<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_classic</genre><author><first-name>Agatha</first-name><last-name>Christie</last-name></author><book-title>Der Todeswirbel</book-title><annotation><p>Gordon Glade ist nicht nur ein wohlhabender, sondern auch ein gro�z�giger Mann. Als er kurz nach seiner Hochzeit stirbt, ger�t der ganze Clan in Panik. Die junge Witwe erbt das gesamte Verm�gen. Doch die Falle, in der sie sitzt, ist t�dlich. Hercule Poirot macht Jagd auf den M�rder und wagt den Stich in ein Wespennest...</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="Hercule Poirot Mystery" number="26"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-04-03">3.4.2013</date><id>42A424A1-0DA9-42F4-AEDB-69E2E5ABDAE4</id><version>1.0</version><history><p>1.0</p></history></document-info><publish-info><year>2010</year></publish-info></description><body><section><title><p><strong>1 </strong></p></title><p>In jedem Club gibt es ein Mitglied, das allen anderen auf die Nerven geht. Der Coronation Club bildete da keine Ausnahme, und dass gerade ein Luftangriff im Gange war, �nderte nichts an der Tatsache.</p><p>Major Porter, ehemaliger Offizier der Indischen Armee, raschelte mit seiner Zeitung und r�usperte sich, Aufmerksamkeit heischend. Die Anwesenden h�teten sich �ngstlich, seinem Blick zu begegnen, aber die Ma�nahme erwies sich als zwecklos.</p><p>�Die <emphasis>Times</emphasis> bringt eine Anzeige zum Tod von Gordon Cloade, sehe ich eben�, hub der Major an. �Sehr diskret aufgemacht, selbstverst�ndlich. �Am 5. Oktober starb infolge einer feindlichen Aktion� und so weiter. Keine n�here Bezeichnung des Schauplatzes. Zuf�llig ereignete sich die Geschichte unweit meines eigenen Hauses. In einem dieser gro�en H�user oben auf Campden Hill. Ehrlich gesagt, die Sache ging mir ziemlich nahe. Ich bin dem Luftschutz zugeteilt, verstehen Sie. Cloade war gerade aus den Staaten zur�ckgekommen, hatte dr�ben im Auftrag der Regierung Eink�ufe t�tigen m�ssen und w�hrend dieser Zeit geheiratet. Eine junge Witwe, jung genug, um seine Tochter sein zu k�nnen. Eine gewisse Mrs Underhay. Zuf�lligerweise kannte ich ihren ersten Mann von Nigeria her.�</p><p>Major Porter schaltete eine Pause ein. Niemand legte Interesse an den Tag oder bat ihn sogar, in seiner Erz�hlung fortzufahren. Im Gegenteil, die K�pfe versteckten sich hinter krampfhaft hochgehaltenen Zeitungen. Doch h�tte es drastischerer Mittel bedurft, um Major Porter zu entmutigen. Er liebte es, weitschweifige Geschichten zu erz�hlen von Leuten, die niemand kannte.</p><p>�Interessant�, murmelte er unverdrossen vor sich hin, den Blick geistesabwesend auf ein Paar auffallend spitzer Lackschuhe gerichtet � eine Art Fu�bekleidung, die er zutiefst verabscheute. �Interessant, wie das Haus getroffen wurde. Der Einschlag dr�ckte das Untergeschoss ein und fegte das Dach buchst�blich weg; das erste Stockwerk blieb so gut wie unber�hrt. Sechs Leute befanden sich im Haus. Drei Dienstboten � ein Ehepaar und ein M�dchen � und Gordon Cloade, seine Frau und deren Bruder. Dieser Bruder war der einzige, der mit ein paar Schrammen davonkam. Die anderen hielten sich alle im Untergeschoss auf, er war gerade in seinem Zimmer im ersten Stock. Die Dienstboten waren auf der Stelle tot. Gordon Cloade wurde aus dem Schutt gegraben. Er lebte noch, starb aber auf dem Transport ins Krankenhaus. Seine Frau erlitt schwere Verletzungen. Die Explosion hatte ihr die Kleider vom Leib gerissen. Man hofft aber, sie retten zu k�nnen. Sie wird eine reiche Witwe sein. Gordon Cloade war sicher eine Million schwer.�</p><p>Abermals schaltete der Major eine Pause ein. Sein Blick wanderte von den spitzen Lackschuhen empor �ber ein Paar gestreifte Hosen und eine schwarze Jacke zu einem eif�rmigen Kopf mit imposantem Schnurrbart. Ein Ausl�nder � nat�rlich! Das erkl�rte auch die Schuhe. Schrecklich! schoss es dem Major durch den Kopf. Nicht einmal mehr hier im Club ist man vor diesen Ausl�ndern sicher.</p><p>Die Tatsache, dass der missbilligend betrachtete Ausl�nder als einziger der Erz�hlung des alten Offiziers ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte, ersch�tterte Porters Abneigung in keiner Weise.</p><p>�F�nfundzwanzig Jahre alt wird sie sein, kaum mehr�, fuhr er in seinem unerw�nschten Bericht fort. �Und zum zweiten Mal Witwe, zumindest glaubt sie das.�</p><p>In der Hoffnung, mit dieser letzten Bemerkung Neugierde erweckt zu haben, hielt er inne. Als auch dieses Mal keinerlei Reaktion erfolgte, redete er unerbittlich weiter.</p><p>�Ich habe da so meine eigenen Ideen in dieser Sache. Ich kannte zuf�llig ihren ersten Mann, wie ich schon sagte; Underhay. Ein netter Bursche, war Distriktskommissar in Nigeria zu jener Zeit. Sehr pflichtbewusster Mensch, ausgezeichneter Beamter. Das M�dchen heiratete er damals in Kapstadt, wo sie mit einer Theatertruppe auftauchte. Es ging ihr nicht besonders, hatte Pech gehabt, f�hlte sich einsam und verlassen, na� und ein h�bsches Ding war sie. Sie h�rte dem guten Underhay zu, wie er von seinem Distrikt und der wunderbaren Natur schw�rmte, und fl�sterte selig: �Ach, wie herrlich!� und �Wie gern w�rde ich in solcher Weltabgeschiedenheit leben�, und der Schluss von der Geschichte war, dass sie ihn heiratete und mit ihm in die viel gepriesene Weltabgeschiedenheit zog. Aber aus der N�he besehen war die Abgeschiedenheit nicht mehr so erfreulich. Er war bis �ber beide Ohren in sie verliebt, der arme Kerl. Sie hasste den Urwald, hatte Angst vor den Eingeborenen und langweilte sich zu Tode. Sie wollte ins Theater gehen k�nnen, mit Leuten schwatzen und abgelenkt sein. <emphasis>Solitude � deux</emphasis> im Urwald entsprach eben doch nicht so ganz ihrem Geschmack. Ich habe sie nie kennen gelernt, das alles wei� ich nur von dem armen Kerl, dem Underhay. Es machte ihm schwer zu schaffen, aber er benahm sich grundanst�ndig. Er schickte sie heim und willigte in die Trennung ein. Kurz danach traf ich ihn. Er war v�llig am Ende mit seinen Nerven und in der Verfassung, in der ein Mann seinem Herzen Luft machen muss. Er war ein komischer Kauz, ein altmodischer Geselle, r�misch-katholisch und prinzipiell gegen Scheidung. �Es gibt noch andere M�glichkeiten, einer Frau ihre Freiheit zur�ckzugeben�, sagte er mir damals. Machen Sie keine Dummheiten, mein Lieben, versuchte ich ihm gut zuzureden. �Keine Frau der Welt ist�s wert, dass man sich ihretwegen eine Kugel durch den Kopf jagt.�</p><p>Das w�re auch gar nicht seine Absicht, meinte er. Aber er st�nde ganz allein da, h�tte keine Verwandten, die sich seinetwegen Sorgen machen k�nnten. Wenn ein Rapport seinen Tod melde, sei Rosaleen Witwe, und das sei alles, was sie sich w�nsche. �Und was soll aus Ihnen werden?�, fragte ich ihn unverbl�mt. �Wer weiߋ, erwiderte er. �Vielleicht taucht irgendwo tausend Meilen von hier ein Mr Enoch Arden auf und beginnt ein neues Leben.� � �Das kann aber eines Tages f�r Rosaleen unangenehme Folgen haben�, wandte ich ein. �Keine Spur. Ich w�rde die Sache durchziehen. Underhay w�re ein f�r alle Mal tot�, gab er darauf zur�ck.</p><p>Ich verga� die Geschichte wieder, bis ich so ungef�hr sechs Monate darauf h�rte, Underhay sei irgendwo im Urwald am Fieber gestorben. Die Eingeborenen, die bei ihm gewesen waren � alles vertrauensw�rdige Burschen �, kamen mit einer bis in alle Einzelheiten glaubw�rdig klingenden Geschichte zur n�chsten Siedlung. Sie brachten sogar einen Wisch mit � ein paar von Underhay hingekritzelte Zeilen �, der besagte, dass es mit ihm zu Ende gehe und seine Leute f�r ihn getan h�tten, was sie nur h�tten tun k�nnen. Einen Eingeborenen, der seine rechte Hand und ihm ganz besonders ergeben gewesen war, pries er in den h�chsten T�nen. Dieser Mann hing an Underhay, und die anderen gehorchten diesem Burschen bedingungslos. Sie h�tten bestimmt beschworen, was er sie zu beschw�ren hie�. So steht die Sache� M�glich, dass Underhay irgendwo in Afrika begraben liegt, ebenso gut m�glich aber auch, dass dem nicht so ist, und wenn�s so w�re, k�nnte es passieren, dass Mrs Gordon Cloade eines Tages eine b�se �berraschung erlebt. Ehrlich gestanden, gesch�he ihr da gar nicht so unrecht. Ich hab zwar nie das Vergn�gen gehabt, die Dame pers�nlich kennen zu lernen, aber ich hab eine gute Witterung f�r diese Art Gl�cksritter.�</p><p>Major Porter sah sich abermals Anerkennung heischend um, aber er begegnete nur dem gelangweilten und etwas glasigen Blick des jungen Mr Mellow und der unver�ndert h�flichen Aufmerksamkeit Monsieur Hercule Poirots.</p><p>In diesem Augenblick raschelte eine Zeitung; aus dem Sessel beim Kamin erhob sich ein grauhaariger Herr mit betont ausdruckslosem Gesicht und verlie� den Raum.</p><p>Der Major starrte dem Verschwundenen entsetzt nach, und der junge Mellow stie� einen leisen Pfiff aus.</p><p>�Sch�ne Geschichte haben Sie sich da geleistet�, meinte er schadenfroh. �Wissen Sie, wer das war?�</p><p>�Gott im Himmel!�, stie� der Major hervor. �Nat�rlich wei� ich�s. Wir sind nicht gerade befreundet, aber wir kennen uns. Jeremy Cloade� Gordon Cloades Bruder! Sehr peinlich, wirklich sehr peinlich. Wenn ich nur eine Ahnung gehabt h�tte��</p><p>�Er ist Rechtsanwalt�, stellte der junge Mellow fest und f�gte ohne gro�e Anteilnahme hinzu: �Das tr�gt Ihnen aller Voraussicht nach eine Klage wegen Verleumdung, Kreditsch�digung und �bler Nachrede ein.�</p><p>�Sehr peinlich! Wirklich au�erordentlich peinlich!�, war alles, was der Major darauf zu erwidern wusste.</p><p>�Heute Abend wird ganz Warmsley Heath im Bilde sein�, fuhr Mr Mellow junior unger�hrt fort. �Das ist die Residenz der Cloadeschen Sippschaft. Vermutlich versammeln sie sich heute noch dort, um ein gemeinsames Vorgehen zu besprechen.�</p><p>Da in diesem Augenblick die Sirene das Ende des Alarms anzeigte, verzichtete Mr Mellow darauf, den armen Major weiter mit Andeutungen �ber etwaige Rachepl�ne der Familie Cloade zu �ngstigen, und strebte mit seinem Freund Hercule Poirot dem Ausgang zu.</p><p>�Scheu�liche Atmosph�re in diesen Clubs�, meinte er. �Und eine verr�ckte Mischung komischer K�uze trifft sich da. Dieser Porter ist der allgemeine Clubschrecken. Wenn er anf�ngt, den indischen Seiltrick zu schildern, dauert das endlos, und er kennt jeden, dessen Mutter, Gro�mutter oder Schwester sich�s jemals einfallen lie�, durch Poona zu reisen.�</p><p>Dies ereignete sich im Herbst 1944. Im Sp�tfr�hling des Jahres 1946 empfing Hercule Poirot einen Besuch.</p><p>Hercule Poirot sa� an einem heiteren Maimorgen vor seinem aufger�umten Schreibtisch, als sein Diener George sich n�herte und mit ehrerbietig leiser Stimme meldete:</p><p>�Eine Dame w�nscht Sie zu sprechen, Sir.�</p><p>�Was f�r eine Art Dame?�, erkundigte sich Poirot, den die minuzi�sen Schilderungen Georges stets am�sierten.</p><p>�Sie d�rfte zwischen vierzig und f�nfzig sein, Sir, nicht sehr elegant, mit einem sozusagen k�nstlerischen Anflug in der Erscheinung. Derbe Halbschuhe, ein Tweedkost�m, aber eine Spitzenbluse. Um den Hals eine exotische, mehrreihige Kette und �berdies einen pastellblauen Seidenschal.�</p><p>Poirot sch�ttelte sich leicht.</p><p>�Ich sp�re kein gro�es Verlangen, diese Dame zu sehen�, erkl�rte er.</p><p>�Soll ich sagen, Sie f�hlten sich nicht wohl?�, erkundigte sich George.</p><p>Poirot musterte seinen Diener nachdenklich.</p><p>�Sie haben ihr doch vermutlich bereits angedeutet, dass ich in eine �u�erst wichtige Arbeit vertieft bin und keinesfalls gest�rt werden darf, wie ich Sie kenne, George.�</p><p>George h�stelte und verzichtete auf jede direkte Antwort.</p><p>�Sie k�me extra vom Land herein, sagte sie, und es mache ihr nichts aus zu warten.�</p><p>Poirot seufzte.</p><p>�Gegen das Unvermeidliche zu k�mpfen, ist sinnlos�, beschied er. �Wenn eine Dame fortgeschrittenen Alters und geschm�ckt mit exotischen Halsketten es sich in den Kopf gesetzt hat, den ber�hmten Hercule Poirot zu sprechen, und zu diesem Zweck extra eine Reise unternommen hat, wird nichts sie hindern k�nnen, ihr Vorhaben auszuf�hren. Sie wird in der Halle sitzen und sich nicht vom Fleck r�hren. Also f�hren Sie sie lieber gleich herein.�</p><p>George zog sich zur�ck und kam gleich darauf wieder, um w�rdevoll zu verk�nden:</p><p>�Mrs Cloade.�</p><p>Mit wehendem Schal, die Ketten bunter Perlen in klirrender Bewegung, fegte eine Gestalt in abgetragenem Tweedkost�m zur T�r herein, Hercule Poirot beide H�nde entgegenstreckend.</p><p>�Monsieur Poirot, spiritistische Erleuchtung hat mir den Weg zu Ihnen gewiesen�, verk�ndete sie, ohne zu z�gern.</p><p>Poirot blinzelte leicht irritiert.</p><p>�Vielleicht nehmen Sie erst einmal Platz, meine Verehrteste, und sagen mir � � Er kam nicht weiter.</p><p>�Durch automatisches Schreiben, Monsieur Poirot, und durch Klopfzeichen. Madame Elvary (Ach, was f�r eine wundervolle Person sie ist!) und ich, wir befragten gestern den Tisch. Und immer wieder kamen die gleichen Buchstaben. H. P. H. P. H. P. Nat�rlich begriff ich nicht sofort die Bedeutung. Das geht nicht so im Handumdrehen. Leider ist uns armen Wesen in diesem Erdental der wahre Durchblick nicht gegeben. Ich zerbrach mir den Kopf, was diese Initialen bedeuten k�nnten, auf wen in meinem Bekanntenkreis sie passten. Nat�rlich musste eine bestimmte Verbindung mit unserer letzten Sitzung vorhanden sein, ach, und was f�r eine wichtige und aufregende Sitzung das war! Ich kaufte mir die <emphasis>Picture Post,</emphasis> und da haben Sie wieder ein untr�gliches Zeichen spiritistischer Eingebung, denn sonst kaufe ich immer den <emphasis>New Statesman,</emphasis> und kaum hatte ich die Zeitung aufgeschlagen, sah ich Ihr Bild! Ihr Bild und eine genaue Beschreibung Ihrer au�erordentlichen Erfolge. Ist es nicht wunderbar, wie alles, alles in diesem Leben einen bestimmten Zweck verfolgt? Sind Sie nicht auch dieser Meinung? Ganz offensichtlich haben die Geister Sie dazu auserkoren, Licht in diese Angelegenheit zu bringen.�</p><p>Poirot beobachtete seinen seltsamen Besuch nachdenklich. Was sonderbarerweise seine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, waren die schlauen �uglein der Frau. Sie verliehen dem wirren Gerede einen beklemmenden Nachdruck.</p><p>�Darf ich fragen, Mrs Cloade � �, hub Poirot an und hielt dann stirnrunzelnd inne. �Mir ist, als h�tte ich den Namen schon einmal geh�rt.�</p><p>Sie nickte lebhaft.</p><p>�Nat�rlich. Mein armer Schwager � Gordon. Wahnsinnig reich und sehr oft in den Zeitungen erw�hnt. Er starb infolge eines Luftangriffs vor gut anderthalb Jahren. Es war ein schrecklicher Schlag f�r uns alle. Mein Mann ist ein j�ngerer Bruder von Gordon. Er ist Arzt, Dr. Lionel Cloade�� Sie fuhr mit verhaltener Stimme fort. �Er hat nat�rlich keine Ahnung davon, dass ich Sie aufsuche. Er w�re sehr dagegen. �rzte neigen im Allgemeinen zu einer mehr materialistischen Einstellung. Spiritismus scheint ihnen v�llig wesensfremd zu sein. Sie vertrauen ihr Schicksal der Wissenschaft an. Aber was � frage ich � kann die Wissenschaft schon? Was ist die Wissenschaft �berhaupt?�</p><p>Auf diese Frage schien es f�r Hercule Poirot keine andere Antwort zu geben, als Mrs Cloade einen ausf�hrlichen Vortrag zu halten �ber das Leben und Wirken so gro�er Pers�nlichkeiten wie Pasteur, Lister, Koch, Edison und �ber die wohltuende Annehmlichkeit des elektrischen Lichts wie hundert anderer nicht minder Epoche machender Erfindungen. Doch das war selbstverst�ndlich nicht die Antwort, die Mrs Lionel Cloade zu h�ren w�nschte. Genau betrachtet erheischte ihre Frage, wie so viele Fragen, �berhaupt keine Antwort. Sie war rein rhetorisch.</p><p>Hercule Poirot begn�gte sich daher mit der n�chternen Erkundigung:</p><p>�Und in welcher Angelegenheit suchen Sie meine Hilfe, Mrs Cloade?�</p><p>�Glauben Sie an das Vorhandensein einer Geisterwelt, Monsieur Poirot?�</p><p>�Ich bin ein guter Katholik�, erwiderte Poirot ausweichend.</p><p>Mrs Cloade tat den katholischen Glauben mit einem nachsichtigen L�cheln ab.</p><p>�Blind!�, stellte sie fest. �Die Kirche ist blind, in Vorurteilen befangen und nicht imstande, die Sch�nheit jener Welt, die jenseits unseres Erdendaseins unser harrt, zu erkennen.�</p><p>�Um zw�lf Uhr habe ich eine wichtige Besprechung�, bemerkte Hercule Poirot.</p><p>Mrs Cloade lehnte sich vor; sie hatte den Hinweis verstanden.</p><p>�Ich will zur Sache kommen. W�re es Ihnen m�glich, eine verschollene Person aufzusp�ren, Monsieur Poirot?�</p><p>Poirots Brauen schoben sich in die H�he.</p><p>�Vielleicht�, erwiderte er vorsichtig. �Nur kann die Polizei in solchen F�llen von weit gr��erer Hilfe sein als ich. Ihr steht der n�tige Apparat zur Verf�gung.�</p><p>Mrs Cloade tat die Polizei mit dem gleichen nachsichtigen L�cheln ab, das sie f�r die katholische Kirche �brig gehabt hatte.</p><p>�Nein, Monsieur Poirot. Die Stimmen aus der Geisterwelt haben mich zu Ihnen gef�hrt, nicht zur Polizei. H�ren Sie gut zu. Ein paar Wochen vor seinem Tod hat mein Schwager geheiratet. Eine junge Witwe, eine gewisse Mrs Underhay. Der erste Mann dieser Mrs Underhay soll in Afrika gestorben sein. Schrecklich f�r die junge Frau, finden Sie nicht? Sie erhielt aus Afrika einen Bericht �ber den Tod ihres Mannes. Ein geheimnisvolles Land � Afrika.�</p><p>�Ein geheimnisvoller Erdteil�, berichtigte Poirot sachlich. �Welcher Teil Afrikas war � �</p><p>�Zentralafrika�, fiel Mrs Cloade eifrig ein. �Wo die Voodoos und die Zombies � �</p><p>�Die Zombies sind in Westindien beheimatet�, wandte Poirot ein, doch nahm Mrs Cloade hiervon keine Notiz.</p><p>�� die schwarze Magie, seltsame Sitten und Gebr�uche daheim sind�, fuhr sie mit dramatisch erhobener Stimme fort. �Ein von Geheimnissen umwobenes Land, in dem ein Mann untertauchen k�nnte, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.�</p><p>�M�glich, m�glich�, gab Poirot zu. �Aber das Gleiche trifft auch auf Piccadilly Circus zu.�</p><p>Mrs Cloade tat Piccadilly als nicht zur Sache geh�rig ab.</p><p>�Zweimal haben wir in j�ngster Zeit die Botschaft eines Geistes erhalten, der sich selbst Robert nennt. Nicht tot� Die Botschaft st�rzte uns zun�chst in schreckliche Verwirrung. Wir konnten uns an keinen Robert erinnern. Wir baten um einen helfenden Hinweis, und da wurden uns die Buchstaben R. U. �bermittelt. <emphasis>Erz�hle R.</emphasis> hie� es weiter. Wir sollen Robert berichten?, erkundigten wir uns. Nein, hie� es, ihr sollt von <emphasis>Robert berichten.</emphasis> Wir standen noch immer vor einem R�tsel. Was soll denn das U bedeuten? forschten wir. Und da vernahmen wir den Takt einer Melodie. Ta-ta-ta tatata, ta-ta-ta tatata. Verstehen Sie?�</p><p>�Nein, ich verstehe kein Wort.�</p><p>Mrs Cloade betrachtete ihn mitleidig.</p><p>�Kennen Sie nicht das Kinderlied: Unter einem Heustock, unter einem Heustock� schl�ft ein kleiner Bub. <emphasis>Unter</emphasis> dem <emphasis>Heu</emphasis>stock� begreifen Sie nun? <emphasis>Unter</emphasis> dem <emphasis>Heu,</emphasis> das bedeutet doch ganz offensichtlich Underhay.�</p><p>Poirot fand dies nicht ganz so offensichtlich, doch verzichtete er darauf, sich zu erkundigen, wieso der Name Underhay nicht buchstabiert werden konnte, wenn sich das Kunstst�ck mit dem Namen Robert hatte vollf�hren lassen, und warum der Geist pl�tzlich zu einer Art primitivem Geheimdienst-Jargon seine Zuflucht nehmen musste.</p><p>�Und der Name meiner Schw�gerin ist Rosaleen�, beendete Mrs Cloade triumphierend ihre Erz�hlung. �Diese vielen Rs sind nat�rlich ein wenig verwirrend, aber die Bedeutung liegt auf der Hand: <emphasis>Berichte Rosaleen, dass Robert Underhay nicht tot ist.�</emphasis></p><p>�Und haben Sie es ihr berichtet?�</p><p>Die unverbl�mte Frage brachte Mrs Cloade etwas aus der Fassung, aber sie hatte sich gleich wieder im Griff.</p><p>�Tja, sehen Sie� das ist so� die Menschen neigen im Allgemeinen dazu, alles Unerwartete skeptisch zu betrachten. Ich war �berzeugt, Rosaleen w�rde sehr skeptisch sein. Und au�erdem w�rde es doch eine furchtbare Aufregung f�r sie bedeuten. Die Arme! Sie w�rde beunruhigt sein und wissen wollen, wo ihr fr�herer Mann steckt und was er treibt.�</p><p>�Was er treibt, abgesehen davon, seine Stimme durch den �ther zu senden, meinen Sie? Eine ungew�hnliche Methode, �ber den Stand des eigenen Befindens zu berichten, das muss man allerdings sagen.�</p><p>�Ach, Monsieur Poirot, Sie leben nicht in Verbindung mit der Geisterwelt. Und woher sollen wir wissen, welche Umst�nde ihn zu diesem Vorgehen veranlassten? Der arme Captain Underhay � oder ist er Major? � schmachtet vielleicht irgendwo im finsteren Afrika in gr�sslicher Gefangenschaft! Doch wenn man ihn aufsp�ren k�nnte? Wenn es gel�nge, ihn in die Arme seiner geliebten Rosaleen zur�ckzuf�hren! Stellen Sie sich das Gl�ck der jungen Frau vor, Monsieur Poirot! Oh, Monsieur Poirot, eine h�here Macht hat mich zu Ihnen gef�hrt. Sie werden doch einen Auftrag aus der Geisterwelt nicht zur�ckweisen?�</p><p>Poirot betrachtete die exaltierte Dame k�hl.</p><p>�Mein Honorar ist sehr hoch�, erkl�rte er h�flich. �Man kann sogar sagen: au�erordentlich hoch. Und die mir zugedachte Aufgabe scheint mir sehr schwierig.�</p><p>�Ach, du meine G�te� das ist wirklich unangenehm� wir befinden uns leider in etwas beschr�nkten Verh�ltnissen, schlechten Verh�ltnissen kann man ruhig sagen, schlechteren sogar, als mein Mann �berhaupt ahnt. Ich habe n�mlich Aktien erworben � einer spiritistischen Eingebung folgend �, und bis jetzt hat sich diese Eingebung als sehr wenig nutzbringend erwiesen, eher besorgniserregend, um die Dinge beim richtigen Namen zu nennen. Kaum hatte ich die Aktien gekauft, fielen sie, und im Augenblick stehen sie so niedrig, dass sie praktisch unverk�uflich sind.�</p><p>Sie blickte Poirot mit einem bangen Ausdruck an, als erwarte sie einen tr�stlichen Rat von ihm.</p><p>�Ich habe bisher noch nicht den Mut gehabt, meinem Mann mein Pech einzugestehen. Ich habe es Ihnen nur erz�hlt, um Ihnen die Situation zu erkl�ren, in der ich mich befinde. Aber denken Sie doch, mein lieber Monsieur Poirot, welch edelm�tige Tat es w�re, ein junges Paar wieder zusammenzubringen.�</p><p>�Edelmut, <emphasis>ch�re madame,</emphasis> wird leider weder bei der Eisenbahn noch bei Fluggesellschaften oder Schifffahrtslinien in Zahlung genommen, und genauso wenig kann man damit Telegrammspesen decken.�</p><p>�Aber sobald er gefunden wird � ich meine, sobald Captain Underhay lebend gefunden wird �, steht es wirklich ganz au�er Frage, dass Ihnen alle Auslagen ersetzt werden und Sie ein gutes Honorar bekommen.�</p><p>�Ah, er ist also reich, dieser Captain Underhay?�</p><p>�Nein, das nicht�, beeilte sich Mrs Cloade zu erwidern. �Aber ich gebe Ihnen mein Wort, dass es dann nicht die geringsten Schwierigkeiten bereiten wird, allen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.�</p><p>Poirot sch�ttelte bed�chtig den Kopf.</p><p>�Ich bedaure unendlich, Madame, aber meine Antwort lautet: nein.�</p><p>Es war nicht ganz einfach, die spiritistisch erleuchtete Dame dazu zu bringen, sich mit diesem abschl�gigen Bescheid zu begn�gen.</p><p>Als sie endlich gegangen war, blieb Poirot einen Moment lang sinnend stehen. Er erinnerte sich an das Gerede Major Porters im Club an jenem Tag, als man durch den Fliegeralarm dort festgehalten worden war. Die Geschichte des Majors, der niemand Aufmerksamkeit schenkte, hatte sich um einen Mann namens Cloade gedreht. Poirot erinnerte sich auch an das Zeitungsrascheln, das Aufstehen eines Herrn und die damit verbundene Best�rzung des Majors.</p><p>Doch mehr noch als diese Erinnerung besch�ftigte ihn die sonderbare Dame, die ihn soeben verlassen hatte und �ber die er sich absolut nicht schl�ssig werden konnte. Die spiritistische Ader, das teils forsche, teils vage Geplapper, der wehende Schal und die klirrenden Ketten und Armb�nder voller Amulette, dazu das pl�tzliche schlaue Glitzern in den blassblauen Augen � das alles schien so gar nicht zusammenzupassen.</p><p>�Warum ist sie nur zu mir gekommen?�, fragte er sich. �Und was hat sich wohl in� � er warf einen Blick auf die Visitenkarte auf dem Tisch �, �in Warmsley Vale zugetragen?�</p><p>Genau f�nf Tage nach dem seltsamen Besuch fiel Hercule Poirot eine Zeitungsnotiz ins Auge, die besagte, dass in Warmsley Vale, einem bescheidenen Dorf unweit der bekannten Warmsley-Heath-Golfanlage, ein Mann namens Enoch Arden tot aufgefunden worden war.</p><p>Und zum zweiten Mal fragte Poirot sich:</p><p>�Was hat sich wohl in Warmsley Vale zugetragen?�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Warmsley Heath besteht aus einem Golfplatz, zwei Hotels, einigen �beraus eleganten Villen, alle mit Blick auf den Golfplatz gebaut, sowie einer Reihe ehemaliger � das hei�t: vor dem Kriege � L�den f�r Luxusartikel und einem Bahnhof.</p><p>Von diesem Bahnhof aus f�hrt eine Landstra�e nach London; nach der entgegengesetzten Seite zweigt ein kleiner Weg ab, der durch ein Schild als �Fu�weg nach Warmsley Vale�, gekennzeichnet ist.</p><p>Das inmitten waldiger H�gel versteckte Warmsley Vale ist grundverschieden von Warmsley Heath. Es ist ein nie wichtig gewesener Marktflecken, der im Laufe der Zeit zu v�lliger Bedeutungslosigkeit herabsank. Es gibt dort eine so genannte Hauptstra�e mit alten H�usern, selbstverst�ndlich einige Gasth�user und vereinzelte, denkbar einfache L�den, vor allem aber eine Atmosph�re der Weltabgeschiedenheit, als l�ge der Ort hundertf�nfzig und nicht achtundzwanzig Meilen von London entfernt.</p><p>S�mtliche Einwohner von Warmsley Vale sind sich einig in ihrer Verachtung f�r das pilzgleiche Aufschie�en Warmsley Heaths.</p><p>Am Rand des Ortes stehen einige h�bsche H�uschen mit vertr�umten alten G�rten, und in eines dieser H�uschen kehrte Lynn Marchmont zur�ck, als sie im Fr�hjahr 1946 aus dem Frauenhilfsdienst entlassen wurde.</p><p>Am dritten Morgen nach ihrer Heimkehr stand sie am Fenster ihres Schlafzimmers und atmete in vollen Z�gen die frische, nach Erde und feuchten Wiesen riechende Luft ein. Zweieinhalb Jahre hatte sie diesen Geruch vermisst.</p><p>Herrlich war es, wieder daheim zu sein, herrlich, wieder in dem geliebten eigenen Zimmer zu stehen, nach dem sie sich so oft gesehnt hatte in diesen vergangenen Jahren, die sie jenseits des Ozeans verbracht hatte, und herrlich, statt in die Uniform wieder in Rock und Bluse schl�pfen zu k�nnen, selbst wenn die Motten sich w�hrend der Kriegsjahre �ber Geb�hr daran g�tlich getan hatten.</p><p>Es tat gut, wieder ein freies Wesen zu sein, obwohl Lynn gern Dienst getan hatte. Die Arbeit war interessant gewesen, auch an Abwechslung und Vergn�gen hatte es nicht gefehlt, aber das Gef�hl, st�ndig mit anderen Menschen zusammengepfercht zu, sein, hatte doch von Zeit zu Zeit das verzweifelte Verlangen in ihr geweckt, auszurei�en, um endlich einmal allein sein zu k�nnen.</p><p>Und wenn diese Sehnsucht sie packte, stand pl�tzlich Warmsley Vale mit dem anspruchslosen Haus vor ihrem inneren Auge und nat�rlich auch die liebe gute Mama.</p><p>Lynns Verh�ltnis zu ihrer Mutter war eigenartig. Sie liebte sie und f�hlte sich gleichzeitig verwirrt und manchmal peinlich ber�hrt durch Mrs Marchmonts Art. Aber fern von daheim hatte sich dieser Eindruck verwischt oder nur dazu beigetragen, die Sehnsucht nach zu Hause zu verst�rken. Ach, was h�tte sie darum gegeben, h�tte sie dort drau�en im Fernen Osten nur einmal Mamas liebe, stets etwas klagend klingende Stimme eine ihrer ewig wiederholten Redensarten sagen h�ren!</p><p>Und nun war sie daheim, schon drei Tage. Es gab keinen Dienst mehr, sie konnte sich als freier Mensch f�hlen, und doch begann bereits eine seltsame Ungeduld Besitz von ihr zu ergreifen. Es war genau wie fr�her � viel zu genau wie fr�her �, das Haus und die Mama und Rowley und die Farm und die Familie. Was sich ge�ndert hatte und eben nie h�tte �ndern d�rfen, das war sie selbst.</p><p>�Lynn�� Mrs Marchmonts d�nnes Stimmchen drang von unten herauf. �Soll ich meinem T�chterchen das Fr�hst�ck vielleicht ans Bett bringen?�</p><p>�Aber nein, ich komme selbstverst�ndlich runter!�, rief Lynn mit m�hsam unterdr�ckter Ungeduld zur�ck.</p><p>Warum sie nur immer von mir als ihrem T�chterchen redet, dachte sie �rgerlich. Es klingt so albern.</p><p>Sie ging hinunter und betrat das Speisezimmer.</p><p>Es gab kein besonders gutes Fr�hst�ck. Aber das erbitterte Lynn weniger als die Feststellung, wie viel Kraft und Zeit in ihrem Elternhaus auf die Nahrungsbeschaffung verschwendet wurde. Abgesehen von einer wenig zuverl�ssigen Frau, die viermal w�chentlich einen halben Tag helfen kam, qu�lte sich Mrs Marchmont allein mit dem Haushalt ab. Sie war beinahe vierzig Jahre alt gewesen, als Lynn geboren wurde, und um ihre Gesundheit war es nicht allzu gut bestellt. Es kam Lynn mit zunehmendem Unbehagen zu Bewusstsein, wie sehr sich auch die finanzielle Lage daheim ge�ndert hatte. Das nie besonders hohe, aber absolut ausreichende Einkommen, das ihnen vor dem Krieg gestattet hatte, ein angenehm sorgloses Leben zu f�hren, wurde durch die Steuern beinahe um die H�lfte geschm�lert. Die Ausgaben aber waren alle gestiegen.</p><p>Sch�n sieht es aus in der Welt, dachte Lynn grimmig. Sie �berflog die Stellengesuche in der Zeitung. �Demobilisierter Soldat sucht Posten, der Initiative und Fahrausweis verlangt.� � �Ehemalige Frauenhilfsdienstlerin sucht Anstellung, wo ihr ausgepr�gtes Organisationstalent und die F�higkeit, Aufsicht zu f�hren, von Nutzen sein k�nnten.�</p><p>Unternehmungslust, Organisationstalent, Initiative � das wurde angeboten. Doch was wurde verlangt? Frauen, die kochen und putzen konnten oder ge�bte Stenotypistinnen waren.</p><p>Nun, sie brauchte sich in dieser Beziehung keine grauen Haare wachsen zu lassen. Ihr Weg lag klar vor ihr. Sie w�rde ihren Vetter Rowley Cloade heiraten. Vor sieben Jahren, kurz vor Ausbruch des Krieges, hatten sie sich verlobt. Solange sie zur�ckdenken konnte, war es selbstverst�ndlich gewesen, dass sie eines Tages Rowley heiraten w�rde. Seine Liebe zum Landleben und der Arbeit auf einer Farm hatte sie stets geteilt. Ein gutes Leben lag vor ihnen, kein sehr abenteuerliches oder aufregendes Leben, sondern Tage erf�llt von harter Arbeit, aber sie liebten beide die Natur und den Duft der W�lder und Wiesen sowie die Pflege der Tiere.</p><p>Ihre Aussichten waren allerdings nicht mehr so rosig wie fr�her einmal. Onkel Gordon hatte stets versprochen gehabt Mrs Marchmont unterbrach Lynns Gedankengang.</p><p>�Es war ein schrecklicher Schlag f�r uns, Lynn, wie ich dir ja schon geschrieben habe. Gordon war gerade zwei Tage in England. Wir hatten ihn noch nicht einmal gesehen. Wenn er nur nicht in London geblieben, sondern geradewegs hierher gekommen w�re!�</p><p>�Ja, wenn��</p><p>Als Lynn fern von daheim die Nachricht vom Tod ihres Onkels erreichte, hatte sie Kummer und Entsetzen bei ihr ausgel�st. Welche Folgen f�r sie alle jedoch mit dem Ableben Gordon Cloades verbunden waren, begann ihr erst jetzt klar zu werden.</p><p>Solange sie sich erinnern konnte, hatte Gordon Cloade in ihrem Leben � und auch im Leben der anderen Familienmitglieder � eine hervorragende Rolle gespielt. Der wohlhabende, reiche Mann hatte sich stets seiner gesamten Verwandtschaft angenommen und bestimmend in ihr Schicksal eingegriffen.</p><p>Selbst Rowley bildete da keine Ausnahme. Er hatte mit seinem Freund Johnnie Vavasour zusammen eine Farm �bernommen, und Gordon, der selbstverst�ndlich um Rat gefragt worden war, hatte der �bernahme zugestimmt.</p><p>Lynn gegen�ber hatte er sich deutlicher ge�u�ert.</p><p>�Um eine Farm rentabel zu bewirtschaften, braucht man Kapital, aber ich m�chte erst einmal sehen, ob die beiden jungen M�nner wirklich das Zeug dazu haben, t�chtige Farmer zu werden. W�rde ich ihnen jetzt Geld zuschie�en, w�re es ein Leichtes f�r sie, aber ich k�nnte nie beurteilen, wie weit ihre eigene Leistungsf�higkeit und ihr Durchhalteverm�gen gehen. Lasse ich sie jetzt aber ihre Probleme allein durchk�mpfen, und ich sehe nach einer gewissen Zeit, dass es ihnen ernst ist und dass sie gewillt sind, ihre ganze Kraft einzusetzen, dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Lynn, dann werde ich ihnen mit dem n�tigen Kapital unter die Arme greifen. Hab keine Angst vor der Zukunft, M�dchen. Du bist die richtige Frau f�r Rowley, das wei� ich. Aber behalte das, was ich dir eben gesagt habe, f�r dich.�</p><p>Sie hatte Wort gehalten und keine Silbe von dem Gespr�ch verlauten lassen, doch Rowley hatte ohnehin das wohl wollende Interesse gesp�rt, das der Onkel seinem Unternehmen entgegenbrachte. Es war an ihm, dem alten Herrn zu beweisen, dass Johnnie Vavasour und er selbst es wert waren, in ihrem Bestreben unterst�tzt zu werden.</p><p>Und so waren sie alle mehr oder weniger von Gordon Cloade abh�ngig gewesen. Nicht, dass sie sich etwa darauf verlassen und die H�nde in den Scho� gelegt h�tten. Jeremy Cloade war Seniorpartner in einem Anwaltsb�ro, Lionel Cloade praktizierte als Arzt.</p><p>Aber das beruhigende Gef�hl, dass es Gordon Cloade und sein Geld gab, verlieh doch Sicherheit. Es bestand kein Grund, besonders zu geizen oder zu sparen. Die Zukunft war gesichert; Gordon Cloade, der kinderlose Witwer, w�rde sich im Notfall ihrer aller annehmen. Mehr als einmal hatte er ihnen das versichert.</p><p>Gordons verwitwete Schwester, Adela Marchmont, blieb in dem ger�umigen wei�en Haus wohnen, als es ratsamer gewesen w�re, ein kleineres, nicht so viel Arbeit verursachendes Haus zu beziehen. Lynn besuchte die besten Schulen, und w�re der Krieg nicht dazwischengekommen, h�tte es ihr freigestanden, sich, unbek�mmert um die Ausbildungskosten, einen ihr zusagenden Beruf zu w�hlen. Onkel Gordons Schecks trafen mit angenehmer Regelm��igkeit ein und gestatteten mancherlei Luxus.</p><p>Alles lief in wunderbar ruhigem, sicherem Fahrwasser, bis pl�tzlich, aus heiterem Himmel, die Nachricht von Gordon Cloades Heirat kam.</p><p>�Wir waren alle wie vor den Kopf gesto�en�, gestand Adela. �Dass Gordon noch mal heiraten k�nnte, war das Letzte, das einer von uns vermutet h�tte. �ber Mangel an Familie konnte er sich doch wei� Gott nicht beklagen.�</p><p>O nein, dachte Lynn, Mangel an Familie sicher nicht, vielleicht aber zu viel.</p><p>�Er war immer so reizend�, fuhr Mrs Marchmont fort. �Obwohl er sich manchmal ein klein wenig tyrannisch geb�rdete. Dass wir keine Tischt�cher benutzen, konnte er, zum Beispiel, gar nicht leiden. Er bestand darauf, dass ich mich an die altmodische Sitte vorschriftsm��ig gedeckter Tische hielt. Aus Italien brachte er mir die herrlichsten venezianischen Spitzendecken mit.�</p><p>�Es zahlte sich jedenfalls aus, ihm nachzugeben�, entgegnete Lynn trocken. �Wie hat er eigentlich seine zweite Frau kennen gelernt? Dar�ber hast du mir nie etwas geschrieben.�</p><p>�Ach, an Bord irgendeines Schiffs oder Flugzeugs auf einer seiner Reisen von S�damerika nach New York, glaube ich. Unvorstellbar, nach all den Jahren und nach den unz�hligen Sekret�rinnen und Stenotypistinnen und Haush�lterinnen, die er hatte.�</p><p>Lynn musste unwillk�rlich l�cheln. Die Sekret�rinnen und Hausangestellten Onkel Gordons waren von Seiten der Verwandtschaft von jeher mit �u�erstem Argwohn betrachtet worden.</p><p>�Sie wird sehr h�bsch sein, nehme ich an�, sagte sie.</p><p>�Ehrlich gestanden, meine Liebe, finde ich ihr Gesicht eher ausdruckslos. Ein bisschen d�mmlich.�</p><p>�Du bist eben kein Mann, Mama.�</p><p>�Man muss nat�rlich in Erw�gung ziehen, dass das arme Ding einen Bombenangriff hinter sich hat und wirklich schrecklich krank war infolge der furchtbaren Erlebnisse. Meiner Meinung nach hat sie sich von ihrer Krankheit nie richtig erholt. Ein Nervenb�ndel ist sie, und zeitweise wirkt sie direkt wie geistig zur�ckgeblieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Gordon eine seinen geistigen Interessen gewachsene Person gewesen ist.�</p><p>Lynn bezweifelte, dass sich ihr Onkel eine um so viel j�ngere Frau genommen hatte, um eine seinen geistigen Anspr�chen gewachsene Partnerin neben sich zu wissen.</p><p>�Und dann kommt hinzu � aber es ist mir schrecklich peinlich, das aussprechen zu m�ssen �, dass sie keine Dame ist.�</p><p>�Wie altmodisch, Mama! Was hat das heute noch zu sagen?�</p><p>�Auf dem Lande ist man noch altmodisch, Lynn. Und ich meine damit, dass sie eben einfach nicht in unsere Kreise passt.�</p><p>�Die Arme!�</p><p>�Ich verstehe nicht, was du damit ausdr�cken willst�, erwiderte Mrs Marchmont gekr�nkt. �Wir haben uns alle sehr zusammengenommen und bem�ht, h�flich und freundlich zu ihr zu sein. Schon Gordon zuliebe.�</p><p>�Sie wohnt in Furrowbank?�, erkundigte sich Lynn.</p><p>�Nat�rlich. Wo sollte sie sonst wohnen? Die �rzte sagten, als sie aus der Klinik entlassen wurde, sie m�sste von London weg. Also lag es doch nahe, nach Furrowbank zu ziehen. Sie lebt dort mit ihrem Bruder.�</p><p>�Was ist das f�r ein Mensch?�</p><p>�Ein schrecklicher junger Mann�, erwiderte Mrs Marchmont und f�gte nach einer kleinen Pause hinzu: �Ein v�llig ungehobelter Geselle.�</p><p>In Lynn flackerte Sympathie f�r die junge Frau und ihren unerw�nschten Bruder auf. Ich w�re an seiner Stelle sicher auch ungehobelt, ging es ihr durch den Kopf.</p><p>�Wie hei�t er denn?�</p><p>�Hunter. David Hunter�, gab die Mutter Auskunft. �Es scheinen Iren zu sein. Nat�rlich keine Familie, von der man jemals geh�rt hat. Sie war verwitwet und hie� Mrs Underhay. Es liegt mir nichts ferner, als hartherzig zu sein, aber man muss sich doch fragen, was f�r eine sonderbare Witwe das ist, die mitten im Krieg von S�damerika dahergereist kommt. Unwillk�rlich folgert man daraus, dass sie herumreiste, um sich einen reichen Gatten einzufangen.�</p><p>�Was ihr � wenn du Recht haben solltest � ja auch gelungen ist�, bemerkte Lynn.</p><p>Mrs Marchmont seufzte.</p><p>�Dabei war Gordon stets so auf der Hut. Nicht, als ob die Frauen nicht stets hinter ihm her gewesen w�ren. Erinnerst du dich noch an diese letzte Sekret�rin? Mein Gott, wie hat sich das M�dchen an ihn geh�ngt. Sie war sehr t�chtig, aber er musste sie sich vom Hals schaffen.�</p><p>�Vermutlich gibt es fr�her oder sp�ter immer ein Waterloo.�</p><p>�Zweiundsechzig ist eben ein gef�hrliches Alter�, fuhr Mrs Marchmont fort. �Und in Kriegszeiten, scheint mir, ist alles besonders schwierig vorauszusehen. Ich kann dir nicht schildern, welche Aufregung sein Brief aus New York bei uns ausl�ste.�</p><p>�Was hat er denn eigentlich geschrieben?�</p><p>�Der Brief war an Frances adressiert. Ich denke, weil Gordon f�r Frances� Erziehung gesorgt hatte, hielt er sie f�r am ehesten verst�ndnisbereit. Er schrieb, wir w�rden sicher alle sehr �berrascht sein, dass er sich so pl�tzlich wieder verheiratet habe, aber er sei sicher, dass wir sehr bald Rosaleen � was f�r ein verr�ckter Name, findest du nicht? So theatralisch! �, also dass wir sie bald lieb gewinnen w�rden. Sie h�tte ein schweres Leben gehabt und trotz ihrer Jugend schon viel Bitteres erleben m�ssen, und es sei bewunderungsw�rdig, wie sie sich allen Schicksalsschl�gen zum Trotz bisher im Leben behauptet habe. Und Gordon fuhr fort, wir sollten ja nicht annehmen, dass dies in seinen Beziehungen zur Familie die geringste Lockerung bedeute. Nach wie vor f�hle er sich f�r unser aller Wohlergehen verantwortlich.�</p><p>�Aber er verfasste nach seiner Heirat kein Testament?�, fragte Lynn.</p><p>�Nein.� Mrs Marchmont sch�ttelte den Kopf. �Das letzte Testament, von dem wir wissen, stammt aus dem Jahr 1940. Die Einzelheiten sind mir unbekannt, aber er sagte uns damals, wir sollten uns keine Gedanken machen, es w�re f�r uns alle gesorgt, falls ihm etwas zustie�e. Durch seine Heirat ist dieses Testament nat�rlich gegenstandslos geworden. Ich bin �berzeugt davon, dass es seine Absicht war, ein neues aufzusetzen nach seiner Heimkehr. Aber es kam nicht mehr dazu. Er starb am Tag nach seiner Ankunft.�</p><p>�Und jetzt f�llt alles Rosaleen in den Scho�?�</p><p>�Ja, weil das alte Testament durch die Heirat ung�ltig geworden ist.�</p><p>Lynn versank in Schweigen. Sie war kein besonders materiell eingestellter Mensch, dass ihr aber diese unerwartete Ver�nderung der Situation zu denken gab, war schlie�lich nur menschlich.</p><p>Die Entwicklung der Dinge entsprach sicher nicht Gordon Cloades Pl�nen. Den L�wenanteil seines Verm�gens h�tte er vermutlich seiner jungen Frau vermacht, aber seine Familie w�re nicht leer ausgegangen, besonders nachdem er immer und immer wieder versichert hatte, dass f�r alle gesorgt sei. Es bestehe kein Anlass f�r sie zu sparen, hatte er stets wiederholt, und sie selbst war Zeuge gewesen, wie er zu Jeremy sagte: �Wenn ich sterbe, wirst du reich sein.� Und Lynns Mutter hatte er geraten: �Bleib in eurem Haus. Es ist dein Heim. Wegen Lynn mach dir keine Gedanken. Ich �bernehme die Verantwortung f�r sie, das wei�t du. Es w�re mir schrecklich, w�rdest du aus Sparsamkeitsgr�nden umziehen. Schick die Rechnungen f�r alle Reparaturen mir.� Rowley hatte er zum Kauf der Farm ermutigt; Antony, Jeremys Sohn, war nur auf Gordons Dr�ngen hin seinem heimlichen Wunsch gefolgt, die milit�rische Laufbahn einzuschlagen. Der wohlhabende Onkel hatte ihm allmonatlich ein reichliches Taschengeld zukommen lassen. Und Lionel Cloade war durch seinen Bruder veranlasst worden, einen Gro�teil seiner Zeit wissenschaftlichen Forschungen, die kaum etwas einbrachten, zu widmen und seine Praxis dementsprechend zu vernachl�ssigen.</p><p>Lynns Gedankengang wurde wieder durch ihre Mutter unterbrochen. Mit zitternden Lippen wies Mrs Marchmont auf ein B�ndel Rechnungen.</p><p>�Schau dir das an�, klagte sie. �Was soll ich nur machen? Wie um Himmels willen soll ich diese Rechnungen jemals bezahlen? Von der Bank habe ich heute Morgen einen Brief bekommen, mein Konto sei �berzogen. Ich verstehe das gar nicht. Ich bin doch so sparsam. Wahrscheinlich bringen meine Anlagen kaum mehr etwas. Und dann sind da nat�rlich diese schrecklichen Steuern und au�erordentlichen Abgaben � Kriegssch�densteuer und so weiter. Man muss zahlen, ob man will oder nicht.�</p><p>Lynn �berflog die Rechnungen. Es befand sich wirklich keine unn�tige Ausgabe darunter. Dachziegel, Installation des l�ngst ben�tigten neuen K�chenboilers, eine Reparatur der Wasserleitung � alles zusammen ergab einen betr�chtlichen Betrag.</p><p>�Wir m�ssten nat�rlich hier ausziehen�, erkl�rte Mrs Marchmont mit wehleidiger Stimme. �Aber wo sollen wir hin? Es gibt einfach kein kleines Haus, das in Frage k�me. Ach, es ist mir wirklich schrecklich, dass ich dich mit diesen Dingen behelligen muss, Lynn, wo du kaum heimgekommen bist, aber ich wei� mir keinen Rat. Ich wei� mir beim besten Willen keinen Rat.�</p><p>Lynn musterte ihre Mutter. Mrs Marchmont war nun �ber sechzig und ihr Leben lang nicht besonders widerstandsf�hig gewesen. W�hrend des Krieges hatte sie Evakuierte aus London bei sich aufgenommen, hatte f�r sie gekocht und sich um sie gek�mmert, �berdies bei der Schulf�rsorge mit angepackt, Marmelade f�r die Wohlfahrtsempf�nger gekocht und. an die vierzehn Stunden am Tag gearbeitet, sehr im Gegensatz zu ihrem sorglosen, bequemen Leben vor dem Krieg. Lynn sah ihr an, dass sie nun am Ende ihrer Kraft und einem v�lligen Zusammenbruch nahe war.</p><p>Der Anblick der �berarbeiteten, m�den Frau lie� ein Gef�hl der Erbitterung in ihr aufsteigen. Sie sagte langsam:</p><p>�K�nnte diese Rosaleen uns denn nicht helfen?�</p><p>�Wir haben kein Recht, etwas zu beanspruchen�, erwiderte Mrs Marchmont err�tend.</p><p>�Doch�, entgegnete Lynn hart. �Ein moralisches Recht. Onkel Gordon hat uns immer geholfen.�</p><p>�Von jemandem Hilfe zu erbitten, den man nicht besonders mag, ist nicht sehr anst�ndig�, entgegnete Mrs Marchmont. �Und dieser Bruder � Rosaleens Bruder, meine ich � w�rde ihr niemals gestatten, auch nur einen Penny zu verschenken.�</p><p>Und dann siegte echt weiblicher Argwohn �ber alles andere, und sie f�gte anz�glich hinzu:</p><p>�Wenn er �berhaupt ihr Bruder ist.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>3</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Frances Cloade musterte �ber den Tisch hinweg nachdenklich ihren Gatten.</p><p>Sie war achtundvierzig Jahre alt und eine jener Frauen, die am besten in sportlicher Kleidung aussehen. Ihr Gesicht war noch immer sch�n, wenn auch von einer arroganten und ein wenig verwelkter Sch�nheit, wozu noch beitrug, dass sie auf jedes Make-up verzichtete und nur einen � nachl�ssig aufgetragenen � Lippenstift benutzte. Jeremy Cloade war bereits dreiundsechzig, ein grauhaariger Mann mit einem stumpfen, ausdruckslosen Gesicht.</p><p>Heute sah er noch unbeteiligter drein als sonst. Seine Frau stellte dies mit einem verstohlenen Blick fest.</p><p>Ein f�nfzehnj�hriges M�dchen bediente bei Tisch. Es hantierte ungeschickt mit Sch�sseln und Tellern, die Augen stets �ngstlich auf Mrs Cloade gerichtet. Runzelte ihre Herrin die Stirn, lie� Edna beinahe die Sch�ssel fallen, nickte Frances ihr jedoch anerkennend zu, strahlte das junge Ding �bers ganze Gesicht.</p><p>Die Bewohner von Warmsley Vale waren sich bewusst, dass, wenn es �berhaupt jemandem in diesen Zeiten gelang, Dienstboten zu bekommen, dies Frances Cloade war. Sie hatte eine besondere Art, mit dem Personal umzugehen. Ihr Missfallen wie ihre Anerkennung waren gleich pers�nlich und interessiert, und sie sch�tzte eine gute K�chin mit der gleichen Selbstverst�ndlichkeit, mit der sie einer guten Pianistin Anerkennung zollte.</p><p>Frances Cloade war die einzige Tochter Lord Edward Trentons, der seine Rennpferde in der N�he von Warmsley Vale trainiert hatte. In eingeweihten Kreisen wurde Lord Edwards schlie�licher Bankrott als ein gl�cklicher Ausgang von Ereignissen beurteilt, die leicht anders h�tten enden k�nnen. Man hatte von Pferden getuschelt, die nicht so ins Rennen geschickt worden waren, wie dies die Vorschriften erheischten, und auch von Einvernahmen der Kellner des Jockey Clubs war eine Zeit lang die Rede gewesen, doch gelang es Lord Edward, aus der etwas undurchsichtigen Aff�re mit nur leicht l�diertem Ruf hervorzugehen und mit seinen Gl�ubigern eine Vereinbarung zu treffen, die es ihm nun gestattete, im sch�nen S�dfrankreich ein beschauliches Leben zu f�hren. Und dass er so glimpflich davongekommen war, hatte er nicht zuletzt der Schlauheit und dem entschlossenen Vorgehen seines Anwalts Jeremy Cloade zu verdanken.</p><p>Jeremy Cloade hatte sich ganz besonders f�r diesen Klienten ins Zeug gelegt. Er hatte sogar pers�nliche Garantien �bernommen und w�hrend der schwierigen Verhandlungen kein Hehl aus seiner Bewunderung f�r Frances Trenton gemacht. Als dann die Aff�re zum glimpflichen Abschluss kam, wurde nach kurzer Zeit aus Frances Trenton Mrs Jeremy Cloade.</p><p>Was Frances Trenton selbst von dieser Entwicklung hielt, erfuhr nie jemand. Sie erf�llte ihren Teil des Abkommens �ber jeden Tadel erhaben. Sie war Jeremy eine t�chtige und loyale Frau, seinem Sohn eine besorgte Mutter und gab sich M�he, ihrem Mann in jeder Beziehung bei seinem Fortkommen behilflich zu sein. Nie verriet sie durch eine Handlung oder auch nur durch ein Wort, ob ihr Entschluss, Jeremy Cloade zu heiraten, freiem Willen oder dem Gef�hl der Verpflichtung, f�r die Rettung ihres Vaters zu danken, entsprungen war.</p><p>Zum Dank f�r diese tadellose Haltung hegte die gesamte Familie Cloade ungeschm�lerte Bewunderung f�r Frances. Man war stolz auf Frances, man unterwarf sich ihrem Urteil, aber man f�hlte sich nie auf v�llig vertrautem Fu� mit ihr.</p><p>Wie Jeremy Cloade �ber seine Heirat dachte, erfuhr man ebenfalls nicht, da �berhaupt nie jemand Einblick in Jeremys Gedanken oder Empfindungen gewann. Sein Ruf als Mensch und als Anwalt war ausgezeichnet. Die Firma Cloade, Brunskill &amp; Cloade war �ber jeden Zweifel erhaben. Die Gesch�fte gingen gut, und die Cloades lebten in einem sehr h�bschen Hause in der N�he des Marktplatzes. Die Birnb�ume in dem gro�en ummauerten Garten boten im Fr�hling den Anblick eines wei�en Bl�tenmeers.</p><p>Das Ehepaar begab sich nach Tisch in ein Zimmer, welches, an der R�ckfront des Hauses gelegen, auf den Garten hinausging, und dorthin brachte Edna, das f�nfzehnj�hrige Dienstm�dchen, den Kaffee.</p><p>Frances schenkte ein. Der Kaffee war stark und hei�.</p><p>�Ausgezeichnet, Edna�, lobte sie.</p><p>Und Edna, vor Freude �ber die Anerkennung �ber und �ber rot werdend, verlie� das Zimmer und wunderte sich, wie jemand schwarzen Kaffee ausgezeichnet finden konnte. Sollte Kaffee gut schmecken, musste er ihrer Meinung nach sehr hell sein, viel Zucker und vor allem sehr viel Milch enthalten.</p><p>Frances lehnte sich in ihrem Stuhl zur�ck und warf ihrem Gatten einen pr�fenden Blick zu. Jeremy war sich des Blickes bewusst und strich sich mit einer f�r ihn charakteristischen Geste mit der Hand �ber die Oberlippe. Doch Frances schaltete eine Pause des Nachdenkens ein, bevor sie zu sprechen begann. Ihre Ehe mit Jeremy war gl�cklich verlaufen, doch wirklich nahe waren sie sich nie gekommen, zumindest nicht, soweit es unter Eheleuten eigene vertrauliche Gespr�che betraf. Sie hatte Jeremys Zur�ckhaltung stets respektiert, und ebenso hatte er es gehalten. Selbst als das Telegramm mit der Mitteilung von Antonys Tod im Felde kam, war keiner von ihnen zusammengebrochen.</p><p>Jeremy hatte das Telegramm ge�ffnet und dann zu Frances aufgeschaut, und sie hatte nur gefragt: �Ist es �?�</p><p>Er hatte den Kopf gesenkt und das zusammengefaltete St�ck Papier in ihre ausgestreckte Hand gelegt.</p><p>Nach einer Weile schweigenden Beisammenstehens sagte Jeremy nur: �Ich w�nschte, ich k�nnte dir helfen, meine Liebe.� Und sie antwortete mit fester, tr�nenloser Stimme: �Es ist f�r dich ebenso schlimm.�</p><p>�Ja�, hatte er erwidert, �ja.� Und mit steifen Schritten, pl�tzlich gealtert, zur T�re gehend, f�gte er m�de hinzu: �Was ist da zu sagen� was ist da zu sagen��</p><p>Ein �berstr�mendes Gef�hl der Dankbarkeit war in ihr aufgestiegen. Dankbarkeit f�r sein wortkarges Verst�ndnis und Mitleid mit ihm, der ohne �bergang zum alten Mann geworden schien, hatte ihr Herz erf�llt. Mit ihr selbst war nach dem Tod ihres Sohnes eine Ver�nderung vor sich gegangen. Ihre im Allgemeinen freundliche Art erstarb gleichsam, ein Panzer schloss sich um ihre Empfindungen, und es war, als verst�rke sich der energische Zug in ihrem Wesen. Sie wurde noch t�chtiger und sachlicher � die Leute erschraken jetzt manchmal vor ihrer etwas barschen Art.</p><p>Z�gernd strich Jeremy Cloade mit dem Finger �ber die Lippen, und schon klang es durch den Raum:</p><p>�Was gibt�s, Jeremy?�</p><p>�Wie meinst du?� Jeremy schrak zusammen.</p><p>�Was es gibt, habe ich gefragt�, wiederholte seine Frau ungeduldig.</p><p>�Was soll es geben, Frances?�</p><p>�Mir w�re es lieber, du w�rdest mir�s erz�hlen, anstatt mich raten zu lassen�, kam umgehend die Antwort.</p><p>�Nichts, Frances, es gibt nichts�, erkl�rte Jeremy wenig �berzeugend.</p><p>Frances ersparte sich die Antwort auf ihres Mannes letzte Bemerkung. Sie schob sie als nicht zur Kenntnis genommen beiseite und schaute Jeremy eindringlich an. Er erwiderte ihren Blick unsicher.</p><p>Und f�r den Bruchteil einer Sekunde verflog die Stumpfheit in seinen Augen und machte einem erschreckenden Ausdruck abgrundtiefer Verzweiflung Platz. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, aber Frances gab sich keiner T�uschung hin.</p><p>�Sag mir lieber, was dich bedr�ckt�, forderte sie ihren Mann auf, und ihre Stimme klang ruhig und sachlich wie immer, obwohl der pl�tzliche Wechsel in seinem Ausdruck eben ihr beinahe einen Schrei entlockt h�tte.</p><p>Jeremy stie� einen tiefen Seufzer aus.</p><p>�Du musst es schlie�lich doch erfahren, fr�her oder sp�ter�, meinte er.</p><p>Und er f�gte � zu Frances� Erstaunen � hinzu:</p><p>�Ich f�rchte, du hast mit mir ein schlechtes Gesch�ft gemacht.�</p><p>Frances fragte ohne lange Umschweife:</p><p>�Was ist los? Geld?�</p><p>Sie wusste selbst nicht, wieso ihr als Erstes diese M�glichkeit in den Sinn kam. Es lagen keinerlei Anzeichen finanzieller Schwierigkeiten vor. In der Kanzlei gab es mehr Arbeit, als der kleine Mitarbeiterstab bew�ltigen konnte. Doch Mangel an Arbeitskr�ften herrschte �berall, und einige Angestellte aus Jeremys B�ro waren sogar k�rzlich aus der Armee entlassen worden und in ihre alten Stellungen zur�ckgekehrt. Eher w�re zu vermuten gewesen, es sei eine heimliche Krankheit, die Jeremy bedr�ckte. Er sah seit einigen Wochen schlecht aus, und die frische Farbe war aus seinen Wangen gewichen. Aber Frances lie� sich von ihrem Instinkt leiten, der auf finanzielle Sorgen tippte, und allem Anschein nach hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen.</p><p>Jeremy nickte.</p><p>�Aha.�</p><p>Frances blieb einen Augenblick stumm. Sie dachte nach. Ihr selbst lag wenig an Geld, aber das zu begreifen war Jeremy nicht m�glich. F�r ihn bedeutete Geld das Vorhandensein einer um ihn fest gef�gten Welt mit Sicherheit und Zufluchtsm�glichkeiten, mit einem festen, angestammten Platz von eherner Unverr�ckbarkeit.</p><p>F�r Frances hingegen bedeutete Geld etwas, womit man spielte, das einem in den Scho� fiel, um sich damit zu vergn�gen. Sie war in einer Umgebung finanzieller Unsicherheit aufgewachsen. Hatten die Rennpferde die in sie gesetzten Erwartungen erf�llt, war alles in H�lle und F�lle vorhanden; dann wieder gab es Zeiten, wo die H�ndler sich weigerten, weiter auf Kredit zu liefern, und Lord Edward alle m�glichen Tricks anwenden musste, um die Geldeintreiber von der Schwelle zu verscheuchen. Hatte man kein Geld, dann borgte man sich eben bei Bekannten was oder lebte ein Weilchen bei Verwandten oder verzog sich nach Europa.</p><p>Doch ein Blick auf ihres Gatten Gesicht belehrte Frances, dass es in der Welt Jeremys keinen dieser Auswege gab. Dort lebte man nicht auf Pump oder nistete sich ein Weilchen bei guten Freunden ein. Umgekehrt erwartete man auch nicht, um Geld angegangen zu werden oder Bekannte, die sich gerade in N�ten befanden, bei sich aufnehmen zu m�ssen.</p><p>Frances hatte Mitleid mit Jeremy und konnte ein Gef�hl der Schuld nicht ganz unterdr�cken, weil ihr das alles �berhaupt nicht nahe ging. Sie rettete sich ins Praktische.</p><p>�M�ssen wir alles hier verkaufen? Ist die Firma am Ende?�</p><p>Jeremy Cloade zuckte zusammen, und zu sp�t kam es Frances zu Bewusstsein, dass sie schonungslos gesprochen hatte.</p><p>�Lass mich nicht l�nger im Dunkel tappen, Jeremy�, sagte sie etwas weicher. �Schenk mir reinen Wein ein.�</p><p>Jeremy nahm sich zusammen.</p><p>�Du wei�t, dass vor zwei Jahren die Aff�re mit dem jungen Williams uns ziemlich zu schaffen machte�, hub er weitschweifig an. �Dann kam die ver�nderte Situation im Fernen Osten dazu. Es war nicht so einfach, nach Singapore � �</p><p>�Ach, Jeremy�, unterbrach sie ihn. �Spar dir die Erkl�rungen, warum und wieso es so ist, das ist doch nicht wichtig. Du bist in eine Sackgasse geraten und kannst dich nicht daraus befreien, ja?�</p><p>�Ich habe mich auf Gordon verlassen. Gordon h�tte alles in Ordnung gebracht.�</p><p>Frances konnte einen leisen Seufzer der Ungeduld nicht unterdr�cken.</p><p>�Nichts liegt mir ferner, als Gordon einen Vorwurf daraus machen zu wollen, dass er sich in eine h�bsche junge Frau verliebt hat. Das ist schlie�lich nur menschlich. Und warum h�tte er nicht noch mal heiraten sollen? Aber dass er bei dem Luftangriff umkam, bevor er noch ein Testament machen oder �berhaupt nach dem Rechten sehen konnte, das ist ein schlimmer Schlag. Abgesehen von dem Verlust, den Gordons Tod f�r mich bedeutet�, fuhr Jeremy fort, �ist die Katastrophe ausgerechnet in einem Augenblick �ber mich hereingebrochen � � Er sprach nicht weiter.</p><p>�Sind wir bankrott?�, erkundigte sich Frances unersch�ttert.</p><p>Jeremy betrachtete seine Frau mit einem an Verzweiflung grenzenden Blick. So unbegreiflich Frances dies auch gewesen w�re, h�tte Jeremy Cloade es doch viel besser verstanden, einer in Tr�nen aufgel�sten Frau Rede und Antwort zu stehen als der sachlichen Frances.</p><p>�Bankrott? Es ist schlimmer als das�, erkl�rte er heiser.</p><p>Er beobachtete sie, wie sie stumm diese Erkl�rung aufnahm. Es n�tzte nichts. Gleich w�rde er es ihr sagen m�ssen. Gleich w�rde sie erkennen, was f�r ein Mensch er war. Wer wei�, vielleicht glaubte sie es ihm nicht einmal.</p><p>Frances Cloade richtete sich in ihrem Lehnstuhl auf.</p><p>�Ach so. Ich verstehe. Eine Veruntreuung, ja? Eine Unterschlagung? So etwas �hnliches, wie es damals der junge Williams angestellt hat?�</p><p>�Ja, aber diesmal bin ich der Verantwortliche. Ich habe Gelder, die uns anvertraut waren, f�r eigene Zwecke benutzt. Bis jetzt ist es mir gelungen, alles zu vertuschen, aber � �</p><p>�Aber jetzt kommt es heraus?�, forschte Frances interessiert. �Wenn ich nicht schnell Geld auftreiben kann, ja.�</p><p>Schlimmer als alles war die Scham. Wie w�rde sie dieses Gest�ndnis aufnehmen?</p><p>Frances sa�, die Wange auf die Hand gest�tzt, da und dachte mit gerunzelter Stirn nach.</p><p>�Zu dumm, dass ich kein eigenes Geld besitze�, sagte sie endlich.</p><p>�Du hast nat�rlich deine Mitgift�, bemerkte Jeremy steif, doch Frances unterbrach ihn geistesabwesend:</p><p>�Aber die wird auch weg sein, nehme ich an.�</p><p>Es fiel Jeremy schwer weiterzusprechen.</p><p>�Es tut mir Leid, Frances. Es tut mir sehr Leid, mehr als ich dir sagen kann. Du hast ein schlechtes Gesch�ft gemacht.�</p><p>Sie blickte auf.</p><p>�Was meinst du damit? Das hast du vorhin schon behauptet.�</p><p>�Als du dich einverstanden erkl�rtest, mich zu heiraten�, erwiderte Jeremy w�rdevoll, �konntest du mit Recht annehmen, dass ich dir ein Leben ohne Peinlichkeiten, ein Leben ohne Sorgen und Dem�tigungen bereiten w�rde.�</p><p>Frances betrachtete ihren Mann mit �u�erstem Erstaunen.</p><p>�Ja, aber Jeremy, was um Himmels willen glaubst du, hat mich veranlasst, dich zu heiraten?�</p><p>Er l�chelte �berlegen.</p><p>�Du warst stets eine gute Frau, Frances, und du hast stets zu mir gehalten. Aber ich kann mir kaum schmeicheln, dass du mich auch unter � hm � anders gearteten Umst�nden zum Mann gew�hlt h�ttest.�</p><p>Frances starrte ihren Mann verdutzt an und brach dann in Lachen aus.</p><p>�Ach, du dummer Kerl, du! Was f�r romantische Gedanken du hinter deiner trockenen Juristenstirn verbirgst! Hast du wirklich geglaubt, ich h�tte dich quasi zum Dank daf�r, dass du Vater vor den W�lfen gerettet hast, geheiratet?�</p><p>�Du hast sehr an deinem Vater gehangen, Frances.�</p><p>�Ich verg�tterte ihn. Er war der lustigste Kamerad, den man sich w�nschen kann, und er sah fabelhaft aus. Aber deswegen habe ich mich doch nie Illusionen �ber ihn hingegeben. Und wenn du glaubst, ich h�tte dich als Vaters Anwalt nur geheiratet, um ihn vor dem zu bewahren, was ihm unweigerlich fr�her oder sp�ter widerfahren musste, dann kennst du mich nicht. Dann hast du mich �berhaupt nie gekannt.�</p><p>Sie sah ihren Mann verbl�fft an. Wirklich sonderbar, dass man �ber zwanzig Jahre mit einem Mann verheiratet sein konnte, ohne die leiseste Ahnung zu haben, was eigentlich in ihm vorging.</p><p>�Ich habe dich geheiratet, weil ich dich liebte�, stellte sie sachlich fest.</p><p>�Du liebtest mich? Aber was kann dir an mir gefallen haben?�</p><p>�Ach, was f�r eine Frage, Jeremy! Ich wei� es selbst nicht. Vielleicht weil du so anders warst als die Leute um meinen Vater herum. Und vielleicht auch, weil du nie �ber Pferde gesprochen hast. Du kannst dir nicht vorstellen, wie satt ich es hatte, nur �ber Pferde und Rennen reden zu h�ren. Ich erinnere mich, wie du eines Abends zum Essen kamst und ich dich fragte, ob du mir erkl�ren k�nntest, was Bimetallismus sei. Und du konntest es wirklich. Es dauerte zwar das ganze Essen lang � wir hatten damals gerade Geld und konnten uns einen fabelhaften franz�sischen Koch leisten � �</p><p>�Ich muss dir schrecklich auf die Nerven gegangen sein.�</p><p>�Im Gegenteil! Ich war fasziniert. Kein Mensch hatte mich jemals zuvor so ernst genommen. Andrerseits schien ich �berhaupt keinen Eindruck auf dich zu machen, und das reizte mich. Ich setzte mir in den Kopf, dich dazu zu, bringen, mich zu beachten.�</p><p>�Ich beachtete dich mehr als genug�, versetzte Jeremy. �Du hattest ein blaues Kleid mit einem Kornblumenmuster an. Ich schlief damals die ganze Nacht nicht und dachte nur immer an dich in deinem blauen Kleid.�</p><p>Er r�usperte sich.</p><p>�Ja� das liegt alles so lange zur�ck.�</p><p>Sie half ihm geistesgegenw�rtig, die aufkommende Verlegenheit zu �berwinden.</p><p>�Und heute sitzen wir hier, ein Ehepaar mittleren Alters, das sich in Schwierigkeiten befindet und nach einer L�sung sucht.�</p><p>�Nach dem, was du mir jetzt gesagt hast, Frances, ist alles noch hundertmal schlimmer� die Schande��</p><p>�Aber Jeremy! Streuen wir uns doch keinen Sand in die Augen. Du hast etwas getan, was mit dem Gesetz in Konflikt steht, stimmt. M�glich, dass man Anklage erhebt und dich zu Gef�ngnis verurteilt.� Jeremy zuckte unwillk�rlich zusammen. �Aber Grund zu moralischer Entr�stung haben wir trotzdem nicht. Wir sind keine so schrecklich moralische Familie. Vater war ein charmanter Mann, das steht au�er Frage, aber im Grunde doch ein kleiner Hochstapler. Na, und mein Vetter Charles, den man schleunigst in die Kolonien verfrachtete, als ein Prozess drohte, oder mein anderer Vetter Gerald, der in Oxford einen Scheck f�lschte und trotzdem sp�ter das Viktoriakreuz bekam f�r besondere Tapferkeit vor dem Feind � nein, Jeremy, kein Mensch ist nur gut oder nur schlecht. Dass ich selbst eine wei�e Weste habe, liegt vielleicht nur daran, dass ich nie in Versuchung geraten bin. Aber eines steht fest: Ich habe Mut, Jeremy, und lasse mich nicht so leicht zur Verzweiflung bringen.�</p><p>Sie l�chelte ihm zu, und er stand auf, kam steif auf sie zu und dr�ckte ihr einen Kuss aufs Haar.</p><p>�Jetzt lass uns einmal vern�nftig miteinander reden. Was k�nnen wir tun?�, fuhr Frances nach kurzem �berlegen fort. �Irgendwo Geld auftreiben?�</p><p>Jeremys Gesicht verfinsterte sich.</p><p>�Ich w�sste nicht wo.�</p><p>�Es wird uns nichts anderes �brig bleiben, als von jemandem zu borgen. Und da kommt wohl nur Rosaleen in Frage.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es handelt sich um eine gr��ere Summe, und Rosaleen hat nicht das Recht, das Kapital anzugreifen. Sie hat nur die Nutznie�ung, solange sie lebt.�</p><p>�Ach so, das wusste ich nicht. Und was geschieht, wenn sie stirbt?�</p><p>�Dann bekommen Gordons Erben das Geld, das hei�t, es wird zwischen uns, Lionel, Adela und Maurices Sohn Rowley geteilt.�</p><p>Etwas Unausgesprochenes lag in der Luft; der Schatten eines Gedankens schien sowohl Jeremy wie Frances zu streifen.</p><p>�Das Schlimmste ist, dass wir es weniger mit ihr zu tun haben als mit ihrem Bruder. Sie steht v�llig unter seinem Einfluss�, bemerkte Frances nach kurzer Pause.</p><p>�Ein wenig anziehender Bursche�, sagte Jeremy.</p><p>Ein unvermitteltes L�cheln �berflog Frances� Gesicht. �Im Gegenteil, er ist sogar sehr anziehend. Auffallend anziehend, und � wie mir scheint � ein bedingungsloser Draufg�nger. Aber das bin ich im Grunde auch.�</p><p>Ihr L�cheln fror gleichsam ein.</p><p>�Wir geben uns nicht geschlagen, Jeremy. Es muss einen Ausweg geben. Ich werde ihn finden, und wenn mir nichts anderes �brig bleibt, als das Geld aus einer Bank zu stehlen.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>�Geld!�, sagte Lynn.</p><p>Rowley Cloade nickte bed�chtig. Er war ein kr�ftig gebauter junger Mann mit gesunder, von der Landluft gebr�unter Haut, nachdenklichen blauen Augen und sehr hellem Haar. Das Gemessene in seiner Sprechweise und seinem Gehaben schien eher einer angenommenen Gewohnheit als nat�rlicher Veranlagung zu entsprechen. Wie manche Leute sich durch Schlagfertigkeit hervortun, fiel Rowley durch seine bedachtsame Art auf.</p><p>�Ja, heutzutage scheint sich wirklich alles nur noch um Geld zu drehen�, erwiderte er.</p><p>�Aber ich habe immer gedacht, w�hrend des Krieges sei es den Farmern ausgezeichnet gegangen�, versetzte Lynn.</p><p>�Stimmt. Aber das n�tzt auf die Dauer nichts. In einem Jahr stehen wir wieder da, wo wir angefangen haben. Die L�hne werden gestiegen sein, es wird Arbeitskr�ftemangel herrschen, und niemand wird wissen, was. er eigentlich will. Wenn man eine Farm nicht in gro�em Stil betreiben kann, steht das Risiko in keinem Verh�ltnis zum Erfolg. Das wusste Gordon, und deshalb war er bereit, mir zu einem richtigen Start zu verhelfen.�</p><p>�Und jetzt��, sagte Lynn vage.</p><p>�Jetzt f�hrt Mrs Gordon nach London und gibt ein paar Tausender f�r einen h�bschen Nerzmantel aus.�</p><p>�Es ist eine Gemeinheit.�</p><p>�O nein, Lynn.� Rowley l�chelte. �Ich h�tte nichts dagegen, k�nnte ich dir einen Nerzmantel kaufen.�</p><p>�Wie ist sie eigentlich, Rowley?�</p><p>�Du wirst sie heute Abend ja mit eigenen Augen sehen. Onkel Lionel und Tante Kathie haben sie eingeladen.�</p><p>�Ich wei�, aber ich m�chte h�ren, was du von ihr h�ltst. Mama behauptet, sie sei geistig zur�ckgeblieben.�</p><p>Rowley �berlegte sich seine Antwort gr�ndlich, bevor er erwiderte:</p><p>�Ihr Intellekt ist sicher nicht ihre st�rkste Seite, aber geistig zur�ckgeblieben ist sie auch nicht. Sie wirkt nur manchmal so einf�ltig, weil sie st�ndig auf der Hut ist.�</p><p>�Auf der Hut? Wovor?�</p><p>�Ach, vor allem. Davor, sich durch ihren Akzent l�cherlich zu machen, davor, bei Tisch das falsche Messer zu nehmen, davor, sich in einem Gespr�ch zu blamieren.�</p><p>�Ist sie wirklich v�llig ungebildet?�</p><p>Rowley schmunzelte.</p><p>�Der Prototyp einer Dame ist sie bestimmt nicht, wenn du das damit sagen willst. Sie hat h�bsche Augen, sehr sch�ne Haut und ist � sehr schlicht. Ich denke mir, dass gerade ihre Einfachheit Gordon den Kopf verdreht hat. Ob sie sich diese Schlichtheit nur zugelegt hat, wei� man nat�rlich nicht. Aber ich glaube nicht. Man kann es nicht recht beurteilen. Sie steht im Allgemeinen nur da und l�sst sich von David dirigieren.�</p><p>�David?�</p><p>�Ja, das ist ihr Bruder. Er ist bedeutend weniger unverf�lscht als sie. Ich traue ihm jede Gerissenheit zu, die man sich denken kann. Uns liebt er nicht besonders.�</p><p>�Das kann man ihm nicht �bel nehmen�, entfuhr es Lynn, und als Rowley sie erstaunt ansah, f�gte sie hinzu: �Ihr k�nnt ihn doch auch nicht leiden.�</p><p>�Ich bestimmt nicht, und dir wird es nicht anders gehen. Er geh�rt nicht zu den Leuten, die uns liegen.�</p><p>�Wie willst du wissen, wer mir liegt und wer nicht, Rowley? Mein Horizont hat sich in den letzten Jahren erweitert.�</p><p>�Du hast mehr von der Welt zu sehen bekommen als ich, das ist wahr.�</p><p>Rowleys Stimme klang ruhig, aber Lynn sah trotzdem pr�fend zu ihm hin�ber. Die Bemerkung war nicht so bedeutungslos gewesen, wie sie sich angeh�rt hatte. Lynn sp�rte den Unterton. Doch Rowley wich ihrem pr�fenden Blick nicht aus. Es war nie einfach gewesen, die Gedanken hinter Rowleys glatter Stirn zu lesen, dachte Lynn. Was f�r eine verr�ckte Welt das doch war. In fr�heren Zeiten pflegten die M�nner in den Krieg zu ziehen und die Frauen daheim zu bleiben.</p><p>Von den beiden jungen M�nnern, die die Farm bewirtschafteten, Rowley und Johnnie, hatte notgedrungen einer daheim bleiben m�ssen. Sie hatten gelost, und Johnnie hatte das Los getroffen. Kurz nachdem er ausgezogen war, fiel er. In Norwegen. Und Rowley war auf der Farm geblieben und w�hrend all der Kriegsjahre h�chstens eine Meile weit gekommen. Sie, Lynn, hingegen hatte �gypten, Sizilien und Nordafrika gesehen und mehr als eine gef�hrliche Situation durchgestanden.</p><p>Ob Rowley wohl mit dem Schicksal haderte, das sie beide auf solcherart verdrehte Posten gestellt hatte? Sie stie� ein nerv�ses kurzes Lachen aus.</p><p>�Ist es dir sehr schwer gefallen, Rowley, dass Johnnie� ich meine, dass er � �</p><p>�Lass Johnnie aus dem Spiel�, unterbrach Rowley sie barsch. �Der Krieg ist vorbei. Ich habe Gl�ck gehabt.�</p><p>�Du meinst, du hast Gl�ck gehabt, dass du nicht zu gehen brauchtest?�</p><p>�Ist das kein Gl�ck?� Seine Stimme klang ruhig wie immer, und doch war der schneidende Unterton nicht zu �berh�ren. �F�r euch M�dchen, die ihr aus dem Krieg kommt, wird es schwer sein, sich wieder an die heimatliche Scholle zu gew�hnen.�</p><p>�Ach, red doch keinen Unsinn, Rowley.�</p><p>Sie reagierte unerkl�rlich gereizt. Warum? Vielleicht, weil ein K�rnchen Wahrheit in Rowleys Bemerkung steckte?</p><p>�Findest du denn, dass ich mich ver�ndert habe?�, fragte sie, schon nicht mehr so selbstsicher.</p><p>�Nicht gerade ver�ndert��</p><p>�Vielleicht bist du anderen Sinnes geworden.�</p><p>�Ich bin, wie ich war. Auf der Farm hat sich nicht das Geringste ver�ndert.�</p><p>�Umso besser�, entgegnete Lynn, der Spannung, die pl�tzlich zwischen ihnen bestand, gewahr werdend. �Dann lass uns bald heiraten. Wann es dir passt.�</p><p>�Ich denke im Juni irgendwann, ja?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie verfielen in Schweigen. So war es also abgemacht. Lynn k�mpfte vergebens gegen ein Gef�hl der Unlust an. Rowley war Rowley, wie er immer gewesen. Freundlich, nicht aus der Ruhe zu bringen und von peinlicher Genauigkeit in allem.</p><p>Sie liebten einander, hatten sich immer geliebt. Von Gef�hlen war nie viel die Rede gewesen zwischen ihnen. Wozu jetzt davon anfangen?</p><p>Sie w�rden im Juni heiraten und dann in Long Willows leben. Ein h�bscher Name f�r eine Farm, das hatte sie schon immer gefunden. Sie w�rde in Long Willows leben, und sie w�rde nicht mehr weggehen von dort. Weggehen in dem Sinne, wie sie es jetzt seit dem Krieg verstand. Brummende Flugzeugmotoren, rasselnde Ankerketten, an Deck stehen und hin�berschauen zum Land, das langsam aus ungewissen Schatten feste Formen annahm; Leben und Treiben fremder St�dte und L�nder, fremde Sprachen, fremde Sitten, Packen und Auspacken, prickelnde Ungewissheit, was als N�chstes kam � alles vorbei.</p><p>Das lag hinter ihr. Der Krieg war aus. Lynn Marchmont war heimgekehrt � aber es war nicht die gleiche Lynn, die vor drei Jahren ausgezogen war. Mit unvermittelter Klarheit wurde sie sich dessen bewu�t.</p><p>Sie schrak aus ihren Gedanken auf und schaute zu Rowley hin�ber. Rowley beobachtete sie.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>5</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Tante Kathies Gesellschaften verliefen stets gleich. Die etwas atemlose, sprunghafte Art der Gastgeberin �bertrug sich auf die G�ste und erf�llte die Atmosph�re mit Unruhe. Dr. Cloade gab sich die �u�erste M�he, von der allgemeinen Nervosit�t nicht angesteckt zu werden, und war betont h�flich zu seinen G�sten, aber es entging niemandem, welche Anstrengung dies f�r ihn bedeutete.</p><p>Rein �u�erlich war Lionel Cloade seinem Bruder Jeremy nicht ganz un�hnlich, doch fehlte ihm des Rechtsanwalts Ausgeglichenheit. Lionel war kurz angebunden und sehr ungeduldig; seine br�ske, leicht gereizte Art hatte schon manchen seiner Patienten vor den Kopf gesto�en und f�r die au�erordentliche T�chtigkeit und die unter der Schroffheit verborgene Gutm�tigkeit des Arztes blind gemacht. Dr. Cloades eigentliches Terrain war die Forschungsarbeit und sein Lieblingsgebiet der Gebrauch medizinischer Kr�uter im Laufe der Jahrhunderte.</p><p>W�hrend Lynn und Rowley die Frau ihres Onkels Jeremy stets �Frances�, nannten, wurde Onkel Lionels Gattin von ihnen nie anders als <emphasis>�Tante Kathie�</emphasis> gerufen.</p><p>Die heutige Gesellschaft, veranstaltet zu Ehren von Lynns Heimkehr, war eine reine Familienfeier. Tante Kathie begr��te ihre Nichte sehr herzlich.</p><p>�H�bsch siehst du aus, Lynn, so braun gebrannt! Die Farbe hast du dir sicher in �gypten geholt. Hast du das Buch �ber die Geheimnisse der Pyramiden gelesen, das ich dir geschickt habe? Sehr interessant! Es erkl�rt alles, findest du nicht? Alles!�</p><p>Zum Gl�ck wurde Lynn durch den Eintritt Mrs Gordon Cloades und ihres Bruders einer Antwort auf Tante Kathies �berschw�ngliche Frage enthoben.</p><p>�Das ist meine Nichte Lynn Marchmont, Rosaleen.�</p><p>Lynn betrachtete Gordon Cloades Witwe mit h�flich versteckter Neugier.</p><p>Diese Rosaleen, die Gordon Cloade nur seinem vielen Geld zuliebe geheiratet hatte, war h�bsch. Das lie� sich nicht leugnen. Und was Rowley behauptet hatte, n�mlich, dass etwas Unschuldiges von ihr ausging, stimmte. Das schwarze Haar fiel in lockeren Wellen, die irischen blauen Augen, halb offene Lippen � unbedingt reizvoll.</p><p>Der Rest war Aufmachung. Kostspielige Aufmachung. Ein teures Kleid, dar�ber ein elegantes Pelzcape, Schmuck, gepflegte H�nde. Eine gute Figur, unbestreitbar; aber � ging es Lynn durch den Kopf � sie versteht es nicht, die teuren Sachen richtig zu tragen.</p><p>�Es freut mich�, sagte Rosaleen Cloade, drehte sich dann z�gernd zu ihrem Bruder um und fuhr fort: �Das� das ist mein Bruder.�</p><p>�Freut mich�, sagte David Hunter.</p><p>Er war ein magerer junger Mensch mit dunklen Haaren und dunklen Augen. Er wirkte nicht sehr gl�cklich und machte einen eher trotzigen und leicht anma�enden Eindruck.</p><p>Lynn begriff sofort, warum die gesamte Familie Cloade diesen David Hunter nicht leiden konnte. Sie hatte diesen Typ junger M�nner in den letzten Jahren manchmal getroffen. Draufg�nger, nicht ganz ungef�hrlich, die weder Gott noch Teufel f�rchteten; M�nner, auf die man sich nicht verlassen konnte, die skrupellos ihre eigenen Gesetze schufen und sich um nichts scherten; M�nner, die an der Front nicht mit Gold aufzuwiegen waren und im normalen Leben eine stete Gefahr bildeten.</p><p>�Wie gef�llt es Ihnen in Furrowbank?�, erkundigte sich Lynn h�flich bei Rosaleen.</p><p>�Es ist ein herrliches Haus�, erwiderte Rosaleen.</p><p>David Hunter stie� ein sp�ttisches Lachen aus.</p><p>�Der gute Gordon hat sich�s wohl sein lassen�, bemerkte er anz�glich. �Es scheint ihm nichts zu teuer gewesen zu sein.�</p><p>Ohne es zu wissen, traf David damit den Nagel auf den Kopf. Als Gordon Cloade sich entschieden hatte, einen Teil seines gesch�ftigen Lebens in Warmsley Vale zu verbringen, hatte er sich ein Haus nach seinem Geschmack bauen lassen. Ein Heim, dem bereits der Stempel anderer Bewohner aufgedr�ckt war, h�tte ihm nicht behagt. Nein, Gordon hatte einen jungen Architekten beauftragt, ihm ein Haus zu bauen, und er hatte ihm freie Hand gelassen. Die meisten Einwohner von Warmsley Vale fanden den modernen wei�en Bau mit den eingebauten M�beln, den Schiebet�ren und gl�sernen Tischen gr�sslich. Nur um seine Badezimmer wurde Furrowbank ausnahmslos beneidet.</p><p>�Sie waren beim Frauenhilfsdienst, ja?�, erkundigte sich David.</p><p>�Ja.�</p><p>Seine Augen �berflogen sie mit einem zugleich pr�fenden und anerkennenden Blick, und Lynn sp�rte, wie ihr die R�te in die Wangen stieg.</p><p>Tante Kathie tauchte pl�tzlich neben ihnen auf. Sie hatte eine Art, unvermittelt in Erscheinung zu treten, als materialisierte sie sich aus dem Nichts. M�glich, dass sie diesen Trick bei einer ihrer zahlreichen spiritistischen S�ancen gelernt hatte.</p><p>�Abendbrot ist fertig�, verk�ndete sie in ihrer kurzatmigen, hektischen Art und setzte erkl�rend hinzu. �Ich finde es kl�ger, von einem Abendbrot zu reden, als gro�artig zu sagen: �Es ist angerichtet.� Das wirkt so hochtrabend und erweckt gro�e Erwartungen. Dabei ist alles so schrecklich schwierig. Mary Lewis hat mir anvertraut, dass sie dem Fischverk�ufer alle zwei Wochen zehn Shilling in die Hand dr�ckt. Ich kann mir nicht helfen, ich finde das unmoralisch.�?</p><p>Man begab sich in das abgenutzte, h�ssliche Speisezimmer; Jeremy und Frances, Lionel und Katherine, Adela, Lynn und Rowley. Eine gem�tliche Zusammenkunft der Familie Cloade � mit zwei Au�enseitern. Denn obwohl Rosaleen Cloade den gleichen Namen trug, war sie doch kein Mitglied der Familie geworden wie Frances oder Katherine.</p><p>Sie war eine Fremde, nerv�s, auf der Hut und f�hlte sich offensichtlich unbehaglich in dieser Umgebung.</p><p>David war mehr als ein Au�enseiter, er war fast ein Feind der Gesellschaft.</p><p>Eine bedr�ckende Spannung lag in der Luft. Unausgesprochen, unsichtbar war die Atmosph�re von etwas B�sem erf�llt. Was war es? Konnte es Hass sein?</p><p>Aber das habe ich seit meiner R�ckkehr �berall gefunden, auf Schritt und Tritt, dachte Lynn. Diese Spannung, diese innere Abwehr, dieses Misstrauen dem anderen gegen�ber. In der Stra�enbahn, in der Eisenbahn, auf den Stra�en, in den B�ros, zwischen Angestellten, zwischen Arbeitern, zwischen willk�rlich zusammengew�rfelten Passagieren eines Autobusses war es zu sp�ren. Abwehr, Neid, Missgunst. Aber hier kam noch etwas hinzu. Hier wirkte es bedrohlicher. Und erschrocken �ber ihre eigene Schlussfolgerung fragte Lynn sich in Gedanken: Hassen wir sie denn so sehr? Diese Fremden, die genommen haben, was wir stets als unser Eigentum betrachteten?</p><p>Nein! Sie wies sich selbst zurecht. Abwehr ist da, aber nicht Hass. Noch nicht. Sie aber, sie hassen uns.</p><p>Die Erkenntnis �berw�ltigte sie derma�en, dass sie stumm bei Tisch sa� und kein Wort an David Hunter richtete, der ihr Nachbar war.</p><p>Seine Stimme klang nett, immer ein wenig, als mache er sich �ber das, was er sage, lustig. Lynn hatte ein schlechtes Gewissen. Wom�glich dachte David, dass sie sich absichtlich ungezogen benahm.</p><p>�Entschuldigen Sie. Ich war geistesabwesend. Ich dachte eben �ber den Zustand der Welt nach.�</p><p>�Au�erordentlich wenig originell�, erwiderte David k�hl.</p><p>�Leider haben Sie Recht. Jedermann bem�ht sich heutzutage, ernst zu sein, und es scheint herzlich wenig Gutes dabei herauszukommen.�</p><p>�Im Allgemeinen erweist es sich als bedeutend produktiver, sich um die Dinge zu k�mmern, die Schaden anrichten, anstatt um solche, die die Welt verbessern. Wir haben die letzten Jahre dazu verwendet, einige wirksame Mechanismen oder Waffen, oder wie Sie es nennen wollen, zu erfinden, darunter unsere <emphasis>pi�ce de r�sistance,</emphasis> die Atombombe. Ein nicht zu verachtender Erfolg.�</p><p>�Dar�ber habe ich ja gerade nachgedacht. Ach, nicht �ber die Atombombe, aber �ber dieses Das-Schlechte-Wollen, dieses krampfhafte Bem�hen, B�ses anzurichten, Schaden zuzuf�gen.�</p><p>�Das hat es immer gegeben. Denken Sie ans Mittelalter und die schwarze Magie. An den b�sen Blick, an die Amulette, an das heimt�ckische T�ten von des Nachbarn Vieh oder auch des Nachbarn selbst.� Er zuckte die Achseln. �Mit allem schlechten Willen der Welt, was k�nnen Sie schon gegen Rosaleen oder mich tun? Sie und Ihre Familie?�</p><p>Lynn richtete sich auf. Die Unterhaltung begann sie zu am�sieren.</p><p>�Der Tag ist schon ein bisschen zu weit vorgeschritten, um noch darauf einzugehen�, entgegnete sie l�chelnd.</p><p>David Hunter lacht laut heraus. Auch er schien Gefallen an dem Gespr�ch zu finden.</p><p>�Sie meinen, wir haben unser Sch�fchen im Trockenen? Tja, f�r uns l�uft�s nicht schlecht.�</p><p>�Und es gef�llt Ihnen gro�artig, wie?�</p><p>�Reich zu sein? Ich gestehe es ehrlich � jawohl.�</p><p>�Ich meinte nicht nur das Geld. Ich meinte, es gef�llt Ihnen wohl gro�artig, sich uns gegen�ber als der starke Mann aufspielen zu k�nnen.�</p><p>�Sie haben doch das Geld vom alten Gordon schon so gut wie in der eigenen Tasche gesehen, Sie alle�, stellte David am�siert fest. �W�re der lieben Familie nicht schlecht zupass gekommen, das Verm�gen vom lieben Onkel Gordon.�</p><p>�Schlie�lich hat Onkel Gordon uns immer in Sicherheit gewiegt und uns stets in Erinnerung gebracht, dass wir auf ihn z�hlen k�nnen. Er hat uns gelehrt, nicht zu sparen und uns keine Gedanken wegen der Zukunft zu machen; er hat uns ermutigt, alle m�glichen Projekte in Angriff zu nehmen.�</p><p>Zum Beispiel Rowley mit seiner Farm, dachte Lynn, aber sie h�tete sich, es auszusprechen.</p><p>�Nur eines hat er Sie nicht gelehrt�, bemerkte David lachend.</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Dass man sich auf niemanden verlassen sollte und dass nichts in dieser Welt wirklich sicher ist.�</p><p>Lynn versank in Nachdenken. Nein, in der Welt David Hunters war nichts sicher. Da konnte man sich auf nichts verlassen. Aber bei ihnen? Bei den Cloades?</p><p>�Stehen wir nun auf Kriegsfu� miteinander?�, drang Davids Stimme an ihr Ohr.</p><p>�Aber nein�, beeilte sie sich zu versichern.</p><p>�Nehmen Sie Rosaleen und mir unseren unehrenhaften Eintritt in die Welt des Reichtums noch immer �bel?�</p><p>�Das allerdings�, gab Lynn l�chelnd zu.</p><p>�Sehr gut. Und was gedenken Sie dagegen zu tun?�</p><p>�Ich werde mir Zauberwachs kaufen und mich in schwarzer Magie �ben.�</p><p>David lachte laut auf.</p><p>�Das traue ich Ihnen nicht zu. Sie geh�ren nicht zu denen, die mit altert�mlichen Mitteln k�mpfen. Sie gehen bestimmt mit hypermodernen und sehr wirksamen Waffen ans Werk. Aber gewinnen werden Sie nicht.�</p><p>�Wieso sind Sie so �berzeugt davon, dass es zu einem Kampf zwischen uns kommen wird? Haben wir uns nicht alle in das Unvermeidliche gef�gt?�</p><p>�Sagen wir lieber: Sie benehmen sich alle betont h�flich. Es ist sehr am�sant.�</p><p>Es entstand eine kleine Pause, bevor Lynn mit verhaltener Stimme fragte:</p><p>�Warum hassen Sie uns so?�</p><p>In David Hunters seltsamen dunklen Augen flackerte etwas auf.</p><p>�Ich glaube nicht, dass Sie das jemals verstehen k�nnten.�</p><p>�Ich glaube, Sie irren sich.�</p><p>David sah sie einen Augenblick stumm an, dann wechselte er den Ton und fragte obenhin:</p><p>�Wieso wollen Sie eigentlich Rowley Cloade heiraten? Er ist doch ein Einfaltspinsel.�</p><p>�Wie k�nnen Sie sich ein Urteil �ber ihn erlauben�, fuhr Lynn auf. �Sie kennen ihn nicht und wissen nichts von ihm.�</p><p>Unber�hrt von dem �rgerlichen Vorwurf in ihrer Stimme fuhr er im gleichen Konversationston fort:</p><p>�Was halten Sie von Rosaleen?�</p><p>�Sie ist sehr h�bsch.�</p><p>�Und abgesehen davon?�</p><p>�Sie scheint sich nicht wohl zu f�hlen in ihrer Haut.�</p><p>�Stimmt�, gab David zu. �Sie ist h�bsch, aber nicht sehr gescheit. Und sehr �ngstlich. Sie l�sst sich stets treiben und ger�t auf diese Weise in Situationen, denen sie nicht gewachsen ist. Soll ich Ihnen ein bisschen von ihr erz�hlen?�</p><p>�Gern�, erwiderte Lynn h�flich.</p><p>�Als junges M�dchen wollte sie unbedingt zur B�hne, und sie setzte es auch irgendwie durch. Aber Sie k�nnen sich denken, dass sie kein besonderes Talent hatte. Sie landete in einer drittklassigen Truppe, mit der sie nach S�dafrika auf Tournee ging. Sie fand, S�dafrika h�re sich so interessant an. In Kapstadt erlitt die Truppe Schiffbruch. Rosaleen hatte dort unten einen Regierungsbeamten kennen gelernt, der irgendwo in Nigeria seinen Bezirk hatte. Und wie meine Schwester sich stets von den Dingen treiben l�sst, lie� sie sich auch in die Ehe mit dem Herrn aus Nigeria treiben. Nigeria gefiel ihr kein bisschen, und ich glaube, ich t�usche mich nicht, wenn ich sage, dass sie sich auch aus dem Herrn aus Nigeria nicht besonders viel machte. W�re es ein handfester Bursche gewesen, der ab und zu einen �ber den Durst getrunken und im Rausch seine Frau verpr�gelt h�tte, w�re vielleicht alles noch gut ausgegangen. Aber dieser Beamte neigte eher zu intellektuellen Interessen. Er schleppte eine Menge B�cher mit in die Wildnis und liebte es, sich �ber Metaphysik zu unterhalten. Also fasste Rosaleen einen Entschluss � sehr vage nat�rlich wie alles, was sie tut � und fuhr zur�ck nach Kapstadt. Der Regierungsbeamte benahm sich sehr anst�ndig und schickte ihr Geld. Er h�tte sich von ihr scheiden lassen k�nnen, das w�re das Einfachste gewesen, aber er war katholisch; vielleicht kam deshalb eine Scheidung nicht in Frage. Wie dem auch gewesen sein mag: Er starb � sozusagen ein gl�cklicher Zufall, ist man versucht zu sagen � an Malaria, und Rosaleen erhielt eine kleine Witwenpension. Dann brach der Krieg aus, und sie beschloss, nach S�damerika zu fahren. S�damerika gefiel ihr aber nicht sonderlich, also nahm sie ein anderes Schiff, und auf diesem Schiff lernte sie Gordon Cloade kennen. Sie erz�hlte ihm, wie traurig ihr Leben bisher verlaufen war, und sie heirateten. Ein paar Wochen lebten sie gl�cklich und in Freuden in New York, dann kamen sie heim; kurz darauf traf eine Bombe den armen Gordon, und Rosaleen blieb zur�ck mit einem Riesenhaus, einer Unmenge herrlicher Schmuckst�cke und einem unwahrscheinlich gro�en Einkommen.�</p><p>�Wie erfreulich, dass die Geschichte ein so gl�ckliches Ende hat�, bemerkte Lynn sarkastisch.</p><p>�In Anbetracht der Tatsache, dass sie nicht gerade mit �berragenden Geistesgaben gesegnet ist, hat Rosaleen bisher unerh�rtes Gl�ck gehabt�, fuhr David fort. �Gordon Cloade war ein kr�ftiger alter Herr. Er war zweiundsechzig. Bei seiner Konstitution h�tte er leicht achtzig oder gar neunzig werden k�nnen. F�r Rosaleen w�re das nicht sehr heiter gewesen. Sie ist sechsundzwanzig��</p><p>�Sie sieht sogar noch j�nger aus�, stellte Lynn fest.</p><p>Sie schauten beide zu Rosaleen hin�ber, die eingesch�chtert dasa� und nerv�s Brot zwischen den Fingern zerkr�melte.</p><p>�Armes Ding�, entfuhr es Lynn.</p><p>David runzelte die Stirn.</p><p>�Wozu das Mitleid?�, fragte er scharf. �Ich passe schon auf Rosaleen auf. Und jeder, der es wagt, ihr zu nahe zu kommen, kriegt es mit mir zu tun. Ich wei�, wie man sich zur Wehr setzt. Mir ist Kriegf�hren gel�ufig, und meine Waffen sind nicht immer �ber allen Tadel erhaben.�</p><p>�Werde ich jetzt vielleicht das Vergn�gen haben, auch Ihre Lebensgeschichte erz�hlt zu bekommen?�, erkundigte sich Lynn k�hl.</p><p>�Eine stark gek�rzte Fassung.� David l�chelte. �Wie allen Iren liegt mir das K�mpfen im Blut. Als der Krieg ausbrach, war ich dabei, aber die Geschichte dauerte nicht lange. Ich erwischte eine Verwundung am Bein, und da war�s aus. Ich ging nach Kanada und war dort als Ausbilder t�tig. Mit gro�er Inbrunst war ich, ehrlich gestanden, nicht bei der Sache, und als ich Rosaleens Telegramm bekam, in dem sie mir ihre Heirat ank�ndigte, nahm ich das n�chste Flugzeug nach New York. Rosaleen hatte nichts von dem Geldsegen, der mit der Heirat verbunden war, erw�hnt, aber ich habe eine gute Nase. Jedenfalls gesellte ich mich als Dritter im Bunde zu dem jungen Paar und begleitete die beiden auch nach London.�</p><p>Er l�chelte Lynn an, doch Lynn blieb reserviert.</p><p>Sie erhob sich mit den anderen. Als sie zum Wohnzimmer hin�bergingen, trat Rowley neben sie und fragte:</p><p>�Du scheinst dich sehr angeregt mit David Hunter unterhalten zu haben. Wor�ber habt ihr denn gesprochen?�</p><p>�Ach, �ber nichts Besonderes�, war Lynns ausweichende Antwort.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>6</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>�Wann fahren wir nach London zur�ck, David? Und wann nach Amerika?�</p><p>David Hunter warf seiner Schwester �ber den Fr�hst�ckstisch hinweg einen �berraschten Blick zu.</p><p>�Wozu die Eile? Gef�llt es dir hier denn nicht?�</p><p>Sein Blick umfasste den Raum, w�hrend er sprach. Furrowbank war auf einem H�gel erbaut, und durch die hohen Fenster hatte man einen herrlichen Blick �ber die tr�umende englische Landschaft. Ein sanft abfallender Abhang war mit Tausenden von Narzissen bepflanzt. Sie waren beinahe verbl�ht, aber der Schimmer der goldgelben Bl�ten hob sich noch in starkem Kontrast vom Gr�n des Rasens ab.</p><p>Geistesabwesend ihr Brot zerkr�melnd, sagte Rosaleen:</p><p>�Du hast selbst gesagt, wir w�rden so bald wie m�glich nach Amerika gehen.�</p><p>�Ja, aber es ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Man bekommt nur sehr schwer Pl�tze. Wir k�nnen keine wichtigen Gesch�fte vorgeben, also m�ssen wir warten. Das sind Folgeerscheinungen des Krieges.�</p><p>Die Gr�nde, die David anf�hrte, klangen � obwohl sie den Tatsachen entsprachen � ihm selbst wie Ausfl�chte in den Ohren. Ob Rosaleen wohl denselben Eindruck hatte? Warum hatte sie sich pl�tzlich in den Kopf gesetzt, nach Amerika zu fahren?</p><p>�Du hast gesagt, wir brauchten nur f�r kurze Zeit hier zu bleiben�, murmelte Rosaleen mit gesenktem Kopf.</p><p>�Was hast du gegen Warmsley Vale?�, fragte David. �Furrowbank ist doch herrlich. Heraus mit der Sprache: Was passt dir hier nicht?�</p><p>�Sie passen mir nicht, sie, die Cloades. Keiner von ihnen.�</p><p>�Und mir bereitet es gerade ein ganz besonderes Vergn�gen, ihre erzwungene H�flichkeit zu beobachten und dabei zu sehen, wie sie der Neid und die Missgunst innerlich zerfressen. Lass mir mein Vergn�gen, Rosaleen.�</p><p>Rosaleen schaute verwirrt auf.</p><p>�Du solltest nicht so reden, David. Es gef�llt mir nicht, was du da sagst.�</p><p>�Sei doch vern�nftig, M�dchen. Wir sind genug herumgesto�en worden, du und ich. Die Cloades waren immer auf Samt und Seide gebettet. Sie haben sich�s auf Kosten vom lieben Onkel Gordon wohl sein lassen. Kleine Schmei�fliegen, die als Parasiten von der gro�en Schmei�fliege gelebt haben. Ich hasse diese Sorte Menschen. Ich habe sie immer gehasst.�</p><p>�Nicht doch, David.� Rosaleen war zutiefst erschrocken. �Es ist schlecht, andere Menschen zu hassen. Das darf man nicht.�</p><p>�Ach, du Unschuldslamm! Bildest du dir ein, sie hassen dich nicht?�</p><p>�Sie waren nicht unfreundlich zu mir�, wandte Rosaleen zweifelnd ein.</p><p>�Aber sie w�rden was darum geben, k�nnten sie sich�s leisten, unfreundlich zu dir zu sein.� Er lachte. �H�tten sie nicht Angst um die eigene Haut, w�rst du vielleicht l�ngst eines Morgens mit einem Messer im R�cken aufgefunden worden.�</p><p>Rosaleen schauderte.</p><p>�Schrecklich! Wie kannst du nur so etwas sagen, David?�</p><p>�Vielleicht nicht gerade ein Messer. Eher traue ich ihnen Strychnin in der Suppe zu.�</p><p>Rosaleens Lippen begannen zu zittern.</p><p>David wurde wieder ernst.</p><p>�Mach dir keine Gedanken, Rosaleen. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin da. Ich passe schon auf dich auf.�</p><p>�Aber wenn es wahr ist, was du sagst� dass sie uns hassen, meine ich�� Rosaleen suchte hilflos nach Worten. �Dann w�re es doch erst recht besser, wir gingen weg von hier. Nach London, dort w�ren wir sicher vor ihnen.�</p><p>�Das Leben auf dem Land tut dir gut, Rosaleen. Du wei�t, wie nerv�s dich London gemacht hat.�</p><p>�Die Bomben� als London bombardiert wurde�� Sie schloss die Augen. �Nie werde ich das vergessen, nie!�</p><p>�Nat�rlich wirst du das vergessen. Nimm dich zusammen, Rosaleen. Es ist vorbei mit den Bombardierungen.�</p><p>Er stand auf, nahm Rosaleen bei den Schultern und r�ttelte sie sanft.</p><p>�Der Arzt hat gesagt, Landluft und Landleben f�r geraume Zeit w�rden dir gut tun. Deshalb will ich nicht mit dir nach London.�</p><p>�Ist das der wirkliche Grund, David? Ich dachte� vielleicht��</p><p>�Was hast du gedacht?�</p><p>�Ich dachte, du willst vielleicht ihretwegen hier bleiben.�</p><p>�Ihretwegen?�</p><p>�Du wei�t schon, wen ich meine. Das M�dchen von neulich Abend. Die beim Frauenhilfsdienst war, in �gypten und �berall.�</p><p>Davids Gesicht wurde pl�tzlich abweisend.</p><p>�Lynn? Lynn Marchmont?�</p><p>�Sie gef�llt dir.�</p><p>�Lynn Marchmont? Sie ist mit Rowley verlobt. Mit diesem temperamentlosen Daheim-Bleiber Rowley, diesem gutm�tigen, langweiligen Ochsen.�</p><p>�Ich habe euch beobachtet, wie ihr zusammen gesprochen habt�, spann Rosaleen ihren Faden weiter.</p><p>�Ach, h�r doch schon auf, Rosaleen!�</p><p>�Ihr habt euch seither gesehen, nicht wahr?�</p><p>�Ja, ich habe sie gestern oder vorgestern in der N�he der Farm getroffen, als ich ausritt.�</p><p>�Und du wirst sie wieder treffen.�</p><p>�Nat�rlich werde ich sie wieder treffen! Das l�sst sich gar nicht vermeiden in diesem Nest. Du kannst keine zwei Schritte tun, ohne �ber einen Cloade zu stolpern. Wenn du dir einbildest, ich h�tte mich in Lynn Marchmont verliebt, dann bist du auf dem Holzweg. Sie ist eine eingebildete Person mit einem unversch�mten Mundwerk. Weit entfernt von meinem Typ.�</p><p>�Bist du sicher, David?�</p><p>�Jawohl.�</p><p>�Ich wei�, du h�ltst nichts vom Kartenlegen.� Sie l�chelte halb entschuldigend. �Aber die Karten l�gen nicht. Und da war ein M�dchen, das Unruhe ins Haus bringt. Ein M�dchen, das �bers Meer kommt. Und au�erdem war ein dunkler Fremder da, der sich in unser Leben dr�ngt und Gefahr mit sich bringt. Und die Todeskarte � �</p><p>�Du und deine dunklen Fremden!� David lachte laut auf. �Lass dich nicht mit dunklen Fremden ein, das ist mein gut gemeinter Rat f�r dich. Wie kann man nur so abergl�ubisch sein.�</p><p>Noch lachend schlenderte er aus dem Haus ins Freie, aber kaum hatte er sich ein paar Schritte entfernt, verfinsterte sich sein Gesicht, und die schwarzen Brauen zogen sich zusammen.</p><p>Rosaleen sah ihm nach, wie er quer durch den Garten auf ein Tor zuging, durch das man auf einen schmalen �ffentlichen Weg kam. Dann stieg sie in ihr Zimmer hinauf und stellte sich vor den Schrank. Nie wurde sie m�de, ihren neuen Nerzmantel zu betasten und zu streicheln und sich voller Staunen der Freude hinzugeben, ein so herrliches Kleidungsst�ck zu besitzen. Sie befand sich noch in ihrem Schlafzimmer, als das M�dchen Mrs Marchmont meldete.</p><p>Adela sa� steif auf einem der St�hle im Salon. Ihre Lippen waren fest aufeinander gepresst; ihr Herz schlug doppelt so schnell wie sonst. Seit Tagen k�mpfte sie mit dem Entschluss, Rosaleen aufzusuchen und um Hilfe anzugehen, aber getreu ihrer Natur z�gerte sie jedes Mal von neuem, wenn sie endlich meinte, gen�gend Mut f�r das Unternehmen gefasst zu haben. Was sie zus�tzlich aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, war, dass Lynns Einstellung sich sonderbarerweise ver�ndert hatte, und Mrs Marchmont nun im ausgesprochenen Gegensatz zum Willen ihrer Tochter handelte, als sie sich zu guter Letzt doch aufraffte, bei Gordon Cloades Witwe Erl�sung aus ihrer finanziellen Bedr�ngnis zu erbitten.</p><p>Ein weiterer Brief der Bank hatte Mrs Marchmont veranlasst, zur Ausf�hrung des l�ngst gehegten Plans zu schreiten. Es blieb ihr gar keine andere Wahl. Lynn war schon fr�hzeitig aus dem Haus gegangen, und als Mrs Marchmont David Hunter ersp�hte, wie er den Fu�weg entlangschlenderte, schien der Moment gekommen. Auf keinen Fall wollte sie mit David zu tun haben. Rosaleen allein w�rde viel leichter zu einer Anleihe zu bewegen sein. Dar�ber war sich Adela Marchmont im Klaren.</p><p>Trotz allem war sie entsetzlich nerv�s, w�hrend sie in dem sonnen�berfluteten Salon wartete. Doch als Rosaleen eintrat und auf ihrem Gesicht das von Mrs Marchmont stets als �leicht bl�d�, bezeichnete L�cheln lag, wurde ihr etwas wohler zumute.</p><p>Ob sie erst nach dem Schock des Bombardements so geworden ist oder schon immer so war? Mrs Marchmont stellte sich diese Frage nur stumm, w�hrend ihre Augen auf der eintretenden Rosaleen ruhten.</p><p>�Oh, guten Morgen�, sagte Gordon Cloades Witwe unsicher. �Was gibt es denn?�</p><p>�Was f�r ein herrlicher Morgen�, er�ffnete Mrs Marchmont mit betonter Frische die Unterhaltung. �Meine Fr�htulpen sind alle schon drau�en. Ihre auch?�</p><p>Die junge Frau schaute ihren Besuch verlegen an.</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>Was fing man nur mit einem Menschen an, der weder �ber Hunde noch �ber G�rten zu reden verstand, diese beiden eisernen Bestandteile jeder Konversation auf dem Lande, dachte Adela unbehaglich.</p><p>�David ist leider nicht da��, begann Rosaleen hilflos. Ihre Stimme erstarb gegen Ende des Satzes, als w�sste sie nichts mehr hinzuzuf�gen, aber auf Adela Marchmont hatten ihre Worte eine alarmierende Wirkung. David konnte jeden Augenblick zur�ckkehren. Sie musste die Gelegenheit beim Schopf packen. Sie nahm einen Anlauf und platzte heraus:</p><p>�Ich bin hergekommen, um Sie um Hilfe zu bitten.�</p><p>�Hilfe? Ich soll helfen? Ihnen?�, stammelte Rosaleen.</p><p>�Ja. Sehen Sie, f�r uns ist alles sehr, sehr schwer geworden. Gordons Tod hat unser aller Situation von einem Tag zum anderen grundlegend ver�ndert.�</p><p>Du bl�des Ding! dachte sie. Musst du mich anstarren, als ob du keine Ahnung h�ttest, wovon ich rede? Du warst doch selbst ein Habenichts�</p><p>Hass gegen Rosaleen glomm in ihr auf. Sie hasste die junge Frau, weil sie, Adela Marchmont, hier in Gordons Salon sa� und um Geld winselte. Ich kann es nicht, dachte sie verzweifelt. Ich bringe es einfach nicht fertig!</p><p>Im Bruchteil einer Sekunde flogen die vielen Tage und N�chte qualvoller �berlegungen und bedr�ckender Sorgen an ihr vor�ber. Und dann sagte sie, aus �rger dar�ber, dass sie hier sitzen und um Geld betteln musste, gereizter, als es ihre Absicht war:</p><p>�Es handelt sich um Geld.�</p><p>�Geld?�, wiederholte Rosaleen.</p><p>Ihr Ton war von naivem Staunen erf�llt, als sei Geld das Letzte, wor�ber zu h�ren sie erwartet hatte.</p><p>Adela fuhr fort zu reden, und die Worte �berst�rzten sich.</p><p>�Ich habe mein Konto auf der Bank �berzogen, und zu Hause liegen unbezahlte Rechnungen � notwendige Reparaturen �, und selbst meinen dringendsten Verpflichtungen bin ich noch nicht nachgekommen. Es hat sich alles so erschreckend verringert, sogar mein Einkommen, meine ich. Die Steuern fressen alles auf. Und Gordon half uns immer. Mit dem Haus, verstehen Sie? Er hat immer alle Reparaturen bezahlt und das Dach ausbessern und die W�nde streichen lassen, und was es eben so gab. Au�erdem hat er jedes Vierteljahr der Bank eine gewisse Summe f�r mich �berwiesen. Und immer wieder hat er mich beruhigt, mir keine Sorgen zu machen, und darum habe ich das nat�rlich auch nie getan. Solange er lebte, war das alles recht sch�n und gut, aber � �</p><p>Adela hielt inne. Sie war zutiefst besch�mt, und zugleich f�hlte sie sich von einer Zentnerlast befreit. Das Schlimmste war �berstanden. Lehnte Rosaleen ab, so lehnte sie eben ab. Es lie� sich nichts daran �ndern.</p><p>Rosaleen schaute v�llig fassungslos drein.</p><p>�Ach, du lieber Gott�, stammelte sie hilflos. �Ich hatte ja keine Ahnung� ich werde mit David reden.�</p><p>Die H�nde um die Stuhllehne gekrampft, stie� Adela verzweifelt hervor: �K�nnten Sie mir nicht einen Scheck geben? Jetzt, meine ich, sofort?�</p><p>�Doch, nat�rlich.�</p><p>Rosaleen hatte sich von ihrer Verwirrung noch nicht erholt. Sie erhob sich hastig, trat zum Schreibtisch und st�berte in verschiedenen Schubladen, bis sie endlich ein Scheckbuch fand.</p><p>�Soll ich� ich meine� wie viel?�</p><p>�W�re es m�glich � f�nfhundert Pfund?�</p><p>�F�nfhundert Pfund�, wiederholte Rosaleen gehorsam und begann zu schreiben.</p><p>Wie leicht war das gewesen! Ein Kinderspiel! Best�rzt wurde Adela sich bewusst, dass sie eher �rger als Dankbarkeit �ber die Leichtigkeit ihres Sieges empfand.</p><p>Rosaleen trat mit dem ausgef�llten Scheck auf Adela zu. Nun war sie die Unsichere. Adela f�hlte sich der Situation vollkommen gewachsen.</p><p>Sie nahm den Scheck entgegen. Mit kindlicher Schrift war quer �ber das rosa Papier geschrieben: Mrs Marchmont. F�nfhundert Pfund. Rosaleen Cloade.</p><p>�Das ist sehr lieb von Ihnen, Rosaleen. Vielen Dank.�</p><p>�Ach� nicht doch� ich meine� ich h�tte von selbst�� Mit dem Scheck in ihrer Handtasche f�hlte sich Adela Marchmont wie ein anderer Mensch. Die junge Frau hatte sich wirklich sehr entgegenkommend gezeigt. Die Unterhaltung �ber Geb�hr auszudehnen, war jedoch �berfl�ssig. Es schien Rosaleen nur peinlich zu sein. Adela verabschiedete sich und machte sich auf den Heimweg. Drau�en vor dem Haus begegnete ihr David. Mit einem freundlichen �guten Morgen�, ging sie an ihm vor�ber.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>7 </strong></p></title><p>�Was wollte diese Marchmont hier?�, erkundigte sich David, sobald er seiner Schwester gegen�berstand.</p><p>�Ach, David, sie brauchte entsetzlich n�tig Geld. Ich h�tte nie gedacht � �</p><p>�Und du hast�s ihr vermutlich gegeben?�</p><p>Halb belustigt, halb verzweifelt betrachtete er sie.</p><p>�Ich konnte es nicht abschlagen, David. F�nfhundert Pfund.� Zu ihrer Erleichterung lachte David.</p><p>�Ach, die Lappalie.�</p><p>�Lappalie? Aber David! Das ist doch schrecklich viel Geld!�</p><p>�Nicht f�r unsere heutigen Verh�ltnisse, Rosaleen. Du hast noch immer nicht begriffen, was f�r eine reiche Frau du jetzt bist. Aber trotzdem lass dir�s eine Lehre sein. Wenn sie f�nfhundert verlangte, w�re sie auch mit zweihundertundf�nfzig zufrieden gewesen. Du musst die Sprache der Schnorrer erst lernen.�</p><p>�Es tut mir Leid, David�, sagte Rosaleen unterw�rfig.</p><p>�Aber Kind! Schlie�lich ist�s doch dein Geld.�</p><p>�Nein, das ist es nicht.�</p><p>�Jetzt fang nicht wieder damit an�, zankte David. �Gordon Cloade starb, bevor er Zeit hatte, ein Testament zu machen. Das nennt man Gl�ck. Auf die Weise haben wir gewonnen und die anderen verloren. Gl�ck und Pech, das ist nun einmal so.�</p><p>�Aber es scheint mir nicht recht zu sein.�</p><p>�Hand aufs Herz, Schwester! Macht dir dies alles hier etwa keine Freude? Ein herrliches Haus, Schmuck, Dienstboten? Ist�s nicht, als sei ein Traum wahr geworden? Ganz ehrlich, manchmal habe ich Angst, ich k�nnte aufwachen und entdecken, ich h�tte wirklich alles nur getr�umt.�</p><p>Sie stimmte in sein Lachen ein, und David wusste, dass er gewonnenes Spiel hatte. Er kannte Rosaleen und verstand es, sie richtig zu nehmen. Sie hatte nun einmal ein Gewissen. Das war unbequem, aber nicht zu �ndern.</p><p>�Aber lass es jetzt gut sein mit Gedanken an die wohledle Familie Cloade, Rosaleen�, warnte er. �Von denen hat jeder immer noch mehr Geld, als du und ich fr�her jemals besessen haben.�</p><p>�Das ist sicher wahr�, gab sie zu.</p><p>�Wo steckte denn Lynn heute Morgen?�, erkundigte er sich beil�ufig.</p><p>�Sie ist nach Long Willows hin�ber, soviel ich wei߫, erwiderte Rosaleen.</p><p>Nach Long Willows! Zu Rowley, dem einf�ltigen Bauern. Davids gute Laune war wie weggewischt.</p><p>Missmutig schlenderte er zum Haus hinaus, durch das kleine Seitentor hinauf auf den H�gel. Von dort aus f�hrte ein Pfad zum Fu� der Anh�he und an Rowleys Farm vorbei.</p><p>Von seinem Ausblick aus sah David Lynn, die von der Farm kam.</p><p>Er z�gerte einen Moment, dann streckte er trotzig das Kinn vor und setzte sich in Bewegung, ganz bewusst einen Weg einschlagend, auf dem er Lynn begegnen musste.</p><p>�Guten Morgen. Na � wann ist Hochzeit?�, begr��te er das M�dchen.</p><p>�Das haben Sie mich schon �fter gefragt�, entgegnete Lynn. �Sie wissen genau, dass sie im Juni ist.�</p><p>�Sie wollen�s wirklich wahr machen?�</p><p>�Ich wei� nicht, was Sie damit andeuten wollen.�</p><p>�Das wissen Sie ganz genau.� David lachte h�hnisch. �Rowley! Lieber Gott, wer ist schon dieser Rowley!�</p><p>�Ein besserer Mensch als Sie�, gab Lynn obenhin zur�ck. �Messen Sie sich mit ihm, wenn Sie den Mut haben.�</p><p>�Dass er besser ist als ich, bezweifle ich keine Sekunde. Aber Mut genug, mich mit ihm zu messen, habe ich. F�r Sie, Lynn, t�te ich alles.�</p><p>Es entstand eine kurze Pause. Dann sagte Lynn:</p><p>�Begreifen Sie denn nicht, dass ich Rowley liebe?�</p><p>�Ich bin nicht so �berzeugt davon.�</p><p>Lynns Temperament ging mit ihr durch.</p><p>�Doch, ich liebe ihn�, beharrte sie aufbrausend.</p><p>�Wir machen uns alle ein Bild von uns selbst, wie wir uns gern s�hen. Sie malen sich eine Lynn Marchmont aus, die Rowley liebt, ihn heiratet, die Farm mit ihm bewirtschaftet und bis zum Ende ihrer Tage gl�cklich an der Scholle klebt. Aber das ist nicht die wahre Lynn Marchmont. Sagen Sie selbst: Entspricht das Ihrer wahren Natur?�</p><p>�Ach Gott, was ist eigentlich diese wahre Natur? Was ist Ihre wahre Natur? Wie sehen Sie David Hunter?�</p><p>�Als einen Mann, der Ruhe nach dem Sturm sucht, aber manchmal kommen mir Bedenken, und ich frage mich, ob das meiner wirklichen Sehnsucht entspricht. Ich wei� nicht, Lynn, manchmal habe ich das Gef�hl, als sei uns beiden gar nicht wohl bei der Aussicht auf ein beschauliches Leben. Wir brauchen Abenteuer.�</p><p>Er verfiel in Schweigen und f�gte nach einem Weilchen m�rrisch hinzu:</p><p>�Wozu sind Sie hier aufgetaucht? Bis Sie kamen, f�hlte ich mich ausgesprochen gl�cklich.�</p><p>�Und jetzt sind Sie�s nicht mehr?�</p><p>David sah sie an: Eine unerkl�rliche Erregung ergriff von Lynn Besitz, ihr Atem ging schneller. Nie hatte sie st�rker als in diesem Augenblick empfunden, welche Anziehungskraft Davids seltsame, hintergr�ndige Art auf sie aus�bte. Seine H�nde schnellten vor, packten Lynn an den Schultern und drehten sie mit einem Ruck zu sich um.</p><p>Bevor Lynn sich noch klar dar�ber werden konnte, was eigentlich geschah, f�hlte sie, wie sein Griff sich lockerte. �ber ihre Schulter hinweg starrte er h�gelaufw�rts.</p><p>Lynn wandte sich abrupt um, um zu sehen, was es gab.</p><p>Sie sah eben noch eine Frau durch das schmale Tor oberhalb Furrowbanks verschwinden.</p><p>�Wer war das?�, erkundigte sich David argw�hnisch.</p><p>�Wenn ich mich nicht irre, war�s Frances�, entgegnete Lynn.</p><p>�Frances? Was mag die wohl wollen? Rosaleen bekommt hier nur Besuche von Leuten, die etwas von ihr wollen. Ihre Mutter hat ihr heute Morgen auch schon ihre Aufwartung gemacht.�</p><p>Lynn trat einen Schritt zur�ck.</p><p>�Mutter? Was hat sie denn gewollt?�</p><p>�K�nnen Sie sich das nicht denken? Geld nat�rlich.�</p><p>�Geld?�</p><p>Lynn presste die Lippen aufeinander.</p><p>�Sie hat�s bekommen�, versicherte David mit dem kalten sp�ttischen L�cheln, das f�r sein Gesicht geschaffen schien.</p><p>Vor wenigen Sekunden waren sie einander so nahe gewesen; nun schienen sie Meilen voneinander entfernt, getrennt durch un�berbr�ckbare Gegens�tze.</p><p>�Nein! Nein! Nein!�, rief Lynn abwehrend.</p><p>�Doch! Doch! Doch!� David ahmte ihren Ton nach.</p><p>�Ich kann�s nicht glauben! Wie viel denn?�</p><p>�F�nfhundert Pfund.�</p><p>Lynn unterdr�ckte einen Ausruf.</p><p>�Ich bin gespannt, wie viel Frances haben will. Man kann Rosaleen wirklich keine f�nf Minuten allein lassen. Das arme Ding versteht�s nicht, nein zu sagen.�</p><p>�War sonst noch� jemand��, fragte Lynn bedr�ckt.</p><p>�Tante Kathie hatte ein paar Schulden, die sie dr�ckten, aber es war nicht viel. Mit zweihundertf�nfzig Pfund war der Schaden behoben. Sie hatte schreckliche Angst, ihre Bitte um Unterst�tzung k�nnte dem Doktor zu Ohren kommen. Der w�re nicht sehr erbaut gewesen von den Schulden, umso mehr, als sie von der Bezahlung spiritistischer Medien herstammten. Die gute Tante Kathie ahnte nat�rlich nicht, dass der Doktor selbst ebenfalls schon um ein Darlehen ersucht hatte.�</p><p>�Was f�r einen Eindruck m�ssen Sie von uns haben�, sagte Lynn leise.</p><p>V�llig unerwartet f�r David machte sie pl�tzlich kehrt und lief davon. Sie hatte die Richtung zu Rowleys Farm eingeschlagen, und die Erkenntnis, dass sie sich zu Rowley fl�chtete, wie eine verwundete Taube an ihr angestammtes Pl�tzchen flattert, machte David mehr zu schaffen, als er sich einzugestehen wagte.</p><p>Stirnrunzelnd straffte er die Schultern und schaute zu dem Haus auf dem H�gel empor.</p><p>�Nein, Frances�, murmelte er. �Du hast dir den falschen Tag ausgesucht.�</p><p>Er platzte in den Salon hinein, als Frances gerade sagte:</p><p>�Ich w�nschte, es lie�e sich einfacher erkl�ren, Rosaleen, aber es ist wirklich furchtbar schwierig � �</p><p>�Ist�s das wirklich?�, unterbrach David, der unbemerkt eingetreten war, sie.</p><p>Frances fuhr herum. Im Unterschied zu Adela hatte sie es keineswegs darauf abgesehen gehabt, Rosaleen allein anzutreffen. Die Summe, die sie brauchte, war zu gro�, als dass anzunehmen gewesen w�re, Rosaleen h�tte sie ohne Beratung mit ihrem Bruder gew�hrt. Frances war es daher denkbar unangenehm, dass David nun den Eindruck erhielt, sie habe das Geld ohne sein Wissen aus Rosaleen herauslocken wollen. Doch sein unerwartetes Auftauchen best�rzte sie, und �berdies entging ihr nicht, dass er sich in besonders schlechter Laune befand.</p><p>�Ich bin froh, dass Sie kommen, David�, sagte sie obenhin. �Gerade habe ich Rosaleen anvertraut, dass wir durch Gordons pl�tzlichen Tod in arge Verlegenheit geraten sind��</p><p>Sie fuhr fort, die Lage zu schildern, flocht geschickt die notwendige Summe ein, erw�hnte die Hypotheken auf ihrem Haus, Gordons Versprechungen, auf die fest zu bauen gewesen war, und die dr�ckenden Steuerlasten.</p><p>Eine gewisse Bewunderung f�r Frances glomm in Davids feindlich gesinntem Gem�t auf.</p><p>Wie hemmungslos diese Frau doch zu l�gen verstand! Die Geschichte, die sie da auftischte, war schlau und. glatt zusammengef�gt; sie klang wahrscheinlich, aber sie entsprach bestimmt nicht der Wahrheit. Was war eigentlich die Wahrheit? Frances und ihr Mann mussten tief in der Patsche sitzen, wenn Jeremy seiner Frau gestattete, diesen Gang nach Canossa anzutreten.</p><p>�Zehntausend?�, erkundigte er sich gesch�ftsm��ig.</p><p>�Eine Menge Geld�, murmelte Rosaleen voller Ehrfurcht vor der Zahl.</p><p>Schnell hakte Frances ein.</p><p>�Eine Menge Geld, ich wei�. Weil es sich um eine schwer aufzutreibende Summe handelt, komme ich ja zu Ihnen. Jeremy w�re nie auf dieses Gesch�ft eingegangen, h�tte Gordon ihm nicht seine Unterst�tzung zugesagt. Es ist furchtbar, dass Gordons pl�tzlicher Tod � �</p><p>�Sie alle an einer windigen Ecke Ihrem Schicksal �berl�sst�, vollendete David den Satz mit h�flichem Spott, �nachdem sich�s unter seinen Fittichen bisher so behaglich leben lie�.�</p><p>�Sie haben eine merkw�rdige Art, die Situation zu schildern�, entgegnete Frances mit einem nerv�sen Flackern in den Augen.</p><p>�Rosaleen darf das Kapital nicht anr�hren. Nur die Zinsen stehen ihr zu.�</p><p>�Ich wei�, und die Besteuerung ist heutzutage horrend. Aber es lie�e sich doch sicher machen. Wir w�rden es ja zur�ckzahlen.�</p><p>�Es lie�e sich allerdings machen�, antwortete David kalt. �Aber es wird nicht gemacht.�</p><p>Frances wandte sich hastig Rosaleen zu.</p><p>�Rosaleen, Sie sind doch gro�z�giger � �</p><p>David unterbrach sie brutal.</p><p>�Wof�r halten die Cloades Rosaleen eigentlich? F�r eine Milchkuh? Die ganze Sippschaft ist hinter ihr her, bettelt sie an und schmiert ihr Honig ums Maul. Und hinter ihrem R�cken? Da hasst man sie, w�nscht ihr Tod und Teufel an den Hals.�</p><p>�Das ist nicht wahr!�</p><p>�Jawohl, es ist wahr. Ich habe sie satt, die Cloades! Alle miteinander. Und Rosaleen geht�s genauso. Von uns ist kein Geld mehr zu bekommen, also k�nnen Sie sich die Besuche und die Bettelei sparen.� Davids Gesicht war vor Wut verzerrt.</p><p>Frances erhob sich. Kein Muskel in ihrem Gesicht bewegte sich. Sie zog sich ihre Handschuhe an, geistesabwesend, aber doch sorgf�ltig, als handle es sich um eine �u�erst bedeutsame Verrichtung.</p><p>�Sie machen keine M�rdergrube aus Ihrem Herzen, David�, sagte sie.</p><p>�Es tut mir Leid�, murmelte Rosaleen. �Es tut mir Leid.�</p><p>Frances schenkte ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit. Sie schritt zur T�r.</p><p>�Sie haben behauptet, ich hasste Rosaleen. Das stimmt nicht. Sie hasse ich.�</p><p>�Was meinen Sie damit?�, schnappte David mehr als er fragte.</p><p>�Eine Frau muss sehen, wo sie bleibt. Rosaleen hat einen um Jahrzehnte �lteren Mann geheiratet. Warum nicht? Aber Sie! Sie heften sich wie ein Parasit an sie, leben von ihr, von ihrem Besitz.�</p><p>�Ich stelle mich nur zwischen sie und die Meute habgieriger Geier, die sie umlauert.�</p><p>Sie standen einander gegen�ber und ma�en sich mit stummem Blick. Es schoss David durch den Kopf, dass Frances Cloade keine ungef�hrliche Feindin war. Er verhehlte sich nicht, dass diese Frau skrupellos ein einmal gestecktes Ziel verfolgen w�rde.</p><p>Als Frances Miene machte, das Schweigen zu beenden, sp�rte David beinahe k�rperlich die Spannung, die den Raum erf�llte. Doch Frances Cloade machte nur eine bedeutungslose Bemerkung.</p><p>�Ich werde nicht vergessen, was Sie gesagt haben, David.�</p><p>Und ohne sich noch einmal umzusehen, verlie� sie den Raum.</p><p>Rosaleen weinte leise.</p><p>�H�r auf, N�rrin!�, fuhr David sie an. �M�chtest du etwa, dass die ganze Bande �ber dich hinwegtrampelt und dir jeden Cent, den du besitzt, aus der Tasche zieht?�</p><p>�Aber wenn�s doch nicht mein rechtm��iges Geld � �</p><p>Davids Blick machte sie verstummen.</p><p>�Ich hab�s nicht so gemeint, David.�</p><p>�Das will ich hoffen�, erwiderte er grob.</p><p>Das dumme Gewissen! Rosaleens Gewissen w�rde ihnen noch zu schaffen machen.</p><p>Ein Schatten flog �ber sein Gesicht. Rosaleen rief unvermittelt: �Ein Schatten f�llt auf mein Grab!�</p><p>David sah seine Schwester verdutzt an. Nach einem Moment der Verst�ndnislosigkeit sagte er:</p><p>�Siehst du selbst, dass es so weit kommen k�nnte?�</p><p>�Was meinst du damit, David?�</p><p>�Ich meine, dass f�nf oder sechs Leute keinen anderen Gedanken haben, als dich schneller in dein Grab zu bef�rdern, als du hineingeh�rst.�</p><p>�Soll das hei�en� Mord�?�</p><p>Ihre Stimme war fast tonlos vor Entsetzen.</p><p>�Aber so nette Leute wie die Cloades begehen doch keinen Mord.�</p><p>�Ich bin nicht so sicher, dass es nicht gerade die netten Leute wie die Cloades sind, die Morde begehen. Aber solange ich da bin und auf dich aufpasse, werden sie keinen Erfolg haben. Zuerst m�ssen sie mich aus dem Weg schaffen, wollten sie an dich ran. Falls ich jemals aus dem Weg ger�umt werden sollte, Rosaleen, dann gib Acht auf dich, h�rst du?�</p><p>�Sag nicht so furchtbare Dinge, David!�</p><p>Er packte ihren Arm.</p><p>�Gib Acht auf dich, Rosaleen, wenn ich nicht da sein sollte, um dich zu besch�tzen. Das Leben ist keine Spazierfahrt, es ist eine gef�hrliche Angelegenheit, und ich habe so das Gef�hl, als sei es f�r dich ganz besonders gef�hrlich.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>8</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>�Kannst du mir f�nfhundert Pfund leihen, Rowley?�</p><p>Rowley starrte Lynn fassungslos an. Atemlos vom Laufen, die Lippen trotzig zusammengepresst und mit blassem Gesicht stand sie in der T�r.</p><p>Bes�nftigend und in einem Ton, wie er ihn einem erregten Pferd gegen�ber anzuwenden pflegte, sagte Rowley:</p><p>�Aber beruhige dich doch, M�dchen. Was gibt�s denn? Was ist denn los?�</p><p>�Ich brauche f�nfhundert Pfund.�</p><p>�Die k�nnte ich auch gebrauchen, ehrlich gesagt.�</p><p>�Es ist kein Witz, Rowley. Kannst du mir das Geld leihen?�</p><p>�Ich bin v�llig blank, Lynn. Der neue Traktor � �</p><p>Lynn wehrte ungeduldig ab.</p><p>�Ja, ja, ich wei�, aber du k�nntest das Geld doch irgendwo aufnehmen. Du k�nntest es dir doch sicher beschaffen, wenn es sein m�sste.�</p><p>�Wof�r brauchst du es, Lynn? Ist irgendetwas passiert?�</p><p>�Ich brauche das Geld f�r ihn.�</p><p>Eine j�he Bewegung mit dem Kopf deutete in Richtung des Hauses auf dem H�gel.</p><p>�F�r Hunter? Ja, aber um Himmels willen � �</p><p>�Mama hat sich das Geld von ihm geborgt. Sie steckt in Schwierigkeiten mit irgendwelchen Zahlungen.�</p><p>�Sie sah in letzter Zeit schlecht aus. Ich kann mir vorstellen, dass es schwer ist f�r sie.� Rowley nickte voller Verst�ndnis. �Ich w�nschte, ich k�nnte dir helfen, Lynn.�</p><p>�Ich ertrage es nicht, dass sie sich von diesem Menschen Geld leiht.�</p><p>�Sei vern�nftig, Lynn. Schlie�lich ist es Rosaleen, die �ber das Geld zu verf�gen hat, nicht Hunter. Und was ist schlie�lich dabei?�</p><p>�Was dabei ist? Rowley! Wie kannst du nur so fragen!�</p><p>�Ich finde beim besten Willen nichts dabei�, beharrte Rowley. �Sie wei�, dass Gordon uns alle stets unterst�tzt hat, und es ist nur nat�rlich, dass sie jetzt einspringt, wenn Not am Mann ist.�</p><p>�Rowley, du wirst dir doch nicht etwa auch von ihr geborgt haben?�</p><p>�Nein, aber das ist etwas anderes. Ich kann nicht gut zu einer Frau gehen und sie bitten, mir Geld zu geben.�</p><p>�Begreifst du denn nicht, dass es gr�sslich ist f�r mich, David Hunter f�r etwas dankbar sein zu m�ssen?�, fragte Lynn eindringlich.</p><p>�Du bist ihm in keiner Weise zu Dank verpflichtet. Es ist nicht sein Geld.�</p><p>�Doch, es ist sein Geld. Er allein ist ma�gebend. Rosaleen tut nur, was er sagt.�</p><p>�Wenn du es so betrachtest � m�glich. Aber juristisch gesehen geh�rt das Geld ihr und nicht ihm.�</p><p>�Du willst oder kannst mir also nichts leihen?�</p><p>Sie schnitt alle vom Thema abweichenden Er�rterungen mit einer schroffen Handbewegung ab.</p><p>�Nimm doch an, Lynn, und sei nicht so hartn�ckig. Wenn du in wirklicher Not w�rst, ich meine, wenn�s um Erpressung oder dr�ckende Schulden ginge, da k�nnte ich nat�rlich ein St�ck Land verkaufen oder Vieh, aber so etwas sollte man nur tun, wenn�s wirklich keinen anderen Ausweg mehr gibt, wenn es ums Letzte geht. Was wei� ich, was die Regierung einem n�chstens an neuen Lasten aufb�rdet? Es ist einfach zu viel f�r einen Mann allein, eine solche Farm zu bewirtschaften.�</p><p>�Ich wei߫, entgegnete Lynn voller Bitterkeit, �wenn nur Johnnie nicht gefallen w�re � �</p><p>�Lass gef�lligst Johnnie aus dem Spiel�, fuhr Rowley auf.</p><p>Er hatte regelrecht geschrien. Entgeistert starrte Lynn ihn f�r einen Augenblick an. Dann drehte sie sich um und ging langsam heim.</p><p>�Kannst du es ihm nicht zur�ckgeben, Mama?�</p><p>�Ausgeschlossen, Lynn, ausgeschlossen. Ich ging geradewegs zur Bank damit. Und dann habe ich gleich Arthurs und Bodgham und Knebworth bezahlt. Knebworth hat in letzter Zeit entsetzlich gedr�ngt. Ach, was war das f�r eine Erleichterung, diese dr�ckenden Schulden los zu sein. Seit N�chten habe ich kein Auge mehr zugetan. Rosaleen war sehr nett und verst�ndnisvoll.�</p><p>�Da wirst du wohl jetzt von Zeit zu Zeit zu ihr pilgern.�</p><p>�Das wird hoffentlich nicht n�tig sein. Was in meinen Kr�ften steht, tue ich; aber bei der heutigen Lage! Alles wird teurer, und dies d�rfte sich auch kaum bald �ndern.�</p><p>�Wir h�tten sie nicht um Geld angehen d�rfen�, erkl�rte Lynn hartn�ckig. �Jetzt hat jeder das gute Recht, uns zu verachten.�</p><p>�Wer verachtet uns?�</p><p>�David Hunter.�</p><p>�Es will mir nicht einleuchten, was das David Hunter angehen soll. Zum Gl�ck war er heute Morgen nicht daheim, als ich vorsprach. Er hat sie vollkommen in der Gewalt.�</p><p>�Den ersten Morgen nach meiner Heimkehr hast du eine so sonderbare Bemerkung gemacht, Mama. �Wenn er �berhaupt ihr Bruder ist.� Was meintest du damit?�</p><p>�Ach�� Mrs Marchmont sah leicht irritiert drein. �Man h�rt so mancherlei reden. Du wei�t doch��</p><p>Lynn begn�gte sich damit, ihre Mutter fragend anzusehen. Mrs Marchmont h�stelte verlegen und fuhr dann fort:</p><p>�In Gesellschaft von Frauen dieser Art, Abenteuerinnen � der gute Gordon hat sich nat�rlich einfangen lassen? �, ist meist ein junger Mann anzutreffen, der so gut wie dazugeh�rt. Angenommen, Rosaleen kabelte nach Kanada, oder was wei� ich wohin, dem jungen Mann, und dann tauchte der junge Mann pl�tzlich auf, und Rosaleen gab ihn als ihren Bruder aus. Wie h�tte Gordon wissen sollen, ob es wirklich ihr Bruder war oder nicht?�</p><p>�Ich glaube es nicht�, erkl�rte Lynn. �Ich glaube es einfach nicht.�</p><p>Mrs Marchmont zog zweifelnd die Augenbrauen hoch. �In diesen Dingen, liebes Kind, wei� man nie��</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>9 </strong></p></title><p>Eine Woche sp�ter entstieg dem Zug, der um f�nf Uhr zwanzig nachmittags in Warmsley Heath h�lt, ein Mann mit einem Rucksack.</p><p>Auf dem gegen�berliegenden Bahnsteig warteten mehrere Golfspieler auf den Gegenzug. Der hoch gewachsene, b�rtige Mann mit dem Rucksack gab seine Fahrkarte ab und trat auf den Platz vor dem Bahnhof. Ein paar Minuten stand er unschl�ssig da, dann fiel sein Blick auf das Schild mit dem Hinweis: �Fu�weg nach Warmsley Vale�, und er machte sich auf den Weg.</p><p>In Long Willows hatte Rowley sich eben eine Tasse Tee gebraut, als ein Schatten �ber den K�chentisch fiel und ihn veranlasste, aufzublicken.</p><p>Falls er erwartet hatte, das M�dchen vor der T�r sei Lynn, so dauerte seine Entt�uschung nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie Erstaunen Platz machte, denn die weibliche Gestalt war Rosaleen Cloade.</p><p>Sie trug ein Kleid aus gestreiftem, grob gewebtem Leinen, eines dieser einfach aussehenden St�cke, die mehr kosten, als Rowley sich jemals h�tte tr�umen lassen.</p><p>Bisher hatte er Rosaleen nur in eleganten Modellen gesehen, die sie trug wie ein etwas unsicheres Mannequin. Das gr�n und orange gestreifte Leinenkleid verwandelte sie zu ihrem Vorteil. Es unterstrich ihre blauen Augen und die dunklen Haare. Selbst ihre Stimme schien von der Verwandlung angesteckt und nat�rlicher zu sein als sonst.</p><p>�Es ist solch ein herrlicher Nachmittag�, erkl�rte sie. �Da habe ich einen Spaziergang gemacht. David ist in London�, f�gte sie hinzu.</p><p>Sie sagte es beinahe schuldbewusst. Dann nahm sie eine Zigarette aus ihrer Tasche und bot auch Rowley eine an. Er nahm ihr das kostbar aussehende goldene Feuerzeug aus der Hand und brachte es mit einer Bewegung zum Brennen. Als Rosaleen sich �ber die Flamme beugte, fielen ihm ihre langen, seidigen Wimpern auf, und er dachte: Gordon wusste, was er tat�</p><p>�Ein h�bsches K�lbchen haben Sie da auf Ihrer Wiese�, sagte Rosaleen. Erstaunt �ber ihr Interesse an l�ndlichen Dingen, begann Rowley �ber die Farm zu erz�hlen. Ihr Interesse war nicht geheuchelt. Rowley fand bald heraus, dass sie vom Farmwesen allerhand verstand. Melken und Buttern waren ihr vertraute Begriffe.</p><p>�Sie g�ben ja eine pr�chtige Farmersfrau ab, Rosaleen�, erkl�rte er lachend.</p><p>�Wir hatten eine Farm� in Irland� bevor ich hierher kam.�</p><p>Ihr Gesicht �berschattete sich.</p><p>�Bevor Sie zur B�hne gingen?�</p><p>�Es ist noch nicht lange her�, meinte Rosaleen. �Ich erinnere mich noch an alles. Wenn es sein m�sste, k�nnte ich jetzt, auf der Stelle, Ihre K�he melken, Rowley.�</p><p>Das war eine neue Rosaleen. Ob David Hunter wohl mit der Offenbarung der l�ndlichen Vergangenheit seiner Schwester einverstanden gewesen w�re? Rowley bezweifelte das. Irischer Landadel, das war der Eindruck, den David zu erwecken w�nschte. Rosaleens Version kam der Wahrheit n�her, davon war er �berzeugt. Hartes Bauernleben, dann die Versuchung des Theaters, die Tournee nach S�dafrika, Heirat, darauf Trennung, dann ein Weilchen zielloses Umherirren und endlich neuerliche Heirat mit einem Million�r in New York�</p><p>�W�rde Ihnen ein Rundgang �ber die Farm Freude machen?�, fragte Rowley.</p><p>�O ja!� Ihre Augen leuchteten richtig auf.</p><p>Am�siert von ihrem eifrigen Interesse f�hrte Rowley sie herum. Doch als er schlie�lich vorschlug, nun f�r sie beide Tee zu machen, sah sie pl�tzlich schuldbewusst drein und meinte, es sei h�chste Zeit f�r sie, heimzukehren. Sie schaute auf ihre Uhr und rief entsetzt:</p><p>�Mein Gott, wie sp�t es schon ist! David kommt mit dem 5-Uhr-20-Zug zur�ck. Er wird sich wundern, wo ich stecke.�</p><p>Und sch�chtern f�gte sie hinzu: �Es war ein sch�ner Nachmittag, Rowley.�</p><p>Rowley sah ihr nach, wie sie eilig den Weg nach Hause einschlug. Sie hatte wirklich einen sch�nen Nachmittag verbracht. Ausnahmsweise hatte sie sein d�rfen, wie sie war, ungek�nstelt und nat�rlich, ein einfaches, h�bsches M�dchen aus l�ndlicher Umgebung. Sie hatte Angst vor David, daran war nicht zu zweifeln. David regierte in dieser Gemeinschaft. Und heute war er fort, und sie hatte ihre Freiheit genossen wie ein Dienstbote, der einmal in der Woche Ausgang hat. Die reiche Mrs Gordon Cloade!</p><p>Er l�chelte grimmig, als er ihr nachsah. Kurz bevor Rosaleen den Zaun auf halber H�he des H�gels erreichte, kletterte ein Mann dar�ber. Im ersten Augenblick meinte Rowley, David zu sehen, doch dann erkannte er, dass der Mann gr��er und st�rker war. Rosaleen trat zur�ck, um den Mann vorbeizulassen, dann sprang sie �ber den Zaun und rannte den Rest der Strecke.</p><p>Rowley stand noch eine Weile in Gedanken versunken da. Eine fremde Stimme riss ihn aus seinen Tr�umen.</p><p>Ein hoch gewachsener Mann mit einem Filzhut auf dem Kopf und einem l�ssig �ber die Schulter geworfenen Rucksack stand auf dem Fu�weg jenseits des Gatters.</p><p>�Ist dies der Weg nach Warmsley Vale?�, erkundigte sich der Fremde.</p><p>�Ja, halten Sie sich nur immer an den Pfad. Quer �ber dieses Feld dort, dann kommen Sie zur Landstra�e. Da wenden Sie sich nach rechts, und in ein paar Minuten sind Sie mitten im Dorf.�</p><p>Hunderte von Malen hatte er die gleiche Auskunft erteilt.</p><p>Die n�chste Frage war nicht so �blich, doch beantwortete Rowley sie, ohne ihr weitere Beachtung zu schenken.</p><p>�Im �Hirschen� oder im �Glockenhof�. Sie sind beide gleich gut � oder gleich schlecht, wie man�s nimmt. In einem von beiden Hotels kriegen Sie sicher ein Zimmer f�r die Nacht.�</p><p>Rowley betrachtete sich den Fragesteller genauer. Der Mann war auffallend gro�, hatte blaue Augen, ein von der Sonne gebr�untes Gesicht und einen Bart. Er sah nicht schlecht aus, wenn auch etwas derb und draufg�ngerisch. Er geh�rte jedenfalls nicht zu den Menschen, die gleich auf den ersten Blick vorbehaltlos Sympathien erwecken.</p><p>Wahrscheinlich kommt er von �bersee, dachte Rowley. Ihm schien, als spr�che der Fremde mit einem Akzent, der ein wenig an die Kolonien erinnerte. Sonderbar, aber das Gesicht kam ihm nicht v�llig fremd vor.</p><p>�K�nnen Sie mir sagen, ob es hier in der N�he ein Haus namens Furrowbank gibt?�</p><p>�Ja, dort oben auf dem H�gel�, erwiderte Rowley. �Sie m�ssen daran vorbeigekommen sein, wenn Sie zu Fu� vom Bahnhof hergegangen sind.�</p><p>�Das gro�e, neu aussehende Haus auf dem H�gel? Das ist es also.�</p><p>Der Mann wandte sich um und schaute zu Furrowbank hinauf.</p><p>�Es muss eine Menge kosten, so ein Anwesen zu unterhalten.�</p><p>Allerdings, dachte Rowley, und es ist unser Geld! �rger �berflutete ihn einen Moment und lie� ihn vergessen, dass er sich in</p><p>Gesellschaft eines Fremden befand. Als er sich wieder zusammenriss, fiel ihm der sonderbare Ausdruck in den Augen des Mannes auf, der immer noch das Haus auf dem H�gel anstarrte.</p><p>�Wohnt dort nicht eine gewisse Mrs Cloade?�, fragte er.</p><p>�Stimmt�, best�tigte Rowley. �Mrs Gordon Cloade.�</p><p>Die Brauen des Fremden zogen sich erstaunt in die H�he. Ein am�siertes L�cheln umspielte seinen Mund.</p><p>�Ach, Mrs Gordon Cloade. Da hat sie ja Gl�ck gehabt.� Er nickte Rowley zu. �Danke f�r die Auskunft�, und den Rucksack zurechtschiebend, setzte er seinen Weg nach Warmsley Vale fort.</p><p>Rowley wandte sich langsam wieder seinem Haus zu. Wo hatte er dieses Gesicht nur schon gesehen? Der Gedanke lie� ihn nicht los.</p><p>Gegen halb zehn Uhr am Abend des gleichen Tages erhob sich Rowley vom Tisch, der von einer Unzahl Formulare bedeckt war, warf einen Blick auf Lynns Bild auf dem Kamin und verlie� dann nachdenklich das Haus.</p><p>Zehn Minuten sp�ter stie� er die T�r zur Wirtsstube des Hotels �Zum Hirschen�, auf. Beatrice Lippincott nickte ihm hinter der Theke zu. Bei einem Glas Bier tauschte Rowley die �blichen Bemerkungen �ber das Wetter, die Fehler der augenblicklichen Regierung und die Ernte aus. Nach einem Weilchen gelang es ihm, sich n�her an Beatrice heranzupirschen und sie leise zu fragen:</p><p>�Ist heute nicht ein Fremder angekommen? Gro�er Mann. Verbeulter Hut.�</p><p>�So gegen sechs Uhr ist ein Gast gekommen. Der k�nnte es sein, Mr Rowley.�</p><p>�Den meine ich. Er kam bei mir vorbei und fragte nach dem Weg.�</p><p>�Er scheint hier in der Gegend nicht bekannt zu sein�, bemerkte Beatrice.</p><p>�Ich war neugierig, wer es wohl sein k�nnte.�</p><p>Er l�chelte Beatrice an, und Beatrice l�chelte, zur�ck.</p><p>�Nichts leichter als das, Mr Rowley, wenn Ihnen daran liegt, es zu wissen.�</p><p>Sie holte unter der Theke ein gro�es, in braunes Leder gebundenes Buch hervor, in das die ankommenden G�ste eingeschrieben wurden. Die letzte Eintragung lautete:</p><p><emphasis>Enoch Arden. Kapstadt. Britischer Staatsangeh�riger.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>10 </strong></p></title><p>Es war ein herrlicher Morgen. Die V�gel zwitscherten, die Sonne schien, und Rosaleen, in ihrem teuren, so einfach wirkenden gestreiften Kleid zum Fr�hst�ck hinunterkommend, war mit sich und der Welt zufrieden.</p><p>Die Ahnungen und �ngste, die sie in letzter Zeit bedr�ckt hatten, waren verflogen. David war ebenfalls guter Laune und zu Scherzen aufgelegt. Sein Besuch in London am Vortag war zu seiner Zufriedenheit verlaufen. Das Fr�hst�ck war ausgezeichnet. Sie waren eben damit fertig, als die Post gebracht wurde.</p><p>Sieben oder acht Briefe waren an Rosaleen gerichtet. Rechnungen, Bitten um Unterst�tzung verschiedener Wohlt�tigkeitsorganisationen, nichts von Bedeutung.</p><p>David legte ein paar kleine Rechnungen beiseite und �ffnete einen Umschlag, dessen Adresse in Druckbuchstaben geschrieben war. Auch der inliegende Brief war in der gleichen unpers�nlichen Weise abgefasst.</p><p><emphasis>Sehr geehrter Mr Hunter,</emphasis></p><p><emphasis>da der Inhalt dieses Briefes Ihre Schwester �Mrs Cloade� erschrecken k�nnte, halte ich es f�r richtiger, mein Schreiben an Sie zu richten. Um mich kurz zu fassen: Ich habe Nachrichten von Captain Robert Underhay, was Ihre Schwester sicher freuen wird zu h�ren. Ich wohne im �Hirschen�. Falls Sie mich dort heute Abend aufsuchen wollen, werde ich Ihnen gern N�heres mitteilen.</emphasis></p><p><emphasis>Mit vorz�glicher Hochachtung</emphasis></p><p><emphasis>Enoch Arden</emphasis></p><p>Ein erstickter Laut entfloh David. Rosaleen schaute l�chelnd auf, wurde jedoch sogleich ernst, als sie das Gesicht ihres Bruders sah, und fragte beunruhigt:</p><p>�Was gibt�s denn, David?�</p><p>Er hielt ihr stumm den Brief entgegen.</p><p>Rosaleen las das Schreiben.</p><p>�Aber David� ich verstehe nicht, was� was hat das zu bedeuten?�</p><p>�Du kannst doch lesen, oder hast du�s verlernt?�</p><p>�Bedeutet das, dass wir� was sollen wir tun?�</p><p>Auf Davids Stirn hatten sich tiefe Querfalten gebildet. Nun nickte er seiner Schwester bes�nftigend zu.</p><p>�Mach dir keine Sorgen. Ich werde die Sache erledigen.�</p><p>�Ja, aber bedeutet das, dass wir � �</p><p>�Hab nicht gleich Angst, Rosaleen. Ich werde dir sagen, was du tust. Du gehst gleich hinauf, packst ein K�fferchen und f�hrst nach London. Bleib in der Wohnung dort, bis du von mir h�rst. Alles �brige �berlass ruhig mir.�</p><p>�Ja, aber � �</p><p>�Tu, was ich dir gesagt habe, Rosaleen.�</p><p>Er l�chelte ihr zu und sprach freundlich und mit zuversichtlich klingender Stimme auf sie ein.</p><p>�Geh hinauf und pack deine Siebensachen. Ich fahre dich zum Bahnhof. Du kannst den 10-Uhr-32-Zug noch erwischen. Sag dem Portier in London, dass du niemanden zu sehen w�nschst. Falls jemand nach dir fragt, per Telefon oder pers�nlich, so lass sagen, du seiest nicht da, du seiest nicht in der Stadt. Dr�ck dem Portier ein Trinkgeld in die Hand, damit er�s nicht vergisst. Er darf niemanden zu dir lassen au�er mir.�</p><p>�Oh!� Rosaleens H�nde hoben sich in �ngstlicher Geste.</p><p>�Es besteht kein Grund zu Bef�rchtungen�, versicherte David. �Aber die Situation ist nicht einfach, und du bist ihr nicht gewachsen. Deshalb will ich dich aus dem Weg haben. Ich werde schon damit fertig, hab keine Angst.�</p><p>�Kann ich nicht hier bleiben, David?�</p><p>�Nein, Rosaleen, sei vern�nftig. Ich muss freie Hand haben mit diesem Burschen, wer immer er sein mag.�</p><p>�Glaubst du, dass er � �</p><p>�Im Augenblick glaube ich �berhaupt nichts�, erwiderte David nachdr�cklich. �Wir m�ssen der Reihe nach vorgehen. Und als Erstes musst du von der Bildfl�che verschwinden. Dann kann ich herausfinden, wie die Dinge liegen. Sei vern�nftig, Rosaleen, und beeil dich.�</p><p>Gehorsam verlie� sie den Raum.</p><p>David musterte stirnrunzelnd den Brief in seiner Hand. Der Ton war h�flich, der Inhalt nichtssagend. Irgendwelche Schl�sse aus den Zeilen zu ziehen, war schwierig. M�glich, dass der Schreiber ehrliche Besorgtheit ausdr�cken wollte, m�glich aber auch, dass es ihm darum zu tun war, eine versteckte Drohung anzubringen. Was David etwas seltsam erschien an dem Brief, waren die Anf�hrungszeichen vor und nach dem Namen seiner Schwester. Dieses �Mrs Cloade� wirkte beunruhigend.</p><p>Er betrachtete die Unterschrift. Enoch Arden. Eine Erinnerung wurde geweckt, blieb aber verschwommen. Irgendwelche Verse hingen damit zusammen.</p><p>Als David an diesem Abend die Halle des �Hirschen� betrat, war, wie �blich, niemand da. Eine T�r an der linken Seite trug die Aufschrift �Caf�, eine T�r an der rechten Seite war bezeichnet mit �Salon�. Eine weiter hinten liegende T�r f�hrte zu R�umlichkeiten, die laut Hinweis �Nur f�r Hotelg�ste� reserviert waren. Durch einen Korridor, der rechts abzweigte, kam man in die Wirtsstube, aus der ged�mpftes Stimmengewirr her�berdrang. Auf die durchsichtige Vorderfront eines Glasverschlags war �B�ro�, gemalt. Neben dem Schiebefenster stand vorsorglich eine Glocke.</p><p>Man mu�te manchmal vier- oder f�nfmal l�uten, bevor sich jemand herablie�, nach den W�nschen des Gastes zu fragen. David wusste das aus Erfahrung. Bis auf die wenigen Stunden, in denen die Mahlzeiten serviert wurden, war die Halle des �Hirschen� meist menschenleer wie Robinson Crusoes Eiland.</p><p>Heute hatte David Gl�ck. Schon beim dritten L�uten tauchte Miss Beatrice Lippincott von der Wirtsstube her auf und betrat, ihren leuchtend blonden Haarschopf zurechtstreichend, die Halle. Mit einem freundlichen L�cheln schl�pfte sie in den Glasverschlag: �Guten Abend, Mr Hunter. Kalt drau�en f�r diese Jahreszeit, finden Sie nicht?�</p><p>�Ja. Ist bei Ihnen ein Mr Arden abgestiegen?�</p><p>�Warten Sie, ich will nachschauen�, erwiderte Miss Lippincott und bl�tterte im G�stebuch, als m�sse sie sich vergewissern. Es war eine �berfl�ssige kleine Prozedur, auf die sie nie verzichtete, wohl in der irrigen Ansicht, dadurch das Ansehen des �Hirschen� zu steigern.</p><p>�Ja, hier haben wir ihn. Nummer 5 im ersten Stock. Sie k�nnen nicht fehlgehen, Mr Hunter. Die Treppe hinauf und dann nicht zur Galerie, sondern links herum und drei Stufen hinunter.�</p><p>Dieser Anweisung folgend, stand David kurz darauf vor Nummer 5. Auf sein Klopfen rief eine Stimme: �Herein.�</p><p>David trat ein und schloss die T�r hinter sich.</p><p>Beatrice Lippincott verlie� den Glasverschlag und rief: �Lilly!�, woraufhin ein etwas dumm dreinschauendes M�dchen mit w�ssrigen Glotzaugen erschien.</p><p>�K�nnen Sie mich f�r ein Weilchen vertreten, Lilly?�, fragte Miss Lippincott. �Ich muss nach der Bettw�sche sehen.�</p><p>Lilly kicherte unmotiviert und erwiderte: �Ja, Miss Lippincott.� Und mit einem sehns�chtigen Seufzer f�gte sie hinzu: �Ist der Mr Hunter nicht ein wundersch�ner Mann?�</p><p>�Ach, ich habe einen Haufen junger Leute von seinem Schlag zu Gesicht bekommen w�hrend des Krieges�, tat Miss Lippincott die schw�rmerische Bemerkung �berlegen ab. �Junge Piloten vom Flugplatz dr�ben und was damals alles dort so herumschwirrte. Man wusste nie, ob die Schecks auch gut waren, die sie einem gaben. Aber sie hatten eine Art, dass man manchmal wider besseres Wissen handelte. Worauf ich Wert lege, Lilly, ist Klasse. Ein Gentleman ist ein Gentleman und l�sst sich auf den ersten Blick erkennen, selbst wenn er einen Traktor f�hrt.�</p><p>Und mit dieser f�r Lilly nicht leicht zu verstehenden Feststellung verschwand Miss Lippincott in den oberen Regionen.</p><p>In Zimmer Nummer 5 blieb David bei der T�r stehen und sah zu dem Mann hin�ber, der sich Enoch Arden nannte.</p><p>In den Vierzigern, taxierte David, weit herumgekommen, aber nicht immer glimpflich behandelt worden � alles in allem sicher kein leicht zu nehmender Mensch.</p><p>�Sind Sie Hunter?�, er�ffnete Arden das Gespr�ch. �Nehmen Sie Platz. Was wollen Sie? Einen Whisky?�</p><p>Er selbst hatte es sich bequem gemacht, wie David bemerkte. Ein kleiner Vorrat an Flaschen stand bereit; im Kamin brannte Feuer, sehr angenehm an diesem k�hlen Fr�hlingsabend. Die Kleidung war nicht von englischem Schnitt, aber salopp, wie Engl�nder sie zu tragen pflegen. Dem Alter nach h�tte es stimmen k�nnen�</p><p>�Danke. Einen Whisky nehme ich gern.�</p><p>Sie benahmen sich ein wenig wie Hunde, die noch nicht recht wissen, woran sie miteinander sind. Gespannt, jeden Augenblick bereit, sich spielerisch zu balgen oder zuzuschnappen. Doch �ber den Gl�sern l�ste sich die Spannung etwas. Die erste Runde war beendet.</p><p>Der Mann, der sich Enoch Arden nannte, sagte:</p><p>�Sie waren wohl �berrascht, als Sie meinen Brief bekamen?�</p><p>�Ehrlich gestanden, wei� ich nicht recht, was ich davon halten soll. Ich entnehme Ihren Andeutungen nur, dass Sie den ersten Mann meiner Schwester, Robert Underhay, kannten.�</p><p>�Das stimmt. Ich kannte Robert sogar sehr gut.� Arden l�chelte und vergn�gte sich damit, blaue Rauchringe in die Luft zu blasen.</p><p>�So gut, wie man einen Menschen nur kennen kann. Sie sind nie mit ihm zusammengetroffen, Hunter, nicht wahr?�</p><p>�Nein.�</p><p>�So? Das ist ja gut.�</p><p>�Was meinen Sie damit?�, fragte David argw�hnisch.</p><p>�Es macht alles viel einfacher, mein Lieber, nichts weiter. Entschuldigen Sie, dass ich Sie ersucht habe, hierher zu kommen, aber ich hielt es f�r besser� � er schaltete eine kleine Pause ein �, �Rosaleen aus dem Spiel zu lassen. Wozu ihr unn�tig Sorgen bereiten?�</p><p>�D�rfte ich Sie bitten, zur Sache zu kommen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Haben Sie jemals die M�glichkeit erwogen, es k�nne mit Robert Underhays Tod eventuell nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein?�</p><p>�Was zum Teufel wollen Sie damit sagen?�</p><p>�Nun, Underhay war ein sonderbarer Mensch. Er hatte so seine eigenen Vorstellungen. M�glich, dass es Ritterlichkeit war, m�glich aber auch, dass ihn andere Motive bewogen haben, doch k�nnen wir das beiseite lassen und einfach annehmen, Underhay w�re es damals, vor einigen Jahren, aus bestimmten Gr�nden sehr recht gewesen, als tot zu gelten. Er verstand ausgezeichnet, mit den Eingeborenen umzugehen. Sie zu veranlassen, eine Geschichte von angeblichen Ereignissen in Umlauf zu setzen, bereitete ihm sicher keine nennenswerte Schwierigkeit. Mehr brauchte es nicht. Eine Geschichte, mit gen�gend glaubw�rdigen Einzelheiten ausgeschm�ckt. Alles, was f�r ihn zu tun blieb, war, tausend Meilen vom Schauplatz entfernt unter anderem Namen wieder aufzutauchen.�</p><p>�Das erscheint mir eine etwas gewagte Annahme�, wehrte David ab. �Zu phantastisch.�</p><p>Arden grinste. Er lehnte sich vor und t�tschelte Davids Knie. �Aber angenommen, es ist die Wahrheit. Was dann?�</p><p>�Ich w�rde unwiderlegbare Beweise verlangen.�</p><p>�Ja? M�glich, dass Underhay selbst eines Tages in Warmsley Vale auftaucht. W�rde Ihnen dieser Wahrheitsbeweis gefallen?�</p><p>�Jedenfalls w�re er eindeutig�, bemerkte David trocken.</p><p>�Eindeutig allerdings, aber gleichzeitig doch auch ein bisschen peinlich. F�r Mrs Gordon Cloade, meine ich. Sogar ziemlich peinlich. Das m�ssen Sie doch wohl zugeben.�</p><p>�Meine Schwester ging ihre zweite Ehe im ehrlichen Glauben ein, verwitwet zu sein.�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Das bedarf gar keiner Erw�hnung. Jeder Richter w�rde das anerkennen. Nicht der geringste Vorwurf kann sie treffen.�</p><p>�Wieso Richter?�, erkundigte sich David stirnrunzelnd.</p><p>Enoch Arden sagte in entschuldigendem Ton:</p><p>�Ich dachte an die juristische Seite: Bigamie.�</p><p>�Worauf wollen Sie hinaus?�, fragte David ungeduldig.</p><p>�Regen Sie sich doch nicht auf, mein Lieber! Lassen Sie uns in Ruhe gemeinsam �berlegen, was am besten zu tun ist. Am besten f�r Ihre Schwester, meine ich. Wem liegt schon daran, Staub aufzuwirbeln und den Leuten Gespr�chsstoff zu liefern? Underhay war immer ein Kavalier.� Arden machte eine Pause. �Er ist es noch��</p><p>�Er ist es noch?�, wiederholte David.</p><p>�Das sagte ich eben.�</p><p>�Sie behaupten, Robert Underhay lebt? Wo befindet er sich augenblicklich?�</p><p>Arden lehnte sich vor, und sein Ton wurde vertraulich.</p><p>�Wollen Sie das wirklich wissen, Hunter? W�re es nicht besser, Sie w�ren nicht im Bild? Oder sagen wir der Genauigkeit halber: W�re es nicht besser, Sie und Rosaleen k�nnten erkl�ren, soweit Sie informiert seien, starb Underhay in Afrika? Na, sehen Sie! Und falls Underhay lebt, wei� er nichts davon, dass seine Frau sich wieder verheiratet hat, denn h�tte er eine Ahnung, w�rde er sich selbstverst�ndlich melden� Rosaleen hat von ihrem zweiten Mann ein gro�es Verm�gen geerbt. Nun, wie die Dinge stehen, w�re Rosaleen doch eigentlich nicht erbberechtigt. Underhay ist ein Mann von ausgepr�gtem Ehrgef�hl. Es w�re ihm entsetzlich zu wissen, dass sie diese Erbschaft unter Vorgabe falscher Tatsachen zugesprochen bekommen hat.� Wieder entstand eine Pause. �Aber Underhay braucht ja, wie gesagt, von dieser zweiten Heirat nichts zu erfahren. Es geht ihm nicht gut, dem armen Kerl. Gar nicht gut.�</p><p>�Inwiefern geht es ihm nicht gut?�</p><p>�Er ist krank, sehr krank, und braucht dringend �rztliche Hilfe und Pflege. Er m�sste sich einer Kur unterziehen, alles sehr kostspielige Dinge��</p><p>David hakte ein.</p><p>�Kostspielig?�</p><p>�Ja, leider kostet doch alles Geld. Und Robert Underhay besitzt praktisch nichts au�er dem, was er am Leibe tr�gt.�</p><p>Davids Blick wanderte durch den Raum und blieb auf dem �ber einem Stuhlr�cken h�ngenden Rucksack haften. Von einem Koffer war nichts zu sehen.</p><p>�Ich hege gewisse Zweifel daran, dass Robert Underhay wirklich so ein vollendeter Kavalier ist, wie Sie es mich glauben machen wollen�, meinte er nach einer Pause.</p><p>�Er war es fr�her�, versicherte der andere. �Aber die Not hat ihn naturgem�� ein wenig h�rter und zum Zyniker gemacht. Gordon Cloade war ein von G�tern au�ergew�hnlich gesegneter Mann. Der Anblick zu gro�en Reichtums erweckt im Armen manchmal die niedrigeren Instinkte.�</p><p>�Meine Antwort steht fest.� David Hunter erhob sich. �Scheren Sie sich zum Teufel!�</p><p>Ohne seine l�ssige Haltung zu ver�ndern, erwiderte Arden: �Ich habe diese Antwort von Ihnen erwartet.�</p><p>�Sie sind ein regelrechter Erpresser und nichts weiter�, erkl�rte David. �Und ich h�tte die gr��te Lust, die Polizei auf Sie zu hetzen.�</p><p>�Mich der �ffentlichkeit preisgeben, ja?� Arden grinste. �Doch Ihnen w�re es weniger angenehm, w�rde ich mich an die �ffentlichkeit wenden. Aber beruhigen Sie sich, ich verzichte darauf. Wenn Sie nicht kaufen wollen, wei� ich noch andere Interessenten f�r meine Ware.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Na, die Cloades! Angenommen, ich gehe zu ihnen mit meiner Geschichte? �Entschuldigen Sie, bitte, wenn ich Sie st�re, aber es interessiert Sie vielleicht, dass Robert Underhay noch lebt!� Mein Lieber, stellen Sie sich den Empfang vor, den man mir bereiten w�rde. Mit offenen Armen k�me die gesamte Familie mir entgegen.�</p><p>�Es w�rde Ihnen wenig n�tzen. Von denen kriegen Sie keinen roten Heller. Die sind samt und sonders arm wie die Kirchenm�use�, entgegnete David grimmig.</p><p>�Es gibt doch so etwas wie � die Juristen nennen es so � ein Erfolgshonorar. Man einigt sich darauf, dass soundsoviel in bar zu zahlen ist an dem Tag, an dem klipp und klar bewiesen wird, dass Robert Underhay noch lebt, Mrs Gordon Cloade also dem Gesetz nach Mrs Underhay ist und Gordon Cloades vor der Heirat abgefasstes Testament seine volle G�ltigkeit behalten hat.�</p><p>Einige Minuten sa� David da, ohne ein Wort zu erwidern. Dann fragte er ohne alle Umschweife:</p><p>�Wie viel?�</p><p>Die Antwort wurde ihm ebenso unverbl�mt zuteil:</p><p>�Zwanzigtausend.�</p><p>�Kommt nicht in Frage. Meine Schwester darf das Kapital nicht antasten. Sie hat nur die Nutznie�ung.�</p><p>�Also zehntausend. Sie kann sich das Geld leicht irgendwo verschaffen. Und sie wird doch auch Schmuck haben.�</p><p>Wieder verfiel David in minutenlanges Schweigen, bevor er erwiderte:</p><p>�Gut. Einverstanden.�</p><p>Der andere sah ihn fassungslos an und ein wenig unsicher, als sei ihm der unerwartet in den Scho� gefallene Sieg nicht ganz geheuer.</p><p>�Keine Schecks�, erkl�rte er. �Nur bares Geld.�</p><p>�Aber Sie m�ssen uns Zeit geben, damit wir das Geld irgendwo auftreiben k�nnen.�</p><p>�Ich gebe Ihnen achtundvierzig Stunden.�</p><p>�Sagen wir n�chsten Dienstag.�</p><p>�Einverstanden. Bringen Sie mir das Geld hierher.� Und bevor David noch etwas entgegnen konnte, f�gte er hinzu: �Sie an einer einsamen Wegbiegung oder einer abgelegenen Stelle am Fluss zu treffen, f�llt mir nicht ein. Sie m�ssen mir das Geld hierher in den �Hirschen� bringen, und zwar am n�chsten Dienstag abends um neun.�</p><p>�Gro�es Vertrauen bringen Sie mir nicht entgegen�, sagte David h�hnisch.</p><p>�Ich habe schon allerhand erlebt, und ich kenne Ihren Typ.�</p><p>�Also abgemacht. N�chsten Dienstag.�</p><p>David verlie� das Zimmer, das Gesicht von Wut verzerrt.</p><p>Beatrice Lippincott trat aus dem Zimmer Nummer 4 auf den Korridor. Zwischen den Zimmern Nummer 4 und Nummer 5 gab es eine Verbindungst�r, da jedoch der Kleiderschrank von Nummer 5 davor stand, blieb sie den Bewohnern dieses Zimmers meist verborgen.</p><p>Miss Lippincotts Wangen waren rosig �berhaucht, und ihre Augen gl�nzten vor innerer Erregung.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>11</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Shepherds Court nannte sich das imposante Appartementhaus in Mayfair, das in luxuri�se Wohnungen aufgeteilt war. Auch jetzt noch wurden die R�ume mit Bedienung vermietet, obwohl die Bedienung nicht mehr so erstklassig war wie vor dem Krieg. Fr�her hatten zwei Portiers den Dienst in der Halle unten versehen; nun musste einer dieser Aufgabe gerecht werden. Im Restaurant konnte man auch jetzt noch alle Mahlzeiten bekommen, doch wurde mit Ausnahme des Fr�hst�cks nichts mehr aufs Zimmer serviert.</p><p>Das von Mrs Gordon Cloade gemietete Appartement befand sich im dritten Stock und umfasste einen Salon mit eingebauter Bar, zwei Schlafzimmer mit eingebauten Schr�nken und ein hochelegantes Bad, in dem auf Hochglanz polierte Kacheln mit den verchromten H�hnen und Handtuchhaltern um die Wette funkelten.</p><p>David Hunter ging im Salon mit gro�en Schritten auf und ab, w�hrend Rosaleen �ngstlich und eingesch�chtert in der Ecke eines Sofas sa� und ihn beobachtete.</p><p>�Erpressung!�, murmelte David. �Erpressung, gemeine Erpressung. Himmel, bin ich der Mensch, der sich erpressen l�sst?�</p><p>Rosaleen sch�ttelte ratlos den Kopf.</p><p>�Wenn ich nur eine Ahnung h�tte�, sagte David. �Wenn ich nur eine Ahnung h�tte.�</p><p>Von Rosaleen kam ein unterdr�ckter Schluchzer.</p><p>�Dies im Dunklen tappen macht mich verr�ckt.� Unvermittelt drehte er sich zu seiner Schwester um. �Hast du die Smaragde in die Bond Street zu Greatorix gebracht?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wie viel?�</p><p>�Viertausend. Viertausend Pfund. Er hat gesagt, falls ich sie nicht verkaufe, m�ssten sie neu versichert werden.�</p><p>�Ja, Edelsteine sind im Wert gestiegen. Wenn�s sein muss, k�nnen wir nat�rlich das Geld auftreiben. Aber wenn wir zahlen, ist das ja nur der Anfang, Rosaleen. Es bedeutet, dass man uns aussaugen wird, buchst�blich aussaugen bis auf den letzten Heller.�</p><p>�K�nnen wir denn nicht einfach wegfahren, David? Nach Irland oder nach Amerika, irgendwohin?�, weinte Rosaleen.</p><p>�Du bist keine K�mpfernatur, Rosaleen. Mach dich aus dem Staube, sobald es brenzlig wird, das ist dein Motto.�</p><p>�Ach nein, aber das alles ist schrecklich, und wir sind im Unrecht. Von Anfang an. Es war schlecht von uns�, jammerte sie.</p><p>�H�r auf mit dem moralischen Getue�, fuhr David sie an. �Wir sa�en sch�n drin im warmen Nest. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich in einem warmen Nest gesessen, und ich denke nicht dran, mich so mir nichts, dir nichts hinauswerfen zu lassen. Wenn nur diese Ungewissheit nicht w�re! Wenn man w�sste� Begreifst du denn nicht, dass die ganze Geschichte ein Bluff sein k�nnte? Ein billiger Bluff, und wir kriechen zitternd und zagend gleich auf den Leim. Wer wei߅ Underhay liegt vielleicht, wahrscheinlich sogar, irgendwo in Afrika friedlich begraben, so wie wir�s immer angenommen haben.�</p><p>Ein Schaudern �berlief Rosaleen.</p><p>�Nicht, David, sag nicht so etwas�, bat sie.</p><p>Er blickte ungeduldig zu ihr hin�ber, als er jedoch ihre vor Angst geweiteten Augen sah, beherrschte er sich. Er kam zu ihr, setzte sich neben sie und nahm ihre kalten H�nde in seine.</p><p>�Mach dir keine Sorgen, Rosaleen�, sagte er tr�stend. �Ich werde schon alles ins Reine bringen. Tu nur, was ich dir sage. Das kannst du doch, nicht wahr?�</p><p>�Das tue ich doch immer, David.�</p><p>Er lachte.</p><p>�Ja, Schwesterchen, das tust du immer. Lass mich nur machen. Wir werden uns schon zu helfen wissen. Mr Enoch Arden wird sich an mir noch die Z�hne ausbei�en.�</p><p>�Gibt es nicht ein Gedicht, David, das von einem Mann handelt, der zur�ckkommt und � �</p><p>�Ja�, unterbrach er sie. �Das macht mir ja eben Sorgen. Aber ich werde der Sache schon auf den Grund kommen.�</p><p>�Und Dienstagabend bringst du ihm � das Geld?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Ja. Aber nur f�nftausend. Ich werde ihm erkl�ren, dass ich unm�glich auf einmal die ganze Summe auftreiben konnte. Auf alle F�lle muss ich ihn daran hindern, zu den Cloades zu laufen. Ich glaube, es war eine leere Drohung, aber ich bin nicht sicher.�</p><p>Er hielt inne und lehnte sich zur�ck. In seine Augen trat ein nachdenklicher Ausdruck. Die Gedanken hinter seiner Stirn arbeiteten, erwogen M�glichkeiten, ma�en ab und trafen Entscheidungen.</p><p>Und dann lachte er pl�tzlich. Es war ein unvermitteltes, heiteres und unbek�mmertes Lachen. Es war das Lachen eines Mannes, der zur Tat schreitet und den nichts von einem gef�hrlichen Unternehmen abhalten kann. Trotz lag darin und zugleich Genugtuung.</p><p>�Ich kann mich auf dich verlassen, Rosaleen�, sagte er. �Gott sei Dank kann ich mich auf dich verlassen.�</p><p>�Auf mich verlassen?� Rosaleen sah ihn verst�ndnislos an. �In welcher Beziehung?�</p><p>�Dass du dich genau an meine Anweisungen h�ltst und handelst, wie ich es dir gesagt habe. Absolute Zuverl�ssigkeit und Genauigkeit, Rosaleen, ist bei allen strategischen Operationen der Faktor, von dem der Erfolg abh�ngt, glaube mir.� Er lachte. �Operation Enoch Arden.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>12</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Mit einigem Erstaunen betrachtete Rowley das lila Kuvert in seiner Hand. Wer von seinen Bekannten besa� solches Briefpapier? Und wo war es in der heutigen Zeit �berhaupt zu haben? Der Krieg hatte mit Erzeugnissen dieser Art mehr oder weniger aufger�umt.</p><p><emphasis>Lieber Mr Rowley,</emphasis></p><p><emphasis>entschuldigen Sie, dass ich mich auf diese Weise an Sie wende, aber ich hoffe, Sie werden meine K�hnheit entschuldigen, wenn Sie h�ren, was ich Ihnen mitzuteilen habe. Es gehen Dinge vor, von denen Sie unbedingt unterrichtet sein m�ssen.</emphasis></p><p>Rowley unterbrach die Lekt�re, um einen verst�ndnislosen Blick auf die Unterschrift zu werfen.</p><p><emphasis>Ich kn�pfe an unser Gespr�ch von vor einigen Tagen an, als Sie sich nach einer gewissen Person erkundigten. Wenn es Ihnen m�glich w�re, im �Hirschen� vorbeizukommen, erz�hle ich Ihnen gerne N�heres. Wir alle hier haben uns damals emp�rt, als Ihr Onkel starb und sein Geld an Fremde fiel. Ich hoffe, Sie nehmen mir meine Zeilen nicht �bel, aber ich hielt es f�r sehr wichtig mich an Sie zu wenden.</emphasis></p><p><emphasis>Mit bestem Gru�,</emphasis></p><p><emphasis>Beatrice Lippincott</emphasis></p><p>Ratlos starrte Rowley auf den Bogen in seiner Hand. Was sollte das hei�en? Wie lie�en sich diese Zeilen auslegen? Die gute Bee! Sie kannten sich seit ihrer Kindheit. Seinen ersten Tabak hatte er im Laden ihres Vaters gekauft und sp�ter manche Stunde mit ihr hinterm Ladentisch vertr�delt. Sie war ein h�bsches M�dchen gewesen. W�hrend einer fast einj�hrigen Abwesenheit Bees von Warmsley Vale hatten b�se Zungen behauptet, sie habe irgendwo ein uneheliches Kind zur Welt gebracht. Vielleicht war es nur Gerede, vielleicht entsprach es der Wahrheit. Heute jedoch genoss sie allgemeines Ansehen.</p><p>Rowley warf einen Blick auf die Uhr. Er zog es vor, sich unverz�glich auf den Weg zum �Hirschen� zu machen. Er wollte wissen, was hinter diesen Andeutungen Beatrices steckte.</p><p>Es war kurz nach acht Uhr, als er die T�r zur Wirtsstube aufstie�. Rowley gr��te diesen und jenen Gast, ging aber geradewegs zur Theke, wo er sich ein Glas Bier bestellte. Beatrice l�chelte ihm zu. �Guten Abend, Mr Rowley.�</p><p>�Guten Abend, Beatrice. Vielen Dank f�r Ihren Brief.�</p><p>�Ich habe gleich Zeit f�r Sie. Nur einen Moment.� Rowley nickte und trank dann langsam sein Bier, w�hrend Beatrice die bestellten Getr�nke ausgab. Sie rief �ber die Schulter nach Lilly, und bald darauf kam das M�dchen und l�ste sie ab. �Wollen Sie bitte mit mir kommen, Mr Rowley?� Sie f�hrte ihn durch einen Korridor zu einer T�r, auf der �Privat� stand. Das kleine Zimmer dahinter war mit Pl�schm�beln und Porzellanfig�rchen voll gepfropft. Auf einer Sessellehne thronte neckisch ein bereits ziemlich mitgenommener Pierrot aus buntem Seidenstoff.</p><p>Beatrice stellte das pl�rrende Radio ab und deutete auf einen Sessel.</p><p>�Ich bin sehr froh, dass Sie meiner Aufforderung gefolgt sind, Mr Rowley, und ich hoffe wirklich, Sie nehmen mir mein Schreiben nicht �bel. Das ganze Wochenende habe ich mir den Kopf zerbrochen und �berlegt, was ich tun soll, aber ich habe das Gef�hl, Sie m�ssen einfach wissen, was hier los war.�</p><p>Beatrice f�hlte sich gl�cklich und v�llig in ihrem Element. Au�erdem kam sie sich sehr wichtig vor.</p><p>Rowley fragte mit sanftem Dr�ngen:</p><p>�Und was war los?�</p><p>�Sie erinnern sich doch an Mr Arden, nicht wahr? Den Herrn, nach dem Sie sich neulich erkundigt haben, Mr Rowley.�</p><p>�Ja, nat�rlich.�</p><p>�Am n�chsten Abend kam Mr Hunter und fragte nach ihm.�</p><p>�Mr Hunter?�</p><p>Rowley richtete sich interessiert auf.</p><p>�Ja, Mr Rowley. �Nummer 5 im ersten Stock�, sagte ich, und Mr Hunter ging gleich die Treppe hinauf. Ich war etwas �berrascht, wenn ich ehrlich sein soll, denn dieser Mr Arden hatte kein Wort davon erw�hnt, dass er irgendjemanden in Warmsley Vale kenne, und ich war �berzeugt gewesen, er sei hier in der Gegend v�llig fremd. Mr Hunter machte einen ziemlich nerv�sen Eindruck, so, als sei ihm eine Laus �ber die Leber gelaufen, aber ich achtete noch nicht weiter darauf.�</p><p>Sie schaltete eine Pause zum Atemholen ein, und Rowley lie� ihr Zeit. Er dr�ngte sie nicht. Das war nicht seine Art.</p><p>W�rde in ihre Worte legend, fuhr Beatrice fort:</p><p>�Kurz darauf musste ich im Zimmer Nummer 4 die Bettw�sche und die Handt�cher wechseln. Zwischen Nummer 4 und Nummer 5 gibt es eine Verbindungst�r, aber in Nummer 5 steht ein gro�er Schrank davor, so dass man die T�r nicht sieht. Im Allgemeinen ist diese T�r geschlossen, aber zuf�llig war sie an jenem Abend ein kleines bisschen offen, wieso und warum und wer sie ge�ffnet hat, ist mir allerdings schleierhaft.�</p><p>Wieder verzichtete Rowley darauf, etwas zu sagen; er nickte nur.</p><p>Er zweifelte nicht daran, dass die gute Beatrice hinaufgegangen war und die T�r ge�ffnet hatte, um zu lauschen.</p><p>�Und so konnte ich einfach nicht anders als h�ren, was nebenan gesprochen wurde. Ich sage Ihnen, Mr. Rowley, ich fiel aus allen Wolken. Sie h�tten mich mit einer Feder umwerfen k�nnen � �</p><p>Dazu w�re schon eine Feder von einigen Kilo Gewicht n�tig gewesen, dachte Rowley am�siert.</p><p>Er lauschte mit unbeteiligtem, beinahe ausdruckslosem Gesicht Beatrices Wiederholung des Gespr�chs zwischen den beiden M�nnern. Als sie ihren Bericht beendet hatte, sah sie ihn erwartungsvoll an.</p><p>Doch sie musste mehrere Minuten warten, bevor Rowley sich aufraffte.</p><p>�Vielen Dank, Beatrice�, sagte er. �Vielen Dank.�</p><p>Und mit diesen Worten ging er zur T�r und verschwand. Beatrice blieb wie versteinert sitzen. Das hatte sie nicht erwartet. Irgendeinen Kommentar zu dem eben Geh�rten h�tte Mr Rowley, ihrer Meinung nach, schon abgeben k�nnen.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>13 </strong></p></title><p>Automatisch lenkte Rowley seine Schritte der Farm zu, doch nach einigen hundert Metern hielt er pl�tzlich inne und schlug eine andere Richtung ein.</p><p>Seine Gedanken arbeiteten nur langsam. Erst jetzt kam ihm die volle Bedeutung dessen, was Beatrice ihm da erz�hlt hatte, zu Bewusstsein. Wenn ihr Bericht auf Wahrheit beruhte, und im Wesentlichen war dies sicher der Fall, so ging das die gesamte Familie Cloade an. Die neue Situation durfte nicht verheimlicht werden, und die in dieser Lage geeignetste Person, eine Entscheidung zu treffen, war ohne Zweifel Onkel Jeremy. Jeremy Cloade in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt w�rde gleich wissen, was sich mit der �berraschenden Mitteilung anfangen lie� und welche Schritte zu unternehmen waren.</p><p>Obwohl Rowley im ersten Impuls die Dinge lieber selbst in die Hand genommen h�tte, hielt er es schlie�lich doch f�r gescheiter, einen mit schwierigen Situationen vertrauten Rechtsanwalt �ber die Lage urteilen zu lassen. Je eher Jeremy von den Vorf�llen unterrichtet wurde, desto besser, und dieser Erkenntnis entsprechend lenkte Rowley seine Schritte direkt zu seines Onkels Haus. Das Dienstm�dchen �ffnete ihm die T�r und teilte ihm mit, die Herrschaften s��en noch bei Tisch. Sie wollte Rowley ins Speisezimmer f�hren, aber er zog es vor, im Arbeitszimmer seines Onkels zu warten. Ihm lag nichts daran, Frances bei der Unterredung dabei zu haben.</p><p>Ungeduldig schritt er im Zimmer auf und ab. Nach einem Weilchen lie� er sich in einen Sessel fallen.</p><p>�Was Rowley nur pl�tzlich von dir will?�, fragte Frances nachdenklich ihren Mann.</p><p>�Wahrscheinlich kennt er sich mit den Formularen nicht aus, die er ausf�llen muss. Die meisten Farmer verstehen nur die H�lfte von dem, was man da von ihnen wissen will�, entgegnete Jeremy Cloade gleichg�ltig. �Rowley nimmt�s vermutlich sehr genau und will sich Rat holen.�</p><p>�Er ist ein netter Bursche�, meinte Frances, �aber entsetzlich schwerf�llig. Er tut mir Leid. Ich habe das Gef�hl, als stimme in letzter Zeit nicht mehr alles so ganz zwischen ihm und Lynn.�</p><p>�Wieso� Ach so, ja, Lynn� du musst entschuldigen, meine Liebe, es f�llt mir entsetzlich schwer, mich auf irgendetwas zu konzentrieren. Ich zermartere mir st�ndig mein Gehirn��</p><p>Jeremy fuhr sich mit der Hand �ber die Stirn.</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, fiel Frances hastig ein.� Es kommt schon alles in Ordnung. Du wirst sehen, ich habe Recht.�</p><p>�Du machst mir manchmal Angst, Frances. Du bist so unbek�mmert. Du bist dir nicht im Klaren �ber die Situation � �</p><p>�Ich bin mir absolut im Klaren dar�ber, und ich laufe vor der Erkenntnis nicht davon. Im Gegenteil, im Grunde versetzt es mich in eine Art Spannung, in eine gehobene Stimmung � �</p><p>�Das eben macht mir ja Angst, meine Liebe�, gab Jeremy zu bedenken.</p><p>Frances l�chelte ihrem Mann beruhigend zu.</p><p>�Lass unseren armen jungen Farmer nicht zu lange warten. Hilf ihm Formular Nummer elfhundertundneunundneunzig ausf�llen oder was er sonst auf dem Herzen hat.�</p><p>Doch als sie aus dem Speisezimmer traten, fiel eben die Haust�r ins Schloss. Edna kam und richtete aus, dass Mr Rowley beschlossen habe, wieder zu gehen, da es doch nichts Wichtiges sei, was er mit Mr Cloade habe besprechen wollen.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>14</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>An jenem bewussten Dienstagnachmittag machte Lynn Marchmont einen l�ngeren Spaziergang. Eine innere Unruhe trieb sie aus dem Haus. Sie hatte das Gef�hl, einmal gr�ndlich und in aller Ruhe �ber Verschiedenes nachdenken zu m�ssen.</p><p>Sie hatte Rowley schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Wohl waren sie sich seit jenem Nachmittag, an dem sie ihn mit der Forderung �berfallen hatte, ihr f�nfhundert Pfund zu leihen, wieder begegnet, aber es herrschte doch eine gewisse Spannung zwischen ihnen. Lynn war mittlerweile selbst zu der Erkenntnis gekommen, dass ihr Anliegen unvern�nftig gewesen war und Rowley im Grunde keinen Vorwurf daf�r verdiente, dass er es abgeschlagen hatte. Aber Vernunftgr�nde haben selten Aussicht, von Liebenden ber�cksichtigt zu werden.</p><p>Sie hatte sich in den letzten Tagen verlassen gef�hlt und Langeweile empfunden, wagte sich aber nicht einzugestehen, dass dies vielleicht mit David Hunters Abreise zusammenh�ngen k�nnte. David war eine anregende Pers�nlichkeit. Das lie� sich nicht bestreiten.</p><p>Die Familie ging ihr in diesen Tagen mehr als sonst auf die Nerven. Ihre Mutter war strahlender Laune und hatte erst heute beim Fr�hst�ck angek�ndigt, dass sie nach einem zweiten G�rtner Umschau halte.</p><p>�Der arme alte Tom kann es wirklich nicht mehr allein schaffen.�</p><p>�Aber wir k�nnen es uns nicht leisten!�, hatte Lynn protestiert. Doch war dieser Protest auf unfruchtbaren Boden gefallen.</p><p>�Gordon w�re entsetzt, w�rde er unseren Garten sehen�, war Mrs Marchmonts Antwort gewesen. �Alles war immer so sch�n in Ordnung, und schau dir einmal an, wie vernachl�ssigt der Rasen und die Wege und die Beete sind. Nein, Gordon w�re von ganzem Herzen einverstanden damit, dass wir den Garten in Ordnung bringen.�</p><p>�Auch, wenn wir uns zu diesem Zweck Geld von seiner Witwe borgen m�ssen?�</p><p>�Ich habe dir doch gesagt, dass Rosaleen sehr nett gewesen ist. Sie war sehr verst�ndnisvoll. Ich denke, sie hat unseren Standpunkt absolut begriffen. �brigens habe ich noch einen ganz h�bschen �berschuss auf der Bank, obwohl ich alle Rechnungen bezahlt habe. Ich sage dir, Lynn, ein zweiter G�rtner w�re keine Verschwendung, sondern eher Sparsamkeit. Stell dir vor, wie viel Gem�se wir anpflanzen k�nnten.�</p><p>�Du kriegst auf dem Markt mehr Gem�se, als du auf den Tisch bringen kannst, f�r bedeutend weniger als drei Pfund in der Woche.�</p><p>�Ich bin sicher, wir k�nnten jemand zu einem niedrigeren Gehalt finden. Es werden jetzt so viele M�nner demobilisiert, die alle Arbeit suchen.�</p><p>�In Warmsley Heath oder Warmsley Vale wirst du kaum solche Arbeitskr�fte finden�, wandte Lynn trocken ein.</p><p>Obwohl Mrs Marchmont es f�r diesmal dabei bewenden lie�, bedr�ckte Lynn der Gedanke, dass ihre Mutter sich anscheinend darauf eingestellt hatte, Rosaleen als Spenderin regelm��iger Unterst�tzungen zu betrachten. Bei solchen �berlegungen wurden Davids sp�ttische Worte qualvoll lebendig.</p><p>Um sich von der schlechten Laune zu befreien, in die das morgendliche Gespr�ch mit der Mutter sie versetzt hatte, war Lynn zu einem Spaziergang aufgebrochen.</p><p>Dass sie ihre Tante Kathie vor der Post traf, trug nicht gerade zur Hebung ihrer gesunkenen Lebensgeister bei. Tante Kathie hingegen befand sich in ihrem Element.</p><p>�Ich glaube, meine Liebe, wir werden bald interessante Neuigkeiten h�ren�, verhie� sie.</p><p>�Was willst du damit andeuten?�, erkundigte sich Lynn.</p><p>Tante Kathie l�chelte, sch�ttelte viel sagend den Kopf und machte ein �berlegenes Gesicht.</p><p>�Ich habe erstaunliche Verbindungen bei unserer letzten S�ance gehabt. Wahrhaft erstaunlich. Verbindung mit der Welt der Geister. Alle unsere Sorgen finden ein Ende, Lynn. Einen D�mpfer habe ich erhalten, aber das war am Anfang, und dann hie� es immer wieder: �Gib�s nicht auf! Gib�s nicht auf!� Ich will nicht aus der Schule plaudern, Lynn, und ich bin sicher die letzte, die falsche Hoffnungen wecken m�chte, aber glaube mir, die Stimmen aus der Geisterwelt tr�gen nicht, und bald, sehr bald, hat unser aller Elend ein Ende. H�chste Zeit w�re es, wei� Gott. Dein Onkel macht mir gro�e Sorgen. Er hat w�hrend der vergangenen Jahre viel zu schwer gearbeitet. Es ist zu viel f�r ihn; er m�sste sich zur�ckziehen und ganz seinen Studien widmen k�nnen. Aber ohne ein festes Einkommen kann er sich das nat�rlich nicht leisten. Manchmal versagten ihm in den letzten Wochen die Nerven. Wirklich, ich mache mir gro�e Sorgen seinetwegen. Er ist zuzeiten so merkw�rdig.�</p><p>Lynn nickte nachdenklich. Die mit ihrem Onkel vorgegangene Ver�nderung war auch ihr aufgefallen. Sie hatte ihn im Verdacht, manchmal zu einer aufputschenden Droge Zuflucht zu nehmen, und fragte sich insgeheim, ob er wohl bis zu einem gewissen Grad s�chtig geworden war. Das w�rde auch den �berreizten Zustand seiner Nerven erkl�rt haben. Ob Tante Kathie etwas vermutete oder gar wusste? Sie war keineswegs so nichtsahnend, wie sie sich manchmal gab.</p><p>Auf dem Weg �ber die Hauptstra�e sah Lynn von weitem ihren Onkel Jeremy sein Haus betreten. Sie beschleunigte ihren Schritt. Das Verlangen, Warmsley Vale so schnell wie m�glich hinter sich zu lassen und die Wiesen und H�gel au�erhalb zu gewinnen, trieb sie voran. Sie hatte sich vorgenommen, w�hrend eines ausgiebigen Marsches querfeldein mit sich ins Reine zu kommen. Bisher hatte sie sich stets geschmeichelt, einen klaren Kopf zu haben und immer zu wissen, was sie wollte. Dass sie �berhaupt imstande war, sich so treiben zu lassen, wie es in den letzten Tagen der Fall war, bedeutete etwas noch nie Dagewesenes bei ihr.</p><p>Ja, sie hatte sich treiben lassen, seitdem sie aus dem Dienst entlassen worden war. Heimweh und Sehnsucht �berkam sie nach jenen Tagen, da alle Pflichten klar vorgezeichnet waren und man ihr die Entscheidung �ber so viele Dinge abgenommen hatte. Doch im Augenblick, da sie sich dies klarmachte, erschrak sie vor der tieferen Bedeutung dieser Erkenntnis. Ging es heutzutage nicht den meisten Menschen wie ihr? Und war der Krieg daran schuld? Es waren nicht die k�rperlichen Gefahren wie Minen im Meer oder Bombardements oder Sch�sse aus dem Hinterhalt, die am nachhaltigsten wirkten, nein, viel schlimmer war es, dass man lernte, wie viel einfacher das Leben sein konnte, wenn man aufh�rte, �ber die Dinge nachzudenken. Sie selbst war nicht mehr das intelligente M�dchen mit dem klaren Kopf und der F�higkeit zu schnellen Entschl�ssen, das sie gewesen war, als sie sich zum Dienst meldete. Man hatte sie eingereiht, ihre F�higkeiten gen�tzt, und nun stand sie da, wieder ganz auf sich selbst angewiesen, und f�hlte sich auf einmal absolut nicht mehr imstande, mit ihren pers�nlichen Schwierigkeiten fertig zu werden.</p><p>Und diejenigen, die daheim geblieben waren� Zum Beispiel Rowley�</p><p>Der Name Rowley verscheuchte die allgemeinen Erw�gungen aus Lynns Kopf und schob das Pers�nliche in den Vordergrund. Sie und Rowley. Das war der Kernpunkt des Problems. Das Problem �berhaupt, um das es ging.</p><p>Lynn setzte sich auf halber H�he des H�gels ins weiche Gras. Das Kinn auf die Hand gest�tzt, blickte sie �ber das in der Abendd�mmerung versinkende Tal. Jeder Zeitbegriff war ihr abhanden gekommen, nur ihr inneres Widerstreben, sich auf den Heimweg zu machen, war ihr bewusst. Unter ihr, zur Linken, lag Long Willows. Rowleys Farm, die ihr Heim sein w�rde, wenn sie ihn heiratete.</p><p>Wenn! Da war es wieder, dieses �Wenn�!</p><p>Mit einem �ngstlichen Schrei flog ein Vogel aus den B�umen auf. Es klang wie der Schrei eines erschrockenen Kindes. Von einem in der Ferne vorbeiratternden Zug stiegen Rauchfahnen gen Himmel, und es schien Lynn, als formten sich die grauen Wolken zu wandernden Fragezeichen.</p><p>Soll ich Rowley heiraten? Will ich ihn noch heiraten? Habe ich ihn jemals wirklich heiraten wollen? Und k�nnte ich es ertragen, ihn nicht zu heiraten?</p><p>Der Zug dampfte das Tal entlang und verschwand um eine Biegung. Der Rauch l�ste sich zitternd auf, doch f�r Lynn blieb das Fragezeichen bestehen. Sie hatte Rowley ehrlich geliebt, bevor sie wegging. Aber ich habe mich ver�ndert, gr�belte sie. Ich bin nicht mehr die gleiche Lynn.</p><p>Und Rowley? Rowley hatte sich nicht ver�ndert.</p><p>Ja, das war es eben. Rowley hatte sich nicht ver�ndert. Rowley war noch genauso, wie sie ihn vor vier Jahren verlassen hatte. Wollte sie Rowley heiraten? Und wenn sie es nicht wollte � was wollte sie dann eigentlich?</p><p>Zweige krachten im Geh�lz hinter ihr, und eine fluchende M�nnerstimme war zu h�ren, w�hrend sich jemand durch das Dickicht Bahn brach.</p><p>�David!�, entfuhr es Lynn.</p><p>�Lynn!�</p><p>Er schaute �berrascht auf, als er sie vor sich sah. �Was um Himmels willen machen Sie denn hier?�</p><p>Er musste in ziemlich scharfem Tempo gelaufen sein, denn sein Atem ging kurz.</p><p>�Nichts Besonderes. Dasitzen und nachdenken. Nichts weiter�, gab sie Auskunft. Sie l�chelte unsicher. �Ich glaube, es ist sp�t. H�chste Zeit f�r mich, heimzugehen.�</p><p>�Wissen Sie nicht, wie viel Uhr es ist?�, erkundigte sich David. Sie schaute auf ihre Armbanduhr.</p><p>�Sie ist schon wieder stehen geblieben. Eine Spezialit�t von mir, alle meine Uhren aus der Bahn zu bringen.�</p><p>�Nicht nur Uhren!�, bemerkte David. �Sie sind erf�llt von Leben, von Elektrizit�t. Ihre Vitalit�t ist�s. Sie sind so lebendig.�</p><p>Er n�herte sich ihr, und in vager Abwehr erhob sich Lynn.</p><p>�Es wird schon dunkel. Wirklich Zeit f�r mich, heimzugehen. Wie sp�t ist es, David?�</p><p>�Viertel nach neun Uhr. Ich muss auch machen, dass ich weiterkomme. Ich muss den 9-Uhr-20-Zug nach London noch erreichen.�</p><p>�Ich hatte keine Ahnung, dass Sie �berhaupt zur�ckgekommen waren.�</p><p>�Ich musste in Furrowbank einiges holen. Aber ich darf den Zug nicht vers�umen. Rosaleen ist allein in der Wohnung, und wenn sie allein eine Nacht in London verbringen muss, bekommt sie Angstzust�nde.�</p><p>�Aber um sie herum wohnen doch Leute�, entgegnete Lynn sp�ttisch.</p><p>�Gegen Angst kann man nicht mit Logik ank�mpfen�, erwiderte David. �Wenn Sie einen solchen Schock erlitten h�tten wie Rosaleen damals bei dem Bombenangriff � �</p><p>�Entschuldigen Sie. Das hatte ich ganz vergessen.� Sie war ehrlich betr�bt.</p><p>�Nat�rlich, es ist alles so schnell vergessen�, versetzte David mit pl�tzlich aufwallender Bitterkeit. �Wir sind wieder wie fr�her, verkriechen uns in unsere Mausel�cher, f�hlen uns sicher und unantastbar und machen uns wichtig. Und Sie sind genauso wie die anderen, Lynn!�</p><p>�Das ist nicht wahr, David�, fuhr Lynn auf. �Das ist nicht wahr! Gerade als Sie kamen, habe ich dar�ber nachgedacht � �</p><p>�Wor�ber? �ber mich?�</p><p>Seine rasche Art verwirrte sie. Bevor sie recht wusste, wie ihr geschah, hatte er sie an sich gezogen und k�sste sie leidenschaftlich.</p><p>�Rowley Cloade? Dieser gutm�tige Ochse? Nein, Lynn, du geh�rst mir!�</p><p>Und genauso pl�tzlich, wie er sie an sich gerissen hatte, lie� er sie los, schob sie fast ein wenig von sich weg und sagte:</p><p>�Ich werde noch den Zug verpassen.�</p><p>Und ohne ein weiteres Wort rannte er h�gelabw�rts.</p><p>�David!�</p><p>Im Laufen wandte er den Kopf und rief ihr zu: �Ich rufe dich von London aus an!�</p><p>Sie sah ihm nach, wie er durch die rasch zunehmende D�mmerung lief, leichten Schritts und doch mit kraftvoller Eleganz.</p><p>Und dann, v�llig verwirrt, mit klopfendem Herzen und ratloser als zuvor, machte sie kehrt und ging langsam heim.</p><p>Vor dem Haus z�gerte sie einen Moment. Der Gedanke an den Redefluss der Mutter, das wortreiche Willkommen und die unaufh�rlichen Fragen, war ihr zuwider.</p><p>Und da fiel ihr das Geld wieder ein. Von Leuten, die sie verachtete, hatte sich Adela Marchmont f�nfhundert Pfund geliehen.</p><p>Wir haben nicht das geringste Recht, Rosaleen und David zu verachten, dachte Lynn, w�hrend sie die Treppe hinaufstieg. Wir sind um kein Jota besser. Wir sind zu allem imstande � wenn�s um Geld geht.</p><p>Vor dem Spiegel in ihrem Zimmer blieb sie stehen. Ein fremdes Gesicht schien ihr entgegenzusehen.</p><p>Unvermittelt stieg �rger in ihr hoch.</p><p>Wenn Rowley mich wirklich liebte, h�tte er die f�nfhundert Pfund irgendwie aufgetrieben. Er h�tte mir diese entsetzliche Dem�tigung erspart, es von David annehmen zu m�ssen. Von David! David�</p><p>David hatte gesagt, er w�rde sie von London aus anrufen. Wie im Traum ging sie die Treppe wieder hinunter�</p><p>Tr�ume, ging es ihr durch den Kopf, k�nnen sehr gef�hrlich sein�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>15</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>�Da bist du ja, Lynn, ich habe dich gar nicht hereinkommen h�ren.� Adelas Stimme klang erleichtert. Sie pl�tscherte beruhigt fort: �Bist du schon lange da?�</p><p>�Ewigkeiten�, erwiderte Lynn ausweichend. �Ich war oben.�</p><p>�Ach, mir w�re es lieber, du w�rdest mir sagen, wenn du heimkommst. Ich bin immer unruhig, wenn ich dich nach Einbruch der Dunkelheit drau�en herumstreifen wei�.�</p><p>�Das ist doch wei� Gott �bertrieben, Mama. Meinst du nicht, ich bin imstande, auf mich selbst Acht zu geben?�</p><p>�Man liest aber immer so furchtbare Sachen in der Zeitung. Was in letzter Zeit alles passiert! Und die vielen entlassenen Soldaten� sie bel�stigen Frauen und M�dchen.�</p><p>�Wahrscheinlich wollen die Frauen und M�dchen bel�stigt werden.�</p><p>Lynn musste wider Willen l�cheln, aber es war kein frohes L�cheln.</p><p>Sehnten die Frauen sich insgeheim nicht nach Gefahren?</p><p>Wer wollte letzten Endes denn schon sicher sein�?</p><p>�Lynn! Du h�rst mir �berhaupt nicht zu.�</p><p>Lynn riss sich zusammen. Sie hatte wirklich nicht zugeh�rt.</p><p>�Ja, Mama? Was hast du gesagt?�</p><p>�Ich sagte gerade, hoffentlich haben deine Brautjungfern gen�gend Kupons, um sich Kleider f�r die Hochzeit machen lassen zu k�nnen. Ein Gl�ck, dass du bei der Entlassung deine Kupons nachtr�glich bekommen hast. Die armen M�dchen, die heiraten m�ssen mit den paar Textilkupons, die einem gew�hnlich zustehen, tun mir schrecklich leid. Sie k�nnen sich �berhaupt nichts Neues anschaffen. Ich meine, keine neuen Kleider. Die Unterw�sche ist meist in einem solchen Zustand nach diesen Kriegsjahren, wo nichts ersetzt werden konnte, dass man zuerst einmal daran denken muss, nun, und da bleibt f�r ein Hochzeitskleid nichts mehr �brig. Du hast gro�es Gl�ck, Lynn.�</p><p>�Ja � gro�es Gl�ck.�</p><p>Sie bewegte sich durch das Zimmer, nahm hier etwas auf, legte es ein paar Schritte weiter wieder ab und stand keine Minute still.</p><p>�Du bist so entsetzlich rastlos, meine Liebe�, klagte Adela. �Ist etwas los?�</p><p>�Was soll denn los sein?� Lynns Ton war scharf.</p><p>�Spring mir nicht gleich an die Kehle. Aber, um auf die Brautjungfern zur�ckzukommen: Ich finde, du solltest unbedingt Joan Macrae bitten. Ihre Mutter war meine beste Freundin, und sie w�re gekr�nkt, wenn � �</p><p>�Aber ich hasse Joan Macrae! Ich konnte sie nie ausstehen.�</p><p>�Ich wei�, Liebste, aber das ist doch nicht so wichtig. Marjorie w�re au�er sich � �</p><p>�Schlie�lich ist es doch meine Hochzeit, Mama.�</p><p>�Nat�rlich, Lynn, nat�rlich, aber ich dachte � �</p><p>�Wenn es �berhaupt zu einer Hochzeit kommt.�</p><p>Die Worte waren ihr entschl�pft, bevor sie sich �berlegte, was sie da sagte. Nun war es zu sp�t. Sie lie�en sich nicht mehr zur�cknehmen. Adela Marchmont starrte ihre Tochter fassungslos an.</p><p>�Was soll das hei�en, Lynn?�</p><p>�Ach, nichts, Mama.�</p><p>�Du hast dich doch nicht etwa mit Rowley gestritten?�</p><p>�Aber nein, Mama, reg dich nicht auf und sieh keine Gespenster. Es ist nichts.�</p><p>Doch Adela lie� sich nicht so leicht abspeisen. Sie sp�rte den Sturm der widerstreitenden Gef�hle, dem ihre Tochter ausgesetzt war.</p><p>�An der Seite Rowleys w�rst du geborgen und sicher�, bemerkte sie z�gernd. �Der �berzeugung war ich immer.�</p><p>�Wer will schon sicher sein?�, fragte Lynn abweisend. Sie blieb pl�tzlich stehen und horchte.</p><p>�War das das Telefon?�</p><p>�Nein. Erwartest du einen Anruf?�</p><p>Lynn sch�ttelte verneinend den Kopf. Wie dem�tigend es war, auf einen Anruf zu warten! Er hatte gesagt, er w�rde sie noch heute Abend anrufen. Er musste sein Versprechen halten. Du bist verr�ckt, schalt sie sich gleich darauf.</p><p>Was war es nur, das ihr so gut gefiel an David Hunter? Sein dunkles, unfrohes Gesicht erschien vor ihren Augen. Sie versuchte es zu verscheuchen und sich an seiner Stelle den stets freundlichen, gutm�tigen Rowley vorzustellen. Wieder fragte sie sich, ob Rowley sie wirklich liebte. Wie hatte er ihr dann die Bitte abschlagen k�nnen, ihr f�nfhundert Pfund zu beschaffen? Er h�tte sie verstehen m�ssen, anstatt mit Vernunftsgr�nden und sachlichen Einw�nden zu argumentieren. Wie w�rde das sein, wenn sie Rowley heiratete, mit ihm auf der Farm lebte, f�r immer und ewig an die gleiche Scholle gebunden; nie mehr fremde L�nder sehen, nie mehr fremden Menschen begegnen, nie mehr eine fremde Atmosph�re erleben, nie mehr Freiheit in vollen Z�gen genie�en�</p><p>Das Telefon schrillte.</p><p>Lynn holte tief Atem, dann ging sie quer durch die Halle und nahm den H�rer ab.</p><p>Wie ein unerwarteter heftiger Schlag traf der Klang von Tante Kathies Stimme ihr Ohr.</p><p>�Bist du�s, Lynn? Ach, bin ich froh, dass du da bist. Ich wei� gar nicht, was ich machen soll. Ich glaube, ich habe wegen der Versammlung im Institut ein unverzeihliches Durcheinander angerichtet. N�mlich � � Und die Stimme pl�tscherte ohne Pause fort.</p><p>Lynn h�rte zu, warf die von ihr erwarteten Bemerkungen ein, redete zu, nahm h�flich �berschw�nglichen Dank entgegen.</p><p>�Ich begreife gar nicht, was das ist�, fuhr Tante Kathie fort. �Jedes Mal, wenn ich etwas organisiere, kommt ein Durcheinander heraus.�</p><p>Lynn begriff es ebenso wenig, aber eines stand fest: Zum Durcheinanderbringen selbst der einfachsten Dinge besa� Tante Kathie eine geradezu geniale Begabung.</p><p>�Und mein Pech ist, dass immer alles Unangenehme zusammentrifft. Unser Telefon ist kaputt, und ich musste zu einer Telefonzelle gehen. Und wie ich meine Tasche aufmache, sehe ich, dass ich keine M�nzen habe. Ich musste erst jemanden fragen, ob er mir vielleicht wechseln k�nnte��</p><p>Es folgte eine lange Geschichte all der N�te, die Tante Kathie hatte durchstehen m�ssen. Endlich konnte Lynn den H�rer wieder auflegen. Langsam kehrte sie ins Wohnzimmer zur�ck.</p><p>�War das �?�, begann Mrs Marchmont forschend, brach jedoch dann ab.</p><p>�Tante Kathie�, gab Lynn m�de Auskunft.</p><p>�Was wollte sie denn?�</p><p>�Ach, ihr Leid klagen wie �blich. Sie hat wieder irgendetwas durcheinander gebracht und wei� sich keinen Rat.�</p><p>Lynn nahm ein Buch zur Hand und setzte sich. Verstohlen blickte sie auf die Uhr. Es w�rde kein Anruf mehr kommen. Doch f�nf Minuten nach elf Uhr l�utete das Telefon. Ohne jede Eile begab sie sich in die Halle. Vermutlich war es wieder Tante Kathie.</p><p>�Ist dort Warmsley Vale 34? Voranmeldung f�r Miss Lynn Marchmont aus London.�</p><p>Ihr Herz klopfte erregt.</p><p>�Am Apparat.�</p><p>�Einen Augenblick bitte.�</p><p>Sie wartete. Verwischte Ger�usche drangen an ihr Ohr, dann herrschte Ruhe. Der Telefondienst wurde immer unzuverl�ssiger. Sie wartete geraume Zeit. Schlie�lich sagte eine unpers�nliche Frauenstimme: �Legen Sie bitte auf. Wir melden uns, sobald Ihr Gespr�ch kommt.�</p><p>Sie legte den H�rer auf und ging zur�ck zur T�r. Sie hatte die Hand noch auf der Klinke, als das Telefon abermals schrillte. Schnell lief sie zur�ck.</p><p>�Hallo?�</p><p>Eine M�nnerstimme erklang: �Warmsley Vale, Nummer 34? Miss Lynn Marchmont wird aus London verlangt.�</p><p>�Ja, am Apparat.�</p><p>�Einen Augenblick bitte.� Und gleich darauf, leiser: �Sie k�nnen sprechen.�</p><p>Und dann kam Davids Stimme. �Bist du�s, Lynn?�</p><p>�David!�</p><p>�Ich musste dich sprechen.�</p><p>�Ja��</p><p>�Lynn, ich glaube, es ist besser, ich mache mich aus dem Staub��</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Ich verlasse England. Es hat ja doch alles keinen Sinn, Lynn. Du und ich � wir passen nicht zueinander. Du bist ein lieber Kerl, Lynn, du verdienst etwas Besseres als mich. Ich kann�s nicht �ndern, ich war immer so � Verantwortungsgef�hl liegt mir nicht. Und ich f�rchte, so werde ich mein Leben lang bleiben. Ich w�rde mir steif und fest vornehmen, mich zu bessern, solide und ehrenhaft zu werden � und das Ende vom Lied w�re, dass du ungl�cklich bist und ich der gleiche unstete Geselle geblieben bin, der ich war. Nein, Lynn, heirate Rowley. Bei ihm wirst du nie eine Stunde der Angst oder Unruhe kennen lernen, w�hrend dein Leben an meiner Seite die H�lle w�re.�</p><p>Lynn stand da, den H�rer am Ohr. Sie gab keinen Ton von sich.</p><p>�Lynn! Bist du noch da?�</p><p>�Ja, ich bin da.�</p><p>�Du sagst ja gar nichts.�</p><p>�Was ist da zu sagen?�</p><p>�Lynn�?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sonderbar, wie sie trotz der Entfernung seine Erregung versp�rte, die Spannung, in der er sich befand.</p><p>David sagte mit unterdr�ckter Stimme: �Ach, hol doch alles der Teufel!�, und warf den H�rer auf die Gabel.</p><p>In diesem Augenblick kam Mrs Marchmont aus dem Wohnzimmer und fragte: �War das �?�</p><p>�Eine falsche Nummer�, wehrte Lynn alle weiteren Fragen ab und lief rasch hinauf in ihr Zimmer.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>16</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Im �Hirschen� war es �blich, die G�ste zu der von ihnen gew�nschten Stunde zu wecken, indem man mit der Faust an die betreffende T�r h�mmerte und mit erhobener Stimme mitteilte, dass es halb acht Uhr, oder acht Uhr oder wie sp�t es eben gerade war, sei. W�nschten die G�ste vor dem Aufstehen eine Tasse Tee, so wurde ein Tablett mit viel Geklirr und Gepolter auf die Matte vor der T�r gestellt.</p><p>An jenem bestimmten Mittwoch h�mmerte Gladys, das Stubenm�dchen, an die T�r von Nummer 5, trompetete, dass es acht Uhr f�nfzehn sei, und knallte das Tablett mit dem Tee mit solcher Wucht auf die Matte, dass die Milch �berschwappte und um das Milchk�nnchen einen kleinen See bildete. Gladys lie� sich davon nicht aus der Ruhe bringen, weckte weitere G�ste und ging dann ihren sonstigen Morgenarbeiten nach.</p><p>Gegen zehn Uhr fiel ihr auf, dass Nummer 5 das Teetablett noch nicht hereingeholt hatte. Sie klopfte mehrmals kr�ftig an die T�r, wartete ein paar Sekunden und trat, als keine Antwort zu h�ren war, kurzerhand ein.</p><p>Nummer 5 geh�rte nicht zu der Sorte Leute, die sich verschliefen, und ihr war gerade eingefallen, dass sich vor dem Fenster dieses Zimmers ein bequemes Flachdach befand. Wer wei�, vielleicht hatte sich der Gast mit einem eleganten Sprung aus dem Staub gemacht, ohne seine Rechnung zu bezahlen.</p><p>Doch der Mann, der sich Enoch Arden nannte, hatte keinen Sprung �ber das Flachdach gemacht. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden in der Mitte des Zimmers, und selbst ohne die geringsten medizinischen Kenntnisse zu besitzen sah Gladys, dass der Mann tot war.</p><p>Sie stie� einen schrillen Schrei aus, rannte auf den Korridor hinaus und rief aus Leibeskr�ften:</p><p>�Miss Lippincott� Miss Lippincott� oooh��</p><p>Beatrice Lippincott sa� in ihrem Privatzimmer und hielt Dr. Lionel Cloade ihre verletzte Hand hin � sie hatte sich geschnitten �, die der Arzt eben verband.</p><p>Gladys riss die T�r auf.</p><p>�O Miss Lippincott��</p><p>�Was ist denn passiert?�, fuhr der Arzt sie an.</p><p>�Was gibt�s denn, Gladys?�, erkundigte sich Beatrice.</p><p>�Der Herr von Nummer 5, Miss� Er liegt in der Mitte vom Zimmer� tot!�</p><p>Dr. Cloade starrte erst Gladys an und dann Miss Lippincott. Miss Lippincott starrte ihrerseits zuerst Gladys an und dann Dr. Cloade.</p><p>Schlie�lich stie� Dr. Cloade brummig aus: �Unsinn!�</p><p>�Tot wie eine Maus, die im Wasser schwimmt�, beharrte Gladys, und mit einer gewissen Genugtuung �ber den ihr noch verbliebenen Trumpf f�gte sie hinzu:</p><p>�Er is� �bern Kopf geschlagen worden.�</p><p>Der Arzt meinte: �Vielleicht w�re es besser, wenn ich��</p><p>�Ja, bitte, Dr. Cloade, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, wie das m�glich sein sollte�, entgegnete Beatrice fassungslos.</p><p>Zu dritt machten sie sich auf den Weg, voran Gladys. Dr. Cloade betrat das Zimmer, warf einen Blick auf den am Boden liegenden Mann und kniete dann neben der gekr�mmten Gestalt nieder.</p><p>Als er sich wieder erhob, schien er wie verwandelt.</p><p>�Benachrichtigen Sie die Polizei�, befahl er mit fester Stimme. Beatrice Lippincott verlie� stumm das Zimmer. Gladys folgte ihr auf dem Fu�.</p><p>�Glauben Sie, dass er ermordet worden ist, Miss?�, fl�sterte sie mit beinahe erloschener Stimme.</p><p>�Halten Sie den Mund, Gladys�, wies Beatrice sie zurecht und nestelte erregt an ihrem Haarknoten herum. �Etwas als Mord zu bezeichnen, bevor man sicher ist, dass es sich wirklich um Mord handelt, ist Verleumdung, und man kann Sie f�r solch dummes Gerede vor Gericht bringen.� Etwas milder setzte sie hinzu: �Gehen Sie in die K�che, und st�rken Sie sich mit einer Tasse Tee.�</p><p>�O ja, Miss, ich kann�s gebrauchen. Mir ist ganz �bel von dem Anblick. Ich bring Ihnen auch eine Tasse.�</p><p>Ein Angebot, das Beatrice Lippincott nicht ablehnte.�</p></section><section><title><p><strong>17</strong></p></title><empty-line/><p>Inspektor Spence warf Beatrice Lippincott, die mit fest zusammengepressten Lippen am anderen Ende des Tisches sa�, einen pr�fenden Blick zu.</p><p>�Vielen Dank, Miss Lippincott. Ich werde das Protokoll abschreiben lassen. Dann sind Sie bitte so freundlich, es zu unterzeichnen.�</p><p>�Ach, du meine G�te, ich werde doch nicht etwa vor Gericht aussagen m�ssen?�, fragte Beatrice entsetzt.</p><p>�Hoffen wir, dass es nicht dazu kommt�, war des Inspektors wenig beruhigende Antwort.</p><p>�Es k�nnte doch Selbstmord sein�, mutma�te Beatrice.</p><p>Inspektor Spence verzichtete auf den Hinweis, dass Selbstm�rder andere Methoden zu w�hlen pflegten, als sich den Hinterkopf mit einer eisernen Feuerzange einzuschlagen. Stattdessen erwiderte er im gleichen unverbindlich freundlichen Ton:</p><p>�Es hat keinen Sinn, Mutma�ungen anzustelllen. Jedenfalls danke ich Ihnen, Miss Lippincott, dass Sie uns so prompt Ihre Beobachtungen mitgeteilt haben.�</p><p>Sobald Beatrice den Raum verlassen hatte, �berschlug Spence in Gedanken noch mal ihre Angaben. Er kannte Miss Lippincott gut genug, um zu wissen, wie weit er ihrem Bericht Glauben schenken konnte. Ein gut Teil von dem, was sie gesagt hatte, musste man ihrer Erregung zuschreiben, als sie die Unterhaltung im Nebenzimmer mit angeh�rt hatte. Ein weiterer Teil ging auf Konto der Tatsache, dass sich in Zimmer Nummer 5 ein Mord abgespielt hatte. Was �brig blieb, war h�sslich und bedeutungsvoll genug.</p><p>Inspektor Spence betrachtete die vor ihm auf dem Tisch ausgebreiteten Gegenst�nde. Eine Armbanduhr mit zerbrochenem Glas, ein goldenes Feuerzeug mit Initialen darauf, ein Lippenstift in goldfarbener H�lle und eine schwere Feuerzange, deren eiserner Knauf rostbraune Flecke aufwies.</p><p>Sergeant Graves meldete, dass Mr Rowley Cloade drau�en sei. Auf ein Nicken des Inspektors hin f�hrte er Rowley herein.</p><p>Ebenso wie Inspektor Spence mehr oder weniger alles �ber Beatrice Lippincott wusste, war ihm auch Rowley Cloade sehr gut bekannt.</p><p>Wenn Rowley sich aufraffte, um der Polizei eine Mitteilung zu machen, so konnte man hundertprozentig sicher sein, dass es sich um etwas Ernstzunehmendes handelte. Abgesehen davon jedoch w�rde es geraume Zeit in Anspruch nehmen, denn Leute vom Schlage Rowley Cloades zu dr�ngen, hatte keinen Sinn. Sie brauchten ihre Zeit, und man fuhr am besten mit ihnen, lie� man sie auf ihre eigene Art erz�hlen.</p><p>�Guten Morgen, Mr Cloade. Es freut mich, Sie zu sehen. Haben Sie uns irgendetwas mitzuteilen, was Licht auf diesen Mord im �Hirschen� werfen k�nnte?�</p><p>Zu des Inspektors �berraschung antwortete Rowley mit einer Gegenfrage.</p><p>�Haben Sie den Mann identifiziert?�, erkundigte er sich.</p><p>�Nein�, entgegnete Spence nachdenklich. �Er hat sich als Enoch Arden eingetragen, doch wir haben keinen Beweis gefunden, dass er Enoch Arden ist.�</p><p>Rowley runzelte die Stirn. �Ist das nicht sonderbar?�</p><p>Es war sonderbar, in der Tat, doch der Inspektor hatte nicht die Absicht, seine Gedanken dar�ber, wie au�erordentlich sonderbar dies sozusagen war, mit Rowley Cloade zu er�rtern. Ruhig meinte er stattdessen:</p><p>�Nun lassen Sie mich mal die Fragen stellen, Mr Cloade. Sie haben den Toten gestern aufgesucht. Warum?�</p><p>�Sie kennen doch Beatrice Lippincott vom �Hirschen�, Inspektor?�</p><p>�Nat�rlich kenne ich sie.� Und in der Hoffnung, auf diese Weise schneller zur Sache zu kommen, f�gte er hinzu: �Ich habe schon mit ihr gesprochen. Ich kenne ihre Geschichte.�</p><p>Rowley sah erleichtert aus.</p><p>�Gott sei Dank. Ich hatte Angst, sie w�rde vielleicht nicht hineingezogen werden wollen und darum lieber den Mund halten. Na, jedenfalls hat Beatrice mir auch mitgeteilt, was sie zuf�llig mit angeh�rt hat, und auf mich machte das Ganze einen sehr bedenklichen Eindruck. Es ist nun einmal so, Inspektor, dass wir das sind, was man �interessierte Partei� nennt.�</p><p>Wieder nickte der Inspektor zustimmend. Wie alle �brigen Bewohner der Gegend hatte er lebhaftes Interesse an den Ereignissen in der Familie Cloade genommen, und seiner Meinung nach war der Familie durch Gordons Tod so kurz nach seiner Heirat ein schlimmer Streich gespielt worden. Er teilte die allgemeine Auffassung, dass die junge Mrs Gordon Cloade �keine Dame� war und ihr Bruder zu der Sorte skrupelloser Draufg�nger geh�rte, die im Krieg unvergleichliche Dienste leisteten, in Friedenszeiten aber mit gr��ter Vorsicht zu betrachten waren.</p><p>�Ich brauche Ihnen doch sicher kaum zu erkl�ren, was es f�r uns alle bedeuten w�rde, stellte sich heraus, dass Mrs Gordon Cloades erster Mann noch lebt�, sagte Rowley. �Beatrices Erz�hlung von dem, was zwischen dem Fremden und David Hunter besprochen worden war, brachte die erste Andeutung einer solchen M�glichkeit. Ich w�re nie auf den Gedanken gekommen; ich war �berzeugt, sie sei Witwe gewesen. Ich muss sagen, die Neuigkeit setzte mir zu, wenn es auch ein Weilchen dauerte, bis ich mir klarmachte, <emphasis>wie</emphasis> wichtig sie f�r uns sein k�nnte. Ich wollte dann zun�chst meinen Onkel Jeremy Cloade zu Rate ziehen. Ich ging auch hin, aber sie sa�en noch bei Tisch � beim Abendessen �, und ich musste warten. Und so w�hrend des Wartens �berdachte ich das Ganze noch mal, und da �berlegte ich, es sei doch besser, erst noch ein wenig mehr herauszubekommen, bevor ich meinen Onkel einweihte. Sie wissen doch, wie Rechtsanw�lte sind. Sie wollen einen Haufen Angaben und eine Menge Beweise, und dann �berlegen sie sich�s noch zehnmal, bevor sie sich entschlie�en, etwas zu unternehmen. Ich dachte mir, am gescheitesten w�re es, ich ginge selbst mal in den �Hirschen� und n�hme mir den Fremden genauer unter die Lupe.�</p><p>�Und haben Sie diesen Plan ausgef�hrt?�</p><p>�Ja, ich ging geradewegs zum �Hirschen� � �</p><p>�Wie sp�t war es da?�</p><p>�Lassen Sie mich mal nachdenken� Zu meinem Onkel muss ich so ungef�hr zwanzig Minuten nach acht Uhr gegangen sein. Dann hab ich dort ein Weilchen gewartet� Ich w�rde sagen, es war kurz nach halb neun, so etwa zwanzig Minuten vor neun. Ich wusste, wo der Bursche zu finden war. Bee hatte mir die Zimmernummer genannt. Also ging ich gleich die Treppe hinauf und klopfte an die T�r.�</p><p>Rowley schaltete eine Pause ein.</p><p>�Ich glaube, ich habe die Sache nicht sehr geschickt angepackt. Als auf mein Klopfen jemand �herein� sagte, trat ich ins Zimmer. Ich hatte gemeint, ich w�rde der �berlegene bei der Unterhaltung sein, aber dem Burschen war ich nicht gewachsen. Er war ein schlauer Fuchs. Ich machte so eine Andeutung, mir w�re was von Erpressung zu Ohren gekommen. Ich dachte, er w�rde es daraufhin mit der Angst zu tun kriegen, aber es schien ihn nur zu am�sieren. Er fragte mich ohne alle Umschweife, ob ich etwa auch als �K�ufer� in Frage k�me. �Bei mir k�nnen Sie mit Ihren schmutzigen Gesch�ften nichts ausrichten�, fuhr ich ihn an, worauf er mir in ziemlich frechem Ton antwortete: �Ich hab was zu verkaufen, und mich interessiert, ob Sie oder die Familie Cloade was anzulegen gewillt sind f�r den positiven Beweis, dass Robert Underhay, der angeblich in Afrika begraben liegt, lebt.� Ich fragte, wieso wir �berhaupt etwas daf�r zahlen sollten. Darauf lachte der Kerl mir ins Gesicht und sagte: �Weil ich heute Abend einen Besucher erwarte, der mir von Herzen gern eine runde Summe hinlegt f�r den Beweis, dass Robert Underhay tot ist.� Und da ging mein Temperament mit mir durch, und ich erkl�rte ihm, dass meine Familie sich auf schmutzige Dinge prinzipiell nicht einlasse. Wenn Underhay wirklich noch am Leben sei, so lie�e sich das ohne gro�e Schwierigkeiten sicher feststellen. Ich machte kehrt und war eben im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als er mir mit einem schmierigen Unterton nachrief: �Ohne meine Mithilfe werden Sie kaum jemals einen Beweis liefern k�nnen.� In einem komischen Ton sagte er das.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann� offen gestanden: Ich ging heim. Ich merkte, dass ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte, und machte mir schon Vorw�rfe, es nicht Onkel Jeremy �berlassen zu haben, mit dem Kerl zu reden. So ein Rechtsanwalt ist�s eher gewohnt, mit solchen Typen zu verhandeln.�</p><p>�Um wie viel Uhr verlie�en Sie den �Hirschen�?�</p><p>�Keine Ahnung. Oder doch� warten Sie, es muss gerade neun Uhr gewesen sein, denn wie ich drau�en am Fenster vorbeiging, h�rte ich gerade das Zeichen zum Nachrichtenbeginn im Radio.�</p><p>�Machte Arden eine Andeutung �ber den �Klienten�, den er erwartete?�</p><p>�Ich nahm stillschweigend an, es k�nnte nur David Hunter sein. Wer sollte sonst in Frage kommen?�</p><p>�Er machte nicht den Eindruck, als beunruhige ihn dieser bevorstehende Besuch?�</p><p>�Im Gegenteil. Er machte einen absolut selbstsicheren Eindruck und tat, als halte er alle Tr�mpfe in der Hand.�</p><p>Spence deutete mit einer leichten Bewegung auf die Feuerzange auf dem Tisch.</p><p>�Haben Sie diese Feuerzange beim Kamin h�ngen oder liegen gesehen, Mr Cloade?�</p><p>�Nicht, dass ich mich erinnere. Es war kein Feuer im Kamin.� Rowley versuchte, sich das Hotelzimmer ins Ged�chtnis zu rufen, wie er es an jenem Abend wahrgenommen hatte. �Ich erinnere mich vage, etwas Eisernes liegen gesehen zu haben, aber ob es diese Feuerzange war oder nicht, das k�nnte ich nicht sagen. Ist er mit diesem Ding �?�</p><p>�Die Untersuchung hat ergeben, dass er von hinten erschlagen wurde und dass die t�dlichen Schl�ge mit dem Knauf dieser Feuerzange, und zwar von oben nach unten, ausgef�hrt wurden�, erkl�rte der Inspektor sachlich.</p><p>�Er war seiner Sache sehr sicher, aber trotzdem�� Rowley br�tete einen Moment vor sich hin. �Wer wird einem Menschen den R�cken zuwenden, den man zu erpressen im Begriff steht? Er scheint nicht sehr vorsichtig gewesen zu sein, dieser Arden.�</p><p>�W�re er vorsichtiger gewesen, lebte er wahrscheinlich noch�, stimmte der Inspektor trocken zu.</p><p>�H�tte ich mich blo� nicht aufs hohe Ro� gesetzt, sondern w�re dort geblieben. Wer wei�, vielleicht h�tte ich etwas erfahren, was uns jetzt n�tzen k�nnte. Ich h�tte nat�rlich so tun sollen, als w�ren wir sehr interessiert daran, ihm f�r den angebotenen Beweis jede Summe zu zahlen. Aber das ist alles so dumm. Wie k�nnen wir schon mit Rosaleen und David Hunter konkurrieren? Sie haben Geld, und wir haben h�chstens Schulden.�</p><p>Der Inspektor nahm das Feuerzeug auf.</p><p>�Wissen Sie, wem das geh�rt?�</p><p>�Es kommt mir bekannt vor.� Eine steile Falte grub sich zwischen Rowleys nachdenkliche Augen. �Aber ich komme nicht darauf, wo ich es gesehen habe.�</p><p>Spence gab Rowley das Feuerzeug nicht in die Hand. Er legte es nieder und nahm den Lippenstift auf.</p><p>�Und das?�</p><p>Rowley schmunzelte.</p><p>�Da bin ich nicht zust�ndig, Inspektor.�</p><p>Spence schraubte die H�lle ab und malte sich einen kleinen roten Strich auf den Handr�cken.</p><p>�W�rde zu einer Br�netten passen�, murmelte er.</p><p>�Was f�r komische Sachen ihr Leute von der Polizei wissen m�sst�, bemerkte Rowley. Er erhob sich. �Und Sie haben wirklich keine Ahnung, wer der Ermordete gewesen sein k�nnte?�</p><p>�Haben Sie denn irgendeine Idee?�, fragte der Inspektor.</p><p>�Nicht die geringste. Der Mann war unsere einzige M�glichkeit, an Robert Underhay ranzukommen�, erwiderte Rowley langsam. �Nach Underhay suchen, ohne jeden Anhaltspunkt, das w�re das Gleiche, wie in einem Heuhaufen nach einer Stecknadel fahnden.�</p><p>�Die Nachricht von diesem Mord wird an die �ffentlichkeit gelangen. Die Umst�nde werden in der Zeitung geschildert werden, und es besteht die M�glichkeit, dass Underhay, falls er wirklich noch lebt, davon h�rt oder liest und sich meldet.�</p><p>�M�glich�, gab Rowley zu. �Unwahrscheinlich, aber m�glich.�</p><p>Nachdem Rowley sich verabschiedet hatte, betrachtete der Inspektor sinnend das Feuerzeug. Es trug die Initialen D.H.</p><p>�Kein billiges St�ck�, sagte er zu Sergeant Graves gewandt. �Haben Sie sich�s angesehen?� Der Sergeant bejahte die Frage.</p><p>Inspektor Spence wandte seine Aufmerksamkeit der Armbanduhr zu. Das Glas war zerbrochen, und die Zeiger waren auf zehn Minuten nach neun stehen geblieben.</p><p>�Was halten Sie davon?�, fragte er, zu Graves aufblickend.</p><p>�Sieht so aus, als ob die Uhr uns den Zeitpunkt der Tat angibt�, meinte der Sergeant.</p><p>Spence sah zweifelnd drein.</p><p>�Wenn Sie erst einmal so viele Jahre Dienst hinter sich haben wie ich, Graves, werden Sie misstrauisch beim Anblick eines so auffallend �berzeugenden Beweisst�cks wie einer stehen gebliebenen Uhr. Sie kann wirklich beim Fall des Opfers zerbrochen sein und dadurch die genaue Zeit des Mordes angeben, aber die Gefahr, dass man uns damit in die Irre f�hren will, l�sst sich nicht von der Hand weisen. Es ist ein oft erprobter alter Trick. Stellen Sie die Zeiger einer Uhr auf den Zeitpunkt, der Ihnen gerade ins Programm passt, schmei�en Sie das Ding auf den Boden, der Mechanismus steht still und Sie haben das sch�nste Alibi, das Sie sich w�nschen k�nnen. Aber so leicht kriecht ein alter Fuchs wie ich nicht auf den Leim. Laut �rztlicher Aussage erfolgte die Tat zwischen acht und elf Uhr abends. Daran halte ich mich.�</p><p>Sergeant Graves r�usperte sich.</p><p>�Edwards, der zweite G�rtner in Furrowbank, behauptete, er habe David Hunter so gegen halb acht aus einer Seitent�r kommen sehen. Die Angestellten waren der Meinung, Hunter sei nach London zu Mrs Gordon gefahren. Aber wenn Edwards ihn gesehen hat, muss er sich doch hier in der Nachbarschaft herumgetrieben haben.�</p><p>�Warten wir einmal ab, was uns Mr Hunter �ber seinen Verbleib w�hrend der betreffenden Zeit zu sagen hat�, erwiderte Spence.</p><p>�Das sieht doch alles nach einem klaren Fall aus�, meinte Graves zuversichtlich.</p><p>Spence wiegte nachdenklich den Kopf.</p><p>�F�r dieses Ding hier fehlt vorl�ufig noch jede Erkl�rung.� Er nahm den Lippenstift zur Hand. �Er war unter eine Kommode gerollt. Wom�glich lag er da schon seit Tagen oder Wochen.�</p><p>�Man hat nichts von einer Frau in Verbindung mit diesem Arden geh�rt�, bemerkte Graves.</p><p>�Darum eben nenne ich diesen Lippenstift die unbekannte Gr��e in der Rechnung�, erwiderte Spence.�</p></section><section><title><p><strong>18</strong></p></title><empty-line/><p>�Inspektor Spence sah erst pr�fend an dem imposanten Geb�ude, das sich �Shepherd�s Court�, nannte, hinauf, bevor er durch das Marmorportal schritt.</p><p>Drinnen sanken des Inspektors F��e tief in die dicken weichen Teppiche ein, mit denen die Halle ausgelegt war. Ein Blumenarrangement und ausladende Polsterm�bel fielen ihm ins Auge, doch steuerte er pflichtbewusst sogleich auf eine T�r zu, die als �B�ro�, gekennzeichnet war. Hinter der T�r befand sich ein mittelgro�er Raum, der durch eine massiv h�lzerne Barriere abgeteilt war. Jenseits der Barriere standen ein Tisch mit einer Schreibmaschine und zwei St�hle, doch war niemand zugegen.</p><p>Der Inspektor ersp�hte eine Glocke und bediente sich ihrer. Als sich daraufhin nichts ereignete, versuchte er sein Gl�ck abermals, diesmal etwas anhaltender. Ungef�hr eine Minute darauf, vielleicht sogar noch etwas sp�ter, �ffnete sich eine Seitent�r, und eine uniformierte Erscheinung mit der W�rde eines Generals, wenn nicht gar eines Feldmarschalls, n�herte sich der Barriere. Doch als die Erscheinung zu sprechen begann, wurde offenbar, dass die Uniform t�uschte und sich darunter ein waschechtes Produkt der weniger vornehmen Vorstadtgegenden Londons befand.</p><p>�Sie w�nschen?�</p><p>�Ich m�chte zu Mrs Gordon Cloade.�</p><p>�Dritter Stock. Soll ich Sie anmelden?�</p><p>�Ist sie da?�, erkundigte sich Spence. �Ich dachte schon, sie w�re wom�glich auf dem Land.�</p><p>�Nein, sie ist schon seit letztem Sonnabend hier.�</p><p>�Und Mr David Hunter?�, forschte der Inspektor.</p><p>�Mr Hunter ist ebenfalls da.�</p><p>�War er nicht weg?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und letzte Nacht war er auch hier?�</p><p>�Was soll dieses Gefrage eigentlich bedeuten?�, fuhr der General erz�rnt auf. �Soll ich Ihnen vielleicht die Lebensgeschichte von jedem einzelnen unserer G�ste erz�hlen?�</p><p>Ohne ein Wort zu erwidern, zog Inspektor Spence seinen Dienstausweis aus der Tasche. Der General gab sofort seine Angriffsstellung auf und zog sich in die Verteidigung zur�ck. �Entschuldigen Sie bitte. Ist mir sehr peinlich. Aber wie konnte ich das wissen?�</p><p>�Na, und war Mr Hunter gestern Nacht nun hier oder nicht?�, fragte Spence.</p><p>�Er war hier. Wenigstens soweit ich im Bilde bin. Das hei�t, er hat nichts von Weggehen gesagt.�</p><p>�Erfahren Sie es immer, wenn einer der G�ste, sagen wir Mr Hunter, abwesend ist?�</p><p>�Nicht immer. Aber im Allgemeinen sagen es einem die Herrschaften, wenn sie wegfahren, schon wegen der Post oder falls angerufen wird.�</p><p>�Laufen alle Anrufe �ber dieses B�ro?�</p><p>�Nein, die meisten Appartements haben eigene Telefonanschl�sse. Nur ein oder zwei ziehen es vor, sich kein Telefon hinauflegen zu lassen. Kommt ein Anruf, dann geben wir durchs Haustelefon Bescheid in das betreffende Zimmer, und die Herrschaften kommen in die Halle herunter und sprechen von dort.�</p><p>�Aber in Mrs Cloades Appartement ist ein Telefon installiert?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und soweit Sie unterrichtet sind, waren beide Herrschaften gestern Abend und gestern Nacht im Haus?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie steht�s mit den Mahlzeiten?�</p><p>�Wir haben ein Restaurant, aber Mrs Cloade und Mr Hunter nutzen dessen Angebot nicht oft. Meist gehen sie zum Essen aus.�</p><p>�Und das Fr�hst�ck?�</p><p>�Das wird aufs Zimmer serviert.�</p><p>�K�nnen Sie sich erkundigen, ob heute Morgen Fr�hst�ck in Mrs Cloades Appartement gebracht wurde?�</p><p>�Gewiss, Inspektor, das kann mir der Kellner sagen, der Zimmerdienst hatte.�</p><p>Spence nickte zufrieden.</p><p>�Finden Sie das heraus. Ich gehe jetzt hinauf. Wenn ich wieder herunterkomme, sagen Sie mir Bescheid.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Inspektor. Sie k�nnen sich auf mich verlassen.�</p><p>Spence betrat den Fahrstuhl und fuhr in den dritten Stock hinauf. Es befanden sich nur zwei Appartements auf jeder Seite. Der Inspektor klingelte bei Nummer 9.</p><p>David Hunter �ffnete. Er kannte den Beamten nicht und fragte unwirsch:</p><p>�Was ist los?�</p><p>�Mr Hunter?�, sagte Spence fragend.</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich bin Inspektor Spence von der Oastshire County Polizei. Kann ich Sie einen Moment sprechen?�</p><p>�Entschuldigung, Inspektor.� David grinste. �Ich dachte, Sie wollten mir irgendwas verkaufen.�</p><p>Er f�hrte den Inspektor in den modern eingerichteten Salon. Rosaleen hatte am Fenster gestanden und drehte sich beim Eintritt der beiden M�nner um.</p><p>�Das ist Inspektor Spence, Rosaleen�, stellte David vor. �Setzen Sie sich, Inspektor, und machen Sie sich�s bequem. Wie steht�s mit einem Whisky?�</p><p>�Danke, Mr Hunter.�</p><p>Rosaleen hatte sich gesetzt. Die H�nde ineinander verkrampft, beobachtete sie den Inspektor.</p><p>�Rauchen Sie?�</p><p>David bot Zigaretten an.</p><p>�Danke.�</p><p>Spence nahm eine der Zigaretten und wartete. David fuhr mit der Hand in die Tasche, runzelte die Stirn und sah sich dann suchend nach Z�ndh�lzern um. Er nahm eine Schachtel vom Tisch und gab dem Inspektor Feuer.</p><p>�Na?�, meinte David zwischen zwei Z�gen, nachdem auch er sich eine Zigarette angez�ndet hatte. �Was ist passiert in Warmsley Vale? Hat sich unsere K�chin etwa bei Eink�ufen auf dem schwarzen Markt erwischen lassen? Sie tischt uns wunderbare Mahlzeiten auf, und ich habe mich schon l�ngst gefragt, ob sie nicht �ber irgendwelche dunklen Quellen verf�gt.�</p><p>�Leider geht es um etwas Schlimmeres als das. Gestern Nacht starb ein Mann im Hotel �Hirschen�. Sie haben vielleicht dar�ber in der Zeitung gelesen.�</p><p>David sch�ttelte verneinend den Kopf.</p><p>�Ich habe nichts gesehen. Was war mit ihm?�</p><p>�Genauer gesagt, er starb nicht, sondern er wurde ermordet�, berichtigte der Inspektor. �Er wurde erschlagen.�</p><p>Ein halb erstickter Schreckenslaut entrang sich Rosaleens Lippen. David sagte schnell:</p><p>�Verschonen Sie uns mit Einzelheiten, Inspektor, ich bitte Sie. Meine Schwester ist sehr empfindlich. Sie kann nichts daf�r, aber sobald von Blut und Schreckenstaten die Rede ist, wird sie ohnm�chtig.�</p><p>�Entschuldigen Sie bitte.� Der Inspektor deutete eine kleine Verbeugung an, fuhr jedoch unverdrossen fort: �Von Blut kann auch eigentlich nicht die Rede sein. Obwohl es ganz eindeutig Mord war.�</p><p>Er schaltete eine Pause ein. Davids Augenbrauen hoben sich fragend. Als der Inspektor nicht fortfuhr, fragte er sehr freundlich.</p><p>�Und was haben wir damit zu tun?�</p><p>�Ich hoffte, Sie k�nnten mir etwas �ber den Ermordeten erz�hlen, Mr Hunter?�</p><p>�Ich?�</p><p>�Ja. Sie haben ihn doch am letzten Sonnabend besucht. Sein Name � oder jedenfalls der Name, unter dem er sich eingetragen hatte � war Enoch Arden.�</p><p>�Ach ja, nat�rlich. Jetzt erinnere ich mich.�</p><p>David sprach ruhig, ohne jede Nervosit�t.</p><p>�Aber ich f�rchte, ich kann Ihnen wenig helfen, Inspektor. Ich wei� so gut wie nichts von dem Mann.�</p><p>�Wieso suchten Sie ihn dann auf?�</p><p>�Ach, die �bliche Geschichte. Er hatte sich an mich gewandt, weil es ihm schlecht ging. Er erw�hnte ein paar St�dte, in denen ich auch gelebt habe, nannte Bekannte von mir, mit denen er zusammengetroffen war, erz�hlte vom Krieg, packte Erlebnisse aus � wie das so zu sein pflegt.� David zuckte die Achseln. �Es war ein Pumpversuch, nichts weiter, und was er mir auftischte, war reichlich fadenscheinig.�</p><p>�Haben Sie ihm Geld gegeben?�</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde schien David zu z�gern, dann erwiderte er:</p><p>�Nur eine F�nfernote, mehr als Gl�cksbringer gemeint. Der Mann hatte schlie�lich den Krieg mitgemacht.�</p><p>�Und er nannte Namen von Bekannten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nannte er auch Captain Robert Underhay?�</p><p>Diesmal hatte der Inspektor die Genugtuung, eine Wirkung seiner Frage beobachten zu k�nnen. David richtete sich auf. Seine Haltung wurde steif. Rosaleen, die hinter ihm sa�, stie� einen kleinen Schrei aus.</p><p>�Wie kommen Sie darauf?�, fragte David schlie�lich. Seine Augen versuchten den anderen zu durchdringen.</p><p>�Wir haben eine dahingehende Information erhalten�, gab Spence vage Auskunft.</p><p>Es entstand eine kleine Pause. Der Inspektor sp�rte Davids forschenden Blick auf sich ruhen.</p><p>�Wissen Sie, wer Robert Underhay war, Inspektor?�, fragte David schlie�lich.</p><p>�Wie w�r�s, wenn Sie es mir erz�hlten?�, kam die Gegenfrage.</p><p>�Robert Underhay war der erste Mann meiner Schwester. Er starb vor ein paar Jahren in Afrika.�</p><p>�Sind Sie dessen ganz sicher?�, erkundigte sich Spence sachlich.</p><p>�Ganz sicher. Stimmt�s, Rosaleen?�</p><p>David drehte sich zu seiner Schwester um.</p><p>�Ja� ja, nat�rlich.� Sie sprach hastig und kurzatmig. �Robert starb an Sumpffieber. Es war sehr traurig.�</p><p>�Es muss nicht unbedingt alles wahr sein, was gesagt wird, Mrs Cloade. Manchmal wird von Ereignissen berichtet, die gar nicht stattgefunden haben.�</p><p>Rosaleen gab keine Antwort. Ihre Augen hingen an David. Nach einer �ngstlichen Pause stammelte sie:</p><p>�Robert ist tot.�</p><p>�Wie ich erfahren habe, behauptete dieser Enoch Arden, ein Freund von Captain Robert Underhay zu sein. Au�erdem hat er Ihnen mitgeteilt, dass sich Underhay noch am Leben bef�nde.�</p><p>David sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Unsinn�, erkl�rte er. �Absoluter Unsinn.�</p><p>�Sie bleiben also dabei, dass der Name Robert Underhay in Ihrer Unterhaltung mit Enoch Arden nicht gefallen ist?�</p><p>David l�chelte entwaffnend.</p><p>�O doch, der Name wurde erw�hnt. Der Mann kannte Underhay.�</p><p>�Handelte es sich vielleicht um eine kleine � Erpressung, Mr Hunter?�</p><p>�Erpressung? Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Inspektor.�</p><p>�Wirklich nicht? Nun, lassen wir das. Aber etwas anderes h�tte ich gern gewusst � eine reine Formsache selbstverst�ndlich: Wo haben Sie sich gestern Abend zwischen sieben und elf Uhr aufgehalten?�</p><p>�Und wenn ich � eine reine Formsache selbstverst�ndlich � die Antwort auf diese Frage verweigere?�</p><p>�W�re das nicht etwas kindisch, Mr Hunter?�</p><p>�Dieser Meinung bin ich nicht. Ich hasse es und habe es von jeher gehasst, beaufsichtigt und kontrolliert zu werden.�</p><p>Der Inspektor zweifelte nicht an der Aufrichtigkeit dieser Behauptung.</p><p>Er hatte schon �fter mit Leuten vom Schlage dieses David Hunter zu tun gehabt. Sie waren imstande, aufs�ssig und widerspenstig zu sein, keineswegs, weil sie eine Schuld zu verbergen hatten, sondern weil diese Aufs�ssigkeit ihrem Charakter entsprach. Die Tatsache allein, dass sie �ber ihr Kommen und Gehen Rechenschaft ablegen sollten, reizte sie zu Widerspruch und Auflehnung.</p><p>Der Inspektor blickte fragend zu Rosaleen Cloade hin�ber, und sie reagierte unverz�glich auf die stumme Aufforderung.</p><p>�Warum sagst du es ihm nicht, David � �</p><p>�So ist�s recht, Mrs Cloade. Uns liegt doch einzig und allein daran, Licht in diese Sache zu bringen�, hakte Spence vers�hnlich ein.</p><p>�Lassen Sie meine Schwester in Ruhe�, fuhr David ihn an. �Was schert es Sie, ob ich gestern Abend hier, in Warmsley Vale oder in Honolulu war?�</p><p>�Man wird Sie als Zeugen vor Gericht zitieren, Mr Hunter, und dort werden Sie wohl oder �bel Auskunft erteilen m�ssen�, hielt der Inspektor ihm vor.</p><p>�Ich ziehe es vor zu warten, bis ich vor Gericht befragt werde. Und jetzt w�re es mir angenehm, wenn Sie so schnell wie m�glich von der Bildfl�che verschw�nden.�</p><p>�Wie Sie w�nschen.�</p><p>Der Inspektor lie� sich von dem hitzigen Ton des jungen Mannes nicht aus der Ruhe bringen.</p><p>�Bevor ich mich jedoch zur�ckziehe, habe ich noch eine Frage an Mrs Cloade.�</p><p>�Ich w�nsche nicht, dass meine Schwester bel�stigt wird�, brauste David von neuem auf.</p><p>�Verst�ndlich, aber ich muss Mrs Cloade bitten, sich den Toten anzuschauen, da sie ihn vielleicht identifizieren kann. Dem k�nnen Sie sich nicht widersetzen, Mr Hunter. Es ist lediglich eine Frage des Zeitpunkts, denn fr�her oder sp�ter muss Mrs Cloade den Mann pers�nlich in Augenschein nehmen. Am besten w�re es, sie k�me gleich mit mir. Je eher man so eine unerfreuliche Sache hinter sich bringt, desto besser. Wir haben Zeugen daf�r, dass Mr Arden sagte, er habe Mr Underhay gekannt. Nichts liegt n�her, als dass er auch Mrs Underhay gekannt hat, und wenn er Mrs Underhay gekannt hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass Mrs Underhay auch ihn kannte. Es ist eine ausgezeichnete Chance, den wirklichen Namen des Mannes, der sich Enoch Arden nannte, herauszufinden.�</p><p>Zu des Inspektors Erstaunen erhob sich Rosaleen sofort und erkl�rte:</p><p>�Ich komme, wann immer Sie w�nschen.�</p><p>Spence erwartete einen neuen Ausbruch Davids, doch verbl�ffenderweise l�chelte der junge Mann nur.</p><p>�Das ist recht, Rosaleen�, sagte er. �Ich muss gestehen: Ich bin selbst neugierig. Sehr gut m�glich, dass du uns sofort verraten kannst, wer der Bursche in Wirklichkeit war.�</p><p>�Sie haben ihn in Warmsley Vale nicht getroffen?�, erkundigte sich Spence.</p><p>�Ich bin schon seit Sonnabend in London�, antwortete Rosaleen.</p><p>Der Inspektor nickte.</p><p>�Und Arden traf Freitag nacht in Warmsley Vale ein.�</p><p>�M�chten Sie, dass ich jetzt gleich mitkomme?�, vergewisserte sich Rosaleen im Ton eines folgsamen Kindes, das seinen Lehrern gefallen m�chte. Wider Willen f�hlte sich Spence zu ihren Gunsten beeinflusst. Diese Bereitwilligkeit, ihn zu unterst�tzen, hatte er nicht erwartet.</p><p>�Ich warte in der Halle auf Sie.�</p><p>Er zog sich zur�ck.</p><p>Unten begab er sich abermals ins B�ro, wo der General ihn bereits erwartete.</p><p>�Nun?�</p><p>�Beide Betten sind letzte Nacht benutzt worden, Inspektor. Auch die Badet�cher waren nass, und um halb zehn heute fr�h wurde Fr�hst�ck aufs Zimmer serviert.�</p><p>�Um welche Zeit Mr Hunter gestern Nacht heimkam, haben Sie nicht in Erfahrung bringen k�nnen?�</p><p>�Leider nicht, Inspektor.�</p><p>Der Inspektor hatte mit keiner besseren Auskunft gerechnet. Er war sich nicht im Klaren dar�ber, ob Davids kindisches Verhalten nur einem trotzigen Charakter entsprach oder ob sich mehr hinter der Widerspenstigkeit des jungen Mannes verbarg. Wie die Dinge lagen, konnte er sich eigentlich nicht verhehlen, dass er in Verdacht stand, einen Mord begangen zu haben. Je eher er mit der Wahrheit herausr�ckte, desto besser. Was f�r einen Sinn sollte es haben, der Polizei zu trotzen? Aber gerade das bereitete Leuten wie David Hunter besonderes Vergn�gen. Inspektor Spence wusste das nur zu gut.</p><p>Die Fahrt nach Warmsley Vale verlief �u�erst schweigsam. Als die drei am Leichenschauhaus anlangten, war Rosaleen sehr blass. Ihre H�nde zitterten. David redete tr�stend, so wie man einem versch�chterten Kind Mut zuspricht.</p><p>Auf ein Zeichen des Inspektors hin wurde das Leintuch von der leblosen Gestalt auf der Bahre gezogen. Stumm stand Rosaleen Cloade vor dem Toten, der sich Enoch Arden genannt hatte. Spence war einen Schritt zur�ckgetreten, doch seine Augen hingen am Gesicht der jungen Witwe.</p><p>Sie schaute auf den Toten hinunter, ohne sich zu r�hren, ohne aufgeregt zu sein, es war fast ein Staunen in ihrem Blick, eine leichte Verwunderung. Und dann machte sie ruhig, beinahe sachlich, das Zeichen des Kreuzes �ber ihm und sagte:</p><p>�Gott sei seiner armen Seele gn�dig. Ich habe diesen Mann noch nie in meinem Leben gesehen. Ich habe keine Ahnung, wer er ist.�</p><p>Ihr Ton war so �berzeugend, dass es f�r den Inspektor nur zwei M�glichkeiten gab: Entweder hatte Rosaleen Cloade die Wahrheit gesagt, oder sie war eine der besten Schauspielerinnen, die er je erlebt hatte.</p><p>Etwas sp�ter rief Inspektor Spence Rowley Cloade an.</p><p>�Mrs Cloade hat den Toten gesehen�, sagte er. �Sie behauptet, ihn nicht zu kennen. Damit ist jeder Zweifel, ob es Robert Underhay war oder, nicht, ein f�r alle Mal aus der Welt geschafft.�</p><p>Es entstand eine kleine Pause, bevor Rowley langsam entgegnete:</p><p>�Sind Sie fest �berzeugt davon?�</p><p>�Jede Geschworenenbank w�rde Mrs Cloade Glauben schenken�, erwiderte der Inspektor. �Solange kein Beweis f�r das Gegenteil vorliegt, selbstverst�ndlich.�</p><p>�Ja�, erwiderte Rowley z�gernd.</p><p>Er h�ngte den H�rer ein und langte nach dem Telefonbuch von London. Er schlug den Buchstaben P auf und fuhr mit dem Zeigefinger die Kolonnen entlang, bis er auf den gesuchten Namen stie�.�</p></section><section><title><p><strong>19</strong></p></title><empty-line/><p>Hercule Poirot faltete die letzte der zahlreichen Zeitungen zusammen, nach denen er seinen Diener George geschickt hatte. Nur sehr wenig war deren Berichten zu entnehmen. Die Untersuchung des Gerichtsarztes hatte ergeben, dass der Mann durch mehrere kr�ftige Schl�ge auf den Kopf ermordet worden war. Dieser Mr Arden schien vor kurzem aus Kapstadt gekommen zu sein.</p><p>Poirot legte die letzte Zeitung auf einen s�uberlich ausgerichteten Sto� bereits gelesener Bl�tter und �berlie� sich seinen Gedanken. Die Sache interessierte ihn. W�re nicht Mrs Lionel Cloades k�rzlicher Besuch bei ihm gewesen, h�tte er vielleicht die erste, knapp gefasste Notiz �ber den Mord �bersehen. Doch da gab es noch eine andere Begebenheit in Zusammenhang mit dem Namen Cloade, der ihm im Ged�chtnis haften geblieben war. Der langweilige Major Porter hatte an jenem nun schon einige Zeit zur�ckliegenden Tag im Club prophezeit, es k�nnte eines Tages irgendwo ein Mr Enoch Arden auftauchen. Hercule Poirot h�tte in diesem Augenblick gern mehr �ber diesen Enoch Arden gewusst, der in Warmsley Vale eines gewaltsamen Todes gestorben war.</p><p>Der Detektiv erinnerte sich, dass er Inspektor Spence von der Polizei in Oastshire fl�chtig kannte, und er erinnerte sich weiter, dass der junge Mellon irgendwo in der N�he von Warmsley Vale wohnte und ein Bekannter Jeremy Cloades war.</p><p>W�hrend er noch erwog, den jungen Mellon anzurufen, wurde Hercule Poirot von seinem Diener gest�rt, der meldete, ein Mr Rowley Cloade w�nsche Monsieur Poirot zu sprechen.</p><p>�Aha�, stie� der Meisterdetektiv befriedigt aus. �F�hren Sie ihn herein.�</p><p>Ein gut aussehender, doch etwas verwirrt wirkender junger Mann betrat das Zimmer. Er schien nicht recht zu wissen, wie er die Unterredung beginnen sollte.</p><p>�Womit kann ich Ihnen dienen, Mr Cloade?�, erkundigte Poirot sich h�flich.</p><p>Rowley Cloade musterte sein Gegen�ber absch�tzend. Der Schnurrbart, die Gamaschen und die gl�nzenden Lackschuhe fl��ten ihm wenig Vertrauen ein.</p><p>Hercule Poirot entging der Blick nicht, und die Best�rzung in den Augen des jungen Mannes am�sierte ihn.</p><p>�Ich f�rchte, ich werde Ihnen erst einmal erkl�ren m�ssen, wer ich �berhaupt bin�, begann Rowley unbeholfen. �Mein Name wird Ihnen nichts sagen � �</p><p>�Ihr Name ist mir v�llig gel�ufig�, unterbrach Poirot ihn. �Ihre Tante hat mich vor einer Woche aufgesucht.�</p><p>�Meine Tante?�</p><p>Das Erstaunen Rowleys war so offensichtlich echt, dass Poirot seine anf�ngliche Vermutung, die beiden Besuche k�nnten miteinander in Zusammenhang stehen, fallen lie�.</p><p>�Mrs Lionel Cloade ist doch Ihre Tante? Oder irre ich mich?�</p><p>Rowley schien � falls dies m�glich war � noch erstaunter dreinzublicken.</p><p>�Tante Kathie?�, fragte er mit ungl�ubiger Stimme. �Meinen Sie nicht eher Mrs Jeremy Cloade?�</p><p>Poirot sch�ttelte verneinend den Kopf.</p><p>�Aber was um alles in der Welt kann Tante Kathie � �</p><p>�Eine spiritistische Eingebung f�hrte sie zu mir, wenn ich die Dame richtig verstanden habe�, erkl�rte Poirot.</p><p>�Ach, du lieber Himmel!� Rowley schien zugleich erleichtert und am�siert. �Sie ist ganz harmlos�, versicherte er dann.</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>�Gibt es �berhaupt ganz harmlose Menschen?�</p><p>Rowley starrte Poirot fassungslos an. Der seufzte leise.</p><p>�Sie kamen doch sicher aus einem bestimmten Grund zu mir�, versuchte er dann das Gespr�ch in Gang zu bringen.</p><p>In Rowleys Augen schlich sich wieder der besorgte Ausdruck.</p><p>�Es ist eine ziemlich lange Geschichte, f�rchte ich � �</p><p>Das f�rchtete Poirot ebenfalls. Rowley Cloade machte nicht den Eindruck eines Mannes, der sich kurz, knapp und sachlich zu einem bestimmten Thema �u�ern konnte. Also lehnte sich der Meisterdetektiv in seinem Sessel zur�ck und schloss halb die Augen.</p><p>�Gordon Cloade war mein Onkel�, hub Rowley an, aber schon wurde er unterbrochen.</p><p>��ber Gordon Cloade wei� ich Bescheid.�</p><p>�Umso besser, dann brauche ich Ihnen nichts �ber ihn zu erz�hlen. Er heiratete ein paar Wochen vor seinem Tod eine junge Witwe namens Underhay. Seit Gordons Tod lebt sie in Warmsley Vale, zusammen mit ihrem Bruder. Wir waren alle der Meinung, ihr erster Mann sei in Afrika an Sumpffieber gestorben. Nun scheint dies aber nicht der Fall zu sein.�</p><p>�Ah�, Poirot richtete sich aus seiner l�ssigen Stellung auf. �Und was veranlasst Sie zu dieser Vermutung?�</p><p>Rowley schilderte das Erscheinen Mr Enoch Ardens in Warmsley Vale.</p><p>�Sie haben vielleicht in den Zeitungen dar�ber gelesen��</p><p>�Ja, ich bin im Bilde�, versicherte Poirot.</p><p>Rowley fuhr fort. Er schilderte seinen ersten Eindruck von diesem Arden, wie ein Brief Beatrice Lippincotts ihn sodann in den �Hirschen�, bestellt und was er �ber das von Beatrice belauschte Gespr�ch zwischen David Hunter und dem Fremden vernommen hatte.</p><p>�Wie weit man das, was sie behauptet, geh�rt zu haben, f�r bare M�nze nehmen kann, ist nat�rlich fraglich�, f�gte er vorsichtig hinzu. �M�glich, dass sie ein bisschen �bertrieben oder gar falsch verstanden hat.�</p><p>�Hat Miss Lippincott der Polizei von diesem Gespr�ch erz�hlt?�, erkundigte sich Poirot.</p><p>Rowley nickte.</p><p>�Ich riet ihr dazu.�</p><p>�Ich verstehe nicht ganz, Mr Cloade, was Sie zu mir f�hrt. W�nschen Sie, dass ich in dieser Mordaff�re Nachforschungen anstelle? Ich nehme an, es unterliegt keinem Zweifel, dass es sich um Mord handelt.�</p><p>�Diese Seite der Sache interessiert mich nicht�, erkl�rte Rowley. �Das ist die Arbeit der Polizei. Ein Mord war es, das steht fest. Nein, ich m�chte, dass Sie herausfinden, wer der Mann in Wirklichkeit war.�</p><p>Poirots Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. �Wer war er denn, Ihrer Vermutung nach, Mr Cloade?�</p><p>�Ich meine� nun ja� Enoch Arden ist doch schlie�lich kein Name. Das war doch sozusagen ein Pseudonym, von Tennyson entlehnt. Ich habe das Gedicht nachgelesen. Es geht um einen Mann, der zur�ckkommt und entdeckt, dass seine Frau einen anderen geheiratet hat.�</p><p>�Sie vermuten, dass Enoch Arden in Wirklichkeit Robert Underhay war?�, fragte Poirot ohne Umschweife.</p><p>�M�glich, dass er�s war�, entgegnete Rowley bed�chtig. �Dem Alter und der Figur nach h�tte er�s sein k�nnen. Ich hab mehr als einmal mit Beatrice dar�ber gesprochen. Der Fremde sagte, Robert Underhay ginge es schlecht, er brauche dringend Geld f�r �rztliche Pflege. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass er sich selbst meinte. Anscheinend lie� er eine Bemerkung fallen, es sei doch wohl kaum in David Hunters Interesse, wenn Robert Underhay pl�tzlich in Warmsley Vale auftauchen w�rde � mehr oder weniger ein Hinweis darauf, dass er sich unter falschem Namen eingeschrieben hat aus R�cksicht auf Hunter und seine Schwester.�</p><p>�Befand sich irgendein Ausweis unter den Sachen des Mannes?�</p><p>Rowley sch�ttelte den Kopf.</p><p>��ber seine Identit�t liegen nur die Aussagen der Leute vom �Hirschen� vor � dass er sich unter dem Namen Enoch Arden eingetragen habe.�</p><p>�Er besa� �berhaupt keine Papiere?�</p><p>�Nein. Eine Zahnb�rste, ein Hemd und ein Paar Ersatzsocken � das waren seine gesamten Habseligkeiten. Kein Ausweis, kein Papier.�</p><p>�Das ist interessant, sehr interessant�, murmelte Poirot.</p><p>�David Hunter behauptet, einen Brief von dem Fremden erhalten zu haben�, fuhr Rowley fort. �Der Mann habe sich als Freund Robert Underhays ausgegeben und geklagt, wie schlecht es ihm gehe. Auf Rosaleens Bitte hin sei Hunter in den �Hirschen� gegangen und habe dem Mann mit einer Kleinigkeit unter die Arme gegriffen. So erz�hlt David Hunter die Geschichte, und ich wette, dass er nicht davon abgeht.�</p><p>�Und David Hunter hatte den Mann nie vorher gesehen?�</p><p>�Angeblich nicht. Hunter und Underhay kannten sich jedenfalls nicht. Das steht fest�, erkl�rte Rowley.</p><p>�Und Rosaleen Cloade?�</p><p>�Auf Veranlassung der Polizei hat sie sich den Toten angesehen. Sie erkl�rte, der Mann sei ihr v�llig fremd.�</p><p><emphasis>�Eh bien�,</emphasis> sagte Poirot. �Damit ist Ihre Frage ja beantwortet.�</p><p>�Der Meinung bin ich nicht�, widersprach Rowley unverbl�mt. �Wenn der Tote Robert Underhay ist, bedeutet dies, dass Rosaleens Ehe mit meinem Onkel nicht g�ltig war und ihr demzufolge kein Cent vom Geld Gordon Cloades geh�rt. Glauben Sie, dass sie unter diesen Umst�nden die Identit�t des Toten preisgeben w�rde?�</p><p>�Sie trauen Ihr nicht?�, lautete Poirots Gegenfrage.</p><p>�Ich traue keinem von ihnen.�</p><p>�Es gibt doch sicher noch mehr Leute, die sagen k�nnten, ob der Tote Robert Underhay ist oder nicht?�</p><p>�Das ist ja eben der Haken. Es scheint sehr schwierig zu sein, jemanden zu finden, der dar�ber Auskunft geben kann. Und deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Sie sollen jemanden aufsp�ren, der Robert Underhay kennt oder kannte.�</p><p>�Und wieso wenden Sie sich da gerade an mich?�</p><p>Rowley sah verwirrt aus.</p><p>In Poirots Augen trat ein am�siertes Funkeln.</p><p>�Hat Sie vielleicht auch eine spiritistische Eingebung zu mir gef�hrt?�</p><p>�Um Himmels willen! Nein!�, wehrte Rowley entsetzt ab. �Ein Freund hat mir von Ihnen erz�hlt. Sie seien Spezialist in solchen Dingen, hat er gesagt. Ich nehme an, es kostet eine Menge Geld, solche Nachforschungen anzustellen, und ich bin nicht gerade reich, aber ich glaube, in diesem Fall k�nnten wir es � ich meine, die Familie � mit vereinten Kr�ften schaffen, die Summe auf zutreiben. Vorausgesetzt nat�rlich, dass Sie den Auftrag annehmen wollen.�</p><p>�Ich denke, dass ich Ihnen behilflich sein kann�, entgegnete Hercule Poirot langsam.</p><p>Seine kleinen grauen Zellen arbeiteten. Namen aus der Vergangenheit, Begebenheiten und Begegnungen fielen ihm ein.</p><p>�K�nnten Sie heute Nachmittag noch mal bei mir vorbeischauen, Mr Cloade?�, erkundigte er sich.</p><p>�Heute Nachmittag?�, fragte Rowley erstaunt. �Aber in so kurzer Zeit werden Sie doch kaum etwas herausgefunden haben!?�</p><p>�Ich kann nicht daf�r garantieren, es besteht jedoch eine M�glichkeit.�</p><p>In Rowleys Augen lag ein Ausdruck derart fassungsloser Bewunderung, dass Poirot schon �bermenschliche Charakterst�rke h�tte besitzen m�ssen, um nicht der Versuchung zu erliegen, sich geschmeichelt zu f�hlen.</p><p>�Man hat so seine Methoden�, sagte er mit unnachahmlich w�rdevoller Schlichtheit.</p><p>Es war die richtige Antwort gewesen. Der ungl�ubige Ausdruck in Rowleys Augen verwandelte sich in Respekt.</p><p>�Nat�rlich� ich verstehe� obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie Sie so etwas fertig bringen�, stammelte er.</p><p>Poirot verzichtete darauf, seinen Besucher aus seiner Unwissenheit zu erl�sen. Stattdessen wartete er, bis Rowley gegangen war, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch, schrieb ein kurzes Briefchen und beauftragte seinen Diener George, die Nachricht in den Coronation Club zu bringen und dort auf Antwort zu warten.</p><p>Die Antwort fiel sehr zufriedenstellend aus. Major Porter dankte Monsieur Hercule Poirot f�r seine freundlichen Zeilen und dr�ckte seine freudige Bereitwilligkeit aus, Monsieur Poirot und dessen Freund am Nachmittag des gleichen Tages um f�nf Uhr in seiner Wohnung in Campdon Hill zu empfangen.</p><p>Um halb f�nf war Rowley Cloade zur Stelle.</p><p>�Wie steht�s, Monsieur Poirot? Hatten Sie Gl�ck?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Mr Cloade. Wir machen uns gleich auf den Weg zu einem alten Freund von Robert Underhay.�</p><p>�Was?� Rowley meinte, seinen Ohren nicht zu trauen. �Aber das ist ja kaum zu glauben! Vor ein paar Stunden habe ich Ihnen die Sache erst erz�hlt, und schon haben Sie einen Freund Underhays entdeckt? Phantastisch!�</p><p>Poirot machte eine abwehrende Handbewegung und versuchte, bescheiden dreinzuschauen. Er h�tete sich, Rowley dar�ber aufzukl�ren, wie einfach seine Methode in diesem Fall gewesen war.</p><p>Major Porter bewohnte den oberen Stock eines kleinen, wenig gepflegten Hauses. Das Zimmer, in welches man die beiden Herren f�hrte, war ringsum mit B�cherregalen voll gestellt. �ber den Regalen hingen billige Drucke, meist Szenen aus der Welt des Sports darstellend. Auf dem Boden lagen zwei einst sehr gute, doch nun vom Gebrauch d�nn gewordene Teppiche.</p><p>Der Major erwartete die Herren.</p><p>�Tut mir wirklich Leid, Monsieur Poirot, aber ich kann mich nicht erinnern, Ihnen schon mal begegnet zu sein. Im Club, sagen Sie? Vor l�ngerer Zeit? Ihr Name ist mir selbstverst�ndlich bekannt.�</p><p>�Und dies ist Mr Rowley Cloade�, stellte Poirot vor.</p><p>Major Porter machte eine steife Bewegung mit dem Kopf, was seiner Art einer h�flichen Begr��ung entsprach.</p><p>�Freut mich�, sagte er wohlerzogen. �Bedaure unendlich, Ihnen nicht einmal ein Glas Sherry anbieten zu k�nnen, aber das Lager meines Weinlieferanten wurde von Bomben getroffen. Das einzige, was ich im Haus habe, ist etwas Gin, miserable Qualit�t allerdings, meiner Meinung nach. Wie steht es mit einem Glas Bier?�</p><p>Man einigte sich auf Bier. Der Major bot Poirot eine Zigarette an.</p><p>�Sie rauchen ja nicht�, bemerkte er, zu Rowley gewandt. �Gestatten die Herren, dass ich meine Pfeife anz�nde?� Und nachdem er mit einiger M�he diese Prozedur vollzogen hatte, sagte er: �Und nun: Worum handelt es sich?�</p><p>�Sie haben vielleicht in den Zeitungen Berichte �ber den Tod eines Mannes in Warmsley Vale gelesen?�, begann Poirot.</p><p>Porter sch�ttelte den Kopf.</p><p>�M�glich, erinnere mich aber nicht daran.�</p><p>�Der Name des Mannes war Arden. Enoch Arden.�</p><p>Porter sch�ttelte abermals den Kopf.</p><p>�Der Mann wurde mit eingeschlagenem Sch�del in seinem Zimmer im Hotel �Zum Hirschen� gefunden.�</p><p>�Warten Sie��, der Major runzelte nachdenklich die Stirn. �Doch, mir scheint, ich habe da vor ein paar Tagen eine Notiz gelesen.�</p><p>�Ich habe hier ein Foto dieses Mannes�, fuhr Poirot fort. �Es ist eine Presseaufnahme, nicht besonders scharf, aber vielleicht gen�gt sie. Wir m�chten wissen, ob Sie diesen Mann schon einmal irgendwo gesehen haben.�</p><p>Er reichte dem ehemaligen Offizier die beste Aufnahme, die er von Enoch Arden hatte auftreiben k�nnen.</p><p>Der Major nahm das Bild.</p><p>�Lassen Sie mich mal sehen��, sagte er langsam.</p><p>Pl�tzlich fuhr er mit einem Ruck zur�ck.</p><p>�Aber das ist doch� Der Teufel soll�s holen��</p><p>�Sie kennen den Mann, Major Porter?�</p><p>�Nat�rlich kenne ich ihn�, rief der Major. �Es ist Underhay. Robert Underhay.�</p><p>�Sind Sie Ihrer Sache sicher?� Die Genugtuung in Rowleys Stimme war unverkennbar.</p><p>�Selbstverst�ndlich bin ich meiner Sache sicher. Robert Underhay, ich w�rde jeden Eid darauf leisten.��</p></section><section><title><p><strong>20</strong></p></title><empty-line/><p>Das Telefon klingelte, und Lynn eilte an den Apparat. �Lynn?�</p><p>Es war Rowley.</p><p>�Rowley?� � Ein fremder Ton klang in Lynns Stimme mit.</p><p>�Was ist los mit dir?�, erkundigte sich Rowley. �Man sieht dich ja gar nicht mehr.�</p><p>�Ach, die Zeit verfliegt nur so, ich wei� es selbst nicht. Man muss sich f�r alles anstellen, am Morgen f�r Fisch und am Nachmittag f�r ein St�ckchen klebrigen Kuchen, und im Handumdrehen ist so ein Tag herum. Das ist das gem�tliche Leben daheim heutzutage.�</p><p>�Ich muss dich sehen. Etwas Wichtiges.�</p><p>�Was gibt�s denn?�</p><p>�Gute Nachrichten. Komm zum oberen H�gel. Wir pfl�gen dort.�</p><p>Gute Nachrichten? Nachdenklich h�ngte Lynn ein. Was bezeichnete Rowley Cloade wohl als eine gute Nachricht? Vielleicht hatte er den jungen Stier zu einem besseren Preis als vorgesehen verkaufen k�nnen?</p><p>Nein, es musste etwas Bedeutenderes sein als das. Sie machte sich auf den Weg. Als sie sich dem bezeichneten H�gel n�herte, kletterte Rowley vom Traktor und kam ihr entgegen.</p><p>�Tag, Lynn.�</p><p>�Tag, Rowley. Nanu� du siehst ja ganz ver�ndert aus!�</p><p>�Das will ich meinen. Ich habe auch allen Grund dazu. Das Blatt hat sich gewendet, und zwar diesmal zu unserem Vorteil, Lynn.�</p><p>�Ich verstehe dich nicht.�</p><p>�Erinnerst du dich an einen gewissen Hercule Poirot, von dem Onkel Jeremy einmal erz�hlte?�</p><p>�Hercule Poirot?� Lynn �berlegte. �Mir ist, als h�tte ich den Namen schon geh�rt.�</p><p>�Es liegt bereits einige Zeit zur�ck. Es war noch w�hrend des Krieges. Und Onkel Jeremy kam aus diesem Mausoleum von einem Club, dem er angeh�rt, und erz�hlte von mehreren Leuten, die er dort getroffen hatte. Vor allem von diesem sonderbaren kleinen Mann. Tr�gt ausgefallene Kleidung und einen komischen Schnurrbart, aber er ist nicht auf den Kopf gefallen. Franzose oder Belgier wird er wohl sein.�</p><p>Lynn schien es zu d�mmern.</p><p>�Ist er nicht ein Detektiv?�</p><p>�Stimmt. Und jetzt pa� gut auf, Lynn. Ich wei� nicht wieso, aber mir ging es einfach nicht aus dem Kopf, dass der Mann, der im �Hirschen� ermordet worden ist, Robert Underhay sein k�nnte. Rosaleens erster Mann.�</p><p>Lynn lachte.</p><p>�Blo�, weil er sich Enoch Arden genannt hat, verd�chtigst du ihn? Das ist doch verr�ckt.�</p><p>�So verr�ckt nun auch wieder nicht, meine Liebe. Inspektor Spence hat scheint�s nicht viel anders gedacht, denn er brachte Rosaleen her, damit sie sich den Toten anschaut und ihn identifiziert. Sie behauptet allerdings steif und fest, es sei nicht ihr erster Mann.�</p><p>�Dann ist doch erwiesen, dass dein Argwohn unbegr�ndet war.�</p><p>�Damit h�tte man sich abgefunden, w�re ich nicht hartn�ckig geblieben�, erkl�rte Rowley fest.</p><p>�Wieso? Was hast du denn gemacht?�</p><p>�Ich suchte diesen Hercule Poirot auf und fragte ihn, ob er nicht jemanden aufsp�ren k�nne, der Robert Underhay gekannt hat. Und was soll ich dir sagen? Wie ein Zauberer Kaninchen aus dem Hut produziert, brachte dieser Poirot im Handumdrehen einen Mann zum Vorschein, der mit Robert Underhay gut befreundet war. Ein ehemaliger Offizier namens Porter. Und dieser Porter war ganz sicher � aber das behalte bitte f�r dich, Lynn �, dass der Tote Robert Underhay ist.�</p><p>�Was?� Lynn trat einen Schritt zur�ck.</p><p>Sie starrte Rowley ungl�ubig an.</p><p>�Robert Underhay, jawohl. Wir haben gewonnen, Lynn. Jetzt haben diese Schwindler das Nachsehen.�</p><p>�Welche Schwindler?�</p><p>�Hunter und seine Schwester. Sie k�nnen sehen, wo sie bleiben. Aus der Traum. Rosaleen bekommt Gordons Geld nicht in die Finger. Wir bekommen es. Diese Entdeckung beweist klar, dass Rosaleen nicht Witwe war und darum auch nicht wieder heiraten konnte, und demnach ist das Testament rechtskr�ftig, das Gordon als Junggeselle gemacht hatte. Laut diesem Testament wird das Geld unter uns geteilt. Und ich bekomme ein Viertel. Wenn Robert Underhay noch am Leben war, als Rosaleen Gordon heiratete, war diese Heirat ung�ltig. Begreifst du nicht?�</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>�Ganz sicher. Nun kommt alles so, wie Gordon es gewollt h�tte. Es ist wieder, wie es fr�her war, bevor sich dieses Schwindlerpaar hier einnistete.�</p><p>Wieder wie fr�her? Kaum, dachte Lynn. Wie wollte man Geschehenes mit einem Federstrich l�schen? Geschehenes lie� sich nicht ungeschehen machen.</p><p>�Was soll aus ihnen werden?�</p><p>�Hm?�</p><p>Lynn merkte, dass Rowley diese Seite der Angelegenheit �berhaupt nicht bedacht hatte.</p><p>�Was wei� ich��, wehrte er ungeduldig ab. �Sie werden wohl dorthin zur�ckgehen, wo sie hergekommen sind.�</p><p>Langsam d�mmerte ihm, was sie meinte.</p><p>�Ich denke, Rosaleen handelte in gutem Glauben, als sie Gordon heiratete. Sie war sicher �berzeugt, ihr erster Mann sei tot. Es ist nicht ihr Fehler. Nein, du hast Recht. Wir m�ssen uns um sie k�mmern. Vielleicht kann man ihr eine monatliche Summe aussetzen. Wir m�ssen das gemeinsam besprechen.�</p><p>�Du magst sie, nicht wahr?�</p><p>�Sie ist ein liebes Gesch�pf�, gab Rowley bed�chtig zu. �Und sie versteht etwas von Landwirtschaft.�</p><p>�Ich verstehe nichts davon�, meinte Lynn.</p><p>�Du wirst es lernen�, erwiderte Rowley liebevoll.</p><p>�Und was wird aus David?�, fragte Lynn leise.</p><p>�Der soll sich zum Teufel scheren. Was ging ihn Onkel Gordons Geld �berhaupt an? Er heftete sich wie eine Klette an seine Schwester und nutzte sie aus. Ein Schmarotzer.�</p><p>�Das ist nicht wahr, Rowley. Jetzt bist du ungerecht. David ist kein Schmarotzer, ein Abenteurer vielleicht � �</p><p>�Und ein skrupelloser M�rder.�</p><p>�Das glaube ich nicht! Das glaube ich nicht!�</p><p>�Wer sonst soll Underhay ermordet haben? Hunter war hier an dem betreffenden Tag. Er kam mit dem Halb-sechs-Uhr-Zug. Ich hatte unten am Bahnhof etwas in Empfang zu nehmen und sah ihn von weitem.�</p><p>�Er fuhr an jenem Abend nach London zur�ck�, entgegnete Lynn heftig.</p><p>�Ja, nachdem er Underhay get�tet hatte�, versetzte Rowley triumphierend.</p><p>�Wie kannst du nur eine solche Behauptung aufstellen, Rowley. Um welche Zeit wurde Underhay denn ermordet?�</p><p>�Genau wei� ich�s nicht.� Rowley besann sich. �Und vor der Verhandlung morgen werden wir es auch kaum erfahren, denke ich. � Es wird wohl zwischen neun und zehn Uhr abends gewesen sein.�</p><p>�David hat den 9-Uhr-20-Zug nach London noch erreicht�, versetzte Lynn eifrig.</p><p>�Woher willst du das wissen, Lynn?�</p><p>�Weil ich ihn zuf�llig traf, als er zum Bahnhof rannte.�</p><p>�Und woher wei�t du, dass er den Zug noch erreichte?�</p><p>�Weil er mich sp�ter von London aus angerufen hat.�</p><p>�Was hat der Kerl dich anzurufen?�, grollte Rowley. �Das passt mir nicht, Lynn, ich sage dir � �</p><p>�Ach, reg dich nicht auf, Rowley, es hat nicht das Geringste zu bedeuten. Es beweist aber, dass er den Zug noch erwischt hat.�</p><p>�Er hatte �bergenug Zeit, den Mord zu begehen und dann zum Bahnhof zu laufen.�</p><p>�Unm�glich, wenn Arden nach neun Uhr ermordet worden ist.�</p><p>�Vielleicht wurde er kurz vor neun Uhr ermordet.�</p><p>Rowleys Stimme klang nicht mehr ganz so sicher. Seine Theorie war ersch�ttert worden.</p><p>Lynn schloss die Augen. Entsprach Rowleys Verdacht der Wahrheit? War David vom �Hirschen�, hergerannt gekommen, ein M�rder, der vom Tatort floh, als er sie k�sste? Seine sonderbar euphorische Stimmung fiel ihr ein, die verhaltene Erregung, in der er sich befunden hatte. War dies die Nachwirkung eines Mordes gewesen? Und war es David Hunter zuzutrauen, dass er einen Menschen ermordet, der ihm nie ein Leid zugef�gt hatte? Nur, weil er zwischen Rosaleen und einem gro�en Verm�gen stand?</p><p>�Warum h�tte David Hunter Underhay ermorden sollen?�, murmelte sie, aber es klang wenig �berzeugend.</p><p>�Wie kannst du nur fragen, Lynn! Ich habe dir doch eben erkl�rt, dass wir Onkel Gordons Geld bekommen, wenn sich beweisen l�sst, dass Underhay noch lebt oder jedenfalls zur Zeit der Eheschlie�ung von Rosaleen und Gordon Cloade noch gelebt hat. Au�erdem versuchte Underhay, David zu erpressen.�</p><p>Das ist etwas anderes, dachte Lynn. Mit einem Erpresser w�rde David nicht viel Federlesens machen. Es lie� sich vorstellen, dass er, in Wut gebracht, zuschlug. Und die Erregung nach der Tat, der kurze Atem, seine hastige, fast �rgerliche Z�rtlichkeit ihr gegen�ber und sp�ter dann die Bemerkung: �Ich mache mich besser aus dem Staub.� Ja, es passte alles zusammen.</p><p>�Was ist dir, Lynn? F�hlst du dich nicht wohl?�</p><p>Wie aus weiter Ferne drang Rowleys Stimme an ihr Ohr.</p><p>�Was soll mit mir sein? Nichts.�</p><p>�Dann mach kein so bedr�cktes Gesicht. Stell dir vor, jetzt k�nnen wir wenigstens ein paar Maschinen anschaffen, die uns eine Menge Arbeit ersparen. Es wird ein ganz anderer Zug in den Betrieb kommen. Du sollst es sch�n haben, Lynn��</p><p>Er sprach von ihrem zuk�nftigen Heim, von dem Haus, in dem sie mit ihm leben w�rde�</p><p>Und an einem Morgen zu fr�her Stunde w�rde David Hunter am Galgen��</p></section><section><title><p><strong>21</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Mit blassem Gesicht, �u�erste Wachsamkeit in den Augen, hielt David seine Schwester bei den Schultern gepackt.</p><p>�Es wird alles gut gehen, Rosaleen, du musst mir glauben. Du darfst nur nicht den Kopf verlieren und musst genau das sagen, was ich mit dir besprochen habe.�</p><p>�Aber was mache ich, wenn sie dich von mir wegholen? Du hast selbst gesagt, das k�nnte geschehen. Was mache ich dann?�</p><p>�Es ist eine M�glichkeit, die ich erw�hnt habe, aber selbst wenn es geschieht, wird es nicht f�r lange Zeit sein. Nicht, wenn du meine Instruktionen befolgst.�</p><p>�Ich werde alles so machen, wie du es sagst, David.�</p><p>�Das ist vern�nftig. Du brauchst nichts weiter zu tun, Rosaleen, als bei deiner Aussage zu bleiben, dass der Tote nicht Robert Underhay ist.�</p><p>�Sie werden mir Dinge in den Mund legen, die ich gar nicht gesagt oder nicht gemeint habe.�</p><p>�Nein, das tut niemand. Hab keine Angst.�</p><p>�Ach, wir sind selbst schuld, David. Es war nicht recht, das Geld zu nehmen. Es stand uns nicht zu. Ich liege N�chte hindurch wach und gr�ble dar�ber nach. Man darf nichts nehmen, was einem nicht zukommt. Gott straft uns f�r unsere S�nden.�</p><p>Sie war am Ende ihrer Kraft. David musterte seine Schwester pr�fend. Ihr Gewissen hatte sie nie ganz zur Ruhe kommen lassen. Und nun drohte sie v�llig zusammenzubrechen. Es gab nur eine einzige M�glichkeit, sie vor einer Dummheit zu bewahren.</p><p>�Rosaleen�, sagte er mit ernster Stimme, �Willst du mich am Galgen h�ngen sehen?�</p><p>�Um Himmels willen, David�� Ihre Augen wurden gro� vor Entsetzen. �Das k�nnen sie nicht tun��</p><p>�Nicht, wenn du vern�nftig bist. Du bist der einzige Mensch, der mich an den Galgen bringen kann. Vergiss das nie. Wenn du auch nur ein einziges Mal durch einen Blick, eine Bewegung oder eine Antwort zugibst, dass der Tote vielleicht Robert Underhay sein k�nnte, legst du die Schlinge um meinen Hals. Begreifst du das?�</p><p>Sie hatte es begriffen. Mit vor Angst erstickter Stimme fl�sterte sie:</p><p>�Aber ich bin so dumm, David.�</p><p>�Du bist nicht dumm, Rosaleen. Du brauchst nur ruhig zu bleiben und zu schw�ren, dass der Tote nicht Robert Underhay ist. Wirst du das k�nnen?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Sicher, David, sicher kann ich das.�</p><p>�So ist�s recht. Und wenn alles vorbei ist, fahren wir weg. Nach S�dfrankreich oder nach Amerika. Bis es so weit ist, achte auf deine Gesundheit. Lieg nicht wach in der Nacht und zermartere dich nicht mit Vorw�rfen und dummen Gedanken. Nimm die Pulver, die Dr. Cloade dir verordnet hat. Nimm jeden Abend vor dem Zubettgehen eines. Dann wirst du schlafen k�nnen. Und denke immer daran, dass uns eine wunderbare Zeit bevorsteht.�</p><p>Er sah sich in dem prachtvollen Raum um. Sch�nheit, Bequemlichkeit, Reichtum� Er hatte es genossen. Ein herrliches Haus, dieses Furrowbank. Wer wei�, vielleicht war dies sein Abschied vom guten Leben�</p><p>Er hatte sich selbst hineingeritten. Es war nicht mehr zu �ndern, und er bedauerte es nicht einmal. Man musste das Leben nehmen, wie es war, und die Gelegenheiten, die sich einem boten, beim Schopfe packen. Wie hie� es bei Shakespeare? �Wir m�ssen das Gef�ll des Stromes nutzen, wo nicht, verlieren wir des Zufalls Gunst.� Er w�rde des Zufalls Gunst auch in Zukunft stets nutzen.</p><p>Er schaute zu Rosaleen hin�ber. Ihre Augen hingen in banger, stummer Frage an ihm. Er wusste, was ihr am Herzen lag. �Ich habe ihn nicht ermordet, Rosaleen�, sagte er weich. �Ich schw�re es dir bei allen Heiligen in deinem Kalender.��</p></section><section><title><p><strong>22</strong></p></title><empty-line/><p>�Das offizielle Verh�r der Voruntersuchung hatte begonnen. Der Coroner, Mr Pebmarsh, blinzelte hinter seinen Brillengl�sern und war offensichtlich von der Wichtigkeit seiner Person zutiefst �berzeugt.</p><p>Neben ihm sa� breit und beh�big Inspektor Spence. Etwas abseits sa� ein untersetzter, dunkelhaariger, fremdl�ndisch anmutender Herr mit gepflegtem schwarzem Schnurrbart. Weiter waren die Cloades zugegen. Jeremy Cloade mit Frau, Lionel Cloade mit Frau, Rowley Cloade, Mrs Marchmont, Lynn � sie sa�en alle beieinander. Etwas entfernt hatte sich Major Porter niedergelassen. Er machte den Eindruck eines Menschen, dem nicht ganz wohl ist in seiner Haut. David und Rosaleen betraten den Raum als Letzte. Sie suchten ihre Pl�tze abseits von den anderen.</p><p>Mr Pebmarsh r�usperte sich Achtung gebietend und musterte ernst die neun Geschworenen, alles ehrenwerte B�rger der Gegend. Dann begannen die Verh�re.</p><p>Dr. Lionel Cloade wurde als erster aufgerufen.</p><p>�Sie befanden sich in Aus�bung Ihrer beruflichen T�tigkeit im �Hirschen�, als Gladys Aitkin sich an Sie wendete. Was sagte sie?�</p><p>�Sie sagte, dass der Herr aus Nummer 5 tot am Boden l�ge.�</p><p>�Worauf Sie sich in Zimmer Nummer 5 hinaufbegaben?�</p><p>�Jawohl.�</p><p>�Beschreiben Sie, was Sie dort vorfanden.�</p><p>Dr. Cloade kam der Aufforderung nach. Leiche eines Mannes auf dem Boden� Verletzungen am Kopf� Sch�deldecke eingeschlagen� Feuerzange�</p><p>�Und Sie waren der Meinung, dass die Verletzungen von Schl�gen mit der Feuerzange stammten?�</p><p>�Einige r�hrten ohne Zweifel von der Feuerzange her.�</p><p>�Der Mann war tot?�</p><p>�Daran konnte kein Zweifel bestehen.�</p><p>�Was k�nnen Sie �ber den Zeitpunkt seines Todes sagen?�</p><p>�Ich m�chte mich nicht auf einen allzu genauen Zeitpunkt festlegen. Es waren mindestens elf Stunden, m�glicherweise aber auch dreizehn oder vierzehn Stunden seither vergangen. Der Tod muss zwischen halb acht und halb elf des vorangegangenen Abends eingetreten sein.�</p><p>Als N�chster wurde der Gerichtsmediziner um seine Meinung befragt. Der Mord sei mit brutaler Wildheit ausgef�hrt worden, erkl�rte er, doch sei nicht unbedingt gro�e K�rperkraft dazu n�tig gewesen, da als Schlaginstrument die Feuerzange gedient habe. Der schwere eiserne Knauf mache die Feuerzange, mit beiden H�nden an der Zangenseite gepackt, zu einer gef�hrlichen Waffe. Selbst eine Person von mittlerer K�rperkraft k�nne, angetrieben von einem pl�tzlichen Wutausbruch, wuchtige Schl�ge damit austeilen.</p><p>Beatrice Lippincott schilderte das Eintreffen des Fremden im �Hirschen�. Er habe sich als Enoch Arden aus Kapstadt eingetragen.</p><p>�H�ndigte der Gast Ihnen seine Lebensmittelkarte aus?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Fragten Sie ihn danach?�</p><p>�Nicht gleich. Ich wusste ja nicht, wie lange er zu bleiben beabsichtigte.�</p><p>�Aber sp�ter fragten Sie ihn danach?�</p><p>�Ja. Er kam am Freitag an, und am Sonnabend sagte ich ihm, falls er l�nger als f�nf Tage bliebe, m�sste ich ihn um seine Lebensmittelkarte bitten.�</p><p>�Und was antwortete er darauf?�</p><p>�Er sagte, er w�rde sie mir geben.�</p><p>�Aber er gab sie Ihnen nicht?�</p><p>�Nein. Er w�rde sie heraussuchen und mir geben, sagte er.�</p><p>�Haben Sie am Sonnabend Abend eine Unterhaltung zwischen dem Fremden und einer anderen Person mit angeh�rt?�</p><p>Mit wortreichen Erkl�rungen der absoluten Notwendigkeit, zu der bewussten Zeit in Zimmer Nummer 4 die W�sche gewechselt haben zu m�ssen, begr�ndete Beatrice Lippincott mit leicht ger�teten Wangen ihre Anwesenheit im Nebenzimmer und erging sich dann in einer nicht minder wortreichen Wiederholung der bewussten Unterhaltung.</p><p>�Erw�hnten Sie das Gespr�ch zwischen den beiden M�nnern einem Dritten gegen�ber?�</p><p>�Ja, ich weihte Mr Rowley Cloade ein.�</p><p>Einer der Geschworenen hatte eine Frage.</p><p>�Erw�hnte der Ermordete in dem Gespr�ch irgendwann einmal, dass er selbst Robert Underhay sei?�</p><p>�Nein� nein, das habe ich nicht geh�rt.�</p><p>�Er sprach also von Robert Underhay, als ob dieser Robert Underhay ein anderer sei?�</p><p>�Ja, so war es.�</p><p>�Danke, ich wollte mir �ber diesen Punkt nur Klarheit verschaffen.�</p><p>Beatrice Lippincott wurde in Gnaden aus dem Zeugenstand entlassen, und Rowley Cloade trat an ihre Stelle.</p><p>Er best�tigte, dass Beatrice Lippincott ihm von der Unterhaltung zwischen den beiden M�nnern berichtet hatte. Dann schilderte er seine eigene Unterredung mit dem Ermordeten.</p><p>�Seine letzten Worte zu Ihnen waren also: �Ohne meine Mithilfe werden Sie kaum jemals einen Beweis liefern k�nnen�, und das bezog sich auf einen Beweis daf�r, dass Robert Underhay noch am Leben sei?�</p><p>Mr Pebmarsh blickte Rowley streng an.</p><p>�Jawohl, das waren seine Worte. Und er lachte dazu.�</p><p>�Um welche Zeit verlie�en Sie Mr Arden?�</p><p>�Es muss etwa f�nf Minuten vor neun gewesen sein.�</p><p>�Woher wissen Sie die Zeit so genau?�</p><p>�Als ich den �Hirschen� verlie� und am Haus entlangging, h�rte ich durchs Fenster gerade den Glockenton, der immer vor den Nachrichten durchgegeben wird.�</p><p>�Erw�hnte Mr Arden, zu welcher Zeit er den anderen Besucher erwartete?�</p><p>�Nein, er sprach nur vom gleichen Abend.�</p><p>�Ein Name fiel nicht?�</p><p>�Nein.�</p><p>Als N�chster wurde David Hunter aufgerufen. Alle K�pfe reckten sich, als der trotzig dreinblickende junge Mann den Zeugenstand betrat.</p><p>Die stets gleichen Fragen nach Name, Stand, Alter und Wohnort waren schnell beantwortet.</p><p>�Sie suchten den Ermordeten am Sonnabend Abend auf?�</p><p>�Ja. Er wandte sich brieflich an mich, behauptete, dass er meinen verstorbenen Schwager in Afrika gekannt habe, und bat um Unterst�tzung.�</p><p>�Haben Sie diesen Brief bei sich?�</p><p>�Ich habe ihn �berhaupt nicht mehr. Ich hebe niemals Briefe auf.�</p><p>�Sie haben Beatrice Lippincotts Schilderung Ihres Gespr�chs mit dem Fremden geh�rt. Entspricht diese Wiedergabe der Wahrheit?�</p><p>�Absolut nicht. Der Fremde behauptete, meinen verstorbenen Schwager gekannt zu haben, klagte im �brigen �ber sein Pech und bat um eine Unterst�tzung, die er � das sagen sie ja alle � ganz bestimmt zur�ckzahlen werde.�</p><p>�Teilte er Ihnen mit, dass Robert Underhay noch am Leben sei?�</p><p>David l�chelte.</p><p>�Im Gegenteil. Er sagte: �Wenn Robert noch am Leben w�re, w�rde er mir helfen. Das wei� ich genau.��</p><p>�Ihre Wiedergabe unterscheidet sich aber wesentlich von Miss Lippincotts Schilderung des Gespr�chs.�</p><p>�Lauscher fangen gew�hnlich nur einen Teil des Gespr�chs auf, verstehen dann nicht recht, worum es geht, und f�llen die L�cken mit Produkten der eigenen bl�henden Phantasie.�</p><p>�Das ist doch��, fuhr Beatrice w�tend auf, doch der Coroner lie� sie nicht zu Wort kommen.</p><p>�Ruhe im Saal!�, donnerte er.</p><p>�Suchten Sie den Fremden am Dienstagabend noch mal auf, Mr Hunter?�, ging das Verh�r weiter.</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie haben geh�rt, dass Mr Rowley Cloade ausgesagt hat, Mr Arden habe noch einen Besucher erwartet.�</p><p>�Sehr gut m�glich, aber ich war dieser Besucher nicht. Ich hatte ihm schon eine F�nfernote gegeben und fand, damit sei die Sache erledigt. Schlie�lich hatte ich nicht einmal einen Beweis daf�r, dass er meinen Schwager Underhay �berhaupt gekannt hat. Seit meine Schwester das Verm�gen ihres zweiten Gatten geerbt hat, ist sie die Zielscheibe s�mtlicher Bittsteller dieser Gegend gewesen.�</p><p>Mit viel sagender Langsamkeit lie� er seinen Blick �ber die versammelten Cloades wandern.</p><p>�Wo befanden Sie sich am Dienstagabend, Mr Hunter?�</p><p>�Finden Sie es heraus, wenn Sie es wissen wollen�, war die patzige Antwort.</p><p>�Mr Hunter!� Der Coroner klopfte auf den Tisch. �Wenn Sie diese Haltung einnehmen, so lassen Sie sich gesagt sein, dass Sie unter Umst�nden sehr bald vor einem Gericht stehen werden, dem Sie Antwort zu erteilen gesetzlich verpflichtet sind.�</p><p>�rgerlich griff Mr Pebmarsh nach dem Feuerzeug vor sich. �Kennen Sie das?�, fragte er barsch.</p><p>David beugte sich vor und nahm das Feuerzeug entgegen. Er betrachtete es einen Augenblick verwirrt und gab es dann wieder zur�ck.</p><p>�Es geh�rt mir�, gab er zu.</p><p>�Wo und wann hatten Sie es zuletzt?�</p><p>�Ich vermisste es � �</p><p>Er stutzte mitten im Satz.</p><p>�Ja?�, dr�ngte der Richter.</p><p>�Am Freitag benutzte ich es zum letzten Mal, soweit ich mich erinnere. Freitagmorgen. Seither habe ich es nicht mehr in H�nden gehabt.�</p><p>Major Porter war der n�chste. Mit steifen Beinen stelzte er vor und stellte sich mit durchgedr�ckter Brust in Positur, durch und durch eine soldatische Erscheinung. Nur die Art, wie er wiederholt die Lippen mit der Zunge befeuchtete, verriet seine Nervosit�t.</p><p>Den Beginn der Einvernahme machte wie jedes Mal die Frage nach den Personalien.</p><p>�Wo und wann lernten Sie Robert Underhay kennen?�</p><p>Major Porter bellte seine Antwort in milit�rischer Knappheit heraus.</p><p>�Sie haben die Leiche in Augenschein genommen?�</p><p>�Jawohl.�</p><p>�Sind Sie imstande, die Leiche zu identifizieren?�</p><p>�Jawohl. Der Tote ist Robert Underhay.�</p><p>Ein Raunen ging durch den Saal.</p><p>�Sie hegen nicht den geringsten Zweifel?�</p><p>�Nicht den geringsten Zweifel�, echote der Major.</p><p>�Ein Irrtum ist ausgeschlossen?�</p><p>�Ausgeschlossen.�</p><p>�Danke, Major Porter. Und nun Mrs Gordon Cloade, bitte.�</p><p>Rosaleen erhob sich. Als der Major und sie aneinander Vorbeigingen, w�rdigte sie ihn keines Blickes, w�hrend er sie neugierig betrachtete.</p><p>�Sie haben in Gegenwart von Inspektor Spence die Leiche in Augenschein genommen, Mrs Cloade?�</p><p>�Ja.�</p><p>Ein Schauder rann �ber Rosaleens K�rper.</p><p>�Sie erkl�rten, der Mann sei Ihnen unbekannt.�</p><p>�Ja.�</p><p>�M�chten Sie nach Major Porters eben gemachter Aussage Ihre Erkl�rung berichtigen oder zur�ckziehen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie bleiben dabei, dass es sich bei dem Toten nicht um Ihren ersten Mann, Robert Underhay, handelt?�</p><p>�Es war nicht mein Mann. Es war ein v�llig Fremder.�</p><p>�Aber wie ist das m�glich, wo Major Porter in dem Toten seinen Freund Robert Underhay erkannt hat?�</p><p>�Major Porter irrt sich�, erwiderte Rosaleen ruhig und ohne jede sichtbare Gem�tsbewegung.</p><p>�Sie stehen nicht unter Eid, Mrs Cloade, aber voraussichtlich werden Sie binnen kurzem vor einem anderen Gerichtshof unter Eid aussagen m�ssen. Sind Sie bereit zu schw�ren, dass es sich bei dem Ermordeten um einen Ihnen g�nzlich unbekannten Mann und nicht um Ihren ersten Gatten handelt?�</p><p>�Ich bin bereit zu beschw�ren, dass es nicht die Leiche meines ersten Gatten, sondern die eines mir v�llig unbekannten Mannes ist�, best�tigte Rosaleen ausdruckslos.</p><p>Sie sprach klar und ohne zu z�gern. Ihre Augen wichen dem Blick des Coroners nicht aus.</p><p>Mr Pebmarsh nahm die Brille von der Nase. Er hie� Rosaleen, sich wieder zu setzen, und wandte sich den Geschworenen zu.</p><p>�ber die Todesart des Mannes bestand kein Zweifel. Es war weder Selbstmord noch Unfall. Hier liegt glatter Mord vor. Umstritten war nur noch die Person des Toten. Ein Mann von untadeligem Charakter und tadellosem Ruf, ein Mann, auf dessen Wort man sich verlassen konnte, hatte erkl�rt, es handle sich um Robert Underhay. Andrerseits hatten die Beh�rden seinerzeit den Tod Robert Underhays als gen�gend bewiesen erachtet und nicht gez�gert, sein Hinscheiden in die amtlichen B�cher einzutragen. Im Widerspruch zu Major Porters Aussage behauptet die Witwe Robert Underhays, die jetzige Mrs Gordon Cloade, dass der Tote ein Fremder und nicht ihr erster Ehemann sei. Aussage stand also gegen Aussage. Abgesehen von der Frage der Identit�t des Mannes w�rde es den Geschworenen nun obliegen, dar�ber zu entscheiden, wer als T�ter in Betracht kam. Man d�rfe sich nicht von gef�hlsm��igen Eindr�cken beeinflussen lassen, erkl�rte Pebmarsh. Zu einer Anklageerhebung geh�rten Indizien der T�terschaft, Motive und Nachweis der Gelegenheit zur Vollbringung der Tat. Falls sich weder durch Zeugenaussagen noch andere Hinweise die Schuld einer bestimmten Person erh�rten lie�, m�sste man zu dem Schluss kommen: Mord, begangen von einem Unbekannten. Ein so lautendes Verdikt �berlie� es der Polizei, den T�ter aufzusp�ren.</p><p>Nach erfolgter Belehrung zogen sich die Geschworenen zur Beratung zur�ck. Sie brauchten nur eine Dreiviertelstunde.</p><p>Ihr Spruch lautete: Anklage gegen David Hunter wegen vors�tzlichen Mordes.�</p></section><section><title><p><strong>23 </strong></p></title><p>Nach der Verhandlung trafen sich Inspektor Spence und Hercule Poirot.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich von diesem Hunter halten soll�, gestand der Inspektor. �Ich habe schon h�ufig mit Leuten seines Schlags zu tun gehabt. Sind sie schuldig, benehmen sie sich so, dass man jeden Eid auf ihre Unschuld schw�ren m�chte, und haben sie ein reines Gewissen, f�hren sie sich auf, als seien sie das verk�rperte Verbrechen.�</p><p>�Sie halten ihn f�r schuldig?�, erkundigte sich Poirot.</p><p>�Sie nicht?�, fragte Spence.</p><p>�Ich w�sste gern, was Sie gegen ihn in der Hand haben�, gab der Belgier zur�ck.</p><p>�Indizien meinen Sie, die einer gerichtlichen Untersuchung standhalten?�</p><p>Poirot nickte.</p><p>�Das Feuerzeug zum Beispiel.�</p><p>�Wo wurde es gefunden?�</p><p>�Unter dem Toten.�</p><p>�Fingerabdr�cke.�</p><p>�Keine.�</p><p>�Ah�, machte Poirot.</p><p>�Ja, das gef�llt mir auch nicht�, gestand Spence.</p><p>�Au�erdem war die Uhr des Toten um zehn Minuten nach neun stehen geblieben. Das stimmt mit den Aussagen der �rzte hinsichtlich der Todeszeit �berein. Dazu kommt Rowley Cloades Erkl�rung, Arden habe noch Besuch erwartet.�</p><p>Poirot nickte.</p><p>�Ja, es f�gt sich alles sehr sch�n zueinander.�</p><p>�Was mir nicht aus dem Kopf will, Monsieur Poirot, ist, dass Hunter � und seine Schwester � die einzigen sind, die ein Motiv haben. Es gibt nur zwei M�glichkeiten: Entweder hat David Hunter diesen Underhay ermordet, oder die Tat ist von jemandem begangen worden, der ihm hierher gefolgt ist und ihm auflauerte aus einem Grund, von dem wir nichts ahnen. Aber diese zweite M�glichkeit erscheint mir sehr weit hergeholt.�</p><p>�Das ist auch meine Meinung.�</p><p>�Wer in Warmsley Vale sollte irgendeinen Groll gegen Robert Underhay hegen? Nur David Hunter und seine Schwester kannten ihn �berhaupt. Es sei denn, es gibt jemanden in der Nachbarschaft, der mit Underhay in Verbindung stand. Das w�re ein Zufall, und v�llig darf man auch Zuf�lle nicht ausschlie�en. Doch bis jetzt hat sich nicht die kleinste Andeutung f�r das Bestehen solcher Beziehungen entdecken lassen. F�r die Familie Cloade musste dieser Underhay ein mit aller erdenklicher R�cksicht zu behandelnder Zeuge sein. Der lebende Underhay bedeutete f�r die Cloades ein Riesenverm�gen.�</p><p>�Ich bin ganz Ihrer Meinung, <emphasis>mon ami�,</emphasis> versicherte Poirot. �Die Familie Cloade braucht Robert Underhay, den lebenden Robert Underhay.�</p><p>�Was die Aussage von Beatrice Lippincott betrifft, so kann man sich, meiner Meinung nach, darauf verlassen�, fuhr der Inspektor fort. �Sie hat vermutlich dieses und jenes dazugedichtet, aber im Gro�en und Ganzen wird die Unterhaltung zwischen den beiden M�nnern so verlaufen sein, wie sie es geh�rt zu haben behauptet. Schlie�lich wusste sie doch von den erw�hnten Dingen nichts. Wie soll sie sich das alles ausgedacht haben? Nein, ich traue eher ihrer Aussage als der David Hunters.�</p><p>�Auch in diesem Punkt gebe ich Ihnen Recht.�</p><p>�Au�erdem haben wir eine Best�tigung f�r Beatrice Lippincotts Behauptung. Was meinen Sie, weshalb Hunter und seine Schwester so schnell nach London fuhren, nachdem der Fremde im Dorf aufgetaucht war?�</p><p>�Das ist eine der Fragen, die mich am meisten interessieren.�</p><p>�Die finanzielle Lage Mrs Cloades ist so, dass sie das Kapital ihres verstorbenen Mannes nicht anr�hren darf, nur die Nutznie�ung steht ihr zu, dar�ber hinaus h�chstens tausend Pfund oder so. Aber sie hat viel wertvollen Schmuck. Und das Erste, was sie nach ihrer Ankunft in London tat, war, in die Bond Street laufen und ihre Juwelen verkaufen. Sie brauchte also schnell eine gr��ere Summe Geld. Anders gesagt: Sie musste einem Erpresser den Mund stopfen.�</p><p>�Und Sie betrachten diese Tatsache als Beweis?�, fragte Poirot.</p><p>�Nat�rlich. Sie etwa nicht?�</p><p>�Nein.� Poirot sch�ttelte den Kopf. �Eine Erpressung lag offensichtlich vor. Den Beweis daf�r sehe ich als erbracht an. Aber der Vorsatz, einen Mord zu begehen? Nein, <emphasis>mon ami.</emphasis> Sie k�nnen entweder das eine annehmen oder das andere. Beides zusammen widerspricht sich. Entweder war der junge Mann bereit, dem Erpresser das verlangte Geld zu zahlen, oder er fasste den Entschluss, den Mann unsch�dlich zu machen. Ihre Nachforschungen haben den Beweis daf�r geliefert, dass er zu zahlen bereit war.�</p><p>�Das stimmt, aber vielleicht hat er seine Absicht ge�ndert.�</p><p>Poirot zuckte zweifelnd die Achseln.</p><p>�Sie nehmen gro�es Interesse an diesem Fall, Monsieur Poirot�, meinte der Inspektor. �Darf ich fragen, wieso?�</p><p>�Ehrlich gesagt � � Poirot streckte seine Arme in einer etwas pathetischen Geste aus � �wei� ich das selbst nicht so genau. Sie erinnern sich, dass ich Ihnen erz�hlte, wie ich in einem Club zuf�llig anwesend war, als Major Porter die Cloades und diesen Robert Underhay erw�hnte?�</p><p>Spence nickte.</p><p>�Damals dachte ich: eine interessante Situation. Wer wei�, ob daraus nicht eines Tages etwas entsteht.�</p><p>�Und das Unerwartete ist eingetroffen, wie?�, f�gte der Inspektor hinzu.</p><p>�Nein, das Erwartete�, verbesserte Poirot ihn.</p><p>�Haben Sie denn einen Mord erwartet?�, forschte Spence ungl�ubig.</p><p>�Nein, nein, nat�rlich keinen Mord�, wehrte Poirot ab. �Aber nehmen Sie die Tatsachen: Eine Frau heiratet zum zweiten Mal. Die M�glichkeit besteht, dass der erste Mann noch lebt. Und <emphasis>voil� �</emphasis> er lebt. Die M�glichkeit besteht, dass er. eines Tages auftaucht. <emphasis>Voil� �</emphasis> er taucht auf. Die M�glichkeit besteht, dass eine Erpressung versucht wird. <emphasis>Voil� �</emphasis> die Erpressung findet statt. Die M�glichkeit besteht, dass man den Erpresser zum Schweigen bringen m�chte. Und <emphasis>voil� �</emphasis> er wird umgebracht.�</p><p>�Tja�, meinte Spence zweifelnd. �Das sieht doch alles nach dem Schema-F-Mordfall aus. Erpressung, aus der sich ein Mord ergibt.�</p><p>�Und Sie finden das nicht interessant?�, erkundigte sich Poirot. �Solange es sich wirklich nur um den gew�hnlichen Schema-F-Mordfall handelt, haben Sie Recht. Aber in diesem Fall liegen die Dinge anders, und das macht die Sache so �beraus interessant. Nichts stimmt bei diesem Mord.�</p><p>�Nichts stimmt? Was meinen Sie damit?�</p><p>�Wie soll ich mich ausdr�cken?� Poirot suchte nach Worten. �Das Muster ist falsch, es ist verzerrt.�</p><p>�Das m�ssen Sie mir erkl�ren�, sagte Spence geradeheraus. �Da komme ich nicht mit.�</p><p>�Nun, nehmen wir einmal den Toten. Es f�ngt schon mit ihm an, denn mit ihm stimmt etwas nicht.�</p><p>Spence machte ein zweifelndes Gesicht.</p><p>�Haben Sie denn nicht auch das Gef�hl, dass mit dem Mann etwas nicht in Ordnung war?�, fragte Poirot. �Aber machen wir weiter. M�glich, dass ich die Dinge in einem eigenen Licht sehe. Underhay taucht im �Hirschen� auf. Er schreibt einen Brief an Hunter. Hunter erh�lt diesen Brief am n�chsten Morgen beim Fr�hst�ck. Und was ist seine unmittelbare Reaktion? Er schickt seine Schwester Hals �ber Kopf nach London.�</p><p>�Dabei kann ich nichts weiter finden�, meinte Spence. �Hunter schickte seine Schwester weg, um sie aus dem Weg zu haben und allein mit Underhay verhandeln zu k�nnen.�</p><p>�Sch�n, lassen wir sein Motiv f�r dieses pl�tzliche Wegschicken der Schwester aus dem Spiel. Hunter sucht Enoch Arden auf, und aus dem Bericht Beatrice Lippincotts �ber das belauschte Gespr�ch wissen wir eindeutig, dass David Hunter nicht sicher war, ob der Mann, mit dem er sprach, Robert Underhay war oder nicht. Er vermutete es, wusste es aber nicht.�</p><p>�Sie finden es sonderbar�, hakte Inspektor Spence ein, �dass dieser Enoch Arden nicht rundheraus sagte: �Ich bin Robert Underhay�, ja? Aber auch das l�sst sich erkl�ren. Wenn anst�ndige Leute sich dazu verleiten lassen, ein krummes Ding zu drehen, verzichten sie gern darauf, ihren richtigen Namen zu nennen. Das ist die menschliche Natur.�</p><p>�Die menschliche Natur, jawohl�, wiederholte Poirot. �Das ist wahrscheinlich die beste Antwort auf die Frage, was mich an diesem Fall so interessiert. Ich habe mir w�hrend der Verhandlung die Anwesenden in Ruhe betrachtet. Nehmen wir zum Beispiel die Cloades. Da sa�en sie alle beisammen, eine Familie, verbunden durch die gleichen Interessen und doch so grundverschieden in ihren Charakteren, Gedanken und Lebensauffassungen. Und sie alle verlie�en sich jahraus, jahrein auf den starken Mann, auf Gordon Cloade. Sie klammerten sich an ihn. Und was geschieht, Inspektor Spence, wenn die Eiche, um die sich der Efeu gerankt hat, pl�tzlich gef�llt wird?�</p><p>�Die Frage schl�gt nicht in mein Fach�, wehrte der Inspektor l�chelnd ab.</p><p>�Ich glaube doch. Charakter, <emphasis>mon ami,</emphasis> ist nichts Feststehendes, Unwandelbares. Ein Charakter kann erstarken, aber auch schwach werden. Wie der Charakter eines Menschen in Wahrheit beschaffen ist, tritt erst zutage, wenn eine Pr�fung an ihn herantritt. Wenn ein Mensch auf sich selbst gestellt ist, dann erweist sich erst, ob er stark oder schwach ist.�</p><p>�Ich wei� nicht recht, worauf Sie hinauswollen.� Spence sah etwas verwirrt drein. �Die Cloades machen alle einen guten Eindruck auf mich. Es ist eine anst�ndige Familie, und Sie werden sehen, wenn der Prozess erst vorbei ist, werden sie alle tadellos dastehen.�</p><p>�Wir haben immer noch Mrs Gordon Cloades Aussage�, fuhr Poirot fort. �Schlie�lich ist anzunehmen, dass eine Frau ihren eigenen Mann erkennt, wenn sie ihn sieht.�</p><p>Er blinzelte zu dem ihn �berragenden Inspektor auf.</p><p>�Wenn ein Millionenverm�gen auf dem Spiel steht, lohnt sich�s vielleicht f�r eine Frau, ihren Mann nicht zu erkennen�, gab Spence zur�ck. �Und au�erdem � wenn der Mann nicht Robert Underhay war, warum wurde er dann ermordet?�</p><p>�Das ist eben die gro�e Frage�, murmelte Hercule Poirot.�</p></section><section><title><p><strong>24</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Als Poirot am Abend dieses Tages in den �Hirschen�, zur�ckkehrte, blies ein scharfer Ostwind. Fr�stelnd betrat der Detektiv die � wie stets � verlassen und �de daliegende Halle.</p><p>Er stie� die T�r zum Salon auf, aber das nur noch glimmende Feuer im Kamin und der unangenehme Geruch erkalteter Zigarrenasche waren wenig verlockend.</p><p>Poirot durchschritt die Halle und �ffnete die T�r mit der Aufschrift: �Nur f�r G�ste.�</p><p>Hier knisterte ein behagliches Feuer im Kamin, aber in einem der Sessel hatte sich eine alte Dame von Achtung gebietendem Umfang niedergelassen, und der emp�rte Blick, den sie dem Eindringling zuwarf, war so durchdringend, dass Poirot sich nur widerstrebend n�herte.</p><p>�Dieser Salon ist f�r die G�ste des Hotels reserviert�, belehrte sie ihn mit z�rnender Stimme.</p><p>�Ich geh�re zu den G�sten des Hotels�, kl�rte Poirot sie h�flich auf.</p><p>Die alte Dame �berdachte das Geh�rte einen Augenblick, bevor sie ihre Attacke wieder aufnahm.</p><p>�Sie sind ein Ausl�nder�, war ihre n�chste, keineswegs freundliche Feststellung.</p><p>�Jawohl.�</p><p>�Meiner Meinung nach sollten sie alle zur�ckgehen�, trompetete die alte Dame.</p><p>�Zur�ckgehen? Wohin?�, erkundigte sich Poirot verst�ndnislos.</p><p>�Dorthin, woher sie gekommen sind.�</p><p>Und mit etwas ged�mpfter Stimme und ver�chtlich heruntergezogenen Mundwinkeln f�gte sie hinzu:</p><p>�Ausl�nder!�</p><p>�Das d�rfte schwer sein.�</p><p>Poirot behielt seinen zur�ckhaltend h�flichen Ton bei.</p><p>�Unsinn�, wies die alte Dame ihn zurecht. �Daf�r haben wir schlie�lich den Krieg gef�hrt. Daf�r haben wir gek�mpft, dass jeder wieder dahin zur�ckgeht, wohin er geh�rt, und dort bleibt.�</p><p>Poirot verzichtete auf eine Diskussion �ber dieses hei� umstrittene Thema. Er hatte l�ngst festgestellt, dass jeder eine andere Auffassung dar�ber hatte, �wof�r der Krieg ausgefochten� worden war.</p><p>Ein Weilchen herrschte ziemlich feindselig anmutendes Schweigen.</p><p>�Ich wei� nicht, wozu das alles noch f�hren soll�, nahm nach einiger Zeit die alte Dame das Gespr�ch wieder auf. �Ich komme jedes Jahr f�r einen Monat her. Mein Mann starb hier vor sechzehn Jahren. Er liegt hier begraben. Und sooft ich komme, ist es schlimmer bestellt um dieses Hotel. Das Essen ist bald ungenie�bar. Wiener Schnitzel! Dass ich nicht lache. Schnitzel! Das hat es fr�her nicht gegeben, solchen Firlefanz. Rumpsteak oder Filetsteak, aber nicht gehacktes Pferdefleisch!�</p><p>Poirot nickte in betr�btem Einverst�ndnis.</p><p>Die alte Dame h�stelte und �berlie� sich dann mit ungez�gelter Energie ihrem �rger, froh, in Poirot einen Zuh�rer gefunden zu haben.</p><p>�Und wie die Frauen heutzutage rumlaufen! In Hosen! Du lieber Himmel, sie w�rden darauf verzichten, k�nnten sie sich von hinten sehen. Und wie sie sich geb�rden, es ist eine Schande. Laufen jedem Mannsbild nach, das sie nur von weitem sehen. Keine R�cke mehr, wie sich�s geh�rt, kein ordentliches Benehmen mehr. Und was tragen sie auf dem Kopf? Keinen Hut, Gott bewahre, nein, irgendein buntes St�ck Tuch wickeln sie sich um ihr gef�rbtes Haar. Dazu schmieren sie sich Schminke ins Gesicht und lackieren sich nicht nur die Fingern�gel, sondern auch noch die Fu�n�gel. Pfui Teufel! Als ich jung war, f�hrte man sich anders auf.�</p><p>Poirot musterte die erz�rnte, grauhaarige alte Dame verstohlen. Es schien ihm unvorstellbar, dass sie einmal jung gewesen sein sollte.</p><p>�Steckte doch neulich eines von diesen frechen Dingern den Kopf da zur T�r herein. Einen orangenen Schal um den Kopf geschlungen, Hosen an und das Gesicht ein einziger Farbfleck von Rouge und Puder. Ich hab ihr einen Blick zugeworfen! Nur einen Blick! Aber sie hat sofort verstanden und ist verschwunden.�</p><p>Ein Schnauben der Entr�stung wurde eingeschaltet. Dann ging es weiter.</p><p>�Sie geh�rte nicht zu den G�sten des Hotels. Diese Sorte wohnt zum Gl�ck noch nicht hier. Was hatte sie dann im Zimmer eines Mannes zu suchen, frage ich Sie? Widerlich ist das, jawohl. Ich habe mich bei der Lippincott beschwert, aber die ist nicht viel besser als der Rest. Die l�uft eine Meile weit, wenn es um ein Mannsbild geht.�</p><p>Ein Anflug von Interesse erwachte in Poirot.</p><p>�Sie kam aus dem Zimmer eines Mannes?�, erkundigte er sich.</p><p>Die alte Dame spann nur zu gern ihr Lieblingsthema weiter.</p><p>�Aus dem Zimmer eines Mannes, jawohl. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Aus Nummer 5.�</p><p>�Wann war das, Madame? Ich meine, an welchem Tag?�</p><p>�Am Tag, bevor die Geschichte mit dem Mord hier das Unterste zuoberst kehrte. Ich begreife nicht, wie so etwas in einem anst�ndigen Hotel geschehen kann.�</p><p>�Und um welche Tageszeit war es?�, forschte Poirot behutsam weiter.</p><p>�Tageszeit? Abend war es. Sp�t am Abend obendrein. Nach zehn Uhr. Ich bin meiner Sache ganz sicher, denn ich gehe jeden Abend um Viertel nach zehn zu Bett. Und an jenem Abend, gerade wie ich die Treppe hinaufgehe, kommt dieses Frauenzimmer aus Nummer 5 heraus, ohne sich im geringsten zu sch�men. Starrt mich an, dreht sich dann um und unterh�lt sich mit dem Mann bei offener T�r.�</p><p>�Sie haben ihn gesehen oder sprechen geh�rt?�</p><p>�Gesehen nicht, aber geh�rt. �Mach, dass du wegkommst, ich hab genug von dir.� Das hat er gesagt. Eine sch�ne Art, mit Frauen umzugehen, ist das, aber diese Sorte will ja nichts anderes.�</p><p>�Und Sie haben diese Beobachtung nicht der Polizei mitgeteilt?�, fragte Poirot mit leisem Vorwurf.</p><p>�chzend erhob sich die alte Dame. Poirot mit einem st�hlernen Blick abgrundtiefer Verachtung bedenkend, sagte sie:</p><p>�Ich habe noch nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt. Ich und die Polizei!�</p><p>Zitternd vor Emp�rung, das Haupt stolz erhoben, verlie� sie den Salon.</p><p>Poirot �berlie� sich ein Weilchen seinen Gedanken, bevor er sich aufmachte, um Beatrice Lippincott zu suchen.</p><p>�Sie meinen die alte Mrs Leadbetter�, antwortete sie auf seine Frage nach der alten Dame. �Sie kommt jedes Jahr her. Ganz unter uns: Sie ist eine Plage. Sie st��t die anderen G�ste manchmal schrecklich vor den Kopf mit ihrer r�cksichtslosen Kritik. Und sie will einfach nicht einsehen, dass sich die Zeiten, und damit die Moden, ge�ndert haben. Sie ist an die achtzig, da kann man nat�rlich auch nicht mehr viel Einsicht verlangen.�</p><p>�Aber sie ist noch bei klarem Verstand?�</p><p>�Klarer als einem manchmal lieb ist�, erwiderte Beatrice lachend.</p><p>�Wissen Sie, wer die junge Dame gewesen sein k�nnte, die den Ermordeten am Dienstagabend besucht hat?�</p><p>Beatrice sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Ich hatte keine Ahnung, dass Mr Arden �berhaupt Besuch von einer Dame bekommen hat. Wie sah sie aus?�</p><p>�Sie hatte einen orangefarbenen Turban um den Kopf geschlungen, trug Hosen und war ziemlich stark geschminkt, wenn ich recht unterrichtet bin. Sie muss am Dienstagabend um Viertel nach zehn bei Arden im Zimmer gewesen sein.�</p><p>�Ich habe wirklich keine Ahnung, Mr Poirot.�</p><p>Hercule Poirot machte sich auf den Weg zu Inspektor Spence, den er von der neuen Entdeckung unterrichtete.</p><p><emphasis>�Cherchez la femme�,</emphasis> sagte Spence. �Immer das Gleiche.�</p><p>Er holte den Lippenstift hervor, der in Zimmer Nummer 5 gefunden worden war.</p><p>�Es sieht also doch so aus, als ob ein Au�enseiter mit der Sache zu tun hat�, meinte er. �Dieser abendliche Besuch einer Frau schaltet David Hunter als T�ter aus.�</p><p>�Wieso?�, erkundigte sich Poirot.</p><p>�Der junge Mann hat sich endlich bequemt, �ber seinen Aufenthalt am fraglichen Tag Rechenschaft abzulegen�, erwiderte Spence. �Hier ist sein Bericht.�</p><p>Er reichte Poirot ein Blatt Papier.</p><p><emphasis>Verlie� London um 4 Uhr 16 mit dem Zug nach Warmsley Heath, hie� es da. Ging �ber den Fu�pfad nach Furrowbank.</emphasis></p><p>Er sei noch mal hergekommen, um ein paar Sachen, die er in Furrowbank vergessen hatte, zu holen, warf der Inspektor erkl�rend ein. �Ein paar Briefe, sein Scheckbuch und etwas W�sche.�</p><p><emphasis>Verlie� Furrowbank um 7 Uhr 52, bin dann spazieren gegangen, da ich den 7-Uhr-20-Zug verpasst hatte und der n�chste Zug erst um 9 Uhr 20 ging.</emphasis></p><p>�Welche Richtung schlug er bei seinem Spaziergang ein?�, fragte Poirot.</p><p>Der Inspektor zog seine Notizen zu Rate und beschrieb dann die von David Hunter angegebene Route.</p><p>�Als er oben am H�gelkamm entlangspazierte, kam ihm zu Bewusstsein, dass er sich nun beeilen m�sse, wollte er den sp�ten Zug nicht auch noch verfehlen. Er rannte zum Bahnhof, erwischte den Zug gerade noch und kam um 10 Uhr 45 in London an. Um elf Uhr war er in seiner Londoner Wohnung, was von Mrs Cloade best�tigt wird.�</p><p>�Und welche Best�tigung haben Sie f�r den Rest seiner Angaben?�</p><p>�Herzlich wenig. Rowley Cloade und einige andere sahen ihn in Warmsley Heath ankommen. Das Personal von Furrowbank hatte Ausgang. Er hatte nat�rlich seinen eigenen Schl�ssel. Es sah ihn dort niemand, aber die M�dchen entdeckten sp�ter anscheinend einen Zigarettenstummel in der Bibliothek und fanden auch im W�scheschrank eine unerkl�rliche Unordnung vor. Einer der G�rtner arbeitete noch sp�t im Garten und sah ihn von weitem. Und oben beim W�ldchen traf ihn Miss Marchmont, als er zum Bahnhof hinunterrannte.�</p><p>�Hat jemand ihn beim Einsteigen in den Zug gesehen?�</p><p>�Nein, aber er rief kurz nach seiner Ankunft in London von dort aus Miss Marchmont an. Um f�nf Minuten nach elf.�</p><p>�Sie haben den Anruf kontrolliert?�</p><p>�Ja. Vier Minuten nach elf Uhr wurde Warmsley Vale Nummer 36 � das ist die Nummer der Marchmonts � von London aus verlangt.�</p><p>�Sehr interessant�, murmelte Poirot.</p><p>Spence hielt sich weiter an sein Notizbuch und ging methodisch alle Angaben durch.</p><p>�Rowley Cloade verlie� Arden f�nf Minuten vor neun. Zehn Minuten nach neun sieht Miss Marchmont David Hunter am Waldrand oben. Selbst wenn wir annehmen, dass er den ganzen Weg vom �Hirschen� bis zum Waldrand hinauf gerannt ist, kann er nicht gen�gend Zeit gehabt haben, sich mit Arden zu streiten, ihn zu ermorden und dann noch zum Waldrand hinaufzulaufen. Aber abgesehen davon, stehen wir jetzt sowieso wieder am Anfang unserer Untersuchungen. Denn durch die Aussage der alten Dame wissen wir, dass Arden um zehn nach zehn noch am Leben war. Entweder wurde der Mord von der Frau mit dem orangenen Schal, die den Lippenstift verlor, begangen, oder es ist ein uns noch Unbekannter bei Arden eingedrungen, nachdem die Frau ihn verlassen hatte. Wer es auch gewesen sein mag, er hat jedenfalls die Zeiger der Armbanduhr absichtlich zur�ckgestellt auf zehn Minuten nach neun.�</p><p>�Eine Tatsache, die f�r David Hunter au�erordentlich belastend geworden w�re, h�tte er nicht das Gl�ck gehabt, auf dem Weg zum Bahnhof Lynn Marchmont zu treffen. Andere Zeugen h�tte er nicht gehabt�, warf Poirot ein.</p><p>�Woran denken Sie, Monsieur Poirot?�, fragte Spence, von seinen Notizen aufblickend.</p><p>�Eine Begegnung am Waldrand� sp�ter ein Telefonanruf� und Lynn Marchmont ist mit Rowley Cloade verlobt� Ich g�be viel darum, w�sste ich, was in diesem Telefongespr�ch gesagt wurde.��</p></section><section><title><p><strong>25 </strong></p></title><p>Obwohl es sp�t geworden war, beschloss Hercule Poirot, noch einen Besuch zu machen.</p><p>Er lenkte seine Schritte Jeremy Cloades Haus zu.</p><p>Das M�dchen f�hrte ihn in das Arbeitszimmer des Hausherrn.</p><p>Allein gelassen, blickte Poirot sich um. Auf dem Schreibtisch stand ein gro�es Bild Gordon Cloades. Daneben befand sich eine bereits etwas verblasste Fotografie Lord Edward Trentons zu Pferde. Poirot studierte gerade Lord Trentons Gesichtsz�ge, als Jeremy Cloade das Zimmer betrat.</p><p>�Verzeihung.�</p><p>Poirot stellte das Bild zur�ck.</p><p>�Der Vater meiner Frau�, erkl�rte Jeremy Cloade, nicht ohne leisen Stolz in der Stimme. �Aber womit kann ich Ihnen dienen?�</p><p>Er deutete auf einen Sessel, und Poirot nahm Platz.</p><p>�Ich wollte Sie fragen, Mr Cloade, ob Sie ganz sicher sind, dass Ihr Bruder kein Testament hinterlassen hat?�</p><p>�Ich halte es f�r ausgeschlossen, Monsieur Poirot. Man hat nichts gefunden. Gordon pflegte alle wichtigen Papiere in seinem B�ro aufzubewahren, und dort ist alles genau untersucht worden. Das Wohnhaus selbst ist ja beinahe ganz zerst�rt worden beim Angriff.�</p><p>�Aber es k�nnte immerhin m�glich sein, dass sich in den Tr�mmern noch etwas findet. Man sollte Nachforschungen anstellen. Ich w�rde es begr��en, wenn Sie mich erm�chtigten, die erforderlichen Schritte zu unternehmen, Mr Cloade.�</p><p>�Nat�rlich, nat�rlich�, beeilte sich Jeremy* Cloade zu versichern. �Sehr freundlich von Ihnen, sich dieser Aufgabe unterziehen zu wollen. Nur f�rchte ich, Ihre M�he wird von keinem Erfolg gekr�nt sein. Aber immerhin� Sie beabsichtigen also, nach London zur�ckzukehren?�</p><p>Poirots Lider senkten sich �ber die Augen, bis diese nur noch schmale Schlitze waren. Ein sonderbarer Eifer hatte in Jeremy Cloades Stimme mitgeschwungen. Schon w�hrend einer kurzen Unterhaltung mit Rowley Cloade war ihm aufgefallen, dass es der Familie Cloade anscheinend nicht recht war, dass er, Poirot, sich noch immer in Warmsley Vale aufhielt. Sie hatten ihn gerufen, doch jetzt w�nschten sie ihn offensichtlich so schnell wie m�glich wieder weg. Was steckte dahinter?</p><p>Bevor er auf Jeremys Frage antworten konnte, �ffnete sich die T�r, und Frances Cloade trat ein.</p><p>Zwei Dinge fielen Poirot sofort auf. Erstens, dass Frances Cloade schlecht aussah, und zweitens, dass sie ihrem Vater sehr �hnelte.</p><p>�Monsieur Poirot stattet uns einen Besuch ab, meine Liebe�, teilte Jeremy Cloade v�llig �berfl�ssigerweise mit.</p><p>Er berichtete seiner Frau von Poirots Plan, in London nach einem eventuell doch vorhandenen Testament zu forschen.</p><p>�Ich halte jede Suche f�r aussichtslos�, meinte Frances.</p><p>�Wenn ich recht unterrichtet bin, war Major Porter dem Luftschutz in dieser Gegend Londons zugeteilt�, warf Poirot ein.</p><p>Ein sonderbarer Ausdruck trat in Mrs Cloades Augen.</p><p>�Wer ist eigentlich dieser Major Porter?�, erkundigte sie sich.</p><p>�Ein pensionierter Offizier.�</p><p>�War er wirklich in Afrika?�</p><p>Poirot warf ihr einen verwunderten Blick zu.</p><p>�Nat�rlich, Madame. Wieso sollte er nicht dort gewesen sein?�</p><p>�Ach, nur so�, erwiderte Frances Cloade geistesabwesend, �Jeremy, ich habe mir �berlegt, dass Rosaleen Cloade sich furchtbar einsam in Furrowbank f�hlen mu�. Hast du etwas dagegen, dass ich sie auffordere, zu uns zu ziehen?�</p><p>�Bist du der Meinung, dass das ratsam w�re?�, meinte Jeremy zweifelnd.</p><p>�Ratsam? Mein Gott, ich wei� nicht. Aber sie ist ein so hilfloses Gesch�pf. Man muss ihr doch beistehen.�</p><p>Ruhig erwiderte der Anwalt.</p><p>�Wenn es dich gl�cklicher macht, meine Liebe.�</p><p>�Gl�cklicher!�, entfuhr es Frances.</p><p>�Ich werde mich jetzt verabschieden.�</p><p>Hercule Poirot erhob sich.</p><p>�Sie fahren jetzt gleich nach London zur�ck?�, fragte Frances, ihn in die Halle begleitend.</p><p>�Morgen. Aber nur f�r vierundzwanzig Stunden, dann kehre ich hierher � in den �Hirschen� � zur�ck, wo Sie mich jederzeit finden k�nnen, Madame, falls Sie mich brauchen.�</p><p>�Wieso sollte ich Sie brauchen?�, kam es scharf von Frances� Lippen.</p><p>Poirot antwortete nicht auf die Frage. Er wiederholte nur:</p><p>�Sie finden mich im �Hirschen�.�</p><p>Sp�ter in der Nacht sagte Frances Cloade zu ihrem Mann: �Was sollen wir nur tun, Jeremy? Was sollen wir nur tun?� Es verging ein Weilchen, bevor Jeremy Cloade leise entgegnete:</p><p>�Es gibt nur einen Ausweg, Frances.��</p></section><section><title><p><strong>26</strong></p></title><empty-line/><p>Versehen mit der Vollmacht Jeremy Cloades hatte Poirot in London alle Ausk�nfte erhalten, an denen ihm lag. Sie lie�en wenig Hoffnung. Das Haus, in dem Gordon Cloade umgekommen war, lag in Tr�mmern. Au�er Mrs Cloade und David Hunter hatte keiner der Bewohner den Bombenangriff �berlebt. Drei Dienstboten hatten sich au�er der Familie im Haus befunden: Frederick Game, Elisabeth Game und Eileen Corrigan. Alle drei waren auf der Stelle tot gewesen. Gordon Cloade wurde noch lebend geborgen, starb aber auf dem Weg ins Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Poirot notierte sich die Namen und Adressen je eines nahen Verwandten der drei Dienstboten.</p><p>�M�glich, dass sich auf diesem Weg der Hinweis finden l�sst, nach dem ich suche.�</p><p>Der Beamte, an den Poirot sich gewandt hatte, sch�ttelte zweifelnd den Kopf. Das Ehepaar Games stammte aus Dorset, Eileen Corrigan kam aus Irland.</p><p>Poirots n�chstes Ziel war Major Porters Wohnung.</p><p>Doch als er um die Ecke der Edge Street bog, bemerkte er voller Best�rzung einen postenstehenden Polizisten vor dem Haus, welches das Ziel seiner Schritte war.</p><p>Der Polizist hinderte Poirot am Eintreten.</p><p>�Nichts zu machen, Sir.�</p><p>�Was ist denn passiert?�</p><p>�Sie wohnen doch nicht hier?�, fragte der Polizist statt einer Antwort. �Wen wollen Sie denn besuchen?�</p><p>�Major Porter.�</p><p>�Sind Sie ein Verwandter oder Freund des Majors?�</p><p>�Nein, kein Verwandter, und als ein Freund w�rde ich mich auch nicht gerade bezeichnen. Aber was sollen diese Fragen?�</p><p>�Der Major hat sich erschossen, soviel ich wei�. Ah, da ist der Inspektor.�</p><p>Die T�r hatte sich ge�ffnet; zwei Herren betraten die Stra�e. Der eine musste der Inspektor des zust�ndigen Bezirks sein, im anderen erkannte Poirot Sergeant Graves von Warmsley Vale. Graves erkannte Poirot ebenfalls und machte ihn mit dem zust�ndigen Inspektor bekannt.</p><p>Zu dritt gingen sie ins Haus zur�ck.</p><p>�Sie haben uns in Warmsley Vale angerufen, und Inspektor Spence hat mich hergeschickt�, erkl�rte Graves.</p><p>�Selbstmord?�</p><p>�Ja. Ziemlich klarer Fall. Hat sich wohl die Gerichtsverhandlung und das ganze Drum und Dran zu sehr zu Herzen genommen. Au�erdem soll er in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sein. Na, wie�s so ist. Eines kommt zum anderen. Mit seinem eigenen Armeerevolver hat er sich erschossen.�</p><p>�Ist es erlaubt hinaufzugehen?�, fragte Poirot.</p><p>�Wenn Ihnen daran liegt. F�hren Sie Monsieur Poirot hinauf, Sergeant�, ordnete der Inspektor an.</p><p>Graves ging die Treppe voran zu dem im ersten Stock gelegenen Zimmer.</p><p>�Vor ein paar Stunden muss es passiert sein�, berichtete er. �Niemand hat�s geh�rt. Die Vermieterin war gerade einkaufen.�</p><p>Poirot sah nachdenklich auf die stumme Gestalt im Sessel.</p><p>�K�nnen Sie sich erkl�ren, wieso er das getan hat?�, forschte Graves respektvoll.</p><p>Poirot erwiderte geistesabwesend:</p><p>�Ja, nat�rlich. Er hatte einen guten Grund. Da liegt die Schwierigkeit nicht.�</p><p>Der Meisterdetektiv trat an einen Schreibtisch, dessen Rolldeckel offen war. Er war tadellos aufger�umt. In der Mitte stand ein Tintenl�scher, davor ein Sch�lchen mit einem Federhalter und zwei Bleistiften. Rechts lag ein Sch�chtelchen mit B�roklammern und ein Markenheft. Alles war am Platz und wie es sich geh�rte. Ein ordentliches Leben und ein ordentlicher Tod. Nat�rlich � das war es! Etwas fehlte.</p><p>Zu Graves gewandt, fragte Poirot:</p><p>�Hinterlie� er keinen Brief? Kein Blatt Papier mit ein paar Zeilen?�</p><p>Graves sch�ttelte den Kopf. �Wir haben nichts gefunden. W�re eigentlich zu erwarten gewesen von einem Mann wie dem Major.�</p><p>�Sonderbar. Sehr sonderbar�, murmelte Poirot.�</p></section><section><title><p><strong>27 </strong></p></title><p>Es war bereits acht Uhr vorbei, als Poirot wieder im �Hirschen�, eintraf. Er fand eine Botschaft von Frances Cloade vor, in der sie ihn bat, sie aufzusuchen. Er machte sich sogleich auf den Weg.</p><p>Frances Cloade empfing ihren Besucher im Salon.</p><p>�Sie haben mir prophezeit, dass ich Sie brauchen w�rde, Monsieur Poirot, und Sie haben Recht behalten. Es gibt etwas, was ich jemandem anvertrauen muss, und ich glaube, Sie sind die am ehesten geeignete Pers�nlichkeit, meine Geschichte zu h�ren.�</p><p>�Es ist stets leichter, Madame, sich jemandem anzuvertrauen, der mehr oder weniger ahnt, worum es geht.�</p><p>�Sie wissen, wor�ber ich reden will?�</p><p>Poirot nickte langsam.</p><p>�Und seit wann?�</p><p>�Seit ich die Fotografie Ihres Herrn Vater gesehen habe. Sie sehen sich sehr �hnlich. Ihre Verwandtschaft ist offenkundig. Und diese Familien�hnlichkeit fand sich ebenso stark bei dem Fremden, der im �Hirschen� ein Zimmer nahm und sich als Enoch Arden ins Fremdenbuch eintrug.�</p><p>Frances stie� einen bedr�ckten Seufzer aus.</p><p>�Sie haben es erraten. Obwohl der arme Charles einen Bart trug. Er war ein Vetter zweiten Grades von mir, Monsieur Poirot. Sehr nahe haben wir uns nie gestanden. Er war das schwarze Schaf der Familie. Und ich bin schuld an seinem Tod.�</p><p>Sie verfiel f�r einen Augenblick in Schweigen. Poirot dr�ngte sanft:</p><p>�Wollen Sie mir nicht erz�hlen?�</p><p>Frances riss sich zusammen.</p><p>�Ja, es muss sein. Wir brauchten furchtbar dringend Geld. Damit begann alles. Mein Mann befindet sich in Schwierigkeiten, in sehr schlimmen Schwierigkeiten. Wir f�rchteten, es k�nnte zu einer Verhaftung kommen. Aber eines m�chte ich von vornherein klarmachen, Monsieur Poirot. Der Plan stammte von mir. Ich dachte ihn mir aus, und ich f�hrte ihn durch. Meinem Mann w�re das alles viel zu riskant gewesen. Aber ich will der Reihe nach berichten.</p><p>Zuerst wandte ich mich an Rosaleen Cloade wegen eines Darlehens. Ich wei� nicht, ob sie es nicht gegeben h�tte, aber ihr Bruder trat dazwischen. Er war an jenem Morgen besonders schlechter Laune und benahm sich ausfallender als gew�hnlich. Ausgesprochen frech, um es deutlich zu sagen. Und als mir sp�ter die M�glichkeit dieses Planes in den Sinn kam, hatte ich keine Bedenken, ihn auszuf�hren.</p><p>Ich �berlegte, dass Zweifel am Tod Robert Underhays bestanden und dass man mit diesem Zweifel vielleicht etwas anfangen k�nnte. Mein Vetter Charles war mal wieder im Lande. Er war so ziemlich am Ende, hatte sogar im Gef�ngnis gesessen, glaube ich. Ich machte ihm meinen Vorschlag. Es war Erpressung, nichts anderes. Aber wir dachten, es w�rde uns gelingen. Schlimmstenfalls, �berlegten wir, w�rde David Hunter eben nicht die verlangte Summe zahlen. Dass er zur Polizei gehen k�nnte, hielten wir f�r ausgeschlossen. Leute seines Schlages halten wenig von der Polizei und wollen lieber nichts mit ihr zu tun haben.</p><p>Es lief alles gut. Besser, als wir gehofft hatten. David kroch ihm auf den Leim. Charles gab sich nat�rlich nicht direkt als Robert Underhay aus. Rosaleen h�tte ihn ja jeden Moment entlarven k�nnen. Aber als sie zu unserem Gl�ck nach London fuhr, wagte Charles es, ein bisschen deutlicher zu werden und die M�glichkeit anzudeuten, er sei vielleicht selbst Robert Underhay. Wie gesagt: David ging auf die Erpressung ein. Er versprach, am Dienstagabend mit dem Geld zu kommen. Stattdessen��</p><p>Ihre Stimme brach zitternd ab.</p><p>�Wir h�tten uns klarmachen m�ssen, dass David ein gef�hrlicher Mensch ist. H�tte ich nicht diese ungl�ckselige Idee gehabt, w�re Charles noch am Leben. Nun ist er tot� ermordet, und ich bin schuld.�</p><p>�Immerhin packten Sie eine weitere Gelegenheit beim Schopf, die Kom�die bis zum Ende zu f�hren. Sie �berredeten Major Porter, Ihren Vetter als Robert Underhay zu �erkennen�.�</p><p>Frances fuhr heftig auf.</p><p>�Ich schw�re Ihnen, damit habe ich nichts zu tun. Niemand war erstaunter als ich� was hei�t: erstaunter! Aus allen Wolken fielen wir, als Major Porter �ffentlich erkl�rte, Charles � mein Vetter Charles! � sei Robert Underhay. Ich begriff es einfach nicht. Ich begreife es immer noch nicht.�</p><p>�Aber jemand muss Major Porter aufgesucht und �berredet haben. Jemand hat ihn bestochen, den Toten als Robert Underhay zu identifizieren. Wissen Sie �brigens, dass Major Porter sich heute Nachmittag erschossen hat?�</p><p>�Nein!� Frances fuhr zur�ck, die Augen weit aufgerissen vor Entsetzen. �Nein! O Gott!�</p><p>�Leider ist es so, Madame. Major Porter war im Grunde ein anst�ndiger Mensch. Er befand sich in finanziellen Schwierigkeiten, und als die Versuchung an ihn herantrat, war er, wie so viele, zu schwach, ihr zu widerstehen. Wie wenig wohl er sich bei seiner Aussage vor Gericht f�hlte, war ihm anzumerken. So weit hatte er sich bringen lassen. Doch nun sah die Situation anders aus. Ein Mensch war des Mordes angeklagt. Und von seiner Aussage �ber die Identit�t des Ermordeten hing vielleicht das Schicksal des Angeklagten ab.</p><p>Er kehrte heim in seine Wohnung und schlug den Ausweg ein, der ihm als einziger m�glich schien.�</p><p>Frances erhob sich und trat ans Fenster.</p><p>�Da stehen wir also wieder am Anfang�, meinte sie langsam.�</p></section><section><title><p><strong>28</strong></p></title><empty-line/><p>Inspektor Spence wiederholte am folgenden Morgen beinahe w�rtlich Frances Cloades Ausspruch:</p><p>�Da w�ren wir also wieder da, wo wir angefangen haben. Wir m�ssen herausfinden, wer dieser Enoch Arden in Wirklichkeit war.�</p><p>�Das kann ich Ihnen sagen, Inspektor�, meinte Poirot. �Sein richtiger Name war Charles Trenton.�</p><p>Der Inspektor blickte �berrascht auf.</p><p>�Trenton? Einer von den Trentons? Warten Sie��</p><p>Er dachte angestrengt nach und schien in seiner Erinnerung zu kramen.</p><p>�Ja, Charles Trenton. Er hatte allerhand auf dem Kerbholz. Zechpreller und Schuldenmacher.�</p><p>�Wie steht es mit Ihrer Anklage gegen David Hunter?�, erkundigte sich Poirot.</p><p>�Wir werden ihn wohl laufen lassen m�ssen�, bekannte der Inspektor. �Es ist erwiesen, dass eine Frau nach zehn Uhr bei Arden war. Wir haben nicht nur die Aussage dieses alten Drachens im �Hirschen�, wir haben die Best�tigung von Jimmy Pierce. Er hatte im �Hirschen� ein paar Gl�ser getrunken und machte sich kurz nach zehn Uhr auf den Heimweg. Er hatte eine Frau aus dem �Hirschen� kommen und zur Telefonzelle gegen�ber gehen sehen. Es sei niemand gewesen, den er kannte, sagte er, vermutlich ein Hotelgast, habe er sich gedacht. Ein Frauenzimmer sei es gewesen, das waren seine Worte.�</p><p>�Sah er sie aus der N�he?�</p><p>�Er stand auf der anderen Stra�enseite�, gab der Inspektor Auskunft. �Wer zum Teufel war diese Frau, Monsieur Poirot?�</p><p>�Konnte dieser Jimmy Pierce etwas �ber die Kleidung der Fremden aussagen?�</p><p>�Ja, seine Schilderung deckt sich mit der der alten Dame. Stark geschminkt, einen orangenen Schal um den Kopf und lange Hosen.�</p><p>Ein Weilchen herrschte Schweigen zwischen den beiden M�nnern. Hercule Poirot unterbrach es als erster.</p><p>�Es gibt noch mehr ungel�ste Fragen in diesem Fall�, sagte er bed�chtig. �Wieso l�sst David Hunter sich so leicht erpressen? Es entspricht nicht seinem Charakter, gleich die Flinte ins Korn zu werfen. Dann haben wir da Rosaleen Cloade, deren Benehmen v�llig unverst�ndlich ist. Wovor hat sie solche Angst? Wieso bef�rchtet sie, sie sei in Gefahr, jetzt, wo ihr Bruder sie nicht mehr besch�tzen kann? Irgendetwas muss ihr diese Furcht eingefl��t haben. Sie zittert nicht um das Verm�gen Gordon Cloades, nein, sie zittert um ihr Leben.�</p><p>�Lieber Himmel, Monsieur Poirot, Sie denken doch nicht etwa, dass � �</p><p>�Erinnern wir uns an das, was Sie eben selbst gesagt haben, Inspektor�, mahnte Poirot. �Wir stehen wieder da, wo wir angefangen haben. Genauer gesagt, die Cloades stehen wieder da, wo sie angefangen haben. Robert Underhay starb in Afrika. Und zwischen Gordon Cloades gro�em Verm�gen und den lachenden Erben steht Rosaleen Cloade.��</p></section><section><title><p><strong>29</strong></p></title><empty-line/><p>Gem�chlich spazierte Hercule Poirot die Hauptstra�e entlang, doch strebte er nicht dem �Hirschen�, zu, sondern lenkte seine Schritte dem wei�en Haus zu, in dem Lynn Marchmont wohnte.</p><p>Es war ein herrlicher Tag, ein sommerlicher Fr�hlingsmorgen mit jener Frische, die dem Hochsommermorgen fehlt.</p><p>Poirot bog in den Pfad ein, der zu Mrs Marchmonts Haus f�hrte. In einem Liegestuhl unter dem m�chtigen Apfelbaum im Garten lag Lynn Marchmont.</p><p>Sie sprang erschrocken auf, als sie eine h�fliche Stimme neben sich �guten Morgen�, sagen h�rte.</p><p>�Oh, haben Sie mich erschreckt, Monsieur Poirot. Sie sind also noch immer hier?�</p><p>�Ich bin noch immer hier � allerdings.�</p><p>�Bedeutet dies, dass Sie mit dem Gang der Dinge nicht zufrieden sind?�, fragte Lynn mit hoffnungsfroher Stimme. �Ich meine, nicht zufrieden damit, dass man David eingesperrt hat?�</p><p>�Sie w�nschen sich sehr, dass er unschuldig sein m�ge, nicht wahr?�</p><p>Hercule Poirots Stimme klang sanft.</p><p>�Ich will nur nicht, dass ein Unschuldiger geh�ngt wird�, wehrte Lynn ab. �Aber die Polizei ist voreingenommen. Weil er sich trotzig geb�rdet, halten sie ihn f�r schuldig.�</p><p>�Sie tun der Polizei unrecht. Die Geschworenen f�llten das Urteil: schuldig, also musste die Polizei David Hunter in Haft nehmen. Aber ich kann Ihnen verraten, dass sie weit davon entfernt sind, sich mit der Lage abzufinden.�</p><p>�Sie lassen ihn vielleicht frei?�</p><p>Poirot zuckte vielsagend die Achseln.</p><p>�Wen verd�chtigt man denn, Monsieur Poirot?�</p><p>�Man hat eine Frau in der betreffenden Nacht am Tatort gesehen.�</p><p>�Ich verstehe �berhaupt nichts mehr�, rief Lynn aus. �Als wir glaubten, der Fremde sei Robert Underhay, schien alles so einfach. Warum hat dieser Major Porter denn behauptet, er sei Underhay, wenn er es gar nicht war? Und warum hat er sich erschossen? Wir sind wieder da, wo wir angefangen haben.�</p><p>�Sie sind jetzt schon der dritte Mensch, der das sagt�, stellte Poirot fest.</p><p>�Ja?� Sie schaute fragend zu dem Detektiv auf. �Was gedenken Sie zu tun, Monsieur Poirot?�</p><p>�Ich gedenke, nach Furrowbank hinaufzugehen, und ich m�chte Sie auffordern, mich zu begleiten�, erwiderte Poirot, obwohl er sehr gut verstand, dass Lynn ihre Frage anders gemeint hatte.</p><p>�Nach Furrowbank? Ich war gestern oben und habe Rosaleen gefragt, ob ich ihr in irgendeiner Beziehung behilflich sein k�nnte. Sie hat mich angesehen und gesagt: �Sie! Ausgerechnet Sie!� Ich glaube, sie hasst mich.�</p><p>�Zeigen Sie sich gro�m�tig und verst�ndnisvoll�, erwiderte Poirot. �Rosaleen Cloade tut mir Leid. Ich w�rde ihr gern helfen. Selbst jetzt noch, wenn sie auf mich h�ren wollte � �</p><p>Mit einem pl�tzlichen Entschluss richtete er sich auf.</p><p>�Kommen Sie, Mademoiselle, gehen wir nach Furrowbank.��</p></section><section><title><p><strong>30</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Das Dienstm�dchen empfing sie mit der Mitteilung, dass Madame noch nicht aufgestanden sei und sie nicht wisse, ob sie die Herrschaften zu empfangen w�nsche.</p><p>Poirot blickte sich in dem Salon um. Er war teuer und gut eingerichtet, doch fehlte dem Raum jegliche pers�nliche Note.</p><p>Rosaleen Cloade hatte offensichtlich in Furrowbank gewohnt, wie ein Fremder in einem guten Hotel wohnt.</p><p>�Ob wohl auch die andere � �, murmelte Poirot, aber er vollendete den Satz nicht.</p><p>Das M�dchen kam ins Zimmer gerannt, Entsetzen in den Augen, und rief: �O Miss Marchmont, Madame liegt oben� es ist schrecklich� sie r�hrt sich nicht, und ich kann sie nicht wachkriegen, und ihre H�nde sind so kalt.�</p><p>Ohne eine Sekunde zu verlieren, lief Poirot die Treppe hinauf. Lynn und das M�dchen folgten. Oben deutete das M�dchen auf eine der T�ren.</p><p>Es war ein prachtvoll ausgestattetes Zimmer. Die Sonne schien hell durch die weit offenen Fenster herein und �bergl�nzte die kostbaren pastellfarbenen Teppiche.</p><p>In dem gro�en geschnitzten Bett lag Rosaleen Cloade. Die langen Wimpern hoben sich von den blassen Wangen ab. Sie hielt ein zerkn�lltes Taschentuch in der Hand und sah aus wie ein trauriges Kind, das sich in den Schlaf geweint hat.</p><p>Poirot f�hlte ihren Puls. Er sah seine Bef�rchtungen best�tigt.</p><p>�Sie muss im Schlaf gestorben sein�, sagte er leise zu Lynn. �Es scheint schon einige Zeit her zu sein.�</p><p>�Was sollen wir nur tun? Was sollen wir nur tun?�, jammerte das M�dchen.</p><p>�Wer war ihr Arzt?�, erkundigte sich Poirot kurz.</p><p>�Onkel Lionel�, antwortete Lynn.</p><p>�Rufen Sie Dr. Cloade an�, befahl er dem schluchzenden M�dchen, das sofort das Schlafzimmer verlie�, um seine Anordnung auszuf�hren.</p><p>Poirot sah sich um. Auf dem Nachttisch lag eine wei�e Schachtel mit der Aufschrift: �Allabendlich vor dem Schlafengehen ein Pulver.� Seine Hand vorsichtig mit seinem Taschentuch umwickelt, �ffnete er das Sch�chtelchen. Drei Pulver waren �brig geblieben. Poirot wandte sich dem Schreibtisch zu. Der davor stehende Stuhl war beiseite geschoben, auf der Platte lag ein Bogen Papier, auf dem mit ungeschickter, kindlicher Hand geschrieben stand:</p><p><emphasis>�Ich wei� nicht, was ich tun soll. Ich kann nicht mehr weiter. Ich bin schlecht. Ich muss mich einer Menschenseele anvertrauen, sonst komme ich nie mehr zur Ruhe. Ich wollte nichts Schlechtes tun. Ich habe nicht gewusst, dass es so werden wird. Ich muss es niederschreiben � �</emphasis></p><p>Doch weiter war die Schreiberin nicht gekommen. Die Feder lag noch neben dem Papier, achtlos hingeworfen.</p><p>Lynn stand neben dem Bett, als die T�r aufgerissen wurde und David Hunter, atemlos vom schnellen Laufen, ins Zimmer st�rzte.</p><p>�David! Hat man dich freigelassen? Ich bin so froh � �</p><p>Er beachtete sie �berhaupt nicht, sondern eilte an ihr vor�ber zum Bett.</p><p>�Rosa! Rosaleen!�</p><p>Er ber�hrte die kalte Hand. Dann fuhr er wie ein Wahnsinniger herum und spr�hte Lynn aus wutblitzenden Augen an.</p><p>�Habt ihr sie ermordet, ja? Habt ihr sie aus dem Weg geschafft? Mich hat man mit einer hinterlistigen, erlogenen Anklage ins Gef�ngnis gesteckt, um freies Spiel zu haben, und dann habt ihr euch verschworen und Rosaleen ermordet. M�rder!�</p><p>�Nein, David!�, rief Lynn zitternd. �Wie kannst du das denken. Keiner von uns w�rde so etwas tun. Niemals.�</p><p>�Einer von euch hat sie ermordet, Lynn Marchmont�, fuhr David sie kalt an. �Und du wei�t es so genau, wie ich es wei�.�</p><p>�Bevor sie sich letzte Nacht zu Bett begab, schrieb sie dies hier�, mischte sich Poirot ruhigen Tones ein und deutete auf den Schreibtisch.</p><p>David wandte sich sofort dem Briefbogen zu, aber Poirot warnte ihn noch rechtzeitig, das Papier nicht zu ber�hren. Die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt, las David die wenigen Zeilen.</p><p>�Und wollen Sie vielleicht behaupten, sie h�tte Selbstmord begangen?�, rief er. �Weshalb h�tte Rosaleen Selbstmord begehen sollen?�</p><p>Die Stimme, die die Frage beantwortete, geh�rte nicht Poirot, sondern � Inspektor Spence.</p><p>Der Inspektor stand auf der Schwelle.</p><p>�Angenommen, Mrs Cloade war letzten Dienstag nicht in London, sondern in Warmsley Vale? Angenommen, sie suchte den Mann auf, der versucht hatte, sie zu erpressen? Angenommen, sie ermordete ihn in einem Anfall hysterischer Wut?�</p><p>�Meine Schwester war letzten Dienstag in London�, entgegnete David heftig. �Sie befand sich in unserer dortigen Wohnung, als ich um elf Uhr heimkam.�</p><p>�Das behaupten Sie, Mr Hunter�, sagte Spence. �Und ich nehme an, dass Sie an dieser Geschichte festhalten werden. Aber niemand kann mich zwingen, sie zu glauben. Abgesehen davon� � er deutete auf das Bett �, �ist es zu sp�t. Der Fall wird nie vor Gericht kommen.��</p></section><section><title><p><strong>31</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>�Er will es nicht zugeben�, sagte Inspektor Spence, �aber ich glaube, er wei�, dass sie den Mord begangen hat.� Er blickte �ber seinen Schreibtisch hinweg Poirot an, der ihm gegen�bersa�.</p><p>�Es ist doch merkw�rdig, wie wir immer an seinem Alibi herumr�tselten und nie auf den Gedanken kamen, einmal Rosaleen Cloades Angaben zu �berpr�fen. Dabei haben wir nur David Hunters Aussage, dass seine Schwester sich wirklich am Dienstagabend in ihrer Londoner Wohnung befand. �ber sie selbst habe ich mir nie den Kopf zerbrochen. Sie war so ein unbedeutendes Pers�nchen, wirkte fast ein wenig beschr�nkt, aber darin liegt wahrscheinlich die Erkl�rung.�</p><p>Poirot verhielt sich still. Der Inspektor fuhr fort:</p><p>�Sie muss Arden in einem Anfall hysterischer Wut erschlagen haben. Er vermutete keine Gefahr bei ihrem Besuch. Wie sollte er auch! Aber etwas will mir nicht in den Kopf. Wer hat Major Porter bestochen, eine falsche Aussage zu machen?�</p><p>�Ich h�tte es wissen m�ssen. Major Porter selbst hat es mir gesagt�, entgegnete Hercule Poirot.</p><p>�Er selbst hat es Ihnen gesagt?�</p><p>�Nicht direkt nat�rlich. Eine Bemerkung von ihm verriet es. Er war sich dessen gar nicht bewusst.�</p><p>�Und wer war es?�, fragte Spence ungeduldig.</p><p>Poirot neigte seinen Kopf etwas zur Seite und sah schr�g zu dem Inspektor auf.</p><p>�Darf ich Ihnen zwei Fragen stellen, bevor ich Ihnen die gew�nschte Antwort gebe?�</p><p>�Fragen Sie, was Sie wollen.�</p><p>�Diese, die wir auf dem Nachttisch neben Rosaleen Cloades Bett fanden; was war es?�</p><p>�Die Schlafpulver? Ganz harmloses Zeug. Ein Brompr�parat. Sie nahm jede Nacht ein Beutelchen. Es beruhigt die Nerven.�</p><p>�Wer hat sie ihr verschrieben?�</p><p>�Dr. Cloade, schon vor einiger Zeit.�</p><p>�Und hat man den Befund �ber die Todesursache bereits?�</p><p>�Morphium�, erwiderte Spence.</p><p>�Und nun kommt meine zweite Frage�, fuhr Hercule Poirot fort. �Sie haben die Telefongespr�che nachgepr�ft, nicht wahr? Aus dem Appartementhaus, in dem Hunter und seine Schwester in London lebten, wurde Dienstag nacht um elf Uhr ein Gespr�ch f�r Lynn Marchmont durchgegeben. Wurde die Londoner Wohnung ebenfalls angerufen?�</p><p>�Ja, um zehn Uhr f�nfzehn. Der Anruf kam aus Warmsley Vale aus einer �ffentlichen Telefonzelle.�</p><p>�Aha. Ich danke Ihnen, Inspektor.�</p><p>Hercule Poirot erhob sich und schritt zur T�r.</p><p>�Halt�, rief ihm der Inspektor nach. �Wie steht es mit der versprochenen Antwort?�</p><p>�Gedulden Sie sich noch ein wenig�, bat Poirot h�flich. �Ich erwarte noch einen Brief, einen wichtigen Brief. Wenn ich ihn habe, f�gt sich das letzte Glied in die Kette. Dann stehe ich Ihnen f�r alle Ausk�nfte zur Verf�gung.��</p></section><section><title><p><strong>32</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Lynn trat aus dem Haus und schaute zum Himmel empor. Die Sonne ging eben unter; der Himmel war von einem glasigen Leuchten �berzogen. Eine bedr�ckende Ruhe lag �ber der Landschaft. Es war die Ruhe vor einem Sturm.</p><p>Sie durfte ihren Entschluss nicht mehr l�nger hinausschieben. Sie musste Rowley reinen Wein einschenken. Ihm zu schreiben, w�re feige gewesen. Sie war ihm eine offene Aussprache schuldig.</p><p>Dies bedeutet den Abschied von meinem bisherigen Leben, sagte Lynn zu sich selbst. Denn das Leben mit David w�rde einem Spiel gleichen. Sie hatte ihre Wahl getroffen und war doch nicht froh dar�ber. David heiraten, hie� einem Abenteuer entgegengehen. Und das Abenteuer konnte ebenso gut gl�cklich wie traurig enden. Vor wenigen Stunden hatte David sie angerufen.</p><p>�Ich dachte, ich d�rfte dich nicht an mich ketten, Lynn. Aber ich war ein Narr. Ich bringe es nicht �ber mich, von dir wegzugehen. Wir fahren nach London, besorgen uns eine Lizenz und heiraten auf der Stelle. Und Rowley teilen wir die Neuigkeit erst mit, wenn du Mrs David Hunter bist.�</p><p>Aber damit war sie nicht einverstanden gewesen. Sie wollte selbst mit Rowley sprechen, und nun war sie auf dem Weg zu ihm.</p><p>Rowley �ffnete ihr die T�r und trat erstaunt einen Schritt zur�ck.</p><p>�Lynn! Warum hast du nicht vorher angerufen und gesagt, dass du kommst. Um ein Haar h�ttest du mich nicht angetroffen.�</p><p>�Ich muss mit dir reden, Rowley. Ich werde David Hunter heiraten.�</p><p>Sie hatte emp�rten Protest, Wut, jede nur denkbare heftige Reaktion erwartet, nur nicht die, die sie jetzt erlebte.</p><p>Rowley sah sie einen Augenblick stumm an. Dann drehte er sich um und stocherte mit dem Sch�rhaken die Glut im Kamin auf. Erst dann wandte er sich wieder ihr zu.</p><p>�Du heiratest David Hunter? Und warum?�</p><p>�Weil ich ihn liebe.�</p><p>�Das ist nicht wahr. Du liebst mich.�</p><p>�Ich habe dich geliebt, Rowley, bevor ich wegging. Aber vier Jahre sind eine lange Zeit. Und ich habe mich ge�ndert. Nicht nur ich, auch du hast dich ge�ndert.�</p><p>�Nein, ich habe mich nicht ge�ndert. Ich bin hier geblieben, habe tagaus, tagein das gleiche Leben gef�hrt. Ein sch�nes, sicheres Leben ohne Gefahren, wie?�</p><p>Die Adern an seiner Stirn schwollen. Langsam stieg ihm das Blut ins Gesicht, und in seine Augen trat ein Ausdruck z�gellosen Zorns.</p><p>�Rowley � �</p><p>�Sei ruhig. Jetzt rede zur Abwechslung einmal ich. Ich bin um alles gekommen, was mir zugestanden h�tte. Ich habe nicht f�r mein Vaterland k�mpfen d�rfen; ich habe meinen besten Freund im Krieg verloren, und ich habe mein M�dchen, meine Braut, in der Uniform umherstolzieren sehen, w�hrend ich der T�lpel war, der auf seiner Scholle hockte und in dumpfer Ergebenheit seinen Acker pfl�gte. Mein Leben war die H�lle, Lynn. Und seit du zur�ck bist, ist es schlimmer als die H�lle, Lynn. Seit ich an jenem Abend bei Tante Kathie euch zwei beobachtet habe, David und dich, wie ihr euch angeschaut habt. Aber merk dir eins: Er soll dich nicht haben. Wenn ich dich nicht haben kann, soll niemand dich haben.�</p><p>�Rowley � �</p><p>Lynn hatte sich erhoben und ging langsam, Schritt um Schritt, r�ckw�rts zur T�r. Dieser Mann war nicht l�nger Rowley Cloade. Er war wie ein wildes Tier.</p><p>Rowley war neben ihr. Seine H�nde schlossen sich um ihre Kehle.</p><p>�Ich habe zwei Menschen ermordet�, klang es an ihr Ohr. �Glaubst du, ich werde davor zur�ckschrecken, einen dritten Mord auf mein Gewissen zu laden?�</p><p>Seine H�nde umschlossen ihre Kehle fester. Es flimmerte vor Lynns Augen, dann wurde alles schwarz, sie war dem Ersticken nahe�</p><p>Und da, pl�tzlich, hustete jemand leise. Ein kurzes, gek�nsteltes Husten.</p><p>In der T�r stand Hercule Poirot, ein um Entschuldigung bittendes L�cheln spielte um seine Lippen.</p><p>�Ich hoffe, ich st�re nicht?�, sagte er h�flich.</p><p>Einen Augenblick schien die Atmosph�re zum Zerrei�en gespannt. Dann sagte Rowley mit m�der Stimme:</p><p>�Sie sind im richtigen Augenblick gekommen. Es stand auf Messers Schneide.��</p></section><section><title><p><strong>33</strong></p></title><empty-line/><p>Hercule Poirot zog ein sauberes Taschentuch hervor, tr�nkte es mit kaltem Wasser und reichte es zusammen mit einer Sicherheitsnadel Lynn.</p><p>�Legen Sie sich das um den Hals, Mademoiselle. Es wird den Schmerz gleich lindern.�</p><p>Er geleitete sie behutsam zu einem Stuhl.</p><p>�Sie haben kochendes Wasser?�, fragte er dann Rowley, auf den dampfenden Kessel auf dem Herd deutend. �Ein starker Kaffee t�te gut.�</p><p>Mechanisch br�hte Rowley Kaffee auf.</p><p>�Ich glaube, Sie haben nicht begriffen�, sagte er dann langsam. �Ich habe versucht, Lynn zu erw�rgen.�</p><p>�Tz� tz� tz�<emphasis>�,</emphasis> machte Poirot, als sei er betr�bt dar�ber, Rowley bei einer Geschmacklosigkeit zu ertappen.</p><p>Stumm wartete er, bis Rowley mit den Tassen zum Tisch trat. Lynn nippte an ihrem Kaffee. Die W�rme tat gut. Der Schmerz lie� nach.</p><p>�Und nun k�nnen wir reden. Wenn ich das sage, meine ich: Ich werde reden.�</p><p>Hercule Poirot reckte sich zu voller H�he auf.</p><p>�Wie viel wissen Sie?�, fragte Rowley. �Wissen Sie, dass ich Charles Trenton get�tet habe?�</p><p>�Das ist mir seit einiger Zeit bekannt�, gab Poirot zu.</p><p>Die T�r wurde aufgerissen. David Hunter st�rzte in die K�che. Beim Anblick der drei Menschen blieb er abrupt stehen und sah verdutzt von einem zum andern.</p><p>�Was ist mit deinem Hals los, Lynn?�</p><p>�Noch eine Tasse�, befahl Hercule Poirot.<emphasis>:</emphasis></p><p>Rowley reichte ihm eine. Poirot nahm sie, schenkte Kaffee ein und dr�ckte sie dann dem fassungslosen David in die Hand.</p><p>�Setzen Sie sich. Wir werden jetzt gemeinsam Kaffee trinken, und Sie drei werden zuh�ren, wie Hercule Poirot Ihnen einen Vortrag �ber Verbrechen h�lt.</p><p>Ich will von den Cloades sprechen. Es ist nur einer von ihnen anwesend, also brauche ich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Die Cloades hatten nie die M�glichkeit, sich �ber ihre eigene St�rke oder Schw�che klar zu werden. Bis zu dem Tag, da sie pl�tzlich auf sich selbst gestellt waren. �ber Nacht zwang das Schicksal sie, mit ihren Schwierigkeiten allein fertig zu werden. Ohne auch nur im geringsten darauf vorbereitet zu sein, befanden sie sich in einer unsicheren Situation. Zwischen sie und ihr gewohntes, sicheres Leben, garantiert durch Gordon Cloades gro�es Verm�gen, war Rosaleen Cloade getreten. Rosaleen Cloade war an allem schuld. Rosaleen Cloade war der Schl�ssel zu allen Schwierigkeiten, und ich bin �berzeugt, dass jeder Einzelne von den Cloades einmal den Gedanken hegte: �Wenn Rosaleen doch tot w�re���</p><p>Ein Schauer �berlief Lynn.</p><p>�Haben Sie daran gedacht, Rosaleen Cloade zu t�ten?�, fragte Poirot Rowley, ohne den Ton der Stimme zu ver�ndern.</p><p>�Ja�, gab Rowley leise zu. �An dem Tag, als sie mich hier auf der Farm besuchte. Es ging mir durch den Kopf, dass ich sie leicht t�ten, k�nnte. Ja, der Gedanke kam mir, als ich ihr mit ihrem Feuerzeug Feuer gab f�r ihre Zigarette.�</p><p>�Sie verga� das Feuerzeug hier, nehme ich an.�</p><p>Rowley nickte. �Ich wei� selbst nicht, wieso ich den Gedanken nicht in die Tat umsetzte�, sagte er nachdenklich.</p><p>�Es war nicht die Art Verbrechen, zu der Sie f�hig sind. Das ist die Antwort�, entgegnete Poirot. �Den Mann, den Sie ermordeten, t�teten Sie in einem Anfall blinder Wut, und Sie hatten nicht die Absicht, ihn zu t�ten.�</p><p>�Mein Gott, woher wissen Sie das?�</p><p>�Ich glaube, ich habe Ihre Handlungen ziemlich genau rekonstruiert. Unterbrechen Sie mich, wenn ich mich irre. Nachdem Beatrice Lippincott Ihnen von dem belauschten Gespr�ch erz�hlt hatte, gingen Sie zu Ihrem Onkel Jeremy Cloade. Sie wollten seinen fachm�nnischen Rat. Aber Sie �nderten Ihren Plan, ihn zu Rate zu ziehen. Sie erblickten eine Fotografie. Das gab den Ausschlag.�</p><p>Rowley nickte.</p><p>�Ja, das Bild stand auf dem Schreibtisch. Die �hnlichkeit fiel mir auf. Und ich begriff, warum mir das Gesicht des Fremden so bekannt vorgekommen war. Ich begriff auch, dass Jeremy und Frances ein dunkles Spiel mit ihrem Verwandten trieben, um hinter dem R�cken der Familie Geld von Rosaleen zu erpressen. Ich sah rot vor Wut. Ich ging geradewegs in den �Hirschen� und sagte dem Burschen auf den Kopf zu, er sei ein Schwindler. Er gab es lachend zu und trumpfte auf, dass er David Hunter richtig habe einsch�chtern k�nnen. Er k�me noch am gleichen Abend, um ihm das Geld zu bringen. Meine eigene Familie hinterging mich. Ich wusste nicht mehr, was ich tat. Er sei ein Schwein, warf ich Trenton an den Kopf und versetzte ihm einen Kinnhaken. Er sackte zusammen und fiel mit dem Hinterkopf auf das Kamingitter. Ich konnte es �berhaupt nicht fassen, als ich erkannte, dass er tot war.�</p><p>Poirot nickte.</p><p>�Und dann?�</p><p>�Das Feuerzeug gab den Ausschlag. Es fiel mir aus der Tasche, als ich mich �ber den Toten beugte, und ich sah die Initialen. D. H. Es war Davids Feuerzeug, nicht Rosaleens. Ich zog den Toten in die Mitte des Zimmers und drehte ihn um, dass er mit dem Gesicht nach unten lag. Dann nahm ich die Feuerzange � die Einzelheiten erspare ich mir lieber. Als ich es hinter mir hatte, r�ckte ich die Zeiger seiner Uhr auf zehn Minuten nach neun Uhr und dr�ckte das Glas ein. Dann nahm ich dem Toten die Lebensmittelkarte und alle Papiere aus der Tasche und machte mich aus dem Staube. Mit Beatrices Geschichte von dem Gespr�ch zwischen dem Fremden und David Hunter, dachte ich, w�rde sich der Verdacht nur gegen David richten.�</p><p>�Danke�, warf David trocken ein.</p><p>�Und dann spielten Sie eine kleine Kom�die mit mir�, nahm Poirot den Faden des Gespr�chs wieder auf. �Sie kamen zu mir und forderten mich auf, einen Zeugen zu suchen, der Robert Underhay gekannt hat. Sie hatten � wie alle Cloades � l�ngst von der Geschichte geh�rt, die Major Porter seinerzeit im Club zum Besten gegeben hatte und deren Zeuge Ihr Onkel Jeremy geworden war. Sie wussten, ich w�rde mich an Major Porter wenden. Und mit Major Porter hatten Sie bereits eine Unterredung unter vier Augen gehabt. In aller Heimlichkeit nat�rlich. Aber der Major verriet sich, und ich h�tte sofort darauf kommen m�ssen. Er bot mir eine Zigarette an, als wir ihn gemeinsam aufsuchten, und sagte zu Ihnen: �Sie rauchen ja nicht.� Dabei hatten Sie beide so getan, als h�tten Sie sich eben erst kennen gelernt.� Poirot l�chelte grimmig. �Aber wie dem auch sei, der Major bekam es mit der Angst zu tun und k�ndigte das Abkommen.�</p><p>�Er schrieb mir, er k�nne es doch nicht tun�, gestand Rowley. �Er schrieb, er w�rde sich eher erschie�en als einen Meineid leisten, wo es um Mord ging. H�tte er nur gewartet. Ich h�tte ihm klargemacht, dass wir zu weit gegangen waren, um noch umkehren zu k�nnen. Ich suchte ihn auf, aber ich kam zu sp�t. Es war furchtbar. Mir war zumute, als sei ich nun zum zweifachen M�rder geworden. Wenn er doch nur gewartet h�tte��</p><p>Rowleys Stimme erstarb.</p><p>�Er hinterlie� einen Brief?�, fragte Poirot. �Haben Sie ihn an sich genommen?�</p><p>�Ja. Das Schreiben war an den Staatsanwalt gerichtet. Major Porter berichtigte darin seine Aussage und bezichtigte sich selbst des Meineids. Der Tote sei nicht Robert Underhay. Ich habe den Brief zerrissen und weggeworfen.�</p><p>Er holte tief Atem.</p><p>�Ich wollte Geld, um Lynn heiraten zu k�nnen. Ich wollte Hunter aus dem Weg schaffen. Und dann � ich verstand nichts mehr � wurde die Anklage gegen ihn pl�tzlich fallen gelassen, und es war von einer Frau die Rede.�</p><p>�Es war keine Frau�, erkl�rte Poirot n�chtern.</p><p>�Aber die alte Dame im �Hirschen�, Monsieur Poirot�, warf Lynn mit heiserer Stimme ein. �Sie hat sie doch mit eigenen Augen gesehen.�</p><p>�Die alte Dame sah eine Gestalt in Hosen, mit einem orangenen Schal um den Kopf und einem stark geschminkten Gesicht, ein �Frauenzimmer� eben. Und sie h�rte eine M�nnerstimme in Nummer 5 sagen: �Mach, dass du wegkommst.� <emphasis>Eh bien,</emphasis> sie sah einen Mann und sie h�rte einen Mann. Die Idee war genial, Mr Hunter.�</p><p>Poirot wandte sich mit einer kleinen Verbeugung David Hunter zu.</p><p>�Was meinen Sie damit?�, fragte David argw�hnisch.</p><p>�Nun werde ich Ihre Geschichte erz�hlen�, fuhr Poirot fort. �Sie kommen so gegen neun Uhr zum �Hirschen�, nicht um zu morden, sondern um zu zahlen. Und Sie finden den Mann, der Sie erpresst hatte, tot auf dem Boden liegend vor. Sie haben eine schnelle Auffassungsgabe, Mr Hunter, und Sie sind sich sofort im Klaren dar�ber, dass Sie sich in gro�er Gefahr befinden. Niemand hat Sie den �Hirschen� betreten sehen. Die einzige M�glichkeit f�r Sie ist, so schnell wie m�glich den Tatort zu verlassen, den 9-Uhr20-Zug nach London zu erwischen und zu beschw�ren, dass Sie nicht in Warmsley Vale waren an diesem Nachmittag. Um den Zug noch zu erwischen, m�ssen Sie querfeldein laufen. Sie treffen unerwartet Miss Marchmont, und Sie machen sich klar, als Sie den Rauch der Lokomotive im Tal sehen, dass Sie den Zug nicht mehr erreichen werden. Sie erz�hlen Miss Marchmont, es sei erst neun Uhr f�nfzehn, was sie Ihnen glaubt. Sie gehen zur�ck nach Furrowbank, kramen in den Sachen Ihrer Schwester, schlingen sich einen orangenen Schal um den Kopf, ben�tzen die Schminke Mrs Cloades und kehren zur�ck in den �Hirschen�, wo Sie sorgsam darauf achten, von der alten Dame gesehen zu werden. Wie die alte Dame die Treppe hinaufsteigt, kommen Sie aus dem Zimmer Nummer 5, kehren nochmals um und sagen: �Mach, dass du wegkommst� oder so etwas �hnliches. Nat�rlich denkt die alte Dame, der Bewohner des Zimmers habe diese Worte gesprochen.�</p><p>�Ist das wahr, David?�, fragte Lynn ungl�ubig.</p><p>David grinste.</p><p>�Und ich habe eine gute Vorstellung als Damenimitator gegeben. Du h�ttest das Gesicht dieses alten Drachen sehen sollen.�</p><p>�Aber wie konntest du um zehn Uhr hier sein und mich um elf Uhr von London aus anrufen?�, forschte Lynn weiter.</p><p>�Das war sehr einfach�, erkl�rte Poirot. �Mr Hunter rief von der �ffentlichen Telefonzelle aus seine Schwester in London an und gab ihr genaue Anweisungen. Kurz nach elf Uhr verlangte Mrs Cloade eine Fernverbindung mit Warmsley Vale. Als die Verbindung hergestellt war, sagte das Fr�ulein von der Zentrale vermutlich �London ist da� oder �Sie k�nnen sprechen�, woraufhin Mrs Cloade den H�rer wieder auflegte. Mr Hunter achtete genau auf die Zeit und rief Miss Marchmont wenige Minuten sp�ter an. Er brauchte nur in das Telefon mit verstellter Stimme zu sagen: �Sie werden aus London verlangt�, das gen�gte, um ein Ferngespr�ch vorzut�uschen. Eine Unterbrechung von ein oder zwei Minuten in einem Ferngespr�ch ist heutzutage nichts Auff�lliges.�</p><p>�Deinem Alibi zuliebe hast du mich also angerufen, David�, sagte Lynn. Ihr Ton war ruhig, aber es schwang etwas darin mit, was David veranlasste, Lynn pr�fend anzusehen.</p><p>Mit einer Geb�rde der Resignation wandte er sich dann Poirot zu: �Sie haben Recht. Ich lief f�nf Meilen bis Dasleby und fuhr mit dem Milchzug am Morgen nach London. Beim Morgengrauen schlich ich mich in unsere Wohnung und kam gerade noch rechtzeitig, um das Bett zu zerw�hlen und mit Rosaleen Kaffee zu trinken.�</p><p>�Die gro�e Schwierigkeit lag in der Frage des Motivs�, fuhr Poirot in seinem Bericht fort. �Sie hatten ein Motiv, Arden zu t�ten, jeder der Cloades hatte ein Motiv, Rosaleen Cloade zu t�ten.�</p><p>�Sie wurde also ermordet? Es war kein Selbstmord?�, fragte David scharf.</p><p>�Nein, es war Mord. Und Sie haben sie ermordet, Mr Hunter.�</p><p>�Ich?�, fuhr David auf. �Wieso sollte ich meine eigene Schwester ermorden?�</p><p>�Weil sie nicht Ihre Schwester war. Ihre Schwester kam bei dem gleichen Bombenangriff um wie ihr Mann Gordon Cloade. Es gab nur zwei �berlebende damals. Sie und das Stubenm�dchen namens Eileen Corrigan. Ich erhielt heute ihr Bild aus Irland.�</p><p>Er hielt dem jungen Mann eine Fotografie hin. David ergriff sie, sprang auf und war zur T�r hinaus, bevor einer der Anwesenden recht begriffen hatte, worum es ging.</p><p>�Das kann nicht wahr sein!�, rief Lynn aus.</p><p>�Leider ist es wahr. David Hunter dr�ngte das Stubenm�dchen, die Rolle seiner Schwester zu spielen, um so das Cloadesche Verm�gen f�r sich zu retten. Kein Zweifel, dass er ihr schon vorher den Kopf verdreht hatte und �berzeugt war, sie zu der Kom�die �berreden zu k�nnen. Er verstand es, mit Frauen umzugehen.�</p><p>Poirot machte diese Feststellung sachlich und vermied es, Lynn anzusehen.</p><p>�Doch als die Geschichte eine unerwartete Wendung nahm und der Brief des Erpressers kam, wurde Eileen-Rosaleen von Angst gepackt. David schickte Eileen-Rosaleen nach London, als der Fremde auftauchte, weil er nicht riskieren konnte, dass der richtige Underhay die falsche Rosaleen zu Gesicht bekam. Und wie die Situation am schwierigsten wird, beginnt auch das M�dchen durch seine Gewissensbisse gef�hrlich zu werden. Sie zeigt alle Anzeichen eines Nervenzusammenbruchs. Wer wei�, was daraus werden wird. Au�erdem st�ren ihn ihre Liebesbezeugungen, denn er hat sich inzwischen in Miss Marchmont verliebt. So sieht er als Ausweg nur Eileens Tod. Und er schmuggelt Morphium zwischen die Schlafpulver, die sie auf sein Gehei� allabendlich nimmt. Der Verdacht wird nicht auf ihn fallen, da der Tod seiner Schwester ja den Verlust des Cloadeschen Verm�gens f�r ihn bedeutet. Mangel an Motiv, das war sein Trumpf. Ich habe von Anfang an erkl�rt, dass das Muster dieses Falles nicht stimmt.�</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet, und Inspektor Spence trat ein.</p><p>�Wir haben ihn�, sagte er gem�tlich. �Alles in Ordnung.��</p></section><section><title><p><strong>34 </strong></p></title><p>An einem Sonntagmorgen klopfte es an Rowleys T�r. Er �ffnete und sah sich Lynn gegen�ber.</p><p>�Lynn!�</p><p>�Darf ich hereinkommen, Rowley?�</p><p>Rowley trat etwas zur�ck, und Lynn ging an ihm vorbei in die K�che. Langsam nahm sie ihren Hut ab und setzte sich.</p><p>�Ich bin heimgekommen, Rowley.�</p><p>�Was willst du damit sagen?�</p><p>�Ich bin heimgekommen. Dies ist mein Heim, hier, wo du bist. Ich war eine N�rrin, Rowley. Ich geh�re zu dir.�</p><p>�Du wei�t nicht, was du sagst, Lynn�, entgegnete Rowley heiser. �Ich habe versucht, dich umzubringen.�</p><p>Lynn l�chelte.</p><p>�Gerade weil du das tatest, kam mir zu Bewusstsein, was f�r ein dummes Ding ich gewesen war. Ich habe doch immer nur dich haben wollen, Rowley. Aber dann brachte der Krieg uns auseinander, und du erschienst mir so zahm, so langweilig. Ich hatte Angst vor dem eint�nigen Leben. Aber als du sagtest, wenn du mich nicht haben k�nntest, d�rfte auch niemand sonst mich haben, da wurde mir klar, dass ich dich und nur dich liebte.�</p><p>�Es hat keinen Sinn, Lynn. Du kannst keinen Mann heiraten, der, wenn�s gut geht, ins Gef�ngnis wandert.�</p><p>�Dazu wird es nicht kommen. Die Polizei glaubt, dass Hunter sowohl Arden wie Rosaleen ermordet hat. Aber nach englischem Gesetz kann man nicht zweimal des gleichen Verbrechens angeklagt werden. Sie haben ihn wegen des Mordes an Arden freigelassen. F�r ihn �ndert sich nichts. Doch solange die Beh�rden glauben, dass David der T�ter ist, suchen sie nach keinem anderen.�</p><p>�Aber dieser Hercule Poirot wei� es doch��</p><p>�Er sagte dem Inspektor, es sei ein Unfall und kein Mord gewesen, und der Inspektor lachte nur. Nein, Monsieur Poirot wird niemandem etwas sagen, daf�r lege ich meine Hand ins Feuer. Er ist ein � �</p><p>�Nein�, unterbrach Rowley sie. �Du darfst mich nicht heiraten, es w�re nicht sicher � �</p><p>�M�glich�� Lynn l�chelte. �Aber ich liebe dich nun einmal, Rowley, und au�erdem habe ich mir nie sehr viel aus Sicherheit gemacht.�</p></section></body><binary id="cover" 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