<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>adv_history</genre><author><first-name>Philipp</first-name><last-name>Espen</last-name></author><book-title>Der K�nig muss sterben</book-title><annotation><p>Der Anschlag auf K�nig Phillipp ist misslungen. Der schottische Tempelritter Henri de Roslin wagt mit seinen treuen Gef�hrten, dem Sarazenen Uthman ibn Umar und dem j�dischen Gelehrten Joshua ben Shimon, einen neuen Versuch, den niedertr�chtigen K�nig und den Papst zu t�ten. Doch die Truppen des K�nigs lauern �berall, und statt auf den Papst trifft Henri auf den Generalinquisitor Guillaume Imbert.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Tempelritter" number="2"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-05-05">05.05.2013</date><id>EF08EC09-4BE2-4882-AB40-1B8B58A828B7</id><version>1.0</version><history><p>1.0</p></history></document-info><publish-info><year>2003</year></publish-info></description><body><section><title><p><strong>ERSTER TEIL</strong></p></title><section><title><p><strong>1</strong></p><p><emphasis><strong>Anfang April 1314, Passionszeit</strong></emphasis></p></title><p>Sie hatten sich den Hintern gek�sst! Sie hatten in S�nde beieinander gelegen! Das Haupt Muhammads hatten sie angebetet!</p><p>Henri de Roslin schlug in Gedanken ein Kreuz und z�gelte unwillk�rlich sein Pferd. Die Anschuldigungen der Henker waren ungeheuerlich gewesen, aber man hatte ihnen geglaubt. Denn unter der Folter, den gl�henden Zangen, den Streckb�nken, den Keilen und Gewichten, den Daumenschrauben, hatten die Br�der schon vor dem Kirchenkonzil in Vienne, auf dem im Jahr 1311 der K�nig zur Rechten des Papstes gesessen hatte, alles zugegeben. Und wenn sie sp�ter auch alles widerriefen, diese Gest�ndnisse in Blut und Tr�nen entz�ndeten schlie�lich die Feuer in Paris, in denen sie elend verbrannten.</p><p>Henri roch noch immer den Rauch der Scheiterhaufen, den Geruch nach verkohltem Fleisch, und er hatte die Todesschreie der tapferen Br�der und das blutgierige Geschrei der Menge vor den d�steren T�rmen des Castellums, des alten Palastes der r�mischen Imperatoren auf der Ile de la Cit�, im Ohr.</p><p>F�r einen Herzschlag schloss er die Augen, aber die Bilder und der Gestank, die Schreie blieben. Er hatte es nur ertragen k�nnen, weil er einen ganzen Tag lang inbr�nstig in der Sainte Chapelle gebetet hatte. Diese heilige Kapelle allein mit ihrem drehbaren Reliquienschrein, in dem sich Dornen der Leidenskrone des Herrn Jesu befanden, war es, die ihm seinen Lebensmut zur�ckgegeben hatte. Bei ihrem Betreten glaubte er, zum Himmel emporgerissen zu werden, in einen der sch�nsten R�ume des Paradieses einzutreten. Er hatte Stunden, auf dem Bauch liegend, das Gesicht auf den kalten Fliesen, zugebracht, das blaue und rote Licht bemerkte er nicht, das durch die mit biblischen Motiven und der Geschichte der Reliquien bemalten hohen Glasfenster auf ihn fiel. Aber er wusste auch so, dass er hier seinem himmlischen Herrn, der das Leid besiegt hatte, ganz nah war, in diesem Raum, der alles Materielle mit Geistigem, G�ttlichem durchdrang. Er hatte den Trost gesp�rt, den diese Kapelle mit den schwerelosen, allem Irdischen entsagenden Gew�lbeb�gen f�r ihn bereithielt. Er f�hlte sich aufgenommen.</p><p>Dieses Gef�hl des Trostes hatte ihn befl�gelt und sicher durch den Mauerring dieser nun besudelten Insel geleitet, die Henri immer vorkam wie der Fu�abdruck eines heidnischen Riesen im Wasser. Er ritt �ber die beiden h�lzernen Doppelbr�cken in den dicht bev�lkerten Teil von Paris ein.</p><p>Es fiel Henri nicht auf, dass er in seinen aufgew�hlten Gedanken so hart am Zaumzeug gerissen hatte, dass sein Pferd sich jetzt schnaubend und wiehernd im Kreis drehte. Henri de Roslin kam dadurch wieder zu sich. Er beruhigte den Hengst mit leisen Worten. Dann ritt er weiter.</p><p>Vor ihm lagen noch zweihundert Meilen. Es w�rde ein Ritt durch Feindesland werden.</p><empty-line/><empty-line/><p>Gerade passierte er, von der englischen Lehensherrschaft Bordeaux kommend, den Ort Cadillac im Tal der Garonne. Ihm fiel ein anderer, gegenw�rtiger Geruch auf. Er kam von den ausgedehnten Lavendelfeldern und dem Gestr�pp des wilden Thymians, die bereits bl�hten. Heute war Herrentag, der Fr�hling hatte schon Einzug gehalten, und hier zeigte er sich schon in den bunten Teppichen der Gew�rzfelder und Blumen. Aber der Pfad war schmal und unwegsam. Henri sp�rte trotz seiner festen Kleidung die Stiche der Dornen und musste sich oft mit dem kurzen Schwert Platz verschaffen. Er bef�rchtete, so oder �hnlich w�rde der gesamte Weg bis Avignon aussehen. Die Stadt der gewaltigen Burgen war noch weit.</p><p>Aber auf dem Weg dorthin hatte er noch ein anderes Ziel.</p><p>Er verh�ngte die Z�gel, lie� seinem arabischen Hengst Barq jetzt freien Lauf und dirigierte ihn nur mit Schenkeldruck. Die letzten zwanzig Meilen von Bordeaux hinunter hatte er sich oft umgesehen oder im Schatten von Korkeichen und Olivenb�umen angehalten und zur�ckgelauscht. Waren sie hinter ihm her? Seit dem �berst�rzten Aufbruch aus der Bastide in Beaumont hatte er dieses Gef�hl. Er wollte sich nicht noch einmal in tr�gerischer Sicherheit wiegen. Denn Bordeaux war zwar ein Lehen der englischen Krone, stand aber unter dem Druck des franz�sischen K�nigs und damit seiner Schergen. Aber Henri war sich dar�ber im Klaren, dass sein Hass niemals versiegen w�rde, er w�rde alles, was er getan hatte, noch einmal versuchen! Es wurde ihm einmal mehr klar, dass sein Lebensweg seit dem Anblick des erb�rmlichen Autodaf�s in Paris vorgezeichnet war.</p><p>W�hrend er aufmerksam zur�cksicherte, um seine Feinde rechtzeitig zu erkennen, sp�rte er auf seiner Brust das Siegel des Templerordens, seines Ordens der Armen M�nner Christi und des Tempels Salomonis, so schwer und so mahnend, als w�rde es gl�hen. Es war eine goldene M�nze, die er an einer Kette um den Hals trug. Er hatte sie angelegt, seit er wieder in Frankreich war. Im Morgenland hatte er die M�nze seines dankbaren Gef�hrten Uthman getragen, dessen Vater er in Akkon das Leben gerettet hatte. Die Templerm�nze zeigte auf der Vorderseite den Tempel von Jerusalem mit einer Kuppel und dem kr�nenden Templerkreuz und auf der R�ckseite ein Schlachtpferd, auf dem zwei bewaffnete Ritter sa�en. <emphasis>Adeo pauperes erant ut unum tantum equuni communem,</emphasis> musste er denken. Wir waren so arm, dass wir gemeinsam nur ein Reittier besa�en. Die Ankl�ger haben es nicht zu unseren Gunsten gelten lassen. Wir waren vom ritterlichen Ideal beseelt, den Schwachen beizustehen, treu zum christlichen Glauben zu halten und den Geist unseres Grals zu h�ten. Und doch warfen sie uns in ihren Folterkellern eitlen Hochmut, Verblendung und H�resie vor.</p><p>Und jetzt sind sie dabei, die letzten noch lebenden Br�der zu vernichten.</p><p>Henri de Roslin sch�ttelte die unguten Gedanken ab, die ihn immer wieder �berfielen. Er hatte ein klares Ziel vor Augen und verfolgte es. Er w�rde immer ein Tempelritter bleiben, auch wenn man es ihm jetzt nicht mehr ansah, denn er hatte das wei�e Ornat mit dem blutroten, achteckigen Tatzenkreuz auf Brust und R�cken gegen den unauff�lligen Tasselmantel eines Kaufmannes getauscht, darunter trug er ein schwarzes Oberkleid mit tiefem Halsausschnitt. Seinen Kopf mit den kurz geschnittenen, dunklen Haaren schm�ckte eine Bundhaube mit Haarb�ndern aus Stoff. Im Mantelsack f�hrte er harmlose Dinge mit sich � einen Sommermantel, ein Laken, Unterzeug, Beinschienen und ein dickes Basttuch als Schlafunterlage. Nur das kurze, scharf geschliffene Schwert und der d�nne Panzersteckdolch im G�rtel verrieten seine Wehrhaftigkeit.</p><p>Wenig sp�ter passierte er den Fluss. Er suchte eine flache Stelle und lenkte sein Ross durch die Str�mung. Der Untergrund bestand aus erstaunlich weichem Sand und glatten Kieseln, aber das Pferd rutschte nicht aus. Am anderen Ufer warf es stolz seinen Kopf, und Henri unterlie� es nicht, seine Kruppe zu streicheln. W�hrend er weiterritt, �berfielen ihn allm�hlich Hunger und Durst, denn es waren bereits sieben Stunden vergangen, seit er in der morgendlichen Dunkelheit aufgebrochen war. Aber er bez�hmte sich. Zuerst musste er das Versteck finden. Und er w�rde die neu gepr�gten Bourgeoises und alten Goldm�nzen mit dem Bild Philipps des Sch�nen darauf durch seine Finger laufen lassen, als k�nne die Glut seines Hasses sie einschmelzen.</p><p>Henri zog eine handgezeichnete Landkarte aus der Seitentasche und warf einen Blick darauf. Noch drei Meilen.</p><p>Die Templerkirche lag in der alten Commanderie des Ordens, er glaubte, sie stellte ein gutes Versteck dar. Denn w�rde man einen so bedeutenden Schatz ausgerechnet dort suchen, im Wehrturm dieser schlichten, mit einem l�chrigen Strohdach bedeckten, jetzt stillgelegten Ordenskapelle? Henri hoffte, er t�uschte sich nicht.</p><p>Er passierte endlos scheinende W�lder, dann kam Gironde in Sicht, die T�rme des St�dtchens in der Senke leuchteten in der Mittagssonne. Henri fiel jetzt trotz der Entfernung ein s��licher Geruch auf. Er bemerkte einen Schwarm pechschwarzer Kolkraben, die sich auf etwas niederlie�en. Als er vorsichtig n�her ritt, sah er, dass die V�gel auf schweren Wagenr�dern hockten, die auf einer Stange in den Ackerboden gerammt waren. Und auf den mehrsprossigen R�dern befanden sich die �berreste von Hingerichteten. R�dern war die Strafe f�r Unbotm��ige. Was mochten die Ungl�ckseligen getan haben? Henri wusste, dass in diesen gesetzlosen Tagen schon ein vager Verdacht ausreichte, um hingerichtet zu werden. Jedes Anschw�rzen eines neidischen Nachbarn konnte Menschen und ihre Familien in einen Abgrund von Verhaftung, Folter und Tod rei�en.</p><p>Voller Abscheu lie� er den Ort rechter Hand liegen und beschleunigte den tr�gen Trab seines Pferdes.</p><p>Kurz darauf kam der Kirchturm von La Reole in Sicht. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Sichernd beobachtete Henri de Roslin die Umgebung. Ringsherum Felder und H�gel, Waldst�cke im Sonnenlicht, auf der Weide schon Ochsen und Schafe, den hohen, fast durchsichtigen Himmel durchma�en fliegende Vogelschw�rme, die irgendein Zeichen setzten. Henri blickte auf, verstand aber nicht, dieses Zeichen zu deuten.</p><p>Er ritt n�her heran. Dann hielt er wieder. Umkreiste die ehemalige Commanderie einmal. Dann noch einmal. Er konnte nichts Verd�chtiges entdecken.</p><p>Aber er wusste, die Feinde waren schlau, und sie lauerten �berall. In der Bretagne, wohin er nach den ersten Hinrichtungen der Br�der vor einigen Jahren zuerst gefl�chtet war, brachen sie w�hrend des Gottesdienstes sogar aus Alt�ren und Chorr�umen hervor � waffenklirrend, mit ihrem Geschrei die W�rde des Ortes verletzend. Und hatten sie sp�ter, als er von der Bretagne nach S�den zog, nicht sogar Friedh�fe gesch�ndet, um in den Besitz des Schatzes zu gelangen?</p><p>Sie waren plump, roh und menschenverachtend, diese angeblichen Verteidiger des allerchristlichsten K�nigs und seines Papstes, der ihn in der Kathedrale von Reims willf�hrig gek�sst und gesalbt hatte. Henri sch�ttelte sich bei diesen Erinnerungen.</p><p>Vor seinen Augen blieb alles friedlich.</p><p>Er gab sich einen Ruck, schnalzte leise mit der Zunge und ritt in den Innenhof der kleinen, schmucklosen Kirche ein. Die Ruhe des sonnigen Nachmittags lastete �ber dem Ort. Er wollte gerade absteigen, als er etwas Verd�chtiges bemerkte. In der �ffnung des spitz zulaufenden Turmes hatte etwas geblinkt.</p><p>Henri verharrte regungslos. Er fl�sterte seinem Hengst beruhigende Worte zu, das Tier durfte jetzt keinen Laut von sich geben.</p><p>Henri de Roslin �berlegte. Konnten sie dort oben auf ihn lauern? M�glich war alles. Sie wussten alles und erfuhren alles durch ihre �berall willf�hrigen Spitzel. Selbst einfache Bauern und Tagel�hner standen inzwischen in ihren Diensten, auch wenn sie die Todeslisten, auf denen Henri de Roslin an der Spitze der Gesuchten stand, nicht lesen konnten. Warum sollten sie also nicht herausgefunden haben, dass hier jemand, der in einer herbstlichen Mondnacht vor vier Jahren von Norden gekommen war, einen Schatz versteckt hatte. Einen Schatz, an dem Blut klebte.</p><p>Kurz entschlossen sprang Henri vom Pferd. Er band die Z�gel um einen Ast und ging auf die unverputzte, br�chige Vorderseite des Kirchengeb�udes zu. Im Inneren empfing ihn schattige K�hle. Der bis auf einen einfachen Altar aus Holz leere Raum war mit Staub �berzogen, an den Fensterh�hlen hatten Spinnen ihre Netzfallen gebaut und lauerten regungslos als schwarze Flecken auf Beute. Henri ging mit angespannten Sinnen in den Raum hinein. Er bemerkte nichts Auff�lliges. Vor dem erbarmungsw�rdig vernachl�ssigten Altar sank er in die Knie, bekreuzigte sich und sprach sein Gebet. Es endete mit den Worten:</p><p>�Nicht uns, nicht uns, Herr, gib die Ehre, sondern deinem Namen!�</p><p>Danach blieb er noch einen Moment in seiner knienden Haltung und lauschte aufmerksam. Er stand auf und ging die wacklige Holztreppe hinauf, ein Gel�nder gab es nicht. Oben angekommen fiel ihm ein Sonnenstrahl ins Gesicht. Er schloss geblendet die Augen. Als er sie wieder �ffnete, begriff er, woher das Blinken gekommen war. Eine Stimme sagte:</p><p>�Du kommst sp�t, Henri! L�sst man seine Freunde so lange warten?� Die kleine, hagere Gestalt neben dem Fenster r�ckte sich die schief sitzende Brille zurecht. Und Henri musste lachen. Ja, er war sp�t. Und Joshua ben Shimon war wie immer der Schnellere gewesen.</p><p>�Ich freue mich, Joshua, dass die Sonne im Brillenglas eines Freundes blinkt und nicht auf der Schwertschneide eines Feindes. Lass dich umarmen!�</p><p>W�hrend sie sich begr��ten, sagte jemand mit schottischem Akzent im Hintergrund: �Und wer k�sst mich?�</p><p>Henri war erfreut, auch den Knappen wohlauf zu sehen, den er bei dessen Mutter in Beaumont zur�ckgelassen hatte, denn sie hatten getrennt reiten m�ssen, um die Feinde zu t�uschen. �Komm her, Sean of Ardchatten, auch du sollst nicht ohne Zuwendung bleiben, solange wir zu solchen Gunstbezeugungen als freie M�nner noch f�hig sind.�</p><p>So standen die drei m�nnlichen Gestalten f�r einen Moment als ein K�rper zusammenger�ckt im Schatten des Raumes, die Sonne deutete mit einem Zeigefinger aus Licht auf sie, und von unten her ert�nte das Wiehern von Henris Reittier, in das zwei weitere Pferde von der R�ckseite der Kirche her einfielen.</p><p>�Machen wir uns an die Arbeit�, schlug Henri vor.</p><p>Dem Juden war bei der �berschw�nglichen Begr��ung die geh�rnte Kappe verrutscht, aber Henri bemerkte mit einem Seitenblick, dass er das Zeichen, einen Ring aus rotem Tuch, vorschriftsm��ig auf der linken Rockseite trug. Und der Knappe verstaute seine Querfl�te.</p><p>Sie gingen in eine Kammer des Obergeschosses, in der fr�her der Schrank mit den Hostien und geweihten Ger�ten gestanden hatte. Die vier Bohlenbretter waren schnell gelockert. Darunter kam ein Hohlraum zum Vorschein, in dem vier eingewickelte l�ngliche Kisten lagen. Sie l�sten das graue Leinentuch, �ffneten den Eisendeckel und starrten auf die Sch�tze.</p><p>�Mensch! M�nzen! Gold! Silber!� Der Knappe wollte ungest�m zugreifen. Aber Henri hinderte ihn mit einer ruhigen Handbewegung daran.</p><p>�Warte! Es ist Mammon, nicht wert, den Verstand zu verlieren. Man kann es anschauen und f�r n�tzliche Dinge verwenden � das ist alles. Beherrsche dich.�</p><p>Sean war rot geworden. �Ich dachte nur, davon k�nnte ich meiner Guinivevre, die in Beaumont sehns�chtig auf mich wartet, hundert h�bsche T�cher mit Stickereien kaufen��</p><p>�Es ist nicht ausgeschlossen�, erwiderte Henri, innerlich belustigt, �dass du auf irgendeinem Markt solche T�cher f�r dein M�dchen erstehen wirst. Aber nicht jetzt. Und nicht von diesem Geld. Es ist f�r andere Zwecke bestimmt.�</p><p>�Hier liegt es unber�hrt�, sagte Joshua heiter, �und der K�nig sucht es mit seinen Hundertschaften immer noch verzweifelt auf Gisors.�</p><p>�Dort kann er suchen, bis ihm die Augen herausfallen. Auch in den benachbarten Tempeln von La Roche-Guyon und Ch�teau-Gaillard wird er nichts finden. Ich habe unseren Schatz schon vor Jahren von dort weggeschafft und �ber Verstecke im ganzen Land verteilt. Denn ich konnte mir ausrechnen, dass unsere Templerburg in das Visier Philipps und seiner Schergen f�llt. Sie brauchen so dringend Geld f�r ihre Intrigen und Scharm�tzel gegen F�rsten und F�rstbisch�fe, dass sie dumm werden.�</p><p>Sie zogen alle Kisten heraus. Sie waren s�mtlich prall gef�llt mit Goldm�nzen, aber auch mit silbernen Medaillons und schmalen Barren.</p><p>�Woher kommt das viele Geld?�, wollte Sean wissen.</p><p>�Das brauchst du nicht zu wissen. Achte nur darauf, dass du bei seinem Anblick nicht gierig wirst.�</p><p>�Kann ich es nicht trotzdem erfahren? Es hilft mir, es mit Abstand zu betrachten.�</p><p>Henri sah seinen Knappen an, dessen Blicke ohne Arg waren. �Nun. So viel kannst du immerhin wissen. Es stammt aus unserem Tempel in Paris, dort betrieben wir ein �ffentliches Bankhaus.�</p><p>�Und das wirft so viel ab? Alle diese Sch�tze? Dann m�chte ich auch ein Bankhaus er�ffnen!�</p><p>�Sean of Ardchatten!�</p><p>�Verzeih, Joshua ben Shimon.�</p><p>Henri erkl�rte geduldig: �Viele Menschen �berlie�en uns vertrauensvoll ihre Reicht�mer, und nicht von ungef�hr, denn wir arbeiteten korrekt. Es war alles legal, wir hatten sogar geregelte Kassenzeiten, die �berall aushingen. Wir f�hrten sechzig Privatkonten, die Mitgliedern des Hochadels, Kirchenf�rsten, auch W�rdentr�gern unseres Ordens geh�rten. Selbst der k�nigliche Schatz lag dort.�</p><p>�Gab es solche Bankgesch�fte auch in anderen St�tzpunkten deines Ordens, Meister Henri?�, staunte Sean. Da der alles entscheidende Tag n�her r�ckte, war Henris Umgang mit Sean f�rmlicher geworden, dem Verh�ltnis von Meister und Lehrling angemessen. Dieses Mal bestand er auf Disziplin, wollte keine unn�tigen Risiken mehr eingehen.</p><p>�Nat�rlich. In allen Komtureien. Wir ben�tigten ja Unsummen f�r die Befreiung des Heiligen Landes von den Ungl�ubigen. Und daf�r war uns jede M�nze willkommen.�</p><p>�Ich habe geh�rt, dass damals, als der K�nig von Jerusalem � hie� er nicht Balduin? � euch Templern eine Unterkunft in der N�he der Ruinen des salomonischen Tempels zur Verf�gung stellte, ihr gewaltige Sch�tze entdecktet, unter anderem die Bundeslade der Israeliten?�</p><p>�Unsinn!� Joshua sah den Jungen scharf an.</p><p>�Ich war damals beim ersten Kreuzzug nicht dabei, mein Junge�, sagte Henri milde.</p><p>�Und woher wei�t du das alles, wor�ber du sprichst, Meister?�</p><p>Henri sagte: �Ich war nach dem Ende der Kreuzz�ge f�r den Geldhandel des Ordens zust�ndig.�</p><p>�F�r alles Geld des gesamten Ordens?!�</p><p>�Ja. Ich verwaltete die Konten, stellte die Wechsel aus und bestimmte die Ausgaben f�r den Schutz der Pilgerstra�en vor R�ubern und Pl�nderern, die es �berall gab.�</p><p>Bewundernd blickte ihn Sean an. Joshua bemerkte diesen Blick des ihm anvertrauten Knappen und wurde pl�tzlich streitlustig. �Die Templer waren die einzigen Christen, die bisher jemals Geld gegen Zinsen verliehen haben, Junge. Ihre Zinsen waren niedriger als die der halsabschneiderischen lombardischen Bankiers, deshalb machten sie gute Gesch�fte � jeder kam zu ihnen. Nur den Juden hat man das vorgeworfen!�</p><p>�Das geh�rt nicht hierher, Joshua.�</p><p>�Doch! Ihr habt Hypotheken gew�hrt, um Pilgern die M�glichkeit zu bieten, ihre Bittfahrten ins Heilige Land zu bezahlen. Ihr habt den Wechselbrief erfunden, das nenne ich den finanziellen Ablass der S�nden. Ihr habt Konten gef�hrt f�r die Allerreichsten im Land, f�r F�rsten und Edelleute��</p><p>�Das sagte ich schon!�</p><p>�� und hohe Posten als Finanzberater bekleidet. In euren Gew�lben bewahrtet ihr die Sch�tze der Adeligen, unter ihnen auch die Schatztruhen und Kronjuwelen der K�nige. Ihr habt Geldtransporte und Werttransporte begleitet, Steuern eingezogen, mit der Erlaubnis der Kirche den Zehnten kassiert. Ihr selber bezahltet jedoch keine Steuern.�</p><p>�Das ist gewiss wahr, Joshua. Einige unserer Br�der sind wohlhabend geworden, und das war nicht recht. Aber wir haben auch die Stra�en von Gesindel ges�ubert und unseren Reichtum dazu verwendet, den Armen und Kranken zu helfen. Fragt einmal in den Tempeln nach, wie viele bedeutende Almosen wir gaben!�</p><p>�Bist du damit vor deinem Gott im Reinen, Henri?�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�War es nicht nur ein Vorwand, Reichtum f�r gottesf�rchtige Zwecke anzuh�ufen? Seid ihr nicht tats�chlich der Eitelkeit des Geldes erlegen?�</p><p>�Wenn es so war, dann strafe uns Gott!�</p><p>�Ihr seid schon gestraft. H�ltst du die Geschehnisse dieser Jahre nicht f�r eine Antwort Gottes, die dir zu denken geben muss?� Joshua klang erbittert, vielleicht mit Recht. Doch trotz aller Kritik wusste Henri, dass der Gef�hrte treu an seiner Seite stand.</p><p>Henri schwieg einen Moment, sichtlich ersch�ttert. Dann sagte er schnell zu Joshua: �Nimm, was du f�r deine Aufgaben ben�tigst, jetzt brauchen wir nicht mehr Buch zu f�hren und abzurechnen. Dieses Geld ist nur noch dazu da, unsere Rachepl�ne auszuf�hren. Es ist genug da, ein paar Millionen Pfund Tournosen. Und wenn es aufgebraucht ist, ist hoffentlich auch unser Zorn aufgebraucht.�</p><p>Joshua sagte: �Uns Juden hat Geld immer viel bedeutet, weil nur sein Besitz uns vor Verfolgung sch�tzte. Aber ich bin offenbar kein guter Jude, denn mir bedeutet Geld nichts. Ich verachte es. Es hat schon zu viel Ungl�ck gebracht.�</p><p>�Ich wei�, Gelehrten sind tiefe Gedanken wichtiger. Aber du wei�t, Gedanken k�nnen nicht t�ten. Und wir brauchen dringend gute Waffen.�</p><p>�Gedanken k�nnen nicht t�ten? Mein lieber Freund! Gedanken sind oft t�dlicher als jede Waffe! Denke an die ersten lauten �berlegungen des Papstes auf dem sch�ndlichen Konzil von Vienne! Das waren Todesurteile! Die Waffen in den H�nden der Schergen f�hrten sp�ter nur aus, was die Gedanken angerichtet hatten.�</p><p>�Schon gut! Ich wei�! Lasst uns jetzt nicht dar�ber streiten. Wir teilen das Geld und verschwinden wieder. Ihr wisst jetzt, wo sich der Schatz befindet. Wenn ihr etwas davon ben�tigt, holt es euch. Es ist f�r uns alle da.�</p><p>Den Rest der Arbeit verrichteten sie stumm. Auch Sean bekam eine Handvoll Silberm�nzen in den Beutel gesteckt, damit er sich auch dann durchschlagen konnte, wenn er allein war. Joshua ben Shimon nahm nur das N�tigste, in seinem Gesicht war der Abscheu deutlich zu lesen. Dann murmelte er: �Der Herr, unser Gott, gelobt sei er, besitzt sieben Namen, die wir nicht nennen d�rfen, Mammon ist darunter nicht.�</p><p>�Schon gut�, sagte Henri, w�hrend er aufteilte. �Auch unsere Regel, die uns der heilige Zisterzienserbruder Bernhard verlieh, sieht Armut, Keuschheit und Gehorsam vor. Findet man nach dem Tod eines Tempelbruders Gold oder Silber unter seinem Besitz, wird sein Leichnam in ungeweihter Erde begraben, und ist er schon bestattet, dann gr�bt man ihn wieder aus.�</p><p>�Wie schrecklich�, entfuhr es Sean. �Ich h�rte au�erdem davon, dass euer Keuschheitsgel�bde sogar den Kuss einer Mutter verbietet!�</p><p>Henri gab zur Antwort: �Wir d�rfen ohne die Erlaubnis unserer Meister keinen Sack oder Kasten verschlie�en, nicht baden, uns nicht zur Ader lassen oder einen Brief eines Verwandten �ffnen, und jeder Ungehorsam hat den Verlust des Gewandes und die Einkerkerung in Ketten zur Folge. Wenn dich diese Dinge erschrecken, Knappe, wirst du nie ein Templer werden k�nnen. Das wei�t du doch l�ngst!�</p><p>Sie verwischten die Spuren, streuten Staub �ber die losen Bretter und verlie�en die Empore r�ckw�rts gehend. Sean stie� mit seinem Schnabelschuh das Gerippe einer verendeten Ratte auf das Versteck. Unten angekommen bekreuzigten sich Henri und Sean vor dem Altar, Joshua verneigte sich und murmelte etwas. Dann verlie�en sie gemeinsam die Kapelle.</p><p>Sie holten ihre Pferde und stellten sich noch einmal in einem kleinen Kreis zusammen. Als sie sich die H�nde auf die Schultern legten, erneuerten sie ihren Bund f�rs Leben. Seit dem Attentat auf Philipp den Sch�nen am K�nigshof von Fontainebleau taten sie es zum ersten Mal wieder.</p><p>�Lang sterbe der K�nig!�, sagte Henri.</p><p>�Und bald komme seine Beerdigung in der Abteikirche von St. Denis�, f�gte Joshua hinzu.</p><p>�Beim n�chsten Mal gelingt es uns!�</p><p>�Auge um Auge, Zahn um Zahn!�</p><p>Sean wollte etwas sagen, verschluckte es aber.</p><p>Joshua und Sean ritten gemeinsam nach S�den weiter, wo Sean in einer ehemaligen Komturei Lektionen erhalten sollte. Henri machte sich nach Osten auf den Weg. Sie sahen sich nicht mehr um. Wichtig war nicht, was hinter ihnen, sondern was vor ihnen lag. Und je weniger sie von ihren unmittelbaren Absichten wussten, desto weniger konnten sie unter der Folter verraten.</p><p>Ihre Gestalten waren auf den H�hen der in dieser Gegend abgeholzten H�gel noch lange zu sehen. Aber bevor die Schatten des Nachmittags l�nger wurden, hatten sich die Gef�hrten aus den Augen verloren.</p><p>Henri de Roslin war es willkommen, allein zu sein. Sein ernstes Gem�t neigte ohnehin nicht zur oberfl�chlichen Unterhaltung, wenn ihn auch der schw�rmerische Gesang des Knappen oder sein Spiel auf Schw�gel, seiner Fl�te, seine Guinivevre hatte sie ihm geschenkt, schon oft angenehm anger�hrt hatte. Und Joshua wusste so viel vom Leben und dem Universum, welches sich �ber die Erdenscheibe spannte, und er konnte so anregend davon erz�hlen, dass Henri seine Gesellschaft �ber alles sch�tzte.</p><p>Aber jetzt sollte es still um ihn sein. Er brauchte alle seine Gedanken f�r sich allein. Denn er musste einen weiteren Attentatsplan schmieden. Und dieser durfte nicht scheitern.</p><p>Wieder kam er durch dicht bewachsene, urwald�hnliche Gebiete, und der Weg war noch schmaler als ein Ochsenkarren. Unter den m�chtigen Korkeichen und Olivenb�umen bl�hten und dufteten Thymianstauden und Rosmarinstr�ucher des aufbrechenden Fr�hlings. Die Natur und das Leben k�nnen sch�n und leicht sein, dachte Henri. Wenn nur der Mensch nicht w�re.</p><p>Die erste und die kommende Nacht verbrachte er im Freien, den Pferdesattel unter seinem Kopf. In der dritten Nacht wagte er es, eine Unterkunft zu suchen. Er fand eine abseits des Weges gelegene Priorei und genoss das karge Gemeinschaftsmahl mit den Gebetsbr�dern.</p><p>In der vierten Nacht fand er einen Schlafplatz im Portal einer Gemeindekirche, in der schon ein Kaufmann mit seinen beiden Knechten lag. Auch die Pferde hatten in dem schlichten, aber sauberen Vorraum Platz. Der Kaufmann aus Nimes war am Vorabend �berfallen worden und warnte Henri vor provencalischen R�ubern, die die Wege unsicher machten.</p><p>Henri hatte keine Angst um seinen Schatz. Er trug ihn in flachen Beuteln am K�rper, das Metall h�llte ihn anstelle des Kettenhemdes, das er fr�her getragen hatte, wie eine R�stung ein und verlieh ihm das Gef�hl, in einen Kampf besonderer Art zu ziehen.</p><p>Am f�nften Tag kam er durch eine heideartige Landschaft. In der Ferne t�rmten sich die Felsen eines Gebirgszuges auf, der Causses de Limoges hie�. Henris Aufmerksamkeit hatte durch den eint�nigen Ritt nachgelassen, die Sonne brannte an diesem Fr�hlingstag beinahe sommerlich hei� vom wolkenlosen Himmel herunter, und der Staub der Stra�e schmerzte in seinen Augen. Er bemerkte die Rauchwolken nicht, die voraus aus einer un�bersichtlichen, mit hohen Schlehenb�schen bestandenen Senke aufstiegen. Als er auf die flache, sandige Anh�he hinaufritt, die sich in Richtung der Rauchwolken erstreckte, brachen hinter ihm pl�tzlich aus dem Unterholz mehrere waffenschwingende Gesellen zu Pferde hervor.</p><p>Henri riss, unsanft aufgeschreckt, sein kurzes Schwert aus dem G�rtel und streckte es in Richtung der Herankommenden. Er sagte laut mit seiner durchdringenden Baritonstimme: �Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?�</p><p>Die M�nner z�gelten ihre wild schnaubenden Pferde dicht vor ihm. Sie trugen farbige Waffenr�cke, die aber zerschlissen und schmutzig waren, die Wappen waren nicht zu erkennen. Ein Anf�hrer mit einer wilden M�hne unter dem Lederhelm f�hrte sein t�nzelndes Reittier nahe heran. Henri bemerkte schaudernd, dass seine Nasenspitze abgeschnitten und die Wunde von wulstigem Narbengewebe entstellt war.</p><p>�Wir sind die R�cher aller verloren gegangenen Schlachten, hahaha! Und wer seid Ihr, wenn man hochl�blich fragen darf? Eurem merkw�rdigen Tonfall nach m�sst Ihr aus dem Norden kommen.�</p><p>�Aus Schottland, wenn Ihr mit diesem Namen etwas anzufangen wisst. Aber im Moment komme ich aus Bordeaux, das uns sch�tzt, und reise nach dem franz�sischen Avignon.�</p><p>�Das glaube ich kaum.�</p><p>�Was meint Ihr?�</p><p>�Eure Reise ist genau hier zu Ende. Wir beenden sie. Das meine ich.�</p><p>Henri lachte leise. �Und wie wollt Ihr das bewerkstelligen?�</p><p>Das freche Grinsen im entstellten, b�rtigen Gesicht des Gesellen verst�rkte sich. �Ihr seid allein, wir zu neunt. So bewerkstelligen wir das. Ist dieses Schwertchen da etwa Eure einzige Waffe, �h?�</p><p>Henri dirigierte sein Pferd mit einem schnellen Schenkeldruck neben den anderen. Er nahm das Kurzschwert in die Linke, zog blitzschnell den Panzersteckdolch aus dem G�rtel und setzte ihm die Klinge an den Hals. �Aber du wirst nicht mehr dabei sein, wenn es an das Verteilen meiner Kleidung und des Pferdes geht, denn mehr besitze ich nicht.�</p><p>Der Anf�hrer erkl�rte erschreckt: �Vermeiden wir Blutvergie�en! Ihr seid wohl Kaufmann und f�hrt irgendwas mit Euch. Gebt uns ein Passiergeld, und wir reiten weiter.�</p><p>Henri sagte entschieden: �Ich besitze nur, was ich auf dem Leib trage. Aber ein paar Centimes kann ich euch geben, als Almosen, damit ihr eure Gesichter in Ordnung bringt.�</p><p>Der Mann leckte sich unschl�ssig die Lippen. Ein listiges Funkeln trat in seine Augen. �Wie viel denn, �h?�</p><p>�Neun kleine M�nzen. Das reicht f�r die ganze Bande.�</p><p>Henri sah, wie der Bandit rechnete. Zwar konnten die Wegelagerer, wenn sie alles daransetzten, auch den Rest m�helos erbeuten, aber Henri sah es dem Wortf�hrer an, dass er feige war und an seinem erb�rmlichen Leben hing.</p><p>Der Mann wendete sein Pferd, hatte aber offenbar kein Bed�rfnis, die Lage mit seinen Kumpanen zu besprechen. Er drehte sich wieder zu Henri de Roslin um und sagte schlau l�chelnd: �Wir sind friedfertige Leute, wenn man uns friedfertig kommt. Aber ihr m�sst verstehen, die Zeiten sind schlecht. Da klopft man schon mal um Almosen an. Neun Centimes, �h? Also her damit!�</p><p>Henri blieb gewarnt. Er steckte den Dolch in den G�rtel, griff in seinen Mantel und zog eine Handvoll Kupferm�nzen heraus, die er f�r solche Situationen dort verstaut hatte. Er z�hlte neun Kupferm�nzen in die Hand und �bergab sie dem anderen, peinlich darauf achtend, sich den R�cken freizuhalten. Dies war nicht einfach, denn die Pferde waren unruhig und t�nzelten.</p><p>Als der Bandit das Geld in seinen H�nden f�hlte, schien er sofort befriedet zu sein. Er hob zwei Finger an den rissigen Lederhelm, eine trostlose Geste ehemaligen milit�rischen Schneids, wendete sein Reittier j�h und preschte an der Spitze seiner M�nner in einer Staubwolke davon.</p><p>Henri sagte zu sich selbst: Die bin ich noch nicht los! Solche Kerle vergessen nicht die kleinste Niederlage.</p><p>Er ritt weiter, so schnell das den immer wieder einsinkenden Hufen seines Pferdes auf dem jetzt tiefen, sandigen Untergrund m�glich war. Die Rauchwolken, die aus einem Ort im Tal kamen, der aber unsichtbar blieb, verwehten hinter ihm. Und bald ritt er wieder �ber flaches, oft auch morastiges Land mit einem heideartigen Charakter, das einen Rundumblick gew�hrte. Dahinter wurde die Stra�e besser.</p><p>Am Abend sah Henri W�lfe am Horizont und h�rte in der folgenden Nacht, die er ohne Lagerfeuer verbrachte, ihr Heulen. Im Wald knackte es, und etwas schlich herum, n�herte sich jedoch nicht.</p><p>Henri war auf der Hut, hielt sein nicht abgehalftertes Pferd neben sich und schlief nicht in dieser Nacht.</p><p>Im Morgengrauen, als er schon erleichtert aufatmen wollte, waren die Wegelagerer pl�tzlich wieder da.</p><p>Diesmal stellten sie es geschickter an. Ehe Henri sich versah, standen die Banditen, bewaffnet mit Dolchen und Piken, im Kreis um ihn herum. An Flucht war nicht zu denken.</p><p>�Aufstehen! Wir w�rden gern auch den Rest der M�nzen haben! Das versteht Ihr doch sicher?�</p><p>Henri �berschlug seine M�glichkeiten. Er hoffte, sie waren wirklich nur an Bargeld interessiert. Aber sie sahen aus wie skrupellose M�rder.</p><p>Die M�nner kamen noch n�her. Unheimliche Gestalten im Morgengrauen, die zu allem f�hig sein mochten.</p><p>Henri de Roslin war kein Krieger, den Krieg hatte er nur in Akkon erlebt, aber er wusste sehr wohl mit Hinterhalten und Banden umzugehen. Er war darin geschult, abzuwarten, wie sich die Dinge zuspitzten. Jetzt hielt er es jedoch f�r ratsamer, die Flucht nach vorn anzutreten. Er ging furchtlos auf den Anf�hrer zu und sagte ihm ins Gesicht: �Nun passt einmal auf! Mit Kerlen wie euch bin ich schon fertig geworden, die gibt es n�mlich auch in Schottland wie Ungeziefer. Wenn ihr versucht, eure Waffen zu gebrauchen, werde ich euch t�ten!�</p><p>Seine Worte lie�en den Banditen unsicher werden. Er dachte wohl, dass sich so entschieden kein Mann verhalten konnte, der nicht einen Trick in der Hinterhand besa�.</p><p>Henri hielt dem Anf�hrer auf der flachen Hand einen Lederbeutel mit wenigen M�nzen hin. Dieser blickte ihm noch immer misstrauisch entgegen, als wittere er hinter seiner Bereitschaft eine Arglist. Dann sagte er: �Wo steckt �brigens Euer wertvolles Schwert? Gebt es mir!�</p><p>Henri versuchte, Zeit zu gewinnen. Er wollte schon zu einer Entgegnung ansetzen. Im gleichen Moment sah er, wie sich am Waldrand ein Schatten mit etwas L�nglichem in den H�nden auf sie zu bewegte. Er begriff zun�chst nicht, was da vor sich ging, es geschah alles zu schnell. Eine kr�ftige Gestalt sprang von hinten an den Anf�hrer heran. Er schlug ihm den Helm vom Kopf, riss seinen Hals nach hinten und setzte ihm ein Messer an die Kehle.</p><p>�Die kleinste Bewegung, du Unmensch, und ich zeige dir, was ein Templer vermag!�</p><p>Die Begleiter des Banditen schrien durcheinander, hoben die Waffen und r�ckten n�her. Offenbar trauten sie sich aber nicht, einzugreifen, denn der Angreifer machte ein wild entschlossenes Gesicht.</p><p>Henri war der Mann fremd, er begriff, dass es an ihm war, das Entscheidende zu tun. Er herrschte den Anf�hrer der Rotte an: �Sag deinen M�nnern, sie sollen die Waffen hinlegen und sich zur�ckziehen!�</p><p>�Mach schon!�, br�llte der Ank�mmling, dessen Stimme einen fremden Akzent besa�.</p><p>Der Bandit blieb stumm, schnaufte nur in sich hinein, als bek�me er keine Luft mehr.</p><p>Henri wiederholte seinen Befehl. Als die Meute sich nicht r�hrte, befahl er: �Dann schneide ihm die Kehle durch!�</p><p>Jetzt kr�chzte der Bandit: �Tut, was er sagt. F�r den Moment bleibt uns keine Wahl.� Dann spuckte er Blut. Offenbar hatte der Angreifer tiefer geritzt, als es ausgesehen hatte.</p><p>Die M�nner beeilten sich jetzt, zu tun, was ihr Anf�hrer ihnen gehei�en hatte. Sie zogen sich langsam zur�ck.</p><p>In diesem Moment, als habe sie bis dahin abgewartet, ging die Sonne auf.</p><p>Einer murrte: �Und was wird aus unserem Haufenf�hrer?�</p><p>�Er bleibt bei uns. Wenn ihr noch einmal in unsere N�he kommt, stirbt er.�</p><p>Henri wunderte sich nicht �ber seine innere K�lte, er hatte solche Situationen schon oft erlebt. Er wusste in diesem Moment, es w�rde ihm nichts ausmachen, den Banditen zu t�ten. Er w�rde es nicht dem anderen zumuten, sondern es selbst tun.</p><p>Z�gernd lie�en die Wegelagerer ihre Waffen fallen und stolperten r�ckw�rts davon. Schnell hatte der Wald sie verschluckt.</p><p>Der Fremde stellte sich vor. �Gottfried von Wettin, Ritter aus Regensburg in teutschen Landen, seit einiger Zeit in der sch�nen Stadt Avignon.�</p><p>�Seit Ihr wirklich Templer?�</p><p>Der andere nickte. �Es ist mein eigentliches Geheimnis. Nur im Kampf vergesse ich es manchmal. Aber nach au�en hin lebe ich als M�nch des Dominikanerordens.�</p><p>Henri gab sich ebenfalls zu erkennen. Sie zeigten sich ihre Ordensembleme und waren hocherfreut, einen Gleichgesinnten in der N�he zu wissen. Henri vermied es aber, den Wettiner in seine Pl�ne einzuweihen � man konnte nie wissen. Aber hier, auf dem Lehensboden der englischen Krone, wo die Verfolgung der Templer nur z�gernd verlief, war es m�glich, freier zu sprechen. Der Bandit wurde gebunden und b�uchlings �ber Henris Pferd gelegt.</p><p>Die beiden M�nner hatten das Bed�rfnis, den Ort schnell zu verlassen. Und als die w�rmende Morgensonne durch die Zweige der Ulmen schien, die den Platz des �berfalls umstanden, ritten sie nebeneinander auf schnaubenden Pferden davon.</p><empty-line/><empty-line/><p>Am Abend waren sie an einem Fluss namens Cergu. Er lag auf dem vierundvierzigsten Breitengrad, wie der Wettiner wusste. ��brigens genau wie Avignon, wo ich als M�nch des Dominikanerkonvents t�tig bin�, erkl�rte der Templer, der sich mit Astronomie auskannte und Henri unterwegs schon von seltsamen Sternbildern erz�hlt hatte, die kamen und gingen.</p><p>�Wie k�nnt Ihr nach all den schlimmen Ereignissen noch Dominikaner sein, Gottfried? Die M�nche jagen uns unbarmherzig�, sagte Henri traurig.</p><p>�Ich bin es mit Seelenqualen, das glaubt mir. Denn in Deutschland wurde unser Orden genauso verboten wie in Frankreich und anderswo��</p><p>�� England, Schottland, Aragonien, Kastilien, Portugal, Neapel.�</p><p>�Ja. Und ich hasse den Gro�inquisitor von Paris, Guillaume Imbert, der unseren Br�dern so �bel mitgespielt hat, genau wie Ihr. Aber ich glaube nun einmal inbr�nstig und brauche die Br�der im Glauben um mich. Viele Dominikaner sind �brigens wunderbare Menschen.�</p><p>Der Fluss war breit und besa� eine kr�ftige Str�mung, aber sein Kieselbett stellte sich als so flach heraus, dass sie ihn m�helos �berqueren konnten.</p><p>Der gefesselte Bandit schrie hin und wieder nach Wasser. Aber Henri hielt an und stopfte ihm das Maul mit einem Knebel und einem abgerissenen St�ck Leinenlumpen. Dann ritten sie weiter.</p><p>Der Deutsche sprach nicht viel. Aber nachdem Henri sich bei ihm bedankt hatte, erz�hlte er: �Ich ritt schon einen ganzen Tag hinter Euch her, Bruder. Ohne Arg oder Absicht �brigens, denn ich will nach Millau und werde Euch dort auch wieder verlassen. In dieser Stadt versteckt sich ein Pr�zeptor vor der p�pstlichen Kommission. Es ist Jean de Chalon, gewiss kennt Ihr ihn.�</p><p>�Aber ja! War er nicht zur Zeit der gro�en Verhaftungen Leiter des Templerhauses von Namur?�</p><p>�Derselbe. Ich kenne ihn aus Trier, woher ich komme.�</p><p>�Und was wollt Ihr von ihm?�</p><p>�Er ist mit drei�ig anderen franz�sischen Br�dern seit Jahren auf der Flucht. Sie wurden aufgegriffen, den Untersuchungskommissionen vorgef�hrt, gefoltert und konnten wieder fliehen. Man sagt, dass der Schatz des Visitators von Frankreich, Hugues de Pairaud, in seinem Besitz ist.�</p><p>�Das m�sste ich wissen, denn ich war Schatzmeister unseres Ordens und Tr�sorier des Pariser Tempels.�</p><p>Der Wettiner z�gelte �berrascht sein Pferd. �Jetzt verstehe ich! Ihr seid Henri de Roslin!�</p><p>�Ja.�</p><p>Der Wettiner streckte ihm sprachlos die Hand hin.</p><p>Henri bemerkte einen ger�hrten Schimmer in seinen hellen Augen. Sie ritten eine Weile stumm weiter.</p><p>Die Landschaft wurde in dem Ma�e immer �der, wie die Hitze zunahm. Der Weg f�hrte an schon gr�nen B�umen vorbei endlos geradeaus durch die immergleichen braunen Felder, die offensichtlich von den Bauern nicht bearbeitet wurden. Dann mussten sie wieder einmal eine trostlose Heidelandschaft durchqueren.</p><p>Bei Arvieu kamen sie an einen ausgedehnten Lac. Der See war umgeben von baumlosen Wiesen, sie konnten also, ohne einen �berfall zu bef�rchten, am Ufer lagern.</p><p>Sie wuschen sich ausgiebig. Die Pferde soffen das klare Wasser. Jetzt bekam auch der Bandit einen Schluck. Obwohl die Gegend freundlich wirkte, waren die beiden M�nner angespannt.</p><p>Sie berieten sich.</p><p>�Was soll mit dem R�uber werden?�, wollte der Wettiner wissen. �Wenn du ihn weiter mitschleppen willst, isst er nur deinen Proviant weg, au�erdem m�ssen wir seinen Gestank ertragen.�</p><p>�Ich behalte ihn als Geisel. So haben wir zumindest eine kleine Gew�hr, nicht �berfallen zu werden. Wir m�ssen aber st�ndig auf ihn aufpassen. Ich lasse ihn erst kurz vor Avignon frei�, entschied Henri.</p><p>�Was habt Ihr �brigens vor in Avignon?� Der Wettiner stellte diese Frage mit unschuldiger Miene, aber Henri beschloss dennoch, ihm die Wahrheit vorzuenthalten. Einem Mann, der in der Gemeinschaft der Dominikaner lebte, konnte er sich nicht r�ckhaltlos anvertrauen.</p><p>�Ich muss es f�r mich behalten�, antwortete er deshalb, nicht gl�cklich dar�ber.</p><p>An diesem Abend suchte Henri den Gefangenen auf, kontrollierte seine Fesseln und nahm ihm den Mundknebel ab. Der Bandit �chzte und mahlte mit den verkrampften Backenmuskeln. �Wenn du das Maul h�ltst�, sagte Henri, �erspare ich dir den Knebel. Aber wehe, ich h�re ein einziges Wort!�</p><p>Der Bandit starrte ihn nur hasserf�llt an und wandte sich ab.</p><p>Eine ruhige Zeit folgte. Das Wetter blieb gleichm��ig warm, der Himmel war klar und hoch. Nur einmal fielen ein paar Tropfen. Henri f�hlte sich an seine Heimat Midlothian erinnert, wo die Tiefe des Himmelsblaus ihn immer an die Augen einer fr�hen Geliebten erinnert hatte. Er hatte sie als J�ngling verehrt, bevor er zum m�nchischen Tempelritter geworden war. Es war lange her, und Henri seufzte unwillk�rlich.</p><p>Die Sonnenunterg�nge blieben purpurn und rot.</p><p>Die Wegelagerer lie�en sich nicht blicken. Aber in den Augen ihres Anf�hrers stand manchmal ein so triumphierendes Glitzern, dass Henri Verdacht sch�pfte. Was mochten die elenden Gesellen im Sinn haben? L�ngst wachten er und der Wettiner nachts abwechselnd, bemerkten jedoch nichts Verd�chtiges.</p><p>Am n�chsten Tag erreichten sie Montiaux, eine Stadt an einem Fluss namens Claire, von hier war es nur noch ein Tagesritt bis Millau. Montiaux besa� eine gewaltige Basilika. Hierher pilgerten viele Wallfahrer zu einer Grotte am Ortsrand, und so fiel ihr kleiner Tross trotz des gefesselten Banditen nicht weiter auf.</p><p>Henri erfuhr in einem Stall, wo f�r ihre Pferde gesorgt wurde, dass Avignon noch sieben Tagesreisen entfernt war. Das war viel mehr, als er angenommen hatte, weil es ein Gebirge namens Causse de Sauveterre zu �berqueren galt. Dort sollte es wilde Tiere, auch B�ren, geben. Und R�uberbanden.</p><p>Henri kaufte bei einem Waffenh�ndler am Markt einen sarazenischen Streitkolben und ein langes Brotmesser, die er sich in den G�rtel steckte. Dazu eine neue Satteldecke und f�r seinen t�glichen Bedarf einen Napf, einen flachen Kochkessel und ein verschlie�bares Kupferetui. Er fragte den H�ndler, ob man das Gebirge umgehen k�nne.</p><p>Der Mann antwortete: �Ja, �ber die Ebene bei Richaux, wenn Ihr f�nf Tage Umweg in Kauf nehmen wollt.�</p><p>Die beiden Gef�hrten berieten sich und kamen zu dem Schluss, sich schon hier zu trennen. Henri wollte trotz der m�glichen Gefahren durch den Causse reisen, der Wettiner auf geradem Weg nach Millau. In einem Waldst�ck hinter der Stadt verabschiedeten sie sich.</p><p>�Gott mit dir auf allen Wegen, Wettiner!�, sagte Henri und umarmte den Deutschen. �Sicher sehen wir uns bald in Avignon wieder!�</p><p>Gottfried legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: �Gott stehe Euch bei!� Dann verschwand er.</p><p>Henri hatte auch ein Packtier erstanden, �ber dessen Sattel er den Banditen legte. Am n�chsten Abend erreichte er den Fu� des Causse und lagerte an einem Steilhang, der mit Steinbrocken �bers�t war. Ein Weg war nicht auszumachen. Der Gefangene bedeutete ihm, dass er einen Weg kenne.</p><p>�Wir waren mit den Kumpanen vor Jahren in dieser Gegend�, erkl�rte er missmutig. �Es ist ein Weg, der hoch hinauff�hrt. Aber er ist ger�umt und passierbar. Und die B�ren halten sich eher in den T�lern auf.�</p><p>�Warum erz�hlst du mir so bereitwillig davon?�</p><p>�Ich will, dass wir Euer verdammtes Avignon erreichen, damit ich freikomme.�</p><p>Henri glaubte dem verschlagenen Kerl nicht. Aber wenn er einen Weg kannte, sollte es ihm recht sein.</p><p>Bei Sonnenaufgang ging es los. Unruhig t�nzelnd setzten sich die beiden Pferde in Bewegung. Entgegen den Angaben des Banditen war der Weg zun�chst steinig. Sie verloren so viel Zeit mit dem Wegr�umen von Felsbrocken, dass Henri ernsthaft �berlegte, ob sie nicht doch den Weg durch das Tal nehmen sollten. Aber dann verschwanden die Hindernisse, der Weg war matschig, aber eben, daf�r nahm ein eiskalter Wind zu. Das musste der Mistral sein, von dem Joshua ben Shimon ihm schon erz�hlt hatte. In dieser Gegend war der Wald verschwunden, die H�hen boten keinen Wetterschutz.</p><p>�Sie haben Schiffe gebaut, um �ber die Fl�sse am s�dlichen Abhang des Causse de Sauveterre das S�dmeer zu erreichen�, wusste der Bandit.</p><p>�Das <emphasis>Mare Magnum?</emphasis> Wer sind sie, und was wollten sie dort?�, fragte Henri erstaunt.</p><p>Noch mehr erstaunte ihn die Antwort des Wegelagerers. �Es sind Provencalen. Sie haben Sklaven aus dem Osten, die sie nach Sizilien in die Bergwerke verkaufen.�</p><p>�T�uschst du dich nicht? Es gibt keine Sklaverei in Frankreich mehr.�</p><p>�Hahaha! � Wo kommt Ihr her, mein hoher Herr Tempelritter? Aus dem Wolkenkuckucksheim? Ich selbst war noch vor zehn Jahren ein Sklave meiner Herrschaft in Clermont! Kennt Ihr das <emphasis>massif central?</emphasis> Dort machen die Herren Jagd auf jeden, der frei heruml�uft. Und verh�kern ihn spornstreichs auf die s�dlichen Inseln.�</p><p>�Wie bist du freigekommen?�</p><p>�Geflohen. Wollt Ihr sehen, was mich das gekostet hat?� Er zog das linke Hosenbein mit den Z�hnen hoch, und Henri erblickte rote, schorfige Haut vom Knie bis zum Kn�chel. �Sie haben mich mit fl�ssigem Pech verbrannt. Ich bin wieder abgehauen.�</p><p>Henri dachte: So entstehen Banditen. W�re er ein Johanniter gewesen, h�tte er jetzt wom�glich mehr Mitleid mit den Wunden des Mannes aufgebracht. Aber er verfolgte den Gedanken nicht weiter. Er hatte andere Ziele. Und der Causse nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch.</p><p>Die Felsen rechts und links des Weges wirkten weiterhin feindselig. Sie boten einen idealen Unterschlupf f�r marodierende Horden, die sich vor dem Gesetz zu verstecken hatten. Aber gab es das �berhaupt noch, das Gesetz? Und wer �bte es aus?</p><p>In h�chster Wachsamkeit ritt er weiter, immer wieder nach allen Seiten sichernd. Dass die Gegend so �bersichtlich erschien, erleichterte sein Gef�hl, sich gut getarnt vorw�rts zu bewegen. Aber am zweiten Tag im Gebirge stellte es sich als entsetzliche T�uschung heraus.</p><p>Hinter einer Wegbiegung, in einer Verengung der Felsen zu beiden Seiten, brach pl�tzlich ein braunes Unget�m aus einer Felsh�hle. Erst nach einem Augenblick des Erschreckens begriff Henri, dass es sich um einen B�ren handelte. Es war ein so riesiges Tier, wie sie es noch nie gesehen hatten. Der B�r br�llte mit aufgerissenem Maul und zeigte sein Furcht einfl��endes Gebiss. Er sprang �berraschend beh�nd auf das zweite Pferd zu � und schnappte nach dem Banditen.</p><p>Das Schreien des Ungl�ckseligen hing Henri danach noch lange in den Ohren. Der B�r schien den Mann zu kennen, so ausschlie�lich besch�ftigte er sich mit ihm, er schleifte den Gebundenen im Maul davon und verschwand im Gewirr der zerkl�fteten Felsen.</p><p>Es war aussichtslos, ihn zu verfolgen.</p><p>Nach einigen Augenblicken verstummten die Todesschreie des Verschleppten.</p><p>Im l�hmenden Entsetzen vermochte Henri keinen klaren Gedanken zu denken. Er wusste, er h�tte ebenso wenig eine Gelegenheit zur Abwehr gehabt wie der Bandit.</p><p>Henri nahm sich zusammen. Jetzt war er ohne Ortskundigen in einer feindseligen Landschaft. Und der Weg f�hrte immer h�her hinauf in kahle, zerkl�ftete Berge.</p><p>Er ritt jetzt weiter, als st�nde ihm in jeder Minute ein neuerlicher �berfall bevor. Oft hielt er an, stellte sich in einer H�hle unter und beobachtete Weg und Umgebung nach allen Seiten. Bis zum Abend geschah nichts mehr. Aber als er rastete und sich in seinem neuen Topf aus gesalzenem Stockfisch eine d�nne Suppe kochte, war er bedr�ckt. Er hatte das Gef�hl, schwere K�mpfe hinter sich gebracht zu haben. Es ist die Seele, musste er denken. Sie ist ein mitleidendes Gesch�pf.</p><p>Und an diesem Abend, als er allein am Lagerfeuer sa� und achtlos a�, fl�chtete er sich aus der gefahrvollen Gegenwart in die Vergangenheit.</p><p>Er musste an den Weg zur�ck in seine schottische Heimat denken, den er damals, nach den ersten Verhaftungen seiner Ordensbr�der vor sieben Jahren, angetreten hatte. Noch einmal hatte er sich in Sicherheit wiegen wollen. Aber auch das war tr�gerisch gewesen, denn tausend Gefahren hatten ihn unterwegs bedroht und aufgehalten.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>2</strong></p><p><emphasis><strong>Im Jahr des Herrn 1311, nach Maria Himmelfahrt</strong></emphasis></p></title><p>Es war mehr als die Hitze des Thermidors, die Henri salzige Tr�nen in die Augen trieb. Er war wie bet�ubt von dem gerade Erlebten. Es ist das gro�e Verbrechen unserer Zeit, dachte er, wie konnte es nur dazu kommen? Warum haben wir es nicht verhindert? Es war unfassbar und l�hmte noch immer seine Sinne. Aber er wusste auch, dass er nun handeln musste.</p><p>W�hrend Henri sein Pferd von Paris aus �ber die stark bereiste Stra�e nach Norden lenkte, versuchte er sich zu erinnern. Es war alles aus, dar�ber konnte er sich nicht hinwegt�uschen. Aber wann hatte es begonnen?</p><p>Er wusste es nur aus seinen Lektionen. War es nicht im Jahr des Herrn 1119 gewesen? So hatte man es ihn in der Klosterschule gelehrt. Damals �bernahmen die beiden nordfranz�sischen Ritter Hugo von Payus und Gottfried von St. Omer mit sieben Gef�hrten die fromme Aufgabe, die Wege nach Jerusalem von R�ubern freizuhalten, damit die Pilger in Sicherheit zur heiligen St�tte reisen konnten. Stets k�mpften unsere Br�der unter wehendem Kreuzesbanner im vordersten Glied, dachte Henri, ihnen folgten sogar die K�nige. Und immer waren sie die Letzten, die sich zur�ckzogen, so hofften sie, sich den Himmel zu verdienen. Es war der Beginn einer gro�artigen Zeit gewesen! Jeder nachfolgende Tempelritter hatte das so empfunden. Und als der Ritter Raimond Dupuy um dieselbe Zeit die armen Br�der des Hospitals von St. Johann organisierte, schufen sie Seite an Seite der gl�ubigen Inbrunst und dem kriegerischen Eifer eine unwiderstehliche Bresche.</p><p>Wie gern w�re er damals dabei gewesen! Henri konnte sich die Anziehungskraft vorstellen, die das neue Ideal von M�nchtum und Ritterstolz damals ausge�bt hatte. Sie hatten die Welt aufgegeben, um Christus mit dem Schwert zu dienen! Wie wunderbar! Ein wei�es Gewand, das Symbol der Unschuld, dem Eugen der Dritte ein blutrotes Kreuz hinzuf�gte! Und ihre schwarzwei�e Fahne Baus�ant mit der Inschrift <emphasis>�Non nobis Domine�</emphasis> flatterte ihnen unwiderstehlich voran!</p><p>Jetzt trug er selbst seinen Waffenrock nur noch im Mantelsack versteckt. Dazu Helm, Nackenkette, Beinschienen, Schwert und Schild, die Pumphosen, die rote Sch�rpe. Er f�hrte es heimlich mit sich, aber er trug es nur noch, wenn er sich, gesch�tzt von fremden Blicken, ins Gebet und in die Beschw�rung der alten Ordensregeln vertiefen wollte. Dieses Tun brauchte er in dieser gottlosen Zeit!</p><p>Jetzt, dachte Henri, da die Zeit der Kreuzz�ge in das Heilige Land l�ngst und endg�ltig vorbei ist, bleiben Neid und Intrigen zwischen den ehemaligen B�ndnisparteien �brig. Die Br�der von St. Johann, die nach Rhodos und Malta �bersiedelten, sollten unseren Ordensschatz erben, den der Gro�meister Jacques de Molay im Jahr des Herrn 1307 mit sich nach Paris gef�hrt hatte. Aber Henri hatte das mit Hilfe der letzten Getreuen zu verhindern gewusst. Es war ihm gelungen, alle Zusagen des K�nigs und des Papstes dem inzwischen verfeindeten Orden der Hospitaliter wieder zu entrei�en. Henri hatte damit unmittelbar nach dem unseligen 13. Oktober, gleich nach dem Erntedank, vor vier Jahren angefangen, als auf Befehl des K�nigs f�nfzehntausend Templer in Ketten gelegt wurden. An einem einzigen Tag! Henri wusste sofort, wohin dieser Terror f�hren w�rde, und hatte gehandelt. Binnen Jahresfrist hatte er die verstreuten Sch�tze in den Besitz der Tempelbr�der zur�ckgeholt und versteckt.</p><p>Es war sein einziger Trumpf in dieser schweren, haltlosen Zeit!</p><p>Henri ritt voller schwerer Gedanken weiter. Er wusste, was geschehen war, er hatte die Akten studiert, die man angelegt hatte. Damals waren ja die Templer noch die strahlenden Helden des Jahrhunderts gewesen!</p><p>Henri wischte sich den Schwei� von der Stirn. Sank denn die Sonne niemals mehr! Es hatte seit Monaten nicht mehr geregnet, und sie mussten mehr als einmal Bittprozessionen ausweichen, die mit Jammern und Gesang �ber die Wege zogen, um Regen zu erflehen. Barf��ige Frauen trugen Reliquien, andere gei�elten sich, Gestalten in Federkost�men, mit fratzenhaften Masken �ber den Gesichtern, schlugen dumpf auf Trommeln, dazu spielten durchdringend Knochenpfeifen, H�rner und Trompeten.</p><p>Henri dachte: Wie oft habe ich diese Dinge schon erz�hlt! Alle Adepten wollten immer wieder wissen, wie alles angefangen hatte. Und wie es weiterging. Es war inzwischen wie eine Litanei, er konnte es auswendig hersagen.</p><p>Ja, sie waren reich geworden! Bald unermesslich reich! Sie hatten so viele G�ter aufgeh�uft, dass die Nachdenklichsten unter den Rittern sich gefragt hatten, ob sie nicht frevelten. Die Eink�nfte und Spenden und das, was mit dem organisierten Betteln in allen L�ndern aufgeh�uft wurde, schickte man nach Jerusalem, dem Wohnsitz des Gro�meisters. Henri fiel beim Weiterreiten eine Geschichte ein, die ihm ein Ordensbruder in der Pariser Cit� erz�hlt hatte. Damals starb ein m�chtiger Krieger ohne Nachfahren, war es nicht Alfons der Erste von Aragonien, Herr von Navarra und Kastilien, gewesen? Er schenkte den Rittern des Tempels und des Hospitals seinen gesamten Besitz zu gleichen Teilen. Seine einzige Bedingung war, dass der Orden drei Jahre lang dreihundert Ritter im Heiligen Land hielt.</p><p>So kamen die Reicht�mer zustande, dachte Henri. Und seit damals sind sie nicht weniger geworden. War es nicht verwunderlich, dass diese Entwicklung Bef�rchtungen und Feindschaft erregte? Hatten die Bisch�fe nicht Recht, wenn sie auf den Laterankonzilen forderten, die Templer sollten zumindest die erworbenen Kirchen und Zehnten zur�ckgeben?</p><p>Henri wandte sich im Sattel um und lie� seinen Blick �ber die drei Wagen schweifen, die von seinen Gehilfen gelenkt wurden. Fuhrwerke mit Sonnensegeln und gro�en, langsam mahlenden Holzr�dern, auf denen gut abgedeckte F�sser mit in Salz eingelegten Gurken standen. In den rund hundert F�ssern befand sich der letzte Teil des unermesslichen Templerschatzes.</p><p>Er wusste noch nicht, wo er ihn verstecken konnte. Der �brige Reichtum, soweit er ihn nach der Verhaftungswelle retten konnte, war inzwischen zusammen mit den Akten des Ordens an sicheren Orten im ganzen Land verteilt. Henri de Roslin f�hlte sich noch immer verantwortlich f�r den Schatz, und er brauchte das Erbe der Templer, um seinen Hass in eine todbringende Waffe verwandeln zu k�nnen.</p><p>Vor der Stadtbr�cke von Alencon, an der Grenze zur Bretagne, die ebenso wie das �stlich angrenzende Anjou ein Lehen der franz�sischen Krone war, musste der Transport pl�tzlich halten. Misstrauische Grenzw�chter deckten die Plane ab, nahmen die Deckel von einigen F�ssern ab und tauchten ihre H�nde in das Salz. So tief reichen eure nichtsw�rdigen Arme nicht, dass ihr die wahre Konterbande ber�hrt, dachte Henri. Er hatte keine Angst, die k�niglichen Z�llner k�nnten ihm auf die Schliche kommen, die Tarnung war zu gut.</p><p>Aber wenn doch?</p><p>Seine f�nf Begleiter, allesamt harmlose Kaufmannsgesellen aus einem Pariser Vorort, waren dann keine Hilfe. Wenn es zum �u�ersten kam, musste er allein und schnell handeln. Unwillk�rlich fuhr seine Hand unter sein Gewand, wo im G�rtel sein Schwert steckte.</p><p>Die Stichproben der Z�llner ergaben nichts. Als Henri schon aufatmen wollte, tauchte aus dem Schatten des Turms, vor dem sich die Schranke befand, ein Offizier auf. Es war ein H�ne in geschniegelter, blauroter Uniform. Er schrie: �Ihr seid wohl nicht zuf�llig Templer, �h? Unterwegs mit Eurem s�ndhaften Schatz, �h? Abladen! Die F�sser werden visitiert!�</p><p>Henri durchfuhr es eiskalt. Blitzschnell �berlegte er, was zu tun war. Wenn der Offizier es ernst meinte, flog alles auf, und er musste sofort fliehen. Aber da er gewohnt war, die Entwicklung der Geschehnisse kaltbl�tig zu beobachten, sagte er:</p><p>�Eher geht ein Kamel durch ein Nadel�hr, als dass wir Templer sind!�</p><p>��h?�</p><p>�Wir sind Kaufleute aus den Sumpfw�ldern um Paris, mit Gurken f�r Alencon. Ihr k�nnt heute Nachmittag auf dem Markt �berpr�fen, ob wir eingelegte Gurken in Salz oder goldstarrende Preziosen verkaufen!�</p><p>Die Zollsoldaten lachten h�misch. Der Offizier lief rot an. �Abladen!�, br�llte er noch einmal.</p><p>Henri legte selbst Hand an. Er l�ste Knoten f�r Knoten der Verschn�rung, die ihn bei der Abfahrt viel Zeit gekostet hatte, und wuchtete die F�sser vom Wagen herunter. Er wusste, es war ein Fass dabei, das wirklich von oben bis unten nur mit Gurken beladen war. Als er den Deckel �ffnete, richtete er es so ein, dass Schaden entstand. Er versetzte einem herumschn�ffelnden Stra�enk�ter einen Fu�tritt, der Hund flog jaulend gegen einen Gehilfen, der ausweichen wollte und dabei das Fass umstie�. Henri fluchte laut.</p><p>�Du Schei�e am Huf eines Esels, kannst du nicht aufpassen! Habe ich euch nicht eingebl�ut, wie teuer die Gurken sind!�</p><p>Der Inhalt des Fasses verteilte sich �ber das schmutzige Pflaster � nichts als Salz und Gurken. Wieder lachten die Soldaten wiehernd. Der Offizier musste zur Seite springen, als das s�uerlich stinkende Salz seine neuen Stiefel bedrohte.</p><p>�Was soll ich jetzt machen!�, jammerte Henri �berzeugend. �Diese Gurken kann ich nicht mehr verkaufen! Ein ganzes Fass Verlust!�</p><p>�Packt das ausgelaufene Fass mit den anderen F�ssern auf den Wagen zur�ck und trollt euch! Das stinkt ja! � Soldaten, macht hier sauber, aber <emphasis>allez!�</emphasis></p><p>Henris Gehilfen bugsierten die F�sser auf den Wagen zur�ck und verschn�rten die Seile wieder. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, angetrieben von Henris tiefer, scheinbar noch immer �rgerlicher Stimme.</p><p>Um keinen Verdacht zu erregen, musste Henri am Nachmittag die Wagen im Kreis auffahren, seine zusammenklappbaren Verkaufstische aufbauen und Gurken verkaufen. Vor einem aufwendigen Laden mit Fensterverglasung und Schindeldeckung an einem Klosterstift fand der Markt statt. Auch die Stiftsdamen aus adligen Familien kamen mit halb verh�llten Gesichtern zum Kauf. Hier mussten jedoch nach einem heftigen Gewitterregen, den alle herbeigesehnt hatten, erst Schlamm und Schmutz beseitigt werden, bevor Weine, Tuche, T�pferwaren, F�rbemittel, Papier und vor allem Knochen verkauft werden konnten.</p><p>Der Marktkontrolleur kam und kassierte Standgeb�hren, �berpr�fte mit seinen Visierma�en Henris Waage, hatte aber nichts zu beanstanden. Der Gurkenverkauf ging schleppend voran, und Henri benutzte diesen Umstand, um seine Gehilfen allein zu lassen und sich in dem Ort umzusehen.</p><p>Er kannte in Alencon niemanden und wusste nicht, ob es in der N�he eine Burg gab. Konnte er hier ein Versteck finden?</p><p>Als er durch den Ort ging, bemerkte er, dass hier die Knochenschnitzer den Ton angaben, �berall befanden sich ihre Werkst�tten, in denen Fl�ten, Nadeln, Schnallen, Messergriffe, W�rfel, K�mme und sogar Schlittschuhe hergestellt wurden. Auch die Herstellung von Perlen f�r Rosenkr�nze stand hoch im Kurs. �berall erblickte Henri die B�nke zum Bohren solcher Perlen in den Werkst�tten der daf�r zust�ndigen Paternosterer.</p><p>Er sah einem wei�b�rtigen Paternosterer, der wie ein M�nch gekleidet war, bei seiner Arbeit zu; er bohrte aus langen Knochenscheiten mit einem geh�rteten Bandbohrer seine St�cke heraus, die wie Elfenbein aussahen. �ber den Boden verteilt lag der Abfall, Sp�ne, St�cke und ausgebohrte Knochenleisten � es sah aus wie ein Schatz! Eine Stadt des unschuldigen Handwerks, dachte Henri. Wenn ich in einer solchen Werkstatt meinen eigenen Schatz verstecken k�nnte! Aber wie sollte es gelingen, Gurkenf�sser unterzustellen, ohne Verdacht zu erregen? Er h�tte sich hier niederlassen und eine Werkstatt kaufen m�ssen.</p><p>Sich in Alencon niederlassen? Es war ein abwegiger Gedanke.</p><p>Nein, dachte er. Ich muss weiterziehen.</p><p>Nach den Schreckmomenten mit den Grenzsoldaten von Alencon vermied Henri vorerst die St�dte. Aber wenn er keinen Verdacht erregen wollte, musste er zumindest kleinere Ortschaften ansteuern, um seine Ware zu verkaufen. Die Stra�en waren nach dem heftigen Gewitter noch immer matschig und mit tiefen Pf�tzen �bers�t. Und als hinter La Chapelle eine Achse splitterte und zu brechen drohte, musste er seinen Vorsatz vergessen. Sie flickten die Achse notd�rftig und fuhren langsam in Richtung der n�chstgelegenen Stadt Domfront.</p><p>Schon als sie in die Stadt einfuhren, ahnte Henri, dass es hier Schwierigkeiten geben w�rde. Ein ungutes Gef�hl sagte ihm, w�hrend die Holzr�der �ber die Br�cke des Stadtgrabens rumpelten, dass dies die letzte Stadt war, durch die er kommen sollte.</p><p>Domfront schien zu bersten. Zwischen den Mauern war es randvoll mit Menschen, Fuhrwerken, Hirten und Schafherden. Dazu kamen die dicht an dicht gebauten Holzh�user rechts und links enger, h�geliger Gassen, durch die stinkende Abw�sser sch�umten. Hier gab es keine L�den, sondern man verkaufte das Notwendige aus erh�hten Fenstern heraus oder in ge�ffneten St�llen, Schweinekoben und Scheunen.</p><p>Aus den H�usern und Werkst�tten drang unglaublicher L�rm, der jetzt auch noch vom Dr�hnen der Kirchenglocken unterlegt wurde. Henri fielen die Zisterzienserm�nche auf, die auf Eseln herumritten, offensichtlich gab es ein Kloster in der Stadt. Er fand einen Stellmacher in der N�he der �bergro�en Kirche, der sich bereit erkl�rte, die Achse umgehend zu reparieren.</p><p>Dann sah er die Burg. Sie thronte auf einem H�gel �ber der Stadt, flache Steinh�user dr�ngten sich wie Schutz suchend um den Burgberg. Und von dort kam in diesem Augenblick ein Trupp bewaffneter Ritter im Prachtharnisch herunter.</p><p>Die Reiter im vollen Wappenschmuck sa�en auf m�chtigen, mit roten Satteldecken geschm�ckten Schlachtr�ssern, wilde M�nner in Kost�men aus gef�rbtem Flachs trugen ihre Standarten sowie das Banner des K�nigs, die Oriflamme, voran, die in der Sonne glitzerten und heftig im Wind wehten. Zogen sie zu einem glanzvollen Turnier oder einem der endlosen Bankette in die Stadt? Henri begriff den Anlass ihres stolzen Aufzugs nicht gleich. Dann sah er jedoch den Grund.</p><p>Die Ritter f�hrten in ihrer Mitte zwei gefesselte M�nner mit sich. Man hatte ihnen Sackleinen �ber die K�pfe gezogen. Als sie n�her kamen, war Henri wie vom Schlag ger�hrt. Er begriff, dass die Gefangenen Templer sein mussten, denn sie trugen ihr wei�es Ornat mit dem blutroten Tatzenkreuz auf Brust und R�cken. Und jetzt bemerkte er auch, wohin sie zogen. Zum gr��ten Platz der Stadt, am Portal der Kirche.</p><p>Henri schloss sich ihnen an, und dann sah er die Menschenmenge, unter ihnen Hunderte von M�nchen. Feuer brannten in Pechpfannen, �berall standen Buden und Gark�chen, Sch�nken waren aufgebaut, an denen die Einwohner kr�ftig zechten. Furchtbar war der Anblick eines Podestes, auf dem ein Galgen errichtet worden war, und dahinter hatte man Holzscheite zu zwei Scheiterhaufen aufgeschichtet.</p><p>Es bedurfte nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was hier sogleich geschehen w�rde.</p><p>Henri �berlegte, ob er bleiben sollte. Wieder sollten Br�der schuldlos hingerichtet werden! Sollte er es mit ansehen? Konnte er es �berhaupt ertragen? Vielleicht konnte er sie den H�nden der H�scher entrei�en? Er sah sich nach allen Seiten um. �berall dr�ngte die Menge heran. Die Ritter geleiteten ihre Opfer zum Schafott, schon hielten sie vor dem Galgen.</p><p>Henri suchte angestrengt nach einem Ausweg. Aber sein Mut sank mit jedem Herzschlag. Er sah keine M�glichkeit, etwas zu tun. Selbst wenn er die Br�der vor dem Strangulieren bewahren konnte, ein Entkommen aus der Stadt war aussichtslos.</p><p>Die Menge johlte. Kleine Jungen warfen Steine auf die beiden Opfer, denen man jetzt die Kapuzen vom Kopf zog. Henri kannte die Ungl�cklichen nicht, deshalb war er sicher, dass auch sie ihn in der Menge nicht erkennen konnten. Waschweiber mit krummen R�cken und roten H�nden sprangen jetzt zeternd vor und bespuckten die Gefangenen. Die Ritter trieben sie halbherzig zur�ck. Wieder kamen von hinten Steine und Abfall angeflogen, auch die Bewacher wurden nun davon getroffen.</p><p>�H�ngt sie alle auf! Ketzer und Kirchenf�rsten gleicherma�en!�</p><p>�Und die anderen Herren gleich noch dazu!�</p><p>�Nur die einfachen Leut� sollen regieren!�</p><p>Henri sch�ttelte den Kopf. Dieses Land war in Aufruhr. Die Zeiten von Recht und Gesetz schienen vorbei. Jetzt regierten Willk�r und blanker Hass. Die Menge dr�ngte nach vorn, Henri wurde geschoben, Ellenbogen stie�en in seine Rippen.</p><p>W�hrend er darum k�mpfte, nicht niedergetrampelt zu werden, ging es ihm durch den Kopf, ob er nicht selbst ein menschliches Teil dieser chaotischen Zust�nde war. Gefangen in den Krallen seiner eigenen Rachegel�ste? Das stimmte. Aber er hatte einen Grund f�r seinen Hass � unschuldige Menschen zu r�chen. Die K�niglichen konnten keinen Grund anf�hren � au�er ihrer Gier nach Macht und Besitz. Henri hoffte inbr�nstig, dass der Herrgott auf seiner Seite war.</p><p>Den Gefangenen wurden die Schlingen um die H�lse gelegt. Henri musste sich beherrschen, um nicht nach vorn zu st�rmen, die Bewacher niederzustrecken und die Ungl�ckseligen zu befreien. Aber es w�re sein eigenes Ende gewesen. So kniete er nieder und bekreuzigte sich.</p><p>Und w�hrend hinter dem Schafott schon die Scheiterhaufen angez�ndet wurden, um die sterblichen �berreste der Gehenkten in Feuer und Glut aufzunehmen und zu reinigen � so verstand es die Logik der Henker �, stand Henri auf und ging davon. Er ertrug den Anblick nicht. Es h�tte sein Herz zerrissen, als w�re er selbst dort oben, wo sich in diesem Moment die Henkerschlingen spannten, weil im Boden des Podestes die Fallklappen mit einem dumpfen Laut aufgesprungen waren.</p><p>Die Gehenkten schwangen hin und her. Die Menge seufzte auf und schwieg dann endlich.</p><p>Auf dem Weg zur�ck zum Stellmacher gab sich Henri einen Ruck. Er wollte sich vor seinen Gehilfen nichts anmerken lassen. Mit ausdrucksloser Miene l�ste er sein Fuhrwerk aus und trieb die Gehilfen an. Er lie� anspannen. Und eine halbe Stunde sp�ter, w�hrend die Kirchenglocken das Ende des schrecklichen Schauspiels anzeigten, fuhr die kleine Karawane aus Domfront hinaus.</p><p>Als die Stadttore sich hinter ihm schlossen, atmete Henri auf. Vor ihm lag die flache, wasserreiche Landschaft der �stlichen Bretagne, und er wusste jetzt, dass er versuchen musste, ein Versteck auf dem Land zu finden. Vielleicht war die kleine, verlassene Templerburg in Flers daf�r geeignet. Vielleicht war auch ein ganz anderes Versteck n�tig, an das er jetzt noch gar nicht dachte.</p><p>Sie kamen gut voran. Die Gesellen sagten kein Wort, und auch Henri versp�rte keine Lust, etwas zu sagen. Es wurde Abend. Sie rasteten an einem See. Sollte er den Schatz auf dem Grund dieses Sees versenken? Er war ja ohnehin schon in fisch�lgetr�nktes Leinen eingewickelt.</p><p>Nach reiflicher �berlegung nahm er von diesem Gedanken Abstand, er war zu gewagt.</p><p>Am n�chsten Morgen ging es vor Sonnenaufgang, als die Luft noch k�hl war, weiter. Und noch immer wusste Henri de Roslin nicht, wo er sein Versteck finden w�rde.</p><p>Sie fuhren jetzt nach Westen, passierten einen Fluss namens Selune und die Stadt Saint Hilaire. Immer wieder kontrollierte Henri seine kostbare Fracht, zurrte die Seile nach und achtete auf eventuelle Besch�digungen der F�sser. Denn die Stra�e war schlecht, Schlagl�cher bedeckten ihren Belag, und die R�der brachen immer wieder tief ein.</p><p>Aber dann wurde der Weg besser, und die Fahrt blieb eine Weile ereignislos. Da die Gegend, durch die sie jetzt zogen, topfeben und sumpfig wurde, war es aussichtslos, nach einem Versteck Ausschau zu halten. Wieder musste Henri an die Geschehnisse der Vergangenheit denken.</p><p>Es war bereits im Jahr des Herrn 1307 gewesen, als der ruchlose Brief K�nig Philipps bekannt wurde. Er hatte Haftbefehle erlassen. Es war einem gl�cklichen Umstand zu verdanken, dass ein Sekret�r des Ordens diesen Brief auf dem Schreibtisch des Papstes sah. Und schon eine Woche sp�ter brachen einige Templer auf, um sich in Sicherheit zu bringen. Dazu geh�rte der Pr�zeptor G�rard de Villiers, der sich mit 50 Pferden und 18 Galeeren auf den Weg machte � an Bord der Schatz des Bruders Hugues de Pairaud. Auch diesen Schatz hatte Henri sp�ter zur�ckholen k�nnen. Es hatte ihn viele K�mpfe gekostet. Das Verm�chtnis der Templer sollte in einer Hand bleiben.</p><p>Einige Br�der bewaffneten sich, um sich zu erheben. Henri fielen die Namen Pierre Bouche und Imbert Blanc ein. De Villiers hatte vierzig Templer unter schwere Waffen gestellt. Aber es kam nicht zur Revolte. Alle wurden vorher verhaftet. Es schien so, als s��en bezahlte Spitzel in den eigenen Reihen.</p><p>Henri seufzte unwillk�rlich auf. Mord und Totschlag regierten. Aber die Templer handelten nicht als Erste, sie wehrten sich nur. Henri wusste auch, dass die Ordensbr�der zu Attentaten durchaus in der Lage gewesen waren. Er hatte mit vielen dar�ber gesprochen. Es gab einen Untergrund von gewaltbereiten Templern. Sie alle hatten gelernt von den M�rdern, die damals bei den Verhandlungen zwischen dem K�nig von Jerusalem und Aloudin, dem Alten vom Berge aus der Felsenfestung von Alamut, einen Gesandten der verschworenen Assassinen get�tet hatten. Ja, es gab Br�der, die nicht zimperlich gewesen waren. War es anders m�glich, wo es doch um die R�ckeroberung des Heiligen Landes gegangen war? Und jetzt, wo es um die nackte Existenz des Ordens ging, war da nicht noch viel mehr jedes Mittel recht?</p><p>Henri verachtete die Gewalt. Aber wenn sie n�tig wurde, war er bereit, sie anzuwenden. W�ren doch auch die Br�der dazu bereit gewesen, dann h�tten sie vor Jahresfrist nicht die Karren zu den Scheiterhaufen an der Porte Sainte-Antoine besteigen m�ssen. Und die in Senlis, Pont-de-L�Arche und Carcassone ebenfalls nicht.</p><p>Je n�her sie der n�rdlichen K�ste kamen, desto mehr setzte sich in Henri der Gedanke fest, ob er nicht nach Schottland zur�ckkehren sollte. Dort hatte K�nig Robert nach dem Sieg �ber K�nig Eduard von England die Unabh�ngigkeit errungen. Die Vorstellung befl�gelte ihn einen ganzen Tag lang ungeheuer. Die Weiten des schottischen Landes zu sehen, seine freie Luft zu atmen, am Wasser zu sein! Und die Schrecken zu vergessen!</p><p>Aber nein. Er musste im Herzogtum Bretagne bleiben, zumindest so lange, bis er ein Versteck f�r den Schatz gefunden hatte. Denn das Geld wurde in Frankreich dringend gebraucht. Hier in diesem Land, das ebenso wie Flandern und Guyenne auf Unabh�ngigkeit von der franz�sischen Krone gedr�ngt hatte, existierten noch die Reste eines ehemals dichten Netzwerkes von Ordensh�usern und ehemaligen Besitzungen. Henri erinnerte sich dunkel, dass es mehr als sechzig H�user gewesen waren, aber er wusste nicht, an welchen Orten sie sich befanden. Wenn er nur an die schriftlichen Unterlagen im Temple von Paris gekommen w�re! Aber der war jetzt im Besitz der Johanniter, ihrer gr��ten Feinde.</p><p>Henri wusste ohne diese Unterlagen nur von einer Burg und einem Ordenshaus in Nantes, das von der Gewalt weltlicher Gerichte und allen Abgaben seiner G�ter freigestellt war. Die Br�der hatten j�hrlich einhundert Solidi aus allen Eink�nften der Stadt bezogen! Aber mit diesen Privilegien war es vorbei.</p><p>Henri wusste nicht einmal, ob die Burg inzwischen nicht schon einen anderen Herrn besa�. Dort hinzugehen war also viel zu gef�hrlich. Denn vielleicht sa�en gerade dort die Polizisten Philipps und warteten nur auf Fl�chtlinge. Und auf Fl�chtlinge mit Geldkisten ganz besonders.</p><p>Au�erdem lag Nantes zu weit im S�dwesten des Herzogtums. Er h�tte mindestens vier Tagesreisen ben�tigt.</p><p>Henri de Roslin war jedoch klar, dass auch das Herzogtum Bretagne insgesamt nicht mehr sicher war. Er wusste, dass der K�nig den bretonischen Adligen Johann in den Rang eines Pairs erhoben hatte, um ihn an sich zu binden. Der k�nigliche Einfluss nahm immer mehr zu. Unter diesen Umst�nden war es fraglich, ob die bisher freisinnig denkenden Bretonen Henri unter ihren Schutz stellen w�rden.</p><p>Henri bekam selbst das Gef�hl, die Fahrt mit den Fuhrwerken gliche immer mehr einer Kreisbewegung. Wohin sollte er ziehen? Er bemerkte die fragenden Blicke der Gehilfen, ihre lustloser werdenden Gesten. Eine Fahrt mit halb leeren Gurkenf�ssern schien ihnen sinnlos. Abends am Lagerfeuer fragte dann pl�tzlich einer von ihnen, er hie� Giselle und kam aus der Cit�:</p><p>�Meister, wohin gehen wir? Es wird bald Herbst, und dann sollten wir einen Unterschlupf haben.�</p><p>Henri nickte. �Ich verspreche euch, dass wir h�chstens noch ein paar Wochen, sagen wir bis Michaelis, auf der Stra�e sind. Dann habe ich meine Ladung verkauft, ich zahle euch aus, und ihr k�nnt nach Paris zur�ckkehren.�</p><p>�Und Ihr, Meister?�</p><p>�Ich bleibe am Meer. Die Luft bekommt mir. Sie erinnert mich an meine Heimat.�</p><p>�Aber nur Stadtluft macht frei.�</p><p>�Nein. Solange im Lehensgebiet der Bretagne der Einfluss der K�niglich Englischen gilt, k�nnen wir hier �berall atmen. Sollte allerdings K�nig Philipp den bretonischen Adel mit allen Verlockungen des Lehens k�dern, wie er es schon in Bordeaux versuchte, dann kehre auch ich wieder nach Paris zur�ck. Dann ist das �berleben dort, wo die gro�en M�rkte sind, leichter.�</p><p>W�hrend der n�chsten Tage und Wochen ging die ruhelose Reise weiter. Inzwischen waren die meisten Gurken verkauft. Nur der geheime Schatz befand sich noch auf dem Grund der Holzf�sser. Langsam wurde es deshalb zu gef�hrlich, mit den Fuhrwerken �ber die Stra�en zu ziehen, jede Kontrolle konnte sie auffliegen lassen.</p><p>Mitte September, in der noch warmen Luft lagen schon die bitteren Ger�che des nahen Herbstes, fand Henri die L�sung. Aber zuvor war er einer harten Pr�fung ausgesetzt.</p><p>In einem elenden Kaff namens Tremblay, an einem Fluss, der Couesnon hie�, �bernachteten sie an einer Klostermauer. Henri ging abends durch die ungepflasterten Stra�en. Die meisten H�tten bestanden aus nichts als Lehm, geflochtenem Astwerk und Schilfd�chern. Als er durch unbedeckte T�rfassungen sp�hte, sah er offene Feuerstellen auf strohbedeckten Fu�b�den. Kinder spielten im Schmutz. Es gab auffallend viele schummrige W�rfelstuben. Vor einer Schnapsschenke, wo Betrunkene sa�en und sangen, lie� ihn eine junge Frau ihre nackten Schenkel sehen. Ihr h�bsches Gesicht war stark geschminkt, sie war h�chstens achtzehn Jahre alt. Henri bedachte sie mit einem L�cheln, ging aber weiter.</p><p>Das M�nchgel�bde, das Henri einst abgelegt hatte, sa� tief in ihm. Auch jetzt, nach dem Ende des Ordens, f�hlte er sich ihm verpflichtet. Er wusste zwar, dass einzelne ehemalige Templer inzwischen geheiratet hatten, aber er hatte nie daran gedacht. Wenn auch die Versuchung blieb. Er sp�rte sie in seinen Lenden.</p><p>�Dann nicht, Kaufmann�, rief die junge Hure feindselig hinter ihm drein, spuckte aus und wandte sich mit gerafftem Rock den johlenden Betrunkenen zu.</p><p>Henri dachte: Vielleicht ist heute ein Tag f�r die S�nde. Geht nicht ohnehin alles den Weg des Irdischen? Sind unsere Tage nicht gez�hlt, so oder so? War er an ein Gel�bde gebunden, wenn sich in dieser Zeit niemand an Gel�bnisse hielt? In einem Nachbarhaus erblickte er pl�tzlich ein Paar. Er schaute ungeniert hin�ber. Ein junges, strohblondes M�dchen r�kelte sich in den Armen eines st�mmigen, jungen Bauern. Der Junge entbl��te ihre nackten Br�ste und k�sste sie. Henri bemerkte ihre verz�ckten Gesichter und f�hlte sich unbehaglich.</p><p>Als er weiterging, musste er an seine einzige gro�e Liebe denken. Sie hie� Falkie, und er lernte sie vor seinem Eintritt in den Ritterorden kennen. Er war dreizehn gewesen, schon in dem Alter, in dem man heiratete. Henri blieb unwillk�rlich mitten im Schritt stehen.</p><p>Falkie von Inverness!</p><p>Die Erinnerung traf ihn mit der Wucht eines Hammerschlages.</p><p>Er hatte sie bei einem Fest auf dem Gutshof seiner Eltern kennen gelernt. Sie war ein dunkelhaariges Ding mit himmelblauen Augen gewesen und lebte mit ihrer Familie nahe bei der Festung. Sie wirkte ernst und erwachsen. Erst im Laufe des Abends fand er heraus, dass sie krank war. Sie litt an einer unheilbaren Krankheit des Blutes und hatte nicht mehr lange zu leben.</p><p>Als er Falkie damals �ber die Tanzfl�che drehte, sp�rte er, wie federleicht sie war. Henri empfand bei dieser Erinnerung so lebhaft, als w�rde es gerade soeben geschehen, wie der Karottenduft ihres K�rpers ihm so in die Nase stieg, dass er erschauerte. Ihr Busen hob und senkte sich, sie blickte ihn aus ihren stillen Augen an, und in ihrem Blick lag eine Frage. Henri hatte sie an sich gedr�ckt, dann wirbelte er sie wieder lachend im Kreis.</p><p>Pl�tzlich hatte er wahrgenommen, wie in Falkies Blick eine derartige Traurigkeit einzog, dass er den Wirbel j�h stoppen musste. Danach tanzten sie langsamer weiter. Henri hatte nicht gewusst, was er sagen sollte, er sp�rte eine seltsame Befangenheit. Dann stammelte er:</p><p>�Kann ich irgendetwas� Gutes f�r dich tun? Ich meine, brauchst du was?�</p><p>Um Falkies Mundwinkel war ein hauchfeines L�cheln eingezogen. Sie blickte ihn unverwandt an. Dann dr�ngte sie sich n�her an ihren Tanzpartner heran. Henri sp�rte Falkies Gesicht an seinem, ihren K�rper an seinem und erschauerte noch jetzt, an diesem trostlosen Ort, dar�ber. Dann hatten ihre Lippen gehaucht:</p><p>�Willst du mit mir schlafen? Bitte!�</p><p>F�r den blutjungen Henri de Roslin stockte in diesem Moment die Welt in ihrem Lauf. Die Sterne kollerten herunter und fielen durcheinander. Unf�hig, zu sprechen, nickte er nur. Er sp�rte, wie ihre Lippen ihn auf die Wange k�ssten.</p><p>�Gehen wir hinaus, spazieren�, sagte er dann, noch immer verwirrt. �Aber nicht gemeinsam. Geh du voraus. Wir treffen uns am See.�</p><p>Falkie meldete sich bei ihren aufmerksamen Eltern ab und verlie� den Festsaal. Henri ging durch die Fl�gelt�ren auf der anderen Seite in den Park.</p><empty-line/><empty-line/><p>Am See wartete sie. Am Himmel standen noch die blutroten Reste der gerade untergegangenen Sonne. Falkie sah den Schw�nen zu, die auf dem dunklen Wasser kreuzten, als verfolgten sie eine bestimmte Spur. Sie drehte sich zu ihm um, ging schnell auf ihn zu und umarmte ihn. Es schien ihr egal zu sein, ob sie jemand sah.</p><p>Sie k�sste ihn mit hei�en, bebenden Lippen.</p><p>Henri zog das vor Begehren zitternde M�dchen mit sich. Auf einer kleinen Lichtung des angrenzenden Waldes, die wie eine Oase von Tannen umschlossen war, zog er Falkie aus.</p><p>Er l�ste ihre B�nder und Haken, entbl�tterte sie wie eine Rose, drang zu ihrem Innersten vor. Als sie nackt vor ihm stand, ein Wunderwesen im letzten Abendlicht, �berschwemmte ihn das Gef�hl, sich als die Person, die er bisher gekannt hatte und die Henri de Roslin aus der Grafschaft Midlothian hie�, v�llig aufzul�sen.</p><p>Sie lie�en sich auf dem warmen Wiesenboden nieder. Henri hatte das M�dchen �berall gek�sst.</p><p>Jetzt begann sie, ihn zu entkleiden. Er sah ihr zu. In ihren Augen stand nun keine Traurigkeit mehr.</p><p>Als auch er nackt war, kamen sie zueinander.</p><p>Es war zum Sterben sch�n.</p><p>Gestorben war sie danach tats�chlich. Sechs Wochen sp�ter war sie tot, und Henri konnte es in seinen jugendlich-schw�rmerischen Gef�hlen nicht �berwinden. Erst sein Eintritt in den Tempel von Paris hatte ihm dar�ber hinweggeholfen.</p><p>Als er jetzt daran dachte, wurde ihm schlagartig klar, dass er sein Versteck endlich gefunden hatte.</p><p>Nat�rlich! Er w�rde seinen Schatz in diesem elendsten aller D�rfer vergraben! Irgendwo am Rand dieses unw�rdigen S�ndenpfuhls, in dem es nichts gab als Trunkenheit, schale und k�ufliche Liebe, schmerzhafte Erinnerungen und Vergessen! War das nicht ein w�rdiger Ort f�r einen blutbefleckten Schatz, nach dem alle gierten! Niemand w�rde gerade hier suchen.</p><p>Er lief zu seinen Gehilfen zur�ck, um ihnen zu sagen, dass sie das Ziel ihrer Reise erreicht hatten. Als er der Stelle n�her kam, wo er die Wagen zur�ckgelassen hatte, sp�rte er sofort, dass etwas geschehen sein musste. Einer der Wagen war verschwunden.</p><p>Die Gehilfen kamen bei seinem Anblick aus dem Wald gerannt. Einer blutete im Gesicht. �Ein �berfall! Sie waren zu dritt und trugen Lanzen! Sie haben einen Wagen geraubt!�</p><p>�Wer waren <emphasis>sie?�</emphasis></p><p>�Bestimmt niemand aus dem Ort. Vogelfreie Vagabunden, ganz schlimme Gesellen!�</p><p>Henri unterdr�ckte einen Fluch. �Wohin sind sie verschwunden?�</p><p>Ein Gehilfe zeigte nach Westen. �Sie k�nnen noch nicht weit sein, es war erst vor einer halben Stunde, und die Wagenr�der sinken tief in den Morast ein.�</p><p>�Und warum habt ihr unseren Besitz nicht verteidigt?�</p><p>�Wir haben keine Waffen, Meister!�</p><p>Henri schwang sich auf sein Pferd. Wild entschlossen preschte er in die angegebene Richtung. Vor ihm auf dem Weg bildete sich die Spur der Wagenr�der ab. Er brauchte ihr nur zu folgen.</p><p>Nach einer Weile befand er sich in waldreicher Umgebung. Noch immer folgte er den deutlichen Spuren. Wenn er in diesem Tempo weiterritt, musste er die R�uber bald sehen. Doch pl�tzlich brachen die Abdr�cke im Matsch des Weges ab. Wie von Geisterhand war alles verschwunden!</p><p>Henri sprang vom Pferd und lief im Kreis. Auch die dichten Flechten rechts und links des Weges zeigten keinen Abdruck. Das gab es nicht! Der Wagen konnte nicht davongeflogen sein!</p><p>Er �berlegte verzweifelt. Es war unm�glich, dass der Schatz einfach verschwand. Nicht auf diese Weise und auch nicht auf eine andere. Er musste ihn zur�ckholen! So viel stand auf dem Spiel! Dann begriff er den Trick.</p><p>Ja, so hatten es die R�uber gemacht. Sie hatten angehalten und den Wagen ein St�ck des Weges zur�ckrollen lassen. Auch die Zugpferde waren r�ckw�rts gelaufen. Das war auf den ersten Blick nicht zu erkennen gewesen. Irgendwo an einer unverd�chtigen Stelle mussten sie den Wagen dann ins Dickicht gezogen haben.</p><p>Als er zur�ckritt, fand er die Stelle ohne M�he. Die R�uber hatten zwar versucht, die ausbrechenden Spuren mit Laub abzudecken und zu verwischen, aber die seitw�rts verlaufenden Hufspuren lieferten ein deutliches Bild und verrieten sie.</p><p>Henri sprang erneut vom Pferd. Er f�hrte das Tier vorsichtig zur Seite und band es an einem Ast fest. Vorsichtig sichernd drang er in die Schneise ein, die der Wald bildete. Jetzt sah er die Radspuren wieder, sie dr�ckten sich im Moos des Untergrundes ab. Er folgte der Spur.</p><p>�ber sich sah er pl�tzlich einige Raubv�gel, die wild schlagend aufflogen. Der Wald war hier niedrig bewachsen und dicht. Dann sah er das Gef�hrt. Es stand unversehrt und unbewacht mitten auf einer Lichtung, die Zugpferde grasten friedlich. An der hinteren Achsel waren drei fremde Reittiere angebunden.</p><p>Henri beobachtete angestrengt die Walds�ume. Er ahnte, dass sich die R�uber in der N�he befanden. Dann trat einer aus dem Dickicht. Es war eine Furcht einfl��ende Gestalt. Er war gro� wie ein B�r und schleppte eine Verwachsung an der Schulter mit sich herum. Der Mann begann sofort damit, die F�sser vom Fuhrwerk zu ziehen. Achtlos rollten sie ins Gras und blieben dort liegen. Noch bevor er damit fertig war, kamen die beiden anderen R�uber aus dem Wald und halfen ihm bei der Arbeit. Bei einem von ihnen war eine Gesichtsh�lfte verbrannt, die Augen�ffnung leer. Als die achtlose T�tigkeit beendet war, setzten sie sich und wickelten Brot und einen Klumpen K�se aus einem schmutzigen Lappen aus.</p><p>�Sollen wir sie nicht doch in der H�hle verstecken?�, �u�erte sich der R�uber mit der Verwachsung.</p><p>Kauend entgegnete der Dritte: �Wozu? Wir lassen den Plunder liegen, falls �berhaupt je einer hierher kommt, wird er in der N�he dieses Abfallhaufens erst recht kein Versteck mit unserer Beute vermuten.�</p><p>�Wir laden nur das N�tigste auf�, erg�nzte der mit der leeren Augenh�hle.</p><p>Die F�sser interessierten sie gar nicht! Henri begriff, dass sie deren Inhalt � fleckiges, s�uerlich riechendes Salz � f�r nutzlos hielten. Sie hatten es nur auf den Wagen abgesehen, der f�r sie ein kostbarer Besitz war.</p><p>Henri sp�rte seine Wut. Er hasste Wegelagerer, die anderen Menschen das Eigentum stahlen; ihr eigenes, m�glicherweise schweres Schicksal wollte er nicht gelten lassen. Noch wusste er nicht, ob er Bedenken haben w�rde, ihr Leben auszul�schen. Er beobachtete sie noch einen Moment und sch�tzte seine Situation ein. In Henri, dem Kaufmann, erwachte in diesem Augenblick der Tempelritter Henri de Roslin. Seine gro� gewachsene Gestalt straffte sich. Er trug kein Ordensgewand, aber er bewegte sich jetzt, als tr�ge er es. Er zog das Schwert aus dem G�rtel und st�rmte vorw�rts, dabei verlie� der alte Schlachtruf der Templer seinen aufgerissenen Mund.</p><p>�Beaus�ant!�</p><p>Die R�uber wurden von seinem Angriff �berrumpelt. Sie waren viel zu �berrascht, um sich wehren zu k�nnen. Henri fuhr wie ein Strafgericht unter sie. Er war von einer dumpfen K�lte beherrscht. Aber er t�tete sie nicht. Denn im letzten Augenblick war ihm eingefallen, dass er sein Versteck gefunden hatte. Er w�rde seinen Schatz nicht im Ort verstecken, sondern in ihrer R�uberh�hle zur�cklassen. Sie w�rden ihm den Weg dorthin weisen. War der Gedanke zu gewagt?</p><p>Nein. Er �bergab die Wegelagerer in der Stadt der Polizei. Dort verurteilte man sie, und sie verschwanden auf Nimmerwiedersehen auf den Galeeren!</p><p>Der �erste R�uber sprang ihm an die Gurgel, aber Henri schlug ihn mit dem Knauf des Schwertes zu Boden. Einen zweiten schleuderte er am Jackenkragen herum und lie� ihn dann gegen einen Baumstamm krachen. Henri ging jetzt vollkommen ruhig zu Werke. Der dritte, kleinste von ihnen stand geduckt wie ein angreifendes Raubtier vor ihm. Er umkreiste Henri mit einem dumpfen, lang gezogenen Knurren, wobei er seine langen Arme �ber den Boden schleifen lie�. Henri zeigte nur mit dem Schwert in seine Richtung. Allm�hlich begriff der R�uber die �berlegenheit des Fremden, er hob zur Abwehr die H�nde und blieb stehen.</p><p>Henri band den Wegelagerern, die langsam wieder zu sich kamen, die Arme auf den R�cken. Er fesselte sie an die Wagenr�der. Den Dritten forderte er auf, ihm die H�hle zu zeigen. Gehorsam stolperte der �ngstliche R�uber, der einen Mund voller br�unlich-schwarzer Zahnst�mpfe besa�, vor ihm her. Einhundert Schritte weiter befand sich ein moosbewachsener Erdh�gel, auf dem eine Tanne wuchs. Im dichten Unterholz h�tte Henri dieses Versteck niemals gesehen. Er r�umte Astwerk und schwarze Tuffsteine beiseite und betrat eine �berraschend ausgedehnte H�hle.</p><p>In der Dunkelheit konnte er zun�chst nichts wahrnehmen. Doch als er mit einem Feuerstein und Holzsp�nen ein Feuer anstecken und dieses dann an einer Kienspanfackel anz�nden konnte, die in einer Wandhalterung steckte, sah er, dass der abfallende, trockene H�hlenboden mit Kisten und Ballen bedeckt war.</p><p>�Drei Jahre haben wir gebraucht, um das alles zu sammeln�, erkl�rte der R�uber m�rrisch, nachdem Henri ihn aufgefordert hatte, zu erz�hlen. �Einen solchen Schatz kriegen wir im Leben nicht mehr zusammen.�</p><p>�Ihr braucht ihn nicht mehr. Was solltet ihr damit auch anfangen � im Gef�ngnis oder auf der Galeere�, sagte Henri.</p><p>Der R�uber stie� einen gottesl�sterlichen Fluch aus.</p><p>Henri hatte genug gesehen. Er brachte den Mann zu seinen Kumpanen zur�ck und fesselte ihn ebenso. Dann machte er sich daran, die F�sser in das Versteck zu bringen. Es war eine schwei�treibende, anstrengende Arbeit, denn auch die nur noch halb vollen F�sser waren schwer. Aber Henri wollte sie nicht von den Gefangenen verrichten lassen. Wom�glich h�tten sie die Gelegenheit zur Flucht genutzt.</p><p>Es war schon sp�ter Nachmittag, als er zu seinen Gehilfen zur�ckfuhr. Sie staunten nicht schlecht, als sie die Gefesselten b�uchlings auf dem Wagen erblickten.</p><p>�Aber Meister! Wo sind die F�sser?�</p><p>�Sie lagern sicher. Den Rest schaffe ich jetzt dorthin. Macht ein Fuhrwerk leer, das zweite fahre ich zur Lagerst�tte. Beeilt euch! Dann bringt ihr die Gefangenen zur Polizeistation, erz�hlt alles und wartet dort auf mich.�</p><p>�So viel Aufwand f�r einfache Holzf�sser!�</p><p>Sie wussten nicht recht, was sie von der Sache halten sollten, befolgten aber seinen Befehl, ohne weiter zu fragen.</p><p>Henri machte sich anschlie�end allein auf den Weg. Er brauchte keine Zeugen. Er lenkte das Gef�hrt so nahe wie m�glich an die H�hle heran und lud die F�sser ab. Eines fiel herunter und zerbrach, sein Inhalt quoll hervor, Henri musste den verpackten Schatz in ein anderes Fass verlagern. Er verstaute die �brigen F�sser und deckte den Eingang der H�hle sorgf�ltig mit Wurzelwerk, Zweigen und Laub ab. Bevor es dunkelte, war alles verstaut, und er fuhr in den Ort zur�ck.</p><p>Dort warteten seine Gehilfen wie verabredet auf der Station des Gendarmen. Ihre Aussagen sorgten daf�r, dass die R�uber ins Gef�ngnis geworfen wurden.</p><p>Henri wollte so lange am Ort bleiben, bis der Dienst habende Polizist, der am Ortsende einer auffallend gut ausgestatteten Wache vorstand, die R�uber in die Zellen verfrachtet, sie verh�rt und geschlagen und ein Protokoll aufgesetzt hatte. Erst wenn der zust�ndige Vogt beim n�chsten Gerichtstag ihr Urteil verk�ndet hatte, und das konnte nur lebenslange Galeerenhaft bedeuten, konnte Henri beruhigt abreisen. Bis es so weit war, w�rde er notgedrungen in Tremblay warten.</p><p>Noch am selben Abend zahlte Henri de Roslin seine Gehilfen aus und entlie� sie.</p><p>Er �berlegte, ob er alles richtig gemacht hatte. War das Versteck sicher? F�r die n�chste Zeit ganz gewiss. Und irgendwann w�rde er ohnehin zur�ckkehren, um das Geld zu holen. Denn es musste alsbald dazu verwendet werden, den K�nig zu st�rzen und das Land vor dem Untergang zu bewahren.</p><p>Den Antrieb daf�r sp�rte Henri in sich ganz deutlich. Der K�nig muss sterben und der Papst ebenso, dachte er n�chtern, in diesem Augenblick ohne Hassgef�hle. Die Absicht war nicht einfach zu verwirklichen und brauchte Zeit, das war ihm klar.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>3</strong></p><p><emphasis><strong>April 1314, Tage des Anselm</strong></emphasis></p></title><p>Die gelben Mauern der Stadt t�rmten sich so hoch auf, als wollten sie die Wolken ber�hren.</p><p>Henri z�gelte sein Pferd und dachte nach, f�r einen Moment mutlos. Er war allein. Und sie waren Tausende, bewaffnet mit Furcht erregenden Piken, �xten und Schwertern. Und sie wurden au�erdem gesch�tzt von meterdicken Mauern, Zugbr�cken, Fallstricken und Gesetzen. Und f�r alle F�lle besa�en sie ihre Kerker, abgrundtiefe, feuchte H�llen, in die kein Lichtschein fiel und aus denen kein Schrei drang.</p><p>Wie sollte er in seine N�he kommen, wie sollte er es schaffen, den Papst zu t�ten?</p><p>Die Flamme seines Hasses loderte ungemindert weiter, aber er durfte sich davon nicht verzehren lassen, sondern k�hlen Kopf behalten. Ein falscher Schritt, und alles war zu Ende. So erlebte er es bereits seit vielen Jahren.</p><p>Henri de Roslin zahlte in Villeneuveles-Avignon an der alten Br�cke �ber die Rhone, die bereits von den R�mern erbaut worden war und jetzt St. Benezet hie�, den �blichen Zoll fremder Kaufleute. Der ummauerte Vorhof in Richtung Stadt, unterhalb der erzbisch�flichen Burg, wurde ihm von m�rrischen Soldaten freigegeben, und er blickte unwillk�rlich zu dem Bergfried der Burg St. Andr� auf, an dem die Steinmetze seltsame Zeichen hinterlassen hatten. Der Turm wurde nur Donjon Philipps des Sch�nen genannt, denn dieser hatte ihn als Aufsicht und Br�ckenkopf der p�pstlichen Stadt gegen�bergestellt. Sicher, dachte Henri, entgeht den Sp�hern dort oben keine einzige Bewegung, und jeder unerw�nschte Fremde auf der Br�cke kann mit einem Pfeilhagel bedacht werden. Dann gab er dem Pferd die Z�gel frei und ritt durch eines der m�chtigen Tore in die Stadt der Burgen und damit in die bedrohlichen Mauern seiner Feinde ein.</p><p>Er hatte ein Gel�bde auf den Papst abgelegt, das ihn band. Niemals konnte er vergessen, wie er ergeben vor Clemens dem F�nften gekniet hatte. Er vertraute ihm und verehrte ihn! Damals wusste er noch nicht, wozu dieser Papst f�hig war. Und heute sp�rte er dieses Gel�bde wie einen Schmerz in seinem Inneren, es war eine Fessel, die ihm ins Blut schnitt.</p><p>Nachdem Henri sein Pferd zur tiefer liegenden Stadt, deren H�user ihm durch die seltsame Dachbedeckung mit flachen Hausteinen, Zinnen und Senkscharten auffiel, gelenkt hatte, tauchte er im Gewirr der Ansiedlung unter. W�hrend er durch die holprigen, von Abfall �berzogenen Gassen des �ltesten Stadtteils und �ber neue, pr�chtige Pl�tze ritt, fielen ihm die ungew�hnlich zahlreichen Bankkontore auf, die italienisch klingende Namen besa�en. Und dann bemerkte er auch die Baupl�tze.</p><p>�berall ragten Holzkr�ne und Ger�ste auf, Fundamente waren ausgehoben. Steinmetze waren mit Eisenmei�eln an der Arbeit, aus gro�en Bl�cken verwendbare St�cke herauszuhauen. Eine ausladende Schmiede befand sich etwas abseits. Fuhrwerke mit Schwellen, Bleiplatten und R�hren karrten herum. Schon beim Hineinreiten war ihm ein riesiger Bauplatz auf einem breit vorgeschobenen, zum Fluss hin abfallenden Felsen aufgefallen. Von einem B�cker, der ihm an einem Stand ein frisches Dinkelbrot verkaufte, erfuhr er, dass ein neuer Papstpalast erbaut werden sollte. Bisher stand davon nur ein zwanzig Fu� hoher Glockenturm, der Turm de Trouillas. Auch an seinen Mauern sah Henri seltsame Zeichen, die wie geheime Botschaften wirkten. Die Bauh�tten hinterlie�en ihre Spuren.</p><p>Es sollte ein m�chtiger Palast mit gro�en S�len, unz�hligen Gem�chern, Versammlungsr�umen f�r K�rperschaften der Kirche und des Staates und mehreren Kirchen und Kapellen werden. Wollten denn die P�pste, die Rom mit Hilfe des K�nigs schm�hlich verlassen hatten, f�r immer in Avignon bleiben? Henri h�tte am liebsten laut ausgerufen: �Vergebliche Liebesm�h! Dieser Papst wird die Pracht nicht mehr sehen k�nnen!� Aber er dankte dem B�cker nur, zahlte und atmete tief den Duft des frischen Brotes ein.</p><p>Es sind die einfachen Dinge, die unser Herz wirklich begl�cken, dachte er. Der Geruch des Brotes, eine Vogelstimme am Morgen, der Blick aus den Augen einer sch�nen Frau. Nicht Macht und Prunk. Aber davon haben die hohen Herren keine Ahnung.</p><p>Henri de Roslin suchte sich eine Unterkunft. Sie musste geeignet sein, ihn notfalls auch f�r l�ngere Zeit aufzunehmen. Er fand eine gut m�blierte Herberge mit einem sch�nen Blick �ber die Windungen der Rhone. Zur anderen Seite hin konnte er von seinem Dachfenster aus �ber die neueren Fahrwege zur Kirche Unsere Liebfrauen bis zum alten Palast der Dominikaner schauen, in dem Papst Clemens residierte. Sogar ein winziges St�ck des ausgedehnten p�pstlichen Gartens �ffnete sich seinem Blick.</p><p>Henri wusste nat�rlich, er konnte Clemens nicht mit Blicken bannen, er musste seine k�rperliche Gegenwart suchen, um ihn t�ten zu k�nnen. Henri stellte sich vor, wie er das Schwert zog und den Verr�ter erstach. Er w�rde auf sein verr�terisches, sein im tiefsten Sinne unchristliches Herz zielen.</p><p>Bei dieser Vorstellung sch�ttelte er sich. Er hoffte, Clemens bei der Ausf�hrung dieser Tat nicht anfassen zu m�ssen, es h�tte ihn geekelt.</p><p>Henri verstaute seinen flachen Geldbeutel in einem abschlie�baren Kommodenschrank. Dann holte er sein Reittier von der Stra�e und stellte es im Stall eines konvertierten Muslimen unter, der ihm einen guten Preis nannte.</p><p>Als er am Abend durch Avignon ging, fielen ihm farbenpr�chtige Festlichkeiten auf. �berall zogen Verkleidete durch die gerade ges�uberten Stra�en. Am Domplatz tanzten barf��ige Gestalten mit grotesken Masken auf den Schultern in blauen Federkost�men, aus denen rote B�nder wie Flammen zu schlagen schienen, zur schrillen Musik der Pfeifen. Henri versuchte sich zu erinnern, welcher Tag war. Der Tag des Anselm. Es war kein besonderer Namenstag, aber vielleicht machten die Bewohner der Stadt Avignon, in deren Mauern der Herr �ber Leben und Tod der Templer regierte, jeden Tag zu einem besonderen Tag.</p><p>Vielleicht taten sie es, um sich zu erfreuen. Vielleicht, um zu vergessen.</p><p>Henri ging ziellos umher. Der Abend war mild. Die Brise verscheuchte den st�ndig gegenw�rtigen Geruch nach Aborten und Sickergruben. Er genoss es, unerkannt zu sein und einfach nur schauen zu k�nnen. Morgen w�rde er damit beginnen, den Mordplan zu schmieden. An diesem einen Abend wollte er versuchen, das Leben in seiner einfachsten Form zu genie�en. Er wusste ja nicht, wie lange er es noch konnte.</p><p>Henri de Roslin lie� sich am Rande eines kleinen, sauberen Kirchplatzes gebratene Fleischst�cke schmecken, die von einem jungen Lamm stammten, dazu trank er einen Becher d�nnes, gew�rztes Bier. Er beobachtete Kinder, die mit Hunden herumtollten, und eine Gruppe von Musikanten, die in Richtung der Stadtmauer zogen. Dann bemerkte er, dass immer mehr Menschen in diese Richtung gingen. Als er sich ausgiebig gest�rkt hatte, schlug er ebenfalls diesen Weg ein.</p><p>Etwas war im Gange. Er begriff es, als er jetzt die Menschenmenge sah, die den Weg vom nordwestlichen Haupttor, der Porte des Champeaux, zum Dominikanerpalast s�umte.</p><p>Er fragte einen Bewohner, und der erwartungsfroh aussehende Mann, der einen roten Schal trug, erkl�rte: �Der Papst kehrt zur�ck. Dann gibt es immer ein h�bsches Schaugepr�nge.�</p><p>Henri war irritiert. Clemens hatte sich also gar nicht in Avignon aufgehalten!</p><p>Er fragte: �Geschieht es �fter, dass der Papst nicht in seiner Residenz ist?�</p><p>�In letzter Zeit immer �fter. Der Heilige Vater ist hochempfindlich, er zieht es vor, dem Baul�rm auszuweichen und auf die Burg der befreundeten Ritter in Roquemaure zu ziehen. Aber jetzt besucht er uns einmal wieder.�</p><p>Roquemaure! Wo lag das? Henri �berlegte, was diese Nachricht f�r seinen Plan bedeutete. Vielleicht war es einfacher, Clemens auf dem Weg nach Roquemaure zu �berfallen! Oder ihm dorthin zu folgen. Vielleicht war die Bewachung auf einer kleineren Burg nicht so streng.</p><p>Henri reckte den Hals und sah jetzt eine Prozession n�her r�cken. Ein Schaubild aus Menschenleibern stellte etwas dar. Wieder befragte er den Einwohner. Der Mann sah ihn belustigt an.</p><p>�Ihr wisst anscheinend gar nichts, wie?�</p><p>�Ich bin nur ein armer S�nder, der kleine Gesch�fte t�tigt.�</p><p>G�nnerhaft meinte der Mann: �Der Papst wird empfangen von vierzehn Jungfrauen, die in dem Schaubild die Gaben des Geistes und der Gnade darstellen. Es ist so �blich. Damit wird die gerechte Herrschaft ausgedr�ckt.�</p><p>�Aha!�</p><p>�Nat�rlich! In einem anderen Bild � Ihr k�nnt es auf der Stra�enseite gegen�ber sehen � wird K�nig Philipp gezeigt, wie er diese F�higkeiten in Gegenwart von zwei Richtern und sieben Verteidigern, die vor ihm sitzen, aus�bt. Papst und K�nig, versteht Ihr!�</p><p>�Ich verstehe. Und was bedeutet dieser Weinbrunnen mit den Zweigen und k�nstlichen Fr�chten?�</p><p>�Nun, es ist eben das Symbol f�r die Wirkungen dieses K�nigtums. Der Weinbrunnen und der Baum dr�cken ja auch den Stammbaum Philipps aus, der mit dem Baum Jesse verbunden ist.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ja! � Ihr seid wohl fremd in der Stadt?�</p><p>�Sehr fremd.�</p><p>Beim N�herkommen der Prozession begriff Henri jetzt, dass die Darstellung mit einer Anspielung auf die g�ttliche Natur des K�nigs schloss. Denn sie zeigte Salbung und Kr�nung auf einem Thron, der in einem himmlischen Paradies stand, umgeben von Engeln, und Gott selbst erschien und sprach mit dem K�nig.</p><p>Welche Anma�ung, dachte Henri. Sein aufrechter Glaube weigerte sich, solche Hoffart hinzunehmen. Und der Papst, der jetzt unter einem roten Baldachin in die Stra�en einritt, duldete es, weil er nur durch K�nig Philipp den Thron des Stellvertreters Gottes auf Erden erklommen hatte. Er verdankte ihm alles, und er war ihm h�rig.</p><p>Als Clemens nahe an ihm vorbeiritt, zwang sich Henri zur Besinnung. Er drehte sich zur Seite, denn der Papst kannte ihn von Angesicht. Diese Tatsache w�rde seinen Plan nicht erleichtern, das wusste er. Aber sicher fiel ihm irgendeine Verkleidung ein. Vielleicht ein blaues Federkost�m mit roten B�ndern, die daraus wie Flammen des Hasses hervorz�ngelten, mit einer grotesken Tanzmaske auf dem Kopf, die alle D�monen anlockte, um sie auf den Papst zu hetzen!</p><p>Wenn die Stunde kam, w�rde ihm schon etwas einfallen!</p><p>Zum Greifen nahe ritt der Papst auf seinem Schimmel, der mit B�ndern und Gl�ckchen und einer Satteldecke aus Goldf�den geschm�ckt war, an ihm vor�ber. Der von sechs Begleitern gehaltene Baldachin schwankte kaum �ber ihm. Pfeil und Bogen, dachte Henri, k�nnten jetzt das Werk der Rache leicht ausf�hren. Warum war er darauf nicht vorbereitet! Aber nein, ein Pfeil aus dem Hinterhalt kam f�r ihn nicht in Frage. Henri hasste Hinterhalte. Und au�erdem: Konnte er Clemens in aller �ffentlichkeit t�ten? Selbst wenn es ihm gelingen w�rde, der rasenden Menge zu entkommen, w�rde man ihn dann im ganzen Land als M�rder von Angesicht kennen. Und ihn erbarmungslos jagen, bis man ihn zur Strecke gebracht hatte. Nein, so diente er der Sache der Templer nicht.</p><p>Beim Tod des Papstes durfte es keine Zeugen geben. Nur Gott allein w�rde anwesend sein und den T�ter kennen. Und er w�rde ihn, Henri, beim J�ngsten Gericht aburteilen, wenn er zu dem Beschluss kam, dass die Ermordung des Frevlers der Kurie eine S�nde gewesen war.</p><p>Es war allein Gottes Ratschluss. Alles lag in seiner Hand. Er selbst, Henri de Roslin aus der Grafschaft Midlothian, war nur das ausf�hrende Organ der gerechten Rache.</p><p>Aber da war noch das Gel�bnis, der Schwur, der ihn an den Papst band. Henri wand sich in Qualen, wenn er daran dachte. W�rde er im entscheidenden Augenblick die Kraft besitzen, sich wirklich davon zu l�sen? Er wusste es nicht.</p><p>Oder konnte ein anderer an seiner Stelle die Tat ausf�hren?</p><p>Nein, das war unm�glich.</p><p>Er ganz allein musste es tun. Kein anderer war dazu in der Lage.</p><p>Und als er dies dachte, f�hlte er eine so starke innere Kraft, dass er glaubte, er sei beinahe schon im Begriff, seinen Plan in die Tat umzusetzen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Zehn Tage lang blieb der Papst in Avignon. Henri de Roslin h�rte auf dem Marktplatz davon sprechen. Er hatte also nicht viel Zeit, seinen Plan reifen zu lassen.</p><p>Ein Gedanke nahm in seinem aufgew�hlten Inneren immer festere Form an.</p><p>Er durfte nicht mehr z�gern. So klug der Mord auch vorbereitet sein musste, damit nicht noch mehr Unheil �ber die Menschen kam, so sehr musste er bestrebt sein, die Tat hinter sich zu bringen. Denn er bef�rchtete, die Qual seiner Skrupel k�nnte ihm noch einen Strich durch die Rechnung machen. Je l�nger er Gelegenheit hatte, sich den Mord an Clemens vorzustellen, desto lauter wurde die warnende Stimme seines Gewissens.</p><p>Auf den Entschluss einer unbedingt schnellen Ausf�hrung des Attentats kam er am fr�hen Morgen. Gleich nach Sonnenaufgang war er zum Dominikanerpalast geritten. Er hoffte, dort Gottfried von Wettin zu treffen, von dessen Ankunft er geh�rt hatte. Der geheime Tempelritter aus Deutschland, den er kurz vor Millau verlassen hatte, war vom Besuch des dortigen Pr�zeptors Jean de Chalon nach Avignon zur�ckgekehrt, denn die Dominikaner, in deren H�nden die Inquisition lag, waren noch immer seine Br�der. So hatte er selbst gesagt.</p><p>Henri erhoffte sich von Gottfried Unterst�tzung f�r seinen Plan.</p><p>Wie erstaunt war er, als ihn im Palast ein unvermutetes, absto�endes Geschehen erwartete.</p><p>Ein Kardinal war drei Tage zuvor gestorben. Nachdem man seinen Leichnam vor dem Palast �ffentlich aufgebahrt hatte, um allgemeine Teilnahme zu erwecken, mussten nun wegen der t�glich zunehmenden Hitze ungew�hnliche Ma�nahmen ergriffen werden. In einem der vielen Innenh�fe hatten M�nche damit begonnen, das hinf�llige Fleisch des Verstorbenen durch Kochen von den Knochen zu l�sen, um diese im Dom als Reliquien verehren zu k�nnen.</p><p>Henri hatte schon davon geh�rt, das Herz eines herrschaftlichen Toten sei getrennt von der einbalsamierten Leiche an einem Ort pers�nlicher Gef�hle begraben worden. Aber der Anblick der auf dem Feuer stehenden Zinkwanne, in dem ein nackter, wei�er Leichnam lag, der sich im brodelnden Wasser langsam aufl�ste, lie� seinen Magen rebellieren. Die M�nche verjagten ihn nicht, f�r sie war dieses Tun gottgef�llig. Aber Henri musste sich hinter einer T�r des Kreuzganges erbrechen.</p><p>Ist dieses Spiel mit k�rperlichen �berresten nicht � unsittlich?, dachte er. Und in einem neuen Anfall von w�rgendem Ekel, w�hrend gelblich gr�ner Schleim aus seinem Magen hervorbrach, wusste er, dass er Clemens unbedingt gleich t�ten musste. Er konnte nicht warten. Diese Sache musste zu Ende gebracht werden, koste es, was es wolle. Denn lebend oder tot �bte dieser Papst, wie �berhaupt die Kirchenf�rsten in Frankreich, eine unsinnige Macht aus. Sie beherrschten das gesamte F�hlen und Denken der Menschen! Ihre Macht war grenzenlos! Und sie war nicht gottgegeben! In dieser irdischen F�lle konnte sie nicht gottgef�llig sein! Sie ma�ten sich diese Macht nur an!</p><p>Henri dachte: Der Herr steh mir bei, aber eigentlich sind sie genauso erb�rmlich, sterblich und hinf�llig wie jeder andere Mensch auch! Dass man ihnen am Ende das Fleisch von den Knochen kocht, macht sie in meinen Augen nicht bedeutender. Nur erb�rmlicher in ihrem frevlerischen Bem�hen, zur Reliquie zu werden.</p><p>Weg mit diesem Papst!, dachte Henri angewidert. Weitergehende Gedanken untersagte er sich. Er wollte nicht denken: Weg mit allen Kirchenf�rsten, die uns das Himmelreich predigen und sich zugleich im Irdischen mit Macht und Prunk umgeben, als w�ren sie unsterblich. Nein, diesen Gedanken konnte er vor sich selbst nicht zulassen, denn f�r sein eigenes Seelenheil brauchte er den Glauben, die Liturgie und die Kirche.</p><p>Der Attentatsplan auf seinen h�chsten, geistlichen Vater bereitete ihm Gewissensqualen genug. Wenn er sich den Mord vorstellte, war es ihm, als packe ihn eine eiskalte Faust an der Gurgel und schn�re ihm die Luft ab. Clemens war einmal so etwas wie sein Vater gewesen, und er hatte ihn als seinen Herrn geliebt! Aber er musste es dennoch tun. Weg mit Clemens, weg mit dem Verr�ter!</p><p>Wenn ich es �berlebe, was wahrlich nicht sicher ist, dachte er, dann ziehe ich irgendwohin. Ans Nordmeer! Wo ich frei atmen kann! Wo einfache Leute, hart arbeitende Fischer, B�cker, Gem�sebauern den Ton angeben!</p><p>Er fragte einen der Ordensbr�der, einen sanft blickenden M�nch mit feinen Gesichtsz�gen, nach Gottfried von Wettin. Man sagte ihm, der Bruder aus Regensburg werde erst in zwei Tagen erwartet.</p><p>Henri verlie� den Konvent, in dem jetzt auch Clemens residierte, nicht, bevor er sich den Grundriss des m�chtigen Geb�udes eingepr�gt hatte. Er fertigte sich mit einem Kohlestift eine geheime Zeichnung an. Und als er sie gemacht hatte, begriff er, dass der Papst, wie eine Spinne im Netz, in einem Octagon sa�. Seine R�ume im Obergeschoss des Palastes, die man vom jetzt schon bl�henden Kreuzganggarten aus sehen konnte, waren umgeben von achteckigen Klausurgeb�uden, Wehrg�ngen und Wachr�umen sowie vergitterten Fenstern hinter Spitzbogenblenden wie ein kostbarer Schatz, der von allen Seiten bewacht wurde.</p><p>In Gedanken verloren ging Henri aus dem Palast hinaus in die Stadt. Die Sonne blendete ihn. Noch immer war es fr�her Morgen, nur wenige H�ndler, Marktweiber und Handwerker bev�lkerten die engen Stra�en. Wie sollte er es schaffen, an Clemens, diesen bewachtesten aller Zeitgenossen, heranzukommen? Dieser Gedanke allein nahm alle seine Aufmerksamkeit in Anspruch.</p><p>Er rief sich den Palast in Erinnerung. Er war eine perfekte Verteidigungsanlage, wie geschaffen f�r einen Menschen, der sich darin, als sei die Welt voller Todfeinde, einmauern wollte. Er hatte gesehen, dass alle Wehrgangb�den so senkrecht zu den Mauern durchbrochen waren, dass eine Verteidigung der darunter liegenden Wandfl�chen mit ihren hohen Fenstern durch Steinw�rfe und G�sse mit hei�em Pech von oben m�glich war. Henri hatte solche Verteidigungsanlagen schon in �hnlicher Form an provencalischen Wehrkirchen gesehen. Die M�nche rechneten seit den Anf�ngen ihrer Missionszeit, wo es andauernd Scharm�tzel gegeben hatte, offenbar dauerhaft mit Krieg.</p><p>Ein deprimierender Gedanke nahm von Henri Besitz. Ein einzelner Mann kam nicht durch diese Abwehrfront.</p><p>Oder vielleicht �berhaupt nur ein einzelner Mann!</p><p>Musste der M�rder des Papstes nicht sein wie ein Schatten, der gestaltlos durch das Schl�sselloch ging und danach aus dem Sterbezimmer k�rperlos wieder verschwand � ohne die geringste Spur zu hinterlassen?</p><p>Er musste sich unbedingt mit dem Wettiner beraten, der als Dominikaner stets Zugang zum Palast hatte. Er wusste seit ihrer ersten Begegnung, dass Gottfried insgeheim ein treuer Tempelritter war. Vielleicht konnte er den Deutschen �berreden, den Plan gemeinsam mit ihm durchzuf�hren. Aber Gottfried war auch gl�ubiger M�nch geblieben. War von einem solchen Mann wirklich ein Attentat auf den Papst zu verlangen?</p><p>In seine Gedanken hinein zw�ngte sich ein Bild. Es war die Gestalt eines Mannes, den er zu kennen glaubte. Erst allm�hlich wurde Henri bewusst, dass er diesen Mann �berhaupt sah. Seine Rachepl�ne waren ja inzwischen wie ein Verlies, in das kein Lichtstrahl drang. Jetzt begriff er, wer am anderen Ende des Platzes auf einem strahlenden Hengst heranritt.</p><p>T�uschte er sich? Er kannte niemanden im Gewand eines reichen, spanischen Kaufmannes!</p><p>Nein! Die Kluft aus teuren, bunten T�chern, in die der Kaufmann gewandet war, galt als Tarnung. Aber das sah nur er, der sich selbst in weltlicher Kleidung tarnte. Es war tats�chlich der Sarazene!</p><p>�Uthman ibn Umar! Wie, zum Henker, kommst du nach Avignon?�</p><p>�Und du?�</p><p>�Ich vermutete dich noch in Cordoba.�</p><p>�Und ich dich in Bordeaux.�</p><p>�So treffen wir uns in Avignon wieder! Auch Avignon ist eine Messe wert!�</p><p>�Da habt Ihr unbedingt recht, mein Freund.�</p><p>Sie umarmten sich so heftig, dass Uthmans Araberhengst freudig erregt den Kopf warf und wieherte.</p><p>�Aber erz�hl doch! Ich bin so froh, dich wohlauf zu sehen.�</p><p>Uthman sah sich nach allen Seiten um. �Bagdad ist f�r jeden Sarazenen ein Traum, aber ich sehnte mich dennoch nach Cordoba zur�ck. Und ich wollte dich wieder sehen! Hast du deine Rachegedanken inzwischen abgek�hlt, mein Freund?�</p><p>�Wie kommst du darauf! Nat�rlich nicht!�</p><p>Der Sarazene sch�ttelte den Kopf. Henri sah ihm an, dass der Gelehrte nach einer passenden Koransure suchte. �Es gibt keine gr��ere S�nde als die, neben Gott noch einen anderen Gott zu haben! Mache nicht aus deinen Rachegedanken einen Gott, dem du dich unterwirfst!�</p><p>Obschon sie miteinander lateinisch sprachen, sagte Henri vorsichtig: �Schon gut. Lass uns ein wenig umhergehen. Hier sind zu viele Leute mit langen Ohren.�</p><p>�Gehen wir �ber diesen Platz dort dr�ben. Da ist niemand.�</p><p>�Erz�hl mir von der letzten Zeit.�</p><p>Uthman seufzte. �Ich w�re lieber bei meinen Br�dern in Bagdad und danach bei meinen B�chern in Cordoba geblieben, das glaube mir. Aber dies ist nicht die Zeit des Studiums der alten Texte, sondern die Zeit des Handelns. Nicht wahr? Meine soldatischen Tugenden, die mein Vater mich lehrte, liegen brach, wenn ich in Cordoba Manuskripte erstelle und ich f�hle, es m�ssen noch einige Dinge geregelt werden, bevor ich zu den Schriften zur�ckkehren kann.�</p><p>�Was f�r Dinge?�</p><p>�Du wei�t es!�</p><p>Henri nickte. �So bist du von den gleichen Gedanken getrieben wie ich und zitierst den Koran im Grunde nur, um dich selbst zu b�ndigen?�</p><p>�Nun. Nicht ganz. Ich bin, wie du wei�t, alles andere als ein Tempelritter. Eigentlich m�sste ich sogar dein Todfeind sein. Aber da ich bis zum Ende meines unw�rdigen Lebens in deiner Schuld bin, unterstelle ich mich nat�rlich deinen Aufgaben � wenn du mich brauchst. So war es in den letzten Jahren, so war es am Anfang dieses ungl�cklichen Jahres am K�nigshof Philipps, so wird es auch jetzt sein.�</p><p>�Du hilfst mir?�</p><p>�Ich wei�, warum du hier bist. Und ich wei� auch, dass ich dir zur Seite stehen muss, wenn du dich nicht Gefahren aussetzen willst, an denen du nur scheitern kannst. Denn mehr als ein K�niglicher ist hinter dir her, das ist dir klar.�</p><p>�Ich bin ihnen entkommen.�</p><p>�Aber wie lange noch? Und jetzt bereitest du in der Stadt der P�pste ein neues Attentat vor. Nicht wahr? � Kannst du nicht davon ablassen und dich auf die Verwendung der Reicht�mer konzentrieren? Es g�be so viel zu tun!�</p><p>�Nein. Ich habe vor den Scheiterhaufen der hingerichteten Br�der geschworen, dass ich sie r�chen werde. Du wei�t es. Ich breche keinen Schwur.�</p><p>Traurig sagte der Sarazene: �Nun. Dann f�hrt eben kein Weg daran vorbei. Und ich werde dir helfen.�</p><p>�Ich wusste es! Ich kenne einen Mann, auf den ich seit Tagen warte. Es ist Gottfried. Er ist Dominikaner, und er wird uns helfen, in den Palast zu kommen. Auf dieser M�glichkeit m�ssen wir aufbauen.�</p><p>�Gottfried von Wettin? Er ist auch heimlicher Tempelritter, nicht wahr? Ich bin ihm einmal in Aleppo begegnet.�</p><p>�Er ist unserer Sache treu ergeben.�</p><p>�Ein tapferer Mann.�</p><p>�Warten wir zusammen auf Gottfried. Inzwischen erz�hlst du mir, was du erlebt hast. Und wenn Gottfried eingetroffen ist, gehen wir ans Werk.�</p><empty-line/><empty-line/><p>�Vielleicht waren wir zweihundert Jahre lang nur Spielball von P�psten und K�nigen gewesen? Im Jahr 1244 des Herrn ging Jerusalem ja unwiderruflich an euch Muselmanen verloren, in Pal�stina regierte euer Halbmond. Und gerade mal dreiundzwanzig Jahre ist es her, dass deine Br�der, die Sarazenen, unser Akkon eroberten. Wir zogen uns nach Zypern zur�ck. Man brauchte uns nicht mehr � verstehst du? Wir waren �berfl�ssig. Vielleicht war es ein Fehler, damals unseren gesamten Ordensschatz nach Paris zu transportieren und dort unser Hauptquartier aufzuschlagen. Denn begann man nicht schon damals, nach Gr�nden zu suchen, um uns vollst�ndig zu beseitigen?�</p><p>�Ich wei� es nicht � wenn du es nicht wei�t!�</p><p>�Sie behaupteten, wir beteten einen Abgott mit drei Gesichtern aus Gold und Silber an, der Z�ge einer Jungfrau, einer Katze und eines Totensch�dels besa� und sogar sprechen konnte. Es sei unser heimlicher Heiland gewesen.�</p><p>�Und? Gab es diesen menschlichen Januskopf wirklich?�</p><p>�Ich sah ihn nie. Wenn es ihn gab, war es jedenfalls kein G�tze, sondern h�chstens ein Reliquiar, in dem wir die Gebeine einer Heiligen oder eines Heiligen aufbewahrten.�</p><p>�Ich verstehe nicht viel von diesen Dingen, ich bin nur ein einfacher sarazenischer Gelehrter aus Cordoba � verzeih!�</p><p>�Nun, wir Templer waren eine verschworene Geheimgesellschaft mit Initiationsriten. Aber vom Glauben sind wir niemals abgefallen!�</p><p>�Ich h�rte allerdings, einige eurer Templer, sogar Gro�meister wie Hugue von Pairaud, haben zugegeben, den G�tzen Baphomet in unterirdischen Gr�ften beim Feuerschein angebetet zu haben��</p><p>�Nat�rlich gaben sie es zu! Unter der Folter! W�hrend man ihnen mit gl�henden Zangen das Fleisch aus der Brust riss!�</p><p>�� Und der Kopf habe vier F��e besessen, zwei auf der Seite des Gesichts und zwei hinten��</p><p>�Es gibt noch viel schlimmere Beschreibungen. Ich halte es f�r abwegig.�</p><p>Uthman wiegte nachdenklich den Kopf. �Wenn man Anschuldigungen ben�tigt, findet man sie auch.�</p><p>�So ist es, mein Freund.�</p><p>�Ihr Christen habt genug Anschuldigungen gegen uns Sarazenen erfunden, um uns umso gnadenloser zu verfolgen.�</p><p>�Auch das wei� ich. Der Islam war gegen uns immer gro�z�giger. Jedenfalls anf�nglich.�</p><p>�Ich habe deine F�higkeit zur Einsicht immer gesch�tzt, Henri de Roslin.�</p><p>�Und ich � trotz deiner jugendlichen Unbesonnenheit � deine orientalische Geduld, Uthman ibn Umar.�</p><p>Noch immer gingen sie �ber den gr��ten Platz Avignons. Nur langsam f�llten sich die Stra�en. Das Pferd des spanischen Kaufmannes, der eigentlich ein Sarazene war, trottete friedlich hinter ihnen her.</p><p>Uthman sagte: �Vielleicht waren nur die Standesunterschiede daran schuld, dass wir so viele Kriege gegeneinander gef�hrt haben. Du wei�t, es ist nicht einmal einhundert Jahre her, dass eure Adligen den letzten Kreuzzug in unserem Land durchf�hrten und unsere Adligen bek�mpften. Erst vor wenigen Jahren fiel Akkon nach blutigem Kampf. Die einfachen Leute haben davon nie etwas gehabt.�</p><p>Henri sch�ttelte den Kopf. �Die Unterschiede der St�nde sind gottgewollt, und uns muss die Rolle der Zuschauer gen�gen, denen der h�fische Glanz Best�tigung der richtigen Ordnung der Welt ist.�</p><p>�Das sagst ausgerechnet du!�</p><p>�Ich sage es vielleicht gegen meine �berzeugung als Ritter. Aber ich bin auch als M�nch erzogen worden, also f�r die Vers�hnung. W�re es anders, fiele alles in Scherben.�</p><p>�Ist es wirklich so einfach?�</p><p>�Nichts in der Welt ist einfach. Aber wir brauchen eine Ordnung auf Erden, die der g�ttlichen Ordnung entspricht. Nat�rlich waren die Kreuzz�ge im Heiligen Land eine Katastrophe. Aber wenn ich damals schon gelebt h�tte, w�re ich mitgezogen. Das glaube mir.�</p><p>�So bist du f�r die Auss�hnung nur, weil du die Gnade der sp�ten Geburt erlebt hast?�</p><p>�Denke an dich selbst! Auch du hast dich in die Schriften zur�ckgezogen. Und doch bist du ein ausgebildeter sarazenischer K�mpfer von hohen Gnaden. Wir beide w�ren uns in der Hochzeit der Kreuzz�ge bedenkenlos mit den Waffen gegen�bergetreten!�</p><p>�Das steht zu bef�rchten, ja.�</p><p>�Au�erdem bedenke, dass wir Templer keine R�uberbande sind. Wir hatten eine gro�e Idee! Durch unsere Kontakte mit euren V�lkern im Osten wurde unser Horizont erweitert, wir gewannen einen tiefen Einblick in das Leben der V�lker dort und auch im Westen und in die Machtverh�ltnisse unserer Zeit. Uns schwebte seitdem ein Gleichgewicht zwischen Ost und West vor, ein universeller Frieden, der die Sch�pfung bes�nftigt h�tte, ein geistiges Band zwischen den Regierungen und L�ndern von Europa. Vielleicht war es diese Vision, die uns ins Verderben st�rzte! Denn sie h�tte alsbald verwirklicht werden k�nnen durch unsere weit verstreuten Besitzungen, die wie Regierungssitze �ber ganz Europa verteilt waren, unsere finanzielle Macht, unsere Erfahrungen in allen Schlachten und aus fast zwei Jahrhunderten �berlieferung und Ged�chtnis.�</p><p>�Aber ihr wart zu leichtsinnig.�</p><p>�Und zu naiv. Wir untersch�tzten die Angst bei den K�nigen und in der Kirche. Sie sahen in uns eine Gefahr. Und hatten sie nicht Recht? H�tten wir rechtzeitig gehandelt, w�re die Welt auf den Kopf gestellt worden. Der K�nig? Der Papst? Randfiguren der Geschichte! Nein, wir mussten beseitigt werden. Denn wir h�tten eine ganz andere Welt aufgebaut. Allerdings eine weit bessere als jetzt. Eine friedliche, eine vers�hnte.�</p><p>�Welch eine wunderbare Vorstellung!�</p><p>�Ja, aber Philipp hat dieser Vorstellung die Lebensgrundlage entzogen. Er hat sie in Blut ertr�nkt.�</p><p>�Kann ein solcher Herrscher, den man den Sch�nen nennt, so grausam sein?�</p><p>Henri lachte bitter. �Der Sch�ne! Philipp sieht in Wahrheit mit seinem runden Gesicht und seinem starren Blick aus wie eine Eule. Das einzig Sch�ne an ihm ist vielleicht sein goldblondes Haar. Jedenfalls ist er ein Dunkelmann, der den makabren Tanz um den Tempel anf�hrt. Er muss beseitigt werden, denn an seinen H�nden klebt das Blut Unschuldiger.�</p><p>�Und der Papst?�</p><p>�Er h�tte uns verteidigen m�ssen, dazu stand er im Wort. Anfangs schien er sich auch noch zu wehren gegen diese jedem Recht hohnsprechende Gewalt. Aber dann verfiel auch er der Habsucht. Sein Verrat wiegt deshalb noch schwerer als der des elenden Philipp.�</p><p>�Er lie� eure Br�der ermorden und schwang den Weihrauchkessel dazu.�</p><p>�So ist es. Deshalb muss auch er sterben. Ich sage es mir jeden Tag.�</p><p>�Euer Gott stehe dir bei, mein Freund! Du wirst nach dem J�ngsten Gericht im Fegefeuer enden!�</p><p>�Die Welt ist nun einmal so, Uthman. Wir haben keine andere Wahl. Das ist der Fluch, der auf uns lastet � der Fluch unserer Zeit.�</p><p>�Deshalb lasse uns Gott danken � und es gibt nur einen, wie wir beide wissen �, dass wir heute leben!�</p><p>�Danken wir Gott, er ist allm�chtig��</p><p>�� Johannes der T�ufer und Muhammad sind seine Propheten��</p><p>�Und Jesus sein eingeborener Sohn!�</p><p>�Gut. Wenn Ihr das f�r Euer Seelenheil ben�tigt, von mir aus auch das��</p><p>�Wenn wir so weit Einigkeit erzielen, was in dieser Zeit gewiss nicht einfach ist, dann lass uns �ber die andere Sache sprechen, die mit gemeinsamem Handeln zum Erfolg f�hren kann!�</p><p>�Du meinst�?�</p><p>�Ja!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Am n�chsten Tag fand in der Stadt ein Umzug statt. Offenbar hatte er etwas mit heidnischen Fruchtbarkeitsriten zu tun, denn halb nackte M�nner vollf�hrten gro�e Spr�nge. Vor ihnen lief ein Narr her, der sie ank�ndigte.</p><p>Henri de Roslin kam nicht �ber die Stra�e, um in den Dominikanerpalast zu gehen, zwei Soldatenketten sch�tzten den Umzug. Er wollte Gottfried treffen, der endlich angekommen war. Henri und Uthman hatten ihn ungeduldig erwartet, denn sie wollten ihren geheimen Plan endlich umsetzen.</p><p>Henri trat von einem Bein auf das andere. Er wunderte sich nicht mehr �ber das st�ndige Feiern in Avignon. �ber dieser Stadt lag eine gro�e, unheimliche Spannung. Sie hatte vielf�ltige Gr�nde und musste sich entladen. Solche Umz�ge verhinderten wahrscheinlich Schlimmeres.</p><p>Jetzt erblickte er auch eine Gruppe von halbw�chsigen Jungen, die sich gegenseitig schlugen. Nach einigen T�nzern kamen berittene Herolde, sie warfen mit N�ssen nach den Kindern und entleerten mit Rosenwasser gef�llte Eierschalen �ber die zuschauenden Frauen. Es entstand ein gro�es Geschrei, und ein junges Weib entbl��te direkt neben Henri ihren nackten Busen, der feucht gl�nzte und herrlich nach frisch geschnittenen Rosen duftete.</p><p>Den Herolden folgten als D�monen verkleidete M�nner in zottiger Kleidung mit Tiermasken, sie warfen mit Asche und Feuer um sich und erschreckten so die Zuschauer. Als Letzte gingen in farbenpr�chtige Kost�me gekleidete L�ufer, die sich rhythmisch zum Klang von Trommeln und Pfeifen bewegten. Den H�hepunkt des Umzuges bildete nach einer Weile die Erst�rmung eines handgezogenen Wagens. Er hatte die Form eines Fabeltieres und stellte die H�lle dar, bemannt mit D�monen. Mit Enterleitern, Speeren und Laubb�scheln bewaffnet, gingen jetzt die L�ufer daran, die H�lle zu erst�rmen. Kurze Zeit sp�ter ging sie in Flammen auf.</p><p>Jetzt endlich konnte sich Henri zwischen die Feiernden hindurchzw�ngen, die entweder das Feuer anheizten oder es zu l�schen versuchten, je nachdem, welche Rolle sie spielten. Henri nahm die Beine in die Hand und beeilte sich, zu den Dominikanern zu kommen.</p><p>Als er endlich vor dem Palast stand, sah er den Wettiner schon von weitem. Er trug die M�nchskutte und stand mit zusammengelegten H�nden da � ein nicht mehr als mittelgro�er Dominikaner mit einer Tonsur, der ohne Arg aus grauen Augen zum Himmel blickte. Vielleicht bewunderte er auch nur die p�pstlichen Banner, die neben den k�niglichen Fahnen in Blau, mit den aufgedruckten goldenen Linien, im Wind flatterten, als w�re auch Philipp im Klosterpalast anwesend.</p><p>�Seid mir gegr��t, Gottfried! Ich hoffe, Euer Auftrag in Millau lief nach Euren W�nschen!�</p><p>�Danke, Henri de Roslin! Ja, es ging alles gut. Die M�nner sind in Sicherheit. Und wie war es bei Euch?�</p><p>�Alles bestens. Ihr wisst, warum ich Euch sprechen muss?�</p><p>�Ich ahne es. Als wir uns vor Millau trennten, wusste ich es schon, obwohl Ihr keine Andeutung machtet. Aber es war richtig so.�</p><p>�Verzeiht mir meine Unoffenheit, Gottfried! Aber Ihr kennt die Drohungen der Folter. Wenn man uns verhaftet��</p><p>�Sprecht nicht weiter. Ich kenne die Aufgabe, die vor Euch liegt. Aber es l�st in mir einen gro�en Zwiespalt aus, von dem ich nicht wei�, wie ich ihn meistern kann.�</p><p>�So ist es auch in mir. Aber gro�e Dinge ben�tigen gro�e �berzeugung. Ist es nicht so?�</p><p>�Ihr wisst, ich bin Dominikaner. Aber auch Tempelritter. Ich stehe also unter den gleichen Ereignissen wie Ihr.�</p><p>�Danke, Gottfried!�</p><p>�Kommt mit in meine Zelle, dort sind wir ungest�rt.�</p><p>Sie betraten den um diese Zeit menschenleer scheinenden Konvent. Ihre Schritte auf dem mit gr�n-schwarzen Quadraten ausgelegten Marmorfu�boden hallten so laut in den hohen R�umen wider, dass Henri f�r einen Moment argw�hnte, der L�rm k�nnte sie verraten. Aber noch wusste ja niemand etwas von einem Attentat auf den Heiligen Vater. Als sie in der schmucklosen Zelle sa�en, die h�chstens sechs mal sechs Meter ma� und ein glasloses, aber vergittertes Fenster zum Kreuzganggarten besa�, sagte Henri:</p><p>�Es muss hier im Palast geschehen, denn ich will keine Zeit mehr verlieren. Versteht Ihr � ich muss mich selbst besiegen. Ihr, mein Bruder, seid es, der mich in den Palast einladen muss, wenn Clemens in der �ffentlichkeit auftritt.�</p><p>�Hm. Ich wei� nicht, wie das gehen soll. Er ist sehr zur�ckgezogen, nicht einmal seine Kardin�le bekommen ihn zu Gesicht. Nur seine engsten Leibdiener d�rfen zu ihm. Und nat�rlich seine �rzte, denn er leidet st�ndig.�</p><p>�Was qu�lt ihn?�</p><p>�Es sind Krankheiten, die nicht zu greifen sind. Knochenschmerzen, vielleicht die Gicht, man h�rt auch von einem Leiden des Magens und des Darmes, er muss immer seinen Leibstuhl in der N�he haben.�</p><p>�Ich habe ihn auch damals schon so erlebt. Er k�nnte einem fast Leid tun, wenn er nicht��</p><p>�Vielleicht ist er auch nur ersch�pft, denn er reist ja st�ndig durch das Land.�</p><p>�Wo halten sich seine �rzte auf? K�nnen wir an sie heran?�</p><p>�Ausgeschlossen! Sie verlassen die Suite des Heiligen Vaters niemals.�</p><p>�Sicher verabreichen sie ihm doch Arzneien, deren Zutaten sie au�erhalb des Palastes kaufen m�ssen! Wenn wir einen dieser �rzte oder einen Apotheker, der die Zutaten anr�hrt, dazu kriegen k�nnten, ein kleines Gift unter die Medikamente zu mischen!�</p><p>Gottfried sch�ttelte, wie es Henri schien, sehr traurig, den Kopf. �Das m�sste von langer Hand vorbereitet sein, Henri. Einen Apotheker oder gar einen Medicus zu bestechen ist �u�erst schwierig. Und ich sag Euch auch den Grund daf�r. Der Papst l�sst nur die zu sich oder f�r sich arbeiten, denen er absolut vertraut. F�llt nur ein winziger Schatten des Verdachtes auf jemanden, l�sst er ihn sofort umbringen.�</p><p>�Umbringen? Der Heilige Vater?�</p><p>�Was denkt Ihr! Ich h�re jeden Tag davon! Was z�hlt ein Menschenleben! Hat er etwa Skrupel gezeigt, unsere unschuldigen Br�der den weltlichen Gerichten des K�nigs zu �berlassen, obwohl er wusste, dass es ihr Todesurteil ist?�</p><p>�Wei� Gott, nein.�</p><p>�Er ist machtbesessen � und misstrauisch. Seine Krankheiten zerfressen ihn mit noch mehr Argwohn. Ich wei� nicht, wie wir an ihn herankommen k�nnen.�</p><p>�Veranstaltet er nicht Festmahle? Empf�ngt jemand von drau�en? Wird nicht jemand selig gesprochen?�</p><p>�Der Papst ist nur noch f�nf Tage im Palast. Ob er in dieser Zeit einen Empfang gibt, wei� ich nicht.�</p><p>�Aber wenn doch, dann stehe ich hinter einem Vorhang und jage ihm mein Schwert durch den Leib.�</p><p>�Mein Gott stehe uns bei!�</p><p>�Er ist auch mein Gott, und er ist es im Guten wie im B�sen.�</p><p>�K�nnten wir die Sache nicht verschieben? Ich bin sicher, dass Clemens nach seinen vielen Reisen immer wieder hierher zur�ckkehren wird. Er will um keinen Preis der Welt in Rom regieren. Avignon ist seine Stadt � schon sprechen sie ja vom babylonischen Exil der Kirche. Er macht Avignon endg�ltig zur Papststadt, da bin ich mir sicher.�</p><p>�Ich wei�. Er ist ja eine Marionette Philipps, sonst h�tte ihn das Konklave niemals gew�hlt, hier ist er seinem Besch�tzer n�her als im Vatikan mit seinen Giftmischern.�</p><p>�Vor allem aber geh�rt die Stadt wie die umliegende Grafschaft, die Comt� Vaissin, nicht zum K�nigreich Frankreich und wird schon jetzt von p�pstlichen Rectoren regiert. Hier ist er sozusagen auf eigenem Grund und Boden und f�hlt sich sicher. Wir k�nnten unser Ziel also viel besser erreichen, wenn wir es lang und gr�ndlich vorbereiten.�</p><p>�Nein. Aus vielen Gr�nden, die ich Euch nicht darlegen m�chte � es geht nur jetzt.�</p><p>�Nun. Es kann sein, dass Clemens in drei Tagen die Abgesandten von Roquemaure empf�ngt, das ist eine Burg an der Rhone, in der er oft selbst anwesend ist��</p><p>�Ich h�rte davon reden��</p><p>�� Er ist den dortigen Grafen verpflichtet. Ich glaube, man sprach von einem solchen Empfang, anl�sslich dessen der Papst seine bedeutendste Reliquie vorf�hren will, um die weltliche Macht daran zu erinnern, dass es der Papst ist, der in der Nachfolge Christi die Z�gel in der Hand h�lt��</p><p>�Ihr meint die Heilige Trense, in die ein Nagel des Kreuzes eingearbeitet ist? Sie ist hier im Palast?�</p><p>�Clemens hat sie vor einem halben Jahr aus Rom bringen lassen. Ich habe es mit eigenen Augen im Reliquienverzeichnis gesehen.�</p><p>�Das w�re unglaublich!�</p><p>�Wenn dieser Empfang mit der Zurschaustellung also tats�chlich stattfindet, sind auch alle M�nche anwesend, denn sie haben die Reliquie noch nicht gesehen. Ich k�nnte Euch einladen, denn jeder hat das Recht f�r einen Gast seiner Wahl.�</p><p>�Das w�re passend.�</p><p>�Und danach?�</p><p>�Ich werde es so einrichten, dass der Verdacht weder auf Euch noch auf mich f�llt.�</p><p>�Sondern auf wen?�</p><p>�Auf die allgegenw�rtigen Intriganten, die der Papst auf sich zieht wie Aas die Fliegen � Gott verzeihe mir.�</p><p>Gottfried schlug das Kreuz. Dann fl�sterte er: �Clemens ist der Stellvertreter Gottes auf Erden. T�ten wir dann nicht auch unseren Herrgott?�</p><p>�Was f�r ein furchtbarer Gedanke! Aber nein � ich will es nicht glauben. Ich will daran glauben, dass wir mit der Beseitigung dieses verr�terischen Papstes, der unsere tiefgl�ubigen und aufrechten Tempelbr�der ins Verderben zog, eine gottgef�llige Tat begehen! Ich will daran glauben, dass wir damit unseren Herrgott von einem unw�rdigen, falschen Kirchenf�rsten befreien, der sich die Stellvertretung nur angema�t hat!�</p><p>�Halten wir daran fest! Das soll unsere Losung sein! Und nun geht, bitte. Ich werde Euch benachrichtigen.�</p><p>Mit einem schweren Seufzer stand Henri de Roslin von seinem Schemel auf. �Es wird gelingen, Gottfried. Es muss gelingen!�</p><p>�Ich werde daf�r beten.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Das Bankett im Festsaal des Dominikanerkonventes f�r die Abordnung aus Roquemaure fand tief in der Nacht statt. Alle Tische im Saal mit den roten und gr�nen Ledertapeten, auf denen Muster mit V�geln, Bl�ten und wilden Tieren prangten, waren �berreich geschm�ckt. Und auf einem besonderen, mit Gold verzierten Tisch stand abgedeckt hinter einem silbernen Schrein etwas, von dem die M�nche munkelten, es sei die Reliquie.</p><p>Die eintretenden M�nche mit brauner Kutte und Tonsur knieten vor dem Abt nieder und k�ssten seine H�nde. Der Abt Fredigor, ein ernster, bleicher Mann mittleren Alters, der eine beinahe unnat�rlich hohe Stirn besa�, l�chelte m�de. Offenbar waren die Zeiten, in denen der Papst zu Gast war, anstrengend.</p><p>Als der Vorleser an seinem erh�ht stehenden Pult alle Horen kurz und b�ndig gebetet hatte, wie es die Ordensregeln des heiligen Dominicus vorschrieben, damit die Br�der ihre Andacht nicht verloren, konnte der Festschmaus beginnen. Er war f�r die nach strengen Auflagen lebenden und sonst in einem bescheideneren Refektorium wortlos speisenden M�nche ein besonderes Ereignis.</p><p>Wie immer bei solchen Festessen anl�sslich eines besonderen Ereignisses herrschte ein strenges und kompliziertes Protokoll. In pr�chtigen Tafelaufs�tzen wurde das allegorische Thema des Abends dargestellt. Heute Nacht war es die letzte Fasanenjagd, die Jesus in der Nacht vor seiner Ergreifung auf dem �lberg abgehalten hatte. Auch die Ritter von Roquemaure galten als bedeutende J�ger.</p><p>Henri, dem wie alle Tempelritter die Jagd verboten war, sah den Prunk mit gemischten Gef�hlen. Er hatte seinen Bart wachsen lassen und trug eine Augenbinde, die eine Verletzung vort�uschte, und hoffte so, unerkannt zu bleiben, wenn Clemens kam. Er wollte in die N�he des Papstes gelangen, alles Weitere musste sich dann ergeben.</p><p>Henri staunte nicht schlecht, als im Licht der Kerzen und Fackeln, das sich wie ein Funkenregen im geschliffenen Glas der Kronleuchter brach, die ersten der angek�ndigten einundzwanzig G�nge von der Decke herabschwebten. Eine mechanische Vorrichtung erm�glichte es, dass aus der K�che, die direkt dar�ber liegen musste, die Speisen bis auf die Tische herabsanken. Als erstes gab es Eierpuddings in Form von Fasanen und franz�sischen Lilien.</p><p>Die G�ste, allen voran die Ritter von Roquemaure, die wie �blich in makellos wei�en Gew�ndern, mit R�hrenfalten und Strumpfhosen gewandet waren, �ber denen nur einige ihre gr�nen Wappen trugen, applaudierten. Noch w�hrend sie sich ausgehungert �ber die K�stlichkeit hermachten, zogen Schauspieler auf, die mit lebenden Bildern die G�nge begleiteten. Bei der ersten Hauptspeise, die aus gesottenen Fasanenzungen in Rotwein bestand, stellten sie den heiligen Georg und den heiligen Dionysius dar, die dem Papst den neugeborenen Jesus zuf�hrten.</p><p>Die anwesenden Kirchenf�rsten und Postulatsmeister, aber auch die Novizen, M�nche und Ministranten klatschten erneut begeistert in die H�nde. Die einfachen Br�der der Dominikaner bekamen nicht oft Gelegenheit zu feiern.</p><p>Henri dachte an die Armut im Land. Hier feierten die geistlichen F�rsten in Saus und Braus, und das gefiel ihm nicht, obwohl die Gerichte herrlich schmeckten. Er wusste zwar, dieses Fasanenfest galt als ganz gew�hnliches Fest des Kirchenjahres, aber er hatte schon davon geh�rt, wie manche dieser Feste in V�llerei und Sinnentaumel ausgeartet waren. Nicht von ungef�hr konnte das lateinische Wort Carne in �Karneval� sowohl mit Essen als auch mit Fleischeslust gleichgesetzt werden � auch das hatte er schon erlebt.</p><p>Und in diesem Augenblick schwor er sich, den Schatz der Templer auch f�r die Bed�rftigen zu verwenden. Wir hier, kam ihm in den Sinn, stillen nicht unseren Hunger, h�chstens unsere Gier, aber den richtigen Hunger der Armen zu stillen, auch das ist eine wichtige Tat.</p><p>Musik und in gro�en Z�gen choreographierte T�nze begleiteten in diesem Moment das Mahl. Henri sah hin�ber, wo Gottfried inmitten seiner M�nche sa�. Er a� und trank nicht. In seinem Gesicht stand w�rdevolle Ablehnung.</p><p>Henri blickte zur Palasttreppe hin�ber. Dort, wo ausgelegte Teppiche und Stoffe und s�ndhaft teure Wandbeh�nge in pr�chtigen Farben einen hohen Gast ank�ndigten, tat sich noch nichts. Nein, er wusste nicht, was er tun w�rde, wenn Clemens die Stufen herabgeleitet wurde. Sicher w�rde der Papst ihn nicht sofort entdecken. Er hoffte, dass Bart und Augenbinde ihn unkenntlich machten. Aber wenn nicht, dann musste er handeln.</p><p>Gottfried versuchte mit stummen Lippenbewegungen, ihm etwas mitzuteilen. Henri verstand nach einer Weile. Der Wettiner sagte: �Wie machen wir es nun?�</p><p>Henri zuckte die Schultern. Er wusste es wirklich nicht.</p><p>Er blickte zum anderen Ende der Tafel, wo unter einem den Himmel symbolisierenden Baldachin aus blauem Brokat mit aufgestickten Sternen der Platz f�r den Papst freigehalten wurde. Im Geist sah Henri Clemens sitzen, essen und trinken. Dann war er keine drei�ig Meter von ihm entfernt. Gottfried sah noch immer ratlos aus, aber er sprach jetzt den Speisen zu, Henri dachte, dass er klug beraten war, denn es n�tzte niemandem, wenn sie mit knurrendem Magen auf die Ankunft des Papstes warteten.</p><p>An der Treppe wurde es unruhig. Drei Fanfaren von Herolden, die auf einem Balkonvorbau standen, k�ndigten hohe G�ste an. �ber die kostbaren Stoffe n�herten sich M�nner in blaugoldenen Roben, auf denen Hermeline lagen, ihre Langschuhe aus schwarzem Wildleder wurden nur sichtbar, wenn je zwei neben ihnen herschreitende Ministranten ihre Kleider rafften. Sie kamen in kleinen Gruppen herunter, je zwei Kirchenm�nner nebeneinander, Kardin�le, Bisch�fe, Pr�laten und der Prior des Klosters.</p><p>Henri hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl aus. Er stand erregt auf. Jetzt musste sich alles wenden.</p><p>Die Bewegung, die nun ins Rollen kam, konnte sein Leben entscheiden. Vielleicht wendete sich alles zum Guten und der Plan gelang, vielleicht walzte das, was gleich ausgel�st werden w�rde, auch �ber ihn hinweg und zermalmte ihn.</p><p>Auch Gottfried war aufgestanden. Er verneigte sich tief. Es sah aus wie Ehrerbietung, nur Henri wusste, dass der Tempelritter ebenso aufgew�hlt war wie er selbst.</p><p>Henri zog sich an die Saalwand zur�ck, hinter sich sp�rte er die K�hle des Marmors. Er starrte zur Treppe hin�ber.</p><p>Jetzt erschien dort die letzte Gestalt der feierlichen Prozession. Es musste Clemens sein. Der Papst, dessen Lieblinge einmal die Templer gewesen waren, seine f�r ihn zur Verf�gung stehende Miliz. An seinen H�nden klebte jetzt so viel Blut! Henri konnte ihn noch nicht erkennen, denn er blieb, da die Prozession unten ins Stocken geraten war, oben auf den Stufen stehen, eine Br�stung verdeckte sein Gesicht. Oh ja, Henri kannte dieses Gesicht gut. Es war feist, aufgeschwemmt von den vielen irdischen Gen�ssen, die dunklen Augen schwammen in feuchten H�hlen. Die Lippen voll, am Kinn das tiefe Gr�bchen, seitlich des abrasierten Sch�dels die lang heruntergezogenen Ohrl�ppchen.</p><p>Bertrand de Got, seines Zeichens der f�nfte Papst Clemens.</p><p>Der Verr�ter.</p><p>Der Todgeweihte.</p><p>Jetzt setzte sich die Prozession wieder in Bewegung. Unten im Festsaal hatten sich die M�nche l�ngst von der Tafel erhoben und waren dem�tig auf die Knie gefallen. Aber seltsam, jetzt hoben alle die K�pfe. Etwas erstaunte sie.</p><p>Und auch Henri sp�rte das Unbehagen.</p><p>Jetzt begriff er, woran es lag.</p><p>Und er erstarrte.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>ZWEITER TEIL</strong></p></title><section><title><p><strong>4</strong></p><p><emphasis><strong>Mitte April 1314, um Palmsonntag</strong></emphasis></p></title><p>Guillaume Imbert wurde nur �de Paris� genannt. Als er darauf bestand, mit seinen Dominikanern in Avignon den Sonntag vor dem Osterfest und den Taufen mit einer Messe zu feiern, verstand das in der Kirchengemeinde niemand. Aber das war dem Gro�inquisitor und Beichtvater des K�nigs einerlei, denn er hatte mit seiner unangemeldeten Visite der Stadt Avignon nicht wirklich die Feier des Einzugs Jesu in Jerusalem im Sinn. Er hatte im Sinn, hier die letzten Templer, die noch auf seiner geheimen Todesliste standen, zu finden. Er wusste zwar, dass diese nur in Rom gerichtet werden konnten. Aber wenn er sie der Ketzerei �berf�hrte, durfte er sie �berall ausl�schen.</p><p>Zu nichts anderem benutzte er seine �berraschende Anwesenheit im Palast. Und nun die Messe im Dom von Avignon.</p><p>Ahnte Imbert, dass er dem am meisten gesuchten Soldaten Christi so nahe war? Als er am Ende der hohen G�ste feierlich die Treppe zum Festbankett im Dominikanerpalast heruntergeschritten war, genoss er die Aufmerksamkeit wie eine sch�ne Frau. Ja, auch er war sch�n. Und er stand gern im Mittelpunkt. Obwohl er wusste, dass aller Augen nur deshalb auf ihn gerichtet gewesen waren, weil sie an seiner Stelle den Papst erwarteten.</p><p>Aber Clemens war einmal mehr leidend und wollte niemanden sehen. Imbert sagte das den anwesenden, entt�uscht wirkenden G�sten. Sie h�tten es wissen m�ssen, denn der Papst lie� aus Unp�sslichkeit selbst die k�niglichen Gesandten oft wochenlang warten, bis er sie empfing, sein k�rperliches Wohlbefinden stand �ber seinen Pflichten. Die Phasen des p�pstlichen Unwohlseins nahmen immer mehr zu. Nach seiner Kr�nung waren es rheumatische Beschwerden gewesen, die ihn qu�lten. Inzwischen schien ihn etwas im Inneren zu zerfressen wie ein Krebs, der sich durch seine Ged�rme w�hlte. Und die �rzte waren mit ihrer Kunst am Ende.</p><p>So war es also Gottes Wille, dass sein Stellvertreter auf Erden Schmerzen litt. Vielleicht f�r seine S�nden, vielleicht weil er viel zu lange gez�gert hatte, die verfluchten Templer zu verfolgen.</p><p>Auch der Gro�inquisitor hatte ihn nicht tr�sten k�nnen, aber er nahm ihm die Pflicht ab, zum Festessen hinunterzugehen. Das war nicht ganz uneigenn�tzig geschehen, denn er brauchte neben sich keinen gleich starken Mann. Insgeheim hasste er Clemens sogar, der ihn einmal entmachtet hatte, sich dann aber gezwungen sah, ihn wieder mit allen Vollmachten einzusetzen. Imbert sch�ttelte die Erinnerung ab. Er wollte nur seiner F�hrte folgen. Als er unten im Festsaal angekommen war, nahm er tats�chlich wahr, dass daraufhin zwei M�nner auff�llig schnell, geradezu fluchtartig den Festsaal verlie�en, als fl��e er ihnen Furcht ein.</p><p>Er glaubte, sie zu kennen. Vor allem den mit der Augenbinde. Wo war er dieser hoch gewachsenen, aristokratisch wirkenden Gestalt schon einmal begegnet? Aber sie verschwanden zu hastig. Und der Gro�inquisitor wandte seine Aufmerksamkeit wie die schon vor ihm eingetretenen Kirchenf�rsten ausgiebig der Tafel mit ihren Verf�hrungen zu. Er setzte sich ungeniert unter den Baldachin des Papstes, t�tschelte den wei�en Hund des Papstes, der den Kopf auf sein Knie legte, lie� sich roten Wein aus funkelnden Karaffen einschenken und sprach dem Wildbret zu.</p><p>Den Geschmack des marinierten Wildes in Wacholderschaum hatte Imbert �de Paris� noch immer im Mund. Er r�lpste unterdr�ckt hinter vorgehaltener Hand und trank einen Schluck sauren Messwein. Er verzog das Gesicht, dann wandte er sich um und sah sich der Gemeinde gegen�ber.</p><p>Sie waren alle gekommen. Aber wollten sie die Passionszeit feiern oder den Beginn des Passahfestes? Das war ihren erwartungsvollen Unschuldsmienen nicht zu entnehmen.</p><p>Wie es einem Gro�inquisitor geb�hrte, lie� er seine misstrauischen Blicke �ber ihre K�pfe gleiten. War ein Verd�chtiger darunter, ein Ungl�ubiger, ein Ketzer? Imbert war es gewohnt, blitzschnell wahrzunehmen, auszusondern, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er wusste, die Feinde der Kirche und des wahren Glaubens lauerten �berall. Manches Mal versp�rte er sogar Furcht. Nur im Kreis der <emphasis>domini canes,</emphasis> der Hunde des Herrn, wie er seine Dominikaner heimlich nannte, die seine Gesch�fte kr�ftig unterst�tzten, f�hlte er sich sicher.</p><p>Er sog wie ein Sp�rhund die Luft in der Kirche ein. Es roch nach Weihrauch und Myrrhe im Weihwasser, mit dem die gr�nen Zweige in den H�nden der Gl�ubigen zuvor besprengt worden waren. Dieser Geruch war ihm vertraut, fast wie eine Heimat. Darin lag nichts Fremdes, Gef�hrliches.</p><p>Imbert atmetet tief ein und sagte: �Sechs Tage vor dem Osterfest kam der Herr in die Stadt. Er kam in die Mauern seiner Feinde. Aber er wusste es nicht��</p><p>Ja, dachte der Gro�inquisitor, die Mauern seiner Feinde sind auch die meinen. Wir sind �berall in Feindesland. Und deshalb m�ssen wir unbarmherzig sein.</p><p>�Ruhm und Preis und Ehre sei Dir, Erl�ser und K�nig! Jubelnd rief einst das Volk sein Hosianna Dir allein zu!�</p><p>Er stockte.</p><p>Dieser Mann, der sich so eilig davongemacht hatte. Gott helfe mir! Wer war er? Von ihm geht eine Gefahr aus! Das kann ich k�rperlich sp�ren!</p><p>Nur m�hsam sprach er weiter. �Gepriesen sei, der kommt im Namen des Herrn! Gepriesen seien auch alle seine hohen Diener der Kirche!�</p><p>Den zweiten Satz hatte Imbert �de Paris� sich gerade eben einfallen lassen, denn er stand nicht im Liturgietext. Er musste ihn einfach einf�gen, denn waren nicht in Wahrheit er selbst und die wenigen nachgeordneten W�rdentr�ger der hohen Kirche in ihrem unerm�dlichen Kampf gegen die H�retiker die zu Preisenden?</p><p>�Sechs Tage vor dem Osterfest kam der Herr in die� in die Mauern seiner Feinde�!�</p><p>Nein, das hatte er schon gesagt. Es wurde ihm schnell bewusst. Er war durcheinander, denn soeben war ihm eingefallen, woher er den Mann mit der Augenbinde aus dem Konventssaal kannte!</p><p>Es war der Ketzer! Henri de Roslin! Der meistgesuchte Tempelritter der Erdenscheibe!</p><p>Er hatte mit seinen homosexuellen Br�dern das Haupt des Muhammad angebetet und ihn mitten auf den Mund gek�sst � vielleicht auch noch woandershin! Henri de Roslin! War es m�glich, dass er in Avignon weilte? Man vermutete ihn doch bei Gisors im englischfreundlichen Herzogtum Bretagne!</p><p>Imbert kam nur m�hsam in die Messfeier zur�ck. Schon wurde die Gemeinde unruhig. Er nahm sich zusammen. Es gelang ihm, die Leidensgeschichte Jesu nach Matth�us zu verlesen.</p><p>Schon diese Geschichte allein brachte in die gottesdienstliche Feier des Palmsonntags die Spannung, die man seit den fr�hchristlichen Osterfeiern h�ren wollte. Leiden und Tod, Auferstehung und Erh�hung. Auch Imbert selbst, obwohl er jedes Wort auswendig kannte, wurde davon immer wieder aufs Neue ergriffen. Aber in diesem Moment war Imbert noch von einer anderen Spannung ergriffen, und er �bertrug sie auf die Gemeinde. Es war die innere Anspannung des J�gers, der wittert und die Spur seiner Beute aufgenommen hat.</p><p>W�rde es ihm gelingen, die Ketzer zu fangen, die sich in Avignon verstecken sollten? Konnte er vielleicht sogar jenen Schlimmsten aller Schlimmen �berw�ltigen, der ein Attentat auf den K�nig vorbereitet hatte und bisher jeder gestellten Falle entkommen war?</p><p>Imbert stellte sich vor, wie er mit diesem Templer in den Kellern der bisch�flichen Burg allein sein w�rde. Er pers�nlich hatte das Folterprogramm f�r diese hart gesottenen Ritter, die alle Strapazen gew�hnt waren, ausgekl�gelt. Gl�hende Zangen! Nacktes Fleisch! Panisches Flehen und abgrundtiefe Blicke.</p><p>Er erschauerte.</p><p>�Hosianna dem Sohne Davids! Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der H�he!�</p><p>Zwischen diesen Worten erinnerte er sich, wie er Henri de Roslin im k�niglichen Palast auf der Seine-Insel begegnet war, sp�ter hatten sie sich in der Sainte Chapelle getroffen und gemeinsam gebetet. Und als die Templer schon verflucht waren und zu Tausenden in den Kerkern einsa�en, hatte Imbert den fl�chtigen Schatzmeister der Soldaten Christi verfolgt wie keinen anderen. Er glaubte sogar, ihn bei dem gro�en Autodaf� in Paris vor Monatsfrist, als der greise Gro�meister Jacques de Molay und sein Vertreter Geoffrey de Charney brannten, in der Menge entdeckt zu haben. Was f�r ein interessanter und sch�ner Mann! Imbert riss sich zusammen und f�gte in Gedanken hinzu: Bevor er dem Ketzerwahn verfiel.</p><p>�Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein K�nig kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, er ist arm und reitet auf einem Esel, auf einem F�llen der Eselin!�</p><p>Die Streckbank in den Kellern der Burg. Der nackte, ausgestreckte Leib des Frevlers. Feuer! Schreie! Genugtuung!</p><p>�So esset nun die Knospen und Triebe der geweihten Zweige, um Krankheiten vorzubeugen, stecket die Palmzweige in Kreuzform auf die �cker und verbrennt sie, befestigt sie an den Kruzifixen im Haus, um Euch vor jedem Ungemach zu sch�tzen, besonders vor b�sen Blicken.�</p><p>Die Gemeinde sprach die Gebetsformeln nach. Imbert schlug das Kreuz. Er dachte: Jesus wird hier zur Stunde sterben, da man im Tempel die Passahl�mmer schlachtet, am Nachmittag des 14. Nisan. Nach der Fu�waschung wird die gro�e Mahlzeit beginnen, das letzte Abendmahl. Kein Wildbret in Wacholderschaum. Einfaches Brot, saurer Wein. Imbert sch�ttelte sich innerlich. Diese Seite des biblischen Hintergrundes war ihm zuwider. Er brauchte Feste und Kerzenschein. Und die gl�ubigen Blicke der M�nner, die sich nur versch�mt an seiner Sch�nheit weideten.</p><p>Henri de Roslin, dachte er, ich werde dich finden!</p><p>Der Gro�inquisitor konnte sich kaum noch auf die Messe konzentrieren, er sp�rte, wie etwas Kaltes seinen R�cken hinunterlief. Das passierte ihm �fter.</p><p>Wir werden allein sein!, dachte er. Niemand wird uns sehen, noch h�ren. Und dann�</p><p>Und dann�</p><empty-line/><empty-line/><p>Als Henri de Roslin im Paradies angekommen war, h�rte er hinter sich schnelle Schritte. Der ausladende sakrale Eingangsbereich des Dominikanerklosters mit dem gro�en runden Brunnen ohne Font�ne in der Mitte und den filigranen Fenstern hallte wider von Gottfrieds Rufen.</p><p>�So bleib doch stehen, Bruder!�</p><p>Und dann rief er hinterher: �Jetzt ist alles verloren!�</p><p>Henri wandte sich um. �Ja. Jetzt k�nnen wir uns nur noch selbst retten. Unseren Plan m�ssen wir aufgeben.�</p><p>�Sieh es als eine gl�ckliche F�gung und einen Fingerzeig!�</p><p>�Und er soll �berleben?�</p><p>�Lass uns verschwinden, Henri. Wenn Imbert dich erkannte, bist du in ganz Avignon nicht mehr sicher.�</p><p>�Er wird mich nicht erkannt haben. Ich habe den Konvent rechtzeitig verlassen. Und wenn doch � Avignon ist gro�, er findet mich nicht.�</p><p>Sie gingen langsamer hinaus, um bei den M�nchen, die am Festessen nicht teilgenommen hatten, weil sie das Paradies bewachten und gerade ein Opus Dei beteten, keinen Verdacht zu erwecken.</p><p>�Wir kommen nicht an Clemens heran. Es war sowieso Irrsinn zu glauben, die Tat k�nnte im Kloster gelingen. Wir m�ssen es anders anstellen.�</p><p>�Ist er wirklich krank? Oder hat er Verdacht gesch�pft? Hatte er eine Vorahnung, dass wir auf ihn warteten?�</p><p>Gottfried zuckte die Schultern. �Man h�rt �ber seinen Zustand unterschiedliche Dinge. Er soll schon in der Zeit, als er noch Erzbischof von Bordeaux war, sein Testament gemacht haben. Und als er in Monteux die auf dem Konzil von Vienne vereinbarten Dekretalien verlesen sollte, war er so schwach, dass er die Zeremonien nicht selbst abhalten konnte, die zur G�ltigkeit des Verk�ndeten notwendig waren.�</p><p>�Dann ist er offenbar sehr hinf�llig geworden��</p><p>�Warten wir doch, bis sich das Problem Clemens von selbst erledigt!�</p><p>�Nein, Gottfried. Das ist nicht die Strafe, die er verdient. Er muss erfahren, was es hei�t, als Mensch von einem anderen Menschen ausgel�scht, von einem Sterblichen f�r nichtsw�rdig erkl�rt zu werden. Das wird seine Lektion f�r das Fegefeuer sein, das ihm bevorsteht.�</p><p>�Wohin wird er gehen, wenn er Avignon verl�sst?�</p><p>�Wenn er wirklich sehr krank ist, vielleicht in seine Heimat, nach Uzeste. Vielleicht nach Chateauneuf. Oder zur�ck zu den Rittern nach Roquemaure, wo er sich am sichersten f�hlt.�</p><p>�Ich bleibe an deiner Seite!�</p><p>�Nein. Kehr du zur�ck ins Kloster, Gottfried. Niemand verd�chtigt dich, ein Templer zu sein. Du bist Dominikaner, ein Deutscher dazu. Im Kloster bist du uns n�tzlicher. Versuche in den kommenden Tagen zu erfahren, was der Papst plant. Aber bleib dem Gro�inquisitor fern, auch wenn er dich nicht von Angesicht kennt! Er ist ein gef�hrlicher Mann!�</p><p>�So leb inzwischen wohl, Henri. Gott sch�tze dich auf deinen Wegen!�</p><p>�Gott sch�tze auch dich, Bruder Gottfried!� Henri holte sein Pferd und ritt aus der Stadt hinaus. Er wollte die Mauern Avignons f�r ein paar Tage meiden. Es schien ihm sicherer. Wenn die Messe am morgigen Palmsonntag gelesen war, w�rde der Gro�inquisitor vielleicht schon abreisen. Dann konnte er, Henri, wieder zur�ckkehren. Er musste sich mit dem Sarazenen beraten.</p><empty-line/><empty-line/><p>Als Henri nach Palmsonntag in die Stadt zur�ckkehrte, war die Karwoche angebrochen.</p><p>Avignon barst �ber von Gl�ubigen, die Kleider auf den Pl�tzen ausstreuten, bevor sie dar�ber schritten, gr�ne Zweige in Kreuzesform herumtrugen und in Prozessionen die Perikopen von der Salbung Jesu in Bethanien oder von der Ank�ndigung der Verleugnung des Petrus sangen.</p><p>Einmal mehr fiel ihm der bestialische Gestank in den engen, �berf�llten Gassen auf. Die Stadt verf�gte nicht �ber ein Abw�ssersystem, wie s�mtliche Kirchenpal�ste und Kl�ster es besa�en, in deren Latrinent�rmen es steinerne Sitze gab und deren F�kalien in umgeleitete unterirdische B�che gesp�lt wurden. Das weltliche Avignon, voll gestopft mit Tausenden von Gl�ubigen, aber auch mit Handwerkern, H�ndlern, Prostituierten, Astrologen, Dieben und Geldmachern, stank zum Himmel.</p><p>Aber da der Himmel weit war, war auch der Gestank gro�.</p><p>In seine Gedanken hinein erwartete ihn Uthman ibn Umar mit sorgenvoller Miene. Der fr�here sarazenische Krieger und jetzige Korangelehrte hatte nicht nur Heimweh nach Cordoba, sondern ihn plagten auch schlechte Nachrichten.</p><p>�Endlich zur�ck, Christ! Du warst zwar nur zwei Tage fort, aber es kam mir vor wie ein ganzer Mondumlauf. Inzwischen ist viel geschehen. �berrascht es dich, wenn ich sage, man scheint nach dir zu suchen? Sie schleichen �berall herum. Zwar nicht in aller �ffentlichkeit, aber daf�r heimlich umso hartn�ckiger. Schon verhaften sie v�llig Unschuldige auf den blo�en Verdacht hin, mit den Templern etwas zu tun gehabt zu haben. Die Anzeige einer missg�nstigen W�scherin oder eines betrunkenen W�rfelmachers reicht aus!�</p><p>�Das war in der letzten Zeit nirgendwo in franz�sischen Landen anders, Sarazene!�</p><p>�Aber hier und jetzt geb�rden sich die k�niglichen Beh�rden so, als schrieben wir euer Jahr 1311 und der Tempelorden m�sse der Ketzerei erst noch �berf�hrt werden.�</p><p>Henri konnte zu keinem anderen Schluss kommen, als dass er selbst diese neue Welle der Verfolgung ausgel�st hatte. Der Gro�inquisitor musste in seiner Person etwas Verd�chtiges gewittert haben. Inzwischen musste er also �ber ihn Bescheid wissen. Wie viel Spielraum blieb ihm unter diesen Umst�nden noch? Wenn sie ihn erkannt hatten und wussten, dass einer der letzten noch lebenden Tempelritter unversehrt mitten in Avignon aufgetaucht war, dann kam es einem Wunder gleich, dass er noch in Freiheit war.</p><p>Er sagte: �Vielleicht habe ich die Bedeutung meiner Person untersch�tzt. Oder die Angst der anderen Seite. Sie wollen uns von der Erdoberfl�che tilgen, ohne dass auch nur die geringste Spur bleibt. Kein Zeuge darf �berleben. Deshalb setzen sie alles in Bewegung, wenn auch nur der Verdacht entsteht, ein Tempelbruder k�nne sich am helllichten Tag zeigen. In ihren Augen scheinen wir �berirdische Kr�fte zu besitzen.�</p><p>�Wohl eher unterirdische! Sie glauben doch, du seist mit dem Iblis im Bunde.�</p><p>�Sie werden noch gnadenloser vorgehen, als wir uns das bisher vorstellen konnten.�</p><p>Uthman machte trotz dieser d�steren Worte ein hoffnungsvolles Gesicht. �H�re! In Avignon ist ein Mann eingetroffen, der uns weiterhelfen kann. Allerdings wei� er noch nichts davon. Ich kenne ihn aus unserer gemeinsamen Zeit in Aragonien, wo er am Hof des K�nigs lebte, als die Reconquista schon im Gange war. Eine Woche vor eurem Osterfest stie� ich am Abend mit ihm auf der Stadtbr�cke zusammen. Er starrte so lange in die Rhone, dass ich schon bef�rchtete, er wolle hinunterspringen. Aber er ist ein Philosoph des Wassers, musst du wissen, sein ganzes, geheimes Wissen bezieht er aus den Tiefen der Fluten.�</p><p>�Sehr spannend. Was ist mit diesem Mann? Warum sollte er uns helfen k�nnen?�</p><p>�Habe Geduld! Du wei�t ja, Geduld ist die Tugend der Wissenden.�</p><p>�Und die Folter der Verfolgten. Wir haben nicht viel Zeit. Erz�hle weiter!�</p><p>�Er war einst eine unz�hmbare Natur, von seinen wilden Streichen sprach das ganze Land Aragonien. Aber die Wende seines Lebens kam, als er einer verheirateten Frau nachstellte, die er mit willenlosen Instinkten begehrte. Tats�chlich erreichte er, dass sie ihn in ihr Schlafgemach vorlie�. Dort erlebte er etwas Furchtbares. Die bleiche Sch�ne rei�t sich das seidene Schlafgewand herunter und entbl��t ihren wei�en Busen. Und der entsetzte Liebhaber kann es nicht fassen. Er erblickt von einer unbekannten Seuche � vielleicht ist es die Pest, vielleicht die englische Krankheit � zerfressene Brustspitzen. Ein unertr�glicher Anblick. Er beschlie�t in diesem Augenblick, als sein Herz stehen bleibt, das gro�e Elixier des Lebens zu suchen, die Medizin f�r das Unheilbare, den Stein der Weisen.�</p><p>Henri war beeindruckt, sagte aber: �Ist er Alchemist? Gott bewahre!�</p><p>�Er fand das gro�e Elixier, Henri de Roslin!�</p><p>�Ich wei� trotzdem noch immer nicht, warum du mir das erz�hlst, guter Uthman.�</p><p>Der Sarazene blickte ihn schief an. �Er kennt inzwischen alle Heilmittel. Alle, die heilen, und auch alle, die schaden. Verstehst du endlich? Er kann alle Gifte mischen, auch die unsichtbaren. Und hier kommt Papst Clemens ins Spiel.�</p><p>�Mmm��</p><p>�H�re weiter, damit du verstehst. Bei den M�nchen auf dem Mont Serr�t lernte unser Mann die gro�en Sprachen der Zeit, in Compostella die Wissenschaften. Er wird Minorit und zieht als Wanderm�nch herum, kein Land, in dem er nicht ist. In Neapel lernt er den Gelehrten Arnald de Bachuone kennen, einen Katalanen, der aus Iberien als Teufelsanbeter vertrieben worden war. Von diesem Mann lernt er die wichtigsten Prozesse der geheimen arabischen Chemie, die nicht einmal ich kenne. Er lernte auch die Herstellung von Scheidewasser, um Metalle zu l�sen � und damit auch die Alchemie. � Nun? Was sagst du?�</p><p>�Ich sage niemals etwas, bevor ich nicht alles Wichtige zu Ende geh�rt habe.�</p><p>Der Sarazene nickte befriedigt. �Wenn wir eine Mischung aus Salpeter, Alaun und Vitriol brennen � was geschieht dann?�</p><p>�Wahrscheinlich� geschieht dann irgendetwas.�</p><p>�Sehr richtig, Christ. Aber was? Was, um Himmels willen? Nun, ich verrate es dir.� Uthman ging einmal im Kreis herum, um seine Aufregung zu b�ndigen, dann grinste er verschmitzt. �Mit dieser Mixtur k�nnen wir uns n�mlich daranmachen herauszufinden, was der innerste Kern aller Stoffe ist. Und wir k�nnen alle Stoffe und Metalle umwandeln.�</p><p>�Dar�ber wird sich Clemens freuen!�</p><p>Uthman lachte gut gelaunt. �Noch mehr, wenn er w�sste, dass es Stoffe gibt, die �berhaupt keine Spuren hinterlassen � und t�ten!�</p><p>�Ist das dein Ernst?�</p><p>�Mein Ernst, Henri de Roslin. � Willst du weiter zuh�ren?�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Vor ein paar Jahren, er ist inzwischen beinahe sechzig Lebensjahre alt, reist mein Bekannter nach Pal�stina. Als er zur�ckkommt, ist ihm daran gelegen, alle Rechtgl�ubigen zum Christentum zu bekehren. Im algerischen Bugie wird er daf�r einige Jahre eingekerkert. Das zweite Mal wird er in Algier gesteinigt und entgeht mit knapper Not dem Tod. Erst diese Erlebnisse heilen ihn von seinem Missionseifer. Fortan setzt er ganz auf Vers�hnung der Gegens�tze. Und seit er am Anfang dieses Jahres aus dem Orient zur�ckgekehrt ist, widmet er sich ganz der Medizin � und der Alchemie. Man sagt, er habe im Auftrag eines Benediktiners nobles Gold gemacht, dreiundzwanzig Karat, zehn Gran fein � aus Quecksilber, Zinn, Blei und anderen geheimen Stoffen.�</p><p>�Hochinteressant! Was ist mit Clemens?�</p><p>�Gewiss. Clemens wird nicht an Gold sterben. Aber es muss auch nicht unbedingt ein Kurzschwert sein, welches eine lange Blutspur hinterl�sst. Vielleicht ist ein feiner Stoff viel besser, den ihm jemand unter die Speisen mischt. Ein Gift, welches das Fleisch, das er isst, noch schmackhafter macht, sodass er es wie ein Tier hinunterschlingt. Wenn er gegessen hat, ist er schon so gut wie tot, und seine schlauen �rzte werden finden, der gierige Papst habe sich �berfressen. Eine S�nde bei einem magenkranken Mann, eine noch viel gr��ere S�nde bei einem darmkranken Mann, wie er es ist.�</p><p>�Gift ist nicht meine Sache, Uthman. Es ist etwas f�r Intrigen, f�r Feigheit und Heimt�cke. Ich ziehe den offenen Streich mit dem Schwert vor.�</p><p>�Gut. Dann lass mich dein Heimt�ckischer sein! Ich habe keine Angst davor, in aller Stille zu t�ten. Nicht du musst deinen inneren Auftrag vollenden und Clemens aus dem Weg r�umen.�</p><p>�Nein. Das ist meine Aufgabe. Es geht um die Rache f�r meine Br�der!�</p><p>�Du bist Clemens durch Schwur und Unterwerfung verpflichtet!�</p><p>�Das wei� ich! Oh, ich wei� es zu genau! Deshalb will ich die Sache auch hinter mich bringen � egal wie!�</p><p>�Also?�</p><p>Henri sagte z�gernd: �Solches Gift kann dein Bekannter mischen?�</p><p>�Wir d�rfen ihm nur nicht sagen, zu welchem Zweck.�</p><p>�Wo finden wir diesen Teufelspartner?�</p><empty-line/><empty-line/><p>W�hrend der Sarazene sich bem�hte, den Alchemisten und geheimen Mediziner zu einem Treffen zu bewegen, wartete Henri in seiner Herberge. Es schien unvern�nftig, nicht sofort aus der Stadt auszuziehen, denn die Gefahr lauerte �berall. Er konnte es buchst�blich sehen, weil dunkle Gestalten jetzt �berall an den Stra�enecken und in den Eing�ngen von H�usern und Pal�sten herumstanden oder unschl�ssig hin und her gingen. Vor den Eing�ngen der Kirchen sa�en Bettler, die gerade in der Stadt eingetroffen sein mussten.</p><p>Aber Henri wollte nicht davonlaufen. Wenn sie ihm auf die Spur kamen, dann w�rde er k�mpfen. Es w�rde ihn beruhigen, einige seiner Feinde mit dem Kurzschwert niederzustrecken, es war f�r einen K�mpfer immer gut, auf angespannte Gef�hle Taten folgen zu lassen. Er hatte die Belagerung und den Fall der letzten christlichen Bastion Akkon im Heiligen Land von Syrien als neunzehnj�hriger Knappe an der Seite seines Herrn Wilhelm von Beaujeu miterlebt, wo viele Templer im griechischen Feuer der Muselmanen, das mit Wasser nicht zu l�schen war, elend umkamen. Er war einer der zehn �berlebenden von ehemals f�nfhundert gewesen, die sich nach Zypern retten konnten.</p><p>Seitdem war er ein K�mpfer � wenn es n�tig war.</p><p>Uthman, der Sarazene, der aus vielen Gr�nden sein Freund war, hatte versprochen, das Treffen am sp�ten Abend, wenn alles dunkel war und in der Stadt die n�chtlichen Prozessionen begannen, herbeizuf�hren. Dann w�rden sich die Schatten in der Dunkelheit verlieren, und sie konnten darin untertauchen.</p><p>Jetzt war es kurz vor Einbruch der Nacht. Henri stand am kleinen Fenster, dessen d�nne Vorh�nge sich in einer Brise aus S�den bewegten. Er schaute �ber die Stadt, die sich langsam in ein Meer von Fackeln, lodernden Pechpfannen und brennendem Kienspan in riesigen Kesseln verwandelte. Der Geruch von verbrannten Kr�utern, von Myrrhest�bchen und Weihrauch drang zu ihm. Die Ges�nge nahmen zu und schwollen bald zu einem einzigen Gesang an. Auch Henri liebte die Karwoche mit ihren inbr�nstigen Gebeten und der Vorbereitung auf das wichtigste Fest der Christenheit, aber diesmal nahm er nicht daran teil.</p><p>Er war so in Gedanken versunken, dass er die Ger�usche auf der Treppe nicht wahrnahm. Er wusste nur, die Herberge war jetzt am Abend verlassen. Die beiden �brigen G�ste, zwei harmlose Goldschmiede aus Aigu�s Mortes, dem Mittelmeerst�tzpunkt f�r den Levantehandel, befanden sich bei den Prozessionen. Sie wollten daf�r beten, dass der lebenswichtige Hafen ihrer inzwischen aufgegebenen Stadt nicht weiter versandete. Der Wirt hatte die Schenke geschlossen.</p><p>Pl�tzlich hatte Henri das Gef�hl, als bef�nde sich jemand in seiner unmittelbaren N�he. Er rief:</p><p>�Uthman?�</p><p>Doch es gab keine Antwort. Stattdessen entstand durch die offene Zimmert�r ein Sog von irgendwoher.</p><p>Henri griff instinktiv nach seinem pfeild�nnen Panzersteckdolch. Er lauschte, dann sprang er nach drau�en. Der Flur lag dunkel und leer vor ihm.</p><p>Dann sah er den Umriss des Mannes.</p><p>Seine bizarre Silhouette zeichnete sich vor dem Butzenfenster ab, hinter dem eine Pechfackel auf der Gasse zur Ortsseite hin flackerte.</p><p>�Wer seid Ihr?�</p><p>Der Schatten geriet in Bewegung. Er sprang auf ihn zu. Henri hob das Schwert, er h�rte ein scharfes Ausatmen, dann ein schwirrendes Ger�usch, als fl�ge etwas Schweres durch die Luft in seine Richtung. Im gleichen Moment ert�nte ein dumpfes Poltern. Es kam vom Hauseingang her. Jemand r�ttelte am T�rknauf. Ein heftiges Klopfen. Dann eine Stimme. Unmittelbar vor ihm stie� jemand unterdr�ckt einen heiseren Wutschrei aus. Eine Gestalt rannte an ihm vorbei. Der harte Sto�, der ihn vor die Brust traf, warf ihn gegen die T�rf�llung, dann st�rzte er zu Boden.</p><p>Der Unbekannte sprang davon, Henri nahm ihn als rasendes, unf�rmiges B�ndel aus Kleidung, K�rper und Schwei� wahr. Der Eindringling kannte sich offenbar aus, lief �ber den Gang nach rechts und verschwand durch die T�r zum Hinterausgang. Holz klapperte, dann ein Klirren.</p><p>Wieder heftiges Klopfen am anderen Eingang. Dann rief jemand. Henri sp�rte einen stechenden Schmerz in der Brust. Jetzt erkannte er die Stimme, sie geh�rte dem Sarazenen.</p><p>�Uthman!� Henri schrie es fast. Er lief �ber die Treppe, schob den Querbalken zur�ck und riss die T�r auf.</p><p>Der Sarazene blickte ihm beunruhigt entgegen. �Alles in Ordnung? Was ist mit dir?�</p><p>�Ich hatte Besuch!� Warte!�</p><p>Henri lief zur Hintert�r und blickte �ber die Abg�nge zur Flussseite hinunter. Er sah nur einen schn�ffelnden Stra�enk�ter. Als er zu Uthman zur�ckkehrte, fragte der:</p><p>�Unangenehmer Besuch?�</p><p>�Wenn du nicht im gleichen Moment gekommen w�rst � ich wei� nicht, was geschehen w�re. Ich bef�rchte, sie sind mir bereits auf der Spur.�</p><p>�Dann lass uns verschwinden! Nimm alles mit, was dir geh�rt, lege das Logisgeld hin und hole dein Pferd aus dem Stall. Du kehrst nicht mehr hierhin zur�ck.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Bruder Raimundus, dessen richtigen Namen niemand kannte, war ein eisgrauer Mann mit dem Bart eines hebr�ischen Propheten. Er starrte seine sp�ten Besucher aus rot ge�derten Augen an. Darin stand zu lesen, dass er jedes Problem des Lebens schon einmal durchdacht hatte � und dass es f�r nichts eine L�sung gab, au�er man vertraute sich dem unergr�ndlichen Ratschluss Gottes an. Er vollzog eine vage Geste, mit der er Henri und Uthman bedeutete, sie sollten Platz nehmen.</p><p>Henri verstand sich selbst nicht, aber es dr�ngte ihn zu fragen:</p><p>�Verzeiht mir meine Neugierde � wer war die besagte Dame, die Euch damals verbotener Weise in ihr n�chtliches Schlafgemach bat?�</p><p>Nicht im Geringsten �berrascht antwortete Raimundus: �Es war die einzige Dame meines Herzens, bis zum heutigen Tag. Ihr k�nnt es daran ermessen, dass ich ihr bis in die Kirche hinein hinterher ritt, um sie zu besitzen und ihr zu imponieren. Das muss Euch gen�gen, Montseigneur.�</p><p>�Gewiss. Ich bitte noch einmal um Verzeihung f�r meine ungeb�hrliche Aufdringlichkeit.�</p><p>�Nein, nein, schon gut, Montseigneur! Es geht nicht um ein pikantes Geheimnis oder um die Kompromittierung einer Dame. Denn das alles ist schon so unendlich lange her. Obwohl��</p><p>Er brach ab, und ein leidender Zug trat in sein Gesicht, seine Augen wurden noch tr�ber. Henri war �berrascht und schwieg, wie auch der Sarazene. Der Alchemist fuhr fort, als erz�hle er eine Geschichte, die am Vortag geschehen w�re:</p><p>�Damit Ihr versteht. Sie sagte, ich solle gehen und wiederkommen, wenn ich das rettende Elixier gefunden h�tte. Oder ob diese Aufgabe f�r meine Liebe zu schwer sei? Ja, genau so dr�ckte sie das aus. Und ich kam wieder. Ich hatte es gefunden. Aber es war zu sp�t. Sie starb ein paar l�cherliche Tage vor meiner R�ckkehr��</p><p>�Nun��</p><p>�Ich wei�, das sind alte Geschichten. Aber in manchem Leben sind es gerade diese, eigentlich nebens�chlichen Begebenheiten, die einen Menschen pr�gen. Nehmen wir einen Herrscher, der so m�chtig ist, dass die Sonne in seinem Reich niemals untergeht, und in seiner Kindheit hat ihm ein Gef�hrte einen Murmelstein gestohlen und ihn damit aus den sichersten Gewissheiten seiner Gef�hlswelt gerissen. Das ist seine tiefste Wunde, sein Leben lang. Wissen Sie etwas von solchen Wunden, meine Herren?�</p><p>�Darf ich offen sprechen, Senor Raimundus?�</p><p>�Bruder Raimundus. Ich bin kein Spanier, obwohl ich dort aufwuchs. Ich bin �berall zu Hause.�</p><p>�Umso mehr werdet Ihr unser Ansinnen verstehen. Denn auch wir sind weltoffene Menschen.�</p><p>�Davon gibt es zu wenige. Ich wollte einst die Anh�nger des Propheten Muhammad zu Christen bekehren und Gold herstellen, um damit einen neuen Kreuzzug zu bezahlen. Sp�ter verstand ich, dass wir von ihnen mehr lernen k�nnen als umgekehrt. Es gibt jedenfalls keine Rangfolge der Menschen.�</p><p>�Mein tief verehrter Freund Uthman ibn Umar, der Euch besser kennt als ich, verriet mir, dass Ihr Stoffe umwandeln k�nnt. Und dass Ihr Stoffe herstellen k�nnt, die keine Spuren hinterlassen.�</p><p>Bruder Raimundus blickte ihn offen an und nickte. �Ich bin Alchemist. Wir sind in Frankreich keine Verfolgten, im Gegensatz zu anderen L�ndern.�</p><p>�Wenn ich Euch nun fragte, ob Ihr einen Stoff destillieren k�nntet, der t�tet, was w�rdet Ihr darauf sagen?�</p><p>Bruder Raimundus blickte noch immer unbeeindruckt, nur seine Augen hatten wom�glich einen noch dunkleren Schimmer bekommen.</p><p>�Jeder kann ein solches Gift brauen. Nehmt allein den Saft des Stechapfels <emphasis>datura stramonium,</emphasis> der Tollkirsche atropa belladonna oder des Schwarzen Bilsenkrauts <emphasis>Hyoscyamus niger �</emphasis> und Ihr habt alles, was Ihr ben�tigt.�</p><p>�Es soll keine Spuren hinterlassen.�</p><p>�Dann wird es schon schwieriger.�</p><p>�Alchemisten kennen sich wohl eher mit Gold aus��</p><p>Bruder Raimundus z�gerte. �Ich kann einen solchen Stoff herstellen.�</p><p>�W�rdet Ihr uns in die Geheimnisse eines solchen � Giftes einweihen?�</p><p>�Ihr meint, ob ich Euch dieses Gift �berlassen w�rde?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nein.�</p><p>Henri zuckte zusammen. Hatte er sich zu weit vorgewagt? Der Alchemist schien alles andere als ein Teufelspartner zu sein, wie er angenommen hatte, er wirkte gottesf�rchtig. Und damit war er ein Untertan des Papstes. Henri nahm sich vor, seine Identit�t in keinem Fall preiszugeben. Noch bevor er eine weitere Frage stellen konnte, sagte Uthman:</p><p>�Es w�rde mir gen�gen, wenn Ihr mir die Grundsubstanzen nennt. Die arabische Medizin kennt durchaus gewisse Wege, die mir bekannt sind, um einen wirkungsvollen Stoff jener Art zu mischen.�</p><p>�Dann tut es!�</p><p>�Die Grundsubstanzen!�</p><p>Bruder Raimundus stand auf. Nach einem Moment des schweigenden Umhergehens blickte er auf seine Besucher, als wolle er in ihr Innerstes eindringen. Dann sagte er:</p><p>�Ich bin kein gew�hnlicher Giftmischer, ich bin Alchemist. Geht zu einer Hexe.�</p><p>�Wir sind zu Euch gekommen, Bruder. Wir wissen, dass ein Alchemist ein besonderes Verh�ltnis zu den Stoffen hat.�</p><p>�Salpeter, Schwefels�ure, ein besonderer Lehm und Hitze.�</p><p>Ratlos blickte Henri ihn an. �Ich verstehe das nicht ganz��</p><p>�Salpeter, Schwefels�ure, ein besonderer Lehm, Hitze!�</p><p>Uthman sagte: �Alaun und Quecksilber?�</p><p>�Kommen erst sp�ter dazu, ebenso wie andere Stoffe.�</p><p>�Und was meint Ihr mit dem besonderen Lehm?�</p><p>�Es ist Prima Materia, der Grundstoff Merkurius. Es ist nicht nur ein Stoff, er stellt die Verbindung von Natur und Geist dar, deshalb ist er ein philosophischer Stoff. Ich kann ihn Euch anr�hren, wenn Ihr ihn zu w�rdigen wisst. Wie er sich zusammensetzt, darf ich nicht verraten. Denn es ist das Geheimnis des K�nigs Robert von Neapel, der es unter dem Siegel der Verschwiegenheit, zu dem alle Alchemisten verpflichtet sind, an mich weitergab.�</p><p>�Sagt mir nur eins � gibt es den Stein der Weisen wirklich?�</p><p>Bruder Raimundus brummte in sich hinein. Dann sagte er mit verst�ndlicher Stimme: �Immer wollen sie nur das wissen. Als w�rden die Menschen dadurch gl�cklicher. Sie werden es nicht! Sie werden dadurch eher ungl�cklicher! Es sei denn, sie nehmen dieses Geheimnis mit ins Grab, ohne es zu verraten! Nur so kann man damit seinen Frieden machen!�</p><p>�Ich verstehe. Dann verratet uns bitte die Zusammensetzung des feinen Stoffes, mit dem der besondere Lehm, Euer philosophischer Merkurius, verbunden werden muss � soweit Ihr es verantworten k�nnt.�</p><p>�Ich will aber nicht wissen, wof�r Ihr es ben�tigt! Und es darf niemand erfahren, dass Ihr mit mir gesprochen habt. Ich kenne Euch nicht und habe Euch nie gesehen. Auch unter der Folter d�rft Ihr unsere Begegnung nicht preisgeben. Habt Ihr verstanden?�</p><p>Uthman nickte ergeben.</p><p>�Der philosophische Merkurius, der Urstoff, darauf kommt es an. Dar�ber darf kein Alchemist sprechen. Aber die anderen Teile? Was sind die beiden perfekten Metalle? Gold und Silber. Gold ist der Vater aller Dinge, Silber die Mutter. Jetzt ben�tigt Ihr noch die Wei�e Tinktur und die Rote Tinktur zur Verfeinerung der Metalle. Wir erhitzen alles, und wenn es wieder zu Pulver erstarrt, k�nnt Ihr es mit dem Merkurius mischen. Der Stoff erzeugt nichts Neues, er verst�rkt nur alles, was ohnehin schon vorhanden ist. Edle Metalle, aber auch ein menschliches Leiden der Organe und ihr j�mmerliches Versagen, eine Niedergeschlagenheit ebenso wie Liebesgef�hle � einfach alles.�</p><p>Henri fragte: �K�nnen wir diese Tinkturen herstellen?�</p><p>�Ich gebe Euch den besonderen Lehm und die Wei�e Tinktur. Die Rote Tinktur m�sst Ihr, damit sie wirkt, selbst mischen. Uthman ist Sarazene. Die arabische Chemie besitzt alle Geheimnisse, die zur Herstellung notwendig sind, er muss sie eben herausfinden, denn das Werk gelingt nur, wenn man sich darin bewegt.�</p><p>�Das werde ich!�, erwiderte Uthman aufgeregt.</p><p>�Die Wei�e Tinktur. Eine Unze Silber kalzinieren und zu einem wei�en, geschmacklosen Oxyd brennen. Das geschieht, indem Silber in einem warmen Tiegel mit Quecksilber amalgamiert und dann mit Essig und Salz verr�hrt wird. Ingwer, Salmiak, Silbergl�tte und Bleiwei� werden in gleichen Teilen zugesetzt. Dann wird es gewaschen, durch ein Tuch gedr�ckt und zw�lf Stunden im Ofen unter Zusetzen von Salz destilliert. F�r die Rote Tinktur braucht es nur noch einen kleinen weiteren Schritt. Er gelingt, wenn Euer Werk gerecht ist.�</p><p>Uthman entgegnete: �Aber dazu braucht man ein Destillierger�t und einen Brennofen! Wo gibt es in Avignon so etwas?�</p><p>�Ihr wollt das Mittel in dieser schlimmen, gottlosen Stadt herstellen, in der selbst die Pferde der Kirchenf�rsten goldene Hufbeschl�ge haben? Dann kann es nur einen furchtbaren Zweck haben, zu dem ich Euch nicht helfen kann.�</p><p>Ratlos blickte Henri seinen sarazenischen Freund an. Der zuckte die Schultern. Henri sagte:</p><p>�Wenn Ihr es uns befiehlt, verlassen wir Avignon und stellen das Rote Pulver woanders her. Wo k�nnte das sein?�</p><p>�Nun, ich kenne einen Ort an der Rhone � ein Fluss �brigens, der alle Geheimnisse mit sich f�hrt, �ber die ein Alchemist unbedingt Bescheid wissen muss. Im genannten Ort gibt es ein Destillierger�t und einen Brennofen.�</p><p>�W�rdet Ihr uns den Namen des Ortes nennen?�</p><p>�Er hei�t Montfaucon.�</p><p>Hellh�rig geworden sagte Uthman schnell: �Das Montfaucon in der N�he der Festung von Roquemaure?�</p><p>�Dasselbe.�</p><p>Die Gef�hrten tauschten einen viel sagenden Blick.</p><p>�Ihr gebt uns also die Grundsubstanz und die Wei�e Tinktur mit auf den Weg?�, fragte Henri.</p><p>�Kommt morgen zur gleichen Zeit wieder. Dann habe ich es.�</p><p>�Und Ihr k�nnt uns nicht sagen, welcher Schritt zur Roten Tinktur f�hrt?�</p><p>�Nur so viel. Diese Masse wird mit einer Silberl�sung zu einer Masse eingedickt, es ist jene Masse, die auf gl�hendem Kupferblech wie Wachs ohne Rauch flie�t. Und danach braucht Ihr nur noch den entscheidenden letzten Zusatz.�</p><p>�Ich werde es mir merken�, meinte Uthman skeptisch.</p><p>�K�nnt Ihr uns auch eine Empfehlung f�r die Besitzer des Brennofens mitgeben?�, wollte Henri wissen.</p><p>Der alte Gelehrte und Alchemist sagte betr�bt: �Ich wei�, Eure Absichten vermindern den Frieden in der Welt nicht. Aber ich werde es dennoch tun. Wenn ein Sarazene und ein Christ zusammen gehen, muss es etwas Besonderes geben, das sie vereint. Kommt morgen wieder.�</p><p>Beim Hinausgehen wendete sich Uthman noch einmal um. Bruder Raimundus sa� zusammengesunken auf seinem Schemel, und sein knorriger Finger fuhr �ber die handkolorierten Signaturen und Reihen von Schriftzeichen des vor ihm aufgeschlagenen Buches. Uthman fragte:</p><p>�Sagt mir nur noch eins. K�nnt Ihr wirklich Gold machen?�</p><p>�So wie die neuen Bauh�tten Mauern errichten, die durchl�ssig sind! Lest diese meine Schrift <emphasis>Clavis Raimundi,</emphasis> darin steht alles.�</p><p>�K�nnt Ihr es uns nicht von Angesicht zu Angesicht sagen?�</p><p>�Nat�rlich. Nichts ist leichter als das. Und nichts verwerflicher.�</p><empty-line/><empty-line/><p>�Hast du dir alles gemerkt, Uthman?�, fragte Henri bang, als sie den Alchemisten wieder verlassen hatten.</p><p>Uthman murmelte nachdenklich: �Die Masse wird mit einer Silberl�sung zu einer Masse eingedickt, es ist jene Masse, die auf gl�hendem Kupferblech wie Wachs ohne Rauch flie�t. Das habe ich wortw�rtlich schon einmal geh�rt. Wenn ich mich nur erinnern k�nnte, wo.�</p><p>�Das ist egal. Glaubst du, ein solches Rezept herstellen zu k�nnen?�</p><p>�Ich werde gleich in meinem Brevier nachschlagen. Denn nat�rlich habe ich auch alchemistische Schriften.</p><p>Sie bauen nur nicht auf der Grundlage auf, denn die ist geheim, und nur Alchemisten kennen sie. Was uns Raimundus verriet � und wenn er es in Wei�es Pulver umsetzt �, k�nnen wir verwenden, um das Rote Pulver zu machen. Ich kann mir schon vorstellen, was er mit dem Wachs ohne Rauch meinte, aber das muss so verd�nnt werden, dass es aus einer Phiole tropft. Und was ist der letzte Zusatz?! Lass uns sofort zu meiner Herberge gehen.�</p><p>Uthman hatte ein ganzes Kellergeschoss angemietet, das vorher einem Schneidearzt und Bader geh�rte. Darin standen breite Tische, und im Hintergrund hatte Henri, der seit gestern hier untergeschl�pft war, sogar eine abgebaute eiserne Jungfrau entdeckt. Sie war jetzt verh�ngt. Als Uthman seine fragenden Blicke sah, hatte er gesagt:</p><p>�Ich wei�, es ist ein grauenvolles Folterger�t. Aber ich f�hle mich sicher im Angesicht solch schrecklicher Marterinstrumente eurer allerchristlichsten Geschichte. Ich habe dann das B�se immer vor Augen und kann es durch Blicke bannen.�</p><p>Jetzt meinte Henri ungeduldig: �Lass uns dein Brevier anschauen.�</p><p>Uthman kramte aus seinen Ledertaschen ein unscheinbares Buch, dessen R�cken sich schon abzul�sen begann. �Es ist ein sehr altes arabisches Buch, allerdings ins Lateinische �bersetzt�, sagte der Sarazene, �ich benutze es st�ndig.�</p><p>�Wie hei�t es?�</p><p>�De Mercuriis.�</p><p>�Ah!�</p><p>�Mal schauen��</p><p>W�hrend der Sarazene bl�tterte und las, schaute sich Henri noch einmal verstohlen in dem Gew�lbe um. Es �hnelte wirklich eher einer Folterkammer als einem Wohnraum. Bes��e es �fen, k�nnte man es sich auch als Aufenthaltsort eines Alchemisten vorstellen, dachte Henri. Er wunderte sich erneut dar�ber, dass sich Uthman an solchen Orten wohl f�hlen konnte. Als h�tte der Sarazene seine Gedanken erraten, sagte er:</p><p>�Die Alchemie war schon immer meine geheime Leidenschaft. Allerdings nur so weit, als sie die Bereiche der Medizin ber�hrt. An der Herstellung von Gold aus Blei, wenn sie denn gelingen k�nnte, bin ich nicht interessiert. Mal sehen, wie sagte der Alte? Wachs ohne Rauch� Silber in einem warmen Tiegel mit Quecksilber� mit Essig und Salz verr�hren. Ingwer, Salmiak, Silbergl�tte und Bleiwei� in gleichen Teilen zusetzen. Wir k�nnen versuchen, ob das tats�chlich jene Masse ergibt, die auf gl�hendem Kupferblech wie Wachs ohne Rauch flie�t.�</p><p>�Es ist nur eine der Zutaten, nicht mehr.�</p><p>�Geduld, Bruder! Eben fiel mir �brigens ein, wo ich davon schon geh�rt hatte. Es war in Aragonien. Ein Mann namens Arnoldus de Villanova besuchte den K�nigshof, er war damals so alt wie Bruder Raimundus heute und angeblich weitber�hmt. Man behauptete, er habe f�r den Abt von Westminster sechzigtausend Pfund Gold aus Quecksilber, Zinn und Blei gemacht. Er rezitierte aus einem Buch, das er Picatrix nannte, und benutzte die gleichen Worte wie Raimundus. Hast du schon von einer solchen Schrift geh�rt?�</p><p>�Wir brauchen kein Gold, sondern die Rote Tinktur, Uthman!�</p><p>�Ich wei�. Nun gut, hier haben wir immerhin die Basis. Wenn alle diese anderen Zus�tze dazukommen, dann k�nnte es��</p><p>�Kannst du dich etwas deutlicher ausdr�cken?!�</p><p>�Wir nehmen die Masse des Raimundus. Dann brauchen wir einen anderen Mischzusatz. Wir erhalten ihn, wenn wir Weinstein im Ofen brennen und danach in feuchter Luft zu einem �l zerlaufen lassen; das wird mit einer stinkenden, siebenmal destillierten Mischung aus Vitriol, Salpeter und Alaun in eine Phiole getan.�</p><p>�Daraus soll rote Tinktur werden?�, zweifelte Henri.</p><p>�Es scheint so zu sein, dass aus einer Mischung von Goldamalgam und Silberoxyden ein gr�nliches Pulver wird, dazu kommt Quecksilber��</p><p>�Das best�tigte er��</p><p>�Ja. Und dadurch wird eine Masse hergestellt, die im Brennofen rot wird und zu Pulver zerf�llt. Aber nein. Nein! Etwas fehlt noch! Was k�nnte es nur sein?!�</p><p>Er versenkte sich wieder in sein Buch. Henri wagte es nicht, den Blick von seinem Gef�hrten zu wenden, so als k�nne er ihn dadurch in seiner Suche unterst�tzen.</p><p>Nach einer Weile blickte Uthman auf. In seinem Gesicht stand ein stiller Triumph. �Allah ist gro�! Ich wei� um den letzten, entscheidenden Stoff. Es muss <emphasis>Aconitum napellus</emphasis> sein. Die �berlieferung berichtet, es sei der Stoff der antiken Medea, die ihn dem Geifer des H�llenhundes Zerberus entnahm, als ihn Herakles auf Befehl des K�nigs Eurystheas aus der Unterwelt empor geschleppt hatte. Der Grieche Theophrast behauptet, das <emphasis>akoniton</emphasis> k�nne so zubereitet werden, dass der Tod des Vergifteten erst nach Monaten eintritt, und vor allem, dass es spurenlos sei. In Verbindung mit dem Merkurius hingegen entfalten sich alle t�dlichen Eigenschaften sofort.�</p><p>�Das ist unser Stoff, Uthman!�</p><p>�Alles zusammen k�nnte das spurlose, geschmacklose, unsichtbare Gift ergeben. Aus unserer Phiole k�nnte ein einziger Tropfen gen�gen, um mehrere P�pste auszul�schen��</p><p>�Einer gen�gt! Es geht nur um Clemens. Die ihm nachfolgenden P�pste sollen lange genug leben, um in Gottesfurcht und in Respekt vor dem Leben zu erstarren.�</p><p>�Medizin und Alchemie liegen so eng zusammen. Die Schrift besagt, das abgewandelte Rezept f�hre auch zum Tingieren von Gold! Nur ein einziger weiterer Zusatz, der mehr als ein Dutzend Multiplikationen erzeugt � und wir haben Gold.�</p><p>�Wir haben bereits Gold, Uthman. Ich sage doch, wir brauchen kein weiteres. Gold ist die Galle heidnischer G�tter, das denke ich inzwischen. Und doch schm�cken sich unsere Kirchenf�rsten damit.�</p><p>�Mit dieser Meinung bist du ein toter Mann!�</p><p>�Ein Tempelritter wie ich ist aus vielen Gr�nden ein toter Mann, mein Freund.�</p><p>�Eine siebenmal destillierte Mischung��, sinnierte der Sarazene, wieder �ber sein Buch gebeugt. �Wachs ohne Rauch��</p><p>Henri machte eine ungl�ckliche Miene. �Lass es uns hinter uns bringen. Mir ist mittlerweile mit diesen ganzen Essenzen und dem Pulverzeug unwohl zumute. Ist das nicht wirklich Hexerei und Teufelswerk? Nur zu sehr trifft mich noch immer der Vorwurf der k�niglichen Anw�lte, wir Templer h�tten bei unseren Treffen, um uns Mut f�r ekelhafte Praktiken zu machen, eine geheime Essenz getrunken, die aus der Totenasche verstorbener Mitglieder und unehelicher Kinder der zur Keuschheit verpflichteten Templer gewonnen war. Mit der Beschuldigung von Schwarzer Magie kann man in unseren Tagen jeden Gegner zu Fall bringen.�</p><p>�Was wir machen, ist etwas ganz anderes, Henri de Roslin�, sagte der Sarazene streng. �Und du wei�t das.�</p><p>�Ja, ja��</p><p>�Wir brauchen Zeit.�</p><p>Henri sch�ttelte die unguten Gedanken ab und straffte sich. �Zeit haben wir nicht. Das Gift muss so schnell wie m�glich fertig werden. Wir holen morgen den Merkurius und das Wei�e Pulver des Raimundus, und dann machen wir uns auf den Weg nach Montfaucon � solange wir noch k�nnen.�</p><p>�So sei es.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Als Uthman ibn Umar und Henri de Roslin nach Einbruch der Dunkelheit bei Bruder Raimundus eintrafen, erlebten sie eine �berraschung.</p><p>Der alte Mann sprach mit jemandem. Er rief mit schneidender Stimme in den Raum hinein: <emphasis>�Mare fingerem, si Mercurius esset!�</emphasis> (Ich verwandle das Meer selbst dann in Gold, wenn es aus Quecksilber w�re.) Aber so angestrengt die Angekommenen auch versuchten, die nur von einer Wandfackel beleuchtete St�tte des Alchemisten mit Blicken zu durchdringen, sie konnten keinen weiteren Menschen entdecken.</p><p>Als Henri sich beim Eintreten r�usperte, schien Bruder Raimundus in die Wirklichkeit zur�ckzukehren. Er machte eine Geste, als verscheuche er jemanden, und stand dann so schnell, wie es seine alten Knochen zulie�en, von seinem Schemel auf, der hinter ihm umst�rzte. Mit nun br�chiger Stimme sagte er:</p><p>�Nun, ich wartete schon auf Euch. Ich habe meine Arbeit getan.�</p><p>Er f�hrte seine Besucher zu einem Wandschrank. Hinter einem Vorhang standen neben etlichen Werkzeugen, neben St��eln und M�rsern, Reagenzgl�sern und Schl�uchen, zwei Tiegel. Wortlos nahm Bruder Raimundus sie heraus und f�llte etwas davon in einen kleinen Lederbeutel. Er zog dessen Schnur zusammen und reichte ihn Uthman.</p><p>�Er ist stabil geblieben, nicht fl�chtig wie Quecksilber � das ist das Entscheidende. Nehmt diese halbe Unze des philosophischen Stoffes eines alten Alchemisten und ver�ndert die Welt damit zum Guten! Aber wenn Ihr das Gegenteil davon bewirkt, dann wird Euch der Stoff in dem Moment vernichten, in dem Ihr ihn anwendet.�</p><p>�Wir danken Euch, Meister�, sagte Henri.</p><p>�Habt Ihr auch die Empfehlung f�r die �fen in der Stadt Montfaucon?�, fragte Uthman.</p><p>�Ich schrieb sie auf diesen Zettel. Hier. Sie wird Euch wie ein Schl�ssel die Tore �ffnen.�</p><p><emphasis>�Inshallah!�,</emphasis> sagte Uthman. �Allah sei mit Euch auf allen Euren Wegen!�</p><p>�Nun geht!�</p><p>Beim Hinausgehen drehte sich Henri noch einmal um, um sich zu verbeugen. Er sah, wie Bruder Raimundus in Abwehr die Arme erhoben hatte und heftig winkte, als wolle er etwas, das sich im dunklen Hintergrund des Gew�lbes befand, zur�ckdr�ngen. Henri ging schnell hinaus. Auf der holprigen, von Hundekot �bers�ten Stra�e erwartete ihn Uthman, der so stolz aussah, als h�tte Sultan Saladin die Schlacht um Jerusalem gerade soeben gewonnen.</p><p>�Jetzt h�lt uns nichts mehr in Avignon, nicht wahr?�</p><p>�Nein. Auf nach Montfaucon!�</p><p>Auch Uthman hatte seine Unterkunft bereits aufgegeben. Sie holten ihre Reittiere aus dem Stall am Stadtrand und ritten �ber die Rhone-Br�cke davon.</p><p>Hinter ihnen schienen die gelben Mauern Avignons zu bersten von flackernden Feuern, inbr�nstigen Ges�ngen und von etwas anderem, f�r das Henri nur der Name �J�ngstes Gericht� einfiel. Ja, ein Tag der Abrechnung schien zu nahen. Aber er wusste nicht, in welcher Gestalt dieser auftreten w�rde. Und wen er mit sich rei�en sollte.</p><p>Sie ritten die ganze Nacht. Immer nach Norden, neben ihnen rauschten die Wasser der Rhone und erf�llten die Landschaft mit ihrem Geruch, der aus der Tiefe ihres Bettes kam. Am Morgen stiegen wei�e Nebelschleier auf wie geheimnisvolle Wesen in bizarren Formen.</p><p>Henri kam in Erinnerung, was Uthman ihm von Raimundus gesagt hatte. Dass er sein Wissen aus den Tiefen der Fluten bezog. Ein solches Wissen war Henri fremd, der allerdings andere Geheimnisse kannte.</p><p>Sie waren schweigend geritten, Henri merkte aber nun, dass sein Gef�hrte um etwas herumdruckste. Er nahm sein Pferd zur�ck und wartete, bis Uthman neben ihm ritt.</p><p>�Willst du etwas sagen, treuer Freund?�</p><p>�Ich werde es tun! Nicht du!�</p><p>Henri brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dann erwiderte er heftig: �Das schlage dir aus dem Kopf! Du hast als Sarazene damit nichts zu tun! Ich bin Christ, und ich werde meinen allerchristlichsten Herrn und Henker zur Verantwortung ziehen!�</p><p>�Ich soll damit nichts zu tun haben? Der Papst und der K�nig versuchen, Geld zu sammeln, um einen neuen Kreuzzug auf die Beine zu stellen! Tausende meines Volkes werden dann sterben!�</p><p>�Dennoch ist es meine Angelegenheit.�</p><p>�Aber mich verd�chtigt niemand, Henri! Lass es mich tun! Ich habe schon einen Plan. Ich werde dem Papst einen Botschafter schicken und mich als Leibarzt des Muftis von Jerusalem ausgeben. Ich werde ihm mitteilen, von ihm pers�nlich zum Christentum bekehrt und getauft werden zu wollen. Geldgeschenke, die ich aus der angeblichen Kasse meines sarazenischen Herrn mitbringe, werden meinem Wunsch gen�gend Nachdruck verleihen��</p><p>�Du willst Geld von mir?�</p><p>Uthman lachte leise. �Ja. H�re weiter. Der Papst wird geschmeichelt sein, und er wei� nat�rlich um den propagandistischen Effekt einer solchen Bekehrung. Er geht also darauf ein, sich mit mir an einem heiligen, geheimen Ort, den ich ausw�hle, zu treffen und meine Seele vor dem Fegefeuer zu retten. Au�erdem werde ich durchklingen lassen, dass ich �ber die Geheimnisse der ber�hmten arabischen Heilk�nste verf�ge und zu einer sofortigen Linderung seiner Schmerzen und Gebrechen in der Lage bin. Es ist ganz einfach!�</p><p>�Ich muss es tun, Uthman! Es ist wirklich einfach, aber anders, als du meinst. Ich muss��</p><p>�Du wirst den K�nig t�ten, Henri! Spare dich auf f�r Philipp! Ein Mord gen�gt, verstehst du? Ein berechtigter Mord, um den Frieden in der Welt zu mehren, wie Raimundus sagte, ist legitim. Zwei Morde sind es nicht. Das f�hrt deine Seele auf Abwege und ist gef�hrlich. Wir sind Gef�hrten, die schon manche St�rme �berstanden haben. Wir teilen uns die unerh�rte Aufgabe! Jeder von uns beiden erledigt seinen Teil! Das wird in den Augen unseres Gottes Wohlgefallen finden.�</p><p>�Du h�ttest Prediger werden sollen, Uthman. Mit Worten wei�t du umzugehen.�</p><p>�Und mit Phiolen, Bruder!�</p><p>�Ich wei� nicht��</p><p>�Aber ich! �berlasse mir ein einziges Mal die Initiative und das Denken, Bruder!�</p><p>Henri war von der Wucht der Worte seines Gef�hrten im Weiterreiten gestoppt worden. Er hielt jetzt die Z�gel locker in der Hand und starrte Uthman an. Dann blickte er nachdenklich �ber die wei�en Nebelschleier zur Rechten. Das Klatschen von schweren Fl�geln war �ber der Wasseroberfl�che zu h�ren. Was Uthman da eben gesagt hatte, war bedenkenswert, es klang so �berzeugend. Und dennoch�</p><p>Als sein Pferd wieherte und dann langsam weitertrabte, riss Uthman ihn aus seinen �berlegungen.</p><p>��brigens. Ich h�rte, eure christlichen P�pste seien nicht immer so gottlos gewesen wie dieser Clemens?�</p><p>�Er ist vielleicht nicht gottlos, Uthman, sondern nur schwach. Und der K�nig ist �berm�chtig. Ich glaube, Clemens wollte einfach nicht so enden wie sein Vorg�nger, das war der achte Bonifatius � soweit ich wei�, war auch er Alchemist. �brigens war es Bonifatius, der Clemens � damals hie� er noch Bertrand de Got � zum p�pstlichen Kaplan, sp�ter zum Bischof von Comminges und schlie�lich zum Erzbischof von Bordeaux ernannte. Als ich gerade einundzwanzig war, ja, ich erinnere mich genau, es war der Tag vor meinem Geburtstag, da gab Bonifatius eine Bannbulle heraus, die er <emphasis>Clericos laicos</emphasis> nannte. Darin verbot er den Angeh�rigen der Kirche, in irgendeiner Form Steuern an einen weltlichen Herrn zu zahlen. Vorausgegangen war n�mlich ein �bergriff Philipps, den man schon damals den Sch�nen nannte � sicher mit mehr Recht als heute. Er hatte Steuern auf kirchliche G�ter erhoben, ohne die Zustimmung des Heiligen Stuhls einzuholen.�</p><p>�Es ging immer um Macht und Geld, nicht wahr? Und wo blieb der wahre Glauben?�</p><p>�Den wahren Glauben vertrat der Papst. In einer weiteren Bulle mit dem Namen <emphasis>Unam sanctam</emphasis> schrieb er: F�r die Erl�sung der Menschheit ist es unerl�sslich, dass jedes menschliche Gesch�pf dem r�mischen Pontifex maximus Untertan sei.�</p><p>�Also auch der K�nig. Aber was geschah mit Bonifatius?�</p><p>�Nach der zweiten Bulle rief Philipp ein Konzil zusammen, das den Papst verurteilen sollte. Wo ich davon spreche, f�llt mir auf � mein Gott, es ist haarstr�ubend��</p><p>�Was denn?�</p><p>�Der Papst sollte wegen der gleichen Verbrechen verurteilt werden, die das K�nigshaus dann den Tempelrittern vorwarf � Ketzerei, Blasphemie, Sodomie, Simonie, Verkehr mit Geistern und D�monen! Es wiederholt sich, es ist unglaublich!�</p><p>�Was geschah dann?�</p><p>�Der Papst entwarf eine neue Bulle, um den K�nig zu exkommunizieren. Philipp antwortete mit Waffen. Mit Hilfe antipapistischer S�ldner nahmen seine Minister Thiery di Hirecon und Jacques de Jasseines und sein kirchenfeindlicher damaliger Kanzler Guillaume Nogaret den Papst in seinem Sommer sitz in Anagni bei Rom gefangen. Zwar versuchten die Einwohner des Ortes, Bonifatius zu befreien, was angeblich auch gelang, aber er starb an den Folgen der Ereignisse, denn er war bereits sechsundachtzig Jahre alt.�</p><p>�Ein solches oder �hnliches Schicksal will Clemens also nicht erleiden, deshalb schl�gt er sich gleich auf die Seite des K�nigs.�</p><p>�Und opfert bedenkenlos seine Br�der.�</p><p>Im Morgengrauen kamen sie in Montfaucon an, einem kleinen Ort, in dem sich rund um eine Kampfarena aus r�mischer Zeit freundliche, blumengeschm�ckte H�user duckten.</p><p>Henri zog den Zettel aus dem Mantelsack, den Raimundus ihnen gegeben hatte. Sie fanden ohne M�he die angegebene Anschrift. Als die beiden M�nner davor hielten, erschraken sie zu Tode.</p><p>Das Geb�ude aus grauem Gestein mit den winzigen, l�nglichen Fensterh�hlen war nichts anderes als der st�dtische Kerker.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>5</strong></p><p><emphasis><strong>Ende April 1314, Dies Irae</strong></emphasis></p></title><p>Man nannte die Frau nur �Die Hexe von Chalois�. Wie sie zu diesem Namen gekommen war, wusste sie allein.</p><p>An diesem Tag schrie sie. Wenn sie ihren �ngstlichen oder auch rachs�chtigen Besuchern sonst immer mit ruhiger Grabesstimme die Wahrheit gesagt hatte, diesmal schien sie die Kontrolle �ber sich zu verlieren. Und sie schrie: �Es ist, als ob die christliche Welt f�r ihre Taten bei der Ermordung der Tempelherren b��en m�sste! Den ganzen Fr�hling hat es hier geregnet, die Felder sind jetzt aufgeweicht. Ich sehe es ganz deutlich! Im Herbst werden die Ernten verrottet sein, das Vieh ertrinkt oder stirbt vor Hunger und unter seltsamen Krankheiten. Eine ungeheure Hungersnot wird ganz Europa heimsuchen, und mehr als ein Drittel der Menschen wird den Hungertod sterben! Vom Himmel fallen Feuer und giftige D�mpfe, danach breitet sich Dunkelheit vor den Augen und in den Herzen der Menschen aus.�</p><p>Ihr Besucher sagte streng: �Das solltest du nicht zu laut sagen, oder willst du auf dem Scheiterhaufen enden? Lass dir etwas anderes einfallen! Sag, die Tage des Gottesgerichtes waren ein Segen f�r alle, und die Menschen sind voller Hoffnung �ber die geschehenen Wunder! Was siehst du noch?�</p><p>�Ich sehe nur Dunkelheit, aber ich h�re Worte der Vernichtung. Die brennenden Gro�meister der Tempelherren haben zur Vesperstunde einen Fluch ausgesto�en, der sich erf�llen wird. Sie haben im Feuer, w�hrend sich ihr sterbender Blick �ber die k�niglichen G�rten und die Sainte Chapelle hinweg auf die T�rme von Notre Dame richteten, die Pest auf K�nig Philipp und alle seine Nachfahren herabgew�nscht. Und auch auf den Heiligen Vater. Sie prophezeiten, dass sie Papst und K�nig innerhalb Jahresfrist vor dem Richterstuhl Gottes wieder treffen w�rden��</p><p>�Das ist keine Vorsehung, Hexe, alle haben es geh�rt!�</p><p>�Aber ich wei�, dass dieser Fluch sich erf�llen wird! Ich sehe es! Noch in diesem Jahr werden beide sterben. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.�</p><p>�Sei still, verdammte Hexe! Oder ich lasse dir die Augen ausstechen und die Lippen aus deinem ketzerischen Mund herausschneiden! Bist du ganz sicher, dass du von der Erf�llung dieses Fluches h�rst?�</p><p>�Ich t�usche mich niemals. Denn wisst Ihr nicht, dass Magie und Hexerei Wirklichkeit sind? Ich brauche keine Foltermethoden wie Ihr, Monsire, um die Wahrheiten des Lebens herauszufinden. Ich sehe und h�re � das gen�gt. Ihr hingegen musstet die Tempelherren in Ketten legen, auf die Streckbank binden, ihnen Daumenschrauben anlegen, sie mussten hungern, wurden mit Gewichten beh�ngt, bis die Gelenke auskugelten, Z�hne und Fingern�gel wurden einzeln herausgerissen, ihnen wurden die Knochen mit dem Keil gebrochen, die F��e im Feuer verbrannt. Das ergab Eure Art von Wahrheit! Sie h�tten auch gestanden, Gott selbst erschlagen zu haben, wenn Ihr sie das gefragt h�ttet! Begreift Ihr nicht, wie untauglich solche Wahrheiten sind, Monsire?�</p><p>�Es ist nicht deine Aufgabe, dar�ber zu befinden, Hexe!�</p><p>Die alte Frau hob die Arme. �Ich ma�e es mir nicht an. Ihr habt mich befragt! Oder wart Ihr es nicht, der mich an diesem abgelegenen Ort aufgesucht hat � wie Ihr behauptet im Auftrag der k�niglichen Kanzlei von Paris?�</p><p>Der Besucher erhob sich und warf mit ver�chtlicher Miene ein Goldst�ck auf den Tisch. �Ich werde wiederkommen � um dich abzuholen.�</p><p>Als er schon hinausgegangen war, spuckte die Frau von Chalois ihm nach. �Bis ins dreizehnte Glied!�, murmelte sie. Von drau�en h�rte man die Ger�usche sich entfernender Schritte. Erst dann stand sie auf und l�ftete einen Vorhang, hinter dem jemand wartete.</p><p>�Er ist fort, kommt schnell, Kerkermeister�, sagte sie. �Beinahe h�tte Euch der verdammte Spitzel gesehen. Seit sie die Templer jagen, ist hier keiner mehr sicher.�</p><p>�Ich wei�, wen sie suchen!�</p><p>�Und wen?�, fragte die Wahrsagerin gespielt harmlos, w�hrend sie in Wirklichkeit schier platzte.</p><p>�Besser, du wei�t es nicht. Sie kamen jedenfalls im Morgengrauen zu mir � mit einer Empfehlung von Bruder Raimundus.� Der Kerkermeister Moreau lachte dr�hnend. �H�ttet sehen sollen, wie erschreckt die beiden dar�ber waren, wo sie sich befanden. Aber sie haben sich doch ein Herz gefasst, angeklopft und nachgefragt, hahaha! Ich habe die Empfehlung des Alchemisten, der fr�her oft hier war, als die anderen noch in Freiheit waren, nat�rlich sofort erkannt.�</p><p>�Sind es welche von diesen arroganten Ordensrittern, die sich um das einfache Volk nie geschert haben und in ihren Tempeln wer wei� was feierten?�</p><p>�Sage ich nicht.�</p><p>�Sind sie auf unserer Seite?�</p><p>�Es sind gute M�nner!�</p><p>�Also, was wollt Ihr im Auftrag Eurer geheimnisvollen Besucher bei mir bestellen, Kerkermeister?�</p><p>�Ihr k�nnt doch Blauen Eisenhut destillieren, Hexe?�</p><p><emphasis>�Aconitum napellus,</emphasis> das Gl�ckskraut?� Die Frau wackelte mit dem Kopf. �Ihr wisst wohl, dass dieses <emphasis>akoniton</emphasis> t�ten kann?�</p><p>Der Kerkermeister winkte ab. �Sie brauchen es nur als Zusatz, um ein Rezept rot zu f�rben.�</p><p>�Ach? Na, dann��</p><p>�K�nnt Ihr es nun herstellen?�</p><p>�Bis wann braucht Ihr es denn?�</p><p>�Ich brauche es nicht. Meine Besucher ben�tigen es. Und zwar schnell.�</p><p>�Bis wann?�</p><p>�Bis gestern!� Moreau lachte wieder dr�hnend und hielt sich seinen bebenden Wanst.</p><p>�Kommt morgen wieder.�</p><p>�Sie brauchen es schneller!�</p><p>�Satan noch mal! Ich muss das Kraut erst sammeln, oder denkt Er, es w�chst mir aus den Ohren?! Wir haben noch Gl�ck, denn der Hundsstern steht jetzt am Himmel. Ehe ich es ausgrabe, muss ich zuvor die Erde mit einem Opfer vers�hnen, erst dann ist sie bereit, dem Roten Adam, wie ich es nenne, Wei�e Jungfernerde herzugeben. Dann muss ich mit einem Eisen drei vollkommen ovale Kreise um die Pflanze ziehen und sie anschlie�end mit der linken Hand ausgraben. Wie das dauert! Und wenn w�hrenddessen der Mond auch nur f�r wenige Momente hinter einer schwarzen Wolke verschwindet, dann ist alles umsonst! Also geduldet Euch gef�lligst!�</p><p>�Wann morgen?�</p><p>�Um sieben Uhr in der Fr�he. Und keinen Augenblick davor, verstanden?! Und dann arbeite ich schon die ganze Nacht daran und kann kein Auge zumachen��</p><p>�Du machst sowieso nie ein Auge zu. �brigens zahlen sie gut.�</p><p>�Also um sieben!�</p><p>Als Moreau zum st�dtischen Kerker zur�ckkehrte, der im Moment nur zwei �Insassen� beherbergte, sah er, wie ein Fremder auf dem weit genug entfernten Kirchhof eine Kutsche bestieg. Er trug hautenge, weiche Stiefel bis �ber die Oberschenkel und ein halb langes rotes Surkot als Rock, der aus einem teuren Stoff bestand. Das musste der Besucher der Hexe gewesen sein, von dem er nur die Stimme kannte. Die von vier schwarzen Rappen gezogene Kutsche setzte sich in Bewegung und fuhr rasch nach S�den in Richtung Avignon davon.</p><p>Moreau �ffnete die hintere Au�ent�re des Karzers und schloss sie hinter sich sofort wieder. Er stieg zwanzig Kellerstufen hinab und betrat einen von Wandfackeln erhellten Raum. Darin standen vier vermauerte, knapp mannshohe �fen, von denen zwei in Betrieb gehalten wurden. Feuerschein drang ebenso heraus wie ein Glucksen und Brummen.</p><p>�Und?�</p><p>Moreau winkte ab. �Alles in Ordnung. Sie macht es bis morgen fr�h.�</p><p>�Dauert es so lange?�, fragte Henri de Roslin entt�uscht, denn er war einer der beiden Arbeiter an den �fen.</p><p>Uthman drehte sich um, schwei��berstr�mt, das Gesicht ger�tet. �Es ist schon gut. Bis dahin sind wir mit der Masse so weit. Ich brauche noch Holz.�</p><p>�Herrgott, braucht unser Amalgam denn Sonnenstrahlen?! Du ben�tigst immer noch mehr Hitze.�</p><p>�So viel wie m�glich. Sonst geht es uns so, wie der Minnes�nger Heinrich von Toledo einst sang � <emphasis>er hat lang gechalemaiet und viel verthan!�</emphasis> Uthman lie� lachend den Blasebalg ins Feuer fauchen, die inneren Silberbleche des Ofens gl�hten selbst wie Feuer. �Die erste R�tung f�rbt bald!�, rief er.</p><p>W�hrend der dicke Kerkermeister Holzscheite herantrug und in die untere Feuer�ffnung warf, trat Henri n�her. Hinter dem kleinen Sichtglas im kegelf�rmigen Ofendach aus gebranntem Ton schimmerte roter Wachs. Als Uthman um den Ofen herumging und einen Hahn aufdrehte, verlie� eine �lig flie�ende, aber kristallklare, w�ssrigrote Fl�ssigkeit den Ofen. Uthman fing sie in einer Silbersch�ssel auf und trug sie zu einem Destillierger�t im Hintergrund. Es wurde noch einmal erhitzt.</p><p>Als ein Fackelschein auf die Glasphiole fiel, in die es tropfte, leuchtete die Fl�ssigkeit wie ein roter Edelstein. �Es dringt in jedes andere Metall ohne Schmelzen ein�, sagte Uthman ehrf�rchtig. �Und wie ein unsichtbares Gift in den Leib.�</p><p>Henri sch�ttelte sich leicht. Das ganze Brimborium im Keller war ihm h�chst zuwider, es widersprach seiner ethischen Erziehung von Ehre und Gewissen zutiefst. Aber er wusste ja, wozu Uthman es anstellte. Er sagte: �Brauchen wir dann �berhaupt noch das fl�ssige Eisenkraut der Hexe?�</p><p>�Ja. Nur mit diesem Zusatz verdampft es uns nicht, und nur damit kann es getrocknet und zu Pulver verr�hrt werden � sonst bleibt es eine unstete Menge, die zu viel Quecksilber enth�lt und zu z�hen Schwefel.�</p><p>�Ich bewundere deine Kenntnisse, Uthman. Was w�rde ich ohne dich anfangen!�</p><p>�Ich arbeite weiter. Wir brauchen noch viel Fl�ssigkeit, denn es f�llt auf unglaubliche Weise in sich zusammen und wird in feinste und kleinste Teilchen zerlegt, wenn es mit <emphasis>Verbena officinalis</emphasis> zusammentrifft. Jedenfalls spricht mein schlaues B�chlein so.�</p><p>Erst gegen Morgen h�rte Uthman auf zu arbeiten. Sein Gesicht war aufgequollen, mit verbrannten Stellen, die Augen tr�nten. Henri schreckte, sitzend an die Wand gelehnt, empor, er war eingenickt. Es klopfte an der T�r.</p><p>Jetzt kam auch der Kerkermeister von der anderen Seite hereingeschlurft, er schlief in einer der leeren Zellen. Er g�hnte wie ein L�we und �ffnete. Die Hexe st�rmte in den Keller und stellte dann ganz vorsichtig ein rotes Pulver auf den abgewetzten, schmutzigen Holztisch.</p><p>Ehrf�rchtig betrachteten es die drei anderen.</p><p>Henri sagte: �Ist es�?�</p><p>�Ja�, antwortete sie schnell.</p><p>Uthman nahm das Fl�schchen, ging zum Destillierger�t und f�llte es ein. In der oberen, bauchigen Flasche, dem so genannten Mohrenkopf, begann es zu fauchen und zu sch�umen. Als die M�nner schon bef�rchteten, das Glas k�nnte zerspringen, fiel die Masse in sich zusammen. Es begann zu dampfen. Nach einer Weile schneite im Glaskolben ein farbloses Pulver herab, zwar nur ein kleines H�ufchen, aber die Hexe hob den Finger.</p><p>�Gebt Acht! Wenn es ein gutes Werk war, dann reicht schon die blo�e Ber�hrung, um einen friedlichen Abschied zu feiern! Allerdings geschieht das erst Tage sp�ter � aber so wolltet Ihr es ja.� Sie lachte ein wohlt�nendes Lachen, das ganz im Gegensatz stand zu einem Hexenlachen, wie Henri es sich vorstellte.</p><p>�Jetzt m�ssten wir es noch ausprobieren k�nnen�, meinte Henri. �Aber ich m�chte nicht, dass irgendeine Kreatur leidet, auch keine nichtsw�rdige Ratte. Alles ist f�r Clemens bestimmt.�</p><p>�Ich wusste es!�, meinte die Frau von Chalois.</p><p>Der Kerkermeister bekreuzigte sich. Henri de Roslin h�tte in den Boden versinken k�nnen vor Scham dar�ber, dass er ihr Ziel verraten hatte. Mit dem Instinkt des Tempelritters wollte er zum Knauf seines Schwertes greifen, aber ein schneller Blick auf die Frau und Moreau belehrte ihn dar�ber, dass sie das Geheimnis h�ten w�rden. Moreau nickte leise vor sich hin.</p><p>Uthman wischte sich die Stirn. �Der Dank Allahs und mein eigener bescheidener Dank seien Euch gewiss, liebe Helfer!�, sagte er. �Wir haben nun, was wir brauchen. Und deshalb ziehen wir sogleich weiter. Ein Dank auch den Alchemisten, die hier fr�her gearbeitet haben � �brigens, was wurde aus ihnen?�</p><p>�Brave Goldschmiede im Osten des Landes.�</p><p>�Geschah das freiwillig?�</p><p>Der Kerkermeister lachte bitter. �Seht es, wie Ihr es sehen wollt. Man warf sie in den wei�en Turm und zeigte ihnen die Folterwerkzeuge.�</p><p>Uthman meinte: �Die �fen sind jedenfalls herrlich!�</p><p>Sie entlohnten die beiden Zur�ckbleibenden f�rstlich. Uthman wusch sich anschlie�end, auch Henri tauchte den Kopf lange in einen Waschzuber und erblickte danach auf der zitternden Wasseroberfl�che sein sonnengebr�untes, noch junges Gesicht, das noch immer einen Bart zierte, der ihm durchaus vorteilhaft stand. Er beschloss, sich nicht eher zu rasieren, als bis Clemens vergiftet am Boden lag.</p><p>Eine Stunde sp�ter verlie�en sie Montfaucon.</p><empty-line/><empty-line/><p>Das Ch�teau von Roquemaure war der bedeutendste St�tzpunkt der k�niglichen Ritterschaft in der Grafschaft Cote du Rhone. Die Herren waren in der vorletzten Generation noch Raubritter gewesen, jetzt fr�nten sie nur mehr der Jagd mit abgerichteten Falken. In den dicken Mauern der alles �berragenden k�niglichen Festung f�hlte sich der Papst so wohl, dass er �fter hier als in Avignon weilte.</p><p>Als h�tte er jedoch eine Vorahnung kommenden Unheils besessen, war der Papst von Gnaden des franz�sischen K�nigs auf der R�ckreise von Avignon bei seinem alten Freund, dem Ritter Guillaume Ricard, abgestiegen. Hier, am Rand der Stadt Roquemaure, verf�gte er einen Zusatz zu seinem schon zwei Jahre zuvor verfassten Testament. Er f�hlte sich unwohl. Seine �rzte scharten sich um ihn und lie�en ihn zur Ader. Au�er diesen bekam ihn in diesen Tagen nur Ricard zu Gesicht.</p><p>Henri und Uthman h�rten davon, als sie in dem winzigen Ort Saint-Laurent-des-Arbres abstiegen. Ihr Wirt war ein zum Christentum konvertierter Maure aus Granada und zeigte sich so erfreut, mit Uthman arabisch sprechen zu k�nnen, dass er die Grenzen des Schicklichen verga�. Bei der Abendmahlzeit, die aus ger�uchertem Wildbret und W�rzwein bestand, redete er auf den Sarazenen ein. Der erhielt mehr Informationen, als ihm lieb war.</p><p>Als die beiden Gef�hrten endlich, es war schon fast Mitternacht, in einer gemeinsamen Stube auf ihren Strohs�cken lagen und sich ausruhten, sagte Uthman:</p><p>�Es ist, als spiele Clemens Katz und Maus. Was geht da vor? Er versteckt sich, reist kreuz und quer, verschwindet hinter dicken Mauern.�</p><p>�Sein leitender Stern, nach dem er sich richtet, ist allein seine Krankheit�, mutma�te Henri. �Nat�rlich ist das undurchsichtig und kommt uns wie die Bewegung eines Narren vor. Aber er macht sein Leiden zum Gradmesser seiner Aufenthaltsorte und seiner Taten.�</p><p>�Ich denke, es ist gleich. Wir m�ssen handeln.�</p><p>�Wie wollen wir vorgehen?�</p><p>�Ich werde bei diesem Herrn Guillaume Ricard vorstellig werden. Habe ich eine Gelegenheit, an einer gemeinsamen Mahlzeit teilzunehmen, nutze ich sie.�</p><p>�Du wei�t, der Papst isst nicht zu Abend wie gew�hnliche Leute. Er isst nicht, weil er Appetit versp�rt, zumindest nicht in der �ffentlichkeit. Seine Tafel ist immer Anlass der Zurschaustellung, der Repr�sentation, beispielsweise, wenn Fremde und G�ste anwesend sind.�</p><p>�Sicher. Ich werde mich herausputzen, mein sch�nstes Sarazenengewand anlegen und um seinen christlichen Segen bitten. Bin ich etwa nicht der Leibarzt des Muftis von Jerusalem? Ich habe in Cordoba mehr Leute von Leiden geheilt, als du glaubst, mein Freund, denn wenn sie h�ren, man sei Korangelehrter, halten sie unsereins auch gleich f�r einen Medicus. Ich kenne die arabische Medizin jedenfalls recht gut. Und das stelle ich gleich morgen fr�h unter Beweis. Dazu muss ich dich um einen Geldbeutel erleichtern.�</p><p>Am n�chsten Morgen �berraschte ihr Wirt sie mit der Nachricht, die ihm einer der Kutscher erz�hlt hatte: Der Papst bef�nde sich so wohl wie schon lange nicht mehr, er beabsichtige, nach Avignon zur�ckzukehren.</p><p>�Verdammt soll er sein! Ist er ein Vagant?! Was zieht er herum wie ein Bettelm�nch?!�</p><p>Henri beruhigte Uthman. �Du darfst keine Zeit verlieren. Reite zum Herrn Ricard, k�ndige dich dort an. Wenn der Papst wirklich nach Avignon zur�ckwill, wird er f�r den heutigen Abend ein Abschiedsessen geben. Daran musst du teilnehmen! Das ist unsere Gelegenheit, Uthman! Wenn alles gut geht, stirbt er erst auf dem R�ckweg nach Avignon, dann bist du schon in Sicherheit.�</p><p>Eine Stunde sp�ter staunte Henri nicht schlecht. Der Sarazene trat vor ihn hin. Er war gewandet in ein Panzerhemd aus eisernen Ringen, die auf einen roten Stoffuntergrund gen�ht waren. �ber einen gepolsterten Stehkragen fiel sein rabenschwarzes, halblanges Haar. Sein Schwert mit der kostbar verzierten Parierstange und das Schwertgeh�nge wurden von einem golddurchwirkten Umhang verdeckt. Seine Augen blitzten, als z�ge er in die Schlacht.</p><p>Henri reichte ihm einen prall gef�llten Beutel mit Goldst�cken. �Das hier wird dein Passierschein sein. Gib Acht, dass sie dich nicht f�r einen Angreifer halten! Und Gl�ck sei mit dir, mein Freund!�</p><p>�Warte hier auf mich, bis ich zur�ck bin. Sollte das nach zwei Tagen nicht der Fall sein, reite davon und k�mmere dich nicht um mich!�</p><p>�Nach zwei Tagen werde ich kommen und dich freihauen, egal, wer sich mir in den Weg stellt!�</p><p>�Nein! Du tust, was ich sage!�</p><p>�Ein Ritter tut nur das, was er sich selbst auferlegt, Sarazene.�</p><p>Uthman lie� sein erregtes Pferd t�nzeln. Dann lachte er, hob den Arm zum Gru� und preschte davon.</p><p>Henri stand unbeweglich da und sah ihm lange nach.</p><empty-line/><empty-line/><p>Eine gl�hende Sonne am Himmel, kein Schatten den ganzen Tag. Uthman war stramm geritten, um die Entfernung bis zum Ort der Entscheidung so schnell es ging zu �berbr�cken. Doch jetzt war sein Reittier schwei�nass, Flocken wei�en Geifers flogen aus seinen Lefzen, und Uthman ritt langsamer, um es nicht �ber Geb�hr zu schinden.</p><p>Er ritt durch W�lder und Flure, aus denen Raubv�gel aufflatterten. Dann wieder �ffneten sich Felder, die flei�ig von Bauern mit h�lzernen Ochsenpfl�gen bestellt wurden. Es war ein fruchtbares Land, und der Sarazene erinnerte sich, dass Henri ihm erz�hlt hatte, wie Tiere, Werkzeuge und Saatkorn, die in der Ackerwirtschaft der Provinz gebraucht wurden, unter dem Schutz der Templer, der H�ter des Gottesfriedens, selbst in Kriegszeiten unbehelligt blieben. Einmal kam er durch einen kleinen Weiler, in dem zwei alte Frauen bei seinem Anblick auf die Knie fielen und ein Sto�gebet zum Himmel schickten. Hunde wagten es nicht, sich dem Pferd zu n�hern, sie zeigten knurrend ihr Gebiss und duckten sich in den Staub. Uthman rezitierte stumm einen Vers des Korans.</p><p><emphasis>Und Allah spricht in der Sure Al-Baqarah, die Kuh, im 191. Zeichen: T�tet sie, wo immer ihr auf sie sto�t, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben, denn die Verf�hrung zum Unglauben ist schlimmer als T�ten.</emphasis></p><p>Der Sarazene erinnerte sich an seinen Vater, der ihn in die Koranschule geschickt hatte. Anfangs wollte er sich wehren. Er wollte kein Koransch�ler werden, sondern auf dem Feld der Ehre gegen die Ungl�ubigen k�mpfen, die das Heilige Land �berfielen. Aber sein Vater war streng gewesen � und seine Liebe grenzenlos. Der Sohn hatte sich gef�gt.</p><p><emphasis>Und Allah sagt in der Sure Al-Baqarah im 190. Zeichen: K�mpft auf dem Weg Allahs gegen diejenigen, die gegen euch k�mpfen. Doch �bertretet nicht. Wahrlich, Allah liebt nicht diejenigen, die �bertreten.</emphasis></p><p>Unser Kampf ist gerecht, dachte Uthman, wir �bertreten nicht. Unwillk�rlich ritt er noch langsamer. Als sich der Abend herabsenkte, kam in der Ferne die Stadt Roquemaure in Sicht. Die m�chtige H�henburg aus Quadern und rohem Bruchstein erhob sich auf einem Bergkegel, mit einem Burgfried, der in den Himmel zu wachsen schien. Die Festung besa� nichts Pr�chtiges, eher etwas Drohendes und M�chtiges. Es war ein Anblick wie geschaffen f�r K�mpfernaturen, denn in dieses Bollwerk zu gelangen schien nur m�glich, wenn man sich seinen Feinden vollst�ndig auslieferte.</p><p>W�hrend er jetzt an dem steilen Felsgrat, der parallel zur Rhone verlief, entlang ritt, �berlegte er, wie er es anstellen musste, den Ritter Ricard zu finden.</p><p>Er erblickte eine kleinere Burg stromabw�rts, auf einem steilen Felsen bis ins Tal abfallend, stromaufw�rts durch niedrigen Sattel mit dem Gebirge verbunden. War das die Besitzung des Ritters?, fragte er sich. Als er weiterritt, wurde ihm die M�chtigkeit dieser Wehranlage noch deutlicher. Der Anblick des ganzen Berges war �berw�ltigend, wenn man auch die ansteigenden Stadtmauern und die untere Burg und Stadt mit �bersah. Uthman f�hlte sich klein und unw�rdig. Aber das wei�e Pulver schien sich in seinem Lederbeutel zu entz�nden und ihm St�rke und Mut zu verleihen. Er legte unwillk�rlich seine Hand auf die Stelle, wo der Beutel auf seiner Brust lag.</p><p>Ohne Z�gern ritt er weiter und erreichte die kleine Stadt am Fu� des Abhanges, die die wichtige nach Norden weiterf�hrende Uferstra�e sicher beherrschte, denn diese f�hrte mitten durch die Hauptgasse.</p><p>�Sagt mir, wo erreiche ich die Burg des Herrn Ricard?�, fragte er einen Jungen, der gerade versuchte, seinen Terrier zu dressieren.</p><p>Der wies, unbeeindruckt von der imposanten Erscheinung des Sarazenen, zu der kleinen Burg am Ortsausgang. �Es ist die da.�</p><p>Uthman ritt weiter und erblickte die Burg mit einem starken Wohnturm in Form eines Kleeblattes auf einem zweiten Basaltkegel neben der Stra�e. Die Stra�e ging bergan. Auf halber Bergh�he stand eine malerische Kapelle mit Kirchhof, Uthman erblickte im Vor�berreiten gro�e Grabmale von zwei Familien, die Miravalle und Ventadour hie�en. Das mussten die ehemaligen Burgbesitzer gewesen sein, bis das Geschlecht der Ricard sie �bernommen hatte. Dahinter schirmte der Turm das Stadttor und beherrschte die Stadt.</p><p>Es war ein m�hsamer Aufstieg, der Weg allein machte deutlich, dass die Burgherren keine Besucher w�nschten. Hier stieg die Stadtmauer im steilsten Winkel bergan, von Zeit zu Zeit durch Mauert�rme verst�rkt, die Wehrg�nge und Zinnen zeigten. Dann, hoch oben, schloss die Mauer an den Felsenkamm der Burg an. Ein lang gestreckter, schmaler Mauerring umzog in wild zerrissenen und vielmals geknickten Linien den Kamm, dar�ber kreisten Raubv�gel. Endlich erreichte Uthman das S�dende des durch den Burgkern bekr�nten Kegels.</p><p>Die Spannung, die der Sarazene in sich sp�rte, lie� nicht nach. Er versuchte auch gar nicht, sie zu leugnen, sondern wollte sie als Fanal benutzen, um ohne Zaudern voranzuschreiten.</p><p>Er stand jetzt vor der Burgmauer der �u�eren Vorburg. Er besa� so viel Kenntnisse, dass er sah, wie die hohen Mantelmauern auf Palisaden, den Motten, gebaut waren, um sie bei einem Angriff vor Unterminierung zu sch�tzen. Nur ein kleiner Eingang am Fu�e des Turmes, das Angstloch, war vorhanden. Uthman blickte empor, er konnte sich vorstellen, wie die Burg zu verteidigen war, n�mlich durch einen Gussschacht und Gusserker, die Treppe dahinter f�hrte sicher durch alle gew�lbten Stockwerke bis zur Plattform.</p><p>Er sa� ab, zog am Glockenstrang und bestieg wieder das Pferd. In der H�he des viereckigen Wartturmes �ffnete sich eine kleine Luke.</p><p>�Euer Begehr!�</p><p>�Ich m�chte den Ritter Ricard sprechen. Und sollte es der Fall sein, dass seine Heiligkeit, der Papst, in seinen Mauern weilt, wie man mir sagt, dann w�nsche ich auch mit ihm zu reden.�</p><p>�Ach was? Und mit welcher Berechtigung?�</p><p>�Ich bin Uthman ibn Umar, Sarazene. Leibarzt des Mufti von Kairo. Ich habe dem Heiligen Vater ein Gesch�ft vorzuschlagen. Und nun melde mich an, ich bin nicht den weiten Weg geritten, um meine Zeit mit Torwachen zu vertun!�</p><p>Die Luke wurde zugeschlagen.</p><p>Uthman wartete eine geraume Weile. Als er schon glaubte, der W�chter habe die Anmeldung nicht weitergetragen, �ffnete sich der Turmeingang. Zwei Geharnischte lie�en ihn einreiten. Er kam in einen grob gepflasterten Hof, wo er absa�. Man f�hrte sein Pferd fort und winkte ihm, zu folgen.</p><p>Uthman versuchte, sich alles einzupr�gen, vielleicht musste er schnell fliehen. Die Kenntnis jeder Einzelheit konnte dann sein Leben retten.</p><p>Jetzt erst erreichten sie das unregelm��ige F�nfeck der eigentlichen Burg. Davor lag �berraschenderweise ein ausgedehnter Kr�utergarten, Uthman nahm im Vor�bergehen nur fl�chtig wahr, was sich darin befand. Ein schweres Doppelturmtor mit zwei Rundt�rmen, die gew�lbte Stockwerke umfassten, �ffnete sich vor dem Besucher. Es ging in die innere Vorburg und dann in die Torhalle des Donjon, des Wohnturms des Feudalherrn.</p><p>�ber eine Wendeltreppe und Leitern kam man in einen ansteigenden Burgteil, den ein weiterer, sehr starker Mauerring mit Wehrg�ngen umfasste, in denen Soldaten patrouillierten. Links vom Haupttor erhob sich ein anderer, an den Ecken verst�rkter Rundturm, von dem Bewaffnete zu ihm herunterblickten. Aus dieser Festung zu entkommen d�rfte schwierig sein, dachte Uthman. Und er betete zu Allah, der neun Namen trug, und bat um seinen Beistand.</p><p>Die G�nge in den drei Stockwerken, durch die er gef�hrt wurde, besa�en ein Deckengew�lbe mit Kreuzrippen und auff�llig tief herabh�ngenden Schlusssteinen. Einmal kam ihnen eine junge adlige Dame entgegen, die in einem Brevier las. Ihre H�nde waren von Seidenhandschuhen verdeckt, die nur die Fingerspitzen frei lie�en. Dann wurde eine letzte T�r ge�ffnet, und die Wachen bedeuteten ihm, zu warten.</p><p>Uthman sah sich um. Der Raum, in dem er sich befand, war mit ungew�hnlich zahlreichen und gro�en Kuppelfenstern versehen, durch die das Sonnenlicht ungehindert einfiel. Erst jetzt merkte er, dass er schwitzte. Aber das kam nicht allein von der Sonnenhitze.</p><p>Er wurde sich erneut bewusst, in welch heikler Lage er sich im Augenblick befand. War es nicht unglaublicher Leichtsinn, den Attentatsplan ausgerechnet in einer so gut gesicherten Burg ausf�hren zu wollen? Aber welche Burg war dies nicht? Und auf jeden Fall schien es hier nicht schwerer zu sein als im Dominikanerpalast von Avignon.</p><p>Uthman vertraute auf Allahs Beistand und auf seine eigene St�rke.</p><p>Eine T�r wurde aufgerissen. Ein Mann stolzierte herein, der gewandet war wie ein Stutzer. Er besa� eine d�nne, aber breitschultrige Figur, blondes, d�nnes Haupthaar und einen zitternden Schnauzbart. Der Edelmann ging mit in die Seiten gestemmten Armen um ihn herum.</p><p>�So, Ihr wollt also Sarazene sein, wie? Leibarzt des Muftis, wie?�</p><p>Er lie� pl�tzlich eine prasselnde Salve von arabischen Lauten auf Uthman niedersausen, es h�rte sich an wie explodierendes Schwarzpulver in d�nnen Eisenrohren.</p><p>Uthman begriff, dass der Edelmann seine �Echtheit� ergr�nden wollte, und antwortete belustigt mit einfachen arabischen S�tzen. Sein Gegen�ber war nicht �berzeugt, schien sogar noch misstrauischer zu werden.</p><p>�Warum sollte ich Euch glauben?�</p><p>�Ihr sollt es nicht.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Ich bin aus dem einzigen Grund hier, dass ich zum christlichen Glauben �bertreten m�chte. Ihr, Herr Ritter, seid mir gleichg�ltig.�</p><p>�Was?! Seid Ihr geistesverwirrt?! Wisst Ihr nicht, wer ich bin?�</p><p>�Nein. Es ist mir auch ganz gleich.�</p><p>Der Edelmann heulte auf. �Ich bin der Ritter von Pierrefonds, aus der bedeutendsten Burg zu beiden Seiten der Rhone! Ich besitze den gr��ten Donjon und den pr�chtigsten Palas, den jemals ein Baumeister baute.�</p><p>�Ich begl�ckw�nsche Euch dazu, Monsire. Aber jetzt lasst mich bitte zum Herrn Ritter Guillaume Ricard vor.�</p><p>Bevor er platzte, holte Herr Pierrefonds tief Luft, wobei er rot anlief. Dann wurde er bleich und beruhigte sich. Er wendete sich wortlos um und stapfte hinaus, die schwere Eichent�r schloss sich hinter ihm.</p><p>Kurze Zeit darauf kamen zwei Wachen. Sie bedeuteten Uthman, die Waffen abzulegen, die er besa�. Der Sarazene legte Dolch und Schwert vor sich auf den Boden. Die beiden Soldaten musterten ihn mit kalten, erfahrenen Blicken. Dann winkten sie ihn in den angrenzenden Raum. Hier bot sich Uthman ein Bild, wie er es seit seiner Jugend immer vor Augen gehabt hatte. Ein Bild, das er herbeibeschworen, verachtet und gef�rchtet hatte. Es hatte ihn in seinen Vorstellungen bis in das Mannesalter hinein niemals verlassen.</p><p>Er f�hlte sich in diesem Augenblick nicht nur wie Uthman ibn Umar, der gekommen war, den Papst zu ermorden, sondern auch wie der Repr�sentant seines Volkes, das verfolgt und bek�mpft worden war, das unendlich gelitten und sich blutig verteidigt hatte. Er f�hlte sich wie ein ausgew�hlter Sarazene aus f�nf Generationen K�mpfern gegen das r�cksichtslos einfallende Christentum.</p><p>Er beherrschte sich nur m�hsam.</p><p>Vor sich sah er das himmlische Bild, das sie immer von sich entworfen hatten. Unten die Heerscharen, jetzt verk�rpert von waffenstarrenden Edelm�nnern, die ihm feindselig entgegenblickten. In der Mitte die ausgew�hlten Herren mit bleichen Gesichtern und verkniffenem Mund. Und oben Gottvater. Der Sarazene erkannte ihn sofort, er hatte ihn schon einmal gesehen, und er trug die Tiara des Papstes auf dem Kopf. Der f�nfte Clemens in der Chronologie der Heiligen V�ter auf dem Stuhl des heiligen Petrus. Der Mann, der an der Spitze seiner Gefolgsleute von Kirche und Staat unerm�dlich f�r einen neuen Kreuzzug gegen sein Volk im Heiligen Land warb und Geld sammelte.</p><p>Kam dieser Kreuzzug jemals zustanden, dann starben mit den Christen vor allem seine eigenen geliebten Br�der und Schwestern zwischen Akkon und Askalon.</p><p>Sie hielten eine Art Thronrat ab. Herr Pierrefonds stand mit abgewendetem Gesicht an der Seite. Einer aus der Mitte der Pyramide, es mochte der Herr Ricard sein, denn er sprach herrisch und war am reichsten gewandet, sagte scharf: �Zu Boden! Ihr steht vor dem Stellvertreter Gottes auf Erden!�</p><p>Noch ehe Uthman reagieren konnte, schlugen ihm zwei Wachen ihre Lanzen in die Kniekehlen. Er sackte zu Boden.</p><p>�Den Kopf beugen, Ungl�ubiger! Was erlaubt Ihr Euch, uns mit den unversch�mten Augen eines Heiden anzublicken!�</p><p>Uthman hielt es f�r ratsam, den Befehlen zu gehorchen. Er verharrte in dieser Haltung, aus der Gegend der anderen vernahm er Stimmengemurmel. Nach einer Weile sp�rte er die K�lte der Fliesen, denn der dicke, blumengeschm�ckte Teppich begann erst unmittelbar vor ihm.</p><p>�Er behauptet also, Leibarzt des Mufti von Kairo zu sein?�</p><p>�Ja�, sprach Uthman dumpf in Richtung der kalten Fliesen.</p><p>�Hat er Beweise?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und warum sollten wir ihn dann nicht umgehend in das Verlies werfen, wo er vermodern wird?�</p><p>�Weil ich ein wichtiges Anliegen habe, Ihr Herren. Ich m�chte zum Christentum bekehrt und getauft werden. K�nnt Ihr es einer armen Seele, die lange irregef�hrt wurde, verwehren, den Weg ins Himmelreich antreten zu d�rfen, wenn der Tod naht?�</p><p>Gemurmel. Der Herr Pierrefonds kreischte jetzt: �Er l�gt doch! Ziehen wir ihm seine anma�ende Bekleidung aus und unterwerfen ihn der Folter, dann wird seine freche Stimme anders klingen!�</p><p>Eine Stimme, die Uthman bisher noch nicht vernommen hatte, sagte ruhig: �Halt! Der Fremde tr�gt ein Anliegen vor, dem sich kein Christenmensch verschlie�en darf! Wir sind nach den Sakramenten verpflichtet, jede Seele zu retten!�</p><p>�Gewiss, Heiliger Vater!�</p><p>Die Stimme des Papstes hatte so ruhig und milde geklungen, dass Uthman ihm manches zu verzeihen bereit war. Konnte das der Mann sein, der Tausende von Templern unger�hrt auf die Scheiterhaufen geschickt hatte? Er r�hrte sich nicht und wartete ab.</p><p>�Ihr d�rft aufblicken!�</p><p>Uthman richtete seinen Blick auf die himmlische Pyramide, wo der Stellvertreter Gottes inzwischen seine Hand ausgestreckt hatte. Einer der Edelleute machte eine herrische Geste, Uthman erhob sich. Er trat n�her und k�sste den leuchtenden Diamanten auf dem Ring der ausgestreckten rechten Hand, dann zog er sich ehrerbietig wieder zur�ck.</p><p>Die dunklen Augen von Clemens ruhten nachdenklich auf ihm, und Uthman sp�rte, wie dieser Blick versuchte, seine Absichten zu ergr�nden. Der Sarazene kniete sich vor dem Thron auf sein rechtes Bein, blickte geradeaus und nahm wahr, wie die seitw�rts postierten Soldaten ihre Schwerter und Lanzen zur�cknahmen.</p><p>�Nun sprecht!�</p><p>F�r den Moment bin ich gerettet, dachte Uthman erleichtert. �Ich komme aus Kairo. Schon immer war es mein Wunsch, Christ zu werden. Aber in meiner Heimat ist dies unm�glich. Seit St. Jean d�Acre fiel, ist der Hass meiner Landsleute gegen die Christenheit unvorstellbar gro�. Nur die Juden d�rfen am Leben bleiben. Deshalb bleibt mir keine Wahl, als in der Fremde den Segen des Heiligen Stuhls zu empfangen. Darum bitte ich Euch, Ihr hohen Herren, und dich besonders, verehrter Papst!�</p><p>�Was habt Ihr dem Heiligen Vater daf�r zu bieten?� Der Sprecher sa� rechts unterhalb des Throns, ein schwarz gekleideter Ritter, der ihn anfunkelte.</p><p>�Ich bin nicht arm. Da ich schon einige Zeit in diesem sch�nen Land bin, nachdem ich aus dem Morgenland kam, konnte ich an einem sicheren Ort eine Goldmenge verstecken, die nicht unbedeutend ist. Sie geh�rt Euch, wenn Ihr meine Seele gerettet habt.�</p><p>�Klingt vern�nftig!�</p><p>�Wer beweist uns, dass Ihr die Wahrheit sagt und wirklich Gold besitzt?�</p><p>Uthman griff unter sein Gewand und zog den prall gef�llten Lederbeutel hervor. Er legte ihn vor sich auf den Boden. Auf einen Wink des Herrn Ricard hin holte ihn ein Soldat und brachte ihn dem Burgbesitzer.</p><p>�Tats�chlich Gold! Eine nicht unerhebliche Menge, Heiliger Vater! Aber das reicht nur, um einen winzigen Teil von Euch zu taufen, Sarazene! Vielleicht Euer rechtes Ohr, wie? Und Ihr behauptet, noch mehr davon zu besitzen?�</p><p>�Ja�, antwortete Uthman einfach.</p><p>�Wo ist der Rest?!�</p><p>�Nach der Taufe erhaltet Ihr ihn bis auf das letzte St�ck.�</p><p>�Du feilschst mit dem Papst? Bist du von Sinnen? Ergreift ihn und presst aus ihm heraus, wo sich der Schatz befindet!�</p><p>Die Wachen st�rzten sich gierig auf den Gast, packten und rissen ihn empor, einer schlug ihm die flache Seite seines Schwertes schmerzhaft ins Genick und anschlie�end den kreuzf�rmigen Knauf des Griffes in den R�cken. Uthman st�hnte und sp�rte, wie seine Beine f�r einen Herzschlag weich wurden. Sie wollten ihn soeben nach drau�en schleifen, als eine laute Stimme Einhalt gebot.</p><p>�Nein! Lasst ihn! Kommt zur�ck!�</p><p>Der Ritter Guillaume Ricard war aufgestanden und verlie� jetzt den Thronaufbau, um den Fremden n�her ins Auge zu fassen. �Der Heilige Vater will das nicht. Nicht in seiner Gegenwart! Sagt uns, Ungl�ubiger, welche andere M�glichkeit als die Folter seht Ihr, damit Ihr uns Eure Sch�tze �berlasst?�</p><p>�Die Taufe!�</p><p>�Schafft ihn fort! Rei�t ihm die Zunge mit gl�henden Zangen heraus!�</p><p>Uthman sagte hastig: �Ich besitze allerdings noch einen anderen Schatz, der viel gr��er ist als Gold und Edelsteine!�</p><p>�Wie? Was?�</p><p>�Ich bin in der arabischen Medizin und Chemie kundig. Ich kann heilen. Das ist mein eigentlicher Reichtum.</p><p>In meiner Heimat werden sie nur aus diesem einzigen Grund wehklagen, dass ich fort bin. Nicht wegen des mitgenommenen Goldes. Ich sehe, der Heilige Vater ist krank. Aber nicht unheilbar. Ich kann ihn von seinen Qualen befreien!�</p><p>Durch den K�rper des f�nften Clemens ging ein Ruck. Sein roter Ornat straffte sich. In sein farbloses Gesicht mit der pergamentenen Haut trat Neugier. Er gab dem Herrn Ricard ein Zeichen, und der fragte:</p><p>�Was hat es damit auf sich?! Berichte!�</p><p>�D�rfte ich frei stehen?�</p><p>�Lasst ihn los!�</p><p>�Verzeiht mir, Heiliger Papst! Aber ich sehe Euch an, dass Ihr an einer Erkrankung der Verdauungswege leidet! Habt Ihr Kr�mpfe, brennende Schmerzen, Blut beim Stuhlgang? Ich kann Euch helfen, denn��</p><p>�Schweigt! Das Blut des Papstes ist heilig! Schon wird es ja in Reliquien gef�llt. Es kann nicht Gegenstand der schmutzigen Absichten eines Heiden sein!�</p><p>Wieder machte Clemens ein Zeichen.</p><p>Guillaume Ricard sagte: �Sprecht weiter! Aber h�tet Eure Zunge vor Entgleisungen!�</p><p>�Die arabische Medizin, Ihr hohen Herren, ist sehr alt. Und sie kennt keine Geheimnisse. Wir haben sie von den antiken Gelehrten �bernommen, kennen den Menschen auswendig und auch inwendig. Wir schauen in ihn hinein. Denn im Gegensatz zum Abendland d�rfen wir den K�rper von Kranken und von Toten auch �ffnen. Wir �ffnen sogar die Sch�del, trepanieren die Knochen und schneiden das Leiden heraus.�</p><p>Man bekreuzigte sich. Der Papst hob m�de den Arm und verhinderte dadurch, dass jemand etwas sagte.</p><p>Uthman fuhr fort: �Unsere Kenntnis der Stoffe erm�glicht uns, mit Hilfe der Chemie und nat�rlicher Dinge jedes Heilmittel herzustellen. Und wenn wir auch sonst keine Tugenden bes��en, daf�r sind wir ber�hmt��</p><p>�Wer hat Euch erz�hlt, dass der Heilige Vater krank ist?�, warf ein Mann ein, der einen akademischen Hut trug, vielleicht war es ein Arzt.</p><p>�Es sagte mir niemand. Ich sehe es mit eigenen Augen an der Farbe seines Gesichtes, an seinen Lippen, am matten Schimmer seiner Pupillen��</p><p>�Schweigt endlich! So redet niemand �ber den Heiligen Vater! Er ist kein gew�hnlicher Patient!�</p><p>�Lasst ihn, Guillaume�, sagte in diesem Moment der �ngstliche Clemens. Seine Stimme war herabgesunken. �Wenn Ihr mir sagen k�nnt, woran ich leide, dann will ich Euch glauben.�</p><p>�Ich kann es, wenn ich Euch ber�hren darf.�</p><p>�Niemand darf den Papst ber�hren, der am Abend noch beide H�nde haben will!�</p><p>�Ruhig, Guillaume. Wie wollt Ihr es anstellen, zeigt es mir.�</p><p>Uthman fasste sich ein Herz. Er ging mutig auf den Thronsessel zu. Gleichzeitig durchtobten ihn Gedanken mit dem unterschiedlichsten Inhalt. Sollte er den Heiligen Vater gleich hier t�ten? Aber das war nur um den Preis seines eigenen Todes m�glich. �Streckt den Arm der Herzseite aus, Exzellenz�, bat Uthman entschlossen. �Nein, ganz gerade. Wenn ich Euren Arm herunterdr�cken will, haltet dagegen, so fest Ihr k�nnt. So. Nun legt bitte die andere Hand zuerst auf Euren Hals.�</p><p>Clemens tat, wie Uthman ihn hie�. Der Sarazene dr�ckte auf den Arm und sp�rte den federnden Widerstand.</p><p>�Nun auf den Kopf. Nehmt bitte die Tiara ab.�</p><p>Clemens folgte dem Befehl. Ein junger Adliger nahm seine rituelle Kopfbedeckung eilfertig in Empfang. Wieder die gleiche Prozedur. Wieder sp�rte Uthman die Kraft der Gegenwehr.</p><p>�Nun auf den Bauch.�</p><p>Als Uthman den Arm niederdr�ckte, gab er nach, als sei er aus Schmand, der Sarazene konnte ihn ganz hinunterdr�cken.</p><p>�Jetzt tiefer, dorthin, wo der Darm sitzt.�</p><p>Die Kraftlosigkeit des Patienten, mit der er die Stellen und Organe seiner geheimsten Pein offenbarte, war f�r einen erfahrenen Mediziner wie Uthman erhellend.</p><p>�Jetzt auf den anderen Arm.�</p><p>Federnde, kraftvolle Gegenwehr.</p><p>�Wie ich schon sagte, Heiliger Vater. Ihr leidet unter einer Erkrankung des Magens und des Darmes. Auch Verstopfungen d�rften Euch nicht fremd sein.�</p><p>�Unsinn!�, rief der Medicus. �Der Heilige Vater ist gesund. Nur sein Blut ist manchmal dunkel, wir kurieren das neben strengster Urinschau und Verabreichung von Heilwasser durch fortgesetzten Aderlass.�</p><p>�Das hilft nichts, Magister�, sagte Clemens schwach. �Die Schmerzen bleiben � st�ndige Schmerzen.�</p><p>�Aber Exzellenz�, stotterte der Arzt. �Davon wusste ich nichts. Ihr sagtet doch��</p><p>�Ich kenne das Heilmittel�, sagte Uthman gefasst. �Aber ich verrate es nur dem Papst selbst. Und ich muss ihn dazu noch einmal gr�ndlicher untersuchen.�</p><p>Clemens dachte kurz nach, dann sagte er mit entschlossener Stimme: �Ihr folgt mir in meine Gem�cher. Die Sitzung hier kann warten. K�nnt Ihr mir wirklich helfen, mache ich Euch zu meinem Leibmedicus.�</p><p>Ricard warf ein: �Aber Papst, du kannst nicht allein mit diesem Ungl�ubigen sein! Ich traue ihm nicht. Wer wei�, was er im Schilde f�hrt. Lass wenigstens mich mitkommen.�</p><p>Uthman sagte: �Es k�nnen auch Wachen dabei sein, aber keine �rzte, sie haben seiner Heiligkeit schon zu viel zugemutet.�</p><p>Der Leibmedicus wollte aufbrausen, aber Clemens hob nur die Hand. �Folge mir, Herr Ricard, du kommst mit. Das gen�gt. Ihr anderen bleibt hier und wartet auf unsere R�ckkehr.�</p><p>Sie durchquerten G�nge, jetzt noch eskortiert von zwei Wachhabenden. In das Privatgemach des Papstes trat nur noch der Burgherr ein.</p><p>Uthman bat den Papst, seinen Oberk�rper zu entbl��en. Was f�r eine unerwartete Situation, musste er denken. Ich bin hergekommen, um diesen Mann zu t�ten. Und jetzt helfe ich ihm. Wenn ich ihm das Pulver gleich verabreiche, dann ist das Werk getan. Aber wenn sie mich gefangen setzen und er stirbt in den n�chsten Tagen, dann wissen sie, dass ich es war. Nein, ich muss warten. Das Gift entfaltet sich am unauff�lligsten im Essen. Bis dahin muss ich Geduld haben.</p><p><emphasis>�Media vita in morte sumus!�</emphasis> Die Worte des Papstes rissen ihn aus seinen Gedanken. Ja, dachte Uthman, ich wei�, mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Und doch wollen wir, dass man uns hilft und uns die Schmerzen nimmt.</p><p>�Aber was ich tun werde, ist kein Akt der Gnade�, sagte Uthman. �Dessen bed�rft Ihr nicht, Heiligkeit. Ich werde Euch gesund machen.�</p><p>Clemens sagte: �Kennt Ihr die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus, Heide? Der Prasser erleidet den Tod im Unfrieden mit sich selbst und mit der Welt, Lazarus hingegen wei�, dass er nichts zur�ckl�sst, wenn er in die himmlische Ewigkeit eingeht. Weder Reichtum noch �rzte oder Geistliche helfen dem, der den Armen und damit Christus die Hilfe verweigerte.�</p><p>�So ist es gerecht�, warf Ritter Ricard ein und bekreuzigte sich.</p><p>Der Papst zog sich aus, hielt dann aber ein und schien ganz in Gedanken versunken. Uthman wagte nicht, ihn zu unterbrechen. �Und er kam an eine Br�cke, unter der floss ein schwarzer, nebliger Fluss mit gro�em Gestank. Und da er �ber die Br�cke kam, waren da liebliche Wesen, die waren geziert mit wohlriechenden Kr�utern und Blumen, darauf wandelte eine Schar wei� gekleideter Menschen, die ers�ttigten sich an der S��igkeit der Blumen. Es war aber bei dem Fluss die Pr�fung: Welcher Ungerechte hin�berwollte, der glitt in den schwarzen, stinkenden Fluss. Die Gerechten aber gelangten sicheren Schrittes zu dem lieblichen Ort.�</p><p>�Du zitierst die <emphasis>Legenda Aurea,</emphasis> nicht wahr, mein Papst?�, sagte der Ritter Ricard. �Ein sch�nes Beispiel daf�r, dass die Menschen nur hin�berwollen und nicht verweilen.�</p><p>Der Papst nickte and�chtig.</p><p>�Und doch, Heiligkeit�, warf Uthman ein. �Wollen wir nicht die Zeit, die auf Erden uns gegeben ist, ohne k�rperliche Schmerzen verbringen?�</p><p>Erstaunt sagte Clemens: �F�r einen Ungl�ubigen seid Ihr erstaunlich einf�hlsam.�</p><p>Uthman betrachtete den weichen, unbehaarten Oberk�rper des vor ihm Sitzenden, die schmalen Schultern, den vorgew�lbten Bauch. Der Papst besa� schon schlaffe Haut, obwohl er erst im f�nfzigsten Lebensjahr war. Uthman hatte pl�tzlich Mitleid. Sollte er diesen Mann wirklich t�ten? Konnte er es tun?</p><p>Ich t�te ihn nicht, dachte er dann, um seine Hinf�lligkeit abzuk�rzen. Ich t�te ihn wegen der Tausenden, die er Marter, Willk�r und Tod preisgegeben hat. Man darf kein Mitleid mit den M�chtigen haben, wenn sie Macht �bertreten.</p><p>Allah sagt, �bertretet nicht. Allah liebt nicht diejenigen, die �bertreten.</p><p>Aber dieser hier hat seine Macht missbraucht. Man sieht ihm die Schuld nicht an. Aber er ist schuldig.</p><p>Er begann, den Oberk�rper des Papstes abzutasten. �berall sanken seine Finger im hinf�lligen Fleisch ein. Die Untersuchung f�hrte zu keinem anderen Ergebnis als dem, das er schon besa�.</p><p>Wieder sinnierte der Papst: �Wir verf�gen �ber die <emphasis>ars moriendi,</emphasis> aber dennoch f�llt es uns schwer, den Tod, den wir f�hlen, auch zu akzeptieren.�</p><p>Ritter Ricard sah seinen Papst erstaunt an, offenbar sprach dieser nicht oft so. Es war, als bes��e er eine Art d�sterer Vorahnung.</p><p>�Ich lasse Euch ein Pulver zerreiben. Euer Leibmedicus soll pr�fen, ob es aus heilsamen Stoffen besteht. Sicher kennt er die Ingredienzien, obschon ich bezweifle, dass er die Mischung kennt.�</p><p>Uthman wollte keinen Fehler machen. Deshalb schrieb er leicht leserlich auf einen Zettel verschiedene Kr�uternamen auf, die er beim Hereinkommen im Bestand des Gartens wahrgenommen hatte. Sie f�hrten zu einem Abf�hrmittel. Ein Bote wurde hereingerufen und verschwand mit dem Rezept. Nach einer Weile kam er wieder und sagte: �Der Medicus ist einverstanden, bezweifelt jedoch, ob es hilft.�</p><p>�Wir werden sehen�, sagte Uthman. Sein Mittel gegen Leibkr�mpfe hatte er von seinem Vater. �Lasst es nun zerreiben und zu einem Sud aufkochen. Es muss hei� getrunken werden.�</p><p>W�hrend sie warteten, lie� ihn Papst Clemens nicht aus den Augen. Er hatte sich wieder angezogen, nur die Tiara fehlte. �Sagt mir, Sarazene, was tun die arabischen �rzte anderes als die unsrigen? Wir kennen nicht viel mehr als den Aderlasskalender, der auf astrologischen Beobachtungen fu�t � und Ihr?�</p><p>�Nun, Austausch der K�rpers�fte, die mit dem p�nktlichen Aderlass zur rechten Zeit erzeugt werden, ist das eine�, erwiderte Uthman. �Aber zu h�ufiger Blutentzug f�hrt zur Schw�chung, nicht zur St�rkung des K�rpers. So wird niemand gesund.�</p><p>�Aber unseren �rzten und Badern f�llt nichts anderes ein! St�rkung durch Speise und Trank, Aderlasswein, Wei�brot, dreit�gige Ruhe. Und das sechsmal im Jahr. So schreiben es die <emphasis>Regima sanitatis,</emphasis> die Gesundheitsregeln, vor. Sie sagen, dass betr�btes Herz, h�ufiger Zorn und freudloses Gem�t lebensverk�rzend sind und Fr�hlichkeit langes Leben bringt � aber sie wissen nicht, wie sie es behandeln sollen.�</p><p>Uthman h�tete sich davor, �berlegen zu grinsen. �Hoher Herr Papst, ich will Euch gewiss keine Ratschl�ge erteilen, aber Eure �rzte scheinen wirklich nicht viel zu wissen. Ich bekam die Grundregel eines Medicus im Westen mitgeteilt: Wer am Abend trinkt, dass er sich kaum auf den Beinen halten kann, der soll am Morgen wieder trinken, damit er l�nger lebt. Mit solchen �rzten wird kein einziges Leben wirklich verl�ngert.�</p><p>�Alles liegt in Gottes Hand�, brachte sich Herr Ricard ein.</p><p>�Und Ihr, Sarazene?�, fragte Clemens. �Was habt Ihr uns zu bieten?�</p><p>�Ich bin nur ein kleiner Medicus, Herr. Eigentlich bin ich Korangelehrter. Aber diese beiden Gebiete des Lebens sind bei uns nicht getrennt � nicht so, verzeiht, wie bei Euch. Unsere Medizin befindet sich nicht im Gegensatz zu unserem Glauben, sie befindet sich deshalb weit voraus, weil wir keine Verbote kennen, zu forschen, um der Menschen willen. Denn verzeiht noch einmal � wir haben die antiken Schriftsteller nicht vergessen, sondern wieder zum Leben erweckt.�</p><p>�Und � was sagen die antiken Schriftsteller?�</p><p>�Sie sagen, dass ein Arzt vor allem Fingerspitzengef�hl haben muss. Und das bei allen Untersuchungen. Besonders aber bei Gehirnoperationen, die ihr Christen �berhaupt nicht kennt. Wir wenden das Trepanieren regelm��ig an � in Europa f�hrt es auf den Scheiterhaufen.�</p><p>�K�pfe zu �ffnen ist eine S�nde! Es verst��t gegen den Plan der Sch�pfung! Was Gott, der Herr, zusammengef�hrt hat, soll der Mensch nicht trennen!�</p><p>Uthman erkl�rte unbeeindruckt: �Es hilft aber. Besonders bei Splitterungen, wenn einer von einem Huftritt am Kopf getroffen oder von einem Steingeschoss verletzt worden ist. Was tut Ihr mit solchen Verletzten? Manchmal, wenn es um einen gr��eren Befall durch einen kranken Einfluss geht, muss der Sch�del aufges�gt werden, manchmal, bei kleineren erkrankten Stellen, gen�gt ein Krontrepan, er macht ein kleines Loch.�</p><p>�Das ist barbarisch!�</p><p>�Nein, Herr Ritter. Aber entscheidend ist, alles muss sauber sein. Die Unwissenden in Eurem Land glauben, Schmutz halte die Krankheiten ab � das ist falsch.�</p><p>Der Papst fragte argw�hnisch: �Und der Kranke wird nat�rlich bet�ubt?�</p><p>�Womit denn?�, warf Ricard h�misch ein, �bei uns verteilen die �rzte doch nur Kartoffelschnaps.�</p><p>�Herr Ritter, er muss Pflanzengift trinken. Es t�tet ihn nicht, sondern l�hmt ihn nur. Dann kann er sich weder bewegen, noch sp�rt er die Schmerzen beim Aufs�gen oder Aufbohren der Sch�deldecke. Ohne dieses Gift k�nnten unsere �rzte ihre Arbeit nicht tun.�</p><p>�Woher bekommt Ihr es?�</p><p>�Wir bereiten es aus den einheimischen Ingredienzien selbst zu. <emphasis>Cannabis sativa</emphasis> besitzt vierhundert verschiedene Substanzen. Die haupts�chlichen stillen den Schmerz und wirken gegen die Fallsucht.�</p><p>Sie wurden unterbrochen durch den eintretenden Bediensteten. Er streckte einen silbernen Pokal vor sich hin, in dem das aufgel�ste Heilmittel dampfte.</p><p>�Trinkt es, Herr Papst!�, sagte Uthman. Und als der Heilige Vater das tat, dachte der Sarazene: Es wird ihm tats�chlich helfen, denn er hat wahrscheinlich nur einen ger�teten Magen. Und ganz hinten in seinem Verstand entstand ein Gedanke, der ihm sagte, wie sch�n es sei, zu helfen. Helfen, nicht t�ten! Was war das f�r eine wunderbare Aufgabe!</p><p>Aber daf�r war er nicht hier! Dieser Mann hatte Hilfe nicht wirklich verdient, er musste sterben! Aber er, Uthman ibn Umar, beeilte sich in diesem Moment, ihm das Dasein zu erleichtern!</p><p>Uthman sah im Geist Henri de Roslin vor sich. Er w�nschte nur eines nicht � dass dieser ihn jetzt sah. Was w�rde er von ihm denken? W�rde er ihn f�r einen Verr�ter halten m�ssen? War er nicht in diesem Moment dabei, auf die Seite seiner Feinde �berzuwechseln?</p><p>Aber eines konnte ja durchaus noch passieren. Die Leiden des Papstes konnten nach dem Trunk schlimmer werden. Er konnte zusammenbrechen. Sein Magen k�nnte sich �ffnen und bluten. Dann w�rde er sterben.</p><p>Wenn das geschah, w�rde auch Uthman sterben. Er litte dann einen Tod, der schlimmer sein w�rde, als es sich jemand unter den Lebenden vorstellen konnte!</p><empty-line/><empty-line/><p>Henri hatte den ganzen Tag unruhig gewartet. Er zog sich zur�ck und benutzte die Gelegenheit, um seine Sachen in Ordnung zu bringen. Sein Pferd musste vom Schmied am Ortsrand neu beschlagen werden, und er lie� auch sein eigenes Schuhwerk von einem ans�ssigen Handwerker flicken. Er erstand auf einem kleinen Markt neue G�rtel und Spangen und einen Speckstein, mit dem er die Klinge seines Kurzschwertes nachzog.</p><p>Es war hei�. Feiner Staub legte sich �ber den Ort Saint-Laurent-des-Arbres. Obwohl es erst auf die letzten Tage des April zuging, schienen schon Feuer im Himmel zu brennen.</p><p>Als sich der Abend herabsenkte, stand Henri unschl�ssig in der karg eingerichteten Stube ihrer Herberge. Er versuchte, sich vorzustellen, was Uthman gerade tat. Ob alles gut ging? Henri machte sich Vorw�rfe. H�tte er die Tat nicht doch selbst durchf�hren m�ssen? Uthman hatte ihn beschwatzt. Sicher mit guten, vern�nftigen Gr�nden, aber h�tte er sich wirklich darauf einlassen d�rfen?</p><p>In diesem Augenblick w�re Henri de Roslin am liebsten losgest�rmt, um seinen Fehler zu berichtigen.</p><p>Um sich zu beruhigen, nahm er das kleine Buch mit den Ordensregeln aus der abgehalfterten Satteltasche. Er las darin, erinnerte sich voller Wehmut an seine Zeit im Tempel von Paris und schloss ein kurzes Gebet an. Seine Unruhe wuchs. Er lauschte nach drau�en. Von unten her, aus der Gaststube, drangen undeutliche Ger�usche, jemand lachte laut.</p><p>Henri packte seine Rittertracht aus. Er besah sie lange und nachdenklich. Dann zog er sie kurz entschlossen �ber. Den Leinen�berwurf, die Beinschienen, die Pumphosen, den wei�en Rock mit roter Sch�rpe, dar�ber den weiten schneewei�en Umhang mit dem roten Tatzenkreuz auf Brust und R�cken und auf beiden Schultern. Er g�rtete das Schwert. Zum Schluss st�lpte er den scharnierlosen Helm auf das dichte dunkle Haar.</p><p>So stand er im Halbdunkel da. Ein Krieger, zu allem ger�stet und bereit, das Seine zu tun. Er wartete. Wenn es jetzt notwendig wurde, konnte er sich mit einem Tigersprung in den Tempelritter verwandeln, der f�r Ehre und Gerechtigkeit focht.</p><p>Was geschah in diesem Moment mit Uthman?</p><p>War der Gef�hrte in Gefahr?</p><p>Henri beherrschte sich m�hsam. Aber er wusste jetzt, er h�tte den Sarazenen nicht allein lassen d�rfen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Der Papst musste sich hinsetzen. Er beugte sich vorn�ber, als zerrissen ihn Schmerzen. Ein schmatzender Laut verlie� seinen Mund. Dann richtete er sich wieder auf und sah den Sarazenen verwundert an. �So wohl�, sagte er, �habe ich mich nicht mehr gef�hlt, seit ein g�tiges Geschick mein linkes Bein wunderbarerweise vom Altersbrand befreite. Doch daran, das glaubt mir, waren meine �rzte nicht schuld.�</p><p>�Es geht Euch besser, Herr Papst?�</p><p>�Ja, Sarazene. Ich muss Euch danken. Und glaubt mir, w�re dies nicht der Fall, w�rde ich Euch in diesem Moment den Folterknechten �berantworten.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Uthman, innerlich schaudernd. Und in Aufruhr, weil seine Kenntnisse seinem bittersten Feind n�tzten und weil sein eigentliches Vorhaben in immer weitere Ferne r�ckte.</p><p>Clemens blickte den Ritter Ricard an, der sich aufrichtig freute, und sagte: �Das feiern wir! Ich gebe unserem weit gereisten Gast zu Ehren heute Abend ein Essen. Und �ber Eure Taufe und Bekehrung sprechen wir noch. Ich denke, das hat Zeit. Ich spiele mit dem Gedanken, Euch in meiner N�he zu halten � denn Eure Kenntnisse sind tats�chlich, wie Ihr selbst schon sagtet, der eigentliche Schatz!�</p><p>Uthman verneigte sich. �Ihr seid sehr g�tig, Herr Papst!�</p><p>�Ricard, organisiere das Essen! Ich will alles nur vom Besten, verstehst du? Vergiss nicht die gesottenen Rotkehlchenzungen.�</p><p>�Wenn du das sagst, dann bist du wieder gesund, Clemens�, sagte Ricard. �Es ist ein Wunder!�</p><p>�Nun, Gott bewahre, wir wollen einen Sarazenen nicht als Wunder bezeichnen! Das k�nnte �ble Folgen haben!�</p><p>Uthman wurde in ein Gemach gebracht, das nicht weit entfernt lag. Er fieberte dem Abend entgegen, an dem die Tat ausgef�hrt werden musste. Wie er jedoch aus der Burg entkommen sollte, das war ihm schleierhaft. Der Papst hatte ihm etwas geschenkt. Es war ein silberner Bisamapfel, in dem sich ein Abwehrmittel aus Kr�utern befand. Gegen Ungl�ubige, hatte der Heilige Vater gemeint. Uthman band es sich um den Hals und dachte: So richte es sich gegen Euch selbst!</p><p>Der Abend kam.</p><p>Im <emphasis>Donjon</emphasis> der Burg des Herrn Guillaume Ricard hatten sich an die hundert G�ste eingefunden. Es war eine ungew�hnliche Ehre f�r Uthman, dass er neben dem Heiligen Vater sitzen durfte. Clemens wirkte munter, seine Gesichtsfarbe hatte sich aufgehellt, die Leib�rzte steckten die K�pfe zusammen und konnten es nicht fassen. Als die G�nge mit silbernen Schalen aufgetragen wurden, griff ihr Herr mit gesundem Appetit zu. Der p�pstliche Mundschenk sp�rte, wie sein Herz stillstand, sein Herr lehnte zum ersten Mal, seit er ihn kannte, das Procedere des Vorkostens, das Ber�hren aller Speisen mit kleinen St�cken von Brot und deren vorsichtigen Verzehr, ab! Der Sarazene musste ihn verhext haben!</p><p>Uthman dagegen f�hlte sich unbehaglich. Er war auf dem Sprung. Das Pulvers�ckchen lag in der Tasche seines <emphasis>Entari,</emphasis> eines eleganten, seidenen Umhangs, der bis zum Boden reichte, bereit. Man a�, plauderte, Musik spielte. Und Uthman wurde immer verzweifelter, weil die Erf�llung seines eigentlichen Auftrages in immer weitere Ferne r�ckte.</p><p>Aber er wusste, dass die Situation durchaus etwas Gutes besa�. Jeder sah, dass der Papst gesund war. Dass er wie durch ein Wunder munter wirkte, wie schon seit Jahren nicht mehr. Im Moment dachten h�chstens die Leib�rzte, der Sarazene wolle ihm nach dem Leben trachten. Zumal Uthman keine Gelegenheit auslie�, die Vorz�ge der arabischen Medizin zu schildern.</p><p>Er bem�hte sich gerade, jeden Verdacht des Mystischen zu beseitigen, schilderte die vern�nftigen �berlegungen der antiken Mediziner und das handwerkliche Geschick der arabischen, da beugte sich der Papst zu ihm und sagte leise:</p><p>�Hat er noch von dem P�lverchen? Ich sp�re, wie der alte Schmerz zur�ckkehrt und Bl�hungen aufsteigen wie Sumpfblasen.�</p><p>Uthman z�gerte einen Herzschlag lang. Jetzt, das sp�rte er, war der Moment gekommen, sich zu entscheiden. Jetzt musste er das Richtige tun. Und danach durfte er keinen Schritt mehr zur�ckweichen.</p><p>Er griff nach seinem Lederbeutel, in dem das Gift schlummerte, welches gnadenlos t�ten sollte.</p><p>Er zog es hervor. Der philosophische Merkurius mit der Alchemistischen Formel schien schwer in seiner Hand zu wiegen. Er sch�ttete dem Papst ein wenig davon in den Weinpokal. Und Clemens trank es. Uthman hielt den Atem an.</p><p>Der Papst wischte sich die Lippen ab und sagte:</p><p>�Wie wunderbar! Noch nie schmeckte mir Wein so gut! Oh, ich habe einen Hunger, wie ich ihn noch nie versp�rte! Mehr von dem Wildbret! Und spart nicht an dicker Sauce!�</p><p>�Halt!�, meldete sich da der p�pstliche Mundschenk. �Das geht nun wirklich zu weit! Verzeiht, mein Herr Papst und Gebieter! Aber lieber will ich sterben, als Euch dieser Gefahr auszusetzen! Ein Heide sch�ttet Euch Pulver in den Wein! Das d�rft Ihr ohne Giftprobe auf keinen Fall trinken!�</p><p>Der Papst lehnte sich l�chelnd in seinem Sessel zur�ck. �Ich habe es bereits in meinem Zimmer getrunken. Und es hat mir wohl getan.�</p><p>�Bitte lasst mich wenigstens jetzt eine Giftprobe machen�, dr�ngte der Mundschenk.</p><p>�Macht die Giftprobe�, sagte Clemens milde. �Wartet. Was nehmen wir? Den Bezoar? Nein. Natternzungen? Das Einhorn? Kr�tensteine? Serpentin? Nein. Pulver vom Steinbockhorn? Hole er den schwarzen Haifischzahn aus Gestein! Er ist gegen Gift der m�chtigste Verb�ndete!�</p><p>Uthman zuckte zusammen. Jetzt fliegt alles auf, dachte er. Er sagte m�hsam: �Ihr misstraut mir?�</p><p>�Keineswegs�, antwortete der Papst. �Aber ich esse und trinke sonst nie, bevor meine Mundschenke und Vorkoster die Giftprobe gemacht haben. Erst wenn mein Truchsess mein Tranchierbesteck k�sst zum Zeichen, dass es giftfrei ist, darf ich anfangen. Wisst Ihr, mein Geschirr wird auf dem Weg von der K�che zur Tafel mit T�chern gebunden, auf Reisen sogar mit einem Schl�sselchen abgesperrt. Meine Utensilien, Tischt�cher, Servietten, Gew�rzf�sschen und mein Essger�t sch�tzt Tag und Nacht mein vertrauensw�rdigster Hofbeamter. Kennt Ihr nicht das Wormser Hofrecht, in dem es hei�t, dass Giftmorde fast t�glich in der Bisch�flichen Familie geschahen? Seitdem haben wir Mundschenke, Truchsesse, K�mmerer f�r unsere Giftproben. Heute habe ich bereits gewaltig �ber die Str�nge geschlagen und war sehr leichtsinnig.�</p><p>Man sch�ttete mehr Wein in eine silberne, henkellose Schale. Der oberste Mundschenk verlangte das restliche Pulver. Uthman zog den Beutel hervor und gab es ihm. Er richtete ein Sto�gebet zu Allah.</p><p>�Das dauert keinen halben Stundenumlauf�, erkl�rte der Ritter Ricard. �Ich mache es sonst immer mit einer Probe aus Bergkristall an einer silbernen Kette. Die Giftprobe hat mehr Menschenleben gerettet als alle �rzte zusammengenommen.�</p><p>Jemand hatte inzwischen ein silberbeschlagenes Tafelschiff, das <emphasis>Nef,</emphasis> gebracht, an dem schwarze Haifischz�hne wie an einem Baum hingen. Er nahm einen mit einer gezackten Silberfassung herunter und h�ngte ihn an seinem Ring in die tiefe Schale.</p><p>Die G�ste traten n�her und beugten sich gespannt �ber das Trinkgef��.</p><p>Der redselige Mundschenk erkl�rte: �Es ist seit der Antike unser bester Giftschutz, und Ihr wisst sicherlich vom Schlangenwunder, das der Heilige Petrus auf Malta wirkte. Wir Christenmenschen vertrauen seiner Kraft.�</p><p>�Wenn der Zahn sich verf�rbt, seid Ihr ein toter Mann�, sagte ein Arzt h�misch zu Uthman.</p><p>Der Sarazene sp�rte, wie sein Blut aufwallte. Er erhob sich. �Verzeiht mir, aber eine pl�tzliche �belkeit � ich muss zum <emphasis>locus secretus�</emphasis>�</p><p>�Aber nein, langsam!� Ein bewaffneter Gehilfe des Mundschenks dr�ckte ihn auf den Sitz zur�ck. �Hier geblieben!�</p><p>Auch Clemens blickte ihn pl�tzlich misstrauisch an. �Ihr wollt Euch zur�ckziehen? Seht Ihr etwa dem Ausgang der Probe zweifelnd entgegen?�</p><p>�Gewiss nicht. Ich habe nur viel fettes Fleisch gegessen, die franz�sische K�che ist nichts f�r meinen Magen, der an fleischlose Kost gew�hnt ist.�</p><p>�Wartet, bis die Probe vollzogen!�</p><p>Uthman suchte verzweifelt nach einem Grund, die Burg verlassen zu d�rfen. Denn zweifellos musste ihre Probe, von der er schon geh�rt hatte, das Gift im Wein nachweisen. Solche Proben waren sicher. Und dann w�rden sie es ihm wahrscheinlich in den Hals sch�tten�</p><p>Ein k�hner Plan war in ihm gereift. Er sprang auf. Sein Sitz st�rzte um.</p><p>�Dieses Misstrauen ertr�gt kein freier sarazenischer Mann! Ihr habt mein Wort, es ist eine unverzeihliche Beleidigung, an meiner Ehre zu zweifeln! Ich ziehe meinen Wunsch nach Bekehrung und Taufe zur�ck! Aber ich stehe zu meinem Wort! Morgen in der Fr�he kehre ich zur�ck mit dem Gold, das ich Euch versprach! Ihr sollt es haben. Und nun lebt f�r heute wohl, die Einsamkeit ist mir jetzt lieber als die Gegenwart von Feindseligen.�</p><p>Der Papst hob die Hand. �Das Misstrauen richtet sich nicht gegen Euch. Ich sagte ja, wir vollziehen diese Probe <emphasis>fare assazium</emphasis> immer, sie ist seit unserem verehrten Vorg�nger, dem seligen Bonifatius dem Achten, �blich. Bleibt also. Aber wenn Ihr wollt, k�nnt Ihr nach Beendigung der Probe gehen. Zieht Euch danach zur�ck, wenn Ihr wollt. Aber jetzt setzt Euch wieder! Ihr seid Gast des Papstes � wollt Ihr Euch daran erinnern?�</p><empty-line/><empty-line/><p>Henri de Roslin stand noch immer in seinem dunklen Zimmer, angespannt wie ein Raubtier auf dem Sprung. So hatte er schon ganze N�chte lang auf Kriegsz�gen verbracht, die Sinne gesch�rft, den K�rper ohne Erm�dungserscheinungen hoch aufgerichtet. Ohne einen Laut zu verursachen. Die Ger�usche von unten dagegen wurden lauter. Das Lachen von Betrunkenen stieg zu seiner Stube herauf, es klang wie ein Hohnlachen �ber die Vergeblichkeit seiner Pl�ne. Henri wischte diesen Eindruck fort. Er sp�rte seine Waffe an der Seite. Und er sp�rte seinen eiskalten Mut. Entschlossenheit stieg in ihm auf.</p><p>Und dann trat er ans Fenster. Er konnte sehen, wie sich im Stall gegen�ber sein Reittier bewegte. Es war unruhig und schnaubte.</p><p>Henri l�schte die flackernde Wachslampe im Zimmer nicht. Er �ffnete das Fenster, trat auf den Sims und schloss es hinter sich. Dann sprang er. Unsanft landete er auf dem Boden, aber sein geschmeidiger K�rper federte den Aufprall m�helos ab. Henri holte sein Tier, schwang sich in den Sattel, gab die Z�gel frei und ritt wie ein Krieger in der Attacke nach Norden. Seinen Schlachtruf �Beaus�nt � la rescousse!� lie� er jedoch nur lautlos in seinem Inneren ert�nen, denn er trug auch sein schwarz und wei� geteiltes Banner, auf das er sich bezog, nicht.</p><p>Es war ihm gleich, ob jemand ihn im vollen Ornat der Tempelritter bemerkte. Er war wieder in Feindesland. Und sein Freund brauchte vielleicht Hilfe. Das lie� ihn alle R�cksichtnahme vergessen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Uthman wurde auf den Sitz zur�ckgedr�ckt. Er sah in ger�tete, feindselige Gesichter. Die p�pstlichen �rzte gaben bereits Anweisungen, wie mit der Giftprobe weiter zu verfahren sei.</p><p>Wieder beugten sich alle �ber die Schale mit dem rot funkelnden Wein. Verf�rbte sich nicht der Haifischzahn in diesem Moment blutrot? Der Mundschenk zog ihn mit triumphierender Miene heraus, als Beweis, dass es niemals ohne seine pr�fende, das Leben seines Herrn sch�tzende Arbeit ging.</p><p>Dann steckte er den Zahn mit allen Anzeichen sichtbarer Entt�uschung wieder in die Silberschale zur�ck.</p><p>Uthman atmete auf. Aber er �berlegte weiter fieberhaft, was er als N�chstes tun musste. Henri de Roslin � steh mir bei!</p><p>Die Zeit verging. Die Speisen wurden abger�umt und aufgew�rmt. Dann zog der Mundschenk den Haifischzahn heraus, untersuchte von allen Seiten, ob er sich verf�rbt habe, und verk�ndete:</p><p>�Die Giftprobe ist beendet. Es gibt kein Gift in diesem Wein und damit auch nicht im Pulver des Sarazenen. Sein Pulver ist ungef�hrlich.�</p><p>Der Papst legte Uthman die Hand auf den Arm. �Ihr k�nnt gehen, wenn Ihr wollt. Aber ich bitte Euch � kommt wieder! Mit oder ohne Gold, das ist mir egal. Nur, bleibt mit den Kenntnissen Eurer arabischen Medizin in meiner N�he!�</p><p>Uthman sp�rte die K�lte des Todes neben sich und erschauerte. Und w�hrend er leicht taumelnd aufstand, nahm der Papst die Silberschale in seine beiden H�nde und trank mit gro�en Schlucken. Uthman ging wie im Traum zur T�r, die ihm ge�ffnet wurde. Hinter ihm entstand freudiger L�rm, und er vernahm noch die Stimme des Papstes, der rief:</p><p>�Mehr Wein und Wildbret! Alles mundet so wunderbar! Welch ein gesegneter Tag!�</p><p>Uthman passierte die Flure des Palas. Fl�gelt�ren gingen auf und wurden hinter ihm zugeschlagen. Er bem�hte sich, ganz langsam und w�rdevoll �ber die schweren Wollteppiche zu gehen. Er holte seine wenigen Sachen, lie� im Vorhof sein Pferd satteln, und als der Mond mit seiner waagerecht liegenden Sichel hinter einer schwarzen Wolke auftauchte, bestieg er sein Reittier und trabte polternd �ber das Kopfsteinpflaster zur Torhalle.</p><p>Dahinter lag das Fallgitter an der Zugbr�cke. Es wurde erst direkt vor ihm mit einer Winde hochgezogen, als er hindurchritt, schwebten dicht �ber seinem Kopf einen Augenblick lang die spitzen, gr�sslichen Sparren des Gitters wie das aufgerissene Maul eines Wales.</p><p>Er dr�ckte seinem braven Pferd die Hacken in die Weichen. Unmerklich ritt er immer schneller. Dann rief er aufmunternde Anfeuerungen, und nun preschte das Tier in wildem Galopp dahin, die Burg wie einen Spuk hinter sich lassend.</p><p>Und als er durch eine Senke kam, tauchte vor ihm urpl�tzlich eine schemenhafte Gestalt auf. War es ein Gespenst? Sein wei�es Gewand leuchtete im Mondlicht. Jetzt sah Uthman die blutroten Tatzenkreuze. Noch nie war er �ber diesen Anblick so erfreut gewesen.</p><p>�Holla!�, h�rte er rufen.</p><p>�Holla, mein Freund!�</p><p>�Berichte!�</p><p>�Es ist vollbracht! Er wird sterben. Keine Macht der Welt rettet ihn mehr.�</p><p>Henri de Roslin, in der vollen Tracht des kriegerischen Tempelherrn, kam an seine Seite. Sie ritten einen Moment Steigb�gel an Steigb�gel, und Uthman redete sich die Spannung von der Seele.</p><p>Henri legte ihm die Hand auf die Schulter. Dann sagte er mit seiner wohlt�nenden Baritonstimme: �Verschwinden wir von hier. Vor uns liegt noch ein weiter Weg. Wir m�ssen von nun an spurenlos sein wie dein Gift, denn sie werden uns gnadenlos jagen.�</p><p>Und dann preschten sie in einer Staubwolke davon, hinein in die dunkle Nacht mit allen ihren Gefahren und Geheimnissen, die sie nun niemals mehr verlassen w�rden. Ihre Pferde streckten sich im vollen Galopp.</p><p>Und die Staubwolke legte sich nur langsam wieder.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>DRITTER TEIL</strong></p></title><section><title><p><strong>6</strong></p><p><emphasis><strong>Ende Oktober 1314, vor Allerseelen</strong></emphasis></p></title><p>Der Fr�hling war dem Sommer gewichen, die W�rme des Sommers den St�rmen und Launen des Herbstes, nun lie�en die ersten Fr�ste den Boden erstarren. Joshua ben Shimon blickte aus der T�r seiner flachen, mit Schilf des nah gelegenen Flusses Vesgre gedeckten H�tte auf die mit schmutzigem Wei� �berzogenen Felder. Fest griff seine knochige, noch immer sonnenverbrannte Hand um den Brief, den er in den Morgenstunden geschrieben hatte. Es war der wichtigste Brief seines Lebens. Er richtete ihn an K�nig Philipp den Sch�nen.</p><p>Joshua sah am Himmel das Unheil des kommenden Winters mit seinen Plagen. Seine kleine und hagere Gestalt sch�ttelte sich bei der Vorstellung von monatelanger K�lte, von Schneest�rmen, von Wolfsrudeln, die rasend vor Hunger durch das Land ziehen w�rden, von Scharen schwarzer Kolkraben, die den Himmel verdunkelten, wenn sie auf der Suche nach dem letzten Vieh �ber die Anger und Weiler stoben. Joshua war aber gewitzt genug, sieh mit einem Gedanken an seine B�cher zu tr�sten. Schlie�lich besa� der Winter auch die Feuer, und die w�rden in Joshuas Kamin brennen, ihr Schein w�rde an jedem Abend die Seiten in den gro�en Folianten des universell belesenen Juden beleuchten. Und seine junge Bedienstete Mara w�rde ihm hei�e, duftende Suppen bringen und mit sanfter, wohlt�nender Stimme mahnen, mehr zu essen.</p><p>�Joshua! Das Feuer geht aus!� Die kr�chzende Stimme aus den Tiefen der H�tte lie� den Juden erstarren.</p><p>Er lief in den Nebenraum. Hatte der Junge Recht und er es tats�chlich vers�umt, auf den Kamin Acht zu geben! Der Knappe des Tempelritters sa� mit der Fl�te auf den Knien vertr�umt am Fenster, im Hintergrund flackerten matte, gelbe Fl�mmchen. �Nun, was pl�rrst du herum, Sean of Ardchatten!�, rief Joshua ver�rgert, �leg selber Hand an! F�ttere ich dich etwa nur durch, weil du ein so begnadeter K�nstler bist? Nun?�</p><p>�Aber Joshua, du kannst das besser. Ich muss an meine s��e Guinivevre denken und tr�ume dabei so viel, dass ich die richtige Menge verfehle. Ach, wie s�� sie ist! Und so weit entfernt!� Der Knappe wollte die klappenlose Fl�te an die Lippen setzen, dann zog er es vor zu singen. �Fein�s Liebchen mein, sollst in meinem Herzen beschlossen sein, niemals mehr ziehst du dort aus, es sei denn, man rei�e das Herz mir aus��</p><p>�Der Herr sei uns gn�dig�, seufzte Joshua in komischer Verzweiflung. �Wenn die Welt von singenden Knappen und verliebten Minnes�ngern bev�lkert w�re, w�rden wir zu Allerheiligen erk�ltet und zu Allerseelen erfroren sein.�</p><p>Sean of Ardchatten unterbrach sein Spiel und sagte listig: �Aber ihr Juden kennt doch diese christlichen Feiertage gar nicht, also k�nnt ihr an diesen auch nicht erfrieren!�</p><p>�Sei nicht schlau, Knappe! Spiele in Gottes Namen oder lege Buchenscheite nach, aber versuche nicht, einen rechtschaffenen j�dischen Gelehrten auf den Holzpfad zu f�hren!��</p><p>�Auch Gott kennt ihr nicht � das wei� ich. Ihr kennt nur Jehova, und das ist der wichtigste Name unter insgesamt sieben, die ihr eurem Gott gebt��</p><p>�Es ist der heiligste Name, Schlaumeier, und er hei�t nicht Jehova, sondern Jahwe, aber das werdet ihr Christenmenschen nie begreifen, selbst wenn ihr euch mehr darum bem�ht, als du es tust. Au�erdem h�ten wir uns, ihn auszusprechen, denn die Vorstellung vom Allerh�chsten ist unaussprechlich! Aber das werdet��</p><p>�� ihr Christenmenschen nie begreifen��</p><p>�Sehr richtig! Und nun leg Holz nach, oder ich benutze deine Fl�te dazu, den Kamin wieder in Gang zu bringen!�</p><p>Sean of Ardchatten tat emp�rt. �Das w�rdest du tun, Joshua? So barbarisch k�nnen Judenmenschen sein? Dann hat man euch wohl zu Recht verfolgt, und man hat euch zu Recht des Landes verwiesen��</p><p>Joshua ben Shimons feines Gesicht mit den gro�en Augen darin wurde schlagartig ernst. �Sei still, Sean! Davon verstehst du nichts! Und davon redest du deshalb nicht! Diese Geschehnisse sind zu schwerwiegend, um dar�ber hinwegzuplaudern!�</p><p>�Ich wei�, es gab zu viel Leid, verzeihe! Nimm es als die allseits bekannte Gedankenlosigkeit der Jugend.�</p><p>�Das tue ich. Und nun zum Kamin!�</p><p>W�hrend der Junge das Feuer sch�rte, dachte Joshua �ber dessen leichtfertige Worte nach. Hatte er Recht damit, dass es irgendeinen berechtigten Grund f�r den K�nig gegeben hatte, die Juden aus Frankreich auszuweisen? Joshua sch�ttelte innerlich den Kopf. Nein! Es war pure Willk�r gewesen! Die Gr�nde daf�r waren ebenso konstruiert, wie sie bei der Verfolgung der Templer konstruiert worden waren.</p><p>Joshua wusste, dass es die aus Bauern und kleinen B�rgern rekrutierte Gens du Roi gewesen war, die alle franz�sischen Juden an einem einzigen Tag, zur selben Stunde, verhaftet hatte. Und nach dem gleichen Schlachtplan hatten sie diesen Coup sp�ter gegen die Templer ausgef�hrt. Das schlagkr�ftige kleine Heer von Polizisten, �ber das die feudalen Adligen und auch die Tempelherren nur lachten, hatte sich trefflich bew�hrt. Und dies aus tiefer Liebe zu Philipp dem Sch�nen, der ihnen Ansehen und Einfluss verschaffte.</p><p>Joshua hob den Brief an seine Augen und �berflog ihn noch einmal. Hatte er alles beachtet?</p><p>Wieder unterbrach Sean seine Gedanken. �Bist du eigentlich ein Rabbi, Joshua?�</p><p>Unwillig blickte der Jude auf. �Nein, wie kommst du darauf. Lass mich lesen.�</p><p>�Aber du achtest den Sabbat. Du besitzt diese Gebetsschn�re, diese ledernen Dinger da, die <emphasis>tefillin,</emphasis> und du legst dir beim Beten diese kleine Schachtel auf die Stirn, und��</p><p>�� und ich versohle dir gleich den Allerwertesten! Dann erst w�re ich ein echter Rabbi, denn das tun Rabbis mit vorlauten Bengeln, die zu nichts n�tze sind als herumzuschwatzen. Sei endlich still!�</p><p>�Entschuldige!� Sean setzte sich wieder ans Fenster und bedeckte die drei Griffl�cher seiner Fl�te, spielte aber nicht darauf.</p><p>Joshua warf einen Blick auf die jetzt blau emporz�ngelnden Flammen im Kamin, musste innerlich schmunzeln und vertiefte sich wieder in seinen Brief.</p><p>Da stand: �Herr K�nig! Euer gr��tes R�tsel ist, ob es den legend�ren Ordensschatz der Templer wirklich gibt. Und Euer noch gr��eres R�tsel ist, wo er sich befindet. Ich kann �ber beide R�tsel Ausk�nfte geben. Ihr wisst nat�rlich, dass der Orden sehr reich war, denn er hatte gewaltigen Landbesitz im Abendland, aber auch im Heiligen Land. Schenkungen der F�rsten und Privatpersonen haben eintr�gliche G�ter in ihren Besitz gebracht, aus deren Eink�nften die Kosten des Kampfes im Heiligen Land bestritten wurden. Viel Geld war n�tig, um es vor Ort zur Beschaffung der f�r den Kampf gegen die Heiden ben�tigten Dinge zu verwenden. In allen Komtureien des Ordens lagerten die Sch�tze. Und im Tempel von Paris war der gr��te Schatz aufbewahrt. Dort lagerte auch der k�nigliche Schatz. Ihr wisst das am besten, denn als Ihr im Jahr des Herrn 1306 die M�nzen wieder einmal abgewertet habt, vertrieb Euch das Volk, und Ihr musstet im Tempel von Paris Zuflucht nehmen. Dort zeigte Euch der Seneschall des Ordens die Sch�tze, erlesene Kunst aus zwei Welten, Geschenke der Sarazenen, Beutegut aus den Feldz�gen und das Barverm�gen. Zu Hunderttausenden geh�ufte Pfunde aus Tours, Florenz und Venedig, den gr��ten Niederlassungen, Gold aus Orient und Okzident. Wo sind alle diese Reicht�mer geblieben?</p><p>Wisst Ihr es? Wenn nicht, kann ich es Euch sagen.</p><p>Woher ich es wei�? Das bleibt mein Geheimnis. Aber meine Kenntnisse von diesen Dingen gehen tief. Zum Beweis will ich Euch wissen lassen, dass ich auch von den damaligen Pl�nen Kenntnis habe, Euch, Herr K�nig, zu ermorden, bevor Ihr die Templer verfolgen konntet. Zum Gl�ck wurden die Verschw�rer gefasst. Waren es nicht der Bruder des Ordens, Hugues de Chalon, Neffe des Visitators, und der Bruder Girardus de Monte Claro, Ritter des Ordens der Templersekte? Reicht das als Beweis meiner umfassenden Eingeweihtheit? Einen Hinweis auf den verschwundenen Templerschatz habe ich in der Aussage eines dienenden Bruders von Jean de Chalon entdeckt, der zur Zeit der Verhaftung der Templer Pr�zeptor des Templerhauses von Namur war. Ende Juni, im Jahre des Herrn 1308, befragte ihn die p�pstliche Kommission in Poitiers als 46. Zeugen, und er gab an, dass einige der hochrangigen Ordensmitglieder schon vorzeitig von der drohenden Verhaftung erfahren hatten. Zu diesem Kreis geh�rten seinen Angaben nach der Pr�zeptor von Frankreich, G�rard de Villiers, und auch der schon genannte Templer Hugues de Chalon, der sich mit dem gesamten Schatz des Bruders Hugues de Pairaud auf die Flucht machte.</p><p>Ihr seht, Herr K�nig, ich wei� das alles. Woher? Ich wei� es eben, und es bleibt mein Geheimnis.</p><p>Aber wenn Ihr es wollt, werde ich es Euch verraten. Nat�rlich gegen einen bestimmten Preis. Aber h�rt weiter.</p><p>Euer Brief vom 14. September des Jahres 1307, mit dem Ihr, Herr K�nig, den Haftbefehl gegen die Templer erlie�et, wurde Hugues bekannt, und er beschwerte sich beim Papst. Er warnte auch alle dienenden Br�der des Ordens vor Aussagen, die dem Tempel Schaden zuf�gen k�nnten. Etwa 30 Tempelritter benutzten das Wissen um die drohende Verhaftung sofort zur Flucht, und sie nahmen ihre Reicht�mer mit sich. Einige wurden verhaftet und vom Gro�inquisitor schwer gefoltert, aber sie gaben das Versteck nicht preis. Auch der Schatz des Visitators von Frankreich, Hugues de Pairaud, verschwand mit unbekanntem Ziel. Ebenso alle in den Komtureien verstreuten Sch�tze und selbst die in �bersee gelagerten Reicht�mer. Daf�r war der t�chtige Schatzmeister Henri de Roslin verantwortlich. Ich nenne ihn t�chtig, obwohl Ihr, Herr K�nig, f�r ihn sicherlich eine andere Bezeichnung bevorzugen werdet. Aber mir n�tigt seine Leistung, ob ich will oder nicht, Respekt ab.</p><p>Meine Bedingung daf�r, Euch alle diese verschwundenen Sch�tze auszuh�ndigen oder ihr Versteck l�ckenlos zu benennen, ist die folgende. Ihr, Herr K�nig, m�sst unverz�glich die Ansiedlung der Juden in Frankreich wieder zulassen. Was mit den Templern geschieht, ist mir gleichg�ltig, denn ich hasse sie ebenso wie Ihr. Aber die j�dischen Menschen m�ssen wieder in diesem herrlichen Land wohnen, beten und arbeiten d�rfen. Zum Ruhme <emphasis>Jahwes</emphasis> und zum Ruhme des K�nigs von Frankreich!</p><p>Joshua ben Shimon, j�discher Schriftgelehrter aus dem Heiligen Land.�</p><p>�Joshua! Wann endlich kommt mein Herr? Wann kommt Henri nach Hause? Und wird der Sarazene, dessen Schwert ich bewundere, bei ihm sein?�</p><p>�Nat�rlich, Knappe. Sie werden bald eintreffen. Ihr Irrweg durch das Land l�sst keine genauen Vorhersagen dar�ber zu, wann wir sie endlich zu sehen bekommen, die H�scher des ermordeten Papstes lassen ihnen keine Ruhe. Aber sie werden kommen!�</p><p>�Ach w�ren sie doch schon hier! Es ist so langweilig, wenn man immer nur warten muss.�</p><p>�Hab Geduld!�</p><p>Mara kam herein und stellte zwei Teller Fischsuppe auf den Tisch. Joshua bewunderte einmal mehr ihre zauberhafte Stimme, mit der sie sagte: �Wenn Fischsuppe kalt wird, war alles Bem�hen vergebens. Kalte Fischsuppe ist eine S�nde. Also langt t�chtig zu.� Dann ging sie wieder hinaus. Joshua sah ihr hinterher, sie ging geschmeidig wie eine Katze.</p><p>Sie a�en mit gro�em Appetit und tranken dazu D�nnbier. Und w�hrend Sean danach sofort wieder zu seiner Fl�te griff und zwischendurch ein melancholisches Lied ert�nen lie�, dessen Inhalt seine Guinivevre war, die in Beaumont von ihrer hartherzigen Mutter gefangen gehalten wurde, stiegen in Joshua bittere Gedanken auf. Sie befassten sich mit seinem Brief an den K�nig. Und mit den Taten Philipps gegen die Juden. Er hatte ihnen �bel mitgespielt.</p><p>Joshua erinnerte sich noch genau daran, wie wohlwollend sich der K�nig zu Beginn seiner Regierungszeit den Juden gegen�ber gezeigt hatte. Um das Jahr 1300 herum waren die Gesch�fte seiner j�dischen Br�der gl�nzend gegangen. Er h�rte es �berall. Und in der Synagoge dankten sie daf�r umso inbr�nstiger dem Herrn. Aber als ihre Kassen prall gef�llt waren, warf man ihnen pl�tzlich vor, an der Pest schuld zu sein. Man rief die Schutzheiligen an, zog ein ermordetes Christenkind aus einem angeblich vergifteten Brunnen und warf das den Juden vor. Pogrome wurden in Gang gesetzt, mit Schaudern erinnerte sich Joshua, wie bei einem seine eigene Frau ermordet und sein Haus angez�ndet worden war, sein Sohn war in den Flammen umgekommen.</p><p>Die Juden waren ausnahmslos verleumdet und verhaftet worden. Erst belegte der K�nig das Nichttragen des Judenringes mit hohen Geldstrafen, dann verbot er ihnen das Wohnen auf dem flachen Land. Er trieb sie in den St�dten zusammen, wo man sie aber aus den Gilden ausschloss. Im Jahr 1306 verhaftete man sie und verwies sie des Landes. Dann bem�chtigte sich der K�nig aller ihrer Reicht�mer. Joshua erinnerte sich, dass seine eigenen Freunde fast ausschlie�lich in das Gebiet des K�nigs von Mallorca ausgewandert waren. Als er selbst aus dem Heiligen Land nach Paris zur�ckkehrte, waren viele aber auch schon gestorben. In Senlis und Pont-de-Larche, aber auch in Narbonne und Carcassone hatte man sie auf Scheiterhaufen verbrannt, bevor sie ins nahe Aragonien fliehen konnten.</p><p>Dieser verr�terische K�nig, den man den Falschm�nzerk�nig nannte, weil er dauernd die M�nzen abwertete! Bitter dachte Joshua: Philipp hat die Juden nur gem�stet, um sie hinterher umso besser abschlachten zu k�nnen. Wir waren wie hilflose G�nse in seinem Stall. Und wir dachten, wir seien die F�chse!</p><p>�Joshua, das Feuer geht aus!�</p><p>�Dann leg Holz nach, Sean!�</p><p>Der Herrgott war taub in dieser Zeit, musste Joshua denken, und die Menschen zeigten weniger Mitleid als die Hunde. Und die Juden, als die ewigen Fremden, mussten immer als Erste b��en. Bei jedem Kreuzzug im Heiligen Land zahlten sie in der Heimat ihren hohen Blutzoll.</p><p>Es fiel Joshua auf, dass Sean aufgeh�rt hatte zu spielen und zu singen. Nur das Prasseln der Flammen war zu h�ren. Und als h�tte der Knappe seine d�steren Gedanken h�ren k�nnen, fragte er pl�tzlich: �H�r mal, Joshua, ich sehe, du gr�belst wieder einmal. Denkst du an den Tod deiner Frau und deines Sohnes? Ich verstehe all das immer noch nicht. Warum verfolgt man die Juden eigentlich �berall? Was habt ihr getan, das die Leute so zornig auf euch macht?�</p><p>�Das frag sie selbst. Mir ist nichts davon bekannt.�</p><p>�Aber sie ermorden euch doch. Es hei�t, ihr seid an allem schuld. Auch an der Ermordung Jesu. Stimmt das?�</p><p>Seufzend antwortete Joshua ben Shimon: �Wenn du es schon wissen willst, ja, es stimmt, sie verfolgen uns.</p><p>Ich kenne pers�nlich sieben M�nner und Frauen, die man auf die Scheiterhaufen geworfen hat. Aber es stimmt nat�rlich nicht, dass wir schuld am Tod Jesu sind. Oder Brunnen vergiften. Oder Christenkinder essen.�</p><p>�Woher kommt dann ihr Hass?�</p><p>�Das hat uralte Wurzeln. Das kannst du nicht verstehen.�</p><p>�Erkl�re es mir!�</p><p>�Nun. Schon als eure Kirche gleich nach dem Kreuzestod Christi sich von der Tradition der Juden absetzen wollte, verleumdete sie uns umso heftiger. Da wir uns weigerten, Christus als den Messias und Erl�ser anzuerkennen und an den Gesetzestafeln des Propheten Moses festhielten, schienen wir ein Unruheherd zu sein, der die junge Kirche st�rte. Die Behauptung, die Juden h�tten Christi get�tet, stammt aus dem 4. Jahrhundert. Damals verleumdete sie der heilige Johannes Chrysostomos, seines Zeichens Patriarch von Antiochia, als Christusm�rder. Die Zerstreuung der Juden in alle Welt wurde als Strafe daf�r gedeutet. W�hrend der Kreuzz�ge sagte man pl�tzlich, auch die Ungl�ubigen zu Hause m�ssten vernichtet werden � und meinte uns Juden. Der Zug der Kreuzritter, auch der Tempelherren, zog also auch eine blutige Spur durch die Ansiedelungen der Juden in deren Heimat. Die Eroberung des Heiligen Grabes durch die Anh�nger des Propheten Muhammad wurde auf die S�ndhaftigkeit der Juden zur�ckgef�hrt.�</p><p>�Joshua, in der Ferne kommen Reiter!�</p><p>�Was f�r Reiter?�</p><p>�Ich kann es nicht erkennen, sie sind noch zu weit.�</p><p>�H�re! Damit du in Zukunft ein f�r alle Mal wei�t, welches Unrecht den Juden geschah. Man nahm ihnen alles, und sie durften als Ungl�ubige keine Anklagen gegen Mitglieder der christlichen Gemeinschaft vorbringen, konnten sich also nicht wehren. Sie waren Leibeigene des K�nigs � aber der sch�tzte sie nicht. Schlie�lich verk�ndeten auch die P�pste, wie Innozenz der Dritte, die Juden seien als Strafe f�r den Christusmord zur ewigen Sklaverei verdammt. Thomas von Aquin versch�rfte diesen Gedanken noch � Juden seien Sklaven der Kirche, und diese d�rfe deshalb �ber ihr Eigentum verf�gen. So bekamen sie ihren einzigen Platz zugewiesen � als Geldverleiher und f�r Bagatellgesch�fte. Aber nicht einmal dieses Gesch�ft durften sie mit Christen betreiben.�</p><p>�Joshua, die Reiter! Sie kommen immer n�her!�</p><p>�Weil wir Juden ohnehin verdammt waren, durften wir als Einzige Geld gegen 20 Prozent Zinsen verleihen. Zwanzig Prozent! Aber der k�nigliche Schatzmeister kassierte jedesmal mit, es war eine indirekte Besteuerung. Wir Juden wurden also vorausgeschickt als Zinseintreiber des K�nigs, ohne dass dieser in Erscheinung trat. Man hasste uns, nicht den K�nig.�</p><p>�Ihr wart dumm!�</p><p>�Ja � das waren wir.�</p><p>�Was geschah dann?�</p><p>�Was machen die Reiter?�</p><p>�Sie kommen �ber die Ebene von S�den her.�</p><p>�F�r das einfache Volk wurde der Jude bald nicht nur der Christusm�rder, sondern der raffgierige, erbarmungslose Geldmensch, der alle gewachsenen Bindungen leugnete. Als die St�dte wuchsen und der Handel immer mehr bl�hte, nahm der j�dische Einfluss allerdings ab und der der Bankiers zu. Umso weniger sch�tzte der K�nig nun die Juden. Wenn die Gesellschaft Bargeld ben�tigte, beschuldigte und vertrieb sie uns Juden � so einfach wurde das.�</p><p>�Was wollen die Reiter von uns?�</p><p>�H�re mir umso aufmerksamer zu, damit ich es nicht wiederholen muss! Im vorigen Jahrhundert, als die Inquisition begann, wurden wir gezwungen, unser Abzeichen zu tragen � zun�chst einen roten Ring aus Tuch, der angeblich ein Geldst�ck darstellte. In Frankreich wurde unser Leben unter Ludwig dem Heiligen unertr�glich, im Jahre eurer Z�hlung 1240 fand unter seiner Herrschaft ein Prozess gegen die Thora wegen H�resie und Blasphemie statt, der nat�rlich gegen uns schlecht ausging, vierundzwanzig Wagenladungen Thoraischer Schriften verbrannte man in Paris. Erst brannten die B�cher, danach brannten die Menschen. Juden durften keine Christen als Diener anstellen, sie nicht �rztlich behandeln, Mischehen waren verboten, sie durften kein Mehl, kein Brot, keinen Wein, kein �l, keine Schuhe und keine Kleidungsst�cke an Christen verkaufen.�</p><p>�Warum das nicht?�</p><p>�Weil der Kontakt mit Juden f�r Christen nachteilig war � er f�hrte sofort zum Unglauben.�</p><p>�Sie kommen schnell n�her!�</p><p>�Wenn sie da sind, sag mir Bescheid. Was blieb uns also anderes �brig, denn als Pfandleiher, Geldverleiher oder Totengr�ber zu arbeiten? Wir hausten in engen Vierteln zusammen, um uns gegenseitig zu sch�tzen. Auch das warf man uns vor.�</p><p>�Aber du, Joshua?�</p><p>�Ich hatte das Gl�ck, im Heiligen Land von den Arabern die Medizin gelernt zu haben, ich konnte behandeln und heilen. Und ich zog mich in die Welt der Gelehrsamkeit, der B�cher, zur�ck.�</p><p>�Sie kommen, es sind zwei!�</p><p>�Die anderen lebten dauernd am Rand der Gewaltt�tigkeit und der drohenden �bergriffe.�</p><p>�Sie sind da! Mein Gott, endlich!�</p><p>Ein heftiges Klopfen dr�hnte durch die H�tte. Drau�en wieherten Pferde. Stimmen riefen.</p><p>Als auch Joshua ben Shimon die Ankommenden erkannte, sprang er auf und st�rzte zur T�r. �Henri de Roslin! Uthman ibn Umar! Gott zuerst und mir sollt ihr willkommen sein!�</p><p>Die Ankommenden sahen m�de aus, rafften sich aber beim Anblick des Juden und des ebenfalls herausst�rmenden Knappen zu einem L�cheln auf. Sie begr��ten und umarmten sich. Dann s�uberten sich Henri und Uthman von der dicken Staubschicht, die auf ihnen lag.</p><p>�Ihr m�sst lange geritten sein, so, wie ihr ausseht�, sagte Sean.</p><p>�Wir kommen aus dem <emphasis>massif central�,</emphasis> antwortete Henri. �Seitdem wir Roquemaure verlassen haben, sind die H�scher hinter uns her. Die letzten acht Wochen sind wir st�ndig im Zickzack geritten, um unsere Spuren zu verwischen.�</p><p>�Hoffentlich ist es euch gelungen�, meinte Joshua.</p><p>Uthman schaute kampfeslustig. �Wenn nicht, dann sollen sie kommen. Wir erwarten sie wie bei allen Scharm�tzeln, die wir seit dem Fr�hsommer bestanden haben. Sie haben sich blutige Nasen geholt, nicht wir.�</p><p>�Obwohl du deine Wunde am Bein auskurieren solltest, Uthman!�, sagte Henri besorgt.</p><p>�Du bist verletzt, Uthman? Dann komm herein. Mara wird sich sofort darum k�mmern!�</p><p>�Nichts Schlimmes!�, winkte der Sarazene ab. �Aber wenn man acht Wochen lang Tag und Nacht fast ununterbrochen im Sattel sitzt, kann man seine Wunden nicht pflegen, und sie zahlen einem das irgendwann heim.�</p><p>Joshua gab Sean den Befehl, die Pferde abzusatteln, zu striegeln und zu trocknen. Im Stall warteten Wasser und Hafer. Sean w�re lieber mit ins Haus gegangen, um die Berichte seines bewunderten Herrn Henri und des Sarazenen zu h�ren, trollte sich aber gehorsam.</p><p>�Uthman ist fast so abgemagert wie ich�, bemerkte Joshua beim Hineingehen, �und auch du, Henri, siehst m�de aus. Ihr m�sst euch unbedingt ein paar Tage erholen. Hier seid ihr sicher. Und wir k�nnen in der Zwischenzeit �ber alles sprechen.�</p><p>�Du hast den Brief geschrieben?�</p><p>�Ich habe ihn sogar zweimal geschrieben. Das Original m�sste inzwischen bei Philipp sein, die Abschrift habe ich hier, du kannst sie lesen.�</p><p>�Auf welche Weise hast du den Brief zugestellt, ohne dass dich die H�scher des K�nigs als Absender entdecken konnten?�</p><p>�Oh, ich habe mir etwas einfallen lassen! Sean hat mich mit seinem ewigen Liebesgefl�te darauf gebracht. Ein reisender Minnes�nger nahm den Brief f�r den K�nig in Empfang, von einem kleinen Kind, das ihn wiederum von Sean bekam. So ist die Kette schwer zur�ckzuverfolgen.�</p><p>�Und wie bekommst du Antwort?�</p><p>�Bei Rambouillet gibt es ein gutes Versteck.�</p><p>�Ist es sicher?�</p><p>�Ganz sicher! Ein weites Feld, kaum zu kontrollieren, und mitten darin eine T�ubnerei. Der Vogeldresseur ist mir gewogen. Und seine Brieftauben auch, sie tragen die Antwort des K�nigs dorthin, wo ich warten werde.�</p><p>�Gut ausgedacht�, lobte Henri. �Wenn man sich vorstellt, dass es in diesem heruntergekommenen Land selbst f�r gew�hnliche Briefe so viele Postboten geben muss, damit alles gut ankommt! Wahrlich, wir leben in seltsamen Zeiten.�</p><p>Sie lachten. Als sie in der H�tte am Feuer sa�en und sich ihrer H�te und Stiefel, danach auch ihrer Umh�nge aus feinem Wollstoff, dem gr�nblauen Scharlach, entledigt hatten, die sie als reisende spanische Kaufleute auswiesen, erz�hlte Henri:</p><p>�Ich h�rte vom Verwandten eines Leichenbestatters, dass der Papst unter gro�en Schmerzen, Erbrechen und Kr�mpfen gestorben ist. Friede seiner Asche! Er soll einen Schatz aus Avignon mit sich gef�hrt haben, den der Ritter Ricard verwaltete. Eine Million Goldgulden, um einen neuen Kreuzzug zu finanzieren. Dieser Schatz wurde sofort gepl�ndert, auch sein Neffe, Graf Bertrand von Lomague, bereicherte sich daran. Der Leichenbestatter erz�hlte weiter, bei der Aufbahrung des p�pstlichen Leichnams sei es zu einem folgenschweren Zwischenfall gekommen. Eine Kerze fiel auf den Katafalk und setzte alles in Brand. Der Leichnam des Papstes wurde halb verbrannt aus den Flammen gezogen.�</p><p>�So fand der Verr�ter ein w�rdiges Ende auf seinem eigenen Scheiterhaufen und findet auch nach seinem Tod keine Ruhe!�, murmelte Joshua.</p><p>�Er soll vor seinem Ende sogar noch bitterlich beklagt haben, dass er von Habsucht getrieben die Templer nicht gesch�tzt hat. Er weinte und gab sich auch die Schuld am Tod Kaiser Heinrichs und an der Verfolgung der Beginen. Angeblich hat er seinen Tod als gerechte Strafe empfunden. Begraben wurde er in seinem Geburtsort Uzeste, dorthin pilgern seitdem Tausende.�</p><p>�Ich werde diesen Ort meiden�, meinte Uthman.</p><p>Henri legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: �Wir alle werden ihn meiden. Clemens war kein guter Mann. Er hat seine gerechte Strafe bekommen.�</p><p>�Unser Weg ist noch nicht zu Ende�, f�gte Joshua hinzu, �es lebt noch ein weiterer Verantwortlicher f�r das Unheil, das Juden und Templern widerfahren ist.�</p><p>Die anderen nickten. Weil aber Mara hereinkam, unterbrachen sie ihr Gespr�ch. �Zwei h�lzerne Bottiche sind mit klarem Wasser aus unserem Feldsteinbrunnen gef�llt�, verk�ndete das M�dchen resolut, �das jetzt hei� genug ist. Ein Korkschwamm, Knochenseife, Handt�cher und frisches Unterzeug liegen ebenfalls bereit. Danach werdet ihr besser riechen!�</p><p>�Wirst du ihnen den R�cken schrubben, Mara?�, lachte Joshua.</p><p>�Wenn die Herren es w�nschen?�, meinte das M�dchen ohne Schamgef�hl, �es w�ren nicht die ersten M�nner im Bottich, die ich sehe. Wenn sie selbst sich nicht genieren, kann es losgehen.�</p><p>Henri und Uthman freuten sich darauf, den Staub von Wochen loszuwerden.</p><p>In der Badestube war es nicht �berm��ig warm. Sie bestand aus einem Holzverschlag, dessen Ritzen mit Moos und Bl�ttern verstopft waren. In einem flachen, steinernen Herd brannte ein Feuer, der Rauch zog durch eine �ffnung ab. In der Ecke hing an einem Haken sogar eine h�lzerne Schwitzglocke von der Decke herab. W�hrend sich die M�nner entkleideten und in die Bottiche schl�pften, goss Mara Wasser auf die hei�e Herdplatte und verteilte den aufsteigenden Dampf mit einem B�schel Heu. Beide Badende seufzten wohlig, als sie in das Wasser der tiefen, ovalen Bottiche eintauchten.</p><p>�Ich kann auch zur Ader lassen, Schropfk�pfe aufsetzen und massieren, und ich besitze ein silberbeschlagenes Schermesser f�r Bart und Haare.�</p><p>�Nein, nein�, seufzte Henri. �Ich habe mir den Bart nach dem Tod des Papstes abrasiert, und was jetzt wieder gewachsen ist, kann bleiben. Dem Sarazenen w�chst ohnehin, wie du sehen kannst, kein richtiger Bart.�</p><p>Das M�dchen begann sogleich, die Oberk�rper der M�nner mit dem festen Schwamm zu waschen, schnell r�tete sich deren Haut. Als Mara sich danach die von einer Pike stammende Wunde dicht �ber dem linken Knie des Sarazenen ansah, musste dieser mit dem Badequast seine Scham bedecken. Mara machte ein sachkundiges Gesicht und meinte: �Die Wunde ist sauber und schon gut verheilt, ich lege aber nach dem Bad dennoch eine Packung drauf. W�hrend Ihr Euch weiter s�ubert, bereite ich sie zu.�</p><p>�Was nehmt Ihr dazu, M�dchen?�, wollte Uthman wissen.</p><p>�Schwarz gestochenen Torf aus der Gegend, der zieht alles �ble heraus.�</p><p>Nach dem Bad setzten sich die M�nner wieder an das Kaminfeuer. Sie trugen jetzt ihre alte Reisebekleidung �ber dem frischen Unterzeug. Die Wunde des Sarazenen war verbunden, und Uthman warf dem M�dchen dankbare Blicke zu.</p><p>�Woher kommt sie eigentlich?�, fragte er, als Mara in der K�che verschwunden war.</p><p>Joshua antwortete: �Sie war Novizin im Hospital des nahe gelegenen Franziskanerklosters, der Prior hat sie verf�hrt, ihr Kind starb bei der Geburt. Danach verlie� sie die Gemeinschaft und kam zu mir. Sie ist ein gutes M�dchen.�</p><p>Sean brach das darauf folgende Schweigen. �Sie kann h�bsch singen, wir singen oft im Duett. Neulich hat sie mir sogar ein Lied gedichtet, wollt ihr es h�ren, ihr Herren?�</p><p>�Sp�ter�, sagte Joshua. �Jetzt haben wir Wichtigeres zu besprechen. Sind die Pferde gut versorgt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann kannst du bleiben und zuh�ren.�</p><p>�Das Land ist aus den Fugen�, begann Henri. �Sie k�nnen sich auf keinen neuen Papst einigen, und jeder regionale Kirchenf�rst macht, was er will. F�r uns ist das aber kein Nachteil, denn so sind sie mit sich selbst besch�ftigt. Und der K�nig entwertet unaufh�rlich die M�nzen, schon sagt man, er sei ebenso falsch wie das Geld, das er pr�gt. Nichts funktioniert mehr. Nur die H�scher des K�nigs sind gut organisiert. Wir m�ssen daher jederzeit auf der Hut sein.�</p><p>Uthman f�gte hinzu: �Der Gro�inquisitor reist unaufh�rlich durch Frankreich, um uns auf die Spur zu kommen��</p><p>�� sein pers�nlicher Feldzug��</p><p>�� Zwar wei� er genau, dass alles, was den Tempel betrifft, nicht der bisch�flichen Jurisdiktion und auch nicht der dominikanischen Inquisition unterliegt, weil uralte Privilegien die Templer allein den Papst unterstellen. Aber das hat ihn nicht gest�rt, als Clemens noch lebte, und jetzt schon gar nicht. In erster Linie sucht er Henri. Mich h�lt er wahrscheinlich nur f�r eine ungl�ubige Wanze, die er nebenbei zerquetscht. Aber er ist auch dankbar f�r alle die anderen, die er in die Finger bekommt, denn er befragt sie gr�ndlich. Wir haben uns den Sommer �ber kaum noch getraut, Kontakt zu jemandem aufzunehmen, um ihn nicht zu gef�hrden. Aber lange geht das nicht mehr gut.�</p><p>�Der K�nig muss sterben!�, sagte Henri. �Dann brechen die D�mme, und sie werden genug zu tun haben, um das Land wieder in den Griff zu kriegen, bevor es auseinander bricht. Erst dann k�nnen wir weiterplanen. Verlassen wir Frankreich oder nicht? Wohin k�nnen wir dann noch gehen? Wir werden es wissen, wenn unsere Tat ausgef�hrt ist.�</p><p>�Es ist in die Wege geleitet, Henri. Lies den Brief. Wir k�nnen schon in ein paar Tagen zusammen aufbrechen, um nach der Antwort zu suchen, die uns die Tauben vielleicht gebracht haben. Dann k�nnen wir auch beratschlagen, wie wir vorgehen.�</p><p>�Fest steht immerhin�, meinte Henri, �dass ich den Mord ausf�hre. Ich war mit meinem Wort dem Papst verpflichtet, aber ich bin mit keinem Eid an den K�nig gebunden. Wir locken ihn in die Falle, und dann werde ich handeln.�</p><p>�Aber kennt er dich nicht von Angesicht?�</p><p>Henri sch�ttelte den Kopf. �Nein. Unser erster gescheiterter Anschlag geschah ja bei Nacht und Nebel, und wir waren verkleidet. Es k�nnte h�chstens sein, dass einer seiner religi�sen Berater mich erkennt. Aber das Risiko muss ich eingehen, wenn ich so nahe wie m�glich an ihn herankommen will.�</p><p>�Lasst es mich machen!�, mischte sich Sean ein. �Mich kennt niemand.�</p><p>�Du? Willst du den K�nig so lange mit deinem Gesang qu�len, bis er stirbt?�</p><p>�Nein, im Ernst, Joshua! Nehmt mich! Ich bin mutig genug!�</p><p>�Unsinn!�, sagte Joshua scharf. �Sei still! Das ist keine Kindersache! Wenn deine Ausbildung beendet ist, wirst du noch Gelegenheit genug erhalten, zu k�mpfen. Glaub mir, die Welt besitzt genug Feinde, gegen die du dich bew�hren kannst.�</p><p>�Joshua hat nat�rlich Recht�, erkl�rte Henri milde. �Es w�re f�r dich viel zu gef�hrlich. Au�erdem macht <emphasis>mein</emphasis> Hass eine solche Abrechnung notwendig. Ich ganz allein werde den Todessto� f�hren. Aber du wirst mit uns reiten, Sean. Als mein Knappe kannst du beweisen, dass du mehr kannst als Fl�te spielen und singen.�</p><p>�Zu Diensten, Henri, Sir!�, rief Sean begeistert.</p><p>Dann vertieften sich die M�nner �ber eine ausf�hrliche geographische Karte.</p><p>�Ich habe diesen Sitz in Gambais gew�hlt�, erkl�rte Joshua, �weil der Ort v�llig unverd�chtig ist. Hier gibt es keine Stra�en, die strategisch genutzt werden k�nnten. Bis nach Rambouillet haben wir flaches Feld, und der Ort ist weit genug entfernt, um keinen Verdacht auf Gambais zu lenken. Der K�nigshof von Fontainebleau liegt, wie ihr wisst, im S�den von Paris, also in entgegengesetzter Richtung. Sicher vermuten die Schergen uns irgendwo im S�den des Landes oder auch auf dem Weg nach Schottland. Sie werden nicht glauben, dass ihre Todfeinde in so unmittelbarer N�he sind. Aber man kann ja nie wissen. Jedenfalls droht uns aus der Umgebung hier keine Gefahr, Gambais ist ein Weiler kleiner, armer Fischer ohne jede Bedeutung, es gibt keine Kirche, keine Burg und kein Rittergeschlecht, das mit Kontrollen viel verdienen kann.�</p><p>�Und es gab auf Hunderte von Meilen keine Komturei des Ordens. Ich k�nnte mir vorstellen, dass ich der erste Templer bin, der je dieses flache Land betrat.�</p><p>�Das ist eigentlich erstaunlich�, warf Uthman ein, �denn ihr habt doch mehr als 9000 H�fe und gro�e Komtureien besessen � ein Netz von Besitzungen �berall im Land.�</p><p>�Der nahe Tempel von Paris nahm alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Erst an der Loire, in Orleans, gab es wieder eine Niederlassung.�</p><p>�Ich wei� dar�ber so wenig�, meinte Sean. �Kannst du nicht dar�ber erz�hlen, Meister Henri? Ich muss als dein Knappe doch �ber alles Bescheid wissen!�</p><p>Sie setzten sich an den Tisch. �Du erf�hrst schon noch genug dar�ber, Sean�, sagte Henri. �Das eilt nicht.�</p><p>�Aber wir haben doch Zeit. Joshua und ich reiten erst morgen zu der Stelle in Rambouillet.�</p><p>Der Jude nickte. �Wir haben Zeit, das stimmt. Ein endloser Fluss. Das Leben ist gl�cklicherweise nicht geteilt wie Gallien.�</p><p>Henri bequemte sich zu sagen: �Also, was willst du denn wissen?�</p><p>�Wie funktionierte das mit dem Orden? Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen!�</p><p>�Nun, es war anders w�hrend der Kreuzz�ge. Aber nach deren Ende zogen wir uns in die sieben Provinzen zur�ck, in die die Verwaltung des Tempels in den europ�ischen Landen eingeteilt war, nach England, Poitou, Aragon, Portugal, Ungarn, Apulien � und nat�rlich nach Frankreich. Die oberste Gewalt unseres Ordens lag damals beim Gro�meister, der auf Zypern residierte. Ihm unterstanden die Komture der Provinzen, auch Meister genannt. Dann folgten die Komture, sie verwalteten die Festungen, Dom�nen und landwirtschaftlichen G�ter des Tempels und f�hrten den Befehl �ber die Ritter, Knappen und Servientenbr�der, die h�usliche Dienste und die Landarbeit verrichten mussten. Visiteure des Ordens reisten von Komturei zu Komturei, um sie zu inspizieren, und sie erstatteten den Meistern Bericht.�</p><p>�Und das alles funktionierte reibungslos?�</p><p>�Nat�rlich. Die Templer sind disziplinierte Menschen. Sie geben Befehle und gehorchen. Jeder f�llte seinen Platz aus.�</p><p>�Und wie konnte man euch dann vernichten?�</p><p>�Wir haben uns einfach nicht vorstellen k�nnen, dass man uns angreift.�</p><p>Joshua f�gte hinzu: �Hoffen wir, dass auch der K�nig in diesem verh�ngnisvollen Glauben befangen ist. Auf jeden Fall liegt das Moment der �berraschung auf unserer Seite.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Am K�nigshof in Fontainebleau tanzten die Puppen. Alle Masken, die die hundert T�nzer �bergest�lpt hatten, sollten der Abwehr der D�monen dienen. Der D�monen, die das Land bedrohten.</p><p>Enguerrand de Marigny, die graue Eminenz im Hintergrund des K�nigs, hatte das Spektakel organisiert. Zwar musste er zun�chst den Widerstand von Charles de Valois �berwinden, denn der Bruder des K�nigs hielt nichts von derartigem �Mummenschanz�, um die Zweifler an der St�rke des K�nigs zu beschwichtigen. Schlie�lich befahl der K�nig selbst das Fest, und es wurde anberaumt.</p><p>De Marigny beobachtete den Verlauf aus sicherer Entfernung. Wenn er zur�ckblickte, sah er die argw�hnischen Blicke von Charles auf sich ruhen. Er wusste, der Bruder Philipps h�tte ihn am liebsten der Ketzerei angeklagt, er verachtete ihn, weil er zusammen mit Nogaret der eigentliche Urheber der Templerverfolgung war. Es war seine infame Idee gewesen, dem Gro�meister de Molay noch am Vorabend seiner Verhaftung die Ehre zu erweisen, einer der vier Leichentuchhalter beim Begr�bnis der Gemahlin von Charles zu sein. Niemals w�rde Valois ihm dies Piet�tlosigkeit vergessen.</p><p>Aber Enguerrand f�hlte sich sicher. Er war zu klug, sich eine Bl��e zu geben. Das w�rde auch Valois noch begreifen.</p><p>Aus seinen Gedanken riss ihn ein Rechtsgelehrter im Dienst des K�nigs. �Sire, lassen sie die T�nze ihren Lauf nehmen, wir m�ssen �ber diesen Brief beraten.�</p><p>�Ich komme, Dubois.�</p><p>Philipp sa� schon in seinem k�niglichen Beratungszimmer bereit, wie immer richtete er seinen starren Blick auf seine Umgebung. Als Enguerrand eintrat, nahm er den stellvertretenden Schatzmeister und den k�niglichen Agenten Renaud de Roye wahr. Und er wunderte sich, dass auch Isabella, die Tochter des K�nigs, anwesend war. Sie war mit dem englischen K�nig Edward verheiratet und musste just an diesem Tag zu einem Besuch angereist sein, von dem Enguerrand keine Kenntnis erhalten hatte. Was ging da vor?</p><p>Der Minister verbeugte sich angemessen. Es ist wohl wahr, dachte er dabei, sie wird mit Recht �Die Sch�ne� genannt, ein solches Gesicht und ein solcher K�rper bringen einfach alles durcheinander, sagt man nicht, sie sei die Geliebte Mortimers?</p><p>�Setzt Euch, de Marigny. Und auch Ihr, Pierre Dubois. Ich hatte auch erwartet, dass der Erzbischof von Narbonne uns die Ehre gibt, denn er hat die gr��te Erfahrung im Umgang mit den Juden und muss als Gro�siegelbewahrer des Reiches zu unseren etwaigen Beschl�ssen seine Zustimmung geben. Aber der gesch�tzte Gilles Aycelin ist wohl verhindert. Ihn ersetzt unser iberischer Berater, der Escribano de Raci�n, der als konvertierter Jude seine Glaubensgenossen noch besser kennen d�rfte. Also fangen wir ohne die anderen an. Nimmt das Fest drau�en seinen erwarteten Verlauf?�</p><p>�Die Puppen tanzen, Majest�t.�</p><p>Philipp nickte befriedigt. Ablenkung von der Misere des Staates und von den wirklichen Pl�nen des K�nigs war das Gebot der Stunde. Man musste dem Adel und dem reichen B�rgertum der aufkommenden St�dte etwas bieten, dann nahm man ihnen die Angst� und das Geld. Er zog das Papier aus der gebundenen Brokattasche, die vor ihm lag.</p><p>�Hier ist der Brief. Wir hatten ihn ja schon verlesen lassen. Er ist uns klug zugestellt worden, das muss ich sagen. Wir haben aus dem singenden Boten nichts herausbekommen. Aber er scheint echt zu sein. So lasst uns dar�ber beraten. Wenn Ihr Euch Wundert, warum meine liebe Tochter anwesend ist � beachtet es nicht weiter. Es hat nur famili�re Gr�nde.�</p><p>Enguerrands Gedanken kreisten um nichts anderes als seinen Einfluss auf Philipp. Er wusste, dass er dabei Renaud de Roye an seiner Seite hatte. Der K�nig setzte auf Krieg und Gewalt, also hatte er ihm die Soldaten beschafft. Und die notwendigen Waffen. Lanzentr�ger f�r die unruhige Bretagne, Ritter f�r die Normandie, Bogensch�tzen f�r die Randprovinzen im S�den und Westen, Kriegsfuhrwerke f�r die rebellischen Bastionen im Osten, Zugvieh und Steinschleudern gegen die in ihren letzten Komtureien versprengten Templer.</p><p>Er blickte zum Schatzmeister hin�ber. Ein Jude!, dachte er ver�chtlich, wenn auch konvertiert. Aber er kommt im ganzen Land herum. So gute Kontakte zu Finanziers, bekehrten reichen Juden und der Adelskaste in Iberien und Frankreich besa� sonst niemand. Nur deshalb hielt ihn Philipp. Er wusste, wo die Maravedis, Golddukaten, Florins und Solidi zu borgen waren, und er musste immer neues Geld f�r die K�nige auftreiben.</p><p>Enguerrand hatte ihn f�r ein einziges Dekret wirklich bewundert, dass herumstreifende Banden aufgegriffen werden konnten und ihr Diebesgut f�r die k�nigliche Schatulle zu konfiszieren war. Mit solchen Erlassen hielt der Escribano de Raci�n den K�nig bei Laune. Sicher strich er dabei selbst gro�en Gewinn ein.</p><p>Philipp deutete auf den stellvertretenden Schatzmeister. �Der Rechenschaftsbericht.�</p><p>�Hochwohlgeborener K�nig, hochwohlgeborener Erbprinz Charles, Eure Majest�t, K�nigin Isabella, Ihr Herren Minister! Wir m�ssen bekennen, dass es uns schmerzt, dass in Frankreich nur noch einhundert j�dische Familien leben. Andererseits sind wir froh dar�ber, dass es den Juden nun wieder erlaubt sein soll, sich auf dem Gebiet der Krone und der Lehnsherren niederzulassen, wenn auch nur gegen Zahlung hoher Summen. Ich darf es mir zur Ehre anrechnen, den hochwohlgeborenen K�nig zu dieser gro�en Geste gef�hrt zu haben. Sie k�nnen sp�testens im n�chsten Jahr auch die aufgegebenen Synagogen und Friedh�fe zur�ckkaufen und die Herausgabe der beschlagnahmten B�cher verlangen. Allerdings mit Ausnahme der Thora.�</p><p>Enguerrand blickte zu Renaud hin�ber, der blickte hingebungsvoll die K�nigstochter an. Sie strich sich selbstvergessen ihr goldblondes Haar aus der Stirn, das sie von ihrem Vater geerbt hatte. In ihrem gr�nen Satinkleid sah sie hinrei�end aus. Aber sie wirkte m�de, sie hielt die Augen geschlossen, ihr Antlitz war bleich und ohne Regung, es wurde umschlossen vom Brokat ihrer Kopfbedeckung. Sie schien weit weg.</p><p>Der Escribano fuhr fort: �Die wenigen verbliebenen Juden m�ssen zwar viel mehr Steuern zahlen, und auch ihre Sonderabgaben bringen der Krone Geld, aber das ist zu wenig. Deshalb kommt uns dieser Brief gerade recht. Denn sein Absender verspricht uns den Schatz des Tempels. Und er macht die R�ckkehr aller Juden nach Frankreich wieder vorstellbar.�</p><p>Pierre Dubois, der Rechtsberater des K�nigs, wollte etwas einwenden, aber der Schatzmeister bat um einen letzten Satz. �Wir m�ssen Nichtchristen dulden. Nicht zuletzt, weil sie unsere Kassen f�llen werden.�</p><p>Dubois sagte mit erhobener Stimme: �Die Juden sind eine Gefahr, haben wir das seit ihrer Ausweisung vergessen? Sie h�ngen den mosaischen Gesetzen an, und damit verf�hren sie die zum Christentum Konvertierten, heimlich das Gleiche zu tun. Solange die Juden im Land sind, wird es so sein, dass die Bekehrten mit ihnen Kontakt suchen und sich von ihnen verf�hren lassen. Der Bekehrungseifer der Juden l�sst niemals nach. Wo immer sie k�nnen, werden sie behaupten, wer seinen Glauben verlasse, tue eine Tods�nde! Sie k�nnen gar nicht anders, als so zu sprechen und zu handeln. Wir d�rfen ihnen also niemals glauben. Und niemals d�rfen wir sie wieder in Frankreich ansiedeln!�</p><p>Enguerrand dachte, ja, das ist die Sprache der Inquisition. N�tzt uns das wirklich? Er hatte viel von seinem Vorg�nger Guillaume de Nogaret gelernt, vor allem die taktische �berlegung. Aber der skrupellose, von drei P�psten gebannte Kanzler war verstorben, und nun musste Enguerrand selbst entscheiden. Er sah Feuer am Himmel heraufziehen. Die Kassen waren leer. Neues Unheil hing bereits mit schwarzen Wolken �ber ihren H�uptern, es musste nur wie eine Blase mit dem Schwert angestochen werden. Sie brauchten Geld! Und es musste echtes sein, nicht nur immer neues Billiggeld aus den k�niglichen M�nzen!</p><p>Dubois fuhr fort: �Ihr K�nige! Wir m�ssen den heiligen katholischen Glauben verteidigen, der heute durch die dunklen M�chte bedroht wird. Die Juden lieb�ugeln mit diesen dunklen M�chten, wir m�ssen sie deshalb auf den rechten Weg zur�ckf�hren.�</p><p>Und ihren Besitz beschlagnahmen, sie verurteilen, verbannen oder verbrennen, dachte Enguerrand. Er sah im Gesicht des Escribano de Raci�n, wie er sich zu nennen beliebte, Angst und Wut.</p><p>�Und wie, Dubois, soll dies Eurer Meinung nach geschehen?� K�nig Philipps Stimme war hell und klar.</p><p>�Mein K�nig, das kann nur auf einem einzigen Weg geschehen. Das Heilige Offizium muss gest�rkt werden. Vergesst nicht, wie viel Einnahmen wir dadurch hatten. Es gibt nur eine einzige Herde und einen einzigen Hirten. Wir m�ssen unduldsam sein gegen jedwede Abweichung. Die Abweichenden m�ssen� Angst vor der gerechten Strafe haben.�</p><p>�So h�tte Nogaret gesprochen�, mischte sich jetzt Charles von Valois, der Erbprinz, ein. �Aber wir geruhten einst zu sagen, dass alle Juden des K�nigreiches uns geh�ren und unter unserem Schutz stehen und dass es allein uns zukommt, sie zu besch�tzen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Erinnert Ihr Euch?�</p><p>�Ihr spracht so in Paris, Erbprinz. Doch verzeiht, das ist acht Jahre her � inzwischen sind die Juden vertrieben. Und geschah es nicht unter Eurer �gide?�</p><p>�Das ist in der Tat so, Dubois. Und wir m�ssen gegen die Unruhe im Land vorgehen. Flagellanten, Ketzer und B��erorden ziehen umher und verk�nden das Ende der Welt. Sie sagen, im Jahr des Herrn 1315 werde Gott sein Strafgericht halten und alle zu sich rufen. Wir m�ssen also die Macht des katholischen Glaubens st�rken. Aber wie, das ist die Frage. Und wird unsere Sicherheit wirklich von den Juden bedroht? Sind nicht vielmehr die letzten �berlebenden Templer in ihrem hochfahrenden Machtanspruch allein schuld an allem?!�</p><p>Enguerrand schwieg zu alldem. Er erinnerte sich, dass er vor Wochenfrist selbst erlebt hatte, wie sich Einsiedler in Chartres steinigen lie�en, weil sie Stimmen geh�rt hatten, die ihnen sagten, das Ende der Welt sei nahe, und die deshalb einen gerechten M�rtyrertod hatten sterben wollen. Wenn das Schule machte, dann war das Geb�ude der abendl�ndischen Christenheit in h�chster Gefahr! Mord, Totschlag und Selbstmord l�sten dann alle Grenzen auf. Entsetzt �ber diesen Gedanken, sch�ttelte sich der Minister des K�nigs. Wenn doch die Kirche Schutz und Sicherheit b�te gegen solche Gefahren! Aber die Juden brachten Geld ins Land!</p><p>�Alle Juden sind Gottesm�rder. Das haben wir allzu lange vergessen. Wir d�rfen hier nicht wanken. Sie m�ssen drau�en bleiben! Und ich verlange, dass man die Konvertierten zusammen mit den �brig gebliebenen Juden ebenfalls hinauswirft! Alle Christen j�dischen Ursprungs vergiften in unserem Land die Seelen der Gl�ubigen!�</p><p>�Seid Ihr wahnsinnig, Dubois?! Das ist eine pers�nliche Drohung gegen mich!�</p><p>Charles von Valois legte die H�nde vor die Brust und sagte mit betont gleichm�tiger Stimme: �Langsam, Schatzmeister! Wir k�nnen nicht auf die Juden verzichten, Dubois. Denn das w�rde bedeuten, willf�hrige Steuerzahler zu verlieren. Der Steuerdruck auf den Gebliebenen ist hoch, sie zahlen, ohne zu murren. Ohne diese Einnahmen w�re unsere Staatskasse noch leerer, als sie schon ist. Die Ausweisung dieser Restjuden oder gar der Konvertierten w�re in finanzieller Hinsicht unklug! Unser blinder Glaubenseifer darf nicht unseren staatsm�nnischen Verstand au�er Kraft setzen!�</p><p>�Auch ich muss mich wundern�, schaltete sich der Schatzmeister mit wieder gesenkter Stimme ein. �Ich dachte, wir sprechen gemeinsam �ber die geplante Neuansiedlung der vertriebenen Juden? Jetzt geht es darum, auch noch den verbliebenen Rest zu vertreiben!�</p><p>�Es geht in der Frage des richtigen Glaubens nicht um �konomie, es geht um Gott, vergesst das nicht!�</p><p>�Nein, Dubois, das vergesse ich niemals. Aber seid Ihr eine Instanz in Glaubensfragen? � Majest�t!� Er verbeugte sich in Richtung Philipps. �Ich bin ein Mann, der in Geldangelegenheiten zum Nutzen unseres Landes denkt. Alle anderen Beweggr�nde sind mir fremd. Deshalb bitte ich, mir zu verzeihen, wenn ich vielleicht zu kurzsichtig in wirtschaftlichen Kategorien denke und nicht in Fragen des Glaubens.�</p><p>�Schon gut, schon gut!�, winkte Philipp ab.</p><p>�Aber seht: Ich glaube, nicht die christliche Geburt wird unser Land in seiner Gr��e best�tigen, sondern gut gef�llte Schatullen und eine bl�hende Wirtschaft.�</p><p>Jetzt unterbrach ihn Enguerrand. �Wollt Ihr leugnen, dass Frankreich allein deshalb so gro� ist, weil der Glaube der Franzosen an den einzigen Gott felsenfest ist und Gott deshalb ganz auf unserer Seite?�</p><p>�Dieser Disput bringt uns nicht weiter�, sagte Charles de Valois. �Wir geraten vom eigentlichen Thema ab. Wie verhalten wir uns gegen�ber diesem Brief?�</p><p>�Wir pr�fen ihn sorgf�ltig�, sagte Dubois.</p><p>Der Schatzmeister sagte leise: �Wir m�ssen zusammenstehen, das ist meine Philosophie. Frankreich braucht die Juden ebenso wie den hohen und den niederen Adel, die B�rger, die Kaufleute, die Handwerker, die Bauern. Das ist meine Meinung. Wir sind ein Land. Und auch die Juden m�ssen darin ihren Platz finden � die Konvertierten haben ihn bereits gefunden. Pogrome darf es nie mehr geben, sie widersprechen dem richtigen Glauben und der Vernunft. Glauben und wirtschaftliches Kalk�l d�rfen sich nicht widersprechen!�</p><p>�Dubois?�</p><p>�Der Glaube an den einzigen Gott, der sich in Christus offenbart hat, das ist es, was uns lenken soll. Nichts anderes! Wir zahlen Gott unsere Schuld zur�ck, nicht irgendjemandem auf Erde. Das scheint der Herr Schatzmeister zu vergessen. Und kein Wunder, er ist ja selbst ein� ein��</p><p>�Enguerrand?�</p><p>�Es ist wahr, der wirtschaftliche Verlust, vom geistigen will ich nicht reden, ist ungeheuer. Geld, Kenntnisse, Geschick, alles ist mit der Ausweisung der Juden verloren gegangen. Frankreich ist ein Land des reinen Glaubens, aber auch ein armes Land geworden. K�nnen wir das wollen?�</p><p>�Renaud?�</p><p>�Ich schlie�e mich der Meinung meines verehrten Vorredners an!�</p><p>�Escribano?�</p><p>Der Schatzmeister war sichtlich gequ�lt von bitterer Galle und erhitztem Blut. Er sagte aber nichts mehr, sondern stand nur schwer atmend da.</p><p>Der K�nig hob die Hand, um den Streit abzubrechen. Er starrte seine Ratgeber nachdenklich an und sagte dann nach einer kurzen Pause:</p><p>�Vermischen wir doch nicht zwei Dinge. Wenn wir, wie uns der anonyme Briefschreiber mitteilt, den Templerschatz zur�ckbekommen, der unermesslich ist, das habe ich selbst gesehen, dann brauchen wir keine Juden und keine Judensteuer mehr. Bekommen wir ihn aber nicht zur�ck, dann erst m�ssen wir in der Tat ernsthaft dar�ber nachdenken, die Juden ins Land zur�ckzuholen. Denn was wir ihnen abnahmen, ist l�ngst ausgegeben, und wir k�nnen die Fleischhauer, Winzer, B�cker nicht mit immer h�heren Steuern belegen. Aufst�nde wie im unseligen Jahr 1306 w�ren die Folge. Wir brauchen neue Reicht�mer, und von wem sollen wir diese bekommen, wenn nicht von unseren �beraus flei�igen Juden?�</p><p>�Wohl wahr, Majest�t!� Der Escribano sch�pfte Hoffnung.</p><p>�Sehen wir also zu�, sagte Enguerrand jetzt, �dass wir dieses Briefschreibers habhaft werden und sein Angebot pr�fen. Wenn er es ernst meint, dann sind wir alle Sorgen los und m�ssen uns �ber die Juden keine Gedanken machen.�</p><p>�Aber wer ist dieser Mann? Wie hei�t er, Joshua ben Shimon? Kennt man ihn? Ist er nicht selbst Jude?�</p><p>�Ein Schriftgelehrter und vermutlich auch ein Mystiker, Majest�t. Er schreibt, er komme aus dem Heiligen Land. Das ist alles, was er angibt.�</p><p>�Woher wei� ein solcher Mann etwas �ber den Schatz der Templer? Und was treibt ihn dazu, ihn uns zu �bereignen? Warum beh�lt er ihn nicht selbst?�</p><p>�Juden sind eben treue Leute�, erkl�rte der Schatzmeister. �Sie stellen das Wohlergehen ihrer Br�der und Schwestern �ber jeden Reichtum. Hei�t es nicht in der Bibel: Ihr k�nnt nicht gleichzeitig Gott und dem Mammon dienen? Der Briefschreiber will f�r seine Leute ein Auskommen, ein normales Leben in der Heimat. Am Gold der Templer klebt in den Augen eines Juden ohnehin nur Blut. Das Blut seiner hebr�ischen Br�der und das Blut seiner arabischen Nachbarn, der Sarazenen. Er kann es nicht wollen. Es ist mit einem Fluch beladen.�</p><p>�Ist es wirklich so, Escribano?�, fragte Philipp zweifelnd.</p><p>�Wir Juden k�nnen nicht l�gen�, antwortete der Schatzmeister einfach.</p><p>�Nun�, sagte Philipp, und ein unangenehmes L�cheln lag auf seinen Lippen, �Ihr werdet es jedoch ertragen m�ssen, dass dieser Jude, wenn er das Seine getan hat, den Weg aller Verr�ter geht.�</p><p>�Ihr wollt ihn umbringen?�</p><p>�Aber Escribano! Was f�r ein h�ssliches Wort! Nein, nein. Wir �bergeben ihn nur dem Offizium, das seine Seele retten wird. Zu seinem eigenen Vorteil!�</p><p>Der Schatzmeister sch�ttelte sich, als h�rte er in diesem Moment eine Kerkert�r hinter sich zufallen. Man sah ihm an, dass er dar�ber nachdachte, wie schnell der K�nig dem die Gunst entziehen konnte, dem er sie gerade noch geschenkt hatte. Jedes halb volle Weinglas ist gleichzeitig halb leer, dachte er.</p><p>Und der K�nig sagte: �Lasst uns �berlegen, wie wir am geschicktesten vorgehen, um des Briefschreibers und des Tempelschatzes habhaft zu werden! Wir locken ihn in eine Falle!�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>7</strong></p><p><emphasis><strong>Mitte November 1314, Marientage</strong></emphasis></p></title><p>Der Tempel von Paris, der hinter m�chtigen Mauern ein gr��eres Stadtgebiet einnahm als das neue K�nigsschloss, das zudem noch im sch�bigen Umbau war, beherbergte auch die sch�nste Kirche der Stadt. Seine sieben stolzen T�rme auf der anderen Seite der Seine waren einst daf�r erbaut, bis an den Himmel zu sto�en. Und das taten sie immer noch, auch wenn jetzt die Besitzer gewechselt hatten.</p><p>Auf dem Gel�nde dieser imposanten Ordensresidenz, die nun den Johannitern geh�rte, bewegten sich an diesem Abend mehrere verd�chtige Gestalten. Aber da die Vermummten auf dem Weg zur Kirche zu sein schienen, um das neunte Marienfest des Jahres zu feiern, lie�en die �berall aufgestellten Wachen sie gew�hren. Zudem hatte die K�lte an diesem Novemberabend so zugenommen, dass auch die Soldaten vollauf damit besch�ftigt waren, sich warm zu halten. Sie blickten den wei�en W�lkchen ihres Atems nach und tr�umten vom warmen Bett ihrer Frauen.</p><p>�Zur Ehre Unserer Lieben Frau von Jerusalem! Und zur Ehre der Kirche Sancta Maria Novae! Am Tag des Tempelganges der Gottesmutter!�</p><p>�Ich brauche solche christlichen Feste�, sagte eine der Gestalten, die der Ank�ndigung des Kirchenmannes lauschten, leise. �Ich bringe mich vielleicht in Todesgefahr damit, aber das Ritual ist mir lieb und teuer. Und vielleicht ist es die letzte heilige Messe, die ich erleben kann.�</p><p>�Gerade dieses Marienfest von der Erl�sung der Gefangenen des 14. September ist mit unser beider Geschichte verbunden, Henri. Deshalb bedeutet es auch mir so viel � obwohl ich ein Ungl�ubiger bin.�</p><p>�Als unser Gro�meister Jaques de Molay in den Flammen starb, war sein letzter Wunsch, dass er seinen Kopf �ber die k�niglichen G�rten hinweg in Richtung Notre Dame drehen konnte, um der Jungfrau Maria ins Angesicht sehen zu k�nnen.�</p><p>�Es ist euer sch�nstes Abbild.�</p><p>Henri de Roslin, kein anderer als er verbarg sich unter einer der braunen M�nchskutten, antwortete dem Sarazenen: �Es waren die Ordensgr�nder der Mercedarier, die sich dem Loskauf christlicher Gefangener aus den H�nden von euch Sarazenen widmeten. Ich kannte viele von ihnen. Alle sind tot. Wie gl�cklich k�nnen wir sein, dass diese Zeiten der blutigen Schlachten im Heiligen Land vorbei sind und wir gemeinsam ihrer gedenken!�</p><p>�Wohl wahr!�, meinte der Dritte im Bunde, ein kleiner Mann. �Gefangenen zu helfen sollte �berall wichtiger sein, als Kriege zu f�hren, auch wenn man sie gewinnt.�</p><p>�Davon habe ich keine Ahnung, Joshua�, erg�nzte der vierte. �Als Knappe wei� man wirklich �berhaupt nichts! Man darf nur Schuhe putzen! W�re ich nur endlich erwachsen!�</p><p>Die Kirche erstrahlte im Glanz der Kerzen. Schon erschallten die Ges�nge, unterbrochen von der mahnenden Stimme des Bischofs. Der Weihrauchkessel schwang an seinem langen Seil im Mittelgang �ber den K�pfen der Gl�ubigen hin und her. Murmelnde Gebete, Rufe, Bezichtigungen der Selbstanklage, der w�rmende Mantel der jetzt einsetzenden Orgelkl�nge. Es war eines dieser sp�ten Feste, die das Herz des Gl�ubigen mit Inbrunst und Licht erf�llten, und ihn aufrichteten.</p><p>�Es ist Wahnsinn, Uthman, hierher zur�ck zu kehren!�</p><p>�Nein, Joshua, niemand erwartet, dass der meistgesuchte Tempelherr des Landes sich ausgerechnet in der Mitte seiner Feinde aufh�lt.�</p><p>Henri murmelte: �Die Kirche ist nicht mein Feind. Sie ist der Wohnsitz meines h�chsten Herrn. Nur die Kirchenf�rsten sind es, die sich bereichern und daf�r jedes Wort brechen.�</p><p>Die Messe nahm sie wieder gefangen. Sean of Ardchatten sang mit heller, melodischer Stimme, die aus seinem Stimmbruch wie ein aufflatternder sch�ner Vogel hervorgegangen war. Henri bedachte ihn mit einem liebevollen Seitenblick.</p><p>Die Ordensbr�der der Johanniter gaben im lang gestreckten Mittelschiff der m�chtigen Rundkirche den Ton an. Ihre wei�en Kutten, ihre gesenkten K�pfe mit der Tonsur, ihr dem�tiges Verhalten t�uschten Henri nicht dar�ber hinweg, dass sie jetzt die neuen Herren des Tempels waren. Sie hatten das Templerkreuz �berall von den W�nden abgeschlagen, ihre Steinmetze hatten daf�r das Kreuz mit den vier goldenen Schwalbenschw�nzen angebracht. Die Hospitaliter, die noch im Jahr 1291 die letzte christliche Bastion Akkon Seite an Seite mit ihnen gegen die sarazenische �bermacht verteidigt und die Kranken und Verletzten versorgt hatten, waren zu ihren einflussreichen Feinden geworden.</p><p>W�hrend Henri der Messe immer and�chtiger folgte und die schwarzen Perlen des Rosenkranzes durch die Finger laufen lie�, lauschte er den anr�hrenden Worten der Predigt.</p><p>�Du hast Maria aus allen Menschen erw�hlt und gesegnet vor allen Frauen. In ihr leuchtete auf die Morgenr�te der Erl�sung, sie hat uns Christus geboren, die Sonne der Gerechtigkeit!�</p><p>Was f�r sch�ne Worte, dachte Henri, wenn sich doch jeder bem�hte, sie wahr werden zu lassen. Wie viel Gutes k�nnte die Christenheit den Menschen bringen!</p><p>�Jesu Geburt hat die Jungfr�ulichkeit der Mutter Maria nicht gemindert, sondern geheiligt!�</p><p>Ja, unsere leidensf�higen Frauen, dachte Henri weiter, sie machen erst das Leben ertr�glich.</p><p>�So feiern wir das Fest zum Ged�chtnis der Schmerzen Marias!�</p><p>Henri sp�rte pl�tzlich fremde Blicke auf sich ruhen. Er untersagte es sich, den Kopf zu wenden. Konnte ihn jemand erkannt haben? Sein Bart war ja inzwischen so dicht wie der eines Assassinen und sein Haupthaar so lang wie das von Jesus Christus! Henri beschloss, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.</p><p>Aber das Gef�hl, beobachtet zu werden, blieb.</p><p>Neben ihm wurde auch Joshua schon unruhig, und Uthman, der als Einziger nicht betete, gab einen fragenden Laut von sich. Auch sie hatten das unbestimmte Gef�hl, dass jemand aus der Schar der Gl�ubigen heraus sie heimlich betrachtete.</p><p>Henri versuchte, aus den Augenwinkeln heraus etwas zu erkennen. Pl�tzlich hatte er das Gef�hl, in eine Falle gegangen zu sein. Der erschreckende Gedanke nahm Besitz von ihm, alle Anwesenden in der Kirche seien Teil einer verr�terischen Inszenierung der Marientage. Henri blieb f�r einen Moment das Herz stehen. Er lie� seine Blicke hastig durch das Kirchenschiff wandern. Musik, Ges�nge, Gebete.</p><p>Henri schalt sich einen Narren. Es war Einbildung! Er atmete ruhiger und versuchte, etwas zu erkennen. Er tat so, als sei ihm der Rosenkranz entglitten, und wendete sich beim B�cken mit einem Ruck nach rechts. Da sah er den heimlichen Beobachter.</p><p>Nein, es war kein Einzelner, es waren mehrere! �berall sa�en sie und starrten zu ihm her�ber! Sie hatten nur Augen f�r ihn!</p><p>Seine Ahnung hatte ihn nicht getrogen, er war in ihre Falle gegangen!</p><p>Erst langsam begriff er, dass die Augenpaare, die ihn anblickten, nur herausfinden wollten, warum einer in der selbstvergessen betenden Menge sich pl�tzlich so auff�llig bewegte und damit die gehorsamen Reihen der streng angeordneten K�rper durchbrach. Denn es war ja so, als s��e in dem Kirchenraum nur ein einziger, atmender, betender K�rper, gebildet aus tausend Leibern, und diese Ordnung war pl�tzlich gest�rt.</p><p>�Was ist?�, zischte Uthman.</p><p>�Ich glaube, ein M�nch beobachtet uns. Ich kenne ihn nicht. Lassen wir uns nichts anmerken.�</p><p>�Wo sitzt er?�</p><p>�Zur Rechten. In der Verl�ngerung unserer Sitzreihe. Aber schau nicht hin�ber.�</p><p>Henri �berlegte. Hatte er diesen M�nch nicht doch schon irgendwo gesehen? Und dann dachte er: Wenn ich mir die M�nchskutte wegdenke und wenn ein Bartflaum dieses gebr�unte Gesicht mit den kantigen Formen verzieren w�rde! Er schaute verstohlen noch einmal hin�ber. Die Reihen der Betenden waren inzwischen wieder ausgerichtet, um das Wort des Herrn in sich einsickern zu lassen. Aber der fremde Beobachter blickte ihn in diesem Augenblick wieder an. Und er l�chelte.</p><p>Da fiel es Henri wie Schuppen von den Augen. Ja, er kannte den Mann! Und es war kein M�nch! Er war ihm damals begegnet, als man den Gro�pr�zeptor der Normandie verhaftete. Sie hatten es gegen die �berw�ltigende �bermacht nicht verhindern k�nnen. Es war kein Geringerer als der Tempelritter Jacques de Charleroi! Der Lothringer hatte also die Verfolgung �berlebt!</p><p>Von jetzt an fieberte Henri dem Ende der Messe entgegen. Er konnte sich nur noch zwingen, aufmerksam zu bleiben. Was machte der Ritter Jacques in der Kirche des verfemten Tempels? Plante er vielleicht etwas �hnliches wie er selbst? Henri sch�ttelte innerlich den Kopf. Das war kaum m�glich. Und doch�</p><p>Als die Messe zu Ende war und sich alle erhoben, fl�sterte Henri seinen Freunden zu: �Wir treffen uns drau�en vor dem Eingang!� Dann ging er durch die Reihen zu seinem Tempelbruder. Er fragte einfach: �Bist du es wirklich?� Und der andere nickte stumm. �Komm mit uns, meine Freunde warten schon.� Wieder nickte der andere.</p><p>Drau�en war es noch k�lter geworden. Die Dunkelheit brachte nun auch noch einen heftigen Wind von der Seine mit sich. Die M�nner froren j�mmerlich.</p><p>Henri machte seinen Tempelbruder mit den anderen bekannt. Jacques, der aus dem gleichen Grund wie Henri die Messe geh�rt hatte, nahm nach kurzer �berlegung seine Einladung an, gemeinsam nach Gambais zur�ckzureiten. Sie gaben sich die Hand. Dann machten sich die vier M�nner schweigend auf den Weg.</p><p>Ihre Pferde standen im Schutz der hoch aufragenden Tempelmauern, an ein Gatter gebunden, das ehemals gr�ne Gartenrabatte umschloss. W�hrend die Johanniter im Inneren der Burg verschwanden und Henri einen letzten bitteren Blick auf den Tempel warf, der ihm jahrelang eine Heimat gewesen war, lenkten seine Gef�hrten schon die Reittiere nach S�den.</p><p>Sie trabten �ber eine der beiden Seinebr�cken nach Westen, vorbei an den schwerbewaffneten Soldaten, die jedoch auch jetzt niemanden anhielten und von einem Bein auf das andere sprangen. Sie bogen jenseits des Mauerringes, der die Insel umgab, nach S�den ab und folgten eine Zeit lang dem Strom von Pferden und Karren. Als der Strom hinter der Stadtgrenze versiegte, ritten sie im gestreckten Galopp weiter. Hinter ihnen versank Paris.</p><p>Sie erreichten Joshuas Haus zwei Stunden sp�ter.</p><p>Der Mond kam hinter Wolken hervor und beleuchtete den Wald und die Senke, in der die Behausung lag. Drinnen flackerte das Kaminfeuer. Mara kam und legte Holzscheite nach. Es duftete nach Ysop und Minze, das M�dchen hatte einen hei�en Tee parat.</p><p>Henri war froh, einen Bruder aus dem zerschlagenen Orden in ihrer Mitte zu haben. Jetzt, wo sie in Sicherheit waren, umarmte er Jacques de Charleroi herzlich. Sie setzten sich im Halbkreis an den Kamin. Gespannt folgten die M�nner den Worten des Lothringers, mit denen er von seinen letzten Wegen berichtete.</p><p>�Es geht mir wie dir, Bruder Henri, wie uns allen, ich habe die Zerschlagung unseres Tempels wie im Traum erlebt. Eigentlich kann ich es noch immer nicht fassen. Wir waren so �berheblich in unserem Gef�hl, uns k�nne nichts passieren! Was war das f�r ein furchtbares Erwachen!�</p><p>�Wo hast du dich in den letzten Jahren, nachdem du aus Aleppo abgereist bist, versteckt gehalten?�</p><p>�Ich ging erst nach Iberien, dann nach Portugal. Dort sind wir auch verboten worden, aber K�nig Diniz erm�glichte es, dass wir uns nicht aufl�sen mussten, und man verfolgt uns nicht. Allerdings besitzen wir nichts mehr. Unsere Reicht�mer und Besitzungen wurden konfisziert, sie sollen an den Christusorden �bergehen, der neu gegr�ndet wird. Castro Marim wird sein Hauptsitz, es liegt unweit des Mittelmeeres am Rio Guadiana, dort, wo sich Iberien und Portugal die Hand geben.�</p><p>�Was konntest du tun, um zu �berleben?�</p><p>�Es gibt im S�den des Landes bei Lagos einen unscheinbaren Ort namens Raposeira. Dort befindet sich die Kapelle Nossa Senhora de Guadaloupe. Sie wurde von christlichen Rittern nach der Vertreibung der Mauren aus der Algarve f�r Maria gebaut. Ich durfte als Steinmetz die Kapellenw�nde versch�nern, ich hatte mir die Kenntnisse selbst beigebracht. Es war wunderbar, die Lebensrosetten des Heiligen Grals und unser altes Symbol des Doppelreiters, der die alte und die neue Ordnung verk�rpert, anzubringen � ein St�ck Heimat. Wenn die m�chtige Burg in Castro Marim, vor der die Feinde zittern werden, fertig ist, soll ich sie schm�cken. Viel mehr erwarte ich, offen gestanden, nicht mehr vom Leben.�</p><p>�Du wirst zur�ckgehen?�</p><p>�Unbedingt! Kommt mit! Es ist viel zu gef�hrlich in Frankreich! Und die Algarve ist sch�n.�</p><p>�Die meisten Templer sind tot, der Rest wird gejagt, das ist wahr. Wir haben noch eine Rechnung offen.�</p><p>�Wie man h�rt, ist sogar der Papst vor Gram dar�ber schlie�lich gestorben.�</p><p>�Es war nicht der Gram, an dem Clemens starb, Bruder. Wir haben nachgeholfen!�</p><p>�Ihr habt��</p><p>�Unser Freund Uthman tat es. Aber die Verlautbarungen sprechen von seiner Krankheit und dass er wegen seines Schuldgef�hls nicht mehr leben wollte. Es soll uns recht sein.�</p><p>�Es ist unfassbar! Und jetzt verstehe ich auch, weshalb du dich hier aufh�ltst, Henri! In der N�he von Paris, in der N�he von Fontainebleau! Du wartest geduldig wie eine Raubkatze auf Philipp, du willst auch den K�nig zur Rechenschaft ziehen!�</p><p>�In der Kirche vorhin dachte ich dasselbe von dir.�</p><p>�Nein. Ich wollte einfach nur zur�ck an den Ort, der uns so viel bedeutet. Und insgeheim hoffte ich, in Paris etwas von dem Gold zu finden, das wir in den d�steren Jahren hier versteckten.�</p><p>�Du ben�tigst Geld? Wir haben genug. Du kannst es haben.�</p><p>�Du hast den Schatz tats�chlich, wie man munkelt, in Sicherheit bringen k�nnen?�</p><p>�Nicht alles. Aber den gr��ten Teil. Leider wird in den n�chsten Tagen der Jude alles dem K�nig verraten!�</p><p>Joshua lachte. Er lachte noch lauter, als er die verdutzte Miene des Tempelritters aus Lothringen bemerkte. �Ganz so ist es nicht geplant. Aber wir erwecken den Anschein.�</p><p>�K�nnt Ihr etwas genauer werden?�</p><p>Henri sagte: �Wir besorgen uns morgen in der Fr�he die Antwort des K�nigs auf ein Angebot, das er sicher annehmen wird. Es ist der Beginn einer gef�hrlichen Zeit. Aber an ihrem Ende wird der Tod Philipps stehen.�</p><p>�Ihr seht mich gespannt. Also erz�hlt!�</p><p>�Wir wollen es so machen��</p><p>Der Morgen war klar und wom�glich noch k�lter als der Abend zuvor. Aber der erste Schnee lie� noch auf sich warten, am eisblauen, flachen Himmel standen keine Wolken.</p><p>Der Wind pfiff �ber die ausgedehnte Ebene von Rambouillet. Ein einsamer Reiter trabte �ber die Wiesen und abgeernteten Felder, auf denen schon erster Raureif lag. Holzpfl�ge mit ihren gro�en R�dern lagen unbenutzt am Rand der �cker, in manchem h�lzernen Streichbrett hatten sich Winterv�gel ein Nest gebaut. Die eingesunkene Gestalt des Reiters unter dem Schafsfell machte den Eindruck, als schliefe er. Aber in Wirklichkeit war Joshua ben Shimon wach wie vielleicht noch niemals in seinem Leben.</p><p>Langsam n�herte er sich von S�dosten her dem Ort, an dem sich ihrer aller unmittelbare Zukunft entscheiden w�rde. Es war der Weiler Sonchamp, hier befand sich die T�ubnerei. Joshua war angespannt. Es juckte ihn am ganzen K�rper. Die raue Wolle seiner hohen Beinkleider und seines Rocks mit der Kapuze w�rmte ihn zwar, rieb jedoch unangenehm auf seinem d�rren K�rper. Er wollte indes nicht anhalten und sich kratzen.</p><p>Immer wieder dachte er: Was wird geschehen, wenn ich Sonchamp erreiche? War unser Verwirrspiel ausreichend genug? Lauern sie dort auf mich?</p><p>Joshua beruhigte seine angespannten Nerven mit dem Gedanken, dass sich Henri de Roslin und Uthman ibn Umar von S�dwesten her, verdeckt durch die dortigen Ahornw�lder, dem Weiler n�herten. Auch der Lothringer hatte sich ihnen angeschlossen. Sie waren die Leibwache, falls die M�nner des K�nigs den Weg des Antwortbriefes doch hatten verfolgen k�nnen.</p><p>Sonchamp kam in Sicht. Der kleine Ort besa� keine Kirche, Joshua erkannte stattdessen den grauen Getreidespeicher des einzigen wohlhabenden Bauern im Ort. Dann erblickte er auch den kleinen, h�lzernen Turm der T�ubnerei. Wei�e Tauben flogen hin und her. Er ritt vorsichtig n�her, immer nach allen Seiten sichernd. Von seinen Gef�hrten war nichts zu sehen. Aber sie durften sich auch nicht zeigen, um keinen Verdacht zu erregen.</p><p>Hinter einem der Bauernh�user, unter dessen Dach sowohl das wertvolle Vieh als auch die Bewohner untergebracht waren, hielt er an. Er stieg ab und legte die Z�gel um einen Sparren. Ger�usche vom Holzhacken drangen zu ihm her�ber, jemand schichtete Brennholz auf, aus den Schornsteinen drang feiner, grauer Rauch.</p><p>Joshua ging hinein. In dem schwachen Licht, das durch die kleinen glaslosen Fenster�ffnungen drang, deren Klappen halb ge�ffnet waren, sah er sich um. Das Bauernhaus war mehr schlecht als recht aus Balken gezimmert, seine W�nde bestanden aus lehmgef�lltem Flechtwerk. Ein Tisch, eine Truhe und zwei B�nke stellten das einzige Mobiliar dar. Die Luft im Raum war stickig, denn dort lebten auch H�hner, Schafe und Schweine. Die Tiere waren nicht zu sehen, aber nahe an der T�r befand sich ein Misthaufen, von dem ein stechender Geruch ausging.</p><p>Dann sah er den Mann im Hintergrund. Er hielt etwas in der Hand. Joshua trat n�her. Der alte T�ubner, er hie� Buffon und war halb erblindet, streckte ihm den Brief entgegen. Er war mit rotem Wachs versiegelt.</p><p>�Wann kam der Brief?�</p><p>�Vor drei Tagen in der Nacht, Herr! Die Tauben richteten sich nach dem Vollmond.�</p><p>Joshua starrte auf den Brief, dann brach er das Siegel auf. Er �berflog die handschriftlichen Zeilen und begann zu l�cheln.</p><p>�Schlechte Nachrichten, Herr?�</p><p>�Gute! F�r mich und auch f�r Euch, Buffon! Hier ist das versprochene Geld. Es ist echte Pr�gung, auch wenn das Abbild des K�nigs darauf schon ganz abgegriffen ist. Lang lebe unser K�nig! Und hab Dank, Buffon! Es kann sein, dass ich deine Dienste noch einmal in Anspruch nehme.�</p><p>�Jederzeit, Herr.�</p><p>�Und zu niemandem ein Wort! Dieser Brief ist hier niemals angekommen.�</p><p>Joshua trat nach drau�en. Rauch in der Luft. Ein Hund bellte. Sonst lag alles in tiefem Schweigen. Auch das Holzhacken war nicht mehr zu h�ren. Eine stillere Provinz als diese gibt es nicht, musste er denken. Dann bestieg er sein Pferd und gab ihm die Hacken. Er sah sich nicht um. Aber er wusste, dass sich irgendwo weit hinter ihm drei Reiter auf mit dicken Decken verh�ngten Pferden bewegten.</p><p>Sie hatten einen Wald s�dlich von Sonchamp verabredet, in dem sie sich treffen wollten. Aus Vorsicht wollten sie nicht auf dem direkten Weg nach Gambais zur�ckreiten.</p><p>Joshua erreichte den Wald. Wenig sp�ter trafen die anderen M�nner ein. Sie stellten sich im Kreis zusammen. Joshua hielt Henri schweigend den Brief hin. Henri begann ihn wortlos zu lesen, aber Uthman forderte ihn ungeduldig auf, laut vorzulesen.</p><p>�Wir sind zu dem Beschluss gekommen, Euer Angebot zu pr�fen. Solltet Ihr irgendeine T�uschung im Schilde f�hren, so wird sie Euch nicht gelingen. Im g�nstigen Fall jedoch wird Euch reiche Belohnung zuteil werden. Der Schatz des h�retischen Tempelordens geh�rt allein dem K�nigshof! Wenn Ihr uns Zugang dazu weist, ist es nicht Euer Schade. Kommt nach Fontainebleau, wo Wir mit unserem Hofstaat vierzehn Tage lang verweilen. Es ist die Zeit des vorweihnachtlichen Halali, und Wir werden eine Wildschweinjagd veranstalten. Seid unser Gast! Und verratet uns Eure Geheimnisse! Das Losungswort, mit dem Ihr sofort zu mir gef�hrt werdet, sei Bause�nt!, der alte Schlachtruf der verhassten Templer, dieses Wort wird au�er Euch in dieser Zeit niemand zu verwenden wagen! � Philipp, K�nig von Frankreich, im neunundzwanzigsten Jahr seiner Regentschaft.�</p><p>�Und im letzten Jahr!�, f�gte Joshua hinzu. Er verstand die Dem�tigung, ihn, den Juden, ausgerechnet zu einer Schweinejagd einzuladen.</p><p>Henri lie� den Brief sinken. �Nun ist alles vorbereitet. Begeben wir uns auf die gro�e Saujagd!�</p><p>�Wann willst du reiten?�, fragte Uthman.</p><p>�Wenn Joshua aus mir einen Juden gemacht hat. Wie lange dauert das, mein Freund?�</p><p>�Das h�ngt ganz von deiner Gelehrsamkeit ab. Ich denke, in zwei Tagen kannst du aufbrechen, Henri.�</p><p>�Ich begleite dich, Bruder�, meinte Charleroi. �Nein, ich dulde keine Widerrede! Ein zus�tzlicher Templer kann nicht schaden. Wenigstens bis zu den Toren der Stadt!�</p><p>�Aber es ist gef�hrlich. Philipp ist ein listiger Fuchs. Sie k�nnten uns ergreifen und uns der Folter unterziehen, um uns zum Reden zu bringen. Es ist nahe liegend. So brauchten sie uns nicht den geforderten Preis zu bezahlen.�</p><p>�Das werden sie nicht wagen. Denn wenn du nicht sprichst, verlieren sie alles. Ich begleite dich.�</p><p>�Also gut.�</p><p>�Wenn sie Wildschweine jagen wollen, dann tun sie es im Wald von Bi�re und Saint Maxence, dort kenne ich mich ein wenig aus. Ich werde dort auf dich warten, wer wei�, ob du dann nicht eine tatkr�ftige Hilfe ben�tigst.�</p><p>�Nun, so danke ich dir, Bruder Jacques!�</p><p>�Reiten wir zur�ck. Und dann wird der Talmud studiert!�</p><p>�Ich kenne den Talmud bereits. Wusstest du nicht, dass ich die aram�ische Sprache beherrsche? Wozu habe ich diese Kenntnisse wohl verwendet?�</p><p>�Wahrscheinlich � um den Talmud zu lesen.�</p><p>�H�h! H�h!� Willst du wohl laufen!��</p><p>Als sie die Behausung des Juden erreichten, war schon alles vorbereitet. �berall lagen Kleider. Henri de Roslin musste nun in die Gestalt eines aram�ischen Gelehrten schl�pfen, der vorher Joshua ben Shimon gehei�en hatte.</p><p>Die n�chsten Stunden waren erf�llt von Beten, Singen und Wehklagen. Henri lernte, sich richtig zu bewegen. Joshua verwandelte sich w�hrend der Lektionen in einen <emphasis>rabbenu,</emphasis> was in seiner Sprache �Unser Lehrer� hie�, und Henri, obwohl er schon �ber vierzig Jahre auf der Erdenscheibe weilte, in einen jungen Eleven.</p><p>Noch in der Nacht las er zum Kerzenlicht im Talmud, bis ihm die Augen zufielen. Er schlief an der Tischkante ein. Am n�chsten Morgen ging der Unterricht noch vor dem Fr�hst�ck weiter. Henri musste das j�dische Morgengebet sprechen, das Joshua <emphasis>schacharit</emphasis> nannte.</p><p>�Wenn sie jemanden am Hof haben, der sich auskennt, wird er dich vielleicht Pr�fungen unterziehen�, sagte Joshua. �Du musst wenigstens �ber die gel�ufigen Dinge Bescheid wissen, um keinen Verdacht zu erregen. Ich werde dir zeigen, wie du die Gebetsriemen anlegst. Du musst richtig beten. Und du musst unbedingt vor jeder Nahrungsaufnahme fragen, ob das Fleisch koscher ist.�</p><p>�Ich kann, wie gesagt, Aram�isch.�</p><p>�Das ist vortrefflich und wird dir helfen. Aber es ist nicht genug. Um debattieren zu k�nnen, musst du beispielsweise das <emphasis>loschen</emphasis> beherrschen, es ist eine Mischung aus Hebr�isch und Latein. Wir Juden lieben es, uns zu streiten, und wir tun es in dieser Sprache. Wir streiten uns st�ndig �ber die Gesetze und �ber ihre richtige Auslegung. Jeder legt sie anders aus.�</p><p>�Ich beherrsche beides, Latein nat�rlich mehr als das Hebr�ische, aber ich kann mich jederzeit verst�ndigen.�</p><p>�Zeig es mir!�</p><p>Und Henri begann, in scheinbarer Erbitterung, loszupalavern, ein endloser Fluss mal weinerlicher, mal scharfer Anklagen und Entgegnungen.</p><p>�Nicht schlecht. �be es so lange, bis du dem K�nig und seinen misstrauischen Ministern gegen�bertrittst! Dann besitzt deine Stimme den richtigen Tonfall, und es wirkt glaubhaft.�</p><p>Henri verbrachte den ganzen restlichen Morgen mit dem <emphasis>loschen.</emphasis> Noch w�hrend Joshua mit der Hilfe von Mara versuchte, ihm die Haare zu stutzen, anschlie�end die rituellen Haarlocken neben den Ohren zu kringeln und den Bart in einen j�dischen Bart mit zwei Spitzen zu verwandeln, deklamierte Henri mit weit ausholenden Gesten.</p><p>Als sein �u�eres alle zufrieden stellte, lernte Henri, sich den Gebetsschal �ber den Kopf zu legen. Er musste ihn an beiden Enden anfassen und dann mit einer Drehung aus den Handgelenken heraus auf den Kopf fallen lassen, sodass er sich im Fall bauschte. Henri schien ein Naturtalent zu sein, alles gelang ihm ohne M�he.</p><p>Mara sah dem Treiben am�siert und verst�ndnislos zu. Dann sagte sie pl�tzlich: �Wie soll das gehen? Ich habe doch gesehen�� Sie beugte sich zu Joshua und fl�sterte ihm etwas ins Ohr.</p><p>�Nein�, sagte Joshua kopfsch�ttelnd. �Nat�rlich ist er nicht beschnitten, da hast du Recht. Aber das ist nicht zu �ndern. Sie werden schlie�lich nicht��</p><p>Henri sah von einem zum anderen. Er nahm sich den Schal vom Kopf, der ihm albern vorkam, und reckte seine kr�ftige Gestalt. �Wir m�ssen das alles nicht zu weit treiben�, sagte er. �Entweder es funktioniert oder nicht. Ich will den K�nig t�ten, nicht in eine Truppe von Schauspielern und Gauklern eintreten, die Narrenspiele auff�hrt. Kommen wir also zum Ende.�</p><p>�Das sind keine Narrenspiele! Die Gebetsriemen�, sagte Joshua. �Wie legt man sie an?�</p><p>�Sag es mir, zeig es mir.�</p><p>�Jeden Morgen au�er am Sabbat legen wir uns Lederriemen an den Arm und �ber diese kleine Lederschachtel an die Stirn. Nein, an den linken Arm. Mit diesem Tun erf�llen wir die Anweisungen aus dem f�nften Buch Moses. Da hei�t es: Meine Worte sollst du zum Zeichen binden auf deinen Arm, und sie sollen dir ein Mahnmal sein vor deinen Augen.�</p><p>�Und wie macht man das?�</p><p>Joshua f�hrte es ihm vor. Er nahm den Riemen, schlug ihn sich zehnmal um den linken Arm und verflocht ihn auf eine besondere Art mit den Fingern. Anschlie�end f�hrte er ihn �ber den Kopf. �So. Jetzt mach�s mir nach.�</p><p>Henri versuchte es.</p><p>�Gut so. Und jetzt bete und bewege dich dabei.�</p><p>Henri betete und beugte sich dabei ruckartig vor und zur�ck. Manchmal hielt er an, um seinen Rhythmus neu einzustellen. Er kam sich schon sehr echt vor.</p><p>�Wenn du dich so bewegst, werden sie dich massakrieren! Es sieht aus, als �btest du gerade zum ersten Mal.�</p><p>�Das tue ich auch!�</p><p>�Es ist dein Todesurteil. Mache es besser!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Henri �bte und �bte den ganzen Tag bis tief in die Nacht hinein. Am n�chsten Morgen ging es weiter. Er sprach nur Aram�isch, um sich in dieser Sprache flink wie ein Fisch im Wasser zu bewegen. Joshua sch�rfte ihm ein, dass er bei dem zu erwartenden Festessen in Fontainebleau auf keinen Fall das erlegte Wildschwein verzehren durfte.</p><p>�Die Juden d�rfen alle Tiere verzehren, die gespaltene Hufe besitzen und wiederk�uen, also auf keinen Fall Pferde, Esel und Schweine. Und auch kein Rind, wenn es nicht koscher ist und nicht gesch�chtet wurde. Am besten ist es, wenn du dich an V�gel h�ltst, sie sind in jeder Form erlaubt, Adler, Falken, Flederm�use, au�erdem ist ihr Fleisch fest und zart.�</p><p>�Ich gehe nicht zum Schmausen nach Fontainebleau�, erinnerte ihn Henri.</p><p>�Aber sie werden dich mit dem Essen k�dern�, erwiderte Joshua.</p><p>�Wahrscheinlich bringe ich vor Anspannung sowieso keinen Bissen hinunter. Ich kann nur hoffen, dass mir die Ausf�hrung der Tat schnell gelingt, denn es w�rde mich krank machen, tagelang in dieser Jagdgesellschaft auszuharren. Du wei�t vielleicht, dass uns Templern die Jagd ausdr�cklich verboten ist.�</p><p>�Den Juden ebenso. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen uns, mein Freund.�</p><p>�Und etwas, das uns trennt�, warf Uthman ein. �Wir Sarazenen jagen leidenschaftlich gern.�</p><p>Joshua sagte: �Jetzt n�ht dir Mara den roten Ring an. Und probiere noch die geh�rnte Kappe. Oh, mir steht sie besser.�</p><p>Ein helles Lachen ert�nte. Es kam aus der Ecke, in der Sean sa�. Ein Blick Henris lie� ihn verstummen.</p><p>Joshua be�ugte seinen Sch�tzling kritisch. �Achte darauf, dass dir kein Fehler unterl�uft!�</p><p>�Es wird ihnen egal sein, ob ich ein echter Jude bin oder nicht. Ich muss ihnen nur glaubw�rdig versichern, dass ich den Templerschatz habe.�</p><p>�Und?�, frozzelte Uthman, �hast du ihn?�</p><p>�Das ist der einzige Haken an der Sache�, entgegnete Henri. �Ich habe ihn, ich wei�, wo sich seine verstreuten Teile befinden. Wenn es hart auf hart kommt, wei� ich nicht, ob ich es verschweigen kann.�</p><p>�Du meinst?�</p><p>�Unter der Folter verr�t jeder irgendetwas.�</p><p>�Es wird nicht so weit kommen, Henri. Wirf ihnen ein paar Goldst�cke hin, dann werden sie anbei�en. Entlocke ihnen ein paar Zugest�ndnisse in Sachen Judenansiedlung, und das mit Eifer. Das wird sie �berzeugen, dass du ihr Mann bist.�</p><p>Henri wandte sich an Jacques. �Sie jagen im Wald von Bi�re und Saint Maxence?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dort werde ich mein Gl�ck versuchen. Welche Sau dann stirbt, werden wir noch sehen. Gott stehe mir bei!�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>8</strong></p><p><emphasis><strong>28. November 1314, Tag des Andreas</strong></emphasis></p></title><p>�Was ist, Jude?! Nimm die Saufeder auf!�</p><p>Ein berittener Jagdjunker im roten Mantel deutete auf eine lange Waffe, die mit ihrer messerscharfen, gewundenen Dreifachspitze im Boden steckte. Sein Schimmel t�nzelte nerv�s vor dem Falben Henris. Dieser hatte M�he, sein eigenes Reittier im Zaum zu halten, denn im Wald und Unterholz des Forstes von Saint-Maxence lag das Fieber der Jagd.</p><p>�Wir Juden jagen nicht!�</p><p>�Dann gebt Acht, was jetzt geschieht!�</p><p>Henri de Roslin war mitten im Get�mmel der Hetzjagd. Weit voran ritt nur der K�nig auf einem mit Gold geschm�ckten Pferd, daneben acht Falkner. Nur Philipp als Jagdherr und Dirigeant und seine im Abstand reitenden vornehmen Chevaliers und Grafen mit Halskrause, Pluderhosen und Stulpenstiefeln durften Greifv�gel auf ihren gepolsterten Armen tragen. Erst dahinter ritt das Gefolge, der Oberhofj�germeister mit dem Jagdfourier, dann Commandanten, Jagdjunker, Pagen und Piqueure.</p><p>Noch weiter dahinter b�ndigten die Treibj�ger des Bodenwildes in ihren gr�nen und braunen Umh�ngen ihre Pferde; Pirscher und Treiber zu Fu�, mit Pfeifen und Trommeln, marschierten zu allen Seiten, an langer Leine die feinnasigen F�hrtenhunde. Die Jagdknechte hatten bereits Fallen gebaut, trugen Wurfnetze und schlugen sich durch das Unterholz. Fronpflichtige Bauern hatten tagelang zu beiden Seiten des Waldes wei�e Rollt�cher aufgespannt, damit das Wild nur vorw�rts preschen konnte.</p><p>Jetzt erklangen die Jagdh�rner aus Messing und Leder, die den wei�en Leithunden das Zeichen gaben, die Hornst��e waren so durchdringend, dass sie das Jagdfieber der M�nner und die Angst der gejagten Tiere gleicherma�en erhitzten.</p><p>Henri r�mpfte die Nase. Schon roch es seiner Umgebung nach dem Kot der erregten Reittiere und nach dem Blut des bereits erlegten Rotwildes, das den hinter ihnen liegenden Pfad s�umte. Panische Kleintiere wie Wiesel, Hasen, Iltisse und Dachse rannten durch das Unterholz, aber die J�ger achteten nicht darauf, sie warteten mit ihren Piken, Schleudern und Netzen auf Wildschweine, Tannhirsche, Trappen und Rehe.</p><p>Der K�nig begn�gte sich mit der Beizjagd mit seinen Falken, dies war die edelste Jagd, einem Herrscher als Privileg angemessen. Philipp hatte seinem Gast am Vorabend begeistert von dieser edelsten aller Jagden, die aus Byzanz eingef�hrt worden war, berichtet. Sp�ter war die persische Falknerei zum Vorbild der abendl�ndischen Beizjagden geworden. Als Beute w�rden Stare, Wachtelk�nige, M�wen und Milane auf den Silbertabletts landen. Aber auch gr��ere V�gel, Reiher, St�rche, Auerwild und Geier, schlugen die Falken.</p><p>Der K�nig selbst stand der bedeutendsten Falknerschule vor, und w�hrend er zu ihm gesprochen hatte, sp�rte Henri gegen ihn keinen Hass. Er schien seine Profession wirklich zu lieben. �Wenn der Jagdfalke unt�tig ist, so darf ich nicht zornig werden und ihn darob �bel schelten, sondern ich muss fein sanftm�tig und geduldig sein. Ich muss den Fehler des Falken mit sittsamer und bescheidener Behandlung wieder gutmachen und ihn fein ordentlich und meisterlich abrichten��</p><p>Henri hatte sich allen Ernstes gefragt, ob dieser Mann an seiner Seite, der so zierlich und ehrlich sprach, wirklich der M�rder seiner Tempelbr�der war.</p><p>Die gew�hnliche Treibjagd am Boden fand jetzt in der Nachhut statt. In der N�he bewegte sich auch Henri, er hielt jedoch immer Blickkontakt zum K�nig.</p><p>Henri hatte seine j�dische Rolle des Jagdgegners gespielt, und der K�nig hatte ihn, wie er es gehofft hatte, doppelt entschieden aufgefordert, die Hatz mitzumachen. �Es ist das <emphasis>grande plaisir</emphasis> des Jahres�, hatte er gesagt. �Dabei wird alles erlegt, was es wert ist, erlegt zu werden. Ihr m�sst es einmal erlebt haben, Jude.�</p><p>Henri hatte es vorgezogen zu schweigen.</p><p>Beim vorabendlichen Festmahl zu Ehren des Jagdheiligen Hubertus im riesigen Bankettsaal mit den hohen tonnenf�rmigen Holzdecken im Schloss von Fontainebleau � das Philipp beim Auftauchen aus der flachen Ein�de der Isle de France wie ein gl�nzender und gef�hrlicher Traum vorgekommen war � hatten sie den fremden Juden auf die Probe gestellt. Joshua hatte richtig vermutet. W�hrend Diener mit den schweren Servierplatten �ber den offenen Hof von der K�che zum Speisesaal eilten und sich jedes Mal verbeugen mussten, wenn sie sich der Tafel n�herten, hatte Philipp ihn ausgehorcht. Er wollte alles �ber ihn wissen.</p><p>Henri de Roslin war, so oft es ihm einfiel, in den aram�ischen Tonfall verfallen.</p><p>Zur �berraschung der anwesenden G�ste flatterten pl�tzlich kleine Singv�gel beim Aufschneiden aus einer Wildpastete, und ein gekochter Schwan glitt in einer gro�en Sch�ssel auf gr�nem Backteig dahin. Als Schweinefilets auf den Tisch kamen, lehnte Henri dankend ab, und er h�tte es auch getan, wenn er kein �Jude� gewesen w�re und nicht die inquisitorischen Blicke der K�nigsberater gesp�rt h�tte. Denn das Essen war lauwarm, das Fleisch auch der gebratenen Tauben und der Pfauen, die man im vollen Federkleid servierte, z�h und flechsig und mit Pfeffer, Senf, Kren und Knoblauch bis an die Grenze des Genie�baren �berw�rzt.</p><p>Der K�nig pickte mit blo�en Fingern einen besonderen Leckerbissen, zarte B�ckchen, aus dem Kopf von ger�steten wei�en Brieftauben und bot sie Henri an. Der Gast wollte Philipp nicht verstimmen und a� sie.</p><p>Dann stellte der K�nig die entscheidende Frage: �Woher wei�t du vom Versteck des Schatzes?�</p><p>Henri hatte die Taubenb�ckchen heruntergeschluckt und geantwortet, wie er es sich zurechtgelegt hatte. �Ich hatte einen schottischen Freund. Er war Templer. Bevor er in einem orientalischen Gef�ngnis starb, wo wir beide unter st�ndig wechselnden Kerkermeistern vegetierten, verriet er mir die Verstecke.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Vor Jahren, Majest�t.�</p><p>�Wer war dieser Templer?�</p><p>�Er behauptete, er sei der Schatzmeister des Ordens gewesen.�</p><p>�Henri de Roslin? Er ist tot? Und er verriet euch��</p><p>Der K�nig war aufs H�chste erregt und schrie jetzt beim Sprechen und verschluckte sich.</p><p>�Ja, Majest�t.�</p><p>Henri beugte sich seitlich vom Pferd. Er hielt dabei die geh�rnte Judenkappe auf seinem Kopf fest und nahm dann die Saufeder vom Waldboden auf. Nur zu seinem Schutz, wie er den Berittenen sagte, um sich vor angreifenden Tieren zu wehren. Insgeheim dachte er: Es w�re sein angemessener Tod, wenn er durch die Saufeder st�rbe.</p><p>Er gab seinem Pferd die Hacken und ritt weiter nach vorn. Er durfte Philipp nicht aus den Augen verlieren.</p><p>Jetzt war die Pirsch als Vorbereitung der Jagd beendet, das Wild auf die abgesteckte Strecke gebracht. Die l�rmende Hetzjagd ging voran.</p><p>Die Hunde nahmen gleichzeitig mehrere F�hrten auf. Zuerst st�rzten heulend und kl�ffend die gr��ten, hochl�ufigen Bracken durchs Unterholz, nach ihnen versuchten die mittelgro�en Hetzhunde Schritt zu halten, kleinere Bassets und Porcelaines bildeten den Schluss. Eine Meute scharfer Bleu de Gascogne sprang an Henris Falben empor, er musste sie mit Tritten abwehren, sein Pferd stieg panisch auf, und sein Reiter konnte es nur mit M�he beruhigen. Kurzstielige Peitschen mit meterlangen Lederriemen, von herbeilaufenden Piqueuren geschlagen, brachten die Hunde wieder auf Trab.</p><p>Einer der b�uerlichen Treiber, ein Hegereuter mit feuerroten Haaren, war von einem Bluthund ins Bein gebissen worden, er w�lzte sich am Boden. Als Henri absteigen wollte, um dem Bedauernswerten zu helfen, kamen J�gerknechte und Leibsch�tzen und schafften ihn in die Nachhut, wo schon andere Opfer versorgt wurden. Bogensch�tzen und Lanzenwerfer liefen nach vorn, das Fu�volk schrie, die Pferde wieherten erregt. Es ist wie in einer Schlacht, dachte Henri de Roslin, nur gilt der gemeinsame Hass hier den wehrlosen Tieren.</p><p>Er sah, wie der K�nig jetzt seinen Falken fliegen lie�. Der Greifvogel stieg auf, kreiste �ber ihren K�pfen und st�rzte sich dann herab auf eine unsichtbar bleibende Beute. Ein anderer Falke verfolgte einen Milan, den Henri an seinem Schwalbenschwanz erkannte, und schlug ihn im Flug.</p><p>Es war ein sch�ner Anblick, fast wie ein heiteres, t�nzerisches Spiel in den L�ften.</p><p>Die Bodenjagd dagegen war von roherer Natur und widerte Henri vom ersten Moment an.</p><p>J�nglinge mit rotblau gestreiften �berw�rfen �berholten Henri. Sie trugen das Jagdger�t, Speere mit gezackten Eisenspitzen, kurze Wurflanzen und vierfach ges�umte Netze. Einige f�hrten zur niederen Vogeljagd auch Leimruten, Kescher und Fu�schlingen aus Pferdehaaren mit sich. Sie lenkten gleichzeitig die Nachhut von zusammengekoppelten Hunden, schwere und geifernde Saupacker, die wie Ritter gepanzert waren. Jemand schrie: <emphasis>�Volez! Volez! Mes chiens! Apr�s! Bon chasse!�</emphasis> Im n�chsten Moment, das endg�ltige Jagdrevier war erreicht, l�ste man die Jagdhunde, und die Rotte stob davon. Die J�ger ermunterten ihre Sauhunde durch das Blasen ihrer Rufh�rner.</p><p>Auf einer Bergkuppe, dort, wo ein schwacher Sattel entlang des H�henkamms verlief, zeigte sich pl�tzlich ein Rudel Damwild. Es war ein Tageseinstand, wie es Wild liebte, mit einem windgesch�tzten Dickicht aus Adlerfarn und gutem Schutz gegen die N�sse. Die Meute hetzte los. Mutig versuchten sich Hirsche der �bermacht zu erwehren, und einige Hunde wirbelten, von den Geweihen getroffen, durch die Luft. Aber als die J�ger den Kampfplatz erreichten, wurde der Kampf schnell entschieden, sie durchbohrten mit Lanzen die Tiere, zuckend verendeten auch die stattlichsten.</p><p>Henri sah dem Geschehen unwillig zu. Er �berlegte, wie lange die Jagd w�hren w�rde. Immerhin wusste er inzwischen so viel, dass die Jagd nach den Wildschweinen in aller Herrgottsfr�he stattfinden musste. Jetzt war es jedoch schon Nachmittag. Man w�rde also die Jagd bald abbrechen, im k�niglichen Zeltlager �bernachten und einen weiteren Tag jagen.</p><p>K�nig Philipp verlie� sein Schloss, in dem er geboren worden war, nur noch zur Jagd. Henri hatte �berlegt, ob er ihn in seiner gl�nzenden Residenz erledigen sollte. Aber die Jagd und das unwegsame Gel�nde im Forst boten ihm mehr M�glichkeiten. Er musste einfach abwarten und im entscheidenden Moment zur Stelle sein.</p><p>Der K�nig gab bald ein Zeichen, und die Bl�ser lie�en die Halali-Fanfare, das <emphasis>do mort</emphasis> ert�nen, die Jagd war f�r heute beendet.</p><p>Die Jagdgesellschaft wandte sich jetzt in Richtung einer schon vorbereiteten Feuerstelle, um das Jagdmahl zu halten. Hier waren schon reichlich geschm�ckte Zelte aufgeschlagen. Die beste Troph�e, der rechte Lauf des kapitalsten Hirsches, wurde dem K�nig als Ehrengabe von seinem Oberpiquer �berreicht. Die Jagdgehilfen legten die bisherige Beute in zwei lange Reihen und verteilten sie. Jeder bekam seinen Anteil aus der �ppigen Strecke. Einige begannen sofort, die Tiere mit einfachem Weidbesteck zu zerlegen, doch die Aufseher scheuchten sie fort.</p><p>Der K�nig kam herangeritten. Er hielt seinen Falken, an seiner Seite baumelte das edelsteingeschm�ckte Jagdhorn aus Elfenbein. Er sagte zu Henri: �Nun, Jude, wie gef�llt dir unser Vergn�gen?�</p><p>�Ich k�nnte es sicher mehr w�rdigen, Herr, wenn meine Religion mir die Beteiligung erlaubte. So ist es aber ein spannendes Theaterst�ck.�</p><p>�So, ein Theaterst�ck! Dann pass er auf, ob dabei nicht echtes Blut flie�t!�</p><p>�Das wird nicht ausbleiben, Majest�t.�</p><p>�Ihr seid scheu wie der Heilige Hubertus, der Schutzpatron der J�ger, nach seiner Begegnung mit dem Hirsch, der in seinem Geweih ein leuchtendes Kruzifix trug und ihn aufforderte, sich zum Christentum zu bekehren! Wild muss gejagt werden! Es ist nicht nur ein Vergn�gen, es ist eine edle Pflicht!�</p><p>�Ihr habt Recht, Majest�t.�</p><p>�Man soll �brigens das Wild mit Edelsinn und Vornehmheit erlegen, nicht wahr, damit man gute Unterhaltung hat und mehr Tiere �brig bleiben. Meint Ihr nicht?�</p><p>�Das denke ich auch, Majest�t. Oder man jagt �berhaupt nicht.�</p><p>Der K�nig sah ihn nachdenklich an. �Morgen in aller Fr�he jagen wir das Schwarzwild. Wir brechen noch vor Sonnenaufgang auf. Und Ihr werdet in meiner N�he reiten. Ich will, dass Ihr alles seht!�</p><p>�Ja, Majest�t.�</p><p>�Und dabei erz�hlt Ihr mir von Eurem Schatz, verstanden?! Wenn die Jagd zu Ende ist, will ich alles wissen!�</p><p>Henri hatte verstanden. Die Worte des K�nigs klangen nicht nur wie eine Drohung, sie waren eine.</p><p>Gebratenes Flugwild und Wein st�rkten die J�ger. Die Feuer flackerten noch eine Weile. Jeder prahlte mit seiner Beute. Bald kam das geblasene Signal zur Jagdruhe. Die einfachen Treiber schliefen auf dem Erdboden rund um die Feuer, die h�her gestellten Teilnehmer verschwanden in ihren Zelten.</p><p>Henri schlief in dieser Nacht nicht. Im Zelt war es kalt. Von drau�en kam das Schnauben der angepflockten Pferde, die das Blut des schon erlegten Wildes rochen. Hin und wieder ging er hinaus und w�rmte sich am Feuer. W�hrend er das Lager beobachtete, vers�umte er nicht, den Eindruck eines gedankenverlorenen, stumm vor sich hin betenden Juden zu verbreiten. Aber seine Gedanken kreisten ausschlie�lich um den kommenden Tag.</p><p>Am Morgen brachen sie fr�h auf, das Schwarzwild musste zwischen D�mmerlicht und Fr�hsonne gejagt werden, es sch�tzte die Nacht und mied das helle Tageslicht.</p><p>Henri war doch noch einged�st und nun mit einem Schlag hellwach. Er sp�rte sofort die Gefahr, die von diesem Tag ausging. Er versuchte, sich zu erinnern, welches Datum es war. Der 29. November des Jahres 1314, der Tag des Namenspatrons Andreas, er hatte ihn einmal mit einem befreundeten Tempelritter dieses Namens in Akkon gefeiert.</p><p>Ein guter Tag zum T�ten, dachte Henri de Roslin. Jedenfalls werde ich ihn dazu machen.</p><p>Schneegeruch lag in der Luft, es war eiskalt. Aber es blieb trocken. Der Wald dampfte. Bodennebel stieg in wei�en Schwaden auf, zerteilte sich aber schnell. Es w�rde ein klarer Tag werden.</p><p>Am Vorabend hatte ihm ein J�ger erz�hlt, das Schwarzwild sei klug, es mache es dem J�ger nicht so leicht wie Rehwild. Man musste lange nach ihm suchen und es zu treffen wissen. Dies war der Grund, warum auch der K�nig daran teilnahm.</p><p>Es war ein Tag mit einer sich lang hinziehenden Morgend�mmerung, das Licht wollte nicht kommen, und der Wind wechselte st�ndig. Auch das Morgenkonzert der Singv�gel fiel aus. Henri erblickte die Gestalt des K�nigs auf seinem Ross. Er stand gegen die Helligkeit und gab einen imposanten Umriss ab.</p><p>Philipp vollf�hrte eine Geste, als winke er ihm. In seiner Gestalt schienen sich in diesem Moment absolute und unbeirrbar ausge�bte Macht zu vereinen. Was hatte dieser Mann, der jetzt nur als Umriss wahrzunehmen war, nicht an Schuld auf sich geladen!</p><p>Der Wald war noch schlafruhig, nur in den Baumwipfeln ert�nte ein sanftes Bl�tterrauschen. Als sie aufbrachen, war zwischen den St�mmen die Nacht endg�ltig zur�ckgetreten, und die Sandwege schluckten jeden Tritt der Reittiere.</p><p>Es ging in einem geschlossenen Waldst�ck mit einzelnen Kieferhalden um Wegbiegungen, dann mit Felsbl�cken �bers�te Anh�hen hinauf, an der hohen Flanke wichen die verfilzten Kieferndickungen Eichenwald und knorrigen, verwunschenen Hutebuchen.</p><p>Langsam formierte sich die Meute der J�ger und Treiber. Pl�tzlich schien der Wald lebendig zu werden. Es kam den J�gern so vor, als w�rde der Waldboden mit seinem Laub und feuchten Gras umgeackert.</p><p>Und dann sahen sie vor sich das Rudel.</p><p>Kr�ftiger Wildgeruch stieg Henri in die Nase. Frischlinge quiekten, ringsum krachte es im trockenen Holz, �ste brachen, Henri sah huschende Schatten. Das schwarze V�lkchen m�chtiger Schwarzkittel w�hlte schmatzend im Wurzelwerk alter Buchen und benahm sich im Schutz der Bachen und Keiler recht ungeniert.</p><p>Henri gab seinem Pferd die Hacken und ritt bald hinter dem K�nig der fl�chtigen Rotte hinterher. Der wandte sich zu ihm und rief: �Jetzt beginnt die Saujagd, Jude! Sie h�lt immer �berraschungen bereit. W�hrend einer solchen Hatz kommt immer die Wahrheit zu ihrem Recht. Es ist an der Zeit, dass du mir verr�tst, was ich wissen will.�</p><p>�Deshalb bin ich gekommen, Majest�t!�</p><p>�Du wei�t genau, was du tust?�</p><p>Henri h�rte einen seltsamen Unterton heraus. Ahnte der K�nig etwas von seinen Pl�nen? Das war wohl undenkbar. Und doch lag in seinem Antlitz ein merkw�rdig verschlagener Ausdruck.</p><p>War es dieser Umstand, der Henri zu Leichtsinn verf�hrte? Er sagte:</p><p>�Ich wei�, was ich tun muss, Majest�t! Ich konnte es schon im Kerker lange �berlegen. Und jetzt erf�lle ich nur meinen Auftrag. Ich tue es nicht aus eigenem Antrieb, das glaubt mir. Es muss einfach getan werden, auch wenn ich inzwischen glaube, dass Ihr nicht so grausam seid, wie Ihr erscheint.�</p><p>�Was ist das? Wovon redest du, Jude?!�</p><p>Der K�nig hatte sein Pferd hart am Z�gel gerissen. Es b�umte sich hoch.</p><p>Henri de Roslin begriff, dass er etwas Falsches gesagt hatte. Sein Zorn hatte ihn �bermannt. �Ich verrate Euch, was ich wei�. Und dann�� Er wollte sagen, dann t�te ich Euch, aber er bremste sich und sagte: �Und dann gehe ich meiner Wege.�</p><p>�Das werden wir sehen. Also sprich!�</p><p>Die Begleiter des K�nigs waren weit zur�ckgeblieben. Sie waren besch�ftigt mit dem Taxieren und Einsammeln des Kleinwildes, das die J�ger bereits wieder erlegt hatten. Die Trommeln und Schreie der Treiber waren nur als schwaches Echo aus der Ferne zu h�ren.</p><p>In dem Moment, als Henri de Roslin mit seiner Erkl�rung beginnen wollte, die er in ihrer Mischung aus Wahrheit, Anklage und L�ge gut vorbereitet hatte, brach ein Keiler aus dem Unterholz hervor. Er war so m�chtig und unruhig, dass er das gesamte Blickfeld vor den beiden Reitern in Bewegung zu versetzen schien.</p><p>Henri rief dem K�nig eine schnelle Warnung zu. Der m�chtige Keiler erblickte sie und rammte seine Hufe in den Waldboden. Er grunzte anhaltend. Dann jedoch machte er kehrt und floh.</p><p>�Er geh�rt mir!�</p><p>Der K�nig nahm die Verfolgung auf. Henri ritt, ohne zu z�gern, hinterher. Er hob unwillk�rlich die Saufeder und hielt sie im angewinkelten Arm. Sie verfolgten den fl�chtigen Schwarzkittel, der mit kraftvoller Beh�ndigkeit �ber Stock und Stein sprang. L�ngst waren die anderen hinter ihnen nicht mehr zu h�ren.</p><p>Die rasende Jagd dauerte fast eine Stunde lang, die Pferde mussten ihr ganzes K�nnen zeigen. Zu Tode ersch�pft blieb das Wildschwein schlie�lich stehen. Seine Flanken zitterten. Der Keiler drehte sich um, er wandte sich in seiner Todesangst dem Verfolger zu, seine m�chtigen Hauer ragten empor. Dann ging er zum Angriff �ber.</p><p>Henri erstarrte. Und auch das Pferd Philipps b�umte sich auf.</p><p>Philipp blickte Henri de Roslin an, als wollte er sagen: Jetzt gilt es, mein Freund! Dann gab er seinem Pferd die Sporen. Er griff das Wild an, hob die Wurflanze, zielte sorgf�ltig auf das jetzt wieder einhaltende Tier und warf sie.</p><p>Aber er verfehlte den Keiler.</p><p>Jetzt griff der Schwarzkittel erneut an. Mit gesenktem Sch�del, die Hauer vorgereckt, raste er auf den K�nig zu. Einer seiner Hauer traf den k�niglichen Schimmel am Bein. In panischem Schmerz bockte das Pferd und warf den K�nig ab. Mit unwillk�rlichem Entsetzen musste Henri mit ansehen, wie der Reiter st�rzte � und im Steigb�gel h�ngen blieb.</p><p>Vor Schreck und Schmerz blind, galoppierte das Reittier durch den Wald davon. Es schleifte den hilflosen Reiter durch das Unterholz. Henri vernahm die Schmerzensschreie Philipps. Sofort versuchte er, das fliehende Pferd einzuholen.</p><p>Die rasende Jagd ging weiter, jetzt mit umgedrehten Vorzeichen, der J�ger war zum Opfer geworden.</p><p>Pl�tzlich sah Henri, wie der Fu� des K�nigs aus dem Steigb�gel rutschte. Philipp blieb zusammengekr�mmt im Gras liegen. Der Schwarzkittel stierte ihn mit roten Augen an. Dann schnaubte er und verschwand. Das Pferd verlangsamte erst nach einer Weile seinen Galopp.</p><p>Henri sprang mitten im Ritt von seinem Pferd.</p><p>Philipp blickte ihm erstaunlich munter entgegen, er schien keine Glieder gebrochen zu haben. Aber er blutete aus Sch�rfwunden am Hals, im Gesicht und an den H�nden, und sein blondes Haar war verschmutzt.</p><p>�Hilf mir auf, mein Freund!�, sagte er. �Nun ist doch nicht erlegt worden, was es wert war, erlegt zu werden.�</p><p>Henri tat, wie ihm gehei�en wurde. Er nahm die warme Hand des K�nigs, packte ihn und richtete ihn auf. W�re er nur ein J�ger, der einen Unfall hatte, dachte er, w�rde ich ihn pflegen und sch�tzen. Ja, ich w�rde mein eigenes Leben f�r seines geben. Aber er ist K�nig Philipp der Sch�ne. Der, der meine Br�der vernichtet hat.</p><p>Henri versuchte sich der Bilder zu erwehren, die sein Inneres zu �berfluten begannen. Folterszenen, zerbrochene Gliedma�en, zerst�rte Gesichter � und die Scheiterhaufen, auf denen Unschuldige wie sich bewegende Fackeln abgebrannt waren.</p><p>Ein seltsamer Laut verlie� Henris Inneres. Es klang wie ein Hilferuf. Wie von jemandem, dem die Lippen vor Liebe bebten. Aber es war ein anklagender Laut des Hasses.</p><p>Er hob die Saufeder hoch �ber seinen Kopf. Sein K�nig sah ihn ungl�ubig an.</p><p>Und dann lie� Henri die Waffe f�r die Wildschweinjagd niedersausen.</p><p>Philipps Blick schien zu fragen: Warum tust du das, Jude?! Woher kommt dein Hass gegen mich?! Henri schloss die Augen, um diesen erstaunten, beinahe sanften Blick nicht mehr sehen zu m�ssen. Er stie� noch einmal zu.</p><p>Und noch einmal.</p><p>K�nig Philipp von Frankreich, der Sch�ne, sank im Alter seines sechsundvierzigsten Lebensjahres auf den vor K�lte dampfenden, nach Natur und Leben duftenden Waldboden nieder. Er streckte noch einmal die Hand aus, vielleicht aus verzweifelter Abwehr, vielleicht um den letzten Zipfel des Lebens zu fassen, das jetzt unbarmherzig aus ihm herausglitt.</p><p>Ein Leben, an dem er sich selbst so schm�hlich vergangen hatte.</p><p>Dann machte er seinen letzten Atemzug, und sein K�rper streckte sich.</p><p>Henri erhob sich langsam. �Erst jetzt�, sagte er leise, �ist die Saujagd zu Ende, mein Herrscher!�</p><p>Er warf angewidert die Waffe, die er nach seinen Regeln nicht h�tte ber�hren d�rfen, weil sie f�r die Jagd nach dem Wild geschaffen worden war, zur Seite.</p><p>Im Wald war nichts zu h�ren.</p><p>Es war so, als sei die Natur angesichts des Geschehens erstarrt. Kein Laut. Auch nicht von den anderen.</p><p>Henri sp�rte ein stummes Gebet in sich aufsteigen. Er sah auf den toten K�rper nieder. Dann blickte er flehend zum Himmel auf. Gib, betete er, dass ich nichts Unrechtes getan habe. Gib, dass meine Tat Dir wohlgef�llig war und Du mich dazu ausgew�hlt hast, sie Dir abzunehmen!</p><p>Dann h�rte er sie kommen. Sie brachen auf ihren Pferden aus dem Wald hervor.</p><p>Ihre Schreie gellten in seinen Ohren.</p><p>Warum fliehst du nicht?, fragte Henri sich selbst. Er sp�rte eine Eisesstarre in sich. Rette dich! Du darfst nicht in ihre H�nde fallen! Doch er blieb, schon im Sattel, wie angewurzelt sitzen.</p><p>Und dann begriff er, warum er nicht mehr fliehen konnte! Es waren nicht die Verfolger, nein, die waren ihm gleichg�ltig. Es war er selbst. Er wollte nicht vor dieser Tat davonlaufen. Pl�tzlich �berkam ihn das Gef�hl, damit w�rde er vor sich selbst davonlaufen. Er war ein Tempelritter. Er musste sich der Verantwortung stellen.</p><p>Traurig dachte er: Meine Freunde, die ihr vergeblich auf mich wartet, so ist es nun einmal. Ich werde meinen Anteil bekommen, und ihr m�sst auf mich verzichten. Schuld und S�hne.</p><p>Jetzt waren sie um ihn. Die Reiter auf den aufb�umenden Pferden sahen ihren K�nig tot am Boden liegen und daneben die blutbefleckte Jagdwaffe.</p><p>Und als Henri jetzt doch noch aufsa� und seinem Reittier die Hacken gab, einfach, um es zu zwingen, sich noch einmal k�mpferisch und stolz aufzub�umen, da waren es vierfach gekn�pfte Wurfnetze, die ihn einfingen und vom Pferd rissen.</p><p>Und die M�nner des K�nigs st�rzten sich mit einem Hass auf ihn, als wollten sie ihn wie ein erlegtes Wild in St�cke rei�en.</p><p>Ein Mann namens Enguerrand de Marigny, den Henri als Minister des K�nigs schon kennen gelernt hatte, b�ndigte sie jedoch und sagte prophetisch: �Habt Geduld! Wir alle werden unsere Rache befriedigen k�nnen. Wir besitzen ja die segensreiche Einrichtung unserer Folterkammern.�</p><p>Henri wehrte sich, wurde jedoch von einem Treiber mit einem Kn�ttel am Kopf getroffen. Er st�rzte ohne Bewusstsein zu Boden. Starke F�uste packten ihn und warfen ihn, gefangen in den Wurfnetzen, �ber sein Pferd.</p><p>Man hob den toten K�nig behutsam auf und bahrte ihn auf einer der Tragen auf, die f�r Jagdunf�lle in der Nachhut bereitgehalten wurden. Dann brach die Jagdgesellschaft auf, um Philipp den Sch�nen f�r immer dorthin zur�ckzubringen, wo er in aller Unschuld einst geboren worden war.</p><p>Henri de Roslin trugen sie in die Folterkammern von Fontainebleau, die in einem Donjon neben dem Schloss lag. Denn man wollte nicht den toten K�nig und seinen M�rder in denselben Gem�uern halten. Dort angekommen wurde Guillaume Imbert, den man nur �De Paris� nannte, durch zwei reitende Boten informiert.</p><p>Den viel besch�ftigten ersten Generalinquisitor des Landes erreichte die Nachricht bei einem Prozess gegen vier Hexen, darunter die �Frau von Chalois�, die lang anhaltende Unwetter vorausgesagt hatten. Imbert hatte sie so lange foltern lassen, bis sie auch zugaben, mit den Incubi und Succubi regelm��igen Verkehr zu haben.</p><p>Guillaume Imbert traf zwei Tage sp�ter, aus der aufr�hrerischen Provinz um Montfaucon kommend, am Ort der Verh�re in Fontainebleau ein. Im Gep�ck hatte er vier Kreuze und sein handgeschriebenes Buch, das in roten Samt eingebunden war und den Titel trug: �Anleitung zum Erbitten von Wahrheiten wider die satanische Versuchung�.</p><p>Es war ein Brevier, das ihm in der Vergangenheit schon gute Dienste geleistet hatte. Imbert wusste, vor diesem Brevier erkannte noch jeder seine kleine, schuldbehaftete Nichtigkeit, suchte die Wahrheit und geizte nicht mit Gest�ndnissen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>9</strong></p><p><emphasis><strong>Im Jahr des Herrn 1307, letzte Sonntage</strong></emphasis></p></title><p>In diesem Jahr hatte die Schuld zugenommen. Die Kerker waren seit dem Herbst gut gef�llt. Die Peiniger, unter Anleitung ihres Generalinquisitors Imbert, konnten ausw�hlen. Und sie w�hlten aus.</p><p>Man hatte schnell handeln m�ssen. Einige Verd�chtige hatten schon ihre Sch�tze zusammengerafft und sich zur Flucht bereitgemacht. Deshalb ergingen die Befehle an die Beamten des K�nigs schnell, alle Mitglieder des Ordens gleichzeitig, auf Veranlassung des Heiligen Offiziums, zu verhaften. Der Dominikanerbruder Guillaume Imbert lie� allen Inquisitoren und Dominikanerprioren, Subprioren und Lektoren den Befehl zugehen, unverz�glich zu handeln.</p><p>Er z�hlte die Verbrechen des Ordens auf, ohne das Allergeringste auszulassen.</p><p>Es waren die Tage der Schuld. Die Tempelritter wurden einer nach dem anderen verhaftet. Man las die Anklageartikel vor und versprach Vergebung, wenn sie die Wahrheit bekannten und zur Kirche zur�ckkehrten. Andernfalls wollte man sie mit der Folter und dem Tod auf dem Scheiterhaufen bedrohen.</p><p>Am n�chsten Tag wurden in Paris die Lehrer der Universit�t und die Domherren in Notre-Dame versammelt, Guillaume Nogaret, der Pr�v�t von Paris, und andere k�nigliche Beamte legten die Vergehen dar, welche den Templern nachgewiesen worden seien. Das Volk wurde aufgefordert, sich im Garten des k�niglichen Palastes zu versammeln, wo die Dominikaner und die k�niglichen Sprecher es �ber die Angelegenheit aufkl�rten.</p><p>Die Bev�lkerung von Paris str�mte am Sonntag zu Tausenden zusammen und staunte. Sie hatte den abgeschlossenen Templerorden, der wie ein Staat im K�nigsstaat war und dunkle Geheimnisse bewahrte, immer schon gef�rchtet, aber jetzt sollte sie ihn von einem Tag auf den anderen verachten! Nur ganz langsam gelang es den Propagandisten des K�nigs, in einem fortgesetzten, schonungslosen Gerichtshof Abscheu in die Menschenherzen einzupflanzen.</p><p>Es war schwierig. Doch schlie�lich gelang es ihnen.</p><p>Die Tempelherren, ob hoch oder niedrig, sollten Verbrechen zu festen Ordensregeln erkl�rt haben. Sie sollten den Verrat Ludwigs des Heiligen um die Festung Akkon zugelassen und mit dem Sultan von Bagdad Abmachungen getroffen haben, ihm im Fall eines neuen Kreuzzugs alle Christen zu verkaufen. Sie sollten einen Teil des k�niglichen Schatzes aus dem Land gef�hrt und dadurch dem Reich gro�en Schaden zugef�gt haben. Sie tr�gen einen Lederg�rtel auf der blo�en Haut, der die Macht habe, andere zu verhexen und im Irrglauben zu best�rken. Bisweilen werde ein Templer, der in diesem falschen Glauben gestorben sei, verbrannt und aus seiner Asche ein Pulver bereitet, das andere essen m�ssten. Wenn einem Templer von einer Jungfrau ein Kind geboren w�rde, so werde es ger�stet, von seinem Fett eine Salbe gemacht und damit das in den Kapiteln angebetete G�tzenbild gesalbt. Diesem Idol w�rden auch Menschenopfer ohne Zahl gebracht.</p><p>War es m�glich, dass die Tempelherren solche Scheusale gewesen waren?</p><p>Schon gingen versiegelte k�nigliche Briefe, die die Ketzerei in ihren Formen schilderten, an alle F�rsten der Christenheit. Und in den Kerkern von Paris unterzog Imbert mit seinen ganz pers�nlichen Gehilfen die einhundertachtunddrei�ig Gefangenen, die man mit Hilfe der Gens des Rois innerhalb einer Stunde aus dem Tempel hierher transportiert hatte, einer genauen Befragung. Sechsunddrei�ig starben gleich unter der schweren Folter. Acht machten ihrem hoffnungslosen Dasein ein Ende. Alle �berlebenden, bis auf drei standhafte Br�der, gaben die Anschuldigungen zu. Imbert verf�gte �ber die Mittel daf�r. Die Zangen gl�hten dreiunddrei�ig Tage lang im st�ndig entfachten Feuer.</p><p>Henri de Roslin befand sich am ersten Sonntag der Verhaftungen nicht im Tempel. Er sa� mit dem Juden Joshua ben Shimon an der Seine und besprach die Mystik der Zahlen, von der der Jude alles wusste. Es war ein sonnen�berstrahlter und kalter Herbsttag im Oktober, ein sch�ner Tag f�r alle Gesch�pfe Gottes, die ohne Schuld waren. Aber den Tempelrittern wurde dieser Tag verweigert.</p><p>Und als Henri von den Verhaftungen erfuhr, musste er von seinen noch in Freiheit befindlichen Br�dern zur�ckgehalten werden. Er wollte k�mpfen und die Gefangenen heraushauen. Es w�re aber nur sein eigenes Verderben gewesen.</p><p>Die Gefangenen lagen, verteilt �ber ganz Paris, in dunklen, feuchten Kellern, in denen es nach Unrat und Tod stank. Wei�e W�rmer und Maden zogen im flackernden Schein ru�ender Kienspanfackeln ihre Bahnen durch das verfaulte Stroh und an den kalten W�nden entlang. Noch hofften die M�nner, dass sie nicht gefoltert w�rden. Ein k�niglicher Beamter zeigte sich auf der Empore, hielt sich die Hand vor die Nase und versprach: �Ihr werdet nicht gefoltert.�</p><p>Aber dann brachten sie den gerade verhafteten Pr�zeptor von Zypern, Rainbaud von Caron, herein. Beim ersten Verh�r hatte der Angeklagte nur zugegeben, dass ihm in Gegenwart seines Onkels, des Bischofs von Carpentras, gesagt worden sei, er m�sse Christus verleugnen. Als sie ihn wieder holten, gestand er, dass er bei seiner Aufnahme in den Orden gezwungen worden sei, Christus zu entsagen und auf das Kreuz zu spucken. Als sie ihn das dritte Mal holten, sagte er, dass man ihn zur Befriedigung unnat�rlicher Lust gezwungen habe.</p><p>�Hat man dich gequ�lt, dass du solche unwahren Dinge erz�hltest, Meister?!�, fragten mit entsetzten Blicken die Gefangenen, die sich um ihn scharten.</p><p>�Nein, meine Br�der!�, entgegnete der alte Pr�zeptor. Aber dabei zitterten seine bleichen Lippen. Und dann sahen sie das Blut, das an seinen Armen herablief. Und sie erblickten seine zerquetschte Hand.</p><p>�Br�der! Wir m�ssen der Tortur standhalten!�, rief einer. �Sonst ist es unser aller Untergang!�</p><p>�Aber wenn wir gestehen, lassen sie uns vielleicht frei!�, rief ein blutjunger Ritter. �Nur wenn wir schweigen, wird man uns foltern und mit dem Tod bedrohen!�</p><p>�Nein, so ist es nicht�, antwortete der alte Pr�zeptor schwach. �Sie wollen Gest�ndnisse um jeden Preis. Und wenn sie diese haben, werden sie uns vernichten, egal, was wir gesagt haben. Es ist etwas in Gang gekommen, das nur teuflischen Ursprungs sein kann. Wir k�nnen es nicht verstehen und nicht aufhalten.�</p><p>�Die Br�der in Freiheit im ganzen Land werden uns befreien! Sie k�nnen doch nicht tatenlos zusehen, wie wir��</p><p>Die junge Stimme brach ab und ging in Schluchzen �ber. Der alte Pr�zeptor tr�stete den jungen Bruder mit leiser Stimme. �Sicher. Sie kommen und retten uns.�</p><p>Aber es klang hilflos. Und als die Kellert�r knarrend aufschlug und die n�chsten geholt wurden, da �berfiel die Eingekerkerten das blanke Entsetzen.</p><p>Und w�hrend drinnen in den Verliesen das Grauen umging, die Eingekerkerten ohne Hoffnung, Zukunft und Nachricht von drau�en dem Zugriff der Schergen ausgeliefert waren, begannen die in Freiheit befindlichen Tempelbr�der, Pl�ne zu schmieden.</p><p>Mit jedem Tag wurde ihnen klarer, dass die Schergen des K�nigs dem Orden die K�pfe abgeschlagen hatten. Darunter waren Gottfried von Charney, Pr�zeptor der Normandie, Guido Dauphin, h�chster Beamter des Ordens, Gaucher de Liancourt, Pr�zeptor von Reims, Hugues de Pairaud, Visitator. Und in einer Einzelzelle, die als einzige Verg�nstigung ein winziges Fenster besa�, durch die eine kalte, h�hnische Oktobersonne einfiel, sa� der Mann, der nach dem Fall der Stadt Akkon im Heiligen Land Gro�meister des Ordens geworden war, Jacques de Molay. Er bebte vor Angst, denn man hatte ihm die Folterwerkzeuge schon gezeigt, und er wusste, das konnte er in seinem Alter niemals �berstehen.</p><p>Die, die in Freiheit geblieben waren, schienen ratlos. Ohne ihre Meister konnten die Templer nicht handeln, denn unbedingter Gehorsam war ihre erste Pflicht. Nur wenige wagten �berhaupt daran zu denken, dass sie jetzt selbstst�ndig handeln mussten. Henri de Roslin versuchte, sie davon zu �berzeugen.</p><p>Er organisierte das erste geheime Treffen der bisher verschonten Templer. Sie kamen im Nordosten der Stadt zusammen, dort, wo die M�hlb�che in die Seine flossen.</p><p>Der Anblick seiner Br�der zerriss Henri fast das Herz.</p><p>Sie waren zw�lf. Eine kleine verschworene, aber aus der Bahn geworfene Gemeinschaft. Der j�ngste Bruder war schon als Kind in den Orden eingetreten und hatte nun sein siebzehntes Jahr gerade erreicht. Henri versuchte, sie aufzurichten.</p><p>�Wir brauchen Zugang zu den Kerkern. Ich w�rde alles tun, um hineinzukommen! Haben wir nicht alle Reicht�mer der Welt? Ich bin gerade dabei, unseren Schatz in Sicherheit zu bringen. Es muss m�glich sein, damit die W�rter zu bestechen!�</p><p>�Aber auf eigene Faust d�rfen wir niemals aktiv werden, das verletzt unsere Regeln!�</p><p>�Unsere Regeln sind au�er Kraft, Bruder! Das gesamte Gef�ge unserer Ordensgemeinschaft ist zerschlagen worden! Wir werden alle sterben, wenn wir nicht sofort handeln!�</p><p>�Aber wie sollen wir es anstellen?�</p><p>Henri begriff, wie sch�dlich es gewesen war, den Templern keine eigenen Entscheidungen zugestanden zu haben. Ohne Anf�hrer wirkten sie v�llig kraftlos. �Die meisten Gefangenen liegen im k�niglichen Kerker, ein paar in unserem eigenen Verlies des Tempels. Diese wenigstens sollten wir zu befreien versuchen, denn wir kennen uns in den Gem�uern aus. Es w�re ein erster Schritt und ein Fanal. Was meint ihr?�</p><p>Die anderen nickten d�ster. Zu mehr Zustimmung war keiner in der Lage.</p><p>�Ich werde es selbst versuchen. Obwohl die Gefahr, dass mich jemand erkennt, nat�rlich gro� ist. Aber es wird mir gelingen. Wer begleitet mich? Ich ben�tige zwei unerschrockene M�nner!�</p><p>Sie meldeten sich alle. Henri w�hlte den jungen, geschmeidigen Rymer und Harduin, den erfahrenen Bretonen, aus. Sie mussten ein kleiner, effektiver Sp�htrupp sein.</p><p>�Ich werde zun�chst erkunden, mit welchen Wachmannschaften und mit wie vielen wir es zu tun haben. Sobald es eine M�glichkeit gibt, in den Tempel hineinzukommen, m�ssen wir es wagen. Die Zeit l�uft uns davon.�</p><p>�Es ist unm�glich, aus den Verliesen des Tempels jemanden zu befreien! Das wissen wir doch!�</p><p>�Wir versuchen es. Ich kenne eine geheime Ausfallpforte, von der nicht einmal die Hospitaliter etwas wissen d�rften. Sie ist nur durch das Ber�hren von zwei verdeckten Mauersteinen zu �ffnen. Gesegnet seien die Steinmetze!�</p><p>�Ihr kommt hinein, aber niemals wieder heraus! Schon gar nicht mit allen Gefangenen!�</p><p>�Und wenn wir den gefangenen Br�dern nur Mut zusprechen, ihnen zeigen, dass es noch aufrechte Br�der in Freiheit gibt, ist auch schon etwas gewonnen.�</p><p>�Was k�nnen wir anderen in der Zwischenzeit tun?�</p><p>�Jeder muss Augen und Ohren offen halten. Die kleinste Information kann uns helfen. Auch �ber eventuelle Gefangenentransporte und Verlegungen in andere Kerker der Stadt brauchen wir Informationen. Alles ist wichtig.�</p><p>�Wann treffen wir wieder zusammen?�</p><p>�In drei Tagen. Zur gleichen Zeit, an dieser Stelle. Und nun Gott mit euch auf allen euren Wegen!�</p><p>�Gott mir dir, Bruder Henri!�</p><p>Die folgenden drei Tage waren f�r Henri de Roslin die schwersten seines bisherigen Lebens.</p><p>Er umkreiste den Tempelbezirk wie ein waidwundes Tier. Henri stellte sich das Leiden der Gef�hrten in den Kerkern vor und versuchte verzweifelt, einen Weg zu ihnen zu finden. Der Tempel, aus dem nun alle Br�der des Ordens vertrieben worden und die neuen Herren noch nicht eingezogen waren, wirkte gespenstisch leer wie eine Totengruft. Aber am n�chsten Tag gab es einen Fingerzeig Gottes.</p><p>Ein Mann, dem er einst einen Gefallen getan hatte, als er seinen ungl�cklichen dreizehnj�hrigen Sohn aus dem Tempel entlie�, was sonst niemals m�glich war, lief ihm �ber den Weg. Der Mann hie� Trigeau und war Lieferant der neuen Tempelherren, die ihren Umzug dorthin vorbereiteten. Er erz�hlte ihm von einem Verwandten, der als Schlie�er eingesetzt worden war. Nat�rlich hatten die Hospitaliter alle Posten mit in ihren Augen zuverl�ssigen Bediensteten ausgetauscht. Aber an den Schlie�er war heranzukommen, wenn man ihn nur t�chtig schmierte.</p><p>�Allerdings ist er ein ehrgeiziger Wachmann� nun, er ist auch ein S�ufer und deshalb unzuverl�ssig�, sagte Trigeau.</p><p>�Was muss ich tun?�</p><p>�Ihr m�sst ihm Aussicht auf viel Geld und Schnaps machen, damit er sich traut, Euch irgendwie hineinzulassen.�</p><p>�Daran mangelt es nicht. Versucht, das mit ihm zu besprechen! Oder noch besser, f�hrt ihn zu mir!�</p><p>�Und was habe ich davon?�</p><p>�Was immer Ihr wollt! Aber denkt daran, zu Reichtum kommt Ihr nur ohne Verrat!�</p><p>In der Nacht des zweiten Tages traf sich Henri am Seineufer mit dem Tempellieferanten, der seinen Cousin mitbrachte. Henri erblickte einen finsteren Gesellen mit Pusteln im ger�teten Gesicht.</p><p>Er wusste sofort, dass es gef�hrlich war, sich mit ihm einzulassen. Aber gab es einen anderen Weg?</p><p>�Was ist f�r mich drin?�, fragte der Geselle.</p><p>�Jeden Tag zehn Livres � dein Leben lang. Du hast ausgesorgt.�</p><p>Der Schlie�er bekam funkelnde Augen. Seine Lippen verzerrten sich zu einer Art L�cheln. �Ihr sollt in den Kn�ueln von Maden verenden, Herr, wenn Ihr mich anl�gt!�</p><p>�Kerl! Hier, die Anzahlung!�</p><p>Henri gab dem Schlie�er die versprochene M�nze, und der andere starrte darauf wie auf eine Erscheinung. Er wog das Geldst�ck in der Hand. �Zehn ganze Livres, Sakrament noch mal! Daf�r arbeite ich sonst den ganzen Monat!�</p><p>�Also � was kannst du f�r uns herausbekommen? Ich muss wissen, wie viel Gefangene es gibt, ich brauche ungehinderten Zugang und einen sicheren Fluchtweg. Und das m�glichst bald. Kannst du das bewerkstelligen?�</p><p>Die Gier in den Augen des Schlie�ers war st�rker als seine Angst. Er sagte: �Ich werde sehen. Aber wenn die Flucht gelingt, kann ich nat�rlich nicht im Tempel bleiben. Dann verlange ich die ganze Summe auf einen Schlag.�</p><p>�Du bekommst zehntausend Livres auf die Hand in dem Moment, wo die Gefangenen das Licht der Freiheit wieder sehen!�</p><p>�Zwanzigtausend!�</p><p>�Verdiene dir zehntausend. Dann sehen wir weiter. Und auch dir sei gesagt, dass Verrat nichts anderes einbringt als den Tod. Was auch immer die andere Seite dir geben w�rde, ich kann dir mehr bieten. Hast du verstanden?�</p><p>�Ja, Herr, ganz gewiss, Herr!�</p><p>Der Cousin des Schlie�ers zog diesen am �rmel mit sich. Und Henri stand noch eine Weile am Ufer und blickte nachdenklich auf das Wasser.</p><p>Am anderen Ufer blinkten die Fackeln und Leuchtfeuer her�ber. Und als er sich vorbeugte und nach Norden sah, erblickte er die Umrisse der Seineinsel und darauf die d�steren T�rme des Tempels. Als in diesem Augenblick die Wolkendecke des Nachthimmels aufriss und der Mond herauskam, schien es Henri, als formten sich die Spitzen der T�rme zu einer Schwurhand. Ja, dachte er, ich schw�re, dass ich versuchen werde, die Br�der zu retten. Und koste es mein eigenes Leben!</p><p>Etliche Tage vergingen. Henri und seine beiden Gef�hrten trafen sich an jedem Abend zur selben Zeit mit Trigeau, dem Lieferanten des Tempels. Der sch�ttelte aber jedes Mal nur den Kopf und zog mit den Livres f�r seinen Cousin wieder ab. Henri konnte seine Ungeduld kaum noch b�ndigen.</p><p>Die Templer in Freiheit zerstreuten sich getarnt �ber die Stadt und versuchten eifrig, Informationen zu sammeln. Das war schwierig genug, denn Paris wimmelte von Spitzeln des K�nigs. Und auch die Dominikaner gaben sich alle M�he, ihrem Auftrag gerecht zu werden, der da lautete, Verd�chtige, oder auch nur solche, die halb verd�chtig waren, einzusammeln.</p><p>Nach einer Woche gab es pl�tzlich Neuigkeiten.</p><p>Trigeau wirkte v�llig aufgel�st. �Heute Nacht k�nnt ihr hinein � wenn ihr tats�chlich den Mut daf�r aufbringt. Die Wachen werden ausgetauscht, mein Cousin ist bis zum Morgengrauen alleiniger Schl�sselmeister. Aber an eine Flucht ist nicht zu denken, das hat er mir gleich erz�hlt. Den Gefangenen geht es viel zu schlecht.�</p><p>�Wann kann ich es wagen?�</p><p>�Kommt gleich mit. Um Mitternacht wird mein Cousin euch einlassen.�</p><p>Henri war �berrascht von der pl�tzlichen Eile � und misstrauisch. Aber er hatte keine Wahl.</p><p>Zur fraglichen Stunde huschte er an der Seite seines Gew�hrsmannes und seiner beiden Gef�hrten durch den Tempelbezirk. An der T�r erwartete sie ein Unbekannter. Er bedeutete ihnen, einzutreten.</p><p>Henri lie� den jungen Rymer und Harduin an der Pforte als Wachen zur�ck.</p><p>Er kannte den Weg zu den Verliesen. Es ging schmale Steintreppen hinunter, durch einen Gang, �ber eine weitere Treppe. In einem Gew�lbe sa� der Cousin des Lieferanten an einem wackligen Tisch, eine Fackel erleuchtete die Gem�uer. Er winkte Henri verschw�rerisch zu.</p><p>Als sich die niedrige T�r des Verlieses �ffnete, atmete Henri den Gestank ein. Im D�mmerlicht erblickte er etwa zwanzig Gestalten, die an den W�nden sa�en. Auf den ersten Blick war ihm klar, dass sie schwer gefoltert worden waren.</p><p>�Br�der, ich bin Henri de Roslin! H�rt ihr mich?�</p><p>Bewegung entstand, sie krochen n�her. Henri war erleichtert dar�ber, dass sie nicht angekettet waren. Er sah in gebrochene Augen, graue Gesichter, auf blutige Leiber in zerfetzter Kleidung. Was f�r ein j�mmerlicher Anblick!</p><p>Henri erkannte den stellvertretenden Schatzmeister des Pariser Tempels. �Bruder Henri�, sagte er erleichtert, �so hast du dich retten k�nnen! Aber unseren Schatz finden sie nicht!�</p><p>�Guilherme de Pidoye! Ich werde mich um unseren Besitz k�mmern, das verspreche ich! Aber jetzt geht es um euer aller Leben!�</p><p>�Zu sp�t, Bruder Henri!�</p><p>�Ich werde euch hier herausholen, Br�der! Nicht heute, aber bald. Ich kenne einen geheimen Fluchtweg. Sagt mir, wie es euch geht? K�nnt ihr aufstehen und gehen?�</p><p>Ein Murmeln war die Antwort. Einer, den Henri aus der Komturei in Orleans fl�chtig kannte, sagte: �Wir k�nnen nur noch eins tun, Bruder Henri � sterben! Aber wer erteilt uns die Sakramente?�</p><p>�Ihr werdet nicht sterben!�, sagte Henri verzweifelt. �Ihr werdet leben! Es gibt so viel zu tun da drau�en! Man wartet auf euch!�</p><p>�Nein, nein, unm�glich! Einige �berleben die n�chsten Tage nicht mehr.�</p><p>�Dann m�sst ihr sofort fliehen!�</p><p>�Bruder, kannst du uns einen Priester kommen lassen, das ist alles, was wir noch w�nschen.�</p><p>Henri sagte: �Ihr wisst, unsere Regel sagt, sobald vier oder mehr Br�der zusammenkommen, k�nnen wir M�nchskapitel abhalten und einen Beichtvater bestimmen. Ich kann euch also die Beichte abnehmen und Bu�e f�r Verfehlungen aussprechen � aber Letzteres wird wohl nicht n�tig sein.�</p><p>�Dann bei Gott, tut das, Bruder Henri! Und dann lasst uns sterben!�</p><p>Henri h�tte schreien k�nnen. Aber er beherrschte sich und fragte: �Was um Himmels willen haben sie euch angetan, dass Tempelritter so gebrochen sind!�</p><p>�Willst du unsere Wunden sehen, Bruder? Viele haben gebrochene Gliedma�en, ich selbst ein ausgerenktes Knie! Etlichen sind tiefe Schnitte beigebracht worden, und dem j�ngsten Bruder Giaco dort hinten, dem Knappen unseres Gro�meisters, hat man die Augen ausgestochen.�</p><p>�Bei Gott, sie laden eine schwere Schuld auf sich!�</p><p>�Man streckt uns, man h�ngt uns an den Armen auf, die auf den R�cken gebunden werden, man beschwert unsere M�nnlichkeit mit Gewichten, bis sie rei�t, man schl�gt uns, bis wir ohnm�chtig werden, dann legt man uns in gl�hend hei�e Eisenk�fige. Das alles ist schlimm genug. Aber das Schlimmste ist das Warten auf die Folter, denn sie k�nnen jede Minute kommen und dich holen, und du wei�t nicht, was sie dann tun. Es ist schlimmer als in den Kerkern der Ungl�ubigen, als wir den Feinden mit gottgef�lligem Hass gegen�bertreten konnten. Denn unsere Folterer sind ja Christen! Es sind unsere eigenen Leute! Und sie behaupten, wir seien es, die Verrat am richtigen Glauben ge�bt h�tten!�</p><p>�Kann ich eure Qual wirklich erleichtern, wenn ich euch die Beichte abnehme, Br�der? Dann lasst uns das tun.�</p><p>�Aber das d�rfen nur unsere Pr�zeptoren�, jammerte einer mit erstickter Stimme.</p><p>�Unsere Pr�zeptoren liegen im Kerker, Bruder.�</p><p>�Wie verh�lt sich um Gottes willen der Heilige Vater zu diesem Unrecht?�</p><p>�Clemens schickt Kollektoren durch Teutschland, die von allen kirchlichen Eink�nften einen Zehnten zur Eroberung des Heiligen Landes erheben sollen. Damit ist er ausgelastet. An uns denkt er nicht. �ffentlich die Verantwortung f�r die Ma�nahmen des K�nigs abzulehnen, wagt er nicht. Zwar wirft er Philipp intern vor, sich des Ungehorsams schuldig gemacht zu haben, indem er sich des Tempels bem�chtigte, der allein dem Heiligen Stuhl untersteht. Und er hat auch eine Bulle geschrieben. Aber da die Inquisition die Verfolgung ungehindert durchf�hrt, ist klar, dass wir nicht auf den Papst z�hlen k�nnen. Er zieht sich aufs Land zur�ck, in Poitiers, wo er zurzeit weilt, erreichen ihn keine unangenehmen Nachrichten. Nein, Clemens hat uns im Stich gelassen, meine Br�der. Imbert und der K�nig sind st�rker.�</p><p>Die Gefangenen beichteten endlich. Jeder sprach oder fl�sterte zu Henri, und der h�rte mit geschlossenen Augen zu. In seinem Gram bereitete es ihm M�he, anschlie�end die Absolution zu erteilen. Er nahm die gefalteten H�nde jedes Bruders, besonders warmherzig von denen, die nicht mehr sprechen, sondern nur noch st�hnen konnten, in seine eigenen H�nde und sagte: �Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes spreche ich dich frei. Tr�stet euch mit dem Aufsagen der Paternoster, Br�der! Haltet am Glauben fest, denn Gott liebt uns und nicht unsere Feinde!�</p><p>�Und vergib auch den Schuldigen�, betete ein alter Templer mit fester Stimme.</p><p>�Nein, nein, nein!�, rief Henri aus. �Mein ist die Rache, spricht der Herr! Und er hat sie mir �bertragen! Ich werde niemals verzeihen und jeden Blutstropfen mit einem anderen Blut aufwiegen! Davon werden kein Erzbischof, kein Pr�lat, kein Bischof und kein falscher M�nch ausgenommen sein. Und auch nicht Papst und K�nig. Das schw�re ich, so wahr mir Gott helfe!�</p><p>In diesem Augenblick erschien auf der Empore der Schlie�er. �Ihr m�sst jetzt verschwinden. Bald kommen andere Wachen. Und auch der Generalinquisitor hat sich im Morgengrauen angek�ndigt.�</p><p>Bei diesen Worten ging ein St�hnen durch die dunklen Reihen der Gefangenen.</p><p>Im Hinausgehen warf Henri noch einen letzten Blick auf die Ungl�cklichen. Sie starrten ihm mit hoffnungslosen Gesichtern nach. In keines Bruders Augen war ein Glanz zu lesen, Henri sah nur Verzweiflung und Trostlosigkeit.</p><p>�Mein Geld�, fl�sterte der Schlie�er.</p><p>Henri h�tte ihn totschlagen k�nnen. Aber er legte dem Mann mehrere M�nzen in die kalte Hand. �Du bekommst alles von mir, wenn sie frei sind�, sagte er.</p><p>Als er sich zum Gehen wendete, schlug hinter ihm die Kerkert�r krachend ins Schloss. Henri schwor sich, keinen einzigen seiner hinf�lligen Br�der im Stich zu lassen.</p><p>Er wusste in diesem Moment nicht, dass er den Tempel nie mehr betreten sollte.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>10</strong></p><p><emphasis><strong>Dezember 1314, Zeit der unschuldigen Kinder</strong></emphasis></p></title><p>Lasset die Kinder zu mir kommen, hatte Jesu gesagt. Aber als K�nig Herodes von den Weisen aus dem Osten h�rte, ein gef�hrlicher Anw�rter auf den Thron sei geboren, befahl er, alle Jungen unter zwei Jahren in Bethlehem zu t�ten. Diese Begebenheit fiel dem Ordensritter Jacques de Charleroi ein, als er im Wald von Bi�re und Saint-Maxence weilte und auf den Ausgang der k�niglichen Jagd wartete.</p><p>Ritter Jacques wartete schon den zweiten Tag. In der Nacht hatte er unweit des k�niglichen Zeltlagers in einen B�renpelz geh�llt im Stehen geschlafen. Jetzt h�rte er in der Ferne das Spektakel, und er beschloss, sich unter die J�ger zu mischen. W�hrend er den Wald vorsichtig umrundete, dachte er wieder an die Geschichte des Herodes. Denn jetzt kamen die letzten Tagen des Jahres, wo das Fest der unschuldigen Kinder gefeiert wurde. Es war ein sch�nes Fest mit Lichterglanz und wunderbaren, traurigen Ges�ngen. Und trotz seines Grams und seiner Sorge um Henri de Roslin, der als Jude verkleidet den K�nig t�ten wollte, h�tte er in diesem Augenblick gern dieses Fest an der Seite seiner verbliebenen Ordensbr�der gefeiert.</p><p>Oh, wie sehr h�tte es ihn getr�stet!</p><p>Aber stattdessen ritt er durch einen winterkalten Wald, der voller b�sartiger Feinde war. Und jetzt kamen L�rm und Meute immer n�her, in deren Mitte Henri de Roslin eingeschlossen sein musste wie ein gejagtes Tier zwischen seinen Treibern � auch wenn er selbst es war, der jagte.</p><p>Jacques de Charleroi sa� ab und versteckte sein Pferd. Er sah mit brennenden Augen dem Reitertrupp entgegen. Jetzt konnte er einzelne M�nner im Habit des Adels und J�ger in Gr�n und Braun erkennen. In h�chster Spannung versuchte der Templer, Henri zu entdecken. Und wo war der K�nig? Hatte Henri ihn tats�chlich�? Jacques wagte es nicht zu denken.</p><p>Der Trupp kam immer n�her. Und dann sah der Tempelritter, was geschehen war. Er sah Henri b�uchlings �ber ein Reittier gelegt, flankiert von Bewaffneten, und er erblickte die Bahre mit dem K�rper im k�niglichen Jagdgewand. Er hat es tats�chlich geschafft, frohlockte Jacques. Aber gleichzeitig zog ihm das Entsetzen das Herz zusammen. Um welchen Preis!</p><p>Sie hatten Henri de Roslin in ihren Krallen!</p><p>Jacques wollte losst�rzen. Ein Tempelritter gen�gte f�r eine Rotte von Feiglingen! Aber dann riss er sich zusammen. Er musste besonnen handeln, sonst war Henri verloren. Es hing jetzt ganz allein von ihm ab, ob der Bruder mit dem Leben davonkam. Mit Schaudern dachte Jacques an die Tage und N�chte in den Folterkellern, die auf Henri warteten. Das musste er verhindern!</p><p>Er folgte dem Trupp. Sie ritten nach Nordwesten, auf Fontainebleau zu. Aber dann bogen sie pl�tzlich ab in Richtung auf Poissy. Am breiten Fluss, der Essonnes hie�, schienen sie zu beratschlagen. Schlie�lich ritten sie wieder nach Osten und n�herten sich dem Schloss Fontainebleau.</p><p>Jacques sah, dass es aussichtslos war, eine Attacke zu reiten. Sie waren zu viele. Dagegen kam auch ein Tempelritter nicht an. Er folgte den Reitern weiter, mehr konnte er im Moment nicht tun. Und er musste tatenlos mit ansehen, wie sie im Schlosshof ankamen.</p><p>Dort teilte sich die Gruppe. W�hrend die eine den toten K�nig ins Schloss begleitete, f�hrte die andere den gefangenen Henri de Roslin zum fensterlosen, dreieckigen Turm. Dort befanden sich wie in jedem Donjon die Verliese.</p><p>Jacques de Charleroi �berlegte, ob es sinnvoll war, die Gef�hrten zu alarmieren. Aber er w�rde zu viel Zeit verlieren. Au�erdem hatten sie ausgemacht, sich zwei Tage sp�ter in Fontainebleau zu treffen, wenn inzwischen kein Lebenszeichen eingegangen war.</p><p>Er musste versuchen, ins Schloss zu gelangen. Er musste versuchen, Kontakt zu Henri de Roslin herzustellen, um ihm Mut zuzusprechen.</p><p>Jacques erinnerte sich daran, wie er im Jahr des Herrn 1308 in Aleppo Henri kennen gelernt hatte. Damals hatten sie gemeinsam in einer tollk�hnen Aktion gefangene Christen aus einem sarazenischen Kerker befreit. Viele waren dabei gestorben, aber die Rettung war gelungen. Jacques musste daran denken, dass Henris Freund Uthman Sarazene war. Ein K�mpfer! Gemeinsam mussten sie es schaffen, Henri zu befreien, und sei er in der Gewalt des Teufels!</p><p>Er beschloss, auf die Gef�hrten zu warten. Dann w�rden sie ein kleiner, schlagkr�ftiger Haufen sein. Er konnte nur beten, dass Henri de Roslin einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang im Kerker �berlebte.</p><p>Als Henri de Roslin nach Stunden aus tiefer Bewusstlosigkeit erwachte, k�ndigte ihm der Folterknecht die Ankunft des Generalinquisitors Guillaume Imbert an. Henri hatte in all den letzten Jahren damit gerechnet, einmal erneut dem unbarmherzigsten Verfolger des Ordens gegen�bertreten zu m�ssen. Dass es nun in diesem Moment seiner �u�ersten Wehrlosigkeit geschah, erf�llte ihn mit Wut und tiefer Resignation. Aber er nahm sich fest vor, keine Schw�che zu zeigen. Den Triumph, ihn gebrochen zu sehen, g�nnte er seinem gr��ten Feind nicht.</p><p>Man hatte ihm die Haare und den Bart abgeschnitten, den Judenring abgerissen. Er lag in Ketten in einem Verlies, das von drei Kienspanfackeln nur notd�rftig erhellt wurde. Aber das Licht reichte aus, um die Instrumente zu erkennen, die sich im Hintergrund befanden. Henri kannte sie alle, und es wurde ihm bewusst, dass er sich im Heiligen Land schon einmal in einer �hnlich ausweglosen Lage befunden hatte.</p><p>Er dachte an den Bruder Jacques de Charleroi. Er befand sich irgendwo drau�en in der N�he des Schlosses. Aber es gab keine M�glichkeit, dass er ihm beisprang. Und Uthman, Joshua, Sean? Sie erschienen ihm in diesem Augenblick wie Lichtgestalten, die einem anderen Leben angeh�rten.</p><p>Meine Gef�hrten, dachte er, wir sehen uns nicht wieder.</p><p>Als der Generalinquisitor das Verlies betrat, sp�rte Henri dennoch ganz tief in sich einen stillen Triumph. Er hatte seinen Auftrag erf�llt! Komme nun, was nicht zu verhindern war � er hatte den verr�terischen K�nig get�tet!</p><p>Imbert trat dicht vor ihn und sah ruhig auf ihn herab. Im Gesicht des m�chtigen Mannes mit den schlohwei�en Haaren stand Milde. Er sagte: �Nun kannst du deine Seele erleichtern, Henri de Roslin. Es ist die Zeit der Vergebung.� Und dann b�ckte er sich zu dem Gefangenen herab � und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Als er sich wieder erhob, bekreuzigte er sich.</p><p>Henri sp�rte das Blut, das �ber sein Gesicht lief. Am meisten dem�tigte ihn, dass er es nicht abwischen konnte. In seinem Inneren wurde es kalt. Einmal mehr verstand er, mit wem er es zu tun hatte. Mit einem gef�hllosen menschlichen Ungeheuer, das sogar Christus, wenn er noch unter ihnen weilte, f�r einen Gegner halten w�rde.</p><p>Und er war ihm bedingungslos ausgeliefert.</p><p>Im Hintergrund �ffnete sich in diesem Moment eine niedrige Pforte, die Henri bisher nicht bemerkt hatte. Drei M�nner in Kutten traten ein. Sie gingen gemessenen Schrittes, ohne den Gefangenen anzusehen, in die Mitte des Verlieses. Hinter ihnen trugen zwei barf��ige Gesellen mit nacktem Oberk�rper und verwahrlosten Gesichtern einen Tisch herein. Der Generalinquisitor bestimmte mit einer herrischen Geste den Standort des Tisches. Die Kuttentr�ger nahmen daran Platz. Einer legte Pergamente vor sich hin. Ihre Bewegungen waren w�rdevoll, in ihren hageren Gesichtern standen weder Hass noch Bosheit.</p><p>Henri wusste alles �ber Verh�re. Es war ihm klar, dass er niemand vertrauen konnte. Sie w�rden ihr Spiel spielen. Dennoch beschlich ihn ein leiser, irrlichternder Hoffnungsschimmer, denn wenn Kirchenm�nner ein Protokoll schrieben, w�rden die Folterungen nicht in blindw�tige Exzesse ausarten. Er dachte dar�ber nach, was er zu gestehen hatte.</p><p>Guillaume Imbert zog ein Buch aus dem Gewand und bl�tterte darin. Sein Zeigefinger fuhr �ber eine bestimmte Stelle, dann machte er ein Zeichen. Die beiden halb nackten Folterknechte l�sten Henris Ketten. Sie zerrten ihn auf die Beine und f�hrten ihn zu den Ger�tschaften. Dann rissen sie ihm Hemd und Stiefel herunter. Einer verschr�nkte Henris Arme auf dem R�cken, der andere band ein von der Decke herabh�ngendes Seil um seine Handgelenke und zurrte es fest.</p><p>Sie befestigten Eisengewichte an seinen F��en und zogen ihn mit einem Ruck empor.</p><p>Henri unterdr�ckte nur mit allergr��ter Willensanstrengung einen Schmerzensschrei. Es war, als w�rden ihm die Arme aus den Gelenken gerissen. Das Gewicht an den F��en drohte nicht nur seine Kn�chel zu zerquetschen, sondern zog auch seinen K�rper auseinander. Er spannte die Muskeln an, so fest er konnte. Als Templer war er darauf vorbereitet, Folter und Schmerzen zu erdulden. Aber wie lange konnte er das ertragen?</p><p>Als wollten sie ihn zerfetzen, zogen die Folterer kr�ftiger am Seil, knarrend bewegte sich der Flaschenzug an der Decke. Henri baumelte hilflos in der Luft. Imbert trat nahe an ihn heran und versetzte ihm einen Sto�, sodass er sich langsam drehte.</p><p>Henris K�rper war in wei� gl�henden Schmerz getaucht. Er konzentrierte sich allein darauf, nicht zu schreien. Er spannte seine Muskeln an, bis sie hart wie Stein waren. In die gl�henden Nebel hinein, die sein Gehirn ausf�llten, sagte die Stimme Imberts:</p><p>�Wie hei�t du, mein Sohn?�</p><p>�Incubbus�, sagte Henri, �der kommen wird, um dich zu fressen.�</p><p>Die beiden Kuttentr�ger am Tisch und der Schreiber schlugen das Kreuz. Einer sagte mit mahnender Stimme: �Wir wissen aber, dass du Henri de Roslin hei�t.�</p><p>Die Worte des Kirchenmannes glitten durch Henris Bewusstsein hindurch wie hei�e F�den, die seinen Kopf durchschnitten. Er bem�hte sich zu antworten: �Ich habe keinen Namen. Ihr habt ihn mir soeben geraubt.�</p><p>Henri vernahm das Kratzen der Feder des Protokollf�hrers auf Pergament �berdeutlich. Er nahm drei Schatten an der Wand wahr, die die K�rper der Geistlichen warfen, jetzt gesellte sich auch der vierte des Generalinquisitors hinzu. Die Schatten waren in st�ndiger Bewegung, mal schrumpften sie zusammen, dann bl�hten sie sich pl�tzlich wie gro�e Tiere auf, die �ber ihn herfielen.</p><p>Einer der Schatten sprach eindringlich zu ihm.</p><p>�Du hast dich des gr��ten Verbrechens schuldig gemacht, das es geben kann. Du hast den K�nig heimt�ckisch ermordet. Daf�r allein hast du zehn Tode verdient. �ber deine anderen Verfehlungen als Mitglied des frevlerischen Tempelordens richten wir sp�ter. Ist dir klar, dass es f�r dich keine Hoffnung auf Gnade gibt?�</p><p>�Wir alle finden keine Gnade vor dem Weltenrichter! Unsere S�nden sind zu gro�!�</p><p>Die Spindel drehte sich knarrend, Henri st�rzte zu Boden. Einen Moment lang f�hlte er sich gl�cklich. Das Gl�ck bestand darin, keine Schmerzen zugef�gt zu bekommen. Seine Glieder waren taub.</p><p>Er nahm wahr, dass einer der Kuttentr�ger aufstand und die Folterknechte beiseite scheuchte. �Das reicht! Verschwindet!� Er trat auf Henri zu und l�ste ihm Handfesseln und Fu�eisen, er tat es so vorsichtig, als wolle er vermeiden, dass der Verh�rte auch nur den geringsten weiteren Schmerz erleide.</p><p>Ganz langsam gew�hnte sich Henris gepeinigter K�rper an die Bewegung. Mit Hilfe des Kirchenmannes konnte er sich aufsetzen und die Beine ausstrecken, seine Schultern waren nicht ausgerenkt. In ihm kribbelte alles, als das Leben zur�ckkehrte. Henri sp�rte den kalten Schwei�, der ihn bedeckte.</p><p>Er blickte sich nach dem Generalinquisitor um. Imbert stand unbeweglich im Halbdunkel.</p><p>�Henri de Roslin. Glaubst du an Gott?�</p><p>Henri nickte nur.</p><p>�Ich deute das als Zustimmung�, sagte die freundliche Stimme des Verh�rers am Tisch. �Sagst du auch die Wahrheit?�</p><p>�Ihr gerechten M�nner�, sagte Henri. �Ihr wisst, dass ein Templer niemals l�gt. Ja, ich bin Henri de Roslin. Und ich bin in Eurer Gewalt. Was ich getan habe, das habe ich dem geschriebenen und dem ungeschriebenen Recht zuliebe getan. Der K�nig musste sterben, weil er ein M�rder war. Sein Tod war ein Akt der Notwehr. Eine andere Schuld habe ich niemals auf mich geladen.�</p><p>�Wir sind hier, um dir das Gest�ndnis m�glich zu machen, und es ist sch�n, dass du die Gelegenheit ergreifst, es zu tun. Du hast Gl�ck. Nicht jedem widerf�hrt es, gleich drei Beichtv�ter um sich zu haben.�</p><p>Jetzt trat Imbert in den Lichtschein. Mit scheinheiligem Kummer sch�ttelte er den Kopf. �Gutes Zureden n�tzt nichts. Er wird verstockt bleiben. Dabei wollen wir ihm doch nur helfen, seinen Seelenfrieden wieder zu finden. Es ist also besser, wir bereiten ihm weitere Schmerzen.�</p><p>Wieder hantierten sie an ihm, fesselten ihn und zogen ihn auf die Beine. Dann knarrte wieder die Winde. Henri biss sich auf die Lippen, bis das Blut floss. Ich werde ihnen widerstehen, dachte er, und wenn sie mich t�ten. In sich vernahm er eine Stimme, die sagte: Rette dich, Henri! Nutze die Zeit zur Gewissenserforschung! Bist du nicht tats�chlich voller Schuld?</p><p>�Nein!�, schrie der Gefolterte. �Die wahren Schuldigen seid Ihr! Ihr habt Euch gegen die Menschenrechte vergangen!�</p><p>Dann versagten die Worte. Er wurde emporgerissen und sp�rte wieder nur das gr�ssliche Ziehen am ganzen Leib, das in einen Laut m�ndete: Tortur!</p><p>Wieder spannte er mit aller Kraft, die ihm zur Verf�gung stand, die Muskeln an. Ein Folterknecht versetzte ihm einen Tritt, Henri geriet ins Schlingern, die Schmerzen wurden unertr�glich. Er wurde ohnm�chtig.</p><p>Als er wieder zu sich kam, sp�rte er unter sich den kalten Boden und um sich stinkendes Stroh. Und wieder betraten die drei Kuttentr�ger in einer gespenstischen Prozession den Raum. Imbert war nicht dabei. Sie setzten sich an den Tisch. Jetzt brannten Kerzen auf einem Leuchter. Wieder st�tzten ihn die Folterknechte und stellten sich hinter ihn.</p><p>�Wir haben den Eindruck, du bist reum�tig, du willst ein Gest�ndnis �ber dein verpfuschtes Leben ablegen. Doch zuvor unterschreibe dieses Protokoll �ber die Tortur. Darin steht genau beschrieben, was du bisher zu erleiden hattest. Denn wir handeln nicht aus pers�nlicher Rache, sondern nur, um die Wahrheit vor Gott ans Licht zu bringen.�</p><p>Sie legten ihm das Pergament vor. Henri unterschrieb mit zitternden Fingern, die ihm selbst wie verkr�ppelt erschienen. Der Kuttentr�ger nahm es, schaute auf die Unterschrift, als l�se er ein Geheimnis, und sagte: �Dann sollten wir mit dem Verh�r <emphasis>in caput alienum</emphasis> fortfahren.�</p><p>�Tut, was Ihr nicht lassen k�nnt, gerechte Herren!�, sagte Henri mit fester Stimme. �Der Herr sei Euch gn�dig.�</p><p>Unwillig sahen sie ihn an. Sie konnten nicht dulden, dass er so mit ihnen sprach, denn mit ihm � mit ihm � musste Gott gn�dig sein. Sie waren ohne S�nde und ohne Schuld.</p><p>�Worauf es nun ankommt, Henri, ist dein Gehorsam. Du musst uns folgen, aber nicht in dem Ma�e, dass du uns nach dem Munde redest. Zum Beispiel frage ich dich nun: Bist du mit uns einer Meinung, dass du weiterhin gefoltert werden musst? Wom�glich gar noch h�rter als bisher? Grausamer, als du es dir �berhaupt vorstellen kannst?�</p><p>Henri schwieg.</p><p>�Nun?�</p><p>Henri schwieg weiter. Es war aussichtslos. Sie wollten nur eines erreichen � ihn zerbrechen.</p><p>Ein Kuttentr�ger gab den Folterknechten, die gehorsam im Hintergrund warteten, einen Wink. Die Kerle warfen ihn auf eine Leiter, die sie auf den Boden gelegt hatten. Sie banden ihn mit Lederriemen am ganzen K�rper und am Kopf fest, legten diese um einen Bolzen und zogen sie so fest an, dass sie tief ins Fleisch schnitten. Fester und fester schn�rten Henri die Riemen ein. Henri hatte das Gef�hl, zerquetscht zu werden. Am ganzen K�rper, an Beinen und Armen, am Hals und am Kopf entstand ein unertr�glicher Druck, der das Blut abschn�rte und den K�rper anschwellen lie�.</p><p>Der Protokollant schrieb eifrig mit. Henri ahnte, dass sie noch kein Blut vergie�en wollten, also war dieser Foltermethode eine Grenze gesetzt. Er biss die Z�hne zusammen, bis sein ganzes Gesicht im Krampf verh�rtet war. Und schwieg.</p><p>Nach weiteren Umdrehungen bekamen die Folterknechte Zeichen. Sie drehten den Bolzen zur�ck.</p><p>Henri f�hlte sich als hilfloses B�ndel aus Fleisch und Nerven. Und das Schlimmste war, dass seine Situation etwas Verf�hrerisches barg; sie war als Folge seiner Tat so grauenvoll logisch und konsequent! Darin lag die gr��te Erniedrigung. Sie war beinahe schlimmer als die gr�sslichen Schmerzen.</p><p>�Gib nun alles zu, mein Sohn. Berichte uns von allen deinen Verfehlungen. Wer steht hinter dir? Wen kannst du mit einem Gest�ndnis vor dem Fegefeuer retten?! Sprich, erleichtere dein Gewissen!�</p><p>�Incubbus!�, fl�sterte Henri. �Der Euch fressen wird.�</p><p>Die Folterknechte kippten die Leiter, auf der Henri noch immer fest gebunden lag, an der Fu�seite an. Henri hing nun mit dem Kopf nach unten an den Sprossen. Gewaltsam �ffneten sie ihm den Mund, f�hrten eine Toca aus Leinen tief in seinen Hals ein, legten einen feinen Leinenstoff �ber Mund und Nase und gossen Wasser dar�ber. Henri musste schlucken, ob er wollte oder nicht. Er bekam sehr schnell keine Luft mehr, doch sie gossen weiter und weiter.</p><p>Henri warf in kreat�rlicher Panik den Kopf hin und her, versuchte, das Leinen abzusch�tteln, wieder zu atmen, doch sie hielten ihn fest. Als ihm schwarz vor Augen wurde und der panische Schlag seines Herzens ihm den Leib zu zersprengen drohte, nahmen sie das Tuch weg. Japsend schluckte Henri den letzten Wasserschwall und schnappte keuchend nach Luft. Er w�rgte. Sein ganzer K�rper b�umte sich auf, alles in ihm schrie nach einem Ende dieser Qual. Tr�nen der Ersch�pfung rollten ihm �ber das Gesicht.</p><p>Dann setzten sie die Tortur fort.</p><p>Nach unertr�glichen Momenten der Qual fiel Henris K�rper in sich zusammen. Er nahm nichts mehr wahr, sein Leib kr�mmte sich nur noch in unkontrollierten Zuckungen. Die Folterknechte schlugen ihm mit beiden H�nden ins Gesicht. Er kam zu sich. Seine Augen waren blicklos auf die Decke gerichtet. Er schwitzte Blut am ganzen K�rper. Und in einem Rest von Verstand sagte er zu sich: Dies war auch die Erfahrung des Herrn, auch er schwitzte Blut. Er hat es f�r uns alle erlitten, doch f�r wen erleide ich es�</p><p>Die Peiniger starrten ihn schweigend an. Das Gesicht des Protokollanten zerschnitt ein h�ssliches L�cheln.</p><p>�Wir raten dir, in deinem offensichtlichen Hochmut nicht die n�chste Lektion abzuwarten, es k�nnte zu viel f�r dich werden!�</p><p>�Ich kann euch nichts sagen, was euch befriedigen w�rde. Denn siehe, ich bin der Gemarterte am Kreuz eures blinden Hasses. Und ihr seid die Sch�cher!�</p><p>Sie wurden bleich. Einer sprang auf und schrie: �Was? Du frevelst immer noch?� Er griff nach dem Seil, das noch immer von der Decke hing, und begann auf Henri einzuschlagen.</p><p>Sein Glaubensbruder hielt ihn zur�ck. �Wartet! Haltet doch ein! Ihr schlagt ihn ja blutig!�</p><p>Mon Dieu!, dachte Henri, wenn ich es �berlebe, werde ich ihn t�ten. Er dachte diesen Gedanken ganz kalt, ohne Wut. Er w�rde ihm bei lebendigem Leib das Herz herausrei�en.</p><p>Der Kuttentr�ger beruhigte sich wieder. Er ordnete seine Kleidung, sein fahles Gesicht zuckte. Niemand sprach mehr.</p><p>Offensichtlich warteten sie auf etwas.</p><p>Nach einer Weile �ffnete sich die hintere Pforte. Der Generalinquisitor trat mit eingezogenem Kopf �ber drei ausgetretene Steinstufen in das Verlies, in seinem Gefolge befand sich ein weiterer Mann. Imbert kam n�her, trat auf Henri zu und l�chelte.</p><p>�Deine Kumpanen liegen im Schloss in Ketten�, sagte er. �Sie haben ebenso wie du alles gestanden. Damit ist f�r den Moment das Verh�r abgeschlossen. Der K�nigsmord wird durch deinen Tod ges�hnt werden.�</p><p>�Du l�gst, Imbert�, entfuhr es Henri. �Du hast immer gelogen! Ist es die Pflicht eines so gro�en Kirchenmannes, vor Gott die Unwahrheit zu sprechen?�</p><p>�Noch bist du in der Lage, deine Zunge und deinen Atem zu gebrauchen, Ketzer�, sagte Imbert. �Ich gestatte dir, das zu tun, solange du es noch kannst. Es ist ein Akt der Gnade.�</p><p>�Lasst mich frei�, sagte Henri in einer t�richten Anwandlung.</p><p>�Aber im Gegenteil�, sagte Imbert milde. �Ich zeige dir jetzt die Folterinstrumente, die dich erwarten. Hab keine Angst Henri, du wirst noch nicht sterben. Du wirst es bei vollem Verstand erleben! Willst du nicht wissen, wer mein Begleiter hier ist? Nein? Es ist der Chirurgus.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Uthman packte den Juden an der Schulter. �Joshua! Wir m�ssen ihn befreien! Sie t�ten ihn!�</p><p>�Ich wei� das. Aber wir d�rfen uns nicht selbst in Gefahr bringen, nicht wahr? Wir m�ssen klug �berlegen.�</p><p>�Ich sp�re es, das Attentat ging schief. Sie haben ihn. Reiten wir schon heute los, sonst ist es zu sp�t!�</p><p>�Aber Gottfried ist in seiner N�he! Er wird ihn entweder raushauen oder uns alarmieren!�</p><p>�Ein einzelner Mann! Nein, Joshua!�</p><p>�Also gut. Sean, sattele die Pferde. Auch du kommst mit. Mach schnell, um Gottes willen!�</p><p>Als h�tten ihre Worte einen Sturmwind erzeugt, so eilig hatten es die Gef�hrten pl�tzlich. Wie hatten sie so lange z�gern k�nnen!</p><p>Henri war zwar erst seit zwei Tagen fort, ebenso wie Gottfried, und sie hatten sich erst f�r den dritten Tag verabredet. Aber nun stand die Vision der Todesgefahr f�r ihren Gef�hrten klar vor ihren Augen. Sean gelang es gerade noch, seine Fl�te in den Mantelsack zu stecken. Und kurz darauf flogen ihre drei Pferde dahin, mit tief �ber ihren R�cken gebeugten Reitern. Richtung Westen, in die Nacht hinein, in der das Licht des jetzt vollkommen gerundeten Mondes wei� schien.</p><p>Tief in der Nacht erreichten sie den Wald von Saint Maxence. Uthman begann, die Spuren zu lesen. Und im Mondlicht war es f�r den erfahrenen Sarazenen nicht schwer zu begreifen, was sich hier vor nicht mehr als einem Tag abgespielt hatte. Er entdeckte die Spuren der Jagd, die Kampfspuren, das Blut. Und er konnte die F�hrte der k�niglichen Reiterschar �ber den Umweg zum Fluss Essonnes zur Feste Fontainebleau verfolgen.</p><p>Pl�tzlich packte Uthman die Z�gel von Joshuas Reittier. �Still!�</p><p>Sie lauschten in die fahle Dunkelheit. Vor ihnen am Waldrand bewegte sich etwas sacht und leise. Dann sahen sie, verdeckt von den Baumst�mmen, einen Reiter. Er hielt sein Pferd jetzt an und stand unbeweglich im Unterholz. Lange hielt er seinen Blick auf die dunkle Fassade des Schlosses gerichtet.</p><p>�Ist es Gottfried?�</p><p>�Sean! Sitz ab und schleiche dich heran. Aber vorsichtig!�</p><p>�Wie ein Salamander, Herr Uthman!�</p><p>Der Knappe verschwand. Und die beiden Beobachter sahen nach einer Weile, wie er neben dem Fremden auftauchte und auf ihn zuging. Ja, es war Gottfried! Schnell ritten die Gef�hrten zu ihm. Sie begr��ten sich mit ged�mpften Stimmen. Gottfried berichtete sofort, was er gesehen hatte. Und er f�gte hinzu:</p><p>�Jetzt sind wir zu dritt. Wir k�nnen ihn raushauen. Ich erinnere mich an einen Kampf in Syrien. Drei Templer befreiten den Pr�zeptor von Jerusalem aus einem �hnlichen Gef�ngnis. Wir k�nnen es schaffen, wenn wir die gleiche List wie damals anwenden.�</p><p>�Aber Gottfried! Wie soll das gehen? Es ist unm�glich!�</p><p>�Nein, Joshua. Es ist m�glich. Aber wir m�ssen uns einen Plan ausdenken. Sicher k�nnen wir nicht zur Vordert�r hineinspazieren. Es wird einen anderen Weg geben. Vielleicht kann Sean��</p><p>�Den Knappen lassen wir aus dem Spiel! Er ist noch ein Kind. Und wir feiern gerade die christliche Zeit der unschuldigen Kinder. Sean wird hier, im Schutz des Waldes, mit den Reittieren warten. Wenn uns einf�llt, wie wir in das Schloss gelangen k�nnten��</p><p>�Aber wir brauchten Rammb�cke, Steinschleudern, Sturmleitern! Die haben wir nicht!�</p><p>�Nein, Uthman. Gerade damit w�rden wir scheitern. Wir ben�tigen solches Ger�t nicht, das wei� ich. Ich habe zwar noch keinen Plan, aber ich bin sicher, wir m�ssen die Kriegsger�te durch eine List ersetzen! Ich gr�ble schon die ganze Zeit dar�ber.�</p><p>Sean sagte: �Ich k�nnte versuchen, ins Schloss zu gelangen, und mit meiner Fl�te ein Lied anstimmen. Vielleicht h�rt Henri es und fasst Mut.�</p><p>�Sie haben ihn in das tiefste Verlies geworfen, damit m�ssen wir rechnen. Dort dringen keine Schreie nach drau�en. Und von den Dingen, die drau�en geschehen, ist drinnen kein Laut zu h�ren! Nein, es ist aussichtslos.�</p><p>�Aber wir sind hier! Wir sind seine Gef�hrten, seine einzige Rettung! Es muss uns etwas einfallen!�</p><p>Sie starrten hin�ber. Die gro�artige Silhouette des k�niglichen Schlosses hob sich bizarr im Mondlicht ab. Mit all den T�rmen, Giebeln, Erkern und Nebengeb�uden wirkte es wie eine eigene Stadt. Und irgendwo da drinnen, in einem winzigen, geheimen Raum, mitten im Herzen des Schreckens, hielten sie Henri de Roslin gefangen.</p><p>Die drei M�nner und der Junge sp�rten immer deutlicher und niederschmetternder, dass sie ihm nicht helfen konnten.</p><empty-line/><empty-line/><p>Der Generalinquisitor war in seinem Element. Vielleicht hatte er seine wei�e M�hne vom Anblick des Grauens bekommen, f�r das er selbst verantwortlich war. Sein Leben lang hatte er gebetet und gefoltert.</p><p>Henri de Roslin wusste, was in den n�chsten Stunden auf ihn zukam. Er versuchte, sich zu wappnen. Noch war sein ganzer K�rper wund von den bisher erlittenen Qualen, ein Teil seiner inneren Organe f�hlte sich aufgebl�ht und entz�ndet an. Aber er konnte sich wieder bewegen, und nichts war gebrochen.</p><p>�Holt den Marterstuhl, r�ckt ihn hierher. Die Leiter dorthin, �ffnet die Daumenschrauben und die gez�hnten spanischen Stiefel, damit wir mit der Territion beginnen k�nnen. Templer, du hast Gelegenheit, dein Gewissen zu erleichtern. Falle ab von aller Apostasie, Gottesl�sterung und Zauberei! Nenne uns die Namen aller Frevler des Ordens, die noch in Freiheit sind! Und sage uns, wo wir ihrer habhaft werden k�nnen!�</p><p>Henri bem�hte sich nicht einmal, eine Antwort zu geben. Er dachte an seine Gef�hrten. Es fiel ihm ein, wie er im Jahr des Herrn 1307, als die ersten Verhaftungen begonnen hatten, die gefangen gesetzten Br�der im entweihten Tempel von Paris nicht hatte retten k�nnen. Diese Wunde in seiner Seele schmerzte noch immer heftiger als manche k�rperliche Wunde. Er hatte ihren Tod nicht verhindert! Denn damals musste er selbst aus der Stadt an der Seine fliehen, um sich der Verhaftung zu entziehen. Gerade noch hatte er den Schatz aus den Gew�lben des Tempels in Sicherheit bringen k�nnen. Sein Weg danach war weit gewesen � bis nach Alexandria, Aleppo, Antiochia.</p><p>�Kennst du die Halsgerichtsordnungen des K�nigs, Inquist?�, fragte Imbert h�hnisch. �Darin hei�t es, man soll den Verh�rten so auseinander ziehen, dass man durch seinen Leib ein Licht scheinen sieht, das hinter ihm gehalten wird. Sollen wir das tun?�</p><p>�Fahr zur H�lle, Imbert!�, sagte Henri.</p><p>�Du willst nicht bekennen? Du willst nicht mit uns zusammenarbeiten, damit deine Seele gerettet wird?�</p><p>�Ich will, dass du zur H�lle f�hrst, Imbert!�</p><p>�Ich zeige dir jetzt einige Instrumente�, sagte der Gro�inquisitor m�hsam beherrscht, �w�hle selbst aus, von welchem du befragt werden willst. Fangen wir mit der Spinne an. Die t�chtigen Gehilfen schlagen dir die Eisenspitzen ins Fleisch und rei�en damit gro�e St�cke aus deinem K�rper. Willst du diese Befragung?�</p><p>Henri lie� seinen Blick durch das halb dunkle Verlies gleiten. Oh ja, sie hatten unz�hlige Instrumente. Er erkannte darunter pl�tzlich auch die Vorrichtung der Eisernen Jungfrau, die schon im Keller der Alchemisten gestanden hatte. In seiner Heimat Schottland nannte man sie <emphasis>The scavengers daughter,</emphasis> des Gassenkehrers Tochter.</p><p>Man hatte dieser Erfindung, die einsam und schrecklich im Hintergrund des dunklen Gew�lbes stand, die Ehre angetan, ihr einen Mantel wie von einer B�rgerfrau umzuh�ngen. Henri bem�hte sich, dar�ber nachzudenken, wie das Instrument funktionierte. Er war sich schlie�lich bewusst, wo es stand, es musste sich darunter eine Fallt�r befinden, die in eine Tiefe ging, in der wom�glich ein flie�endes Gew�sser war. Denn die Jungfrau �ffnete sich, wenn der Delinquent vor sie trat, um ihr einen Kuss zu geben � so befahlen es die Richter �, durch in Bewegung gesetzte Federn. Ihr hohler Rumpf umschlang den Delinquenten und dr�ckte ihn an sich, mit Gewalt schlug sie zu, und Dolche, die in die Brust drangen, und zwei Schwerter, die die Augen trafen, neben anderen Spitzen bedrohten den Ungl�cklichen. Wenn er gestand, �ffnete sich der furchtbare Leib der Jungfrau wieder. Wenn nicht, dann fiel der Leichnam durch die ge�ffnete Fallt�r in den Schacht darunter.</p><p>Henri war von diesem pl�tzlichen Gedanken erregt. Wie konnte er es erreichen, dass sie ihm die Ketten abnahmen, dann w�rde er versuchen, durch den Schacht unter der Eisernen Jungfrau in das Gew�sser darunter zu entkommen!</p><p>�Willst du diese Befragung?�</p><p>Henri h�rte die wiederholte Frage wie aus weiter Ferne. Ein Fluchtplan nahm in ihm Formen an. Aber dann erkannte er seine Vergeblichkeit. Es war nur ein sch�ner Traum. Es gab kein Entkommen.</p><p>Und w�hrend er seine Blicke weiter durch den d�steren Keller schweifen lie� und jetzt einen abermaligen Faustschlag des Generalinquisitors in seinem Gesicht sp�rte, erinnerte er sich. Er hatte auch in den Kerkern der morgenl�ndischen Sarazenen solche Instrumente erlebt. Er erkannte im Hintergrund des feuchten Kellers viele, die ihm vertraut waren. Einige standen auf den Steinen, die anderen hingen an der Wand, darunter war auch eine eiserne Maske, die innen mit spitzen N�geln best�ckt war. Er hatte einen teuren Gef�hrten darin verenden sehen.</p><p>Henris Blick flatterte zur�ck zu seinem Richter, der mit ger�tetem Gesicht vor ihm stand. In ihm war keine Angst, aber er k�mpfte gegen ein Gef�hl der Hoffnungslosigkeit, das ihm wie grauer Staub auf dem Gem�t lag. Er dachte: Wozu noch das Gepl�nkel! Sie werden mich zu Tode martern. Vielleicht wird es keinen Tag oder zwei Tage dauern, sondern es wird dauern, solange ich lebe. Denn ich bin in ihrer Gewalt und werde es bleiben. Und es wird mir schwerlich gelingen, die Zeit bis zum bitteren Ende als Geschenk zu empfinden.</p><p>Wie ertr�gt man es zu leben, dachte er, wenn es aus der Erwartung immer noch schrecklicherer Martern besteht? Das hatten sie ihn im Tempel nicht gelehrt.</p><p>�Schau her, Inquist. Dies ist der spanische Esel, darauf sitzt du auf dem ausgezackten Brett, und auf deinen Scho� legen wir diesen zentnerschweren Stein � siehst du? Ich kann dich auch mit brennendem Schwefel traktieren lassen, wenn dir das lieber ist, oder ich breche dir die Ellenbogen auf diesem Amboss. Willst du? Oder entscheidest du dich f�r das Streckbett? Du musst nur sprechen! Sprechen!�</p><p>Henri schwieg. Der Chirurg nickte zu allen Worten des Generalinquisitors. Dann sagte er:</p><p>�Ein interessantes Experiment, Montseigneur, erlebte ich in Spanien. Seid Ihr interessiert?�</p><p>�Oh ja!�</p><p>�Einem Delinquenten wurden spitze Pfl�cke zwischen die Finger in die Hand eingekeilt. Schlie�lich gelang es uns, die Finger v�llig auseinander zu brechen. Es war ein denkw�rdiges Bild. Aber ich n�hte die Knochen anschlie�end wieder zusammen.�</p><p>Henri musste an all die Opfer in den Folterkellern denken und spuckte auf den schmutzigen Boden. �Ihr wollt Medicus sein? Ihr seid ein Schl�chter! Der Teufel richte Euch!�</p><p>Imbert nestelte an seinem Habit. In seinem Gesicht stand Schwei�. �Du bist ein sch�ner Mann, Templer. Aber wenn wir mit dir fertig sind, wirst du es nicht mehr sein. Vielleicht fehlen dir dann alle Z�hne. Vielleicht bist du dann deiner M�nnlichkeit beraubt. Vielleicht ist dein Gesicht ein unkenntlicher Brei. Verrate uns doch die Namen deiner Gesinnungsgenossen, dann h�ren wir auf, dich zu bel�stigen. Und du wirst in eine saubere, warme Einzelzelle verlegt, wo du nachdenken kannst �ber dein s�ndiges Leben.�</p><p>�Bevor ich euch etwas verrate, Imbert, will ich lieber sterben.�</p><p>�Das wirst du, das wirst du, Inquist. Aber h�bsch langsam. Du hast es doch nicht eilig damit? Schau hier. Ein wunderbares Instrument. Die spitze Zange. Wir machen sie gl�hend, schon wird das Kohlefeuer entz�ndet, siehst du? Schreien kannst du dabei so viel du willst. Wir stecken dir die Folterbirne in den Mund, es ist eine sehr sinnreiche Erfindung. Sie wird durch den Druck auf eine darin befindliche Feder weit auseinander getrieben. Man verstummt, sozusagen��</p><p>�Bestien! Daf�r verschwendet ihr das verbleibende Bisschen eures ketzerischen Verstandes?�</p><p>�Du hast ganz Recht! Du sollst ja nicht verstummen, sondern reden! Ich Narr, das h�tte ich beinahe vergessen! Nun, so sprich schon, oder ich zeige dir noch ein paar andere Dinge��</p><p>Der Chirurg mischte sich ein. �Montseigneur, zeigt ihm auch die Strafmaske und den Strafmantel mit den Eisengewichten, in denen wir ihn verhungern und verdursten lassen k�nnen � jedenfalls fast, bis ich ihn in seinen letzten Atemz�gen seziere, um zu beobachten, wie sich so kurz vor diesem gewaltsamen Tod durch Entzug die Muskeln verhalten.�</p><p>�Gewiss doch! Wir wenden diese Dinge in unserem Land gern an. Aber wir besitzen noch viele andere sinnreiche Instrumente. Und glaube mir, Inquist, alle sind so wunderbar effektiv, dass dagegen das Verbranntwerden, das Enthauptet-, Ger�dert- oder Geh�ngtwerden und der Tod durch Entzug des Schlafes eine wahre Mildtat sind! Nur das Sieden in �l bei lebendigem Leib von unten her k�nnte unangenehmer werden. Es ist f�r besonders Verstockte gedacht, die alle Grade des Torquierens �berlebt haben. Aber sieh dir beispielsweise noch dieses Ding hier an, das letzte, das ich dir zeige, bevor die Marter beginnt. Diese Maschine � ist sie nicht faszinierend? Willst du das nicht zugeben? Sie ist zusammengestellt aus Beinschrauben und Stachelring. Der Ring aus Eisen ist innen mit Spitzen versehen, die ich zur Form von Widerhaken bringen kann. Damit wird dein Fleisch langsam innerlich zerrissen. Ist es zu weit hergeholt, dieses Instrument als Krebs zu bezeichnen?�</p><p>Ich wei�, dachte Henri, ihr habt euch mit Sachverstand bem�ht, sinnvolle Instrumente zu erfinden. Und ich erkenne bei euch nicht einen Hauch von Gewissensbissen �ber eure Grausamkeit. Ich habe euren Praktiken als Beobachter schon beigewohnt. In Aleppo, wo Sarazenen die Nase und die Ohren abgeschnitten, die H�nde abgehauen, die Glieder abgezwickt, Riemen aus der Haut geschnitten, die Zunge ausgerissen oder die Knochen durch das Rad gebrochen wurden. Ich habe erlebt, wie man die Ungl�ubigen lebendig einmauerte, in Tr�ge steckte, wo sie sich nicht bewegen konnten und von Insekten zu Tode gestochen wurden. Wie man Feinde verdursten lie� und ihnen gesalzene Speisen reichte, wie man ihnen keine Ruhe lie�. Wie die Henker ihr Tun genossen. Wie Christen ihre Feinde in jeder Form abschlachteten � oder von ihnen abgeschlachtet wurden.</p><p>Der Mensch ist des Menschen gr��ter Feind. Es gibt kein Mitleid unter den Menschen. Die H�lle, das sind die anderen.</p><p>In seine Gedanken hinein fragte Imbert scheinheilig: �Willst du das Instrument nun in deinem Fall in Anwendung sehen oder nicht?�</p><p>�Nein.�</p><p>Der Gro�inquisitor zog die Augenbrauen zusammen. �Welches hast du dann f�r dich ausgesucht, Henri de Roslin?�</p><p>�Kommt n�her, Imbert, ich verrate es dir allein. Ganz leise.�</p><p>�Ja?�</p><p>Als Imbert vor ihm stand und sich zu seinem Mund herunterbeugte, spuckte Henri ihm ins Gesicht. Der Generalinquisitor heulte auf.</p><p>�Packt ihn! Rei�t ihm die verfluchte Seele aus dem Leib!�</p><p>�Langsam, Montseigneur!� Der Chirurg schritt ein. �Wir wollen doch alles der Regel gem�� machen.�</p><p>Imbert fasste sich wieder. �Schon gut. H�ngt ihn an die Wand. Und jetzt sprich, Ketzer! Namen, Aufenthaltsorte! Und wo befindet sich der Schatz des Templerordens, f�r den du zust�ndig warst?! Meine Geduld ist zu Ende.�</p><empty-line/><empty-line/><p>�Wohin genau wird man ihn gebracht haben?�</p><p>�Vermutlich dorthin! Seht ihr den fensterlosen Donjon? Er tr�gt seltsame Steinmetzspuren. Aber das interessiert uns im Moment nicht. In diesem Turm gibt es, so weit kenne ich mich mit Burgen aus, im unteren Bereich Verliese.�</p><p>�Wird man ihn foltern?�, fragte Sean atemlos. �Nat�rlich�, antwortete Joshua voller Sorge. �Sie haben ihn schlie�lich in ihrer Gewalt. Foltern geh�rt zu ihrem Gef�hl f�r Gerechtigkeit � wenn man sich das vorstellen kann.�</p><p>�Mein Gott, wir m�ssen handeln! Und sei es unsere letzte Tat!�</p><p>�Ihrer Folter h�lt niemand lange stand.� Wie in Erinnerung versunken, sprach Joshua weiter. �Die Folter muss in ihren Augen immer wiederholt werden. Sie trauen ihr selbst nicht, da der menschliche Charakter unterschiedlich ist und einige Gemarterte aus Angst alles gestehen, ohne wirklich abzuschw�ren. Deshalb muss eine Aussage unter der Folter in Gegenwart mindestens eines Inquisitors erfolgen. Dem Gefangenen wird mitgeteilt, warum er gefoltert wird, sp�ter muss er ein Protokoll unterschreiben. H�lt er der Folter stand und besteht nicht der Verdacht, dass die Tortur zu milde war, dann kann er von der gro�en Schuld freigesprochen werden. Aber sie sorgen schon daf�r, dass er gesteht � irgendetwas! So lange foltert man ihn. Und sein Gest�ndnis wird dann als g�ltiger Schuldspruch gewertet.�</p><p>�Aber sie brauchen doch keine religi�sen Gest�ndnisse von Henri, um ihn anklagen zu k�nnen! Sie wollen, dass er die Namen seiner Gef�hrten verr�t! Damit sie den Orden restlos tilgen k�nnen!�</p><p>�Sicher, Uthman.�</p><p>�Also handeln wir!�</p><p>�Wir m�ssen ihn befreien. Aber wie? Es w�re nicht das erste Mal, dass es gelingt. Aber oft ist es auch schon gescheitert.�</p><p>�Was sagtest du vorhin, Gottfried? Der Donjon tr�gt seltsame Steinmetzzeichen? Was sind das f�r Zeichen?�</p><p>�Keine Ahnung, Joshua ben Shimon. Ich kenne mich in diesen Dingen nicht aus. Aber sie sind auff�llig. Wie geheime Botschaften.�</p><p>Joshua sagte aufgeregt. �Aber ich kenne mich damit aus. Zeig mir diese Zeichen!�</p><p>Sean sagte zweifelnd: �Aber Meister Joshua, haben wir wirklich Zeit, um uns mit Steinmetzzeichen zu besch�ftigen? Ich h�rte einmal, man bringt sie zum Zweck der Lohnberechnung an den gefertigten Steinen an. Was soll das��</p><p>�Wir schauen es uns an�, beharrte Joshua. �Ich habe mich mit den Zeichen der Kabbala besch�ftigt, und ich wei�, dass sie manchmal Botschaften enthalten, die darunter liegen. So ist es auch mit den Zeichen der H�tten.�</p><p>�Botschaften?�</p><p>�Hinweise auf geheime Kammern. Bei Gr�bern zum Beispiel. Hinweise auf geheime G�nge und Pforten.�</p><p>�Aber Joshua, wenn es so was g�be, w�rden die jetzigen Herren dieses Donjons davon Kenntnis haben.�</p><p>Gottfried mischte sich ein. �Feudalherren und Ritter interessieren sich daf�r nicht. Sie trauen Steinmetzen und Maurern keine Geheimnisse zu.�</p><p>�Also schauen wir uns deine geheimen Zeichen in Gottes Namen an.�</p><p>�Aber in Deckung der Schlagschatten!�, sagte Joshua. �Sean, du bleibst hier. Und halte die Pferde bereit. Wenn sie uns entdecken und wir fliehen m�ssen, ist jede Sekunde entscheidend!�</p><p>Sie sa�en ab und schlichen zum Turm. Der Mond verschwand einen Augenblick und erleichterte ihre Ann�herung. Aber mitten auf freier Fl�che trat er hell und gro� hinter den dunklen Wolken hervor. Die drei M�nner fluchten leise und beschleunigten ihren Lauf. Als sie die glatten, ovalen Mauern des Donjon erreicht hatten, fielen sie schwer atmend dagegen. Sie lauschten besorgt. Nichts r�hrte sich.</p><p>�Fangen wir an�, sagte Uthman mit gepresster Stimme.</p><p>Joshua ging langsam an der Au�enmauer entlang. Gottfried und Uthman beobachteten seine Spurensuche mit banger Skepsis. Sie dachten alle drei an ihren gefangenen Gef�hrten, der sich irgendwo da unten, hinter den un�berwindlich dicken Mauern, befinden musste. Und am liebsten h�tten sie sich wie Maulw�rfe mit blo�en H�nden in die Erde eingegraben, um zu ihm zu gelangen.</p><p>Zur Linken h�rten sie einen Fluss rauschen. Er musste unterirdisch flie�en, denn sie sahen kein Wasser. Erst in Hunderten von Metern Entfernung, zwischen dem Gestr�pp der Burgbewachsung und dem beginnenden Waldsaum, schien das Mondlicht auf einer Wasseroberfl�che zu blinken.</p><p>�Was ist nun mit den Zeichen?�, dr�ngte Gottfried.</p><p>�Geduld!�</p><p>Sie hatten jetzt den unterirdischen Fluss �berquert, sie h�rten sein Rauschen in einer unbekannten Tiefe. �ngstlich schauten sie zum Himmel, wo der Mond noch immer ohne Wolken stand und sein bleiches Licht ergoss.</p><p>Joshua tastete weiter. Er hatte seine Finger schon �ber Runen und Zeichen fahren lassen und bekam langsam ein genaueres Bild �ber die Art der Zeichen. Aber ob sie eine Botschaft enthielten, bezweifelte er nun. Er wusste aber von seiner Ausbildung in den j�dischen Schulen des umfassenden Wissens, dass die erst vor wenigen Jahren gegr�ndeten Bauh�tten geheime Zeichen vorschrieben, die nicht der Willk�r der Arbeiter entsprangen. Sie glichen genauen Beschreibungen f�r die Benutzung der errichteten Bauten. Jedes Bauwerk enthielt solche Zeichen. Es waren Schl�ssel, in denen sich H�ttengeheimnisse ausdr�ckten. Die Baumeister der Kathedralen waren ebenso verfahren.</p><p>Joshua tastete mit inzwischen aufgerissenen und blutenden Fingern weiter. Hier fand er eingemei�elte Figuren mit einer Menge sich durchschneidender Linien, dort geometrische Zeichen, die ihn an Quadratur und Vierpass erinnerten. Aber er verstand es nicht, sie in einen Zusammenhang zu bringen. Die ganze Au�enmauer des Donjon schien wie ein Buch beschrieben zu sein � aber Joshua kannte ihre Sprache nicht. Es schien keine einheitliche Sprache zu sein.</p><p>Er kannte die Marken der vorgriechischen Zeit, die Triangulaturen der Deutschen, die Zeichen der romanischen Rundb�gen, die Drudenf��e, die Runenzeichen. Aber hier�</p><p>�Schneller, Joshua! Der Mond verschwindet bald!�</p><p>Verzweifelt suchte Joshua ben Shimon weiter. Dann glaubte er etwas zu verstehen. Es handelte sich um Buchstaben der �lteren griechischen Schrift und um eine Anzahl Runenzeichen. Sie wirkten wie miteinander verkn�pft � aber konnte das sein? Aufgeregt tastete er die W�lbungen der kalten Steinquader ab.</p><p>Ihm fiel pl�tzlich ein, dass er an der Au�enmauer der Porta Nigra im deutschen Trier einmal auf die Zusammenstellung von drei Buchstaben gesto�en war, sie hatten ein Gesamtzeichen ergeben, auf das man die flache Hand legen musste. Dann �ffnete sich wie von Geisterhand ein m�chtiger Quader, hinter dem eine Treppe ins Innere dieses r�mischen Bauwerkes f�hrte.</p><p>Joshua legte die Hand auf mehrere Markierungen, die er f�r Schl�sselmarken hielt. Nichts geschah. Der Mond warf sein bleiches Licht auf die vier seltsamen Gestalten zu F��en des Donjon und wanderte unbeirrt weiter. Bald w�rde er verschwinden und sie allein im Dunkeln lassen.</p><p>Pl�tzlich hatte Joshua eine Idee. Er glaubte zu begreifen, wonach er wirklich suchen musste. Seine Gef�hrten dr�ngten sich um ihn.</p><p>�Das k�nnte es sein�, fl�sterte Joshua.</p><p>Henri de Roslin r�ttelte an seinen Ketten. Das war vergeblich, denn sie lagen fest um seine Gelenke und waren tief in die Mauern hineingeschlagen. Aber er tat es dennoch.</p><p>�Willst du wohl mit dem Gerassel aufh�ren, verfluchter Ketzer!� Der Wachmann kam herein. Sein Gesicht dr�ckte grenzenlosen Hass aus.</p><p>Henri sagte: �Eure l�cherlichen Ketten hier k�nnen mich nicht halten, du Narr. Ich bin der einzige freie Mensch in diesem Gew�lbe!�</p><p>�So? Dass ich nicht lache!�</p><p>�Und du bist nur eine Kreatur, eingekerkert in das Verlies deines tumben Kopfes.�</p><p>�Was redest du, verfluchter Hund! Ich werde dich��</p><p>�Lege mir weitere Ketten an, fessle mich mit noch schwereren Eisen, und ich zeige dir, was ich meine! Ich trotze euch, dir, den Folterknechten und Imbert, der so schwach ist, dass er des Nachts schlafen muss.�</p><p>Au�er sich vor Zorn �ber die Ruhest�rung, schrie der W�rter: �Es widerspricht mir, dich totzuschlagen, solange du gefesselt bist. Aber ich werde es dir zeigen. Ich schlie�e die Ketten auf, siehst du? So und so! Und nun steh auf, wenn du kannst, laufe vor mir davon, denn ich werde dich mit der Peitsche z�chtigen.�</p><p>Henri zog Beine und Arme aus den gel�sten Eisenringen. Er sp�rte nicht die Schmerzen, achtete nicht auf das Blut, das von den geschundenen Gelenken heruntertropfte. Er st�tzte sich auf allen vieren, lie� den Kopf h�ngen und sammelte sich. Als der W�rter mit dem Ochsenziemer, an dessen Schn�ren Stacheln hingen, n�her kam, sprang Henri auf.</p><p>Der W�rter war �berrascht. In sein dummes Gesicht trat nur langsam Verwunderung. Er grunzte und hob die Peitsche. Henri stie� mit Wucht gegen ihn, unter dem Aufprall taumelte der W�rter zur�ck und stolperte. Als er auf den Steinboden fiel, klirrten seine Schl�ssel.</p><p>Henri riss ihm die Peitsche aus der Hand, sprang auf den Liegenden und dr�ckte ihm den Peitschengriff aus geh�rtetem Leder gegen die Gurgel. Verzweifelt versuchte der W�rter freizukommen. Er wand sich und zappelte wie ein auf dem R�cken liegendes Tier. Aber Henri dr�ckte unbarmherzig zu. Der W�rter bekam keine Luft mehr. Sein Gesicht lief rot an. Er japste, wei�e Schaumblasen kamen �ber seine Lippen. Dann verdrehte er die Augen und erschlaffte. Sein K�rper streckte sich noch einmal.</p><p>Henri sprang auf. Dann knickte er jedoch gleich wieder zusammen. Zu stark hatten ihm die Entbehrungen und die Qual zugesetzt. Er blieb schwer atmend hocken und versuchte, zu Kr�ften zu kommen. Als es ihm gelungen war, zerrte er den toten W�rter zu dem Marterinstrument, das mit verdecktem Gesicht im Hintergrund stand.</p><p>Die beweglichen Arme und Schwerter in den H�nden der eisernen Jungfrau ragten ihm drohend entgegen. Henri lie� den Toten auf den unsichtbaren Mechanismus vor dem Ger�t fallen. Die Federn wurden durch die Gewichtsteile in Bewegung gesetzt. Die Jungfrau �ffnete ihre Arme. Henri bemerkte im Boden des Instrumentes Lederriemen und ein breites Loch zum Abfluss des Blutes.</p><p>Ich muss die Fallt�r �ffnen, dachte Henri. Er zerrte den K�rper des Wachmannes in das Innere des Marterinstrumentes und versuchte, ihn so zu legen, dass er den Mechanismus abklemmte. Er musste vorsichtig vorgehen, denn wenn ihn die spitzen Schwerter und Dolche erfassten, erlitt er tiefe Wunden.</p><p>Als er schon glaubte, das Marterinstrument beherrschen zu k�nnen, die Fallt�r zu �ffnen und durch den Schacht hinunterspringen zu k�nnen, wo sich zweifellos das Wasser befand, das die Delinquenten gew�hnlich mit sich fortriss, sah er etwas Schreckliches. In seiner grenzenlosen Entt�uschung musste er sich erst an den Anblick gew�hnen.</p><p>Und als er noch darauf starrte, h�rte er vom Eingang zum Keller her L�rm.</p><p>Henri erstarrte. Das musste die Wachabl�sung sein.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Man sollte dich als Hexer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, Joshua!�</p><p>�Das finde ich auch!�</p><p>�Ich finde das nicht. Es hat nichts mit Zauberei zu tun, sondern entspricht klaren �berlegungen. Sie haben einfach Zeichen aus unterschiedlichen Sprachen miteinander verbunden � vielleicht weil sie ungebildet waren, vielleicht auch, weil sie viel mehr wussten, als ich begreifen kann.�</p><p>�Vielleicht waren es auch unterschiedliche Bauarbeiter zu unterschiedlichen Zeiten?�</p><p>�Ich glaube eher, es waren wenige, und sie verr�tselten ihre Zeichen ganz bewusst.�</p><p>�Wer waren sie?�</p><p>�Nun, die Steinmetze. Sie haben Zeichen bald auf der Mitte des Steins, bald auf den Kanten oder Ecken, ein und dasselbe Zeichen erscheint dabei entweder aufrecht oder liegend, bald schr�g, hier einzeln, dort in Gruppen, verbunden mit Buchstaben aus dem Altgriechischen.�</p><p>�Aber ich sehe doch auch Quadern, diese gebuckelten hier, die �berhaupt keine Zeichen tragen.�</p><p>�Dann haben sie bewusst vermieden, solche gezeichneten Steine nach au�en zu legen. Du kannst sicher sein, dass sie innen glatt geschliffen und markiert sind.�</p><p>�Nun und! Und!�</p><p>�Sie wollen uns sagen, wie wir die Steine durchsichtig machen k�nnen.�</p><p>�Sprich nicht in R�tseln, Joshua!�</p><p>�Wenn wir ihren Hinweisen folgen, gelangen wir hinein.�</p><p>�Aber wie denn?�</p><p>�Hier! Es sind Zeichen der Nichtvollendung, Zeichen einer Bestrafung, Marken fremder Sektierer. Ja, wir haben Gl�ck, die Steinmetze, die hier bauten, m�ssen Mitglieder einer Ordensbruderschaft gewesen sein. Denn diese Leute sind nicht nur einfache Maurer, sie bauen nach einem System, das f�r sie den Schl�ssel zum Begreifen der Welt, des Kosmos ausdr�ckt. Jeder Stein darin hat eine Bedeutung und seinen bestimmten Platz. Wir m�ssen ihnen nur folgen��</p><p>�Joshua, der Mond!�</p><p>�Ja, ja! Gleich! Wenn ich nur w�sste, wo ich das alles schon einmal gesehen habe!� Ein Herz, ein Schl�ssel, ein Fisch�und drei X-Zeichen mit einem nachfolgenden V und einem nachfolgenden T, ein gro�es A mit einem Dach darauf und das Sinuszeichen, gefolgt von einem Alphazeichen, und ein Becher und eine Eichel� das ist ohne jeden Sinn! Oder ich erkenne ihn nur zum Teil! � Ich erkenne��</p><p>�Joshua, der Mond geht gleich unter!�</p><p>�Das hier meint nur die Zeit der Entstehung��</p><p>�Brauchen wir nicht!�</p><p>�Das hier� ob mehrere Teile des Baues gleichzeitig sind oder nicht��</p><p>�Schneller, Joshua!�</p><p>�Das hier hei�t Kanonenscharte. Das hier hei�t � Moment! Kanonenscharte? Wo gibt es hier eine Kanonenscharte! Es gibt keine! Was hei�t das genau?� Folge dem mittleren Dreistein, dann dem Schilteck, tiefe Linien, glatte R�nder, ich finde nicht das R�ckgrat dieser Figuren hier, die Zeichen sind� nein, es ist sinnlos!�</p><p>In diesem Moment verschwand der Vollmond hinter den Wipfeln der Tannen. Joshua konnte nichts mehr erkennen. Tiefe Dunkelheit legte sich augenblicklich �ber die M�nner an der Mauer des Donjon. Und tiefe Mutlosigkeit legte sich auf die Herzen der Gef�hrten.</p><p>�Joshua?�</p><p>�Was ist?�</p><p>�Gib auf! Du hast alles versucht!�</p><p>�Nein! Henri ist in ihrer Gewalt! Wenn ich nur w�sste! Und was ist, wenn die Steine, die au�en nicht markiert sind, einen Weg beschreiben? Wenn die au�en gebuckelten Steine ohne Zeichen genau diejenigen sind, die einen sp�ter ausgef�hrten Gang markieren!�</p><p>�Du meinst?��</p><p>�Tastet diese Quadern entlang. Daf�r brauchen wir kein Mondlicht. Am Anfang und am Ende einer solchen Strecke muss es Zeichen geben, die entscheidend sind. Wir m�ssen sie finden!�</p><p>Und sie machten weiter. Drei Gestalten in der Dunkelheit und K�lte der Nacht, die in Sorge um ihren gefangenen Gef�hrten die Steine erweichen wollten.</p><empty-line/><empty-line/><p>Henri arbeitete fieberhaft weiter. Was er gesehen hatte, war, dass der Schacht, der unterhalb der sich �ffnenden Fallt�r lag, ebenfalls mit scharfen Messern best�ckt war. Sie w�rden den fallenden K�rper bis zur Unkenntlichkeit zerst�ckeln. Und was von ihm dann noch �brig bleiben w�rde � er wagte nicht, daran zu denken.</p><p>Von drau�en drangen Stimmen zu ihm. Es kam eine Abordnung. Henri hatte keine Zeit mehr, abzuw�gen, ob er es wagen konnte, den Weg durch das gr�ssliche Marterinstrument zu nehmen. Er starrte in den messerbewehrten Schacht. Nein, es war aussichtslos. Er konnte es nicht schaffen.</p><p>Tief entmutigt sank er zur�ck. Gleichzeitig versuchte die eiserne Jungfrau, sich wieder zu schlie�en. Aber das ging nicht, weil der tote W�rter ihren Mechanismus blockierte.</p><p>Henri lauschte. Der L�rm kam n�her. Wenn die Abl�sung sah, dass er einen der ihren get�tet hatte, w�rden sie ihn an Ort und Stelle erschlagen.</p><p>Er musste es einfach wagen!</p><p>Und jetzt sah er auch, wie es gelingen konnte.</p><p>Die Messer waren f�r einen K�rper berechnet, der hinunterst�rzte, f�r einen schon Toten. Wenn es ihm gel�nge, den Mechanismus des Instrumentes au�er Funktion zu halten, dann konnte er durch die Fallt�r auf die Messer steigen und langsam, Schritt f�r Schritt, durch den Schacht nach unten treten. Aber der geringste Fehler, und er st�rzte unkontrolliert hinab, ein Opfer der furchtbaren Klingen.</p><p>Henri r�ckte noch einmal den K�rper des Toten zurecht. Jetzt lag sein Kopf zwischen den Scharnieren der einen Fl�gelt�r und seine F��e in denen der anderen Seite. Konnte er es jetzt wagen? Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie Gestalten drau�en im Gang herumliefen und im Licht der flackernden Fackeln ihre Schatten warfen.</p><p>Kurz entschlossen trat er in das Marterinstrument. Die Fallt�r war aufgesprungen. Weit unten sch�umte das Wasser. Henri starrte in den entsetzlichen Schacht, der sich unter seinen F��en befand. Er schien ihm eine Fluchtm�glichkeit zu �ffnen, aber gleichzeitig schnitt er ihm den Weg in die Freiheit ab.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Es muss das entscheidende Zeichen sein, denn es existiert genau zu beiden Enden der zeichenlosen Strecke. Aber ich kann es nicht entziffern!�</p><p>Uthman fl�sterte: �K�nnten es arabische Zahlzeichen sein?�</p><p>Joshua dachte dar�ber nach. �Du meinst, die letzten Zeichen hier mit der senkrechten Mittellinie und den krummen Haken, die auf dieses Sonnenzeichen verweisen? Vielleicht� aber� ich kann es nicht lesen��</p><p>�Aber ich! Das ist vielleicht �berhaupt des R�tsels L�sung! Um diese Strecke, wie du es nennst, zu verstehen, bedarf es Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen kommen, die unterschiedliche Sprachen sprechen und nicht die gleichen Religionen haben. Leute wie wir! Deshalb w�re es den Besitzern dieses Donjons g�nzlich unm�glich, die Zeichen zu deuten, es sind einf�ltige franz�sische Christen.�</p><p>�Vielleicht, Sarazene! Es w�re denkbar. Und gleichzeitig scheint es mir zu weit hergeholt��</p><p>�Eine geschlossene Null, ein Pluszeichen, aufrecht stehende Striche mit Anh�ngseln, zwei Sonnen, ein Augenzeichen und diese Keilbuchstaben, die wie tanzende Figuren aussehen � wieder die Null, die aus unserer arabischen Arithmetik kommt.�</p><p>�Aber der Sinn, der Zusammenhang! Kannst du es verstehen?�</p><p>�Es ist unabweisbar eine Inschrift. Und sie besagt� Nein, es ist zu dunkel, ich kann es nicht lesen. Wir m�ssen den Tag abwarten.�</p><p>�Ich kann nur die am tiefsten eingemei�elten deutschen Minuskeln unter meinen Fingern sp�ren. Es sind die gleichen, die meine j�dischen Br�der in Speyer benutzen, die mich in der Schule der Kabbala die Zahlenmystik lehrten. Sie bilden einen Namen. Ich glaube, es hei�t � nein. Es muss eine Zeichenreihe sein, die eine Entwicklung durchmacht.�</p><p>�Wir haben keine Zeit�! Lass mich nachdenken! Vielleicht von einer �lteren bis zur heutigen Gestalt � vom Griechischen zum Lateinischen. Vielleicht ist es ein Chronogramm? Dann m�sste sich der Schl�sselname ergeben aus Jahreszahlen und dem Addieren aller durch ihre Gr��e hervorgehobenen Zahlzeichen.�</p><p>�Dann versuche das, Joshua! Und ich finde das Wort aus den arabischen Zahlzeichen am anderen Ende der Strecke!�</p><p>Joshua und Uthman buchstabierten fieberhaft. Jacques schaute atemlos zu, beobachtete hin und wieder die Umgebung und blickte besorgt zu den Zinnen des fensterlosen Donjon empor. Tat sich oben am vorkragenden Dach aus Holz etwas? Pl�tzlich stie� Joshua einen eigent�mlichen Laut aus.</p><p>�Innen ist unten � es hei�t, innen ist unten!�</p><p>�Was soll das bedeuten?�, fragte Jacques verwirrt.</p><p>Und Uthman fiel genauso atemlos wie Joshua ein: �Wenn ich die arabischen Zahlzeichen auf unser Alphabet anwende und sie in Buchstaben �bersetze � dann bedeuten sie genau das gleiche!�</p><p>�Innen ist unten!�</p><p>�Versuchen wir es! Dr�cke auf den Quader, der sich unterhalb des letzten unbeschrifteten Steins auf der Strecke befindet, Uthman!�</p><p>�Und du tue dasselbe auf deiner Seite, Joshua!�</p><p>�Jetzt! � Zur gleichen Zeit!�</p><p>Die beiden Gef�hrten versuchten es. Und als h�tten sich Geister versammelt, die den Fremden gut gesonnen waren, schoben sich die Quader des Donjon auseinander. Sie hinterlie�en eine schmale �ffnung in der liegenden Form des arabischen Zahlzeichens Acht.</p><p>�Die Kanonenscharte�, fl�sterte Gottfried. �So sehen Kanonenscharten an schottischen Burgen aus.�</p><p>�Tats�chlich!�</p><p>Die M�nner z�ckten ihre Kurzschwerter. Sie versuchten, im Gang, der sich vor ihnen aufgetan hatte, etwas zu erkennen. Aber er war stockdunkel, sie konnten nicht die Hand vor Augen sehen. Unerschrocken stiegen sie in die �ffnung ein und tasteten sich vorsichtig Schritt f�r Schritt vorw�rts. Der Weg f�hrte leicht bergan. Dann endete er an einer Wand.</p><p>�Was ist?!�</p><p>�Aus! Es geht nicht weiter!�</p><p>Sie tasteten an den feuchten Mauern entlang.</p><p>�Doch hier, im rechten Winkel!�</p><p>Eine schmale Treppe tat sich hinter der Ecke auf. Sie f�hrte steil bergab. Noch war es stockdunkel, aber ganz hinten schien es heller zu werden. Die Eindringlinge gingen behutsam darauf zu. Joshua glitt pl�tzlich aus und gab einen unterdr�ckten Laut von sich. Die beiden Gef�hrten brachten ihn wieder auf die Beine.</p><p>Das Licht kam n�her. Und dann sahen sie den Gang, der in einen kleinen, niedrigen Vorraum f�hrte. Ein Tisch, mehrere Fackeln in Eisengittern, Bohlent�ren, Gitter.</p><p>Niemand war zu sehen. Aber eine T�r stand auf. Sie kamen n�her. Pl�tzlich sprangen von der anderen Seite her mehrere schreiende Gestalten auf sie zu. Mit vorgereckten Lanzen rannten sie schnell heran.</p><p>Die drei Gef�hrten verst�ndigten sich mit einem Blick. Sie blieben einfach stehen und lie�en die w�tende Meute herankommen. Erst im letzten Moment sprangen sie zur Seite, lie�en die Angreifer ins Leere laufen. Dann schlugen sie zu. Ihre Kurzschwerter taten ihre Arbeit. Einer der Angreifer rappelte sich wieder auf, drehte sich herum, riss eine Fackel aus der Halterung. Er schleuderte die Fackel auf die Eindringlinge, gleichzeitig warf er seine Lanze. Im letzten Augenblick konnte sich Joshua wegducken, das Wurfgeschoss flog �ber ihn hinweg und zerbrach an den Mauerquadern.</p><p>Uthman sprang vor. Sein Schwert sauste nieder. Ohne einen Laut sank der Getroffene zu Boden.</p><p>�Da hinein!�, rief Jacques.</p><p>Sie betraten das Verlies und versuchten zu verstehen, was sie sahen. Einen leeren Kerker, Eisen, die leer in der Wand hingen, zur Linken einen leblosen K�rper vor der verh�llten Frauengestalt aus Eisen, dem ge�ffneten Marterinstrument. Die entsetzliche Maschine in Menschengestalt stand schweigend da und reckte ihnen die mit Schwertern bewehrten Arme entgegen.</p><p>�Mein Gott, Henri!�, �chzte Uthman.</p><p>�Nein, er ist es nicht.�</p><p>Sie sprangen zu dem Marterinstrument. Ein Fremder lag eingeklemmt in der Fallt�r. Sie blickten in den Schlund und sahen entsetzt die messerstarrenden W�nde. Unten klatschte in diesem Moment etwas ins Wasser und wurde fortgeschwemmt.</p><p>Ratlos schauten sie sich an.</p><p>�Vielleicht liegt er in einem der anderen Verliese!�</p><p>Sie liefen hinaus. Schnell begriffen sie, dass die anderen Kerker keine Insassen enthielten. Wenn Henri in diesem Donjon eingesperrt war, dann musste er sich in diesem Verlies befunden haben. Der Gedanke ergriff langsam Besitz von ihnen, dass es der zerst�ckelte K�rper ihres Gef�hrten gewesen war, der durch das Marterinstrument get�tet und in das Wasser hinabgefallen war.</p><p>�Wir sind zu sp�t gekommen�, entfuhr es Joshua.</p><p>Mutlos sagte auch Uthman: �Nur eine halbe Stunde fr�her! Vielleicht� Allah stehe uns bei!�</p><p>Drau�en polterten pl�tzlich schwere Schritte die Steintreppen hinunter. Die Gef�hrten rannten hinaus. Sie sahen sich einer Rotte nach unten dr�ngender Wachm�nner gegen�ber. Eine Art sich bewegender Wald aus hochgereckten Lanzen und Schwertern.</p><p>�Zur�ck, wie wir gekommen sind!�, rief Jacques.</p><p>Sie zogen sich in den dunklen Geheimgang zur�ck. Schulter an Schulter fochten sie um ihr Leben. Zun�chst konnten sie den andr�ngenden Wachleuten standhalten, aber jedes Mal, wenn sie einen Feind ausgeschaltet hatten, sprang ein anderer in die Bresche. Sie sp�rten: Nicht mehr lange, und ihre Kr�ften w�rden erlahmen!</p><p>Es ging Schritt f�r Schritt zur�ck. Die Wachleute hatten Fackeln geholt, um zu sehen, wohin der Fluchtweg f�hrte. Offenbar kannten sie ihn nicht. Schon waren Joshua, Uthman und Jacques an der Stelle, wo der Fluchtweg abbog. Hier lie� es sich f�r einen Augenblick leichter verteidigen. Aber als es dann weiterging, jetzt wieder bergauf, hatten sie M�he, nicht zu st�rzen.</p><p>Sich immer wieder umwendend, erblickten sie pl�tzlich das Ende des Ganges. Dort war es hell. Der Mond musste f�r einen Moment durch die kahlen Zweige der B�ume geleuchtet haben. Jetzt wurde es wieder dunkel.</p><p>Joshua keuchte: �Wir m�ssen den Gang sofort verschlie�en. Schaffen wir das?�</p><p>Uthman sagte mit fester Stimme: �Wenn wir die Schlusssteine sofort finden, dann ja. Jacques muss uns die Bewaffneten vom Leib halten.�</p><p>Grimmig kam die Antwort von Jacques de Charleroi: �Und wenn es das Letzte ist, was ich tue!�</p><p>Sie erreichten die ge�ffneten Quader. Die Form der liegenden arabischen Acht schien ihnen von drinnen her gesehen jetzt anders auszusehen. Und sie erkannten, dass es nur die obere, gr��ere H�lfte war. Das musste wohl so sein, damit man die Mauer von innen nicht �ffnen konnte.</p><p>Sie sprangen ins Freie. W�hrend Jacques die nachdr�ngenden Verfolger in Schach zu halten versuchte, liefen Uthman und Joshua zur Seite. Sie suchten die letzten Quadern, dr�ckten mit der flachen Hand auf die Schriftzeichen � und die Wand schloss sich.</p><p>Mit einem dumpfen Ger�usch prallten die gezeichneten Quadern wieder aufeinander. In diesem Laut erkannten die drei Fl�chtlinge die zufriedene Zustimmung der geheimnisvollen unbekannten Baumeister.</p><p>Schwer atmend blickten sie sich um. Da sahen sie, dass ihre Pferde heranpreschten. Sean f�hrte sie.</p><p>�Wo ist Henri?�, rief er schon von weitem.</p><p>�Wir m�ssen zum Fluss!�</p><p>Sie schwangen sich in den Sattel. Von ihren Verfolgern war noch nichts zu sehen, denn sie mussten sich einen anderen Ausgang aus dem Donjon suchen, der wahrscheinlich im angrenzenden Fl�gel des Schlosses lag.</p><p>So schnell sie konnten ritten sie einen kleinen Abhang hinunter und erreichten die Wasser nach zweihundert Metern.</p><p>Und wer konnte ihr Gl�cksgef�hl beschreiben, als sie pl�tzlich eine Gestalt wahrnahmen! Sie versuchte, ans Ufer zu steigen. Eine kraftlose Gestalt mit zerfransten Haaren und tropfnassen Kleidern, barfu�, in der K�lte zitternd.</p><p>Alle vier sprangen von ihren Pferden. Sie zogen den zu Tode ermatteten Gef�hrten aus dem Ufergestr�pp. Joshua warf ihm eine Decke um. Uthman schickte ein Dankgebet zum Himmel.</p><p>�Setzt ihn zu Sean auf den Schimmel. Wird das gehen? Kannst du dich halten, Henri?�</p><p>�Wir sind immer zu zweit auf einem Pferd geritten�, fl�sterte Henri de Roslin. <emphasis>�Adeo pauperes erant ut unum tantum equum haberent communem.</emphasis> Wir waren die armen Br�der Christi.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Guillaume Imbert war au�er sich. Er hatte die W�rde seines Amtes v�llig vergessen und schlug mit der dreifach geknoteten Kordel, die er von seinem Habit gerissen hatte, auf die W�chter ein. Auch die Berater des K�nigshofes konnten es nicht fassen.</p><p>�Wie konnte er entkommen! Ich habe mich nur eine einzige Nacht zur Ruhe begeben, und schon triumphieren Verrat und Unf�higkeit! Ich werde euch alle wegen Mitt�terschaft hinrichten lassen! Und der Fluchtweg durch den Turm nach drau�en? Warum kanntet ihr ihn nicht?!�</p><p>�Die Erbauer des Donjon sind schuld, Montseigneur�, jammerte ein W�chter, der rote Striemen im Gesicht hatte. �Der Gang war ein Geheimnis. Niemand kannte ihn.�</p><p>�Ich werde die Maurer alle der Ketzerei anklagen und verbrennen lassen! Ist die Inquisition in Frankreich etwa nicht m�chtig genug, um ihre Feinde zu zermalmen?�</p><p>�Wer waren die Erbauer dieses Turmes?�, fragte Enguerrand de Marigny, der Minister des get�teten K�nigs, mit ruhiger Stimme.</p><p>Niemand wusste eine Antwort. Man lie� die Burgmannen aufmarschieren. Auch sie blieben ratlos. Schlie�lich fand man einen Beschlie�er. Er hie� Brugard und leitete die Domestiken des Schlosses. Der Alte wurde zusammen mit seiner Frau herangezerrt, er blickte �ngstlich, schlie�lich sprach er mit leiser Stimme.</p><p>Von dem, was er zu berichten wusste, hatten die hohen Herren noch nie etwas geh�rt.</p><p>�Ich kannte die Erbauer nat�rlich nicht, ihr Herren, denn der Donjon steht schon seit hundert Jahren. Aber ich kenne die Lieder, die sie wahrscheinlich gesungen haben, denn sie haben sie handschriftlich niedergelegt. In der Bibliothek k�nnt ihr alles einsehen. Es m�ssen seltsame Leute gewesen sein. Jeder Stein war ihnen heilig. Sie sprachen: Die Finsternis des Chaos wich, die W�ste war erhellt, da baute Gott, der Sch�pfer, sich zum Tempel diese Welt��</p><p>�Und? Himmelherrgott! Was soll das Gerede?�</p><p>�Lasst ihn weiter sprechen, Generalinquisitor!�</p><p>�Fahre fort, guter Mann.�</p><p>�Sie glaubten, ihre Zeichen seien ein vertrauender Blick, der sich an ein vertrauendes Auge richtet. Er k�nnte nur von verst�ndnisvollen Betrachtern verstanden werden. Von Menschen ohne Argwohn und Neid � wie auf Rosen die Perle des Himmels taut, so klar wird das Zeichen des Maurers geschaut � so sagten sie, so schrieben sie. Sie bauten fest gef�gte Mauern, ja. Aber sie duldeten nicht, dass diese Mauern f�r freie Menschen zu Gef�ngnissen werden konnten.�</p><p>�Und ihr wusstet davon?�</p><p>�Ich habe nur ihre Schriften gelesen, Montseigneur. Ich bin des Lesens und Schreibens kundig. Aber ich wusste nat�rlich nichts von dem Geheimnis dieses Turms. Denn die Steinmetze dieser Bruderschaft behielten alles f�r sich. Kein Verrat durfte nach drau�en dringen. Sie waren verpflichtet zu schweigen.�</p><p>�Na gro�artig! Ein schweigender Orden!� Imbert sank auf einen Schemel. �Ketzer, H�retiker, Bruderschaften! Die Welt ist aus den Fugen, wenn die Feinde des rechten Glaubens darin ungehindert wandeln k�nnen. Wenn unsere Autorit�t erlahmt und sie nicht mehr auf uns h�ren, ist die Welt am Ende.�</p><p>Enguerrand sagte: �Ich h�rte von solchen Bruderschaften. Gibt es sie nicht auch jetzt noch? Haben die Templer nicht mit diesen Steinmetzen und Maurern diese neuen, hochfahrenden Kirchen gebaut � in Cluny, in Chartres? Sagt man nicht, in diesen Baupl�nen stecke ein uraltes Wissen, das sie aus dem Tempel Salomons in Jerusalem ausgegraben haben, in dem sie sieben Jahre lang wohnten? Denn bisher hat niemand so gebaut, und pl�tzlich sind Maurer und Steinmetzen da, die das alles k�nnen! Woher kommen sie? Was wissen sie, was wir nicht wissen?�</p><p>�Herr, ich wei� von solchen Dingen nichts.�</p><p>�Sie trauten also den fest gef�gten Mauern nicht, wie? Sie besa�en irgend so ein Ideal von Freiheit? Sie machten die Mauern, die sie doch selbst errichtet hatten, durchl�ssig! Und wodurch erreichten sie dies? Wir haben in der Au�enmauer des Turms keinen Eingang, kein einziges Zeichen gefunden, das auf eine geheime Pforte hinweist. Konnten sie zaubern?�</p><p>Einer der anwesenden Pr�laten des K�nigs bekreuzigte sich. Imbert schnaufte nur.</p><p>Der Beschlie�er sagte �ngstlich: �Ich kenne einen Reim, den sie aufgeschrieben haben. Er lautet: Wenn Milde sich mit Strenge paart, mit Vorschrift, Flei� und Tat, bleibt Heiliges durch Zahl bewahrt, im heiligen Quadrat. Sie kannten geheime Zeichen und Zahlen.�</p><p>�Und die unbekannten Ketzer, die den Schatzmeister der Templer befreiten, die kannten solchen Unfug wohl auch?�</p><p>�Ja, Herr. Sie m�ssen es verstanden haben, die Mauern zu lesen. Es m�ssen heilige Leute gewesen sein��</p><p>�Was? Du wagst es!�</p><p>�Ich meine, es m�ssen hochgebildete Leute gewesen sein, Herr.�</p><p>Der Generalinquisitor erhob sich schwerf�llig. �Nun. Wie dem auch sei. Ob gebildet oder nicht, es soll ihre letzte Untat gewesen sein. Der Herrgott stehe uns bei, sie haben den K�nig umgebracht! Und vielleicht geht auch der Heilige Vater auf ihr Konto! Von jetzt an werden wir sie jagen. Jeder Reiter, der abk�mmlich ist, wird sie durch das Land verfolgen. Wohin sie sich auch immer verkrochen haben, wir werden sie wie das Wild im Wald von Maxence zu Tode hetzen. Denn wir sind es, die in diesem Land die Macht besitzen! Wir sind es, die den rechten Glauben besitzen! Und sie sind ein Nichts! Staub an den Hufen ihrer Reittiere! Jagt sie, schlagt sie, verkr�ppelt sie, zerst�ckelt sie! T�tet sie alle! Vor allem t�tet Henri de Roslin!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Henri de Roslin war bereit, es mit allen Feinden aufzunehmen. Nachdem er die Folgen der Tortur �berstanden hatte, betete er in der Kapelle eines Klosters um Beistand.</p><p>Der Bittgottesdienst um vier Uhr morgens war vor�ber, das Morgenoffizium vom Abt des Klosters gelesen worden. Die kleine Kirche in der N�he von Aigues-Mortes lehrte sich. Die Teilnehmer gingen langsam den steilen Uferweg hinunter zum neuen Hafen von Le Grau du Roi, stumme M�nner, begleitet von ihren Frauen, von ihren Familienangeh�rigen. Selbst die Hunde bellten nicht mehr. Der Morgen graute, und das Schiff lag schon bereit.</p><p>Henri starrte auf die seltsamen Zeichen und Gesichter an den W�nden und auf dem Kreuzrippengew�lbe der Kapelle.</p><p>�ber den zwei Meter hohen Fliesen sahen ihn zwei Stierk�pfe an, die f�r die materielle Welt, f�r das Erdhafte, f�r Kraft und St�rke, standen. Das rote achteckige Tatzenkreuz dar�ber begann ihn zu tr�sten, hier in diesem abgelegenen Winkel im S�den Frankreichs existierte es noch, es schien ihm pl�tzlich als Symbol des Lebens zu leuchten. Ein gutes Omen! Ebenso wie die Lebensrosetten auf den Schlusssteinen der Kreuzrippen, die mystischen Rosen des heiligen Grals.</p><p>Er glaubte den Zeichen und Zahlen aus der Verk�ndigung. Er glaubte, dass die Schmach des Ordens der Templer r�ckg�ngig gemacht werden konnte.</p><p>Henri wartete dennoch auf die Morgend�mmerung wie ein zum Tode Verurteilter, den das Klopfen des Zeith�mmerchens auf den Kirchenglocken zum Schafott ruft. Das Zeichen kam, die ersten Lichtfinger der Sonne tasteten �ber das Meer, K�sten, W�lle und Stadtmauern der kleinen Stadt und drangen bis in die Zimmer der Schlafenden.</p><p>Der Ort am Meer, den man dem versandenden Hafen von Aigues-Mortes vorgesetzt hatte, erwachte ungl�ubig wie ein Kind. Und seine Gef�hrten erwachten.</p><p>Jetzt ging es auf die gro�e Reise.</p><p>Henri h�tte gern vor dieser unabsehbaren Weite, die in den kommenden Tagen vor ihm lag, die Augen verschlossen, vor diesem gef�hrlichen Glanz von S�den her, der lockte wie eine verf�hrerische Frau, vor diesem Abgrund hinter dem Horizont.</p><p>Aber es waren ja nur die Balearen, die warteten.</p><p>Jede Minute der zur�ckliegenden Tage war angef�llt gewesen mit qu�lenden Erinnerungen. Ein Leben auf der Flucht war nicht angenehm. Es gab darin so viel Unw�gbarkeiten, so viele begangene Fehler. An diesem Morgen der Abreise aus seiner Wahlheimat Frankreich hasste Henri die unbarmherzige Fl�chtigkeit der Zeit und h�tte sich ein Verweilen gew�nscht. Hatte er nicht wie jeder ein Anrecht auf Gottes treue Erde?</p><p>Ihr aller Leben war so fl�chtig! Wie ausgespien! Und wenn es auch noch mit pausenlosen Gefahren angef�llt war, dann schien es doppelt schwer ertr�glich zu sein.</p><p>Von diesem Gedanken gequ�lt, wurde er nun g�nzlich wach. Er sah hinaus auf das Meer. Jetzt erblickte er Uthman, Joshua und Sean, die aus dem Klostergarten zu ihm heraufkamen. Jacques de Charleroi war vor Tagen nach dem portugiesischen Castro Marim zur�ckgekehrt. Und auch die anderen Freunde und Leidensgef�hrten aus Frankreich blieben zur�ck.</p><p>Henri sp�rte ein Gl�cksgef�hl in sich aufsteigen, Gl�ck dar�ber, solche treuen Gef�hrten zu haben.</p><p>Henri erhob sich. Zu jedem Leben, auch zu seinem, z�hlte jede unbarmherzige Minute, die man im Ungewissen verweilen musste. Er f�rchtete sie, denn niemand wusste, was als N�chstes geschah, niemand, was morgen kam. Und gleichzeitig genoss er jede Minute.</p><p>Denn jetzt sp�rte er es genau. Heute war ein guter Tag zum �berleben.</p><empty-line/></section></section><section><title><p><emphasis><strong>Historische Nachbemerkung</strong></emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Der Tod von Papst und K�nig, der Schatz der Templer und das Exil in Avignon</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Henri und Uthman haben den Fluch der Templer vollendet � Papst Clemens V. und der franz�sische K�nig Philipp der Sch�ne sind tot; die Vernichtung der Templer ist ger�cht. Aber wieso residiert der Papst in Avignon und nicht in Rom? Was wei� man wirklich �ber den Tod der beiden Drahtzieher des Templermordes? Was hat es mit dem sagenhaften Schatz der Templer auf sich? Was ist in diesem Roman historisch, und was ist Fiktion?</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Der sagenhafte Schatz der Templer</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Wenn es ein R�tsel gibt, das immer mit dem Templerorden verbunden sein wird, dann ist es die Frage nach der Existenz des legend�ren Ordensschatzes. Dass der Orden sehr reich war, zeigt sich insbesondere an dem gewaltigen Landbesitz, �ber den die Templer im Abendland, aber auch im Heiligen Land verf�gten. Zahllose Schenkungen von F�rsten und Privatpersonen hatten eintr�gliche G�ter in den Besitz des Ordens gebracht, aus deren Eink�nften die Kosten des Kampfes im Heiligen Land bestritten wurden. Nat�rlich verschiffte der Orden keine Naturalien ins Heilige Land, sondern Geld, um es vor Ort zur Beschaffung der f�r den Kampf ben�tigten Dinge zu verwenden. Damit waren sicherlich st�ndig gr��ere Geldmengen auf Transporten zu Land und zu Wasser unterwegs oder wurden auch in Komtureien gelagert. Im Temple von Paris, in dem ein regelrechtes Bankhaus mit geregelten Kassenzeiten betrieben wurde, war in den Jahren vor der Verhaftung der Templer auch der k�nigliche Schatz aufbewahrt worden. Insgesamt wurden hier sechzig Privatkonten gef�hrt, die Mitgliedern des Hochadels, Kirchenf�rsten, aber auch W�rdentr�gern des Ordens geh�rten. Geldmittel waren also zur Zeit der Verhaftung fraglos in gro�en Mengen vorhanden. Aber dies betraf wohl nicht nur den Temple in Paris, sondern auch andere St�tzpunkte der Templer in Frankreich, wo in �hnlicher Weise das Geld der Kunden aufbewahrt wurde.</p><p>Ein Hinweis auf einen tats�chlich verschwundenen Templerschatz findet sich in der Aussage des dienenden Bruders Jean de Ch�lon. Er war zur Zeit der Verhaftung Pr�zeptor des Templerhauses von �Nemoris� (Namur?). Ende Juni 1308 wurde er von der p�pstlichen Kommission in Poitiers als 46. Zeuge in den Anh�rungen von Poitiers befragt. Dabei gab er an, einige der hochrangigen Ordensmitglieder h�tten schon vorzeitig von der drohenden Verhaftung erfahren. Zu diesem Kreis geh�rte seinen Angaben nach der Pr�zeptor von Frankreich, G�rard de Villiers. Dieser machte sich mit 50 Pferden auf den Weg und stach, wie der Zeuge geh�rt hatte, mit 18 Galeeren in See. Weiter sagte Jean de Ch�lon aus: �� Bruder Hugues de Ch�lons machte sich mit dem gesamten Schatz des Bruders Hugues de Pairaud auf die Flucht� [Finke, II, S. 339 (Nr. 155)].</p><p>Unwahrscheinlich ist es nicht, dass die Templer die Pl�ne des K�nigs zu ihrer Verhaftung in Erfahrung bringen konnten. Der Brief, mit dem Philipp IV. den Haftbefehl erteilte, war am 14. September 1307 verfasst worden, einen ganzen Monat vor dem Verhaftungstermin. Schon in der Woche nach dem 1. Oktober erschien Hugues de Pairaud vor dem Papst und �u�erte seine Bedenken wegen des Inhalts des k�niglichen Briefes und sprach davon, dass er, wenn es m�glich w�re, sein eigenes Leben und das seiner Br�der retten wolle [Schottm�ller, I, S. 128; Michelet, II, 373]. Auch warnte der Vorsteher des Temple in Paris alle dort dienenden Br�der vor Aussagen, die dem Orden Schaden zuf�gen k�nnten.</p><p>Etwa 30 namentlich bekannte Templer nutzten das Wissen um die drohende Verhaftung zur Flucht. Etwa die H�lfte von ihnen wurde sp�ter aufgegriffen und den Untersuchungskommissionen vorgef�hrt. Wir wissen von ihrer Flucht durch ihre Aussagen. Eine Liste nennt die Namen von insgesamt zw�lf Fl�chtlingen. Zwei von ihnen, Pierre Bouche und Imbert Blanc, erscheinen in sp�teren Protokollen, wurden also bald nach ihrer Flucht erkannt und festgenommen. Unter den �brigen Genannten finden sich nur zwei auch sonst bekannte Namen. Es sind G�rard de Villiers, von dem es hier hei�t, er habe �� vierzig Br�der bewaffnet��, und Hugues de Ch�lons [Finke, II, S. 74 (Nr. 50, I)]. Damit steht fest, dass zumindest der Schatz des Visitators von Frankreich, Hugues de Pairaud, tats�chlich mit unbekanntem Ziel verschwand.</p><p>Diese Flucht war allem Anschein nach keine Kurzschlusshandlung. Dahinter stand vielmehr ein Plan mit dem Ziel der Ermordung des franz�sischen K�nigs. Eine kurze Notiz in derselben Handschrift, die auch die Liste der Fl�chtlinge enth�lt, spricht von einer Verschw�rung. Es hei�t dort:</p><p>�Der Bruder Hugues de Ch�lons, Neffe des Visitators, und Bruder Girardus de Monte Claro, Ritter des Ordens oder Templer-Sekte, beabsichtigten zusammen mit einigen ihrer Komplizen von derselben Sekte, den K�nig zu t�ten� [Finke, II, S. 75 (Nr. 50, II)].</p><p>Diese Notiz ist der einzige Hinweis auf ein solches Komplott. Ein weiteres Indiz f�r ein geplantes Vorgehen ist m�glicherweise in der Verwandtschaft zwischen einzelnen der Fl�chtlinge untereinander und mit Hugues de Pairaud zu sehen. Man kannte sich und war sich seiner Vertrauten sicher. Auch wenn Jean de Ch�lon aussagt, G�rard de Villier habe 50 Pferde weggef�hrt, die Liste der Fl�chtlinge aber mitteilt, er habe 40 Br�der des Ordens bewaffnet, so ist zu erwarten, dass beides zusammengeh�rt. Er r�stete offensichtlich eine bewaffnete Truppe aus, die zu Pferd mit unbekanntem Ziel verschwand. Dass sie sich tats�chlich einschifften, ist unwahrscheinlich, der Zeuge hatte dies auch nur geh�rt. Die achtzehn Galeeren w�ren zweifellos aufgefallen, eine solche Flotte war Aufsehen erregend. Zur Finanzierung des Vorhabens hatte Hugues de Pairaud seinen Schatz, vielleicht den Inhalt seines Bankguthabens im Temple von Paris, den Mitverschw�rern �bergeben. Er wurde an einen ebenfalls unbekannten Ort gebracht.</p><p>Das Vorhaben scheiterte offensichtlich. Es ist zu erwarten, dass die Verschw�rer vorhatten, den K�nig noch vor der Vollstreckung des Haftbefehls zu ermorden, um diesem zuvorzukommen. Wahrscheinlich h�tte der Tod des Monarchen das Vorgehen gegen den Orden zu einem Ende gebracht. Nach der Verhaftung konnte der Anschlag allerdings nur noch wenig Sinn haben, denn dann w�re der Verdacht sofort auf die Templer gefallen.</p><p>Unvorstellbar ist ein solcher Plan innerhalb des Ordens nicht. Immerhin waren die Tempelritter auch schon im Heiligen Land in einen Mordanschlag verwickelt gewesen. Als sich die Verhandlungen des K�nigs von Jerusalem mit dem Alten vom Berge, dem Kopf des muslimischen Assassinen-Ordens, f�r die Templer ung�nstig zu entwickeln drohten, t�tete ein Templer den Gesandten der Assassinen. Diese Episode zeigt deutlich, dass die Templer bei der L�sung solcher Probleme nicht zimperlich waren. Und wenn es um die Existenz des Ordens selbst ging, dann war sicherlich jedes Mittel recht. Allerdings ist bei dem vermuteten Mordkomplott gegen Philipp IV. zu bedenken, dass Hugues de Pairaud w�hrend des Prozesses gegen die Templer eine ganze Reihe ungeheuerlicher Verbrechen angelastet wurden. Immer wieder wurde er von den Zeugen bezichtigt. Und so w�re es auch nicht v�llig auszuschlie�en, dass die Notiz nur ein weiterer weit hergeholter, aber plausibel erscheinender Anklagepunkt sein sollte, um gegen den Visitator vorzugehen.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Das Ausland � Zuflucht f�r franz�sische Templer</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Ziel der fl�chtigen Tempelritter konnten letztendlich nur Gebiete sein, in denen der franz�sische K�nig keinen oder nur wenig Einfluss hatte. So bot sich zweifellos neben den englischen Besitzungen um Bordeaux auch das Herzogtum Bretagne als nahe gelegenes R�ckzugsgebiet an. Imbert Blanc wurde in England verhaftet, wo er noch eine Rolle im dort gegen die Templer gef�hrten Prozess spielen sollte.</p><p>Das Herzogtum Bretagne war als �Sprungbrett� nach England sicherlich ein in Frage kommendes Ziel in der ersten Zeit der Flucht. Auch existierte hier bis zur Aufl�sung des Ordens ein dichtes Netzwerk von Ordensh�usern und anderen Besitzungen und damit auch von Personen, die dem Orden verbunden waren. Schon seit dem Jahr 1141 waren die Templer in Nantes ans�ssig. In diesem Jahr hatte Herzog Conan III. von der Bretagne dem Orden in der Stadt einen Standort f�r ein Ordenshaus angewiesen, das er von der Gewalt der weltlichen Gerichte sowie von allen Abgaben freistellte. Dar�ber hinaus gew�hrte er dem Orden 100 Solidi j�hrlich aus den ihm zustehenden Eink�nften der Stadt sowie Abgabenfreiheit im Bereich seiner Herrschaft f�r alle G�ter im Besitz des Templerordens [Morice, I, Sp. 583]. Als Herzog Conan IV. die Privilegien des Ordens im Jahr 1160 best�tigte, nennt die zu diesem Zweck ausgestellte Urkunde fast 60 Orte, in denen sich Templerbesitz befand [Morice, I, Sp. 638; s. a. Havemann, 1846, S. 151, 152]. Wie eine weitere Urkunde aus dem Jahr 1222 zeigt, hatten die Templer zu diesem Zeitpunkt eine Burg in Nantes [Morice, I, Sp. 850; s. a. Havemann, 1846, S. 152]. Es war also ein sehr umfangreicher Besitz, der auch befestigte Pl�tze umfasste, der den Templern im Herzogtum Bretagne zur Verf�gung stand.</p><p>Am Beginn des 13. Jahrhunderts war Peter Mauclerc, der dem franz�sischen K�nigshaus entstammte, zum Herzog der Bretagne erhoben worden. Doch war er bestrebt, seine Herrschaft von Frankreich unabh�ngig zu halten, was ihn bis in den offenen Aufstand trieb. Er musste schlie�lich zugunsten seines Sohnes Johann I. abdanken, der in der Bretagne bis 1286 als Herzog herrschte. K�nig Philipp IV von Frankreich erhob schlie�lich den nachfolgenden Herzog, Johann II. (1286-1305), in den Rang eines Pairs. Als Gegengabe f�r diese Rangaufwertung erwartete der K�nig allerdings nicht nur die Huldigung durch den Herzog, sondern auch Unterst�tzung bei seinen milit�rischen Vorhaben sowie die Anerkennung der Oberhoheit des �Parlements� von Paris in rechtlichen Fragen. Der Herzog ging nicht wirklich auf die Anspr�che des K�nigs ein, sondern bem�hte sich auf jede Weise, seine Stellung zu behaupten. Bei der aber dennoch vorhandenen engen Bindung an Frankreich kam es zu einer nachteiligen Entwicklung in der Bretagne. Viele bretonische Adelige sahen sich veranlasst, die angestammte Heimat zu verlassen. Sie bem�hten sich um �mter am Hof des franz�sischen K�nigs oder beim Milit�r. Aber auch Gelehrte, Studenten und selbst Handwerker wanderten nach Frankreich ab, da sie sich dort bessere Verdienstm�glichkeiten versprachen. In der Bretagne selbst machte sich, besonders in der Sprache, franz�sischer Einfluss breit.</p><p>F�r den gr��ten Teil der Angeh�rigen des Templerordens war die Vernichtung des Ordens nicht gleichbedeutend mit dem Tod. W�hrend der Verhaftungswelle des Jahres 1308 war der allergr��te Teil der Ordensmitglieder zun�chst eingekerkert worden. Ihr Unterhalt w�hrend der Haftzeit wurde aus Mitteln bestritten, die aus den Eink�nften der beschlagnahmten Templerg�ter stammten. 18 Pfennige wurden f�r einen Ritterbruder aufgewandt, mit 9 Pfennigen musste ein dienender Bruder auskommen.</p><p>Die schlie�lich gef�llten Urteile erstreckten sich vom Freispruch bis zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Zum �u�ersten kam es allerdings nur in Frankreich, fielen dort doch zahlreiche Templer der Todesstrafe zum Opfer. Dieses harte Urteil traf diejenigen, die von ihrem einmal gemachten Gest�ndnis abr�ckten und dieses widerriefen. Die ersten Opfer dieser Praxis waren 54 Templer, die im Mai 1310 zum Scheiterhaufen verurteilt wurden. Dies war allein auf das Betreiben des K�nigs hin geschehen. Philipp IV. hatte einen ihm genehmen Mann auf den Stuhl des Erzbischofs von Sens berufen lassen, der auch f�r Paris zust�ndig war. Von einem eilig einberufenen Konzil wurden die Templer verurteilt, die zun�chst im Jahr 1307 ein Gest�ndnis abgelegt, dieses aber bei einer sp�teren Vernehmung widerriefen. Als das Urteil gef�llt wurde, blieben sie standhaft: �Kein Einziger bekannte sich zu irgendeinem der Verbrechen, die ihnen zur Last gelegt worden waren. Im Gegenteil, sie stritten beharrlich ab und sagten weiterhin, sie w�rden ohne Grund und unrechtm��ig hingerichtet, was viele Leute feststellen konnten, nicht ohne gro�e Bewunderung und ungeheures Erstaunen� [Fortsetzung der Chronik des Guillaume de Nangis, Bd. 1, S. 377-378]. Und so bestiegen sie am 12. Mai 1310 die Karren, mit denen sie in die N�he der Porte Sainte-Antoine gebracht wurden, wo der Scheiterhaufen hergerichtet war, auf dem ihr Leben endete. Weitere Verbrennungen gab es in Senlis, Pont-de-l�Arche und Carcassone.</p><p>Wer zur Kerkerhaft verurteilt wurde, hatte ein schweres Los. Unter den harten Haftbedingungen, zum Teil waren die Gefangenen st�ndig angekettet, starben wohl einige auch der ehemals hochrangigen Templer. Dies war das Schicksal des Ordensmarschalls von Zypern, der 1316 oder 1317 starb, sowie wohl auch des Visitators von Frankreich, Hugues de Pairaud. Doch auch diese Haft konnte enden. So wurde im Jahr 1321 nach zw�lf Jahren der Kaplan des Temple von Langres, Pons de Bures, entlassen.</p><p>Wer schlie�lich freigesprochen wurde, lebte nach dem Ende des Ordens von einer Pension in einem der fr�heren Templerh�user. Die M�nchsgel�bde bestanden weiter, was aber einzelne ehemalige Templer nicht daran hinderte zu heiraten.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Clemens V. � der schwache Papst</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Nach dem Tod der Ordensoberen des aufgehobenen Templerordens auf dem Scheiterhaufen in Paris war auch dem Papst und dem franz�sischen K�nig kein langes Leben mehr verg�nnt. Auch sie starben noch im Jahr 1314.</p><p>Papst Clemens V. gilt als Papst von Gnaden des franz�sischen K�nigs, aber die moderne Forschung sieht das differenzierter. Er war kr�nklich und schwach, und schlie�lich hat er resigniert die �bergriffe und Anma�ungen des franz�sischen K�nigs mehr ertragen als geduldet, dagegen angegangen ist er nicht.</p><p>Clemens V. war der Nachfolger des Papstes Benedikt XL, der f�r wenige Monate auf Bonifaz VIII. gefolgt war. Bonifaz VIII. hatte lange im Streit mit dem franz�sischen K�nig gelegen, weil Philipp den Klerus besteuern wollte. Der Papst hingegen wollte die Vorherrschaft der Kirche �ber die weltliche Herrschaft sichern.</p><p>Nach dem Tod Papst Benedikts XL am 7. Juli 1304 hatte sich das Kardinalskollegium, in dem sich eine italienische und eine franz�sische Partei gegen�berstanden, zun�chst nicht auf einen Nachfolger einigen k�nnen, sodass sich das Konklave bis in den November ohne Ergebnis hinzog. Die italienische Partei verlangte die Einsetzung eines Papstes, der eine entschlossene Politik gegen�ber K�nig Philipp IV. von Frankreich vertreten w�rde. Die Franzosen w�nschten dagegen einen Landsmann als Papst, der gegen�ber dem K�nig zum Entgegenkommen bereit war. Erst am 5. Juni 1305 einigte man sich auf einen dem franz�sischen K�nig genehmen Kandidaten: Bertrand de Got, den Bischof von Bordeaux.</p><p>Bertrand war um das Jahr 1264 in Uzeste in der Gascogne, dem franz�sischen Teil des Baskenlandes, geboren worden. Sein Studium der Sieben Freien K�nste absolvierte er in Toulouse, in Orleans und Bologna studierte er die Rechte. Zun�chst wirkte er in Bordeaux als Kanoniker, dann als Generalvikar des Erzbischofs von Lyon. Papst Bonifaz VIII. machte ihn zum p�pstlichen Kaplan, ernannte ihn zum Bischof von Comminges und schlie�lich zum Erzbischof von Bordeaux. Seit seiner Jugend war Bertrand de Got mit K�nig Philipp IV. bekannt und befreundet. Bordeaux war in dieser Zeit im Besitz der englischen Krone, wenn es auch unter der Lehnsherrschaft des franz�sischen K�nigs stand. Bertrand war damit kein Untertan des franz�sischen K�nigs. Dies musste ihn den Frankreich feindlichen gesinnten Kardin�len als Papst empfehlen, hatte er doch auch in den Jahren zuvor bewiesen, dass er sich gegen Philipp IV. stellte, wenn er es f�r richtig hielt. So nahm er am 24. Juli 1305 die Wahl an und nannte sich fortan Clemens V. Bei der Kr�nungszeremonie am 14. November 1305 in Lyon hielt K�nig Philipp IV. dem neuen Papst den Steigb�gel. Doch bei dem folgenden festlichen Umzug durch die Stadt kam es zu einer Katastrophe: Ein Geb�ude fiel zusammen, dessen Tr�mmer den neuen Papst und seine Truppe unter sich begruben. Zwei seiner Begleiter kamen ums Leben (darunter ein Bruder des Papstes), doch Clemens V. entkam unverletzt, allein die Tiara war ihm vom Kopf gefallen, auch ging der wertvollste Edelstein der Papstkrone verloren. Gleich nach seiner Einsetzung wurde Clemens V. von Philipp IV. zur R�cknahme der von Papst Bonifaz VIII. gegen den K�nig erlassenen Bullen gedr�ngt. Doch konnte der K�nig sein eigentliches Ziel, die posthume Verdammung des Papstes, nicht erreichen. Die Pl�ne Philipps IV. zum Erwerb der lateinischen Kaiserkrone von Konstantinopel unterst�tzte er durch die Gew�hrung von kirchlichen Zehnten an den K�nig und dessen Bruder, denn Clemens V. hoffte auf eine R�ckeroberung Jerusalems von Konstantinopel aus. F�r diesen Kreuzzug wurde er nie m�de, Gelder zu sammeln. Seine Einstellung zur �chtung der Templer ist unklar; sicher jedoch ist, dass er diesen Schritt nie aus eigenem Willen oder ohne Druck von Seiten des franz�sischen K�nigs getan h�tte. Es fehlte ihm wohl einfach an der Kraft, sich dem eigenm�chtigen Handeln des K�nigs in den Weg zu stellen.</p><p>Denn Clemens V. war ein kr�nklicher Mann. Unklar ist, woran der st�ndig um seine Gesundheit besorgte Papst wirklich litt. Nach seiner Kr�nung waren es rheumatische Beschwerden, die ihn bis Ende 1307 qu�lten. Auch in den folgenden Jahren war er st�ndig leidend. Es kann ein Magen-Darm-Leiden, vielleicht eine Krebserkrankung, gewesen sein. Aufgrund seiner Krankheiten blieb der Papst immer wieder �ber l�ngere Zeitr�ume selbst von seinen Kardinalen abgeschirmt. Nur wenige Besucher wurden zu diesen Zeiten zu ihm vorgelassen.</p><p>Drei Tage nach der Verbrennung von Jacques de Molay und Geoffrey de Charney, am 21. M�rz 1314, lie� Clemens V. in Monteux die auf dem Konzil von Vienne im Jahr 1312, auf dem der Templerorden aufgel�st worden war, vereinbarten Dekretalien verlesen. (Dekretalien sind Papstbriefe, die unabh�ngig von Konzilsbeschl�ssen kirchliches Recht festsetzen.) Er war zu diesem Zeitpunkt aber schon so krank, dass er die Zeremonien nicht mehr selbst abhalten konnte, die zur G�ltigkeit des Verk�ndeten notwendig waren. Um in seinen Qualen Linderung zu finden, machte er sich auf den Weg in seine Heimat. Er hoffte, dort seine Gesundheit wieder herstellen zu k�nnen. Am 24. M�rz erreichte er Chateauneuf, wo sich sein Gesundheitszustand sehr verschlechterte. Schlie�lich brachte man ihn am 7. April nach Roquemaure, wo er zwei Tage sp�ter, wohl in Hinsicht auf seinen schlechten Gesundheitszustand, noch einen Zusatz zu seinem 1312 verfassten Testament verf�gte. Zun�chst hielt er sich in dem k�niglichen Schloss am Ufer der Rhone auf, dann im Haus des Ritters Guillaume Ricard. Trotz seines schlechten Zustandes setzte der Papst seine Arbeit auch hier weiter fort.</p><p>Am 20. April 1314 starb Clemens V. unter gro�en Schmerzen, Erbrechen und Kr�mpfen. Die deutsche Fortsetzung der S�chsischen Weltchronik berichtet, er habe auf dem Totenbett seine Schuld am Untergang des Templerordens bereut. Dort hei�t es: �In diesem Jahr starb Papst Clemens [V.]. Als er im Sterben lag, weinte er bitterlich und klagte, dass er schuldig sei am Tode Kaiser Heinrichs und dass die Beginen (Frauen, die in kloster�hnlichen Gemeinschaften lebten) und die Templer von ihm vernichtet wurden� [S�chsische Weltchronik � Th�ringische Fortsetzung].</p><p>Der auf der Reise mitgef�hrte gewaltige Schatz von angeblich einer Million Goldgulden, den Clemens zur Finanzierung des von ihm geplanten Kreuzzuges zusammengetragen hatte, wurde sofort gepl�ndert. Auch sein Neffe, Graf Bertrand von Lomague, bereicherte sich dabei. Zu einem folgenschweren Zwischenfall kam es bei der Aufbahrung seines Leichnams, als eine Kerze auf den Katafalk fiel und alles in Brand setzte. Der Leichnam konnte nur halb verbrannt aus den Flammen gezogen werden. Begraben wurde Clemens V. wie er es selbst gew�nscht hatte, in seinem Geburtsort Uzeste. Im Jahr 1568 wurde das Grabmal bei Ausschreitungen der Hugenotten stark besch�digt.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Der mysteri�se Tod Philipps des Sch�nen</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>K�nig Philipp IV. �berlebte den Papst nur sieben Monate. Am 4. November 1314 erlitt er einen schweren Unfall auf der Jagd in den W�ldern bei Fontainebleau. Sagenhaften Berichten zufolge hatte er die Vision eines Templers.</p><p>In der altfranz�sischen Chronik, die Jean Desnouelles zugeschrieben wird, findet sich ein recht ausf�hrlicher Bericht, nach dem die eigentliche Todesursache ein Jagdunfall war. Es hei�t dort, bei der Jagd im Wald von Bi�re sei von den Leuten des K�nigs ein sehr gro�es Wildschwein aufgeschreckt worden. Philipp IV. nahm auf seinem Pferd die Verfolgung auf. Schlie�lich war das Tier ersch�pft und in die Enge getrieben. Da wandte es sich dem k�niglichen J�ger zu. Philipp IV. wollte das Wildschwein angreifen, verfehlte es jedoch. Als es nun das Pferd am Bein verletzte, warf dieses den K�nig ab. Dabei blieb er jedoch mit einem Fu� im Steigb�gel h�ngen. Vor Schreck und Schmerz galoppierte das verschreckte Pferd durch den Wald und schleifte den hilflosen K�nig hinter sich her durch das Unterholz, wobei er schwere Verletzungen davontrug. Als ihn seine Leute fanden, schafften sie ihn nach Fontainebleau.</p><p>Auf dem Wasserweg wurde der verletzte K�nig nach Poissy gebracht, wo er zehn Tage blieb. Schlie�lich erholte er sich so weit, dass er bis Essonnes reiten konnte, doch musste er wegen seines wieder zunehmend sich verschlechternden Zustandes von dort aus mit einer S�nfte nach Fontainebleau gebracht werden. Doch nur diese eine Quelle berichtet von diesem Unfall. In zwei weiteren Berichten zu den Todesumst�nden von Philipp IV. wird von einer l�nger andauernden Erkrankung gesprochen, die schlie�lich zum Tode gef�hrt habe. Die Symptome werden nicht beschrieben, auch konnten die �rzte mit den seinerzeit angewandten Diagnoseverfahren des Pulsf�hlens und der Urinschau keine Ursache der Krankheit ermitteln [Continuatio Chronici Guillelmi de Nangiaco, Anno MCCCXIV].</p><p>Am 29. November 1314 starb der K�nig dann in Fontainebleau.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Das Babylonische Exil der Kirche</strong></emphasis><strong>�</strong><emphasis><strong>die P�pste in Avignon</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Schon die Clemens V. vorangegangenen P�pste hatten sich meist in Perugia oder anderen Orten des Kirchenstaates aufgehalten, da ihnen die Stadt Rom zu unsicher geworden war. Im M�rz 1309 verlegte Clemens V. der nach seiner Wahl nie nach Italien abgereist war, seine eigentliche Residenz auf Dauer nach Avignon. Hier bezog er R�umlichkeiten im prachtvollen Konvent der Dominikaner. Im Jahr 1840 wurde dieser Geb�udekomplex abgerissen, und nur die rue S. Dominique erinnert heute noch an diesen Sitz des Papstes. Allerdings war dieses Quartier nie ein st�ndiger Amtssitz, mehr ein Ruhepunkt des ohne Unterlass durch das Land reisenden Papstes.</p><p>Mit Clemens� Entscheidung begann das �Babylonische Exil der Kirche�, das schlie�lich 70 Jahre dauern sollte. Clemens V. hatte sicherlich nicht die Absicht, den p�pstlichen Amtssitz endg�ltig nach Avignon zu verlegen. Die Wahl dieser am linken Ufer der Rh�ne gelegenen Stadt hatte gute Gr�nde, geh�rte sie doch nicht zum K�nigreich Frankreich. Im Jahr 1290 hatte Karl II. von Anjou, der K�nig von Sizilien, Avignon als p�pstliches Lehen erhalten. Auch die umliegende Grafschaft, die Comt� Vaissin, war p�pstlicher Besitz. K�nig Philipp II. von Frankreich, der Gro�vater Philipps IV. hatte sie 1273 an Papst Gregor X. abgetreten. Seither wurde die Grafschaft von p�pstlichen �Rectoren� verwaltet. Die P�pste residierten nach Clemens V. lange Zeit als G�ste der Dominikaner in Avignon. Den ber�hmten Papstpalast, den heute jeder Avignon-Tourist kennt, lie� erst Papst Benedikt XII. (1334-1342) erbauen. Mit dem aufw�ndigen Bau zeigte er deutlich, dass er keine Absicht mehr hatte, den Sitz des Papstes nach Rom zur�ckzuverlegen. Aber erst unter seinem Nachfolger, Clemens VI. (1342-1352), wurden die Stadt Avignon und das zugeh�rige Gebiet f�r den Kirchenstaat angekauft. Johanna von Anjou, K�nigin von Neapel, verkaufte im Juni 1348 die Stadt f�r 80000 Gulden.</p><p>Nach dem Tod von Clemens V. blieb der p�pstliche Stuhl zwei Jahre unbesetzt. Schlie�lich wurde Papst Johannes XXII. (1316-1334), wieder ein Franzose, gew�hlt. Als er den in ganz Deutschland anerkannten K�nig Ludwig den Bayern exkommunizierte, erhob sich gegen ihn eine massive Front von Gegnern. Die deutschen F�rsten erkl�rten im Jahr 1324 den Papst f�r h�retisch, also zum Ketzer, worauf er mit einem f�r ganz Deutschland geltenden Interdikt antwortete � niemand durfte also im Deutschen Reich die Messe feiern oder besuchen. Ludwig der Bayer lie� sich in Rom nun von einem Gegner des Papstes kr�nen und setzte einen Gegenpapst ein, der allerdings alsbald in Avignon um Gnade bat. Unter Benedikt XII. setzte sich diese Auseinandersetzung fort, was dazu f�hrte, dass die deutschen Kurf�rsten im Jahr 1338 durch Reichsgesetz erkl�rten, die K�nigs- und Kaiserwahl sei von nun an unabh�ngig vom Papst. Erst dem Nachfolger von Johannes XXII. Clemens VI. gelang es, die Lage zu entspannen. Er konnte die deutschen Kurf�rsten dazu bewegen, noch zu Lebzeiten Ludwigs des Bayern einen ihm genehmen Kandidaten, Karl von Luxemburg, zum neuen deutschen K�nig zu machen. Er regierte nach dem Tod von Ludwig als Karl IV. Noch Papst Innozenz VI. (1352-1362) blieb von Rom fern, wenn auch die in der Ewigen Stadt herrschenden Zust�nde ihn besch�ftigten. Dem von ihm nach Italien gesandten Legaten �gidius Albornoz gelang es mit staatsm�nnischem Weitblick, die Verh�ltnisse im Kirchenstaat so weit zu ordnen, dass an eine R�ckkehr der P�pste nach Rom zu denken war. Doch auch der folgende Papst Urban V. (1362-1370), obwohl von vielen gedr�ngt, wollte den letzten Schritt nicht verwirklichen. Auf einer Reise nach Rom sah er sich entt�uscht von den Verh�ltnissen dort und kehrte trotz der jubelnden Aufnahme durch die Italiener wieder nach Avignon zur�ck. Nach dem Tod Urbans V. brachen in Italien schwere Unruhen aus. Auf Befehl des neuen Papstes, Gregors XI. (1370-1378), sollten diese Zust�nde von bretonischen S�ldnern beigelegt werden. Und endlich wurde auch der Papstsitz wieder nach Rom verlegt. Gro�en Anteil daran verdiente sich die unerm�dlich auf dieses Ziel hinarbeitende Mystikerin Katharina von Siena. Im September 1376 verlie� Gregor XL Avignon und konnte nach langwierigen Verhandlungen mit der Stadt Rom am 17. Januar 1377 dort wieder seinen Sitz nehmen. Doch die von ihm ausgesandte S�ldnertruppe, angef�hrt von Kardinal Robert von Genf, w�tete noch immer. W�hrend seiner Bem�hungen um eine endg�ltige Befriedung der Verh�ltnisse starb Papst Gregor XI. am 27. M�rz 1378. Ihm kommt das Verdienst zu, die Kurie wieder nach Rom zur�ckgef�hrt zu haben, doch sollte es durch die Wahl seines Nachfolgers, Urbans VI. und Roberts von Genf zum Gegenpapst, der er sich Clemens VII. nannte, zum Gro�en Schisma (grch. �Trennung�) kommen, das die Kirche f�r 39 Jahre spaltete � zwei, manchmal drei P�pste beanspruchten f�r sich, der wahre Nachfolger Petri zu sein.</p><empty-line/><p>J�rd Dendl</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Angef�hrte Literatur:</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Stephan Baluze, <emphasis>Vitae Paparum Avenionensium,</emphasis> Tom. I, Paris 1914</p><empty-line/><p>Malcolm Barber, <emphasis>The new Knighthood,</emphasis> Cambridge 1994</p><empty-line/><p>Franz Ehrle S. J. <emphasis>Der Nachlass Clemens� V,</emphasis> in: Archiv f�r Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters, Bd. 5, Freiburg 1889, S. 1-166</p><empty-line/><p><emphasis>Chronici Saxonici Continuatio (Thuringica) Erfordensis</emphasis> (Holder-Egger, 1899, S. 478)</p><empty-line/><p><emphasis>Chronica S. Petri Erfordensis mod. ad. ann. 1314</emphasis> (Holder-Egger, 1899, S. 346-347)</p><empty-line/><p><emphasis>Continuatio Chronici Girardi de Fracheto,</emphasis> Anno MCCCXIV (Recueil des Historiens des Gaullese et de la France, Tom. XXI, S. 42)</p><empty-line/><p><emphasis>Continuatio Chronici Guillelmi de Nangiaco,</emphasis> Anno MCCCXIV (Recueil des Historiens des Gaulles et de la France, Tom. XX, S. 611-612)</p><empty-line/><p>Jean Desnouelles in: <emphasis>Recueil des Historiens des Gaulles et de la France,</emphasis> Tom. XXI, S. 196</p><empty-line/><p>Heinrich Finke, <emphasis>Papsttum und Untergang des Templerordens,</emphasis> M�nster 1907</p><empty-line/><p>Georges Lizerand, <emphasis>Cl�ment V et Philippe IV le Bel,</emphasis> Paris 1910</p><empty-line/><p>Hans Prutz, <emphasis>Entwicklung und Untergang des Tempelherrenordens,</emphasis> K�ln/Berlin 1888 [ND Walluf 1982]</p><empty-line/><p><emphasis>S�chsische Weltchronik � Th�ringische Fortsetzung</emphasis> (Monumenta Germaniae Historica, Scriptorum qui vernacula lingua usi sunt, Tom. II (Deutsche Chroniken, Bd. 2), Ludwig Weiland (Hg.), Hannover 1877, S. 314)</p><empty-line/><p>Konrad Schottm�ller, <emphasis>Der Untergang des Templer-Ordens, 2</emphasis> Bde. Berlin 1887</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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