<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>adv_history</genre><author><first-name>Rena</first-name><last-name>Monte</last-name></author><book-title>Der Fluch der Templer</book-title><annotation><p>M�rz 1314: Auf einem Scheiterhaufen in Paris sterben die f�hrenden K�pfe des einst m�chtigen und einflussreichen Ordens der Tempelritter. In der Minute ihres Todes verfluchen sie den franz�sischen K�nig und den Papst, denn beide haben die stolzen Ritter aus Geldgier �chten, verfolgen und vernichten lassen. Einer der wenigen �berlebenden Tempelritter, der schottische Henri de Roslin, will mit seinen Freunden den Fluch der Templer erf�llen.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Tempelritter" number="1"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-04-30">30.04.2013</date><id>1627D2DD-AD9E-42A0-9E93-218361A8BE1A</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2003</year></publish-info></description><body><section><empty-line/></section><section><title><p><strong>1</strong></p><p><strong>18. M�rz 1314</strong></p></title><p>Es war berstend voll auf dem Platz auf der Pariser Seine-Insel. Die Neugierigen und Schaulustigen dr�ngten sich, schubsten sich, schoben sich vor und wollten die besten Pl�tze erhaschen. Vorne, f�r Henri kaum mehr als eine graue Silhouette in der Ferne, standen die Scheiterhaufen f�r Jacques de Molay und Geoffrey de Charney � den Gro�meister des Templerordens und den Pr�zeptor der Normandie.</p><p>Die Leute wollten sie brennen sehen. Zu ungeheuerlich war es, was in den letzten Monaten �ber die strahlendsten Ritter der Christenheit bekannt geworden war. Wohl hatten die verstockten Ketzer schweigen wollen, doch die Folterknechte des franz�sischen K�nigs hatten es verstanden, ihre Zungen zu l�sen: Das Haupt Muhammads hatten sie angebetet, ihr Keuschheitsgel�bde gebrochen, indem Bruder bei Bruder gelegen war, den Hintern hatten sie sich gek�sst!</p><p>Henri sah auf die stinkende Meute, die gierig darauf war, zwei der gro�artigsten M�nner der Welt brennen zu sehen. Henri wusste es besser: Als er vor vielen Jahren sein Heim in Roslin in Schottland verlassen hatte, war er ein Mitglied des Ordens geworden, hatte hart studiert, um Lesen und Schreiben zu lernen und die vertrackte Grammatik des Lateinischen, hatte im Auftrag des Ordens Raubgesindel von den Stra�en ferngehalten und die Sarazenen vom Heiligen Grab in Jerusalem, bis Jacques de Molay auf ihn aufmerksam geworden war und ihn zum Verwalter des Templerverm�gens bestellt hatte. Henri wusste, dass jeder einzelne der wirren Vorw�rfe des K�nigs Erfindung waren, dass die edlen Ritter trotz gr��ter Tortur nicht gestanden hatten. Er wusste, dass der Mob w�tete, weil er belogen worden war.</p><p>Und er wusste, dass er den Gro�meister retten musste.</p><p>Ein fetter Bauer mit wildem Bart stie� ihn von hinten, wollte ihn zur Seite dr�ngen.</p><p>�Lass mich mal vor, junger Mann�, sagte der Kerl, oder besser, er schrie es, um den tosenden L�rm der Menge zu �bert�nen, �ich will die Teufel braten sehen.�</p><p>Henri w�rgte. Es nutzte nichts, sich mit dem T�lpel anzulegen. Ein Hieb mit seiner Faust, und der Bauer h�tte am Boden gelegen, zerschmettert und tot. Niemand h�tte es bemerkt in der Menge, und man w�re von einem Unfall ausgegangen, h�tte man ihn sp�ter entdeckt. Aber was konnte der Bauer daf�r, dass er die L�gen des Staates geschluckt hatte? Die wahren Schuldigen waren andere.</p><p>Er nahm den Mann und wuchtete ihn mit einem Ruck auf seine Schultern.</p><p>�Da�, und er deutete mit seinem Finger auf den franz�sischen K�nig, der mit einem zufriedenen Grinsen auf seinem Thron neben den Scheiterhaufen Platz genommen hatte, �da, mein liebes B�uerlein, da sitzt der wahre Teufel.�</p><p>Und bevor der Mann etwas entgegnen konnte, hatte ihn Henri wieder auf dem Boden abgesetzt und w�hlte sich selbst nach vorn. Er war kein unbekannter Tempelritter gewesen, viele Menschen waren an seinem Bankschalter ein- und ausgegangen, hatten sich Wechsel ausstellen lassen oder Geld getauscht. Jeder Kaufmann in der Menge konnte ihn erkennen und ihn den Beh�rden �bergeben. Denn auf die Zugeh�rigkeit zum Templerorden stand die Todesstrafe.</p><p>Henri hatte gerade ein paar Landfrauen, die mit K�rben voller G�nse zu einer der Trib�nen wollten, die man aufgebaut hatte, m�helos aus dem Weg gewischt, als er ein vertrautes Gesicht entdeckte. Schnell hob er den weiten �rmel seines Wams vor das Gesicht, um nicht erkannt zu werden. Dann musste er lachen.</p><p>�Joshua ben Shimon! Was machst du hier?�</p><p>�Dasselbe wir Ihr, Henri de Roslin. Ich schaue mir an, wie man Engel br�t!�</p><p>�Es ist zu gef�hrlich f�r dich hier, Jude. Jeder kann dich ergreifen und erschlagen. Der K�nig hat alle Juden des Landes verbannt.�</p><p>�Das hat er auch mit den Tempelrittern getan. F�r den K�nig ist jeder ein Ketzer, der etwas Geld gespart hat. Als N�chstes wird er die Kaufleute �chten und ihr Verm�gen konfiszieren!�</p><p>Henri atmete. Schnell packte er den hageren Juden, einen Gelehrten, wie es sonst keinen in Frankreich gab, um ihn in Sicherheit zu bringen.</p><p>�Das ist nett von Euch, Henri�, fl�sterte ihm Joshua zu, �aber ich war es, der hierher kam, um Euch zu suchen.� Er nickte kurz in Richtung eines Bauern, der nur wenige Meter entfernt stand, und Henri bemerkte mit Schrecken, dass es einer der Folterknechte war. Joshua blickte zu Henri auf und wies unauff�llig auf weitere Bauern. Der ganze Platz war voller Soldaten und Mitglieder des k�niglichen Geheimdienstes, die wie einfache M�nner vom Land gekleidet waren, um die letzten Templer aufsp�ren und verhaften zu k�nnen.</p><p>�Ich wei�, Ihr wollt Molay und Charney retten�, sagte Joshua und hielt seinen Mund ganz nahe an Henris Ohr. �Aber Ihr k�nnt Euch gl�cklich sch�tzen, wenn Ihr selbst lebend von hier entkommt.�</p><p>Er nahm Henri bei der Hand, riss ihn durch die Menge, bis ganz am Rande der brodelnden Volksmasse. �Hier geht es in das Haus meines Vetters und von dort in die Hinterh�fe. Wenn uns jemand entdeckt, k�nnen wir schnell entwischen.�</p><p>Jacques de Molay und Geoffrey de Charney standen auf dem Scheiterhaufen, bis auf die Unterw�sche entkleidet. Hinter ihnen ragte die Fassade der Notre Dame empor, Zinnen und Bogen und Spitzen � ein irdisches Gegenbild des ewigen Himmels. Und zu ihren F��en die Haufen der H�lle.</p><p>�Ketzer�, schrie der franz�sische K�nig, und wie auf ein geheimes Signal verstummte das Schreien, Kichern und H�hnen. �Ketzer�, schrie der K�nig und wandte sich an die Gro�meister, �Ihr seid beschuldigt, den Mahomet anzubeten und von der Heiligen Kirche abgefallen zu sein. Ihr habt Gott gel�stert, Sodomie getrieben, den Teufel verehrt und schwarze Magie ver�bt. Dies ist die letzte Gelegenheit, Eure teuflischen S�nden zu bereuen, bevor ich Euch dem Flammentod �berantworte.�</p><p>Die Menge wogte, aber sie verharrte in Stille. Die Worte des K�nigs wurden �ber den Platz getragen und brachen sich an den W�nden der Kathedrale. �Ketzer, Ketzer�, scholl das Echo zu ihm zur�ck.</p><p>Das war �blich bei Verhandlungen gegen Ketzer. Bereuten sie, dann band man sie vom Scheiterhaufen los, brachte sie zur�ck in ihr Verlies, kettete sie an, und sie mussten den Rest ihres Lebens in Einzelhaft verbringen. Aber sie konnten ihr Leben retten.</p><p>Jacques de Molay hob den Kopf. Er lachte den K�nig an. Er lachte ihn aus: �Philipp der Sch�ne! So nennt man dich! Ich sage vor Gott, vor dir und allen hier: Wir haben Gott nicht gel�stert. Wir waren der Kirche treu! Du wei�t es, wir wissen es. Es gibt nur einen Ketzer hier, und das bist du!�</p><p>Die Menge schrie auf. Manche spuckten nach vorn, andere rauften sich die Haare. Und wieder andere, die schon mit den Templern zu tun hatten, riefen: �Lasst sie frei!� Die M�nner des K�nigs hieben mit den breiten Seiten ihrer Schwerter auf die Menschen ein. Es wurde ruhig.</p><p>Vier vermummte Soldaten kamen mit Kesseln voll hei�er Kohlen, die sie auf die F��e der gefesselten Templer sch�tteten. Die beiden M�nner verzogen keine Miene.</p><p>�Bereut Ihr jetzt?�, schrie der K�nig ein weiteres Mal.</p><p>�Vor Gott sind wir unschuldig! Ich widerrufe jedes Gest�ndnis, das ich unter Folter gemacht habe! Lieber will ich sterben, als zu s�ndigen.� Stolz klangen die Worte Geoffreys, und die Menge murmelte verbl�fft.</p><p>Der K�nig handelte schnell, lie� Feuer legen. Nur Sekunden sp�ter z�ngelten die Flammen �ber den ganzen K�rper der beiden M�nner.</p><p>Da gellte ein letzter Schrei � war es Molay, war es Charney? � durch den Qualm und Ru� und das Prasseln der Feuerzungen:</p><p>�In Gottes Namen verfluche ich dich, K�nig Philipp von Frankreich. Elend wirst du verrecken wie eine Sau auf der Schlachtbank, und die Pest auf dich und all deine Nachfahren! Magst du das Blut fressen, das du heute unschuldig vergossen hast!�</p><p>Und Henri wusste endlich, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, welche Aufgabe Gott f�r ihn vorgesehen hatte: Er w�rde Philipp finden, und er w�rde ihn t�ten. Er wollte der Fluch der Templer sein.</p><p>Und Joshua sah zu ihm hoch und nickte ihm zu: �Ich wei�, was du denkst. Und ich werde dir helfen.�</p><p>Als sich die Menge allm�hlich zerstreute, weil der bei�ende Rauch sie vertrieb und sie sich an den Spa�en der Gaukler satt gesehen hatte, waren Henri de Roslin und Joshua ben Shimon l�ngst auf einem Nachen auf der Seine � au�erhalb der Stadt und in Sicherheit.�</p></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><p>Dunkel und tief hingen die Wolken �ber der Wasseroberfl�che, und ein b�iger Wind trieb Nebelfetzen vor sich her. In der Ferne verzog sich langsam der Rauch des verglimmenden Scheiterhaufens.</p><p>Joshua ben Shimon beobachtete besorgt die morschen Fu�planken des Kahns. Langsam und stetig quoll Wasser durch die Ritzen. �Weit werden wir in diesem alten Nachen nicht mehr kommen.�</p><p>Aber mit kr�ftigen Schl�gen handhabte Henri die Ruder und lenkte das Boot aus der Str�mung zum seichten Ufer. Knirschend lief der Kahn auf den kiesigen Boden.</p><p>�Sei unbesorgt!�, beruhigte Henri seinen Gef�hrten. �Hier in der N�he befindet sich das Geh�ft eines ehemaligen Templers. Er geh�rte zu den dienenden Br�dern und war in den St�llen t�tig. Ohne Bedenken habe ich bei ihm mein Pferd und die Waffen hinterlassen, ehe ich nach Paris aufbrach.�</p><p>Joshua dachte an das Schicksal vieler anderer Templer. �Vielleicht ist auch er ein Opfer der k�niglichen Schergen geworden, und man hat ihn verhaftet.�</p><p>�Wohl kaum�, erwiderte Henri hoffnungsvoll. �Denn der alte Mann ist arm wie eine Kirchenmaus, und f�r Philipp gibt es auf dem �rmlichen Hof keine Reicht�mer zu holen.�</p><p>Sie durchquerten eine sumpfige Wiese und ein Erlenw�ldchen. Unter den dichten Zweigen war das armselige Geh�ft fast nicht zu sehen. Es wirkte verlassen. Der Kettenhund verhielt sich still. Erst als sie n�her kamen, entdeckten sie, dass er tot, offenbar erschlagen worden war. Kein Hahn kr�hte, kein Huhn gackerte.</p><p>Henri �ffnete die Stallt�r, die lose in den Angeln hing. �Gaston, Henri de Roslin ist hier. Dir droht keine Gefahr!�</p><p>Es raschelte im Heu. Ein Gesicht lugte vorsichtig durch die h�lzernen Sparren des Heubodens. �Von unserem Leben seht ihr nur die �u�ere Schale�, fl�sterte eine heisere Stimme von oben herab.</p><p>�Doch seht ihr nicht die ungeheure Kraft im Kern�, erwiderte Henri laut und deutlich. Nur eingeweihte Tempelbr�der kannten diese Worte, mit denen sie sich gegenseitig zu erkennen gaben.</p><p>Erst jetzt kletterte ein alter Mann die Leiter herab. Mit schwankenden Schritten humpelte er auf Henri zu. �Dem Himmel sei Dank, dass ich dich lebend wieder sehe!�</p><p>Entsetzt betrachtete Henri das Gesicht des Alten. Sein linkes Auge war zugeschwollen, die Wimpern versengt, die Wangen blutunterlaufen und die Ohren eingerissen. �Was hat man mit dir gemacht, mein armer Gaston?�</p><p>�Die Schergen des K�nigs w�teten im Hof und zerbrachen die Eingangst�r�, gab der geschundene Bauer mit heiserer Stimme Auskunft. �Sie waren �berzeugt, dass ich Geld versteckt hielt. Darum wollten sie mich mit Schl�gen zum Reden bringen.�</p><p>�Diese Bestien!�, schrie Henri fast au�er sich vor Wut. �Wir kommen soeben aus Paris. Sie haben unsere Gro�meister Jacques de Molay und Geoffrey de Charney auf dem Platz vor der Kathedrale �ffentlich verbrannt. Niemals werde ich ihren letzten Schrei vergessen. Sie haben K�nig Philipp und den Papst verflucht. Ich aber werde diesen grauenvollen Fluch erf�llen!� Wie ein Gel�bnis sprach er die n�chsten Worte: �Ich werde nicht eher ruhen, bis ich den Tod meiner Br�der ger�cht und den verbrecherischen K�nig get�tet habe.�</p><p>Gaston wiegte seinen Kopf hin und her. �Begib dich nicht in Gefahr, Henri!�, sagte er leise. �Ich habe dein Pferd und deine Waffen in einer H�tte oben auf dem H�gel in Sicherheit gebracht. Ohne Aufenthalt m�sst ihr weiterreiten! Denn noch immer streifen die Schergen des K�nigs am Seineufer entlang.�</p><p>Henri deutete auf seinen Begleiter. �Joshua ben Shimon ist ein j�discher Gelehrter, der ebenso gef�hrdet ist wie ich auch. Aber er braucht einen Tag Ruhe.�</p><p>Gaston betrachtete den hageren kleinen Mann von Kopf bis Fu�. �Er sieht allerdings nicht sehr kr�ftig aus. Aber ich rate euch trotzdem, keinen Augenblick mehr zu z�gern.� Er pfiff auf den Fingern, und auf der Leiter erschien mit �ngstlichen Blicken eine Frau in zerfetzten Kleidern. �Meine Magd ist v�llig verst�rt, denn sie hat Schlimmes erdulden m�ssen.�</p><p>Die Frau duckte sich, als sie die fremden M�nner sah. Aber Gaston legte ihr die Hand auf die Schulter. �Die beiden sind Freunde. Bereite ihnen eine hei�e Milchsuppe, und sicherlich haben wir auch noch ein St�ck Brot im Haus!�</p><p>Ohne auf den Protest der beiden zu achten, ging er ihnen voraus dem H�gel zu.</p><p>Anscheinend hatte Gaston f�r das Pferd gut gesorgt. Der edle Kastilier schnaubte leise, bl�hte die N�stern und scharrte mit den Hufen, als die drei die H�tte betraten. Fell und N�stern gl�nzten sogar im D�mmerlicht der H�tte. Ger�hrt wollte Henri seinen Ordensbruder umarmen, aber Gaston b�ckte sich, w�hlte im Stroh und brachte nacheinander Helm, Schild, Schwert und Lanze zum Vorschein. �F�r den Gelehrten habe ich ein Pferd, wenn auch kein edles, sondern nur einen alten Falben. Du wirst den Gelehrten sch�tzen m�ssen, denn Waffen habe ich nicht f�r ihn.�</p><p>�Joshua wird sich immer auf mich verlassen k�nnen�, versprach Henri. �Wir sind Gef�hrten und demselben Auftrag verpflichtet.�</p><p>Nach der K�lte des Flusses l�ffelten die Fl�chtlinge dankbar die hei�e Suppe. Beim Abschied griff Henri in seine Satteltasche, in der er vor seinem Aufbruch betr�chtliche Summen versteckt hatte. Es fehlte nicht ein einziger Sous. Er dr�ckte dem widerstrebenden Gaston einige Goldm�nzen in die Hand und schwang sich in den Sattel, ehe der Bauer sich umst�ndlich bedanken konnte.</p><p>Sie waren schon ein gutes St�ck auf einem schmalen Waldpfad landeinw�rts geritten, ehe Joshua endlich einige Worte sprach. �Wir m�ssen nach Bordeaux, das noch unter der Herrschaft der englischen Krone steht. Dort werden wir f�rs Erste in Sicherheit sein, und Ihr� du� wirst wohl Landsleute finden, deren Sprache du kennst.�</p><p>Wie alle Ritter sprach Henri Franz�sisch, wenn auch mit Akzent, aber als Schotte beherrschte er auch das Englisch der einfachen Leute.</p><p>�Da steht uns aber ein weiter Ritt bevor�, gab Henri zu bedenken. �Warum gerade bis nach Bordeaux?�</p><p>�Weil seit dem Pariser Frieden das Gebiet der englischen Krone bis auf den K�stenstreifen zwischen Bordeaux und Bayonne zusammengeschrumpft ist.�</p><p>�Du und deine Gelehrsamkeit!�, sagte Henri lachend. �Aber ich habe auch etwas Wichtiges vorzuweisen: n�mlich eine Landkarte, die uns den Weg zeigen wird.�</p><p>Joshua l�chelte und schwieg. Aber Henri hatte ihn auch ohne Worte verstanden. �Ja, ich wei�, was du einwenden m�chtest. Wenn es finster ist, kann man keine Karten lesen. Wir m�ssen den Sternbildern folgen, um den Weg nach S�den zu finden.�</p><p>Gegen Abend, als sich schon die D�mmerung �ber den Wald legte, begann der Falbe zu lahmen. Joshua lie� sich aus dem Sattel gleiten und betrachtete die Sprunggelenke seines Reittiers. �Ich werde das Pferd f�hren m�ssen. Es ist besser, wenn du allein weiterreitest, um keine Zeit zu verlieren.�</p><p>Henri sch�ttelte energisch den Kopf. �Wir sind Gef�hrten und werden uns nicht trennen, ehe wir beide in Sicherheit sind. Allerdings ist es nicht ratsam, hier im Dickicht die Nacht zu verbringen. Vielleicht streifen W�lfe und B�ren umher.� Er zog die Landkarte aus der Satteltasche und wies mit dem Finger auf einen kleinen Punkt. �An dieser Stelle m�ssten wir uns ungef�hr befinden. Ganz in der N�he scheint es einen kleinen Weiler zu geben. Da muss es doch m�glich sein, in einem Geh�ft Unterkunft zu finden, wo wir �ber Nacht dem Pferd k�hlende Umschl�ge anlegen k�nnen.�</p><p>Er griff nach den Z�geln des Kastiliers und leitete sein Pferd �ber einen Pfad, der sich langsam verbreiterte und abw�rts f�hrte. Noch ehe die Dunkelheit ihnen die Sicht nahm, entdeckten sie unten im Tal einige strohgedeckte Geb�ude. Henri blieb stehen und horchte aufmerksam in die Stille. �Wenn die Schergen des K�nigs bis in diese Einsamkeit vorgedrungen w�ren, g�be es dort unten Schreie und Kommandorufe. Ich glaube, dass wir den Abstieg wagen und uns sehen lassen k�nnen.�</p><p>Kraftvoll schwang er sich in den Sattel, hielt die Lanze griffbereit und ritt voran. Aber obwohl sie im ersten Geh�ft ihre Bitte um Unterkunft h�flich vorbrachten, wurden sie barsch abgefertigt. �Schert euch weg, oder ich werde den Kettenhund freilassen. Wir dulden in unserem Dorf keine Landstreicher und Wegelagerer.�</p><p>Henri fuhr sich durch das zerzauste Haar, strich sich �ber den struppigen Bart und betrachtete die dornen-zerrissene Kleidung seines Gef�hrten. Er war dem Bauern nicht gram. Sehr vertrauenerweckend sahen sie nicht aus.</p><p>Am Ende des Ortes fanden sie eine B�uerin beim abendlichen Melken im Stall. Diesmal hatte Henri Vorsorge getroffen. Auf der ausgestreckten Hand hielt er der Frau einige M�nzen hin. Sie hatte den Kopf gesch�ttelt, als Henri um Unterkunft gebeten hatte, grapschte aber jetzt nach den M�nzen und lie� sie in ihrer Sch�rzentasche verschwinden. �Ihr k�nnt die Nacht hier im Stroh verbringen.�</p><p>�Mit wem sprichst du da?�, ert�nte eine raue Stimme aus der K�che. Die B�uerin sprang so schnell auf, dass sie beinahe den Milcheimer umgesto�en h�tte. Sie eilte in die K�che und fl�sterte ihrem Mann etwas zu, was Henri und Joshua nicht verstehen konnten. Deutlich aber h�rten sie ein paar klatschende Schl�ge und das Jammergeschrei der Frau.</p><p>Bevor der Bauer den Stall betrat, hatte Henri seinem Lederbeutel eine gr��ere Summe entnommen. Er konnte die Gier in den Augen des Mannes erkennen, als dieser ohne Dank nach dem Geld griff. Zumindest zeigte er sich gro�m�tig. �Ihr seid sicherlich m�de und hungrig. Versorgt eure Pferde und kommt in die K�che! Wir sind nur arme Bauern, aber wir werden euch an unserem bescheidenen Mahl teilhaben lassen.�</p><p>�Das alles gef�llt mir nicht�, warnte Joshua. �Dieser Mann hat es auf unser Geld abgesehen.�</p><p>Aber Henri machte eine abwehrende Handbewegung. �Die Leute hier sind zwar raffgierig, aber wohl doch auch arm. Warum sollte ich ihnen nicht etwas von meinem Verm�gen abgeben? Ich werde aber Vorsorge treffen, dass sie es nicht durch Diebstahl oder sogar mit Gewalt an sich bringen.�</p><p>Nicht umsonst hatte Jacques de Molay ihn zum Verwalter des Templerverm�gens bestellt. W�hrend dieser T�tigkeit, vor allem beim Geldtausch und Ausstellen von Wechseln, hatte Henri gelernt, immer wachsam und vorsichtig zu sein. Er verstaute den prall gef�llten Lederbeutel unter dem Umhang auf seiner Brust.</p><p>In der K�che duftete es verf�hrerisch nach Hammelfleisch und Auberginen. Trotz ihres Hungers gaben sich die beiden M�he, nicht allzu reichlich zuzulangen. Henri konnte sich bez�hmen. Wie oft war er als J�ngling w�hrend der strengen Erziehung bei den Templern mit Essensentzug bestraft worden! Er betrachtete einen jungen Tischgenossen, der mit tief geneigtem Kopf das Essen in sich hineinschaufelte, aufstand, r�lpste und den Raum verlie�.</p><p>Obwohl der Bauer versuchte, immer wieder ihre Gl�ser mit Wein zu f�llen, hielten sich Henri und Joshua zur�ck. Sein untr�gliches Gesp�r warnte Henri vor einem Hinterhalt. Er gab Joshua ein Zeichen, erhob sich und dankte mit h�flichen Worten f�r die erwiesene Gastfreundschaft. Der Bauer grinste mit einem schiefen L�cheln.</p><p>Aber auch ihre angespannte Wachsamkeit hatte nicht verhindern k�nnen, dass sie in eine Falle geraten waren. Denn bei ihrer R�ckkehr in den Stall erkannten sie sofort, dass sich jemand an ihren B�ndeln zu schaffen gemacht hatte. Der Inhalt lag weit verstreut im Stroh. Aufatmend stellte Henri fest, dass sein Templerhabit, der wei�e Umhang mit dem roten Kreuz, noch vorhanden war. Aber beim Einr�umen entdeckte er, dass sein Buch mit den Ordensregeln fehlte.</p><p>Joshua seufzte erleichtert. �Wie gut, dass du dein Geld bei dir tr�gst. Es ist anzunehmen, dass dieser Bauernknecht nicht lesen kann. Mit den Ordensregeln kann er wohl kaum etwas anfangen. Vielleicht glaubte er, dass hinter den f�r ihn unlesbaren Buchstaben eine geheime Botschaft enthalten sei.�</p><p>Henri sch�ttelte den Kopf. �Wir befinden uns in �u�erster Gefahr. Denn dieser Bursche hat nicht nur die Ordensregeln an sich genommen, sondern auch meine Templertracht gesehen. Er wird davon erz�hlen und das Buch seinem Pfarrherrn zeigen, der doch wohl durchaus lesen kann. Man muss nicht selber lesen k�nnen, um dieses Buch, das mich als Templer entlarvt, als Beweis vorzulegen.�</p><p>Auch Joshua packte eilig sein B�ndel zusammen. �Und was sollen wir jetzt tun?�, fragte er ein wenig ratlos.</p><p>Henri l�ste den Verband von dem Sprunggelenk des Falben und n�sste ihn mit dem Wasser des Stalltroges. �Die Schwellung ist zur�ckgegangen�, stellte er zufrieden fest. �Aber wir m�ssen sofort aufbrechen und versuchen, heimlich den Hof zu verlassen. Wenn es uns gelingt, m�glichst bald den Fluss Dordogne zu erreichen, sind wir gerettet. Der Weg am Flusslauf entlang f�hrt geradewegs nach Bordeaux.�</p><p>Anscheinend hatte der Bauer dem Wein reichlich zugesprochen, denn er lie� sich nicht sehen, obwohl das Klappern der Hufe auf den Steinfliesen des Hofes nicht zu vermeiden war. Schon hatten sie den sch�tzenden Schatten des Waldes erreicht, als sie hinter sich ein verd�chtiges Knacken morscher �ste vernahmen.</p><p>Es gelang ihnen gerade noch, sich umzuwenden, ehe eine dunkle Gestalt hinter den B�umen hervorst�rzte. Im Mondlicht blitzte ein Beil. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Ohne nachzudenken, sprang Henri dem Angreifer entgegen, packte dessen Handgelenk, drehte es herum und brach es mit einem einzigen Zupacken seiner Faust. Mit einem Schrei lie� der Mann das Beil fallen, sank zu Boden und verlor das Bewusstsein.</p><p>Der waffenunge�bte Gelehrte hatte fast bewegungslos dem wirksamen Eingreifen seines Gef�hrten zugesehen. Er wies auf die Lanze. �Warum hast du ihn nicht get�tet?�</p><p>�Weil dieser arme Tropf glaubt, er sei im Recht, wenn er einen Templer t�tet�, antwortete Henri. �Sogar bis in diese Ein�de hier werden die Schauergeschichten gedrungen sein, die man �ber die Templer verbreitet. Wir m�ssen in h�chster Eile von hier verschwinden, ehe dieser Bursche sein Bewusstsein wiedererlangt und wom�glich das ganze Dorf alarmiert.�</p><p>Er nahm sich aber die Zeit, die weiten Taschen des Bauernkittels zu durchsuchen. Mit einem Seufzer der Erleichterung nahm er das Buch mit den Ordensregeln an sich.</p><p>Schneller als erwartet erreichten sie in der Morgend�mmerung das Ufer der Dordogne. Der Fluss blitzte in der aufgehenden Sonne, und anfangs f�rchteten sie, dass es R�stungen sein k�nnten, in denen sich die Sonnenstrahlen brachen. Aber diese Furcht erwies sich zum Gl�ck als grundlos.</p><p>Mit seinem angeborenen Sp�rsinn fand Henri eine Furt, durch die sie gefahrlos ihre Pferde f�hren konnten. Auf der anderen Seite lie�en sie sich ersch�pft auf der Uferb�schung nieder. Ein Hirte weidete dort seine Schafherde, die sich mit dem ersten M�rzgras begn�gen mussten. Der zottige Sch�ferhund bellte, als er die Fremden sah. Aber mit einem scharfen Zuruf wurde er von dem Hirten zur�ckbefohlen. Henri meinte, als er diese Worte h�rte, dies sei eine wundersch�ne Melodie. Denn der Hirte sprach Englisch.</p><p>�Wir sind gerettet!�, rief Henri erleichtert. �Auf nach Bordeaux!�</p><p>Joshua machte jedoch keine Anstalten, sich zu erheben. �Ich m�chte dir etwas vorschlagen�, sagte er mit fester Stimme. �Nicht nur mein Pferd, sondern auch ich brauche nach diesem Gewaltritt eine Verschnaufpause. Lasse den Falben und mich hier ein wenig rasten! Reite du in die Stadt voraus!�</p><p>Henri erhob keine Einw�nde. Seine Schuld, die er in all den zur�ckliegenden Jahren auf sich geladen hatte, lastete schwer auf ihm: als Knappe im Kampf gegen die Muslime und als unnachsichtiger Gegner von R�ubern und Pl�nderern auf den Pilgerstra�en. Zudem hatte er nun den Schwur geleistet, den willf�hrigen Papst Clemens und K�nig Philipp zu t�ten, die das schreckliche Ende seiner Ordensbr�der zu verantworten hatten. Konnte Gott diese Taten und Pl�ne vergeben? Henri wollte so schnell wie m�glich die Kathedrale von Bordeaux erreichen, dort im Gebet um Vergebung bitten und f�r seine Errettung danken. �Lebe wohl, Joshua! Verzeih mir, dass ich dich jetzt verlasse! Aber wir werden uns morgen vor dem Portal der Kathedrale wieder sehen.�</p><p>Es war menschenleer und halbdunkel im Kirchenschiff. Niemand w�rde seine Zwiesprache mit Gott st�ren. Nahe vor dem Altar hatte er sich auf den Knien niedergelassen und sp�rte nicht die K�lte der Steinfliesen. Gewiss hatte man ihn bei den Templern das Beten gelehrt, mehr aber noch das K�mpfen. Seine Mutter hatte ihn in fr�hester Jugend zu den Templern gebracht, wo er sich einer harten Zucht unterwerfen musste. Das einzige Gebet, das ihm jetzt einfiel, war ein Psalm Davids: �Ich will meinen Feinden nachjagen und sie ergreifen und nicht umkehren, bis ich sie umgebracht habe. Ich will sie zerschmettern. Ich will sie zersto�en wie Staub vor dem Winde. Ich will sie wegr�umen wie den Kot von der Stra�e.�</p><p>Immer wieder mussten die Jungen diese Verse aufsagen. Wehe denen, die stockten oder sogar den Text vergessen hatten. Sie wurden unbarmherzig mit Essensund Schlafentzug bestraft.</p><p>Wozu diente ihm jetzt dieser Psalm? Er wollte doch nichts anderes als Gott f�r seine Rettung danken, seine S�nden bereuen und um Vergebung bitten. Aber erst, nachdem er seine Waffen auf den Steinfliesen abgelegt hatte, fand er die richtigen Worte.</p><p>�Herr, ich danke dir daf�r, dass du mich vor den H�schern verborgen und mich wider meine Verfolger besch�tzt hast. Herr, ich erflehe deine Vergebung, denn ich habe ges�ndigt, weil ich im Blutrausch diejenigen, die ich f�r Feinde hielt, niedergemetzelt habe. Vergib mir, Herr, dass ich als Knappe den Befehlen meines Gebieters gehorchte, der sich auf dein Wort berief und mir befahl: Du sollst die Heiden mit einem eisernen Zepter zerschlagen; wie T�pfe sollst du sie zerschmei�en! Herr, vergib mir, dass ich keinen Widerspruch gegen meine Oberen wagte, als die Templer mit der Vertreibung der Juden gro�e Schuld auf sich luden. Herr, vergib meine S�nden und rechne sie meiner damaligen Jugend zu. Herr, ziehe nicht deine sch�tzende Hand von mir! Gew�hre mir deine Hilfe bei der Erf�llung des Fluches der brennenden Templer. Denn ich wei�, Herr, dass du mir diese schwere Aufgabe �bertragen hast, Philipp und Clemens aufzusuchen und sie zu t�ten.�</p><p>Noch niemals hatte Henri so inbr�nstig gebetet. Er erhob sich, verbeugte sich auch noch vor dem Bildnis der Gottesmutter und ging dem Ausgang zu. Aber als er schon das Portal halb ge�ffnet hatte, fiel ihm ein Spruch ein, den jemand ihm, als er im Blutrausch w�tete, zugerufen hatte. �Mein ist die Rache, spricht der Herr.� F�r ihn aber hatte der Fluch der Templer eine un�berbietbare Bedeutung. Er, Henri, w�rde ein Teil der g�ttlichen Rache sein.</p><p>Durch das ge�ffnete Portal flutete das Sonnenlicht, sodass Henri geblendet die Augen schlie�en musste. Erst als er in den Schatten der hohen T�rme trat, sah er Joshua, der ihn zu sich heranwinkte. Sie umarmten einander wie Br�der, die sich f�r immer verbunden f�hlten. Doch der weithin hallende Glockenschlag vom Turm einer Kirche rief sie j�h in die Wirklichkeit zur�ck. Henri breitete auf der Kirchenmauer eine Landkarte aus.</p><p>�Nicht allzu weit von hier, in einer Senke des Bessede-Walds, befindet sich die Zisterzienserabtei Cadouin des Ordensgr�nders Bernhard von Clairvaux. Wir Templer verehren ihn sehr, denn er hat unsere Ordensregeln verfasst.� Henri z�gerte kurz, fuhr dann aber fort: �Man sagt sogar, wir seien die Lieblingskinder Bernhards gewesen. Ich bin sicher, dass der Abt uns Unterschlupf gew�hren wird.�</p><p>�Auch mir, einem Juden?�, �u�erte Joshua seine Zweifel.</p><p>�Ich werde dich als ber�hmten Gelehrten vorstellen, der du ja auch bist�, schlug Henri vor. �Da der Abt ein Freund der Wissenschaften ist, wirst du ihm willkommen sein. Ich f�rchte vielmehr ein anderes Hindernis. Seit nahezu 150 Jahren str�men Pilger nach Cadouin. Ber�hmte M�nner wie Richard L�wenherz und Ludwig der Heilige pilgerten zu der Abtei, weil dort eine Reliquie aufbewahrt wird, n�mlich das Leichentuch Christi. In den kommenden Tagen der Auferstehung des Herrn wird der Pilgerstrom anwachsen. Ich f�rchte, dass einer der Pilger uns erkennen k�nnte.�</p><p>Joshua hatte die letzte Warnung gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Seine Augen leuchteten bei der Vorstellung, er k�nne das Leichentuch Christi in seine Forschungen mit einbeziehen.</p><p>Henri hatte f�r diesen �bereifer durchaus Verst�ndnis. Besch�mt dachte er an die Vertreibung der Juden. Lebten diese nicht st�ndig in der Furcht vor neuen Pogromen? Er versuchte, die Gedankeng�nge seines Freundes nachzuvollziehen. War es nicht wirklich so, dass diese Reliquie als Anlass f�r neue Verfolgungen dienen konnte, falls sie sich als echt erwies?</p><p>Er versp�rte aufrichtige Zuneigung, aber auch Mitleid f�r seinen j�dischen Freund. �Dann wollen wir nicht l�nger z�gern, nach Cadouin zu reiten�, sagte er aufmunternd, nickte Joshua zu und versetzte sein Pferd in einen schnellen Trab.�</p></section><section><title><p><strong>3</strong></p></title><p>Joshua konnte es kaum erwarten, die Zisterzienserabtei m�glichst bald zu erreichen. Es war ihm gar nicht recht, als Henri vom Uferweg der Dordogne abbog und einer bewaldeten H�he zustrebte.</p><p>�Werden wir verfolgt?�, fragte Joshua besorgt.</p><p>�Nein�, beruhigte ihn Henri. �Aber ich m�chte jene Bastiden sehen, von denen ich schon so viel geh�rt habe.� Er wies ins Tal und deutete auf eine Siedlung, die unterhalb einer Burg auf einer strategisch g�nstigen Kuppe entstanden war.</p><p>�Na und?� Der j�dische Gelehrte zeigte keinerlei Interesse.</p><p>Henri wandte sich ihm zu. �Du wei�t doch, dass in den D�rfern t�gliche Raub�berf�lle an der Tagesordnung waren. Darum zeigte sich die Landbev�lkerung h�chst erfreut �ber den Bau solcher Bastiden. Den Bauern war es gleichg�ltig, ob diese befestigten Siedlungen franz�sische oder englische Gr�ndungen waren.�</p><p>Joshua hatte seine eigene Meinung. �Wahrscheinlich mussten die Bauern tief in ihre Gelds�ckel greifen, um diesen Schutz zu bezahlen.�</p><p>�Von irgendwelchen Klagen der Landbev�lkerung habe ich nichts geh�rt�, erwiderte Henri. �Sie schlossen sogar mit dem Grundeigent�mer Vertr�ge ab �ber die Verteilung der Steuer- und Zolleink�nfte.�</p><p>Joshua machte ein gelangweiltes Gesicht und brummte etwas Unverst�ndliches vor sich hin.</p><p>Aber Henri gab zu bedenken, dass man vielleicht noch einmal froh sein werde, in einer der englischen Bastiden Zuflucht zu finden.</p><p>�Vielleicht siehst du diese Bastide mit anderen Augen an, wenn ich dir sage, dass das vor uns liegende Beaumont zu den L�ndereien des Abts von Cadouin geh�rt.�</p><p>Joshua blickte abw�rts auf das wuchtige Gotteshaus, das wohl im Belagerungsfall als Zuflucht gedient haben mochte. �Der Ort scheint aber bei weitem nicht die Bedeutung der Zisterzienserabtei Cadouin zu haben�, meinte er beinahe geringsch�tzig. �Ein Leichentuch Christi gibt es dort wohl kaum.�</p><p>Henri wollte einen Streit vermeiden, zuckte die Achseln und schlug den Weg in die Senke des Waldes ein, wo Dordogne und Couze zusammenflossen.</p><p>Von weitem schon erkannten sie die dreischiffige Halle der Abteikirche, die offensichtlich dem Entsagungsideal des Ordensgr�nders Bernhard von Clairvaux entsprach. Henri wurde feierlich zumute, als er durch das breite Portal den Kreuzgang betrat. Das Spiel von Licht und Schatten und die unheimliche Stille wirkten beinahe mystisch. Joshua sah unsicher um sich.</p><p>Als Henri den Glockenzug in Bewegung setzte, erschrak er �ber den laut t�nenden Einbruch in diese Stille. Leise Schritte wurden h�rbar. Eine Klappe in der h�lzernen T�r wurde ge�ffnet, und ein altes, faltiges Gesicht lugte hervor.</p><p>Henri beugte sich zu der winzigen �ffnung hinab. �Wir bitten darum, bei dem ehrw�rdigen Abt vorgelassen zu werden. Mein Name ist Henri de Roslin, und der Mann an meiner Seite ist ein ber�hmter Gelehrter.�</p><p>Die Luke wurde wieder geschlossen, aber nur f�r kurze Zeit. Drinnen n�herten sich diesmal eilige Schritte. Mit kr�ftigem Schwung wurde die T�r ge�ffnet, und Henri sah sich einem langj�hrigen Freund gegen�ber, dem christlichen Gelehrten Theophil von Speyer.</p><p>�Dich schickt der Himmel!�, rief Henri nach einer st�rmischen Umarmung. Warum sollte er jetzt noch das Judentum seines Freundes Joshua ben Shimon verleugnen? Denn Theophil hatte sich in Speyer als Schutzherr der Juden erwiesen und deshalb so manche Feindschaft auf sich gezogen.</p><p>�Wei�t du noch, als man dich lynchen wollte und wir beide uns an einem unw�rdigen Ort verstecken mussten?�, fragte Henri lachend. Jetzt konnte er sich an die damals so gef�hrliche Situation mit Vergn�gen erinnern.</p><p>Theophil grinste. Anscheinend dachte auch er daran, dass sie in einer Kloake vor ihren Verfolgern Schutz gesucht hatten. Aber er wurde sogleich wieder ernst. �Ich habe deine tatkr�ftige Hilfe niemals vergessen und bin unendlich gl�cklich, dass du der Verhaftungswelle entkommen bist. Aber wer ist dein Gef�hrte? Ist auch er ein Templer?�</p><p>Henri sch�ttelte den Kopf. �Nein, Joshua ist ein j�discher Gelehrter und geh�rt zu meinen besten Freunden. Er muss sich verbergen, genauso wie ich. Aber im Gegensatz zu mir hat er nichts anderes mehr als die Kleidung auf seinem Leib. All seine Habe wurde konfisziert, und Au�enst�nde wurden zugunsten des k�niglichen Schatzes eingetrieben.�</p><p>Henri erinnerte sich an die grauenvollen Erlebnisse in Paris. �Wir fl�chteten gemeinsam aus der Stadt, w�hrend man die Gro�meister des Templerordens auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Ihren letzten Fluch zu erf�llen, den sie Philipp aus den Flammen entgegenschleuderten, ist f�r mich h�chste Pflicht.�</p><p>Theophil von Speyer breitete die Arme aus. �Seid mir willkommen! Auch der Abt wird euch als Fl�chtlinge vor den Schergen Philipps freundlich begr��en und aufnehmen.�</p><p>Er hatte nicht zu viel versprochen. Der Abt, ein Freund der Wissenschaften, lud den christlichen und den j�dischen Gelehrten ein, gemeinsam mit ihm die umfangreiche Bibliothek aufzusuchen. So bl�tterten die drei in den Folianten und verstrickten sich in hitzige Disputationen. Joshua beugte sich �ber die Schriften, seine Brille auf der Nase � eine neue Mode, von der vor allem die Schreiber und K�nstler profitierten.</p><p>Henri lachte �ber den Eifer der drei, vor allem �ber das lustige Gestell mit den Gl�sern, aber nach einer Weile f�hlte er sich ausgeschlossen. Darum beschloss er, nach Bordeaux zu reiten, obwohl ihm die drei Gelehrten dringend von diesem Wagnis abrieten. Der Abt zitierte sogar aus dem 33. Kapitel der Ordensregel: �Keiner soll nach eigenem Willen ausgehen.�</p><p>Henri kannte diese Ordensregel gut und erg�nzte: �Die Oberen befehlen den Rittern eindringlich, dass sie sich nicht herausnehmen sollen, in die Stadt zu gehen, au�er des Nachts zum Heiligen Grab.� Henri wies darauf hin, dass sich dieses Verbot auf Jerusalem bezog, wo die Ungl�ubigen eine Gefahr f�r christliche Ordensritter dargestellt hatten.</p><p>�Aber auch Bordeaux ist f�r dich nicht ungef�hrlich�, warf Theophilus ein, und Joshua nickte. �Jemand k�nnte dich erkennen.�</p><p>Der Abt fuhr fort, aus dem Kapitel zu zitieren, weil er glaubte, dass sich Henri durch die Ordensregeln am ehesten von seinem Ritt nach Bordeaux abhalten lie�e. �Die, die so ausgehen, sollen nicht ohne W�chter, das hei�t, nicht ohne einen Ritter oder Ordensbruder, weder des Tags noch des Nachts es unternehmen, den Weg zu beginnen.�</p><p>Aber Henri lie� sich nicht von seinem Plan abbringen.</p><p>In der Nacht vor seinem Aufbruch hatte es geregnet. Ein heftiger Wind zerrte an den noch kahlen �sten. Das Wasser der Dordogne, lehmig und gelb, w�lzte kleinere Baumst�mme, einzelne Bretter und Bohlen vor sich her. Die mochten wohl von den kleinen �berg�ngen stammen, die sich die Bauern als Zugang zu ihren Geh�ften angelegt hatten. Die Ufer des Flusses waren �bersp�lt, und die rei�ende Str�mung trug nach und nach gro�e Teile der mangelhaften Uferbefestigung mit sich davon. Sprudelnd st�rzte sich der wilde Fluss durch die Felsschluchten. Erst jenseits des harten Vulkangesteins lie� das Gef�lle nach, und der Fluss wurde breiter.</p><p>Henri hatte einen H�henweg gew�hlt und die Orientierung verloren. Er zog seine Landkarte zu Rate und stellte fest, dass er sich n�rdlich der Stadt befand, an einem Punkt, an dem sich die Dordogne mit einem Fluss namens Garonne vereinigte, um dem Meer entgegenzustr�men. Ihm schien es das Beste zu sein, der Garonne zu folgen. Damit hatte er die richtige Entscheidung getroffen. Denn wie eine Mondsichel schmiegte sich die Garonne um die Stadt Bordeaux.</p><p>Warum nur hatte der Abt versucht, ihn von einem Besuch dieser Stadt abzuhalten? Vielleicht weil sich die M�nche in den zahlreichen Kl�stern ringsum dem Anbau des Weines widmeten? Henri dachte wieder einmal an die Ordensregel, die es in das Belieben der Oberen stellte, ob er den Ordensbr�dern aus Barmherzigkeit gestattete, einen mit Wasser gemischten Wein zu trinken. Henri konnte sich nicht vorstellen, dass es diese M�nche hier angesichts der F�lle bei einem Becher belassen w�rden.</p><p>In der Stadt herrschte reges Treiben, denn es war Rossmarkt. Die Bauern der Umgebung hatten sich auf einem Platz in der N�he des Stadttores versammelt. Weithin t�nte ihr Geschrei, mit dem sie ihre R�sser als edle Zuchttiere anpriesen, von denen manche wie elende Klepper wirkten. Henri blieb stehen und verfolgte eine Kaufverhandlung, die in eine Pr�gelei auszuarten drohte.</p><p>Pl�tzlich hatte er das Gef�hl, von der anderen Seite des Platzes angestarrt zu werden. Aber als er den Blick erwidern wollte, war da niemand bis auf einen Bauern, der die Hufe seines Pferdes reinigte. Weil Henri diese �rmliche Gestalt nicht als Bedrohung empfand, n�herte er sich dem Bauern und richtete das Wort an ihn. �Steht dieses Ross hier zum Verkauf?�</p><p>�Verzeiht, Herr, leider nein. Ich habe es soeben erst selbst ersteigert�, antwortete der Bauer h�flich.</p><p>Irrte er sich, oder hatte die Stimme des �rmlich gekleideten Mannes �ngstlich geklungen? Henri ma� dem keine Bedeutung bei. Die Landbev�lkerung lebte immer in Furcht vor Rittern und adeligen Herren.</p><p>Dennoch zog er es vor, den Rossmarkt zu verlassen, um die Kathedrale aufzusuchen. Damals, als er auf Knien f�r seine Rettung gedankt hatte, waren ihm nicht die steinernen Skulpturen aufgefallen: Apostel, Auferstehung, J�ngstes Gericht und Himmelfahrt. Er vertiefte sich in diese Figuren, bis er pl�tzlich deutlich sp�rte, dass jemand ihn beobachtete. Mit einem Sprung erreichte er den n�chststehenden Gew�lbepfeiler. Aber dort befand sich niemand. Er glaubte jedoch, im D�mmerlicht des Kirchenschiffes einen Schatten zu bemerken, der sich beh�nde von Pfeiler zu Pfeiler fortbewegte. Nach kurzer �berlegung entschied er sich, die Kathedrale zu verlassen, um in der nahe gelegenen Basilika St. Seurin dem vermeintlichen Verfolger eine Falle zu stellen.</p><p>Er sah befriedigt, dass in dieser Basilika Amphoren, Grabdenkm�ler und Sarkophage gute Verstecke abgaben. Laut lie� er das Eingangsportal hinter sich zufallen. Von seinem Beobachtungsposten hinter einem Grabmal bemerkte er, dass die T�re langsam wieder ge�ffnet wurde und eine schmale Gestalt hereinschl�pfte.</p><p>�Warte nur, B�uerlein�, fl�sterte er leise vor sich hin. �Dir werde ich geh�rig das Fell gerben!� Er dachte sogar daran, den heimlichen Verfolger im Brunnen vor der Basilika so lange unterzutauchen, bis er seinen Auftraggeber genannt h�tte. Mit Besch�mung dachte er daran, dass er diese Foltermethode schon einmal bei einem Ungl�ubigen angewandt hatte.</p><p>Der heimliche Verfolger verhielt sich still. Anscheinend wollte er sich zun�chst �berzeugen, ob ihm keine Gefahr drohe. Henri hatte sich inzwischen an die Dunkelheit gew�hnt. So war es ihm m�glich, die Umrisse der Gestalt zu erkennen, die nun fast lautlos an den Seitenalt�ren entlang schlich. Immer deutlicher erkennbar n�herte sie sich seinem Versteck. Aber war das wirklich der Bauer, der ihn auf dem Rossmarkt so verd�chtig angestarrt hatte? Vielleicht gab es einen zweiten Verfolger? Fast bereute er schon, dem Abt und der Ordensregel nicht gefolgt zu sein. Aber jetzt war keine Zeit mehr, �ber Fehler nachzudenken. Die dunkle Gestalt stand dicht vor dem Grabmal, hinter dem er sich verborgen hatte.</p><p>Wie eine Raubkatze, die nach ihrer Beute schnappt, sprang Henri hervor, umschlang den �berraschten Gegner und warf ihn unsanft zu Boden. Ein schrecklicher Aufschrei, den das Echo in der Kirche noch f�rchterlicher klingen lie�, �berzeugte ihn vom Erfolg seines Angriffs. Er packte den Mann beim Kragen seines Umhangs und schleifte ihn nach drau�en vor das Kirchenportal.</p><p>Dort h�tte er den noch immer Schreienden beinahe vor �berraschung losgelassen. Denn der vermeintliche Bauer war ein Junge, fast noch ein Kind. Henri beugte sich zu ihm hinab, zog ein Sacktuch aus der Tasche und wischte dem B�rschlein mitleidig Tr�nen und Blut ab. �Warum verfolgst du mich? Hat dich jemand beauftragt, alle meine Schritte zu beobachten? Kennst du mich �berhaupt? Wie ist dein Name? Antworte mir und sprich die Wahrheit, wenn du nicht Pr�gel einstecken willst!� Aber trotz der strengen Worte fuhr er fort, das Gesicht des Jungen sanft zu s�ubern.</p><p>Der Bursche lie� sich vom Boden aufhelfen. Denn er hatte wohl gemerkt, dass ihm keine Gefahr drohte, und versuchte gar nicht erst, das Weite zu suchen. Er hatte aufgeh�rt zu weinen. Seine Stimme klang fest und bestimmt. �Mein Name ist Sean of Ardchatten. Ich bin ein Schotte wie Ihr und wei�, dass Ihr ein Tempelritter seid.</p><p>Das ist der Grund, warum ich Euch verfolge. Denn mein sehnlichster Wunsch ist es, Euer Knappe zu werden.�</p><p>Henri konnte sich ein Lachen nicht verbei�en. Er antwortete jedoch ernsthaft: �Wei�t du, was es hei�t, in dieser Zeit der Knappe eines Tempelritters zu sein? Wir werden uns immer verbergen, immer auf der Flucht sein m�ssen. Da gibt es noch viel zu lernen f�r dich.�</p><p>Der Junge zeigte sich jedoch entschlossen. �Ich werde alles tun, was Ihr mir befehlt. Eure R�stung und die Waffen reinigen, auch die Pferde versorgen. Wenn Ihr traurig seid, werde ich Euch durch fr�hliche Lieder erheitern.�</p><p>�Das h�rt sich sehr verlockend an�, gab Henri zu. �Aber das Erste, was du bei mir lernen m�sstest, w�ren Lesen und Schreiben. Einen dummen Jungen nehme ich nicht zum Knappen.�</p><p>Der Bursche schwieg und sah Henri mit offenem Mund an. Offensichtlich gab er ungern eine Antwort. �Das behauptet auch meine Mutter. Aber ich habe es ihr nicht geglaubt.�</p><p>Es gab also ein Zuhause. Der kleine Schotte sah auch nicht nach einem verkommenen Stra�enkind aus. Aber Henri wollte eine genaue Auskunft. �Wo bist du daheim? Ohne Erlaubnis deines Vaters werde ich dich nicht mitnehmen.�</p><p>Die Erwiderung des Jungen klang durchaus glaubhaft. Er sah Henri fest in die Augen. �Mein Vater ist vom Kreuzzug nicht zur�ckgekehrt. Die Ungl�ubigen haben ihn get�tet. Ich werde mich an ihnen r�chen.�</p><p>Henri begann, diesen Jungen ernst zu nehmen. �Dar�ber werden wir noch reden m�ssen. Und deine Mutter. Wo lebt sie?�</p><p>�Als mein Vater nicht zur�ckkehrte, ging es uns sehr schlecht�, berichtete Sean. �Der Abt von Cadouin, der in Beaumont L�ndereien besitzt, hat uns in dieser Bastide ein Wohnrecht einger�umt. Meine Mutter ist sein Beichtkind. Durch den Abt habe ich viel von den Tempelrittern geh�rt.�</p><p>�Dann wollen wir einmal nach Beaumont reiten�, schlug Henri vor. �Sitz bei mir mit auf! Fr�her hatten zwei Tempelritter oft miteinander nur ein Pferd.� Er hielt jedoch eine Drohung f�r angebracht. �Aber wehe dir, Sean, wenn du mich belogen hast! Mit der flachen Klinge meines Schwertes kann ich recht gut zuschlagen. Unsere Ordensregel sagt zwar, dass der Ritter keinen Knappen, der aus Liebe um Gotteslohn dient, schlagen oder wegen irgendeiner Schuld pr�geln darf. Aber noch dienst du mir ja nicht.�</p><p>Als Henri durch eines der sechzehn Stadttore in den Ort einritt, erkannte er erst jetzt, dass das Gotteshaus einer Festung glich. Verteidigungst�rme und ein Wehrgang verst�rkten diesen Eindruck. Zu seinem Erstaunen zeigte Sean auf ein nicht gerade �rmlich aussehendes Haus an der Nordostecke des Platzes. �ber dem Portal verlief eine Galerie mit einer geschm�ckten Balustrade. �Hier wohnen wir�, sagte der Junge stolz.</p><p>Henri �berlegte. Wo nur war ihm der schottische Name Ardchatten schon einmal begegnet? Aber Sean lie� ihm keine Zeit zum Nachdenken. Er h�pfte vor ihm die Treppe zur Galerie hinauf und konnte es kaum erwarten, dass Henri ihm folgte. �Mutter, es gibt eine �berraschung!�, rief er fr�hlich.</p><p>In der ge�ffneten T�r erschien eine zierliche Frau. Ihre Blicke wanderten ver�ngstigt zwischen dem hoch gewachsenen Mann und dem blutverschmierten Gesicht ihres Sohnes hin und her. �Hat mein Sohn sich mal wieder in Raufh�ndel eingelassen, und fordert Ihr jetzt Genugtuung?� Sie seufzte tief und suchte Halt am T�rpfosten.</p><p>Henri l�chelte und verbeugte sich. �Mein Name ist Henri de Roslin. Ich bin ein schottischer Tempelritter auf der Flucht. Euer Beichtvater, der ehrw�rdige Abt von Cadouin, hat mich bei sich aufgenommen.�</p><p>Die Miene der Frau entspannte sich. �Aber irgendetwas hat Sean doch wieder angestellt? Warum blutet er? Es ist nicht leicht f�r mich, diesen ungeb�rdigen Jungen allein zu erziehen. Vielleicht muss ich ihn in die strenge Zucht einer Klosterschule geben.�</p><p>Sean sch�ttelte den Kopf. �Das wird nicht n�tig sein. Denn Henri de Roslin wird mich zu seinem Knappen nehmen. Ich werde ein Ritter wie mein Vater.�</p><p>Lady de Ardchatten betrachtete Henri von Kopf bis Fu�. �Der Ruhm Eures Namens und Eurer Taten ist bis zu uns gelangt. Es ist f�r uns eine gro�e Ehre, wenn Ihr Euch dieses wilden Jungen annehmen wollt. Ich gebe ihn vertrauensvoll in Eure H�nde.�</p><p>Sean umarmte seine Mutter. �Ich liebe dich und werde dir niemals Schande machen.� Sein Versprechen klang glaubw�rdig.</p><p>Henri verbeugte sich tief und gab seiner Stimme einen w�rdigen Klang. �Ich werde daf�r sorgen, dass Ihr immer stolz auf Euren Sohn sein k�nnt. Und ich verspreche Euch, das Leben dieses Jungen zu h�ten, als w�re es mein eigenes.�</p><p>Das Hochwasser hatte nachgelassen, sodass Henri, trotz des Jungen hinter ihm im Sattel, z�gig voranreiten konnte. Je n�her sie der Abteikirche kamen, umso mehr Menschen begegneten ihnen. Bei dem Kloster bildete die Menge einen langen Zug. Viele sangen und beteten.</p><p>Henri wusste sogleich, wer ihnen den Weg versperrte. Es waren die Pilger, die vor den Feierlichkeiten zur Auferstehung des Herrn nach Cadouin str�mten, um vor der Reliquie zu beten.</p><p>Aus dem Kirchenschiff erklangen die Stimme des Abtes und das Gemurmel der Pilger. Vorsichtig �ffnete Henri das Portal und schob Sean vor sich her. Wie es die Tradition erforderte, sa� der Abt auf einem steinernen Stuhl und lie� sich von den K�chengehilfen die F��e waschen. Henri, der seine H�nde auf den Schultern des Jungen liegen hatte, sp�rte deutlich, dass dieser sich vor verhaltenem Lachen sch�ttelte. Eilig schob er Sean zur Kirche hinaus.</p><p>�Das ist eine heilige Handlung. Da gibt es nichts zu lachen. H�ttest du dich nicht beherrschen k�nnen, w�re es mir unm�glich gewesen, dich zum Knappen zu nehmen.�</p><p>Sean sah zerknirscht zu Boden. �Verzeiht, Herr!�</p><p>Als Henri und sein Sch�tzling die Halle betraten, kam ihnen schon Joshua entgegen. Er wirkte sehr aufgeregt. �Wir m�ssen sofort aufbrechen. Unter diesen Pilgern gibt es sicher jemanden, der uns erkennt. Ich habe die Pferde schon gesattelt.� Er hielt erstaunt inne. �Aber wer ist dieser Bursche?�</p><p>Henri legte eine Hand auf die Schulter des Jungen. �Das ist Sean, mein Knappe. Er wird mich in Zukunft begleiten.�</p><p>�Du willst dich mit einem Kind belasten?�, rief Joshua entsetzt.</p><p>Henri dachte daran, was er der Mutter des Jungen versprochen hatte. Er antwortete mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete: �Ja, das will ich!�</p><p>Joshua lie� sich deutlich anmerken, dass er anderer Meinung war. �Aber es ist unm�glich und w�rde unsere Flucht behindern, wenn er mit dir auf einem Pferd ritte, obwohl das vielleicht bei euch Templern so �blich war, um eure Armut hervorzukehren.�</p><p>In diesem Augenblick n�herte sich Theophil von Speyer, um sich von den beiden Fl�chtlingen zu verabschieden. Er umarmte Henri.</p><p>�Du hast dich nicht ver�ndert�, sagte er. �Immer schon hattest du ein Herz f�r deine Mitmenschen und hast ihre W�nsche erf�llt, wenn es sich nur irgendwie machen lie�. Ich �berlasse dem Jungen mein Pferd und hoffe, dass er sich dessen w�rdig erweisen wird.�</p><p>Sean neigte sich �ber die Hand seines Wohlt�ters, und Henri erkannte, dass der doch so hart gesottene Bursche Tr�nen in den Augen hatte.</p><p>Auch Henri dankte ger�hrt f�r diese gro�z�gige Gabe. �Leb wohl, Theophil! Der Herr m�ge dich beh�ten und dir deine Mildt�tigkeit entgelten.�</p><p>�Und f�r dich und deinen Jungen erflehe ich die F�rsorge Gottes!�, rief der Abt, der soeben die Halle betreten hatte. Er erhob die H�nde zum Segen. �Ich werde dich in meine Gebete aufnehmen. Sei nicht zu wagemutig, aber begib dich getrost auf deinen Weg, denn ich wei�, dass du bisher getreu den Ordensregeln gelebt hast, die euch der heilige Bernhard gegeben hat.�</p><p>Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Henri gab Joshua und dem jungen Knappen einen Wink. Er ritt ihnen voraus in die einsetzende D�mmerung.�</p></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><p>Bei den abergl�ubischen Bauern der franz�sischen D�rfer verbreitete sich ein Ger�cht: Ein Teufelsreiter galoppiere nachts �ber Wiesen und Felder und bringe Unheil �ber ihre Ernte. Sobald der dumpfe Hufschlag ert�nte, verkrochen sich die Bewohner einsamer Geh�fte unter ihre Strohs�cke und wagten erst wieder zu atmen, wenn der Hufschlag in der Ferne verklungen war.</p><p>Der einsame n�chtliche Reiter, der nicht gesehen werden wollte, ahnte nichts von den �ngsten der Bauern. Er dachte nur an seinen Auftrag.</p><p>Als er noch sehr klein war, hatte ihm sein Vater immer wieder eingesch�rft, dass man einen Auftrag erf�llen m�sse, auch wenn es das eigene Leben kosten solle. Denn sein Vater hatte noch zu den Assassinen geh�rt, die in der orientalischen Felsenfestung Alamut, unter der F�hrung des �Alten vom Berg�, eine verschworene Gemeinschaft gebildet hatten.</p><p>Im Jahre 1256 war es jedoch den Mongolen gelungen, in das so genannte �Adlernest� einzudringen und alle Assassinen zu t�ten, die sich noch dort aufhielten. Ihre Feinde waren �berzeugt, dass man die muslimischen Krieger mit Haschisch bet�ube, um sie todesmutig und opferbereit zu machen. Ver�chtlich wurden die Assassinen sogar als Meuchelm�rder bezeichnet. Aber man hatte sie gef�rchtet.</p><p>Diese Berichte hatte der junge Sarazene nicht vergessen. Er hatte seinen Vater bis zu dem Augenblick bewundert, als er in dessen Sachen heimlich gekramt hatte. Dabei war ihm ein goldener Dolch in die H�nde gefallen. Sein Vater hatte ihn bei dem verbotenen Tun erwischt, unbarmherzig verpr�gelt und mit zornrotem Gesicht geschrien: �Wage es nie wieder, diesen Dolch zu ber�hren! Denn an dieser Waffe klebt das Blut unschuldiger Menschen.�</p><p>Als Halbw�chsiger hatte er dann nachgeforscht, warum sein Vater sich so w�tend geb�rdet hatte. Es gelang ihm, sich einen Bericht des ungl�ubigen Weltreisenden Marco Polo zu verschaffen. Mit wachsendem Entsetzen h�rte er, was Marco Polo kurz zuvor einem pisanischen Literaten im Kerker diktiert hatte. �Geh hin und tu es!�, hatte Aloudin, der Alte vom Berg, den M�nnern befohlen, die er als M�rder ausgeschickt hatte.</p><p>Zuvor hatte er diese Auserw�hlten mit Opium bet�uben und in einen Garten f�hren lassen. Unter dem Einfluss der Droge hielten die M�nner diesen Garten f�r das Paradies. Dorthin wollten sie zur�ckkehren. Wenn sie gefasst wurden, wollten sie freudig sterben, �weil sie in das Paradies zu kommen glaubten�. Das jedenfalls behauptete Marco Polo.</p><p>Der Weltreisende schloss seinen Bericht mit den Worten: �Deshalb blieb in der Umgebung des Alten vom Berge niemand am Leben, wenn er es nicht wollte. Auch viele K�nige sind ihm aus Angst vor seinen Meuchelm�rdern tributpflichtig.�</p><p>�So also ging man damals mit den K�nigen um�, fl�sterte der Sarazene fast bewundernd. �Man schickte ihnen gedungene Meuchelm�rder.�</p><p>Seit langem aber hatte der Sarazene erkannt, dass nicht Drogen dazu verhelfen konnten, im Kampf mutig und geschickt zu sein, sondern nur die st�ndige �bung mit der Waffe und die F�higkeit, einen Feind und seine Kampftechnik zu erkennen. Aber wenn es sich als n�tig erweisen sollte, w�rde er sich, wie ehemals die Assassinen, lieber in St�cke hacken lassen, als seinen Plan aufzugeben.</p><p>Er lie� sein Pferd in einen langsamen Trab fallen, denn er w�hnte sich kurz vor dem Treffpunkt. Es erschien ihm wichtig, seine Kr�fte zu sparen, um ausgeruht am Ziel anzukommen.</p><p>Die anmutige Landschaft lockte zu einer Rast. Schon lag �ber den B�umen, die das Flussufer s�umten, ein erster gr�ner Hauch. Das Wasser gl�nzte im Mondlicht, und im nahen Wald sangen die V�gel ein letztes Abendlied. Ein Teil der Felder war schon bestellt, und die aufgeworfenen Erdschollen verstr�mten einen kr�ftigen Geruch. In der Ferne erkannte er ein strohgedecktes Bauernhaus, und wenn dort ein Licht zu sehen gewesen w�re, h�tte er um ein St�ck Brot gebeten. Denn er war sehr hungrig.</p><p>Da er aber auch ebenso m�de war, band er seinem Pferd die Vorderf��e zusammen, legte sich den Sattel unter den Kopf und sprach eine Sure aus dem Koran: �Wer B�ses begeht und dann Gott um Vergebung bittet, der wird finden, dass Gott voller Vergebung und barmherzig ist.� Er wollte noch dar�ber nachdenken, warum er den 110. Vers der Sure �Die Frauen� gew�hlt hatte, aber der Schlaf �bermannte ihn.</p><p>Die M�digkeit hatte ihn dazu verf�hrt, jede Vorsicht au�er Acht zu lassen. Als sich die Spitze eines Dolches auf seine Kehle senkte, war es zu sp�t, um aufzuspringen. Vier m�nnliche Gestalten umringten ihn, deren Aussehen nichts Gutes erwarten lie�. Ihre Gesichter waren pockennarbig, die Haare verfilzt und ihre Kleidung so zerrissen, dass sie nur notd�rftig die Bl��en bedeckte. Einer von ihnen befand sich zu F��en des Sarazenen und hatte einen klobigen Stiefel auf sein Schienbein gesetzt. Ein zweiter stand hinter seinem Kopf und hatte sich mit dem Dolch �ber seine Kehle gebeugt. Die beiden anderen hatten rechts und links neben seinem K�rper wie Wachtposten Aufstellung genommen, traten ihn mit F��en und spuckten ihn an.</p><p>Was den Sarazenen aber am meisten schmerzte, war der Anblick seines arabischen Hengstes. Mit ungeheurer Brutalit�t hatten ihn die vier Banditen mit dem Z�gel an einen Baum gebunden und den Lederriemen so fest gezogen, dass dem gequ�lten Tier die Augen hervorquollen und blutiger Schaum vom Maul herabtropfte.</p><p>Offensichtlich waren alle vier betrunken. Sie lie�en einen bauchigen Krug reihum kreisen, schl�rften und schmatzten, behielten einen Rest im Mund und spuckten ihn dann dem Sarazenen ins Gesicht. �Magst du auch einen Schluck von diesem Rotwein, der nicht schlecht ist?�, fragten sie h�hnisch. �Denn wir haben ihn gerade erst aus dem Keller des Bauernhauses da dr�ben geholt. Es wird sowieso dein letzter Schluck sein, wenn du uns nicht schleunigst deine Barschaft aush�ndigst.� Sie begannen, seine Satteltasche auszur�umen.</p><p>Der Sarazene lachte sp�ttisch. �Ihr k�nnt lange suchen. Ich habe nicht eine einzige M�nze. Mein Geld haben schon andere R�uber. H�tte ich sonst so friedlich geschlafen?�</p><p>Die Banditen schwiegen verdutzt, aber diese Rede hatte ihren Zorn entfacht. Ein Ausl�nder schien ihnen leichte Beute zu sein � wer sollte ihn vermissen? Sie fielen �ber ihn her, schlugen und traten ihn von allen Seiten. Nicht sein eigener Leichtsinn und die Furcht, sein Leben zu verlieren, gaben ihm Kraft und Entschlossenheit, sich zur Wehr zu setzen, sondern das Mitleid mit der leidenden Kreatur, dem gequ�lten Araberhengst. Er besann sich darauf, was sein Vater ihn gelehrt hatte.</p><p>Blitzschnell zog er die Knie nahe an seinen K�rper heran, dann stie� er seine Stiefel dem Banditen zu seinen F��en mit aller Kraft in den Unterleib. Br�llend st�rzte dieser zu Boden, lie� den Dolch fallen und kr�mmte sich vor Schmerzen.</p><p>Der Sarazene wusste, dass er nicht z�gern durfte, bis sich die anderen von ihrem Schrecken erholt hatten. Er umklammerte den Dolch mit beiden F�usten und f�hrte die Spitze mit kr�ftigem Schwung schr�g nach hinten. Ein gr�sslicher Schrei zeigte ihm an, dass er denjenigen, der sich �ber seine Kehle gebeugt hatte, im Gesicht getroffen hatte.</p><p>Aber auch er selbst hatte eine Verwundung davongetragen. Blut tropfte von seinen H�nden herab und versetzte ihn in solch rasende Wut, dass er den zur Linken, der ihn mit Tritten in Niere und Leber unsch�dlich zu machen drohte, am Bein ergriff, herumwirbelte und gegen einen Baumstamm schmetterte.</p><p>Der Kerl zu seiner Rechten hatte wohl im Sinn, seine Kumpanen zu r�chen. Statt die Flucht zu ergreifen, wollte er sich auf einen Kampf einlassen. Er hatte, w�hrend der Sarazene schlief, dessen Lanze erbeutet, mit der er nun, nicht einmal ungeschickt, gegen den Fremden anrannte. Dieser hatte zur Gegenwehr nur die kurze Klinge des Dolches. Seine einzige M�glichkeit, aus dem Kampf als Sieger hervorzugehen, war eine pl�tzliche Drehung. So begn�gte er sich zun�chst damit, der drohenden Lanzenspitze durch schnelle Wendungen zu entgehen. W�re es nicht um Leben und Tod gegangen, man h�tte meinen k�nnen, zwei Gestalten h�tten einen Tanz im Mondlicht aufgef�hrt.</p><p>Bei einer R�ckw�rtsbewegung beobachtete der unerwartet starke Gegner des Sarazenen, dass sich die anderen drei m�hsam erhoben hatten und, fast blind vor Schmerz und Blut, in den nahen Wald torkelten.</p><p>�Bleibt hier, ihr Feiglinge!�, br�llte der im Stich gelassene Bandit. Einen Lidschlag lang war er abgelenkt. Diesen Augenblick benutzte der Sarazene, um ihm die Lanze zu entrei�en. �Mach dich mit deinen Kumpanen davon!�, schrie er Furcht erregend. �Oder ich werde dir die Spitze meiner Waffe durch die Brust bohren, sodass sie im R�cken wieder heraustreten wird.�</p><p>Der Bandit, der die Aussichtslosigkeit seiner Lage begriffen hatte, drehte sich um, murmelte etwas, das wie �Ausgeburt der H�lle� klang, und folgte den anderen.</p><p>Der Sarazene z�gerte nicht, sein gepeinigtes Pferd vom Baum loszubinden, lauschte noch eine Weile, ob die Kerle zur�ckkehren w�rden, und f�hrte danach den Araberhengst ans Ufer des Flusses, wo er ihn tr�nkte. Dann wusch er ihn und sich.</p><p>Es erschien ihm nicht ratsam, in dem Bauernhaus, das von den R�ubern heimgesucht worden war, um Aufnahme zu bitten. Vielleicht hielten sie auch ihn f�r einen Banditen und hatten sich inzwischen mit ihren Mistgabeln bewaffnet.</p><p>Der Sarazene hatte sich im Kampf bew�hrt. Sein Vater w�re stolz auf ihn gewesen. Aber ihm selbst war eigentlich jede brachiale Gewalt zuwider. Mit einem Seufzer dachte er an Cordoba, das er als seine Heimat betrachtete. �berall in der Stadt zeugten islamische Bauwerke von der arabischen Hochbl�te des Kalifats, wenn auch Cordoba schon seit langer Zeit zum katholischen Kastilien geh�rte.</p><p>Zumeist bedr�ngte ihn niemand, wenn er in der Bibliothek hinter den Mauern des Alkazars von Cordoba seinen Studien nachging. Er war voller Bewunderung f�r Al-Hakam al-Mustansir billah, der als Herrscher der B�cher galt. Denn dieser war nicht nur ein Freund der Literatur und K�nste, sondern auch ein Sammler und Gelehrter gewesen. Ihm wollte der Sarazene nacheifern. Stolz dachte er daran, dass das Papier, die Seide, das Wissen und die B�cher aus dem Orient gekommen waren, dass sich 170 Frauen vor 300 Jahren dort dem Kopieren der Handschriften gewidmet hatten, die in der gro�en Moschee alle Erkl�rungen der Lehrmeister mit der Feder festhielten.</p><p>Der Sarazene seufzte erneut. Ach ja, die Moschee von Cordoba mit ihren Hunderten von frei stehenden S�ulen. Sie glich einem steinernen Wald, der zwischen Sonnenlicht und Halbschatten lebendig schien.</p><p>Der Sarazene seufzte ein drittes Mal, diesmal abgrundtief. 400 000 B�cher sollte Al-Hakam besessen haben, sodass die R�ume des Palastes zu ihrer Unterbringung nicht mehr ausreichten. Wie gerne h�tte er alle diese B�cher besessen, oder zumindest doch gelesen. Aber w�hrend des B�rgerkriegs waren die B�cher auf Veranlassung fanatischer Rechtsgelehrter im Innenhof des Alkazar verbrannt worden. Was kein Raub der Flammen geworden war, wurde gepl�ndert und auf den M�rkten f�r wenige M�nzen als Altpapier feilgeboten.</p><p>Der Sarazene wurde so sehr von Heimweh �berw�ltigt, dass er laut einen Vers des arabischen Dichters Ibn Suhayd zu singen begann: �F�r eine Stadt wie Cordoba sind die vielen Tr�nen wenig, die einem rei�enden Strom gleich vergossen werden.�</p><p>Wie hatte er nur seinen Auftrag so str�flich vergessen k�nnen!</p><p>�Halt! Wer da?� Das war ein barscher Zuruf, der ihn aus seinen andalusischen Tr�umen riss. Jemand fiel ihm in die Z�gel und brachte sein Pferd so grob zum Stehen, dass der Hengst mit den Vorderf��en einknickte. Eine Pechfackel beleuchtete sein Gesicht, und gleichzeitig riss ihn eine grobe Faust aus dem Sattel. Voller Schrecken erkannte der Sarazene M�nner in franz�sischen Uniformen. Wie nur sollte er sich verhalten? Sein Aussehen w�rde ihn sogleich als Fremdling entlarven.</p><p>Er rettete sich ins Spanische und gab sich eloquent als spanischer Kaufmann aus, der von seinem Herrn in wichtiger Mission nach Frankreich geschickt worden sei. Die Soldaten sahen einander unschl�ssig an und riefen einen Offizier herbei. Der Sarazene hoffte, dass man ihn nicht nach seinen Papieren fragen werde. Denn er hatte bewusst keinerlei Dokumente mitgenommen, weil er seine Identit�t nicht preisgeben wollte.</p><p>Aber genau das geschah. �Arretiert diesen Fremdling und unterwerft ihn der peinlichen Befragung!�, befahl der Offizier seinen Untergebenen. Der Sarazene wusste, was das bedeutete. Sie w�rden ihn in ein Verlies sperren und erbarmungslos foltern, bis sie das erw�nschte Gest�ndnis erpresst h�tten, n�mlich ein Spion zu sein.</p><p>Es bedurfte keiner Erinnerung an seinen Vater, um zu wissen, was nun zu tun sei.</p><p>Er riss seine Lanze aus dem Stiefelschaft und stie� sie dem Offizier in die Brust. Der Getroffene sackte lautlos zusammen, w�hrend die anderen Soldaten zur�ckwichen. Mit der Peitsche zwang er sein Reittier, sich mit einem Satz zu erheben und davonzugaloppieren. Es war wohl erschreckt �ber die ungewohnt schlechte Behandlung. Der Sarazene hatte M�he, den Hengst aus einem wilden Galopp in eine ruhigere Gangart zu bringen. Niemand war jedoch f�hig, den Fl�chtigen einzuholen.</p><p>So hatte der Sarazene sich wiederum durch Gewalt befreien m�ssen. Nur noch einmal erlaubte er sich, an Cordoba zu denken, an den Herrn der B�cher, der seinem Sohn Hisham in einem testamentarischen Brief geschrieben hatte: �Erhebe das Schwert nur gegen die, die Unrecht begehen!�</p><p>Hatte dieser Offizier irgendein Unrecht begangen, indem er den Fremden gefangen nehmen wollte? Der Sarazene verscheuchte diesen Gedanken so schnell es ihm m�glich war. Er musste seinen Auftrag erf�llen, mit welchen Mitteln auch immer.</p><p>Aufmerksam setzte er seinen Ritt bis zur Morgend�mmerung fort und verbat sich alle Tr�ume an Cordoba, an die Bibliothek und an seine Studien. Als sich die Sonne langsam �ber den Horizont erhob und er seinen weiteren Ritt bis zur n�chtlichen Dunkelheit aufschieben wollte, erhob sich im blauen Dunst des fr�hen Morgens eine hellgr�ne Parklandschaft, die sich vom dunklen Gr�n des dichten Waldes auff�llig unterschied. Der Sarazene hielt auf dem H�gel, stieg aus dem Sattel und klopfte z�rtlich die Flanken des Hengstes, der ihn bis hierher so geduldig durch alle Gefahren getragen hatte.</p><p>Er legte die ausgestreckte Hand �ber die Augen und glaubte in dem immer st�rker werdenden Sonnenlicht die Umrisse palastartiger Geb�ude und ausgedehnter Stallungen zu sehen.</p><p>War er am Ziel angelangt?�</p></section><section><title><p><strong>5</strong></p></title><p>K�nig Philipp der Sch�ne hatte sein Ratskollegium nach Fontainebleau einberufen. Er hing an diesem Ort, an dem er geboren worden war. Sooft es seine Staatsgesch�fte zulie�en, suchte er das Jagdschloss auf, das von weiten, dichten W�ldern umgeben war. Vor allem liebte er die fr�hlichen Jagdgesellschaften, zu denen er seine Freunde und vor allem h�bsche Damen einlud. Aber das Beste von allem war f�r ihn das gro�e Halali, wenn sich alle um die erlegte Beute scharten und die Treffsicherheit des K�nigs bewunderten. Im Inneren des Hauses zeugte so manches Hirschgeweih von seiner Leidenschaft.</p><p>Nach dem Willen des K�nigs hatte sich diesmal in Fontainebleau keine Jagdgesellschaft versammelt, sondern sein Ratskollegium. Dazu geh�rten die unmittelbaren Vasallen, auch Lehnsf�rsten mit ausgedehnten L�ndereien, Herz�ge, Grafen, Bisch�fe, hohe Offiziere, Juristen, Beamte und nat�rlich sein Kanzler Nogaret und der K�mmerer.</p><p>Als besonderer Gunstbeweis des K�nigs waren auch viele niedere Ritter und sogar ein einfacher Hospitaliterbruder geladen worden.</p><p>Denn der K�nig brauchte Geld. Vor allem der Krieg mit Flandern hatte zu einem steigenden Geldbedarf gef�hrt. Als die Rede auf die Notwendigkeit des Krieges kam, meldete sich einer der Offiziere zu Wort. �Wenn auch dieser Krieg viel Geld gekostet hat, so durften wir uns doch nicht die Unversch�mtheiten der Br�gger Handwerker gefallen lassen.�</p><p>Ein anderer der Offiziere stimmte ihm zu. �Wer von uns wird jemals die Br�gger Fr�hmette vergessen, bei der unsere Leute �berfallen und niedergemetzelt wurden?�</p><p>Nach diesen anklagenden Worten erhob sich allgemeiner Tumult, den Philipp mit einer herrischen Handbewegung zur Ruhe brachte. Es fehlte noch, dass man ihn an seine vernichtende Niederlage in der Goldene-Sporen-Schlacht gegen die Handwerkerschaft und die Flandrischen Truppen erinnerte. Er hatte diese Dem�tigung niemals vergessen und seine Rache umsichtig vorbereitet.</p><p>Nat�rlich ging es ihm auch darum, die immensen Geldausgaben zu rechtfertigen. �Wir haben die flandrische Flotte versenkt, das Heer geschlagen und den Flamen harte Friedensbedingungen auferlegt.�</p><p>An dieser Stelle meldete sich der K�mmerer. �Neben einer erdr�ckenden Entsch�digung mussten die Flamen Besatzungskosten und eine Rente an die k�nigliche Schatzkammer zahlen.�</p><p>�Und selbstverst�ndlich wurden die Mauern der gro�en St�dte geschleift�, warf einer der Ritter ein.</p><p>Der eigentliche Anlass zur Einberufung des Ratskollegiums war in Gefahr, vergessen zu werden. Darum ergriff der K�mmerer wieder das Wort. �Wir wollen doch nicht vergessen, dass uns gro�e Einnahmen verloren gingen, weil Papst Bonifacius VIII. die Besteuerung der Kirche verbot. Er hat uns ja regelrecht mit seiner Bulle <emphasis>Unam Sanctam</emphasis> den Krieg erkl�rt.�</p><p>Die anwesenden Bisch�fe schauten schweigend zu Boden.</p><p>Einer der Vasallen konnte seine Emp�rung nicht l�nger zur�ckhalten. Er sprang auf und verschaffte sich Geh�r. �Wir sollten nicht vergessen, dass der Papst mit seiner Bulle unseren K�nig beleidigt hat. Da wagte er doch zu behaupten, dass die Macht der Kirche �ber der Macht der F�rsten stehe.�</p><p>Wieder entstand Tumult.</p><p>�Wie konnte Bonifacius so etwas behaupten?�, fragte einer, dem das Problem unverst�ndlich erschien. Man war doch zusammengekommen, um neue Geldquellen zu erschlie�en.</p><p>Jemand gab ihm Antwort. �Weil angeblich die vom heiligen Petrus �bertragene geistliche Autorit�t auch auf das weltliche K�nigreich �bergegangen sei.�</p><p>�Unerh�rt!�, emp�rte sich einer der niederen Ritter. �Soll sich doch der Papst um das Seelenheil k�mmern und sich nicht zum Richter unseres K�nigs aufspielen!� Der Zurufer erhielt Beifall.</p><p>�Diesem gr��enwahnsinnigen Bonifacius habe ich es aber gegeben!�, rief Sciarra Colonna, ein nach Frankreich gefl�chteter Kardinal. �Als uns zu Ohren gekommen ist, dass unser K�nig exkommuniziert werden sollte, haben wir gehandelt und sind in den p�pstlichen Palast eingedrungen.�</p><p>�Aber bei dem Handgemenge h�tte der Papst beinahe sein Leben verloren�, murmelte einer der Bisch�fe.</p><p>�Na und? Ich hatte sogar seine Hinrichtung gefordert!�, rief Sciarra Colonna.</p><p>Des K�nigs Kanzler, Guillaume de Nogaret, verbot ihm, solche Reden weiterzuf�hren. �Schluss jetzt! Ich habe Bonifacius in aller Form eine Vorladung �berbracht. Aber wie wir alle wissen, starb er kurz darauf. Durch seinen Tod ist unserem K�nig Genugtuung widerfahren, und Philipp wurde rechtm��ig alleiniger Herrscher in seinem Reich.� Nogaret zog es vor, seine Mitwirkung zu verschweigen. Er hatte n�mlich dem Mob die T�ren zum Palast des Papstes ge�ffnet.</p><p>Alle erhoben sich und huldigten dem K�nig. Aber an dieser Demonstration war Philipp gar nicht gelegen. Er ben�tigte die Hilfe der Anwesenden, um neue Geldquellen zu erschlie�en.</p><p>Nogaret beobachtete, wie sich die Miene seines Herrn mit Zornesr�te �berzog. Er musste m�glichst schnell das Gespr�ch auf das eigentliche Anliegen des K�nigs bringen und setzte zu einer l�ngeren Rede an. Kein anderer sollte vorl�ufig zu Wort kommen. �Es ist f�r uns alle doch kein Geheimnis, dass unser verehrter Papst Clemens V. ehemaliger Erzbischof von Bordeaux, die richtige Entscheidung getroffen hat. Zu Recht hat er den Templerorden aufgehoben und verboten.�</p><p>Der Kanzler, ein geschulter Jurist, verschwieg wohlweislich, dass Philipp einen erheblichen Druck auf den Papst aus�ben musste, ehe dieser nicht nur hierzu bereit gewesen war, sondern auch dazu, seine Residenz nach Avignon zu verlegen. <emphasis>Babylonische Gefangenschaft</emphasis> nannte man allgemein den Aufenthalt in Avignon.</p><p>Um den Papst unter Druck zu setzen, hatte Nogaret die bei Hof einlaufenden Anklagen gegen die Templer gesammelt. Noch einmal schilderte er deren Gr�ueltaten, sprach mit erh�hter Stimme von G�tzendienst, Ketzerei und Sodomie. Ehe jemand Stellung nehmen und sich zu Wort melden konnte, gelangte Nogaret auf den von ihm geplanten H�hepunkt, die Verteilung des betr�chtlichen Ordensverm�gens.</p><p>Er lehnte sich gen�sslich zur�ck und starrte dem Abgesandten der Hospitaliter fest in die Augen. �Wie jedem von uns bekannt ist, ging der gr��te Teil des Templerverm�gens an den Hospitaliterorden, der dadurch einen erheblichen Machtzuwachs erzielte. Da fragt man sich allerdings, mit welchem Recht? Gab es vielleicht eine enge Verbindung zwischen den beiden Orden?�</p><p>Der Abgesandte der Hospitaliter wechselte die Farbe. Er war nur ein einfacher Bruder des Ordens und nicht darauf vorbereitet, auf die Rede eines hochgebildeten Legisten zu antworten. Darum schwieg er, w�hrend alle anderen ihn anstarrten. Eigentlich wollte er etwas sagen zu den Aufgaben der Hospitaliter, die sich vor allem im Kranken- und Herbergswesen f�r Pilger verdient gemacht hatten. Aber ehe er noch den Mund aufmachen konnte, hatte einer aus der Ratsversammlung gefragt, ob ihm das Maul eingefroren und ihm vielleicht kalt sei. Wenn das so w�re, k�nnte man ihm doch einheizen wie den Templern zu Paris.</p><p>Es war, als h�tte dieser Zuruf eine Schleuse ge�ffnet. Obwohl Nogaret sehr gut wusste, dass zwischen Hospitalitern und Templern eine dauernde Rivalit�t bestanden hatte, die schlie�lich in offene Feindschaft gem�ndet war, lie� er zu, dass nun beide Orden auf eine Stufe gestellt wurden. Da er beobachtete, dass Philipp immer vergn�gter den Schm�hungen zuh�rte, griff er nicht ein.</p><p>Jeder wollte den anderen durch h�mische Bemerkungen �bertreffen.</p><p>�Treibt man in eurem Orden auch Sodomie?�</p><p>�K�sst ihr euch auch gegenseitig auf das Hinterteil?�</p><p>�Sicher gibt es bei euch auch eine Geheimlehre, die zu den G�tzendiensten geh�rt.�</p><p>�Nat�rlich habt ihr, genau wie die Templer, gewaltige Sch�tze angeh�uft, die ihr irgendwo versteckt haltet. Ihr wollt doch sicher nicht etwa dasselbe Schicksal erleiden wie die Templer?�</p><p>Auf diese Bemerkung hatte Nogaret gewartet. Vielleicht lie�e sich hier eine Verbindung herstellen, um weitere Geldquellen ausfindig zu machen. Er schlug einen gem��igten Ton an. �Niemand von uns wird die Hospitaliter verd�chtigen, die doch durch ihren Pflegedienst unendlich viel Gutes bewirkt haben. So mancher Pilger verdankt diesem Orden sein Leben.�</p><p>Allerdings konnte er beobachten, wie sich das Gesicht des K�nigs verfinsterte. Wahrscheinlich hatte Philipp dar�ber nachgedacht, wie man den Hospitalitern einen Teil des Templerverm�gens entrei�en k�nne. Aber Nogaret, der als Jurist sehr wohl wusste, wie weit sich Gesetze verdrehen lassen konnten, verfolgte einen anderen Plan. �Vielleicht waren einige von euch Augenzeugen, als die beiden Gro�meister des Templerordens in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Sie waren nicht nur verstockt und bereuten ihre S�nden nicht, sondern schleuderten gegen unseren K�nig einen gottesl�sterlichen Fluch.�</p><p>�M�gen sie f�r ewig in der H�lle weiterbrennen!�, rief einer der Ritter. Als der Kanzler ihm zustimmend zunickte, wiederholten die anderen schreiend diese Verw�nschung.</p><p>Der Kanzler erh�hte die Lautst�rke seiner ohnehin durchdringenden Stimme. �Alle Templer sind verhaftet worden und haben ihre gerechte Strafe gefunden. Aber noch l�uft einer frei herum, den man als einen der schlimmsten bezeichnen kann. Wenn wir seiner nicht habhaft werden und ihn auf den Scheiterhaufen bringen, wird unser Kampf gegen diese Ketzer vergeblich gewesen sein.�</p><p>Nogaret machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte abzusch�tzen.</p><p>Im Raum war es sehr still geworden. Wer mochte dieser verbrecherische Mensch sein? Ein Sodomist? Ein Folterknecht? Ein Gottesl�sterer? Ein Bruderm�rder? Ein Verb�ndeter des Teufels oder gar ein Brunnenvergifter, wie man es den Juden nachsagte?</p><p>Der Kanzler hatte berechtigte Zweifel, ob sein Vorwurf diese schwerwiegenden Anklagen �bertreffen k�nne. Er musste �bertreiben und gab sich M�he, ersch�ttert zu wirken. �Der Name dieses Mannes ist Henri de Roslin. Er ist durch die harte Schule der Templer gegangen, kennt weder Hunger noch Durst, empfindet weder Hitze noch K�lte. Seine Augen spr�hen Feuer. Seine Faust ist h�rter als Eisen. Man k�nnte beinahe meinen, dass es sich bei ihm um den leibhaftigen Gottseibeiuns handelt. Er hat die h�chsten Weihen des Ordens empfangen. Aber nicht nur das, sondern die Gro�meister haben ihn zum Verwalter ihres immensen Verm�gens gemacht.�</p><p>Der Kanzler hielt noch einmal inne, schaute in die Runde und sah nur erschreckte Gesichter. Er war mit seiner Redekunst zufrieden und fuhr fort: �Das Verm�gen, das diese Ausgeburt der H�lle f�r den Orden zusammengeschachert hat, stammt von armen Frauen, die er seiner Gewalt unterwarf und die seinen brutalen Machenschaften nur entkommen konnten, wenn sie ihm ihre letzten M�nzen �bergaben. Er sch�ndete junge M�dchen und bedrohte sogar die Neugeborenen in der Wiege. Die M�nner, die seinen Befehlen nicht folgen wollten, spie�te er wie Gekreuzigte am Scheunentor auf.�</p><p>Nogaret war in Fahrt gekommen. Er schilderte eine Scheu�lichkeit nach der anderen und scheute auch nicht vor Perversit�ten zur�ck. �Denkt daran, die Templer beteten nicht Gott, sondern ihren Teufel Baphomet an!� Als er beobachtete, dass sich seine Zuh�rer vor Ekel sch�ttelten, setzte er zum Fazit seines Vortrags an. �Nur eingeweihten Kreisen, zu denen nun auch ihr geh�ren werdet, ist bekannt, dass irgendwo ein unermesslicher Schatz verborgen ist, zu dem nur Henri de Roslin Zugang hat. Wir m�ssen ihn finden, damit ihr alle als k�nigstreue Gefolgsleute an diesem Schatz teilhaben k�nnt!�</p><p>Mit einem Seitenblick konnte er beobachten, dass Philipp grinste. Darum fuhr er angefeuert in seiner Rede fort. �Zieht aus und sucht diesen Henri de Roslin, diesen Teufel in Menschengestalt! Wenn ihr ihn gefunden habt, stellt ihm eine Falle, denn er ist sehr schlau. Ich wei�, dass ihr alle tapfer seid. Trotzdem wagt nicht, es allein mit ihm aufzunehmen! Versucht mit falscher Zunge, ihn an den k�niglichen Hof zu locken! Glaubt mir, wir werden ihn schon zum Reden bringen!�</p><p>Jetzt endlich l�ste sich die Anspannung in ohrenbet�ubendem Geschrei. Es gab keine Foltermethode, die man nicht anwenden wollte, um diesen Verbrecher zu bestrafen. Nur die Zunge, so mahnte der Kanzler, d�rften sie ihm nicht herausschneiden. Denn dann k�nne er ihnen nicht das Versteck des ungeheuren Templerschatzes verraten.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis in diesem Tumult ein lautes Pochen an der T�r vernehmbar wurde. Augenblicklich trat Stille ein. Alle sahen sich erschreckt an.</p><p>�Das ist der Teufel�, fl�sterte ein �lterer Ritter.</p><p>Aber als der Kanzler die T�r aufriss, trat ein Diener des K�nigs ein und schaute ver�ngstigt in die Runde. Offenbar f�rchtete er, dass ihn sein Herr mit einer Ohrfeige wieder nach drau�en bef�rdern w�rde, weil er es wagte, die Ratsversammlung zu st�ren.</p><p>Langsam n�herte er sich dem K�nig, machte �ngstlich eine ungeschickte Verbeugung, blieb aber vorsichtshalber au�er Reichweite stehen. Mit zitternder Stimme teilte er mit, ein Gast bitte darum, vorgelassen zu werden.</p><p>Philipp zeigte sich in h�chstem Ma�e ungn�dig. �Dummkopf! Ich erwarte keinen Gast. Der ungebetene Eindringling soll seinen Namen nennen oder ein Billett �berreichen, auf dem sein Anliegen vermerkt ist.�</p><p>Der Kanzler handelte jedoch eilig ohne Auftrag. Er zog sein Schwert aus der Scheide und schickte sich an, dem Diener in die Vorhalle zu folgen. An der T�r wandte er sich noch einmal um und verneigte sich vor dem K�nig. Es gelang ihm sogar, seinem Eingreifen eine ungeheure Bedeutung zu verleihen. �Seid ohne Sorge, mein K�nig! Gleich werden wir wissen, welcher ungebetene Gast hier so unverfroren Einlass begehrt. Ich werde nicht z�gern, diesen Kerl wie einen r�udigen Hund vom Hof zu jagen.��</p></section><section><title><p><strong>6</strong></p></title><p>Mehrere Tage und N�chte waren vergangen, seitdem Joshua, Henri und sein Knappe die Abtei Cadouin verlassen hatten. Sean hatte bisher keine M�digkeit gezeigt. Ganz im Gegenteil! Wenn der Jude traurig im Sattel hing und das Schicksal eines heimatlosen Fl�chtlings beklagte oder wenn Henri sich besorgt �ber seine Landkarte beugte, heiterte der kleine Schotte seine Gef�hrten immer wieder mit einem lustigen Lied auf.</p><p>�Du hast eine wundersch�ne Stimme�, hatte Henri einmal gesagt. �Alle Damen werden entz�ckt sein, wenn du eines Tages vor ihren Fenstern Minnelieder singst.�</p><p>�Was ist das, Minne?�, fragte Sean.</p><p>�Das erkl�re ich dir, wenn es so weit ist�, vertr�stete Henri seinen Knappen.</p><p>Als sich die D�mmerung schneller als erwartet ausbreitete, brachte Henri sein Pferd zum Stehen. �Wir m�ssen hier die Nacht verbringen�, teilte er den anderen beiden mit. Weit und breit schien es keinen Weiler zu geben, wo sie Unterschlupf finden konnten. Henri f�rchtete sogar, dass sie den Weg verfehlt h�tten. �Die Nacht ist lau, und wir werden ein Lagerfeuer anz�nden. So k�nnen wir nicht frieren.�</p><p>Mit sichtbarem Eifer trug Sean �ste und d�rre Zweige zusammen. Henri nahm ihn in den Arm. �Ich habe wirklich gro�es Gl�ck, so einen Knappen wie dich gefunden zu haben. Wenn du nicht zu m�de bist und gerne Geschichten h�rst, werde ich dir erz�hlen, wie man mich in den Templerorden aufgenommen hat und was ich dort erlebt habe. Da wird uns die Nacht nicht lang werden.�</p><p>Sean klatschte vor Freude in die H�nde und sprang ungest�m an Henri hoch. �Du bist der beste Herr, den man sich vorstellen kann.�</p><p>Henri warf einen Seitenblick auf Joshua. Anscheinend trauerte der j�dische Gelehrte immer noch, weil er seine Forschungen in der Bibliothek von Cadouin nicht fortsetzen konnte. Tr�stend legte Henri einen Arm um die Schulter seines Gef�hrten. �Sei nicht gar zu betr�bt! Sieh dir den Mond an! Er nimmt ab und zu in stetem Wechsel. Oft ist er in der Schw�rze der Nacht nicht sichtbar. Aber wenige Tage sp�ter sendet er wieder sein mildes Licht. So ist es auch mit unserem Leben. Wenn dir jetzt alles d�ster erscheint, so wird es auch f�r dich wieder hell werden.�</p><p>Joshua erwiderte l�chelnd die freundschaftliche Geb�rde. �Ich sollte mich sch�men und bin es nicht wert, gelehrter Philosoph genannt zu werden.�</p><p>Sean schleppte einen dicken Stamm herbei und wuchtete ihn auf die Feuerstelle. Er wickelte sich in seine Satteldecke und sah Henri erwartungsvoll an. �Es kann losgehen!�</p><p>Henri r�ckte ein wenig n�her an seinen Knappen heran. �Du musst wissen, dass die Templer nur erwachsene M�nner im waffenf�higen Alter aufnahmen. Denn ein Templer war nicht nur M�nch eines Ordens, sondern vor allem ein K�mpfer.�</p><p>Der Junge erhob sich aus seiner liegenden Stellung und st�tzte sich auf seine Ellbogen. �Das finde ich gar nicht recht. Ich w�re ein guter Soldat gewesen.�</p><p>�Es gab allerdings zuweilen Ausnahmen�, erkl�rte Henri. �Manche Ritter schenkten sich dem Orden mit all ihren L�ndereien. Dazu geh�rten auch die Leibeigenen, die f�r sie arbeiteten. Die Ritter erhofften sich dadurch geistliche Wohltaten, aber auch den Schutz ihrer G�ter.�</p><p>�Und wenn sie nun S�hne hatten? Geh�rten die mit zu dem Geschenk an den Templerorden?�, fragte Sean wissbegierig.</p><p>Henri blieb ernst, obwohl er gerne gelacht h�tte. �So l�sst sich das nicht ausdr�cken. Sie �bergaben ihre S�hne den Templern, um sie vor Feinden zu sch�tzen und damit die Templer die ritterliche Erziehung der Jungen vollendeten.�</p><p>Sean lie� sich wieder zur�ckfallen. �Das gef�llt mir schon besser. Seid auch Ihr von den Templern zum Ritter erzogen worden? Waren die Erzieher streng?�</p><p>�Das kann man wohl sagen�, bekr�ftigte Henri. �Wer Ordensritter werden wollte, musste eine harte Pr�fungszeit durchmachen und nicht nur k�rperliche, sondern auch seelische Belastungen ertragen k�nnen.�</p><p>Henri dachte an die strengen Bestrafungen, denen die Jungen schon bei geringen Verfehlungen unterworfen wurden. War das wirklich n�tig gewesen? Hatte ihn diese Behandlung so hart werden lassen, sodass er sp�ter seine Feinde, die Muselmanen, ohne Mitleid niedermetzelte? Heute sch�mte er sich f�r das, was er getan hatte. M�glichst schnell verscheuchte er jedoch diesen Gedanken.</p><p>�Ich werde dir jetzt von dem wichtigsten Tag eines Templers erz�hlen, von der Aufnahme in den Orden. Aber dazu muss ich ziemlich viel �ber die Artikel unserer Ordensregeln sprechen. Hoffentlich wird dir das nicht langweilig!�</p><p>Sean sch�ttelte energisch den Kopf. �Niemals!�</p><p>�Also: Als ich den Wunsch ge�u�ert hatte, in den Templerorden aufgenommen zu werden, und die Probezeit bestanden hatte, wurde ich in eine kleine Kammer neben der Kapelle gef�hrt. Zwei Br�der traten auf mich zu und fragten mich gem�� dem Wortlaut der Ordensregel: Begehrt Ihr die Gemeinschaft des Templerordens, und wollt Ihr an seinen geistlichen und weltlichen Werken teilhaben?</p><p>Ich bejahte das laut und deutlich. Danach ergriff einer der Ordensbr�der wieder das Wort: Ihr begehrt, was gro� ist, und Ihr kennt die harten Vorschriften nicht, die in diesem Orden befolgt werden. Ihr seht uns mit pr�chtigen Gew�ndern, sch�nen Pferden, gro�er Ausr�stung, aber das strenge Leben des Ordens k�nnt Ihr nicht kennen; denn wenn Ihr auf dieser Seite des Meeres seid, so werdet Ihr auf die andere Seite des Meeres geschickt, und umgekehrt; wollt Ihr schlafen, so m�sst Ihr wachen, und hungrig m�sst Ihr fortgehen, wenn Ihr bleiben wollt. So befiehlt es unsere Regel. Ertragt Ihr all dies zur Ehre, zur Rettung und um das Heil Eurer Seele willen?</p><p>Auch dies bejahte ich, und zwar, ohne zu z�gern.</p><p>Aber der Ordensbruder stellte noch viele weitere Fragen: ob ich katholischen Glaubens sei; ob ich mich in �bereinstimmung mit der r�mischen Kirche bef�nde; ob ich einem Orden verpflichtet oder aber durch Ehebande gebunden sei; ob ich Ritter und Spross einer legitimen Ehe sei; ob ich aus eigener Schuld oder aus anderen Gr�nden exkommuniziert sei; ob ich einem Ordensbruder etwas versprochen oder eine Schenkung gemacht h�tte, um aufgenommen zu werden; ob ich kein verborgenes k�rperliches Gebrechen h�tte, das meinen Dienst im Ordenshaus und die Teilnahme im Kampf unm�glich mache; ob ich auch nicht verschuldet sei.�</p><p>Henri hatte die vielen Artikel ein wenig eint�nig zitiert, denn er kannte die Ordensregel seit seiner Aufnahme mit 14 Jahren auswendig. Es blieb ihm nicht verborgen, dass Sean eingeschlafen war. Vergeblich hatte der Junge immer wieder versucht, seine Augen aufzurei�en. Schlie�lich waren ihm die Lider zugefallen.</p><p>Aber Joshua war wach geblieben. �Berichte weiter!�, bat er.</p><p>Henri zog sanft eine w�rmende Decke �ber die Schultern seines Knappen, legte noch einige �ste auf das langsam verglimmende Feuer und fuhr in seinem Bericht fort:</p><p>�Alle diese Fragen konnte ich zur Zufriedenheit beantworten. Gelegenheit, in der Kapelle zu beten. Nach ihrer R�ckkehr fragten sie mich, ob ich auf meinem Begehren beharre. Als ich auch dieses bejahte, zogen sie sich erneut zur�ck, um den Meister �ber meinen festen Willen zu informieren.</p><p>Daraufhin wurde ich barh�uptig vor den Meister gef�hrt. Ich kniete mit zusammengelegten H�nden nieder, wie es Artikel 667 der Ordensregel forderte, und sprach folgende Bitte aus:</p><p>Herr, ich bin vor Euch und vor die Br�der getreten, die mit Euch sind, um Aufnahme in die Gemeinschaft des Ordens zu erbitten.</p><p>Der Meister erkl�rte mir eindringlich, dass ich aus dem Orden ausgesto�en w�rde, falls sich sp�ter herausstellen sollte, dass ich in irgendeinem Punkt gelogen h�tte. Darauf schwor ich auf ein gewisses Buch.�</p><p>�Aha�, sagte Joshua, belie� es aber bei dieser Bemerkung.</p><p>Henri sch�ttelte nur den Kopf und fuhr fort: �Ich musste bei Gott und der Jungfrau Maria schw�ren und versprechen, dass ich dem Gro�meister des Ordens stets gehorchen w�rde, dass ich Keuschheit, die guten Sitten und Gebr�uche des Ordens stets einhalten, dass ich besitzlos leben und nur das behalten w�rde, was unser Oberer gegeben h�tte, dass ich alles t�te, was in meiner Kraft st�nde, um das zu bewahren, was im K�nigreich Jerusalem erworben worden sei, dass ich niemals vom Orden aus dorthin gehen w�rde, wo man Christen unrechtm��ig t�ten, ausrauben und um ihr Erbe bringen w�rde.�</p><p>Joshua gestikulierte heftig mit beiden Armen. �Einen Christen zu t�ten muss ja wohl das schlimmste Verbrechen gewesen sein.�</p><p>�Da hast du nicht einmal so ganz Unrecht�, gab Henri zu. �Auch das ist in den Ordensregeln festgelegt. Der Konvent entschied in einem solchen Fall auf Aussto�ung, Peitschung durch die Stra�en von vier gr��eren St�dten und lebensl�ngliche Einkerkerung.�</p><p>�Das ist aber gar zu grausam und au�erdem ungerecht. Wer einen Juden t�tet, wird nicht so schwer bestraft�, warf Joshua ein.</p><p>Henri dachte an die Zeit, als man ihn mit dem Schutz der Pilgerstra�en beauftragt hatte. Manchmal war er gezwungen gewesen, einen muselmanischen Wegelagerer zu t�ten, der sich als christlicher Kaufmann ausgegeben hatte. Es war gar nicht so leicht gewesen, christliche Kaufleute von den Ungl�ubigen zu unterscheiden.</p><p>Er zog es vor, in seinem Bericht fortzufahren. �Ich musste schw�ren, sorgsam �ber die G�ter der Templer zu wachen, die mir anvertraut worden waren; dass ich auf Gedeih und Verderb den Orden niemals verlassen w�rde ohne die Einwilligung unserer Oberen. Denn so verlangten es die Artikel unserer Ordensregel.</p><p>Alles dies beschwor ich, und daraufhin ergriff der Meister wieder das Wort: So nehmen wir dich auf vom Anfang bis zum Ende deiner Tage, im Namen Gottes, der heiligen Jungfrau Maria, des heiligen Petrus von Rom, im Namen unseres apostolischen Vaters und aller Br�der des Tempels.</p><p>Nach diesem feierlichen Spruch legte der Meister mir den Mantel um, und der Kaplansbruder sang dazu den Psalm <emphasis>Ecce quam bonum.</emphasis> Danach sprach er das Heiliggeistgebet. Der Meister richtete mich mit eigener Hand auf, k�sste mich auf den Mund und nach mir auch den Kaplan und die anwesenden Ritter.�</p><p>Joshua starrte in das Feuer. �Es ist ein gro�es Unrecht, dass man Euch verfolgt. Ich kann an diesen Regeln nichts Lasterhaftes erkennen.�</p><p>�Im Gegenteil! Der Meister legte mir noch die Ordensregeln im Einzelnen dar, erkl�rte mir ernsthaft, welche Vergehen die Versto�ung aus dem Orden oder der Verlust des Habits nach sich z�ge.�</p><p>Joshua unterbrach ihn. �Jetzt verstehe ich, warum du so besorgt warst, dieser Bauernknecht k�nnte dein Templerhabit mitgenommen haben. Aber niemand k�nnte dich doch heute noch zur Verantwortung ziehen.�</p><p>�Diese Sorge wird man niemals mehr los�, sagte Henri.</p><p>�Was geschah denn mit einem Templer, der sein Habit verloren hatte?�, wollte Joshua wissen.</p><p>�Willst du das wirklich h�ren?�, fragte Henri eindringlich. Als Joshua nickte, gab er Auskunft. �Der Verlust des Habits zog eine zeitweise Versto�ung nach sich: ein Jahr und einen Tag. F�r die weniger schweren F�lle konnte das Kapitel eine mehr oder weniger ehrenr�hrige Strafe aussprechen.�</p><p>�Was bedeutete �ehrenr�hrig�?�, fragte Joshua.</p><p>�Der Schuldige musste schwere Arbeiten mit den Sklaven verrichten. Er musste vom Fu�boden essen und w�hrend einer bestimmten Zeit einen Tag pro Woche fasten. Die mildeste Strafe bestand darin, den Schuldigen einen Tag lang auf Wasser und Brot zu setzen. Aber du hast mich mit deinen Fragen abgelenkt.�</p><p>�Diese Auskunft war mir wichtig�, erkl�rte Joshua.</p><p>�Es gibt auch nicht mehr viel zu berichten. Der Meister zitierte noch die Artikel, in denen es um die wichtigsten Regeln des Alltagslebens geht: die religi�sen Pflichten, das Verhalten bei Tisch, die Versorgung der Pferde und Pflege der Waffen.�</p><p>�Da fehlt doch etwas Wichtiges?�, fragte Joshua und grinste.</p><p>�Ich wei�, was du meinst�, gab Henri zu. �Der Meister erl�uterte mir noch den Umgang mit Frauen.�</p><p>Joshua betrachtete fast mitleidig den kleinen Knappen. �Alle diese Regeln muss auch der Junge lernen?�</p><p>�Wenn er ein guter Knappe werden will, dann schon�, sagte Henri. �Aber ich werde darauf verzichten, dass er, wie man uns noch riet, kleine Schn�re um die Taille tragen soll, n�mlich zum Zeichen daf�r, dass man in Keuschheit leben will. Den Umgang mit Frauen werde ich ihm gewisslich nicht untersagen.�</p><p>Joshua betrachtete seinen Freund von oben bis unten. �Wie ich sehe, tr�gst auch du diese Schn�re nicht mehr.�</p><p>�Dazu sehe ich keine Veranlassung�, wehrte Henri dieses Ansinnen beinahe �rgerlich ab. �Der Meister schloss n�mlich mit den Worten: Gehe hin, Gott wird dich besser machen.�</p><p>�Und, hat er das?�</p><p>�Ich hoffe es�, antwortete Henri und lehnte sich zur�ck.</p><p>Aber Joshua hatte noch eine Frage. �Haben denn wirklich alle diese strengen Regeln ausgehalten? Gab es keine Deserteure?�</p><p>�Leider gab es Abtr�nnige, sogar Verr�ter.� Henri beantwortete diese Frage nur ungern. �Man hat von Rittern geh�rt, die zu den Muselmanen �berliefen und den islamischen Glauben annahmen, um ihr Leben zu retten. Da gab es einen Aufseher der Landg�ter, der sogar Templer verkaufte. Aber ich nehme an, dass es nicht viele �berl�ufer gab. Denn woher stammten sonst all die vielen Totenk�pfe, die auf den muselmanischen Lanzen aufgespie�t waren?�</p><p>�Was geschah mit eingefangenen Deserteuren? Verzieh man ihnen?�, wollte Joshua wissen.</p><p>�Nein. Sie wurden streng bestraft. Ich habe sogar von einem Fall geh�rt, bei dem der Orden die Hilfe der weltlichen Justiz in Anspruch genommen haben soll. Andererseits hat ein Templer bekannt, dass er zweimal in den Orden aufgenommen wurde: das erste Mal in <emphasis>Castrum Peregrinorum,</emphasis> der Pilgerburg im K�nigreich Jerusalem, ein zweites Mal nach Desertion und Reue auf Zypern. Aber das war im Jahre 1309, als der Orden schon aufgel�st worden war.�</p><p>�Du siehst m�de aus�, sagte Joshua. �Aber ich m�chte noch etwas wissen, was ich vor deinem Knappen nicht gern er�rtern m�chte. Stimmt es, dass ihr alle im Nacken ein Zeichen tragt, das euch bei der Aufnahme in den Orden eingebrannt wurde? Man behauptet n�mlich, dass es zum Ritus des Aufnahmeverfahrens geh�rte, den Bewerber mit einem �l aus Bilsenkraut, Stechapfel, Schierling und Tollkirsche zu bet�uben, damit er den Schmerz des Einbrennens aushalten konnte.�</p><p>�Es gab wichtigere Bedingungen, um ein Ritterbruder zu werden. Man musste n�mlich nach Ablauf der Probezeit die Schwertlilie empfangen haben. So nannte man den Ritterschlag.�</p><p>Joshua gab nicht nach. �Du weichst mir aus. Willst du einem Freund die Auskunft verweigern? Zeige mir deinen Nacken!�</p><p>Henri hob seine Haare und neigte den Kopf. Aber im schwachen Licht des Feuers konnte Joshua nicht erkennen, ob da Narben waren, die auf ein Geheimzeichen der Templer hindeuteten.</p><p>�Beantworte mir noch eine einzige Frage: Wer ist <emphasis>Baphomet?</emphasis> Ist er euer Gott, den ihr wie einen G�tzen verehrt?�</p><p>Henri wickelte sich in seine Decke. Seine Stimme klang dumpf unter dem derben Stoff hervor. �Du hast nicht gut zugeh�rt. Denn sonst w�sstest du, dass wir Templer gute Katholiken sind und immer waren. Baphomet, der in den K�pfen unserer Gegner herumspukt, ist nichts anderes als der arabische Name Mahumet oder Muhammad. So nennen die Sarazenen ihren Propheten. Aber wir sind nie vom Glauben abgefallen � das war eine L�ge des K�nigs!�</p><p>Auch Joshua deckte sich zu. �Verzeih mir meine Zudringlichkeit!�, bat er. �Ich wei� doch ganz genau, dass du weder an D�monen noch an Hexen oder Zauberer glaubst, also auch reicht an einen geheimnisvollen Baphomet.� Er reichte dem Freund die Hand. Henri holte seinen Arm noch einmal unter der Decke hervor und erwiderte den H�ndedruck.</p><p>In der Nacht war das Feuer erloschen. Fr�stelnd standen die beiden M�nner im Morgennebel. Die Pferde hatten unter den B�umen Schutz gesucht. Noch gab es kein Anzeichen daf�r, dass die M�rzsonne sich sehen lassen wollte.</p><p>Henri betrachtete den schlafenden Jungen. Sean sah nach den Anstrengungen der vergangenen Tage blass aus. Zum ersten Mal kam Henri der Gedanke, dass der Junge vielleicht doch eine Last sein k�nnte. W�rde er den weiten Weg bis nach Paris durchhalten? Er f�hlte Mitleid. Aber es gab keine andere L�sung, als seinen Knappen beizeiten abzuh�rten.</p><p>Mit Schwung riss er dem Jungen die w�rmende Decke vom Leib. �He, du Schlafm�tze! Hast du schon deine Pflichten vergessen? Die Pferde warten darauf, gef�ttert und getr�nkt zu werden!�</p><p>Sean erhob sich schlaftrunken. Er sah sich nach allen Seiten um. Offensichtlich wusste er zun�chst nicht, wo er sich befand. Aber als er Henri vor sich stehen sah, seufzte er erleichtert. �Verzeiht mir!�, bat er zerknirscht. �Ich werde mich sogleich an die Arbeit machen. Ich f�rchtete schon, dass Ihr mich zur�ckgelassen h�ttet.�</p><p>�Da brauchst du keine Angst zu haben. Kein Templer l�sst seinen Knappen im Stich�, versicherte Henri. �Aber wie steht es mit dir? Ich habe von meiner Aufnahme in den Orden erz�hlt, und du bist dar�ber eingeschlafen. So hast du leider nicht geh�rt, was ein Ordensbruder mir �ber das strenge Leben im Orden sagte, n�mlich: Wollt Ihr schlafen, so m�sst Ihr wachen.�</p><p>�Aber ich war doch so schrecklich m�de�, f�hrte Sean zu seiner Entschuldigung an.</p><p>Henri sah grimmig vor sich hin. �Wei�t du, wie man einen bestrafte, der eingeschlafen war, obwohl er wachen sollte?�</p><p>Sean sch�ttelte stumm den Kopf.</p><p>Henri h�tte den Jungen am liebsten in den Arm genommen. Aber er untersagte sich selbst diese milde Geste. �Wer so pflichtvergessen gewesen ist wie du, durfte sich in der folgenden Nacht nicht hinlegen, sondern musste stehen bleiben.�</p><p>Sean sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. �Aber das h�lt doch keiner aus!�, rief er entsetzt.</p><p>�Wohl oder �bel musste man das durchstehen�, erwiderte Henri unger�hrt. �Aber jetzt r�ume die Feuerstelle auf! Keiner darf entdecken, dass hier nachts mehrere Reiter gelagert haben. Die Pferde werde ich derweil versorgen. Es ist h�chste Zeit, um aufzubrechen.��</p></section><section><title><p><strong>7</strong></p></title><p>Dichter Nebel lag �ber dem Wald, und die Feuchtigkeit tropfte von den B�umen. Die drei Reiter waren froh, als sie endlich das freie Feld erreicht hatten. Henri schlug vor, dass Joshua die F�hrung �bernehmen solle. Er selber wolle die Nachhut bilden. �So k�nnen wir am besten erkennen, wenn du nicht mehr das Tempo mithalten kannst�, erkl�rte er Sean.</p><p>Der Junge machte ein beleidigtes Gesicht, wagte aber nichts zu erwidern.</p><p>Joshua sah sich nach seinen Begleitern um. �Seid ihr einverstanden, wenn wir die Pferde zum Ritt �ber die Ebene in Galopp versetzen?�</p><p>Henri wollte schon nicken, stellte sich aber pl�tzlich in die Steigb�gel und hob lauschend den Kopf. �Warte noch, Joshua! H�rst du nicht auch das Gebell von Hunden und den Schall von Jagdh�rnern?� Die Ger�usche waren allerdings bald nicht mehr zu �berh�ren. Schon st�rmten Hunde heran. Sie hatten wohl Witterung aufgenommen und lie�en sich nicht mehr halten.</p><p>�Reitet langsam weiter!�, gab Henri das Kommando. �Es ist zu sp�t, um in die Deckung des Waldes zur�ckzukehren.�</p><p>Die Meute st�rmte heran, die Jagdhunde keuchend mit heraush�ngender Zunge, die Reiter mit erhitzten Gesichtern. Weder die Hunde noch die M�nner nahmen sich Zeit, bei den drei fremden Reitern anzuhalten.</p><p>Schon wollte Henri das Zeichen f�r eine schnellere Gangart geben, als hinter dem letzten J�ger ein junges M�dchen im Damensattel auftauchte. Sie brachte ihr Pferd zum Stehen und warf einen Blick auf Sean. �Wo wollt Ihr denn mit dem Kleinen hin? Seht Ihr nicht, wie er friert? Er wird sich in der K�lte noch eine Krankheit holen.�</p><p>Henri nickte zustimmend und antwortete mit einer kleinen Verbeugung: �Da gebe ich Euch Recht! Wir haben den Jungen n�mlich im Wald gefunden. Er hatte sich verirrt und war v�llig verzweifelt. Darum werden wir ihn zu seinen Eltern zur�ckbringen.� Sehr wohl war dem Templer bei dieser L�ge nicht. Aber bestand nicht etwa die Gefahr, dass dieses mitleidige M�dchen auf den Gedanken kam, den Jungen mit sich nach Hause zu nehmen, damit er sich in guter Obhut bef�nde, bis sie seine Eltern benachrichtigt hatte?</p><p>Die Reiterin nestelte an ihrer Satteltasche und brachte einige gezuckerte Mandeln zum Vorschein, die sie Sean mit gewinnendem L�cheln �berreichte. �Sei froh, mein Kleiner, dass diese M�nner dich gefunden haben und nach Hause bringen wollen.�</p><p>Sean bedankte sich h�flich. Seine gute Erziehung war un�bersehbar. Aber er konnte doch eine Bemerkung nicht unterdr�cken. �Darf denn ein Templer so dreist l�gen?�, fragte er, als das M�dchen weitergeritten war. �Oder habe ich gestern irgendetwas falsch verstanden, als Ihr von den Ordensregeln gesprochen habt?�</p><p>�Sei nicht zu frech! Sonst bringe ich dich wirklich nach Hause zur�ck�, drohte Henri. Aber er musste lachen, und Joshua l�chelte ein wenig sp�ttisch vor sich hin. Sean begann, ein fr�hliches l�ndliches Lied zu tr�llern und bot Henri und Joshua freigebig von seinen s��en Mandeln an.</p><p>Der Abt von Cadouin hatte Henri von einem Hospiz erz�hlt, das von zwei Zisterzienserm�nchen unterhalten wurde. Henri hatte in seiner Landkarte vermerkt, wo sich nach den Erkl�rungen des Abtes die Pilgerherberge befinden musste. Der Wald wurde jedoch immer dichter. Zweimal gerieten die drei Reiter auf Holzpfade und Wildwechsel.</p><p>Henri verlor jedoch nicht die Geduld. Aufmerksam untersuchte er Pfade auf dem Waldboden. Mehrmals lie� er sich aus dem Sattel gleiten, um nach menschlichen Tritten Ausschau zu halten. Aber nur F�chse und Wildschweine hatten ihre Spuren hinterlassen. Endlich sch�pfte er Hoffnung. �Hier scheint es einen Reitpfad zu geben�, meinte er, als zwischen den Spuren der Waldtiere die Abdr�cke von Hufeisen sichtbar wurden. �Ich schlage vor, dass wir diesem Pfad folgen.�</p><p>Seine Entscheidung erwies sich als richtig. Denn offensichtlich hatten Reiter ab und zu den Sattel verlassen. Deutlich waren Abdr�cke von Stiefeln in dem weichen Waldboden zu erkennen. Es dauerte gar nicht mehr lange, bis die drei eine einfache Behausung entdeckten, die aus rohem Felsgestein errichtet worden war. Neben dieser Eremitage stand unter einer knorrigen Eiche eine kleine Kapelle.</p><p>Sean stie� einen Jubelruf aus. Er klatschte in die H�nde, sodass sich die V�gel aus der alten Eiche kr�chzend in die Luft erhoben. Das schien f�r die beiden Eremiten ein Alarmzeichen zu sein. Sie traten mit gesenkten K�pfen ins Freie; nicht etwa, weil sie die Ank�mmlinge mit einer Verbeugung begr��en wollten, sondern weil der obere T�rbalken so niedrig war.</p><p>Henri lie� sich aus dem Sattel gleiten: �Der Abt von Cadouin entbietet Euch seinen Gru� und bittet Euch, uns f�r eine Nacht aufzunehmen.�</p><p>Die M�nche sahen einander an, fl�sterten leise und nickten dann. �Seid willkommen! Unser Hospiz ist zwar nur eine bescheidene Unterkunft. Aber hinter dem Haus gibt es eine Quelle. Dort k�nnt ihr euch s�ubern und die Pferde tr�nken. Wenn Ihr mit einem Strohlager und einer einfachen Mahlzeit zufrieden seid, d�rft Ihr bleiben, bis Ihr Euch von den Strapazen der Reise erholt habt.�</p><p>Henri bedankte sich und folgte den Eremiten in die H�tte, die nur aus einem einzigen Raum bestand. Zwischen rohen Brettern waren mehrere Strohlager aufgeh�uft. Joshua sah sich nach allen Seiten um.</p><p>Die M�nche mussten wohl seine Blicke beobachtet haben. �Hier kommen oft Pilgergruppen vorbei�, teilte ihnen der �ltere mit. �Da wird der Platz eng. Wir haben uns deshalb in der winzigen Sakristei der Kapelle eine Schlafstatt eingerichtet. In der N�he des Gekreuzigten f�hlen wir uns am wohlsten.� Sie gingen wieder nach drau�en und begannen dort mit erstaunlicher Kraft, klobiges Holz zu spalten.</p><p>�Dann wollen wir einmal zur Quelle gehen�, schlug Henri vor. �Eine S�uberung wird uns allen gut tun.�</p><p>Sean legte sein Hemd ab, aber Joshua lie� sich auf dem Strohlager nieder. �Geht nur voraus! Ich komme sp�ter nach�, sagte er.</p><p>Henri verstand, warum Joshua jetzt allein sein wollte. Sein Freund hatte den Wunsch, nach j�dischem Ritus zu beten. Es war ihm nicht verborgen geblieben, dass Joshua in einem rotsamtenen S�ckchen stets seinen ledernen Gebetsriemen mit sich f�hrte. Vielleicht untersagten ihm aber auch seine Gesetze, sich vor dem Jungen nackt zu zeigen.</p><p>Darum nahm Henri Sean bei der Hand und f�hrte ihn nach drau�en. �Komm, mein Knappe! Du wirst dich hoffentlich nicht vor dem kalten Wasser f�rchten.�</p><p>Die Quelle lag oberhalb einer Felswand. Das dunkelgr�ne Wasser st�rzte rauschend abw�rts. Unten hatte sich ein kleines Becken gebildet, das sich im Laufe der Jahre durch die Gewalt des Wassers stetig vertieft und vergr��ert hatte. Sean blieb z�gernd am Rand stehen.</p><p>�Hinein mit dir!�, rief Henri. �Dies ist nicht der Waschtrog deiner Mutter!� Er packte Sean beim Handgelenk und sprang mit ihm zusammen in das Wasser. Die K�lte nahm ihm fast den Atem, und Sean stie� einen lauten Schrei aus. Henri hinderte ihn daran, eilig wieder hinauszuklettern. Er hob den Jungen hoch und lie� ihn wieder zur�ckfallen, sodass Sean bis �ber die Ohren im k�hlen Nass versank.</p><p>Prustend und spuckend tauchte der Junge wieder auf. �Das kann ich auch!�, rief er, tauchte noch einmal freiwillig, umschlang Henris Waden mit beiden Armen und zog ihm mit aller Kraft die Beine unter dem K�rper weg. Henri traf dieser Angriff v�llig �berraschend. Er verschwand unter der Wasseroberfl�che.</p><p>Als auch er schnaufend wieder auftauchte, sah er Sean am Beckenrand stehen und lachen. �Was bist du nur f�r ein Ritter!�, verspottete ihn der Junge. �Wie willst du einen Kampf Mann gegen Mann gewinnen, wenn du dich von einem Jungen besiegen l�sst?�</p><p>Diese Beleidigung lie� sich Henri nicht zweimal sagen. Blitzartig packte er zu, um Sean zu sich ins Wasser zu ziehen. Aber der Junge reagierte wider Erwarten schnell, sprang zur�ck und rannte dem nahen Wald zu.</p><p>�Lauf du nur und bring dich in Sicherheit!�, rief Henri hinter ihm her. �Beim Laufen bin ich dir vorl�ufig noch �berlegen.�</p><p>Mit einem Sprung war er aus dem Wasser und nahm die Verfolgung auf. Sean lief schreiend davon, erreichte das Gestr�pp des Waldrands und versuchte, sich in den niederen B�schen zu verstecken.</p><p>Aber Henri, der sehr schnell herangekommen war, sah den blonden Haarschopf zwischen den grauen �sten leuchten. Mit festem Griff hob er den Jungen zu sich hoch. �Was soll ich jetzt mit dir machen?�, fragte er drohend.</p><p>Sean sah ihn erschrocken an. �Werdet Ihr mich schlagen?� Er war nach dem fast sp�ttischen �Du� bei seinem Triumph in der Wasserschlacht zu dem respektvollen �Ihr� zur�ckgekehrt. Seine Stimme klang �ngstlich, und er versuchte, sich aus dem festen Griff zu befreien.</p><p>�Stillhalten und zuh�ren!�, befahl Henri. �Ich bin n�mlich sehr stolz auf dich. Jeder Templer w�re froh gewesen, einen Knappen zu haben, dem es gelungen w�re, einen erwachsenen Mann von den F��en zu holen.�</p><p>Sean sah seinen Herrn erleichtert und erstaunt an. �Soll ich es noch einmal versuchen?�, fragte er eifrig.</p><p>�Lieber nicht!�, erwiderte Henri. �Denn jetzt bin ich auf deinen �berfall vorbereitet und lie�e dir eine Abreibung zukommen, die du so bald nicht vergessen k�nntest. Aber ab morgen werde ich mit dir den Gebrauch der Lanze �ben.�</p><p>Sean machte einen Luftsprung. �Wirklich?�, fragte er ungl�ubig.</p><p>�Ja, wirklich! Du bist jetzt alt und kr�ftig genug, um eine Lanze zu tragen. Aber du wirst dich wundern, wie streng ich als Lehrmeister sein kann.�</p><p>Als die beiden die H�tte betraten, vernahmen sie noch die leise gemurmelten Worte des j�dischen Gebetes: �H�re, Israel, der Ewige, unser Gott, ist der Ewige, der einzig Eine!� Joshua streifte den Gebetsriemen ab, den er w�hrend des Betens um seinen linken Arm und um die Stirn geschlungen hatte. Hastig verstaute er das rotsamtene S�ckchen mit dem Gebetsriemen in seinem B�ndel. Er f�rchtete wohl neugierige Fragen des Jungen.</p><p>In der H�tte brannte im Kamin ein Feuer, an dem sich die beiden nach dem kalten Bad schnell erw�rmten. Aber obwohl Henri einen Finger auf die Lippen gelegt hatte, um Joshua nicht aufzuscheuchen, konnte Sean es nicht lassen, singend im Raum umherzutanzen. �Oh, wie wunderbar warm war doch dieses Wasser!�, sang er in h�chsten T�nen. �Es muss wohl eine warme Quelle sein. Am liebsten m�chte ich gleich noch einmal ein Bad nehmen.�</p><p>Henri zupfte ihn kr�ftig an den Ohren. �Willst du wohl still sein!� Das �bertriebene Wehgeschrei des Jungen klang unecht, war jedoch lauter als der Gesang.</p><p>Joshua erhob sich und runzelte die Stirn. �Lass doch dem Jungen seine Freude. Die ungewohnte W�rme des Feuers hat mich zwar schl�frig gemacht. Aber das Quellwasser wird mich wieder munter machen.�</p><p>�Mit Sicherheit!�, behauptete Henri und zwinkerte Sean verschw�rerisch zu.</p><p>Kurz darauf erklang vom First der Kapelle das helle L�uten einer kleinen Glocke. Einer der Eremiten erschien in der Kammer. �Wollt Ihr an unserem Abendgebet teilnehmen?�, fragte er mit leiser Stimme. �Es ist bei uns Brauch, dass jeder Gast unseres Hospizes die Gebetsstunden besucht.� Mit keinem Wort erw�hnte er, dass Joshua fehlte. Ob er den Gebetsriemen entdeckt oder vielleicht sogar das j�dische Gebet belauscht hatte?</p><p>Henri reichte Sean die Hand und folgte dem Eremiten in die Kapelle. Erleichtert stellte Henri fest, dass Sean vor dem einfachen Altar und einem handgeschnitzten Kreuz seine Knie beugte. Die beiden M�nche sangen einen Choral, den Henri bisher noch nicht geh�rt hatte. Sie hatten beide wohlklingende Stimmen, die beruhigend, aber auch einschl�fernd wirkten. War es nun das Bad in der Quelle, der eint�nige Gesang oder der bet�ubende Duft des orientalischen Weihrauchs, der zu einem kaum beherrschbaren Schlafbed�rfnis f�hrte? Henri warf einen Blick zu Sean. Aber der Junge wehrte sich erfolgreich gegen die M�digkeit.</p><p>Schlie�lich brach der Gesang ab, und der �ltere M�nch las ein kurzes Kapitel aus der Heiligen Schrift, sprach einen Segen f�r Pilger und Reisende und beendete die Abendandacht.</p><p>Drau�en ging soeben die Sonne unter. Ihre dunkelroten Strahlen erreichten gerade noch den First der Kapelle und brachten die kleine Glocke zum Leuchten. Henri f�hlte sich der Realit�t entr�ckt. Er musste etwas tun, um in die Welt des k�mpferischen Templers zur�ckzukehren.</p><p>�Bis zur Dunkelheit bleibt uns noch etwas Zeit �brig�, wandte er sich an Sean. �Wir sollten unsere �bungen mit der Lanze beginnen.� Diesen Vorschlag musste er allerdings nicht wiederholen.</p><p>Sean vollf�hrte erneut begeistert einen Luftsprung. Er verfolgte aufmerksam, wie Henri einen Pfahl in den weichen Waldboden versenkte, sich in den Sattel des Kastiliers schwang, seine Lanze am Schaft fasste, schr�g nach unten hielt und sein Pferd in einen schnellen Trab versetzte. Er ritt eine Runde. Als er an Sean vorbeikam, lehnte er sich nach hinten und gab seinem Pferd mit den Schenkeln den Befehl zum Galopp.</p><p>Sean konnte bei dieser Geschwindigkeit kaum verfolgen, wie Henri auf halbem Weg der n�chsten Runde die Lanze zum Wurf erhob und in die Richtung des Pfahls schleuderte. Berstend zersprang das Holz, und der obere Teil fiel, wie mit einer Klinge abgeschnitten, auf den Erdboden.</p><p>Sean stand sprach- und bewegungslos da, als Henri vor ihm aus dem Sattel sprang. �Nun bist du dran, Knappe!�, forderte ihn sein Lehrmeister auf. �Zeige, dass du ein gelehriger Sch�ler bist! Aber nimm dein Pferd, weil es schon an dich gew�hnt ist. Es muss dir auf jede Anweisung gehorchen. Wenn es dir im Kampf den Gehorsam versagt, bist du verloren.�</p><p>Sean bestieg z�gernd sein Pferd. Man sah seinem Gesicht an, dass er sich vor einem Versagen f�rchtete. Seine Schenkel f�hlten sich schlapp an. Zu sp�t und zu schwach gab er die Order zum Galopp. Vor dem Pfahl scheute das Pferd. Beinahe w�re Sean kopf�ber in den Morast des Waldbodens gest�rzt. Im letzten Augenblick wollte er noch die Lanze auf den Pfahl werfen. Aber seine eiserne Waffe flog weit �ber dessen h�lzerne Spitze hinaus. Besch�mt wollte er sich aus dem Sattel gleiten lassen.</p><p>�Nein, nein, so geht das nicht!�, rief Henri streng. �Bleibe im Sattel und reite eine neue Runde. Hier hast du eine Gerte, damit du deinem Pferd Beine machen kannst.�</p><p>Aber auch diesmal wollte es dem Jungen nicht gelingen, den Pfahl zu treffen. Henri zeigte weder �rger noch Entt�uschung. Er bestieg den Kastilier. �Beobachte noch einmal genau meine Haltung und den Armschwung, mit dem ich die Lanze schleudere!�</p><p>Sean sp�rte, wie die Angst vor einem erneuten Versagen ihm die Kehle zuschn�rte. Er wollte schon zu bedenken geben, dass es doch nun zu dunkel f�r die �bungen sei. Aber ehe er noch den Mund �ffnen konnte, trat Henri auf ihn zu, nahm ihm die Gerte aus den verschwitzten Fingern und drohte mit ernsthafter Miene: �Wenn du es wagst, hier vor mir abzusteigen, bevor du nicht eine erfolgreiche Runde geritten bist, wirst du und nicht dein Reittier die Gerte zu sp�ren bekommen.�</p><p>In diesem Augenblick tauchte Joshua an der provisorischen Reitbahn auf. �Darf ich dich einmal sprechen, Henri?� Was mochte er wollen? Henri trat mit Joshua beiseite.</p><p>�Sean ist doch noch ein halbes Kind�, gab Joshua zu bedenken. �Du mutest ihm einfach zu viel zu. Bis vor wenigen Tagen hat er noch ohne Vater mit seiner Mutter zusammengelebt, die ihn mit Sicherheit umsorgt hat. Jetzt willst du aus ihm allzu schnell einen Mann machen.�</p><p>Obwohl Henri f�rchtete, dass die Behandlung des Jungen allm�hlich zu einer Entfremdung zwischen ihm und seinem Freund f�hren k�nnte, vertrat er seine eigene Meinung. �Wie soll er den langen Ritt nach Paris und das, was wir dort vorhaben, gesund �berstehen, wenn wir ihn nicht mit einer gewissen H�rte darauf vorbereiten? Ich meine es nur gut mit ihm, wenn ich ihn im Gebrauch der Lanze unterweise, damit er sich wehren kann. Ich selbst war doch noch j�nger als er!�</p><p>Joshua sch�ttelte den Kopf und sagte eindringlich. �Aber es ist nicht n�tig, dass du ihn mit der Gerte schl�gst.�</p><p>Henri fand zun�chst keine Worte. Ihm kam eine pl�tzliche Erinnerung. Er wusste, dass Joshua seine Frau und seinen Sohn bei der Judenvertreibung verloren hatte. Joshua selbst sprach �ber diese tragischen Ereignisse nie ein Wort. Aber der Anblick des Jungen musste schmerzhafte Erinnerungen in ihm wecken. Mit Sicherheit verurteilte er die Strenge, mit der Henri den Jungen erziehen wollte.</p><p>Was nur sollte er Joshua erwidern? Als Henri endlich eine Antwort fand, klang seine Stimme gepresst. �Aber das war doch nur eine Drohung.� Er war sich aber gar nicht so sicher, ob er es nur bei der Drohung belassen h�tte.</p><p>Ein lautes Bersten enthob ihn weiterer Worte. War Sean gest�rzt? Aber ein Jubelruf des Jungen nahm ihm die Sorge. �Ich habe es geschafft! Ich habe es geschafft!�, rief Sean immer wieder.</p><p>W�hrend die beiden M�nner gesprochen hatten, war Sean Runde um Runde geritten, bis es ihm nun gelungen war, das harte Holz des Pfahls mit der Lanze zu spalten. Der Waldboden war mit Sp�nen und Splittern �bers�t.</p><p>Henri eilte auf den Jungen zu und hob ihn aus dem Sattel. �Bravo, mein Knappe!�, rief er begeistert und nahm Sean in den Arm. �Von jetzt an brauche ich keinen Angriff und keinen Hinterhalt mehr zu f�rchten, wenn du an meiner Seite k�mpfst. Ab heute sind wir Kampfgef�hrten.�</p><p>Joshua trat auf die andere Seite des Jungen und legte ihm den Arm um die Schultern. �Du bist ein sehr tapferer Junge und wirst deinem Herrn viel Freude bereiten.� Sein Lob klang aufrichtig, und Henri f�hlte sich erleichtert.�</p></section><section><title><p><strong>8</strong></p></title><p>In der Nacht wachte Henri von einem leichten Donnergrollen auf. Der finstere Raum wurde in unregelm��igen Zeitabst�nden durch schwefelgelbe Blitze erhellt. Schneller als erwartet n�herte sich das erste Fr�hlingsgewitter dem Hospiz. Der Sturm steigerte sich zu einem orkanartigen Brausen, und von drau�en ert�nte das Bersten und Knacken umst�rzender B�ume. Als das Gewitter geradewegs �ber der H�tte zu stehen schien, zuckte ein r�tlich gelber Blitz an der Fensterluke vorbei, und fast gleichzeitig folgte ein dr�hnender Schlag.</p><p>Mit einem Schrei fuhr Sean von seinem Lager hoch und warf sich Henri in die Arme. Krampfhaft hielt er sich Augen und Ohren zu. Aber Henri nahm die H�nde des Jungen und zog ihn an sich. �Das ist nichts anderes als ein Wintergewitter�, sagte er beruhigend. �Du brauchst dich nicht zu f�rchten.�</p><p>Sean versuchte, sein Zittern zu verbergen, und grub sich tiefer in den Strohballen.</p><p>Henri lie� ihn in dem sch�tzenden Versteck. �So ein Gewitter ist nur ein Naturereignis. Der Blitz verbrennt die Luft, und es kommt zu einem Knall. So entsteht dieser Krach�, erkl�rte er das be�ngstigende Ger�usch des Donners. �In einer Schlacht ist der L�rm bedeutend st�rker. Und dort ist man wirklich in Lebensgefahr.�</p><p>Sean kam aus seinem Strohballen herausgekrochen. �Erz�hle mir von einer solchen Schlacht!�, bat er.</p><p>Noch z�gerte Henri, dem Jungen von den K�mpfen in Akkon zu berichten, in denen Seans Vater vielleicht sein Leben verloren hatte. Erst recht wollte er nicht davon sprechen, dass es dem damaligen Papst Nikolaus nicht gelungen war, die K�nige von Frankreich und England zu einem neuen Kreuzzug zu bewegen. K�nig Eduard war der Kampf um den schottischen Thron wichtiger als der Kampf um Akkon. Und Philipp setzte nat�rlich alle Kraft nur auf das Ziel, seine k�nigliche Machtstellung zu st�rken. Henri seufzte. Wo nur sollte er beginnen?</p><p>Das Gewitter dauerte unvermindert fort, und Sean meinte wohl, dass diese Ger�uschkulisse einen guten Hintergrund f�r die Schlachtenschilderung abgeben m�sse. �Waren die Templer tapfere K�mpfer, und konntet ihr die Sarazenen vertreiben?�</p><p>Henri sch�ttelte vage den Kopf. Es blieb ihm wohl nichts anderes �brig, als seinem Knappen den Glauben an die unbesiegbaren Tempelritter zu zerst�ren. Denn die Einzigen, die dem geradezu flehentlichen Aufruf des Papstes gefolgt und mit ihren Galeeren ins Heilige Land aufgebrochen waren, erwiesen sich als minderwertiges Gesindel, das den m�hsam gewahrten Frieden in Akkon gef�hrdete. Diese angeblichen Kreuzfahrer sch�mten sich nicht, friedliche Kaufleute und Reisende zu ermorden, vor allem aber jene, die wegen ihrer Barttracht Anh�nger des Propheten Muhammad zu sein schienen.</p><p>�St�rt dich der laute Donner?�, fragte Sean, dem die Pause gar zu lang erschien. �Ich f�rchte mich gar nicht mehr.�</p><p>L�nger durfte Henri nicht z�gern. Er setzte sich aufrecht hin und begann seinen Bericht mit fester Stimme. �Wir waren nat�rlich auf eine Belagerung unserer Stadt gut vorbereitet. Aber als das gewaltige Heer der Ungl�ubigen vor Akkon erschien, waren wir doch etwas erschrocken. Denn unsere Truppe war gegen diese �bermacht an Reitern und Fu�soldaten viel zu gering.�</p><p>�Daf�r wart ihr doch sicher diesen Ungl�ubigen an Tapferkeit und Siegeswillen �berlegen�, warf Sean hoffnungsvoll ein.</p><p>�Nun ja�, best�tigte Henri z�gernd. �Wir Templer hatten unsere Verteidigungsstellung an der Stadtmauer aufgebaut. Aber wir hatten vorher nicht gewusst, dass die Sarazenen f�hig waren, die Stadt mit schweren Belagerungsmaschinen zu umstellen.�</p><p>�Konnten denn solche Maschinen �berhaupt etwas gegen eure Befestigungen ausrichten?�, fragte Sean. �Wie sahen denn solche Maschinen aus?�</p><p>Sean wollte offensichtlich alles sehr genau wissen. So versuchte Henri, sich an die Belagerungsmaschinen von damals zu erinnern. �Die gef�hrlichsten f�r uns waren die Mauerbohrer. Das waren Balken, die mit Eisenk�pfen versehen waren, um damit den Mauerverband zu lockern und T�rme zum Einsturz zu bringen. Tag und Nacht konnten wir das Bohrger�usch h�ren. Nach und nach mussten wir die meisten T�rme verloren geben. Aber jetzt unterbrich mich nicht zu oft! Du wolltest doch etwas �ber die Schlacht h�ren!�</p><p>Sean schwieg und stellte keine weiteren Fragen mehr.</p><p>�Unser Gl�ck war, dass die Sarazenen nicht das Meer beherrschten, sodass man uns von Zypern aus mit Nahrungsmitteln und Hilfsmitteln versorgen konnte. Trotzdem brachen Seuchen aus. Es blieb uns nichts anderes �brig, als in der Nacht die Toten �ber die Mauer zu werfen.�</p><p>Sean hatte schon den Mund zu einer weiteren Frage ge�ffnet, aber Henri fuhr fort. �Viele unserer K�mpfer wurden von den Sarazenen gefangen genommen, als ein Ausfall unserer Truppen missgl�ckte. Aber das war nicht das Schlimmste. Denn den Ungl�ubigen gelang es schlie�lich, entlang der gesamten Stadtmauer in die Stadt einzudringen.�</p><p>Sean sah ihn entsetzt an. Er ahnte schon, was jetzt kommen w�rde. Und wie ein d�steres Vorzeichen zuckte ein schwefelgelber Blitz an der Fensterluke vorbei und fuhr in die alte Eiche neben der H�tte. Ein dr�hnender Donnerschlag folgte dem ohrenbet�ubenden Bersten des splitternden Holzes.</p><p>Henri erhob die Stimme, um sich verst�ndlich zu machen. �Wir Templer und die anderen Ritter waren entschlossen, diesen Kampf Mann gegen Mann mit unseren Schwertern auszufechten. Es war entsetzlich, was sich unseren Blicken bot.� Henri wurde von der furchtbaren Erinnerung �bermannt. Er dachte nicht mehr daran, den halbw�chsigen Jungen durch eine milde Schilderung zu schonen. Es gelang ihm, das Get�se, das sich drau�en abspielte, mit seinem eigenen Geschrei zu �bert�nen.</p><p>�Unsere Feinde kannten keine Gnade. Sie fielen �ber Frauen und Kinder her, schlitzten ihnen die B�uche auf oder nahmen sich sogar Zeit, mit brennenden Holzscheiten in die Frauen einzudringen. Ich selbst war Augenzeuge, wie sie mit einem einzigen Hieb den Kopf eines S�uglings vom Rumpf trennten. Von da an war ich nicht mehr Herr meiner Sinne.�</p><p>Henri vernahm neben sich ein w�rgendes Ger�usch. Aber er war nicht einmal jetzt, nach all den vielen Jahren, zu einem Gef�hl des Mitleids f�hig. Wie eine riesige Welle �berrollte ihn die Erinnerung.</p><p>�Ich rannte und rannte und wusste gar nicht, wohin ich mich wenden sollte. Kein Turm glich mehr dem anderen: der Turm der Gr�fin von Blois, der Engl�nder, der Legaten, der Patriarchen, K�nig Hugos und K�nig Heinrichs Turm, sogar der Verfluchte Turm neben der Burg. Sie alle lagen in Schutt und Tr�mmern, zusammengest�rzt unter der Wucht der Belagerungsmaschinen.�</p><p>�Wo waren denn deine Kampfgef�hrten?�, fragte Sean.</p><p>Henri blieb die Antwort schuldig. �Ich wei� es nicht. Das Blut pochte in meinen Ohren, ich konnte nichts h�ren. Und im Dunst der zusammengest�rzten Bauwerke konnte ich nichts sehen.</p><p>An der Schanze der Hospitaliter traf ich auf einen jungen Sarazenen, kaum �lter als ich selbst. Ich war damals noch sehr jung, nicht einmal zwanzig und kaum dem Knappenalter entwachsen. Meine Oberen hatten mir befohlen, alle Ungl�ubige zu t�ten. Das war f�r mich wie ein Gesetz.�</p><p>Henri hielt einen Atemzug lang inne. Aber er wollte Sean wissen lassen, zu welcher �berzeugung er in all den vergangenen Jahren gekommen war. 23 Jahre waren seit der Schlacht von Akkon vergangen. �Heute wei� ich, dass es diesem jungen Sarazenen nicht anders ergangen war als mir. Seine Oberen hatten ihm befohlen, alle Christen zu t�ten. Warum nur? Wir h�tten Zwillinge sein k�nnen.�</p><p>Sean schwieg. Vielleicht hatte er nicht verstanden, was Henri mit dieser letzten Bemerkung sagen wollte. Darum fuhr Henri in seiner Erz�hlung fort. �Ich griff zu meinem Dolch. In den Augen meines Feindes sah ich die gleiche Wut, die mich �bermannt hatte. Wir umkreisten einander und suchten nach einer L�cke in der Deckung des Gegners. Einmal geriet ich ins Stolpern, und es gelang dem Araber, mir meinen rechten Unterarm aufzuschlitzen. Ich stie� einen lauten Schrei aus; mehr aus Wut �ber meine Nachl�ssigkeit als aus Schmerz. Mein Gegner f�hlte sich wohl schon als Sieger, als er meine blutende Wunde sah. Aber ich umfasste den Dolch mit meiner linken Hand und stie� ihm die eiserne Spitze mit Wucht in sein rechtes Auge. Was aus ihm wurde, wei� ich nicht, denn ich st�rmte wie in einem Blutrausch weiter.�</p><p>Henri bemerkte, dass Sean sich erhoben hatte und zitternd vor ihm stand. Aber wie unter einem Zwang fuhr er in seiner Schilderung fort. �Drei Ungl�ubige hatten mich umringt. Ich musste zur�ckweichen und gelangte in einen Hinterhof. In der Dunkelheit stolperte ich �ber einen leblosen K�rper. Als ich auf ihm lag, starrte ich in die fast schon gebrochenen Augen unseres verwundeten Gro�meisters Wilhelm von Beaujeu. Er lag sterbend in Jauche und Mist.�</p><p>Sean weinte laut. �Halt ein!�, schrie er laut. �Meine Mutter hat mir erz�hlt, du seist ein Held gewesen.�</p><p>Henri antwortete mit einem bitteren Lachen. �Man hatte mich nichts anderes als zu k�mpfen gelehrt. Ich kann im Nachhinein nichts Heldenhaftes daran erkennen. Meine Wut richtete sich nun gegen meine eigenen Templerbr�der. Warum hatten sie unseren Gro�meister wie ein sterbendes Vieh in der Jauche liegen gelassen?</p><p>Drei Templer waren mir zu Hilfe geeilt, weil sie mich in Gefahr glaubten. Ich packte den ersten beim Kragen und machte Anstalten, ihn zu w�rgen. �Hundsfott! Warum habt ihr unseren Gro�meister im Stich gelassen?�</p><p>Die anderen brachten mich mit einer Ohrfeige zur Besinnung und versuchten mir die Vergeblichkeit ihrer Bem�hungen zu erkl�ren. �Wir haben ihn auf seinem Schild davongetragen und wollten mit ihm �ber das Meer fliehen. Auch alle anderen Christen st�rzten zum Hafen, um sich dort auf bereitliegende Schiffe zu retten. Der Sturm hinderte uns jedoch daran, mit unseren Booten auszulaufen.�</p><p>Einer der Templer schnaufte h�rbar vor Wut. �Wei�t du, was das Schlimmste war? Unsere eigenen Br�der haben uns den Zugang zum Templerhaus verwehrt, das bis jetzt noch in unserer Hand ist. Aber auch die T�rme des Templerhauses werden in kurzer Zeit unterminiert sein. Das Bohrger�usch der Belagerungsmaschinen �bert�nt sogar das Kampfget�mmel.�</p><p>Ich befreite mich von den F�usten, die mich festhielten, um mich zur Besinnung zu bringen. Ich riss mich los. �Dann m�ssen wir eben diese Belagerungsmaschinen zerst�ren! Mir nach!�</p><p>Aber mein Zuruf konnte die anderen nicht aufr�tteln. �Keine zehn Pferde werden mich zu den Belagerungsmaschinen bringen�, schrie der J�ngste der Templer mit einer Stimme, die sein Entsetzen verriet. �Ich war dort, als der �u�ere Ring der Stadtmauer von den Mamelucken eingenommen wurde.�</p><p>�Was k�mmert es uns, ob diese Maschinen von Mamelucken oder anderen Ungl�ubigen bedient werden?�, rief ich ver�chtlich. �Wir werden ihnen allen die Kehlen durchschneiden!�</p><p>�Ohne mich!�, br�llte einer der anderen Br�der. �Du wei�t wohl nicht, dass die Mamelucken urspr�nglich t�rkische Sklaven waren? Sie wurden von den arabischen Herrschern zum Milit�rdienst gezwungen, bis sie vor vierzig Jahren in Kairo selbst die Macht ergriffen.�</p><p>�Und sie haben sich als die grausamsten K�mpfer von allen erwiesen�, best�tigte ihn der j�ngste Templer.�</p><p>�Das klingt ja aufregend!�, rief Sean ganz fiebrig aus. Aber Henri bedeutete ihm, er solle schweigen.</p><p>��Bis wir zu den Belagerungsmaschinen vorgedrungen waren, wateten wir in Blut�, berichtete mir der andere Bruder. Der Anblick dort sei entsetzlich gewesen. Denn die Ungl�ubigen hatten die Unsrigen vor die eiserne Spitze des Bohrbalkens gepresst.</p><p>Ich wagte gar nicht auszusprechen, was ich mit Schaudern ahnte. �Du meinst doch nicht etwa, dass��, fragte ich den Bruder, der all das gesehen hatte.</p><p>�Doch, genau das!�, entgegnete er. �Sie haben alle Gefangenen gepf�hlt. Nur ein langsamer Tod hat diese armen Menschen von ihren Schmerzen erl�st.�</p><p>Ich hatte genug geh�rt. F�r die Stadt und ihre christlichen Einwohner gab es keine Rettung mehr. Auch ich wollte versuchen, das Templerhaus am Hafen zu erreichen, um mich den Verteidigern anzuschlie�en.�</p><p>Sean war wieder unter seinen Strohballen gekrochen. Er schluchzte leise vor sich hin. Henri griff nach der eiskalten Hand des Jungen. H�tte er die Pf�hlung nicht erw�hnen d�rfen? Vom Lager seines Gef�hrten Joshua klangen regelm��ige Atemz�ge. Aber Henri konnte sich nicht vorstellen, dass bei so gewaltigen Donnerschl�gen ein ruhiger Schlaf m�glich war. Vielleicht wollte Joshua zu diesem grauenvollen Bericht nicht Stellung nehmen. Aber jetzt gab es kein Zur�ck.</p><p>�Am Hafen herrschte Chaos. Soeben war ein Boot gesunken, das �berladen war. Viele versuchten, sich am Bootsrand festzuklammern, und stie�en ihre Nachbarn r�cksichtslos beiseite. Denn alle Christen wollten vor den grausamen Mamelucken fl�chten.�</p><p>�War das nicht unmenschlich und sehr feige?�, h�rte Henri eine leise Stimme neben sich.</p><p>�Nicht alle dachten nur an Flucht�, entschuldigte Henri seine Br�der. �Aber h�re, was geschah! Der Sultan hatte freies Geleit zur Ausreise nach Zypern zugesagt, falls man die Festung r�ume, aber die Mamelucken benutzten ihre Anwesenheit zur �berwachung der �bergabe, um an Frauen und Knaben ihre Schandtaten zu begehen. Du wei�t jetzt wohl, wie es den Armen erging.�</p><p>Sean tauchte wieder auf. �Aber der Sultan hatte doch ein Versprechen gegeben.�</p><p>Henri lachte ver�chtlich. �Er brach es. Von unseren Gesandten hat keiner �berlebt. Aber von da an waren wir entschlossen, bis zum letzten Atemzug zu k�mpfen.�</p><p>�Aber du hast diesen Kampf �berstanden. Dar�ber bin ich froh!�, fl�sterte Sean.</p><p>Diese Worte brachten Henri zur Besinnung. Musste er nicht seinem Herrgott t�glich von ganzem Herzen daf�r danken, dass er diese H�lle von Blut und Schmerzen fast unverletzt �berlebt hatte? Bis zu dieser Nacht, in der er sich dem Jungen ge�ffnet hatte, wollte er sich an das schreckliche Erlebnis nicht mehr erinnern. Seine Gedanken waren voller Hass und Rache gewesen. Dabei hatte ihm die Begegnung mit dem Feind eine dauerhafte Freundschaft gebracht. �Ich danke dir f�r deine Worte, mein kleiner Knappe. Jetzt m�chte ich dir noch das Ende der Schlacht um Akkon erz�hlen.�</p><p>Sean gab keinen Laut von sich und hielt den Atem an.</p><p>�Die Belagerungsmaschine bohrte sich immer tiefer in den Felsen, auf dem unsere Festung nahe am Meer erbaut war. Das Dr�hnen der Bohrer kam st�ndig n�her. Jeder wusste, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis der Turm des Templerhauses v�llig unterminiert sein w�rde. Dennoch glaubte niemand an das nahe Ende. Aber auch die Sarazenen erwarteten wohl nicht den raschen Erfolg ihrer Unterminierung. Pl�tzlich war es jedoch so weit. Mit einem ungeheuren Krach brach der Turm in sich zusammen und begrub Freund und Feind unter seinen Tr�mmern.�</p><p>Sean setzte sich aufrecht hin und sah zur Fensterluke. Er hatte wohl erwartet, dass dieser gewaltige Krach des Zusammenbruchs von einem Donnerschlag begleitet sein w�rde. Aber das Gewitter hatte sich verzogen, und nur ein leichter Wind strich noch durch die B�ume.</p><p>�Ich hatte Gl�ck�, sagte Henri mit einem tiefen Seufzer. �Und zwar in zweifacher Hinsicht. Denn ich fand einen treuen Freund.�</p><p>�Einen Templer, der bis zum Ende mit dir gek�mpft hatte und der auch gerettet wurde?�, fragte Sean.</p><p>Henri strich ihm �ber die hei�e Stirn. Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, das wirst du kaum verstehen. Es war ein Sarazene. Ein schwerer Balken lag quer �ber seinem rechten Bein und lie� sich nicht bewegen. Er st�hnte vor Schmerzen und sah mich mit einem Gesichtsausdruck an, der mich aus unerfindlichen Gr�nden r�hrte. Vor mir lag ein leidender Mensch. Niemals hatten unsere Lehrer die Geschichte vom barmherzigen Samariter erw�hnt. Dennoch kannte ich dieses Gleichnis der Bibel gut. Aber aus Angst vor Strafe hatte ich niemals gewagt, auf meine Vorliebe f�r diese Geschichte hinzuweisen, die mir meine Mutter mehrmals erz�hlt hatte. Warum wohl? Weil ein Templer kein Mitleid mit einem Feind zeigen durfte? Ich wusste nicht, warum ich mich jetzt m�hsam erhob und mit aller Kraft den Balken beiseite r�umte. Das Bein sah b�se aus, aber es schien kein Knochen verletzt.�</p><p>�Das hast du gut gemacht�, stellte Sean befriedigt fest. �Was hat der Sarazene jetzt getan? Wollte er davonlaufen oder dich etwa sogar angreifen?�</p><p>Henri l�chelte. �Keins von beiden. Er reichte mir die Hand und sprach so etwas �hnliches wie ein Gel�bnis: Ich werde dir ewig dankbar und immer neben dir sein, wenn du in Not geraten bist. Rufe meinen Namen Umar, und ich werde zu dir eilen.�</p><p>�Hat er sein Versprechen eingehalten?�, fragte Sean.</p><p>Henry nickte. �Mehr als das! Er griff in seinen Nacken und l�ste eine silberne Kette mit einem Anh�nger, die er mir auf der flachen Hand entgegenhielt. Als er sprach, klang das wie eine Bitte.�</p><p>�Nimm diesen Talisman, der mich bisher geleitet hat und nun dich vor allen Gefahren besch�tzen soll.�</p><p>Ich steckte sein Geschenk ein und habe erst viel sp�ter festgestellt, dass auf dem Anh�nger ein Wort stand, das die Sarazenen <emphasis>Baphomet</emphasis> oder <emphasis>Mahomet</emphasis> aussprechen. Angeblich sollen sie diesen Baphomet wie einen G�tzen anbeten. Aber auf der R�ckseite des Talismans war noch etwas anderes eingeritzt: <emphasis>alhamdulillah.</emphasis> Viel sp�ter habe ich dann erfahren, dass dieses arabische Wort <emphasis>Dank sei Gott</emphasis> bedeutet.</p><p>Sean zog eine logische Schlussfolgerung. �Besch�tzt hat dich dieser Talisman jedenfalls auch mit einer arabischen Inschrift. Sonst w�rest du heute nicht hier! Was aber geschah mit dem Sarazenen?�</p><p>�Ich kannte einen geheimen Ausgang, der zum Gl�ck nicht versch�ttet war und zum Meer f�hrte. So packte ich den hinkenden Sarazenen am Arm und f�hrte ihn den unterirdischen Gang entlang bis zu der Stelle, wo seine Landsleute vor der Festung lagerten.�</p><p>Sean seufzte tief. �Das war ein sch�ner Schluss. Aber hast du diesen Umar niemals wiedergetroffen?�</p><p>�Doch, aber das ist eine andere Geschichte.� Henri drehte sich zur Seite und sah, dass sich die erste Morgend�mmerung zeigte. Er f�hlte sich gleichzeitig ersch�pft und erleichtert. �Wir wollen versuchen, noch ein wenig zu schlafen�, schlug er vor.</p><p>Sean r�ckte n�her an ihn heran. �Darf ich neben dir liegen bleiben?�, fragte er leise. �Ich habe Angst, dass ich von diesen furchtbaren Dingen tr�umen muss.�</p><p>�Davor f�rchte ich mich auch ein wenig�, gab Henri zu. �Also versuchen wir gemeinsam, die schrecklichen Albtr�ume zu verscheuchen.�</p><p>Er legte seinen Arm um die Schultern des Jungen, der bald tiefe Atemz�ge von sich gab. Aber Henri konnte lange Zeit nicht einschlafen.�</p></section><section><title><p><strong>9</strong></p></title><p>Henri erwachte von lautem Stimmengewirr. Die T�re flog auf, etwa zehn kr�ftige M�nner dr�ngten sich herein und warfen prall gef�llte B�ndel auf die Strohs�cke. �Auf, auf, ihr Schlafm�tzen! Es ist ja schon heller Tag!�, rief eine grobe Stimme.</p><p>Henri erschrak zutiefst. Waren sie verraten worden? Vielleicht waren die beiden Zisterzienserm�nche p�pstliche oder k�nigstreue Gefolgsleute und wussten, dass der Templerorden mit Billigung des Papstes aufgel�st worden war. Vielleicht aber war Joshua auch als Jude erkannt worden. Hatte man Sean als Geisel genommen, um ihn zu verh�ren? Die Stelle an seiner Seite war jedenfalls leer. Wie hatte er nur so sorglos schlafen k�nnen! Er sprang von seinem Strohlager hoch. Aber ehe er noch die T�r erreicht hatte, drang ein verf�hrerischer Duft in seine Nase. Es roch nach gebratenem Fleisch.</p><p>Drau�en brannte ein Lagerfeuer, und an einem eisernen Spie� drehte sich ein riesenhaftes Tier, das Henri sogleich als Wildschwein erkannte. Die M�nner in ihren groben Bauernkitteln rissen sich gegenseitig die Drehkurbel aus den F�usten. Offenbar meinte jeder, er k�nne den Braten schneller fertig stellen als der andere. Einigen lief voller Gier schon jetzt der Speichel am Kinn herab. Ein Becher mit Wein machte die Runde, und ein dickb�uchiger Mann mit glasigen Augen torkelte gef�hrlich nahe an den Flammen vor�ber. Schlie�lich ert�nte aus rauen Kehlen ein Vagantenlied, das sich zu einem trunkenen Gebr�ll steigerte.</p><p>�Den Eber erlegt in tausend Gefahren, wie lernt ich im Leben das Fasten und Sparen! Die M�dchen lass ich trotz Bitten nicht frei, wo M�nner sich raufen, da bin ich dabei, und da, wo sie saufen, da sauf ich f�r drei.� Beinahe h�tte es tats�chlich eine Rauferei gegeben, denn ein zottelhaariger Kerl zerrte ein junges M�dchen zu sich heran und griff grob nach ihren Br�sten. Das M�dchen schrie laut auf. Ein �lterer Mann, der wohl ihr Vater sein mochte, sprang herbei und verabreichte dem zudringlichen Kerl eine kr�ftige Maulschelle.</p><p>In diesem Augenblick ert�nte die Glocke vom First der Kapelle. Ihr heller, ein wenig scheppernder Klang �bert�nte das Gebr�ll der M�nner. Es herrschte pl�tzliche Stille. Der Mann am Spie� verga� das Drehen und stand mit offenem Mund da. Das Bimmeln der Glocke verstummte, und die beiden M�nche traten aus der Kapelle. Wie zwei Racheengel pflanzten sie sich vor den Bauern auf. Ihre Stimmen klangen drohend. �Sch�mt euch, ihr verlotterte Bande, euch auf dem Pilgerpfad wie die Heiden aufzuf�hren! Ihr seid es nicht wert, das Leichentuch Christi mit euren Augen zu schauen, anzubeten oder gar mit euren schmierigen H�nden zu betasten. Auf die Knie mit euch, ihr S�nder! Bekreuziget euch und betet um Vergebung!�</p><p>M�nner, Frauen und Kinder folgten dem Befehl. Nach jedem lateinisch gesprochenen Vers der M�nche, den das einfache Landvolk nicht verstand, rief es im Chor laut und �bereifrig ein �Gelobt sei Jesus Christus! In Ewigkeit! Amen!�.</p><p>Einer der Zisterzienser wandte sich streng an die Bauern, die immer noch mit gesenkten K�pfen auf dem Erdboden knien blieben. �Und nun erwarte ich jeden von euch nacheinander zur Beichte in der Kapelle. Wer noch nicht seine Strafe und Absolution erhalten hat, bleibt hier so lange auf den Knien.�</p><p>Beide M�nche verschwanden in der Kapelle. Sogleich erhob sich ein heftiges Gedr�nge. Denn jeder wollte der Erste sein, um danach das Feuer neu zu entfachen und den Spie� zu drehen. Aber w�hrend sich die Bauern gegenseitig schubsten und zur�ckzerrten, erkannte Henri in der vordersten Reihe einen Blondschopf. Es war Sean, der jetzt als Erster die Kapelle betrat.</p><p>Henri erwartete ihn unter der gro�en Eiche. �Na, hast du deine S�nden gebeichtet? Welche Strafe hat dir der Beichtvater auferlegt? Hoffentlich musst du drei Tage fasten. Denn du warst allzu gierig auf den Wildschweinbraten. Oder warum hast du dich heimlich von unserem Schlaflager davongeschlichen?�</p><p>�Nicht einmal einen Rosenkranz musste ich beten!�, rief Sean triumphierend. �Denn ich habe den Zisterziensern berichtet, dass mein Vater im Orient gegen die Ungl�ubigen gek�mpft hat und der Abt von Cadouin Beichtvater meiner Mutter ist.�</p><p>�Sich auf diese Weise vor einer Kirchenstrafe zu dr�cken ist eigentlich schon eine neue S�nde�, meinte Henri.</p><p>Sean blieb die Antwort erspart, denn soeben erschien Joshua am Waldrand. Als Joshua das Feuer, die Menschenansammlung und den Braten am Spie� erblickte, blieb er z�gernd stehen.</p><p>Die Bauern, die nicht mehr auf dem Boden knieten, weil sie schon gebeichtet und die Absolution erhalten hatten, winkten ihn herbei. �Wo hast du denn gesteckt?</p><p>Bekreuzige dich und knie nieder! Wir alle m�ssen die Beichte ablegen.�</p><p>Joshua tat, als habe er nichts geh�rt. Er blieb kerzengerade stehen und wandte sich dann um. Die Bauern schauten sich an, murmelten etwas vor sich hin und n�herten sich Joshua. Aber Henri griff geistesgegenw�rtig ein. �Warum soll dieser gottesf�rchtige Mann niederknien und um Vergebung bitten? W�hrend ihr l�sterliche Lieder gesungen habt, war er im Wald, um in der Stille unserem Herrgott daf�r zu danken, dass wir die wundert�tige Reliquie von Cadouin anschauen und anbeten durften. Denn wir waren schon dort und schieden als Freunde des Abtes.�</p><p>Die Bauern wichen zur�ck, und der Mann am Bratenspie� griff zu seinem Messer und schnitt ein ansehnliches St�ck Fleisch aus der Lende des Wildschweins. �Hier, nimm das!�, sagte er zu Joshua. �Denn du bist es wert, als Erster den Braten zu kosten.�</p><p>Joshua betrachtete z�gernd das Fleisch, das ihm auf der Spitze des Messers dargereicht wurde. Eine Ablehnung h�tte den Geber nicht nur beleidigt, sondern wom�glich auf Gedanken gebracht, die Joshua unbedingt verbergen wollte.</p><p>Wieder war es Henri, der die bedrohliche Situation meisterte. Er griff eilig nach dem Bratenst�ck. �Ich danke dir von Herzen f�r diese verlockende Speise. Aber ich bin der Meinung, dass dieser kleine Bursche hier, der als Erster von uns allen die Beichte abgelegt hat, nun auch als Erster von uns essen darf.� Er ging auf Sean zu und reichte ihm das knusprige Lendenst�ck des Wildschweinbratens. �Iss davon, so viel du magst. Aber tr�dele nicht unn�tig hier am Feuer herum! Sobald du fertig gegessen hast, komm zur Quelle, um dich von dem triefenden Fett zu reinigen!� Er gab seiner Stimme einen strengen Klang.</p><p>Im Haus packten Henri und Joshua eilig ihre Reiseb�ndel. Ehe sie nach drau�en gingen, um die Pferde zu satteln, legte Joshua eine Hand auf die Schulter seines Freundes. �Ich danke dir, dass du mich davor bewahrt hast, als Jude erkannt und vielleicht sogar ins Feuer geworfen zu werden.�</p><p>Henri erwiderte seine freundschaftliche Geb�rde. �Nicht umsonst hast du mich damals in der Talmudschule in den j�dischen Gesetzen unterwiesen. Ich habe nicht vergessen, dass die Thora in vielen Geboten einen respektvollen Umgang mit den Tieren fordert. Dazu geh�rt auch, dass die im Wald gehetzten und erschlagenen Tiere nicht zum Verzehr geeignet sind.�</p><p>Joshua verstaute das K�stchen mit dem Gebetsriemen unter seinen Kleidungsst�cken. �Ich h�tte mir nicht zu helfen gewusst, als man mir ein St�ck von diesem erschlagenen Wildschwein reichte.�</p><p>Henri versetzte seinem Gef�hrten einen sanften Sto�. �Hier ist jetzt nicht die Zeit, dar�ber zu sprechen, was die Thora �ber koscheres Essen gebietet. Wenn wir noch lange z�gern, k�nnte man dich erkennen.�</p><p>Sean hatte wohl verstanden, dass er seinen Herrn nicht warten lassen durfte. Sein Pferd stand gesattelt an der Quelle. �Als Ihr im Haus verschwunden wart, haben die Bauern hinter Euch hergestarrt und miteinander gefl�stert. Warum wohl?�, wollte er wissen.</p><p>Henri schwang sich in den Sattel und gab das Zeichen zum Aufbruch. �Ich werde dir das sp�ter erkl�ren. Halte deine Lanze bereit und beobachte die B�sche neben unserem Weg! Es k�nnte sein, dass man uns nachstellt.�</p><p>Henris Mahnung zur Vorsicht erwies sich als richtig. Sie waren gerade erst in das Dickicht des Waldes eingetaucht, als vier mit Kn�ppeln bewaffnete M�nner aus dem Unterholz hervorbrachen. �Bleibt stehen! Wenn ihr uns eine glaubw�rdige Antwort geben k�nnt, wird euch nichts geschehen.�</p><p>Henri bewahrte die Ruhe, w�hrend Joshua so unruhig wurde, dass sein Pferd zu t�nzeln begann. Sean hielt seine Lanze kampfbereit umklammert. �Wir sind friedliche Pilger auf dem Heimweg�, antwortete Henri freundlich. �Ich kann mir nicht vorstellen, welche Ausk�nfte ihr von uns verlangt.�</p><p>Der kr�ftigste der M�nner schob sich nach vorn und ergriff Joshuas Pferd am Z�gel. �Machen wir kein langes Federlesen! Ist dieser Mann ein Jude? Er hat sich geweigert, das <emphasis>Gelobt sei Jesus Christus</emphasis> zu sprechen, wollte sich nicht bekreuzigen, nicht zur Beichte gehen, kein Schweinefleisch essen, und au�erdem sieht seine Visage ziemlich j�disch aus.�</p><p>Henri lachte laut. �Ach, was ihr euch da alles zusammenreimt! Gebt den Weg jetzt frei!�</p><p>Aber die vier umringten sie und erhoben ihre Kn�ppel. �Von dir wollen wir gar nichts und erst recht nichts von dem blonden Milchbart. Aber deinen Begleiter musst du uns ausliefern, damit wir ihn im Lager verh�ren und notfalls seine F��e ein wenig im Feuer r�sten k�nnen.� Sie rissen das Pferd an der Trense zur�ck, packten Joshua mit den F�usten und versuchten, ihn aus dem Sattel zu rei�en.</p><p>Das Pferd, das eine solch r�de Behandlung nicht gewohnt war, sprang mit den Vorderf��en in die H�he, sch�ttelte die Angreifer ab und galoppierte auf dem Waldweg davon. Sein Hufschlag verklang in der Ferne.</p><p>Einer der M�nner war anscheinend von den Hufen getroffen worden. Mit einem Aufschrei war er zu Boden gest�rzt. Die anderen sahen sich ratlos an. Ehe Henri die umgeschlagene Stimmung ausnutzen und die Bauern mit seiner Redekunst beruhigen konnte, geschah etwas Unvorhergesehenes. Eine Lanze schwirrte durch die Luft und traf den am Boden liegenden Angreifer in die Brust.</p><p>Blitzartig hatte Henri erkannt, dass Sean aus dem Hintergrund die Waffe geschleudert hatte. Gegen seinen Willen musste nun auch er gegen die Bauern vorgehen, die jetzt ihre Kampfbereitschaft wiedergefunden hatten. Er schwang sein Schwert und durchstach den Oberarm eines Angreifers, der schon den Kn�ppel geschwungen hatte. Mit der linken Hand warf er seine Lanze und verwundete einen anderen am Bein. Der Vierte blieb wie gel�hmt stehen.</p><p>Henri steckte sein Schwert in die Scheide und verstaute seine Lanze hinter dem Sattelknauf. Seine Stimme klang vers�hnlich. �Wir helfen euch, aus Zweigen eine Bahre zu flechten, damit ihr euren Gef�hrten zum Hospiz zur�cktragen k�nnt�, bot er den M�nnern an. Bewusst hatte er sie nur leicht verwundet. �Aber lasst euch diesen �berfall als Lehre dienen und bedroht niemals wieder unschuldige Menschen, die euch nichts zuleide getan haben!�</p><p>Stumm und verunsichert nahmen die Bauern das Angebot an. Sie senkten ihre K�pfe und torkelten mit der schweren Last davon. �Ihr m�sst sogleich wieder zur Beichte gehen!�, rief Sean ihnen h�hnisch nach und hob seine Lanze vom Boden auf. Aber als er sich wieder aufgerichtet hatte, sah er Henri drohend mit ausgestreckter Handfl�che �ber sich stehen. Noch nie hatte er seinen Herrn so zornig gesehen.</p><p>Offenbar konnte sich Henri nur m�hsam beherrschen, seinen Knappen nicht zu schlagen. �Niemals mehr m�chte ich erleben, dass du Bauern mit deiner Lanze verwundest, die nur mit Kn�ppeln bewaffnet am Boden liegen und nicht zum Kampf bereit sind!�, rief er mit ungew�hnlich lauter Stimme.</p><p>Sean duckte sich, weil er eine Ohrfeige bef�rchtete, brach in leises Weinen aus, das sich zu lautem Gebr�ll steigerte. Er f�hlte sich unschuldig und hatte gar ein Lob erwartet. �Aber du hattest mir doch befohlen, meine Lanze bereitzuhalten!�, rief er anklagend.</p><p>L�ngst hatte Henri seinen J�hzorn bereut. �Ja, bereithalten�, gab er zu, �aber nicht angreifen. Wenn hier einer das Signal zum unausweichlichen Kampf gibt, dann bin ich das. Diese M�nner h�tte man mit �berzeugenden Worten zur Ruhe bringen k�nnen, ohne sie zu verwunden.�</p><p>Inzwischen war Joshua zur�ckgekehrt und sah schweigend von einem zum anderen. Er wusste nicht, was vorgefallen war, aber er beobachtete, wie sich der Junge die Tr�nen aus dem Gesicht wischte, und ahnte, dass er selbst einen Grund zu der Auseinandersetzung gegeben haben k�nnte. Er f�hlte sich unbehaglich. �Meinst du nicht�, wandte er sich leise an Henri, �dass wir dem Jungen erz�hlen m�ssten, wie wir beide uns kennen gelernt haben? Vielleicht sollten wir ihm auch erkl�ren, was Thora und Talmud bedeuten, und von den Gr�ueln der Judenvertreibung berichten.�</p><p>Henri nickte, bestieg sein Pferd und gab Sean ein Zeichen, er m�ge sich nicht hinter ihm, sondern neben ihm halten, um ihn so als seinen Gef�hrten anzuerkennen. W�hrend des Rittes dachte er allerdings dar�ber nach, ob Sean nicht mit kindlicher Raffinesse versuchen w�rde, die beiden langj�hrigen Gef�hrten gegeneinander auszuspielen. Gerade darum aber hielt er den Vorschlag von Joshua f�r die beste L�sung.</p><p>Sie ritten den ganzen Tag und vermieden gr��ere D�rfer. Denn seit dem Verlassen des Hospizes befanden sie sich nicht mehr in dem Gebiet, das der englischen Krone unterstand. Nach der j�ngsten Erfahrung mit den b�uerlichen Pilgern war doppelte Vorsicht geboten.</p><p>Gegen Abend entdeckten sie auf einer Wiese einen kleinen Heuschober. Ein Geh�ft war nicht zu sehen. Henri blickte sich in der Gegend um und meinte, man k�nne wohl einigerma�en gefahrlos in dem Schober �bernachten. Nachdem sie die Pferde versorgt hatten, suchten sich alle drei in dem wenigen Heu eine Lagerstatt. Aber keiner konnte Schlaf finden.</p><p>Sean versp�rte zum ersten Mal Heimweh nach Beaumont und vor allem nach der F�rsorge und Liebe seiner Mutter. Er k�mpfte mit den Tr�nen. Joshua erinnerte sich wehm�tig an seine Frau und seinen Sohn, die er w�hrend der Judenvertreibung verloren hatte. Henri dachte an sein Gel�bnis, den Feuertod der Templeroberen zu r�chen. Gegen alle Widerst�nde w�rde er diesen Fluch erf�llen.</p><p>Pl�tzlich h�rte Henri ein Rascheln. Er f�rchtete zun�chst, es k�nnte sich von drau�en jemand n�hern.</p><p>Aber dann erkannte er im D�mmerlicht den Schatten von Joshua, der sich auf allen vieren dem Jungen n�herte. Sean machte ihm bereitwillig Platz. �Magst du mir ein wenig zuh�ren?�, fragte Joshua leise.</p><p>Henri konnte nicht verstehen, was Sean antwortete, aber er h�rte deutlich, was Joshua zu erz�hlen begann: �Ich hatte einen Sohn, der jetzt etwa so alt sein m�sste, wie du es bist. Aber ich habe ihn durch den Tod verloren, an dem ich mich schuldig f�hle. Wenn ich ihn im Gebrauch der Waffen unterwiesen h�tte, k�nnte er vielleicht heute noch leben. Denn er h�tte sich gegen seine Feinde wehren k�nnen.�</p><p>�Warum hast du das nicht getan?�, fragte Sean.</p><p>Joshua seufzte und fuhr fort. �Weil ich ihn in den Lehren des Talmuds und der Thora unterwiesen habe. Einer der Spr�che im Talmud sagt: <emphasis>F�llt dein Feind, so sollst du dich nicht freuen, und strauchelt er, so soll dein Herz nicht jubeln.</emphasis>�</p><p>Sean st�tzte sich auf seine Ellenbogen. �Das verstehe ich nicht. Man wird sich doch wehren d�rfen und froh sein, wenn man den Gegner besiegt hat.�</p><p>Joshua fiel die Antwort schwer, aber er versuchte eine Erkl�rung: �Der Talmud sagt, dass Gottes Zorn sich gegen denjenigen kehren k�nne, der sich �ber den Schaden des anderen freut.�</p><p>�Das kann ich nicht so recht glauben�, meinte Sean und lie� sich wieder in das Heu zur�ckfallen.</p><p>Joshua war jedoch nicht zu beirren: �Der Talmud verbietet uns Juden auch ein Gebet um Rache oder gar Gottes Strafe gegen unsere Widersacher herabzuflehen. Wir sollen sogar f�r unsere Feinde beten, dass sie in Reue umkehren.�</p><p>Sean schwieg, und Joshua sp�rte seinen stummen Protest. �Vielleicht kann Henri dir all dies besser erkl�ren�, meinte er und erhob sich.</p><p>Henri hatte aufmerksam zugeh�rt. �Komm zu mir, Sean. Ich m�chte dir eine Geschichte erz�hlen.�</p><p>Sean hatte sich nach den Vorg�ngen des Morgens eigentlich vorgenommen, keinerlei freundliche Geste von seinem Herrn anzunehmen und die ausgestreckte Hand abzuweisen. Aber seine Neugier war st�rker. �Was f�r eine Geschichte?�, fragte er brummig.</p><p>�Eines Tages schickten mich meine Oberen zu einem j�dischen Gelehrten, um dessen Geheimwissen, vor allem die Zahlenmystik der Juden, zu erforschen. Der Gelehrte damals war Joshua. Er erz�hlte mir eine Parabel, die mein ganzes Denken ver�nderte und schlie�lich Joshua zu meinem Freund machte.�</p><p>�Joshua ist auch so schon mein Freund�, bekannte Sean triumphierend. �Aber meinetwegen erz�hle mir diese Geschichte, die du Parabel oder sonst wie nennst.�</p><p>Henri bemerkte sehr wohl, dass Sean ihn provozieren wollte. Aber er lie� sich nicht beirren. �Da gab es einen Sultan Saladin, der durch seine Prachtliebe all sein Geld verbraucht hatte. Darum versuchte er, einen verm�genden Juden mit einer schweren Frage in einen Handel zu verwickeln. Auf diesem Wege wollte er das Geld des Juden an sich bringen. Er verlangte zu wissen, ob das j�dische, das sarazenische oder das christliche Gesetz das wahre sei. An dieser Frage, so hoffte der Sultan, m�sse der Jude scheitern.</p><p>Der weise Jude antwortete ihm, er habe von einem reichen Mann geh�rt, der von seinen drei S�hnen denjenigen zum Erben einsetzen wolle, der einen kostbaren Ring des Vaters in seinem Verm�chtnis vorzeigen k�nne. Da er aber alle drei gleichm��ig liebte, lie� er bei einem Goldschmied zwei genau gleiche Ringe nach dem Muster des Originals anfertigen. Nach dem Tod des Vaters zeigte jeder der S�hne seinen Ring vor und beanspruchte das Erbe. Was glaubst du, Sean, wie sich dieses Problem l�ste?�</p><p>�Wahrscheinlich haben sie sich gegenseitig umgebracht�, mutma�te der Junge.</p><p>Henri stutzte f�r einen Augenblick. �So k�nnte es gewesen sein�, gab er zu. �Aber in Wirklichkeit ist die Beantwortung der Frage immer noch in der Schwebe. Die Ringe sind n�mlich nur ein Sinnbild f�r Glauben und Gesetz. Wem Gott den wahren Glauben gegeben hat, den Juden, den Christen oder den Sarazenen, l�sst sich nicht feststellen. Darum m�ssen wir uns gegenseitig achten und anerkennen.�</p><p>Sean sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube, dass der Abt von Cadouin mit dieser Antwort nicht zufrieden w�re. Und meine Mutter auch nicht.�</p><p>Joshua, der sich bis dahin zur�ckgehalten hatte, r�ckte n�her. �Ich habe den Eindruck, dass unser kleiner Bursche mit solchen philosophischen Er�rterungen �berfordert ist. Vielleicht solltest du ihm von der Verfolgung berichten.�</p><p>�Das k�nnten wir gemeinsam tun�, schlug Henri vor. �Ich mache den Anfang. Noch vor der Aufl�sung des Templerordens waren die Juden Opfer der Geldgier K�nig Philipps geworden. Jeder Jude, der nicht das vorgeschriebene Judenabzeichen, einen gelben Fleck, trug, wurde mit hohen Geldstrafen belegt. Schlie�lich, im Juli 1307, wurden alle Juden im Herrschaftsbereich des K�nigs verhaftet und ohne ihren ganzen Besitz ausgewiesen. Aber davon kann dir Joshua besser erz�hlen.�</p><p>�Du wirst dir nicht vorstellen k�nnen, was das bedeutet�, sagte Joshua zu Sean. �Aber eine Verfolgungsjagd, die kennst du seit heute. Die Meute, die uns damals verfolgte, war jedoch bei weitem gef�hrlicher und grausamer. Man trieb uns in unsere Beth�user, verrammelte sie von au�en und z�ndete sie an. Unsere Frauen waren Freiwild f�r die M�nner, die sich wie gierige W�lfe auf sie st�rzten. Man zertr�mmerte unsere Tische, B�nke und Betten, zerschlug das Geschirr, zerfetzte unsere Kleidung und nahm uns auch die letzte M�nze. Die unbarmherzigen Verfolger schlugen uns zu Boden, bespuckten und traten uns. Viele meines Volkes lagen blut�berstr�mt im Schmutz der Stra�e und verendeten dort, ohne dass jemand ihnen half. Aber ich fand einen Retter.�</p><p>Sean atmete schwer und erhoffte sich die Antwort, die er nun erhielt.</p><p>�Auch unser Haus brannte. Vergeblich versuchte ich, meinen Sohn zu retten, nachdem ich meine Frau, viehisch ermordet, in der K�che vorgefunden hatte. Gerade w�hrend ich den kleinen Samuel �ber die Schwelle tragen wollte, brach das Dachgeb�lk �ber uns zusammen. Als ich aus der Ohnmacht erwachte, lag ich unter freiem Himmel. Jemand hatte mich aus den brennenden Tr�mmern hervorgezogen. Das war Henri, der unter Einsatz seines Lebens vergeblich versucht hatte, auch meinen Sohn zu retten.�</p><p>�Es darf aber niemals vergessen werden, dass der Templerorden aktiv an der Vertreibung der Juden beteiligt war�, mahnte Henri. �Daf�r sch�me ich mich heute noch. Ich habe nur versucht, wieder gutzumachen, was wir den Juden angetan haben.�</p><p>Joshua bat ihn zu schweigen. �Du hast viel mehr getan. Denn als mich die Meute als einen Brunnenvergifter beschimpfte und auch mich zu Boden schlagen wollte, hast du mich als Gro�meister des Templerordens ausgegeben und damit gerettet.�</p><p>�Und nach alldem kannst du noch deinen Feinden vergeben und f�r sie beten, ohne Gottes Zorn auf sie herabzuw�nschen?�, fragte Sean zweifelnd.</p><p>�Das lehrt uns der Talmud�, erwiderte Joshua.</p><p>�So�, sagte Henri zu Sean, �nun wei�t du, wie ich Joshua kennen gelernt habe und was er mich gelehrt hat.�</p><p>�Ich aber werde Henri f�r alle Zeiten dankbar sein. Du hast ja nun selbst miterlebt, Sean, wie ich jederzeit auf seine Hilfe und seinen Schutz z�hlen kann.� Die beiden M�nner reichten sich die H�nde.</p><p>Sean stand auf. �Ich mag euch alle beide und m�chte euer Freund sein. Oder muss ich warten, bis ich erwachsen und vern�nftiger geworden bin?�</p><p>�Das musst du nicht�, lachte Henri, zog ihm die Beine weg, sodass Sean auf das Heulager zur�ckfiel. �Wenn du wieder Dummheiten machst, werde ich dir das schon deutlich sagen. Schluss jetzt mit den alten Geschichten. Morgen haben wir einen weiten Ritt vor uns.�</p><p>�Vielleicht k�nnten wir in irgendeinem Dorf auch etwas zu essen finden�, meinte Sean hoffnungsvoll.</p><p>�Das soll doch wohl hoffentlich keine Aufforderung zum Diebstahl sein!�, mahnte Joshua. �Da mache ich n�mlich nicht mit.�</p><p>�Steht das auch im Talmud?�, fragte Sean. �Es kann doch keine S�nde sein, wenn wir ein paar Eier aus den H�hnernestern nehmen.�</p><p>Joshua zeigte sich ein wenig emp�rt. �Hat dir deine Mutter niemals davon erz�hlt, wie Moses auf dem Berg Sinai von Gott die zehn Gebote empfing? Das achte Gebot hei�t: Du sollst nicht stehlen, und das gilt auch f�r euch Christen.�</p><p>Sean wusste eine neue Entgegnung. �Aber steht denn nicht vielleicht auch im Talmud, dass man armen und hilfsbed�rftigen Menschen helfen soll?�</p><p>Henri beendete jedoch diese theologischen Er�rterungen mit einem simplen Vorschlag. �Du kannst ja versuchen, ein paar Eier aus den Nestern zu entwenden. Vielleicht erwischt dich der Bauer und verabreicht dir eine wohlverdiente Tracht Pr�gel. Das ist allemal noch die beste Unterweisung, was ein Diebstahl f�r Folgen nach sich ziehen kann. So jedenfalls hat man uns Jungen die Lehren des Templerordens eingebl�ut.�</p><p>Joshua sch�ttelte den Kopf, und Sean zog sich grollend in seine Ecke zur�ck.�</p></section><section><title><p><strong>10</strong></p></title><p>Als sie am n�chsten Morgen ihre Pferde sattelten, schlug Henri vor, dass man im n�chsten Dorf in einem Geh�ft die Tiere tr�nken solle, falls man bis dahin keine Quelle gefunden h�tte. �Sean kann ja im H�hnerstall nach ein paar Eiern suchen, w�hrend wir um ein St�ck Brot bitten.� Er l�chelte bei dieser Bemerkung.</p><p>Sowohl Joshua als auch Sean verzogen ihr Gesicht. Beide empfanden diesen Scherz als unpassend. Henri wies auf eine kleine strohgedeckte H�tte. �In den gro�en Geh�ften sind die Leute meistens sehr misstrauisch, weil sie �fter unter �berf�llen zu leiden haben. Aber bei den armen Bauern vermutet niemand Reicht�mer. Darum f�hlen sie sich vor Fremden sicher.�</p><p>Im Hof der H�tte befand sich ein Ziehbrunnen mit einem rostigen Schwengel. �Hoffentlich ist der noch zu gebrauchen�, gab Joshua zu bedenken. �Einen Eimer, den man hinablassen k�nnte, sehe ich auch nicht.�</p><p>Henri gab Sean die Z�gel seines Pferdes in die Hand. �Wartet hier! Ich werde mich drinnen erst einmal umschauen.� Er hatte M�he, im Dunkel der H�tte �berhaupt etwas zu erkennen. Aber dann f�hlte er sich pl�tzlich an der Hand gefasst und erkannte ein etwa zw�lfj�hriges M�dchen, das eine viel zu gro�e Sch�rze umgebunden trug. Henri wollte ihr die Angst vor einem Fremden nehmen. �Wir sind drei M�nner auf einer Pilgerfahrt und bitten um etwas Wasser f�r unsere Pferde. Wo sind denn deine Eltern?�</p><p>Die Kleine wirkte v�llig unbefangen. �Sie sind auf dem Acker und pfl�gen. Ich koche unseren Mittagsbrei.</p><p>Aber vorher helfe ich euch, die Pumpe in Gang zu setzen.� Sie ging voraus und bet�tigte trotz ihrer d�nnen Arme mit bewundernswerter Kraft eine Kette. Ein erstaunlich sauberer Eimer kam zum Vorschein.</p><p>�Warte, ich helfe dir!�, rief Sean und warf Joshua die Z�gel zu. Er hing sich neben das M�dchen an den verrosteten Schwengel, der sich quietschend in Bewegung setzte. Ein dicker Strahl klaren Wassers str�mte aus der Tiefe. Henri sprang herbei, ergriff den gef�llten Eimer und brachte ihn zu den Pferden.</p><p>�Weiter so!�, rief er den Kindern zu. �Die Pferde sind sehr durstig.� Er sah, mit welchem Eifer Sean und das M�dchen ihrer Arbeit nachgingen. Aber er beobachtete auch, dass sich die beiden ziemlich eng aneinander dr�ngten. Sie wirkten erhitzt, �bereifrig und lachten sich gegenseitig an. Das hatte Henri nicht erwartet. Die ersten m�nnlichen Gef�hle seines Knappen hatte er sich anders vorgestellt. Darum schien es ihm geraten, dieser T�tigkeit ein Ende zu bereiten. �Vergisst du auch nicht deinen Brei im Kessel �ber dem Feuer?�, fragte er mahnend.</p><p>�Huch!�, schrie das M�dchen, lie� den Schwengel los und eilte davon. Sean wollte ihr folgen, aber Henri beorderte ihn mit einem scharfen Befehl zur�ck. �Erst werden die Pferde versorgt!�</p><p>Die Eltern des M�dchens hatten wohl auf dem nahen Acker die Stimmen auf dem Hof geh�rt. Die Frau spannte den Ochsen aus der h�lzernen Pflugschar, w�hrend der Mann eilig zum Hof gelaufen kam. �Was f�hrt euch zu uns? Wir sind arme Leute und haben nichts zu verschenken.�</p><p>Eilends kam das M�dchen aus der K�che gelaufen.</p><p>�Die drei sind Pilger und haben um Wasser f�r ihre Pferde gebeten. Der blonde Junge hat mir sogar geholfen, den schweren Brunnenschwengel in Bewegung zu setzen.�</p><p>Inzwischen war auch die Frau herangekommen, die den Ochsen mit einem Stecken zu einer schnelleren Gangart angetrieben hatte. Sie wirkte weder �ngstlich noch argw�hnisch. Darum entschloss sich Henri zu einer h�flichen Frage. �Wir sind schon sehr lange auf einer beschwerlichen Pilgerfahrt. Wenn Sie uns ein St�ck Brot abgeben k�nnten, w�rden wir das nat�rlich bezahlen.�</p><p>�Ich habe einen gro�en Topf voller Gerstenbrei gekocht!�, rief das M�dchen. �Das reicht f�r uns alle.�</p><p>�Dann kommt von mir aus mit uns in die K�che�, erlaubte der Bauer den Fremden. Aber Henri beobachtete deutlich, dass er sein Messer griffbereit in den G�rtel steckte.</p><p>Das M�dchen hatte schon den gro�en Breitopf auf den rissigen Eichentisch gestellt und vier L�ffel dazugelegt. �Wir besitzen nur diese L�ffel�, sagte sie. �Aber der Junge kann ja den L�ffel mit mir teilen.�</p><p>Diese vertrauliche Gemeinsamkeit geht mir aber allzu schnell, dachte Henri und schob Sean seinen L�ffel hin. �Fang nur an! Du bist hungrig. F�r mich wird schon etwas �brig bleiben.�</p><p>Die beiden Kinder wagten keine Widerrede.</p><p>�Geh in den Stall und f�ttere den Ochsen�, befahl der Bauer am Ende der kargen Mahlzeit seiner Tochter. Bereitwillig sprang das M�dchen auf und zog Sean von der Bank hoch. �Komm mit, du kannst mir helfen!�</p><p>Die Bauersleute erhoben keinen Einwand. W�hrend die Frau am Herd umherschlurfte, einer d�rren Katze einige Abf�lle zuwarf und die L�ffel mit einem Tuch abrieb, streckte sich der Bauer auf der Ofenbank aus. Unter halb geschlossenen Lidern beobachtete er die Fremden. Aber nach einer Weile k�ndigte sein lautes Schnarchen an, dass er eingeschlafen war.</p><p>Henri griff in seinen ledernen Brustbeutel und entnahm ihm einige M�nzen, die er auf den Tisch legte. �Bist du einverstanden, wenn wir jetzt weiterreiten?�, fragte er Joshua. Sein Gef�hrte sah allerdings so aus, als ob er sich am liebsten auch eine kleine Ruhepause auf der Ofenbank geg�nnt h�tte. Aber er nickte und erhob sich bereitwillig.</p><p>Henri ging voraus zum Stall. Die T�r stand weit offen, und lautes Gel�chter t�nte ihm entgegen. Die beiden Kinder bewarfen sich mit Heu, rangelten im Scherz miteinander und kugelten sich auf dem Boden herum. Sie erprobten ihre Kr�fte. Aber das M�dchen, das an harte Arbeit gew�hnt war, erwies sich als die St�rkere. Schlie�lich sa� sie rittlings auf dem Jungen und hinderte ihn daran, sich unter ihr wegzudrehen. Henri kam der Gedanke, dass dieses M�dchen doch nicht so unerfahren war, wie er zun�chst angenommen hatte. Vielleicht aber f�hlte sich Sean unter dieser Last durchaus wohl. War dies hier nun ein Kinderspiel oder nicht? Henri blieb in der ge�ffneten Stallt�r stehen und konnte sich nicht entschlie�en, dem fr�hlichen Kampf ein Ende zu bereiten. Wie lange hatte er Sean nicht mehr lachen h�ren! Auch seine lustigen Lieder waren verstummt. Sean war kein Templerjunge. Er durfte ihm nicht mehr mit so viel Strenge begegnen.</p><p>Als er jetzt rief, klang seine Stimme leise und sanft.</p><p>�Es tut mir Leid, dass du Abschied nehmen musst. Aber unser Vorhaben zwingt uns, jetzt weiterzureiten.�</p><p>Das Gel�chter nahm ein j�hes Ende. Die beiden sprangen auf und s�uberten sich gegenseitig von dem Heu, mit dem sie sich beworfen hatten. Henri sah zum ersten Mal, dass der Junge sehr zarte H�nde hatte. Er drehte sich um, weil er nicht Zeuge des Abschieds der beiden sein wollte.</p><p>Sean nahm sein Pferd in Empfang, das Joshua schon gesattelt hatte. Sein Gesicht wirkte verschlossen. Wortlos schwang er sich in den Sattel.</p><p>Am fr�hen Nachmittag erreichten sie eine Wiese, auf der die ersten M�rzenbecher bl�hten. Die Sonne stand noch im S�den, und nur wenige wei�e W�lkchen segelten durch das strahlende Blau des Himmels. Am Waldrand lagen einige trockene Baumst�mme, die zum Sitzen einluden.</p><p>Henri lie� sich aus dem Sattel gleiten. �Wir wollen hier eine kurze Rast einlegen�, schlug er vor und wandte sich an Sean. �Ich habe dich lange nicht mehr singen h�ren. Kennst du nicht ein lustiges Fr�hlingslied?�</p><p>Sean blieb stehen. �Mir ist nicht nach Singen zumute�, gab er unwillig Auskunft.</p><p>�Komm, setz dich zu mir!�, sagte Henri freundlich und r�ckte beiseite. �Ich m�chte etwas mit dir bereden.�</p><p>�Na gut, ich h�re zu�, erwiderte Sean, ohne auf die Freundlichkeit einzugehen.</p><p>Henri gab sich M�he, die schlechte Laune des Jungen zu �bersehen. Er entwickelte seinen Plan. �Warst du in Bordeaux, als die Gro�meister des Templerordens auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden?� Als Sean stumm nickte, fuhr er fort. �Ich habe damals geschworen, das schreckliche Ende meiner Ordensbr�der zu r�chen. Sie haben im Todeskampf den K�nig verflucht, und ich bin entschlossen, diesen Fluch zu erf�llen.�</p><p>Sean verga� seinen Missmut. Seine soeben noch tr�ben Augen begannen zu glitzern. �Wie willst du das anstellen?�</p><p>Henri war froh, dass der Junge seine Teilnahmslosigkeit abgelegt hatte. �Wir sind auf dem Weg nach Paris zum Schloss des K�nigs und m�ssen versuchen, dort einzudringen. Denn ich werde K�nig Philipp t�ten. Er tr�gt die Schuld am Tod meiner Br�der.�</p><p>Sean riss die Augen auf. �Den K�nig willst du t�ten?�</p><p>�Ja, aber das wird ein schwieriges und gef�hrliches Unterfangen. Willst du mir helfen? Auf Joshua ist nicht immer Verlass. Das m�ssen wir ihm verzeihen. Denn den Juden ist es verboten, am Sabbat zu k�mpfen.�</p><p>V�llig unerwartet fiel Sean seinem Herrn um den Hals. �Ich werde immer an deiner Seite k�mpfen.�</p><p>Henri zog ihn an sich. �Ich verspreche dir, dass wir nach unserem gef�hrlichen Vorhaben nach Beaumont zur�ckkehren werden, damit du deine Heimat und deine Mutter wieder sehen kannst. Du kannst dich dann dort entscheiden, ob du mich weiter begleiten willst. Denn ich werde mich auf eine lange, weite Reise begeben, vielleicht sogar bis nach Jerusalem. Du musst dich nicht jetzt schon entscheiden.�</p><p>Sie blieben noch eine Weile nebeneinander sitzen, blinzelten in die Sonne, und Sean begann leise, ein Loblied auf die Freuden des Fr�hlings zu singen.</p><p>Auch in Fontainebleau zeigte sich an den B�umen ein erster Hauch von Gr�n. Am Waldrand breiteten sich Krokusse und Schneegl�ckchen aus. Um die vorj�hrigen Nistpl�tze stritten sich mit lautem Gezwitscher die zur�ckgekehrten Zugv�gel.</p><p>K�nig Philipp hatte f�r diese Fr�hjahrsfreuden weder Augen noch Ohren. Er f�rchtete sich vor der Rache der Templer, die sich vielleicht noch irgendwo versteckt hielten. Als der Diener einen ungebetenen Besucher gemeldet hatte, war er fast in Panik geraten. Wer vermutete ihn in der Einsamkeit seines Jagdschlosses statt in seinem Pariser Palais? Hatte er einen Fehler begangen, das Ratskollegium hierhin zu beordern? Gab es unter den Vasallen, den Rittern, Herz�gen und Grafen vielleicht Verr�ter? War vielleicht sogar ein Assassine vorgedrungen, einer dieser Meuchelm�rder, die auch vor dem eigenen Tod nicht zur�ckschreckten? Er war sehr froh, dass sich sein Kanzler Nogaret so mutig gezeigt hatte und mit gezogenem Schwert dem Besucher auf der Freitreppe entgegengetreten war.</p><p>Nogaret war nach wenigen Minuten emp�rt zur�ckgekehrt. Das Schwert steckte wieder in der Scheide. �Diese Bauern werden immer unversch�mter. Ein Kerl, der es wagt, ungerufen und in dreckige Lumpen gekleidet, in Eurem Jagdschloss zu erscheinen, verlangt Euch zu sprechen. Ich habe ihn erst einmal in einen leer stehenden Hundezwinger sperren lassen.�</p><p>�Warum habt Ihr ihn nicht zu den Wolfshunden gesperrt?�, mischte sich einer der Lehnsherren ein. �Die h�tten ihm schnell den Garaus gemacht.�</p><p>Nogaret bedachte ihn mit einem bitterb�sen Blick. �Dazu wird sp�ter immer noch Zeit sein. Vielleicht hat der Mann irgendetwas Wichtiges zu melden. Ich werde ihn von den Knechten s�ubern lassen, damit der Gestank nach Dung und Pferdekot ertr�glich wird. Danach werden wir ihn im Ger�teschuppen verh�ren.�</p><p>Philipp nickte zufrieden. ��bernimm das, Nogaret! Ich vertraue Eurer Erfahrung.�</p><p>Der Kanzler verbeugte sich. �Es scheint mir ratsam, wenn das Kollegium vorl�ufig noch versammelt bleibt. Denn es ist durchaus m�glich, dass der Kerl uns glaubw�rdige Nachrichten �bermitteln wird.�</p><p>Kurz darauf ert�nten drau�en die barsche Stimme Nogarets und das Wimmern eines Fremden. Die T�r flog auf, und der Kanzler warf eine armselige Gestalt dem K�nig zu F��en. �Berichte, was du zu sagen hast. Wenn deine Nachricht wichtig und wahr ist, kannst du mit einer Belohnung rechnen. Wenn du l�gst, wirst du diesen Herren hier auf einer Treibjagd als Wild dienen und den Tod mit dem Hirschf�nger finden.�</p><p>Der Bauer zitterte so sehr, dass seine Worte zun�chst nicht zu verstehen waren. Nogaret wandte sich an einen der Gutsherren, der f�r seine Brutalit�t gegen�ber H�rigen und Knechten bekannt war. �Gib ihm ein paar kr�ftige Schl�ge mit deiner Peitsche!� Noch niemals hatte der Kanzler pers�nlich einen Schlag ausgeteilt.</p><p>Der Bauer erhob flehend seine H�nde. �Schlagt mich nicht! Ihr werdet mit mir zufrieden sein.�</p><p>�Das wollen wir hoffen�, sagte der Gutsherr, der seinen Ochsenziemer schon ergriffen hatte.</p><p>Die Angst verlieh dem Bauern seine Stimme. �Ich war auf dem Rossmarkt in Bordeaux, und dort habe ich den ber�hmten schottischen Templer Henri de Roslin gesehen. Jeder von uns wei� doch, dass er den Templerschatz in Sicherheit gebracht und versteckt hat.�</p><p>Philipps Interesse war geweckt. �Bist du sicher, dass es sich bei dieser Person um Henri de Roslin handelte?�</p><p>�Ja, er stand nahe vor mir und erkundigte sich nach einem Ross. Ich habe ihn dann heimlich verfolgt. Er traf sich mit diesem schottischen Burschen aus der Bastide Beaumont, wo der Junge mit seiner Mutter wohnt. Dieser kleine Nichtsnutz strolcht den ganzen Tag in Bordeaux herum. Aber nach dem Treffen mit dem Templer ritt er mit ihm auf dessen Pferd nach Beaumont. Einer der Knechte von dort erz�hlte mir, dass der Templer sogar von der Mutter des Jungen empfangen wurde. Der Vater ist auf einem Kreuzzug im Heiligen Land ermordet worden.�</p><p>�Man kann also davon ausgehen, dass der Templer sich noch in der N�he von Bordeaux aufh�lt�, �u�erte der K�nig seine Vermutung.</p><p>Nogaret stimmte ihm zu. �Aber vielleicht sollte man vorl�ufig noch die erb�rmliche Kreatur hier in den Hundek�fig sperren, bis unsere Kundschafter herausgefunden haben, ob diese Geschichte auf Wahrheit beruht.�</p><p>Der K�nig wandte sich an das Ratskollegium. �Wer von Euch L�ndereien und Lehensg�ter im Umkreis von Bordeaux besitzt, stelle Nachforschungen an! Ich erwarte baldige Ergebnisse.� Philipp erhob sich und winkte herrisch mit den H�nden. �F�r heute seid Ihr entlassen.�</p><p>Der Saal leerte sich. Nogaret und der K�mmerer blieben als die engsten Vertrauten des K�nigs rechts und links neben dem Herrscher stehen. Der Bauer blieb immer noch auf dem Boden knien.</p><p>�Du sollst deine Belohnung haben�, sagte Philipp. Er wandte sich an seinen K�mmerer. �Bringt mir aus der Schatzkammer f�nf Goldm�nzen! Und ruft mir meinen Leibj�ger, der diesen Bauern hier durch den Wald bis zur Grundst�cksgrenze bringen soll, damit der Fremdling den Weg nicht verfehlt.�</p><p>Der K�mmerer kehrte nach einer geraumen Weile zur�ck und z�hlte dem Bauern die Goldm�nzen in die Hand. Den Leibj�ger hatte er gleich mitgebracht.</p><p>�Du darfst dich erheben und heimw�rts wandern. Mein Leibj�ger wird dich ein St�ck des Wegs begleiten.�</p><p>Der Bauer erhob sich schwankend und dankte dem K�nig f�r seine unermessliche G�te, w�hrend Nogaret den J�ger beiseite gezogen hatte und ihm einige Worte zufl�sterte.</p><p>Als sich die T�r hinter den beiden geschlossen hatte, wandte sich der Kanzler an Philipp. �Es ist doch wohl in Eurem Sinne, mein K�nig, wenn ich den armseligen Lumpenbauern nicht mit den wertvollen M�nzen davonkommen lasse. Ich habe Anweisung gegeben, dass der J�ger ihm die Kehle durchschneidet und das Geld dem K�mmerer zur�ckbringt.�</p><p>�Aber nat�rlich�, stimmte Philipp zu. �Ich hatte niemals vor, ihn lebend entkommen zu lassen. Ich verabscheue Verr�ter.�</p><p>�Wenn es Euch recht ist, mein K�nig, werde ich dem J�ger f�r die reibungslose Befolgung des Befehls und f�r die Arbeit des Eingrabens eine Goldm�nze geben.�</p><p>�Das ist klug gedacht�, erwiderte Philipp. �So k�nnen wir gewiss sein, dass unser Leibj�ger Stillschweigen bewahrt.�</p><p>Der Jurist Nogaret sch�ttelte den Kopf. �Eine Silberm�nze gen�gt auch. Denn sollte der J�ger die Dummheit begehen, in der Gesindestube �ber diesen Auftrag zu schwatzen, werde ich ihn sogleich des Mordes anklagen. Nat�rlich hat niemand von uns ihm befohlen, dem Bauern die Kehle durchzuschneiden.�</p><p>Der K�mmerer nickte. �Selbstverst�ndlich hat er in diesem Fall auch niemals die Goldm�nzen zur�ckgebracht.�</p><p>�Das d�rfte schon gen�gen, um ihn am Galgen baumeln zu lassen�, stellte Nogaret fest.</p><p>Alle drei lachten.�</p></section><section><title><p><strong>11</strong></p></title><p>Henri w�re gern auf den Baumst�mmen am Waldrand sitzen geblieben und h�tte Seans Gesang zugeh�rt. Er erinnerte sich an die Zeit, als er selbst noch Knappe war. In friedlichen Stunden, wenn es die K�mpfe zulie�en, hatten auch die Kreuzfahrer gesungen. Wehm�tige Lieder waren das zumeist, die vom Konflikt zwischen Minne und Kreuzzugsforderung handelten. Henri hatte nicht den Gesang eines jungen Mannes vergessen, der wenige Tage sp�ter von einem Fieber dahingerafft wurde. Einige Zeilen hatten sich ihm eingepr�gt: �Unter der Linden an der Heide, da unser zweier Bette war��</p><p>Aber nach all den Jahren wusste er nicht mehr, wie es weiterging. Nur dass von gebrochenen Blumen, niedergedr�cktem Gras und dem Gesang der Nachtigall die Rede war, daran erinnerte er sich noch.</p><p>Henri kannte den Dichter nicht, aber er hatte aus B�chern erfahren, dass einige Verfasser dieser Gedichte, die von Liebe in Zeiten des hehren Kreuzzuges handelten, selber an Z�gen ins Heilige Land teilgenommen hatten. Einige waren mit Friedrich Barbarossa �bers Meer gen Jerusalem gekommen. Darum f�hlte sich Henri von ihren Liedern immer wieder ergriffen. Leise sang er vor sich hin: �Dem Kreuz geb�hret edler Sinn��</p><p>�Du kannst ja auch singen�, sagte Sean und sah ihn von der Seite an.</p><p>Henri lie� seinen Hengst in einen langsamen Trab fallen. Er wollte nachdenken, wie es damals gewesen war, als er nach dem Verbot des Templerordens durch die Welt gereist war. Alles, was er w�hrend seines Rittes durch die L�nder der Sarazenen erlebt hatte, war verschwommen wie in einem Nebel. Erst damals hatte er den Konflikt verstanden, von dem die Dichter jener Strophen sprachen. Es fiel ihm schwer, seine Gedanken zu ordnen. St�dte, D�rfer, T�ler und Berge verschwammen zu einem bunten Bild. Er sp�rte, wie seine Gedanken abschweiften und seine Aufmerksamkeit nachlie�.</p><p>Joshua schaute seinen Gef�hrten beunruhigt an. �Dort hinten am Horizont habe ich einige Reiter gesichtet. Es k�nnten franz�sische Sp�her sein. Sollten wir uns nicht besser im Geb�sch verstecken, bis der Weg wieder frei ist?� Schon seit Tagen hatten sie bemerkt, dass immer mehr k�nigliche Streifen unterwegs waren.</p><p>Henri f�hlte sich besch�mt, dass er sich in seinen Erinnerungen verfangen hatte. �Wir k�nnen nicht bis Paris allen Menschen aus dem Weg gehen. Es ist besser, wenn wir uns darin �ben, christliche Pilger zu sein.�</p><p>Die Reiter kamen n�her. �Gott zum Gru�!�, rief ihnen Henri entgegen, als sie in H�rweite waren. Sean stimmte sogar ein Marienlied an. Joshua verbarg das Gesicht unter seinem Hut. Die fremden Reiter ritten vor�ber, ohne sie eines Blickes zu w�rdigen.</p><p>Sean fuhr fort, sein Lied zu singen, als die Reiter l�ngst au�er H�rweite waren. �Wie w�rde es uns ohne dich ergehen!�, rief Henri. Es klang scherzhaft, aber er meinte es ernst.</p><p>Erst als der Vollmond immer heller schien und die Schatten der drei Reiter sich scharf von dem baumlosen Weg abhoben, fanden sie eine leer stehende Scheune. �Es ist zu gef�hrlich, in dieser hellen Mondnacht weiterzureiten�, meinte Henri. �Wir wollen hier Rast machen und auch die Pferde mit nach drinnen nehmen.�</p><p>Aber kaum hatten sie es sich auf dem gestampften Lehmboden einigerma�en bequem gemacht, als Henri wieder von seinen Erinnerungen heimgesucht wurde. Wie ein Wunder erschien es ihm heute, dass er sich damals, vor sechs Jahren, in Sicherheit bringen konnte. Denn die im ganzen K�nigreich gut vorbereitete Polizeiaktion war ein voller Erfolg f�r Philipp gewesen.</p><p>Schon immer hatte er jedoch ein Gesp�r f�r herannahende Gefahren gehabt. Darum befand er sich, als die ersten Verhaftungen einsetzten, bereits auf dem Weg nach S�den. Eigentlich war die iberische Halbinsel sein Ziel, aber auch von dort kam die beunruhigende Nachricht, dass man sich den W�nschen des K�nigs von Frankreich nicht widersetzen k�nne. Er hatte auch daran gedacht, in Zypern Zuflucht zu suchen. Denn auf dieser Insel befand sich seit dem Jahre 1291 die Ordensleitung der Templer. Er erinnerte sich auch daran, dass w�hrend des Kampfes um Akkon venezianische Schiffe Proviant und Truppen von Zypern aus in den Orient verschifft hatten. Aber mit dem Templerorden wollte er jetzt lieber nicht in Verbindung gebracht werden.</p><p>So beschloss er, von dem franz�sischen Hafen Toulon aus nach Iskanderija, dem Alexandria der alten Griechen in �gypten, �berzusetzen. Die Macht des franz�sischen K�nigs reichte nicht bis dorthin. Au�erdem w�rde ihn in dieser gro�en Stadt niemand als einen Templer verd�chtigen, wenn er sich in arabische Kleidung h�llen w�rde. Ganz wohl war ihm nicht bei diesem Gedanken. Hatte er sich etwa, als er durch die fremden L�nder ritt und deren Br�uche annahm, schon mit der �u�eren Erscheinung auch von dem Gedankengut der Templer entfernt? Er wollte sich dar�ber Rechenschaft ablegen und musste mit jemandem reden, der vielleicht seine Bef�rchtungen nachvollziehen oder sogar zerstreuen konnte. Aber mit wem?</p><p>Joshua war fest in seinem j�dischen Glauben verwurzelt. Niemals w�rde er von den Gesetzen der Thora abweichen. W�rde er es verstehen, dass ein Templer bereit sein k�nnte, um seiner Sicherheit willen die Gebote des Ordens zu �bertreten? Aber waren nicht vielleicht auf dem Konzil von Vienne mit dem Orden auch dessen Gebote aufgehoben worden? Konnten diese Zweifel nicht etwa schon eine S�nde sein? Aber andererseits geh�rten zu einem festen Glauben auch die Zweifel.</p><p>Nur Sean blieb ihm heute Nacht noch als Gespr�chspartner. Dieser w�rde wahrscheinlich ein aufmerksamer Zuh�rer sein, auch wenn er selbst mehr zu sich als zu dem Jungen sprechen w�rde. Henri wandte sich ihm zu. �Sean, ich m�chte dir von meinem langen abenteuerlichen Ritt durch die Welt der Sarazenen berichten. Magst du das h�ren?�</p><p>Sean, der schon ein wenig schl�frig war, wurde sofort hellwach. �Ja, sehr gern! Ich habe schon oft dar�ber nachgedacht, wo du dich wohl nach dem Verbot des Templerordens versteckt hieltest. Jedenfalls hat man dich nicht erwischt.�</p><p>Henri begann zu erz�hlen. Er hoffte, dass Sean mit seinem klaren und problemlosen Verstand die richtigen Antworten finden w�rde. �Mir war es damals mit Geld und guten Worten gelungen, vom franz�sischen Hafen Toulon aus eine Schiffspassage nach Iskanderija zu ergattern. Welch eine Stadt war dieses Iskanderija! Paris ist gegen einen solchen orientalischen Souk nur ein schwacher Abglanz. Das Funkeln von Silber, Perlen und Edelsteinen blendet die Augen, die D�fte von Weihrauch, Muskat und Safran bet�uben die Sinne. Aber f�r einen Templer wie mich waren das Herrlichste die scharfen Klingen aus Damaskus und die Waffen mit ihren kostbaren Gravuren, besetzt mit Elfenbein und Diamanten. Nachdem ich die Klingen mehrerer Waffen gepr�ft hatte, erstand ich nach l�ngerem Feilschen einen kostbaren Dolch.�</p><p>�Besitzt du noch diese Waffe?�, fragte Sean gespannt.</p><p>Henri sch�ttelte den Kopf. �Leider nein! Und das kam so: Ich war so vertieft in alle diese Pracht, dass ich zu wenig meine Umgebung beobachtete. Pl�tzlich riss mich eine kr�ftige Faust in eine Nische zwischen die Buden. Zwei M�nner packten mich von beiden Seiten und schlitzten mir das Obergewand auf, ohne dass ich mich wehren konnte. Wahrscheinlich hofften sie darauf, einen Geldbeutel zu entdecken, denn ich trug eine lederne Schnur um den Hals. Aber daran hing mein Talisman, den mir der Sarazene in Akkon geschenkt hatte, als ich ihn unter den Tr�mmern hervorzog. Seit damals hatte ich mich von dieser M�nze niemals mehr getrennt. Aus unerfindlichen Gr�nden glaubte ich, dass sie mich vor Tod und Krankheit sch�tzen w�rde.�</p><p>Sean schwieg und hielt den Atem an. Er wartete auf die Fortsetzung dieser aufregenden Begebenheit.</p><p>�Sie rissen an dem Band, das sich nicht l�sen wollte. W�tend schnitten sie schlie�lich den Lederriemen durch. Offenbar war es nicht die Kostbarkeit, die sie erwartet hatten. Sie hatten schon die geballten H�nde erhoben, um mir in ihrer Wut und Entt�uschung einen Faustschlag zu versetzen, als sie im D�mmerlicht einer Fackel die arabische Inschrift auf der M�nze entdeckten. Beide schrien auf und wichen zur�ck.</p><p>Der Gr��ere der beiden packte mit festem Griff das Handgelenk des Kleineren. Er wirkte v�llig verst�rt, und seine Stimme klang verzerrt: �Lass ihn laufen, sonst werden seine Kampfgef�hrten grausame Rache an uns nehmen. Er geh�rt zu einer geheimen Bruderschaft.� Der Kleinere konnte es jedoch nicht lassen, meinen edelsteinbesetzten Dolch mitzunehmen. Mir aber war es wichtiger, den Talisman behalten zu k�nnen.�</p><p>�Erz�hle weiter!�, bat Sean. �Hast du diese gef�hrliche Stadt dann verlassen?�</p><p>�Ja, ich hatte Gl�ck. Drau�en vor den Toren lagerte eine Kamelkarawane. Der �lteste des Beduinenstammes war zun�chst misstrauisch. Aber ich dachte mir: Was einmal so �berraschend gewirkt hatte, k�nnte mir auch jetzt wieder von Nutzen sein. Darum zeigte ich meinen Talisman vor. Was mochte das f�r eine geheime Bruderschaft sein, der ich jetzt angeh�rte? Der Alte verbeugte sich tief und f�hrte mir ein Kamel zu. �Behalte es als dein Eigentum�, sagte er. Weil er nur noch wenige Z�hne hatte und kaum zu verstehen war, glaubte ich an einen Irrtum. Er versorgte mich noch mit einer handgewebten Decke, die mir in den kalten W�stenn�chten gute Dienste tat. Als die Karawane aufbrach, gab mir der �lteste ein Zeichen, dass ich neben ihm an der Spitze des langen Zuges reiten solle. So f�hrte ich f�r viele Monate das Leben eines Berbers.�</p><p>�Das kann ich mir kaum vorstellen�, warf Sean ein.</p><p>Henri versuchte eine Erkl�rung. �Wenn man so lange Zeit unter Berbern lebt wie ich, dann f�hlt man wie sie, denkt wie sie und handelt auch wie sie. Das sollte sich noch als gut erweisen. Aber davon erz�hle ich dir sp�ter, wenn ich dir von der W�stendurchquerung auf dem Weg nach Bagdad berichte. Dort sollte unsere Karawane enden.</p><p>Unser Ritt f�hrte uns aber zun�chst nach Damaskus. Diese Stadt ist nicht so pr�chtig und bunt wie Iskanderija. F�r mich sollte sich aber Damaskus als lebenswichtig erweisen. Denn ich erwarb dort einen S�bel aus Damaszenerstahl. Das ist etwas Besonderes. Diese Klingen sind sehr elastisch. D�nne St�be aus hartem und weichem Stahl werden miteinander verschwei�t. Du erkennst diesen Stahl an der flammigen oder blumigen Musterung.�</p><p>�Ist dir wenigstens dieser S�bel geblieben?�, erkundigte sich Sean.</p><p>�Nein!�, erwiderte Henri kurz angebunden. Er wollte hier�ber keine Auskunft geben. �Damaskus ist ein Treffpunkt aller Karawanen. Auch die Pilger nach Mekka sammeln sich dort. Wir blieben aber nur eine Nacht in Damaskus, �bernachteten in einer Karawanserei und brachen am n�chsten Tag in der Fr�he zu unserem Ritt durch die W�ste auf. Ich will dich nicht mit der Eint�nigkeit dieser Wochen langweilen, obwohl auch die W�ste mit ihren Sonnenaufg�ngen und dem n�chtlichen Sternenzelt ihre Sch�nheiten hat.�</p><p>�Lieber m�chte ich jetzt etwas von den Gefahren h�ren, die �berall in der W�ste lauern�, gab Sean zu.</p><p>Henri nickte. �Wenn du Skorpione und Sandvipern, die sengende Hitze und die schrecklichen Sandst�rme meinst, so k�nnte ich dir viel von den Gefahren der W�ste erz�hlen. Aber ich wei� schon, was du meinst. Also, dann schlafe jetzt nicht ein! Denn nun wird es spannend f�r dich.</p><p>Es war in einer jener kalten W�stenn�chte. Die hohen Flammen des Lagerfeuers waren in sich zusammengesunken. Nur ein letztes Glimmen gab noch ein wenig W�rme ab. Ich hatte mich in meine warme Decke geh�llt, den Sattel unter den Kopf geschoben und horchte auf das gleichm��ige Kauen der Kamele. Der Alte neben mir atmete rasselnd mit offenem Mund und wurde ab und zu von einem heiseren Husten gesch�ttelt. Diese gleichm��igen Ger�usche schl�ferten mich allm�hlich ein.</p><p>Wir hatten Wachen aufgestellt. Ein hoher Schrei des Wachtpostens riss uns alle aus dem Schlaf. Wir griffen zu unseren Waffen. Aber f�r eine Gegenwehr war es zu sp�t. �ber den D�nenkamm st�rmten verwegene Gestalten auf schnellen Araberpferden herbei, umzingelten uns und bedrohten uns mit Messern und Krumms�beln. Offensichtlich hatten sie es auf unsere Lasttiere abgesehen und erhofften sich reiche Beute. Sie fesselten den Alten mit Ketten und setzten ihm ein Messer an die Kehle. Einige der Angreifer l�sten die Fesseln von den Vorderf��en der Kamele und f�hrten die ersten Tiere die D�nen hinauf. Andere legten die jungen M�nner in Ketten. Ich nehme an, dass sie dazu ausersehen waren, als Sklaven verkauft zu werden. Unser Karawanenf�hrer versuchte r�chelnd, mir etwas verst�ndlich zu machen. Als man auch mich in Ketten legen wollte, hatte ich endlich verstanden.</p><p>Ich zog mein Amulett hervor und hielt es empor, so wie es die M�nche mit dem christlichen Kreuz vor einer Teufelserscheinung tun. Obwohl ich mir nach den j�ngsten Erfahrungen einen hilfreichen Erfolg versprochen hatte, konnte ich kaum fassen, was nun geschah. Mit lautem Geschrei wurden die R�uber zur�ckbeordert, die mit unseren Kamelen fast schon den D�nenkamm erreicht hatten. Die anderen lie�en Ketten und Fesseln fallen, befreiten sogar unseren Karawanenf�hrer und traten drei Schritte von mir zur�ck. Sie verbeugten sich sogar, ehe sie auf ihren Araberpferden davonst�rmten. Der Spuk war fast ebenso schnell vorbei, wie er gekommen war.</p><p>Ein junger Kamelf�hrer hatte einen Gefangenen gemacht, einen wild aussehenden Burschen mit zotteligem Haar. Er schrie und tobte und wand sich unter dem festen Griff. Unser Kameltreiber hatte schon sein Messer gezogen und hatte wohl nichts anderes im Sinn, als seinem Gefangenen die Kehle durchzuschneiden. Aber ich griff ein und gebot ihm mit einer herrischen Geb�rde, den Gefangenen frei zu lassen. Da merkte ich, dass sie auf mich h�rten, als sei ich ihr Anf�hrer. Er lie� den Schreienden sofort los. Allerdings wollte er ihn nicht ohne Denkzettel entkommen lassen. Er trieb mit seiner geflochtenen Lederpeitsche den W�stenr�uber ohne dessen Pferd den D�nenhang hinauf. Eine Blutspur zeigte an, dass er ihn mehrmals mit kr�ftigen Schl�gen getroffen hatte. Ich war der Meinung, der R�uber habe diese Strafe durchaus verdient.�</p><p>�Das finde ich auch�, stimmte Sean zu.</p><p>�L�ngst hatte ich das Gef�hl f�r die Zeit verloren�, fuhr Henri fort. �Ich wei� nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren, bis Bagdad auftauchte, einstmals die Stadt der Kalifen. Aber den letzten Kalifen hatten die Mongolen ermordet, als der Herrscher H�lag� Khan mit seinen Reiterscharen vor fast 60 Jahren Damaskus eroberte und zerst�rte. Die Bev�lkerung wurde niedergemetzelt, und die �berlebenden sahen oft keinen anderen Ausweg mehr, als zum Nomadenleben zur�ckzukehren. Aber Bagdad entstand neu aus den Tr�mmern.</p><p>Denn auch die neuen Herrscher von Bagdad, die sich die Dynastie der Ilkhane nannten, nahmen den Glauben der Sarazenen an. Bald bl�hte der Handel erneut, und das Land entwickelte sich wieder zu einem Umschlagplatz zwischen den Christen und dem Morgenland. Alles war rege, und die Zeichen der Zerst�rung waren l�ngst verschwunden.�</p><p>Henri bemerkte, dass sich Sean zu langweilen begann. Darum beendete er diese historischen Erkl�rungen und fing an, von der Stadt zu erz�hlen. �Schon von weitem sahen wir die goldenen Kuppeln ihrer Beth�user, der Moscheen, die herrlichen Pal�ste und die vielen Kircht�rme oder Minarette, deren Spitzen bis in die Wolken ragten. Ich hatte schon fr�her von der Pracht dieser Stadt geh�rt. Joshua hatte mir berichtet, dass in den Bibliotheken von Bagdad mehr B�cher zusammengetragen worden seien als in der ganzen �brigen Welt. Begeistert hatte er von den zahlreichen Schulen und Universit�ten gesprochen.�</p><p>Sean rutschte unruhig auf dem harten Lehmboden hin und her. �Das h�rt sich an, als ob diese Stadt nur etwas f�r Gelehrte gewesen w�re.�</p><p>�Da irrst du dich�, antwortete Henri. �Allein schon die H�user sind bewundernswert. Es gibt zwar keine Fenster oder Balkone mit dem Blick nach drau�en. Aber jedes Haus hat einen Innenhof, in dem es sprudelnde Brunnen, Blumen und �ppige Pflanzen gibt. In so einem prachtvollen Haus fanden wir nat�rlich kein Unterkommen. Wir lagerten vor den Toren in einem kleinen Dattelpalmenwald, der uns Schatten spendete.</p><p>Am n�chsten Tag l�ste sich die Karawane auf. Die Treiber brachten ihre Lasten zum Hafen, um sie dort auf Schiffe zu verladen, die den Tigrisstrom befuhren. Wir umarmten uns und nahmen Abschied, obwohl ich mich nur ungern von dem Alten trennte. Aber ich wollte Bagdad noch n�her erforschen. Vielleicht wusste in dieser von Menschen wimmelnden Stadt irgendjemand etwas �ber die geheime Bruderschaft, der ich angeh�ren sollte. Mein Kamel konnte ich in Bagdad nat�rlich nicht so gut gebrauchen. Ich tauschte es gegen einen Araberhengst ein.</p><p>Ich bin kein guter Erz�hler�, unterbrach Henri und wandte sich an Sean. �Da m�sstest du einmal die Geschichtenerz�hler von Bagdad h�ren! An jeder Ecke kannst du einem zuh�ren. Sie rufen die alte Kalifenzeit in Erinnerung. Vor allem, wenn sie �ber den ber�hmten Kalifen Harun ar-Raschid erz�hlen, lauschen die Zuh�rer so aufmerksam, dass man auch das leiseste Fl�stern h�ren w�rde.</p><p>Ich habe sehr gelacht, als einer dieser Erz�hler gestenreich von einem Streich erz�hlte, den einer der Kalifen einem allzu eingebildeten Dichter spielte. Er schlug n�mlich ein kleines Spiel vor und drohte: �Wer verliert, kriegt zwanzig mit der Peitsche. Ich fange an.� Dann ahmte er das triumphierende Gackern eines Huhns nach, griff unter sich und holte unter seinem Umhang ein Ei hervor.�</p><p>�Legte er wirklich ein Ei?�, fragte Sean ungl�ubig.</p><p>Henri lachte. �Nat�rlich nicht! Die Mitspielenden, au�er dem Dichter, hatten sich vorher Eier eingesteckt. Minister, Professoren, Gener�le und andere hochgestellte Pers�nlichkeiten erf�llten ihre Mitspielerpflicht und bestanden die Probe. Jeder ahmte, immer noch besser als der vorige Mitspieler, ein legendes Huhn nach. Keiner geriet durch den vorher ausgemachten Trick in Gefahr, die zwanzig Peitschenschl�ge zu erhalten. Schlie�lich kam die Reihe an den Dichter, dem alle eine Abreibung g�nnten. Voller Schadenfreude erwartete die Gesellschaft, wie sich der Gefoppte nun verhalten w�rde.</p><p>Der Dichter z�gerte nur kurz. Dann spreizte er seine Arme und wanderte mit gestelztem Gang durch den Saal. �Kein Glucken-Spiel ohne Hahn!�, rief er laut, lie� einen durchdringenden Hahnenschrei erschallen und st�rzte sich auf eine wundersch�ne Sklavin des Kalifen. �Ich bin der Hahn und will meine Glucke haben. Findest du nicht, Beherrscher der Gl�ubigen, dass mir der Hahnentritt zusteht?� Da lachte der Kalif. �Nimm, was dir zusteht!�, erlaubte er dem Dichter. Und der Dichter nahm es sich.</p><p>Alle Zuh�rer des Geschichtenerz�hlers brachen in Gel�chter aus und klatschten Beifall. Niemand weigerte sich, dem Erz�hler einige M�nzen zukommen zu lassen.</p><p>Aber wei�t du, Sean, wer da noch stolz auf der Stra�e sa�? Die Schreiber, die denen, die nicht lesen und schreiben k�nnen, Briefe verfassten. Also sieh dich vor, mein Knappe, dass du nicht eines Tages auf der Stra�e sitzen und f�r einen geringen Lohn deine Dienste anbieten musst. Es lohnt sich, Schreiben und Lesen zu lernen.�</p><p>Sean schwieg und tat, als ob er eingeschlafen w�re.</p><p>Auch am n�chsten Tag zeigte Sean keine Lust, weitere Geschichten aus Bagdad zu h�ren. Offensichtlich f�rchtete er, wegen seines Analphabetentums wieder ger�gt zu werden. Aber unerwartet bot sich Henri ein anderer Zuh�rer an.</p><p>�Ich habe dir gestern zugeh�rt�, sagte Joshua, als sie sich schon wieder auf dem Ritt befanden. �Hast du bei deiner Stadtbesichtigung auch bemerkt, dass es in Bagdad viele ber�hmte �rzte gibt, deren Gelehrsamkeit die christlichen Mediziner bei weitem �bertrifft?�</p><p>�Von den Gelehrten verstehst du bei weitem mehr als ich�, gab Henri zu. �Ich kann mir nicht vorstellen, dass die medizinische Kunst der Araber die griechische �bertrifft.�</p><p>�Und doch ist es so�, behauptete Joshua. �Erst recht die franz�sische! W�hrend in Paris noch die Kranken halb verhungert auf vermodertem Stroh lagen, gab es in Bagdad schon Krankenh�user, die alle mit Badehallen ausgestattet waren.�</p><p>�Woher nimmst du denn diese Kenntnisse?�, fragte Henri.</p><p>�Ich habe <emphasis>Al-Rasi</emphasis> gelesen, der nicht nur Arzt, sondern auch Mathematiker und Astronom war. Er hat �ber Blattern, Masern, Blasen- und Nierenleiden geschrieben, sogar �ber die Heilwirkung der Musik.� Joshua wollte noch weitere Ausk�nfte �ber das ber�hmte Adula-H�pital geben, in dem <emphasis>Al-Rasi</emphasis> mit Chefspezialisten seine Patienten behandelt hatte.</p><p>Aber Henri schnitt ihm das Wort ab. �Ich streite ja gar nicht ab, dass du viel gelehrter und belesener bist als ich. Aber hast du von einem Arzt schon jemals so etwas Lustiges geh�rt wie ich auf der Stra�e von einem Geschichtenerz�hler?�</p><p>�Glaubst du etwa, dass �rzte nur �ber Blut und Eiter sprechen k�nnen? Ich will dir von einer lustigen Begebenheit erz�hlen. Die Lieblingssklavin eines Kalifen litt unter L�hmungserscheinungen, die allerdings nur vorget�uscht waren. Sie wollte dem Kalifen wohl nicht zu Diensten sein. Du verstehst mich. Die Heilung des Hofmedikus wirkte Wunder. Er m�sse die Kranke genau untersuchen, behauptete er. Darum machte er Anstalten, das M�dchen in aller �ffentlichkeit zu entschleiern und zu entbl��en. Was glaubst du, wie schnell die Sklavin von ihren L�hmungserscheinungen geheilt war? Unter dem Gel�chter der Umstehenden lief sie davon.�</p><p>�Na gut, du hast gewonnen�, gab Henri zu. �Auch Gelehrsamkeit kann lustig sein.�</p><p>Keiner der beiden Gef�hrten fragte Henri bei der abendlichen Rast, wann er Bagdad verlassen und wohin er sich dann gewandt habe. Henri war froh, dass er keine Ausk�nfte �ber die Zeit geben musste, die seinem Aufenthalt in Bagdad folgte. Die Erinnerung an die Zeit in Aleppo wollte er mit niemandem teilen.�</p></section><section><title><p><strong>12</strong></p></title><p>Bagdad lie� ihn nicht los. Er besuchte die Kaffeeh�user, weil er hoffte, dass ihm dort jemand Auskunft �ber die geheimnisvolle M�nze geben k�nnte. Aber dort sa�en zumeist �ltere M�nner mit abwesendem Gesichtsausdruck. Sie wandten ihm den R�cken zu und vermieden ein Gespr�ch.</p><p>Er schlenderte kreuz und quer durch die Hafenanlagen, wo Hunderte von Schiffsmasten wie ein Wald entlaubter B�ume in den Himmel ragten. Einmal zupfte ihn jemand an seinem Umhang. Ihm gegen�ber stand ein gut gekleideter Araber, der wohl ein Kaufherr sein mochte.</p><p>�Geh�rst du zu den Berbern? Dann schlage ich dir ein gut bezahltes Gesch�ft vor. Ich komme soeben mit meiner Ware aus Haleb, wo ich die ber�hmten Lederwaren und erlesene Teppiche eingekauft habe. Ich suche eine Karawane, die meine Waren sicher nach Damaskus bringt. Ihr Berber seid bekannt f�r eure W�stendurchquerungen. Man sagt, ihr h�ttet sogar eure eigenen Handelspl�tze.�</p><p>Henri zog seine Kapuze in die Stirn und zuckte bedauernd die Achseln. �Es tut mir Leid, aber ich habe schon eine andere Fracht �bernommen.�</p><p>Eilends verlie� er den Hafen. Die abgerissene Berberkleidung machte f�r das, was er vorhatte, einen denkbar schlechten Eindruck. Einmal hatten ihm Gassenjungen sogar einen Vers nachgerufen, der f�r Berber wenig schmeichelhaft war.</p><p>�Such nicht unter Beduinen deine Freunde,</p><p>was gibt�s da schon?</p><p>In Hunger leben sie, in Not.</p><p>Lass ihnen ihre Sch�ssel Milch, und lass sie ziehn!�</p><p>Trotz der nicht unfreundlichen letzten Worte warfen sie ihm den Kamelkot der Stra�e nach.</p><p>Henri hatte sich entschlossen, eine der Schulen zu besuchen, die f�r jedermann zug�nglich waren. Im Souk erstand er saubere arabische Kleidung, f�r die er wahrscheinlich einen viel zu hohen Preis bezahlte. Aber er wollte keine Zeit mehr verlieren.</p><p>Schon am n�chsten Tag sa� er zwischen anderen wissbegierigen jungen M�nnern in der Schule. Ihm ging es darum, die arabische Sprache besser zu erlernen.</p><p>Bald merkte er, dass in dieser Schule nur ein Fach unterrichtet wurde: das Rezitieren und die Kenntnis des heiligen Buchs der Muselmanen, des Korans und seiner Geschichte. Dar�ber wollte er gerne etwas h�ren. Henri hatte n�mlich �ber Muhammad bei den Templern viel Widerspr�chliches, oft auch Schm�hungen geh�rt. Aber seine Kenntnisse reichten vorl�ufig noch nicht aus, um alles zu verstehen, was der Lehrer sagte. Nur der Anfang der Suren war ihm bekannt: �Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.� Er murmelte gemeinsam mit den anderen diese Einleitung.</p><p>Er hatte sich jetzt schon drei Wochen mit dem eifrigen Studium der arabischen Sprache und Schrift geplagt und f�hlte, er sei so weit, dass er dem Unterricht zumindest teilweise folgen k�nne. Sein Tischnachbar schob ihm das Buch zu und deutete auf eine Stelle. �Diese Sure behandelt unser Lehrer. Er ist ein Imam. Alles, was er sagt, ist unanfechtbar. Hast du deinen Koran daheim vergessen?�</p><p>�Ja, leider�, erwiderte Henri einsilbig. Er wollte nicht, dass der junge Mann seine mangelhaften Sprachkenntnisse bemerkte. Aber der war offensichtlich aufmerksam geworden. Vielleicht hatte er auch die blonden Haare entdeckt. Denn er folgte ihm durch die Gassen bis zu der Herberge, in der Henri ein Unterkommen gefunden hatte. Eilig erklomm er die br�chigen Stiegen, die nach oben f�hrten. Aber es dauerte nicht lange, bis jemand an seine d�nnwandige Brettert�r klopfte und eintrat, ehe er seine arabische Tracht anlegen konnte. Er hatte schon geahnt, wer ihm gegen�berstehen w�rde.</p><p>Der junge Mann, der in der Schule neben ihm gesessen hatte, betrachtete ihn ohne �berraschung von Kopf bis Fu�. �Du bist keiner von uns. Das habe ich gleich gemerkt. Mein Name ist Hischam. Wie hei�t du, und woher kommst du?�</p><p>Henri z�gerte. Er war ein Mann von schnellen Entschl�ssen. Aber es widerstrebte ihm, diesen freundlichen Jungen zu bel�gen. Schlie�lich entschloss er sich zu einer Halbwahrheit. �Ich hei�e Kamil und bin gerade mit einer Berberkarawane aus Damaskus angekommen.�</p><p>Hischam sah sich in der elenden Behausung um. �Dir scheint es nicht gut zu gehen. F�r die Armen ist Bagdad ein Ort des Jammers. Sie fristen ihr Leben als Bettler, Diebe und k�ufliche M�rder. Du aber geh�rst nicht zu diesem Abschaum der Menschheit. Das sieht man. Was also suchst du hier in dieser Stadt, in der nur der Reichtum z�hlt?�</p><p>Henri erkannte, dass Hischam weiter seine Fragen stellen und keine Ruhe geben w�rde, bevor er nicht eine befriedigende Antwort erhalten h�tte. Er zog seinen Talisman am Lederriemen deutlich sichtbar hervor. �Diese M�nze erhielt ich von einem Sarazenen, dem ich das Leben rettete, indem ich ihn unter den Tr�mmern einer berstenden Mauer hervorzog. Ich trage sie seitdem als Talisman, und sie sch�tzte mich mehrmals vor einem gewaltsamen Tod.�</p><p>Hischam starrte auf die arabische Inschrift. �Das ist merkw�rdig. Auch mein Vater besitzt eine solche M�nze, die er vor neugierigen Blicken h�tet. Wenn ich ihn jedoch nach ihrer Bedeutung frage, verbietet er mir den Mund und droht mir Schl�ge an, falls ich nicht schweige.�</p><p>Henri wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er f�rchtete, dass er in dieser fremden Stadt in Schwierigkeiten geraten k�nnte.</p><p>Aber Hischam hatte einen Plan. �Du siehst aus, als ob du schon lange keine warme Mahlzeit zu dir genommen h�ttest. In unserem Haus wird die Gastlichkeit gepflegt. Komm mit mir! Vielleicht kann mein Vater dir weiterhelfen. Seit dem Mongoleneinfall hat sich zwar viel in Bagdad ge�ndert. Aber mein Vater genie�t als Gelehrter der Astronomie immer noch gro�es Ansehen.� Er lie� keine Widerrede zu und zog Henri mit sich.</p><p>Aber Henri �u�erte immer noch Bedenken. �W�re es nicht besser, vorher im Hammam ein Bad zu nehmen?�</p><p>Hischam lie� ihm jedoch nur Zeit, seine Kleider zu wechseln. Und Henri war froh, dass er im Souk saubere Beinkleider und einen langen Mantel erstanden hatte, die von den Arabern Sirwal und Burda genannt wurden.</p><p>Sie verlie�en die Elendsgebiete von Bagdad, streiften die Halbw�ste am Stadtrand, wo die Nomaden hausten, und tauchten in die Welt der Reichen ein. Hinter hohen Mauern dehnten sich weite, palmenbestandene Grundst�cke. Exotische Pflanzen in allen Farbt�nen lugten �ber die Mauer. Als Hischam ein pr�chtiges Tor �ffnete und Henri in einen Park schob, in dem aus einem Brunnen eine glitzernde Wasserfont�ne spr�hte, war Henri fast schon zur Umkehr entschlossen. Sicher w�rde dieser angesehene Gelehrte Verdacht sch�pfen, ihn verh�ren, ins Verlies werfen oder gar foltern lassen, um die Wahrheit aus ihm herauszupressen.</p><p>Aber Henri hatte noch niemals einen R�ckzug angetreten. Er war Philipps Schergen entkommen. Darum w�rde er auch hier einen Ausweg finden. Obwohl er nicht abergl�ubisch war, weder an Hexen noch an Zauberer glaubte, umklammerte er seinen Talisman.</p><p>An der Eingangspforte stand ein T�rw�chter. Er trug Pluderhosen aus blauseidenem Damast und einen wei�en Turban. Offensichtlich war er sich seiner W�rde bewusst. Mit gravit�tischen Schritten f�hrte er die Ank�mmlinge �ber einen persischen Teppich in das Innere des Palastes. Ein breiter Gang tat sich auf. Rechts und links standen entlang der Mauer bewaffnete Wachen mit grimmigen Gesichtern. Henri wurde immer beklommener zumute. Vielleicht war der Gelehrte ein Geheimnistr�ger, und seine astronomischen Kenntnisse dienten sogar Kriegsvorbereitungen, die streng geh�tet werden mussten.</p><p>Als sie schlie�lich den Empfangssaal erreicht hatten, blieb Henri stehen. Ein prunkvoll gekleideter W�rdentr�ger stand am Ende des Saales und sah ihnen entgegen. Henri konnte sich nicht vorstellen, dass Hischam so zeremoniell von seinem Vater empfangen wurde. Er war erleichtert, dass es sich bei diesem allzu neugierig blickenden Mann nur um einen hochgestellten W�chter handelte, der den Raum schnell verlie�.</p><p>Die T�r zu einem Nebenraum �ffnete sich, und ein Mann in mittleren Jahren trat ein, den Henri aufgrund der �hnlichkeit sogleich als Hischams Vater erkannte. Hischam verbeugte sich, und Henri machte es ihm nach. Mit einem Wink wurden die beiden aufgefordert, auf den seidenen Kissen Platz zu nehmen, die sich auf dem Boden t�rmten.</p><p>Hischam wartete, bis ihn sein Vater zum Reden aufforderte. Er sprach auff�llig leise. �Dies ist Kamil, ein Mitsch�ler in meiner Schule. Er m�chte sich in den Lehren des Korans vervollst�ndigen.�</p><p>Der Gelehrte nickte beif�llig, und darum fuhr Hischam fort: �Kamil zeigte mir eine M�nze mit der arabischen Aufschrift <emphasis>alhamdulilah.</emphasis> Dieser Talisman ist das Geschenk eines Sarazenen, dem Kamil in einem Kampf das Leben gerettet hat.�</p><p>Henri wagte kaum, an die Belagerung von Akkon zu denken. Denn damals handelte es sich doch um einen Kampf der Templer gegen die Sarazenen. Inst�ndig hoffte er, dass Hischams Vater keine weiteren Fragen stellen w�rde.</p><p>Das Gegenteil trat ein. Der so �berlegen wirkende Mann erbleichte, schwieg f�r einen Augenblick, fasste sich aber gleich darauf. Er erhob sich. �Macht mir die Freude, mein lieber Kamil, heute unser Gast zu sein.� Er klatschte in die H�nde, und einer der Diener erschien augenblicklich. �Man richte f�r unseren Gast ein reichhaltiges Mahl!�</p><p>Die Unterhaltung war zun�chst beendet. Er wandte sich an seinen Sohn. �Gehe mit deinem Freund in den Garten! Ihr k�nnt euch auf der steinernen Bank am Springbrunnen in den Koran vertiefen und die Lehren des Propheten studieren. Das wird, au�er den leiblichen Gen�ssen, ein Gewinn f�r unseren Gast sein.�</p><p>Henri hatte sich �berlegt, dass ihn ein Gespr�ch �ber die Suren des Korans vor weiteren Fragen Hischams sch�tzen w�rde. Darum fragte er nach der Bedeutung der Sure, die sie am Morgen geh�rt hatten.</p><p>Hischam wirkte verlegen. �Unser Lehrer sprach �ber die Sure <emphasis>At-Taghabun,</emphasis> die Sure �ber die wechselseitige Zu- und Abnahme. Auswendig kann ich sie jetzt auch nicht hersagen.�</p><p>�Ach�, warf Henri ein und tat erstaunt. �Ich habe geglaubt, dass jeder Gl�ubige den Koran auswendig hersagen kann.�</p><p>�Dazu bin ich noch zu jung�, entgegnete Hischam. �Du kannst es ja auch nicht, obwohl du �lter bist.�</p><p>Henri bemerkte, dass das Gespr�ch eine gef�hrliche Wendung nahm. �Deklamiere mal das, was du behalten hast�, sagte er vers�hnlich.</p><p>Hischam erhob sich von der steinernen Bank und rezitierte:</p><p>�Wer an Gott glaubt und Gutes tut, dem s�hnt er seine Missetaten, und den l�sst er in G�rten eingehen, unter denen B�che flie�en; darin werden sie auf immer weilen. Aber diejenigen, die ungl�ubig sind, das sind die Gef�hrten des Feuers; darin werden sie ewig weilen � welch schlimmes Ende!�</p><p>Henri dachte, dass sich diese Aussage des Propheten gar nicht so sehr von den biblischen Texten unterscheide. Denn die Sure sprach vom Paradies und von der H�lle. Eine Stellungnahme blieb ihm erspart. Ein Diener kam in den Garten, verbeugte sich und bat die beiden jungen Herren zum Mahl.</p><p>Noch niemals hatte Henri eine so reich gedeckte Tafel gesehen. Eine Decke aus Damast war mit Fr�chten aller Art �bers�t: Melonen, Pflaumen, Pfirsiche, Granat�pfel, Quitten, Kirschen, Apfelsinen, Trauben, Bananen, Feigen, Artischocken und Auberginen. Zwei Diener sch�pften aus einer silbernen Terrine eine hellgr�ne Kr�utersuppe, deren Bestandteile Henri nicht zu ergr�nden vermochte. Danach wurde ein Hammel aufgetragen, den die K�che zuvor drau�en am Spie� gedreht hatten. Am besten schmeckte Henri die arabische S��igkeit, die zum Nachtisch gereicht wurde � die beliebte <emphasis>Baqlawa,</emphasis> ein Bl�tterteiggeb�ck mit Honig und Mandeln.</p><p>Der Hausherr f�llte pers�nlich die irdenen Trinkgef��e. �Ihr braucht keine Sorge zu haben, dass wir mit Alkoholgenuss gegen die Gebote Muhammads versto�en. Dieses Getr�nk wird aus Datteln hergestellt, die meine K�che mehrere Tage lang in Wasser angesetzt und mit Ziegenmilch aufgef�llt haben.�</p><p>Henri gab sich M�he, nach der langen Zeit des Darbens nicht allzu gierig zu erscheinen. Er war froh, als der Hausherr die Tafel aufhob und Henri in einen Nebenraum bat. Das Gespr�ch bei Tisch hatte sich um die Astronomie gedreht. Mehrmals hatte der Gelehrte beif�llig genickt, wenn Henri sich als Kenner der Sternenkunde erwiesen hatte.</p><p>�Ihr seid sehr gebildet, mein junger Freund�, er�ffnete er die Unterhaltung. �Seid Ihr im Kartenlesen ebenso bewandert wie in der Astronomie?�</p><p>Henri nickte bescheiden. Noch wusste er nicht, wohin das Gespr�ch f�hren sollte.</p><p>Der Gelehrte r�ckte n�her und senkte die Stimme. �Es d�rfte Euch nicht unbekannt sein, dass vor fast 60 Jahren, im Jahre 634 der Hedschra, die Mongolen Alamut, die Felsenfestung der Assassinen, erobert und alle Assassinen ermordet haben, die sich nicht in Sicherheit bringen konnten. Wir waren nur ein kleines H�uflein, dem nach erfolgloser Gegenwehr die Flucht gelungen war.�</p><p>�Ich habe davon geh�rt�, sagte Henri. Der Anh�nger Muhammads hatte seine eigene Zeitrechnung. Henri �berschlug die Daten. Der Gelehrte hatte vom 1256. Jahr der Fleischwerdung Christi gesprochen.</p><p>�Wir hielten zusammen, aber im Jahre 651 wurde die letzte Festung der Assassinen zerst�rt. Wo sollten wir uns hinwenden? L�ngst waren wir keine Meuchelm�rder mehr, die auf Befehl des Alten vom Berge missliebige Personen ermordeten. Euch ist sicher zu Ohren gekommen, dass nicht nur der Franke und Kreuzfahrer, Graf Raimund von Tripoli, und der ungl�ubige K�nig von Jerusalem, Konrad von Montferrat, sondern auch der heidnische Herzog Ludwig von Bayern von unseren Attent�tern erstochen wurden.�</p><p>Davon hatte man sich bei den Templern erz�hlt. Aber Henri zog es vor zu schweigen.</p><p>Weil keine Antwort kam, fuhr der Gelehrte in seiner Rede fort. �Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei. Wir ehemaligen Assassinen gr�ndeten eine Bruderschaft und schworen einen heiligen Eid, uns in jeder Gefahr beizustehen. Tapferkeit und Hilfsbereitschaft sollten unsere Tugenden sein, nicht etwa Mord und Heimt�cke. Jeder von uns sollte zum Zeichen der Zugeh�rigkeit stets eine alte syrische M�nze bei sich tragen.� Er zog eine Kette aus seinem Hemd und wies Henri die Inschrift vor. Es war ein Duplikat jener M�nze, die der Sarazene Henri in Akkon �bergeben hatte und die er seitdem stets bei sich trug.</p><p>Auch Henri brachte seinen Talisman zum Vorschein. Jetzt endlich wusste er, was es mit dieser M�nze f�r eine Bewandtnis hatte. L�ngst hatte es sich wohl herumgesprochen, dass die ehemaligen Assassinen eine Bruderschaft gegr�ndet hatten. Offensichtlich brachte man sie aber noch immer mit Mord und Attentaten in Verbindung. Darum wichen auch die wildesten Angreifer zur�ck, wenn sie diese alte M�nze, das Erkennungszeichen der gef�rchteten Assassinen, erblickten. Der frommen Inschrift auf der Vorderseite trauten sie nicht. Wer wollte schon die Rache der gesamten Bruderschaft auf sich ziehen, wenn man einen der Ihrigen t�tete oder verletzte?</p><p>Der Gelehrte verlie� f�r kurze Zeit den Raum. Henri wartete beunruhigt. Ob er eine der Wachen rief, um ihn festnehmen zu lassen? Aber Hischams Vater kehrte nach wenigen Augenblicken mit einigen Papierrollen zur�ck.</p><p>�Ich werde Euch eine Land- und eine Sternenkarte mit auf den Weg geben. Sie werden Euch den Weg nach Aleppo zeigen, wo sich einige von uns nach dem Mongoleneinfall angesiedelt haben�, erkl�rte er Henri. �Au�erdem vertraue ich Euch ein versiegeltes Schreiben an. In Aleppo erhebt sich auf einem hohen Felsen eine Festung, deren Kommandant zu den Unsrigen geh�rt. �bergebt ihm dieses Schreiben! Er wird Euch vielleicht zu dem Mann f�hren, den Ihr sucht.�</p><p>Henri verbeugte sich tief, um seine R�te zu verbergen. Er f�hlte sich als L�gner und Betr�ger und konnte nur mit M�he einige Dankesworte stammeln.</p><p>�Ich habe noch eine Bitte�, sagte der Gelehrte zum Abschied. �Schweigt gegen jedermann �ber unser Gespr�ch, vor allem gegen Hischam. Ich m�chte nicht, dass mein Sohn von meinem Vorleben als Assassine erf�hrt, obwohl ich niemals einen unschuldigen Menschen get�tet habe.� Er umarmte Henri und geleitete ihn zur T�r. <emphasis>�Allah akbar �</emphasis> Gott ist gro�!�, gab er ihm als Abschiedsgru� mit auf die Reise.</p><p><emphasis>�La ilah illa Allah �</emphasis> Es gibt keinen Gott au�er Gott�, antwortete Henri. Er war �berzeugt, dass diese arabischen Worte auch in der christlichen Religion ihre G�ltigkeit hatten.</p><p>Drau�en vor dem Tor wartete Hischam. �Was hat mein Vater zu dir gesagt?�, fragte er neugierig. �Wirst du morgen wieder in die Schule kommen?�</p><p>Henri tat es Leid, dass der Gelehrte ihm Stillschweigen auferlegt hatte. Gerne h�tte er seinen Freund �ber das Gespr�ch unterrichtet und ihm das Reiseziel genannt. Er umarmte ihn. �Ich danke dir f�r alles, was du f�r mich getan hast. Wir m�ssen Abschied nehmen, aber ich bin sicher, dass wir uns irgendwann einmal wieder sehen werden, in Bagdad oder anderswo. <emphasis>Allah akbar!�</emphasis></p></section><section><title><p><strong>13</strong></p></title><p>Henri brach fr�hzeitig am n�chsten Morgen auf. Die Sonnenstrahlen hatten soeben die oberste Galerie der Moschee hinter der Herberge erreicht. Laut erklang der Ruf des Muezzin. Henri beeilte sich, die Stadt zu verlassen, ehe die Schar der Gl�ubigen zum Gebet eilte. Die Sch�nheit des Morgens erfreute ihn so sehr, dass er gerne gesungen h�tte. Aber er kannte nur die Lieder der Kreuzfahrer und wollte nicht unn�tig Aufsehen erregen.</p><p>Er hatte die Stadt in westlicher Richtung verlassen und erreichte den Euphrat, als die Sonne schon im Westen stand. Eine Furt war nicht schwer zu finden, denn zahlreiche Eselskarren aus dem b�uerlichen Umland waren auf dem Weg zur Stadt. Sie hatten Obst und Gem�se geladen. Henri musste an die reich gedeckte Tafel des Astronomen denken. In den Elendsgebieten konnte sich wohl niemand diese K�stlichkeiten leisten. Nur Fladenbrot gab es in der Gasse zu kaufen, wo seine Herberge angesiedelt war. Auch das war f�r manche unerschwinglich, sodass sie einen heimlichen Griff in die Taschen gut gekleideter Leute tun mussten.</p><p>Henri zog die Landkarte zu Rate und suchte nach einer kleinen Ansiedlung, wo er nach Unterkunft fragen wollte. Als er die Karte entrollte, stie� er einen �berraschungsschrei aus. Hischams Vater hatte dort einen Stoffbeutel mit einer betr�chtlichen Anzahl wertvoller Geldm�nzen eingewickelt. Er �berlegte sich, wie er jemals seine Dankbarkeit zeigen k�nnte. Ob �berhaupt irgendwann einmal?</p><p>Er w�hlte eine Lehmh�tte inmitten eines Feldes, das noch brachlag. Ein Kettenhund bellte w�tend, riss sein Maul auf und zeigte ein Furcht einfl��endes Gebiss. Unter den tief h�ngenden Balken im t�rlosen Eingang erschien ein �ltlicher Mann. Er war offensichtlich in betr�chtlicher Erregung, denn er erwiderte nur fl�chtig Henris Gru� �Allah akbar!�. Dass ihm von Henri keine Gefahr drohte, musste er wohl erkannt haben. Denn er zog ihn am �rmel in die H�tte.</p><p>Im Inneren hantierte eine auff�llig junge Frau an der offenen Feuerstelle. Mit fahrigen Gesten und gelegentlichen Faustschl�gen auf eine ohnehin br�chige Tischplatte unterrichtete der Mann den Gast �ber den Grund seiner Emp�rung.</p><p>Drei M�nner aus einem Nachbarort hatten seinen S�hnen aufgelauert, um sie zu berauben. Was es da wohl zu rauben gegeben hatte, dachte Henri. Zum Gl�ck aber sei einer aus seiner Sippe, der in der N�he seiner Feldarbeit nachging, seinen S�hnen zu Hilfe geeilt. Sie h�tten gemeinsam den Angriff abgeschlagen. Aber Allah habe gewollt, dass dieser Freund im Kampf sein Leben verlor. Inshallah!</p><p>Die Stimme des Bauern wurde immer erregter. �Unsere Dorfsippe h�tte Ansehen und Ehre verloren, wenn wir das hingenommen h�tten. Wir zogen in die Ansiedlung der R�uber, pl�nderten alles, was sich nur fortschleppen lie�, und steckten die H�user in Brand.�</p><p>�Das haben die sich so ohne weiteres gefallen lassen?�, fragte Henri, obwohl er schon die Antwort kannte.</p><p>�Nein!�, schrie der Erz�hler in h�chsten T�nen. �Sie haben sich an den Richter in Aleppo gewandt. Meine S�hne wurden in Ketten davongef�hrt. Manchmal darf ich sie im Gef�ngnis besuchen. Aber f�r diese Gutm�tigkeit des W�chters muss ich viel Geld zahlen.�</p><p>Henri versuchte, das Thema zu wechseln. �Habt Ihr noch mehr S�hne?�</p><p>�Ja, vier! Gelobt sei Allah! Jede meiner zwei Frauen hat mir zwei S�hne geschenkt. Ich hoffe, dass mir Aischa noch viele S�hne schenken wird. Sie ist noch jung, wie Ihr seht. Aber sie hat mich auch sehr viel Geld gekostet. Denn ich musste nicht nur dem Gatten viele Ziegen und meine einzige Kuh geben, sondern dem Richter dazu noch eine hohe Summe hinlegen.�</p><p>�Hat sie sich denn gerne fortnehmen lassen?�, fragte Henri, der an eine Entf�hrung glaubte.</p><p>Der Mann lachte. �Allerdings! Denn ihr Mann war alt und gebrechlich und konnte einem so jungen Weib nicht das geben, wonach sie verlangte.�</p><p>Die junge Frau wandte sich um. Da sie im Haus un-verschleiert ging, blickte Henri in ein rundes Kindergesicht mit faltenloser Haut, blitzenden braunen Augen und vollen roten Lippen. Der Mann ergriff ihre Arme und schob sie zur Stiege, die nach oben f�hrte. Sicherlich war er der Meinung, dass der Gast schon zu viel gesehen hatte. Als die Frau die Stufen emporh�pfte, erklang ein leises Bimmeln. Henri sah ihr nach und erkannte mehrere fein ziselierte Gl�ckchen, die sie an einem Band um das Fu�gelenk trug.</p><p>Der Mann sah Henris Blick und stand auf. �Ihr k�nnt in der kleinen Scheune hinter der H�tte schlafen. Ich selbst liege bei meiner Frau.� Der letzte Satz klang drohend. Wer einem anderen die Frau weggenommen hatte, musste allerdings Grund zum Misstrauen haben, dachte Henri. Er konnte das verstehen, aber er war ein wenig ver�rgert dar�ber, dass man ihm zutraute, die Gastfreundschaft auf solch �ble Weise zu vergelten.</p><p>Von seinem Liegeplatz in der armseligen Scheune sah er geradewegs durch ein Loch in den nachtblauen Himmel. Das strohgedeckte Dach war schadhaft und lie� Regen und Wind in das Innere. Der gestampfte Lehmboden war feucht. Sein Hengst scharrte mit den Hufen und suchte vergeblich nach Stroh. So entschloss sich Henri, noch in der Nacht weiterzureiten, um f�r sein Ross Nahrung zu finden. Er hinterlie� einige M�nzen auf der Ofenbank und trat ins Freie.</p><p>Drau�en war es hell. Der Halbmond spendete gen�gend Licht, um die Sternenkarte zu lesen. Ohne M�he erkannte er am Himmel die Sternzeichen, die ihm den Weg weisen w�rden. Henri hatte auf der Landkarte einen See entdeckt, der sich Homs nannte. Wo es einen See gab, musste es wohl auch saftige Wiesen geben.</p><p>Er hatte sich nicht get�uscht. Zwischen dichtem Weidengeb�sch blitzte im Mondlicht das Wasser eines ausgedehnten Sees. Er lie� seinen Hengst, den er wegen seiner arabischen Abstammung Barq, Blitz, genannt hatte, das klare Wasser trinken und auf den saftigen Wiesen grasen. Er selbst h�tte gerne ein Bad genommen, aber die Ortschaft lag allzu nahe. Nach dem Bericht seines Gastgebers f�hlte er sich unsicher. Diese Bev�lkerung hier hatte sich doch als au�erordentlich angriffslustig erwiesen.</p><p>Seine Vorsicht war berechtigt. Barq, der am Seeufer stand, den Kopf tief geneigt hatte und mit langen Z�gen das Wasser einsog, hob pl�tzlich seinen Kopf. Er spitzte die Ohren und schnaubte leise. Henri beobachtete die Erlen, mit denen das Ufer umgeben war. Der Mond war schon untergegangen, sodass die B�sche im Schatten lagen. Aber da er nicht nur mit einem untr�glichen Gef�hl f�r drohende Gefahren, sondern auch mit einem �berdurchschnittlich guten Geh�r ausgestattet war, vernahm er ein leises Knacken im Geh�lz. Er fasste sein Pferd am kurzen Z�gel, zog sein Schwert aus der Scheide und blieb lauschend stehen.</p><p>Der Anblick des Schwertes hatte seine Wirkung getan. Die Schritte entfernten sich, diesmal ohne jede Vorsicht. Henri konnte sich die Anwesenheit dieser Leute nur damit erkl�ren, dass die Dorfbev�lkerung nach den j�ngsten Vorkommnissen Wachen aufgestellt hatte. Was wollten sie sonst hier mitten in der Nacht? Vielleicht ein Bad nehmen? Aber das h�tten sie auch tags�ber tun k�nnen.</p><p>Er brach auf, hielt seine Waffe aber einsatzbereit. Im Dorf kl�rte sich der r�tselhafte Besuch am See. Vor den niedrigen H�tten brannten Feuer. Gem�se aller Art wurde in der gl�henden Asche gegart. Mehrere L�mmer steckten an eisernen Spie�en. Viele Kinder h�pften fr�hlich singend um die Flammen. Die M�nner lie�en einen Krug kreisen, und die Frauen hatten ihren Umhang nur lose um sich geschlungen.</p><p>Die Kinder entdeckten den fremden Reiter zuerst. Sie deuteten mit dem Finger auf ihn und zupften ihre V�ter an den weiten Beinkleidern. Die Frauen wandten ihre Gesichter ab. Henri rechnete mit einem Angriff. Aber ein junger Mann winkte ihm freundlich zu: �Iss mit uns, Fremdling! Es ist Ramadan, der Fastenmonat. Ehe die Sonne aufgeht, m�ssen wir uns alle ges�ttigt haben.�</p><p>Henri z�gerte. Es kam selten vor, dass er nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Er wollte nicht, dass man ihn an der Sprache als einen Fremden erkannte. <emphasis>�Schukran dazilan! �</emphasis> Dankesch�n!�, sagte er m�glichst h�flich, und weil ihm die arabische Lobpreisung Gottes inzwischen glatt von den Lippen kam, f�gte er noch ein lautes �Allah akbar� hinzu.</p><p>Die Dorfleute wandten sich wieder dem Feuer zu. Nach den langen Stunden des Fastens waren ihnen der Braten und das Gem�se wichtiger als ein fremder Reiter. Henri ritt z�gig voran. Auf den Weidefl�chen bl�hten schon die ersten G�nsebl�mchen, und die B�sche am Ufer eines wilden kleinen Flusses zeigten einen Hauch des nahenden Fr�hlings.</p><p>Gegen Abend ballten sich am Horizont schwarze Wolken zusammen. Die Sonne verlor ihren roten Glanz und verschwand hinter einem grauen Schleier. Henri studierte seine Karte. Hischams Vater hatte zwischen Homs und Aleppo eine Ruine eingezeichnet. Vielleicht boten ihre Mauern ein wenig Schutz vor dem drohenden Unwetter. Er befand sich jedoch noch immer ein gutes St�ck von der Ruine entfernt, als die Wolken zu platzen schienen und der Regen prasselnd losbrach. Ein Blitz zuckte herab, ein dr�hnender Donnerschlag folgte. Barq sprang mit beiden Vorderhufen in die Luft und begann zu galoppieren. Henri belie� ihn im Galopp. Sie beide wollten m�glichst schnell in dem vielleicht trockenen Gem�uer Unterschlupf finden.</p><p>V�llig durchn�sst erreichten sie die Ruine. Henri zog das Pferd ins Trockene und durchstreifte die noch verbliebenen R�ume nach einem gesch�tzten Platz. Wie sehr sehnte er sich nach den Feuerstellen in Homs. In der Ruine gab es keine M�glichkeit, die Kleidung zu trocknen. Auch war es nicht ratsam, sich auf dem Boden ein Lager zu richten. Denn wilde Ziegen hatten sich die Ruine als Aufenthaltsort gew�hlt. Der Lehmboden war mit ihrem Kot �bers�t.</p><p>Henri blieb an einer niedergebrochenen Mauer stehen und beobachtete den Himmel. Es war kein Stern mehr zu sehen. Aber die Linien und Punkte auf seiner Landkarte, die er vor dem Regen unter seinem Umhang gesch�tzt hatte, waren noch gut zu erkennen. Aleppo musste nur noch einen Tagesritt entfernt sein.</p><p>Das Gewitter zog so schnell vorbei, wie es gekommen war. Aber der Regen hielt bis in die fr�hen Morgenstunden an. Henri klopfte seinem Pferd die Flanken. �Es geht weiter, mein tapferer Gef�hrte! Von ein paar Tropfen werden wir uns doch nicht Bange machen lassen.�</p><p>Schon nach einer Stunde erinnerte nichts mehr an das n�chtliche Unwetter. Die Sonne trocknete schneller seine Kleidung, als Henri erwartet hatte. Er durchquerte d�nn bewaldete T�ler, �berwand einen steilen H�gel und stand unversehens vor einem rei�enden Fluss. Reste einer Br�cke lie�en erkennen, dass man von hier aus fr�her den wirbelnden und sch�umenden Fluss �berqueren konnte. Auf der gegen�berliegenden Seite erkannte er auf einem hohen Felsen eine Burg. Das musste Aleppo sein. Aber es gab keine Furt zum jenseitigen Ufer. So war er gezwungen, stromabw�rts zu reiten, um vielleicht eine zweite Br�cke oder eine Furt zu finden.</p><p>Sehr bald konnte er beobachten, dass sein Ritt entlang dem Flussufer nicht unbeobachtet geblieben war. Eine bewaffnete Kohorte hielt auf der gegen�berliegenden Seite mit ihm Schritt. Als er einmal anhielt, verharrten auch die Reiter. Wenn er im Galopp die Gangart des Pferdes beschleunigte, folgten ihm die Reiter wie ein Spiegelbild.</p><p>Er �berlegte, was nun zu tun sei. Das gesiegelte Schreiben des Astronomen hatte die N�sse �berstanden. Der Kommandant der Burg von Aleppo war deutlich als Empf�nger auf der �u�eren H�lle vermerkt. Er zog das Schreiben unter seinem Umhang hervor und winkte damit den Reitern auf der Gegenseite zu. Vielleicht konnte er ihnen damit klarmachen, dass er als Freund kam.</p><p>Es dauerte eine geraume Zeit, bis er zu einer Br�cke kam, die den Wassermassen standgehalten hatte. Sie war aus Stein erbaut und bot einem Reiter gen�gend Platz, um sein Pferd am Z�gel zu f�hren. Dr�ben erwartete ihn schon die Kohorte. Ehe einer von ihnen auch nur den Mund �ffnen konnte, schmetterte Henri sein: <emphasis>�Salam alaikum �</emphasis> Friede sei mit euch!� Die Mienen der Krieger entspannten sich. Einer der M�nner erwies sich durch seine farbenpr�chtige Burda als ihr Anf�hrer. Ihm �berreichte Henri das gesiegelte Schreiben. Die anderen machten neugierige Gesichter. Gar zu gern h�tten sie wohl den Inhalt des Schreibens erfahren. Vielleicht aber beherrschten sie nicht die Kunst des Lesens.</p><p>Der Anf�hrer gab Henri einen Wink, er m�ge ihm folgen, und ritt voran. Das Schreiben behielt er in der Hand und schwenkte es wie eine Troph�e. Die �brigen Reiter schlossen sich an. Henri hatte den Eindruck, dass sie entt�uscht waren, keine gr��ere Beute gemacht zu haben als dieses St�ck Papier, das sie nicht einmal lesen konnten. Wahrscheinlich h�tten sie ihn gern wie einen Verbrecher abgef�hrt.</p><p>Als ob der wilde Fluss eine Trennungslinie w�re, ver�nderte sich die Landschaft. In den Wiesen bl�hten blaue Anemonen und purpurrote Liliengew�chse. Sie durchquerten ein Dorf, dessen H�user aus schwarzem Tuffgestein erbaut waren. In den G�rten zeigten Obstb�ume schon ihre ersten Bl�ten. Die Festung auf dem Burgberg wirkte nicht so furchterregend, wie Henri es aus der Ferne gesehen hatte. Gr�ne Wildpflanzen rankten sich �ber das graue Gem�uer. Der Aufstieg gestaltete sich f�r Mensch und Tier allerdings recht m�hsam. Der Pfad war schmal und steil. Sie waren gezwungen, ihre Reittiere am kurzen Z�gel aufw�rts zu f�hren. Oben langten sie auf einer weiten Plattform an. Da die Reiter ihren Pferden eine Verschnaufpause g�nnten, hatte Henri Gelegenheit, einen Blick in die Ebene zu werfen.</p><p>Die Aussicht war �berw�ltigend. In der Ferne blitzte das Wasser des Euphrats. Das erste sprie�ende Fr�hlingsgr�n verwandelte die Ebene in einen weiten Teppich. Am Fu�e des Burgbergs dr�ngten sich die H�user zusammen, als ob sie Schutz suchten. Im Innenhof einer Karawanserei waren Kamele zu sehen, die am Boden lagen und kaum als gro�e Lasttiere erkennbar waren. Unter einem lang gestreckten Dach musste sich ein Basar befinden. Es gab Marmorh�fe, deren Wei� sich vom Grau der H�user abhob, und die oberste Balustrade eines Minaretts war aus der Vogelperspektive sichtbar.</p><p>Der Anf�hrer der Reiterkohorte tippte Henri auf die Schulter. Wortlos ging er voran, blieb aber sogleich in der Mitte des Festungshofes stehen und deutete auf eine Moschee. Mit einfachen Worten erkl�rte er Henri, dass die Moschee an der Stelle erbaut worden sei, wo Abraham seine Kuh gemolken hatte. Er ahmte die Bewegung des Melkens nach. <emphasis>�Halaba�,</emphasis> sagte er. Henri verstand sogleich, was er meinte. Denn Aleppo war auf der Karte des Astronomen als Haleb eingezeichnet. Der arabische Ortsname bezog sich also auf Legenden um Abraham. Wie die Juden und die Christen verehrten die Anh�nger Muhammads Abraham als ihren Stammvater.</p><p>Henri war froh, dass ihm zun�chst ein Besuch in der Moschee erspart blieb. Er folgte den festen Schritten seines F�hrers durch mehrere Gew�lbe, in denen Fackeln brannten. Am Ende eines langen Ganges weiteten sich die Mauern und m�ndeten in einen gro�en Raum. Ein Holzkohlebecken verstr�mte milde W�rme. Winzige Luken lie�en ein wenig Tageslicht herein und bewirkten eine diffuse Beleuchtung.</p><p>Neben dem Kohlebecken stand al-Mahdi, der Kommandant der Festung. Er rieb sich die wei�en H�nde, die von blauen Adern durchzogen waren. Sein Alter war schwer zu sch�tzen. Aber wenn man ihm das Kommando �ber die Festung anvertraut hatte, musste er sich erhebliche Verdienste erworben haben. Er wandte sich seinem Gast zu, und Henri fiel das auff�llige Leuchten seiner Augen auf. War er vielleicht auch ein Imam, ein religi�ser, politischer, aber auch milit�rischer F�hrer, zu dessen Amt die Verteidigung gegen �u�ere Feinde geh�rte? Henri wusste, dass ein Imam au�erdem den Vollzug der Strafen �berwachen musste. Er senkte vor diesen Augen den Blick und konnte sich nicht gegen das Gef�hl wehren, dass er diesen Mann niemals zum Feind haben wollte.</p><p>Der Festungskommandant hatte Henris Gru� mit leiser Stimme erwidert. Er nahm das Schreiben nur z�gernd entgegen. Henri konnte aufgrund seines Alters nicht zu den ehemaligen Assassinen geh�ren. Das war kaum zu �bersehen. Damit galt er bei al-Mahdi als verd�chtig. Er l�ste das Siegel und las sorgf�ltig Zeile f�r Zeile von dem, was der Gelehrte aus Bagdad ihm mitteilte. Seine Miene hellte sich auf. Er legte Henri sogar eine seiner blassen H�nde auf die Schulter. �Die Empfehlung meines Freundes, des gelehrtesten Astronomen von Bagdad, gen�gt mir, um Euch in allem behilflich zu sein. Ich entnehme der Nachricht, dass Ihr auf der Suche nach Umar ibn al-Mustansir seid, um Euch f�r eine syrische M�nze zu bedanken. Dieser Wunsch ehrt Euch.�</p><p>Henri hielt es f�r angebracht, sich zu verneigen, und beobachtete, dass er sich mit dieser h�flichen Geste das Wohlwollen al-Mahdis erworben hatte.</p><p>�Ich lasse Euch f�r diese Nacht ein Lager in den R�umen der Festung zuweisen�, sagte der Kommandant, so freundlich es ihm m�glich war. Dieses Angebot bedeutete offensichtlich eine ungeheure Ehre. �Morgen gebe ich Euch einen meiner treuesten Krieger mit auf den Weg. Umar ibn al-Mustansir besitzt ein Anwesen am s�dlichen Ortsrand von Haleb. Er wird Euch mit Freuden willkommen hei�en.�</p><p>Henri musste sich beherrschen, um sich seine Freude nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. Ihm schien eine w�rdige Danksagung angebracht. Denn er wollte nicht als servile Kreatur, sondern als achtbarer Gast behandelt werden. Al-Mahdi gab dem Reiter, der dieser Zeremonie stumm beigewohnt hatte, einen herrischen Wink. Die Unterredung war beendet.</p><p>Die kleine Kammer in der Festung war bei weitem angenehmer als die Ruine, in der er notgedrungen gen�chtigt hatte. Das Stroh war trocken, und durch die Luke lie� sich ein blutroter Sonnenuntergang beobachten. Man teilte ihm mit, dass sein Pferd gut versorgt sei. Aber man forderte ihn nicht auf, an der gemeinsamen Mahlzeit teilzunehmen. Er geh�rte eben doch nicht zur Bruderschaft der ehemaligen Assassinen, obwohl er im Besitz der syrischen M�nze war. Aber ein Krieger brachte ihm nach Sonnenuntergang einen halben Laib Brot, eine Sch�ssel mit gestockter Milch, ein paar Datteln und einen kleinen Becher mit Wasser, das ihm ziemlich tr�be erschien.</p><p>Henri blieb zun�chst schlaflos. Zwar dachte er nicht an Gefahr, denn er f�hlte sich sicher, da er die Probe vor al-Mahdi bestanden hatte und als Gast aufgenommen worden war. Aber als er den Ruf des Muezzins zum Abendgebet h�rte, wusste er, was ihn wach hielt. Wie lange schon hatte er sich nicht mehr als Christ zu erkennen gegeben und zu Jesus Christus und zur Jungfrau Maria beten k�nnen. Er faltete die H�nde und dankte inbr�nstig daf�r, dass sie ihn w�hrend dieser langen und gefahrvollen Reise beh�tet hatten.</p><p>Erst jetzt fiel er in einen traumlosen Schlaf.</p><p>Es war noch dunkel, als der Muezzin zum Gebet rief. Machte er sich verd�chtig, wenn er abermals dem Gebet fernblieb? In Bagdad hatte er oft den morgendlichen Gebetsruf geh�rt. <emphasis>�Assalat hair min annaum �</emphasis> Das Gebet ist verdienstvoller als der Schlaf.� Wenn er diesen Ruf erneut ignorierte, k�nnte ihm das vielleicht Schwierigkeiten einbringen.</p><p>Aber als er in den Hof trat, wartete dort schon einer der Reiter mit dem gesattelten Pferd und gab das Zeichen zum Aufbruch. Der Festungskommandant lie� sich nicht sehen, um seinen Gast zu verabschieden. Henri kam der Gedanke, dass er vielleicht einen Boten zu Umar geschickt hatte, um die Ankunft des Fremdlings zu melden. Mit Sicherheit hatte er bei dieser Gelegenheit die Wahrheit �ber die Begegnung in Akkon erfahren. Wenn das zutraf, durfte er seinen Aufenthalt in Aleppo nicht allzu lange ausdehnen. Jeder im Ort w�rde bald wissen, dass sich im Dorf ein Tempelritter aufhielt.</p><p>Sie f�hrten ihre Pferde am kurzen Z�gel und gingen vorsichtig Schritt f�r Schritt den Festungsberg hinab. Henri war froh, dass sein Begleiter die F�hrung �bernommen hatte � denn diesem w�re es ein Leichtes gewesen, ihn mit einem kr�ftigen Sto� �ber die Felsen abw�rts zu bef�rdern. Er schaute sich ab und zu um, ob ihnen auch niemand folgte. Vielleicht war er auch allzu misstrauisch. Denn der Pfad hinter ihnen blieb leer.</p><p>Sie durchquerten das Dorf, das um die Gebetszeit wie ausgestorben dalag. Nur einige H�hne kr�hten, und wenn sie an den H�usern vorbeiritten, erhoben die Hunde ein w�tendes Gebell.</p><p>In der Karawanserei herrschte schon reges Treiben. Die Kamele wurden mit St�cken zum Aufstehen angetrieben und mit Lasten beladen. Henri hatte auf seiner Karte festgestellt, dass man von Rakka aus den Tigris erreichen konnte, wenn man die Dschezira-W�ste durchquerte. Er hatte inzwischen Erfahrungen gesammelt. Darum w�rde er nicht davor zur�ckschrecken, sich einer Beduinengruppe anzuschlie�en, wenn es hier f�r ihn zu gef�hrlich w�rde.</p><p>Hinter dem Ort dehnten sich Gem�sefelder und Obstplantagen. Im Schatten einiger Aprikosenb�ume erstreckte sich ein lang gezogenes Geb�ude, das aus schwarzem Tuffstein erbaut war. Ein Springbrunnen sprudelte auf einer Plattform vor dem Haus. Umar schien reich zu sein. Sicher musste gutes Wasser von weit her geholt werden. Denn das Quellwasser, das man ihm in der Festung gebracht hatte, war stark salzhaltig gewesen.</p><p>Sein Begleiter lie� sich vor dem Geb�ude aus dem Sattel gleiten. Er formte die H�nde zu einem Trichter und rief ein lautes <emphasis>�Ahlan wa sachlan�,</emphasis> den arabischen Willkommensgru�. Auch Henri war vom Pferd gestiegen, hielt sich aber bereit, um sich ohne Verz�gerung in den Sattel schwingen zu k�nnen, falls er in einen Hinterhalt geraten sein sollte.�</p></section><section><title><p><strong>14</strong></p></title><p>Ein Mann in einer reich bestickten Burda trat aus dem Haus. War das Umar? �ber seine Wange lief eine tiefrote Narbe, die ihn entstellte. Aber als er jetzt mit kehliger Stimme einen Willkommensgru� sprach und beide Arme ausbreitete, erkannte Henri ihn wieder.</p><p>Seine Augen leuchteten, sodass man die Narbe nicht mehr wahrnahm. �Seid mir gegr��t, mein Freund. Allah hat Euch bis hierher gef�hrt, damit wir ein freudiges Wiedersehen feiern k�nnen. Wie ist es Euch gelungen, der H�lle von Akkon zu entkommen?�</p><p>Henri lie� sich umarmen. �Von Zypern kamen Schiffe. Ich fand als einer der Letzten einen Platz an Bord. Aber von mir ist nichts Gutes zu berichten. Ich befinde mich auf der Flucht. Denn unser Orden wurde aufgel�st.�</p><p>Umar sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf. �Ihr wart sehr tapfer. Das hat man Euch schlecht gelohnt. Aber lassen wir die alten Geschichten! Ihr sollt heute meinen Sohn kennen lernen, dem ich viel von Eurer gro�m�tigen Tat erz�hlt habe.� Er zog Henri in das Haus.</p><p>Die W�nde des Empfangssaals waren mit Blumenornamenten geschm�ckt, sodass der Raum wie ein Garten wirkte. Statt der Ver�stelungen dieser Pflanzen waren steinerne Spruchb�nder zur Lobpreisung Allahs eingemei�elt. �Nehmt Platz�, forderte Umar seinen Gast auf und deutete auf bunte seidene Kissen. �Ihr seid sicher ersch�pft von dem langen Ritt. Die Frauen werden Euch eine Erfrischung bringen.�</p><p>Ein Vorhang aus Damast wurde beiseite geschoben, und eine verschleierte Frau betrat mit einem Glas Fruchtsaft den Raum und murmelte einen leisen Gru�. Umar nahm das Glas entgegen und reichte es Henri. �Das ist Zakiyya, meine Frau. Sie wird Euch ewig dankbar sein. Denn sie hatte schon die Hoffnung aufgegeben, mich jemals wieder zu sehen.� Er sprach einige Worte zu seiner Frau. Da er sehr schnell und zudem in einem fremden Dialekt gesprochen hatte, verstand Henri ihn nicht. Aber Zakiyya kniete sich vor Henri nieder und k�sste ihm die H�nde.</p><p>�Ich m�chte auch, dass Ihr meine Tochter kennen lernt�, sagte Umar. �Sie ist mein kostbarster Schatz.�</p><p>Wieder wurde der Vorhang beiseite geschoben. Eine zierliche Gestalt n�herte sich mit kleinen grazi�sen Schritten dem Vater. Sie trug ein hellblaues Kleid, das sie beim Gehen ein wenig angehoben hatte, sodass ihre schmalen Fesseln in den goldenen Pant�ffelchen hervorschauten.</p><p>�Leila, meine kleine Taube�, sagte Umar z�rtlich und fasste seine Tochter an der Hand. �Hier siehst du den tapferen K�mpfer, der deinen Vater gerettet hat. Statte ihm deinen Dank ab!�</p><p>Henri wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, als das M�dchen vor ihm niederkniete. Sie schaute zu ihm auf, sodass er durch den d�nnen Schleier ihre dunklen Augen, die leicht gerundeten Wangen und die sanft geschwungenen Lippen erkennen konnte. So sahen die Marienbilder in den christlichen Kirchen aus. Er wollte nicht, dass dieses wundersch�ne Wesen vor ihm niederkniete. Hilfe suchend warf er einen Blick zu Umar. Aber der verstand seine stumme Bitte nicht. Frauen hatten den M�nnern zu dienen. So war es nun einmal.</p><p>Drau�en war der Hufschlag eines Pferdes zu h�ren. Ein junger Mann st�rmte herein. Sein Gesicht war vom schnellen Ritt ger�tet, seine schwarzen Haare zerzaust. Umar betrachtete unwillig seinen Sohn. �Hast du dein Pferd wieder allzu sehr angetrieben, Uthman? Gehe nach drau�en und reibe deine edle Araberstute gr�ndlich ab! Aber vorher begr��e unseren Gast! Endlich hat Henri zu uns gefunden, der mir damals in Akkon das Leben gerettet hat.�</p><p>Uthman umarmte Henri und k�sste ihn auf beide Wangen. �Ihr m�sst ein sehr tapferer Krieger sein, wenn Ihr der H�lle von Akkon unverletzt entkommen seid. Wir sind Euch ewige Dankbarkeit schuldig, und ich werde Euch das niemals vergessen, dass Ihr uns das Leben unseres Vaters geschenkt habt!�</p><p>Ebenso schnell, wie er hereingest�rzt war, begab er sich wieder nach drau�en, um den Befehl des Vaters zu befolgen.</p><p>Umar seufzte. �Der Junge ist mir gar zu wild. Sein Interesse gilt nur Pferden und sch�nen M�dchen. Auch sitzt ihm der Dolch allzu locker im G�rtel. Schon mehrmals war er in H�ndel verstrickt. Ich habe mich entschlossen, ihn nach Cordoba zu schicken, wo er sich den Studien widmen soll.�</p><p>Henri hatte Bedenken, ob es dieser ungeb�rdige junge Mann sehr lange bei den B�chern aushalten w�rde. Aber er schwieg.</p><p>Das abendliche Mahl verlief in heiterer Stimmung. Nur die drei M�nner hatten an der Tafel Platz genommen. Anscheinend nahmen die Frauen ihre Mahlzeit in der K�che ein. Henri dachte an Paris, wo die edlen Damen an allen festlichen Mahlzeiten teilnahmen. Dagegen schickte man hier ein so zartes Wesen wie Leila in die K�che, wo sie hei�en D�mpfen und spritzendem Fett ausgesetzt war. Eine solche Behandlung empfand er geradezu als unbarmherzig. Aber er verzieh seinem Gastgeber diese Handlungsweise, als er seine Tochter rufen lie�. �Leila hat eine sehr sch�ne Stimme. Ich habe ihr ein Tamburello mitgebracht.� Er wandte sich dem M�dchen zu: �Ich w�nsche, dass du unserem Gast eine Probe deines K�nnens gibst.�</p><p>Umar hatte nicht zu viel versprochen. Das M�dchen ergriff das Tamburello, das bei jeder ihrer langsamen Bewegungen leise klingelte. Ihre Stimme erschien Henri so �berirdisch, dass er die Augen schloss und sich in die Kissen zur�cklehnte. Wie herrlich m�sste es sein, wenn Leila in einer christlichen Kirche ein Lied zum Lobe unseres Herrn Jesus Christus singen w�rde!</p><p>Umar war die R�hrung seines Gastes nicht entgangen. Sie kam ihm unpassend vor. Darum setzte er sich aufrecht hin, schickte seine Tochter nach drau�en und wandte sich Henri zu. �Ich werde Leila in K�rze verheiraten. Ihr k�nftiger Mann ist der Eigent�mer der Karawanserei, der mir f�r Leila eine stattliche Anzahl Kamele zahlen wird. Seine erste Frau ist zwar t�chtig, aber unfruchtbar. Leila ist jung. Sie wird al-Kadir viele S�hne geb�ren.�</p><p>Henri f�hlte sich, als ob er einen Schlag erhalten h�tte. Wie konnte Umar dieses madonnengleiche Kind als zweite Frau in eine Karawanserei verheiraten? Henri wusste aus Erfahrung nur allzu gut, dass dort grobe Kerle ein- und ausgingen. Er konnte die orientalischen Sitten nicht guthei�en. Noch aber hatte er die Hoffnung, dass al-Kadir dieses M�dchen wie einen Schatz hegen und pflegen w�rde. Ob Umar ahnte, wie sehr sein Gast Leila verehrte? Wenn ja, dann lie� er es sich nicht anmerken. Als ob er eine Belanglosigkeit erw�hnen w�rde, teilte er seinem Gast mit, dass er f�r den n�chsten Tag al-Kadir zur Abendmahlzeit eingeladen habe. �Leila soll mit ihrer Kochkunst gl�nzen. Al-Kadir, als ihr k�nftiger Gatte, w�nscht nicht, dass meine Tochter vor fremden G�sten das Tamburello spielt und dazu singt.� Er beobachtete, dass Henri eine mehr traurige als emp�rte Entgegnung unterdr�ckte, und betonte, dass nicht einmal er es sich leisten k�nne, einen so m�chtigen Mann wie den Eigent�mer der Karawanserei zu ver�rgern.</p><p>Als al-Kadir am n�chsten Tag nach Sonnenuntergang eintraf, gingen die drei M�nner nach drau�en, um den wichtigen Gast zu begr��en. Was Henri dort erlebte, �bertraf seine schlimmsten Bef�rchtungen. Ein unf�rmig beleibter Mann lie� sich schnaufend aus dem Sattel helfen. Der Knecht gab sich alle M�he, um seinen Herrn vorsichtig herabzuheben. Aber er rief trotzdem den Unwillen seines Herrn hervor und empfing einen Peitschenschlag quer �ber seinen R�cken. Der Geschlagene gab keinen Ton von sich. Er war diese Behandlung wohl gew�hnt.</p><p>Al-Kadir watschelte auf Umar zu und umarmte ihn, soweit dies sein vorgew�lbter Bauch zulie�. Auch Uthman wurde auf diese Weise begr��t. Als die Reihe an Henri war, trat dieser einen Schritt zur�ck. Ihn ekelte vor diesem Menschen, der bald die kleine Madonna in seiner Gewalt haben sollte.</p><p>Umar hatte die abwehrende Haltung erkannt und beeilte sich, dem allm�chtigen Eigent�mer der Karawanserei die andersartigen Sitten seines Lebensretters zu erkl�ren. Al-Kadir verzog sein Gesicht. �Hoffentlich hat meine zuk�nftige Frau uns ein gutes Mahl zubereitet. Was die Kochkunst betrifft, habe ich an meiner ersten Frau nichts auszusetzen.� Er lachte meckernd.</p><p>Henri sp�rte ein W�rgen im Hals. Er konnte fast keinen Bissen hinunterbringen. Aber er zwang sich zum Essen, um Leila einen Tadel zu ersparen.</p><p>�Nicht schlecht�, sagte al-Kadir schmatzend. �Leila ist ja noch jung. Was jetzt noch fehlt, wird meine erste Frau ihr schon beibringen. Sie wei� den Kochl�ffel trefflich zu schwingen. So manche Magd k�nnte die Spuren auf ihrem R�cken vorweisen.�</p><p>Henri musste sich so sehr beherrschen, dass er sich beinahe verschluckt h�tte. Ich werde ihn umbringen, dachte er. Aber die anderen lachten.</p><p>Al-Kadir riss das weitere Gespr�ch an sich. �Ich habe �brigens einen Geschichtenerz�hler bestellt, der in der Karawanserei gro�en Anklang gefunden hat. Er wird uns trefflich unterhalten und kann es mit dem Gesang deiner Tochter leicht aufnehmen. Damit muss in der Karawanserei sowieso Schluss sein. Ich werde meine Frau vor den l�sternen Blicken der Kameltreiber zu sch�tzen wissen. Der Prophet hat uns M�nnern geraten, unfolgsame Frauen mit Schl�gen zu z�hmen. Auch Ihr, Umar, habt Euch bei Eurer Frau daran gehalten. Oder irre ich mich da?�</p><p>Umar wich Henris Blicken aus. Er war froh, dass einer der Knechte die Ankunft des Geschichtenerz�hlers meldete. Ein �lterer Mann mit schlohwei�em Bart betrat den Raum. Unter dem Arm trug er ein ledernes Kissen, das er jetzt am Boden ausbreitete. �Zeig deine Kunst�, rief al-Kadir. �In unserer Mitte weilt ein Gast aus dem Okzident. Er wird unsere Lebensweise anerkennen und bewundern.�</p><p>Der alte Mann trank aus der Tasse, die ein Diener des Hauses ihm �berreicht hatte, und begann: �Es ist mir berichtet worden, dass einmal ein Sperling zu einer Schafh�rde flog. Wie er nun jene H�rde anschaute und sitzen blieb, da stie� pl�tzlich ein Adler auf ein junges Lamm nieder, packte es mit seinen Krallen und flog davon. Als der Sperling das sah, schlug er mit den Fl�geln und rief: �Ich will tun, wie der da getan hat!��</p><p>Henri bemerkte, dass al-Kadir ihn beobachtete und von der Seite angrinste. Er verfolgte aufmerksam den Fortgang der Geschichte. Der Sperling setzte sich n�mlich in seinem Gr��enwahn auf einen fetten Widder, um ihn davonzutragen. Aber er verwickelte sich in der verfilzten Wolle, die schon im Dung gelegen hatte. Der Hirte, der �ber den Verlust seines Lammes w�tend war, ergriff den Sperling, band seine F��e zusammen und warf ihn seinen Kindern vor. Henri ahnte das Ende, das der Alte nun erz�hlte. ��Was ist das?�, fragte eines der Kinder, und der Hirte antwortete: �Dies ist einer, der es einem H�heren gleichtun wollte und dadurch ins Verderben geriet.��</p><p>Die drei M�nner klatschten Beifall, und Henri schloss sich ihnen an, weil er sich beobachtet f�hlte. �Ja, so kann es einem ergehen, der sich Dinge anma�t, die ihm nicht zustehen�, erkl�rte al-Kadir mit feistem L�cheln. Hatte er dem Alten befohlen, gerade diese Geschichte zu erz�hlen? Wollte er Henri als minderwertigen Sperling bezeichnen und sich selbst zum Adler erh�hen? War das eine Drohung?</p><p>Henris Stimmung schwankte zwischen Wut und Mitleid. Konnte er es irgendwie verhindern, dass die kleine Madonna in die H�nde dieses widerw�rtigen Mannes geriet? Aber das war doch eigentlich die Sache des Vaters. Er selbst w�rde Aleppo verlassen und versuchen, niemals mehr an Leila zu denken.</p><p>Ihm fiel ein Minnelied ein. Das w�rde ihn sp�ter tr�sten, wenn er bei jeder Mariendarstellung an Leila denken musste.</p><p>�Wer mir schadet bei meiner Herrin, dem w�nsche ich den d�rren Ast, daran die Diebe ihr Ende nehmen.� Er war so sehr in seine Gedanken vertieft, sah im Geiste schon al-Kadir an einem Ast baumeln, dass er beinahe den Aufbruch des m�chtigen Mannes verpasst h�tte. Sie sahen sich beide mit kaltem Blick in die Augen. Keiner wich dem anderen aus.</p><p>Henri versp�rte das Bed�rfnis, Luft zu sch�pfen, um im Freien seine Gedanken zu ordnen. Er wanderte unter den Aprikosenb�umen hin und her. Ihm fiel sein erstes Erlebnis mit einem M�dchen ein. Das war schon lange her, damals, als er noch sehr jung gewesen war, fast noch ein Kind. Mit Liebe hatte das nichts zu tun. Nur ihre K�rper hatten sich vereint, aber nicht die Seelen. In der Erinnerung erschien ihm diese Vereinigung schal, fast absto�end. Seine brennende Sehnsucht, das Angesicht der kleinen Madonna betrachten zu d�rfen, blieb keusch. Narrte ihn die n�chtliche Stunde? Oder stand dort Leila an den Stamm eines Baums gelehnt? Es war ihm nicht m�glich, auch nur einen einzigen Schritt zu tun. So blieb er in der Entfernung stehen. Wie sie dort an dem Baum lehnte, wollte er sie in Erinnerung behalten: Unverschleiert bot sie ihm ihre Sch�nheit dar, stumm, mit ausgestreckten H�nden.</p><p>Wie lange sie beide reglos im Schatten der Aprikosenb�ume gestanden hatten, wusste er sp�ter nicht mehr zu sagen. Wenn es ein Traum gewesen war, erwachte er jetzt j�h in der Wirklichkeit. Von zwei Seiten packten ihn starke Arme und hielten ihn fest. Al-Kadir stand drohend vor ihm. �Wenn du dich noch ein einziges Mal meiner zuk�nftigen Frau n�herst, werde ich dich t�ten�, zischte ihm der Mann zu. �Auch Leila werde ich so zurichten, dass sie niemals mehr in Versuchung geraten wird, sich einem fremden Mann zu zeigen. Hast du das verstanden, du armseliger Sperling?�</p><p>Diese letzte Drohung brachte Henri dazu, mit dem Kopf zu nicken.</p><p>Aber al-Kadir unterstrich den Ernst seiner Ank�ndigung mit einem kr�ftigen Faustschlag in die Magengrube, der Henri fast den Atem nahm. Das schien al-Kadir aber nicht zu gen�gen. Er befahl einem seiner Knechte, Henri einen Tritt in den Unterleib zu versetzen. Obwohl Henri schon halb ohnm�chtig zu Boden gegangen war, gab er auch dem anderen Knecht den Befehl, den Tritt an derselben Stelle zu wiederholen.</p><p>Als Henri wieder zu sich kam, versp�rte er so furchtbare Schmerzen, dass er sich nur m�hsam in das Haus seines Gastgebers schleppen konnte. Alle anderen waren schon zu Bett gegangen. Wahrscheinlich hatte Umar angenommen, dass sein Gast die laue Nacht zu einem Spaziergang nutzen wollte.</p><p>Am n�chsten Morgen wurde er von Umar freundlich begr��t. Henri aber beschlichen Zweifel, ob er wirklich nichts von den n�chtlichen Vorf�llen bemerkt hatte. Warum hatte er sonst so schnelle Entschl�sse gefasst? Umars Stimme klang beherrscht. �Lieber Freund�, redete er Henri an und legte ihm eine Hand auf den Oberarm. �Mein ungeb�rdiger Sohn macht mir gro�e Sorge. Ich darf nicht z�gern, ihn nach Cordoba zu schicken, wo ihn Lehrer in strenge Zucht nehmen sollen. Da ich f�rchte, dass er sich auf der Reise nach Andalusien wieder in H�ndel verwickeln l�sst, habe ich eine Bitte an dich.�</p><p>Henri wusste, was nun folgen w�rde. Umar w�rde versuchen, ihn auf freundschaftliche Art loszuwerden. Ob er nicht doch die Auseinandersetzung unter den Aprikosenb�umen beobachtet hatte und gegen seinen zuk�nftigen Schwiegersohn nicht eingreifen wollte? Henri sollte es nie erfahren.</p><p>�Auch du wirst den Orient wieder verlassen wollen, so gern ich dich auch noch einige Tage als Gast beherbergt h�tte�, behauptete Umar. �Aber ich habe f�r meinen Sohn eine Schiffspassage von Antiochia aus gefunden. Der mir befreundete Schiffseigner, der mir einen Gefallen schuldet, w�re bereit, auch euch mit an Bord zu nehmen. Eile tut allerdings Not, denn al-Husain ist an Vertr�ge gebunden. Ihr m�sst noch heute aufbrechen.�</p><p>Henri wusste Bescheid. �Mit Freuden werde ich den ehrenvollen Auftrag annehmen, Euren Sohn zu begleiten. Ich danke f�r Euer Vertrauen.� Er verbeugte sich zeremoniell und lie� sein Pferd aus dem Stall holen. Umar begleitete ihn und seinen Sohn nach drau�en, umarmte zuerst seinen Sohn und dann Henri, der dies als heuchlerisch empfand.</p><p>Henri zog seine Damaszenerklinge hervor. �Diese Waffe weihe ich deiner Tochter, wenn solch eine Geste im Orient auch nicht �blich ist. Ich m�chte mich damit f�r deine Gastfreundschaft bedanken und spreche gleichzeitig die Bitte aus, dass du das Leben und Wohlergehen deiner Tochter mit dieser Klinge besch�tzen m�gest.�</p><p>Umar schwieg. Er hatte im Heiligen Land davon geh�rt, dass die westlichen Ritter manchmal ihre Waffen einer verehrten Dame weihten. Diese Gabe konnte er nicht zur�ckweisen, ohne seinen Gast zu beleidigen.</p><p>Er nahm die dargereichte Damaszenerklinge entgegen und trug sie schweigend ins Haus. Henri wusste, dass er seine kleine Madonna niemals wieder sehen w�rde.�</p></section><section><title><p><strong>15</strong></p></title><p>Uthman war ein angenehmer Reisegef�hrte. Freim�tig erz�hlte er von seinem wilden Leben, in dem auch die Frauen eine bedeutsame Rolle gespielt hatten. Aber immer wenn Henri etwas �ber Leila wissen wollte, schwieg er beharrlich. Henri gab nicht nach. �Meinst du nicht auch, dass al-Kadir nicht der richtige Gatte f�r deine kleine Schwester ist?�</p><p>Uthman wollte diese heikle Frage ein f�r allemal erledigen. �Bei uns beschlie�t der Vater, mit wem er seine Tochter verheiraten will. Eines kann ich dir jedoch versprechen: Sollte ich heimkehren und meine Schwester ungl�cklich vorfinden, werde ich diesen Fettwanst t�ten.�</p><p>�Dabei werde ich dir helfen. Darauf kannst du dich verlassen�, versprach Henri.</p><p>Je n�her sie Antiochia kamen, umso mehr verlie� Henri seine d�stere Stimmung. Sie ritten am wilden Fluss Orontes entlang, lie�en ihre Pferde in den saftigen Wiesen grasen und legten sich auf die Uferb�schung, um zu rasten. Uthman rekelte sich wohlig in der Sonne. �Es gibt ein gutes arabisches Sprichwort, an das ich mich stets gehalten habe. Das solltest du auch tun. Drei Dinge sind es, die das Herz von Kummer befreien: Wasser, gr�nes Gras und Frauensch�nheit. All das ist dir in unserem Land geschenkt worden. Letzteres sogar im �berma�. Darum sei jetzt fr�hlich!�</p><p>Hatte er nicht Recht, dieser �berm�tige Uthman, der seinem Vater so viel Sorgen bereitete? Zu Unrecht, wie Henri fand.</p><p>Uthman hatte vorgeschlagen, dass sie im ersten Gasthof einkehren sollten. Denn dort seien f�r gew�hnlich die Seeleute anzutreffen. Henri h�tte lieber den Hafen aufgesucht, um nach dem Segler zu fahnden, dessen Namen Umar mit <emphasis>�Sununu�,</emphasis> Schwalbe, angegeben hatte. Aber er wollte nicht wie ein Aufpasser wirken.</p><p>In der d�steren Schankstube ging es wild zu. Henri hatte den Verdacht, dass hier Alkohol getrunken wurde. Aber wer konnte schon sagen, wem von diesen gr�lenden M�nnern durch muslimische Gesetze der Alkohol verboten war? Am lautesten geb�rdete sich ein vierschr�tiger Seemann mit einem zottigen Bart. Henri starrte ihn an, und schlie�lich wurde sein Blick erwidert. Der Mann erhob sich und trat auf ihn zu. �Ihr seid wohl Henri, der ehemalige Kreuzritter. Es ist mir eine Ehre, Euch an Bord zu nehmen.�</p><p>Umar hatte also die Tarnung aufgehoben und dem Versteckspiel ein Ende bereitet. Wie schnell musste er einen Boten geschickt haben, um den Eigner des Schiffs �ber die Identit�t seines Fahrgastes aufzukl�ren. Ohne Zweifel vertraute er diesem Schiffseigner. Er gab sich M�he, sein pl�tzlich erwachtes Misstrauen zu �berwinden. Der Mann gefiel ihm nicht. Dass er schon jetzt �ber seine Identit�t Bescheid wusste, wunderte ihn nicht. Denn er hatte davon geh�rt, dass die Araber bei eiligen Nachrichten Brieftauben einsetzten. Er deutete auf Uthman. �Dieser junge Mann hier ist Uthman ibn Umar.�</p><p>�Ich wei�, ich wei߫, best�tigte der Eigner des Segelschiffes. �Sein Vater hat mir empfohlen, ihn ohne R�cksicht zur Arbeit heranzuziehen, falls Not am Mann sein sollte.�</p><p>Uthman verzog sein Gesicht. �Bisher hatte ich geglaubt, dass ich mich in Cordoba den Studien widmen sollte.�</p><p>Der Schiffseigner lachte schadenfroh. �Cordoba ist weit. Bis Ihr dort angekommen seid, habt Ihr die schwere Kunst der Seefahrt erlernt. Das versichere ich Euch. In Cordoba k�nnt Ihr dann die Schwielen an Euren H�nden ausheilen. Aber jetzt d�rfen wir keine Zeit mehr verlieren. Von hier aus zum Hafen haben wir noch einen beschwerlichen Weg zur�ckzulegen.�</p><p>Al-Husain ritt eilig voran. Henri hatte den Verdacht, dass der Alkohol ihn jede Vorsicht vergessen lie�. Denn er trieb sein niedriges Pferd, das eher einem Maultier �hnlich sah, den engen Passpfad hinauf, ohne sich nach seinen Begleitern umzusehen.</p><p>Oben er�ffnete sich ihnen ein ungeahntes Panorama. Bis zum graublauen Horizont breitete sich ein dicht besiedelter K�stenstreifen aus. In der Hafenbucht ankerten zahlreiche Schiffe mit gebl�hten Segeln, und im Hintergrund erhob sich die wei�e Tauruskette. Henri h�tte gerne angehalten, um die Sch�nheit dieses Ausblickes zu bewundern. Aber al-Husain trieb sie ohne R�cksicht weiter.</p><p>Die <emphasis>Schwalbe</emphasis> lag am S�dende der Bucht von Alexandretta. Um an Bord zu gelangen, benutzten sie einen Kahn, der den drei Reitern nur m�hsam Platz bot. �Eure Pferde m�sst Ihr am Z�gel schwimmen lassen, wenn Ihr sie nicht zur�cklassen wollt�, sagte al-Husain kurz angebunden. Was blieb ihnen anderes �brig?</p><p>An Bord trieb er die Mannschaft mit barschen Befehlen zur Eile an. Die Seeleute waren an seine ruppige Art wohl gew�hnt. Wie die Affen kletterten sie geschickt in der Takelage herum, und schneller, als Henri das jemals gesehen hatte, bl�hten sich die Segel. Einer der Burschen hatte anscheinend einen Fehlgriff getan. Denn als er sich mit wenigen Schw�ngen vom Mast heruntergelassen hatte, winkte ihn der Schiffsherr mit einer kurzen Bewegung zu sich heran. Er zwang ihn, sich niederzuknien, und verabreichte ihm mit dem Stock einige kr�ftige Schl�ge. Der Seemann gab keinen Laut von sich. Sp�testens hier h�tte Uthman ahnen m�ssen, was auf ihn zukam.</p><p>Denn al-Husain nahm den v�terlichen Wunsch sehr ernst. Er befahl Uthman, das Deck zu schrubben, die Segel zu flicken, und schickte ihn sogar in den Mastkorb. F�r Henri war es klar, dass Umar mit dieser Strafe seinem Sohn die Flausen austreiben wollte. Er half Uthman nach Kr�ften. Aber als al-Husain den Jungen wegen einer nachl�ssigen Arbeit mit einem Tauende schlagen wollte, griff er ein. �Ihr habt keine Berechtigung, Euren Fahrgast zu schlagen, der seine Passage in �berreichlichem Ma�e gezahlt hat.�</p><p>Der Schiffsherr blitzte ihn w�tend an, und Henri nahm sich vor, sehr achtsam zu sein. Er nahm Uthman beiseite und warnte ihn. �An Bord gelten andere Gesetze als bei dir daheim. Dem Herrn des Schiffes nicht zu gehorchen wird streng bestraft. Al-Husain h�tte durchaus die Berechtigung, dich bei Ungehorsam in Ketten zu legen und sogar auspeitschen zu lassen. Darum nimm dich zusammen! Denn eine solche Bestrafung m�chte ich ungern erleben.�</p><p>Uthman sah zwar erschrocken aus, maulte jedoch vor sich hin. Darum f�gte Henri seiner Mahnung noch einen Trost an. �Ich habe die Sternenkarte studiert. Wir werden bald Cypros anlaufen. Dort versuchen wir, eine Passage nach Venedig zu finden. Aber ich f�rchte, dass wir das Schiff heimlich verlassen m�ssen. Al-Husain m�chte dich gar zu gerne an Bord festhalten, um dich weiter zu schikanieren. Er hat Spa� daran, andere zu qu�len. Ich bezweifle, dass dein Vater das wei�.�</p><p>An einem der n�chsten Abende liefen sie im Hafen von Zypern ein. Es d�mmerte schon, aber der Herr der <emphasis>Schwalbe</emphasis> wollte unbedingt noch die Ladung l�schen. Er schrie seine Mannschaft an, weil er der Meinung war, dass sie die schweren Kisten schneller tragen k�nnten. Er schwang den Stock und traktierte damit die m�den Seeleute, denen er auf der �berfahrt kaum Schlaf geg�nnt hatte.</p><p>�Jetzt oder gar nicht�, fl�sterte Henri. Sie banden ihren Pferden Lumpen um die Hufe, um jeden L�rm zu vermeiden. Einige Seeleute beobachteten ihr Tun und grinsten ihnen zu. W�hrend Henri und Uthman ihre Pferde die h�lzerne Rampe hinabf�hrten, gaben sich die M�nner sogar M�he, sie mit den sperrigen Kisten abzuschirmen. Am Pier sprangen die beiden in den Sattel und galoppierten davon. Sie hatten Gl�ck. Al-Husain bemerkte nichts von ihrer Flucht, weil er gar zu sehr damit besch�ftigt war, seine Seeleute anzuschreien und zu verpr�geln.</p><p>Henri wusste, dass er sich in Gefahr begab. Denn Zypern wurde seit dem Jahr 1192 von dem franz�sischen Adelsgeschlecht Lusignan beherrscht. Er konnte sich vorstellen, dass diese Franzosen, die aus dem Poitou stammten, sich nicht gegen die W�nsche des K�nigs stellen w�rden. Vielleicht aber gab es noch irgendwo ehemalige Kreuzritter, die ihnen zu einer Passage nach Venedig verhelfen konnten. Es war zu gef�hrlich, sich in den Hafenanlagen aufzuhalten, solange die <emphasis>Schwalbe</emphasis> dort noch vor Anker lag.</p><p>Sie streiften ziellos durch die Gassen und kehrten schlie�lich in der N�he des ehemaligen Ordenssitzes in einer d�steren Gaststube ein. Henri hoffte, dass die Dunkelheit ihnen gen�gend Schutz bieten w�rde.</p><p>Uthman wollte unbedingt zum Hafen zur�ckkehren. �Ich bringe dieses Schwein um!�, rief er unvorsichtig laut. Mit diesem Ausruf hatte er Aufmerksamkeit erregt. Von einem der Nachbartische erhob sich ein Mann, der einen weiten Mantel trug und einen breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen hatte. Die Geheimpolizei des K�nigs, durchfuhr es Henri. Wir sind verloren.</p><p>Aber der Fremde beugte sich tief zu ihm herab. �Bist du es wirklich, Henri de Roslin? Du hast dich ver�ndert. Damals in Akkon warst du noch ein Knappe.�</p><p>Henri h�tte gerne seiner Freude �ber dieses Zusammentreffen laut Ausdruck gegeben. Aber er blieb auf der Hut. �Das ist sehr lange her�, erwiderte er ausweichend. �Ich erkenne dich nicht. Wie ist Euer Name, und was hat Euch nach Cypros verschlagen?�</p><p>Der Fremde sah sich nach allen Seiten um. �Mein Name ist Jacques de Charleroi, Tempelritter aus Lothringen. Man hatte mich verhaftet und gefoltert. Es gelang mir, einen W�chter zu bestechen, der mir zur Flucht verhalf. Cypros schien mir sicher zu sein. Aber Philipps Einfluss reicht auch bis hier.�</p><p>Henri glaubte ihm. Sein Gef�hl, in eine Falle zu geraten, regte sich nicht. Er deutete auf Uthman. �Dieser tapfere Bursche hier ist der Sohn eines Kreuzfahrers. Wir beide wollen nach Cordoba, wo der Junge auf Wunsch seines Vaters in den ber�hmten Bibliotheken studieren will.�</p><p>Uthman verzog w�tend sein Gesicht. Er, der Sohn eines tapferen Sarazenen, wollte nicht der Nachfahre eines Kreuzfahrers sein. Aber Henris Notl�ge f�hrte zu einem unerwarteten Erfolg.</p><p>�Auf der Seefahrt hierher habe ich mich mit dem Eigner eines venezianischen Frachtschiffes angefreundet. Er wird morgen wieder in See stechen. Da er ein gro�er Bewunderer der Kreuzritter ist, wird er Euch sicher mit meiner F�rsprache an Bord nehmen. Vielleicht findet er eine M�glichkeit, Euch bis nach Cordoba weiterzuhelfen.�</p><p>Henri sch�ttelte dem unerwarteten Helfer die Hand. �Ich danke Euch und werde Euch das nicht vergessen. Gehen wir!�</p><p>�Wollt Ihr nicht auch heimkehren?�, fragte Henri auf dem Weg zum Hafen. Aber Jacques de Charleroi sch�ttelte den Kopf. �Ich stamme aus Lothringen und sehne mich oft nach der Burg meiner V�ter. Aber ich w�rde nicht nur mich, sondern auch alle Mitglieder meiner Familie in Gefahr bringen. Hier lebe ich bei guten Freunden.�</p><p>Der venezianische Schiffseigner zeigte sich hocherfreut, dass er so ber�hmte M�nner mit an Bord nehmen durfte. Wenn abends die Sterne am s�dlichen Himmel leuchteten, �bergab er seinem Steuermann das Ruder und legte sich zu seinen Fahrg�sten auf das Achterdeck. Er konnte gar nicht genug davon h�ren, was sich in Akkon ereignet hatte. Uthman murrte ab und zu vor sich hin, bis ihm Henri den Mund verbot. �Wenn du jetzt nicht still bist, werde ich dem Schiffsherrn deine Herkunft als Sarazene und Feind der Kreuzritter verraten. Dann darfst du wieder das Deck schrubben und Segel flicken, wenn man dich nicht sogar in den Laderaum zu den Ratten sperrt.�</p><p>Uthman konnte es sich nicht versagen, eine Fratze zu ziehen. Aber dann wurde er ernst. �Wei�t du was?�, wandte er sich an Henri. �Nach all der Schinderei auf der <emphasis>Schwalbe</emphasis> freue ich mich richtig auf die Studien in Cordoba.�</p><p>�Das h�rt sich gut an�, erwiderte Henri. �Ich f�rchtete schon, dass man dich auf dem Stuhl vor den B�chern festbinden m�sse.�</p><p>Das Mittelmeer zeigte sich von seiner angenehmen Seite. Sturm und hohe Wellen blieben ihnen erspart. Ein leichter Wind bl�hte die Segel und trieb sie vorw�rts.</p><p>Drei Monate sp�ter waren sie in Cordoba. Sie hatten Gl�ck gehabt. Denn der Eigner des Segelschiffes hatte in Venedig einen Auftrag angenommen, Fracht nach Neapel und von da zu dem spanischen Hafen Almeria zu bef�rdern. Um allen Schwierigkeiten mit den Beh�rden aus dem Wege zu gehen, hatte er seine Fahrg�ste gebeten, weder in Venedig noch in Neapel von Bord zu gehen. Henri hatte ein deutliches Verbot aussprechen m�ssen und mit den Ratten im Laderaum gedroht, um Uthman an Stadtbesichtigungen zu hindern. �Ach, was muss dein Vater mit dir mitgemacht haben�, seufzte Henri mehr ernst als scherzhaft. �Kein Wunder, dass er dich weit weg nach Cordoba geschickt hat.� Aber auch er war froh, als sie in Almeria endlich wieder festen Boden unter den F��en versp�rten.</p><p>Ihre Pferde waren von der langen Reise an Bord etwas benommen und steif. Sie lie�en sie am langen Z�gel gehen, machten �fter Rast und erreichten nach drei Tagen Cordoba. Uthman beharrte darauf, in einer der Gassen zu wohnen, wo sich haupts�chlich Araber niedergelassen hatten. Im Jahre 1236 war Cordoba an die Kastilier gefallen. Die islamische Moschee war oberfl�chlich in eine christliche Kathedrale umgewandelt worden. Aber Cordoba, mit seinem Labyrinth von Gassen, mit seinen S�ulen und Torb�gen, war dennoch eine arabische Stadt geblieben. Zwar waren die Araber eher geduldet denn geliebt, und die Priester versuchten alles, um sie zum wahren Christentum zu bekehren, aber sie durften noch in ihrer Stadt leben und ihre Berufe aus�ben.</p><p>�Das w�re ja auch emp�rend, wenn man uns Sarazenen hier in Cordoba keinen Respekt entgegenbringen w�rde�, �u�erte Uthman aggressiv seine Meinung. �Die Bibliothek, in der ich jetzt studieren werde, ist von einem Araber gegr�ndet worden, den sie den Herrn der B�cher nannten.�</p><p>�Ja�, best�tigte Henri. �Du sprichst von al-Mustansir billah, dem vollkommenen Gelehrten, einem Freund der Literatur und K�nste. Seine Abgesandten durchst�berten in Damaskus, Kairo und Konstantinopel die Buchm�rkte, um Schriften zu finden, die es in Cordoba nicht gab.�</p><p>�F�hre mich in die Bibliothek!�, bat Uthman.</p><p>Henri sp�rte bei Uthman so etwas wie Ehrfurcht, als er die Ansammlung der Schriften sah. �Fr�her einmal war diese Bibliothek noch bei weitem reichhaltiger ausgestattet. An den Zimmerw�nden und in den G�ngen des Kalifenpalastes reichten die B�cher bis unter das Dach. Wenn es keinen Platz mehr gab, um sie aufzubewahren, stapelte man sie auf dem Boden �bereinander. Als man schlie�lich die Bibliothek wegen des Platzmangels verlegen musste, dauerte der Umzug sechs Monate. Allein der Katalog der Bibliothek f�llte vierundvierzig Hefte mit jeweils f�nfzig Seiten.� Henri war fast ein wenig stolz, wie viel er dem Jungen �ber diese weltber�hmte Bibliothek mitteilen konnte.</p><p>�Gab es denn �berhaupt so viel Papier, um alle diese B�cher zu schreiben?�, fragte Uthman ungl�ubig.</p><p>�Der Kalif lie� wertvolles Papier aus Samarkand und Schilfrohr zur Papierherstellung aus den S�mpfen des Tigris kommen. Du hast sicher gesehen, dass auch heute noch dort viel Schilf am Ufer w�chst.�</p><p>Henri sah die leuchtenden Augen des Jungen. Er verschwieg, dass fanatische Rechtsgelehrte im Hof des Alkazars einen Scheiterhaufen errichtet und Hunderte von B�chern verbrannt hatten.</p><p>Uthman hatte wahllos ein Buch aus den Reihen gezogen, das �ber die Bewegung der Sonne Auskunft gab: den Grad ihres Auf- und Untergangs, die wechselnde Gr��e der Schatten, die regelm��ig wiederkehrende Folge der l�nger und k�rzer werdenden Tage, den Wechsel der kalten und warmen Jahreszeiten. Uthman las und las, ohne Henris Gegenwart zu bemerken.</p><p>Henri dachte daran, was man �ber al-Hakam berichtet hatte, der doch Heere und Kriegsflotten befehligte. Es ging das Ger�cht, der Kalif sei abends, nachdem er seine Regierungsgesch�fte erledigt hatte, regelm��ig in die Bibliothek gegangen. Er habe sich dort an den Ger�chen des Pergaments und Papiers berauscht. Das Kratzen der Federn seiner Kopisten habe auf ihn so beruhigend gewirkt wie das gleichm��ige Rauschen eines Regengusses. Aber das heimliche Nagen eines Holzwurms, oder gar das Rascheln einer Maus hinter den B�cherreihen, habe ihn in h�chste Aufregung versetzt.</p><p>W�hrend Henri �ber die vergangenen Zeiten nachdachte, hatte sich Uthman so in das Buch vertieft, dass er nicht einmal sp�rte, als Henri ihn am �rmel der Burda zog. �Komm mit mir ins Freie!�, forderte Henri den Jungen auf. �Drau�en scheint die Sonne.� Aber Uthman sch�ttelte nur stumm den Kopf. Da wusste Henri, dass er seinen einstmals so wilden Reisegef�hrten an die B�cher verloren hatte.</p><p>Aus Frankreich kamen beunruhigende Nachrichten: K�nig Philipp habe die Gro�meister des Templerordens eingekerkert, gefoltert und Gest�ndnisse erpresst. In der christlichen Familie, bei der Henri ein Unterkommen gefunden hatte, wollte niemand so recht an die Gr�ueltaten glauben, die man den Tempelrittern zur Last legte. Aber Henri wurde von Tag zu Tag unruhiger. Er wollte jetzt bei seinen Templerbr�dern sein, um ihnen zu helfen.</p><p>Seit mehreren Tagen hatte er Uthman nicht mehr getroffen. Immer wenn er die Bibliothek aufsuchte, fand er Uthman in irgendwelche B�cher vertieft. Neben sich hatte er stets einen Stapel von Pergamentrollen liegen, ergriff mal diese, mal jene. Am Tag vor seiner geplanten Abreise hatte sich Henri entschlossen, Uthman notfalls mit Gewalt von seinen B�chern loszurei�en. Er klappte laut den Folianten zu, in den sich Uthman vergraben hatte. Der Knall war so laut, dass andere Leser in der Bibliothek unwillig den Kopf hoben. Uthman sprang w�tend auf. In seinen Augen war das wilde Temperament zu sehen, das Henri von fr�her an ihm kannte.</p><p>�Ich werde morgen Cordoba verlassen�, sagte Henri sehr deutlich. �Willst du dich nicht von mir verabschieden?�</p><p>Uthman warf zwar noch einen Blick auf den ungelesenen B�cherstapel, folgte aber Henri ohne Z�gern in den Innenhof des Alkazars. Dort lie�en sich beide auf dem Brunnenrand nieder. �Warum willst du Cordoba verlassen?�, fragte Uthman. �Es gibt doch keine sch�nere Stadt.�</p><p>�F�r einen B�chernarr wie dich allerdings�, r�umte Henri ein. �Aber mich zieht es zur�ck nach Frankreich, wo meine Templerbr�der sich in Todesgefahr befinden.�</p><p>�M�chtest du, dass ich dich begleite?�, fragte Uthman. Man sah seinem Gesicht an, dass er sich ein Nein erhoffte. Er war froh, dass Henri dieses Anerbieten ablehnte.</p><p>Uthman wollte bekr�ftigen, dass sein Angebot nicht als leere Phrase gemeint war. �Ich habe das K�mpfen noch nicht verlernt. In der Bibliothek war einer, der die Errungenschaften der Araber nicht wahrhaben wollte. Das medizinische Wissen, die Alchemie, die Kenntnisse der Astronomie, sogar die Zahlen h�tten die katholischen Kastilier mitgebracht. Eine solche Unverfrorenheit musste ich nat�rlich bestrafen. Ich habe den L�gner in eine dunkle Gasse gelockt und dort kr�ftig verpr�gelt.�</p><p>�Wirklich nur geschlagen?�, fragte Henri zweifelnd. �Oder hast du ihn umgebracht?�</p><p>�Na ja�, erwiderte Uthman. �Ein bisschen geblutet hat er schon. Aber die Schmerzen hatte er verdient.�</p><p>Henri l�chelte. Das war, trotz der neuen Gelehrsamkeit, der wilde Uthman, den er kannte. �Wenn ich deine Hilfe brauche, werde ich dir eine Brieftaube schicken. Diese Art, Nachrichten zu �bermitteln, haben wir n�mlich auch von den Arabern gelernt.�</p><p>Beide schwiegen. Erst jetzt sp�rte Henri, dass ihm der Abschied von dem Jungen schwer fiel. �Ich m�chte dir einen Vorschlag machen. Wollen wir nicht zum Abschied gemeinsam in die Moschee gehen, die zwar jetzt eine christliche Kathedrale ist, aber doch immerhin noch wie eines eurer Gottesh�user aussieht. Dort k�nnen wir um ein Wiedersehen bitten, ob wir nun zu Allah oder unserem Gott beten.�</p><p>Uthman sprang sofort auf. �Ich bin bereit!�</p><p>Im Schatten des Innenhofs, unter den Kolonnaden, wusch sich Uthman H�nde und F��e. Henri tat es ihm nach, aber nicht nur, um Uthman zu erfreuen, sondern weil ihn das kalte Wasser erfrischte. Al-Hakam II. hatte n�mlich die Bleileitungen, die aus dem Gebirge nach Cordoba f�hrten, bis in den Innenhof der Moschee legen lassen. Als sie den Innenraum betraten, empfand Henri, obwohl er sich doch als guter Katholik f�hlte, die �bergest�lpte Kathedrale als Entstellung. Er �bersah bewusst die staubigen Heiligenfiguren und die Bildmalerei mit der Darstellung Gottes, die im Islam verboten war � so sehr sie ihm sonst Trost schenkten. In der Leere und der Stille wollte er das erfahren, was auch ohne bildliche Wiedergabe anwesend sein musste: Gottes Wort.</p><p>Uthman musste gesp�rt haben, dass der Katholik unter den S�ulen der ehemaligen Moschee verstehen wollte, was die Mesquita f�r ihn bedeutete. Denn als sie aus dem Halbdunkel in das glei�ende Sonnenlicht traten, sprach er Worte, die er vielleicht erst vor kurzer Zeit im Koran gelesen hatte. Fr�her h�tten solche Gedanken bei ihm keine Beachtung gefunden.</p><p>�Du siehst die Berge und glaubst, sie seien unbeweglich, und dennoch werden sie wie die Wolken vor�berziehen.�</p><p>Ob Uthman wirklich verstanden hatte, was dieser Koranvers ausdr�cken wollte? Vielleicht aber hatte auch er selbst den Vers missverstanden. Er glaubte jedoch, dass diese Worte die Menschen dazu ermahnen wollten, auch beim Anblick eines in Tr�mmern liegenden Bauwerks, auch im Krieg sowie in Zeiten des Verlustes und des Sterbens, an die Dauerhaftigkeit und Ewigkeit zu glauben.</p><p>Henri umarmte Uthman und warnte ihn scherzhaft, sich nicht wieder in H�ndel verstricken zu lassen. Aber das tat er nur, um die Bitterkeit des Abschieds nicht zu sp�ren. Uthman l�chelte, und Henri entfernte sich mit schnellen Schritten, ohne sich noch einmal umzudrehen.�</p></section><section><title><p><strong>16</strong></p></title><p>Je mehr sie sich Paris n�herten, umso �fter zog Henri seine Landkarte zu Rate. Es wimmelte nur so von Soldaten. �Es ist wichtig, dass wir nach M�glichkeit keine der gut gepflasterten Heerstra�en benutzen, die noch aus der Zeit der R�mer stammen�, gab er zu bedenken. �Denn dort marschieren f�r gew�hnlich die Truppen des K�nigs.�</p><p>�Meinst du, dass man uns kontrolliert und vielleicht sogar daran hindert, nach Paris weiterzureiten?�, fragte Joshua besorgt. �Es ist ja auch gut m�glich, dass Philipp sich in Fontainebleau aufh�lt.�</p><p>�Das w�rde vielleicht unser Vorhaben erleichtern�, erkl�rte Henri. �Wir k�nnten uns als Teilnehmer einer Jagdgesellschaft einschleichen. Aber diesen Plan habe ich wieder aufgegeben. Denn unsere Kleidung ist nicht dazu geeignet, als G�ste des K�nigs aufzutreten.�</p><p>Auch Sean wollte zu diesem Problem seine Meinung �u�ern. �Wie w�re es denn, wenn wir uns als Musikanten ausgeben w�rden?�</p><p>Henri und Joshua sahen sich verdutzt an. Henri wandte sich an Joshua. �Verstehst du es, irgendein Instrument zu spielen? Ich bin auf diesem Gebiet jedenfalls nicht sehr begabt.�</p><p>Joshua sch�ttelte den Kopf. �Als ich noch ein Kind war, hatte ich mir immer vorgestellt, dass ich es sp�ter einmal auf der Trompete zur Meisterschaft bringen k�nne, um vor den Mauern von Jericho meine Trompete so gewaltig erklingen zu lassen, dass die Mauern einst�rzten. Aber ich f�rchte, dass uns K�nig Philipp davonjagen w�rde, wenn ich meine Kunst bei Hofe zum Besten g�be.�</p><p>Die beiden anderen lachten. �Du bist uns eben doch in vielem voraus�, sagte Henri zu Sean und beobachtete, dass er sich �ber dieses Lob freute.</p><p>�Wie w�re es denn, wenn wir versuchen w�rden, als H�ndler verkleidet ins Schloss einzudringen?�, schlug Henri vor.</p><p>Joshua �u�erte Zweifel. �Da wird man uns doch sogleich in die K�che weisen, um dort unsere Waren abzuliefern. Es m�sste schon etwas sein, was K�nig Philipp mehr interessiert als Eier, Gem�se oder Brot.�</p><p>Henri legte die Stirn in Falten. �Was k�nnte das sein? Eigentlich doch nur eines: Geld.� Er dachte nach, und pl�tzlich kam ihm ein Gedanke. Wo w�rde Philipp Geld vermuten, das er sich noch aneignen k�nnte? Den Juden hatte er alles genommen. Da blieben nur noch die Tempelritter, von denen der K�nig zu wissen glaubte, dass sie horrende Summen an einem unbekannten Ort versteckt hielten.</p><p>�Haben sie das wirklich?�, erkundigte sich Sean.</p><p>Henri winkte ab. �Das ist jetzt nicht die Frage. Unser Plan muss sein, dem K�nig vorzugaukeln, dass wir ihn an einen Ort f�hren k�nnen, wo sich Templer aufhalten, vielleicht sogar in die N�he des Schatzes. Zumindest k�nnte man sie unter der Folter dazu bringen, den geheimen Ort zu verraten.�</p><p>Joshua wiegte unschl�ssig den Kopf hin und her. �Hoffentlich endet das nicht so, dass man uns die Daumenschrauben ansetzt oder dass wir gar auf der Streckbank landen.�</p><p>�Ja!�, rief Sean, der das f�r einen Scherz hielt. �Dann wirst du niemals mehr Trompete spielen k�nnen.�</p><p>Henri lag schon auf der Zunge, Sean eine passende Antwort zu geben, dass es n�mlich durchaus Mittel gab, einem Menschen die F�higkeit zum Gesang zu nehmen. Aber er wollte nicht, dass seine beiden Begleiter mit Sorgen und �ngsten diesem gef�hrlichen Abenteuer entgegensahen.</p><p>Er beugte sich wieder �ber die Karte. �Hier in der N�he gab es fr�her eine Komturei unseres Ordens. Denn Bernhard von Clairveaux hatte uns geraten, in der Stille der W�lder im Gebet und der Kontemplation neue Kraft zu sch�pfen. Auch ich wurde einmal als Knappe mit einem �lteren Bruder in diese Komturei geschickt.�</p><p>�Sollten wir nicht besser Orte meiden, wo fr�her der Templerorden wirksam war?�</p><p>Henri �bergab ihm die Z�gel seines Pferdes. �Ihr beiden bleibt hier! Ich werde erkunden, ob Philipps Schergen diesen geheimen Ort gefunden haben. Falls ihr entdeckt werdet, vergesst nicht, dass ihr Pilger seid. Sean darf dann wieder ein Marienlied anstimmen.�</p><p>Henri bahnte sich einen Weg durch das Dickicht. Ihm kam es so vor, als ob schon ein anderer diesen Weg gew�hlt h�tte. Rechts und links des Pfades waren �ste abgebrochen, und auf dem feuchten Waldboden lie�en sich deutlich die Spuren eines Reiters ablesen. Henri verdoppelte seine Vorsicht.</p><p>Die ehemalige Komturei lag hinter B�schen versteckt. Der Vorplatz war kaum mehr zu erkennen, da sich kleine B�ume und dichtes Unkraut dort ausges�t hatten. Henri dachte an den gepflegten Garten, in dem die dienenden Br�der Gem�se und Obstb�ume angebaut hatten. Die Komturei �hnelte mehr einem Landgut als einer Burgfestung wie viele andere Niederlassungen des Ordens. Er erinnerte sich, dass es zahlreiche dienende Br�der gegeben hatte: Kuhhirten, Schafhirten, Schweine- und Fohlenh�ter, einen Forstmeister, zwei T�rw�chter und sechs spannf�hige Bauern. Keiner von ihnen war jemals in das Heilige Land gezogen. Man brauchte sie in der Landwirtschaft und im Haushalt.</p><p>Niemals war ein Knappe, der einmal die Gel�bde ablegen wollte, zu einer dieser Arbeiten herangezogen worden. Dennoch hatte es Henri in der Komturei nicht gefallen. Manchmal hatte er sogar den Schafhirten beneidet, der im Gras lag und den ziehenden Wolken nachschaute, w�hrend sein Hund die Arbeit verrichtete. Einmal hatte Henri sogar beobachtet, wie der H�tejunge mit dem Mund Milch aus den Zitzen eines Mutterschafes gesogen hatte, um seine karge Kost aufzubessern.</p><p>Die m�nchische Askese der Templer erfuhr in der Komturei allerdings eine gewisse Lockerung. Der Pr�zeptor konnte statt der �blichen zwei Mahlzeiten am Tag eine dritte zulassen. Henri erinnerte sich daran, dass es zweimal in der Woche sogar Fleisch gegeben hatte. Wer um Salz bitten wollte, durfte leise einige Worte sagen, obwohl die Mahlzeiten ansonsten schweigend eingenommen wurden.</p><p>Nein, am Essen hatte es nicht gelegen, dass Henri sich in der Komturei nicht wohl gef�hlt hatte. Auch die Dienste, die der Pr�zeptor einteilte, waren ertr�glich gewesen. Der Knappe war es gewohnt, sich um die Pferde und Waffen zu k�mmern oder auch Ger�te auszubessern. Sehr gut hatte es ihm auch bei dem Hufschmied gefallen, der ihn mit viel Geduld in der Schmiedekunst unterwiesen hatte.</p><p>Was er aber damals gef�rchtet und noch heute in schlechtester Erinnerung hatte, war die Justiz des Hauses. Zum Lebensrhythmus der Komturei geh�rte die sonnt�gliche Versammlung eines disziplinarischen Rates, dessen Aufgabe es war, Verfehlungen und Verst��e gegen die Disziplin zu bestrafen. Jeder Tempelbruder sollte seine Verfehlungen beichten. Danach musste er den Saal verlassen, und das Kapitel beriet �ber die Strafe.</p><p>Zweimal war Henri vor das Kapitel zitiert worden. Ihm war kein Verfehlung bewusst, die er h�tte beichten sollen. Man hielt ihn f�r verstockt. Entsprechend hart fiel die Strafe aus. Er musste mit dem Gesinde beschwerliche und ehrenr�hrige Arbeiten verrichten, durfte nur vom Fu�boden essen, und man lie� ihn sogar drei Tage in der Woche fasten. Nein, er hatte keine gute Erinnerung an diese Komturei.</p><p>Er war oberhalb des halb verfallenen Geb�udes stehen geblieben. Am eisernen Ring vor dem Haus war ein Pferd angebunden, das keinem Bauern geh�ren konnte. Silberbeschlagenes Zaumzeug und ein pr�chtiger Sattel mit Initialen deuteten auf einen adeligen Reiter. Henri hatte alle Sinne angespannt. Er horchte. Eine Zeit lang war nichts zu h�ren. Nur ein rostiger Eimer schwankte im Wind hin und her und gab einen fast klagenden Ton von sich.</p><p>Aber dann mischte sich in dieses Ger�usch pl�tzlich ein hoher Schmerzensschrei. Das war die Stimme einer gepeinigten Frau. Henri lie� alle Vorsicht fallen und st�rmte den H�gel hinab zu der zerborstenen Eingangst�r. Eine entbl��te Frauengestalt kniete auf dem Fu�boden und hatte die H�nde flehentlich erhoben. Vor ihr stand ein Ritter, der seinen Helm, den Brustpanzer und die Beinschienen abgelegt hatte. Sein Geschrei �bert�nte das Weinen der Frau. �Wo h�lt sich der verdammte Tempelritter auf, den wir alle suchen? K�nig Philipp hat uns ausgesandt, und du kannst sicher sein, dass ich dich zum Reden bringen werde.�</p><p>Die Frau warf sich zu Boden und weinte immer lauter. Ihre Worte gingen in einem verzweifelten Schluchzen unter. �Glaubt mir, edler Herr, dass ich den Aufenthaltsort des Tempelritters nicht kenne. Mein Mann wurde verhaftet, weil auch er keine Auskunft geben konnte. Ich habe seitdem nie mehr etwas von ihm geh�rt.�</p><p>Der Ritter schlug ihr mit der Reitpeitsche �ber den R�cken. �Verdammtes Pack! Dein Mann war Stallmeister hier in der Komturei. Und du willst behaupten, nichts vom Verbleib des Templers zu wissen, der den Schatz versteckt hat oder sogar bei sich tr�gt?�</p><p>Die Frau sch�ttelte nur stumm den Kopf. Sie hatte erkannt, dass ihr kein Flehen und kein Jammern helfen w�rden.</p><p>Der Ritter hob sein Wams. �Dir hat sicher gefallen, was ich eben mit dir getrieben habe. Lange hast du keinen Mann mehr gehabt, elende Hure! Vielleicht bringt dich das zum Reden!� Er warf sich �ber die Frau, die sich vergeblich zu wehren versuchte. Seine Brutalit�t kannte keine Grenzen.</p><p>�Wo ist der Templer? Wo ist dieser gottverdammte Templer?�</p><p>Henri trat vor. �Er ist hier.�</p><p>Der Ritter warf sich herum und starrte Henri mit blutunterlaufenen Augen an. Er konnte es nicht fassen, wen er da vor sich sah.</p><p>Henri zog seinen Dolch hervor. �Du bist ein Vieh, und ich werde dich wie ein Vieh t�ten. Wenn es bei dir noch einen letzten Rest menschlicher Regung gibt, sprich ein Gebet und bitte Gott f�r deine S�nden um Vergebung. Dir bleibt nicht mehr viel Zeit.�</p><p>Der Ritter stierte vor sich hin. Noch hatte er nicht verstanden, was in den letzten Augenblicken geschehen war. Seine Stimme glich nur noch einem R�cheln.</p><p>Henri f�hlte das Blut in seinen Adern rauschen. Seitdem er in Akkon die Ungl�ubigen niedergemetzelt hatte, war er nicht mehr so au�er Besinnung geraten. Mit weit ausholender Bewegung stie� er dem Ritter die Spitze des Dolchs in die Kehle.</p><p>Der Mann fiel langsam zur Seite. In seinen Augen erschien der Ausdruck ma�losen Erstaunens. Aus der Wunde sprudelte dunkelrotes Blut, und nach wenigen Atemz�gen trat der Tod ein.</p><p>Henri wandte sich der misshandelten Frau zu, hob sie vom Erdboden auf und wehrte sie sanft ab, als sie ihm die H�nde k�ssen wollte. �Bekleide dich! Ich werde derweil meine Gef�hrten holen.�</p><p>Er fand Joshua und Sean im Dickicht vor, wo er sie verlassen hatte. �Wir haben uns Sorgen gemacht�, sagte Joshua. �Du bist sehr lange ausgeblieben.� Er deutete auf Sean. �Dieses B�rschchen hier wollte dir unbedingt folgen. Ich habe ihn mit allen Kr�ften festhalten m�ssen, damit er mir nicht entkam.�</p><p>Henri verschob einen Tadel auf sp�ter. �Kommt mit! Es ist aber kein sch�ner Anblick, der euch erwartet.�</p><p>Sean starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Leichnam am Fu�boden und dann auf Henri. Er konnte keine Spuren eines Kampfes entdecken. �Warum musstest du ihn t�ten?�</p><p>Henri sah keine Veranlassung, den Jungen im Unklaren �ber die Geschehnisse zu lassen. Er deutete auf die Frau, die sich inzwischen ges�ubert und bekleidet hatte. �Weil er diese Frau misshandelt hat. Er hat das getan, was Krieger im Kampf mit den Frauen der besiegten Feinde tun. Du verstehst doch, was ich meine?�</p><p>Sean nickte. �Hat sie Schmerzen?�</p><p>Die Frau drehte sich um. Sie l�chelte. �Nicht so schlimm, dass ich euch nicht jetzt ein gutes Mahl kochen kann. Ich habe noch immer Vorr�te im Keller versteckt, weil ich auf die Heimkunft meines Mannes gewartet habe.�</p><p>Erst jetzt warf Henri einen Blick auf Joshua, der so blass war, wie Henri ihn nicht mehr seit der Verfolgung gesehen hatte. Ihm wurde sofort klar, dass sich Joshua an den schrecklichen Tod seiner Frau erinnerte. Er hatte sie damals, furchtbar zugerichtet, auf dem K�chenboden seines Hauses gefunden. F�r sie war jede Rettung zu sp�t gekommen.</p><p>Henri umarmte ihn. �Komm bitte mit nach drau�en und hilf mir, dieses Vieh zu verscharren! Mehr verdient er nicht!� Ihm kam es jedoch so vor, als ob Joshua ein Gebet gesprochen h�tte, weil es der Talmud auch gegen�ber Feinden so forderte.</p><p>Als sie in das Haus zur�ckkehrten, sa� Sean schon auf der h�lzernen Bank nahe am Feuer und betrachtete mit begehrlichem Blick die gef�llten T�pfe.</p><p>�Ah, du hast schon wieder Hunger�, stellte Henri fest. �Soll ich dir einmal davon berichten, wie oft ich in diesem Haus zur Strafe f�r Verfehlungen fasten musste? Wie w�re es, wenn ich auch dich ein wenig b��en lie�e?�</p><p>�Aber ich habe doch gar nichts angestellt!�, rief Sean anklagend. Die B�uerin konnte schon wieder lachen. Sie teilte mit der Kelle eine gro�e Portion Gem�se und Hammelfleisch in den irdenen Essnapf, der vor dem Jungen stand. Sean hatte schon zu dem L�ffel gegriffen und wollte sich hei�hungrig �ber die verf�hrerisch duftende Mahlzeit hermachen. Aber Henri warf ihm einen strafenden Blick zu. �Warte, bis wir gebetet haben! Auch damals in der Komturei regelte das Gebet einen betr�chtlichen Teil unseres Tagesablaufes. Wir wollen doch hier an diesem Ort die alten Sitten einhalten.�</p><p>Schweigend nahmen sie die Mahlzeit ein. Aber nachdem die Frau auch den letzten Rest aus dem Topf ausgekratzt hatte, wandte sich Henri ihr zu. �Habt Ihr irgendeine Nachricht von Eurem Mann oder von einem der Verhafteten, der entkommen konnte?�</p><p>Die Frau des ehemaligen Stallmeisters, die ihren Namen mit Magdalene angegeben hatte, z�gerte einen Atemzug lang. Sie blickte ihrem Retter in die Augen. Danach entschloss sie sich zu restlosem Vertrauen. �Alle drei bis vier Tage erscheint bei mir Bertrand Gaudin, der den Schergen entkommen konnte und sich seitdem im Dorf versteckt h�lt. Er berichtet mir �ber die Zust�nde in Paris und ob es eine Hoffnung f�r die verhafteten Templerbr�der gibt.�</p><p>Henri schluckte. Er wollte ihr den Bericht �ber Folterungen und den Tod der Gro�meister auf dem Scheiterhaufen ersparen. �Ich schlage vor, dass wir hier warten, bis dieser Bertrand Gaudin auftaucht. Vielleicht �berbringt er Nachrichten, die auch f�r uns wichtig sein k�nnten.�</p><p>Joshua nickte, um sein Einverst�ndnis zu erkl�ren. �Aber was machen wir mit dem Pferd des get�teten Ritters? Wir w�rden mit diesem edlen Tier �berall auffallen.�</p><p>�Wir werden den kostbaren Ledersattel und das silberbeschlagene Zaumzeug unter dem Boden der halb verfallenen Stallung vergraben und mit Steinen bedecken�, erkl�rte Henri. �Das Pferd werden wir Bertrand Gaudin anbieten. Falls das Tier allerdings ein Brandmal seines Besitzers aufweist, k�nnte das f�r ihn und auch f�r uns zu gef�hrlich sein.�</p><p>�Und wenn doch?�, fragte Joshua. �Du willst doch dieses Tier nicht etwa t�ten?�</p><p>�Dar�ber muss ich noch nachdenken�, erwiderte Henri. �Wir m�ssen unseren Auftrag gegen alle Widerst�nde erf�llen.�</p><p>Sean begann pl�tzlich zu weinen. �Wir k�nnen das Pferd doch ein St�ck auf unserem Weg mitnehmen und dann in die Freiheit entlassen. Wenn wir es davonjagen, wird es schon einen neuen Herrn finden, der es f�ttert und tr�nkt.�</p><p>Magdalene nahm den Jungen in den Arm. �Weine nicht! Wir werden schon eine L�sung finden.�</p><p>Joshua warf einen Blick auf die beiden. Wieder wurden seine Erinnerungen �berm�chtig. �Das Pferd wird nicht get�tet�, sagte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.</p><p>Henri betrachtete die drei Rebellen. Er f�hlte einen Widerstand gegen seine Autorit�t. Darum traf er einige Anordnungen, denen sich die anderen unterzuordnen hatten. �Ich werde Magdalene in den St�llen helfen. Die Stallarbeit habe ich auch schon fr�her in der Komturei �bernehmen m�ssen. Das war allerdings eine Strafe f�r Nachl�ssigkeiten in der Disziplin. F�r Sean habe ich auch eine Aufgabe. Er wird nun endlich die �bungen im Schreiben und Lesen beginnen. Ich m�chte t�glich Fortschritte sehen. F�r mich ist es eine Schande, einen Knappen zu haben, der nicht einmal einen einzigen Buchstaben beherrscht.�</p><p>Es war f�r die drei anderen deutlich erkennbar, dass Henri sich �ber sie ge�rgert hatte. Darum suchte Joshua nach einer L�sung des Konflikts. �Wie w�re es, wenn ich mich als Lehrer bet�tigen w�rde? Ohne Unterweisung hat noch niemand das Schreiben erlernt. Wenn Sean sich einverstanden erkl�rt, werde ich ihm diese gar nicht so schwere Kunst gerne beibringen.�</p><p>Henri brummte noch etwas von hebr�ischen Buchstaben und Gelehrsamkeit. Aber er rief sich selbst zur Ordnung und ermahnte sich zur Disziplin. F�r das, was sie vorhatten, war Einigkeit eine Grundvoraussetzung.</p><p>Im Laufe der n�chsten Tage fand jeder von ihnen zu Verst�ndnis und Ausgeglichenheit zur�ck. Henri hatte mit Hilfe von Magdalene den Sattel und das Zaumzeug begraben. W�hrend der Arbeit erz�hlte ihm die Frau des ehemaligen Stallmeisters, dass der get�tete Ritter seit dem Verbot des Templerordens ihr Lehnsherr gewesen sei und �berm��ige Hand- und Spanndienste verlangt habe. Ab und zu sei er aufgetaucht, um ihrem Mann Schl�ge anzudrohen, falls er seiner Arbeit nicht besser nachkomme. Ihr war aber gleich klar geworden, dass diese Besuche ihr gegolten hatten. Er hatte stets nach einer M�glichkeit gesucht, mit ihr allein zu sein. Einmal habe er ihren Mann unter einem Vorwand auf den Acker geschickt und ihr befohlen, f�r sein Pferd Heu aus der Scheune zu holen. Es sei ihr aber gelungen, sich auf dem obersten Boden zu verstecken. Mit seiner R�stung konnte er die Leiter nicht emporklettern, und darum sei er voller Wut auf und davon geritten.</p><p>Henri gab diese Erz�hlung zu neuen Bef�rchtungen Anlass. �Meinst du nicht, dass seine Familie und die Bewohner des Gutshofes Nachforschungen anstellen werden?�</p><p>Magdalene zog eine Grimasse. Ihre Antwort klang ver�chtlich. �Das glaube ich kaum. Seine Frau ist vor Jahren bei Nacht und Nebel mit einem Grafen durchgegangen. Er hatte sie st�ndig maltr�tiert. Das hat mir die K�chin anvertraut, als ich einmal Eier in der Gutsk�che ablieferte. Die vier Kinder, es ist ein Wunder, dass die Frau nicht im Kindbett starb, haben Zuflucht bei einer Tante gefunden. Er hatte sie bei jeder kleinen Verfehlung mit der Peitsche geschlagen. Niemand wird ihn vermissen. Im Gegenteil!�</p><p>Henri f�hlte sich halbwegs beruhigt. Er hoffte, dass sie Recht behalten werde. Dennoch wartete er ungeduldig auf das Erscheinen des angek�ndigten Mannes Gaudin. Er zwang sich jedoch, den anderen gegen�ber freundlich und nachsichtig zu sein. Als Sean mit einem Blatt Papier im Stall erschien, um ihm stolz seine Fortschritte vorzuzeigen, rang er sich ein Lob ab. �Du kannst ja schon sehr gut schreiben. Sicher kannst du auch lesen, was du da geschrieben hast.� Er konnte es. Henri hingegen vermochte kein einziges Wort zu entziffern. Das Gekrakel war f�r ihn unlesbar. Aber er enthielt sich jeder r�genden Bemerkung.</p><p>Endlich, nachdem schon vier Tage vergangen waren, h�rte Henri leise Schritte, die sich dem Haus n�herten. Bertrand Gaudin hatte die fremden Pferde vom H�gel aus gesehen. Er n�herte sich vorsichtig und mied den Eingang zum Haus.</p><p>Magdalene lie� sich unter den niedrigen T�rbalken sehen und winkte Bertrand herbei. �Komm ohne Furcht! Diese drei Reiter sind Freunde. Einer von ihnen war fr�her schon einmal in der Komturei. Diesmal kam er gerade zur rechten Zeit. Er hat mich vor dem brutalen Zugriff unseres Lehnsherrn gerettet. Jeder wei� ja, wie er mit Frauen umgeht.� Sie n�tigte Bertrand, an dem br�chigen Holztisch Platz zu nehmen, und schenkte ihm randvoll ein Glas mit dem selbst gebrannten Kirschenschnaps ein. Nach deutlich gespieltem Z�gern nahm Bertrand den Begr��ungstrunk an.</p><p>Magdalene bot ihren G�sten von dem alkoholischen Getr�nk lieber nichts an. Sie hatte einmal miterlebt, wie der Pr�ceptor einen der Jungen beim Trinken dieses Schnapses erwischt hatte. Die Strafe, die das Kapitel aussprach, war hart und entw�rdigend gewesen. Denn der Delinquent musste eine Woche lang auf dem Fu�boden essen und durfte eine weitere Woche nur stehend und schweigend an den Mahlzeiten teilnehmen. Magdalene war sich nicht einmal sicher, ob der Pr�ceptor den Jungen hinter der Scheune mit Weidenruten geschlagen hatte. Denn sie hatte den Burschen laut weinen h�ren.</p><p>Henri setzte sich Bertrand gegen�ber. �K�nnt Ihr mir etwas �ber K�nig Philipp erz�hlen? Wo h�lt er sich auf, in Paris oder in seinem Jagdschloss in Fontainebleau?�</p><p>Bertrand Gaudin hatte gute Beziehungen zu den Bediensteten des k�niglichen Haushaltes. �Der K�nig hat seinen Lieblingsstammsitz in Fontainebleau verlassen und ist mit seinem Gefolge nach Paris zur�ckgekehrt. Dort residiert er im Palais de la Cit� und heckt neue Pl�ne aus, wie er zu Geld kommen k�nnte. Noch immer schmachten zahlreiche Tempelritter in den Verliesen.�</p><p>�Werden diese �rmsten gefoltert?�</p><p>�Ja, und zwar so lange, bis sie diese scheu�lichen Verbrechen gestehen, die man ihnen zur Last legt.� Bertrand nahm einen Schluck von dem Kirschenschnaps und atmete tief durch.</p><p>Henri wollte noch mehr wissen. �Was geschieht mit denen, die gestanden haben?�</p><p>�Man erz�hlt sich, bei manchen gen�ge es, ihnen die Folterwerkzeuge zu zeigen, um sie zu Gest�ndnissen zu bringen. Sie seien nach tagelangen Dem�tigungen, geschw�cht durch eine Ern�hrung nur mit Wasser und Brot, dazu noch in Ketten gelegt, am Ende ihrer Widerstandskraft. Einige werden sogar noch nach ihrem Gest�ndnis weiter gefoltert, weil der Henker sie verd�chtigt, nicht alles gesagt zu haben. Viele widerrufen ihre Gest�ndnisse. Wenn sie nicht auf dem Scheiterhaufen enden, werden sie in Verliese geworfen, wo sie elend zugrunde gehen.� Bertrand nahm einen weiteren Schluck.</p><p>�Ist denn niemand als unschuldig begnadigt worden?�, fragte Henri. Seiner Stimme war die Verzweiflung anzuh�ren.</p><p>�Doch, der M�nch eines Klosters hat mir berichtet, dass es eine Anordnung des Papstes gab, die Bulle <emphasis>considadum dumdum</emphasis> oder so �hnlich genannt wurde. Vielleicht hie� sie auch anders. Ich bin nur ein einfacher Mensch ohne Schulbildung. Diese hohen Herren dr�cken sich oft so merkw�rdig aus.�</p><p>Henri wurde ungeduldig. �Was stand denn in dieser Bulle?� Der Titel war wohl <emphasis>considerantis dudum</emphasis> und betraf jene, die ihre Angeh�rigkeit zum Templerorden nach langer �berlegung nun bereuten.</p><p>Bertrand nahm einen kr�ftigen Schluck. �Soweit ich mich erinnere, war dort davon die Rede, dass diejenigen, die f�r unschuldig befunden oder nach ihrem Gest�ndnis mit der Kirche vers�hnt worden waren, eine Pension erhalten sollten und sogar in einem Kloster ihrer Wahl leben durften. Die M�nchsgel�bde, die sie bei ihrem Eintritt in den Templerorden abgelegt hatten, blieben weiter g�ltig.�</p><p>Henri lachte bitter. �Da mussten sie aber sehr gute Beziehungen zur Kirche gehabt haben! Vielleicht war einer der drei Kardin�le, die im Namen des Papstes Clemens V. Gericht halten sollten, sein Onkel oder sonst ein Verwandter.�</p><p>Bertrand hatte sein Glas geleert. Er schwankte auf der Bank hin und her. Er begann zu stottern, und seine Augen blickten verst�ndnislos in die Runde. Henri erkannte, dass eine weitere Befragung sinnlos war. Aber er bedankte sich h�flich f�r die wertvolle Auskunft, die er erhalten habe.</p><p>Bertrand starrte auf die M�nzen, die Henri ihm auf dem Tisch zuschob. Damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet. Er erhob sich torkelnd, versuchte Henri zu umarmen und stotterte etwas, das sich nach einem Dank anh�rte. Die weiteren Worte gingen in einem unverst�ndlichen Gebrabbel unter.</p><p>Magdalene, die eine solche Szene wohl schon �fter miterlebt hatte, schob ihn zur T�r hinaus. �Er hat drau�en noch gesagt, dass er gerne noch einmal wiederkehren werde, wenn man ihn brauchen k�nne�, behauptete sie. Ob das nun der Wahrheit entsprach, vermochte Henri nicht zu entscheiden. Vielleicht wollte sie dem armen Kerl ein paar M�nzen zukommen lassen.</p><p>�Du wolltest ihm doch das Pferd des Lehnsherrn anbieten�, erinnerte ihn Joshua an das leidige Thema.</p><p>�Hast du nicht seinen Zustand gesehen?�, erwiderte Henri. �Einem Betrunkenen vertraue ich ein so edles Reittier nicht an. Dein Falbe lahmt schon lange. Wir lassen ihn hier bei Magdalene, und du wirst das Pferd des Ritters reiten, falls es kein verr�terisches Brandzeichen aufweist. Wir k�nnen ihm au�erdem den Schweif und die herrliche M�hne k�rzen, obwohl das schade w�re. Wenn du ihm dann noch dein altes Zaumzeug anlegst, ist es kaum noch zu erkennen.�</p><p>Joshua sah ihn zweifelnd an. Darum f�gte Henri noch hinzu: �Schon morgen werden wir weit entfernt von dem Gutshof des Lehnsherrn sein. Wir brechen in aller Fr�he auf. Was ich von Bertrand Gaudin geh�rt habe, hat meinen Entschluss bekr�ftigt, den Fluch der Gro�meister gegen alle Widerst�nde zu erf�llen. Bist du dabei, Joshua?�</p><p>Joshua streckte ihm die Hand entgegen, in die Henri einschlug.</p><p>Erst jetzt wagte sich Sean aus der Ofenecke hervor, wo er sich versteckt hatte, um das Gespr�ch der M�nner zu belauschen. �Darf ich auch einmal unterwegs das wundersch�ne Pferd reiten?�, fragte er beinahe sch�chtern.</p><p>�Das kommt auf deine Fortschritte im Lesen und Schreiben an�, entgegnete ihm Henri. �Zeige mir einmal, was du heute geschrieben hast!�</p><p>Nur ungern holte Sean ein Papier mit seinen Schreibk�nsten hervor. Sogar der immer geduldige Joshua hatte deutlich seine Unzufriedenheit ge�u�ert. Henri sch�ttelte den Kopf. �Wer nur zu solch einem Gekrakel f�hig ist, kann auch nicht ein so edles Reittier beherrschen. Das wird wohl noch eine Weile dauern, bis du in den Sattel eines ritterlichen Pferdes steigen darfst.�</p><p>Sean war so w�tend, dass er das beschriebene Papier in das Herdfeuer warf und noch einige leere Bl�tter hinterherbef�rderte. Henri musste gegen seinen Willen lachen. Genauso zornig war auch er als Junge gewesen, bis die Lehrer des Ordens ihm seine Wutanf�lle mit harten Strafen ausgetrieben hatten. Ehe er einen scharfen Tadel aussprechen konnte, war Joshua ihm schon zuvorgekommen. �Irgendwann wird es schon besser werden. Sean ist doch kein Dummkopf. Wer so sch�n singen und so treffsicher die Lanze schleudern kann, der wird auch ein Meister in der Kunst des Schreibens werden.�</p><p>Henri sch�ttelte �ber so viel Nachsicht den Kopf. Aber Sean warf seinem Lehrer einen dankbaren Blick zu.</p><p>Magdalene hatte aus allen Vorr�ten, die sie noch besa�, eine verlockende Mahlzeit zubereitet. Ganz offensichtlich teilte sie Sean die gr��ten Portionen zu. �Der Junge muss sich f�r den langen Ritt st�rken.� Am liebsten h�tte sie die drei noch l�nger bei sich behalten. Sie f�rchtete sich ein wenig vor dem Alleinsein.</p><p>Henri dr�ckte ihr eine beachtliche Summe in die Hand. Er beobachtete ihre zuckenden Mundwinkel und sah, dass ihre Augen sich mit Tr�nen f�llten. �Sei bedankt f�r deine gro�z�gige Gastfreundschaft. Sprich f�r uns ein Gebet, denn wir haben eine schwere Aufgabe zu erf�llen!�</p><p>�Der Herr m�ge euch beh�ten!�, sagte Magdalene mit gefestigter Stimme und gefalteten H�nden. Weil ihr das wirksamer erschien, f�gte sie noch hinzu: �Gelobt sei Jesus Christus!�</p><p>�In Ewigkeit. Amen!�, antwortete Henri und schob ihr Sean zum Abschied in die Arme, die sie weit ge�ffnet hatte.�</p></section><section><title><p><strong>17</strong></p></title><p>Magdalenes Segenswunsch erwies sich als notwendig. Die Gebirge der Auvergne erforderten alle Kr�fte von Mensch und Tier. Der hoch aufragende Gipfel des Puy de Dome war noch schneebedeckt, und die benachbarten schroffen Vulkanberge jagten den drei Reitern mehr Schrecken als Ehrfurcht ein. Am Fu�e des Berges musste sich einmal ein gallisches Heiligtum befunden haben, zu dem man von weit her pilgerte. Denn au�er den Fundamenten des Tempels gab es zahlreiche verfallene Herbergen.</p><p>Da sie in der Morgend�mmerung aufgebrochen waren, erreichten sie gegen Mittag Clermont. Henri z�gerte, ob sie sich in die Stadt wagen sollten. Denn der gelehrte Joshua wusste zu berichten, dass zwischen Clermont und der franz�sischen Krone immer eine enge Verbindung bestanden hatte.</p><p>�Nicht nur zur franz�sischen Krone�, erl�uterte Joshua. �Auch eure P�pste haben in Clermont eine bedeutende Rolle gespielt. Vor fast 220 Jahren versammelten sich eure hohen Geistlichen in den Mauern der Stadt zu einem Konzil, auf dem Papst Urban II. zum ersten Krieg gegen das Heilige Land aufrief, um es angeblich von den Ungl�ubigen zu befreien. Dreizehnhundert Kardinale, Bisch�fe und �bte sollen dort zusammengekommen sein.�</p><p>�Das ist lange her�, warf Henri ein.</p><p>�Ja, aber schon 70 Jahre sp�ter fand unter eurem Papst Alexander II. aus denselben Gr�nden wieder ein Konzil statt. Und erst recht nicht lange ist es her, dass vor nur 50 Jahren in Clermont eine pr�chtige Hochzeit stattfand. Isabella von Aragon wurde mit einem Sohn Ludwigs des Heiligen verm�hlt.�</p><p>Joshuas Geschichtskenntnisse verrieten mehr als nur das Interesse eines Gelehrten. Er wusste so genau, was sich im Lande der Franzosen ereignet hatte, weil er nicht in dem ihm zugewiesenen geistigen Ghetto leben wollte. Er wollte ein Franzose sein wie jeder andere auch. Aber seine Mitmenschen sahen in ihm nur den Christusm�rder, einen heidnischen Ausl�nder. Henri, selbst gebildet, bemerkte davon nichts. Er war ganz auf seine Aufgabe konzentriert. Er war �berzeugt, dass die Bev�lkerung in dieser Stadt entweder dem K�nig oder dem Papst, vielleicht auch beiden, die Treue hielt.</p><p>�Also gut!�, beschloss er. �Reiten wir au�erhalb der Mauern vorbei und versuchen wir, vor Eintritt der D�mmerung die Aller zu �berqueren. Dann m�sste es m�glich sein, morgen den Fluss Loire zu erreichen.�</p><p>Die �berquerung der Aller gestaltete sich nicht allzu schwierig. Es gab zahlreiche Br�cken �ber den Fluss, und Joshua vermutete, dass einige diese �berg�nge noch aus der Zeit der R�mer stammten. Sie h�tten unter einem der breiten Pfeiler Schutz finden k�nnen, aber Henri hielt es f�r ratsam, in der Deckung des Waldes ihr Lager aufzubauen, nachdem sie die Pferde am Fluss getr�nkt hatten.</p><p>Henri wurde immer ungeduldiger, ja n�her sie ihrem Ziel kamen. Er weckte seine Gef�hrten in der Morgend�mmerung, als der Nebel noch �ber dem Fluss lag. �Auf! Auf! Wir m�ssen weiter!� Die beiden anderen gehorchten ohne Murren.</p><p>Die Sonne hatte soeben erst die Spitzen ihrer Strahlen �ber den Horizont geschickt, als sie die Loire erreichten. Sean stie� einen Ruf der Bewunderung aus. Auf dem jenseitigen Ufer leuchtete das Dach einer Burg, als ob es nicht mit Ziegeln, sondern mit Goldplatten bedeckt sei. Die Wege im Park waren mit wei�en Kieselsteinen bestreut, und die ersten Fr�hlingsblumen f�llten die gepflegten Rabatten. Eine weibliche Brunnenfigur, die mitten in einer Wiese stand, hielt ein t�nernes K�rbchen in den Armen, in dem ein Strau� echter Schl�sselbl�mchen kunstvoll angeordnet war.</p><p>�So etwas Sch�nes habe ich noch niemals gesehen!�, rief Sean begeistert. Er trat an das Bronzegitter so nahe heran, wie es nur m�glich war, und verharrte dort regungslos. Als pl�tzlich ganz in der N�he eine Stimme erklang, sprang er zwei Schritte zur�ck, obwohl die Frage durchaus freundlich gestellt war. �Na, wer bist du denn?�</p><p>Sean sah sich einem jungen Mann gegen�ber, der zu seinem Erstaunen der steinernen Brunnenfigur glich. Seine Antwort klang selbstbewusst. �Mein Name ist Sean of Ardchatten. Ich entstamme einem ber�hmten schottischen Geschlecht und bin der Knappe jenes edlen Herrn, der sich auch schottischer Abstammung r�hmen darf.� Er deutete auf Henri.</p><p>Der junge Mann �ffnete mit einiger M�he das schwere Tor. �Welch eine Freude! Zwei Schotten im Reich des franz�sischen K�nigs Philipp, den man den Sch�nen nennt.�</p><p>Henri, der f�rchtete, dass Sean zu viel ihres Vorhabens ausplappern k�nnte, trat n�her und verbeugte sich. �Verzeiht die Zudringlichkeit meines Knappen! Wir werden Euch nicht weiter bel�stigen.�</p><p>�Aber ganz im Gegenteil!�, rief der junge Mann, dem noch nicht einmal ein einziges Barthaar sprie�te. �Auch ich darf mich r�hmen, trotz einer franz�sischen Mutter schottischer Abstammung zu sein. Mein Vater ist der Earl of Annan, der sich augenblicklich bei Freunden in der Bretagne aufh�lt.�</p><p>Henri �berlegte kurz, ob es dem Earl wohl recht sein k�nnte, wenn sein Sohn freim�tig irgendwelchen Fremden Zutritt zum Schloss erlaubte. �Wird es denn Ihrer Frau Mutter recht sein?�, fragte er z�gernd.</p><p>Der Sohn des Earl of Annan err�tete wie ein M�dchen. �Wenn mein Herr Vater ausw�rts weilt, bin ich der Herr in dieser Burg!�</p><p>Vielleicht w�re eine Ablehnung der Einladung einer Beleidigung gleichgekommen. Die drei Reiter traten ein und �bergaben einem herbeigeeilten Stallknecht ihre Pferde. Ein livrierter Diener geleitete sie durch dunkle G�nge, dann f�hrte eine breit geschwungene Freitreppe in ein oberes Stockwerk, wo der Diener ihnen mit einer Verbeugung zwei R�ume anwies. Kurz darauf erschien eine Magd, die einen Zuber mit hei�em Wasser f�llte. Sie warf einen kurzen Blick auf die staubigen Reiter und f�gte dem Wasser duftende Essenzen hinzu.</p><p>�So war das eigentlich nicht gemeint�, sagte Henri. Aber Sean rief begeistert: �Jetzt riecht es fast wie daheim bei meiner Mutter!�</p><p>Die dumpfen T�ne eines bronzenen Gongs riefen zur Mahlzeit. Keiner der drei hatte jemals einen so strahlend hellen Saal betreten. Auf dem Tisch brannten unz�hlige Kerzen, deren Licht sich in den hohen gotischen Fenstern spiegelte. Henri dachte kurz an den Kapitelsaal im Haus der Tempelritter, den er in seiner Knappenzeit als au�erordentlich pr�chtig empfunden hatte. Er h�tte sich nicht gewundert, wenn einer der Gro�meister feierlich den Raum betreten h�tte. H�flich blieb er hinter der Lehne des Sessels stehen, um beim Eintritt des Gastgebers ein paar Dankesworte zu sprechen.</p><p>Aber die Gestalt, die jetzt den Saal betrat, raubte ihm die Sprache. War das eine Zwillingsschwester des jungen Mannes, eine Tochter des Earl of Annan? Aber als das M�dchen, das seine Weiblichkeit mit einer hellblauen Robe unterstrichen hatte, sie jetzt mit einem h�flichen �Nehmt bitte Platz, meine Herren!� zum Sitzen aufforderte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Der junge Mann und das M�dchen waren ein und dieselbe Person.</p><p>Es war eigentlich nicht mehr vonn�ten, dass die Gastgeberin ihr Verhalten erkl�rte. �Da ich mich w�hrend der Abwesenheit meines Herrn Vaters alleine mit meinen Dienstboten hier in der Burg befinde, lebe ich nicht ganz ungef�hrlich. Streunende Banden versuchen einzudringen, und nur unsere scharfen Hunde sind ein gewisser Schutz. In der Verkleidung eines Mannes aber, noch dazu im Besitz einer Waffe, f�hle ich mich sicher. Ich bitte Euch, mir den kleinen Betrug zu verzeihen. Mein Name ist Guinivevre.�</p><p>Sean sa� mit offenem Mund da. Er konnte seine Blicke nicht von dem M�dchen wenden und verga� sogar zu essen. Wenn er vor dem Tor geglaubt hatte, dahinter m�sse das Paradies liegen, so erschien ihm jetzt die strahlende Gestalt wie ein Engel.</p><p>Henri versuchte, seinen Knappen in die Wirklichkeit zur�ckzuholen. �Wie w�re es denn, Sean, wenn du die hochwohlgeborene Tochter des Earl of Annan mit einem Lied erfreuen w�rdest?�</p><p>Guinivevre klatschte in die H�nde. �Ja, ich bitte Euch! Es ist schon lange her, dass mir ein so h�bscher junger Mann ein Lied gewidmet hat.�</p><p>Henri war erstaunt, mit welcher Selbstverst�ndlichkeit sein Knappe in die Mitte des Saales trat und sich Guinivevre zuwandte. Er war besorgt, ob Sean sich in dieser Umgebung passend benehmen k�nnte. Denn er hatte beobachtet, wie sein Knappe dem Wein allzu oft zugesprochen hatte. Beherrschte er �berhaupt ein anderes Lied als das zu Ehren der Jungfrau Maria? In dieser ausgelassenen abendlichen Stimmung w�re das doch ganz und gar unpassend. Noch mehr aber bef�rchtete er, dass Sean bei seinen Streifz�gen durch Bordeaux in schlechte Gesellschaft geraten sein und dort vielleicht einen obsz�nen Vers aufgeschnappt haben k�nnte. Er warf ihm einen drohenden Blick zu.</p><p>Aber Sean beachtete ihn gar nicht. Er tat so, als ob er sich an dieser Tafel allein mit Guinivevre of Annan bef�nde. Henri hatte die Stimme des Jungen noch niemals so vernommen. Sie klang sehns�chtig und zugleich demutsvoll. Wo hatte er eine solche Stimme schon einmal geh�rt? Pl�tzlich fiel es ihm ein. Es war w�hrend der Schlacht um Akkon, als einer der todgeweihten K�mpfer Verse gesungen hatte, die ihm damals unverst�ndlich geblieben waren: �Unter der Linden an der Heide, da unser zweier Bette war.�</p><p>Auch Sean hatte ein Minnelied gew�hlt. Woher kannte er es? Aber, so empfand Henri, es entsprach dem Alter seines Knappen und dessen Unerfahrenheit.</p><poem><stanza><v>�Ich bin Kaiser, ob ich auch nicht Krone</v><v>noch Land besitze.</v><v>Dem Gem�te nach bin ich�s:</v><v>das war noch nie so fr�hlich.</v><v>Wohl ihr, deren Sanftheit mich erquickt.</v><v>Das danke ich einer edlen Frau.</v><v>Der will ich getreulich dienen.�</v></stanza></poem><p>Die Tafelrunde klatschte Beifall, und Guinivevre schenkte dem S�nger ein weiteres Glas Wein ein. Vergeblich protestierte Henri und verwies auf den morgigen Tag, an dem man fr�h aufbrechen m�sse.</p><p>�Ich m�chte aber noch ein Lied h�ren!�, rief die Gastgeberin. Henri schwieg. Konnte man ihr diesen Wunsch abschlagen? Aber was er sah, gefiel ihm nicht. Seans Augen blitzten verwegen. Er stand nicht mehr ruhig da, sondern wiegte sich in den H�ften. Henri bereute, dass sie der Einladung auf das Schloss gefolgt waren. Die Stimme seines Knappen klang nicht mehr dem�tig, sondern fordernd.</p><poem><stanza><v>�Ich fand sie auf der Zinne, allein,</v><v>und sie hatte mich zu sich rufen lassen.</v><v>Da war wohl schickliche Gelegenheit,</v><v>ihre Liebe mir zu erringen.</v><v>Da w�hnte ich, ich h�tte die Lande</v><v>mit meiner Glut verbrennen k�nnen,</v><v>so sehr hatte ihrer s��en Liebe Fessel</v><v>meine Sinne verblendet.�</v></stanza></poem><p>Henri erhob sich. �Es ist Zeit, das Nachtlager aufzusuchen. Wir danken Euch, edle Dame, f�r diesen wundersch�nen Abend.�</p><p>�Ich habe zu danken�, rief Guinivevre. �Denn ohne den Gesang Eures Knappen h�tte dieser Abend niemals so trefflich gelingen k�nnen. Ich w�nsche Euch allen eine gute Nacht.�</p><p>Irrte er sich, oder hatte Guinivevre seinem Knappen einen verschw�rerischen Blick zugeworfen? In seiner Schlafkammer stellte er fest, dass der Diener nur zwei Schlaflager vorbereitet hatte. Er h�tte gern nachgefragt, wo man denn seinen Knappen untergebracht habe. Aber Joshua hielt ihn davon ab. �Ich muss einmal ein ernstes Wort mit dir reden, Henri. Wir kennen uns schon lange und sind vertraute Freunde. So hoffe ich, dass du mir nicht �bel nimmst, was ich dir sagen m�chte.�</p><p>�Sprich nur frei heraus, was du f�r richtig h�ltst!�, ermunterte Henri seinen Freund. �Ich werde dich immer verstehen.�</p><p>Trotz der Aufmunterung begann Joshua seine Rede stockend. �Ich hatte einen Sohn und wei� recht gut, wann bei einem Jungen die Zeit der Reife gekommen ist. Du aber verschlie�t die Augen und f�rchtest, Sean k�nne dir entwachsen. Seit du ihn erziehst, behandelst du ihn wie ein Kind, m�chtest ihm am liebsten mit der Gerte beibringen, was einen Knappen auszeichnet.�</p><p>Henri machte eine abwehrende Geb�rde.</p><p>�Doch, das ist so, ob du es nun wahrhaben m�chtest oder nicht. Sean ist ein wunderbarer Junge, der an dir h�ngt und dich bewundert. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, dass er seine Zuneigung und Liebe einer Frau schenken wird. Mache dir rechtzeitig klar, dass Sean die folgende Nacht in den Armen der sch�nen Guinivevre verbringen wird. Wie hie� es so passend in dem Lied? �Sie hatte mich zu sich rufen lassen. Da war wohl schickliche Gelegenheit, ihre Liebe mir zu erringen.� Das wird nichts an der Zuneigung zu dir �ndern.�</p><p>Joshua schwieg, und Henri dachte lange nach, ehe er zu einer Erwiderung fand. �Ich habe die Keuschheitsgel�bde abgelegt, die ich auch weiterhin einzuhalten gedenke. Vielleicht verstehe ich wirklich nichts von diesen Dingen. Meine einzige Erfahrung liegt allzu weit zur�ck. Mir scheint eine Wiederholung nicht erstrebenswert. Aber ich g�nne es ihm schon, in den Armen dieses sch�nen M�dchens seine erste Liebesnacht zu verbringen. Morgen ist dieses Zwischenspiel ohnehin beendet.�</p><p>Henri hatte sich geirrt. In der Fr�he war es noch sehr kalt. Guinivevre hatte ihnen darum durch die Dienerschaft einen hei�en Trunk �berreichen lassen. Sie selbst war nirgendwo zu sehen. Henri bedauerte das. Er h�tte sich gern mit Dankesworten verabschiedet. Sean war schon bei den St�llen und tr�llerte fr�hlich ein Lied vor sich hin. Sehr ungl�cklich schien er �ber die Trennung nicht zu sein. Aber was Henri am Schlosstor erwartete, wollte er einfach nicht glauben. Da stand Guinivevre in ihrer M�nnerkleidung und w�nschte ihm einen guten Morgen. �Ich werde euch begleiten. Denn ich kenne ringsumher die ganze Gegend und habe Freunde in Auxerre, die uns aufnehmen werden, wenn Philipps Schergen dort herumstrolchen sollten.�</p><p>Ob Sean ihren Plan ausgeplaudert hatte? Das w�rde er ihn b��en lassen, notfalls auch mit der flachen Klinge, wenn er schon keine Gerte mehr benutzen durfte. Er warf einen Blick zu Joshua, der still vor sich hin l�chelte. Das milderte seinen Zorn. Er brachte es sogar fertig, ein wenig zu l�cheln. �Brechen wir auf, meine Herren! Wir haben einen Auftrag zu erf�llen!�</p><p>Henri legte eine schnelle Gangart vor. Ihm blieb nicht verborgen, dass Guinivevre eine blendende Reiterin war. Obwohl sie den Weg nach Auxerre sehr gut kannte, dr�ngte sie sich nicht vor. Sie lie� Henri merken, dass sie ihn als Autorit�t anerkannte.</p><p>Sie verlie�en die Loire und erreichten schneller als erwartet den Fluss Yonne. Auf den Feldern verrichteten die Bauern ihre ersten Fr�hjahrsarbeiten. Keiner k�mmerte sich um die vier Reiter. Nach einem Blick, ob es sich da nicht etwa um Soldaten handelte, wandten sie sich wieder ihrer Arbeit zu.</p><p>Im Gegensatz zu der ruhig dahinflie�enden Loire, der die Spiegelbilder prachtvoller Burgen ein majest�tisches Aussehen verliehen, bot die Yonne hinter jeder Biegung einen neuen Ausblick. Erst als die springlebendigen Wellen flacher wurden, fanden sie bei Vermenton einen �bergang. Zahlreiche enge Schleifen des Flusses hatten sie immer wieder zu Umwegen gezwungen. Henri stellte auf der Karte fest, dass von Vermenton aus die Yonne gradlinig verlief.</p><p>�Es m�sste m�glich sein, Auxerre noch heute zu erreichen�, sagte er und sah Guinivevre an, um ihre Meinung zu erforschen. Aber das M�dchen hatte soeben mit Sean einige Worte ausgetauscht, die ihn zum Lachen gebracht hatten. Guinivevre lie� erkennen, dass sie sich Henris F�hrungsanspruch bedingungslos untergeordnet hatte.</p><p>Noch vor Sonnenuntergang erreichten sie die Stadt an der Yonne. Schon von weitem war eine pr�chtige Kathedrale erkennbar. Henri h�tte gern das Innere besichtigt. Aber zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch machte Guinivevre einen Vorschlag. �Es w�re besser, wenn wir zun�chst meine Freunde in der Innenstadt aufsuchen und um Quartier bitten w�rden. Sie besitzen eine T�pferei und kehren oft erst bei Dunkelheit nach Hause zur�ck.�</p><p>Henri erkl�rte sich sogleich einverstanden.</p><p>Guinivevre �bernahm die F�hrung durch das H�usergewirr der engen Gassen. Vor manchen H�usern hockten Frauen und stickten Tapisserien.</p><p>�Was soll das denn werden?�, fragte Sean und zeigte auf einen Wandteppich, auf dem einige Zacken abgebildet waren.</p><p>�Ich stelle mir vor, dass hier eine Krone entsteht�, erkl�rte Henri. �Wahrscheinlich wird das eine Tapisserie f�r das k�nigliche Palais de la Cit� in Paris.�</p><p>�Dieser Wandteppich hier soll wohl im Jagdschloss von Fontainebleau h�ngen�, meinte Sean und deutete auf einige halb fertige Hirsche, denen das Geweih noch fehlte. Er wollte sich aussch�tten vor Lachen.</p><p>Am Ende einer Gasse lag die T�pferei. Irdene Gef��e in allen Gr��en und Rundungen, mit gelbem und rotem Ocker gef�rbt, t�rmten sich in der Mitte des Hofes. Aus der Werkstatt erklang das Ger�usch der T�pferscheibe, die sich im gleichm��igen Takt drehte.</p><p>�Nicholas! Ich bin�s, Guinivevre of Annan.�</p><p>Das Drehger�usch verstummte augenblicklich, und ein breitschultriger Mann betrat den Hof. Die M�nnerkleidung schien ihn in keiner Weise zu befremden. Er umarmte Guinivevre und dr�ckte sie kr�ftig gegen seine lederne Sch�rze. �Brauchst du einen irdenen Blumenkorb f�r deine Gartenfiguren? F�r dich fertige ich ein Meisterst�ck an.�</p><p>�Diesmal nicht�, erwiderte Guinivevre und deutete auf ihre Begleiter. �Meine Freunde sind auf dem Weg nach Paris. Sie haben einen langen Ritt von Bordeaux bis hierher hinter sich. Vor allem der Junge ist von der langen Reise sehr erm�det. Sicher kannst du uns Quartier gew�hren.�</p><p>�Aber nat�rlich, mein Herzchen�, stimmte der T�pfer zu. �Ich schlie�e f�r heute die Werkstatt und werde euch zu meinem Haus begleiten.�</p><p>Henri wunderte sich �ber den Ton, den der Handwerker gegen�ber der Tochter eines Earl anschlug. Aber noch an demselben Abend sollte er den Grund dieser Vertraulichkeit erfahren.</p><p>Marie, die Frau des T�pfermeisters, hatte es sich nicht nehmen lassen, den G�sten eine gute Mahlzeit vorzusetzen. Um kein Aufsehen zu erregen, hatten Henri und Joshua es auch nicht abgelehnt, einen Schluck Wein zu trinken.</p><p>�Betreibt Ihr Eure T�pferei schon seit l�ngerer Zeit?�, erkundigte sich Henri.</p><p>Meister Nicholas lachte bitter. �Wir mussten sie nach den Wirren der vergangenen Jahre von Grund auf neu aufbauen. Guinivevre wird sich noch daran erinnern, dass nichts als Scherben in unserem Hof lagen.�</p><p>�Wer hatte Euch so etwas angetan?�, fragte Henri.</p><p>Der T�pfermeister lehnte sich zur�ck. �Angefangen hatte das mit dem immer st�rker anwachsenden Steuerdruck, dem Zugriff auf Grundbesitz und auf das kaufm�nnische Verm�gen. Selbst der Adel und die Geistlichkeit blieben von der allgemeinen Steuerlast nicht verschont.�</p><p>Joshua nickte. Es zeigte sich, dass der Gelehrte auch �ber das k�nigliche M�nzwesen Bescheid wusste. �Um die Steuerzahler zufrieden zu stellen, hat Philipp zweimal den Feingehalt der M�nzen erh�ht�, erkl�rte Joshua. �Beide Male hatte er dabei Hintergedanken. Einmal wollte er den Klerus zu einem Konzil gegen der Papst Bonifatius bewegen und ein anderes Mal, um eine alte Forderung des Adels zu erf�llen, dessen Eink�nfte aus Grundbesitz erheblich geschmolzen waren. Diese Notl�sung stellte sich als verfehlt heraus, und alle f�hlten sich betrogen.�</p><p>Sean g�hnte und legte unter dem Tisch seine Hand auf Guinivevres Schenkel.</p><p>Darum beendete Joshua seinen Vortrag und erw�hnte nur noch, dass die Juden das Opfer dieser Notl�sung waren. Vergeblich h�tten sie erkl�rt, dass sie f�r das Wirtschaftsleben als reiche Leute n�tzlicher sein k�nnten.</p><p>�Was hat Guinivevre denn dabei f�r eine Rolle gespielt?�, fragte Sean ungeduldig.</p><p>�Gemach, gemach�, mahnte Nicholas. �Man kann nicht genau sagen, wer pl�tzlich einen Text von Jakob de Vitry in Umlauf brachte. Ihr wisst doch, dass sich dieser ber�hmte Dichter und Prediger sehr f�r die Armen eingesetzt hat. �Darum sollt ihr in der H�lle heulen, die ihr eure Untergebenen misshandelt und die ihr vom Blut und Schwei� der Armen lebt. Wie viel der Bauer auch in einem Jahr erarbeitet, der Ritter, der Adelige, verschlingt es in einer Stunde.��</p><p>�Das ist aber jetzt �bertrieben�, wehrte sich Guinivevre of Annan.</p><p>Nicholas winkte ab und fuhr fort: �Es ging das Ger�cht, dass sich in einigen Gegenden trotz Geld- und Pr�gelstrafen die Bauern weigerten, die Felder ihrer Herren zu pfl�gen, deren Getreide zu dreschen, das Heu zu wenden oder in ihren M�hlen zu mahlen. Wahrscheinlich h�tte dieser Ungehorsam geendet, wie jede Rebellion der Armen fr�her oder sp�ter immer endete: An den B�umen h�tten die Leichen der Armen gebaumelt.�</p><p>�Aber warum hatte man deine T�pferei zerst�rt?�, fragte Henri, der zur Gegenwart zur�ckkehren wollte.</p><p>�In Auxerre herrschte Ruhe. Dennoch waren die B�ttel vielleicht angewiesen worden, bei jeder verd�chtigen Menschenansammlung hart durchzugreifen. Aber ich wei� bis heute noch nicht, ob das Eingreifen der B�ttel nicht nur meiner T�pferei galt. Denn sie dr�ngten eine harmlose Gruppe, die sich nur zu einem Schwatz unter Nachbarn zusammengefunden hatte, in die enge Gasse, wo sich meine T�pferei befand. Ihre St�cke trafen weniger die Menschen als vielmehr meine irdenen T�pfe. Die Scherben flogen mir um die Ohren.�</p><p>�Aber womit hattet Ihr einen solchen Zorn der B�ttel erregt?�, fragte Henri fassungslos.</p><p>Nicholas konnte sich den Grund vorstellen. �Handwerker sind bei K�nig Philipp nicht mehr wohlgelitten. Denn er hat die dem�tigende und zugleich vernichtende Niederlage niemals vergessen, die ihm die flandrischen Handwerker in der Goldene-Sporen-Schlacht zuf�gten. Wahrscheinlich hatte er damals einfach die Kriegst�chtigkeit von uns Handwerkern untersch�tzt.�</p><p>�Und Guinivevre?�, fragte Sean. �Was tat sie, um Euch zu helfen?�</p><p>�Der Earl of Annan weilte zu dieser Zeit gerade in Bordeaux. Damals legte Guinivevre zum ersten Mal M�nnerkleidung an. Sie ritt zu allen Burgen und Gutsh�fen in der N�he. Als junger Earl von Annan erkl�rte sie den Herren, dass auch sie durch �berm��ige Steuern bedr�ckt w�rden. Tats�chlich fand sie offene Ohren. Man versprach ihr, beim K�nig vorstellig zu werden, um eine Steuererm��igung zu erreichen, damit es nicht zu Aufst�nden k�me. Aber solchen Worten darf man nicht unbedingt Glauben schenken.�</p><p>�Da m�gt Ihr Recht haben�, pflichtete ihm Joshua bei.</p><p>�Dieses Gespr�ch �ber den Geldverfall, der auch die Adeligen betraf, nutzte Guinivevre eigentlich nur dazu, um ihr eigentliches Ansinnen vorzubringen. Sie wies darauf hin, dass die Kathedrale ja zum h�chsten Lobe des g�tigen Gottes erbaut w�rde. Aber ausgerechnet jenem Handwerker, der ma�geblich an der Ausschm�ckung beteiligt gewesen sei, habe man die Werkstatt zerst�rt. Man m�sse ihm Geld zukommen lassen und neue Auftr�ge verschaffen.�</p><p>�Hatte dieser Aufruf Erfolg?�, fragte Henri.</p><p>�Ja, vor allem deswegen, weil sich auch die Geistlichkeit einschaltete, der sehr viel an der Fertigstellung der Kathedrale gelegen war. Guinivevre hatte bei dem angesehensten Chorherrn ihre Aufwartung gemacht, um ihr Anliegen vorzubringen. Diesmal trug sie allerdings Frauenkleider.�</p><p>Sean blickte das M�dchen bewundernd von der Seite an.</p><p>Nicholas kam zum Ende seines Berichtes. �Als der Earl aus Bordeaux zur�ckkehrte und Guinivevre ihm von den Vorg�ngen in Auxerre erz�hlte, erkl�rte sich ihr Vater bereit, den Park mit Keramikfiguren des T�pfermeisters schm�cken zu lassen. Die Brunnenfigur mit den Gesichtsz�gen unserer liebreizenden Guinivevre habt Ihr ja schon bewundern k�nnen.�</p><p>�Euer Werk in Ehren, Meister Nicholas!�, rief Sean. �Aber die lebende ist mir doch lieber. Die Zartheit ihrer Haut kann auch das teuerste Material nicht ersetzen.�</p><p>Henri betrachtete Guinivevre of Annan. Bis jetzt hatte er sie f�r allzu lebenslustig, wenn nicht gar abenteuerlich gehalten. Sie war in seiner Achtung gestiegen. Wenn sein Knappe schon jetzt seine erste Liebe und Erfahrung mit Frauen erleben wollte, dann war Guinivevre of Annan keine schlechte Wahl.</p><p>Nicholas erhob sich und w�nschte seinen G�sten eine gute Nacht. �Mein Gehilfe wird heute bei seiner Mutter �bernachten, sodass f�r die Herren ein Nachtlager zur Verf�gung steht. Meine Frau wird mit mir in die T�pferei zur�ckkehren, um den Brennofen zu beobachten. So steht f�r die Dame ein geb�hrend gro�es Bett zur Verf�gung.� Er l�chelte vielsagend.</p><p>Jeder tat so, als ob er nicht bemerke, wie Guinivevre den Knappen bei der Hand nahm und mit sich f�hrte.</p><p>Henri erhob sich, als die anderen noch schliefen. Er wollte die Fr�hmesse in der Kathedrale besuchen und Gott um seinen Segen f�r das gef�hrliche Vorhaben bitten. Nicholas hatte ihm gesagt, er m�sse unbedingt in die Krypta hinabsteigen, die trotz des w�tenden Brandes vor 200 Jahren unversehrt geblieben sei.</p><p>Henri folgte diesem Rat und bereute es nicht. Denn in dem Tonnengew�lbe hatten auch Fresken die unruhigen Zeiten �berstanden, sogar einen Einsturz der Chorflankent�rme vor 100 Jahren. Henri konnte sich vom Anblick dieser Fresken nicht trennen. Auf einem wei�en Pferd ritt Christus vor einem gro�en Kreuz, zwischen dessen Armen sich reitende Engel befanden. Eine solche Darstellung hatte Henri noch niemals gesehen. Er nahm den reitenden Gottessohn als gutes Vorzeichen.</p><p>Noch waren Handwerker t�tig. Mit dem Bau des Quer- und Langhauses war erst vor wenigen Jahren begonnen worden, obwohl Bischof Guillaume de Seignelay schon im Jahre 1215 den Grundstein zu einem umfassenden gotischen Neubau gelegt hatte. Aber Nicholas, der beim Bau als Handwerker mitgewirkt hatte, vertrat die Ansicht, dass die Arbeiten, trotz des Einsturzes der T�rme, z�gig vorangeschritten w�ren.</p><p>Henri lie� sich von dem Klopfen und H�mmern nicht st�ren. Die Messe wurde f�r ihn zu einem letzten Ruhepunkt vor dem Ritt nach Paris. Denn die bunten Glasfenster erzeugten ein fast schon jenseitiges Licht, das ihn in eine Stimmung fern aller Sorgen und Gefahren versetzte.</p><p>Gest�rkt verlie� er die Kathedrale, die ihren Namen dem heiligen Sankt Etienne verdankte � dem heiligen Stephanus. Henri erw�hlte ihn als einen Nothelfer f�r den Ritt nach Paris, wo er sein Versprechen einl�sen wollte.�</p></section><section><title><p><strong>18</strong></p></title><p>Seine drei Gef�hrten hatten nichts dagegen einzuwenden, als Henri auch weiterhin einen Ritt entlang des Flusses Yonne vorschlug. �In Montereau m�ndet die Yonne als linker Nebenfluss in die Seine. Wir k�nnten erw�gen, uns von da an auf dem Wasserweg Paris zu n�hern. Vielleicht sch�tzt uns das davor, entdeckt und erkannt zu werden.�</p><p>Joshua nickte. �Wir haben damals Paris auf der Seine verlassen. Das war die richtige Entscheidung. Warum sollte sie diesmal falsch sein?�</p><p>Sean und Guinivevre hatten dem Vorschlag nur oberfl�chlich zugeh�rt. Sie tuschelten und lachten miteinander. Henri begann zu �berlegen, ob die beiden den Gefahren gewachsen waren, die jetzt auf sie zukommen w�rden.</p><p>Ohne Hindernisse ritten sie an den Ufern der Yonne entlang. Es schien so, als ob dieser Fluss seinen wilden Ursprung im Gebirge von Morvan vergessen habe. Er floss ruhig und geradlinig dahin. Bei Einbruch der D�mmerung erreichten sie Montereau.</p><p>�Es w�re unklug, im Freien zu �bernachten�, gab Henri zu bedenken. �Die Bev�lkerung kleiner St�dte ist f�r gew�hnlich sehr argw�hnisch gegen�ber Fremden. Darum wollen wir versuchen, als anst�ndige Kaufleute in einer Herberge um �bernachtung nachzusuchen.�</p><p>Der Wirt besah sich die Fremden von Kopf bis Fu� und begutachtete auch deren Reittiere. Die Pr�fung fiel zu seiner Zufriedenheit aus. �Wenigstens seid Ihr keine Soldaten�, brummte er. �Die wohnen in letzter Zeit st�ndig hier und zahlen nie ihre Zeche.� Er wies ihnen zwei Kammern an, und Guinivevre lie� keinen Zweifel daran, wer in einem der R�ume �bernachten w�rde.</p><p>Henri fasste einen Entschluss, den er schon mehrfach erwogen hatte. Die beiden Verliebten waren nur noch mit sich selbst besch�ftigt. Was um sie herum vorging, nahmen sie nicht mehr wahr. Es w�re doch f�r alle am besten, wenn er die beiden zur heimatlichen Burg an der Loire zur�ckschicken w�rde. Oder doch wenigstens bis nach Auxerre zu Meister Nicholas. Er fragte Joshua nach dessen Meinung.</p><p>�Ich halte dies auch f�r die beste L�sung�, schloss sich Joshua an. �Wir tragen f�r die beiden doch eine gewisse Verantwortung. Es w�re mir schrecklich, wenn Sean und dem M�dchen etwas zusto�en w�rde.�</p><p>�Morgen werde ich den beiden unsere Gr�nde klarmachen�, sagte Henri.</p><p>Joshua hatte noch Bedenken. �Meinst du, dass sie gehorchen werden?�</p><p>�Das lasse nur meine Sorge sein�, erwiderte Henri mit fester Stimme. �Ein Knappe darf sich nicht den Anordnungen seines Herrn widersetzen. Und eine Frau schon gar nicht.�</p><p>Joshua erlaubte sich ein L�cheln. �Lieber Henri, die Zeit, als du ein Templerknappe warst, ist schon lange vor�ber.�</p><p>Am n�chsten Tag aber, ehe Henri seinen Entschluss in die Tat umsetzen konnte, geschah etwas Unvorhergesehenes. Henri wollte zun�chst die Stadt verlassen, um nicht doch noch erkannt zu werden. Dort, wo die Yonne in die Seine m�ndete, hatte er eine Rast geplant, um Sean und Guinivevre seinen Entschluss mitzuteilen.</p><p>Aber sie hatten soeben erst den Marktplatz erreicht, als sie eine Menschenansammlung bemerkten. Sie hatte sich im Kreis um etwas in ihrer Mitte geschart, das Henri nicht sehen konnte. Emp�rte Stimmen wurden laut: �Verfluchter Hund! Ungl�ubige Bestie! Schlagt ihn tot, diesen erb�rmlichen Wurm eines falschen Propheten!�</p><p>Henri bahnte sich einen Weg durch die Menge. Ein Sarazene hatte einen kleinen Teppich ausgebreitet und betete seelenruhig mit dem Gesicht gen Mekka. Wie konnte ein Mensch so leichtsinnig sein und die Gefahr derart auf die leichte Schulter nehmen? Die aufgebrachte Menge w�rde den Araber lynchen, wenn er jetzt nicht eingriff.</p><p>�Geht zur�ck, Leute!�, rief er laut. �Dieser Ungl�ubige ist es nicht wert, dass ihr euch mit seinem Blut die Finger beschmutzt. Lasst mich das mit meinem Dolch erledigen!� Er trat vor und riss den Mauren an den Haaren hoch. �Bist du von Sinnen?�, zischte er ihm zu.</p><p>Der Sarazene zog eine Damaszenerklinge aus seiner Burda und lie� die Waffe durch die Luft kreisen. Die Menge schrie laut auf.</p><p>�Ihr wagt es, mich ungl�ubig zu nennen?�, rief der Araber w�tend. �Es gibt nur einen Gott! Und Muhammad ist sein Prophet. Wer nicht daran glaubt, der ist ein Ungl�ubiger, nicht etwa wir Sarazenen.�</p><p>Henri setzte ihm die Spitze seines Dolches auf die Brust. �Schw�rt Eurem Irrglauben ab! Sonst werde ich Euch t�ten, so wahr mir Gott helfe!� Die Menge klatschte begeistert Beifall. Solche spontanen K�mpfe waren � neben den Hinrichtungen und den Vorf�hrungen der Gaukler � die einzige Unterhaltung, die sie in ihrem Leben hatten.</p><p>Der Anh�nger des Propheten lachte h�hnisch. �Euer Papst ist eine elende Kreatur, die nur von K�nig Philipps Gnaden lebt. K�nig Philipp aber ist ein M�rder, der nicht davor zur�ckschreckt, unschuldige Menschen hinzurichten. Das Volk aber unterdr�ckt er mit seinen Steuern.� Diesmal blieb die Menge stumm.</p><p>Henri wollte Zeit gewinnen. �Wagst du es, unseren K�nig zu verunglimpfen? Knie nieder und leiste Abbitte!�</p><p>Statt diesem Befehl zu gehorchen, schlug der Sarazene die Spitze des Dolches von der gef�hrlichen N�he seiner Kehle fort, wirbelte seine Damaszenerklinge durch die Luft und n�herte sich bedrohlich Henris Gesicht. �Bist du nicht auch ein williger Untertan dieses verbrecherischen K�nigs Philipp? Dann hast auch du den Tod verdient.�</p><p>�Warum hilfst du ihm nicht?�, wandte sich Sean erregt an Joshua. �Siehst du nicht, was dieser Ungl�ubige im Schilde f�hrt? Er will Henri blenden.�</p><p>Joshua blieb ruhig stehen. �Heute ist Sabbat. Der Herr hat uns Juden verboten, an diesem Tag zu k�mpfen. Ich werde den Herrn bitten, dass er Henri den Sieg in diesem Kampf schenkt.�</p><p>�Das ist doch verr�ckt!�, schrie Sean. �Wenn mir Henri nicht unter Androhung von Schl�gen verboten h�tte, ohne seine Zustimmung in einen Kampf einzugreifen, dann w�rde ich ihm mit meiner Lanze beistehen.�</p><p>Joshua hielt ihn am Kragen fest. �Henri hat im Heiligen Land schon oft gegen die Ungl�ubigen gek�mpft. Er wei�, was zu tun ist. Bisher ist er aus allen K�mpfen als Sieger hervorgegangen.�</p><p>Guinivevre hielt den Augenblick f�r gekommen, sich in diese Auseinandersetzung einzuschalten. �Auch ich verbiete dir, auf den Kampfplatz zu springen, um da den Helden zu spielen. Ich m�chte nicht, dass mein Geliebter von dem Dolch eines Sarazenen get�tet wird.� Sie stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor Sean.</p><p>Der Kampf wogte ohne Entscheidung hin und her. Die Zuschauer, die gerade eben noch lauthals den Tod des Sarazenen gefordert hatten, standen unschl�ssig und bald auch gelangweilt herum. Da wollte kein Blut flie�en! Mut hatte der Fremdl�nder ja � stimmte es dann vielleicht gar, was dieser Ungl�ubige behauptete? Sie h�tten gern ihren Pfarrherrn gefragt und schickten einen jungen Burschen zum Haus des Geistlichen. Was die Lehren der Kirche waren, das wussten sie so genau nicht � aber sie wussten nur zu genau, dass jeder, der davon abwich, ein Ketzer war und in der H�lle schmoren musste. Es war also nie verkehrt, sich lieber einmal r�ckzuversichern.</p><p>Henri suchte nach einer M�glichkeit, den Kampf zu beenden, ehe der Geistliche sich einmischen konnte. Vielleicht w�rde dieser kraft seines Amtes den Sarazenen arretieren und den B�tteln �bergeben. Darum gab sich Henri laut als Gegner K�nig Philipps zu erkennen. �Eher geht ein Kamel durchs Nadel�hr, als dass dieser verfluchte K�nig Philipp ins Himmelreich eingeht!�, rief er emp�rt.</p><p>Der Maure blickte Henri am�siert an: �So kennt Ihr unseren Koran?�</p><p>Henri sch�ttelte emp�rt den Kopf. �Euer G�tzenbuch? Jesus Christus mag mich davor bewahren, jemals auch nur ein Wort daraus zu lesen. Nein, ich f�hre unser heiligstes Evangelium an, das 19. Kapitel der frohen Botschaft nach Matth�us. Oder schlagt nach bei Lukas im 18. oder bei Markus im 10. Kapitel! Dann schreibt Euch den Vers hinter die Ohren, ehe ich ihn Euch einbl�ue: �Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadel�hr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.��</p><p>Die Leute begannen, sich entt�uscht zu zerstreuen. Die biblischen Er�rterungen wurden ihnen langweilig. Es wurde immer offensichtlicher, dass es bei diesem Kampf weder Gewinner noch Verlierer gab, vor allem aber kein Blut. Nicht einmal die Stricke, die einige aus ihrem Haus geholt hatten, kamen zum Einsatz. Allzu gern h�tten sie den Ungl�ubigen aufgekn�pft. Die Frauen schickten ihre Kinder nach Hause, die mit offenen M�ndern diesem Schauspiel zugeschaut hatten. Es gab wohl nichts mehr zu sehen, wenn sich diese Herren Ritter auf eine langwierige theologische Disputation verlegten. H�tte doch nur der feine Herr dem Ungl�ubigen den Kopf abgeschlagen!</p><p>Aber der Sarazene lie� Henri nicht das letzte Wort. �Ihr irrt, Ritter! Ich wei�, dass Ihr den allerheiligsten Koran angef�hrt habt, die siebte Sure mit dem Namen Al A�raf, die H�hen: �Die unsere Zeichen verwerfen und sich mit Verachtung von ihnen abwenden, denen werden die Pforten des Himmels nicht aufgemacht, noch werden sie in den Garten eingehen, ehe denn ein Kamel durch ein Nadel�hr geht. So strafen wir die Misset�ter.� Das d�rft Ihr Euch hinter die Ohren schreiben, denn Ihr geh�rt zu den Misset�tern.�</p><p>Inzwischen waren auch die letzten Leute, die sich ein blutiges Schauspiel erwartet hatten, entt�uscht in ihre H�user zur�ckgekehrt.</p><p>Henri schwang sich in den Sattel und winkte seinen Gef�hrten, ihm zu folgen. �Wir m�ssen hier verschwinden. Unser Ziel ist das Ufer, wo die Yonne in die Seine m�ndet. Beeilt euch!�</p><p>Sean z�gerte. �Wollen wir denn wirklich den Sarazenen laufen lassen?�, fragte er unschl�ssig. �Ich w�rde diesem Ungl�ubigen allzu gern einen Denkzettel verpassen.�</p><p>�Steig auf und halt den Mund!�, rief Henri ihm zu. �Wer hier wem was verpasst, bestimme immer noch ich.�</p><p>Guinivevre warf Henri einen bitterb�sen Blick zu, ehe sie seiner Aufforderung folgte und in den Sattel sprang.</p><p>Da kam endlich auch der Pfarrherr mit fliegender Soutane �ber den Platz geeilt und schaute sich verdutzt um. �Wo ist der Ungl�ubige?� Doch der Platz war l�ngst leer.</p><p>Henri erreichte den vereinbarten Treffpunkt als Erster. Nach ihm traf Uthman ein. �Mein arabischer Barq ist deinem Reittier bei weitem �berlegen. Barq, der Blitz, macht seinem Namen eben alle Ehre.�</p><p>�Das will ich hoffen�, erwiderte Uthman und umarmte nun Henri herzlich. �Denn er stammt schlie�lich aus demselben Land, in dem ich geboren wurde.�</p><p>Noch waren die anderen nicht eingetroffen. Darum konnte sich Henri nicht enthalten, nach Leila zu fragen. �Wie geht es deiner Schwester? Ist sie gl�cklich, oder leidet sie unter ihrem gr�sslichen Ehemann?�</p><p>Uthmann zog eine Grimasse. Sein Gesicht verfinsterte sich. Aber er blieb die Antwort schuldig, denn soeben trafen auch die anderen Reiter ein.</p><p>Uthman trat auf Sean zu und hob ihn ohne besondere Kraftanstrengung aus dem Sattel. �Hier ist also der junge Mann, der mir einen Denkzettel geben wollte. Nur zu! Zieh deinen Dolch und mache dich zum Kampf bereit!�</p><p>Guinivevre warf sich dazwischen. �Sch�mt Ihr Euch nicht, ungl�ubiger Hundesohn, mit einem so viel Kleineren und Schw�cheren k�mpfen zu wollen?�</p><p>Henri wartete belustigt ab, wie diese Auseinandersetzung verlaufen w�rde.</p><p>�Ah, da gibt es noch so einen Milchbart, der dir zur Seite springen m�chte! Ich will es gerne mit euch aufnehmen!� Uthman warf seinen Dolch weg, ergriff die beiden an den Handgelenken und warf sie zu Boden. �Wer von euch m�chte als Erster eine Tracht Pr�gel beziehen?�</p><p>Henri trat dazwischen. �Das reicht, Uthman. Der eine der beiden Jungen ist ein M�dchen. Sie ist die Tochter des Earl of Annan. Ich m�chte nicht, dass sie eine Verletzung davontr�gt.�</p><p>�Schade�, meinte Uthman. �Wer M�nnerkleidung anlegt, muss daf�r auch gerade stehen.�</p><p>Sean war aufgestanden und stellte sich vor Guinivevre. �Wage nur ja nicht, dieses M�dchen anzufassen! Sie ist meine Geliebte.�</p><p>Uthman trat zur�ck. �Henri ist der beste Freund, den ich jemals besessen habe. Denn er hat meinem Vater in Akkon das Leben gerettet, und wir beide haben gemeinsam einen weiten Weg durch Syrien zur�ckgelegt. Zeige doch bitte deinen Talisman, mein Freund!�</p><p>Henri zog an dem ledernen Band die syrische M�nze hervor und zeigte sie den anderen. �Diese M�nze schenkte mir Umar in dem Kampf um Akkon, als ich Uthmans Vater unter Tr�mmern hervorzog und ihm die Gefangenschaft ersparte.�</p><p>�Oh, wie dumm war ich!�, rief Sean, der jetzt endlich begriffen hatte. �Jetzt wei� ich, wer dieser Sarazene hier ist. Vergebt mir, Herr!�</p><p>Henri wies auf das Wasser, das im Licht der untergehenden Sonne eine blutrote F�rbung angenommen hatte. �Wir wollen froh sein, dass uns allen das echte Blut eines Freundes erspart blieb.�</p><p>Joshua stand ein wenig abseits. Er f�rchtete, dass ihn die anderen verachten w�rden, weil er Henri nicht zu Hilfe gekommen war. Aber Henri ging auf ihn zu und legte ihm den Arm um die Schultern. �Du siehst bek�mmert aus. Aber dazu besteht kein Grund. Ich wei�, dass du mich nicht im Stich gelassen h�ttest, wenn ich in ernsthafte Gefahr geraten w�re.�</p><p>�Ich danke dir f�r deine Worte�, erwiderte Joshua. Er wusste, dass er bei seinem Freund immer Verst�ndnis finden w�rde.</p><p>Sie lagerten oberhalb der Stelle, wo die Yonne sich mit der Seine vereinigte. Einige Lastk�hne bewegten sich schnell stromabw�rts.</p><p>�Ob die uns wohl mitnehmen?�, fragte Sean. �Ich habe noch nie eine Flussfahrt gemacht. Darauf freue ich mich schon.�</p><p>Henri fiel seine nachfolgende Rede schwer. Er wusste nicht, wie er Sean beibringen sollte, dass nun eine Trennung bevorstand. Er winkte ihm, dass er sich neben ihm auf einem Baumstumpf niederlassen solle. �M�chtest du wirklich mit ansehen, wenn wir den K�nig umbringen? War dir nicht schon der Anblick des get�teten Ritters schrecklich? Er lag in seinem Blute, und die Augen blickten leblos und starr zu den Balken der Decke.�</p><p>Sean sch�ttelte sich. �Das war furchtbar. Ich w�nsche mir, dass Guinivevre niemals so etwas sehen muss.�</p><p>Er f�hlte Verantwortung f�r das M�dchen. Henri war beinahe ger�hrt. �Wei�t du, Sean, dass wir bei unserer Tat vielleicht gefasst und f�r immer im Verlies eingekerkert, wenn nicht gar gefoltert werden? Was wird dann aus Guinivevre? Man wird mit ihr das machen, was der Ritter Magdalene zuf�gte.�</p><p>Sean sah ihn erschrocken an. Seine Augen wurden rund und gro�. �Du bist noch nie erwischt worden und wirst uns schon aus der Klemme helfen, wenn wir so dumm sind, uns erwischen zu lassen.� Sein Vertrauen zu seinem Herrn war unersch�tterlich.</p><p>Henri f�hlte, dass ihm die Trennung von seinem Knappen sehr schwer fallen w�rde. Aber es musste sein. Er wollte Sean und das M�dchen nicht in eine Gefahr bringen, die auch f�r erwachsene M�nner unabsehbar schwer zu bew�ltigen war.</p><p>�Wir m�ssen an Guinivevre denken�, sagte er. �Du tr�gst jetzt eine gro�e Verantwortung. Es ist besser, wenn du sie zu ihrem Vater in die Burg an der Loire bringst, oder doch wenigstens zu Nicholas, der sie besch�tzen wird.�</p><p>�Ich will aber bei dir bleiben�, jammerte Sean. �In M�nnerkleidung wird auch Guinivevre ihren Mann stehen.�</p><p>Henri f�hlte sich elend, weil er hart bleiben musste. Er hatte in Akkon zu viele junge M�nner sterben sehen, auf die zu Hause vergeblich M�tter, Frauen und Kinder warteten. �Nur zu gerne m�chte ich dich bei mir behalten�, versicherte er dem Jungen. �Aber denke auch an deine Mutter, der ich versprochen habe, dich zu beh�ten.�</p><p>�Wenn du es f�r richtig h�ltst, dann muss es auch mir recht sein�, r�umte Sean schweren Herzens ein. �Aber versprich mir, dass wir uns in Beaumont wieder sehen werden!�</p><p>Henri reichte ihm die Hand. �Ich verspreche es bei Gott und allen Heiligen.�</p><p>Am n�chsten Morgen begaben sich Sean und Guinivevre auf den Heimritt. Henri umarmte seinen Knappen und f�llte ihm die Taschen mit M�nzen. �Du bist jetzt ein Mann. Benutze deine Lanze, wenn du es f�r n�tig erachtest! Vor allem aber: Wenn du einmal traurig bist, singe eins deiner fr�hlichen Lieder!�</p><p>Guinivevre hatte die letzten Worte geh�rt. �Ich werde ihm eine Schw�gel schenken. Als Musikanten werden wir �berall beliebt sein und ein Unterkommen finden.� Eine Schw�gel war eine kleine klappenlose Querfl�te mit drei Griffl�chern.</p><p>�Du bist ein tapferes M�dchen�, sagte Henri. �Wenn ihr weiter zusammenhaltet, ist mir um euch nicht bange.�</p><p>Er schaute ihnen nach, w�hrend sie den H�gel hinabritten, bis sie die Yonne erreicht hatten. Seans Lied schallte zu ihm herauf.</p><p>Henri war sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Er wandte sich Uthman zu. �Das war sehr leichtsinnig von dir, vor einem Pfarrhaus deinen Teppich auszubreiten, um mit dem Gesicht nach Mekka zu beten.�</p><p>Uthman machte eine wegwerfende Geste. �So waghalsig war das gar nicht. Ich konnte mir vorstellen, dass es nach Paris f�r dich nur diesen einen Weg geben konnte. Da habe ich eben in Montereau gewartet. Wir waren lange genug beieinander. Darum kenne ich deine Strategie. Erst als ich dich und deine Begleiter kommen sah, habe ich meinen Teppich ausgebreitet.�</p><p>�Da hattest du Gl�ck. Der Zufall hat dir geholfen.�</p><p>�Das Schicksal, die Sterne und Allah�, behauptete Uthman. �Einen Tag, nachdem du abgereist warst, habe auch ich mich auf den Weg gemacht. Die beunruhigenden Nachrichten, die von franz�sischen Fl�chtlingen nach Cordoba �berbracht wurden, lie�en mich B�ses ahnen. Ich kannte dich gen�gend, um mir vorstellen zu k�nnen, dass du dich in irgendein gef�hrliches Abenteuer st�rzen w�rdest.�</p><p>Joshua konnte es nicht lassen, zustimmend zu nicken. Henri nahm ihm dies nicht �bel. Er hatte ja Recht.</p><p>�Als dein Freund wollte ich dich nicht im Stich lassen�, fuhr Uthman fort. �Ich bin weit durch Frankreich geritten, um dich zu finden. Auch die W�lder rings um Fontainebleau habe ich durchsucht. So gut kannst du dich nicht verbergen, dass ich dich nicht aufst�berte.�</p><p>Henri, der eben noch �ber den immer zuversichtlichen Uthman gel�chelt hatte, wurde ernst. �Joshua und ich sind auf dem Weg nach Paris. Wir werden Philipp t�ten. Denn seine Verbrechen d�rfen nicht unges�hnt bleiben. Er wird durch unsere H�nde sterben.�</p><p>Die beiden anderen nickten. �So soll es sein.��</p></section><section><title><p><strong>19</strong></p></title><p>Als es d�mmerte, setzten sich die drei Verschw�rer zu einer Besprechung um ein Lagerfeuer. �Wir wollen die Flammen niedrig halten�, warnte Henri. �Ich bin besorgt. Wir sind sehr nahe bei Fontainebleau.�</p><p>Aber Uthman beruhigte ihn. �Ich war vor kurzem dort. Der k�nigliche Tross ist abger�ckt. Nur die Stallmeister und J�ger halten sich noch in den Nebengeb�uden auf.�</p><p>�Hat dich irgendjemand gesehen, der dich wieder erkennen k�nnte?�</p><p>Uthman tat emp�rt. �F�r wie dumm h�ltst du mich? Ich habe den Waldrand nie verlassen.�</p><p>�Trotzdem schlage ich vor, dass wir bis Melun abseits der Seine weiterreiten. Dort suchen wir im Hafengel�nde nach einem Lastkahn. Irgendein Schiffer wird sich schon bereit erkl�ren, uns bis Paris mitzunehmen.�</p><p>Joshua, der nachdenklich zu Boden geschaut hatte, nickte zustimmend. �Der Plan ist gut. Dennoch m�chte ich noch etwas hinzuf�gen. Du wei�t, Henri, dass ich fr�her einige Zeit in Gambais, westlich von Paris, gelebt habe. Vielleicht k�nnte mich dort jemand erkennen. Falls der Lastkahn Paris durchqueren sollte, um den Kurs zur Seinebucht einzuschlagen, sollten wir bis zu einer n�rdlichen Landungsbr�cke an Bord bleiben.�</p><p>Henri zog seine Karte hervor. �Das scheint mir ein guter Vorschlag zu sein. Morgen in aller Fr�he wollen wir aufbrechen. Montereau brennt mir schon unter den Fu�sohlen.�</p><p>�Schade, dass du diesen Ort so schnell verlassen willst�, meinte Uthman mit gespielt trauriger Stimme. �Ich h�tte gerne noch einmal vor dem Pfarrhaus zu Allah gebetet.�</p><p>Henri konnte diese Bemerkung nicht lustig finden. �So etwas h�tte auch Sean sagen k�nnen. Du m�chtest mir mit deinen Scherzen wohl die Trennung von meinem Knappen erleichtern. Aber bist du nicht schon zu erwachsen f�r derartige W�nsche?�</p><p>�Pah, sei nicht gar so ernst!�, brummte Uthman, rollte sich in seine Satteldecke ein und drehte den anderen beiden den R�cken zu.</p><p>Aber Henri zog ihm die Decke von den Schultern. �Mir ist da soeben ein guter Gedanke gekommen. Falls das Geld nicht reicht, um den Schiffer zu bezahlen, werden wir ihm deine Arbeitskraft anbieten. Der syrische Schiffseigner hat dich auf unserer �berfahrt ausgezeichnet geschult. Im Scheuern des Decks bist du geradezu ein Meister.�</p><p>Uthman fuhr kerzengerade hoch. �Da habe ich einen noch viel besseren Vorschlag. Sicher wird der Seineschiffer mir eine h�bsche Summe Goldm�nzen aush�ndigen, falls ich ihm verrate, wen er da an Bord hat. K�nig Philipp wird ihn reich entlohnen, wenn der Schiffer ihm den lang gesuchten Templer Henri de Roslin ausliefert.�</p><p>�Was soll denn dieses elende Geschw�tz?�, fuhr Joshua dazwischen. �Jetzt ist nicht der rechte Zeitpunkt, um dumme Scherze auszutauschen. Ich lasse jetzt das Feuer ausgehen. Vielleicht k�hlt die n�chtliche K�lte eure Gem�ter ab.�</p><p>Die Nacht war tats�chlich kalt, und die ersten Sonnenstrahlen brachten keine W�rme. Dichter dunkelgrauer Nebel h�llte das Flussbett ein. Die Uferwiesen schimmerten wei�, als ob der M�rz noch einmal Frost gebracht h�tte. Die Pferde, denen sie die Satteldecken genommen hatten, um sich darin einzuh�llen, stampften ungeduldig mit den Hufen. Sie sehnten sich ebenso nach w�rmender Bewegung wie ihre Reiter, die ihnen gar nicht schnell genug Sattel und Zaumzeug anlegen konnten.</p><p>�Wir m�ssen eine Furt suchen, um das andere Flussufer zu erreichen�, sagte Henri, der vor dem Aufbruch die Karte studiert hatte. Aber die schiffbare Seine verwehrte ihnen zun�chst den �bergang, sodass sie ein St�ck an den Ufern der Yonne zur�ckreiten mussten. �Das ist allemal besser als die N�he von Fontainebleau�, tr�stete Henri, als sie in dem eisigen Wasser den Fluss durchquerten.</p><p>Da sich die Luft nur langsam erw�rmte, hatten sie eine schnelle Gangart vorgelegt. Mehrmals lie�en sie die Pferde in der Ebene galoppieren. So erreichten sie eher als erwartet den Ort Melun an der Seine. Am Pier ankerten zahlreiche Lastk�hne. Einige waren mit hohen T�rmen von Brennholz beladen, das wohl f�r Paris gedacht war. Henri und Joshua mussten beide an den schrecklichen Tag denken, als die Gro�meister des Templerordens den Feuertod auf dem Scheiterhaufen erlitten hatten. Der Anblick des Holzes war ihnen schrecklich. Sie wandten sich ab.</p><p>Nur Uthman, dem dieses furchtbare Schauspiel erspart geblieben war, wies zum Hafen. �Da haben wir ja reiche Auswahl�, meinte er frohlockend.</p><p>�Die Schwierigkeit besteht aber darin, ein Schiff zu finden, das seinen Weg stromabw�rts nimmt�, erkl�rte Henri. �Sonst kommen wir wieder da an, wo wir gerade herkommen, n�mlich im Gebirge.�</p><p>�W�re es nicht da vielleicht am besten, wenn wir eine Wirtsstube aufsuchen w�rden, wo die Schiffer verkehren? Falls wir uns als verm�gende Kaufleute ausgeben, werden wir schon einen Schiffseigner finden, der uns mit an Bord nimmt.� Uthman war wie immer zuversichtlich.</p><p>Joshua �u�erte noch Bedenken. �Aber der Schiffer m�sste schon einen zuverl�ssigen Eindruck machen. Sonst nimmt er uns unsere B�ndel ab und wirft uns den Fischen zum Fra� vor.�</p><p>�Da hast du gar nicht so Unrecht�, gab Henri zu. �Wir werden also darauf achten, dass der Besitzer des Lastkahns nicht zu viele Gehilfen hat. Zu dritt werden wir schon einen Angriff mit unseren Waffen abwehren k�nnen, wenn es denn sein muss.�</p><p>�Meine Damaszenerklinge wird irgendwelche Banditen schon das F�rchten lehren�, sagte Uthman siegesgewiss.</p><p>Sie w�hlten ein Wirtshaus, das eine wei�e Fassade aufwies, auf der ein riesiges Schiff mit blauen Segeln aufgemalt war. In der Gaststube sa�en an den blitzblank gescheuerten Holztischen einige M�nner und w�rfelten. Sie warfen nur einen kurzen Blick auf die drei fremden Reiter und widmeten sich wieder ihrem Spiel. Aber es dauerte nicht lange, da kam es zu einem lautstarken Streit.</p><p>�Nimm die W�rfel nicht so schnell vom Tisch, ehe wir die Augenzahl gepr�ft haben!�</p><p>�Dich kennt ja jeder als einen Betr�ger! Ich h�tte mich gar nicht mit dir auf ein Spiel einlassen sollen.�</p><p>�Einen Betr�ger nennst du mich? Das sollst du mir b��en.�</p><p>Der Gescholtene verabreichte seinem Mitspieler eine schallende Ohrfeige.</p><p>Der dritte der M�nner versuchte, die Gegner zu vers�hnen. Vergeblich! Die beiden Streith�hne br�llten sich an, sprangen auf und packten sich gegenseitig am Kragen. Der, den sie einen Betr�ger nannten, hob den Tisch an. Die W�rfel fielen zu Boden und kollerten durch die Wirtsstube.</p><p>�Ruhe!�, schrie der Wirt. Aber da keiner davon Notiz nahm, sprang er mit einem Kn�ppel herbei und schwang ihn drohend durch die Luft. Die beiden Streith�hne hatten anscheinend schon einmal Erfahrung mit dem Kn�ppel des Wirts gemacht. �Sauf dein Bier allein!�, schrie der eine w�tend, und der andere f�gte hinzu: �Dein Bier ist ohnehin kaum genie�bar. Jedem im Ort ist bekannt, dass du dein Bier mit Wasser auff�llst.�</p><p>Der Wirt geriet in Wut, wagte aber nicht, den vierschr�tigen Mann f�r seine Beleidigung zu bestrafen. �Pierre�, rief er dem Schankburschen zu. �Hole die B�ttel!�</p><p>Eilig verlie�en die drei Spieler die Schankwirtschaft. �Mit diesen Schiffern gibt es immer �rger�, beklagte sich der Wirt bei Henri. �Mir w�re es lieb, wenn nur solche gesitteten Herren meine G�ste w�ren, wie Ihr es seid. Ich habe Euch bis jetzt noch nicht hier gesehen. Wo kommt Ihr her, und wohin geht Ihr?�</p><p>Uthman missfiel die Neugierde des Wirtes. Er stand auf und neigte sich zu Henri hinab. �Ich sehe mich jetzt einmal am Hafen um�, fl�sterte er m�glichst leise.</p><p>Aber auch Henri blieb eine Antwort erspart. Denn die T�re �ffnete sich, und einige M�nner kamen hereingetorkelt, die anscheinend schon einer anderen Wirtschaft einen Besuch abgestattet hatten. Auff�llig lang starrten sie Henri und Joshua an. �Seit wann verkehren bei dir solche feinen Herren?�, fragte ein pockennarbiger Kerl den Wirt.</p><p>�Setzt euch hin, und lasst mir meine G�ste in Ruhe!�, gab der Wirt ver�rgert zur Antwort, denn er hatte sich von Henri und Joshua eine reiche Zeche erwartet. �Gestern �berall Soldaten�, schimpfte er, �und heute diese Trunkenbolde.�</p><p>Der Pockennarbige und einer seiner Gef�hrten traten an den Tisch heran, an dem sich Henri und Joshua niedergelassen hatten. Henri klappte seine Landkarte zu, in die er sich soeben vertiefen wollte.</p><p>Mit einem unerwarteten Ruck brachte sich der Pockennarbige in den Besitz der Karte. Das Papier, das von der langen Reise d�nn und m�rbe geworden war, riss in der Mitte auseinander. Henri erhob sich zu seiner vollen Gr��e. Seine Hand lag auf dem Griff des Dolches. �Geh schon mal nach drau�en, Joshua!�</p><p>Aber Joshua sch�ttelte den Kopf. �Heute ist kein Sabbat�, fl�sterte er, �diesmal helfe ich dir!�</p><p>Auch der dritte der Betrunkenen r�ckte n�her heran und deutete hohnlachend auf Joshua. �Seht euch diese magere halbe Portion an! Da gen�gt eine kleine Rempelei, und der arme Wicht liegt unter dem Tisch.�</p><p>Der Wirt hatte sich hinter den Tresen verzogen. Mit diesen Kerlen hatte er schon �fter b�se Erfahrungen gemacht. Er duckte sich hinter die Holzverschalung.</p><p>�Halte mir den R�cken frei, Joshua. Du brauchst dich nicht zu sch�men, falls wir fl�chten m�ssen.�</p><p>Henri hatte einen Angriff erwartet. Aber der Pockennarbige stierte ihn nur an und rief seine Kumpane herbei. �Erinnert ihr euch daran, dass vor ein paar Tagen ein Abgesandter des K�nigs durch alle Gasth�fe streifte und die Beschreibung eines Mannes gab, der diesem hier aufs Haar glich?�</p><p>Einer der Kerle konnte nur mit M�he seine Augen aufrei�en. Er legte seinen Kopf auf die ausgestreckten Arme und schlief sogleich ein. �Dummkopf!�, schrie der Pockennarbige. �Der Abgesandte des K�nigs hat gesagt, dass dieser gesuchte Mann ein entlaufener M�nch sei und sich mit dem ganzen Klosterverm�gen davongemacht h�tte. Wer ihn einf�ngt und ausliefert, wird mit einer h�bschen Summe belohnt. Hilf mit, sonst gehst du leer aus!�</p><p>Diese Worte gen�gten, um den Betrunkenen wieder zum Leben zu erwecken. Der andere Kumpan l�ste ein Seil von der H�fte, das seine viel zu weite Hose festgehalten hatte. �Ich bin dabei. Pack ihn! Wir werden ihn fesseln.�</p><p>Henri stie� Joshua energisch zur T�r. �Laufe zum Hafen und versuche, Uthman zu finden.�</p><p>Aber Joshua hatte noch nicht den Ausgang erreicht, als die T�r mit einem solchen Schwung ge�ffnet wurde, dass sie mit Donnerget�se hinten gegen die Mauer krachte. Uthman st�rzte herein. �Ich bin schon hier.�</p><p>�Binde die Pferde drau�en vom Eisenring los und f�hre sie zum Pier, Joshua! Wir werden in K�rze folgen! Hier wird es bald einen lustigen Tanz geben.� Er wirbelte seine Damaszenerklinge durch die Luft und r�ckte nahe an den Pockennarbigen heran. �Du hast ein sch�nes Punktemuster auf deiner Visage. Das m�chte ich noch mit zwei Strichen verfeinern.� Ehe der Mann ihn angreifen oder ausweichen konnte, hatte er ihm rechts und links die Wange aufgeschlitzt.</p><p>Mit gellendem Geschrei st�rzte der Verletzte auf den harten Dielenboden, auf dem sich sogleich das Blut zu einer Pf�tze ausbreitete.</p><p>�Nimm du dir den schl�frigen S�ufer vor!�, rief Uthman Henri zu. �Ich �bernehme den anderen, der es so eilig mit seinem Seil hatte. Das h�tte er lieber behalten sollen, um seine Hose damit zu befestigen.�</p><p>Der Kerl, der eben noch gro�sprecherisch mit seinen Fesselk�nsten geprahlt hatte, wich zur Mauer zur�ck. �Erbarmt Euch, Herr! Ich bin nur ein armer Schifferknecht, der dem Eigner gehorchen muss. Er hat mich zu diesem Kampf angestiftet.�</p><p>�Das kann schon sein�, erwiderte Uthman mit einem L�cheln. Aber im Gegensatz zu seinem freundlichen Gesichtsausdruck riss er dem Mann, der auf die Knie gefallen war, den Strick aus den F�usten und schlang ihn um den Hals des jammernden Schifferknechtes.</p><p>Henri hatte mit dem Betrunkenen keine M�he gehabt. Es hatte gen�gt, ihm ein paar kr�ftige Maulschellen zu verabreichen, um den Mann in Tiefschlaf zu versetzen. Er sah, dass dem Geschlagenen Blut aus dem Ohr rann. Das hatte er eigentlich nicht beabsichtigt. Erst jetzt bemerkte er, dass Uthman das Seil um den Hals des Mannes so kr�ftig zusammenzog, dass dessen Augen hervorquollen.</p><p>�Das muss gen�gen, Uthman. Dieser Mensch ist ohnm�chtig. Er kann uns mit Sicherheit nicht verfolgen. Lass von ihm ab!�</p><p>Uthman klopfte Henri auf die Schulter. �Du bist eben doch ein M�nch und kein Krieger. Wir m�ssen uns eiligst aus dem Staub machen. Ich habe im Hafen den Eigner eines Lastkahns aufgetrieben, der uns und die Pferde mitnehmen will. Seine Geldforderung klang nicht gar zu unversch�mt.�</p><p>Atemlos erreichten sie den Hafen, wo Joshua sie ungeduldig erwartete. �ber einen h�lzernen Steg f�hrten sie ihre Reittiere an Bord. Der Eigner war ein �lterer Mann mit einem windgegerbten Gesicht. Aber er begn�gte sich trotz seines Alters mit einem einzigen Schifferknecht. �Stromabw�rts gen�gt ein t�chtiger Helfer�, erkl�rte er. �Aber wenn es stromaufw�rts geht, brauche ich mehrere Knechte, die mein Schiff am Ufer entlang ziehen.�</p><p>�Wir sind Euch sehr dankbar�, sagte Henri und w�hlte diese Worte nicht aus H�flichkeit. Er deutete auf Uthman. �Dieser junge Mann hier versteht etwas von der Arbeit an Bord. Wenn Not am Mann ist, wird er Euch gerne helfen.� Er h�tte beinahe einen Schrei ausgesto�en. Denn Uthman hatte ihn kr�ftig gegen das Schienbein getreten.</p><p>Der Schiffsherr winkte seinem Knecht. �L�se die Taue vom Poller! Wir legen jetzt ab.�</p><p>Henri, Joshua und Uthman sahen erleichtert die Silhouette von Melun verschwinden. Das blaue Wasser der Seine rauschte links und rechts an den Bordw�nden entlang. �Ist das nicht eine wundersch�ne Musik?�, meinte Joshua. �Von mir aus kann diese Fahrt ewig dauern.�</p><p>Die beiden anderen nickten. Sie beobachteten die Seinem�wen, die den Lastkahn begleiteten. Das sanfte Schaukeln des Kahns vermittelte ihnen ein Gef�hl der Ruhe und Sicherheit. Keiner der drei wollte diese Stimmung zerst�ren. Niemand sprach von der Gefahr, die sie in Paris erwartete.</p><p>Die Ersch�pfung nach den vergangenen Ereignissen verlieh ihnen einen tiefen Schlaf. Aber Henri hatte seit seiner Erziehung bei den Templern die F�higkeit erlangt, auch im Schlaf jedes ungew�hnliche Ger�usch wahrzunehmen. Er vernahm ein Schaben und Rauschen. Zuerst dachte er an Ratten. Das war nicht weiter schlimm, denn Ratten an Bord lie�en sich sogar als gutes Zeichen deuten. Diese Tiere verlie�en nur ein sinkendes Schiff. Aber er wollte doch nach den Pferden sehen und trat aus seiner engen Koje.</p><p>Was er drau�en auf dem Deck zu sehen bekam, konnte er zuerst kaum glauben. Uthman arbeitete dort mit Wasser und einem Reisigbesen. Er schrubbte das Deck, das die Pferde am Abend zuvor verunreinigt hatten.</p><p>Uthman grinste, als Henri vor ihm auftauchte. �Da staunst du wohl, feiner Herr, der zwar mit Geld, aber nicht mit dem Scheuerbesen umgehen kann. Du wirfst mir vor, dass ich allzu kampfeslustig bin, und hast mich erst heute daran gehindert, das Seil etwas kr�ftiger um den Hals des erb�rmlichen Kerls zu ziehen. Ich kann aber durchaus auch n�tzliche Arbeit leisten.�</p><p>�Also du meinst, ich k�nne nur mit Geld umgehen?�, erwiderte Henri. �Da werde ich dir etwas anderes beweisen. Gib her!� Er wollte Uthman den Besen aus der Hand rei�en. Aber Uthman wehrte sich. In dem Gerangel stie�en sie den Eimer um, und das Wasser ergoss sich �ber ihre F��e.</p><p>�Ich wusste doch gleich, dass du f�r diese Arbeit nicht zu gebrauchen bist�, rief Uthman triumphierend und duckte sich vor einer scherzhaften Maulschelle.</p><p>Sie lachten beide, doch sie wussten, dass es f�r lange Zeit nichts mehr zu lachen geben w�rde. Es klang wie ein Schwur, den sie gegen alle Widerst�nde einl�sen w�rden.�</p></section><section><title><p><strong>20</strong></p></title><p>�Warum wollt ihr nicht weiter mit mir bis zur Seinem�ndung fahren?�, fragte der Eigner des Lastkahns, als sie sich Paris n�herten. �Die Stadt ist schmutzig, und es wimmelt nur so von Dieben und M�rdern, die ahnungslose Fremden in den dunklen Gassen um ihre Barschaft, wenn nicht sogar um ihr Leben bringen.�</p><p>�Nur zu gern w�rden wir mit Euch die Reise an Bord des <emphasis>Albatross</emphasis> fortsetzen�, erwiderte Henri und sch�ttelte bedauernd den Kopf. �Aber wir sind Lederwarenh�ndler und m�ssen in Paris wichtige Gesch�fte abwickeln.�</p><p>Der Schiffer deutete auf Uthman. �K�nnt Ihr nicht wenigstens auf den jungen Burschen hier verzichten? Er ist kr�ftig und anstellig. Ich k�nnte ihn gut gebrauchen, vor allem f�r die R�ckfahrt, wenn der Kahn flussaufw�rts gezogen werden muss. Meinem alten Knecht Laurant fehlen von Mal zu Mal mehr die notwendigen Kr�fte.�</p><p>Uthman grinste vor sich hin und warf sich in die Brust. �Das w�re mir allerdings lieber, als junge Damen davon zu �berzeugen, dass ein T�schchen aus feinstem Kalbsleder h�bscher und bei weitem haltbarer ist als so ein grober Brokatbeutel. Au�erdem ist eine Lederschatulle allemal sicherer gegen Taschendiebe als ein Beutel mit einer weiten �ffnung. F�r einen Langfinger ist es n�mlich dann keine Kunst, mit der Hand hineinzulangen.�</p><p>�Woher hast du nur diese Kenntnisse?�, fragte Joshua und klopfte Uthman auf die Schultern. Ihm gelang es gut, den Ahnungslosen zu spielen. Henri, der die Spitze bei dieser Frage durchaus verstanden hatte, wollte keine Rede und Gegenrede entstehen lassen. Denn Joshua und Uthman konnten sich auf rhetorischem Gebiet durchaus das Wasser reichen und w�rden sich gegenseitig an scharfen Formulierungen �bertreffen wollen. Darum wandte er sich an den Schiffer. �Es tut mir Leid, dass ich Euch meinen t�chtigsten Verk�ufer nicht �berlassen kann. Aber dieser h�bsche junge Bursche hat gerade bei den Pariser Damen gro�en Erfolg. Sie k�nnen seinen gl�nzenden braunen Augen kaum widerstehen. Ohne ihn verkaufen wir nur die H�lfte.�</p><p>Joshua hatte sich �ber die Reling gebeugt und starrte gedankenverloren in die Wellen. Aber seine zuckenden Schultern verrieten, dass er sich das Lachen kaum verbei�en konnte.</p><p>�Schade!�, bedauerte der Schiffseigner. �Aber wenn ihr in Paris noch kein Quartier habt, kann ich euch helfen. Wir legen nordwestlich von Paris hinter der ersten Flussbiegung in Nanterre an. Dort betreibt mein Bruder Robert eine Gastwirtschaft. Wenn ich f�r eure Ehrlichkeit b�rge, wird er euch gern in den Speicherr�umen unterbringen. F�r eure Pferde ist in den Stallungen gen�gend Platz.�</p><p>Kurz vor Sonnenuntergang begab sich Uthman zum Vordersteven des Schiffes, um vielleicht in der Ferne die T�rme des Palais de la Cit� zu entdecken. Aber als er an dem kleinen dunklen Ger�teraum vor�berging, in dem Taue, Ketten und Handwerkszeug aller Art aufbewahrt wurden, f�hlte er sich pl�tzlich von einer kr�ftigen Faust ins Innere gerissen. Er war auf einen solchen Angriff nicht vorbereitet, verfing sich in einer der lose zusammengerollten Ketten und schlug mit dem Kopf auf eine rostige Eisenplatte. Einen Atemzug lang verlor er das Bewusstsein.</p><p>Dieser kurze Augenblick hatte dem Schifferknecht gen�gt, um sich auf Uthman zu werfen und ihm mit einem Seil H�nde und F��e zu fesseln. Der �ltliche Mann keuchte vor Anstrengung. Der Speichel rann ihm aus den Mundwinkeln. Er hatte eine Maurerkelle ergriffen und schlug sie abwechselnd rechts und links dem wehrlosen Uthman �ber die Backen. �Das k�nnte dir wohl so passen, scheinheiliges B�rschchen, mich mit deiner Jugend bei meinem Brotherrn auszustechen, dem ich schon so viele Jahre lang treu gedient habe. Mich bringst du nicht um meinen Verdienst. Wenn ich dich jetzt gefesselt �ber Bord schmei�e, wird kein Hahn mehr nach dir kr�hen.�</p><p>Uthman, dem die Wangen brannten und der f�rchtete, er k�nne bei dieser groben Behandlung einige Z�hne verlieren, spannte alle Muskeln an � denn er sp�rte, dass dem alten Schifferknecht wohl die Kr�fte gefehlt hatten, ihn mit dem Seil fest genug zu binden. Vorsichtig befreite er zun�chst seine Handgelenke von den Fesseln. Er musste Zeit gewinnen. �Aber wie kommst du nur auf solche Gedanken?�, fragte er und gab seiner Stimme einen vers�hnlichen Klang. �Ich bin und bleibe Lederwarenh�ndler und werde es nie zu einem guten Seineschiffer bringen. Noch heute gehen wir von Bord, und ich werde niemals zur�ckkehren.�</p><p>Der Knecht z�gerte und sah ihn zweifelnd an. �Versprichst du bei der heiligen Jungfrau, dass du die Wahrheit sagst?�</p><p>Uthman hatte seine H�nde schon befreit und versuchte nun vorsichtig, aus den Fu�fesseln zu schl�pfen. �Ich verspreche es.� Er nahm sich zwar vor, dieses Versprechen einzuhalten, dachte aber dennoch daran, dass ein Gel�bnis dieser Art vor Allah und dem Propheten ohnehin ung�ltig sei. Es konnte nicht schaden, den Knecht in eine Falle zu locken. �Binde mich jetzt los! Ich werde dir sogar einen h�bschen Lederg�rtel zur Erinnerung schenken.�</p><p>Er beobachtete, dass er mit der Erw�hnung eines Geschenkes die Habgier des Mannes geweckt hatte. Offensichtlich hatte der ahnungslose Schifferknecht noch nicht bemerkt, dass Uthman sich aus den Fesseln befreit hatte. Er legte die Maurerkelle beiseite und b�ckte sich, um die Knoten zu l�sen.</p><p>Uthman war mit einem Sprung auf den Beinen und verabreichte seinem Gegner eine kr�ftige Maulschelle, die ihn zu Boden warf. Mit einer schnellen Bewegung drehte er Laurant auf den Bauch und band ihm H�nde und F��e zusammen. �Du h�ttest besser lernen sollen, wie man Schifferknoten bindet!�, verh�hnte er den jetzt wehrlos gewordenen Angreifer. �F�r einen langj�hrigen Schiffer bist du in dieser Kunst nur mangelhaft bewandert. Vielleicht sollte ich deinem Herrn davon erz�hlen, damit er mir doch deine Arbeit �bertr�gt.�</p><p>Der Knecht versuchte, den Kopf zu wenden, um Uthman in die Augen sehen zu k�nnen. �Aber du hast bei der heiligen Jungfrau geschworen, dass�� Er murmelte noch irgendetwas Unverst�ndliches.</p><p>�Ach ja!�, rief Uthman und tat, als ob er sich erst jetzt an dieses Versprechen erinnerte. �Wie gut, dass du mich ermahnst, dass ich nicht Flussschiffer, sondern ein Lederwarenh�ndler bin. Ich werde dir mit meinem G�rtel die versprochene Erinnerung mit auf deinen weiteren Weg geben.� Mit einem kaum wahrnehmbaren Griff hatte Uthman seinen G�rtel von der H�fte gel�st und lie� ihn mit weit ausholenden Schl�gen zischend auf den R�cken des Knechtes hinabsausen. �So, hier hast du deine Erinnerung! Hoffentlich ein Hinterteil in den gr�nblauen Farben der Seine.�</p><p>Uthman hatte eigentlich nicht vorgehabt, den Mann allzu sehr zu traktieren. Aber pl�tzlich musste er an eine Bestrafung denken, die ein junger Mann �ber sich ergehen lassen musste, der gegen die Gesetze des Islams versto�en hatte. Eigentlich war es ein geringf�giges Vergehen gewesen. Soweit er sich erinnern konnte, hatte der Junge im �bermut ein Glas Wein getrunken. Nach den Peitschenschl�gen hatte man ihn halb ohnm�chtig nach Hause getragen. Aber der Schifferknecht hatte ihm nach dem Leben getrachtet, zumindest hatte er ihm angedroht, ihn gefesselt �ber Bord zu werfen. Da war eine kr�ftigere Bestrafung angebracht als ein paar Schl�ge mit einem Lederg�rtel.</p><p>Er wusste sp�ter selber nicht zu sagen, warum er so in Wut geraten war. Seine Schl�ge wurden immer heftiger. Das Hemd des Mannes riss in Fetzen, und die ungesch�tzte Haut platzte mehrfach auf, sodass Blut aus den Wunden quoll. H�tte Laurant vor Schmerz geschrien, w�re Uthman nicht zur Besinnung gekommen. Aber auf einmal wirkte die Stille wie ein stummes Signal.</p><p>Statt der Wut �berfiel ihn l�hmendes Entsetzen. Ich werde ihn doch nicht totgeschlagen haben?</p><p>Er drehte Laurant auf die Seite und beugte sich �ber ihn. Erst jetzt h�rte er, dass der Geschlagene leise st�hnte. Er sah Uthman aus tr�nenden Augen anklagend an. Uthman f�hlte sich besch�mt. Hatte er alles vergessen, was er in der Bibliothek aus den Schriften der antiken Philosophen gelernt hatte? Was hatte Plato, was hatte Seneca vom Verhalten der Menschen untereinander geschrieben? Hie� es denn nicht in der Sure Al-Anfal, �Allah wollte sie nicht strafen, w�hrend sie um Vergebung suchten�? Er aber hatte wie ein blindw�tiges Tier gehandelt. Pl�tzlich musste er �ber sein eigenes Verhalten weinen.</p><p>Vorsichtig l�ste er die blutigen Fetzen von der Haut des Verletzten, um sie sp�ter �ber Bord zu werden. Er zog sein eigenes Hemd aus, riss es in Streifen und verband damit die Wunden. Weil sich niemand in der N�he sehen lie�, entnahm er seinem B�ndel ein Hemd, das er vor wenigen Wochen gegen eine stattliche Summe in Cordoba erstanden hatte. Behutsam streifte er dem Knecht dieses Kleidungsst�ck �ber den Kopf. �Kannst du aufstehen?�, fragte er Laurant. �St�tze dich auf mich! Ich werde dich jetzt in deine Koje bringen. Wenn du beim Anlegen und Ankern Hilfe brauchst, rufe mich! Es wird die einzige Arbeit sein, die ich noch an Bord verrichten werde.�</p><p>�Danke�, murmelte der Schifferknecht. Er konnte nicht verstehen, warum Uthman pl�tzlich Tr�nen vergossen hatte. Dieser Junge war wirklich nicht f�r den rauen Beruf eines Seineschiffers geeignet. Schlie�lich war er der Sieger in diesem Kampf geblieben. Da gab es doch nichts zu weinen. Es war nicht zum ersten Mal, dass Laurant der Unterlegene geblieben war. Mit zunehmendem Alter geschah das leider immer �fter. Nun w�nschte er fast, dass dieser geschickte K�mpfer als sein Helfer an Bord blieb. Gemeinsam w�ren sie unschlagbar.</p><p>�Was ist dir denn zugesto�en?�, fragte Henri, als er Uthman am Vordersteven des Schiffes begegnete. �Du blutest ja ziemlich heftig. Bist du auf die Nase gefallen?�</p><p>�So k�nnte man es nennen�, erwiderte Uthman. �Ich bin aus blindem Eifer, als Erster die T�rme von Paris zu sehen, �ber einen Teil der Ankerkette gestolpert. Manchmal wird man f�r seinen Ehrgeiz eben bestraft.� Er beugte sich �ber die Reling, spuckte aus und sah einen Zahn in den Wellen verschwinden.</p><p>Sie mussten aber noch lange warten, ehe sie in der D�mmerung vom Seineufer aus die T�rme des Stadtpalais vor sich liegen sahen.</p><p>�Das wird nicht einfach sein, in dieser gewaltigen Anlage bis zu den R�umen des K�nigs vorzudringen�, gab Uthman zu bedenken. �Als Lederwarenh�ndler werden wir nicht einmal von irgendeinem der Kammerherren, und schon gar nicht von Nogaret, geschweige denn von Philipp, empfangen werden.�</p><p>Joshua, der sich inzwischen eingefunden hatte, pflichtete ihm bei. �Da m�ssen wir uns schon etwas anderes einfallen lassen. Vor allem Uthman sieht wie ein Raufbold aus. Unter einem Lederwarenh�ndler stellen sich k�nigliche Beamte mehr oder minder eine ehrbare Erscheinung vor.�</p><p>Henri dachte kurz nach und erl�uterte dann seinen Plan. �Wir lassen K�nig Philipp ein geheimnisvolles Billett zukommen, das seine Neugier weckt, vielleicht eine r�tselhafte Nachricht �ber den Verbleib des Templerschatzes.�</p><p>Joshua machte einen Vorschlag. �Es gibt eine Art von geheimer Mitteilung, die man Kryptogramm nennt. Die w�rde sich eignen, um K�nig Philipp auf eine falsche F�hrte zu locken.�</p><p>Henri zuckte die Achseln. �Manchmal erschreckst du mich geradezu mit deiner Gelehrsamkeit! Kannst du mich und Uthman belehren, worum es dabei geht?�</p><p>Joshua lie� sich nicht lange bitten. �Man entwirft einen Text, dessen einzelne Teile durchaus einen eigenen Sinn haben. Wenn wir zum Beispiel als L�sungswort Malta herausbringen wollen, brauchen wir hintereinander das M, das A, das L, das T und wieder das A.�</p><p>�Das ist durchaus logisch, zumindest in eurer fr�nkischen Schrift�, warf Uthman ein.</p><p>Joshua lie� sich nicht weiter unterbrechen. Er hatte es nicht gern, wenn man seine Ausf�hrungen durch irgendwelche Kommentare st�rte. �Ich entwerfe nun ein Kryptogramm zu dem L�sungswort MALTA:</p><p>- kein Gesunder w�nscht sie sich. L�sung: <strong>M</strong>aladie (Krankheit)</p><p>- im Orient ist seine Heimat. L�sung: <strong>A</strong>rabe (Araber)</p><p>- im Wappen ist sie auch zu finden. L�sung: <strong>L</strong>is (Lilie)</p><p>- ihr Geburtsquell liegt in Spanien. L�sung: <strong>T</strong>age (Fluss Tajo)</p><p>- nicht irdisch ist ihr lichtes Sein. L�sung: <strong>A</strong>nges (Engel).</p><p>Habt ihr verstanden, wie das L�sungswort zustande gekommen ist?�</p><p>�Ja, nat�rlich!�, rief Uthman. �Wir sind doch nicht dumm.�</p><p>Henri nickte. �So ein Kryptogramm ist wirklich etwas Bewundernswertes. Man braucht aber nicht nur ein umfangreiches Wissen, sondern auch viel Phantasie. Ich schlage vor, dass wir bei Malta bleiben. Philipp muss meinen, dass der Templerschatz in Malta versteckt ist. Er wird seine Sp�rhunde vergeblich dorthin ausschicken.�</p><p>�Wie aber k�nnen wir nahe genug an ihn herankommen, um ihm den Todessto� zu versetzen?�, fragte Joshua.</p><p>Henri dachte nach und entwickelte danach seinen Plan. �Wir lassen ihm das Krytogramm mit der beigef�gten Nachricht zukommen, dass in dieser Geheimschrift der Ort des versteckten Templerschatzes enthalten ist. Hier liegt eine Schwachstelle, denn ich gehe davon aus, dass er das R�tsel nicht l�sen kann. Er muss uns rufen lassen, und wir verlangen, dass wir ihm die L�sung nur ohne Zuh�rer mitteilen werden. Wenn er sich �ber das beschriebene Papier beugt, wird einer von uns ihm das Messer in den R�cken sto�en.�</p><p>Joshua �u�erte Bedenken. �Es gef�llt mir nicht, dass wir ihm wie Meuchelm�rder von hinten den Todessto� versetzen. Er soll uns dabei in die Augen schauen.�</p><p>�Das verstehe ich�, gab Henri zu. �Wir werden ihm sagen, warum er den Tod verdient hat, und ihm dann das Messer ins Herz sto�en.�</p><p>�Das ist mir aber gar zu edel�, meldete sich Uthman zu Wort. �So ein Verbrecher wie Philipp darf nicht auf k�nigliche Art sterben. Ich werde ihm die Kehle durchschneiden, sobald ihr eure Strafpredigt beendet habt.�</p><p>�Dar�ber sollten wir uns sp�ter noch unterhalten�, sagte Henri und deutete auf das Ufer. �Hinter dieser Br�cke sehe ich die T�rme des Palais de la Cit�.�</p><p>Es war schon dunkel, als sie an dem Landungssteg f�r Lastk�hne in Nanterre anlegten. Der Schifferknecht zwinkerte Uthman zu, als der ihm zu Hilfe eilen wollte. Uthman entnahm daraus, dass es dem so brutal Verpr�gelten besser ging und er keine Hilfe mehr ben�tigte. Er folgte Henri und Joshua, schimpfte und zeterte jedoch ununterbrochen. �Welche Finsternis!�, rief er ver�chtlich. �In Cordoba sind die Stra�en nicht nur gepflastert, sondern zudem auch taghell erleuchtet. In diesem erb�rmlichen Nest k�nnen wir von Gl�ck sagen, dass es nicht regnet. Sonst w�rden wir kn�cheltief im Morast versinken.�</p><p>�Beleidige nicht unsere Gastgeber!�, mahnte Joshua. �Roland und sein Bruder Robert stammen von hier und sind sicher stolz auf ihren Heimatort.�</p><p>Uthman lie� sich zwar nicht zur Ruhe bringen, senkte aber wenigstens die Stimme. �Du bist mit Sicherheit gelehrter als ich, Joshua. Aber wahrscheinlich wirst du nicht wissen, dass Cordoba schon vor etwa 400 Jahren neben Konstantinopel und Bagdad zu den gr��ten St�dten unserer Welt geh�rte.� Er fluchte laut, weil einer seiner Schuhe im Morast stecken geblieben war. Joshua wollte Streit vermeiden und nahm darum zu der Lobeshymne �ber Cordoba keine Stellung.</p><p>Henri hielt den Augenblick f�r gekommen, Uthman zurechtzuweisen. �Schweige jetzt bitte! Roland hat offenbar seinem Knecht die Arbeit des Vert�uens �berlassen. Denn er hat uns eingeholt und geht dicht hinter uns.�</p><p>Der Schiffseigner deutete auf ein Geb�ude, �ber dessen T�r ein Schild mit der Aufschrift <emphasis>Zur ewigen Lampe</emphasis> baumelte. �Dies ist der Gasthof meines Bruders.� Uthman fl�sterte noch etwas von einer einzigen Lampe. Aber Henri brachte ihn mit einem Ellbogensto� zur Ruhe.</p><p>Schwaden von Bierdunst und gr�lendes Gel�chter schlugen ihnen entgegen, als Roland die T�r zur Schankstube �ffnete. Der beleibte Wirt, um dessen Bauch kaum die blaue Sch�rze passte, kam hinter dem Tresen hervor, umarmte seinen Bruder und k�sste ihn auf beide Wangen. �Willkommen, Roland! Setz dich nieder und berichte von deiner Flussfahrt! Wie habe ich dich um die frische Gebirgsluft beneidet!�</p><p>Sobald es die kr�ftige Umarmung des Wirtes zulie�, deutete Roland auf seine Begleiter. �Hier bringe ich dir drei G�ste, die bei mir an Bord waren. Sie sind Lederwarenh�ndler und wollen in Paris ihren Gesch�ften nachgehen. Es wird dein Schaden nicht sein, wenn du sie f�r einige Tage bei dir aufnimmst und ihre Pferde in den St�llen versorgst.�</p><p>Der Wirt betrachtete die Fremden von Kopf bis Fu� und nickte dann zufrieden. �Der Stallknecht wird Eure Pferde versorgen, und meine Frau wird Euch ein gutes Mahl bereiten. Roland wei� aus Erfahrung, dass sie die beste K�chin aus der Pariser Vorstadt ist. Ich kann mir denken, dass an Bord Schmalhans K�chenmeister war. Am fettesten werden dort immer die Ratten.�</p><p>�Beleidige mich nicht!�, rief Roland emp�rt. �Sehen die Lederwarenh�ndler etwa abgemagert aus?�</p><p>�Aber tischt uns kein Schwein auf�, bat Henri, damit seine Gef�hrten auch an dem Mahl teilnehmen konnten. �Das haben wir schon zur Gen�ge gegessen!�</p><p>�Wo denkt Ihr hin!�, wehrte der Wirt ab, �hier in Paris gibt es doch k�stlichen Fisch!�</p><p>Der Wirt hatte nicht zu viel versprochen. Die drei G�ste lobten die Kochkunst der Frau. Uthman f�hlte sich verpflichtet, auch den Schifferknecht zu loben. �Mir hat es an Bord immer sehr gut geschmeckt. F�r jemanden, der so schwere Arbeit leisten muss wie Lorant, fand ich die Mahlzeiten an Bord immer sehr wohlschmeckend.�</p><p>Die beiden anderen sahen ihn verdutzt an. Sie h�tten die Bohnensuppe des Knechtes eher als Fra� bezeichnet.</p><p>Nach zwei Stunden verabschiedete sich Roland, der kr�ftig zugelangt hatte. �Morgen in aller Fr�he m�ssen wir ablegen. Wenn ihr wieder einmal an Bord kommen wollt, lasst es meinen Bruder wissen! Ich nehme euch gern auf der R�ckfahrt flussaufw�rts mit.�</p><p>Henri umarmte den Schiffer und dr�ckte ihm eine ansehnliche Summe in die Hand. Dieses Angebot k�nnte f�r uns durchaus wichtig, wenn nicht sogar lebensrettend werden, dachte er.</p><p>Der Wirt hatte in den Speicherr�umen drei Strohlager richten lassen. Uthman sah sich um. �Ich will nicht behaupten, dass ich jemals im Palast von Cordoba zu Gast war. Aber ihr solltet doch wissen, dass es dort Unterk�nfte f�r 14 000 Bedienstete gab. Wahrscheinlich werdet ihr es nicht f�r m�glich halten, dass an die Fische in den Teichen und Wasserspielen t�glich 12 000 Laibe Brot verf�ttert wurden.�</p><p>Henri konnte seinen �rger jetzt nicht mehr verbergen. �Vielleicht wirst du eines Tages froh sein, du unverbesserlicher Gernegro�, wenn du auch nur einen einzigen Laib Brot zu essen hast. Es ist n�mlich durchaus m�glich, dass unser Vorhaben misslingt und wir in einem Kerker landen. Wenn es dir hier nicht passt, dann suche dir eine andere Herberge!�</p><p>Uthman lachte. �So war das gar nicht gemeint. Wenn ich in der kommenden Nacht aus Paris zur�ckkehre, werde ich sicher froh sein, dieses Strohlager vorzufinden. Jetzt beabsichtige ich n�mlich, mir das n�chtliche Treiben in dieser Stadt anzusehen.�</p><p>Henri h�tte ihn gar zu gern von diesem abenteuerlichen Plan abgehalten. �Ich glaubte, dass dich die ernsthafte Besch�ftigung mit den B�chern ein wenig gel�utert h�tte. Aber du bist genau so geblieben, wie dein Vater dich geschildert hat, n�mlich allzu leichtsinnig.�</p><p>�Alles zu seiner Zeit!�, rief Uthman. <emphasis>�Tempora flendi, tempora gaudendi �</emphasis> es gibt Zeiten, um zu weinen, und es gibt Zeiten, um sich zu freuen. Das habe ich w�hrend meines Studiums in der Bibliothek von Cordoba gelesen.� Er winkte fr�hlich mit beiden H�nden und polterte die Treppe hinab. Henri musste l�cheln � ob Uthman wusste, dass er soeben aus der Bibel zitiert hatte? Und noch ehe er einige warnende Worte �ber die Unsicherheit im n�chtlichen Paris hinterherrufen konnte, war Uthman verschwunden. Es war Henri jedoch nicht entgangen, dass er seine Damaszenerklinge in den G�rtel gesteckt hatte.</p><p>Joshua blickte sorgenvoll vor sich hin und sch�ttelte voller Bedenken den Kopf. �Vielleicht h�tten wir ihn auch mit Sean und Guinivevre fortschicken sollen.�</p><p>�Ja, vielleicht�, erwiderte Henri. �Aber Uthman ist ein tapferer K�mpfer und legt allen �bermut ab, wenn die Lage ernst wird. Man kann sich auf ihn verlassen.�</p><p>�Der Herr m�ge ihn sch�tzen�, fl�sterte Joshua und zog seinen Gebetsriemen hervor.</p><p>Aber trotz seiner zuversichtlichen Worte schlief Henri kaum in dieser Nacht. Vergeblich horchte er auf das Ger�usch sich n�hernder Schritte.�</p></section><section><title><p><strong>21</strong></p></title><p>Henri schaute missmutig vor sich hin, w�hrend er in der Gaststube eine hei�e Milchsuppe l�ffelte. Denn ausgerechnet so kurz vor der alles entscheidenden Tat hatte Uthman in der Nacht sein Schlaflager nicht aufgesucht. Er begann daran zu zweifeln, was er �ber die Zuverl�ssigkeit ihres Gef�hrten gesagt hatte. Heute mussten sie gemeinsam Entschl�sse fassen, wie sie weiter vorgehen wollten, um bei K�nig Philipp empfangen zu werden.</p><p>Joshua sa� stumm neben ihm und machte eine vorwurfsvolle Miene. Hatte er etwa nicht gleich gesagt, dass man Uthman f�r einen solch schwierigen Auftrag nicht gebrauchen k�nne?</p><p>Als beide kaum mehr mit Uthmans Erscheinen rechneten, flog die T�r bis zum hintersten Anschlag auf. Uthman st�rmte herein. Seine Augen funkelten, seine Wangen waren ger�tet, und er warf sich so st�rmisch neben Henri auf die Bank, dass die Milchsuppe �berschwappte. �Paris ist eine wunderbare Stadt!�, rief er so laut, dass die Wirtin aus der K�che kam, um nach dem Rechten zu sehen.</p><p>�Ich habe ein M�dchen kennen gelernt. Sie liebt mich, und ich habe ihr allerlei beibringen k�nnen, was sie bisher noch nicht beherrschte.�</p><p>�Eine Sarazenin?�, fl�sterte Joshua. �Wo hast du die denn aufgetrieben?�</p><p>Uthman sah ihn erstaunt an. �Juliette ist nat�rlich ein christliches M�dchen. Unsere M�dchen daheim, die nach den strengen Gesetzen des Islams erzogen und ohne Aufsicht nicht aus dem Haus gelassen werden, w�rden so etwas nie tun!�</p><p>�Was muss das f�r ein M�dchen sei, das sich nachts mit einem fremden Mann in den Pariser Stra�en herumtreiben darf!�, rief Henri aus. �Vielleicht ist deine geliebte Juliette sogar eine k�ufliche Dirne, von denen es gerade in Paris genug gibt.�</p><p>�Jetzt wirst du aber beleidigend�, erwiderte Uthman. Seine gute Laune war verflogen. �W�hrend ihr hier auf eurem Strohlager geschnarcht habt, bin ich ein wenig in den k�niglichen G�rten umhergestreift.�</p><p>Joshua blickte ihn ungl�ubig an. �Wie bist du denn an den W�chtern vorbeigekommen?�</p><p>�Ich bin �ber die Mauer geklettert. Da stand ein Kastanienbaum, an dessen �sten ich mich herablassen konnte. Juliette, die ziemlich schw�rmerisch veranlagt ist, wanderte im Garten umher, um den Mond zu betrachten. Sie entdeckte mich, als ich aus den tief h�ngenden Zweigen hervortrat.�</p><p>�Da glaubte sie, du w�rest der leibhaftige Mann im Mond�, scherzte Henri.</p><p>�Das ist ein ziemlich dummer Scherz�, erwiderte Uthman ver�rgert. �Das arme M�dchen war zun�chst sehr erschrocken.�</p><p>�Zun�chst, und dann?�</p><p>�Als ich sie zart ber�hrte, um ihr zu zeigen, dass ich nichts B�ses im Schild f�hren w�rde, lie� sie sich sogar umarmen.�</p><p>�Dann habt ihr nat�rlich gemeinsam den Mond angeschaut. Und das dauerte die ganze Nacht�, meinte Henri s�ffisant.</p><p>�Du bist und bleibst ein M�nch, obwohl du doch schon l�ngst nicht mehr an deine Gel�bde gebunden w�rest�, setzte sich Uthman zur Wehr. �Nat�rlich nicht! Es gab da so einen h�bschen kleinen Gartenpavillon mit einem weichen Lager und fast so vielen Kissen wie bei uns zu Hause.�</p><p>�Mit dem Unterschied, dass bei euch die M�nner auf diesen Kissen lagern, um zu tratschen.�</p><p>�Wenn du mich weiter beleidigst, werde ich kein Wort mehr erz�hlen.� Das aber, so konnten Henri und Joshua beobachten, war nur eine leere Drohung. Uthman brannte geradezu darauf, mit seinen n�chtlichen Erlebnissen zu prahlen. �Dieser Pavillon war mit einem Blumenspalier bewachsen, und der Mond malte durch die h�lzernen St�be ein beinahe verwirrendes Muster auf die Kissen.�</p><p>Henri h�tte gerne gesagt, dass Uthman dadurch vielleicht in Verwirrung geraten sei, aber er schwieg, sodass Uthman nach einem pr�fenden Blick in die Runde fortfuhr: �Diese franz�sischen M�dchen lernen gerne etwas dazu. Ich habe ihr unsere Spiele beigebracht, von denen sie bisher nicht einmal etwas geh�rt hatte.�</p><p>�Hat sie dich und sich ausgezogen?�, fragte unerwartet pl�tzlich die Wirtin, die auf der gegen�berliegenden Bank Platz genommen hatte und mit kugelrunden Augen zuh�rte.</p><p>�Nein!�, antwortete Uthman br�sk.</p><p>Die Wirtin lie� nicht locker. �Vielleicht hat sie einem so unschuldigen Burschen, wie du es bist, erst einmal eine Geschichte vorgelesen, um dich anzuheizen. Es gibt da n�mlich solche Erz�hlungen aus dem Morgenland, in denen die M�nner, die sich doch sonst so stolz geb�rden, die Frauen auf sich reiten lassen.�</p><p>�Werde nicht unversch�mt!�, verbat sich Uthman jede weitere Einmischung. �Juliette ist ein anst�ndiges M�dchen und Kammerzofe in den k�niglichen Gem�chern.�</p><p>�Dann wei� ich schon Bescheid�, sagte die Wirtin verschnupft und zog sich in die K�che zur�ck.</p><p>�Wirst du dieses M�dchen wieder sehen?�, wandte sich Henri an Uthman, dem seit der derben Bemerkung der Wirtin die Lust vergangen war, weiter �ber die Liebesnacht im Pavillon zu erz�hlen. Er kannte allerdings diese orientalischen Geschichten, die sie erw�hnt hatte. Gerade darum �rgerte er sich.</p><p>Dass auch die vornehmen Damen von Mekka durchaus nicht pr�de waren, hatte er in einer Geschichte gelesen, die Scheherezade in der 380. Nacht der 1001 N�chte erz�hlt hatte. Als n�mlich ihr Gatte tags�ber zu Aischa kam, st�hnte und seufzte sie und machte wunderbare Bewegungen, obwohl eine Frau als Gast zugegen war. Wie konntest du das tun, bei deinem Rang, deinem Adel und deiner Abkunft?, fragte sp�ter die Frau, als Aischas Gatte gegangen war. Mir w�re es lieber, wenn so etwas des Nachts geschieht. Aischa aber sagte: �Das ist so bei Tage; bei Nacht tue ich noch mehr. Denn wenn er mich sieht, so wird seine Begierde erregt, und er wird von Verlangen bewegt. Dann naht er mir, und ich gehorche ihm.�</p><p>Schon vor vielen Jahrhunderten hatte ein gewisser Ammianus Marcellinus �ber die Sarazenen geschrieben, es sei unbeschreiblich, mit welcher Raserei sie sich der Liebe hingeben w�rden. Anscheinend waren sie wirklich in dieser Beziehung uners�ttlicher als andere V�lker. Da gab es noch ganz andere Geschichten.</p><p>Uthman war so in seine Gedanken vertieft, dass er erschrocken zusammenzuckte, als Henri diese Frage an ihn gerichtet hatte. Was fiel ihnen allen ein, sich in seine Angelegenheiten zu mischen? Aber er gab doch Antwort. �Ja nat�rlich. Wir haben uns f�r die heutige Nacht wieder im Pavillon verabredet.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass deinem Vater solcherart Pariser N�chte gefallen w�rden. Ich gebe dir noch zwei weitere N�chte Zeit, um deinen L�sten nachzugehen. Aber vergiss nicht, dass wir hier einen Auftrag zu erf�llen haben. Wenn du bis dahin nicht zur Besinnung gekommen bist, werden Joshua und ich alleine unser Gel�bnis erf�llen. Aber glaube mir, Uthman, dass ich nicht z�gern werde, dich im Stall bei den Pferden anzubinden, damit du bei unserem gef�hrlichen Auftrag kein Unheil stiften kannst.�</p><p>Uthman starrte w�tend vor sich hin, aber er schwieg.</p><p>Henri verbrachte wieder eine schlaflose Nacht. Aber auch Joshua w�lzte sich auf seinem Strohlager hin und her. Schlie�lich entschloss sich Henri, dem Gef�hrten seine Gedanken mitzuteilen. �Es ist vielleicht infam, was ich mir gedacht habe. Aber wir d�rfen uns keine Sentimentalit�ten erlauben. Wenn Uthman durch einen Zufall diese Kammerzofe kennen gelernt hat, k�nnte er doch vielleicht das M�dchen bewegen, uns in das Palais einzulassen.�</p><p>Joshua ersparte sich irgendwelche Vorw�rfe. �Wie hast du dir das vorgestellt?�</p><p>�Wir d�rfen unter keinen Umst�nden dem M�dchen die Wahrheit sagen, vielleicht ist sie eine treue Dienerin ihres Herrn. Vielmehr geben wir uns als gro�e Bewunderer des K�nigs aus und w�nschen uns, ihn einmal von Angesicht zu Angesicht sehen zu d�rfen. Danach verfahren wir wie ausgemacht und �berreichen ihm das Kryptogramm mit dem Hinweis, dass aus diesem Dokument der geheime Ort des Templerschatzes ersichtlich sei. Seine Geldgier wird ihm den Tod bringen.�</p><p>�Wenn nun Uthman diesem Plan nicht folgen will?�</p><p>�Er ist ein Sarazene, f�r den die Liebe ein Spiel, der Kampf aber ein Lebenselixier ist.�</p><p>�Geb�s Gott!�, w�nschte Joshua.</p><p>Am n�chsten Morgen wirkte Uthman verschlossen. Er war nicht bereit, von seinen n�chtlichen Abenteuern zu berichten. �Wir m�ssen miteinander sprechen�, sagte Henri ernsthaft. �Bist du noch bereit, an unserem Vorhaben mitzuwirken? Wenn ja, gib mir Wort und Hand darauf. Ich m�chte dich nicht bel�gen.�</p><p>Uthman z�gerte nicht einen Atemzug lang. �Ich habe ein Gel�bnis abgelegt und werde es erf�llen. Eher will ich sterben, als dich im Stich zu lassen.�</p><p>�Was ist wichtiger f�r dich, die Liebe oder der Kampf?�, fragte Henri.</p><p>�Wie kannst du da nur fragen? Beides bringt mir Lust. Aber ich bin nicht gar so unerfahren, wie du glaubst. Unser Prophet liebte alle seine Frauen, und bei jeder entdeckte er ein anderes Geheimnis. Er war ein Mann des Lebens, kein verkn�cherter Asket.�</p><p>Henri schlug die H�nde �ber dem Kopf zusammen. �Du willst doch nicht etwa noch bei anderen M�dchen die Runde machen?�</p><p>�Die anderen Frauen von Paris werden mich auch nichts anderes mehr lehren k�nnen als Juliette. Wir Sarazenen kennen bei weitem mehr Vereinigungen als ihr im Okzident und haben sie mit blumigen Namen belegt.</p><p>Der Koran sagt in der Sure Al-Baqarah, die Kuh, im 223. Zeichen: Eure Frauen sind Euch ein Saatfeld. Geht zu Eurem Saatfeld, wo immer Ihr wollt. Juliette wollte das nicht verstehen.�</p><p>�Du musst ihr das verzeihen. Diese Gedankeng�nge kann ein christliches M�dchen nicht begreifen.�</p><p>Uthmann wirkte zornig. �Ich wollte ihr zeigen, wie man auf dem Wege zur Lust in das vorweggenommene Paradies gelangen kann. Stattdessen hat sie von mir eine Einigung verlangt, die bei uns Sarazenen als ver�chtlich gilt. Das hat mich beleidigt. Ich m�chte dar�ber nicht sprechen.�</p><p>�Beenden wir also dieses Thema!�, schlug Henri vor. �Dennoch m�chte ich dich bitten, heute noch einmal Juliette aufzusuchen. Vielleicht kannst du erreichen, dass sie uns morgen durch den Dienstboteneingang in das Palais einl�sst.� Henri f�hlte sich sehr unwohl bei diesem Vorschlag. Es war nicht richtig, das M�dchen zu betr�gen. Er ordnete jedoch alle Bedenken seinem Ziel unter, den Fluch der Gro�meister zu erf�llen.</p><p>Uthman kannte anscheinend ebenso wenig Skrupel. �Warum nicht? Vielleicht bringe ich sie doch noch dazu, El khiate, den Schneider, mit mir zu spielen.�</p><p>�Teile mir morgen fr�h mit, ob das M�dchen bereit ist, uns in die N�he des K�nigs zu bringen. Denke daran, dass wir gl�hende Bewunderer Philipps sind und ihm eine wichtige Nachricht �berbringen wollen.�</p><p>�Nat�rlich wird das M�dchen bereit sein. Darauf gebe ich dir mein Wort. Notfalls wende ich Dok el outed an. Du glaubst nicht, wie das ihre Bereitwilligkeit steigern wird.�</p><p>�Davon m�chte ich jetzt nichts mehr h�ren!�, gebot Henri. Aber Uthman konnte es nicht lassen, sich noch einmal auf den Propheten zu berufen: �Der Mann hat von der Frau Folgendes zu beanspruchen: Wenn er sie begehrt, darf sie sich ihm nicht versagen, auch wenn sie auf dem R�cken eines Kamels s��e.�</p><p>�Zum Gl�ck gibt es aber in Paris keine Kamele�, meinte Henri. �Wenn du Juliette darum bitten m�chtest, uns zum K�nig zu f�hren, dann lass sie besser solche Spr�che nicht h�ren.�</p><p>�Da k�nnte ich dir noch ganz andere Gebote des Propheten nennen. Man �berliefert, er habe zwar gesagt: Behandelt die Frauen f�rsorglich und liebevoll, aber das betrifft nur gehorsame Frauen. Die ungehorsamen soll man mit Pr�geln zur R�son bringen.�</p><p>�Wer trifft denn die Entscheidung, ob eine Frau nun gehorsam oder ungehorsam ist?�, fragte Henri.</p><p>�Nat�rlich der Mann!�, rief Uthman und lachte.</p><p>Henri konnte nichts L�cherliches an dieser Antwort finden. �Du scheinst dich ja recht gut in Muhammads Geboten auszukennen, jedenfalls was die W�rde des Mannes und die Behandlung der Frauen betrifft. Was aber sagt euer heiliges Buch dazu?�</p><p>�Ja, ja � obwohl ich mich in Cordoba bem�ht habe, den Koran auswendig zu lernen, wie es sich f�r jeden unseres Glaubens geh�rt, so weit bin ich noch nicht gekommen!�</p><p>�Das wird wohl auch noch einige Zeit dauern�, meinte Henri und l�chelte. Nat�rlich kannte Uthmann den Koran in- und auswendig.</p><p>Uthman nahm ihm den Scherz nicht �bel. �Das mag wohl stimmen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich in der Koranschule mit der Bastonade auf die nackten Fu�sohlen bestraft wurde, weil ich die Koranverse nicht fehlerfrei hersagen konnte. Dennoch kann ich immer noch sehr schnell laufen. Das werde ich dir morgen beweisen, falls wir fl�chten m�ssen.�</p><p>Ich kenne ihn immer noch nicht, dachte Henri, nachdem sich Uthman fr�hlich pfeifend entfernt hatte. Was sollte dieses ganze Gerede von der Liebe? Hatte er vielleicht von Beginn an die Kammerzofe f�r unsere Zwecke ausn�tzen wollen? Warum war er �berhaupt �ber die Mauer gestiegen und hatte sich keine M�he gegeben, im Schatten der B�ume verborgen zu bleiben? Warum war er so schnell bereit gewesen, das M�dchen zu t�uschen? Warum hatte er sie mit der Befriedigung seiner Lust entw�rdigt?</p><p>Henri fand auf alle diese Fragen keine Antwort. Schemenhaft erschien vor seinem inneren Auge die Erscheinung der zarten Tochter Umars. Es gelang ihm nur schwer, die Erinnerung an Leila zu verscheuchen. Denn es war ihm schrecklich, dass Umar dieses engelgleiche Wesen gegen eine Ziegenherde und einige Kamele an den brutalen Herrscher der Karawanserei verschachert hatte.</p><p>Er h�tte gern mit Joshua �ber den morgigen Tag gesprochen. Aber als er den Speicherraum betrat, fand er seinen Gef�hrten im Gebet vor. Warum hatte nicht auch er daran gedacht, die Hilfe des Gottessohnes und der Jungfrau Maria zu erflehen? Er verlie� den Gasthof, sattelte sein Pferd und machte sich auf den Weg nach Paris.</p><p>Ohne M�he fand er den Weg zur Kathedrale Notre-Dame. Er sp�rte nicht die K�lte der Fliesen, als er sich vor dem Bild der Jungfrau Maria auf den Knien niederlie�. War es �berhaupt m�glich, f�r k�nftige Missetaten um Vergebung zu bitten? Sollte nicht vielmehr ein Gebet zur L�uterung beitragen und b�se Gedanken verscheuchen? Er wusste nicht, wie er sich aus diesem Zwiespalt l�sen sollte. Sein Gebet blieb kurz, denn er fand nicht die richtigen Worte.</p><p>�Heilige Maria Mutter Gottes! Schenke mir deine Gnade und Vergebung f�r das, was ich morgen tun muss. Heilige Maria Mutter Gottes, bitte f�r mich S�nder, jetzt und in der Stunde meines Todes.�</p><p>Beinahe fluchtartig verlie� er die n�chtliche, jetzt menschenleere Kathedrale und ritt, wie von Furien gejagt, zu seinem Quartier zur�ck.</p><p>Uthman erschien schon am fr�hen Morgen. Er schwenkte ein Blatt Papier. �Ich habe nach den Angaben des M�dchens einen Lageplan skizziert, damit wir uns auf dem R�ckzug nicht in den G�ngen des weitl�ufigen Palais verirren. Hier dieses Rechteck bedeutet die Stallung. Ich habe sie heute Nacht gegen meinen Willen besichtigt. Denn im Pavillon vergn�gten sich einige edle Herren mit willigen Hofdamen, die anscheinend keine M�he scheuten, ihre R�cke hochzuschlagen. Darum mussten wir zu den Stallungen ausweichen. An der n�rdlichen Mauer gibt es eine kleine Pforte. Dort wird uns Juliette bei Eintritt der D�mmerung erwarten.�</p><p>�Wird sie sich nicht weigern, auch Joshua und mich einzulassen?�</p><p>�Wohl kaum�, erwiderte Uthman zuversichtlich. �Ich habe ihr gesagt, dass ihr beide gro�e Bewunderer des K�nigs und bereit w�ret, ihr f�r die unsch�tzbaren Dienste ein ansehnliches H�uflein von Goldm�nzen zukommen zu lassen.�</p><p>�Die soll sie auch haben�, versprach Henri.</p><p>�Wie du willst�, knurrte Uthman. �Ich bin der Meinung, dass ich sie mit meinen Liebesdiensten gen�gend entlohnt habe. Sie hat sogar geweint, als ich sie verlie�.� Uthman �ffnete ein B�ndel. �Ich habe mir bei einem Schneider neue Hosen anfertigen lassen, um bei den k�niglichen Kammerherren einen guten Eindruck zu hinterlassen. Meine alten Hosen waren voller Blut, und diesen wird es nicht besser ergehen.�</p><p>Henri schwieg. Dieser Uthman �berraschte ihn immer wieder.�</p></section><section><title><p><strong>22</strong></p></title><p>Bis zuletzt hatte Henri bef�rchtet, das M�dchen h�tte Verdacht sch�pfen oder es sich anders �berlegen k�nnen. Aber Juliette erwartete sie an der kleinen Pforte hinter den Stallungen. Sie legte einen Finger auf die Lippen und huschte zu einem Nebeneingang des Schlosses voraus.</p><p>�ngstlich betrachtete sie die beiden fremden M�nner. �Ich kann Euch aber nur bis zu meiner Herrin bringen�, schr�nkte sie ihre bisherigen Zugest�ndnisse ein.</p><p>�Warum sagst du mir das erst jetzt?�, fragte Uthman w�tend. �Ich werde dich heute Abend im Pavillon strafen und dir ein wenig Schmerz zuf�gen m�ssen.�</p><p>Juliette kicherte. Sie schien keine Furcht vor einer Bestrafung dieser Art zu haben.</p><p>Als ob wir nicht andere Sorgen h�tten, dachte Henri. Er �ffnete seinen Geldbeutel und lie� einige M�nzen in die bereitwillig ge�ffnete Hand des M�dchens gleiten. �Wer ist denn deine Herrin?�</p><p>�Ich bin eine der Kammerzofen Ihrer Majest�t, der Erbprinzessin Johanna von Navarra, der Gattin unseres gn�digen K�nigs.�</p><p>Uthman lie� seinem Zorn freien Lauf. �Konntest du nicht eher mit diesen �berraschungen herausr�cken? Heute Abend werde ich dir zeigen m�ssen, wie man bei uns ungehorsame Frauen bestraft.�</p><p>Henri griff wieder in seine Schatulle. Dieses M�dchen durfte man nicht untersch�tzen. �Statt einer Strafe wirst du eine Belohnung erhalten, wenn du uns jetzt zu deiner Herrin f�hrst.�</p><p>Juliette machte vor ihm einen tiefen Knicks. Sie hatte erkannt, wer bei diesen drei M�nnern das Sagen und einen gef�llten Geldbeutel hatte. Ungehindert durchquerten sie ein Vorzimmer. Die Zofe klopfte an eine breite Fl�gelt�r und wartete, bis von drinnen die Erlaubnis zum Eintreten ert�nte. Sie gab den drei M�nnern ein Zeichen, vor der T�r zu warten. Obwohl Uthman ein Ohr gegen die vergoldete Holzf�llung presste, konnte er von dem Wortwechsel drinnen nichts verstehen. Er sah aus, als ob er Juliette am liebsten an Ort und Stelle verpr�gelt h�tte.</p><p>Henri mahnte zur Geduld. Er wusste, dass Johanna von Navarra dem K�nig als Mitgift nicht nur diesen Pyren�enstaat, sondern auch die Champagne eingebracht hatte. Darum mutma�te er, dass ihr Einfluss bei dem K�nig nicht gering sein konnte.</p><p>Schlie�lich �ffnete sich die T�r, und Juliette gab ein Zeichen, dass die K�nigin die drei Fremden empfangen wolle. Sie lagerte auf einer Chaiselongue und zeigte freigebig ihre Reize. Henri und Joshua verbeugten sich tief, Uthmann starrte auf ihren �ppigen Busen.</p><p>�Tretet n�her, meine Herren!�, gestattete ihnen Johanna von Navarra. �Zeigt mir Eure Lederwaren! Vielleicht gef�llt mir etwas davon, und ich werde Euch erlauben, mir dies oder jenes als Geschenk zu �berreichen.�</p><p>Henri beobachtete, dass Uthman sich nur m�hsam beherrschen konnte. Darum trat er selbst als Wortf�hrer vor. �Es ist uns eine gro�e Ehre, Majest�t, dass wir Euch unsere bedeutende Kollektion vorf�hren d�rfen. Aber wir m�ssen zun�chst an Eure bekannte Gro�mut appellieren. Es ist von gr��ter Wichtigkeit, dass Ihr uns zu Eurem Gemahl f�hrt, damit wir ihm ein geheimes Dokument �berreichen k�nnen. Denn wir sind nicht nur Lederwarenh�ndler, sondern auch Geheimnistr�ger, da wir von Ort zu Ort durch ganz Frankreich und die umliegenden L�nder reisen. Bei dieser Gelegenheit sind wir Mitwisser einer unerh�rten Begebenheit geworden.� Er beugte sich tief zu der K�nigin hinab und fl�sterte ihr zu: �Es handelt sich um den Schatz der Templer.�</p><p>Johanna von Navarra erbleichte und lief danach so rot an, dass Henri einen Schlaganfall bef�rchtete. Sie lie� sich von der Zofe aufhelfen und streckte gebieterisch die Hand aus. �Gebt mir dieses Billett!�</p><p>Henri z�gerte. Er hatte den Verdacht, dass die K�nigin das Papier behalten und f�r sich ausnutzen wollte. �Nur zu gern, Majest�t, w�rde ich Euch das Dokument �berreichen. Aber es ist in einer Geheimsprache abgefasst, die nur dem K�nig zug�nglich sein wird.�</p><p>Johanna von Navarra stampfte mit den F��en auf. Sie geriet ins Stolpern und w�re r�cklings auf die Chaiselongue zur�ckgefallen, wenn Uthman sie nicht aufgefangen h�tte. Er hielt sie etwas l�nger als notwendig in den Armen, was sich die K�nigin widerstandslos gefallen lie�. Sie z�gerte, ob sie ein Sch�ferst�ndchen mit dem dunkellockigen jungen Mann der Preisgabe des Geheimnisses vorziehen solle. Aber nach kurzer �berlegung entschloss sie sich f�r den in Aussicht gestellten Schatz. �Ich werde Euch begleiten�, gab sie ihren Entschluss bekannt. Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch.</p><p>�Du bleibst hier!�, befahl sie ihrer Zofe und rauschte w�rdevoll durch endlose G�nge voran. Wir m�ssen sie irgendwie loswerden, dachte Henri. Denn sie wird ein lautes Zetermordio anstimmen, wenn wir uns anschicken, ihrem Gemahl die Kehle durchzuschneiden.</p><p>Die K�nigin schob einen Soldaten beiseite, der vor der T�r des K�nigs Wache hielt, und betrat, ohne anzuklopfen, den Audienzsaal. Philipp sah ihr unwillig entgegen. �Was f�hrt Euch zu mir, meine Liebe? Wer sind diese M�nner? Ich war soeben dabei, wichtige Papiere durchzusehen.�</p><p>Johanna von Navarra zeigte ihr Selbstbewusstsein. Es war sp�rbar, dass sie ihrem Gemahl zu einem stattlichen Erbe verholfen hatte. �Deine Papiere k�nnen warten. Denn ich bringe Euch ein Dokument, das alle diese Papiere aufwiegt. Diese drei M�nner tragen die L�sung eines R�tsels bei sich, das Euch schon lange besch�ftigt. Die Entdeckung des Templerschatzes ist greifbar nahe.�</p><p>K�nig Philipp sprang so ungest�m auf, dass die eben noch so wichtigen Papiere zu Boden flatterten. Ungest�m riss er Henri das Billett aus der Hand und starrte ratlos auf die Schrift. �Was soll das bedeuten? Wollt Ihr etwa Euren K�nig l�cherlich machen? Ich werde Euch arretieren und foltern lassen. Dann wird sich schon herausstellen, ob Ihr das Versteck des Templerschatzes wirklich kennt.�</p><p>�Verzeiht, Sire�, sagte Henri unterw�rfig. �Der gelehrte Mann hier an meiner Seite kann Euch versichern, dass es sich um keinen b�sen Scherz, sondern um ein so genanntes Kryptogramm handelt. Der F�nfzeiler liefert uns, wenn es uns gelingt, die Bedeutung der einzelnen Zeilen zu entziffern, das gesuchte L�sungswort.�</p><p>�Ein Kryto was?�, fragte die K�nigin verst�ndnislos.</p><p>�Mischt Euch nicht in Staatsangelegenheiten ein, von denen Ihr nichts versteht�, wies sie der K�nig unh�flich zurecht. �Es gibt andere Dinge, von denen Ihr mehr versteht.�</p><p>K�nig Philipp legte das Billett auf den Audienztisch, gl�ttete es mit beiden H�nden und lie� sich in einem Sessel nieder, w�hrend Joshua sich neben ihn stellte. �Jede Zeile ergibt einen Buchstaben, Majest�t. Was k�nnte es sein, das ein Gesunder nicht haben m�chte?�</p><p>�Nat�rlich Reichtum!�, rief die K�nigin laut. �Wenn unsere Diener gesund ihrer Arbeit nachgehen k�nnen, brauchen sie kein Geld. Das hat mir gerade erst unser Hausgeistlicher best�tigt.�</p><p>�Meine Liebe, Ihr st�rt! Dieser Buchstabe ergibt absolut keinen Sinn�, rief der K�nig �rgerlich. �Verlasst den Raum und nehmt diesen jungen Kerl mit, der hier absolut entbehrlich ist. Er soll Euch ein wenig die Zeit vertreiben.�</p><p>Henri zog Uthman auf die Seite. �Folge dem Befehl des K�nigs! Sonst werden wir gezwungen sein, auch seine Gemahlin zu t�ten. Das aber tue ich nur ungern. Sie ist unschuldig.�</p><p>�Kennt Ihr auch diesen F�nfzeiler?�, wandte sich Johanna von Navarra an Uthman, der unwillig nickte. �Dann werden wir beide uns ebenfalls an die L�sung des R�tsels machen. Glaubt mir, mein Gemahl, dass wir dem Geheimnis schneller auf die Spur kommen werden als Ihr und die beiden Gelehrten.�</p><p>Im Gemach der K�nigin sa� Juliette mit einem bitterb�sen Gesicht und putzte die silbernen B�rsten ihrer Herrin.</p><p>�Du kannst gehen�, ordnete die K�nigin an. �Dieser junge Lederwarenh�ndler ist nahe daran, einem Geheimnis auf die Spur zu kommen.�</p><p>Juliette schmiss zornig die silbernen B�rsten zu Boden, warf Uthman einen drohenden Blick zu und verlie� an den Wachen vorbei ger�uschvoll den Raum.</p><p>Die K�nigin sch�ttelte den Kopf. �Diese Dienstboten werden von J�hr zu Jahr unversch�mter. Ich werde sie in ihr Heimatdorf zur�ckschicken m�ssen. Da darf sie dann wieder auf dem Feld arbeiten und sich von d�nner Gerstensuppe ern�hren.�</p><p>Sie n�tigte Uthman, auf der Chaiselongue Platz zu nehmen, und holte ein zierliches Tintenfass und eine spitze Feder herbei. �Schreibt jetzt diesen F�nfzeiler auf!� Sie setzte sich neben ihn und schaute ihm �ber die Schulter, w�hrend Uthman schrieb. Ihre Haare kitzelten seine Wange.</p><p>Wenn ich es fertig bringe, dachte er, der K�nigin irgendeinen Ort vorzugaukeln, ehe Henri und Joshua dem K�nig das Wort Malta entr�tselt haben, komme ich noch rechzeitig genug, um Philipp den Dolch in die Kehle zu sto�en. Denn das wird mir eine gr��ere Lust verschaffen als die, welche die K�nigin mir offensichtlich bereiten will.</p><p>�Ich hatte schon <emphasis>richesse</emphasis> herausgefunden�, sagte die K�nigin nicht ohne Stolz. �Die zweite Zeile hei�t: Im Orient ist seine Heimat. Da gibt es doch nichts zu �berlegen. Das ist Amor, amour. Wir k�nnen uns eine kleine Pause erlauben. Denn die n�chsten drei Buchstaben werden wir genauso schnell gel�st haben wie die ersten.�</p><p>Sie lie� sich nach hinten fallen und zog Uthman mit sich. �Es ist schrecklich hei� hier�, st�hnte sie. ��ffne mir das Gewand und l�se mir die engen Schn�re meines Rocks.�</p><p>Je schneller ich ihre W�nsche erf�lle, dachte Uthman, umso eher kann ich zum Audienzsaal zur�ckeilen, um meine Damaszenerklinge zum Einsatz zu bringen. Denn ich bin, wie Allah wei�, nicht in das Palais gekommen, um den Liebeshunger der K�nigin zu stillen. Er half ihren kundigen Fingern nach und bettete sie unter sich auf die Kissen der Chaiselongue. Er war bereit, alles zu tun, wonach sie verlangte.</p><p>In diesem Augenblick wurde leise die T�r ge�ffnet, und Juliette erschien auf der Schwelle. Sie brauchte nicht lange, um zu erkennen, was sich da ihren Augen bot. Dann ging alles sehr schnell.</p><p>�Zu Hilfe! Hilfe!� Die Stimme der Zofe kippte �ber. �Wachen hierher! Ein M�rder will unsere K�nigin t�ten.� Sie tobte, schrie und lief die G�nge auf und ab. �Rettet den K�nig und die K�nigin! Zwei M�rder sind in den Audienzsaal eingedrungen! Die K�nigin liegt halbtot in ihrem Gemach! Zu Hilfe! Zu Hilfe!�</p><p>Dr�hnende Stiefeltritte und Waffengeklirr ert�nte. Lanzentr�ger st�rmten durch die G�nge, Leibwachen, die mit Schwertern bewaffnet waren, rissen T�ren auf und verteilten sich in allen R�umen.</p><p>Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Uthman hatte die Absicht, den Audienzsaal zu erreichen, um Henri und Joshua mit der Damaszenerklinge auf ihrem R�ckzug zu decken. Aber er hatte die Orientierung verloren. Am Ende des Ganges erwarteten ihn drei Schwerttr�ger. Ehe sie ihre schweren Waffen erheben konnten, hatte er alle drei mit seinem Dolch niedergestreckt. Ihr Gebr�ll hallte durch den Treppenaufgang. Am Fu� der Treppe hatten Wachen mit Lanzen Aufstellung genommen. Er sprang einem von ihnen von der f�nften Stufe aus auf den Kopf, durchstach ihm die Kehle und ergriff seine Lanze. Die beiden anderen wichen zur Wand zur�ck. Uthman erstach sie fast gleichzeitig, indem er mit der rechten Hand die erbeutete Lanze f�hrte, den einen mit der Spitze an die Wand nagelte und dem anderen mit der Damaszenerklinge die Kniekehle durchschnitt. Wo waren Henri und Joshua? Waren sie von den Wachen �berw�ltigt worden?</p><p>Oben an der Treppe erschien Juliette. �Schwein! Geiler Bock!�, rief sie zu ihm herab. �Jetzt ist dein letztes St�ndlein gekommen. Du wirst keine Frau mehr begl�cken k�nnen.�</p><p>Ganz langsam kam sie ihm mit einem Messer in der Hand auf der Treppe entgegen. Auge in Auge standen sie sich gegen�ber. �Wei�t du, wo deine Gef�hrten jetzt sind? In der K�che. Die K�che sind soeben dabei, sie zu Saufutter zu verarbeiten.�</p><p>Uthman sp�rte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Rote Wellen tanzten vor seinen Augen. Er entwand dem M�dchen das Messer und schlug kr�ftig zu. Ohne einen Schmerzensschrei sank sie ohnm�chtig zu Boden und st�rzte die Treppe abw�rts, wo sie leblos mit starr ge�ffneten Augen liegen blieb.</p><p>Sein klarer Verstand kehrte zur�ck. Uthman glaubte nicht daran, was Juliette �ber seine Gef�hrten gesagt hatte. Zu einer solch scheu�lichen Tat waren die K�che niemals f�hig. Aber er st�rmte dennoch in das Souterrain, wo die Schlossk�chen untergebracht und unbewacht waren. Das Herdfeuer loderte, und es dauerte eine Zeit lang, bis er in dem Qualm und den Schwaden Henri und Joshua erkannte, die sich hinter dem gro�en Herd verschanzt hatten. Auf der Flucht vor den Wachen und der vergeblichen Suche nach einem Ausgang waren sie hier in eine Falle geraten.</p><p>�Hier bin ich!�, br�llte Uthman laut, um das Prasseln der Flammen zu �bert�nen. Er griff in die Glut, ergriff ein Holzscheit und warf es einem der K�che ins Gesicht. Es roch nach verbranntem Fleisch, und es k�mmerte ihn nicht, ob das sein eigenes oder das des getroffenen Kochs war. Ohne zu z�gern, packte er einen der eisernen T�pfe und sch�ttete die hei�e Br�he einem der Angreifer �ber den Leib. Der verbr�hte Koch schrie wie ein verwundetes Tier. Damit hatte er jedoch Henri und Joshua von den vordersten Angreifern befreit und ihnen Raum zur eigenen Verteidigung geschaffen.</p><p>�Nimm den leeren Topf und knall ihn dem Kleinsten auf den Kopf!�, rief er Joshua zu. Zu seiner Befriedigung sah er, dass Joshua bei weitem nicht so schwach war, wie es den Anschein hatte. Er hatte nicht gewusst, wozu Henri f�hig war, wenn es der Kampf erforderte. Denn Henri hatte mit beiden F�usten zwei K�che erfasst und stie� sie mit den Gesichtern auf die Herdplatte. Ein grauenvolles Gebr�ll k�ndigte von ihren Schmerzen. Zwei kleine K�chengehilfen verschonte er vor dem Schlimmsten und gab ihnen nur mit einem glimmenden Holzscheit einige Streiche aufs Hinterteil.</p><p>Die K�che hatte sich geleert. �Wir m�ssen weg!�, mahnte Henri. �Vielleicht sind einige der K�che entkommen und holen die Wachen herbei.� Sie entwichen durch eine schmale Luke. Vom Schloss her ert�nte Geschrei. Offenbar vermutete man sie immer noch im Palais und durchsuchte alle R�ume.</p><p>Drau�en im Garten herrschte Stille. Sie eilten zu der kleinen Pforte und fanden sie unverschlossen. Die Pferde waren noch immer drau�en angebunden und knabberten an dem jungen Gr�n, das �ber die Mauer ragte. Wenige Augenblicke sp�ter befanden sie sich auf der Stra�e zum S�den.</p><p>Sie ritten Tag und Nacht, g�nnten nur ihren Pferden ab und zu eine kurze Rast, um sie zu tr�nken und zu f�ttern. Sie wagten nicht einmal, im Sattel zu schlafen, ohne dass einer von ihnen Wache hielt und die Stra�e beobachtete. Henri hatte vorgeschlagen, die Seine zu meiden und durch die W�lder bis nach Auxerre zu reiten. Sie waren �berzeugt, dass Nicholas ihnen f�r eine Nacht Quartier geben w�rde, damit sie sich gefahrlos ausschlafen konnten.</p><p>Erst am dritten Tag sprachen sie dar�ber, dass es ihnen verwehrt geblieben war, ihr Gel�bnis zu erf�llen. �Ich sch�me mich, dass es uns nicht gelungen ist, Philipp f�r seine Verbrechen zu bestrafen�, bekannte Henri. �Er hat den Tod verdient.�</p><p>Uthman klopfte auf seinen G�rtel, in dem er seine Damaszenerklinge stecken hatte. �Es w�re mir sehr hart gewesen, wenn einer von euch beiden ihm den Todessto� versetzt h�tte. Wie weit wart ihr denn mit der Aufl�sung des R�tsels?�</p><p>�Damit hatten wir uns Zeit genommen�, sagte Joshua. �Denn wir hofften auf deine R�ckkehr.�</p><p>Uthman konnte trotz der Schmerzen seiner verbrannten H�nde schon wieder lachen. �Da h�ttet ihr euch noch eine Weile gedulden m�ssen. Die K�nigin war gerade bei dem Buchstaben A angelangt und hatte Amor und Amour vorgeschlagen.�</p><p>�Das ist doch gar nicht so dumm�, gab Joshua sein Urteil ab.</p><p>Uthman lachte abermals. �Aber leider wollte sie den Einsatz dieses Buchstabens auch mit der praktischen Anwendung bekr�ftigen.�</p><p>�Soll das etwa hei�en�?�, erkundigte sich Joshua ahnungsvoll.</p><p>Henri �bernahm die Antwort. �Du kennst doch unseren allseits bei den Damen beliebten Uthman. Nat�rlich wollte sie von ihm begl�ckt werden.�</p><p>Joshua war emp�rt. �Eine K�nigin? Eine Erbprinzessin aus adeligem Gebl�t sollte sich in Grund und Boden sch�men, einen fremden jungen Burschen zu verf�hren.�</p><p>Uthman wollte ihn mit einem Scherz ein wenig �rgern. �Eine K�nigin w�re f�r mich allemal eine neue Erfahrung gewesen. Aber leider hat Juliette uns erwischt und die Wachen gerufen.�</p><p>�Ach, so war das!�, rief Henri. �Eine eifers�chtige Frau hat unseren Plan vereitelt.�</p><p>�Sie hat mich, als mich die Wachen nicht erwischt hatten, sogar mit einem Messer bedroht. Aber ich habe sie, damit sie kein Unheil anrichten konnte, bewusstlos geschlagen. Vielleicht ist sie tot.�</p><p>�Was hast du mit dem armen verf�hrten Ding gemacht?�, rief Joshua entsetzt. �Das hat sie nicht verdient.�</p><p>�Im menschlichen Leben geht nichts nach Verdienst�, behauptete Uthman. �Das beste Beispiel daf�r ist K�nig Philipp. Allah richtet, und wir sind nur seine Handlanger.�</p><p>�Aber da ihr gerade von dem sprecht, was einer verdient oder nicht, m�chte ich auch etwas dazu sagen�, meldete sich Henri zu Wort. �Ich bin n�mlich der Meinung, dass Uthman eine t�chtige Tracht Pr�gel verdient hat. Mit seinen Weibergeschichten hat er uns die ganze Misere eingebrockt.�</p><p>�Undankbar seid ihr beiden!�, rief Uthman mit gespielter Emp�rung. �Ohne mich w�ret ihr doch �berhaupt nicht bis zu Philipp vorgedrungen. Die Vorbereitung bei Juliette hat mich viel M�he gekostet.�</p><p>�Wenn du jetzt nicht sogleich still bist, wird dich das nicht nur eine Tracht Pr�gel, sondern sogar das Leben kosten�, mahnte Henri. �Denn unten am Seineufer reitet eine Schwadron Soldaten. Es sieht ganz so aus, als ob sie auf der Suche nach uns w�ren. Wenn sie uns erwischen, dann wird nicht Allah uns richten, sondern die k�niglichen Richter, die mit uns sehr kurzen Prozess machen werden.�</p><p>Im Schritt ritten sie auf dem weichen Waldboden weiter, damit das Ger�usch der Hufe nicht unterhalb des H�gels am Ufer geh�rt werden konnte. Die Patrouille hatte jedoch scheinbar die Suche aufgegeben. Sie benutzten eine Furt, um auf dem jenseitigen Ufer nach Paris zur�ckzukehren.�</p></section><section><title><p><strong>23</strong></p></title><p>Nach vielen Tagen und N�chten, die sie nicht mehr z�hlten und halb schlafend im Sattel verbrachten, erreichten sie endlich Auxerre.</p><p>�Wie seht Ihr denn aus?�, rief Nicholas entsetzt, als sie abgemagert und bleich in seine T�pferei taumelten.</p><p>�Das berichten wir dir morgen�, versprach Henri. �F�r heute brauchen wir nur ein St�ck Brot zum Essen und ein Lager zum Schlafen.�</p><p>Nicholas machte keine langen Worte. Er begleitete sie in sein Haus und stellte keine weiteren Fragen. Bevor Henri todm�de ins Bett fiel, sah er sich noch um. �Sind Sean und Guinivevre hier?�</p><p>Nicholas beruhigte ihn. �Sie kamen wohlbehalten hier an, in bei weitem besseren Zustand als ihr. Der Earl hat sie auf seine Burg geholt und seiner Tochter verboten, mit Sean nach Beaumont zu seiner Mutter weiterzureiten.�</p><p>�Daran hat er Recht getan�, murmelte Uthman schlaftrunken. �Sean ist noch viel zu jung, um mit diesen Weibergeschichten anzufangen, die doch nur Ungl�ck bringen.�</p><p>�Er wei�, wovon er redet�, erkl�rte Henri, ehe er in tiefen, traumlosen Schlaf fiel.</p><p>Sie schliefen zwei Tage und zwei N�chte so lange, bis Nicholas sie an den Schultern r�ttelte. �Aufwachen, ihr Helden! Oder wollt ihr euch f�r immer von dieser Welt verabschieden? Ich habe dem Earl of Annan von eurer Ankunft und dem erb�rmlichen Zustand berichtet. Er hat euch f�r heute Abend zu einem festlichen Mahl geladen.�</p><p>�Ich glaube, dass mein Magen nach der letzten Fastenzeit die Nahrungsaufnahme verweigern wird�, f�rchtete Joshua.</p><p>�Da f�rchte ich eher das Gegenteil�, hielt Uthman dagegen. �Wahrscheinlich werde ich wie ein Wolf �ber die erlesenen K�stlichkeiten herfallen.�</p><p>�Ich w�nsche nicht, dass wir bei dem Earl durch ein schlechtes Benehmen auffallen�, mahnte Henri. �Nehmt euch zusammen und zeigt euch dankbar! Vor allem du, Uthman, lass dir nicht einfallen, Guinivevre zu bel�stigen!�</p><p>�Wo denkst du hin!�, rief Uthman emp�rt. �Frauen spielen in meinem Leben keine Rolle mehr.�</p><p>Der Earl of Annan erwies sich als vollendeter Gastgeber. Er hatte den Park durch Pechfackeln erleuchten lassen, sodass die zahlreichen Skulpturen scheinbar zum Leben erwachten. Die Tafel hatte er mit schottischem Geschirr decken lassen, das mit bunten Jagdszenen bemalt war. In den Karaffen funkelte franz�sischer Rotwein. Sie sa�en an diesem ersten lauen Fr�hlingsabend unter einer Pergola, die sie vor dem Wind sch�tzte, der von der Loire her�berwehte. Guinivevre hatte einen Platz im Halbschatten gew�hlt. Ihr Gesicht wirkte verschlossen und d�ster.</p><p>Der Earl erhob sein Glas. �Ich trinke auf Eure gesunde R�ckkehr, meine Herren. Sicher werdet Ihr nun in Eure Heimat zur�ckkehren wollen.� Er bemerkte wohl nicht, dass nach diesen Worten eine vollkommene Stille entstanden war. Denn er hatte begonnen, �ber die politische Situation in Frankreich und vor allem �ber die Schwierigkeiten in jenem Gebiet zu dozieren, das der englischen Krone unterstand.</p><p>Heimat, dachten seine drei G�ste, wo gab es die f�r sie?</p><p>Joshua kam in den Sinn, dass es ihm erging wie dem ewigen Wanderer Ahasver, der ein Jude war wie er. Ahasver aber war schuldig geworden, weil er Jesus von seiner Schwelle gejagt hatte, als dieser ihn auf dem Weg nach Golgatha gebeten hatte, ob er mit seinem schweren Kreuz vor seinem Hause ein wenig rasten d�rfe. Geh weiter zu deinem Herrn!, hatte Ahasver geh�hnt. Jesus aber hatte geantwortet: Ich werde heimkehren in das Reich meines Vaters, du aber wirst ewig wandern m�ssen. Obwohl schuldlos, hatte auch Joshua dieses Schicksal getroffen. So deuteten die Christen die Heimatlosigkeit seines Volkes, obwohl doch alleine ihre Gesetze daran schuld waren.</p><p>Uthman dachte daran, dass es ihm in Frankreich verwehrt blieb, sich als gl�ubiger Moslem zu erkennen zu geben, dass er selbst in Andalusien in der ehemaligen Moschee von Cordoba, welche die Christen in eine Kirche umgebaut hatten, zwar leise beten, aber nicht mit dem Gesicht gen Mekka laut das islamische Glaubensbekenntnis ausrufen durfte: Ashadu an la ilah illa Allah, ashadu anaa Muhammad rasul Allah � Ich bezeuge, dass es keinen Gott au�er Allah gibt; ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.</p><p>Henri dachte daran, dass es f�r ihn nur eine einzige Heimat gegeben hatte, die Gemeinschaft im Orden der Templer. Die aber hatte man ihm mit Gewalt genommen. Wo k�nnte er sie jemals wieder finden? Wo k�nnte es f�r ihn eine andere geben?</p><p>Der Earl, der sich ausf�hrlich mit dem Krieg in Flandern besch�ftigt hatte, bemerkte die pl�tzliche Stille seiner G�ste. Auch Guinivevre hatte beharrlich geschwiegen. Er unterbrach seinen Redefluss und fasste seiner Tochter unter das Kinn, hob ihren gesenkten Kopf, um ihr in die Augen zu schauen. �Meine �ber alles geliebte Tochter werde ich nach Schottland auf das Landgut meiner Schwester schicken, damit sich Lady Campbell um die Erziehung dieses jungen M�dchens k�mmert. Und Ihr, meine Herren, welche Pl�ne werdet Ihr verfolgen?�</p><p>Sie konnten ihm wohl kaum die Wahrheit sagen, dass ihr einziger Plan war, K�nig Philipp und den willf�hrigen Papst vom Leben zum Tod zu bef�rdern.</p><p>Diesmal fand Uthman als Erster zu einer Antwort. �Ich habe die Absicht, nach Cordoba zur�ckzukehren, um mich dort den Studien zu widmen. Es ist mein brennender Wunsch, ein Medicus zu werden, der kranken Menschen Hilfe bringen kann. Ich werde Avicenna nacheifern, dem bedeutendsten Arzt und einem der gr��ten Philosophen unserer Religion, vor allem aber auch Averroes, den wir Ibn Ruschd nennen, dessen Ruhm als Philosoph sein medizinisches Schaffen noch �bertraf.� Uthman h�tte sich noch l�nger �ber die bewundernswerten Kenntnisse und ber�hmten medizinischen B�cher arabischer Wissenschaftler ausgelassen, wenn sich nicht Joshua zu Wort gemeldet h�tte.</p><p>�Du solltest aber auch Maimonides nicht unerw�hnt lassen, den gr��ten Philosophen. Obwohl er Jude war, wirkte er als Arzt der aijubidischen Sultane, und er verfasste seine medizinischen Schriften in eurer Sprache. Wenn du nach Cordoba zur�ckkehrst, musst du unbedingt sein bemerkenswertes Buch der medizinischen Spr�che lesen. Auch ich werde �brigens meine Studien fortsetzen und mich wieder der Philosophie zuwenden, wenn ich an irgendeinem Ort ungest�rt arbeiten kann.�</p><p>Der Earl bemerkte, dass sich das Gespr�ch einem Sachgebiet zuwandte, von dem er nichts verstand. �Und Ihr, mein lieber Landsmann Henri de Roslin, welche Pl�ne werdet Ihr verfolgen?�</p><p>Henri, der bis dahin aufmerksam den Ausf�hrungen seiner Gef�hrten gelauscht hatte, setzte sich aufrecht hin. �Mein einziges Ziel ist es, die Werte, die einst unseren Orden gepr�gt hatten, wieder zum Leben zu erwecken.�</p><p>�Denkt Ihr an einen neuen Kreuzzug?�, fragte der Earl.</p><p>Henri musste wider Willen l�cheln. �Aber nein! Diese Zeiten sind wohl endg�ltig vor�ber. Ich habe, wenn man es so ausdr�cken will, an einen Kreuzzug gedacht, der nicht Andersgl�ubige ausrotten und bek�mpfen will, sondern deren Werte sucht und anerkennt. Schlie�lich glauben wir alle an denselben Gott und verehren die gleichen Propheten.�</p><p>Der Earl wirkte missgestimmt. �Mir scheint, mein lieber Freund, dass Ihr die Regeln und Gel�bde Eures Ordens in Frage stellt. Wo bleibt da der Kampfgeist der Ritter, mit dem sie sich in den Kreuzz�gen bis zu ihrem letzten Blutstropfen ausgezeichnet haben? Wo bleibt das Bekenntnis zum Christentum?�</p><p>Henri f�hlte zwar nicht das Bed�rfnis, sich zu rechtfertigen, wohl aber eine Erkl�rung zu liefern. �Nichts von den Tugenden, die unseren Orden auszeichneten, ist verloren gegangen. Wir alle, die ehemaligen Tempelbr�der, werden diese Werte weitertragen, nur in einem anderen Gewand.�</p><p>Joshua sah ihn an und nickte. Auch Uthman hatte ihn verstanden. Nur der Earl zuckte verst�ndnislos mit den Schultern und erhob sich. �Es ist sp�t geworden, und ich w�nsche Euch eine ungest�rte Reise dorthin, wo Ihr vielleicht doch eine Heimat finden k�nnt.�</p><p>Seine drei G�ste glaubten, einen Tadel herauszuh�ren. Sie verbeugten sich tief vor ihrem Gastgeber und dankten f�r die genossenen K�stlichkeiten und den anregenden Abend. Der Stallbursche f�hrte ihre Pferde gesattelt vor. Guinivevre, die den ganzen Abend geschwiegen hatte, trat nahe heran und streichelte Henris Araberhengst. Henri sah Tr�nen in ihren Augen. Er beugte sich hinab und k�sste ihre dargereichte Hand.</p><p>�Ich werde meinen Knappen von Euch gr��en�, versprach er laut im Beisein des Earl of Annan. �Er hat Euch nicht vergessen.�</p><p>Die drei Gef�hrten ritten schweigend in die Dunkelheit hinaus. Es gab nichts mehr zu sagen.�</p></section><section><title><p><strong>EPILOG</strong></p></title><p>Drei Tage sp�ter erreichten sie die Bastide von Beaumont, die ihnen nun doch das Gef�hl vermittelte, nach Hause gekommen zu sein. Sean, der das Ger�usch nahender Pferde schon von weitem geh�rt hatte, lief ihnen entgegen und st�rzte sich in Henris Arme, als begr��e er seinen heimgekehrten Vater. Er nahm Henri bei der Hand und f�hrte ihn die h�lzerne Treppe aufw�rts, wo Seans Mutter ihn auf dem Balkon erwartete. Es bedurfte zwischen ihnen keiner Worte. Ihren Augen sah er die tiefe Dankbarkeit an, dass er ihren Sohn wohlbehalten wieder in ihre Obhut zur�ckgef�hrt hatte.</p><p>Aber dann, bei einem Mahl, das zwar nicht so reichhaltig wie in der Burg an der Loire, aber mindestens ebenso wohlschmeckend war, hielt Henri eine kleine Rede. �Ich danke euch, meine treuen Gef�hrten, dass ihr mir durch alle Gefahren bis hierhin gefolgt seid, wo Lady of Ardchatten uns eine verlorene Heimat ersetzt. Heute ist der Tag gekommen, an dem wir uns trennen m�ssen. Aber wir werden uns wieder sehen, denn auf uns warten weitere Pflichten, wie ihr wisst. In zwei Wochen erwarte ich euch in der alten Commanderie des Ordens von La Reole. Ihr werdet die ehemalige Ordenskapelle und den Wehrturm trotz ihres verfallenen Zustandes leicht erkennen. Dort gibt es f�r uns eine Arbeit, die von immenser Wichtigkeit ist. Darum bitte ich euch, bewahrt den Treffpunkt La Reole als unser Geheimnis. Reicht mir als Versprechen eure H�nde!�</p><p>Er gab Lady of Ardchatten einen Wink, dass auch sie gemeint sei, und sie legte ihre blassen schmalen H�nde auf den h�lzernen Tisch.</p><p>Sean breitete seine noch immer knabenhaften H�nde dar�ber. Henri gab Joshua ein Zeichen, dass er als N�chster an der Reihe sei. Obwohl Joshua im Freien gen�chtigt und einen weiten Ritt �berstanden hatte, zeigten seine H�nde immer noch das Aussehen eines Gelehrten.</p><p>Uthman wartete Henris Aufforderung nicht ab. Trotz seiner Studien in Cordoba waren seine H�nde die eines K�mpfers geblieben, breit und zupackend.</p><p>Als Letzter legte Henri seine H�nde �ber die der anderen. Man h�tte nicht erkennen k�nnen, ob diese H�nde f�hig waren, Waffen zu f�hren oder doch eher in B�chern zu bl�ttern.</p><p>Der H�gel der aufeinander gelegten H�nde wirkte wie ein fester Fels, den niemand zum Einsturz bringen konnte. Auch ohne ein lautes Gel�bnis wussten sie, dass nichts und niemand sie jemals voneinander trennen konnte.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Historische Nachbemerkung</strong></emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/><subtitle><emphasis>Frankreich im 14. Jahrhundert und das Ende des Templerordens</emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Die Zeit, in der dieser Roman spielt � der Beginn des 14. Jahrhunderts �, ist eine Epoche, in der viele Weichen gestellt werden f�r die Welt, wie wir sie heute kennen. Allm�hlich bilden sich die Nationalstaaten heraus, das B�rgertum erstarkt, Kaiser, K�nig und Papst streiten noch um die Vorherrschaft in ihren L�ndern.</p><empty-line/><subtitle><emphasis>Warum Philipp der Sch�ne den Templerorden verfolgte</emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Das gilt besonders f�r Frankreich. Noch gibt es mehrere unabh�ngige K�nigsherrschaften und F�rstent�mer, und die Engl�nder halten einen Teil Frankreichs in ihrer Gewalt, den erst Jeanne d�Arc mehr als 100 Jahre sp�ter befreien wird. Philipp IV. (1285-1314), genannt der Sch�ne, beginnt, das Reich zentralistisch auszurichten und alle Macht auf sich zu konzentrieren. Um seine Bewohner hinter sich zu bringen, werden 1302 die Generalst�nde berufen, ein Gremium, in dem neben Geistlichkeit und Adel zum ersten Mal auch das B�rgertum vertreten ist. Gleichzeitig vergr��ert Philipp aggressiv sein Territorium, er erobert Teile des K�nigreichs Burgund (unter anderem das Gebiet um Lyon und die Provence).</p><p>Philipps ehrgeizige Politik ist teuer � und dem K�nig fehlt es an Geld. Sein Versuch, den bisher unabh�ngigen Klerus zu besteuern, f�hrt zu einem Streit mit dem Papst Bonifaz VIII. (1294-1303). Philipp ist in seinen Mitteln nicht w�hlerisch: Nach dem Tod von Bonifaz kommt � nach einem nur wenige Monate dauernden Zwischenspiel von Benedikt XI. � bei einer von ihm bestimmten Wahl der ihm angenehme Kandidat Clemens V. auf den Papstthron. 1309 verlegt Clemens dann seine Residenz nach Avignon. Dort, das hofft Philipp, kann er die P�pste besser kontrollieren und lenken.</p><p>Unter Philipps ersten Opfern sind die Juden Frankreichs. Philipp belegt das Nichttragen des Judenabzeichens mit hohen Geldstrafen, verbietet den Juden das Wohnen au�erhalb der St�dte, schlie�lich, am 22. Juli 1306, werden alle Juden im Herrschaftsbereich des K�nigs verhaftet und des Landes verwiesen. Dazu treibt ihn nicht etwa religi�ser Fanatismus, sondern die Gier nach Geld: Die Habe der Juden wird vom franz�sischen K�nig konfisziert, Au�enst�nde bei Christen werden zugunsten des k�niglichen Schatzes eingetrieben. Ein Teil der vertriebenen Juden zieht nach Lothringen, Burgund und in die Dauphin�, w�hrend die Juden S�dfrankreichs in das Gebiet des K�nigs von Mallorca und in das spanische Aragon auswandern. Im Jahr 1315 d�rfen die Juden dann wieder nach Frankreich zur�ckkehren, allerdings gegen die Zahlung hoher Summen. Die Niederlassung auf Gebieten des K�nigs wird ihnen ausdr�cklich erlaubt. Sie d�rfen auch wieder Handel und Gewerbe treiben; Pf�nder k�nnen mit bis zu 43 Prozent j�hrlichen Zinsen belegt werden. Ihre bei der Vertreibung aufgegebenen Synagogen und Friedh�fe k�nnen die R�ckkehrer zur�ckkaufen, au�erdem d�rfen sie die Herausgabe der beschlagnahmten B�cher � mit Ausnahme des Talmuds � verlangen. Wie schon vor der Vertreibung m�ssen die Juden das ringf�rmige Judenabzeichen tragen. Es vergehen nur zwei Jahre bis zu erneuten Judenpogromen in Chinon, die zweite Vertreibung folgt im Jahr 1322.</p><p>Nur wenige Jahre nach der ersten Enteignung und Vertreibung der Juden schielt Philipp nach dem immensen Verm�gen und der Macht des reichsten geistlichen Ordens seiner Zeit, des Templerordens. L�ngst schon spielen die einstmals armen Ritter auf der weltpolitischen B�hne; Philipp wird besonders ge�rgert haben, dass sie den Krieg seines Feindes, des englischen K�nigs Edward I. gegen Frankreich mitfinanzieren. Aber die Templer haben zudem ungeheure Mengen an Grundst�cken angeh�uft (Adelige vermachten ihnen Liegenschaften, um ins Himmelreich zu kommen), und sie kontrollieren das Bankwesen in ganz Europa. Philipp ist bei ihnen tief verschuldet. Er zwingt den ihm gehorsamen Papst zur �chtung des Ordens. Ein paar Vorw�rfe � darunter Anbetung eines Idols, Sodomie, Gemeinschaft mit den ungl�ubigen Muslimen � sind schnell aus dem Hut gezaubert. Insgesamt 127 Punkte umfasst die Anklageschrift letztlich. Die Mitwirkung des Papstes n�tigt alle christlichen K�nige Europas, sich an der Verfolgung der Templer zu beteiligen, obwohl der Orden als Bild der Fr�mmigkeit und christlichen Rittertugend gilt und niemand �berhaupt die Vorw�rfe glaubt. Ab Freitag, dem 13. Oktober 1307, werden in ganz Frankreich s�mtliche Templer verhaftet � insgesamt 5000. Die Aktion l�uft innerhalb eines Tages ab � die restlichen L�nder Europas aber folgen eher widerwillig, und in Spanien, in Italien, England und im Deutschen Reich dauert es Monate, bis die vom franz�sischen K�nig betriebenen Erlasse des Papstes umgesetzt werden. Dennoch: Kerker und Folter folgen, und nicht wenige Mitglieder des Templerordens gestehen unter Pein die ihnen angedichteten Verbrechen und Ketzereien. Im M�rz 1314 wird dann der Gro�meister der Templer, Jacques de Molay, auf einer Seine-Insel in Paris verbrannt � das infame Ende einer gewaltigen Verschw�rung, mit dem dieser Roman beginnt. Jacques de Molays letzte Worte, nachdem er sich geweigert hat, seine �S�nden� zu bekennen, sind: �Lass �bel �ber all jene kommen, die uns verdammt haben. Gott wird unseren Tod r�chen. Gott wird uns Gerechtigkeit widerfahren lassen. Unsere Feinde sollen das erleiden, was wir erlitten haben, f�r das, was sie uns angetan haben.� Vermutlich entgingen in Frankreich nur 20 Templer der Vernichtung, der � historisch fiktive � Henri de Roslin unseres Romans ist einer davon.</p><empty-line/><subtitle><emphasis>Das Ende des Templerordens</emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Die Tempelritter waren 1118 gegr�ndet worden, um das Leben der Pilger im Heiligen Land zu sch�tzen � die Kriegerm�nche kamen dabei zu Wohlstand und zogen sich, als Pal�stina f�r die Christenheit verloren war, nach Europa zur�ck. Nichts deutete auf ihr Ende hin, das sich �ber sieben lange Jahre hinzog.</p><p>Das Ende der Tempelritter beginnt am 14. September 1307 mit dem Befehl des franz�sischen K�nigs, alle Templer in Frankreich zu verhaften, und erreicht mit der offiziellen Aufl�sung des Ordens durch die p�pstliche Bulle <emphasis>Vox in excelso</emphasis> vom 22. M�rz 1312 einen ersten H�hepunkt. Die Organisation existiert l�ngst nicht mehr, aber noch leben die W�rdentr�ger des Ordens, die unter der Folter schon 1307 alle die Ungeheuerlichkeiten bekannt haben, die dem Orden als Ganzes und seinen Mitgliedern in der Anklageschrift vorgeworfen werden. Eine weitere p�pstliche Bulle mit dem Titel <emphasis>Considerantes dudum</emphasis> vom 6. Mai 1312 bestimmt, dass die im Laufe des Prozesses f�r unschuldig befundenen oder nach ihren Gest�ndnissen �mit der Kirche vers�hnten� Ordensmitglieder unterst�tzt durch finanzielle Zuwendungen in den ehemaligen H�usern des Ordens leben d�rfen. Diejenigen, die standhaft geleugnet oder ihre Gest�ndnisse widerrufen haben, werden mit harten Strafen bedroht.</p><p>Die Aburteilung der hohen W�rdentr�ger, insbesondere des Gro�meisters Jacques de Molay, hat sich Papst Clemens V. selbst vorbehalten. Der Gro�meister hat immer betont, dass er allein dem Papst gegen�ber Rechenschaft abzulegen gedenke, dem er v�llig vertraut. Doch der Papst verr�t dieses Vertrauen.</p><p>Am 23. Dezember 1313 beruft er endlich eine p�pstliche Kommission zur Vernehmung des Gro�meisters und der anderen Ordensoberen ein; unter den drei berufenen Kardin�len ist auch Nikolaus von Fr�auville. Diesem Mann des K�nigs hat Jacques de Molay schon 1309 gegen�bergestanden, als dieser Mitglied der von K�nig Philipp IV berufenen Kommission zur Untersuchung der Vorw�rfe gegen den Orden gewesen ist. Der Angeklagte hat von der f�r den 18. M�rz 1314 festgelegten Sitzung der p�pstlichen Kommission also nichts zu erwarten. Und so wird er an diesem Tag auch nicht befragt, es gibt auch keine Verhandlung, allein der Urteilsspruch wird verlesen. Der Gro�meister, der Pr�zeptor der Normandie, Geoffrey de Charney, sowie Hugues de Pairaud und Gottfried von Gonneville werden zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt.</p><p>�Doch w�hrend die Kardinale glaubten, damit sei alles in dieser Angelegenheit abgeschlossen, erhoben sich ganz unversehens und unerwartet zwei von diesen M�nnern, der Gro�meister und der Meister der Normandie, die sich starrsinnig dem Kardinal, der den Beschluss vorgetragen hatte, und dem Erzbischof von Sens widersetzten und ihr Gest�ndnis und alles, was sie bis dahin gesagt hatten, widerriefen�� [zit. n. Demurger, 1992, S. 260]</p><empty-line/><subtitle><emphasis>Die Hinrichtung</emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Mit dem Widerruf gelten die beiden Angeklagten als �Relapsi�, als R�ckf�llige, was in einem Inquisitionsprozess dieser Zeit zwangsl�ufig zum Tod auf dem Scheiterhaufen f�hren muss. Beide M�nner wissen also von vornherein, was ihnen droht, doch hat Jacques de Molay schon 1307 unter Berufung auf eine zuvor erfolgte Folterung seine ersten, den Orden belastenden Aussagen widerrufen. Das bleibt ohne Folgen, und entweder hofft de Molay darauf, wieder mit dem Leben davonzukommen, oder er hat den Kampf endg�ltig aufgegeben. Was ihn in seinem Entschluss zu widerrufen wirklich best�rkt, ist nicht bekannt. Und zun�chst scheint die Rechnung des Gro�meisters aufzugehen. Die p�pstliche Kommission will nach diesem �berraschenden Widerruf f�r den n�chsten Tag eine weitere Sitzung einberufen, doch K�nig Philipp IV. nimmt den kirchlichen W�rdentr�gern die Entscheidung aus der Hand:</p><p>�Am selben Tag zur Vesperstunde wurden sie auf einer kleinen Seineinsel zwischen den k�niglichen G�rten und der Augustinerkirche zum Feuertod abgef�hrt� Man sah sie so entschlossen, den Feuertod zu erleiden, mit einer solchen Willenskraft, dass sie bei allen, die bei ihrer Hinrichtung anwesend waren, Bewunderung und Erstaunen wegen ihrer Standhaftigkeit im Sterben und im Leugnen im Angesicht des Todes hervorriefen.� [Continuation de Guillaume de Nangis, Bd. I, S. 402-403; zit. n. Demurger, 1992, S. 261]</p><p>Gottfried von Paris, der als Augenzeuge die Hinrichtung miterlebte, berichtet in der �Pariser Reimchronik� von den letzten Momenten im Leben Jacques de Molays:</p><p>�Der Gro�meister, der das Feuer angez�ndet sah, entkleidete sich ohne Z�gern. Ich erz�hle es, wie ich es gesehen habe. Ganz nackt in seinem Hemd kam er heran, mit leichtem Schritt und froher Miene, ohne irgendwie zu zittern, trotzdem man ihn zog und stie�. Man nahm ihn, um ihn an den Pfahl zu binden, und wollte ihm die H�nde fesseln, aber er sagte zu den Henkern: �Ihr Herren, lasst mich wenigstens die H�nde falten und Gott mein Gebet darbringen, es ist wohl der Augenblick dazu gekommen. Ich werde sterben. Gott wei�, dass es zu Unrecht geschieht. Ihr Herren wisst, da� alle jene, die gegen uns waren, f�r uns werden leiden m�ssen. In diesem Glauben sterbe ich. Dreht mich, bitte, mit dem Gesicht zu der Jungfrau, die unseren Herren Jesus Christus geboren hat.�� [Gottfried von Paris, zit. n. Loos, 1997, S. 112-113]</p><p>Die Henker sind gn�dig, und so darf er mit dem Blick �ber die k�niglichen G�rten und die Sainte-Chapelle hinweg auf die T�rme der Kirche Notre-Dame gerichtet sterben. Der Tod kommt, wie die Reimchronik berichtet, leicht und schnell, was gro�es Erstaunen unter den Zuschauern ausl�st.</p><p>Hugues de Pairaud und Gottfried von Gonneville haben durch ihr Schweigen ihr Leben gerettet, sie finden ihr Ende im Gef�ngnis. Wenn man dem Bericht des Florentiner Chronisten Guillaume Villani Glauben schenkt, wurden die Asche und die Knochen der Verbrannten von einigen Nonnen und �heiligen Menschen� eingesammelt und als Reliquien verwahrt. [Demurger, 1992, S. 261]</p><empty-line/><subtitle><emphasis>Philipp IV � Biografie des Tyrannen</emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Clemens V. �berlebt die Hinrichtung des Gro�meisters der Templer nicht lange. Bereits am 20. April 1314 stirbt der schon immer kr�nkliche Papst in dem Ort Roquemaure. Nach der S�chsischen Weltchronik gelten die letzten Gedanken des Sterbenden seiner Verwicklung in den Prozess gegen die Templer. Er beklagt, von seiner Habsucht dazu getrieben worden zu sein, die Templer zu verurteilen, und bereut.</p><p>Dem franz�sischen K�nig ist auch kein langes Leben mehr verg�nnt. Philipp IV. der Sch�ne hat Anfang November 1314 w�hrend einer Jagd im Forst von Saint-Maxence einen Unfall, von dem er sich nicht mehr erholt. Am 29. November 1314 stirbt er in Fontainebleau.</p><p>Er hat den Thron Frankreichs 1285 als Nachfolger seines Vaters Philipp III. bestiegen. Es hei�t von Philipp IV. er starre die Menschen nur an, ohne etwas zu sagen. Wenn er auch vieles von Menschen seines Vertrauens erledigen l�sst, bleibt er dabei doch nicht abseits, sondern verfolgt aufmerksam den Verlauf der Vorg�nge anhand der Akten. Entscheidungen trifft er gest�tzt auf die Vorarbeiten seiner Helfer. Der Jagd ist der K�nig mit Leidenschaft zugetan. Durch seine Ehe mit Johanna von Navarra, die er aufrichtig liebt, hat er auch das spanische K�nigreich Navarra und die Champagne seinem Herrschaftsbereich hinzuf�gen k�nnen. Die Besetzung der englischen Besitzung Guyenne endet mit dem Vertrag von Paris im Jahr 1303, in dem der Friede mit England wiederhergestellt wird. Aber noch geh�ren Teile Frankreichs zu England. Auch Flandern okkupiert und konfisziert Philipp IV. Doch den Widerstand der Flamen kann er nicht brechen. Die fl�mischen Stadtmilizen siegen in der �Sporenschlacht� am 11. Juli 1302 �ber die franz�sischen Truppen. In den folgenden Verhandlungen, die bis zum Tode des K�nigs andauern, wird keine Einigung erzielt. Dagegen gelingt es Philipp IV, die F�rstgrafschaft Burgund, die bisher zum deutschen Kaiserreich geh�rt hat, zu erhalten.</p><p>Ein schwerer Konflikt entsteht zwischen dem K�nig und Papst Bonifaz VIII. Mit einem Verdikt hat der Papst jegliche Besteuerung des Klerus ohne seine Zustimmung verboten. Eine Einigung der beiden Parteien ist nicht m�glich; schlie�lich fordert im M�rz 1303 die k�niglich-franz�sische Partei die Absetzung des Papstes wegen seines Beharrens auf dem Herrschaftsanspruch der Kirche. Dieser Konflikt findet seinen H�hepunkt und sein Ende im �Attentat von Anagni�. Guillaume de Nogaret, Thiery di Hirecon und Jacques de Jasseines nehmen den Papst im Auftrag des K�nigs gefangen, doch die B�rger der Stadt Anagni befreien Bonifaz VIII. wieder. Infolge einer Verletzung, die er sich w�hrend der K�mpfe zuzieht, stirbt der Papst wenig sp�ter. Das Konzil w�hlt einen Kandidaten, der sowohl der Partei Frankreichs wie den Feinden des franz�sischen K�nigs genehm ist, Clemens V.</p><p>Seine st�ndige Geldnot versucht Philipp IV. zun�chst durch M�nzverschlechterungen, dann durch die Vertreibung und Auspl�nderung zun�chst der italienischen Bankiers, der �Lombarden�, und dann der Juden Frankreichs zu beheben. Verschiedentlich wird vermutet, auch die Vernichtung des Templerordens sei in der Hoffnung auf den Besitz des Ordens in die Wege geleitet worden. Doch kann sich der K�nig nie die Hoffnung gemacht haben, die Besitzt�mer des Ordens, �ber die allein die Kirche bestimmen darf, in seine Hand bringen zu k�nnen.</p><p>Oder glaubt er, dass er Clemens so beherrscht, dass ihm das Geld zufallen wird? Sein Grab findet Philipp IV. in der Kirche Saint Denis in Paris, es ist von einer Steinskulptur des K�nigs gedeckt.</p><empty-line/><subtitle><emphasis>Die Aufnahme in den Templerorden</emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Der Orden der Templer war ein so genannter Ritterorden, der sowohl k�mpfte wie betete. Seine Hauptaufgabe war der Schutz der Pilgerstra�en im Heiligen Land. Weil die Tempelritter in ihren Niederlassungen, den Komtureien, Wechsel f�r hinterlegtes Geld ausstellten, die der Besitzer dann in einer weiteren Templer-Niederlassung am Zielort wieder gegen Bares einl�sen konnte, beherrschte der Orden den innereurop�ischen Geldverkehr. Da er zudem als Inbegriff des christlichen Rittertums galt, vermachten viele Adlige den �armen Rittern� Land und Besitz. Tempelritter zu sein war eine ehrenvolle und erstrebenswerte Laufbahn.</p><p>Die Aufnahme in den Templerorden folgt einem genau festgeschriebenen Ritus. Der Kandidat hat nur eine Bedingung zu erf�llen: Er musste ein freier Mann sein. Das Hauptinteresse des Ordens liegt insbesondere darin, waffenf�hige Mitglieder aufzunehmen, die im Heiligen Land gegen die Heiden k�mpfen k�nnen. Wenn auch formal jeder beitreten darf, rekrutiert sich der Gro�teil der Mitglieder aber aus dem niederen und mittleren Adel. Die Bewerber m�ssen zun�chst eine Probezeit hinter sich bringen, in der ihre Eignung zum Dienst f�r den Orden gepr�ft wird.</p><p>Eine Beschreibung des Ablaufs der Aufnahmezeremonie ist durch die Aussage des Templers Gerhard von Caux im Prozess erhalten geblieben. Aufgenommen wurde er zusammen mit zwei weiteren Postulanten am Kirchenfest der Apostel Peter und Paul. Nach der Feier der Messe am Morgen des Tages folgt die Aufnahme des neuen Mitglieds. Der Postulant findet sich in einer an die Kapelle anschlie�enden Kammer ein, wo ihm zwei Ordensbr�der die Frage stellen:</p><p>�Begehrt Ihr die Gemeinschaft des Templerordens und wollt Ihr an seinen geistlichen und weltlichen Weihen teilhaben?�, wie es Artikel 657 der Ordensregel vorschreibt.</p><p>Wird diese Frage bejaht, richtet man wieder das Wort an ihn:</p><p>�Ihr begehrt, was gro� ist, und Ihr kennt die harten Vorschriften nicht, die in diesem Orden befolgt werden. Ihr seht uns mit sch�nen Gew�ndern, sch�nen Pferden, gro�er Ausr�stung, aber das strenge Leben des Ordens k�nnt Ihr nicht kennen. Denn wenn Ihr auf dieser Seite des Meeres sein wollt, so werdet Ihr auf die andere Seite des Meeres geschickt, und umgekehrt. Wollt Ihr schlafen, so m�sst Ihr wachen, und hungrig m�sst Ihr fortgehen, wenn Ihr essen wollt.�</p><p>Dieser Warnung folgt die Frage:</p><p>�Ertragt Ihr all dies zur Ehre, zur Rettung und um das Heil Eurer Seele willen?�</p><p>Auch dies muss der Postulant bejahen, worauf ihm die n�chste Frage gestellt wird:</p><p>�Wir m�chten von Euch wissen, ob Ihr katholischen Glaubens seid, Euch in �bereinstimmung mit der r�mischen Kirche befindet, ob Ihr in einem Orden verpflichtet oder aber durch Ehebande gebunden seid. Seid Ihr Ritter und Spross einer legitimen Ehe? Seid Ihr aus eigener Schuld oder sonstwie exkommuniziert? Habt Ihr etwas versprochen oder einem Ordensbruder eine Schenkung gemacht, um aufgenommen zu werden? Habt Ihr auch kein verborgenes k�rperliches Gebrechen, das Euren Dienst im Ordenshaus und die Teilnahme am Kampf unm�glich macht? Seid Ihr auch nicht verschuldet?� [Art. 658 und 669-673]</p><p>Die erste Frage soll sicherstellen, dass es sich bei dem Postulanten nicht um einen Ketzer handelt. Gleichzeitig darf auch niemand Mitglied in zwei Orden sein. Eine Aufnahme von Ehepaaren in den Orden kennen die Templer zwar, aber Paare gelten nur als assoziierte Mitglieder. Sie m�ssen zwar ein ehrenhaftes Leben f�hren, d�rfen aber nicht im Konvent wohnen und sind auch nicht berechtigt, den wei�en Mantel zu tragen, wie Artikel 69 der Ordensregel vorschreibt. Da der Orden ausgebildete K�mpfer f�r seine milit�rischen Aufgaben ben�tigt, ist die Ritterschaft eine der gestellten Bedingungen. Niemand wird aufgenommen, der aus der Kirche ausgeschlossen ist. Eines der schlimmsten Verbrechen innerhalb der Kirche ist die �Simonie�, der Kauf und Verkauf von kirchlichen Weihen und �mtern. Daher die Frage nach den erfolgten Schenkungen. Gro�es Interesse hat der Orden daran, dass ihm einsatzf�hige M�nner zur Verf�gung stehen � aus diesem Grund muss der Postulant �ber seinen k�rperlichen Zustand Auskunft geben.</p><p>Nach der Erteilung dieser Ausk�nfte lassen die beiden Ordensbr�der den Postulanten allein in der Kapelle zum Gebet zur�ck. Nochmals erscheinen sie, um ihn zu fragen, ob er darauf beharrt, in den Orden aufgenommen zu werden. Bei positiver Antwort suchen sie den Ordensmeister auf, dem sie mitteilen, der Postulant habe seinen Willen klar bezeugt.</p><p>Nach dem Abschluss dieser Befragungen f�hrt man den Postulanten vor den Meister. Er kniet nieder und spricht nach Artikel 660 der Ordensregel folgende Bitte aus: �Herr, ich bin vor Euch und vor die Br�der getreten, die mit Euch sind, um Aufnahme in die Gemeinschaft des Ordens zu erbitten.� [Art. 660; zit. n. Oslo, 2001, S. 128]</p><p>Nun muss er seine Antworten, die er zuvor den Ordensbr�dern gegeben hatte, vor dem Meister best�tigen. Es folgt der Schwur auf die Bibel. Dann richtet der Meister das Wort an ihn:</p><p>�Ihr m�sst bei Gott und der Jungfrau Maria schw�ren und versprechen, dass Ihr dem Gro�meister des Tempels stets gehorchen werdet, dass Ihr die Keuschheit, die guten Sitten und Gebr�uche des Ordens einhalten werdet, dass Ihr besitzlos leben werdet, dass Ihr nur das behaltet, was Euch Euer Oberer gegeben hat, dass Ihr alles, was in Eurer Kraft steht, tun werdet, um das zu bewahren, was im K�nigreich Jerusalem erworben worden ist, dass Ihr niemals von Euch aus dorthin geht, wo man Christen unrechtm��ig t�tet, ausraubt und um ihr Erbe bringt. Und wenn Euch Gut des Tempels anvertraut ist, schw�rt Ihr, dar�ber gut zu wachen. Und auf Gedeih und Verderb werdet Ihr den Orden niemals verlassen ohne die Einwilligung Eurer Oberen.� [Art. 674-676; zit. n. Oslo, 2001, S. 129]</p><p>Dies wird vom Postulanten beschworen. Mit den Worten: �Wir nehmen Euch auf vom Anfang bis zum Ende Eurer Tage� [Art. 677; zit. n. Oslo, 2001, S. 129] legt der Meister dem Bewerber den schwarzen Mantel des Knappen um und segnet ihn. Dazu singt der anwesende Kaplan den Psalm Ecce quam bonum (Ps. 133), darauf folgt das Heiliggeistgebet. Der Meister wendet sich dem noch immer knienden Bewerber zu, hebt ihn auf und k�sst ihn auf den Mund. Dies tun auch der Kaplan und die der Zeremonie beiwohnenden Ritter.</p><p>Nach diesen Handlungen nehmen alle Anwesenden Platz. Der Meister selbst erkl�rt nun dem neuen Ordensmitglied die Ordensregel. Besonderer Wert wird in dem Ritterorden neben den religi�sen Pflichten auch auf die milit�rischen Pflichten gelegt. Bestimmte Vergehen gegen die Ordensregel ziehen den Verlust des Habits, das Verbot, die Ordenskleidung zu tragen, nach sich. Als Zeichen ihrer Keuschheit werden die neuen Ordensbr�der ermahnt, um die Taille �einige kleine Schn�re� zu tragen. Der Meister beendete die Versammlung mit den Worten: �Gehet hin, Gott wird euch besser machen.� [Art. 686; zit. n. Oslo, 2001, S. 129]</p><empty-line/><subtitle><emphasis>Der Verlust des Heiligen Landes</emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Am Beginn des 14. Jahrhunderts hat der Templerorden seine eigentliche Aufgabe, die Verteidigung des Heiligen Landes, durch die historischen Ereignisse verloren. Seit 1187 befinden sich die Kreuzfahrerstaaten im st�ndigen R�ckzug. Jerusalem ist seit 1244 fest in der Hand der Muslime. Und seit dem Jahr 1263 f�hrt der Mameluckensultan Baibars I. (1260-1273) einen andauernden Kampf zur R�ckeroberung der von den Christen besetzten Gebiete des Heiligen Landes. Mit seinem Tod kommen die K�mpfe zwar zum Erliegen, und die Kreuzfahrer k�nnen nochmals aufatmen, doch ab 1285 nimmt Sultan Qalawun die R�ckeroberung wieder auf. Um eine Eroberung der Stadt durch die Genuesen zu verhindern, zerst�rt er Tripolis. Die Besitzungen der Christen sind schon auf einen schmalen K�stenstreifen in Pal�stina zusammengeschmolzen, als mit dem Jahr 1290 zun�chst ein Hoffnungsschimmer erscheint.</p><p>Der in diesem Jahr zwischen dem Mamelucken-Sultan Qalawun und K�nig Heinrich von Jerusalem geschlossene Waffenstillstand verspricht Sicherheit, der Handel in der Kreuzfahrerstadt Akkon bl�ht wieder auf. Die Karawanen von Damaskus kommen wieder in die Stadt. Doch die Idylle w�hrt nicht lange.</p><p>In Norditalien haben sich auf einen Kreuzzugsaufruf Papst Nikolaus� IV. hin w�ste Haufen von Bauern und Tagel�hnern gesammelt, die unter dem Oberbefehl von Nikolaus Tiepolo, dem Sohn des Dogen von Venedig, mit 20 Galeeren ins Heilige Land aufbrechen. Zu diesem Kontingent sto�en noch f�nf Galeeren aus dem spanischen K�nigreich Aragon. Als dieser Haufen im August 1290 in Akkon eintrifft, ist es mit dem Frieden vorbei. Die nur schlecht besoldeten Truppen beginnen sofort den Kampf gegen die Muslime, der f�r sie darin besteht, die von dem Waffenstillstand gesch�tzten H�ndler und friedlichen Reisenden zu ermorden. Zun�chst sind es Einzelf�lle, doch Ende August eskaliert die spannungsvolle Lage in einem regelrechten Massenmord an den Muslimen Akkons. Ohne R�cksicht � allein das Tragen eines Bartes galt als Zeichen f�r einen Muslim � werden zahllose Menschen von der rasenden Soldateska get�tet.</p><p>Als dem Sultan in Kairo von diesem Blutbad berichtet wird, sieht er darin einen Bruch des Waffenstillstands, worin ihn seine rechtsgelehrten Berater nur best�rken. Seine Forderung, die Schuldigen an dem Massaker auszuliefern, scheitert an der christlichen Bev�lkerung von Akkon. Damit stehen die Zeichen auf Sturm: Qalawun bereitet in aller Stille einen Kriegszug gegen die Christen vor. Der Gro�meister des Templerordens, Wilhelm von Beaujeu, erf�hrt zwar die Absichten des Sultans, doch st��t er mit seinen Warnungen bei den christlichen Herrschern auf taube Ohren. Erst recht glaubt sich Akkon in Sicherheit, als Qalawun Ende 1290 pl�tzlich stirbt. Aber das Vorhaben ist nur kurz aufgeschoben. Die Mitglieder einer christlichen Gesandtschaft werden in Kairo kurzerhand ins Gef�ngnis geworfen, wo sie sterben. Das gewaltige Heer des neuen Sultans, des Sohnes von Qalawun, el-Aschraf Khalil, trifft am 5. April 1291 vor Akkon ein. Etwa 60 000 Berittene und 160 000 Mann zu Fu� mit Hunderten von schweren Belagerungsmaschinen umstellen die Stadt. Die Befestigungsanlagen Akkons sind auf eine Belagerung gut vorbereitet, doch es fehlen Truppen. Der dringend ben�tigte Zuzug f�llt sehr sp�rlich aus. Nahe am Meer haben die Templer einen Abschnitt der Stadtmauer zur Verteidigung �bernommen. Mit dem 6. April 1291 beginnt die Belagerung. Den Muslimen steht das �griechische Feuer� zur Verf�gung, eine brennbare Fl�ssigkeit, die mit Wasser nicht zu l�schen ist. Die Belagerten sind allerdings nicht v�llig hilflos. Das Meer beherrschen die Muslime nicht, und so k�nnen von Zypern, dem Hauptsitz des Templerordens, weiterhin ungest�rt Truppen und Lebensmittel in ausreichender Menge in die Stadt gebracht werden. Am 15. April wagen die Templer einen gr��eren Ausfall. Der bei Mondschein gef�hrte Angriff auf die Belagerer kommt f�r diese v�llig �berraschend, hat aber keinen Erfolg. Viele der Ordensritter st�rzen in die im fahlen Licht kaum erkennbaren Stricke der Zelte und fallen so den Muslimen als Gefangene in die H�nde. Die Reste der K�mpfer werden in die Stadt zur�ckgetrieben. Ein zweiter Ausfall der Johanniter scheitert ebenfalls. K�nig Heinrich trifft erst einen Monat nach Beginn der Belagerung mit 40 Schiffen von Zypern her in Akkon ein. Ein vom K�nig veranlasster letzter Versuch zu einer diplomatischen Einigung scheitert am Sultan, der von den als Boten ausgeschickten Templern die �bergabe der Stadt fordert. Innerhalb von einer Woche unterminieren die Muslime die wichtigsten T�rme, die aufgegeben werden m�ssen. Am 16. Mai �berwinden sie die �u�eren Mauern, den Christen bleibt nur noch die innere Mauerlinie. Nur zwei Tage sp�ter erzwingen die muslimischen Truppen mit einem Generalangriff auf die gesamte Mauerl�nge den Eintritt in die Stadt. Am St.-Antons-Tor k�mpfen die Templer zusammen mit den syrischen und zyprischen Rittern und den Johannitern einen verzweifelten Abwehrkampf. Ein letztes Mal stehen hier die Mitglieder der beiden zuvor zutiefst verfeindeten Ritterorden Seite an Seite im Kampf, als habe es nie eine Rivalit�t gegeben. Die Muslime haben ihren schwersten Angriff gegen den �Verfluchten Turm� gef�hrt. Hier h�lt der damalige Gro�meister der Templer, Wilhelm von Beaujeu, die Stellung und empf�ngt eine t�dliche Verwundung. Als er vom Ort des Kampfes weggebracht wird, sagt er: �Herr, ich kann nicht mehr, denn ich bin t�dlich getroffen, sehet den Hieb� (zit. n. Demurger, 1991, S. 236). Seine Leute legen den Sterbenden auf einen Schild und tragen ihn zun�chst zum St.-Antons-Tor, das aber verschlossen ist. In einem Haus finden sie Unterschlupf, wo sie dem Gro�meister die R�stung abnehmen. Nun versuchen sie, �ber das Meer zu fliehen, doch als zwei Boote beschafft sind, hindert sie ein ausbrechender Sturm am Auslaufen. Als letzter Ausweg bleibt das Haus der Templer. Die Besatzung verwehrt den Ank�mmlingen aber den Einlass, sodass der Gro�meister in einem Hof, der ansonsten zum Abladen von Mist dient, abgelegt wird. Einen ganzen Tag lebt er noch, sagt aber nichts mehr. Wilhelm von Beaujeu wird in der Kirche des Templerhauses beigesetzt.</p><p>Mittlerweile herrscht in der Stadt das Chaos. Die Christen str�men verzweifelt hinab zum Hafen, um auf die rettenden Schiffe zu kommen. Doch das ist nur mit viel Geld zu erreichen. Der Patriarch Nikolaus von Hanape l�sst aus Mitleid so viele Menschen in sein kleines Boot, dass es schlie�lich sinkt und alle ertrinken. Indessen w�ten die Muslime in der Stadt, wer ihnen in den Weg kommt, wird niedergemacht, wer sich versteckt und sp�ter entdeckt wird, kommt in die Sklaverei. So gelangen auch abtr�nnig gewordene Tempelritter nach Kairo, wie sp�tere Reisende berichten, andere m�ssen als Holzf�ller am Toten Meer arbeiten. Als die Nacht hereinbricht, widerstehen allein die Templer in ihrem Ordenshaus noch den Angreifern. Sie sind nicht allein, denn noch immer kommen Schiffe von Zypern her und unterst�tzen die K�mpfer in ihrem nahe dem Meer gelegenen Haus. Der Ordensmarschall Peter von Sevrey erh�lt vom Sultan das Angebot, er d�rfe sich mit allen Leuten nach Zypern einschiffen, wenn er das Templerhaus kampflos r�ume. Doch die zur �berwachung der �bergabe in die Festung eingelassenen Mamelucken fallen �ber die christlichen Frauen und Knaben her, woraufhin sie von den Rittern gnadenlos niedergemacht werden, die nun entschlossen sind, bis zum Tod Widerstand zu leisten. Die schon gehisste Fahne des Sultans wird vom Turm gerissen. Mit Anbruch der Nacht l�sst Peter von Sevrey durch den Befehlshaber des Ordens Tibald Gaudin und einige Nichtk�mpfer den Schatz des Ordens auf einem Boot zur Burg von Sidon schaffen. Am n�chsten Morgen machen die Muslime ein erneutes Angebot zur �bergabe, doch nur, um Peter von Sevrey aus der Festung zu locken. Vor dem Zelt des Sultans wird der Ordensmarschall mit seinen Begleitern niedergemacht.</p><p>Die Folgen beschreibt der arabische Chronist Abulmahassen: �Als jedoch die Christen, die sich noch hielten, erfuhren, wie ihre Br�der behandelt worden waren, beschlossen sie, mit den Waffen in der Hand zu sterben, und wollten nichts mehr von Kapitulation h�ren. Ihre Erbitterung war so gro�, da� sie f�nf Muslime, die ihnen in die H�nde gefallen waren, von einem der T�rme herabst�rzten.�</p><p>Bis zum 28. Mai k�mpften die restlichen Templer im Ordenshaus weiter. Wie Abulmahassen weiter berichtet, wurde einer der T�rme des Templerhauses unterminiert. �Als endlich der Turm v�llig unterminiert war und den Christen angeboten worden war, sich unter Zusicherung des Lebens zu ergeben, und als die Muslime herangekommen waren, um den Turm in Besitz zu nehmen, brach er zusammen, und alle wurden unter seinen Tr�mmern begraben� [zit. n. Loos, 1997, S. 84].</p><p>Niemand, weder von den mameluckischen Angreifern noch von den Verteidigern des Turms, kommt mit dem Leben davon. Noch bis in das 19. Jahrhundert hinein sind am Hafen von Akkon die Reste des Templerhauses zu sehen.</p><p>Die Tempelritter aber m�ssen sich aus dem Heiligen Land zur�ckziehen. Sie �bernehmen in Europa neue Aufgaben, schaffen sich aber auch neue Feinde. Und keine zwei Jahrzehnte sp�ter wird Philipp sie v�llig ausgel�scht haben.</p><empty-line/><p>J�rg Dendl</p><empty-line/><subtitle><emphasis>Angef�hrte Literatur:</emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Bulst-Thiele, Marie Luise, <emphasis>Sacrae domus militiae Templi Hierosolymitiani magistri. Untersuchungen zur Geschichte des Templerordens,</emphasis> G�ttingen 1974</p><empty-line/><p>Demurger, Alain, <emphasis>Die Templer,</emphasis> M�nchen 1992</p><empty-line/><p>Loos, Volker, <emphasis>Die Armen Ritter vom Tempel Samononis zu Jerusalem,</emphasis> Berlin 1997</p><p>Oslo, Allan, <emphasis>Die Geheimlehre der Tempelritter.</emphasis> Krumwisch 2001</p><empty-line/><subtitle><emphasis>Aufstieg und Fall des Templerordens</emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>15. Juli 1099</p><p>Das erste Kreuzzugsheer nimmt Jerusalem ein.</p><empty-line/><p>1118 oder 1119</p><p>Neun burgundische Ritter gr�nden in Jerusalem den Orden <emphasis>Pauperes Commilitones Christi Templum Salomonis</emphasis> (�Orden der Armen Ritter Christi vom Tempel Salomos�). Zu den Gr�ndungsmitgliedern geh�ren Hugo de Payens und Gottfried von St. Omer. Als Aufgabe �bernimmt der Orden den bewaffneten Schutz der christlichen Pilger und der heiligen St�tten im Heiligen Land. Der K�nig von Jerusalem �berl�sst der Gemeinschaft einen Teil seines Palastes in der Al-Aqsa-Moschee, von der man annimmt, sie stehe am Ort des salomonischen Tempels.</p><empty-line/><p>1128</p><p>Der Papst best�tigt auf der Synode von Troyes die von Bernhard von Clairvaux verfasste Ordensregel. Die Templer werden zum ersten so genannten Ritterorden. Gehorsam, Keuschheit, Armut und der Kampf gegen die Heiden sind die wichtigsten Artikel der Regel.</p><empty-line/><p>1139</p><p>Papst Alexander III. stattet den mittlerweile hoch angesehenen und an Mitgliedern starken Orden mit Privilegien aus. Unter anderem wird der Orden direkt dem Papst unterstellt und somit dem Zugriff weltlicher Herren entzogen.</p><empty-line/><p>1187</p><p>Nach z�hen K�mpfen nimmt Sultan Saladin Jerusalem ein und vertreibt die Christen aus der Stadt.</p><empty-line/><p>1291</p><p>Der Fall der letzten Bastion der Christen im Heiligen Land, Akkon. Die Templer verlegen ihren Hauptsitz nach Zypern.</p><empty-line/><p>1295</p><p>Philipp V. l�sst alle Juden Frankreichs verhaften, sie k�nnen sich durch L�segeld freikaufen.</p><empty-line/><p>Bis Ende des 13. Jahrhunderts</p><p>ist der Templerorden zur reichsten und m�chtigsten Institution des christlichen Europas geworden: Schenkungen, Eink�nfte aus dem Bankwesen und der Verwaltung der gro�en G�ter tragen zum Verm�gen des Ordens bei. Ordensprovinzen gibt es in Frankreich, Deutschland, England, Italien, Spanien, Portugal, B�hmen und Ungarn. Der Orden besitzt 9000 Schl�sser und riesige L�ndereien. In Frankreich agieren die Templer gar als Bankiers des K�nigs. Tempelritter gelten als Verk�rperung des christlichen Ideals, niemand zweifelt an ihrer Ergebenheit an die Kirche.</p><empty-line/><p>1303</p><p>Die Tempelritter verlassen endg�ltig das Heilige Land.</p><empty-line/><p>7. September 1303</p><p>K�nig Philipp V. l�sst den 86-j�hrigen Papst Bonifatius VIII. bei Anagni in der N�he Roms festnehmen, weil dieser ihn exkommunizieren � also aus der Kirche ausschlie�en � will. (Der Grund ist der Wille des franz�sischen K�nigs, auch den Klerus zu besteuern.) Philipp wirft dem Papst Ketzerei, Blasphemie, Sodomie und Hexerei vor. Obwohl der Papst von den Einwohnern Anagnis befreit wird, stirbt er innerhalb eines Monats an den Folgen des Verbrechens.</p><empty-line/><p>24. Juli 1305</p><p>Clemens V. wird zum neuen Papst gew�hlt. Die frankreichfeindliche Partei unter den Kardinalen verspricht sich dadurch einen vom franz�sischen K�nig unabh�ngigen Papst, die frankreichfreundliche eine Schmusekurs zu Philipp IV. Am 14. November 1305 wird er in Lyon zum Papst gekr�nt.</p><empty-line/><p>1306</p><p>Philipp V. l�sst alle Juden Frankreichs des Landes verweisen.</p><empty-line/><p>13. Oktober 1307</p><p>K�nig Philipp l�sst in ganz Frankreich die Templer verhaften. Die Tempelritter werden gefoltert, damit sie unter Qualen die ihnen zur Last gelegten, aber v�llig aus der Luft gegriffenen Vorw�rfe best�tigen.</p><empty-line/><p>1312</p><p>Auf dem Konzil von Vienne l�sst Papst Clemens V. den Orden offiziell aufheben.</p><empty-line/><p>18. M�rz 1314</p><p>K�nig Philipp V. l�sst Jacques de Molay und Geoffrey de Charney auf einem Scheiterhaufen auf einer Insel in der Seine verbrennen. Beide halten bis zuletzt an ihrer Unschuld fest; die von ihnen unter Folter erzwungenen Gest�ndnisse bezeichnen sie als L�gen.</p><p>In den �brigen europ�ischen Staaten werden die Beschl�sse des Papstes langsamer durchgesetzt. In Portugal z. B. wird 1319 der Christusorden gegr�ndet, der seine Mitglieder unter den ehemaligen Templern rekrutiert. Zwei Jahrhunderte sp�ter ist der Christusorden die treibende Kraft hinter der Expansion Portugals nach Afrika und Hinterindien.</p><empty-line/><p>20. April 1314</p><p>Papst Clemens V. stirbt unter gro�en Schmerzen.</p><empty-line/><p>4. November 1314</p><empty-line/><p>K�nig Philipp IV. erleidet bei der Jagd einen schweren Unfall.</p><empty-line/><p>29. November 1314</p><p>Philipp V. stirbt in Fontainbleau.</p><empty-line/><p>Moderne Historiker haben herausgefunden, dass kein einziger Vorwurf des franz�sischen K�nigs an den Templerorden der Wahrheit entsprochen hat. Trotz dieser erwiesenen Unschuld ist der Orden bis jetzt vom Vatikan nicht rehabilitiert worden. Bei den verschiedenen Gemeinschaften, die heute unter dem Namen �Templerorden� oder �Neuer Templerorden� auftreten, handelt es sich entweder um Wohlt�tigkeitsvereine oder esoterische Gesellschaften. Sie alle sind Neusch�pfungen, die mit dem urspr�nglichen �Orden der Armen Ritter Christi vom Tempel Salomos� nichts zu tun haben.</p><p>Auch die sensationelle Behauptung, die moderne Freimaurerei lasse sich auf den Orden der Tempelritter zur�ckf�hren, ist ein � wenn auch gut verk�uflicher � Mythos von Bestsellerautoren.</p></section></body><binary id="cover" 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