<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_espionage</genre><author><first-name>Ian</first-name><last-name>Fleming</last-name></author><book-title>Casino Royale</book-title><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="James Bond 007"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-04-26">26.4.2013</date><id>21378158-003F-42DA-A171-A6AFE1A91A35</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2012</year></publish-info></description><body><section><empty-line/></section><section><empty-line/><p><strong>JAMES BOND</strong></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>CASINO ROYALE</strong></p><p><strong>von</strong></p><p><strong>IAN FLEMING</strong></p><empty-line/><p><strong>Ins Deutsche �bertragen</strong></p><empty-line/><p><strong>von Stephanie Pannen und Anika Kl�ver</strong></p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#2"/></p><p><strong>Die deutsche Ausgabe von JAMES BOND � CASINO ROYALE</strong></p><empty-line/><p><strong>wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Stra�e 72, 71634 Ludwigsburg</strong>.</p><p><strong>Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,</strong></p><empty-line/><p><strong>�bersetzung: Stephanie Pannen und Anika Kl�ver;</strong></p><empty-line/><p><strong>verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;</strong></p><empty-line/><p><strong>Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell;</strong></p><empty-line/><p><strong>Satz: Rowan R�ster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Michael Gillette</strong>.</p><p><strong>Printausgabe gedruckt von CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.</strong></p><empty-line/><p><strong>Printed in the Czech Republic</strong>.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Titel der Originalausgabe: JAMES BOND � CASINO ROYALE</strong></p><p><strong>German translation copyright � 2012, by Amigo Grafik GbR</strong>.</p><p><strong>Copyright � Ian Fleming Publications Limited 1953</strong></p><empty-line/><p><strong>The moral rights of the author have been asserted.</strong></p><empty-line/><p><strong>Die Pers�nlichkeitsrechte des Autors wurden gewahrt</strong>.</p><p><strong>JAMES BOND and 007 are registered trademarks of Danjaq LLC,</strong></p><empty-line/><p><strong>used under license by Ian Fleming Publications Limited. All Rights Reseved</strong>.</p><p><strong>Print ISBN 978-3-86425-070-5 (September 2012)</strong></p><empty-line/><p><strong>E-Book ISBN 978-3-86425-071-2 (September 2012)</strong></p><p><strong>WWW.CROSS-CULT.DE � WWW.IANFLEMING.COM</strong></p></section><section><empty-line/><p><image l:href="#3"/></p><p>Foto � Hulton-Deutsch Collection/CORBIS</p><p><strong>IAN LANCASTER FLEMING</strong> wurde am 28. Mai 1908 in London geboren und ging vor seinem Sprachstudium in Europa auf das Eton Elite-College. Seinen ersten Job hatte er bei der Nachrichtenagentur Reuters. Danach verdingte er sich kurzzeitig als B�rsenmakler. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er zum Assistenten des Direktors der Marineaufkl�rung, Admiral Godfrey, ernannt und spielte eine zentrale Rolle bei britischen und alliierten Spionage-Operationen.</p><p>Nach dem Krieg heuerte er bei Kemsley Newspaper als Auslandsbeauftragter f�r die <emphasis>Sunday Times</emphasis> an, die sich intensiv mit dem Kalten Krieg auseinandersetzte. Sein erster Roman �Casino Royale� wurde 1953 publiziert und stellte der Welt erstmals James Bond, Agent 007, vor. Die erste Auflage war innerhalb eines Monats ausverkauft. Nach diesem Erfolg ver�ffentlichte er bis zu seinem Tod j�hrlich einen Bond-Titel. Raymond Chandler pries ihn als �den eindringlichsten und energischsten Thriller-Autor Englands�. Der f�nfte Roman �Liebesgr��e aus Moskau� wurde besonders gut aufgenommen und der Verkauf boomte, als Pr�sident Kennedy ihn als eines seiner Lieblingsb�cher bezeichnete. Die Bond-Romane haben sich �ber 100 Millionen Mal verkauft und waren Inspiration f�r das immens erfolgreiche Film-Franchise, das 1962 mit dem Start von �Dr. No� und Sean Connery in der Hauptrolle als 007 begann.</p><p>Die Bond-B�cher schrieb Fleming auf Jamaika, ein Land, in das er sich w�hrend des Krieges verliebt hatte und wo er sich ein Haus � �Goldeneye� genannt � baute. 1952 heiratete er Anne Rothermere. Seine Geschichte �ber ein magisches Auto, die er 1961 f�r sein einziges Kind Caspar schrieb, wurde zum vielgeliebten Buch und Film �Tschitti Tschitti B�ng B�ng�. Fleming starb am 12. August 1964 an Herzversagen.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#4"/></p><p><strong>DER GEHEIMAGENT</strong></p><p>Der Gestank nach Rauch und Schwei� ist in einem Casino um drei Uhr morgens �u�erst widerlich. An diesem Punkt wird die durchs Spielen vorangetriebene Mischung aus Gier, Angst und nerv�ser Anspannung unertr�glich, und die Sinne rebellieren dagegen.</p><p>James Bond merkte pl�tzlich, dass er �bern�chtigt war. Er wusste immer, wenn sein K�rper oder Geist genug hatte, und er handelte stets nach diesem Wissen. Es half ihm, die Ersch�pfung und Stumpfheit zu umgehen, die zu Fehlern f�hrten.</p><p>Unauff�llig entfernte er sich vom Roulettetisch, an dem er gespielt hatte, und stellte sich f�r einen Moment an das Messinggel�nder, das den Haupttisch im <emphasis>salle priv�e</emphasis> in Brusth�he umgab.</p><p>Le Chiffre spielte noch immer und gewann offensichtlich auch noch immer. Vor ihm stapelte sich ein ungeordneter Haufen Hunderttausender-Jetons. Im Schatten seines breiten linken Arms versteckte sich ein diskreter Stapel gro�er gelber Jetons, von denen jeder eine halbe Million Franc wert war.</p><p>Bond betrachtete das beeindruckende Profil eine Weile lang, dann zuckte er mit den Schultern und ging weiter.</p><p>Die Trennwand, die die <emphasis>caisse</emphasis> umgab, war kinnhoch, und der <emphasis>caissier</emphasis> sa� auf einem Hocker und z�hlte seine Stapel aus Geldscheinen und Jetons. Im Allgemeinen hatte der <emphasis>caissier</emphasis> zum Schutz einen Totschl�ger und eine Pistole bei sich. �ber die Trennwand zu springen, Bargeld an sich zu rei�en und das Casino durch die G�nge und T�ren zu verlassen, war also unm�glich. Und die <emphasis>caissiers</emphasis> arbeiteten normalerweise auch zu zweit.</p><p>Bond dachte �ber das Problem nach, w�hrend er zuerst das B�ndel mit den Hunderttausend- und dann das B�ndel mit den Zehntausend-Franc-Noten abholte. Gleichzeitig stellte er sich die morgendliche Besprechung des Casinokomitees vor.</p><p>�Monsieur Le Chiffre hat zwei Millionen gemacht. Er hat sein �bliches Spiel gespielt. Miss Fairchild hat innerhalb einer Stunde eine Million gewonnen und ist dann gegangen. Sie hat drei Bancos von Monsieur Le Chiffre angenommen und mit einer gewissen N�chternheit gespielt. Monsieur le Vicomte de Villorin hat beim Roulette eins Komma zwei Millionen gemacht. Er hat auf das erste und letzte Dutzend den H�chstbetrag gesetzt. Er hatte Gl�ck. Dann hat Mister Bond, der Engl�nder, seine Gewinne innerhalb der letzten zwei Tage auf genau drei Millionen erh�ht. Er hat an Tisch f�nf ein progressives System auf Rot gespielt. Duclos, der <emphasis>chef de partie</emphasis>, kennt die weiteren Einzelheiten. Er ist anscheinend sehr beharrlich und spielt jeweils die H�chstsummen. Er hat Gl�ck und scheint gute Nerven zu haben. Insgesamt hat das Chemin de fer Gewinn x gemacht, das Baccara Gewinn y und das Roulette Gewinn z. Das Boule, das mal wieder sehr schlecht frequentiert wurde, hat seine Kosten dennoch wieder reingeholt.�</p><p>�<emphasis>Merci, Monsieur Xavier</emphasis>.�</p><p>�<emphasis>Merci, Monsieur le President</emphasis>.�</p><p>Oder so �hnlich, dachte Bond, w�hrend er sich seinen Weg durch die Schwingt�ren des <emphasis>salle priv�e</emphasis> bahnte und dem gelangweilten Mann in Abendgarderobe zunickte, dessen Aufgabe es war, das Kommen und Gehen zu verfolgen. Dabei hatte er den Fu� auf einem Schalter, mit dem er die T�ren beim kleinsten Hinweis auf �rger verschlie�en konnte.</p><p>Und das Casinokomitee w�rde seinen Gesch�ftsabschluss machen und zum Mittagessen nach Hause oder in ein Caf� gehen.</p><p>Was das Ausrauben der <emphasis>caisse</emphasis> anging, woran Bond nicht pers�nlich, sondern nur allgemein interessiert war, so �berlegte er, dass es zehn guter M�nner bed�rfte, die mit ziemlicher Sicherheit ein oder zwei Mitarbeiter w�rden t�ten m�ssen. Und dass man wahrscheinlich in ganz Frankreich oder sonst wo keine zehn verschwiegenen M�nner daf�r finden w�rde.</p><p>Nachdem er der Garderobiere tausend Franc als Trinkgeld gegeben hatte und die Stufen des Casinos hinabgestiegen war, entschied Bond, dass Le Chiffre unter keinen Umst�nden versuchen w�rde, die <emphasis>caisse</emphasis> auszurauben, und schlug sich den Gedanken aus dem Kopf. Stattdessen erforschte er seine gegenw�rtigen k�rperlichen Empfindungen. Er nahm den unangenehm harten Kies unter seinen Abendschuhen, einen schlechten Geschmack im Mund und ein wenig Schwei� unter seinen Achseln wahr. Er konnte sp�ren, wie seine Augen schwer in ihren H�hlen lagen. Seine Nase war leicht verstopft. Tief atmete er die s��e Nachtluft ein und konzentrierte seine Sinne und seinen Verstand. Er wollte wissen, ob jemand sein Zimmer durchsucht hatte, seit er es zum Abendessen verlassen hatte.</p><p>Er ging �ber den breiten Boulevard und durch die G�rten zum H�tel Splendide. Er l�chelte dem Concierge zu, der ihm seinen Schl�ssel gab � Nr. 45 im ersten Stock �, und nahm ein Telegramm entgegen.</p><p>Es war aus Jamaika und darin stand:</p><empty-line/><p>KINGSTONJA XXXX XXXXXX XXXX XXX BOND SPLENDIDE ROYALE-LES-EAUX SEINE INFERIEURE HAVANA ZIGARRENPRODUKTION ALLE KUBANISCHEN FABRIKEN 1915 ZEHN MILLIONEN WIEDERHOLE ZEHN MILLIONEN STOPP HOFFE DIES IST DIE BEN�TIGTE ZAHL</p><p>GR�SSE DASILVA</p><empty-line/><p>Das bedeutete, dass die zehn Millionen Franc zu ihm unterwegs waren. Es war die Antwort auf eine Forderung nach weiteren Mitteln, die Bond gestern Nachmittag �ber Paris an sein Hauptquartier in London geschickt hatte. Paris hatte mit London gesprochen, wo Clements, Bonds Abteilungsleiter, wiederum mit M gesprochen hatte. Dieser hatte nur gel�chelt und den �Mittelsmann� angewiesen, das mit dem Schatzamt zu kl�ren.</p><p>Bond hatte mal auf Jamaika gearbeitet, und seine Tarnung bei seinem jetzigen Royale-Auftrag war die eines sehr reichen Klienten von Messrs Chaffery, Jamaikas gr��ter Import-Export-Firma. Also erhielt er seine Anweisungen von Jamaika, von einem wortkargen Mann, der Leiter der Fotoredaktion beim <emphasis>Daily Gleaner</emphasis> war, der ber�hmten karibischen Zeitung.</p><p>Dieser Mann beim <emphasis>Gleaner</emphasis>, dessen Name Fawcett lautete, war fr�her Buchhalter bei einer der f�hrenden Schildkr�tenfischereien auf den Kaimaninseln gewesen. Er hatte sich bei Kriegsausbruch freiwillig gemeldet und war bei Kriegsende in der Position eines Zahlmeisterassistenten in einer kleinen Geheimdienstorganisation der Marine auf Malta gelandet. Als er dann schweren Herzens wieder auf die Kaimaninseln zur�ckgekehrt war, hatte er die Aufmerksamkeit der Karibikabteilung des Secret Service auf sich gezogen. Er war gr�ndlich in Fotografie und einigen anderen K�nsten ausgebildet worden und mit der stillschweigenden Duldung eines einflussreichen Mannes auf Jamaika schlie�lich in der Fotoredaktion des <emphasis>Gleaners</emphasis> gelandet.</p><p>W�hrend er also Fotografien durchging, die von den gro�en Agenturen eingereicht wurden � Keystone, Wide-World, Universal, INP und Reuters �, bekam er per Telefon ab und zu Instruktionen von einem Mann, den er nie getroffen hatte, um gewisse simple Eins�tze auszuf�hren, die nichts weiter erforderten als absolute Diskretion, Schnelligkeit und Sorgfalt. F�r diese gelegentlichen Dienste erhielt er pro Monat zwanzig Pfund, die von einem fiktiven Verwandten in England auf sein Konto bei der Royal Bank of Canada eingezahlt wurden.</p><p>Fawcetts derzeitiger Auftrag bestand darin, Bond den Text von Botschaften weiterzuleiten, die er selbst von seinem anonymen Kontakt �bers Telefon erhalten hatte. Dieser Kontakt hatte ihm versichert, dass nichts, worum er bitten w�rde, das Misstrauen der jamaikanischen Post auf sich ziehen w�rde. Also war er nicht weiter �berrascht, als er sich pl�tzlich in einer Korrespondenz mit der �Maritime Press and Photo Agency� mit Zweigstellen in Frankreich und England wiederfand und daf�r ein zus�tzliches Honorar von zehn Pfund im Monat bekam.</p><p>Er f�hlte sich sicher und ermutigt, tr�umte von einer British-Empire-Medaille und leistete die erste Anzahlung auf einen Morris Minor. Au�erdem kaufte er sich eine gr�ne Schirmm�tze, die er sich schon lange hatte zulegen wollen und die ihm dabei helfen sollte, in der Fotoredaktion Eindruck zu schinden.</p><p>Ein Teil dieser Hintergrundgeschichte schoss Bond durch den Kopf, w�hrend er das Telegramm in den H�nden hielt. Er war an diese indirekte Kontrolle gew�hnt und mochte sie. Sie verschaffte ihm das Gef�hl, ein wenig verh�tschelt zu werden, und ersparte ihm die Kommunikation mit M. Er wusste, dass dies wahrscheinlich ein Trugschluss war und dass es in Royale-les-Eaux vermutlich einen weiteren Agenten gab, der unabh�ngig berichtete, aber so gab er sich der Illusion hin, mehr als die tats�chlichen zweihundertvierzig Kilometer �ber den Kanal von diesem k�hlen Geb�ude in der N�he vom Regent�s Park entfernt zu sein, von dem aus ihn diese paar gleichg�ltigen Gehirne, die die ganze Show am Laufen hielten, beobachteten und beurteilten. Genau wie Fawcett, der Kaimaninsulaner in Kingston, wusste, dass jemand aus London von der Sache erfahren und wissen wollen w�rde, woher das Geld gekommen war, wenn er sich den Morris Minor direkt gekauft h�tte, statt den Ratenvertrag zu unterschreiben.</p><p>Bond las sich das Telegramm ein zweites Mal durch. Dann riss er einen Telegrammvordruck vom Block an der Rezeption (wieso sollte er ihnen einen Durchschlag geben?) und schrieb seine Antwort in Gro�buchstaben:</p><empty-line/><p>DANKE INFORMATION SOLLTE GEN�GEN</p><p>-BOND</p><empty-line/><p>Diese Nachricht �bergab er dem Concierge und steckte das von �Dasilva� unterzeichnete Telegramm in seine Tasche. Die Angestellten des Concierge (wenn er denn welche hatte), mochten den Beamten im Postamt f�r eine Kopie bestochen haben, sofern der Concierge den Umschlag nicht bereits �ber Dampf gehalten oder das Telegramm in Bonds H�nden �ber Kopf mitgelesen hatte.</p><p>Er nahm seinen Schl�ssel und w�nschte eine gute Nacht. Auf den fragenden Blick des Fahrstuhlf�hrers hin sch�ttelte er den Kopf und nahm die Treppe. Bond wusste, was f�r ein beliebtes Warnsignal der Aufzug sein konnte. Er erwartete zwar nicht, dass jemand im ersten Stock herumschlich, aber er war lieber vorsichtig.</p><p>W�hrend er leise die Stufen hinaufstieg, bedauerte er die Anma�ung in seiner Antwort an M via Jamaika. Als Spieler wusste er, dass es ein Fehler war, auf ein zu kleines Kapital zu vertrauen. Aber M w�rde ihm wahrscheinlich ohnehin nicht mehr bewilligen. Achselzuckend verlie� er das Treppenhaus und ging leise zu seiner Zimmert�r.</p><p>Bond wusste genau, wo der Schalter war, und so bedurfte es nur einer fl�ssigen Bewegung, um in der offenen T�r mit gez�ckter Waffe das Licht anzuschalten. Der sichere, leere Raum schien ihn zu verh�hnen. F�rs Erste ignorierte er den halboffenen Durchgang zum Badezimmer, zog stattdessen die T�r hinter sich zu und schloss ab. Er schaltete die Nachttischlampe und die Spiegelbeleuchtung an und warf seine Pistole auf das Sofa neben dem Fenster. Danach kniete er sich hin und sah nach einem seiner schwarzen Haare, das immer noch dort hing, wo er es am Rand der Schreibtischschublade eingeklemmt hatte.</p><p>Als N�chstes untersuchte er eine schwache Spur Talkumpuder auf dem Porzellangriff am Kleiderschrank. Auch sie schien unber�hrt zu sein. Er ging ins Badezimmer, hob den Deckel des Toilettensp�lkastens an und glich den Wasserstand mit einer kleinen Markierung am Schwimmerhahn ab.</p><p>Er kam sich bei der Kontrolle dieser kleinen Einbruchstests nicht albern vor. Er war ein Geheimagent und hatte es genau dieser Detailgenauigkeit zu verdanken, dass er noch am Leben war. Vorsichtsma�nahmen waren f�r ihn genauso sinnvoll wie f�r einen Tiefseetaucher, einen Testpiloten oder sonst jemanden, der sein Geld auf gef�hrliche Art und Weise verdiente.</p><p>Bond, der zufrieden feststellte, dass sein Zimmer w�hrend seines Abstechers ins Casino nicht durchsucht worden war, zog sich aus und nahm eine kalte Dusche. Dann z�ndete er seine siebzigste Zigarette an diesem Tag an und setzte sich mit dem dicken Geldb�ndel seines Wetteinsatzes und seines Gewinns an den Schreibtisch. Dort schrieb er ein paar Zahlen in ein kleines Notizbuch. In den vergangenen zwei Tagen hatte er genau drei Millionen Franc gewonnen. In London hatte man ihn mit zehn Millionen ausgestattet, und nun hatte er London um weitere zehn gebeten. Mit diesem Geld, das sich auf dem Weg zur �rtlichen Filiale der Cr�dit Lyonnais befand, belief sich sein Arbeitskapital auf dreiundzwanzig Millionen Franc oder etwa dreiundzwanzigtausend Pfund.</p><p>Bond sa� einen Moment lang reglos da und blickte aus dem Fenster auf das dunkle Meer. Dann schob er das B�ndel Geldscheine unter das Kissen des kunstvoll verzierten Einzelbetts, putzte sich die Z�hne, schaltete das Licht aus und schl�pfte erleichtert unter die �berm��ig gest�rkte Bettdecke. Zehn Minuten lag er auf der Seite und dachte �ber die Ereignisse des Tages nach. Schlie�lich drehte er sich herum und konzentrierte sich auf den Schlaf.</p><p>Er schob die Hand unter das Kissen, bis sie am Griff des .38 Colt Police Positive mit dem abges�gten Lauf lag. Dann schlief er ein, und ohne die W�rme und den Humor in seinen Augen verwandelte sich sein Gesicht in eine unbewegte Maske eiskalter Brutalit�t.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#5"/></p><p><strong>DOSSIER F�R M</strong></p><p>Zwei Wochen zuvor war dieses Memorandum von Station S des Secret Service an M gegangen, dem Leiter dieses Zweigs des britischen Verteidigungsministeriums:</p><empty-line/><p><emphasis>An:</emphasis> M.</p><p><emphasis>Von:</emphasis> Leiter von S.</p><p><emphasis>Betreff:</emphasis> Ein Projekt zur Ausschaltung von Monsieur Le Chiffre (alias �The Number�, �Heir Mummer�, �Herr Ziffer� usw.), einem der f�hrenden Agenten der Gegenseite in Frankreich und Zahlmeister des �Syndicat des Ouvriers d�Alsace�, der kommunistisch kontrollierten Gewerkschaft der Schwer- und Transportindustrie im Elsass, die, soweit wir wissen, eine wichtige f�nfte Kolonne f�r den Fall eines Krieges mit den Roten.</p><p><emphasis>Dokumente: Anhang A</emphasis> ist eine Biografie von Le Chiffre, zusammengestellt vom Archivleiter, <emphasis>Anhang B</emphasis> eine Anmerkung �ber SMERSCH.</p><p>Wir hegen seit einiger Zeit die Vermutung, dass Le Chiffre in Schwierigkeiten steckt. Er ist in fast jeder Hinsicht ein ausgezeichneter Agent der UdSSR, aber seine unappetitlichen k�rperlichen Gewohnheiten und Vorlieben sind eine Achillesferse, aus der wir ab und an einen Vorteil ziehen konnten. Und eine seiner Gespielinnen ist eine Eurasierin (Nr. 1860), die von Station F kontrolliert wird und vor Kurzem Einblick in seine Privatangelegenheiten erhielt.</p><p>Zusammengefasst scheint Le Chiffre am Rande einer finanziellen Krise zu stehen. 1860 bemerkte gewisse Hinweise � einige diskrete Schmuckverk�ufe, den Verkauf einer Villa in Antibes, und eine allgemeine Tendenz, den kostspieligen Lebensstil, der bis dahin immer eines seiner Markenzeichen gewesen war, zu m��igen. Mithilfe unserer Freunde vom Deuxi�me Bureau (mit dem wir zusammen an diesem Fall arbeiten) konnten weitere Untersuchungen angestellt werden, durch die eine seltsame Geschichte zutage getreten ist.</p><p>Im Januar 1946 erkaufte sich Le Chiffre die Kontrolle �ber eine als Cordon Jaune bekannte Bordellkette in der Normandie und der Bretagne. Er war dumm genug, f�r diesen Zweck etwa f�nfzig Millionen Franc des Geldes aufzuwenden, das ihm von Leningrad-Sektion III f�r die Finanzierung von SODA anvertraut worden war, der oben erw�hnten Gewerkschaft.</p><p>Normalerweise h�tte sich das Cordon Jaune als hervorragende Investition erwiesen. Und es ist m�glich, dass Le Chiffre st�rker von dem Wunsch getrieben war, den Gewerkschaftsfond zu vermehren, als von dem, seine eigene Tasche zu f�llen, indem er mit dem Geld seiner Arbeitgeber spekulierte. Er h�tte viel eintr�glichere Investitionen finden k�nnen als die Prostitution, wenn ihn nicht die Aussicht auf grenzenlosen Frauennachschub zu seinem pers�nlichen Gebrauch verf�hrt h�tte.</p><p>Doch das Schicksal bestrafte ihn mit erschreckender Schnelligkeit.</p><p>Kaum drei Monate sp�ter, am 13. April, wurde in Frankreich das Gesetz Nr. 46685 mit dem Titel <emphasis>Loi Tendant � la Fermeture des Maisons de Tol�rance et au Renforcement de la Lutte contre le Prox�nitisme</emphasis> verabschiedet.</p><empty-line/><p>Als M bei diesem Satz ankam, st�hnte er und dr�ckte auf einen Knopf des Haustelefons.</p><p>�Leiter von S?�</p><p>�Sir?�</p><p>�Was zur H�lle bedeutet dieses Wort?� Er buchstabierte es.</p><p>�Zuh�lterei.�</p><p>�Wir sind hier nicht in der Sprachschule. Wenn Sie schon mit Ihrem Wissen �ber ausl�ndische Zungenbrecher angeben wollen, seien Sie doch wenigstens so g�tig, eine �bersetzung mitzuliefern. Oder noch besser, schreiben Sie auf Englisch.�</p><p>�Entschuldigung, Sir.�</p><p>M lie� den Knopf los und wandte sich wieder dem Memorandum zu.</p><empty-line/><p>Dieses Gesetz, [las er], allgemein bekannt als �La Loi Marthe Richard�, das alle H�user von schlechtem Ruf schloss und den Verkauf pornografischer B�cher und Filme untersagte, entzog seiner Investition praktisch �ber Nacht die Grundlage, und pl�tzlich sah sich Le Chiffre mit einem ernsthaften Defizit seines Gewerkschaftskapitals konfrontiert. Verzweifelt wandelte er seine eigenen H�user in <emphasis>maisons de passe</emphasis> um, in denen heimliche Treffen an der Grenze zur Illegalit�t arrangiert werden konnten, und f�hrte ein, zwei <emphasis>cin�mas bleus</emphasis> im Untergrund weiter. Aber alle Versuche, seine Investition zu verkaufen, selbst mit gro�em Verlust, scheiterten kl�glich. W�hrenddessen war ihm die Police des Moeurs auf der Spur, und nach kurzer Zeit wurden zwanzig oder mehr seiner Einrichtungen wieder geschlossen.</p><p>Die Polizei sah diesen Mann nat�rlich nur als Bordellbesitzer, und erst als wir ein Interesse an seinen Finanzen bekundeten, kramte das Deuxi�me Bureau ein zweites Dossier �ber ihn hervor, das sich mit dem der Polizei deckte.</p><p>Uns und unseren franz�sischen Freunden wurde die Bedeutung der Situation bewusst, und in den vergangenen Monaten hat die Polizei eine gr�ndliche Suche nach den H�usern der Cordon Jaune durchgef�hrt. Mit dem Resultat, dass heute nichts mehr von Le Chiffres urspr�nglicher Investition �brig ist, und jede Routineuntersuchung des ihm anvertrauten Gewerkschaftsfonds das Fehlen von f�nfzig Millionen Franc enth�llen w�rde.</p><p>Leningrad scheint noch nicht misstrauisch geworden zu sein, aber zu Le Chiffres Pech ist es m�glich, dass ihm zumindest SMERSCH schon auf der Spur ist. Letzte Woche hat eine hochkar�tige Quelle von Station P berichtet, dass ein hoher Beamter dieser effizienten Organisation Warschau verlassen hat, um �ber Ostberlin nach Stra�burg zu reisen. Es gibt keine Best�tigung dieses Berichts, weder vom Deuxi�me Bureau noch von den Kollegen aus Stra�burg (die zuverl�ssig und gr�ndlich sind). Und es gibt auch aus Le Chiffres Hauptquartier, in das wir zus�tzlich zu 1860 noch einen Doppelagenten eingeschleust haben, keine Neuigkeiten.</p><p>Wenn Le Chiffre w�sste, dass ihm SMERSCH auf der Spur ist oder den leisesten Verdacht gegen ihn hegt, h�tte er keine andere Wahl, als Selbstmord zu begehen oder einen Fluchtversuch zu unternehmen. Seine derzeitigen Pl�ne deuten allerdings darauf hin, dass er zwar verzweifelt ist, jedoch noch nicht begreift, dass sein Leben in Gefahr ist. Es sind seine recht spektakul�ren Pl�ne, die uns auf eine Idee f�r eine Gegenoperation brachten, die wir am Ende dieses Memorandums vorstellen werden, auch wenn sie riskant und unkonventionell erscheinen mag.</p><p>Kurz gefasst, gehen wir davon aus, dass Le Chiffre plant, dem Beispiel vieler Verzweifelter zu folgen, die Geld veruntreut haben, und den fehlenden Betrag durch Gl�cksspiel zur�ckzugewinnen versucht. B�rsenspekulationen sind zu langsam, genau wie der illegale Handel mit Drogen oder teuren Medikamenten. Keine Rennbahn w�rde die Summen annehmen, die er einsetzen m�sste, und wenn doch, w�rde man ihn im Falle eines Gewinns wahrscheinlich eher t�ten, statt ihn auszuzahlen.</p><p>Auf jeden Fall wissen wir, dass er die letzten f�nfundzwanzig Millionen Franc aus der Kasse seiner Gewerkschaft entnommen und ab morgen in zwei Wochen f�r sieben Tage eine kleine Villa in der N�he von Royale-les-Eaux, gleich n�rdlich von Dieppe, gemietet hat.</p><p>Es wird erwartet, dass das Casino in Royale diesen Sommer die h�chsten Wetteins�tze sehen wird. Die Soci�t� des Bains de Mer de Royale hat in einem Versuch, den Gemeinden von Deauville und Le Touqeuet das gro�e Geld zu entrei�en, die Baccara- und zwei der Chemin-de-fer-Tische an das Mahomet-Ali-Syndikat vermietet, eine Gruppe emigrierter �gyptischer Banker und Gesch�ftsm�nner mit, so hei�t es, Zugriff auf gewisse k�nigliche Geldmittel. Diese versucht schon seit Jahren, die Profite von Zographos und seinen griechischen Gesch�ftspartnern zu drosseln, die sie aus ihrem Monopol der h�chsten franz�sischen Baccara-Banken erzielen.</p><p>Mithilfe diskreter Werbung wurde eine betr�chtliche Anzahl der gr��ten amerikanischen und europ�ischen Spieler dazu ermutigt, diesen Sommer nach Royale zu reisen, und es scheint m�glich, dass dieses altmodische Kaff dadurch zumindest teilweise zu seinem ehemaligen viktorianischen Ruhm zur�ckfindet.</p><p>Wir sind jedenfalls davon �berzeugt, dass Le Chiffre am oder ab dem 15. Juni versuchen wird, beim Baccara mit einem Arbeitskapital von f�nfundzwanzig Millionen Franc einen Profit von f�nfzig Millionen zu erzielen (und damit sein Leben zu retten).</p><p><emphasis>Vorgeschlagene Gegenoperation:</emphasis> Es w�re sehr im Interesse dieses Landes und dem der anderen Nationen der NATO, dass dieser einflussreiche sowjetische Agent blo�gestellt und zerst�rt und seine kommunistische Gewerkschaft in den Bankrott getrieben wird. Und dass diese potenzielle f�nfte Kolonne mit einer St�rke von 50.000 Mann, die im Falle eines Krieges einen gro�en Bereich von Frankreichs n�rdlicher Grenze kontrollieren k�nnte, ihren Zusammenhalt verliert. All dies w�re die Folge, wenn Le Chiffre am Spieltisch geschlagen werden k�nnte. (Anm.: Ein Attentat ist zwecklos. Leningrad w�rde seine Unterschlagung schnell vertuschen und ihn zu einem M�rtyrer machen.)</p><p>Wir empfehlen daher, dass der beste Spieler, der dem Geheimdienst zur Verf�gung steht, mit den notwendigen Mitteln ausgestattet wird, um zu versuchen, diesen Mann am Spieltisch zu schlagen.</p><p>Die Risiken sind offensichtlich und das finanzielle Verlustpotenzial f�r den Secret Service enorm, aber andere Operationen, in die hohe Summen gesteckt wurden, hatten geringere Erfolgsaussichten, oftmals auch f�r viel kleinere Ziele.</p><p>Wenn die Entscheidung ung�nstig ausf�llt, besteht die einzige Alternative darin, unsere Informationen und Empfehlungen in die H�nde des Deuxi�me Bureau oder unserer amerikanischen Kollegen von der Central Intelligence Agency in Washington zu geben. Beide Organisationen w�ren zweifellos erfreut, den Plan zu �bernehmen.</p><p>Unterzeichnet: S.</p><empty-line/><p><emphasis>Anhang A</emphasis>.</p><p><emphasis>Name:</emphasis> Le Chiffre</p><p><emphasis>Decknamen:</emphasis> Variationen der W�rter �Zahl� oder �Ziffer� in verschiedenen Sprachen.</p><p><emphasis>Herkunft:</emphasis> Unbekannt</p><p>Das erste Mal aufgetaucht im Juni 1945 als verschleppte Person im Konzentrationslager Dachau in der US-Zone von Deutschland. Litt vorgeblich an Amnesie und L�hmung der Stimmb�nder (vorget�uscht?). Stummheit konnte in der Therapie �berwunden werden, aber die Zielperson behauptete weiter, unter totalem Ged�chtnisverlust zu leiden, abgesehen von einer gewissen Assoziation mit Elsass-Lothringen und Stra�burg, wohin er im September 1945 mit dem Reiseausweis f�r Staatenlose Nr. 204-596 �berstellt wurde. Nahm den Namen �Le Chiffre� an (�da ich ja nur eine Nummer auf einem Ausweis bin�). Kein Vorname.</p><p><emphasis>Alter:</emphasis> Ungef�hr 45</p><p><emphasis>Beschreibung:</emphasis> Gr��e etwa 1,72 m. Gewicht 114 kg. Sehr helle Haut. Glatt rasiert. Haare rotbraun, kurz geschnitten. Augenfarbe dunkelbraun. Das Wei�e ist �berall um seine Iris herum zu sehen. Ein kleiner, weiblich wirkender Mund. Teurer Zahnersatz. Kleine Ohren mit gro�en Ohrl�ppchen, m�glicherweise ein Hinweis auf j�dische Abstammung. Kleine gepflegte H�nde mit leichter Behaarung. Kleine F��e. Rassisch gesehen ist die Zielperson wahrscheinlich s�dl�ndischer Herkunft mit preu�ischem oder polnischem Einschlag. Kleidet sich gut und peinlich genau, meistens in dunkle Zweireiher. Raucht st�ndig starke Zigaretten, die er aber eine Zigarettenspitze mit einem Aktivkohlefilter steckt. Benutzt in regelm��igen Abst�nden einen Benzedrin-Inhalator. Die Stimme ist weich und gleichm��ig. Spricht flie�end Franz�sisch und Englisch sowie gutes Deutsch. Spuren eines Marseille-Akzents. L�chelt selten. Lacht nie.</p><p><emphasis>Gewohnheiten:</emphasis> Kostspielig, aber diskret. Betr�chtliche sexuelle Gel�ste. Sadist. F�hrt gerne schnelle Autos. Experte f�r Handwaffen und andere Formen des Nahkampfes, einschlie�lich Messer. Versteckt drei Rasierklingen im Hutband, im Absatz seines linken Schuhs und in seinem Zigarettenetui. Kenntnisse in Buchf�hrung und Mathematik. Guter Spieler. Immer von zwei bewaffneten, gut gekleideten Wachen begleitet, einer franz�sisch, der andere deutsch. (Einzelheiten verf�gbar).</p><p><emphasis>Kommentar:</emphasis> Ein beeindruckender und gef�hrlicher Agent der UdSSR, gesteuert von Leningrad-Sektion III via Paris.</p><p>Unterzeichnet: Der Archivar</p><p><emphasis>Anhang B</emphasis>.</p><p><emphasis>Betreff:</emphasis> SMERSCH</p><p><emphasis>Quellen:</emphasis> Unser eigenes Archiv und ein paar Informationen des Deuxi�me Bureau und der CIA in Washington.</p><p>SMERSCH ist eine Verbindung zweier russischer W�rter: �Smert Schpionam�, was in etwa �Tod den Spionen� bedeutet.</p><p>Steht noch �ber dem MWD (ehemals NKWD) und l�uft Ger�chten zufolge unter der direkten Leitung von Beria.</p><p>Hauptquartier: Leningrad (Unterstelle in Moskau).</p><p>Ihre Aufgabe besteht in der Eliminierung aller Formen von Verrat und dem Umgang mit Abtr�nnigen der verschiedenen Zweige des sowjetischen Geheimdienstes und der Geheimpolizei im In- und Ausland. Sie ist die m�chtigste und gef�rchtetste Organisation der UdSSR und es wird gemeinhin angenommen, dass sie in einer Rachemission noch niemals versagt hat.</p><p>SMERSCH trat zum ersten Mal international in Erscheinung, als Hitler Russland angriff. Damals wurde die Organisation rasch ausgebaut, um w�hrend des R�ckzugs der sowjetischen Truppen 1941 mit Verrat und Doppelagenten fertigzuwerden. Zu diesem Zeitpunkt fungierte sie als Hinrichtungskommando des NKWD. Ihre gegenw�rtige Mission ist nicht so eindeutig bestimmt.</p><p>Die Organisation selbst wurde nach dem Krieg gr�ndlich ausgesiebt, und man nimmt an, dass sie derzeitig aus nur ein paar Hundert Agenten sehr hoher Qualit�t besteht, die sich in f�nf Sektionen unterteilen:</p><p>Abteilung I: Verantwortlich f�r Spionageabwehr in sowjetischen Organisationen im In- und Ausland.</p><p>Abteilung II: Eins�tze, einschlie�lich Exekutionen.</p><p>Abteilung III: Verwaltung und Finanzen.</p><p>Abteilung IV: Untersuchungen und Rechtliches. Personalabteilung.</p><p>Abteilung V: Strafverfolgung: die Abteilung, die das Urteil �ber alle Opfer f�llt.</p><p>Seit dem Krieg ist uns nur ein SMERSCH-Agent in die H�nde gefallen, Goytchev alias Garrad-Jones. Er erschoss Petchora, den medizinischen Offizier der jugoslawischen Botschaft im Hyde Park, am 7. August 1948. W�hrend des Verh�rs beging er mit einer Kapsel Kaliumzyanid Selbstmord. �ber seine Mitgliedschaft bei SMERSCH hinaus gestand er nichts, aber mit dieser prahlte er auf arroganteste Weise.</p><p>Wir glauben, dass die folgenden Doppelagenten SMERSCH zum Opfer fielen: Donovan, Harthrop-Vane, Elizabeth Dumont, Ventnor, Mace, Savarin. (F�r Einzelheiten siehe Leichenschauhaus: Abteilung Q.)</p><p><emphasis>Fazit</emphasis>: Es sollte jede Anstrengung unternommen werden, um mehr �ber diese sehr m�chtige Organisation in Erfahrung zu bringen und ihre Agenten zu eliminieren.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#6"/></p><p><strong>NUMMER 007</strong></p><p>Der Leiter von S (der Abteilung des Secret Service, die sich mit der Sowjetunion befasste) war so begeistert von seinem Plan zur Eliminierung von Le Chiffre � und es war im Wesentlichen sein eigener Plan �, dass er das Memorandum pers�nlich ins oberste Stockwerk des d�steren Geb�udes am Regent�s Park durch die mit gr�nem Stoff bezogene T�r und zum letzten Raum des Korridors brachte.</p><p>Er marschierte streitlustig auf Ms Stabschef zu. Dieser hatte sich seine Sporen als Mitarbeiter im Sekretariat des Generalstabskomitees verdient, nachdem er 1944 w�hrend eines Sabotageeinsatzes verwundet worden war. Trotz beider Erfahrungen hatte er sich seinen Humor bewahrt.</p><p>�H�ren Sie mal, Bill. Ich will dem Chef was verkaufen. Ist das ein guter Zeitpunkt?�</p><p>�Was denken Sie, Penny?� Der Stabschef drehte sich zu Ms privater Sekret�rin um, die sich das Vorzimmer mit ihm teilte.</p><p>Ohne ihren Blick, der einfach zu k�hl, direkt und sp�ttisch war, w�re Miss Moneypenny durchaus attraktiv gewesen.</p><p>�Sollte in Ordnung gehen. Er hat heute im Au�enb�ro einen kleinen Sieg errungen und ist in der n�chsten halben Stunde nicht verplant.� Sie l�chelte den Leiter von S ermutigend an. Sie mochte ihn, um seiner selbst und um der Wichtigkeit seiner Abteilung willen.</p><p>�Tja, hier sind die Informationen, Bill.� Er reichte ihm die schwarze Mappe mit dem roten Stern, der f�r die h�chste Geheimhaltungsstufe stand. �Und wirken Sie bitte ein bisschen enthusiastisch, wenn Sie sie ihm geben. Und sagen Sie ihm, dass ich hier warte und ein gutes Codebuch lese, w�hrend er sie sich ansieht. Vielleicht will er noch ein paar weitere Details. Au�erdem will ich Sie beide ohnehin im Auge behalten, damit Sie ihn nicht bel�stigen, bis er fertig ist.�</p><p>�In Ordnung, Sir.� Der Stabschef dr�ckte eine Taste und lehnte sich zur Sprechanlage auf seinem Schreibtisch vor.</p><p>�Ja?�, fragte eine flache, leise Stimme.</p><p>�Der Leiter von S hat ein dringendes Dokument f�r Sie.�</p><p>Eine Pause.</p><p>�Bringen Sie es rein�, sagte die Stimme.</p><p>Der Stabschef lie� die Taste los und erhob sich.</p><p>�Danke, Bill. Ich warte dann mal nebenan�, sagte der Leiter von S.</p><p>Der Stabschef ging zu den Doppelt�ren, die zu Ms B�ro f�hrten. Sobald er es betreten hatte, blinkte �ber dem Eingang ein kleines blaues Licht auf, das bedeutete, dass M nicht gest�rt werden wollte.</p><p>Sp�ter sagte der triumphierende Leiter von S zu seinem Stellvertreter: �Der letzte Absatz hat uns ein wenig in Schwierigkeiten gebracht. M bezeichnete ihn als subversiv und erpresserisch. Er war deswegen ziemlich ungehalten. Aber er hat zugestimmt. Er findet die Idee zwar verr�ckt, meint aber, dass es einen Versuch wert ist. Nat�rlich nur, wenn das Schatzamt mitspielt, aber er ist �berzeugt, das wird es. Er wird ihnen sagen, dass die Gewinnchancen h�her sind als bei dem Geld, das wir in desertierte russische Gener�le stecken, die dann nach ein paar Monaten �Asyl� doch wieder zur�ckgehen. Und er will unbedingt Le Chiffre drankriegen. Au�erdem hat er genau den richtigen Mann f�r die Sache und will ihn bei diesem Auftrag ausprobieren.�</p><p>�Wer ist es?�, fragte der Stellvertreter.</p><p>�Einer von den Doppelnullen, ich sch�tze 007. Er ist hart im Nehmen, und M denkt, dass es mit diesen Handlangern von Le Chiffre �rger geben k�nnte. Er muss beim Kartenspiel ziemlich gut sein, sonst h�tte er vor dem Krieg nicht zwei Monate lang in dem Casino in Monte Carlo gesessen und dieses rum�nische Team dabei beobachtet, wie es die Sache mit der unsichtbaren Tinte und den dunklen Brillen durchgezogen hat. Er und das Deuxi�me haben sie am Ende erwischt, und 007 lieferte eine Million Franc ab, die er beim Shemmy gewonnen hatte. Das war damals gutes Geld.�</p><empty-line/><p>James Bonds Besprechung mit M war kurz gewesen.</p><p>�Was halten Sie davon, Bond?�, fragte M, als Bond wieder in den Raum zur�ckkam, nachdem er das Memorandum des Leiters von S gelesen und zehn Minuten lang aus dem Fenster des Wartezimmers auf den Park gestarrt hatte.</p><p>Bond sah �ber den Schreibtisch hinweg in die intelligenten, klaren Augen seines Gegen�bers.</p><p>�Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sir. Ich w�rde es gerne machen. Aber ich kann nicht garantieren, dass ich gewinne. Die Chancen beim Baccara sind die besten nach denen beim Trente et quarante � nach Abzug der kleinen <emphasis>cagnotte</emphasis> sogar gleich �, aber ich k�nnte eine Pechstr�hne haben und rausfliegen. Der Spieleinsatz wird recht hoch gehen. Ich sch�tze, die Startsumme wird sich auf etwa eine halbe Million belaufen.�</p><p>Bond wurde von einem kalten Blick gestoppt. M wusste all diese Dinge bereits und kannte die Risiken genauso gut wie Bond. Das war schlie�lich seine Aufgabe � immer die Risiken zu kennen. Und die Agenten zu kennen, seine eigenen wie die der Gegenseite. Bond w�nschte, er h�tte seine Zweifel f�r sich behalten.</p><p>�Er k�nnte ebenfalls eine Pechstr�hne haben�, sagte M. �Sie haben jede Menge Kapital. Bis zu f�nfundzwanzig Millionen, das gleiche wie er. Wir geben Ihnen erst mal zehn und schicken Ihnen weitere zehn, wenn Sie sich umgesehen haben. Die zus�tzlichen f�nf k�nnen Sie sich selbst erspielen.� Er l�chelte. �Fahren Sie schon ein paar Tage vor dem gro�en Spiel hin und akklimatisieren Sie sich. Sprechen Sie mit Q �ber Unterkunft, Anreise und die Ausr�stung, die Sie ben�tigen. Der Zahlmeister wird das Kapital zur Verf�gung stellen. Ich werde dem Deuxi�me mitteilen, dass sie sich bereithalten sollen. Es ist ihr Territorium, und so wie die Dinge stehen, k�nnen wir uns gl�cklich sch�tzen, wenn sie keinen �rger machen. Ich versuche, sie zu �berreden, Mathis zu schicken. Sie scheinen in Monte Carlo bei diesem anderen Casinoauftrag gut mit ihm zurechtgekommen zu sein. Und wegen des NATO-Aspekts werde ich Washington informieren m�ssen. Die CIA hat in Fontainebleau auch ein paar gute M�nner. Sonst noch etwas?�</p><p>Bond sch�ttelte den Kopf. �Ich w�rde sehr gerne wieder mit Mathis zusammenarbeiten, Sir.�</p><p>�Nun, wir werden sehen. Versuchen Sie, es hinzubekommen. Wenn Sie scheitern, stehen wir ganz sch�n dumm da. Und passen Sie auf sich auf. Es klingt wie ein entspannter Auftrag, aber ich glaube nicht, dass es das sein wird. Le Chiffre ist ein gef�hrlicher Gegner. Dann mal viel Gl�ck.�</p><p>�Danke, Sir�, sagte Bond und ging zur T�r.</p><p>�Einen Moment noch.�</p><p>Bond drehte sich um.</p><p>�Ich denke, ich werde Ihnen R�ckendeckung mitschicken. Vier Augen sehen mehr als zwei, und Sie werden jemanden brauchen, der Ihren Nachrichtenaustausch erledigt. Ich werde dar�ber nachdenken. Man wird Sie in Royale kontaktieren. Machen Sie sich keine Sorgen. Es wird jemand F�higes sein.�</p><p>Bond h�tte lieber allein gearbeitet, aber mit M diskutierte man nicht. Er verlie� das B�ro in der Hoffnung, dass der Mann, den sie schicken w�rden, loyal sein w�rde und nicht d�mlich oder, schlimmer noch, ambitioniert.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#7"/></p><p><strong>L�ENNEMI �COUTE</strong></p><p>Zwei Wochen sp�ter erwachte James Bond in seinem Zimmer im H�tel Splendide.</p><p>Als er zwei Tage zuvor in Royale-les-Eaux gerade rechtzeitig zum Mittagessen angekommen war, hatte es keinen Versuch gegeben, ihn zu kontaktieren. Und es hatte auch keine Neugier erregt, als er ins G�stebuch �James Bond, Port Maria, Jamaika� eingetragen hatte.</p><p>M hatte kein Interesse an seiner Tarnung gezeigt.</p><p>�Sobald Sie Le Chiffre am Spieltisch gegen�bersitzen, spielt Ihre Tarnung ohnehin keine Rolle mehr�, sagte er. �Aber w�hlen Sie trotzdem eine, die dort zur allgemeinen �ffentlichkeit passt.�</p><p>Bond kannte Jamaika gut, also bat er darum, seine Anweisungen von dort aus zu erhalten. Er w�rde sich als jamaikanischer Plantagenbesitzer ausgeben, dessen Vater durch Tabak- und Zuckeranbau reich geworden war. Der Sohn zog es jedoch vor, diesen Reichtum an der B�rse und in Casinos zu verspielen. Sollte jemand nachhaken, w�rde er auf Charles DaSilva von Chaffery�s, Kingston, als seinen Anwalt verweisen. Charles w�rde die Geschichte schon glaubhaft machen.</p><p>Bond hatte die beiden vergangenen Nachmittage und einen Gro�teil der N�chte im Casino verbracht und mit einem komplizierten Progressionssystem auf die geraden Zahlen gesetzt. Immer, wenn beim Chemin de fer ein hohes Banco angeboten wurde, spielte er mit. Wenn er verlor, sagte er einmal <emphasis>suivi</emphasis>, verfolgte es aber nicht weiter, wenn er ein zweites Mal verlor.</p><p>Auf diese Weise hatte er drei Millionen Franc zusammenbekommen und sowohl seinen Nerven als auch seinem Kartensinn ein gr�ndliches Training verpasst. Den Grundriss des Casinos hatte er sich bereits eingepr�gt. Doch vor allem hatte er Le Chiffre am Spieltisch beobachten k�nnen und voller Bedauern festgestellt, dass es sich um einen Spieler handelte, der keine Fehler beging und das Gl�ck gepachtet zu haben schien.</p><p>Bond fr�hst�ckte gerne ausgiebig. Nach einer kalten Dusche sa� er am Schreibtisch vor dem Fenster. Er sah auf den sch�nen Tag hinaus und genoss ein Glas Orangensaft, R�hrei mit Speck und eine doppelte Portion Kaffee ohne Zucker. Er z�ndete sich seine erste Zigarette an, eine Spezialmischung aus Balkantabak und t�rkischem Tabak, die er sich von Morlands in Londons Grosvenor Street herstellen lie�, und beobachtete, wie sanfte Wellen an die K�ste brandeten und sich die Fangflotte von Dieppe, gefolgt von einem Schwarm Silberm�wen, in die sommerlichen Hitzeschleier aufmachte.</p><p>Er war ganz in Gedanken versunken, als das Telefon klingelte. Es war der Concierge, der ihm mitteilte, dass unten ein Mitarbeiter von Radio Stentor mit dem Ger�t wartete, das er aus Paris bestellt hatte.</p><p>�Nat�rlich�, sagte Bond. �Schicken Sie ihn hoch.�</p><p>Das war die Tarnung, die sich das Deuxi�me Bureau f�r Bonds Kontaktmann ausgedacht hatte. Bond behielt die T�r im Blick und hoffte, dass es Mathis sein w�rde.</p><p>Als Mathis hereinkam, ein respektabler Gesch�ftsmann mit einem gro�en, rechteckigen Paket, breitete sich ein L�cheln auf Bonds Gesicht aus. Er h�tte ihn warmherzig begr��t, wenn Mathis, nachdem er sorgf�ltig die T�r geschlossen hatte, nicht die Stirn gerunzelt und seine freie Hand gehoben h�tte.</p><p>�Ich bin gerade aus Paris angekommen, Monsieur, und hier ist das Set, das Sie zur Ansicht bestellt haben � f�nf R�hren, ich glaube, in England nennt man es Superhet. Sie sollten von Royale aus die Sender aller europ�ischen Hauptst�dte empfangen k�nnen. Es gibt in einem Umkreis von �ber sechzig Kilometern keine Berge.�</p><p>�Das klingt ja ganz gut�, erwiderte Bond und hob eine fragende Augenbraue.</p><p>Doch Mathis ignorierte seine Geste. Er stellte das Ger�t, das er inzwischen aus der Verpackung befreit hatte, auf den Boden neben den ausgeschalteten elektrischen Kamin.</p><p>�Es ist kurz nach elf�, sagte er, �und ich wei�, dass die Compagnons de la Chanson gerade auf der Mittelwellenfrequenz zu h�ren sind. Sie touren durch Europa. Mal sehen, wie der Empfang ist. Sollte ein guter Test sein.�</p><p>Er zwinkerte. Bond bemerkte, dass er die Lautst�rke voll aufgedreht hatte und das rote Licht der Mittelwelle leuchtete, auch wenn das Ger�t noch stumm war.</p><p>Mathis fummelte an der R�ckseite des Radios herum. Pl�tzlich erf�llte ein entsetzlich lautes Rauschen das Zimmer. Mathis betrachtete das Ger�t ein paar Sekunden lang gut gelaunt, dann schaltete er es ab. Seine Stimme klang entsetzt.</p><p>�Mein lieber Monsieur � bitte vergeben Sie mir � es war falsch eingestellt.� Dann wandte er sich wieder den Drehkn�pfen des Ger�ts zu. Nach ein paar Neueinstellungen erklangen melodische franz�sische Stimmen. Mathis ging zu Bond her�ber, klopfte ihm auf den R�cken und ergriff seine Hand so fest, dass Bonds Finger schmerzten.</p><p>Bond l�chelte ihn an. �Was sollte das eben?�</p><p>�Mein lieber Freund�, sagte Mathis hocherfreut, �Sie sind so was von aufgeflogen. Dort oben�, er deutete zur Decke, �befindet sich gerade entweder Monsieur Muntz oder seine angebliche Ehefrau, die mit einer angeblichen Grippe im Bett liegt, und h�lt sich seine oder ihre schmerzenden Ohren.� Als er Bonds skeptischen Blick sah, grinste er vergn�gt.</p><p>Mathis setzte sich aufs Bett und riss mit seinem Daumen eine Packung Caporal-Zigaretten auf. Bond wartete.</p><p>Mathis war mit der Verwirrung, die seine Worte gestiftet hatten, zufrieden. Er wurde ernst.</p><p>�Wie es passiert ist, wei� ich nicht. Die m�ssen schon ein paar Tage vor Ihrer Ankunft auf Sie angesetzt gewesen sein. Die Gegenseite hat viele Leute hier. �ber Ihnen wohnt die Familie Muntz. Er ist Deutscher. Sie ist irgendwo aus Mitteleuropa, vielleicht der Tschechoslowakei. Dies ist ein altmodisches Hotel. Hinter diesen elektrischen Kaminen befinden sich stillgelegte Sch�chte. Genau hier�, er deutete auf eine Stelle ein paar Zentimeter �ber dem Kamin, �wurde ein sehr leistungsf�higes Mikrofon angebracht. Die Dr�hte laufen den Schacht hinauf zu einem Verst�rker. In ihrem Zimmer haben sie ein Aufnahmeger�t und einen Kopfh�rer, mit dem die beiden abwechselnd lauschen. Darum hat Madame Muntz die Grippe und nimmt all ihre Mahlzeiten im Bett ein. Und darum muss Monsieur Muntz immer an ihrer Seite sein, anstatt den Sonnenschein und das Casino dieses herrlichen Ortes zu genie�en.</p><p>Einiges davon wissen wir, weil wir in Frankreich einfach au�erordentlich clever sind. Den Rest konnten wir ein paar Stunden vor Ihrer Ankunft best�tigen, indem wir Ihren Kamin aufgeschraubt haben.�</p><p>Misstrauisch ging Bond zum Kamin und untersuchte die Schrauben, mit denen die Platte an der Wand befestigt war. Die Schraubenschlitze wiesen winzige Kratzer auf.</p><p>�Jetzt m�ssen wir wieder ein bisschen schauspielern�, sagte Mathis. Er ging zum Radio, das seinem dreik�pfigen Publikum immer noch ein Lied vorspielte, und schaltete es aus.</p><p>�Sind Sie zufrieden, Monsieur?�, fragte er. �Sie haben selbst geh�rt, was f�r einen klaren Klang es hat. Ist das nicht eine tolle Truppe?� Er machte mit seiner rechten Hand eine kreisende Bewegung und hob seine Augenbrauen.</p><p>�Sie sind so gut�, erwiderte Bond, �dass ich gerne den Rest des Programms h�ren w�rde.� Er grinste bei dem Gedanken an die w�tenden Blicke, die sich die beiden Agenten im Zimmer �ber ihm wahrscheinlich zuwarfen. �Das Ger�t selbst scheint gro�artig zu sein. Genau das, was ich mit nach Jamaika nehmen wollte.�</p><p>Mathis verzog sarkastisch das Gesicht und schaltete den Rom-Sender wieder ein.</p><p>�Sie und Ihr Jamaika�, bemerkte er und setzte sich erneut aufs Bett.</p><p>Bond sah ihn schr�g an. �Tja, was geschehen ist, ist geschehen�, erwiderte er. �Wir haben ohnehin nicht erwartet, dass meine Tarnung ewig h�lt. Aber es ist schon ein wenig beunruhigend, dass sie so schnell durchschaut wurde.� Vergeblich durchforstete er sein Gehirn nach Hinweisen. Hatten die Russen einen ihrer Codes entschl�sselt? Wenn ja, konnten sie genauso gut einpacken und nach Hause gehen. Er und seine Mission w�ren dann im Eimer.</p><p>Mathis schien seine Gedanken lesen zu k�nnen. �Es kann kein Code gewesen sein�, erkl�rte er. �Jedenfalls haben wir London sofort informiert, und sie werden sie inzwischen ge�ndert haben. Wir haben da eine ganz sch�ne Panik verursacht, das kann ich Ihnen sagen.� Er l�chelte mit der Zufriedenheit eines freundlichen Rivalen. �Und jetzt zum Gesch�ftlichen, bevor unseren guten Compagnons die Luft ausgeht. Zuerst einmal�, sagte er und nahm einen tiefen Zug von seiner Caporal, �werden Sie mit Ihrer Nummer zwei �u�erst zufrieden sein. Sie ist sch�n� � Bond runzelte die Stirn � �wirklich sehr sch�n.� Erfreut �ber Bonds Reaktion fuhr Mathis fort. �Sie hat schwarzes Haar, blaue Augen und ist � �hm � gut gebaut. Vorne und hinten�, f�gte er hinzu. �Und sie ist Funkexpertin, was sexuell zwar weniger interessant ist, sie aber zu einer perfekten Mitarbeiterin von Radio Stentor macht. Sie wird hier w�hrend der Sommersaison die Assistentin meines Radiovertreters darstellen.� Er grinste. �Wir sind beide in diesem Hotel abgestiegen, und daher wird meine Assistentin stets zur Verf�gung stehen, sollte mit Ihrem neuen Radio etwas nicht stimmen. Alle neuen Ger�te, selbst die franz�sischen, sind in den ersten paar Tagen extrem st�ranf�llig. Gelegentlich sogar in den N�chten�, f�gte er mit einem �bertriebenen Augenzwinkern hinzu.</p><p>Bond fand das gar nicht witzig. �Warum zum Teufel schicken die mir eine Frau?�, stie� er verbittert hervor. �Halten die das hier f�r ein verdammtes Picknick?�</p><p>Mathis unterbrach ihn. �Beruhigen Sie sich, mein lieber James. Sie ist so professionell, wie man es sich nur w�nschen kann, und kalt wie ein Eiszapfen. Sie spricht flie�end Franz�sisch und kennt ihre Aufgabe in- und auswendig. Ihre Tarnung ist perfekt, und ich habe es so eingerichtet, dass sie ganz unauff�llig mit Ihnen zusammenarbeiten kann. Was w�re nat�rlicher, als hier ein h�bsches M�dchen aufzurei�en? Als hei�bl�tiger jamaikanischer Million�r s�hen Sie ohne Frau im Arm doch nackt aus.�</p><p>Bond brummte zweifelnd.</p><p>�Irgendwelche anderen �berraschungen?�, fragte er misstrauisch.</p><p>�Keine allzu gro�en�, antwortete Mathis. �Le Chiffre hat seine Villa bezogen. Sie liegt etwa sechzehn Kilometer die K�stenstra�e hinunter. Er hat zwei Leibw�chter dabei. Sie wirken �u�erst kompetent. Einer der beiden hat eine kleine �Pension� in der Stadt besucht, in die vor zwei Tagen drei mysteri�se und recht unmenschlich wirkende Gestalten eingezogen sind. Die k�nnten Teil ihres Teams sein. Ihre Papiere sind in Ordnung � offenbar handelt es sich um staatenlose Tschechen �, aber einer unserer M�nner sagt, dass sie in ihrem Zimmer Bulgarisch sprechen. Von denen sieht man hier sonst nicht viele. Sie werden haupts�chlich gegen die T�rken und Jugoslawen eingesetzt. Sie sind dumm, aber gehorsam. Die Russen setzen sie f�r einfache Morde oder als S�ndenbock f�r die komplizierteren ein.�</p><p>�Na vielen Dank auch. Welche Sorte Mord soll es in meinem Fall wohl sein?�, fragte Bond. �Sonst noch was?�</p><p>�Nein. Kommen Sie vor dem Mittagessen in die Bar im Hermitage. Ich werde Sie miteinander bekanntmachen. Laden Sie das M�dchen zum Abendessen ein. Dann wird es ganz nat�rlich aussehen, wenn sie Sie ins Casino begleitet. Ich werde auch dort sein, mich aber im Hintergrund halten. Ich habe dort au�erdem noch ein paar gute M�nner, und wir werden Sie im Auge behalten. Oh, dann befindet sich hier im Hotel noch ein Amerikaner namens Leiter. Felix Leiter. Er ist der CIA-Agent aus Fontainebleau. London hat mich gebeten, Ihnen das mitzuteilen. Er scheint in Ordnung zu sein. Vielleicht ist er ganz n�tzlich.�</p><p>Aus dem Radio auf dem Boden kam pl�tzlich ein italienischer Wortschwall. Mathis schaltete es ab. Dann tauschten sie Belangloses �ber das Ger�t aus und sprachen dar�ber, wie Bond daf�r zu zahlen gedachte. Schlie�lich verabschiedete sich Mathis �berschw�nglich und zwinkerte ihm noch einmal zu, bevor er sich verbeugte und hinausging.</p><p>Bond setzte sich wieder ans Fenster und ordnete seine Gedanken. Nichts von dem, was Mathis ihm gesagt hatte, war beruhigend. Er war komplett aufgeflogen und wurde �berwacht. Vielleicht w�rde man sogar versuchen, ihn auszuschalten, bevor er sich �berhaupt mit Le Chiffre an den Spieltisch setzen konnte. Die Russen hatten keine zimperlichen Vorbehalte gegen Mord. Und dann war da noch dieses l�stige M�dchen. Er seufzte. Frauen waren zur Erholung gedacht. Bei einem Auftrag kamen sie einem nur in die Quere und vernebelten alles mit Sex und gekr�nkten Gef�hlen und all dem emotionalen Ballast, den sie mit sich herumschleppten. Man musste st�ndig auf sie aufpassen und sich um sie sorgen.</p><p>�Verdammt�, sagte Bond. Als ihm die Muntzens wieder einfielen, wiederholte er es noch einmal lauter und verlie� sein Zimmer.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#8"/></p><p><strong>DAS M�DCHEN AUS DEM HAUPTQUARTIER</strong></p><p>Es war Punkt zw�lf, als Bond das Splendide verlie� und die Uhr des Rathauses durch ihr mitt�gliches Glockenspiel stolperte. Es duftete stark nach Pinien und Mimosen, und die frisch gew�sserten G�rten auf der gegen�berliegenden Seite des Casinos, durch die ordentliche Kieswege verliefen, verliehen der Szenerie einen h�bschen Formalismus, der einem Ballett eher angemessen schien als einem Melodram.</p><p>Die Sonne strahlte, und es lag eine Heiterkeit und Spannung in der Luft, die f�r die kleine K�stenstadt, die nach vielen R�ckschl�gen endlich wieder zu alter Gr��e finden wollte, Gutes verhie�.</p><p>Royale-les-Eaux, das an der Somme-M�ndung lag, wo sich die flache K�stenlinie von den Str�nden der n�rdlichen Picardie zu den bretonischen Klippen emporschwang, die bis nach Le Havre reichten, hatte ein ganz �hnliches Schicksal wie Trouville erlitten.</p><p>Royale (damals noch ohne das �Eaux�) hatte ebenfalls als kleines Fischerdorf begonnen, und sein Aufstieg zum Ruhm als eleganter Treffpunkt w�hrend des zweiten Kaiserreichs verlief so kometenhaft wie der von Trouville. Aber genau wie Deauville Trouville vernichtet hatte, so hatte Le Touquet nach einer langen Zeit des Verfalls Royale vernichtet.</p><p>Um die Jahrhundertwende, als es in Mode kam, das Vergn�gen mit einer therapeutischen Wirkung zu kombinieren, und es um die kleine K�stenstadt sehr schlecht stand, wurde in den H�geln hinter Royale eine nat�rliche Quelle entdeckt, die gen�gend Schwefel enthielt, um positive Auswirkungen auf die Leber zu haben. Und da alle Franzosen Probleme mit der Leber haben, wurde Royale im Handumdrehen zu �Royale-les-Eaux�. Und �Eau Royale� fand sich in seiner torpedof�rmigen Flasche pl�tzlich ganz oben auf den Mineralwasserkarten der Hotels und Restaurants des Landes wieder.</p><p>Doch lange konnte es dem m�chtigen Kartell von Vichy, Perrier und Vittel nicht widerstehen. Es gab eine Reihe von Klagen, einige Leute verloren eine Menge Geld, und schon bald wurde es nur noch vor Ort verkauft. Nun war Royale im Sommer wieder von den Einnahmen durch die franz�sischen und englischen Urlauber und im Winter von seiner Fangflotte abh�ngig. Und nat�rlich von den Kr�meln, die vom Tisch in Le Touquet auf sein elegant heruntergekommenes Casino abfielen.</p><p>Aber es lag etwas Besonderes in der verschn�rkelten Pracht des Casino Royale mit seinem Hauch von viktorianischer Eleganz. 1950 fand ein Konsortium aus Paris, das gro�e Geldmittel aus dem Verm�gen geflohener Vichy-Anh�nger zu verteilen hatte, gefallen an Royale.</p><p>Brighton war seit dem Krieg wiederbelebt worden, genau wie Nizza. Nostalgie nach der guten alten Zeit war schon immer eine gute Einnahmequelle gewesen.</p><p>Das Casino wurde wieder in seinem urspr�nglichen Wei� und Gold gestrichen und die R�ume in Hellgrau eingerichtet, dazu gab es weinrote Teppichb�den und Vorh�nge. Man installierte riesige Kronleuchter. Die G�rten wurden neu bepflanzt und die Springbrunnen wieder angestellt. Und die beiden Hotels, das Splendide und das Hermitage, wurden herausgeputzt und poliert und mit neuem Personal ausgestattet.</p><p>Selbst der kleinen Stadt mitsamt ihrem alten Hafen gelang es, ein einladendes L�cheln �ber ihr verw�stetes Gesicht zu legen. Die Hauptstra�e wurde mit den Schaufenstern gro�er Pariser Juweliere und Modesch�pfer ausgestattet, die durch mietfreie L�den und gro�z�gige Versprechungen f�r eine Saison hergelockt worden waren.</p><p>Dann wurde das Mahomet-Ali-Syndikat �berredet, ein gro�es Turnier im Casino zu veranstalten, und die Soci�t� des Bains de Mer de Royale hatte das Gef�hl, dass Le Touquet nun endlich einen Teil der Sch�tze, die es ihnen im Laufe der Jahre gestohlen hatte, wieder hergeben musste.</p><p>So stand Bond auf dieser strahlenden und funkelnden B�hne im Sonnenschein und empfand seine Mission als unpassend und abseitig und sein d�steres Gewerbe als Beleidigung seiner Mitschauspieler.</p><p>Er schob dieses vor�bergehende Unbehagen beiseite, umrundete die R�ckseite seines Hotels und ging die Rampe zur Garage hinab. Er hatte beschlossen, vor seiner Verabredung im Hermitage mit seinem Wagen an der K�ste entlangzufahren und einen kurzen Blick auf Le Chiffres Villa zu werfen. Dann wollte er �ber die Inlandstra�e zur�ckfahren, bis diese auf die Route Nationale nach Paris traf.</p><p>Bonds Wagen, einer der letzten Bentleys mit 4�-Liter-Motor und Amherst-Villiers-Kompressor, war sein pers�nliches Hobby. Er hatte ihn 1933 fast neu gekauft und w�hrend des Krieges sorgf�ltig eingelagert. Er wurde immer noch jedes Jahr gewartet, und ein ehemaliger Bentley-Mechaniker, der nun in einer Werkstatt in der N�he von Bonds Wohnung in Chelsea arbeitete, k�mmerte sich voller Leidenschaft um sein Wohlergehen. Bond fuhr ihn hart und gut und mit einem fast sinnlichen Vergn�gen. Es war ein schlachtschiffgraues Cabriolet, das sich tats�chlich umstellen lie�, und f�hig hundertvierzig Kilometer die Stunde zu fahren � mit 50 Kilometern die Stunde als Reserve.</p><p>Bond fuhr den Wagen aus der Garage und die Rampe hinauf, und schon bald hallte das satte Dr�hnen des f�nf Zentimeter dicken Auspuffrohrs �ber den mit B�umen ges�umten Boulevard und durch die �berf�llte Hauptstra�e des kleinen St�dtchens und verschwand schlie�lich durch die Sandd�nen Richtung S�den.</p><p>Eine Stunde sp�ter betrat Bond die Bar des Hermitage und w�hlte einen Platz in der N�he des breiten Schaufensters.</p><p>Der Raum war auf eine sehr m�nnliche Art eingerichtet, die in Frankreich zusammen mit Bruyere-Pfeifen und Drahthaarterriern Luxus verk�rperte. Dunkelbraunes Leder und poliertes Mahagoni dominierten die Einrichtung. Die Vorh�nge und Teppiche waren k�nigsblau. Die Kellner trugen gestreifte Westen und gr�ne Sch�rzen. Bond bestellte einen Americano und betrachtete die Ansammlung viel zu vornehm angezogener G�ste. Er vermutete, dass die meisten aus Paris stammten. Sie unterhielten sich konzentriert und lebhaft und schufen so diese theatralisch gesellige Atmosph�re der <emphasis>l�heure de l�ap�ritif</emphasis>.</p><p>Die M�nner tranken Champagner aus nie versiegenden Piccolo-Flaschen, die Frauen nippten an ihren Dry Martinis.</p><p>�<emphasis>Moi, j�adore le �Dry�</emphasis>�, sagte eine lebhafte junge Dame am Nebentisch zu ihrem Begleiter, der in seinem nicht der Jahreszeit entsprechenden Tweedanzug viel zu adrett aussah und sie mit gl�nzenden braunen Augen �ber einen teuren Jagdstock von Herm�s hinweg anschaute. �<emphasis>Fait avec du Gordon�s, bien entendu</emphasis>.�</p><p>�<emphasis>D�accord, Daisy. Mais tu sais, un zeste de citron �</emphasis>�</p><p>Dann bemerkte Bond drau�en auf dem B�rgersteig Mathis� gro�e Gestalt. Er unterhielt sich angeregt mit einer dunkelhaarigen jungen Frau in Grau. Sie war bei ihm untergehakt, und doch fehlte eine gewisse Vertrautheit zwischen ihnen. Im Gesicht der Frau lag ein Hauch von Ironie, der die beiden nicht wie ein Paar wirken lie�. Bond wartete, bis sie die Bar betreten hatten, beobachtete aber zum Schein weiter die Passanten drau�en auf der Stra�e.</p><p>�Na, wenn das nicht Mr Bond ist?� Mathis� Stimme hinter ihm war voll freudiger �berraschung. Bond erhob sich angemessen �berrumpelt. �Sind Sie etwa alleine hier? Warten Sie auf jemanden? Darf ich Ihnen meine Kollegin vorstellen, Mademoiselle Lynd? Meine Liebe, das ist der Herr aus Jamaika, mit dem ich die Ehre hatte, heute Morgen Gesch�fte zu machen.�</p><p>Bond nickte mit reservierter Freundlichkeit. �Es ist mir ein gro�es Vergn�gen�, sagte er zu der Frau. �Ich bin tats�chlich alleine hier. M�chten Sie sich mir anschlie�en?� Er zog einen Stuhl hervor, und w�hrend sie sich hinsetzten, winkte er einen Kellner herbei und bestand trotz Mathis� Einspruch darauf, die Getr�nke zu bestellen � einen �Fine � l�eau� f�r Mathis und einen Bacardi f�r die Dame.</p><p>Mathis und Bond unterhielten sich angeregt �ber das sch�ne Wetter und die Aussicht auf eine Wiederbelebung von Royale-les-Eaux. Die junge Frau sagte nichts. Sie nahm eine von Bonds Zigaretten an, betrachtete sie eingehend und rauchte sie dann gen�sslich und ohne Getue. Sie sog den Rauch mit einem leisen Seufzen tief in ihre Lunge ein und atmete ihn dann l�ssig durch Lippen und Nase wieder aus. Ihre Bewegungen waren �konomisch und pr�zise, ohne eine Spur von Unsicherheit.</p><p>Bond war sich ihrer Gegenwart enorm bewusst. W�hrend er mit Mathis sprach, drehte er sich gelegentlich zu ihr um und bezog sie h�flich in ihre Unterhaltung mit ein. Mit jedem Blick konnte er weitere Eindr�cke sammeln.</p><p>Ihr Haar war tiefschwarz, und gerade geschnitten, sodass es ihr Gesicht bis zu ihrer eleganten Kinnlinie einrahmte. Auch wenn es �ppig war und ihren Kopfbewegungen folgte, strich sie es sich nicht st�ndig zur�ck, sondern lie� es ganz nat�rlich fallen. Ihre dunkelblauen Augen standen recht weit auseinander und sie blickte Bond immer wieder mit einem Hauch ironischen Desinteresses an, das er, wie er ver�rgert feststellte, am liebsten gewaltsam zerschlagen wollte. Ihre Haut war leicht sonnengebr�unt und bis auf ihren Mund, der breit und sinnlich war, ungeschminkt. Ihre nackten Arme und H�nde wirkten ruhig, und der allgemeine Eindruck von Zur�ckhaltung wurde sogar von ihren Fingern�geln unterst�tzt, die kurz und unlackiert waren. Um den Hals trug sie eine einfache Goldkette mit breiten, flachen Gliedern, und am Ringfinger der rechten Hand steckte ein Ring mit einem gro�en Topas. Ihr mittellanges Kleid war aus grauer Wildseide mit einem gerade geschnittenen Oberteil, das sich lasziv �ber ihren wohlgeformten Br�sten spannte. Der Rock war plissiert und floss von einer schmalen, aber nicht d�rren Taille herab. Sie trug einen sieben Zentimeter breiten schwarzen G�rtel. Auf dem Stuhl neben ihr lagen eine handbestickte schwarze Handtasche und ein Wagenradhut aus Stroh, dessen Kopfteil von einem d�nnen schwarzen Samtband geschm�ckt wurde, das auf der R�ckseite zu einer kleinen Schleife gebunden war. Ihre Schuhe hatten eine gerade Spitze und bestanden aus einfachem schwarzem Leder.</p><p>Bond war von ihrer Sch�nheit und Gelassenheit fasziniert. Die Aussicht auf eine Zusammenarbeit mit ihr erregte ihn. Gleichzeitig versp�rte er ein unbestimmtes Unbehagen. Vorsichtshalber klopfte er auf Holz.</p><p>Mathis bemerkte, dass Bond mit den Gedanken woanders war. Nach einer gewissen Zeit erhob er sich.</p><p>�Bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick�, sagte er zu der jungen Frau. �Ich muss die Dubernes anrufen, um mich mit ihr zum Abendessen zu verabreden. Es macht Ihnen doch nichts aus, den heutigen Abend allein zu verbringen?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>Bond griff das Stichwort auf, und als Mathis zur Telefonkabine neben der Bar gegangen war, sagte er: �Wenn Sie heute noch nichts anderes vorhaben, w�rden Sie dann mit mir essen?�</p><p>Sie l�chelte ihn mit einem verschw�rerischen Funkeln in den Augen an. �Aber ja�, erwiderte sie, �und dann w�rde ich Sie gerne ins Casino begleiten, wo Sie sich laut Mathis ganz wie zu Hause f�hlen. Vielleicht bringe ich Ihnen ja Gl�ck.�</p><p>Jetzt, da Mathis fort war, lag in ihrem Verhalten ihm gegen�ber eine pl�tzliche W�rme. Sie schien anzuerkennen, dass sie ein Team waren, und w�hrend sie Zeit und Ort ihres Treffens diskutierten, wurde Bond klar, dass es doch recht einfach sein w�rde, die Einzelheiten seines Projekts mit ihr zu besprechen. Er hatte das Gef�hl, dass sie schlie�lich doch noch Interesse und Spa� an ihrer Rolle gefunden hatte und bereitwillig mit ihm zusammenarbeiten w�rde.</p><p>Er hatte es sich viel schwieriger vorgestellt, �bereinzukommen, doch nun war er der Meinung, dass man direkt zu den Einzelheiten des Auftrags �bergehen konnte. Er war sich der Scheinheiligkeit seiner Einstellung ihr gegen�ber durchaus bewusst: Er wollte mit ihr schlafen. Aber erst, wenn die Mission vorbei war.</p><p>Als Mathis wieder an den Tisch zur�ckkehrte, bat Bond um die Rechnung. Er erkl�rte, dass er in seinem Hotel erwartet wurde, um mit Freunden zu Mittag zu essen. Als er f�r einen Augenblick ihre Hand in seiner hielt, sp�rte er eine warme Zuneigung zwischen ihnen, die er vor einer halben Stunde nicht f�r m�glich gehalten h�tte.</p><p>Ihr Blick folgte ihm auf die Stra�e hinaus.</p><p>Mathis schob seinen Stuhl n�her an ihren und sagte leise: �Er ist ein sehr guter Freund. Ich bin froh, dass Sie beide sich kennengelernt haben. Ich kann bereits sp�ren, wie die Eisschollen auf beiden Fl�ssen aufbrechen.� Er l�chelte. �Ich glaube nicht, dass Bond jemals zuvor geschmolzen ist. Es wird f�r ihn eine neue Erfahrung sein. Und f�r Sie auch.�</p><p>Sie antwortete nicht direkt.</p><p>�Er sieht sehr gut aus. Er erinnert mich an Hoagy Carmichael, aber es liegt auch etwas Kaltes und Skrupelloses in seinem ��</p><p>Der Satz wurde nie beendet. Pl�tzlich zersprang ein paar Meter entfernt die gesamte Fensterscheibe in kleine Splitter. Sie wurden von der Druckwelle einer gewaltigen Explosion erfasst und gegen ihre St�hle gedr�ckt. Einen Augenblick lang herrschte entsetztes Schweigen. Ein paar Gegenst�nde fielen drau�en auf den B�rgersteig. Eine Flasche nach der anderen st�rzte aus dem Regal hinter der Bar. Dann ert�nten Schreie, und eine panische Flucht zur T�r begann.</p><p>�Bleiben Sie hier�, sagte Mathis.</p><p>Er stie� seinen Stuhl zur�ck und sprang durch den leeren Fensterrahmen auf die Stra�e.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#9"/></p><p><strong>ZWEI M�NNER MIT STROHH�TEN</strong></p><p>Nachdem Bond die Bar verlassen hatte, ging er zielstrebig den mit B�umen ges�umten Boulevard entlang zu seinem nicht weit entfernten Hotel. Er war hungrig.</p><p>Der Tag war immer noch wundersch�n, aber inzwischen brannte die Sonne sehr hei�, und nur die in Abst�nden von etwa sechs Metern auf dem Rasenst�ck zwischen Gehsteig und Stra�e gepflanzten Platanen spendeten k�hlen Schatten.</p><p>Drau�en waren nur wenige Leute unterwegs, und die beiden M�nner, die auf der anderen Stra�enseite unter einem Baum standen, wirkten seltsam deplatziert.</p><p>Bond bemerkte sie, als er noch etwa neunzig Meter entfernt war und die gleiche Distanz zwischen ihnen und dem kunstvoll verzierten Eingangstor des Splendide lag.</p><p>Sie hatten etwas �u�erst Beunruhigendes an sich. Beide waren klein und trugen �hnliche dunkle, und wie Bond fand, viel zu warm aussehende Anz�ge. Sie wirkten wie Darsteller in einer Variet�nummer auf dem Weg ins Theater. Jeder der beiden trug einen Strohhut mit einem dicken schwarzen Band � vielleicht als Zugest�ndnis an die Urlaubsatmosph�re des Ortes. Und die Krempen sorgten in Kombination mit dem Schatten des Baumes, unter dem sie standen, daf�r, dass ihre Gesichter nicht zu erkennen waren. Unpassenderweise wurden die beiden d�steren, gedrungenen Gestalten von einem Hauch greller Farbe begleitet. Jeder von ihnen hatte eine gro�e Kameratasche �ber der Schulter h�ngen.</p><p>Eine davon war hellrot, die andere hellblau.</p><p>Bis Bond all diese Einzelheiten aufgenommen hatte, war er nur noch knapp f�nfzig Meter von ihnen entfernt. Er dachte gerade �ber die Reichweiten verschiedener Waffen und die M�glichkeit, Deckung zu finden, nach, als sich vor ihm eine au�ergew�hnliche und schreckliche Szene abspielte.</p><p>Der Mann mit der roten Tasche schien dem mit der blauen zuzunicken. Mit einer schnellen Bewegung zog der Blaue seine Kameratasche von der Schulter. Was er dann tat, konnte Bond nicht genau erkennen, da ihm genau in diesem Augenblick ein Baum die Sicht versperrte. Aber der Mann schien sich vorzubeugen und die Tasche zu �ffnen. Dann gab es pl�tzlich einen blendend wei�en Lichtblitz und eine ohrenbet�ubende Explosion. Trotz des Schutzes durch den Baumstamm wurde Bond von einer Druckwelle aus hei�er Luft zu Boden geworfen, die sich anf�hlte, als h�tte man ihm ins Gesicht und in den Magen geschlagen. Wie bet�ubt lag er auf dem B�rgersteig und starrte in den Himmel, w�hrend die Explosion in seinen Ohren immer weiter nachhallte, als ob jemand das Bassregister eines Klaviers mit einem Vorschlaghammer bearbeiten w�rde.</p><p>Als er sich schlie�lich wieder auf ein Knie erhoben hatte, begann ein entsetzlicher Regen aus Fleischst�cken und Fetzen blutgetr�nkter Kleidung vermischt mit Zweigen und Bl�ttern auf ihn und seine Umgebung herabzufallen. Von allen Seiten ert�nte das helle Klirren zerbrechenden Glases. Eine pilzf�rmige schwarze Rauchwolke stieg in den Himmel und fing an sich aufzul�sen, w�hrend er benommen zu ihr hinaufstarrte. In der Luft lag ein ekelerregender Gestank von Sprengstoff, brennendem Holz und � ja, das war es � Hammelbraten. Etwa f�nfzig Meter den Boulevard entlang waren die B�ume entbl�ttert und verbrannt. Auf der anderen Seite waren zwei nahe der Wurzel abgeknickt und lagen wie betrunken auf der Stra�e. Zwischen ihnen befand sich ein immer noch rauchender Krater. Von den beiden M�nnern mit den Strohh�ten blieb nichts weiter �brig als ein paar rote Spuren auf der Stra�e, auf dem B�rgersteig und an den Baumst�mmen. Und hoch oben in den �sten hingen gl�nzende Fetzen.</p><p>Bond sp�rte, wie sein Magen rebellierte, er musste sich �bergeben.</p><p>Mathis erreichte ihn als Erster. Bond war mittlerweile aufgestanden und hatte seinen Arm um den Baum gelegt, der ihm das Leben gerettet hatte.</p><p>Benommen, aber unverletzt, gestattete er Mathis, ihn zum Splendide zu f�hren, aus dem erschrockene G�ste und Angestellte str�mten. W�hrend in der Ferne Krankenwagen und Feuerwehr zu h�ren waren, gelang es ihnen, sich durch die Menge, die Treppe hinauf und den Korridor entlang zu Bonds Zimmer zu dr�ngen.</p><p>Mathis hielt nur kurz inne, um das Radio vor dem Kamin einzuschalten. Dann, w�hrend Bond seine blutbefleckte Kleidung auszog, l�cherte Mathis ihn mit Fragen.</p><p>Als sie zur Beschreibung der beiden M�nner kamen, riss Mathis den H�rer vom Telefon neben Bonds Bett.</p><p>�� und sagen Sie der Polizei�, beendete er das Gespr�ch, �dass der Engl�nder aus Jamaika, der die Explosion miterlebt hat, meine Sache ist. Er ist unverletzt, und sie sollen ihn nicht bel�stigen. Ich werde ihnen in einer halben Stunde Genaueres berichten. Sie sollen der Presse erz�hlen, dass es offenbar eine Fehde zwischen zwei bulgarischen Kommunisten war und dass der eine den anderen mit einer Bombe get�tet hat. Sie sollen nichts von dem dritten Bulgaren sagen, der auch noch irgendwo gewesen sein muss, aber sie m�ssen ihn um jeden Preis erwischen. Er wird sicherlich auf dem Weg nach Paris sein. Sie sollen �berall Stra�ensperren errichten. Verstanden? <emphasis>Alors, bonne chance</emphasis>.�</p><p>Mathis drehte sich wieder zu Bond um und h�rte sich seinen Bericht zu Ende an.</p><p>�<emphasis>Merde</emphasis>, aber Sie hatten Gl�ck�, sagte er zu Bond, nachdem dieser alles erz�hlt hatte. �Die Bombe war eindeutig f�r Sie bestimmt. Es muss Nachl�ssigkeit gewesen sein. Sie wollten sie werfen und sich dann hinter ihrem Baum verstecken. Aber dann hat es sie selbst erwischt. Was soll�s. Wir werden die genaueren Hintergr�nde schon noch erfahren.� Er z�gerte. �Aber es ist tats�chlich eine reichlich seltsame Angelegenheit. Und diese Leute scheinen Sie f�r eine ernste Bedrohung zu halten.� Mathis wirkte ver�rgert. �Aber wie wollten diese <emphasis>sacr�</emphasis> Bulgaren der Verhaftung entgehen? Und welche Bedeutung hatten die rote und die blaue Tasche? Wir m�ssen versuchen, Reste der roten zu finden.�</p><p>Mathis knabberte an seinen Fingern�geln. Er war aufgeregt, und seine Augen funkelten. Diese Geschichte entwickelte sich zu einer beeindruckenden und dramatischen Angelegenheit, in die er nun pers�nlich verwickelt war. Auf jeden Fall hatte er nun mehr zu tun, als lediglich Bonds Mantel zu halten, w�hrend dieser im Casino seinen privaten Kampf mit Le Chiffre austrug. Mathis sprang auf.</p><p>�Lassen Sie sich jetzt einen Drink und etwas zu essen bringen und ruhen Sie sich ein wenig aus�, wies er Bond an. �Ich werde so schnell wie m�glich meine Nase in diese Sache stecken, bevor die Polizei mit ihren gro�en schwarzen Stiefeln alle Spuren zertrampelt.�</p><p>Mathis schaltete das Radio aus und winkte ihm zum Abschied zu. Die T�r fiel ins Schloss, und im Zimmer breitete sich Schweigen aus. Bond sa� eine Weile am Fenster und genoss es, noch am Leben zu sein.</p><p>Sp�ter, als Bond seinen ersten Whisky on the rocks getrunken hatte und die <emphasis>p�t� de foie gras</emphasis> und die kalte <emphasis>langouste</emphasis> betrachtete, die der Kellner gerade vor ihm ausgebreitet hatte, klingelte das Telefon.</p><p>�Hier ist Mademoiselle Lynd.�</p><p>Die Stimme klang leise und nerv�s.</p><p>�Sind Sie in Ordnung?�</p><p>�Einigerma�en.�</p><p>�Da bin ich froh. Bitte passen Sie auf sich auf.�</p><p>Sie legte auf.</p><p>Bond sch�ttelte sich, dann nahm er sein Messer in die Hand und w�hlte die dickste Scheibe Toast aus.</p><p>Pl�tzlich dachte er: Zwei von ihnen sind tot, und ich habe einen weiteren Verb�ndeten. Das ist ein guter Anfang.</p><p>Er tauchte das Messer in das Glas mit sehr hei�em Wasser, das neben dem Topf aus Stra�burger Porzellan stand, und nahm sich vor, dem Kellner f�r dieses besondere Mahl ein doppeltes Trinkgeld zu geben.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#10"/></p><p><strong>ROUGE ET NOIR</strong></p><p>Bond war entschlossen, f�r die Spielrunde, die die ganze Nacht dauern konnte, vollkommen fit und entspannt zu sein. Er bestellte f�r f�nfzehn Uhr einen Masseur. Nachdem die �berreste seines Mittagessens entfernt worden waren, setzte er sich an sein Fenster und blickte auf das Meer hinaus, bis der Masseur, ein Schwede, an der T�r klopfte.</p><p>Schweigend begann er, Bond von den F��en bis zum Nacken zu bearbeiten. Die Massage lie� die Verspannungen in seinem K�rper verschwinden und beruhigte seine immer noch angeschlagenen Nerven. Selbst die gro�en Bluterg�sse an Bonds linker Schulter und Seite h�rten auf zu pochen. Und als der Schwede gegangen war, fiel Bond in einen tiefen, traumlosen Schlaf.</p><p>Am Abend erwachte er vollkommen erfrischt.</p><p>Nach einer kalten Dusche ging Bond zum Casino hin�ber. Seit dem vorigen Abend hatte er sein Gesp�r f�r die Tische verloren. Er musste die Konzentration wiedererlangen, die halb mathematisch und halb intuitiv war und die zusammen mit einem niedrigen Puls und einem optimistischen Temperament das entscheidende R�stzeug jedes Spielers war, der gewinnen wollte.</p><p>Bond war schon immer ein Spieler gewesen. Er liebte das Ger�usch des Kartenmischens und das st�ndige Drama der stillen Gestalten an den gr�nen Tischen. Er mochte den zuverl�ssigen, eingespielten Komfort der Kartenspielzimmer und Casinos, die gut gepolsterten Armlehnen der St�hle, das Glas Champagner oder Whisky am Ellbogen, die unaufdringliche Aufmerksamkeit guter Angestellter. Es am�sierte ihn, dass die Roulettekugel und die Spielkarten niemanden bevorzugten � und doch immer ihre Lieblinge zu haben schienen. Er mochte es, gleichzeitig Schauspieler und Zuschauer zu sein, und von seinem Stuhl aus an den Dramen und Entscheidungen anderer M�nner teilzuhaben, bis er wieder selbst mit dem grundlegenden �Ja� oder �Nein� an der Reihe war, wobei die Chancen f�nfzig zu f�nfzig standen, die richtige Entscheidung zu treffen.</p><p>Doch vor allem gefiel es ihm, dass jeder seines eigenen Gl�ckes Schmied war. Man konnte niemanden au�er sich selbst loben oder schelten. Der Zufall musste mit einem Achselzucken hingenommen oder voll ausgekostet werden. Aber man musste ihn als das verstehen und anerkennen, was er war, anstatt ihn mit einer falschen Einsch�tzung der Chancen zu verwechseln. Denn es ist beim Spiel eine Tods�nde, mangelndes K�nnen f�r mangelndes Gl�ck zu halten. Und das Gl�ck in all seinen Auspr�gungen musste geliebt, nicht gef�rchtet werden. Bond betrachtete das Gl�ck als eine Frau, die man sanft umwarb oder brutal nahm, der man jedoch niemals nachgab oder hinterherlief. Aber er war ehrlich genug, um zuzugeben, dass er durch Karten oder Frauen bis jetzt niemals gelitten hatte. Eines Tages, und er akzeptierte diese Tatsache, w�rde er durch die Liebe oder das Gl�ck in die Knie gezwungen werden. Er wusste, wenn das geschah, w�rde auch er mit dem t�dlichen Fragezeichen gebrandmarkt werden, das er so oft bei anderen sah; das Versprechen, zu zahlen, bevor man verloren hatte: die Akzeptanz der eigenen Fehlbarkeit.</p><p>Aber an diesem Juniabend, als Bond den <emphasis>salle priv�e</emphasis> betrat, tat er das selbstbewusst und voll freudiger Erwartung. Er tauschte eine Million Franc in Jetons im Wert von jeweils f�nfzigtausend um und nahm einen Platz neben dem Croupier am Roulettetisch Nummer 1 ein.</p><p>Bond lieh sich die Karte des Croupiers und studierte den bisherigen Verlauf der Kugel an diesem Nachmittag. Das tat er immer, auch wenn er wusste, dass jede Drehung des Rades, jeder Fall der Kugel in ein nummeriertes Fach absolut keine Verbindung mit der Runde davor hatte. Er war sich der Tatsache bewusst, dass das Spiel jedes Mal aufs Neue begann, wenn der Croupier die Elfenbeinkugel mit seiner rechten Hand aufnahm, einer der vier Speichen des Rades einen kontrollierten Schubs im Uhrzeigersinn gab und die Kugel ebenfalls mit der rechten Hand gegen die Drehrichtung in den �u�eren Rand des Kessels warf.</p><p>Es war offensichtlich, dass all diese Rituale und routinem��igen Einzelheiten des Rades, der nummerierten F�cher und des Kessels �ber die Jahre hinweg perfektioniert worden waren, sodass weder das K�nnen des Croupiers noch eine Neigung des Rades den Fall der Kugel beeintr�chtigen konnten. Und doch war es unter den Roulettespielern �blich � und Bond hielt sich ebenfalls strikt daran �, die Vergangenheit jeder Sitzung genauestens zu studieren und sich von jeder Eigent�mlichkeit im Lauf des Rades leiten zu lassen. Sich zum Beispiel Sequenzen, bei denen zweimal hintereinander dieselbe Zahl oder mehr als viermal hintereinander eine gerade Zahl fiel, zu merken und als bedeutsam zu betrachten.</p><p>Bond war kein Verfechter dieser Methode. Aber er war der Meinung, je mehr M�he und Sorgfalt man auf das Spiel verwandte, desto mehr konnte man herausholen.</p><p>In der Aufzeichnung dieses speziellen Tisches nach etwa drei Stunden Spiel sah Bond nur wenig Interessantes, au�er dass das letzte Dutzend W�rfe nicht zugunsten der Spieler ausgefallen war. Seine Methode sah vor, immer mit dem Rad zu spielen und sich nur dann gegen dessen vorangegangene Muster zu wenden und eine neue Richtung einzuschlagen, wenn eine Null gefallen war. Also entschied er sich, eine seiner Lieblingser�ffnungen zu spielen und auf zwei � in diesem Fall die ersten beiden � Dutzend zu setzen, beide mit dem Maximum � einhunderttausend Franc. Damit hatte er zwei Drittel des Spielfelds (ohne die Null) abgedeckt, und da die Gewinnquote beim Dutzend zwei zu eins betrug, w�rde er jedes Mal hunderttausend Franc gewinnen, wenn eine niedrigere Zahl als f�nfundzwanzig auftauchte.</p><p>Nach sieben Runden hatte er sechsmal gewonnen. Beim siebten Mal verlor er, als die Drei�ig drankam. Sein Reinertrag betrug vierhunderttausend Franc. Den achten Wurf setzte er aus. Die Kugel blieb auf der Null liegen. Dieser Zufall heiterte ihn noch mehr auf. Er deutete die Drei�ig als Fingerzeig auf das letzte Dutzend und setzte auf das erste und letzte Dutzend, bis er zweimal verloren hatte. Zehn W�rfe sp�ter kam das mittlere Dutzend zweimal, was ihn vierhunderttausend Franc kostete, aber er erhob sich um eine Million Franc reicher vom Tisch.</p><p>Sobald Bond begonnen hatte, Maxima zu spielen, war er am Tisch in den Mittelpunkt des Interesses ger�ckt. Da er eine Gl�cksstr�hne zu haben schien, begannen ein paar Trittbrettfahrer, auf den Zug aufzuspringen. Einer von ihnen, der Bond direkt gegen�bersa� und Amerikaner zu sein schien, zeigte mehr als die �bliche Dankbarkeit �ber seinen Anteil an der Gewinnserie. Er hatte Bond ein, zwei Mal �ber den Tisch hinweg angel�chelt, und es lag etwas Vielsagendes an der Art, wie er Bonds Bewegungen nachahmte und zwei bescheidene Jetons im Wert von zehntausend Franc genau gegen�ber Bonds gr��eren platzierte. Als Bond sich erhob, schob er ebenfalls seinen Stuhl zur�ck und rief freundlich �ber den Tisch hinweg:</p><p>�Danke f�rs Mitnehmen. Ich sch�tze, ich schulde Ihnen jetzt wohl einen Drink. Darf ich Sie einladen?�</p><p>Bond vermutete, dass es sich um den CIA-Mann handelte. Er erhielt Gewissheit, als sie gemeinsam auf die Bar zuschlenderten, nachdem Bond dem Croupier einen Jeton im Wert von zehntausend Franc zugeworfen und dem <emphasis>huissier</emphasis>, der seinen Stuhl zur�ckzog, tausend Franc zugesteckt hatte.</p><p>�Ich hei�e Felix Leiter�, sagte der Amerikaner. �Nett, Sie kennenzulernen.�</p><p>�Mein Name ist Bond � James Bond.�</p><p>�Oh, ja�, sagte sein Begleiter, �dann wollen wir doch mal sehen. Worauf sollen wir ansto�en?�</p><p>Bond bestand darauf, Leiter einen Haig &amp; Haig mit Eis zu bestellen, dann warf er dem Barkeeper einen scharfen Blick zu.</p><p>�Einen trockenen Martini�, sagte er. �In einer tiefen Champagnerschale.�</p><p>�<emphasis>Oui, Monsieur</emphasis>.�</p><p>�Einen Moment noch. Drei Teile Gordon�s, ein Teil Wodka, ein halber Teil Kina Lillet. Sch�tteln Sie es gut durch, bis es eiskalt ist, und f�gen Sie dann eine gro�es d�nnes St�ck Zitronenschale hinzu. Verstanden?�</p><p>�Nat�rlich, Monsieur.� Dem Barkeeper schien die Idee zu gefallen.</p><p>�Meine G�te, das ist ja mal ein Drink�, sagte Leiter.</p><p>Bond lachte. �Wenn ich mich � konzentrieren muss�, erkl�rte er, �nehme ich vor dem Abendessen niemals mehr als einen Drink zu mir. Aber dieser eine soll dann auch gro�, sehr stark, sehr kalt und sehr gut gemacht sein. Ich hasse kleine Portionen im Allgemeinen, besonders wenn sie schlecht schmecken. Dieser Cocktail ist meine eigene Erfindung. Ich werde ihn patentieren lassen, sobald mir ein guter Name eingefallen ist.�</p><p>Er sah aufmerksam zu, wie das tiefe Glas von dem schwach goldenen Getr�nk au�en vereiste, dann nahm er einen gro�en Schluck.</p><p>�Hervorragend�, sagte er zum Barkeeper, �aber wenn Sie einen Wodka aus Getreide statt aus Kartoffeln bekommen k�nnen, wird der Cocktail noch besser.</p><p><emphasis>Mais n�enculons pas de mouches</emphasis>�, f�gte er noch f�r den Barkeeper hinzu. Dieser grinste.</p><p>�Das ist ein vulg�rer Ausdruck f�r �Aber wir wollen nicht kleinlich sein.��, erkl�rte Bond.</p><p>Doch Leiter war noch immer an Bonds Getr�nk interessiert. �Sie denken alles ziemlich gr�ndlich durch�, stellte er am�siert fest, w�hrend sie ihre Gl�ser in eine Ecke des Raumes trugen. Er senkte seine Stimme.</p><p>�Vielleicht sollten Sie ihn �Molotowcocktail� nennen, nach dem, den Sie heute Nachmittag gekostet haben.�</p><p>Sie setzten sich. Bond lachte.</p><p>�Sie haben die Stelle abgesperrt und lassen die Autos �ber eine Umleitung �ber den B�rgersteig fahren. Ich hoffe, dass dadurch keine reichen Urlauber verscheucht wurden.�</p><p>�Die Leute schlucken die Kommunistenstory oder denken, dass es eine geplatzte Gasleitung war. Die verbrannten B�ume werden heute Nacht gef�llt, und wenn die Dinge hier so wie in Monte Carlo laufen, wird morgen fr�h keine Spur mehr von der Sauerei zu sehen sein.�</p><p>Leiter sch�ttelte sich eine Chesterfield aus seiner Packung. �Ich freue mich darauf, bei diesem Auftrag mit Ihnen zusammenzuarbeiten�, sagte er und sah dabei in sein Glas, �daher bin ich besonders froh, dass Sie nicht in die Luft geflogen sind. Unsere Leute sind definitiv interessiert. Sie halten es f�r genauso wichtig wie Ihre Freunde, und sie finden es auch �berhaupt nicht verr�ckt. Tats�chlich ist Washington ein wenig eingeschnappt, dass wir die Sache nicht selbst durchziehen, aber Sie wissen ja, wie die hohen Tiere so sind. Ihre Leute in London sind wahrscheinlich genauso.�</p><p>Bond nickte. �Sie neigen dazu, immer ein wenig neidisch zu sein, wenn die anderen ihnen zuvorkommen�, gab er zu.</p><p>�Jedenfalls unterstehe ich Ihren Befehlen und soll Ihnen alles geben, was Sie ben�tigen. Da Mathis und seine Jungs vor Ort sind, gibt es wahrscheinlich nicht mehr viel zu tun. Aber wie dem auch sei, hier bin ich.�</p><p>�Und ich bin hocherfreut dar�ber�, sagte Bond. �Die Gegenseite hat mich und wahrscheinlich auch Sie und Mathis schon �berpr�ft, und ich nehme an, dass sie mit harten Bandagen k�mpfen wird. Ich bin froh, dass Le Chiffre so verzweifelt zu sein scheint, wie wir dachten. Ich f�rchte, dass ich f�r Sie momentan tats�chlich nicht viel zu tun habe, aber ich w�re Ihnen dankbar, wenn Sie heute Abend im Casino bleiben w�rden. Ich habe eine Assistentin namens Miss Lynd, und ich w�rde sie Ihnen gerne �bergeben, wenn ich zu spielen anfange. Keine Sorge, sie ist ein gut aussehendes M�dchen.� Er l�chelte Leiter an. �Und behalten Sie seine beiden Handlanger im Auge. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass er zu so primitiven Mitteln wie einer Pr�gelei greift, aber man kann ja nie wissen.�</p><p>�Dabei kann ich vielleicht helfen�, sagte Leiter. �Bevor ich mit diesem Job angefangen habe, war ich Mitglied in unserem Marinekorps, wenn Ihnen das etwas sagt.� Er sah Bond selbstironisch an.</p><p>�Das tut es�, antwortete Bond.</p><p>Wie sich herausstellte, stammte Leiter aus Texas. W�hrend er �ber seine Arbeit f�r den JIS der NATO erz�hlte und die Schwierigkeiten betonte, die Sicherheit einer Organisation zu gew�hrleisten, die so viele verschiedene Nationalit�ten repr�sentierte, dachte Bond, dass gute Amerikaner angenehme Leute waren, und die meisten von ihnen aus Texas zu kommen schienen.</p><p>Felix Leiter war etwa f�nfunddrei�ig. Er war hochgewachsenen und schmal, und sein leichter beigefarbener Anzug hing locker an ihm herab wie Frank Sinatras Kleidung. Seine Bewegungen und seine Sprechweise waren langsam, aber man hatte das Gef�hl, dass viel Geschwindigkeit und St�rke in ihm steckte und dass er ein z�her und unnachgiebiger K�mpfer war. W�hrend er so �ber den Tisch gebeugt sa�, erinnerte er Bond an einen Falken. Da lag etwas in seinem Gesicht, in seinem scharfen Kinn, den Wangenknochen und dem breiten, stets ein wenig ironisch l�chelnden Mund. Seine grauen Augen waren leicht schr�g gestellt wie die einer Katze, was er noch betonte, indem er sie im Rauch der Chesterfields zusammenkniff, die er sich unaufh�rlich aus der Packung klopfte. Die permanenten F�ltchen, die diese Angewohnheit in seine Augenwinkel grub, lie�en den Eindruck entstehen, dass er mehr mit den Augen als mit dem Mund l�chelte. Ein Wust strohblonder Haare verlieh seinem Gesicht ein jungenhaftes Aussehen, das einer n�heren Betrachtung jedoch nicht standhielt. Auch wenn er recht offen �ber seine Pflichten in Paris sprach, bemerkte Bond schon bald, dass er seine amerikanischen Kollegen in Europa oder Washington nie erw�hnte. Dies f�hrte Bond zu der Vermutung, dass Leiter die Interessen seiner eigenen Organisation viel h�her hielt als die gemeinsamen Interessen des nordatlantischen B�ndnisses. Daf�r hatte Bond Verst�ndnis.</p><p>Nachdem Leiter seinen zweiten Whisky getrunken und Bond ihm von den Muntzens und seinem kleinen Erkundungsausflug entlang der K�ste erz�hlt hatte, war es bereits halb acht, und sie beschlossen, gemeinsam zu ihrem Hotel zur�ckzugehen. Bevor sie das Casino verlie�en, deponierte Bond sein komplettes Kapital von vierundzwanzig Millionen an der <emphasis>caisse</emphasis> und behielt nur ein paar Scheine im Wert von etwa zehntausend Franc als Taschengeld zur�ck.</p><p>W�hrend sie zum Splendide spazierten, sahen sie, dass an der Explosionsstelle bereits eine Gruppe Bauarbeiter zugange war. Mehrere B�ume waren ausgegraben worden, und Wasser aus drei st�dtischen Tankwagen wusch die Stra�e und den B�rgersteig sauber. Der Explosionskrater war verschwunden, und nur ein paar Passanten waren stehen geblieben, um zu gaffen. Bond nahm an, dass �hnliche Ma�nahmen am Hermitage sowie an den L�den und H�userfronten durchgef�hrt worden waren, die ihre Fenster verloren hatten.</p><p>In der warmen D�mmerung von Royale-les-Eaux war wieder alles gesittet und friedlich.</p><p>�F�r wen arbeitet der Concierge?�, fragte Leiter, als sie sich dem Hotel n�herten. Bond erkl�rte, dass er sich nicht sicher war.</p><p>Mathis war nicht in der Lage gewesen, ihn aufzukl�ren. �Wenn Sie ihn nicht selbst gekauft haben�, hatte er gesagt, �m�ssen Sie davon ausgehen, dass er von der Gegenseite geschmiert wurde. Alle Concierges sind bestechlich. Es ist nicht ihre Schuld. Sie werden daf�r ausgebildet, alle Hotelg�ste au�er Maharadschas als potenzielle Betr�ger und Diebe anzusehen. Ihnen liegt so viel an Ihrem Komfort und Wohlergehen wie Krokodilen.�</p><p>Bond musste an diese Behauptung von Mathis denken, als der Concierge ihm entgegeneilte und sich danach erkundigte, ob er sich von seinem unerfreulichen Erlebnis am Nachmittag wieder erholt hatte. Bond vertraute ihm sicherheitshalber an, dass er sich immer noch ein wenig zittrig f�hlte. Er hoffte, dass diese Information weitergegeben w�rde, sodass Le Chiffre das Spiel mit einer Fehleinsch�tzung der St�rke seines Gegners beginnen w�rde. Der Concierge bot Bond zur St�rkung Glyzerintropfen an.</p><p>Leiters Zimmer lag in einem der h�heren Stockwerke, und so trennten sie sich am Aufzug. Doch nicht ohne vorher verabredet zu haben, sich zwischen halb zehn und halb elf im Casino zu treffen, der �blichen Zeit, zu der die prestigetr�chtigen Spiele begannen.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#11"/></p><p><strong>ROSA LICHTER UND CHAMPAGNER</strong></p><p>Bond ging in sein Zimmer, das erneut keine Anzeichen von unbefugtem Eindringen aufwies, zog seine Kleidung aus, nahm ein langes hei�es Bad, gefolgt von einer eiskalten Dusche, und legte sich auf sein Bett. Ihm blieb noch eine Stunde, um sich auszuruhen und seine Gedanken zu sammeln, bevor er das M�dchen in der Bar des Splendide traf. Eine Stunde, um die Einzelheiten seines Plans f�r das Spiel durchzugehen, und f�r die Zeit nach dem Spiel, in all den verschiedenen Varianten von Sieg oder Niederlage. Er musste die begleitenden Rollen von Mathis, Leiter und dem M�dchen planen, und die m�glichen Reaktionen der Gegenseite visualisieren. Er schloss die Augen und stellte sich eine Reihe sorgf�ltig aufgebauter Szenen vor, als ob er die sich drehenden Glassteinchen eines Kaleidoskops betrachten w�rde.</p><p>Um zwanzig vor neun hatte er alle Variationen erwogen, die aus seinem Duell mit Le Chiffre entstehen konnten. Er stand auf und zog sich an. Dabei verdr�ngte er die unmittelbare Zukunft aus seinen Gedanken.</p><p>W�hrend er seine schmale schwarze Satinkrawatte band, hielt er einen Moment lang inne und betrachtete sein Spiegelbild. Seine graublauen Augen blickten mit einem Hauch Ironie zur�ck, und eine Locke seines widerspenstigen schwarzen Haars bildete ein dickes Komma �ber seiner rechten Augenbraue. Mit der schmalen vertikalen Narbe auf seiner rechten Wange lie� ihn das entfernt wie einen Piraten wirken. Aber keine �hnlichkeit mit Hoagy Carmichael, dachte Bond, w�hrend er ein flaches Metalletui mit f�nfzig seiner Morland-Zigaretten mit den drei goldenen Ringen f�llte. Mathis hatte ihm von Lynds Bemerkung erz�hlt.</p><p>Er steckte das Etui in seine Hosentasche, und klappte sein Ronson-Feuerzeug auf, um zu sehen, ob es noch ausreichend gef�llt war. Nachdem er auch das schmale B�ndel Geldscheine eingesteckt hatte, �ffnete er eine Schublade und nahm ein leichtes Lederholster heraus. Er lie� es �ber seine linke Schulter gleiten, sodass es etwa acht Zentimeter unter seiner Achselh�hle hing. Dann holte er unter einem Stapel Hemden in einer anderen Schublade eine sehr flache .25 Beretta Automatic hervor, deren Griffabdeckung entfernt worden war. Er nahm das Magazin und die einzelne Kugel im Lauf heraus, bewegte den Schlitten ein paarmal hin und her, und dr�ckte schlie�lich bei leerer Kammer mehrmals den Abzug. Dann lud und sicherte er die Waffe wieder und steckte sie in das Schulterholster. Er schaute im Raum umher, um festzustellen, ob er etwas vergessen hatte, dann zog er sein einreihiges Smokingjackett �ber das Abendhemd aus schwerer Seide. Seine Kleidung war k�hl und angenehm zu tragen. Ein Blick in den Spiegel best�tigte ihm, dass die flache Waffe unter seinem linken Arm nicht zu sehen war. Dann richtete er ein letztes Mal seine schmale Krawatte, verlie� sein Zimmer und verschloss es.</p><p>Als er sich am unteren Absatz der kurzen Treppe in Richtung Bar wandte, h�rte er hinter sich die Liftt�r aufgehen und eine k�hle Stimme sagte: �Guten Abend.�</p><p>Es war die Frau. Sie blieb vor dem Aufzug stehen und wartete darauf, dass er zu ihr kam.</p><p>Er erinnerte sich genau an ihre Sch�nheit. Daher war er nicht �berrascht, erneut von ihr �berw�ltigt zu sein.</p><p>Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, einfach und doch von einer Eleganz, die nur ein halbes Dutzend <emphasis>couturiers</emphasis> auf der Welt erreichen konnten. Um ihren Hals trug sie eine schmale Diamantkette und am V-Ausschnitt, der den Ansatz ihres ausladenden Dekollet�s enth�llte, eine ebensolche Brosche. Sie hatte eine flache schwarze Handtasche dabei, die sie, die Arme in die Seiten gestemmt, an ihrer Taille trug. Ihr rabenschwarzes Haar fiel glatt herunter, bis zu der leichten Innenwelle unterhalb des Kinns.</p><p>Sie war wundersch�n, und Bonds Herz machte einen Sprung.</p><p>�Sie sehen einfach atemberaubend aus. Das Radiogesch�ft muss ja regelrecht florieren!�</p><p>Sie hakte sich bei ihm unter. �W�rde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir direkt zum Abendessen �bergehen?�, fragte sie. �Ich will einen gro�en Auftritt hinlegen, aber schwarzer Samt birgt ein schreckliches Geheimnis. Er knittert ganz f�rchterlich, wenn man sich hinsetzt. Und �brigens, falls Sie mich heute Abend schreien h�ren, habe ich mich auf einen Korbstuhl gesetzt.�</p><p>Bond lachte. �Nat�rlich, lassen Sie uns direkt hineingehen. Und w�hrend wir unser Essen bestellen, trinken wir ein Glas Wodka.�</p><p>Sie warf ihm einen am�sierten Blick zu, und er korrigierte sich: �Oder nat�rlich einen Cocktail, wenn Ihnen das lieber ist. Das Essen hier ist das beste in ganz Royale.�</p><p>Einen Augenblick lang �rgerte er sich �ber die Ironie, den leichten Schatten einer Zurechtweisung, mit der sie seiner Entschiedenheit und der Art, wie er auf ihren Blick reagiert hatte, begegnet war.</p><p>Aber das war nur ein winziger Zusammensto�, der bereits vergessen war, als der <emphasis>ma�tre d�h�tel</emphasis> sie durch den vollen Saal f�hrte und Bond sah, wie sich die K�pfe aller Anwesenden zu seiner Begleiterin umdrehten.</p><p>Der beste Teil des Restaurants lag neben dem gro�en, halbmondf�rmig gew�lbten Fenster, das wie das breite Heck eines Schiffes �ber dem Hotelgarten ausgebaut war. Aber Bond hatte einen Tisch in einer der verspiegelten Nischen im hinteren Bereich des gro�en Raumes ausgew�hlt. Diese stammten noch aus edwardianischer Zeit und waren abgelegen und in Wei� und Gold gehalten. Auf dem Tisch lag eine rote, bestickte Decke und an den W�nden hingen sp�tviktorianische Lampen.</p><p>W�hrend sie das Labyrinth aus purpurner Tinte entzifferten, das die zweiseitige Speisekarte bedeckte, rief Bond den Sommelier herbei. Dann drehte er sich zu seiner Begleiterin um.</p><p>�Haben Sie sich schon entschieden?�</p><p>�Ich h�tte gerne ein Glas Wodka�, sagte sie schlicht, und ihr Blick senkte sich wieder auf die Speisekarte.</p><p>�Eine kleine Karaffe Wodka, eisgek�hlt�, bestellte Bond. Dann sagte er unvermittelt zu ihr: �Ich kann nicht auf das Wohlergehen Ihres neuen Kleids trinken, ohne Ihren Vornamen zu kennen.�</p><p>�Vesper�, sagte sie. �Vesper Lynd.�</p><p>Bond sah sie fragend an.</p><p>�Es ist ziemlich �de, meinen Namen immer erkl�ren zu m�ssen, aber ich wurde am Abend geboren, laut meinen Eltern an einem ziemlich st�rmischen Abend. Offenbar wollten sie sich immer daran erinnern.� Sie l�chelte. �Einige m�gen ihn, andere nicht. Ich bin einfach daran gew�hnt.�</p><p>�Ich finde, es ist ein guter Name�, sagte Bond. Da kam ihm eine Idee. �Darf ich ihn mir ausborgen?� Er erz�hlte ihr von dem besonderen Martini, den er erfunden hatte, und dass er noch nach einem Namen suchte. �Der Vesper�, sagte er. �Klingt perfekt und passt hervorragend zur blauen Stunde, in der mein Cocktail von jetzt an in der ganzen Welt getrunken wird. Kann ich ihn benutzen?�</p><p>�Wenn ich den Cocktail vorher kosten darf�, antwortete sie. �Er klingt wie ein Getr�nk, auf das man stolz sein kann.�</p><p>�Wir werden einen trinken, wenn das alles hier vorbei ist�, sagte Bond. �Egal, ob wir gewinnen oder verlieren. Haben Sie sich entschieden, was Sie gerne essen m�chten? Nur keine falsche Bescheidenheit�, f�gte er hinzu, als er ihr Z�gern bemerkte. �Oder Sie entt�uschen dieses herrliche Kleid.�</p><p>�Ich habe mir zwei Sachen ausgesucht.� Sie lachte. �Und eines von beiden h�tte mir auch gereicht. Aber sich gelegentlich wie ein Million�r aufzuf�hren, ist ein wunderbares Vergn�gen, und wenn Sie meinen � nun, dann w�rde ich gerne mit dem Kaviar anfangen, und h�tte danach gerne einfach das gegrillte <emphasis>rognon de veau</emphasis> mit <emphasis>pommes souffl�s</emphasis>. Und zum Abschluss <emphasis>fraises des bois</emphasis> mit viel Sahne. Finden Sie es sehr schamlos von mir, mich so schnell f�r eine solch teure Auswahl entschieden zu haben?� Sie l�chelte ihn fragend an.</p><p>�Im Gegenteil, ich halte es f�r eine Tugend. Au�erdem ist das nur eine einfache, gesunde Mahlzeit.� Er wandte sich an den <emphasis>ma�tre d�h�tel</emphasis>. �Und bringen Sie reichlich Toast.�</p><p>�Das Problem�, erkl�rte er Vesper, �besteht n�mlich nicht darin, gen�gend Kaviar zu bekommen, sondern ausreichend Toast dazu.�</p><p>Er wandte sich wieder der Speisekarte zu. �Ich werde mich der Mademoiselle beim Kaviar anschlie�en, aber dann h�tte ich gerne ein kleines <emphasis>tournedos</emphasis>, blutig, mit <emphasis>sauce b�arnaise</emphasis> und einem <emphasis>coeur d�artichaut</emphasis>. Und w�hrend Mademoiselle ihre Erdbeeren genie�t, m�chte ich eine halbe Avocado mit ein wenig Vinaigrette. Findet das Ihre Zustimmung?�</p><p>Der <emphasis>ma�tre d�h�tel</emphasis> nickte.</p><p>�Eine gute Wahl. Monsieur George�, wandte er sich an den Sommelier, und wiederholte die beiden Bestellungen f�r ihn.</p><p>�<emphasis>Parfait</emphasis>�, sagte der Sommelier und reichte ihnen die ledergebundene Weinkarte.</p><p>�Wenn Ihnen das recht ist�, sagte Bond, �w�rde ich heute Abend gerne Champagner mit Ihnen trinken. Es ist ein munterer Wein und passt zum Anlass � zumindest hoffe ich das.�</p><p>�Ja, ich h�tte gerne Champagner�, antwortete sie.</p><p>Mit seinem Finger auf der Seite wandte sich Bond zum Sommelier um: �Den Taittinger 45?�</p><p>�Ein hervorragender Wein, Monsieur�, erwiderte der Sommelier. �Aber wenn Monsieur erlauben�, er deutete mit seinem Stift, �der Blanc de Blanc Brut 1943 der gleichen Marke sucht seinesgleichen.�</p><p>Bond l�chelte. �Einverstanden�, sagte er.</p><p>�Das ist keine bekannte Marke�, erkl�rte Bond seiner Begleiterin, �aber der wahrscheinlich beste Champagner der Welt.� Als ihm sein anma�ender Tonfall auffiel, musste er l�cheln.</p><p>�Bitte verzeihen Sie�, sagte er. �Ich habe eine fast l�cherliche Freude an dem, was ich esse und trinke. Das liegt teilweise daran, dass ich Junggeselle bin, aber haupts�chlich an meiner Liebe zum Detail. Es mag ziemlich pedantisch wirken, aber wenn ich arbeite, speise ich normalerweise allein, und das Essen wird interessanter, wenn man sich damit besch�ftigt.�</p><p>Vesper l�chelte ihn an.</p><p>�Mir gef�llt es�, sagte sie. �Ich bin eine Genie�erin und versuche, alles, was ich tue, voll auszukosten. Ich denke, so sollte man leben. Aber es klingt recht schulm�dchenhaft, wenn man es ausspricht�, f�gte sie entschuldigend dazu.</p><p>Die kleine Karaffe mit Wodka war in einer Schale mit zersto�enem Eis angekommen, und Bond f�llte ihre Gl�ser.</p><p>�Ich stimme Ihnen zu�, sagte er. �Auf dass heute Abend das Gl�ck auf unserer Seite sein m�ge, Vesper.�</p><p>�Ja�, sagte sie leise, w�hrend sie ihr kleines Glas hob und ihm dabei mit einer seltsamen Direktheit in die Augen blickte. �Hoffentlich geht alles gut.�</p><p>Bond kam es so vor, als w�rde sie, w�hrend sie sprach, unwillk�rlich mit den Schultern zucken. Aber dann lehnte sie sich impulsiv zu ihm vor.</p><p>�Ich habe Neuigkeiten von Mathis f�r Sie. Eigentlich wollte er es Ihnen selbst erz�hlen. Es geht um die Bombe. Eine Wahnsinnsgeschichte.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#12"/></p><p><strong>DAS SPIEL HEISST BACCARA</strong></p><p>Bond sah sich um, aber es schien keine Gefahr zu bestehen, belauscht zu werden. Und der Kaviar wartete wahrscheinlich noch auf den hei�en Toast aus der K�che.</p><p>�Legen Sie los.� In seinen Augen funkelte Interesse.</p><p>�Sie haben den dritten Bulgaren auf der Stra�e nach Paris geschnappt. Er fuhr in einem Citro�n und hatte zur Tarnung zwei britische Anhalter mitgenommen. An der Stra�ensperre war sein Franz�sisch so schlecht, dass er nach seinen Papieren gefragt wurde. Da zog er eine Waffe und schoss auf einen der Polizeibeamten. Aber seinem Kollegen gelang es irgendwie, ihn zu �berw�ltigen und davon abzuhalten, Selbstmord zu begehen. Dann wurde er nach Rouen gebracht, wo sie den Rest der Geschichte aus ihm herausholten � ich nehme an, auf die �bliche franz�sische Art.</p><p>Offenbar geh�rten sie zu einer Gruppe von Saboteuren, Schl�gern und so weiter, die in Frankreich f�r diese Art von Arbeit engagiert wird. Mathis ist bereits dabei, den Rest einzukassieren. Sie sollten f�r Ihren Tod zwei Millionen Franc bekommen, und der Agent, der sie instruierte, hat ihnen versichert, dass sie auf keinen Fall geschnappt werden k�nnten, solange sie seine Anweisungen genau befolgen.�</p><p>Sie nahm einen Schluck Wodka. �Jetzt kommt der interessante Teil.</p><p>Der Agent gab ihnen die beiden Kamerataschen, die Sie gesehen haben. Er sagte ihnen, die grellen Farben w�rden es ihnen leichter machen. Er erkl�rte, dass die blaue Tasche eine sehr kr�ftige Rauchbombe enthalte. In der roten bef�nde sich der Sprengstoff. Wenn der eine die rote Tasche warf, sollte der andere einen Knopf an der blauen dr�cken, damit sie im Schutz der Rauchwolke entkommen konnten. Doch in Wahrheit war die Rauchbombe eine reine L�ge, um den Bulgaren vorzugaukeln, dass sie davonkommen w�rden. Beide Taschen enthielten eine identische, hochexplosive Bombe. Es gab keinen Unterschied zwischen der blauen und der roten Tasche. Der Plan bestand darin, erst Sie und dann die Bombenleger ohne eine Spur zu beseitigen. Wahrscheinlich gab es f�r den dritten Mann �hnliche Pl�ne.�</p><p>�Sprechen Sie weiter�, sagte Bond voller Bewunderung f�r das raffinierte Doppelspiel.</p><p>�Nun, offenbar fanden die Bulgaren, dass das alles zwar gut und sch�n klang, entschieden aber insgeheim, kein Risiko einzugehen. Sie dachten, es w�re besser, zuerst die Rauchbombe zu aktivieren, und dann aus der Deckung heraus den Sprengsatz auf Sie zu werfen. Was Sie sahen, war der zweite Bulgare, der auf den Knopf der vermeintlichen Rauchbombe dr�ckte. Und nat�rlich wurden dadurch beide in die Luft gesprengt.</p><p>Der dritte Bulgare wartete hinter dem Splendide darauf, seine beiden Freunde mitzunehmen. Als er sah, was passiert war, nahm er an, dass sie es vermasselt hatten. Aber die Polizei hatte ein paar Fragmente der nicht explodierten roten Bombe eingesammelt, und ihn damit konfrontiert. Als er erkannte, dass sie reingelegt worden waren und dass man seine beiden Freunde mit Ihnen hatte umbringen wollen, begann er zu reden. Ich sch�tze, er redet immer noch. Aber es gibt nichts, was das alles mit Le Chiffre in Verbindung bringen w�rde. Der Auftrag wurde ihnen von einem Zwischenh�ndler vermittelt, vielleicht einem von Le Chiffres Leibw�chtern. Und derjenige, der �berlebt hat, kann mit Le Chiffres Namen nichts anfangen.�</p><p>Sie beendete ihre Geschichte, gerade als der Kellner den Kaviar und einen Stapel warmer Toastscheiben brachte. Dazu wurden kleine Schalen mit fein gehackten Zwiebeln und hart gekochten, geriebenen Eiern gereicht, das Eiwei� in einer Schale und das Eigelb in einer anderen.</p><p>Der Kaviar wurde auf ihre Teller geh�uft, und eine Zeit lang a�en sie schweigend.</p><p>Nach einer Weile sagte Bond: �Es ist sehr befriedigend, eine Leiche zu sein, die mit ihren M�rdern den Platz getauscht hat. Sie haben sich im wahrsten Sinne des Wortes in ihrer eigenen Schlinge verfangen. Mathis muss mit seinem Tagwerk sehr zufrieden sein � f�nf unserer Gegner wurden in vierundzwanzig Stunden neutralisiert.� Dann erz�hlte er ihr, wie sie die Muntzens �berlistet hatten.</p><p>��brigens�, fragte er, �wie sind Sie eigentlich in die Angelegenheit verwickelt worden? Zu welcher Abteilung geh�ren Sie?�</p><p>�Ich bin die pers�nliche Assistentin des Leiters von S�, sagte Vesper. �Da er sich den Plan ausgedacht hat, wollte er, dass seine Abteilung an dem Einsatz beteiligt ist, und fragte M, ob ich gehen k�nnte. Es schien nur ein Kontaktauftrag zu sein, also willigte M ein, auch wenn er meinem Vorgesetzten sagte, dass Sie w�tend dar�ber sein w�rden, dass man Ihnen eine Frau zur Seite stellt.� Sie wartete, aber als Bond nichts erwiderte, fuhr sie fort: �Ich sollte Mathis in Paris treffen und mit ihm herkommen. Ich habe eine Freundin, die eine <emphasis>vendeuse</emphasis> bei Dior ist und es irgendwie geschafft hat, mir dieses Kleid und das von heute Morgen zu leihen. Ansonsten h�tte ich wohl kaum mit all diesen Leuten mithalten k�nnen.� Sie deutete in den Speisesaal.</p><p>�Im B�ro waren alle sehr neidisch auf mich, auch wenn sie nicht wussten, um was f�r einen Auftrag es sich genau handelt. Sie hatten nur geh�rt, dass ich mit einem Doppelnullagenten zusammenarbeiten darf. Sie sind nat�rlich unsere Helden. Ich war entz�ckt.�</p><p>Bond runzelte die Stirn. �Es ist nicht schwer, eine Doppelnull zu bekommen, wenn man bereit ist, Menschen zu t�ten�, sagte er. �Mehr steckt nicht dahinter. Es ist nichts, worauf man besonders stolz sein kann. Ich habe diesen Status den Leichen eines japanischen Chiffrierexperten in New York und eines norwegischen Doppelagenten in Stockholm zu verdanken. Wahrscheinlich waren sie ganz anst�ndige Leute. Sie gerieten lediglich ins Minenfeld der Welt, wie dieser Jugoslawe, den Tito kaltgemacht hat. Es ist ein verwirrendes Gesch�ft, aber wenn man sich diesen Job nun einmal ausgesucht hat, tut man, was einem gesagt wird. Wie schmeckt Ihnen das geriebene Ei zum Kaviar?�</p><p>�Es ist eine wunderbare Kombination�, sagte sie. �Ich liebe dieses Essen. Es ist wirklich eine Schande, dass �� Ein kalter Blick von Bond warnte sie, weiterzusprechen.</p><p>�Ohne den Auftrag w�ren wir gar nicht hier�, sagte er.</p><p>Pl�tzlich bedauerte er die Intimit�t ihres gemeinsamen Abendessens und ihrer Gespr�che. Er hatte das Gef�hl, zu viel gesagt zu haben, und dass das, was zuvor nur eine Arbeitsbeziehung gewesen war, nun durcheinandergeraten war.</p><p>�Wir sollten dar�ber sprechen, was getan werden muss�, sagte er sachlich. �Ich werde Ihnen erkl�ren, was ich vorhabe und wie Sie mir dabei helfen k�nnen. Was, wie ich bef�rchte, nicht sehr viel sein wird�, f�gte er hinzu.</p><p>�Das sind also die grundlegenden Fakten.� Und er begann, den Plan zu erl�utern und die zahlreichen Eventualit�ten aufzuz�hlen, denen sie sich gegen�bersahen.</p><p>Der <emphasis>ma�tre d�h�tel</emphasis> wies das Auftragen des zweiten Gangs an, und w�hrend sie die k�stlichen Gerichte verspeisten, fuhr Bond fort.</p><p>Sie h�rte ihm emotionslos, aber aufmerksam zu. Sein scharfer Tonfall hatte sie verunsichert, und sie �rgerte sich dar�ber, der Warnung des Leiters von S nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt zu haben.</p><p>�Er ist ein �u�erst zweckorientierter Mann�, hatte ihr Vorgesetzter gesagt, als er ihr den Auftrag zugeteilt hatte. �Glauben Sie blo� nicht, dass dieser Einsatz Spa� machen wird. Er denkt an nichts anderes als an seine Mission. Und w�hrenddessen ist es die H�lle, f�r ihn zu arbeiten. Aber er ist ein Experte, und von denen gibt es nicht viele, also werden Sie nicht Ihre Zeit verschwenden. Ich glaube nicht, dass er viel Herz hat. Wie auch immer, viel Gl�ck und passen Sie auf sich auf.�</p><p>All dies hatte f�r sie so etwas wie eine Herausforderung dargestellt. Und als sie intuitiv gesp�rt hatte, dass er sie attraktiv und interessant fand, hatte ihr das eine gewisse Befriedigung verschafft. Doch dann hatte er sich aufgrund einer beil�ufigen Bemerkung, dass sie sich miteinander am�sierten, in Eis verwandelt und brutal zur�ckgezogen, als ob W�rme Gift f�r ihn w�re. Im ersten Moment war sie gekr�nkt gewesen und war sich wie eine Idiotin vorgekommen. Doch dann hatte sie innerlich mit den Schultern gezuckt und sich mit aller Aufmerksamkeit auf das konzentriert, was er sagte. Sie w�rde den gleichen Fehler kein zweites Mal begehen.</p><p>�� und unsere gr��te Hoffnung besteht darin, dass ich eine Gl�cks- oder er eine Pechstr�hne hat.�</p><p>Bond erkl�rte ihr, wie Baccara gespielt wurde.</p><p>�Im Grunde unterscheidet es sich nicht gro�artig von anderen Gl�cksspielen. Die Chancen der Bank und des Spielers sind mehr oder weniger gleich. Nur eine Gl�cksstr�hne eines Beteiligten kann die Entscheidung bringen und �sprengt die Bank�, oder ruiniert den Spieler.</p><p>Wir wissen, dass Le Chiffre heute Abend den Baccaratisch vom �gyptischen Syndikat gekauft hat, das hier die Tische mit den hohen Eins�tzen betreibt. Er hat eine Million Franc daf�r bezahlt, womit sich sein Kapital auf vierundzwanzig Millionen reduziert hat. Ich habe etwa den gleichen Betrag. Ich nehme an, dass es zehn Spieler geben wird, und wir sitzen um den Bankhalter herum an einem nierenf�rmigen Tisch.</p><p>Im Allgemeinen ist dieser Tisch in zwei Tableaus aufgeteilt. Der Bankhalter spielt zwei Spiele, eines gegen jedes der Tableaus rechts und links von ihm. In diesem Spiel sollte der Bankhalter in der Lage sein, zu gewinnen, indem er ein Tableau gegen das andere ausspielt. Aber es sind noch nicht gen�gend Baccaraspieler in Royale eingetroffen, und so wird Le Chiffre sein Gl�ck gegen die Spieler an einem einzelnen Tableau versuchen. Das ist ungew�hnlich, weil die Chancen f�r den Bankhalter in diesem Fall schlechter sind, allerdings stehen sie leicht zu seinen Gunsten, und nat�rlich kontrolliert er die Eins�tze.</p><p>Der Bankhalter sitzt also in der Mitte, ihm gegen�ber ein Croupier, um die Karten auszugeben und den Betrag jedes Bancos anzusagen, und ein <emphasis>chef de partie</emphasis>, der das ganze Spiel �berwacht. Ich werde versuchen, Le Chiffre so direkt wie m�glich gegen�berzusitzen. Vor ihm wird ein Kartenschlitten mit sechs gut durchgemischten Paketen stehen. Es besteht absolut keine M�glichkeit, sich an dem Schlitten zu schaffen zu machen. Die Karten werden vom Croupier erneut gemischt, von einem der Spieler geschnitten und gut sichtbar in den Schlitten zur�ckgelegt. Wir haben die Mitarbeiter �berpr�ft, und sie sind alle in Ordnung. Es w�re n�tzlich, aber fast unm�glich, alle Karten zu markieren, und es w�rde bedeuten, zumindest den Croupier einweihen zu m�ssen. Doch wir werden auch diese Option im Auge behalten.�</p><p>Bond trank einen Schluck Champagner und fuhr fort. �W�hrend des Spiels passiert nun Folgendes: Der Bankhalter verk�ndet ein Er�ffnungsbanco von f�nfhunderttausend Franc, was etwa f�nfhundert Pfund entspricht. Jeder Platz ist durchnummeriert, und der Spieler neben dem Bankhalter, oder Nummer 1, kann diesen Einsatz akzeptieren und sein Geld auf den Tisch legen, oder passen, wenn es zu hoch f�r ihn ist oder er es nicht annehmen will. Dann hat Nummer 2 das Recht, das Banco anzunehmen, und wenn er ablehnt, geht es an Nummer 3, und so weiter, einmal um den Tisch. Wenn kein einziger Spieler es annehmen will, wird der Einsatz dem Tisch als Ganzes angeboten und jeder steuert etwas bei, manchmal sogar einschlie�lich der Zuschauer um den Tisch, bis die f�nfhunderttausend zusammengekommen sind.</p><p>Das ist nur ein kleiner Einsatz, der sofort angenommen werden w�rde, aber wenn es zu einer Million oder mehr kommt, ist es oft schwierig, einen Spieler oder sogar eine Gruppe von Spielern zu finden, die den Einsatz annehmen. Ich werde zuerst versuchen, den Einsatz stets zu akzeptieren � genau genommen werde ich Le Chiffres Banco angreifen, wann immer ich die Gelegenheit dazu bekomme, bis ich entweder ihn oder er mich rausgeworfen hat. Es wird wahrscheinlich ziemlich lange dauern, aber am Ende muss einer den anderen besiegen, ohne R�cksicht auf die anderen Spieler am Tisch. Auch wenn sie ihn nat�rlich in der Zwischenzeit reicher oder �rmer machen k�nnen.</p><p>Da er der Bankhalter ist, hat er einen leichten Vorteil im Spiel. Doch da er genau wei�, dass ich es auf ihn abgesehen habe, aber hoffentlich mein Kapital nicht kennt, wird ihn das bestimmt ziemlich nerv�s machen. Also hoffe ich, dass wir ungef�hr auf gleicher Augenh�he beginnen.�</p><p>Er machte eine Pause, als die Erdbeeren und die Avocado kamen.</p><p>Eine Weile a�en sie schweigend ihren Nachtisch, und als der Kaffee serviert wurde, sprachen sie von anderen Dingen. Sie rauchten. Keiner von beiden trank einen Brandy oder Lik�r. Schlie�lich fand Bond, dass es an der Zeit war, die eigentlichen Grundlagen des Spiels zu erkl�ren.</p><p>�Im Prinzip ist es ganz einfach�, sagte er, �und Sie werden es sofort verstehen, wenn Sie schon mal Siebzehnundvier gespielt haben, wo das Ziel darin besteht, Karten vom Bankhalter zu bekommen, die in ihrer Summe n�her an die Zahl einundzwanzig herankommen als seine. In diesem Spiel bekomme ich zwei Karten und der Bankhalter ebenfalls. Sofern keiner von uns beiden direkt gewinnt, k�nnen wir uns eine weitere Karte geben lassen. Ziel des Spiels ist es, zwei oder drei Karten zu haben, die zusammen neun Punkte ergeben, oder so nah an neun herankommen wie m�glich. Bildkarten und Zehnen z�hlen null, Asse einen Punkt, jede andere Karte entspricht ihrem Nennwert. Es z�hlt immer nur die letzte Ziffer der Punktzahl. Daher ergibt beispielsweise neun plus sieben nicht sechzehn, sondern sechs.�</p><p>Vesper h�rte aufmerksam zu, aber sie beobachtete auch den Ausdruck abstrakter Leidenschaft in Bonds Gesicht.</p><p>�Wenn der Bankhalter mir also meine zwei Karten austeilt�, fuhr Bond fort, �und sie zusammen acht oder neun ergeben, nennt man das ein �Naturel� und ich decke sie auf und gewinne, es sei denn, er hat ein gleiches oder besseres Naturel. Wenn ich kein Naturel habe, kann ich bei einer Sechs oder Sieben bleiben und bei einer F�nf um eine weitere Karte bitten oder auch nicht. Bei einer Punktzahl, die niedriger als f�nf ist, werde ich auf jeden Fall um eine weitere Karte bitten. F�nf ist der Wendepunkt des Spiels. Die Chancen, seine Hand bei einem Punktestand von f�nf durch eine weitere Karte zu verbessern oder zu verschlechtern, stehen genau gleich.</p><p>Erst wenn ich um eine Karte bitte oder auf meine klopfe, um anzuzeigen, dass ich bei dem bleibe, was ich habe, kann der Bankhalter seine ansehen. Wenn er ein Naturel hat, deckt er sie auf und gewinnt. Anderenfalls ist er mit dem gleichen Problem konfrontiert wie ich. Aber ihm wird bei seiner Entscheidung, ob er eine dritte Karte ziehen soll, von meinen Aktionen geholfen. Wenn ich dabei geblieben bin, kann er davon ausgehen, dass ich eine F�nf, Sechs oder Sieben habe. Wenn ich mir eine weitere Karte habe geben lassen, wei� er, dass ich etwas Niedrigeres als sechs hatte und meine Hand mit der zus�tzlichen Karte nun verbessert oder verschlechtert habe. Und diese Karte wurde mir offen ausgeteilt. Ihr Nennwert und seine Kenntnis der Chancen verraten ihm, ob er noch eine Karte nehmen oder bei seinen beiden bleiben soll.</p><p>Er ist mir gegen�ber also im Vorteil, da er diese kleine Entscheidungshilfe hat, ob er ziehen oder bei seiner urspr�nglichen Summe bleiben soll. Aber es gibt bei diesem Spiel immer eine Problemkarte � was soll man bei einer F�nf tun, und was macht der Gegner damit? Einige Spieler lassen sich immer eine dritte Karte geben, andere bleiben immer bei zweien. Ich folge meiner Intuition.</p><p>Aber letztendlich�, sagte Bond, dr�ckte seine Zigarette aus und bat um die Rechnung, �z�hlen nur die nat�rlichen Achten und Neunen, und ich muss hoffen, dass ich mehr davon bekomme als er.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#13"/></p><p><strong>DAS GROSSE SPIEL</strong></p><p>W�hrend Bond das Spiel erkl�rte, hatten seine Augen zu leuchten begonnen. Die Aussicht, Le Chiffre zu Leibe r�cken zu k�nnen, stimulierte ihn und beschleunigte seinen Puls. Er schien die kurzzeitige K�lte zwischen ihnen vollkommen vergessen zu haben. Vesper war erleichtert und lie� sich von seiner Begeisterung anstecken.</p><p>Er beglich die Rechnung und gab dem Sommelier ein gro�z�giges Trinkgeld. Vesper erhob sich und ging vor, hinaus aus dem Restaurant und zu den Eingangsstufen des Hotels.</p><p>Der gro�e Bentley wartete bereits. Bond fuhr Vesper zum Casino und parkte so nah wie m�glich am Eingang. W�hrend sie die opulent eingerichteten Vorzimmer durchquerten, sprach er kaum ein Wort. Als sie ihn ansah, bemerkte sie, dass seine Nasenfl�gel leicht bebten. In jeder anderen Hinsicht wirkte er vollkommen gelassen und erwiderte heiter die Gr��e der Casinoangestellten. An der T�r zum <emphasis>salle priv�e</emphasis> wurden sie nicht um ihre Mitgliedskarte gebeten. Bonds kompromissloses Spiel hatte ihn bereits zu einem bevorzugten Gast gemacht, und dieser Ruhm strahlte auf seine Begleiterin ab.</p><p>Sie hatten den Raum kaum betreten, als Felix Leiter von einem der Roulettetische zu ihnen her�berkam und Bond wie einen alten Freund begr��te. Nachdem er mit Vesper Lynd bekannt gemacht worden war und mit ihr ein paar Nettigkeiten ausgetauscht hatte, sagte Leiter zu Bond: �Da Sie heute Abend Baccara spielen, gestatten Sie mir, Miss Lynd zu zeigen, wie man beim Roulette die Bank sprengt? Ich habe drei Gl�ckszahlen, die mit Sicherheit schon bald drankommen werden, und ich nehme an, Miss Lynd hat ebenfalls welche. Und sp�ter, wenn das Spiel richtig angelaufen ist, k�nnten wir an den Tisch kommen und Ihnen zusehen.�</p><p>Bond sah Vesper fragend an.</p><p>�Sehr gerne�, sagte sie, �aber nur, wenn Sie mir eine Ihrer eigenen Gl�ckszahlen geben, damit ich mit dieser spielen kann.�</p><p>�Ich habe keine Gl�ckszahlen�, erwiderte Bond ohne ein L�cheln. �Ich setze nur auf gleichwertige Chancen, oder so nah daran, wie es geht. Nun, ich verlasse Sie dann jetzt.� Er entschuldigte sich. �Sie sind bei meinem Freund Felix Leiter in guten H�nden.� Er warf beiden ein fl�chtiges L�cheln zu, und schlenderte zur <emphasis>caisse</emphasis>.</p><p>Leiter sp�rte ihre Kr�nkung.</p><p>�Er ist ein sehr ernsthafter Spieler, Miss Lynd�, sagte er. �Und ich sch�tze, das muss er auch sein. Kommen Sie einfach mit mir und sehen Sie zu, wie die Nummer 17 meiner �bersinnlichen Gedankensteuerung gehorcht.</p><p>Ich denke, Sie werden es nicht allzu unangenehm finden, einfach so jede Menge Geld zugeschoben zu bekommen.�</p><p>Bond war erleichtert, wieder allein und in der Lage zu sein, sich ausschlie�lich auf die bevorstehende Aufgabe konzentrieren zu k�nnen. Er stand an der <emphasis>caisse</emphasis> und bekam gegen die Quittung, die ihm nachmittags ausgestellt worden war, seine vierundzwanzig Millionen Franc wieder. Er teilte die Scheine in zwei gleiche Stapel und steckte die eine H�lfte des Geldes in seine rechte Jacketttasche, die andere in die linke. Dann schlenderte er gem�chlich zwischen den vollbesetzten Tischen hindurch, bis er am Ende des Saals angekommen war, wo hinter einem Messinggel�nder der breite Baccaratisch wartete.</p><p>Der Tisch f�llte sich allm�hlich, und die Karten wurden verdeckt auf dem Tisch durcheinandergeschoben, eine der effektivsten Methoden, um Kartensets zu mischen und Manipulationen zu vermeiden.</p><p>Der <emphasis>chef de partie</emphasis> hob die mit Samt �berzogene Kette am Gel�nder an und gew�hrte ihm Einlass.</p><p>�Ich habe Nummer 6 f�r Sie reserviert, wie Sie es w�nschten, Monsieur Bond.�</p><p>Drei Pl�tze waren immer noch unbesetzt. Bond ging zum Tisch, wo ihm ein <emphasis>huissier</emphasis> einen Stuhl zurechtr�ckte. Er nickte seinen Mitspielern zu und nahm Platz. Dann zog er sein Zigarettenetui und sein Feuerzeug heraus und legte sie neben seinen rechten Ellbogen auf den gr�nen Filz. Der <emphasis>huissier</emphasis> wischte einen dicken Glasaschenbecher aus und stellte ihn dazu. Bond z�ndete sich eine Zigarette an und lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck.</p><p>Der Platz des Bankhalters ihm gegen�ber war unbesetzt. Er sah sich am Tisch um. Er kannte die meisten Spieler vom Sehen, doch nur wenige mit Namen. Auf Nummer 7, zu seiner Rechten, sa� ein Monsieur Sixte, ein reicher Belgier mit Beteiligungen am Metallhandel im Kongo. Auf Nummer 9 befand sich Lord Danvers, ein distinguierter, aber schw�chlich aussehender Mann, dessen Verm�gen vermutlich von seiner reichen amerikanischen Gattin stammte. Es handelte sich um eine Frau mittleren Alters, deren raubtierhafter Mund an einen Barrakuda erinnerte und die auf Platz Nummer 3 sa�. Bond nahm an, dass ihr Spiel gerissen, aber nerv�s war, und dass sie unter den ersten sein w�rde, die ausschieden. Auf Nummer 1, zur Rechten des Bankhalters, befand sich ein bekannter griechischer Spieler, der eine profitable Reederei besa�, wie Bonds Erfahrung nach offenbar jeder im �stlichen Mittelmeerraum. Er w�rde gelassen und gut spielen und weiterkommen.</p><p>Bond bat den <emphasis>huissier</emphasis> um einen Zettel und schrieb unter ein Fragezeichen die verbleibenden Zahlen 2, 4, 5, 8 und 10.</p><p>Schnell kam der Zettel mit den ausgef�llten Namen zur�ck.</p><p>Nummer 2 w�rde von Carmel Delane besetzt werden. Sie war ein amerikanischer Filmstar und hatte die Alimente dreier Exm�nner zu verheizen, und Bond nahm an, dass noch mehr Geld von ihrem derzeitigen Begleiter hier in Royale dazukommen w�rde. Mit ihrem lebhaften Temperament w�rde sie unbek�mmert und voller Elan spielen und vielleicht eine Gl�cksstr�hne haben.</p><p>Dann kam Lady Danvers auf Nummer 3. Nummer 4 und 5 waren Mr und Mrs Du Pont. Sie wirkten reich und hatten m�glicherweise das echte Geld der Du Ponts im R�cken. Bond war recht froh, sie neben sich zu haben � Mrs Du Pont sa� auf Nummer 5 �, und er war darauf vorbereitet, mit ihnen oder Monsieur Sixte zu seiner Rechten zusammenzulegen, wenn sie sich einer zu gro�en Banksumme gegen�bersehen sollten.</p><p>Auf Nummer 8 sa� der Maharadscha eines kleinen indischen Staates, der hier wahrscheinlich seine gesamten Reserven aus der Zeit des Sterlingblocks als Spielkapital einsetzte. Bonds Erfahrung nach waren nur wenige Asiaten beherzte Spieler. Selbst die vielgepriesenen Chinesen neigten dazu, den Mut zu verlieren, wenn es schlecht lief. Aber der Maharadscha w�rde wahrscheinlich im Spiel bleiben und ein paar schwere Verluste hinnehmen, solange sie nur nach und nach kamen.</p><p>Nummer 10 war Signor Tomelli, ein wohlhabend aussehender junger Italiener, dessen Reichtum wahrscheinlich von Wuchermieten in Mailand stammte. Bond nahm an, dass er �berst�rzt und unklug spielen w�rde. Vielleicht w�rde er sogar die Beherrschung verlieren und eine Szene machen.</p><p>Bond hatte seine grobe Zusammenfassung der Spieler gerade beendet, als Le Chiffre mit den stillen und sparsamen Bewegungen eines gro�en Fisches durch die �ffnung im Gel�nder trat. Er schenkte den Anwesenden am Tisch ein kaltes L�cheln, und setzte sich direkt gegen�ber von Bond auf den Platz des Bankhalters.</p><p>Mit dem gleichen sparsamen Einsatz von Bewegung schnitt er den Kartenstapel, den der Croupier auf den Tisch gelegt hatte, zwischen seinen schmalen, entspannten H�nden. Dann, als der Croupier die sechs Pakete mit einer fl�ssigen Bewegung in den Kartenschlitten aus Holz und Metall gepackt hatte, fl�sterte ihm Le Chiffre etwas zu.</p><p>�<emphasis>Messieurs, mesdames, les jeux sont faits. Un banco de cinq cent mille</emphasis>�, und als der Grieche auf Nummer 1 vor seinem fetten Stapel Hunderttausender-Jetons auf den Tisch klopfte, �<emphasis>Le Banco est fait</emphasis>.�</p><p>Le Chiffre beugte sich �ber den Schlitten und stie� kurz dagegen, um die Karten auszurichten. Und schon zeigte die erste ihre blassrosa Zunge im geneigten Mund des Schlittens. Dann zog er die Karte sanft mit einem dicken wei�en Zeigefinger heraus und schob sie dem Griechen zu seiner Rechten zu. Danach zog er eine Karte f�r sich selbst heraus, gefolgt von einer weiteren f�r den Griechen und noch einer f�r sich.</p><p>Schlie�lich sa� er regungslos da, ohne seine Karten zu ber�hren.</p><p>Er sah den Griechen an.</p><p>Mit dem Palette genannten flachen Holzschieber hob der Croupier die beiden Karten des Griechen an und bef�rderte sie mit einer schnellen Bewegung nach rechts, sodass sie genau vor den blassen, haarigen H�nden des Griechen landeten, die still wie zwei wachsame Krebse auf dem Tisch lagen.</p><p>Die beiden rosa Krebse hasteten auseinander. Der Grieche nahm die Karten mit seiner linken Hand auf und neigte den Kopf, um sich im Schatten seiner hohlen Hand den Wert der unteren Karte anzusehen. Dann schob er mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand die untere Karte leicht beiseite, um auch den Wert der oberen Karte erkennen zu k�nnen.</p><p>Sein Gesichtsausdruck war teilnahmslos. Er legte seine linke Hand wieder flach auf den Tisch und zog sie dann zur�ck. Seine beiden Karten blieben verdeckt vor ihm liegen und hatten nur ihm ihr Geheimnis preisgegeben.</p><p>Er hob den Kopf und blickte Le Chiffre in die Augen.</p><p>�<emphasis>Non</emphasis>�, sagte der Grieche mit flacher Stimme.</p><p>Mit seiner Entscheidung, bei seinen zwei Karten zu bleiben und keine weitere zu verlangen, hatte der Grieche deutlich gemacht, dass er eine F�nf, Sechs oder Sieben hatte. Um zu gewinnen, musste der Bankhalter nun eine Acht oder Neun aufdecken. Wenn der Bankhalter keines von beiden vorzuweisen hatte, durfte er ebenfalls eine weitere Karte nehmen, die seine Punktzahl verbessern oder verschlechtern konnte.</p><p>Le Chiffre hatte seine H�nde vor sich gefaltet, seine zwei Karten lagen etwa acht Zentimeter entfernt. Mit der rechten Hand nahm er die beiden Karten auf und drehte sie mit einem leisen schnappenden Ger�usch um.</p><p>Es waren eine Vier und eine F�nf, eine unschlagbare nat�rliche Neun.</p><p>Er hatte gewonnen.</p><p>�<emphasis>Neuf � la banque</emphasis>�, sagte der Croupier in ruhigem Tonfall. Mit der Palette drehte er die beiden Karten des Griechen um. �<emphasis>Et le sept</emphasis>�, f�gte er emotionslos hinzu. Dann bef�rderte er die Sieben und die Dame durch den breiten Schlitz im Tisch, der sich in der N�he seines Platzes befand. Dieser f�hrte zu einem verplombten Metallbeh�lter, in dem alle toten Karten landeten. Le Chiffres zwei Karten folgten ihnen mit einem Klappern, das zu Anfang jedes Spiels aus dem Kanister kam, bevor die abgelegten Karten auf dem Boden ihres Kerkers eine Decke gebildet hatten.</p><p>Der Grieche schob f�nf Jetons zu jeweils hunderttausend vor, und der Croupier f�gte sie Le Chiffres Jetons im Wert einer halben Million hinzu, die in der Mitte des Tisches lagen. Normalerweise zweigt das Casino von jedem Einsatz einen kleinen Teil ab, die <emphasis>cagnotte</emphasis>, aber w�hrend eines gro�en Spiels ist es �blich, dass der Bankhalter dies selbst �bernimmt, entweder als vorher ausgemachte Summe oder als Abgabe am Ende jeder Hand, sodass der Betrag des Anteils f�r die Bank st�ndig variiert. Le Chiffre hatte sich f�r die zweite Variante entschieden.</p><p>Der Croupier schob ein paar Spielmarken durch einen anderen Schlitz im Tisch, der die <emphasis>cagnotte</emphasis> enthielt, und verk�ndete leise:</p><p>�<emphasis>Un banco d�un million</emphasis>.�</p><p>�<emphasis>Suivi</emphasis>�, murmelte der Grieche, womit er sein Recht geltend machte, erneut Banco zu spielen.</p><p>Bond steckte sich eine Zigarette an und machte es sich auf seinem Platz gem�tlich. Das lange Spiel hatte begonnen, und die Abfolge dieser Gesten sowie die Wiederholung dieser zur�ckhaltenden Litanei w�rden weitergehen, bis das Ende kam und sich die Spieler zerstreuten. Dann w�rde man die Karten verbrennen oder auf andere Weise unbrauchbar machen, ein Tuch �ber dem Tisch ausbreiten, und der grasgr�ne Filz des Schlachtfelds w�rde das Blut seiner Opfer aufsaugen und sich daran laben.</p><p>Nachdem er eine dritte Karte genommen hatte, konnte der Grieche der Sieben des Bankhalters nicht mehr als eine Vier entgegensetzen.</p><p>�<emphasis>Un banco de deux millions</emphasis>�, sagte der Croupier.</p><p>Die Spieler links von Bond blieben stumm.</p><p>�<emphasis>Banco</emphasis>�, sagte Bond.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#14"/></p><p><strong>DER MOMENT DER WAHRHEIT</strong></p><p>Le Chiffre sah ihn desinteressiert an. Das Wei� in seinen Augen war �berall um seine Iris zu sehen, was seinem Blick etwas Teilnahmsloses und Puppenhaftes verlieh.</p><p>Langsam griff er in die Tasche seines Jacketts. Als die Hand wieder zum Vorschein kam, befand sich darin ein kleiner Metallzylinder, dessen Deckel Le Chiffre aufschraubte. Er steckte die D�se des Zylinders mit obsz�ner Bed�chtigkeit zwei Mal in jedes seiner Nasenl�cher und inhalierte genussvoll den Benzedrindampf.</p><p>In aller Ruhe steckte er den Inhalator wieder ein, dann erschien seine Hand schnell wieder auf Tischh�he und gab dem Kartenschlitten den �blichen Sto�.</p><p>Bond hatte den Blick des Bankhalters w�hrend dieser widerw�rtigen Pantomime k�hl erwidert und ihn sich dabei genauer angesehen: das breite, bleiche Gesicht, eingerahmt von kurzem r�tlich braunem Haar, der ernste, feuchte, rote Mund und die beeindruckend breiten Schultern, bedeckt mit einem locker sitzenden, weit geschnittenen Jackett.</p><p>W�ren da nicht die gl�nzenden Satinaufschl�ge gewesen, h�tte er ebenso gut auf den breiten Torso eines schwarzpelzigen Minotaurus starren k�nnen, der sich aus einer gr�nen Wiese erhob.</p><p>Bond warf ein B�ndel Scheine auf den Tisch, ohne sie nachzuz�hlen. Wenn er verlor, w�rde der Croupier genau das nehmen, was n�tig war, um den Wetteinsatz abzudecken. Aber die l�ssige Geste �bermittelte die Botschaft, dass Bond nicht vorhatte, zu verlieren, und dass dies nur eine symbolische Zurschaustellung der hohen finanziellen Mittel war, die Bond zur Verf�gung standen.</p><p>Die anderen Spieler sp�rten eine Spannung zwischen den beiden Kontrahenten, und es herrschte Schweigen am Tisch, als Le Chiffre die vier Karten aus dem Schlitten fingerte.</p><p>Der Croupier schob Bond seine zwei Karten mit der Spitze der Palette her�ber. Bond, der immer noch unger�hrt Le Chiffres Blick hielt, streckte seine Hand ein paar Zentimeter weit aus, sah kurz nach unten und warf die Karten mit einer ver�chtlichen Geste offen auf den Tisch.</p><p>Es waren eine Vier und eine F�nf � eine unschlagbare Neun.</p><p>In der Runde wurde leise nach Luft geschnappt, und die Spieler links von Bond tauschten bedauernde Blicke aus, weil sie den Zwei-Millionen-Einsatz nicht selbst hatten halten k�nnen.</p><p>Mit der Andeutung eines Schulterzuckens warf Le Chiffre langsam einen Blick auf seine eigenen beiden Karten und schnippte sie mit dem Fingernagel davon. Es waren zwei nutzlose Buben.</p><p>�<emphasis>Le baccarat</emphasis>�, verk�ndete der Croupier, w�hrend er die dicken Jetons zu Bond schob.</p><p>Bond steckte sie zu dem unbenutzten Geldb�ndel in die rechte Jacketttasche. Sein Gesicht verriet keine Emotionen, aber er war mit dem Erfolg seines ersten Coups und mit dem Ergebnis des stillen geistigen Duells �u�erst zufrieden.</p><p>Die Frau zu seiner Rechten, die Amerikanerin Mrs Du Pont, drehte sich mit einem gequ�lten L�cheln zu ihm um.</p><p>�Ich h�tte es nicht bis zu Ihnen kommen lassen d�rfen�, sagte sie. �Sobald die Karten ausgeteilt waren, h�tte ich mir am liebsten in den Hintern gebissen.�</p><p>�Das war erst der Anfang des Spiels�, sagte Bond. �Das n�chste Mal ist es vielleicht die richtige Entscheidung, zu passen.�</p><p>Mr Du Pont lehnte sich von der anderen Seite zu seiner Frau hin�ber. �Wenn man bei jeder Hand richtigliegen w�rde, w�re wohl keiner von uns hier.�</p><p>�Ich schon�, lachte seine Frau. �Du glaubst doch wohl nicht, dass ich das hier zum Spa� mache.�</p><p>W�hrend das Spiel weiterging, warf Bond einen Blick auf die Zuschauer, die sich um das hohe Messinggel�nder dr�ngten, das den Tisch umgab. Schnell entdeckte er Le Chiffres zwei Handlanger. Sie standen zu beiden Seiten hinter dem Bankhalter. Sie wirkten recht bieder, fielen aber trotzdem auf.</p><p>Derjenige, der mehr oder weniger hinter Le Chiffres rechtem Arm stand, war hochgewachsen und wirkte in seinem Smokingjackett, als wolle er auf eine Beerdigung gehen. Sein Gesicht war h�lzern und grau, aber seine Augen zuckten umher und gl�nzten wie die eines Zauberk�nstlers. Sein ganzer langer K�rper war nerv�s, und seine H�nde bewegten sich auf dem Gel�nder unruhig hin und her. Bond nahm an, dass er, ohne nachzudenken, und vollkommen mitleidslos t�ten w�rde. Wahrscheinlich bevorzugte er es, seine Opfer zu erw�rgen. Irgendwie hatte er etwas an sich, das Bond an Lenny aus <emphasis>Von M�usen und Menschen</emphasis> erinnerte, aber seine Unmenschlichkeit wurzelte wohl nicht in Infantilismus, sondern eher in Drogen. Bond tippte auf Marihuana.</p><p>Der andere Mann wirkte wie ein korsischer Kr�mer. Er war klein und dunkel, und sein flacher Kopf war mit stark pomadigem Haar bedeckt. Er schien gehbehindert zu sein. Neben ihm hing ein grober Rattanstock mit Gummispitze am Gel�nder. Er musste eine Sondergenehmigung bekommen haben, um den Gehstock mit ins Casino nehmen zu d�rfen, dachte Bond, der wusste, dass solche Gegenst�nde, die als Waffe eingesetzt werden konnten, nicht erlaubt waren. Er wirkte gepflegt und wohlgen�hrt. Geistig abwesend lie� er seinen Mund halb offen stehen und enth�llte so sehr schlechte Z�hne. Er trug einen buschigen schwarzen Schnurrbart, und seine Handr�cken waren ebenfalls mit schwarzen Haaren bedeckt. Bond nahm an, dass der ganze gedrungene K�rper �hnlich aussah. Nackt w�re er wahrscheinlich ein obsz�ner Anblick.</p><p>Das Spiel verlief ruhig, aber mit einer leichten Tendenz gegen die Bank.</p><p>Der dritte Coup stellt beim Chemin-de-Fer und beim Baccara die �Schallmauer� dar. Man kann ein oder zwei Mal Gl�ck haben, aber wenn die dritte Runde kommt, bedeutet das h�ufig eine Katastrophe. Wieder und wieder werden Spieler an diesem Punkt unsanft auf den Boden der Tatsachen zur�ckgef�hrt. Und so war es auch jetzt. Weder der Bankhalter noch einer der anderen Spieler schienen in der Lage zu sein, einen Treffer zu landen. Aber der Bankhalter verlor best�ndig Geld, das sich nach zwei Stunden Spiel zu einem Betrag von zehn Millionen Franc summiert hatte. Bond wusste nicht, wie viel Profit Le Chiffre in den vergangenen zwei Tagen gemacht hatte. Er sch�tzte die Summe auf f�nf Millionen und nahm an, dass das Kapital des Bankhalters damit nun nicht mehr als zwanzig Millionen betragen konnte.</p><p>Tats�chlich hatte Le Chiffre den ganzen Nachmittag �ber schwere Verluste erlitten. Momentan blieben ihm nicht mehr als zehn Millionen.</p><p>Im Gegensatz dazu hatte Bond bis ein Uhr nachts vier Millionen gewonnen, womit sein Kapital nun achtundzwanzig Millionen Franc betrug.</p><p>Bond war zur�ckhaltend erfreut. Le Chiffre zeigte keine Spur von Emotion. Er spielte einfach wie eine Maschine weiter und sagte kein Wort, au�er wenn er dem Croupier im Fl�sterton zu Beginn jedes neuen Bancos Anweisungen gab.</p><p>Au�erhalb des Rings aus Schweigen um den Spieltisch war das konstante Dr�hnen der anderen Tische zu h�ren, des Chemin de fers, des Roulettes und des Trente-et-Quarante, durchsetzt von den klaren Ansagen der Croupiers und den gelegentlichen Ausbr�chen von Gel�chter oder Jubel aus verschiedenen Ecken des gro�en <emphasis>salle</emphasis>.</p><p>Im Hintergrund tickte das versteckte Metronom des Casinos und z�hlte die kleinen Ein-Prozent-Anteile bei jedem Drehen des Rads und jeder umgedrehten Karte � ein riesiger Geldsack mit einer Null als Herz.</p><p>Auf Bonds Uhr war es zehn Minuten nach eins, als sich das Muster des Spiels pl�tzlich radikal �nderte.</p><p>Der Grieche auf Nummer 1 hatte immer noch Pech. Er hatte den ersten Coup mit einer halben Million Franc verloren und den zweiten ebenso. Das dritte Mal passte er und hinterlie� ein Banco von zwei Millionen. Carmel Delane auf Nummer 2 lehnte ab. Genau wie Lady Danvers auf Nummer 3.</p><p>Die beiden Du Ponts sahen einander an.</p><p>�<emphasis>Banco</emphasis>�, sagte Mrs Du Pont, und verlor prompt gegen die nat�rliche Acht des Bankhalters.</p><p>�<emphasis>Un banco de quatre millions</emphasis>�, verk�ndete der Croupier.</p><p>�<emphasis>Banco</emphasis>�, sagte Bond und schob ein B�ndel Geldscheine �ber den Tisch.</p><p>Wieder fixierte er Le Chiffre. Wieder warf er nur einen fl�chtigen Blick auf seine zwei Karten.</p><p>�Nein�, sagte er. Er hatte eine grenzwertige F�nf. Die Position war gef�hrlich.</p><p>Le Chiffre deckte einen Buben und eine vier auf. Er gab dem Kartenschlitten einen weiteren Sto� und zog eine drei.</p><p>�<emphasis>Sept a la banque</emphasis>�, verk�ndete der Croupier. �<emphasis>Et cinq</emphasis>�, f�gte er hinzu, als er Bonds Verliererkarten aufdeckte. Er strich vier Millionen Franc ein und schob Bond den Rest wieder zur�ck.</p><p>�<emphasis>Un banco de huit millions</emphasis>.�</p><p>�<emphasis>Suivi</emphasis>�, sagte Bond.</p><p>Und verlor wieder, dieses Mal gegen eine nat�rliche Neun.</p><p>Innerhalb von zwei Coups hatte er zw�lf Millionen Franc verloren. Wenn er alles zusammenkratzte, blieben ihm jetzt nur noch sechzehn Millionen Franc, exakt die H�he des n�chsten Bancos.</p><p>Pl�tzlich sp�rte Bond, wie seine Handinnenfl�chen zu schwitzen begannen. Sein Kapital war wie Schnee in der Sonne dahingeschmolzen. Mit der selbstgef�lligen Bed�chtigkeit eines gewinnenden Spielers trommelte Le Chiffre mit seiner rechten Hand auf dem Tisch herum. Bond sah ihm in die dunklen Augen. In ihnen lag eine ironische Frage. �Soll es das volle Programm sein?�, schienen sie zu fragen.</p><p>�<emphasis>Suivi</emphasis>�, sagte Bond leise.</p><p>Er holte ein paar Scheine und Jetons aus seiner rechten Jacketttasche und das Geldb�ndel aus seiner linken und legte sie auf den Tisch. Seine Bewegung gab keinen Hinweis darauf, dass dies sein letzter Einsatz sein w�rde.</p><p>Sein Mund f�hlte sich pl�tzlich staubtrocken an. Er blickte auf und sah Vesper und Felix Leiter dort stehen, wo der Handlanger mit dem Gehstock gestanden hatte. Er wusste nicht, wie lange sie schon dort waren. Leiter wirkte leicht besorgt, doch Vesper l�chelte ihm ermutigend zu.</p><p>Als er auf dem Gel�nder hinter sich ein schwaches Klackern h�rte, drehte er sich um und erblickte die Reihe schlechter Z�hne unter dem schwarzen Schnurrbart.</p><p>�<emphasis>Le jeu est fait</emphasis>�, sagte der Croupier, und die beiden Karten wurden �ber den gr�nen Filz zu ihm hin�bergeschoben � ein Filz, der nicht l�nger glatt war, sondern rau und faserig. Seine Farbe lie� Bond nun an das Gras auf einem frischen Grab denken.</p><p>Das Licht der gro�en satinbezogenen Lampen, die so einladend gewirkt hatten, schienen nun jede Farbe aus seiner Hand zu ziehen, als er einen Blick auf seine Karten warf. Dann sah er wieder auf.</p><p>Schlimmer h�tte es fast nicht mehr kommen k�nnen � der Herzk�nig und ein Ass, das Pikass. Es starrte ihn an wie eine Schwarze Witwe.</p><p>�Eine Karte.� Immer noch gelang es ihm, jede Emotion aus seiner Stimme herauszuhalten.</p><p>Le Chiffre sah sich seine eigenen zwei Karten an. Er hatte eine Dame und eine schwarze F�nf. Er sah zu Bond und schob mit einem dicken Zeigefinger eine weitere Karte aus dem Schlitten. Der Tisch war absolut still. Er warf einen Blick auf die Karte und schnippte sie von sich. Der Croupier hob sie mit seiner Palette gekonnt an und bef�rderte sie zu Bond. Es war eine gute Karte, eine Herz F�nf, doch f�r Bond war sie nicht mehr als ein Fingerabdruck in getrocknetem Blut. Nun hatte er sechs und Le Chiffre f�nf Punkte, doch der Bankhalter, der eine F�nf auf der Hand hatte und eine ausgeteilt hatte, konnte und w�rde eine weitere Karte ziehen, um zu versuchen, sich mit einer Eins, Zwei, Drei oder Vier zu verbessern. Bei jeder anderen Karte w�re er geschlagen.</p><p>Die Chancen standen zu Bonds Gunsten, doch nun war es Le Chiffre, der �ber den Tisch hinweg in Bonds Augen starrte und kaum einen Blick auf die Karte warf, w�hrend er sie mit einem Schnipsen seines Fingers umdrehte.</p><p>Es war unn�tigerweise die bestm�gliche, eine Vier, die dem Bankhalter eine Punktzahl von neun gab. Er hatte gewonnen.</p><p>Bond war besiegt und bankrott.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#15"/></p><p><strong>DER T�DLICHE STOCK</strong></p><p>Bond sa� wie erstarrt da. Er �ffnete sein Etui und entnahm ihm eine Zigarette. Er lie� den Deckel des Ronson-Feuerzeugs aufschnappen, z�ndete die Zigarette an und stellte das Feuerzeug wieder auf den Tisch. Dann nahm er einen tiefen Zug und stie� den Rauch mit einem kaum h�rbaren Zischen durch die Z�hne aus.</p><p>Was nun? Zur�ck zum Hotel und ins Bett, unter Vermeidung der mitleidigen Blicke von Mathis, Leiter und Vesper. Zur�ck zu einem Telefongespr�ch mit London und dann gleich morgen mit dem Flieger nach England, mit dem Taxi zum Regent�s Park, die Stufen hinauf und den Korridor entlang, und Ms eiskaltes Gesicht auf der anderen Seite des Tisches, sein geheucheltes Verst�ndnis, sein �Mehr Gl�ck beim n�chsten Mal�, aber nat�rlich w�rde es keine zweite Chance wie diese geben.</p><p>Er blickte in die Runde und ins Publikum. Ein paar sahen ihn an. Sie warteten, w�hrend der Croupier das Geld z�hlte und die Jetons vor dem Bankhalter zu einem ordentlichen Stapel ordnete. Sie warteten ab, ob jemand m�glicherweise versuchen w�rde, um diese hohe Banksumme von zweiunddrei�ig Millionen Franc, dem Ergebnis dieser wunderbaren Gl�cksstr�hne des Bankhalters, zu spielen.</p><p>Leiter war verschwunden. Bond nahm an, dass er ihm nach dieser Niederlage nicht in die Augen sehen wollte. Vesper hingegen wirkte seltsam unger�hrt und l�chelte ihm sogar ermutigend zu. Aber andererseits, rief sich Bond ins Ged�chtnis, hatte sie auch keinerlei Ahnung von diesem Spiel und verstand die Bitterkeit seiner Niederlage wahrscheinlich gar nicht.</p><p>Der <emphasis>huissier</emphasis> kam auf Bond zu und blieb neben ihm stehen. Beugte sich zu ihm vor. Platzierte einen Umschlag vor Bond auf dem Tisch. Er war so dick wie ein W�rterbuch. Der <emphasis>huissier</emphasis> sagte etwas von der <emphasis>caisse</emphasis>. Und verschwand wieder.</p><p>Bonds Herz begann wild zu schlagen. Er nahm den schweren, unbeschrifteten Umschlag und �ffnete ihn unterm Tisch mit seinem Daumennagel. Dabei bemerkte er, dass der Kleber am Rand noch feucht war.</p><p>Mit einer Mischung aus Unglauben und dem gleichzeitigen Wissen, dass dies tats�chlich passierte, ersp�rte er das dicke Geldb�ndel. Er lie� es in seine Tasche gleiten und warf im Schatten unter dem Tisch einen Blick auf die beigef�gte kurze Notiz. Es handelte sich um eine einzige, mit F�ller geschriebene Zeile: �Marshallhilfe. Zweiunddrei�ig Millionen Franc. Mit besten Gr��en der USA.�</p><p>Bond musste schlucken. Er sah zu Vesper. Neben ihr stand wieder Felix Leiter. Er grinste leicht. Bond erwiderte das L�cheln und hob als kleine Geste der Danksagung seine Hand vom Tisch. Dann konzentrierte er sich darauf, alle Spuren des Gef�hls vollkommener Niederlage, das ihn noch vor wenigen Augenblicken �berschwemmt hatte, aus seinem System zu beseitigen. Dies war eine Gnadenfrist, aber auch nicht mehr als das. Weitere Wunder w�rde es nicht geben. Dieses Mal musste er gewinnen � sofern Le Chiffre nicht bereits seine f�nfzig Millionen gemacht hatte �, wenn er weiterkommen wollte!</p><p>Der Croupier hatte seine Aufgabe, die <emphasis>cagnotte</emphasis> auszurechnen, abgeschlossen. Nun tauschte er Bonds Geldscheine in Jetons um und stapelte diese zu einem riesigen Haufen in der Mitte des Tisches.</p><p>Dort lagen zweiunddrei�igtausend Pfund. Vielleicht, dachte Bond, brauchte Le Chiffre lediglich einen weiteren Coup, wom�glich sogar blo� einen kleinen von nur ein paar Millionen Franc, um sein Ziel zu erreichen. Dann h�tte er seine f�nfzig Millionen wieder zusammen und w�rde den Tisch verlassen. Schon morgen h�tte er seine Fehlbetr�ge ausgeglichen und seine Position wieder gesichert.</p><p>Doch er r�hrte sich nicht von der Stelle, und Bond nahm erleichtert an, dass er Le Chiffres Ressourcen �bersch�tzt haben musste.</p><p>Die einzige Hoffnung bestand darin, ihn jetzt zu vernichten. Nicht darin, die Banksumme mit dem Tisch zu teilen oder nur eine kleine Rolle darin zu spielen, nein, er musste aufs Ganze gehen. Das w�rde Le Chiffre wirklich aufschrecken. Er w�rde es hassen, mehr als zehn oder f�nfzehn Millionen des Einsatzes gedeckt zu sehen, und er w�rde kaum erwarten, dass jemand die gesamten zweiunddrei�ig Millionen Franc aufbrachte. Er konnte nicht wissen, dass Bond bankrott gegangen war, aber er ging wohl davon aus, dass dieser nur noch wenig Geld hatte. Er konnte den Inhalt des Umschlags nicht kennen. Und wenn, w�rde er wahrscheinlich die Banksumme zur�ckziehen und wieder von vorne anfangen, die erm�dende Reise, die mit dem Er�ffnungsgebot von f�nfhunderttausend Franc begann, erneut antreten.</p><p>Seine Einsch�tzung stimmte.</p><p>Le Chiffre brauchte noch weitere acht Millionen.</p><p>Schlie�lich nickte er.</p><p>�<emphasis>Un banco de trente-deux millions</emphasis>.�</p><p>Die Stimme des Croupiers hallte durch den Raum. Um den Tisch herum breitete sich Schweigen aus.</p><p>�<emphasis>Un banco de trente-deux millions</emphasis>.�</p><p>Mit einer etwas lauteren, stolzen Stimme �bernahm der <emphasis>chef de partie</emphasis> die Ansage und hoffte, damit das gro�e Geld von den benachbarten Chemin-de-fer-Tischen anzulocken. Au�erdem war dies eine wunderbare Werbung. Der Einsatz hatte in der Geschichte des Baccara nur einmal eine solche H�he erreicht � 1950 in Deauville. Das rivalisierende Casino de la For�t in Le Touquet war nie auch nur in die N�he einer derartigen Summe gekommen.</p><p>In diesem Moment lehnte sich Bond leicht vor.</p><p>�<emphasis>Suivi</emphasis>�, sagte er leise.</p><p>Um den Tisch herum erklang aufgeregtes Gemurmel. Die Nachricht verbreitete sich durch das Casino. Immer mehr Menschen str�mten hinein. Zweiunddrei�ig Millionen! F�r die meisten war das mehr, als sie in ihrem ganzen Leben verdient hatten. Es waren ihre Ersparnisse und die ihrer Familien. Es war, im wahrsten Sinne des Wortes, ein kleines Verm�gen.</p><p>Einer der Gesch�ftsf�hrer des Casinos besprach sich mit dem <emphasis>chef de partie</emphasis>. Dieser wandte sich entschuldigend an Bond.</p><p>�<emphasis>Excusez moi, Monsieur. La mise?</emphasis>�</p><p>Es war der Hinweis, dass Bond zeigen musste, dass er tats�chlich das Geld besa�, das er setzen wollte. Sie wussten nat�rlich, dass er ein sehr reicher Mann war, aber es handelte sich schlie�lich um zweiunddrei�ig Millionen! Und manchmal geschah es, dass verzweifelte Personen ohne einen Sou in der Tasche ihren Einsatz machten und fr�hlich ins Gef�ngnis gingen, wenn sie verloren.</p><p>�<emphasis>Mes excuses, Monsieur Bond</emphasis>�, f�gte der <emphasis>chef de partie</emphasis> unterw�rfig hinzu.</p><p>Da warf Bond das dicke Geldb�ndel auf den Tisch, und der Croupier begann damit, die zusammengehefteten Zehntausend-Franc-Noten zu z�hlen, die gr��ten Geldscheine, die in Frankreich gedruckt wurden. Bond bemerkte einen kurzen Blickwechsel zwischen Le Chiffre und dem Handlanger, der direkt hinter Bond stand.</p><p>Unmittelbar darauf sp�rte er, wie etwas Hartes gegen sein Stei�bein gedr�ckt wurde, direkt zwischen seine Hinterbacken auf dem gepolsterten Stuhl.</p><p>Zur gleichen Zeit sprach eine tiefe Stimme mit starkem s�dfranz�sischem Akzent leise, aber nachdr�cklich in sein Ohr.</p><p>�Das ist eine Waffe, Monsieur. Sie ist absolut lautlos und kann Ihnen den unteren Teil Ihrer Wirbels�ule wegpusten, ohne dass es jemand bemerkt. Es wird so aussehen, als w�ren Sie in Ohnmacht gefallen. Ich w�rde in der Menge verschwinden. Ich z�hle jetzt bis zehn. Bis dahin haben Sie Ihren Einsatz zur�ckgenommen. Wenn Sie nach Hilfe rufen, dr�cke ich ab.�</p><p>Die Stimme klang selbstsicher. Bond glaubte ihr. Diese Leute hatten gezeigt, dass sie, ohne zu z�gern, bis zum �u�ersten gehen w�rden. Nun wusste er, was es mit dem dicken Gehstock auf sich hatte. Bond kannte diese Art Waffe. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Lauf, der zwar aus weichem Gummi gemacht war, um das Ger�usch der Explosion zu d�mpfen, aber eine Kugel durchlie�. Sie waren w�hrend des Krieges f�r Attentate erfunden und eingesetzt worden. Bond selbst hatte sie schon getestet.</p><p>�<emphasis>Un</emphasis>�, sagte die Stimme.</p><p>Bond drehte seinen Kopf. Da war der Mann, der sich nah zu ihm vorbeugte und unter seinem schwarzen Schnurrbart breit l�chelte, als ob er Bond Gl�ck w�nschen w�rde. Er schien sich im L�rm der Menge vollkommen sicher zu f�hlen.</p><p>Die verf�rbten Zahnreihen schlossen sich. �<emphasis>Deux</emphasis>�, sagte der grinsende Mund.</p><p>Bond sah zu Le Chiffre hin�ber, der ihn beobachtete. Seine Augen funkelten Bond an. Sein Mund stand offen, und er atmete schnell. Er wartete. Wartete auf Bonds Hand, die dem Croupier ein Zeichen gab, oder darauf, dass Bond auf seinem Stuhl zusammensinken w�rde, den Mund zu einem Schrei verzerrt.</p><p>�<emphasis>Trois</emphasis>.�</p><p>Bond warf einen Blick zu Vesper und Felix Leiter. Sie unterhielten sich l�chelnd miteinander. Diese Idioten. Wo war Mathis? Wo waren seine ber�hmten M�nner?</p><p>�<emphasis>Quatre</emphasis>.�</p><p>Und die anderen Zuschauer? Dieser Haufen quasselnder Schwachk�pfe. Bemerkte denn niemand, was hier vor sich ging? Der <emphasis>chef de partie</emphasis>, der Croupier, der <emphasis>huissier</emphasis>?</p><p>�<emphasis>Cinq</emphasis>.�</p><p>Der Croupier ordnete gerade die Geldscheine. Der <emphasis>chef de partie</emphasis> verbeugte sich l�chelnd vor Bond. Sobald der Stapel durchgez�hlt war, w�rde er verk�nden: �<emphasis>Le jeux est fait</emphasis>�, und die Waffe w�rde losgehen, ob der Handlanger zehn erreicht hatte oder nicht.</p><p>�<emphasis>Six</emphasis>.�</p><p>Bond traf eine Entscheidung. Es war ein Risiko. Vorsichtig bewegte er die H�nde zum Rand des Tisches, packte ihn und lehnte sich leicht zur�ck. Er sp�rte, wie sich die spitze M�ndung der Waffe gegen sein Stei�bein presste.</p><p>�<emphasis>Sept</emphasis>.�</p><p>Der <emphasis>chef de partie</emphasis> drehte sich mit erhobenen Augenbrauen zu Le Chiffre um und wartete auf das Nicken des Bankhalters, um fortzufahren.</p><p>Pl�tzlich stie� sich Bond mit aller Kraft nach hinten. Sein Schwung kippte die R�ckenlehne des Stuhls so schnell zur�ck, dass sie gegen den Gehstock prallte und ihn dem Schergen aus der Hand riss, bevor dieser den Abzug dr�cken konnte.</p><p>Bond fiel r�ckw�rts zwischen den F��en der Zuschauer zu Boden, seine Beine strampelten in der Luft. Mit einem lauten Krachen zerbrach die R�ckenlehne seines Stuhls. Ein Aufschrei der Best�rzung ging durch die Menge. Die Zuschauer wichen zuerst zur�ck, dr�ngten sich jedoch dann wieder um ihn herum, als klar war, dass keine unmittelbare Gefahr f�r sie bestand. H�nde halfen ihm wieder auf die Beine. Der <emphasis>huissier</emphasis> tuschelte mit dem <emphasis>chef de partie</emphasis>. Ein Skandal musste um jeden Preis verhindert werden.</p><p>Bond st�tzte sich am Messinggel�nder ab. Er wirkte verwirrt und peinlich ber�hrt und wischte sich mit der Hand �ber die Stirn.</p><p>�Eine vor�bergehende Schw�che�, sagte er. �Nicht weiter erw�hnenswert � nur die Aufregung, die Hitze.�</p><p>Es gab Bekundungen des Mitgef�hls. Das sei doch bei einem solch unglaublichen Spiel nicht weiter verwunderlich. Ob sich Monsieur nicht lieber zur�ckziehen und hinlegen wolle? Sollte man einen Arzt rufen?</p><p>Bond sch�ttelte den Kopf. Er war wieder vollkommen in Ordnung. Er entschuldigte sich bei seinen Mitspielern. Auch beim Bankhalter.</p><p>Es wurde ein neuer Stuhl gebracht, und er setzte sich. Dann warf er einen Blick zu Le Chiffre. Abgesehen von seiner Erleichterung dar�ber, am Leben zu sein, versp�rte er au�erdem einen Moment des Triumphes �ber das, was er sah � einen Hauch von Angst in dem fetten, blassen Gesicht.</p><p>Am Tisch ert�nte neugieriges Gemurmel. Bonds Nachbarn zu beiden Seiten lehnten sich vor und sprachen besorgt �ber die Hitze und die sp�te Stunde, den Rauch und den Mangel an Frischluft.</p><p>Bond beantwortete h�flich alle Nachfragen. Dann drehte er sich zur Menge hinter sich um. Der Handlanger war spurlos verschwunden, doch der <emphasis>huissier</emphasis> suchte nach dem Besitzer des zur�ckgelassenen Gehstocks. Er schien unbesch�digt zu sein. Nur die Gummispitze fehlte. Bond winkte ihn zu sich.</p><p>�Wenn Sie ihn diesem Herrn dort geben�, sagte er und deutete auf Felix Leiter, �wird er ihn dem Besitzer zur�ckgeben. Er geh�rt einem seiner Bekannten.�</p><p>Der <emphasis>huissier</emphasis> verbeugte sich leicht.</p><p>Bond dachte grimmig, dass eine kurze Untersuchung des Gehstocks Leiter offenbaren w�rde, warum er eine solch besch�mende Szene gemacht hatte.</p><p>Er drehte sich wieder zum Tisch um und klopfte auf den gr�nen Filz vor sich, um anzuzeigen, dass er bereit war.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#16"/></p><p><strong>�LIEBESGEFL�STER, HASSGEFL�STER�</strong></p><p>�<emphasis>La partie continue</emphasis>�, verk�ndete der <emphasis>chef</emphasis> eindrucksvoll. �<emphasis>Un banco de trente-deux millions</emphasis>.�</p><p>Die Zuschauer reckten die H�lse. Le Chiffre gab dem Kartenschlitten einen harten Sto�. Als nachtr�glichen Einfall zog er seinen Benzedrin-Inhalator heraus und sog die Verdampfung mit seiner Nase tief ein.</p><p>�Ein widerlicher Rohling�, sagte Mrs Du Pont links von Bond.</p><p>Sein Geist war wieder klar und konzentriert. Durch ein Wunder hatte er eine verheerende Verwundung �berlebt. Er sp�rte immer noch den Angstschwei� unter seinen Achseln. Aber der Erfolg seiner gewagten Aktion mit dem Stuhl hatte jede Erinnerung an das schreckliche Tal der Niederlage ausgel�scht, das er gerade noch hatte durchwandern m�ssen.</p><p>Er hatte sich zum Narren gemacht. Das Spiel war f�r mindestens zehn Minuten unterbrochen worden, eine in einem respektablen Casino beispiellose Verz�gerung. Doch nun warteten die Karten im Schlitten auf ihn. Sie durften ihn nicht im Stich lassen. Er sp�rte, wie sich sein Herzschlag bei der Aussicht auf das, was nun folgen w�rde, beschleunigte.</p><p>Es war zwei Uhr morgens. Abgesehen von der dichten Menge um das gro�e Spiel, waren drei der Chemin-defer-Tische sowie die gleiche Anzahl Roulettetische noch in Betrieb.</p><p>Durch das gespannte Schweigen an seinem eigenen Tisch h�rte Bond pl�tzlich einen entfernten Croupier sagen: �<emphasis>Neuf. Le rouge gagne, impair et manque</emphasis>.�</p><p>War dieses gute Omen f�r ihn oder f�r Le Chiffre?</p><p>Die beiden Karten schlitterten �ber das gr�ne Meer auf ihn zu.</p><p>Le Chiffre beobachtete ihn von der anderen Seite des Tisches, wie ein Oktopus unter einem Felsen.</p><p>Bond streckte eine ruhige Hand aus und zog die Karten zu sich. W�rde es der erleichternde Anblick einer Neun oder einer Acht sein?</p><p>Im Schutz seiner Hand warf er einen Blick auf sein Blatt. Er biss die Z�hne zusammen, und sein ganzer K�rper spannte sich in Selbstverteidigung.</p><p>Er hatte zwei Damen, zwei rote Damen.</p><p>Aus den Schatten heraus starrten sie ihn h�hnisch an. Es waren die Schlimmsten. Sie waren nichts wert. Null. Baccara.</p><p>�Eine Karte�, sagte Bond, dem es schwerfiel, die Hoffnungslosigkeit aus seiner Stimme herauszuhalten. Er sp�rte, wie sich Le Chiffres Blick direkt in sein Hirn brannte.</p><p>Der Bankhalter schaute sich seine eigenen zwei Karten an.</p><p>Er hatte eine Punktzahl von drei � einen K�nig und eine schwarze Drei.</p><p>Bond stie� eine Wolke Zigarettenrauch aus. Er hatte immer noch eine Chance. Das war der eigentliche Moment der Wahrheit. Le Chiffre stie� gegen den Schlitten, zog eine Karte heraus � Bonds Schicksal � und drehte sie langsam um.</p><p>Es war eine Neun, eine wundervolle Herz Neun, die Karte, die in der Zigeunermagie als �Liebesgefl�ster und Hassgefl�ster� bekannt war, die Karte, die f�r Bond den beinahe sicheren Sieg verk�rperte.</p><p>Der Croupier schob sie zu ihm her�ber. F�r Le Chiffre bedeutete sie nichts. Bond konnte eine Eins haben, sodass er nun zehn Punkte h�tte, also null � Bacarra. Oder er konnte eine Zwei, Drei, Vier oder sogar F�nf haben. In diesem Fall w�re sein Maximalstand vier.</p><p>Eine Drei auf der Hand zu haben und eine Neun herauszugeben, war einer der Scheidepunkte des Spiels. Die Chancen zwischen ziehen und nicht ziehen lagen praktisch gleich. Bond lie� Le Chiffre in seinem eigenen Saft schmoren. Da seine Neun nur geschlagen werden konnte, wenn der Bankhalter eine Sechs zog, h�tte er normalerweise seine Punktzahl offengelegt. Aber dies war kein Freundschaftsspiel.</p><p>Bonds Karten lagen vor ihm auf dem Tisch, die beiden unpers�nlichen, blassrosa R�ckseiten und die offene Herz Neun. Diese Neun konnte Le Chiffre entweder die Wahrheit erz�hlen oder viele Variationen von L�gen.</p><p>Das ganze Geheimnis lag auf der anderen Seite der zwei rosafarbenen R�cken, wo die beiden Damen den gr�nen Filz k�ssten.</p><p>Dem Bankhalter lief der Schwei� zu beiden Seiten seiner imposanten Nase herunter. Seine dicke Zunge kroch verschlagen heraus und leckte einen Tropfen aus dem Winkel der roten Wunde seines Munds. Er blickte auf Bonds Karten, dann auf seine eigenen, und wieder zur�ck auf Bonds.</p><p>Dann zuckte sein ganzer K�rper, und er zog eine Karte f�r sich selbst aus dem Schlitten.</p><p>Er sah sie an. Alle am Tisch reckten ihre H�lse. Es war eine wunderbare Karte, eine F�nf.</p><p>�<emphasis>Huit � la banque</emphasis>�, sagte der Croupier.</p><p>Als Bond stumm sitzen blieb, lie� Le Chiffre pl�tzlich ein w�lfisches Grinsen aufblitzen. Er musste gewonnen haben.</p><p>Der Croupier streckte seine Palette fast entschuldigend �ber den Tisch aus. In der Runde gab es niemanden, der daran zweifelte, dass Bond verloren hatte.</p><p>Der Holzspatel drehte die beiden verdeckten Karten um. Die zwei roten Damen l�chelten durchtrieben.</p><p>�<emphasis>Et le Neuf</emphasis>.�</p><p>Die Menge schnappte h�rbar nach Luft und brach dann in Gemurmel aus.</p><p>Bonds Blick war auf Le Chiffre geheftet. Der gro�e Mann fiel in seinen Stuhl zur�ck, als ob man ihn k�rperlich geschlagen h�tte. Sein Mund �ffnete sich ein, zwei Mal, um zu protestieren, und seine Hand hob sich an seine Kehle. Seine Lippen waren ganz grau.</p><p>W�hrend der riesige Stapel Jetons zu Bond hin�bergeschoben wurde, griff der Bankhalter in eine Innentasche seines Jacketts und warf ein B�ndel Geldscheine auf den Tisch.</p><p>Der Croupier z�hlte sie schnell durch.</p><p>�<emphasis>Un banco de dix millions</emphasis>�, verk�ndete er und packte den Gegenwert in zehn Jetons auf den Tisch, die je eine Million Franc wert waren.</p><p>Das ist das Ende, dachte Bond. Dieser Mann steht mit dem R�cken zur Wand. Dies ist sein letztes Kapital. Er steht nun dort, wo ich vor einer Stunde stand, und er macht die letzte verzweifelte Geste, zu der ich auch gegriffen habe. Doch wenn dieser Mann verliert, wird ihm niemand zu Hilfe eilen und kein Wunder ihn retten.</p><p>Bond lehnte sich zur�ck und z�ndete sich eine Zigarette an. Auf einem kleinen Tisch neben ihm waren eine halbe Flasche Clicquot und ein Glas aufgetaucht. Ohne zu fragen, wer der Wohlt�ter war, f�llte Bond sich das Glas bis zum Rand und st�rzte den Champagner in zwei gro�en Z�gen hinunter.</p><p>Dann lehnte er sich zur�ck und legte die Arme vorw�rts auf den Tisch, wie ein Kampfsportler, der am Anfang einer Runde Jiu-Jitsu nach einem Halt sucht.</p><p>Die Spieler zu seiner Linken blieben stumm.</p><p>�<emphasis>Banco</emphasis>�, sagte er direkt zu Le Chiffre.</p><p>Wieder wurden ihm die zwei Karten her�bergeschoben, und dieses Mal bef�rderte der Croupier sie direkt zwischen seine ausgestreckten Arme.</p><p>Bond drehte seine rechte Hand ein, warf einen kurzen Blick auf die Karten und warf sie aufgedeckt in die Mitte des Tisches.</p><p>�<emphasis>Le Neuf</emphasis>�, sagte der Croupier.</p><p>Le Chiffre starrte auf seine beiden schwarzen K�nige.</p><p>�<emphasis>Et le baccarat</emphasis>.� Der Croupier beugte sich �ber den Tisch zu dem gro�en Stapel Jetons vor.</p><p>Le Chiffre sah ihnen nach, w�hrend sie zwischen den vielen Millionen im Schatten von Bonds linkem Arm verschwanden. Dann stand er langsam auf und schob sich ohne ein weiteres Wort an den Spielern vorbei zum Ausgang der Messingabsperrung. Er �ffnete die samt�berzogene Kette, und lie� sie fallen. Die Zuschauer bildeten eine Gasse f�r ihn. Sie sahen ihn neugierig und ein wenig �ngstlich an, als ob er den Geruch des Todes an sich tragen w�rde. Dann verschwand er aus Bonds Sicht.</p><p>Bond erhob sich. Er nahm einen Hunderttausend-Franc-Jeton vom Stapel neben sich und warf ihn dem <emphasis>chef de partie</emphasis> �ber den Tisch hinweg zu. Er winkte den �berschw�nglichen Dank beiseite und bat den Croupier, seine Gewinne zur <emphasis>caisse</emphasis> bringen zu lassen. Die anderen Spieler verlie�en ihre Pl�tze. Ohne Bankhalter konnte es kein Spiel geben, und inzwischen war es auch schon halb drei. Er tauschte mit seinen Nachbarn rechts und links ein paar Nettigkeiten aus und duckte sich dann unter dem Gel�nder hindurch, wo Vesper und Felix Leiter bereits auf ihn warteten.</p><p>Zusammen gingen sie zur <emphasis>caisse</emphasis>. Bond wurde in das B�ro der Gesch�ftsleitung gebeten. Auf dem Schreibtisch lag sein gro�er Stapel Jetons. Er f�gte noch den Inhalt seiner Taschen hinzu.</p><p>Alles in allem handelte es sich nun um eine Summe von �ber siebzig Millionen Franc.</p><p>Bond entnahm den Betrag, den Felix Leiter ihm geliehen hatte, und lie� sich einen Scheck �ber die verbliebene Summe von etwa vierzig Millionen aush�ndigen, um das Geld bei der Cr�dit Lyonnais einzahlen zu k�nnen. Ihm wurde herzlichst zu seinem Gewinn gratuliert. Die Gesch�ftsleitung hoffte, dass er am n�chsten Abend erneut spielen w�rde.</p><p>Bond gab eine ausweichende Antwort. Dann ging er zur Bar und gab Leiter das Geld. Ein paar Minuten lang sprachen sie bei einer Flasche Champagner �ber das Spiel. Leiter zog eine .45-Kugel aus seiner Jacketttasche und legte sie auf die Theke.</p><p>�Ich habe die Waffe Mathis gegeben�, sagte er. �Er hat sie fortgeschafft. Er war �ber Ihren Sturz genauso verbl�fft wie wir. Als es geschah, stand er mit dem R�cken zur Menge und sprach mit einem seiner M�nner. Der Handlanger konnte sich problemlos aus dem Staub machen. Sie k�nnen sich bestimmt vorstellen, wie sehr sie sich ge�rgert haben, als sie die Waffe sahen. Mathis hat mir diese Kugel gegeben, um Ihnen zu zeigen, welchem Schicksal Sie entkommen sind. Die Spitze wurde abgefeilt, um sie zu einem Dumdum-Geschoss zu machen. Das h�tte Sie ganz sch�n zugerichtet. Aber man kann den Angriff nicht zu Le Chiffre zur�ckverfolgen. Der Mann kam allein herein. Sie haben das Formular, das er ausf�llen musste, um seine Eintrittskarte zu bekommen. Nat�rlich wird alles frei erfunden sein. Er hatte die Erlaubnis, den Gehstock mitzubringen, da er die Best�tigung einer Kriegsverwundung vorweisen konnte. Diese Leute sind mit Sicherheit hervorragend organisiert. Sie haben seine Fingerabdr�cke mit dem Belinografen nach Paris geschickt, also werden wir morgen mehr �ber ihn erfahren.� Felix Leiter dr�ckte eine weitere Zigarette aus. �Nun ja, Ende gut, alles gut. Sie haben Le Chiffre ja ganz sch�n das Fell �ber die Ohren gezogen, auch wenn wir zwischendurch das Schlimmste bef�rchtet haben. Aber Sie ja wahrscheinlich auch.�</p><p>Bond l�chelte. �Dieser Umschlag war das Beste, was mir jemals zugesto�en ist. Ich dachte wirklich, dass ich erledigt w�re. Das war kein sehr angenehmes Gef�hl. Sie waren mir ein wahrer Freund. Ich hoffe, dass ich den Gefallen eines Tages erwidern kann.�</p><p>Er erhob sich. �Ich gehe mal kurz ins Hotel und packe das hier weg�, sagte er und klopfte sich auf die Jacketttasche. �Es gef�llt mir nicht, mit Le Chiffres Todesurteil herumzulaufen. Er k�nnte auf Ideen kommen. Dann w�rde ich gerne ein bisschen feiern. Was denken Sie?�</p><p>Er drehte sich zu Vesper um. Sie hatte seit dem Ende des Spiels kaum etwas gesagt.</p><p>�Sollen wir ein Glas Champagner im Nachtclub trinken, bevor wir zu Bett gehen? Er hei�t Roi Galant. Man kommt durch die �ffentlichen R�ume dorthin. Er sieht sehr gem�tlich aus.�</p><p>�Gerne�, antwortete Vesper. �Ich werde mich vorher nur noch schnell ein wenig frisch machen, w�hrend Sie Ihren Gewinn ins Hotel bringen. Wir treffen uns dann in der Eingangshalle.�</p><p>�Was ist mit Ihnen, Felix?� Insgeheim hoffte Bond, dass er mit Vesper allein sein konnte.</p><p>Leiter schien seine Gedanken lesen zu k�nnen.</p><p>�Ich versuche lieber, vor dem Fr�hst�ck noch eine M�tze Schlaf zu bekommen�, sagte er. �Es war ein ziemlich aufregender Tag, und ich nehme an, Paris will, dass ich morgen ein wenig aufr�ume. Es gibt noch ein paar lose Enden, um die Sie sich keine Gedanken zu machen brauchen, ich allerdings schon. Aber ich gehe mit Ihnen zum Hotel. Jetzt kann ich das Schatzschiff auch noch bis in den Hafen eskortieren.�</p><p>Sie schlenderten durch die Schatten, die das Licht des Vollmonds warf. Beide hatten ihre H�nde auf ihre Kanonen gelegt. Es war drei Uhr fr�h, aber es waren noch viele Menschen unterwegs, und der Vorplatz des Casinos war mit Autos ges�umt.</p><p>Der kurze Spaziergang verlief ereignislos.</p><p>Vor dem Hotel bestand Leiter darauf, Bond bis zu seinem Zimmer zu begleiten. Es war noch genau so, wie Bond es vor sechs Stunden verlassen hatte.</p><p>�Kein Empfangskomitee�, stellte Leiter fest, �aber ich w�rde es ihnen zutrauen, zumindest einen letzten Versuch zu starten. Denken Sie, ich sollte lieber wach bleiben und Ihnen beiden Gesellschaft leisten?�</p><p>�Gehen Sie ruhig schlafen�, erwiderte Bond. �Machen Sie sich um uns keine Sorgen. Ohne das Geld sind sie an mir nicht interessiert, und ich habe schon eine gro�artige Idee, wo ich den Scheck deponieren kann. Danke f�r alles, was Sie getan haben. Ich hoffe, dass wir eines Tages wieder zusammenarbeiten werden.�</p><p>�Das k�me mir auch gelegen�, antwortete Leiter, �solange Sie stets eine Neun ziehen, wenn sie ben�tigt wird � und Vesper mitbringen�, f�gte er trocken hinzu. Er ging hinaus und schloss die T�r hinter sich.</p><p>Bond drehte sich zum vertrauten Anblick seines Zimmers um.</p><p>Nach der �berf�llten Arena des Baccaratisches und der nerv�sen Anspannung, die sich w�hrend des dreist�ndigen Spiels angestaut hatte, tat es gut, einen Moment allein zu sein und seinen Pyjama auf dem Bett und seine Haarb�rste auf der Anrichte liegen zu sehen. Er ging ins Badezimmer, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und gurgelte mit einem scharfen Mundwasser. Er sp�rte die Beule an seinem Hinterkopf und die Prellung auf seiner rechten Schulter. Vergn�gt dachte er dar�ber nach, wie knapp er an diesem Tag zweimal dem Tod entronnen war. W�rde er die ganze Nacht dasitzen und darauf warten m�ssen, dass sie wiederkamen, oder befand sich Le Chiffre bereits auf dem Weg nach Le Havre oder Bordeaux, um ein Schiff in irgendeine entfernte Ecke der Welt zu nehmen, wo er den Augen und den Waffen von SMERSCH entkommen konnte?</p><p>Bond zuckte mit den Schultern. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe. Er blickte einen Moment lang in den Spiegel und dachte �ber Vesper nach. Er wollte ihren kalten und arroganten K�rper. Er wollte in ihren blauen Augen Tr�nen und Lust sehen, seine H�nde in ihrem schwarzen Haar versenken und ihren langen, geschmeidigen K�rper unter seinem zur�ckbiegen. Der Gedanke erregte ihn, und als er erneut in den Spiegel sah, blickte sein Gesicht voller Begierde zur�ck.</p><p>Er wandte sich ab und zog den Scheck �ber vierzig Millionen Franc aus der Tasche. Dann faltete er ihn so klein es ging zusammen, �ffnete die T�r und sah sich im Gang um. Er lie� die T�r weit offen stehen. Und w�hrend er nach Schritten oder dem Ger�usch des Aufzugs lauschte, machte er sich mit einem kleinen Schraubenzieher an die Arbeit.</p><p>F�nf Minuten sp�ter warf er einen letzten Blick auf sein Werk, packte ein paar frische Zigaretten in sein Etui, schloss die T�r ab und ging den Gang hinunter, durch die Empfangshalle und ins Mondlicht hinaus.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#17"/></p><p><strong>�LA VIE EN ROSE?�</strong></p><p>Der Eingang zum Roi Galant bestand aus einem zwei Meter hohen goldenen Bilderrahmen, der einst wom�glich das riesige Portr�t eines adligen Europ�ers umgeben hatte. Er befand sich in einer diskreten Ecke der �K�che� � dem �ffentlichen Roulette- und Bouleraum, wo an einigen Tischen immer noch reges Treiben herrschte. Als Bond Vespers Arm nahm und sie �ber die vergoldete Schwelle f�hrte, k�mpfte er gegen das Verlangen an, sich ein wenig Geld von der <emphasis>caisse</emphasis> auszahlen zu lassen und damit am n�chstbesten Tisch Maximaleins�tze zu spielen. Doch er wusste, dass das eine dreiste und billige Geste w�re, um Eindruck bei der Bourgeoisie zu schinden. Egal ob er gewinnen oder verlieren w�rde, es w�re ein Tritt ins Gesicht des Gl�cks, das ihm zuteilgeworden war.</p><p>Der Nachtclub war klein und dunkel. Er wurde nur von Kerzen in vergoldeten Kronleuchtern erhellt, deren warmes Licht durch Wandspiegel verst�rkt wurde, die ebenfalls von goldenen Rahmen eingefasst waren. Die W�nde waren mit dunkelrotem Satin bezogen, die St�hle und <emphasis>banquettes</emphasis> mit dazu passendem rotem Pl�sch. In der gegen�berliegenden Ecke spielte ein Musikertrio auf Piano, elektrischer Gitarre und Schlagzeug eine ged�mpfte, liebliche Version von �La Vie en Rose�. Der sanfte Rhythmus strahlte Verf�hrung aus. Bond hatte das Gef�hl, dass sich s�mtliche Paare unter den Tischen leidenschaftlich ber�hren m�ssten.</p><p>Sie wurden an einen Ecktisch in der N�he der T�r gef�hrt. Bond bestellte eine Flasche Veuve Clicquot sowie R�hrei mit Speck.</p><p>Eine Weile lang sa�en sie schweigend da und lauschten der Musik. Dann wandte Bond sich an Vesper. �Es ist wundervoll, hier mit Ihnen zu sitzen und zu wissen, dass der Auftrag erledigt ist. Es ist ein sch�nes Ende f�r den Tag � die Belohnung.�</p><p>Er erwartete, dass sie l�cheln w�rde. �Ja, nicht wahr?�, erwiderte sie in recht spr�dem Tonfall. Sie schien darauf konzentriert zu sein, der Musik zu lauschen. Sie hatte einen Ellbogen auf den Tisch und ihr Kinn auf ihre Hand gest�tzt, allerdings auf den Handr�cken statt auf die Handfl�che, und Bond bemerkte, dass ihre Kn�chel wei� hervortraten, als ob sie die Hand zur Faust geballt h�tte.</p><p>Zwischen dem Daumen und den ersten beiden Fingern der rechten Hand hielt sie eine von Bonds Zigaretten, wie ein K�nstler seinen Zeichenstift halten w�rde, und obwohl sie gelassen rauchte, strich sie die Zigarette hin und wieder im Aschenbecher ab, ohne dass sich Asche daran befunden h�tte.</p><p>Bond bemerkte diese Kleinigkeiten, weil er sich ihrer Pr�senz intensiv bewusst war und sie in seinen eigenen Zustand der W�rme und der entspannten Sinnlichkeit ziehen wollte. Doch er akzeptierte ihre Zur�ckhaltung. Er nahm an, sie sei auf ein Verlangen zur�ckzuf�hren, sich vor ihm zu sch�tzen. Oder es war ihre Reaktion auf die Kaltschn�uzigkeit, mit der er ihr fr�her an diesem Abend begegnet war, seine bewusste Kaltschn�uzigkeit, von der er wusste, dass sie sie als Zur�ckweisung empfunden haben musste.</p><p>Er war geduldig. Er trank Champagner und sprach ein wenig �ber die Ereignisse des Tages sowie �ber Mathis� und Leiters Pers�nlichkeiten und die m�glichen Konsequenzen f�r Le Chiffre. Er war diskret und erw�hnte lediglich die Aspekte der Mission, �ber die sie in London informiert worden sein musste.</p><p>Sie antwortete oberfl�chlich. Sie sagte, nat�rlich h�tten sie die beiden bewaffneten M�nner bemerkt, sich aber nichts dabei gedacht, als sich der Mann mit dem Stock hinter Bonds Stuhl gestellt habe. Sie seien nicht davon ausgegangen, dass im Casino selbst etwas gegen ihn unternommen werden w�rde. Gleich nachdem Bond und Leiter in ihr Hotel zur�ckgegangen waren, hatte sie in Paris angerufen und Ms Vertreter das Ergebnis des Spiels mitgeteilt. Sie hatte vorsichtig sprechen m�ssen, und der Agent hatte kommentarlos aufgelegt. Sie sollte diesen Anruf unabh�ngig vom Ausgang des Spiels t�tigen. M hatte verlangt, dass die Information zu jeder Tages- oder Nachtzeit pers�nlich an ihn weitergeleitet wurde.</p><p>Das war alles, was sie sagte. Sie nippte an ihrem Champagner und schaute Bond kaum an. Sie l�chelte nicht. Bond war frustriert. Er trank eine Menge Champagner und bestellte eine weitere Flasche. Das R�hrei wurde serviert, und er a� schweigend.</p><p>Um vier Uhr wollte Bond gerade nach der Rechnung verlangen, als der <emphasis>ma�tre d�h�tel</emphasis> an ihrem Tisch erschien und nach Miss Lynd fragte. Er reichte ihr eine Notiz, die sie entgegennahm und eilig las.</p><p>�Oh, es ist nur Mathis�, sagte sie. �Er bittet mich, in den Eingangsbereich zu kommen. Er hat eine Nachricht f�r Sie. Vermutlich ist er nicht angemessen gekleidet und kann deswegen nicht selbst herkommen. Es wird nicht lange dauern. Vielleicht k�nnen wir danach gehen.�</p><p>Sie schenkte ihm ein angespanntes L�cheln. �Ich f�rchte, ich bin heute Abend keine gute Gesellschaft. Es war ein nervenaufreibender Tag. Tut mir leid.�</p><p>Bond erwiderte etwas Oberfl�chliches und stand auf. �Ich lasse die Rechnung bringen�, sagte er und beobachtete, wie sie die paar Schritte zum Ausgang machte.</p><p>Er nahm wieder Platz und z�ndete sich eine Zigarette an. Er f�hlte sich v�llig ausgelaugt. Pl�tzlich wurde ihm klar, wie m�de er war. Die Stickigkeit dieses Raums setzte ihm zu, genauso wie sie ihm in den fr�hen Morgenstunden des Vortags im Casino zugesetzt hatte. Er verlangte die Rechnung und nahm einen letzten Schluck Champagner. Er schmeckte bitter, wie es beim ersten Glas, das man zu viel trank, immer der Fall war. Er h�tte gern Mathis� fr�hliches Gesicht gesehen und seine Nachricht geh�rt, vielleicht sogar ein paar begl�ckw�nschende Worte.</p><p>Pl�tzlich kam ihm die Nachricht an Vesper seltsam vor. Diese Vorgehensweise passte nicht zu Mathis. Er h�tte sie beide gebeten, ihn an der Bar des Casinos zu treffen, oder w�re einfach zu ihnen in den Nachtclub gekommen, egal, wie er gekleidet war. Sie h�tten zusammen gelacht, und Mathis w�re aufgeregt gewesen. Er hatte Bond viel zu erz�hlen, viel mehr, als Bond ihm zu erz�hlen hatte. Die Verhaftung des Bulgaren, der vermutlich noch weitere Einzelheiten gestanden hatte. Die Jagd nach dem Mann mit dem Stock. Le Chiffres Vorgehen nach dem Verlassen des Casinos.</p><p>Bond sch�ttelte sich. Er bezahlte eilig die Rechnung und wartete nicht auf das Wechselgeld. Stattdessen stand er auf und ging schnell zum Ausgang, ohne auf die Abschiedsfloskeln des <emphasis>ma�tre d�h�tel</emphasis> und des Portiers zu reagieren.</p><p>Er eilte durch den Spielsaal und lie� den Blick aufmerksam durch den langen Eingangsbereich schweifen. Er fluchte und beschleunigte seine Schritte. Dort befanden sich nur ein paar Mitarbeiter des Casinos und zwei oder drei M�nner und Frauen in Abendgarderobe, die sich ihre Sachen an der Garderobe aush�ndigen lie�en.</p><p>Keine Vesper. Kein Mathis.</p><p>Jetzt rannte er fast. Er erreichte den Eingang und sah sich auf den Stufen nach rechts und links und zwischen den verbliebenen Autos um.</p><p>Der Hotelportier kam auf ihn zu.</p><p>�Ein Taxi, Monsieur?�</p><p>Bond winkte ab und lief die Stufen hinunter, w�hrend er in die Schatten starrte und die kalte Nachtluft auf seinen schwei�nassen Schl�fen sp�rte.</p><p>Er war auf halbem Weg nach unten, als er einen entfernten Schrei vernahm, gefolgt vom Zuschlagen einer T�r zu seiner Rechten. Mit einem scharfen Fauchen und einem Stottern des Auspuffs schoss ein Citro�n aus den Schatten ins Mondlicht hinaus. Sein Frontantrieb lie� ihn �ber die losen Kiesel auf dem Vorhof schlittern.</p><p>Sein Heck wackelte auf der weichen Federung, als ob auf dem R�cksitz ein heftiges Gerangel stattfinden w�rde.</p><p>Mit einem Dr�hnen raste er durch das breite Eingangstor, sodass der Kies nur so spritzte. Ein kleiner schwarzer Gegenstand flog aus einem der hinteren Fenster und landete in einem Blumenbeet. Ein Aufschrei gequ�lten Gummis war zu h�ren, als die Reifen ruckartig nach links auf den Boulevard abbogen, und das ohrenbet�ubende Echo des Auspuffs eines Citro�n im zweiten Gang ert�nte: ein lautes Krachen, das schnell zu einem Knistern abflachte, w�hrend das Auto an den Gesch�ften der Hauptstra�e vorbeiraste und auf die K�stenstra�e zuhielt.</p><p>Bond wusste, dass er Vespers Handtasche zwischen den Blumen finden w�rde.</p><p>Er lief mit der Tasche im Arm �ber den Kies zur�ck zu den hell erleuchteten Stufen und durchw�hlte sie, w�hrend der Hotelportier um ihn herumwieselte.</p><p>Zwischen dem �blichen Inhalt einer Damenhandtasche befand sich die zerkn�llte Notiz.</p><empty-line/><p>K�nnen Sie f�r einen Moment in den Eingangsbereich kommen? Ich habe Neuigkeiten f�r Ihren Begleiter.</p><p>Ren� Mathis</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#18"/></p><p><strong>SCHWARZER HASE UND GRAUER JAGDHUND</strong></p><p>Es war die denkbar schlechteste F�lschung.</p><p>Bond sprang in seinen Bentley und dankte der Eingebung, die ihn dazu gebracht hatte, den Wagen nach dem Essen herzufahren. Mit voll gezogenem Choke reagierte der Motor sofort auf den Anlasser, und das Dr�hnen �bert�nte die z�gernden Worte des Hotelportiers, der zur Seite sprang, als die Hinterr�der Kies gegen seine Hosenbeine schleuderten.</p><p>Als der Wagen vor den Toren nach links abbog, sehnte sich Bond reum�tig nach dem Frontantrieb und dem niedrigen Fahrgestell des Citro�n. Dann schaltete er sich schnell durch die G�nge und bereitete sich auf die Verfolgung vor, indem er kurz das Echo des gro�en Auspuffs w�rdigte, das von beiden Seiten der kurzen Hauptstra�e durch die Stadt zu ihm zur�ckhallte.</p><p>Bald war er drau�en auf der K�stenstra�e. Es handelte sich um eine breite Landstra�e, die durch die Sandd�nen f�hrte und � wie er von seiner morgendlichen Spazierfahrt wusste � eine ausgezeichnete Oberfl�che besa� sowie in den Kurven mit Retroreflektoren ausgestattet war. Er brachte den Wagen auf Touren, bis er hundertdrei�ig und schlie�lich �ber hundertvierzig fuhr. Seine riesigen Marchal-Scheinwerfer schufen in der n�chtlichen Dunkelheit einen sicheren wei�en Lichttunnel von fast einem Kilometer L�nge.</p><p>Er wusste, dass der Citro�n hier entlanggefahren sein musste. Er hatte den Knall des Auspuffs durch die Stadt geh�rt, und in den Kurven hing immer noch ein wenig Staub. Er hoffte, bald die fernen Schlitze seiner Scheinwerfer zu sehen. Die Nacht war nach wie vor still und klar. Lediglich drau�en �ber dem Meer musste ein leichter Sommerdunst h�ngen, denn in regelm��igen Abst�nden h�rte er die Nebelh�rner wie eisernes Vieh unten an der K�ste br�llen.</p><p>W�hrend er den Wagen immer schneller durch die Nacht peitschte, verfluchte er in Gedanken Vesper � und M � daf�r, dass sie auf diesen Auftrag geschickt worden war.</p><p>Genau davor hatte er Angst gehabt. Diese geschw�tzigen Frauen, die dachten, sie k�nnten die Arbeit eines Mannes erledigen. Warum zum Teufel konnten sie nicht einfach zu Hause bleiben, sich um ihre T�pfe und Pfannen k�mmern, sich mit ihren Kleidern und ihrem Tratsch besch�ftigen und die M�nnerarbeit den M�nnern �berlassen? Und zu allem �berfluss musste ihm das auch noch ausgerechnet jetzt passieren, nachdem der Auftrag so wunderbar gelaufen war. Vesper hatte ja unbedingt auf diesen uralten Trick reinfallen und sich entf�hren lassen m�ssen, sodass sie gegen L�segeld festgehalten werden konnte wie eine verdammte Hauptfigur in einem Comicstrip. Diese d�mliche Kuh.</p><p>Bond kochte bei dem Gedanken an die Zwickm�hle, in der er sich befand.</p><p>Nat�rlich. Es ging um ein einfaches Tauschgesch�ft. Die Frau gegen seinen Scheck �ber vierzig Millionen. Tja, da w�rde er nicht mitspielen. Er dachte gar nicht daran. Sie war beim Geheimdienst und wusste, womit sie es zu tun hatte. Er w�rde M gar nicht erst fragen. Dieser Auftrag war wichtiger als sie. Zu dumm. Sie war ein h�bsches M�dchen, aber er w�rde nicht auf diesen kindischen Trick hereinfallen. Keine Spielchen. Er w�rde versuchen, den Citro�n einzuholen und die Sache mit einer Schie�erei zu kl�ren. Und wenn sie dabei getroffen wurde, dann war das eben Pech. Er w�rde alles in seiner Macht Stehende tun � w�rde versuchen, sie zu retten, bevor sie sie in ein Versteck bringen konnten �, aber wenn er sie nicht einholen konnte, w�rde er zu seinem Hotel zur�ckkehren, ins Bett gehen und kein Wort mehr dar�ber verlieren. Am n�chsten Morgen w�rde er Mathis fragen, was mit ihr geschehen war und ihm die Notiz zeigen. Falls Le Chiffre versuchen wollte, Bond dazu zu bringen, ihm das Geld im Austausch f�r das M�dchen zu geben, w�rde Bond nichts tun und niemandem davon erz�hlen. Das M�dchen w�rde einfach damit klarkommen m�ssen. Falls der Hotelportier jemandem erz�hlen w�rde, was er gesehen hatte, w�rde Bond einfach behaupten, er sei betrunken gewesen und h�tte sich mit dem M�dchen gestritten.</p><p>Bonds Verstand k�mpfte weiter mit dem Problem, w�hrend er das gro�e Auto �ber die K�stenstra�e steuerte, automatisch die Kurven nahm und nach Pferdewagen und Radfahrern Ausschau hielt, die auf dem Weg nach Royale waren. Auf geraden Streckenabschnitten trieb der Amherst-Villiers-Kompressor seine Sporen in die f�nfundzwanzig Pferdest�rken des Bentleys, und der Motor stie� einen hohen Schmerzensschrei in die Nacht hinaus. Dann erh�hte sich die Drehzahl, bis er die hundertachtziger Marke auf dem Tachometer �berschritten hatte und sich der Hundertneunzig n�herte.</p><p>Er wusste, er w�rde schnell aufholen. So schwer beladen wie der Citro�n war, konnte er selbst auf dieser Stra�e kaum schneller als hundertdrei�ig fahren. Aus einer Eingebung heraus verlangsamte er auf hundertzehn, schaltete seine Nebelscheinwerfer ein und seine Scheinwerfer aus. Ohne dieses blendende Licht konnte er die R�ckleuchten eines anderen Wagens sehen, der sich etwa drei Kilometer vor ihm befand.</p><p>Er tastete unter dem Armaturenbrett herum und zog einen langl�ufigen .45 Colt Army Special aus einem verborgenen Holster. Wenn er Gl�ck hatte und die Stra�enoberfl�che mitspielte, konnte er damit vielleicht ihre Reifen oder ihren Benzintank erwischen, sobald er mindestens bis auf neunzig Meter an sie heran war.</p><p>Dann schaltete er die gro�en Scheinwerfer wieder ein und trat aufs Gas, um die Verfolgung wiederaufzunehmen. Er f�hlte sich ruhig und entspannt. Das Problem mit Vesper war kein Problem mehr. Sein Gesicht wirkte im blauen Schimmer des Armaturenbretts hart und gelassen.</p><p>In dem Citro�n sa�en drei M�nner und eine Frau.</p><p>Le Chiffre fuhr, sein gro�er geschmeidiger K�rper war nach vorne gebeugt, seine H�nde lagen leicht und grazil auf dem Steuer. Neben ihm sa� der gedrungene Mann, der im Casino den Stock bei sich gehabt hatte. Mit der linken Hand hielt er einen dicken Hebel umklammert, der fast auf einer Ebene mit dem Boden verlief. Es mochte sich um einen Hebel handeln, um den Fahrersitz zu verstellen.</p><p>Auf dem R�cksitz befand sich der gro�e, d�nne Bewaffnete. Er hatte sich entspannt zur�ckgelehnt und starrte an die Decke, als w�rde ihn die extreme Geschwindigkeit des Wagens nicht interessieren. Seine rechte Hand lag z�rtlich auf Vespers linkem Oberschenkel, der nackt neben ihm ausgestreckt war.</p><p>Abgesehen von ihren bis zur H�fte nackten Beinen war Vesper ein verschn�rtes Paket. Ihr langes schwarzes Samtkleid war ihr �ber die Arme und den Kopf gezogen und oben mit einem Seil zusammengebunden worden. Vor ihrem Gesicht hatte man ein kleines Loch in den Stoff gerissen, damit sie atmen konnte. Auf andere Weise war sie nicht gefesselt. Sie regte sich nicht, und ihr K�rper schaukelte tr�ge mit den Bewegungen des Wagens hin und her.</p><p>Le Chiffre konzentrierte sich halb auf die vor ihm liegende Stra�e und halb auf das n�herkommende Strahlen von Bonds Scheinwerfern im R�ckspiegel. Er schien nicht beunruhigt zu sein, als zwischen dem Hasen und dem Jagdhund nur noch gut ein Kilometer lag, und verlangsamte die Geschwindigkeit sogar von hundertdrei�ig auf hundert Kilometer die Stunde. Als er um eine Kurve bog, fuhr er noch langsamer. Ein paar Hundert Meter vor ihm wies ein Stra�enschild darauf hin, dass dort ein kleiner Feldweg die Landstra�e kreuzte.</p><p>�<emphasis>Attention</emphasis>�, sagte er scharf zu dem Mann neben sich.</p><p>Der Mann verst�rkte seinen Griff um den Hebel.</p><p>Als sie noch neunzig Meter von der Kreuzung entfernt waren, verlangsamte er auf knapp f�nfzig Stundenkilometer. Im R�ckspiegel beleuchteten Bonds gro�e Scheinwerfer die Kurve.</p><p>Le Chiffre schien eine Entscheidung zu f�llen.</p><p>�<emphasis>Allez</emphasis>.�</p><p>Der Mann neben ihm zog den Hebel ruckartig nach oben. Der Kofferraum des Wagens �ffnete sich wie das Maul eines Wals. Ein klimperndes Ger�usch erklang auf der Stra�e und dann ein rhythmisches Scheppern, als w�rde das Auto eine Reihe Ketten hinter sich herziehen.</p><p>�<emphasis>Coupez</emphasis>.�</p><p>Der Mann dr�ckte den Hebel wieder nach unten, und das Scheppern endete mit einem letzten Poltern.</p><p>Le Chiffre warf erneut einen Blick in den R�ckspiegel. Bonds Wagen kam gerade um die Kurve herum. Le Chiffre riss das Steuer herum und bog mit dem Citro�n scharf nach links auf die Seitenstra�e ab, w�hrend er gleichzeitig die Scheinwerfer ausschaltete.</p><p>Er brachte den Wagen abrupt zum Stehen, und alle drei M�nner stiegen schnell aus und gingen hinter einer niedrigen Hecke neben der Kreuzung in Deckung, die nun von den Scheinwerfern des Bentleys hell erleuchtet wurde. Jeder von ihnen trug einen Revolver bei sich, und der d�nne Mann hatte au�erdem etwas in der Hand, das wie ein gro�es schwarzes Ei aussah.</p><p>Der Bentley kam auf sie zugeschossen wie ein Eilzug.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#19"/></p><p><strong>G�NSEHAUT</strong></p><p>Als Bond um die Kurve raste und den gro�en Wagen mit einer leichten Neigung von K�rper und H�nden an der Biegung entlang lenkte, �berlegte er sich bereits einen Angriffsplan, den er ausf�hren w�rde, sobald sich der Abstand zwischen beiden Fahrzeugen weiter verringert hatte. Er ging davon aus, dass der feindliche Fahrer versuchen w�rde, auf eine Seitenstra�e abzubiegen, sobald er die Gelegenheit dazu erhielt. Als er um die Kurve bog und vor sich keine R�cklichter entdeckte, war es demnach eine normale Reaktion, etwas langsamer zu fahren. Sobald er das Stra�enschild erblickte, bereitete er sich darauf vor, auf die Bremse zu treten.</p><p>Er fuhr nur knapp hundert, als er sich dem schwarzen Fleck rechts von der Stra�e n�herte, den er f�r den Schatten eines Baumes hielt. Dennoch blieb ihm keine Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Pl�tzlich funkelte ein Teppich aus Stahlspitzen direkt vor seinem Kotfl�gel auf. Sekunden sp�ter fuhr er genau dar�ber.</p><p>Bond trat automatisch mit voller Wucht auf die Bremse und stemmte sich mit aller Kraft gegen das Steuer, um sein unvermeidliches Abdriften nach links auszugleichen, doch er konnte die Kontrolle �ber den Wagen nur f�r den Bruchteil einer Sekunde aufrechterhalten. Als das Gummi von den Reifen gerissen wurde und die Felgen f�r einen Augenblick �ber den Asphalt kratzten, wirbelte das schwere Fahrzeug quer �ber die Stra�e und schlug mit einem Aufprall, der Bond aus dem Fahrersitz schleuderte, gegen die B�schung auf der linken Seite. Dann b�umte es sich langsam auf, sodass sich die Vorderr�der in der Luft drehten und die gro�en Scheinwerfer in den Himmel leuchteten. W�hrend der Wagen f�r eine Sekunde auf dem Benzintank stehen blieb, wirkte er wie eine riesige Gottesanbeterin. Dann fiel er langsam hinten�ber und kam mit einem gewaltigen Scheppern auf dem Boden auf, wo Glas und Karosserieteile zerbrachen.</p><p>In der ohrenbet�ubenden Stille drehte sich eines der Vorderr�der leise weiter und kam schlie�lich quietschend zum Stehen.</p><p>Le Chiffre und seine beiden M�nner mussten von ihrem Hinterhalt nur ein paar Meter auf den Wagen zugehen.</p><p>�Stecken Sie Ihre Waffen weg und holen Sie ihn da raus�, befahl er schroff. �Ich gebe Ihnen Deckung. Seien Sie vorsichtig mit ihm. Ich will keine Leiche. Und beeilen Sie sich, es wird schon hell.�</p><p>Die beiden M�nner gingen auf die Knie. Einer von ihnen zog ein langes Messer hervor, schnitt etwas von dem Stoff des Cabrioletverdecks weg und packte Bonds Schulter. Er war bewusstlos und r�hrte sich nicht. Der andere Mann quetschte sich zwischen das auf dem Dach liegende Auto und die B�schung und zw�ngte sich durch den verbogenen Fensterrahmen. Er befreite Bonds Bein, das zwischen dem Steuer und dem Stoffdach festklemmte. Dann zogen sie ihn nach und nach durch das Loch im Verdeck nach drau�en.</p><p>Sie schwitzen und waren voller Staub und �l, als sie ihn endlich flach auf die Stra�e gelegt hatten. Der d�nne Mann tastete nach seinem Herzschlag und schlug ihm dann hart links und rechts ins Gesicht. Bond st�hnte und bewegte eine Hand. Der d�nne Mann schlug ihn erneut.</p><p>�Das gen�gt�, sagte Le Chiffre. �Fesseln Sie seine Arme und setzen Sie ihn in den Wagen. Hier�, er warf dem Mann eine Rolle Kabel zu. �Leeren Sie zuerst seine Taschen und geben Sie mir seine Pistole. Wom�glich hat er noch andere Waffen, aber die k�nnen wir ihm sp�ter abnehmen.�</p><p>Er nahm die Gegenst�nde entgegen, die der d�nne Mann ihm reichte, und verstaute sie zusammen mit Bonds Beretta in seinen weiten Taschen, ohne sie sich anzusehen. Er �berlie� die M�nner ihrer Arbeit und ging zur�ck zum Auto. In seinem Gesicht zeigte sich weder Freude noch Aufregung.</p><p>Der bei�ende Schmerz des Drahtkabels, das in seine Handgelenke schnitt, lie� Bond wieder zu sich kommen. Sein ganzer K�rper schmerzte, als w�re er mit einem Holzkn�ppel verpr�gelt worden, doch als er auf die F��e gezogen und auf die schmale Seitenstra�e zugesto�en wurde, wo der Citro�n bereits mit leise laufendem Motor wartete, stellte er fest, dass er keine gebrochenen Knochen hatte. Allerdings f�hlte er sich nicht zu irgendwelchen verzweifelten Fluchtversuchen in der Lage und lie� daher ohne den geringsten Widerstand zu, dass man ihn auf den R�cksitz zerrte.</p><p>Er f�hlte sich v�llig entmutigt und schwach, sowohl was seine Entschlossenheit als auch seine k�rperliche Verfassung anging. In den vergangenen vierundzwanzig Stunden hatte er einfach zu viel durchmachen m�ssen, und nun erschien ihm dieser letzte Schlag des Feindes fast schon zu endg�ltig. Dieses Mal w�rden keine Wunder geschehen. Niemand wusste, wo er war und f�r die n�chsten Stunden w�rde ihn niemand vermissen. Das Wrack seines Wagens w�rde sicher bald gefunden werden, aber es w�rde Stunden dauern, bis man herausgefunden hatte, wem er geh�rte.</p><p>Und Vesper. Er schaute nach rechts, vorbei an dem d�nnen Mann, der sich mit geschlossenen Augen zur�ckgelehnt hatte. Seine erste Reaktion war Verachtung. Dieses M�dchen war verdammt noch mal dumm genug gewesen, sich wie ein gerupftes Huhn zusammenschn�ren zu lassen. Ihr Kleid war �ber ihren Kopf gezogen, als w�re die ganze Sache nicht mehr als ein Studentenstreich. Doch dann tat sie ihm leid. Ihre nackten Beine sahen so kindlich und hilflos aus.</p><p>�Vesper�, raunte er leise.</p><p>Das B�ndel in der Ecke reagierte nicht, und Bond �berkam ein pl�tzlicher Schauer, doch dann regte sie sich kaum merklich.</p><p>Im gleichen Augenblick schlug ihm der d�nne Mann hart auf die Brust.</p><p>�Ruhe.�</p><p>Bond kr�mmte sich vor Schmerz und zum Schutz vor einem weiteren Hieb zusammen, woraufhin er einen Schlag in den Nacken kassierte, der daf�r sorgte, dass er sich wieder aufrichtete und durch zusammengebissene Z�hne ein Keuchen ausstie�.</p><p>Der d�nne Mann hatte ihm einen harten, professionellen Schlag mit der Handkante versetzt. Seine Genauigkeit und sein Mangel an Anstrengung hatten etwas T�dliches an sich. Nun sa� er wieder zur�ckgelehnt und mit geschlossenen Augen da. Er war ein Mann, der einem Angst einjagte, ein b�ser Mann. Bond hoffte, dass er eine Gelegenheit bekommen w�rde, ihn zu t�ten.</p><p>Pl�tzlich wurde der Kofferraum des Wagens ge�ffnet, und ein schepperndes Krachen ert�nte. Bond vermutete, dass sie gewartet hatten, bis der dritte Mann den Teppich aus stacheligen Ketten wieder im Auto verstaut hatte. Er ging davon aus, dass es sich dabei um eine Adaption der mit N�geln besetzten Vorrichtungen handelte, die die Widerstandsbewegung gegen deutsche Stabsfahrzeuge eingesetzt hatte.</p><p>Wieder dachte er �ber die Effizienz dieser Leute und die Genialit�t der Ausr�stung nach, die sie benutzt hatten. Hatte M ihren Einfallsreichtum untersch�tzt? Er unterdr�ckte das Bed�rfnis, London die Schuld zu geben. Er h�tte es selbst wissen m�ssen. Er h�tte die kleinen Warnsignale erkennen und entsprechende Vorsichtsma�nahmen treffen m�ssen. Er verzog das Gesicht bei dem Gedanken daran, wie er im Roi Galant Champagner geschl�rft hatte, w�hrend der Feind damit besch�ftigt gewesen war, seinen Gegenschlag vorzubereiten. Er verfluchte sich selbst und die �berheblichkeit, die ihn so sicher gemacht hatte, dass die Schlacht gewonnen und der Feind auf der Flucht war.</p><p>Die ganze Zeit �ber hatte Le Chiffre kein Wort gesagt. Gleich nachdem der Kofferraum geschlossen worden war, stieg der dritte Mann, den Bond sofort erkannte, neben ihm in den Wagen, und Le Chiffre fuhr r�ckw�rts auf die Hauptstra�e zur�ck. Er schaltete durch die G�nge hoch und raste bald darauf mit �ber hundertzehn die K�stenstra�e entlang.</p><p>Mittlerweile d�mmerte es bereits � es musste etwa f�nf Uhr sein, sch�tzte Bond �, und er �berlegte, dass sich nur zwei oder drei Kilometer weiter die Abfahrt zu Le Chiffres Villa befinden musste. Er h�tte nicht gedacht, dass sie Vesper dorthin bringen w�rden. Nun, da ihm klar wurde, dass Vesper nur der Speck gewesen war, um die Maus zu fangen, erkannte er, worum es hier wirklich ging.</p><p>Es war keine besonders angenehme Erkenntnis. Zum ersten Mal seit seiner Gefangennahme �berkam Bond Angst, und er sp�rte, wie sie an ihm hochkroch.</p><p>Zehn Minuten sp�ter bog der Citro�n nach links ab und fuhr eine kleine Seitenstra�e entlang, die zum Teil mit Gras bewachsen war. Dann passierte er ein Paar maroder Stucks�ulen und gelangte auf einen ungepflegten Vorhof, der von einer hohen Mauer umgeben war. Sie hielten vor einer wei�en T�r an, von der die Farbe abbl�tterte. �ber einem rostigen Klingelknopf im T�rrahmen stand in kleinen Zinkbuchstaben auf einem h�lzernen Untergrund: �Les Noctambules� und darunter �<emphasis>Sonnez SVP</emphasis>�.</p><p>Dem Wenigen nach zu urteilen, was Bond von der Betonfassade erkennen konnte, war die Villa im Stil typischer franz�sischer K�stenh�user gehalten. Er konnte sich vorstellen, wie eine Putzfrau, die der Immobilienmakler in Royale hergeschickt hatte, zu Beginn des Sommers die toten Schmei�fliegen eilig weggefegt und die muffigen R�ume kurz gel�ftet hatte. Alle f�nf Jahre wurden die R�ume und das Geb�lk im Au�enbereich wei� �bert�ncht, und ein paar Wochen lang bot die Villa der Welt einen freundlichen Anblick. Dann machten sich die winterlichen Regenf�lle und die eingesperrten Fliegen ans Werk, und die Villa nahm schnell wieder ihr verlassenes Aussehen an.</p><p>Doch, so �berlegte Bond, f�r Le Chiffres Absichten an diesem Morgen war sie perfekt geeignet, sofern er diese richtig deutete. Sie hatten seit seiner Gefangennahme kein anderes Haus passiert, und von seiner Erkundung am Tag zuvor wusste er, dass es in Richtung S�den nur hin und wieder einen vereinzelten Bauernhof gab.</p><p>Als er mit einem heftigen Ellbogenhieb in die Rippen von dem d�nnen Mann aus dem Auto gedr�ngt wurde, wusste er, dass Le Chiffre sie sich mehrere Stunden lang ungest�rt vornehmen konnte. Wieder �berkam ihn ein Schauer.</p><p>Le Chiffre �ffnete die T�r mit einem Schl�ssel und verschwand im Inneren des Hauses. Vesper, die im fr�hen Morgenlicht unglaublich anr�chig aussah, wurde mit einem Schwall unz�chtiger franz�sischer Worte von dem Mann, den Bond insgeheim als �den Korsen� bezeichnete, hinter ihm hergesto�en. Bond folgte ihnen, ohne dem D�nnen die Gelegenheit zu geben, ihn anzutreiben.</p><p>Der Schl�ssel der Vordert�r drehte sich im Schloss.</p><p>Le Chiffre stand rechts von ihnen im Durchgang zu einem Zimmer. Er kr�mmte einen Finger und rief Bond mit dieser stummen, spinnenartigen Geste zu sich.</p><p>Vesper wurde durch einen Flur in den hinteren Bereich des Hauses gef�hrt. Bond f�llte eine Entscheidung.</p><p>Mit einem heftigen R�ckw�rtstritt, der das Schienbein des d�nnen Manns traf und ihm einen unterdr�ckten Schmerzensschrei entlockte, warf er sich in den Flur und folgte Vesper. Da seine F��e seine einzige Waffe waren, bestand sein Plan darin, den beiden Bewaffneten so viel Schaden wie m�glich zuzuf�gen und ein paar eilige Worte mit dem M�dchen zu wechseln. Ein anderer Plan war nicht m�glich. Er wollte ihr nur mitteilen, dass sie nichts verraten sollte.</p><p>Als sich der Korse aufgrund des Aufruhrs umdrehte, st�rzte sich Bond bereits auf ihn, setzte zum Tritt an und zielte mit seinem rechten Schuh auf die Leistengegend des anderen Mannes.</p><p>Der Korse warf sich blitzschnell gegen die Wand des Flurs, und als Bonds Fu� an seiner H�fte vorbeirauschte, lie� er eilig, aber dennoch elegant seine linke Hand hervorschnellen, ergriff Bonds Schuh mitten in der Luft und verdrehte ihn ruckartig.</p><p>Bond verlor das Gleichgewicht, und sein anderer Fu� hob vom Boden ab. In der Luft drehte sich sein gesamter K�rper und wurde schlie�lich durch den Schwung seitlich zu Boden geworfen.</p><p>F�r einen Moment lag er einfach nur atemlos da. Dann kam der dritte Mann, zerrte ihn mit einer Hand am Kragen hoch und dr�ckte ihn gegen die Wand. In der anderen Hand hielt er eine Waffe. Er sah Bond neugierig in die Augen. Dann beugte er sich ohne Eile vor und schlug den Lauf der Waffe hart gegen Bonds Schienbeine. Bond st�hnte auf und sackte zusammen.</p><p>�Beim n�chsten Mal werden es nicht deine Schienbeine, sondern deine Z�hne sein�, sagte der D�nne in schlechtem Franz�sisch.</p><p>Eine T�r schlug zu. Vesper und der Korse waren verschwunden. Bond drehte den Kopf nach rechts. Le Chiffre war ein paar Schritte in den Flur hinausgetreten. Wieder kr�mmte er den Finger und bedeutete Bond, zu ihm zu kommen. Dann sprach er zum ersten Mal.</p><p>�Kommen Sie, mein lieber Freund. Wir verschwenden unsere Zeit.�</p><p>Er sprach akzentfreies Englisch. Seine Stimme war leise, sanft und gem�chlich. Er zeigte keinerlei Emotionen. Er h�tte ebenso gut ein Arzt sein k�nnen, der den n�chsten Patienten aus dem Wartezimmer zu sich hereinbat � einen hysterischen Patienten, der kleinlaut mit einer Krankenschwester diskutiert hatte.</p><p>Erneut f�hlte sich Bond winzig und machtlos. Nur ein Experte im Jiu-Jitsu h�tte ihn so schnell und m�helos erledigen k�nnen wie der Korse. Die k�hle Pr�zision, mit der der d�nne Mann es ihm mit gleicher M�nze heimgezahlt hatte, war ruhig und sogar k�nstlerisch gewesen.</p><p>Fast f�gsam ging Bond den Flur entlang. Sein ungeschickter Widerstand gegen diese Leute hatte ihm lediglich ein paar neue blaue Flecke eingebracht.</p><p>Als er vor dem d�nnen Mann �ber die Schwelle trat, wusste er, dass er sich voll und ganz in ihrer Gewalt befand.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#20"/></p><p><strong>�MEIN LIEBER JUNGE�</strong></p><p>Der Raum war gro�, kahl und sp�rlich mit ein paar billigen M�beln im franz�sischen <emphasis>art nouveau</emphasis>-Stil eingerichtet. Es lie� sich nur schwer beurteilen, ob er als Wohn- oder Esszimmer gedacht war, denn eine wackelig wirkende Anrichte mit Spiegel, auf der eine orangefarbene Obstschale und zwei angemalte h�lzerne Kerzenhalter standen, nahm den Gro�teil der Wand gegen�ber der T�r ein und biss sich mit dem ausgeblichenen pinkfarbenen Sofa auf der anderen Seite des Raums.</p><p>Es gab keinen Tisch unter der alabasternen Deckenleuchte in der Mitte des Zimmers. Stattdessen lag dort lediglich ein schmutziger kleiner Teppich mit einem futuristischen Muster aus unterschiedlichen Braunt�nen.</p><p>Vor dem Fenster stand ein nicht zum Rest der Einrichtung passender thronartiger Stuhl aus geschnitztem Eichenholz mit einem roten Samtsitzpolster. Daneben befanden sich ein niedriger Tisch mit einer leeren Wasserkaraffe und zwei Gl�sern sowie ein leichter Lehnstuhl mit einer runden Sitzfl�che aus Korb, auf der kein Kissen lag.</p><p>Halb geschlossene Jalousien verdeckten die Aussicht aus dem Fenster, lie�en jedoch ein paar Sonnenstrahlen durch, die auf die wenigen M�bel, die bunte Tapete und die braunen, fleckigen Bodenbretter fielen.</p><p>Le Chiffre deutete auf den Korbstuhl.</p><p>�Der d�rfte perfekt sein�, sagte er zu dem dritten Mann. �Bereiten Sie ihn schnell vor. Wenn er sich wehrt, verletzen Sie ihn nur geringf�gig.�</p><p>Er wandte sich an Bond. Auf seinem langen Gesicht lag keinerlei Ausdruck, und seine runden Augen wirkten desinteressiert. �Ziehen Sie Ihre Kleidung aus. Jedes Mal wenn Sie sich wehren, wird Ihnen Basil einen Finger brechen. Wir meinen es ernst, und Ihr Wohlergehen ist f�r uns nicht von Interesse. Ob Sie leben oder sterben werden, h�ngt vom Ausgang der Unterhaltung ab, die wir gleich f�hren werden.�</p><p>Er vollf�hrte eine Geste in Richtung des d�nnen Mannes und verlie� den Raum.</p><p>Die erste Handlung des d�nnen Mannes war seltsam. Er klappte das Messer aus, mit dem er das Verdeck von Bonds Wagen zerschnitten hatte, schnappte sich den kleinen Lehnstuhl und schnitt mit einer schnellen Bewegung die Korbsitzfl�che heraus.</p><p>Dann kam er zu Bond zur�ck und steckte sich das Messer mit der immer noch ausgeklappten Klinge wie einen F�llfederhalter in die Brusttasche seines Jacketts. Er drehte Bond zum Licht und befreite seine Handgelenke von dem Kabel. Dann trat er schnell einen Schritt zur Seite und hatte das Messer sofort wieder in der Hand.</p><p>�<emphasis>Vite</emphasis>.�</p><p>Bond rieb sich die schmerzenden Handgelenke und �berlegte, wie viel Zeit er wohl schinden konnte, indem er sich widersetzte. Doch es gelang ihm nur kurz. Mit einem schnellen Schritt und einer Bewegung seiner freien Hand packte der D�nne den Kragen seines Smokings, zog ihn nach unten und zwang Bonds Arme nach hinten. Bond wollte diesem alten Polizeigriff auf traditionelle Weise entgegenwirken, indem er sich auf ein Knie sinken lie�, doch als er sich nach unten bewegte, tat der d�nne Mann es ihm nach und legte gleichzeitig sein Messer auf Bonds R�cken. Bond sp�rte, wie die Klinge an seiner Wirbels�ule entlangfuhr. Zischend fuhr das scharfe Messer durch den Stoff, und pl�tzlich waren seine Arme frei und die beiden H�lften des Jacketts fielen nach vorne.</p><p>Er fluchte und stand auf. Der d�nne Mann befand sich wieder auf seiner urspr�nglichen Position und hielt das Messer wie zuvor entspannt und allzeit bereit in der Hand. Bond lie� die beiden H�lften seines Jacketts auf den Boden fallen.</p><p>�<emphasis>Allez</emphasis>�, sagte der d�nne Mann mit einem winzigen Anflug von Ungeduld.</p><p>Bond sah ihm in die Augen und fing dann langsam an, sein Hemd auszuziehen.</p><p>Le Chiffre kam leise in den Raum zur�ck. Er hatte eine Kanne dabei, deren Inhalt nach Kaffee roch. Er stellte sie auf den kleinen Tisch neben dem Fenster. Daneben legte er zwei weitere, unansehnliche Gegenst�nde: einen etwa neunzig Zentimeter langen Teppichklopfer aus gebogenem Schilfrohr sowie ein Tranchiermesser.</p><p>Er lie� sich auf dem thron�hnlichen Stuhl nieder, machte es sich gem�tlich und goss etwas Kaffee in eines der Gl�ser. Mit einem Fu� verschob er den kleinen Lehnstuhl, dessen Sitzfl�che nun ein leerer runder Holzrahmen war, bis er ihm direkt gegen�berstand.</p><p>Bond stand splitterfasernackt in der Mitte des Raums. Die Bluterg�sse hoben sich in starkem Kontrast von seiner hellen Haut ab, und sein Gesicht war eine graue Maske der Ersch�pfung und des Wissens, was ihm als N�chstes bevorstand.</p><p>�Setzen Sie sich dorthin.� Le Chiffre nickte in Richtung des Stuhls vor sich.</p><p>Bond ging darauf zu und nahm Platz.</p><p>Der d�nne Mann holte etwas Kabel hervor und fesselte Bonds Handgelenke damit an die Armlehnen und seine Fu�gelenke an die vorderen Beine des Stuhls. Dann wickelte er einen doppelten Strang um seine Brust, schlang ihn unter seinen Achseln hindurch und verknotete sie schlie�lich hinter der R�ckenlehne des Stuhls. Die Knoten waren einwandfrei und lie�en keinerlei Spielraum. Jede einzelne Fessel schnitt schmerzhaft in Bonds Fleisch. Die Stuhlbeine standen weit auseinander, sodass Bond ihn nicht mal hin- und herschaukeln konnte.</p><p>Er war ein Gefangener, nackt und hilflos.</p><p>Sein Ges�� und der untere Teil seines Rumpfes hingen durch das Loch in der Sitzfl�che des Stuhls.</p><p>Le Chiffre nickte dem d�nnen Mann zu, der leise den Raum verlie� und die T�r hinter sich schloss.</p><p>Auf dem Tisch lagen eine Packung Gauloises und ein Feuerzeug. Le Chiffre z�ndete sich eine Zigarette an und trank einen Schluck Kaffee aus dem Glas. Dann nahm er den Teppichklopfer und lie� den Griff gelassen auf seinem Knie ruhen, sodass sich das flache, kleeblattf�rmige Ende direkt unter Bonds Stuhl befand.</p><p>Er sah Bond vorsichtig, fast z�rtlich in die Augen. Dann schnellte seine Hand pl�tzlich nach oben.</p><p>Das Ergebnis war verbl�ffend.</p><p>Bonds ganzer K�rper b�umte sich in einer unwillk�rlichen Zuckung auf. Sein Gesicht verzog sich zu einem lautlosen Schrei. Gleichzeitig riss er seinen Kopf zur�ck, sodass die angespannten Sehnen an seinem Hals sichtbar wurden. F�r einen Augenblick spannten sich s�mtliche Muskeln in seinem K�rper an, und seine Zehen und Finger verkrampften sich, bis sie wei� wurden. Dann sackte sein K�rper in sich zusammen, und er fing an, aus jeder Pore zu schwitzen. Er stie� ein tiefes St�hnen aus.</p><p>Le Chiffre wartete, bis sich seine Augen wieder �ffneten.</p><p>�Verstehen Sie, lieber Junge?� Er l�chelte weich und breit. �Ist Ihnen Ihre Position nun klar?�</p><p>Ein Schwei�tropfen fiel von Bonds Kinn auf seine nackte Brust.</p><p>�Dann sollten wir jetzt zum gesch�ftlichen Teil kommen und herausfinden, wie schnell wir diese unerfreuliche Lage beenden k�nnen, in die Sie sich gebracht haben.� Er zog vergn�gt an seiner Zigarette und tippte mit seinem schrecklichen und ungew�hnlichen Folterinstrument einmal auf den Boden neben Bonds Stuhl.</p><p>�Mein lieber Junge�, sagte Le Chiffre wie ein Vater, �Sie spielen jetzt nicht mehr Cowboy und Indianer. Durch einen ungl�cklichen Zufall sind Sie in ein Spiel f�r Erwachsene hineingeraten und m�ssen nun feststellen, dass es eine schmerzhafte Erfahrung ist. Sie sind noch nicht dazu bereit, Spiele mit Erwachsenen zu spielen, mein lieber Junge, und es war sehr t�richt von Ihrem Kinderm�dchen in London, Sie ohne Ihre Schaufel und Ihren Eimer herzuschicken. Wirklich sehr t�richt und h�chst unerfreulich f�r Sie.</p><p>Aber wir m�ssen aufh�ren, zu scherzen, mein lieber Freund, auch wenn Sie dieser am�santen kleinen Fabel sicher noch gerne weiter lauschen w�rden.�</p><p>V�llig unvermittelt lie� er den scherzenden Ton fallen und starrte Bond scharf und boshaft an.</p><p>�Wo ist das Geld?�</p><p>Bond starrte aus blutunterlaufenen leeren Augen zur�ck.</p><p>Wieder bewegte Le Chiffre seine Hand, und wieder verkrampfte sich Bonds ganzer K�rper.</p><p>Le Chiffre wartete bis das gequ�lte Herz sein angestrengtes Pumpen verlangsamte und Bond benommen die Augen �ffnete.</p><p>�Vielleicht sollte ich es erkl�ren�, sagte Le Chiffre. �Ich beabsichtige, die empfindlichen Teile Ihres K�rpers auch weiterhin zu attackieren, bis Sie meine Frage beantworten. Ich kenne keine Gnade und werde auch nicht nachgeben. Niemand wird in letzter Minute kommen, um Sie zu retten, und es besteht keinerlei M�glichkeit zur Flucht. Dies ist keine romantische Abenteuergeschichte, in der der B�sewicht am Ende besiegt wird und der Held eine Medaille bekommt und das M�dchen heiratet. Leider passieren solche Dinge im wahren Leben nicht. Wenn Sie sich weiterhin so stur verhalten, werde ich Sie bis an den Rand des Wahnsinns foltern, dann wird das M�dchen hereingebracht, und wir werden vor Ihren Augen bei ihr weitermachen. Wenn das immer noch nicht ausreicht, werden Sie beide einen schmerzhaften Tod erleiden, ich werde Ihre Leichen widerwillig zur�cklassen und mich auf den Weg in ein gem�tliches Haus im Ausland machen, das auf mich wartet. Dort werde ich eine n�tzliche und profitable Karriere beginnen und bis ins hohe Alter inmitten der Familie leben, die ich zweifellos gr�nden werde. Sie sehen also, mein lieber Junge, dass ich nichts zu verlieren habe. Wenn Sie mir das Geld �bergeben, umso besser. Wenn nicht, werde ich nur mit den Schultern zucken und mich auf den Weg machen.�</p><p>Er hielt inne und hob sein Handgelenk leicht an. Bond zuckte zusammen, kaum dass der Teppichklopfer ihn ber�hrte.</p><p>�Aber Sie, mein lieber Freund, k�nnen lediglich darauf hoffen, dass ich Ihnen weitere Pein erspare und Ihr Leben verschone. Eine andere Hoffnung gibt es f�r Sie nicht. Absolut keine.</p><p>Nun?�</p><p>Bond schloss die Augen und wartete auf den Schmerz. Er wusste, dass der Anfang der Folter am schlimmsten war. Es gab einen Bogen der Qual. Ein Crescendo, das in einem H�hepunkt gipfelte, nach dessen Erreichen die Nerven abstumpften und immer weniger reagierten, bis schlie�lich Bewusstlosigkeit und Tod eintraten. Er konnte nur beten, dass dieser H�hepunkt bald erreicht sein und sein Geist so lange durchhalten w�rde. Danach konnte er nur noch den langen Leerlauf akzeptieren, der mit dem endg�ltigen Aus enden w�rde.</p><p>Ihm war von Kollegen, die Folter durch die Deutschen und die Japaner �berlebt hatten, erz�hlt worden, dass man gegen Ende einen wundervollen Moment der W�rme und der Wohligkeit versp�rte, der in eine Art sexuelle Zwischenwelt f�hrte, in der sich Schmerz in Vergn�gen verwandelte und der Hass und die Angst vor den Folterern zu einer masochistischen Verblendung wurde. Es war der ultimative Test der Willensst�rke � so hatte er erfahren �, diese Form der Benommenheit nicht zu zeigen. Sobald die Folterer sie auch nur vermuteten, w�rden sie ihr Opfer entweder sofort t�ten, um sich so alle weiteren nutzlosen M�hen zu ersparen, oder sie w�rden warten, bis sich der Gefolterte genug erholt hatte, damit sich seine Nerven wieder am Anfang des Bogens befanden. Und dann fingen sie von vorne an.</p><p>Er �ffnete seine Augen einen Spalt weit.</p><p>Le Chiffre hatte darauf gewartet, und das Werkzeug aus Schilfrohr schnellte wie eine Klapperschlange vom Boden hoch. Es traf sein Ziel wieder und wieder, sodass Bond nur noch schrie und sein K�rper auf dem Stuhl hing wie eine Marionette.</p><p>Le Chiffre h�rte erst auf, als Bonds gequ�lte Zuckungen einen Anflug von Tr�gheit aufwiesen. Er sa� eine Weile lang da, trank seinen Kaffee und runzelte die Stirn, als w�re er ein Chirurg, der w�hrend einer schwierigen Operation den Kardiografen betrachtete.</p><p>Als sich Bonds Augenlider flatternd �ffneten, sprach er ihn erneut an. Doch nun lag ein Hauch von Ungeduld in seiner Stimme.</p><p>�Wir wissen, dass sich das Geld irgendwo in Ihrem Zimmer befindet�, sagte er. �Sie lie�en sich einen Scheck �ber vierzig Millionen Franc aush�ndigen, und ich wei�, dass Sie zur�ck ins Hotel gingen, um ihn dort zu verstecken.�</p><p>Einen Augenblick lang fragte sich Bond, wie er sich dessen so sicher sein konnte.</p><p>�Gleich nachdem Sie zum Nachtclub aufgebrochen waren�, fuhr Le Chiffre fort, �wurde Ihr Zimmer von vieren meiner Leute durchsucht.�</p><p>Die Muntzens mussten ihnen dabei geholfen haben, �berlegte Bond.</p><p>�Wir fanden eine Menge kindischer Verstecke. Im Kugelhahn der Toilette befand sich ein interessantes kleines Codebuch, und an der R�ckseite einer Kommode entdeckten wir ein paar weitere Papiere. S�mtliche M�bel wurden auseinandergenommen, und Ihre Kleider sowie die Vorh�nge und Bettw�sche wurden zerschnitten. Jeder Zentimeter des Zimmers wurde durchsucht und die gesamte Einrichtung entfernt. Es ist h�chst unerfreulich f�r Sie, dass wir den Scheck nicht finden konnten. Wenn wir ihn gefunden h�tten, l�gen Sie jetzt vermutlich gem�tlich im Bett, vielleicht sogar mit der sch�nen Miss Lynd, anstatt das hier zu erleben.� Er lie� den Teppichklopfer hochschnellen.</p><p>Durch den roten Nebel aus Schmerz lenkte Bond seine Gedanken auf Vesper. Er konnte sich vorstellen, wie die beiden bewaffneten M�nner sie missbrauchten. Bevor Le Chiffre nach ihr schicken lie�, w�rden sie sich so viel nehmen, wie sie konnten. Er dachte an die fetten, feuchten Lippen des Korsen und die langsame Grausamkeit des d�nnen Mannes. Das arme Ding war in diese Sache hineingezogen worden. Arme Kleine.</p><p>Le Chiffre redete weiter.</p><p>�Folter ist eine schreckliche Sache�, sagte er, w�hrend er an einer neuen Zigarette zog, �aber eine einfache Angelegenheit f�r den Folterer, besonders wenn der Patient�, er l�chelte �ber das Wort, �ein Mann ist. Sehen Sie, mein lieber Bond, bei einem Mann ist es vollkommen unn�tig, sich mit Raffinesse aufzuhalten. Mit diesem einfachen Werkzeug oder auch mit fast jedem beliebigen anderen Gegenstand kann man einem Mann so viel Schmerz zuf�gen wie m�glich oder n�tig ist. Glauben Sie nicht, was Sie in Romanen oder B�chern �ber den Krieg gelesen haben. Es gibt nichts Schlimmeres. Es ist nicht nur die unmittelbare Qual, sondern auch der Gedanke, dass die M�nnlichkeit nach und nach zerst�rt wird und dass man, wenn man nicht nachgibt, am Ende kein Mann mehr sein wird.</p><p>Das, mein lieber Bond, ist ein trauriger und schrecklicher Gedanke � Sie erdulden eine lange Reihe k�rperlicher und geistiger Qualen, und dann kommt der letzte, entsetzliche Moment, in dem Sie mich anflehen werden, Sie zu t�ten. All das ist unausweichlich, es sei denn, Sie verraten mir, wo Sie das Geld versteckt haben.�</p><p>Er schenkte sich etwas Kaffee nach und nahm einen gro�en Schluck, sodass sich seine Mundwinkel braun f�rbten.</p><p>Bonds Lippen zuckten. Er versuchte, etwas zu sagen. Schlie�lich gelang es ihm, dass Wort als heiseres Kr�chzen hervorzubringen: �Trinken�, sagte er, und seine Zunge quoll hervor und fuhr �ber seine trockenen Lippen.</p><p>�Nat�rlich, mein lieber Junge, wie gedankenlos von mir.� Le Chiffre goss etwas Kaffee in das zweite Glas. Auf dem Boden um Bonds Stuhl herum befand sich ein Kreis aus Schwei�tropfen.</p><p>�Wir m�ssen doch daf�r sorgen, dass Ihre Zunge geschmiert bleibt.�</p><p>Er legte den Griff des Teppichklopfers zwischen seinen dicken Beinen auf den Boden und erhob sich. Er stellte sich hinter Bond, packte eine Handvoll seines schwei�nassen Haars und zerrte Bonds Kopf ruckartig nach hinten. Er kippte den Kaffee in kleinen Schlucken Bonds Kehle hinunter, damit er nicht daran erstickte. Dann lie� er seinen Kopf los, sodass dieser wieder nach vorn auf seine Brust kippte. Er ging zu seinem Stuhl zur�ck und hob den Teppichklopfer wieder auf.</p><p>Bond hob seinen Kopf. �Geld wird nichts n�tzen.� Seine Stimme war undeutlich � ein angestrengtes Kr�chzen. �Die Polizei kann es zu Ihnen zur�ckverfolgen.�</p><p>Von der Anstrengung ersch�pft sank sein Kopf wieder nach vorn. Er �bertrieb das Ausma� seines k�rperlichen Zusammenbruchs, allerdings nur ein wenig. Es ging ihm darum, Zeit zu schinden und den n�chsten schmerzhaften Schlag hinauszuz�gern.</p><p>�Ah, mein lieber Freund, ich verga�, es zu erw�hnen.� Le Chiffre l�chelte anz�glich. �Nach unserem kleinen Spiel im Casino trafen wir uns erneut, und Sie waren ein so guter Sportsmann, dass Sie einer weiteren Partie zustimmten, die nur zwischen uns beiden stattfinden sollte. Es war eine galante Geste. Typisch f�r einen englischen Gentleman.</p><p>Leider verloren Sie, und das best�rzte Sie so sehr, dass Sie beschlossen, Royale umgehend und mit unbekanntem Ziel zu verlassen. Ganz Gentleman, hinterlie�en Sie mir freundlicherweise eine Notiz, in der Sie die Umst�nde erkl�rten, damit ich keine Schwierigkeiten haben w�rde, den Scheck einzul�sen. Sie sehen also, mein lieber Junge, es wurde an alles gedacht, und Sie m�ssen sich keine Sorgen um mein Konto machen.� Er kicherte.</p><p>�Also, sollen wir dann fortfahren? Ich habe alle Zeit der Welt, und um die Wahrheit zu sagen, bin ich recht interessiert daran, zu erfahren, wie lange ein Mann diese spezielle Form der � �h � Ermutigung ertragen kann.� Er lie� den harten Teppichklopfer �ber den Boden klappern.</p><p>Das war also der Stand der Dinge, dachte Bond, dessen Mut ihn nun endg�ltig verlie�. Das �unbekannte Ziel� w�rde unter der Erde oder auf dem Grund des Meeres liegen, oder vielleicht auch einfach unter dem zerst�rten Bentley. Nun, wenn er schon sterben musste, konnte er es ebenso gut auf die harte Tour versuchen. Er hegte keinerlei Hoffnung, dass Mathis oder Leiter ihn rechtzeitig fanden, doch zumindest bestand eine Chance, dass sie Le Chiffre einholen w�rden, bevor sich dieser aus dem Staub machen konnte. Es musste bald sieben Uhr sein. Wom�glich war der Wagen bereits entdeckt worden. Es war keine angenehme Aussicht, doch je l�nger Le Chiffre ihn folterte, desto wahrscheinlicher war es, dass Bond ger�cht werden w�rde.</p><p>Er hob den Kopf und sah Le Chiffre direkt in die Augen.</p><p>Das ehemals makellose Wei� war nun von roten Adern durchzogen. Es war, als w�rde man auf zwei schwarze Johannisbeeren starren, die in Blut kochten. Der Rest des breiten Gesichts war gelblich, bis auf die Stelle, wo dichte schwarze Stoppeln das verschwitzte Kinn bedeckten. Die Reste des schwarzen Kaffees, die in seinen Mundwinkeln klebten, verliehen seinem Ausdruck ein falsches L�cheln, und das ganze Gesicht wurde durch das Licht, das durch die Jalousien fiel, in helle und dunkle Streifen getaucht.</p><p>�Nein�, sagte er tonlos, �� Sie ��</p><p>Le Chiffre schnaubte und machte sich voll ungez�gelter Wut wieder ans Werk. Zwischendurch knurrte er wie ein wildes Tier.</p><p>Nach zehn Minuten hatte Bond gl�cklicherweise das Bewusstsein verloren.</p><p>Le Chiffre hielt sofort inne. Mit einer kreisf�rmigen Bewegung seiner freien Hand wischte er sich den Schwei� von der Stirn. Dann schaute er auf seine Armbanduhr und schien eine Entscheidung zu treffen.</p><p>Er stand auf und trat hinter den reglosen, schwei�nassen K�rper. Aus Bonds Gesicht und seinem K�rper oberhalb der Taille war jegliche Farbe verschwunden. Sein Herzschlag war noch schwach zu sehen, doch abgesehen davon h�tte er genauso gut tot sein k�nnen.</p><p>Le Chiffre packte Bonds Ohren und verdrehte sie ruckartig. Dann lehnte er sich vor und schlug ihm mehrmals auf die Wangen. Bonds Kopf wankte mit jedem Schlag hin und her. Langsam wurde seine Atmung kr�ftiger. Ein animalisches St�hnen entwich seinem schlaffen Mund.</p><p>Le Chiffre nahm ein Glas Kaffee, goss etwas davon in Bonds Mund und sch�ttete ihm den Rest ins Gesicht. Bond �ffnete langsam sie Augen.</p><p>Le Chiffre kehrte zu seinem Stuhl zur�ck und wartete. Er z�ndete sich eine Zigarette an und betrachtete die Blutpf�tze auf dem Boden unter dem reglosen K�rper, der ihm gegen�bersa�.</p><p>Bond st�hnte wieder erb�rmlich. Es war ein unmenschlicher Laut. Seine Augen �ffneten sich vollst�ndig, und er starrte seinen Folterer benommen an.</p><p>Le Chiffre erkl�rte: �Das ist alles, Bond. Wir werden Ihnen jetzt ein Ende machen. Verstehen Sie? Wir werden Sie nicht t�ten, sondern Ihnen ein Ende machen. Und dann nehmen wir uns das M�dchen vor und sehen, ob wir aus Ihrer beider �berreste etwas herausbekommen k�nnen.�</p><p>Er streckte die Hand nach dem Tisch aus.</p><p>�Sagen Sie Ihrem besten St�ck auf Wiedersehen, Bond.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#21"/></p><p><strong>EIN ZERFURCHTES GESICHT</strong></p><p>Es war seltsam, die dritte Stimme zu h�ren. Das einst�ndige Ritual hatte lediglich nach einer Zwiesprache �ber dem schrecklichen L�rm der Folter verlangt. Bonds abgestumpfte Sinne nahmen sie kaum wahr. Dann pl�tzlich war er fast wieder bei Bewusstsein. Er stellte fest, dass er wieder sehen und h�ren konnte. Er konnte die vollkommene Stille nach dem einen leisen Wort aus Richtung der T�r vernehmen. Er konnte sehen, wie Le Chiffre langsam den Kopf hob und ein Ausdruck blanken Erstaunens auf seinem Gesicht erschien � unschuldige Verwunderung, die langsam Furcht wich.</p><p>�Chalt�, hatte die Stimme leise gesagt.</p><p>Bond h�rte langsame Schritte, die sich von hinten seinem Stuhl n�herten.</p><p>�Fhallen lassen�, sagte die Stimme.</p><p>Bond sah, wie sich Le Chiffres Hand gehorsam �ffnete und das Messer klappernd zu Boden fiel.</p><p>Er versuchte verzweifelt, aus Le Chiffres Gesicht abzulesen, was hinter ihm vor sich ging, doch alles, was er sah, war blindes Unverst�ndnis und Schrecken. Le Chiffres Mund bewegte sich, doch es kam nur ein entsetztes Quicken heraus. Seine massigen Wangen zitterten, w�hrend er versuchte, genug Speichel in seinem Mund anzusammeln, um etwas sagen oder fragen zu k�nnen. Seine H�nde bebten leicht auf seinem Scho�. Eine von ihnen bewegte sich vorsichtig in Richtung seiner Tasche, zuckte jedoch fast sofort wieder zur�ck. Seine runden starrenden Augen hatten den Blick f�r den Bruchteil einer Sekunde gesenkt, und Bond vermutete, dass eine Waffe auf ihn gerichtet wurde.</p><p>Ein Moment der Stille folgte.</p><p>�SMERSCH.�</p><p>Das Wort klang fast wie ein Seufzen. Es wurde mit einer Betonung ausgesprochen, die den Eindruck erweckte, dass nichts Weiteres gesagt werden musste. Es war eine endg�ltige Erkl�rung. Das letzte aller W�rter.</p><p>�Nein�, sagte Le Chiffre. �Nein. Ich �� Seine Stimme versagte.</p><p>Vielleicht wollte er sich erkl�ren, sich entschuldigen, doch was immer er im Gesicht des anderen Mannes sah, machte all das sinnlos.</p><p>�Ihre zwei M�nner. Beide tot. Sie sind ein Narr und ein Dieb und ein Verr�ter. Ich wurde von der Sowjetunion geschickt, um Sie zu eliminieren. Sie haben Gl�ck, dass ich lediglich genug Zeit habe, um Sie zu erschie�en. Meine Anweisung lautete, Sie nach M�glichkeit �u�erst schmerzhaft sterben zu lassen. Sie haben uns unendlich viel �rger bereitet.�</p><p>Die Stimme mit dem unverkennbar russischen Akzent hielt inne. Im Raum herrschte Stille, die nur von Le Chiffres rasselndem Atmen unterbrochen wurde.</p><p>Drau�en begann irgendwo ein Vogel zu singen, und nach und nach erklangen auch andere Ger�usche der erwachenden Natur. Die Sonnenstrahlen, die durch die Jalousien fielen, wurden st�rker, und der Schwei� auf Le Chiffres Gesicht gl�nzte hell.</p><p>�Bekennen Sie sich schuldig?�</p><p>Bond k�mpfte darum, bei Bewusstsein zu bleiben. Er riss seine Augen auf und versuchte, seinen Kopf zu sch�tteln, um einen klaren Gedanken fassen zu k�nnen, doch sein gesamtes Nervensystem war bet�ubt und leitete keinerlei Befehle an seine Muskeln weiter. Er konnte lediglich vor sich auf das gro�e blasse Gesicht mit den Glubschaugen starren.</p><p>Ein d�nner Speichelfaden floss aus dem offenen Mund und hing vom Kinn herunter.</p><p>�Ja�, sagte der Mund.</p><p>Ein scharfes Ploppen erklang, kaum lauter als eine Luftblase, die aus einer Zahnpastatube entweicht. Es gab kein anderes Ger�usch, und pl�tzlich hatte Le Chiffre ein drittes Auge, das sich auf gleicher H�he wie die anderen befand, genau dort, wo die dicke Nase aus der Stirn wuchs. Es war ein kleines schwarzes Auge ohne Wimpern oder Augenbrauen.</p><p>Eine Sekunde lang starrten die drei Augen durch den Raum, und dann schien das ganze Gesicht zu verrutschen und in die Knie zu gehen. Die beiden �u�eren Augen wandten sich zitternd zur Decke. Dann fiel der schwere Kopf zur Seite. Ihm folgte die rechte Schulter, und schlie�lich kippte der gesamte Oberk�rper �ber die Armlehne des Stuhls, als ob Le Chiffre schlecht geworden w�re. Seine Schuhsohlen kratzten noch einmal kurz �ber den Boden, dann regte er sich nicht mehr.</p><p>Die gro�e schwarze Stuhllehne ragte teilnahmslos �ber dem toten K�rper auf der Sitzfl�che auf.</p><p>Hinter Bond bewegte sich etwas. Eine Hand schoss von hinten hervor, packte sein Kinn und zerrte es zur�ck.</p><p>Einen Moment lang sah Bond in zwei funkelnde Augen hinter einer schmalen schwarzen Maske. Er erkannte vage ein zerfurchtes Gesicht unter einer Hutkrempe und den Kragen eines beigefarbenen Trenchcoats. Mehr konnte er nicht wahrnehmen, bevor sein Kopf wieder nach unten gedr�ckt wurde.</p><p>�Sie haben Gl�ck�, sagte die Stimme. �Ich habe keine Befehle, Sie zu t�ten. Ihr Leben wurde zweimal an einem Tag gerettet. Aber Sie k�nnen Ihrer Organisation mitteilen, dass SMERSCH nur aus Zufall oder aus Versehen gn�dig ist. In Ihrem Fall wurden Sie zuerst durch einen Zufall und nun aus Versehen gerettet, da ich keinen ausdr�cklichen Befehl dazu habe, fremde Spione zu t�ten, die sich um diesen Verr�ter scharen wie Fliegen um die Hinterlassenschaft eines Hundes.</p><p>Aber ich werde Ihnen meine Visitenkarte hinterlassen. Sie sind ein Spieler. Sie spielen Karten. Vielleicht werden Sie eines Tages gegen einen von uns spielen. F�r diesen Fall sollte besser bekannt sein, dass Sie ein Spion sind.�</p><p>Hinter Bonds rechter Schulter bewegten sich Schritte. Das Klicken eines ausgeklappten Messers ert�nte. Ein von grauem Stoff umgebener Arm erschien in Bonds Sichtfeld. Eine gro�e haarige Hand, die aus einem schmutzigwei�en Hemd herausragte, hielt ein d�nnes Messer wie einen F�llfederhalter. Es verharrte f�r einen Augenblick �ber Bonds rechtem Handr�cken, den er nicht bewegen konnte, da sein Handgelenk mit einem Kabel an die Armlehne des Stuhls gefesselt war. Die Spitze des Messers f�hrte drei schnelle gerade Schnitte aus. Ein vierter Schnitt kreuzte sie an ihrem Ende unter den Fingerkn�cheln. Blut trat in Form eines umgedrehten kleinen Ms hervor und tropfte langsam auf den Boden.</p><p>Der Schmerz war nichts im Vergleich zu dem, den Bond bereits erlitten hatte, aber er gen�gte, um ihn erneut bewusstlos werden zu lassen.</p><p>Die Schritte bewegten sich langsam durch den Raum. Die T�r wurde leise geschlossen.</p><p>In der Stille krochen die fr�hlichen, sanften Ger�usche des Sommertages durch das geschlossene Fenster. Hoch oben an der linken Wand befanden sich zwei pinke Lichtflecke. Es handelte sich um Spiegelungen der beiden Blutlachen auf dem Boden, die von den Sonnenstrahlen der Junisonne, die durch die Jalousie fielen, nach oben an die Wand geworfen wurden.</p><p>W�hrend der Tag voranschritt, wanderten die pinken Flecke langsam an der Wand entlang. Und wurden langsam gr��er.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#22"/></p><p><strong>DAS WEISSE ZELT</strong></p><p>Wenn man tr�umt, dass man tr�umt, ist man kurz davor, aufzuwachen.</p><p>W�hrend der n�chsten zwei Tage befand sich James Bond unabl�ssig in diesem Zustand, ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen. Er beobachtete das Vorbeiziehen seiner Tr�ume, ohne sich darum zu bem�hen, ihren Ablauf zu st�ren. Obwohl viele von ihnen erschreckend und alle schmerzhaft waren. Er wusste, dass er sich in einem Bett befand, auf dem R�cken lag und sich nicht bewegen konnte. Und in einem seiner lichten Momente glaubte er, Menschen um sich herum wahrzunehmen, doch er machte sich nicht die M�he, die Augen zu �ffnen und in ihre Welt zur�ckzukehren.</p><p>In der Dunkelheit f�hlte er sich sicherer, und er klammerte sich daran fest.</p><p>Am Morgen des dritten Tages r�ttelte ihn ein schrecklicher Albtraum wach. Er zitterte und schwitzte. Auf seiner Stirn lag eine Hand, die er mit seinem Traum in Verbindung brachte. Er versuchte, einen Arm zu heben und ihn seitlich in den Besitzer der Hand zu rammen, doch er konnte seine Arme nicht bewegen, denn sie waren an die Seiten des Betts gefesselt. Sein ganzer K�rper war fixiert, und etwas wie ein gro�er wei�er Sarg bedeckte ihn von der Brust bis zu den F��en und behinderte seine Sicht auf das Fu�ende des Betts. Er stie� eine Reihe Obsz�nit�ten aus, doch diese Anstrengung verbrauchte all seine Kraft, und die Worte verloren sich in einem Schluchzen. Tr�nen der Aussichtslosigkeit und des Selbstmitleids quollen aus seinen Augen hervor.</p><p>Eine Frauenstimme sprach, und die Worte drangen nach und nach zu ihm durch. Es schien eine freundliche Stimme zu sein, und langsam wurde ihm klar, dass er getr�stet wurde und es sich nicht um einen Feind, sondern um einen Freund handelte. Er konnte es kaum glauben. Er war so sicher gewesen, dass er immer noch ein Gefangener war und dass die Folter von Neuem beginnen w�rde. Er sp�rte, wie sein Gesicht sanft mit einem k�hlen Tuch gereinigt wurde, das nach Lavendel duftete, und dann sank er in seine Tr�ume zur�ck.</p><p>Als er einige Stunden sp�ter wieder aufwachte, waren alle Schrecken verschwunden, und er f�hlte sich warm und wohlig. In den hellen Raum fiel Sonnenlicht, und Gartenger�usche drangen durch das Fenster herein. Im Hintergrund erklangen die leisen Laute von Wellen, die an einen Strand brandeten. Als er den Kopf bewegte, vernahm er ein Rascheln, und eine Krankenschwester, die neben dem Kopfende seines Bettes sa�, beugte sich in sein Sichtfeld vor. Sie war h�bsch. L�chelnd legte sie ihre Hand auf seinen Puls.</p><p>�Nun, ich bin sehr froh, dass Sie endlich aufgewacht sind. Ich habe noch nie im Leben so schreckliche Fl�che geh�rt.�</p><p>Bond erwiderte ihr L�cheln.</p><p>�Wo bin ich?�, fragte er und war �berrascht, dass seine Stimme so fest und deutlich klang.</p><p>�Sie befinden sich in einem Sanatorium in Royale, und ich wurde zusammen mit einer Kollegin aus England hergeschickt, um mich um Sie zu k�mmern. Ich bin Schwester Gibson. Und jetzt liegen Sie einfach still, damit ich gehen und dem Arzt mitteilen kann, dass Sie wach sind. Sie waren bewusstlos, seit man Sie hergebracht hat, und wir waren sehr besorgt um Sie.�</p><p>Bond schloss die Augen und konzentrierte sich auf seinen K�rper. Der schlimmste Schmerz ging von seinen Hand- und Fu�gelenken sowie seiner rechten Hand aus, wo der Russe ihn geschnitten hatte. In der Mitte seines K�rpers hatte er kein Gef�hl. Er vermutete, dass man ihm ein �rtliches Bet�ubungsmittel verabreicht hatte. Der Rest seines K�rpers schmerzte dumpf, als ob er �berall verpr�gelt worden w�re. Er konnte den Druck der Verb�nde sp�ren, und die Stoppeln seines unrasierten Halses und Kinns stachen gegen die Bettw�sche. So wie es sich anf�hlte, wusste er, dass seit seiner letzten Rasur mindestens drei Tage vergangen sein mussten. Das bedeutete, dass es zwei Tage seit dem Morgen der Folter waren.</p><p>Er bereitete im Geiste eine kurze Liste von Fragen vor, als die T�r aufging und der Arzt hereinkam. Hinter ihm folgte die Schwester, und im Hintergrund erkannte er Mathis� gesch�tzte Gestalt. Trotz seines breiten L�chelns wirkte er nerv�s. Er legte einen Finger an seine Lippen, ging auf Zehenspitzen zum Fenster und nahm Platz.</p><p>Der Arzt, ein Franzose mit einem jungen und intelligenten Gesicht, war von seinen Pflichten beim Deuxi�me Bureau freigestellt worden, um sich um Bond zu k�mmern. Er trat neben ihn und legte eine Hand auf Bonds Stirn, w�hrend er die Fiebertabelle hinter dem Bett betrachtete.</p><p>Als er sprach, war er sehr direkt.</p><p>�Sie wollen mir sicher eine Menge Fragen stellen, mein lieber Mr Bond�, sagte er in ausgezeichnetem Englisch, �und ich kann Ihnen die meisten beantworten. Ich will nicht, dass Sie sich zu sehr anstrengen, also werde ich Ihnen die wichtigsten Fakten nennen und Ihnen dann ein paar Minuten mit Monsieur Mathis gew�hren, der ein oder zwei Details von Ihnen zu erfahren w�nscht. Eigentlich ist es noch zu fr�h f�r diese Unterhaltung, aber Ihr Geist muss zur Ruhe kommen, damit wir damit fortfahren k�nnen, Ihren K�rper wiederherzustellen, ohne uns dabei allzu sehr um Ihren Verstand k�mmern zu m�ssen.�</p><p>Schwester Gibson zog einen Stuhl f�r den Arzt heran und verlie� den Raum.</p><p>�Sie sind seit etwa zwei Tagen hier�, fuhr der Arzt fort. �Ihr Wagen wurde von einem Bauern entdeckt, der sich auf dem Weg zum Markt in Royale befand. Er informierte die Polizei. Nach einiger Verz�gerung erfuhr Monsieur Mathis, dass es sich um Ihren Wagen handelte, und brach umgehend mit seinen M�nnern nach Les Noctambules auf. Dort fand er Sie und Le Chiffre und auch Ihre Freundin Miss Lynd, die unverletzt war und nach eigener Aussage nicht behelligt wurde. Sie stand unter Schock, hat sich mittlerweile jedoch wieder vollst�ndig erholt und befindet sich nun in ihrem Hotel. Ihre Vorgesetzten in London haben sie angewiesen, unter Ihrem Befehl in Royale zu bleiben, bis Sie wieder ausreichend hergestellt sind, um nach England zur�ckkehren zu k�nnen.</p><p>Le Chiffres M�nner sind beide tot. Ihnen wurde jeweils eine einzelne Kugel Kaliber .35 in den Hinterkopf geschossen. Der fehlende Ausdruck auf ihren Gesichtern l�sst darauf schlie�en, dass sie ihren Angreifer weder sahen noch h�rten. Sie wurden im gleichen Raum wie Miss Lynd gefunden. Le Chiffre ist tot. Ihm wurde mit einer �hnlichen Waffe zwischen die Augen geschossen. Haben Sie seinen Tod miterlebt?�</p><p>�Ja�, erwiderte Bond.</p><p>�Ihre eigenen Verletzungen sind schwerwiegend, doch obwohl Sie viel Blut verloren haben, ist Ihr Leben nicht in Gefahr. Wenn alles gut l�uft, werden Sie sich vollst�ndig erholen und keinerlei k�rperliche Beeintr�chtigungen zu bef�rchten haben.� Der Arzt l�chelte bitter. �Doch ich f�rchte, Sie werden noch einige Tage Schmerzen haben, und ich werde es mir zur Aufgabe machen, Ihnen diese Zeit so angenehm wie m�glich zu gestalten. Nun, da Sie das Bewusstsein wiedererlangt haben, werden Ihre Arme losgebunden werden, aber Sie d�rfen Ihren K�rper nicht bewegen, und wenn Sie schlafen, wird die Schwester Ihre Arme wieder festbinden m�ssen. Vor allem ist es wichtig, dass Sie sich ausruhen und wieder zu Kr�ften kommen. Momentan befinden Sie sich in einem schweren geistigen und k�rperlichen Schockzustand.� Der Arzt hielt inne. �Wie lange wurden Sie gefoltert?�</p><p>�Ungef�hr eine Stunde�, sagte Bond.</p><p>�Dann ist es erstaunlich, dass Sie �berhaupt noch leben, und ich begl�ckw�nsche Sie dazu. Wenige M�nner h�tten das �berstanden, was Sie durchgemacht haben. Vielleicht ist Ihnen das ein kleiner Trost. Monsieur Mathis kann Ihnen best�tigen, dass ich im Laufe meiner Karriere einige Patienten behandeln musste, die eine �hnliche Folter erlitten haben, und nicht einer von ihnen hat sich so gut davon erholt wie Sie.�</p><p>Der Arzt sah Bond einen Moment lang an und wandte sich dann abrupt an Mathis.</p><p>�Sie haben zehn Minuten, danach werde ich Sie wenn n�tig mit Gewalt entfernen lassen. Wenn Sie daf�r sorgen, dass das Fieber des Patienten steigt, werde ich Sie zur Verantwortung ziehen.�</p><p>Er schenkte ihnen ein breites L�cheln und verlie� den Raum.</p><p>Mathis trat ans Bett und setzte sich auf den Stuhl des Arztes.</p><p>�Er ist ein guter Mann�, sagte Bond. �Ich mag ihn.�</p><p>�Er arbeitet f�r das Bureau�, erkl�rte Mathis. �Er ist ein sehr guter Mann und irgendwann werde ich Ihnen von ihm erz�hlen. Er h�lt Sie f�r ein Wunderkind � und ich tue das ebenfalls.</p><p>Doch das kann warten. Wie Sie sich sicher vorstellen k�nnen, gibt es einiges zu kl�ren. Ich werde von Paris und nat�rlich auch von London bedr�ngt, und durch unseren guten Freund Leiter sogar von Washington. �brigens�, brach er ab, �ich habe eine pers�nliche Nachricht von M erhalten. Er hat mich angerufen. Er hat nur gesagt, ich solle Ihnen mitteilen, dass er sehr beeindruckt sei. Ich fragte, ob das alles w�re, und er erwiderte: �Nun, sagen Sie ihm, dass das Schatzamt sehr erleichtert ist.� Dann hat er aufgelegt.�</p><p>Bond grinste zufrieden. Was ihn am meisten freute, war die Tatsache, dass M Mathis pers�nlich angerufen hatte. Das war noch nie vorgekommen. Ms blo�e Existenz, ganz zu schweigen von seiner Identit�t, wurde nie einger�umt. Er konnte sich vorstellen, welche Unruhe das in der �berm��ig auf Sicherheit bedachten Organisation in London ausgel�st haben musste.</p><p>�Ein d�nner gro�er Mann mit nur einem Arm kam am gleichen Tag, an dem wir Sie fanden, aus London her�, fuhr Mathis fort, der aus eigener Erfahrung wusste, dass diese professionellen Einzelheiten Bond mehr als alles andere interessieren und ihm die gr��te Zufriedenheit bereiten w�rden. �Er hat die Krankenschwestern besorgt und sich um alles gek�mmert. Sogar Ihr Auto l�sst er f�r Sie reparieren. Es schien sich bei ihm um Vespers Boss zu handeln. Er hat sehr viel Zeit mit ihr verbracht und ihr strenge Anweisung gegeben, sich um Sie zu k�mmern.�</p><p>Der Leiter von S, dachte Bond. Ich bekomme wirklich eine VIP-Behandlung.</p><p>�Also�, sagte Mathis, �kommen wir zum Gesch�ftlichen. Wer hat Le Chiffre get�tet?�</p><p>�SMERSCH�, antwortete Bond.</p><p>Mathis pfiff leise.</p><p>�Mein Gott�, sagte er respektvoll. �Also waren sie <emphasis>tats�chlich</emphasis> hinter ihm her. Wie sah der Kerl aus?�</p><p>Bond erkl�rte knapp, was bis zu Le Chiffres Tod geschehen war und beschr�nkte sich dabei aufs Wesentliche. Es kostete ihn gro�e Anstrengung, und er war froh, als er fertig war. Sich an das Geschehene zur�ckzuerinnern, lie� den ganzen Albtraum noch einmal wach werden. Auf seiner Stirn bildete sich Schwei�, und sein K�rper begann schmerzhaft zu pochen.</p><p>Mathis erkannte, dass er zu weit gegangen war. Bonds Stimme wurde schw�cher, und seine Augen tr�bten sich. Mathis klappte seinen Stenoblock zu und legte eine Hand auf Bonds Schulter.</p><p>�Vergeben Sie mir, mein Freund�, sagte er. �Das ist jetzt alles vorbei, und Sie sind in Sicherheit. Alles ist gut, und der ganze Plan hat hervorragend funktioniert. Wir haben verk�ndet, dass Le Chiffre seine beiden Komplizen erschossen und dann Selbstmord begangen hat, weil er sich keiner Untersuchung der Gewerkschaftsfonds stellen wollte. Stra�burg und der Norden befinden sich in Aufruhr. Er wurde dort als gro�er Held angesehen und galt als St�tze der kommunistischen Partei in Frankreich. Die Geschichten �ber Bordelle und Casinos haben seiner Organisation den Boden unter den F��en weggezogen, und sie laufen alle umher wie aufgescheuchte H�hner. Momentan verbreitet die kommunistische Partei, dass er nicht zurechnungsf�hig war. Doch das ist nach Thorez� k�rzlichem Zusammenbruch nicht besonders hilfreich. Sie lassen es dadurch nur so aussehen, als w�ren alle ihre gro�en Anf�hrer v�llig gaga. Gott wei�, wie sie diese ganze Sache wieder in Ordnung bringen wollen.�</p><p>Mathis stellte fest, dass sein Enthusiasmus den gew�nschten Effekt hatte. Bonds Augen hellten sich auf.</p><p>�Es gibt noch ein letztes Geheimnis�, sagte Mathis, �und danach werde ich verschwinden, das verspreche ich.� Er sah auf seine Uhr. �Der Doktor wird mir jeden Moment Beine machen. Also, was ist mit dem Geld? Wo ist es? Wo haben Sie es versteckt? Wir haben Ihr Zimmer ebenfalls sorgf�ltig durchsucht. Dort ist es nicht.�</p><p>Bond grinste.</p><p>�Doch ist es�, sagte er, �mehr oder weniger. An jeder Zimmert�r befindet sich ein kleines Quadrat aus schwarzem Plastik, auf dem die Zimmernummer steht. Nat�rlich an der Au�enseite der T�r. Als Leiter mich an diesem Abend verlie�, �ffnete ich einfach die T�r, schraubte das Schild mit der Zimmernummer ab, platzierte den gefalteten Scheck darunter und schraubte das Schild wieder fest. Der Scheck d�rfte immer noch dort sein.� Er l�chelte. �Freut mich, dass es etwas gibt, das die dummen Engl�nder den klugen Franzosen beibringen k�nnen.�</p><p>Mathis lachte fr�hlich.</p><p>�Sie wollen mir damit wohl heimzahlen, dass ich wusste, was die Muntzens vorhatten. Nun, dann sind wir wohl quitt. �brigens haben wir die beiden eingesackt. Es waren lediglich zwei kleine Fische, die f�r diese Operation angeheuert wurden. Wir werden daf�r sorgen, dass sie ein paar Jahre bekommen.�</p><p>Er stand eilig auf, als der Arzt in den Raum st�rmte und einen Blick auf Bond warf.</p><p>�Raus�, sagte er zu Mathis. �Raus, und kommen Sie nicht wieder.�</p><p>Mathis hatte gerade noch genug Zeit, um Bond fr�hlich zuzuwinken und ihm ein paar schnelle Abschiedsworte zuzurufen, bevor er aus der T�r gedr�ngt wurde. Bond vernahm einen Schwall w�tender franz�sischer Worte, der im Flur schnell leiser wurde. Er lehnte sich ersch�pft zur�ck, f�hlte sich jedoch nach allem, was er geh�rt hatte, ermutigt. Er musste an Vesper denken und fiel bald in einen unruhigen Schlaf.</p><p>Es gab immer noch Fragen, die es zu beantworten galt, doch die konnten warten.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#23"/></p><p><strong>DIE NATUR DES B�SEN</strong></p><p>Bond machte gute Fortschritte. Als Mathis drei Tage sp�ter wiederkam, um nach ihm zu sehen, sa� er aufrecht im Bett, und seine Arme waren frei. Die untere H�lfte seines K�rpers wurde immer noch von dem rechteckigen Zelt verh�llt, doch er schien gut gelaunt zu sein und verzog nur gelegentlich schmerzerf�llt das Gesicht.</p><p>Mathis wirkte niedergeschlagen.</p><p>�Hier ist Ihr Scheck�, sagte er zu Bond. �Es gefiel mir ganz gut, mit vierzig Millionen Franc in der Tasche herumzulaufen, aber ich sch�tze, Sie sollten ihn besser unterschreiben, damit ich ihn f�r Sie bei der Cr�dit Lyonnais einreichen kann. Es gibt keine Spur von unserem Freund von SMERSCH. Nicht einen verdammten Hinweis. Er muss die Villa zu Fu� oder per Fahrrad aufgesucht haben, da weder Sie noch die beiden bewaffneten M�nner etwas von seiner Ankunft mitbekamen. Es ist zum Verr�cktwerden. Wir wissen so gut wie nichts �ber diese SMERSCH-Organisation und das Gleiche gilt f�r London. Washington dachte, etwas herausgefunden zu haben, aber es erwies sich als das �bliche leere Geschwafel einer Fl�chtlingsbefragung, und Sie wissen, dass das ungef�hr so n�tzlich ist, als w�rde man einen durchschnittlichen Engl�nder nach dem Secret Service oder einen Franzosen nach dem Deuxi�me befragen.�</p><p>�Er kam vermutlich von Leningrad �ber Warschau nach Berlin�, meinte Bond. �Von Berlin aus gibt es viele offene Routen, die in den Rest Europas f�hren. Er ist mittlerweile sicher schon wieder zu Hause und bekommt eine Standpauke daf�r, dass er mich nicht ebenfalls erschossen hat. Ich k�nnte mir vorstellen, dass sie in Anbetracht des ein oder anderen Auftrags, den M mir seit dem Krieg gegeben hat, eine beachtliche Akte �ber mich besitzen. Er dachte wohl, es sei klug, sein Initial in meine Hand zu ritzen.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�, fragte Mathis. �Der Doktor sagte, die Schnitte s�hen wie ein gro�es M aus. Er glaubte, sie w�rden nichts bedeuten.�</p><p>�Na ja, ich konnte nur einen kurzen Blick darauf werfen, bevor ich das Bewusstsein verlor, aber ich habe die Schnitte mehrere Male gesehen, w�hrend der Verband gewechselt wurde, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich dabei um den russischen Buchstaben f�r SCH handelt. Er sieht aus wie ein umgedrehtes M. Das w�rde Sinn ergeben. SMERSCH ist die Abk�rzung f�r SMERT SCHPIONAM � Tod den Spionen �, und er glaubt, dass er mich als SCHPION gekennzeichnet hat. Es ist �rgerlich, da M mich nach meiner R�ckkehr nach London vermutlich sofort wieder ins Krankenhaus schicken wird, damit ich neue Haut auf meinen Handr�cken transplantiert bekomme. Es spielt allerdings keine gro�e Rolle. Ich habe beschlossen, aus dem Dienst auszuscheiden.�</p><p>Mathis starrte ihn mit offenem Mund an.</p><p>�Aus dem Dienst ausscheiden?�, fragte er ungl�ubig. �Aus welchem Grund, um Himmels willen?�</p><p>Bond wandte sich von Mathis ab. Er betrachtete seine verbundenen H�nde.</p><p>�Als ich gefoltert wurde�, erkl�rte er, �gefiel mir pl�tzlich der Gedanke, am Leben zu sein. Bevor Le Chiffre anfing, sagte er etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht � �Cowboy und Indianer spielen�. Er meinte, dass sei es, was ich tue. Und auf einmal glaubte ich, dass er recht haben k�nnte.</p><p>Sehen Sie�, sagte er und starrte immer noch auf seine Verb�nde, �wenn man jung ist, scheint es sehr leicht zu sein, zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden, doch je �lter man wird, desto schwieriger wird es. In der Schule ist es einfach, sich seine eigenen Schurken und Helden zu suchen, und man w�chst mit dem Wunsch auf, ein Held zu sein und die Schurken zu t�ten.�</p><p>Er warf Mathis einen sturen Blick zu.</p><p>�Nun, in den letzten zwei Jahren habe ich zwei Schurken get�tet. Den ersten in New York � einen japanischen Chiffrierexperten, der unsere Codes im sechsunddrei�igsten Stock des RCA-Buildings im Rockefeller Center knackte, wo die Japsen ihr Konsulat hatten. Ich nahm mir ein Zimmer im vierzigsten Stock des benachbarten Wolkenkratzers und konnte von dort aus �ber die Stra�e direkt in den Raum sehen, in dem er arbeitete. Dann besorgte ich mir einen Kollegen von unserer Organisation in New York und ein Paar dreiunddrei�iger Remingtons mit Zielfernrohren und Schalld�mpfern. Wir schmuggelten sie in mein Zimmer, sa�en tagelang da und warteten auf unsere Gelegenheit. Mein Kollege schoss eine Sekunde vor mir auf den Mann. Seine Aufgabe bestand lediglich darin, ein Loch in die Fensterscheibe zu schlagen, damit ich den Japsen durch dieses Loch erschie�en konnte. Im Rockefeller Center sind die Fenster sehr dick, um den L�rm von drau�en zu d�mpfen. Alles funktionierte sehr gut. Wie ich erwartet hatte, wurde seine Kugel vom Glas abgelenkt und flog Gott wei� wohin. Doch ich schoss direkt nach ihm durch das Loch, das er geschaffen hatte. Ich traf den Japsen in den Mund, und er drehte sich um und starrte durch das zerbrochene Fenster.�</p><p>Eine Minute lang rauchte Bond schweigend seine Zigarette.</p><p>�Es war ein recht gut ausgef�hrter Auftrag. H�bsch und sauber. Aus fast dreihundert Metern Entfernung. Kein pers�nlicher Kontakt. Das n�chste Mal in Stockholm war nicht so angenehm. Ich musste einen Norweger t�ten, der als Doppelagent f�r die Deutschen arbeitete. Es war ihm gelungen, zwei unserer M�nner gefangen zu nehmen � vermutlich hatte er sie kaltgestellt. Aus diversen Gr�nden musste dieser Auftrag vollkommen leise und unbemerkt durchgef�hrt werden. Ich entschied mich f�r das Schlafzimmer in seiner Wohnung und ein Messer. Und, nun ja, sagen wir einfach, er ist nicht sehr schnell gestorben.</p><p>F�r diese beiden Auftr�ge erhielt ich eine Doppelnullnummer im Geheimdienst. Ich f�hlte mich ziemlich clever und erlangte den Ruf, gut und hart zu sein. In unserem Geheimdienst bedeutet eine Doppelnullnummer, dass man jemanden im Verlauf eines Auftrags kaltbl�tig get�tet hat.</p><p>Tja�, er sah Mathis wieder an, �das ist alles sch�n und gut. Der Held t�tet zwei Schurken, doch wenn der Held Le Chiffre sich daran macht, den Schurken Bond zu t�ten, und der Schurke Bond wei�, dass er gar kein Schurke ist, sieht man pl�tzlich die andere Seite der Medaille. Die Schurken und Helden lassen sich nicht mehr eindeutig voneinander unterscheiden.</p><p>Nat�rlich�, f�gte er hinzu, als Mathis gerade protestieren wollte, �sorgt der Patriotismus daf�r, dass das alles ganz in Ordnung wirkt, aber dieses �richtiges Land, falsches Land� kommt langsam ein bisschen aus der Mode. Heutzutage bek�mpfen wir den Kommunismus. In Ordnung. Wenn ich vor f�nfzig Jahren gelebt h�tte, w�re die Art von Konservatismus, die wir heute verfolgen, beinahe Kommunismus genannt worden, und man h�tte uns den Auftrag gegeben, den zu bek�mpfen. Die Geschichte bewegt sich in letzter Zeit recht schnell voran, und die Helden und Schurken wechseln st�ndig die Rollen.�</p><p>Mathis starrte ihn entgeistert an. Dann tippte er sich an den Kopf und legte eine beruhigende Hand auf Bonds Arm.</p><p>�Wollen Sie damit sagen, dass dieser edle Le Chiffre, der sein Bestes gegeben hat, um einen Eunuchen aus Ihnen zu machen, nicht als Schurke durchgeht?�, fragte er. �So wie Sie reden, k�nnte man meinen, dass er auf Ihren Kopf eingeschlagen hat anstatt auf Ihren �� Er deutete auf die untere H�lfte des Betts. �Warten Sie nur ab, bis M Ihnen befielt, einen weiteren Le Chiffre zu verfolgen. Ich wette, dass Sie sich ihn liebend gerne schnappen werden. Und was ist mit SMERSCH? Ich kann Ihnen versichern, dass mir die Vorstellung, dass diese Kerle durch Frankreich laufen und jeden umbringen, den sie als Verr�ter an ihrem kostbaren politischen System betrachten, ganz und gar nicht gef�llt. Sie sind ein verdammter Anarchist.�</p><p>Er warf die Arme in die Luft und lie� sie hilflos an seine Seiten fallen.</p><p>Bond lachte.</p><p>�Also gut�, sagte er. �Nehmen wir unseren Freund Le Chiffre. Es ist einfach, zu sagen, dass er ein b�ser Mann war, zumindest f�r mich, da er mir b�se Dinge angetan hat. Wenn er jetzt hier w�re, w�rde ich nicht z�gern, ihn zu t�ten, allerdings aus pers�nlicher Rache und nicht aus einem moralischen Rechtsempfinden heraus oder f�r das Wohl meines Landes.�</p><p>Er schaute zu Mathis hoch, um festzustellen, wie sehr ihn diese beschaulichen Haarspaltereien langweilten, die f�r den Franzosen lediglich eine einfache Frage der Pflicht waren.</p><p>Mathis l�chelte ihn an.</p><p>�Fahren Sie fort, mein lieber Freund. Es ist interessant f�r mich, diesen neuen Bond zu sehen. Engl�nder sind so seltsam. Sie sind wie ein ganzer Haufen Matroschka-Puppen. Man braucht sehr lange, um ins Zentrum zu gelangen. Sobald man dort ist, erweist sich das Ergebnis als der M�he nicht wert, doch der Vorgang an sich ist lehrreich und unterhaltsam. Fahren Sie fort. Entwickeln Sie Ihre Argumente. Vielleicht kann ich etwas davon gegen�ber meinem eigenen Vorgesetzten verwenden, wenn ich das n�chste Mal aus einem unangenehmen Auftrag aussteigen will.� Er l�chelte durchtrieben.</p><p>Bond ignorierte ihn.</p><p>�Um den Unterschied zwischen Gut und B�se beurteilen zu k�nnen, haben wir zwei Bilder erschaffen, die die Extreme darstellen � das tiefste Schwarz und das reinste Wei� �, und wir nennen sie Gott und den Teufel. Doch indem wir das taten, schummelten wir ein wenig. Gott ist ein klares Bild, man kann jedes Haar seines Bartes sehen. Aber der Teufel. Wie sieht der aus?� Bond schenkte Mathis einen triumphierenden Blick.</p><p>Mathis lachte ironisch.</p><p>�Wie eine Frau.�</p><p>�Das ist alles sch�n und gut�, sagte Bond, �aber ich habe �ber diese Dinge nachgedacht, und ich frage mich, auf wessen Seite ich stehen sollte. Der Teufel und seine J�nger, wie zum Beispiel der gute Le Chiffre, tun mir immer �fter sehr leid. Der Teufel hat es schwer, und ich habe mich schon immer gern auf die Seite des Unterdr�ckten gestellt. Wir geben dem armen Kerl keine Chance. Es gibt in der Bibel ein gutes Buch �ber die Tugend und dar�ber, wie man gut ist und all das, aber es gibt kein entsprechendes Buch �ber das B�se und dar�ber, wie man b�se ist. Der Teufel hat keine Propheten, die seine Zehn Gebote niederschreiben und auch keine Gruppe Autoren, die seine Biografie verfassen. Seine Geschichte wurde ganz einfach �bersehen. Wir wissen nichts �ber ihn, bis auf einige M�rchen, die uns unsere Eltern und Lehrer erz�hlt haben. Er besitzt kein Buch, aus dem wir etwas �ber die Natur des B�sen in all ihren Formen lernen k�nnen, mit Parabeln �ber b�se Menschen, Spr�chen �ber b�se Menschen, Geschichten �ber b�se Menschen. Alles, was wir haben, ist das lebende Beispiel der Menschen, die am wenigsten gut sind, oder unsere eigene Intuition.</p><p>Also�, fuhr Bond fort, dem sein Argument immer besser gefiel, �diente Le Chiffre einem wundervollen Zweck, einem wirklich wichtigen Zweck, vielleicht sogar dem besten und h�chsten Zweck von allen. Durch seine b�se Existenz, die ich dummerweise zu zerst�ren half, erschuf er eine Norm des B�sen, durch die allein eine gegen�bergestellte Norm des Guten existieren konnte. Wir waren privilegiert, ihn gekannt zu haben, wenn auch nur kurz. Wir konnten seine Boshaftigkeit sehen und einsch�tzen und aus dieser Bekanntschaft als bessere, tugendhaftere M�nner hervorgehen.�</p><p>�Bravo�, sagte Mathis. �Ich bin stolz auf Sie. Sie sollten jeden Tag gefoltert werden. Ich muss daran denken, heute Abend etwas B�ses zu tun. Ich muss sofort damit anfangen. Ich habe noch einige Dinge zu erledigen � leider nur Kleinigkeiten�, f�gte er reum�tig hinzu � �aber ich werde schnell arbeiten, nun, da ich Erleuchtung erfahren habe. Ich werde eine gro�artige Zeit haben. Mal sehen, womit soll ich anfangen: Mord, Brandstiftung, Vergewaltigung? Nein, das sind Kavaliersdelikte. Ich muss unbedingt den guten Marquis de Sade um Rat fragen. Ich bin in diesen Dingen wahrlich so unerfahren wie ein Kind.�</p><p>Er machte ein langes Gesicht.</p><p>�Ah, aber unser Gewissen, mein lieber Bond. Was sollen wir damit anstellen, w�hrend wir eine deftige S�nde begehen? Das ist das Problem. Dieses Gewissen ist ein gewieftes Kerlchen und sehr alt, so alt wie die erste Affenfamilie, die es gebar. Wir m�ssen sehr genau �ber dieses Problem nachdenken, sonst wird es uns den ganzen Spa� verderben. Nat�rlich sollten wir unser Gewissen als Erstes ermorden, aber es ist ein z�her Bursche. Es wird schwierig, doch wenn es uns gelingt, k�nnten wir sogar noch schlimmer sein als Le Chiffre.</p><p>F�r Sie, mein lieber James, ist es leicht. Sie k�nnen anfangen, indem Sie aus dem Dienst austreten. Das war eine brillante Idee von Ihnen, ein ausgezeichneter Start in Ihre neue Karriere. Und so einfach. Jeder hat den Revolver des R�cktritts in seiner Tasche. Alles, was man tun muss, ist, den Abzug zu bet�tigen, und schon bl�st man gleichzeitig ein gro�es Loch in sein Land und in sein Gewissen. Ein Mord und ein Selbstmord mit einer einzigen Kugel! Ausgezeichnet! Was f�r ein schwieriger und glorreicher Beruf. Was mich angeht, so muss ich diesen neuen Weg sofort einschlagen.�</p><p>Er sah auf seine Uhr.</p><p>�Gut. Ich habe bereits damit angefangen. Ich bin eine halbe Stunde zu sp�t f�r das Treffen mit dem Polizeichef.�</p><p>Er erhob sich lachend.</p><p>�Das war �u�erst unterhaltsam, mein lieber James. Damit sollten Sie sich wirklich an die �ffentlichkeit wenden. Was Ihr kleines Problem angeht, diese Sache, dass Sie gute Menschen nicht von schlechten unterscheiden k�nnen und so weiter. Abstrakt betrachtet ist das nat�rlich ein kompliziertes Problem. Das Geheimnis liegt in der pers�nlichen Erfahrung, ob man nun Russe oder Engl�nder ist.�</p><p>An der T�r hielt er kurz inne.</p><p>�Sie geben zu, dass Le Chiffre Ihnen pers�nlich etwas B�ses angetan hat und dass Sie ihn t�ten w�rden, wenn er jetzt vor Ihnen auftauchen w�rde?</p><p>Nun, wenn Sie nach London zur�ckkehren, werden Sie feststellen, dass es noch weitere Le Chiffres gibt, die danach trachten, Sie, Ihre Freunde und Ihr Land zu zerst�ren. M wird Ihnen davon berichten. Und jetzt, da Sie einen wirklich b�sen Mann gesehen haben, werden Sie wissen, wie b�se sie sein k�nnen, und Sie werden sie verfolgen und eliminieren, um sich selbst und die Menschen, die Sie lieben, zu besch�tzen. Sie werden nicht innehalten, um dar�ber zu diskutieren. Sie wissen jetzt, wie sie aussehen und was sie anderen Menschen antun k�nnen. Sie werden bez�glich der Auftr�ge, die Sie annehmen, vielleicht ein wenig w�hlerischer sein. Sie werden wom�glich sichergehen wollen, dass die Zielperson wirklich b�se ist, aber es gibt eine Menge b�ser Zielpersonen auf dieser Welt. Es gibt immer noch genug f�r Sie zu tun. Und Sie werden es tun. Und wenn Sie sich verlieben und eine Geliebte oder eine Ehefrau und Kinder haben, um die Sie sich k�mmern m�ssen, wird Ihnen das alles viel leichter erscheinen.�</p><p>Mathis �ffnete die T�r und blieb auf der Schwelle stehen.</p><p>�Umgeben Sie sich mit Menschen, mein lieber James. F�r sie l�sst es sich leichter k�mpfen als f�r Prinzipien.�</p><p>Er lachte. �Aber entt�uschen Sie mich ja nicht, indem Sie selbst menschlich werden. Dadurch w�rden wir eine wundervolle Maschine verlieren.�</p><p>Er winkte ihm kurz zu und schloss die T�r.</p><p>�Hey!�, rief Bond.</p><p>Doch die Schritte liefen eilig den Flur entlang.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#24"/></p><p><strong>VESPER</strong></p><p>Am n�chsten Tag bat Bond darum, Vesper sehen zu d�rfen. Bisher hatte er sie nicht sehen wollen. Man hatte ihm erz�hlt, dass sie jeden Tag ins Sanatorium gekommen war und sich nach ihm erkundigt hatte. Au�erdem hatte sie Blumen geschickt. Bond mochte keine Blumen und hatte die Krankenschwester gebeten, sie einem anderen Patienten zu geben. Nachdem er es ein zweites Mal getan hatte, kamen keine Blumen mehr. Bond hatte sie nicht beleidigen wollen. Doch er mochte es einfach nicht, weibliche Dinge um sich herum zu haben. Blumen schienen nach Anerkennung f�r die Person zu verlangen, die sie geschickt hatte, und �bermittelten pausenlos eine Botschaft des Mitgef�hls und der Zuneigung. Bond fand das nervt�tend. Er wurde nicht gerne verw�hnt. Es lie� ihn klaustrophobisch werden.</p><p>Bond langweilte die Vorstellung, Vesper diese Dinge erkl�ren zu m�ssen. Und es war ihm unangenehm, ein oder zwei Fragen stellen zu m�ssen, die ihn weiterhin vor ein R�tsel stellten. Fragen �ber Vespers Verhalten. Die Antworten w�rden sie zweifellos als N�rrin dastehen lassen. Er w�rde M einen vollst�ndigen Bericht abliefern m�ssen. Er wollte Vesper darin nicht kritisieren. Es k�nnte sie leicht ihren Job kosten.</p><p>Doch vor allem wollte er die Antwort auf eine noch viel unangenehmere Frage vermeiden, wie er sich selbst eingestand.</p><p>Der Arzt hatte oft mit Bond �ber seine Verletzungen gesprochen. Er hatte ihm stets versichert, dass die schrecklichen Qualen, die sein K�rper durchlitten hatte, keine ernsten Folgesch�den haben w�rden. Er hatte gesagt, dass Bond vollst�ndig genesen und keine seiner k�rperlichen F�higkeiten einb��en w�rde. Doch Bonds Augen und Nerven weigerten sich, diese beruhigenden Beteuerungen zu glauben. Er hatte immer noch schmerzhafte Schwellungen und Bluterg�sse und wann immer die injizierten Schmerzmittel nachlie�en, litt er H�llenqualen. Doch vor allem hatte seine Vorstellungskraft gelitten. W�hrend der einen Stunde, die er sich mit Le Chiffre in diesem Raum befunden hatte, war die Gewissheit der Impotenz in ihn hineingepr�gelt worden, und in seinem Geist war eine Narbe zur�ckgeblieben, die nur Erfahrung heilen konnte.</p><p>Seit dem Tag, an dem Bond Vesper im Hermitage kennengelernt hatte, hatte er sie begehrenswert gefunden, und er wusste, dass er versucht h�tte, mit ihr zu schlafen, wenn die Dinge im Nachtclub anders gelaufen w�ren. Wenn Vesper seine Zuneigung erwidert h�tte und sie nicht entf�hrt worden w�ren. Selbst sp�ter, im Auto vor der Villa, als er ganz andere Probleme gehabt hatte, war er vom Anblick ihrer unanst�ndigen Nacktheit erregt gewesen.</p><p>Und nun, da er sie wiedersehen konnte, hatte er Angst. Davor, dass seine Sinne und sein K�rper nicht auf ihre sinnliche Sch�nheit reagieren w�rden. Davor, dass er keinerlei Verlangen empfinden und sein Blut kalt bleiben w�rde. Im Geiste hatte er dieses erste Wiedersehen zu einem Test gemacht, und er dr�ckte sich um das Ergebnis. Das war der wahre Grund, gestand er sich ein, warum er damit gewartet hatte, seinem K�rper eine Gelegenheit f�r eine Reaktion zu geben, und warum er ihr erstes Wiedersehen �ber eine Woche lang aufgeschoben hatte. Er h�tte es gern noch l�nger aufgeschoben, aber ihm war klar, dass er seinen Bericht schreiben musste und dass jederzeit ein Botschafter aus London eintreffen mochte, der seine ganze Geschichte h�ren wollen w�rde, dass heute so gut wie morgen war, und er sich den Tatsachen auch gleich stellen konnte.</p><p>Also lie� er sie am achten Tag zu sich kommen. Er wollte sie am fr�hen Morgen sehen, wenn er sich nach einer ruhigen Nacht erholt und ausgeruht f�hlte.</p><p>V�llig ohne Grund hatte er erwartet, dass das Erlebte seine Spuren bei ihr hinterlassen h�tte, dass sie blass und wom�glich sogar krank wirken w�rde. Er war nicht auf die gro�e, sonnengebr�unte Frau in dem cremefarbenen Seidenkost�m mit dem schwarzen G�rtel vorbereitet, die fr�hlich durch die T�r trat und sich l�chelnd vor ihn stellte.</p><p>�Gute G�te, Vesper�, sagte er mit einer ironischen Willkommensgeste, �Sie sehen absolut umwerfend aus. Unheil scheint Ihnen gut zu bekommen. Wie haben Sie es geschafft, sich einen so wundervollen Sonnenbrand zuzulegen?�</p><p>�Ich f�hle mich sehr schuldig�, sagte sie und nahm neben ihm Platz. �Aber ich habe mich jeden Tag gesonnt, w�hrend Sie hier gelegen haben. Sowohl der Arzt als auch der Leiter von S meinten, ich sollte es tun, also dachte ich mir, es w�rde Ihnen ohnehin nicht helfen, wenn ich mich den ganzen Tag lang in meinem Zimmer verkrieche. Ich habe unten an der K�ste einen wundervollen kleinen Sandstrand entdeckt und ich gehe jeden Tag nach dem Mittagessen dorthin und kehre erst am Abend wieder zur�ck. Ein Bus bringt mich dorthin und wieder zur�ck, sodass ich nur einen kurzen Fu�weg �ber die D�nen zur�cklegen muss. Und ich habe es sogar geschafft, �ber die Tatsache hinwegzukommen, dass sich der Strand ganz in der N�he der Villa befindet.�</p><p>Ihre Stimme versagte.</p><p>Die Erw�hnung der Villa lie� Bonds Augen zucken.</p><p>Sie fuhr tapfer fort und weigerte sich, sich von Bonds mangelnder Reaktion beeinflussen zu lassen.</p><p>�Der Arzt sagt, dass es nicht mehr lange dauert, bis Sie wieder aufstehen d�rfen. Ich dachte � Ich dachte, ich k�nnte Sie vielleicht sp�ter zu diesem Strand mitnehmen. Der Arzt meint, dass Ihnen das Baden im Meer guttun w�rde.�</p><p>Bond schnaubte.</p><p>�Gott wei�, wann ich wieder in der Lage sein werde, zu baden�, sagte er. �Der Arzt redet um den hei�en Brei herum. Und wenn ich baden kann, w�re es wohl besser, wenn ich das f�r eine Weile allein t�te. Ich will niemanden erschrecken. Von der Hauptverletzung abgesehen�, er warf einen eindeutigen Blick in Richtung des unteren Bereichs des Betts, �ist mein K�rper ein Durcheinander aus Narben und blauen Flecken. Aber am�sieren Sie sich ruhig. Es gibt keinen Grund, warum Sie keinen Spa� haben sollten.�</p><p>Die Verbitterung und Ungerechtigkeit in seiner Stimme verletzte Vesper.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie, �ich dachte nur � Ich habe versucht ��</p><p>Pl�tzlich f�llten sich ihre Augen mit Tr�nen. Sie schluckte.</p><p>�Ich wollte � Ich wollte Ihnen dabei helfen, gesund zu werden.�</p><p>Ihre Stimme klang gequ�lt. Sie sah ihn kl�glich an und stellte sich dem Vorwurf in seinen Augen und seinem Verhalten.</p><p>Dann brach sie zusammen, vergrub ihr Gesicht in ihren H�nden und schluchzte.</p><p>�Es tut mir leid�, murmelte sie mit dumpfer Stimme. �Es tut mir wirklich leid.� Mit einer Hand suchte sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. �Es ist alles meine Schuld.� Sie tupfte ihre Augen trocken. �Ich wei�, dass alles meine Schuld ist.�</p><p>Bond wurde sofort weich. Er streckte eine verbundene Hand aus und legte sie auf ihr Knie.</p><p>�Ist schon gut, Vesper. Verzeihen Sie, dass ich so grob war. Ich war nur neidisch, weil Sie in der Sonne sitzen k�nnen, w�hrend ich hier feststecke. Sobald es mir gut genug geht, m�ssen Sie mir Ihren Strand zeigen. Nat�rlich ist es genau das, was ich will. Es wird herrlich sein, mal wieder rauszukommen.�</p><p>Sie dr�ckte seine Hand, stand auf und ging zum Fenster hin�ber. Nach einem Moment begann sie, ihr Make-up aufzufrischen. Dann kehrte sie zum Bett zur�ck.</p><p>Bond sah sie z�rtlich an. Wie alle harten, kalten M�nner rutschte er leicht in Gef�hlsduseleien ab. Sie war sehr sch�n, und er f�hlte sich zu ihr hingezogen. Er beschloss, seine Fragen so einfach wie m�glich zu formulieren.</p><p>Er gab ihr eine Zigarette, und f�r eine Weile sprachen Sie �ber den Besuch des Leiters von S und die Reaktionen in London auf Le Chiffres Niederlage.</p><p>Aus dem, was sie sagte, wurde deutlich, dass das endg�ltige Ziel des Plans mehr als erreicht worden war. Die Geschichte verbreitete sich immer noch auf der ganzen Welt, und die Korrespondenten der meisten englischen und amerikanischen Zeitungen waren nach Royale gereist, um den jamaikanischen Million�r aufzusp�ren, der Le Chiffre am Spieltisch besiegt hatte. Sie hatten Vesper gefunden, doch sie hatte die ganze Sache hervorragend verschleiert. Ihrer Geschichte zufolge hatte Bond ihr gesagt, dass er nach Cannes und Monte Carlo weiterreisen werde, um dort mit seinem gewonnenen Geld zu spielen. Die Jagd hatte sich in den S�den Frankreichs verlagert. Mathis und die Polizei hatten alle anderen Spuren verwischt, und die Zeitungsleute waren gezwungen, sich auf die Geschehnisse in Stra�burg und das Chaos in den R�ngen der franz�sischen Kommunisten zu konzentrieren.</p><p>��brigens, Vesper�, sagte Bond nach einer Weile. �Was ist wirklich mit Ihnen passiert, nachdem Sie mich im Nachtclub verlassen haben? Alles, was ich gesehen habe, war Ihre Entf�hrung.� Er erz�hlte ihr schnell von der Szene, die er vor dem Casino erlebt hatte.</p><p>�Ich f�rchte, ich muss v�llig den Kopf verloren haben�, sagte Vesper und wich Bonds Blick aus. �Als ich Mathis nirgendwo im Eingangsbereich finden konnte, ging ich nach drau�en und der Hotelportier fragte mich, ob ich Miss Lynd sei. Dann sagte er mir, dass der Mann, der die Notiz geschickt hatte, in einem Wagen gleich rechts am Ende der Treppe warten w�rde. Irgendwie war ich nicht sonderlich �berrascht. Ich kannte Mathis erst seit ein oder zwei Tagen und wusste nicht, wie er arbeitete, also ging ich einfach auf das Auto zu. Es stand auf der rechten Seite und befand sich mehr oder weniger im Schatten. Als ich mich ihm n�herte, sprangen Le Chiffres M�nner hinter einem der anderen Autos hervor und zogen mir einfach mein Kleid �ber den Kopf.�</p><p>Vesper err�tete.</p><p>�Es klingt wie ein kindischer Trick�, sagte sie und sah Bond bu�fertig an, �aber es ist wirklich erschreckend effektiv. Man ist sofort gefangen, und obwohl ich geschrien habe, hat mich durch mein Kleid wohl niemand geh�rt. Ich trat so heftig um mich, wie ich konnte, aber es n�tzte nichts, da ich vollkommen blind und meine Arme gefesselt waren. Ich war nicht mehr als ein zusammengebundenes Huhn.</p><p>Sie hoben mich hoch und schoben mich auf den R�cksitz des Wagens. Ich wehrte mich nat�rlich weiter, und als das Auto startete und sie versuchten, ein Seil oder etwas �hnliches um das Kleid �ber meinem Kopf zu binden, gelang es mir, einen meiner Arme zu befreien und meine Handtasche aus dem Fenster zu werfen. Ich hoffe, das hat Ihnen geholfen.�</p><p>Bond nickte.</p><p>�Es war eine instinktive Handlung. Ich dachte einfach, dass Sie keine Ahnung haben w�rden, was mit mir passiert war, und ich hatte schreckliche Angst. Also tat ich das, was mir als Erstes in den Sinn kam.�</p><p>Bond wusste, dass sie hinter ihm her gewesen waren und dass sie Vespers Tasche vermutlich selbst aus dem Wagen geworfen h�tten, wenn sie es nicht getan h�tte.</p><p>�Es war zweifellos hilfreich�, sagte Bond, �aber warum haben Sie mir kein Zeichen gegeben, nachdem sie mich erwischt hatten und ich mit Ihnen sprach? Ich habe mir schreckliche Sorgen gemacht. Ich dachte schon, die h�tten Sie bewusstlos geschlagen oder so etwas.�</p><p>�Ich f�rchte, ich muss tats�chlich bewusstlos gewesen sein�, sagte Vesper. �Ich fiel aufgrund des Sauerstoffmangels in Ohnmacht, und als ich wieder zu mir kam, hatten sie vor meinem Gesicht ein Loch in mein Kleid gerissen. Ich muss erneut in Ohnmacht gefallen sein. Ich erinnere mich an kaum etwas, bis wir die Villa erreichten. Mir wurde erst klar, dass Sie gefangen genommen worden waren, als ich h�rte, wie Sie im Flur hinter mir herwollten.�</p><p>�Und die haben Sie nicht anger�hrt?�, fragte Bond. �Sie haben nicht versucht, sich an Ihnen zu vergehen, w�hrend ich verpr�gelt wurde?�</p><p>�Nein�, sagte Vesper. �Sie lie�en mich einfach auf einem Sessel sitzen. Sie tranken und spielten Karten � �Belote� glaube ich, soweit ich h�ren konnte � und dann schliefen sie ein. Ich vermute, dass SMERSCH sie deswegen so leicht erwischen konnte. Sie fesselten meine Beine und setzten mich auf einen Stuhl in einer Ecke, der zur Wand gedreht war, sodass ich nichts von SMERSCH sah. Ich h�rte einige seltsame Ger�usche. Ich sch�tze, dass ich dadurch aufwachte. Und dann klang es so, als w�rde einer von ihnen von seinem Stuhl fallen. Ein paar leise Schritte waren zu h�ren, und eine T�r schloss sich. Danach geschah nichts mehr, bis Mathis und die Polizei Stunden sp�ter in den Raum st�rmten. Ich schlief den Gro�teil der Zeit. Ich hatte keine Ahnung, was mit Ihnen passiert war, aber�, ihre Stimme versagte kurz, �einmal h�rte ich einen schrecklichen Schrei. Er klang, als k�me er von sehr weit weg. Zumindest glaube ich, dass es sich um einen Schrei handelte. Damals dachte ich, es w�re vielleicht ein Albtraum gewesen.�</p><p>�Ich f�rchte, das muss wohl ich gewesen sein�, sagte Bond.</p><p>Vesper streckte eine Hand aus und ber�hrte die seine. Ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen.</p><p>�Es ist schrecklich�, sagte sie. �Die Dinge, die sie Ihnen angetan haben. Und es war alles meine Schuld. Wenn ich nur ��</p><p>Sie vergrub ihr Gesicht in den H�nden.</p><p>�Ist schon gut�, sagte Bond tr�stend. �Was geschehen ist, ist geschehen. Jetzt ist alles vorbei und Gott sei Dank haben die Sie in Ruhe gelassen.� Er t�tschelte ihr Knie. �Sie wollten Sie ebenfalls foltern, sobald sie mich so richtig weichgeklopft hatten�, (weichgeklopft im wahrsten Sinne des Wortes, dachte er bei sich). �Wir verdanken SMERSCH eine Menge. Aber vergessen wir das Ganze. Es hatte sicherlich nichts mit Ihnen zu tun. Auf diese Notiz h�tte jeder reinfallen k�nnen. Wie gesagt, was geschehen ist, ist geschehen�, f�gte er fr�hlich hinzu.</p><p>Vesper sah ihn aus tr�nenverschleierten Augen dankbar an. �Versprochen?�, fragte sie. �Ich dachte, dass Sie mir niemals vergeben w�rden. Ich � ich werde versuchen, es wiedergutzumachen. Irgendwie.� Sie hielt den Blick weiterhin auf ihn gerichtet.</p><p>Irgendwie?, dachte Bond bei sich. Er schaute sie an. Sie schenkte ihm ein L�cheln. Er erwiderte es.</p><p>�Sie sollten sich vorsehen�, scherzte er. �Ich k�nnte darauf zur�ckkommen.�</p><p>Sie sah ihm direkt in die Augen und erwiderte nichts, doch die r�tselhafte Herausforderung war wieder da. Sie dr�ckte seine Hand und stand auf. �Ein Versprechen ist ein Versprechen�, sagte sie.</p><p>Dieses Mal wussten sie beide, wie dieses Versprechen aussah.</p><p>Sie nahm ihre Tasche vom Bett und ging zur T�r.</p><p>�Soll ich morgen wiederkommen?� Sie sah Bond ernst an.</p><p>�Ja, bitte, Vesper�, sagte Bond. �Das w�rde mir gefallen. Schauen Sie sich in der Gegend noch ein wenig um. Es wird sicher Spa� machen, dar�ber nachzudenken, was wir unternehmen k�nnen, sobald ich wieder aufstehen darf. Werden Sie sich ein paar Sachen �berlegen?�</p><p>�Ja�, sagte Vesper. �Bitte werden Sie schnell wieder gesund.�</p><p>Sie sahen sich noch ein paar Sekunden lang an. Dann ging sie hinaus und schloss die T�r, und Bond lauschte, bis das Ger�usch ihrer Schritte verklungen war.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#25"/></p><p><strong>DIE VORBEIRASENDE LIMOUSINE</strong></p><p>Von diesem Tag an erholte sich Bond erstaunlich schnell.</p><p>Er sa� aufrecht im Bett und schrieb seinen Bericht an M. Er verharmloste den Teil, den er immer noch als amateurhaftes Verhalten von Vespers Seite ansah, und lie� die Entf�hrung skrupelloser klingen, als sie eigentlich gewesen war. Er lobte Vespers Gelassenheit und Haltung w�hrend des ganzen Vorfalls, ohne zu erw�hnen, dass er einige ihrer Handlungen als unverantwortlich betrachtete.</p><p>Vesper kam ihn jeden Tag besuchen, und er fieberte diesen Besuchen voller Aufregung entgegen. Sie erz�hlte fr�hlich von ihren Erlebnissen am Vortag, ihren Erkundungen entlang der K�ste und den Restaurants, in denen sie gegessen hatte. Sie hatte sich mit dem Polizeichef sowie mit einem der Casinoleiter angefreundet, und sie f�hrten sie abends aus und liehen ihr tags�ber gelegentlich einen Wagen. Sie behielt die Reparaturarbeiten am Bentley im Auge, der zu einem Karosseriebauunternehmen in Rouen gebracht worden war, und sie k�mmerte sich sogar darum, dass Bond neue Kleidung aus seiner Wohnung in London zugeschickt wurde. Von seiner urspr�nglichen Garderobe war nichts mehr �brig. Jedes St�ck Stoff war auf der Suche nach den vierzig Millionen Franc in Streifen geschnitten worden.</p><p>Die Le-Chiffre-Aff�re erw�hnten beide nie wieder. Gelegentlich erz�hlte sie Bond am�sante Geschichten aus dem B�ro des Leiters von S. Offenbar war sie vom WRNS � dem k�niglichen Marinedienst der Frauen � dorthin versetzt worden. Und er erz�hlte ihr im Gegenzug von einigen seiner Abenteuer beim Geheimdienst.</p><p>Er stellte fest, dass es ihm leichtfiel, mit ihr zu reden, und das �berraschte ihn.</p><p>Im Umgang mit Frauen legte er meistens eine Mischung aus Schweigsamkeit und Leidenschaft an den Tag. Der langatmige Weg zur Verf�hrung langweilte ihn fast so sehr wie die �rgernisse der darauffolgenden Trennung. Die Unumg�nglichkeit dieses Musters in jeder Aff�re hatte f�r ihn etwas Grausiges. Der konventionelle Verlauf � die anf�ngliche Anziehung, die erste Ber�hrung, der erste Kuss, der leidenschaftliche Kuss, das Gef�hl der sich ber�hrenden K�rper, der H�hepunkt im Bett, dann mehr Zeit im Bett, dann weniger Zeit im Bett, dann die Langeweile, die Tr�nen und die letztendliche Bitterkeit � war f�r ihn besch�mend und heuchlerisch. Sogar noch mehr verabscheute er die Mise en Sc�ne jedes einzelnen Aktes in diesem St�ck � das Treffen auf einer Party, das Restaurant, das Taxi, seine Wohnung, ihre Wohnung, dann das Wochenende am Meer, dann wieder die Wohnungen, die hinterh�ltigen Alibis und das endg�ltige Lebewohl auf einer T�rschwelle im Regen.</p><p>Doch mit Vesper w�rde es so etwas nicht geben.</p><p>In dem tristen Zimmer und der Langeweile seiner Behandlung, war ihre t�gliche Anwesenheit eine Oase der Freude, etwas, auf das er sich freuen konnte. In ihren Gespr�chen spiegelte sich nur Kameradschaft mit einem fernen Unterton von Leidenschaft wider. Im Hintergrund lauerte der unausgesprochene Reiz des Versprechens, das zum richtigen Zeitpunkt und wenn beide so weit waren, eingel�st werden w�rde. Und �ber allem schwebten der Schatten seiner Verletzungen und die Qualen ihres langsamen Heilprozesses.</p><p>Ob es Bond nun gefiel oder nicht, der Zweig war seinem Messer bereits entkommen und bereit, zu erbl�hen.</p><p>Bond erholte sich erfreulich schnell. Zuerst durfte er aufstehen. Dann durfte er im Garten sitzen. Bald darauf konnte er kurze Spazierg�nge unternehmen und schlie�lich sogar eine lange Autofahrt. Und dann kam der Nachmittag, an dem der Arzt zu einer Stippvisite aus Paris erschien und ihn f�r vollst�ndig geheilt erkl�rte. Vesper brachte ihm seine Kleidung, er verabschiedete sich von den Krankenschwestern, und sie fuhren in einem gemieteten Wagen davon.</p><p>Drei Wochen waren seit dem Tag vergangen, an dem er auf der Schwelle des Todes gestanden hatte. Nun war Juli, und der hei�e Sommer schimmerte an der K�ste und drau�en auf dem Meer. Bond klammerte sich an den Augenblick.</p><p>Ihr Ziel war eine �berraschung f�r ihn. Er wollte nicht in eins der gro�en Hotels in Royale zur�ckkehren, und Vesper hatte versprochen, eine Unterkunft au�erhalb der Stadt zu finden. Doch sie bestand darauf, diese geheim zu halten und verriet nur, dass sie einen Ort entdeckt hatte, der ihm gefallen w�rde. Es gefiel ihm, ihr auf diese Weise ausgeliefert zu sein, doch er verbarg seine Kapitulation, indem er ihr Ziel als �Trou sur Mer�, also �Kaff am Meer�, bezeichnete (sie hatte zugegeben, dass es am Meer lag) und die rustikalen Freuden von Au�entoiletten, Bettwanzen und Kakerlaken lobte.</p><p>Ihre Fahrt wurde von einem seltsamen Vorfall verdorben.</p><p>W�hrend sie der K�stenstra�e in Richtung Les Noctambules folgten, beschrieb Bond ihr die wilde Jagd mit seinem Bentley und zeigte ihr schlie�lich die Kurve, die er vor dem Unfall genommen hatte, sowie die genaue Stelle, an der der heimt�ckische Teppich aus Stahlspitzen ausgelegt worden war. Er bat den Fahrer des Wagens, zu verlangsamen, und lehnte sich heraus, um ihr die tiefen Einschnitte im Asphalt zu zeigen, die die Felgen seiner Reifen hinterlassen hatten, und auch die abgebrochenen Zweige in der Hecke und den �lfleck an der Stelle, an der das Auto zum Stehen gekommen war.</p><p>Doch sie war die ganze Zeit �ber abgelenkt und nerv�s und gab lediglich einsilbige Kommentare ab. Ein- oder zweimal bemerkte er, wie sie einen Blick in den R�ckspiegel warf, doch sobald er eine Gelegenheit erhielt, durch die Heckscheibe hinter sich zu schauen, waren sie gerade um eine Kurve gebogen, und er konnte nichts sehen.</p><p>Schlie�lich nahm er ihre Hand.</p><p>�Du hast etwas auf dem Herzen, Vesper�, sagte er.</p><p>Ein Schatten huschte �ber ihr Gesicht, doch dann schenkte sie ihm ein angespanntes L�cheln. �Es ist nichts. Absolut nichts. Ich hatte die alberne Idee, dass wir verfolgt werden. Das sind wohl nur meine Nerven, sch�tze ich. Diese Stra�e ist voller Geister.�</p><p>Sie nutzte ein kurzes Lachen, um sich noch einmal umzudrehen.</p><p>�Schau mal.� In ihrer Stimme lag ein Anflug von Panik.</p><p>Bond drehte gehorsam den Kopf herum. Tats�chlich fuhr etwa zweihundert Meter hinter ihnen eine schwarze Limousine, die schnell aufholte.</p><p>Bond lachte.</p><p>�Wir sind doch nicht die Einzigen, die diese Stra�e benutzen�, meinte er. �Und wer sollte uns schon verfolgen? Wir haben nichts Unrechtes getan.� Er t�tschelte ihre Hand. �Das ist bestimmt nur ein Handlungsreisender mittleren Alters, der Autopolitur verkauft und auf dem Weg nach Le Havre ist. Vermutlich denkt er gerade an sein Mittagessen und seine Geliebte in Paris. Wirklich, Vesper, du musst nicht immer den Teufel an die Wand malen.�</p><p>�Vermutlich hast du recht�, erwiderte sie nerv�s. �Wir sind sowieso gleich da.�</p><p>Sie verfiel wieder in Schweigen und starrte aus dem Fenster.</p><p>Bond konnte sp�ren, dass sie immer noch angespannt war. Er musste schmunzeln, da er ihr Verhalten als Nachwirkung ihres k�rzlichen Abenteuers deutete. Doch er beschloss, Vesper ihren Willen zu lassen, und als sie einen kleinen Weg erreichten, der zum Meer f�hrte, bat er den Fahrer, sofort anzuhalten, sobald sie die Hauptstra�e verlassen hatten.</p><p>Im Schutz eines hohen Gestr�pps sahen sie gemeinsam durch die Heckscheibe.</p><p>�ber dem leisen Summen der sommerlichen Umgebungsger�usche konnten sie h�ren, wie sich das Auto n�herte. Vesper grub ihre Finger in seinen Arm. Die Geschwindigkeit des Wagens ver�nderte sich nicht, w�hrend es sich ihrem Versteck n�herte, und sie erhaschten nur einen fl�chtigen Blick auf das Profil des Mannes am Steuer, als die schwarze Limousine vorbeiraste.</p><p>Er schien tats�chlich kurz in ihre Richtung zu schauen, doch �ber ihnen befand sich ein bunt bemaltes Schild in der Hecke, das die Stra�e hinunter wies und auf dem die Worte �<emphasis>L�Auberge du Fruit D�fendu, crustaces, fritures</emphasis>� standen. F�r Bond war offensichtlich, dass dieses Schild die Aufmerksamkeit des Fahrers auf sich gelenkt haben musste.</p><p>Als das Klappern des Auspuffs des Wagens in der Ferne verklang, lie� sich Vesper zur�ck in den Sitz sinken. Ihr Gesicht war blass.</p><p>�Er hat uns angesehen�, meinte sie, �ich hab�s dir doch gesagt. Ich wusste, dass wir verfolgt werden. Jetzt wissen sie, wo wir sind.�</p><p>Bond konnte seine Ungeduld nicht verbergen. �Unsinn�, sagte er. �Er hat auf das Schild geschaut.� Er zeigte es Vesper.</p><p>Sie wirkte ein wenig erleichtert. �Meinst du wirklich?�, fragte sie. �Ja. Nat�rlich, du hast sicher recht. Tut mir leid, dass ich mich so dumm verhalten habe. Ich wei� nicht, was in mich gefahren ist.�</p><p>Sie lehnte sich vor, sprach durch die Trennwand mit dem Fahrer, und der Wagen fuhr weiter. Sie lie� sich zur�cksinken und drehte sich mit strahlendem Gesicht zu Bond um. Die Farbe war fast vollst�ndig in ihre Wangen zur�ckgekehrt. �Es tut mir wirklich leid. Es ist nur � ich kann einfach nicht glauben, dass es vorbei ist und dass es niemanden mehr gibt, vor dem wir Angst haben m�ssen.� Sie dr�ckte seine Hand. �Du musst mich f�r sehr dumm halten.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, versicherte Bond. �Aber nun kann wirklich niemand mehr an uns interessiert sein. Vergiss die ganze Sache einfach. Der Auftrag ist erledigt und abgeschlossen. Wir sind im Urlaub, und am Himmel ist nicht eine Wolke zu sehen. Oder?�, beharrte er.</p><p>�Nein, nat�rlich nicht.� Sie sch�ttelte sich leicht. �Ich bin verr�ckt. Also, wir sind gleich da. Ich hoffe, es wird dir gefallen.�</p><p>Beide lehnten sich vor. Ihr Gesicht war wieder lebhaft, und der Zwischenfall lie� nur ein winziges Fragezeichen zur�ck. Und selbst das verblasste, als sie durch die D�nen fuhren und das Meer sowie das bescheidene kleine Gasthaus zwischen den Pinien sahen.</p><p>�Ich f�rchte, es ist nicht besonders vornehm�, sagte Vesper. �Aber es ist sehr sauber, und das Essen ist wundervoll.� Sie sah ihn nerv�s an.</p><p>Sie h�tte sich keine Sorgen machen m�ssen. Bond liebte den Ort vom ersten Moment an � die Terrasse, die fast bis zur Hochwassermarkierung f�hrte, das niedrige, zweist�ckige Haus mit den h�bschen Vord�chern aus roten Ziegeln �ber den Fenstern und die halbmondf�rmige Bucht aus blauem Wasser und goldenem Sandstrand. Wie oft in seinem Leben h�tte er alles gegeben, um von der Hauptstra�e abzubiegen und ein verstecktes Fleckchen wie dieses zu finden, wo er die Welt hinter sich lassen und sich von morgens bis abends im Meer aufhalten konnte? Und jetzt w�rde er das eine ganze Woche lang genie�en k�nnen. Zusammen mit Vesper. Im Geiste tauchte er bereits in die Freuden der kommenden Tage ein.</p><p>Sie fuhren auf den Hof hinter dem Haus, und der Gastwirt und seine Frau kamen heraus, um sie zu begr��en.</p><p>Monsieur Versoix war ein Mann mittleren Alters mit nur einem Arm. Den anderen hatte er im Kampf f�r die Freien Franz�sischen Streitkr�fte auf Madagaskar verloren. Er war mit dem Polizeichef von Royale befreundet, und der Commissaire selbst hatte Vesper das Gasthaus vorgeschlagen und mit dem Besitzer telefoniert. Aus diesem Grund w�rden sie von allem nur das Beste bekommen.</p><p>Madame Versoix war mitten in der Zubereitung des Abendessens unterbrochen worden. Sie trug eine Sch�rze und hielt einen h�lzernen Kochl�ffel in der Hand. Sie war j�nger als ihr Ehemann, pummelig, h�bsch und freundlich. Bond vermutete instinktiv, dass sie keine Kinder hatten und ihre Zuneigung daher ihren Freunden und Stammg�sten und wom�glich auch einigen Haustieren zukommen lie�en. Er �berlegte, dass ihr Leben sehr anstrengend und das Gasthaus im Winter sehr einsam sein musste, wenn die Wellen im Hintergrund rauschten und der Wind durch die Pinien fegte.</p><p>Der Gastwirt zeigte ihnen ihre Zimmer.</p><p>Vespers war ein Doppelzimmer und Bonds befand sich direkt nebenan in der Ecke des Hauses, sodass man durch das eine Fenster das Meer und durch das andere einen fernen Zufluss zur Bucht sehen konnte. Zwischen den beiden R�umen befand sich ein Badezimmer. Alles war makellos sauber und sp�rlich, aber gem�tlich eingerichtet.</p><p>Der Gastwirt freute sich, als sich beide begeistert zeigten. Er sagte, das Abendessen werde um halb acht serviert und <emphasis>Madame la patronne</emphasis> bereite gekochten Hummer mit geschmolzener Butter zu. Er entschuldigte sich daf�r, dass nicht viel los war. Es sei Donnerstag. Am Wochenende w�rden mehr Leute kommen. Die Saison sei nicht besonders gut gewesen. Normalerweise w�rden viele Engl�nder bei ihnen �bernachten, doch die Zeiten dort dr�ben seien schwierig, und die Engl�nder k�men nur f�r ein Wochenende nach Royale und kehrten dann sofort wieder nach Hause zur�ck, nachdem sie ihr Geld im Casino verloren h�tten. Es sei nicht mehr so wie fr�her. Er zuckte philosophisch mit den Schultern. Allerdings sei kein Tag wie der vorherige und kein Land wie das letzte, und �</p><p>�So ist es�, sagte Bond.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#26"/></p><p><strong>GEZEITEN DER LEIDENSCHAFT</strong></p><p>Sie unterhielten sich auf der Schwelle von Vespers Zimmer. Nachdem der Gastwirt gegangen war, hatte Bond sie hineingeschoben und die T�r geschlossen. Dann hatte er seine H�nde auf ihre Schultern gelegt und sie auf beide Wangen gek�sst.</p><p>�Das hier ist himmlisch�, sagte er.</p><p>Dann bemerkte er, dass ihre Augen leuchteten. Sie hob die H�nde und legte sie auf seine Unterarme. Er trat n�her an sie heran und lie� seine Arme um ihre Taille gleiten. Sie neigte den Kopf nach hinten, und ihr Mund �ffnete sich unter seinem.</p><p>�Mein Liebling�, sagte er. Er dr�ckte seine Lippen auf ihre, zwang ihre Z�hne mit seiner Zunge auseinander und sp�rte, wie ihre sich zuerst z�gerlich und dann immer leidenschaftlicher bewegte. Er lie� seine H�nde �ber ihren Hintern gleiten, griff fest zu und presste ihre K�rper in der Mitte zusammen. Keuchend zog sie ihren Mund von seinem, und sie klammerten sich aneinander, w�hrend er seine Wange an ihrer rieb und sp�rte, wie sich ihre festen Br�ste gegen seinen K�rper dr�ckten. Dann hob er einen Arm, ergriff ihr Haar und zog ihren Kopf zur�ck, sodass er sie wieder k�ssen konnte. Sie schob ihn von sich und sank ersch�pft aufs Bett. Einen Augenblick lang sahen sie einander hungrig an.</p><p>�Es tut mir leid, Vesper�, sagte er. �Das wollte ich nicht.�</p><p>Sie sch�ttelte nur den Kopf, stumm durch den emotionalen Sturm, der gerade durch sie hindurch gefegt war.</p><p>Er setzte sich neben sie, und sie sahen sich mit best�ndiger Z�rtlichkeit an, w�hrend die Wellen der Leidenschaft in ihren Adern verebbten.</p><p>Sie lehnte sich zu ihm hin�ber und k�sste ihn auf den Mundwinkel. Dann strich sie die schwarze Haarstr�hne aus seiner Stirn.</p><p>�Mein Liebling�, sagte sie. �Gib mir eine Zigarette. Ich wei� nicht, wo meine Tasche ist.� Sie sah sich fl�chtig im Zimmer um.</p><p>Bond z�ndete ihr eine Zigarette an und steckte sie zwischen ihre Lippen. Sie sog den Rauch tief ein und lie� ihn mit einem leisen Seufzen durch ihren Mund entweichen.</p><p>Bond legte seinen Arm um sie, doch sie erhob sich und ging zum Fenster hin�ber. Sie stand da und wandte ihm den R�cken zu.</p><p>Bond sah auf seine H�nde und stellte fest, dass sie zitterten.</p><p>�Wir werden ein wenig Zeit brauchen, um uns f�rs Abendessen fertig zu machen�, meinte Vesper, ohne sich umzudrehen. �Warum nimmst du nicht ein Bad? Ich werde f�r dich auspacken.�</p><p>Bond stand vom Bett auf und stellte sich ganz nah neben sie. Er schlang seine Arme um sie und legte eine Hand auf jede Brust. Sie f�llten seine H�nde aus, und seine Finger f�hlten die harten Brustwarzen. Sie legte ihre H�nde �ber seine und dr�ckte sie gegen sich, doch sie schaute immer noch aus dem Fenster und sah ihn nicht an.</p><p>�Nicht jetzt�, fl�sterte sie leise.</p><p>Bond beugte sich vor und vergrub seine Lippen in ihrer Halsbeuge. F�r einen Moment hielt er sie fest gegen sich gedr�ckt, dann lie� er sie los.</p><p>�Nat�rlich, Vesper�, sagte er.</p><p>Er ging zur T�r und drehte sich noch einmal um. Sie hatte sich nicht vom Fleck ger�hrt. Aus irgendeinem Grund glaubte er, dass sie weinte. Er machte einen Schritt auf sie zu und erkannte dann, dass sie sich nichts zu sagen hatten.</p><p>�Meine Liebe�, verabschiedete er sich.</p><p>Dann verlie� er das Zimmer und schloss die T�r hinter sich.</p><p>Bond ging in sein Zimmer und setzte sich aufs Bett.</p><p>Er f�hlte sich von der Leidenschaft, die durch seinen K�rper gerauscht war, ersch�pft. Er war hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, sich einfach der L�nge nach r�ckw�rts aufs Bett zu werfen, und der Sehnsucht, sich vom Meer abk�hlen und neu beleben zu lassen. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, dann ging er zu seinem Koffer hin�ber und nahm eine wei�e Leinenbadehose und einen dunkelblauen Pyjama heraus.</p><p>Bond hatte Schlafanz�ge schon immer gehasst und stets nackt geschlafen, bis er am Ende des Krieges in Hongkong den perfekten Kompromiss gefunden hatte. Es handelte sich um ein Pyjamaoberteil, das ihm fast bis zu den Knien reichte. Es hatte keine Kn�pfe, sondern einen locker sitzenden G�rtel, der um die Taille geschlungen wurde. Die �rmel waren weit und kurz � sie endeten knapp �ber den Ellbogen. Das Ergebnis war ein k�hles und bequemes Schlafgewand, und als er das Oberteil nun �ber die Badehose anzog, wurden all seine Bluterg�sse und Narben verdeckt, mit Ausnahme der d�nnen wei�en Streifen an seinen Hand- und Fu�gelenken und der Markierung von SMERSCH auf seiner rechten Hand.</p><p>Er schl�pfte in ein Paar dunkelblaue Ledersandalen und ging die Treppe hinunter, aus dem Haus und �ber die Terrasse zum Strand. Als er an der Vorderseite des Hauses vorbeikam, dachte er an Vesper, doch er sah nicht nach oben, um festzustellen, ob sie immer noch am Fenster stand. Falls sie ihn sah, lie� sie es ihn nicht wissen.</p><p>Er lief �ber den harten goldenen Sand am Wasser entlang, bis er au�er Sichtweite des Gasthauses war. Dann zog er sein Pyjamaoberteil aus, rannte los und tauchte blitzschnell in die flachen Wellen ein. Der Strand fiel schnell ab, und er blieb so lange unter Wasser, wie er konnte. Er schwamm mit kr�ftigen Z�gen und sp�rte, wie ihn die sanfte K�hle vollkommen umgab. Dann tauchte er wieder auf und wischte sich das Wasser aus Gesicht und Augen. Es war fast neunzehn Uhr, und die Sonne brannte nicht mehr so hei� wie noch vor ein paar Stunden. Schon bald w�rde sie hinter den fernen Zufluss der Bucht sinken, doch momentan schien sie ihm direkt in die Augen. Er drehte sich auf den R�cken und schwamm von ihr weg, damit er die warmen Strahlen so lange wie m�glich genie�en konnte.</p><p>Als er einen guten Kilometer weiter zur�ck an den Strand kam, war sein Pyjama in der Ferne l�ngst in den Schatten verschwunden, doch er wusste, dass er noch genug Zeit hatte, um sich auf den harten Sand zu legen und seinen K�rper trocknen zu lassen, bevor die D�mmerung endg�ltig hereinbrach.</p><p>Er zog seine Badehose aus und sah an seinem K�rper hinunter. Von seiner Verletzung waren nur noch ein paar Spuren zu sehen. Er zuckte mit den Schultern, legte sich mit weit ausgestreckten Gliedern flach auf den Boden, starrte in den leeren blauen Himmel hinauf und dachte an Vesper.</p><p>Seine Gef�hle f�r sie waren durcheinander, und er hatte keine Geduld mit diesem Durcheinander. Alles war so einfach gewesen. Er hatte vorgehabt, sobald er konnte, mit ihr zu schlafen. Weil er sie begehrte und, so gestand er sich ein, auch deswegen, weil er die Genesung seines K�rpers ganz pragmatisch einem Abschlusstest unterziehen wollte. Er hatte geplant, die n�chsten Tage und N�chte mit ihr zu verbringen und sie danach noch eine Weile in London zu treffen. Dann w�re die unvermeidliche Trennung erfolgt, die in diesem Fall dank ihrer Stellungen beim Geheimdienst recht leicht gewesen w�re. Und wenn nicht, h�tte er immer noch einen Auftrag im Ausland annehmen oder den Dienst quittieren k�nnen � wor�ber er nach wie vor nachdachte � und w�re in verschiedene Teile der Welt gereist, was schon immer sein Wunsch gewesen war.</p><p>Doch irgendwie hatte sie etwas an sich, das ihn nicht mehr loslie�, und im Verlauf der vergangenen Wochen hatten sich seine Gef�hle nach und nach ver�ndert.</p><p>Er fand ihre Gesellschaft unkompliziert und angenehm. Sie hatte etwas Geheimnisvolles an sich, was einen best�ndigen Reiz auf ihn aus�bte. Sie gab nur wenig von ihrer wahren Pers�nlichkeit preis, und er hatte das Gef�hl, dass es in ihrem Inneren stets einen privaten Raum geben w�rde, in den er nicht eindringen konnte, egal, wie lange sie zusammen waren. Sie war f�rsorglich und r�cksichtsvoll, ohne sklavisch zu wirken oder etwas von ihrem hochm�tigen Geist einzub��en. Und nun wusste er, dass sie �u�erst sinnlich war, doch dass die Eroberung ihres K�rpers aufgrund dieser inneren Abgrenzung stets den s��en Beigeschmack der N�tigung haben w�rde. Sie zu lieben, w�rde jedes Mal eine aufregende Reise ohne die Ern�chterung der Ankunft sein. Sie w�rde sich ihm voller Begeisterung hingeben, dachte er, und gierig alle Intimit�ten genie�en, ohne je zuzulassen, von ihm in Besitz genommen zu werden.</p><p>Nackt lag Bond da und versuchte, die Schlussfolgerung zu verdr�ngen, die er am Himmel las. Er drehte seinen Kopf zur Seite, blickte den Strand entlang und stellte fest, dass ihn die Schatten der Landzunge fast erreicht hatten.</p><p>Er stand auf und wischte so viel Sand von seinem K�rper, wie er konnte. Er dachte dar�ber nach, ein Bad zu nehmen, sobald er wieder in seinem Zimmer war, sammelte geistesabwesend seine Badehose ein und ging am Strand entlang zur�ck. Erst als er sein Pyjamaoberteil erreichte und sich vorbeugte, um es aufzuheben, wurde ihm klar, dass er immer noch nackt war. Ohne sich mit der Badehose aufzuhalten, schl�pfte er in das Oberteil und ging zum Gasthaus zur�ck.</p><p>In diesem Moment hatte er sich entschieden.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#27"/></p><p><strong>FRUIT D�FENDU</strong></p><p>Als er zur�ck in sein Zimmer kam, r�hrte ihn die Tatsache, dass seine Kleidung wegger�umt und seine Zahnb�rste und Rasierutensilien im Badezimmer ordentlich an einem Ende der gl�sernen Ablage �ber dem Waschbecken aufgereiht worden waren. Am anderen Ende befanden sich Vespers Zahnb�rste sowie ein oder zwei kleine Fl�schchen und ein Tiegel mit Gesichtscreme.</p><p>Er sah die Fl�schchen an und stellte �berrascht fest, dass eine von ihnen Schlaftabletten enthielt. Vielleicht waren ihre Nerven von den Ereignissen in der Villa st�rker in Mitleidenschaft gezogen worden, als er gedacht hatte. Das Badewasser war bereits f�r ihn eingelassen worden, und auf dem Stuhl daneben lagen ein Handtuch und eine Flasche mit einem teuren Pinienbadezusatz.</p><p>�Vesper�, rief er.</p><p>�Ja?�</p><p>�Du bist wirklich die Beste. Du gibst mir das Gef�hl, ein teurer Gigolo zu sein.�</p><p>�Man hat mir gesagt, ich solle mich um dich k�mmern. Ich erf�lle nur meine Aufgabe.�</p><p>�Liebling, das Badewasser hat genau die richtige Temperatur. Willst du mich heiraten?�</p><p>Sie schnaubte. �Du brauchst eine Sklavin, keine Ehefrau.�</p><p>�Ich will dich.�</p><p>�Tja, ich will meinen Hummer und Champagner, also beeil dich.�</p><p>�Schon gut, schon gut�, erwiderte Bond.</p><p>Er trocknete sich ab und zog ein wei�es Hemd und eine blaue Hose an. Er hoffte, dass sie ebenso einfach gekleidet sein w�rde, und freute sich, als sie, ohne anzuklopfen, in der T�r erschien und ein blaues Leinenhemd trug, das so sehr ausgeblichen war, dass es nun die Farbe ihrer Augen hatte. Dazu trug sie einen dunkelroten Rock aus plissierter Baumwolle.</p><p>�Ich konnte nicht l�nger warten. Ich war v�llig ausgehungert. Mein Zimmer liegt direkt �ber der K�che, und ich wurde von den wundervollen D�ften gequ�lt.�</p><p>Er ging zu ihr und legte seinen Arm um sie.</p><p>Sie nahm seine Hand, und gemeinsam gingen sie nach unten auf die Terrasse, wo ein Tisch f�r sie gedeckt worden war, der vom Licht des leeren Esszimmers beleuchtet wurde.</p><p>Der Champagner, den Bond bei ihrer Ankunft bestellt hatte, stand in einem metall�berzogenen Weink�hler neben ihrem Tisch und Bond schenkte ihnen zwei Gl�ser ein. Vesper machte sich an einer k�stlichen hausgemachten Leberpastete zu schaffen und lud ihnen beiden eine Portion des knusprigen franz�sischen Brots auf die Teller sowie ein St�ck der tiefgelben Butter, die mit Eissplittern gek�hlt wurde.</p><p>Sie sahen einander an, nahmen jeder einen tiefen Schluck, und Bond f�llte ihre Gl�ser erneut bis zum Rand.</p><p>W�hrend sie a�en, erz�hlte Bond ihr von seinem Bad im Meer, und sie sprachen dar�ber, was sie am n�chsten Morgen unternehmen w�rden. Die ganze Zeit �ber redeten sie nicht �ber ihre Gef�hle f�reinander, doch sowohl in Vespers als auch in Bonds Augen schimmerte eine aufgeregte Vorfreude auf die Nacht. Hin und wieder ber�hrten sich ihre H�nde oder F��e, als ob sie so die Anspannung in ihren K�rpern lindern wollten.</p><p>Nachdem sie die Hummer verspeist, die zweite Flasche Champagner zur H�lfte geleert und sich gerade einen gro�en L�ffel Sahne auf ihre <emphasis>fraises des bois</emphasis> geladen hatten, stie� Vesper einen zufriedenen Seufzer aus.</p><p>�Ich benehme mich wie ein Schwein�, sagte sie fr�hlich. �Du gibst mir st�ndig all diese Dinge, die mir gefallen. Ich bin noch nie so verw�hnt worden.� Sie lie� den Blick �ber die Terrasse und die vom Mond beleuchtete Bucht dahinter schweifen. �Ich w�nschte, ich w�rde es verdienen.� In ihrer Stimme lag ein ironischer Unterton.</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte Bond �berrascht.</p><p>�Oh, ich wei� nicht. Ich sch�tze, jeder bekommt, was er verdient, also verdiene ich es vielleicht doch.�</p><p>Sie l�chelte. Dann warf sie ihm einen seltsamen Blick zu.</p><p>�Du wei�t wirklich nicht besonders viel �ber mich�, sagte sie pl�tzlich.</p><p>Der ernste Unterton in ihrer Stimme �berraschte Bond.</p><p>�Mehr als genug�, erwiderte er lachend. �Alles, was ich bis morgen und �bermorgen und bis zum Tag danach wissen muss. Abgesehen davon wei�t du auch nicht viel �ber mich.� Er schenkte ihnen Champagner nach.</p><p>Vesper sah ihn nachdenklich an.</p><p>�Menschen sind Inseln�, sagte sie. �Sie ber�hren sich nicht. Egal, wie nah sie sich kommen, sind sie in Wirklichkeit immer voneinander getrennt. Selbst wenn sie seit f�nfzig Jahren verheiratet sind.�</p><p>Bond dachte voller Best�rzung, dass sie in einen Zustand des <emphasis>vin triste</emphasis> verfiel. Zu viel Champagner hatte sie schwerm�tig werden lassen. Doch pl�tzlich lachte sie fr�hlich. �Schau nicht so besorgt.� Sie lehnte sich vor und legte ihre Hand auf seine. �Ich war nur ein wenig sentimental. Jedenfalls scheint meine Insel heute Nacht sehr nah an deiner Insel zu liegen.� Sie trank einen Schluck Champagner.</p><p>Bond lachte erleichtert. �Tun wir uns zusammen und bilden eine Halbinsel�, schlug er vor. �Jetzt sofort, gleich nachdem wir die Erdbeeren aufgegessen haben.�</p><p>�Nein�, widersprach sie neckisch. �Ich muss noch einen Kaffee trinken.�</p><p>�Und einen Brandy�, konterte Bond.</p><p>Der kleine Schatten war vor�bergezogen. Der zweite kleine Schatten. Auch dieser lie� ein winziges Fragezeichen zur�ck. Es l�ste sich schnell auf, als die W�rme und Intimit�t sie wieder umschlossen.</p><p>Nachdem beide einen Kaffee getrunken hatten und Bond an seinem Brandy nippte, nahm Vesper ihre Handtasche, erhob sich und stellte sich hinter ihn.</p><p>�Ich bin m�de�, sagte sie und legte eine Hand auf seine Schulter.</p><p>Er griff nach oben und hielt sie dort fest, und f�r eine Weile verharrten sie reglos in dieser Pose. Sie beugte sich vor und fuhr sanft mit ihren Lippen �ber sein Haar. Dann war sie verschwunden, und ein paar Sekunden sp�ter ging das Licht in ihrem Zimmer an.</p><p>Bond rauchte und wartete, bis es wieder ausgeschaltet wurde. Dann ging er ihr nach und hielt nur kurz inne, um dem Gastwirt und seiner Frau eine gute Nacht zu w�nschen und ihnen f�r das Abendessen zu danken. Sie w�nschten ihm ebenfalls eine gute Nacht, und er ging nach oben.</p><p>Es war erst halb zehn, als er ihr Zimmer durch das Bad betrat und die T�r hinter sich schloss.</p><p>Das Mondlicht schien durch die halb geschlossenen Fensterl�den und umspielte die geheimen Schatten ihres wei�en K�rpers auf dem breiten Bett.</p><empty-line/><p>Bond erwachte bei Sonnenaufgang in seinem eigenen Zimmer, lag eine Weile einfach nur da und schwelgte in seinen Erinnerungen.</p><p>Dann stand er leise auf, schlich in seinem Pyjamaoberteil an Vespers T�r vorbei, verlie� das Haus und ging zum Strand.</p><p>Das Meer lag glatt und still unter der aufgehenden Sonne. Die kleinen pinken Wellen rollten m��ig �ber den Sand. Es war kalt, aber er zog sein Oberteil aus und wanderte nackt am Rand des Meeres entlang bis zu der Stelle, an der er am Abend zuvor gebadet hatte. Dann ging er bewusst langsam ins Wasser, bis es ihm bis zum Kinn reichte. Er hob seine F��e vom Grund und sank nach unten, wobei er sich mit einer Hand die Nase zuhielt und die Augen zukniff. Er sp�rte, wie das kalte Wasser seinen K�rper umgab und durch sein Haar strich.</p><p>Die spiegelglatte Oberfl�che der Bucht war v�llig unber�hrt, bis auf eine Stelle, an der ein Fisch aus dem Wasser gesprungen und wieder eingetaucht zu sein schien. Unter Wasser stellte er sich diese friedliche Szenerie vor und w�nschte, Vesper w�rde in diesem Moment zwischen den Pinien hervorkommen, damit sie �berrascht sein w�rde, wenn er pl�tzlich durch die stille Wasseroberfl�che brach.</p><p>Als er nach einer vollen Minute in einem Schwall aus Gischt an die Oberfl�che zur�ckkehrte, wurde er entt�uscht. Weit und breit war niemand zu sehen. Eine Weile schwamm er umher oder lie� sich treiben, und als ihm die Sonne hei� genug erschien, kehrte er an den Strand zur�ck, legte sich auf den R�cken und schwelgte in dem K�rper, den die vergangene Nacht ihm zur�ckgegeben hatte.</p><p>Wie schon am Abend zuvor starrte er in den leeren Himmel hinauf und fand dort die gleiche Antwort.</p><p>Nach einer Weile stand er auf und ging langsam zu seinem Pyjamaoberteil zur�ck.</p><p>Heute w�rde er Vesper bitten, ihn zu heiraten. Er war sich ganz sicher. Es ging nur darum, den richtigen Moment daf�r zu finden.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#28"/></p><p><strong>DIE SCHWARZE AUGENKLAPPE</strong></p><p>Als er leise von der Terrasse ins Halbdunkel des noch geschlossenen Esszimmers trat, war er �berrascht, Vesper zu sehen, die aus der gl�sernen Telefonzelle in der N�he des Eingangs kam und langsam auf die Treppe zu ihren Zimmern ging.</p><p>�Vesper!�, rief er, da er dachte, dass sie eine dringende Botschaft erhalten hatte, die sie beide etwas angehen k�nnte.</p><p>Schnell drehte sie sich um, eine Hand vor den Mund haltend.</p><p>Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn einen Moment l�nger als n�tig an.</p><p>�Was ist los, Liebling?�, fragte er. Welche Krise konnte nun in ihr Leben gedrungen sein?</p><p>�Oh�, sagte sie atemlos, �du hast mich erschreckt. Es war nur � ich habe nur Mathis angerufen. Mathis�, wiederholte sie. �Ich habe ihn gefragt, ob er mir vielleicht ein zweites Kleid besorgen kann. Du wei�t schon, von dieser Freundin, von der ich dir erz�hlt habe. Die <emphasis>vendeuse</emphasis>. Wei�t du�, sie sprach schnell, ihre Worte �berschlugen sich beinahe, �ich habe nichts Richtiges zum Anziehen. Ich dachte, ich k�nnte ihn vielleicht noch zu Hause erreichen, bevor er ins B�ro f�hrt. Ich habe die Telefonnummer meiner Freundin nicht, und ich dachte, ich k�nnte dich damit �berraschen. Ich wollte nicht, dass du mich herumlaufen h�rst und dadurch aufwachst. Ist das Wasser angenehm? Warst du schwimmen? Du h�ttest auf mich warten sollen.�</p><p>�Es ist wundervoll�, sagte Bond, der entschieden hatte, die Sache nicht weiter zu verfolgen, auch wenn ihn ihre offensichtlichen Schuldgef�hle wegen dieser kindischen Heimlichtuerei irritierten. �Geh doch auch ins Meer. Danach k�nnen wir auf der Terrasse fr�hst�cken. Ich bin v�llig ausgehungert. Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe. Ich war nur �berrascht, hier um diese Zeit �berhaupt jemanden anzutreffen.�</p><p>Er legte seinen Arm um sie, doch sie l�ste sich von ihm und lief schnell die Treppe hoch.</p><p>�Ich war so �berrascht, dich zu sehen�, sagte sie und versuchte, den Zwischenfall zu �berspielen. �Du hast ausgesehen wie ein Geist, ein Ertrunkener, so wie dir die Haare �ber die Augen h�ngen.� Sie lachte abgehackt. Als ihr klar wurde, wie hart es klang, wandelte sie das Lachen in ein Husten um.</p><p>�Ich hoffe, ich habe mich nicht erk�ltet�, sagte sie.</p><p>Sie baute weiter an ihrem L�gengeb�ude, bis Bond sie �bers Knie legen und sie zwingen wollte, ihm die Wahrheit zu sagen. Doch stattdessen t�tschelte er ihr vor ihrem Zimmer beruhigend den R�cken und meinte, sie solle sich beeilen und schwimmen gehen.</p><p>Dann ging er in sein Zimmer.</p><empty-line/><p>Dies war das Ende der Unversehrtheit ihrer Liebe. Die folgenden Tage waren ein Scherbenhaufen aus L�gen und Scheinheiligkeit, vermischt mit ihren Tr�nen und Momenten voll animalischer Leidenschaft, der sie sich mit einer Gier hingab, die aufgrund der Leere ihrer Tage anst��ig wirkte.</p><p>Mehrere Male versuchte Bond, die schrecklichen Mauern des Misstrauens zwischen ihnen einzurei�en. Wieder und wieder sprach er das Thema des Telefonats an, doch sie blieb stur und bauschte ihre Geschichte mit Ausschm�ckungen auf, von denen Bond wusste, dass sie sie sich erst sp�ter ausgedacht hatte. Sie warf Bond sogar vor, zu denken, dass sie einen anderen Liebhaber h�tte.</p><p>Diese Szenen endeten immer mit ihren bitteren Tr�nen und Momenten, in denen sie fast in Hysterie verfiel.</p><p>Mit jedem Tag wurde die Atmosph�re hasserf�llter.</p><p>Bond konnte kaum fassen, dass menschliche Beziehungen �ber Nacht zusammenbrechen und zu Staub werden konnten, und er durchforstete immer wieder seine Gedanken nach dem Grund daf�r.</p><p>Er sp�rte, dass es Vesper ebenso schlecht ging wie ihm, und dass ihr Leid vielleicht sogar noch gr��er war als seines. Doch das Geheimnis des Telefonats, das sich Vesper vehement, fast schon �ngstlich, wie Bond fand, weigerte aufzukl�ren, war wie ein Schatten, der immer gr��er wurde, da t�glich andere kleine Geheimnisse und L�gen hinzukamen.</p><p>An diesem Tag verschlimmerte sich die Situation bereits beim Mittagessen.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck, das f�r sie beide h�chst unangenehm verlaufen war, sagte Vesper, sie habe Kopfschmerzen und werde daher in ihrem Zimmer bleiben und sich von der Sonne fernhalten. Bond nahm sich ein Buch und spazierte ein paar Kilometer am Strand entlang. Als er zur�ckkehrte, hatte er sich selbst eingeredet, dass sie in der Lage sein w�rden, das Problem beim Mittagessen aus der Welt zu schaffen.</p><p>Als sie sich setzten, entschuldigte er sich umgehend daf�r, sie an der Telefonzelle erschreckt zu haben und lie� das Thema dann fallen, um ihr zu erz�hlen, was er bei seinem Spaziergang erlebt hatte. Doch Vesper war unkonzentriert und gab nur einsilbige Kommentare von sich. Sie schob ihr Essen auf dem Teller hin und her, wich Bonds Blicken aus, schaute gedankenverloren an ihm vorbei.</p><p>Als sie ein- oder zweimal nicht auf eine Frage geantwortet hatte, verfiel Bond ebenfalls in Schweigen und widmete sich seinen d�steren Gedanken.</p><p>Pl�tzlich versteifte sie sich. Ihre Gabel fiel klirrend auf den Rand ihres Tellers und dann vom Tisch auf den Boden der Terrasse.</p><p>Bond sah auf. Sie war leichenblass geworden und starrte voller Schrecken �ber seine Schulter.</p><p>Bond drehte seinen Kopf herum und stellte fest, dass ein Mann gerade ein gutes St�ck von ihnen entfernt an einem Tisch auf der anderen Seite der Terrasse Platz genommen hatte. Er schien ganz gew�hnlich zu sein, vielleicht ein wenig dunkel gekleidet, doch auf den ersten Blick ordnete Bond ihn sofort als Gesch�ftsmann ein, der auf seiner Reise entlang der K�ste zuf�llig an diesem Gasthaus vorbeigekommen war oder es sich aus einem Reisef�hrer herausgesucht hatte.</p><p>�Was ist los, Liebling?�, fragte er nerv�s.</p><p>Vespers Augen blieben auf die ferne Gestalt gerichtet.</p><p>�Das ist der Mann aus dem Auto�, brachte sie mit erstickter Stimme hervor. �Der Mann, der uns gefolgt ist. Ich wei�, dass er es ist.�</p><p>Bond sah erneut �ber seine Schulter. Der <emphasis>patron</emphasis> sprach mit dem neuen Gast �ber die Speisekarte. Es war ein v�llig normaler Anblick. Sie l�chelten, als sie auf etwas in der Speisekarte deuteten, und schienen sich einig zu sein, dass es die richtige Wahl war, denn der <emphasis>patron</emphasis> nahm die Karte an sich und zog sich nach einer weiteren kurzen Unterhaltung, bei der es vermutlich um den passenden Wein ging, zur�ck.</p><p>Der Mann schien zu merken, dass er beobachtet wurde. Er sah auf und schaute sie einen Moment lang neugierig an. Dann griff er nach einer Aktentasche auf dem Stuhl neben sich, holte eine Zeitung heraus und fing an, darin zu lesen, wobei er seine Ellbogen auf dem Tisch abst�tzte.</p><p>Als der Mann ihnen sein Gesicht zugewandt hatte, war Bond aufgefallen, dass er �ber einem Auge eine schwarze Augenklappe trug. Sie war nicht mit einem Band befestigt, sondern festgeklemmt wie ein Monokel. Abgesehen davon wirkte er wie ein freundlicher Mann mittleren Alters mit dunkelbraunem, ordentlich zur�ckgek�mmtem Haar und, wie Bond aufgefallen war, als er mit dem <emphasis>patron</emphasis> gesprochen hatte, au�ergew�hnlich gro�en wei�en Z�hnen.</p><p>Er wandte sich wieder an Vesper. �Also wirklich, Liebling. Er sieht absolut harmlos aus. Bist du sicher, dass es derselbe Mann ist? Wir k�nnen nicht erwarten, diesen Ort ganz f�r uns allein zu haben.�</p><p>Vespers Gesicht war immer noch kreidebleich. Sie klammerte sich mit beiden H�nden an die Tischkante. Er bef�rchtete, dass sie in Ohnmacht fallen k�nnte, und w�re beinahe aufgestanden, um zu ihr zu gehen, doch sie hielt ihn mit einer Geste davon ab. Dann griff sie nach ihrem Weinglas und nahm einen gro�en Schluck. Das Glas klapperte an ihren Z�hnen, und sie hob die andere Hand, um es still zu halten. Dann stellte sie das Glas wieder ab.</p><p>Sie sah ihn aus leeren Augen an.</p><p>�Ich wei�, dass es derselbe Mann ist.�</p><p>Er versuchte, vern�nftig mit ihr zu reden, doch sie h�rte ihm nicht zu. Nachdem sie ein- oder zweimal mit einem seltsam unterw�rfigen Ausdruck in den Augen �ber seine Schulter geschaut hatte, sagte sie, dass ihre Kopfschmerzen immer noch sehr heftig seien und sie den Nachmittag in ihrem Zimmer verbringen werde. Sie verlie� den Tisch und ging ohne einen weiteren Blick zur�ck ins Haus.</p><p>Bond war fest entschlossen, sie zu beruhigen. Er bestellte einen Kaffee, stand dann auf und ging schnell zum Hof hinter dem Haus. Der schwarze Peugeot, der dort stand, mochte tats�chlich die Limousine sein, die sie gesehen hatten, aber es konnte sich genauso gut um eine von Millionen anderen auf Frankreichs Stra�en handeln. Er warf einen schnellen Blick hinein, doch das Innere des Wagens war leer, und als er versuchte, den Kofferraum zu �ffnen, erwies sich dieser als verschlossen. Er notierte sich das Pariser Nummernschild, eilte dann zu der Toilette, die ans Esszimmer angeschlossen war, zog die Kette und kehrte auf die Terrasse zur�ck.</p><p>Der Mann a� und sah nicht auf.</p><p>Bond setzte sich auf Vespers Stuhl, damit er den anderen Tisch beobachten konnte.</p><p>Ein paar Minuten sp�ter bat der Mann um die Rechnung, bezahlte und ging. Bond h�rte, wie der Peugeot gestartet wurde, und bald war der L�rm des Auspuffs in Richtung der Stra�e nach Royale verschwunden.</p><p>Als der <emphasis>patron</emphasis> an seinen Tisch kam, erkl�rte Bond, dass Madame ungl�cklicherweise einen leichten Sonnenstich erlitten habe. Nachdem der <emphasis>patron</emphasis> sein Bedauern dar�ber ausgedr�ckt und sich �ber die Gefahren des Ausgehens bei fast jedem Wetter ausgelassen hatte, fragte Bond beil�ufig nach dem anderen Gast. �Er erinnert mich an einen Freund, der ebenfalls ein Auge verlor. Sie tragen �hnliche Augenklappen.�</p><p>Der <emphasis>patron</emphasis> antwortete, dass der Mann ein Fremder sei. Das Essen habe ihm geschmeckt und er habe gesagt, er werde in ein oder zwei Tagen erneut vorbeikommen und sein Essen dann wieder in der <emphasis>auberge</emphasis> einnehmen. Offenbar sei er Schweizer, worauf auch sein Akzent hindeute. Er sei Handlungsreisender und verkaufe Armbanduhren. Es sei schrecklich nur ein Auge zu haben, habe er erkl�rt, und sehr anstrengend, die Augenklappe den ganzen Tag lang an Ort und Stelle zu halten. Doch er habe sich mittlerweile daran gew�hnt.</p><p>�Es ist wirklich sehr traurig�, sagte Bond. �Sie haben ebenfalls Pech gehabt.� Er deutete auf den leeren �rmel des Gastwirts. �Ich selbst hatte gro�es Gl�ck.�</p><p>Eine Weile unterhielten sie sich �ber den Krieg. Dann stand Bond auf.</p><p>��brigens�, sagte er, �Madame hat ein fr�hes Telefonat gef�hrt, f�r das ich nicht vergessen darf, zu bezahlen. Nach Paris. Eine Nummer im Arrondissement de l�Elys�e, glaube ich�, f�gte er hinzu und erinnerte sich, dass Mathis dort seinen Anschluss hatte.</p><p>�Danke, Monsieur, aber diese Angelegenheit wurde bereits geregelt. Ich habe heute Morgen mit Royale telefoniert und das Telefonamt erw�hnte, dass einer meiner G�ste einen Anruf nach Paris t�tigte, der jedoch nicht angenommen wurde. Sie wollten wissen, ob Madame die Verbindung weiterhin aufrechterhalten m�chte. Ich f�rchte, diese Sache ist mir entfallen. Vielleicht w�re Monsieur so freundlich, es Madame gegen�ber zu erw�hnen. Lassen Sie mich �berlegen, ja, der Anruf ging an eine Nummer im Quartier des Invalides.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#29"/></p><p><strong>�SCHLAF GUT, MEIN LIEBLING�</strong></p><p>Die n�chsten zwei Tage verliefen ganz �hnlich.</p><p>Am vierten Tag ihres Aufenthalts fuhr Vesper schon fr�h am Morgen nach Royale. Ein Taxi kam, holte sie ab und brachte sie sp�ter wieder zur�ck. Sie sagte, sie habe ein Medikament gebraucht.</p><p>An diesem Abend bem�hte sie sich sehr, fr�hlich zu wirken. Sie trank viel, und als sie nach oben gingen, gab sie sich ihm voller Leidenschaft hin. Bonds K�rper reagierte entsprechend, doch danach weinte sie bitterlich in ihr Kissen, und Bond ging in trostloser Verzweiflung in sein Zimmer.</p><p>Er fand kaum Schlaf, und in den fr�hen Morgenstunden h�rte er, wie sich die T�r leise �ffnete. Von unten erklangen ged�mpfte Ger�usche, und er war sicher, dass sie sich in der Telefonzelle befand. Bald h�rte er, wie ihre T�r sachte geschlossen wurde, und er vermutete, dass sie erneut niemanden in Paris erreicht hatte.</p><p>Das war am Samstag.</p><p>Am Sonntag kehrte der Mann mit der schwarzen Augenklappe zur�ck. Bond wusste es sofort, als er von seinem Mittagessen aufblickte und ihr Gesicht sah. Er hatte ihr alles erz�hlt, was er vom <emphasis>patron</emphasis> erfahren hatte, bis auf die Aussage des Mannes, dass er vielleicht wiederkommen w�rde. Er hatte bef�rchtet, dass diese Vorstellung sie beunruhigen k�nnte.</p><p>Au�erdem hatte er Mathis in Paris angerufen und den Peugeot �berpr�fen lassen. Der Wagen war vor zwei Wochen bei einer respektablen Firma gemietet worden. Der Kunde besa� einen schweizerischen KFZ-Grenz�bergangsschein. Sein Name war Adolph Gettler. Als Adresse hatte er eine Bank in Z�rich angegeben.</p><p>Mathis hatte sich mit der Schweizer Polizei in Verbindung gesetzt. Ja, die Bank f�hrte ein Konto auf diesen Namen. Es wurde selten benutzt. Herr Gettler arbeitete f�r die Armbanduhrenindustrie. Weitere Erkundigungen k�nnten nur dann eingeholt werden, wenn eine Anklage gegen ihn vorl�ge.</p><p>Vesper hatte angesichts dieser Informationen mit den Schultern gezuckt. Als der Mann dieses Mal auftauchte, stand sie w�hrend des Mittagessens auf und ging sofort in ihr Zimmer.</p><p>Bond traf eine Entscheidung. Nachdem er aufgegessen hatte, folgte er ihr. Beide T�ren zu ihrem Zimmer waren verschlossen, und als er sie dazu brachte, ihn reinzulassen, sah er, dass sie in den Schatten am Fenster gesessen und vermutlich das Geschehen auf der Terrasse beobachtet hatte.</p><p>Ihr Gesicht wirkte wie aus Stein. Er f�hrte sie zum Bett und zog sie neben sich. Steif sa�en sie da, wie Menschen in einem Eisenbahnabteil.</p><p>�Vesper�, sagte er, w�hrend er ihre kalten H�nde in seinen hielt, �wir k�nnen so nicht weitermachen. Wir m�ssen damit aufh�ren. Wir qu�len uns gegenseitig, und es gibt nur eine M�glichkeit, es zu beenden. Entweder erz�hlst du mir, was los ist, oder wir m�ssen diesen Ort verlassen. Sofort.�</p><p>Sie erwiderte nichts, und ihre H�nde lagen leblos in seinen.</p><p>�Mein Liebling�, sagte er. �Willst du es mir nicht erz�hlen? Wei�t du, an unserem ersten Morgen hier kam ich vom Strand zur�ck und wollte dich bitten, mich zu heiraten. K�nnen wir nicht noch mal von vorne anfangen? Was ist das f�r ein schrecklicher Albtraum, der uns umbringt?�</p><p>Zuerst sagte sie nichts, dann rollte langsam eine Tr�ne ihre Wange hinab.</p><p>�Du meinst, du h�ttest mich geheiratet?�</p><p>Bond nickte.</p><p>�Oh mein Gott�, sagte sie. �Mein Gott.� Sie drehte sich zu ihm, klammerte sich an ihn und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.</p><p>Er hielt sie fest an sich gedr�ckt. �Erz�hl es mir, meine Liebste�, bat er. �Erz�hl mir, was dich qu�lt.�</p><p>Ihr Schluchzen wurde leiser.</p><p>�Lass mich kurz allein�, bat sie, und ihrer Stimme haftete ein neuer Tonfall an. Ein Tonfall der Resignation. �Lass mich ein wenig nachdenken.� Sie k�sste sein Gesicht und hielt es zwischen ihren H�nden. Sie sah ihn voller Sehnsucht an. �Liebling, ich versuche, das zu tun, was f�r uns am besten ist. Bitte glaube mir. Aber es ist schrecklich. Ich bin in einer schrecklichen �� Sie weinte wieder und klammerte sich an ihn wie ein Kind, das Albtr�ume hat.</p><p>Er tr�stete sie, streichelte ihr �ber das lange schwarze Haar und k�sste sie sanft.</p><p>�Geh jetzt�, sagte sie. �Ich brauche Zeit zum Nachdenken. Wir m�ssen etwas unternehmen.�</p><p>Er zog sein Taschentuch hervor und trocknete damit ihre Augen.</p><p>Sie brachte ihn zur T�r und dort hielten sie sich eine Weile lang ganz fest. Dann k�sste er sie erneut, und sie schloss die T�r hinter ihm.</p><p>An diesem Abend kehrte ein Gro�teil der Fr�hlichkeit und Intimit�t ihrer ersten Nacht zur�ck. Sie war aufgeregt, und ihr Lachen klang manchmal spr�de, doch Bond war fest entschlossen, sich ihrer neuen Stimmung anzuschlie�en, und erst gegen Ende des Abendessens machte er eine beil�ufige Bemerkung, die sie innehalten lie�.</p><p>Sie legte ihre H�nde auf seine.</p><p>�Sprich jetzt nicht dar�ber�, sagte sie. �Vergiss es f�r den Moment. Das ist alles vorbei. Ich erz�hle dir morgen fr�h davon.�</p><p>Sie sah ihn an, und pl�tzlich f�llten sich ihre Augen mit Tr�nen. Sie nahm ein Taschentuch aus ihrer Tasche und tupfte sie weg.</p><p>�Gib mir noch etwas Champagner�, sagte sie. Sie lachte seltsam. �Ich will viel mehr. Du trinkst sehr viel mehr als ich. Das ist nicht fair.�</p><p>Sie sa�en und tranken, bis die Flasche leer war. Dann stand sie auf. Sie stie� gegen ihren Stuhl und kicherte.</p><p>�Ich glaube, ich bin betrunken�, sagte sie. �Wie skandal�s. Bitte, James, sch�m dich nicht f�r mich. Ich wollte doch so gerne fr�hlich sein. Und jetzt bin ich fr�hlich.�</p><p>Sie stellte sich hinter ihn und fuhr mit ihren Fingern durch sein schwarzes Haar.</p><p>�Komm schnell nach oben�, sagte sie. �Ich will dich heute Nacht so sehr.�</p><p>Sie warf ihm eine Kusshand zu und verschwand.</p><p>Zwei Stunden lang liebten sie sich langsam und voll gl�cklicher Leidenschaft. Es war ein Zustand, von dem Bond noch am Tag zuvor gedacht hatte, dass sie ihn nie wieder erreichen w�rden. Die Mauern der Unsicherheit und des Misstrauens schienen verschwunden zu sein, und die Worte, die sie einander zuraunten, waren wieder unschuldig und wahr, und es gab keinen Schatten zwischen ihnen.</p><p>�Du musst jetzt gehen�, sagte Vesper, nachdem Bond eine Weile lang in ihren Armen geschlafen hatte.</p><p>Als ob sie ihre Worte zur�cknehmen wollte, hielt sie ihn gleich darauf fester, murmelte ihm Z�rtlichkeiten zu und presste ihren K�rper an seinen.</p><p>Als er schlie�lich aufstand und sich vorbeugte, um ihr das Haar zur�ckzustreichen und ihre Lider und ihren Mund zum Abschied zu k�ssen, schaltete sie das Licht an.</p><p>�Sieh mich an�, sagte sie, �und lass mich dich anschauen.�</p><p>Er kniete sich neben sie.</p><p>Sie betrachtete jeden Zug seines Gesichts, als ob sie ihn zum ersten Mal sehen w�rde. Dann legte sie ihren Arm um seinen Hals. In ihren tiefblauen Augen schimmerten Tr�nen. Sie zog seinen Kopf langsam zu sich heran und k�sste z�rtlich seine Lippen. Dann lie� sie ihn gehen und schaltete das Licht aus.</p><p>�Gute Nacht, mein Liebster�, sagte sie.</p><p>Bond beugte sich vor und k�sste sie noch einmal. Er konnte die Tr�nen auf ihren Wangen schmecken.</p><p>Er ging zur T�r und schaute zur�ck.</p><p>�Schlaf gut, mein Liebling�, sagte er. �Mach dir keine Sorgen, jetzt ist alles gut.�</p><p>Leise schloss er die T�r und ging �bergl�cklich in sein Zimmer.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#30"/></p><p><strong>DAS BLUTENDE HERZ</strong></p><p>Der <emphasis>patron</emphasis> brachte ihm den Brief am n�chsten Morgen.</p><p>Er st�rzte in Bonds Zimmer und hielt ihm den Umschlag hin, als st�nde er in Flammen.</p><p>�Es hat einen schrecklichen Unfall gegeben. Madame ��</p><p>Bond sprang aus dem Bett und lief durchs Badezimmer, doch die Durchgangst�r war verschlossen. Er st�rmte zur�ck, lief durch sein Zimmer und dann den Flur entlang, vorbei an einem zur�ckweichenden, erschrockenen Zimmerm�dchen.</p><p>Vespers T�r stand offen. Das Sonnenlicht str�mte durch die Fensterl�den in den Raum. Nur ihr schwarzes Haar lugte unter der Bettdecke hervor, der Rest ihres K�rpers lag kerzengerade darunter wie eine steinerne Statue auf einem Grab.</p><p>Bond fiel neben ihr auf die Knie und zog die Decke weg.</p><p>Sie schlief. Es musste so sein. Ihre Augen waren geschlossen. In ihrem sch�nen Gesicht war keine Ver�nderung zu erkennen. Sie sah genauso aus wie immer und doch, und doch war sie so still, bewegte sich nicht, hatte keinen Puls, atmete nicht. Das war es. Sie atmete nicht.</p><p>Nach einer Weile kam der <emphasis>patron</emphasis> zu ihm und ber�hrte seine Schulter. Er deutete auf das leere Glas auf dem Tisch neben ihr. Auf dem Boden des Glases befanden sich wei�e R�ckst�nde. Es stand neben ihrem Buch und ihren Zigaretten und Streichh�lzern und dem kleinen armseligen H�ufchen, das ihr Spiegel, ihr Lippenstift und ihr Taschentuch bildeten. Und auf dem Boden stand das leere Fl�schchen Schlaftabletten, eben jene Tabletten, die Bond am ersten Abend im Badezimmer gesehen hatte.</p><p>Bond stand auf und sch�ttelte sich. Der <emphasis>patron</emphasis> hielt ihm den Brief hin. Er nahm ihn entgegen.</p><p>�Bitte benachrichtigen Sie den Commissaire�, sagte Bond. �Ich werde in meinem Zimmer sein, falls er mich zu sprechen w�nscht.�</p><p>Er ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.</p><p>Er setzte sich auf die Kante seines Betts und starrte aus dem Fenster auf das friedliche Meer hinaus. Dann sah er mit leerem Blick auf den Umschlag. Darauf stand in gro�er runder Handschrift einfach nur �<emphasis>Pour Lui</emphasis>�.</p><p>Bond kam der Gedanke, dass sie die Anweisung hinterlassen haben musste, fr�h geweckt zu werden, damit nicht er derjenige sein w�rde, der sie fand.</p><p>Er drehte den Umschlag um. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie ihn mit ihrer warmen Zunge versiegelt.</p><p>Er sch�ttelte den Gedanken ab und �ffnete den Umschlag.</p><p>Der Brief war nicht lang. Nach den ersten paar Worten las er ihn schnell und atmete dabei schwer durch die Nase.</p><p>Dann warf er ihn aufs Bett, als ob es sich um einen giftigen Skorpion handeln w�rde.</p><empty-line/><p>Mein liebster James [so begann der Brief],</p><p>ich liebe dich von ganzem Herzen, und w�hrend du diese Worte liest, hoffe ich, dass du mich immer noch liebst, denn nun, mit diesen Worten, erfolgt der letzte Moment, in dem unsere Liebe noch bestehen wird. Sag Lebewohl, mein Liebster, solange wir uns noch lieben. Lebewohl, mein Liebling.</p><p>Ich bin eine Agentin des MWD. Ja, ich bin eine Doppelagentin f�r die Russen. Ich bin ein Jahr nach dem Krieg �bergelaufen und habe seitdem f�r sie gearbeitet. Ich war in einen Polen bei der RAF verliebt. Bis ich dich traf, liebte ich ihn immer noch. Du kannst herausfinden, wer er war. Er hatte zwei Kriegsverdienstorden, und nach dem Krieg wurde er von M ausgebildet und nach Polen zur�ckgeschickt. Sie nahmen ihn gefangen und folterten ihn, wodurch sie eine Menge erfuhren, auch �ber mich. Sie fanden mich und sagten, er k�nne leben, wenn ich f�r sie arbeiten w�rde. Er wusste nichts davon, doch er durfte mir schreiben. Die Briefe kamen immer am f�nfzehnten jeden Monats an. Ich konnte einfach nicht anders. Ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass eines Tages kein Brief mehr kommen w�rde. Das h�tte bedeutet, dass sie ihn get�tet h�tten. Ich versuchte, ihnen so wenig wie m�glich zu geben. Das musst du mir glauben. Und dann kamst du. Ich verriet ihnen, dass du den Auftrag in Royale bekommen hattest, welche Tarnidentit�t du benutzen w�rdest und so weiter. Deswegen wussten sie bereits vor deiner Ankunft von dir und hatten Zeit, die Mikrofone zu installieren. Sie verd�chtigten Le Chiffre, aber sie wussten nicht, wie dein Auftrag lautete, sondern nur, dass er etwas mit ihm zu tun hatte. Das habe ich ihnen verraten.</p><p>Dann trug man mir auf, mich im Casino nicht hinter dich zu stellen und daf�r zu sorgen, dass Mathis und Leiter es ebenfalls nicht taten. Deswegen gelang es Le Chiffres Mann beinahe, dich zu t�ten. Dann musste ich die Entf�hrung inszenieren. Du wirst dich sicher gefragt haben, warum ich im Nachtclub so still war. Sie haben mir nichts angetan, weil ich f�r das MWD arbeite.</p><p>Doch als ich herausfand, was dir angetan wurde, auch wenn Le Chiffre derjenige war, der es tat, und er sich sp�ter als Verr�ter erwies, beschloss ich, dass ich so nicht weitermachen konnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits in dich verliebt. Sie wollten, dass ich ihnen Informationen von dir beschaffte, w�hrend du dich von deinen Verletzungen erholtest, doch ich weigerte mich. Ich bekam von Paris aus Anweisungen. Ich musste zweimal t�glich eine Nummer im Quartier des Invalides anrufen. Sie drohten mir, und schlie�lich bekam ich keine Anweisungen mehr, und ich wusste, dass mein Liebhaber in Polen sterben musste. Doch sie bef�rchteten wohl, dass ich reden w�rde, denn ich erhielt eine letzte Warnung, dass SMERSCH mich holen w�rde, wenn ich nicht gehorchte. Ich k�mmerte mich nicht darum. Ich war in dich verliebt. Dann sah ich den Mann mit der schwarzen Augenklappe im Splendide und fand heraus, dass er sich �ber mich erkundigt hatte. Das war an dem Tag, bevor wir herkamen. Ich hoffte, ihn absch�tteln zu k�nnen. Ich beschloss, mich auf eine Aff�re mit dir einzulassen und von Le Havre aus nach S�dafrika zu fliehen. Ich hoffte, ein Kind von dir zu bekommen und irgendwo ganz neu anfangen zu k�nnen. Doch sie folgten uns. Man kann ihnen nicht entkommen.</p><p>Ich wusste, dass es das Ende unserer Liebe sein w�rde, wenn ich es dir erz�hlen w�rde. Mir war klar, dass ich entweder darauf warten konnte, von SMERSCH umgebracht zu werden, wobei du vielleicht ebenfalls zu Tode kommen w�rdest, oder ich konnte mich selbst umbringen.</p><p>So ist es, mein Liebster. Du kannst mich nicht daran hindern, dich so zu nennen oder zu sagen, dass ich dich liebe. Das und die Erinnerungen an dich nehme ich mit mir.</p><p>Ich kann dir nicht viel sagen, was dir helfen wird. Die Pariser Nummer war Quartier des Invalides 55200. Ich habe nie jemanden von ihnen in London getroffen. Alles wurde �ber eine Kontaktadresse geregelt, ein Zeitungsgesch�ft am Charing Cross Place 450.</p><p>Bei unserem ersten gemeinsamen Abendessen hast du �ber diesen Mann in Jugoslawien gesprochen, der des Verrats angeklagt wurde. Er sagte: �Ich wurde vom Sturm der Welt fortgetragen.� Das ist meine einzige Entschuldigung. Das, und meine Liebe f�r den Mann, dessen Leben ich zu retten versuchte.</p><p>Es ist sp�t und ich bin m�de, und du bist direkt hinter dieser T�r. Aber ich muss tapfer sein. Du k�nntest mein Leben vielleicht retten, aber ich k�nnte es nicht ertragen, dir in die Augen zu sehen.</p><p>Mein Liebster, mein Liebster.</p><p>V.</p><empty-line/><p>Bond warf den Brief zu Boden. Automatisch rieb er seine Finger aneinander. Pl�tzlich schlug er sich mit geballten F�usten gegen die Schl�fen und stand auf. Einen Augenblick lang schaute er auf das ruhige Meer hinaus, dann fluchte er laut und heftig.</p><p>Seine Augen waren feucht, und er wischte sie trocken.</p><p>Er zog sich ein Hemd und eine Hose an, ging mit steinharter Miene nach unten und begab sich in die Telefonzelle.</p><p>W�hrend er nach London durchgestellt wurde, ging er noch einmal in Ruhe die Fakten aus Vespers Brief durch. Alles passte zusammen. Die kleinen Schatten und Fragezeichen der vergangenen vier Wochen, die sein Instinkt bemerkt, sein Verstand jedoch verdr�ngt hatte, sie alle standen nun vor ihm wie Signalschilder.</p><p>Er sah sie nun nur noch als Spionin. Ihre Liebe und seine Trauer wurden in die Abstellkammer seines Geistes verbannt. Sp�ter w�rde er sie vielleicht wieder hervorholen, sie leidenschaftslos untersuchen und sie dann verbittert zu dem anderen sentimentalen Ballast zur�ckstecken, den er lieber vergessen wollte. Momentan konnte er nur an ihren Verrat am Geheimdienst und an ihrem Land denken � und an den Schaden, den sie damit angerichtet hatte. Sein professioneller Verstand war voll und ganz mit den Folgen besch�ftigt � die Tarnungen, die im Laufe der Jahre aufgeflogen sein mussten, die Codes, die der Feind geknackt haben musste, die Geheimnisse, die aus der Zentrale genau jener Abteilung nach drau�en gesickert sein mussten, die sich der Infiltrierung der Sowjetunion verschrieben hatte.</p><p>Es war entsetzlich. Gott allein wusste, wie dieses Durcheinander wieder in Ordnung gebracht werden konnte.</p><p>Er knirschte mit den Z�hnen. Pl�tzlich kamen ihm Mathis� Worte wieder in den Sinn: �Es gibt eine Menge b�ser Zielpersonen auf dieser Welt.� Zuvor hatte er gesagt: �Und was ist mit SMERSCH? Ich kann Ihnen versichern, dass mir die Vorstellung, dass diese Kerle durch Frankreich laufen und jeden umbringen, den sie als Verr�ter an ihrem kostbaren politischen System betrachten, ganz und gar nicht gef�llt.�</p><p>Wie schnell Mathis recht bekommen hatte und wie schnell ihm seine eigenen kleinen Spitzfindigkeiten um die Ohren geflogen waren!</p><p>W�hrend Bond �ber die Jahre Cowboy und Indianer gespielt hatte (ja, Le Chiffres Beschreibung war absolut zutreffend), hatte der wahre Feind im Geheimen gearbeitet, kaltbl�tig, ohne Heldentaten, direkt vor seiner Nase.</p><p>Pl�tzlich sah er im Geiste Vesper vor sich, die mit Dokumenten in der Hand einen Flur entlangging. Auf einem Tablett. Sie bekamen die Informationen ganz einfach auf einem Tablett serviert, w�hrend sich der tolle Geheimagent mit der Doppelnullnummer in der Weltgeschichte herumtrieb � und Cowboy und Indianer spielte.</p><p>Seine Fingern�gel gruben sich in seine Handfl�chen, und er begann vor Scham zu schwitzen.</p><p>Nun, es war noch nicht zu sp�t. Er hatte ein Ziel, das zum Greifen nah war. Er w�rde sich SMERSCH vornehmen und sie zur Strecke bringen. Ohne SMERSCH, ohne diese kalte Waffe des Todes und der Rache, w�re das MWD nur ein weiterer Haufen aus Beamtenspionen, der nicht besser oder schlechter als einer der westlichen Geheimdienste war.</p><p>SMERSCH war der Antrieb. Sei loyal, spioniere gut, oder du stirbst. Du wirst unvermeidlich und ohne Frage gejagt und get�tet.</p><p>So war es bei der ganzen russischen Maschinerie. Angst war ihr Antrieb. F�r sie war es stets sicherer, anzugreifen, als den R�ckzug anzutreten. Greife den Feind an, und die Kugel k�nnte dich verfehlen. Tritt den R�ckzug an, weiche aus, begehe Verrat, und die Kugel wird dich niemals verfehlen.</p><p>Doch nun w�rde er den Arm angreifen, der die Peitsche und die Pistole hielt. Das Spionagegesch�ft w�rde er den B�rohengsten �berlassen. Sollten die doch spionieren und die Spione fangen. Er w�rde sich der Bedrohung hinter den Spionen widmen, der Bedrohung, die sie zum Spionieren zwang.</p><p>Das Telefon klingelte, und Bond nahm den H�rer ab.</p><p>�Die Verbindung� war dran, der Au�enkontaktoffizier, der der einzige Mann in London war, den er aus dem Ausland anrufen durfte. Und auch nur dann, wenn ihm keine andere Wahl blieb.</p><p>�Hier spricht 007. Dies ist eine offene Leitung. Es handelt sich um einen Notfall. K�nnen Sie mich h�ren? Geben Sie folgende Information sofort weiter: 3030 war eine Doppelagentin, die f�r die Roten gearbeitet hat.</p><p>Ja, verdammt, ich sagte �war�. Das Mistst�ck ist tot.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>James Bond kehrt zur�ck in</strong></p><p><strong>LEBEN UND STERBEN LASSEN</strong></p></section></body><binary id="cover" 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