fragte Cranston. �Warum nicht schon vor einem Jahr?�</p><p>Der junge Mann sch�ttelte den Kopf. �Sir John, ich mu�te planen. Ich mu�te mein Wild beobachten, und als die Themse zufror, schlug ich zu. Oh, wie habe ich es genossen! Und ohne Euch w�re auch alles gelungen, Bruder. Ich habe Hornes Kopf zu Sir John geschickt, um ihm zu zeigen, da� die Gerechtigkeit ihren Lauf genommen hat.�</p><p>Parchmeiner grinste Cranston an, als ob er eine gute Geschichte erz�hlte, und Athelstan wurde klar, da� der junge Mann nicht mehr ganz richtig im Kopf war.</p><p>�Nat�rlich h�tte mein Plan auch schiefgehen k�nnen�, fuhr er jetzt fort, �aber dann h�tte ich mir eben etwas anderes ausgedacht. Schlie�lich f�hrt ja mehr als eine Stra�e in die H�lle. Und ich wartete, weil die Rache, wie Ihr alle wi�t, ein Gericht ist, das man am besten kalt genie�t.�</p><p>�Du Dreckskerl!� schrie Sir Fulke.</p><p>�Glied des Satans!� erg�nzte Kaplan Hammond.</p><p>�Kann sein�, gab Parchmeiner zur�ck. �Aber alle hatten sie den Tod verdient.�</p><p>�Nein, das hatten sie nicht�, widersprach Athelstan leise. �Sie hatten Unrecht getan, aber mindestens zwei von ihnen haben ehrlich bereut. Ihr h�ttet vor dem Oberhofgericht Klage gegen sie erheben k�nnen. Schon der Vorwurf h�tte gen�gt, Sir Ralph zu vernichten.�</p><p>�Ich bin das Gericht Gottes!� schrie Parchmeiner auf und starrte w�tend in die Runde. �Ich bin ihr Untergang! Horne hat das begriffen, als er mich in der R�stung sah, die derjenigen von Sir Bartholomew glich.� Er spuckte zu Sir Fulke hin�ber. �Gott verdamme Euch und Eure ganze Familie! Ich habe auch die Schnalle von Eurem Schuh genommen und drau�en auf das Eis geworfen. Das w�re eine h�bsche Wendung gewesen, wie? Euch h�ngen zu sehen f�r den Mord an Eurem Bruder!�</p><p>Sir Fulke wandte sich ab.</p><p>�Der Rest war so einfach!� fuhr Geoffrey fort. �Die Briefe wurden abgeschickt. Sir Ralph zog in die Nordbastion. Ich �lte die Angeln und das Schlo� seiner T�r und versteckte einen Dolch in dem Schutthaufen im Gang. Die Schl�ssel vertauschte ich, als ich dem betrunkenen Schwein zu seiner letzten Ruhest�tte half.�</p><p>�Und die anderen?� fragte Athelstan.</p><p>�Oh, Mowbray, der so br�tend im Dunkeln stand, war kein Problem. Ich war schon fr�her oben auf der Mauer, und er hatte mich nie bemerkt. Die Armbrust habe ich wirklich im Korridor versteckt und nach dem Schu� auf die Glocke ins Abtrittloch geworfen.� Geoffrey kicherte. �Horne war ein Opfer seiner eigenen Angst. Ein echter Trottel. Und Fitzormonde hatte ich vor dem B�ren gewarnt.� Der M�rder bi� sich auf die Lippe. �Ich h�tte sie auch anders umbringen k�nnen, aber nachdem Whitton mich aufgenommen hatte, mu�te das Spiel gespielt werden.�</p><p>Cranston trat vor ihn. �Geoffrey Parchmeiner�, intonierte er, �auch bekannt als Geoffrey Burghgesh: Ich verhafte Euch wegen Mordes. Ihr werdet ins Gef�ngnis nach Newgate gebracht und Euch zu einem noch zu bestimmenden Zeitpunkt f�r Eure schrecklichen Verbrechen vor dem K�niglichen Oberhofgericht verantworten.� Er sah sich um und nickte Colebrooke zu. �F�hrt ihn ab.�</p><p>�Ich will Bartholomews letzte Ruhest�tte sehen!�</p><p>�Ja�, sagte Athelstan. �Master Lieutenant, er darf sich ansehen, was wir heute morgen entdeckt haben. Aber fesselt ihn gut!� Der M�rder warf Fulke einen letzten w�tenden Blick zu, bevor Colebrooke und seine Soldaten ihn zur T�r hinausdr�ngten. Athelstan seufzte und sah sich um.</p><p>�Sir Fulke, Mistress Philippa, es tut mir leid.�</p><p>Philippa barg das Gesicht an der Schulter ihres Onkels und weinte lautlos. Sir Fulke wandte den Blick ab.</p><p>�Sir John�, sagte Athelstan. �Wir sind hier fertig.� Er packte sein Schreibzeug in den Leinenbeutel, verbeugte sich vor Sir Fulke und folgte Sir John die Treppe hinunter.</p><p>Drau�en holte Cranston tief Luft. �Gottlob ist es vorbei, Bruder!�</p><p>Sie gingen an den abweisenden Massen des Wakefield Tower auf und ab, w�hrend ein Diener in die Nordbastion eilte und Cranstons Dolch holte.</p><p>�Ein getreuer M�rder�, sagte Sir John leise.</p><p>�Aye�, best�tigte Athelstan. �Wahnsinnig oder besessen, getrieben von Ha� und Rachsucht.� Er schaute zu den Raben hinauf, die �ber ihnen kr�chzten. �Ich bin froh, hier wegzukommen, Sir John. Dieser Ort stinkt nach Tod.�</p><p>�Er hei�t Das Haus des Roten Schl�chters.�</p><p>�Der Name pa�t gut�, meinte Athelstan.</p><p>Sie traten beiseite, als Colebrooke vorbeimarschierte. Parchmeiner, stramm gefesselt, war inmitten seiner Bewacher kaum zu erkennen. Dann kam der Diener mit Cranstons Dolch; sie strebten der n�chstbesten Schenke zu.</p><p>Sir John verlangte naturgem�� �Erfrischung� nach dem, was er eine �m�hselige Plackerei� nannte. Athelstan tat es ihm Becher f�r Becher nach. Schlie�lich trennten sie sich. Sir John feierte weiter, w�hrend Athelstan den widerstrebenden Philomel nach Billingsgate und �ber die London Bridge heim in die dunkle Einsamkeit von St. Erconwald f�hrte.</p><p>*</p><p>Ein paar Tage sp�ter sa� Athelstan auf seiner Bank gleich hinter dem Chorgitter, den behaglich schnurrenden Bonaventura auf dem Scho�. Der Bruder sah sich im Chorraum um. Alles war bereit f�r das Weihnachtsfest. Auf dem Altar lag ein frisches, goldges�umtes Tuch, der Chorraum war ausgefegt, der Altar mit Efeu und Stechpalmen umkr�nzt, und gr�ne Bl�tter und blutrote Beeren schimmerten im Kerzenlicht. Die Kinder hatten ihr Maskenspiel aufgef�hrt. Athelstan lachte leise beim Gedanken daran, wie Crim, der den Joseph spielte, das St�ck f�r einen kurzen Faustkampf mit einem der Engel unterbrochen hatte. Cecily hatte das Kirchenschiff ausgefegt und die Simse abgestaubt, und morgen w�rde er drei Messen feiern, eine im Morgengrauen, eine am Vormittag und eine am Mittag. Er schlo� die Augen. Er w�rde seiner eigenen Toten gedenken, seiner Eltern und seines Bruders Francis, aber auch der M�nner, die im Tower umgebrachtworden waren, und des jungen Parchmeiner, der sicher h�ngen w�rde.</p><p>Der Bischof hatte ihm erlaubt, seinen Friedhof neu zu weihen, und Pike hatte erz�hlt, da� Doktor Vincentius verschwunden sei. Benedicta war best�rzt gewesen, und Athelstan versp�rte noch immer Gewissensbisse. Geistesabwesend gab er Bonaventura einen Ku� zwischen die Ohren. Er hatte sich bei allen Beteiligten f�r seinen Zornesausbruch nach Tosspots Grabsch�ndung entschuldigt.</p><p>Athelstan seufzte. Alles schien in Ordnung zu sein, aber war es das auch? Weihnachten w�rde verstreichen, das Fest der Erscheinung des Herrn w�rde kommen und mit ihm neue Probleme. Vielleicht w�rde er ein Fest veranstalten, ein Bankett f�r den Gemeinderat, um sich bei allen f�r ihre Freundlichkeit zu bedanken. Watkin hatte ihm einen neuen L�ffel aus Horn geschenkt, Ursula, die Schweineb�uerin, eine Speckseite. Von Pike hatte er eine neue Hacke f�r seinen Garten bekommen, von Ranulf, dem Rattenf�nger, ein paar Handschuhe aus Maulwurfsfell, und Benedicta, m�ge Gott sie segnen, war mit einem dicken Wollmantel gekommen, der ihn vor den Unbilden des Winters sch�tzen sollte. Aber morgen, nach der Messe, w�rde er allein sein. Athelstan starrte in die Kerzenflammen.</p><p>Verbarg Gott sich hinter dem Feuer? fragte er sich und schlo� die Augen.</p><p>�O Herr der verborgenen Flammen�, betete er, �warum ist es so schrecklich, allein zu sein?� Er sprang auf und grinste, als die Kirchent�r aufgesto�en wurde. �G�tiger Gott�, fl�sterte er. �Von der Macht des Gebetes habe ich ja schon geh�rt, aber das hier ist wirklich ein Wunder.�</p><p>�M�nch!� br�llte Cranston und stand wie ein Kolo� in wehenden Gew�ndern in der Kirche. �Ich wei�, da� du hier bist, Athelstan. Wo versteckst du dich, verdammt? In drei Teufels Namen, es ist noch zu fr�h f�r deine verdammten Sterne!� Athelstan trat unter dem Chorgitter hervor. �Sir John, Ihr seid h�chst willkommen.� Er schaute den Coroner aufmerksam an. �Doch nicht schon wieder ein Mord?�</p><p>�Das will ich nicht hoffen, verflucht!� r�hrte Cranston; er kam n�her und klatschte in die H�nde. �Ich brauche eine Erfrischung, Bruder! Willst du mir nicht Gesellschaft leisten?�</p><p>�Nat�rlich, Sir John. Aber diesmal bezahle ich.�</p><p>�Ein Pfaffe, der bezahlt, was er trinkt�, neckte Cranston. �Es mu� wirklich Weihnachten sein.�</p><p>Athelstan holte seinen Mantel, den er �ber den Taufbrunnen geworfen hatte, und zusammen traten sie hinaus in die kalte Nachmittagsluft.</p><p>�La� uns ins Geschenkte Pferd gehen�, schlug Cranston vor. �Ein guter Rotwein und ein hei�er Eintopf werden uns guttun - an Leib und Seele!�</p><p>Sie gingen die Gasse hinunter und traten in die willkommene W�rme der Schenke. Der einarmige Wirt kam gesch�ftig her�ber, um sie zu begr��en.</p><p>�Sir John!� rief er. �Und Bruder Athelstan!�</p><p>Er f�hrte sie zu einem Tisch am Kamin, und Cranston bestellte lautstark. Dann r�kelte er sich auf der Bank und schaute sich strahlend um.</p><p>�Ihr habt viel zu tun, Sir John?�</p><p>�Ich suche immer noch Roger Droxford, der in Cheapside seinen Herrn ermordet hat. Jetzt habe ich geh�rt, da� er sich in einer Taverne bei La Reole verstecken soll; vielleicht gehe ich auf dem Heimweg einmal dort vorbei. Aber, Bruder, la� uns die Mordgeschichten vergessen. Lady Maude l�dt dich f�r morgen um drei zum Essen ein. Dich und die Lady Benedicta.� Athelstan err�tete, und Cranston grinste teuflisch.</p><p>�Keine Sorge, sie wird kommen. Ich war schon bei ihr, habe einen Becher Roten getrunken und ihr in deinem Namen einen Ku� gegeben.�</p><p>�Sir John, Ihr macht Euch �ber mich lustig.�</p><p>�Sir John, Ihr macht Euch �ber mich lustig�., �ffte Cranston ihn nach. �Komm schon, Bruder, es ist doch keine S�nde, wenn man Gefallen an den Werken des Herrn findet. Du kommst?� dr�ngte er. �Ich habe n�mlich ein Geschenk f�r dich.�</p><p>Athelstan nickte, und Cranston fragte sich, ob das Astrolabium, das er gekauft hatte, diesem wunderlichen sterneguckenden Ordensbruder wohl gefallen w�rde. Der Wirt brachte Wein und zwei Sch�sseln mit hei�em, gut gew�rztem Hammeleintopf. �Tja, Sir John, nun ist alles in Ordnung. Der M�rder Sir Ralphs ist gefa�t, Doktor Vincentius ist fort, mein Friedhof ist sicher. Morgen ist Weihnachten, und alles ist gut.�</p><p>Cranston trank schl�rfend aus seinem Becher.</p><p>�Aye, Bruder, aber der Fr�hling wird wieder einen Korb voll Sorgen bringen. Der Rote Schl�chter wird wieder zuschlagen. Der Mensch h�rt nicht auf, seinen Bruder zu t�ten.� Er seufzte. �Und Lady Maude braucht F�rsorge; ihr und dem Kind darf nichts geschehen.� Er senkte den Kopf und funkelte Athelstan an. �Es wird ein Junge�, verk�ndete er ohne Umschweife. �Und ich werde ihn Francis nennen, nach deinem toten Bruder.� Athelstan schnappte nach Luft und stellte seinen Becher auf den Tisch.</p><p>�Sir John, das ist wunderbar. Es ist sehr g�tig von Euch.�</p><p>�Er wird ein Ritter werden�, fuhr Cranston �berschwenglich fort. �Ein Friedensrichter, ein Mann des Gesetzes.� Er schwieg einen Augenblick. �Glaubst du, er wird aussehen wie ich?� Athelstan grinste. �In den ersten Monaten bestimmt, Sir John.� Cranston h�rte das Lachen in seiner Stimme. �Wie meinst du das, M�nch?� fragte er drohend.</p><p>�Na ja, Sir John, nat�rlich wird er aussehen wie Ihr. Er wird kahlk�pfig sein und rot im Gesicht, er wird viel saufen, r�lpsen und furzen, laut br�llen und voll hei�er Luft sein.�</p><p>Die anderen G�ste in der Schenke unterbrachen, was immer sie gerade taten, und starrten verbl�fft her�ber, als Sir John Cranston, der Coroner des K�nigs in der Stadt London, sich an die Wand lehnte und vor Lachen br�llte, bis ihm die Tr�nen �ber die Wangen liefen.</p><p>Athelstan grinste, bis ihm klar wurde, da� er es fortan mit zwei Cranstons zu tun haben w�rde. Da schlo� er die Augen. �O Gott�, fl�sterte er, �und wenn es nun Zwillinge werden?�</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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