<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>adv_history</genre><author><first-name>Rena</first-name><last-name>Monte</last-name></author><book-title>Der Emir von Al-Qudz</book-title><annotation><p>Was wie eine Pilgerfahrt nach Jerusalem beginnt, verwandelt sich f�r Henri, den Tempelritter, in einen gef�hrlichen Albtraum, denn er ist mitten in einem Intrigenspiel um den Thron des Emirs von Al-Qudz und nur er kann Licht in die Verschw�rung bringen, der Abu Hassan, ein Verwandter seines sarazenischen Freundes Uthman, zum Opfer gefallen ist. Eine wilde Hetzjagd durch die arabische W�ste beginnt.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Tempelritter" number="3"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-05-05">05.05.2013</date><id>0187243E-E4F9-4764-9CDF-6992B73E29DF</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2003</year></publish-info></description><body><section><title><p><strong>1</strong></p><p><emphasis><strong>Ende des Jahres 1314</strong></emphasis></p></title><p>Immer, wenn er die Augen schloss, sah Henri de Roslin einen gespaltenen, blutenden Leib vor sich, die Saufeder in der klaffenden Wunde. Immer, wenn er sich wusch, strich er behutsam �ber die Narben, die die Tortur der Inquisition auf seiner Haut hinterlassen hatte. Immer, wenn er tr�umte, sah er den Papst, mit Schaum vor dem Mund und verdrehten Augen, der ihn wie ein fahles Gespenst aus dem Jenseits fragte: Warum, Henri, warum?</p><p>Wenn er lauschte, h�rte er das Gemurmel der Menschen auf den Marktpl�tzen, die sich die sensationellen Nachrichten zufl�sterten. Er h�rte die polternden Schritte der k�niglichen Soldaten, die die Kneipen und Gasth�user durchk�mmten, die Tritte der Pferdehufe, die �ber Moore und Ein�den hallten, wenn die Soldaten unterwegs waren, um die alten Komptureien der einst so stolzen Tempelritter zu durchsuchen. Er roch den Schwei� der Pferde und den Gestank der Soldaten, die nur ein Ziel hatten: ihn, Henri, den Fluch der Templer, zu verhaften und endg�ltig zu vernichten.</p><p>Er hatte wenig, auf das er sich in einem der Anarchie verfallenen Land noch verlassen konnte: seinen Instinkt und seine Erfahrung im Kampf, seine rasche Auffassungsgabe und seine Geistesgegenwart, seine Kenntnisse der Geographie und der Astronomie. Seinen unersch�tterlichen Glauben an Gott, dessen Werkzeug der Rache er gewesen war. Und an seiner Seite Uthman ibn Umar, den Gelehrten und Freund, im Kampfe schnell und sicher, der ihm bei seinen schrecklichen und notwendigen Taten geholfen hatte: der Hinrichtung des Papstes Clemens und des K�nigs Philipp. Die beiden hatten sich verschworen, den m�chtigen Orden der Templer zu einem Brutherd der Ketzerei erkl�rt und in einem gewaltigen Blutbad die stolzen Ritter vernichtet.</p><p>Jetzt, da die Taten vollbracht, der Fluch vollzogen, die Schande ger�cht war, wusste er, dass die H�scher ausgestr�mt waren, um ihn zu finden. �berall. Um ihn dann zu t�ten.</p><p>Er musste weg von Frankreich, weg von den Sp�hern, Spitzeln und Spionen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Ein leichter Wind strich �ber den Hafen Le Graudu Roi und kam sogleich wieder zum Erliegen. Seine Kraft reichte nicht einmal aus, um die Wasseroberfl�che des Kanals zu kr�useln, zu dessen Bau Ludwig der Heilige den Auftrag gegeben hatte.</p><p>Henri und Uthman hatten sich zu diesem Hafen in der Camargue entschlossen, weil dort nur einige Fischer lebten, die sich auf dem schmalen Landstreifen des kleinen Ortes Aigues-Mortes angesiedelt hatten. Erst vor etwa hundert Jahren war die enge Nehrung vom Meer angelandet worden, die nun einigen armseligen Fischerh�tten Raum bot.</p><p>Darum hegten sie die Hoffnung, dass die Kunde vom Mord an K�nig Philipp nicht bis hierher gedrungen war. Vielleicht aber hatte man auch in diesem abgelegenen Teil Frankreichs von der schrecklichen Begebenheit geh�rt, dass Papst Clemens einem Giftanschlag zum Opfer gefallen war. Wie schnell k�nnten in so einem kleinen Fischerdorf Ger�chte entstehen und Fremde verd�chtigt werden! Von den frommen Kirchg�ngern des Ortes k�nnte man mit Sicherheit kein Verst�ndnis f�r einen heimt�ckischen Giftanschlag auf den heiligen Vater erwarten.</p><p>Weil sie einer hochnotpeinlichen Befragung entkommen wollten, mussten die Fl�chtlinge ohne Verz�gerung Frankreich verlassen. Sie wussten es beide. Denn man w�rde sie als M�rder und Giftmischer im gesamten Gebiet der Krone verfolgen, wohin sie sich auch wendeten. Eine unsichere Zukunft und eine weite Reise lagen vor ihnen.</p><p>�Wir k�nnen es uns nicht erlauben, auf ein Schiff zu warten, das uns Bequemlichkeiten verschafft�, hatte Henri gesagt. �Im Hafen liegt eine Kogge, die mir einen seet�chtigen Eindruck macht.�</p><p>Uthman betrachtete fachkundig die hohen Aufbauten im Vor- und Hinterschiff, die ziemlich ger�umig aussahen. �Jedenfalls�, meinte Uthman, �bietet sie doch mehr Platz als ein Einbaum, der nur durch Planken erh�ht ist!�</p><p>Henri lachte. �Zur Not w�rde ich auch mit dem einfachsten Wasserfahrzeug fl�chten.� Die Kogge mit den viereckigen Segeln aus Baumwolle oder Hanf schien gen�gend Segelfl�che zu haben, sodass sie sich schnell genug von der franz�sischen K�ste entfernen konnten.</p><p>�Auch wenn es anders w�re, m�ssten wir mit dieser Kogge vorlieb nehmen�, stellt Henri abschlie�end fest.</p><empty-line/><empty-line/><p>Schon wenige Stunden sp�ter standen sie auf dem knarrenden Deck des Schiffes. Es hatte Kurs auf Menorca genommen, von dort hofften die Gef�hrten, nach Spanien �bersetzen zu k�nnen.</p><p>�Jetzt habe ich nur noch eine Sorge�, sprach Henri laut aus, was er gerade dachte. �Die Segel h�ngen noch ziemlich schlapp.� Er blickte sorgenvoll auf den Hafen von Le Grau du Roi. �Den Piraten, die sich in den Gew�ssern der Balearen herumtreiben sollen, k�nnen wir so nicht entkommen.�</p><p>Uthman machte einen seiner �blichen Scherze. �Umso besser! Denn die Piratenschiffe sind nicht auf ihre Segel angewiesen, weil sie durch ihre Ruderer in drei Reihen auf jeder Seite angetrieben werden. Du glaubst nicht, welche Geschwindigkeit ein Piratenschiff erreichen kann, wenn der Aufseher mit der Peitsche den Antrieb bef�rdert.�</p><p>�Ich bin froh, dass du zu deiner Fr�hlichkeit zur�ckgefunden hast und wieder scherzen kannst�, sagte Henri. �Ich f�rchtete schon, dass dich der Mord an K�nig Philipp und der Giftanschlag auf den Papst allzu sehr belastet h�tten.�</p><p>�Das hatten sie auch, und bis jetzt f�hle ich mich noch nicht befreit. Ich habe ein Gebet an Allah gerichtet, dass er mir diese Taten verzeihen m�ge.�</p><p>�Auch ich habe eine Bitte um Vergebung an Gott gerichtet und hoffe, dass ich erh�rt werde�, erwiderte Henri. �Aber ich habe meine Gedanken auch der Zukunft zugewandt. In der Klosterkirche von Aigu�s habe ich f�r die Gnade einer guten �berfahrt gebetet, und ich bitte dich, dass auch du deinen Allah um seine Hilfe anflehst.�</p><p>Uthman verlor sein L�cheln. �Ich habe zu Allah gebetet, dass er deinen Knappen Sean und seine Mutter, die Lady of Ardchatten, besch�tzen m�ge. Wenn die beiden deinem Rat gefolgt sind, befinden sie sich bei dem Abt der Klosterkirche Cadouin in guter Obhut.�</p><p>Henri wirkte noch immer besorgt. �Ich habe sie eindringlich davor gewarnt, dass die k�nigliche Polizei in allen Bastiden nach uns suchen wird.�</p><p>�Richte deine Sorgen jetzt auf die kommenden Wochen!�, mahnte Uthman. �Was wir tun konnten, haben wir getan.� Er wies zu der franz�sischen K�ste, die trotz des allzu linden Windhauches schon hinter dem Horizont verschwunden war.</p><p>Als ob jedoch die himmlischen M�chte die Gebete der Fl�chtlinge erh�rt h�tten, fuhr unerwartet eine kr�ftige B�e �ber das Wasser. Die Segel bl�hten sich und trieben das Schiff �ber die st�rker gewordenen Wellen vorw�rts.</p><p>Jetzt war Henri eigentlich seine Sorgen los. Doch er suchte aufmerksam den Horizont ab. Weit hinter ihnen, fast nur ein kleiner Punkt, d�mpelte ein Frachtschiff.</p><p>�Wir sollten es im Auge behalten�, fl�sterte Henri Uthman zu, �vielleicht ist uns doch jemand gefolgt.� Obwohl die franz�sischen Soldaten keine ber�hmten Seefahrer waren, k�nnten sie dennoch das Schiff entern und Henri und Uthman in Ketten legen lassen. Es war keine verlockende Aussicht.</p><p>Uthman nickte. Sollten die Truppen des K�nigs sie tats�chlich im Hafen beobachtet haben und nun verfolgen, k�nnte die Reise zur Katastrophe werden.</p><p>�Hoffentlich haben wir gen�gend Schiffszwieback, Bohnen und gesalzenen Fisch an Bord�, seufzte Uthman, scheinbar unbesorgt, weil er sich nichts anmerken lassen wollte. �Seeluft macht hungrig.�</p><p>�Erz�hle mir etwas �ber Menorca!�, bat Henri, um ihn von seinem vermeintlichen Hunger abzulenken. �Ich m�chte n�mlich wissen, was uns dort erwartet. Vielleicht hast du in der Bibliothek etwas �ber die Zeit gelesen, als Menorca zum Kalifat von Cordoba geh�rte.�</p><p>Uthman lie� sich nicht lange bitten, wie immer, wenn er von Cordoba erz�hlen durfte. �Menorca wurde von vielen V�lkern beeinflusst: von den Griechen, Karthagern, R�mern, dann uns Arabern. Heute leben dort Franzosen und Katalanen, dazu vereinzelte Anh�nger des Propheten. Willst du noch mehr erfahren?�</p><p>Henri nickte beif�llig. �Das h�rt sich gut an. In einem solchen V�lkergemisch k�nnen wir gut untertauchen.�</p><p>�Du hast gefragt, welche Rolle Cordoba gespielt hat�, fuhr Uthman m�de fort. �Das kann ich dir erkl�ren. Menorca kam n�mlich rund 280 Jahre nach der Auswanderung Muhammads von Mekka nach Medina, im Jahre 902 eurer Zeitrechnung, unter das Kalifat von Cordoba. Wenn es uns m�glich ist, in Ciutadella an Land zu gehen, k�nnen wir dort vielleicht noch die ehemalige arabische Moschee sehen. Aber wahrscheinlich hat man sie zu einer christlichen Kathedrale umgebaut. Der Alcazar, der ehemalige arabische Statthalterpalast, so habe ich geh�rt, soll jedoch noch erhalten sein.�</p><p>Henri war froh, dass Uthman schl�frig wirkte. Denn sonst h�tten seine stolzen Ausf�hrungen �ber das Kalifat von Cordoba mit Sicherheit vor dem Morgengauen kein Ende gefunden. Jetzt aber hatte sich Uthman auf dem h�lzernen Deck ausgestreckt. Er wies zum Himmel. �Du verstehst doch so viel von der Astronomie. Wie bist du eigentlich als Tempelritter dazu gekommen, dich mit der Sternenwelt zu besch�ftigen? Denn eigentlich waren es doch wir Araber, die durch die Trennung von Astronomie und Astrologie diese Wissenschaft auf ein f�r euch Christen unerreichbares Niveau gebracht haben.�</p><p>�Dar�ber lie�e sich streiten�, erwiderte Henri. �Aber ich gebe zu, dass mein Wissensdurst, das himmlische Firmament zu erforschen, auf der Grundlage einer biblischen Geschichte entstanden ist.�</p><p>�Das h�tte ich mir denken k�nnen!�, rief Uthman. �Worum ging es denn da?�</p><p>�Um einen Stern, dem die drei Weisen aus dem Morgenland gefolgt sind. So fanden sie, wie ihnen prophezeit worden war, in Bethlehem ein Kind, das sie anbeteten und mit Gold, Weihrauch und Myrrhe beschenkten.�</p><p>�Du meinst euren Propheten Jesus, den Sohn der Maria, der dort in einem Stall geboren wurde?�, fragte Uthman.</p><p>�Ja, ich spreche von dem Stern zu Bethlehem, von dem die einfachen Leute glauben, die drei Sterndeuter Caspar, Melchior und Balthasar seien ihm gefolgt. F�r manche gilt dieses C M B als zauberkr�ftiges Zeichen. Es dient dazu, Gegenst�nde und Geb�ude vor dem Zugriff von Dieben zu bewahren. F�r uns Christen aber gelten die Anfangsbuchstaben der Namen C M B als Bitte: <emphasis>Christus mansionem benedicat �</emphasis> Christus m�ge dieses Haus segnen.�</p><p>Uthman begann zu g�hnen. Darum f�gte Henri nur noch einen einzigen Satz an. �Ich aber wollte den Weg der drei Sterndeuter kennen lernen. Aber aus ganz anderen Gr�nden gelangte ich nach Jerusalem, wo die drei Weisen K�nig Herodes ihr Wissen mitteilten.�</p><p>Uthmans Interesse an der biblischen Geschichte war ersch�pft, denn er wusste ja alles, was es �ber Jesus � Gott segne ihn und schenke ihm Heil! � zu wissen gab, aus dem Koran: dass er durch Gottes Wort von einer Jungfrau geboren, von Gott geliebt und zu ihm gerufen worden war, um am Tage des Gerichts Zeugnis abzulegen f�r die wahren Gl�ubigen des Islams. <emphasis>Wir lie�en Jesus, den Sohn der Maria,</emphasis> hie� es in der Sure vom Tisch, <emphasis>in ihren Spuren folgen, zur Erf�llung dessen, was schon vor ihm in der Thora war; und Wir gaben ihm das Evangelium, worin F�hrung und Licht war, eine F�hrung und Ermahnung f�r die Gottesf�rchtigen� Wenn Allah sagen wird: �O Jesus, Sohn der Maria, gedenke Meiner Gnade gegen dich und gegen deine Mutter; wie Ich dich st�rkte mit der heiligen Offenbarung � du sprachst zu den Menschen sowohl im Kindesalter wie auch im Mannesalter; und wie Ich dich die Schrift und die Weisheit lehrte und die Thora und das Evangelium; und wie du die Blinden heiltest und die Auss�tzigen auf Mein Gebot; und wie du die Toten erwecktest auf Mein Gehei�; und wie Ich die Kinder Israels von dir abhielt, als du mit deutlichen Zeichen zu ihnen kamst, die Ungl�ubigen unter ihnen aber sprachen: �Das ist nichts als offenkundige T�uschung.��</emphasis> Was die Christen sonst an Aberglauben �ber Jesus hatten, wie diese Sterndeuter, den Kreuzestod, dass Jesus ein Gott sei, das interessierte ihn wenig, erz�rnte ihn sogar: <emphasis>Sprich: �Er ist Allah, der Einzige; Allah, der Unabh�ngige und von allen Angeflehte. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt; und keiner ist Ihm gleich�,</emphasis> hie� es in der Sure von der Reinheit des Vertrauens, Al-Ichlas. Doch mochten die Christen auch jede Menge Unfug �ber den Propheten Jesus erz�hlen, so hatte Gott doch entschieden, seine Anh�nger �ber jene zu setzen, die ungl�ubig waren oder viele G�tzen anbeteten.</p><p>Aber obwohl Uthman die kindischen Vorstellungen der Christen langweilten, weil ihre Fabeln dem reinen, strahlenden Licht des wahren Glaubens so sehr unterlegen waren, war seine M�digkeit nun pl�tzlich verflogen. Ihn faszinierte etwas anderes: �Du warst in Jerusalem, in unserem arabischen Al-Qudz?�, rief er begeistert. �Davon musst du mir erz�hlen!�</p><p>�Jerusalem wurde f�r mich ein langes und ereignisreiches Abenteuer. Aber auf unserer Seereise nach Menorca bleibt genug Zeit, um dir davon zu berichten�, versprach Henri. �Das hei�t, wenn wir es bis dorthin schaffen!�</p><p>Der Wind hatte sich gelegt, und die Kogge d�mpelte mit schlaffen Segeln durch niedrige Wellen. Das gleichm��ige Schaukeln schl�ferte die beiden ein. Zum ersten Mal seit dem Mord an K�nig Philipp und dem Giftanschlag auf den Papst fanden sie zu einem ruhigen und traumlosen Schlaf.</p><p>Sie wachten erst auf, als der Polarstern schon verblasst war. Auf Deck ert�nten laute Rufe. �Was machen die da?�, fragte Uthman schlaftrunken. Aber Henri konnte ihm keine Auskunft geben. Er beobachtete, wie einer der Seem�nner etwas Talg in einen Bleikegel schmierte, der an einer Leine befestigt war und mit einem weiten Wurf �ber die Bordwand bef�rdert wurde. Das Frachtschiff befand sich auch an diesem Morgen hinter ihnen, etwas n�her vielleicht, doch genau konnte Henri das nicht sagen. Auch Uthman sah mit einem Schulterzucken zum Horizont. Offenbar stellte es keine Gefahr dar.</p><p>Inzwischen hatte sich auch der Kapit�n des Schiffes eingefunden, der aufmerksam den Inhalt des Kegels betrachtete, den man wieder an Bord gezogen hatte.</p><p>�K�nnt Ihr mir erkl�ren, was dieser Vorgang bedeutet?�, fragte Henri wissbegierig.</p><p>Die Antwort fl��te ihm Bewunderung ein. Wie viel gab es doch, wovon er noch niemals geh�rt hatte! Der Kapit�n gab gerne Auskunft. �Die Bodenprobe, die gemessene Tiefe und die Farbe des Meeres geben mir die M�glichkeit, unseren Standort zu bestimmen, sobald der Polarstern verblasst und das Festland au�er Sicht ist. Bei Tageslicht k�nnen wir uns in Ufern�he nat�rlich an Flussm�ndungen, H�geln, Kirchen, D�nenketten oder auch B�umen orientieren.�</p><p>Henri bedankte sich f�r die Erkl�rung. Er nutzte jede Gelegenheit, um etwas zu lernen, was ihm bisher unbekannt war. Ich werde eine Seekarte anfertigen, dachte er.</p><p>Aber als er ein Pergament und einen Stift hervorgezogen hatte, tauchte Uthman auf, der mit den Seeleuten eine karge Mahlzeit zu sich genommen und einen Zwieback in die Hosentasche gesteckt hatte. �Du hast mir doch versprochen, von deinen Erlebnissen in Jerusalem zu erz�hlen.�</p><p>Henri legte sein Schreibger�t beiseite. Nicht nur f�r die Christenheit war Jerusalem eine heilige St�tte. Dem Islam galt Al-Qudz als drittheiligste Stadt nach Mekka und Medina. Von Mekka aus war Muhammad eines Nachts auf seiner gefl�gelten Stute <emphasis>Buraq</emphasis> nach Jerusalem geflogen.</p><p>Der Tempelritter Henri hatte diese Darstellung immer f�r einen Traum gehalten. Vom Tempelplatz in Jerusalem aus sei Muhammad schlie�lich zu seiner n�chtlichen Himmelsreise aufgebrochen, die ihn durch die sieben Himmel bis vor den Thron Gottes gef�hrt habe. Henri wollte seinen Freund Uthman nicht beleidigen, weil der dieses M�rchen sicher glaubte. Es w�rde auch nicht leicht sein, �ber seine Erlebnisse in Jerusalem zu berichten. Denn er m�sste eigentlich auch erw�hnen, dass Jerusalem der Ort war, an dem Jesus Christus, der Herr, gelitten hatte und gestorben war. Aber auch den Juden war diese Stadt heilig, weil Abraham dort seinen Sohn Isaak opfern wollte, und vor allem, weil sich nach den Angaben des Talmud �ber dem Felsen einst das Allerheiligste des salomonischen Tempels befunden hatte.</p><p>Wo nur sollte er mit seinem Bericht anfangen? Uthman wurde schon ungeduldig. In einer pl�tzlichen Eingebung beschloss Henri, jene Abenteuer zu erz�hlen, die dazu gef�hrt hatten, dass er in Lebensgefahr geriet und schlie�lich aus einem streng bewachten Palast fliehen musste.</p><p>�Mach es dir bequem, auch wenn die Planken hart sind�, forderte er Uthman auf. �Solange diese Flaute anh�lt, werden Wellen und Sturm meine Erz�hlung nicht st�ren. Auch das Frachtschiff wird uns nicht n�her kommen k�nnen. Es sieht ganz so aus, als ob wir noch lange unterwegs sein werden.�</p><p>Henri lehnte sich gegen die h�lzernen Deckaufbauten, kreuzte die Beine, lie� seine Arme entspannt zu beiden Seiten seines K�rpers herabh�ngen und begann seine Geschichte.</p><p>�Ich war damals Knappe und noch verh�ltnism��ig jung. Am 18. Mai 1291 fiel Akkon in die Hand unserer Feinde. Nur das gro�e Haus der Ordensritter hielt zun�chst noch stand. Aber zehn Tage sp�ter brach die landeinw�rts gekehrte Seite des Ordenshauses zusammen. Das war der Tag, an dem ich deinem Vater das Leben retten konnte.�</p><p><emphasis>�Alhamdu lillah!</emphasis> Allah sei Dank!�, warf Uthman ein.</p><p>�Die �brigen St�dte im Outremer, unseren Besitzt�mern im Heiligen Land, erlitten bald dasselbe Schicksal. Ende Juli hatte der Sultan Haifa besetzt, ohne auf Widerstand zu sto�en. Tortosa wurde am dritten August, Athlit kurz darauf verlassen. Dass wir unsere Pilgerburg Athlit s�dlich des Karmel aufgaben, ist mir eigentlich unverst�ndlich. Aus zahlreichen Quellen sprudelte innerhalb der Burg frisches Wasser hervor. Zwischen zwei gewaltigen T�rmen sch�tzte eine Mauer mit Schie�scharten und Zinnen unsere Krieger. Sie konnten sich hinter dieser Mauer bequem zu Pferde und bewaffnet bewegen. S��wasserbrunnen wurden durch eine Mauer gesch�tzt, die �ber das Vorgebirge von einem Ufer zum anderen f�hrte. Aber nachdem wir auch Athlit aufgegeben hatten, segelten die �berlebenden Tempelritter nach Zypern, weil sie angeblich die Aussichtslosigkeit ihres Verbleibens erkannt hatten.�</p><p>Uthman hatte sich Gedanken gemacht, warum die Templer alle diese Burgen aufgegeben hatten. �H�ltst du es nicht f�r m�glich, dass die Templer sich damals aus einer Offensivstrategie auf die Verteidigung zur�ckgezogen hatten? Warum h�tten sie sonst ihre Burgen so stark befestigen sollen?�</p><p>Henri lie� diese Frage unbeantwortet und fuhr fort. �Auch ich war auf einem der Schiffe nach Zypern gelangt. Eigentlich war es meine Absicht, von dort aus nach Frankreich zur�ckzukehren. Aber ich f�hlte mich in der Gemeinschaft der Ordensbr�der wohl. Darum beschloss ich, eine Weile auf Zypern zu bleiben.</p><p>Dann aber erschreckten uns b�se Ger�chte: K�nig Philipp wolle den Papst dazu bringen, den Templerorden aufzul�sen und zu verbieten. Ich konnte mir das kaum vorstellen, aber ich dachte, nun sollte ich wohl so schnell wie m�glich nach Frankreich zur�ckkehren.</p><p>Alles kam ganz anders, als ich mir das vorgenommen hatte. Als ich mich n�mlich am Hafen herumtrieb, um eine Schiffspassage nach Marseille ausfindig zu machen, lernte ich einen jungen Tempelritter kennen, der bei Tortosa gek�mpft hatte und der nach mir auf Zypern angekommen war. Dieser Ordensgef�hrte war bei weitem nicht so ernsthaft veranlagt wie ich zu dieser Zeit.�</p><p>�Heute doch auch noch�, meinte Uthman.</p><p>Henri lie� sich nur ungern unterbrechen. �Dieser Bursche hielt mich wahrscheinlich f�r viel zu folgsam und �ngstlich. Als ich z�gerte, auf seinen Vorschlag einzugehen, in das Heilige Land zur�ckzukehren, um Jerusalem zu sehen, lie� er mich seine Verachtung sp�ren. �Nichts hast du von dieser Welt gesehen, wenn du nicht in Al-Qudz, der Heiligen, gewesen bist. Wei�t du denn nicht, dass, wenn man die Weltscheibe von oben betrachtet, Hierosalym der Mittelpunkt der Welt ist?��</p><p>�Hatte er da nicht Recht?�, fragte Uthman, ohne eine Antwort zu erwarten.</p><p>Henri nickte. �Heute wei� ich das. Aber damals machte ich mich nur auf diese abenteuerliche Reise, um nicht als Feigling dazustehen. Der deutsche Kaiser, Friedrich II. von Hohenstaufen, hatte mit dem <emphasis>aijubidischen</emphasis> Sultan al-Kamil einen Vertrag geschlossen, der f�r euch Araber sehr nachteilig war. Denn dieser Sultan war tats�chlich um Entspannung bem�ht. Aber f�nfzehn Jahre sp�ter, das war, wenn ich mich nicht irre, im Jahre 1244, gaben die <emphasis>Aijubiden</emphasis> Jerusalem an die Anh�nger eures Propheten Muhammad zur�ck. Die letzten Kreuzfahrer waren verjagt worden. Wir w�rden also in eine Stadt kommen, die nach den Gesetzen des Korans und der Scharia regiert wurde.</p><p>Dieser Ordensbruder, der seinen Namen mit Louis angegeben hatte, lungerte tagt�glich am Hafen herum, bis er ein Schiff gefunden hatte, das Fl�chtlinge aus Outremer nach Zypern gebracht hatte und nun leer in den Orient zur�ckfuhr. Der Kapit�n hatte nichts dagegen, uns bis nach Haifa mitzunehmen. Jedenfalls stellte er keine Fragen.�</p><p>Am Abend hatte sich, wie am Vortag, wieder ein st�rkerer Wind erhoben. Henri beobachtete, wie sich das Frachtschiff langsam n�herte. Einige Seeleute kletterten am Mast empor und machten sich am Reff zu schaffen.</p><p>�Hoffentlich gibt es in dieser Nacht keinen Sturm�, sagte Uthman und deutete auf dichte schwarze Wolken, die sich am Horizont zusammengeballt hatten. �Auch im Mittelmeer kann es Wellen geben, die leicht eine H�he von vierzig Fu� erreichen.�</p><p>Seine Bef�rchtung erwies sich als unbegr�ndet, und am n�chsten Tag konnte Henri mit seiner Erz�hlung fortfahren, ohne die Stimme erheben zu m�ssen, um das Pl�tschern der Wellen an der Bordwand zu �bert�nen.</p><p>�Auch damals war uns das Mittelmeer gut gesonnen. Von Zypern aus gelangten wir schneller als erwartet nach Haifa. Aber schon w�hrend der �berfahrt kamen mir erhebliche Zweifel an der Glaubw�rdigkeit meines Ordensbruders. Ich erwog sogar die M�glichkeit, dass Louis sich nur als Tempelritter ausgegeben hatte. Wenn ich auf unsere Ordensregeln zu sprechen kam, lenkte er das Gespr�ch geschickt auf ein anderes Thema. Warum legte er so �beraus gro�en Wert darauf, nach Jerusalem zu fahren? Und was sollte ich dabei f�r eine Rolle spielen? Ich war nahe daran, sein B�ndel zu durchsuchen. Aber ich sch�mte mich, einen unbegr�ndeten Verdacht zu hegen.</p><p>Inzwischen hatte ich aber meine Aufmerksamkeit gesch�rft. Sehr bald war mir aufgefallen, dass sich Louis auff�llig oft mit einem der Mitreisenden in einer fremden Sprache unterhalten hatte, die ich nicht beherrschte. Sie gaben sich nicht einmal M�he, ihre lebhafte Unterhaltung abzubrechen, wenn ich zu ihnen trat. Ich fragte Louis, ob er auf dem Schiff einen Freund getroffen h�tte. Er machte jedoch ein auff�llig erstauntes Gesicht und behauptete, dass dieser Mann nur eine Zufallsbekanntschaft sei��</p><p>Henri unterbrach seine Erz�hlung pl�tzlich. Uthman hatte es auch gesehen und nickte ihm zu: �Das Schiff n�hert sich immer schneller!�</p><p>Das Segel stand nun, keine f�nf Seemeilen entfernt, hinter ihnen. Jetzt war auch der Kapit�n an die Reling getreten, verwirrt starrte er auf den Lastsegler. Unruhig rieb er seine derben Seefahrerh�nde aneinander. Er wippte nerv�s vor und zur�ck, sah dann erneut auf das Schiff.</p><p>�Erz�hle doch weiter�, sagte Uthman leise, �ich werde das Segel schon im Auge behalten.�</p><p>�Als wir von Bord gingen�, fuhr Henri fort, aber er sah dabei nicht zu Uthman, sondern auf das Schiff, �beobachtete ich die wenigen Mitreisenden in unserer N�he. Der angebliche Zufallsbekannte hatte sich von Louis mit einem aufgeregten Wortschwall verabschiedet, nickte mir dann freundlich zu und w�nschte mir eine gute Reise. Irrte ich mich, oder hatte er mich mit einem Gesichtsausdruck angegrinst, den ich in Akkon bei einem Mamelucken gesehen hatte, der einen �berfall auf mich plante? Ein Mamelucke? Er konnte, nach seinem �u�eren zu schlie�en, zu diesem Volksstamm geh�ren. Sie waren ja unter den erbittertsten Feinden der Tempelritter.�</p><p>�Eben dreht er ab!�, unterbrach Uthman. Beide atmeten auf. Es war offenbar doch nur ein einfacher Kaufmann auf dem Weg nach Spanien gewesen.</p><p>Jetzt kam der Kapit�n des Schiffes, der sich bis dahin sehr wortkarg gezeigt hatte, auf Henri und Uthman zu. Vielleicht hatte es ihm gefallen, dass seine beiden G�ste sich f�r die schwierige Navigation einer Kogge interessiert hatten, vielleicht aber war er nur erleichtert und befreit, weil er ebenfalls keine franz�sischen Soldaten in seiner N�he w�nschte.</p><p>�Darf ich Euch einladen, meine Herren, die Kogge zu besichtigen, meine Befugnisse und die Arbeit der Seeleute kennen zu lernen?�, fragte er freundlich.</p><p>Henri nahm dieses Angebot gerne an. Vielleicht k�nnte sich die Kenntnis des Schiffes w�hrend der �berfahrt noch als sehr wichtig erweisen, falls ein Unwetter die Kogge und ihre Besatzung in unerwartete Schwierigkeiten bringen w�rde.</p><p>Obwohl Henri von einer unerkl�rlichen Unruhe befallen wurde, gab er Uthman ein Zeichen, das Angebot des Kapit�ns anzunehmen. Beide erhoben sich von den h�lzernen Planken und folgten dem Herrn des Schiffes.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Sie merkten gleich, dass der Kapit�n au�erordentlich stolz auf seine Kogge war. Er pries die ger�umigen Deckaufbauten, den zwanzig Meter hohen Mast und die Segelfl�che von zweitausend Quadratfu�. Aber, wie sich bald herausstellte, war das nur eine Einf�hrung, um sie gleich darauf mit einigen unangenehmen Begleiterscheinungen bekannt zu machen.</p><p>�Ich hoffe, dass Ihr mit Eurer Unterkunft in den Aufbauten zufrieden seid, meine Herren. Eine kleine Einschr�nkung ist allerdings vonn�ten, weil das Deck wasserdurchl�ssig sein muss, damit sich kein schweres Gewicht auf der geneigten Deckfl�che sammelt. Das w�rde die Kogge n�mlich zum Kentern bringen. Manchmal muss jedoch das Wasser aus dem Rumpf herausgepumpt werden, wenn sich allzu viel Wasser in der Bolde gesammelt hat.�</p><p>Die beiden nickten zum Zeichen daf�r, dass sie f�r diese Sicherheitsma�nahme durchaus Verst�ndnis aufbrachten.</p><p>�Leider k�nnen wir uns auf der Route nach Menorca nicht immer in K�stenn�he halten�, erkl�rte der Kapit�n, �um uns eventuell bei einem allzu kr�ftigen Wind in eine windgesch�tzte Bucht retten zu k�nnen. Das hat aber durchaus auch seine Vorteile. Denn ich kann die Kogge mit ihrem Rahsegel nat�rlich nicht gegen den Wind kreuzen und sie so aus der Gefahrenzone k�stennaher Klippen steuern. Bei gr��erer Entfernung von der K�ste ist die Gefahr weitgehend gebannt, auf irgendwelchen Klippen zu zerschellen.�</p><p>�Gut zu wissen�, murmelte Uthman sp�ttisch vor sich hin.</p><p>Henri versuchte vergeblich, eine Erinnerung an das prachtvolle Schiff der Templer zu verdr�ngen. Sie hatten es von den Genuesern erworben und einem Ordensbruder namens Roger von Flor anvertraut. Diesen Roger sah man schon in seiner fr�hesten Jugend als einen der besten Seeleute der Welt an. Als Akkon verloren ging, befand er sich gerade dort im Hafen. Neider beschuldigten ihn sp�ter beim Gro�meister, er habe sich nach dem Fall von Akkon gewaltige Sch�tze zusammengerafft. Aber das war eine Verleumdung. Roger war dar�ber so verbittert, dass er abtakelte und nach Genua ging.</p><p>Dem Kapit�n war nicht entgangen, dass Henri mit seinen Gedanken abgeschweift war. �Schenkt mir bitte noch einen Augenblick Eure Aufmerksamkeit! Ich muss noch einige Kleinigkeiten erw�hnen, die ich f�r wichtig halte.�</p><p>Trotz der h�flichen Stimme erfasste Henri die b�se Vorahnung, dass der Kapit�n erst am Schluss seiner Rede mit der gr��ten Gefahr herausr�cken w�rde. Seine Ahnung trog ihn nicht.</p><p>Der Kapit�n, mit dem klangvollen Namen Ernesto di Vidalcosta, r�usperte sich mehrmals, ehe er sie mit einer Gefahr bekannt machte, die sie nicht untersch�tzen sollten.</p><p>�Das Mittelmeer wird immer noch von Piraten heimgesucht. Dabei richten sich die Attacken der Seer�uber haupts�chlich gegen Handelsschiffe, weil sie es auf deren Ladung abgesehen haben. Leider geh�ren auch wir zu diesem Schiffstyp. Wir sind jedoch nicht ganz schutzlos. Zu unserer Mannschaft geh�ren zehn Matrosen. Zus�tzlich sind auf einer der obersten Aufbauten M�nner postiert, die mit der Waffe umzugehen verstehen.� Er sah die beiden an, als ob er eine Antwort erwartete. Als Henri und Uthman schwiegen, r�usperte er sich noch einmal kr�ftig und sagte dann mit einem verlegenen L�cheln: �Mir ist so, als ob ich auch bei Euch Waffen gesehen h�tte.�</p><p>Er hatte also ihr Gep�ck kontrolliert. Diese Entdeckung verursachte den beiden ein unangenehmes Gef�hl. Ernesto di Vidalcosta wollte die Stille m�glichst schnell �berbr�cken und fuhr in seinen Ausf�hrungen fort. �Der Kapit�n entscheidet nicht nur �ber den Zeitpunkt des Aussegelns und Anlaufens eines Hafens sowie �ber notwendige Reparaturen, sondern er ist zudem der unumschr�nkte Herr an Bord. Ich muss Euch also bitten, meine Herren, in jedem Belange meinen Anordnungen zu gehorchen.�</p><p>�F�r den Fall eines Sturmes sehe ich das durchaus ein. Denn wir kennen uns in der Schifffahrt nicht aus�, gab Uthman zu. �Was nun aber einen �berfall durch Piraten betrifft, so sind wir es gewohnt, uns selbst zu verteidigen. In diesem Fall z�hlen wir uns nicht zu Eurer Mannschaft.�</p><p>Der Kapit�n konnte seinen Unmut nicht verbergen. �Ein solche Ausnahme kann ich zu Eurer eigenen Sicherheit nicht dulden. Ich bin ein erfahrener Seemann und habe so manchen Angriff der Piraten abgewehrt. Mit Eurer eigenen Verteidigung k�nntet Ihr mein Schiff und die gesamte Besatzung ins Verderben st�rzen. Guten Morgen, meine Herren!�</p><p>Die Unterweisung war beendet. Uthmans erster Gang f�hrte ihn in ihre Unterkunft. Die Waffen waren unber�hrt. Dennoch steckte er sich seinen Damaszenerdolch in den G�rtel. �Irgendetwas gef�llt mir nicht�, gab er zu bedenken. �W�re es vielleicht nicht sogar m�glich, dass der Kapit�n gemeinsame Sache mit den Piraten macht? Er verkauft seine Ladung, �bergibt vielleicht sogar sein Schiff mit der Besatzung.�</p><p>Henri �berlegte eine Weile. Er traf niemals Entscheidungen, bevor er nicht das F�r und Wider sorgsam bedacht hatte. �Deine Sorge ist durchaus begr�ndet. Aber welche Ladung? Es gibt keine f�r unsere �berfahrt nach Menorca. Eine Ladung ist erst f�r die R�ckfahrt vorgesehen. Der Bestimmungsort ist Ciutadella, dessen Hafen am westlichsten Punkt der Insel gelegen ist. Angeblich will er dort F�sser mit Oliven�l laden.� Henri blickte Uthman nachdenklich an. �Aber wir sollten wieder an Deck gehen!�, sagte er dann.</p><p>Uthman beugte sich zu ihm hinab und sah sich nach allen Seiten um. �Es gibt also nur einen Grund, sich den Piraten zu ergeben�, fl�sterte er leise. �Das sind wir. Der Kapit�n kann niemals verlieren. Entweder erpresst er von uns ein Schutzgeld, oder er �bergibt uns den Seer�ubern, die uns als Sklaven auf dem Markt feilbieten. Ich jedenfalls werde meine Haut so teuer wie m�glich verkaufen.�</p><p>Henri hob beschwichtigend die H�nde. �Ich schlage vor, dass wir zun�chst den drei Wachen einen Besuch abstatten. Wir spielen die Unwissenden und versuchen, sie mit Fangfragen auszuhorchen. Ein zu schnelles und ungest�mes Vorgehen kann uns nur schaden.�</p><p>�Wie immer hast du Recht�, gab Uthman zu. �Wie hast du dir diese Fragen gedacht?�</p><p>�Welchen Eindruck sie auch immer auf uns machen, selbst wenn sie auf uns wie rechte Galgenv�gel wirken, wir werden sie als erfahrene Seem�nner bewundern. Dann versuchen wir, sie in ein Gespr�ch �ber Piraten zu verwickeln. Vielleicht gelingt es sogar, dass sie uns, um Eindruck zu machen, ihre Bewaffnung vorf�hren.�</p><p>�Dein Plan ist gut�, lobte Uthman. �Es w�re nat�rlich am besten, wenn sie uns �ber erfolgreich bestandene K�mpfe mit den Piraten berichten w�rden. Vielleicht aber z�hlen sie ja selber unter die Seer�uber und sind als Verr�ter an Bord untergebracht.�</p><p>�Lege dich entspannt auf die Planken�, sagte Henri leise. �Ernesto beobachtet uns. Wir m�ssen unseren Besuch bei den Wachen auf sp�ter verschieben.�</p><p>�Ich bin so voller Zorn und Unruhe, dass ich mich kaum beherrschen kann�, erwiderte Uthman. Aber er folgte Henris Aufforderung, streckte sich auf den warmen Planken aus und verschr�nkte die Arme unter dem Kopf. Henri blickte auf das Meer. Da waren einige kleine Boote, aber auch ein gr��eres Schiff, freilich kaum mehr als ein geduckter Punkt am Horizont.</p><p>�Wir sollten es im Auge behalten�, meinte Uthman, denn obwohl er keine Gefahr mehr durch die Schergen des K�nigs vermutete, schadete es auch nicht, wachsam zu sein, wenn die Truppen eines ganzen Landes nach einem fahndeten, von m�glichen Absprachen des Kapit�ns oder der Mannschaft mit den Piraten ganz zu schweigen.</p><p>Dann wandte er sich wieder an Henri. �Erz�hle mir weiter, ob dir in Haifa etwas zustie�! Dein damaliger Reisegef�hrte und sein verd�chtiger Freund lassen mich B�ses ahnen. �ber diese aufregenden Begebenheiten kann ich vielleicht unsere gegenw�rtigen Sorgen ein wenig in den Hintergrund schieben.�</p><p>Henri war einverstanden. �Noch ehe wir in Haifa von Bord gegangen waren�, fuhr er mit seiner Geschichte fort, �hatte ich angeregt, uns nach einem Reittier umzusehen. Aber Louis schlug geradezu entsetzt die H�nde �ber dem Kopf zusammen. Von diesen Rosst�uschern w�rde man nur betrogen. Es w�re ratsam, uns erst um Unterkunft in einer Herberge zu bem�hen, um vielleicht den Wirt um Rat zu fragen.</p><p>Seine Reisebekanntschaft hatte ihm sogleich zugestimmt und behauptet, er kenne von fr�heren Besuchen eine saubere und nicht zu teure Herberge. Der Wirt sei ein Freund von ihm und absolut zuverl�ssig. Da mir die Stadt Haifa fremd war, entschloss ich mich, den beiden zu folgen, vielmehr, ich lie� mich wohl oder �bel rechts und links unterhaken und davonf�hren.�</p><p>�Das war sehr leichtsinnig�, meinte Uthman. �In einer fremden Stadt sollte man niemandem vertrauen.�</p><p>�Da kann ich dir nur zustimmen�, pflichtete Henri ihm bei. �Heute wei� ich das auch. Aber damals blieb mir eigentlich gar keine andere Wahl. Wir tauchten in ein Gassengewirr ein, wie ich es bisher noch niemals gesehen hatte. Louis wies auf Schutt- und Tr�mmerberge, die von fr�heren K�mpfen herr�hren sollten. Ihm entschl�pfte eine Bemerkung, die mich stutzig machte. Zweimal h�tten n�mlich meine Kreuzritter Haifa erobert und zerst�rt. Wieso �meine� Kreuzritter? Geh�rte nicht auch er zu diesem Orden?</p><p>Als die Gassen immer enger wurden, sodass nur noch ein winziger Strahl des Sonnenlichts zwischen den H�usern durchdringen konnte, erkundigte ich mich, wie weit es denn noch bis zu der Herberge sei. Aber die beiden gaben keine Antwort und beschleunigten ihren Schritt, sodass ich kaum folgen konnte. Am Ende einer finsteren Gasse entschwanden sie pl�tzlich meinem Blickfeld.</p><p>Ich hatte mir nicht merken k�nnen, woher wir gekommen waren, und ich wusste noch weniger, wohin ich mich wenden sollte. Unschl�ssig blieb ich vor einem alten Gem�uer stehen.�</p><p>Uthman sch�ttelte den Kopf. �Du h�ttest losrennen sollen, egal wohin.�</p><p>Henri sah in den blauen Himmel und auf die M�wen, die laut schreiend ihre Kreise zogen und ins Meer st�rzten, um mit einem Fisch im Schnabel wieder aufzutauchen. �Schon damals war es nicht meine Art, kopflos in irgendeine Richtung zu laufen. Ich versuchte herauszufinden, wo die Sonne stand. Denn ich wusste, dass wir in Richtung Osten gegangen waren. So h�tte ich auch den Hafen wieder finden k�nnen.�</p><p>�Manchmal�, gab Uthman seine Erfahrungen zum Besten, �ist es angebracht, seinen Verstand nicht einzusetzen. Dazu ist sp�ter immer noch Gelegenheit, wenn man der Gefahr entronnen ist.�</p><p>�Vom sicheren Ort kann man gut raten�, antwortete ihm Henri unzweideutig. �Ich war ihnen in die Falle gegangen. Das sollte ich bald erfahren. Nicht etwa mein Reisegef�hrte und dessen zwielichtiger Freund versperrten mir den Weg nach vorn und zur�ck, sondern fremde Kerle, deren Aussehen nichts Gutes verhie�. Das Letzte, was ich versp�rte, war ein kr�ftiger Schlag auf meinen Kopf.</p><p>Ich kam wieder zu mir, weil mir irgendjemand eiskaltes Wasser �ber Gesicht und K�rper sch�ttete. �Der Tempelritter kommt wieder zu sich!�, rief eine fremde Stimme, die von weit her zu kommen schien. Mehrere finster dreinblickende Gestalten beugten sich �ber mich. �Zerrt ihn hoch!�, befahl die fremde Stimme. Ich konnte nicht erkennen, zu wem sie geh�rte. Denn in meinem Kopf dr�hnte ein unsichtbarer Hammer, und meine Augen lie�en sich nicht �ffnen. Au�er der fremden Stimme mussten noch mehrere andere M�nner anwesend sein. Denn man richtete mich auf und band meine H�nde mit einer eisernen Kette an einen Ring in der Wand, damit ich nicht zusammensacken konnte.</p><p>�Wei�t du, wo du hier bist?�, schrie einer der M�nner. Ich sch�ttelte stumm den Kopf. �In Akkon, am s�dlichen Ende der Haifabucht. Du musst doch wissen, was Akkon f�r euch Kreuzfahrer bedeutete. Sieh dir die Mauern hier an! Man nennt dieses Gem�uer <emphasis>Burj es Sultan.�</emphasis> Jetzt wurde mir klar, wohin man mich verschleppt hatte, n�mlich in den Kerker des Kreuzfahrer-Wachturms im damaligen venezianischen Viertel.�</p><p>�Da hatte es dich aber �bel erwischt�, bedauerte Uthman seinen Freund. �Aber warum hatte man dich mit Gewalt dorthin entf�hrt?�</p><p>�Das habe ich zun�chst auch nicht verstanden. Aber nachdem sie mir immer wieder eiskaltes Wasser �ber Gesicht und K�rper gesch�ttet hatten, kl�rte sich allm�hlich mein Erinnerungsverm�gen. Die Kerle, die mich hierhin verschleppt hatten, mussten Spie�gesellen von Louis sein, wahrscheinlich Mamelucken, mit denen ich schon in Akkon unangenehme Bekanntschaft gemacht hatte. Ich nehme an, dass sie Rache nehmen wollten. Denn sie hatten damals bei dem Sturm auf unser Ordenshaus viele Verluste erlitten, als die Mauern �ber uns alle zusammenbrachen. Jeder Tempelritter, der damals entkommen war, erregte ihren Zorn.�</p><p>�Welch eine unsinnige Tat, einen einzelnen Tempelritter b��en zu lassen!�, rief Uthman fassungslos.</p><p>Henri blieb gelassen. �Es war nicht das allein, sondern es hing auch mit dem �gyptischen Sultan Baibars zusammen, der f�r alle Mamelucken ein Idol war. Eigentlich war er ja ein t�rkischer Tscherkesse und ehemals wie alle Mamelucken ein Sklave gewesen. Sie waren von den Aijubiden als Milit�rsklaven gekauft worden. Als sie die bis dahin unbesiegbaren Mongolen in Pal�stina aufhielten, erkannte man ihre soldatischen Talente. Sultan Baibars war es, der die faktische Machtergreifung dieser Lohnsklaven in �gypten und Syrien bekannt gab.�</p><p>�Aber was hatte das alles mit dir zu tun?�, fragte Uthman.</p><p>�Versuche einmal, dich in die Mentalit�t dieser Mamelucken zu versetzen! Dann wirst du vieles besser verstehen! Sultan Baibars steht bei uns in denkbar schlechtem Ruf. Man sagt, dass er durch Hinterlist und Verrat die eigentlich uneinnehmbaren lateinischen Festungen in seine Gewalt brachte. Er hatte sogar nicht davor zur�ckgeschreckt, Sendschreiben des Grafen von Tripolis zu f�lschen.�</p><p>�An seinem Siegeszug wart auch ihr selbst wohl nicht ganz unschuldig�, wandte Uthman ein. �Bei uns Arabern behauptete man, dass auch Rivalit�ten, Streitigkeiten und Intrigen zu eurem Untergang gef�hrt h�tten.�</p><p>�Das sollte man nicht verallgemeinern�, verteidigte Henri den Orden. �Ich f�hre zu unserer Entlastung die Einnahme der Kreuzfahrer-Burg <emphasis>Safed</emphasis> an. Obwohl sie von Rammb�cken schon schwer besch�digt war, hielt die Burg allen Angriffen stand. Nur durch falsche Versprechungen des Sultans Baibars ergab sich schlie�lich die Besatzung. Entgegen seiner Zusicherung lie� er dann unsere Krieger grausam foltern und niedermetzeln. Allerdings hatte auch der Verrat unserer Templer-Unterh�ndler mitgewirkt. Man behauptet es jedenfalls von einem <emphasis>Casalarius</emphasis> mit Namen Leo, der als Aufseher unserer Templer-Landg�ter das Vertrauen des Ordens missbraucht hat.�</p><p>�Das sagte ich ja�, triumphierte Uthman. �Ob nun durch Verrat oder milit�rische �bermacht. Dieser Baibars nahm hintereinander alle St�dte ein, die unter der Herrschaft der Kreuzritter standen, und schlie�lich sogar Jerusalem, die Heilige Stadt.�</p><p>�Das alles ist allerdings schon lange her�, warf Henri ein. �Baibars starb sieben Jahre nach der Eroberung von Jerusalem. Warum also begegneten mir die Mamelucken so feindselig?�</p><p>�Das frage ich mich allerdings auch�, gab Uthman zu bedenken.</p><p>�Ich versuche eine Erkl�rung. Ohne Zweifel hat Sultan Baibars eine bedeutende Rolle gespielt. Obwohl er als Vork�mpfer eures Propheten die christlichen Kreuzfahrer besiegt hatte, pflegte er dennoch gewinnbringende wirtschaftliche Beziehungen mit den christlichen Mittelmeerl�ndern. Er hatte auch Nubien zu seinem Vasallen gemacht und den Handel im Roten Meer �bernommen. Kairo wurde nicht nur zu einer Wirtschaftsmetropole, sondern strahlte auch im Glanz pr�chtiger Monumente. Dies alles hatten die Mamelucken nicht vergessen. Ihr Ziel war es damals wohl, das Ansehen ihrer Dynastie wieder herzustellen.�</p><p>�Dabei solltest du ihnen helfen?�, fragte Uthman ungl�ubig.</p><p>Henri sch�ttelte den Kopf. �Ich war nur ein kleines R�dchen in diesem R�derwerk. Aber sie hatten mir eine Aufgabe zugedacht, die mich sp�ter in Jerusalem in h�chste Gefahr bringen sollte. Als ich im Verlies unseres ehemaligen Wachturms mehr tot als lebendig in den Ketten hing, l�ste sich aus dem Schatten der Mauer der geheimnisvolle Mann, der mit Louis Verbindung aufgenommen hatte. Von Anfang an hatte wohl ein Plan bestanden, mich in die Gewalt der Mamelucken zu bringen. Das war gelungen.�</p><p>�Louis, dieser hinterh�ltige Verr�ter!�, rief Uthman w�tend.</p><p>�H�tte er den Anweisungen seiner Befehlsgeber nicht gehorcht, w�re das sein sicherer Tod gewesen�, versuchte Henri seinen Feind zu entschuldigen. �Der Fremde, der mich schon an Bord beobachtet hatte, trat auf mich zu. Er trug Mameluckentracht und hielt eine neunschw�nzige Peitsche in der Hand. �Du hast die Wahl, Tempelritter�, sagte er drohend, �entweder f�hrst du den Auftrag aus, den wir dir erteilen, oder wir werden dich sehr langsam totschlagen, sodass du dir w�nschen wirst, niemals geboren zu sein.� Er gab mir, um mich einzusch�chtern, einen Schlag mit der Peitsche.�</p><p>�Schnell, Henri, schau!�, entfuhr es Uthman.</p><p>Henri hob den Kopf und sah auf das Meer, in die Richtung, in die Uthmans ausgestreckte Hand wies. �Also hat man uns doch verfolgt�!�, rief er aus.</p><p>Das gro�e Schiff, das gerade eben noch so weit entfernt gewesen war, hatte sich bis auf wenige Seemeilen gen�hert. An Bord standen bewaffnete Soldaten, die Mannschaft hatte s�mtliche Segel gesetzt. Am Hauptmast flatterte die Fahne des franz�sischen K�nigs.</p><p>�Der Segler heute Morgen!�, sagte Henri hastig, �er war uns auf der Spur und hat dem Kriegsschiff den Weg gewiesen.�</p><p>�Was sollen�?�</p><p>Doch bevor Uthman weitersprechen konnte, kam schon der Kapit�n aus seiner Kammer gelaufen, er hastete �ber Deck, lehnte sich an die Reling und konnte seinen Blick gar nicht mehr von den Verfolgern abwenden. Schnell schrie er knappe Befehle an die Mannschaft.</p><p>Seeleute kletterten auf die Masten, um weitere Segel zu setzen. Doch Uthman und Henri wussten, dass das wenig n�tzen w�rde: Es konnte nur noch Stunden dauern, bis das Kriegsschiff die Kogge einholte, und was Henri und Uthman dann erwartete, war beiden klar: Man w�rde die Kogge entern und sie gefangen setzen oder � schlimmer noch! � sie an Ort und Stelle hinrichten. Es sei denn, die Mannschaft des Kapit�ns k�mpfte erfolgreich gegen die k�niglichen Truppen. Doch das war kaum zu hoffen.</p><p>Der Kapit�n bemerkte, dass Henri und Uthman besorgt waren. �Eine reine Routineangelegenheit!�, behauptete er, aber seine vor Schreck geweiteten Augen zeigten nur allzu deutlich, dass er log; vielleicht wollte er sich auch nur selbst Mut zusprechen. Jedenfalls hatte auch er Grund, sich vor den Soldaten zu f�rchten; das immerhin war nun klar, und daher wussten Henri und Uthman, dass er nichts von ihrer Identit�t ahnte und auch nicht beabsichtigte, sie der Inquisition auszuliefern.</p><p>Er zuckte zusammen, als direkt �ber ihm eine M�we heiser aufschrie. Er blickte ihr nach in den blauen Himmel, dann l�chelte er pl�tzlich und ging ganz langsam, fast fr�hlich, in seine Kaj�te zur�ck.</p><p>Henri brach seine Erz�hlung ab. �Es beginnt zu d�mmern. Wir sollten jetzt den oberen Aufbau aufsuchen, wo sich die K�mpfer aufhalten. Die n�chsten Stunden k�nnten entscheidend werden. Und was die Mamelucken unter Androhung eines qualvollen Todes von mir verlangten, kann ich dir auch sp�ter berichten � wenn es ein Sp�ter noch gibt!�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>3</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Die Wachleute auf dem obersten Deckaufbau zeigten sich wenig �berrascht, als Henri und Uthman bei ihnen auftauchten. Sie hatten schon ihre Schritte auf der h�lzernen Leiter geh�rt, die nach oben f�hrte.</p><p>Henri bemerkte, dass die Wachen fr�hlich und keineswegs besorgt wirkten. Offenbar wollten sie ihn ja den k�niglichen Truppen nicht ausliefern. Warum sahen sie dann so vergn�gt zu den Wolken auf, w�hrend sich das Kriegsschiff allm�hlich ann�herte?</p><p>Uthman hatte angenommen, dass sich die Wachmannschaft des Schiffes von den anderen Matrosen unterschied, aber er sah sich get�uscht. Weder trugen sie besondere Kleidung, die sie den Piraten �hnlich sehen lie�, noch hielten sie Lanzen oder Schwerter bereit. In ihren G�rteln steckten Dolche und Messer � nicht andere, als Uthman selbst sie trug. Aber dann entdeckte er doch etwas Au�ergew�hnliches. Einer der Wachleute war ein M�dchen in einer einfachen Baumwollhose. Sie trug ein Leinenhemd und hatte ihre Haare unter einem Kopftuch verborgen, wie es Piraten zu tragen pflegten.</p><p>Einer der Wachleute, der sich Arturo nannte, bemerkte Uthmans Erstaunen. �Das M�dchen hier ist meine Beute. Bei dem letzten �berfall der Piraten habe ich sie geschnappt, als sie nicht schnell genug �ber die Bordwand auf das Kaperschiff zur�ckgesprungen ist. Ich musste sie erst z�hmen, aber jetzt kommen wir ganz gut miteinander aus: Ich habe sie w�hlen lassen, ob sie sich mir f�gen oder lieber einem Richter ausgeliefert werden wolle.� Er zog sie zu sich heran und biss ihr spielerisch in ein Ohrl�ppchen. Als das M�dchen fauchte wie eine Katze, gab er ihr einen leichten Backenstreich.</p><p>�Hattet ihr schon des �fteren �berf�lle von Piraten?�, erkundigte sich Henri.</p><p>Arturo starrte ihn verwundert an. �Wusstet Ihr nicht, dass das Mittelmeer schon immer deren bevorzugtes Jagdrevier gewesen ist?�</p><p>�Doch�, erwiderte Henri. �Aber ich dachte, dass die Macht der Piraten seit den Zeiten der R�mer l�ngst vor�ber sei. Denn ein ber�hmter R�mer mit Namen Pompeius soll mit Seer�ubern kurzen Prozess gemacht haben.�</p><p>Uthman wollte sich auch als Kenner der Piraterie im Mittelmeer zeigen. �Sogar Gaius Julius Caesar geriet in die Gefangenschaft der Seer�uber. Sie lie�en ihn erst gegen ein nicht geringes L�segeld frei.�</p><p>�So ist es bis heute geblieben�, sagte Arturo. �Aber Ihr glaubt doch wohl nicht, dass in den vielen Jahren seit dieser Zeit nicht auch andere auf die Idee gekommen w�ren, Schiffe zu �berfallen und L�segelder zu fordern? Das ist immerhin eine recht eintr�gliche Geldquelle!�</p><p>Henri �u�erte noch eine Sorge. �Dieses M�dchen hier k�nnte doch zu einer Gefahr werden. Denn vielleicht gibt sie Piratenschiffen Zeichen, wenn eine besonders kostbare Ladung an Bord ist.�</p><p>�Sie wird sich h�ten�, mischte sich jetzt auch noch der andere Wachmann ein. �Denn sie ist die Tochter eines Advokaten und mit dem Anf�hrer einer Seer�uberbande durchgebrannt. Sobald das Piratenschiff mit ihrem Geliebten in Sichtweite ist, halten wir ihr ein Messer an die Kehle. Wenn der Anf�hrer der Piraten seinen Schatz unversehrt zur�ckerhalten will, muss er wohl oder �bel auf jede andere Ware verzichten.�</p><p>�Der Advokat w�re sogar bereit, ein ansehnliches L�segeld f�r seine Tochter zu bezahlen. Aber sie weigert sich. Denn noch immer brennt die Liebe lichterloh.� Arturo lachte.</p><p>�Wie k�nnt ihr denn erkennen�, fragte Henri, �ob es sich um das Schiff ihres Liebhabers handelt? Es k�nnte ja dieses Schiff da sein!� Er fr�stelte, weil eine B�e ihn k�hl streifte. Verbl�fft sah er im Halbdunkel, dass der Abstand zu den Verfolgern betr�chtlich gr��er geworden war. Fast schon war das Kriegsschiff nicht mehr zu sehen.</p><p>�Der Pirat Valentino da Pisa ist nicht nur eitel, sondern auch auf seine Sicherheit bedacht. Je neuer der Schiffstyp, umso reichere Beute l�sst sich machen. Das ist bei den Piraten inzwischen eine Binsenweisheit. Valentino hat sich darum eine Schaluppe bauen lassen, einen Typ, den es noch nicht lange gibt. �brigens mit dem Gold, das die Tochter des Advokaten mitgebracht hatte. Keiner der Piraten hat es bisher zu einer solchen Schaluppe gebracht. Diese Schiffe sind au�ergew�hnlich wendig und haben nur einen geringen Tiefgang.�</p><p>Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Die Matrosen zogen die Segel ein und warfen einen Stockanker, der an einer schweren Eisenkette hing. Henri und Uthman holten sich ihre Essensration in der Kochkomb�se und gingen damit zur�ck an Deck.</p><p>�Hier k�nnen wir ungest�rter miteinander reden�, meinte Henri. �Ich glaube n�mlich, dass wir mit unseren Verd�chtigungen dem Kapit�n Unrecht tun. Mit den Franzosen jedenfalls hat er nichts zu schaffen, vor denen hat er selbst Furcht, und nicht uns will er statt einer Ware den Piraten anbieten, sondern dieses M�dchen, dessen Vater sehr verm�gend zu sein scheint.�</p><p>�Vielleicht gibt er uns noch als eine Dreingabe dazu�, sagte Uthman scherzhaft. Aber er hatte es nicht als Scherz gemeint.</p><p>Henri schaute in den umw�lkten Sternenhimmel. �Die Nacht scheint ruhig zu werden. Da, warum auch immer, das Kriegsschiff uns nicht mehr folgt, werde ich dir, wenn du nicht zu m�de bist, weiter von meinen Abenteuern in Jerusalem berichten.� Sie streckten sich auf den h�lzernen Planken aus und legten sich eine Taurolle unter den Kopf.</p><p>�Damals hatte ich es nicht so bequem wie jetzt�, begann Henri seinen Bericht. �Sie l�sten meine Ketten und stellten mich aufrecht in ein Erdloch. Einer ergriff den nun leeren Eimer und st�lpte ihn mir �ber den Kopf. �Wenn du nicht willst�, sagte er, �dass wir eine hungrige Ratte dazusetzen, die dir das Gesicht zerbei�t, dann rufe laut und deutlich: Ich tue alles, was ihr verlangt.� Du kannst dir denken, wie laut ich gerufen habe.�</p><p>Uthmans Stimme klang heiser vor Abscheu und Entsetzen. �Ich habe von dieser Foltermethode geh�rt. Bisher hat sie noch niemand �berlebt.�</p><p>�Auch ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen. Aber sie gaben mir noch eine �berlebenschance. �H�re jetzt genau zu!�, sagte der Mann mit dem Eimer. �Ich erkl�re dir nur einmal, was du zu tun hast.�</p><p>�Nimm mir den Eimer vom Kopf!�, rief ich von Furcht gepackt. �Ich kann dich ja sonst nicht verstehen.�</p><p>Er folgte meiner wirklich verzweifelten Aufforderung. Ich sah in mehrere grinsende Gesichter. Offenbar hielt er es f�r selbstverst�ndlich, dass ich von dem ber�hmten Mamelucken-Sultan Baibars geh�rt hatte. Ich wusste, dass er im Jahre 1270 Jerusalem erobert hatte. Aber ich wusste nicht, dass er sieben Jahre darauf gestorben war. Der Mann mit dem Eimer sch�umte vor Wut, als er mir berichtete, alle Mamelucken seien sich sicher, dass Baibars umgebracht worden sei.</p><p>Ich hatte keine Ahnung, wen sie verd�chtigten. Gewundert h�tte es mich ja nicht, weil Baibars selbst als Emir den damaligen Mamelucken-Sultan <emphasis>Qutuz</emphasis> umgebracht hatte. Ich war froh, dass man von mir keine Antwort erwartete. �Es waren die verfluchten Ismailiten�, schrie der Mann. �Das sollen sie b��en!� Nun hatte ich zwar davon geh�rt, dass die ismailitische Lehre als h�retisch galt, weil die Schiiten den Ali als einzig rechtm��igen Kalifen betrachten und sie trotz ihres kriegerischen Charakters ganz eigene Wege zu eurem Allah suchen, die im Wesentlichen auf der Grundlage von Versenkung und Nachsinnen beruhen. Von Baibars wurde diese Lehre jedenfalls hartn�ckig bek�mpft. Nichts Geringeres forderten sie von mir, dass ich den Anf�hrer der Ismailiten in Jerusalem ausfindig machen und ihnen ausliefern solle. Denn nach dem Mord an Sultan Baibars habe er sich nach Al-Qudz zur�ckgezogen.�</p><p>�Davon habe ich noch nie etwas geh�rt�, sagte Uthman.</p><p>�Mir schien das auch ein Hirngespinst zu sein. Aber ich musste auf die Wahnideen der Mamelucken eingehen. Darum sagte ich, dass auch wir Tempelritter die mystische Bedeutung von Zahlen und Buchstaben kennen w�rden. Auf diesem Umweg sei es mir wahrscheinlich m�glich, in den inneren Geheimzirkel der Ismailiten einzudringen. Ich k�nnte dann den Anf�hrer entf�hren und ihnen ausliefern. Der Mann mit dem Eimer lachte h�hnisch. Das genau sei der Grund, warum ihre Wahl auf mich gefallen sei.</p><p>Ich konnte mir die fanatische Verehrung Baibars nicht so recht erkl�ren. Nun gut, er hatte die Mosaiken an der Au�enfassade des Felsendoms von Jerusalem erneuern lassen. Aber Sultan <emphasis>Qalawun,</emphasis> sein Nachfolger, hatte mindestens so viel, wenn nicht mehr f�r die Bl�te Jerusalems getan. Diesen Eindruck gewann ich jedenfalls sp�ter.�</p><p>Uthman sah nachdenklich vor sich hin. �Baibars hat den mameluckischen Sklaven zur Freiheit verholfen, und das ist mehr als jedes architektonische Prachtwerk. Wann haben dich diese Wahnsinnigen denn freigelassen?�</p><p>�Kurz nachdem sie ihre Forderungen gestellt hatten, aber unter Drohungen, dass sie mich stets beobachten lie�en, wohin ich mich auch wenden w�rde. Meine einzigen Gedanken richteten sich von nun an darauf, wie ich ihrer Verfolgung entkommen k�nnte. Zum Abschied gaben sie mir, um meinen Eifer anzustacheln, noch einmal die Peitsche zu schmecken. Auf allen vieren kroch ich die Treppe aus dem Verlies hinauf ins Freie.�</p><p>�Sicher war dir dieses schmerzhafte Erlebnis eine gute Lehre. Denn ich kenne dich gar nicht so leichtsinnig�, sagte Uthman.</p><p>Henri nickte zustimmend. �Von dieser Stunde an bin ich niemals mehr undurchschaubaren Vorschl�gen gefolgt, die ich nicht sorgsam vorher gepr�ft habe. Ich hatte stets an das Gute im Menschen geglaubt. Aber ich musste mich leidvoll eines Besseren belehren lassen. Seit dieser Zeit habe ich auch ein untr�gliches Gef�hl f�r einen drohenden Hinterhalt entwickelt. Aber leider habe ich gleichzeitig die absolute Notwendigkeit abgelegt, stets und wo auch immer die zehn Gebote zu erf�llen, die Moses uns von unserem Herrn �berbracht hat.�</p><p>�Das kann ich mir kaum vorstellen�, bezweifelte Uthman.</p><p>�Doch, als erstes missachtete ich das Gebot: Du sollst nicht stehlen! Drau�en, hinter dem Wachturm, befand sich zwischen den Tr�mmern ein kleines St�ck Grasland. Dort weideten die Pferde der Mamelucken. Wie sollte ich ohne Reittier nach Jerusalem kommen? Vielleicht <emphasis>per pedes apostolorum,</emphasis> wie wir Templer das scherzhaft nannten. Ich legte mich zun�chst hinter einen Felsbrocken, teils, um mich notd�rftig zu erholen, teils, um abzuwarten, ob einer der Mamelucken auftauchen w�rde. Aber niemand zeigte sich. Zu meiner Ausbildung bei den Templern geh�rte auch die F�higkeit, ohne Sattel und Zaumzeug zu reiten. Ich traf keine gro�e Auswahl, sondern sprang auf den R�cken einer Stute, die mir am n�chsten stand. Als ich davongaloppierte, sp�rte ich sogleich, dass zwischen dem Pferd und mir eine Beziehung bestand, die es mir leicht machen w�rde, Verfolger abzusch�tteln und Jerusalem zu erreichen.�</p><p>�Not kennt kein Gebot�, deklamierte Uthman und billigte mit diesem Ausspruch den Diebstahl.</p><empty-line/><empty-line/><p>Sie hatten sich ein Lager an Deck bereitet, um den Sternenhimmel und den zunehmenden Halbmond zu betrachten, der sich silbern im bleischwarzen Meer spiegelte. Aber gegen zwei Uhr in der Nacht wachten sie von einem heftigen Knall auf. Ein Windsto� war in die Takelage gefahren und hatte das Segel wie einen offenen Sack aufgebl�ht. Weder der Mond noch die Sterne waren zu sehen � �ber ihnen w�lbte sich ein undurchdringlich schwarzer Nachthimmel, der sich immer tiefer neigte, um sich dann wie ein riesiges Tuch �ber das Schiff zu breiten. In der Ferne zuckten grelle Blitze am Horizont, und das Grollen des Donners r�ckte von Mal zu Mal n�her. Noch war kein Tropfen Regen gefallen, aber hohe Wellen rollten mit Get�se heran und spritzten ihre Gischt auf das Deck, das sich seitw�rts geneigt hatte.</p><p>�Komm mit in die Unterkunft!�, rief Henri. Aber sie hatten noch nicht den Zugang zum Deckaufbau erreicht, als ein prasselnder Regen auf die herabst�rzte und in Sekundenschnelle durchn�sste. Daran w�re auch nichts zu �ndern gewesen, wenn sie die Unterkunft eher erreicht h�tten. Denn im Inneren stand das Wasser schon bald kn�cheltief. In dem schmutzigen lehmgelben Wasser, das der Sturm vom Untergrund des Meeres nach oben gesp�lt hatte, schwammen N�pfe und zerbrochenes Geschirr.</p><p>Jetzt verstanden Henri und Uthman, warum der Kapit�n pl�tzlich so unbesorgt gewesen war. Als erfahrener Seemann hatte er beim Blick in den Himmel die Zeichen des kommenden Sturmes wohl erkannt und gewusst, dass das schwerf�llige franz�sische Schiff s�mtliche Segel einholen musste, wollte es nicht Gefahr laufen, in dem Gewitter unterzugehen. Ernesto di Vidalcosta konnte sich ausrechnen, dass man seine Kogge weder �berholen noch entern w�rde. Der Sturm hatte Henri und Uthman das Leben gerettet. Beide schickten einen stillen Dank an ihren Gott. Welche Gefahren lauerten noch auf sie? Was, wenn der Kapit�n tats�chlich mit den Piraten unter einer Decke steckte und ganz eigene Gr�nde hatte, die Truppen des K�nigs zu f�rchten?</p><p>Die Matrosen hatten ihre Unterkunft verlassen und versuchten mit allen Kr�ften, am Reff die Segelfl�che zu verkleinern, um dem Wind weniger Angriffsfl�che zu bieten. Zu sp�t! Eine Sturmb�e fegte �ber das Meer heran und zerriss mit gewaltigem Zischen das Tuch aus Hanf und Baumwolle. Der Mast neigte sich bis auf die Meeresoberfl�che. Noch hielt er stand, aber ein Ger�usch des Berstens w�re ohnehin nicht h�rbar gewesen. Denn das Gewitter war n�her ger�ckt, und ein Donnerschlag folgte auf den anderen. Einige Matrosen hatten sich darangemacht, Wasser aus dem Rumpf zu sch�pfen, um die Schieflage der Kogge einigerma�en aufzuheben.</p><p>Jetzt tobten die Elemente. Schwere schwarze Regenwolken rasten �ber den Himmel, Blitze zerrissen die Finsternis. Es donnerte, und der wilde Wind br�llte. Das Schiff �chzte und schwankte, wurde von den Wogen in die H�he gestemmt und fiel gleich darauf in ein tiefes Wellental. �berall war Wasser � von oben peitschte es herab, von den Seiten schwappte es ins Schiff, von unten dr�ckte es durch die Planken. In das Donnern und Br�llen, in die harten Rufe der Seeleute und das be�ngstigende Flattern der von B�en ger�ttelten Segelreste mischte sich das Kreischen der M�wen, die aufgeregt um die Masten kreisten. Wie wei�e Gespenster leuchteten sie grell auf, wenn es blitzte. Durch Wolkenfetzen schien immer wieder der fahle Mond.</p><p>�Verfluchtes Meer!�, schrie Uthman zornig gegen den L�rm des Sturms an. �Warum sind wir nicht an Land geblieben?� Noch war das letzte Wort dieser Verw�nschung nicht gesprochen, als, zusammen mit einem ohrenbet�ubenden Donnerschlag, ein berstendes und splitterndes Ger�usch ert�nte.</p><p>�Der Mast!� rief Uthman laut. �Wie sollen wir ohne Segel und Mast jemals nach Menorca kommen?� Er erhielt keine Antwort. Ein Matrose st�rzte mit einer Axt in der Hand in die Unterkunft. �Wir mussten den Mast f�llen!�, rief er laut. �Sonst w�ren wir gekentert.�</p><p>Es war nicht abzusehen, ob die Seeleute mit dieser Ma�nahme vielleicht voreilig gehandelt hatten. Denn in der Morgenfr�he verzogen sich Sturm und Gewitter ebenso schnell, wie sie herangekommen waren. Nur die Wellen blieben noch mehrere Stunden meterhoch, sodass die Matrosen den Landratten dringend davon abrieten, auf das Deck zu kommen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, �ber Bord gesp�lt zu werden.</p><p>Erst am n�chsten Morgen lie� sich das vollkommene Bild der Zerst�rung erkennen. Der Sturm hatte das Segeltuch mit sich gerissen, und der Mast war, trotz der verzweifelten Bem�hungen der Matrosen, �ber Bord gesp�lt worden. Man m�sse noch froh sein, erkl�rten die Seeleute, dass der Mast nicht gegen die Bordwand geschleudert worden sei. Denn dort h�tte er mit Sicherheit ein Leck geschlagen.</p><p>Gegen Mittag waren die Wellen so niedrig, dass der Kapit�n den Entschluss fasste, die Mannschaft an die Ruder zu befehlen. Er hatte zuvor die Seekarte studiert und festgestellt, dass es m�glich sein m�sste, in einigen Stunden eine Bucht zu erreichen.</p><p>�Es handelt sich um mehrere kleine Felseilande, die Pityusen oder Pinieninseln. Die Karte merkt an, dass sie sehr schroffe und steile Ufer haben. Falls eine der Inseln bewaldet ist, werden wir einen geeigneten Baum f�r einen neuen Mast f�llen.�</p><p>�Und ein Segel? Wo sollen wir das herbringen?�, fragte Uthman, der �ber den Kapit�n ziemlich aufgebracht war.</p><p>�Im Rumpf unserer Kogge lagert f�r solche F�lle immer ein Ballen Baumwolle, aus dem wir ein Ersatzsegel anfertigen k�nnen. Meine Matrosen sind in dieser Arbeit sehr ge�bt. Zuvor muss indes die Baumwolle trocknen.� Uthman enthielt sich jeder weiteren Meinungs�u�erung. �Vielleicht w�re es nicht dumm�, sagte er zu Henri, nachdem der Kapit�n weggegangen war, um seine Befehle zu erteilen, �wenn wir den Matrosen f�r ihre zus�tzliche Arbeit Geld zustecken w�rden. Ich m�chte nicht, dass sie uns als unn�tigen Ballast auf der Insel zur�cklassen. Au�erdem kenne ich die Pityussai von B�chern her�, f�gte er fl�sternd hinzu. �Mag sein, dass wir an einem unbewohnten Inselchen ankommen, aber insgesamt sind es nicht mehr als vier, f�nf Eilande, und zwei davon, Ibosim und Frumentaria, sind gro� genug, um auf jeden Fall bewaldet zu sein, und sie sind ganz sicher bewohnt. Soweit ich wei� oder soweit meine B�cher das wussten, geh�rten sie bis vor kurzem uns Arabern. Vielleicht ist das noch so, auf jeden Fall aber t�ten die strengen Herrscher jeden Christen. Der Kapit�n l�gt uns an!�</p><p>�Vielleicht w�re es dann tats�chlich besser�, meinte Henri, �wenn wir unsere Hilfe anbieten. Das Trocknen der Baumwolle kann doch nicht so schwer sein. Und je schneller wir nach Menorca kommen und von diesem Schiff gehen k�nnen, desto besser f�r uns.�</p><p>Inzwischen hatten sich die Wolken verzogen. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel, und die Ruderer schwitzten und fluchten. Erst nach mehreren Stunden erreichten sie die Bucht, die der Kapit�n auf der Karte ausfindig gemacht hatte. Der w�rzige Geruch von Str�uchern stieg ihnen in die Nase. Auf der kleinen Insel gab es kein Hinterland, und in dem niedrigen Gestr�pp boten sich nur wenige B�ume an, um daraus einen Mast zu zimmern. Am Horizont sahen sie zwei gro�e Inseln als blasse Silhouetten.</p><p>Der Kapit�n g�nnte seinen Leuten keine Ruhe. �An die Arbeit, M�nner!�, rief er barsch und befahl einem Matrosen, die �xte aus der Ger�tekammer zu holen. Vier von ihnen hievten den nassen Baumwollballen aus dem Schiffsrumpf an Deck und warfen ihn m�glichst weit in Ufern�he ins Wasser. Mit M�he rollten sie das triefende Tuch auf den nassen Sand.</p><p>Henri betrachtete den Ballen. �Es wird nicht leicht sein, das nasse Tuch auseinander zu rollen. Wir helfen gern.�</p><p>Die Seeleute machten Gesichter, als ob sie ausdr�cken wollten, dass sie auf diese Hilfe verzichten k�nnten. Wahrscheinlich w�rden diese beiden doch nur im Weg herumstehen. Aber der Kapit�n nahm das Angebot ohne Z�gern an. Er lie� sogar die f�rmliche Anrede fallen und ging zum Du �ber, als ob Henri und Uthman zu seiner Mannschaft geh�rten. �Rollt den Ballen auf und h�ngt ihn st�ckweise an die �ste der wenigen B�ume hier. Wenn ihr euch geschickt anstellt, m�sste sich auf diese Weise der Ballen l�sen lassen.�</p><p>Uthman beobachtete, dass die Matrosen grinsten. Sie w�rden sich wundern! Er dachte an die �berfahrt von Antiochia nach Zypern. Damals hatte ihn der Kapit�n r�cksichtslos an Bord arbeiten lassen. Nur Henris emp�rtem Eingreifen hatte er es damals zu verdanken, dass er nicht auch noch f�r eine schlechte Arbeit mit Schl�gen bestraft worden war. �Also, packen wir es an!�, ermunterte er Henri, der sich das nicht zweimal sagen lie�.</p><p>Ab und zu unterbrachen die Matrosen ihre Arbeit und lie�en die �xte sinken. Sie hatten schon �fter G�ste an Bord gehabt: den Besitzer der Olivenb�ume, den Inhaber der �lpresse oder den Eigent�mer der Lagerhallen. Aber keiner dieser feinen Herren hatte jemals einen Finger krumm gemacht. Diese beiden aber standen den Seeleuten an Kraft und Geschicklichkeit nicht nach. Das waren ja wahre Arbeitstiere.</p><p>Der Kapit�n hatte erlaubt, dass sie alle zum Schlafen an Bord zur�ckkehren durften. Denn die Sonne hatte die h�lzernen Aufbauten weitgehend getrocknet. Der Wachmannschaft hatte er befohlen, die Unterk�nfte aufzur�umen. Denn er wollte, dass sie bewaffnet an Bord blieben, um an diesem unbekannten Gestade nach verd�chtigen Bewegungen Ausschau zu halten.</p><p>Als die Matrosen ihre �xte beiseite legten, weil einer der St�mme ungef�hr die Form eines Mastes angenommen hatte, hing die Baumwolle ausgebreitet an den �sten der Uferb�ume. Der Kapit�n nickte seinen G�sten zu und forderte sie auf, an der abendlichen Mahlzeit teilzunehmen. Das war wohl das h�chste Lob, das er ihnen zukommen lassen konnte. Uthman erlaubte sich daraufhin, mehr als die ihm zustehende Ration zu sich zu nehmen, w�hrend Henri auf einen Teil seiner Ration verzichtete.</p><p>�Morgen wartet viel Arbeit auf uns�, mahnte Henri. �Wir werden unseren Schlaf brauchen. Du wirst zu m�de sein, um die Fortsetzung meiner Geschichte zu h�ren, und ich bin heute nicht mehr f�hig, lebhaft von meinem Ritt nach Jerusalem zu erz�hlen.�</p><p>�Einverstanden�, murmelte Uthman, ehe ihm die Augen zufielen. Noch war ihre Zukunft ungewiss, aber sie waren � f�rs erste � immerhin in Sicherheit.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Die Baumwolle war �ber Nacht getrocknet. Henri und Uthman machten sich an die Arbeit, ein Segeltuch auf die vorgeschriebene Gr��e zu schneiden. Der Kapit�n blieb neben ihnen stehen und sah ihnen wortlos zu. Er hielt die H�nde auf dem R�cken verschr�nkt und warf ab und zu einen Blick auf die Matrosen, die den Versuch unternahmen, den Mast aufzurichten.</p><p>�Verfluchte Dreckskerle! Elende Versager!�, rief pl�tzlich der Steuermann voller Wut. �Wer von euch hat diese St�mperei veranstaltet?� Unter den Matrosen erhob sich Geschrei. Denn nat�rlich wollte keiner f�r das falsche Ma� verantwortlich sein.</p><p>�Sebastiano, dieser Idiot, hat die Axt falsch angesetzt!�</p><p>�Was sagst du da? Soll ich dir das Maul stopfen?�</p><p>�Wer hat denn den Stamm ausgesucht? War das nicht Matteo, der doch zu gar nichts taugt?�</p><p>�Ich, wie kannst du so etwas behaupten, sporca canaglia?�</p><p>�Wer hat denn dem Koch eine Axt in die Hand gegeben? Der kann ja nicht einmal eine Bohnensuppe kochen!�</p><p>�Va fai in culo!�, erwiderte der italienische Koch und machte eine entsprechende Geste.</p><p>Als die ersten Messer in der aufgehenden Sonne blitzten, sprang der Kapit�n erstaunlich beh�nde zwischen die Streith�hne. Er schwang seinen Stock mit der elfenbeinernen Kr�cke, den er zum Zeichen seiner W�rde immer bei sich trug. Die Schl�ge prasselten auf alle K�pfe, ob sie nun zu den Streitenden geh�rten oder nicht.</p><p>�An die Arbeit, verdammte Bagage! Noch heute Abend will ich auf Deck einen neuen Mast sehen. Wehe dem, der sich eine Nachl�ssigkeit zuschulden kommen l�sst. Ich werde ihn f�r den Rest der Fahrt in den Block schlie�en. Morgen fr�h stechen wir in See. Der Wind steht g�nstig.�</p><p>Die Matrosen eilten im Laufschritt dem Wald zu und suchten nach mehreren erregten Debatten einen Stamm aus, der ihnen passend erschien. Ernesto di Vidalcosta n�herte sich gemessenen Schrittes mit hoch erhobenem Haupt Henri und Uthman. �So muss man leider mit diesen M�nnern umgehen�, sagte er wie zu seiner Entschuldigung. �Jetzt werde ich auch unter dem Wachpersonal Ordnung schaffen m�ssen. Wie mir Arturo sagte, ist euch nicht entgangen, dass wir eine Frau an Bord haben. Das bringt Ungl�ck. Ich werde sie in die K�che schicken.� Nach einigem Z�gern watete er durch das niedrige Wasser und benutzte die Strickleiter, um an Bord zu gelangen.</p><p>Die beiden sahen hinter ihm her und bestaunten die Geschicklichkeit, mit der er sich an der Strickleiter hochzog. �Das macht der nicht zum ersten Mal�, meinte Henri. �Ob er nicht doch Abmachungen mit den Piraten getroffen hat? Warum schickt er das M�dchen in die K�che? Doch sicher, um sie besser unter Aufsicht zu haben.�</p><p>Uthman bezweifelte die Kochkunst der reichen Advokatentochter. �Als Seer�uberbraut versteht sie wahrscheinlich etwas vom Segelsetzen. Aber einen Kochl�ffel hat dieses M�dchen bestimmt noch nie in der Hand gehabt.�</p><p>�Schlimmer als bisher kann es nicht werden�, tr�stete ihn Henri.</p><p>Noch vor Eintritt der D�mmerung ragte der Mast kerzengerade in den Himmel. Die Abendsonne spendete gerade gen�gend Licht, um die Segel zu setzen. Von keiner Seite hatte es eine Beanstandung gegeben. Der Kapit�n hatte beif�llig genickt, als die Arbeit des Zurrens reibungslos vonstatten ging. Als besondere Verg�nstigung hatte er Henri und Uthman zum Abendmahl gebeten, das er in der Kapit�nskaj�te f�r sich und seine G�ste auftragen lie�.</p><p>Das Gericht erwies sich leider als v�llig ungenie�bar. Uthman w�rgte an dem gesalzenen Fisch, der ungekocht geblieben war. Henri, der nicht unh�flich erscheinen wollte, kaute auf den trockenen Bohnen herum, die ihm im Halse stecken blieben und ihn zum W�rgen brachten. Aus der Unterkunft der Matrosen ert�nte w�tendes Geschrei. �Arturo, gib deiner Schlampe eine Tracht Pr�gel!�, ert�nte die Stimme des Steuermanns. Aber die anderen waren f�r eine Strafe, die ihnen selbst Vergn�gen bereiten k�nnte. �Liefere sie uns aus! Wir werden es ihr schon zeigen!�</p><p>Der Kapit�n fand erneut einen Anlass, um einzuschreiten, ehe es zu �bergriffen auf das M�dchen kam. �Man schaffe mir Brunella her!�, br�llte er zornig. Seine Stirnadern waren geschwollen, denn er f�hlte sich vor seinen G�sten blo�gestellt. Arturo, der seine Geliebte nur mit M�he vor den w�tenden Seeleuten in Sicherheit gebracht hatte, zerrte Brunella vor den Kapit�n, der sich erhob und dem M�dchen zwei kr�ftige Ohrfeigen verpasste.</p><p>Heulend warf sich Brunella vor ihm auf die Knie. �Schlagt mich nicht, Herr! Niemand hat mich in der Kunst des Kochens unterwiesen.�</p><p>Uthman bef�rchtete, dass der Kapit�n das M�dchen mit seinem Stock traktieren w�rde. �So schlecht war das Essen doch gar nicht. Mir hat es geschmeckt.� Die L�ge ging ihm glatt von den Lippen.</p><p>Der Kapit�n drehte sich zu ihm um und sah ihn verdutzt an. �Aus welchem Lande stammt denn ihr, wo man Gerichte zu sich nimmt, die wir nicht einmal einem Hund vorwerfen w�rden?�</p><p>Henri, der nicht wollte, dass sich Uthman vor dem streng katholischen Kapit�n zum Islam bekannte, mischte sich ein. �Mein Freund wurde fr�h von seiner Familie getrennt und musste mit dem vorlieb nehmen, was Fremde ihm vorsetzten.�</p><p>Uthman blitzte ihn aus funkelnden Augen an. Sp�ter w�rde Uthman ihn zur Rede stellen, warum er seine muslimische Familie verschweigen musste. Mit Sicherheit w�rde er dies als ehrenr�hrig und besch�mend empfinden.</p><p>Aber die Situation schien mit dieser Notl�ge bereinigt. Ernesto di Vidalcosta hatte sich beruhigt und wandte sich Arturo zu. �Nimm das M�dchen mit dir auf den Wachturm! Dort kannst du mit ihr machen, was du willst. Wenn du eine Tracht Pr�gel f�r angebracht h�ltst, dann schlage kr�ftig zu! Wenn du es ihr aber auf andere Art geben willst, dann sei auch nicht zu zahm!� Der Kapit�n lachte zufrieden �ber seine eigene spa�hafte Bemerkung.</p><p>Das M�dchen warf Uthman einen dankbaren Blick zu, den er mit einem L�cheln erwiderte. Bei allen Heiligen, dachte Henri, geht das schon wieder los mit den Weibergeschichten?</p><p>�Morgen soll der Koch uns wieder eine genie�bare Mahlzeit vorsetzen!�, rief der Kapit�n dem eilends entschwindenden P�rchen nach. �Und sorge daf�r, dass er uns f�r heute eine Flasche von dem guten andalusischen Wein bringt. Das wird die Herren f�r die entgangenen Gen�sse entsch�digen.�</p><p>Die beiden wagten nicht, den Genuss des Weines zu verweigern, denn sie wollten mit einer Ablehnung nicht erneut den Zorn des Kapit�ns hervorrufen. Es blieb jedoch nicht bei dem einen Glas. Obwohl Uthman den Wein immer wieder ausspuckte, wenn er sich unbeobachtet f�hlte, um ja nichts herunterzuschlucken, f�hlten sie sich leicht schwindelig, als sie sich lange nach Mitternacht ein Lager auf den Planken des Decks bereiteten.</p><p>Uthman lie� sich fallen. �Wenn unserem Imam diese Ausschweifung zu Ohren gekommen w�re, h�tte man mich f�r die �bertretung der Gesetze des Heiligen Korans zur Verantwortung gezogen. F�nfzig Peitschenhiebe w�ren mir sicher gewesen.�</p><p>�Gar so schlimm w�re es mir nicht ergangen�, bekannte Henri. �Es gab Vergehen, die als sehr viel strafw�rdiger galten: zum Beispiel der Verlust des Ordensgewandes oder auch Veruntreuung von Ordensg�tern, vor allem aber auch das T�ten christlicher Kaufleute. Vergehen dieser Art wurden durch die Justiz der Templer verurteilt. Die Strafe bestand darin, dass die Verurteilten durch die Stra�en gepeitscht wurden und dabei immerzu schreien mussten: Sehet hier die Gerechtigkeit, die das Haus an diesen b�sen M�nnern �bt. Je nach der Schwere des Falls wurden sie danach lebensl�nglich in das Verlies der Pilgerburg geworfen.�</p><p>�Schrecklich�, seufzte Uthman. �Da ziehe ich die Bastonade vor, obwohl sie eigentlich in diesem Fall gar nicht sein d�rfte. In der Sure An-Nahl, die Biene, im 69. Zeichen, wird Alkohol noch als bek�mmlicher und heilender Trank bezeichnet. Es war nur verboten, betrunken zum Gebet zu gehen. Dann hie� es, dass Alkohol nutzen oder auch schaden k�nne. Erst sp�ter, in der Sure Al-M�edah, der Tisch, im 90. Zeichen, wurde dann der Alkohol als Werk des Satans verdammt, der die Gl�ubigen von ihren religi�sen Pflichten ablenken will. Unsere Gelehrten glauben, dass Gott so im Anfang den Ungl�ubigen die Annahme des wahren Glaubens erleichtern wollte, sp�ter dann, als ihr Wissen um Gott gefestigt war, wurden seine Gebote strenger.�</p><p>�Vielleicht aber treffen alle Gebote zu�, gab Henri ein abschlie�endes Urteil ab. �Jeder muss das f�r sich selbst entscheiden.�</p><p>Nach einem tiefen Schlaf, der von wirren Tr�umen beschwert war, wurden sie von lauten Kommandot�nen geweckt. Der Steuermann scheuchte die Matrosen in die Takelage, um das Schiff zum Aussegeln vorzubereiten. Der Kapit�n kam mit verquollenen Augen aus seiner Kaj�te an Deck. Nachdem Henri und Uthman gegangen waren, hatte er sich offensichtlich noch eine zweite Flasche von diesem vorz�glichen andalusischen Wein genehmigt.</p><p>�Warum sind wir noch nicht ausgelaufen?�, schnauzte er seinen Steuermann an, der sich zu Unrecht beschuldigt f�hlte. �Weil das Recht vorschreibt, dass nur der Kapit�n den Befehl zum Auslaufen erteilen kann�, rechtfertigte der sich.</p><p>�Dann erteile ich hiermit den Befehl. Bummelt nicht unn�tig herum!�</p><p>Wenige Minuten sp�ter lag die Kogge unter dem Wind. Die Segel bl�hten sich, die Unterkante des Kiels pfl�gte sich leicht durch die Wellen, die unabl�ssig an den Bordw�nden vor�berrauschten. Am Himmel war kein W�lkchen zu sehen, und die Matrosen begannen zu singen. Jeder an Bord war froh, dieses Unwetter �berstanden zu haben.</p><p>Henri und Uthman hatten sich im Achtersteven niedergelassen. �Heute ist der richtige Tag, von deiner Ankunft in Jerusalem zu erz�hlen�, sagte Uthman. �Ich hoffe, dass es keine weiteren St�rungen gibt.�</p><p>Aber die erste St�rung verursachte Matteo, dem stets nach r�den Scherzen zumute war. Er hatte die beiden hinter den Aufbauten entdeckt und kam grinsend n�her. �Was habt ihr und der Kapit�n in der vergangenen Nacht denn mit der armen Brunella gemacht? Ich konnte gar nicht schlafen, weil ich sie immerzu weinen h�rte.�</p><p>�Nichts!�, antwortete Uthman kurz angebunden. Er �rgerte sich, dass mit dieser dummen Frage Henris Erz�hlung verz�gert wurde.</p><p>Matteo gab keine Ruhe. �Es k�nnte doch sein, dass Arturo die Piratenschlampe an euch weitergereicht hat.�</p><p>Uthman erhob sich. Er �berragte den Matrosen um Hauptesl�nge. �Verschwinde, oder ich werde dir Beine machen!�</p><p>�Warum verstehst du keinen Spa�?�, fragte Matteo mit kl�glicher Stimme. �Wenn ihr Brunella nicht zum Weinen gebracht habt, dann wird es ihr Arturo selbst besorgt haben. Schade! Ich hatte gehofft, dass man sich diese Piratenhure ab und zu ausleihen k�nnte.�</p><p>Uthman versetzte dem aufdringlichen Matrosen einen Tritt, der ihn bis zum Mast schleuderte. �Lass dich hier nicht mehr sehen, sonst k�nnte ich dich ein paar Meter h�her bef�rdern.�</p><p>Matteo machte eine obsz�ne Handbewegung und verschwand in der Mannschaftsunterkunft. Henri sch�ttelte den Kopf. �Hoffentlich haben wir uns da keinen zum Feind gemacht. Das k�nnen wir absolut nicht gebrauchen.�</p><p>�Keine Sorge�, erwiderte Uthman. �Mit Leuten dieser Art muss man r�cksichtslos umspringen. Eine andere Sprache verstehen sie nicht. Aber nun beginne bitte mit deiner Erz�hlung!�</p><p>�Ich war also den H�schern in Haifa entkommen. Aber ich nahm mir Zeit f�r meinen Ritt nach Jerusalem�, begann Henri. �Ab und zu hielt ich an, suchte ein Versteck und beobachtete die Richtung, aus der ich gekommen war. Aber niemand folgte mir. Nach und nach f�hlte ich mich sicherer und bezweifelte, dass meine Entf�hrung etwas mit den Ismailiten zu tun haben k�nnte. Eher handelte es sich doch wohl um einen Racheakt, der sich auf meinen unbarmherzigen Kampf in Akkon bezog.</p><p>Als ich dann Jerusalem, die Heilige Stadt, vor mir liegen sah, sprang ich vom Pferd und kniete nieder. Dies war der Augenblick, in dem ich Louis verzieh, dass er mich an die ehemaligen Wirkungsst�tten der Kreuzritter zur�ckgelockt hatte.</p><p>Ich f�hrte meine Stute am Z�gel und wandelte gleich einem Tr�umer durch diese Stadt. Wie ein gl�nzendes Juwel zog mich das neue Dach der al-Aksa-Moschee an, das Sultan Qualawun in Auftrag gegeben hatte. �berw�ltigt stand ich auf der gro�en Terrasse, die sich rings um den Felsendom zog. Mit beiden H�nden sch�pfte ich das kristallklare Wasser aus dem Brunnen, und ich lie� mich im Schatten der Arkaden an der Westseite des Tempelberges nieder.</p><p>Bis zu diesem Tag hatte ich nicht gewusst, dass es in Jerusalem zahlreiche Medressen gab, in denen euer koranisches Recht gelehrt wurde, dass unter der Herrschaft der Sultane B�der und M�rkte, Brunnen und Kan�le f�r die Wasserversorgung entstanden waren. Jerusalem war zu einer Stadt eures Propheten geworden, und an diesem Tag h�tte man bei all dieser Pracht vergessen k�nnen, dass Jesus Christus hier gelebt und gelitten hatte.</p><p>Zu meinem Erstaunen stie� ich auf eine Synagoge, die sich <emphasis>Ramban</emphasis> nannte. Ein Jude, mit dem ich ins Gespr�ch kam, sagte mir, dass die allerdings kleine j�dische Gemeinschaft unter besonderen Auflagen sogar Grundeigentum besitzen und Handel treiben d�rfe.</p><p>�Gilt das auch f�r die Christen?�, fragte ich. �Leben sie in einem besonderen Viertel? Wo k�nnte ich sie finden?�</p><p>�Die Christen m�ssen zwar Abgaben zahlen, und zwar nicht zu knapp, aber ansonsten l�sst man sie weitgehend in Ruhe, jedenfalls vorl�ufig. Man kann ja nie wissen, ob pl�tzlich ein Stimmungsumschwung entsteht. Das h�ngt von dem jeweiligen Herrscher ab.�</p><p>Ich begab mich zu den Pilgerst�tten, die es angeblich immer noch geben sollte, �Bist du ein Christ?�, wandte ich mich an einen Mann, der bewundernd die Mosaiken an der Au�enfassade des Felsendoms betrachtete. Er nickte und sah sich nach allen Seiten um, ehe er mir antwortete. �Es gibt immer noch Christen in Jerusalem. Aber die Pilger werden gezwungen, sich gegen eine Geb�hr von mameluckischen Dolmetschern begleiten zu lassen. Angeblich sollen diese auch als Geleitschutz wirken. Dar�ber magst du denken, wie du magst.�</p><p>Er betrachtete mich von oben bis unten, ob er mir vertrauen k�nne. Mit meiner zerrissenen Kleidung und meinem zerschlagenen Gesicht sah ich wie ein Stra�enr�uber und nicht wie eine vertrauensw�rdige Gestalt aus.</p><p>Der Pilger wandte sich schon zum Gehen. Ich f�rchtete, dass er eine mameluckische Ordnungsmacht rufen w�rde. Aber pl�tzlich wandte er sich zur�ck und fl�sterte mir zu: �Man hat den Franziskanern seit Jahren versprochen, dass sie auf dem Berg Zion ein Kloster errichten d�rften. Einige M�nche, allerdings nicht in ihrer Ordenstracht, haben sich dort niedergelassen, um f�r ihre Sache zu k�mpfen. Dort k�nntest du Auskunft erhalten.�</p><p>Ich folgte seinem Rat, obwohl ich den Verdacht hegte, dass unsere Unterhaltung beobachtet worden war. Einer der Mamelucken, die am Felsendom f�r Ordnung sorgten, l�ste sich aus dem Schatten der Arkaden und n�herte sich mir. Ob das einer der Beobachter war, die man mir im Verlies von Akkon angedroht hatte? Ehe er ein Pferd satteln konnte, sprang ich auf den R�cken meiner Stute und galoppierte davon. Ich hoffte, dass man den Pilger nicht festnehmen und unter Folter dazu bringen w�rde, den Inhalt unseres Gespr�ches zu verraten.�</p><p>�Entsprachen denn seine Ausk�nfte der Wahrheit?�, fragte Uthman. �Oder bist du wieder in eine Falle gegangen? Warum hast du nicht schleunigst Jerusalem verlassen?�</p><p>�Nein, als Falle konnte man es eigentlich nicht bezeichnen, obwohl der Besuch bei den Franziskanern zu unerwarteten Verwicklungen f�hrte. Die Beantwortung deiner zweiten Frage ist schwieriger. Jerusalem, mit seiner wechselvollen Geschichte, �bt eine Faszination aus, die ich dir mit Worten nicht beschreiben kann. Freiwillig wird wohl niemand die Heilige Stadt verlassen.�</p><p>Zu Henris Erstaunen verzichtete der immer hungrige Uthman darauf, seine Essensration in der Kochkomb�se abzuholen. Das Mittelmeer breitete sich fast wie ein See vor ihnen aus. Nichts erinnerte mehr an den vergangenen f�rchterlichen Sturm. Die Kogge bewegte sich ruhig durch die flachen Wellen. Ab und zu machten sich einige Matrosen am Reff zu schaffen, um die Segelfl�che zu vergr��ern oder zu verkleinern. Sie verstanden ihr Handwerk, denn der wechselnde Wind fand immer die richtige Angriffsfl�che.</p><p>Uthman hielt ein Eigenlob f�r berechtigt. �Unser Segel tut gute Dienste. Ohne uns s��en wir immer noch in der Bucht fest.�</p><p>Die Mittagssonne brachte das Meer zum Glitzern, sodass sie ihre Augen schlie�en mussten. Am liebsten h�tten sie es wie die Matrosen gemacht, die mit nacktem Oberk�rper in der Takelage arbeiteten. Aber Henri f�rchtete, dass man die Spuren der vergangenen Folter an seinem K�rper entdecken k�nnte. Uthman, der beobachtet hatte, dass der Kapit�n ein Hemd trug, hielt es f�r angebracht, ebenfalls w�rdig aufzutreten. Auch Muhammad, der Gesandte Allahs, hatte sich niemals nackt gezeigt. Nicht einmal in der gluthei�en W�ste.</p><p>Sie suchten sich einen Schattenplatz, wo die Hitze durch einen leichten Windhauch gemildert wurde. �Erz�hle weiter!�, bat Uthman. �Wie ist es dir bei den Franziskanern ergangen?�</p><p>�Nach meinen schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit wollte ich kein Risiko eingehen. So benutzte ich nicht den bequemen Reitweg, der sich in Serpentinen nach oben schl�ngelte, sondern einen mit Gestr�pp bewachsenen Pfad, von dem aus ich jede Biegung einsehen konnte. Meine Vorsicht erwies sich als unbegr�ndet. Niemand folgte mir oder kam mir von oben entgegen, um mir den Weg zu versperren. Nicht einmal die Franziskaner hatten mich vom Gipfel aus bemerkt.�</p><p>�Das h�rt sich gut an�, meinte Uthman.</p><p>�Der Empfang war allerdings sehr merkw�rdig�, fuhr Henri fort. �Die M�nche hatten sich aus Felsgestein eine notd�rftige Unterkunft gebaut. Von dem Beginn eines Klosterbaus war nichts zu bemerken. Sie sa�en um eine Feuerstelle, auf der sie sich eine gr�nlich aussehende Suppe gekocht hatten. Obwohl ich mich als ehemaliger Kreuzritter zu erkennen gegeben und die bei den Templern �blichen Gru�worte gesprochen hatte, luden sie mich nicht ein, an ihrem kargen Mahl teilzunehmen. Stattdessen unterzogen sie mich einer strengen Befragung.�</p><p>�Am besten w�re es gewesen�, warf Uthman ein, �ohne Verz�gerung diese gastliche Gesellschaft zu verlassen.�</p><p>Henri l�chelte. �Hinterher ist man immer kl�ger als vorher. Sie stellten mir Fragen, die nur jemand beantworten konnte, der als Templer an der Eroberung Jerusalems teilgenommen hatte oder dem man zumindest davon erz�hlt hatte:</p><p>Welche Kreuzfahrer 1099 Jerusalem erobert h�tten?</p><p>Ob ich von dem Kreuzfahrer Tankred geh�rt h�tte, der aus dem Felsendom alle Sch�tze geraubt habe?</p><p>Wer das Blutbad am zweiten Tag nach der Eroberung verschuldet habe?</p><p>Ob ich davon geh�rt h�tte, dass damals das Blut, das von den Felsen herabstr�mte, bis zu den Z�geln der Pferde gereicht habe?</p><p>Ob man mir berichtet habe, dass nach der Eroberung der Heiligen Stadt kein Ungl�ubiger mehr in Jerusalem gelebt habe, der nicht Sklave der Christen gewesen sei?</p><p>Ob ich der Meinung sei, dass sich so ein Verhalten christlich nennen lie�e?�</p><p>�Diese Befragung ist mir r�tselhaft�, warf Uthman kopfsch�ttelnd ein. �Mir kommt es so vor, als ob diese M�nche deine Feinde und nicht etwa christliche Br�der gewesen seien.�</p><p>�Auch ich konnte ihre fast feindselige Haltung zun�chst nicht verstehen. Das hatte mit einem verst�ndlichen Misstrauen nichts mehr zu tun. Erst sp�ter wurde mir klar, dass sich diese M�nner, die vielleicht gar keine Franziskaner, sondern Abenteurer waren, bei den mameluckischen Herrschern einschmeicheln wollten, weil sie hofften, die Reglementierung der Pilger �bernehmen zu k�nnen. Vielleicht erhofften sie sich sogar einen Anteil an den Geb�hren.�</p><p>�Dies war doch der letzte Zeitpunkt, um sich zu verabschieden�, meinte Uthman.</p><p>�Vielleicht war es das. Aber als ich ihre Fragen mehr oder weniger zufriedenstellend beantwortet hatte, �nderten sie ihr Verhalten. Sie boten mir von ihrer Suppe an, gegen deren Geschmack Brunellas Bohnengericht geradezu ein Festessen war. Aber wahrscheinlich war dieses Gr�nzeug das Einzige, was auf dem Tempelberg wuchs. Jedenfalls bedankte ich mich. Am Ende der Mahlzeit sprach einer der angeblichen M�nche ein Gebet, von dem ich nicht ein einziges Wort verstand.�</p><p>�Wahrscheinlich t�rkisch oder �gyptisch�, mutma�te Uthman.</p><p>�Ich habe es nicht kl�ren k�nnen. Aber ich wurde unruhig, als einer der M�nner meine Stute fortf�hrte, angeblich auf ein Weideland, das aber h�chstens die Gr��e einer Satteldecke aufweisen konnte. Denn ringsum sah ich nur Felsgestein.</p><p>�Wir erwarten Besuch�, teilte mir der �lteste in dieser Gruppe mit. �Ihr werdet freudig �berrascht sein. Denn es handelt sich um einen Eurer besten Freunde.� Wer mochte das sein? Vielleicht einer der Tempelritter, der keinen Platz mehr auf einem Boot gefunden hatte, das als letztes nach Zypern ausgelaufen war. Ich hatte davon geh�rt, dass es im Koran eine Sure gab, in der es hie�: Es sei kein Zwang im Glauben. Darum hielt ich es f�r m�glich, dass auch ein ehemaliger Tempelritter als Christ in einer arabischen Stadt leben konnte. Einigerma�en beruhigt sah ich dem Besuch meines Freundes entgegen. Ich verstieg mich sogar zu dem Gedanken, dass ich f�r eine Weile bei diesem Freund wohnen k�nne.�</p><p>�Vor allem w�rst du dort sicher vor deinen Verfolgern gewesen�, hoffte Uthman.</p><p>�Das dachte ich auch bis zu dem Augenblick, in dem der angek�ndigte Besuch eintraf. Schon von weitem h�rten wir das Klappern der Hufe auf dem Serpentinenweg. Offenbar handelte es sich um einen einzelnen Reiter. Einer der M�nner hatte auf der �u�ersten Klippe des Berges, nahe dem felsigen Abgrund, einen Beobachtungsposten bezogen. �Er kommt!�, rief er uns zu. Ich hatte mich erhoben, um meinem Freund entgegenzugehen. Schon konnte ich das Schnauben seines Rosses h�ren, als der Reiter noch hinter dem letzten Ginstergeb�sch verborgen war. Aber endlich wurde er sichtbar. Das war allerdings eine �berraschung, aber keine gute.</p><p>Es war Louis, der Verr�ter, der mich den Mamelucken ausgeliefert hatte. �Allah akbar!�, rief er den angeblichen Franziskanern zu. Mit Schwung hatte er sich aus dem Sattel gleiten lassen und trat auf mich zu. �F�r dich habe ich einen besonderen Willkommensgru�, n�mlich diesen.� Er zog mir seine Reitpeitsche durch das Gesicht, sodass meine Wangen aufplatzten und das Blut herabstr�mte.�</p><p>�Nun warst du doch wieder in die Gewalt dieses gemeinen Menschen geraten. Aber wie ich dich kenne, bist du ihm auch diesmal entkommen. Sonst w�rst du heute nicht hier.�</p><p>�Ja, und meine Befreiung verdanke ich einem Mitglied deiner Sippe. Das ist eine lange Geschichte, die ich dir morgen erz�hlen werde. Der Kapit�n hat uns soeben ein Zeichen gegeben. Vielleicht bittet er uns wieder zu einer exzellenten Mahlzeit.�</p><p>Uthman lachte. �Das hoffe ich nicht. Du wirst es mir kaum glauben: Deine Erz�hlung war so aufregend, dass mir jeder Hunger vergangen ist. Nun spielt auch noch ein Mitglied meiner Sippe eine entscheidende Rolle. Dass er dich retten konnte, darauf bin ich richtig stolz.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>5</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Der Kapit�n hatte, wie er sich ausdr�ckte, eine schlechte Nachricht. Wohl deswegen war er zu der f�rmlichen Anrede zur�ckgekehrt. Er dr�ckte sich n�mlich sehr h�flich aus. �Es tut mir sehr Leid, meine Herren, dass ich Euch wieder eine Verz�gerung zumuten muss. Einer unserer Matrosen ist schwer erkrankt. Wir m�ssen ihn, so schnell es uns m�glich ist, zu einem Arzt bringen. An Bord haben wir leider keinen Medicus, der helfen k�nnte.�</p><p>�Handelt es sich um eine ansteckende Krankheit?�, fragte Henri besorgt.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete der Kapit�n. �Es geh�rt zu meinen Pflichten, jedes Risiko auszuschalten. Darf ich Euch bitten, mit mir gemeinsam die Seekarte zu studieren?�</p><p>Henri f�hlte eine innere Alarmglocke schrillen. Was steckte hinter dieser �bertriebenen H�flichkeit? Warum hatte er nicht schon fr�her die ernsthafte Erkrankung des Matrosen erw�hnt? So etwas kam doch nicht von heute auf morgen!</p><p>Ernesto di Vidalcosta deutete auf einen winzigen Punkt. �Wir befinden uns zur Zeit an dieser Stelle. Es besteht die M�glichkeit, unser Reiseziel Menorca vorl�ufig fallen zu lassen und stattdessen von S�den her Mallorca anzulaufen. Dort soll es ein ausgezeichnetes Hospital geben.� Der Kapit�n hatte zwar nur von einer M�glichkeit gesprochen, aber er schien fest entschlossen, diese neue Route zu w�hlen.</p><p>�Kannst du dir diesen Sinneswandel erkl�ren?�, fragte Uthman, als sie wieder ihren Platz auf dem Achterdeck eingenommen hatten.</p><p>Henri erbat sich Bedenkzeit, ehe er zu dieser Frage Stellung nehmen wollte. �Es k�nnte immerhin sein, dass einer der Seeleute krank geworden ist. Sobald wir in einen Hafen auf Mallorca eingelaufen sind, m�ssen wir beobachten, ob ein kranker Matrose das Schiff verl�sst oder ob ein Medicus an Bord kommt. Vielleicht aber gibt es einen v�llig anderen Grund. Es ist ja m�glich, dass Ernesto di Vidalcosta beabsichtigt, illegale Ware an Bord zu nehmen, die er ohne Wissen seiner Reederei auf eigene Faust verkaufen will. Jedenfalls ist erh�hte Aufmerksamkeit angebracht.�</p><p>Am Abend f�hrte der Kapit�n wieder eine Orts- und Meeresbodenbestimmung mit dem Eisenkegel durch, sch�ttelte unzufrieden den Kopf und gab den Befehl, den Anker zu werfen.</p><p>Uthman �u�erte leise seine Zweifel an der Rechtschaffenheit des Kapit�ns. �Mir kommt es so vor, als ob diese erneute Verz�gerung irgendeine taktische Ma�nahme w�re, die wir nicht durchschauen. W�re es nicht am besten, wenn wir in Mallorca das Schiff verlie�en?�</p><p>Henri fand diesen Vorschlag vern�nftig. �Wir w�ren zwar auf Menorca sicherer gewesen. Aber es mag auch auf der Insel Mallorca f�r uns die Hoffnung geben, dass wir dort unerkannt bleiben. Hast du in der Bibliothek von Cordoba etwas gelesen, das uns helfen k�nnte?�</p><p>�Schon immer haben Piraten die einsam gelegenen Buchten �berfallen. Aber nachdem ein R�mer mit dem Namen <emphasis>Quinto Cecilio</emphasis> eine Strafexpedition gegen die Piraterie durchgef�hrt hatte, besetzten 3000 r�mische Soldaten die Insel.�</p><p>�Das h�rt sich gut an�, sagte Henri. �Aber wann war das?�</p><p>�Vor� vor etwa 1500 Jahren�, erwiderte Uthman kleinlaut.</p><p>Henri verbiss sich das Lachen. �Gibt es nicht eine Nachricht aus neuerer Zeit?�</p><p>�Doch, aber dann l�sst es sich nicht vermeiden, dass ich wieder Cordoba erw�hne. Ein reicher arabischer Kaufmann hatte n�mlich den K�nig von Cordoba �berredet, die Balearen zu besetzen. Aber um das Jahr 393 verlor Cordoba die Kontrolle �ber die Insel, und Mallorca wurde dem arabischen K�nigreich in S�dspanien zugeordnet.�</p><p>Henri errechnete im Kopf das Jahr der Fleischwerdung Christi � 1015. �Blieb Mallorca arabisch?�, fragte er dann. �Das w�re wichtig zu wissen.�</p><p>�Zun�chst ja! Der zweite K�nig von Mallorca lie� die Mauern der Madina Mayurqa, der Stadt von Mallorca, die heute Ciutat oder Palma hei�t, errichten. Sie sollten die Angriffe der Christen abwehren. Leider nahm auch die Piraterie wieder �berhand, die bis heute nicht ausgerottet wurde.�</p><p>�Die Piraten stellen f�r uns also die gr��te Gefahr dar. Vielleicht sollten wir uns mit Brunella n�her befassen�, schlug Henri vor. �Du hast sie doch verteidigt, als der Kapit�n sie wegen ihrer mangelhaften Kochkunst schlagen wollte.�</p><p>Uthman war �ber diesen Vorschlag begeistert. Seit seiner Liebschaft mit der k�niglichen Kammerzofe in Philipps Stadtpalais f�rchtete er, Henri k�nne ihn wegen seiner Vorliebe f�r das weibliche Geschlecht tadeln. Denn der Anschlag auf Philipp war eigentlich nur deshalb misslungen, weil diese Zofe aus Eifersucht Henris Plan durchkreuzt hatte. Nun aber schlug Henri selbst vor, dass er sich der Piratenbraut n�hern solle. Uthman strahlte. Er zeigte sich gut gelaunt, obwohl es ihm nicht so recht ins Konzept passte, was er zur Vervollst�ndigung seines Berichtes liefern musste.</p><p>�Unsere Herrschaft nahm leider in der Zeit der Kreuzz�ge ein Ende. In der zweimonatigen Schlacht bei Santa Ponsa wurden wir besiegt.�</p><p>�Blieb Mallorca von da an christlich?�, erkundigte sich Henri.</p><p>Uthman unterdr�ckte trotz seiner guten Laune nur mit M�he einen Seufzer. �Bis zum heutigen Tag. Das christliche K�nigreich Mallorca wurde von einem der K�nige gegr�ndet, die sich alle Jaime nannten. Bis auf ein kurzes Zwischenspiel unter Alfons III. herrschten sie � ich muss es leider sagen � erfolgreich und fruchtbringend �ber Mallorca.�</p><p>�Bravo!�, rief Henri. �Deine Zeit in der Bibliothek von Cordoba war nicht vergeudet. Du hast wirklich etwas gelernt. Auch mir hast du heute neue Kenntnisse vermittelt.�</p><p>�Wie man M�dchen behandelt, wirst du allerdings nie lernen�, behauptete Uthman. �Aber du hast eben freiwillig das Gel�bde der Keuschheit abgelegt, das du niemals brechen wirst.�</p><p>Henri schwieg. Er wollte �ber seine Gel�bde nicht sprechen und liebte auch keine Scherze �ber die Regeln und Gesetze der Tempelritter.</p><p>Uthman bemerkte, dass Henri �ber die Wendung des Gespr�chs verstimmt war. Darum wechselte er das Thema. �Ich sollte vielleicht noch anf�gen, dass vor kurzem die ber�hmte Festung <emphasis>El Castell de Bellver</emphasis> erbaut wurde. Vielleicht k�nnte sie uns als Versteck dienen.�</p><p>�Ja, vielleicht�, erwiderte Henri. Aber Mallorca schien ihm nicht der richtige Zufluchtsort zu sein. Vor allem beunruhigte ihn ein Ger�cht, der K�nig von Mallorca habe sich dem franz�sischen K�nig nicht widersetzen k�nnen und auch damit begonnen, Templer zu verhaften.</p><p>Uthman sp�rte die sorgenvollen Gedanken seines Freundes.</p><p>�Bist du in der Stimmung, mir zu erz�hlen, wie es dir weiter in Jerusalem erging?�, fragte Uthman m�glichst r�cksichtsvoll.</p><p>Henri legte seinen Arm um die Schulter seines Freundes. �Ich breche doch meinen Bericht nicht ausgerechnet an einer Stelle ab, wo einer aus deiner Sippe eine wichtige Rolle spielen wird!</p><p>Man hatte darauf verzichtet, mich in Ketten zu legen. Zuerst f�rchtete ich, dass Louis mich ohne lange Vorreden in die Schlucht st�rzen w�rde. Ich nahm mir aber fest vor, diesen Verr�ter mit mir zu nehmen. Denn noch f�hlte ich gen�gend Kraft, um mich anzuklammern. Sie banden mich nicht allzu fest an einen Baum. Als sie zu dem Seil griffen, war ich mir fast sicher, dass sie mich kurzerhand aufkn�pfen wollten. Ich war bereit, in Jerusalem zu leiden und zu sterben.�</p><p>�Ich wei� auch warum�, unterbrach ihn Uthman.</p><p>Henri ging auf diese Bemerkung nicht weiter ein, sondern fuhr in seiner Erz�hlung fort. �Louis hatte sich im Kreis der angeblichen Franziskaner niedergelassen. Er wirkte ziemlich aufgeregt und sprach hektisch auf die anderen in jener Sprache ein, die ich auch in Akkon schon nicht verstanden hatte. Pl�tzlich sprang er auf und nahm den Beobachtungsposten am Anfang des Serpentinenpfades ein. Lange Zeit blieb er dort reglos stehen. Mir schenkte er keinerlei Beachtung mehr.</p><p>Es mochten Stunden vergangen sein, bis am Fu�e des Berges zun�chst leiser Hufschlag zu h�ren war, der nach und nach in ein lautes Pferdegetrappel �berging. Mindestens drei Reiter schienen sich zu n�hern. Louis ging ihnen einige Schritte entgegen. Meine Bef�rchtung, bei den Reitern k�nne es sich um seine Kumpane aus Akkon handeln, erwies sich zum Gl�ck als unn�tig.</p><p>Als Erster zeigte sich ein Lanzentr�ger. Sein Pferd war mit Federb�schen geschm�ckt, und am Sattelknopf wehte eine Fahne mit den Farben des Emirs von Al-Qudz. In geb�hrendem Abstand folgte ein herrliches Ross, ein Araberhengst, der sich seiner W�rde bewusst war und in gleichm��igem Schritt ohne M�he die letzte steile Wegstrecke �berwand. Der Sattel war, das lie� sich nicht �bersehen, aus edelstem Leder gefertigt, das Zaumzeug mit goldenen N�geln beschlagen. Der Reiter selbst war mit einer schillernden Burda bekleidet, deren Saum mit gl�nzenden Edelsteinen eingefasst war. Auf dem Kopf trug der Reiter einen wei�en Turban, unter dem schwarze Locken zum Vorschein kamen. Da sich der Emir niemals herabgelassen h�tte, zwielichtige Franziskaner aufzusuchen, musste diese edle Erscheinung zumindest ein hoher Beamter am Hofe des Emirs sein.</p><p>Louis war an das Ross herangetreten, um den Steigb�gel zu halten � eine absolute Geb�rde der Demut. Die anderen Kerle hatten sich sogar hingekniet und die K�pfe gesenkt. Der Abgesandte des Emirs, als solchen sollte ich ihn n�mlich sp�ter kennen lernen, trat auf mich zu und betrachtete mich mit starrem Blick. �Ist dies der Tempelritter, den du f�r unsere wichtige Mission ausgesucht hast?� � �Ja, Herr�, antwortet Louis. Um seine Macht zu zeigen, erhob er die Peitsche. �Wenn sich dieser elende Christ st�rrisch zeigen sollte, werde ich ihn schnell gef�gig machen.� Der W�rdentr�ger verzog zornig sein Gesicht. �Dir steht es nicht zu, einen Gefangenen zu z�chtigen. Das ist Sache meines Lanzentr�gers. Morgen soll dieser Tempelritter dem Emir Nadjm Ghazi vorgef�hrt werden und seine Befehle entgegennehmen. Ich w�nsche nicht, dass ich unserem Gebieter ein H�ufchen Brei anbieten muss. Binde den Mann los!��</p><p>�So ist dir das Gl�ck wieder einmal treu geblieben�, sagte Uthman und seufzte erleichtert. �Wei�t du, was ich jetzt meine? Diese hochgestellte Pers�nlichkeit war einer aus unserer Sippe.�</p><p>�Richtig geraten!�, erwiderte Henri. �Die angeblichen Franziskaner wagten keine Widerrede. Wie ich sp�ter erfuhr, erhofften sie sich als Gegenleistung f�r meine Auslieferung die Erlaubnis, den Besuch der Pilgerstr�me zu reglementieren.�</p><p>�Das h�tte ja mit einem furchtbaren Gemetzel geendet�, bef�rchtete Uthman. �Aber was wollte dir der Emir f�r einen Auftrag geben? Woher wusste er �berhaupt von deinem Herkommen und von irgendwelchen Kenntnissen, die ihm von Nutzen sein konnten?�</p><p>�Das habe ich mich zun�chst auch gefragt. Louis liebedienerte vor dem Abgesandten auf eine Art, die geradezu ekelhaft war. Unter seinen Gef�hrten war ein Gemurmel entstanden, das man, je nachdem, als Protest oder als Zustimmung auffassen konnte. Der W�rdentr�ger befahl, dass man mir mein Pferd holen solle. Er nahm jedoch nicht zur Kenntnis, dass es ungesattelt war. Einer der Lanzentr�ger ritt voran. Mir gab man nicht die Ehre, gleich hinter ihm reiten zu d�rfen. Ich wurde von zwei weiteren Lanzentr�gern eingerahmt, die hinter der n�chsten Biegung gewartet hatten. Ich war froh, dass sie mich nicht wie einen Verbrecher vor sich auf den Sattel gelegt hatten oder gar an einem Strick zu Fu� hinter sich herzerrten. So nahm ich Abschied vom Berg Zion.</p><p>Nat�rlich erhielt ich keine Unterkunft im Haus meines Retters und erst recht nicht im Palast des Emirs. Man brachte mich in eine Kammer mit vergitterten Fensterluken, verzichtete darauf, mich zu fesseln, postierte jedoch einen bewaffneten Mamelucken vor der eisernen T�r. Ich tr�stete mich damit, dass dies immerhin sehr viel besser war als der Baum auf dem Tempelberg, an den man mich gebunden hatte. Offensichtlich hatte der W�rdentr�ger seinen Leuten untersagt, mich zu schlagen. Aber das d�rftige Stroh, das sie auf den Boden gesch�ttet hatten, war nass und roch nach Pferdemist. Sie hatten es wohl aus dem Stall nicht nach drau�en in den Hof, sondern hierher getragen. Ich hoffte, dass wenigstens meine Stute auf sauberem Stroh stehen durfte und dass man sie getr�nkt und gef�ttert hatte. Ich erhielt nichts, weder einen Schluck Wasser noch ein St�ck Brot.�</p><p>Uthman wusste, dass ein Hadith, ein Ausspruch des Propheten, der sorgsam �ber Generationen �berliefert worden war, erz�hlte, wie Muhammad � Gott segne ihn und schenke ihm Heil � eine Frau zurechtwies, die ihre Katze eingesperrt hatte, ohne sie zu f�ttern: Du wirst nach <emphasis>Dschahannam</emphasis> kommen, in die H�lle! Und Anas Ibn Malik, der Diener Muhammads, berichtete nach dem Gelehrten Buhari, der Prophet habe gesagt: �Kein Muslim pflanzt eine Pflanze, von der Menschen und Tiere essen, dem dies nicht als Almosen angerechnet wird.� Welche S�nde war es allein schon gewesen, das Pferd nicht zu f�ttern! �Warum hat dir dein Retter nichts bringen lassen?�, fragte er schlie�lich, besorgt, sein Vorfahr k�nnte gefehlt haben.</p><p>�Weil er zu der Zeit noch nicht wusste, dass ich einem aus seiner Sippe das Leben gerettet hatte. F�r ihn war ich nur ein Gefangener, dessen Kenntnisse man ausnutzen wollte.�</p><p>Uthman h�tte gar zu gern noch mehr �ber den hohen Beamten erfahren. Aber Henri machte ihn darauf aufmerksam, dass die Matrosen soeben dabei waren, den Anker zu lichten. Der Kapit�n hatte befohlen, die Segel zu setzen. Der Wind sei g�nstig, hatte er behauptet.</p><p>Henri machte den Vorschlag, sie sollten unauff�llig nachz�hlen, ob alle Matrosen an Deck erschienen waren, um in die Takelage zu klettern. Nicht einmal der unerbittliche Kapit�n Ernesto di Vidalcosta w�rde einem Schwerkranken diese Arbeit zumuten.</p><p>�Es fehlt keiner�, stellte Uthman fest. �Was soll nur das ganze Gerede von einem Schwerkranken?�</p><p>�Ich wei� es im Augenblick auch noch nicht. Aber ich werde in der kommenden Nacht meine eigenen Messungen im Hinblick auf den Polarstern machen. So l�sst sich feststellen, ob wir wirklich in Richtung auf die Balearen segeln. Vielleicht w�re es besser gewesen, wenn wir im Hafen von Le Grau du Roi �ber diesen Kapit�n Erkundigungen eingezogen h�tten.�</p><p>�Um dann von unseren franz�sischen Verfolgern eingeholt und arretiert zu werden!�, h�hnte Uthman.</p><p>Henri hielt an seinem Plan fest, die Fahrtrichtung durch den Polarstern zu erkunden. Der klare, wolkenlose Nachthimmel beg�nstigte sein Vorhaben. Unter allen Sternen, mit denen der Himmel �bers�t war, leuchtete der Polarstern heller als alle anderen. Au�erdem war er der Nabel, um den sich alle anderen Sterne drehten. Henri hatte w�hrend der Fahrt aufmerksam die M�glichkeiten der Navigation beobachtet. In klaren N�chten war es m�glich, die vorgesehene Richtung einzuhalten, wenn der Mann am Steuerruder das Schiff in einem bestimmten Winkel zum Polarstern hielt. Wichtig war es, die Abfahrtszeit so zu w�hlen, dass beim morgendlichen Verblassen des Polarsterns die Richtung unver�ndert blieb. Henri, der sich Grundkenntnisse in der Astronomie angeeignet hatte, wollte sein Wissen in dieser Nacht praktisch zur Anwendung bringen.</p><p>Er suchte sich einen Platz, an dem er von dem Wachhabenden nicht beobachtet werden konnte. Der Kapit�n, so hoffte er, schlief seinen Rausch aus, nachdem er wieder dem andalusischen Wein zugesprochen hatte. Henri legte seinen Kopf in den Nacken, richtete den Blick zum Polarstern und versuchte, den Winkel auszurechnen.</p><p>Aber pl�tzlich schreckte ihn eine Stimme auf. �Ich wusste gar nicht, dass Ihr ein Nachtschw�rmer seid! Was fesselt Euch denn so sehr am Firmament, dass Ihr unbeweglich die Sternenwelt beobachtet?�</p><p>Ernesto di Vidalcosta legte ihm freundschaftlich seinen Arm um die Schultern, drehte ihn seitw�rts und wies auf ein Sternbild. �Diese Gruppe hier nennen wir den Gro�en Wagen. Wenn man genau hinschaut, l�sst sich die Deichsel sehr gut erkennen.�</p><p>Henri �u�erte seine Bewunderung, obwohl dieses Sternbild f�r ihn nichts Neues war. Aber es war ihm aufgefallen, dass der Kapit�n ihn auff�llig aus der Sicht des Polarsterns wegdrehen wollte. Auch die freundschaftliche F�rsorglichkeit des Kapit�ns stimmte ihn bedenklich. �Die Nachtluft ist feucht, und man untersch�tzt die K�hle der ersten Fr�hlingsn�chte auf See. Ich m�chte nicht, dass Ihr Euch eine Influenza zuzieht. Es ist vern�nftiger, wenn Ihr die Unterkunft aufsucht!� Er gab ihm einen leichten Sto� in die Richtung der Aufbauten.</p><p>Henri gab sich f�gsam und dankte f�r die guten Ratschl�ge. Ganz offensichtlich wollte der Kapit�n in dieser Nacht keine Zeugen irgendwelcher Machenschaften. Aber welcher? Noch konnte Henri diese n�chtliche Begegnung nicht einordnen.</p><p>�Hast du unsere Richtung herausfinden k�nnen?�, fragte Uthman hoffnungsvoll, als sein Gef�hrte zu ihm zur�ckkehrte.</p><p>�Leider nein�, bedauerte Henri und berichtete von seiner Begegnung mit dem Kapit�n. �Ganz offensichtlich wollte er mich loswerden.�</p><p>�Wir d�rfen ihn in dieser Nacht nicht aus den Augen lassen�, sagte Uthman. �Es gibt im Vordersteven ein kleines Beiboot. Ich kann mir vorstellen, dass es dazu dient, in unzug�nglichen H�fen Waren oder Personen an Land zu bringen. Ich werde mich darin verbergen und mit der darin liegenden Persenning zudecken. Einen besseren Beobachtungsposten kann ich mir nicht vorstellen.�</p><p>�Sei vorsichtig!�, wollte Henri seinem Freund noch raten.</p><p>Aber Uthman hatte sich im Schatten der Aufbauten schon davongeschlichen. Der Kapit�n lehnte an der h�lzernen Br�stung und beobachtete den Himmel. Mit dem Polarstern hatte seine Aufmerksamkeit jedenfalls nichts zu tun. Warum auch? Er konnte seine Navigation jederzeit durchf�hren, ohne Zeugen f�rchten zu m�ssen. Es war sogar seine Pflicht, die eingeschlagene Richtung der Kogge zu �berpr�fen.</p><p>Eine Weile geschah nichts. Ernesto di Vidalcosta verharrte unbeweglich wie eine h�lzerne Galionsfigur. Uthman blieb geduldig unter der Persenning versteckt und f�rchtete nur, er k�nne einschlafen. Nach etwa einer Stunde wechselte der Kapit�n seine Stellung und begab sich zum Bug des Schiffes. Uthman vernahm ein leises Fl�gelschlagen. W�hrend der bisherigen Seefahrt hatte er noch keine M�wen zu Gesicht bekommen. Sie hielten sich wohl eher in Ufern�he auf.</p><p>Vorsichtig hob er die Persenning ein winziges St�ck hoch. Der Kapit�n bemerkte ihn nicht. Er war mit dem Vogel besch�ftigt, der soeben �ber das Meer herangeflogen war. Neben ihm auf der h�lzernen Br�stung sa� eine grauwei�e Taube. Er lockte sie mit etwas, das er auf der ausgestreckten Hand hielt, zu sich heran. Die Taube gurrte leise und lie� sich willig greifen. Ernesto di Vidalcosta barg sie unter seinem Hemd und ging in seine Kaj�te.</p><p>Uthman h�tte beinahe einen lauten Freudenruf ausgesto�en, den er gerade noch verschlucken konnte. Jetzt bin ich ihm auf die Schliche gekommen, dachte er triumphierend. Er empf�ngt seine Nachrichten durch Brieftauben.</p><p>Seit seiner fr�hesten Jugend wusste er, dass die Abbasiden-Kalifen einen Brieftaubendienst eingerichtet hatten, um wichtige Nachrichten zu �bermitteln. Auch Schiffe hatten schon damals Brieftauben mit sich gef�hrt, um von verschiedenen Orten aus Meldung geben zu k�nnen. Vor allem hatten sich ber�hmte Herrscher nach einer Schlacht die Nachricht �ber den Ausgang des Gefechts durch eine junge Taube in ihren Palast bringen lassen. Sehr beg�terte Leute hatten sogar, w�hrend einer Abwesenheit von ihrer Heimat, auf diese Weise mit ihren Frauen und Geliebten korrespondiert. Das hatte Uthman am besten gefallen. Darum hatte er auch einen Vers des gelehrten Dichters Ibn Hazim behalten: �Dereinst hat Noah sie erw�hlt, und seine Hoffnung trog ihn nicht, da sie zur�ck zu ihm mit froher Kunde flog.�</p><p>Ob diese Kunde eine frohe f�r uns ist, wage ich stark zu bezweifeln, dachte Uthman. Ich muss sofort Henri meine Entdeckung mitteilen. Henri ist klug und mit einem scharfen Verstand begabt. Er wird sich einen Reim auf diese n�chtliche Botschaft machen k�nnen.</p><p>�Ich gebe zu, dass ich an eine solche Nachrichten�bermittlung gedacht habe�, bekannte Henri. �Wer sendet ihm diese Taube? An wen schickt er sie zur�ck? Falls es uns nicht gelingt, in den Besitz dieser Botschaft zu gelangen, sind wir Ernesto di Vidalcosta v�llig ausgeliefert.�</p><p>�Du glaubst auch nicht, dass es sich bei dieser Nachrichten�bermittlung um eine Spielerei handelt?�, fragte Uthman.</p><p>�Nein, wohl kaum! Warum sollte er dann ein Geheimnis daraus machen? Au�erdem: Warum sollte er dann seinen Kurs verschweigen, nur um an einen Ort zu kommen, den die Taube finden kann? Denke daran, dass er trotz ruhiger See hat Anker werfen lassen. Denn nat�rlich finden Tauben immer nur zu ihrem Schlag zur�ck. Ein Schiff auf dem Meer werden sie kaum ausmachen k�nnen, es sei denn, es befindet sich an einem festgelegten und anerzogenen Ort.�</p><p>Uthman wusste, dass die Papiere mit den wichtigen Nachrichten unter den Fl�geln der Taube angeheftet wurden. �Wenn wir es nicht schaffen sollten, eine Brieftaube abzufangen oder in der Kaj�te des Kapit�ns einen Zettel zu finden, der noch den Geruch des Vogels an sich tr�gt, sollten wir in Mallorca von Bord gehen.�</p><p>�Der Meinung bin ich auch�, best�tigte Henri.</p><p>Am folgenden Morgen besch�ftigten sie sich damit, auf eine passende Gelegenheit zu warten, um heimlich in die Kaj�te des Kapit�ns schleichen zu k�nnen. Aber Ernesto di Vidalcosta lie� sich nicht sehen.</p><p>Uthman wurde ungeduldig. �Ich werde ihn jetzt unter einem Vorwand aufsuchen. Vielleicht entdecke ich wenigstens die Taube.�</p><p>Henri war jedoch anderer Meinung. �Falls du wirklich die Taube siehst, darfst du dir nichts anmerken lassen. Denn wenn der Kapit�n auch nur die leiseste Ahnung hat, dass wir ihn beobachtet haben, werden wir nie das Geheimnis l�ften k�nnen, im Gegenteil � wir k�nnten in Gefahr geraten.�</p><p>�Du bist wieder einmal kl�ger als ich�, gab Uthman zu. �Den Besuch in der Kapit�nskaj�te m�chte ich dir �berlassen.�</p><p>Henri begab sich zu dem Kapit�n. Er wollte ihn etwas Bedeutungsloses fragen, ob er vielleicht zur Erinnerung ein St�ck von dem baumwollenen Segeltuch haben k�nne. Aber als er nach einem kurzen Anruf eintrat, zuckte der Kapit�n erschrocken zusammen und schob ein St�ck Papier unter eine Seekarte. Die Taube sa� in einer dunklen Ecke und gurrte leise vor sich hin.</p><p>Henri spielte den v�llig Ahnungslosen und plauderte unbefangen dar�ber, welche Freude es ihm gemacht h�tte, bei der Anfertigung des Segels mitzuhelfen. Er sp�rte deutlich, wie gern der Kapit�n ihn m�glichst schnell losgeworden w�re. �Nehmt von dem Ballen, so viel Ihr wollt, solange noch gen�gend Baumwolle f�r ein neues Segel �brig bleibt.� Ernesto di Vidalcosta wartete darauf, dass sich Henri wieder entfernte.</p><p>Aber Henri setzte zu weitschweifigen Dankesreden an, bis der Kapit�n ihn fast unh�flich verabschiedete. �Ich habe wichtige Navigationsaufgaben zu erledigen. Das werdet Ihr sicher verstehen. Denn von meiner Schiffsf�hrung h�ngt unser aller Leben ab. Guten Morgen, mein Herr!�</p><p>Das war eine deutliche Verabschiedung.</p><p>�Ich hatte keinen Erfolg�, berichtete Henri �ber seinen Besuch in der Kapit�nskaj�te. �Das m�ssen wir anders anpacken. Einer von uns beiden muss versuchen, den Kapit�n abzulenken, und der andere durchsucht seine Papiere. Ich hatte den Eindruck, dass er soeben ein Antwortschreiben entworfen hat. Eine Taube war jedenfalls noch da.�</p><p>�Sollten wir nicht versuchen, heute Abend die Taube abzufangen? Oder vielleicht sogar den zwielichtigen Kapit�n �ber Bord werfen?�</p><p>�Das eine ist genauso unm�glich wie das andere. Du wei�t besser als ich, dass Brieftauben immer in ihren heimatlichen Schlag zur�ckkehren. Und was glaubst du, was das f�r einen Aufruhr gibt, wenn wir Ernesto in das Meer bef�rdern? Zumindest der Wachhabende wird Zeuge sein und uns anschw�rzen. Au�erdem: Wer soll das Schiff denn danach f�hren? Der Kapit�n hat sich die Navigation immer selbst vorbehalten.�</p><p>�Schade!�, seufzte Uthman. �Ich hatte mir das so sch�n vorgestellt. Vielleicht k�nnen wir ihn wenigstens in Mallorca in irgendeinem Hafenkanal versenken.�</p><p>�Ach Uthman!�, ermahnte Henri seinen Freund. �Nicht immer lassen sich Schwierigkeiten durch Gewalttaten regeln. Manchmal gen�gt schon eine List oder doch in der h�chsten Not ein Gebet.�</p><p>�Wenn du mir schon nicht g�nnst, den Kapit�n den Fischen zum Fra� vorzuwerfen, dann erz�hle mir wenigstens weiter, wie es dir in Jerusalem erging!�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>6</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>�Ich verbrachte eine schlechte Nacht auf dem nassen Stroh, das man beim Ausmisten der St�lle, als unzumutbar f�r die Pferde, unter ihren Leibern entfernt hatte. Zu hungern hatte man mir schon in fr�hester Jugend im Templerorden beigebracht. Aber ich litt entsetzlichen Durst.</p><p>Am Morgen riss einer der Mamelucken ungest�m die Eisent�r auf und trieb mich in den Hof. Ich f�rchtete, dass man mich nun endg�ltig massakrieren w�rde. Aber zu meinem Erstaunen stand meine Stute gesattelt vor der Stallt�r. Noch durfte ich allerdings nicht aufsteigen. Ein hochgewachsener Mann in einer prachtvollen Burda stand abseits, betrachtete mich von oben bis unten und gab einem seiner Untergebenen einen Wink. �In solch einem erb�rmlichen Zustand k�nnen wir diesen Burschen nicht zu Abu Hassan al-Masudi f�hren. Reinigt diesen Dreckskerl im Brunnen und bekleidet ihn mit einem sauberen Baumwollhemd und einer Sirwal, die nicht zerrissen ist!�</p><p>Einige Mamelucken packten mich und warfen mich in einen Brunnen. Mehrmals tauchten sie mich unter. Es schien ihnen gro�e Freude zu bereiten. Denn sie konnten gar kein Ende finden, bis ihr Vorgesetzter mit scharfer Stimme Einhalt gebot. Schlotternd vor K�lte stand ich da und wartete darauf, dass sie irgendwo Kleidungsst�cke f�r mich auftreiben w�rden. Sie lie�en sich Zeit.</p><p>Endlich durfte ich meine Stute besteigen. Ich war so starr gefroren, dass es mir beinahe nicht gelungen w�re, mich in den Sattel zu schwingen. Nur die Angst vor einer neuen Dem�tigung half mir, mich mit Hilfe der Steigb�gel nach oben zu ziehen.�</p><p>�Sprich zu den Gefangenen in euren H�nden: �Wenn Allah Gutes in euren Herzen erkennt, dann wird Er euch Besseres geben als das, was euch genommen wurde, und wird euch vergeben. Denn Allah ist allvergebend, barmherzig.��, rezitierte Uthman still aus dem Koran. Wie konnten sich denn wahre Gl�ubige so frevlerisch verhalten? Aber er wollte h�ren, wie es Henri weiter ergangen war. �Wenn man dich neu eingekleidet hat, wollte man dich mit Sicherheit nicht in ein Verlies werfen, foltern oder gar umbringen�, meinte er.</p><p>�Das hoffte ich auch�, erwiderte Henri. �Und meine Hoffnung erf�llte sich. Wir hielten vor einem pr�chtigen Palast, der aus der Zeit der christlichen K�nige stammen musste. So verstand ich, warum man mich nicht in meiner zerrissenen Kleidung, nach Pferdemist stinkend, hier vorf�hren wollte. Der Mamelucke, der mich begleitete, zerrte mich ziemlich grob zu einem Nebeneingang hinter den Stallungen. Ein breiter Gang tat sich auf, der rechts und links von Kriegern ges�umt war, die ihre Schwerter wie eine Sperre gekreuzt hatten. Mein Begleiter rief ihnen etwas zu, und sie hoben ihre Waffen, unter denen wir geb�ckt weitergehen durften. In allen R�umen, die wir durchschritten, sa�en in seidenen Kleidern M�nner, die uns mit ernsten Gesichtern musterten.�</p><p>�Seidene Gew�nder?�, rief Uthman ver�chtlich. �Bei uns wei� doch jeder anst�ndige Muslim, dass M�nner nur dann seidene Gew�nder tragen d�rfen, wenn sie die Kr�tze haben.�</p><p>�Das mag vielleicht eine sarazenische Sitte sein�, lehnte Henri diese Missachtung der Seide ab. �Aber auch der hohe Staatsbeamte, der mich in einem der prunkvollen S�le empfing, trug einen seidenen Umhang.</p><p>Er machte mir nicht den Eindruck, als ob er von der Kr�tze befallen sei!</p><p>Mein mameluckischer Begleiter gab mir von hinten einen Tritt in die Kniekehle, sodass ich, ob ich es nun wollte oder nicht, in die Knie sank. Vor mir sa� an einem Tisch aus reinem Gold mein Lebensretter vom Berg Zion. Ich h�tte die Augen senken m�ssen, aber ich konnte meinen Blick nicht von diesem Tisch l�sen. Denn das musste der sagenhafte Tisch des K�nigs Salomo sein, von dem ich wahre Wunderdinge geh�rt hatte. Ich wusste jedenfalls, dass K�nig Salomo viel Kraft und erhebliche Mittel auf den Bau pr�chtiger Geb�ude und deren Innenr�ume eingesetzt hatte.</p><p>Der hohe W�rdentr�ger gab dem Mamelucken einen Wink, dass er sich zur�ckziehen solle. Gerne ging der nicht. Das sah ich genau.�</p><p>�Wollte er vielleicht keine Zeugen eures Gespr�chs?�, fragte Uthman. �Wenn er dich aus den F�ngen dieser so genannten Franziskaner errettet hatte, musste es sich doch um ein sehr wichtiges Anliegen handeln.�</p><p>�Das war es in der Tat. Abu Hassan al-Masudi schwieg lange, als ob er sich nicht entschlie�en k�nne, mir etwas anzuvertrauen. Als er sich endlich �berwunden hatte, mich in seine Pl�ne einzuweihen, �ffnete er vorher noch die T�r und vergewisserte sich, dass sich drau�en kein unerw�nschter Zuh�rer befand. Er senkte die Stimme zu einem Fl�stern. �Ich habe �ber dich Erkundigungen eingezogen. Stimmt es, dass du in Akkon als Knappe auf der Seite der Tempelritter gek�mpft hast?�</p><p>Ich bejahte das durch ein stummes Nicken.</p><p>�Stimmt es, dass du im Blutrausch viele eurer Feinde get�tet hast?�</p><p>Auch diesen Vorwurf musste ich best�tigen.</p><p>�Stimmt es, dass du einem feindlichen K�mpfer mit Namen Umar ibn al-Mustansir aus meiner Sippe das Leben gerettet hast?�</p><p>Wie gerne bejahte ich diesmal seine Frage! Aber Abu Hassan wollte noch mehr wissen.</p><p>�Stimmt es, dass Umar dir eine M�nze schenkte, die f�r ihn selbst hohe Bedeutung hatte, weil ihm dieser Talisman mehrfach das Leben rettete?��</p><p>Endlich kam Henri zu der Stelle in seiner Erz�hlung, auf die Uthman mit Spannung gewartet hatte. �Ich zeigte dem W�rdentr�ger aus der Sippe deines Vaters deutlich meine Freude und Dankbarkeit und zog mein Medaillon an dem Lederband hervor. Die Mamelucken hatten es, in ihrem Eifer, mich mehrfach unterzutauchen, zu meinem Gl�ck �bersehen. Abu Hassan betrachtete zufrieden die M�nze und pr�fte sie mit den Z�hnen auf ihre Echtheit. Seine Stimme wurde noch leiser. �Dann wei�t du auch, dass unsere Sippe in Syrien beheimatet ist. Wir Syrer sind keine Mamelucken. Vor allem wirst du jetzt begreifen, warum ich dich aus den H�nden dieser zwielichtigen Franziskaner gerettet habe. Diese Leute sind gef�hrlich.��</p><p>�Das kann man allerdings best�tigen�, meinte Uthman. �Hoffentlich sind sie aus deinem Leben verschwunden.�</p><p>�Leider nein�, seufzte Henri. �Auch nicht aus dem Leben von Abu Hassan. �Ich bin nicht nur Syrer�, erkl�rte er mir feierlich, �sondern auch ein gl�ubiger Anh�nger unseres Propheten. Du aber bist Christ. Und doch soll dieser Unterschied zwischen uns keine G�ltigkeit haben. Sieh mich als deinen Bruder an! Ich m�chte dir ein B�ndnis vorschlagen.��</p><p>�Welch wunderbare Wendung hat dein Aufenthalt in Jerusalem genommen!�, rief Uthman und klatschte vor Begeisterung in die H�nde. �Sind nicht auch wir beide zu Br�dern geworden?�</p><p>�Ja�, best�tigte Henri. �Durch die Erlebnisse, die wir miteinander durchgestanden haben, sind wir weit mehr als Gef�hrten. Damals in Jerusalem war ich froh, wenigstens einen br�derlichen Besch�tzer gefunden zu haben. Aber es endete so, dass nicht er mich, sondern ich ihn besch�tzen musste!</p><p>Als Abu Hassan al-Masudi mich in die Intrigen am Sultanshof einweihte, da wusste ich, dass sich mein Aufenthalt in Jerusalem nicht nur als schwierig, sondern auch als gef�hrlich entwickeln w�rde.�</p><p>�Wie bei uns�, sagte Uthman. �Was uns zusammenschwei�te, waren der Mord an K�nig Philipp und der Giftanschlag auf den Papst. Es endete mit einer Flucht auf dieses Schiff. Ob uns die Kogge heil nach Menorca bringen wird, wage ich inzwischen zu bezweifeln. Aber in welche Gefahren gerietest du mit Abu Hassan?�</p><p>�Hast du schon einmal von Saladin geh�rt?�, fragte Henri. �Die Gefahren, in die wir gerieten, hingen mit Saladin zusammen, so merkw�rdig das auch klingen mag. Manchmal haben augenblickliche Schwierigkeiten ihre Wurzel in l�ngst zur�ckliegenden Ursachen.�</p><p>�Willst du mich beleidigen?�, rief Uthman emp�rt. �Wer von uns w�rde nicht Saladin kennen! F�r uns stellt Saladin das Vorbild des frommen und gerechten Sultans dar.�</p><p>�Das sehe ich etwas anders�, erwiderte Henri. �Denn sein ritterlicher Geist, den ich ihm nicht absprechen will, wurde durch seinen religi�sen Starrsinn wieder zunichte gemacht. Sein Reich umfasste �gypten, Syrien und den Jemen, und all diesen Untertanen predigte er den Heiligen Krieg, den <emphasis>Dschihad,</emphasis> gegen die Kreuzfahrer. Aber eigentlich muss doch nach euren Gesetzen dem <emphasis>Dschihad</emphasis> eine Aufforderung zur Bekehrung vorangehen! Tats�chlich war es jedoch Saladin gelungen, T�rken, Kurden und Araber unter seinem Banner zu vereinigen, ehe er durch seinen Sieg bei Hattin dem Kreuzfahrer-K�nigreich von Jerusalem ein Ende bereitete.�</p><p>�Das ist mir nicht unbekannt�, warf Uthman ungeduldig ein. �Ich wei� auch, dass ihr Kreuzfahrer Saladin ver�chtlich als <emphasis>Kurden</emphasis> bezeichnet habt, obwohl er doch die pr�chtige Dynastie der Aijubiden begr�ndet hat und sich zu Recht Sultan Salah ad-Din al Aijubi nennen durfte.�</p><p>Henri machte eine Handbewegung, die von dieser Auseinandersetzung ablenken sollte. Aber er konnte es doch nicht lassen, auf die Grausamkeit Saladins hinzuweisen, der sich nach seinem Sieg bei Hattin unvers�hnlich gezeigt hatte. �Er h�ndigte damals die Gefangenen seinen unbarmherzigen Kriegern aus. Was war der Erfolg? Zweiunddrei�ig Templer wurden gek�pft.�</p><p>Henri h�tte gut daran getan, dieses Thema vorzeitig zu beenden. Denn nun f�hlte sich Uthman berechtigt, einiges aus seiner Sicht darzustellen. �Saladin war, wie jeder wei�, von Natur aus gro�z�gig. Aber er war emp�rt dar�ber, mit welcher Brutalit�t die Kreuzritter viele Jahre lang unschuldige Rechtgl�ubige behandelt hatten. Au�erdem war die Wahl des Lagers durch euren anscheinend v�llig unf�higen Gro�meister Gerhard von Ridfort denkbar schlecht geplant. Da war Saladin bei weitem kl�ger. Er lie� die umliegenden B�sche in Brand stecken, und die Christen, die dem Feuersturm entkommen wollten, st�rzten den felsigen Abhang herab oder verbrannten bei lebendigem Leib. 150 000 M�nner fielen Saladin in die H�nde. Schande �ber euren unf�higen Gro�meister!�</p><p>Was sollte Henri dazu sagen? Die Niederlage der Kreuzfahrer bei Hattin war eine Katastrophe. Wohl hatte Saladin Ridfort verschont. Doch zu welchem Zweck? Hatte er doch die Hinrichtung der Templer und Johanniter mit einer Bemerkung gerechtfertigt, die Henri emp�rt Uthman vorwarf. �Dein verehrter Saladin sagte: �Ich will die Erde von diesen sonderbaren Organen reinigen, deren Handeln ohne Nutzen ist, die niemals ihre Feindschaft aufgeben und keinen Dienst als Sklaven leisten werden.� F�r so unn�tz hielt er uns.�</p><p>Uthman z�gerte, ehe er Stellung nahm. �Nimm es mir nicht �bel, Henri. Aber genau dasselbe, nur mit anderen Worten, sagte der Alte vom Berge, wie man das Oberhaupt der syrischen Assassinen nannte. Er hielt es n�mlich f�r unn�tz, seine Zeit damit zu vergeuden, die Gro�meister der Ritterorden umbringen zu lassen. Denn es w�rde ja sogleich ein neuer gew�hlt, ohne dass dieses den Zusammenhalt des Ordens beeintr�chtigen w�rde.�</p><p>Henri gefiel diese Einsch�tzung des Templerordens in keiner Weise. �Der Grund dieser au�ergew�hnlichen Milde Saladins war doch nur, dass er Nutzen daraus ziehen wollte. Denn er lie� Gerhard von Ridefort aus Damaskus herbeischaffen, damit er den Templerbesatzungen in der Umgegend befehlen solle, sich zu ergeben.�</p><p>�Ha ha!�, lachte Uthman. �Ausgerechnet Ridefort hat er dazu ausersehen? Jeder wusste doch, dass dieser unf�hige Befehlshaber den Ausgang einer Schlacht als Gottesurteil ansah, oder doch zumindest als ein Schachspiel, bei dem man alles auf einmal in die Waagschale wirft und sich allzu schnell schachmatt setzen l�sst, statt vorher noch eine andere Figur einzusetzen.�</p><p>Henri �berging diesen Angriff auf einen Befehlshaber der Templer. Er hatte erkannt, dass diese Auseinandersetzung zu entgleisen drohte. �Wolltest du nicht h�ren, was Saladin mit den Schwierigkeiten von Abu Hassan zu tun hatte?�</p><p>�Ach ja�, gab Uthman zu, der sich zwar stets allzu schnell ereiferte, aber ebenso schnell wieder beruhigte. �Saladin war schlie�lich anfangs nur ein Offizier der Armee des t�rkischen Emirs von Mossul, mein Blutsverwandter Abu Hassan al-Masudi war dagegen ein hoher Beamter des Sultans von Al-Qudz.�</p><p>�Er fiel in Ungnade und geriet in die H�nde seiner Gegner�, berichtete Henri, um mit seiner Erz�hlung bei der Sippe Uthmans zu bleiben. �Das war der Augenblick, in dem ich beweisen musste, dass ich als sein Bruder treu zu unserem B�ndnis stand. Aber davon erz�hle ich dir morgen.�</p><p>Henri unterbrach die Erz�hlung pl�tzlich. Soeben war der Kapit�n auf dem Deck erschienen und kam mit einem heuchlerischen L�cheln auf sie zu. �Wir sollten �ber den vergangenen Gefahren nicht unsere jetzige Lage vergessen�, fl�sterte er Uthman ins Ohr.</p><p>�Guten Abend, meine Herren. Ich hoffe, Ihr seid wohlauf. Hier an Bord ist etwas Seltsames geschehen. Eine Taube hat sich zu uns verirrt. So etwas kommt eigentlich nur in K�stenn�he vor. Also hoffe ich, dass wir uns Mallorca n�hern. Schaut nur, wie �ngstlich dieses Tier ist! Ich werde es fliegen lassen. Man sagte mir, dass Tauben immer ihren heimatlichen Schlag wieder finden.�</p><p>L�gner! Heuchler! Kanaille!, dachte Uthman. Aber laut bat er: �Darf ich auch einmal das weiche Federkleid dieses V�gelchens ber�hren?�</p><p>Dem Kapit�n war deutlich ein Erschrecken anzumerken. Er trat drei Schritte zur�ck und deckte die Taube mit zwei H�nden zu.</p><p>�Dieses T�ubchen ist sehr verst�rt. Ich m�chte es nicht noch mehr ver�ngstigen. Vielleicht wird es dann nicht mehr von seinem Schwarm aufgenommen, wenn seinen Federn ein fremder Geruch anhaftet.�</p><p>Aha, dachte Henri. Unter den Fl�geln ist bereits die Botschaft verborgen. Darum will Ernesto di Vidalcosta das Tier nicht aus seinen H�nden lassen. Er wird vor unseren Augen am helllichten Tag die Brieftaube zu dem Empf�nger entsenden. Dass ich die Taube gesehen habe, ist ihm nicht verborgen geblieben. Aber er hat eine L�sung gefunden, kein Geheimnis daraus zu machen. Wir sind diesem raffinierten Menschen unterlegen.</p><p>Der Kapit�n trat an die h�lzerne Reling. �Kommt, meine Herren, und verpasst nicht das wundersch�ne Schauspiel, wenn dieses V�gelchen der Sonne entgegenfliegt.� Er �ffnete seine H�nde. Die Brieftaube entfaltete ihre Schwingen und flog �ber das Meer so eilig davon, als ob sie die verlorengegangene Zeit einholen m�sste.</p><p>�Hoffentlich findet sie wirklich ihre Heimat wieder�, sagte Uthman scheinheilig. �Von Brieftauben wei� man ja, dass sie immer zu ihrem Besitzer zur�ckfinden. Aber bei dieser jungen, unerfahrenen Taube, die sich verirrt hat, kann man das nicht wissen.�</p><p>Der Kapit�n sah Uthman starr in die Augen, antwortete jedoch nicht. Obwohl Henri seinen Freund warnend anblickte, konnte Uthman sich nicht enthalten, noch eine Bemerkung anzuf�gen. �Vielleicht ist die nahe K�ste gar nicht Mallorca, sondern irgendein anderes Land. Wer wei�, welchen weiten Weg dieses arme Tier schon zur�ckgelegt hat. Es wirkte jedenfalls ziemlich ersch�pft. Gibt es keine M�glichkeit, seinen Flug zu bestimmen, oder wenigstens seinen Abflugort festzustellen?�</p><p>Der Kapit�n hatte sich zwar gefasst, aber er konnte seine schlechte Stimmung nicht verbergen. �Leider nein! Wie sollte so etwas auch m�glich sein?� Er zog sich in seine Kaj�te zur�ck.</p><p>Henri mochte Uthman nicht tadeln. Er wollte ihm jedoch klarmachen, dass Vorsicht angebracht war. �Es ist ungeschickt, den Menschen, dem wir ausgeliefert sind, unn�tig zu provozieren. Denn er hat l�ngst Verdacht gesch�pft, dass wir ihm auf die Schliche gekommen sind.�</p><p>�Bitte erz�hle weiter!�, bat Uthman. �Ich brauche Ablenkung. Denn ich kann meine Wut kaum noch z�geln.�</p><p>�Ich habe Verbannung und Gefangenschaft von Abu Hassan al-Masudi vorweggenommen�, begann Henri. �Vor diesem b�sen Ende aber lag unsere gemeinsame Arbeit, die aus uns tats�chlich br�derliche Freunde machte.</p><p>Abu Hassan sprach noch leiser als zuvor. �Ich werde dich jetzt in alles einweihen, was mich bedroht und wozu ich deine Hilfe ben�tige. Du hast doch die wundersch�nen Mosaiken bewundert, die den Felsendom schm�cken. Leider haben sie in den vergangenen K�mpfen gelitten. Darum hat mich der Emir beauftragt, die S�uberung und Wiederherstellung zu �berwachen.�</p><p>�Das ist doch eine sehr ehrenvolle Aufgabe�, sagte ich.</p><p>�Es k�nnte eine ehrenvolle Aufgabe sein, wenn ich nicht viele Neider h�tte. Das Schlimmste ist, dass Christen und Rechtgl�ubige gemeinsame Sache machen, wenn es darum geht, einen hohen Beamten zu st�rzen.</p><p>Es werden falsche Anschuldigungen erhoben, und bestochene Zeugen treten auf. Noch aber sind dies nur Ger�chte.�</p><p>�Was kann ich f�r dich tun, um dir zu helfen?�, fragte ich.</p><p>Als Abu Hassan die mir zugedachte Aufgabe erl�uterte, wurde mir klar, dass ich mich in einen argen Zwiespalt begeben und nur von Feinden umgeben sein w�rde. Beide Seiten, sowohl die Christen als auch die Anh�nger des Propheten, w�rden mich letztendlich als Verr�ter bezeichnen.</p><p>�Was ich von dir erbitte, ist allerdings nicht einfach�, gab Abu Hassan zu. �Mache dir Freunde in beiden Lagern. Horche auf das, was sie miteinander bereden! Sorge daf�r, dass sie dir vertrauen! Vor allem achte auf ein Ger�cht, in dem behauptet wird, dass ich mich von Christen bestechen lasse, die Koranverse im Felsendom zu verf�lschen! Berichte mir t�glich alles, was du erfahren hast! Aber komme nur bei Dunkelheit, und verrate niemandem, dass du in Akkon auf Seiten der Tempelritter gek�mpft hast!�</p><p>Mir war nicht wohl zumute. Eine innere Stimme warnte mich, auf diese Bedingungen einzugehen. Abu Hassan verlangte nicht mehr und nicht weniger von mir, als Menschen zu t�uschen, die mich als Freund betrachteten und mir vertrauten. Aber konnte ich �berhaupt ablehnen? Mit Sicherheit w�rde ich dann dort landen, wo ich gerade hergekommen war. Bei den falschen Franziskanern auf dem Berg oder auf nassem Stroh in einem Verlies. Also stimmte ich widerwillig zu, obwohl ich mich deswegen sch�mte.</p><p>Der hohe Beamte des Emirs, der sich mein Bruder nannte, hatte an alles gedacht. Er stattete mich mit w�rdiger Kleidung aus, verga� auch nicht ein Schwert, das mir allerdings stumpf vorkam, und wies mir eine Kammer in der Unterkunft seiner Untergebenen zu. Er hatte auch daran gedacht, mir ein anderes Pferd aus seinen Stallungen zu �berlassen. Denn an der Stute k�nne man mich vielleicht erkennen, f�rchtete er.</p><p>Eigentlich hatte ich vorgehabt, ihm von dem merkw�rdigen Ansinnen der falschen M�nche zu berichten. Vielleicht h�tte Abu Hassan N�heres �ber den Tod des Sultans Baibars gewusst. Ich h�tte ihn auch gerne gefragt, ob die Ismailiten auf irgendeine Weise an Baibars Tod beteiligt gewesen waren oder ob diese Sekte immer noch in bestimmten Kreisen Einfluss h�tte. Aber ein Gef�hl, das ich nicht genau erkl�ren konnte, hielt mich vor allzu gro�er Vertrauensseligkeit zur�ck. Schlie�lich geh�rt deine Sippe, wie die Ismailiten auch, zu den Anh�ngern des Kalifen Ali, den die anderen Sarazenen ablehnen.</p><p>�Wo soll ich mit meinen Nachforschungen anfangen?�, erkundigte ich mich also ziemlich ratlos. Die Antwort von Abu Hassan half mir auch nicht weiter. �Das bleibt deinem Einf�hlungsverm�gen �berlassen�, sagte er. Aber nach kurzem Z�gern f�gte er noch hinzu: �Am besten w�re es wohl, wenn ich dich morgen mit zum Felsendom nehme, um dir den Stein des Ansto�es zu zeigen. Als Templer hast du den besseren �berblick, welche der Mosaiken meinen Gegnern eine Handhabe bieten k�nnten, um mich zu verleumden.��</p><p>Uthman hob die Hand. �Bevor du von deinem Besuch im Felsendom erz�hlst, beantworte mir bitte noch eine Frage: Warum hast du von Saladin so ausf�hrlich berichtet? Gibt es da einen besonderen Grund?�</p><p>�Wenn dir dieser Zusammenhang unverst�ndlich geblieben ist, habe ich mich ungenau ausgedr�ckt. Saladin wollte eigentlich, als er Jerusalem eroberte, jegliches Blutvergie�en vermeiden. Darum lie� er die christlichen Einwohner gegen ein geringes L�segeld abziehen. Was dann doch zu Schwierigkeiten f�hrte, war der un�berbr�ckbare Unterschied zwischen uns Christen und euch Arabern. Denn wie ich schon sagte, war Saladin eigentlich gro�m�tig. Aber sein ritterlicher Geist wurde von seiner religi�sen Hartn�ckigkeit �bertroffen. Zwischen Christen und euch klaffte f�r ihn ein abgrundtiefer Spalt. Genau das war es, was mir meine Aufgabe fast unerf�llbar machte. Denn seit Saladins Zeiten hat sich daran nichts ge�ndert.�</p><p>�Aber es war doch so�, wandte Uthman ein, �dass unsere Gesetze Abmachungen und Kontakte zwischen Rechtgl�ubigen und Christen nicht verhindert h�tten.�</p><p>�Das schon�, gab Henri zu. �Aber der eigentliche Grund dieser B�ndnisse war zumeist doch nur, einem anderen zu schaden. Das trifft auch auf den Sachverhalt zu, der Abu Hassan betrifft. �brigens wei� man auch, dass manche eurer Herrscher zu ihrem Vorteil Vertr�ge mit den Kreuzfahrern gegen ihre eigenen Glaubensbr�der schlossen. Es kam sogar vor, dass sie Seite an Seite miteinander gegen einen gemeinsamen Gegner k�mpften. Aber eine friedliche Vereinigung, die den Glauben mit eingeschlossen h�tte, lag dabei nie vor.�</p><p>�Na ja�, gab Uthman zu. �Auch ich habe mit dir gemeinsame Sache gemacht, um K�nig Philipp ins Jenseits, n�mlich in die H�lle, zu bef�rdern und den Papst mit Hilfe eines Alchemisten von seinen irdischen Leiden zu erl�sen. Aber ich bin und bleibe ein gl�ubiger Anh�nger des Propheten, so wie du ein Christ bleibst.�</p><p>�So weit sind wir in unserem Glauben gar nicht voneinander entfernt�, meinte Henri vers�hnlich. �Denn dein Glaube und das Christentum, wie ja auch das Judentum, kennen doch die gleichen Propheten. Wir beten alle keine G�tzen an, sondern einen einzigen Gott.�</p><p>�Schau mal, wer da kommt!�, unterbrach Uthman die philosophische Diskussion. Brunella, die Piratenbraut, n�herte sich ihnen mit einem Weidenkorb, in den sie die t�gliche Essensration verpackt hatte. Uthman strahlte sie an und enthielt sich nur m�hsam, dem M�dchen auf das Hinterteil zu klopfen. Brunella neigte sich ihm zu. �Auf dem Grund des Korbes findest du etwas Besonderes!�</p><p>�Ah, vielleicht ein St�ck Braten!�, hoffte Uthman.</p><p>Trotz des Scherzes lachte sie nicht. �Etwas viel Wichtigeres als Gen�sse, die du dir erhoffst. Achte auf ein St�ck Papier! Es k�nnte f�r euch eine lebenswichtige Nachricht sein.� Sie stellte den Korb zwischen die beiden M�nner und ging davon.</p><p>Henri schaute sich erst nach allen Seiten um, bevor er den zusammengefalteten Zettel entrollte. Hinter der vorgehaltenen Hand entzifferte er die kurze Mitteilung. �Versucht nicht, in der kommenden Nacht in die Kaj�te des Kapit�ns einzudringen! Er empf�ngt euch bewaffnet. Aber wartet um Mitternacht auf mich! Ich habe euch bedeutende Nachrichten zu �berbringen.�</p><p>�Wenn sie das nicht mit den Nachrichten geschrieben h�tte, k�me es mir so vor, als ob Brunella eine Einladung zu einer Liebesnacht �berbringen wollte�, sagte Uthman seufzend. �Aber leider klingt die Botschaft ziemlich ernst. Schade! Mir w�re nach ein wenig Z�rtlichkeit zumute gewesen.�</p><p>�Du wirst dich niemals �ndern�, sagte Henri kopfsch�ttelnd. �Warten wir ab, was das M�dchen uns zu sagen hat! Ich vertraue ihr.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>7</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>�Heute werde ich dir einmal etwas erz�hlen�, schlug Uthman vor, als sich der Mond am Himmel zeigte. �Wenn ich auch nicht so ein guter Erz�hler bin wie du, so wird uns doch die Zeit bis Mitternacht nicht zu lang werden.�</p><p>�Wovon wirst du uns berichten?�, fragte Henri. �Von den Lehren des Propheten Muhammad?�</p><p>Uthman lachte vergn�gt. �Nicht im Entferntesten. Ich werde dir eine Geschichte erz�hlen, die ich oft von meiner Mutter geh�rt habe, bevor mein Vater meine Erziehung �bernommen hatte. In der f�nfhundertachtunddrei�igsten sowie der folgenden Nacht erz�hlte Schehrez�d dem K�nig Schehjir�r von Sindbad, dem Seefahrer. Vielleicht hast du schon von den Erz�hlungen aus den Tausendundein N�chten geh�rt. Ich bin aber sehr gespannt, ob du auch die richtige Lehre f�r uns dieser Geschichte entnehmen kannst.�</p><p>�Das hoffe ich doch sehr�, erwiderte Henri.</p><p>�Dann fange ich jetzt an. Sindbad, der das Erbe seines Vaters verprasst hatte, wollte in fremde L�nder reisen, um dort Handel zu treiben. In der Stadt Basra bestieg er mit anderen Kaufleuten ein Schiff. Sie segelten von Insel zu Insel, von Land zu Land. Eines Tages sichteten sie ein Eiland, das einem Paradiesgarten glich.�</p><p>�Da kann man nur hoffen, dass auch Mallorca einem Paradiesgarten gleicht�, warf Henri ein.</p><p>�H�re erst einmal, was das f�r eine Insel war!�, mahnte Uthman. �Die vermeintliche Insel war n�mlich ein gro�er Fisch, auf dem sich Sand abgelagert hatte und B�ume gewachsen waren. Der Kapit�n hatte Anker werfen und die Kaufleute an Land gehen lassen.�</p><p>�Ich ahne Schreckliches�, fl�sterte Henri.</p><p>�Zu Recht siehst du unangenehme �berraschungen voraus. Denn als die Kaufleute ein Feuer entz�ndet hatten, um sich in der Glut eine Mahlzeit zu bereiten, sp�rte der Fisch die Hitze und bewegte sich. Die Kaufleute blieben ahnungslos, aber der Kapit�n, der an Bord geblieben war, schrie pl�tzlich mit lauter Stimme: �Ihr Leute, rettet euer Leben! Was ihr f�r eine Insel haltet, ist ein gro�er Fisch, der bald in der Tiefe verschwinden wird. Lasst eure Sachen im Stich, und kommt an Bord, so schnell ihr k�nnt! Bringt euch in Sicherheit, ehe das Verderben �ber euch kommt!��</p><p>�Man kann nur hoffen, dass dieser Sindbad alle seine Waren liegen lie�, um das Schiff noch zu erreichen�, sagte Henri.</p><p>Aber Uthman sch�ttelte den Kopf. �Warum auch immer! Sindbad war unter denen, die mit dem Fisch und allem, was darauf war, in tosendem Wasser und brandenden Wogen versank.�</p><p>�Das ist doch nicht etwa das Ende der Geschichte?�, fragte Henri besorgt.</p><p>�Nein, es fehlt noch die Lehre, die dir diese Geschichte vermitteln soll. Der Kapit�n hatte n�mlich inzwischen Segel setzen lassen und war mit denen davongefahren, die sich an Bord gerettet hatten. Er dachte �berhaupt nicht daran, sich um die Ertrinkenden zu k�mmern.�</p><p>�Aha!�, sagte Henri, mehr nicht.</p><p>�Nun folgt das, was du sicher erwartet hast�, fuhr Uthman fort. �Denn Allah, der Erhabene, beh�tete Sindbad und rettete ihn vor dem Tod des Ertrinkens. Er schickte ihm n�mlich einen gro�en h�lzernen Zuber, in dem die Kaufleute auf der Insel zuvor ihre Sachen gewaschen hatten. Sindbad klammerte sich an ihn, setzte sich rittlings darauf und ruderte mit seinen Beinen im Wasser. In dieser Lage verbrachte er einen Tag und eine Nacht. Aber dann trieben ihn g�nstige Winde zu einer Insel mit einer hohen Steilk�ste.�</p><p>�Wahrscheinlich kam ein gro�er Vogel �ber das Meer, an dessen Beinen er sich anklammern und an Land retten konnte�, mutma�te Henri.</p><p>�Kennst du einen Vogel, der einen Menschen tragen kann?�, fragte Uthman fast �rgerlich. �Ich nicht! Aber �ste ragten �ber das Wasser heraus. An diesen Zweigen konnte sich Sindbad festhalten, entlangklettern und schlie�lich auf die Insel springen, obwohl seine F��e von Fischen zerbissen waren. So entkam Sindbad dem Tod.�</p><p>Uthman schwieg und blickte �ber das Meer, in dem sich der Mond spiegelte, sodass die Wellenk�mme silbern leuchteten, um gleich darauf in einem dunkelblauen Tal zu verschwinden.</p><p>�Ich glaube, dass ich die Lehre dieser Geschichte verstanden habe�, sagte Henri nach einer geraumen Weile des Schweigens.</p><p>�Dann lasse mich h�ren, was deiner Meinung nach Schehrez�d dem K�nig Schehjir�r und damit auch uns sagen wollte!�</p><p>�Ich denke doch, dass du diese Geschichte erz�hlt hast, um einen Bezug zu unserer Seefahrt herzustellen. Wenn das so ist, sollten wir vermeiden, dass Ernesto di Vidalcosta uns auf einer Insel an Land setzt, von deren Sch�nheit er uns vorschw�rmt. Sp�ter stellt sich n�mlich dann heraus, dass dieses Eiland f�r uns nicht etwa paradiesisch, sondern h�chst gef�hrlich ist.�</p><p>�Richtig!�, rief Uthman begeistert.</p><p>�Aber das ist noch nicht alles�, fuhr Henri fort. �In entscheidenden, n�mlich lebensbedrohenden Augenblicken sollte man nicht an Reichtum und materielle G�ter denken. Sie erweisen sich f�r gew�hnlich als v�llig unn�tig, wenn es um das nackte Leben geht.�</p><p>�Richtig!�, rief Uthman und f�gte hinzu: �Das sollte auch f�r deinen Templerschatz gelten.�</p><p>�Damit magst du nicht ganz Unrecht haben�, gab Henri zu. �Aber das Wichtigste an dieser Geschichte ist Gottes Hilfe, den du Allah nennst. Ohne den Beistand des allm�chtigen himmlischen Vaters w�re Sindbad elend ertrunken. Oft aber k�nnen wir einen solchen Zauber nicht wahrnehmen. Wir erkennen nicht, dass er ein Werkzeug Gottes zu unserer Rettung ist.�</p><p>Uthman sah nachdenklich vor sich hin. �Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Dann w�re der tiefe Sinn dieser Geschichte, stets auf Allah zu vertrauen. Er wird uns auch auf dieser Seereise helfen und uns in jeder Gefahr zur Seite stehen.�</p><p>�Darum werde ich beten�, schloss Henri die Unterhaltung.</p><p>Der Mond war ein gutes St�ck am Himmel weitergewandert und hatte sich hinter dem Segel versteckt. Der silberne Glanz auf den Wogen war verschwunden. Die Wellen wirkten jetzt wie dunkle Berge und T�ler, die in Bewegung geraten waren. Der Wind hatte aufgefrischt, und die beiden suchten die W�rme der h�lzernen Planken, die noch ein wenig von dem Sonnenlicht gespeichert hatten.</p><p>�Mitternacht muss doch schon lange vor�ber sein�, meinte Uthman. �Wo bleibt denn nur Brunella?�</p><p>�Ich f�rchte, dass sie in dieser Nacht gar nicht mehr kommen wird�, �u�erte Henri seine Bedenken. �Sieh mal, wer die Wache �bernommen hat!�</p><p>Uthman stand auf, um in der Finsternis besser sehen zu k�nnen.</p><p>�Verflucht sei Satan, der seine H�nde im Spiel hat! Das ist Arturo, der Brunella als seine Beute ansieht. Ob er etwas von ihren Absichten erfahren hat? Was wollte sie uns wohl mitteilen?�</p><p>�Vielleicht werden wir das morgen erfahren�, tr�stete Henri.</p><p>�Morgen kann alles viel zu sp�t sein�, zischte Uthman, der seine Wut nur m�hsam unterdr�cken konnte. �Ich schlage vor, dass wir Arturo unsch�dlich machen.�</p><p>Henri legte den Finger auf die Lippen, weil Uthman in seinem Zorn viel zu laut gesprochen hatte. �Was stellst du dir denn unter <emphasis>unsch�dlich machen</emphasis> vor?�</p><p>�Genau das, was ich schon am liebsten mit Ernesto di Vidalcosta gemacht h�tte, n�mlich den Fischen zum Fra� vorwerfen.�</p><p>�Du kennst genauso gut die Gr�nde�, entgegnete Henri �rgerlich, �warum das nicht m�glich ist. Jeder wird wissen, wer diese Tat ver�bt hat. Im Mittelmeer gibt es kein geheimnisvolles Meeresungeheuer, das Arturo �ber die Reling ins Meer rei�en k�nnte. Ebenso wenig wird man glauben, dass einer der heidnischen G�tzen oder ein D�mon den Wogen entstiegen ist, um Arturo zu sich zu holen.�</p><p>�Warum verh�hnst du mich?�, klagte Uthman. �Ich suche ja nur nach einem Ausweg.�</p><p>�Der einzige Ausweg zeigt sich darin, Geduld und Wachsamkeit zu �ben�, erwiderte Henri. �Und bitte lass dir nicht einfallen, heimlich auf die oberen Deckaufbauten zu klettern, um Brunella mit Gewalt herabzuholen.�</p><p>�Kannst du Gedanken lesen?�, fragte Uthman und musste lachen.</p><p>Henri l�chelte. �Das nicht, aber ich kenne dich inzwischen!�</p><p>Auch in der n�chsten Nacht lie� sich Brunella nicht sehen. Arturo hatte wieder die Wache in den Stunden um Mitternacht �bernommen. Darum schlug Henri vor, am besten auf einen g�nstigen Zufall zu warten, der es erm�glichte, mit Brunella zu sprechen.</p><p>�Du k�nntest uns die lange Zeitspanne des Wartens verk�rzen, wenn du weiter von deinen Abenteuern in Jerusalem erz�hlen w�rdest�, bat Uthman. �Abu Hassan wollte dir den Felsendom zeigen, unseren <emphasis>Qubbet as-sacra.</emphasis> F�r uns ist dieser Felsen der heiligste Platz in Jerusalem, weil von dort der Prophet in die Himmel gereist ist. Ich kann es kaum erwarten, was du mir dar�ber berichtest.�</p><p>Uthman dachte sehnsuchtsvoll an die Gnade, die dem Propheten an diesem Ort gew�hrt worden war. �Alsdann�, so berichtete Muhammad selbst in einem gut bezeugten <emphasis>Hadith,</emphasis> �brachte mich der Engel Dschibril, Gabriel, nach Jerusalem, wo wir mit den Engeln gemeinsam das Gebet verrichteten. Dort waren die Seelen der Propheten versammelt, um den Herrn zu lobpreisen.� Gabriel f�hrte Muhammad durch die Himmel; mit Abraham hatte der Prophet dort gesprochen, mit Moses und Jesus. Als ihr Vorbeter pries er zusammen mit ihnen den Allerh�chsten. Schlie�lich erblickte er die Herrlichkeit und das Licht Gottes. �Das Gleichnis Seines Lichts�, hie� es in der Sure An-Nur, �ist wie eine Nische, worin sich eine Lampe befindet. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist gleichsam ein glitzernder Stern � angez�ndet von einem gesegneten Baum, einem �lbaum, weder vom Osten noch vom Westen, dessen �l beinah leuchten w�rde, auch wenn das Feuer es nicht ber�hrte.</p><p>Licht �ber Licht. Allah leitet zu Seinem Licht, wen Er will.�</p><p>�Ein wenig musst du dich noch gedulden�, riss Henri Uthman aus seinen Gedanken. �Denn aus dem Besuch des Felsendoms wurde vorerst nichts. In aller Fr�he wurde ich zu Abu Hassan gerufen. Deutlich konnte man ihm seine Sorge anmerken. Seine Stimme klang erregt.</p><p>�Der Emir hat mich zu sich befohlen, und zwar solle ich mich ohne Verz�gerung bei ihm einfinden. Ich f�rchte, dass er mich wegen der Verleumdungen zur Rede stellen will. Es geht jetzt darum, alle seine Bedenken zu zerstreuen. Was mich aber vor allem beunruhigt, ist sein Befehl, du sollest ebenfalls vor ihm erscheinen.�</p><p>Auch ich erschrak. Was hatte dieser Befehl zu bedeuten? Woher wusste der Emir �berhaupt von meiner Anwesenheit in Jerusalem? Gab es Zutr�ger, die ihm von der Ankunft eines ehemaligen Kreuzritters berichtet hatten? Bestanden irgendwelche Querverbindungen zwischen den falschen Franziskanern und treuen Anh�ngern des Emirs? Ich vermochte nicht, alle diese Gedanken in eine vern�nftige Ordnung zu bringen. �Wie muss ich mich verhalten?�, fragte ich ein wenig ratlos.</p><p>Abu Hassan legte die Hand �ber die Stirn. �Dar�ber habe ich reiflich nachgedacht, nachdem mich der Befehl des Emirs erreicht hatte. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir m�glichst nahe bei der Wahrheit bleiben sollten.�</p><p>�Ist das nicht zu gef�hrlich?�, gab ich zu bedenken. �Ich habe in Akkon gegen die Mamelucken gek�mpft, und, um es zu gestehen, habe ich mich in einem solchen Blutrausch befunden, dass ich alle Feinde niedergemetzelt habe, die mir vor die Klinge kamen.�</p><p>Der W�rdentr�ger rieb sich mehrmals �ber den Kopf, als ob diese Bewegung ihn zu einem besseren Gedanken f�hren k�nnte. �Ich sagte <emphasis>m�glichst nahe,</emphasis> mehr aber auch nicht. Ich stelle dich wahrheitsgem�� als einen Verwandten aus meiner Sippe vor, der in seiner fr�hesten Jugend von den Kreuzrittern zu einem falschen Glauben verf�hrt wurde, dem er aber nun abgeschworen hat. Als Kenner der Symbole der Christen wollest du mir nun bei der Renovierung der Mosaiken im Felsendom zur Seite stehen, damit man alles, was nicht dem wahren Glauben entspricht, ausmerzen k�nne.�</p><p>Ich hatte verstanden, was <emphasis>mein Bruder</emphasis> von mir verlangte, um seine eigene Haut zu retten. Meinen Glauben sollte ich verleugnen, vielleicht sogar an einer Christenverfolgung teilnehmen, im allerschlimmsten Fall sogar meine Gel�bde brechen, die ich beim Eintritt in den Orden gelobt hatte. Ich war nahe daran, mich in das Verlies der falschen Franziskaner zur�ckschicken zu lassen. Aber dir, Uthman, der du mein Freund und ein tapferer K�mpfer bist, gestehe ich voller Scham, dass ich an meinem Leben hing. Darum schlug ich in die Hand Abu Hassans ein, um dieses unheilvolle B�ndnis erneut zu besiegeln.</p><p>Der Palast des W�rdentr�gers hatte sich mir in einer Pracht gezeigt, die f�r mich nicht mehr zu �berbieten war. Wie armselig erschienen mir in meiner Erinnerung die Komtureien des Templerordens! Wenn ich daran dachte, dass wir oft zu zweit auf einem Pferd sa�en, kam ich mir jetzt auf dem geschm�ckten Araberhengst wie ein reicher Sultan vor. Ich wei� nicht, ob ich damals k�uflich war und langsam Geschmack an dem Wohlleben fand, das mir in Aussicht stand.</p><p>Dem Emir hatte es gefallen, jene k�niglichen Gem�cher in Besitz zu nehmen, in denen sich einst die Residenz K�nig Balduins befunden hatte. So glaubte er wohl, an Ansehen zu gewinnen, weil Jerusalem trotz des gro�artigen mameluckischen Sieges gegen die Mongolen zun�chst von Gouverneuren verwaltet wurde. Wie Abu Hassan mir auf dem Weg zu dem Palast des Emirs verriet, f�hlte sich der Emir in seinem Stolz verletzt, weil er dem Vizek�nig von Damaskus unterstellt war.</p><p>Du kannst dir denken, dass ich das Gef�hl hatte, in einen Wust von Intrigen, Verleumdungen und scheinheiligen Freundschaften eingesponnen zu sein. Ich bin ein gl�ubiger Tempelritter, der sich fest in die Regeln des Ordens eingebunden f�hlt, und ich kam mir damals gegen�ber diesen Machenschaften wehrlos vor.�</p><p>�Ich gebe es nicht gerne zu�, bekannte Uthman, �aber wir Menschen aus dem Orient sind Meister der Verstellung. Nicht jeder, der dir freundschaftlich die Hand reicht, ist auch ein wahrer Freund zu nennen. Dich aber achte ich gerade deswegen, weil du einem Freund niemals mit Arglist und T�uschung begegnen wirst.�</p><p>�Ich danke dir f�r die Worte, mit denen du unsere Freundschaft bekr�ftigst�, sagte Henri. �Aber auch bei uns Christen gibt es Menschen, die ihre Freunde verraten. In unseren biblischen Geschichten k�nntest du es nachlesen, wie Jesus Christus durch einen seiner J�nger verraten wurde.�</p><p>Uthman erhob sich von den Planken und st�tzte sich auf seine Ellenbogen. �Deinen letzten Worten entnehme ich, dass das Verhalten des Emirs dich in Unruhe versetzt hatte.�</p><p>�Allerdings�, best�tigte Henri. �Von Anfang an hatte ich das Gef�hl, dass mir von diesem Mann trotz seines freundlichen Gebarens Gefahr drohte. Da sa� dieser Emir in seinen kostbaren seidenen Gew�ndern in der ehemaligen k�niglichen Residenz und gab mir einen herrischen Wink, ich solle mich vor ihm niederknien.�</p><p>�Nat�rlich folgtest du diesem Wink?� Uthman hielt es f�r selbstverst�ndlich.</p><p>�Es war das erste und das letzte Mal, dass ich mich vor dem Emir auf die Knie niederlie�. Unsere sp�teren Begegnungen fanden Auge in Auge beiderseits bewaffnet statt; allerdings nur bis zu dem Tag, an dem wir Freunde wurden. Aber dazwischen lagen Wochen, in denen wir uns umkreisten und belauerten. Auch ich musste notgedrungen die Kunst der Verstellung lernen, um das eigene Leben zu retten. Damals, als wir zum erstenmal aufeinander trafen, glaubte der Emir, ein Wolf zu sein, dem ein junges Lamm als leichte Beute zufallen w�rde. So �hnlich f�hlte ich mich auch. Dass diese Art der Beziehung f�r mich zu �ndern sein k�nnte, wagte ich gar nicht zu hoffen. Und doch kam es sp�ter so, dass wir zu zwei gleich starken W�lfen wurden.�</p><p>Henri, der schon den Mund ge�ffnet hatte, um in seiner Erz�hlung fortzufahren, presste pl�tzlich die Lippen aufeinander und beobachtete starr den Eingang zu den Unterk�nften. �Da kommt auch so ein Wolf, der sich einbildet, mit solchen Schafen, wie wir es sind, k�nne er leicht fertig werden�, fl�sterte er kaum vernehmbar.</p><p>Ernesto di Vidalcosta trat freundlich l�chelnd n�her. Auch so ein Meister der Verstellung, dachte Henri. Aber ich habe meine Lektion in Jerusalem gelernt.</p><p>�Nun werdet Ihr bald wieder festen Boden unter den F��en sp�ren. Ich rechne damit, dass wir in drei Tagen in einer Bucht auf Mallorca anlegen k�nnen. Leider darf niemand von uns das Schiff verlassen, bevor nicht der Medicus an Bord war, um unseren Schwerkranken zu untersuchen. Hoffentlich verh�ngt er keine Quarant�ne.</p><p>Dann w�rde es keinem von uns erlaubt sein, das Schiff zu verlassen. Aber diesen schlimmen Fall wollen wir doch gar nicht erst annehmen.� Der Kapit�n nickte ermutigend und verlie� seine beiden G�ste.</p><p>�Was diese neue Vorstellung sollte, ist mir r�tselhaft�, sagte Uthman. �Jedenfalls wird er versuchen, uns an Bord festzuhalten. Aber warum?�</p><p>Henri richtete seine Blicke �ber das Meer. Am Horizont zeigte sich noch kein K�stenstreifen. �Vorl�ufig wei� auch ich nicht so recht, was ich von dieser neuen Ma�nahme halten soll. Wenn er illegale Waren laden will, m�sste er doch eigentlich froh sein, wenn wir an Land auf Nimmerwiedersehen verschwinden werden. Vielleicht f�rchtet er die Gefahr, dass wir bei den Beh�rden eine Anzeige erstatten.�</p><p>�Das leuchtet mir ein�, best�tigte Uthman. �Aber dann d�rfte er uns auch nicht in Menorca entkommen lassen.�</p><p>�Denkt man diese Auslegung zu Ende, kommt man zwangsl�ufig zu dem Schluss, dass uns zwischen Mallorca und Menorca ein unliebsamer Zwischenfall treffen wird. Da gibt es eigentlich nur zwei M�glichkeiten: Entweder er l�sst uns durch einige kr�ftige Kerle �ber Bord werfen, oder aber er hat einen Treffpunkt auf hoher See mit Piraten vereinbart, denen er seine illegale Ladung und auch uns als Dreingabe verkauft.�</p><p>�Doch wohl das Letztere�, meinte Uthman. �Denn ein Mord? Immerhin k�nnte es doch sein, dass ihm einige M�nner der Besatzung nicht gut gesonnen sind und ihn am Ende der Fahrt bei der Reederei anzeigen.�</p><p>�Falls die meisten nicht auch noch mit ihm unter einer Decke stecken�, murmelte Henri argw�hnisch. �Aber wir wollen nicht gleich das Schlimmste annehmen.�</p><p>Der Himmel hatte sich bew�lkt, und die schmale Mondsichel lag nun vollst�ndig hinter den Wolken versteckt. Uthman wehrte sich gegen den Schlaf, seine Damaszenerklinge lag griffbereit neben ihm. Er hatte es �bernommen, in den ersten Nachtstunden Wache zu halten, und starrte beharrlich ins Dunkle.</p><p>Sp�ter machte er sich bittere Vorw�rfe, unaufmerksam gewesen zu sein. Pl�tzlich ber�hrte ihn jemand im Nacken. Blitzschnell fuhr er herum, erhob die Damaszenerklinge und h�tte zugestochen, wenn der vermeintliche Angreifer nicht einen leisen Schrei ausgesto�en h�tte. Es war eine weibliche Stimme, und eine schlanke Gestalt warf sich ihm in den Scho�: Brunella, die Piratenbraut!</p><p>�Ich habe nicht viel Zeit�, fl�sterte sie kaum h�rbar. �Arturo ist nach zwei Nachtwachen nun endlich m�de geworden. Aber er h�rt die Fl�he husten und k�nnte bald aufwachen.�</p><p>�Komm n�her!�, bat Uthman. �Sonst kann ich dich nicht verstehen.� Er dr�ckte sie an sich und nahm sie in den Arm. Aber sie entzog sich seinem Griff.</p><p>�H�re gut zu! Ich habe in Erfahrung gebracht, dass wir nicht in einer Bucht landen werden, die zu Mallorca geh�rt, sondern auf der vorgelagerten kleinen Insel Cabrera. Dort erwartet uns eine �ble Gesellschaft, die dem Kapit�n gestohlenes Gut verkauft. Er l�sst niemand von Bord gehen, der die Verkaufsverhandlungen beobachten k�nnte.�</p><p>Uthman versuchte, das M�dchen zu k�ssen. Aber sie schob ihn beiseite. �Dazu wird sp�ter vielleicht Gelegenheit sein! Merke dir lieber jedes Wort! In einer versteckten Bucht vor Menorca wartet in Ufern�he ein Piratenschiff. Bete zu Gott, dass es sich dabei um die Schaluppe meines Geliebten handelt! Er wird die Kogge entern, auf der wir uns jetzt noch befinden. Wenn es so ist, wie ich es mir erhoffe, werde ich euch ein Zeichen geben! Helft mir von Bord und lasst euch selbst gefangen nehmen. Ich schw�re dir bei der Jungfrau Maria und allen Heiligen, dass euch dann nichts geschehen wird. Vertraue mir!� Sie l�ste sich aus seinem Arm und huschte davon.</p><p>Henri, der es von Jugend an gewohnt war, auf das leiseste Ger�usch zu achten, hatte die Unterhaltung verfolgt. Er richtete sich auf.</p><p>�Es bleibt uns nichts anderes �brig�, sagte er voller Kummer, �als ihr zu vertrauen. Ernesto di Vidalcosta plant mit Sicherheit, irgendwo an Land seine Ware zu verkaufen. Er wird uns als Zeugen dieser betr�gerischen Aktion umbringen lassen.�</p><p>Uthman nickte. �Du hast Recht. Denn ich habe das M�dchen verteidigt und vor den Stockschl�gen des Kapit�ns gesch�tzt. Auch unter Piraten gilt hoffentlich immer noch der alte r�mische Spruch: <emphasis>Do ut des �</emphasis> Ich gebe, damit du gibst.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>8</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Zwei weitere N�chte vergingen, ehe am Horizont ein schmaler Strich K�ste zu sehen war. �Jetzt k�nnten wir Joshua mit seiner Brille gebrauchen�, scherzte Uthman. �Sicher w�rde er uns genau sagen k�nnen, ob diese Insel so paradiesisch ist wie das Eiland, dem Sindbad der Seefahrer beinahe zum Opfer gefallen w�re.�</p><p>�Gerne h�tte ich Joshua bei uns�, meinte Henri. �Aber seine Brille brauchen wir in diesem Fall nicht. Das k�nnte Menorca sein, falls wir an der s�dlichen Spitze dieser Insel vorbeisegeln.�</p><p>Uthman schlug mit der Faust auf die h�lzerne Reling. �Wenn ich genau w�sste, dass wir uns kurz vor unserem eigentlichen Ziel befinden, w�rde ich von dem Kapit�n verlangen, dass er uns mit dem Beiboot an Land rudern l�sst. Dieses Wagnis sollte man eingehen.�</p><p>�Dann richte doch diese Bitte an unseren Kapit�n. Denn Ernesto di Vidalcosta kommt eben auf uns zu. Sieh nur, wie er strahlt! Sicher haben die Brieftauben ihm gute Nachrichten �berbracht.�</p><p>Der Kapit�n wedelte mit einem Bogen Papier in der Luft herum. �Zur Erinnerung an diese Segelfahrt m�chte ich Euch eine Seekarte �berreichen. Ich hoffe, dass Euch diese von mir gefertigte Aufzeichnung auf vielen weiteren Reisen von Nutzen sein wird.�</p><p>Henri nahm die Karte mit einer angedeuteten Verbeugung entgegen.</p><p>�Auf dieser Karte ist vieles falsch eingetragen�, stellte er dann fest, nachdem der Kapit�n sie verlassen und er das Papier ausgiebig studiert hatte. �Gl�cklicherweise habe ich gelernt, mit Karten umzugehen. Ich habe mir die Seekarte, die er uns neulich gezeigt hat, sehr gut gemerkt. Auch die Sterne haben mir geholfen, Orientierungspunkte zu finden.�</p><p>�Ohne Zweifel will er uns irref�hren�, stellte Uthman fest. �Vielleicht l�sst sich aber gerade aufgrund der falschen Eintragungen die richtige Ortsbestimmung festlegen.�</p><p>Sie beugten sich beide �ber die Karte und waren sich einig, dass der schmale Landstreifen nicht Menorca sein konnte. Vielleicht handelte es sich sogar nur um eine Sandbank. Allzu bald verschwand die vermeintliche K�ste wieder hinter dem Horizont. Aber die N�he von Menorca besch�ftigte sie weiter.</p><p>�Ich habe gelesen, dass die weite Ebene im s�dlichen Menorca von mehr als drei�ig Schluchten zerschnitten ist. Diese Barrancs wurden fr�her, als die Insel noch mehr Wasser hatte, von Fl�ssen in den weichen Kalksandstein gewaschen.�</p><p>�Dann m�ssen wir aufpassen, dass uns der Kapit�n nicht im S�den an Land setzt. Denn in der Ebene gibt es f�r uns kein Versteck, und die Schluchten lassen sich nur schwer �berwinden.�</p><p>�Auch die Sumpfgebiete sollten wir meiden�, riet Uthman. �Dort gibt es Reiher, Flamingos und St�rche. Das mag f�r V�gel ein idealer Ort sein. Aber f�r uns Menschen bergen Sumpfgebiete viele Gefahren.�</p><p>�Sobald wir also die M�glichkeit haben, in Menorca an Land zu gehen, werden wir uns nach Norden wenden. In Mallorca, falls wir es jemals erreichen sollten, bleiben wir jedenfalls an Bord. Denn Brunella hat uns dringend davon abgeraten, das Schiff dort oder auf der vorgelagerten Insel Cabrera zu verlassen.�</p><p>Henri dachte dar�ber nach, ob er jemals in einen �hnlichen Zwiespalt geraten war. Was hatten ihn die Gesetze der Templer gelehrt? In erster Linie einen festen Glauben. Aber welche Strategie f�r einen Kampf, der vom Gegner nicht offen, sondern mit Hinterlist gef�hrt wurde? Die Templerburgen waren nicht selten durch Verrat verloren gegangen. Ein weiterer Nachteil ergab sich jedoch daraus, dass die K�mpfe zu Land ihm zwar vertraut waren, aber auf See galten andere Voraussetzungen.</p><p>Er hatte mit einigen Kreuzfahrern gesprochen, die von weit her gekommen waren, zu Fu� und zu Pferd bis nach Italien, wo die Reise �ber das Mittelmeer begann. Es sollte eine Route gegeben haben, die von J�tland zum Sinfal in Flandern, von da �ber das Kap von Prawle in England und Pointe de Saint Mathieu, durch die Bretagne nach La Corulla, Lissabon, schlie�lich zur Stra�e von Gibraltar, an der Ostk�ste Spaniens entlang �ber Tarragona und Barcelona nach Marseille gef�hrt hatte, um �ber Messina Akkon zu erreichen. Man h�tte ihm genauso gut von China und Marco Polo erz�hlen k�nnen. Fast alle diese St�dte waren f�r ihn Fremdw�rter, die meisten kannte er nur von Karten. W�hrend des siebten Kreuzzugs hatten Genua und Venedig die Seeherrschaft �ber das Mittelmeer an sich gerissen. Aber sie f�hrten Kriege miteinander, und die Gewinnsucht ihrer Kaufleute hatten Wege zu St�dten er�ffnet, von denen er noch nie geh�rt hatte. So waren ihm Kenntnisse des Lebens auf See zum gr��ten Teil verborgen geblieben.</p><p>Aber w�hrend er �ber diese L�cken in seiner Bildung nachgr�belte, fielen ihm Verse ein, die er einmal im Psalter gelesen hatte und die ihn in seiner Jugend begeistert hatten. Dieser Psalm trug die �berschrift: <emphasis>Gebet um Errettung vor boshaften Feinden.</emphasis> Er brauchte nicht lange nachzudenken, bis ihm die Verse wieder einfielen. Denn oft hatte er Gott mit diesen Worten angefleht: �Ergreife Schild und Waffen und mache dich auf, um mir zu helfen! Z�cke den Spie� und sch�tze mich wider meine Verfolger! Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe!� Er brauchte dann eine Weile, bis ihm der n�chste Vers in den Sinn kam, doch beim Gedanken an Ernesto di Vidalcosta fielen sie ihm pl�tzlich ein. �Es m�ssen zu Schanden werden, die mir �bel wollen. Ihr Weg werde finster und schl�pfrig, und der Engel des Herrn verfolge sie.� Gab es einen besseren Schutzschild gegen solche Menschen wie Ernesto di Vidalcosta? Er f�hlte sich gest�rkt und getr�stet.</p><p>Uthman suchte im Koran nach einer Stelle, die ihnen vielleicht Hilfe im Kampf gegen den heuchlerischen Kapit�n bieten konnte. In der Sure At-Tahrim, der Sure von der verbotenen Sache, hie� es im 9. Zeichen zwar: �O Prophet, setze dich gegen die Ungl�ubigen und die Heuchler ein und fasse sie hart an! Ihre Heimst�tte ist die H�lle � welch ein schlimmes Ende!� Aber was hatten sie davon, wenn Ernesto di Vidalcosta eines Tages im H�llenfeuer seine S�nden b��en musste? Gar nichts! Den Betr�gern und den L�gnern wurde in der Sure Al-Baqarah, die Kuh, eine <emphasis>schmerzhafte Pein</emphasis> angedroht. Die wollte er dem Kapit�n gerne bereiten, obwohl er wusste, dass er diese Bestrafung Allah, dem M�chtigen und Weisen, �berlassen m�sse.</p><p>Sie hatten gedankenverloren vor sich hin gesehen und hoben wie auf Befehl ihre K�pfe, um ihre Blicke gen Himmel zu richten. Denn sie kannten sich so gut, dass der eine die Gedanken des anderen teilen konnte.</p><p>�Wir sind nicht nur Gl�ubige, jeder in seiner Religion�, ergriff Henri als Erster das Wort, �sondern wir sind vor allem K�mpfer, aber nicht von der Art, die wild darauf losschlagen, sondern solche, die ihr Vorgehen klug bedenken und dann danach handeln.�</p><p>�Ich habe dich verstanden�, stimmte Uthman zu. �Wir werden deine Worte in die Tat umsetzen, wenn uns die n�chste Zukunft eine M�glichkeit gibt.�</p><p>�Das bedeutet, sobald die Insel Cabrera sichtbar wird, oder notfalls sogar erst, wenn wir dort anlegen werden. Ich sch�tze, dass dieser Zeitpunkt aufgrund meiner astronomischen Berechnungen in zwei Tagen sein wird. Aber ich werde zur Sicherheit diese Nacht noch einmal den Polarstern ins Visier nehmen.�</p><p>�Der Tag ist noch lang�, seufzte Uthman. �Du kennst mich. Mir wird es schwer, nicht schon jetzt den Kampf aufzunehmen. Erz�hle mir weiter von deinen Erlebnissen in Jerusalem!�</p><p>Henri warf noch einmal einen Blick zu den Unterk�nften, ob dort vielleicht eine verd�chtige Bewegung zu erkennen war. Aber die Seeleute gingen ruhig ihren Arbeiten nach. Sie hatten die Segelfl�che weit ausgebreitet, sodass der Wind ungehindert hineinfahren und die Fahrt beschleunigen konnte. Er glaubte nicht an die N�he von Mallorca, das der Kapit�n so eingetragen hatte, als erreichten sie die Insel in k�rzester Zeit. Doch offenbar fuhr er einen Zickzackkurs, um m�glichst lange au�er Sichtweite des Landes zu bleiben. Noch lie� sich keine M�we blicken. Aber ein Frachtschiff mit gebl�hten Segeln war am Horizont zu sehen. Henri entnahm der Entfernung, dass die Kogge sich abseits der �blichen Fahrtroute befand. Er lie� sich neben Uthman nieder und versuchte, die Gedanken auf jene Zeit zu lenken, die er damals in Jerusalem verbracht hatte.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Ich hatte meinen Bericht an der Stelle unterbrochen, als ich mich im Palast des Emirs befand. Abu Hassan, der vorl�ufig noch das Vertrauen und die Achtung des Emirs genoss, kniete vor seinem Herrn. Seine Worte erschienen mir allzu dem�tig, beinahe sogar entw�rdigend. �Gro�m�tiger Herrscher! Ich bitte um die Gnade, diesen jungen Mann, der meiner Sippe entstammt und darum nach dem rechten Glauben strebt, als meinen Gehilfen einzusetzen.�</p><p>Der Emir schwieg und wartete auf weitere Erkl�rungen. Ich hielt die Lider gesenkt, um dem Emir nicht in die Augen schauen zu m�ssen. L�gen waren mir verhasst. Erst im Verlauf meines weiteren Lebens habe ich gelernt, Listen anzuwenden, die der Unwahrheit ziemlich nahe kommen.�</p><p>�Wie Allah die L�gner bestraft, k�nnte ich dir aus dem Koran zitieren�, warf Uthman ein. �Ihnen sind die H�lle und das ewige Feuer gewiss. Aber, wie du in der Sure Al-Maedah, der Tisch, im 119. Zeichen lesen k�nntest, werden die Wahrhaftigen f�r immer in den G�rten weilen, unter denen B�che flie�en. Das ist das Paradies.�</p><p>�Wie steht es denn mit dir?�, stellte Henri diese peinliche Frage. �Bleibst du stets bei der Wahrheit?�</p><p>Uthman sah zu Boden und sch�ttelte den Kopf. �Das ist nicht immer m�glich.�</p><p>�Dann wirst du auch verstehen, dass ich mir stillschweigend die Geschichte von dem armen, fehlgeleiteten Jungen anh�rte, die Abu Hassan dem Emir auftischte. Diese Notl�ge, wie ich sie nennen m�chte, hatte den erw�nschten Erfolg. Der Emir war damit einverstanden, dass ich meinen Sippenbruder zum Felsendom begleitete, um dort meine Kenntnisse nutzbringend einzusetzen. Jetzt endlich durfte ich mich erheben und dem Emir in die Augen schauen. Seinem Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass er sich von meiner Mitarbeit Vorteile versprach. Aber damals wusste ich noch nicht, welchen Nutzen er sich von mir erhoffte.</p><p>Am n�chsten Tag begaben wir uns zum Tempelplatz, dem heiligsten Ort in Jerusalem. Von meinen Ordensbr�dern hatte ich geh�rt, dass die Kreuzfahrer dem Felsendom den Namen <emphasis>Templum Domini</emphasis> gegeben hatten, um das Wirken unseres Herrn Jesu Christi mit diesem Bauwerk in Verbindung zu bringen. Abu Hassan war aber haupts�chlich an der sarazenischen Tradition interessiert. Stolz wies er auf den Fu�abdruck des Propheten Muhammad, den dieser bei seiner Nachtfahrt in die sieben Himmel auf dem Heiligen Felsen hinterlassen hatte. Er zitierte sogar den Anfang der Sure von der Nachtwanderung: �Preis dem, der seinen Diener des Nachts entf�hrte, von der heiligen Moschee zur fernen Moschee, deren Umgebung wir gesegnet haben, um ihm unsere Zeichen zu zeigen. Siehe, er ist der H�rende, der Schauende.� Ich hatte geh�rt, dass sich auch Fu�spuren von Jesus an dem Felsen befinden sollten. Aber Abu Hassan fand das nicht der Erw�hnung wert.</p><p>Die Christen h�tten den Tempelplatz vollst�ndig verkommen lassen, klagte er. Erst die Anh�nger des Propheten h�tten die Stelle des Tempels wieder zu einer heiligen St�tte gemacht. Zu Recht h�tte Kalif Omar I. darum den Patriarchen von Jerusalem bei der S�uberung durch den Staub kriechen lassen. Das sei eigentlich eine viel zu milde Strafe gewesen. Der Patriarch h�tte sich zwar auf Jesus berufen, auf dem Tempelplatz werde kein Stein auf dem anderen bleiben, aber diese Verunglimpfung des heiligen Ortes h�tte eine h�rtere Strafe verdient.</p><p>Abu Hassan kannte sich offensichtlich mit der Geschichte des Heiligen Felsens und der Entstehung des Felsendoms aus. Aber er fand es wohl unn�tig, mich �ber etwas zu belehren, was nicht zu unserem Auftrag geh�rte. Nur ganz nebenbei erw�hnte er eine Stelle aus dem j�dischen Talmud, die besage, die Bundeslade habe auf dem Felsen gestanden.�</p><p>�Wieder einmal vermisse ich Joshua�, sagte Uthman. �Er h�tte uns viel �ber die j�dischen Traditionen erz�hlen k�nnen.�</p><p>Henri nickte. �Das erste Buch der K�nige in der Heiligen Schrift�, erkl�rte er, �berichtet nur, dass der K�nig Salomo, als er den Tempel zu Jerusalem einweihte, die Lade des Bundes von den Priestern an ihren Platz in den Chorraum des Tempels, in das Allerheiligste, unter die Fl�gel der Cherubim-Engel stellen lie�. Wo nun dieses Allerheiligste war, das kann man nicht mehr sehen, so gr�ndlich wurde der Tempel zerst�rt, so viel ist mittlerweile dort gebaut worden. Aber es wird sich schon auf dem heiligen Fels befunden haben. Aber nun weiter in meinem Bericht: Leider schritt Abu Hassan so eilig voraus, dass ich ihm kaum folgen konnte. Er wies noch einmal darauf hin, dass die Kreuzfahrer bei der Eroberung der Stadt ein grauenvolles Blutbad angerichtet h�tten, bei dem Tausende von sarazenischen Frauen, M�nnern und Kindern den Tod gefunden h�tten.�</p><p>Uthman hob die Hand zum Zeichen daf�r, dass er eine Bemerkung einwerfen wolle. �Im Gegensatz hierzu hat Saladin die Heilige Stadt nahezu unblutig eingenommen.�</p><p>�Das stimmt!�, best�tigte Henri. �Aber zur Entschuldigung der Christen m�chte ich bemerken, dass sie eure Moschee nicht zerst�rten, sondern nur in eine Kirche umwandelten � so wie auch ihr Kirchen in Moscheen verwandelt. Vielleicht hatten sie nicht bemerkt, dass die mit Mosaik eingelegten Koranspr�che sichtbar blieben.�</p><p>�Was legte man denn Abu Hassan zur Last, wenn die Koranspr�che sogar in der christlichen Zeit sichtbar geblieben waren?�, fragte Uthman.</p><p>�Ich sprach von den Neidern, die es �berall gibt. Solche Neider gab es auch bei Abu Hassan. �Wer es darauf anlegte�, erkl�rte er mir, �k�nnte vielleicht zwischen den arabischen Schriftz�gen und der Lobpreisung Allahs irgendetwas entdecken, was uns als Darstellung verboten ist. Bitte achte vor allem darauf, ob nicht irgendwo ein Bildnis der Maria auftaucht, die ihr Muttergottes nennt.��</p><p>�Bist du dieser Aufforderung nachgekommen?�, wollte Uthman wissen.</p><p>�Ich befand mich in einem argen Zwiespalt. Konnte ich daran mitwirken, dass die Jungfrau Maria mit Hammer und Mei�el zerst�rt wurde? Andererseits: Konnte ich zulassen, dass mein Erretter als Verr�ter bestraft w�rde? Ich konnte nur hoffen, dass es keine verbotenen Bildnisse gab.</p><p>Noch aber gab es f�r mich einen kleinen Aufschub. Aus irgendwelchen Gr�nden, die ich nicht durchschaute, wollte Abu Hassan zun�chst ein Gebet in der Al-Aksa-Moschee verrichten. Sp�ter, als ich ihn genauer kennen lernte, habe ich erkannt, dass er au�erordentlich strenggl�ubig war. Ich erfuhr, dass er sogar an einer Pilgerfahrt nach Mekka teilgenommen hatte.�</p><p>�Das zeichnet unsere Sippe aus�, warf Uthman ein.</p><p>Henri lie� sich nicht unterbrechen. �Abu Hassan f�hrte mich zur Gebetsnische, dem <emphasis>mihrab.</emphasis> Die Templer hatten, als sie Herren der Stadt waren, eine Mauer vor der Gebetsnische errichtet und sie zu einem Kornspeicher gemacht. Abu Hassan behauptete, sie h�tten diese heilige St�tte sogar dazu benutzt, um dort ihre Notdurft zu verrichten. Aber das glaubte ich nicht.�</p><p>�M�glich w�re es schon�, meinte Uthman. Henri nahm diese Bemerkung jedoch nicht zur Kenntnis.</p><p>�Wer mit Gott, Maria und unserem Herrn Jesus sprechen will, kann dies �berall, auch in einer sarazenischen Gebetsnische. Ich flehte zu der heiligen Dreifaltigkeit, dass sie mir Kraft schenken m�ge, die mir aufgeb�rdete schwere Aufgabe zu meistern, ohne meinen Glauben zu verraten.�</p><p>�Hat Gott dich erh�rt?�, fragte Uthman und �berh�rte gn�dig das schlimme Wort von der Dreigeteiltheit des einen Gottes. �Allah stellt unseren Glauben oft auf eine harte Probe.�</p><p>�Nicht anders ist es bei uns Christen�, sagte Henri.</p><p>Vielleicht w�ren beide in eine l�ngere theologische Diskussion �ber den Sinn und die Vergeblichkeit eines Gebetes versunken, h�tte sie nicht in diesem Augenblick ein lauter Ruf von der Spitze des Mastes aus dem Gespr�ch gerissen: �Land in Sicht!�</p><p>Alle Matrosen st�rmten zum Vordersteven, dr�ngten und schubsten sich, um das lang ersehnte Land sehen zu k�nnen. Weit hinten am Horizont erschien ein schmaler Streifen. Bemerkenswert schnell kam auch der Kapit�n aus seiner Unterkunft, scheuchte die Besatzung beiseite und wandte sich an Henri und Uthman. �Ehe wir landen, m�ssen wir zun�chst feststellen, ob uns dort nicht ein Riff droht, an dem unsere Kogge zerschellen k�nnte. Das bedeutet: Bevor ich nicht mit dem Bleikegel Tiefen und Untiefen ausgelotet habe, ist an eine Landung nicht zu denken. Es ist nicht einmal sicher, ob es sich bei diesem Streifen um Land oder vielleicht nur um einen vorgelagerten Felsen handelt.� Er hob den Arm und �bert�nte die Freudenschreie seiner Mannschaft mit einem laut gebr�llten Befehl: �Anker werfen!�</p><p>Niemand wagte, laut zu protestieren. Der Kapit�n h�tte nicht gez�gert, einen Befehlsverweigerer bei Wasser und Brot in den Block schlie�en zu lassen. Die Ankerkette rasselte hinab, und der Kapit�n teilte mit, dass es f�r das Auswerfen des Lotes zu sp�t sei. Daf�r sei am n�chsten Morgen immer noch Zeit.</p><p>Auch Henri und Uthman hatten gegen den Beschluss nichts einzuwenden. Die Nacht gab ihnen Gelegenheit, den Kapit�n zu beobachten. Noch waren sie vom Land weit entfernt. Es gab f�r Ernesto di Vidalcosta keine M�glichkeit, Fremde an Bord zu lassen. Warum hatte er Anker werfen lassen und eine Landung auf den n�chsten Tag verschoben? �Das Riff halte ich f�r eine Ausrede�, �u�erte Henri seine Meinung.</p><p>Uthman war ein Gedanke gekommen. �Vielleicht will er noch hier bleiben, weil er auf eine Nachricht wartet, die ihm in der kommenden Nacht durch eine Brieftaube �bermittelt wird.�</p><p>�Das ist durchaus m�glich�, best�tigte Henri. �Man wird ihm einen Treffpunkt nennen, wo er die Diebesware ungef�hrdet in Empfang nehmen kann.�</p><p>�Und der angeblich Schwerkranke? Was ist mit dem? Wozu hat er sich dieses L�gengespinst ausgedacht?� F�r Uthman gab es bei diesem seltsamen Spiel noch viele ungel�ste Fragen.</p><p>Henri nannte eine m�gliche L�sung. �Um uns alle an Bord festzuhalten. Der angebliche Medicus ist gar kein Arzt, sondern einer seiner Kumpane. Er wird die Quarant�ne �ber dieses Schiff verh�ngen, und wir liegen hier fest, solange es Ernesto di Vidalcosta beliebt.�</p><p>�Unter keinen Umst�nden werde ich mir irgendeine Medizin einfl��en lassen�, sagte Uthman. Aber er wurde bei diesen Worten rot und schaute betreten zu Boden.</p><p>Henri war feinf�hlig genug, um den Giftmordanschlag auf den Papst nicht zu erw�hnen. Denn er selbst f�hlte sich mitschuldig.</p><p>Sie hatten beschlossen, abwechselnd Wache zu halten. Ihre Ausdauer wurde belohnt. Kurz nach Mitternacht erschien der Kapit�n auf Deck. Er trug einen dunklen Umhang, der ihn in der Schw�rze der Nacht fast unsichtbar werden lie�. Aber da war noch eine zweite Gestalt.</p><p>�Das ist Arturo�, fl�sterte Uthman. �Ich habe mir doch gleich gedacht, dass er mit dem Kapit�n unter einer Decke steckt.�</p><p>Die beiden gaben sich nicht einmal M�he, besonders leise zu sprechen. Manchmal lachten sie sogar ziemlich laut.</p><p>�Ich m�chte gar nicht wissen, warum die beiden so fr�hlich sind�, meinte Uthman. �Wahrscheinlich lachen sie �ber uns. Ich komme mir ziemlich dumm vor.�</p><p>Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, bevor sie die schlagenden Fl�gel eines nahenden Vogels vernahmen. Die Dunkelheit verhinderte eine genauere Sicht, ob es sich um eine Taube handelte. Aber Ernesto und Arturo hatten anscheinend die Ger�usche au�erhalb des Schiffes �berh�rt. Denn ihr Lachen war immer lauter geworden.</p><p>�Es ist die Brieftaube�, fl�sterte Uthman, als der Vogel mit heftigem Fl�gelschlagen die Kogge umrundete, ohne sich auf der Reling niederzulassen. Sie wirkte von dem ungewohnten Gel�chter erschreckt. Endlich waren auch die beiden M�nner aufmerksam geworden. Der Kapit�n streckte jedoch vergeblich seine Hand aus. Die Taube wagte nicht, sich bei ihm niederzulassen. Immer wieder umrundete sie das Schiff.</p><p>�Vielleicht kommt sie zu uns�, fl�sterte Uthman. �Dann k�nnen wir die Botschaft annehmen.�</p><p>�Das wollen wir nicht hoffen�, entgegnete Henri m�glichst leise. �Denn wenn der Kapit�n das merken w�rde, w�ren wir unseres Lebens nicht mehr sicher. Arturo halte ich f�r �u�erst gef�hrlich.�</p><p>Um diese Worte zu unterstreichen, gab Arturo sogleich eine Probe seines Zorns ab. �Komm an Bord, du bl�des Vieh, oder ich werde dich mit einem Messerwurf herholen!�</p><p>Eine schallende Ohrfeige, die ihm der Kapit�n verpasste, war die Antwort auf diesen Wutausbruch. �Bist du von Sinnen? Die Taube st�rzt ins Meer, und damit ist die wichtige Nachricht an uns verloren.�</p><p>Die Botschaft erreichte zun�chst ohnehin nicht mehr ihren Empf�nger. Nach der f�nften Runde um das Schiff nahm die Taube Kurs auf das offene Meer. Ernesto di Vidalcosta konnte seine Wut kaum b�ndigen, obwohl auch er nicht schuldlos an dem Verschwinden der Taube war. �Scher dich zum Teufel, Idiot!�, schrie er mit zitternder Stimme. �Und lass dich nachts nicht mehr hier sehen. Bleibe bei deiner Brunella! Sie ist vielleicht gef�giger als die Brieftaube.�</p><p>Arturo entfernte sich wortlos. Er wusste aus Erfahrung, dass jede Gegenrede den Zorn des Kapit�ns gesteigert und unabsehbare Folgen gehabt h�tte.</p><p>�Wir k�nnen uns jetzt gefahrlos niederlegen und einige Stunden schlafen�, sagte Henri, als der Kapit�n in den Aufbauten verschwunden war. �Aber morgen Nacht m�ssen wir wieder sehr aufmerksam sein.�</p><p>Henri und Uthmann lauschten dem sanften Pl�tschern der Wellen, und es dauerte noch einige Zeit, bis sie endlich Schlaf fanden. Irgendwo da drau�en war eine Taube unterwegs, mit einer Botschaft, die sie nur zu gerne gekannt h�tten.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>9</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Am n�chsten Morgen erschien der Herr des Schiffes �bel gelaunt mit verquollenen Augen auf dem Deck. Missmutig blickte er sich um.</p><p>�Er hat sich einmal wieder mit andalusischem Wein getr�stet�, bemerkte Uthman ironisch.</p><p>Die Matrosen hatten sich darangemacht, den Anker zu lichten. �Wer hat euch den Befehl gegeben?�, schnauzte der Kapit�n sie an. �M�chte irgendjemand von euch ausgepeitscht und in den Block geschlossen werden?�</p><p>Erschrocken lie�en die Seeleute die Ankerkette los, die rasselnd wieder in den Wellen versank. �Wir bleiben an diesem Platz so lange, bis ich den Befehl zum Absegeln gebe�, schrie der Kapit�n. �Oder gibt es hier jemand, der neue Sitten einf�gen will, vielleicht du, Steuermann?�</p><p>Niemand antwortete. Alle senkten ihre Blicke und scharrten verlegen mit den F��en. Auch der Steuermann hielt sich zur�ck. Er wusste, dass die Missachtung eines Befehls einer Meuterei gleichk�me und hart bestraft w�rde.</p><p>�Wenn mich nicht alles t�uscht�, bemerkte Henri, �bedeutet dieser Auftritt, dass wir vorl�ufig hier verankert bleiben.�</p><p>�Nat�rlich�, stimmte ihm Uthman zu, �der Kapit�n muss ja in der kommenden Nacht die Botschaft der Brieftaube abwarten. Wenn dir danach zumute ist, berichte mir weiter von deinen Erlebnissen in Al-Qudz.�</p><p>�Solange das viele Reden nicht zu einer Heiserkeit f�hrt, tue ich das gern.�</p><p>Uthman lachte. �Vor der k�hlen Nachtluft, die eine Influenza bewirken k�nnte, hat dich der Kapit�n ja ausdr�cklich gewarnt.�</p><p>Henri stimmte in das Lachen mit ein. �Wenn ich daran denke, wie viele N�chte ich im Freien verbracht habe, besteht diese Gefahr wohl kaum.�</p><p>Er bewies wieder einmal sein gutes Ged�chtnis und setzte mit seiner Erz�hlung dort ein, wo er durch den Kapit�n j�h unterbrochen worden war.</p><p>�Wir verlie�en die Gebetsnische, und nun gab es f�r Abu Hassan kein Halten mehr. Unterwegs unterrichtete er mich hastig, welche Bewandtnis es mit den Mosaiken auf sich habe. Im alten Orient h�tten die Mosaiken aus schlanken Tonkegeln mit rot, schwarz sowie wei� bemalten Enden bestanden. Man h�tte diese Kegel in Lehm eingedr�ckt, und so w�re eine sch�ne Wandbeschichtung entstanden, die zugleich sch�tzte.</p><p>Man kann immer noch dazulernen, dachte ich, als Abu Hassan auf unsere Zeit zu sprechen kam. �Heute haben wir nat�rlich andere Techniken. Die kleinen Mosaikteilchen wurden auf eine dreifache Schicht aus Kalk, Sand und Ziegenmehl oder auch Marmormehl aufgetragen. Die Seldschuken entwickelten eine Mosaiktechnik, bei der sie glasierte Kacheln verwendeten. Aber ich langweile dich sicher mit meinen langatmigen Ausf�hrungen.�</p><p>�Nein, �berhaupt nicht�, antwortete ich wahrheitsgem��. Ob er mir diese Zusicherung abnahm, wei� ich nicht. Jedenfalls unterbrach er seine Erkl�rungen. �Das Beste ist, wenn du dir selbst ein Bild machst.�</p><p>Endlich stand ich vor den Mosaiken, die seinen Gegnern und Neidern Anlass gegeben hatten, dem hohen Beamten zu schaden. Ich sah auf winzige Mosaiksteinchen in den vorherrschenden Farben Gr�n und Blau. Sie waren in einen goldenen Untergrund eingebettet. Einiges war durch Rot und Silber, Schwarz und Wei� hervorgehoben.</p><p>Ich hatte M�he, mich von der Sch�nheit dieser Darstellung nicht �berw�ltigen zu lassen. Denn meine Aufgabe war es doch, die bildliche Darstellung zu �berpr�fen. Ich sah auf Akanthusbl�tter, Palmen, F�llh�rner, Lebensbaummotive und vor allem Lobpreisungen Allahs, Spr�che aus dem Koran und den stilisierten Namenszug eures Propheten. Nirgends konnte ich einen thronenden Christus, die Jungfrau Maria oder Johannes den T�ufer entdecken, wie es die Ankl�ger behauptet hatten.</p><p>�Ich kann keinerlei christliche Motive sehen�, beruhigte ich Abu Hassan, der mich �ngstlich beobachtete. �Deine Ankl�ger haben ein falsches Zeugnis abgelegt. Es gibt nicht einen einzigen Hinweis darauf, dass du von Christen bestochen wurdest, F�lschungen anzubringen.�</p><p>Aber Abu Hassan war immer noch sehr besorgt. Er kannte ja die Infamie seiner Gegner besser als ich. �Betrachte jene Stellen genau, die noch in Bearbeitung sind! Gibt es irgendeine Pflanze, deren St�ngel oder Bl�tenbl�tter sich zu einem Kreuz umdeuten lassen k�nnten?�</p><p>Ich starrte so lange auf die Blumen und Namensz�ge, bis sich die Mosaiken unter meinem Blick zu einem Kaleidoskop verschoben. Schaute nicht hinter Bl�tenbl�ttern das liebliche Antlitz der Jungfrau Maria hervor? War nicht jener Ast zu einem Kreuz verbogen? K�nnte nicht diese Palme zur Darstellung einer Dornenkrone werden? Schimmerte nicht das F�llhorn in seinem Bett aus Blattgold wie eine Darstellung der Wiederauferstehung?</p><p>Ich geriet immer mehr in die Wahnidee, diese Mosaiken seien ein Spiegel unserer christlichen Lehre. Mir kamen Zweifel, ob Abu Hassan nicht doch Bestechungsgelder angenommen hatte, um die sarazenischen Darstellungen zu verf�lschen. Ich setzte mich auf die steinernen Stufen der Treppe und bedeckte mein Gesicht mit beiden H�nden.</p><p>Abu Hassan musste meinen verwirrten Zustand bemerkt haben. Er war drei Schritte auf mich zugegangen, als eine herrische Stimme seinen Namen rief. Ein grimmig aussehender Lanzentr�ger war vor uns aufgetaucht. �Ist dies der ehemalige Tempelritter, den Euch der Emir zur Mitarbeit bewilligt hat?� Er deutete mit der Spitze der Lanze auf mich, sodass ich zur�ckweichen musste, um nicht schmerzhaft ber�hrt zu werden. Ich bemerkte, dass Abu Hassan erbleicht war. Er nickte stumm.</p><p>Der Lanzentr�ger ergriff meinen Arm, den ich absch�ttelte, um meine Furchtlosigkeit und mein gutes Gewissen zu zeigen. Er packte erneut zu und hielt mich fest. �Der Emir befiehlt Euch, ohne Z�gern vor ihm zu erscheinen. Ich bin bevollm�chtigt, Gewalt anzuwenden, falls Ihr Euch widersetzt.� Das hatte ich allerdings in keiner Weise beabsichtigt. Die mameluckischen Lanzentr�ger kannte ich inzwischen zur Gen�ge. Aber als sich Abu Hassan anschickte, uns zu begleiten, verwehrte er ihm ein solches Ansinnen mit quer gestellter Lanze. �Nach dir ist nicht gefragt worden!�, br�llte er lautstark. Abu Hassan wich hastig zur�ck. Ich blickte mich noch einmal nach ihm um. Der hohe Beamte, der sich mein Bruder nannte, blieb starr auf einer Stelle stehen. Seine Bl�sse und sein grimassenhafter Gesichtsausdruck erschreckten mich. Er hatte keine �hnlichkeit mehr mit dem W�rdentr�ger, der mich aus den F�usten der falschen Franziskaner errettet hatte. Das war das Letzte, was ich f�r lange Zeit von ihm sah.�</p><p>�Man wird doch nicht Abu Hassan aufgrund falscher Anschuldigungen hingerichtet haben?�, fragte Uthman entsetzt. �Konntest du ihm helfen, obwohl du inzwischen Zweifel an seiner Unbescholtenheit hattest?�</p><p>�Diese Zweifel waren nur entstanden, weil mich beim Anblick der Mosaiken ein Schwindel erfasst hatte. Ich glaube nicht an Geister. Sonst w�re ich in diesem Felsendom �berzeugt gewesen, dass sie meine Sinne verwirrt h�tten.�</p><p>�Vielleicht war es Iblis, der Schaitan, oder ein �bel wollender Dschinn, der dich zu dem verstellten Blick verf�hrte�, gab Uthman ernsthaft zu bedenken.</p><p>Aber Henri sch�ttelte den Kopf. �Die Verwirrung meiner Sinne war ganz allein meine eigene Schuld. Nach all den vorausgegangenen Erlebnissen hatte ich meine Konzentration verloren. So etwas muss man b��en.�</p><p>�Warum bist du immer so streng gegen dich selbst?�, fragte Uthman, ohne eine Antwort zu erwarten.</p><p>Henri �berging die Frage und fuhr in seiner Erz�hlung fort: �Der Emir empfing mich �u�erst ungn�dig und nahm stirnrunzelnd zur Kenntnis, dass ich nicht vor ihm niederkniete. Er �bersch�ttete mich mit einer Flut von Fragen:</p><p>Ob ich denn wirklich dem christlichen Glauben abgeschworen und zum Islam �bergetreten sei?</p><p>Ob ich ein Verwandter von Abu Hassan al-Masudi sei?</p><p>Ob ich Verbindung zu Franziskanern h�tte?</p><p>Ob ich mit Juden und Christen in Al-Qudz gesprochen h�tte?</p><p>Ob ich bereit sei, bei meinem Leben zu schw�ren, keinerlei christliche Symbole in den Mosaiken des Felsendoms entdeckt zu haben?</p><p>Wie sollte ich auf diese vielen Fragen antworten, ohne Abu Hassan und auch mich in Gefahr zu bringen?�</p><p>�Eigentlich h�tte ein kurzes Ja oder auch Nein gen�gt�, gab Uthman sein Urteil ab.</p><p>�Eben, das war ja die H�rde, die es zu �berspringen galt. So einfach war das nicht. Dem christlichen Glauben hatte ich niemals abgeschworen. Aber durfte ich das zugeben? Bei dem Gespr�ch mit dem Juden war ich ohne Zweifel beobachtet worden. Das durfte ich nicht abstreiten, ohne Verdacht zu erregen. Ich entschloss mich, erst einmal mit einem klaren Nein auf die Fragen zu antworten, die ich guten Gewissens verneinen konnte. Nein, verwandt sei ich nicht mit Abu Hassan, sagte ich, und Verbindung zu Franziskanern h�tte es von meiner Seite aus nicht gegeben, und ich sei bereit, einen Schwur zu leisten, dass ich keinerlei christliche Symbole zwischen den Mosaiken entdeckt h�tte.�</p><p>�Damit sprachst du die Wahrheit!�, sagte Uthman und lie� seine Befriedigung erkennen.</p><p>�Ja, aber der Emir glaubte mir nicht. Seine Miene hatte sich verfinstert, wenn das �berhaupt noch m�glich war. Er klatschte in die H�nde, und ein riesengro�er dunkelh�utiger Mensch erschien, den ich f�r einen nubischen Negersklaven hielt. Er warf sich vor dem Emir zu Boden. �Welches sind deine Befehle, o Herr?� Ich sah, dass er zitterte. Eigentlich h�tte ich dazu eher Anlass gehabt.</p><p>Der Emir schaute �ber ihn hinweg, w�hrend er ihm mit strenger Stimme seinen Befehl erteilte. �Schaffe mir die Zeugen her, die im Nebenraum warten! Aber ich bitte mir H�flichkeit aus! Diese M�nner sind ehrenwerte Leute. Wird sich auch nur ein einziger von ihnen beschweren, werde ich dich mit hundert Peitschenhieben bestrafen.��</p><p>�Das verstehe ich nicht�, unterbrach Uthman die Erz�hlung. �Warum hat er die Zeugen denn nicht durch einen seiner angesehenen Lanzentr�ger rufen lassen?�</p><p>�Die Ma�nahmen der K�nige, Sultane und Emire sind schwer durchschaubar und f�r uns weniger Erlauchte selten zu begreifen�, erwiderte Henri. �Auch ich konnte das fr�her nicht verstehen. Aber nachdem der Emir mein Freund geworden war, habe ich nach und nach ein Verst�ndnis f�r die orientalischen Gepflogenheiten entwickelt. Er beabsichtigte, die so genannten Zeugen einzusch�chtern. Denn insgeheim hoffte er, dass sich ihre Anklagen als Verleumdungen herausstellen w�rden.�</p><p>�Das soll nun unsereiner verstehen!�, rief Uthman. �Ich bin sehr gespannt, wie die Befragung ausging.�</p><p>�Der Emir br�llte, tobte und schrie. Aber die drei Zeugen lie�en sich nicht einsch�chtern. Sie alle best�tigten, sie h�tten mit eigenen Augen gesehen, wie Abu Hassan viele Goldst�cke von Christen empfangen h�tte. Und nicht nur das! Sie h�tten mit eigenen Ohren geh�rt, wie Abu Hassan ihnen versprochen h�tte, die Mosaiken in christlichem Sinne zu verf�lschen.</p><p>Ich hatte mich wohlweislich in den Hintergrund verzogen. Aber der Emir winkte mich mit einer herrischen Geb�rde herbei. �Dieser junge Mann, der in fr�hester Jugend gegen seinen Willen bei den Tempelrittern erzogen wurde, ist ohne Zweifel ein Kenner christlicher Symbole. Er hat geschworen, dass in den Mosaiken des Felsendoms keinerlei christliche Bilder oder Zeichen zu entdecken seien.�</p><p>Einer der Zeugen brach in schallendes Gel�chter aus.</p><p>�Ein verkappter Tempelritter?�, rief er. �Hat Euch niemand berichtet, erhabener Herrscher, wie die Tempelritter damals in der Heiligen Stadt gew�tet haben, als ihnen die Eroberung gelungen war? Ein Blutbad haben sie angerichtet! Weder Frauen noch Kinder und nat�rlich kein rechtgl�ubiger Mann wurden von ihnen verschont. Den Keim zu ihren verbrecherischen Taten haben sie diesem jungen Mann schon in fr�hester Jugend eingepflanzt. Wie sollte er nicht ein L�gner und Betr�ger sein!�</p><p>Ich beobachtete mit Sorge, dass der Emir schwankend wurde. �Geht und haltet Euch f�r weitere Befragungen bereit!� Mit diesen Worten entlie� er die Zeugen. Ich f�rchtete f�r Abu Hassan das Schlimmste. Und ich rechnete damit, dass man mich wieder in ein Verlies werfen w�rde.�</p><p>Uthman hielt den Atem an und wartete schweigend auf die Fortsetzung.</p><p>�Der Emir winkte mich herbei. �Auch dir befehle ich, die Stadt nicht zu verlassen, ehe ich eine Entscheidung getroffen habe. Es t�te mir Leid, wenn ich dich hart bestrafen m�sste. Verlasse dich darauf, dass nach einer Bestrafung, die ich angeordnet habe, keiner mehr derjenige ist, der er vorher war.�</p><p>Ich hatte von vielen orientalischen Foltermethoden geh�rt. Ein junger Ordensbruder war in Gefangenschaft geraten, wurde aber zur Abschreckung der Templer von den Feinden zur�ckgeschickt. Sein Anblick war furchtbar. Ihm war es nur noch m�glich, sich auf allen vieren fortzubewegen. Mit irrem Gel�chter, das uns allen einen Schauder �ber den R�cken jagte, bewegte er sich durch unser Lager. Bis zu seinem Tod lie� ihn der Wahnsinn nicht mehr aus den F�ngen. Nur seinen lallenden Wortfetzen konnten wir entnehmen, was sie mit ihm gemacht hatten. Mit Kn�ppeln hatten sie ihm so lange auf die H�ften geschlagen, bis die Knochen zerschmettert waren, und zwar nicht sofort mit einem Schlag, sondern langsam w�hrend mehrerer Tage.�</p><p>�H�r auf!�, rief Uthman. �Ein schneller Tod w�re gn�diger gewesen.�</p><p>�Gnade?�, erwiderte Henri. �Dieses Wort war f�r Mamelucken ein Fremdwort. Als mich der Emir mit einem mehr oder weniger gn�digen Wink entlassen hatte, trieb mich nur ein einziger Gedanke vorw�rts. Ich musste meinen Bruder Abu Hassan retten. Ungeduldig beobachtete ich, wie einer der Stallknechte meine Stute sattelte. In jedem Augenblick f�rchtete ich, dass der Emir einen Boten schicken w�rde, um mich zur�ckzuholen. Ich preschte ohne R�cksicht auf Pilgerstr�me durch die Stra�en Jerusalems. Schimpfworte flogen mir nach, weil ich eine dichte Staubwolke hinterlie�.�</p><p>�Wenn es um Leben und Tod geht, ist alles erlaubt�, bemerkte Uthman. �Hoffentlich kamst du noch zur rechten Zeit.�</p><p>�Leider nein! Vor den Mosaiken fand ich einige Arbeiter vor. Sie hatten ihre Werkzeuge niedergelegt und warteten auf einen Beamten des Emirs, der ihnen ihre Arbeit zuweisen w�rde. Von Abu Hassan war nichts zu sehen. Ich stieg sogar in die H�hle hinab, die sich unter dem Heiligen Felsen befand. Mein Ruf nach Abu Hassan hallte dumpf von den Mauern wider.�</p><p>�Vielleicht hatte man ihn schon in seinem Palast verhaftet�, f�rchtete Uthman.</p><p>�Genau daran dachte ich auch. Ich benutzte wieder den Nebeneingang bei den Stallungen. Der lange Gang war unbewacht. Es war m�glich, dass der Emir von Al-Qudz die Schwerttr�ger als Eskorte abgezogen hatte, um Abu Hassan auf dem Weg zum Palast keine Gelegenheit zur Flucht zu geben. Erst vor den Privatr�umen stie� ich auf eine Wache. Ich h�tte ihn mit dem Schwert niedergestreckt, wenn er mir den Zugang verweigert h�tte. Aber das tat er nicht. Zu meiner gro�en �berraschung verbeugte er sich, neigte seinen Mund zu meinen Ohren und fl�sterte leise: �Der Herr ist in Ungnade gefallen.�</p><p>Meine Phantasie reichte nicht aus, um mir vorzustellen, was das bedeutete. Vielleicht wollte der Emir ihn nur verh�ren. Aber es war auch m�glich, dass man Abu Hassan einer schrecklichen Folter unterworfen hatte, sodass er Verbrechen gestand, die er niemals begangen hatte.</p><p>Die Privatr�ume meines B�ndnisbruders waren unversehrt. Alles fand ich so vor, wie ich es beim ersten Mal gesehen hatte. Nichts deutete auf eine eilige Flucht hin. Er hatte es offenbar nicht f�r m�glich gehalten, dass der Emir diesen falschen Zeugen Glauben schenken w�rde.</p><p>Ich z�gerte nicht lange�, berichtete Henri und atmete schwer, als ob er den schnellen Ritt von damals erneut hinter sich bringen m�sse. �Zu meiner �berraschung verweigerte der Emir mir nicht die Bitte, bei ihm vorgelassen zu werden. Dieses Mal h�tte ich mich ihm beinahe zu F��en geworfen und um Gnade f�r seinen hohen Beamten gebeten. Aber ich unterlie� dennoch diese Demutshaltung. Denn damals glaubte ich noch an Gerechtigkeit.�</p><p>Uthman bel�chelte den Mangel an Erfahrung. �Und heute? Meinst du immer noch, dass es in der Welt gerecht zugeht?�</p><p>�Gott ist gerecht, wenn sich auch die Menschen ungerecht verhalten. Wie k�nnen wir wissen, welches Schicksal uns Gott in seiner Allmacht zugedacht hat?�</p><p>�In der Sure Al-Maedah, der Sure vom Tisch�, erwiderte Uthman, �kannst du im 42. Zeichen lesen, wer von Gott angenommen wird. Da hei�t es n�mlich: <emphasis>Gott liebt die, die gerecht handeln.</emphasis> Der Emir aber handelte nicht gerecht. Bezeichnest du es etwa als Liebe Gottes, wenn er zul�sst, dass Unschuldige ins Verlies geworfen werden?�</p><p>Henri wollte diese Diskussion um die Eigenschaften Gottes nicht fortsetzen. �Es sind hier nicht die Zeit und der Ort, um diese Frage zu kl�ren. Aber auch der Emir berief sich auf den Koran. Denn er sagte zu mir: �Wenn ihr aussagt, dann seid gerecht, auch wenn es um einen Verwandten geht. Das steht in der Sure Al-Anan, der Sure vom Vieh, im 152. Zeichen.� Er war nicht davon abzubringen, dass Abu Hassan ein Verwandter von mir war, und eigentlich war er das auch seit unserem br�derlichen B�ndnis.</p><p>Ich sp�rte, dass der Emir f�r mich Zuneigung empfand. Er wollte nicht, dass ich vom Strudel der Ereignisse mitgerissen wurde. Darum riet er mir: �Vergiss deinen Verwandten, den du nicht retten kannst. Zu deinem eigenen Wohl werde ich dir nicht den Ort nennen, wo ich Abu Hassan einkerkern lie�. Verlasse Jerusalem und komme nicht auf den Gedanken, den zu befreien, der mich schm�hlich betrogen hat!�</p><p>Meinen Beteuerungen, Abu Hassan habe sich nicht von Christen bestechen lassen, schenkte er keinen Glauben, vielmehr h�rte er mir gar nicht mehr zu. Er klatschte in die H�nde. Der grobschl�chtige Negersklave erschien, packte mich unsanft beim Kragen, schleppte mich zum Ausgang und bef�rderte mich mit so einem Tritt nach drau�en in den Staub der Stra�e.�</p><p>�Das war das Ende dieser traurigen Geschichte�, seufzte Uthman.</p><p>�In keiner Weise�, erwiderte Henri. �Jetzt f�ngt sie eigentlich erst richtig an.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>10</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Sie hatten verabredet, auch in dieser Nacht abwechselnd Wache zu halten. Henri hatte die ersten Stunden �bernommen. Ihm fiel es nicht schwer, schlaflos zu bleiben. Aber auch der Kapit�n hatte auf seinen Schlaf verzichtet. Unbewegt verharrte er im runden Bug der Kogge.</p><p>Auch Henri r�hrte sich nicht. Er beobachtete die leicht gewellte Wasseroberfl�che des Mittelmeers. Im gelblich fahlen Mondlicht �hnelte sie der W�ste, die er damals mit der Kamelkarawane durchquert hatte. Aber im Gegensatz zu dem lauen Wind, der �ber das Schiffsdeck strich, war es in der n�chtlichen W�ste bitterkalt gewesen. Auch die Ger�usche waren andere: Ab und zu hatte eine Hy�ne ihr unheimliches Geschrei ert�nen lassen, oder eine W�stenmaus, die neben dem Kopf vorbeihuschte, gab ein leises Pfeifen von sich. Das gleichm��ige Mahlen der kauenden Kamele hatte beruhigend gewirkt. Das Allersch�nste in den W�stenn�chten war jedoch der Sternenhimmel gewesen. Ihm war es so vorgekommen, als sei das Firmament wie von funkelnden Diamanten �bers�t.</p><p>Henri richtete seinen Blick zum Himmel. Ein Dunstschleier verhinderte einen ungetr�bten Blick auf die Sterne. Der Mond versteckte sich immer wieder hinter schnell vorbeiziehenden Wolken, sodass der stete Wechsel von Dunkel und Helle eine dauernde Bewegung verursachte, die sich im Wasserspiegel zu wiederholen schien.</p><p>Aber pl�tzlich entstand in diesem Spiel von Licht und Schatten eine neue Bewegung. Wie von der Sehne eines Bogens abgeschossen n�herte sich eine grauwei�e Taube in gro�er Geschwindigkeit. Auch diesmal umkreiste sie fl�gelschlagend die Kogge. Der Kapit�n verharrte fast bewegungslos. Nur seinen rechten Arm hatte er mit der Handfl�che nach oben ausgestreckt, die Taube lockte er mit einigen K�rnern herbei. Sie setzte sich auf das Handgelenk des Kapit�ns und lie� sich willig greifen. Henri konnte nicht unterscheiden, ob das leise Ger�usch ein Gurren der Taube oder ein zufriedenes Gemurmel des Kapit�ns war. Er barg die Taube unter dem Baumwollhemd an seiner Brust und ging mit vorsichtigen Schritten auf seine Unterkunft zu.</p><p>Henri unterlie� es, seinen Gef�hrten zur Wachabl�sung zu wecken. Aber Uthman hatte die Ankunft der Taube beobachtet. �Hat der Kapit�n diesmal die erwartete Nachricht empfangen?�, fragte er.</p><p>�Ob die Botschaft seinen W�nschen entsprach, werden wir sp�testens morgen fr�h seinem Auftreten entnehmen k�nnen�, erwiderte Henri. �Ernesto die Vidalcosta ist kein Mensch, der seine Launen verbergen kann.�</p><p>Die Nachricht musste seinen W�nschen entsprochen haben. Denn der Kapit�n forderte seine Besatzung mit geradezu honigs��en Worten auf, m�glichst schnell die Anker zu lichten. Er versprach den M�nnern sogar eine zus�tzliche Essensration, wenn es ihnen gel�nge, die Segel ohne irgendwelche Komplikationen zu setzen. Kurze Zeit sp�ter segelte die Kogge mit gebl�hten Segeln unter dem Wind.</p><p>Henri entbl�tterte die wahrscheinlich gef�lschte Seekarte des Kapit�ns und verglich sie mit seinen eigenen Berechnungen der vergangenen Nacht. �Falls wir diesen Kurs beibehalten, werden wir weder in einem �stlichen noch in einem westlichen Hafen Mallorcas landen k�nnen. Wir laufen geradewegs auf die S�dspitze zu.�</p><p>�Brunella hat von einer vorgelagerten Insel mit dem Namen <emphasis>Cabrera</emphasis> gesprochen. Es gibt keinen Grund mehr, ihr zu misstrauen.�</p><p>Ohne Zweifel beherrschte der Kapit�n die Kunst der Navigation. Zuweilen lie� er die Segelfl�che verkleinern, um die allzu schnelle Fahrt des Schiffes zu bremsen. Dann wiederum gab er dem Wind eine gr��ere Angriffsfl�che, sodass sich die Fahrt der Kogge beschleunigte.</p><p>�Es macht den Eindruck, als wolle er zu einer ganz bestimmten Zeit in Cabrera anlegen�, �u�erte Henri eine Mutma�ung. �Wenn er wirklich etwas im Schilde f�hrt, wird er die Dunkelheit ausnutzen.� Henri hatte den Plan des Kapit�ns durchschaut. Aber es dauerte noch, ehe der Kapit�n Anker werfen lie�.</p><p>Inzwischen war der zunehmende Mond fast zu einer vollst�ndigen Rundung angewachsen. Deutlich war in seinem hellen Licht der wei�e Sand einer Bucht zu erkennen. Im Hintergrund erhob sich ein dunkler Wald mit dickst�mmigen Baumriesen, deren Zweige sich bis zum Boden neigten.</p><p>�Mir kommt es so vor, als ob diese Insel unbewohnt w�re�, meinte Uthman. �Was plant Ernesto di Vidalcosta in dieser unwirtlichen Gegend? Er wird uns doch nicht umbringen und verscharren wollen!�</p><p>�Es sieht nicht danach aus�, beruhigte ihn Henri. Er wies zum Ufer. Aus dem Dickicht des Waldes waren zwei M�nner getreten, die ein h�lzernes Boot zu Wasser lie�en. �ber den Strand n�herte sich ein dritter Mann, der beim Einsteigen Hilfe ben�tigte und sich vorsichtig auf der Ruderbank niederlie�. Mit kr�ftigen Schl�gen trieben die zwei zuerst gekommenen M�nner das Boot in die N�he der Kogge. Sie gaben sich keine M�he, unbemerkt zu bleiben, sondern legten mit lautem Zuruf l�ngsseits an. �He, der Medicus ist da!�</p><p>Ernesto di Vidalcosta war herbeigeeilt und half dem Ank�mmling an Bord. Jetzt erst lie� sich erkennen, dass der Medicus einen Folianten und mehrere B�gen Papier bei sich trug.</p><p>�Nicht einmal diese Ausstattung verleiht ihm ein w�rdiges Aussehen�, stellte Uthman fest. �In arabischen L�ndern, die f�r ihre Kenntnisse in der Medizin und Alchemie ber�hmt sind, sehen Gelehrte jedenfalls anders aus.�</p><p>�Ich halte f�r m�glich�, stimmte ihm Henri zu, �dass es sich bei diesem Kerl mit dem zottigen Haar und den zupackenden F�usten um einen Spie�gesellen unseres Kapit�ns handelt. Was aber mag in der ledernen Tasche sein, die der so genannte Medicus krampfhaft festh�lt? Nach Heilmitteln und Instrumenten zum Schr�pfen sieht das nicht aus. Falls er Anstalten macht, uns festhalten zu lassen, und das Schr�pfmesser ansetzt, werde ich mich mit meiner Damaszenerklinge zur Wehr setzen.�</p><p>Der Kapit�n und der angebliche Medicus verschwanden in den Aufbauten. Kurze Zeit sp�ter ert�nte ein markersch�tterndes Gebr�ll. Henri musste Uthman festhalten, damit dieser nicht davonst�rzte, um den Grund des Geschreis zu erkunden. Bald darauf erschien Ernesto di Vidalcosta und winkte den beiden M�nnern zu, die im Ruderboot geblieben waren. Beh�nde wie Affen kletterten sie an der Bordwand hoch. An Deck wurden sie von dem Medicus empfangen, der ihnen einen Befehl zufl�sterte. Sie nickten wortlos und folgten den beiden anderen. Gleich darauf tauchten alle vier wieder auf. Die beiden M�nner aus dem Ruderboot schleppten einen Mann zwischen sich, dessen Kopf wie der Kl�ppel einer Glocke hin und her schwankte. Seine F��e baumelten eine Hand breit in der Luft, als ob sie nicht zu seinem K�rper geh�rten. Einer der beiden M�nner schlang ein Seil um die H�fte des Leblosen und lie� ihn von oben in das Boot gleiten, wo der andere ihn �chzend in Empfang nahm.</p><p>Der Medicus bl�tterte in seinem Folianten, schrieb etwas auf einen Papierbogen und dr�ckte es dem Kapit�n in die Hand. �Das m�sste gen�gen. Die Kogge steht wegen Pestverdacht unter Quarant�ne. Niemand darf das Schiff verlassen. Sage das eindringlich deinen allzu neugierigen Mitreisenden!�</p><p>Ernesto di Vidalcosta ging in seine Kaj�te zur�ck und kehrte mit einem Leinens�ckchen zur�ck. Er sch�ttete den Inhalt dem angeblichen Medicus in die ge�ffnete Hand. Das helle Mondlicht lie� keinen Zweifel aufkommen, dass es sich um Goldm�nzen handelte, die der Medicus jetzt leise murmelnd nachz�hlte. Er schien zufrieden, denn er sch�ttelte dem Kapit�n freundschaftlich die Hand und kletterte abw�rts in das Boot, wo er dem leblosen Matrosen einen Tritt gab, um sich f�r seine F��e Platz zu schaffen. Eine Weile h�rte man noch das Schlagen der Ruder, dann war der ganze Spuk vor�ber.</p><p>Henri und Uthman blieben zun�chst stumm zur�ck. �Was hat das zu bedeuten?�, fragte schlie�lich Uthman. �Warum will der Kapit�n uns alle an Bord festhalten?�</p><p>Henri �berlegte mit gerunzelter Stirn. �Ohne Zweifel sind wir nicht am Ende dieser Vorstellung angelangt. Die Bezahlung gilt nur f�r ein falsches Zeugnis. Nie und nimmer ist hier an Bord die Pest ausgebrochen. Irgendein armer Kerl muss als Schwerkranker herhalten. Ich hoffe nur, dass man ihn nicht umbringt. Falls man ihn zur�ckbringt und an Bord kein weiterer angeblicher Verdachtsfall auftritt, darf diese Kogge wieder auslaufen.�</p><p>�Wenn ich dich recht verstehe, ist vorl�ufig keine illegale Ware an Bord. Das eigentliche Gesch�ft, bei dem er keine Zeugen gebrauchen kann, hat der Kapit�n noch nicht abgewickelt. Das wird wohl erst in einer der n�chsten N�chte geschehen.�</p><p>�So meine ich es�, bekr�ftigte Henri.</p><p>�Magst du den langen Tag damit verk�rzen, mir weiter von deinen Abenteuern in Jerusalem zu erz�hlen? Ich hoffe sehr, dass du Abu Hassan aus den F�usten seiner Feinde befreien konntest.�</p><p>�So bald noch nicht�, erwiderte Henri. �Aber ich lernte einen Rabbi kennen, der mir einen wichtigen Hinweis verschaffte. Ich war noch einmal zum Felsendom zur�ckgekehrt. Denn ich konnte mir kaum vorstellen, dass Abu Hassan dort kein Zeichen hinterlassen h�tte, wo er mich als Zeuge seiner Unschuld hingef�hrt hatte. Eine der H�hlen s�dlich des <emphasis>Qubbet as Sakhra</emphasis> hatte ich ergebnislos durchsucht. Aber da gab es noch eine zweite, die man als Salomos Steinbruch bezeichnete. Wo es viele Steine gab, musste es doch auch zahlreiche M�glichkeiten geben, Zeichen und Botschaften einzuritzen. Wichtig erschien mir auch, dass in dieser H�hle Zusammenk�nfte einer geheimen Bruderschaft stattgefunden haben sollten. Auch den Oberen unseres Templerordens war angeblich die Mitgliedschaft nicht verwehrt worden.�</p><p>�Durftest auch du an diesen Versammlungen teilnehmen?�, fragte Uthman voller Spannung.</p><p>�Ich war damals noch zu jung. Aber als Templer wusste ich, dass mathematische Prinzipien bei der Konstruktion von Geb�uden eine wichtige Rolle spielten.</p><p>Die Mitglieder dieser geheimen Bruderschaft pflegten sich in Anspielungen und Symbolen auszudr�cken, die sie der Baukunst entnommen hatten. Abu Hassan galt als Meister der Steinmetze. Darum hoffte ich, in diesem versteckten Mauerwerk eine Nachricht zu finden.�</p><p>�Hast du mit Abu Hassan einmal �ber diese Kenntnisse gesprochen?�, fragte Uthman.</p><p>�Zumindest habe ich es erw�hnt. Darum entschloss ich mich, nach mathematischen Zeichen zu suchen. Ich vertiefte mich so sehr in meine T�tigkeit, dass ich nicht mehr meine Umgebung beobachtete. Als jemand eine Hand auf meine Schulter legte, erschrak ich zutiefst. Die Feinde Abu Hassans haben mich beobachtet, dachte ich zun�chst. Sie werden mich bei dem Emir <emphasis>Nadjm Ghazi</emphasis> anklagen, und ich werde dasselbe Schicksal erleiden wie mein B�ndnisbruder.</p><p>Aber die Gestalt, deren Umrisse ich jetzt im Dunkel der H�hle an seinem Kaftan und dem K�ppi erkannte, war ein j�discher Schriftgelehrter. Er legte einen Finger auf die Lippen und begann zu fl�stern. �Diese Mauern haben Ohren, so dick sie auch scheinen. Darum erw�hne nicht den Namen des Mannes, dessen Botschaft du dir erhoffst! Wir beide geh�ren einer Bruderschaft an, die Muslimen, Christen und Juden in gleicher Weise offen steht.�</p><p>Ich f�hlte mich zur�ckgesetzt und sp�rte ein Gef�hl der Eifersucht. Aus welchem Grund hatte mich Abu Hassan nicht eingeweiht? Darum klang meine Frage aggressiv. �K�nnt Ihr mir etwa sagen, wo ich nach einer geheimen Botschaft suchen soll?�</p><p>Der Rabbi blieb ruhig. �Es gibt unter uns ein Passwort. Wer an unseren geheimen Versammlungen teilnehmen will und das Passwort nicht sagen kann, ist dem Tod geweiht. Wenn du den Spuren Abu Hassans folgen und ihn finden willst, musst du dich mit diesem Passwort als einer der Unsrigen zu erkennen geben.��</p><p>Uthman machte eine ver�chtliche Handbewegung. �Das klingt zwar ganz wie Joshua, der uns half, dich aus dem Folterkerker zu befreien. Aber dieser Schriftgelehrte da spreizte sich mit seinem Wissen allzu sehr.�</p><p>�So unbedacht sollte man nicht urteilen�, erwiderte Henri. �Denn ohne die Hinweise, die er mir nun gab, h�tte ich Abu Hassan niemals finden k�nnen.</p><p>Der Rabbi sprach noch leiser als zuvor. Ich musste mir M�he geben, ihn zu verstehen, vor allem deswegen, weil mir die Materie unbekannt war, von der er sprach. �Hast du schon einmal von der Zahl <emphasis>Pi</emphasis> geh�rt?� Besch�mt sch�ttelte ich den Kopf, weil ich meine d�rftigen Kenntnisse in der Mathematik erkannte.</p><p>Der j�dische Schriftgelehrte wunderte sich nicht �ber meine Unkenntnis und erkl�rte mir, was dieses <emphasis>Pi</emphasis> zu bedeuten h�tte. �Die griechische Zahl Pi wurde schon im Altertum erw�hnt, obwohl heute viele Gelehrte ihren Wert abstreiten. Aber bereits Archimedes besch�ftigte sich mit ihr, er errechnete gar ihren ungef�hren Wert.�</p><p>Nach diesen Ausf�hrungen glaubte ich zu wissen, welches Wort die Bruderschaft als Erkennungszeichen benutzte.�</p><p>�Doch nicht einfach diese zwei Buchstaben?�, rief Uthman. �Das konnte doch jeder erraten.�</p><p>�An etwas �hnliches hatte ich auch gedacht, vielleicht Kreis, Ellipse, Parabel oder Hebel. Denn Archimedes war nicht nur Mathematiker, sondern auch Physiker. Aber nichts von alledem galt als Passwort. Der Rabbi erz�hlte mir, dass einer, der in die Bruderschaft eindringen wollte und das Passwort nicht kannte, mit der Spitze eines Mei�els erstochen werde.�</p><p>�Darfst du mir diese geheime Losung nennen?�, fragte Uthman. �Oder gilt das als Verrat?�</p><p>�Dir darf ich das Passwort sagen. Denn nach all den vergangenen Ereignissen giltst du mir als ein Bruder. Das Erkennungszeichen hei�t: <emphasis>Noli turbare circulos meos �</emphasis> St�re meine Kreise nicht! Denn diese barschen Worte richtete Archimedes bei der Eroberung von Syrakus an einen r�mischen Soldaten, w�hrend er damit besch�ftigt war, mathematische Formeln in den Sand zu malen. Obwohl der K�nig befohlen hatte, das Leben dieses f�higen Menschen zu schonen, t�tete ihn der Krieger.�</p><p>�Ich nehme an, dass der K�nig die Forschungen des Archimedes f�r sich nutzbar machen wollte�, meinte Uthman. �Na, und der Krieger war nur ein ungebildeter T�lpel, der sich beleidigt f�hlte, weil Archimedes im Sand sa� und Anweisungen erteilte.�</p><p>�So muss es wohl gewesen sein�, best�tigte Henri und seufzte. �Diese Geschichte hat sich �ber zweihundert Jahre vor der Geburt unseres Herrn Jesu Christi zugetragen. Aber die Welt hat sich seitdem nicht ge�ndert.�</p><p>Uthman �u�erte Zweifel an der wirksamen Hilfe des j�dischen Schriftgelehrten. �Der Rabbi war offensichtlich sehr gelehrt, aber hatte er denn wirklich Verbindungen, die zu dem Aufenthaltsort von Abu Hassan f�hrten?�</p><p>�Mehr, als du es f�r m�glich h�ltst�, erwiderte Henri. �Die Bruderschaft dieser Bauleute hatte ein weit verzweigtes Nachrichtennetz aufgebaut. So war es ihnen gelungen, einen Boten abzufangen, der vom franz�sischen K�nig geschickt worden war. Einige Mitglieder hatten ihre besonderen Methoden in der Befragung solcher Boten. Sie erfuhren, als sie ihren schon mehrfach bew�hrten Mei�el einsetzten, dass die Zeugen gegen Abu Hassan im Auftrag des franz�sischen K�nigs handelten.�</p><p>Uthman sch�ttelte den Kopf. �Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Macht des K�nigs bis nach Jerusalem reichte.�</p><p>�Da bist du im Irrtum. Der K�nig plante durch diese Ma�nahme, Jerusalem die Ordnung zu nehmen, den Emir zu verwirren, seine treuesten Anh�nger zu entfernen, um dann einzumarschieren und Jerusalem zu beherrschen.�</p><p>�Ein wahnwitziges Unterfangen!�, rief Uthman, um dann triumphierend fortzufahren: �Nun haben wir dem franz�sischen K�nig ja f�r immer das Handwerk gelegt.�</p><p>�Der Rabbi erkl�rte mir die eigentlichen Ziele der Bruderschaft. Diese Vereinigung hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Bundeslade wieder zu finden, die von K�nig David nach Jerusalem gebracht und von K�nig Salomo im Allerheiligsten des Tempels aufbewahrt wurde. Warum es denn so wichtig sei, diese Bundeslade wieder zu finden, fragte ich und erhielt zur Antwort, dass es nicht nur der materielle Wert sei, obwohl der Kasten aus Akazienholz mit Gold �berzogen war, sondern deswegen, weil die Bundeslade ein Heiligtum sei, das alle israelitischen St�mme verbinde.</p><p>�Ich habe geh�rt�, sagte ich, �dass dieses Heiligtum schon vor undenklichen Zeiten bei der Eroberung von Jerusalem zerst�rt wurde.�</p><p>�Eben daran zweifeln die Mitglieder unserer Bruderschaft�, erwiderte mir der Rabbi. Zu diesen Zweiflern geh�re auch Abu Hassan. Vielleicht h�tten ihn seine Gegner verschleppt, um seine Kenntnisse zu erpressen. Mir kam der Gedanke, dass auch ich als Templerbruder dazu benutzt werden sollte, die Geheimnisse der Ordensbr�der auszuplaudern. Denn im Orden ging das Ger�cht, einige Kreuzritter h�tten das Versteck der Bundeslade aufgesp�rt und als Beutegut mitgenommen. Ich erw�hnte nichts von diesem Verdacht. Denn ich war misstrauisch geworden.</p><p>�Wo kann ich mit der Suche nach meinem B�ndnisbruder Abu Hassan beginnen?�, fragte ich, um ersch�pfende Ausk�nfte zu erhalten. Der Rabbi trat nahe an mich heran und senkte seine Stimme zu einem verschw�rerischen Fl�stern. �Bei Qumran am Toten Meer befindet sich eine H�hle, wo man eine. Kupferrolle gefunden hat. Die �bersetzung der darauf angebrachten Schrift war nicht ganz einfach. Aber schlie�lich war es einem Gelehrten aus unserer Bruderschaft gelungen, die Schriftzeichen zu entziffern. Wir konnten dieser Kupferrolle entnehmen, wo sich der Tempelschatz befindet, den man verloren glaubte. Bisher wurde aber nichts gefunden. Darum halten sich immer noch einige Mitglieder unserer Bruderschaft in der H�hle auf. Sie k�nnen vielleicht Auskunft geben, wohin man Abu Hassan verschleppt hat.�</p><p>Ich bedankte mich bei dem Rabbi und wandte mich schon zum Gehen, aber er zog mich am �rmel zur�ck. �Es gibt noch etwas Wichtiges, das Ihr wissen solltet. Denn auch Emir Nadjm Ghazi will die salomonischen Sch�tze finden. Er ist �berzeugt, dass Abu Hassan mehr wei�, als er zu erkennen gibt. Vielleicht l�sst er auch Euch �berwachen. Darum seht Euch vor, falls Ihr dem Emir auf Eurer Suche begegnet!� Du kannst dir denken, Uthman, dass mich alle diese Nachrichten in h�chste Verwirrung st�rzten.�</p><p>�Sogar sehr gut kann ich mir das vorstellen. Meiner Meinung nach waren nun das Wichtigste ein gut durchdachter Plan, ein schnelles Pferd und eine wirkungsvolle Bewaffnung.�</p><p>�Das war auch meine �berlegung. Was mich tr�stete, war die Hoffnung, dass man Abu Hassan zun�chst am Leben lassen werde. Denn welchen Nutzen h�tten sie von ihm gehabt, wenn sie ihn umgebracht h�tten? Von einer Leiche kann man nichts mehr erfahren. Was mir aber zu denken gab, war die Frage, welche Rolle der Emir Nadjm Ghazi in dieser verworrenen Sache spielte. Ehe ich das nicht gekl�rt h�tte, w�rde ich ihm nicht vertrauen. Ich z�gerte jedenfalls nicht l�nger und machte mich auf den Weg nach Qumran.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Henri schwieg und betrachtete das Meer. Es wirkte dunkel und beinahe bedrohlich. Vielleicht bedr�ngten ihn deshalb d�stere Gedanken. Immer hatte er sich in der Gemeinschaft seiner Ordensbr�der geborgen gef�hlt, sogar in den schrecklichen K�mpfen von Akkon. Nie hatte er es damals f�r m�glich gehalten, dass es unter den Templerbr�dern R�nke, Intrigen, falsche Anschuldigungen und sch�dliche B�ndnisse geben k�nnte. Und doch war es so gewesen. Das aber hatte er erst viel sp�ter erfahren, als Outremer, die Besitzt�mer des Ordens im Heiligen Land, verloren gegangen war. Was er aber trotz allem niemals verloren hatte, war sein starker Glaube an die g�ttliche Allmacht. Auch Menschen wie Ernesto di Vidalcosta konnten ihm nicht die �berzeugung nehmen, dass Gottes Sch�pfung nicht schlecht sein konnte. In jedem Menschen musste ein guter Kern verborgen liegen.</p><p>Uthman brachte ihn jedoch in die Wirklichkeit zur�ck. �Welche L�gen mag er sich jetzt wieder ausgedacht haben?�, fragte er leise und deutete auf den Herrn des Schiffes, der sich ihnen n�herte. Die kurze Ansprache des Kapit�ns brachte ihnen keine �berraschung.</p><p>�Sicher habt Ihr den Abtransport unseres Schwerkranken beobachten k�nnen. Sein Zustand ist sehr bedenklich. Es besteht der Verdacht auf Pest. Ehe nicht uneingeschr�nkt feststeht, dass an Bord kein weiterer Verdacht auf Pest besteht, werden wir unter Quarant�ne hier liegen bleiben m�ssen. Gem�� strenger �rztlicher Anordnung darf niemand das Schiff verlassen.� Er verzog sein Gesicht zu einer sorgenvollen Grimasse.</p><p>Uthman hatte M�he, ein lautes Gel�chter zu unterdr�cken. Er senkte sein Gesicht, w�hrend Henri dem Kapit�n starr in die Augen schaute. �Wir werden selbstverst�ndlich den �rztlichen Anordnungen Folge leisten. Im �brigen sieht dieses Eiland auch nicht sehr einladend aus.�</p><p>Ernesto di Vidalcosta wirkte erleichtert. �Ich hatte von Euch Vernunft und Einsehen erwartet. Es zeigt sich, dass Ihr kluge und gebildete Herren seid. Leider gibt es in der Mannschaft einige Schwierigkeiten. Vor allem dieses M�dchen will unbedingt frei herumlaufen. Arturo musste sie leider anbinden.�</p><p>�Das wundert mich nicht�, meinte Uthman, nachdem der Kapit�n gegangen war. �Sie wollte nat�rlich zu uns, um uns irgendeine Botschaft zu �berbringen.�</p><p>�Ich nehme an, dass Ernesto di Vidalcosta innerhalb der n�chsten drei Tage irgendwelche Waren an Bord nehmen wird. Wir werden also weiterhin abwechselnd Wache halten.�</p><p>�Was versprichst du dir davon?�, �u�erte Uthman seine Zweifel an dem Erfolg dieser Ma�nahme. �Eingreifen k�nnen wir doch nicht.�</p><p>Henri zuckte mit den Achseln. �Das Leben hat mich gelehrt, dass es immer besser ist, �ber obskure Vorg�nge unterrichtet zu sein, als ahnungslos von irgendetwas �berrascht zu werden. Ich �bernehme die erste Wache.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>11</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Am folgenden Tag erschien der angebliche Medicus erneut und begab sich sogleich zu Ernesto di Vidalcosta. Entgegen Henris Rat schlich sich Uthman in die N�he der Kapit�nskaj�te, um vielleicht einige Wortfetzen des Gespr�chs aufzufangen. Aber die beiden fl�sterten so leise, dass er nichts verstehen konnte. Auf dem R�ckweg zum Achtersteven begegnete ihm Arturo, der ihn sp�ttisch angrinste. �Na, freut Ihr Euch schon auf Menorca?�</p><p>Was hatte diese Frage zu bedeuten? Doch wohl die versteckte Drohung, dass sie diese Insel niemals erreichen w�rden. Uthman hielt es f�r angebracht, eine Gegenfrage zu stellen. �Wie geht es denn dem Schwerkranken, der von Bord geschafft wurde?�</p><p>Arturo hatte sogleich eine Antwort parat. �Er ist verstorben. Aber zum Gl�ck ist kein Verdachtsmoment auf einen neuen Pestfall aufgetreten. Jedenfalls bis jetzt noch nicht�, f�gte er hinzu. �Man wei� aber nie, wen es noch erwischen k�nnte.�</p><p>Uthman legte die letzten Worte als eine deutliche Warnung aus. Wenn dieser obskure Medicus bei ihnen einen Verdacht auf Pest feststellen w�rde, w�re ein schneller Tod, bei dem man nachhelfen w�rde, nicht mehr weit entfernt. Er berichtete Henri von diesem unerfreulichen Gespr�ch. �Sollten wir nicht doch versuchen, dieses Schiff im Schutze der Dunkelheit zu verlassen?�</p><p>Aber Henri sch�ttelte den Kopf. �Wir kennen diese Insel nicht. Vielleicht gibt es in Cabrera kein Hinterland, wo wir uns verstecken k�nnten. Am besten ist wohl, wenn wir in der kommenden Nacht Wache halten. Vielleicht nimmt Ernesto illegale Ware an Bord und lichtet die Anker. Meine Hoffnung richtet sich auf den �berfall der Piraten.�</p><p>Uthman lachte. �Das ist wirklich sehr merkw�rdig, dass wir uns Hilfe von den Piraten erwarten. In Cordoba habe ich eine Geschichte von dem Seefahrer Odysseus gelesen. Er hatte bei der Fahrt durch eine Meerenge die Wahl, entweder an dem einen oder anderen Felsen zu zerschellen, an Skylla oder Charybdis. Skylla war ein Meeresungeheuer mit sechs langen H�lsen und zw�lf F��en, das in einer H�hle lebte. Jeweils sechs Seefahrer schnappte es sich von der Besatzung der Segelschiffe, die in seine N�he kamen. In der gegen�berliegenden Felsenh�hle lebte das Meeresungeheuer Charybdis, das dreimal t�glich die Flut einsog und wieder ausspie, sodass die vor�berfahrenden Schiffe kenterten.�</p><p>�Das h�rt sich ja schrecklich an�, sagte Henri. �Welches der beiden Seeungeheuer sollen wir nun bevorzugen?� Seine Frage klang wie ein Scherz, denn er glaubte nicht an Ungeheuer dieser Art.</p><p>Aber Uthman antwortete ernsthaft: �Wir werden eine dritte Meeresplage w�hlen, n�mlich die Piraten.�</p><p>Sie hatten sich leise unterhalten und dabei immer den Eingang zu den Aufbauten im Auge behalten. Es dauerte nicht lange, bis Ernesto di Vidalcosta seinen Gast zur Strickleiter begleitete. Unten warteten diesmal zwei finster aussehende Burschen, die ihre Ruder schon ins Wasser tauchten, ehe der Medicus die letzte Sprosse erreicht hatte. Der Sprung in das Boot machte ihm offensichtlich keine M�he. Aber er fluchte laut, w�hrend die beiden M�nner schadenfroh lachten. Sehr viel Respekt hatten sie anscheinend nicht vor dem Medicus.</p><p>Henri und Uthman sahen sich an und dachten beide dasselbe. Dieser ungepflegte Mensch konnte nie und nimmer ein Arzt sein. �Ich h�tte ihm gerne eine Fangfrage gestellt�, meinte Uthman. �Meine medizinischen Kenntnisse h�tten durchaus ausgereicht.�</p><p>Henri nickte best�tigend. �Das f�rchtete er wohl auch, denn er hat sich tunlichst von uns ferngehalten. Daf�r kommt wieder einmal der Kapit�n auf uns zu.�</p><p>Ernesto di Vidalcosta hatte seine sorgenvolle Miene aufgesetzt, die sie schon kannten. �Leider m�ssen wir noch einen weiteren Tag und die folgende Nacht hier verankert bleiben. Der Medicus war nicht bereit, die Quarant�ne aufzuheben, bevor nicht zweifelsfrei feststeht, dass an Bord kein neuer Pestverdacht aufgetreten ist.�</p><p>�Daf�r haben wir volles Verst�ndnis�, sagte Henri betont gelassen, w�hrend Uthman dunkelrot anlief, weil er nur mit M�he seinen Zorn unterdr�cken konnte.</p><p>�Es tut mir Leid, dass durch den Schiffbruch und durch diese schwere Krankheit eines Besatzungsmitglieds Eure Schifffahrtspl�ne durcheinander geraten sind�, sagte Henri. Seine Stimme klang so mitleidig, dass Uthman ihn erstaunt ansah.</p><p>Aber Uthman hatte nun seinen Zorn unter Kontrolle. Auch seine Bemerkung klang durchaus aufrichtig. �Hoffentlich bleiben uns weitere Zwischenf�lle erspart. Wir bewundern Euch, wie Ihr all diese Schwierigkeiten ruhig und umsichtig meistert.�</p><p>Ernesto di Vidalcosta war die Ironie nicht verborgen geblieben. Er drehte sich um und stampfte �ber das Deck davon. Einen der Seeleute, der das Pech hatte, ihm zu begegnen, schnauzte er w�tend an. �Pumpe die Bolde aus, und benutze das Wasser, um das Deck zu s�ubern. Es war besch�mend, wie ich den angesehenen Medicus empfangen musste. Wenn die Schweinerei hier nicht in einer Stunde ges�ubert ist, werde ich dich auspeitschen lassen.�</p><p>Uthman feixte vor sich hin. �Der Herr des Schiffes geruht, h�chst ungn�dig zu sein.�</p><p>�Wir wollen ihn nicht weiter reizen�, meinte Henri. �Ich werde dir von Qumran erz�hlen, falls uns der Matrose nicht mit seinem Wassereimer davonscheucht.�</p><p>�Komm zum Vordersteven! Da sind wir vor einer Wasserflut verh�ltnism��ig sicher�, schlug Uthman vor.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Der j�dische Schriftgelehrte hatte mir geraten, mich auf dem Nordwestufer des Toten Meeres zu halten�, begann Henri seine Geschichte. �Schon von weitem erkannte ich, dass es sich bei dieser Anlage nicht nur um H�hlen, sondern zugleich auch um den Wohnort irgendeiner Gemeinschaft handeln musste, die eine Oasenwirtschaft betrieb. Denn ich ritt durch eine Dattelplantage, die gepflegt aussah. Als ich n�her kam, bemerkte ich nicht nur eine, sondern mindestens zehn H�hlen. Ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. W�hrend ich unschl�ssig herumstand, trat ein grimmig aussehender Mann auf mich zu, der mit einem Speer bewaffnet war. Ich lie� meinen Dolch im G�rtel, um meine friedlichen Absichten zu demonstrieren. Wie mir der Rabbi geraten hatte, begr��te ich ihn mit dem Losungswort: <emphasis>Noli turbare circulos meos.</emphasis> Das stimmte ihn freundlicher. Er f�hrte mich in eine H�hle, in der mehrere M�nner t�tig waren. Sie hatten den Inhalt von Tonkr�gen auf dem Steinboden ausgeleert. Ich sah Schriftrollen und Fragmente aus Leder, Papyrus und Kupfer, auch Reste von Palmenhandschriften. Einer der M�nner begr��te mich h�flich und fragte nach meinem Begehr: Ob ich den fr�hesten hebr�ischen Bibeltext einsehen wolle, eine Handschrift des Buches Jesaja oder vielleicht das Regelbuch, die Kriegsrolle oder die Loblieder?</p><p>Unter anderen Umst�nden h�tte ich mich gerne in diese interessanten Schriften vertieft. Aber damals ging es mir nur darum, eine Spur meines B�ndnisbruders Abu Hassan zu finden. Ich wollte jedoch nicht die Teilnahme an einer Mahlzeit ablehnen, die in einem Gemeinschaftsraum eingenommen wurde. Dort hatten sich M�nner, Frauen und Kinder versammelt.�</p><p>�Irgendeiner musste doch fremde Reiter mit einem Gefangenen gesehen haben�, warf Uthman ein. �Vielleicht die Arbeiter in dem Dattelpalmenhain! Oder eines der Kinder, die f�r gew�hnlich �berall herumstrolchen.�</p><p>�So war es!�, best�tigte Henri. �Es gab dort eine ordens�hnliche j�dische Gemeinschaft, die sich auf die alten Schriftrollen berief, die man in den H�hlen gefunden hatte. Diese Leute wollten irgendwie das alte heilige Reich Israel auferstehen lassen � an und f�r sich ein unsinniges Unternehmen, denn die Sarazenen hatten ja alles in ihrer Gewalt, und die Juden waren gut geduldet. Diese eigent�mlichen Einsiedler aber lebten nach strengen, selbst auferlegten Regeln, die das Dasein dort mit dem knappen Trinkwasser unter der ungeheuren Sommerhitze noch erschwerten. Strenge Askese sollte die Seele von st�renden Einfl�ssen frei machen. Darum erzogen sie ihre Kinder sehr streng, �hnlich wie wir Knaben bei den Templern erzogen wurden. Schl�ge, Essensund Schlafentzug waren keine Seltenheit. Sie wurden nicht nur im Umgang mit schweren Waffen gedrillt, sondern auch mit Aufgaben aus der Mathematik geplagt.�</p><p>�Das alles scheint mir sinnvoll zu sein�, gab Uthman sein Urteil �ber diese Art der Erziehung ab. �Hatten sie da denn �berhaupt noch Zeit, in der Gegend herumzustrolchen?�</p><p>�Eigentlich nicht. Aber da gab es einen besonders wilden und widerspenstigen Burschen mit Namen Husam. Er sollte f�r irgendein Vergehen bestraft werden. Weil er die harten Schl�ge aus Erfahrung kannte, ergriff er die Flucht. Sein Ziel war Jerusalem, um dort unterzutauchen. Aber auf dem Nordwestufer stie� er auf eine Reitergruppe, die einen Gefangenen mit sich f�hrte. Er lag gebunden quer �ber einem Pferder�cken. Ich wei� nicht, ob diese Reiter f�rchteten, dass man sie verraten w�rde. Sie zwangen jedenfalls den Jungen, sie zu begleiten, und lieferten ihn sp�ter in Qumran seinen Lehrern aus.�</p><p>�O je!�, rief Uthman. �Das war ein schlimmes Ende der Flucht.�</p><p>�Sich der Gemeinschaft zu entziehen und zu fl�chten galt bei diesen Leuten als eines der schlimmsten Vergehen. Husam wurde unbarmherzig verpr�gelt, obwohl er immer wieder beteuerte, dass man ihn gegen seinen Willen verschleppt habe. Da er aber schon seit langem als ein durchtriebener L�gner galt, glaubte man ihm auch nicht, dass der Gefangene ein hoher Beamter des Emirs gewesen sei. Man habe ihn Abu Hassan genannt. Das habe er genau geh�rt. F�r diese angebliche L�ge erhielt Husam dann noch einmal zehn Stockschl�ge. Vielleicht wollte man ihm auch nur austreiben, sich allzu sehr f�r die Au�enwelt zu interessieren.</p><p>Als ich mein Interesse an dieser Geschichte deutlich zu erkennen gab, wurde der Junge herbeigeholt. Ich lie� mir genau erz�hlen, wie die Reiter ausgesehen und was sie gesprochen h�tten. Danach war ich mir sicher, dass ich eine Spur von Abu Hassan gefunden hatte. Husam schien ein heller Kopf zu sein. Denn er hatte mitbekommen, dass man zu einem Palast am Roten Meer unterwegs sei, wo der Gefangene eingekerkert werden sollte. F�r den Jungen war die Begegnung mit mir eine Ehrenrettung. Das sah ich an den Gesichtern seiner Lehrer. Die Schl�ge waren zwar nicht mehr r�ckg�ngig zu machen, aber ich entlohnte ihn mit ein paar M�nzen.�</p><p>�Diesen Jungen hat man offenbar untersch�tzt, nur weil er ungeb�rdig war. Es w�re ihm zu g�nnen gewesen, dass er Jerusalem erreicht h�tte. Auch ich war kein Braver und habe mich erst ge�ndert, als du mich in deine Obhut genommen und nach Cordoba begleitet hast.�</p><p>Henri l�chelte. �So ganz gez�hmt habe ich dich allerdings noch immer nicht. Aber soll ich dir etwas verraten? Dar�ber bin ich froh!�</p><p>�Warum hast du nicht versucht, Husam mit dir zu nehmen?�, erkundigte sich Uthman. �Bei dir h�tte er es besser gehabt.�</p><p>Henri nickte. �Ich bat tats�chlich darum, mir diesen Jungen anzuvertrauen. Sicher h�tte er mir auf der Reise gute Dienste geleistet. Aber die Gemeinschaft der Einsiedler lehnte dieses Ansinnen ab. Seine Mutter habe das Kind, als es f�nf Sommer alt gewesen sei, zu den Eremiten gegeben, um es Gott und den Heiligen darzubringen. So n�mlich hie� es in der Adoptionsurkunde. Damit sei Husam ein Gottgeweihter, der sich auf dem langen und harten Weg zur Erleuchtung befinde. Ich merkte sogleich, dass jede weitere Bitte zwecklos war.�</p><p>�Konntest du den Jungen nicht zu einer neuerlichen Flucht �berreden und heimlich mitnehmen?�, fragte Uthman.</p><p>�Dazu w�re ich niemals f�hig gewesen�, erwiderte Henri. �Ich erinnerte mich sehr gut daran, wie es Deserteuren des Templerordens ergangen war. In die Gefahr, bis zum Lebensende eingekerkert zu werden, wollte ich den Jungen nicht bringen.�</p><p>�Wie immer hast du die richtige Entscheidung getroffen�, lobte Uthman. �Welche Spur hast du von nun an verfolgt?�</p><p>�Bevor ich aufbrach, schenkte mir einer der Mathematiker eine genau gezeichnete Landkarte. Er gab mir den Rat, zun�chst nach Aqaba und von da nach Tabuk zu reiten. Entlang dieser Stra�en g�be es Oasen, wo ich Rast machen und mein Pferd tr�nken k�nne. Den Weg k�nne ich nicht verfehlen, denn er werde seit vielen Jahren von sarazenischen Pilgern benutzt, deren Ziel Medina und von da aus Mekka sei. In Aqaba wohne ein gelehrter Mann mit Namen Ortokides, der sich mit der Entzifferung alter Schriftrollen besch�ftige. �Ich gebe dir als Erkennungszeichen ein Papyrusdokument mit�, sagte der Zahlenkundige zu mir. �Mit dieser Rolle hat es allerdings eine besondere Bewandtnis. Wir haben sie bisher noch nicht entziffern k�nnen, aber wir nehmen an, dass sie �ber Salomos wertvolle Sch�tze Auskunft gibt und vielleicht sogar �ber die Bundeslade. Warum sonst h�tte der Emir von Al-Qudz immer wieder danach gefragt?�</p><p>Meine Gef�hle schwankten zwischen Spannung und Bef�rchtung. �Sprecht Ihr von Nadjm Ghazi?�</p><p>�Ja, von diesem Emir. Habt Ihr in Al-Qudz seine Bekanntschaft gemacht? Wenn ja, im guten oder im schlechten Sinne?�</p><p>�Im schlechten�, bekannte ich, und danach entschloss ich mich, dem Mathematiker meine Erlebnisse mit Abu Hassan, dessen Gefangennahme und die unnachgiebige Haltung des Emirs anzuvertrauen.</p><p>Der Mathematiker hatte ruhig zugeh�rt. �Wenn das so ist�, sagte er, als ich meine Rede beendet hatte, �gebe ich Euch den Rat, die K�ste am Roten Meer nach Burgen abzusuchen, die im Eigentum hoher Beamten stehen. Dort k�nnte man Euren Freund eingekerkert haben. Es geht das Ger�cht, dass einige dieser M�nner mit dem franz�sischen K�nig in Verbindung stehen und den Sturz des Emirs geplant haben. Aber auch der Emir besitzt am Roten Meer einen stattlichen Palast. Solltet Ihr ihn dort antreffen, wird Euch das Papyrusdokument mit Sicherheit von Nutzen sein.�</p><p>Ich bedankte mich f�r seine wertvollen Ausk�nfte, w�hrend er mich umarmte und mir Gottes Segen w�nschte.�</p><p>�Den konntest du allerdings auf diesem abenteuerlichen Ritt gebrauchen.�</p><p>Henri nickte best�tigend und wies zum Strand der Insel Cabrera. �Auch unsere abenteuerliche Seereise werden wir ohne den Segen Gottes nicht bestehen k�nnen.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Die B�ume am Ufer lagen schon im Dunkel der schnell einfallenden D�mmerung. Nur die Wipfel einiger Baumriesen schimmerten noch r�tlich von den Strahlen der untergehenden Sonne. Hinter dem Horizont versank sie wie ein glutroter Ball in den Wellen des Mittelmeers. Es wurde k�hl an Deck, aber Henri und Uthman verharrten auf ihrem Beobachtungsplatz.</p><p>�Ich glaube, irgendeine Bewegung im Niederholz gesehen zu haben�, meinte Henri. �Vielleicht handelt es sich nur um ein Wild, das in der Abendd�mmerung den sch�tzenden Wald verl�sst. Das Boot, in dem der Medicus zu unserem Schiff gerudert wurde, ist aber nicht weit von hier zu erkennen. Die M�nner haben es offensichtlich auf den Strand gezogen. Solange sich dort niemand sehen l�sst, k�nnen wir beruhigt sein.�</p><p>Die beiden hatten jedoch nicht an das Beiboot gedacht, das sich auf der Kogge befand. Sie wurden erst aufmerksam, als gegen Mitternacht zwei Seeleute die Befestigung l�sten und das schmale Boot in der N�he der Strickleiter zu Wasser lie�en. Ernesto di Vidalcosta kam, so leise es dem vierschr�tigen Mann m�glich war, aus seiner Kaj�te. Er sah sich nach allen Seiten um und winkte den beiden Seeleuten, sie sollten hinabklettern und das Boot hart an der Bordwand vert�uen.</p><p>Uthman ballte seine H�nde zu F�usten und biss sich auf die Lippen, damit ihm nur ja kein lauter Ton entkam. �Einen der beiden M�nner erkenne ich. Es ist Arturo. Diesen Teufel w�rde ich auch in der schw�rzesten Nacht erkennen. Ohne Zweifel ist er der treueste Gefolgsmann des Kapit�ns.�</p><p>Ernesto di Vidalcosta lie� seine Blicke zum Ufer wandern, ehe er selbst den M�nnern auf der Strickleiter folgte. Zwischen den B�umen war jetzt ein Licht zu sehen, eine Pechfackel, die als Erkennungszeichen im Kreis geschwenkt wurde. Ein leises Pfeifen ert�nte. Aber das konnte auch ein Nachtvogel sein.</p><p>�Sehe ich das richtig, oder tr�gt mich das Licht des Mondes?�, fl�sterte Uthman voller Zweifel. �Mir kam es so vor, als ob der Kapit�n beim Heruntersteigen der Strickleiter einen Dolch zwischen den Z�hnen gehabt h�tte.�</p><p>Henri nickte. �Das stimmt! Ich konnte es jedoch kaum glauben. Denn das ist die Art der Seer�uber beim Entern eines Schiffes, wenn sie beide H�nde frei haben m�ssen. Er braucht also zwei H�nde zum Tragen, denn er ist misstrauisch und wird keinem Mitglied seiner Besatzung einen Kasten oder Korb anvertrauen, nicht einmal dem treu ergebenen Arturo.�</p><p>�Macht es dir etwas aus, f�r kurze Zeit ohne mich die weiteren Vorg�nge zu beobachten?�, fragte Uthman. �Ich m�chte die Abwesenheit von Arturo benutzen, um Brunella aufzusuchen. Vielleicht braucht sie meine Hilfe.�</p><p>�Geh nur, aber lass dich nicht zu Dummheiten hinrei�en! Brunella muss gefesselt bleiben, damit Arturo keinen Verdacht sch�pft. Falls der zweite Wachmann anwesend sein sollte, ziehst du dich augenblicklich wieder zur�ck! Lass dir nicht einfallen, ihn umzubringen und ins Meer zu werfen. Vielleicht hast du aber auch Gl�ck, und der zweite Wachmann sitzt als Ruderer mit im Boot.�</p><p>Henri blieb mit einem unguten Gef�hl zur�ck und verst�rkte seine Wachsamkeit. Ernesto di Vidalcosta musste auf der Insel angekommen sein, denn der kreisende Lichtschein erlosch. Der schwarze Schatten der hohen Baumriesen lie� keine Bewegung erkennen, und der wei�e Strand gl�nzte im Mondlicht wie eine leere Schneew�ste. Wo war der Kapit�n? Hatte er sich von seinen M�nnern begleiten lassen? Gab es hinter dem Wald eine Ansiedlung? Wenn ja, wer waren die Bewohner? Vor allem gab es die unl�sbare Frage, welche Ware der Kapit�n an Bord nehmen wollte. Das kleine Beiboot der Kogge lie� keinen schweren Ballast zu.</p><p>Es dauerte lange, viel zu lange, so empfand es Henri, bis im Dickicht unter den B�umen Bewegung entstand. Er konnte nicht erkennen, ob es sich um den Kapit�n und seine M�nner handelte. Die Entfernung zum Ufer war so weit, dass er trotz seines scharfen Geh�rs auch nicht feststellen konnte, ob ein Boot zu Wasser gelassen wurde. Pl�tzlich kam ihm dieses Erlebnis unwirklich und sinnlos vor.</p><p>Seine Gedanken schweiften zur�ck in die Vergangenheit. Er hatte den franz�sischen K�nig Philipp wie ein Tier abgeschlachtet. Aber damals hatte er ein Ziel und einen Grund gehabt. Denn er wollte ein Gel�bde einl�sen, um den Fluch der beiden Gro�meister des Templerordens zu erf�llen. Ihre Schreie und Anklagen gegen den K�nig Philipp gellten ihm immer noch in den Ohren. Seine Augen begannen zu tr�nen. War es die Trauer, die ihn in der Erinnerung �berfiel? Oder war es der bei�ende Rauch, den er auch jetzt noch zu versp�ren glaubte, obwohl man die beiden Gro�meister Jacques de Molay und Geoffrey de Charney schon vor vielen Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte?</p><p>Heute, hier auf diesem Schiff, sah er keinen Grund, wie ein Soldat Wache zu halten. Was ging ihn eigentlich dieser Kapit�n an, der vielleicht dunkle Gesch�fte trieb? Denn dass der Kapit�n ihn den franz�sischen Schergen ausliefern wollte, das hielt er mittlerweile f�r v�llig ausgeschlossen. Das h�tte er l�ngst und vor allem einfacher haben k�nnen. Gott w�rde die Untaten des Kapit�ns richten. Nicht er, Henri de Roslin, sollte sich zum Richter aufschwingen.</p><p>Der bei�ende Rauch verst�rkte sich, und Henri wurde j�h in die Gegenwart zur�ckgeholt. Am Ufer der Insel hatte man ein Feuer entz�ndet. Mehrere Gestalten umtanzten die Flammen wie Teufel ein H�llenfeuer. Was verbrannte man dort? Eine stinkende Qualmwolke w�lzte sich �ber die niedrigen Wellen heran. Henri wurde von einem schrecklichen Verdacht �bermannt. Es gab nur einen Grund, ein solches Feuer zu entfachen, das sogar den w�rzigen Duft der �ste vertrieb. Der Kapit�n und seine Kumpane, allen voran wohl der falsche Medicus, verbrannten die Leiche des angeblichen Pestkranken, damit man keine verd�chtigen Spuren entdecken k�nne, vielleicht einen Messerstich oder ein gebrochenes Genick. Im Gegenteil! Ernesto di Vidalcosta w�rde sich auf einen Befehl des Arztes berufen, man habe den toten Pestkranken verbrennen m�ssen, um jede Gefahr f�r die anderen M�nner der Besatzung auszuschlie�en.</p><empty-line/><empty-line/><p>Uthman hatte sich vergewissert, dass keiner ihn beobachtete, als er die Treppe zu den oberen Aufbauten emporstieg. Von der Besatzung war niemand zu sehen. Sie benutzten die Abwesenheit des Kapit�ns, um ungest�rt ihren Neigungen nachzugehen. Einige spielten mit bunten Karten, ein Zeitvertreib, der gerade gro� in Mode war, andere w�rfelten, aber die meisten schliefen. Am Eingang zum Wachraum blieb Uthman stehen und lauschte. Nur ein leises St�hnen war zu vernehmen. Er war sich sicher, dass Arturo keinen Aufpasser hinterlassen hatte. Zum einen, weil ein Seemann kr�ftige Ger�usche von sich gegeben, geschnarcht, ger�lpst oder sich ger�uspert h�tte. Zum anderen, weil Arturo f�rchten musste, der zur�ckgelassene Matrose w�rde �ber die gefesselte Brunella herfallen und seine Lust befriedigen. Denn auf der langen Seereise drehte sich das Gespr�ch der frauenlosen M�nner immer wieder um die Liebe und was sie alles mit ihren Frauen nach der Heimkehr anstellen w�rden. Ihre Phantasien wurden immer tollk�hner und ausschweifender.</p><p>Uthman hatte sich an die Dunkelheit gew�hnt. Er schlich langsam n�her und legte Brunella eine Hand auf den Mund, weil er f�rchtete, sie w�rde bei dem pl�tzlichen Erscheinen eines Mannes zu schreien beginnen. Beinahe aber h�tte er selber einen lauten Schrei ausgesto�en. Denn Brunella hatte ihn kr�ftig in die Hand gebissen.</p><p>�Schweig still!�, fl�sterte er ihr ins Ohr. �Ich bin es, Uthman, der dich vor den Schl�gen des Kapit�ns gesch�tzt hat.�</p><p>Das M�dchen richtete sich auf, soweit das in ihren Fesseln m�glich war. �Binde mich los! Arturo hat das Seil so fest angezogen, dass die Hanfschnur mir ins Fleisch schneidet. Ich habe gro�e Schmerzen.�</p><p>F�r Uthman waren Schmerzen etwas, das man aushalten musste. Auch bei Frauen konnte man da keine Ausnahme machen. Er hatte zugesehen, als man eine Ehebrecherin steinigte. Sie hatte keinen Laut von sich gegeben.</p><p>�Ich kann dich nicht losbinden�, sagte er unger�hrt. �Wo willst du dich auf diesem Schiff verstecken? Arturo w�rde dich finden. Glaube mir, dass die Schmerzen der Pr�gel, die er dir zukommen lassen w�rde, bei weitem schlimmer sein werden als diese, die du jetzt aushalten musst. Aber ich werde dich f�r deine Schmerzen entsch�digen.� Er beugte sich �ber sie und begann sie zu k�ssen.</p><p>Brunella drehte ihren Kopf beiseite und funkelte ihn w�tend an. �Nach Z�rtlichkeiten ist mir jetzt nicht zumute. Soll ich dir zeigen, was Arturo mit mir gemacht hat?�</p><p>Uthman trat einen Schritt zur�ck. Die arabischen Frauen waren immer bereit, Z�rtlichkeiten zu empfangen und zu geben. Oder taten sie vielleicht nur so, um ihren Herrn nicht zu erz�rnen? Er war zun�chst ratlos. Aber dann kam ihm ein Gedanke. �Ich werde dir eine lustige Geschichte erz�hlen, bei der du all deinen Kummer vergessen wirst. Oft habe ich auch meine Schwester mit einer Erz�hlung getr�stet, wenn sie traurig war. Leila, meine Schwester, wollte immer jene Geschichten aus den Tausendundein N�chten h�ren, in denen Liebende getrennt wurden und auf wundersame Weise doch wieder zusammenfanden. F�r eine solche Erz�hlung ist hier nicht der richtige Ort, und es fehlt die Zeit. Aber die Geschichte von dem Dieb mit dem Affen wird dir sicher Vergn�gen bereiten.�</p><p>Er hatte den richtigen Ton getroffen. Brunella lie� es zu, dass er sich neben sie setzte, ihre Hand ergriff und spielerisch ihre Finger hin und her bewegte, um die Fesseln ein wenig zu lockern.</p><p>Auch w�hrend er erz�hlte, rieb er ohne Unterlass die blaurot angelaufenen Finger. �Ein Dieb, der einen Affen bei sich hatte, bemerkte auf einem Marktplatz, wie ein Mann alte Kleider feilbot, in ein B�ndel steckte und sich m�de niedersetzte. Der Dieb aber lie� den Affen vor dem Mann seine Kunstst�cke machen, um die Aufmerksamkeit des Verk�ufers abzulenken. Das gelang, sodass er ihm ohne Schwierigkeiten das B�ndel stehlen konnte. Als er die alten Kleider sah, packte er sie in ein kostbares Tuch und bot dieses zum Verkauf an. Er machte aber zur Bedingung, dass der Inhalt des B�ndels von dem K�ufer erst zu Hause ge�ffnet werden d�rfe.�</p><p>�So dumm wird doch wohl niemand gewesen sein!�, rief Brunella belustigt.</p><p>�Du solltest eigentlich wissen, wie dumm die Menschen sind�, sagte Uthman. �Der K�ufer hatte sich durch den billigen Preis blenden lassen. Seine Frau war allerdings kl�ger. �Du Narr�, rief sie, �wird etwa ein kostbarer Stoff unter Preis verkauft, es sei denn, dass er gestohlen ist? Wei�t du nicht, dass derjenige, der etwas kauft, ohne es zu pr�fen, immer schlecht abschneidet?��</p><p>Brunella hatte ihre Schmerzen vergessen und lachte vergn�gt. �Du glaubst nicht, wie oft wir auf den Marktpl�tzen irgendwelchen Plunder verkauft haben, von dem die Leute annahmen, dass es sich um Kostbarkeiten handelte.�</p><p>�Es freut mich zu sehen, dass du dich besser f�hlst. Darum werde ich dir jetzt die Geschichte aus der dreihundertunddreiundachtzigsten Nacht erz�hlen, die von dem Mann aus Basra und seiner Sklavin handelt.�</p><p>�Gar nichts wirst du mehr erz�hlen!�, ert�nte Henris Stimme von der obersten Sprosse der Leiter. �Denn wenn du nicht augenblicklich auf dem Achterdeck erscheinst, werden dir Arturo und der Kapit�n Geschichten zu Geh�r bringen, die dir in deinen Ohren dr�hnen werden.�</p><p>Uthman folgte augenblicklich. Er bewunderte Henri, der sich niemals gehen lie� und zu jeder Zeit seine Pflicht erf�llte. �Verzeih mir meine Nachl�ssigkeit!�, bat er zerknirscht.</p><p>Henri legte einen Finger auf die Lippen und wies zum Wasser. Fast lautlos n�herte sich das Boot. Das leise Ger�usch des Pl�tscherns h�tte auch von einem Fisch herr�hren k�nnen, der ab und zu hochschnellte und wieder in die Fluten eintauchte. Als das Boot l�ngsseits anlegte, war kaum eine Ersch�tterung sp�rbar. Als Erster erklomm Arturo die Strickleiter, dann der Kapit�n, w�hrend der Mann im Boot eine Kette in Empfang nahm, an der das schmale Beiboot an Bord gezogen wurde.</p><p>Ernesto di Vidalcosta trug seinen Dolch wieder zwischen den Z�hnen. Seine Arme hielten rechts und links zwei Kisten umklammert. Er wartete nicht ab, bis die Matrosen das Boot ordnungsgem�� vert�ut hatten, sondern schwankte unter der schweren Last der Unterkunft zu. Kurze Zeit sp�ter verschwanden auch die beiden anderen M�nner.</p><p>Uthman schaute ihnen nach, als sie die Leiter zu den Aufbauten emporkletterten. Er horchte, ob von oben eine weinerliche Stimme zu h�ren war. Aber alles blieb still. �Mir w�re es lieber, wenn er sie schl�ge, als wenn er sie losbinden w�rde, um etwas anderes mit ihr zu machen.�</p><p>�Dein Mitleid in allen Ehren!�, sagte Henri. �Aber wir haben jetzt andere Sorgen als das Wohlergehen einer Piratenbraut. Vor allem m�ssen wir einen Plan machen, wie wir den Inhalt der Kisten erforschen k�nnen. Es muss sich um etwas sehr Wertvolles handeln, das sich in Frankreich gut verkaufen l�sst: fremdartige Gew�rze, Schmuck oder Edelmetalle.�</p><p>Uthman schlug sich gegen die Stirn. �Wo hatte ich nur meinen Verstand! Der Inhalt besteht nat�rlich aus Silberbarren oder Ger�ten aus Silber. Denn f�r Gew�rze und Schmuck sind die Kisten viel zu schwer. Bei meinem Aufenthalt in Cordoba habe ich erfahren, dass es in Spanien schon immer ber�hmte Silberminen gab. Weil mein Interesse geweckt war, habe ich in der Bibliothek nachgeforscht. Dir ist doch sicher der ber�hmte maurische Feldherr Hannibal bekannt, der mit 26 000 Mann und einigen Elefanten die Alpen �berquerte. Das war lange Zeit, bevor der Prophet Jesus geboren wurde. Der Vater dieses ber�hmten Feldherrn Hannibal hie� Hamilkar, der bei seinen Eroberungsz�gen im erzreichen Hinterland der spanischen Ostk�ste nach den legend�ren Silberminen gesucht hat, um sie auszubeuten. Das ist ihm jedoch nicht gelungen. Aber der Reichtum dieser tats�chlich vorhandenen Silberminen scheint bis heute unersch�pflich geblieben zu sein. Wo Gold und Silber zu finden sind, tauchen aber immer auch Diebe und Gauner auf. Mit denen macht unser Kapit�n sicher seine obskuren Gesch�fte.�</p><p>�So muss es sein�, best�tigte Henri. �Unser famoser Ernesto di Vidalcosta hat Beziehungen zu Minenr�ubern und l�sst sich von ihnen beliefern. Sobald wir den Anker gelichtet haben, werden wir diese Kisten untersuchen, w�hrend der Kapit�n mit der Navigation besch�ftigt ist.�</p><p><emphasis>�Inshallah �</emphasis> wenn Gott will�, f�gte Uthman noch hinzu.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>12</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Henri und Uthman erwachten gleichzeitig von einem lauten Gesang aus heiseren M�nnerkehlen. Wenn sich das Seemannslied auch ein wenig kr�chzend anh�rte, so war ihm doch die fr�hliche Stimmung der Matrosen anzuh�ren. Alle waren froh, dass die Quarant�ne aufgehoben worden war. Der Kapit�n hatte den Befehl gegeben, den Anker zu lichten. Er lie� seine gute Stimmung erkennen, und es h�tte nicht viel gefehlt, dass er in den Matrosenchor mit eingestimmt h�tte. Aber das vertrug sich nicht mit seiner W�rde.</p><p>Im Laufe des Morgens gab er an die Besatzung eine doppelte Essensration aus. Henri und Uthman wurden von dem Kapit�n zu einer Mahlzeit eingeladen, die ausnahmsweise auch Fleisch und frisches Obst darbot. Diese K�stlichkeiten muss er von seinem Inselausflug mitgebracht haben, dachte Uthman. Ganz so �rmlich, wie es vom Blick auf die einsame Bucht den Anschein hat, ist Cabrera jedenfalls nicht. Er sah sich in der Kaj�te um, ob die geheimnisvollen K�sten zu sehen waren, konnte aber nichts entdecken.</p><p>�In drei Tagen werden wir Menorca erreichen�, stellte der Kapit�n in Aussicht. �Dann werdet Ihr von der erm�denden Seefahrt endg�ltig erl�st.�</p><p>�Das Wort Erl�sung klingt in meinen Ohren nicht gut�, gab Uthman sp�ter zu bedenken. �Endg�ltig erl�st wird man n�mlich nur durch den Tod.�</p><p>Henri verzichtete auf eine Stellungnahme zu dieser d�steren Prophezeiung. �Ich schlage vor, dass wir die abendliche Navigation des Kapit�ns zu einer Suche nach den K�sten ausn�tzen.�</p><p>�Abgemacht!�, stimmte Uthman zu. �Wenn es dir recht ist, wirst du den Kapit�n ablenken, und ich werde seine Kaj�te durchst�bern. Mit deinen ernsthaften Fragen wirkst du bei weitem glaubw�rdiger als ich.�</p><p>�W�hrend du waghalsiger und vor allem bereit bist, jedes Risiko einzugehen, das f�r solch ein Unternehmen vonn�ten ist�, gab Henri Uthman das Lob, das dieser wohl erwartet hatte.</p><p>Die Morgenk�hle wich der W�rme des Mittags. Uthman blinzelte in die Sonne und lie� sich auf den Brettern des Decks nieder. Er sog die salzige Luft ein, lauschte dem Pl�tschern der Wellen, die gegen die Bordwand schlugen, und streckte die Beine aus. �Dann wollen wir versuchen, uns bis zum Abend zu entspannen, und das geht am besten, wenn du uns mit der Fortsetzung deiner Geschichte nach Aqaba entf�hrst.�</p><p>Henri war einverstanden und lie� sich neben Uthman nieder. �Mein Pferd war in <emphasis>Qumran</emphasis> gut versorgt worden. So konnte ich eine schnelle Gangart vorlegen und langte fr�her in Aqaba an, als ich das erhofft hatte. Ich wusste nat�rlich, dass die Kreuzfahrer vor mehr als hundert Jahren Aqaba einmal beherrscht hatten, diesen Ort jedoch wieder aufgeben mussten. Zwar hatten sie ihre Festung auf einer vorgelagerten Insel erbaut, aber die �gyptischen Sultane der Mamelucken hatten die Stadt erobert wie Akkon und unsere anderen Besitzungen im Outremer. Ich bildete mir ein, dass die Aura der Kreuzfahrer in Aqaba noch sp�rbar sei. Daher f�hlte ich mich sogleich heimisch.�</p><p>�Gibt es f�r dich �berhaupt noch eine Heimat?�, fragte Uthman.</p><p>�Ja, Heimat ist f�r mich immer noch der Templerorden � das hei�t, seine moralischen Anspr�che und seine Regeln. Ebendies war f�r mich in Aqaba sp�rbar.</p><p>Es war nicht schwer, Ortokides zu finden. Der gelehrte Mann galt in diesem gro�en Fischerhafen als Ber�hmtheit, obwohl er nur ein bescheidenes Holzhaus in der N�he der Moschee bewohnte. Von Anfang an hatte ich das Gef�hl, dass er nicht auffallen wollte. Er sa�, wie einst Archimedes, vor seiner H�tte und malte Formeln in den Sand. Ortokides hatte sich in wei�e Leinent�cher geh�llt, wie sie die Pilger in Mekka tragen. Seine F��e steckten in schadhaften Sandalen. Ich deklamierte mein <emphasis>noli turbare circulos meos</emphasis> und hoffte, dass diese Losung mir Eintritt verschaffen w�rde. Er l�chelte, erhob sich und f�hrte mich in das schattige Innere seines Hauses.�</p><p>�Vielleicht war seine Armut aus Sicherheitsgr�nden nur gespielt�, vermutete Uthman.</p><p>�Dass er unendlich reich war, erkannte ich, als ich den einzigen Wohnraum seines Hauses betrat. Ein h�lzerner Tisch war �ber und �ber mit Schriftrollen und Papyrusdokumenten beladen. Auf einer steinernen Bank t�rmten sich Leder- und Kupferrollen. Ortokides musste bemerkt haben, dass ich mich nach einer Sitzgelegenheit umsah.</p><p>�Folgt mir bitte auf das Dach, wo ich wegen des hei�en Klimas zu schlafen pflege. Dort habe ich auf dem Boden einige Kissen ausgebreitet.�</p><p>Zerbr�ckelte Stufen f�hrten auf eine breite Plattform. Ich trat zu der steinernen Balustrade und war �berw�ltigt. Unter uns dehnte sich das H�usergewirr der Stadt. Aber im S�den schimmerte bis weit zum Horizont das kobaltblaue Wasser der Bucht von Aqaba. Ich konnte mich von diesem Anblick erst trennen, als Ortokides das Wort an mich richtete. �Man hat Euch in Qumran sicherlich erz�hlt, dass ich in alten Dokumenten dem Verbleib der Bundeslade und den Sch�tzen Suleimans, den die Juden und Christen Salomo nennen, nachsp�re. Daher wei� ich, dass Salomo hier als Erster einen Seest�tzpunkt errichtete. Falls Ihr bibelkundig seid, werdet Ihr wissen, dass die Meeresbucht von Aqaba <emphasis>Schilfmeer</emphasis> genannt und Moses hier in seinem Weidenk�rbchen gefunden wurde. Bei den Hebr�ern hie� dieses Gew�sser <emphasis>jamsuf.�</emphasis></p><p>Nat�rlich kannte ich den Bericht des heiligen Moses, aber ich hatte diese Geschichte stets als Gleichnis dar�ber aufgefasst, wie sehr Gott �ber jeden einzelnen Menschen wacht. Ich wunderte mich, dass dieser gelehrte Mann die Erz�hlung wie ein Bauer nur wortw�rtlich und nicht auch symbolisch in Erw�gung ziehen konnte, und hielt die Zeit f�r gekommen, mein Papyrusdokument zu �berreichen. Er las es stirnrunzelnd und schwieg lange, ehe er sich mir endlich zuwandte. �Wenn man Euch in Qumran dieses geheime Dokument �bergeben hat, zeugt das von ungeheurem Vertrauen, welches man Euch entgegenbringt. Denn ich glaube, wichtige Spuren herauslesen zu k�nnen, die auf den Verbleib der Bundeslade und der salomonischen Sch�tze hindeuten.�</p><p>�Kann denn au�er Euch noch ein anderer diese Schrift entziffern?�, fragte ich. �Die Gier nach diesen Sch�tzen w�rde vielleicht zu Mord und gewaltsamem Diebstahl f�hren.�</p><p>�Das f�rchte ich auch�, best�tigte Ortokides meine �ngste. �Der Inhalt des Dokumentes ist durchaus ernst zu nehmen, wenn er sich auch auf eine weit zur�ckliegende Zeit bezieht. Die K�nigin von Saba, die aus dem s�dlichen Arabien stammte, war mit einem riesigen Gefolge nach Jerusalem gekommen, um den herrlichen Tempel des K�nigs zu bewundern. Sie brachte nicht nur Spezereien, sondern auch Gold und Edelsteine mit. Der Besuch der K�nigin, der sehr lange dauerte, hat den Reichtum Salomos erheblich vergr��ert. �ber die Seefahrtsroute vom Roten Meer zum Golf von Aqaba gelangten die kostbarsten G�ter nach Israel. Man sagt, dass das Gewicht des Goldes, das f�r Salomo in einem Jahr in Israel anlangte, sechshundertsechsundsechzig Zentner wog. Nicht nur sein Thron war aus reinem Gold, sondern auch seine Trinkgef��e und alle anderen Gebrauchsgegenst�nde und seine Schilde.� Du wei�t ja, Uthman, dass man uns diese Geschichte auch in �thiopien erz�hlt hatte. Es scheint so, als wollten sich die verschiedensten K�nigreiche mit dieser Tradition schm�cken.�</p><p>Uthman nickte. Er erinnerte sich noch gut an diese gefahrvolle Reise, und nat�rlich war ihm die Geschichte vom K�nig Suleiman und der K�nigin von Saba aus der Sure von den Ameisen, An-Naml, auf das Beste vertraut.</p><p>�Ich kannte diese Angaben nat�rlich aus der Bibel. �Wurde denn auf dieser weiten Seereise durch das Rote Meer nichts von dem Gold gestohlen? Gab es keine Seer�uber, die diese mit Gold beladenen Schiffe enterten und die Besatzung t�teten?�</p><p>�Dazu gab es keine M�glichkeit, denn die Schifffahrtsroute wurde von Salomos Flotte kontrolliert. Er besch�ftigte immer noch die kundigen Seeleute aus den Diensten Hirams, des K�nigs von Tyrus.�</p><p>�Aber wo ist denn nun der gewaltige Schatz geblieben? Steht irgendetwas dar�ber in der Papyrusrolle?�</p><p>�Das k�nnte man annehmen, wenn ich die Schrift richtig entziffert habe. Sie enth�lt die ber�hmte Legende des Baumeisters <emphasis>Hiram Abiff.</emphasis> Er kannte alle geheimen G�nge des Tempels. Angeblich wurde er von drei Steinmetzgesellen ermordet, weil er sich weigerte, ihnen geheime Kennworte und Zeichen zu verraten. Sie verscharrten ihn in der N�he des Tempels. Aber der Schreiber dieses Papyrusdokumentes behauptet, dass Salomo an diesem Mord beteiligt gewesen sei.�</p><p>�ber diese Anschuldigung war ich emp�rt. �Was? Ausgerechnet Salomo beschuldigt man, die Gesellen zu diesem infamen Mord angestiftet zu haben? Das kann und will ich nicht glauben!��</p><p>Uthman stimmte zu: �Suleiman war ein Prophet. Er konnte nichts Falsches tun!�</p><p>��Lassen wir einmal beiseite�, fuhr der Gelehrte fort, �ob Salomo diesen Mord gutgehei�en hat. Der Schreiber des Dokumentes behauptet, dass Hiram Abiff nicht verscharrt, sondern auf dem Tempelberg in einer Wand eingemauert wurde, damit sein Geist Wache halten solle und die Bundeslade vor einem Raub durch die Feinde Israels versteckt blieb. Wo dieser Baumeister lebendig begraben wurde, da sind auch Salomos Sch�tze und die Bundeslade zu finden.�</p><p>�Was hat diese Botschaft jetzt f�r Folgen?�, fragte ich gespannt.</p><p>Ortokides sah mir starr in die Augen. �Vergiss, was ich dir anvertraute. Denn wenn der Emir von Al-Qudz vom Inhalt dieser Papyrusrolle erf�hrt, wird er den ganzen Tempelbezirk niederrei�en lassen, um die Sch�tze zu finden. Wir erwarten morgen in Aqaba seine Ankunft. Er ist auf der Suche nach einem Hofbeamten, der in Ungnade gefallen ist und in einer Burg an der K�ste des Roten Meeres eingekerkert werden soll.�</p><p>Die Mitteilung von der Ankunft des Emirs jagte mir einen gewaltigen Schrecken ein. Was hatte das zu bedeuten? Es gab zwei M�glichkeiten: Entweder hatte er eingesehen, dass die Zeugen seinen Hofbeamten Abu Hassan zu Unrecht beschuldigten. Oder er hielt Abu Hassan f�r schuldig und wollte an seiner Hinrichtung teilnehmen. Ich wollte schon meine Erlebnisse im Palast des Emirs ausplaudern, als Ortokides sich mir zuwandte. �Dieses Dokument hat man Euch geschenkt. Es ist Euer Eigentum. Ihr k�nnt damit machen, was Euch beliebt. Ich kenne jetzt den Inhalt und werde ihn verschweigen. Nur in der allerh�chsten Not, falls mein Leben bedroht sein sollte, werde ich meine Kenntnisse zur Rettung meines Lebens einsetzen.�</p><p>�Ist denn Euer Leben bedroht?�, fragte ich erschrocken. Mit seinen F�higkeiten war er wahrscheinlich ernsten Bedrohungen und Erpressungen ausgesetzt. Die Antwort, die ich nun erhielt, empfand ich wie einen Schlag in mein Gesicht. Ich war zutiefst best�rzt. Denn Ortokides sah sich nach allen Seiten um und fl�sterte mir zu: �Ich bin Ismailit, ein Anh�nger der Partei Alis, des einzig rechtm��igen Kalifen, und lebe unter den Mamelucken in dauernder Gefahr.�</p><p>Nun blieb mir nichts anderes �brig, als von den falschen Franziskanern in Akkon zu berichten. Ortokides erblasste und nahm meinen Bericht starr entgegen. Am Ende meiner Rede umarmte er mich. �Ich danke dir f�r deine Botschaft, die mir das Leben retten kann. Wir Ismailiten sind es seit jeher gewohnt, im Geheimen zu leben. Als wir von den Kalifen in Bagdad unterdr�ckt wurden, verbargen wir uns lange Zeit bei Basra im Sumpfgebiet. Wir wollten als Streiter Gottes einen Gottesstaat gr�nden und verst�ndigten uns durch geheime Zeichen. Im Laufe der Zeit machten wir uns durch unser Wissen und auch durch die Kenntnis geheimer Lehren unentbehrlich. So fand ich Aufn�hme in die Bruderschaft, in deren Dienst ich mich v�llig gestellt habe.��</p><p>�War diese Verbindung auf deiner Suche nach Abu Hassan denn nicht ein gro�er Nachteil?�, erkundigte sich Uthman skeptisch.</p><p>�Man musste sich h�ten, allzu sehr in die Lehren dieser Geheimgesellschaften einzudringen. Ist nicht dein Vater auch ein Anh�nger Alis? Ich war jedenfalls entschlossen, mich bedingungslos auf die Seite dieses Ismailiten zu stellen. Das musste Ortokides gesp�rt haben. Er h�ndigte mir mein Papyrusdokument wieder aus und riet mir, nach Tabuk zu reiten, um in der dortigen Burg nach Abu Hassan zu suchen. Wenn er die Pl�ne des Emirs erfahren k�nne, w�rde er mir einen Boten nachschicken. Er hatte nichts dagegen einzuwenden, dass ich auf seiner Dachterrasse niederkniete, um ein Gebet zu sprechen, in dem ich Gott um Schutz und Hilfe anflehte. Ortokides segnete mich, was ich geschehen lie�, und wir schieden als gute Freunde.�</p><p>�Waren dies alles nicht gar zu unsichere Pl�ne?�, meinte Uthman. �Man gab dir allenthalben gute Ratschl�ge, mehr aber auch nicht. Was du gebraucht h�ttest, w�re eine tatkr�ftige Hilfe gewesen.�</p><p>�Da hast du Recht. Mir fehlte eben ein Uthman ibn Umar.�</p><p>Die Sonne war in den Wellen untergetaucht, und die D�mmerung war �bergangslos hereingebrochen. Henri musste an die Sonnenunterg�nge am Roten Meer denken. Die Felsen der K�stengebirge schimmerten dann in einem rosaroten Licht. Aber das Wasser blieb tiefblau. Nur, wo die Blaualgen sich angesiedelt hatten, f�rbten sich die Oberfl�chenwasser rot. In der Erinnerung erschienen ihm diese Sonnenunterg�nge am Roten Meer wundersch�n. Aber damals hatte er sich gejagt gef�hlt, als s��en ihm Furien im Nacken.</p><p>�Ich h�tte dem Rat von Ortokides folgen sollen�, fuhr Henri fort, �und ohne Verz�gerung nach Tabuk reiten. Aber ich wollte unbedingt die alte Kreuzritterburg sehen und hoffte, dass ich dort ein Gef�hl von Geborgenheit empfinden w�rde. Am Hafen von Aqaba fand ich einen jungen Fischer, der bereit war, mich zur Insel �berzusetzen. Mehrere andere M�nner hatten sich geweigert, mich zu der Ruine zu bringen. Sie hatten mich sogar gewarnt, diese alte Burg aufzusuchen, in der nur noch die Dschinnen hausten. Schon damals glaubte ich nicht an Geister, und ich habe diese einf�ltigen Fischer ausgelacht.</p><p>Aber wie Recht hatten sie mit ihrer Warnung! Dichtes Dornengestr�pp versperrte den Eingang. Aber ich achtete nicht darauf, dass meine Kleidung zerriss. Ein dunkler Gang tat sich vor mir auf. Ich stolperte ihn im Finsteren entlang, �berwand einige zerbrochene Stufen, die nach unten f�hrten, und stand in einer H�hle, die einstmals wohl den Kreuzrittern als Speisesaal gedient hatte. Vergebens versuchte ich, mir das Bild vorzustellen, wie damals meine ehemaligen Ordensbr�der hier gelebt hatten. Ich schloss die Augen, um nicht die Spinnen, toten Ratten und Kakerlaken sehen zu m�ssen.</p><p>Aber dann geschah etwas, das mir kalte Schauer �ber den R�cken jagte. Eine kn�cherne Hand legte sich auf meine Schulter und krallte sich mit spitzen Fingern in mein Fleisch. Ich fuhr herum und erblickte eine geisterhafte Erscheinung. In dem bleichen, hohlwangigen Gesicht zeugten nur die gl�henden Augen davon, dass ich einen Menschen vor mir hatte. Die fleischlosen Glieder bestanden nur noch aus Knochen, die bei jeder Bewegung zu klappern schienen. Aber das Grauenerregendste war die Stimme, die nichts Menschliches mehr an sich hatte. Diese schreckliche Gestalt neigte ihre blutleeren Lippen zu meinem Ohr und fl�sterte kaum verst�ndlich: <emphasis>Ecce te hominem esse.</emphasis></p><p>Wer war diese geisterhafte Erscheinung? Warum lebte jenes grauenvolle Abbild eines Menschen in den Ruinen? Wovon ern�hrte sich der Mann? Von Ratten, die er erschlug? Was trank er, um sich am Leben zu erhalten? Das faulige Wasser aus den alten Zisternen? Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, sch�ttelte seine Hand ab, warf das Brot, das mir Ortokides f�r die Reise mitgegeben hatte, auf den Boden und st�rzte davon.</p><p>Wie gl�cklich war ich, dass der junge Fischer auf mich gewartet hatte! Ich sprang in das Boot und beruhigte mich erst, als wir den Hafen von Aqaba erreicht hatten. Viel sp�ter erst kam mir der Gedanke, dass dieser Mensch vielleicht nichts anderes wollte als das, was ich anstrebte, n�mlich dort eine Heimat zu finden, wo er einst verwurzelt war. Von da ab war mir klar, dass diese Heimat nur in den Regeln und Gesetzen des Templerordens sowie in den Gel�bden, die ich geleistet hatte, zu finden war, nicht etwa in einer ehemaligen Kreuzritterburg oder an einem anderen Ort.�</p><p>Die letzten Worte hatte Henri nur noch gemurmelt. Uthman r�ttelte ihn aus seinen Gedanken und holte ihn in die Gegenwart zur�ck. �Du bist so bleich geworden und schaust abwesend vor dich hin. F�hlst du dich nicht wohl?�</p><p>Nicht einmal meinem Freund kann ich deutlich machen, was damals in mir vorging, dachte Henri. Aber er versuchte wenigstens eine Erkl�rung. �Kennst du das Gef�hl, dass du dich selbst verlierst, deine Mitte nicht findest?�, fragte er.</p><p>Uthman sah ihn erstaunt an. �Wie kommst du nur darauf? Die Mitte befindet sich f�r mich da, wo ich augenblicklich lebe.�</p><p>�Vielleicht hast du Recht�, erwiderte Henri z�gernd. Damals, auf dem Weg vom Roten Meer in das Vorgebirge, das sich unweit der K�ste entlangzog, hatte er M�he, seinen Zustand der Orientierungslosigkeit zu �berwinden. Erst als er das Ufer und die kleinen Fischerd�rfer verlassen und die alte Pilgerstra�e nach Medina erreicht hatte, fand er zu klaren Gedanken zur�ck. Nicht vor Furien und Dschinnen lief er davon, sondern vor sich selbst.</p><p>�Ich werde die erste Wache �bernehmen�, bestimmte Uthman, ohne einen Widerspruch zuzulassen. �Du brauchst Schlaf. Das erkenne ich doch deutlich.�</p><p>�Ja, Meister!�, erwiderte Henri l�chelnd und streckte sich auf einigen Taurollen aus.</p><p>Henri erwachte gegen vier Uhr fr�h von einer ungewohnten Stille. Das Knattern der Segel war verstummt. Faltig und bewegungslos hingen sie am Mast. An der Bordwand floss das Wasser wie ein Rinnsal vor�ber, und die Kogge lag so ruhig im Meer, als ob sie an Land gezogen sei. Am Himmel war kein W�lkchen zu sehen, und die Sterne funkelten bewegungslos herab, als ob sie am Firmament festgebunden w�ren. Nicht das leiseste L�ftchen strich �ber das Deck.</p><p>�Sogar die Winde sind mit diesem Satansbraten Ernesto di Vidalcosta im Bunde�, fluchte Uthman. �Die Reise verz�gert sich wieder einmal, ohne dass der Anker gesetzt werden m�sste.�</p><p>Henri war anderer Meinung. �Nicht ihm bringt diese Verz�gerung Vorteile, sondern uns. Denn die Piraten werden vielleicht nicht auf unser Schiff warten, wenn wir allzu lange ausbleiben. Ich k�nnte mir vorstellen, dass selbst in einer versteckten Bucht das Ankern f�r die Piraten gef�hrlich ist. Sicher kennt man inzwischen die Schaluppe des gef�rchteten Seer�ubers.�</p><p>�Also sind wir zur Tatenlosigkeit verurteilt. Das mag ich gar nicht. Da mein Glaube keinen Wettergott kennt � m�gen die G�tzendiener in der H�lle braten! � und das Christentum wohl auch nicht, erz�hle mir weiter von deinem abenteuerlichen Ritt!�</p><p>Henri hatte Schwierigkeiten, den Faden dort wieder aufzunehmen, wo er ihn abgeschnitten hatte. Denn er scheute sich davor, dem Freund von seinen �ngsten und Zweifeln zu berichten.</p><p>Uthman war feinf�hlig genug, um sein Z�gern zu bemerken. �Du wolltest nach Tabuk. F�hrte dich der Weg am Ufer des Roten Meeres entlang?�</p><p>Henri nahm die Hilfe an. �Eine Weile blieb ich noch an der K�ste. In den D�rfern rief um diese Stunde der Muezzin von den Minaretten der Moscheen. <emphasis>As-salat hair min an-naum �</emphasis> Das Gebet ist verdienstvoller als der Schlaf. Diesem Ruf konnte ich nur zustimmen. Nachdem ich mein Pferd noch einmal getr�nkt hatte, schlug ich den Weg zum Vorgebirge <emphasis>Hedjas</emphasis> ein. Ich wollte die alte Pilgerstra�e erreichen, die letztendlich bis nach Medina reichte. Aber der Ritt gestaltete sich schwieriger, als ich erwartet hatte. Denn zwischen den rosafarbenen Felsen lagerten Sandd�nen. Als mir eine unerwartet tiefe Schlucht den Weg versperrte, erwog ich sogar, zur K�stenstra�e zur�ckzukehren. Aber Ortokides hatte davon gesprochen, dass es m�glich sei, auf diesem Wege die alte Handelsstra�e zu erreichen, die Babylonien, Mekka, �gypten und Damaskus sei eh und je verbunden habe. Und er sollte tats�chlich Recht behalten. Denn als ich die Schlucht weitr�umig umrundet hatte, sah ich einige Lehmh�tten vor mir liegen. Wo Menschen leben, m�ssen auch Stra�en und Brunnen sein, dachte ich mir. Ich trabte auf einem ausgetretenen Pfad auf die Behausungen zu.�</p><p>�Ich an deiner Stelle h�tte mich erst einmal vorsichtig angeschlichen.�</p><p>�Ringsum war nur W�ste. Wo h�tte ich Deckung finden k�nnen? Vor den Eing�ngen lagen auf breiten Brettern Tonkr�ge, die recht h�bsch bemalt waren. Vielleicht verdienten sich die Bewohner der armseligen H�tten etwas Geld, wenn sie ihre Keramikvasen den durchziehenden H�ndlern anboten. Wer Handel treibt, wird wohl kein R�uber sein. So dachte ich wenigstens.�</p><p>�Gerade H�ndler sind die gr��ten Gauner�, berichtigte ihn Uthman.</p><p>�Man hatte den Hufschlag meines Pferdes geh�rt. Eine verschleierte Frau erschien im Eingang, und etwa sieben Kinder folgten ihr, die mich anstarrten. Ich bedauerte, dass ich keine S��igkeiten bei mir hatte, f�r die doch die Araber ber�hmt sind. Mit einer <emphasis>baqlawa,</emphasis> diesem Geb�ck mit Honig und Mandeln, h�tte ich die vielen hungrigen M�uler zufrieden stellen k�nnen. Leider sprach die Frau einen Dialekt, den ich nicht verstehen konnte. Darum zeigte ich mit der Hand auf mein Pferd und dann auf die Zisterne. Das hatte sie verstanden. Sie ging voraus und lie� einen Eimer an der Kette in die Tiefe. Nat�rlich half ich ihr beim Heraufziehen.</p><p>Aber in diesem Augenblick, als unsere H�nde unabsichtlich �bereinander lagen, tauchte ein Mann auf. Er hatte meine Bewegung missverstanden. Vorbeiziehende H�ndler hatten wohl schon des �fteren versucht, sich der Frau unsittlich zu n�hern. Der Mann trug, da er von der Feldarbeit kam, eine Hacke bei sich, die er jetzt drohend gegen mich erhob. Was sollte ich tun? Er verstand nicht, was ich ihm sagte, dass ich n�mlich keinerlei ehrenr�hrige Absichten gehabt h�tte. Die Frau kreischte, die Kinder heulten. Als mich der erste Schlag traf, sprang ich in den Sattel und galoppierte davon, so schnell es der felsige Untergrund zulie�.�</p><p>�Armer Henri!�, sagte Uthman. Der Spott war deutlich seiner Stimme anzuh�ren. �Ausgerechnet dir hat man unsittliche Motive unterstellt!�</p><p>Henri enthielt sich jeder Stellungnahme. �Mein Gl�ck war, dass ich wirklich die alte Handels- und Pilgerstra�e gefunden hatte. Ich ritt bis zur Dunkelheit und traf auf eine Oase, von der Ortokides gesprochen hatte. Sie lag gesch�tzt hinter einem kleinen Felsen, der verhinderte, dass die karge Erde vom Wind weggetragen werden konnte. Ein dichter Dattelpalmenhain umg�rtete die Ansiedlung. In der Mitte des Ortes hatten die Bewohner eine Mauer errichtet. Dahinter lag ein Hof, der sich mit gro�em Wohlwollen als Karawanserei bezeichnen lie�. Ich war froh, mein Pferd endlich tr�nken zu k�nnen.</p><p>Ich war nicht der einzige Gast. Eine Gruppe von f�nf M�nnern hatte im Hof ein Feuer entz�ndet und war soeben dabei, einige Wildkaninchen an einem Spie� zu braten. Diese M�nner kannten sich in der Gebirgsgegend aus. Das merkte man sogleich. Mit Gesten und einigen Worten der aram�ischen Sprache, die ich einigerma�en beherrsche, konnten wir uns verst�ndigen. Sie luden mich ein, an ihrer Mahlzeit teilzunehmen, und erz�hlten mir von Erfolgen und Misserfolgen ihrer Handelsreisen.�</p><p>�Wer gar zu freundlich ist, erregt bei mir stets Verdacht�, argw�hnte Uthman. �Vielleicht wollten sie dich ausrauben.�</p><p>Henri sch�ttelte den Kopf. �Vorsicht ist gegen�ber Fremden immer angebracht. Aber man sollte nicht jeden Menschen grundlos verd�chtigen, der einem freundlich begegnet.�</p><p>�Da stimme ich dir zu. Aber dir hatte man in Jerusalem doch gerade erst eine bittere Lektion erteilt.�</p><p>�Diese Lektion, die ich mit vielen Schl�gen bezahlt hatte, f�hrte dazu, dass ich sehr unruhig schlief. Ich fuhr mehrmals aus meinem Schlaf hoch und �berzeugte mich, dass die anderen Besucher der Oase fest schliefen. Niemand f�hrte etwas B�ses im Schilde.�</p><p>�Da hast du Gl�ck gehabt�, meinte Uthman.</p><p>�Ob man diese Begegnung als Gl�ck bezeichnen kann, wei� ich nicht. F�r mich brachte sie aber eine bedeutende Wende. Ich legte das Misstrauen ab, das seit der Entf�hrung in Haifa st�ndig an mir genagt hatte. So fasste ich einen schwerwiegenden Entschluss: Ich wollte der Begegnung mit Emir Nadjm Ghazi nicht mehr ausweichen. Noch einmal wollte ich versuchen, ihn von der Unschuld meines B�ndnisbruders zu �berzeugen. Wenn mir das nicht gel�nge, wenn auch ich als sein Gefangener in irgendeinem Verlies mein Leben elend beschlie�en sollte, war mir das bestimmt, vielleicht sogar eine Strafe f�r S�nden, die ich begangen hatte.�</p><p>�Du und S�nden!�, rief Uthman.</p><p>Henri ging auf diesen Einwurf nicht ein. �Ich fragte die f�nf weit gereisten Handelsleute, ob sie schon einmal davon geh�rt h�tten, dass es in der N�he des Roten Meeres einen Palast des Emirs von Al-Qudz g�be. Sie wussten den Ort und erkl�rten mir den Weg nach Al-Mabeyat, einem strategischen Punkt an der Weihrauchstra�e, den der Emir wohl mit Bedacht zum Bau eines Palastes gew�hlt hatte. Mit M�he lehnte ich die Geschenke ab, die sie mir f�r den Emir mitgeben wollten, weil sie Nadjm Ghazi f�r einen meiner Freunde hielten.�</p><p>�Du lie�est sie nat�rlich in diesem Glauben�, bemerkte Uthman.</p><p>�Sollte ich diesen Leuten etwa meine undurchsichtige Beziehung zu dem Emir auseinander setzen?�, fragte Henri leicht ver�rgert.</p><p>Uthman machte eine beschwichtigende Handbewegung. �Das sollte doch nur ein Scherz sein.�</p><p>�Am n�chsten Tag traf ich in Tabuk ein. Dort glaubte ich mich am Ziel. Auf dem h�chsten Plateau einer Felswand erhob sich eine m�chtige Burg. Die Sonne warf ihr Licht auf die r�tlichen Steine der fest gef�gten Mauern. Ich bewunderte die Konstruktion. Denn mir kam es so vor, als ob die riesigen Steine exakt zugeschnitten waren, sodass jedes Bindemittel �berfl�ssig wurde. Diese Burg war uneinnehmbar. Das sah ich sogleich. Aber ich wollte sie ja auch gar nicht einnehmen, sondern in ihrem Inneren nach Abu Hassan forschen. Sicher gab es dort in den untersten lichtlosen Kammern ein t�rloses Verlies, in das man einen Gefangenen an einem Seil herunterschaffen k�nnte und niemals mehr zum Tageslicht zur�ckholen w�rde. Dieser Gedanke war mir schrecklich.�</p><p>�Wei�t du zuf�llig, welchen Namen diese Burg trug?�, fragte Uthman. �In den Ausspr�chen des Propheten � Friede sei mit ihm! � wird, so weit ich mich erinnere, Ashab Al-Aykah in Tabuk genannt. Das k�nnte dieser festungsartigen Burg entsprechen.�</p><p>�Vielleicht h�tte mir die Erw�hnung dieser Stelle geholfen, als ich in der streng bewachten Burg in h�chste Gefahr geriet.�</p><p>�Meine Lehrer haben mir immer gesagt, wie wichtig es sei, den Koran und die <emphasis>Hadithe,</emphasis> die gesammelten Ausspr�che des Propheten, auswendig zu k�nnen. Oft genug erhielt ich die Bastonade, wenn ich ins Stocken geriet. Aber erz�hle weiter! Wie gelang es dir �berhaupt, bis in das Innere dieser Burg vorzudringen? Hast du Abu Hassan gefunden, und konntet ihr miteinander fl�chten?�</p><p>�Das sind viele Fragen auf einmal. Ich werde dir alles der Reihe nach berichten.�</p><p>Uthman war in die Unterkunft gegangen, um aus seinem B�ndel den Koran zu holen, den er immer mit sich f�hrte. Aber ein pl�tzlicher Windsto� fegte �ber das Deck, fuhr in das Heilige Buch und riss an den Bl�ttern. Mit einem lauten Knall bl�hten sich die Segel, und die Kogge neigte sich zur Seite. Die Matrosen st�rmten herbei und kletterten in die Wanten, um die Segelfl�che in die passende Lage zu bringen. Der Kapit�n rannte aus seiner Kaj�te und br�llte seine Befehle, die in dem pl�tzlich aufgetretenen Wind als Wortfetzen nicht zu verstehen waren. Der Steuermann, der als Letzter erschien, ergriff das verwaiste Ruder und versuchte, den richtigen Kurs zu finden. Schlie�lich erschien noch der Koch und jammerte dar�ber, die unerwartet aufgetretene B�e habe die T�pfe und Kochl�ffel durcheinander gewirbelt, die Suppe versch�ttet und die Bohnen auf dem Boden der Komb�se verstreut. Weil alle anderen sich in den Wanten au�er Reichweite befanden, gab ihm der Kapit�n zwei Ohrfeigen und schickte ihn in die Komb�se zur�ck.</p><p>Ebenso pl�tzlich, wie der Wind sich erhoben hatte, legte er sich wieder. Die Seeleute fluchten und schimpften und ver�nderten aufs Neue die Segelfl�che. Die Kogge nahm wieder ihre waagerechte Stellung ein und d�mpelte still vor sich hin.</p><p>�Schockschwerenot!�, br�llte der Kapit�n in die Stille hinein. �Wenn das noch lange so weitergeht, werde ich ein paar Leute an die Riemen setzen m�ssen.�</p><p>Die Matrosen kamen langsam herabgeklettert. Einige schauten flehend zum Himmel, als ob sie den Wind herbeibeten k�nnten, damit er ihnen die schwere Arbeit des Ruderns erspare. Wer sich als Erster nach unten auf das Deck gewagt hatte, bekam den Zorn des Kapit�ns zu sp�ren, obwohl er doch v�llig unschuldig an dieser Windstille war. Der Kapit�n befahl ihm, sich vor ihm hinzuknien, und schlug ihm mehrmals kr�ftig mit dem Stock �ber den R�cken. �Hundsfott, warum hast du sinnlos die Segelfl�che vergr��ert, ohne vorher die Windverh�ltnisse zu beobachten?� Er lie� den Stock bei jedem Wort im Takt tanzen. Der Geschlagene heulte laut, und die anderen blieben in den Wanten, bis der Kapit�n sein M�tchen gek�hlt hatte und in der Unterkunft verschwunden war.</p><p>�Dieser widerliche Teufel!�, stie� Uthman w�tend hervor. �Wenn wir es ihm doch einmal richtig heimzahlen k�nnten!�</p><p>�Beruhige dich!�, bat Henri. �F�r einen Rachefeldzug ist es noch zu fr�h. Vorl�ufig m�ssen wir froh sein, wenn wir nicht auf dem Grund des Meeres landen.�</p><p>�Gibt es keine M�glichkeit, das Wetter vorauszusagen?�, fragte Uthman.</p><p>�An Land w�re das f�r mich vielleicht m�glich. Die Bewegung und vor allem die Gestalt der Wolken lassen gewisse R�ckschl�sse zu. Auch in der W�ste l�sst sich am Verhalten der Tiere eine gewisse Wettervorhersage ablesen. Aber das Meer ist mir fremd.�</p><p>�Ich schlage vor, dass wir uns wieder im Bug niederlassen. Zu gerne m�chte ich wissen, wie du in die Burg <emphasis>Ashab Al-Aykah</emphasis> eindringen konntest.�</p><p>�Vorher erz�hle mir doch bitte, was Muhammad in Tabuk zu den Gl�ubigen sagte. Vielleicht gibt uns eine seiner Lehren eine Hilfe in unserer schwierigen Lage.�</p><p>Uthman z�gerte. �Willst du wirklich die Stelle aus dem Koran h�ren, oder willst du mich nur pr�fen, ob ich mich im Koran auskenne?�</p><p>Henri lachte. �Beides nat�rlich!�</p><p>�Die Rede, die der Prophet in Tabuk hielt, findet man in der Sure, die sich <emphasis>al-Taqwa</emphasis> nennt. Das bedeutet im Arabischen sowohl die reuige Hinwendung zu Gott als auch die gn�dige Hinwendung Gottes zu dem Reuigen.�</p><p>�Ich sehe�, sagte Henri, �dass du deinen Koran gut gelernt hast. Die Bastonade hat jedenfalls ihre Wirkung getan.�</p><p>Uthman zog eine Grimasse und fuhr fort. �Der Prophet entwickelt dort seine Lehren, die dir wahrscheinlich nicht fremd sind, weil sie sich nicht gar so sehr vom Christentum unterscheiden. Aber er wandte sich auch an drei M�nner, die am Feldzug gegen die Byzantiner nicht teilnehmen wollten. Die Zur�ckgebliebenen freuten sich dar�ber, dass sie im Gegensatz zum Gesandten daheim geblieben waren, weil es ihnen zuwider war, sich mit ihrem Verm�gen und der eigenen Person auf dem Weg Gottes einzusetzen. Als Entschuldigung sagten sie: R�ckt nicht in der Hitze aus! Der Prophet hielt dagegen: <emphasis>Das Feuer der H�lle ist noch hei�er; wenn sie es doch begreifen k�nnten!�</emphasis></p><p>�Gab es denn eine M�glichkeit, sich der Teilnahme an einem Feldzug zu entziehen? Bei uns Templern w�re das nicht m�glich gewesen. Schon bei meiner Aufnahme in den Orden sagte man mir: Wenn ihr auf dieser Seite des Meeres sein wollt, so werdet ihr auf die andere Seite des Meeres geschickt, und umgekehrt. Wir unterstanden den Befehlen der Ordensoberen.�</p><p>Uthman klappte das Buch zu. �Hierin unterscheiden wir uns. Denn f�r uns gelten nur die Gebote Allahs und nicht die Befehle irgendwelcher Oberen.�</p><p>Henri dachte, dass es zu dieser Auslegung viel zu sagen g�be. Aber er wollte es hier an Bord zu keinen Streitfragen �ber den Heiligen Krieg, den <emphasis>Dschihad,</emphasis> kommen lassen. Denn Uthman, der sich oft mit diesen Fragen besch�ftigt hatte, w�rde auf die Schrift <emphasis>De laude</emphasis> hinweisen, in der Bernhard von Clairvaux geschrieben hatte: <emphasis>K�mpft ohne Furcht gegen die Feinde des Kreuzes Christi!</emphasis> Damit waren auch die Tempelritter zu einem heiligen Krieg erm�chtigt worden.</p><p>Henri bem�hte sich, das Thema zu wechseln. �Du wolltest wissen, wie es mir gelang, in diese stark befestigte Burg einzudringen. Mein Plan war ziemlich einfach, aber er kostete mich mehr Zeit, als ich veranschlagt hatte. Ich suchte bei einem B�cker um Arbeit nach. Etliche Male musste ich vorsprechen, bis er sich erweichen lie�, mich als Austr�ger einzustellen. Weil ich mir M�he gab, ein h�fliches Wesen zu zeigen, schickte er mich eines Tages auf die Burg, um dort die frisch gebackenen Fladen abzuliefern. Eine Woche lang lauschte ich nur auf die Gespr�che der Dienerschaft. Ihren Reden war nicht zu entnehmen, ob jemand in der Burg gefangen gehalten wurde. Vielleicht war es auch vor ihnen geheim gehalten worden.</p><p>Nach einer Woche wagte ich es, nachdem ich meine Fladen abgegeben hatte, nicht zum Ausgang zur�ckzukehren. Ich schlich stattdessen durch G�nge, die mir unbekannt waren, und suchte eine Treppe zu den Kellerr�umen. Aber ich konnte sie nicht finden, da die Burganlage au�erordentlich weitr�umig war.</p><p>Als ich ohne Erfolg zum Ausgang zur�ckkehrte, begegnete mir eine bewaffnete Wache. Sie stellte sich mir in den Weg und rief: �Halt, Bursche! Was hast du hier zu suchen?� Der W�chter packte mich beim Kragen und wollte mich in die Wachstube schleppen. Ich versuchte gar nicht erst, mich loszurei�en, wies auf meine mehlbest�ubte Kleidung und jammerte steinerweichend: �Ich bin nur der B�ckerjunge, der Euch das Brot bringt. Der Meister wird mich schlagen, wenn ich nicht p�nktlich zur�ckkehre.� Der Lanzentr�ger gab mir einen Tritt, der mich nach drau�en bef�rderte. �Dann sieh zu, dass du in deine Backstube zur�ckkehrst. Einem solchen langsamen Taugenichts wie dir k�nnte eine Tracht Pr�gel nicht schaden.��</p><p>�Hatte er damit nicht Recht?�, feixte Uthman. �Denn du hattest in der Burg herumgeschn�ffelt und heimlich den Plan, einen Gefangenen zu befreien. Wenn es darauf ankommt, kannst du noch besser l�gen als ich, verehrter Tempelbruder. Hoffentlich gelingt dir das morgen auch so gut. Ich will jedenfalls mein Bestes in dieser Kunst zeigen.�</p><p>Henri drehte sich zur Seite und schloss die Augen. �F�r heute erz�hle ich nicht mehr weiter.�</p><p>�Habe ich dich verletzt?�, fragte Uthman besorgt.</p><p>Henri reichte ihm die Hand. �Nein, mein Freund. Aber ich m�chte ein wenig nachdenken, und zwar �ber mich selbst.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>13</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>In der Nacht hatte sich ein leichter Wind erhoben und fuhr in die schlaff h�ngenden Segel. Sie bl�hten sich matt, fielen wieder zur�ck und streckten sich aufs Neue. Das Meer, das flach wie ein Dorfteich dagelegen hatte, begann sich zu kr�useln, und erste kleine Wellen umsp�lten die Bordwand. �ber dem Wasser lagerten Fr�hnebel, die sich nur langsam aufl�sten. Im Osten zeigte sich ein gelbfarbener Sonnenaufgang.</p><p>Nach einiger Zeit erschien Ernesto di Vidalcosta an Deck. Er lie� sich vom Steuermann das kegelf�rmige Lot bringen und schickte sich an, den Hohlraum mit Wachs zu f�llen.</p><p>Uthman wandte sich Henri zu. �Das ist unsere Stunde. Stelle dem Kapit�n Fragen, so viele dir nur einfallen! Am besten recht dumme, obwohl dir das schwer fallen wird. Aber dann hat er gr��ere M�he, sie zu beantworten. Das gibt mir mehr Zeit.� Er warf noch einen kurzen Blick auf die Seeleute, die den Navigationsvorgang beobachteten, und schlich zur Unterkunft des Kapit�ns.</p><p>Der Tisch war �bers�t mit Land- und Seekarten. Irgendwelche K�sten hatten dort keinen Platz. Auch in den Ecken der Kaj�te war nichts zu finden, weder leere noch volle Kisten. Er �ffnete noch eine Truhe und fasste mit den H�nden bis auf den Boden, ob unter den Kleidern vielleicht Silberbarren versteckt lagen. Aber auch dort war nichts zu finden.</p><p>Nach kurzer �berlegung entschloss sich Uthman, in den Rumpf des Schiffes hinabzusteigen. Da die Wasserbolde ab und zu ausgeleert werden musste, lehnte an dem Abstieg in die dunkle Tiefe eine Leiter, an der allerdings einige Sprossen fehlten. Uthman kletterte rasch abw�rts. Eine Ratte huschte ihm �ber die F��e und entwich pfeifend in die hinterste Ecke.</p><p>Uthman tastete sich vorw�rts. �ber sich auf dem Deck h�rte er Stimmen, konnte aber nicht verstehen, was da gesprochen wurde. Beinahe w�re er �ber die beiden K�sten gestolpert, die etwas erh�ht auf Brettern standen. Sie waren mit einem alten Segeltuch abgedeckt, um sie vor der Feuchtigkeit zu sch�tzen. Aber gleich nach dem Fund folgte die Entt�uschung. Die Deckel waren mit schweren Eisenschl�ssern versehen. Ohne passendes Werkzeug lie�en sich diese K�sten nicht �ffnen, und dann auch nur, wenn man die Schl�sser zertr�mmerte. Das aber h�tte einen gewaltigen L�rm verursacht.</p><p>Die Stimmen auf Deck waren leiser geworden. Er musste sich beeilen, wenn er unentdeckt zur�ckkehren wollte. Schon hatte er einen Fu� auf die unterste Sprosse gestellt, als sich der Einstieg verdunkelte. Irgendjemand kam in den Schiffsrumpf geklettert. Vielleicht hatte der Kapit�n wieder den Befehl erteilt, die Bolde zu leeren. Aber eigentlich konnte ihm wohl kaum daran gelegen sein, einen Matrosen in die N�he der K�sten zu lassen.</p><p>W�hrend ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, handelte Uthman ohne weitere Verz�gerung. Er sprang in die hinterste Ecke, wo die Ratte verschwunden war, und deckte sich mit einer Persenning zu. Die Ratte pfiff erneut, und der unerw�nschte Eindringling auf der Leiter horchte einen Atemzug lang in die Tiefe. Als alles still blieb, kam er fast unh�rbar nach unten geklettert. Er war wohl nicht zum ersten Mal hier. Denn er brauchte sich nicht vorw�rts zu tasten, um zu den K�sten zu gelangen. Uthman lugte durch eine schmale �se und war nicht einmal erstaunt, als er den Mann erkannte. Es war Arturo, der jetzt mit einem Schl�sselbund rasselte. Er �ffnete den ersten Kasten ohne Schwierigkeiten, nachdem er aus einer Kanne etwas �l in das Schloss getr�ufelt hatte.</p><p>Uthman konnte seine Bewunderung kaum verbergen. Das war die L�sung: Er hatte dem Kapit�n die Schl�ssel entwendet, die er nun eiligst wieder an Ort und Stelle zur�ckbringen w�rde. Arturo hatte wirklich an alles gedacht. Er legte ein Baumwolltuch auf den Boden und griff in den Holzkasten. Ein blitzender dreiarmiger Leuchter kam zum Vorschein. Ein weiterer Griff brachte einen Silberbarren zum Vorschein. Mit geschickten Bewegungen wickelte er seine Beutest�cke ein und schloss den Kasten.</p><p>Uthman musste wohl eine unbedachte Bewegung gemacht haben. Denn die Ratte, die auf einem Sparren �ber ihm sa� und den langen Schwanz vor seinem Gesicht baumeln lie�, pfiff laut und schrill. Arturo zuckte zusammen und kam einen Schritt n�her. Aber dann entdeckte er die Ratte, nahm ein Holzscheit und warf es mit aller Kraft fluchend nach dem Tier. Die Ratte entfloh mit einem schrillen Schrei.</p><p>Uthman, der von dem Wurf an der Schulter getroffen worden war, verhielt sich still, ohne sich die schmerzende Stelle zu reiben. Er wartete, bis kein Tritt mehr zu h�ren war. Mit Sicherheit w�rde Arturo m�glichst schnell in den oberen Aufbauten verschwinden.</p><p>Die Gruppe auf Deck hatte sich aufgel�st. Nur der Kapit�n stand noch mit Henri an der Bordwand. Beide starrten ins Wasser, und Henri zog an einer Schnur. Uthman, der von hinten herangekommen war, machte sich durch lautes R�uspern bemerkbar.</p><p>�Tretet bitte n�her, um Euren Gef�hrten zu bewundern!�, rief Ernesto di Vidalcosta. �Er beherrscht n�mlich ausgezeichnet den Wurf des Lotes, nachdem ich ihn diese Kunst gelehrt habe.�</p><p>Was f�r ein schlauer Fuchs, dieser Henri, dachte Uthman. Wie ich ihn kenne, ist ihm sofort der erste Wurf gelungen. Aber dieser dumme Kapit�n hat nicht bemerkt, dass Henri ihn mit immer neuen erfolglosen Versuchen m�glichst lange aufhalten wollte.</p><p>Henri bedankte sich bei dem Kapit�n f�r die unendliche Geduld, die er als Lehrer bewiesen habe. Ernesto di Vidalcosta l�chelte geschmeichelt. �Wenn Ihr wieder einmal eine Lektion in der Kunst der Seefahrt erhalten wollt, dann lasst es mich wissen.�</p><p>�Das ist sehr liebensw�rdig von Euch�, sagte Henri. Da es nun keinen Grund mehr gab, den Kapit�n l�nger festzuhalten, forderte er Uthman zum Gehen auf. �Unser Kapit�n ist sicher m�de nach dieser anstrengenden Lehrstunde.�</p><p>Die beiden lie�en sich in der �u�ersten Ecke des Achterstevens nieder, wo niemand ihre Gespr�che mith�ren konnte. Dennoch berichtete Uthman nur fl�sternd seine Abenteuer.</p><p>�Sieh mal einer an!�, sagte Henri. �Da hat sich unser Kapit�n ja einen sch�nen Freund ausgesucht. Er vergilt ihm die Sonderstellung, indem er ihn bestiehlt.�</p><p>�K�nnen wir denn mit der Entdeckung etwas anfangen?�, fragte Uthman skeptisch.</p><p>�Aber nat�rlich! Wie kannst du da nur Zweifel haben! Wenn es wirklich dazu kommt, dass die Piraten unser Schiff entern, k�nnen wir mit Hinweis auf den Silberschatz unser Leben retten.�</p><p>�Falls uns der Kapit�n oder sein Intimus Arturo nicht vorher umgebracht haben!�</p><p>Henri sah nach oben zur Mastspitze. �He du, Junge! Siehst du schon irgendeinen K�stenstrich?�</p><p>Der Gehilfe des Kochs, den man ab und zu in den Mastkorb schickte, formte die H�nde zu einem Trichter. �Nichts zu sehen!�</p><p>�Das h�tte mich auch gewundert�, meine Henri. �Nach meinen Berechnungen und den Versuchen einer Lagebestimmung mit dem Kegellot sind wir noch weit vom Land entfernt. Wenn du magst, berichte ich dir weiter �ber meine Abenteuer in der Burg von Tabuk.�</p><p>�Hoffentlich konntest du Abu Hassan finden und befreien!�</p><p>�Als Austr�ger von Fladenbroten konnte ich mich nicht mehr sehen lassen�, begann Henri. �Darum entwickelte ich einen neuen Plan. Vor allem musste ich mich anders herrichten, damit mich der Wachtposten nicht mehr erkennen w�rde. Am besten schien mir das �u�ere eines Maurers geeignet. Ich verschaffte mir das notwendige Werkzeug und��</p><p>�Wie? Verschaffen?�, rief Uthman mit gespielter Entr�stung. �Du meinst doch nicht etwa stehlen?�</p><p>�F�hre dich hier nicht als Tugendbold auf!�, rief Henri. �Ich kenne dich und deine Moralauffassung n�mlich ziemlich gut! Mit meinem Werkzeug, einer schmutzigen M�tze, die ich tief ins Gesicht zog, und mit einem Sack Dichtungsmittel machte ich mich auf den Weg. Ich kam ziemlich verschwitzt oben an. Das Gl�ck war mir hold. Denn an diesem Tag stand eine andere Wache am Tor. Ich behauptete, dass sich in der Mauer des Kellers einige Steine gelockert h�tten. �Ich habe den Auftrag, diese Mauer wieder zu festigen�, behauptete ich. Weil ich gar so dreckig war, versp�rte der Wachmann offenbar keine Lust, mich n�her zu untersuchen. Er hob nur mit der Lanzenspitze mein Hemd an, ob darunter vielleicht eine Waffe verborgen war. Aber ich hatte meinen Dolch vorsichtshalber im Stroh des Stalls versteckt, wo ich mein Pferd untergestellt hatte.</p><p>Ich ging mit festen Schritten die Treppe hinab, die ich von meinem vorigen Erkundungsgang schon kannte. Immer tiefer drang ich in die Gew�lbe vor. Im untersten Gang machte ich mir die M�he, ein paar Steine zu lockern. Ich hoffte, dass der L�rm nicht bis nach oben dringen w�rde. F�r den Fall, dass man mich kontrollieren w�rde, fing ich an, das Dichtungsmittel in die L�cher zu schmieren. Ein paar Ohrfeigen w�ren mir sicher gewesen, wenn ein echter Maurer diese Arbeit begutachtet h�tte.�</p><p>Uthman grinste. �Das glaube ich dir gern. Denn soviel ich wei�, geh�rten im Templerorden die Maurer zu den dienenden Br�dern. Du aber warst ein Krieger und zum K�mpfen ausgebildet. Das war vielleicht noch wichtiger als eine solide Handwerksarbeit.�</p><p>�In diesem Fall schon�, setzte Henri seinen Bericht fort. �Ich entfernte mich von meiner Arbeit und schlich durch die G�nge. Nirgendwo konnte ich eine Eisent�r entdecken, die zu einem Verlies gef�hrt h�tte. Dann aber kam mir die Idee, dass ich nach einer Eisenplatte im Boden suchen musste, die sich anheben lie�, um die Gefangenen in den t�r- und fensterlosen Raum hinabzulassen. Ich begann meine Suche unter diesem Gesichtspunkt von neuem.�</p><p>�Ich bewundere deinen Mut�, gab Uthman sein Urteil ab. Seine Stimme klang aufrichtig.</p><p>�Du h�ttest es auch nicht anders gemacht�, erwiderte Henri. �Beinahe h�tte ich einen lauten Freudenschrei ausgesto�en, als ich am Ende eines dunklen, verwinkelten Ganges eine Eisenplatte entdeckte, die in den felsigen Boden eingelassen war. Ich rannte zur�ck zu meiner Baustelle und ergriff eine eiserne Stange, die ich mir mitgebracht hatte, falls ich mich verteidigen m�sste. Die Platte war lange nicht angehoben worden. Ich hebelte und hebelte. Die Stirnadern schwollen mir an, sodass ich f�rchtete, sie w�rden bei weiterer Anstrengung platzen.</p><p>Schlie�lich gelang es mir, die Eisenplatte einen Fingerbreit anzuheben. In die schmale �ffnung klemmte ich die Stange, damit die Platte nicht wieder zufallen konnte. Ich legte mich auf den Boden und starrte in die dunkle Tiefe. Drunten war nichts zu sehen. Nur ein bestialischer Gestank schlug mir entgegen. Ich neigte meinen Mund �ber die �ffnung. �Abu Hassan! H�rst du mich? Ich bin es! Henri, dein B�ndnisbruder! Abu Hassan! Antworte mir!� Aber es kam keine Antwort. Nur meine eigenen Rufe hallten von den Mauern wider. Entt�uscht erhob ich mich und schaute genau in die Augen des Wachmanns. Bei dem verzweifelten Bem�hen, Abu Hassan zu finden, hatte ich jede Vorsicht au�er Acht gelassen.�</p><p>�Wie konnte das einem so erfahrenen Krieger wie dir nur zusto�en!�, rief Uthman anklagend.</p><p>�Das dachte ich auch�, stimmte Henri zu. �Aber es ging darum, einen Freund zu befreien. Dar�ber vergisst man manchmal die eigene Sicherheit. Ich ergriff die Eisenstange, obwohl ich wusste, dass ich damit dem Lanzentr�ger unterlegen sein w�rde. Aber er war sich seiner Sache wohl zu sicher. Als er schon die Lanze wurfbereit erhoben hatte, schlug ich ihm die schwere Stange mit Gewalt gegen beide Kniescheiben. Mit einem Aufschrei st�rzte er zu Boden. Ich entriss ihm seine Waffe und st�rmte davon. Verfolgen konnte er mich mit Sicherheit nicht mehr.�</p><p>�Aber schreien und rufen konnte er doch wohl noch�, gab Uthman zu bedenken.</p><p>�Allerdings, und wie! Er wand sich am Boden, br�llte und tobte, dass es von allen Mauern widerhallte. Diese Echowirkung gereichte mir zum Vorteil. Die W�chter, die von allen Seiten herbeist�rmten, konnten nicht feststellen, woher das Gebr�ll kam. Aber sie liefen mir entgegen, sodass ich eilends in einen anderen Gang umkehren musste. Sie kamen von oben und von unten, vom hinteren und vom vorderen Teil des Gew�lbes. Ich wusste schon bald nicht mehr, wo ich mich befand.</p><p>Dann geschah etwas Merkw�rdiges zu meiner Rettung. Einer der Krieger packte mich am Arm. Jetzt ist es um dich geschehen, dachte ich. Man wird mich in das Loch hinuntersto�en, und niemals mehr werde ich das Sonnenlicht sehen. Aber der schwer bewaffnete Mann zog mich zu einer kleinen �ffnung, die ich bisher �bersehen hatte. Er gab mir einen leichten Sto�. �Dieser Ausgang f�hrt in den Garten. Spring �ber die Mauer! Von da gibt es einen schmalen Pfad, der in den Ort f�hrt. Z�gere nicht l�nger!� Von fern h�rten wir das Geschrei der anderen W�chter. Mein Retter umarmte mich und fl�sterte mir zu: �Abu Hassan, nach dem du riefst, wurde von hier nach Taima verschleppt. Wir sind Gef�hrten derselben Bruderschaft, zu der auch du durch dein B�ndnis mit Abu Hassan jetzt geh�rst. Beeile dich! Rette dich! In Taima frage nach Al-Mirdas! Er wird dir weiterhelfen.�</p><p>Es blieb keine Zeit, um ihm zu danken. Ich dankte aber Gott f�r die wundersame Rettung, rannte den Berg hinab in den Ort, sattelte mein Pferd, holte meine Waffe aus dem Stroh und galoppierte so schnell davon, wie der felsige Untergrund der Pilgerstra�e es zulie�.</p><p>Ich hatte mich in Tabuk viel zu lange aufgehalten, um nach dem Verbleib von Abu Hassan zu forschen. Auf der Stra�e nach Taima bewegten sich lange Pilgerz�ge in die Richtung von Medina. Ich wagte nicht, sie zu �berholen, weil ich f�rchtete, dass man mich als Christ entlarven w�rde. Ich wollte diese Anh�nger eures Propheten nicht in ihrem Glauben verletzen. Zur Vorsicht hatte ich mich aber in lange wei�e Gew�nder geh�llt, wie sie die Pilger trugen.</p><p>Der Zug bewegte sich unendlich langsam voran, weil auch viele Frauen mit ihren Kindern an der Pilgerfahrt teilnahmen. Schlie�lich verlor ich nicht nur die Geduld, sondern vor allem f�rchtete ich, dass ich zu sp�t kommen k�nnte, um Abu Hassan vor seinen Feinden zu retten. Ich versetzte mein Pferd in eine schnellere Gangart und galoppierte eilig an der Pilgergruppe vorbei. Was ich nicht bedacht hatte, war die riesige Staubwolke, die ich bei diesem Ritt verursachte, sodass die Pilger vom Sand der Stra�e eingeh�llt wurden. Ein Protestschrei erhob sich. F�r mich gab es aber kein Zur�ck.</p><p>Soeben hatte ich die Vorhut einer festlich gekleideten Gruppe auf geschm�ckten Pferden hinter mir gelassen, als ich den Hufschlag einiger Reiter h�rte. Einer �berholte mich und versperrte mir den Weg. Ein anderer r�ckte dicht von hinten auf, und zwei weitere bedr�ngten mich von den Seiten.</p><p>�Was soll das bedeuten?�, schrie ich w�tend, denn Angriff ist die beste Verteidigung. Der Reiter an meiner linken Flanke gab mir einen Schlag mit seiner geflochtenen Peitsche, wogegen ich mich nicht einmal sch�tzen konnte, so eng hatten sie mich in ihre Mitte genommen.</p><p>�Halt dein Maul, oder willst du, dass ich es dir f�r immer stopfe?�, br�llte mich der Reiter von der rechten Flanke an. Mein allzu grober Ton war vielleicht doch nicht dazu geeignet, die drei Reiter einzusch�chtern. Darum schlug ich sanftere T�ne an. Vielleicht waren diese vier M�nner Reitknechte eines hohen Herrn, der mich ohne viel Federlesen am n�chsten Baum aufkn�pfen lassen w�rde. �Warum versperrt Ihr mir den Weg?�, fragte ich m�glichst zahm. Die Antwort gefiel mir gar nicht. �Das wird dir der Herrscher von Al-Qudz selbst sagen. Er hat befohlen, dich zu ihm zu f�hren.� Ich brauche dir wohl nicht zu verraten, Uthman, wer diesen Befehl gegeben hatte.�</p><p>�Nat�rlich Nadjm Ghazi�, rief Uthman. �Du hattest dich zu lange in Tabuk aufgehalten. Denn dass der Emir auf dem Wege zum Roten Meer war, hatte dir Ortokides schon in Aqaba gesagt. Auch in Qumran hatte man den Besuch des Emirs erwartet, weil er wie der Teufel hinter der Seele Suleimans Sch�tzen nachjagte.�</p><p>�Ich hatte mir doch vorgenommen, dem Emir mannhaft gegen�berzutreten und die Unschuld Abu Hassans zu beweisen. Aber dieses Treffen im Staub der Pilgerstra�e war nicht nach meinem Sinn. Der Emir hatte mich erkannt. Das zeugte von seinem guten Ged�chtnis.�</p><p>Uthman grinste. �Vielleicht hattest du aber auch einen unausl�schlichen Eindruck auf ihn gemacht.�</p><p>�Lass deine dummen Scherze! Sonst wirst du gleich einen Eindruck auf deiner Wange sp�ren!� Henri l�chelte. Gar so ernst war diese Drohung wohl nicht gemeint.</p><p>�Ich stand nun dem Emir gegen�ber, der mich von oben bis unten musterte. Einer der Reiter hatte mich vom Pferd geholt und wollte mich zwingen, vor dem Emir im Staub niederzuknien. Aber ich leistete erbitterten Widerstand. Der Zug war zum Stehen gekommen, und die N�chststehenden umringten uns neugierig und erhofften sich ein wenn schon nicht blutiges Schauspiel, so doch wenigstens zu ihrer Erheiterung eine Bastonade. So machte es beinahe den Eindruck, denn die Reiterknechte warfen mich in den Sand und rissen mir die Schuhe von den F��en. Man warf mich auf den Bauch und band mir die F��e zusammen. Einer der Reiter hatte schon mit freudigem Gesichtsausdruck einen biegsamen Stock herbeigeholt.�</p><p>�Hattest du schon einmal das zweifelhafte Vergn�gen, die Bastonade zu erhalten?�, fragte Uthman, und Henri glaubte in dessen Gesicht ein wenig Schadenfreude zu erkennen.</p><p>�Noch nie! Ich hatte bisher nur von dieser sarazenischen Strafe geh�rt. Genau drei Schl�ge lie� mir der Emir auf meine Fu�sohlen verabreichen. Dann gebot er Halt, obwohl die Menge murrte. Wie ich sp�ter erfuhr, war eine Bastonade unter f�nfzig Schl�gen nicht �blich. Ich erhob mich und stand dem Emir Auge in Auge gegen�ber, obwohl das falsch ausgedr�ckt ist. Denn er sa� hoch zu Ross und schaute auf mich herab, w�hrend ich staubbedeckt von unten zu dem Herrn von Al-Qudz hochschauen musste.</p><p>�Diese drei Schl�ge habt Ihr erhalten, um Euch einen kleinen Vorgeschmack zu vermitteln, falls Ihr es nicht aufgebt, in fremde Burgen einzudringen, um Abu Hassan zu befreien.� Man hatte ihm also von meinem k�hnen Eindringen in die Burg Ashab Al-Aykah berichtet. Ich hoffte, dass man meinen Retter nicht entlarvt hatte. Mit drei Schl�gen auf die Fu�sohlen w�re es bei ihm nicht getan gewesen.</p><p>Sollte ich weniger mutig sein als alle diejenigen, die mir bisher geholfen hatten, obwohl sie sich damit in Gefahr brachten? Ich brauchte nicht lange nachzudenken. �Abu Hassan ist unschuldig. Ihr habt Unrecht getan, ihn seinen Feinden auszuliefern, die ein falsches Zeugnis abgelegt haben.� Damit war ich zu weit gegangen. Ich hatte hohe Beamte der L�ge bezichtigt. Was aber noch schlimmer war: Ich hatte die unerh�rte Unversch�mtheit besessen, dem Emir ins Gesicht zu sagen, er habe ein Unrecht begangen. Die Strafe folgte im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Fu�. Der Emir lief zornrot an.</p><p>�Gebt ihm noch einmal zehn Schl�ge!�, befahl er. Die Reiterknechte waren anscheinend darin ge�bt, die Bastonade auszuf�hren. Sie hatten mich blitzschnell in die richtige Stellung gebracht. Diesmal schmerzten mich die Schl�ge sehr. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein Mensch f�nfzig Schl�ge auf die nackten Fu�sohlen aushalten konnte.�</p><p>�Oh doch, das kann man�, best�tigte Uthman aus eigener Erfahrung. �Nur gehen kann man nachher nicht mehr. Ich kroch manchmal auf allen vieren aus der Koranschule nach Hause.�</p><p>��Na, wie hat dir das gefallen?�, fragte mich der Emir mit einem L�cheln. Ich schwieg, denn mir war nicht danach zumute, weiter vor der Menge gedem�tigt zu werden, die auf eine Fortsetzung hoffte. �Lass dir das eine Lehre sein, Tempelritter!�, f�gte der Emir noch hinzu. �Ich hoffe, wir werden uns bald zu einer weiteren Lektion wieder sehen.�</p><p>Ich war so w�tend dar�ber, wie ver�chtlich er das Wort Tempelritter aussprach, dass ich den Mund nicht halten konnte. �Das hoffe ich auch, aber dann zu gleichen Bedingungen!�</p><p>Die Reitknechte sprangen schon herbei. Die Menge johlte, aber der Emir winkte ab. �Lasst ihn laufen! Er ist ein harter Bursche, und ich ahne schon, dass ihm irgendwann die f�nfzig oder hundert Schl�ge gewiss sein werden.�</p><p>Ich humpelte durch den hei�en Sand zu meinem Pferd, schwang mich in den Sattel und trabte langsam hinter dem Pilgerstrom her.�</p><p>�Haben dich die Leute ausgelacht, als du fast am Schluss des Zuges reiten musstest?�</p><p>�Nein, das empfand ich als merkw�rdig. Der Gerechtigkeit war Gen�ge getan. Ich hatte mich gegen den Emir erhoben und meine Strafe erhalten. Damit war ich zu einem der ihren geworden. Einige Pilger versuchten sogar, mit mir ein Gespr�ch zu beginnen. Alles habe ich nicht verstanden. Aber ein Mann, der mir durch seine edlen Gesichtsz�ge auffiel, sprach leidlich unsere Sprache. Er erkl�rte mir, dass Taima vor Jahren ein antikes Zentrum arabischer Zivilisation gewesen sei. Unter dem babylonischen K�nig Nabunidies sei Taima sogar einmal Hauptstadt gewesen. �Aber das war vor sehr langer Zeit�, f�gte er hinzu. Ob ich ein wenig Aram�isch beherrsche, fragte er noch. Dann m�sse ich mir unbedingt die ber�hmte Stele von Taima ansehen, auf der etwas in aram�ischer Schrift geschrieben sei.</p><p>Ich freute mich nat�rlich, dass man mich im Kreis der Pilger aufgenommen hatte. Aber ehrlich gesagt, hatte ich zu dieser Zeit weder an irgendeinem babylonischen K�nig noch an einer aram�ischen Inschrift Interesse. Meine Fu�sohlen schmerzten, und ich schwor dem Emir Rache. Irgendwann w�rde ich ihm mit einer Waffe gegen�berstehen. Dann gnade dir Gott, Emir Nadjm Ghazi von Al-Qudz!�</p><p>�Ich hoffe, dass es zu diesem Zweikampf kam�, sagte Uthman. �Da ich dich als vorz�glichen K�mpfer kenne, bin ich sicher, dass du als Sieger aus diesem Kampf hervorgegangen bist.�</p><p>�Das erhoffe ich mir auch von den K�mpfen, die uns jetzt entweder gegen den Kapit�n oder gegen die Piraten drohen. Es ist ziemlich schnell dunkel geworden. Ich �bernehme die erste Wache und werde dich wecken, falls wir in der kommenden Nacht schon die Bucht von Menorca erreichen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>14</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Gegen Morgen entstand auf der Kogge eine allgemeine Unruhe. Der Gehilfe des Kochs, dem man Pr�gel angedroht hatte, falls er den Mastkorb verlie�e, hatte mit verhaltener Stimme gerufen, dass Land zu sehen sei. Er f�rchtete sich davor, eine falsche Meldung zu geben. Aber einige Matrosen erschienen an Deck und verteilten sich an der Reling. Ihre Blicke wandten sich nach Osten. �Der Gipfel des Monte Toro ist schon zu sehen�, behauptete einer.</p><p>Uthman, der die zweite Wache �bernommen hatte, brauchte seinen Gef�hrten nicht zu wecken. Denn Henri hatte ein feines Gef�hl f�r Stimmungsschwankungen. Auch im Schlaf sp�rte er jede Ver�nderung. Der Kapit�n kam aus seiner Unterkunft und lie� die Segel einziehen, damit sich das Schiff in ruhiger Fahrt der K�ste n�herte, ohne durch ein Riff in Gefahr zu geraten.</p><p>Der Steuermann zeigte seine Kunst, indem er die zerkl�ftete Steilk�ste mied und die Kogge langsam in eine Bucht man�vrierte, die weit in die Insel hineinreichte. Steineichen und wilde Olivenb�ume umgaben eine ufernahe Wiese, auf der feuerrote Mohnblumen, wei�e Margeriten und wilde Hyazinthen eine bunte Farbpalette bildeten. �ber allem schwebte der Duft von Rosmarin und Kamille. Menorca bot sich den Ank�mmlingen als ein wahres Paradies dar. Die Matrosen warteten darauf, dass der Kapit�n den Befehl zum Ankern gab. Ein vielstimmiges �Hurra!� begleitete das Rasseln der Kette, als der Anker in dem tiefblauen Wasser versank.</p><p>Ernesto di Vidalcosta zeigte sich von seiner besten Seite. �Ihr d�rft alle von Bord gehen!�, erlaubte er seiner Mannschaft. �Es sieht nicht so aus, als ob uns hier Piraten auflauern w�rden. Aber Vorsicht ist immer angebracht. Darum soll die Wachmannschaft von den oberen Aufbauten aus das Meer beobachten. Auch ich werde an Bord bleiben.�</p><p>�Das habe ich nicht anders erwartet�, fl�sterte Uthman. �Er wird seine wertvollen Kisten nicht aus den Augen lassen.� Die Seeleute wateten ausgelassen durch das niedrige Wasser dem Land zu und waren bald hinter B�umen verschwunden. Uthman grinste. �Sie werden das n�chstgelegene Dorf aufsuchen, um dort M�dchen zu bel�stigen.�</p><p>Henri sah sich um. �Vielleicht haben die Piraten nicht l�nger auf uns warten k�nnen. Denn Menorca geh�rt zum K�nigreich Mallorca. Ich nehme an, dass die K�sten durch k�nigliche Soldaten gesch�tzt werden, die den Seer�ubern gef�hrlich werden k�nnten.�</p><p>�Wie sollen wir uns jetzt verhalten? W�re es nicht am besten, auch an Land zu gehen?�</p><p>Henri schwieg. Er hob den Kopf, als ob er den w�rzigen Blumenduft einatmen wolle. �Irgendetwas stimmt hier nicht. Es ist so, als ob die Stille zu uns sprechen wollte.�</p><p>Der Kapit�n wandte sich ihnen zu. �Was ist mit Ihnen, meine Herren? Wollen Sie nicht an Land gehen? Sie hatten sich doch so sehr auf Menorca gefreut!� Er hatte dem Meer den R�cken zugekehrt und wies auf die Bucht. �Diese Insel birgt viele Sch�nheiten, vor allem auch geheime Pl�tze, wo Ihr Euch verbergen k�nnt, wenn sich das als notwendig erweisen sollte.� Er lachte dr�hnend und konnte sich gar nicht beruhigen.</p><p>Diese versteckte Drohung, vor allem aber das laute Gel�chter erwiesen sich als grober Fehler. Denn er �berh�rte ein gewaltiges Rauschen, das sich pl�tzlich von der Seeseite aus erhoben hatte. Eine Schaluppe mit dunklen Segeln tauchte urpl�tzlich vor der Kogge auf. An ihrem hohen Mast flatterte eine schwarze Fahne. Der Totenkopf mit den gekreuzten Knochen lie� keinen Zweifel daran, dass sich ihnen ein Piratenschiff mit hoher Geschwindigkeit n�herte. Wo war es nur hergekommen? Es hatte h�chster seem�nnischer Kunst bedurft, um das Felsenriff der Nachbarbucht zu umrunden, ohne die Segel zu streichen. In voller Fahrt kam die Schaluppe auf sie zu.</p><p>Dann ging alles sehr schnell. Das Piratenschiff legte an der L�ngsseite an. Mehrere Enterhaken flogen her�ber und bohrten sich in die Bordwand. Mindestens zehn verwegene Gestalten zogen die Kogge nahe an die Schaluppe heran. Die ersten Seer�uber sprangen mit ge�btem Sprung her�ber, als der Zwischenraum noch ziemlich breit war.</p><p>�Komm mit nach oben!�, schrie Uthman. �Ohne den Beistand von Brunella ist unser Leben keinen Pfifferling wert.� Er sprang zur Leiter, ehe ihn ein Wurfbeil treffen konnte. Henri erkannte, dass Uthman Recht hatte. Er z�gerte noch einen Atemzug lang, ob er dem Kapit�n zu Hilfe eilen sollte. Denn Ernesto di Vidalcosta war wie gel�hmt stehen geblieben. Er wusste, dass er gegen die �bermacht der Piraten keine Chance hatte. Es war zu sp�t.</p><p>Von der untersten Sprosse der Leiter blickte Henri noch einmal zur�ck. Einer der Piraten, der als Erster her�bergesprungen war, erhob sein Beil und spaltete dem Kapit�n der Kogge mit einem einzigen Hieb den Kopf. Nur m�hsam gelang es dem Angreifer, das Beil wieder herauszuziehen, das durch Hals und Schultern bis in den K�rper gedrungen war. Henri hatte schon an vielen K�mpfen teilgenommen. Blut und Verwundungen hatten ihn niemals unber�hrt gelassen. Aber der Hass und die w�tende Gewalt, die in diesem Hieb steckten, waren furchtbar. Wo nur war Gott in solchen Augenblicken?</p><p>Er kletterte die Leiter hoch, so schnell es die schwankenden Sprossen zulie�en. Was ihn oben erwartete, hatte er geahnt. Brunella hatte sich ihrer Fesseln entledigt. Ob Uthman das Seil mit seinem Messer durchschnitten hatte oder ob Arturo die Fesseln gel�st hatte, w�hrend er seine Lust befriedigte, konnte Henri nicht feststellen. Uthman stand wie ein Racheengel in der Mitte des Raumes. Ob Brunella ihm den Dolch aus dem G�rtel gerissen oder ob er ihr die Waffe freiwillig gegeben hatte, auch das blieb unklar. Aber Henri sah mit einem Blick, dass Brunella dem verhassten Mann mit der Klinge die Kehle durchbohrt und danach den K�rper mit zahllosen Stichen geradezu zerfleischt hatte. Uthman hatte dem anderen Wachmann, der seinem Kameraden beistehen wollte, mit einem Griff das Genick gebrochen.</p><p>Brunella lie� den Dolch fallen und sprang zur Treppe. �Valentino! Hier bin ich! Hier oben! Ich habe schon gute Arbeit geleistet!�</p><p>Auf der obersten Sprosse der Leiter erschien ein Mann.</p><p>Sein Gesicht war von Hass verzerrt, und er hielt sein Beil wurfbereit in der Faust. Brunella st�rzte ihm entgegen und wollte sich ihm an die Brust werfen. Aber er schob sie beiseite. �Wer sind diese M�nner? Hast du etwa einen anderen Liebhaber gefunden?�</p><p>Brunella trat einen Schritt zur�ck und funkelte ihn w�tend an. �Wie kannst du nur so etwas von mir denken?� Sie deutete auf Uthman. �Dieser dunkelhaarige Mann hat mir das Leben gerettet, als der Kapit�n mich t�ten lassen wollte.� Sie �bertrieb, aber das war bei dem leicht erregbaren Valentino angebracht.</p><p>�Und der andere hier? Geh�rt er zur Besatzung?�</p><p>�Sein Name ist Henri. Er ist klug und verschlagen. Es ist ihm n�mlich gelungen, das Versteck zu finden, in dem der Kapit�n seine Silberbarren und kostbaren Leuchter aufbewahrt. Im Schiffsrumpf neben der Bolde stehen zwei Kisten, die mit T�chern abgedeckt sind.�</p><p>Valentino lie� sein Beil sinken und gab Brunella einen fl�chtigen Kuss. �Das klingt nicht �bel, mein Herzchen! Aber wir m�ssen uns beeilen, ehe die Besatzung zur�ckkehrt. Spring auf die Schaluppe, und zeige den beiden M�nnern, wie sie das Enterseil benutzen! Inzwischen werde ich die Kisten hin�berschaffen lassen.�</p><p>Er sprang leichtf��ig auf das untere Deck und verschwand mit einigen anderen im Schiffsrumpf. Brunella gab Henri und Uthman einen Wink, dass sie ihr folgen sollten. Ehe sie jedoch umst�ndliche Erkl�rungen abgab, auf welche Weise sie sich am besten auf das andere Schiff hin�berschwingen k�nnten, waren Henri und Uthman schon mit einem weiten Sprung auf das Deck der Schaluppe gesprungen.</p><p>Dort wurden sie von zwei �lteren Seer�ubern empfangen, die sie f�r Gefangene hielten. Obwohl Brunella lauthals zeterte, die beiden seien G�ste und keine Gefangenen, band man ihnen die H�nde auf dem R�cken zusammen und legte ihnen eine Eisenkette um die Kn�chel. �Gefangene?�, rief der �ltere, der ziemlich grob zupackte. �Seit wann gibt es denn bei uns Gefangene? Entweder spaltet man Feinden den Kopf, oder man wirft sie ins Meer. Manchmal gibt man ihnen die M�glichkeit, sich eins von beiden auszusuchen.� Er stie� die beiden vor sich her und warf sie aneinander gefesselt in eine dunkle Kammer unter Deck.</p><p>Uthman rieb sich die Schulter. �Hoffentlich hat mir dieser Teufel nicht den Arm gebrochen. Ich m�chte ja nicht �ber falsche Entscheidungen jammern. Aber meinst du nicht, dass auf Menorca zwischen Steineichen und Olivenb�umen bessere Luft gewesen w�re?�</p><p>�Aber wie lange h�tten wir die gute Luft dort atmen k�nnen! Vielleicht h�tte man uns sehr schnell an einem knorrigen Ast aufgeh�ngt. Wie war noch deine Geschichte von Skylla und Charybdis?�</p><p>Oben auf Deck ert�nten die Befehle des Piratenhauptmanns. Das Schiff erzitterte, als die schweren Kisten abgeladen wurden. Hammer- und Beilschl�ge ert�nten. Obwohl Valentino von der Notwendigkeit einer schnellen Abfahrt gesprochen hatte, lie� er die Kisten �ffnen.</p><p>�Wenn die Kisten leer oder mit Plunder gef�llt gewesen w�ren, h�tte er sie sogleich �ber Bord geworfen. Mit Ballast gibt er sich nicht ab�, bemerkte Henri.</p><p>�Und uns wahrscheinlich dazu!�, gab Uthman seiner Bef�rchtung Ausdruck.</p><p>Henri und Uthman waren inzwischen lange genug auf See, um die Ger�usche des Absegelns zu erkennen. An den Bordw�nden rauschten die Wellen entlang, und �ber ihnen war das Knattern der Segel zu h�ren, die jetzt vom Wind ergriffen wurden.</p><p>�Wir haben die Bucht verlassen�, stellte Uthman sachkundig fest. �Hast du irgendwelche Rufe unserer Besatzungsmitglieder geh�rt?�</p><p>�Nicht den leisesten Ton. Falls sie aus dem Inneren zur K�ste zur�ckgekehrt sein sollten, werden sie sich geh�tet haben, sich irgendwie bemerkbar zu machen.�</p><p>�Der Anblick des Kapit�ns mit seinem gespaltenen Kopf war furchtbar.� Uthman seufzte. �Hoffentlich werden wir nicht ebenso aussehen. Mir kommen langsam Zweifel, ob man Brunella wirklich trauen konnte.�</p><p>��ber vergossene Milch soll man nicht jammern�, mahnte Henri. Er hatte einen Laut vor der h�lzernen T�r geh�rt, die jetzt ge�ffnet wurde. Im T�rrahmen stand Valentino. �Ihr habt nicht gelogen. Das rettet euch das Leben. Aber losbinden kann ich euch nicht, obwohl meine Braut f�r euch ein gutes Wort eingelegt hat. Wo kommen wir hin, wenn wir den Bitten eines Weibes nachgeben! Bei uns ist das nicht �blich. Ich habe sie in meine Unterkunft geschickt. Dort wird sie warten, bis ich zu ihr komme und das von ihr verlange, was eine Frau ihrem Mann geben muss.�</p><p>Henri sp�rte an den Bewegungen der Fesseln, dass Uthman w�tend an dem Seil riss, mit dem sie zusammengebunden waren. Er versuchte, die Situation zu entsch�rfen. �Wie lange m�ssen wir in diesem Zustand ausharren?�</p><p>Valentino weigerte sich nicht, eine ausf�hrliche Antwort zu geben. �Es ist bei uns Brauch, die Beute zu teilen. Sobald wir in unserem Versteck auf einer der Pityusen sind, wird das geschehen. Aber auch �ber das Schicksal von Gefangenen wird am Ende eines Beutezugs entschieden. Solange m�sst Ihr Euch gedulden.�</p><p>Er verlie� die finstere Kammer. Von drau�en ert�nten Jubelrufe. Die Beute war reichhaltiger, als die Seer�uber erwartet hatten.</p><p>�Vielleicht stimmt sie das friedlich, und sie bringen uns etwas zu essen�, hoffte Uthman. �Wenn sie auch die Kochkomb�se gepl�ndert haben, f�llt unter Umst�nden auch f�r uns etwas ab.�</p><p><emphasis>�Si deo placet �</emphasis> wenn es Gott gef�llt�, f�gte Henri hinzu.</p><p>Er dachte dar�ber nach, was Valentino �ber die Frauen gesagt hatte. F�r ihn hatte es sehr ver�chtlich geklungen. Zwar wurden auch in den Templerorden keine Frauen aufgenommen, sondern nur M�nner in waffenf�higem Alter. Oder Knaben, deren Erziehung im Orden vervollst�ndigt werden sollte. Auch musste der Templer bei der Aufnahme in den Orden sich zur Keuschheit verpflichten. Dennoch wurden die Frauen geachtet. In der <emphasis>Bulle Militia Dei</emphasis> war es dem Orden ausdr�cklich gestattet worden, in ihren Templerkirchen auch die Gemeindemitglieder und ihre Familien zum Gottesdienst zuzulassen.</p><p>Henri gelang es nicht, die Gedanken an Leila, die Schwester Uthmans, zu verscheuchen. Er hatte sie geliebt, aber ohne den Wunsch, ihren K�rper zu besitzen. Seine Liebe zu diesem M�dchen war so, wie die Minnes�nger die reinen Gef�hle beschrieben. Sie hoben die Frau auf ein Podest und erniedrigten sie nicht zu einem Objekt, das ihrer Lust zu dienen hatte.</p><p>Er wollte Uthman nicht an seine Schwester erinnern, die von ihrem Vater an den reichen Besitzer einer Karawanserei verheiratet worden war. Darum brachte er das Gespr�ch auf ihre augenblicklichen Schwierigkeiten. �Unsere Lage hat sich verschlechtert. Soll ich dich mit der Fortsetzung meiner Geschichte auf andere Gedanken bringen?�</p><p>�Wenn es dir gelungen ist, Abu Hassan zu befreien, w�re das ein Lichtblick�, sagte Uthman. �Also lege los!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Henri versuchte, sich in dieser feuchten dunklen Kammer auf den hei�en Pilgerweg zur�ckzuversetzen.</p><p>�Ich war zornig�, begann er die Fortsetzung seiner Geschichte. �Aber der Zorn ist kein guter Wegbegleiter. Denn ich ritt am Schluss des Zuges und hatte nichts anderes im Sinn, als den Emir und sein Gefolge zu �berholen. So kam es, dass ich den Weg nach Taima verfehlte. Als sich mir n�mlich zur linken Hand ein Weg er�ffnete, sah ich ihn als eine M�glichkeit an, schneller als der Pilgerzug mein Ziel zu erreichen. Aber ich landete in der W�ste Nefud. Jemand hat einmal zu mir gesagt, dass die W�ste weit und flehend ausgebreitet dal�ge wie ein endloses Gebet zu Gottes Barmherzigkeit. Aber zun�chst konnte ich diese Gedanken nicht verstehen. Mir kam es eher so vor, dass der Teufel, in seiner Wut �ber seine Versto�ung aus dem Himmel, in diese rote Sandw�ste Tr�mmerbrocken und zerstampfte Felsmassen geschmissen habe. Wenn ich durch meinen Zorn und die Rachegedanken ges�ndigt hatte, so habe ich das durch meine einsamen Tage in der W�ste geb��t. Der W�stenwind trieb mir gl�hend hei�e Sandwolken entgegen. Gegen die eisige K�lte der Nacht hatte ich keinen anderen Schutz als meine Satteldecke. Der Himmel senkte sich wie fl�ssiges Blei auf mich herab. Zwischen dem Horizont und der endlosen Weite der W�ste verschwamm die Trennungslinie. Meine Sinne versagten, und meine Tatkraft hatte mich verlassen. Zuletzt f�hlte ich nicht einmal mehr meinen K�rper.�</p><p>Uthman legte seine Hand auf die Schulter seines Freundes. �Das ist <emphasis>Dschahannam �</emphasis> die H�lle �, die du da beschreibst.�</p><p>�Ich verfiel Trugbildern, bewegte mich in einer gestaltlosen Welt vorw�rts. Die flirrende Luft der W�ste gaukelte mir das vor, das ich mir am meisten w�nschte: Wasser f�r mein Pferd und mich. Diese Fata Morgana weckte noch einmal meine Hoffnung. Ich glaubte, in nicht zu weiter Ferne eine Oase zu sehen. Als ich meinen Irrtum erkannte, brach ich endg�ltig zusammen. Das Letzte, was ich vernahm, war das leise Rieseln einer Sandd�ne, die im Wind zu wandern begann. Meine gest�rte Sinneswahrnehmung empfand diesen Ton wie ein verhaltenes T�nen einer weit entfernten Glocke, die mich zum Gebet rief. Wei�t du, was die Beduinen zu diesem Zustand sagen? Nein, wie solltest du auch? Sie nennen es das Fl�stern der Engel.</p><p>Als ich wieder zu mir kam, sah ich im Flimmern der Sonnenstrahlen merkw�rdige Gestalten. Sie wirkten wie zerschnitten. Ihre Gesichter schwebten neben ihren Leibern, so als ob diese K�rper aus zwei verschiedenen H�lften best�nden. Jemand benetzte meine Lippen mit einigen Tropfen Wasser, die ich gierig aufsaugen wollte. Aber sie verdunsteten schon auf meinen rissigen Lippen. Ich sp�rte, wie man mich in einen Sattel hob. Ein starker Arm umfasste mich, damit ich bei dem wiegenden Gang eines Kamels nicht den Halt verlor.�</p><p>�Wer hat dich vor dem Tod in der W�ste errettet?�, fragte Uthman. �Vielleicht einige Pilger, die von Norden kamen?�</p><p>�Nein, es waren Beduinen, denen ich mein Leben verdankte. Ich wei� nicht, wie viele Tage ich in einem ihrer Zelte verbrachte. Frauen versorgten mich, fl��ten mir Getr�nke ein und f�tterten mich, weil ich zu schwach war, eine Essensschale zu halten. Damals habe ich gelernt, die Hilfe und das Mitleid der Frauen zu achten. Als ich eines Morgens zum ersten Mal den Ruf h�rte: <emphasis>Ha� alas Salah; Allah akbar; la llaha il Allah �</emphasis> Auf zum Gebet; Gott ist gro�; es gibt keinen Gott au�er Gott �, da fand auch ich endlich wieder zum Gebet. Glaube mir, Uthman, dass ich gerne in das Gebet der Beduinen mit einstimmte. Denn durch ihre Barmherzigkeit hatte ich gelernt, dass es f�r uns alle nur einen Gott gibt.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Henri schwieg. Denn auf Deck waren Schritte zu h�ren, die sich ihrer Kammer n�herten. Die T�r wurde aufgesto�en, und ein Mann trat ein. Er trug einen Wassereimer, der bei jedem seiner heftigen Bewegungen �berschwappte und den engen Raum unter Wasser setzte. Nachdem er den Eimer abgesetzt hatte, lockerte er den Gefangenen die Fesseln, stellte zwei Blechbecher neben den Eimer und legte ein paar Zwieb�cke hinzu, �ber die sich sogleich die Kakerlaken hermachten.</p><p>�Wo bringt Ihr uns hin?�, fragte Henri, w�hrend Uthman versuchte, mit den F��en ein paar Kakerlaken zu erreichen und totzutreten. Der Seer�uber sch�ttelte den Kopf. Entweder hatte er Henri nicht verstanden, oder es war ihm verboten worden, den Gefangenen Auskunft zu erteilen. Er verschwand wieder, ohne ein Wort von sich gegeben zu haben.</p><p>�Eine so h�fliche Frage versteht so ein Mistkerl nicht!�, sagte Uthman w�tend. �Man muss solchen Leuten eins aufs Maul geben und ihnen ein paar Z�hne ausschlagen. Vielleicht klappt es dann mit der Verst�ndigung.�</p><p>Henri reichte ihm einen Becher und entriss den Kakerlaken ein paar Brocken der Zwieb�cke. �Iss und trink, wenn du hungrig und durstig bist! In Aleppo, im Haus deines Vaters, pflegte man allerdings andere Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Aber daf�r gab es dann zum Vorgericht auch manchmal eine Bastonade, w�hrend man uns hier noch nicht geschlagen hat.�</p><p>�Was nicht ist, kann noch werden�, brummte Uthman.</p><p>Gegen Abend �ffnete sich abermals die T�r. Valentino erschien und sah w�tend auf sie herab. �Seid froh, dass Ihr eine so hartn�ckige F�rsprecherin habt. Brunella hat sich geweigert, meine allerdings manchmal � wie soll ich sagen? � ausgefallenen W�nsche zu erf�llen, bevor ich Euch nicht befreit und an Deck gelassen habe.� Er zog ein Messer hervor und schnitt die Fesseln durch. �Los! Auf! Begebt Euch zum Bug, wo ich Euch unter Kontrolle halten kann. Falls uns ein fremdes Schiff begegnet, legt Euch augenblicklich flach zu Boden! Wenn Euch das Leben lieb ist, lasst Euch nicht einfallen, irgendwelche Signale zu geben!� Er versetzte ihnen ein paar kr�ftige Tritte in die von ihm gew�nschte Richtung, sodass die beiden auf den Knien im Vorderbug landeten. Valentino schenkte ihnen keinen Blick mehr.</p><p>�Sieh mal, die Piraten haben die Segel gewechselt�, sagte Henri und wies auf das leuchtend blaue Tuch.</p><p>�Auch die verr�terische Piratenflagge mit dem Totenkopf haben sie eingezogen�, bemerkte Uthman.</p><p>�Ja, wenn mich nicht alles t�uscht, ist dies jetzt die Flagge in den Farben von Mallorca. Valentino ist wirklich ein sehr schlauer Bursche. So wird niemand Verdacht sch�pfen.�</p><p>�Hast du schon gesehen, wer oben im Mastkorb sitzt?�, fragte Uthman, der seine Augen �berall herumwandern lie�. �Es ist Brunella, die uns sogar zuwinkt.�</p><p>Aber auch Valentino musste bemerkt haben, was seine Braut dort oben trieb.</p><p>�Komm herunter, du Mistst�ck!�, rief er ziemlich unfreundlich. �Hier sitzen wohlbehalten deine Freunde. Jetzt erf�lle auch du deinen Teil unserer Abmachung!�</p><p>Brunella kam an dem Mast herabgerutscht, geradewegs in die Arme von Valentino. Entgegen seiner groben Anrede fing er sie sanft auf. Er nahm sie an der Hand und brauchte keinerlei Gewalt, um sie wegzuf�hren. �Komm, mein Schatz! Wir werden uns im Achtersteven niederlassen.� Er legte einen Arm um ihre Taille, und es machte nicht den Eindruck, als ob Brunella etwas dagegen h�tte.</p><p>�Merkw�rdig, diese Piratenbr�ute!�, meinte Uthman. �Sie haben anscheinend doch gr��eren Einfluss, als ich angenommen hatte. Eine arabische Frau h�tte niemals bestimmen d�rfen, ob ein Gefangener befreit werden solle oder nicht. Ihr Gebieter h�tte sie mit Pr�geln zur R�son gebracht, und das sogar mit Billigung des Propheten.�</p><p>Henri streckte die Beine aus, die w�hrend der langen Zeit in den Fesseln gef�hllos geworden waren. Er blickte zum Himmel, an dem sich die ersten Sterne zeigten. �So l�sst es sich aushalten. Ich hoffe nur, dass man uns nicht zwingt, eine Unterkunft aufzusuchen, wo uns Ratten und Fl�he anfallen.�</p><p>Uthman lie� sich seufzend neben ihm nieder. �Wenn ich an das grauenvolle Ende unseres Kapit�ns Ernesto di Vidalcosta denke, dann haben wir doch bei weitem das bessere Los erwischt. <emphasis>Alhamdu lillah �</emphasis> Gott sei Dank! Wie w�re es, wenn du mir jetzt von deiner wundersamen Errettung aus der W�ste weiter erz�hltest?�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>15</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>�Der Anblick des Sternenzeltes eignet sich recht gut, um �ber meinen weiteren Aufenthalt bei den Beduinen zu erz�hlen�, begann Henri seine abenteuerliche Geschichte. �Als es mir n�mlich besser ging, verlie� ich nachts das Zelt und legte mich zum Schlafen nach drau�en. Wie die Beduinen h�llte ich mich in eine Decke. Aber w�hrend sie schliefen, habe ich die Pracht der Sterne bewundert, die �ber der W�ste heller und strahlender blinken als sonst wo auf der Welt. Ich musste daran denken, dass dieses Firmament in seiner Pracht den Menschen immer noch Ruhe und Frieden schenken wird, wenn mein kurzes Leben l�ngst vor�ber ist. Mehr als die kr�ftigende Kamelmilch und das Brot aus Hirse, die sp�rlich zwischen den Felsen wuchs, gab mir diese n�chtliche Sternenwelt meine alte Widerstandskraft zur�ck. Beinahe widerwillig dachte ich an meine Pflichten, die auf mich warteten.</p><p>Auch mein Pferd hatte sich inzwischen erholt. Es gab keinen Grund mehr, l�nger am Leben der Beduinen teilzunehmen. Sie sp�rten meine Unruhe und f�hrten eines Tages in der noch k�hlen Morgenstunde mein Pferd gesattelt vor das Zelt. Einige M�nner hatten sich eingefunden und l�chelten mir aufmunternd zu. Ich verstand, dass sie mich begleiten wollten. An meinem Sattel hingen mehrere Wasserflaschen. Sie hatten f�r alles gesorgt. Ich wusste nicht, wie ich ihnen danken sollte. Aber sie erwarteten gar keinen Dank. Die W�ste hatte sie dazu erzogen, dass einer f�r den anderen da sein m�sse, ohne Gegendienste zu erwarten.</p><p>Wir ritten viele Tage durch Sand und Felsen, bis wir eines Abends die Pilgerstra�e wieder erreicht hatten.</p><p>Aber nicht dort, wo ich abgebogen war, sondern am Ortseingang von Taima. Ein letztes Mal legte ich mich mit den anderen in meiner Beduinendecke zur Ruhe. Als ich aufwachte, waren meine Begleiter verschwunden. In der Ferne h�rte ich den Ruf des Muezzins, der zum Gebet rief. Der erste Sonnenstrahl hatte die oberste Balustrade des Minaretts erreicht und mahnte mich zum Aufbruch. Einen Atemzug lang musste ich mich darauf besinnen, was mich denn eigentlich nach Taima gef�hrt hatte. Ich sehnte mich nach der Ruhe der W�ste zur�ck.�</p><p>�Aber Henri�, sagte Uthman verwundert. �So kenne ich dich ja gar nicht. Kann die W�ste wirklich einen Menschen so ver�ndern?�</p><p>�Bis zu einem gewissen Grade schon. Aber die Wirklichkeit holte mich schnell zur�ck. Taima liegt an einer Handelsstra�e, die Mekka und Damaskus miteinander verbindet, so dass Taima H�ndlern und Pilgern in gleicher Weise als Treffpunkt dient. Durch die engen Stra�en w�lzte sich eine Menschenmenge, die fast kein Durchkommen zulie�. Aber w�hrend ich noch auf der Suche nach einer Gasse war, die vielleicht zum Hauptplatz f�hrte, wurde die Menge pl�tzlich nach hinten zur�ckgedr�ngt. Ich konnte zun�chst nicht feststellen, was denn die Ursache dieser Flucht nach hinten war. Aber dann geriet ich selbst in diesen Stau.</p><p>Soldaten auf Pferden, die immer wieder scheuten und mit der Peitsche vorangetrieben werden mussten, dr�ngten r�cksichtslos die Menge zur�ck. Wer nicht schnell genug ausweichen konnte, geriet erbarmungslos unter die Hufe. Und wer etwa versuchte, sich den Soldaten entgegenzustellen, wurde niedergekn�ppelt.</p><p>In dem allgemeinen Geschrei konnte ich zun�chst nicht die Befehle der Soldaten verstehen. Aber dann gellte es mir in den Ohren: �Platz da, Ihr nichtsnutziges Gew�rm! Der Emir kommt! Macht Platz f�r Euren Herrscher!�</p><p>Es gelang mir endlich, mich hinter einer Mauer in Sicherheit zu bringen. Der Emir war also noch immer in der Stadt, w�hrend ich ihn l�ngst in seinem Palast an der Weihrauchstra�e w�hnte. Was hielt ihn hier auf? Ich glaubte nicht an eine Krankheit. Vielleicht wartete er auf einen Boten, der ihm eine wichtige Nachricht �berbringen sollte. Vielleicht aber lie� er die Burg von Taima beobachten, wo angeblich Abu Hassan eingekerkert sein sollte. Eine vage Hoffnung befiel mich, dass ihn Zweifel an der Zeugenaussage seiner Hofbeamten ergriffen hatten und er der Wahrheit auf den Grund gehen wollte. Andererseits war es aber auch m�glich, dass die Hinrichtung meines B�ndnisbruders bevorstand, und zwar zur Abschreckung in aller �ffentlichkeit. Die Teilnahme an solch einem Schauspiel konnte sich schon herumgesprochen haben. Darum hielten sich all diese Menschen noch in Taima auf.�</p><p>�Ich wei� und muss es leider zugeben�, meinte Uthman traurig, �dass die Menschen des Orients sich an dieser Art der Darbietung berauschen k�nnen, vor allem dann, wenn dem Verurteilten dabei m�glichst viele Schmerzen zugef�gt werden. Ein heimlicher Mord in einem Kellergew�lbe wird nicht zur Kenntnis genommen.�</p><p>�Diese finstere Seite des Menschen offenbart sich nicht nur im Orient�, gab Henri zu. �Mir ist es nicht erspart geblieben, die Lust und die Befriedigung der Zuschauer zu beobachten, als man die Gro�meister unseres Ordens auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Aber bin ich anders? Es verschaffte mir ein unerh�rtes Gef�hl der Genugtuung, als ich Philipp sterben sah.�</p><p>Uthman fand ein Wort der Entschuldigung. �Du hattest ein Versprechen einzul�sen und musstest den Fluch der Gro�meister erf�llen. Das war deine Pflicht, die sich von der l�sternen Schaulust unterscheidet, welche die Menschen dazu treibt, einer grauenvollen Hinrichtung beizuwohnen. Aber erz�hle weiter! Denn ich hoffe, dass es nicht zu einer Hinrichtung kam.�</p><p>�Die Soldaten des Emirs hatten schlie�lich die Stra�e ger�umt�, berichtete Henri und schob mit seinen H�nden einen imagin�ren P�bel zur Seite. �Ein paar Neugierige hatten es gewagt, sich gegen die Mauern der H�user zu pressen. Die Schwerverletzten hatte man an den Rand der Stra�e gelegt, genauer gesagt, aufeinander get�rmt. Wer von ihnen noch gehen konnte, war davongehumpelt.</p><p>Als der dumpfe Ton der <emphasis>Darabukka �</emphasis> der gro�en Trommel � ert�nte, konnte auch ich meine Neugier nicht mehr bez�hmen. Vorsichtig lugte ich �ber die Mauer. Als Erstes erschienen die Schwerttr�ger der Palastwache des Emirs. R�cksichtslos teilten sie mit der flachen Klinge ihrer Waffen Hiebe aus, wenn sich einer von der Hausmauer l�ste, um besser sehen zu k�nnen. Es folgte die lange Reihe der Bogensch�tzen und Reiter, die ihre Lanzen gesenkt hielten. Die Pferde t�nzelten unruhig, als sie ihren Weg durch die enge Stra�e nehmen mussten. Hinter diesem martialischen Aufgebot erschienen die W�rdentr�ger des Hofes von Al-Qudz. Sie hatten Jerusalem verlassen, um an dieser Demonstration der Macht teilzunehmen. Was mich jedoch am meisten erstaunte, war die Reihe der Frauen am Schluss des Zuges. Voran schritten vier wundersch�n gekleidete Frauen. Ich nahm an, dass es sich bei ihnen um diejenigen handelte, die dem Emir rechtm��ig nach dem Ritus eures Propheten angetraut waren. Danach folgten andere Frauen, weniger prachtvoll gekleidet. Ein Mann, der sich in meinem Versteck hinter der Mauer eingefunden hatte, erkl�rte mir, dass es sich um die Konkubinen des Emirs und um seine Lieblingssklavinnen handele. In geb�hrendem Abstand erschien eine verschleierte S�nfte, die von zwei kr�ftigen Nubiersklaven getragen und von mehreren Pagen in golddurchwirkten Gew�ndern flankiert wurde. Es lie� sich nicht erkennen, wer im Inneren der S�nfte sa�.</p><p>�K�nnt Ihr mir sagen, wer diese Vorzugsstellung genie�t?� fragte ich meinen Nachbarn.</p><p>Er sah mich erstaunt an. �Wie, das wisst Ihr nicht? Es ist die <emphasis>Qayna,</emphasis> die dem Herz unseres Gebieters am n�chsten steht. Wenn d�stere Gedanken ihn bedr�ngen, erfreut sie ihn durch Gesang und Tanz. Man kann sie nicht zu den Sklavinnen rechnen. Denn sie wurde in Mekka erzogen und erhielt ihre Ausbildung in Bagdad. Es geht das Ger�cht, Emir Nadjm Ghazi habe f�r diese Qayna eine horrende Summe gezahlt, die ungef�hr den Sch�tzen des K�nigs Salomo entspricht.�</p><p>Der Zug w�lzte sich durch die Stra�en von Taima bis vor die Pforten der Moschee. Die Schwerttr�ger und Lanzenreiter nahmen auf dem Platz Aufstellung. Der Emir und sein Gefolge betraten die Moschee. Die W�rdentr�ger knieten auf dem kostbaren Perserteppich im Hauptraum nieder. Die Frauen nahmen ihre Pl�tze im Hintergrund ein. Alle hatten sich ihrer Schuhe entledigt und im k�hlenden Wasser des Brunnens, im Schatten der Platanen, Arme und F��e gewaschen. Ich tat es ihnen nach.</p><p>Nach einer Weile h�rte ich drau�en laut den Ruf des Imam: <emphasis>�Qad qamat as-salat �</emphasis> Das Gebet hat begonnen.� Die M�nner, die dem Zug bis zur Moschee gefolgt waren, warfen sich in den Staub des Vorplatzes. Nur wenige hatten sich einen Gebetsteppich mitgebracht.�</p><p>�Was tatest du?�, fragte Uthman. �Bliebst du stehen?�</p><p>�Nein, nat�rlich warf auch ich mich nieder. Nicht etwa nur, weil ich f�rchtete, als Ungl�ubiger entlarvt zu werden, sondern auch, weil ich die anderen in ihrem Glauben an Allah und den Propheten nicht verletzen wollte.�</p><p>�Das beweist wieder einmal deine edle Gesinnung.�</p><p>Henri wollte auf dieses Lob nicht eingehen, obwohl er Einw�nde gehabt h�tte. �Damals lernte ich in der Gemeinschaft dieser Gl�ubigen des Islams, was eine <emphasis>Rak�a</emphasis> ist. Dir muss ich ja nicht den wichtigsten Teil des Gebets erkl�ren, der aus Verbeugung und Niederwerfung besteht. Ich hatte nicht das Gef�hl, mit dieser <emphasis>Rak�a</emphasis> unseren Gott, Jesus Christus und die Jungfrau Maria zu beleidigen.�</p><p>�Vielleicht wurden dir bei diesem Gebet sogar deine S�nden vergeben�, gab Uthman zu bedenken.</p><p>�Ja, vielleicht. Aber ich hoffte auch, dass der Emir Gelegenheit fand, �ber Recht und Unrecht sowie �ber die Aus�bung und die Grenzen einer Gewaltherrschaft nachzudenken.�</p><p>�Meine Erfahrung sagt mir, dass du mit Hoffnungen dieser Art einen orientalischen Herrscher �berfordert hast.�</p><p>�Nicht nur einen orientalischen, f�rchte ich�, fuhr Henri fort. �Denk nur an K�nig Philipp von Frankreich, den ich get�tet habe.�</p><p>Wieder einmal fand Uthman eine Entschuldigung f�r diese Tat. �Das war ein Tyrannenmord! Du solltest nicht zu viele Gedanken an dieses Geschehen verschwenden. Bitte erz�hle weiter!�</p><p>Der Imam hatte eine ziemlich lange Sure f�r seinen Vortrag gew�hlt, und die Niederwerfungen nahmen kein Ende. Das entsprach wohl der W�rde dieses Besuches. Die Leute auf dem Vorplatz wurden unruhig. Mehr als einmal lie� einer der Schwerttr�ger seine blanke Klinge auf einen der gebeugten R�cken herabsausen.</p><p>Als endlich drau�en die Stimme des Imams zu h�ren war: �Der Friede sei �ber Euch und die Barmherzigkeit Gottes�, erhob sich ein befreiendes Seufzen. Die Reihenfolge des Zuges hatte sich beim Verlassen der Moschee ge�ndert. Als Erstes zeigte sich der Emir. Er wurde mit Jubelgeschrei begr��t, in das ich nicht einstimmen mochte. Aber ich schob mich in die vordere Reihe. Das war eine bewusste Provokation. F�r einen Augenblick verhielt der Emir seinen Schritt. Wir schauten uns starr in die Augen. Er h�tte seine Wache rufen k�nnen, um mich verhaften zu lassen. Er h�tte mich auch in aller �ffentlichkeit als Christ entlarven und mir sogleich zur Befriedigung der Menge den Kopf abschlagen lassen k�nnen. Oder er h�tte mich den Gl�ubigen ausliefern k�nnen, die nicht gez�gert h�tten, mich zu lynchen.</p><p>Nichts von alledem geschah. Er z�gerte einen Atemzug lang. Dann l�ste er seinen Blick und setzte seinen Gang fort. Die Trommel war verstummt. Nicht die W�rdentr�ger, sondern die Pagen schritten voran. Sie spielten heitere Weisen auf kleinen Fl�ten, die Bug genannt werden. Die Bewohner von Taima hielten nicht mehr ihre K�pfe gesenkt, sondern schlossen sich dem Zug mit t�nzelnden Schritten an. Die heilige Handlung war vor�ber.</p><p>Eine fr�hliche Stimmung hatte sich der Menge bem�chtigt. Irgendjemand wusste, dass auf dem Platz am Ortsrand von Taima ein Fest stattfinden werde, zu dem alle Einwohner geladen seien. Ich aber wollte vor allem wissen, wohin sich der Emir nun wenden w�rde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er gemeinsam mit seinem Gefolge in einem Zelt n�chtigen w�rde. Diese Annahme erwies sich als richtig. Einige Bewaffnete setzten sich wieder an die Spitze des Zuges und vertrieben die Pagen mit groben Worten. Knechte hatten den W�rdentr�gern ihre gesattelten Pferde gebracht. Sie ritten hinter dem Emir die kleine Anh�he zur Burg hinauf, die mit Efeu bewachsen gar nicht so Furcht erregend wirkte. Meine Blicke forschten schon nach einer M�glichkeit, wie ich eindringen konnte, ohne von Wachen �berrascht zu werden. Erst zu diesem Zeitpunkt erkannte ich, dass auch die Qayna zu Pferd neben dem Emir Nadjm Ghazi auf das weit ge�ffnete Portal zuritt.</p><p>�Du gibst wohl niemals auf!�, sagte Uthman. �Lieber verlierst du dein Leben, als von einem einmal gefassten Plan abzulassen.�</p><p>�Ich hatte mir vorgenommen, das Fest zu besuchen, das auf Veranlassung des Emirs f�r die Einwohnerschaft von Taima stattfinden sollte. Insgeheim hoffte ich, dass ich jemanden von der Dienerschaft der Burg kennen lernen w�rde. Als ich in der D�mmerung auf dem Hauptplatz des Ortes ankam, herrschte dort schon ein ausgelassenes Treiben.</p><p>Einige Gark�chen boten gebratenes Hammelfleisch an, das allerdings ein wenig zu schw�rzlich geraten war, aber trotzdem rei�enden Absatz fand. Aus einem irdenen Krug wurden S�fte angeboten, die vorher von den Glaubensw�chtern auf einen m�glichen Alkoholgehalt gepr�ft worden waren. Am Rande des Festplatzes, wo die Stra�en des Ortes in die W�ste �bergingen, hatte sich eine Gauklertruppe versammelt. In der Mitte h�pfte ein h�sslicher Mann, auf dessen Schultern ein possierlicher Affe sa�, der h�bscher anzusehen war als sein Besitzer. Auf einem erh�hten Brettergestell, das als B�hne diente, f�hrten zwei M�nner eine Legende auf, die jedermann in Taima kannte, die man mir aber erst erkl�ren musste. Zwei tapfere K�niginnen hatten vor langer Zeit erfolgreich gegen die assyrischen Herrscher gek�mpft. Die beiden m�nnlichen Darsteller benutzten die Gelegenheit, sich die h�lzernen Schwerter kr�ftig um die Ohren zu schlagen. Die Zuschauer applaudierten begeistert. Mit aller Kraft zog ein B�renf�hrer ein zottiges Tier hinter sich her. Zwei M�nner mit Kampfh�hnen versahen ihre Tiere an den Sporen mit scharfen Klingen. T�nzerinnen wiegten sich zum Klang arabischer Rohrfl�ten.</p><p>�Holt die Qayna herbei!�, rief ein Fuhrknecht, der sich offenbar daheim mit gegorenem Dattelwein �berm�tige Laune angetrunken hatte. �Ja, die Qayna! Ja, die Qayna!�, riefen die Umstehenden und klatschten zum Takt der Musik in die H�nde. �Sie soll f�r uns tanzen!�</p><p>Beinahe h�tte das Fest ein b�ses Ende genommen. Die Glaubensw�chter waren auf den Tumult aufmerksam geworden. Sie sprangen herbei, ergriffen den Anstifter, rissen ihm das Hemd vom Leib und vollstreckten die Strafe an Ort und Stelle. Die Menge, die um den Delinquenten einen Kreis gebildet hatte, z�hlte im Takt der geschwungenen Peitsche die Schl�ge mit. Es waren f�nfzig, und damit war der �rmste, wie man mir erkl�rte, gut bedient. Denn er war nicht nur betrunken, sondern hatte noch die Unversch�mtheit besessen, den Tanz der Qayna zu verlangen. Dieses edle M�dchen wurde aber von dem Emir unter Verschluss gehalten und tanzte nur f�r ihren Gebieter.�</p><p>�Ich bin auch der Meinung, dass dieser T�lpel zu milde bestraft wurde�, meinte Uthman. �Jeder wei� doch, dass die Lieblingskonkubine eines Herrschers, noch dazu, wenn sie in Bagdad zur T�nzerin ausgebildet wurde, unantastbar ist.�</p><p>�Sogar du w�rdest nicht wagen, dich einem solchen M�dchen zu n�hern?�, fragte Henri.</p><p>�Das m�ge Allah verh�ten!�</p><p>�Das Geschrei, der Geruch der schwitzenden Menge, der L�rm der Gaukler und der bei�ende Qualm der Gark�chen wurden mir zu viel. Ich sehnte mich nach Ruhe und wanderte darum einige Schritte in die n�chtliche W�ste. Gerne h�tte ich mich dort in meine Beduinendecke geh�llt, um die Nacht unter dem Sternenzelt zu verbringen. Aber da war noch ein Mensch, der dem Get�se des Festplatzes den R�cken gekehrt hatte. Er trug eine schmucklose Burda und hatte die Kapuze weit vor das Gesicht gezogen. Ehe ich nicht festgestellt hatte, wer dort auf und ab ging, wollte ich mich nicht zum Schlafen niederlegen. So ein Fest zog allzu viel Gesindel an. Zun�chst folgte ich ihm, dann aber machte ich einen weiten Bogen, um dem Unbekannten von vorne entgegenzutreten. Der Fremde machte keine Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Im Gegenteil! Er streifte die Kapuze ab und zeigte sein Gesicht. Vor mir stand Nadjm Ghazi, der Emir von Al-Qudz. Ich zuckte zur�ck.</p><p>�Ich habe auf Euch gewartet�, sagte er zu meinem Erstaunen. �Ihr wart lange in der W�ste, wie man mir berichtet hat. Irgendwann w�rde es Euch hierhin zur�ckziehen. Zwischen uns beiden muss eine Entscheidung gef�llt werden. Denn Ihr werdet trotz meines Verbotes niemals aufh�ren, nach Abu Hassan zu suchen. Ihr seht, dass ich Euch ohne mein Gefolge gegen�berstehe. Wir werden k�mpfen, und zwar nur mit einem Dolch bewaffnet, den ich unter meiner Burda trage.�</p><p>�Auch ich trage meine Waffe stets bei mir�, erwiderte ich ihm und zog meinen Dolch aus dem G�rtel. �Aber wer wird unser Schiedsrichter sein?�</p><p>�Niemand. Denn zwischen uns gen�gt ein Ehrenwort, dass der Verlierer seine Zeche zahlen wird.�</p><p>�Eine Zeche? Was soll das bedeuten? Ich bin bettelarm, Ihr aber seid der Herr unermesslicher Sch�tze.�</p><p>Der Emir gestattete sich ein L�cheln. �So war das nicht gemeint. Ihr setzt etwas ein, das Ihr, obgleich Verlierer, auch als armer Mann leisten k�nnt. Dagegen setze ich einen wertvollen Preis aus.� Ich sch�ttelte den Kopf. �Dann lasst h�ren, Nadjm Ghazi! An Reicht�mern ist mir n�mlich nicht gelegen.�</p><p>�Noch niemals hat meine Qayna vor einem Fremden getanzt, nicht einmal vor dem allerh�chsten Hofbeamten. Einer von ihnen wollte dem Tanz heimlich zusehen. Er hatte sich hinter einem Vorhang verborgen. Aber er wurde entdeckt. Ich habe ihn foltern und f�r immer einkerkern lassen.��</p><p>�Einen h�heren Preis konnte der Emir nicht einsetzen. Aber was solltest du dagegen bieten?�, fragte Uthman besorgt.</p><p>�Meine Leistung war so hoch, dass ich tats�chlich z�gerte. Der Emir wollte mich, falls ich im Kampf unterlegen sein sollte, f�r immer versklaven.�</p><p>�Ich bezweifle, ob du das �berstanden h�ttest. Dein Einsatz ist zu hoch. Was gilt der Tanz einer Qayna gegen�ber einem Leben in der Sklaverei?�</p><p>�Ich war bereit, in einem Kampf mein Blut zu geben. Was das bedeutet, will ich dir erkl�ren. W�hrend meiner Erziehung bei den Templern habe ich gelernt, dass das Blut als <emphasis>pars pro toto</emphasis> zu gelten hat, n�mlich als Teil f�r das Ganze, f�r den K�rper und die Seele. Kannst du deine Schuld aus einer Abmachung nicht erbringen, droht dir ewige Versklavung.�</p><p>�So gesehen war die Versklavung ein nicht ungerechter Einsatz�, gab Uthman zu. �Ich habe einmal gelesen, dass bei einer Verschw�rung im alten Rom die B�ndnispartner zur Vertragstreue verpflichtet wurden, indem man sie einen mit Blut gemischten Wein trinken lie�.�</p><p>�Der Emir f�gte unserer Abmachung noch etwas hinzu. �Ich werde dich zum Verlies f�hren, damit du dich �berzeugen kannst, dass Abu Hassan nicht in Taima eingekerkert ist. In diesem Verlies wirst du als Verlierer die ersten Tage verbringen, bis ich �ber dein weiteres Schicksal entschieden habe. Was aber nun deinen Freund Abu Hassan betrifft: So habe ich ihn in meinen Palast an der Weihrauchstra�e bringen lassen. Dort wird er verbleiben, bis ich herausgefunden habe, ob Abu Hassan die Unwahrheit gesprochen hat oder ob die Zeugen gelogen haben. Erst dann werde ich mein Urteil bekannt geben.�</p><p>Mehr Zugest�ndnisse konnte ich nicht erwarten. Dennoch z�gerte ich. Abu Hassan hatte mir n�mlich erz�hlt, dass Emir Nadjm Ghazi in Mardin geboren worden sei und einem uralten persischen Geschlecht entstamme. Denn der persische K�nig Ardesir sei mit einer Abteilung seines Stammes nach Anatolien gekommen, um sich dort anzusiedeln. Abu Hassan hatte mir viele Geschichten erz�hlt, die von der Tapferkeit, der Kampfkraft, aber auch der Schl�ue der Bewohner Mardins zeugten. Die Festung von Mardin galt als uneinnehmbar. Sollte ich es wirklich mit einem Mann aufnehmen, der einem solchen Geschlecht entstammte?�</p><p>Nach einer Weile des Nachdenkens sagte Uthman: �Mir scheint, dass es f�r dich kein Zur�ck gab, wenn du nicht als Feigling dastehen wolltest.�</p><p>�Das dachte auch ich�, best�tigte Henri. �Aber nicht nur deswegen ging ich auf unsere Abmachung ein. Ich war zu allem bereit, um Abu Hassan zur Freiheit zu verhelfen. Darum nickte ich zum Einverst�ndnis.</p><p>�Zieh!�, rief der Emir, ehe ich mich anders entschlie�en konnte.</p><p>Ich hatte lange nicht mehr mit dem Dolch gek�mpft. Louis und die falschen Franziskaner hatten mir keine M�glichkeit gegeben, eine Waffe zu benutzen. Sie hatten mich niedergeschlagen und gefesselt, als ich nicht bei Besinnung war. Zum letzten Mal hatte ich in Akkon meinen Dolch benutzt, als ich im Blutrausch alle Feinde niedermetzelte, die sich mir in den Weg stellten. Als ich wieder zu Verstand kam und klare Gedanken fassen konnte, sch�mte ich mich meiner Taten. Denn ich hatte viele Unschuldige get�tet, nur weil sie Sarazenen waren.�</p><p>Uthman war der Meinung, dass er etwas richtig stellen m�sse. �Aber du hast meinem Vater das Leben geschenkt, obwohl er Muslim war. Und du bist mein Freund geworden, obwohl auch ich ein gl�ubiger Anh�nger des Propheten bin.�</p><p>�Ich habe auf meiner Reise durch den Orient viel dazugelernt�, erwiderte Henri. �Aber damals jagte mir der blutbesudelte Dolch gro�es Entsetzen ein. Als ich aus der H�lle von Akkon entkommen war und unverletzt Zypern erreicht hatte, schwor ich mir, niemals mehr im Blutrausch einen unschuldigen Menschen zu t�ten.�</p><p>�Ging der Kampf zwischen dem Emir und dir um Leben und Tod, oder ging es nur darum, wer den anderen kampfunf�hig machen konnte?�</p><p>�Heute wei� ich das nicht mehr so genau. Aber was ich schon nach den ersten Stichen erkannte, das waren die Hochachtung und eigentlich sogar eine gewisse Verbundenheit, die wir f�reinander hegten. Nein, ich glaube, dass ich ihn niemals get�tet h�tte.�</p><p>�Wahrscheinlich hat die Versklavung, die der Emir dir angedroht hatte, deine K�mpferf�higkeiten angestachelt. Meinst du nicht, dass Nadjm Ghazi dir sogar das traurige Los eines Sklaven erlassen h�tte, wenn du als Verlierer aus diesem Gefecht hervorgegangen w�rst?�</p><p>�Niemals!�, rief Henri. �Ich h�tte diesen Gnadenerweis auch gar nicht angenommen.�</p><p>Uthman sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf. �So eine Dummheit ist mir noch niemals begegnet. Allein schon f�r so eine unsinnige Vorstellung von Ehre h�ttest du eine Strafe verdient!�</p><p>�Wir tasteten uns gegenseitig ab, umkreisten uns, um die Geschicklichkeit des Gegners zu erkunden. Ich war zu langsam. Mir fehlte die �bung. Denn als der Emir pl�tzlich zustie�, konnte ich nicht schnell genug ausweichen. Aus meinem linken Oberarm quoll ein Blutstrom. Merkw�rdig war nur, dass der pl�tzliche Blutverlust mich nicht schw�chte, sondern mir Kraft verlieh. Die Erinnerung an meine Vergangenheit als Templer und als einen der letzten K�mpfer im Heiligen Land �berw�ltigte mich. War ich nicht als Christ unter dem Zeichen des Kreuzes ausgezogen, um das Heilige Land von den Ungl�ubigen zu befreien? Sollte ich mich jetzt durch einen Emir von Al-Qudz besiegen lassen, der die Absicht hatte, mich zu versklaven? Ich w�re nicht l�nger wert gewesen, mich Tempelritter zu nennen.</p><p>Mein linker Arm hing kraftlos herunter. Ich umklammerte den Dolch mit meiner rechten Faust. Nadjm Ghazi bemerkte meinen Blutverlust und hielt sich wohl schon f�r den Sieger. Einen Atemzug lang war er abgelenkt. Ich z�gerte keine Sekunde und stie� ihm meine Waffe fast bis zum Heft in seinen Oberschenkel. Er gab keinen Laut des Schmerzes von sich. Aber die Verletzung raubte ihm seine Beweglichkeit, sodass er meinem Angriff nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Ohne Mitleid stie� ich ihm meinen Dolch in den anderen Oberschenkel. Er ging in die Knie und fiel seitw�rts um, als er vergeblich versuchte, wieder aufzustehen. Ich h�tte ihm leicht die Kniesehnen durchtrennen k�nnen, aber ich wollte ihn nicht zum Kr�ppel machen.</p><p>�Hilf mir auf und begleite mich zur Burg�, fl�sterte er mir mit flatternder Stimme zu. Einen Christen und ehemaligen Tempelritter um Hilfe bitten zu m�ssen war wohl die gr��te Dem�tigung, die ihm jemals widerfahren war. Ich steckte meine Waffe in den G�rtel und st�tzte ihn mit meinem rechten Arm. So wankten wir miteinander den Burgberg hinauf.�</p><p>Uthman atmete auf. �Ich bin froh, dass dieser Kampf so ausgegangen ist. Mir ist da ein seltsamer Gedanke gekommen. Der Emir k�nnte dein Bruder sein. Ihr seid euch in eurem Stolz und der ritterlichen Sinnesart sehr �hnlich, obwohl Nadjm Ghazi altem persischen Geschlecht und du dem schottischen Adel entstammst.�</p><p>Henri sah seinen Gef�hrten erstaunt an. Dar�ber hatte er noch niemals nachgedacht. Aber es war etwas Wahres an dem, was Uthman festgestellt hatte.</p><p>�Man hatte uns vom Turm aus kommen sehen�, fuhr er fort. �Ein Nubiersklave nahm uns in Empfang, wusch die Wunden und rieb sie mit einer bei�enden Essenz ein, die wie Feuer brannte. Der Emir f�hrte mich in seine Privatgem�cher und lie� k�hlende Getr�nke kommen.</p><p>�Bestehst du darauf, in das Verlies gef�hrt zu werden, um dich pers�nlich zu �berzeugen, dass Abu Hassan hier nicht gefangen gehalten wird? Die vielen Treppen bis zum Kerker fallen mir schwer.�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf und erkl�rte, dass ich seinem Wort vertraute.�</p><p>�Sei ehrlich!�, forderte mich Uthman auf. �Hattest du nicht ganz im Geheimen die Bef�rchtung, dass dich Nadjm Ghazi betr�gen und trotz deines Sieges die Besichtigung des Kerkers ausnutzen k�nnte, um dich dort einzuschlie�en?�</p><p>�Nein, ich vertraute ihm wirklich, obwohl mir �ber die Listen der Leute aus Mardin allerlei zu Ohren gekommen war.�</p><p>�Hat er denn seinen Preis bezahlt?�</p><p>�Ja, und der Tanz der Qayna war das Sch�nste, was ich auf meiner Fahrt durch den Orient erlebte. Der Emir hatte in die H�nde geklatscht. Aus einer T�r, die zu einem Nebengemach f�hrte, trat eine verschleierte Frau. In wiegendem Gang n�herte sie sich dem Sitz ihres Gebieters, der sich auf einem Kissenberg ein Lager bereitet hatte. Zwei Musikanten waren ihr gefolgt. Zart begann einer von ihnen mit den Fingern die <emphasis>Quitar,</emphasis> jene kleine arabische Trommel, zu ber�hren. Das zarte Klopfen ergab ein Ger�usch, das fallenden Regentropfen glich. Dazu brachte der andere die arabische Laute <emphasis>Ud</emphasis> zum T�nen. Schon da f�hlte ich mich wie in einem Zaubergarten.</p><p>Langsam lie� die junge Frau ihren Schleier sinken. Ihre unverh�llte Sch�nheit erschien mir wie ein edles Gew�chs aus diesem Garten. Am liebsten h�tte ich mich abgewandt, weil ich das Gef�hl hatte, ein Geheimnis zu enth�llen, das besser verschlossen blieb. Aber ihr Tanz f�hrte mich immer weiter in diese geheimen Abgr�nde.</p><p>Ihre Bewegungen brachten das morgendliche Erwachen einer exotischen Blume zum Ausdruck. Langsam �ffnete sie ihre schmalgliedrigen H�nde, versetzte Arme, Schultern und H�ften in kreisende Schwingung, sodass die goldenen Armreifen an Armen und Fu�gelenken ein melodisches Klingeln im Takt der Trommel und Laute ert�nen lie�en. Immer wirbelnder drehte sie sich auf den Zehenspitzen, immer dr�ngender wurde der Klang der Fl�te, die sich bis in h�chste T�ne steigerte, bevor sie mit einem schrillen Ton abbrach. Die Qayna blieb reglos stehen, bis der letzte Ton verklungen war. Dann sank sie wie ein welkes Blatt zu Boden. Der Emir trat auf sie zu, ohne dass seine Schmerzen zu erkennen waren. Er hob sie vom Erdboden auf, aber er umarmte sie nicht. Vielleicht h�tte eine so besitzergreifende Geste auch den Zauber zerst�rt.</p><p>�Lasst mich jetzt mit meiner Qayna allein.� Dies war kein Befehl, sondern eine Bitte. Ich erhob mich sofort und folgte dem Nubiersklaven, der mir in der Burg ein Lager zuwies. Lange Zeit konnte ich nicht einschlafen. War der Preis, den Nadjm Ghazi f�r seine Niederlage gezahlt hatte, nicht zu hoch gewesen? Hatte er vielleicht, wenn der Morgen anbrach, nicht doch den Wunsch, mich t�ten zu lassen? Er hatte mir ein Geschenk gemacht, dessen ich mich nicht w�rdig f�hlte. Du wirst mich f�r verr�ckt halten, Uthman, aber in dieser schlaflosen Nacht w�nschte ich beinahe, dass unser Kampf anders ausgegangen w�re. Bis zu meinem Lebensende h�tte ich diesem Mann treu gedient.�</p><p>�Aber doch nicht als Sklave!�, rief Uthman entsetzt. �Auch als freier Mann war es dir nicht verwehrt, dem Emir zu folgen und ihm n�tzlich zu sein.�</p><p>�Genau das dachte ich auch, als das helle Licht der Morgensonne auf mein Lager schien. N�chtliche Gedanken sind wie Chim�ren, die einen bedr�cken, als ob sie sich auf einem niedergelassen h�tten. Bei Tageslicht sieht alles anders aus.</p><p>Ich h�rte das Signal eines Horns und eilte nach drau�en. Der Emir erwartete mich im Burghof. Sein Gefolge war schon abmarschbereit. �Wenn du mit mir zu meinem Palast an der Weihrauchstra�e ziehen willst, so bist du mir willkommen. Aber schlage dir aus dem Sinn, dass du Abu Hassan gegen meinen Willen befreien kannst!�</p><p>Seit meinem Sieg �ber Nadjm Ghazi f�hlte ich mich ihm �berlegen. Das war vielleicht ein Fehler. Zwar folgte ich ihm als freier Mann, aber die Befehle gab immer noch der Emir.</p><p>�Ich sehe dir an, dass du immer noch daran denkst, Abu Hassan aus seinem Verlies zu befreien. Aber die Festung, in der ich ihn einkerkern lie�, steht so hoch auf einem Berg, dass die T�rme auf dem Gipfel sich zwischen den Wolken verlieren. Wenn sich die Wolken nicht verziehen, sind die Geb�ude auf dem Berg nicht zu sehen. Noch nie ist es jemandem gelungen, einen Gefangenen aus dieser Festung zu befreien.�</p><p>Er setzte sich an die Spitze des Zuges und wies mir mit einem herrischen Wink einen Platz in seinem Gefolge an. Der Zauber der Nacht war verflogen.�</p><empty-line/><empty-line/><p>�Was ist los mit euch?�, ert�nte unversehens eine helle M�dchenstimme. �Ihr seht so aus, als ob ihr die ganze Nacht nicht geschlafen h�ttet!� Mit diesem Ausruf holte Brunella die beiden auf dem Piratenschiff in die Wirklichkeit zur�ck. �Seht euch um! Die anderen Seeleute haben alle schon ihren n�chtlichen Lagerplatz verlassen. Nur unser Schiffsjunge, der faule Strick, liegt noch zusammengerollt unter dem Mast. Aber ich werde ihn sogleich wecken, ehe Valentino ihm Beine macht.� Sie entfernte sich lachend und gab dem Jungen einen leichten Tritt.</p><p>�Schlaft in der kommenden Nacht nicht wieder ein!�, rief sie noch mahnend Henri und Uthman zu. �Denn wir n�hern uns den Pityusen. Wer nicht rechtzeitig an Land geht, wird beim Verteilen der Beute �bergangen. Das wollt ihr doch sicher nicht.� Sie lachte vergn�gt.</p><p>Uthman erhob sich und tat so, als ob er sie ergreifen wolle. �Wir selbst sind doch eure Beute!�, rief er. �Ich hoffe, dass ich dir zugeteilt werde.�</p><p>�Das w�nsche dir besser nicht!�, gab Brunella ernsthaft zur Antwort. �Ich pflege mit meiner Beute ziemlich ruppig umzugehen. Du wirst dich wundern.� Ihr Gel�chter klang nicht sehr verhei�ungsvoll.</p><p>�Lieber werde ich von einem Emir versklavt als von einer Frau�, gab Henri sein Urteil ab.</p><p>�Da kann ich dir in keiner Weise zustimmen�, erwiderte Uthman. �Denn dem Emir ist es gestattet, Sklaven verpr�geln zu lassen, wann es ihm beliebt. Die Versklavung eines Mannes durch eine Frau gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Es verh�lt sich doch so, dass der Mann seine Frau schlagen darf, wenn sie ihm nicht gehorcht, und zwar auch bei dem unsinnigsten Befehl.�</p><p>�Da mag es wohl am besten sein�, erwiderte Henri mit deutlicher Missbilligung in seinen Z�gen, �wenn ihr von der Erlaubnis Gebrauch macht, die in eurem heiligen Buch, dem Koran, erw�hnt wird. Bis zu vier Frauen d�rft ihr heiraten. Irgendeine von den vieren wird schon euren Befehlen gehorchen.�</p><p>Uthman wusste, dass Henri die Sure An-Nisa, die Sure von den Frauen, meinte. Im dritten Zeichen stand da: �Und wenn ihr f�rchtet, ihr w�rdet nicht gerecht gegen die Waisen handeln, dann heiratet Frauen, die euch genehm d�nken, zwei oder drei oder vier; und wenn ihr f�rchtet, ihr k�nnt nicht billig handeln, dann heiratet nur eine oder was eure Rechte besitzt. Also k�nnt ihr das Unrecht eher vermeiden.�</p><p>�Mach dich nicht �ber mich lustig!�, rief der Sarazene dann mit gespielter Entr�stung. �Zudem mache ich mich stark, bei Gelegenheit alle vier zu verpr�geln. Es gibt ja auch noch die M�glichkeit, seine Frauen zu versto�en, falls sie nicht dazu f�hig sind, einem Mann das vorweggenommene Paradies zu schenken. Der Sohn von Ali war ein <emphasis>minkah.</emphasis> Er hatte mehr als 200 Frauen. Manchmal heiratete er vier Frauen auf einmal und entlie� daf�r vier andere. Von <emphasis>Al-Mughira</emphasis> behauptet man, dass er au�er seinen achtzig Ehefrauen noch sechzig Sklavinnen gehabt h�tte, die ihn in das vorweggenommene Paradies f�hren sollten.�</p><p>�Ich hatte bisher von eurem Paradies eine andere Vorstellung�, wandte Henri ein.</p><p>�Zwei Geistliche haben es so beschrieben, dass unser Paradies ein riesiger Garten mit acht Toren aus massivem Gold ist, die mit erlesensten Edelsteinen verziert sind. Zwischen den acht H�usern des Paradieses, die man <emphasis>diyar</emphasis> nennt, flie�en B�che mit klarem Wasser, Honig, Milch und Wein. Die B�ume des Paradieses sind von ewigem Gr�n. Auch die Nahrung ist immerw�hrend. Aber das Verlockendste sind die <emphasis>Huris,</emphasis> sch�ne, schwarz�ugige Jungfrauen, deren Begabung, einen Mann zu begl�cken, ich dir nicht beschreiben will. Aber vielleicht verstehst du jetzt, was ich mit dem vorweggenommenen Paradies meine.�</p><p>�Ja, ich habe dich durchaus verstanden, aber ich ziehe unser christliches Paradies vor.�</p><p>Henri dachte weniger an ein Paradies als vielmehr an die nahe Zukunft. �Ich wage nicht zu hoffen, dass die Pityusen f�r uns ein Paradies sein werden. Sie scheinen eine Zufluchtsinsel f�r unsere Piraten zu sein. Irgendwann werden sie sicher zu neuen Beutez�gen aufbrechen. Aber was wird dann aus uns? Lassen sie uns in der Einsamkeit zur�ck, oder geben sie uns die M�glichkeit, irgendein Festland zu erreichen?�</p><p>�Vielleicht verlangen sie von uns unter Drohungen, dass wir an ihren Beutez�gen teilnehmen. Dann haben wir zwei Auswege, die mir beide nicht gefallen. Entweder wir machen mit, werden von der Obrigkeit gefangen genommen und als Piraten aufgekn�pft, oder wir weigern uns und baumeln schon auf den Pityusen am n�chsten Baum.�</p><p>�Wenn ich daran denke, lieber Freund, was wir alles zusammen durchgemacht haben, muss ich �ber deine d�steren Prophezeiungen staunen�, wunderte sich Henri.</p><p>Uthman reichte seinem Freund die Hand. �Verzeih mir! Ich sch�me mich meiner dunklen Stimmung. Aber ich f�hle mich nicht mutlos, sondern bin eher ver�rgert, dass wir in diese Schwierigkeiten geraten sind.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>16</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>�Schiff in Sicht!�, rief der Junge aus dem Mastkorb. Valentino war augenblicklich zur Stelle. �Es handelt sich um ein Frachtschiff�, stellte er fest. �Es k�nnte uns fette Beute verschaffen. Aber wir werden darauf verzichten, es zu entern. Man wei� nie, wie so ein Kampf ausgeht. Ich will unsere erbeuteten Silberkisten nicht in Gefahr bringen.� Er wandte sich zu Henri und Uthman um. �Habe ich nicht befohlen, dass Ihr Euch beim Nahen eines Schiffes hinter der Bordwand auf dem Deck flach hinlegt? Ihr wollt wohl wieder in der Ger�tekammer eingeschlossen und gefesselt werden?�</p><p>Henri und Uthman beeilten sich, dem Befehl nachzukommen. Sie wussten, dass ihnen keine andere Wahl blieb. Uthman hob noch einmal den Kopf zu einer trotzigen Entgegnung. �Wir haben gar nicht im Sinn, uns irgendwie bemerkbar zu machen. Uns gef�llt es auf deinem Piratenschiff sehr gut.� Valentino gab ihm einen Tritt und rief zwei Leute aus seiner Mannschaft.</p><p>�Hisst die Pestflagge! Das wird dieses Frachtschiff in geb�hrendem Abstand halten!�</p><p>Mit dieser Entscheidung hatte er die richtige Wahl getroffen. Das Frachtschiff drehte bei und verschwand hinter dem Horizont.</p><p>�Wir werden unsere Route �ndern�, ordnete Valentino an. �Wo Frachtschiffe fahren, sind auch Karavellen nicht weit, die zum Schutz eingesetzt sind. Aus Erfahrung wei� ich, dass sie mit besonderen Waffen best�ckt sind, um den Kampf gegen Seer�uber aufzunehmen.�</p><p>�Darf man fragen, welchen Kurs wir jetzt einschlagen?�, fragte Henri m�glichst h�flich.</p><p>�Halts Maul!�, erhielt er zur Antwort. �Oder m�chtest du wissen, ob ich dich den Fischen vor Ibiza oder in einer anderen Bucht zum Fra� vorwerfe?� Valentino erhob drohend die Faust und stapfte davon.</p><p>Kurz darauf lie� sich Brunella sehen. Die beiden sahen ihr erwartungsvoll entgegen. �Was bedeutet die Kurs�nderung?�, erkundigte sich Uthman. Brunella sah sich um, ob Valentino sich nicht in der N�he befand, und gab dann bereitwillig Auskunft, dass sich nun leider die Fahrt verl�ngern werde, weil man zun�chst die Ostk�ste von Ibosim, das auf Katalanisch Ibiza genannt wurde, ansteuere und sich dann erst nach S�den zu den Pityusen wende. �Die Hoffnung auf eine baldige Landung m�sst ihr zun�chst erst einmal aufgeben.�</p><p>�Da hat der <emphasis>Schaitan</emphasis> doch seine H�nde im Spiel�, fluchte Uthman. Aber Henri beruhigte ihn. �Warum ersehnst du dir das Ende der Fahrt, die f�r uns wahrscheinlich neue Schwierigkeiten bringen wird? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Wechsel oft genug die augenblickliche Lage verschlimmert.�</p><p>�Das h�rt sich nicht gut an�, sagte Uthman. �Wie war das denn auf deiner Reise mit dem Emir und seinem Gefolge? Spanne mich nicht l�nger auf die Folter und berichte weiter!�</p><p>�Anfangs hatte ich Gl�ck�, setzte Henri seine Erz�hlung fort. �Mahmud, der Gefolgsmann des Emirs, der neben mir ritt, war ziemlich gespr�chsbereit. Er wollte mich aushorchen, wer ich denn sei. Aber mir gelang es, ihn zum Reden zu bringen. Auch er stammte, wie der Emir, aus Mardin und war stolz darauf. Mit dieser Stadt musste es eine besondere Bewandtnis haben. Das behauptete er jedenfalls. Um mir die Besonderheit von Mardin zu erkl�ren, erz�hlte er mir eine alte Legende. Ich ermunterte ihn zu dieser Geschichte, weil ich mir erhoffte, das r�tselhafte Wesen des Emirs besser verstehen zu k�nnen. Irgendwie hatte ich die Bef�rchtung, Nadjm Ghazi wolle mich dazu bringen, in seiner Burg nach Abu Hassan zu suchen, damit er mich ergreifen und bestrafen lassen k�nne. Ich wei� nicht warum, aber ich hatte den Verdacht, dass er sich daran geweidet h�tte.�</p><p>�K�nnte der Grund dieses merkw�rdigen Verhaltens sein, weil du ein Tempelritter und niemals bereit warst, deine Gel�bde zu brechen oder deinen Glauben zu verraten?�</p><p>�Vielleicht war es so. Manchmal bef�rchtete ich, er werde erst befriedigt sein, wenn er mich halbtot geschlagen, oder zumindest versklavt h�tte. F�r mich war es schwer, seine Gedanken zu verstehen.�</p><p>Uthman verzog sein Gesicht zu einem grimmigen Grinsen. �Ich wei�, was in ihm vorging, aber ich kann solch eine Gesinnung nicht guthei�en.�</p><p>�Ich musste mich mit meinem Verdacht abfinden und beschloss, auf der Hut zu sein. Die Geschichte, die ich zu h�ren bekam, gab mir wenig Aufschluss. Vielleicht siehst du das anders.</p><p>Mein Begleiter behauptete, der Prophet Yunus, den wir Christen Jonas nennen und nach dem eine Sure des Korans benannt ist, habe in der Gegend von Mardin seine Religion verbreiten wollen. Aber die Leute dort h�tten von ihm ein Wunder verlangt. Auf einem Berg in der N�he lebte ein Drache. Den sollte Yunus t�ten. Das sei Yunus nach einem heftigen Kampf gelungen. An dem Ort, an dem Yunus den Drachen �berwunden habe, sei der Ort Mardin entstanden.�</p><p>�Soll das etwa bedeuten, dass diese Leute aus Mardin erst eine Leistung verlangen, ehe sie zu Zugest�ndnissen bereit sind?�, fragte Uthman ein wenig ratlos.</p><p>�Das k�nnte zu unserem Emir passen. Ich bin aber nicht bereit, f�r ihn irgendein Ungeheuer aus dem Weg zu r�umen. Mein Begleiter wollte, dass ich mir noch eine weitere Legende anh�rte. Warum nicht? Der Ritt zur Weihrauchstra�e gestaltete sich ziemlich eint�nig. Jetzt behauptete er n�mlich, ein Feuer anbetender Priester habe f�r seine Tochter Marta die Stadt Mardin gegr�ndet. Obwohl ich keinerlei Lust versp�rte, dr�ngte er mir noch eine weitere Geschichte auf: Ein unheilbar kranker K�nigssohn sei von seinem Vater ausgesetzt worden, habe sich im Fluss des dortigen Flusses gewaschen und vom Wasser getrunken. Nach drei Tagen sei er v�llig wiederhergestellt gewesen. Mit diesem Wasser k�nnten alle Gebrechen geheilt werden.�</p><p>�Du h�ttest dem Emir doch vorschlagen sollen, ob er nicht die Wunden, die du ihm im Kampf beigebracht hattest, im Flusswasser von Mardin heilen lassen wollte.�</p><p>�Uthman!�, rief Henri entsetzt. �Ich f�rchte, dieser Vorschlag h�tte unweigerlich mit einer Bastonade geendet. Dann h�tte ich nach Mardin wandern d�rfen, um in dem wundert�tigen Wasser meine F��e heilen zu lassen.�</p><p>�Der Zug bewegte sich nur langsam vorw�rts. Bei Sonnenuntergang befahl der Emir, dass man f�r die Nacht Zelte aufstellen solle. Mein Begleiter forderte mich auf, in seinem Zelt die Nacht zu verbringen. Aber ich hatte keine Lust, mir weitere Geschichten �ber Mardin anzuh�ren. Darum bedankte ich mich h�flich und erkl�rte ihm, dass ich es seit einem l�ngeren Aufenthalt in der W�ste vorz�ge, unter freiem Himmel zu schlafen. Es w�re allerdings besser gewesen, wenn ich mich nicht abgesondert h�tte.</p><p>Nadjm Ghazi hatte sich in ein prunkvolles Zelt zur�ckgezogen. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, neben dem Eingang eine Stange errichten zu lassen, auf der ein Wimpel flatterte. Ich hatte keine Lust, meinen Begleiter zu fragen, ob das vielleicht die Farben von Mardin seien.</p><p>Einer der Gefolgsleute von Nadjm Ghazi hatte sich erboten, die Qayna in das Zelt des Emirs zu bringen. Aber er lehnte das gut gemeinte Anerbieten w�tend ab und hob die verschleierte Frau pers�nlich aus der S�nfte. Ich beobachtete noch, wie er sich Wasser und Fr�chte bringen lie�. Das war das Letzte, was ich von ihm sah, ehe uns ein b�ses Geschick ereilte.</p><p>Ich hatte mich vom Lager entfernt und in meine Beduinendecke gewickelt. Die Stille in dieser Weite tat mir wohl, und das Firmament �ber mir erinnerte mich daran, dass ich eine Weile lang nicht gebetet hatte. Niemals hatte ich mich Gott so nahe gef�hlt wie in der W�ste. Ich hatte mich gerade in mein Gebet vertieft, als pl�tzlich ein lautes Get�mmel entstand. Eine wilde Reiterschar st�rmte �ber den Platz, warf Fackeln in das Innere der Zelte und zermalmte die Menschen, die vor dem Feuer fl�chteten, unter den Hufen ihrer struppigen Pferde.</p><p>�Ghazu! Ghazu!� � Reiter�berfall der Beduinen �, ert�nte ein vielstimmiger Schreckensruf. Der Emir hatte es vers�umt, Wachen aufzustellen. Jeder versuchte, seine eigene Haut zu retten. Das hatte es allerdings bei den letzten R�ckzugsgefechten auch unter uns Tempelrittern gegeben. Damals hatte ich mich deswegen sehr gesch�mt. Alle hatten versucht, in einem Schiff nach Zypern Platz zu finden. Vor Akkon war ein Boot sogar wegen �berladung gekentert.</p><p>Niemand nahm auf den Emir R�cksicht, obwohl es doch bei allen ritterlich gesinnten Menschen die erste Pflicht ist, den Feldherrn zu sch�tzen. So kam es, dass mehrere Beduinen ungehindert in das Zelt des Emirs eindringen konnten. Ich vernahm einen gellenden Schrei, der nur von einer Frau stammen konnte. Die Qayna, fuhr es mir blitzartig durch den Kopf. Ohne nachzudenken, dr�ngte ich mich durch die Menge, die nun v�llig in Panik geraten war. Aber ich kam zu sp�t. Ich sah noch, wie einer der Beduinen die Frau vor sich auf das Pferd hob und fest an seine Brust presste. Als er sich umsah, erkannten wir uns. Es war einer der Beduinen, die mich vor dem Tod des Verdurstens gerettet hatten. Ich lie� meine Lanze sinken, die ich schon erhoben hatte. Mir wurde klar, dass sie es auf die Frau abgesehen hatten. Denn so schnell sie gekommen waren, verschwanden sie wieder. Zur�ck blieb ein Chaos.�</p><p>�Ich h�tte es nicht anders gemacht als du�, sagte Uthman. �In solchen Momenten kann man nur eine gef�hlsm��ige Entscheidung treffen. Und die war in diesem Fall: Wer einen vor dem sicheren Tod bewahrt und gesund gepflegt hat, den darf man nicht ans Messer liefern.�</p><p>�Nadjm Ghazi kam v�llig verst�rt aus seinem Zelt getorkelt. Er sah �ber alle hinweg und starrte mir in die Augen. �Wo ist meine Qayna�, fl�sterte er mit einer Stimme, die mir Furcht einjagte. Er liebte diese Frau mehr als alles andere. Das erkannte ich in diesem Augenblick. �Komm mit mir in die W�ste!�, befahl er. Aber diesmal ging er nicht mit mir allein, sondern lie� sich von einigen seiner treuesten Gefolgsleute begleiten.</p><p>Als er zu sprechen begann, war seine Stimme nicht mehr tonlos, sondern klang wie ein nahes Donnergrollen. Er wies mit seiner Rechten auf mich, und ich konnte beobachten, dass seine Hand vor Wut zitterte. �Dieser Mann hier hat lange in der W�ste gelebt. Er ist ein Freund der Beduinen. Wenn ich beweisen k�nnte, dass er uns verraten und diesen �berfall angezettelt hat, w�rde ich ihm an Ort und Stelle die Kehle durchschneiden.�</p><p>Ich war �ber diesen Verdacht entsetzt und h�tte mich beinahe vor ihm auf den Boden geworfen.�</p><p>�Ganz abwegig waren seine Gedanken nicht�, gab Uthman zu bedenken. �Du hattest sie tanzen sehen. Der Emir hatte deine Ergriffenheit gesp�rt. Musste er nicht denken, dass du von deinen Beduinenfreunden diese Frau rauben lie�est, um sie f�r dich alleine zu haben?�</p><p>�Wer mich kennt, der m�sste wissen, dass ich niemals zu einer so verbrecherischen Tat f�hig w�re.�</p><p>�Das wei� ich�, best�tigte Uthman. �Aber der Emir kannte dich eben nicht.�</p><p>�Ich wusste, dass jede Gegenrede vergeblich war, und senkte den Kopf, um ihn nicht vollends in Rage zu versetzen. �Holt ihm sein Pferd und gebt ihm auch seine Satteldecke, die ihm unentbehrlich ist, weil die Beduinen sie ihm geschenkt haben. Auch eine Flasche Wasser d�rft ihr ihm mit auf den Weg geben. Ich werde ihm aus meinem Schatz einige Goldm�nzen zur Verf�gung stellen. Denn der Stamm der Badu ist bestechlich.�</p><p>Seine Gefolgsleute murrten. Am liebsten h�tten sie mich nackt und ohne Wasser in die W�ste gejagt, den Kojoten zum Fra�. Sie waren erst zufrieden, als Nadjm Ghazi folgende Worte an mich richtete: �Reite jetzt auf der Stelle los, als ob die Dschinnen hinter dir her w�ren. Sieh dich nicht um! Denn falls du nicht innerhalb weniger Atemz�ge aus meinen Blicken entschwunden bist, werde ich dir mit der Nilpferdpeitsche Beine machen. Wage nicht, Tempelritter, ohne meine Qayna zur�ckzukehren. Denn dann werde ich dich so langsam zu Tode foltern, wie es bisher noch keiner erleiden musste.�</p><p>Du kannst dir kaum vorstellen, Uthman, wie schnell ich seinem Blickfeld entkommen war.�</p><p>�Mir scheint�, warf Uthman ein, �dass die W�ste dein Schicksal war.� Aber Henri gab ihm eine merkw�rdige Antwort. �Sie war mein Freund.</p><p>W�hrend meines Aufenthaltes bei den Beduinen hatte ich gelernt, auf die Sprache der W�ste zu h�ren. Du magst �ber mich lachen! Aber sie wispert und grollt in allen Tonlagen. Ich ahnte im Voraus, wo die Sandd�nen in Bewegung gerieten, wo ein Sturm ein Weiterkommen unm�glich machte, wann die Zeit gekommen war, sich mit geschlossenen Augen in die Decke einzuh�llen, um den Sandsturm �ber sich ergehen zu lassen. Ich wusste auch, wo eine Schlucht den Weg versperrte und wo wasserhaltige Pflanzen ihr k�mmerliches Dasein fristeten, aber dennoch einen Verirrten vor dem Verdursten bewahren konnten. Was mir aber diesmal am meisten geholfen hatte, war meine F�higkeit, in einer Felsenw�ste wie der <emphasis>Hamada</emphasis> Spuren lesen zu k�nnen.</p><p>Mein Ruf, zu einem Freund der W�ste geworden zu sein, eilte mir voraus. Ich traf auf Beduinenzelte und wurde �berall freundlich aufgenommen. Manchmal, wenn ich die Armut dieser Menschen erkannte, hinterlie� ich ein oder zwei Goldm�nzen aus dem Schatz des Emirs.</p><p>Nach vier Tagen stie� ich auf etwas, das mich sehr erschreckte. Vom Sand fast zugeweht, entdeckte ich die <emphasis>Hamisa �</emphasis> das wundersch�n verzierte Kleidungsst�ck �, das die Qayna zuletzt getragen hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man ihr die Kleider vom Leibe gerissen hatte, um ihr Gewalt anzutun. Weitere Spuren, die auf ein Verbrechen hindeuteten, waren nicht zu sehen. Ich beschleunigte die Gangart meines Pferdes.</p><p>Am f�nften Abend gelangte ich zu einem verlassenen Rastplatz. Die Asche eines Lagerfeuers war noch warm. Ich untersuchte die Fu�spuren im Sand und war mir sicher, dass die Qayna hier ihre zierlichen Fu�abdr�cke hinterlassen hatte. Mich ergriff eine kaum zu b�ndigende Unruhe. Darum machte ich in der Nacht noch einmal Rast, um mich zu beruhigen. Wie sollte ich mich verhalten, wenn die Beduinen sich weigerten, die Qayna freizulassen? Was sollte ich tun, wenn man sie gesch�ndet oder verletzt hatte? War es nicht sogar m�glich, dass sie sich weigerte, mit mir zu dem Emir zur�ckzukehren? Als ich ihn kennen gelernt hatte, war er ein j�hzorniger Mann. Vielleicht hatte er sie manchmal geschlagen? Zumindest aber hatte er sie fernab von allen anderen Menschen wie eine Gefangene isoliert.</p><p>Nach und nach fielen in der Stille der W�ste unter dem gestirnten Firmament alle qu�lenden Gedanken von mir ab. Ich beeilte mich nicht, die letzte Wegstrecke z�gig zur�ckzulegen. Die Sonne, die tags�ber den Sand zum Gl�hen gebracht hatte, legte sich langsam hinter den Felsen zur Ruhe. Ein leichter Wind brachte erst K�hlung. �bergangslos brach die D�mmerung herein. Das war die Stunde, in der die Beduinen ihre Feuer entfachten, um darauf das tags�ber sp�rlich erlegte Wild zu r�sten.</p><p>Wenig sp�ter schon trug der Abendwind ihren Gesang zu mir her�ber. Ich versetzte mein Pferd in Galopp, um schneller bei ihnen zu sein, und sah bald meine Freunde als Schatten vor den Flammen des Lagerfeuers.</p><p>Auch bei den Templern hatten wir im Heiligen Land abends oftmals gesungen, wenn uns das Heimweh packte. Immer waren diese Lieder wehm�tig gewesen. Nach den Niederlagen und dem Verlust fast aller Burgen arteten die Ges�nge der Troubadoure sogar in Anklagen gegen Gott aus, von dem sie sich im Stich gelassen f�hlten. Ein Templer mit dem Namen Ricaut Bonomel hatte einige Zeit vor meiner Anwesenheit im Heiligen Land Verse gedichtet, die als <emphasis>Ire dolors</emphasis> bekannt geworden waren und immer noch f�r Zustimmung oder Emp�rung sorgten. Ich erinnere mich noch genau an meine Entr�stung. Als S�nde empfand ich diese Verse. Wie konnte man den Mut so schnell sinken lassen!</p><empty-line/><poem><stanza><v>�Zorn und Schmerz haben mein Herz so erf�llt,</v><v>dass nur wenig fehlt, dass ich mich t�te</v><v>oder das Kreuz aufgebe, das ich nahm</v><v>zu Ehren dessen, der ans Kreuz geschlagen wurde.</v><v>Denn weder Kreuz noch Glaube</v><v>bringen mir Hilfe oder sch�tzen mich.�</v></stanza></poem><empty-line/><p>Merkw�rdig, dass mir diese Verse einfielen, als die Beduinen ihre abendlichen Ges�nge anstimmten. Sie sangen vom Fl�stern der Engel, von den ewigen Sternen, von den frischen Gew�ssern in den Oasen, von den Leben spendenden Quellen zwischen den Felsen, von dem Gaukelspiel einer Fata Morgana, von dem Mond, der den Wanderern den Weg zeigt, und von den sch�nen M�dchen, die in den Zelten auf die heimkehrenden M�nner warten.</p><p>Unversehens sah ich sie, die Qayna, die abseits der singenden Beduinen sa� und ihr zartes Profil dem Mondlicht zugewandt hatte. Sie war unverschleiert und noch sch�ner, als ich sie in Erinnerung hatte. Genau so hatte ich mir als Kind die Jungfrau Maria vorgestellt. Nur das Sternenkleid fehlte, das ich damals f�r eine unverzichtbare Bekleidung gehalten hatte. Ich ging auf sie zu. Die Beduinen wandten ihre K�pfe und verfolgten in der pl�tzlich eingetretenen Stille unsere Begegnung. Die Qayna blieb starr sitzen, als ob sie aus Elfenbein geschnitzt sei.</p><p>Der �rger packte mich gegen meinen Willen. Viele Tage war ich durch die W�ste geritten, hatte Hitze und K�lte, Hunger und Durst auf mich genommen, um jetzt wie ein Knecht behandelt zu werden, von dem man nicht einmal Notiz nimmt. Ich wurde fast grob. �Erinnert Ihr Euch noch an mich? Ihr habt in den Gem�chern des Emir vor mir getanzt.� Sie erhob sich so abrupt, dass sie beinahe gegen mich gefallen w�re. Ihr Gesicht hatte alle Sch�nheit verloren. �Na und? Ich habe auch vor diesen Beduinen jeden Abend an der Feuerstelle getanzt.� Ich war entsetzt. Was war mit diesem M�dchen geschehen? Aber damals war ich noch sehr jung. Mir mangelte es an Mitleid und der F�higkeit, f�r ihre Verzweiflung die richtigen Worte zu finden. Ja, ich habe nicht einmal erkannt, dass sie verzweifelt war. Ich wollte einfach nur meinen Handel abwickeln, n�mlich die Qayna dem Emir zur�ckbringen.</p><p>Ich winkte dem Stammes�ltesten, dass ich mit ihm eine Unterredung f�hren wolle. Im Zelt packte ich das Ledert�schchen aus und zeigte ihm die M�nzen aus dem Schatz des Emirs. Ich machte ihm klar, dass ich f�r dieses L�segeld die Qayna mitnehmen wolle. Er stimmte sofort zu.�</p><p>�Wei�t du, was ich f�rchte?�, fragte Uthman, der Henris Erz�hlung schweigend zugeh�rt hatte. �Die Qayna war inzwischen zu einem Handelsobjekt geworden. Im Orient gelten andere Gesetze.�</p><p>�Das wusste wohl auch der Emir. Warum h�tte er mich sonst mit einem ansehnlichen L�segeld ausstatten sollen?�</p><p>�Was ich noch gerne wissen m�chte!�, sprach Uthman weiter. �Hat er sie in diesem Zustand zur�ckgenommen, oder hat er sie versto�en?�</p><p>�Was hei�t hier: in diesem Zustand? Diese Verzweiflung war eine ganz pers�nliche Wahrnehmung von mir. Ich schlief wie immer im Freien. Sie h�llte sich in eine Beduinendecke drei Schritte von mir entfernt. Ich bildete mir ein, dass ich sie nachts weinen h�rte. Aber ich tat nichts, um sie zu tr�sten. �Morgen werde ich dich zu deinem Herrn zur�ckbringen�, sagte ich, als ob es sich um einen Gegenstand handelte.�</p><p>�War es vielleicht deshalb, weil du dich gef�rchtet hast, dein Gel�bde zu brechen?�</p><p>�Ich glaube, dass ich das mit gutem Gewissen verneinen kann. Aber ich kann dir auch nicht erkl�ren, warum ich mich so verhielt.�</p><p>�Vielleicht deswegen, weil sie das Eigentum eines Emirs war, der nach Belieben mit ihr verfahren konnte. Das ist sehr orientalisch gedacht. Aber so ist es eben bei uns. Mir macht etwas ganz anderes Sorgen. Wie hat sich der Emir benommen, als du ihm seine T�nzerin zur�ckbrachtest? Glaubte er immer noch, dass du die Beduinen zu diesem �berfall angestiftet hattest?�</p><p>�Ich gebe zu, dass ich mir auch Sorgen machte, der Emir w�rde mir die Schuld zuweisen. Dann h�tte er endlich Gelegenheit gehabt, mir f�nfzig Schl�ge verabreichen zu lassen.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass er das wirklich wollte. Zwischen euch bestand eine Hassliebe. Er drohte dir immer wieder Strafen an, die er in Wirklichkeit gar nicht vollziehen wollte.�</p><p>Henri sah seinen Freund verst�ndnislos an. �Das ist wohl auch wieder orientalisch gedacht. In unseren Komtureien gab es eine Justiz des Hauses. Das Kollegium tagte einmal w�chentlich. Vor ihm wurden die Vergehen er�rtert und bestraft. War das Urteil einmal gef�llt, wurde es auch vollstreckt: Fastentage, entw�rdigende Arbeiten, das Verbot, sich hinzusetzen, das Gebot, die Mahlzeiten am Boden zu sich zu nehmen, oder auch ein Redeverbot. Es ging �berhaupt nicht darum, Strafen anzudrohen, die dann erlassen wurden. Wer sich schuldig gemacht hatte, musste auch die S�hne auf sich nehmen. Aber aus Hass- oder Rachegedanken eine Pr�gelstrafe zu vollstrecken, bei der man sogar den Tod finden konnte, das war bei uns Templern nicht �blich.�</p><p>�Wie benahm sich denn die Qayna unterwegs, als ihr auf dem R�ckritt wart?�</p><p>�Mit dem Geld des Emirs hatte ich auch ein Pferd f�r die Qayna erworben. Sie ritt mit gesenktem Kopf hinter mir her, nicht etwa neben mir wie unsere Edelfr�ulein im Okzident. Sie sprach jedoch ausgezeichnet Franz�sisch. Um sie aufzuheitern, machte ich sie auf die rosafarbenen Felsen aufmerksam, auf eine Gazelle, die vor uns fl�chtete, auf eine seltene W�stenblume, auf eine Fata Morgana, die sich im flirrenden Licht der Sonne verhei�ungsvoll am Horizont zeigte. Es half alles nichts. Sie schwieg beharrlich und schaute nicht einmal hin.�</p><p>�Ich h�tte ein gutes Heilmittel gewusst, um sie aus ihrer Teilnahmslosigkeit zu wecken. Aber das ist nat�rlich auch wieder orientalisch gedacht, bei unseren Frauen jedoch sehr wirksam. Was denkst du, wie schnell sie einen Ton von sich gegeben h�tte, wenn ich sie aus dem Sattel geholt und ihr eine Tracht Pr�gel verpasst h�tte.�</p><p>Henri enthielt sich jeder Stellungnahme. �Wir verbrachten die N�chte gemeinsam im Freien. Ich wies auf die einzelnen Sternbilder und erkl�rte ihr Namen und Bedeutung. Sie tat so, als ob sie das Funkeln und Glitzern der Sterne �ber uns �berhaupt nicht bemerken w�rde. Ich erz�hlte ihr von den Tierkreiszeichen, durch die nach ganz bestimmten Gesetzen und Regeln die Sonne auf ihrer Bahn um die Erde kreiste, und dass sie Einfluss auf unser Leben h�tten. Besonders zur Zeit der Geburt sei der Einfluss der Gestirne au�erordentlich wirksam. Dann beging ich den Fehler, sie zu fragen, ob sie ihr Geburtsdatum w�sste. Da spuckte sie sogar aus. Da h�tte ich gerne das von dir gepriesene Mittel angewandt. Aber ich wusste nicht, ob sie sich nur von dem Sand befreien wollte, der ihr zwischen die Z�hne geraten war. Ich wollte nicht m�rrisch vor ihr herreiten. Darum forderte ich sie auf, sich neben mir zu halten. Sie warf mir einen scheuen Blick zu und gehorchte mir sofort. Gehorsam hatte ihr der Emir offenbar beigebracht.</p><p>Wie sehr sehnte ich mich nach einem Gef�hrten, mit dem ich Freud und Leid teilen konnte, der verstand, wovon ich sprach, der mir zuh�rte und Antworten gab. Ich wei� nicht, wie viele Tage wir durch die W�ste ritten. Als nach langer Zeit die Zelte unseres Lagers sichtbar wurden, f�hlte ich mich unendlich m�de. Der W�chter kam auf uns zugeritten, als er uns am Horizont auftauchen sah. Jeder wusste inzwischen, dass man die Qayna geraubt und mich unter Drohungen ausgeschickt hatte, um dem Emir die Geliebte zur�ckzubringen. Der Wachtposten konnte sich vor Freude kaum fassen. Die Laune des Emirs sei unertr�glich gewesen, berichtete er uns. Nach dem �berfall und der misslungenen Verteidigung gegen die Beduinen habe er willk�rlich einige Reiter herausgegriffen und auspeitschen lassen. Allah sei Dank, dass ich nun die Qayna zur�ckbringe. <emphasis>Alamdu lillah �</emphasis> Gott sei Dank, f�gte ich aus aufrichtigem Herzen hinzu.</p><p>Kurz darauf ert�nte ein Hornsignal, und die Trommler begannen, die Darabukka � die gro�e Trommel � mit ihren St�cken zu bearbeiten. Der Emir trat aus seinem Zelt, ging aber der Qayna mit keinem einzigen Schritt entgegen. Sie sprang vom Pferd, warf mir wie einem Reitknecht die Z�gel zu, flog ihrem Gebieter entgegen und schmiegte sich an seine Brust. Unter Weinen und Schluchzen �bersch�ttete sie ihn mit einem Wortschwall, die falsche Schlange. Der Emir streichelte sie, hob sie auf und trug sie in das Zelt. Ab und zu hatte er mir einen Blick zugeworfen. Ich konnte nicht ergr�nden, ob er mir z�rnte oder dankbar war. Ich hielt es durchaus f�r m�glich, dass die Qayna sich �ber mein Benehmen beklagt hatte.�</p><p>�So sind unsere Frauen!�, stellte Uthman fest. �Wenn sie Strafe f�rchten, fangen sie an zu weinen und klagen einen Unschuldigen an, der dann die Suppe ausl�ffeln muss, die manchmal allzu gesalzen ist!�</p><p>�H�tte ich mich nicht verpflichtet gef�hlt, meinen B�ndnisbruder Abu Hassan aufzusp�ren und zu befreien, dann h�tte ich erst einmal meine eigene Haut in Sicherheit gebracht.</p><p>Der Emir und die Qayna lie�en sich f�r den Rest der Nacht nicht mehr sehen. Damit hatte ich zwar Zeit zu der �berlegung gefunden, wie ich meine Unschuld beweisen k�nnte. Aber mir fiel keine L�sung ein. Als am n�chsten Morgen die Trommeln zum Aufbruch riefen, war ich genauso ratlos wie zuvor.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>17</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Henri und Uthman hatten schon so h�ufig den Ruf �Land in Sicht!� vernommen, dass sie nicht einmal den Kopf hoben, als sich der Junge im Mastkorb meldete. Zu oft hatte man ihnen versprochen, dass sie nun bald wieder festen Boden unter den F��en sp�ren w�rden. Aber es war nie etwas daraus geworden. Erst Brunella weckte sie aus ihrer Lethargie. �Der Landstrich, den man hinten am Horizont erkennen kann, ist die Insel Ibiza. Wir halten uns von ihr fern. Denn vor Jahren haben die Heere des Erzbischofs von Tarragona, Guillem de Montgri, im Auftrag von K�nig Jaime diese Insel erobert. Damals begann eine f�r uns unangenehme S�uberungsaktion, weil Ibiza als Piratenst�tzpunkt galt. Wir zogen uns dann nach S�den auf die Pityusen zur�ck. Man nennt sie so wegen ihres dichten Pinienwaldes.�</p><p>�Werden auch wir das Schiff verlassen d�rfen?�, erkundigte sich Henri.</p><p>Brunella sah ihn erstaunt an. �Aber nat�rlich. Valentino wird euch doch nicht aus den Augen lassen wollen.�</p><p>�Hoffentlich k�nnen wir uns auf der Insel frei bewegen�, w�nschte sich Uthman. �Wei�t du, ob Valentino irgendwelche Pl�ne mit uns hat?�</p><p>�Dar�ber kann ich euch keine Auskunft geben. Mit Sicherheit kann ich nur sagen, dass man euch nicht an einer der vielen Pinien aufkn�pfen wird. Denn das werde ich zu verhindern wissen.�</p><p>Henri und Uthman waren �bereinstimmend der Meinung, dass dies unter den bedrohlichen Umst�nden eine einigerma�en beruhigende Auskunft war. Aber sie konnten ohnehin nichts tun, bis sie auf der Insel waren.</p><p>�Du hattest davon gesprochen�, wandte sich Uthman daher an Henri, �dass Emir Nadjm Ghazi sich einen Palast an der Weihrauchstra�e bauen lie�. Hatte das irgendwelche Vorteile f�r ihn? Von dieser Pflanze habe ich n�mlich schon oft geh�rt.�</p><p>�Die Griechen erlernten, so sagt man, den Nutzen des Weihrauchs erst nach dem Trojanischen Krieg. Aber dann wurde der Gebrauch dieser hellgelben K�rner zu einem Luxus. Bei den R�mern artete die Anwendung des Weihrauchs geradezu aus. Der r�mische Autor Plinius behauptete, dass Nero bei dem Begr�bnis seiner Gemahlin Popp�a mehr Weihrauch opferte, als ganz Arabien in einem Jahr liefern konnte. Bei uns Christen galt Weihrauch zun�chst als heidnisches Gr�uel. Aber weil doch die Heiligen Drei K�nige dem soeben geborenen Jesuskind au�er Gold und Myrrhen auch Weihrauch brachten, gelangte der Weihrauch nun doch in unsere Kirchen. Aber er durfte nur Gott, nicht den Kaisern dargebracht werden.�</p><p>�Diese alten Geschichten sind ja sehr spannend�, gab Uthman zu. �Aber welche Vorteile versprach sich der Emir von Al-Qudz von einem Palast an der Handelsstra�e, auf der auch Weihrauch seinen Weg nimmt?�</p><p>�Wie ich den Emir einsch�tzte, beruhte diese Ortswahl auf bewussten �berlegungen. Dass der Weihrauch neben anderen Spezereien zu den orientalischen Kostbarkeiten geh�rte, wusste er wohl l�ngst. Darum wollte er den mittleren Teil der Handelsstra�e in seinem Einflussbereich halten. In Petra, wo sich viele Zwischenh�ndler niedergelassen hatten, errichteten auch wir Kreuzritter eine Burg und eine Kapelle.�</p><p>�Aber das hatte doch wohl nichts mit dem Weihrauch zu tun, obwohl jeder wei�, dass die Oberen des Templerordens sehr gesch�ftst�chtig waren.�</p><p>�Der Sultan der Ayyubiden, Saladin, vertrieb die Kreuzritter aus Petra. Wenn wirklich Absichten bestanden h�tten, sich mit dem Weihrauchhandel zu besch�ftigen, dann w�re dieses Gesch�ft gar nicht zustande gekommen. Denn die Burg der Kreuzritter bestand in Petra nur etwas mehr als f�nfzig Jahre.�</p><p>�Du meinst also, dass es dem Emir nur um einen erweiterten Einflussbereich ging?�</p><p>�Das wollte ich sp�testens in <emphasis>Yatrib,</emphasis> der �Stadt des Propheten�, die auch Medina genannt wird, ergr�nden. Wenn der Emir dort nicht den Wallfahrerpflichten nachkam, hatte er etwas anderes im Sinn.�</p><p>�Die Absichten und Gedanken dieses Emirs sind schwer zu durchschauen�, gab Uthman zu bedenken. �Wie verhielt er sich denn auf dem weiteren Marsch dir gegen�ber?�</p><p>�Als wir am zweiten Tag unseres Rittes das Lager aufgeschlagen hatten, war er wohl zu einem Entschluss gekommen. Er rief mich in sein Zelt, bot mir aber keines der Kissen an, die auf dem Boden wie ein Turm aufgerichtet waren. Ich wertete das als ein Zeichen der Dem�tigung. Denn er selbst hatte auf mehreren Kissen mit gekreuzten Beinen Platz genommen, und die Qayna sa� verschleiert in seiner N�he.</p><p>�Ich k�nnte dich foltern lassen, damit du die Wahrheit gestehst�, begann er wenig verhei�ungsvoll. �Denn inzwischen habe ich mich mit meinen W�rdentr�gern beraten. Sie alle sind einhellig der Meinung, dass dieser �berfall der Beduinen von dir angestiftet wurde. Weil du den Aufenthaltsort und das Versteck der Beduinen kanntest, war allein dir es m�glich, die Qayna zu finden und den R�ubern das L�segeld zu zahlen.� Er schwieg, und ich verzichtete auf den Versuch, mich zu entlasten. Seine W�rdentr�ger, zu denen wahrscheinlich auch die Ankl�ger gegen Abu Hassan geh�rten, hatten l�ngst �ber mich gerichtet.</p><p>Die Qayna bewegte sich unter ihrem Schleier, und der Emir nahm das zum Anlass, mich weiter zu beschuldigen. �Diese Frau an meiner Seite, die unendliche Qualen bei den Beduinen ertragen musste, hat Eure Ankunft im Lager der <emphasis>Badu</emphasis> beobachtet. Sie begr��ten Euch wie einen Freund. Die Qayna hat mir berichtet, dass Ihr nichts unternahmt, um ihr das schlimme Los einer Gefangenen zu erleichtern. Im Gegenteil! Ihr wolltet sie zwingen, vor diesen r�udigen Wilden zu tanzen. Aber meine Qayna hat sich dieser ungeheuren Forderung entzogen, obwohl man sie geschlagen und mit einer ehrenr�hrigen Behandlung bedroht hat.��</p><p>Uthman sprang auf. Er konnte seinen Zorn nicht l�nger b�ndigen. �Diese falsche Schlange! Diese Ausgeburt eines teuflischen Weibes! Ewig soll sie in der H�lle brennen!�</p><p>Henri blieb gelassen. �Der Herr hat sie bitter bestraft. Aber das war schon in Medina, wovon ich dir sp�ter erz�hlen werde. Mir blieb eine �ffentliche Auspeitschung, die von den W�rdentr�gern gefordert worden war, zun�chst erspart.�</p><p>�Das nenne ich eine seltsame Dankbarkeit�, warf Uthman ein. �Du hast dem Emir seine Qayna zur�ckgebracht und solltest daf�r ausgepeitscht werden. Warum wohl ist der Emir dem Urteil seiner W�rdentr�ger nicht gefolgt? Vielleicht hat er damals schon geahnt, dass alle diese Anschuldigungen, auch die gegen Abu Hassan, falsch waren.�</p><p>�Er konnte es aber doch nicht lassen, mich vor der Qayna zu dem�tigen. Denn er zwang mich, eine Haltung einzunehmen, die es ihm erm�glichte, mir einen Tritt zu verpassen, der mich nach drau�en bef�rderte. Vor dem Zelt hatten sich einige Neugierige versammelt, die auf das Schauspiel einer Auspeitschung gehofft hatten. Als ich vor ihnen mit dem Gesicht im Staub lag, erhob sich ein gewaltiges Gel�chter. Einige benutzten die Gelegenheit, mir auch ein paar schmerzhafte Tritte zu geben. Andere hielten mich an Armen und Beinen fest, damit die Reiter, die sich niemals von ihren geflochtenen Peitschen trennten, einen Hagel von Schl�gen auf mich niederprasseln lassen konnten. L�ngst hatte sich herumgesprochen, dass sie in mir einen ehemaligen Tempelritter vor sich hatten. Das war f�r sie eine gute Gelegenheit, ihr M�tchen an einem Christen zu k�hlen.</p><p>Mein Hemd zerriss, und meine Haut platzte auf. Das Blut floss neben mir in den Sand. Dem Emir, vor dessen Zelt dieser Angriff auf mich unter Gejohle stattfand, konnte das Geschrei und das Klatschen der Schl�ge nicht verborgen geblieben sein. Aber er kam nicht heraus, um die Menge zu zerstreuen. Nur mein Begleiter, der neben mir im Zug geritten war, kam herbei und verjagte schlie�lich die Menge mit drohenden Worten und Geb�rden. Von da ab glaubte ich ihm, dass alle Leute aus Mardin etwas Besonderes seien, vor allem aber, dass alle diejenigen, die in Mardin geboren worden waren, f�r immer zusammenhielten. Offensichtlich hielt man ihn deshalb f�r einen B�ndnisbruder des Emirs, und sie f�rchteten eine f�r sie ung�nstige Berichterstattung.</p><p>Das war wieder einmal so ein Augenblick, in dem ich meinen Leichtsinn verw�nschte, der mich aus der Gemeinschaft meiner Ordensbr�der aus Zypern weggelockt hatte. Anderen w�re das nicht zugesto�en, denn sie hatten w�hrend der letzten K�mpfe und Niederlagen einen solch schweren Schock erlitten, dass keine noch so gro�e Verlockung sie in das Heilige Land zur�ckgebracht h�tte. Wahre Schreckensgeschichten machten die Runde. Die Mamelucken seien mit dem Teufel im Bunde. Die Z�gel ihrer Pferde best�nden aus Feuer und verliehen ihren Reittieren eine unerreichbare Schnelligkeit. Vor allem aber f�hre zu ihren Siegen die Beherrschung der Totenbeschw�rung. Mit geheimen Zauberworten k�nnten sie Tote aus dem Jenseits heraufrufen, die ihnen rieten, wie sie den Feind angreifen sollten, um ihn zu besiegen.�</p><p>�Von solchen Totenbeschw�rungen habe ich in Cordoba auch geh�rt�, best�tigte Uthman diese Schauerm�rchen. �Ich habe gelesen, dass es in Endor eine Hexe gegeben haben sollte, die von Talut, dem ersten K�nig Israels, besucht wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein K�nig, der von Allah erw�hlt wurde, so gefehlt haben sollte. Was wei�t du davon?�</p><p>�Nun, diese Geschichte steht in der Bibel, im ersten Buch des Propheten Samuel�, erkl�rte Henri. �Wir nennen diesen K�nig Saul. Er hatte zuvor auf den Wunsch Gottes alle Magie und die schwarzen K�nste verboten. Dann bedrohten m�chtige Feinde, die Philister, ihn und sein Land. Er war voll Furcht und hoffte Rat bei dem Propheten Samuel, der aber schon gestorben war. Darum ging er verkleidet nach Endor. Auf Sauls Wunsch holte die Hexe Samuel aus dem Totenreich herauf. Der f�hlte sich gest�rt und sagte dem K�nig von Israel in seinem Kampf gegen die Philister eine Niederlage voraus. So geschah es dann auch.�</p><p>�Das kommt davon, wenn man an Geister und Hexen glaubt�, meinte Uthman schadenfroh. Er wusste, dass Gott in der Sure von der Morgend�mmerung, der Sure <emphasis>Al-Falaq,</emphasis> das Zaubern und Wahrsagen verboten hatte. <emphasis>Sprich: �Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn der Morgend�mmerung vor dem �bel dessen, was Er erschaffen, und vor dem �bel der Nacht, wenn sie sich verbreitet, und vor dem �bel derer, die auf die Knoten blasen, und vor dem �bel des Neiders, wenn er neidet.�</emphasis> Die auf die Knoten blasen, das waren die Hexen von Mekka, die vor der herrlichen Ankunft des Propheten noch ihre b�se T�tigkeit ausge�bt hatten.</p><p>�Aber es gab ja auch die so genannten <emphasis>haruspices�,</emphasis> f�hrte Henri weiter aus, �die Vogelschauer, die aus dem Flug der V�gel etwas herauslesen konnten. Das halte ich f�r m�glich, wenn man die Jahreszeiten in Betracht zieht. Vielleicht ist diese Kunst eher Wissenschaft denn Magie. Der ber�hmte r�mische Redner Cicero soll allerdings gesagt haben, er wundere sich, dass die <emphasis>haruspices</emphasis> nicht lachen m�ssen, wenn einer dem anderen begegnet.�</p><p>�Na, dann beweise einmal deine wissenschaftliche Kunst�, forderte Uthman seinen Gef�hrten auf. �Dort dr�ben ist an der K�ste von Ibiza soeben ein Vogelschwarm zu sehen.�</p><p>�Diese V�gel sind jedenfalls keine M�wen. Ich m�chte mich da nicht festlegen, aber es k�nnten Felsentauben sein, die hier in den H�hlen g�nstige Nistpl�tze finden. Wenn wir n�her herankommen, k�nnte ich auch feststellen, ob es sich um einen Schwarm der hiesigen Vogelart handelt, die man Fichtenkreuzschnabel nennt. Denn diese V�gel k�nnen sich durch ihren gekreuzten Schnabel nur von Nadelbaumsamen ern�hren.�</p><p>�Was, mein gelehrter Freund, entnimmst du nun daraus?�</p><p>�Es deutet alles darauf hin, dass wir uns in der N�he der Pityusen befinden. Schon der Name deutet auf zahlreiche Nadelb�ume hin.�</p><p>�Gibt es eigentlich irgendetwas, das du nicht wei�t?�, fragte Uthman voller Bewunderung.</p><p>�Ja, ich wei� zum Beispiel nicht, ob wir den n�chsten Tag lebend �berstehen.�</p><p>�Das h�tte dir, bei allem Abscheu, den ich gegen Hexen und Geister versp�re, die Zauberin von Endor sicher beantworten k�nnen!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Valentino nannte sich zwar Hauptmann. Aber er hatte in keiner Weise die Befehlsmacht, wie sie Ernesto di Vidalcosta f�r sich beansprucht hatte. Seine Mannen wussten auch ohne sein Eingreifen, was sie zu tun hatten. Der Mann am Steuerruder war ein Meister seines Fachs. Geschickt man�vrierte er die Schaluppe an den Riffen vorbei und steuerte auf eine von Pinien ges�umte Bucht zu. Zur rechten Zeit zogen einige der M�nner die Segel ein, um damit die Geschwindigkeit zu verringern. Auch ohne Navigation erkannte Valentino die Tiefe und lie� den Anker an einer seichten Stelle fallen, ohne das Schiff auf Sand zu setzen. Damit erleichterte er den Piraten das Ausladen der Kisten.</p><p>�Welch ein begnadeter Seemann�, �u�erte Henri seine Bewunderung. �Schade, dass er ein Pirat ist!�</p><p>Keiner der Piraten jubelte �ber die gegl�ckte Landung. Man merkte, dass sie die Aktion nicht zum ersten Mal an der Bucht dieser Insel durchgef�hrt hatten. Die M�nner sprangen ins Wasser, ohne eine tiefe Stelle zu bef�rchten, an der sie vielleicht ertrinken konnten. Seeleute, das wusste Henri, lernten nie schwimmen � das w�rde bei einem Schiffbruch nur ihre Qual verl�ngern, falls keine Hilfe kam. Henri hatte schon fr�h schwimmen gelernt, wenn er auch selten dazu kam.</p><p>Valentino folgte seinen M�nnern und lie� sich von dem zur�ckgebliebenen Ruderg�nger die Kisten reichen.</p><p>�Worauf wartet Ihr noch?�, rief er Henri und Uthman ungeduldig zu. �Bildet Ihr Euch etwa ein, dass meine Leute Euch auf den Schultern durch das Wasser tragen?�</p><p>Uthman lie� sich so etwas nicht zweimal sagen. Er sprang �ber Bord und landete hart neben Valentino, sodass die Wellen hoch aufspritzten und Valentino eine der Kisten entglitt. M�glichst schnell strebte er aber danach dem Ufer zu, w�hrend Valentino hinter ihm fluchte. Um den Zorn des Seer�uberhauptmanns nicht noch mehr zu reizen, hielt sich Henri beim Sprung au�er dessen Reichweite.</p><p>Vielleicht h�tte Valentino ihnen Bewegungsfreiheit zugestanden. Aber er musste seinem Zorn Luft machen und lie� sich ein Seil bringen, um Henri und Uthman eigenh�ndig an einer Pinie festzubinden. �Verflucht!�, murmelte Uthman. �Mir rieseln die Nadeln hinter den Kragen meines Gewandes.�</p><p>�Das h�ttest du uns ersparen k�nnen�, sagte Henri vorwurfsvoll. �Warum kannst du deinen �bermut nicht b�ndigen und musstest Valentino fast auf den Kopf springen, sodass ihm eine seiner kostbaren Kisten aus den H�nden glitt!�</p><p>Die gebundenen H�nde lie�en nicht zu, dass Uthman seinen R�cken erreichte, um sich zu kratzen. Valentino, der diese Bewegung beobachtete, trat auf ihn zu. �Hast du schon einmal vom <emphasis>Fuoco di San Antonio</emphasis> geh�rt?</p><p>Nicht? Dann wirst du es bald sp�ren. Die Nadeln, die dir so zu schaffen machen, werden von Raupen verursacht, die auf den B�umen die Nadeln winzig klein zerbei�en. Wer l�nger diesen Nadeln ausgesetzt ist, wird nicht nur von einem schrecklichen Juckreiz befallen, sondern auch von heftigem Fieber. Glaube mir, du Schweinehund, das ist schlimmer als eine Tracht Pr�gel.�</p><p>Henri sah, dass Uthman kurz davor war, dem Piratenhauptmann ins Gesicht zu spucken. Weil das unabsehbare Folgen gehabt h�tte, sagte Henri ziemlich scharf: �M��ige dich!� Uthman schwieg und begn�gte sich mit giftigen Blicken, als Valentino sich entfernte.</p><p>Einige Piraten verschwanden mit den Kisten im Gestr�pp der Insel. Wahrscheinlich gab es irgendwo eine versteckte H�hle, in der sie ihr Beutegut bis zur Verteilung verstauten. Sie blieben ziemlich lange aus. Inzwischen hatten diejenigen, die zur�ckgeblieben waren, d�rres Holz gesammelt und ein Feuer angez�ndet, das sie niedrig hielten, um nicht von der See aus entdeckt zu werden.</p><p>Das lange Ausbleiben kl�rte sich, als die Seer�uber am Feuer erschienen. Sie brachten Wildkaninchen und sogar einen Rehbock, auch einen Fuchs mit, den sie jetzt aus einer Falle l�sten. Schon bald verbreitete sich ein verf�hrerischer Duft nach gebratenem Fleisch. Die Piraten versammelten sich um das Feuer, verzehrten mit lautem Ger�usch riesige Fleischbrocken und lie�en einen Becher mit Wein kreisen. Der Schiffsjunge fragte, ob man den Gefangenen nicht auch etwas zu essen geben solle. Aber Valentino sch�ttelte den Kopf und warf Uthman einen abgenagten Knochen ins Gesicht.</p><p>Gegen Mitternacht war auch der letzte Seer�uber trunken zur Seite gefallen. �Jetzt m�ssten wir versuchen, uns zu befreien�, schlug Henri vor. Aber er bekam keine Antwort. Als er, verwundert �ber die seltene Schweigsamkeit seines Gef�hrten, sich Uthman zuwandte, bemerkte er mit Schrecken, dass Uthman vom <emphasis>Fuoco di San Antonio</emphasis> �bermannt worden war. Denn der Freund zitterte am ganzen Leib, sein Kopf schlug hin und her, und er st�hnte laut im Fieberwahn.</p><p>Ohne dass Henri eine nahende Gestalt bemerkt h�tte, war Brunella zwischen den Baumst�mmen aufgetaucht. Sie stellte einen kleinen Blecheimer ab, in dem Henri eine gr�nliche Masse erkannte. Wortlos begann sie, Uthmans Fesseln zu l�sen. Er sank augenblicklich kraftlos zu Boden. Das M�dchen entkleidete ihn, ohne Scham zu zeigen, und bestrich mit zarten Bewegungen den ganzen K�rper mit einer z�hfl�ssigen Salbe. �Wir hatten einen Gefangenen, der sich auf die Zubereitung von Heilsalben verstand. Als einer von uns vom <emphasis>Fuoco di San Antonio</emphasis> befallen wurde, ging er in den Wald und kehrte mit allerlei Kr�utern und Baumrinden zur�ck. Er erlaubte uns nicht, bei der Herstellung der Salbe anwesend zu sein. Sp�ter erfuhren wir, dass dieser Mann ein ber�hmter Alchemist war, und wir schenkten ihm die Freiheit. Der Kranke war n�mlich nach der Einreibung mit dieser Salbe am n�chsten Tag wieder gesund. Aber wir alle h�ten uns vor dem Befall des Raupenkots. Diese Viecher geben n�mlich die von ihnen gefressenen Nadeln durch den After wieder von sich.�</p><p>�Kannst du mir vorsorglich auch etwas von dieser wundert�tigen Salbe geben?�, bat Henri.</p><p>�Dann zieh dich aus!�, erwiderte sie und l�ste seine Fesseln. Henri schaute w�hrend der ungewohnten Ber�hrung in das Ge�st des Baumes. Sie lachte ihn aus und griff zum Seil. �Ich muss euch leider wieder fesseln, damit Valentino keinen Verdacht sch�pft. Aber ich werde es mit aller Vorsicht tun.�</p><p>Ehe Henri sich bedanken konnte, war sie wieder zwischen den St�mmen der B�ume verschwunden.</p><p>Am n�chsten Tag f�hlte sich Uthman zwar wieder gesund, aber noch etwas geschw�cht. Er wusste nicht, was mit ihm geschehen war. �Die Kerle sollten uns etwas zu essen geben�, sagte er. �Ich f�hle mich ziemlich kraftlos.� Henri verzichtete darauf, seinem Gef�hrten von den n�chtlichen Ereignissen zu berichten. Er wies zu dem erkalteten Lagerfeuer, das der Schiffsjunge wieder zum Lodern brachte. Ein Duft nach Eichelkaffee entstieg einem gro�en Eisentopf.</p><p>Nach und nach fanden sich die Seer�uber ein, schl�rften den Kaffee und unterhielten sich laut und angeregt. Es ging um einen neuen Beutezug. Das hatten Henri und Uthman bald verstanden. Was soll dann aus uns werden?, dachte Henri sorgenvoll. Als Brunella am Feuer auftauchte, sch�pfte er eine gewisse Hoffnung, dass sie ihnen eine Rettung erm�glichen w�rde. Ihr Ton klang ziemlich herrisch. �Binde die Gefangenen los!�, forderte sie von Valentino. �Sie sollen an unserem Gespr�ch teilnehmen, damit sie ihr k�nftiges Schicksal erfahren.� Valentino gab ihrer Forderung nach, ging zu den Kiefernst�mmen und l�ste die Fesseln. Im Vorbeigehen hatte er allerdings Brunella eine kr�ftige Kopfnuss verpasst.</p><p>Er war erstaunt, die beiden bei zufrieden stellender Gesundheit anzutreffen, und warf Brunella argw�hnische Blicke zu. �Trinkt von dem Kaffee!�, fuhr er Henri und Uthman unfreundlich an. �Denn das wird f�r lange Zeit die letzte M�glichkeit zum Trinken sein. Wir werden n�mlich noch heute diese Insel verlassen, und zwar ohne euch.�</p><p>Henri und Uthman schwiegen und warteten ab, welches Schicksal er ihnen zugedacht hatte. Das sollten sie allzu bald erfahren. �Auf dieser Insel gibt es mehrere H�hlen. Wir werden euch in einer von diesen einschlie�en, die mit einer Eisent�r gesichert ist. Aber es gibt eine unsichtbare Luftzufuhr, sodass ihr nicht ersticken werdet. Das ist eine Erleichterung eurer Gefangenschaft. Wenn ihr nicht schreit und dadurch zu viel Luft verbraucht, werdet ihr bei unserer R�ckkehr noch am Leben sein.�</p><p>Er gab vier M�nnern einen Wink, ihm mit den Gefangenen zu folgen. Uthman warf Brunella einen bitterb�sen Blick zu, weil sie schweigend zu Boden schaute. Er wusste ja nichts von der n�chtlichen Rettungsaktion.</p><p>Valentino schritt voran, und die vier M�nner folgten mit Henri und Uthman, die sich kr�ftig zur Wehr setzten, bis die M�nner ihnen mit Kn�ppeln �ber den Kopf schlugen. Jetzt wurden sie mehr vorw�rtsgeschleppt, als dass sie selbst gegangen w�ren. Dennoch versuchte Henri, sich den Weg zu merken, der aus dem Wald zur K�ste zur�ckf�hren konnte.</p><p>Die eiserne T�r zur H�hle stand offen. Valentin zog einen unf�rmigen, schon rostigen Schl�ssel aus der Hose und gab den beiden einen kr�ftigen Sto�, der sie �ber mehrere Stufen in die Dunkelheit hinabbef�rderte. <emphasis>�Hasta la vista!�,</emphasis> rief er h�hnisch und lie� die schwere T�r donnernd zufallen. Der Schl�ssel drehte sich knarrend im Schloss, und die Schritte der M�nner entfernten sich.</p><p>�Was nun?�, fragte Uthman ratlos und lie� sich st�hnend auf dem feuchten Erdboden nieder. Er f�hlte sich immer noch schwach.</p><p>�Ich muss nachdenken�, erwiderte Henri. �Einen Ausweg gibt es immer und �berall.�</p><p>Die H�hle roch nach Moder. Es war finster, nur ein schwacher Lichtschein fiel durch das Luftloch, von dem Valentino gesprochen hatte.</p><p>�Steh auf�, wandte sich Henri an Uthman, �und forme deine H�nde zu einer Mulde, in die ich hineinsteigen kann, um auf deine Schulter zu klettern. Ich m�chte die Decke der H�hle untersuchen.�</p><p>Aber das Unternehmen war vergebens. Einige Lehmbrocken fielen auf ihn herab, ein paar Steine l�sten sich und polterten zu Boden, doch eine �ffnung war nicht zu finden.</p><p>�Wir m�ssen uns vorsichtig in das Innere der H�hle tasten�, schlug Henri vor, �aber nur Schritt f�r Schritt. Es k�nnte sein, dass sich pl�tzlich ein Abgrund auftut. Vielleicht hat Valentino sogar damit gerechnet, dass wir abst�rzen und uns das Genick brechen.�</p><p>�Damit k�nntest du Recht haben�, pflichtete ihm Uthman bei. Allm�hlich gew�hnten sich ihre Augen an die neue Umgebung. Der Sarazene deutete auf etwas, das einem Haufen gebleichter Knochen glich. �Wenn mich das D�mmerlicht nicht t�uscht, sind das da Skelette, und es h�ngt keine Spur mehr von Fleisch an ihnen.�</p><p>Henri �berlegte, wie er dem geschw�chten Freund Hoffnung machen k�nnte. Er hielt es f�r das Beste, von der n�chtlichen Krankenpflege durch Brunella zu erz�hlen. Sofort erwachte in Uthman seine alte Tatkraft. �Wenn sie uns einmal geholfen hat, dann wird sie das auch wieder tun. Wer besitzt den Schl�ssel zu dieser Eisent�r?�</p><p>�Valentino pers�nlich. Nicht einmal Brunella wird es fertig bringen, ihm den Schl�ssel zu entwenden. Es wird f�r sie auch nicht leicht sein, vor dem Absegeln Zeit zu finden, um von den anderen unbemerkt hier aufzutauchen.�</p><p>�Wir warten hier vor der T�r, bis es v�llig dunkel ist. Falls Brunella bis dahin nicht gekommen sein wird, k�nnen wir die Hoffnung auf ihr Erscheinen aufgeben.�</p><p>Ihr Entschluss, auf Brunella zu warten, sollte sich als richtig erweisen. Noch ehe die Nacht das versteckte Luftloch verfinstert hatte, h�rten sie leise Schritte im Laub rascheln. Vor der T�r wisperte eine Stimme, die nur Brunella geh�ren konnte.</p><p>�Hast du den Schl�ssel?�, rief Uthman hoffnungsvoll. �Dann mache uns auf, damit wir fl�chten k�nnen!�</p><p>�Leider nein�, wisperte wieder die Stimme. �Aber h�rt mir jetzt gut zu. Ich verrate euch eine M�glichkeit, wo sich euch ein Fluchtweg aus dieser H�hle er�ffnet. In ihrem hintersten Teil befindet sich eine Quelle. Manchmal, vor allem in Regenzeiten, weitet sie sich zu einem kleinen See. Oft f�llt sich dann dieser See bis zu den H�hlenw�nden, sodass man ihn durchschwimmen muss. Ich hoffe, dass ihr diese Kunst beherrscht. Auf der anderen Seite geht es ein paar Stufen aufw�rts, und oben befindet sich eine kleine Plattform, deren Boden durch die st�ndige Feuchtigkeit sehr schl�pfrig ist. H�tet euch vor einem Ausrutschen, sonst st�rzt ihr in den Tod. Von dieser Plattform aus m�sst ihr euch abstemmen, um die �ffnung �ber euch zu erreichen. Wenn euch das gelungen ist, befindet ihr euch im Wald auf der anderen Seite der Insel. Dort kommen manchmal Frachtschiffe vorbei, die euch vielleicht mitnehmen werden.�</p><p>�Brunella�, rief Uthman. �Das werde ich dir nie vergessen! Falls du einmal Hilfe brauchst, schicke mir eine Nachricht nach Cordoba. Ich werde kommen, wo immer du dich auch befindest.�</p><p>�Ich muss gehen�, wisperte die Stimme vor der T�r. Sie vernahmen noch das Rascheln des Laubes. Dann blieb alles still. Aber beide glaubten, schon das Murmeln der Quelle zu vernehmen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>18</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Henri hatte vorgeschlagen, mit dem Gang durch die H�hle auf das Tageslicht zu warten. Einerseits deshalb, weil die aufgehende Sonne vielleicht einen kleinen Strahl durch das verborgene Luftloch werfen k�nne, andererseits aber auch, weil man sicher sein m�sse, dass die Piraten wirklich die Insel verlassen h�tten.</p><p>Uthman hatte sofort zugestimmt. �ber dieses schnelle Einverst�ndnis war Henri ein wenig besorgt. W�re Uthman wieder voll bei Kr�ften gewesen, h�tte er mit Sicherheit st�rmisch auf einen sofortigen Aufbruch gedrungen. Uthman war nach seiner Krankheit immer noch sehr ersch�pft. Er zog es vor, sich seinen Schlafplatz in der N�he der Skelette einzurichten, um nur ja keinen unn�tigen Schritt gehen zu m�ssen.</p><p>Als sich der Morgen durch ein tr�bes Licht erahnen lie�, erhob sich Henri. Sein erster Blick galt Uthman. Des Alchemisten Salbe hatte gewirkt, das <emphasis>Fuoco di San Antonio</emphasis> hatte keine neuen Spuren hinterlassen.</p><p>Uthman war schon wach. �Schade, dass uns Valentino nicht gefesselt hier herabgesto�en hat. Dann st�nden uns Seile oder Ketten zur Verf�gung, mit denen wir uns gegenseitig Halt geben k�nnten.�</p><p>Henri lachte. �Ich bin froh, dass du schon wieder scherzen kannst.�</p><p>�So scherzhaft war das gar nicht gemeint�, erwiderte Uthman und begann, den Haufen der Skelette auseinander zu breiten. �Irgendeiner von diesen armen Gesellen ist vielleicht mit Ketten gefesselt gewesen.�</p><p>Henri dachte, dass man die Totenruhe eigentlich nicht st�ren d�rfe. Aber Uthman zog tats�chlich das St�ck einer Kette hervor.</p><p>�Besser diese als gar keine�, murmelte Uthman. �Ich habe n�mlich keine Lust, jahrhundertelang hier in der H�hle zu verweilen wie die sieben J�nglinge von Ephesos. Sie wurden zwar nicht von Seer�ubern, sondern von einem r�mischen Kaiser verfolgt, und suchten selbst Schutz in einer H�hle. Sie blieben 309 lange Jahre dort! Im Koran kannst du alles �ber die J�nglinge in der Sure <emphasis>Al-Kahf,</emphasis> der Sure von der H�hle, lesen. So eine spannende Geschichte habe ich nat�rlich behalten. Ich wei� sogar noch, was diese <emphasis>Ashabu�l Kahf,</emphasis> die Gef�hrten der H�hle, nach ihrem Erwachen sagten: <emphasis>Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde. Wir werden niemals au�er Ihm einen anderen Gott anrufen.</emphasis> Der Kaiser hatte sie n�mlich zwingen wollen, ihren Glauben zu verleugnen.�</p><p>Henri f�hlte sich besch�mt. �Zu Recht erinnerst du mich daran, Gott um seine Hilfe zu bitten. Nach einem Gebet wollen wir aufbrechen.�</p><p>Uthman schlug sich ein St�ck der Kette um die Taille und �bergab Henri das andere Ende. Vorsichtig begaben sie sich in das Innere der H�hle. �Findest du nicht auch, dass es ein wenig heller wird?�, fragte Uthman hoffnungsvoll. �Das k�nnte doch auf die N�he des Ausgangs deuten.�</p><p>�Hmm�, brummte Henri. Er glaubte das nicht. Aber etwas anderes hatte er bemerkt. Mit jedem Schritt wurde der Erdboden feuchter. Zweimal musste er seinen Gef�hrten durch einen festen Griff vor dem Ausrutschen bewahren.</p><p>�Wir brauchen uns nicht zu beeilen�, mahnte Henri. �Denn wir haben ja �ber 300 Jahre Zeit, um hier herauszufinden. J�nglinge, wie die Ashabu�l Kahf, werden wir dann allerdings nicht mehr sein.�</p><p>Uthman gab keine Antwort und z�gelte auch seinen Schritt nicht. Er hechelte wie ein Jagdhund, der eine Beute nahe vor sich sieht. Wenn er im Halbdunkel an die Decke stie�, rieselte Kalk auf ihn herab. Mehrmals mussten sie sich b�cken. Pl�tzlich blieb Uthman so abrupt stehen, dass nun Henri beinahe ins Straucheln geriet. �Vor mir liegt der See�, sagte er nach r�ckw�rts gewandt zu Henri. �Ich glaube nicht, dass wir hindurchwaten k�nnen.�</p><p>Henri versuchte, in dem tr�ben Gew�sser die Tiefe zu ergr�nden. �Ich halte f�r m�glich, dass das, was wir in der vergangenen Nacht geh�rt haben, nicht das ersehnte Pl�tschern der Quelle war, sondern Regen, der zum Steigen des Grundwassers gef�hrt hat. Es wird uns nicht erspart bleiben, den See zu durchschwimmen.�</p><p>Uthman lie� sich am Rand des unterirdischen Gew�ssers nieder. �Halt mich fest!�, bat er Henri. �Ich m�chte ergr�nden, ob sich der Grund erreichen l�sst. Vielleicht gibt es in diesem tr�ben Gew�sser sogar Giftschlangen oder �hnliche Viecher, die einem das Fleisch von den Knochen nagen. Denk nur an die Skelette, die wir gefunden haben!�</p><p>Henri fand beruhigende Worte. �Niemand hat bis jetzt davon gesprochen, dass es im Gebiet der Balearen Schlangen oder Raubfische dieser Art gibt. Au�erdem h�tte uns Brunella bestimmt vor dieser Gefahr gewarnt. Du hast ihr doch bis jetzt vertraut. Warum bist du auf einmal so misstrauisch?�</p><p>Uthman zog die F��e aus dem Wasser und schaute nachdenklich vor sich hin. �Ich hatte gehofft, dass es gen�gen w�rde, durch eine kleine Pf�tze zu waten. Denn ich beherrsche die Kunst des Schwimmens nur sehr mangelhaft. Niemand hat es mich gelehrt. Wer h�tte das auch �bernehmen sollen? In Haleb kann fast niemand schwimmen.�</p><p>Henri war erschrocken, aber er lie� es sich nicht anmerken. �Habe Vertrauen zu dir selbst! In h�chster Not kann man alles. Gib mir deine Kleidung, ich werde sie schwimmend auf dem Kopf hin�berbringen! Wenn ich das jenseitige Ufer erreicht habe, gehst du in das Wasser und machst die Schwimmbewegungen, die du mir abgeschaut hast! Ich werde dich an der Kette her�berziehen. Oder willst du noch weitere 300 Jahre hier in der H�hle verbringen?�</p><p>Uthman wirkte entschlossen, diese Pr�fung zu �berstehen. �Wenn ich lebend dr�ben angekommen bin, werde ich zur �bung noch ein paar Mal hin- und herschwimmen.�</p><p>Das ist der Uthman, wie ich ihn kenne, dachte Henri. Er verlangte Uthmans Kleidung, legte sie sich auf den Kopf und hielt sie mit einer Hand fest. Uthman verfolgte gelassen die Vorbereitungen. Mit wenigen St��en hatte Henri das jenseitige Ufer erreicht. �Nur Mut! Jetzt bist du dran!�, rief er aufmunternd.</p><p>Uthman z�gerte nicht l�nger. Er will wohl nicht als Feigling dastehen, dachte Henri. Es ging besser, als er erwartet hatte. Henri zog kr�ftig an der Kette, und Uthman vollf�hrte Schwimmbewegungen, die er f�r richtig hielt. Aber dann, drei Schritte vom Ufer entfernt, geschah ein unvorgesehener Zwischenfall. Die alte rostige Kette riss, und die beiden losen Enden versanken im Wasser.</p><p>Jetzt ger�t er in Panik und wird untergehen, dachte Henri. Er machte sich schon bereit, um zur Rettung ins Wasser zu springen. Aber da hatte er seinen immer draufg�ngerischen Gef�hrten untersch�tzt. Mit ruhigen Bewegungen erreichte Uthman das Ufer und wollte zu einer neuen Runde ansetzen.</p><p>�Uthman!�, rief Henri gebieterisch. �Du kannst sehr gut schwimmen. Was sollte diese Vorstellung? Komm sofort an Land! Vielleicht gibt es doch giftige Schlangen hier!�</p><p>Als Uthman vor ihm stand, h�tte er ihm am liebsten eine Backpfeife gegeben. Warum musste dieser erwachsene Mann immer noch solche kindischen Kapriolen machen? �Bekleide dich wieder!�, befahl er ziemlich unwirsch. �Oder soll ich deine Kleider auch noch die Stufen hinauf zu der kleinen Plattform tragen, von der Brunella sprach?�</p><p>Henri wusste, dass der schwierigste Teil der Wegstrecke �berstanden war. Er ging voraus und wartete auf dem kleinen Platz, �ber dem sich verhei�ungsvoll eine �ffnung zeigte. Weit oben lie�en sich die herabh�ngenden �ste eines Baumes erkennen.</p><p>Henri hatte seinen �rger �ber Uthmans unangebrachte Sp��e noch nicht ganz �berwunden. �Jetzt zeige deine Kletterk�nste! Oder muss ich dich gar heraufziehen?�</p><p>Uthman nahm diese Bemerkung nicht �bel. Er bereute schon, dass er seinen Freund ver�rgert hatte. In der gebirgigen Umgebung von Haleb hatte er schon so manchen Felsen bestiegen. Er gr�tschte die Beine, suchte Halt f�r die F��e und schob sich geschickt aufw�rts zur �ffnung. Oben angelangt brach er in laute Begeisterungsrufe aus. �Komm herauf, Henri! F�r freie Menschen ist diese Insel ein Paradies.�</p><p>Henri erreichte nicht weniger schnell das Tageslicht als Uthman. Nach der Dunkelheit in der H�hle blendete ihn f�r einen Augenblick die strahlende Sonne. Dann aber sah er unterhalb des bewaldeten H�gels das geschwungene Ufer und den wei�en Sand der Insel. Er hatte schon immer ein Gef�hl des Wiedererkennens f�r Orte gehabt, an denen er einmal gewesen war. Langsam lie� er den Blick �ber die Bucht schweifen, schloss die Augen, um den besonderen Geruch der W�lder zu sp�ren, und da wusste er es. Sie befanden sich auf der Westseite jener Insel, auf der sie damals mit der Kogge gestrandet waren. Die Erinnerung an die abenteuerliche Seefahrt und an den Tod des Kapit�ns Ernesto di Vidalcosta wurde �berm�chtig.</p><p>�Erkennst du denn nicht, wo wir hier sind?�, wandte er sich an Uthman, der den Kopf sch�ttelte.</p><p>�Warum fragst du mich? Wir sind auf den Pityusen, und ich hoffe, dass durch die N�he zu Ibiza hier ab und zu Schiffe vorbeikommen, die nichts mit Piraten zu tun haben.�</p><p>�Vielleicht m�ssen wir aber sehr lange warten�, d�mpfte Henri die Zuversicht seines Gef�hrten. �Wir sind n�mlich auf genau jener Insel, auf der wir damals mit der Kogge strandeten!�</p><p>Uthman wirkte ziemlich verdutzt. �Ich nehme jetzt ein Bad im Meer, um die Dreckspuren der H�hle abzuwaschen. Danach werde ich Holz sammeln, um Rauchzeichen zu geben.�</p><p>�Ob wir ein Feuer anz�nden, sollten wir uns vorher gut �berlegen�, gab Henri zu bedenken. �Ich m�chte nicht wieder auf einem Piratenschiff landen. Wir m�ssen also die Schiffe sehr nahe an die Insel herankommen lassen, damit wir ihr Herkunftsland erkennen k�nnen.�</p><p>�Ach, Henri�, seufzte Uthman. �Wenn ich doch irgendwann einmal so klug und vern�nftig werden k�nnte wie du.�</p><p>�Was steht denn im Koran �ber die R�ckkehr der <emphasis>Ashabu�l Kahf?�,</emphasis> fragte Henri, um Uthman zu erfreuen. �Vielleicht kann uns das in unserer Lage helfen.�</p><p>Uthman lie� sich nicht lange bitten. <emphasis>�Ein Sprecher fragte: Wie lange habt ihr verweilt? Die J�nglinge sagten: Einen Tag oder einen Teil von einem Tag. Die anderen sagten: Euer Herr wei� besser, wie lange ihr verweilt habt Schickt einen von euch mit euren Silberm�nzen in die Stadt. Er soll sehen, welche ihrer Speisen am reinsten sind, und euch davon Versorgung bringen. Aber er soll behutsam sein und niemandem etwas von euch merken lassen. Denn wenn sie von euch erfahren, werden sie euch steinigen und zur R�ckkehr zwingen; dann wird es euch nie mehr wohl ergehen.</emphasis> Genau so steht die Geschichte in der Sure von der H�hle.�</p><p>�Damit k�nnen wir durchaus etwas anfangen�, meinte Henri. �Wir werden die wild wachsenden Pflanzen pr�fen, ehe wir etwas von ihnen zu uns nehmen. Au�erdem werden wir uns auch nicht zu irgendeinem Bestimmungsort zwingen lassen, sondern daf�r sorgen, dass man uns in Mallorca oder Menorca gegen eine ausreichende Bezahlung absetzt. Auch der Hinweis, dass wir uns nicht zu erkennen geben sollen, ist sehr wichtig. Wenn sie uns auch nicht gleich steinigen, so werden wir doch als K�nigsm�rder bestraft. Nun hast du sicher bemerkt, dass man aus jeder Geschichte eine Lehre ziehen kann.�</p><p>�Nat�rlich�, best�tigte Uthman, �aus der heiligen Schrift kann man immer eine Lehre ziehen!�</p><p>�Du wirst sehen, dass wir bald schon hier fort sind!�</p><p>�Sage lieber: Wenn Gott will!�, wies ihn Uthman zurecht. �Wei�t du, was Allah in der Sure von der H�hle seinen Zuh�rern sagt? Dass die Zukunft ganz in seiner Hand liegt: <emphasis>�Sprich nie von einer Sache: Ich werde es morgen tun, es sei denn: So Allah will. Und gedenke deines Herrn, wenn du es vergessen hast, und sprich: Ich hoffe, mein Herr wird mich noch n�her als dies zum rechten Wege f�hren.��</emphasis></p><p>�Da hast Recht�, entgegnete Henri. �Wir werden von dieser Insel fortkommen, so Gott will!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Sie warteten zwei Tage vergeblich auf ein vorbeiziehendes Schiff. Der Horizont blieb leer. Schlie�lich erwogen sie, noch einen dritten Tag zu warten, um es dann doch mit Rauchzeichen zu versuchen. Uthman bestand darauf, einen Holzsto� anzulegen, damit er bei Bedarf m�glichst schnell ein Feuer entfachen k�nne. Beide sahen die Gefahr, dass der Beutezug der Piraten vielleicht erfolglos geblieben war und Valentino allzu bald zur�ckkehren w�rde. Ihre Augen tr�nten von dem stundenlangen Blick auf das glitzernde Meer. Aber es war kein Schiff zu sehen. Sie lie�en sich im Schatten einer breit gef�cherten Schirmpinie nieder.</p><p>�Schlafen sollten wir besser nicht�, �berlegte Uthman. �Aber wie w�re es, wenn du weiter �ber deine Erlebnisse im Heiligen Land berichten w�rdest?�</p><p>Henri erkl�rte sich sofort einverstanden. Es war besser, sich die Zeit zu vertreiben, als von der Gefahr �berrascht zu werden. �Der Pilgerzug schleppte sich langsam voran�, begann er, �bis Nadjm Ghazi die Geduld verlor. Er schickte seine Reiter voraus, die mit St�cken, Peitschen und den flachen Klingen ihrer Schwerter dem Emir r�cksichtslos den Weg frei machten. Sie k�mmerten sich nicht darum, dass einige dieser frommen Leute in ein Gebet vertieft waren oder ein �lterer Mensch nur noch sehr langsam den Marsch bew�ltigen konnte. Wer einen Protest oder einen emp�rten Zuruf wagte, bekam die Peitsche zu sp�ren.</p><p>Von da ab bewegte sich unser Zug schneller vorw�rts. Ich wei� nicht, wie viele Tage wir unterwegs waren und wie oft wir f�r die Nacht unsere Zelte aufbauten. Der Weg wurde immer beschwerlicher, weil sich der kurvenreiche Pfad durch eine felsige Gegend schl�ngelte. Mein Begleiter hatte auch keine Lust mehr zu sprechen und ritt halb schlafend mit baumelndem Kopf neben mir her.</p><p>Aber an einem hei�en Sonnentag wachte er pl�tzlich auf, als habe er soeben ein erfrischendes Bad genommen. �Vor uns liegt Hajia, und oben auf dem Felsen l�sst sich im Dunst der Wolken der Palast des Emirs erkennen. Wir sind an unserem Ziel angelangt.� Unter den Reitern erhob sich ein allgemeiner Jubel. Jeder wusste, dass der Emir nun Fleisch, Fladenbrot und Getr�nke verteilen lassen w�rde. So schnell hatte man noch nie die Zelte aufgebaut und ein Lagerfeuer entz�ndet.</p><p>Es entsprach der Wahrheit, was man mir �ber die festungs�hnliche Burg des Emirs erz�hlt hatte. Die Zinnen ragten bis in die Wolken. Ich empfand das als Anma�ung. Bei uns Christen ist es nur den Kirchenbaumeistern gestattet, die T�rme bis zu solcher H�he zu bauen. Auf dem Reitpfad, der zu dem Portal der Burg f�hrte, erschien eine Abordnung pr�chtig gekleideter W�rdentr�ger. Sie warfen sich vor dem Zelt des Emirs auf die Knie und warteten, bis Nadjm Ghazi erschien, �brigens ohne die Qayna. Die W�rdentr�ger huldigten ihm, als ob er Papst oder Kaiser sei.</p><p>Weil er die Hofbeamten so lange im Staub des Zeltplatzes warten lie�, hatte ich die M�glichkeit, mich n�her heranzupirschen. Ich h�tte sie auch nach Jahren immer und �berall erkannt: die falschen Zeugen, die meinen B�ndnisbruder Abu Hassan angeklagt und in den Kerker verschleppt hatten. Vorsichtig trat ich meinen R�ckweg an, damit mich nur ja niemand von ihnen wieder erkennen konnte. Nun galt es, reiflich zu �berlegen, wie ich vorgehen musste, um Abu Hassan zu befreien, ohne selbst den Tod zu finden.</p><p>Ich beobachtete, dass Stallknechte aus der Burg dem Emir zwei frische Pferde brachten. Jetzt endlich kam auch die Qayna zum Vorschein, die von Nadjm Ghazi pers�nlich in den Sattel gehoben wurde. Ich bemitleidete den armen Burschen, der das Pferd am Z�gel f�hren musste. Sicher hatte sie an jedem einzelnen Schritt etwas auszusetzen. Der w�rdevolle Zug bewegte sich langsam auf dem steilen Pfad der Burg zu, deren Eingang tats�chlich in den Wolken lag. Das k�nnte ein Vorteil sein, sagte ich mir, ehe ich mich zum Lagerfeuer begab, wo mein Reisegef�hrte Mahmud aus Mardin mit Fladenbrot und gebratenem Hammelfleisch auf mich wartete.</p><p>Als die Feuer erloschen waren und der Abendwind die ersehnte K�hlung brachte, schlug Mahmud mir vor, nach dem langen Ritt zu Fu� die Burg zu umrunden, um uns zu entspannen. Ich stimmte sofort zu, weil ich ahnte, welchen Nutzen mir das bringen konnte. Mahmud war so stolz, als h�tte er selbst diese Burg erbaut, oder zumindest bewohnt.</p><p>�Der Palast des Emirs ist unseren Pal�sten und Burgen in Mardin nachgebaut�, wusste er zu berichten.</p><p>�Ich bin noch nie in Mardin gewesen�, erwiderte ich. �Kannst du mir nicht einmal die gesamte Anlage mit deinem Stock in den Sand malen?�</p><p>Mahmud war begeistert. Denn schon lange hatte er keinen so geduldigen Zuh�rer wie mich gehabt. �Halt dein Maul, elender Schw�tzer!� Mit diesen groben Worten wurde er zumeist abgewiesen. Man h�tte ihn sogar mit Freuden verpr�gelt, sobald er auch nur das Wort Mardin in den Mund nahm. Aber man f�rchtete eine Verbindung zum Emir.</p><p>Er zeichnete, l�schte das Sandgem�lde aus und begann von neuem. Ich schwieg und sah ihm zu. Lange Zeit verbrachten wir so im Sand, bis die Dunkelheit unserem Treiben ein Ende machte.</p><p>Bei den H�ndlern, die sich am Rand unseres Zeltplatzes niedergelassen hatten, kaufte ich mir ein Pilgergewand. Die langen wei�en T�cher verschafften mir die M�glichkeit, mich einzuh�llen. Der H�ndler dr�ngte mir noch eine Kopfbekleidung auf, die mich in einen Araber verwandelte. Sp�ter war ich daf�r dankbar. Meine hellen Haare h�tten mich sicherlich verraten. Mahmud klatschte in die H�nde, als er mich so sah. �Nun bist du einer der unsrigen. Du k�nntest sogar aus Mardin stammen.� Das war das h�chste Lob, das er mir zollen konnte. Ich war sehr froh dar�ber.</p><p>Am n�chsten Tag wanderte ich in meiner Pilgerkleidung den Burgberg hinauf. Ich kam mir vor wie Jakob auf der Himmelsleiter.</p><p>Das Eingangsportal war stark bewacht, wahrscheinlich weil der Emir und einige seiner W�rdentr�ger anwesend waren. H�flich bat ich um Einlass, der mir gew�hrt wurde. Denn ich behauptete, dass ich der Anf�hrer einer Pilgerabordnung sei und mit dem Emir die Wallfahrt nach <emphasis>Medina</emphasis> besprechen m�sse. Das Wort <emphasis>Medina</emphasis> erwies sich als Zauberschl�ssel. Die Lanzentr�ger verbeugten sich sogar vor mir und lie�en ihre Waffen sinken. Ich gab mir M�he, m�glichst w�rdevoll das Tor zu durchschreiten.</p><p>Noch am Abend hatte ich mir Notizen gemacht, was mir von der Sandzeichnung in Erinnerung geblieben war.�</p><p>�Schade, dass dir kein Ariadnefaden zur Verf�gung stand�, unterbrach ihn Uthman bedauernd. �Denn durch dieses Fadenkn�uel, das Ariadne dem athenischen K�nig Theseus geschenkt hatte, war es ihm m�glich gewesen, den R�ckweg zu finden, nachdem er den schrecklichen Minotaurus im Inneren des Labyrinths besiegt hatte.�</p><p>�Das w�re allerdings eine willkommene Hilfe gewesen�, best�tigte Henri. �Aber ich musste mich auf meine eigenen Kr�fte verlassen.</p><p>An irgendeiner Stelle steckte in meiner Zeichnung ein Fehler. Denn ich landete nicht in den unterirdischen Gew�lben bei den Verliesen, sondern befand mich zu meinem Schrecken unversehens vor den Privatgem�chern. Manchmal webt das Schicksal Gespinste, die man zun�chst als Ungl�ck ansieht. Aber sie sind in Wirklichkeit eine Gl�ck bringende Wendung.</p><p>Denn in dem Gang, der zu dem Schlafgemach des Emirs f�hrte, h�rte ich leise Stimmen. Aber auch bei dieser Lautst�rke erkannte ich sofort, wer sich dort zu einer Verschw�rung getroffen hatte. Die Stimmen der falschen Zeugen w�rden mich bis zu meinem Lebensende verfolgen. Ich konnte ihren Klang nicht aus meinen Ohren vertreiben. Und was ich h�rte, das war h�chst bedeutsam.</p><p>�Wir st�rmen alle miteinander in die Gem�cher des Emirs hinein�, schlug einer vor. Aber ein anderer war dagegen. �Es ist besser, wenn einer von uns unbewaffnet den Raum betritt, um dem Emir zu huldigen. Denn er ist eitel und wird sich ablenken lassen. Gleich darauf werden wir anderen bewaffnet folgen, uns auf den Emir st�rzen und ihn ohne vorherigen Anruf niedermetzeln. Der K�nig von Frankreich wird es uns danken und uns f�rstlich belohnen.�</p><p>�So sei es!�, pflichteten ihm die anderen bei. Aber der Wortf�hrer f�gte noch etwas hinzu. �Die Qayna wird sich wie immer in seinem Schlafgemach aufhalten. Wenn wir den Emir aus dem Weg ger�umt haben, werden wir uns diesem knusprigen H�hnchen widmen.�</p><p>Allgemeines Gel�chter, wenn auch verhalten, folgte diesen Worten.�</p><p>�Damit h�tte die Gerechtigkeit ihren Lauf genommen�, �u�erte Uthman seine Meinung. �Von der Qayna w�re nicht viel �brig geblieben.�</p><p>�Tausend Gedanken wirbelten mir durch den Kopf�, fuhr Henri fort. �Sollte ich den Emir vorher warnen? Er w�rde mir genauso wenig glauben wie bisher. Ich konnte ihm nicht ersparen, von seinen W�rdentr�gern, denen er fast bedingungslos vertraute, �berfallen und verletzt zu werden. Es w�rde schwierig sein, den richtigen Augenblick zu finden, in dem ich eingreifen musste, um ihm das Leben zu retten. Mindestens einen der Verschw�rer musste ich sofort niederstrecken, noch ehe die anderen merkten, dass jemand dem Emir zu Hilfe geeilt war.</p><p>Ich war es gewohnt, schnelle Entschl�sse zu fassen. Aber mir blieb keine Sekunde Zeit, mein Vorgehen vern�nftig abzuw�gen. Der unbewaffnete Verschw�rer hatte kaum das Privatgemach seines Herrn betreten, als die anderen schon voller Ungeduld mit lautem Gebr�ll hinter ihm herst�rzten. �Stirb, Bestie von Al-Qudz!�</p><p>Dieser Ruf war f�r mich das Signal, den Emir vor einem Meuchelmord zu sch�tzen. Mit einem Sprung hatte ich einen der Verschw�rer niedergeworfen und ihm die Kehle durchgeschnitten. Noch im Tod zeigte sich in seinen Augen verst�ndnisloses Erstaunen. Nun hatten auch die anderen bemerkt, was in ihrem R�cken vor sich gegangen war. Einer umklammerte Nadjm Ghazi, und der andere f�hrte einen Dolchsto�, den er in die Richtung des Herzens gelenkt hatte. Ich sah noch, wie der Emir erblasste und zu Boden sank. Die beiden waren sich sicher, dass ihre Tat zum Erfolg gef�hrt hatte. Denn noch wandten sie mir ihren R�cken zu, um sich an dem Sterben des Emir zu weiden. Ich wusste, dass sich mir ein solch g�nstiger Augenblick kein zweites Mal bieten w�rde. Mit kraftvoll gezielten Dolchst��en durchbohrte ich die beiden Meuchelm�rder.</p><p>Noch lebte der Emir, aber das Blut tropfte langsam zu Boden und bildete dort ein Rinnsal. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Ich zerriss mein Pilgergewand in lange Streifen und versah Nadjm Ghazi mit einem festen Verband. Wie oft hatte ich das schon bei meinen Ordensbr�dern w�hrend der K�mpfe im Heiligen Land gemacht. Einige Verwundete hatten �berlebt, andere nicht. Ich war kein Medicus.</p><p>Erleichtert sah ich, dass der Emir seine Augen �ffnete. Sie wirkten glasig und verschwommen, aber nach einer Weile erkannte er mich. Ich kniete nicht vor, sondern neben ihm. �Haltet durch, Nadjm Ghazi! Ich werde einen Medicus herbeirufen.� Aber er packte mein Handgelenk und hielt mich fest. �Nein, bleibt bei mir! Denn Ihr seid in dieser Burg der einzige Mensch, dem ich jetzt noch vertraue.�</p><p>�Danke, mein Freund�, sagte ich und wunderte mich nicht einmal, wie leicht mir diese Worte von den Lippen gekommen waren.�</p><p>�Beinahe k�nnte ich beleidigt sein, dass du diesen Menschen mit dem Ehrentitel <emphasis>Freund</emphasis> angeredet hast, den er nicht verdient hat�, stellte Uthman fest. �Aber die Freude hindert mich daran, dir zu z�rnen. Wende deine Blicke zum Horizont, mein einziger Freund. Schau nur! Dort taucht gerade ein Schiff auf, das eine Flagge in den Farben des K�nigreichs Mallorca zeigt.�</p><p>Henri legte die Hand �ber die Augen, um im Sonnenlicht besser sehen zu k�nnen. �Das k�nnte eines der Schiffe sein, die gegen die Piraten ausgesandt werden. Entz�nde den Holzhaufen, den du in weiser Voraussicht vorbereitet hast. Wie gut, dass du daran gedacht hast!�</p><p>Uthman hatte alles kundig angelegt, um das Feuer m�glichst rasch zum Lodern zu bringen. Die trockenen �ste knisterten in den Flammen, die gierig nach den H�lzern griffen. In Sekundenschnelle verbreitete sich das Feuer und fra� die d�rren Gr�ser in Ufern�he, um danach unerwartet in den Wald vorzudringen. Ein Windsto� fachte die Flammen an. Schw�rzlicher Qualm und eine schier unertr�gliche Hitze legten sich �ber die Insel. Kein Zweifel, jedes Schiff im Umkreis musste dieses Zeichen sehen.</p><p>�Der H�gel brennt!�, schrie Henri pl�tzlich auf. �Wir m�ssen uns ins Meer retten!� Sie liefen in das seichte Wasser, das zusehends tiefer wurde und ihnen bald bis zu den Schultern reichte. Unabl�ssig winkten sie mit den Armen.</p><p>L�ngst jedoch war die Besatzung des Schiffes auf den Brand aufmerksam geworden und hatte ein Beiboot ausgesetzt, das sich schnell n�herte. Kr�ftige Arme zogen Henri und Uthman ins Boot.</p><p>�Inschallah!�, sagte Uthman. Und Henri nickte ihm zu und sandte ein stummes Gebet zum Himmel.</p><p>Wer in Gefahr ist, soll nie zur�ckblicken � das Letzte, was sie von der Insel sahen, war ein weithin leuchtender Feuerberg.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>19</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Der Wind zerrte an ihren Haaren, die Wellen tanzten und sch�umten. M�wen segelten an den Masten vorbei, und Henri und Uthman blickten zur Sonne hoch, die ihre Kleider trocknete. Wei�e Wolken �bers�ten den blauen Himmel, und in der Ferne hoben sich schon die Umrisse einer gr��eren Insel �ber den Horizont. Sie leckten sich die salzige Seeluft von den Lippen. Erst jetzt begriffen sie richtig, dass sie gerettet und in Sicherheit waren, und die Farben, der Wind, der Geschmack des Meeres � das alles erschien viel intensiver als zuvor. Ja, die Welt war gut, sie war herrlich anzusehen. �Wer versteht, wie der Herr die Wolken t�rmt und donnern l�sst aus seinem Gezelt?�, sprach Henri still Verse der Bibel. �Siehe, er breitet sein Licht um sich und bedeckt alle Tiefen des Meeres. Denn damit regiert er die V�lker und gibt Speise die F�lle.�</p><p>Der Kapit�n der Karavelle schritt �ber die knarzenden Bohlen des Decks auf Henri und Uthman zu und begr��te sie au�erordentlich ehrerbietig. Er hielt sie f�r reiche Handelsherren, die in die Gewalt der Seer�uber geraten waren. Die beiden lie�en ihn bei dieser Meinung. Denn sie f�rchteten nat�rlich, als K�nigsm�rder entlarvt zu werden. Sie berichteten jedoch, wie die Kogge in einer menorquinischen Bucht von den Seer�ubern �berfallen und Ernesto di Vidalcosta grausam ermordet worden war.</p><p>�Dieses Piratennest werden wir ausr�uchern�, versprach der Kommandant der Karavelle selbstbewusst. �Das Versteck der Seer�uber muss sich im Norden befinden, weil die raue zerkl�ftete K�ste dort viele Schlupfwinkel aufweist.� Er fragte die beiden, ob sie ihm irgendwelche Kennzeichen der Pirateninsel nennen k�nnten. Henri erz�hlte ihm von den Mohnblumenfeldern und dem Duft der Hyazinthen. Ob es sehr windig gewesen sei, wollte der Kommandant wissen.</p><p>Henri bejahte, der k�nigliche Offizier nickte zufrieden. Das sei der <emphasis>Tramontana,</emphasis> der heftige Nordwind, der �ber die Insel fege. �Ich werde meine Soldaten also in Ciutadella an Land setzen. Die Piraten meiden die gro�en St�dte. Von Ciutadella aus sollen meine Leute ausschw�rmen und alle Buchten durchsuchen. Ich nehme an, dass auch Ihr dort gerne das Schiff verlassen werdet, um Euren Gesch�ften nachzugehen.�</p><p>Henri verbeugte sich, dankte f�r die Rettung und die freundliche Aufnahme. �Der Zufluchtsort auf den Pityusen ist den Piraten nun hoffentlich versperrt�, sagte er. �Das Feuer wird ihre Verstecke zerst�rt haben.�</p><p>Der Kommandant hatte ihnen die Kaj�te eines Offiziers zugewiesen, und Henri nahm an, dass auch Uthman zufrieden diese Bevorzugung annehmen werde. Der schien jedoch besorgt zu sein. Er wirkte brummig und verschlossen. Henri glaubte, den Grund der Verstimmung erraten zu haben. �F�rchtest du, dass die k�niglichen Soldaten auch Brunella ergreifen und vor Gericht bringen werden?�</p><p>Uthman nickte. �Ja, und das hat sie nicht verdient.�</p><p>Henri dachte kurz nach und machte dann einen Vorschlag. �Dem k�nnen wir abhelfen, indem wir dem Kommandanten erkl�ren, dass sich in der Hand der Piraten die Tochter eines Advokaten befindet, die sie erst gegen ein stattliches L�segeld aus der Gefangenschaft entlassen wollen.�</p><p>Die Miene seines Gef�hrten hellte sich auf. �Das w�re eine M�glichkeit, uns bei Brunella zu bedanken.�</p><p>Henri lie� sich in einer H�ngematte nieder, die unter der niedrigen Kabinendecke gespannt war, und gab Uthman einen Wink, es ihm gleichzutun. Er war bestrebt, seinen Freund auf andere Gedanken zu bringen. �Ich berichte dir jetzt von einer weiteren gegl�ckten Befreiung. Denn der Emir gab einem seiner Lanzentr�ger den Befehl, Abu Hassan aus seiner Kerkerhaft zu erl�sen. Ich bat mir aus, den Lanzentr�ger in das Verlies zu begleiten.�</p><p>�Dar�ber m�chte ich sehr gern etwas h�ren�, sagte Uthman. �Aber zun�chst berichte mir, was mit den Verschw�rern geschah.�</p><p>�Nadjm Ghazi lie� sie in eine Dunggrube werfen. Das entsprach eigentlich nicht meinen christlichen Glaubensvorstellungen, aber sie hatten es wohl nicht anders verdient.�</p><p>�Der Emir handelte richtig�, meinte Uthman. �Aber wie verlief das Wiedersehen mit deinem B�ndnisbruder?�</p><p>�Es war schrecklich�, begann Henri seinen Bericht. �Als der Lanzentr�ger die schwere Kerkert�r tief drunten in den Gew�lben der Burg �ffnete, schlug mir ein grauenvoller Gestank entgegen. Abu Hassan lag auf verrottetem Stroh in seinem eigenen Unrat. Er war bis auf die Knochen abgemagert. Die Augen gl�hten fiebrig in seinem eingefallenen, leichenblassen Gesicht. Seine zuvor gl�nzende Haarpracht war verschwunden. Nur einige Str�hnen bedeckten fettig und wirr seine faltige Stirn. Die Ketten, mit denen man ihn an die Mauer geschmiedet hatte, schlotterten lose an ihm herab. Aber dass sie ihn anfangs tief in das Fleisch seines K�rpers geschnitten hatten, konnte man an den eitrigen Schw�ren erkennen, die an Armen und Beinen zu sehen waren.</p><p>Das war der Augenblick, in dem ich es sogar als zu milde empfand, dass man die Verschw�rer, ob sie nun noch lebten oder nicht, in die Dunggrube geworfen hatte.</p><p>Ich fiel neben meinem B�ndnisbruder auf die Knie, umarmte ihn und versuchte, seinen Kopf zu heben, der tief auf sein eingefallenes Kinn gesunken war. �Abu Hassan, mein Bruder!�, rief ich laut. �Erkennst du mich noch, Henri, den Templer, den du aus den F�ngen der falschen Franziskaner gerettet hast?�</p><p>Der Klang meiner Stimme musste eine Erinnerung in ihm wachrufen. M�hselig hob er den Kopf und sah mir in die Augen. Aber die Stimme versagte ihm, als er mir antworten wollte. Nur ein heiseres Kr�chzen entrang sich seiner Kehle.</p><p>Der Lanzentr�ger, der diesem Wiedersehen teilnahmslos zugesehen hatte, befolgte nun den Befehl seines Gebieters. Er l�ste die Fesseln. Weil aber Abu Hassan viel zu schwach und unf�hig war, auch nur einen einzigen Schritt aus eigener Kraft zu gehen, lud er sich diesen abgemagerten Mann ohne Schwierigkeiten auf die Schultern. Als ich ihm meinen B�ndnisbruder abnehmen wollte, wies er dieses Ansinnen unwillig ab.�</p><p>�Diese Behandlung eines treuen Hofbeamten h�tte man dem Emir niemals verzeihen d�rfen!�, rief Uthman emp�rt. �Vielleicht h�ttest du ihn gar nicht vor dem Tod bewahren sollen.�</p><p>�Da bin ich anderer Meinung�, erwiderte Henri. �Jedem Menschen muss die M�glichkeit gegeben werden, seine Untaten zu bereuen und zu s�hnen.�</p><p>�Wie sah denn diese Bu�e aus?�, wollte Uthman wissen. �Hoffentlich so, dass er sein schreckliches Verhalten niemals vergessen wird.�</p><p>�Ich sagte s�hnen und nicht b��en�, erwiderte Henri. �Denn Nadjm Ghazi hatte l�ngst eingesehen, warum die falschen Zeugen Abu Hassan beseitigen wollten. Der alleinige Grund war die Treue seines Hofbeamten. Niemals n�mlich h�tte Abu Hassan zugelassen, dass man den Emir t�tete. Nadjm Ghazi lie� Abu Hassan pflegen, wie er es besser nicht h�tte tun k�nnen. Als sich beide auf dem Weg zur Gesundung befanden, ordnete der Emir an, Abu Hassan zu ihm ins Schlafgemach zu bringen. Dort lagen sie nun gemeinsam und f�hrten lange Gespr�che. Oft h�rte ich auch ihre Gebete, die sie an Allah richteten.�</p><p>�Aber was war mit dir?�, fragte Uthman. �Du hattest dein Versprechen eingel�st und h�ttest doch nun nach Frankreich zur�ckkehren k�nnen, obwohl dir vielleicht Louis und die falschen Franziskaner im Hafen von Haifa auflauerten.�</p><p>�Das hatte ich auch erwogen. Aber dann lie� mich der Emir rufen und er�ffnete mir, dass er gemeinsam mit Abu Hassan eine Wallfahrt nach Medina plane, um dort f�r ihre Rettung aus der Not zu danken. �Wir m�chten dich bitten, dass du uns begleitest�, sagte der Emir, w�hrend Abu Hassan heftig mit dem Kopf nickte.</p><p>Ich erbat mir einen Tag Bedenkzeit. Viele Fragen bedr�ckten mich. War es mir als einem Christen �berhaupt erlaubt, in eurer Kirche dort zu beten? Ich hatte geh�rt, dass in dieser Moschee ein Gebet so viel gelte wie tausend Gebete anderswo. Warum sollte das nicht auch f�r meine Gebete gelten, die ich an die christliche Dreifaltigkeit richten wollte? In Medina sollte jedoch nicht nur der Prophet selbst, sondern auch die ersten beiden rechtgeleiteten Kalifen begraben sein. Was w�rde mir und meinen Begleitern zusto�en, wenn man mich in dieser ber�hmten Moschee als Christ entlarven w�rde? Nicht nur mein eigenes Leben w�re bedroht, sondern auch das meiner sarazenischen Freunde.</p><p>Alle diese Bedenken teilte ich Nadjm Ghazi mit. Aber keines lie� er gelten. Abu Hassan kannte mich besser als der Emir. Er fand die passenden Worte, die mich zum Nachgeben brachten. �So eine Wallfahrt hat ihre zwei Seiten�, erkl�rte er mir. �Sie f�hrt nach innen zu einer Entdeckungsreise durch die eigenen Gef�hle. Aber sie f�hrt auch zu einer Ann�herung an die g�ttliche Allmacht. Es gilt ja gerade der gemeinschaftliche Aufbruch aller Gl�ubigen als Grundpfeiler einer Wallfahrt, die dich in deinem Glauben best�rken wird.� Mit keinem Wort hatte er euren Glauben erw�hnt. Seine letzte Bemerkung gab den Ausschlag. Ich sagte meine Teilnahme zu.</p><p>Einige Tage sp�ter befanden wir uns wieder auf der Pilgerstra�e, diesmal nur von wenigen Getreuen begleitet. Aber der Emir hatte darauf bestanden, dass die Qayna ihm zur Seite reiten solle. Ich folgte mit Abu Hassan.</p><p>Wir bewegten uns sehr langsam, weil wir R�cksicht auf die Frau nehmen mussten. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass sie die Gangart ihres Pferdes absichtlich verz�gerte. Immer wieder sah sie sich um. Wen erwartete sie? Einen heimlichen Geliebten oder einen gedungenen M�rder? Ich teilte Abu Hassan meinen Verdacht mit, und auch er verdoppelte seine Aufmerksamkeit.</p><p>Nach vielen Tagesritten unter sengender Sonne sahen wir endlich die Kuppeln der gro�en Kirche, die ihr die Al-Nabwi-Moschee nennt, vor uns liegen. Mir war unterwegs aufgefallen, dass sich die Pilger auff�llig oft b�ckten. Ich glaubte, dass dies zu dem Gebet auf einer Wallfahrt geh�rte. Aber Abu Hassan belehrte mich, dass die Pilger Steine sammelten, um sie auf die Teufelss�ule zu werfen. Denn die Steinigung des Teufels geh�re zu einer Wallfahrt. Sie taten gut daran, schon jetzt ihre Wurfgeschosse zu sammeln. Denn durch die Masse der Pilger war die Stra�e so gut wie leer gefegt.</p><p>Um uns den langen Ritt zu verk�rzen, erz�hlte mir Abu Hassan auch, dass euer Prophet in Medina den Grundstein f�r einen Staat des Glaubens gelegt habe. Vergeblich habe er aber auch gehofft, dass die Juden ohne weiteres seine Botschaft aufnehmen w�rden. Als sie das nicht taten, hat er die Gebetsrichtung gewechselt. Nicht mehr in die Richtung von Jerusalem, sondern mit dem Gesicht gen Mekka habe man von da ab gebetet.�</p><p>�Henri!�, warf Uthman entsetzt ein, �nicht wir haben die Richtung des Gebetes ge�ndert, Allah hat das dem Propheten � Friede sei mit ihm! � offenbart. Die Juden waren verstockt!�</p><p>�Lass uns nicht streiten!�, beschwichtigte Henri. �Vielleicht hat jedes Volk seinen Propheten und seinen eigenen Glauben. Wir sollten dankbar sein, dass wir Freunde sind � und dass Joshua unser Freund ist. Aber ich gebe zu, dass ich nur mit halbem Ohr hinh�rte, weil ich versuchte, ein paar Worte von dem leisen Gespr�ch zu erhaschen, das der Emir mit seiner Qayna f�hrte. Seine Lieblingskonkubine gab sich jedoch ziemlich einsilbig. Mein Verdacht, dass sie bestrebt war, sich von dem Emir zu l�sen, verst�rkte sich. Aber ging mich das etwas an? Hatte ich nicht schon einmal Schiffbruch erlitten, als ich f�r Abu Hassan eingetreten war? War es nicht besser, den Emir im Ungewissen zu lassen? Wahrscheinlich war mein Verdacht nicht einmal begr�ndet.</p><p>Wir fanden Unterkunft bei den Verwandten von einem der Getreuen. Die Qayna sagte mit kaum vernehmbarer Stimme, sie sei sehr m�de und wolle sich zur�ckziehen. Man solle sie bis zum Fr�hgebet schlafen lassen. Vielleicht entsprach ihre Behauptung sogar der Wahrheit. Aber Abu Hassan, der w�hrend der Zeit seiner Gefangenschaft sehr hellh�rig geworden war, glaubte einen falschen Ton bemerkt zu haben. �Ich schlage vor, dass wir vor ihrer T�r abwechselnd Wache halten, um zu beobachten, ob dort ein Fremder Zutritt sucht�, fl�sterte er mir zu.</p><p>Nun mischst du dich wieder einmal in Dinge, die dich nichts angehen!, dachte ich, weil ich f�rchtete, dass ich mir erneut die Finger verbrennen w�rde. Aber ich wollte Abu Hassan, der sich seit seiner Befreiung als Besch�tzer des Emirs f�hlte, keine Absage erteilen. Denn du wei�t aus Erfahrung, Uthman, dass ihr Sarazenen sehr schnell beleidigt seid, wenn Freunde eure gut gemeinten Vorschl�ge ablehnen.�</p><p>�Das stimmt!�, best�tigte Uthman. �Aber auf mich trifft das nicht zu. Seit meinem Aufenthalt in Cordoba bin ich schon fast ein Spanier geworden.�</p><p>�Abu Hassan hatte die erste Wache �bernommen. Er erm�dete immer noch schnell und wirkte entt�uscht, weil er die Nachtstunden umsonst geopfert hatte.</p><p>Aber auch ich wachte vergebens und leistete in Gedanken Abbitte, weil ich die Qayna verd�chtigt hatte, einen Geliebten zu empfangen. Einmal h�rte ich leise Schritte und versteckte mich in einer Nische. Aber es war der Emir, der das Schlafgemach seiner Lieblingskonkubine betrat, um die n�chtlichen Freuden zu genie�en.</p><p>Als der Vorbeter von der Moschee zum Morgengebet rief, kehrte ich zu Abu Hassan zur�ck. �Wir haben uns geirrt�, gestand ich besch�mt. �Wir haben die Qayna zu Unrecht verd�chtigt.� Aber Abu Hassan blieb bei seinem Verdacht.</p><p>Es war <emphasis>Jaum al-Dschuma,</emphasis> ein Freitag, an dem ihr ja gehalten seid, eure Arbeiten zu unterbrechen, um an den gemeinsamen Gebeten teilzunehmen. Eine unabsehbare Menschenmenge strebte dem Bethaus zu. Sie schubsten und dr�ngten sich, um in den vorderen Reihen einen Platz zu finden. Dem Emir wurde eine Vorzugsstellung in der N�he der Gebetsnische einger�umt, weil es �blich war, an diesem Tag Segensgebete f�r den Herrscher zu sprechen.</p><p>Der Imam hielt eine schier endlose Predigt, eine so genannte <emphasis>Chutba,</emphasis> die er sitzend von der <emphasis>Minbar</emphasis> aus hielt, dem h�lzernen Podium, das dem Imam vorbehalten ist. Er hatte f�r dieses Freitagsgebet eine der l�ngsten Suren ausgew�hlt. So blieb mir Zeit, mich heimlich nach der Qayna umzusehen, die im hinteren Teil zwischen den Frauen sa�. Ihr Benehmen schien mir unauff�llig, obwohl Abu Hassan sp�ter behauptete, sie habe des �fteren in die Reihe der M�nner gestarrt, aber nicht zur <emphasis>Mihrab,</emphasis> wo der Emir als Herrscher seinen besonderen Platz eingenommen hatte.</p><p>F�nfmal an diesem Tag wiederholte sich euer Gottesdienst in der Moschee. Wir kehrten erst sp�t an diesem Freitag nach dem Abendgebet zur�ck. Abu Hassan f�hlte sich ersch�pft, und auch ich sp�rte die M�digkeit. Die Qayna zog sich mit Erlaubnis des Emirs in ihr Schlafgemach zur�ck, und auch Nadjm Ghazi entfernte sich, nachdem er uns mitgeteilt hatte, dass f�r morgen der Aufbruch nach Mekka geplant sei. �Der Ritt zum heiligsten Ort des Islams und die vorgeschriebenen Riten dort werden f�r uns beide sehr anstrengend sein�, meinte Abu Hassan. �Wir brauchen unsere Nachtruhe und werden darum auf eine n�chtliche Beobachtung der Qayna verzichten.� Dass ich Mekka niemals sehen w�rde, wusste ich zu dieser Zeit noch nicht.�</p><p>�Was nur konnte dich von einer <emphasis>Haddsch �</emphasis> Wallfahrt � nach Mekka abhalten?�, rief Uthman fassungslos.</p><p>�Du wirst es gleich verstehen�, erwiderte Henri. �Gegen drei Uhr nachts ert�nte ein lautes H�mmern gegen das Eingangsportal. Wir alle eilten nach unten, um zu sehen, wer dort so st�rmisch Einlass begehrte. Vor uns standen die Glaubensw�chter, die unter den Gl�ubigen wegen ihrer Strenge gef�rchtet waren. Sie verbeugten sich vor Nadjm Ghazi. �Verzeiht die ungeb�hrliche St�rung, Emir von Al-Qudz, aber wir haben eine Frau aufgegriffen, die behauptet, Eure Konkubine zu sein. Sie war parf�miert und geschminkt wie eine k�ufliche Dirne und verlie� ohne Begleitung das Haus eines verheirateten Mannes. Wir wollen die Angaben dieser Frau �berpr�fen, ehe wir an ihr die gesetzliche Strafe vollziehen, die unser Prophet in der Sure An-Nur, der Sure vom Licht, festgesetzt hat: <emphasis>Wenn eine Frau und ein Mann Unzucht begehen, dann gei�elt jeden von ihnen mit hundert Hieben. Habt kein Mitleid mit ihnen angesichts der Rechtsbestimmungen der Religion Gottes.�</emphasis></p><p>Der Emir wurde so blass wie die wei�en T�cher der Pilger am ersten Tag der Wallfahrt. �Zeigt mir diejenige, die ihr beschuldigt!� Die Glaubensw�chter stie�en eine verschleierte Frau vor sich her, und der Emir l�ftete ihren Schleier. �Diese hier ist meine kaukasische Sklavin, die ich f�r viel Geld erworben habe. Ich selbst werde die Strafe an ihr vollziehen, die einer entlaufenen Sklavin zukommt.� Mit vielen Verbeugungen zogen sich die Glaubensw�chter zur�ck.</p><p>Der Emir wandte sich an Abu Hassan. �Du kennst unser Gesetz. Bei der Vollstreckung der Pein soll eine Gruppe von Gl�ubigen anwesend sein. Schaffe diese Sklavin in meine Gem�cher und hole die anderen Gl�ubigen des Hauses herbei! Bindet die F��e dieser Frau zusammen und h�ngt sie mit dem Kopf nach unten auf!� Er wandte sich mir zu. �Auch dich, mein Freund, erwarte ich, damit du der Strafe beiwohnst, die der Prophet in der Sure vom Licht von uns fordert.�</p><p>Zu meiner Besch�mung muss ich gestehen, dass ich es nicht wagte, dem Emir zu widersprechen. Als ich den Raum betrat, hatten die anderen M�nner die Qayna schon an den F��en aufgeh�ngt. Sie gab keinen Laut von sich, bis der Emir mit einer geflochtenen Lederpeitsche den Raum betrat. Erst da begann sie, zu weinen und um Gnade zu flehen. Ich wusste aus Erfahrung, dass es vergeblich sein w�rde, den Emir um Barmherzigkeit zu bitten. Er bestimmte Abu Hassan dazu, die Schl�ge laut zu z�hlen.</p><p>Als der erste Schlag fiel, begann die Qayna laut zu schreien. Sie kr�mmte sich und wand sich hin und her, als ob es eine M�glichkeit g�be, den Schl�gen zu entkommen. Beim zwanzigsten Schlag verstummte sie. Ich f�rchtete, dass sie die Besinnung verloren hatte. L�ngst zeigte ihr R�cken blutige Wunden. Ich konnte diese Bestrafung nicht mehr mit ansehen. Endlich fand ich den Mut, den ich schon l�ngst h�tte wagen sollen. �Haltet ein, Nadjm Ghazi! Ihr peinigt diese Frau sonst noch zu Tode!�</p><p>Es war nicht �blich, in den Vollzug einer Bestrafung einzugreifen. Das begriff ich sogleich. Abu Hassan h�rte auf zu z�hlen, und die anderen M�nner sahen mich emp�rt an. Der Emir entschloss sich zu einem grimmigen L�cheln, das mir mein Blut in den Adern gefrieren lie�. �Du bist als ehemaliger Templer vielleicht nicht unseren Gesetzen verpflichtet, obwohl du behauptet hast, zum wahren Glauben gefunden zu haben. Aber noch fehlen dir gr�ndliche Kenntnisse des Korans, der Sunna und des Hadith. Ich rate dir, eine Medresse zu besuchen, wo du Unterricht im Recht erhalten kannst. F�r heute gestatte ich dir, dich zu entfernen.� Ich nahm dieses Angebot an, denn ich begann, den Emir aufs Neue zu hassen.�</p><p>�Hat die Qayna diese Tortur �berstanden?�, fragte Uthman. In seiner Stimme klang kein Mitleid.</p><p>�Ja, und am n�chsten Tag teilte uns der Emir seine Entschl�sse mit. Ich sah ihm aber an, dass diese grausame Bestrafung auch ihm zugesetzt hatte. �Ich werde nach Mekka pilgern, um dort die vorgeschriebenen Riten zu erf�llen: die Gebete in der Gemeinschaft der Rechtgl�ubigen, der <emphasis>umma,</emphasis> das <emphasis>Tawaf,</emphasis> die siebenmalige Umrundung der Kaaba, vor allem aber auch die Steinigung des Teufels. Wie ich jetzt leidvoll erfahren musste, hat der Satan mit uns ein leichtes Spiel. Das Verhalten vieler Menschen widerspricht dem Geist unseres Glaubens. Ich m�chte dich bitten, Abu Hassan, dass du mich auf der Haddsch nach Mekka begleitest.� Mich �berging er. Ich hatte die Pr�fung nicht bestanden. Das machte mich trotzig.</p><p>�Was wird aus der Qayna?�, fragte ich m�glichst barsch. Nadjm Ghazi sah mich bitterb�se an. Ich hatte eine Frage gestellt, die mir nicht zukam. Aber er antwortete mir. �Ich werde meine Sklavin mit einigen mir treu ergebenen Gefolgsleuten nach Al-Qudz schicken. Dort soll sie in strengem Gewahrsam gehalten werden, bis ich in meinen Palast nach Jerusalem zur�ckkehren und �ber ihr weiteres Schicksal entscheiden werde. Eines steht fest: Niemals mehr wird sie tanzen k�nnen.�</p><p>�Ich habe den Wunsch, Frankreich und meine dortigen Freunde wieder zu sehen�, sagte ich mit fester Stimme.</p><p>Der Emir betrachtete mich l�chelnd. �Diese Entscheidung scheint auch mir die beste zu sein. Damit du aber nicht in die H�nde dieser gef�hrlichen Anh�nger des l�ngst verstorbenen Mamelucken Baibars ger�tst, werde ich dir einige erprobte K�mpfer mitgeben. Sie haben den Auftrag, dich sicher zum Hafen von Haifa und dort auf ein Schiff zu bringen, das nach Frankreich segelt. Zudem verspreche ich dir, dass ich diesen verbrecherischen Verr�ter Louis und die falschen Franziskaner aufsp�ren und hart bestrafen werde.� Ich vertraute ihm und hatte nur noch den einzigen Wunsch, nach Frankreich in den Kreis meiner Ordensbr�der heimzukehren.�</p><p>�Das glaube ich dir aufs Wort!�, rief Uthman und legte seinen Arm um die Schultern des Freundes. �Ich bin dir dankbar, dass du mir so schonungslos und aufrichtig von deinen Erlebnissen in Al-Qudz erz�hlt hast. Wie du mir schon fr�her einmal sagtest: Man kann aus jeder Geschichte eine Lehre ziehen. Das werde ich nun versuchen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>EPILOG</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><p>Zwei Tage sp�ter legte die Karavelle im Hafen von Ciutadella an. Bet�ubt von dem st�dtischen Getriebe, dem L�rm und dem Gedr�nge, wanderten die beiden Fl�chtlinge zun�chst ziellos durch die Stadt. Die Pal�ste wirkten pr�chtig, aber auch abweisend. Erst als es d�mmerte, fanden sie in den verwinkelten Gassen eine Herberge mit einer sauberen Schlafstelle. Als auch kein Ungeziefer zu entdecken war, streckten sie sich m�de und zufrieden auf ihrem Lager aus.</p><p>�Die Kathedrale hier ist auf den Grundmauern der arabischen Moschee errichtet worden�, murmelte Uthman kurz vor dem Einschlafen.</p><p>�Dar�ber bin ich sehr froh�, erwiderte Henri. �Denn in diesem Gotteshaus werden wir beide, ob nun Anh�nger des Propheten oder Christ, morgen unsere Dankesgebete an Gott und Allah richten k�nnen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Historische Nachbemerkung:</strong></p><p><strong>Jerusalem � eine heilige Stadt zwischen Christen, Muslimen und Juden</strong></p></title><empty-line/><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Jerusalem � eine heilige Stadt des Islams</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>In diesem Roman bildet Jerusalem den Hintergrund f�r ein fiktives Abenteuer, das Henri erlebt. Nicht alles darin ist historisch korrekt � die geheimen Bruderschaften etwa; doch f�r vieles gibt es tats�chliche Vorbilder.</p><p>Dem Islam gilt Jerusalem als drittheiligste Stadt nach Mekka und Medina. Dieser Rang liegt in dem einleitenden Vers der Koran-Sure �Die Nachtfahrt� (17. Sure) begr�ndet, die auf eine Himmelfahrt des Propheten Mohammed anspielt. Hier hei�t es:</p><p>�Preis dem, der seinen Diener des Nachts entf�hrte von der heiligen Moschee [der Kaaba in Mekka] zur fernsten Moschee [dem Tempelberg in Jerusalem], deren Umgebung wir gesegnet haben, um ihm unsere Zeichen zu zeigen.�</p><p>Sp�tere Legenden schm�ckten diesen kargen Koranvers aus und sprachen davon, dass Mohammed eines Nachts auf seinem Wunderpferd Buraq von Mekka nach Jerusalem flog. Auf dem die Stadt �berragenden Tempelberg betete er zusammen mit Abraham, Mose, K�nig Salomo und Jesus, bevor er schlie�lich auf einer goldenen Leiter in den Himmel aufstieg.</p><p>Die Nachtfahrt, so die �berzeugung der Muslime, habe auf dem Heiligen Felsen begonnen, der sich heute inmitten des Felsendoms befindet. Nach den Angaben des j�dischen Talmud befand sich �ber dem Felsen einst das Allerheiligste des Salomonischen Tempels. Die Christen hatten den Berg, auf dem sich bis zu seiner Zerst�rung durch die R�mer im Jahr 70 der Tempel des Herodes erhob, unbebaut gelassen, ja ihn zu einer M�llkippe gemacht. Der Beweggrund f�r diese Missachtung lag in einem Wort Jesu, denn er hatte �ber den j�dischen Tempel gesagt: �Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde� [Mt 24,2]. Damit galt der Tempel von Jerusalem den fr�hen Christen als verworfen, der Leib des Menschen sollte sein Tempel sein [I. Kor 3,16].</p><p>Als dann Kalif Omar I. (Klf. 634-644) im Jahr 638 Jerusalem erobert hatte, veranlasste er die S�uberung des Tempelplatzes, der ihm als Heiligtum galt. Zur Strafe f�r die Missachtung dieses heiligen Platzes lie� der Kalif den Patriarchen von Jerusalem durch den Staub kriechen, um dann in seinem eigenen Gewand selbst den ersten Schutt wegzutragen, der den Berg bedeckte. So gab er das Signal zur S�uberung. Unter Kalif Abdalmalik (Klf. 685-705) wurde der Felsendom (Qubbet as-Sakra) errichtet, dessen goldene Kuppel bis heute den Tempelplatz dominiert und ein Wahrzeichen Jerusalems ist. Im S�den des Tempelplatzes wurde auf den noch vorhandenen �berresten der von Herodes errichteten �Halle Salomos�, in der sich auch Jesus aufgehalten hatte, die Moschee al-Aksa, die �ferne Moschee�, errichtet. Zun�chst war diese Moschee, von der der christliche Pilger Arculf im Jahr 670 berichtet, sie b�te 3000 Betern Platz, nur ein einfacher Holzbau; sie wurde aber alsbald durch ein Steingeb�ude ersetzt. Nach dem islamischen Chronisten Mukadasi war das Geb�ude sch�ner als die gro�e Moschee von Damaskus. Felsendom und Moschee sollten die unter Kaiser Konstantin (Ks. 324-337) �ber dem Grab Jesu errichtete Grabeskirche �bertreffen. Von der Anordnung her entsprechen die islamischen Bauten auf dem Tempelberg dem christlichen Heiligtum: Hier wie dort umgibt ein Kuppelbau einen heiligen Felsen, w�hrend ein gro�es Geb�ude in der L�ngsachse als Ort des Gebets dient. Bei der konstantinischen Grabeskirche waren Grabrotunde und Basilika noch getrennt gewesen. Ob die Moschee noch unter Abdelmalik oder erst unter seinem Sohn, Kalif Walid I. (Klf. 705-715), errichtet wurde, ist nicht gekl�rt. Das urspr�nglich wie eine Basilika mit vier Seitenschiffen errichtete Geb�ude wurde in den folgenden Jahrhunderten des �fteren durch Erdbeben stark besch�digt und musste mehrmals vollst�ndig neu aufgebaut werden. Dabei wurden die Ma�e immer wieder abge�ndert. Nach der Zerst�rung durch das Erdbeben des Jahres 1033 wurde ein f�nfschiffiger Bau errichtet und mit der silbernen Kuppel gekr�nt, die noch heute das Aussehen der Moschee charakterisiert.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Jerusalem unter den Kreuzfahrern</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Mit der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer am 15. Juli 1099 begann f�r den Tempelplatz und die dort stehenden Geb�ude ein neuer Geschichtsabschnitt. Nach den Pl�nderungen durch den Kreuzfahrer Tankred war der Felsendom aller Sch�tze entledigt. Auch hatte auf dem Tempelplatz am zweiten Tag der Eroberung der Stadt ein furchtbares Gemetzel stattgefunden, bei dem Tausende von Muslimen, M�nner, Frauen und Kinder, den Tod gefunden hatten. Selbst in christlichen Chroniken wurde die Klage laut, dass es bei der Eroberung der Heiligen Stadt zu einem solchen Blutbad gekommen sei, bei dem das die Felsen herabstr�mende Blut bis zu den Z�geln der Pferde gereicht habe. Nach der Eroberung lebte in der Stadt kein Muslim mehr, au�er er war ein Sklave der christlichen Eroberer.</p><p>Der Tempelberg und seine Bauten wurden von den Eroberern in Besitz genommen und einer neuen Bestimmung zugef�hrt. In der Moschee al-Aksa richtete K�nig Balduin I. von Jerusalem (Kg. 1100-1118) seine Residenz ein, solange seine geplante Residenz in der Zitadelle von Jerusalem noch ausgebaut wurde. Der Felsendom, von den Christen �Templum Domini� � Tempel des Herrn � genannt, wurde zu einer Kirche, die von einer Gemeinschaft von Kanonikern betreut wurde. Am Geb�ude wurden umfangreiche Ver�nderungen vorgenommen, um es f�r die Durchf�hrung von Gottesdiensten herzurichten. Allerdings fanden keine Eingriffe in die Bausubstanz statt, die nicht wieder r�ckg�ngig gemacht werden konnten. So blieb der Gro�teil der mit Mosaik eingelegten Koranspr�che sichtbar. Andere Teile der W�nde wurden lediglich gekalkt, abgeschlagen wurde nichts. Der Heilige Felsen unter der Kuppel wurde mit Marmorplatten verkleidet und darauf der Altar aufgestellt. Die H�hle unterhalb des Felsens diente als Krypta und Kapelle. Nach einer Beschreibung, die der Presbyther Johannes von W�rzburg von seiner Reise nach Pal�stina 1170 niederschrieb, befanden sich an einigen Stellen der neuen Kirche, die eigentlich Maria geweiht war, aber immer �Templum Domini� genannt wurde, Tafeln, deren Inschriften auf Episoden aus den Evangelien hinwiesen, die im Tempel geschahen. N�rdlich des Felsendoms wurde das Kloster der Tempelkanoniker errichtet, von dem heute nur wenige Nachrichten erhalten sind.</p><p>Als im Jahr 1120 die neun Begr�nder des Templerordens ihre Gel�bde der Armut, Keuschheit, des Gehorsams und der Verpflichtung zum Heidenkampf in die H�nde des Patriarchen von Jerusalem, Warmund, ablegten, hatten sie noch keine Unterkunft. Da gew�hrte ihnen K�nig Balduin II. von Jerusalem (Kg. 1118-1131), einen Teil der k�niglichen Gem�cher in der Moschee al-Aksa zu nutzen, �� weil sie bis jetzt keine eigene Kirche oder irgendeinen festen Wohnsitz hatten�, wie Jakob von Vitry schrieb. Einen freien Platz neben dem Geb�ude erhielten die Templer von den am Templum Domini dienenden Kanonikern. Weil die Moschee al-Aksa von den Christen �Templum Salomonis� � Tempel Salomos � genannt wurde, trugen die M�nchsritter von nun an den Namen <emphasis>�Pauperes Commilitones Christi Templi Salomonis�</emphasis> (Arme Kampfgef�hrten Christi vom Tempel Salomos), oder kurz: Templer.</p><p>Nachdem der Umbau der Zitadelle abgeschlossen war und K�nig Balduin II. dorthin seine Residenz verlegte, konnten die Templer die gesamte Moschee als Hauptquartier in ihren Besitz nehmen. Die folgenden Jahre waren von einer regen Baut�tigkeit gepr�gt. Dem Eingang des Geb�udes im Norden wurde eine S�ulenhalle vorgebaut, die in Teilen noch heute existiert. Im Westen wurde ein dreischiffiges, von Spitzbogen �berw�lbtes Refektorium, der kl�sterliche Speisesaal, angebaut. Heutzutage befinden sich in diesem noch erhaltenen Geb�udeteil die Frauenmoschee und das Museum zur Geschichte des Tempelplatzes. Die gro�e Halle der Moschee wurde durch eingezogene W�nde in kleine Zellen zur Unterbringung der Ordensmitglieder unterteilt. Um das Jahr 1130 war die Marienkirche fertiggestellt. Sie befand sich an der �stlichen Seite der Moschee. Auch von diesem Bau ist ein Rest erhalten. An der �stlichen Au�enwand der Moschee al-Aksa ist noch heute eine Rosette zu sehen, die zu dieser Templerkirche geh�rte. Legend�r wurden die �St�lle Salomos�. Zur Unterbringung ihrer Pferde und Kamele nutzten die Templer die gewaltigen Hallen unterhalb der Moschee. Diese Hallen waren beim Bau der S�derweiterung des Tempelplatzes unter K�nig Herodes errichtet worden. Der Pilger Johannes von W�rzburg berichtete, 2000 Pferde und Kamele h�tten hier Platz gefunden. Die bekannte Fl�che dieser R�ume umfasst etwa 5000 m<sup>3</sup>. Vor einigen Jahren wurde hier eine Moschee eingerichtet.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Jerusalem wird erneut Muslimisch</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Mit der Eroberung Jerusalems durch Sultan Saladin im Jahr 1187 verloren die Templer ihr Hauptquartier, das sie nun nach Akkon verlegten. Sie sollten nie wieder in seinen Besitz kommen. Dem Sultan war viel daran gelegen, Jerusalems heilige St�tten unversehrt zu erhalten, so hatte er den Verteidigern eine ehrenvolle �bergabe angeboten. Wer selbst das geforderte L�segeld aufbringen konnte, war frei. 7000 Arme wurden mit Mitteln einer Stiftung Heinrichs II. von England freigekauft, der Rest der Christen ging in die Sklaverei. Kampflos r�ckten die Muslime in Jerusalem ein. Ausschreitungen gegen die Christen wurden unterbunden, unblutig erfolgte die R�ckeroberung der Heiligen Stadt, der Sultan hatte ein Massaker zu verhindern gewusst. Selbst von den versklavten Menschen kam ein Gro�teil wieder frei.</p><p>Sofort machten sich die Muslime daran, ihre heiligen St�tten wieder in Besitz zu nehmen. Das Kreuz wurde von der Kuppel des Felsendoms gerissen und das ganze Geb�ude eiligst von allen Spuren der Anwesenheit der Christen befreit. Die Marmorplatten wurden vom Felsen entfernt und alle christlichen Inschriften getilgt. �Sie hatten die Kirche geschm�ckt mit Malereien und Bildwerken, Pl�tze f�r die M�nche und f�r das Pult des Evangeliums in ihr festgelegt,� in den Marmor waren Bilder von Herdentieren gehauen� Der Felsen aber� war unter den dar�ber errichteten Aufbauten verborgen und ging unter in der ganzen Anlage der reich ausgestatteten Kirche. Der Sultan lie� den Schleier von ihm nehmen,� die Steine zerbrechen, die Aufbauten niederlegen und die Decke spalten�� [Gabrieli, 1973, S. 217-218]</p><p>Auch aus der Moschee al-Aksa wurden die Einbauten der Templer entfernt; wichtig war vor allem die Freilegung des <emphasis>mihrab,</emphasis> der Gebetsnische, die in jeder Moschee die Richtung anzeigt, in der Mekka liegt. Der arabische Chronist Imad ad-Din berichtet: �Die Templer hatten eine Wand vor ihm errichtet und ihn zum Kornspeicher gemacht; es wurde sogar behauptet, sie h�tten ihn in ihrer b�sartigen Feindseligkeit als Abtritt benutzt. Westlich der <emphasis>qibla</emphasis> hatten sie ein ger�umiges Haus und eine hohe Kirche gebaut. Der Sultan lie� nun die Trennwand entfernen und das Antlitz der Braut des <emphasis>mihrab</emphasis> entschleiern. Die davorliegenden Bauten lie� er zerst�ren und die H�fe, die ihn umgaben, reinigen, damit sich das Volk freitags im weiten Hof versammeln k�nne� [Gabrieli, 1973, S. 212].</p><p>Allerdings blieben die Anbauten weitgehend erhalten, sie wurden nur einer neuen Nutzung zugef�hrt. Mit unvorstellbaren Mengen an Rosenwasser wurden beide Geb�ude rituell gereinigt, worauf sie schon am 9. Oktober 1187, sieben Tage nach dem Einzug Saladins in Jerusalem, anl�sslich des traditionellen Freitagsgebets wieder ihrer eigentlichen Bestimmung �bergeben werden konnten. In seiner zu diesem Anlass gehaltenen Predigt � <emphasis>khutba �</emphasis> vor dem Sultan und den F�rsten dankte Ibn al-Zaki Allah f�r seine Hilfe bei der �S�uberung Seines Heiligen Hauses von der Beschmutzung durch die Vielg�tterei�. Die streng monotheistisch ausgerichteten Muslime sehen in der Verehrung der Dreifaltigkeit durch die Christen eine Verletzung des Glaubens an den einen Gott. Das �Heilige Haus� � Bait al-Maqdis � ist Jerusalem. In arabischer Sprache wird Jerusalem auch �al-Qudz� � Die Heilige � genannt. Die Heiligkeit der Stadt beruht f�r die Muslime auf der Tradition, dass Abraham hier weilte, Mohammed von dieser Stelle aus seine Himmelsreise antrat und dass die Muslime unter Mohammed in den ersten Jahren des Islams � bevor als <emphasis>qibla</emphasis> oder Gebetsrichtung Mekka vorgeschrieben wurde � noch in Richtung Jerusalem beteten.</p><p>Mit der Eroberung der Stadt hatte der Djihad, der Heilige Krieg gegen die Feinde des Islams, seinen H�hepunkt erreicht. Juden und orthodoxe Christen, unter der Kreuzfahrerherrschaft in der Stadt zwar geduldet, aber unterdr�ckt, erhielten unter der muslimischen Herrschaft gr��ere Freiheiten. Die Grabeskirche wurde der Orthodoxie zur�ckgegeben, auch die Juden konnten sich wieder in Jerusalem ansiedeln � zwischen 1209 und 1211 kamen 300 Juden aus Frankreich und Spanien in die Stadt. Durch die Ansiedlung von Arabern sollte der Anteil der Muslime wieder erh�ht werden. Auch wurden islamische religi�se Stiftungen eingerichtet, so eine Koranschule <emphasis>(medresse)</emphasis> in der St. Annen-Kirche. In den Verhandlungen, die K�nig Richard L�wenherz (Kg. 1189-1199) w�hrend des Dritten Kreuzzuges (1190-1193) mit Saladin f�hrte, erhielten die christlichen Pilger die Erlaubnis, die heiligen St�tten zu besuchen. Zur Verwaltung der Stadt wurden mameluckische Gouverneure eingesetzt, die in den Thronwirren nach dem Tod Saladins ihren Posten allerdings leicht verlieren konnten.</p><empty-line/><subtitle><strong>�</strong><emphasis><strong>und wieder christlich</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Schlie�lich w�hlte al-Muazzam Isa, F�rst von Damaskus, Jerusalem zu seiner Residenz und regierte die Stadt mit Hilfe eines Mamelucken. Als im Zuge des F�nften Kreuzzuges 1219 die Eroberung der Stadt durch die Christen drohte, lie� al-Muazzam Isa die Mauern abrei�en. Die Christen sollten die Stadt nicht in den Verteidigungszustand setzen k�nnen. Ein Gro�teil der muslimischen Bev�lkerung floh nach Damaskus. Und doch sollte es noch zehn Jahre dauern, bis Jerusalem erneut unter christliche Herrschaft kam.</p><p>Sultan al-Kamil und Kaiser Friedrich II. (Ks. 1212-1250) handelten im Jahr 1229 einen auf zehn Jahre befristeten Friedensvertrag aus, mit dem auch Jerusalem den Christen �berlassen wurde. Ausdr�cklich blieb aber der Tempelplatz mit den islamischen Heiligt�mern ausgenommen. Die hier eingerichtete Verwaltung unter einem Qadi blieb bestehen. Unter den Muslimen l�ste al-Kamils Verzicht auf die Heilige Stadt Proteste aus.</p><p>Friedrich II. zog in Jerusalem ein. Sein gr��ter Triumph war allerdings getr�bt durch den Bann, den der Papst wegen seines Z�gerns, den Kreuzzug �berhaupt zu beginnen, �ber ihn ausgesprochen hatte, und durch den Unmut der Christen wegen der Verhandlungen mit dem Sultan. Mit einem Muslim zu verhandeln schien ihnen als Verrat an der christlichen Sache. Aber der Kaiser ging in Jerusalem unter der Krone des K�nigreiches Jerusalem, das seinem kleinen Sohn Konrad (IV.) rechtm��ig zustand. Die 1219 niedergerissenen Mauern der Stadt wurden bis zu ihrem endg�ltigen Verlust im Jahr 1244 nicht wieder aufgebaut. Nach dem Ablauf des Friedensvertrages im Jahr 1239 besetzte al-Nasir Daud, der Vorsteher der Burg Kerak, mit seinen Truppen kurzerhand Jerusalem. Doch er musste die Stadt wieder aufgeben, da er den neuen Sultan al-Malik (Slt. 1249-1250) f�rchtete.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Christen, Juden und Muslime unter mameluckischer Herrschaft</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Die Ajubiden, die von Saladin begr�ndete Dynastie, waren in dieser Zeit zu sehr mit innenpolitischen Schwierigkeiten und der Mongolengefahr besch�ftigt, um ernsthaft etwas gegen die Bestrebungen Theobalds IV. von der Champagne zu unternehmen, das von den Christen beherrschte Gebiet in Pal�stina wieder auszudehnen. Schlie�lich war die Macht des K�nigreichs Jerusalem so weit gest�rkt, dass sich die Christen im Jahr 1243 erneut des Tempelberges bem�chtigen konnten. Den Nachrichten des Chronisten al-Makrizi zufolge wurde im Felsendom wieder die Messe gefeiert, und in der Moschee al-Aksa wurden Glocken aufgeh�ngt. Allerdings konnten sich die Christen nicht lange an ihren Erfolgen freuen.</p><p>Unter den Ajubiden hatten die inneren Auseinandersetzungen ihren H�hepunkt erreicht, und so brach 1244 der Bruderkrieg aus. Zur Unterst�tzung seiner Pl�ne zur R�ckeroberung der urspr�nglichen Machtbasis in Syrien hatte Sultan as-Salih chowaresmische Truppen angeworben (die Chowaresmier kamen urspr�nglich vom s�dlichen Aralsee), die sich seit der Zerschlagung der Herrschaft des Hwarizm-Schah durch die Mongolen als Soldtruppe verdingten. Als die Chowaresmier von Norden her in das Heilige Land eindrangen, trafen sie in Jerusalem auf keinen nennenswerten Widerstand und besetzten kurzerhand die Stadt. In einem blutigen Massaker, bei dem auch die Grabeskirche besch�digt wurde, vertrieben sie die christlichen Einwohner. Damit war Jerusalem f�r die Franken verloren, sie sollten die Stadt nie mehr zur�ckerobern. Bis zum Tod des letzten Ajubiden-Herrschers im Jahr 1250 blieb Jerusalem in der Hand der Ajubiden. Sultan al-Salih (Slt. 1240-1249) hatte auf dem Tempelberg zwar die �Qubbat al-Musa� errichten lassen, doch sah auch er Jerusalem als m�gliches Faustpfand zur Abwehr der f�r �gypten drohenden Gefahr durch die Kreuzfahrer. Doch war auch sein Sohn nicht gen�tigt, dieses Pfand einzusetzen.</p><p>Mit dem Tod Turandshahs begann die Herrschaft der Mamelucken. Sie sollten dreizehn Jahre ben�tigen, alle zuvor ajubidischen Herrschaften unter ihre Kontrolle zu bringen. Im Jahr 1251 bot der Herrscher von Aleppo K�nig Louis IX. (dem Heiligen) von Frankreich (Kg. 1226-1270) Jerusalem an, wenn dieser ihm gegen die Mamelucken helfe. Der K�nig lehnte ab. Zwei Jahre darauf konnte sich der Mamelucken-Sultan Aibek in den Besitz Jerusalems bringen, doch ging die Stadt 1256 wieder an die Ajubiden verloren. Doch mit ihrem Sieg in der Schlacht bei Ain Dschalut in der N�he von Nazareth gegen die Mongolen im Jahr 1260 festigten die Mamelucken endg�ltig ihre Herrschaft in Syrien und Pal�stina. Von nun an wurde Jerusalem bis zum Ende dieser Dynastie von mameluckischen Gouverneuren verwaltet.</p><p>Die politische Bedeutung Jerusalems sank ins Nichts zusammen. Nicht einmal in der Verwaltung Syriens spielte die Stadt eine Rolle. Zun�chst stand ihr ein Gouverneur vor, dann ein Emir, der dem Vizek�nig von Damaskus unterstellt war. Dies bedeutete eine gewisse Aufwertung, denn die Gouverneure waren zun�chst lediglich Offiziere gewesen, w�hrend die Emire wenigstens aus den mittleren R�ngen der mameluckischen Hierarchie stammten. Doch dieser geringe politische Rang tat der religi�sen Bedeutung Jerusalems keinen Abbruch. Es begann eine rege Baut�tigkeit, die Heiligt�mer wurden restauriert, neue Koranschulen und Hospit�ler gegr�ndet. Der Tempelberg erhielt besondere Aufmerksamkeit. Dabei traten als Bauherren die Sultane, aber auch die Vizek�nige auf.</p><p>Sultan Baibars (Slt. 1260-1277) lie� die Mosaike an der Au�enfassade des Felsendoms erneuern. Das Dach der Moschee al-Aksa wurde im Auftrag von Sultan Qalawun (Slt. 1280-1290) neu gedeckt. Die gro�e Terrasse rings um den Felsendom wurde fertiggestellt, auch entstanden die Arkaden an der Westseite des Tempelberges. Auch der Brunnen westlich des Felsendoms wurde unter den Mamelucken-Sultanen errichtet. Sie verf�gten auch Dekrete, mit denen der Unterhalt des Tempelberges und der dort besch�ftigten Menschen geregelt wurde. In der Stadt selbst lie�en sich an ihrem Lebensabend viele Emire nieder, aber auch Verbannte lebten zahlreich in der Stadt. Diese taten sich ebenfalls mit der Stiftung von religi�sen Einrichtungen und dem Bau von H�usern hervor. Insgesamt entstanden zwischen 1267 und 1362 sechs Hospize, ein Zeichen f�r die Zunahme des Zustroms islamischer Pilger. F�r die t�glichen Bed�rfnisse entstanden B�der, M�rkte, Brunnen sowie Kan�le f�r die Wasserversorgung. Die Anzahl der Medressen, Schulen f�r islamisches Recht (fiqh), nahm stark zu, 27 sind aus dieser Zeit bekannt. Jerusalem wurde zu einem Zentrum des Studiums des Rechts. Auch der Sufismus, die islamische Mystik, bl�hte. Ber�hmte Sufis arbeiteten als Rechtsgelehrte in Jerusalem. Aber w�hrend Jerusalem sich zu einer islamischen Stadt entwickelte, blieb auch den Christen der Aufenthalt hier nicht verwehrt. Der Aufenthalt der Pilger in der Stadt und der Besuch der heiligen St�tten waren reglementiert. Es waren Abgaben zu entrichten, die teilweise empfindlich hoch waren. Mameluckische Dolmetscher und Geleitschutz wurden gegen das Entrichten einer Geb�hr gew�hrt. Vom Jahr 1330 an wurden die Pilger auch von den Franziskanern betreut, die auf dem Berg Zion ihr Kloster errichten durften. Der Orden hatte die Aufsicht �ber die heiligen St�tten der Christen im Heiligen Land erhalten. Sie konnten ihre Arbeit mit der Zustimmung der Sultane leisten. Die in Jerusalem lebenden Christen unterstanden den islamischen Gesetzen, mussten ihre Abgaben entrichten, blieben ansonsten aber unbehelligt. Dies galt auch f�r die kleine j�dische Gemeinschaft. Juden besa�en Grundeigentum und trieben Handel. In das Jahr 1267 f�llt die Gr�ndung der Ramban-Synagoge.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Toleranz in der islamischen Welt</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Die Muslime trennten bei der Einsch�tzung von Fremden streng zwischen denen, die den Islam anerkannten, und solchen, die ihre Religion ablehnten. Wer auch immer den Islam angenommen hatte, aus welchem Volk er auch stammte, galt als Mitglied der Gemeinschaft der Gl�ubigen, des �Hauses des Islams� (Dar al-Islam). Dagegen wurde von den Nicht-Muslimen, ungefragt, welcher Herkunft auch immer, als dem �Haus des Krieges� (Dar al-Harb) gesprochen. Mit dem Ende der Expansionsphase des Islams wurden andere Formen der Abgrenzung gefunden. Nun galten nicht-muslimische V�lker, mit denen Vertr�ge abgeschlossen wurden, als �Haus des B�ndnisses� (Dar al-Ahd), und es wurde auch vom �Haus der Waffenruhe� (Dar al Sulh) gesprochen. Neben dieser groben Einteilung, die insbesondere geo-politische Fragen betraf, gab es noch eine Gliederung der einzelnen Gruppen der Nicht-Muslime, die den Umgang mit dem einzelnen Menschen bestimmten. Dabei ist im Koran die religi�se Toleranz festgeschrieben, denn es hei�t in der Sure �Die Kuh� (2. Sure, Vers 257): �Es sei kein Zwang im Glauben�; auch soll den Nicht-Muslimen Schutz gew�hrt werden, wenn sie ihn brauchen, wie es in der 9. Sure �Die Reue� hei�t. (Vers 6: �Und wenn einer der G�tzendiener bei dir Schutz sucht, dann gew�hre ihm Schutz, bis er Allahs Wort vernehmen kann; hierauf lasse ihn die St�tte seiner Sicherheit erreichen. Dies weil sie ein unwissendes Volk sind.�) Atheisten, Polytheisten (die mehr als den einen Gott anbeteten) und G�tzenanbeter galten den Muslimen als minderwertig, Juden und Christen hatten dagegen eine Sonderstellung. Sie wurden als Anh�nger einer fr�heren, mittlerweile aber verf�lschten Offenbarung Gottes anerkannt, weshalb man ihnen zugestand, Teile der dem Propheten Mohammed geoffenbarten Wahrheit zu besitzen. Ausdr�cklich werden im Koran die Thora, die Psalmen und das Evangelium als Offenbarungen Allahs bezeichnet. So duldeten islamische Herrscher Angeh�rige der beiden �Buchreligionen� als Untertanen. Diese hatten die Oberhoheit des Islams und die Herrschaft der Muslime anzuerkennen. Geregelt wurde ihr Verh�ltnis zum islamischen Staat und untereinander durch die <emphasis>dimma.</emphasis> Wer in den Genuss dieses Vertragsverh�ltnisses kam, wurde als <emphasis>dimmi</emphasis> bezeichnet.</p><p>Dieses Recht wurde schon fr�h festgehalten. So �berliefert At-Turtusi (Sirag al-muluk, 110) einen Brief syrischer Christen an den Kalifen Omar I. (Klf. 634-644), in dem sie sich zur Einhaltung der f�r sie erlassenen Vorschriften verpflichteten. Darin hei�t es:</p><p>�Wir werden in unseren St�dten oder in deren Umgebung weder neue Kl�ster, Kirchen, Einsiedeleien oder M�nchszellen bauen, noch werden wir, sei es bei Tag oder bei Nacht, diejenigen instand setzen, welche verfallen sind oder in muslimischen Vierteln liegen.</p><empty-line/><p>Wir werden unsere Kinder nicht den Koran lehren.</p><p>Wir werden unsere Religion weder �ffentlich kundtun noch jemanden dazu bekehren. Wir werden keine Verwandten daran hindern, zum Islam �berzutreten, wenn sie das wollen.</p><p>[�]</p><p>Wir werden keine S�ttel besteigen, keine Schwerter umg�rten und irgendwelche Waffen weder tragen noch mit uns f�hren.</p><p>Wir werden uns an der Stirn scheren.</p><p>Wir werden uns, wo immer wir auch sein m�gen, gleich bekleiden, und wir werden uns den <emphasis>zunnar</emphasis> um die H�fte binden.</p><p>Wir werden unsere Kreuze oder B�cher weder in den Stra�en noch auf den M�rkten der Muslime zur Schau stellen. Wir werden die Glocken in unseren Kirchen leise l�uten.</p><p>Wir werden keine H�user bauen, die h�her sind als die der Muslime.</p><p>Wenn wir diese Verpflichtungen, f�r die wir selbst b�rgen, irgendwie verletzen, verwirken wir unseren Vertrag <emphasis>(dimma)</emphasis> und setzen uns den Strafen f�r Ungehorsam und Aufruhr aus� [zit. n. Lewis, II, 1982, S. 271-273].</p><empty-line/><p>Im Gegenzug f�r diese Erkl�rung gab der Kalif ein Sicherheitsversprechen <emphasis>(aman)</emphasis> ab, das die Unversehrtheit der Nicht-Muslime garantieren sollte. Die Religionsaus�bung der Juden und Christen wurde auf diese Weise gesch�tzt. Sie durften ihre jeweiligen Gottesh�user betreiben, ihre Religion frei praktizieren und ihre Angelegenheiten untereinander regeln, soweit nicht die Vorschriften der <emphasis>dimma</emphasis> und andere Gesetze des Islams betroffen waren. F�r die Gew�hrung dieser Freiheiten hatte jeder <emphasis>dimmi</emphasis> die Kopfsteuer <emphasis>(gizja)</emphasis> von einem Dinar im Jahr zu entrichten, was den Ausgaben einer mittelgro�en Familie f�r zehn Tage entsprach. Die Ableistung des Milit�rdienstes befreite einen Nicht-Muslim von dieser Steuer. Weiterhin zahlten Juden und Christen h�here Z�lle und Steuern als die Muslime. Der Handel der Nicht-Muslime untereinander wurde von den Bestimmungen ausdr�cklich ausgenommen. So hei�t es in einer dimma des 8. oder 9. Jahrhunderts:</p><p>�Die Gesch�fte, welche ihr mit einem von euch oder einem anderen Ungl�ubigen betreibt, werden wir nicht �berwachen und keine Frage danach stellen, solange ihr euch untereinander verst�ndigt� [zit. n. Lewis, II, 1982, S. 275].</p><p>Dagegen gab es Vorschriften, welche Art von G�tern nicht an Muslime verkauft werden durften: Wein, Blut, Schweinefleisch und Aas (das hei�t, nicht nach den Geboten des Korans geschlachtetes Vieh). Ein solches Gesch�ft mit Nahrungsmitteln, die im Koran verboten sind, war ung�ltig, der Kaufpreis wurde eingezogen, die Ware vernichtet. Wurde allerdings eine juristische Streitfrage von Juden oder Christen untereinander vor eine islamische Instanz getragen, so galt das islamische Recht als bindend. War unter Kalif Omar das L�uten von Kirchenglocken noch leise erlaubt gewesen, so wurde es sp�ter g�nzlich verboten. So erklangen lange Zeit im Heiligen Land nur dazu hergerichtete H�lzer, um die Gl�ubigen zum Gottesdienst zu rufen. Erst nach der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer klangen wieder Glocken in der Stadt.</p><p>Ausdr�cklich ausgenommen waren von der <emphasis>dimma</emphasis> alle unm�ndigen Kinder unter 15 Jahren, geistig Behinderte und Sklaven. Die Erreichung des 15. Lebensjahres, die Gesundung oder die Freilassung verpflichtete allerdings zur Zahlung.</p><p>Wenn diese Vorschriften auch staatlich sanktionierte Repressalien waren, so fanden sich zahllose Christen doch bereit, unter diesen Bedingungen in den islamischen Staaten zu leben. Der Grund hierf�r waren die vielen Abspaltungen von der Kirche, die ihre jeweils eigenen Lehren hatten. Diese Konfessionen waren unter der byzantinischen Herrschaft als Ketzerei verfolgt und schwer bestraft worden. Unter den islamischen Herrschern h�rte diese Art von Unterdr�ckung auf, alle christlichen Konfessionen galten gleich. So konnte sich unter der islamischen Vorherrschaft bis zu den Kreuzz�gen ein bl�hendes kirchliches Leben im Nahen Osten entwickeln.</p><p>Insbesondere die Kleidervorschriften unterlagen der Willk�r der Kalifen. So lie� Kalif al-Mutawakkil (Klf. 847-861) in einem Erlass genaue Vorschriften �ber die Kennzeichnung von Juden und Christen verk�nden. Es war das Tragen honigfarbener Kopfbedeckungen sowie ebensolcher Gurte <emphasis>(zunnar)</emphasis> vorgeschrieben und �� im Falle der Verwendung der Kappe zwei Kn�pfe daran anzubringen und andersfarbige Kappen zu tragen als die Muslime;��. Christliche Sklaven hatten an Brust und R�cken honigfarbene Stoffstreifen auf der Kleidung zu tragen. Auch die Frauen mussten honigfarbene Kopft�cher tragen, um zu zeigen, dass sie Christinnen waren [Lewis, II, 1982, S. 280].</p><p>Hatte sich, wie sich anhand der angef�hrten Vorschriften zeigt, die Behandlung der Nicht-Muslime zun�chst nach und nach versch�rft, so kam es im zehnten und elften Jahrhundert zu einer Lockerung ihres Verh�ltnisses zu den Muslimen. Dies zeigt sich insbesondere daran, dass nunmehr auch hohe Staats�mter von Juden und Christen bekleidet wurden. Sultan Az-Zahir (Slt. 1021-1036) erkl�rte ausdr�cklich, dass kein Jude oder Christ f�rchten m�sse, wegen eines solchen Amtes zum �bertritt zum Islam gezwungen zu werden. Er bekr�ftigte im Gegenteil, sie st�nden unter seinem Schutz.</p><p>Ein erneuter Umschwung kam mit den Kreuzz�gen. Nun wurden die in den islamisch beherrschten Gebieten lebenden Christen zu potenziellen Verr�tern, f�r die eigens Vorschriften erlassen wurden. In einer davon hei�t es:</p><p>�Wenn der Imam Schutzbefohlene von ihrem Land entfernen will, so ist ihm das ohne eine Begr�ndung nicht gestattet, jedoch ist es mit einer Begr�ndung gestattet. In unseren Tagen besteht die Begr�ndung darin, dass der Imam die Gef�hrdung der Sicherheit der Schutzbefohlenen seitens der Ungl�ubigen im Feindesland <emphasis>[ahl al-harb]</emphasis> bef�rchtet, dass sie hilflos und ohne St�rke sind oder dass der Imam die Gef�hrdung der Sicherheit der Muslime durch sie bef�rchtet, insofern sie den Feind �ber die Schw�chen der Muslime unterrichten k�nnten� [Qadihan, Fatawi III, 616, zit. n. Lewis, II, 1982, S. 284].</p><p>Die �Schutzbefohlenen� sind die <emphasis>dimmis,</emphasis> also Juden und Christen. Sie werden nicht allein als m�gliche Verr�ter, sondern auch als Opfer der fr�nkischen Eroberer angesehen. Insbesondere die Angeh�rigen der als ketzerisch geltenden Sekten, aber auch die Juden bedurften dieses Schutzes sehr wohl, denn auch sie z�hlten zu den Opfern der Kreuzfahrer. Man hatte sich nach der Eroberung Jerusalems nicht gescheut, die orthodoxen Christen zu foltern, um von ihnen das Versteck des �Wahren Kreuzes� zu erfahren. Und die j�dische Gemeinde war entweder in ihrer Synagoge verbrannt oder in die Sklaverei verschleppt worden. Andererseits stellten sich auch orientalische Christen, so die Einwohner Bethlehems, freiwillig unter den Schutz der fr�nkischen Ritter und halfen mit Rat und Tat bei der Eroberung des Landes. So war einerseits das Geheimnis des �Griechischen Feuers� (eine chemische Mischung, deren Brand nicht gel�scht werden konnte) an die Kreuzfahrer verraten worden, aber wohl auch die Nachricht von den ungeheuren Sch�tzen des Felsendoms zu dem Kreuzfahrerf�rsten Tankred gelangt. Beide Nachrichten waren keine unwesentlichen Beitr�ge zur Eroberung Jerusalems gewesen, die eine machte die m�chtigste Verteidigungswaffe wirkungslos, die andere stachelte die Gier der Eroberer noch mehr an.</p><p>Im dreizehnten Jahrhundert wurden die Ungl�ubigen aus allen �mtern entfernt. Man unterstellte ihnen, innerhalb der Gemeinschaft der Gl�ubigen nur Verwirrung stiften zu wollen und dem islamischen Staat zu schaden. Neben den gesetzlichen Sanktionen f�r die nicht-muslimischen Untertanen kam es allerdings wiederholt auch zu spontanen �bergriffen auf Juden und Christen.</p><p>Ausl�ser von Pogromen konnten allt�gliche Ereignisse sein, wenn zum Beispiel von den Muslimen bef�rchtet wurde, ein Angeh�riger einer anderen Religion ma�e sich einen zu hohen Rang an. So kam es im M�rz/April 1301 im �gyptischen Alexandria zu einer Christenverfolgung, von der Al-Maqrizi (Suluk I. 909-913) berichtet. Sultan Qalawun (Slt. 1279-1290) verf�gte eine Kleidervorschrift, um den von den Christen in Kairo und Fustat betriebenen Luxus zu unterbinden. Auch durften Angeh�rige der beiden Religionen nicht mehr in den Amtsstuben des Wesirs oder der Emire arbeiten.</p><p>Hatte der Sultan mit seinem Erlass zun�chst lediglich eine gesetzliche Regulierung des Luxus im Auge, wenn auch mit dem erkl�rten Ziel, die Ungl�ubigen zu erniedrigen, so waren die Folgen doch weitaus schlimmer als wohl beabsichtigt. �Als der Sultanserlass bez�glich der <emphasis>dimmis</emphasis> der Bev�lkerung von Alexandria zu Ohren gekommen war, wandte diese sich gegen die Christen und zerst�rte zwei ihrer Kirchen. Au�erdem zerst�rte sie j�dische und christliche H�user, welche die benachbarten muslimischen H�user �berragten. Auch im Fajum wurden zwei Kirchen zerst�rt� [zit. n. Lewis, II, 1982, S. 288].</p><p>Der Erlass war also Anlass zu einem Pogrom geworden. In der Folge beriet eine Versammlung von islamischen Rechtsgelehrten �ber die Rechtm��igkeit der Zerst�rung dieser Kirchen. Man kam zu dem Schluss, dass es nur dann rechtens sei, eine Kirche zu zerst�ren, wenn diese erst in islamischer Zeit errichtet worden war, wie es schon unter Kalif Omar Jahrhunderte zuvor festgelegt worden war. Die Kirchen Kairos blieben ein ganzes Jahr geschlossen. Erst auf die Bitten christlicher Herrscher hin wurden sie wieder ge�ffnet.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Die Templer und die Muslime</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Die strengen Gesetze des Islams verhinderten aber nicht, dass auch freundschaftliche Kontakte zwischen Muslimen und Christen entstanden. In der Zeit der Kreuzz�ge war dies auch gut m�glich. In den Auseinandersetzungen untereinander kamen die islamischen Herrscher nicht umhin, Vertr�ge mit den Kreuzfahrern gegen ihre eigenen Glaubensgenossen zu schlie�en, ja mit ihnen gemeinsam in die Schlacht zu ziehen. In den Ritterorden dienten unter den �Turkopolieren� Truppen von muslimischen K�mpfern, die als Einwohner des Landes f�r viele Eins�tze besser geeignet waren als die Europ�er. Der syrische Ritter Usama ibn Munqid berichtet in seinem Werk <emphasis>Kitab al-Itibar</emphasis> (Buch der Belehrung durch Beispiele) von seinen Kontakten zu den Templern. Er besuchte sogar deren Hauptquartier in der Moschee al-Aksa. Als er dort in einer kleinen Moschee beten wollte, versuchte ihn ein neu aus dem Westen gekommener Ritter daran zu hindern. �Gleich eilte eine Gruppe von Tempelrittern zu ihm, nahm ihn und f�hrte ihn von mir weg. Ich widmete mich wieder dem Gebet. Doch der Franke �berrumpelte die Tempelritter, fiel noch einmal �ber mich her und drehte mein Gesicht wieder nach Osten. �So musst du beten!�, rief er. Die Templer kamen zur�ck und holten ihn hinaus. Dann entschuldigten sie sich bei mir: �Er ist noch fremd. Erst dieser Tage ist er aus dem Frankenland angekommen. Er hat noch nie jemand gesehen, der nicht nach Osten gewendet betet!�� [Usama ibn Munqid, 1981, S. 151]</p><p>Der syrische Ritter sah diesen Vorfall als ein Beispiel f�r die �rohen Sitten� der Franken an. Er bezeichnet aber die Templer als �meine Freunde�, was f�r recht enge Kontakte zu ihnen spricht. Ihre Beziehungen waren offensichtlich von gegenseitigem Respekt und Anerkennung gepr�gt, was allerdings mehr die jeweiligen ritterlichen Qualit�ten der M�nner betraf.</p><empty-line/><p>J�rg Dendl</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Angef�hrte Literatur:</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Francesco Gabrieli, <emphasis>Die Kreuzz�ge aus arabischer Sicht,</emphasis> Z�rich 1973</p><p><emphasis>Der Islam � Geschichte, Religion, Kultur,</emphasis> Ankara 1973</p><empty-line/><p>Bernard Lewis, <emphasis>Der Islam von den Anf�ngen bis zur Eroberung von Konstantinopel,</emphasis> 2 Bde. Z�rich 1982</p><empty-line/><p>Donald P. Little, <emphasis>Jerusalem under theAyyubids and Mamluks 1187-1516 AD,</emphasis> in: Jerusalem in History, K. J. Asali (Hg.), Victoria House 1989, S. 177-199</p><empty-line/><p>F. E. Peters, <emphasis>Jerusalem,</emphasis> Princeton (NJ) 1985 Usama ibn Munqid, <emphasis>Unterhaltsames und Belehrendes aus der Zeit der Kreuzz�ge,</emphasis> Holger Prei�ler (�bers./Hg.), Leipzig/Weimar 1981</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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