<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>adv_history</genre><author><first-name>Phillip</first-name><last-name>Espen</last-name></author><book-title>Die Verschw�rung von Toledo</book-title><annotation><p>Eigentlich will Henri, der Tempelritter, nur seine innere Ruhe wieder finden. In Toledo besucht er eine j�dische Schule, die die geheime Kabbala lehrt. Doch pl�tzlich befindet er sich in einer m�rderischen Intrige, die mit ihrem bedingungslosen Hass nicht nur das Leben der gesamten j�dischen Gemeinde, sondern auch sein eigenes bedroht.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Tempelritter" number="4"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-05-05">05.05.2013</date><id>021FA0C0-BAE8-4DC9-A059-EC09FDE7D0F0</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2003</year></publish-info></description><body><section><title><p><strong>ERSTER TEIL</strong></p></title><section><title><p><strong>1</strong></p><p><emphasis><strong>Fr�hsommer 1315, um Trinitatis</strong></emphasis></p></title><p>Auf hoher See kam Sturm auf. Die Wasser hoben sich schwerf�llig zu Brechern, rasten heran und fielen urpl�tzlich mit Get�se in sich zusammen.</p><p>In der Nacht entstanden auf einmal gef�hrliche Wirbel. Sie schleuderten die �K�nig Philipp� ohne Vorwarnung herum, das Ruder musste in Windeseile verst�rkt werden. Bald darauf sah die Besatzung jedoch die Vergeblichkeit ihrer Bem�hungen ein und gab das Achtersteuer auf. Haushohe Wellenk�mme w�lzten sich heran, warteten einen Moment wie triumphierend in der H�he, als wollten sie ank�ndigen, gleich alles zu zerschlagen.</p><p>Auch die hart gesottensten Matrosen gerieten bei diesem Anblick au�er sich und klammerten sich an die Halteseile. Die Deckaufbauten gerieten immer wieder unter eiskalte Wassermassen. Die St�rme machten sich ein Vergn�gen daraus, das Schiff wie einen Spielball zu behandeln. Die K�sten des spanischen Festlandes, wohin man von den Balearen aus aufgebrochen war, schienen unerreichbar weit.</p><p>�Kehren wir um nach Mahon, denn Barcelona erreichen wir nie! Diese Fahrt ist verflucht!�</p><p>�Halt�s Maul! Sonst wirst du gekielholt!�</p><p>�Oder wir ersaufen alle!�</p><p>Wenn Henri de Roslin, den es nicht in seinem Kabinenverschlag auf dem Vorratsdeck hielt, nach vorn blickte, sah er eine graue Wasserwand. Schaute er zur�ck, spr�hende, wei�e Gischt. Der Himmel war niedrig, das Meer hautnah. Alles wollte zu Wasser werden. Und die Gespr�che der Mannschaft wurden immer gereizter.</p><p>Es vergingen die Tage, die N�chte. Selbst die alten Seeleute beteten und schlugen Kreuze. Es war unm�glich, die Tage der Heiligen Dreifaltigkeit zu feiern. Wer von der Besatzung das Bed�rfnis versp�rte, das Glaubensgeheimnis der Dreieinigkeit Gottes zu begehen, wurde vom mitgereisten Priester vertr�stet, der seekrank am Achtersteven sa�.</p><p>Die einfachen Instrumente zeigten wegen des Schlingerns und des Falls ins Bodenlose l�ngst nichts mehr an, gar nichts. Und die V�gel flogen nur noch so niedrig, dass sie sich in der Takelage verirrten. Henri sprach mit dem Kapit�n, einem gedrungenen Katalanen, der Del Bosque hie�, dar�ber; gemeinsam beobachteten sie eine Seeschwalbe, die sich in den Tauen verhedderte. Das Tier schlug wild mit den Fl�geln, es hing an einem Bein fest und hackte es sich am Abend ab. Henri erschien der Anblick wie ein b�ses Omen. Bevor der Meeresvogel in die Fluten st�rzen konnte, sprang Henri hinzu und fing ihn auf. Er nahm sich vor, den Vogel zu pflegen, bis die spanische K�ste in Sicht k�me.</p><p>Dann, nach einer Woche Fahrt, unter Gebrauch des wieder getrockneten Magnetsteins und des noch immer mit einer dicken Salzkruste bedeckten Jakobstabs, glaubte Henri, der dem Navigator zur Hand ging, eine K�stenlinie auszumachen. Er starrte den ganzen Nachmittag hinaus in das tr�be Grau, dann wusste er, dass es eine T�uschung war. Und auch der Schiffsjunge hoch oben im Ausguck schwieg.</p><p>Vor seinen Augen, die inzwischen ob der Anstrengung tr�nten, lag Wasser, das jede Begrenzungslinie nun wieder �bersp�lte mit Sturzfluten von sch�umenden Wellen. Die Welt versank im feuchten Element wie ein Kontinent, den jetzt die Sintflut holte.</p><p>Henri de Roslin gr�belte dar�ber nach, wie unsicher das menschliche Leben war, wenn der Herrgott nicht auf ihrer Seite weilte. In Frankreich, woher Henri kam, herrschte nach dem gewaltsamen Tod des K�nigs das nackte Chaos. Und hier auf See drohte der endg�ltige Untergang. War denn nicht schon die Fahrt nach Menorca gefahrvoll genug gewesen? Hatten die Menschen etwas verbrochen, das dieses Unheil rechtfertigte? War er selbst, der K�nigsm�rder Henri de Roslin, daran schuld? Henri sp�rte seine Zweifel und ein Schuldgef�hl vor Gott, aber er wollte nicht beichten. Und der Priester, dem er nicht vertraute, murmelte nur ergeben das Motto von Trinitatis herunter: �Christus ist das Mensch gewordene Wort Gottes, aber wir beten zum Vater, durch Christus, im Heiligen Geist. Amen!�</p><p>Henris Gr�beln nahm schnell ein Ende. Die banale Gegenwart nahm alle Sinne in Beschlag. Er musste sich krampfhaft an den Seilen festhalten. Er konnte nicht absch�tzen, ob die Karavelle ausreichend seet�chtig war, um weitere St�rme auf offener See zu �berstehen. Im Mahlwerk eines solchen Sturms schien sie verloren.</p><p>Die Seem�nner an Bord waren gewiefte Handwerker und instrumentenkundige Navigatoren, auf allen bekannten Gew�ssern zu Hause. Aber konnten sie navigieren, wenn die Koordinaten in einem offensichtlich ung�nstigen, g�ttlichen Ratschluss verloren gingen?</p><p>Die Matrosen fragten sich, was sie in den n�chsten Stunden erwartete. Das Mittelmeer zwischen Menorca und der spanischen Ostk�ste war eine bekannte Zone, aber wenn die Prophezeiungen f�r dieses Jahr eintraten, von denen jeder munkelte, dann kehrte sich alles um. Dann versank die Welt in Dunkelheit, dann behielten die Unkenrufer zu Hause Recht. Und w�rde ihnen dann das Unvorstellbare hier im S�den der Weltenscheibe begegnen? Ein Antimond, schwarze Sterne, ein kopfstehender gro�er Wagen, das geh�rnte Tierkreiszeichen des Stieres im Juni mit dem Schwanz eines Juli-Krebses? Furcht erregende Ausgeburten? Naturgewalten, die alles zermahlten, Wellen, die bis zum Himmel reichten und dar�ber hinaus? Strudel oder einfach nur L�cher im Wasser bis hinunter zum Grund?</p><p>Manche Seeleute an Bord hatten allerdings auch ohne den vorhergesagten Weltuntergang schon Wellen gesehen, die sich drei�ig Meter hoch aufbauten, und sie erz�hlten Henri de Roslin jetzt mit bebenden Lippen davon. Wellen mit einem blendend wei�en Kamm und leuchtenden Wasserf�llen an der Frontseite; ein Plankenschiff, gleich, welcher Gr��e, das damit zusammenprallte, existierte zehn Herzschl�ge sp�ter nicht mehr. Die M�nner hatten schon St�rme erlebt, die mit einem St�hnen, als seien sie �ber sich selbst entsetzt, ganze Flotten in St�cke schlugen.</p><p>Auf Befehl des Kapit�ns hatte die Besatzung schon am Vortag, als der Sturm sich ank�ndigte, alles von Deck geschafft, was nicht festgezurrt war. Die Taue um die Ladung im Unterdeck, dickleibige F�sser, K�sten, Jutes�cke und Lederbeutel, waren verst�rkt worden, die Zurrringe in der Takelage angezogen. Jeder Matrose hatte freiwillig auf alles �berfl�ssige verzichtet und es �ber Bord geworfen. Die Karavelle musste leichter werden und t�nzerischer mit den Fluten umgehen k�nnen. Im Proviantraum blieb nur das N�tigste. Halbleere F�sser mit Nahrung und Trinkwasser wurden umgef�llt, um neue Gefahren bei sich ver�ndernden Gewichtsschwerpunkten zu vermeiden, geleerte F�sser gingen �ber Bord.</p><p>Henri de Roslin hatte eine solche Seereise noch nicht erlebt. Der Sturm bei der �berfahrt vor Wochen vom franz�sischen Le Grail du Roi auf die Balearen war mit seem�nnischem K�nnen beherrschbar gewesen. Und selbst die davor �berwundenen Gefahren eines in Aufruhr befindlichen Frankreichs schienen ihm in der Erinnerung geringer gewesen zu sein. Jetzt zitterten selbst die Matrosen vor Angst. Sie arbeiteten mit wie gel�hmt scheinenden H�nden.</p><p>Wenn Henri de Roslin sich nicht daran erinnert h�tte, warum er diese Fahrt �ber die tobende See auf sich nahm, w�re er genauso mutlos geworden. Aber er dachte an seine Gef�hrten, die buchst�blich die Steine des Kerkerturms von Fontainebleau erweicht hatten. Voller Liebe dachte er an Uthman ibn Umar, den sarazenischen Korangelehrten, der bereits vor Wochen nach Cordoba zur�ckgekehrt war. An Joshua ben Shimon, den j�dischen Mystiker, der ihn hoffentlich in Toledo erwartete. Und an die anderen, die ihn w�hrend der letzten schlimmen Monate begleitet hatten, seinen Knappen Sean of Ardchatten, der an Joshuas Seite geblieben war, die Tempelbr�der Gottfried von Wettin und Jacques de Charleroi.</p><p>Sie alle hatten ihn gedr�ngt, nach Toledo zu reisen. Dort, in der gr��ten Stadt der iberischen Christenheit, w�rde er in die Geheimnisse der Kabbala eingeweiht werden, der neuesten, tiefsten und geheimnisvollsten j�dischen Kunst der Auslegung der Bibel. Denn Joshua ben Shimon behauptete, das Wort sei die Waffe, die Henri jetzt gegen seine Feinde brauche, die �berall lauerten. Er war fest davon �berzeugt, den Worten wohne eine verborgene, zwingende Sch�pferkraft inne.</p><p>Joshua hatte beschw�rend gesagt: �Uns gen�gt es, den Namen zu kennen, um damit Macht �ber seinen Besitzer zu bekommen. Es muss aber der wahre Name sein. Denn hinter jedem Wesen oder Ding steht eine Idee, die es formt � <emphasis>nomen est omen.</emphasis> Lerne diese Macht zu erkennen und f�r dich zu nutzen! Schmiede eine Waffe gegen deine Feinde daraus! Dann wirst du �berleben!�</p><p>Henri wurde in seinen Gedanken unterbrochen und konnte sich nur m�hsam auf den Beinen halten. Das Schiff wurde hin und her geschleudert. Er blickte in die bleichen, erschreckten Gesichter der Seeleute. Wenn die armen Seelen daran d�chten, was ihnen in diesem Sturm wirklich passieren k�nnte, dachte Henri, w�rden sie vielleicht gleich �ber Bord springen.</p><p>Und als h�tten sie seine Gedanken tats�chlich vernommen, konnten in der folgenden Nacht zwei Br�der aus Aigu�s Mortes ihre Angst nicht l�nger niederk�mpfen. Die jungen Matrosen zogen ein schnelles Ende in den sturmgepeitschten Wellen vor.</p><p>Die Matrosen mussten von dem erschreckenden Gedanken �berfallen worden sein, dass es da drau�en etwas gab, das alles Vorstellbare �berstieg.</p><p>Etwas, das es auf sie abgesehen hatte!</p><p>Die an Bord starrten in ihr nasses Grab. Sie waren dar�ber so best�rzt, dass sie f�r den Rest des Tages ihre Arbeit nur unter Ermahnungen verrichten konnten. Auch der Kapit�n wusste keinen Rat mehr. Der Priester schlug mit bleichem Antlitz seine Kreuze, und die meisten Matrosen taten es ihm nach.</p><p>Henri streunte in den Stunden nach diesem Geschehen auf Deck herum wie eine nasse Raubkatze. Die Kabbala-Schule in Toledo war wieder aus seinen Gedanken verschwunden. Es gab nur das Hier und Jetzt. Eine gnadenlose Hellsichtigkeit bem�chtigte sich seiner. Er sah in die Fluten. Jetzt war er nicht mehr der verfolgte Tempelritter aus Schottland, der in Frankreich seine Feinde und seine Bestimmung gefunden hatte, er war ein hinf�lliger, ein namenloser Seemann wie die anderen. In seinem Kopf mahlte und mahlte es ebenso wie drau�en auf See. Er dachte an die Seelenqual eines Matrosen, der �ber Bord sprang. Eine solche Tat, dachte er schaudernd, muss einem absoluten Ungl�cklichsein entsprechen. Denn man tauscht ja nur eine H�lle gegen eine andere ein. W�re ich zu einer solchen Tat f�hig?</p><p>Nein, dachte er �berzeugt, es entspricht nicht meinem Glauben, das Leben wegzuwerfen. Und nicht meinem Naturell, aufzugeben. Ich muss k�mpfen.</p><p>Aber wie furchtbar das sein muss, dachte Henri. Unter Wasser h�rt man gewiss das Toben der See nicht mehr, in den Ohren braust dann etwas anderes. Die Luft in der Lunge reicht noch eine Weile. Und die Ertrinkenden w�rden den Atem anhalten � gegen jedes bessere Wissen. Obwohl sie den raschen Tod gew�hlt haben, wollen sie wenigstens diese Zeit noch aushalten, das sagt ihnen ihr Lebenstrieb. Oder was ist es, was dann zu ihnen spricht?</p><p>Etwas Tr�stliches?</p><p>Etwas Gemeines?</p><p>Henri wusste es nicht. Er wollte aufh�ren, sich das vorzustellen. Hatte er nicht ganz andere Sorgen? Um seine letzten verbliebenen Tempelbr�der in Frankreich? Ob sie nach der Ermordung des Papstes und des K�nigs entkommen konnten? Ob die Kerker in Paris sich endlich leerten? Ob die Gerechtigkeit doch noch siegte? Aber er schaffte es nicht, seinen inneren Mahlstrom zu beenden. In ihm dachte es weiter�</p><p>� irgendwann ist keine Atemluft mehr da, und der Drang zum Atmen wird unertr�glich. Wenn man nicht atmet, schwinden die Sinne, atmet man, dringt eisiges, salziges Wasser in die Lunge. Der Instinkt der Kreatur in uns, dachte er, f�hrt sicher dazu, dass wir nach Luft schnappen. Nimmt man diesen Vorgang wahr, als l�se man sich auf wie ein Farbfleck auf dem Ozean? Woran die beiden ungl�cklichen Matrosen wohl gedacht hatten? Wohl an das N�chstliegende. Zum Beispiel, ob noch ein St�ck Segeltuch gesetzt werden kann, um dem Wetter zu trotzen. Wenn die Ertrinkenden den ersten unfreiwilligen Atemzug tun, beginnt der Todeskampf. Der Hals wird zugeschn�rt wie von einem Galgenstrick. Man versinkt wie eine leckgeschlagene Galeere. In dem Gef�hl, ein Felsklotz zu sein, der im Mahlstrom des Meeres auf den Grund sinkt, trudelt man ab und wird bereits tot sein, wenn man auf dem Grund aufschl�gt.</p><p>Ja, so musste es sein. So schrecklich. Es wartete die H�lle.</p><p>Oder wartete ganz unten, auf dem Boden des irdischen Lebens, eine andere Helligkeit, ein neu geschenktes Leben, die Pforte zum Paradies?</p><p>Niemand auf der Erdenscheibe konnte etwas �ber diese Dinge wissen.</p><p>�ber den K�pfen der Schiffspassagiere wanderte stumm und hell der Mond. Er lag waagerecht am Himmel und besa� die Form eines auf den Wassern des Nachthimmels fahrenden Nachens. Henri kannte die Mondsichel der s�dlichen Gefilde schon aus dem Heiligen Land und aus Arabien, sie kam ihm jetzt vor wie ein Kahn, der ihnen auf dem Weg in den Abgrund vorausfuhr. Er zog sie wie ein Lotse. Die Matrosen stie�en sich an und zeigten mit den Fingern in die H�he.</p><p>Kapit�n Del Bosque sammelte seine Mannschaft um sich. Sie befanden sich alle im vorderen Teil des Schiffes. Nur ein Notdienst stand an den Brassen. Da die Sterne jetzt wieder zu sehen waren, holte der Navigator seinen nautischen Almanach, den er zuvor mit einem gottesl�sterlichen Fluch von sich geworfen hatte, und versuchte, sich zu orientieren. Er hielt den Astrolab aus Holz und Messing, den ihm ein Maure aus Isfahan geschenkt hatte, an sein rechtes Auge.</p><p>�Was kannst du damit sehen?�, fragte ihn Henri.</p><p>�Ich habe eine drehbare Sternenkarte und dar�ber eine Scheibe mit Horizont, H�henlinien und Himmelsrichtungen. Mit den gemessenen Gestirnsh�hen kann ich die Zeit und den Ort bestimmen. Es ist ein Modell der Welt.�</p><p>�Und wo befinden wir uns, Navigator?�</p><p>�Im Nichts! Ich wei� es nicht besser auszudr�cken.�</p><p>Er wendete sich ab und benutzte ein Viertelkreisinstrument, um die H�he der Sterne �ber dem Horizont zu bestimmen. W�hrend er seine Beobachtungen mit einem horologischen Rechenschieber verglich und in ein schon beschriebenes �quatorium aus Pergament mit roter Tinte notierte, bangten die Zuschauer. Der Navigator murmelte: �Ich muss die Winkel bestimmen, die der Mond mit den Fixsternen bildet. Dann habe ich unsere L�nge.�</p><p>�Wir m�ssen nach Westen, Mann! An die spanische K�ste!�</p><p>Der Navigator versuchte es wieder und wieder. Dann seufzte er bek�mmert und �berlie� das Schiff seinem Schicksal. �Es ist nicht Gottes Wille�, sagte er, �dass wir wissen, wo wir sind.�</p><p>Der Steuermann fluchte und stapfte nach Achtern zum Tiefenruder. Aber an eine kontrollierte Fahrt war im Augenblick nicht zu denken, denn die unbarmherzige Faust des Sturmes schob das Schiff widerstandslos hin und her, aber immer weiter hinaus auf die stockdunkle, sch�umende See.</p><p>Schon l�ngst hatten die beiden Schiffsjungen es aufgegeben, das Stundenglas der Sanduhr umzudrehen, denn es regierte ein anderes, gnadenloseres Uhrwerk als das von fallenden Sandk�rnern, die sich zu einem unbarmherzigen Haufen aufschichteten.</p><p>Als die n�chste Nacht hereinbrach und lange, zu lange, anhielt, taten die Seeleute das, was sie in �hnlichen Situationen immer taten. Sie waren damit besch�ftigt, sich mit ihren wenigen verbliebenen Habseligkeiten zu umgeben. Auf kindische Weise bem�hten sie sich, es sich ertr�glich zu machen. Ein Matrose balgte sich ausdauernd mit seinem Hund, ein anderer z�hlte seine vergoldeten Solidis und kupfernen Maravedis, ein dritter klammerte sich an seinen Talisman. Der Schiffsjunge betrachtete lange seine gro�en H�nde. Der Gehilfe des Kochs legte die sch�nsten seiner Muscheln im Kreis um sich und ver�nderte von Zeit zu Zeit ihre Lage. Auf diesem Ozean war es in dieser Nacht so erschreckend, dass jeder sich bem�hte, in seine eigenen kleinen Banalit�ten abzutauchen. Jeder zog sich seinen pers�nlichen Kreis, um mit hilfloser Magie in der sichtbaren Welt zu bleiben.</p><p>Der Priester betete seit Stunden. Und er musste Fragen beantworten.</p><p>�Wenn wir jetzt Trinitatis feiern, sind die drei g�ttlichen Personen doch gleich gestellt. Bleibt diese Gleichheit auch danach noch bestehen?�</p><p>�Ja, mein Sohn. Trinitatis ist nur der H�hepunkt dieser Sichtweise. Wir glauben an die Dreieinigkeit Gottvaters. Wir beten gleicherma�en an Gott, Christus und den Heiligen Geist.�</p><p>�Zu jeder Zeit?�</p><p>�Jetzt und immerdar.�</p><p>�Amen.�</p><p>Henri beobachtete die gef�hrliche Stille an Bord mit Sorge. Der Beamte des K�nigshauses aus Segovia, der zu einem Prozess gegen H�retiker aus Frankreich zur�ckgerufen wurde, sa� zusammengekauert unter dem Segeldach des Kapit�ns. Ein junger Matrose aus Mahon schabte ungelenk mit Kohle seinen Namen auf einen Schal und wand ihn sich um den Hals. Einige M�nner, die Empfindlichsten, waren unter Deck verschwunden und blieben dort.</p><p>Dann flaute der Sturm pl�tzlich ab. Henri besprach sich mit dem katalanischen Kapit�n, und gemeinsam gingen sie auf dem Deck herum und sprachen den Matrosen Mut zu.</p><p>Aber am Ende der Nacht, noch war alles schwarz, zeigte die See wieder eine beunruhigende Seite. Ringsherum starrten pl�tzlich phosphoreszierende, gr�ne Augen aus dem Wasser auf das Schiff. Es leuchtete und blinkte. St�ndig bewegte sich etwas im Wasser, stumpf oder leuchtend, tauchte empor, schmatzte und verschwand, K�pfe erhoben sich und zogen sich wieder zur�ck. Die Vorstellung, welche Ungeheuer direkt unter dem d�nnen Plankenboden des Schiffes herumschwammen, sich vielleicht in ebendiesem Moment daran festsaugten, um es zu vernichten, lie� manchem hart gesottenen Seemann Schnee �ber den Nacken rieseln.</p><p>Danach starrten die M�nner wieder hinaus, wo sich schwarzes Wasser mit tintenschwarzem Himmel verschwisterte. Es war tief in der Nacht, und das Schiff lief v�llig ohne Kontakt zur bekannten Welt in die Dunkelheit hinaus. An Schlafen dachte niemand. Die meisten Sterne lagen hinter dicken Wolken. Und der Mond war l�ngst verschwunden, der Nachen seiner wei�en Sichel in einen unbekannten Hafen eingelaufen.</p><p>Der Navigator besch�ftigte sich wieder mit seinen Instrumenten, aber sein Gesicht dr�ckte Ratlosigkeit aus. Und die �brigen M�nner starrten hinaus, um etwas zu erkennen. Sie lasen, soweit sie es vermochten, den Stand von Georgsharfe, Pegasus, Tigerthier und Berg Maenalus vom Himmel ab, jedes kleinste, sichtbare Ereignis wurde begierig aufgenommen. Jedes winzige Zeichen, konnte entscheidend sein und musste gedeutet werden.</p><p>Dies war der Zeitpunkt, an dem sich die M�nner, um wieder zu Verstand zu kommen, fragten, woran sie eigentlich glaubten. Henri de Roslin lauschte ihren lebendigen, kehligen Stimmen mit den Akzenten der provenzalischen K�stenregionen, im Br�llen des Meeres und im Schweigen unter diesem befremdlichen Himmel.</p><p>Als der Morgen graute, gab es die Karavelle immer noch. Der Priester sprach ein Dankgebet. Selbst die verletzte Seeschwalbe flatterte umher.</p><p>Aber noch bevor die Seeleute sich dar�ber klar werden konnten, warum die spanische K�ste unter der aufgehenden Sonne nicht in Sicht kam, nahm der Sturm ohne Vorwarnung wieder zu. Eben noch war das Meer in fast v�lliger Windstille �lig glatt gewesen. Jetzt sah es grauschwarz aus wie verdorbener Fisch. Ein heimt�ckischer Wind kroch in Gegenrichtung zum Schatten der am Bug angenagelten Sonnenuhr aus Nordosten nach S�dwesten. Der Kapit�n war erfahren genug, um zu wissen, dass ein solcher Wind in diesen Breiten einen weiteren gef�hrlichen Sturm ank�ndigte. Man beobachtete die Wetterinstrumente.</p><p>Der Kapit�n vertraute sich Henri an. �Die Wetter laufen gew�hnlich von links nach rechts. Ein trockener Sturm immer, nur ein nasser Sturm in Ausnahmef�llen nicht. Dies hier ist so ein verdammter Ausnahmefall!�</p><p>Ein Matrose, der neben Henri an der Reling stand, brachte es auf den Punkt: �Es ist ein <emphasis>kranker Wind!�</emphasis></p><p>Der Himmel bedeckte sich, aus dem Meer erhob sich pl�tzlich ein lautes Br�llen. Die Wasseroberfl�che raute auf, als dr�ngten Millionen von Tieren aus dem Meeresgrund herauf ans Licht. Wasserberge t�rmten sich erneut auf, bauten sich himmelhoch hinter der Karavelle auf und st�rzten als Brecher auf sie, um das Schiff zu begraben. Der Abstand, in dem die Wellen kamen, wurde immer k�rzer; sie schlugen aufeinander, die zur�ckrollenden Wellen brachen sich auf den nachdr�ngenden. Und mittendrin die Karavelle, die nur eines schaffen konnte � nicht querzuschlagen. Alle Matrosen k�mpften verbissen dagegen an.</p><p>Eine volle Breitseite traf die Karavelle in einem Moment, als die Besatzung an Luv mit der Beseitigung des Wasserschadens besch�ftigt war. Das Schiff wurde nach links geschleudert. Nur das beherzte Emporklettern der gesamten Besatzung auf dem sich schon gef�hrlich neigenden Deck verhinderte das Leckschlagen. Die Karavelle schwankte einen Moment lang zwischen Umkippen und Schwimmen, konnte sich nicht entscheiden � und senkte sich �chzend wieder.</p><p>Als die Mannschaft danach durchgez�hlt wurde, fehlten vier weitere M�nner.</p><p>Vor ihnen schien nun ein H�llenschlund zu liegen, aus dessen aufgerissenem Rachen hei�er Atem und �ble Ger�che kamen. Beides fuhr in das Meer und w�hlte es w�tend auf. Heulend tobte der hei�e Atem in der Takelage. Die erfahrensten Seeleute kannten diese Ger�usche, sie waren gewohnt, die St�rke eines Sturmes danach zu beurteilen. Ein Heulen bedeutete Sturm. Wenn der Wind sich aber der Orkanst�rke n�herte, dann schrie er.</p><p>Er schrie.</p><p>W�rde man jetzt den Wracks all jener Schiffe begegnen, die an der St�tte des kranken Windes schon vor ihnen zerschellt waren? Oder traf man sie unversehrt jenseits der Wetterbarriere, im neuen Glanz des unwirklichen Lichtes einer anderen Welt, von der die Schriftkundigen und Geistlichen erz�hlten?</p><p>Henri w�nschte sich, die Geheimnisse der Kabbala schon jetzt zu kennen. Denn wenn es stimmte, dass einem die Menschen und die Dinge zu Willen sein mussten, sobald man ihren wahren, ihren geheimen Namen kannte und Buchstabe f�r Buchstabe aussprach, dann w�rde er die Unwetter b�ndigen. Er w�rde sagen: �Sturm!� Und der Sturm w�rde ihn anblicken und ergeben auf seine Befehle warten. Henri sch�ttelte den Kopf. Nein, so einfach war es sicher nicht. Daran glaubten nur die Narren und die Hexen. Vielleicht stimmte �berhaupt nichts von dem, was die Kabbalisten behaupteten und was Joshua ben Shimon ihm erz�hlt hatte.</p><p>Aber seine Gef�hrten Joshua und Uthman hatten die Geheimzeichen der Steinmetze am Donjon des K�nigssitzes in Fontainebleau gedeutet und damit f�r ihn den Fluchtweg ge�ffnet! Sie hatten den wahren Namen der Mauern gekannt und beschworen!</p><p>Henri blieb ruhelos. Er vernahm die ganze Nacht �ber die monoton murmelnde Stimme des Priesters, der sein ganz pers�nliches Trinitatis zu feiern schien. �Die Liebe Gottes ist ausgegossen durch den Geist� Er hat die Welt so geliebt� so geliebt� dass er seinen einzigen Sohn hingab. Deshalb glauben wir an Deine Herrlichkeit und bekennen es ohne Unterschied auch von Deinem Sohn, das bekennen wir vom Heiligen Geist��</p><p>Was niemand im Grab seiner h�mmernden Herzschl�ge und der endlosen, todbringenden Minuten sich vorstellen konnte: Auch diese Nacht, wie alle N�chte, hatte schlie�lich ein Ende.</p><p>Es wurde Tag.</p><p>Der Sturm lie� nach, obwohl Henri seinen wahren Namen nicht kannte und nicht ausgesprochen hatte.</p><p>Die Sonne stach nun derart nieder, dass das Pech in den Planken zu schmelzen begann. In schwarzen Perlen, die in der Sonne schimmerten, trat es aus den Fugen. Die Planken rissen auf, Zwischenr�ume drohten zu entstehen.</p><p>Schnell wurde Pech anger�hrt, die Flammen unter der Pfanne qualmten und verwehten, verl�schten aber nicht.</p><p>Im schwarzen Qualm des Dichtungsmaterials, den der Wind herumwirbelte, sahen die M�nner pl�tzlich, wie sich das Meer mit wei� brodelnder Gischt bedeckte. Sie st�rzten nach vorn. Unter dem Kiel kochte eine milchwei�e Suppe. Das hatten ihnen die Alten immer wieder f�r das Weltende dieses Jahres vorhergesagt. Die Meere w�rden zu sieden beginnen! Jetzt erf�llten sich die Prophezeiungen.</p><p>�Das Meer wird hei�! Eine riesige, hei�e Fischsuppe, in der wir untergehen!�</p><p>�Lasst ein Weinfass hinunter!�, schrie der Kapit�n.</p><p>Zwei Matrosen folgten mutlos dem Befehl. Als sie das Fass gef�llt wieder emporzogen, tauchte der Steuermann seine Hand hinein. �Es ist nichts als kalte Gischt! Das Meer kocht hier ebenso wenig wie vor Le Grau du Roi oder an der K�ste von Menorca.�</p><p>�Aber wo sind die Riffe, die diese Gischt hervorrufen? Wir haben die Riffe s�dwestlich der Balearen lange hinter uns gelassen!�</p><p>Henri versuchte, die M�nner zu beruhigen. Er zwang sich zu einem heiteren Lachen und legte dem Steuermann den Arm um die Schultern. �Verdammte See mit ihren billigen Tricks!�</p><p>Die Fahrt ging weiter. Eine neue Nacht brach herein. Mond und Sterne waren nicht mehr zu sehen. Und wieder ging am n�chsten Morgen an einem jetzt klaren Himmel die Sonne auf.</p><p>Der Bleimann senkte sein Lot. Drei Faden Tiefe! Hier habt ihr eure neuen Riffe, dachte Henri schaudernd. Untiefen, so weit drau�en auf dem Meer! Sie drohten die Karavelle mit scharfen Felsenmessern aufzuschneiden wie einen Fischleib.</p><p>Zweihundert Meter weiter fand das Lot pl�tzlich keinen Grund mehr.</p><p>Der Sturm, launisch wie eine Sch�ne von den Landg�tern des franz�sischen K�nigs, nahm zu und wieder ab. Henri de Roslin sah zum Segel auf. Es war noch wie zu einer flotten Fahrt gef�llt. Bald darauf, als w�re nichts geschehen, glitt das Schiff ruhig dahin. Aus Backbord voraus streichelten eine matte Brise und eine unsichtbare Str�mung das Schiff. Kapit�n Del Bosque gab den Befehl: �Dicht am Wind gebrasst! 60 Grad heran!�</p><p>Das Schiff drehte pl�tzlich, wie von einer unsichtbaren Hand herumgerissen, auf Kurs Westen. Langsam glitt es in einer Flut dahin. Vor ihnen kam Dunst auf. Darin sahen sie, noch verschwommen, die Umrisse einer lang gestreckten K�stenlinie. Sandige Klippen l�sten sich mit gelben und roten Umrissen aus dem Nebel.</p><p>Ist das wirklich die spanische K�ste, dachte Henri, oder sind wir zu weit abgetrieben? Und w�re es wirklich so schlimm, wenn wir ins Nichts f�hren, immer weiter weg von verr�terischen P�psten und grausamen K�nigen, von Ankl�gern, die falsches Zeugnis reden, von Machtgier und gef�llten Folterkellern?</p><p>Und das vor uns � wird es b�ses Wasser sein?</p><p>Der Kapit�n gab weitere Befehle aus. Je n�her sie der K�ste kamen, desto mehr nahm der Wind ab. Es wurde ganz hei� und still. Zum Rauschen der Wellen kam jetzt das Rauschen in den eigenen Ohren. Noch wagte niemand etwas zu sagen. Es konnte alles ein Trugbild sein, das die b�sen Geister dieses Ortes malten. Vielleicht geh�rte die T�uschung zum Szenario des Abgrunds wie eine Fata Morgana, von der die spanischen Mauren berichteten.</p><p>Der Schiffsbug schnitt eine scharfe Kontur in die milchige Luft. In den Wanten seufzte der Wind, von Land her flogen pl�tzlich drei Bartgeier heran und lie�en sich auf dem Ausguck nieder. Sie starrten mit ausdruckslosen Augen auf die M�nner herab. Zwei Matrosen hielten den Anblick nicht aus, sie liefen nach Achtern, schleppten eine plumpe Armbrust heran und feuerten. Als der Pfeil knapp an den Geiern vorbeizog, torkelten ein paar schwarzwei�e Federn auf Deck, und die Geier waren fort.</p><p>Die Matrosen am Vorschiff legten ihre H�nde �ber die Augen, um genauer zu sehen. Als sie der K�ste n�her kamen, sahen sie, dass sie flach wurde. Nach S�den hin schimmerte blendend wei�er Sand in der Sonnenglut. Es gab kein Kap, keine Felsen, keine Riffe, nur gleichf�rmigen Sand, den der Wind zu Kaskaden aufwirbelte und �ber den Strand verteilte.</p><p>Die M�nner suchten den Blick ihres Kapit�ns. Wo waren sie? War das Spanien oder ein verr�terisches Trugbild? Was zeigten die Instrumente an? Keine Stadt und kein Hafen in Sicht. War man in eines der feindlichen maurischen L�nder an der afrikanischen K�ste abgedriftet, die man in der schon viel zu lange w�hrenden Reconquista bek�mpfte?</p><p>Die Karavelle blieb auf Kurs. Mit aller Vorsicht n�herte sich das Schiff der K�ste.</p><p>Der feine W�stenstaub, der vom Ufer herangetrieben wurde, legte sich unangenehm auf die schwitzenden K�rper. Die M�nner husteten und fluchten. Del Bosque gab Befehl, sich Halst�cher vor Mund und Nase zu binden. Die Glut von der K�ste her schlug ihnen entgegen, als w�rde urpl�tzlich die T�r eines Brennofens ge�ffnet. Wie ein Fieber hauchte etwas zu ihnen her�ber. Und der Sommer hatte gerade erst begonnen!</p><p>Der Steuermann suchte eine Bucht. In einhundert Metern Abstand zum Ufer lie� er Anker werfen. Man bestimmte ein halbes Dutzend M�nner, die sich bewaffneten. In einer schlanken Pinasse wurde der kleine Fu�trupp, der die Umgebung erkunden sollte, von den Matrosen, die als W�chter an Land bleiben sollten, hin�bergerudert.</p><p>Am Morgen des zw�lften Tages auf See setzten die M�nner ihre Stiefel auf Sand, der sich nach drei Seiten bis zum Horizont erstreckte. Es war so wei�, dass sie die Augen schlie�en mussten.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Wir wollten dem Unheil in unserem Heimatland entkommen. Aber hier ist es nur noch schlimmer!�</p><p>Der Matrose blickte Henri so treuherzig an, dass dieser ihm beg�tigend die Hand auf die Schulter legte. �Aber hier�, sagte er, �regieren keine falschen und untreuen Vorgesetzten, die uns verraten, sondern nur die Natur. Nattern, Sand und Hitze k�nnen wir bezwingen.�</p><p>Man hatte einen Tag und eine Nacht lang gewartet, die ausgesandten Matrosen kamen nicht zur�ck. Irgendetwas musste geschehen sein. Also beschloss der Kapit�n, nach ihnen zu suchen. Henri schloss sich dem Trupp an, wollte aber, ob man sie nun gefunden hatte oder nicht, sollte sich der Landstrich als iberisches Festland herausstellen, allein weiterreiten.</p><p>Sechs Pferde wurden an Deck gef�hrt, darunter Henris Hengst Barq. Die an die Dunkelheit gew�hnten Pferde bekamen Scheuklappen, sp�rten indes die Hitze und Fremdheit vor dieser K�ste, scheuten und schnaubten. Die Deckwachen wurden neu eingeteilt, Wasser und Proviant verstaut, die M�nner am Ufer zur�ckgerufen. Und wenig sp�ter ruderte eine andere, gr��ere Pinasse mit neuen Leuten den Trupp und die mit Decken gesattelten Tiere an Land.</p><p>Dem Navigator war es inzwischen gelungen, eine Position von vierzig Breitengraden zu errechnen. Aber er f�gte hinzu: �Wenn das stimmt, ist dies die iberische K�ste. Vielleicht aber irre ich, und das ist die gro�e W�ste Sahara, �ber der in diesem Monat die gleiche Mondsichel steht.�</p><p>�Aber sagen dir das nicht die Sterne?�</p><p>�Ich bin kein Maure, Mann! Wir Iberer d�rfen uns nicht wie die Heiden orientieren, es ist verboten. Denn alles liegt nur in Gottes Hand!�</p><p>Der Trupp setzte sich langsam in Bewegung. Bis zum Einbruch der Nacht folgten sie den nicht verwehten Spuren im Sand. Keine Ansiedlung, kein menschliches Lebenszeichen tauchten vor ihren Blicken auf. Am n�chtlichen Lagerfeuer, unter einem tiefschwarzen Sternenhimmel, patrouillierten Wachen im Abstand von drei Stunden. Henri teilte sich selbst als letzte Wache ein, f�r die Zeit kurz vor dem Morgengrauen, wenn die Augenlider am schwersten waren.</p><p>Alle schliefen unruhig, denn aus der Dunkelheit, aus den nur scheinbar friedlich hingestreckten Wellen dieser befremdlichen wei�en Landschaft, aus der alle Farben verschwunden schienen und die in allen Formen zu leben schien, kamen seltsame Laute.</p><p>Henri unterhielt sich mit dem Navigator, der sich kopfsch�ttelnd mit seinen Instrumenten besch�ftigte.</p><p>�Wenn wir uns wirklich auf der H�he des vierzigsten Breitengrades befinden, w�re das gro�artig�, meine Henri, �dann m�sste ich nur sechs Tage westw�rts reiten, um Toledo zu erreichen. Aber m�ssten wir dann nicht den Ort Benicasim mit seinem Hafen sehen?�</p><p>�Nur ein Grad Abweichung in der Berechnung, und wir kommen f�nfzig <emphasis>L�guas</emphasis> von der Route ab�, erwiderte der Seemann bek�mmert. �Nach dieser st�rmischen �berfahrt sind alle Instrumente wie von Sinnen. Seht Euch nur den Magnetstein an, er dreht sich wie ein betrunkener Narr um sich selbst.�</p><p>�Ich w�nschte, mein Freund Uthman w�re an meiner Seite. Denn wenn du Recht hast, k�nnte dies das Land der Almohaden sein. Und die Iberer f�hren einen grausamen Krieg gegen die Mauren. Sind wir allerdings etwas n�rdlicher, k�nnten wir uns auf dem Boden des K�nigreiches Valencia befinden � also in Sicherheit.�</p><p>Am n�chsten Morgen ging die Suche nach den verschwundenen Gef�hrten weiter. Nichts als welliger wei�er Sand und verkarstete T�ler. Gegen Mittag erreichten sie einen Fluss. Zuerst erblickten sie nur einen Streifen Gr�n im Wei�, der immer breiter wurde und sich schlie�lich zu einem un�bersehbaren Wald weitete, der haupts�chlich aus Olivenb�umen bestand. Dann befanden sie sich am Ufer des breiten Wassers, dessen lehmige Fluten sich tr�ge, dann wieder in Strudeln dahinw�lzten.</p><p>�Was ist das f�r ein Fluss? Wie hei�t er?�</p><p>Niemand wusste es.</p><p>�Und unsere M�nner? Die Spuren enden am Ufer.�</p><p>Mehrere Abdr�cke von Pferdehufen und von Sohlen verloren sich im schlammigen Uferwasser und tauchten weder n�rdlich noch s�dlich dieses Flecks wieder auf. Und auch nicht am gegen�berliegenden Ufer des Wassers, das den Reittieren bis zum Hals reichte.</p><p>�Vielleicht sind sie mit der Str�mung nach Osten, dem Meer zu, zur�ckgeschwommen, sie wussten ja, dass wir sie suchen, wenn sie zu lange fort sind.�</p><p>Die Vermutung des Matrosen teilten auch die anderen.</p><p>Sie hatten jetzt den Fluss durchquert. Am Ufer gegen�ber sahen die M�nner pl�tzlich etwas Beunruhigendes.</p><p>In der Ferne n�herte sich ein Phantom. Es sah so aus, als schwebe es �ber den Wassern. Auf einem flimmernden G�rtel von Luft tummelten sich vier Umrisse, deren bunte Kleidung sich �berdeutlich im Gr�n, Wei� und Grau des Flimmerns abzeichnete. Vier Spukgestalten, die durch die Luft zu fliegen schienen, und obwohl sie in heftiger Bewegung waren, sah es nicht so aus, als k�men sie n�her.</p><p>�Aber das sind doch unsere M�nner! Nunoz, Patric, Paolo und Cabrai! Ich erkenne sie an ihren Umh�ngen und Helmen!�</p><p>�Aber das ist unm�glich!�</p><p>�Aber seht doch selbst!�</p><p>�Nein, es ist nur eine Erscheinung.�</p><p>�Sie fliegen.�</p><p>�Ist ja unheimlich. Sind sie tot? Sie scheinen uns aus dem Himmel zu gr��en!�</p><p>Alle bekreuzigten sich.</p><p>Ein Matrose aus Tarifa sagte: �Es k�nnte etwas sein, das die Marroquinos in meiner spanischen Heimat eine Fata Morgana nennen, eine Luftspiegelung. Irgendwas mit unterschiedlich warmer Luft, �bereinander geschichtet wie eine <emphasis>Tortilla de pastor</emphasis> aus Brot und Eischaum. Ein Spuk. Wenn wir darauf reinfallen, werden wir noch tagelang hier stehen und sie erwarten.�</p><p>Henri war daran interessiert, nach Westen zu kommen, also schlug er vor, der Erscheinung entgegenzureiten. Aber je n�her sie den Gestalten zu kommen glaubten, desto weiter entfernten sie sich. Und w�hrend die vier bunten Gespenster auf ihrem flirrenden Luftteppich allm�hlich d�nner und farbloser wurden und nach einer Weile ganz verschwanden, hielt der Trupp an und beratschlagte sich. Die Meinungen gingen auseinander, erst nach einer Weile setzte man sich wieder in Bewegung.</p><p>Am Abend war noch immer keine Ansiedlung in Sicht.</p><p>Der Navigator fluchte die ganze Zeit �ber. Und als in der anbrechenden Dunkelheit pl�tzlich alle Tierstimmen verstummten und V�gel davonflogen, tauchte in einer hitzeflirrenden Ebene das Band des Flusses wieder auf. Und an seinen Ufern lag zu beiden Seiten eine Stadt.</p><p>�Wenn das Almazora ist, hatte ich Recht!�, schrie der Navigator. �Und dort treffen wir sicher auch unsere fliegenden Kameraden wieder!�</p><p>Kleine H�tten und flache, wei�e H�user kamen n�her. Auf dem Fluss wiegten sich breite, beladene Fl��e mit H�ttenaufbauten und kleine, wendige Binsenboote mit Netzen schwingenden braun gebrannten Fischern in weiten Umh�ngen an Bord.</p><p>Die Reiter passierten den letzten Sandh�gel. Am Ufer verkehrten junge, mit Halsketten geschm�ckte Frauen, die Kr�ge und K�rbe auf ihren K�pfen trugen, ihre Gesichter waren ebenm��ig und sch�n, ihre schlanken, hellen K�rper umschmeichelten bunte, gewebte Stoffe. Jungen balgten sich im Uferschlamm, weiter hinten waren Verkaufsst�nde und Tragegestelle aufgebaut, die sich unter Bergen von Fr�chten, Stoffen, Salzbl�cken bogen. H�hner gackerten in Weidenk�figen, dicke, schwarze Schweine scharrten in morastigen Kralen, alte Frauen trieben Ziegen und Schafe durch die Marktgassen.</p><p>Langsam nahmen die Einheimischen die Fremden wahr. Es schienen tats�chlich Mauren zu sein. Ein Rudel d�nner, nackter Jungen schlug mit biegsamen Gerten nach ihnen, neugierige M�dchenblicke aus dunklen Augen tasteten die Ank�mmlinge mit der schmutzigwei�en Haut unter schimmernden Kettenhemden ab. Die Gesichter der meisten Einheimischen waren markant, die M�nner trugen spitze B�rte. Manche wirkten erstaunt, andere regelrecht entgeistert, und wie bei einem sp�tsommerlichen Laternenfest an der K�ste der Provence sammelten sich allm�hlich alle hinter den unruhig t�nzelnden Reittieren und lie�en sich mitziehen. Es ging hinein durch ein Tor mit goldglitzerndem Dach in eine Stadt enger, staubiger Gassen, schlafender Hunde und einem Gestank wie aus einem Abtritt.</p><p>�Zur H�lle mit diesem Gestank! Und mit dem Geschrei gleich hinterher! Wie kann man hier leben!�</p><p>Der Matrose r�mpfte die Nase, die anderen hatten sich l�ngst ihre Halst�cher vor die untere H�lfte des Gesichts geschlagen. Die Einheimischen, die ihnen in den jetzt breiter werdenden Stra�en aus fest gestampftem Sand und d�nnen Rinnsalen, die zum Fluss hinunterpl�tscherten, entgegenkamen, trugen ebenfalls eine Art Taschentuch �ber Mund und Nase, sie wirkten mager, waren nicht sehr gro� und besa�en gekr�useltes schwarzes Haar, das bei manchen bis auf die Schultern fiel. Schwaden von Fliegen umschwirrten die Menschen, ein Umstand, der dem Fischfett zuzuschreiben sein konnte, mit dem sie sich offensichtlich einrieben � davon erz�hlten die Geruchswolken.</p><p>Die Ankommenden suchten einen Ort, an dem man eine Auskunft bekommen konnte. Aber die Stra�en vor ihnen waren wie leer gefegt, und die Menge in ihrem Schlepptau antwortete nicht auf ihre gerufenen Fragen.</p><p>Hin und wieder kreuzte ein fleckiger Waran wie an einer Schnur gezogen den Stra�enstaub, �berall sa�en Bartgeier, und Packtiere mit K�rben, in denen die Ank�mmlinge Wurzeln und Mais erkannten, trotteten durch noch engere Nebengassen. Schlie�lich weitete sich der unbefestigte Weg aber doch und m�ndete in einen Platz, auf dem sich gebleichte Knochen stapelten und den Palmen und Tamarindenb�ume umstanden. Die H�user drumherum waren dreist�ckig, aus Lehm errichtet, wei� gestrichen und an den Firsten mit gr�nwei�en Ornamenten verziert. Sie machten einen wohlhabenden Eindruck, in den Eing�ngen standen Blumenk�bel.</p><p>Henri erblickte in einem Hauseingang einen gro�en Mann, den ein blitzsauberes wei�es Leinen umh�llte, das in der leichten Brise flatterte. Auf seinem Kopf sa� ein gewaltiger roter Turban. Er winkte sie heran.</p><p>Es stellte sich heraus, dass der Riese Tarfaya hie�, ein Yamsh�ndler aus Tanger, der zwischen dem iberischen und afrikanischen Festland hin- und herpendelte und den es nun an die iberische Ostk�ste verschlagen hatte. Ein Maure, muskul�s und kultiviert, er beherrschte Arabisch ebenso wie die Sprache der Balearen, das Katalanische, mit einem arabischen Akzent. Er redete, in diesen Sprachen hin und her wechselnd wie ein L�ufer, der auf seinem Pfad Pf�tzen �berspringt, unaufh�rlich auf die Ank�mmlinge ein.</p><p>�Nein, Eure Kameraden waren nicht hier, es w�re mir bekannt. Nat�rlich, es ist die Stadt Almazora, weiter westlich ist Onda. Hier leben nur Muslime. Nat�rlich ist es unser Iberien, was denn sonst� �berall leben die Almoharen, hoch gewachsene, kr�ftige M�nner, ebenso wie ich. Die Bewohner weiter im Westen sprechen Spanisch, Ihr k�nnt dort sicher einen Fremdenf�hrer kaufen. Sie tischen aber allen Fremden unglaubliche L�gen auf. Ich mag jedoch ihre Sauberkeit, sie waschen sich viermal t�glich. Aber sie haben die unm�glichsten Tischmanieren. Sie sind gastfreundlich und gro�z�gig. Wenn Ihr nach Toledo wollt, m�sst Ihr zwei Grenzen und Gebiete des gef�hrlichen Raubadels passieren, und besser reitet Ihr nicht allein weiter��</p><p>Henri unterbrach ihn: �Und es waren wirklich keine spanischen Matrosen hier?�</p><p>Der Maure sah sie mit einem Seitenblick an. �Ihr seid die ersten Spanier seit langen Wochen, die wir sehen.�</p><p>�Ich bin kein Spanier�, sagte Henri. �Aber das ist einerlei. K�nnt Ihr uns eine Herberge geben f�r die Nacht? Meine Gef�hrten wollen erst morgen fr�h zur�ckreiten.�</p><p>�Aber ja! Verzeiht, dass ich Euch hier stehen lasse! Selbstverst�ndlich! Alle haben Platz!�</p><p>Sie ritten durch ein Tor in den Innenhof ein. Hinter ihnen wurde die Zufahrt sofort mit einem Querbalken verrammelt. Das h�tte Henri stutzig machen m�ssen. Die Pferde wurden von grimmig dreinblickenden M�nnern mit Krummdolchen in breiten G�rteln versorgt, einige trugen Stirnb�nder, alle B�rte.</p><p>Die G�ste durften sich waschen und streckten sich danach unter Bananenb�umen auf Flachsteppichen aus. Der Maure zeigte sich gastfreundlich, wenig sp�ter standen Essen und Trinken in Kalebassen und Schalen auf kleinen dreibeinigen Tischen, die aus Messing gehauen waren. Es gab braunen Reis, in dem Fleischst�cke und wei�es Fischfleisch schimmerten, dazu scharfe So�en mit schwimmenden grauwei�en Inselchen und Fladenbrot. Henri kannte solche Speisen aus dem Morgenland. In Kr�gen schwappte Wasser.</p><p>Die Angekommenen sp�rten jetzt erst ihren gro�en Hunger und Durst und griffen t�chtig zu. Zur Unterhaltung lie� Tarfaya Musikanten auftreten, die mit Maultrommel, Rebec und Knochenfl�te einen klagenden Singsang erzeugten. Die Matrosen in Henris Begleitung r�lpsten und seufzten. Schlie�lich bekamen sie noch ein Schauspiel geboten � zwei muskul�se Schwarze rangen mit gelb gefleckten Raubkatzen. Ein seltsames Spiel, halb Dressur, halb �berlebenskampf. Es endete, als das Genick eines der Tiere brach.</p><p>Henris Aufmerksamkeit galt jedoch einer Gruppe verschleierter Frauen. Sie standen an der Br�stung einer im Obergeschoss umlaufenden Empore zusammen, geh�llt in wei�e, gr�ne und hellblaue T�cher, die Gesichter verdeckt. Sie tuschelten belustigt. Es waren Musliminnen, und pl�tzlich meldete sich in ihm ein Alarmruf, dem eine heftig bimmelnde Feuerglocke folgte. Henri wusste nicht viel �ber das Verhalten von Mauren im christlichen Iberien, die in weiten Teilen des Landes als Feinde angesehen wurden. Er erinnerte sich an das Verrammeln des Eingangstores � sa�en sie als Christen jetzt in der Falle?</p><p>Henri schaute den Mauren an, der folgte ihrem Blick nach oben. Er nickte. �Wir glauben an Allah, er sei gepriesen, und an seinen Propheten Muhammad. Keine Angst. Wir sind keine Feinde. Unter uns gibt es neben gl�ubigen <emphasis>Buschrihns</emphasis> auch ungl�ubige <emphasis>Kafiren,</emphasis> ja, die sind sogar in der Mehrzahl. Hier drau�en in dieser Ein�de, die nur vom Meer her zug�nglich ist, z�hlen Menschen, nicht Religionen.�</p><p>Halbwegs beruhigt lehnte sich Henri wieder zur�ck, aber er blieb jetzt wachsam.</p><p>Henri h�rte den Navigator fragen: �Womit handelt Ihr hier, Tarfaya? Ich will hoffen, dass es keine Sklaven sind.�</p><p>Listig sah der Maure ihn an. �Sklaven? Schwarze? Bei Allah � dazu brauchte ich Soldaten. Wir sind nicht in Afrika. Ich bin allein mit meinen Bediensteten, die Ihr hier seht. Schwarze Sklaven br�chten mehr ein, aber ich habe gelernt, dem Allm�chtigen f�r das zu danken, was ich bekomme.�</p><p>�Nun, und? Wovon lebt Ihr?�</p><p>�Unsere Schiffe fahren regelm��ig nach Tanger. Im S�den dieser Stadt wird grobes Salz in gro�en Mengen abgebaut. Oftmals im Jahr reisen wir dorthin, laden das Salz in S�cke und ziehen weiter tief in das Land hinein nach Tanbutu. Daf�r brauchen wir vierzig Tage. Das Salz verkaufen wir schnell, in sieben Tagen f�r 300 <emphasis>mitigalli,</emphasis> das sind vierzig Unzen Gold � je nach Ladung. Mit dem Gold kehren wir hierher zur�ck.�</p><p>�Gold?�, echoten die Matrosen gierig.</p><p>�Ist die Reise dorthin gef�hrlich?�, wollte Henri wissen.</p><p>Tarfaya wiegte den Kopf. �Das kann man wohl sagen, sehr gef�hrlich. Allah, er sei gepriesen, schenkt uns nichts. Im Reich der Afrikaner herrscht eine furchtbare Hitze, dagegen ist das Klima bei uns milde. Von den Karawanenkamelen, die man dort benutzt, verenden drei Viertel, und das will etwas hei�en, denn es sind bed�rfnislose Tiere. Auch viele M�nner sterben an der Hitze oder an Krankheiten. Aber wir bekommen Gold, daf�r lohnt jede Anstrengung.�</p><p>Henri fragte weiter: �Sagt mir, warum braucht man in diesem Land das Salz so dringend, dass man es in Gold aufwiegt?�</p><p>Tarfaya blickte Henri hocherfreut an. �Nicht wahr? Das ist die Frage! Die Antwort kennen nur wenige Gl�ckliche, ich bin einer davon. Sie lautet folgenderma�en: Nur ein geringer Teil des Salzes wird in Tanbutu verbraucht. Da man sich in dieser Stadt in der N�he der Tagundnachtgleiche befindet, ist es zu gewissen Jahreszeiten so hei�, dass ihr Blut verfault, wenn sie dagegen kein Salz einnehmen. Was n�tzt Goldstaub? Er reinigt das Menschenblut nicht. Sie bereiten sich eine Medizin zu. Ein kleines Salzst�ck wird in Wasser aufgel�st und t�glich getrunken. Sie haben herausgefunden, dass dieses einfache Gebr�u ihr Leben erh�lt. Das restliche Salz zertr�mmern sie in so gro�e St�cke, dass ein Mann diese mit einer gewissen Geschicklichkeit bei Reisen auf dem Kopf transportieren kann. Im Land Melli, diesem reichen, stolzen Land, begegnet man vielen Karawanen und vielen Eingeborenen zu Fu�, ganzen Heeren, die Salz auf dem Kopf balancieren, denn sie legen st�ndig gro�e Entfernungen zur�ck.�</p><p>Alle Ank�mmlinge warteten gespannt, um weitere Einzelheiten zu erfahren. Selbst die Musikanten spielten leiser.</p><p>�Die Salztr�ger f�hren auf ihrem Marsch zwei Gabelst�cke mit. Einen in jeder Hand, um diese, wenn sie m�de sind, in den Boden zu rammen, darauf die Last abzulegen und sich so auszuruhen. So ziehen sie von Wasserstelle zu Wasserstelle. Und jetzt wird es spannend. Denn warum sie an eine ganz bestimmte Wasserstelle ziehen, das wei� ich. An dieser Wasserstelle n�mlich, es ist eigentlich ein gro�er See, markieren sie ihre Salzbl�cke mit Zeichen � und ziehen sich eine halbe Tagesreise weit ins Land zur�ck.�</p><p>�Mit Zeichen? Warum das denn?�, fragte ein Matrose verdutzt.</p><p>�Tjaaa! W�hrend ihrer Abwesenheit, mitten in der Nacht, legen n�mlich gro�e Boote an den Flussufern an. Schwarze steigen aus. Sie wollen nicht gesehen, erkannt, angesprochen werden. Niemand wei�, wer sie sind, welchem Stamm sie angeh�ren, ob sie von Inseln in dem See kommen, nur dass sie schwarz sind, hat man gesehen.�</p><p>�Sind sie Betr�ger?�</p><p>�Nichts dergleichen. Sie lassen ja sowohl das Gold als auch das Salz liegen, versteht Ihr? Es geht folgenderma�en weiter: Wenn die Salztr�ger mit der Menge Goldstaub, die neben ihrem Salzblock liegt, zufrieden sind, lassen sie das Salzst�ck liegen, nehmen das Gold an sich und ziehen sich erneut eine halbe Tagesreise weit zur�ck. Sind sie nicht zufrieden mit dem Gegenwert, lassen sie ihn neben dem Salz liegen. Die geheimnisvollen Schwarzen von den Inseln kommen erneut, sie nehmen nur das Salz mit, neben dem kein Gold mehr liegt. Sind sie am Kauf der �brigen St�cke interessiert, legen sie noch mehr Gold hin, wenn nicht, lassen sie das Salz unber�hrt.�</p><p>�Und die Handelspartner bekommen sich nie zu Gesicht?� Henri konnte es kaum glauben.</p><p>�Niemals. Es muss ein uralter Brauch sein, der bis in die Zeiten des Propheten zur�ckgeht, und alle halten sich daran.�</p><p>�Aber sagt�, wollte Henri wissen, �hat noch niemand versucht, den geheimen Herkunftsort der schwarzen Goldkundigen ausfindig zu machen?�</p><p>�Doch�, meinte der Maure bedeutungsvoll. �Nat�rlich.�</p><p>�Ja und? Erz�hlt doch!�</p><p>�Vor einigen Jahren nahm sich der damalige Kaiser von Melli vor, gleichg�ltig, was es koste, einen dieser schwarzen Goldm�nner in seine Gewalt zu bringen. Nachdem er dar�ber Rat gehalten hatte, zogen einige seiner Leute mit dem Vorsprung von ein paar Tagen vor der n�chsten Salzkarawane an den genannten See. Sie hoben Gr�ben aus und versteckten sich darin. Die Karawane traf ein, die Nacht kam, und aus ihrem Schatten l�sten sich die schwarzen M�nner mit ihrer kostbaren goldenen Fracht in S�ckchen aus Leinen. Der Austausch sollte vor sich gehen wie all die Hunderte von Jahren zuvor. Doch da waren die H�scher. Sie fesselten drei der Schwarzen, der Rest ergriff unter w�sten Rachedrohungen die Flucht auf Schilfbooten. Bevor sich die H�scher auf den Weg zur�ck nach Tanbutu machten, lie�en sie zwei Gefangene frei. Mit dem �brig gebliebenen Gefangenen versuchten sie ein Gespr�ch, doch er sprach keine ihrer Sprachen. Nicht nur das. Er weigerte sich auch, zu essen und zu trinken. Sie versuchten alles. Doch es war vergeblich. Er starb noch auf der R�ckreise. Nat�rlich war daraufhin der Kaiser sehr ver�rgert. Er wollte wissen, wie der gefangene Neger ausgesehen habe.</p><p>Tiefschwarz, schwarze Augen, lange Z�hne, wohlgeformter K�rper, gr��er als sie selbst, antworteten die H�scher. Und seine Unterlippe sei eine Spanne gr��er gewesen als alle anderen Unterlippen, breiter, blutrot, und sie hing bis �ber sein Kinn. Aus Lippen und Zahnfleisch sei unaufh�rlich Blut ausgetreten.�</p><p>�Ist der Tauschhandel nach diesem Vorfall weitergegangen?�, wollte Henri wissen.</p><p>�Nein. Er ruhte ganze drei Jahre lang.�</p><p>�Dann nahmen die Leute vom See ihn wieder auf?�</p><p>�Sie mussten. Sie verfaulten in der Sonne. Sie brauchten Salz.�</p><p>�Seitdem l�uft der Handel wieder?�</p><p>�Ohne Probleme. Die eine Seite braucht Salz, die andere Gold. Wollt Ihr ein bisschen von dem Goldstaub sehen, Freunde?�</p><p>Die Matrosen bekamen erneut einen gierigen Gesichtsausdruck.</p><p>Der Maure schnipste mit den Fingern, daraufhin brachten Diener auf leisen Sohlen zwei braune S�ckchen. Der Gastgeber legte sie vor sich hin, �ffnete sie � und lie� den feinen Staub auf eine Unterlage aus Palmbl�ttern rieseln. Die M�nner r�ckten n�her und starrten.</p><p>Der Maure sah triumphierend in die Runde. Er gab noch diese und jene Geschichte zum Besten.</p><p>Henri wusste von der gef�hrlichen Wirkung des Goldes auf die Menschen. Als Schatzmeister des ehemaligen Templerordens hatte er diese Wirkung studieren k�nnen. Er verw�nschte das Gold.</p><p>G�ste und Gastgeber plauderten angeregt, jeder lauschte den Geschichten Tarfayas, f�hlte sich wohl und sicher. Die Sichel des Halbmondes zog einmal ganz �ber den Himmelsausschnitt, der vom Hof aus zu sehen war.</p><p>Nach und nach wurden die Stimmen leiser. Man trank noch einige Becher, dann sanken alle auf ihr Lager und schliefen dort ein, wo sie lagen.</p><p>Auch Tarfaya schien zu schlafen.</p><p>Die grimmigen M�nner mit den Krummdolchen standen in den umlaufenden S�ulenarkaden und wachten. Nichts geschah.</p><p>Bis zum Morgengrauen.</p><p>Dann war pl�tzlich alles anders.</p><p>Henri, der sich vorgenommen hatte, nicht einzuschlafen, war im Morgengrauen doch eingenickt. Seine Gef�hrten erwachten aus den tiefsten Tiefen eines kurzen Schlafes, der ihre Gedanken in matte Schleier h�llte, und tauchten auf, hinein in einen wei�grauen Nebel, dazu lag ein immer lauter werdendes Flirren in der hei�en Luft, das in diesem Moment eine schreckliche Gestalt annahm. Eine Art Gestalt jedenfalls, die gebildet wurde durch eine rote Masse aus l�nglichen, zuckenden Einzelteilen, die sich zu einem w�tenden, flirrenden Gesamtk�rper vereinten.</p><p>Die G�ste des Mauren schreckten hoch.</p><p>Offensichtlich war eine Art Strafgericht angebrochen.</p><p>�Oh, Allah sei uns gn�dig, und er sei gepriesen!�, schrie der Maure. �Raus aus dem Haus, wir m�ssen sie vertreiben! Hinunter zum Fluss!�</p><p>Seine M�nner hatten schon das Tor aufgerissen und st�rmten hindurch, ohne zur�ckzublicken.</p><p>Alle anderen Bewohner des Ortes waren ebenfalls unterwegs. Wie Bienen im Stock brummten sie durch das Labyrinth der schmutzigen Wege, dr�ngelten und behinderten sich gegenseitig, und das Flussufer unten war schon bedeckt von Leibern � eine unabsehbare Menge, so weit das Auge reichte, die schrie und sang und mit Ruten um sich schlug. Zum Nebel in der Luft, den nur das Rot der flirrenden Masse teilte, stieg jetzt auch der Staub der Stra�en auf zum Himmel, die Morgensonne verd�sterte sich. Und die trampelnden F��e zertraten auf dem Weg hinunter kleine Tiere, schon schienen die staubigen Pfade befestigt durch einen klumpigen, feuchten Matsch, der sich gleichm��ig in alle Fugen legte.</p><p>�Wenn sie sich niederlassen, fressen sie alles ab!�, schrie Tarfaya. Und schon war er weiter, wild um sich schlagend, seine wei�e Tunika f�rbte sich rot, schwarz, feucht.</p><p>Henri schauderte vor Ekel, dann kam ihm langsam die Erleuchtung. �Es ist eine der �gyptischen Plagen! Heuschrecken!�, entfuhr es ihm fassungslos. �Ich habe von solchen Plagen geh�rt. Sie kommen alle zwei Jahre von der afrikanischen K�ste her�ber. Wenn sie �fter k�men, k�nnte hier niemand mehr leben.�</p><p>Den mandelfarbenen Frauen um sie herum fielen die Kopfbedeckungen zu Boden, die sie <emphasis>Alchezeli</emphasis> nannten, M�nner kamen mit langen, d�nnen Lanzen und kleinen Schilden aus hartem Leder heran, die <emphasis>Auta</emphasis> hie�en, jeder wedelte mit dem, was er hatte, sprang und tanzte und schrie, aber das war kein Spiel, es ging um Leben und Tod.</p><p>Der Kampf ging verbissen weiter. Und erst nach zwei Stunden, alle waren schwei��berstr�mt, husteten und keuchten nach Luft, erhoben sich die Heuschrecken wie auf ein geheimes Kommando � und flogen knatternd davon.</p><p>Es war, als zerspr�nge der Himmel in winzige Teile.</p><p>Dann legte sich eine Stille �ber das Land am Fluss, die an einen Gedenkgottesdienst gemahnte. Alle waren zu Tode ersch�pft. Und die Frauen setzten ihre <emphasis>Alchezelis</emphasis> wieder auf.</p><p>Die G�ste hatten, ohne es recht zu merken, mitgemacht. Sie hatten zusammen mit den braun gebrannten M�nnern und wei�h�utigen Frauen gek�mpft. Daf�r kam jetzt jeder zu ihnen, schlug ihnen auf die Schultern, lachte, plapperte, deutete zum Himmel. Auch Henri ertappte sich dabei, zu lachen und �berm�tig zu reden, was nicht seiner Art entsprach.</p><p>Alles l�ste sich in Wohlgefallen auf, und als die durch den Sieg �ber die drohende Gefahr ges�ttigte Menge in die Stadt zur�ckschlurfte, bemerkte Henri, wie zur Linken, in einer Senke, die eine kleine Kolonie von B�schen beherbergte, zwei der Matrosen mit jungen, halb nackten Frauen wie zu einem K�rper verschmolzen waren.</p><p>Seine erste emp�rte Regung war, einzugreifen. Das Keuschheitsgel�bde, das er dem Tempel gegeben hatte, beherrschte noch immer sein Empfinden. Dann besann er sich. Die Matrosen waren in ihrem Handeln frei, sie brachen nicht sein Keuschheitsgel�bde. Henri schickte ein Sto�gebet zum Himmel und hielt nach den anderen Ausschau.</p><p>Sie fanden sich alle wieder ein. Und Henri wurde deshalb von dem aufkeimenden Gedanken abgehalten, ob die Ankunft der Heuschrecken vielleicht verhindert hatte, dass ihr maurischer Gastgeber gegen�ber seinen christlichen G�sten nicht doch auf dumme Gedanken gekommen war. Jetzt aber erschien es ihm m��ig, dar�ber nachzudenken.</p><p>Henri de Roslin beschloss, sofort aufzubrechen. Auf die verschwundenen Matrosen zu warten schien sinnlos. Er w�rde es wagen und sich allein auf den Weg in das imperiale Toledo machen.</p><p>Er hatte schon gr��ere Gefahren gemeistert als die in dieser seltsamen maurischen Stadt am Fluss, in der die Natur alles bedrohte. Und den noch vor ihm liegenden Gefahren auf der weiteren Reise durch das Land Iberien w�rde er mutig ins Auge sehen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>2</strong></p><p><emphasis><strong>Anfang Juli 1315, Fest des kostbaren Blutes</strong></emphasis></p></title><p>Kurz vor Aranjuez geschah es. Henri hatte einen Umweg nehmen m�ssen. In einem kastilischen Dorf, das Villamanrique hie� und an dem Fluss Tajo lag, war er in einer kleinen Kapelle auf die Knie gesunken, um zu beten.</p><p>Es waren die Tage zu Fronleichnam. Da Henri de Roslin nirgendwo das Hochfest des Leibes und des kostbaren Blutes Christi mitfeiern konnte, hielt er an diesem Nachmittag seine eigene kleine Festfeier zu Ehren des Schmerzes und des vergossenen Blutes Jesu am Kreuze ab.</p><p>Er hatte auf seinem Weg Schiffsprozessionen auf allen Seen und Fl�ssen und zuletzt auf dem Tajo gesehen. Die Sakramente wurden, wie er wusste, von den Geistlichen auf einem Boot mitgef�hrt, von dem aus die Segnungen vorgenommen wurden. Henri sah oft vom Ufer aus sehns�chtig hin�ber, er h�tte in dieser dunklen und gnadenlosen Zeit geistlichen Zuspruch und Trost gebraucht. Aber die Schiffe fuhren an ihm vorbei.</p><p>Henri musste weiter. Toledo wartete auf ihn, die Zeit dr�ngte.</p><p>Als Aranjuez in Sicht kam, passierte Henri eine kleine Holzbr�cke �ber den Fluss. Fischerh�tten s�umten das s�dliche Ufer, �berall waren die Reusen zum Trocknen aufgespannt. Reiher flatterten auf, ihre Schw�rme verdunkelten f�r einen Moment den Sommerhimmel.</p><p>Henri sp�rte seine M�digkeit. Obwohl das Tal von Aranjuez gr�n und schattig war, flimmerte �berall die Hitze. Henri hatte schon einige Zeit lang hinter sich eine Bewegung gesp�rt, Reiter, Hunde, sich verbergende Gestalten, aber er hatte nicht darauf geachtet.</p><p>Er ruhte sich jenseits der Br�cke f�r einen Moment aus.</p><p>�berall floss hier k�hles, reinigendes Wasser. Es str�mte und sch�umte in hundertfacher Gestalt dem kleinen Fischerort zu, in dem es, wie Henri wusste, ein Ritterkloster des Santiago-Ordens gab. Henri kannte die pr�chtige Residenz aus Kloster, Konvent und Kirche inmitten duftender G�rten von einem fr�heren Besuch. Darin hatten die Gro�meister des Ordens schon mehrere kastilische Konvente, die Cortes, abgehalten. Die m�chtigen Ritterm�nche, zu denen die Templer immer ein gespanntes Verh�ltnis besessen hatten, stammten aus Galizien und hatten es sich zur Aufgabe gesetzt, f�r das Andenken des heiligen Apostels Jacobus zu streiten. Henri wusste, dass sie zusammen mit den Fischern am Schilfufer des Tajo und Jamara die ersten Bewohner des �rtchens gewesen waren.</p><p>Sollte er dort verweilen? Aranjuez, das nur aus wenigen H�usern bestand, schien wie geschaffen f�r eine Pause. Hier sah er einen kleinen Wasserfall am Ende des Rias, der eine Schleife des Tajo verband, dort ein nat�rliches Wasserspiel oder ein Wehr, und all die B�che, Fl�sse und kleinen Seen verbanden sich zu einer aus allen Richtungen quellenden Hymne auf die Kraft und die Reinheit der Natur.</p><p>Pl�tzlich waren die Fremden da. Sie formierten sich aus Schatten zu geharnischten Gestalten und �berrumpelten ihn. Sie bildeten einen Kreis um Henri. An ein Entkommen war nicht zu denken.</p><p>Henri war aufgesprungen. Er blickte in finstere Gesichter.</p><p>�Du bist Sarazene, nicht wahr? Wie ist dein Name?�</p><p>Henri sah den Sprecher an, der auf seinem nerv�s t�nzelnden Schimmel sa�, ein hoch gewachsener Mann in einer R�stung, sein Haar war zu einer Art Krone geflochten.</p><p>Henri dachte �berrascht an sein eigenes Aussehen, wie konnte man ihn f�r einen Sarazenen halten? Sein dunkles Haar war kurz geschnitten, sein Gesicht rasiert, er trug einen schlichten wei�en Umhang �ber schwarzen Pluderhosen und einem ebenso wei�en Wams. In seinem Lederg�rtel steckten allerdings ein Kurzschwert und sein pfeild�nner Panzersteckdolch.</p><p>�Ich hei�e Henri de Roslin, Schotte, aus Frankreich kommend. Ich will nach Toledo, um dort einen j�dischen Freund zu besuchen.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Er ist Lehrer an der ber�hmten Kabbala-Schule. Vielleicht kennt Ihr seinen Namen. Er hei�t Theophil, ist ein Gelehrter und enger Vertrauter des Bischofs im teutonischen Speyer, des Schutzherrn der Juden.�</p><p>�Das sind doch Ausreden! Du siehst aus wie ein Araber, Fremder!�</p><p>�Ist Iberien ein so finsteres Land geworden, dass es keine Araber mehr ertr�gt?�</p><p>�Wir machen Jagd auf Sarazenen, es gibt ein Kopfgeld! Hast du noch nichts von der Reconquista geh�rt? Wir holen uns unser Land zur�ck.�</p><p>�Iberien habt Ihr nie vor den Mauren besessen, mein Freund. Hier siedelten Westgoten. Es gab kein Land Spanien in dieser Zeit.�</p><p>�Halt�s Maul! Oder ich werde dich�!�</p><p>Ein Ritterm�nch lie� sein Pferd auf Henri zuspringen und hob seine Lanze. Doch der Anf�hrer rief ihn zur�ck. Im letzten Moment, denn Henri hatte bereits sein Kurzschwert aus dem G�rtel gerissen und war kampfbereit.</p><p>�Wer sich mir n�hert, der stirbt!�, rief er mit seiner wohlt�nenden, durchdringenden Baritonstimme.</p><p>�Er muss Sarazene sein! So verhalten sich keine friedlichen Christen! Er wagt es, gegen den Santiago-Orden die Waffe zu erheben!�</p><p>�Es ist Notwehr! Ich mache keinen Unterschied! Wer mich bedroht, bekommt mein Schwert in den Hals!�</p><p>�Ihr werdet uns in unser Kloster am Fluss begleiten, Fremder! Dort sehen wir dann schon, wer Ihr wirklich seid. Unser Gro�meister soll entscheiden, was wir mit Euch machen.�</p><p>Henri �berlegte. Es hatte keinen Zweck, sich gegen die �bermacht zu wehren. Vor sich hatte er erfahrene Krieger, die schon manchen Strau� mit Feinden auf den Pilgerwegen nach Santiago de Compostela ausgefochten hatten. Und er betrachtete die Kriegsm�nche nicht als seine Feinde, obwohl sie einen schlechten Ruf als arrogante Herrenmenschen besa�en.</p><p>Sie eskortierten ihn. Auf dem Weg durch den Ort traute Henri seinen Augen nicht.</p><p>Er kannte Aranjuez. Die <emphasis>Plaza de Armas</emphasis> war einst eine stille, gr�ne Oase mit Blick auf die Palacios ringsum gewesen. Davon war nur noch ein Tr�mmerfeld �brig. Auf allem lagen Rauch, Staub, Gestank. Erf�llte sich eine Prophezeiung? Hielt Gott ein Strafgericht �ber die Bewohner wie weiland in Sodom und Gomorrha? M�nner in Lumpen waren �berall damit besch�ftigt, lange Rammb�cke aus Holz gegen Mauern zu h�mmern. Ein Gestank nach Brand und Moder lag in der Luft, Staub verdunkelte den Himmel. Pausenlos dr�hnte der Schlag von geh�rteten Holzh�mmern auf Stein, und ein durchdringendes Knirschen wie von herunterrutschenden Felsen zog vor�ber.</p><p>Was war hier los?</p><p>�Ein kleiner Rachefeldzug�, knurrte der neben ihm reitende Kriegsm�nch, als er Henris fragenden Blick bemerkte. �Die Bewohner haben sich von uns abgewendet, sie fordern Vers�hnung mit den ungl�ubigen Mauren, die den falschen Propheten anbeten. Aber das geht dich nichts an.�</p><p>Sie erreichten das Klostergel�nde. Man forderte Henri auf, abzusitzen. Direkt vor der Komturei floss der Tajo vorbei. Am jenseitigen Ufer erhob sich in diesem Moment ein Schwarm Kraniche. Die V�gel verschwanden Richtung S�den, wo die Auen des Jamara reiche Nahrung an Fischen und Kleintieren boten. Henri seufzte bei diesem Anblick. Wie oft hatte er sich als kleiner Junge gew�nscht, auf dem R�cken der majest�tischen V�gel bis nach Jerusalem, ins Heilige Land, fliegen zu k�nnen. Wenig sp�ter war er tats�chlich dorthin gelangt, aber auf dem Seeweg, und nur, nachdem er als Knappe der Tempelritter den Fall der letzten christlichen Bastion Akkon in Blut und Tr�nen erlebt hatte.</p><p>Als er den Raum des Gro�meisters betrat, verschloss dieser schnell einen Siegelring in einer Schatulle, die ein Madonnenrelief aus Elfenbein schm�ckte.</p><p>�Was ist?� Seine Stimme klang barsch.</p><p>�Ein Sarazene! Wir haben ihn in der N�he aufgesp�rt. Wir glauben, er f�hrt etwas im Schilde.�</p><p>�So nehmt ihm doch die Waffen ab!�</p><p>Henri legte freiwillig Kurzschwert und Dolch vor sich auf den roten Samtteppich. Er wiederholte, wer er sei. Der Gro�meister sah ihn unschl�ssig an. Henri glaubte zu sehen, wie er unter seinem Gewand mit dem goldenen Granatapfelmuster zu schwitzen begann. Sein edles, leicht gebr�untes Gesicht wurde eine Spur bleicher.</p><p>�Dann seid Ihr der Templer Henri de Roslin?�</p><p>�Derselbe.�</p><p>�Mein Gott, und Ihr kommt ausgerechnet hierher?�</p><p>�Nicht freiwillig, Se�or!�</p><p>Die Finger des Gro�meisters zuckten. Er umkrallte gedankenverloren ein vor ihm auf dem Tisch stehendes Korporalk�stchen, in dem das quadratische Leinentuch aufbewahrt war, auf dem w�hrend der Messe Kelch und Pat�ne standen. Henri wollte nicht einfallen, wie der Gro�meister hie�, obwohl er seinen Namen schon geh�rt hatte. Er wartete ab.</p><p>�Was soll ich mit Euch tun? Auch in Iberien werden die Templer verfolgt! Zwar nicht so fanatisch wie in Frankreich, denn wir kennen Eure Verdienste. Aber es ist nicht gut f�r einen Komtur des Santiago-Ordens, mit einem Tempelritter gesehen zu werden! Also, was mache ich mit Euch? Lasse ich Euch den Hals durchschneiden und in den Tajo zu den anderen Banditen aus der Bev�lkerung werfen? Oder lade ich Euch zu marinierten und gesottenen Singv�geln ein?�</p><p>�Ich w�sste etwas anderes, Exzellenz�, sagte Henri. �Lasst mich einfach gehen. Ich bel�stige Euch nicht weiter. Und Ihr habt keinen Nachteil davon, wenn ich nach Toledo ziehe.�</p><p>�Ich bin mit Gott und der Krone. Alle K�nigstreuen unseres Landes stehen hinter mir, die Mendozas, Osorios, das Haus Alba. Alle sind davon �berzeugt, dass nur ein starker K�nig ihre Privilegien sichern kann. Ich bin auf ihrer Seite. Und ich kann mir nicht den geringsten Fehler leisten, wenn das so bleiben soll.�</p><p>�Lasst mich ziehen!�</p><p>�Und Ihr werdet nie mehr in diese Gegend kommen?�</p><p>�Gibt es hier etwas, das einen zweiten Besuch lohnte?�, antwortete Henri.</p><p>Der Gro�meister strich �rgerlich �ber sein Samtgewand. �Sagt mir eines, Templer. Wurde Euer Orden zu Recht verurteilt? Triebt Ihr Unzucht und bespucktet das Kreuz?�</p><p>�Unsere Br�der sind im Heiligen Land zu Tausenden in vorderster Front gestorben! Und sie zogen den Tod selbst dann vor, wenn sie ihn mit einer Verleumdung ihres Glaubens h�tten vermeiden k�nnen.�</p><p>Der Gro�meister nickte. �Ich wei�. K�nig und Papst haben sich in Frankreich nicht gerade ehrenvoll verhalten.�</p><p>�In den Kerkern sind beinahe ebenso viele Br�der unter der Folter gestorben wie beim Kampf gegen die Ungl�ubigen im Heiligen Land! Es ist eine Schande!�</p><p>Der Gro�meister seufzte. Er sah zum Himmel empor. Genauer gesagt, zur Decke seines privaten Refektoriums, dann schlug er das Kreuz. �Der Herr m�ge ihnen vergeben! Und er mag auch mir vergeben! Ich werde Euch laufen lassen, damit nicht noch mehr Schuld �ber uns kommt.�</p><p>Henri verbeugte sich stumm. Er nahm seine Waffen und ging. Niemand hielt ihn auf.</p><p>Drau�en bestieg er sein Pferd und verlie� die Palastg�rten. Wieder empfingen ihn die Bilder der Zerst�rung. Es mussten in letzter Zeit ganze Heerscharen von Bauarbeitern �ber Aranjuez hereingebrochen sein, um es mit ihren Sturmbalken zu zerst�ren. Jetzt waren nur noch wenige M�nner zu sehen, sie alle grau vom Staub, unkenntlich unter ihren zerschlissenen Kapuzen.</p><p>Am Ortsrand rauschten die Wildwasser des Tajo zu seinen F��en vorbei, die R�der einer M�hle drehten sich nutzlos im Leeren. Er sah sich unwillk�rlich um: Steine, Staub, aufragende Holzbalken, Reste von gezacktem Mauerwerk auf geschundenen Fundamenten, die wie nach einem �berm�chtigen Angriff aussahen. Dazwischen liefen herrenlose Hunde umher und schn�ffelten an verhei�ungsvollen Spuren des Elends herum. Henri war den Anblick leid.</p><p>Bei Gott, die Bewohner des �rtchens mussten eine gro�e Schuld auf sich geladen haben. Hier w�tete der Kriegsgott.</p><p>Verfangen in den ausladenden Wurzeln eines Mangrovenbaumes, schwamm ein K�rper im Wasser. Er lag mit dem Gesicht nach unten, die Kleidung bewegte sich leicht in der Str�mung, das Haar glich dunklem Seetang, der in der D�nung schwebte. Henri wollte nicht n�her heranreiten. Er dachte f�r sich: Wer du auch immer bist und welche Schuld du auf dich geladen hast, m�gest du ewigen Frieden finden.</p><p>Henri gab seinem Hengst Barq aufmunternd die Hacken und ritt davon. �berall war Wasser. Aber es war kein k�hles, reinigendes Wasser. Es war dunkles, verschmutztes Wasser. Jedenfalls schien es Henri de Roslin so. Und er beeilte sich, davonzukommen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Der Weg wurde immer beschwerlicher. Mal ging es durch verkarstete Felder, die nur von lilafarbenem Unterholz bedeckt waren, das sich unter der unbarmherzigen Sonne duckte. Mal versperrten tiefe Schluchten den Weiterritt. Wege gab es nicht. Henri musste Umwege nehmen, kleinere Fl�sse und B�che �berqueren. Dann traf er wieder auf den Tajo. Er rastete an seinem Ufer und briet sich Fische am offenen Feuer, die er mit dem geworfenen Panzersteckdolch erlegt hatte.</p><p>Manchmal musste er Abh�nge und Ger�llfelder hinunter, die aus lockerem Felsgestein bestanden, dann wurde es gef�hrlich. Der Himmel Altkastiliens wirkte wie durchsichtig, er war hoch und weit. Und am Boden lag �ber allem der Staub eines verlassen scheinenden Landes, in das nur die runden, schwarzwei�en Windm�hlen mit ihren knatternden Fl�geln ein Lebenszeichen setzten.</p><p>Henri folgte noch einen Tag lang den seichten Ufern des Tajo. Dann tauchte im Westen die Hauptstadt des kastilischen K�nigreiches Toledo aus dem Hitzedunst auf. Henri hatte schon geh�rt, dass der Bischofs- und K�nigssitz so gro� wie Paris sei, staunte jetzt jedoch �ber die Ausdehnung der uralten Stadt auf dem finsteren Stadth�gel.</p><p>Der maurische <emphasis>Alcazar</emphasis> erhob am h�chsten Punkt der Stadtanlage seine vier m�chtigen T�rme. Aber goldene Kreuze auf Kircht�rmen k�ndeten davon, dass Kastilien seit mehr als zwei Jahrhunderten das Land und die Stadt von den Mauren zur�ckerobert hatte.</p><p>Henri erblickte rote H�userd�cher, breite Marktpl�tze, das Gr�n der Palmen unter glei�endem Sonnenlicht, alles verbreitete den Eindruck einer friedlichen B�rgerstadt. Aber da jedes einzelne Stadtviertel nochmals von Mauern und T�rmen umgeben schien und die H�user des tonangebenden Adels Festungen f�r sich waren, bekam er auch einen wehrhaften Eindruck. Und weil die vom Fluss Tajo wie mit einem nat�rlichen Wassergraben umschlossene Stadt einst von Arabern gegr�ndet worden war, zogen sich an den Bergh�ngen des Felsplateaus mehrere wei�e Moscheen mit tiefblauen Schatten unter m�chtigen Kuppeln hin. Es war eine vielf�ltige Stadt.</p><p>Henri hielt auf einem H�gel am Fluss inne und schaute lange hin�ber. Er sah, dass Toledo drei Br�cken und mehrere kleine Inseln im Fluss besa�. Aber der vorherrschende Eindruck war der einer im Schatten der herrschaftlichen Residenz liegenden Stadt, die bl�hte und deren halbrunde Kuppeln und spitz aufragende Minarette einen sch�nen Kontrast zu den flachen, gr�n glitzernden Wassern des m�chtigen Flusses bildeten.</p><p>Da er zum ersten Mal in Toledo war, musste er das Judenviertel erst suchen. Man sagte ihm, es bef�nde sich in der N�he der gr��ten noch stehenden Moschee. Als er n�her kam, bemerkte er, dass Bauhandwerker damit begonnen hatten, das almohadische Heiligtum in eine christliche Kirche umzubauen. Der Bauplatz mit seinen Holzkr�nen umschloss die Moschee bereits wie einen Gefangenen.</p><p>Henri passierte weite Gr�nfl�chen und eine ausladende Allee, dann tauchte er in ein Gewirr von engen, gebogenen Stra�en ein, die h�gelan und h�gelab f�hrten und s�mtlich an der dem gewundenen Flussverlauf folgenden Stadtmauer endeten. Die Treppenwege waren schmal, h�ufig steil, sie glichen verd�chtigen Schluchten. Henri musste absteigen und sein Pferd an Ecken, Winkeln, Mauern und immer wieder schweren, riesigen, eisenbeschlagenen Toren vorbeif�hren. Braun gebrannte Kinder liefen schreiend herum, und alte Frauen versuchten, schwer beladene bockige Esel �ber dunkle Treppen und dann wieder auslaufende Stra�en voranzutreiben.</p><p>W�hrend Henris Blicke die reichen H�user an den H�ngen mit sonnen�berfluteten G�rten und Wacholderhainen streiften, die meist noch aus der Zeit der Mauren stammten, war es hier unten schattig, und es roch nach Essensd�nsten. Am Hauptplatz, der <emphasis>Zocodov�r</emphasis> hie�, ein offenbar uralter Marktplatz, auf dem alles durcheinander dr�ngte und schrie, kam er nur schwer vorw�rts. Er ritt langsam durch Menschenmassen, die offensichtlich unterschiedlicher Religion, ja Abstammung waren. M�nner mit Turbanen, schwarz gekleidete Juden, unverschleierte iberische Frauen, tief verschleierte Musliminnen, verheiratete Damen mit d�nnen, kostbaren Schleiern, die mehr Schmuck als Verh�llung darstellten, und k�nigliche Soldaten mit Brustpanzern und Piken, die das kastilische Banner wehen lie�en, beherrschten das Stadtbild. Henri war erstaunt �ber das anscheinend friedliche Nebeneinander der so unterschiedlichen Kulturen und Glaubensgemeinschaften.</p><p>Von einem Minarett her begann nun sogar eine M�nnerstimme zum Gebet zu rufen, aber gleichzeitig ert�nten Kirchenglocken zur Mittagsmesse. Und w�hrend sich auf der Stra�e die Anh�nger des maurischen Propheten in den Staub warfen und im Gebet verharrten, liefen andere Menschen eilig in die Kirchen und verschwanden durch schmale, schattige Eing�nge, die mit bodenlangen Rosenkr�nzen verh�ngt waren.</p><p>Henri fiel ein, was ihm ein junger Grande erz�hlt hatte. Gott hatte am vierten Sch�pfungstag die Sonne geschaffen und sie dabei geradewegs �ber Toledo gestellt. Deshalb war die Stadt �lter als die Erde. Henri musste in der Erinnerung �ber den offenkundigen Stolz des jungen iberischen Erz�hlers l�cheln, denn er wusste auch, dass die Stadt der zwanzigtausend Juden ihren Namen vom hebr�ischen Wort <emphasis>Toledot,</emphasis> das hie� Geschlechterfolge, herleitete. Und die ersten Bewohner sollten Abgesandte des K�nigs Salomon gewesen sein.</p><p>Henri fragte einen weiteren Passanten, wo er die Synagoge und die Kabbala-Schule finden k�nne. Der dunkelh�utige Mann blickte ihn aus scharfen braunen Augen an und sagte: �Ihr meint die <emphasis>Jeschiva?</emphasis> An diesen Mauern entlang, durch dieses Tor dort, die Juderia beginnt gleich dahinter.�</p><p>Als Henri durch das Torgew�lbe in die Juderia Mayor westlich der Kathedrale einritt, bemerkte er sofort die Ver�nderungen. Hier war es nicht nur noch enger, sondern es duftete verf�hrerisch. Henri unterschied am Geruch Zimt, Koriander, Safranbl�ten und Wacholderbeeren, an der n�chsten Ecke roch er Piroggen und gep�keltes Rindfleisch. Er sah Frauen, die Wasser aus den vielen Zisternen holten, andere kochten in gro�en T�pfen Fischsuppe oder buken Weizengries zu kleinen, ovalen K�chlein aus. An Tischen sa�en Schreiber mit spitzen Judenh�ten und tauchten ihre Federn in Tinte. Weiter hinten arbeiteten die <emphasis>Damasquinados,</emphasis> die mit feinen Graviersticheln Ornamente aus Goldf�den in Haushaltsgegenst�nde aus Metall inkrustierten. Die herumgehenden M�nner hatten Barte, trugen Gebetsschals �ber ihrer schwarzen Kleidung, die unverschleierten Frauen waren in lang herabfallende Umh�nge gekleidet, ihr Haar bedeckten bunte T�cher mit Fransen.</p><p>Henri sah das Portal der Schule sofort. Er ritt langsam darauf zu und genoss das friedliche Leben. Er hatte schon sehr lange nicht mehr das Gef�hl gehabt, wie selbstverst�ndlich an einem Ort zu sein. Und selbst die schreienden M�nner, die sich vor dem Schulportal zu streiten schienen, st�rten dieses Bild nicht. Denn Henri wusste, es war das <emphasis>loschen,</emphasis> das sie betrieben, lediglich eine Art von spielerischem Zetern. Er hatte es selbst von seinem Gef�hrten Joshua ben Shimon gelernt.</p><p>Henri hoffte, dass er Joshua bald treffen w�rde. Der Freund wollte aus Cordoba anreisen, wo er nach ihrer Trennung auf Menorca mit dem Sarazenen Uthman ibn Umar alte Texte studierte. Der j�dische Zahlenmystiker wollte Henris Studium an der <emphasis>feschiva</emphasis> begleiten. Gew�hnlich war Joshua schneller als er. Henri freute sich, mit seinem treuen Gef�hrten in der kommenden Zeit zusammen zu sein.</p><p>Henri de Roslin klopfte sich den Staub von seiner Kleidung. Er stellte sein Pferd in einem Stall unter und beschloss, etwas zu essen. In einem Gasthof neben der Schule, der zur Stra�e hin offen war, bekam er gekochtes Rindfleisch mit Rosmarin und ohne Milch gebackenen Brotfladen, dazu trank er einen Becher klaren Wassers. Er fragte den Gastwirt, ob die Menschen in Toledo friedlich miteinander ausk�men. Der Mann nickte.</p><p>�Zwar gibt es hin und wieder Streit. Und wenn die Bev�lkerung einen Grund zum Feiern hatte und viel trank, dann gibt es Pr�geleien unter den Volksschichten. Aber die Juden l�sst man in Ruhe. Der letzte Pogrom liegt bereits f�nfzig Jahre zur�ck, als die Christen kamen. Damals behaupteten sie, die Juden h�tten ein Kind get�tet und sein Blut bei ihrer Pessah-Feier getrunken.�</p><p>�Das behaupten sie auch in Frankreich. Dort hat man die j�dischen Familien vertrieben. Und erst in diesem Jahr d�rfen sie wieder zur�ckkommen � wenn sie ihre alten Rechte und ihren ehemaligen Besitz und sogar ihre Gebetb�cher zur�ckkaufen.�</p><p>�Man h�rt davon. Auch die Tempelherren sind ja in Frankreich grausam verfolgt worden.�</p><p>Henri wollte nicht darauf eingehen. Stattdessen fragte er: �Und die Mauren? Ich sah, dass ihre Moschee umgebaut wird.�</p><p>�Auch die Mauren haben ihr Auskommen. Sie haben eine �bersetzerschule bekommen, in der ihre Manuskripte von den besten Scribenten ins Lateinische und Kastilische �bertragen werden. Au�erdem besitzen sie noch genug Gottesh�user. Und f�r Ungl�ubige beten sie erstaunlich h�ufig, das glaubt mir, jedenfalls mehr als die bekehrten Mauren, die <emphasis>Moriscos.�</emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Wer leitet die <emphasis>Jeschiva?�</emphasis></p><p>�Der Oberrabbiner nat�rlich. Dann gibt es noch einen deutschen Rabbiner. Und viele Unterrabbiner. Was wollt Ihr in der Schule?�</p><p>�Ich will die Geheimnisse der Kabbala studieren.�</p><p>�Aber Ihr seid ein erwachsener Mann! Wollt Ihr tats�chlich in engen, dunklen und schlecht gel�fteten R�umen die Schulbank dr�cken?�</p><p>�Man lernt nie aus, mein Freund!�</p><p>�Vielleicht wollt Ihr Euch vorher ein wenig ablenken? Ihr seid im besten Mannesalter. Abends erwachen hier die Stra�en und Pl�tze im almohadischen Teil der Stadt. Dort gibt es Vergn�gungen aller Art � und wundersch�ne M�dchen!�</p><p>�Dazu bin ich nicht hier. Wenn es auch gut ist, zu wissen, dass Toledo eine Stadt ist, in der man fr�hlich ist. Ich habe zu viele St�dte gesehen, die den Tod in ihren Mauern hatten.�</p><p>Henri nahm sich ein Zimmer im Gasthof, von dem aus er �ber den Fluss blicken konnte. Die warme Luft war erf�llt von Stimmen und Musik. Henri beschloss, noch einen Gang durch Toledo zu machen, und genoss einmal mehr das bunte Treiben in den Gassen.</p><p>Die Geschichtsb�cher erz�hlten, dass die Stadt ihre beste Zeit unter den christlichen westgotischen Herren erlebt hatte. Damals, bevor die Westgoten � Hetzer sagten gerne, aber falsch, es seien die Juden gewesen � die Muslime �bers Meer ins Land riefen, um ihnen bei Thronstreitigkeiten beizustehen, war Toledo die herrlichste und reichste Stadt der Welt gewesen. Ihr K�nig Reccared besa� den Tisch des Judenk�nigs Salomon, der aus einem einzigen riesenhaften, von purem Gold eingefassten Diamanten bestand. Damals existierten angeblich auch noch Wunderspiegel, in denen man die ganze Welt erblicken konnte. Henri war nicht empf�nglich f�r solche Sagen, aber das pr�chtige Toledo vermittelte ihm nun eine Ahnung davon, wie solche Phantastereien hatten entstehen k�nnen.</p><p>Bei Anbruch der Dunkelheit kehrte er in den Gasthof zur�ck, wo unten Betrunkene l�rmten.</p><p>Er schlief unruhig. Immer wieder, wenn er erwachte, versuchte er sich zurechtzulegen, welche Erwartungen er mit der Kabbala-Schule verband. Konnten ihm die Lektionen dort wirklich helfen, seinen Feinden besser zu begegnen? W�rden ihm die Lehren eine neue Waffe in die Hand geben, mit der er sich verteidigen konnte? Henri war gespannt, ob der deutsche Rabbiner in der Schule wirklich noch Theophil von Speyer war. Und in Gedanken tauchte er zur�ck in jene winterlich kalte Zeit, als er in der deutschen Stadt am Rhein dessen Gast gewesen war. Es war eine bedrohliche Zeit gewesen. Theophils Frau Alma war damals an den seelischen Folgen eines Attentatsversuches von Christen bald gestorben.</p><p>Am Morgen trank Henri im Gasthof einen Becher warmer Ziegenmilch und a� Piroschki, einen gebackenen, mit Muskat gew�rzten Hefeteig mit K�sef�llung, und als Nachtisch eine in dieser Stadt unvermeidliche, Henri bisher unbekannte K�stlichkeit mit Namen Marzipan, aus geriebenen Mandeln und Zuckerwasser.</p><p>Auf dem Hof des Schulgel�ndes standen lang gestreckte Geb�ude. Offenbar enthielten sie auch Unterk�nfte, denn dort gingen junge Sch�ler ein und aus. Unter einem Dattelbaum sa� eine Gruppe von unverschleierten Sch�lerinnen und lauschte einem Rabbiner, der sich beim Sprechen vor- und zur�ckbewegte. Henri schnappte seine Worte im Vor�bergehen auf.</p><p>�� m�ssen wir bereit sein, aufgrund des Talmuds den Beweis zu erbringen, dass der Messias nicht erschienen ist. Wir warten auf ihn, den Heilsbringer. Ihr aber sollt lernen, euch zu solchen und auch allen anderen Fragen frei zu �u�ern��</p><p>Henri betrat das mit leuchtend roten Fliesen ausgelegte Hauptgeb�ude. Hier herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander. Sch�ler und Lehrer, die nur aufgrund ihres Lebensalters zu unterscheiden waren, liefen �ber Flure und Treppen. Henri fragte einen Studenten, wo er den f�r die Kabbala-Lektionen zust�ndigen Oberrabbiner finden k�nnte.</p><p>�Im letzten Geb�ude. Ihr m�sst die Treppe dort bis ganz unters Dach gehen. Hier unten werden nur allgemeine Theologie und Rhetorik gelehrt.�</p><p>Henri f�hlte sich schon selbst wie ein Student. Und das war ein ganz neues Gef�hl f�r ihn, der sich bisher durch bitterernste Schlachten geschlagen hatte und nun im dreiundvierzigsten Mannesjahr war. Nachdem er die Marmorstufen bis unters Dach hinaufgeschritten war, trat er in einen Gang, der sehr hei� und sehr still war. Ein alter j�discher Lehrer verwies ihn an das letzte Studierzimmer auf dem Gang.</p><p>�Aber Ihr m�sst warten. Mordechai h�lt noch Unterricht.�</p><p>Henri sp�rte seinen trockenen Mund und holte sich von einem Wandbrunnen einen Becher Wasser. Er musste einen Messinghahn mit Holzgriff drehen, und das Wasser aus dem rechteckigen Beh�lter schmeckte herb und k�hl. Aus dem Studierzimmer h�rte er die Stimme des Lehrers.</p><p>�� Nehmt das <emphasis>Siddur,</emphasis> unser gewohntes Gebetbuch f�r die Werktagsgebete. Und nehmt danach das <emphasis>Machsor</emphasis> mit den Gebeten f�r die Festtage, die im jetzigen Monat Tammus anstehen. Die liturgischen Texte lesen wir in der hebr�ischen Quadratschrift, lasst Euch nicht ablenken vom sch�nen Bilderschmuck, denn er ist nur Zierrat��</p><p>�Aber der <emphasis>Talmud,</emphasis> Meister, was ist damit? Wann zeigst du uns das wichtigste <emphasis>Sefer?�</emphasis></p><p>�Geduld! Die sechs Ordnungen des Talmuds sind schwer. Wenn Ihr die Traktate verstehen wollt, m�sst Ihr noch eine Weile studieren��</p><p>�Stimmt es, dass er sich aus <emphasis>Mischna</emphasis> und <emphasis>Gemara</emphasis> zusammensetzt?�</p><p>�Oho! Da wei� ja jemand schon etwas! Nun, das stimmt. Der pal�stinensische oder jerusalemische Talmud und der babylonische Talmud bestehen tats�chlich aus��</p><p>Henri war ans Fenster getreten und sah, wie sich unten im Hof eine Gruppe von Studenten um einen Jungen geschart hatte, der sich bem�hte, ein flaches Widderhorn zu blasen. Aber das <emphasis>Schofar</emphasis> war zu schwer, und der Junge gab es unter dem Schubsen und Lachen der anderen auf. Als sich Henri wieder umwandte, stand vor ihm ein kleiner Mann mit einem wei�en, str�hnigen Bart.</p><p>�W�nscht Ihr zu mir zu kommen, Fremder?�</p><p>�Wenn Ihr der ehrw�rdige Mordechai Mehem seid, der Oberrabbiner f�r die Kabbala-Schule?�</p><p>�Der bin ich.�</p><p>�Ich bin Henri de Roslin aus Frankreich. Mein Gef�hrte Joshua ben Shimon hat mich angek�ndigt. Und ich habe hier noch ein Schreiben an Theophil von Speyer, der an dieser Schule lehrt. Ich m�chte die Geheimnisse der Kabbala lernen.�</p><p>Verwundert sah ihn der alte Gelehrte an. �Aber Ihr seid bereits ein erwachsener Mann! Es dauert Jahre!�</p><p>�Ebendeshalb will ich sie ja lernen. Denn in meiner Jugend ist mir diese Gelegenheit nicht zuteil geworden.�</p><p>�Nun � Ihr seht aus wie ein Christ.�</p><p>�Ich bin christlichen Glaubens. Aber meine Freunde sind anderen Glaubens. Juden und Araber. Sollte man das nicht von jedem sagen k�nnen?�</p><p>�Da habt Ihr Recht. Nun, wendet Euch an Theophil, er wird entscheiden, ob Ihr zu den Lektionen zugelassen werden k�nnt oder nicht.�</p><p>�Wo finde ich ihn?�</p><p>Henri wurde in ein benachbartes Geb�ude geschickt. Dort wartete er in einem Raum, in dem auf lang gestreckten Tischen Thora-Wimpel lagen, wei�es Leinen, auf dem mit buntem Seidengarn Buchstaben und Bilder eingestickt waren. Es war das Reich Theophils, des gro�en deutschen Gelehrten. Henri war froh, dass er tats�chlich in Toledo geblieben war. Er beugte sich �ber einen Wimpel, dort stand: <emphasis>�Er wachse heran zur Thora, zur Ehe und zu guten Werken. Sela!�</emphasis></p><p>�Ah, du bist es, mein guter Henri! Sei mir willkommen!�</p><p>�Theophil! Wie ich mich freue!�</p><p>Henri hatte die Stimme seines v�terlichen Freundes aus Speyer in seinem R�cken sofort erkannt. Er breitete die Arme aus. Theophil wirkte noch jung, obwohl er siebzig war, er hatte das Aussehen eines stolzen Edelmannes, nur sein langer Bart widersprach diesem Eindruck. Sein wei�es Haupthaar lag wie ein Strahlenkranz um sein feines Gesicht. Er hatte den Tod seiner wunderbaren Frau Alma inzwischen wohl �berwunden.</p><p>Die M�nner umarmten sich mit geb�hrendem Respekt. �Ich soll dich von Joshua gr��en, Rabbi, oder ist er schon in Toledo eingetroffen?�</p><p>�Nein. Du erwartest ihn hier? Das ist eine Freude! Dann habe ich euch beide an meiner Seite wie S�hne! Was f�hrt dich nach Toledo?�</p><p>Henri erkl�rte es dem Gelehrten in aller gebotenen K�rze. Theophils Gesicht wirkte daraufhin bek�mmert. Er wackelte mit dem Kopf. �Ob die Kabbala etwas f�r einen Tempelritter ist, der sich seiner Feinde erwehren will, das wei� ich wirklich nicht. Ein solcher Wunsch ist noch nie an mich herangetragen worden. Aber ich werde mir M�he geben, dir alles zu erkl�ren. Das bin ich dir nach den Vorf�llen in Speyer schuldig. Nur � das braucht Zeit! Du darfst nicht ungeduldig werden! Und auf keinen Fall darfst du die Schritte abbrechen. Wenn du anf�ngst, musst du bis ans Ende gehen � alles andere w�re verh�ngnisvoll.�</p><p>�Ich habe alle Zeit der Welt. Denn siehe, Theophil, in Frankreich will man mich nicht haben. Ich bin beinahe wie Ahasver, der verlorene Jude, der um die Welt irrt. Ich habe im Moment keine Heimat.�</p><p>�Das ist schlecht. �brigens gibt es noch einen anderen Christen an dieser Schule, der die Geheimnisse des j�dischen Glaubens lernen will. Er hei�t Ferrand de Tours � kennst du ihn?�</p><p>�Das ist ein Zufall � nein, ich kenne ihn nicht.�</p><p>�Er ist vor einigen Tagen angekommen. Ein Templer scheint er nicht zu sein, aber treu im Glauben. Obwohl��</p><p>�Was denn?�</p><p>�Ich traue ihm nicht.�</p><p>�Hat er etwas getan?�</p><p>�Es ist eher der Blick seiner Augen. Aber urteile selbst. Da ihr beide neue Sch�ler seid, werdet ihr Gelegenheit genug haben, euch kennen zu lernen.�</p><p>�Wo finde ich ihn?�</p><p>�Er wohnt im Haus der Studenten. Ich bringe dich hin. Du kannst auch dort wohnen, wenn du willst.�</p><p>�Ich bleibe lieber in einem Gasthof in der N�he.�</p><p>�Wie du willst.�</p><p>Als Henri dem franz�sischen Christen gegen�berstand, verstand er sofort, was Theophil gemeint hatte. Ferrand de Tours konnte keinem Blick standhalten, seine Augen waren in st�ndiger Bewegung, und er wirkte unstet. Henri sch�ttelte dem etwa gleich alten blonden Franzosen, der ein auff�lliges Gewand aus teurem grauen Tuch trug, die Hand und fragte unbefangen:</p><p>�Was hofft Ihr hier zu lernen, Ferrand?�</p><p>�Eine allzu direkte Frage! Hier haben die W�nde Ohren, ich h�te gern meine privaten Motive.�</p><p>�Nun � habt Ihr etwas zu verbergen?�</p><p>�Auch dies ist keine Frage f�r die Begr��ung, ich z�ge es vor, Ihr k�nntet diesbez�glich etwas dezenter sein.�</p><p>Theophil zog sich mit einem Stirnrunzeln zur�ck. �Ich erwarte dich morgen fr�h um acht Uhr zur ersten Stunde, Henri! Und dich am Nachmittag zur Talmud-Lesung, Ferrand. Und verpulvert eure Streitlust nicht schon vorher!�</p><p>Henri blieb unschl�ssig mit Ferrand zur�ck. Er blickte den Franzosen an.</p><p>�Was seid Ihr?�, fragte Ferrand pl�tzlich. �Ein wirklicher Scholar? Oder habt Ihr andere Motive?�</p><p>�Auch Ihr fragt unverbl�mt, Ferrand!�</p><p>�Mich interessieren die Mysterien, mein Freund. Und Euch? Seid Ihr auch versessen darauf, in die Geheimnisse dieser Juden eingeweiht zu werden, wie? In das Labyrinth der D�monen, in die Herrschaft dieser� dieser Hexenretorte von Begriffen? In die Masse der Prophezeiungen, aus denen die Juden sch�pfen? Ich will alles wissen!�</p><p>�Verzeiht, was Ihr sagt, klingt unfreundlich. Meine Erwartungen sind erheblich� freundschaftlicher.�</p><p>�Wenn ich eines gelernt habe, dann dies, mein Freund � die Juden sind unser Untergang. Und warum? Die Juden k�nnen das in alle Ewigkeit g�ltige Opfer Christi, dass jeder dank der Taufe der Gnade teilhaftig werde, nicht begreifen. Sie distanzieren sich st�ndig durch ihr Gef�hl von uns Christenmenschen. St�ndig erhoffen sie einen Wunderbaren, einen Vater ihrer Zukunft. Sie faseln herum��</p><p>�Ich verstehe immer weniger, warum Ihr hier, an der Schule der Juden, seid!�</p><p>�Man muss doch seine Feinde � ich meine, seine andersgl�ubigen Mitmenschen � kennen, nicht wahr?�</p><p>�Ihr sprecht pl�tzlich ungeniert. Vorhin schien es mir so��</p><p>�Vor diesen langen Ohren? Nein, nur vor einem Christenmenschen kann man die Wahrheit sagen.�</p><p>�Aber warum seid Ihr hier? Das ist doch ein Widerspruch!�</p><p>�Mystik, Mystik, Mystik! Wegen ihrer kalten, abstrakten Mystik, ich sagte es schon! Ich will in ihre Gedanken schl�pfen und alles verstehen, denn nur so kann man sie widerlegen.�</p><p>Henri wollte sich nicht gleich in einen Streit mit dem fremden Christen verstricken, aber er f�hlte sich gen�tigt zu sagen: �Wir sollten nicht den feindseligen Weg gehen, sondern den Herzensweg.�</p><p>Verdutzt erwiderte Ferrand: �Was meint Ihr damit, Henri?�</p><p>�Nun, Spiritualit�t ist ein wichtiger Bestandteil unseres Glaubens, aber sie darf nicht die anderen christlichen Werte zerst�ren. Und das sind die wichtigsten � Toleranz, Wohlwollen, Verst�ndnis und Liebe. Spricht doch auch der heilige Apostel Paulus in seinem Brief an die Korinther von Glaube, Hoffnung, Liebe, �aber die Liebe ist die gr��te unter ihnen�. Ich hoffe, das vergisst kein Christenmensch!�</p><p>�Den Juden geht es um D�monen! Um Buchstabenlabyrinthe! Um ein kaltes Gef�hl, Recht zu haben, weil die Geister ihrer V�ter auf ihrer Seite sind.�</p><p>�Lasst die Geister in den h�heren Sph�ren, Ferrand! Wir hier unten auf Erden haben es mit Menschen zu tun. Die Juden sind nicht unsere Feinde. Wir m�ssen auch mit ihnen zusammen eine bessere Welt bauen. Wir m�ssen die auseinander strebenden Kr�fte von Judentum, Philosophie und Christentum vereinen. Das war jedenfalls das Ideal der Tempelherren. Und auch der anderen geistlichen Orden.�</p><p>Ferrand grinste. �Aber m�ssen wir nicht auch das Denken der Menschen von einem verg�nglichen, oberfl�chlichen Dasein auf das Wesentliche des Lebens lenken? Und geh�ren dazu nicht auch alle Geheimnisse des Abendlandes, die Philosophie und die Mystik?�</p><p>�Ihr habt Recht�, seufzte Henri. �Wir gehen den westlichen, abendl�ndischen Weg. Und das ist einer der Einweihung. Es ist ein christlicher Weg. Aber wie wir uns Gott n�hern, wie wir Gott in unserer Seele erstehen lassen, das darf doch nicht den Herzensweg verlassen � wir d�rfen uns in diesem Bem�hen nicht gegen die Menschen stellen, mit denen wir es in unserer Zeit zu tun haben.�</p><p>�Ich bin ausschlie�lich dem Geist der Evangelien verhaftet.�</p><p>�Auch f�r mich ist ein Weg, der nicht Christus, dem Retter und Vers�hner, dem Fleisch gewordenen Wort, treu ist, unvorstellbar.�</p><p>�Also warum streiten wir uns dann?�</p><p>�Ihr habt Recht. Wir sollten aufh�ren.�</p><p>Mit einem unguten Gef�hl verlie� Henri das Schulgel�nde. Ferrand de Tours tauchte im Gewirr der G�nge unter, die zu den Bibliotheken f�hrten. Henri sah ihm nach, wie der blonde Mann mit wiegendem, schwerem Schritt und wehendem Umhang, auf dem franz�sische Lilien prangten, verschwand. Henri nahm sich vor, seine Identit�t als Templer auf jeden Fall zu h�ten. Vorhin war er kurz davor gewesen, sich zu verraten.</p><p>Er ging nachdenklich in die Stadt, schweifte ziellos durch die Stra�en und betrat eine der vielen Kirchen, um sich ins Gebet zu versenken.</p><p>Er wusste auch ohne die Bemerkung des Gro�meisters des Santiago-Ordens, dass die Templer in Spanien verfolgt wurden, wenn auch nicht so fanatisch wie in Frankreich. Jedes Mal, wenn er eine Kirche betrat, �berfiel ihn deshalb das Gef�hl, beobachtet zu werden. Er sch�mte sich daf�r und wollte sich daf�r im Gebet rechtfertigen. Er musste mit seinem Glauben im Reinen bleiben. Auch wenn sein geistlicher Vater, Papst Clemens, ihn und seine Tempelbr�der schm�hlich verraten hatte, so hatte das Henris Liebe zu Jesus Christus und zur Liturgie seiner Kirche nicht beeintr�chtigt. Er blieb ein treuer Christ und w�rde es immer sein. Aber manchmal, dachte er, muss man die Kirche gegen ihre wahren Feinde verteidigen.</p><p>Als Henri lange sp�ter das Gotteshaus wieder verlie�, f�hlte er sich gest�rkt. Und gerade weil er wieder mit sich und seinem Glauben im Reinen war, freute er sich auf die Lektionen in der Schule. Wenn nur Joshua ben Shimon bald nach Toledo k�me!</p><empty-line/><empty-line/><p>Henris erster Tag als Student versprach laut zu werden. Am Morgen wurde er in aller Fr�he von Ball spielenden Jungen geweckt. Sie schlugen ausdauernd mit der flachen Hand einen kleinen, harten Lederball gegen die Au�enmauer des Gasthofes. Das dumpfe �Plopp!� hatte etwas Anklagendes, aber Henri machte sich von diesem Eindruck schnell frei und erhob sich von seinem Lager.</p><p>Er hatte bis zum Beginn der Schulstunde noch Zeit, ging in die Stadt und besuchte die Fr�hmesse. Er war nicht besonders erfreut, dort Ferrand de Tours zu treffen.</p><p>Der Franzose lag neben ihm auf den Knien, aber noch bevor die Gebete beendet waren, �berfiel er Henri erneut mit seinem gefl�sterten Gerede �ber die Juden.</p><p>�Sie glauben an einen irdischen Erl�ser! Geb�ckt �ber die Schriften dieser Kabbala, im Tr�dlerladen einer zusammenhanglosen Mystik, erwarten sie einen Heiland wie du und ich � einen mit Magenschmerzen und Pickeln im Gesicht. Sie erwarten den Messias, der nichts anderes tun soll, als ihre unw�rdigen, s�ndigen Leiber aus dem Ghetto und von allen Ausnahmesteuern, die sie zu zahlen haben, zu befreien!�</p><p>�Und � ist das nicht verst�ndlich?�, gab Henri unwillig zur�ck. �In Frankreich hat man sie schm�hlich vertrieben.�</p><p>�Schm�hlich vertrieben? Ihr wisst nicht, was Ihr sagt, Henri! Ich schreibe diese Annahme Eurer Unwissenheit zu. Sie haben Christenmenschen verspottet, Brunnen vergiftet, Kinder gesch�ndet und ermordet! Sie sind an allen Seuchen schuld, denn sie verkehren mit Tieren!�</p><p>�Ferrand! Das glaubt Ihr selbst nicht!�</p><p>�Lest die ins Kastilische �bersetzte Hebr�ergei�el des Josua de Lorca! Er weist den Juden ihre Perfidie nach und fordert sie auf, die Wand, die sie von uns trennt, zu durchsto�en, um endlich Menschen zu werden. Er hat bereits f�nftausend Juden zur Taufe veranlasst!�</p><p>�Ich komme allm�hlich zu dem Schluss, dass Ihr ein Judenhasser seid, Ferrand.�</p><p>�H�rt einmal! Obwohl ihre Rabbanen vor Propheten warnen � das gebe ich zu �, trotzdem ihr Talmud keine Extragnade kennt und jeden, der Gott gesprochen haben will, zum Betr�ger erkl�rt, verfallen sie den banalsten Wunderm�nnern. Sie sind wie Kinder oder Schwachsinnige. Der Judaskuss ist ihre h�chste kulturelle Leistung!�</p><p>�Ferrand, Ihr solltet wissen, dass auch wir Christen nicht unfehlbar sind.�</p><p>�Vielleicht. Aber die Juden? Pah! Dass der Sch�pfer des Himmels und der Erden in einer J�din Leib zu Fleisch wurde, als S�ugling zur Welt kam, heranwuchs, um seinen Feinden �berliefert und zum Tod verurteilt zu werden, nur damit er schlie�lich aufersteht und wieder in seinen g�ttlichen Zustand zur�ckkehrt, das alles sind f�r die kindliche Vernunft der Juden unvorstellbare Dinge! Und f�r uns Christenmenschen ist es die Offenbarung!�</p><p>Henri war es leid, den Franzosen zu bes�nftigen. Er dachte aber, dass die Juden in ihm einen erbitterten Feind haben mussten. Und pl�tzlich sp�rte er eine innere Unruhe, die ihm sagte, dass von diesem Mann eine Gefahr ausging. Gleichzeitig schalt sich Henri einen Narren. Sicher �bertrieb er. Ferrand wirkte so jungenhaft, und er schien sogar Humor zu besitzen. Denn pl�tzlich sagte er:</p><p>�Aber ich bin auch nicht der Weisheit letzter Schluss! Ich muss noch viel lernen. Und deshalb bin ich hier.�</p><p>Als sie aus der Kirche traten, merkten sie, dass es ein besonders hei�er und dr�ckender Tag werden w�rde. Im Schulhof trennten sich die M�nner im Bewusstsein, dass sie sich bald wieder begegneten.</p><p>Henri de Roslin begab sich sofort zu Theophil von Speyer. Es tat ihm k�rperlich wohl, die Gegenwart Ferrands abzusch�tteln, der eine feindselige Stimmung verbreitete. Henri kannte solch anklagendes Pathos aus der Zeit der Kreuzz�ge. Noch einmal fragte sich Henri, warum der Franzose ausgerechnet an dieser j�dischen <emphasis>Jeschiva</emphasis> war. Auch Theophil konnte ihm diese Frage nicht beantworten, nahm Ferrand aber in Schutz.</p><p>�Er f�hlt sich unsicher in Toledo. Hier leben die Kulturen noch, anders als im �brigen Iberien, miteinander.</p><p>Noch! Ferrand wei� nicht genau, was er davon halten und wie er sich orientieren soll.�</p><p>�Aber warum l�sst du ihn hier studieren? Er ist nicht wirklich am Judentum interessiert, das wei� ich mittlerweile.�</p><p>�Auch mich l�sst man hier lehren�, erwiderte Theophil, �obwohl ich, wie du wei�t, aus Deutschland bin.�</p><p>�Aber Ferrand beschreibt die Kabbala als d�monischen Unsinn!�</p><p>Theophil winkte ab. Er f�hrte Henri vor dem Unterricht in der Schule herum, zeigte ihm H�rs�le, die Bibliotheken und ein gro�es Bad f�r den Lehrk�rper. �Ihr seid die einzigen nichtspanischen und die einzigen nichtj�dischen Studenten hier. Es gibt dreihundert Sch�ler aller Altersklassen und drei�ig Dozenten. Die Ausbildungszeit ist lang, die meisten schaffen den Abschluss nicht. Aber sie bekommen immer wieder ihre M�glichkeiten, wir kennen keinen Ausschluss von Studenten.�</p><p>�Rabbi, verzeih mir, meine Interessen sind sehr beschr�nkt. Sie liegen auf��</p><p>�Ich habe verstanden. Lass uns in den Unterrichtsraum zur�ckkehren und beginnen.�</p><p>Henri war so gespannt auf das, was ihn erwartete, dass er Hitze in sich aufsteigen sp�rte. Er wusste, die Kabbala hielt viele �berraschungen bereit. Aber er war nicht auf das vorbereitet, was ihm in den n�chsten Tagen widerfuhr.</p><p>Sein Lehrer Theophil begann vorsichtig und ganz allgemein.</p><p>�Die Kabbala geh�rt uns Juden. Sie behandelt die ersten f�nf B�cher Moses. Aber auch alle anderen Gelehrten des Abendlands lehnen sich an die Kabbala an.�</p><p>�Auch die Alchemisten sind Kabbalisten. Und ich sehe sie mit Misstrauen�, sagte Henri.</p><p>�Aber hat nicht ein Alchemist mit seinen Formeln ein Gift erm�glicht, mit dem du deinen frevlerischen Papst beseitigen konntest? Das hast du mir selbst erz�hlt!�</p><p>�Ich vergesse es nicht. Ich habe deswegen immer noch schlechte Tr�ume. Ich h�tte Clemens selbst beseitigen m�ssen � mit einem kr�ftigen Hieb meines geschliffenen Schwertes.�</p><p>�Henri! Du hast genug im Kerker gelitten. An deinen Handgelenken sehe ich noch jetzt die Spuren der Ketten im Folterkeller von Fontainebleau. Wolltest du noch mehr Strafe?�</p><p>�Nein, gewiss nicht.�</p><p>�Auch die Alchemisten haben ihren Platz. Wir m�ssen sie nicht lieben. Aber sie lehren uns die Suche nach dem Herzen der Dinge, nach dem letzten Grund der Materie. Auf einer �hnlichen Suche ist jeder denkende Mensch.�</p><p>�Aber wir m�ssen die Abwege meiden.�</p><p>�Das stimmt. Dennoch bleibe ich dabei, dass die Suche nach den tats�chlichen Geheimnissen immer die sichtbare, verg�ngliche Welt �bersteigen und zu den Sph�ren des Ewigen vordringen muss. Denn f�r uns Kabbalisten ist ein hebr�ischer Buchstabe ein Universum mit allen seinen komplizierten Beziehungen im Kleinen. Und das Universum ist mit seinen ineinander verketteten Lebensabstufungen ein kabbalistisches Alphabet.�</p><p>�Eben das will ich lernen, deshalb bin ich hier.�</p><p>�Nun � setz dich dorthin. Und h�re mir zu. Glaube meinen Worten.�</p><p>Henri versuchte, es sich so bequem wie m�glich zu machen. Von jenseits der Fenster f�chelte der duftende Sommerwind heran. Aber Henri lauschte nur den Worten Theophils.</p><p>�Du musst zun�chst wissen, dass die hermetische Wissenschaft von den Zahlen der reinste Ausdruck f�r die Intelligenz der Mysterien ist. Je h�her wir stehen, desto einfacher wird das Rechnen, schlie�lich kommen wir an einen Punkt, an dem Zahlen Dinge in Aktivit�t und Dinge Ausdruck der Zahlen sind.�</p><p>�Es ist nicht einfach f�r einen verstandesgem�� denkenden Menschen wie mich, das zu verstehen. Aber deshalb bin ich ja in dieser Schule.�</p><p>�Also lass uns anfangen.�</p><p>�Ich bin bereit.�</p><p>�Was du zuerst wissen musst, das ist gleichzeitig das h�chste Wissen. Am Anfang steht also das Ende. Ist das nicht paradox? Unsere Kabbala lehrt n�mlich, dass es ein geheimes Sch�pfungswort gibt. Aber dieses darf niemals preisgegeben werden. Wer es dennoch tut, ist der ver�chtlichste Verr�ter. Du musst dieses Sch�pfungswort und seine kleinen Gehilfen also selbst herausfinden. Der Weg dahin ist lang � und auch gef�hrlich. Aber f�r dich ist er jederzeit offen. Denn du bist ein besonderer Mensch. Und wenn du es gefunden hast, dann stehst du wieder ganz am Anfang.�</p><p>�Was muss ich tun?�</p><p>�Zun�chst einmal vergiss! Vergiss alles, was du wei�t. Und lausche auf die Kl�nge. H�rst du die Kl�nge, die die Sch�pfung erf�llen?�</p><p>�Du meinst das Leben auf den Stra�en dieser Stadt, dieses Landes, des Erdkreises?�</p><p>�Ich meine die Kl�nge der Sch�pfung! Manchmal gen�gt eine Silbe.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich das verstehe��</p><p>Theophil l�chelte in einer Erinnerung. �Ich kannte jemanden aus dem Lande Hind, er glaubte, die Silbe <emphasis>Om</emphasis> fasse alle Kl�nge des Universums zusammen. Er sprach diese Silbe st�ndig aus � <emphasis>Om! �</emphasis> und lauschte ihr nach. Er wollte daraus nicht einmal einen Schl�ssel machen, um die Sch�pfung aufzuschlie�en. Nein, nein. Er wollte nur diesen himmlischen Klang vernehmen und sich dadurch mit allem eins f�hlen.�</p><p><emphasis>�Humm?�</emphasis></p><p><emphasis>�Om!</emphasis> Es ist ein gutes Beispiel f�r einen Klang der Sch�pfung. Aber dies ist nicht meine Lehre. Wir Kabbalisten lehren anderen Dinge.�</p><p>�Welche?�</p><p>�Wir glauben nicht an T�ne, die Schwingungen in der Sch�pfung aufnehmen und sie verst�rken. Wir wollen uns nicht versenken und eins werden. Wir wollen keine D�monen anrufen. Unsere Mystik ist nicht an Kl�ngen orientiert, sondern am verborgenen Sinn der Worte und Eigennamen. Es sind heilige Worte. Und ihr Gebrauch ist sehr gef�hrlich.�</p><p>�Was k�nnte an Worten gef�hrlich sein?�</p><p>�Das wirst du merken, wenn sie vor dir stehen � die richtigen Worte. Es sind kleine Wesen, die aber riesige Ausma�e annehmen k�nnen. Sie nehmen von allem Besitz. Deshalb m�ssen wir lernen, verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.�</p><p>�Wie mit Gef�hrten?�</p><p>Er nickte. �Du hast die allererste Lektion begriffen.�</p><empty-line/><empty-line/><p>�Was hei�t Kabbala?�</p><p>Theophil musste nicht nachdenken. �Die Bedeutung ist w�rtlich �berlieferung, aber sie meint: Enth�llung.�</p><p>�Was gilt es zu enth�llen?�</p><p>�Nimm eure Farben, die der Templer, sie sind Wei� und Rot. Die Farben der Kabbala sind Schwarz und Wei�. Schwarz f�r die Buchstaben, Wei� f�r den Sinn dazwischen.�</p><p>�Es gibt einen Sinn zwischen Buchstaben?�</p><p>�Ja glaubst du denn, mein Sohn, unsere j�dischen Schriften sind blo� aus Willk�r nur in Konsonanten geschrieben? Jeder hat selbst die geheimen Vokale zu finden, die den Sinn erschlie�en. Ein Sinn �brigens, der nur ihm allein geh�rt. Denn das lebendige Wort darf nicht zur toten Lehre erstarren.�</p><p>�Ich bin mir unsicher, ob ich deine Worte verstehe��</p><p>�Worte sind wie das geheime Wesen des Herrn, unseres Gottes. Wir sehen beides als geoffenbarte Kraft des Wirklichen. Beides gilt es zu entschl�sseln, denn die Bedeutungen liegen ebenso wenig auf der Hand wie das gro�e Gef�ge der Welt.�</p><p>�Ich wei� immerhin, dass ich in der Kabbala-Schule bin, um den Weg zu diesen Bedeutungen zu lernen.�</p><p>�Richtig. In unseren grundlegenden B�chern <emphasis>Sefer ha-Sohar</emphasis> und <emphasis>Sefer Jetzirah,</emphasis> die du lesen musst und lesen kannst, weil du Aram�isch beherrschst, wird die Einweihung vorgenommen. Dadurch haben wir die M�glichkeit, die Geheimnisse der Thora, unseres Gesetzes, zu verstehen. Die B�cher geben uns den Schl�ssel in die Hand, mit dem wir die Bindeglieder zwischen Mensch und Universum, zwischen Gesch�pf und Sch�pfer, erkennen k�nnen. Diese Bindeglieder fassen wir als Kraft auf, durch die der Mensch auch die Sch�pfung formen kann. Aber er muss imstande sein, sich diese Kr�fte dienstbar zu machen.�</p><p>�Er muss sie anrufen k�nnen?�, fragte Henri verbl�fft.</p><p>�Dies ist die zweite Lektion. Du hast sie verstanden.�</p><empty-line/><empty-line/><p>�Siehst du diese zehn Zahlen? Es sind die Grundzahlen. Wir nennen sie Sephirot. Es sind gleichzeitig die Zeichen f�r das innerg�ttliche Sch�pfungswirken. Man k�nnte auch sagen, die zehn Grundzahlen bilden die Emanationen, die Ausfl�sse Gottes, des Herrn.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Nein. Du verstehst gar nichts. Wenn du es verstehen w�rdest, w�rst du ein Eingeweihter. Aber du bist nur ein Scholar, wenn auch ein kluger. Eines Tages wirst du es zweifellos verstehen. Jetzt kannst du nur eines tun: es dir merken. Du musst es einfach auswendig lernen. Vergiss es nicht.�</p><p>�Ihr Kabbalisten seid streng, Theophil.�</p><p>�Auch das, was es zu begreifen gilt, ist streng, Henri de Roslin. Wie willst du es sonst schaffen, alles zu verstehen, wenn nicht mit der �u�ersten Konzentration? Es ist nicht leicht, ich wei� das. Aber du suchst doch nach dem Sinn der Dinge und Namen, um sie zu beherrschen?�</p><p>�Ich habe Waffen gebraucht, die t�teten, jetzt will ich auch die W�rter besitzen. Ich brauche ihre Magie. Nicht, um zu t�ten, sondern um meine Feinde abzuwehren.�</p><p>�Du willst unantastbar werden, ich wei�. Dann verstehe � auch die Sch�pfung ist ein Akt der Magie, der durch die Verwendung der Buchstaben unseres Alphabets ausgedr�ckt wird.�</p><p>�Des hebr�ischen Alphabets, meinst du?�</p><p>�Nat�rlich. Die Konsonanten des hebr�ischen Alphabets stellen die Elemente der Sch�pfung dar.�</p><p>Henri behauptete nicht, diese Wahrheit zu begreifen. Er nickte nur.</p><p>�Allerdings musst du einsehen, dass diese Buchstaben mehr sind als blo�e Symbole. Wenn sie nicht mehr w�ren, h�tte unsere Lehre keine Wirkung, sie w�re blo�er Mummenschanz. Was also, denkst du, sind die Buchstaben?�</p><p>�Sie sind��</p><p>�Ja?�</p><p>�� lebendige Kr�fte des Universums��</p><p>Theophil von Speyer blickte ihn ausdruckslos an. Aber Henri wusste, dass dies schon beinahe die h�chste Anerkennung darstellte. Der Kabbalist sagte: �Durch diese lebendigen Kr�fte, ihre Namen und die Rituale, durch die wir mit ihnen umgehen, werden alle M�chte geweckt und wieder erweckt.�</p><p>�Aber was bedeutet das alles f�r den Kabbalisten? Ist er eine Art Zauberer, ein Magier � ein Taschenspieler?�</p><p>�So k�nnte es einem unwissenden, fremden <emphasis>Goj</emphasis> wie dir scheinen, mein Sohn. Ferrand scheint ja �hnlich zu denken. Tats�chlich hat die Inquisition in Iberien solche Vorw�rfe erhoben. Deshalb m�ssen wir sehr vorsichtig sein. H�te dich also vor vorschnellen Schl�ssen! Du wei�t noch gar nichts! Eines Tages in ferner Zukunft wirst du sicher begreifen, denn ich vertraue dir.�</p><p>�Was also tut der Kabbalist?�</p><p>�Er tut das Folgende. Durch seine rituellen Handlungen, an denen du bald selbst teilnehmen wirst, weckt er die innere Kraft in den Dingen und in den Symbolen. Dies merke dir, daran musst du als Erstes glauben, sonst k�nnen wir mit den Lektionen nicht fortfahren. Du musst daran glauben, dass alles Gott ist. Kannst du das, aufgrund deiner christlichen Vorstellungen?�</p><p>�Alles ist Gott? Das Allerh�chste ebenso wie das Allerniedrigste?�</p><p>�Alles ist Gott. Und nur unsere beschr�nkte Wahrnehmungsf�higkeit verhindert, dass wir diese Wahrheit in jedem Augenblick erleben k�nnen. Aber f�r den eingeweihten Kabbalisten ging das Paradies niemals verloren. Er ist niemals daraus vertrieben worden. Er lebt in der Seligkeit Gottes und bewegt sich darin.�</p><p>�Das kann ich auch empfinden. Es ist mein Glaube, der sich darin ausdr�ckt.�</p><p>�Nein, als Christ bist du dir dessen nicht bewusst. Sonst w�rdest du ja die Erbs�nde leugnen. Vergiss alles, was du wei�t. Und fange ganz von vorne an.�</p><p>�Wie ein kleines, neugeborenes Kind, das Jesus zu sich kommen l�sst, weil es nicht nur unschuldig, sondern auch ohne Wissen und damit ohne Vorurteile ist?�</p><p>�Genau so. Du hast die dritte Lektion begriffen.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Nach der Stunde machten Lehrer und Scholar eine Pause. Theophil musste die Schule f�r zwei Tage verlassen, um nach Torrijos zu reisen, wo er eine <emphasis>Mikwa</emphasis> einweihen sollte. Henri wiederholte, was er gelernt hatte.</p><p>Inzwischen hatte sich Ferrand um seine N�he bem�ht, offensichtlich hielt er Henri unbeirrt f�r einen Vertrauten, wenn auch f�r einen, der noch mit den richtigen Standpunkten zu erleuchten war. Henri mied seine Gesellschaft. Von Ferrand ging etwas Unerfreuliches aus, das im Gegensatz zu der Aufgeschlossenheit und Freude der <emphasis>Jeschiva</emphasis> stand. Ferrand schien ein Eiferer zu sein. Henri dachte: Auch die Wahrheit, wenn sie sich verteidigen muss, sollte Acht geben, nicht zu eifern. Das schadet ihr in jedem Fall. Und er nahm sich vor, das Ferrand zu sagen.</p><p>Theophil empfing ihn am Morgen des �bern�chsten Tages mit wohlwollenden, wenn auch strengen Blicken.</p><p>�In unserer heutigen Stunde gehen wir einen Schritt weiter. Du wirst lernen, von welcher Art die verborgenen Bedeutungen sind, �ber die ich in den Sitzungen zuvor gesprochen habe. Du hast schon erfahren, dass wir Kabbalisten in unserem Umgang mit Buchstaben, W�rtern und Zahlen eine besondere Vorsicht walten lassen. Denn sie sind f�r uns besondere Dinge. Alle Zeichen sind numinos.�</p><p>�Ich kann sagen, dass ich diesen Kenntnissen beinahe mein Leben verdanke.�</p><p>�Ach?�</p><p>�Man befreite mich aus einem franz�sischen Donjon und benutzte dabei die Geheimzeichen der Bauh�tten, um meterdicke W�nde aufzuschlie�en.�</p><p>�Und das gelang?�</p><p>�Zwar konnte ich aus eigener Anstrengung fliehen. Aber ohne die Kenntnisse meiner Gef�hrten w�re die Flucht aussichtslos geblieben, und meine Verfolger h�tten mich eingeholt.�</p><p>�Wer waren deine Gef�hrten?�</p><p>�Ein sarazenischer Korangelehrter aus Cordoba, er hei�t Uthman ibn Umar. Den anderen erwarteten wir beide sehns�chtig in den n�chsten Stunden oder Tagen.�</p><p>�Ah, du meinst Joshua ben Shimon! Er ist einer der bedeutendsten j�dischen Zahlenmystiker.�</p><p>�Keiner von beiden h�tte es allein geschafft, die Geheimzeichen an den Mauern zu entziffern, aber ihre jeweiligen Kenntnisse wirkten wie zwei Schl�ssel f�r ein Schloss.�</p><p>�Das ist wirklich ein sch�nes Beispiel f�r die Wirkung des Numinosen. Aber � ich wollte von der verborgenen Bedeutung sprechen. Wenn wir unsere Sch�pfung und ihren Sch�pfer, die viele Namen haben, in einem Zahlwort ausdr�cken wollen, wie lautet es dann?�</p><p>�Ich� wei� es nicht.�</p><p>�Denk nach!�</p><p>�Tausend? Wegen des tausendj�hrigen Reichs, das uns verhei�en worden ist?�</p><p>�Nein, einfacher. Das Zahlwort lautet Eins. Eins ist im hermetischen Denken der Kabbala Ursprung und Anfang von allem. Und was hei�t auf Hebr�isch Eins?�</p><p>�Achad.�</p><p>�Und wie buchstabiert sich das?�</p><p>�Lass mich �berlegen! Die Buchstabenfolge ist: Aleph, Cheth, Daleth.�</p><p>�Richtig. Und wie ist der Zahlenwert dieser Buchstaben im Alphabet?�</p><p>�Eins, acht, vier.�</p><p>�Und nun addiere es.�</p><p>�Es ergibt die Zahl dreizehn.�</p><p>�Merke dir diese Zahl. Nun weiter. Was bedeutet das Wort Ahavah?�</p><p>�Es bedeutet Liebe.�</p><p>�Buchstabiere es.�</p><p>�Aleph, Heh, Beth, Heh.�</p><p>�Was ist der numerische Wert dieses Wortes im Alphabet?�</p><p>�Eins, f�nf, zwei, f�nf. Zusammengerechnet ergibt das ebenfalls dreizehn.�</p><p>�Sehr gut. Und was folgern wir daraus? Nun, Liebe und eins f�r Einheit sind wesensgleich. Mehr noch. Wenn wir zweimal dreizehn zusammenrechnen, dann ergibt sich?�</p><p>�Sechsundzwanzig.�</p><p>�Und genau diese Zahl entspricht dem numerischen Wert f�r ein besonderes Wort. Es ist das Wort der W�rter. YAHWE! Unser Wort f�r Gott!�</p><p>�Tats�chlich? Ich begreife langsam��</p><p>�Nichts begreifst du! Denn die n�chste Schlussfolgerung aus allem ist die �berlegung, dass Gott, wenn er der Ursprung, die Eins und die Einheit ist, auch die Liebe sein muss. Seine Natur ist also Einheit in unaufl�slicher Verbindung mit Liebe. Das beweisen allein die Zahlen unnachahmlich! Und was bedeutet das f�r die Erschaffung der Welt? Liebe ist niemals selbstgen�gsam, also ist Gott auch nicht selbstgen�gsam. Liebe dr�ngt danach, sich mitzuteilen. Also dr�ngt es auch Gott danach, sich mitzuteilen. Wenn Gott Eins und Liebe ist, dann erkl�rt sich daraus die Erschaffung der Welt und des Menschen. Denn wer liebt, muss sich ein Objekt seiner Liebe schaffen. Gottes Objekt der Liebe ist die Welt, ist der Mensch.�</p><p>�Das ist einleuchtend.�</p><p>�Nichts ist einleuchtend, <emphasis>Goj!</emphasis> Du versuchst es zu verstehen! Aber du musst es sp�ren! Du musst mit dieser Erkenntnis eins werden! So wie Gott eins geworden ist mit Ursprung und Liebe.�</p><p>�Ich versuche es, aber bei Gott, ich bin Tempelritter und kein Mystiker!�</p><p>�Warum willst du die Kabbala verstehen?�</p><p>�Um aus dem Umgang mit den Worten eine Waffe gegen meine Feinde zu machen.�</p><p>�Also weiter. Ich will dir ein Beispiel geben, das du als Christ und Lateiner leichter verstehen kannst. Sehen wir uns das Wort <emphasis>Amen</emphasis> an. Christen, Mauren und Juden benutzen es. Aber niemand wei�, woher es kommt und was es bedeutet. Man �bersetzt es gew�hnlich mit: So sei es. Aber das ist falsch. Nur die Kabbalisten besitzen daf�r ein tieferes Verst�ndnis. Und an diesem Beispiel wirst du lernen, welche Macht Worte aus�ben k�nnen.�</p><p>�Ich bin begierig, es zu erfahren.�</p><p>�Wir Kabbalisten wissen, dass dieses geheimnisvolle Wort, dessen Wesen niemand erkl�ren kann, eine beschw�rende Bitte an unseren Herrn ist. Wie kommen wir zu dieser Annahme? Wenn wir uns die Buchstaben des Wortes ansehen � es sind Aleph, Mem, Nun �, dann sehen wir gleichzeitig die Anfangsbuchstaben von drei hebr�ischen W�rtern, die mit Gott in Verbindung stehen, mit Herr, Treue, K�nig. Die verborgene Bedeutung von <emphasis>Amen,</emphasis> wenn wir uns die Botschaften der Buchstaben vergegenw�rtigen, ist also: Herr, getreuer K�nig! Und was ist der numerische Zahlenwert des Wortes <emphasis>Amen?�</emphasis></p><p>�Er ist � einundneunzig.�</p><p>�Und seine Quersumme?�</p><p>�Zehn! Wie die Grundzahlen! Wie die Sephirot! Und wie die Ausfl�sse Gottes, wie seine zehn Emanationen!�</p><p>�So ist es. Und die zehnte Emanation Gottes ist Malkuth, das K�nigreich.�</p><p>�Wer also Amen sagt oder denkt, der ruft den getreuen Gott in seinem K�nigreich an!�</p><p>�Du hast die vierte Lektion begriffen. Und wenn wir bei der zehnten Lektion sein werden, dann wirst du auf alles vorbereitet und f�r alles bef�higt sein.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Nach jeder abgeschlossenen Sitzung ging Henri noch einmal durch die <emphasis>Jeschiva,</emphasis> die Talmud- und Kabbala-Schule. Er schaute in die Klassen und sah �berall junge Menschen, die auf Teppichen sa�en und die Schriften studierten. Es gab M�dchenklassen und Jungenklassen. Im Vor und Zur�ck ihrer Oberk�rper und im Gemurmel ihrer leisen Stimmen glaubte Henri ein Beispiel daf�r zu sehen, wie Menschen im Einklang leben konnten. Was lernten Kinder, falls ihre Eltern sich eine solche Ausbildung �berhaupt leisten konnten, in normalen christlichen Schulen � in Iberien, in Frankreich? Er wusste es nicht.</p><p>Er hatte nie eine Schulklasse betreten. Seine eigene Ausbildung hatte er im abgeschirmten Tempel von Paris erhalten. Als Vierzehnj�hriger war er dort eingetreten. Und er hatte versucht, die schmerzliche Erfahrung eines vergeblichen Verliebtseins in ein M�dchen zu verarbeiten. Die gro�en Schriften der Antike und das Studium der Sprachen Latein, Griechisch, Aram�isch, Franz�sisch und Spanisch hatten ihm dabei geholfen. Und an den Tagen, an denen das nicht gen�gte, um seinen Trennungsschmerz von Falkie von Inverness zu bet�uben, war er auf den Turnierplatz gest�rmt, um sich im Schwertkampf zu schulen und w�tende Attacken auf Kampfpferden zu reiten.</p><p>Henri machte sich auf die Suche nach den B�chern, die ihm Theophil angegeben hatte. Aber er erfuhr von dem Bibliothekar, einem alten Kalligraphen aus Granada, der gerade den Text einer pr�chtigen <emphasis>Haggada</emphasis> abschrieb, die zum Vorlesen und Singen diente, dass die beiden Exemplare der B�cher <emphasis>Sefer ha-Sohar</emphasis> und <emphasis>Sefer Jetzirah</emphasis> an Ferrand de Tours ausgeliehen waren. Aber konnte der Franzose sie lesen, wenn sie auf Aram�isch geschrieben waren?</p><p>Henri suchte Ferrand auf.</p><p>Der Franzose empfing ihn mit ausgebreiteten Armen und breitem Lachen. Er hatte gerade Besuch.</p><p>Henri erblickte einen kleinen Mann, dessen w�rdevolle Bekleidung im seltsamen Kontrast zu seinem durchtrieben wirkenden, spitz zulaufenden Gesicht und den �ligen Haaren stand. �Dies hier ist Manuel aus Arcos, einem der andalusischen Grenzorte des S�dens im Kampf gegen die Mauren. Er brachte mir etwas.�</p><p>Henri nickte dem Fremden freundlich zu und betrachtete das reich verzierte Korporalk�stchen, das Ferrand ihm entgegenstreckte. Er erkannte es. Wo hatte er es bereits einmal gesehen? Es fiel ihm nicht ein, aber Henri wusste, darin lagen f�r den Gottesdienst die Sinnbilder der leinenen T�cher, in die Christus im Grab eingeh�llt war.</p><p>�Eine wahrlich sch�ne Arbeit! Woher kommt es?�</p><p>Manuel sagte mit heiserer Stimme: �Aus Chiclana de la Frontera! Ich konnte es vor dem Zugriff der Mauren retten. Darin liegen neben dem quadratischen Leinen eng beschriebene Handschriften mit einem bedeutenden Inhalt. Aber davon m�sst Ihr nichts wissen!�</p><p>�Nat�rlich nicht�, erwiderte Henri, unangenehm ber�hrt von der wichtigtuerischen Art des Besuchers. �Ich wollte dich fragen, Ferrand, ob du im Besitz der B�cher bist, die ich zu studieren habe.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Leihe sie mir bitte. Ich will darin die Lektionen nachlesen.�</p><p>�Du kannst Aram�isch? Denn in dieser Sprache sind die B�cher geschrieben.�</p><p>�Ich beherrsche es seit meiner Zeit als Knappe im Heiligen Land.�</p><p>�Auch ich habe den letzten Kreuzzug mitgemacht, Henri. Aber die Sprache der Juden lernte ich nie.�</p><p>�Vermutlich wolltest du es nicht. Aber mit diesen Kenntnissen ist es leichter, ihre Gedanken wirklich zu verstehen � und das willst du doch, nicht wahr?�</p><p>Ferrand verfiel in ein kicherndes Lachen. �Auch Manuel spricht Aram�isch, nicht wahr, Manuel?�</p><p>�Sehr wohl! Sonst k�nnten wir ja nicht��</p><p>�Schon gut, Manuel! Also, Henri, du willst die beiden B�cher? Nimm sie! Sie liegen dort. Vielleicht erz�hlst du mir an den langen Sommerabenden, die uns bevorstehen, was drinsteht! Dann spare ich mir eine umst�ndliche Lekt�re in einer schwer zu erlernenden Sprache.�</p><p>Henris Blicke wanderten durch den Raum, in dem Ferrand wohnte. F�r das Zimmer eines Scholaren war es �ppig ausgestattet. Neben dem Lager standen wie �blich Tisch, Sessel und Waschgelegenheit. Aber �berraschenderweise hingen an den W�nden Wirkteppiche mit Marienszenen, und in Regalen sah er kleine, kostbare Altaraufs�tze, die liturgischen Altarger�te der <emphasis>Vasa Sacra.</emphasis> Sein Blick blieb an einem Vortragekreuz mit Edelsteinen h�ngen, und er erblickte ein Ciborium aus Gold, in dem Hostien aufbewahrt werden, es hatte einen silbernen Sechspassfu�, einen gedrungenen Turm und gravierte Schindeln aus Silber. Seltsam ber�hrt von der Gegenwart dieser heiligen Dinge, dachte Henri, ob Ferrand hier seine eigenen pers�nlichen Messen abhielt? Und w�re das nicht frevlerisches Tun?</p><p>Henri dankte f�r die B�cher und zog sich in seine Studierstube im Gasthof zur�ck. Aber eine innere Unruhe hielt ihn davon ab, sich in die Schriften zu versenken. Er sp�rte die intensive N�he des Lebens drau�en vor den Fenstern, die S��e der D�fte aus den G�rten Toledos.</p><p>Und er ahnte das N�herkommen einer Gefahr.</p><p>Und ganz pl�tzlich �berfiel ihn die Erinnerung an eine Szene im Santiago-Palast von Aranjuez. Dort war es gewesen, als er das Korporalsk�stchen Manuels zum ersten Mal gesehen hatte! Konnte er sich t�uschen? Der Gro�meister hatte es in H�nden gehalten wie einen geheimen Schatz! War es dasselbe? Und wenn ja, was bedeutete das?</p><p>Henri fiel gleichzeitig Ferrand ein, der mit Manuel zusammensteckte. Was war Ferrand f�r ein Mensch? Er wollte das Judentum nicht wirklich verstehen lernen. F�hrte er nicht etwas ganz anderes im Schild? Aber was?</p><p>Henri w�nschte sehns�chtig die Ankunft Joshua ben Shimons herbei. Wo blieb der Freund? Was hielt ihn auf? War etwas geschehen?</p><p>Henri lie� die B�cher liegen und ging in die Stadt hinunter. In der Luft lag etwas Bet�rendes, Schwebendes. Die Menschen blickten ihn an, als seien sie auf der Suche nach etwas.</p><p>Aber auch das bunte Treiben vermochte ihn nicht abzulenken, und er kehrte bald wieder in den Gasthof zur�ck, in dem es an diesem Abend ruhig war.</p><p>Und er war froh, dass ihn am n�chsten Morgen in aller Fr�he die aufgehende Sonne weckte, die durch das durchbrochene Fenster seines Zimmers fiel und deren freundliche Strahlen �ber den roten D�chern Toledos und den goldenen Kuppeln der Stadt tanzten.</p><p>Er sah unten die Menschen zu den Morgengebeten gehen, die H�ndler zum Markt fahren und die Frauen ihre Einkaufsk�rbe schultern. Der Duft frisch gebackenen Brotes erinnerte ihn an die kleinen allt�glichen Freuden und die einfachen Aufgaben, die er zu l�sen hatte.</p><p>Nein, hier galt es keine Schlachten zu gewinnen. Und er verga� die unguten Gedanken an sich drohend zusammenbrauende Dinge �ber seinem Kopf, die ihn am Vortag �berfallen hatten, und ging frohgemut in die Schule hin�ber.</p><p>Dort wartete Theophil schon ungeduldig auf ihn. Er machte ein sorgenvolles Gesicht, aber als Henri eintrat, wies er ihm munter seinen Platz zu und sagte, sie sollten anfangen. Und das taten sie sogleich. Denn Henri war begieriger als je zuvor, weiter in die Geheimnisse der Kabbala einzudringen.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Ich wollte dich etwas fragen, Theophil.�</p><p>�Nur zu.�</p><p>�Mein Gef�hrte Joshua ben Shimon sagte mir einmal, Zahlen seien f�r einen j�dischen Mystiker Ausdr�cke f�r Einzelaspekte des Anfangs, des Ur-Einen. Also von Gott. Zahlen seien Sph�ren dieses Ur-Einen, und wir versuchen, damit etwas zu erkennen, was eigentlich unerkennbar ist. Hat er Recht?�</p><p>Theophil nickte bed�chtig. �Joshua ben Shimon ist, wie ich schon sagte, ein bedeutender Zahlenmystiker. Man kennt ihn �berall, in Speyer ebenso wie in Toledo. Er kennt die Macht der Zahlen und Buchstaben.�</p><p>Henri seufzte. �Wenn er nur schon hier w�re! Ich m�chte ihn umarmen!�</p><p>�Die f�nfte Lektion! Oder willst du deine Liebe nicht auch �ber deinen Verstand ausgie�en?�</p><p>�Ihr seid mein Lehrer!�</p><p>�Worum geht es den Kabbalisten? Nicht um Zahlenspielereien, wie sie die Gaukler auf den Jahrm�rkten auff�hren m�gen. Es geht um den vollkommenen Menschen. Kannst du diesen Zusammenhang erkennen, Scholar?�</p><p>�Ich versuche es.�</p><p>�Das ist schon mehr, als die meisten tun! H�re weiter! Was verbindet die Vorstellung vom vollkommenen Menschen mit dem kleinsten Buchstaben oder Zahlzeichen? Alles! Ich gebe dir ein Beispiel, Scholar! Als der Christ Monoimos, der Araber, ein Mystiker des zweiten Jahrhunderts nach der Zerst�rung des Tempels, gefragt wurde, wie er zur Erleuchtung kam, antwortete er: Ich betrachtete den kleinsten Buchstaben unseres Alphabets, es ist der Jota. Gleichzeitig ist der Jota das Zahlzeichen Zehn. Es ist nur ein einfacher Strich. Und was bedeutet das? Dieses Jota ist nicht zusammengesetzt. Es ist vollkommen! Eine reine Einzigkeit! Und als Zahlzeichen Zehn ist das Jota der Abschluss einer Reihe von Emanationen.�</p><p>�Und auch der Abschluss der Reihe arabischer Zahlen, das wei� ich von meinem Sarazenen.�</p><p>�Und wenn du die Null der Zehn ausl�schst, was erh�ltst du dann?�</p><p>�Eins. Die Einzigkeit.�</p><p>�Den Anfang von Ideen und Zahlen. Das Ur-Eine. Gott!�</p><p>�Wir Christen kannten im Abendland die Null als Zahl nicht. Sie ist eine Erfindung der Araber.�</p><p>�Siehst du! Und doch ist sie da. Sie ist der verborgene Sinn von Zehn. Denn sie bezeichnet gleichzeitig den Beginn vor dem Beginn! Den Anfang vor der Eins. Also den Moment in der Sch�pfungsgeschichte, als Gott beschloss, dass er seine Liebe aussch�tten wolle. Als er beschloss, dass es Licht werde und der Mensch erscheine.�</p><p>�Mein Gott! Wer soll das verstehen!�</p><p>�Du verstehst es nicht?�</p><p>�Nein!�</p><p>�Dann hast du die f�nfte Lektion begriffen, mein Sohn!�</p><empty-line/><empty-line/><p>�Was ist der vollkommene Mensch? Es ist der voll erwachte Mensch! Der Mensch, der verstanden hat.�</p><p>�Du meinst, jemand, der erleuchtet ist, also die Gnosis besitzt?�</p><p>�Das genau ist die Vorbereitung auf unsere sechste Sitzung heute, mein Sohn. Es ist die Schwellensitzung, mit der du die H�lfte der Lektionen angeh�rt hast und dich auf den Abschluss des Verst�ndnisses zu bewegen kannst. Wenn du erkennen willst, musst du dich selbst erkennen. Du begreifst das Wesen Gottes niemals, wenn du nicht wei�t, wer du selbst bist und welche Ziele du dir auf Erden setzt.�</p><p>�Ich kenne meine Ziele. Ich will meine Feinde besiegen.�</p><p>�Das gen�gt nicht. Das allein ist noch kein Ziel. Es ist ein Instinkt. Ein Ziel ergibt sich nicht einfach durch den Willen, es ergibt sich aus der Summe der vorausgegangenen Vorg�nge. Gib also heute besonders Acht!�</p><p>�Ich will meine Feinde besiegen!�</p><p>�H�re weiter! Ich sagte schon, dass die Kabbala keine Spielerei ist. Sie setzt die Anerkennung einer Unendlichkeit voraus, die vor allem Anfang war und nach allem Ende sein wird. Sie ist der Ver�nderung unterworfen und gleicht doch einer vollkommenen, unverr�ckbaren Ordnung. Eine solche Ordnung ist aber nur mit Buchstaben und Zahlen zu verstehen, denn diese sind frei von Gef�hlen, von Ideologien und von Absichten. So sehen wir auch die f�nf B�cher Mose, die man auf Griechisch das <emphasis>Pentateuch</emphasis> nennt. Um diese Schriften zu verstehen, lesen wir unser Buch des Glanzes, den <emphasis>Sefer ha-Sohar.</emphasis> Hast du es inzwischen ausgeliehen?�</p><p>�Ja. Ferrand hatte es, er gab es mir.�</p><p>�Es wurde vor nicht einmal f�nfzig Jahren hier in Toledo geschrieben, sein Verfasser ist der spanische Jude Mose ben Schemtow. Mein Vater hat ihn noch gekannt � ein gro�er Geist! Ferrand hatte es? Merkw�rdig. Nun � hast du in diesem Buch auch schon studiert?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und was hast du daraus verstanden?�</p><p>�Ich bin erst am Anfang. In den letzten Tagen fiel es mir schwer, mich darauf zu konzentrieren, ich warte auf Joshua und bin unruhig. Und ich verstand nur so viel, dass uns diese Schrift in Stufen auf immer h�here Verst�ndnisebenen f�hren will. Es ist eine Art F�hrer f�r eine geistige Reise.�</p><p>�Aber wohin geht diese Reise, mein Sohn? Das ist die Frage. Und wer sind die Begleiter?�</p><p>�Ich w�sste es gern, Theophil.�</p><p>�Nun, f�rs Erste reicht es, zu wissen, dass uns die zehn Sephirot begleiten. Schau sie dir genau an!�</p><p>Henri starrte auf die vor ihm liegenden wei�en Streifen, in die mit Seidenf�den das hebr�ische Alphabet eingestickt war. Er erkannte Buchstaben, Tierk�pfe, Ornamente. Und die Inschrift: <emphasis>Ein Baum des Lebens ist die Kabbala denen, die an ihr festhalten.</emphasis></p><p>�Das ist leicht zu verstehen.�</p><p>�Du erkennst also den Sinn der Vorstellung des Lebensbaumes, nicht wahr? Der Baum f�hrt von der Wurzel �ber den Stamm bis zu den h�chsten Zweigen an der Spitze. Die Spitze, das D�nnste, Zuf�lligste, Herausgetriebene, das ist die Erleuchtung. Der Stamm, den wir geneigt sind, als das Wichtigste zu begreifen, das ist nur das Sichtbare, Einfache. Das d�nnste Zweiglein in der H�he aber ist das Unaussprechliche. Es ist die h�chste Einfachheit. So einfach wie ein Jota.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wenn du das nicht verstehst, wirst du scheitern. Aber verstehe es nicht nur durch deinen scharfen Verstand, den du zweifellos besitzt, sondern lasse es als mystische Einsicht in dich einsickern. Dann wirst du begreifen, dass die Einswerdung mit Gott gleichzeitig auch eine Selbsterkenntnis ist. Gelingt dir dieses Zusammenf�gen nicht, dann ist alles nichts wert. Dann schwankst du wie ein abgestorbener Ast an der Spitze des Lebensbaumes im kalten Wind.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Am Sabbath gab es keinen Unterricht. Henri nutzte die Pause, um sich zu entspannen. Dass Ferrand ihn an diesem freien Tag begleitete, gefiel ihm gar nicht. Aber der Eiferer schien sich ebenfalls �ber einen Tag ohne Anstrengung zu freuen.</p><p>�Das Studium ist schwer � findest du nicht? In der Bibliothek gibt es f�nfzigtausend B�cher! F�nfzigtausend <emphasis>Sefer,</emphasis> wie sie sagen, und alle sind dick und gewichtig. Es kann einem zusetzen.�</p><p>Henri musste zum ersten Mal in Gegenwart des Franzosen lachen. �Du scheinst kein richtiger Student zu sein! Ein richtiger Student freut sich �ber jedes Buch.�</p><p>�Ich freue mich �ber ein Buch, vor allem, weil sie hier gutes Papier haben. Aber f�nfzigtausend!�</p><p>Die beiden M�nner beschlossen, gemeinsam in Toledo herumzuschlendern. Von einem Besuch aller christlichen Kirchen der Stadt versprach sich Henri eine Anhebung seiner immer noch d�steren Stimmung.</p><p>W�hrend sie von einem Gotteshaus zum anderen gingen, still beteten und danach die duftende Luft Toledos genossen, die von den gr�nen, mit Zypressen und Wacholder bestandenen H�ngen herunterf�chelte, erz�hlte Ferrand von sich. Er hatte lange als Weinh�ndler an der franz�sischen Ardeche gelebt, war dann im deutschen Bacharach am Rhein, wo es eine gro�e Judengemeinde gab, auf Theophil von Speyer gesto�en. Er hatte, im Gegensatz zu den meisten Adligen, Lesen und Schreiben gelernt und beschlossen, die Geschichte der Juden zu studieren. �Das habe ich in Tours getan, wo unser Stammsitz ist. Ich bin im christlichen Glauben erzogen worden, habe aber geglaubt, mich auch f�r andere Religionen �ffnen zu k�nnen. Aber es ist mir nicht gelungen.�</p><p>�Hier hast du ja jetzt Gelegenheit dazu�, sagte Henri.</p><p>Ferrand blickte verschw�rerisch. �Mein Freund, ich sage dir was! Ich glaube nicht, dass ich mich mit der Geschichte der Hebr�er anfreunden kann. Es bleibt mir alles fremd.�</p><p>�Versuche es!�</p><p>�Ich habe das Gef�hl, die Juden Spaniens f�hren ein unverdient gl�ckliches Leben. Das gef�llt mir nicht, denn ich sehe, wie Christen im Heiligen Land leiden m�ssen.�</p><p>�Die Kreuzz�ge sind l�ngst vorbei, Ferrand. Heute hei�t es, den Mut aufzubringen, f�r den Frieden zu leben.�</p><p>�Ja, schon. Aber die Juden verschlingen die Arbeit und den Flei� der Christenmenschen. Sie bekennen sich nicht zum Land und leben ungebunden, sie erf�llen die K�nigreiche mit Geschachere und sind doch gern gesehen, sie umnachten die Menschen mit ihrem Gerede und finden doch Verteidiger ihrer Lebensweise.�</p><p>�In Frankreich hat man sie beraubt und ausgewiesen. Ich habe das Elend gesehen, das man ihnen anrichtete.�</p><p>�Hast du dich wirklich um die Geschicke von Juden gek�mmert? In dieser schweren Zeit?�</p><p>Henri nickte. �Ich war, um ein Beispiel zu geben, an der Seite meines j�dischen Freundes Joshua ben Shimon Zeuge eines Pogroms. In seinem Mittelpunkt stand der heutige Erzbischof von Burgos, Vormund und Erzieher des K�nigs, Mitglied des Regentschaftsrates. Er hatte noch bis vor wenigen Jahren das ruhige Gelehrtendasein eines bescheidenen Talmudisten gef�hrt. In dieser Zeit hie� er Salomon Halevi. Was f�r gesegnete Zeiten das damals waren, und doch ist es nur neun Jahre her! Halevi h�tete als Rabbi das Ghetto von Burgos, und die Juden wussten, dass sie ihn stets zu Hause fanden, sein Licht brannte bis sp�t in die Nacht. Doch pl�tzlich drang eine Meute bewaffneter Christen in das Ghetto ein. Sie trugen Fackeln und Schwerter. An der Spitze stand ein zerlumpter M�nch und hielt mit beiden Armen ein Kruzifix empor � ich sehe ihn vor mir, als w�re es gestern gewesen. Tod den Juden, schrien sie. Die Bedrohten waren wie auf einem sinkenden Schiff, keiner wusste, wohin er fliehen sollte. Nachdem die R�uber die ersten T�ren erbrachen, die Goldst�cke in den H�usern gesehen und die ersten fremden Blutstropfen auf ihren H�nden gesp�rt hatten, gerieten sie in Raserei. Ich will die Einzelheiten nicht erz�hlen, es war grausam.�</p><p>Ferrands Augen glitzerten, als mache es ihm Spa�, zuzuh�ren. �Doch, erz�hle weiter!�</p><p>�Nun, die Eindringlinge bekamen tausend Augen und fanden die geheimsten Verstecke. Als die Menschen au�erhalb des Ghettos davon h�rten, erhielten die Eindringlinge Hilfe. M�nner aller St�nde, B�rger, Matrosen, Sklaven, junge M�dchen und Matronen, wurden vom Raubgeruch angezogen. Schon lagen auf den Stra�en �berall Leichen, Verwundete schrien, Frauen schienen wahnsinnig. Und inmitten dieses Chaos, angesichts des Todes, knieten die Juden vor ihren Verfolgern nieder und erflehten die Taufe!�</p><p>�Manchmal geht es eben nur mit Gewalt.�</p><p>�Nein, Ferrand. Die Sakramente, die uns von der Erbs�nde reinigen, wurden damals mit unaustilgbaren Verbrechen verbunden.�</p><p>�Was wurde aus dem Rabbi? Wie hie� er noch � Halevi?�</p><p>�Auch er kniete vor den M�rdern und bat um die Taufe. Er flehte um Gnade f�r die anderen. Aber es war vergeblich. Sie pl�nderten und mordeten. Salomon Halevi trat nie mehr wieder in die Dienste der j�dischen Gemeinde Almaha. Er zog von Di�zese zu Di�zese, und eine Zeit lang h�rte man nichts mehr von ihm. Dann tauchte er wieder auf, er war konvertiert � und wurde Erzbischof. Ich will so etwas nie mehr mit ansehen m�ssen.�</p><p>Ferrand schwieg. Henri hatte das bittere Gef�hl, der Franzose tat es, um sich nicht zu verraten. Wieder sp�rte er die ungute Stimmung in der N�he des Adligen aus Tours.</p><p>Sie �berquerten den Platz vor der Moschee. Inmitten der eingerissenen Mauern bereiteten sich M�nche auf den ersten Gottesdienst in der neuen Kathedrale vor. �ber dem Gewirr der steilen, engen Gassen lag jetzt in der Nachmittagssonne der bet�rende Duft von Blumen aus den G�rten der wei� und gelb get�nchten H�user. In diesen Duft mischten sich Essensger�che, aber auch der allgegenw�rtige Gestank der Abwasserrinnsale, die kreuz und quer durch Toledo flossen.</p><p>Henri genoss das Bild des Friedens. Ferrand wollte in die Kirche. Henri verweilte noch einen Moment. Er sah H�ndler am Werk und schwarz gekleidete alte Frauen, die im Stra�enstaub knieten und Schnecken verkauften, die in K�rben vor ihnen lagen. An den St�nden des Seidenbasars wurden Einlegearbeiten, Keramik, gr�n und blau bemalte Tonware aus der Sierra und Teppiche aus den Bergen an die wohlhabenden Bewohner Toledos verkauft. Und nebenan sa�en die einfachen Leute und a�en k�stliche Gerichte, die auf offenen Herdfeuern oder Rosten der Gark�chen zubereitet wurden.</p><p>Pl�tzlich �berfiel Henri das Gef�hl, die Stadt liege auf der Lauer wie ein gro�es, gefr��iges Tier. War es wirklich so friedlich hier? Lebten nicht die Mauren und die Juden unter einer st�ndigen Drohung? Sie passten sich an. Wussten sie, dass sie argw�hnisch beobachtet wurden?</p><p>M�nner wie Ferrand de Tours waren ihre Feinde. Henri beschloss, dem Franzosen keinen Hass auf Andersdenkende durchgehen zu lassen.</p><p>Henri blickte zu der Baustelle hin�ber. Dort entstand die neue Zeit. Er sah das rege Treiben. Nicht nur die Bauarbeiter schufteten. Auch die Bettler und die obdachlosen Kinder, die Neugierigen und Verkr�ppelten, die Alten und Besch�ftigungslosen hielten sich hier auf, wo vielleicht etwas zu ergattern war. In geb�hrendem Abstand von der Baustelle, wo an der Ostseite die Mauern schon zwanzig Meter hoch gewachsen waren, hatten sich offene Badestuben mit dampfenden Bottichen angesiedelt. Handwerker boten ihre Dienste an, schilfbedachte Schankh�user mit offener Theke, F�ssern mit Rum und Jerez, herumliegenden Kalebassen und Kaminfeuer, �ber denen roher Schinken hing, luden zum Verweilen ein. Und in die Menge mischten sich ungeniert blutjunge freche Stra�enm�dchen, die unter den Arbeitern und Besuchern der Baustelle ihre Kunden fanden.</p><p>Henri ging durch das provisorische Portal in die Schatten der Kirche hinein. Er suchte Ferrand und sah ihn in der Ferne auf der Betbank einer Kapelle knien. Im d�mmrigen Innenraum herrschten die rotbraunen Kutten von Hieronymiten vor. Henri ging zu einer Seitenkapelle, in der es still war, und versenkte sich inbr�nstig in sein eigenes Gebet. Erst als die Glocke im Ostfl�gel dumpf anschlug, kam er wieder zu sich. Er sah auf und erhob sich, seine Beine schmerzten vom langen Knien.</p><p>Langsam ging er den Mittelgang der Kirche entlang bis hin zu den offenen, noch unvollendeten Mauern. Wie hoch ragten die wei�en Marmors�ulen! Wie reich verziert waren die Kapitelle! Wie feierlich leuchteten die vielen hundert Kerzen in dem ausladenden Langhaus! Wie anmutig blickten die Heiligenfiguren, in deren Abbildungen nur die Ungl�ubigen G�tzenbilder und das Urverbotene erblicken konnten!</p><p>Wie viel Sch�nheit, dachte Henri, ist hier zusammengekommen! Er f�hlte sich wohl und geborgen.</p><p>Aber als er hin�berschaute in den Teil der Kirche, die Reste der Moschee barg, und dort die Muslime sah, die auf ihren Teppichen lagen, da musste er an das Leid denken, das der Glaube manchen Menschen zuf�gte. Auch den Juden! Und er dachte weiter: Ist die Pracht hier vielleicht nur falscher Pomp, der den weltlichen F�rsten zugute kommt? Soll vielleicht damit gar der wirkliche himmlische Herrscher hinweggedr�ngt werden, damit seine Botschaft die Herzen nicht mehr erreicht?</p><p>Wie komme ich dazu, etwas Derartiges zu denken!, rief sich Henri zur Ordnung. Aber er konnte den Eindruck nicht mehr absch�tteln, dass in den monumentalen Ausma�en dieser neuen Kathedrale mit ihren sich abzeichnenden f�nf himmelhohen Schiffen etwas sehr Anma�endes lag. Als m�ssten die Auftraggeber ihre eigene Verlegenheit im Glauben mit t�nenden Gesten vertuschen.</p><p>Er verlie� die Kirche und wartete auf Ferrand. Drau�en schlug ihm die Hitze entgegen. Er versuchte, die b�sen Gedanken zu vertreiben, und blinzelte in die tief stehende Sonne. Das Treiben, das er sah, empfand er als tr�stlich. Es war, als verabreichte das Leben selbst ein reinigendes Bad.</p><p>Als Ferrand kam, wollte er ihm etwas erz�hlen. Aber Henri sp�rte keine Lust zuzuh�ren. Er wollte nur einfach im Geschrei der Menge sein, in ihren Bewegungen, in den Ger�chen und Ger�uschen. Er wollte sich durch ihre Lebendigkeit seiner eigenen Lebendigkeit versichern lassen.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Jetzt wird es ernst, Henri. Wir n�hern uns den tiefen Dingen.�</p><p>�Ich h�re, Theophil.�</p><p>�Nimm und lies!�</p><p>Henri bl�tterte in dem dicken Folianten, bis er an die Stelle kam, auf die Theophil deutete.</p><p>�Vom Anfang�, so stand da, �wird gesagt: �Im Ebenbild Gottes erschuf er den Menschen�, und wieder: �In �hnlichkeit Gottes machte er ihn.� Als sich aber die Menschen vers�ndigten, verwandelte sich das Ebenbild, dass es immer un�hnlicher wurde dem Urbild. Von da an war der Mensch der Furcht der wilden Tiere Untertan. Denn am Anfang trugen alle Wesen der Welt die Augen aufrecht, und vor ihren Blicken stand das Bild des himmlischen �Heiligen�, vor dem allein sie Furcht und Zittern kannten. Erst nach der Vers�ndigung des Menschen geschieht es, dass jenes himmlische Urbild sich ihnen verwandelt und sogar von ihnen weicht, und die bewirkt, dass die Menschenkinder andere Wesen f�rchten k�nnen. Denn erst, wenn die Menschenkinder der S�nde verfallen, k�nnen die wilden Tiere �ber sie Herrschaft gewinnen, dieweil sie das g�ttliche Urbild nicht mehr an ihnen schauen.�</p><p>�So w�re Gottes Ebenbild auch in der Schlange?�, wunderte sich Henri aufgew�hlt. �Es war doch der Versucher, der Teufel!�</p><p>�Die siebente Lektion�, erkl�rte Theophil ruhig, �ist die Endstufe der Vorbereitung. Wenn du sie verstanden hast, wirst du selbst voll erwacht sein.�</p><p>�Aber du kannst doch nicht sagen, dass der Teufel Gottes Ebenbild ist. Ich habe sogar geh�rt, dass es Juden gibt, die die Schlange mit Jesus, dem Messias und unserem Erl�ser, gleichsetzen.�</p><p>�Woher willst du das wissen?�</p><p>�Ich wei� es eben.�</p><p>�Nein, du wei�t es nicht. Du hast es vielleicht geh�rt. Aber Nichtbegreifen ist ebenso sch�dlich wie Vermutungen anzustellen �ber etwas, das man geh�rt hat von jemandem, der es von jemandem geh�rt hat. So weit die Antwort auf deine unkundige Frage. In der Tat aber hast du Recht! Denn die W�rter f�r die Schlange, <emphasis>Nachosh,</emphasis> und f�r den Messias, der noch kommen m�ge, <emphasis>Meschiah,</emphasis> bilden nach dem hebr�ischen Alphabet beide den Zahlenwert dreihundertachtundf�nfzig. Wenn wir diese Zahl auf eine Quersumme unter zehn zur�ckf�hren, ergibt es sieben � die letzte Station der Schlange, die aufgerollt wird und den Menschen zu h�herem Bewusstsein f�hrt.�</p><p>�Auch diese Lektion tr�gt die Zahl Sieben.�</p><p>�Richtig.�</p><p>�So verstehe ich nun: In der Versuchung war der Urgrund der Geburt des Messias. Und selbst der Teufel kann nicht leugnen, dass ein g�ttlicher Funke in ihm steckt. In der hebr�ischen Zahlenmystik�, sagte Henri dann nachdenklich, �scheint es nichts zu geben, das wie Abfall weggeworfen wird. Nein, falsch. Besser ist es, zu sagen, es gibt darin nichts, was keine Bedeutung besitzt.�</p><p>�Und wodurch kommt das?�</p><p>�Vermutlich, weil das hebr�ische Alphabet � wie ihr glaubt � von Gott selbst herr�hrt. Und warum sollte Gott etwas Nutzloses geschaffen haben?�</p><p>�Die Sch�pfung ist von einer mathematischen Reinheit, mein Sohn. Diese Vorstellung ist nicht nur poetisch und sch�n. Sie erkl�rt auch, warum wir Kabbalisten glauben, den Wahrheitsgehalt des Seins �berpr�fen und seinen tiefen Sinn verstehen zu k�nnen.�</p><p>�Ist es das, was du als die wahre Erkenntnis der Emanationen des Ur-Einen bezeichnet hast?�</p><p>�Du verbl�ffst mich, mein Sohn. Denn damit hast du die siebte Lektion schon verstanden und befindest dich auf dem Weg in die achte Lektion. Diese folgende Lektion spricht das Ich an. Es ruht im Herzen aller Wesen � ich sagte, aller Wesen. Das steht in diesem Abschnitt des <emphasis>Sohar,</emphasis> und das betrifft den Menschen genauso wie die Ratte und den Grashalm. Von diesem Glauben darfst du kein Jota abweichen. Also keinen Strich breit.�</p><p>�Sind wir damit in der achten Lektion?�</p><p>�Die achte Lektion besagt, dass die Dinge der Welt ihre Form allein in den zehn Sephirot bekommen. Weil sie ihn in den zehn unaussprechlichen Namen Gottes haben. Wenn wir auf ihnen aufsteigen, gelangen wir vom Allgemeinen zum Besonderen. Zur Einheit. Im Blitz des Augenblicks schl�gt dem suchenden und verstehenden Ich dann die Ewigkeit entgegen � und sie vereinen sich. Es ist ein heiliger Moment, der nur Erleuchteten zuteil wird. Ein Moment der Durchdringung von allem Festen, Verh�rteten. Diesen Herzschlag haben auch deine Gef�hrten versp�rt und ihn ausgenutzt, als sie die un�berwindlich scheinenden Mauern deines Donjons in Fontainebleau �ffneten, als ihr geheimes Wissen die entscheidende Verbindung einging und die Steine erweichte. Vielleicht wussten sie nicht einmal etwas davon und glaubten nur, die Zeichen der geheimen Steinmetze zu deuten. In Wirklichkeit aber fielen Augenblick und Ewigkeit zusammen und weichten die Materie zu etwas Geistigem auf.�</p><p>�Ich habe eine solche Empfindung stets in der Sainte Chapelle auf der Seineinsel gehabt.�</p><p>�Ein unvergleichlicher Moment, nicht wahr? Und da du offensichtlich solche Momente schon kennst, sind wir schon bei der neunten Lektion angelangt.�</p><p>�Theophil, ich muss dir etwas berichten. Ich habe ein ungutes Gef�hl. Es k�nnte sein, dass sich etwas �ber den K�pfen der Juden Toledos zusammenbraut.�</p><p>�Unsinn! Wir leben gut angepasst in dieser Stadt! Und einfach war es nie an der Seite der Christen.�</p><p>�Ich habe mit Ferrand gesprochen. Er hatte Besuch von einer kleinen Ratte. Sie hecken irgendetwas aus.�</p><p>�Aber Henri!�</p><p>�Du willst nichts davon h�ren?�</p><p>�Nein!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Als Henri das n�chste Mal mit Ferrand zusammentraf, wurde sein Verdacht best�tigt.</p><p>Ferrand erz�hlte: �Ich habe Beweise daf�r, dass die Juden planen, die Brunnen Toledos zu vergiften. Dasselbe haben sie schon in der alten Stadt Ocana getan, dort herrscht seitdem das Fieber. Jetzt werden sie es hier versuchen. Schon sind geheime Boten eingetroffen, die Gift in kleinen Paketen und in engen, zugen�hten Ledertaschen �berbrachten. Wir m�ssen sie unbedingt daran hindern, Henri de Roslin!�</p><p>�Woher wollt Ihr solche Beweise haben?�</p><p>�Manuel � Ihr habt ihn kennen gelernt � ist im Besitz von Dokumenten, die das eindeutig belegen. In Aram�isch abgefasste Schriften. Er hat sie mir aus Ocana gebracht � Ihr habt doch das Korporalk�stchen gesehen? Es sieht unschuldig aus. Aber es enth�lt furchtbare Pl�ne. Wenn wir die sch�ndlichen Juden nicht daran hindern, dieses Verbrechen zu begehen, werden wir alle sterben!�</p><p>Henri musste sofort wieder an den Gro�meister des Santiago-Ordens denken. �In diesem Korporalsk�stchen liegen die Beweise?�</p><p>�So ist es.�</p><p>�Aber Ferrand � ich kann das nicht glauben! Das sind doch Hirngespinste!�</p><p>�Hirngespinste? Lest doch! Ich gebe Euch alles! Und w�re es etwa das erste Mal, dass die Juden ein solches Vergehen versuchen? Nein! Sie haben Anweisung von ihren Rabbanen, das Gift in Brunnen und Quellen zu tr�ufeln. Sie treffen sich �berall mit ihren Glaubensgenossen auf geheimen Versammlungen. Und dann handeln sie. Sie haben es immer wieder getan!�</p><p>�Ich m�chte das Beweismaterial sehen!�</p><p>�Nat�rlich, nat�rlich! Kommt heute Nacht in meine Stube. Nach der Mitternachtsmette. Dann zeige ich Euch alles!� Ferrand de Tours trat nahe an Henri heran und sah ihn beschw�rend an. �Mein Freund! Lasst uns nicht streiten! Die Christen dieser Stadt sind in gr��ter Gefahr! Wir m�ssen Seite an Seite stehen!�</p><p>�Ich komme nach Mitternacht, Ferrand!�</p><p>Als Henri Ferrand aus den Augen verloren hatte, schwirrte ihm der Kopf. Er glaubte nicht an das, was der Franzose ihm erz�hlt hatte. Und diesem Manuel konnte er schon gar nicht trauen. Er erinnerte sich deutlich, dass er �hnliche Ger�chte schon einmal geh�rt hatte. Es war im Jahr 1307 in Speyer gewesen. Henri str�ubten sich die Nackenhaare bei dem Gedanken daran, was damals passiert war. Er begriff in schmerzhafter Klarheit, dass Ferrand, wenn sich seine negative Meinung �ber diesen best�tigte, eine Gefahr f�r das gesamte j�dische Ghetto Toledos war. Und f�r die Schule ganz besonders!</p><p>Er musste unverz�glich etwas tun!</p><p>Sollte er mit Theophil dar�ber sprechen? Aber der schien kein offenes Ohr daf�r zu haben. Wenn doch Joshua ben Shimon an seiner Seite w�re!</p><p>Ferrand de Tours empfing ihn um Mitternacht. Henri fiel sofort auf, wie bleich und m�de Ferrand wirkte. Litt er selbst unter dem Verdacht, den er ausstreute? Henri war nicht darauf vorbereitet, dass auch Manuel anwesend war. Doch die Ratte wartete im Halbdunkel des Raumes.</p><p>�Sieh hier!� Ferrand hielt ihm ein Pergament vor die Augen.</p><p>�Eindeutige Beweise!�, sagte Manuel lauernd. �Ich habe sie aus der Synagoge in Ocana entwendet. Du kannst Aram�isch, also lies!�</p><p>Henri setzte sich. Was in dem Dokument stand, lie� erneut Angst in ihm aufsteigen. Aber nicht Angst vor dem, was dort beschrieben war, sondern Angst vor denen, die versuchen w�rden, diese L�gen als Wahrheit zu verkaufen, um die Juden in der Stadt zu vernichten.</p><p>Er las: �Wir Juden von Ocana erz�hlen das Folgende: Unsere Juderia ist ein Ghetto, wie all die anderen. Und wir werden es verlassen. Wir leben im Elend. Ein Teil der inneren Stadtmauer von Ocana ist die Wand, die sich bis zum Zentrum der Stadt hin erstreckt. Wo die Stra�en die Kahale verlassen, sind sie mit Toren versperrt. Leicht kann dieser Sektor abgeschlossen werden. Warum tut man das? Wir Juden sind in unseren Herzen friedlich und frei. Auf unserem Territorium herrscht ein unabh�ngiges Stadtleben, mit Gerichtsbarkeit, frei gew�hltem Magistrat und Steuerverwaltung. Wovor haben die Christen Angst? Wir praktizieren unser eigenes Recht. Die Rechtslehrer sind unsere kl�gsten M�nner, sie sind oberste Richter, Pontifex maximus, Steuerdiktatoren, Sittenw�chter, B�cherzensoren und Jugenderzieher. Wir erziehen unsere Menschen zur absoluten Moral. Aus unseren Alhamas flossen der Krone jahrhundertelang die sichersten Einnahmen zu.�</p><p>Zun�chst konnte er in diesen Worten nichts Verd�chtiges erkennen. Er blickte die beiden anderen an.</p><p>�Lies nur, lies weiter!�, forderte Manuel ihn mit einer respektlosen Geste auf.</p><p>�Wir Juden zahlen jeden Tag Eintrittspreise, um Iberien sehen zu d�rfen. Das muss aufh�ren. Wir zahlen bisher Kopfsteuer, direkte und indirekte Kollektivsteuer, Wegsteuer. Wir zahlen h�here Ausfuhrabgaben als die Christen, h�here Prozente von unseren Kreditgesch�ften, entrichten in vielen Gemeinden noch Naturalabgaben und sind zur Quartierpflicht gezwungen. Weshalb? Sind wir Menschen zweiter Klasse? Zu alldem kommt noch eine besondere Abgabe in H�he von drei�ig Enari als R�ckzahlung der drei�ig Silberlinge, die einer von uns einst gestohlen haben soll! Und es hei�t: Wir m�ssen in Erinnerung an den Tod des christlichen Hochstaplers Jesus Christus, der zu Recht von den Juden gekreuzigt wurde, in Gold zahlen, und man ordnet an, das im besten Wert zu tun. Um uns die Herrscher g�nstig zu stimmen, schlie�en wir mit ihnen komplizierte Gesch�fte ab. Wir schie�en der Krone gro�e Summen vor, daf�r verpf�ndet der Monarch der Gemeinde die Einnahmen aus christlichen Gebieten. Aber wir m�ssen diese Gelder selbst einziehen! Und dieses Tun ist immer die Ursache gro�er, gewaltsamer �bergriffe gewesen! Das muss ein Ende haben, und so m�ssen wir Iberien j�disch machen. Wir wollten unsere finanzielle Unentbehrlichkeit ausnutzen, um individuelle und kollektive Freiheit zu erkaufen. Aber sie haben uns immer nur diffamiert. Und so sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir uns vom Joch der Christen befreien wollen! Wir werden �ber unseren Schatten springen und sie t�ten. Denn wir sind das Volk Adonais, des Herrn! Und nicht sie! Wir fangen an in Ocana, und von dort gehen wir nach Toledo. Und bald geh�rt uns ganz Altkastilien! Amen!�</p><p>Henri drehte das Pergament hin und her, aber er sah nirgends ein verr�terisches Zeichen. Es musste also echt sein!</p><p>�Wenn diese Handschrift bei den christlichen Statthaltern in Toledo bekannt wird, werden alle Juden abgeschlachtet!�</p><p>Fassungslos starrte Ferrand Henri an. �Aber begreift Ihr denn nicht? Wenn die Juden ihren Plan verwirklichen, sterben in dieser Stadt alle Christen!�</p><p>�Ich kann an die Echtheit dieser Schrift nicht glauben. Es ist doch undenkbar! Auch die fr�heren Berichte �ber Verfehlungen der Juden waren doch immer gelogen! Man hat Anschuldigungen gebraucht, um seinen Hass zu stillen. Und um an die Reicht�mer der Juden zu gelangen! In Frankreich ist das ein beliebtes Spiel. Auch wir waren davon betroffen. Als der K�nig uns��</p><p>Henri war im Begriff, sich als Templer zu verraten. Im letzten Augenblick wurde ihm das bewusst. Er schwieg und blickte seine beiden Gegen�ber ratlos an.</p><p>Ferrand sagte verbl�fft: �Seid Ihr Jude, Henri? Das w�rde Eure offensichtliche Sympathie erkl�ren!�</p><p>�Unsinn! Ich bin bekennender Christ wie Ihr!�</p><p>�Jedenfalls�, sagte Manuel, �werde ich dieses Dokument morgen fr�h dem Stadtkommandanten von Toledo vorlegen. Er wird die notwendigen Ma�nahmen zu treffen wissen.�</p><p>�Nein, wartet! Das m�ssen wir erst noch �berlegen! Die Auswirkungen w�ren verheerend!�</p><p>�Worauf warten? Haben die Juden nicht schon genug Unheil angerichtet?�</p><p>Henri wurde mutlos. Seine beiden Gegen�ber hatten einen Plan geschmiedet, der nur in Blut und Tr�nen enden konnte. Er musste versuchen, sie davon abzuhalten!</p><p>�Ferrand! Ich bitte Euch!�, bettelte Henri, ��berlegt doch, was dieses offensichtlich gef�lschte Schreiben anrichten w�rde! Die Frauen und Kinder! Es w�rde Hunderte von unschuldigen Toten geben!�</p><p>Ferrand lie� Henris Flehen kalt. Seine Augen funkelten gierig. Er sah Henri eisig an. �Das wird es! Es ist beschlossene Sache!�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>3</strong></p><p><emphasis><strong>Im Jahr des Herrn 1307, Aposteltage</strong></emphasis></p></title><p>Die Stadt Speyer lag unter Eis und Schnee. Wolfsrudel zogen hungrig durch das Grau und Wei� der weiten Ebene, machten aber weit vor den Stadttoren Halt. Sie steckten die Nasen in die kalte, rauchige Luft, zogen den Schwanz ein und trollten sich � noch. Das Heulen der m�chtigen Rudel in den klaren N�chten erinnerte die Menschen in den verstreuten D�rfern daran, wie nahe Gl�ck und Schrecken beieinander lagen. Man duckte sich in der Dunkelheit und r�ckte in den warmen Stuben zusammen. Und die Lichter des Osterfestes, obwohl es in diesem Jahr fr�h gefeiert wurde und jetzt vor der T�r stand, durchdrangen mit ihrem hoffnungsvollen Schein noch nicht die Finsternis.</p><p>Henri de Roslin wollte dieses sch�nste Fest der Christenheit, in dem sich Leiden, Tod und Auferstehung verbinden, nicht mitfeiern. Er hatte in einer kleinen Kapelle am Rhein die Petri Stuhlfeier abgehalten, die mit dem antiken Totenged�chtnis zusammenhing. Henri hatte f�r einen ihm nahe stehenden Verstorbenen eine <emphasis>cathedra,</emphasis> den Stuhl, freigehalten und einen Tag lang mit dem Gesicht auf dem Steinboden gebetet. Bei einem �bergriff auf einen j�dischen Freund durch betrunkenen Raubadel in Paris war dieser erschlagen worden. In Frankreich hielten seit dem letzten Jahr die �bergriffe auf die wenigen Juden an, die noch nicht vertrieben worden waren. Er selbst war auf seinem Weg nach Schottland, um der Verfolgung der Tempelritter in Frankreich zu entgehen, von der man bereits �berall munkelte. Und deshalb wollte Henri in diesem Jahr mit seinem v�terlichen Freund Theophil und den Juden von Speyer das Pessah-Fest begehen. In Deutschland, vor allem aber in Speyer, lebten die Juden noch einigerma�en sicher.</p><p>Er erreichte Speyer am Abend, hungrig und durchgefroren. Auf der Kruppe seines Pferdes Barq lag Raureif, sein Atem stand als wei�e Wolke in der Luft. Das gro�e Tor zum Judenghetto, zur Rechten des Domes, war schon verschlossen. Als er mit der Faust dagegen schlug, �ffnete sich eine vergitterte Luke, und das verknitterte Gesicht eines Alten mit einer gelben, zweigeh�rnten M�tze kam dahinter zum Vorschein.</p><p>�Was wollt Ihr? Ihr seht doch, die Tore sind schon geschlossen!�</p><p>�Macht bitte auf. Ich besuche den Gelehrten Theophil. Leider kommt man bei diesem grimmigen Wetter auf den deutschen Wegen nicht recht voran, und so habe ich mich wider Willen versp�tet.�</p><p>Henri h�rte ein Brummein, dann rasselten Schl�ssel, knarrend �ffnete sich ein Fl�gel des Tores.</p><p>�Gott willkommen, zum guten Festtag�, brummte der Alte und machte ein gutm�tiges Gesicht. �Alle unsere Leute sind jetzt in der Synagoge, Ihr kommt eben zur rechten Zeit, um dort die Geschichte von der Opferung Isaaks verlesen zu h�ren. Das ist eine wichtige Geschichte, denn wenn Abraham den Isaak wirklich geschlachtet h�tte und nicht den Ziegenbock, so w�ren jetzt mehr Ziegenb�cke und weniger Juden auf der Welt!�</p><p>�Ich kenne die Geschichte. Aber ich suche Theophil. Wo finde ich ihn, guter Mann?�</p><p>�Reitet nur einfach weiter. Ihr seht dann schon die Synagoge.�</p><p>Henri ritt durch die menschenleere, holprige und glatte Stra�e. Die H�user waren hoch und dunkel. Er wusste, die Juden durften ihr Quartier nicht erweitern, also bauten sie ein Stockwerk �ber das andere. In der Ferne waren jetzt vielf�ltige und verworrene Stimmen zu vernehmen. Als er den Hof des sch�nen Gotteshauses erreichte, wusch er sich in dem dort stehenden Brunnen die H�nde und trat in den n�rdlichen Teil der Synagoge, der f�r die m�nnlichen Betenden vorgeschrieben war. Die Frauen beteten in der Weibersynagoge, die sich im S�den anschloss.</p><p>Beim Eintreten erblickte Henri de Roslin hinter hohen Betpulten schwarz gewandete M�nner, die spitzen B�rte herabstehend �ber den wei�en Halskrausen, die K�pfe verh�llt von viereckigen, mit den vorgeschriebenen Schauf�den versehenen T�chern aus wei�er Seide und goldenen Tressen. Sein Blick suchte Theophil. Der Gelehrte stand an dem vergoldeten Eisengitter um die viereckige B�hne, wo die Gesetzabschnitte verlesen wurden und wo die heilige Lade stand, getragen von hohen S�ulen mit �ppigen Kapitellen. Hier hing auch die silberne Ged�chtnis-Ampel, stand der siebenarmige Tempelleuchter und sang der Vors�nger mit inbr�nstiger Stimme, begleitet von der sehns�chtigen und melancholischen Stimme eines jungen und dem tiefen Bass eines alten S�ngers.</p><p>Ja, dachte Henri, der Lobgesang Gottes kann erbaulich aufsteigen, auch wenn er nur aus der Brust von S�ngern kommt; ohne jedes Hilfsmittel.</p><p>Henri wagte es nicht, Theophil ein Zeichen zu geben, zu sehr war dieser in die Andacht vertieft. Jetzt traten drei alte M�nner ehrfurchtsvoll vor die heilige Lade, schoben den gl�nzenden Vorhang zur Seite, schlossen den Kasten auf und nahmen sorgsam jenes Buch heraus, das in ihrem Glauben Gott mit eigener, heiliger Hand geschrieben hatte. Henri wusste, wie viel die Juden f�r die Erhaltung dieses Buches schon erlitten hatten. Hass und Tod, ein tausendj�hriges Martyrium. Das Buch war eigentlich eine in roten Samt geh�llte gro�e Pergamentrolle, oben, auf den beiden H�lzern, auf denen es aufgerollt werden konnte, steckten silberne Geh�use mit Gl�ckchen, und vorn, an silbernen Ketten, hingen goldene Schilde mit bunten Edelsteinen.</p><p>Alles verlief vor Henris Augen so innig und sehns�chtig, wie er es nur selten in einer christlichen Kirche erlebt hatte. Und wieder stiegen die Stimmen der drei S�nger bei einem sch�nen Psalm empor wie Blumen und Bl�tter der Kapitelle, die aufzubl�hen schienen. Das Pergament wurde aufgerollt, und der Vors�nger las die Geschichte von der Versuchung Abrahams.</p><p>Henri blickte sich um. Er sah die blassen Gesichter der Frauen hinter der Scheidewand zur Weibersynagoge; nicht wenige Blicke trafen ihn, den stattlichen Fremden, den sie nicht kannten. Aber sie gafften nicht, sie schauten nur freundlich und sch�chtern, trotz ihrer Neugier.</p><p>Henri blieb einfach neben dem Eingang stehen. Er musste sich jedoch den Pelz ausziehen, der in der W�rme dampfte. Die Fellm�tze hatte er schon beim Eintritt vom Kopf genommen und eine mitgebrachte flache Kappe auf sein Haar gelegt. Der Vorbeter stimmte nun das Achtzehn-Gebet an. Alle sprachen es mit, jetzt stehend und die Gesichter gegen Osten gewendet. Und dann durfte auch Henri sich zu Wort melden.</p><p>Es war �blich, dass alle Anwesenden, die einer gro�en Gefahr entronnen waren, nach der Verlesung der Gesetzabschnitte vortraten und der g�ttlichen Vorsehung dankten. Henri war es ein Bed�rfnis, sich diesen Menschen anzuvertrauen, er erz�hlte im aram�ischen Dialekt, wie in seiner Wahlheimat nur wenige der Verhaftung durch die Inquisition entgangen waren, wie seit einem geschlagenen Jahr die Juden verfolgt und vertrieben wurden. Und wie das Ger�cht Nahrung erhielt, auch die Tempelritter sollten nach den Juden nun zur Verantwortung gezogen werden.</p><p>Die Betenden in der Synagoge blickten ihn entgeistert an. Ein franz�sischer Tempelritter unter ihnen! Sie wussten anscheinend nicht, wie sie diese Tatsache beurteilen sollten. Hatten die Ritter nicht im Heiligen Land Juden gejagt und Jerusalem, das goldene Heiligtum von Juden und Muslimen, an sich gerissen? Aber Theophil hatte Henri sofort erkannt. Er eilte auf ihn zu und umarmte ihn. Und schon war Henri in ihre Mitte aufgenommen.</p><p>Das gemeinsame Gebet wurde beendet und die Samth�lle des heiligen Buches von allen gek�sst. Dann verstaute man es wieder. Allm�hlich zerstreute sich die Gemeinde.</p><p>Theophil war eigentlich ein christlicher Gelehrter gewesen, der dann den j�dischen Glauben angenommen hatte. Er wurde von beiden Glaubensrichtungen respektiert, wenn auch die Christen nie ganz ihren Argwohn verloren hatten. Nach dem Ende des Gottesdienstes nahm er Henri mit in sein Haus.</p><p>Theophil hatte sich eines Tages entschlossen, freiwillig ins Judenghetto umzuziehen, und bewohnte eines der �ltesten H�user. Er besa� auch eine Frau, die selbst J�din geworden war. Alma war eine imposante Erscheinung. Sie trug einen weit ausgebauschten Rock aus wei�em Atlas, in den alle Tierarten der Arche Noah eingestickt waren, einen Wams aus Goldstoff, �rmel aus rotem Samt, gelb geschlitzt, auf dem Kopf eine hohe M�tze und eine Kette, an der Schaupfennige und andere Seltsamkeiten hingen. Alma begr��te Henri mit warmer Herzlichkeit. Sie fragte ebenso wenig wie ihr Gatte nach dem Grund seines Aufenthaltes in Speyer und wies ihm eine Schlafkammer zu. Henri war m�de und verabschiedete sich wenig sp�ter zur Nacht, denn der Ritt durch den Winter hatte ihm zugesetzt.</p><p>Am n�chsten Morgen begleiteten ihn seine Gastgeber durch die Stadt. W�hrend sie herumgingen, erz�hlte Henri von dem zunehmend beschwerlichen Leben in Frankreich.</p><p>Henri wusste wohl, dass Speyer vor zweihundert Jahren, als Jerusalem von den Sarazenen erobert worden war, als neuer Mittelpunkt der Welt errichtet wurde, mit einem Dom, der gr��er sein sollte als der Tempel Salomos. Er staunte dennoch nicht schlecht �ber das bunte Treiben an den Ufern des Rheins. In einer endlosen Schlange fuhren Schiffe mit bunten Wimpeln vorbei, Kisten, Ballen und F�sser wurden ausgeladen, auf kleinen Fahrzeugen an Land gebracht und verstaut. Von den Barken kam Geschrei, die Kaufleute stimmten mit ein, und das Br�llen der Z�llner, die in roten R�cken, mit wei�en Zollst�bchen in H�nden von Boot zu Boot h�pften, tat ein �briges.</p><p>Alma hatte Henri untergehakt und zeigte auf alles. Da der Tag sonnig und �berraschend mild war, schienen Henri zum ersten Mal seit Wochen wieder die Dinge des Lebens sch�n zu sein. Er dachte zwar auch an seine Tempelbr�der, die im Heiligen Land, aus dem er gerade erst zur�ckgekehrt war, in verlustreiche Gefechte verwickelt waren. Und an die Juden, die aus Frankreich von dem K�nig mit haarstr�ubenden Beschuldigungen, mit seiner und seiner Tempelbr�der Hilfe gar, vertrieben worden waren. Aber Alma und Theophil holten ihn mit ihrer Aufger�umtheit schnell wieder in die Gegenwart zur�ck. Die H�user von Speyer schienen zu lachen, die fernen Berge diesseits und jenseits des Rheins leuchteten in der Sonne. Selbst noch im engen Handwerkerviertel und dem angrenzenden B�rgerviertel staunte Henri �ber die ungezwungene Fr�hlichkeit der Menschen.</p><p>Er genoss alles, und das Gef�hl, genau am richtigen Ort zu sein, hatte er schon lange nicht mehr versp�rt.</p><p>Im Gesch�ftszentrum von Speyer, das als breite Stra�e auf die gewaltigen Portale des Doms zulief, befand sich ein Kaufmannsladen neben dem anderen, in den Erdgeschossen der H�user gab es keine Fenster, sondern offene Bogent�ren, man konnte hineinschauen und die ausgestellten Waren betrachten. Italiener boten Gew�rze und Stoffe feil, Luxemburger M�tzen und Mieder, Flamen Armspangen und Halsb�nder, einheimische Vogelh�ndler Singv�gel � und alle feilschten mit Kunden, rechneten mit den Fingern, wurden von hoch bepackten Markthelfern unterbrochen, die herumliefen, und setzten ihre laut vorgetragenen Gespr�che dann umso nachdr�cklicher fort.</p><p>Henri war begeistert von den bunten, h�bschen Bildern, die nicht die Schwere des Pariser Stadtlebens besa�en. Sie standen in einem sch�nen Gegensatz zum disziplinierten Einerlei seines bisherigen Alltags im Tempel.</p><p>Sie mussten w�rdevollen Altb�rgern im Samtrock mit goldener Halskette ausweichen, die jedoch Theophil respektvoll gr��ten. Speyer konnte nur dann das neue Jerusalem sein, hatte ihnen ihr Bischof erkl�rt, wenn Juden hier ungezwungen leben konnten. Schmutzige Jungens, die Obst stahlen, waren ebenso zu sehen wie M�nner in gelbledernen Wamsen, mit klirrenden Pfundsporen an den Stiefeln, junge Stutzer unter gefiederten Baretten, mit klingelnden Schnabelschuhen und seidenen Kleidern von geteilter Farbe, kichernde M�dchen mit hoch gebundenen Z�pfen und zupackende Arbeiter mit riesigen, schwieligen H�nden. Und dazwischen bem�hten sich kl�ffende Hunde aller Rassen, ihrer Freude auf ihre Art und Weise Ausdruck zu verleihen.</p><p>Henri schickte ein Dankgebet zum Himmel. Es war ein Morgen vor der Schwere des Osterfestes, den er in seiner lebensbejahenden Selbstverst�ndlichkeit als Geschenk empfand, vor allem nach den Gef�hrdungen der vergangenen Zeit im Heiligen Land und der drohenden Verfolgung seines Ordens in Frankreich, der er sich entziehen wollte.</p><p>Seine entspannte Stimmung wurde aber hinweggefegt, als er die kirchlich lang gezogenen T�ne einer herannahenden Prozession h�rte. Er hatte beinahe vergessen, dass Speyer eine Stadt der Christen war, wenn auch mit einer gro�en Judengemeinde. Und schon n�herte sich ein trauriger Zug von kahlk�pfigen und trotz der K�lte barf��igen M�nchen, die vom gewaltigen Dom herkamen, der einst von den salischen Kaisern gegr�ndet worden war.</p><p>Alma und Theophil zogen ihn fort. �Im Heiligen R�mischen Reich ist es eben nicht anders als in anderen christlichen L�ndern�, erkl�rte Alma. �Die Umz�ge sind sch�n, und ich liebe die Lieder, aber sie sind auch provokant. Denn hinter allem steckt immer der Vorwurf an die Juden, den Herrn Jesu umgebracht zu haben. So ist das sch�ne christliche Osterfest auch ein Fest der besonderen Gefahren f�r die Juden.�</p><p>W�hrend sie den Platz verlie�en, drehte Henri sich noch einmal um. Die M�nche trugen brennende Wachslichter und Fahnen mit Heiligenbildern und am Ende des Zuges gro�e, silberne Kruzifixe. An ihrer Spitze gingen rot berockte Jungen mit dampfenden Weihrauchkesseln. In der Mitte des Zuges unter einem pr�chtigen Baldachin erblickte Henri Geistliche in wei�en Chorhemden, einer von ihnen trug in der Hand ein sonnenartig goldenes Gef��, und w�hrend er lateinisch sang, klingelten an dem Gef�� Gl�ckchen, und die zuschauende Menge fiel auf die Knie.</p><p>�Alma hat Recht�, sagte Henri, �unsere christlichen Br�uche sind sch�n, aber sie wirken oft wie ein Angriff auf die Juden.�</p><p>�Deshalb hat mich der Herr Bischof, der Schutzherr der Juden, zu seinem Freund gemacht�, erkl�rte Theophil.</p><p>�Und das ist n�tig, denn wenn der christliche P�bel etwas zu viel getrunken hat, und das tut er beinahe unentwegt, dann steigt sein Blut, und es ist dann besser f�r einen guten Juden, sich nicht aus dem Viertel hinauszutrauen, bis die Luft wieder rein ist.�</p><p>�Ist es nicht eine Schande�, sagte Henri, �dass wir uns so auff�hren? Haben die Juden nicht das gleiche Recht auf alle diese Feste? Wir haben sie nicht erfunden! Im Gegenteil, die meisten �bernahmen wir nur von ihnen.�</p><p>�In Speyer ist es so�, erkl�rte Theophil, �dass die Priester eine p�pstliche Bulle erlangt haben, die die Juden verpflichtet, in der N�he des Domes in einer eigenen ummauerten Stadt zu wohnen.� Henri blickte auf den m�chtigen Dom aus rotem Sandstein, dessen sechs T�rme in den Himmel zu ragen schienen.</p><p>�Wir mussten also hinter die dicken Mauern des Ghettos, das mit eisernen Ketten vor den Toren gesch�tzt ist, um sie gegen den P�bel abzuschirmen. Das letzte gro�e Blutbad fand allerdings schon in eurem Jahr 1096 statt, als man zu einem Kreuzzug aufrief und manche behaupteten, die Juden st�hlen geweihte Hostien, die sie mit Messern durchst�chen, bis das Blut herausflie�e, und sie schlachteten zu Pessah kleine Christenkinder, um ihr Blut bei n�chtlichen Gottesdiensten zu trinken. Seitdem gab es keinen Pogrom mehr. Und in unserer eigenen Erinnerung haben wir au�er kleinen Scharm�tzeln, in denen allerdings auch Blut floss, nichts erlebt.�</p><p>�Gott sei gedankt�, sagte Alma und hob gleich darauf in der j�dischen Geste des Dankes die H�nde �ber ihren Kopf.</p><p>�Damals starben allerdings f�nfhundert Menschen, die meisten verbrannten in ihren H�usern, die Christen angesteckt hatten.�</p><p>�Im Heiligen Land haben wir es ebenso gemacht�, erinnerte sich Henri. �Wir haben, vielleicht aus gutem Glauben, gehaust wie Barbaren. Aber wir sind es doch, die getauft sind, und wir nennen die anderen Barbaren und Ungl�ubige!�</p><p>�Was wollt Ihr, Henri?�, fragte Alma und nahm wieder seinen Arm. �Ihr nicht und auch ich nicht � wir werden es nicht �ndern.�</p><p>�Und deshalb k�nnen wir nichts weiter tun, als heute Abend ein sch�nes Pessah zu feiern�, sagte Theophil. �Dann wirst du auch Rahel kennen lernen, unsere j�ngste Tochter, die wir bereits im j�dischen Glauben erzogen haben. Sie ist zwanzig. Und sie kommt aus Frankfurt am Mainfluss her�ber. Mein Gott, sie ist so sch�n! Und wenn ich sie nicht bei Meyer Bechach gut aufgehoben w�sste, der ihr eine fundierte Ausbildung in den Sprachen gibt, ich k�nnte verzweifeln, dass sie in diesem S�ndenpfuhl leben will!�</p><p>Je l�nger der Aufenthalt in Speyer dauerte, desto wohler f�hlte sich Henri auch aus ganz pers�nlichen Gr�nden. Es war das erste Mal seit langen Jahren, dass er das Gef�hl hatte, eine Familie um sich zu haben. Er dachte sehns�chtig an seine eigene Heimat, sein Ziel Midlothian in Schottland, zur�ck. Vater und Mutter hatte er nie wirklich besessen, und er war fr�h in den Pariser Tempel aufgenommen worden, wo Ersatzv�ter ihn streng erzogen. Aber Theophil und Alma und auch die warmherzige Gemeinschaft der Juden in Speyer gaben ihm ein heimatliches Gef�hl. Er war ihnen dankbar daf�r.</p><p>Als es Nacht wurde, z�ndete Alma in ihrem Haus die Lichter an. Henri sah jetzt, dass sie alle Gegenst�nde besa�en, die in j�dischen H�usern vorhanden waren. Sie legte das bunt bestickte Tafeltuch mit den Goldfransen �ber den Tisch und darauf drei unges�uerte Brote und sechs kleine Sch�sseln mit den symbolischen Speisen des Pessah, das waren Lattich, Eier, Mairettich, N�sse, Lammkn�chelchen und ein Geb�ck mit Zimt und Rosinen. Und sie f�llte den zeremoniellen Kidduschbecher bis zum Rand mit Wein und stellte ihn auf einen zinnernen Sederteller.</p><p>Nach und nach trafen Rahel, die Tochter, ein j�disches Ehepaar aus dem Ghetto namens ben Hiskia und schlie�lich Theophil ein. Rahel war wirklich so anmutig, wie ihr Vater erw�hnt hatte, und Henri bedachte sie mit wohlgef�lligen Blicken. Jeder bekam seinen vorgeschriebenen Platz zugewiesen. Alma z�ndete die <emphasis>Hawdalakerzen</emphasis> an und r�ckte die Besomimb�chse mit den Gew�rzen zurecht. Die G�ste sa�en da wie Kinder und sahen ihr zu.</p><p>Theophil begann bald aus der <emphasis>Haggada</emphasis> zu lesen, einem Buch der Sagen, Wundergeschichten, Gebete und Festlieder. Die Lichter der silbernen Sabbatlampe leuchteten warm. Und als Bedienstete die Nachtmahlzeit hereinschoben, man a� und roten Wein aus Bechern trank, in die heilige Geschichten der Juden eingraviert waren, und Theophil, der bereits zur Nacht gegessen hatte, fortfuhr, mal wehm�tig, mal heiter vorzulesen, da konnte Henri nicht anders, als Rahel anzuschauen. Die junge Frau blickte zur�ck, in ihren braunen Augen standen viele Fragen. Woher kommst du? Wohin gehst du? Kannst du bleiben? Und Henri fragte stumm zur�ck: Wei�t du �berhaupt, wie sch�n du bist? Wei�t du, wie mich deine Sch�nheit anr�hrt, in der sich stille Heiterkeit ebenso zeigt wie die leidende Innigkeit aller J�dinnen? Und dann sprachen alle au�er Henri im singenden Tonfall ein Gebet mit, und der Gast aus Frankreich schloss dabei die Augen.</p><p>Als Theophil an der Stelle war, wo die Kinder Israels �ngstlich durch das ge�ffnete Rote Meer gehen und schlie�lich vor dem Berg Sinai stehen, da hob Alma eins der unges�uerten Brote empor. Und Theophil unterbrach seine Lesung, und ben Hiskia sagte: �Das ist unsere Kost, die unsere V�ter und Vorv�ter in �gypten genossen. Jeglicher, den es hungert, komme und genie�e. Jeglicher, der da traurig ist, der komme und teile unsere Pessahfreude!�</p><p>Ben Hiskia und seine Frau blickten dabei Henri an, und schlie�lich ruhten aller Blicke auf dem Tempelritter. Henri dankte ebenso mit Blicken. Er wollte eben, wie es der j�dische Ritus vorgab, sagen, dass die Juden dieses Jahr vielleicht noch als Knechte das Fest begingen, aber im kommenden Jahr schon als Kinder der Freiheit, das sei gewiss.</p><p>Da klopfte es an das Tor.</p><p>Alle blickten sich verwundert an, Rahel sah sogar erschreckt aus. Alma sagte: �Wer kann das sein? Jeder feiert doch in seinem Haus das Fest. Es m�ssen Fremde sein.�</p><p>��ffne und schau nach�, erwiderte Theophil und rollte das Pergament in die H�lzer zur�ck, denn unerw�nschte Blicke durften es nicht sehen.</p><p>Kurze Zeit sp�ter f�hrte die Hausherrin zwei durchgefrorene M�nner herein. Sie trugen weite M�ntel. Alma sagte: �Es sind Glaubensgenossen auf der Durchreise. Sie bitten darum, heute Nacht das Pessah mit uns zu begehen.�</p><p>Theophil stand auf. �Friede mit Euch. Setzt Euch in meine N�he! Esst und trinkt! Ich m�chte in der Lesung fortfahren.�</p><p>Die Fremden nickten fl�chtig in die Runde und nahmen auf St�hlen Platz, die Alma von den Zimmerecken heranr�ckte. Henri dachte fl�chtig, warum legen sie ihre Umh�nge nicht ab, wahrscheinlich frieren sie noch immer. Und er lauschte wieder, wie die anderen, den Geschichten, die Theophil aus der erneut aufgerollten <emphasis>Pessah-Haggada,</emphasis> dem Buch der Sedernacht, vortrug.</p><p>Als er an die Stelle des Buches kam, wo von den Rabbis erz�hlt wurde, die sich die ganze Nacht �ber den Auszug der Kinder Israels aus �gypten unterhielten, bis ihre Sch�ler kamen, die Vorh�nge aufzogen und sagten, es sei bereits heller Tag, da geschah etwas, das Henri einen Stich ins Herz gab. Eben noch schien alles vertraut und friedlich zu sein. Im n�chsten Augenblick stand der Schrecken im Raum, der die Juden immer umschlie�t wie ein unausweichliches Schicksal.</p><p>Henris Blicke lagen auf Rahel. Und pl�tzlich sah er, wie ihr l�chelndes, sanftes Gesicht erstarrte. Er bemerkte, wie alles Blut aus ihren Z�gen wich, wie die Lippen bleich und die Augen noch gr��er wurden. Ein inneres Grauen schien sie �berfallen zu haben, im Entsetzen wurde ihr anmutiger Leib stocksteif.</p><p>Henri wollte fragen, was sie habe. Aber er wagte nicht, Theophil zu unterbrechen. Die beiden Fremden hatten inzwischen ihre Umh�nge abgelegt, Alma knabberte an dem unges�uerten Brot, das Ehepaar ben Hiskia lauschte mit halb geschlossenen Augen. Die Kerzen waren beinahe heruntergebrannt.</p><p>Dann war die Lesung beendet.</p><p>Alma holte die Waschsch�ssel herein, und w�hrend sie den G�sten Wasser �ber die H�nde laufen lie�, machte Rahel Henri ein Zeichen, er solle ihr nach drau�en folgen.</p><p>Die Nacht war eisig klar. Sie holten ihre M�ntel, h�llten sich darin ein, und als Henri wissen wollte, was Rahel ihm sagen wolle, legte sie ihm den Finger auf den Mund. Sie ergriff seine Hand und zog ihn in die dunklen Gassen Speyers hinaus. Henri machte eine Geste in Richtung von Theophils Haus. Aber sie waren schon am Tor. Sie befahl dem W�chter, das Tor aufzuschlie�en. Henri begriff noch immer nicht. Rahel zog ihn zum Rhein hinunter.</p><p>Henri sp�rte, wie eiskalt Rahels Hand war. Und langsam wurde es ihm auch kalt ums Herz. Denn was sie tat, das Haus ihrer Eltern einfach zu verlassen, schien ihm so unverst�ndlich, ja verwirrend, dass er mehrmals stehen bleiben und das M�dchen um Aufkl�rung bitten wollte. Aber dann blickte sie ihn so flehend an, dass er ihr folgte.</p><p>Sie bestiegen ein Boot. Rahel wollte rudern. Henri nahm ihr das Ruder aus der Hand.</p><p>�Wohin, sch�ne Rahel?�</p><p>�Nur weiter! Fort von hier!�</p><p>�Aber warum? Was habt Ihr nur?�</p><p>In ihr blasses Gesicht, auf dem jetzt der kalte Schein des Mondes lag, zog Todesangst. Henri umfasste ihre zitternden Schultern. Er streichelte ihr Haar und sagte noch einmal: �Was habt Ihr? Sagt es mir doch!�</p><p>Und dann brach es aus ihr heraus.</p><p>�Habt Ihr denn nicht den Engel des Todes gesehen? Wir sind ihm gerade noch entkommen! Gelobt sei der Herr!�</p><p>�Und die anderen, die zur�ckblieben?�</p><p>�Sie werden sich retten. Es ging nur um mich. Sie haben den Beweis f�r unsere Schuld nur wegen mir unter den Tisch gelegt.�</p><p>�Was haben sie?�</p><p>�Mir wurde pl�tzlich klar, dass einer der beiden Fremden, die als G�ste kamen, der Bruder eines Mannes aus Frankfurt ist, der mich zur Frau haben will. Dieser Mann verfolgt mich seit einem halben Jahr. Er ist verr�ckt vor Begehren nach mir. Er hat sogar versucht, mir Gewalt anzutun!�</p><p>�Aber wir h�tten doch nicht weggehen d�rfen!�</p><p>�Habt Ihr es denn nicht gesehen?�</p><p>�Was?�</p><p>�Wie Vater Theophil die Haggada sang, schaute ich zuf�llig unter den Tisch. Und dort, zu seinen F��en, lag der blutige Leichnam eines winzigen Neugeborenen. Die Fremden haben ihn dort hingelegt. Sie waren keine Glaubensgenossen, sondern Gottlose, sie wollen uns des Kindesmordes beschuldigen und anzeigen und mich dadurch endlich in ihre Gewalt bringen. Denn der Mann, der mir nachl�uft, ist einer der Konzilen in Frankfurt.�</p><p>Henri packte das M�dchen. �Rahel! Wenn das alles wahr ist, dann m�ssen wir auf der Stelle nach Speyer zur�ck. H�rt Ihr! Wir d�rfen nicht davonlaufen!�</p><p>�Aber ich habe solche Angst! Ich geriet v�llig in Panik. Ach, ich kann nicht klar denken.�</p><p>Henri packte das Ruder fester und wendete das Boot. Mit starken Schl�gen teilte er das tr�be Wasser. Und bald darauf legten sie wieder an der Anlegestelle vor den Toren der Stadt an. Henri sprang polternd heraus.</p><p>�Ich gehe ins Haus zur�ck. K�nnt Ihr irgendwo anders unterkommen?�</p><p>�Ja, sicher bei den Gro�eltern der ben Hiskia.�</p><p>�Gut, dann tut das! Verriegelt die T�r und wartet auf mich, bis ich komme!�</p><p>Henri zog Rahel mit sich, und sie rannten durch das Tor, der Schlie�er verstand gar nichts mehr. Rahel wendete sich zur Behausung der ben Hiskias, Henri rannte weiter die menschenleere Gasse hinauf. Voller b�ser Erwartungen kam er am Haus von Theophil und Alma an.</p><p>Die L�den waren noch heruntergelassen. Nichts deutete auf etwas Ungew�hnliches hin. Aber im gleichen Moment traten die beiden Fremden aus der T�r, wieder in ihre Umh�nge geh�llt. Henri schnappte einen Wortfetzen auf. �� hat ja geklappt� Truppen des Bischofs warten schon am Rathaus��</p><p>�Halt!�, rief Henri. �Was hat geklappt? Ihr wollt diesen friedlichen Menschen, die Euch nichts getan haben, schaden?�</p><p>Verbl�fft schauten ihn die beiden an. �Ach, da ist der ja wieder zur�ck�, entfuhr es dem einen. �Und wo ist die holde Kleine?�</p><p>Henri trat kurz entschlossen auf die M�nner zu. Er wendete einen Trick an, den er bei seiner ritterlichen Ausbildung im Tempel gelernt hatte. Er griff nach den K�pfen der beiden und schlug sie so heftig zusammen, dass die M�nner, wie vom Blitz getroffen, zusammenbrachen.</p><p>Henri schleifte die leblosen K�rper durch den Schnee ins Haus und legte sie ins Vestib�l. Hastig riss er die T�r zum Festraum auf. Dort sa�en die beiden Ehepaare unbeweglich auf ihren St�hlen, weit vom Tisch abger�ckt. Sie schienen unverletzt zu sein. Aber die Art, wie sie die K�pfe h�ngen lie�en, zeigte Henri, dass sie Bescheid wussten.</p><p>Er erblickte das blutige B�ndel unter dem Tisch.</p><p>Theophil hob den Kopf und sah zu dem eintretenden Henri auf. Ein freudiger Schimmer trat bei seinem Anblick in seine Augen. �Sie waren nicht von der Gemeinde Israels�, sagte er leise.</p><p>�Ich wei�!�</p><p>�Sie wollen wieder einmal das Volk aufreizen, pl�ndern und morden.�</p><p>�Ja, Theophil.�</p><p>�Finsternis wird wieder �ber uns kommen, Henri! Und vor allem �ber mich, der ich Christ war und nun mit den Juden feiere! Sie werden behaupten, ich sei der Verruchteste von allen!�</p><p>�Nein. Diesmal wird es ihnen nicht gelingen! �ngstigt Euch nicht. Und auch Ihr nicht, Alma! Ich bin der Zeuge, der alles Unheil von Euch abwendet. Die Untat wird auf die Gottlosen zur�ckfallen! Daf�r stehe ich ein. Und nun geht Ihr, Theophil, und benachrichtigt alle. Schlagt L�rm! Je mehr, desto besser! Lenkt aller Aufmerksamkeit auf Euch! Tut es vor allem auch in der Christenstadt, und tut es selbst, es wird als Beweis daf�r gelten, dass ihr alle unschuldig seid. Rahel ist in Sicherheit. Und ich werde so lange auf Euch aufpassen, bis alles zum Besten geregelt ist!�</p><p>�Euch schickt Gott�, stammelte Alma.</p><p>�Uns alle hat Gott geschickt�, erwiderte Henri. �Wir m�ssen es nur endlich begreifen und uns w�rdig erweisen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>4</strong></p><p><emphasis><strong>Ende Juli 1315, Tage der Maria Magdalena</strong></emphasis></p></title><p>Es fiel Henri zunehmend schwer, sich auf den Kabbala-Unterricht zu konzentrieren. Desto erleichterter war er dar�ber, dass endlich Joshua ben Shimon eingetroffen war. Er brachte den Knappen Sean of Ardchatten mit, der noch immer in der Seligkeit seines Liebeskummers schwelgte und Reime verfasste. Hin und wieder lie� er auch das Lied seiner Fl�te h�ren, die seine jugendliche Sehnsucht nach der fernen Guinivevre ausdr�ckte. Joshua, der den Jungen ebenso liebte wie Henri und dieses Gef�hl auch besser ausdr�cken konnte, l�chelte beim Anh�ren dieser Lieder. Und so hatte Henri das Gef�hl, den drohenden Schatten, die �ber Toledo aufgezogen waren, mit neuer Kraft begegnen zu k�nnen, Theophil dr�ngte darauf, den Unterricht fortzusetzen. Er wollte von Henris Warnungen, die Ghettojuden Toledos bef�nden sich in Lebensgefahr, nichts h�ren. Und tats�chlich hatte Henri bei Ferrand de Tours bewirkt, dass der das verr�terische Pergament noch nicht dem Stadtkommandanten aush�ndigen wollte. Henri hatte seinen Eingriff damit begr�ndet, dass er die Handschrift noch einmal gr�ndlich auf ihre Echtheit hin studieren wollte. Ferrand gab ihm daf�r f�nf Tage. Danach wollte er den Alarm ausl�sen und die Christen auf die Juden hetzen.</p><p>Henri hatte also f�nf Tage Zeit, um sich einen rettenden Plan auszudenken. Die Handschrift einfach zu vernichten gen�gte nicht. Denn da er sie f�r gef�lscht hielt, w�rde es Manuel jederzeit m�glich sein, eine neue Anklageschrift zu f�lschen und herbeizuschaffen.</p><p>Theophil empfing seinen Scholaren zur vorletzten Lektion gleich nach Sonnenaufgang. �ber der Stadt lag seit Wochen eine flirrende Hitze. Keine Wolke stand am Himmel, und die kleinen Fl�sse waren ebenso wie der m�chtige Tajo nun fast ausgetrocknet.</p><p>Henri hatte sich in die B�cher versenkt. Und er glaubte, dem Verst�ndnis der Kabbala sehr nahe gekommen zu sein. Abends war er vom vielen Studieren, das f�r ihn eine ungewohnte Besch�ftigung war, so m�de, dass er bei brennenden Kerzen �ber den Seiten einschlief. Am Morgen schmerzte sein Kopf.</p><p>�Nichts au�er Gott existiert. Was hei�t das? Denn gibt es nicht das B�se in der Welt? Krankheiten, Erdbeben, schlechte Menschen, die aus dem Glauben heraus das Falsche tun?�</p><p>Der Scholar rieb sich die Augen und sagte: �Das gibt es �berall, ja.�</p><p>Theophil blieb hartn�ckig. �Wie kommt das Unvollkommene in die Welt? Indem Gott sich zur�cknimmt. Er zieht sich f�r einen Moment zur�ck und l�sst das banale Sein in die Welt. Wenn dies aber nur ein Teil der Sch�pfung ist, kann es eben nicht von Licht durchflutet und g�ttlich sein � es ist unvollkommen.�</p><p>�Aber damit kann man ja alles erkl�ren!�</p><p>Theophil hob die Hand. �Moment! Das bedeutet ja nur, dass alles, was jetzt noch unvollkommen ist, sich durch Gottes R�ckkehr wieder vollst�ndig manifestieren wird.�</p><p>�Das zeigt uns einen Gott, der sich bewegt, der sich in der Entwicklung befindet. Wie ist das m�glich? Ist Gott denn nicht vollendet?�</p><p>�Man kann sagen, dass in Gott seit jeher zwei Lichter brennen. Ein gedankenloses und ein sch�pferisches. Das erste ruht in sich und gen�gt sich selbst, das zweite bringt den Willen zur Sch�pfung hervor.�</p><p>Henri musste einen unwilligen Moment lang an Manuel denken. �Verstehe ich es richtig, Meister, wenn ich sage, der Urgrund des Schlechten und Unvollkommenen, selbst ein so unw�rdiges Wesen wie Manuel, ist ein Teil des Sch�pfers selbst? Wie k�nnen dann die Menschen Schuld haben, wenn sie B�ses tun?�</p><p>�Sie haben nur dann Schuld, wenn sie nicht bestrebt sind, das gedankenvolle Licht zu ergreifen und es �ber dem Bereich erstrahlen zu lassen, der sich bisher dem Guten versagt hat. Denn diese M�glichkeit besitzt jeder gedankenvolle, gl�ubige Mensch, und dazu verpflichtet ihn die Sch�pfung. Dann geht der Prozess zu Ende.�</p><p>�Ist das die neunte Lektion?�</p><p>�Es ist die Voraussetzung. Die neunte Lektion besagt etwas, das daraus folgt. Es ist etwas, das dich besonders interessieren wird, denn damit wird dein aktives Wesen angesprochen. Und es wird dich ablenken von dem Unsinn, der in diesen Tagen durch deinen Kopf spukt, und dich auf dein wesentliches Interesse zur�ckf�hren.�</p><p>�Ich bin gespannt!�</p><p>�Diese Lektion besagt, dass mit jedem der zehn Grundzahlen auch die zehn Namen f�r Gott in der j�dischen Kabbala einhergehen. Und mit diesen zehn Namen gehen zehn d�monische Wesenheiten einher.�</p><p>�D�monen? Aber sagtest du nicht am Anfang des Unterrichts, es gehe euch Kabbalisten nicht um Anrufung von D�monen?�</p><p>�Sagte ich das? Kannst du das beweisen?�</p><p>�Wie sollte ich das beweisen k�nnen!�</p><p>�Also! Ich sagte es nicht. Oder ich sagte es, um dich in falscher Sicherheit zu wiegen und dich sp�ter zu beunruhigen und deine doppelte Aufmerksamkeit zu erlangen, nicht wahr? Denn tats�chlich sind diese zehn D�monen das Aller wichtigste!�</p><p>�Was? Warum?�</p><p>�Wir k�nnen sie durch magische Praktiken anrufen und in unseren Dienst zwingen.�</p><p>�Ist das wirklich wahr?�</p><p>�Wir m�ssen sie nur vorher namentlich genau erfassen und anrufen.�</p><p>Henri konnte nur sprachlos zuh�ren.</p><p>Theophil hob den Finger. �Zehn D�monen � zehn Lektionen. Jetzt sind wir kurz vor dem Ziel. Vor deinem Ziel. Mit der n�chsten Lektion wirst du begreifen, wie du durch die Benutzung der wahren Namen Wesen und Dinge auf deine Seite ziehen kannst.�</p><p>�Ich bin so beunruhigt, Theophil! Im Moment h�lt mich alles davon ab, die Schriften zu studieren, denn ich ahne gro�es Unheil, das �ber uns kommt. Und ich finde bei dir kein Geh�r.�</p><p>�Studiere die letzte Lektion der Kabbala, mein Sohn! Dann wirst du sehen, wie alles ins Lot zu bringen ist. Weiche kein Jota von deinem Ziel ab!�</p><p>�Ich werde versuchen, mich von allen �u�erlichen Einfl�ssen freizuhalten, um deine Belehrungen wirklich verstehen zu k�nnen.�</p><p>�Wir sehen uns bald. Wenn du wirklich dazu bereit bist.�</p><p>Henri geriet in eine seltsame Stimmung. Er tr�umte viel und schlief schlecht. Theophils Worte hatten etwas in seinem Inneren ausgel�st. Sein Kopf war erf�llt mit magischen Bildern und d�steren Vorahnungen, mit Szenen voller Gewalt. Er fragte sich, ob er das Studium nicht aufgeben und zu den Waffen eines Tempelritters zur�ckkehren sollte. Im mannhaften Kampf konnte er das Geschick vielleicht zu seinen Gunsten beeinflussen.</p><p>Andrerseits erregten ihn die Geheimnisse der Kabbala. Und er versuchte sogar, das Numinose, von dem Theophil gesprochen hatte, f�r sich auszunutzen. Er rief die Namen seiner Feinde an und verw�nschte sie. Als er durch solche Abendstunden hindurchgegangen war, glaubte er, im Fieber zu sein. Dann fiel ihm Manuel ein. Es blieben ihm noch drei Tage, um das Verh�ngnis f�r die Juden abzuwenden. Er beschwor den Namen der Ratte, er zog sogar sein Schwert und hieb nach dem eingebildeten Schatten dieses Betr�gers und Verr�ters.</p><p>In manchen n�chtlichen Tr�umen vernahm er �chzende Stimmen und Seufzer, so als erl�gen seine Feinde reihenweise seinen Anrufungen und Verfluchungen.</p><p>Wenn der n�chtliche Spuk verflogen war, kam Henri wieder zu klaren Gedanken.</p><p>Er beriet sich mit Joshua �ber seine Bef�rchtungen. Der Jude war ebenso besorgt wie er. Er war von einem Aufenthalt bei dem Sarazenen Uthman ibn Umar aus Cordoba gekommen, dort lebten Mauren, Juden, Christen noch friedlich zusammen, auch wenn der Geist der Reconquista schon die K�pfe zu vernebeln begann. In Toledo schien die Inquisition gegenw�rtiger.</p><p>�Es ist �berall das Gleiche�, sagte Joshua. �Sie fallen auf die unglaublichsten Anschuldigungen gegen uns Juden herein. Allein aus dem Grund, weil sie es glauben wollen! Sie brauchen so etwas von Zeit zu Zeit. Jetzt ist wieder ein solcher Moment gekommen, wo ihr Fieber steigt.�</p><p>�Was tun wir? Die Juden in der Schule sind nicht empf�nglich f�r Warnungen. Es ist zum Verzweifeln!�</p><p>�Sie wollen es nicht h�ren, weil sie es schon zu oft durchlitten haben. Sie schlie�en Augen und Ohren und hoffen, die Gefahr so bannen zu k�nnen.�</p><p>�Vor allem die Kabbalisten! Und das erstaunt mich am meisten. Denn Theophil ist ein weiser, nachdenklicher Mann.�</p><p>�Was schl�gst du vor, Henri?�</p><p>�Nun, wir haben gerade die Tage einer besonderen Heiligen, der Maria Magdalena. Die Christen dieser Stadt werden es drei Tage lang feiern. In dieser Zeit d�rften sie keinen Sinn f�r Gewalt gegen die Juden haben. Aber danach umso mehr! Denn Maria Magdalena war die treueste Anh�ngerin Jesu Christi, den die Juden ans Kreuz schlugen. Christen werden diese Tat den Juden nie verzeihen. Und wenn sie einer daran erinnert, kocht ihre Wut auf. Besonders nach einem heiligen Fest.�</p><p>�Nun, ich wei� das. Ich wei� aber auch, dass Maria Magdalena die gr��te S�nderin war, Jesus musste sie von siebenfacher Besessenheit heilen.�</p><p>�Doch war sie die Erste, der sich der auferstandene Jesus im Grab offenbarte! Aber wir sollten nicht dar�ber disputieren, dazu bleibt keine Zeit. Was tun wir, um das Unheil abzuwenden, w�hrend meine Glaubensbr�der in den Kirchen feiern?�</p><p>Sean of Ardchatten, der in der Zimmerecke des Gasthofes sa� und erneut damit begann, auf seiner dreil�chrigen, klappenlosen Querfl�te zu blasen, der Schw�gel, brachte Henri auf einen Gedanken.</p><p>�Was w�re, wenn wir diesen Manuel einfach beseitigen? Ich kann das �bernehmen! Nun, nicht mit meiner Fl�te! Ich besitze einen scharf geschliffenen Dolch, der gut durch zarte H�lse geht. Willst du ihn sehen, Meister Henri?�</p><p>�Schweig, Sean! Spiel weiter! Deine Melodien klingen weniger misst�nend als deine Worte.�</p><p>�Es liegt an dem Instrument, ich habe es von meiner Guinivevre geschenkt bekommen. Wie lange habe ich das M�dchen schon nicht mehr gesehen.�</p><p>�Du wirst sie bald sehen. Denn wenn wir das hier �berstanden haben, reisen wir nach Beaumont, und du darfst sie einmal k�ssen.�</p><p>�Sie ist nicht mehr in Beaumont, sondern lebt inzwischen beim Abt von Cadouin, Henri. Ob der mir erlaubt, sie zu k�ssen?�</p><p>�Hm. Ich werde ein Wort f�r dich einlegen.�</p><p>�Was tun wir, Henri, die Zeit dr�ngt!�, wandte Joshua ein.</p><p>�Bei Seans Worten ist mir etwas eingefallen. Nun, es ist verr�ckt, aber ich werde es probieren. Es hat mit meinen Kabbala-Lektionen zu tun. Joshua, h�ltst du es f�r m�glich, dass man jemanden, dessen Namen und Pers�nlichkeit man intensiv heraufbeschw�rt, tats�chlich beeinflussen kann?�</p><p>�Du meinst wirklich nur beeinflussen? Auf jeden Fall. Aber meintest du nicht eher t�ten?�</p><p>�Manuel ist eine Ratte, er nimmt den Tod von vielen Unschuldigen in Kauf. Ich wei� nicht, was der Eiferer Ferrand ihm daf�r bezahlt. Jedenfalls haben beide keine edlen Motive.�</p><p>�Ich kann dich nur warnen, Henri. Wenn du die Kabbala-Lektionen nicht ordentlich abgeschlossen hast, dann ist es gef�hrlich, mit ihren Geheimnissen zu spielen. Dann ger�t vieles durcheinander. Hat Theophil dir das nicht gesagt?�</p><p>�Doch. Er sagte, ich m�sse noch eine einzige Lektion anh�ren. Und verstehen. Und damit bes��e ich den Schl�ssel, Dinge und Wesen in meinem Sinne zu beeinflussen.�</p><p>�Dann schlie�e die zehnte Lektion ab, Henri. Tue es bald, am besten morgen fr�h.�</p><p>�Das geht nicht. Theophil ist verreist. Er reist oft. Diesmal muss ich warten, bis er aus dem s�dlich gelegenen Burguillos de Toledo zur�ck ist.�</p><p>�Wann wird das sein?�</p><p>�In zwei Tagen.�</p><p>�Dann kann es schon zu sp�t sein!�</p><p>�Denkt an meinen zierlichen Dolch!�, erinnerte sie Sean. �Ich tausche ihn gern einmal gegen meine Fl�te aus, um Ratten zu schneiden.�</p><p>Henri verabschiedete seine Freunde. Er wollte allein sein. Lange ging er in der Gaststube umher. Dann schritt er hinaus, verlie� Toledo �ber eine der drei Br�cken und setzte sich am Ufer des Tajo nieder. Der Fluss bestand nur noch aus einem d�nnen, gelben Rinnsal. Es erschien Henri wie ein Gleichnis. Das Leben versickert, dachte er, wir k�nnen seine verschwenderische Kraft nicht aussch�pfen, es entgleitet uns unter den H�nden. Alles vertrocknet.</p><p>Er beobachtete Vogelschw�rme, die in den hohen Himmel ein Zeichen setzten, das Henri aber nicht deuten konnte. Was will uns die Natur sagen?, dachte Henri. H�lt sie f�r uns eine Botschaft bereit? K�nnen wir daraus lernen?</p><p>Aber was?</p><p>Wieder sah er zum Himmel auf. Er war jetzt leer. Wolkenlos. Unendlich tief.</p><p>Wo wohnt der Herrgott?, dachte Henri. Ist er dicht �ber uns oder weit weg? H�rst Du mich, Herr? Siehst Du mich? Gib mir ein Zeichen, damit ich wei�, ob mein Tun Dir gef�llt!</p><p>Und mutloser werdend, wartete er.</p><p>Immer wieder blickte er zum Himmel auf. Nichts geschah.</p><p>Dann soll es so sein, dachte Henri.</p><p>Er hatte einen Plan gefasst.</p><p>Ferrand schrie herum. �Manuel ist verschwunden! Einfach so! Wie von der Erdoberfl�che! Daran sind die verfluchten Juden schuld!�</p><p>�M��ige dich, Ferrand! Was ist mit Manuel?�</p><p>�In den engen Gassen des Judenviertels soll seit zwei Tagen ein Unhold umgehen�, sagte der Franzose atemlos. �Direkt neben der Synagoge und dem Friedhof hat ihn einer gesehen. Man sagt, er habe Manuel ermordet. Und dein Lehrer, dieser Theophil, der �ber magisches Wissen verf�gt, hat ihn geschaffen.�</p><p>�Du musst verr�ckt sein, Ferrand�, sagte Henri, �wenn du so etwas glaubst! Theophil ist doch gar nicht in der Stadt. Er reiste vor Tagen nach��</p><p>�Oh ja! Ich wei�! Alles Ausreden. Der Rabbane aus Speyer ist ein �bler Lump und L�gner. Er sitzt nachts in seinen Kellern, bl�ttert in seinen Brevieren und ruft Geister und D�monen an! Einer davon hat meinen Manuel get�tet!�</p><p>Henri konnte nicht glauben, dass es einen solchen D�mon wirklich gab. Aber wer wusste schon, was in diesen Tagen alles geschah!</p><p>Wenig sp�ter fl�sterte ihm ein Sch�ler zu, es g�be tats�chlich ein k�nstlich erschaffenes Wesen. Die Juden munkelten, der Rabbi habe es aus einer unerw�nschten, mit Henri verfeindeten Person geformt.</p><p>Henri konnte nicht fassen, was er da zu h�ren bekam. �Wer soll das sein? Das sind doch Ammenm�rchen!�</p><p>�Wei�t du nicht, Henri de Roslin, dass dein Widersacher Manuel falsche Anschuldigungen gegen uns Juden vorbereitet?�</p><p>Henri fragte entsetzt: �Wei� das inzwischen schon jeder?�</p><p>�Nein. Zum Gl�ck nur einige Juden.�</p><p>�Und weiter?�</p><p>�Theophil hat dem einen Riegel vorgeschoben!�</p><p>Henri dachte: Dann hat er doch auf meine Warnungen reagiert. Aber er konnte die Geschichte mit dem k�nstlich erschaffenen Wesen nicht glauben.</p><p>�Ist der Rabbi wieder zur�ck?�, wollte Henri wissen.</p><p>�War er fort?�</p><p>D�stere Ahnungen �berw�ltigten Henri. Er rannte zur Schule. Als er die Marmortreppen emporsprang, wusste er schon, dass er selbst tiefer verstrickt war in die jetzigen und in die folgenden Geschehnisse, als er wahrhaben wollte. Hatte er Manuel nicht selbst verdammt? Hatte er ihn nicht l�ngst <emphasis>in effiegie</emphasis> erschlagen?</p><p>Theophil erwartete ihn. Er sah ihm ruhig entgegen. �Willkommen zur zehnten und letzten Lektion, mein Sohn!�</p><p>�Nein, nein, nein! Steht mir Rede und Antwort, Rabbi! Was ist in den letzten beiden Tagen geschehen! Ihr wart gar nicht verreist?�</p><p>�Henri, in dieser Schule wird nur gelehrt und gelernt! F�r alles andere ist kein Platz. Setzt Euch und st�rt nicht die letzte Lektion.�</p><p>�Ich bin nicht bereit daf�r, Theophil! Ich brauche andere Antworten!�</p><p>Der alte Rabbi seufzte. �Ihr selbst seid es, Henri de Roslin, der die Dinge ung�nstig beeinflusst! Ihr habt den Unterricht nicht abgeschlossen, jetzt irrlichtern Eure halb ausgegorenen Gedanken umher wie Totenlichter in einem schottischen Hochmoor. Beruhigt Euch! Und h�rt die letzte Lektion an, damit wir die Sitzungen zu einem guten Ende bringen k�nnen!�</p><p>�Wir haben keine Zeit daf�r, Theophil! �ber uns braut sich das Unheil zusammen!�</p><p>�Du willst nicht bis zum Ende gehen?�</p><p>�Ich kann nicht! Ich muss handeln!�</p><p>Noch einmal seufzte der Rabbi. Dann sagte er: �Suche mich in einer Stunde noch einmal auf. Dann sind meine Vertrauten hier. Ich muss sie befragen, ob ich dir Rede und Antwort stehen darf!�</p><p>�Also in einer Stunde!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Der Rabbi empfing ihn zur besprochenen Zeit im Kreis seiner Kabbalisten.</p><p>�Nehmt Platz, Henri de Roslin, weil Ihr ohne Arg gegen die Kinder Gottes seid�, sagte einer von ihnen.</p><p>Henri lie� seinen Blick �ber die Versammlung schwarz gekleideter, sich st�ndig vor- und zur�ckbeugender M�nner gleiten, die ihren linken Arm bis zum Ellenbogen mit einem kreuzweise verschlungenen Lederband umwickelt hatten. Vor ihnen auf dem Boden lagen wei�e, beschriftete Bl�tter. Er wusste l�ngst, sie waren �das Volk des Buches�. Was er immer noch nicht wusste, war, ob ihr Glaube an die Magie des geschriebenen Wortes zu Recht bestand. Er hoffte, darauf jetzt eine Antwort zu erhalten.</p><p>�Ihr wisst, was mich interessiert, Rabbi�, sagte Henri. �Es ist die Sache mit dem Homunculus, die mir ein Scholar erz�hlt hat. Sie ist mir dringlich.�</p><p>�Was ist damit, Henri?�</p><p>�Man munkelt, er geht in den N�chten um. Man munkelt weiter, es sei eine untote Gestalt, der Ihr den Namen Eures Gottes auf die Stirn geschrieben habt. Und nun richtet dieses Wesen � wie soll ich es nennen � in der Stadt Schaden an, und gewisse Menschen, die ich kenne, beginnen damit, mir die Schuld daran zu geben. Ferrand klagt mich an, damit etwas zu tun zu haben. Denn � so sagtet Ihr mir selbst, Rabbi � der Unhold ist mein Feind. Es ist jener Manuel, der Schriftf�lscher.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann stimmt das also?�</p><p>Das Gebetsmurmeln in der Runde schwoll an, die Bewegungen wurden heftiger, man zerrte an den Gebetsriemen. Ein Anwesender sagte laut: �Es gibt den hintergr�ndigen Sinn der Bibel, wir erforschen ihre Geheimnisse, das ist unser Streben. Wir verformen Menschen nicht zu Unholden � nicht wahr, Rabbi? Das w�re Satanswerk.�</p><p>Der Rabbi schnaufte. �Und doch ist es so geschehen. Und ich kann es nicht r�ckg�ngig machen. Denn dieser Manuel ist tats�chlich verschwunden.�</p><p>�Der Homunculus ist verschwunden?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann ist ja alles wieder gut!�</p><p>�Es gibt keinen Unhold und keinen Manuel mehr.�</p><p>�Vielleicht ist das eine gute L�sung�, entfuhr es Henri. �Es sei denn, man w�rde seine Leiche finden, Rabbi. Ihr k�nnt doch garantieren, dass dies nicht geschehen wird? Denn sonst geht es den Juden schlecht!�</p><p>�Ich habe ihn nicht umgebracht, Henri. Er ist einfach verschwunden. Die Stadt mit ihren unentwirrbaren Geheimnissen hat ihn verschlungen. Dunkelheit zu Dunkelheit.�</p><p>Henri wusste nicht, ob er dem Gemunkel trauen sollte. Die Geschichte war zu abstrus.</p><p>Ein Mann meldete sich zu Wort, den Henri kannte. Er hie� David ben Jonathan und war der erste in Toledo wirkende j�dische Gelehrte, der neben dem Talmud auch Astronomie und Geschichte lehrte. �Ich schreibe eine Weltchronik in hebr�ischer Sprache�, erkl�rte er. �Und ich will, dass der j�dische Geist sich aus den Fesseln der Mystik befreit. Wenn dieser Manuel in die Gestalt eines Untoten gezwungen wurde, oder gar wenn er ermordet wurde, wir also einen Kriminalfall haben, dann werde ich das h�chstpers�nlich aufkl�ren. Wir Juden k�nnen uns keinen Verdacht gegen uns leisten. Nicht den geringsten.�</p><p>�Und wir d�rfen unseren h�chsten G�nner, Alfons den Neunten, nicht entt�uschen�, sagte Jakob Bassewi, der den Ehrentitel �Hofjude� trug, weil er die Burg von Toledo in Wirtschaftsfragen beriet. �Haben wir nicht bei seinem Amtsantritt vor drei Jahren im Ghetto ein Freudenfest gefeiert, weil wir wussten, dass mit ihm die weltl�ufige und judenfreundliche Regierung weitergehen w�rde? Trugen wir nicht an diesem Tag unsere gew�hnlichen Fahnen samt den zehn Geboten unter einem Baldachin herum und sangen Lieder? Nun? Der K�nig von Kastilien war es, der uns im Jahr darauf die Versicherung gab, dass wir f�r k�nftige Zeiten nicht aus Toledo und den L�ndern der Krone vertrieben werden sollten.�</p><p>�Und wir m�ssen kein Judenzeichen tragen, wie die Br�der in anderen L�ndern es seit hundert Jahren tun m�ssen.�</p><p>�Und wir zahlen auch f�r unsere Waren keine h�heren Mautgeb�hren als die christlichen Kaufleute.�</p><p>Ein Jude, den Henri unter dem Namen Isaak Kohen kannte, sagte: �Der K�nig ist unser Schutzpatron, das ist wahr. Unter ihm ist sogar unser Rabbi samt seinem Bruder Rabbi Sinai und mir im Alcazar empfangen worden. Ich schw�re, er gab uns die Hand, und wir durften sogar unsere Kopfbedeckung vor ihm aufbehalten. Derartiges gab es noch nie.�</p><p>�Wie kostbar das alles ist!�</p><p>Ein anderer, es war Josef de Cerui, der erste und einzige j�dische Goldschneider des K�nigs, der auf dem Alcazar sein Handwerk aus�ben durfte, f�gte hinzu: �Wir w�rden alles verlieren und auf Staub und Abfall zur�ckgeworfen werden, wenn wir Hand an einen Christenmenschen gelegt h�tten. Was w�rde aus uns werden, wenn der Zorn der anderen sich gegen uns richtet! Haben wir nicht genug Pogrome erlebt? Sind nicht unsere Friedh�fe voll von Grabsteinen Hingerichteter, �ber die sich im Fr�hling die Dolden des Holunders beugen?�</p><p>�Poesie n�tzt uns ebenso wenig�, warf ein junger Jude energisch ein, den Henri nicht kannte. �Wir m�ssen uns bei den Christenmenschen n�tzlich machen.�</p><p>�Jahwe, sein Name sei f�r uns nicht unaussprechlich, stehe uns bei und helfe uns!�</p><p>�Nein!�, erhob sich die donnernde Stimme des Rabbi Theophil von Speyer. �Ihr seid schon wieder auf dem Weg in die Schuld. Wir haben nichts verbrochen. Manuel ist ein Feind unseres Freundes Henri. Und der Feind unseres Freundes ist auch unser Feind. Er ist verschwunden. Er ist unwiederbringlich fort. Und ich werde niemals preisgeben, wie dies geschah. Selbst unter der Folter nicht! Ob ich etwas nachgeholfen habe oder ob sich alles schicksalhaft f�gte � wir Kabbalisten wollen nicht mehr daran r�hren! Denn auch der Homunculus wird nie wieder auftauchen.�</p><p>Henri wusste nicht, was er zu alldem sagen sollte. Er ahnte aber, sein Lehrer hatte aus richtiger Absicht heraus das Falsche getan. Und er ahnte, das konnte noch �ble Folgen nach sich ziehen. Toledo war eine glimmende Feuerstelle geworden. Und die kleinste Verfehlung eines Juden konnte sie zu einem Fl�chenbrand entz�nden.</p><p>Als er wenig sp�ter aufstand, um die Kabbalisten und die Schule zu verlassen, da war ihm schwindlig aus Angst vor dem, was geschehen konnte.</p><empty-line/><empty-line/><p>Joshua ben Shimon schlug Henri vor, ihn zu Ferrand de Tours zu begleiten. Henri stimmte zu. Und so gingen sie am n�chsten Morgen, wie Henri ahnte, zum letzten Mal auf das Schulgel�nde.</p><p>Henri konnte sich nicht mehr vorstellen, den Weg der Kabbala zu Ende zu gehen. Er sp�rte, dass die Kr�fte, die er durch seine eigenen Beschw�rungen mit herbeigerufen hatte, von ihm nicht zu beherrschen waren. Alles entglitt ihm. Aber auch Joshua zweifelte daran, dass die Kabbalisten in der Lage sein w�rden, ihr geheimes Wissen zur Abwehr des drohenden Unheils einzusetzen.</p><p>Er wusste nicht, wie weit ihre Macht wirklich ging.</p><p>Ferrand empfing sie mit einem hasserf�llten Gesicht. Er bedachte vor allem Joshua mit d�steren Blicken und weigerte sich, ihm die Hand zu reichen.</p><p>Henri beschloss, ihm zu drohen. �Manuel ist verschwunden. Und auch Euch wird es so ergehen, Ferrand, wenn Ihr nicht zur Besinnung kommt und die unsinnigen Anklagen gegen die Judengemeinde von Toledo vergesst!�</p><p>Ferrand schien an bitterer Galle zu ersticken. Er schrie sofort los: �Die Juden sind unser Ungl�ck! Wir m�ssen sie im Heiligen Land genauso vernichten wie zu Hause. So, wie der Zug der Kreuzritter nach Pal�stina eine Spur der Verw�stung auch durch die j�dischen Siedlungen in der Heimat gezogen hat, so m�ssen wir jetzt unsere Auseinandersetzungen zu einem Speer gegen die Ungl�ubigen schmieden! Wir Christen m�ssen uns wehren!�</p><p>�Ihr ruft zu Mord und Totschlag auf, Ferrand de Tours!�, sagte Joshua ruhig, und seine schmale, kleine Gestalt stand felsenfest vor dem blonden H�nen, wie K�nig David einst vor Goliath gestanden hatte. �Die wirkliche Gefahr, das sind Menschen, wie Ihr es seid! Unduldsame, enge Geister!�</p><p>Und Henri f�gte hinzu: �Was der Mensch hasst, das f�rchtet er. Es sind nicht die Juden, die Mordpl�ne hegen, es sind wir Christen! Ich selbst habe in Pal�stina gesehen, wie unschuldige Judenfamilien, beinahe ein ganzes Volk, ermordet wurden! Ich habe damals selbst gedacht, sie h�tten es verdient. Ich will nicht noch einmal Schuld auf mich laden. Und ich flehe Euch an, Ferrand, tut auch Ihr nichts dergleichen.�</p><p>Ferrand hatte sich wieder beruhigt. Aber sein tonloser Hass war noch schlimmer. Er sagte mit erstickter Stimme: �Die Juden sind Brunnenvergifter, sie waren es immer. Deshalb sind sie auch zur ewigen Sklaverei verdammt. Ich k�nnte diesen Juden hier�, er deutete auf Joshua, �erschlagen, ohne angeklagt zu werden. Papst Innozenz der Dritte hat sie f�r ihren Mord an Jesus Christus verdammt, und Thomas von Aquin hat sie zu Sklaven unserer Kirche erkl�rt, die �ber ihr Verm�gen frei verf�gen kann. Was ist ein Jude also wert? Nichts! Ebenso wenig wie sein Besitz. Wir werden sie erschlagen, bevor sie uns t�ten k�nnen!�</p><p>�Habt Ihr kein Herz, Ferrand?�, fragte Henri mutlos. �Sagt Euch nicht eine innere Stimme, dass es Unrecht ist, was Ihr sprecht? Die Juden sind Menschen wie wir, die Rechte, die Gott allen verlieh, gelten auch f�r sie.�</p><p>�Das bezweifle ich! Da die Juden Ritualmorde an Christen begangen haben und noch immer begehen, haben sie alle Rechte verwirkt!�</p><p>�Christen t�ten Juden�, sagte Joshua, �das war in allen Pogromen so, nicht umgekehrt.�</p><p>�Sie halten Schwarze Messen ab, in denen die Hostie gesch�ndet wird! Ihre Mordlust ist eine zwanghafte Wiederholung der Kreuzigung Christi, denn sie m�ssen immer wieder das Blut des Messias trinken! Juden sind Abschaum!�</p><p>�Ihr seid nicht bei Sinnen, Ferrand�, sagte Joshua betroffen.</p><p>�Warum tragt Ihr nicht Euren runden, gelben Filz, das Abzeichen, das Eure Gier nach Goldm�nzen ausdr�ckt!�, giftete Ferrand ihn an. �Warum nicht Euren spitzen Judenhut, der zeigt, dass Ihr Tierh�rner habt und dem Satan gehorcht!�</p><p>�In Toledo m�ssen Juden so etwas nicht tragen�, erwiderte Henri anstelle seines Freundes. �Jedenfalls noch nicht. Menschen, wie Ihr es seid, Ferrand, k�nnen es anscheinend nicht ertragen, dass wir alle friedlich zusammenleben.�</p><p>Ferrand eiferte uneinsichtig weiter. �Allein schon der Kontakt zu Juden f�hrt zum Unglauben, denn sie besitzen satanische Kr�fte. Sie sind wie eine Krankheit, sie infizieren alles. Deshalb muss man sie beseitigen, bevor sie uns schaden k�nnen! Seht doch nur, wie aus ihrem Talmud die S�tze herauskriechen! Es sind keine S�tze, es sind W�rmer, Skorpione, Schlangen! Dies ist kein Buch, es ist die Apotheke des Satans! Darin befinden sich ihre Giftampullen! Aus dem Talmud kann ich jeden ihrer Giftmorde, jeden Verrat, jede Pesterregung beweisen!�</p><p>�Dies sind die Anschuldigungen, durch die jahrzehntelang Juden angeklagt, verurteilt und auf den Scheiterhaufen verbrannt worden sind. Ihr macht Euch der Mithilfe zum Mord schuldig, Ferrand, wenn Ihr solche Anschuldigungen wiederholt und in Toledo unter das Volk bringt.�</p><p>Ferrand lachte h�sslich. �Aber genau das will ich ja! Ich will, dass der P�bel sie ergreift und ihrer gerechten Strafe zuf�hrt! Und was ist die gerechte Strafe f�r einen ungl�ubigen Juden? Der Tod, der Tod, der Tod!�</p><p>�Ihr seid doch ein kluger Mann, Ferrand�, sagte Henri mit m�hsamer Beherrschung. �Ihr m�sst doch wissen, dass die Juden immer hergehalten haben, um S�ndenb�cke zu finden. Meistens wollten ihre Ankl�ger sich nur von den Schulden befreien, die sie bei Juden hatten. Dann wurden die Juden mit �hnlichen Beschuldigungen, wie Ihr sie aussto�t, beseitigt, die Schuldenkonten getilgt und ihr Besitz gestohlen. K�nnt Ihr Euch nicht vorstellen, wie furchtbar es ist, immer am Rand von Gewaltt�tigkeit und Vertreibung, von Verfolgung und Folter zu leben?�</p><p>�Wovon sprecht Ihr, Henri de Roslin? Nicht wir verfolgen die Juden, sie verfolgen uns! Sie sind an allen Seuchen der Vergangenheit schuld, an Pest, Cholera und Aussatz, an denen Tausende von Christenmenschen gestorben sind. Ich habe es Euch schon ein paar Mal gesagt! Und hier in Iberien lebt die zahlreichste Judenschaft ganz Europas! Also ist hier die Gefahr am gr��ten und muss bek�mpft werden, wie ich es schon in Frankreich getan habe.�</p><p>�Ihr habt in Frankreich an der Vertreibung und Ermordung der Juden mitgewirkt? Jetzt wird mir einiges klar!�</p><p>�Ich, Ferrand de Tours, bin der Zorn Gottes! Wie sollte ich an der S�uberung meiner Heimat von den Ungl�ubigen nicht mitgewirkt haben! Wir haben sie hinausgepeitscht!�</p><p>Henri trat nahe an Ferrand heran. �Hier gebe ich Euch das gef�lschte Pergament zur�ck, denn ich bin sicher, Ihr k�nnt jederzeit andere anfertigen � oder seid schon im Besitz solcher F�lschungen. Aber ich warne Euch! Wenn Ihr von Euren Verleumdungen nicht ablasst, wenn Ihr beabsichtigt, die Menschen in Toledo nach dem Fest der Maria Magdalena aufzuhetzen, dann t�te ich Euch! Habt Ihr verstanden? Ich t�te Euch!�</p><p>Ferrands Antlitz war grau wie Staub geworden. Er wich einen Schritt zur�ck. �Ihr wagt es, mir zu drohen? Ihr seid doch selbst ein verdammter Jude! Ich wusste es gleich! Ihr werdet der Erste sein, den wir ergreifen! Wir ers�ufen Euch in den Brunnen, die Ihr vergiften wollt! Dann erst wird unser Leben wieder lebenswert.�</p><p>Joshua fasste Henris Arm. �Komm! Es hat keinen Sinn. Wir h�tten wissen m�ssen, dass er uneinsichtig ist. Lass uns gehen!�</p><p>�Vergesst es nicht, Ferrand!�, rief Henri beim Gehen noch einmal. �Kommen Eure gef�lschten Anschuldigungen, diese l�cherlichen Pergamente in aram�ischer Schrift, unters Volk, dann streiche ich Euch mit einem einzigen Schwerthieb aus dem Leben aus. Und dann werdet Ihr auf ewig im H�llenfeuer schmoren, denn Eure Seele ist verderbt und f�llt dem Fegefeuer anheim!�</p><p>Ferrand erwiderte nichts darauf. Er streckte nur den Finger aus und wies auf die T�r. Die beiden Gef�hrten machten auf dem Absatz kehrt und verlie�en das Geb�ude. Es war ihnen klar, dass sie Theophil von Speyer und den Oberrabbiner �berreden mussten, Ferrand sofort von der Schule zu verweisen.</p><p>Als sie Theophil gegen�berstanden, fragte ihn Henri: �Warum habt Ihr Juden Euch nie selbst verteidigt? Ich verstehe es noch, dass Ihr einem Gott die Treue haltet, der Euch schutzlos �ber die ganze Welt verstreut, der die Verachtung des Weltgesindels auf Euch lenkt, ein Gott, der seine eigenen Tempel und B�cher verbrennen und die Knochen seiner Auserw�hlten in Mistgruben werfen l�sst, der Euch manchmal erhebt, um Euch desto tiefer fallen zu lassen. Ihr glaubt tief an Ihn, obwohl Er Euch selbst das Traumen �ber Ihn verbietet und Euch kein Bild von sich schenkt. Das alles verstehe ich noch. Aber warum lasst Ihr Euch wie L�mmer zur Schlachtbank f�hren?�</p><p>�Tun wir das? Was meinst du, Joshua ben Shimon?�</p><p>Joshua nickte betr�bt. �Henri hat Recht. Wir haben uns viel zu selten gewehrt, wenn der P�bel uns in die Pogrome trieb.�</p><p>�Vielleicht liegt es daran�, sagte Theophil, �dass unser Glaube unser Leben in Etappen einteilt, die es zu durchschreiten gilt. Zuerst mussten wir den Auszug aus �gypten schaffen, mit dem wir die Zeit der Urv�ter beendeten. Dann fiel Jerusalem, und der j�dische Staat endete, die erste Diaspora �ber die Randl�nder des Mittelmeerraumes begann. In Frankreich haben wir die Vertreibung erlebt, die einen Schlussstrich unter die erste gro�e Bl�te j�discher Kultur im <emphasis>Galuth</emphasis> setzte. Wir hatten keine Zeit, uns zu wehren, weil wir immer auf den Anbruch des neuen Zeitalters warteten.�</p><p>�Vor allem aber�, meinte Joshua, �sind wir eben eine friedliche Glaubensgemeinschaft, und wir glauben, dass alles in Gottes Hand liegt! Was auch geschieht, es geschieht mit seinem Einverst�ndnis! Wie k�nnten wir uns also dagegen auflehnen?�</p><p>�Das muss nicht so bleiben, Joshua�, sagte Theophil. �Wenn es Ferrand gelingt, Toledo gegen die Judengemeinde aufzuhetzen, dann gibt es einen B�rgerkrieg. Denn wir, die Juderia von Toledo, sind es leid, Opfer zu sein. Wir werden unsere Rechte, die wir m�hsam erworben haben, diesmal verteidigen.�</p><p>Henri fragte listig: �K�nnt Ihr nicht auch Ferrand beseitigen? So, wie Ihr die Ratte beseitigt habt?�</p><p>Und Theophil antwortete noch listiger, wobei sich sein g�tiges Antlitz in schmunzelnde Falten legte: �Davon kann nicht die Rede sein, mein Sohn! Niemand hat jemanden beseitigt. Aber manchmal verschwinden eben unw�rdige Kreaturen auf Nimmerwiedersehen durch Spalten im Erdboden, die sie selbst vorher aufgerissen haben.�</p><p>�Theophil, ich bitte Euch, verjagt Ferrand! Habt Ihr genug Einfluss in Toledo? K�nnt Ihr daf�r sorgen, dass er nie mehr hierher zur�ckkehrt? Glaubt mir, er ist gef�hrlich!�</p><p>Theophil von Speyer antwortete seufzend: �Hat das nie ein Ende? Also gut, ich verspreche Euch � es geschieht ja in unserem eigenen Interesse �, dass ich meinen Einfluss im Stadtrat geltend mache, um den Fremden loszuwerden. Ich wei�, dass es Staatsbeamte wie den Lizenziaten des kanonischen Rechts, Torquilla, und auch Baccalaurei der Theologie sowie christliche Geistliche im Rat gibt, denen daran gelegen ist, unsere Judengemeinde und die Schule zu erhalten. Auf sie setze ich. Wenn aber der Mob losst�rmt, dann gibt es kein Halten mehr.�</p><p>�Deshalb handelt schnell. Ihr d�rft keine Stunde z�gern!�</p><p>�Ich gehe morgen zum Gro�konnetabel der kastilischen Krone. Auch der Marquis de Villanueva ist ein aufrechter Mann. Wir stehen unter dem Schutz des K�nigs. Denn wir bezahlen ja, wie du sicher wei�t, keinen Kirchenzehnten, sondern f�hren unsere Steuern unmittelbar an die Krone ab. Wenn uns Gewalt angedroht wird, muss der K�nig handeln.�</p><p>�Die k�nigliche Gunst ist wankelm�tig�, meinte Joshua. �Und manchmal kommt es mir so vor, als seien wir nicht Schutzbefohlene, sondern Leibeigene der Krone.�</p><p>�Es stimmt�, sagte Theophil, �wir leben in v�lliger Abh�ngigkeit vom Schutz des K�nigs. Und die Tatsache, dass zunehmend seine Soldaten das Stadtbild beherrschen, ist nicht immer nur beruhigend. Aber Alfons braucht uns ebenso wie wir ihn.�</p><p>�Morgen kann es schon zu sp�t sein�, sagte Henri beschw�rend. �Geht gleich zu den Verantwortlichen dieser Stadtgemeinschaft. Lasst diesen Ferrand de Tours als Volksverhetzer legal ausweisen. Wenn ich lange dar�ber nachdenke, k�nnte ich sonst auf den Gedanken kommen, ihn h�chstpers�nlich mit dem Schwert zu vertreiben!�</p><p>�Ladet keine Schuld auf Euch, mein Sohn! Nein, ich werde handeln.�</p><p>�Ich empfinde Schmerz dar�ber�, sagte Joshua, �dass die Kabbala-Sitzungen so unr�hmlich enden mussten. Ich habe f�r dich so viel damit verbunden, Henri! Willst du nicht doch die zehnte und letzte Lektion anh�ren und die B�cher zu Ende lesen?�</p><p>Henri sch�ttelte nur den Kopf. �Es gibt eine Zeit zum Studieren, und es gibt eine Zeit zum Handeln, Joshua. Jetzt muss gehandelt werden. Vielleicht kommt der Moment, wo du selbst mir die zehnte Lektion erteilen wirst.�</p><p>�Ich bin Zahlenmystiker, kein Kabbalist.�</p><p>�Dennoch glaube ich, du k�nntest das. Du kannst alles, wenn du willst!�</p><p>��bertreibe nicht, Henri de Roslin�, gab Theophil zu bedenken. �Joshua ben Shimon ist gewiss ein sehr weiser Mann, aber die Geheimnisse der Kabbala hat er nie bis zum Ende durchschritten. Auch er kennt die zehnte und letzte Lektion nicht.�</p><p>�Das ist wahr.�</p><p>�Nun, wie auch immer�, erwiderte Henri. �Wenn jetzt die Zeit zum Handeln ist, wie du sagst, dann handeln wir!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Die junge J�din hie� Azaria. Henri hatte noch nie ein so sch�nes M�dchen gesehen. Und sie erinnerte ihn an Rahel, die Tochter Theophils von Speyer, die er an einem Abend t�dlicher Gefahr f�r eine Judengemeinde kennen gelernt und nie wieder gesehen hatte.</p><p>Azaria trug den Schleier als Kopfbedeckung und ein langes Kleid. Henri war entz�ckt �ber den Klang des Gl�ckchens, das sie um den Hals trug. Und er konnte unter der Verh�llung die Anmut ihres Leibes erkennen. Sie bewegte sich wie eine Gazelle, wenn sie ging, setzte sie ihre F��e so sorgsam auf, als wolle sie die noch ungeborenen Kinder nicht st�ren, die in der Erde zwischen den Blumen schlafen mochten.</p><p>Er hatte sie schon beobachtet, wenn sie am Freitagabend das Essen f�r ihre Familie aus der Juderia holte oder wenn sie Geld f�r das �l der Synagogenlampen sammelte. Heute sah er sie vor ihrem Haus Mazzen backen, und ihre wei�e Haut schimmerte mit jenem zarten Schein, den nur junge, unber�hrte M�dchen ausstrahlen.</p><p>Henri war innerlich frei genug, sich vorzustellen, wie sich der volle, wei�e Busen Azarias bei ihrem Atmen hob und senkte. Er dachte keusch daran, und doch sp�rte er eine tiefe Sehnsucht, in ihrer N�he zu sein, ihr zuzusehen, sie sprechen zu h�ren. In dieser jungen, schon voll erbl�hten Frau formte sich in seiner Vorstellung das Gegenbild zu all dem Schrecken, den man den Juden antat und noch antun w�rde. Musste nicht ein einziges Wesen wie Azaria alle Vorurteile widerlegen und die Verfolgungen beenden?</p><p>Auch sie gr��te ihn an diesem Morgen, denn sie kannte ihn schon. Sie l�chelte scheu und freundlich, schlug die Augen nieder, blickte ihm dann aber entgegen, als er auf sie zukam.</p><p>Henri f�hlte sich durch ihre Blicke noch sicherer, noch gr��er, ja selbst noch begehrenswerter. Aber er wusste gleichzeitig, dass er sich um dieses wundersch�ne M�dchen nicht bem�hen durfte. Sein Keuschheitsgel�bde galt f�r ihn immer noch, obwohl es den Orden nicht mehr gab, vor dem er es abgelegt hatte. Es galt f�r die ihm eigene, pers�nliche Treue, obwohl der Papst, der es verlangt hatte, sie verraten hatte. Henri hatte danach beschlossen, seinem eigenen inneren Kodex weiter zu folgen.</p><p>�Ein sch�ner Tag, Se�or de Roslin, nicht wahr?�</p><p>�Wundersch�n! Sch�n wie die Sonne!�</p><p>�Wie meint Ihr?�</p><p>�Ihr seid so sch�n wie der Tag, wie die Sonne, wie das Leben, Azaria! Und doch h�ngen so dunkle Wolken �ber unseren K�pfen.�</p><p>Sie legte die schmalen H�nde auf ihre Brust. �Meint Ihr, uns droht Unheil?�</p><p>�Das Fest der Maria Magdalena ist zu Ende. Manche suchen jetzt nach anderer Abwechslung. Schon h�rt man Verd�chtigungen, die ein gewisser Ferrand ausstreut. Ist Euch das bekannt, Azaria?�</p><p>�Ich will es nicht wahrhaben, obwohl ich davon h�rte, das ist wahr.�</p><p>�Nun, solange ich in Toledo bin, will ich auf Euch Acht geben! Darf ich Euch beim Mazzenbacken einen Moment zusehen?�</p><p>�Aber was ist daran so besonders? Es muss Euch, einen so gelehrten und weit gereisten Herrn, doch langweilen.�</p><p>�Nein, im Gegenteil. Es gibt mir Zuversicht in das Leben. Bevor ich Ferrand aufsuche, um ihn ein letztes Mal zur Rede zu stellen, will ich mich an deinem Anblick st�rken, Azaria. Wenn du erlaubst.�</p><p>Sie err�tete leicht und beugte sich �ber ihre Bottiche. Henri fand es entz�ckend, wie ihr eine schwarze Locke �ber die Augen fiel und Azaria versuchte, sie mit dem Hauch ihres Atems zur�ckzublasen. Sie konnte ihre H�nde, an denen Teig klebte, nicht benutzen. Deshalb trat Henri hinzu und strich ihr mit einer zarten Geste das Haar zur�ck.</p><p>Sie dankte ihm mit einem Augenaufschlag. Er war so viel sagend, dass Henri die Grenze sp�rte, die er zu �bertreten im Begriff war. Deshalb verabschiedete er sich hastig von ihr. In solchen Wesen, musste er denken, w�hrend er die Gasse hinunterging, zeigt sich Gott. Und w�ren ihre Feinde nicht blind, w�rden sie es sehen und die �ble Nachrede einstellen.</p><p>Ferrand hatte die Schule verlassen m�ssen. Aber zu einer Ausweisung hatte sich der Rat der Stadt nicht durchringen k�nnen. Er bewohnte jetzt ein Zimmer neben der Sakristei einer zu einer Kirche umgebauten Moschee.</p><p>Als Henri die Kirche durch den Seiteneingang betrat, ahnte er die N�he einer Gefahr. Er bekreuzigte sich vor dem Gnadenbild und lauschte. Vor dem Hauptaltar beteten Menschen, sonst war der Raum leer. Er wusste, wo Ferrand zu finden war, und ging in die R�ume des Sakristans.</p><p>Ferrand erwartete ihn. Aber nicht so, wie Henri gedacht hatte.</p><p>Der Franzose schien abreisen zu wollen, er hielt das Korporalsk�stchen und eine Reitpeitsche in der Linken, in der anderen Hand einen dunklen, stumpfen Gegenstand. Als er Henri sah, st�rzte er auf ihn zu. �Du schon wieder! Was willst du? Ich werde dir�!�</p><p>Henri sp�rte den Hieb mehr, als er ihn sah. Instinktiv trat er zur Seite. Ein stechender Schmerz in seiner linken Schulter zeigte ihm an, dass Ferrand mit einem Gegenstand zugeschlagen haben musste, der kein Schwert gewesen sein konnte. Henri taumelte. Als er sich wieder aufrichtete, nahm er einen fliehenden Schatten an der kleinen Hintert�r wahr.</p><p>In Henri formte und l�ste sich die Wut �ber diesen infamen Menschen zu einem Schrei. Dann folgte er Ferrand de Tours.</p><p>Er gelangte in den Garten hinter der Kirche. Palmen umstanden den Innenhof, der von einem Kreuzgang ges�umt wurde. In der Mitte pl�tscherte ein Brunnen. Hinten im Geb�sch raschelte und bewegte sich etwas, aber Henri konnte nichts Genaues erkennen. Ferrand blieb verschwunden.</p><p>Henri zog sein Kurzschwert und folgte dem Ger�usch. Er wusste, dort hinten, diagonal zu seiner eigenen Position, war ein Durchgang zur Stra�e, die von der R�ckfront zu verschiedenen Seminargeb�uden des Hieronymiten-Klosters verlief. Er rannte hin�ber und betrat die Stra�e. Ich t�te dich, Ferrand, dachte Henri. Und er meinte es ernst.</p><p>F�r einen Moment blendeten ihn die Sonnenstrahlen. Niemand war zu beiden Seiten zu sehen. Er machte kehrt.</p><p>Jetzt nahm er eine offen stehende T�r wahr. Dort befand sich die <emphasis>Lonja de Mercaderes,</emphasis> eingekeilt von zwei anderen Geb�uden, beide besa�en mehrere geschlossene Fenster, aber keinen Eingang. Der Fl�chtige musste also durch das Tor verschwunden sein.</p><p>Henri ging mit ein paar langen Schritten hin�ber, die schwarze �ffnung des Durchgangs zog ihn unwiderstehlich an. Lauerte Ferrand dahinter? Dann w�rde er sein Schwert zu sp�ren bekommen. Ihm war, als fl�stere ihm jemand zu, n�her zu kommen, einzutreten�</p><p>Als Henri durch die von einem maurischen Bogen gekr�nte T�r trat, �ffnete sich dahinter ein schmaler Gang, der mit kleinen, spitzen Steinen gepflastert war. Henri h�rte seinen eigenen Schritt hallen. Als er stehen blieb, fiel im Hintergrund eine T�r zu.</p><p>Eine Art Laubengang, wie er ihn aus verschiedenen <emphasis>Palacios</emphasis> im S�den Iberiens kannte, lag vor ihm. Der Gang wirkte wie ein Schlauch auf dem Grund eines k�hlen Sees, rechts und links schien das Schilf in der D�nung des k�hlen Wassers wie im Traum leise zu wogen. Das Bild des Wassers dr�ngte sich in sein Bewusstsein. Er musste einfach diesem Gang folgen.</p><p>Es wurde ihm bewusst, dass er mitten in Toledo war, zur belebten Mittagszeit. Doch dieser Ort hier hatte etwas Magisches, Fremdes. Und wenn Ferrand eine andere Waffe als die Reitpeitsche besa�, lauerte sogar der Tod auf ihn.</p><p>Es war totenstill, kein Vogel sang.</p><p>Henri befand sich jetzt auf der S�dseite der Stadt. Hinter den Mauern musste rechter Hand schon der Tajo flie�en.</p><p>Am Ende des Ganges blieb er wieder stehen und warf einen Blick zur�ck. Niemand war zu sehen. Seitlich �ffnete sich ein kleiner Garten mit einer umlaufenden Empore auf halber H�he der quadratischen H�userwand. Wo war Ferrand? Henri lie� die wachsamen Blicke schweifen. Die Empore stand auf dicken, gedrungenen Marmors�ulen, nach Art der Kirchenpfeiler mit Tierk�pfen und D�monen verziert. Dahinter konnte sich Ferrand verbergen. Aber als Henri vorsichtig n�her ging, bemerkte er, dass der Lichteinfall den Schatten eines Versteckten verraten h�tte.</p><p>�Ferrand! Wo bist du? Zeig dich, du Feigling!�</p><p>Henris Stimme hallte nach und verlor sich dann. Stille. Er ging weiter. Jenseits des Durchgangs betrat er den dunklen Raum der <emphasis>Casa des Chapiz.</emphasis> Er stellte sich mit dem R�cken zur Wand und versuchte, etwas zu erkennen. K�hl f�hlte er den roh verputzten Stein an seinem R�cken.</p><p>Henris Blicke konnten die Dunkelheit nicht durchdringen. Er tastete sich weiter, Schritt f�r Schritt. Instinktiv sp�rte er die Gegenwart eines anderen.</p><p>Henri versuchte, sich den Grundriss der Casa in Erinnerung zu rufen, die er von Besuchen kannte. Er stand hier im Erdgeschoss einer kleinen Halle, die so hoch wie das ganze Haus aufragte, linker Hand f�hrte eine Treppe in das umlaufende obere Stockwerk, in der Mitte des gefliesten Raumes musste sich ein kleines, ovales Bassin befinden, das von vier, eine Gazelle rei�enden L�wen umrahmt wurde. Der ganze Raum konnte nicht mehr als drei�ig Meter im Quadrat messen.</p><p>Wo wartete Ferrand auf ihn?</p><p>Pl�tzlich fiel genau gegen�ber im Hintergrund etwas um und rollte langsam �ber den Boden. Es kam n�her. Das dabei entstehende Ger�usch war von bedrohlicher Intensit�t, als sei es ausschlie�lich f�r Henri de Roslin in die Welt geschickt worden. Es wurde immer lauter. Dann h�rte Henri davonhastende Schritte. Henri spurtete hinterher. Er stie� gegen etwas, das ihm wie ein schweres Fass vorkam. Eine T�r schlug zu. Dann noch eine, weiter entfernt. Dann h�rte Henri Stimmen.</p><p>Als die Dunkelheit wich, sah er sich unter den Umrissen eines Torbogens stehen. Ein paar Flederm�use schreckten hoch und flatterten dicht an seinem Gesicht vorbei in die Dunkelheit zur�ck. Die Stimmen n�herten sich von der anderen Seite. Von dort, wo ein reich verziertes, figurenloses Mosaik zu sehen war, das eine ganze Wand bedeckte. Jetzt sah Henri, dass die Stimmen zu Hieronymiten geh�rten, die einen Mann in ihrer Mitte mit sich schleiften.</p><p>�Das ist er! Das ist er!�, schrien sie durcheinander. �Er wollte fliehen! Seht nur, er hat das Kreuz gestohlen. Bruder Enrique ist verletzt.�</p><p>Henri begriff entt�uscht, dass es nicht Ferrand war, den sie abf�hrten. Es musste ein ganz gew�hnlicher Kirchendieb sein. Der Gefangene str�ubte sich mit H�nden und F��en. Sie dr�ckten ihn an eine frisch gekalkte Wand, schlugen ihm mit den F��en die Beine weg und zwangen ihn, sich auf den Lehmboden zu setzen.</p><p>�Habt Ihr einen gro�en, blonden Mann gesehen? Er trug ein Kettenhemd und ein rotes Stirnband, in den H�nden muss er eine Reitpeitsche und etwas Reiches, Verziertes gehalten haben, vermutlich einen Korporalskasten!�</p><p>�Unten am Stall ist jemand auf einem Schimmel davongeritten. Blond, sagtet Ihr, nicht wahr? War es nicht dieser Franzose aus Tours?�</p><p>Henri unterdr�ckte einen Fluch. Er rannte auf die Stra�e, hinunter zum kommunalen Stall, wo auch sein Pferd stand. Dort angekommen erfuhr er vom Stallburschen, dass Ferrand mit Reisegep�ck davongeritten war. Mit Gep�ck!, dachte Henri erleichtert. Dann hat er sich also aus dem Staub gemacht! Und Toledo hat von ihm nichts mehr zu bef�rchten!</p><p>Und er beeilte sich, zu Joshua und Theophil zu gehen, um ihnen das zu sagen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>5</strong></p><p><emphasis><strong>Anfang August 1315, im j�dischen Monat Aw</strong></emphasis></p></title><p>Ferrand de Tours schlug fortw�hrend mit der Reitpeitsche gegen seine Stulpenstiefel. Es klatschte aufreizend. Er sp�rte, dass er endlich am Ziel war.</p><p>Aber er war ungehalten. Alles ging ihm zu langsam voran.</p><p>�Ich sage Euch doch, ich kann ihn Euch ausliefern! Ich wei�, wo er sich aufh�lt. Sucht Ihr ihn denn nicht mehr? Er ist ein gef�hrliches und verkommenes Subjekt! Erst hat er den Heiligen Vater ermordet, dann den K�nig. Jetzt ist er zum Judentum �bergetreten und hat sich beschneiden lassen. Er bereitet zusammen mit dem anderen Gesindel die Ausrottung der Christen in Toledo vor! Wenn ich ihn einen Ketzer nenne, so ist das noch viel zu wenig! Er ist�!�</p><p>�Papst Clemens ist nicht ermordet worden, er starb an seinen inneren Blutungen. Und ob dieser Templer am Tod des K�nigs wirklich Schuld tr�gt oder ob es nicht vielmehr die Folgen eines Jagdunfalls waren, an denen Philipp der Sch�ne verschied, dar�ber streiten wir uns noch. Die �ffentlichkeit jedenfalls darf von solchen Vermutungen nichts wissen, Frankreich ist auch so schon unruhig genug. Mein Gott, wenn sie w�ssten, dass man sich gegen Kirche und K�nig erheben kann!�</p><p>�Auf dem Weg durch den S�den unseres Landes dachte ich allerdings, sie w�ssten es alle�, erinnerte sich Ferrand mit Schaudern. �Das flache Land scheint in Aufruhr zu sein. Die Bauern lassen die Felder verrotten.�</p><p>Der Richter schaute ihn irritiert an. �Nun, Tatsache ist allerdings, dass Henri de Roslin, der Schatzmeister dieses verfluchten Ordens, aus dem Gef�ngnis von Fontainebleau geflohen ist und dabei einen W�chter ermordete. Wegen dieses Mordes suchen wir ihn im ganzen Land. Mal h�rt man, er sei in der Bretagne, mal will ihn jemand in Gironde gesehen haben. Er soll in Toledo sein, sagt Ihr?�</p><p>Ferrand blickte den Richter ungn�dig an. �Dortselbst! Er hetzt die Leute gegen uns auf. Schon fangen die Juden an, sich zu sammeln. Und die Brunnenvergifter mischen ihre P�lverchen und tun sich mit den Auss�tzigen zusammen � ich habe Beweise daf�r. Hier, lest dieses Pergament!�</p><p>Ferrand wartete, bis der Richter zu Ende gelesen hatte. Der wendete das Pergament nach allen Seiten. �Ist das echt?�</p><p>�Deshalb bin ich hier. Es stellt die h�chste Gefahr dar!�</p><p>�Wie kommt Ihr an dieses Pergament?�</p><p>�Nun, das ist eine lange Geschichte. Zu lang��</p><p>�Warum habt Ihr es nicht den k�niglichen Beamten in Toledo �bergeben?�</p><p>�Ich habe es versucht. Man wollte nicht auf mich h�ren. Und dann schien es mir besser, abzureisen� Er wird seiner gerechten Strafe nicht entkommen. Denn in Frankreich wird Henri gesucht, wie Ihr selbst sagt. Wir m�ssen ihn also rechtm��ig verhaften, anschlie�end lebend hierher bringen und vor seinen Richter stellen.�</p><p>In den Augen des Richters glimmte ein gen�sslicher Funke auf. �Das w�rde mir gefallen, ich gebe es zu. Mein Name w�re dann auf immer mit der Aburteilung dieses gef�hrlichen Verbrechers verbunden.�</p><p>Na also, dachte Ferrand. Und er antwortete mit einschmeichelnder Stimme: �Ich wei� das. Deshalb kam ich auch sofort zu Euch, Maitre Nosfour.�</p><p>�Aber wir m�ssen ganz legal vorgehen, h�rt Ihr? Der Prozess gegen die Templer hat sehr viel Staub aufgewirbelt. Wir k�nnen uns im Augenblick, wo weder ein Papst noch ein K�nig die Z�gel anziehen, nicht das Geringste erlauben!�</p><p>�Alles bleibt im Geheimen, das glaubt mir.�</p><p>�Ich werde sofort einen Reiter mit einem Ersuchen auf Auslieferung an die Bisch�fe nach Toledo senden. Ich werde noch eine Androhung des kirchlichen Unwillens hinzuf�gen, falls man in Avignon z�gert. Von hier aus ist er in f�nf Tagesritten am Ziel. Man soll diesem Templer k�nigliche Polizisten auf die Spur setzen und nicht locker lassen.�</p><p>�Sehr gut! Aber verh�ren wollen wir ihn hier, nicht wahr? Er soll schlie�lich den Richterstuhl bekommen, der seinen Verfehlungen angemessen ist.�</p><p>�Nat�rlich, nat�rlich, �hh��</p><p>�Und auch ich werde keine Zeit verstreichen lassen. Ich sammle Geld und M�nner, die Henri aus Toledo bis hierher eskortieren werden � damit ihm nichts passiert! Lasst also in Eurem Anschreiben durchblicken, dass er gefangen gesetzt wird, bis ich ihn in Eurem Auftrag abhole und nach hier �berf�hre.�</p><p>�So ist es am besten!�</p><p>�Und wir m�ssen uns eilen. Denn ich wei� nicht, was Henri de Roslin noch alles vorhat. Auf die R�ckendeckung der Kurie k�nnen wir doch vertrauen?�</p><p>�Leider besitzt eine K�rperschaft wie der Templerorden noch immer viele untergetauchte Helfer. Ich kann nicht umhin zu gestehen, dass er noch viele Freunde in Frankreich hat, die todesmutig sind. Zwar sind die Armen Br�der Christi, wie sie sich nannten, allesamt hingerichtet, unter der Folter gestorben oder geflohen, und auch, wer gut f�r sie zu sprechen wagt, den schalten wir aus. Aber ihr Einfluss bei der Kurie ist noch immer ungem�tlich gro�, gerade hier in Avignon sp�ren wir das. Wir haben zwar eine papstlose Zeit, aber schon h�rt man �berall, selbst bei den Dominikanern, den Templern sei ein Verbrechen zugef�gt worden, weil sie zwar dem Papst �berantwortet, aber in seinem Namen vom K�nig abgeurteilt worden sind.�</p><p>�Solchen Verleumdern sollte man die Folterinstrumente zeigen!�</p><p>�Oh, das tut man! Man zeigt ihnen nicht nur die Instrumente, man wendet sie auch an. Ich hatte hier vor drei Wochen einen Priester, den man im Untersuchungsgef�ngnis ein so heftiges Feuer unter den Fu�sohlen angez�ndet hatte, dass ihm einige Tage danach die Knochen der Fersen abfielen.�</p><p>�Was hatte er verbrochen?�</p><p>�Nun, er hatte geleugnet, jemals etwas Schlechtes �ber den Tempelorden geh�rt zu haben.�</p><p>�L�gner und Verleumder! Sie m�ssen alle zur Strecke gebracht werden! Jedenfalls scheint die Inquisition auf der Hut zu sein, und das ist beruhigend.�</p><p>�Nun gut. In unserer Sache werde ich mich mit dem Gro�inquisitor beraten. Ich wei�, dass er ein pers�nliches Interesse an dem Templer hat.�</p><p>�Tut das.�</p><p>�Wo finde ich Euch?�</p><p>�Ich werde im Palast der Dominikaner wohnen. Waren es nicht die <emphasis>domini canes,</emphasis> die Hunde des Herrn, die den Templerorden auf Wunsch des K�nigs verfolgten und ausrotteten? Ich h�rte, jeder Bischof im Land sei verpflichtet gewesen, sich zwei Domherren, zwei Franziskaner und jeweils ein Dutzend treuer Dominikaner zu holen, um die Anklagen gegen den Tempel in seiner Di�zese vorzubereiten.�</p><p>�Unter Anleitung des Herrn Imbert, ja. Aber auch jedem B�rger Frankreichs befahl er, bei Strafe der Exkommunikation Templer zu denunzieren und festzunehmen und sie den bisch�flichen Offizialen zu �berstellen, wenn man einen entdeckt. Wen der Gro�inquisitor einmal auf die Spur hetzt, der l�sst nicht locker, bis das letzte Blut geflossen ist. Leider ist uns der gr��te Teil ihres Schatzes durch die Lappen gegangen.�</p><p>Geld interessierte Ferrand nicht, obwohl er es zur Finanzierung seiner Rache jetzt gut gebrauchen konnte. Er leckte sich die Lippen. Das alles war nach seinem Geschmack. Er liebte den Geschmack der Angst, den Geruch des Blutes und die Panik in den Blicken der Opfer. Wenn nur dieser Richter hart genug war und durchgriff! Dann w�rde er in zwei Wochen wieder auf dem Weg nach Toledo sein. Und an seiner Seite w�ren dann entschlossene M�nner, bis zur Halskrause bewaffnet.</p><p>Und dann konnte er Henri de Roslin die Dem�tigungen heimzahlen! Mein Gott, er hatte geglaubt, dieser Mensch sei vertrauensw�rdig! Er hatte sich ihm anvertraut!</p><p>Ferrand verlie� das Justizgeb�ude und schaffte seine Sachen in den Palast der M�nche. Sein Pferd wurde versorgt, es war das f�nfte, das er seit seiner Flucht aus Toledo gekauft hatte. Der Ritt nach Frankreich war m�rderisch gewesen, manchmal hatte Ferrand im Sattel geschlafen, und als die Reittiere unter ihm zusammenbrachen, hatte er sie mit seinem Schwert get�tet. In Ferrands Herz brannte der Hass auf Henri de Roslin wie ein Schmelzfeuer, aber er wusste, er w�rde seinen Mut darin h�rten m�ssen, damit er es fertig brachte, diesen gef�hrlichen Gegner zu beseitigen.</p><p>Ferrand bezog eine schmucklose Zelle. Nachdem er seine wenigen Habseligkeiten eingerichtet hatte, fiel er auf die Knie und betete. Aber es fiel ihm schwer, sich auf die Formeln zu konzentrieren. Sein Herz klopfte laut und beinahe schmerzhaft. Er sp�rte ein bitters��es Gef�hl in sich aufsteigen. In ihm formten sich Worte. Mein ist die Rache, spricht der Herr! Und ich bin sein ergebener Diener! Diese Worte unterbrachen unziemlich sein Gebet.</p><p>Und Ferrand de Tours beugte sich nun noch tiefer �ber seine gefalteten H�nde und neigte seinen Kopf dem�tig vor dem kleinen Kruzifix an der Zellenwand.</p><empty-line/><empty-line/><p>Am Ende der zweiten Woche nach der Flucht Ferrand de Tours aus Toledo sah Henri Azaria wieder. Und in seiner Seele versp�rte er bei ihrem Anblick erneut ein so s��es Gef�hl, dass er selbst dar�ber erschrak. Gib Acht, Henri de Roslin!, sagte er zu sich selbst, du k�nntest dich in diesen dunklen Augen verlieren. Und das geht nicht in dieser schweren Zeit. Es geht nicht wegen ihr, und es geht nicht wegen dir.</p><p>Der j�dische Hitzemonat <emphasis>Aw</emphasis> war l�ngst angebrochen. Henri hatte sich in der zur�ckliegenden Zeit mit Joshua ben Shimon und Theophil von Speyer beraten. Sie trafen sich mehrmals im Alcazar mit Konnetablen, V�gten, Bisch�fen und Rabbinern. Aber von einer Gefahr f�r die Juderia der Stadt wollte niemand etwas wissen. Und vielleicht hatten sie Recht.</p><p>Alles schien friedlich.</p><p>Azaria war unbefangen. Sie l�chelte Henri an. Und als er ihr erz�hlte, dass die dunklen Wolken �ber Toledo sich ein wenig aufgehellt hatten, da hakte sie sich bei ihm unter und entf�hrte ihn an die Ufer des Tajo, wo die Agaven bl�hten.</p><p>�Wenn die Agaven bl�hen, gehen die Freundschaften zu Ende�, sagte das j�dische M�dchen. �Aber eine Liebe, die in dieser Zeit neu erwacht, h�lt ewig.�</p><p>�Sagt man so?�</p><p>�Ja. Ihr seht, die Iberer besitzen durchaus Sinn f�r die einfachen und sch�nen Dinge des Lebens. Obwohl es einem oft so vorkommt, als m�ssten sie immer nur k�mpfen, Beute machen und Geld z�hlen.�</p><p>Azaria lachte hell. Henri sp�rte ihren jungen, lebendigen K�rper neben sich, und manchmal, wenn der Weg uneben wurde und sie ausweichen mussten, ber�hrte ihr weicher, warmer Busen seinen Oberarm. Er fragte sie, wo ihre Familie sei. Und sie antwortete, sie seien Conversos, zum Christentum gen�tigte Juden, die in der Juderia von Madrid lebten. Und sie selbst habe in Toledo ein Auskommen als Hausm�dchen bei einer j�dischen Familie, die ihr am Herzen liege.</p><p>�Und hast du keinen Freier?�</p><p>�Du meinst einen, der mit mir unter die <emphasis>Chuppa</emphasis> will? Du musst wissen, jetzt hat unser Monat <emphasis>Aw</emphasis> begonnen, und wer in diesem Monat nicht heiratet, der bekommt f�nf Jahre lang niemanden.�</p><p>�Dann heirate! Du bist so anziehend! Sie werden sich um dich rei�en!�</p><p>�Ich � will keinen j�dischen Jungen. Und die christlichen darf ich nicht kriegen. Was also soll ich tun?�</p><p>�Warum willst du keinen Juden?�, fragte Henri verwundert.</p><p>�Weil sie wie <emphasis>Maror</emphasis> sind, das Bitterkraut auf der Sedertafel! Immer denken sie nur an das eine, an die richtige Auslegung der Schriften und das Beten! Und wenn sie die <emphasis>Hawdala</emphasis> am Ende von <emphasis>Jom Kippur</emphasis> bekommen, dann ist es ihr gr��ter Augenblick. Ich hingegen will einfach lieben! Von morgens bis abends! Ist der Liebende nicht immer auf dem richtigen Weg und tut das Richtige?�</p><p>�Tue deinen Glaubensbr�dern kein Unrecht, Azaria! Obwohl � ich kann dich verstehen. Aber unter den Christen gibt es ebenfalls viele, denen das kleine Gl�ck der Liebe nicht viel bedeutet.�</p><p>�Bist du so einer?�</p><p>�Ich bef�rchte es. Ich lebe mit Gel�bden, Eiden und Verboten. Ich bin kein freier Mann. Der einfachste Stallknecht ist freier als ich, denn er schert sich nicht um Gebote.�</p><p>�Ich w�nsche mir manchmal einen tatkr�ftigen Christen, aber ich tr�ume von einem j�dischen Hochzeitsring, auf dem in Hebr�isch <emphasis>Masal Tov,</emphasis> viel Gl�ck, eingraviert ist. Und ich ersehne einen Br�utigam, der mir bei der Trauzeremonie unter dem Trauhimmel diesen Ring mit den gefl�sterten Worten ansteckt: Durch diesen Ring seist du mir angetraut nach dem Gesetz Moses und Israels. Wie w�re das sch�n!�</p><p>�Schade, dass ich dieser Br�utigam nicht sein kann!�</p><p>Sie sah ihn schelmisch an. �Warum eigentlich nicht?�</p><p>Henri seufzte tief. �Ich bin einer der armen Br�der Christi, ein Tempelritter. Wir haben Keuschheit, Armut und Gehorsam geschworen.�</p><p>Sie blickte entsetzt. �Was f�r eine Vergeudung!� Nach diesem impulsiven Ausruf schlug sie die Hand vor den Mund. �Ich meine � wie schade!�</p><p>�Ich will gar nicht dar�ber nachdenken, Azaria. Lass uns Freunde bleiben. Lass mich auf dich aufpassen, damit dir nichts geschieht.�</p><p>Sie hielten an, und Azaria stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die rechte Wange. Wieder sp�rte er die lebendige W�rme ihres jungen, bebenden K�rpers. Und er dachte: Gott im Himmel, wie s�� ist deine Sch�pfung!</p><p>Als sie sp�ter in die Stadt zur�ckgingen, schien sich etwas ver�ndert zu haben. �berall standen Menschen in kleinen Gruppen herum. Und dann sprang ein Mann auf sie zu, den Henri kannte. Es war der von einer Hasenscharte verunstaltete Fischer Adelarte, der unten dem Fluss in einer Schilfh�tte hauste.</p><p>�Se�or�, sagte Adelarte mit einer hastigen, die Silben verschluckenden Stimme, �ein Adelantado sucht nach Ihnen.�</p><p>�Nun und? Was will der Beamte des K�nigs?�</p><p>�Meine Kumpanen erz�hlten es mir, und ich sage es Ihnen. Mehr wei� ich nicht.�</p><p>Der Fischer verschwand schnell wieder. Er tauchte unter im Gestr�pp, das weiter hinten in die Uferbewachsung des Rio Tajo �berging.</p><p>�Adelantados bedeuten immer �rger�, sagte die junge J�din langsam. �Ich habe noch nie erlebt, dass sie oder ihresgleichen vom Alcazar heruntersteigen, im Stadtbild auftauchen und etwas Gutes bringen. Aber wer bringt uns Juden schon Gutes?�</p><p>�Dein Glaube bringt dir Gutes, Azaria � meinst du nicht?�</p><p>�Da!� Das M�dchen spie�te mit ihrem Zeigefinger einen entfernt stehenden Mann auf, der von Gefolge umgeben war. Im Hintergrund standen Soldaten. �Das muss der Adelantado sein.�</p><p>Henri wollte sich dem W�rdentr�ger der Krone sofort zu erkennen geben. Es gab keinen Grund, sich vor ihm zu verstecken. Vielleicht brachte er sogar erfreuliche Nachrichten. Aber Azaria hielt ihn zur�ck. �Wartet, Henri. Erst einmal sehen, was die hohen Herren vorhaben.�</p><p>Der k�nigliche Besuch war gewandet in die Tracht der kastilischen W�rdentr�ger � schwarzer Samtanzug, rote Sch�rpe, Dolch, Stulpenstiefel, Federbusch. Auf seiner Brust prangte an einer Goldkette das Wappen Kastiliens mit den drei Burgt�rmen, er war also offenbar Mitglied des k�niglichen Geheimrates. Er beratschlagte sich mit seinem Gefolge aus weltlichen und geistlichen Herren. Etwa zehn Hidalgos, M�nner von meist niederem und armem, aber einflussreichem Adel aus der gesamten Region, standen ein paar Schritte abseits.</p><p>Henri sah hin�ber. Die Gruppe der aristokratischen W�rdentr�ger beriet sich. Was konnten sie von ihm wollen? Je l�nger er dar�ber nachdachte, desto mehr riet ihm eine innere Stimme zur Vorsicht. Azaria hatte Recht. Er beschloss also, abzuwarten.</p><p>Es schien Henri, als senke sich allm�hlich eine unnat�rliche Stille �ber das Bild. Und als beobachteten die Einwohner Toledos hinter den Fenstern ihrer H�user mit angehaltenem Atem, was drau�en geschah. Eine befremdliche Stimmung lag �ber der Stadt am Tajo. Und dann geschah etwas Seltsames.</p><p>Eine wundersch�ne Frauenstimme ert�nte pl�tzlich aus einem Haus in einer kleinen Gasse. Die Stimme war so rein, dass sich aller Augen in die Richtung wandten, aus der sie kam. Sie erklang aus einem ge�ffneten Fenster im ersten Stock, gleich oberhalb eines sch�n geschwungenen Torbogens; es war, als fegte diese engelsgleiche Stimme die b�se Stimmung hinweg. Sie schlang sich wie eine Girlande um das Haus, flog zum reich verzierten Flachdach empor, webte einen Sommerhauch um die Arkaden im Erdgeschoss, verband sich mit den Blumen auf dem Balkon. Und gleichzeitig wies ein Hidalgo auf Henri. Und der Adelantado kam auf ihn zu und �ffnete den Mund, um Henri anzurufen. Diesem kam es so vor, als k�me aus seinen Lippen jene engelsgleiche Stimme, und das gab der Situation etwas Heiteres.</p><p>Aber als die Stimme der S�ngerin schlagartig abbrach, da h�rte Henri den k�niglichen Beamten mit harter Stimme rufen: �Henri de Roslin? Ihr kommt mit mir!�</p><p>Alle Ger�usche auf der Stra�e verstummten. Ganz Toledo schien den Atem anzuhalten.</p><p>�Ihr meint mich, Se�or?�</p><p>�Si, si! Zur Wache!�</p><p>�In wessen Auftrag?�</p><p>�Das braucht Ihr nicht zu wissen.�</p><p>�Was wirft man mir vor?�</p><p>�Das erfahrt Ihr schon noch!�, erwiderte der Beamte im dunklen Rock. Er hatte, aus der N�he besehen, ein bleiches Gesicht und rot ger�nderte Augen hinter einer Magisterbrille, eine Folge von zu langem Studieren von Akten bei Kerzenschein. Seine fleischigen Lippen waren vorgew�lbt und entbl��ten eine Reihe tadelloser Z�hne. Sein Blick war kalt, das machte Henri noch klarer, wie gef�hrlich die Situation war.</p><p>Er handelte schnell. Leise fl�sterte er Azaria zu: �Lauft in die Juderia. Versteckt Euch, tut nichts, und lasst Euch m�glichst lange nicht blicken. Ich nehme wieder Kontakt zu Euch auf, wenn die Gefahr vorbei ist. Jetzt lauft!�</p><p>Gleichzeitig rief Henri dem Adelantado und seinen Leuten zu: �Ihr seid nicht vertrauensw�rdig. Ich ziehe es vor, meinen eigenen Weg zu gehen!� Dann rannte er zur anderen Seite davon.</p><p>Henri war sich im Klaren dar�ber, dass seine M�glichkeiten gering waren. Sie kannten sich in Toledo besser aus als er. Sie konnten es abriegeln. Er wusste zwar nicht, in wessen Auftrag sie ihn verhaften wollten � konnte Ferrand de Tours dahinter stecken? �, aber er musste auf jeden Fall Joshua und Theophil warnen.</p><p>Und er musste Zeit gewinnen. W�hrend er selbst untertauchte, musste Joshua einen Boten nach Cordoba schicken, um Uthman ibn Umar zu alarmieren. Wieder einmal war es notwendig, dass der beherzte sarazenische K�mpfer an ihre Seite trat. Nur so, in ihrem unbezwingbaren Triumvirat, w�rde es ihnen m�glich sein, sich zu behaupten.</p><p>Oder soll ich mich ihnen stellen?, dachte er. K�mpfen und k�mpfend untergehen?</p><p>Nein, es ist sinnlos. Es w�re einfach nur ein ehrenloser, sinnloser Tod. Ich werde dann gegen sie k�mpfen, wenn ich eine gute Chance besitze. Dann w�rde ich auch den Tod akzeptieren.</p><p>Henri sprang �ber Mauern, rannte durch Hinterh�fe, �berquerte Gartenst�cke. Hinter sich h�rte er die Meute der Verfolger. Er konnte sie nicht absch�tteln. Am Hospital de Santa Cruz hielt er einen Moment inne und orientierte sich. �ber die Br�cken konnte er nicht, sicher wurden sie bewacht. Er musste nach Norden zur Hauptstra�e. Wieder tauchte er im Gewirr der engen, steil auf und ab f�hrenden Stra�en und H�user unter, die so verschachtelt waren, dass manche Zimmerdecke dem Treppenhaus des Nebengeb�udes weichen und tiefer liegen musste. Er hatte die H�user der Armen von innen gesehen.</p><p>Aber jetzt verschwendete er keinen Gedanken daran. Er rannte. Sprang. Duckte sich durch. Und noch w�hrend mehrere Hunde w�tend oder spielerisch neben ihm herliefen und auch kl�ffend an ihm hochsprangen, erreichte Henri de Roslin die Ausfallstra�e im Norden.</p><p>Er atmete auf.</p><p>Als er sich umwandte, sah er keine Verfolger mehr. Henri wischte sich den Schwei� von der Stirn und mischte sich unter den unabsehbaren Strom von Reitern, Lasttieren und Karren, die in die Mancha fuhren oder aus ihr kamen.</p><p>Am Abend war er in Sicherheit. Jedenfalls glaubte er das.</p><empty-line/><empty-line/><p>Joshua ben Shimon wartete drei Tage auf seinen Gef�hrten. Am ersten Tag war er unruhig geworden, am zweiten wusste er, dass etwas passiert sein musste, am dritten Tag geriet er in helle Panik. Er beriet sich mit Theophil. Der schlug vor, noch einen weiteren Tag abzuwarten.</p><p>Und das taten sie, wenn auch mit Bangen.</p><p>Henri de Roslin kam nicht.</p><p>In der Nacht konnte Joshua nicht schlafen. Was war geschehen? Was konnte er tun? Er hatte nicht den leisesten Anhaltspunkt, wo Henri war. Er beschloss, gleich morgen fr�h die Juderia zu verlassen und sich in der Stadt umzuh�ren. Vielleicht hatte jemand etwas gesehen oder geh�rt.</p><p>Auf dem Hauptplatz der Stadt erfuhr er dann, was geschehen war. Jemand erz�hlte ihm von der Flucht Henris. Joshua war erleichtert und erschreckt zugleich.</p><p>Er �berlegte, beriet sich erneut mit Theophil und kehrte voller Unruhe in die Christenstadt zur�ck. Einen ganzen Tag lang versuchte er, etwas �ber den Verbleib Henris zu erfahren. Irgendetwas geschah im Dunkeln. Steckte Ferrand dahinter? Der Franzose war vor zwei Wochen verschwunden, aber vielleicht zog er im Hintergrund die F�den. Joshua konnte sich keinen Reim darauf machen.</p><p>Waren er und Theophil inzwischen selbst in Gefahr?</p><p>Und dann traute er seinen Augen nicht. Nach Sonnenuntergang stand pl�tzlich eine junge Frau in seiner Unterkunft. Zuerst erblickte Joshua nur einen Umriss und glaubte, zu phantasieren. Dann machte es �Psst!�, und als er neben die h�lzerne Jalousie des Fensters trat, winkte sie ihn heran und sagte: �Erschreckt nicht! Ich hei�e Azaria! Ich habe gesehen, was geschehen ist!�</p><p>Joshua schob die Jalousien vor die Fensterh�hlung und z�ndete Kerzen an. Er bat die junge J�din, Platz zu nehmen. Und dann erz�hlte sie alles.</p><p>Joshua sp�rte, wie Eisesk�lte in ihm hochkroch. Das Ganze lie� nur einen Schluss zu � Ferrand steckte dahinter. Er musste aus seinem Versteck heraus etwas gegen Henri angezettelt haben. Wie leichtfertig war es von ihnen allen gewesen, zu glauben, Ferrand habe aufgegeben!</p><p>Ratlos blickte Joshua die sch�ne J�din an. Was sollte er tun? Dann kam ihm zum Bewusstsein, dass auch sie in Gefahr sein konnte.</p><p>�Wollt Ihr hier bleiben? Oder ich k�nnte Euch auch in der Kabbala-Schule unterbringen. Wenn man Euch zusammen mit Henri gesehen hat, seid auch Ihr gef�hrdet.�</p><p>�Ach, ich wei� gar nichts mehr!�</p><p>�Heute Nacht schlaft Ihr hier�, sagte Joshua kurz entschlossen. �Das Haus ist sicher, gegen mich liegt nichts vor. Morgen rede ich mit dem Oberrabbiner, dann sehen wir weiter.�</p><p>�Ich bin so verwirrt, und m�de, und traurig��</p><p>�Legt Euch schlafen! Euch passiert nichts! Wenn ich nur w�sste, was mit Henri geschehen ist.�</p><p>Joshua bereitete der J�din ein Nachtlager. Dann ging er trotz der sp�ten Stunde in die Kabbala-Schule hin�ber. Dort hatte auch Henris Knappe Sean eine Unterkunft gefunden. Joshua betrat das Zimmer, in dem Sean �ber einem Buch gebeugt sa�.</p><p>�Ah, Joshua! Willkommen!�</p><p>Joshua blickte den Jungen ernst an. �Die Stunde deiner ersten gro�en Bew�hrung ist gekommen, Sean.�</p><p>Der Knappe erbleichte. Gleichzeitig blitzten seine Augen vor Tatendrang. �Was soll ich tun, Joshua?�</p><p>�Du musst nach Cordoba reiten. In f�nf Tagen kannst du es schaffen. Halte dich auf den Wegen der Handelsrouten, dann kannst du beliebig oft das Pferd wechseln. Ich gebe dir genug Maravedis mit. In Cordoba alarmierst du Uthman. Du bleibst dort in seiner Schule und tust etwas Vern�nftiges. Uthman aber muss sofort herkommen. Ich rechne fest mit ihm in sp�testens zehn Tagen. Verstanden?�</p><p>Der Junge wollte etwas heraussprudeln, verschluckte sich aber. Er hustete, dann sagte er: �Warum befielt mir Meister Henri das nicht selbst? Er ist mein Herr.�</p><p>�Henri ist seit Tagen verschwunden. Es muss etwas Schreckliches geschehen sein.�</p><p>�Ich dachte, er sucht nur nach Ferrand.�</p><p>�Je schneller du reitest, umso gr��er sind die M�glichkeiten, dass wir ihn aus dem Schlamassel herausholen, in dem er wahrscheinlich jetzt steckt.�</p><p>�Wird er mich dann endlich bef�rdern?�</p><p>�Das ist gut m�glich. Aber die Wege des Herrn sind unergr�ndlich. Und nun bereite dein Pferd. Ich schreibe den Brief f�r Uthman und besorge das Geld. Wir treffen uns hier noch vor Sonnenaufgang.�</p><p>Er hastete zur�ck zu seiner Unterkunft. �ber Toledo lag jetzt die Nacht. Joshua empfand nicht die s��en Geheimnisse, die eine solche Nacht unter dem Himmel einer sch�nen Stadt im S�den mit sich bringen konnte. Er sp�rte nur die Gefahren, die in der Dunkelheit lauerten.</p><p>Azaria schlief nicht. Als Joshua sie erblickte, wurde er f�r einen Herzschlag ruhiger. Wie sch�n es ist, wenn eine junge Frau zu Hause wartet, dachte er. Und ein kindischer Gedanke h�pfte in seiner Seele. Wie w�re es, wenn ich der Jude bin, der ihr als Erster einen Ehering an den Finger steckt? Dann muss sie mich heiraten. Es w�rde ein sch�ner Ring sein, der sch�nste auf der Erdenscheibe. Aus Gold nat�rlich, ein breiter Reif mit Kordelb�ndern, an beiden Seiten durch ein Flechtband eingefasst, mit einem kleinen, goldgeschmiedeten Aufbau, unser zuk�nftiges gemeinsames Haus darstellend. Er w�rde ihr den Ring �berstreifen, um das Sabbatlicht in ihnen beiden anzuz�nden. Und dann w�rde er sagen�</p><p>�Was ist, Joshua? Du bist so bleich! Oh Gott, was ist denn geschehen?�</p><p>Joshua kam zu sich, er verscheuchte die s��en Gedanken. �Wir werden Henri suchen. Vor Sonnenaufgang reitet Sean nach Cordoba und alarmiert Uthman, den treuen Freund. Keine Sorge, Azaria! Wir finden Henri unversehrt. Er wei� sich zu helfen, er ist ein erfahrener K�mpfer und Stratege.�</p><p>�Und wenn alles l�ngst zu sp�t ist?�</p><p>�Wenn er in den H�nden der Schergen ist? Ja dann� dann��</p><p>�Dann f�llt die Welt in Sterben��</p><p>�Ja, das tut sie. Dann leuchtet uns kein Licht mehr��</p><empty-line/><empty-line/><p>In der gleichen Nacht �berschritt Ferrand de Tours, von Frankreich kommend, bei Port Bou die Grenze nach Iberien.</p><p>In seiner Begleitung befand sich der wildeste Haufen, den er auftreiben konnte. S�ldner, Gesetzesbrecher, M�rder. Sogar ein verurteilter j�discher H�retiker war darunter, der bei der �berf�hrung in das Inquisitionsgef�ngnis von Nimes geflohen war. Ferrand war es gleich, wer in seiner Begleitung war und was sie getan hatten. Er hatte sie bezahlt und war nur von dem einen Gedanken beseelt, nach Toledo zu reiten, um Henri de Roslin, der sich inzwischen hoffentlich im Gewahrsam seiner Feinde befand, gegen�berzutreten.</p><p>Die Schar benutzte die flachen Uferstreifen des Meeres, um schneller voranzukommen. Sie wechselten die Pferde so oft sie konnten, und wenn sie sich mit den Besitzern nicht schnell genug �ber einen Preis einigen konnten, dann stahlen sie sie einfach. Auf diesem Weg hinterlie�en sie in ihrem Grimm auch drei tote Landleute, die es gewagt hatten, ihren sp�rlichen Besitz zu verteidigen. Aber was z�hlten in diesen Zeiten schon drei Bauern! F�r Ferrand war es nur Geschmei�.</p><p>Und durch welchen Ort sie auch immer kamen, sie sahen die Zeichen der Aufl�sung, der Not und der Seuche, die von Norden aus einsickerte. So f�hlten sie sich nur als die Nachhut des Schreckens.</p><p>Als sie am n�chsten Morgen s�dlich der Pyren�en in einem kleinen Ort eine Synagoge sahen, vor der Pferde standen, hielten sie. Sie nahmen die Reittiere. Und als M�nner hinzusprangen, erschlugen die Schergen Ferrands sie. Dann trieben sie Frauen und Kinder in die Synagoge hinein, zerschlugen drinnen den Altar, schlitzten die kostbaren Decken mit der Quadratschrift und die Gebetst�cher vor dem Thora-Schrein auf, warfen die siebenarmigen Leuchter durch die zerspringenden bunten Fensterrosetten, rissen die geschmiedeten Eisenleuchter mit den wei�en Kerzen von der Decke und legten Feuer. Sie verschlossen das Gotteshaus und h�rten das Flehen der M�tter und die Todesschreie, aber dar�ber lachten sie nur.</p><p>Im wilden Galopp preschten sie davon. Zwanzig dunkle Existenzen in einer Zeit der Rechtlosigkeit. In einer Zeit, als der Groll Gottes noch gr��er zu sein schien als der Zorn der Menschen.</p><p>Wer wollte ihnen etwas anhaben!</p><p>Als sie am Abend nach Westen abbogen, um das flache Land der Mancha zu nutzen, gab Ferrand die Parole aus: �Wer als Erster die goldenen T�rme von Toledo sieht, dem schenke ich eine j�dische Jungfrau!�</p><p>Und die M�nner schrien durcheinander. Ihre Gier kannte keine Grenzen. Und sie f�hlten nur eines � das kalte Gef�hl ihrer eigenen, unverw�stlichen Grausamkeit.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>ZWEITER TEIL</strong></p></title><section><title><p><strong>6</strong></p><p><emphasis><strong>Ende August 1315, im j�dischen Monat Elul</strong></emphasis></p></title><p>Henri de Roslin wusste, was ihm bevorstand. Die Mienen seiner Ankl�ger waren eindeutig.</p><p>Er hatte keine Angst vor ihnen, er f�hlte nur Traurigkeit dar�ber, dass er jetzt seine Freunde Joshua ben Shimon und den Knappen Sean of Ardchatten, seinen Lehrer Theophil von Speyer und die sch�ne Azaria nicht wieder sehen w�rde. Er dachte: Verzeiht mir, wenn ich euch Sorgen mache. Und er war w�tend �ber sich selbst, weil er einen winzigen Moment lang unvorsichtig gewesen war. Die K�niglichen hatten diesen Moment genutzt, als er schon glaubte, die Gefahr der Verfolgung sei vor�ber. Sie hatten ihn in der Nacht an der Br�cke nach Toledo �berw�ltigt.</p><p>Henri wusste noch nicht, was sie ihm vorwarfen, aber er ahnte es. Es musste Ferrand de Tours dahinter stecken. Er hatte ihn noch nicht zu Gesicht bekommen. Aber auf dem Haftbefehl, den man ihm zeigte, stand auch Ferrands Name. Der Judenfeind musste nach seiner Flucht nach Frankreich die k�niglichen Beh�rden auf seine Spur gehetzt haben.</p><p>Henri de Roslin wusste nicht, an welchem Ort er sich selbst die letzte Zeit befunden hatte, man hatte ihm die Augen verbunden und die H�nde auf dem R�cken gefesselt. Es waren jedenfalls nicht die hallenden Marmorg�nge des k�niglichen Alcazars, durch die man ihn an diesem Morgen f�hrte, das sp�rte er am Klang, den die Schritte auf dem Bodenbelag verursachten. Es musste ein Amtsgeb�ude sein, klein und verschwiegen. Und als er seinem Ankl�ger gegen�bertrat, begriff er, dass er sich in einem Haus der <emphasis>Suprema</emphasis> befand, der iberischen Inquisition.</p><p>Er sah es, nachdem man ihm die Augenbinde abgenommen hatte, an der Zeremonientracht seines Gegen�bers. Er trug ein K�ppchen mit Goldf�den auf dem beinahe kahlen Kopf, eine weinrote <emphasis>Cappa magna</emphasis> mit hochstehendem Kragen, darunter ein silbern besticktes Rochett, das in langen Falten herab bis zur Erde fiel. Das Brustkreuz gl�nzte im Licht der fr�hen Sonne, das durch die gl�sernen Rosetten des hohen Raumes einfiel. Und die Finger der linken Hand, die wie eine Tarantel die Armlehnen seines Sessels umkrampften, schm�ckten schwer eingefasste Ringdiamanten.</p><p>Henri �berlegte, ob es seine Pflicht als freier christlicher Ordensritter gewesen w�re, diese Ringe zu k�ssen. Er hatte einen Kardinal der Kurie vor sich. Aber er versp�rte kein Bed�rfnis danach, und man zwang ihn nicht dazu. Also blieb er hoch aufgerichtet und stolz stehen und blickte das Pergament an, das ihm ein Sekret�r vor die Augen hielt, der neben dem Kardinal stand.</p><p>�Bist du Henri de Roslin, geboren im Jahr unseres Herrn 1272 in Roslin in der Grafschaft Midlothian im Land Schottland?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Man wirft dir vor, ein Ketzer zu sein.�</p><p>�Wer wirft mir solches vor?�</p><p>�Du stellst keine Fragen, wir stellen sie. Du antwortest nur.�</p><p>�Ich kann auf eine solche Frage nur antworten, wenn ich wei�, welcher Vergehen man mich beschuldigt.�</p><p>�Du sollst den richtigen Glauben verraten haben und zum Judentum �bergetreten sein. Du hast dich nicht nur im Geheimen beschneiden lassen � das lie�e sich schnell �berpr�fen �, es ist deine innere Haltung, die uns Sorge bereitet, denn du bist vom richtigen Glauben abgefallen. Du wiegelst die Juden Toledos gegen die Christenheit auf. Und du hast einen Mann ermordet.�</p><p>�Ich habe viele M�nner ermordet. Als im Jahr 1291 unser christliches Akkon in die H�nde der Sarazenen fiel, habe ich get�tet. Ich war neunzehn und Knappe, aber ich t�tete. Als ich im Jahr unseres Herrn 1312 in Aleppo war, befreite ich gefangene Christen aus einem sarazenischen Kerker. Ich t�tete wahllos, um mich und meine Gef�hrten zu retten.�</p><p>�Wir meinen nicht, ob du Ungl�ubige get�tet hast, die keine Seele besitzen, sondern ob du eine Christenseele ausgel�scht hast.�</p><p>Der Kardinal beugte sich interessiert vor. �Gelang in Aleppo die Befreiung unserer Leute?�</p><p>�Ja, Eminenz. Viele starben dabei, aber noch mehr wurden befreit.�</p><p>�Antworte endlich! Hast du einen Mann namens Jacques Cour get�tet?�</p><p>�Ich kenne einen Mann dieses Namens nicht.�</p><p>�Er war Aufseher im Schloss des franz�sischen K�nigs in Fontainebleau.�</p><p>�Ihr meint, im Folterkeller dieses Schlosses, wohin man mich verschleppt hatte? Dort t�tete ich einen Wachmann, bevor man mich t�ten konnte. Kennt Ihr das Instrument der Eisernen Jungfrau, Herr? Es war Notwehr. Ich wurde gefoltert. Wenn dieser Wachmann Jacques Cour hie�, dann habe ich ihn get�tet. Ja.�</p><p>�Man verlangt nun deine Auslieferung nach Frankreich. Wir sollen dich den dortigen Gerichten �berstellen, damit der Mord verhandelt werden kann. Ein gewisser Ferrand de Tours wird dich abholen und dich begleiten.�</p><p>�Ah, de Tours ist ein L�gner und Verleumder. Er bereitete in Toledo mit gef�lschten Beweisen den Mord an den Juden vor. Ich konnte ihn gerade noch davon abhalten. Seine Absichten h�tten die Stadt in das Chaos gef�hrt.�</p><p>�Das zu beurteilen ist nicht deine Aufgabe! Die Beh�rden Toledos sind in der Lage, solche Dinge zu regeln. Du bekennst dich also des Mordes f�r schuldig?�</p><p>�Es war Notwehr.�</p><p>�Und � bist du ein Ketzer?�</p><p>�Ich bin nicht zum Judentum �bergetreten. Ich bin Christ. Und ich werde es immer bleiben.�</p><p>�Man sagt, du geh�rtest dem Orden der Tempelritter an.�</p><p>�Ich war f�r den Geldhandel und den Schutz der Pilgerstra�en zust�ndig.�</p><p>�Wenn wir dich nach Frankreich ausliefern, wird dir dort der Prozess auch wegen dieser Zugeh�rigkeit gemacht.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Man wird dich der weltlichen Gewalt ausliefern. Und du wirst auf dem Scheiterhaufen verbrannt.�</p><p>�Wenn ich die Foltern beim Verh�r �berlebe.�</p><p>�Das ist die Voraussetzung, ja. Aber ein Templer h�lt einiges aus, nicht wahr, eure Erziehung hat euch doch darauf vorbereitet?�</p><p>Henri zog es vor, zu schweigen. Der Kardinal warf ein:</p><p>�Wir k�nnten dich auch offiziell der Ketzerei anklagen, dann m�ssten wir vom Heiligen Offizium uns deines Falles annehmen. Wir behielten dich in einem iberischen Gef�ngnis, bis du reum�tig und gest�ndig bist. Das w�rde deinen Tod in Frankreich vermeiden.�</p><p>�Eminenz�, sagte Henri, �ersparen Sie Ihrer G�te, sich so nutzlos zu vergeuden. Denn das w�re keine wirklich erstrebenswerte Alternative f�r einen Mann wie mich. Ich muss frei sein � oder sterben.�</p><p>Der Sekret�r des Kardinals war rot angelaufen. �H�rt, h�rt! Nun, was deine Gro�m�uligkeit angeht, so bist du auf jeden Fall schon vorverurteilt, das kann ich dir versprechen. Aber welche Gr�nde kannst du auff�hren, die uns bewegen k�nnten, dich den franz�sischen Schergen zu verweigern? Was hast du f�r Iberien bewirkt, das ins Feld zu f�hren w�re?�</p><p>�Ich bin ein guter Christ in einem christlichen Land. Und meine Verfolger s�en Zwietracht unter den Glaubensgemeinschaften und Kulturen. Das ist alles, was ich anf�hren kann.�</p><p>�Sehr wenig!�</p><p>Der Kardinal rutschte auf seinem mit weinroten Polstern ausgeschlagenen Sessel aus libanesischem Zedernholz hin und her. Offensichtlich f�hlte er sich bei diesem Verh�r unwohl. Henri vertraute aber nicht auf ihn. Denn eine Gerechtigkeit schien ihm in diesen Tagen nirgendwo sichtbar zu sein. Aber dann l�chelte der Kardinal ein warmherziges L�cheln, das sein ganzes Gesicht erfasste.</p><p>�Mein Sohn, wenn du kein Ketzer bist, dann kann dir nichts geschehen. Wir haben dich nicht zu bestrafen, wir wollen dich nur auf den richtigen Weg des Seelenheils zur�ckf�hren.�</p><p>Henri kannte solche Formeln, sie f�hrten nicht zum Seelenheil, sondern geradewegs zu Folter und Tod. Er dachte in diesem Moment an die junge J�din Azaria. Wie weit w�rde der Weg zu ihr zur�ck sein! Wenn er �berhaupt jemals wieder Gelegenheit haben w�rde, ihn zu gehen. Ihn erfasste Bitterkeit, und er dachte: Die Schergen zerst�ren solche Wege, und sie wissen es nicht einmal. Denn sie ahnen nicht, wie viel lebendiges Gl�ck am Ende eines solchen Weges auf uns wartet.</p><p>�Die Anweisung zu deiner Verhaftung erging durch den zust�ndigen <emphasis>Alguacil</emphasis> in Toledo. Aber er wurde angeregt durch die k�niglichen Beh�rden im franz�sischen Avignon. Kannst du dir das erkl�ren?�</p><p>�Ich will daf�r gar keine Erkl�rung suchen�, sagte Henri. �Es wird eine geben, aber das ist mir gleich.�</p><p>�Es geht um dein Leben!�</p><p>�Es geht um unser aller Leben, ihr Herren! Wir alle werden vor unseren Richter treten. Achtet darauf, dass ihr dann wohlwollend empfangen werdet!�</p><p>�Du wagst es!�</p><p>Der Kardinal hielt den Sekret�r mit einer Geste zur�ck.</p><p>�Lasst ihn sprechen, solange er es noch vermag! Es ist das einzige Recht, das er noch hat. Seine Zukunft sieht recht wortlos aus. Henri de Roslin, du wirst einige Zeit in diesem Gef�ngnis bleiben. Es ist wohl m��ig, hinzuzuf�gen, dass du kein Geld, kein Papier, keine Schreibfedern, noch sonstige Gegenst�nde bei dir behalten darfst. Du wirst allein sein, und niemand wird dich besuchen. Nur zu den Verh�ren sollst du deine Zelle verlassen d�rfen.�</p><p>Der Sekret�r des Offiziums, der sich jetzt auch als sein Fiskal erwies, erg�nzte: �Du bist verpflichtet, deine gesamte Barschaft an uns auszuliefern. Wenn du �ber Verm�gen verf�gst, das du nicht bei dir tr�gst, wirst du es uns zug�nglich machen. Denn wir m�ssen Vorlagen leisten. Die Kosten des Verfahrens tr�gst du allein, sie werden dir bei Freispruch von deinem Hab und Gut abgezogen. Bei Verurteilung f�llt es in voller H�he dem K�nigshaus und der Kirche zu.�</p><p>Also werdet ihr mich verurteilen, dachte Henri, denn ihr k�nnt rechnen.</p><p>�Verf�gst du also �ber Verm�gen?�</p><p>�Nur, was ich bei mir trug�, erkl�rte Henri wahrheitsgem��.</p><p>�Nun, das werden wir unter der Folter verifizieren�, erkl�rte der Fiskal. �Alle anderen Ausk�nfte �brigens auch.�</p><p>�Wirst du abschw�ren, mein Sohn?�, fragte der Kardinal.</p><p>�Ich habe nichts abzuschw�ren�, erwiderte Henri leise.</p><p>�Wenn du nicht abschw�rst�, fuhr der Kardinal unbeirrt fort, �sondern verstockt bleibst, dann beginnt man morgen fr�h mit der Tortur. Du wirst sie so lange erleiden, bis du deine H�resie bereust und abschw�rst. Und ich kann dir mitteilen, das kann lange dauern, und es bereitet gro�e Schmerzen und nie heilende Wunden.�</p><p>Henri standen sofort die Bilder der gefangenen und gefolterten Br�der im Tempel von Paris vor Augen, er dachte auch an seine eigene Folter in Fontainebleau. Er sp�rte die seelische Wunde, die ihm diese Erinnerung bereitete, denn er hatte sie trotz seines Versprechens nicht retten k�nnen. Er wollte seinen Ankl�gern etwas entgegenschleudern. Aber er schwieg. Stattdessen sah er sich um. Konnte er sich durch einen Sprung durch die Fenster in Sicherheit bringen? Selbst wenn er dabei starb � alles war besser, als den Folterknechten ausgeliefert zu sein. Aber die Fenster waren vergittert. Es gab kein Entkommen.</p><p>�F�hrt ihn ab!�</p><p>Harte F�uste packten ihn.</p><p>�Ich bin kein Ketzer�, rief Henri. �Ihr habt kein Recht, mich gefangen zu setzen!� Aber gleichzeitig sch�mte er sich f�r diese Worte. Und ein gelangweiltes Gel�chter aus dem Verhandlungsraum zeigte ihm auch, dass sie sinnlos waren.</p><p>Das Lachen seiner Ankl�ger klang noch in seinen Ohren, als er wieder in seiner Zelle sa�. Es war ein stockfinsteres Verlies, und er sank auf der Holzpritsche zusammen. Nun gut, dachte er, das ist meine augenblickliche Lage. Ich erlebe sie nicht das erste Mal. Und ich werde mich dagegen wappnen.</p><p>Er begann leise, die Ordensregeln des Zisterziensers Bernhard von Clairveaux herzusagen, die dieser dem Templerorden gegeben hatte, um seine Anerkennung vor dem Heiligen Stuhl zu erreichen. Henri hatte sie als Tempelritter auswendig gelernt. Er sagte sie sich immer wieder vor, mal leise, mal laut, mal stumm. Henri wusste, Bernhard hatte die Regeln nach dem Heiligen Benedikt von Nursia formuliert � hatte dieser heilige Mann auch die Erfahrung machen m�ssen, dass sie einen Gefangenen vor dem Verr�cktwerden bewahren konnten?</p><p><emphasis>Wenn du etwas Gutes beginnst, best�rme Gott beharrlich im Gebet, er m�ge es vollenden.</emphasis></p><p>Henri kniete nieder und betete.</p><p>Nach einer Weile ert�nte drau�en ein Poltern. Die T�r wurde aufgerissen. F�r einige Momente drangen Licht und der Geruch von Schwei� und Urin zu ihm herein. W�chter warfen ihm etwas zu, dann fiel die T�r wieder ins Schloss.</p><p>Henri tastete nach dem fremden Gegenstand. Es schien eine Kiste zu sein. Dann h�rte er ein Quieken. Seine Finger ber�hrten ein Fell, eine nagende, hei�e Schnauze. Sie hatten ihm Ratten in die Zelle geworfen!</p><p>Henri blieb ruhig. Er lauschte auf die Ger�usche, die sie beim Herumlaufen machten. Ein Tier ging an ihm hoch. Er packte es und schmetterte es gegen die Wand. Das Quieken erstarb. Henri gelang es nach und nach, auch die anderen klumpigen Kn�uel zu packen und zu t�ten. Es waren insgesamt sieben. Er kehrte sie mit dem Fu� an die T�r und blieb abwartend sitzen. Er wusste, sie w�rden sich noch etwas anderes ausdenken.</p><p>Henri schloss die Augen. Er �ffnete sie wieder. Die Dunkelheit blieb.</p><p>Dennoch hatte er das Gef�hl, bei geschlossenen Augen besser nachdenken zu k�nnen. Wenn man die Augen aufmacht, dachte er, ist man in der wirklichen Welt, egal, wie sie aussieht. Schlie�t man sie, ist man in seinem eigenen Kopf. Das ist seltsam. Gibt es diese beiden Welten? Ist das nicht gef�hrlich? Und hat unser Sch�pfer das so gewollt?</p><p>Henri wollte nicht weiter dar�ber nachdenken. �berhaupt wusste er, es war das gr��te Problem f�r einen Eingesperrten, nicht in einen Strudel von Gedanken zu geraten, der ihn hinabriss. Da nichts zu tun blieb, au�er zu warten und nachzudenken, war diese Gefahr gro�. Er hatte es schon oft erlebt.</p><p>Wieder dachte Henri an die Ordensregeln. Der Schluss fiel ihm ein, in dem es um die Gerechtigkeit ging. <emphasis>Wenn du zum himmlischen Vaterland eilst, wer immer du bist, nimm diese Regel als Anfang und erf�lle sie mit der Hilfe Christi. Dann wirst du unter dem Schutz Gottes zu den H�hen der Lehre und der Tugend und der Gerechtigkeit gelangen. Amen.</emphasis></p><p>Nach einer Weile stand er auf. Er ging in der kleinen Zelle von Wand zu Wand und dachte an seine Gef�hrten. Was w�rden sie tun, wenn es gewiss war, dass er im Gef�ngnis einsa�? Er vertraute auf Joshua. Vielleicht w�rde er genau das tun, was er selbst vorgehabt hatte, n�mlich Uthman ibn Umar zu benachrichtigen. Ich sollte, dachte Henri, den Sarazenen immer bei mir behalten, denn er war immer mein Retter in der Not. Was machst du in Cordoba, Uthman?, dachte Henri. Ich brauche dich! Kannst du mich h�ren? Hat mich mein Studium der Kabbala so weit gebracht, dass ich deinen Namen anrufe, und du h�rst mich und folgst meiner Stimme?</p><p>Ich h�tte den Weg der Lektionen bis ans Ende gehen sollen. Dann h�tte ich Gewissheit.</p><p>Die Tage und die N�chte vergingen. Henri konnte sie nicht unterscheiden. Er ma� sie daran, wann ihm eine Blechsch�ssel mit einer d�nnen Suppe in die Zelle geschoben wurde. Auf diese Weise kam er auf weitere zw�lf Tage nach dem ersten Verh�r. Vor seine Ankl�ger f�hrte man ihn noch dreimal. Die Fragen, die man ihm stellte, blieben gleich, Henri schloss daraus, dass die Iberer ihm nicht wirklich den Ketzerprozess machen wollten. Und was bedeutete dies?</p><p>Sie w�rden ihn nach Frankreich abschieben.</p><p>Er w�rde in die H�nde Ferrands fallen.</p><p>Nach einer endlos langen Zeit in Dunkelheit und Schweigen war vor der Zelle ein Rumpeln zu h�ren. W�chter kamen herein, warfen ihm ein Sackleinen �ber den Kopf und banden es am Hals fest. Sie fesselten seine H�nde auf den R�cken und stie�en ihn vorw�rts. Henri stolperte nach drau�en.</p><p>Pl�tzlich lag warmer Sonnenschein auf seiner Haut. Warme, frische Luft drang in seine Lungen. Sie hatten ihn ins Freie gef�hrt! Henri atmete tief ein und sp�rte ein �berw�ltigendes Gl�cksgef�hl. So schmeckte das Leben!</p><p>In seiner N�he waren Stimmen zu h�ren, die unwillig und drohend klangen. Es entstanden ein Wortgefecht, danach Rufe. Jemand hieb ihm roh die F�uste in den R�cken und knurrte: �Troll dich!� Henri stie� gegen die Aufbauten eines Karrens, er nahm den Geruch von Pferden wahr und h�rte ihr Schnauben. Dann fiel er auf feuchtes Stroh, man zog ihn in den Karren. Eine Peitsche knallte, schwere Holzr�der begannen �ber holpriges Pflaster zu rumpeln.</p><p>Anf�nglich drang noch Sonnenlicht durch die Risse im Karrendach, dann wurde es dunkel und k�hl. Henri bekam nichts zu essen und nichts zu trinken. Und die Fahrt ging immer weiter.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Endlich bist du hier, Uthman! Ich freue mich so, dich zu sehen! Sei willkommen!�</p><p>�Unser aller Gott sei mit dir, Joshua! Auch ich bin gl�cklich, wieder in deiner N�he zu sein!�</p><p>�Sean ist wohlauf?�</p><p>�Er blieb wohlgemut in Cordoba und darf die B�cher studieren, deren Weisheit allerdings nur sehr langsam an die Stelle seines ungest�men �bermutes tritt. Aber er ist noch jung. Ich lie� ihn in der Obhut meines Magisters zur�ck. Er wird dort warten, bis ich zur�ck bin.�</p><p>�Das ist gut. Aber nun h�re. Es gibt viel zu tun, und wir m�ssen schnell handeln.�</p><p>�Es geht um Henri, ich wei�. Sprich!�</p><p>�Wir wissen inzwischen, wo sie ihn eingesperrt haben. Er ist im Kerker des Kardinalspalastes, und man wird ihn entweder der Ketzerei anklagen oder nach Frankreich abschieben. Dahinter steckt Ferrand de Tours. Man munkelt, ihn seit einigen Tagen in Toledo gesehen zu haben. Er ist ein abscheulicher Mensch, voller Hass auf andere, vor allem auf uns Juden und auch auf euch Sarazenen. Man munkelt weiter, er hat einen Haufen w�ster Gesellen um sich geschart. Ich wei� nicht, warum er zur�ckkehrte und was er vorhat. Aber wenn er tut, was ich bef�rchte, dann m�ssen wir ihn aufhalten.�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Er will Henri in seine Gewalt bringen und nach Frankreich �berf�hren. Ob tot oder lebendig, das liegt in seiner Hand.�</p><p>�Wird man Henri unterdessen foltern?�</p><p>Joshua sagte betr�bt: �Jederzeit. Sie haben ihn schlie�lich in ihrer Gewalt. Aber bis sie entscheiden, was sie mit ihm vorhaben, m�ssen sie aufpassen. Es k�nnte ja sein, dass sie doch beschlie�en, ihn frei zu lassen, dann macht es keinen guten Eindruck, wenn er als Unschuldiger gebrochene Glieder hat. Du wei�t, Foltern geh�rt zu ihrem Gef�hl f�r Gerechtigkeit.�</p><p>�K�nnte es auch sein, dass die so genannten Glaubensw�chter von Toledo Henri hier anklagen?�</p><p>�Es ist denkbar.�</p><p>�Mit welchen Beschuldigungen?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Nein � das werden sie nicht tun. In Iberien liegt nichts gegen ihn vor. Sie werden ihn ausliefern, damit ihm in Frankreich der Prozess gemacht werden kann.�</p><p>�Ja, das ist wahrscheinlicher.�</p><p>�Also m�ssen wir uns darauf vorbereiten, ihn zu befreien.�</p><p>�Wenn es nicht schon zu sp�t ist.�</p><p>�Wie bringen wir dar�ber etwas in Erfahrung?�</p><p>�Theophil muss uns helfen. Er hat Einfluss im Stadtrat. Er muss zun�chst herauskriegen, ob Henri sich �berhaupt noch im Kardinalspalast befindet und was man mit ihm vorhat.�</p><p>�Beeilen wir uns.�</p><p>Henri glaubte einmal Ferrands Stimme unterscheiden zu k�nnen. Aber er bekam ihn nicht zu Gesicht, auch nicht in den Pausen, in denen er seine Notdurft verrichten konnte. Stattdessen l�fteten andere hin und wieder die rechte Seitenplane und starrten zu ihm herein. Es waren keine Vertrauen erweckenden Gesichter, und ihr Lachen war es noch weniger.</p><p>Der von zwei Pferden gezogene Karren ratterte dahin. Wohin brachte man ihn? Wenn er im Freien war, versuchte Henri, sich zu orientieren. Sie waren inzwischen im Gebirge. Und da die Sonne abends zur Linken unterging, schloss er daraus, sie bewegten sich nach Norden. Nat�rlich!, dachte er, sie bringen mich nach Frankreich! Vielleicht ins Inquisitionsgef�ngnis von Avignon, vielleicht in den Kerker von Paris. W�rde dort Guillaume de Imbert auf ihn warten, der Generalinquisitor, den man nur �de Paris� nannte?</p><p>Henri wurde hin und her geworfen, schmerzhaft stie�en seine gefesselten Glieder gegen die rohen Sparren des Holzk�figs, in dem er kauerte. Henri versuchte, sich auf dem mit stinkendem Stroh ausgelegten Boden so hinzusetzen, dass seine Wunden nicht schmerzten, aber das gelang ihm nicht, er wurde immer wieder gegen die Ecken und Kanten des elenden Gef�hrts geworfen. Es war der Karren eines Schinders, �ber den das schwarze Tuch mit dem roten Kreuz der Inquisition gedeckt war, vorn zwei kr�ftige, aber inzwischen m�de Zugtiere, auf dem Bock ein Landsknecht mit Spie�en rechts und links.</p><p>Wieder hielt der Karren an. Und jetzt erblickte Henri seinen Widersacher Ferrand de Tours.</p><p>Die Bewacher holten Henri heraus und stellten ihn vor den Karren. Der Tempelritter erblickte im Hintergrund die H�user eines Ortes. Ferrand trat auf ihn zu. Er baute sich dicht vor ihm auf und schlug ihm ins Gesicht. Unter den Schl�gen sagte er:</p><p>�So, Jude, jetzt kannst du zusehen, wie es deinesgleichen ergeht. In Nordspanien herrschen inzwischen strengere Gesetze, als du sie kennst. Und wenn wir sp�ter die Grenze nach Frankreich �berschreiten, dann wirst du begreifen, dass es ein Fehler war, zu konvertieren!�</p><p>Henri biss die Z�hne zusammen und schwieg. Er sah zu, wie die M�nner im Gefolge Ferrands in den Ort einritten. Dort trieben sie die Einwohner aus den H�usern. Die Menschen trugen den gelben Judenfleck auf ihrer Brust, der nach dem Willen ihrer Feinde ein Geldst�ck darstellen sollte. Man trieb sie zusammen und f�hrte sie zur Synagoge, diese war ein unscheinbarer, flacher Bau mit einem f�nfeckigen Turm. Dort wurden sie eingesperrt. Und dann begann die Soldateska mit der Pl�nderung. Alles, was die Dorfbewohner an Hab und Gut besa�en, warf man in den Staub der Gasse und teilte es auf. Im Hintergrund wurde das Tor der Synagoge hinter den Gefangenen verrammelt. Die Meute legte Feuer. Lichterloh brannte die Synagoge.</p><p>Henri musste mit ansehen, wie das einzige Fenster der Synagoge barst und die Menschen versuchten, sich dadurch ins Freie zu retten. Doch die M�nner Ferrands erwarteten sie dort und metzelten sie johlend mit Schwertern und Piken nieder.</p><p>Henri zerrte an seinen Fesseln. Er versuchte, die Seile am Wagenrad durchzuscheuern. Doch ein Bewacher erkannte seine Absichten und schlug ihm den Knauf seines Schwertes seitlich gegen den Kopf. Henri st�rzte zu Boden.</p><p>Im Liegen sah er den Rauch der Synagoge aufsteigen. Und er h�rte Schreie. Pl�tzlich erblickte er in der Fensterh�hle eines der ersten H�user ein Kindergesicht. Es geh�rte einem M�dchen. Seine gro�en Augen starrten zu ihm her�ber, blickten ihn angsterf�llt an. Henri hoffte, sein Bewacher w�rde die Kleine nicht entdecken. Er machte dem Kind mit dem Kopf ein Zeichen, vom Fenster zu verschwinden und sich zu verstecken.</p><p>Die Kleine weinte, aber sie gehorchte.</p><p>Vielleicht, dachte Henri, wird sie die einzige sein, die das W�ten �berlebt.</p><p>Nach einer Weile kam die Soldateska Ferrands zur�ck. Sie lachte und schleppte Beute mit sich. Einer hatte Schafe zusammengebunden und zog sie hinter sich her. Vom Hals eines anderen baumelten drei kopflose H�hner. Ferrand trug in einem Sack das klirrende Silberger�t aus der Synagoge.</p><p>�So lohnt sich die Reise!�, schrie einer.</p><p>Und ein anderer schrie zur�ck: �Na und? Wir m�ssen schlie�lich mit irgendwas unsern Schnaps bezahlen!�</p><p>�Da hat er doch Recht, nicht wahr?� Ferrand war zu Henri getreten. In seinem ger�teten, verschwitzten Gesicht stand ein h�ssliches L�cheln, seine Blicke waren unstet. �Was sagst du zu deinen Br�dern, die sich so klaglos ergeben, Jude? Ist es nicht ein Schuldeingest�ndnis, sich ohne Gegenwehr abschlachten zu lassen?�</p><p>�Du wirst f�r alle diese Taten sterben, Ferrand!�, erwiderte Henri mit fester Stimme.</p><p>�Wir sterben alle, Mann. Es ist Gottes Ratschluss! Und man will doch wenigstens was mitnehmen!�</p><p>�Hast du keine Angst vor dem Urteil Gottes, Ferrand, wenn du vor die Schranken des Weltgerichtes trittst?�</p><p>�Hast du mich das nicht schon einmal gefragt? Und wie war wohl meine Antwort? Ich tue nur, wozu jeder Christenmensch aufgerufen ist, der uns vor dem Unheil bewahren will, das die Juden �ber uns bringen wollen. Was soll daran verwerflich sein?�</p><p>�Du mordest und brandschatzt! Sagt dir nicht dein Menschenherz, das sei Unrecht?�</p><p>�Mein Menschenherz sagt mir: Tod den Ungl�ubigen, Tod den Brunnenvergiftern, Tod den Christensch�ndern!�</p><p>Ferrand wandte sich abrupt ab.</p><p>Henri rief ihm nach: �Wohin bringst du mich?�</p><p>Ferrand de Tours drehte sich um und sagte: �Dorthin nat�rlich, wo auf dich Gerechtigkeit wartet, wohin sonst?�</p><p>Nach einer Nacht am Rand des verw�steten Ortes, in der Henri kein Auge zumachte, ging es noch vor Sonnenaufgang weiter. Die Soldateska hatte gesungen und getrunken, jetzt zog man m�rrisch nach Norden. Sogar die Reittiere schienen schlecht gelaunt zu sein. Und Henri dachte fieberhaft dar�ber nach, wie er sich aus der Gewalt Ferrands befreien konnte.</p><p>Wohin Ferrand ihn auch immer bringen mochte � vielleicht nach Avignon, vielleicht nach Paris �, auf Henri wartete dort der Tod. Denn sie w�rden Gr�nde konstruieren, um ihn hinzurichten. Henri wunderte sich dar�ber, dass sie �berhaupt einen Gerichtsprozess anstrengten. Was bezweckten sie damit? Sie konnten ihn doch jederzeit erschlagen und verscharren! In diesen rechtlosen Zeiten konnte man das mit jedem machen.</p><p>Jenseits der Sierra de Guadarama lag Segovia. Aber die Horde zog an der alten Stadt mit ihren dicken Mauern vorbei und bewegte sich durch die Ebene weiter in Richtung Nordosten. So kamen sie in das K�nigreich Aragon, dessen Grenze inzwischen von K�nig Jakob dem Gerechten ge�ffnet worden war, und erreichten Zaragoza.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Man hat Henri weggeschafft. Wir kommen zu sp�t. Niemand kann uns sagen, wohin sie ihn bringen werden.�</p><p>Theophil von Speyer war auf seinem Sitz zusammengesunken. Mit seinem fahlen Gesicht unter der wei�en Haarm�hne wirkte er wie ein Mann, der sich aufgegeben hatte. Joshua und Uthman bedr�ngten ihn.</p><p>�Hat der Oberrabiner sonst nichts erfahren?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Theophil! Es muss m�glich sein, herauszufinden, wohin man Henri bringt! Sicher nicht nach S�den �ber die Stra�e an den Katarakten. Sie werden ihn nach Frankreich transportieren, dann gibt es nur drei Wege. Nach Osten, nach Nordosten, nach Norden. Das muss doch zu kl�ren sein!�</p><p>�Wir stellen einen kleinen Trupp zusammen�, warf Uthman ein, �und teilen uns. Je zehn Leute folgen Ferrand und seinen Leuten. Irgendwo holen wir ihn ein und stellen ihn zum Kampf. Wir m�ssen Henri befreien!�</p><p>�Das ist klar!�, sagte Joshua. �Aber wir d�rfen uns nicht zersplittern! Nein, wir m�ssen einen weiteren Versuch machen, ihre Route herauszukriegen. Theophil, du musst es noch einmal versuchen! Gehe pers�nlich zum Kardinalspalast! Tue alles! Inzwischen befragen wir die W�chter an den Ausfallstra�en. Es muss aufgefallen sein, wenn eine Horde Franzosen mit einem Gefangenentransport Toledo verlie�.�</p><p>�Wenn wir nicht zuviel Zeit verlieren wollen, m�ssen wir bis heute Abend Bescheid wissen�, erwiderte Uthman. �Bis dahin brauchen wir zwanzig Mann, die uns begleiten. Und wir m�ssen noch in der Nacht aufbrechen.�</p><p>�Woher willst du zwanzig Krieger nehmen, Sarazene?�</p><p>�Es werden Sarazenen sein, die sich, wie ich, tags�ber hinter gelehrten Schriften verstecken, um nachts in ihre Schlachtengew�nder zu schl�pfen. Verlass dich auf mich!�</p><p>�Gut�, sagte Theophil, jetzt wieder hoffnungsvoller. �Ich gehe sofort zum Kardinalspalast. Wir treffen uns wieder hier in der �bersetzerschule.�</p><p>�Um sechs Uhr!�</p><p>Joshua ritt zur Br�cke von San Martin. Unter dem arabischen Hufeisenbogen des Turms, dessen Wappenschilder der vasallentreuen Hidalgos gerade neu ausgemalt wurden, befragte er die Wachposten. Doch sie sahen ihn nur misstrauisch an, obwohl er keine Judenkleidung trug, und bedeuteten ihm mit obsz�nen Gesten, er solle verschwinden.</p><p>Uthman versuchte, im arabischen Viertel hinter der Kirche Santiago del Arrabal jenseits der Stadtmauer Verb�ndete zu finden. Hier, im Schatten der Kirche, wohnten seine Sarazenen, und er befragte sie. Doch er hatte kein Gl�ck. Sie waren �ngstlich, weil die christlichen Beh�rden die Gesetze gegen sie versch�rfen wollten. Keiner wusste etwas �ber Henri de Roslin. Und nur zwei junge M�nner holten wortlos ihre Waffen und hielten sich bereit.</p><p>Theophil hatte mehr Gl�ck. Ein Schreiber des Kardinalspalastes, der in der j�dischen �bersetzerschule Hebr�isch gelernt hatte, fl�sterte ihm zu: �Vor vier Tagen verlie� in aller Herrgottsfr�he ein verh�ngter Karren den Hof. Drau�en warteten mehrere wilde Reiter. Das k�nnte der Transport mit eurem Mann gewesen sein, Jude!�</p><p>�Welche Richtung nahmen sie?�</p><p>Der Schreiber zuckte die Schultern. �Woher soll ich das wissen? Ich schreibe Manuskripte ab und beobachte nicht die staubigen Verkehrswege.�</p><p>Als Theophil schon gehen wollte, lief ihm ein Scholar hinterher. �Meister Theophil! Wartet einen Moment! Ich glaube, sie sind nach Norden, in Richtung auf Segovia, aus der Stadt geritten. Denn mein Bruder, der Ministrant in Santa Maria la Bianca ist, erz�hlte mir, ein mit der Decke der Inquisition verh�ngter Karren habe am Morgen des fraglichen Tages eine junge Katze �berfahren. Ja, direkt vor dem Eingang! Und einer der rohen M�nner habe sie mit einem Fu�tritt ins Paradies bef�rdert. Denkt Euch nur!�</p><p>�Ein verh�ngter Karren und mehrere Bewaffnete als Begleitung?�</p><p>�Darunter ein paar Rotb�rtige, Normannen oder so, aus dem Norden. Es muss � wartet � vor vier Tagen gewesen sein, sie feierten die Messe zu Bartholom�us.�</p><p>Theophil war sich sicher, dass das die richtige Spur war. Und er beeilte sich, seine Gef�hrten zu treffen, um ihnen das noch vor dem Abend zu sagen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Die Gassen Zaragozas waren von L�rm erf�llt. Scharen von Gei�lern zogen dahin, die M�nner mit entbl��tem Oberk�rper, langen Haaren und B�rten, die Frauen in zerfetzten Kleidern und mit blo�en F��en. Immer wieder klatschten ihre <emphasis>Fl�gellos,</emphasis> die Lederriemen, auf ihre nackte Haut und lie�en sie aufplatzen, Blut rann aus den Wunden. Aber im Gegensatz zu ihren gemarterten, ausgezehrten K�rpern waren die Gesichter der B��er stark und kr�ftig, wie erf�llt von einer geheimnisvollen Botschaft. Und in ihren Augen leuchtete die Gewissheit, zu den Auserw�hlten zu geh�ren. Ihr blutiges, schmerzerf�lltes Tun schien es den Umstehenden zu beweisen, denn f�gte sich Schmerzen freiwillig nicht nur jemand zu, der genau wusste, was er zu b��en hatte? Und sie b��ten es f�r alle anderen.</p><p>�Das Weltzeitalter geht zu Ende! �berall herrscht Hungersnot! Heraus auf die Stra�en! Das Ende steht vor der T�r!�</p><p>Henri de Roslin sah und h�rte diese Vorg�nge durch die Risse im Karren, in dem er noch immer kauerte. Der Karren rumpelte durch die Gassen, offenbar steuerte Ferrand ein bestimmtes Ziel an. Unter die klagenden Stimmen mischten sich andere, die in h�chsten T�nen schrien und kreischten. Henri h�rte auch den dumpfen Klang von Tambourinen und kleinen aragonesischen Trommeln. Monotone, immer wiederkehrende Beschw�rungsformeln unsichtbar bleibender Menschen lagen in der Luft und flogen von Stra�enseite zu Stra�enseite, von Kirche zu Kirche wie der todesges�ttigte, schwere und unergr�ndliche Rhythmus eines Trauerchores. Sie haben Angst vor dem J�ngsten Gericht, dachte Henri. Und steht es nicht tats�chlich vor uns? Brechen nicht l�ngst alle D�mme von Menschlichkeit und christlicher Moral?</p><p>�Die irdischen Reiche sind Tand, denn alles auf der Welt ist verg�nglich! Nur die g�ttliche Zeit z�hlt! Und ihre Herrschaft ist angebrochen! Bereitet euch vor auf die Abrechnung!�</p><p>Henri verfluchte den Pferdekarren, in dem er hin und her geworfen wurde. L�ngst besa� er Hautabsch�rfungen an allen Gliedern. An seinen Knien und Ellenbogen hatten sich blutende Geschw�re gebildet. Und er verfluchte ausnahmslos alle jene Menschen in dieser Zeit, die nicht in der <emphasis>convivencia,</emphasis> der Toleranz unterschiedlicher Kulturen und Glaubensbekenntnisse, leben wollten. Denn dadurch wurde das Leben auf der Erdenscheibe zur H�lle f�r alle.</p><p>Der Karren hielt. Als Henri hinaussp�hte, nahm er einen Hof wahr. Und er h�rte die Stimme Ferrands. �Er ist ein Gefangener der franz�sischen Krone und wird nach Avignon �berf�hrt. Hier ist das Beglaubigungsschreiben des Inquisitionsgerichtes in Toledo.�</p><p>�Wir lange sollen wir ihn einsperren?�</p><p>�Nur eine Nacht. Wir m�ssen Proviant und Wasser kaufen, und einige Dinge sind zu regeln. Morgen fr�h ziehen wir weiter!�</p><p>Henri wurde herausgezerrt und in eine Zelle gebracht. Zum ersten Mal seit Tagen stand er wieder aufrecht auf festem Boden. Er begann, herumzugehen, und merkte dabei, wie seine Beine zitterten. Er reckte sich und trat an das winzige Zellenfenster. Es ging auf einen Platz hinaus. Drau�en stand eine Menschentraube und sah den B��ern zu. Viele hatten flehentlich die H�nde zum Himmel erhoben.</p><p>�Reinigt euch! Unsere Zeit vergeht im Fluge! Nur die g�ttliche Zeit ist unverg�nglich! Ihr habt euch eingebildet, auf sicherer Erde zu wandeln, nun seht ihr euch, wie ihr wirklich seid, inmitten der Sch�pfung herumirrend wie k�rperlose Seelen im Fluge!�</p><p>Henri wandte sich ab und ging erneut in der Zelle umher, um seine Glieder wieder zu st�rken. Er beobachtete die Spinnen in ihren Netzen, die von den W�nden bis zum Boden herabhingen. Aber das Geschrei von drau�en trieb ihn bald wieder an das Gitter zur�ck.</p><p>Ein Waschweib direkt unter seinem Fenster rief aus: �Der Herrgott stehe uns allen bei! Jetzt packt er uns am Schlafittchen!�</p><p>�Mume, schwatzt nicht so!�, erwiderte ein Mann mit einer blutgetr�nkten Sch�rze eines Fleischhauers. �Durch Gerede wird alles noch schlimmer! Schon wollen meine Tiere nicht mehr zur Schlachtbank. Es ist, als seien sie vom Teufel besessen.�</p><p>�Und meine Kinder h�ren auch nicht mehr auf mich! Die Zeit steht auf dem Kopf, Hombre!�</p><p>Henri sah in diesem Moment, wie Ferrand mit zwei seiner M�nner den Platz �berquerte. Sie trugen zwei Beutel auf dem R�cken. Es ist ihr Diebesgut aus der Synagoge, dachte Henri, sie verh�kern es in Zaragoza, wo man daf�r H�chstpreise zahlt, das ist es, was sie hier zu tun haben.</p><p>W�hrend er schaute, h�rte er, wie unten einer der Gaffer sagte: �Oben im Heiligen R�mischen Reich regnet es Feuer vom Himmel, und die Ernte verfault. Schon sind Tausende verhungert. Es gibt Mord und Totschlag, der Schnitter geht um, und die heiligen Br�der in den Kl�stern r�sten sich zur Wallfahrt nach Jerusalem, wo sie das Gericht �berleben zu k�nnen glauben.�</p><p>�Dort soll auf einem Stern ein Engel niedergegangen sein und h�lt seitdem Gericht �ber die S�nder.�</p><p>�Ja�, erwiderte ein B�rger bed�chtig, �wir haben alle ges�ndigt. Aber ich habe immer ehrliche Gesch�fte gemacht, ich komme in den Himmel.�</p><p>�Ay!�, schrie daraufhin ein Tagel�hner, �er kommt in den Himmel! Br�der, hier seht ihr einen, der schon einen Platz neben dem Herrgott gemietet hat! Wie viel Goldflorins kostet so ein Platz im Himmel, Se�or?�</p><p>Henri dr�ckte sein Gesicht ans Gitter, um besser sehen zu k�nnen. Der Kaufmann, der ebenfalls direkt unter ihm auf der Stra�e stand, sah das von Beulen entstellte Gesicht des Tagel�hners angewidert an. �Still, Kerl! F�r rechtschaffene Menschen gibt es keine Gemeinsamkeit mit S�ndern, wie du es bist. Denn das Reich Gottes ist nicht f�r jeden eine Bedrohung, sondern der erstrebte, letztg�ltige Ausweg. Ich sehne die Abrechnung herbei��</p><p>Henri sah weitere B��er herankommen. Eine endlose Schlange schlurfender M�nner und Frauen. Auch Kinder waren vereinzelt darunter. Sie f�hrten Hunde und Ziegen mit sich. Ihr Anf�hrer trug ein schweres Holzkreuz auf seinem R�cken, unter dessen Last er ganz gebeugt ging und einmal st�rzte.</p><p>Im Hintergrund bemerkte Henri in diesem Moment einige dunkle Gestalten. Er kannte diesen Anblick. Sicher waren es Agenten, die im Auftrag von Kirche und Staat das Geschehen misstrauisch im Auge behielten. Zwar n�tzte es den Ordnungsm�chten, wenn die Angst vor dem Strafgericht die B�rger beutelte, denn umso leichter konnten Gesetze des Offiziums und der Krone durchgesetzt werden. Aber der Fanatismus der B��er durfte auch nicht �berhand nehmen. Man konnte ja nicht wissen, zu welchem Ungehorsam gegen die Autorit�ten die Glaubensfanatiker im Angesicht des J�ngsten Gerichts aufriefen.</p><p>Henri setzte seine Wanderung in der kleinen Zelle fort. Sechs Schritte voran, sechs seitw�rts, sechs zur�ck.</p><p>Langsam senkte sich die Nacht herab. Drau�en wurden Feuer in Pechpfannen angez�ndet. Henri roch ihren Rauch, sah das Flackern des Lichts. Die Menschen schrien weiter, die Gei�ler gingen im Kreis und lie�en ihre Peitschen auf die nackte Haut klatschen. Hunde bellten.</p><p>Henri dachte dar�ber nach, welche Vorstellung von den nahenden Qualen des Absturzes in die ewige Finsternis er selbst hatte. Himmel und H�lle waren f�r ihn keine Einbildungen, sondern wirklich existierende Kontinente, auf die irgendwann jeder Christ und S�nder verbannt wurde. Es war nur eine Frage der Zeit. Und schien nicht jetzt der Zeitpunkt der Abreise tats�chlich gekommen zu sein? Wir Menschen, dachte er, werden damit zur�ckkehren in unsere eigentliche Heimat � die Ewigkeit. Aber einigen wird diese Heimkehr f�rchterliche Schmerzen bereiten. W�rde er selbst zu diesen geh�ren?</p><p>Er hatte den treulosen Papst Clemens ermorden lassen. Und den ruchlosen K�nig Philipp hatte er mit eigener Hand get�tet.</p><p>Henri lauschte nach drau�en. Sie verk�nden das Ende der Welt, dachte er, aber stellen sie es nicht selbst dar? Denn sie tun nichts daf�r, dass es besser wird.</p><p>Was habe ich je daf�r getan?</p><p>Es war nicht die Stunde seiner eigenen Rechenschaft. Henri suchte in seinem Ged�chtnis einen Vers aus der Ordensregel und sagte ihn leise auf. <emphasis>Kehre durch die M�he des Gehorsams zu dem zur�ck, den du durch die Tr�gheit des Ungehorsams verlassen hast.</emphasis> Was soll ich tun, Herr? Henri �berfiel pl�tzlich das Gef�hl, eine Antwort zu brauchen. Irgendeinen Trost! <emphasis>An dich also richte ich jetzt mein Wort, wer immer du bist, wenn du nur dem Eigenwillen widersagst</emphasis>�</p><p>Was ist der richtige Weg, Herr? Zeig ihn mir!</p><p>Drau�en schrie eine Frau: �Die Zeit erreicht ihre F�lle, sie vollendet sich, und mit dem Ende der Zeit bricht das Reich Gottes an! Oh, wir S�nder, bereiten wir uns vor auf den Tag der Abrechnung!�</p><p>Ist es das?, dachte Henri. Lassen wir alles einfach gew�hren und richten uns auf die sp�tere Zeit ein, denn alles ist von Gott gewollt? M�ssen wir nicht schon jetzt etwas tun gegen die Verwahrlosung und den Verfall?</p><p>�Der Messias ist nahe! Schon sehen wir sein Licht in der Finsternis der Welt! Herr, komm und richte uns!�</p><p>Ja, Herr, dachte Henri mutlos. Komm und richte uns ohne Ausnahme. Denn keiner von uns besitzt eine Ausrede, um verschont zu werden.</p><empty-line/><empty-line/><p>Sie ritten zu viert. Joshua hatte es sich nicht nehmen lassen, dabei zu sein. Aber im Ernstfall w�rden nur Uthman und seine beiden sarazenischen Br�der mit ihren Waffen etwas ausrichten k�nnen. Joshua wusste, dass ihm im Kampf h�chstens die List des Hintergr�ndigen blieb. Aber manchmal brauchte man auch dann, wenn die Waffen sprachen, die Macht des listigen Gedankens.</p><p>Ein Z�llner, den Joshua mit einem Goldst�ck schmierte, wollte den Gefangenentransport auf dem Weg nach Zaragoza gesehen haben. Also schlugen sie den Weg dorthin ein, obwohl Uthman diesen Zwischenaufenthalt f�r Zeitverschwendung hielt.</p><p>�Sie sind sicher weitergeritten. Denn was sollen sie in dieser kastilischen Stadt der Bigotten?�</p><p>�Sehen wir nach!�</p><p>Als sie am Abend nach Zaragoza kamen, erlebten sie eine Stadt in Aufruhr. Auf allen Pl�tzen der Stadt das gleiche Schauspiel einer erregten Menschenmenge, die betete, durcheinander schrie und sich gei�elte. M�nche lagen auf den Knien und sangen mit vorgereckten, gefalteten H�nden den Himmel an. Andere standen stumm und ergriffen oder vom Schauspiel erregt dabei. Alle schienen auf Zeichen zu warten.</p><p>�Sie wissen nicht mehr weiter�, sagte Joshua. �Ihr Kirchenlatein ist am Ende.�</p><p>Einer der ihn begleitenden jungen Sarazenen, ein Maure aus der Vorstadt von Toledo, meinte: �Christen glauben dauernd, dass der Zeigefinger Gottes sie ber�hrt. Sie halten sich f�r wichtig.�</p><p>�Das stimmt�, pflichtete ihm sein Gef�hrte bei. �Sie k�nnen sich Anfang und Ende des irdischen Lebens nicht vorstellen, und das Mittendrin ist ihnen durch Weihrauchschwaden vernebelt.�</p><p>Sie lachten. Aber Uthman ermahnte sie: �Macht euch nicht �ber die Christen lustig. Auch wir Muslime kennen die Geheimnisse der Sch�pfung nicht. Und glauben wir nicht auch st�ndig, in einer bedeutenden Stunde zu leben, in die sich Allahs Atem und Geist ergie�en?�</p><p>Sie ritten weiter zur <emphasis>Plaza Mayor,</emphasis> um dort Nachforschungen anzustellen, und wenn es sein musste, ein Quartier zu suchen. In den wettergesch�tzten Kolonnaden waren verderbliche Waren abgestellt, B�rger wickelten Gesch�fte ab. �berall flackerten Feuer, man verbrannte Abfall in Tonnen. Die Brise aus den nahen Bergen fachte Funkenregen von Pechfackeln an.</p><p>Am Rand des offenen, gepflasterten Platzes ritten junge <emphasis>Hermandades</emphasis> auf stolzen Pferden, die hier ihre milit�rische Grundausbildung bekamen. Auf der anderen Seite l�rmten und wehklagten Gei�ler. Direkt daneben, unber�hrt vom Trubel, deklamierten Gaukler ein St�ck, in dem die Passionsgeschichte Christi dargestellt wurde. Zur Truppe geh�rten auch zwei Feuerschlucker. Die beiden b�renstarken M�nner hielten Fackeln an ihre M�nder und spien einen Brennstoff dagegen. Hell loderten die Flammen auf und rollten einige Meter hoch empor, bis sie zerstoben und �ber den K�pfen der Gaffer verl�schten.</p><p>Im Schein dieser Flammen sah es so aus, als w�ren schon Feuer speiende D�monen aus der H�lle heraufgefahren und mitten am Werk, um den Menschen einen Vorgeschmack darauf zu geben, was sie bald erwartete.</p><p>�Wir teilen uns�, schlug Joshua vor. �Jeder fragt sich durch. Irgendwer wird etwas �ber Henri wissen. Ich selbst gehe zum st�dtischen Gef�ngnis.�</p><p>�Aber sei vorsichtig�, riet Uthman. �Allzu nachdr�ckliche Fragen wirken immer verd�chtig � in diesen Tagen besonders.�</p><p>Die beiden jungen Sarazenen stiegen von ihren Pferden und f�hrten sie am Z�gel mit sich. Uthman ritt in die umliegenden Gassen. Als Joshua am Gef�ngnis ankam, erblickte er mehrere Ochsenkarren. Sie warteten vor dem Haupttor, als w�ren gerade Gefangene angekommen oder als w�rden Freigelassene zu transportieren sein. Er fragte einen Soldaten, der mit aufgerichteter Pike neben dem Tor stand.</p><p>�Hier gibt es jeden Tag Transporte�, antwortete der Mann unwillig auf Joshuas Frage. �Wie soll ich wissen, ob dein Verwandter darunter war!�</p><p>�Wer kann mir Auskunft geben?�</p><p>�Niemand! Wer in dieser Zeit im Gef�ngnis sitzt, �ber den gibt es nichts zu erfahren.�</p><p>Joshua bemerkte, wie in einem gegen�berliegenden Hauseingang eine Gestalt stand und zu ihm her�bersah. Sofort schrillte in ihm eine Alarmglocke. Ein Spitzel!, dachte er. Joshua wandte sich ab und ging die Gasse hinunter. Am Ende erhob sich der Bau einer Kathedrale. Joshua bemerkte, auch ohne sich umzuwenden, dass ein Schatten ihm folgte. Er betrat die Kirche.</p><p>Im s�dlichen Querschiff setzte er sich. Die letzten Strahlen der tief stehenden Abendsonne schickten sich an, in feurigen B�ndeln durch die ausladende Halle zu wandern, und tasteten sich �ber die hoch aufragenden B�ndelpfeiler zum Tonnengew�lbe empor. Joshua folgte dem letzten Licht, bevor es verl�schte, mit den Blicken. K�nnten wir nur dort oben sein oder Licht sein, dachte er, und die Schwere dieses irdischen Jammertals hier unten verlassen! In diesem Moment flatterten drei wei�e Tauben von einem mit Tierk�pfen geschm�ckten Kapitell auf. Sie flogen mit wild schlagenden Fl�geln quer durch das Kirchenschiff und machten f�r einen Augenblick die beeindruckenden Abmessungen des Raumes sp�rbar. Dann verschwanden sie durch die hohen, gebogenen Fenster�ffnungen.</p><p>Neben Joshua kniete ein junger M�nch, dessen Kapuze sein Gesicht verbarg. Als Joshua den Kopf drehte, um ihn aus den Augenwinkeln anzusehen, sagte eine fl�sternde Stimme: �Ihr sucht nach dem Mann, den sie im Karren der Inquisition aus Toledo gebracht haben?�</p><p>Joshua senkte den Kopf tiefer �ber seine gefalteten H�nde. �Ja�, sagte er.</p><p>�Nun, er war im Gef�ngnis. Gestern morgen zog der Trupp, der ihn begleitete, weiter.�</p><p>�Seid Ihr sicher, Bruder?�</p><p>�Ganz sicher. Denn ich habe Seelendienst im Gef�ngnis. Und ein Transport, der nach Frankreich geht, kommt selbst hier nicht alle Tage an.�</p><p>�Gestern Morgen also?�</p><p>�Sie ritten in Richtung des Stadttores im Nordosten aus der Stadt heraus. Vielleicht wollten sie nach Navarra, vielleicht nach Katalonien, vielleicht nach Frankreich.�</p><p>�Ich danke Euch, Bruder!�</p><p>Der M�nch in der braunen Kutte bekreuzigte sich, stand auf und ging.</p><p>Auch Joshua verlie� die Kirche. Seinen Verfolger bemerkte er nicht mehr. Er suchte nach seinen Gef�hrten. Im Gew�hl der Menschen, die noch immer durcheinander schrien und beteten, tauchte er unter.</p><p>�Seht sein Licht in der Finsternis der Welt!�</p><p>�Mit ihm bricht unser Dasein ein in den gro�en Ozean der Sch�pfung und versinkt darin, und so k�nnen wir endlich unser Jammertal verlassen und Wohnsitz nehmen auf den Inseln der Seligkeit!�</p><p>�Herr! Komm und richte uns!�</p><p>Joshua schob Menschen beiseite, als teile er das Rote Meer. Er h�rte das Klatschen der Gei�eln. Dann erblickte er Uthman. Der Gef�hrte stand unter riesigen Platanen, deren Bl�tter bereits fielen, obwohl es erst der j�dische Monat <emphasis>Elul</emphasis> war. Jetzt erblickte Joshua auch die beiden anderen Reisegef�hrten. Er winkte ihnen zu. Sich einen Pfad durch die erregte Menge zu bahnen, ging nicht ohne Kn�ffe und Fl�che ab. Aber schlie�lich standen die Gef�hrten beieinander und beratschlagten sich. Auch einer der jungen Sarazenen hatte von einem Gefangenentransport am gestrigen Morgen geh�rt. Es bestand kaum ein Zweifel, dass sich Henri darin befunden hatte.</p><p>�Wir st�rken uns etwas und reiten dann sofort weiter�, schlug Uthman vor.</p><p>Joshua blickte die jungen Sarazenen an. Sie nickten nur grimmig.</p><p>�Also gut. Wir reiten die Nacht durch. Wenn wir Gl�ck haben, treffen wir innerhalb der n�chsten beiden Tage auf den Transport.�</p><p>�Vielleicht noch vor der franz�sischen Grenze�, sagte Uthman. �Es scheint mir einfacher zu sein, Henri zu befreien, wenn seine Bewacher nicht mit der franz�sischen Staatsgewalt, die sie sch�tzt, rechnen k�nnen.�</p><p>�Dann gehen wir jetzt dort hin�ber. Eine h�bsche junge Kastilierin verkauft gesottene Rinjones vom Lamm mit Pancetta und Montilla.�</p><p>Uthman sah aus, als liefe ihm das Wasser im Mund zusammen. Er verdrehte gen�sslich die Augen. �Dann schnell zu ihr.�</p><p>�Und ich�, warf Joshua humorvoll ein, �halte mich an die Stubenk�ken in Ingwerso�e, die der koschere H�ndler dort dr�ben anbietet. Denn ich habe wirklich Hunger, w�hrend ihr nur mit der Kastilierin anb�ndeln wollt.�</p><p>Eine Stunde sp�ter hatten sie den Staub der Reisewege am Brunnen abgewaschen, gegessen und ges�uerte Ziegenmilch getrunken. Sie f�hrten ihre Pferde am Z�gel durch die Menge und schlugen den Weg zum nord�stlichen Stadttor ein.</p><p>Die Gef�hrten ritten die ganze Nacht. Sie rasteten am Morgen kurz vor Sonnenaufgang f�r zwei Stunden am Fluss Cinca und bestiegen dann erneut ihre Reittiere. Hinter der Stadt Balaguer sahen sie im hellen Sand der ausgetrockneten Ebene zum ersten Mal die Spuren. Vier tief eingesunkene Wagenr�der, wobei das hintere links eine Beule haben musste, und Hufabdr�cke von zwanzig Reitern. Jetzt wussten die Verfolger, dass sie auf dem richtigen Weg waren.</p><p>Und sie spornten ihre m�den, aber willigen Tiere zu noch schnellerem Galopp an.</p><empty-line/><empty-line/><p>Hinter Zaragoza wurde die Landschaft wieder zerkl�ftet, aber der Haufen der wilden M�nner ritt durch die Schluchten und blieb in der Ebene. Henri nahm bizarre Kalkfelsen und verlassene, in die Felsen hineingebaute D�rfer wahr. Schw�rme von Kr�hen und Raben waren das Einzige, was sich hier in der Hitze bewegte.</p><p>Henri hatte Zeit, �ber alles gr�ndlich nachzudenken.</p><p>Er w�rde die geringste M�glichkeit, die sich ihm bot, zur Flucht nutzen. Aber das wusste auch Ferrand. Dieser hatte ihn bisher zufrieden gelassen. Vielleicht f�rchtete der unbeherrschte Franzose seinen eigenen Zorn, mit dem er �ber Henri herfallen k�nnte, und er musste ihn ja unversehrt in Avignon abliefern.</p><p>Henri sah ihn durch die Ritzen im Karren meist an der Spitze seiner M�nner reiten. Nur einmal blieb er weit zur�ck und verschwand sogar g�nzlich aus Henris Blickfeld. Als dieser sich schon �berlegte, ob dies nicht der Zeitpunkt war, zu fliehen, und sich fragte, ob er sich ohne Waffen und Geld, die man ihm abgenommen hatte, durchschlagen konnte, tauchte Ferrand de Tours wieder auf. Mehrere Schwerter steckten jetzt in seinem G�rtel.</p><p>Henri hatte ausprobiert, ob er seine Stricke durchscheuern konnte. Abends kontrollierten seine Bewacher ihren Sitz und zerrten daran. Er musste es also ganz fr�h, gleich nach dem Aufbrechen und genau an dem Tag, den er f�r die Flucht nutzen wollte, versuchen.</p><p>Wenn es ihm gelang, in einen rei�enden Fluss zu springen, der ihn schnell auf dem R�cken forttrug, konnte die Flucht vielleicht gelingen.</p><p>Henri �berlegte, welche Fl�sse daf�r in Frage kamen. Er erinnerte sich an ein Wasser namens Segre, kurz vor der Sierra von Lleida. Der Fluss besa� eine starke Str�mung, riss sogar entwurzelte B�ume mit sich. Dort war es gef�hrlich. Aber wenn die M�nner nach Frankreich wollten und die h�chsten P�sse der Pyren�en umgehen mussten, kamen sie durch den Segre. Henri beschloss, es dort zu versuchen.</p><p>Am Abend kam Ferrand. Er starrte Henri an, der gefesselt vor dem Karren sa�. Henri wusste nicht, was er in dem Blick des Franzosen lesen sollte. Nach einer Weile erhob sich Ferrand wieder und kehrte zum Lagerfeuer zur�ck. Er �berlie� Henri den Fu�tritten seiner M�nner, die sich abreagieren mussten. Aber Henri de Roslin, der schon im Heiligen Land gewesen und in den dortigen Gef�ngnissen fast noch als Kind weit Schlimmeres erlebt hatte, schloss nur die Augen und lie� in sich eine K�lte entstehen, die ihn wie mit einer unsichtbaren R�stung sch�tzte.</p><p>Er wusste selbst nicht, warum ihm in dieser Lage sein lange zur�ckliegender Eintritt in den Tempel einfiel.</p><p>Er erinnerte sich, dass ein alter Templer, dessen Namen er nicht erfahren hatte, ihn im Auftrag seiner Eltern eingeliefert hatte. Auch seine Mutter hatte ihn bis vor die Mauern des Tempels begleitet. Und er h�rte noch immer ihre st�ndig gemurmelten Worte: �Pr�ft die Geister, ob sie aus Gott sind und meinen teuren Sohn haben wollen!�</p><p>Die Mutter war am ersten Abend umgekehrt, der alte Templer hatte an die Pforte geklopft � f�nf Tage lang. Dann erst hatte man ihnen ge�ffnet. Er hatte seine Bitte um Henris Aufnahme in den Orden vorgetragen, und der blutjunge Henri hatte die Bitte erg�nzen m�ssen mit den Worten: �Nimm mich auf, Herr, nach deinem Wort, und ich werde leben, lass mich in meiner Hoffnung nicht scheitern.�</p><p>Danach hatte man den Novizen in den Gemeinschaftssaal gef�hrt, wo alle Anwesenden diese Worte dreimal wiederholten und ein �Ehre sei dem Vater� hinzugef�gt hatten. Dann musste sich Henri jedem Bruder zu F��en werfen, damit sie alle f�r ihn beteten. Der Komtur hatte eine Urkunde aus Pergament um seine Hand gewickelt und diese in das Altartuch gelegt. Henri hatte erneut Formeln nachsprechen m�ssen, und dies auch mit Freude und Bangen getan.</p><p>Aber die Sehnsucht nach seinem Zuhause zerriss ihn beinahe.</p><p>Er hatte kein Eigentum besessen. Dadurch wurde vorgebeugt, dass der Knabe keine Aussicht besa�, die ihn bet�ren und verderben k�nne. Und er hatte gewusst, dass er von diesem Tag an nicht einmal mehr das Verf�gungsrecht �ber den eigenen Leib besa�. Seltsamerweise hatte ihn dieser Gedanke nicht erschreckt, sondern tief beruhigt.</p><p>Noch im Oratorium hatte man ihm die eigenen Sachen ausgezogen und in die Kutte gesteckt. Seine Kleider wurden in die Kleiderkammer gebracht und aufbewahrt, denn sollte er einmal der Einfl�sterung des Teufels nachgeben und den Tempel verlassen, dann musste er die Kutte ausziehen und der Ordensburg in seinen eigenen Sachen den R�cken kehren.</p><p>Henri war trotz des Heimwehs und seiner Gedanken an das einzige M�dchen, das er je besessen hatte, freiwillig geblieben. Er hatte Keuschheit, Gehorsam und Opferbereitschaft gelernt.</p><p>Was bedeuteten ihm also jetzt die Schikanen seiner Bewacher! Es war nicht mehr als Staub am Huf der Reittiere!</p><p>Henri rollte sich unter dem Karren zusammen und versuchte zu schlafen.</p><p>Mitten in der Nacht wurden sie angegriffen.</p><p>Henri erwachte aus einem unruhigen D�mmern durch das Klirren von Schwertern. Er h�rte laute Rufe und wusste sofort, was er davon zu halten hatte.</p><p>Mehrere Gestalten hatten sich aus dem Dunkel der Nacht gel�st und waren �ber die Lagernden hergefallen. Henri wusste nicht, wer die Angreifer waren � ein Trupp seiner Gef�hrten gewiss nicht, denn die h�tten ihm sicher Zeichen gegeben. Und als einer auf ihn zust�rzte und ihm eine Pike in den Leib rammen wollte, konnte er sich nur mit M�he und Not retten. Er rollte sich unter den Karren. Als der Angreifer ihm folgte, sprang auf der anderen Seite einer von Ferrands M�nnern heran und lie� sein Schwert krachend auf den ungesch�tzten Kopf des Angreifers niedersausen.</p><p>Blut spritzte auf Henri, der sich bem�hte, auf die Beine zu kommen. �berall sah er k�mpfende Gestalten.</p><p>Die Angreifer lie�en sich nicht absch�tteln. Henri de Roslin bemerkte, wie ein K�mpfer nach dem anderen aus Ferrands Reihen zu Boden sank. Das waren kampferprobte Recken, also mussten die Angreifer ihr Handwerk verstehen. Au�erdem waren sie zahlenm��ig �berlegen.</p><p>Henri f�hlte sich wehrlos und w�nschte sich eine Waffe. Er versuchte, seine Fesseln an der Pike des soeben Get�teten aufzuschneiden. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es ihm auch.</p><p>Er rieb sich die schmerzenden Handgelenke, an denen er schon die Narben der Haft von Fontainebleau besa�, und sprang auf die Beine. Seine Arme waren wie abgestorben. Er versuchte, das Blut in den Gliedern durch heftige Bewegungen zirkulieren zu lassen. Dann nahm er die Pike des Get�teten auf und st�rzte vorw�rts.</p><p>Die heikle Lage, in der er sich befand, war ihm bewusst. Er h�tte fliehen k�nnen. Aber einer feindlichen Mordbande, die vielleicht die ihm unbekannte umliegende Gegend terrorisierte, war er allein noch st�rker ausgeliefert. Also beschloss er, sich am Kampf zu beteiligen. Sollte die Gelegenheit ihm g�nstig erscheinen, vielleicht beide Seiten ausreichend geschw�cht sein, musste er sich entscheiden.</p><p>Henri durchbohrte einen der unbekannten Angreifer mit der Pike. Der Mann drehte sich ungl�ubig halb zu ihm um. Als Henri die Waffe mit einem kr�ftigen Ruck aus dessen R�cken zog, fiel der Mann zu Boden, als bes��e er kein Knochenger�st mehr. Henri bemerkte, dass der Get�tete zerlumpte Kleidung trug, er sah kein Wappen, keine Sch�rpe, kein Kettenhemd. Handelte es sich um verzweifelte aufst�ndische Bauern?</p><p>Henri sprang hin�ber, wo er Ferrands Pferd vermutete. In den Resten des Lagerfeuers war das nicht deutlich auszumachen. �berall hetzten Schatten umher, Waffen klirrten.</p><p>Als in diesem Moment der Halbmond hinter einer Wolke auftauchte, sah Henri, wie Ferrand mit einem Angreifer rang. Er st�rzte hinzu. Es war ihm zuwider, Ferrand zu retten. Aber noch widerlicher fand er es, einen Angreifer aus dem Hinterhalt zu schonen. Es widersprach seiner Vorstellung von Ehre und Moral.</p><p>Henri riss den Angreifer von Ferrand herunter und durchbohrte ihn. Ferrand blickte ungl�ubig zu ihm auf. In seinen Augen, obwohl Henri ihm soeben das Leben gerettet hatte, lag blanker Hass. Henri bot ihm die Hand, damit er aufstehen konnte. F�r einen kurzen Moment standen sich die beiden M�nner dicht gegen�ber. Henri sp�rte die K�rperw�rme seines Feindes, sp�rte seinen Atem. Dann wandte er sich schweigend ab.</p><p>Er begriff schnell, dass dies ein Fehler war.</p><p>Ferrand kannte keine Ehre und Moral.</p><p>Henri sp�rte, wie ein Schwertknauf gegen seinen Hinterkopf schlug. Ein dumpfer Schlag. Dann stoben Funken durch sein Blickfeld. Einige Augenblicke sp�ter �berw�ltigten ihn mehrere M�nner und fesselten ihn erneut. Diesmal mit doppelten Fesseln.</p><p>�Ich werde dich leben lassen, weil du mir geholfen hast�, schnaubte Ferrand. �Aber versuche nie wieder zu fliehen! Dann t�te ich dich!�</p><p>�Du wei�t, dass ich immer wieder versuchen werde, zu fliehen, Ferrand!�, sagte Henri mit ruhiger Stimme. �Denn der einzige Mann hier in der Runde, der nur in Freiheit existieren kann, das bin ich.�</p><p>Der Kampf war zu Ende. Ferrands Schar beklagte sieben Tote. Von den Feinden lag ein gutes Dutzend am Boden. Es schienen tats�chlich Bauern zu sein, die sich auf einem Hungerraubzug befanden und sich an den Durchreisenden bereichern wollten. Vielleicht h�tte es gen�gt, wenn sie um Brot gebeten h�tten, dachte Henri, dann lebten die Erschlagenen noch.</p><p>Die M�nner brachen das Lager sofort ab. Man begrub weder die eigenen noch die fremden Toten und ritt weiter.</p><p>Henri schlug ein Kreuz und sprach ein kurzes Gebet, als sie den Ort des Schreckens verlie�en. Henri wusste, dass die Raubv�gel und die wilden Tiere dieser unwirtlichen Gegend schon zu Mittag von den Hingestreckten nicht mehr viel �brig lassen w�rden. Und er wusste auch, dass die Seelen der Toten kaum in den Himmel aufgenommen werden w�rden. Aber er betete dennoch f�r sie. Es waren Menschen. Er erinnerte sich, dass soeben der Monat September begonnen hatte, in dem die Christen die Feste zum Ged�chtnis der Schmerzen Marias feierten. Wie sch�n w�re es gewesen, eines davon mitzufeiern und f�r die Verstorbenen zu bitten, denn die Gottesmutter war die Schutzpatronin des Tempelordens gewesen. Henri dachte: Nur Gott allein wei�, aus welchen Gr�nden sie den Pfad des Hasses und der Gemeinheit beschritten hatten.</p><p>Henri brach seinen Gedankengang ab. Es war nicht seine Aufgabe, dar�ber zu richten.</p><empty-line/><empty-line/><p>Joshua, Uthman und ihre beiden jungen Begleiter erreichten die Stadt Balaguer am n�chsten Tag. Sie waren den Spuren gefolgt und hatten auch die Kampfspuren am Lagerplatz zu lesen gewusst. Da sie unter den Toten Henri nicht sahen, sch�pften sie neue Hoffnung. Joshua schlug vor, die Toten miteinander in einem Massengrab zu beerdigen. Aber Uthman lehnte ab.</p><p>�Henri ist mir wichtiger als ein Begr�bnis dieser Ungl�ubigen�, sagte er. Er bem�hte sich, seiner Stimme einen harten Klang zu geben. Aber Joshua wusste, dass Uthman zwar ein wilder Krieger sein konnte, aber ein weiches, verst�ndnisvolles Herz besa�. Allein die Sorge um Henri lie� ihn so hartherzig reden.</p><p>Sie sa�en wieder auf. Die Pferde trabten an, und bald waren sie wieder auf der Spur des Gefangenentransportes. Uthman wusste zu deuten, dass die Spuren immer frischer wurden, man kam den Verfolgten also immer n�her.</p><p>�Noch heute werden wir sie einholen! Wenn sie in Sichtweite sind, ruhen wir ein wenig aus und �berlegen den Schlachtplan. Wir greifen in der g�nstigsten Stunde an.�</p><p>Als sie weiterritten, sahen sie in der Ferne ein Dorf, in dem es brannte. Joshua erinnerte sich, dass es in dieser Gegend einige j�dische Gemeinden gab. Brannten hier im Norden Iberiens erneut die Synagogen? Oder hatte sich bei der Hitze nur das Heu der Felder in den Scheuern entz�ndet?</p><p>Uthman ibn Umar lehnte es ab, nach den Gr�nden zu schauen. Joshua wollte dem Freund widersprechen, sah aber ein, dass er Recht hatte. Er musste sich f�gen, denn er sah ein, dass sie jetzt keine Zeit verlieren durften.</p><p>Als er sich noch einmal im Sattel umwandte, erblickte er Vogelscharen, die �ber dem Dorf kreisten und sich dann herabst�rzten. Sie fressen kein Heu, dachte er mit Grauen. Und schnell ritt er den Gef�hrten hinterher.</p><empty-line/><empty-line/><p>Am Fluss Segre angekommen, kurz bevor er sich zu einem ausladenden See verdickte, rasteten die M�nner. Jetzt hatte Henri vor Augen, wovon er die ganze letzte Zeit getr�umt hatte.</p><p>Der Fluss sch�umte und floss schnell dahin, er bildete Katarakte und st�rzte an einer Stelle mindestens f�nf Meter in die Tiefe. Am Fu� des Wasserfalls rissen Strudel die Wasser mitsamt herumschwimmenden Baumst�mmen, Moosfladen und Sandinseln umso schneller dahin.</p><p>Hier werde ich es versuchen, dachte Henri. Noch in dieser Nacht werde ich ein freier Mann sein. Und wenn ich die Fesseln durchbei�en muss!</p><p>Vielleicht, dachte er weiter, kann ich mich auch gefesselt in den Fluss werfen. Denn schwimmen kann ich bei der Str�mung ohnehin nicht, und die Wasser tragen mich so schnell fort, dass ich nicht untergehen kann. Die Fesseln?</p><p>Ich werde sie sp�ter abstreifen, wenn ich irgendwo auf die Felsen geworfen worden bin. Dort wird es irgendwo einen spitzen Stein geben.</p><p>Wenn ich dann noch am Leben bin, dachte Henri.</p><p>Ich muss es einfach riskieren.</p><p>Die Nacht kam. Der Mond war aufgegangen, er hatte fast runde Gestalt. Die Wachen wurden wieder einmal eingeteilt. Man kontrollierte den Sitz von Henris Fesseln. Sie schnitten wie jeden Tag in das Fleisch seiner Handgelenke.</p><p>Die M�nner hatten sich rund um das Feuer zur Ruhe gelegt und schnarchten bald um die Wette. Aus dem umgebenden Wald, der gleich am Ufer des Segre begann, ert�nten die �blichen Ger�usche der Nachttiere. Ein Schmatzen, ein Grunzen, ein tiefer knurrender Laut, schleifende Ger�usche.</p><p>Pl�tzlich nahm Henri etwas wahr, das er zuerst nicht verstand. Ja, er wusste nicht einmal, ob er es wirklich sah. Jedenfalls geh�rte es nicht hierher.</p><p>Tr�umte er?</p><p>Es glich der Spitze eines vergoldeten Kirchturms, die zu kreisen begonnen hatte. Etwas stieg aus dem Walddunkel empor und blinkte wie Gold im Mondlicht. Es schien aus sich selbst heraus zu leuchten. Es stand nicht still. Es bewegte sich st�ndig.</p><p>Jetzt begriff er.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>7</strong></p><p><emphasis><strong>Im Jahr des Herrn 1312, Heiliges Land</strong></emphasis></p></title><p>Kaum hatte Henri Uthman nach ihrer �berquerung des Meeres in Cordoba verlassen, da traf er auf Fl�chtlinge aus Frankreich, die ihm erz�hlten, dass die Verfolgung der Tempelritter nach wie vor wie eine Seuche im Land w�tete. �Besonders den Schatzmeister suchen sie�, erz�hlten die M�nner, �auf seinen Kopf ist viel Geld ausgesetzt.�</p><p>Henri war m�de, und die Welt schien ihm grau und leer. Warum nach Frankreich hasten, wo ihn Folter und Tod erwarteten? Wo er vermutlich nichts f�r seine gefangenen Tempelbr�der tun konnte? In seiner ersch�pften Weltverdrossenheit erinnerte sich Henri an eine Legende, die ihm in seiner Ausweglosigkeit wie ein strahlendes Licht erschien: W�re es nicht sch�n, nach all den Gemetzeln im Heiligen Land, der Verfolgung, dem Hass, dem nicht endenden Schmerz in ein friedliches Reich abzutauchen? Henri hatte von dem legend�ren Priesterk�nig Johannes geh�rt, der in �thiopien ein riesiges Reich regierte. Niemand hatte ihn jemals zu Gesicht bekommen. Umso geheimnisumwobener war dieser Herrscher � ein m�chtiger Christ inmitten vom sarazenischen und heidnischen K�nigreichen. Dort wollte er hin, dort wollte er Frieden finden, eine Ruhe, die nicht die Ruhe des Schlafes oder die des Todes war, sondern die der Stille der Zufriedenheit.</p><p>Es brauchte nicht lange, da hatte er nach Cordoba zur�ckgefunden und mit Uthman gesprochen. Uthman war begeistert, denn in �thiopien hatten die ersten Anh�nger des Propheten, die vor der Verfolgung in Mekka fl�chten mussten, bei dem christlichen Kaiser Aufnahme und Schutz gefunden. Dieses Land hatte er schon immer sehen wollen.</p><p>�Die nun geglaubt haben und ausgewandert sind und gestritten haben f�r Allahs Sache, und jene, die ihnen Herberge und Hilfe gaben � diese sind in der Tat wahre Gl�ubige. Ihnen wird Vergebung und eine ehrenvolle Versorgung sein!�</p><p>Henri lauschte aufmerksam den Worten des Gelehrten, der den vierundsiebzigsten Vers, oder, wie die Sarazenen sagten, das vierundsiebzigste Zeichen, der Sure von der Verderblichkeit des Krieges, der Sure Al-Anfal, aus dem Koran mit lauter und tragender Stimme vorlas. Er wusste, diese Worte bezogen sich auf die in Mekka bedrohten Freunde des Propheten, die in das christliche K�nigreich �thiopien ausgewandert waren, wo sie Gastfreundschaft genossen. Dort, dachte Henri, halfen Christen den Anh�ngern Muhammads, und der Koran verbietet allen Sarazenen, sie zu bek�mpfen. In unseren eigenen christlichen L�ndern gibt es ein solches Gebot nicht. Zwar sagt unser Heiland Jesus Christus, wir sollen unsere Feinde lieben, aber die Kirche in unseren L�ndern verfolgt sie mit Feuer und Schwert.</p><empty-line/><empty-line/><p>Nur wenige Wochen sp�ter befanden sich Henri und Uthman bereits wieder in Aleppo. Der Tempelritter beriet sich nach dem Besuch der Moschee mit Uthman ibn Umar und dem Tempelritter Jacques de Charleroi �ber die Reise.</p><p>��thiopien? Ein unzug�ngliches Land. Was soll uns eine Reise dorthin bringen?�</p><p>Henri sah Uthman nachdenklich an. �F�r mich w�re es wie eine Wallfahrt, auf der ich die Schrecken hier und in der Heimat vergessen k�nnte. F�r dich w�re es eine lehrreiche Reise zu dem einzigen friedlichen christlichen Herrscher, den es jemals gab � eine Art Anschauungsunterricht, damit du deinen Hass bez�hmen kannst, und eine Fahrt zu den Urspr�ngen deines Glaubens. F�r Jacques�?�</p><p>Das gebr�unte, kantige Gesicht des Tempelritters aus Lothringen, in dem zarter Bartflaum stand, obwohl er schon zweiunddrei�ig Jahre alt war, bekam einen ratlosen Ausdruck. �Es geht mir wie Uthman. Mir kommt �thiopien eher wie ein Land aus Tausendundeiner Nacht vor. Aber zugegeben, nach all den Gr�ueln in Aleppo und der gewaltt�tigen Gefangenenbefreiung w�rde auch ich gern ein friedliches christliches Land sehen.�</p><p>Worauf Jacques anspielte, stand Henri noch deutlich vor Augen. Sie hatten sich vor kaum zwei Wochen kennen gelernt, als sie gemeinsam in einer tollk�hnen Aktion gefangene Christen aus einem feuchten sarazenischen Kerker am Ufer des Quwaya befreiten. Viele waren dabei gestorben, aber die Rettung der �brigen war dank ihrer Tatkraft und ihres Todesmutes gelungen. Jetzt waren die Kaufleute und ihre Familien in Sicherheit au�er Landes. Auch Uthman hatte dazu beigetragen. Er konnte zwar nicht gegen seine muslimischen Br�der k�mpfen, aber doch einen Weg aus dem Kerker auskundschaften, um unschuldige Menschenleben zu retten. Dazu f�hlte er sich seinem Gott und Henri gegen�ber verpflichtet.</p><p>�Lasst uns also reisen�, sagte Henri de Roslin. �In Aleppo sind wir jetzt nicht mehr sicher, auch wenn Uthman f�r uns b�rgt. Und � Reisen bildet, wie ihr wisst.�</p><p>�Das ist ein Spruch, den Christen viel zu wenig ernst nehmen�, meinte Uthman. �F�r die meisten deiner Religionsgenossen, mein Freund, sind andere L�nder immer Feindesl�nder gewesen, in denen man mit dem Schwert aufr�umte.�</p><p>�Nun, ihr Sarazenen seid auch keine Engel gewesen�, erwiderte Henri. �Als die streitenden Thronanw�rter die Almohaden und Almoraviden aus Marokko und Algerien nach Iberien riefen, haben diese erbarmungslos unter den christlichen Westgoten gew�tet.�</p><p>Jacques warf ein: �Solange wir kein gemeinsames Menschenbild besitzen und an G�tter glauben, die neben sich keine anderen dulden, wird auf allen Seiten Unrecht ver�bt. Wie k�nnte es anders sein?�</p><p>In Uthman schien der Tatendrang zu wachsen. �Du meinst also, dieser omin�se Priesterk�nig Johannes wird uns freudig empfangen wie meine Glaubensbr�der vor vielen Jahrhunderten?�</p><p>�Ich hoffe es. Man h�rt viel dar�ber. Jedenfalls soll er unermesslich reich sein und von goldenen Tafeln essen. Und in seinem Land gilt wahrer Glauben mehr als Macht. Aber ich will nicht beschw�ren, dass es wirklich so ist. Jedenfalls suchte man bisher vergebens nach ihm. Schon beim dritten Kreuzzug im Jahr des Herrn 1199 machte sich eine Abordnung des Papstes und des r�mischen Kaisers Friedrich, den man Barbarossa nannte, auf den Weg, um ihn zu finden. Er hatte ihnen einen Brief geschrieben, den auch ich in der Tempelschule gr�ndlich studiert habe. Von dieser Expedition h�rte man allerdings nie wieder etwas.�</p><p>�Das ist mir bekannt�, sagte Jacques nachdenklich. �Dieser Brief ersch�tterte damals die ganze Christenheit, ein regelrechtes Fieber nach diesem geheimnisvollen Herrscher brach aus. Waren auf der Expedition nicht auch iberische Santiago-Ritter aus Aranjuez dabei?�</p><p>�Ja. Seltsam, nicht wahr? Was wollten sie wohl in �thiopien?�</p><p>�Nun�, sagte Uthman. �F�r jeden m�chtigen Christen muss es sehr interessant sein, wenn es einen christlichen Herrscher jenseits des muslimischen Machtbereichs gibt.</p><p>Mit ihm als Verb�ndeten kann man die rechtgl�ubige Welt in die Zange nehmen.�</p><p>�Das versuchten sie wohl herauszufinden. Aber alle starben dabei.�</p><p>�Vielleicht war dieser Priesterk�nig Johannes doch nicht so friedlich? Und seine Nachfolger heute? Vielleicht sind sie es noch weniger?�</p><p>�Ich h�tte Lust, es herauszufinden�, sagte Henri. �Wenn es diesen Priesterk�nig tats�chlich gibt, dann h�tten wir einen Verb�ndeten und k�nnten daf�r sorgen, dass die unterschiedlichen Religionen und Kulturen n�her zusammenr�cken. Ich meine � wir k�nnten voneinander lernen! W�re das nicht wunderbar? Eine Welt, die durch die Erfahrungen aller immer reicher und gebildeter wird und sich nicht mehr bek�mpft?�</p><p>Jacques blickte skeptisch. �Zu sch�n, um wahr zu sein. Nein, ich mache eure Reise nicht mit. Mich zieht es zur�ck ins kalte Lothringen, das Land der Steine und des Eisens. Vielleicht reise ich auch nach Iberien oder Portugal.�</p><p>�Ich bin mit von der Partie, mein Freund�, sagte Uthman. �Vielleicht kann der Schatzmeister der Templer dabei seiner reichen Kasse noch mehr Sch�tze einverleiben? Und f�r mich armen Sarazenen springt sicher auch ein Andenken heraus.�</p><p>�Die Aussicht auf Reichtum leitet mich dabei nicht, der Tempel besa� genug Gelder�, sagte Henri. �Ich hoffe eher auf eine geistige Erfahrung. Wir werden aus �thiopien einen gemeinsamen Schatz mitbringen, der nur uns geh�rt, da bin ich mir ganz sicher. Wie auch immer er aussehen mag.�</p><p>�Versprichst du mir das, mein Freund?�</p><p>�Versprochen!�</p><p>�Gut�, erwiderte Uthman. �Machen wir das zum Motto unserer Reise.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Es wurde Herbst, bis sie ihren Plan in die Tat umsetzen konnten. Aber ihre Abreise aus Aleppo und die Trennung von Jacques vollzogen sie schon fr�her, denn die Stadt war wegen der ausgebrochenen Scharm�tzel zwischen Christen und Sarazenen in Aufruhr. Und die Imame sch�rten das Fieber.</p><p>Henri und Uthman hatten sich in der kleinen Hafenstadt Jablah einquartiert. Hier hofften sie ein Schiff zu finden, das sie an der K�ste entlang nach S�den, bis zu den �gyptischen Gestaden, bringen w�rde.</p><p>Es dauerte mehrere Tage, bis sie eine kleine Flotte von Dhaus fanden, die s�dw�rts segelte, es waren syrische Kaufleute, die nach Bur Said wollten. Henri de Roslin bezahlte die teure Passage aus der Kriegskasse der Templer, und dann waren sie sieben Tage auf See.</p><p>Das Mittelmeer verhielt sich vers�hnlich. Sie fuhren in kleinen Etappen, da die Kaufleute in jeder Hafenstadt an der K�ste anlegten, um ihre Waren abzusetzen und Rohstoffe zu kaufen. So kamen sie erst drei Wochen sp�ter in Bur Said an.</p><p>Im Trubel dieser Stadt, die als Ausgangspunkt f�r alle Karawanen nach S�den galt, f�hlte sich Henri fremd, aber sein Gef�hrte Uthman bewegte sich wie ein Fisch im Wasser. Und so gelang es ihnen nach zwei Tagen, sich einer Karawane anzuschlie�en, die auf Kamelen Weihrauch, Balsam und H�ute nach Bur Taufiq brachte. Diesmal ging die Reise durch gl�hend hei�e W�stenregionen, aber der Trampelpfad der Kamele erreichte immer wieder Oasen, in denen wie durch ein Wunder Quellen sprudelten und kleine B�che mit S��wasser das ausgetrocknete Land durchzogen. Und weitere sieben Tage sp�ter erreichten sie ihr Ziel am ausgedehnten Roten Meer.</p><p>Hier, in der kleinen, bunten Stadt hinter ungew�hnlich dicken Mauern, in der sich blaue und gelbe Hausw�rfel abwechselten, mussten sich Henri und Uthman von der Karawane trennen. Sie mieteten sich am Hafen zwei saudische Seeleute mit einem Dhau, die sie nach Ras Gharib brachten. Von dort aus gelang es Uthmans sarazenischen �berredungsk�nsten, einen jungen Fischer namens Ali aufzutreiben, der sie f�r einen ganzen Jahreslohn an der K�ste entlang bis Mitsawa segelte.</p><p>Auch jetzt blieben die Winde g�nstig. Das kleine Schiff Alis, eine <emphasis>Canja</emphasis> mit rotem Lateinersegel, k�mpfte sich um lang gestreckte Landzungen herum, die tief in S�mpfe und unbewohnte Lagunen hineinf�hrten. Am Abend machten riesige M�ckenschw�rme das Atmen schwer, und so war Ali, der Fischer, froh, als er weiter hinausfahren durfte, weg von den Untiefen und verborgenen Klippen, die schon vielen Seglern zum Schicksal geworden waren.</p><p>Hin und wieder begegneten ihnen Fischerboote, in denen nur einzelne M�nner fischten. Ali bem�hte sich, Fahrrinnen mit tiefem, flie�endem Wasser zu finden. Nirgends am Ufer sahen sie Zeichen einer Ansiedlung. Nur einmal stieg pl�tzlich aus dem Wald zur Rechten eine riesige gelbe Rauchwolke auf.</p><p>�Hier wohnen kriegerische <emphasis>Afar�,</emphasis> sagte Ali in seinem arabisch gef�rbten Saudisch, das nur Uthman verstand. �Machen wir, dass wir weiterkommen.�</p><p>Sie schliefen auf der Canja. Nur einmal mussten sie ans Ufer, um S��wasser aus einem Wasserfall zu sch�pfen, den ihr Begleiter kannte. Nachts war die feuchthei�e Luft erf�llt vom L�rm der ufernahen W�lder, besonders vom fortgesetzten Gel�chter der Streifenhy�nen, die sich in der Dunkelheit herumtrieben. Da die M�nner im Wald keinen Schlaf fanden, wiederholten sie den Versuch nicht, auf festem Boden zu �bernachten.</p><p>Nach mehreren Tagen ruhiger, gleitender Fahrt k�ndigte ein Berg, dessen Kuppe in Nebel geh�llt war, die N�he der Gebirge vor Mitsawa an. �Es ist der Jebel Teir�, erkl�rte Ali. �Die Zitadelle der Haifische. Sie besitzen unterirdische H�hlen und schw�rmen in alle Himmelsrichtungen aus.�</p><p>Henri sah zum ersten Mal Hammerhaie, die ihre Canja beschnupperten. Aber dann verga� er diesen befremdlichen Anblick. Mitsawa tauchte im Dunst auf. Sie passierten die Insel Dergaiham, und drei Meilen dahinter �ffnete sich die nat�rliche Hafeneinfahrt von Mitsawa. Sie hatten �thiopien erreicht.</p><p>Nach dem Anlegen im betriebsamen Hafen blieb Ali noch so lange bei ihnen, bis sie einen H�ndler gefunden hatten, der sie f�r die Weiterreise ausr�sten konnte. �ber der Stadt lag ein eigent�mlicher Geruch, der von Schwefelquellen kam, die gro�e Haine mit bizarren Dumpalmen umflossen.</p><p>�Es riecht nach H�lle und Teufel�, sagte Henri.</p><p>Uthman winkte wegen dieser Einsch�tzung des Christen nur sp�ttisch ab. Aber auch Ali hielt sich die Nase zu.</p><p>Die Einwohner waren zum Erstaunen der Angekommenen ausnahmslos Anh�nger des sarazenischen Propheten, wei� gekleidete M�nner mit gewickelten Turbanen und Chub�s, m�chtigen Krummdolchen im G�rtel, Frauen in bunten Schleiern und Samthosen. Zum ersten Mal seit drei Wochen a�en Henri und Uthman wieder ein schmackhaftes Gericht. Es waren <emphasis>durra,</emphasis> Hirsefladen mit angebratenem Antilopenfleisch gef�llt, die eine junge, unverschleierte Frau verkaufte, dazu tranken sie k�hle Ziegenmilch.</p><p>In Mitsawa befanden sich mehrere gro�e M�rkte, auf denen in kleinen Schalen �berall Weihrauch und Myrrhe brannten, um den Schwefelgeruch zu vertreiben. Ali fragte laut und heftig gestikulierend nach dem Priesterk�nig, den die Fremden suchten. Doch die Einwohner antworteten ausweichend. Staunend erblickten die Angekommenen all den Reichtum � Stapel von Elfenbein, Elefantenh�ute, B�ffelh�rner, Muscheln, in denen schimmernde Perlen lagen, Goldger�te und Silberschmuck. Und dann sahen sie nubische Sklaven, die von den Muslimen zusammengetrieben wurden.</p><p>�Man verkauft sie nach Al Qahira, wo sich der Nil teilt, bevor er ins Meer flie�t�, erkl�rte Ali.</p><p>�Ich sehe keine Christen�, wunderte sich Henri.</p><p>�Die Bewohner sind <emphasis>Belowee�,</emphasis> meinte Ali, �ein rechtgl�ubiger Hirtenstamm aus den Bergen von Habab. Ich kann ihren Dialekt verstehen. Eigentlich herrscht hier ein Emir, aber f�r ihre Hilfe im letzten Feldzug gegen die Mursi hat er den Einwohnern Freiheit gew�hrt und ihrem Anf�hrer den Titel eines <emphasis>Naybe</emphasis> von Mitsawa einger�umt. Er ist Christ.�</p><p>�Und wer ist wichtiger?�, fragte Henri.</p><p>�Der Naybe ist der Herrscher.�</p><p>�Ist Mitsawa die Hauptstadt?�, wollte Uthman wissen.</p><p>Ali kannte den Begriff Hauptstadt nicht. Er nannte andere wichtige St�dte: Lalibela, Gondar, Axum. Uralte St�dte voller christlicher Geheimnisse. In einer davon sollte sich auch die Bundeslade der Israeliten befinden, nach der schon, wie Henri wusste, die neun Gr�nder des Tempelordens mehrere Generationen zuvor im Jerusalemer Tempelberg gesucht haben sollten, dort, wo sich der Palast des Salomon befunden hatte.</p><p>�Und wo finden wir nun deinen Priesterk�nig Johannes?�, wollte Uthman wissen.</p><p>Henri zuckte lakonisch die Schultern. �In der Hauptstadt nat�rlich. Wir suchen sie, dann finden wir auch ihn.�</p><p>Beim Weitergehen sahen die Fremden junge, dunkelh�utige Frauen mit fantasievollen Frisuren auf kahl rasierten Stirn- und Schl�fenpartien, von denen borstige M�hnen wie bei L�wen ausgingen. �ltere Frauen schleppten Tonkr�ge auf den Schultern. M�nner mit B�rten und wilden, wei�en Augen kreuzten ihren Weg auf der Suche nach einem geeigneten H�ndler ebenso wie magere, schmutzige Kinder, die auf riesigen Akazien mit Bienenr�hren herumkletterten.</p><p>�Sie sammeln Honig f�r den Wein, sie nennen ihn <emphasis>Berz,</emphasis> das Zeremonialgetr�nk der Adligen.� Ali erkl�rte alles mit stolzer Miene.</p><p>Der H�ndler, den sie schlie�lich fanden, legte seine H�nde auf die Brust und ber�hrte danach seine Lippen mit den Fingern. �Salam Alaikum, es ist Friede mit uns!�</p><p>Die Angekommenen gaben den Gru� zur�ck. Man einigte sich bei einigen Kr�gen Honigwein. Henri und Uthman bekamen mehrere Reittiere und Packtiere, kleideten sich in die landes�bliche Tracht mit langen, wei�en Umh�ngen aus Nesseltuch, wanden sich Turbane um und steckten sich Krummdolche in die G�rtel. Am Ende verkaufte ihnen der H�ndler noch eine handgezeichnete Landkarte aus Antilopenleder.</p><p>�Was ist die Hauptstadt von �thiopien?�, wollte Henri erneut wissen.</p><p>Der H�ndler zuckte die Schultern.</p><p>�Und wo finden wir den Priesterk�nig Johannes?�</p><p>�Ihr m�sst zu den schwarzen Inselreichen an den Quellen des Blauen Nils ziehen. Dort, unter den dicht dahinziehenden Wolken vor dem Mondgebirge, herrscht ein eigenes, gewaltiges und geheimnisvolles Reich, das nicht von dieser Welt ist. Dort findet ihr ihn. Er ist aber kein K�nig, wie ihr Christen ihn kennt. Und er braucht keine Hauptstadt. Er ist� nun, seht selbst, wenn ihr angekommen seid.�</p><empty-line/><empty-line/><p>�ber dem ganzen Land lag eine eigenartige Stille. Henri dachte w�hrend des Reitens bei sich: Wie die Ruhe vor dem Sturm. Aber vor welchem Sturm? Was hatten sie zu erwarten?</p><p>Der Weg zu den schwarzen Inselreichen an der Quelle des Blauen Nils war beschwerlich und weit. Abends lagerten sie zu F��en gewaltiger Berge. Danach �nderte sich die Landschaft jedoch dramatisch. Nach grasbewachsenen H�gelkuppen folgten rissige Berge mit wilden Taleinschnitten, auf deren Grund wei�e Stromschnellen tobten. Am Ende des kommenden Tages erreichten sie eine Zickzackschlucht, erblickten einen breiten Strom und dar�ber einen so gewaltigen Wasserfall, dass sie ihren Augen nicht trauten. Der Fluss hing wie eine wei�e Wand aus kochender Gischt direkt vor ihnen, er st�rzte donnernd Felsw�nde hinunter, die Sonne verschwand im Nebel der Wassermassen.</p><p>�Das w�ste Land ist zu Ende�, meinte Henri. �Hier scheint die Welt in zwei H�lften geteilt.�</p><p>�Die richtige Stelle f�r deinen Priesterk�nig�, orakelte Uthman. Hierhin also waren die ersten Anh�nger des Propheten gefl�chtet.</p><p>Als sie kurz darauf einen See erreichten, dessen gegen�berliegende Ufer nicht zu erkennen waren, ahnten sie, dass sie dem Ziel ihrer Reise nahe waren.</p><p>Das Wasser des Sees schlierte zwischen Silber und Schwarz, darauf tanzten goldene Lichtfunken. Kormorane standen mit gespreiztem Gefieder auf Klippen. Weit drau�en in einer Bucht fuhren lang gestreckte Schatten lautlos �ber Silberstreifen.</p><p>Uthman sch�tzte die Augen mit den H�nden und blickte hinaus. �Es scheinen Fischer in Papyrusbooten zu sein, ich kenne solche Fahrzeuge vom Tigris her.�</p><p>�Vielleicht auch M�nche der Inselkl�ster�, meinte Henri.</p><p>Am Ufer lag ein herrenloses Papyrusboot mit hochgezogenem Bug und Achtersteven, in dem zwei M�nner Platz hatten. Henri und Uthman banden ihre Pferde an Pfl�cken fest. Mit d�nnen St�cken ruderten sie dann �ber friedliche Stromwirbel, lie�en hell sch�umende Wellen seitlich liegen und fuhren den See hinunter. Je weiter sie kamen, desto deutlicher ragten die Bergkuppen des Mondgebirges vor ihren Blicken empor. Und dann sahen sie die Klosterinseln weit drau�en, mitten im See. Und tats�chlich hatten sie beim N�herkommen das seltsame Gef�hl, dass diese Inseln gleich unter den schnell dahinziehenden Wolken lagen.</p><p>�Ein abgeschiedenes Reich�, sagte Uthman, �wie geschaffen f�r einen geistlichen Monarchen. Aber das Land regieren kann man von hier aus wohl kaum.�</p><p>Der milde Wind trug einen starken Duft und einen schwachen Hauch von etwas Unerkl�rbaren zu ihnen her�ber, einen Hauch von Inseln, die den Rand der Welt markierten. Endete hier die Weltenscheibe? Wenn es ihn �berhaupt gab, dann musste der Priesterk�nig tats�chlich hier wohnen.</p><p>Langsam ruderten die M�nner weiter. Sie blieben lange schweigsam. Als sie die kleine Flotte der Fischer erreichten, rief Uthman auf Arabisch zu ihnen hin�ber: �Finden wir dort dr�ben die Inselkl�ster?�</p><p>Sie verstanden ihn nicht. Henri wiederholte die Frage auf Aram�isch. Da nickten sie und riefen etwas Zustimmendes.</p><p>�Wie kamen die Kl�ster hierher?�</p><p>Ein Fischer rief zur�ck, und es hallte weit �ber das stille Wasser: �Sie waren schon immer hier. Hier begann ja die Welt.�</p><p>Aber ein anderer widersprach ihm. �Nein, sie kamen einst aus der alten Hauptstadt Axum, s�dlich des Asmarasees, sie fl�chteten eines Tages hier herauf zu den siebenunddrei�ig verborgenen Inseln, die im R�cken kein Land kennen. Es gibt Verstecke, die niemand kennt.�</p><p>�Warum fl�chteten sie hierher?�</p><p>�Wegen ihres christlichen Glaubens. Es sind Ungl�ubige.�</p><p>�Haben sie denn Frauen und Kinder?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht. Sie holten sich immer wieder junge M�nner aus dem Land, ruderten sie hin�ber und behielten sie dort drau�en. Ein eigenes, fremdes Reich.�</p><p>Henri starrte voraus. Die Inseln schienen nicht n�her zu kommen. Auch Uthman schien diesen Eindruck zu haben, er sagte: �Vielleicht schwimmen sie mit der Str�mung, mal hierhin, mal dorthin!�</p><p>�Das glaube ich nicht, auf solch schwankendem Grund k�nnte man keine Kl�ster oder Kirchen bauen.�</p><p>Eine Antwort auf ihre Fragen erhielten die M�nner eine Stunde sp�ter. Sie legten unter m�chtigen Wurzeln von B�umen, die wie Burgpalisaden wirkten, an einem Ufer an.</p><p>Als sie an Land sprangen, erwarteten sie auf einem Pfad, der sich einen H�gel emporschl�ngelte, zwei unbewegliche Gestalten. Die Gestalten verbeugten sich und vollf�hrten eine einladende Handbewegung, so als h�tten sie schon auf die Fremden gewartet. Beim N�herkommen sahen die Gef�hrten, dass sie lange, bunte M�ntel mit Kapuzen trugen, ihre Haut war tiefschwarz, ihre Gesichtsz�ge aber scharf geschnitten, ihre B�rte lang und verfilzt. Sie waren so d�rr, dass Brustbein und Rippen wie bei einem Skelett hervortraten. Auf der Brust trugen sie rautenf�rmige Kreuze, die sie mit ihren F�usten umklammerten.</p><p>�Wie hei�t diese Insel?�, fragte Henri, wieder auf Aram�isch.</p><p>�Sie hei�t Gindar�, erwiderte einer der F�hrer, �und sie ist so heilig, dass keine Frau, nicht einmal eine Kaiserin, sie betreten darf.�</p><p>�berall verstreut lagen kreisrunde H�tten aus hochgebogenen �sten, mit dicken Strohd�chern. Als sich die Ank�mmlinge beim Weitergehen umdrehten, bemerkten sie, wie Menschen vor die H�tten, ihre einfachen <emphasis>tukuls,</emphasis> traten, M�nner jeden Alters, jung und unterern�hrt die einen, gebeugte Greise mit wei�em Haupthaar die anderen, dazwischen stolze Gestalten im besten Alter, in Sackleinen geh�llt und barfu�. Sie murmelten unaufh�rlich Gebete, ihre Finger spielten mit kleinen Kreuzen.</p><p>�Johannes, Presbyter�, sagte Henri unwillk�rlich stumm, �hier ist also dein Reich��</p><p>Vor der Kirche, die den H�gel kr�nte, schlugen zwei Jungen eine tonnenf�rmige Felltrommel, dazu sangen ihre gebrochenen Stimmen fremde, traurige Lieder. Ein Gong ert�nte, der Laut hing lange in der feuchtwarmen Luft. Die Ank�mmlinge betraten jetzt einen Kirchenraum, in dem der Altar den gesamten Mittelteil ausf�llte, an den wei�en W�nden hingen wundersch�ne Bilder, goldgl�nzend, in einem merkw�rdigen Kontrast zur �u�ersten Armut der Bewohner.</p><p>�Es sind Bettelm�nche�, erkl�rte ihnen ein F�hrer auf Henris entsprechende Frage. �Sie d�rfen nichts besitzen. Dabei enthalten die Klostermauern unvorstellbare Sch�tze.�</p><p>�K�nnt ihr uns zum Priesterk�nig f�hren?�, wollte Henri wissen.</p><p>Die F�hrer deuteten voraus. Hinter der Kirche erhob sich ein Turm, aus Stein gebaut, der langsam verwitterte. Henri traute seinen Augen nicht. In dem zur See hin offenen Turm sa� ein Mann. Er sprach nicht. Er r�hrte sich nicht.</p><p>�Wenn das der Priesterk�nig sein soll�, sagte Uthman, �dann herrscht er �ber ein sehr armes Reich.�</p><p>�Es ist ein M�nch, der alle Weisheit kennt�, erkl�rte ein F�hrer. �Er hat seinem Gott gelobt, unbeweglich bis zu seinem Tod sitzen zu bleiben.�</p><p>Henri blickte fasziniert auf den lebendigen Heiligen, dessen Silhouette sich vor den dicht �ber ihn dahintreibenden Wolken abzeichnete. Nein, das war nicht der Priesterk�nig. Er kannte solche Asketen aus den kastilischen Kl�stern.</p><p>Die M�nche, die sie empfangen hatten, f�hrten die Besucher nun in einen ovalen Tempel. Hier breiteten sich Regale mit wei�en Totensch�deln aus. An den W�nden hingen gerahmte Heiligenbilder von gro�em k�nstlerischen Reichtum. Im Halbdunkel sahen die Ank�mmlinge sechs m�chtige S�rge. Als die M�nche, die dort warteten, bestickte Sargt�cher zur Seite zogen, erblickten sie knochend�nne, eingeschrumpfte Mumien mit runzligen Armen, �ber der Brust gefalteten H�nden und bleckendem Grinsen, das ihre Zahnreihen freilegte.</p><p>�Es sind unsere alten Kaiser�, erkl�rte ein M�nch ehrfurchtsvoll unter st�ndigem Kreuzeschlagen. �Sie kamen einst als Leichen �ber den st�rmischen Asmarasee, hier bleiben sie bis zum Ende der Zeit.�</p><p>Direkt neben dem Tempel sickerte in einem blauen Streifen neben Papyrusst�ngeln eine Quelle hervor, sie weitete sich zu einem kleinen blauen Fluss, der im dichten Schilf verschwand. �Eine heilige Quelle�, beschrieb ein F�hrer mit respektvoller Stimme den Bach. �Sie wird zum Fluss, der unter dem Asmarasee hindurchtaucht und jenseits davon als l�ngster Fluss der Welt bis zum Rand der Erdenscheibe weiterflie�t.�</p><p>Henri dachte, dies m�sse die geheimnisvolle Quelle des Blauen Nils sein. Er versp�rte den heftigen Wunsch, seinen Wissensdurst zu stillen und den Priesterk�nig endlich zu sehen. Diese Inselwelt mit ihren w�rzigen Ger�chen, ihren �ppigen Farben und Formen, ihrer eigenartigen, friedvollen Stimmung �bte einen tiefen Zauber auf ihn aus.</p><p>Hinter der Ansiedlung der Bettelm�nche und einem dichten Wald, der die weitere Insel verbarg, stieg das Gel�nde unvermutet weiter an. Jetzt �ffneten sich im Wind wogende Felder und gr�ne H�henz�ge, in einer Art Parklandschaft standen uralte riesige B�ume. Als sie weitergingen, entdeckten sie Felsen, die bearbeitet erschienen, dann erkannten sie eine Burgruine, �berwachsen mit Schlingpflanzen und Kakteen, bunte Sumpfv�gel schwirrten herum, langschw�nzige Affen kletterten an Lianen. Aus dem Inneren der umliegenden T�ler heraus dampften warme Quellen.</p><p>Zu F��en der bizarren Burg brannten �berall offene Feuer. �Sie feiern morgen ihr Maskaifest zur Entdeckung des wahren Kreuzes!�, erkl�rte ein F�hrer. �Dann wird auch das Oberhaupt erwartet.�</p><p>�Der Priesterk�nig!�, entfuhr es Uthman.</p><p>�Es ist der Hochbetagte�, sagte der M�nch schlicht.</p><p>�D�rfen wir daran teilnehmen?� Henri versp�rte, wie seine Unruhe immer st�rker wurde.</p><p>�Ganz ausgeschlossen. Ihr m�sst vor Einbruch der Nacht wieder zur�ckfahren. Denn nachts sind die Flusspferde im See lebensgef�hrlich. Es treiben sich auch <emphasis>shiftas,</emphasis> �ble Piraten, herum. Und �bernachten d�rfen auf dieser heiligen Insel keine Fremden.�</p><p>�Aber wenn ihr Oberhaupt der Priesterk�nig ist, dann m�ssen wir ihn treffen. Wir waren lange unterwegs � k�nnt ihr Leute euch das �berhaupt vorstellen?�</p><p>�Es ist der Hochbetagte�, wiederholte der M�nch nur, �manche sagen, er sei nicht wirklich.�</p><p>Uthman deutete auf einen schnell herantretenden Mann. Er war spindeld�rr und lang wie eine Hellebarde, ein spitzer Bart zierte sein spitzes Kinn. �Folgt mir!�, befahl er barsch.</p><p>Im G�nsemarsch ging es einen von Papyrus, wildem Kaffee und Feigenb�umen ges�umten Pfad entlang zum h�chsten Gipfel der Insel. Bald waren die M�nner in der d�nnen H�henluft, die hier herrschte, ersch�pft. Oben angekommen, �ffnete sich ein prachtvoller Ausblick �ber den ganzen See und die Farbtupfer darin, s�mtlich Klosterinseln. Ein terrassenf�rmiges Dorf zog die Besucher in ihren Bann, es war gekr�nt von einer blau angemalten H�tte, die ein goldenes Koptenkreuz in einer Rosette mit sieben Spitzen aus Strau�eneischalen trug.</p><p><emphasis>�Debra Mariam,</emphasis> das neue Kloster des Oberpriesters!�, sagte einer der M�nche, und ihr F�hrer �bersetzte das f�r die Fremden.</p><p>�Diese Hundeh�tte da?� Ungl�ubig deutete Uthman in die H�he.</p><p>�Kommt!�</p><p>Sie erklommen die letzten dreihundert Ellen. Ein Junge mit zerfressenen Lippen �ffnete ihnen die T�r. Der Raum, in den sie traten, war wie in einem Irrgarten dreigeteilt. Und jeder der drei quadratischen G�nge, begrenzt von wei� gestrichenen Lehmw�nden, von denen mit �bergro�en Augen starre Heilige auf die Fremden schauten, war leer � bis auf eine Art Altar, einen flachen Tisch in der Mitte.</p><p>�Geht hinein, es ist <emphasis>magdas,</emphasis> das Allerheiligste!�, forderte sie der Junge auf. �Mehr k�nnen wir Fremden nicht zeigen.�</p><p>Die Gef�hrten traten in die H�tte. Im Zentrum lagen auf dem Tisch dicke handgeschriebene B�cher, rotbraun und schwarz bemalt, Pergamente, vergilbte Manuskripte. Henri zog eines der gut zwei Fu� hohen B�cher zu sich heran, es war in pr�pariertes Ziegenleder gebunden, prachtvolle Zeichnungen zeigten w�rdevolle, betende oder reisende Gestalten, Kirchenf�rsten mit goldgemalten Umh�ngen. Die roten Schriftzeichen waren unverst�ndlich, Uthman murmelte aber: �Althebr�isch, das liturgische <emphasis>Ge�ez,</emphasis> das schon der Prophet Musa, euer Moses, gesprochen hat und sp�ter die Herrscher von Axum, mehr als dreitausend Jahre alt��</p><p>Henri widersprach. �Das ist kaum vorstellbar, solange h�lt sich kein Buch in diesem Klima.�</p><p>�Ich meine die Schrift. Niemand schreibt heute so, nicht einmal die j�dischen Kalligraphen Iberiens k�nnen es.�</p><p>�Wer hat diese B�cher geschrieben?�</p><p>�Vermutlich �thiopische <emphasis>Debtera,</emphasis> Priestergelehrte.�</p><p>Fasziniert bl�tterten die Freunde in den B�chern. �Was sind das f�r Bilder, was zeigen sie?� Henri war auf Uthmans Erkl�rungen angewiesen. Der Sarazene beugte sich tief �ber die in allen Farben leuchtenden Abbildungen.</p><p>�Die Geschichte vom Propheten und K�nig Suleiman und der K�nigin von Saba. Du wei�t, dieser Vereinigung soll der Gr�nder des Axumreiches, Menelik II. der Vater �thiopiens, entstammen.�</p><p>�Die biblische Geschichte vom Treffen der beiden m�chtigen Herrscher vor 3000 Jahren in Jerusalem?�</p><p>�Es ist mehr als eine Geschichte, es ist im Koran und in den Geschichtsb�chern erwiesen. Nach dem Untergang des salomonischen K�nigtums wurde Menelik der L�we von Juda. Seitdem nannten sich alle �thiopischen Kaiser L�wen aus dem Stamme Judas. Und ein wahrer L�we war er, denn er bot den Vertriebenen aus Mekka Zuflucht. Der gekr�nte L�we versinnbildlicht die Kaiser selbst, ihr Titel sagt es aus, und das goldene Kreuz auf ihrem Kopf zeigt, dass die Rechtgl�ubigen den Christen in �thiopien nichts taten, trotz der Ausbreitung des wahren Glaubens auch in diesem Gebiet, und zwar schon vor 500 Jahren.�</p><p>�Ich wei� � Menelik soll die Bundeslade, nach der unsere Tempelgr�nder, wie es hei�t, sieben Jahre lang suchten, aus dem Tempel von Jerusalem hierher in sein neues, �thiopisches Reich, auf die Klosterinsel <emphasis>Tana Cherkos,</emphasis> gebracht haben.�</p><p>�Auf diesen Bildern sind auch Inselkl�ster zu sehen. Es k�nnten dieselben sein, auf denen wir uns gerade befinden.�</p><p>�Du meinst, die Bundeslade mit den Gesetzestafeln Moses�, der gr��te Schatz der Christenheit, wurde hier aufgehoben?�</p><p>Uthman zuckte die Schultern.</p><p>Gebannt starrte Henri auf die Schrift und auf die Bilder, in denen die R�tsel einer mehr als dreitausend Jahre alten Geschichte gebannt waren. Und als er aufsah, erblickte er in diesem Moment drau�en vor der T�r eine Prozession, die �ber die Insel zog. Er stie� Uthman an, und auch dieser schien es zu sehen.</p><p>Sie wirkten unver�ndert seit Urzeiten, wie in den B�chern beschrieben und gezeichnet. Die lebendige Prozession der V�ter.</p><p>Es wurde ganz still. Nur die Boten des Windes fl�sterten sich in den B�umen zu, dass der Hochbetagte eingetroffen war.</p><p>Henri sah, wie die Ornate der w�rdevollen Gestalten in der Abendsonne ebenso gl�nzten wie die m�chtigen wei�en V�gel, die in diesem Moment drau�en auf dem See ihr Gefieder im milden Abendwind trockneten. In der Mitte der M�nner bewegte sich ein ehrw�rdiger alter Mann in einem goldenen Umhang. Und zogen mit ihm nicht die Wesen, die der Priesterk�nig in dem Brief beschrieben hatte, den er dem Papst schickte und den Henri beinahe auswendig kannte? Jene wei�en und roten L�wen, wilden Pferde und wilden Menschen, Menschen mit Augen vorn und hinten, Zentauren, Satyrn, Pygm�en, Riesen von vierzig Ellen H�he, Zyklopen, der Vogel Ph�nix und fast alle Tierarten, die unter dem Himmel lebten?</p><p>Nein, das konnte nicht sein. Aber sie brachten Widder und Ziegenbock mit, und in ihrer Mitte schritten wundersch�ne Quttu-Frauen und scheue M�dchen der Afar, Bum�-Frauen im schweren Kettenschmuck, Hirtenjungen von den Oromo und weise Alte aus den Steppen von <emphasis>Erer Gota.</emphasis> Schien nicht sogar Menelik in ihrer Mitte? Er brachte die Bundeslade mit den mosaischen Gesetzen aus dem Tempel von Jerusalem in sein neues �thiopisches Reich.</p><p>�Siehst du das alles, Uthman?�, fl�sterte Henri.</p><p>�Ich sehe ein paar Priester und Bettelm�nche.�</p><p>Henri rieb sich die Augen. Die Vision fiel von ihm ab. Drau�en gingen Bettelm�nche vorbei.</p><p>Irgendetwas hatte von ihm Besitz ergriffen. Er hatte phantasiert. Das machte die magische Stimmung auf dieser Insel.</p><p>Inzwischen war es d�mmrig geworden. Der Junge kam von drau�en herein und sagte missmutig: �Ihr m�sst zu den Booten, geht!�</p><p>�War dies der Priesterk�nig Johannes?�, fragte ihn Henri und deutete mit dem Finger nach drau�en.</p><p>�Das ist ohne Bedeutung�, antwortete der Junge. �Was sind schon Namen? In jedem Stein sitzt Gott.�</p><p>Von drau�en ert�nten in diesem Moment ein Trillern und Kl�nge eines fremden Chores. Man trat hinaus, die Sonne stand schon tief am Horizont. Die ganze Landschaft hatte ein Festkleid aus Licht und Kl�ngen angelegt. Die Prozession war nicht zu sehen.</p><p>Aber aus dem Inneren von Debra Mariam drang jetzt Licht von flackernden �llampen heraus. Schatten gingen an der Decke entlang, es waren die Umrisse alter M�nner, die im Kreis sa�en.</p><p>Henri fragte, was sie tun m�ssten, um auf der Insel bleiben zu k�nnen. Der Junge sch�ttelte den Kopf. Henri wollte ihm Geld geben. Aber der Junge zeigte kein Interesse.</p><p>Sie mussten die Insel verlassen. Die M�nche eskortierten sie.</p><p>Entlang des Weges bis hinunter zum Wasser bemerkten sie jetzt Steine. Sie schienen aus ihrem Inneren heraus zu leuchten. Sie markierten den Pfad, den sie zu gehen hatten.</p><p>Henri hatte das Gef�hl, in eine andere Zeit eingetaucht zu sein. Als es schlagartig dunkel wurde, beschlich ihn ein mulmiges Gef�hl. Kein Mond beleuchtete die Insel, keine Fackel war zu sehen. Nur die Steine am Wegesrand leuchteten matt und geheimnisvoll.</p><p>Sie erreichten ihr Boot. Die Ansiedlung der M�nche verschwand in der Nacht wie eine Einbildung.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Sollen wir weiter suchen?�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Unbedingt!�</p><p>Die Provinz, durch die Henri und Uthman, jetzt wieder allein auf sich gestellt, zu ziehen beschlossen, hie� Woggora. Mal tauchten spitze Kegel vor ihren Blicken auf, mal wahre Pyramiden aus Stein und Ger�ll, die wie umgedreht in den steinigen Boden gerammt waren. Am Rand von Trampelpfaden, auf die ihre Pferde die Hufe setzten, fielen ihnen Ruinen auf, die aus Bruchstein bestanden, auf dem Hieroglyphen zu erkennen waren. Uthman wollte absteigen, um sie zu entziffern. Aber Henri dr�ngte darauf, weiterzureiten.</p><p>�Lass uns in die Hauptstadt ziehen. Wenn wir den Priesterk�nig dort nicht finden, verlassen wir das Land.�</p><p>�Vielleicht gibt es einen Priesterk�nig ebenso wenig�, sagte Uthman, �wie es eine Hauptstadt gibt. Besser gesagt � er ist �berall. In jedem Stein, wie der Junge sagte. Das habe ich auf dieser Klosterinsel gelernt.�</p><p>�In der Hauptstadt werden wir darauf eine Antwort erhalten�, meinte Henri. �Ich habe das Gef�hl, dort finden wir auch unser gemeinsames Andenken, das wir mitnehmen wollen.�</p><p>�Also gut.�</p><p>Nach den Ruinen, die sie passiert hatten, �ffnete sich der Weg, begann anzusteigen und lie� �berbleibsel einer alten gepflasterten Heerstra�e erkennen. Die Sonnenglut wurde mit jedem Tag, den sie ins Landesinnere vorstie�en, gr��er, sodass sie bald in der Mittagshitze rasten mussten und erst gegen Abend weiterziehen konnten. Tief in der Nacht schlugen sie dann ihr Lager auf.</p><p>Die N�chte waren erf�llt vom Geschrei der Affen und dem Duft des Jasmins. Henri musste immer �fter an seine gefangenen Tempelbr�der in der Heimat denken, und er sah Uthman an, dass dieser sich nach Cordoba zur�cktr�umte, das er � neben Mekka � f�r die alleinige Hauptstadt der bekannten Welt hielt. Aber Henri ahnte, dass diese Reise f�r sie beide wichtig war. Irgendwie befanden sie sich auf einer vorgezeichneten Spur.</p><p>Aber wohin f�hrte sie diese Spur?</p><p>Suchten sie wirklich noch nach dem Priesterk�nig Johannes, von dem sie auf der Insel eine Ahnung bekommen hatten? Warum reichte ihnen diese Erfahrung nicht? Ging es jetzt nicht vielmehr um ein Zeichen f�r ihre Freundschaft?</p><p>In den traumerf�llten N�chten unter freiem Himmel mit all den blinkenden wei�en Sternen beschlich Henri zunehmend das Gef�hl, die Reise ginge vor allem in das Innere seiner eigenen Seele hinein. In das Befremdliche, das ihrer aller Existenz ausmachte. Zu den dort lauernden Grundfragen. Und er selbst war es, der diesem Befremdlichen in diesem seltsamen Land unter dem niedrigen Himmel den Namen Priesterk�nig Johannes gegeben hatte.</p><p>Henri sah zu Uthman hin�ber. Der Sarazene hielt die Blicke zum Himmel gerichtet.</p><p>�Uthman?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Es ist seltsam. Ich dachte, mit dieser Reise k�nnte ich die Schlachten im Heiligen Land vergessen, das Grauen in Frankreich. Aber nun treten sie mir deutlicher vor Augen denn je. So als sei �thiopien ein Spiegel, in dem wir und unsere Taten immer sch�rfer und gr��er hervortreten.�</p><p>�Es geht mir �hnlich. Ich kann nichts davon absch�tteln, es r�ckt immer nur n�her.�</p><p>�Ich muss mir Rechenschaft geben, was ich getan habe.�</p><p>�Willst du von den Gr�ueln erz�hlen, die du erlebt hast? Vielleicht wirst du die Bilder dann los.�</p><p>�Vielleicht� ach, ein anderes Mal.�</p><p>Am n�chsten Tag erreichten sie eine gr��ere Ansiedlung. Sie beschlossen, sie nicht zu umgehen.</p><p>In den strohbedeckten, kegelf�rmigen und flachen H�usern aus Lehm herrschte reges Treiben. Die Einwohner kauften alles Notwendige mit selbst hergestellten Dingen. Statt mit M�nzen bezahlten sie mit Glaskn�pfen f�r Gebetsb�nder, blau gef�rbtem Tuch, Obsidiannadeln, flachen Salzfladen und mit Weihrauch. Sie waren freundlich und schienen unterschiedlichen religi�sen Br�uchen anzuh�ngen. Die Frage nach dem Priesterk�nig Johannes verstanden sie nicht.</p><p>In den n�chsten Tagen zogen Henri und Uthman an D�rfern vorbei, die an Bergen aufgeh�ngt schienen. Manche reichten bis �ber die Wolken. Einzelne M�nner in gelben Lumpen mit gelben Kapuzen begegneten ihnen in der H�he. Es waren sich kasteiende M�nche eines nahen christlichen Klosters, die das karge Land beackerten.</p><p>Mit einem wei�en Flimmern in der Luft wie vom Fl�gelschlag eines riesigen Vogelschwarms k�ndigte sich danach in der Ferne eine Stadt an. Henri und Uthman konnten sich das Ph�nomen nicht erkl�ren. Beim N�herkommen wurden die seltsamen Wesen in der Luft nicht deutlicher, sondern schienen sich zur�ckzuziehen. Sie passierten den von Zitronenb�umen ges�umten Fluss Ingeohha, der in der Ebene entsprang und nach seinem Lauf durch tiefe Schluchten in ein Becken m�ndete. Dort lag die Stadt, deren Namen sie jetzt erfuhren. Es war Adi Ugri.</p><p>Sie sahen nun, dass das wei�e Geflatter �ber der Stadt zitternde B�nder waren, die an Stricken gebunden auf halber Bergh�he rings um die Stadt gespannt waren. Sie sollten die Schw�rme von Raubv�geln abhalten, die zu dieser Jahreszeit �ber die Stadt herfielen, alles fra�en und sogar Menschen angriffen. Die Gef�hrten h�rten den Klang kleiner Glocken, die an den Stricken aufgeh�ngt waren und sich im Wind bewegten.</p><p>Als h�tten diese wei�en B�nder wei�e Wesen hervorgebracht, kam ihnen, w�hrend sie hinaufstiegen, unvermittelt ein Zug wei� gekleideter Priester entgegen. Sie trugen lange, d�nne Tastst�cke.</p><p>�Haltet euch von den blinden Priestern fern!�, warnte sie ein junger Einheimischer beim N�herkommen. �Sie betteln, dann erschlagen sie ihre G�nner. Sie sind unberechenbar. Einige k�nnen Wunder vollbringen, und sie wiegeln das Volk auf. Sie leben nur von Kr�utern, die sie auf den Spitzen ihrer Berge essen, und man sagt, sie hielten in ihren Einsiedeleien, die unheimliche, von wei�em Kot bedeckte Orte sind, junge Frauen gefangen, die ihnen zu Willen sein m�ssen.�</p><p>�Wei�er Kot?�, fragte Uthman. �Aber es sind Priester, keine V�gel.�</p><p>�Es sind V�gel�, beharrte der Einheimische. �Sie kommen und gehen, fliegen und bleiben. Sie k�nnen davonflattern.�</p><p>�Es sind Wei�linge!�, sagte Uthman �berrascht zu Henri. �Menschen, deren Haut sich nie br�unt. Und sie sprechen anscheinend die Sprache der �gyptischen K�ste, ein unverf�lschtes Arabisch aus den Schriften!�</p><p>�Sie m�ssen den Priesterk�nig kennen�, meinte Henri. �Frag sie danach, Uthman.�</p><p>Die schlurfenden Priester h�rten die Frage und sahen Uthman und Henri aus blinden Augen entgegen. Die Gef�hrten hatten jedoch den Eindruck, sie s�hen die Fremden mit anderen Sinnen. Sie schn�ffelten und tasteten, verzogen die Gesichter zu schiefen Grimassen. Dann verst�ndigten sie sich schreiend untereinander und zogen vorbei, ohne auf die Frage geantwortet zu haben.</p><p>Und auch Henri und Uthman zogen weiter, um in die Stadt mit dem vorherrschenden zweist�ckigen Bau des k�niglichen Palastes mit goldbesetzten Kuppelt�rmen, hohen Eingangsportalen, massiven Steintreppen und zinnenbewehrten, dicken Mauern zu gelangen.</p><p>Wanzeyb�ume, die den Eindruck eines schwarzen Waldes machten, verdeckten die anderen H�user. An den Stra�enr�ndern standen dunkelh�utige Menschen neben L�wenk�figen, in denen die Raubtiere br�llend gegen Gitter sprangen. Es gab aber auch friedliche Bilder. Inmitten eines ausgedehnten Sees mit Kaskaden befand sich ein Wasserschloss, vor dem Leiermusikanten auf ihren Instrumenten spielten. Fasanen, Pfauen und Papageien erg�nzten das farbige Bild.</p><p>War dies die Hauptstadt? Die Einwohner nickten und lachten. Wahrscheinlich verstanden sie die Frage nicht.</p><p>Es schien Markttag zu sein. Kakaobraune Frauen hockten mit angezogenen Knien im Stra�enstaub und verkauften schwarze Terrakottafiguren und Gef��e. Henri sah, dass viele M�nner Gebetsriemen an den Armen und auf der Stirn trugen, er sah fransenhaft-b�rtige M�nner mit Ohrlocken unter schwarzen H�ten, die aus Papierrollen vorlasen.</p><p>�J�dische Falascha�, erkl�rte Uthman. �Sie leben auch weiter n�rdlich an der K�ste.�</p><p>�Wer ist der Herrscher dieser Stadt?�, fragte Henri immer wieder.</p><p>Ein �lterer Jude, der gerade mit seinen <emphasis>tefilin</emphasis> heilige Buchstaben aus dem heiligen Buch, der Thora, geformt hatte, gab ihm zur Antwort: �Der Herrscher ist Negad� Haimamot der Erste.�</p><p>�Ist er der Priesterk�nig Johannes?�</p><p>Der Jude blickte Henri verst�ndnislos an. �Ihr k�nnt ihn nicht aufsuchen. Denn alle Nichtjuden leiden unter der Schlafkrankheit, auch der Herrscher. Sie liegen schon auf den Stufen der Freitreppe, bewegungslos und verkr�mmt, sie sind von der Fliege gestochen worden. Auch Hellh�utige wie Ihr sind davon betroffen.�</p><p>�Dann lass uns weiterziehen�, schlug Henri Uthman vor. �Wo es statt dem Priesterk�nig nur Schlafkranke gibt, werde ich kaum eine geistige Erfahrung machen k�nnen.�</p><p>Es war ein guter Entschluss.</p><p>Denn beim Weiterreiten durch immer �ppiger werdende T�ler stie�en sie auf Landschaften, die Henri an die Schilderungen des biblischen Paradieses gemahnten. Sykomoren mit einer Spannweite von vier Metern lie�en den Eindruck von riesigen St�dten entstehen, die von der Natur in wogendem, duftendem Gr�n gebaut worden waren. �berall roch es pl�tzlich nach Bl�ten, bunte V�gel, vor allem Papageien, Glanzstare und Wolamoreiher, beobachteten sie von Feigenb�umen herab.</p><p>�Wenn wir ihn hier nicht finden, dann kehren wir um�, meinte Henri. �Denn sonst m�ssen wir in ganz Afrika suchen.�</p><p>Am n�chsten Morgen lag ein atemberaubendes Panorama vor ihnen. Eine gr�ne Ebene, vom Rand eines blauen Sees gekr�nt, erstreckte sich vor ihren Augen. Das ganze Land schien eine einzige einladende Geste des Willkommens auszuf�hren. Der sanfte Wind wogte in Gr�sern und Palmen, so als tanze die Landschaft. Beim Hinabreiten s�umten Zwergaffenbrotb�ume und wilde Olivenb�ume ihren Weg. Und am Rand des Hochplateaus dufteten blaue Blumenteppiche, zwischen Basaltbl�cken sprudelten B�che, und die Sonne erf�llte die Gef�hrten mit Zustimmung f�r das Leben.</p><p>�Das Paradies, meinst du nicht?�, rief Henri begeistert.</p><p>�Ohne Zweifel�, meinte Uthman, den Henri zum ersten Mal seit langer Zeit l�cheln sah.</p><p>Sie waren froh, eine Stadt zu erreichen, in der sie Wasser kaufen konnten. Sie hatten ihre Lederbeutel zwar gut gef�llt, aber in der Hitze verdunstete das Trinkwasser schneller als erwartet. Die Stadt in der Ebene war hei�. Sie tranken an einer Quelle und a�en hauchd�nn filetierte Fleischst�cke von einer Feuerstelle, die ein Falascha betrieb. Sie erfuhren, dass am See Bodi, Surma, Hamar, Bum� und Mursi lebten, die an Zauberer glaubten.</p><p>�Ihre Medizinm�nner werden euch Wei�e t�ten, wenn ihr ihnen in die Quere kommt!�, erkl�rte der Falascha.</p><p>�Das Paradies?�, meinte Uthman ironisch zu Henri.</p><p>Als sie in die Stadt am Seeufer einritten, machte Uthman pl�tzlich ein Zeichen. Sie hielten. Uthman lauschte Rufen. �H�rst du das, Henri? Sie rufen: Mein K�nig, lass mir Gerechtigkeit widerfahren!�</p><p>�Ja und?�</p><p>�Das ist die Bedeutung ihrer amharischen Rufe, mein Freund. Aber h�rst du, wie das klingt, wenn man diese Bedeutung wegl�sst, wenn man nur dem Klang lauscht?�</p><p>Henri h�rte genau zu. Und allm�hlich verstand er, was Uthman meinte. Die Rufe wurden lauter, die Stimmen klagten: <emphasis>�Pr�te O Ian Hoi! � Pr�te O Ian Hoi!�</emphasis> Und je l�nger er hinh�rte, desto mehr nahm dieser Satz einen anderen Klang an: �Pr�te I Annis! � Pr�te I Annis!�</p><p>Henri stie� verbl�fft hervor: �Pr�te Ionnis, Priester Johannes!�</p><p>�Genau. Pr�te I Annis, Priester Johannes, so nennen sie den K�nig der K�nige, und es gibt keine andere Ableitung f�r diesen Namen als ihren st�ndigen Ruf, der hei�t: Mein K�nig, lass mir Gerechtigkeit widerfahren.�</p><p>�Du meinst, wir haben den Priesterk�nig hier gefunden?�</p><p>�Ich glaube eher, sie nennen jeden ihrer K�nige der K�nige, jeden <emphasis>Negusa Nagast,</emphasis> so.�</p><p>�Lass uns n�her heranreiten. Vielleicht erfahren wir etwas. Frage auch nach der Expedition aus dem Abendland, die hier verschollen ist.�</p><p>Uthman erfuhr, dass die Stadt Lalibela hie�. F�r die einheimischen amharischen St�mme galt es als Jerusalem. Dann muss es die Hauptstadt sein, dachte Henri. �ber die verschollene Expedition wusste niemand etwas.</p><p>Man feierte gerade das <emphasis>Timkatfest</emphasis> und vollzog symbolische Taufhandlungen, mit denen Kinder unsterblich gemacht werden sollten. Henri und Uthman beschlossen, hier zu verweilen.</p><p>Schon nach einem Tag in dieser Stadt lernten die Gef�hrten etwas Eigenartiges kennen. Es war ein Schwebezustand im Zusammenleben von Menschen, der von niemandem diktiert zu werden schien. Es gab keine Krieger und Aufpasser, keine geschriebenen Gesetze, keinen Besitz und kein Geld. Und dennoch glitt das Leben in Lalibela dahin wie ein Nachen �ber einen gr�nen Teich mit duftenden Seerosen.</p><p>Die hier lebenden Christen sprachen Aram�isch, so konnte sich Henri verst�ndigen. Man riet ihnen, zu der Felsenkirche des alten K�nigs Neak Wato Leab zu gehen. Dort w�rden sie auf alle Fragen Antworten erhalten.</p><p>Und w�hrend die Schatten weiterwanderten, machten sich Henri und Uthman auf die Suche nach dieser Kirche.</p><p>Sie brauchten nur dem Strom der Menschen zu folgen und standen bald vor der in einem Erdgraben versenkten Kirche Bjet Giorgis, die aus mehreren Monolithen bestand.</p><p>Davor sa�en Wanderm�nche aus Jordanien, sie waren in schmutziges Sackleinen gekleidet, predigten jeder in seinem eigenen Dialekt, aber mit der gleichen erhobenen Stimme vor einer unsichtbaren Zuschauermenge. Ihre Hirtenst�cke klapperten auf den Felsen. Die �ber mehrere Stockwerke aufragende Kirche war umgeben von einem Irrgarten aus Laufgr�ben mit Holzbr�cken, sie trug auf dem Dach drei ineinander liegende Kreuze, tief unten umspielten Schatten den Sockel. Der Grund der Kirche lag in Dunkelheit. Da sie von der Sonne beschienen und herausgehoben wurde, wirkte es auf Henri und Uthman, als schwebe sie �ber dem Erdboden.</p><p>Auch Uthman wollte die Kirche von innen sehen. Sie folgten den Bettelm�nchen.</p><p>Drinnen war es kalt und dunkel, es roch nach Moder und Weihrauch. Nur durch die halb ovalen, filigranen Obergadenfenster fielen geb�ndelte Sonnenstrahlen ein und lagen wie Zeigefinger auf goldenen Kostbarkeiten. Dies war also die Kirche der Antworten, eine der Wohnungen des Herrn, halb Kathedrale, halb Moschee, halb Felsen, halb Bauwerk. An einem Ort erbaut, an dem sich vor Jahrhunderten die ersten Christen gegen die Heiden verteidigt hatten.</p><p>Henri schien sie ein Ort f�r Betende jedes Glaubens zu sein, und er erblickte auch �berall Menschen unterschiedlicher St�mme und Rassen. Kniende, sich vor- und zur�ckbeugende, flehende, sich versenkende, mit der Stirn die Bodenteppiche ber�hrende, Kreuze schlagende Menschen aller Nationen.</p><p>�Wenn es den Priesterk�nig gibt, wohnt er in einer solchen Kirche, die f�r jeden und jede Religion da ist�, fl�sterte Henri.</p><p>Uthman nickte nur stumm.</p><p>In diesem Moment verschwand der Zug der murmelnden und singenden Predigerm�nche in der Tiefe der Halle, dorthin, wo das Felseninnere sich �ffnete. Aus der Richtung des Altars kam ein Licht. Als Henri und Uthman n�her gingen, lag dort ein phosphoreszierender Stein. Er leuchtete aus seinem Inneren heraus. Davor knieten betende Gl�ubige. Henri bekreuzigte sich unwillk�rlich, Uthman schaute nur beeindruckt, mit schief gelegtem Kopf. Beide hatten sich den Turban abgerissen.</p><p>Henri bekam den Eindruck, die Gl�ubigen verschw�nden in der Erde, so als bewegten sie sich auf eine geheimnisvolle Kraftquelle zu, die ihnen aus dem Inneren entgegenkam. Der Stein leuchtete wie ein ewig strahlender Impuls. Wie�</p><p>Henri wagte das Wort nicht zu denken.</p><p>Uthman sagte an seiner Stelle: �Vielleicht meinen sie diesen Stein mit dem Priesterk�nig. Oder es ist sein Geist. Er �hnelt all den Steinen auf der Klosterinsel, nur ist er hundertmal kraftvoller.�</p><p>Henri sagte betont n�chtern: �Es ist vermutlich nichts weiter als ein Felskristall, in dessen Inneren ein Sardin strahlt. Ich erinnere mich, dass in dem Schriftst�ck, das der Papst von diesem Priesterk�nig erhielt, etwas von einem solchen Sardin stand.�</p><p>�Erz�hle davon.�</p><p>�Nun, die gr��ten Pforten des Johannes-Palastes, so schrieb der Absender, wenn ich mich recht erinnere, seien aus Sardin. Dieser Stein kann auch Blutfluss stillen und nimmt dem Onyx seinen sch�dlichen Einfluss. Seine Farbe ist rot, sein Name soll von seinem ersten Fundort Sardes in Lydien abgeleitet sein. Gegen Gift ist der Sardin zus�tzlich mit dem Horn der Hornschlange vermischt, kommen vergiftete Speisen auf den Tisch, verf�rbt sich das Horn��</p><p>�Du kennst dich aus.�</p><p>�Die Kabbalisten lieben Buchstabenspiele und Spiele mit Zahlen. Ich erinnere mich, dass f�r die christlichen Kabbalisten der Sardin der 6. Stein in der Reihenfolge der Apokalypse ist und im 6. Weltalter Christus seine Marter erlitt.�</p><p>�Ein solcher Stein�, sagte Uthman, �in dem sich W�nsche vereinen oder erf�llen, w�re doch ein gemeinsames Andenken von dieser Reise. Eine Art Priesterk�nig, den wir immer mit uns herumtragen k�nnten! Ein Zeichen, das uns immer verb�nde!�</p><p>�Wir reisen noch einmal auf die Klosterinsel zur�ck und nehmen jeder einen mit!�, antwortete Henri.</p><p>Jetzt fielen ihnen die Gestalten auf, die ringsum an den schmucklosen braunen W�nden aus gebranntem Lehm sa�en. Es waren halb nackte Einsiedler, die meditierend vor Grabnischen hockten. Wie lange mochten sie dort schon sitzen? Sie schienen bereits die Farbe ihrer Umgebung angenommen zu haben. Nur der Schein des leuchtenden Sardin, vor dem Henri noch immer kniete, erfasste sie. Henri dachte: Das Leben drau�en bedeutet ihnen nichts. Sie sind geboren worden und werden sterben in unmittelbarer N�he zu ihrem Sch�pfer. Ist das der wirkliche Glaube? Und ist das nicht die Botschaft, nach der ich selbst lange suchte? N�mlich dass es gleich ist, wo auf der Erdenscheibe man lebt und was man besitzt, wenn man nur mit sich und mit seinem Sch�pfer im Reinen ist?</p><p>Es ist schlie�lich gleich, ob wir den Priesterk�nig Johannes gefunden haben, um mit der Kunde von seiner Existenz in das christliche Abendland zur�ckzukehren. Ich sp�re hier, an diesem Ort, die Klarheit meiner W�nsche. Und ich denke klar: Wir nehmen zwei leuchtende Sardine mit nach Hause, die Uthman und mich verbinden. Wenn wir jemals wieder in Gefahr geraten, werden sie uns als Zeichen gelten. Wir werden uns beistehen.</p><p>Diese Botschaft bedeutet mir mehr, als den Priesterk�nig gefunden zu haben. Und habe ich nicht insgeheim nach ihr, und nicht nach einem solchen K�nig, gesucht?</p><p>W�hrend Henri so mit sich sprach und seine Gedanken durch den Zauber des Ortes leichter flossen, verging die Zeit langsamer und behutsamer. Und leise und unaufh�rlich rieselte feiner Sand von den W�nden der Kirche auf den Boden.</p><p>Zufrieden stand Henri auf, legte Uthman, der ihn l�chelnd ansah, den Arm um die Schulter und ging mit ihm hinaus in die Sonne.</p><p>Die Welt hatte sie wieder.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>8</strong></p><p><emphasis><strong>September 1315, Monat Maria Schmerzen</strong></emphasis></p></title><p>Wenn Uthman in der N�he war, dann konnte das Zeichen nur bedeuten, dass er Henris Befreiung versuchen w�rde. Henri war alarmiert. Er blickte sich verstohlen nach den W�chtern um. Zur anderen Seite sah er einen Bewaffneten zwischen den B�umen entlanggehen. Hatte er Uthmans Zeichen, den leuchtenden �thiopischen Stein, der Sardin hie�, umschlossen von der hoch gereckten Hand, im Mondlicht gesehen? Der W�chter setzte seinen Weg jedoch fort und verschwand, ohne sich umzudrehen, im Walddunkel.</p><p>Henri versuchte, sich aufzurichten. Er lag ung�nstig am Wagenrad, die Sparren dr�ckten in seinen Nacken. Aber wenn es ihm gelang, die Fu�fesseln zu l�sen, dann konnte er in Richtung Uthman laufen, der am anderen Ufer des Flusses Segre stehen musste. Er w�rde sich in den rei�enden Strudel werfen in der Hoffnung, dass der Sarazene zur Stelle war und ihn herausfischte.</p><p>Henri begann sofort mit der Arbeit. Schon hatte er sich in eine senkrechte Position gebracht. Er sah hin�ber zum Fluss. Das Zeichen war verschwunden. Im flackernden Rauch der ausgehenden Lagerfeuer, den eine leichte Brise zerzauste, sah er die Schl�fer, sie bewegten sich unruhig auf ihrer harten Lagerstatt, als ahnten sie etwas. Aber niemand erwachte.</p><p>Jetzt konnte Henri de Roslin sitzen. Langsam, St�ck f�r St�ck, um kein Ger�usch zu verursachen, zog er die Beine an. Als sie angewinkelt waren, schaffte er es, sich so weit vorzubeugen, dass sein Mund die Stricke ber�hrte. Sein K�rper schmerzte dabei, Muskeln und Sehnen streckten sich bis zum Zerrei�en. Aber er reichte dennoch nicht heran. Es fehlten ein paar Zentimeter.</p><p>Henri verschnaufte, er versuchte, seinen strapazierten K�rper mit den angespannten Muskeln zu lockern, dann probierte er es noch einmal. Es dauerte lange, bis seine Z�hne an den Stricken nagen konnten. Henri verbiss sich mit aller Kraft in die Fesseln. Es war m�hselig, und er atmete schwer. Bald schmeckte Henri Blut im Mund, aber er gab nicht auf. Faser f�r Faser zerriss unter seinem kr�ftigen Gebiss. Es gab jedes Mal ein leises, platzendes Ger�usch, zu leise, um von den W�chtern geh�rt zu werden.</p><p>Henri machte dennoch mehrere Pausen. Wenn sie ihn bei seiner T�tigkeit sahen, w�rden sie ihn bewusstlos schlagen � und die Fesseln verdoppeln. Dann war auch Uthman machtlos.</p><p>Es sei denn, Uthman war nicht allein.</p><p>War Joshua, der ihn aus Cordoba herbeigeholt haben musste, bei ihm? Oder andere M�nner? Henri konnte die bangen Fragen nicht beantworten.</p><p>Dann sah er das Zeichen wieder. Einen kreisenden, aus sich heraus leuchtenden Stein im Mondlicht. Nur ganz kurz. Henri biss die letzten Fasern des Strickes durch. Er spuckte Blut und Hanffetzen. Die Kn�chel schmerzten, die Haut war dort, wo die Stricke tief eingeschnitten hatten, aufgescheuert. Henri bewegte die Beine ein paar Mal, um das Blut besser zirkulieren zu lassen. Dann machte er sich zum Aufspringen bereit. Er blieb noch einen Moment sitzen, beobachtete die Schl�fer und wusste, dass der W�chter, der den Lagerplatz einmal ganz umrundete, erst wieder in einiger Zeit auftauchen w�rde. Er erhob sich geschmeidig, blieb geduckt stehen � und rannte los.</p><p>Als er den Fluss schon vor sich sah, h�rte er hinter sich Geschrei. Sie hatten seine Flucht bemerkt.</p><p>Henri lief um sein Leben. Hinter ihm brachen �ste und Zweige. Die Horde versuchte, ihn einzuholen. Von Uthman sah er nichts mehr. Er musste den Sprung in den rei�enden Fluss einfach riskieren! Dann hatte er das Ufer erreicht, lief, solange ihn die Fluten auf den Beinen lie�en, in das Wasser hinein � und wurde fortgerissen.</p><p>Er sp�rte die eisige K�lte des Wassers. In den ersten Momenten wurde er hinuntergedr�ckt, schluckte Wasser, stie� sich an gro�en Steinen auf dem Grund, wurde weitergewirbelt und drehte sich dabei im Kreis. Als er wieder auftauchte, schnappte er nach Luft, v�llig hilflos wirbelten ihn Strudel herum. Henri gab nicht viel f�r sein �berleben, aber in sich sp�rte er eine kurze Freude dar�ber aufblitzen, dass seine Verfolger ihn nun nicht mehr einholen konnten.</p><p>Er war frei!</p><p>Aber der Fluss Segre hielt ihn daf�r umso fester in seinen eiskalten Klauen.</p><p>Henri versuchte angestrengt, seinen K�rper unter Kontrolle zu bekommen. Es gelang ihm nicht. Ein Schrei l�ste sich aus seiner Kehle. Es war ein Schrei der Verzweiflung, aber auch der unb�ndigen Kraft, zu �berleben.</p><p>Henri k�mpfte gegen die st�rkeren Fluten. Er stie� mit Baumst�mmen zusammen, die den gleichen Weg nahmen � hinunter in die Ebene. An einem Katarakt war die Talfahrt j�h zu Ende.</p><p>Henri wurde erst gegen einen Felsen geschleudert und verlor f�r Momente das �Bewusstsein. Dann kam ein riesiger Baumstamm auf ihn zu, dessen abgebrochene �ste sich ihm wie Spie�e entgegenreckten. Der Baum verklemmte zwischen den Felsen, die sch�umendes, wei�es Wasser umsp�lte, er richtete sich auf, hielt sich in dieser Lage und beugte sich dann �chzend. Henri wurde dagegengeschleudert. Als er sich im Ge�st verhakte, sp�rte er pl�tzlich etwas Scharfkantiges, das gegen seine Arme dr�ckte. Die Kanten der abgebrochenen �ste waren spitz und hart. Henri begriff, das war seine Chance.</p><p>Er begann r�cksichtslos, die Handgelenke mit den Fesseln dagegenzureiben. Dass dabei die Haut in Fetzen ging, k�mmerte ihn nicht. Er sah, wie d�nne Blutf�den von seinen gemarterten Armen im wei�en Wasser davonschwammen. Gleichzeitig sp�rte er, wie sich der Baum gef�hrlich zu neigen begann. Er selbst hing mit den gefesselten H�nden im Ge�st fest. Wenn der Baum die Felsen des Kataraktes hinunterst�rzte, w�rde er ihn einquetschen und seine Glieder zerschmettern.</p><p>Henri arbeitete noch schneller. Der Baum neigte sich und �chzte lauter, als bereite ihm die Gewalt des Wassers Schmerzen. Dann merkte Henri, dass er selbst es war, der Schmerzenslaute ausstie�. Die Fesseln lockerten sich nicht.</p><p>Henri blickte einen Herzschlag lang hin�ber zum Ufer und glaubte, dort Gestalten zu sehen, die herumhuschten. Wenn dies seine Gef�hrten waren, dann konnten sie ihm nicht helfen. Er w�rde vor ihren Augen in die Tiefe gerissen werden und sterben! Henri k�mpfte gegen das Unheil. Er dachte: Wenn man sich wehren kann, wenn man k�mpfend untergeht, dann ist man in Gottes Hand. Aber es darf nicht sein, dass ich so erb�rmlich ende!</p><p>Er spannte die Muskeln seiner kr�ftigen Oberarme und des Brustkorbs an. Er f�hlte, noch einmal w�rde er diese enorme Kraftanstrengung nicht leisten k�nnen. Dann riss er mit aller Anspannung die Arme auseinander und schrie dabei so laut, als k�nnte sein Schrei zu einem Messer werden, das die Stricke durchschnitt.</p><p>Und sie rissen. Henris Arme schnellten nach vorn. Er war frei.</p><p>Henri drehte sich um, packte den Baumstamm. Er konnte nun verhindern, von den rei�enden Wassern fortgerissen zu werden, hangelte an dem langen, mit scharfen �sten gespickten Stamm entlang � und stie� sich ab. Er rutschte und fiel die glatten Steine des Kataraktes hinunter und tauchte unten tief in das str�mende Wasser ein. Die Wirbel schleuderten ihn bis auf den Grund. Er sah nichts au�er wei�em Schaum und aufgewirbeltem Kies. Algen hielten ihn an Armen und Beinen fest und rissen ab, gaben ihn wieder frei f�r die Fluten, die ihn jetzt an die Oberfl�che schleuderten.</p><p>Henri schnappte wieder nach Luft. Schon hatte der Sauerstoffmangel rote Kreise in seinem Kopf erzeugt. Er hustete, er spuckte Wasser, er ruderte mit den Armen. Jetzt konnte er halbwegs kontrollierte Schwimmbewegungen ausf�hren. Er nutzte das aus und schwamm mit kr�ftigen St��en vorw�rts.</p><p>Gleichzeitig f�hlte er langsam seine Kr�fte erlahmen. Die harten, tagelangen Bedingungen des Gefangenendaseins hatten ihn geschw�cht. Henri mobilisierte seine letzten Reserven. Er musste es schaffen, auch wenn die Wirbel ihn immer wieder zur�ckwarfen, das jenseitige Ufer zu erreichen! Dort war die Rettung!</p><p>Er k�mpfte mit erlahmenden Kr�ften. Dann sp�rte er, wie etwas neben ihm herschwamm. Wie einen Schatten, den ein gro�er Leib warf, sp�rte er den anderen. Harte F�uste packten ihn. In seine letzten Schwimmbewegungen hinein lenkten sie ihn in eine andere Richtung. Henri, der in den Strudeln die Orientierung verloren hatte, dachte, dorthin will ich nicht. Es ist nicht die Seite, auf der Rettung wartet. Aber dann ergab er sich. Er leistete keinen Widerstand mehr, weder gegen die Fluten noch gegen die F�uste.</p><p>Als Uthman ibn Umar ihn ans Ufer lenkte und Joshua ihn mit Hilfe der beiden Gef�hrten aus dem Wasser zog, konnte Henri de Roslin nur noch denken: Wie sch�n ist es, solche Freunde zu haben! Dann lag er auf der Seite und konnte sich nicht mehr r�hren.</p><p>Als er nach einer Weile langsam wieder zu sich kam, blickte er in ihre sorglosen Gesichter. Uthman, Joshua und zwei fremde Gesellen. Henri richtete sich �chzend auf.</p><p>�Wo bleibt ihr so lange? Ich dachte schon, wir sehen uns nie mehr wieder!�</p><p>Die anderen lachten. Und Henri fiel in ihr Lachen ein, bis es in ein Husten �berging.</p><p>Joshua sagte: �Der Christ lebt, es ist ihm nichts passiert, man merkt es sofort an seinen Vorw�rfen. So sind Christen.�</p><p>�So sind Tempelritter!�, warf Uthman ein. �Sie brauchen Feinde. L�sst man sie einen Moment allein � schon findet man sie im Scharm�tzel wieder. Ich dachte, du studierst in Toledo die Kabbala, mein Freund! Stattdessen tr�gst du einen Zweikampf aus mit dem wildesten Fluss im Norden Iberiens.�</p><p>�Ein Mann braucht Bew�hrungen, die ihm angemessen sind, ein Gelehrter werde ich deshalb nie�, entgegnete Henri. �Aber wer sind eure beiden Gef�hrten?�</p><p>Uthman stellte die jungen Sarazenen vor. Henri gab ihnen dankbar die Hand. Beide blickten ihn neugierig und respektvoll an, sagten aber nichts.</p><p>Joshua sagte: �Wir sollten gleich aufbrechen. Die Verfolger werden es zwar nicht wagen, diesen Fluss zu �berqueren. Aber ihre Pfeile k�nnten ihn �berwinden.�</p><p>Henri blickte zur�ck. �Wie weit war ich in diesem H�llenfluss unterwegs?�</p><p>�Ungef�hr zweitausend Schritt, eine halbe <emphasis>legua.</emphasis> Sie werden bald hier sein.�</p><p>�Stellen wir uns zum Kampf!�, schlug Uthman vor. �Es kann doch h�chstens ein Dutzend M�nner sein!�</p><p>�Das stimmt. Aber Ferrand de Tours ist darunter. Er k�mpft f�r drei.�</p><p>�So war er es tats�chlich, der dich �berfiel!�, sagte Joshua. �Wir dachten es uns. Du musst uns berichten, was seit Toledo geschah.�</p><p>�Das werde ich. Und wir werden gegen die Meute k�mpfen. Aber nicht hier und nicht jetzt. Wir w�hlen uns einen besseren Kampfplatz aus. Sie werden weiter reiten nach Frankreich, auch ohne mich zu haben. Ich nehme an, sie werden in Avignon versuchen, ein Todesurteil gegen mich zu erwirken, um mich jederzeit beseitigen zu k�nnen. Ferrand ist rachs�chtig, er wird nicht aufgeben.�</p><p>�Der Mann ist wie ein Bluthund, der einmal die F�hrte aufgenommen hat!�, meinte Uthman. �Deshalb werden wir ihn auch t�ten m�ssen � egal wo. Es muss nur sein, bevor er in Avignon neues Unheil gegen dich erwirken kann.�</p><p>�Oder bevor er auf seinem Weg nach Avignon eine weitere blutige Spur durch die Judengemeinden ziehen kann!�, warf Henri ein. �Er haust dort wie ein Berserker.�</p><p>Joshua war blass geworden. �Dann stellen wir ihn schon in der n�chsten Stadt, die eine <emphasis>Aljama</emphasis> besitzt und auf dem Weg liegt! Eine solche Bestie hat kein Lebensrecht!�</p><p>Joshua hatte Henris Reittier Barq am Z�gel mit sich gef�hrt. Henri streichelte die N�stern des stolzen Hengstes und fl�sterte seinen Namen. Barq warf den Kopf, als antworte er.</p><p>Sie brachen schnell auf. Der Mond verschwand hinter Wolken, lie� aber genug Licht, um ihnen den Weg aus dem Wald herauszuweisen. Sie ritten voraus, weil sie jetzt zu wissen glaubten, wo sie auf Ferrand und seine Leute warten mussten.</p><empty-line/><empty-line/><p>Es wurde nicht so einfach, wie Henri und seine Gef�hrten es sich ausgedacht hatten. Aragon war ein unwegsames Land. Und seine Bewohner befanden sich im Aufruhr. Die Mahnrufe vom bevorstehenden Untergang der Christenheit, die Glaubensfanatiker �berall verk�ndeten, versetzten alles in Angst und Schrecken. Und niemand schien sich im Angesicht des drohenden Untergangs noch an die Regeln �berlieferter Menschlichkeit und Moral halten zu wollen.</p><p>Die Gef�hrten verloren Ferrand und seine Leute aus den Augen. Er kam nicht. Es schien so, als seien die M�nner vom Erdboden verschluckt worden. Offenbar hatte die Horde einen Umweg genommen, um ihnen auszuweichen. Der Franzose wollte sich dem Kampf nicht stellen. Sie sahen schlie�lich ein, dass Ferrand de Tours sich nicht in ihrem R�cken, sondern bereits weit vor ihnen befinden musste.</p><p>Immerhin wurden Henri und seine Freunde aber auch nicht von ihm verfolgt. Sie mussten keinen Hinterhalt f�rchten.</p><p>Bald begegnete ihnen die blutige Spur, die der Judenfeind durch das Land zog. In Martinet, noch am Ufer des Segre, kurz bevor die flache Landschaft Aragons in die steil aufragenden Riesen der Pyren�en �berging, stand Rauch am Himmel. Henri wusste sofort, was das bedeutete. Die Zeichen wiederholten sich.</p><p>Henri sp�rte beinahe so etwas wie Bewunderung f�r den Franzosen � er fl�chtete vor ihnen, aber f�r seinen Hass gegen die Juden besa� er dennoch genug m�rderische Kaltbl�tigkeit.</p><p>Sie vermieden es, in Martinet einzureiten, obwohl es Joshua zu der gef�hrdeten <emphasis>Aljama</emphasis> hinzog. Am n�rdlichen Ausgang der Ortschaft, dort, wo die Wege sandig waren und bald auch von Hochmooren feucht wurden, fanden sie die Spuren der Reiter. Die Abdr�cke der Hufe ver�nderten sich im gewissen zeitlichen Abstand, daraus schlossen die Verfolger, dass Ferrands Leute st�ndig die Pferde wechselten. In einem flachen Teich fanden sie den Karren, den die M�nner einfach stehen gelassen hatten, weil sie keinen Gefangenen mehr zu transportieren hatten. Und in der N�he sechs erschlagene Pferde, deren man sich wahrscheinlich entledigt hatte, weil sie �heruntergeritten� waren, wie Uthman es ausdr�ckte. Offenbar hatte es Ferrand eiliger, als sie angenommen hatten, nach Frankreich zu gelangen.</p><p>Bei Molina suchten sie eine Schlucht, die sie durch die Berge f�hrte, so vermieden sie den Ritt �ber die P�sse. Aber dann stiegen die Pfade doch an. Wenn man nicht weiter nach Osten, zum Meer hin, ziehen wollte, wo es Handelsstra�en direkt am Strand entlang gab, musste man Aufstiege in Kauf nehmen.</p><p>Ferrand blieb unsichtbar, er schien zu fliegen. Henri wusste, dass seine restlichen Reittiere diese Hatz nicht lange durchhalten konnten und bei jeder Gelegenheit gewechselt werden mussten. Er und seine Gef�hrten waren auf ihre Pferde angewiesen und konnten deshalb nur langsam und stetig weiterreiten, um den Franzosen schlie�lich irgendwo einzuholen.</p><p>Aber Ferrand de Tours war mit allen Wassern gewaschen, und Henri mutma�te immer st�rker, man w�rde ihn erst in Avignon sehen, wo Ferrand eine gr��ere �bermacht gegen die Verfolger stellen konnte, die er offenbar f�rchtete.</p><p>Als die Gef�hrten sich Saillagouse, wo man schon Franz�sisch sprach, n�herten, blickten sie �ber das Land. Ferrand und seine Leute waren nicht zu sehen. Eine Grenzkontrolle gab es nicht. Sp�ter sollten sie erfahren, warum. Der Weg f�hrte eine Weile einen Berg empor und dann ins Tal. Unten l�uteten Kirchenglocken, man feierte das Fest zum Ged�chtnis der Schmerzen Marias.</p><p>Henri h�tte dieses Fest seiner Schutzpatronin gern mitgefeiert, gerade auch deshalb, um die erhabenen christlichen Gef�hle nicht solch schlechten Christen wie Ferrand de Tours zu �berlassen. Aber es blieb keine Zeit. Und so murmelte er nur im Gebet: �Du hast sie aus allen Menschen erw�hlt und gesegnet vor allen Frauen. In ihr leuchtete auf die Morgenr�te der Erl�sung. Sie hat uns die Sonne der Gerechtigkeit geboren. Amen.�</p><p>�Was sagst du?�</p><p>Henri sah zu Joshua hin�ber. �Es sind die Marientage. Aber an das Fest der sieben Schmerzen der seligen Jungfrau darf ich h�chstens einmal denken.�</p><p>�Du holst alle deine Feste nach, wenn wir in Avignon sind.�</p><p>Henri verkn�pfte mit der Stadt der P�pste zu ungute Erinnerungen, um ihm frohen Herzens zustimmen zu k�nnen.</p><p>�Nein!�, rief Uthman in diesem Moment, �wir feiern, wenn wir Ferrand haben. Denn schaut einmal voraus! F�r was haltet ihr diesen Anblick dort?�</p><p>Verbl�fft starrten Henri und Joshua auf das, was sie in der Ferne zu sehen bekamen. Auf einer Anh�he, dort, wo sich ein Schwarm Kr�hen zu sammeln schien, den Joshua ebenso f�rchtete wie den Tod, denn diesen brachten die aasfressenden V�gel gew�hnlich mit sich, dort stand pl�tzlich, wie eine Mauer, eine Reihe von K�mpfern.</p><p>Ihre Umrisse hoben sich gegen die Sonnenstrahlen ab. Ein Lichtkranz schien sie zu umspielen.</p><p>�Ferrand?�</p><p>�Wohl kaum.�</p><p>�Wer dann?�</p><p>�Wir werden es gleich erfahren. Sie kommen n�her.�</p><p>Die Fremden ritten in breiter Reihe heran. Sie trugen Piken und Schwerter. Und sie schienen keine Eile zu haben. Als sie auf schnaubenden Pferden vor den Gef�hrten hielten, ein Dutzend hagerer Gestalten mit finsteren Blicken, hob Henri die Hand zum Gru�.</p><p>�Gott mit Euch! Auf welchen Wegen seid Ihr?�</p><p>Ein Reiter, offenbar der Anf�hrer, trieb sein staubbedecktes Pferd mit einem Schenkeldruck aus der Reihe nach vorn. �Wir sorgen f�r Ordnung. In Frankreich herrscht das Chaos, und an der Grenze flie�t Blut. Die Grenzwachen sind von einer durchziehenden Horde get�tet worden.�</p><p>Ferrand!, dachte Henri. Und er sagte: �Wir verfolgen ein Dutzend M�nner auf schnellen Pferden, die in Iberien Unheil unter den Judengemeinden angerichtet haben. Sie werden die M�rder gewesen sein.�</p><p>�Wer sind diese Unholde?�</p><p>Henri machte eine unbestimmte Geste. �S�ldner der franz�sischen Bastarde, die sich inzwischen um die Krone balgen.�</p><p>�Das habt Ihr richtig ausgedr�ckt, mein Freund�, sagte der grimmige Soldat, �denn in Frankreich k�mpft nach dem Tod Philipps jeder gegen jeden.�</p><p>Dann war meine Tat nicht segensreich f�r das Land, musste Henri denken. Das habe ich wahrlich nicht gewollt. Ich dachte, dass nach dem Tod Philipps alles besser werden w�rde.</p><p>Er fragte weiter: �Kann man sich noch immer nicht auf einen Nachfolger einigen?�</p><p>�Der zehnte Ludwig f�hrt die Gesch�fte, aber er ist ein schwacher Kandidat, daneben ist Johann und sind Philipps S�hne auf dem Sprung. Wer es schlie�lich macht, bleibt offen. Und bis dahin versinkt das Land in Wirren.�</p><p>Henri nickte. �K�nnt Ihr uns den besten Weg durch die Pyren�en zeigen? Wir sind in Eile.�</p><p>Der Soldat wies hinter sich in die H�hen. �Den Weg dort, auf dem wir kamen, weiter bis Puigmal, es geht aber auf Ziegenpfaden �ber die hohen Gipfel. Anderswo sind die Pyren�en allerdings noch gewaltiger. Dann folgt Ihr zwei Tage lang den Ger�llwegen bis Saint Martin und kommt in die Ebene. Erst vor Quillan steigt die Landschaft wieder an.�</p><p>�Ich danke Euch!�</p><p>Man verabschiedete sich mit sparsamen Gesten voneinander. Als Henri sich im Sattel umwandte, standen die Soldaten noch immer unbeweglich da, als misstrauten sie ihnen. Die Bewaffneten waren nicht gerade vertraueneinfl��end, aber immerhin eine Ordnungsmacht. Ganz ohne Gesetz war Frankreich also nicht.</p><p>Die Wege waren so, wie der Soldat es beschrieben hatte. Und immer behielten sie Ferrands Spuren im Blick � aber der Franzose schien weiterhin wie auf Zauberrossen vor ihnen herzufliegen.</p><p>Kurz hinter Puigmal begann der steinige Weg absch�ssig zu werden. Nachdem sie mehrere Meilen zur�ckgelegt und dabei h�ssliche, primitive Weiler am Hang aus windschiefen St�llen passiert hatten, in denen sich kein Leben r�hrte, kamen sie in einem Ort an, der ohne Namen war. Das lag, wie sie von einem Anwohner erfuhren, daran, dass mehrere durchziehende Armeen die Bewohner immer wieder zum Umtaufen gezwungen hatten. Jetzt wollten sie lieber in einem namenlosen Ort wohnen.</p><p>Auf dem Gipfelplateau wehte nach dem Aufstieg �ber Serpentinen ein eisiger Wind. Hier lag noch Schnee. Die Aussicht �ber Grate, Bergkl�fte, wei� best�ubte Baumwipfel, hinabst�rzende B�che an den H�ngen und gr�nbraune Ebenen zwischen den Gipfeln war so atemberaubend, dass Henri f�r Momente den ernsten Grund seines Hierseins verga�. Wolkenformationen zogen rasch dahin oder quirlten in sich, Licht durchpulste die Nebelschleier wie ein inneres Herz. Etwas wie Pathos, das ihn erschauern lie�, umwehte die H�hen und senkte sich tief in Henris Geist und Gem�t. Auch seine Gef�hrten zeigten sich beeindruckt. Henri musste aber auch denken, dass die Berg-massive, die so unf�rmig und doch so erhaben �ber die gew�hnliche Gleichm��igkeit der Natur hervorragten, den Menschen bei ihrem Anschauen zu dem verkleinerten, was er wirklich war. Kaum mehr als ein Staubkorn im Wind.</p><p>Seine Versenkung wurde jedoch abgel�st von den Gedanken an die Aufgabe, die sie erwartete.</p><p>Sie wagten beim Weiterreiten manchmal nicht, in die Tiefe zu schauen, in der die Felsen zusammenzuwachsen und alles zu zerquetschen schienen. Schlie�lich erreichten sie jedoch wieder die schneefreie Zone. Dort lag eine winzige H�tte, in der hei�es Schneewasser ausgeschenkt wurde. Der Bedienstete erz�hlte ihnen, dass gut drei�ig Stunden zuvor ein Dutzend M�nner die Pferde getauscht h�tte.</p><p>�Die alten haben sie dagelassen?�</p><p>�Ihr k�nnt sie hinter dem Haus anschauen, ihr Zustand ist erb�rmlich.�</p><p>Auf dem weiteren Weg kamen sie an einem H�hensee vorbei, der nicht vereist war, warmer Dunst stieg aus seinen Tiefen auf. Ein zweiter See zeigte sich sp�ter. Und an seinem Ufer lag unvermutet ein Gasthof, in dem es frisch gefangene Forellen gab. Henri und die Seinen beschlossen, eine Rast einzulegen, und sie hatten das Gef�hl, noch nie etwas �hnlich K�stliches gegessen zu haben wie die gebratenen Fische dieser Locanda. Ihr Hunger nach all den Strapazen w�rzte sie auf unnachahmliche Weise.</p><p>Die Nacht verbrachten sie wegen der K�lte dicht an dicht auf Strohs�cken. Es war unbequem, und es stank nach den Ausd�nstungen vieler Durchziehender, die vor ihnen hier gewesen waren. Und doch schliefen die vier M�nner traumlos und erwachten erst kurz vor Sonnenaufgang.</p><p>Jetzt ging es an Gletschern und Gipfeln vorbei, deren Spitzen nicht nur in die Wolken ragten, sondern mit dem Himmel selbst in Ber�hrung zu kommen schienen. Joshuas Fuchs lahmte, konnte aber nach einer angemessenen Pause weitertraben. Ein langer Bergbach, der nach S�den abfloss, diente ihnen einen Tag lang als Orientierung.</p><p>In der N�he von Saint Martin lag ein Kloster, in dem Zisterzienser ihr karges Dasein fristeten, von denen niemand �lter als drei�ig war, weil die �lteren den strengen Winter in den H�hen nicht �berstanden h�tten. Henri erinnerte sich wehm�tig an bessere Zeiten, als er mit den Zisterziensern noch freundschaftlichen Umgang gepflogen hatte. Der heilige Bernhard von Clairveaux hatte einst die gemeinsamen Ordensregeln f�r die M�nche und auch f�r den Templerorden erdacht. Vor dem Kloster, an dem sie jetzt kurz hielten, st�rzte der Bach, der auf seinem Weg durch tauenden Schnee angereichert worden war, j�h zu Tal. Sein Get�se wurde als Echo von Felsen und Schluchten zur�ckgeworfen.</p><p>Die Reiter kamen wieder an gef�hrlichen Abh�ngen vorbei, auf Felsvorspr�ngen zeigten sich wilde Ziegen und einmal zwei zottlige Braunb�ren. Einmal mussten sie �ber eine schwankende Br�cke, die aus nichts als zusammengebundenen Kieferst�mmen bestand. Jetzt konnten sie nur auf Gott und ihre sicheren Reittiere vertrauen, die sie hinter sich am Z�gel herf�hrten. Henri rief seinen Gef�hrten zu, sie h�tten doch lieber den Weg zum Meer suchen sollen, doch die winkten nur ab und ritten mutig weiter. Wenig sp�ter fanden sich die ersten trockenen Moosflechten auf dem Stein, danach sp�rliche L�rchen und Tannen.</p><p>Hinter Saint Martin, einem Bergdorf mit gelben H�usern, das von den Felsen schier erdr�ckt wurde, mussten sie ihre Pferde erneut ausruhen lassen. Es fiel ihnen auf, dass viele Dorfbewohner monstr�se Kr�pfe und fleischige Zysten unter dem Kinn hatten, einige so gro�, dass sie mit einem zusammengebundenen Leinenstreifen unter dem Kinn gehalten werden mussten.</p><p>�Sie kennen die �rztliche Kunst der Sarazenen und Mauren nicht�, meinte Uthman.</p><p>�K�nnte man den Bedauernswerten helfen?�</p><p>�Nat�rlich! Allah ist gro�! Und seine �rzte operieren mit seiner Weisheit!�</p><p>Wieder ging es an einem herabst�rzenden Fluss entlang, und sie kamen nach Querigut. Von dort �ber den n�chsten Pass war es nicht mehr so gef�hrlich, der Berg besa� nun feste Stra�en, die f�hrten nach Quillan hinunter, einer lebendigen Stadt an einem kleinen See.</p><p>Die Pferde wurden an einer daf�r gebauten Station mit einem weitl�ufigen Stall versorgt, man rastete erneut einen halben Tag.</p><p>Und am n�chsten Morgen war, mitten im September, der Winter da!</p><p>Es schneite zwei Tage lang. Ein b�iger Wind trieb die dicken Flocken vor sich her. Als die Gef�hrten sich schon auf einen l�ngeren Aufenthalt einrichteten, h�rte der Schnee auf. Und am n�chsten Morgen stand pl�tzlich eine warme, strahlende Sonne an einem klaren Himmel. Es roch wieder nach Sp�tsommer. Henri trieb die Gef�hrten an.</p><p>Am Fu� der Pyren�en war der Sommer noch im vollen Gange. Und sie konnten es kaum glauben, als ein alter Mann an einer Pferdestation sie warnte: �Die Stra�e nach Carcassonne wird von einer Bande Quillaneser R�uber beherrscht! Sie verlangen L�segeld, morden und rauben! Die Seuche, die gerade nach Westen abgezogen ist, soll zur�ckkehren und sie dahinraffen!�</p><p>�Aber wie kommen wir dann nach Carcassonne?�, wollte Henri wissen.</p><p>�Ihr m�sst noch einmal in die Berge. Weicht aus �ber diesen Pass dort. Es ist der einzige Weg, der in den Bergen von West nach Ost f�hrt, und die R�uber benutzen ihn bestimmt nicht, denn dort bewegt sich sonst niemand vorw�rts, der �ber die Pyren�en heruntergekommen ist. Nehmt den Pass!�</p><p>�Noch einmal in die Berge?�, sagte Joshua zweifelnd.</p><p>�Aber es ist sonst zu gef�hrlich�, beharrte der Alte.</p><p>�Wir m�ssen diesen Weg nehmen, um die R�uber zu umgehen�, meinte auch Uthman. �Wir k�nnen uns ein Scharm�tzel nicht leisten. Schon jetzt haben wir Schwierigkeiten, den Spuren Ferrands zu folgen.�</p><p>�Wir werden sie g�nzlich verlieren, wenn wir den Umweg nehmen. Denn Ferrand wird R�ubern nicht ausweichen.�</p><p>Henri blickte Joshua an. �Ich denke, auch Ferrand wird keine Schlacht mit Wegelagerern riskieren. Wir werden seine Spur nicht verlieren.�</p><p>Die n�chste Nacht verbrachten sie in schlechter Stimmung. Denn es war in der H�he wieder eiskalt, und nach den warmen Temperaturen in der Ebene sp�rten sie das besonders.</p><p>Zwei Tage lang zogen sie in halber H�he durch ein Gel�nde, das karg und einsam war. Aber jeden Abend erreichten sie ein kleines Dorf von Bergbauern, in dem es Trinkwasser, Brot und K�se gab und obendrauf noch Erkl�rungen �ber den genauen weiteren Weg. Und sie erfuhren, dass auch Ferrand und seine M�nner vor ihnen die gleiche Strecke geritten waren.</p><p>Wie Henri vorausgesagt hatte, verloren sie die Spur Ferrands nicht. Sie folgten ihr jetzt langsam, ohne die eigentliche Absicht, den Franzosen in den un�bersichtlichen Bergen einzuholen. Denn sie waren �bereingekommen, dass es besser w�re, ihn in der Ebene zum Kampf zu stellen.</p><p>�Dort gibt es eine offenere, ehrlichere Kampfstrategie�, hatte Henri gemeint, �ich hasse Hinterhalte.�</p><p>Am dritten Tag stiegen sie hinunter in flaches Land. Sie erreichten einen bl�henden Hain mit fremdartigen Stauden und wussten, dass es ihnen gelungen war, die R�uberbande zu umgehen.</p><p>Und dann, es war ein milder, duftender Sommerabend, standen sie urpl�tzlich Ferrand und seinem Haufen gegen�ber.</p><p>Jetzt bewiesen die beiden jungen K�mpfer in Uthmans Begleitung, die sich bisher scheu und zur�ckhaltend gezeigt hatten, was in ihnen steckte. Bevor Henri auf das unerwartete Auftauchen seiner Feinde reagieren konnte, hatten die Sarazenen gehandelt. Sie gaben ihren Pferden die Z�gel und preschten zu beiden Seiten davon. So eine Zange bildend, waren sie bald hinter Waldst�cken verschwunden. Und Henri bemerkte, wie Ferrands M�nner unruhig wurden, ihre Reittiere b�umten sich auf. Dann kam der Haufen auf sie zu.</p><p>Jetzt begriffen die Gef�hrten auch, warum sie Ferrand ausgerechnet hier begegneten. Die Flucht des Franzosen war durch eine Attacke von unbekannter Seite gest�rt worden. Denn hinter dem H�gel tauchten in diesem Moment mehrere Reiter auf, die Ferrands M�nner zu verfolgen schienen.</p><p>Die Freunde berieten sich kurz. �Ferrand sitzt in der Falle. Aber wer sind die anderen?�, rief Uthman.</p><p>�Lassen wir sie n�her herankommen�, sagte Henri. �Joshua, halte dich hinter uns! Uthman und ich, wir werden sie empfangen.�</p><p>Mit gez�ckten Kurzschwertern, von denen Uthman vier im G�rtel hatte, richteten sich Henri und der Sarazene auf die anst�rmenden Gegner aus. Sie sahen, wie ihre beiden jungen sarazenischen Gef�hrten auf H�geln zu beiden Seiten auftauchten. Sie z�gelten ihre Pferde und z�gerten mit dem Angriff. Offenbar wussten sie nicht, wen sie angreifen sollten, und als die Verfolger Ferrands n�her kamen, begriff Henri sofort, warum. Es waren w�ste Gestalten, ebenso wild und verwahrlost wie Ferrands Leute.</p><p>�Sie sind vom gleichen Kaliber�, rief Henri Uthman zu. �Wenn sie sich verb�nden, k�nnen wir einpacken.�</p><p>�Sie werden Ferrand nicht ohne Grund verfolgt haben!�</p><p>Erst jetzt schien Ferrand de Tours begriffen zu haben, auf wen er und seine M�nner zuhielten. Sie stoppten j�h ihre Pferde, Sand spritzte auf, die Pferde schnaubten und stiegen mit den Vorderhufen empor.</p><p>�Jude!�, schrie Ferrand. �Du bist es! Habe ich dich immer noch in meinem Pelz!�</p><p>�Ferrand, gib auf!�, rief Henri zur�ck. �Du sitzt in der Falle.�</p><p>Ein Hohnlachen war die Antwort. Ferrand gab seinem Tier die Sporen und raste auf Henri zu. Hinter ihm her preschte die wilde Meute seiner Gesellen. Henri sah aus den Augenwinkeln, dass die beiden jungen Sarazenen sich klug verhielten. Sie setzten sich zwischen Ferrands Leute und ihre fremden Verfolger und hielten sie auf.</p><p>�So ist es richtig�, knurrte Henri. �Immer eins nach dem anderen.�</p><p>Er hob das Schwert h�her.</p><p>Ferrand preschte auf ihn zu, er schwang ein Langschwert und holte jetzt weit aus. Als er neben ihm war, schlug er zu. Henri rollte sich im letzten Moment zur Seite und entging dem Schlag. Als Ferrand wendete und erneut heranpreschte, hatten Henri und Uthman Feinde an zwei Fronten. Henri wischte einen Angreifer vom Pferd, der blieb regungslos auf dem Boden liegen. Uthman war in seinem Element, er focht mit zwei Schwertern in beiden H�nden und m�hte die Angreifer f�rmlich nieder. Henri musste noch einmal zur Seite springen, als Ferrand kam, aber diesmal duckte er sich nur. Und er griff nach dem Feind, noch w�hrend dieser, f�r einen Moment schutzlos, vom Schwung des Schwerthiebes weiter getrieben, ihm den R�cken zukehrte.</p><p>Henri ergriff das Panzerhemd Ferrands und riss den Feind vom Pferd. Ferrand fiel, aber er lie� das Schwert nicht fallen.</p><p>Henri stand ihm nun im Zweikampf gegen�ber. Und noch w�hrend Uthman weiter Hieb um Hieb f�hrte und die beiden jungen Sarazenen in der Ferne mit Ferrands Verfolgern verhandelten, f�hrte Ferrand den ersten Schlag.</p><p>Der Franzose verstand sein Handwerk. Seine Hiebe mit dem m�chtigen Schwert fielen dicht, und er legte dahinter solche Wucht, dass Henri, der kein Schild besa�, sie nur mit M�he parierte. Henri wusste, gegen diese m�chtige Waffe hatte er nur eine M�glichkeit, wenn die Kraft des K�mpfers erlahmte. Er hatte es im Heiligen Land oft genug erlebt, wie �berlegene Gegner von listigen geschlagen worden waren. Also k�mpfte er abwartend, schnell, gewitzt. Und parierte die furchtbaren Schl�ge ausdauernd.</p><p>Dann kam sein Moment.</p><p>W�hrend Uthman im Hintergrund mit den letzten beiden S�ldnern rang, sich das Blut aus dem Gesicht wischte und erneut Kampfposition einnahm, merkte Henri, wie Ferrand langsamer wurde.</p><p>�Nun, Judenhasser, jetzt kommt die Stunde der Abrechnung!�</p><p>Ferrand heulte auf. In grenzenlosem Hass sprang er auf Henri zu und hieb auf ihn ein, offenbar noch immer im Vollbesitz seiner Kr�fte. Henri schien sich get�uscht, seinen Gegner untersch�tzt zu haben, denn der focht weiter wie ein Berserker.</p><p>Aber dann, nach einem weiteren, furchtbaren Hieb, senkte Ferrand pl�tzlich das Schwert. Er rammte es in den Waldboden und st�tzte sich darauf. Keuchend blieb er stehen, sein schwei��berstr�mtes Gesicht war bleich. Er war am Ende.</p><p>Henri ging langsam auf ihn zu. Er wusste, Ferrand w�rde bis zum letzten Moment ein wildes Tier bleiben. Und tats�chlich versuchte es Ferrand noch einmal. Mit einem Schrei riss er das Schwert empor und lie� es auf Henri niedersausen. Aber der war gewarnt. Er sprang zur Seite, gelangte in Ferrands Flanke, und w�hrend der vom Fehlhieb mitgerissen nach vorn taumelte, schlug ihm Henri mit der flachen Seite seines Kurzschwertes in die Beine.</p><p>Ferrand st�rzte wie ein gef�lltes Monument zu Boden. Seine R�stung auf Brust und Gliedern rasselte und krachte.</p><p>Seine Waffe entglitt seinen H�nden. Und dann stand Henri �ber ihm und setzte sein Schwert an die Kehle des Todfeindes.</p><p>In diesem Moment h�rte Henri einen Warnruf Uthmans. Aber er k�ndigte keine Gefahr an, sondern galt allein ihm.</p><p>�Tue es nicht!�, schrie Uthman. �Sein Tod ist keine L�sung!�</p><p>Henri h�rte die Worte wohl. Aber das Bild, das sich ihm bot, sprach eine andere Sprache. Vor ihm lag der Mann, der so viel Unheil �ber ihn gebracht und ihn in Frankreich verleumdet hatte. Der ihn get�uscht hatte. Der eine Spur der Verw�stung durch die Judengemeinden des Landes gezogen hatte. Eine Ausgeburt. Henri wollte ihn ausl�schen. Es war zu verlockend. Ein einziger gezielter Sto�, und der Menschheit drohte eine Gefahr weniger. Henri fasste sein Schwert fester.</p><p>�Mein Freund�, sagte Uthman dicht neben ihm, �wir k�nnen nicht f�r die Vers�hnung der Menschen k�mpfen, wenn wir unsere H�nde unn�tig mit Blut besudeln. Du besch�digst dich selbst, wenn du ihn t�test.�</p><p>Henri lockerte seinen Griff wieder.</p><p>Er wusste, der Sarazene hatte Recht. Er blickte dem Gef�hrten, der �ber und �ber mit Blut bespritzt war, in die Augen. Darin verl�schte gerade die Kriegswut, und ein trauriger Schimmer kam zum Vorschein.</p><p>Als Henri sich umwandte, erblickte er die get�teten Gesellen Ferrands, keiner bewegte sich mehr. Dann sah er, wie die anderen Reiter n�her kamen, angef�hrt von den beiden jungen Sarazenen. Auch Joshua war neben ihnen, seine Brille verrutscht. Henri sagte zu dem Juden: �Binde Ferrand so, wie er mich gebunden hat.� Dann ging er gemeinsam mit Uthman den Ankommenden entgegen.</p><p>�Wer sind sie?�, rief Uthman den jungen Sarazenen zu.</p><p>�Sie raubten eine Aljama aus, da kam ihnen der Franzose in die Quere!�</p><p>Uthman und Henri blickten sich an.</p><p>�Wir k�nnen wirklich von Gl�ck sagen, dass sie sich nicht gegen uns verb�ndet haben�, sagte Henri leise.</p><p>�Es sind nur zehn. Wir nehmen es gegen sie auf�, erwiderte Uthman.</p><p>�Ich bin den Kampf m�de, vielleicht k�nnen wir uns mit ihnen einigen.�</p><p>�Mit Judensch�ndern?�, schrie Joshua auf.</p><p>�Lass uns h�ren, was sie fordern.�</p><p>Die Reiter kamen n�her. Die beiden jungen Sarazenen machten Platz, und so konnten sich die Ank�mmlinge vor Henri und Uthman aufbauen. Sie trugen eine Kleidung, die aus Fundst�cken aller Schichten und Glaubensgemeinschaften zusammengesetzt war. Am meisten st�rte Uthman und Henri, dass einige flache Judenm�tzen auf den K�pfen trugen, die sie sicher von Get�teten erbeutet hatten. Ihr Gehabe dr�ckte Unversch�mtheit und Rauheit aus. Der Anf�hrer war ein dunkelh�utiger Mann, dessen Bart verfilzt und dessen Gesicht von Narben zerfurcht war, seine Augen blitzten.</p><p>�Gebt uns den da heraus, dann lassen wir euch leben�, sagte er in provencalischer Sprache.</p><p>Henri lachte mit dem wohlt�nenden Bariton seiner lauten Stimme. �Ihr k�nnt von Gl�ck reden, wenn wir es sind, die euch wieder abziehen lassen!�</p><p>Verdutzt blickte der R�uber ihn an. �Was sind das f�r kuriose Worte? Seht ihr nicht, dass wir euch haushoch �berlegen sind? Wir nehmen uns, was wir wollen!�</p><p>�Ich bin Tempelritter, mein Freund. Und an meiner Seite ist ein kampferfahrener Sarazene. Wenn wir im Heiligen Land erfolgreich gegen eine zehnfache �bermacht k�mpften, glaubt ihr, wir k�nnten uns nicht gegen euch behaupten?�</p><p>�Versucht es doch!�</p><p>Die Pferde t�nzelten nerv�s.</p><p>�Vorsicht, Henri!�, zischte Uthman zwischen den Z�hnen hervor.</p><p>�Gebt uns den da heraus!� Wieder wies der Anf�hrer mit dem Schwert auf Ferrand.</p><p>Henri blickte zur�ck, wo Joshua den Franzosen inzwischen gebunden und einen Fu� auf ihn gesetzt hatte.</p><p>�Geben wir ihnen Ferrand, was liegt uns an dem Judenhasser!�, zischte Uthman.</p><p>�Nein. Das w�rde Ferrand mit mir machen. Ich will nicht ehrlos handeln wie er, nur um meine Haut zu retten. Sie w�rden ihn zerfleischen.�</p><p>�Nun, und?�</p><p>�Uthman!�</p><p>�W�lfe zu W�lfen!�</p><p>�Also! Gebt ihr ihn freiwillig heraus?�</p><p>Ferrand wimmerte im Hintergrund.</p><p>Henri sagte mit ruhiger Stimme: �Ferrand geh�rt allein mir. Ich will dir nicht erkl�ren m�ssen, warum. Es ist eine l�ngere Geschichte von Vertrauen und Verrat. Stellt eine andere Forderung � oder trollt euch.�</p><p>Der Anf�hrer schien mit diesem festen Widerstand nicht gerechnet zu haben. Er zog am Z�gel und lie� sein Pferd einmal auf den Hinterl�ufen um die eigene Achse kreisen. Unschl�ssig starrte er dann Henri an.</p><p>�Nun gut. Wir holen ihn uns, wenn der Zeitpunkt daf�r g�nstig ist. Von jetzt an werdet ihr keine ruhige Minute mehr haben. Wir kriegen euch, wenn ihr nicht mit uns rechnet! Einen angenehmen Tag noch, Freunde!�</p><p>Hohnlachend machte er kehrt und ritt mit seinen Gesellen im wilden Galopp davon.</p><p>�Die sind wir los, aber wohl nicht lange�, meinte Henri aufatmend.</p><p>�Was stellen wir mit Ferrand an, Henri?�, wollte Joshua wissen. �W�re es nicht wirklich besser gewesen, ihn auszuliefern? Dann sind wir ihn ein f�r alle Mal los.�</p><p>Henri hatte einen Plan gefasst. �Wir nehmen ihn mit. Ich will, dass er in Avignon die Wahrheit sagt. Ich will, dass der Haftbefehl gegen mich zur�ckgenommen wird. Und dass die Juderia in Toledo von allen Anschuldigungen entlastet wird. Sonst leben dort alle weiter in Todesgefahr. Wir brauchen Ferrand also lebend, er ist unser wichtigster Zeuge!�</p><p>Die anderen brummten widerstrebend, aber letztlich zustimmend. Und einer der jungen Sarazenen sagte: �Wir ruhen uns tags�ber aus und reiten nachts. So sind wir am besten gegen �berf�lle gesch�tzt. Wie lange brauchen wir bis Avignon?�</p><p>�Sechs Tage�, sch�tzte Joshua. �Und du willst wirklich in die Stadt deiner Feinde, Henri? Glaubst du, dort Gerechtigkeit zu finden?�</p><p>�Um zu erreichen, was zu erreichen ist, muss ich es wagen. Unser Bruder Bernhard sagte: Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserw�hlt. Er zitierte damit das Tempelgleichnis des heiligen Augustinus, in dem dieser die tief gl�ubigen, auserw�hlten Menschen Steine nannte, mit denen der neue Tempel Gottes gebaut werden w�rde. Wir sind solche Auserw�hlte, man rechnet mit uns � ob wir es wollen oder nicht. Wir d�rfen keiner Gefahr ausweichen.�</p><p>Joshua seufzte. �D�rfen Auserw�hlte auch Angst haben?�</p><p>�Nat�rlich. Aber sie d�rfen ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren.�</p><p>�Das sagt sich leicht. Aber was hei�t das in unserem Fall?�</p><p>�Wir m�ssen Gefahren von Schw�cheren, die sich nicht selbst verteidigen k�nnen, abwenden. Die Juderia in Toledo braucht unser Handeln. Denk daran, in welcher Gefahr sie noch immer schwebt! Denk an Theophil, an Azaria, an die Sch�ler der �bersetzungsschule, an wen du willst!�</p><p>Uthman schwieg zu allem. Henri blickte den Gef�hrten an und sagte:</p><p>�Wenn du, Uthman, nicht dorthin zur�ckwillst, wo man dich als M�rder des Papstes erkennen kann, dann trennen wir uns vor den Toren der Stadt.�</p><p>�Mein Vater Umar ibn al-Mustansir, Allah sei ihm gn�dig, sagte immer, wer davor zur�ckscheut, dem Feind ins Wei�e des Auges zu blicken, der kann ihn nicht besiegen.�</p><p>�Dein Vater war ein weiser Mann. Aber sein Sohn muss sich trotzdem in jeder neuen Lage frei entscheiden.�</p><p>�Wir werden sehen. Lasst uns reiten. Es wird noch ein langer, beschwerlicher Weg.�</p><p>Sie verstauten den gefesselten Ferrand b�uchlings auf Henris Reittier. Der Franzose wehrte sich, er biss und trat um sich wie ein gefangenes Tier. Henri musste die Fesseln fester anziehen, um ihn zur Vernunft zu bringen. Ferrand blickte ihn danach nur noch hasserf�llter an.</p><p>Dann legten sich die Gef�hrten die H�nde auf die Schultern und sahen sich noch einmal schweigend in die Augen. Sie brauchten keine Worte. Stumm gelobten sie sich, immer f�reinander da zu sein.</p><p>Dann schwangen sie sich auf die Pferde, gaben die Z�gel frei und trabten an.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>9</strong></p><p><emphasis><strong>September 1315, in Avignon</strong></emphasis></p></title><p>Der Kardinal blickte den Generalinquisitor ungl�ubig an, dessen Kranz schlohwei�er Haare wie eine w�rdevolle Krone wirkte. Aber diese Krone adelte ihn nicht, denn Guillaume de Imbert hatte sie sich auch durch die Aus�bung sadistischer Gewalt erworben. Er hatte sein Leben lang gebetet und gefoltert.</p><p>�Ja, es ist wahr�, wiederholte der Gro�inquisitor noch einmal in das Schweigen der kleinen Versammlung hinein, die er im Dominikanerkloster einbestellt hatte. �Sie sind nicht tot. Sie r�hren sich noch. Diese Charta hier schlie�t alle jene aus dem Orden aus, die aus Frankreich geflohen sind. Und sie macht jene zu Helden, die den Tempelorden in heimlicher W�hlarbeit weiterf�hren. Und an vorderster Stelle wird jener verfluchte Ketzer Henri de Roslin genannt, der den K�nig ermordete und uns leider aus Fontainebleau entkam, was ich �brigens noch immer nicht verstehen kann.�</p><p>�Wer verfasste diese Charta denn, die jetzt geschrieben wurde, damit Templer sie an ihresgleichen weitergeben?�, wollte der Kardinal wissen. Die anwesenden Dominikaner nickten dazu. Sie wollten alles �ber den verbotenen Tempel wissen, denn die <emphasis>domini canes,</emphasis> die Hunde des Herrn, waren mit seiner Ausrottung beauftragt worden. Und sie wollten diesen Auftrag gewissenhaft bis zum Ende erf�llen.</p><p>Der Generalinquisitor r�ckte sein edles Hermelinbarrett, das mit goldenen Spangen geschm�ckt war, auf den wei�en Haaren zurecht. �Wir kennen die Verfasser nicht und k�nnen sie uns auch nicht vorstellen. Der Orden ist gr�ndlich zerschlagen. Die Gro�meister l�ngst zu Asche verbrannt. Aber Henri lebt. Nun, wir erwarten ihn bald in Avignon, eskortiert von guten M�nnern unter Leitung des wackeren Ferrand de Tours. Die Stra�en bis zu unseren Mauern werden von Bewaffneten ges�umt sein, damit auch gar nichts passieren kann. Henri ist wieder in unserer Hand!�</p><p>�Er ist das Haupt. Wenn wir ihn haben, zerschlagen wir auch den K�rper dieser Brut!�</p><p>�Aber diesmal machen wir es gr�ndlich. Hier werden wir ihm offiziell den Prozess machen. Und bis zum Tag des Urteilsspruches verbleibt er in unserer Gewalt. Das sind � wie soll ich es ausdr�cken � gl�nzende Aussichten! Wir werden von Henri alles erfahren, daf�r besitzen wir die Mittel. Und wir werden keine R�cksicht nehmen, denn verurteilt wird er in jedem Fall. Da ist es gleich, ob ihm ein paar Glieder fehlen oder nicht.�</p><p>�Ich rate zur Vorsicht�, warf ein Prior des Klosters ein. �Schon manchmal wurde ein Angeklagter nach der Folter freigesprochen. Es wirft ein ung�nstiges Licht auf die Kirche, wenn der Mob erf�hrt, dass wir die Delinquenten vorverurteilen.�</p><p>�Wir werden ihn verurteilen, keine Angst. Es liegen zu viele triftige Anklagepunkte gegen ihn vor.�</p><p>�Nennt sie doch einmal, Generalinquisitor, Eminenz!�, warf einer der jungen Dominikaner mit heller Stimme ein.</p><p>Imbert blickte ihn mit einem vernichtenden Blick an, der den Jungen err�ten und f�r den Rest der Beratung verstummen lie�. Dann bequemte er sich zu sagen: �Nun, er hat Ketzerei in jeder Form begangen. Hinwendung zum Irrglauben des falschen Propheten Muhammad, Hinwendung zum Judentum, Hinwendung zum Katharismus. Er hat sich ein f�r alle Mal vom Christentum abgewendet. Er erkannte in Jesus Christus nicht Gottes Sohn, sondern einen Sterblichen, der ans Kreuz genagelt wurde, weil er den Aufruhr predigte. Henri de Roslin und seine Tempelbr�der bespuckten das Kreuz, weil sie im Martyrium des Herrn eine Geschichtsf�lschung unserer allerchristlichsten Kirche sahen!�</p><p>Die Anwesenden bekreuzigten sich, zutiefst erschrocken. In das Schweigen hinein fragte ein Dominikaner: �Werdet Ihr diesem Templer das alles auch nachweisen k�nnen, Eminenz? Jedenfalls so, dass die murrende Menge es glaubt?�</p><p>�Vor dem Gericht werden wir anders argumentieren�, erwiderte Imbert mit fester Stimme. �Wir werden sagen, dass er einen Wachmann ermordet hat, daf�r gibt es gen�gend Zeugen. Aber das ist nur der erste Anklagepunkt. Wir werfen ihm weiter vor, an ketzerischen Versammlungen teilgenommen zu haben, auf denen G�tzen verehrt wurden, die Sakramente missachtet zu haben, obsz�ne Praktiken mit Abh�ngigen gef�hrt zu haben, ketzerische Absolution an Sterbende im Gef�ngnis von Paris erteilt zu haben, von unchristlicher Habgier durchdrungen zu sein. Und wenn das alles noch nicht reichen sollte, dann rollen wir den r�tselhaften Tod K�nig Philipps im Wald von Fontainebleau noch einmal auf. Wir werden Henri anklagen, den K�nig ermordet zu haben � wovon ich �brigens �berzeugt bin. Auch daf�r werden wir Zeugen auftreiben.�</p><p>�In allen Untersuchungsakten steht, dass der Tod des K�nigs w�hrend der Jagd im Wald von Bi�re und Saint Maxence durch ein Wildschwein herbeigef�hrt wurde, Eminenz!�</p><p>�Wer behauptet das? Warst du dabei, Prior?�</p><p>�Nein, Eminenz. Man sagt so. Es ist aktenkundig gemacht worden.�</p><p>�So, so � aktenkundig, wie?�</p><p>�Ich habe alles genau gelesen, Eminenz. Der K�nig jagte das Wildschwein, verfehlte es jedoch. Als die Bestie nun ihrerseits zum Angriff �berging, verletzte sie das k�nigliche Reittier, der K�nig wurde abgeworfen. Dabei blieb Philipp mit einem Fu� im Steigb�gel h�ngen. Vor Schreck und Schmerz galoppierte sein Reittier durch den Wald und schleifte den hilflosen K�nig hinter sich her durch das Unterholz, wobei Philipp schwere Verletzungen davontrug � wie man sich vorstellen kann. Als ihn seine Leute fanden, schafften sie ihn Richtung Fontainebleau. Er wurde auf dem Wasserweg nach Poissy gebracht, wo er zehn Tage blieb. Schlie�lich erholte er sich so weit, dass er bis Essonnes reiten konnte, doch musste er wegen seines sich zunehmend verschlechternden Zustandes von dort aus mit einer S�nfte nach Fontainebleau gebracht werden. Dort starb er unmittelbar darauf am 29. November im Jahr des Herrn 1314.�</p><p>�J�gerlatein! Davon ist kein Wort wahr!�</p><p>�Nun � wie Ihr meint, Generalinquisitor. Ihr wart ja dabei��</p><p>�Es war Henri! Er ist ein K�nigsm�rder! Dass man ihn als solchen bisher noch nicht anklagte, wie ich wollte, das liegt nur daran, dass ein solcher Verdacht die �ffentlichkeit sehr beunruhigen w�rde. Und das ist in der Tat gef�hrlich und zu verhindern. Denn wenn der Mob begreift, dass jeder hergelaufene Rabauke die h�chsten W�rdentr�ger, die von Gott eingesetzt sind, beseitigen kann! Dann � dann��</p><p>�Das darf nicht sein, Ihr habt Recht. Ein solcher Prozess gegen Henri muss die <emphasis>ultima ratio</emphasis> bleiben. Ich glaube wie Ihr, dass die anderen Anklagepunkte vollauf gen�gen, um ihn auf den Scheiterhaufen zu bringen.�</p><p>�Wir m�ssen hart durchgreifen�, sagte Imbert. �Solche Ideen d�rfen auf gar keinen Fall in der �ffentlichkeit auftauchen! Schon h�rt man auf den Stra�en von Paris, dass gelehrte Professoren verk�nden, Tyrannen d�rften get�tet werden. Sie sagen, jeder Untertan oder Vasall von Rechts wegen darf jedes beliebige Mittel daf�r einsetzen, insbesondere List, ohne dass er R�cksicht auf irgendeinen Eid oder Vertrag nehmen oder ein gerichtliches Urteil abwarten m�sse. Stellt euch das vor, meine Br�der!�</p><p>�Das ist ja geradezu eine Handlungsanleitung f�r einen Ketzer wie Henri de Roslin!�</p><p>�Man muss gestehen, dass es nicht einmal schwierig f�r diese Herren Professoren ist, in der Heiligen Schrift eine Unterlage f�r derartige Ansichten zu finden. Nehmt nur die Ermordung des Zimri durch Phineas oder des Holofernes durch Judith. Aber sie gehen doch zu weit, wenn sie sagen, auch der Heilige Michael sei ein Tyrannenm�rder gewesen, wenn er, ohne das g�ttliche Gebot abzuwarten und nur von nat�rlicher Liebe getrieben, Satan erschlagen und dem ewigen Tod �berliefert hat und daf�r die herrlichsten himmlischen Belohnungen empfing.�</p><p>Einer der anwesenden Notare des K�nigs fragte: �Wird uns Henri der Ketzer auch endlich verraten, wo der Schatz der Tempelherren versteckt ist? Wir suchen jetzt schon sieben lange Jahre danach, und auch alle Befragungen verliefen ergebnislos! Unsere Kassen sind inzwischen leer!�</p><p>Imbert beeilte sich zu versichern: �Nat�rlich werden wir es aus ihm herauskriegen! Denn wie gesagt, unseren Folterinstrumenten widersteht auch ein Ketzer nicht! Selbst ein so hart gesottener Tempelritter wie Henri nicht, der w�hrend seiner Ausbildung auf jede Tortur vorbereitet wurde. Der Schatz, den niemand au�er Henri de Roslin kennt und der deshalb �berall versteckt sein kann, wird uns die Herrschaft �ber die bekannte Welt bescheren! Wir werden einen neuen Kreuzzug organisieren, was schon der verstorbene Papst Clemens wollte, aber leider nicht mehr bewirken konnte. Mit diesem Schatz f�hren wir den letzten aller Kreuzz�ge, der zur Ausrottung aller Ungl�ubigen im Heiligen Land beitragen wird. Das K�nigreich Jerusalem wird wieder errichtet, meine Br�der!�</p><p>�Halleluja!�</p><p>Der Bischof von Avignon, ein alter Mann mit rotem Gesicht, warf ein: �Bruder Guillaume, vielleicht gibt es einen solchen Schatz gar nicht. Habt ihr nicht in Frankreich schon �berall gesucht? In Gisors? In Poitiers? In La Rochelle? Sogar in den Tempelburgen auf dem Boden des englischen Lehens?�</p><p>�Es gibt diesen Schatz�, sagte Imbert kalt. �Wir haben Zeugenaussagen von gefolterten Templern. Ein gewisser Johann von Chalon gab zu Protokoll, er habe den Abtransport von unermesslichen Goldsch�tzen auf drei gro�en Wagen im Jahr unseres Herrn 1307, zwei N�chte vor der Verhaftung der Templer, selbst geleitet. Leider nur bis Eu, dann �bernahm ein anderer die Fuhre. Und das waren nur die Reicht�mer aus der Pariser Burg! Man transportierte den Schatz unter Stroh nach Norden. Gold, Silber, Juwelen, die uns geh�ren.�</p><p>�Wir h�rten davon. Man sagt, es habe sich um den Schatz des Generalvisitators gehandelt und Gerard de Villiers und Hugo von Chalons h�tten ihn in Empfang genommen.�</p><p>�Aber wo ist er geblieben?�, Imbert br�llte es beinahe. Dann beruhigte er sich wieder. �Wir stellten in der Nacht vom 12. auf den 13. Oktober des Jahres 1307 �berall Stra�ensperren auf, weil wir ahnten, dass die verfluchten Templer ihre Reicht�mer verstecken wollten. Und sie haben es dennoch geschafft! Jemand muss sie gewarnt haben.�</p><p>�Man sagt, sie k�nnen in die Zukunft blicken, und das macht sie unantastbar! Sie haben ein Buch, das alle Ereignisse bis zum J�ngsten Gericht vorhersagt.�</p><p>Die sch�chternen jungen Dominikaner brachen in ein Gemurmel aus.</p><p>Der Kardinal sinnierte: �Auf drei gro�en Wagen, sagt Ihr, wurde der Schatz abtransportiert? War das der Ausdruck? Seltsam. Hat der Verh�rte das so zu Protokoll gegeben? K�nnte es nicht sein, dass es sich dabei um eine Verklausulierung handelte?�</p><p>�Was meint Ihr, Eminenz?�, wollte aufgeregt ein junger Dominikaner wissen.</p><p>�Nun, meines Wissens nach nannten die Templer ihre Burg in Gisors, die hoch droben �ber dem St�dtchen thront, den Tempel der drei Wagen!�</p><p>�Wie sollen wir das verstehen, Kardinal?� Imbert war erstarrt.</p><p>�Ich las einmal, die Templer h�tten diese Burg nach den Sternen ausgerichtet. Nach dem gro�en Wagen, dem kleinen Wagen � und dem Wagen der Meere, der am unsichtbaren Teil des Himmels unter der Erdenscheibe liegt, wenn die beiden anderen in einer einzigartigen Konstellation zusammenstehen. Aber ich verstehe nicht viel von Astronomie, diesem Teufelszeug der Araber.�</p><p>�Was wisst Ihr noch dar�ber?�</p><p>�Die au�ergew�hnliche Konstellation dieser drei Wagen am Himmelszelt ergibt sich nur an einem einzigen Tag im Jahr. Zum Heiligen Abend. Es ist, wie ihr Herren alle wisst, der Geburtstag unseres Heilands. Und die Templer � verzeiht! � taten alles im Namen Jesus Christus�.�</p><p>�Aber das ist doch Unfug!� Imbert l�ste sich aus seiner Erstarrung. �Ammenm�rchen!�</p><p>�Bedenkt, dass Gisors genau an der alten R�merstra�e von Paris nach Eu liegt. Und von Eu aus, wo es einen von den Templern angelegten Hafen gibt, f�hrt eine Wasserstra�e direkt nach Norden, also dorthin, wohin man den Schatz wahrscheinlich bringen wollte. Nach Schottland. Oder zumindest in die Bretagne, als Zwischenl�sung.�</p><p>�Wie faszinierend das alles ist!�, platzte der junge Dominikaner heraus.</p><p>�Ja, f�r Kinder!�, raunzte ihn Imbert an. �Das sind Ammenm�rchen! Wir haben in Gisors gesucht und nichts gefunden. Nichts! Wollt Ihr das endlich einsehen, meine geliebten Br�der!� .</p><p>Die �brigen Mitglieder der Versammlung, Priester, Priors, M�nche, k�nigliche Notare, tuschelten nun ungehemmt. Der kluge Imbert lie� sie eine Weile gew�hren.</p><p>Wieder sprach der Kardinal. �Wenn die Templer vor ihrer Verhaftung gewarnt worden sind, konnten sie den Schatz rechtzeitig in Sicherheit bringen, das ist unstrittig. Und sie hatten damit auch Zeit genug, sich die tiefsten und sichersten Verstecke auszusuchen. Auch Gisors! Denn sie werden Gold und Silber nicht gerade in die Vorratskammer gelegt haben, sondern, sagen wir, in unterirdische Verliese, drei�ig Meter unter der Oberfl�che. Bewacht von H�llenhunden!�</p><p>�Kardinal, Ihr lest offenbar Ritterromane, diese neueste und nicht unproblematische Spielart der gelangweilten Unterhaltung bei Hofe und in den Kl�stern.�</p><p>�Andere vermuten�, sagte der Kardinal unger�hrt, �der Orden habe seine Reicht�mer nach Portugal verbracht, in ihre Festung von Castro Marim an der s�dlichen Algarve. Denn auf der iberischen Halbinsel werden die Templer nur halbherzig oder gar nicht verfolgt � ist es nicht so? Man braucht ihre Kampfkraft und ihre Erfahrung aus dem Orient gegen die Mauren. Dort l�ge der Schatz also sicher.�</p><p>�Auch das ist Bl�dsinn!�, rief Imbert, der immer mehr die Geduld verlor. �Der Schatz muss noch in Frankreich sein! Er muss, er muss!�</p><p>�Ihr Herren�, warf ein Prior ein, �streiten wir doch nicht! Ich glaube nicht an einen solchen Schatz! Und wenn es ihn g�be, w�re er dann nicht f�r uns Christen v�llig unbedeutend? Sind unsere wahren Sch�tze, auf die wir uns berufen d�rfen, nicht ausschlie�lich geistiger Natur?�</p><p>Imbert bedachte den Sprecher mit einem geh�ssigen Blick, der jedoch langsam wieder milder wurde. Der Generalinquisitor besann sich darauf, dass er es war, der den rechten Glauben an oberster Stelle zu vertreten hatte. �Nun�, sagte er, �Ihr habt Recht, mein Bruder, wir sollten unseren Eifer m��igen. Aber bedenkt auch, dass man zur Ausr�stung eines neues Kreuzzuges viel Gold braucht. Und wollt Ihr den letzten Willen des verstorbenen Clemens missachten, der daf�r unerm�dlich durch die L�nder zog, betete und sammelte? Wollt Ihr das?�</p><p>�Nat�rlich nicht! Gott bewahre!�</p><p>�Der Ketzer muss her!�, sagte Imbert mit hartem Gesicht. �Er muss uns sagen, was es mit dem Schatz der Templer auf sich hat!�</p><p>�Alle Qual und dann den Tod f�r diesen verfluchten Ketzer! Mein Gott, wenn er doch schon endlich hier w�re! In Ketten! Und wir k�nnten ihn, wir w�rden ihn dann��</p><p>�Ja�, sagte Imbert leise.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>10</strong></p><p><emphasis><strong>Ende September 1315, Michaeliszeit</strong></emphasis></p></title><p>�Und ich sah einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schl�ssel zum Abgrund und eine gro�e Kette in der Hand. Und er griff den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und der Satan, und band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn und versiegelte ihn, dass er nicht mehr verf�hren sollte die Heiden, bis dass tausend Jahre vollendet w�rden, und danach wird er kurze Zeit losgelassen.�</p><p>In der gewaltigen Kirche hallten die Worte der Offenbarung des Johannes wider wie von steinernen Gesetzestafeln. Kein Gl�ubiger zweifelte an ihnen. Und auch auf Henri de Roslin �bte der Kampf des Engels gegen das B�se wie in jedem Jahr etwas Beruhigendes aus. Die Verehrung Gottes durch die Verehrung der Engel wirkte auf ihn wie ein Schutz, st�rker, als Kettenhemd, Helm und Schwert es vermochten. Er stellte sich den Erzengel Michael vor, wie er �ber ihm schwebte und alles B�se von ihm fernhielt.</p><p>Henri betete inbr�nstig und stumm darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen, die richtigen Dinge zu tun. Er kniete an der Seite der anderen Gl�ubigen. Und doch trennte ihn alles von den Betenden. Und auch von ihren Priestern.</p><p>Denn diese geh�rten zu seinen Verfolgern, und er durfte sich ihnen nicht offenbaren. Sie w�rden die Boten Gottes selbst jetzt, in der Zeit der Michaelisfeste, nicht wirklich erkennen, dachte er, und auch diesen Erzengel nicht, der auf dem Berg Gargano erschienen ist, um seitdem leibhaftig in der Welt zu sein. Sie tun nur so, als beteten sie zu ihm. Und wem sie danken, das wissen sie auch nicht.</p><p>Er schlug das Kreuz und erhob sich aus seiner knienden Position.</p><p>Henri de Roslin hatte schwere Tage hinter sich. Seine Gef�hrten, die jetzt drau�en vor den Toren Perpignans darauf warteten, dass er vom Michaelisgebet zur�ckkehrte, machten ihm Vorw�rfe. Es war nicht das erste Mal, dass sie seine Meinung nicht teilten, aber diesmal war es schwerwiegender. Und Henri fragte sich inzwischen selbst, ob er es verantworten konnte, Ferrand de Tours als Gefangenen nach Avignon zu bringen, um ihn vor den Richter zu stellen.</p><p>Die Gefahren, die er dabei f�r sich in Kauf nahm, waren f�r ihn selbstverst�ndlich. Aber durfte er auch seine Freunde gef�hrden? Zweifellos lauerten in der Papststadt, die Henri als gelbe Bestie mit ausgefahrenen Krallen in Erinnerung behalten hatte, mannigfache Gefahren auf sie.</p><p>Uthman wurde als Giftmischer und M�rder des Papstes gesucht. Der Tod war ihm bei seinem Ergreifen sicher. Joshua hatte das t�dliche Spiel mit dem Papst Clemens angezettelt. Auch er w�rde nicht davonkommen. Und Henri selbst war inzwischen der gesuchteste und gehassteste Mann Frankreichs. Die Inquisition wartete sehns�chtig auf ihn. Guillaume de Imbert w�rde alles darum geben, ihn in seine Gewalt zu bekommen. War es also nicht Wahnsinn, nach Avignon zu reiten?</p><p>Es war Wahnsinn. Und doch, Henri wollte nicht die Spielregeln seiner Feinde �bernehmen. Er wollte mit Ferrand de Tours nicht so menschenverachtend verfahren, wie dieser mit ihm verfahren hatte. Henri war erf�llt von der Vision eines gerechten Prozesses gegen den Verleumder, der sich zu seinem pers�nlichen Feind aufgeschwungen hatte.</p><p>Henri de Roslin sch�ttelte unwillk�rlich heftig den Kopf.</p><p>Es musste in Avignon noch unabh�ngige Richter geben. Es musste Ordnungskr�fte geben, die gegen die Verleumdung der Juden vorgingen. Denn schlie�lich war dieses Jahr des Herrn 1315 das Jahr der Rehabilitation der Juden in Frankreich. Sie durften zur�ckkehren. Und sie kamen inzwischen in Scharen aus Verbannung und Exil zur�ck, ihre Diaspora war beendet.</p><p>Man brauchte ihren Gewerbeflei�, ihre Kultur, ihr Geld. Ein Judenhasser, der zu neuen Pogromen aufrief, w�rde in diesen Tagen kein Geh�r finden.</p><p>So hoffte Henri.</p><p>Aber in den Gesichtern seiner Gef�hrten las er, dass sie diese Hoffnung f�r unsinnig und f�r gef�hrlich hielten. So traten Uthman, Joshua und die beiden jungen Sarazenen bei seinem Kommen aus dem Waldst�ck unweit der Stadtmauer Perpignan, das sie vor fremden Blicken gesch�tzt hatte, und begr��ten ihn mit allen Anzeichen des Missmutes.</p><p>�Hat der Erzengel Michael dir in der Kirche einen Hinweis gegeben, Henri?�, fragte Joshua. Er konnte nicht vermeiden, dass seine Stimme einen sp�ttischen Unterton annahm.</p><p>Henri �berh�rte es nicht und sah den Freund traurig an. �Du solltest wissen, dass wir solche direkten Ratschl�ge von den Engeln nie bekommen, mein Freund. Wir wollen sie zwar h�ren, aber sie werden uns verweigert. Wir m�ssen letztlich aus eigener Entschlusskraft handeln.�</p><p>�Und du bleibst bei deinem Entschluss?�</p><p>Henri sah zu ihrem Gefangenen hin�ber, der r�cklings an einem Baumstamm sa�. �Wir werden Ferrand in Avignon vor ein Gericht stellen. Man wird ihn verurteilen.�</p><p>�Du brauchst ein reines Gewissen, was?� Uthman machte eine verkniffene Miene. �Mir wird mit jedem Tag klarer, dass du einer Wahnvorstellung hinterher jagst, Henri de Roslin. Hast du noch nicht genug gesehen vom Zustand der Verwahrlosung in diesem Land? Wer soll dir Geh�r schenken, wenn du diesen da anklagst? Was ist los mit dir?�</p><p>Henri blickte ihn offen an. �Ich will nicht fragen m�ssen, ob du Angst hast, nach Avignon zu gehen, Uthman! Ich will nicht fragen, ob du Angst davor hast, in die Stadt deiner Feinde zur�ckzukehren. Ein K�mpfer wie du, in vielen Schlachten erfahren!�</p><p>�Dann frag mich auch nicht. Denn es w�re eine Beleidigung f�r mich.�</p><p>Joshua sch�ttelte nun seinerseits traurig den Kopf. �Ist es dieser Mann dort wert, dass wir uns zerstreiten, meine Freunde? Schaut ihn euch an! Ist er nicht die Erb�rmlichkeit selbst? Einst arrogant und gef�hrlich, jetzt ist er nur noch ein H�ufchen Elend und �ngstlichkeit. F�r wen lohnt es sich also, dass wir uns streiten?�</p><p>�Es geht nicht um Ferrand, Joshua�, sagte Henri milde. �Und das wei�t du. Es geht um die Gerechtigkeit. Wenn wir so sind wie alle anderen, dann geht dieses Land zugrunde. Nein, wir m�ssen ein Zeichen setzen! Wenn wir eine neue Welt nach all den L�gen und Verleumdungen, nach den Verfolgungen, mit einem Wort nach Clemens und Philipp, gr�nden wollen, dann m�ssen wir auch mit dem alten Unrecht brechen und neu anfangen!�</p><p>�Mit Fehlern, mein Freund?�</p><p>�Ist es ein Fehler, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen? Wir treten in das Zeitalter der unabh�ngigen Gerichte ein, die nicht nach Standesd�nkel und Faustrecht, nicht nach Repressalien, Vorurteilen und kleinlichem Gewinn aburteilen, sondern nach Vernunft und Gesetz!�</p><p>�Ihm ist nicht zu helfen, Joshua�, seufzte Uthman, �seine Erziehung im Tempel hat offenbar mehr Unheil in seinem Kopf angerichtet, als wir bef�rchtet haben. Henri ist und bleibt ein heiliger Idealist. Er hat nichts gelernt aus all dem Unrecht, das ihm selbst widerfahren ist und allen seinen Tempelbr�dern!�</p><p>�Hast du wirklich alles vergessen? Das kann doch nicht sein, Henri!�</p><p>�So ist es auch nicht. Ich habe viel gelernt. Und eine Lehre ist dabei besonders kostbar: Freiheit muss auch die Freiheit der anderen sein, m�gen sie noch so falsch sein, wie beispielsweise Ferrand es zweifellos ist. Auch unsere Feinde haben ein Recht darauf, als Menschen behandelt zu werden! Und auch wir k�nnen irren!�</p><p>Joshua sah ihn fest an. �Ich dagegen sage: keine Freiheit f�r die Feinde der Freiheit! So steht es schon in der Bibel!�</p><p>�Wenn Ferrand in Toledo Erfolg gehabt h�tte�, giftete Uthman ungest�m, �dann w�rde das Judenghetto, die <emphasis>Aljama,</emphasis> jetzt in Schutt und Asche liegen, und Hunderte w�ren erschlagen! Und ein Mensch wie dieser dort ginge �ber all die gesch�ndeten Leichen und lachte laut!�</p><p>�Das wei� ich�, antwortete Henri, bei jedem Satz ruhiger und sicherer werdend, �aber so kam es nicht. Wir konnten es mit Gottes Hilfe vereiteln. Sicher k�nnen wir Ferrand de Tours auch erschlagen wie einen Hund. Aber dann wird er zu einer Art M�rtyrer f�r hasserf�llte Christen werden. Er w�rde umso mehr Nachfolger finden. Wir aber werden ihn �ffentlich anklagen und damit seine Erb�rmlichkeit zeigen. Und alle werden begreifen, dass Hass und Vorurteile, wie Ferrand sie verk�rpert, einer vergangenen Zeit angeh�ren, die nie mehr wiederkehren darf! Die Erdenscheibe wird kleiner. Und wir m�ssen zusammenr�cken. Wir kommen nur miteinander aus, wenn wir versuchen, uns gegenseitig zu achten, auch wenn wir ganz anderer Meinung sind. Die Zeit, wo man sich mit Waffen holte, was man brauchte oder auch nur begehrte, ist vorbei. Was wir brauchen, ist einfach ein anderer Umgang miteinander. Damit wollen wir anfangen. Und nun sitzt auf. Wir reiten nach Avignon!�</p><p>Henri griff grob nach seinem Gefangenen, warf ihn vor sich �ber sein Pferd, wendete Barq, fasste seine Freunde noch einmal ins Auge � und galoppierte davon.</p><p>Er drehte sich nicht mehr um, er wusste, die Gef�hrten folgten ihm. Sie teilten seinen bewusst �bertriebenen Friedensappell nicht, aber sie waren ihm treu ergeben. Ja, er hatte �bertrieben, denn er wusste genau, dass er in der vor ihm liegenden Zeit r�cksichtsloser und gewaltsamer, als ihm lieb war, mit jenen Kr�ften abrechnen musste, die durch ihre L�gen und Intrigen gegen den Frieden Gottes hetzten. Es ging nicht mehr gegen Papst und K�nig, die den Tempel verfolgt hatten. Es ging gegen M�chte, wie Ferrand sie verk�rperte, M�chte des B�sen, der Dummheit, der Unduldsamkeit, die im anderen Menschen immer nur den Feind wahrnahmen. Und bei diesem Kampf w�rden seine Gef�hrten an seiner Seite stehen.</p><p>Er kannte sie genau.</p><p>Auf ihrem Weg nach Norden kamen sie durch ein Land, das sie kaum wieder erkannten.</p><p>Die Felder lagen brach. Als wollten die Bauern Henris friedliche Visionen verh�hnen, zogen sie mit Piken und Dreschflegeln �ber Land, pl�nderten und zerst�rten. Je n�rdlicher die Gef�hrten kamen, die jetzt wieder nebeneinander ritten, desto schlimmer wurde es. Sie begegneten bettelnden, verelendeten M�nchen, die aus ihren Kl�stern vertrieben worden waren. Es waren zerlumpte, erbarmungsw�rdige Gestalten, die jede W�rde verloren hatten.</p><p>Die D�rfer waren verlassen, die Geh�fte ausgepl�ndert, das �brig gebliebene Vieh verendete in den St�llen. Und am Rand so manches ausgestorbenen Weilers schaukelten an B�umen Gehenkte im Wind, Opfer von Selbstjustiz und Verblendung. Im k�niglosen Frankreich schien es tats�chlich keine Staatsgewalt mehr zu geben.</p><p>Mit jedem Tag wurde die Stimmung unter den Gef�hrten schlechter. Henri sp�rte den Vorwurf Uthmans und Joshuas. Und er fragte sich mit jedem Tag dringender, ob er an seinem Plan festhalten konnte, wenn er offenbar sinnlos war. Er sah doch mit eigenen Augen, dass es in Frankreich Recht und Gesetz nicht mehr gab.</p><p>Wer sollte Ferrand de Tours den Prozess machen?</p><p>Bevor sie den Fluss H�rault im Tal der Garrigues erreichten, ritten sie oberhalb des Flusstals auf einem Pfad, zu dessen rechter Seite der Berg j�h in die Ebene abfiel. Als sie am Abend rasteten, um f�r den beschwerlichen Abstieg am n�chsten Morgen Kr�fte zu sammeln, bemerkte Henri, der zwei Fasane f�r das Abendessen erlegt hatte, wie einer der jungen Sarazenen zum Gefangenen trat und ihn an den Felsenrand trieb.</p><p>�Was machst du da?�, rief Henri.</p><p>Ferrand kreischte: �Nein, nein!�</p><p>Und der Sarazene, der schon zu einem Sto� ausgeholt hatte, griff jetzt nach dem Franzosen, als wolle er ihn festhalten und besch�tzen.</p><p>�Er wollte fliehen!�, sagte der Junge. �Ich konnte ihn gerade noch rechtzeitig halten.�</p><p>�Er l�gt! Er ist gef�hrlich!�, schrie Ferrand. �Er wollte mich hinunterst�rzen.�</p><p>�Du wolltest ihn t�ten�, erkl�rte Henri ruhig. Er bemerkte Uthmans ungl�ckliches Gesicht. Auch Joshua blickte verkniffen. �Antworte!�</p><p>�Nein, Herr! Das stimmt nicht! Es ist nur�!�</p><p>�Schweig!�, fuhr ihn Henri an. �Du wolltest dich meinen Anweisungen widersetzen, gib es zu! Du h�ttest ihn kaltbl�tig ermordet! War es Uthman, der dich aufhetzte?�</p><p>�Ach, Herr�!�</p><p>�Uthman? Warum tust du es dann nicht wenigstens selbst!�</p><p>�Henri! Sieh endlich ein, dass du dich in etwas verrannt hast! �berlassen wir Ferrand einfach seinem Schicksal, er hat es verdient! Ohne ihn sind wir frei. Dann k�nnen wir endlich darangehen, unseren gemeinsamen Feinden das Leben schwer zu machen. Mit ihm wanken wir von einer Gefahr in die n�chste. Henri! Komm zur Vernunft!�</p><p>�Erinnere dich an Ferrands Gehilfen in Toledo�, sagte Joshua, �der das Pergament f�lschte, mit dem er den angeblichen Mord von Juden an Christen in die Welt setzen wollte. Du selbst hast ihn eine Ratte genannt, Henri! Damals warst du noch bei klarem Verstand. Ferrand selbst ist eine elende Ratte. Was geht er uns an? Von seiner Sorte gibt es Dutzende! Wird er verurteilt, stehen die anderen schon bereit.�</p><p>Die beiden jungen Sarazenen traten pl�tzlich nahe an Henri heran. Ihre Gesichter waren regungslos. Nicht offen, nicht verschlagen. Sie dr�ckten nichts aus als K�lte. Einer sagte: �Wir werfen ihn einfach �ber die Felsen in die Tiefe. Die Bartgeier k�mmern sich dann um ihn. Er hat diese Strafe verdient, Herr, und wir sind den Ballast los! Er ist doch nur ein Hindernis f�r uns!�</p><p>Henri zog das Kurzschwert, trat einen Schritt zur�ck und richtete es auf die beiden jungen M�nner.</p><p>�Wagt es nicht, Hand an Ferrand zu legen. Er ist mein Todfeind, das ist wahr. Aber gerade deshalb werde ich daf�r sorgen, dass er unversehrt nach Avignon kommt! Wenn ihr meinen Anweisungen nicht folgen wollt, dann halte ich euch nicht auf zu gehen. Verlasst uns, kehrt nach Toledo zur�ck!�</p><p>�Nein, Herr!�</p><p>�Das hei�t, ihr f�gt euch bedingungslos meinen Anweisungen?�</p><p>�Ja, Herr!�</p><p>�Reiten wir weiter.�</p><p>Der Fluss H�rault f�hrte nach Nordosten. Die Reiter folgten seinem seichten Verlauf, bis sie nach Gignac, westlich von Montpellier, kamen. Hier verlie�en sie das Flusstal. Der Weg f�hrte jetzt in Richtung Nimes. In wenigen Tagen w�rden sie den m�chtigen Strom Rhone sehen. Langsam kamen sie in jene Landschaften, mit denen Henri, Uthman und Joshua die schmerzlichen Erinnerungen an Verfolgung und Tod teilten. Und es war so, als verhielten ihre Reittiere mit jedem Tag mehr das Tempo der Reise.</p><p>Aber es waren ihre Reiter, die unwillk�rlich langsamer ritten. So als k�nnten sie damit das Zusammentreffen mit all ihren Feinden hinausz�gern.</p><p>�Wie willst du es machen, Henri?�, fragte Uthman eines Nachmittags, als hinter ihnen in der Ferne die T�rme von Nimes verschwanden. �Wir werden Avignon in sp�testens f�nf Tagen erreichen. Willst du in die Stadt einreiten und ihnen Ferrand in den Hof des Gerichtshauses legen?�</p><p>Henri blickte mutlos. �Ich wei� es selbst nicht, Uthman. Nein, wirklich! Ich entscheide es, wenn wir vor den Toren Avignons stehen. Vielleicht kann ich Gottfried von Wettin zurate ziehen, der, wie du wei�t, bei den Dominikanern ist. Ich werde Gottfried als Ersten aufsuchen. Er muss mir raten.�</p><p>�Henri, sie werden dich schon am ersten Stadttor verhaften! Du hast keine Chance, nach Avignon hineinzukommen. Und wenn es dir gelingen sollte, dann kommst du nicht lebend hinaus. Du musst das wissen, Henri! Mein Gott, warum handelst du nicht entsprechend!�</p><p>�Ferrand de Tours muss vor ein ordentliches Gericht�, brummte Henri stur. �Und ich bin es, der ihn hinbringt.�</p><p>�Ich mache dir einen Vorschlag! Lass die beiden Sarazenen mit ihm einreiten. Gegen sie liegt nichts vor, niemand kennt sie. Wir warten im sicheren Abstand von den Stadtmauern, bis sie uns Bericht erstatten.�</p><p>�Ich bin es, der Ferrand abliefern muss, Joshua! Das bin ich mir schuldig. Ich kann die Verantwortung nicht abtreten.�</p><p>�Du wirst Ferrand nach Avignon gebracht haben. Damit hast du deine Verantwortung erf�llt. Alles andere liegt ohnehin in Gottes Hand, denn du nimmst doch nicht im Ernst an, dass du auf das Gerichtsverfahren Einfluss nehmen kannst. Vielleicht lassen sie ihn wegen Mangel an Beweisen oder weil sie ihn f�r ihre Pl�ne einspannen k�nnen, wieder laufen. Willst du in den Mauern Avignons darauf warten? Es kann Tage und Wochen dauern.�</p><p>�Ich muss es selbst tun!�</p><p>�Denke wenigstens in den kommenden Tagen �ber meine Worte nach, Henri! Das bist du mir und Uthman schuldig. Und vor allem dir selbst! Du wirst noch gebraucht, Henri! Mein Gott, es ist ja, als wolltest du dein Leben wegwerfen! Du wei�t, das w�re S�nde!�</p><p>�Ich werde deinen Vorschlag bedenken, Joshua. Mehr verspreche ich nicht.�</p><p>Zwischen Nimes und der Stadt Tarascon, die schon an der Rhone lag, wendete Henri das F�r und Wider seines Vorhabens hin und her. Er wusste, Joshua und Uthman hatten Recht. Es war Selbstmord, nach Avignon zu reiten. Er forderte das Schicksal ungeb�hrlich heraus.</p><p>Aber er sah keine L�sung, von seinem Plan, den er einmal gefasst hatte, abzuweichen. Musste ein Tempelritter sich nicht selbst treu bleiben? Aber war es wirklich ein Verrat an der eigenen Treue, wenn er einen offensichtlich undurchf�hrbaren Plan aufgab?</p><p>Und dann entschloss sich Henri ein letztes Mal, sein Vorhaben um keinen Preis aufzugeben. Er w�rde es tun! Ferrand de Tours musste in Avignon vor ein Gericht gestellt werden. Henri sah keine M�glichkeit, sich seiner Verantwortung daf�r zu entziehen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Avignon besa� noch immer Dutzende von italienischen Bankh�usern und stank noch immer zum Himmel. Das Wasser aus K�chen und Aborten floss durch die Gassen und durch L�cher in der Stadtmauer in die Rhone hinab. Als Henri die Mauern der gelben Stadt erreichte, �berfiel ihn die Erinnerung an seinen letzten Aufenthalt.</p><p>Es war vor mehr als einem Jahr gewesen, im April, man feierte die Tage des Anselm. Henri hatte damals die Ermordung des Verr�ters Clemens vorbereitet.</p><p>Die gelben Mauern der Stadt t�rmten sich so hoch auf, als wollten sie die Wolken ber�hren.</p><p>Henri z�gelte sein Pferd und dachte nach, f�r einen Moment mutlos. Er hatte Ferrand auf Joshuas Pferd gesetzt und ihm die H�nde am Sattelknauf angebunden.</p><p>Wieder zahlte er in Villeneuve-les-Avignon an der alten Br�cke �ber die Rhone, die jetzt St. Benezet hie�, den �blichen Zoll fremder Kaufleute. Ferrand, f�r den Henri mitbezahlte, sagte kein Wort, er blickte pl�tzlich zuversichtlich.</p><p>Der ummauerte Vorhof in Richtung Stadt, unterhalb der erzbisch�flichen Burg, wurde von m�rrischen Soldaten, die sich aber nicht f�r Ferrands Fesseln interessierten, freigegeben. Henri war beinahe beunruhigt dar�ber, dass alles so glatt ging. Er blickte so wie bei seinem ersten Besuch unwillk�rlich zu dem Bergfried der Burg St. Andr� auf. Der Turm wurde noch immer Donjon Philipps des Sch�nen genannt, denn dieser hatte ihn zu seinen Lebzeiten als Aufsicht und Br�ckenkopf der p�pstlichen Stadt gegen�bergestellt. Sicher, dachte Henri, entgeht den Sp�hern dort oben keine einzige Bewegung, und jeder unerw�nschte Fremde auf der Br�cke kann mit einem Pfeilhagel bedacht werden. Dann gab er dem Pferd die Z�gel frei und ritt durch eines der m�chtigen Tore in die bedrohlichen Mauern seiner Feinde ein.</p><p>Nachdem Henri sein Pferd zur tiefer liegenden Stadt, deren H�user durch die seltsame Dachbedeckung mit flachen Hausteinen, Zinnen und Senkscharten auffielen, gelenkt hatte, tauchte er im Gewirr der verwinkelten Ansiedlung unter. W�hrend er durch die holprigen, von Abfall �berzogenen Gassen des �ltesten Stadtteils und �ber neue pr�chtige Pl�tze der Kirchenstadt ritt, begann Ferrand pl�tzlich zu singen.</p><p>Der Franzose musste etwas Abgefeimtes vorhaben, wenn er so fr�hlich gestimmt war.</p><p>Noch immer ragten �berall in der Stadt Holzkr�ne und Ger�ste auf, in die Fundamente hinein baute man die Mauern des neuen Papstpalastes. Steinmetze waren mit Eisenmei�eln an der Arbeit, aus gro�en Bl�cken verwendbare St�cke herauszuhauen. Eine ausladende Schmiede befand sich etwas abseits. Fuhrwerke mit Schwellen, Bleiplatten und R�hren knarrten herum.</p><p>Henri kannte das alles schon. Er n�herte sich ohne weitere Umwege dem Gerichtshaus.</p><p>In der Portiersloge empfing ihn ein b�rbei�iger Mann in einer Phantasieuniform mit viel goldenem Lametta auf Brust und Schultern. Auf sein Nachfragen hin wurde er von ihm an den Richter Nosfour verwiesen, der die F�lle der �bergriffe durch Juden und ihre Strafverfolgung bearbeitete.</p><p>Henri konnte nicht ahnen, dass er es war, der auf Dr�ngen Ferrands das Auslieferungsersuchen f�r ihn nach Toledo entsandt hatte. Aber er sah das Aufglimmen in Ferrands Augen und ahnte etwas. Er sp�rte das Pergament, das er Ferrand abgenommen hatte, in seinem Brustbeutel, als w�re es hei� geworden. Henri wollte seinen Gefangenen f�r die Dauer der Unterredung in der daf�r vorgesehenen Arrestzelle einschlie�en lassen, aber der Portier sah daf�r keinen Grund. Wohl oder �bel musste Henri Ferrand im Schlepptau zu Richter Nosfour mitnehmen.</p><p>Der Ma�tre empfing ihn in seiner Kanzlei.</p><p>Henri verschwieg seinen wahren Namen und setzte dem Richter den Fall auseinander. �Das Dokument�, sagte er, �das Ferrand de Tours nach Toledo gebracht hat, in dem er die dortige Juderia und den Ritter Henri de Roslin verleumdet, ist gef�lscht. Ich kann den Beweis daf�r erbringen.�</p><p>�Woher wisst Ihr das, guter Mann? Wer seid Ihr?�</p><p>�Das tut nichts zur Sache. Nehmt Euch nur meines Gefangenen an. Ich will, dass er einen �ffentlichen Prozess erh�lt und wegen Hetze verurteilt wird. Alles andere ist unwichtig.�</p><p>Der Richter blickte Ferrand mit einem Einverst�ndnis an, das Henri stutzig machte. �Nennt mir doch den Namen des Herrn Richters in Avignon�, sagte Henri, �der den Haftbefehl gegen Henri de Roslin ausgestellt hat. Auch ihn muss ich �berzeugen.�</p><p>�Die Akte muss ich erst heraussuchen. Ich kann den Verd�chtigen Ferrand de Tours nicht auf einen blo�en Verdacht hin anklagen, das will untersucht sein. Aber ich werde ihn bis zur weiteren Verwendung in angemessene Verwahrung nehmen. Wo finde ich Euch in den n�chsten Tagen?�</p><p>�Ich habe noch kein Quartier. Nennt mir den Zeitpunkt, an dem ich hier wieder vorstellig werden kann. Ich bin st�ndig zu jeder Zeugenaussage bereit.�</p><p>�Sehr sch�n.� Der Richter rief zwei Wachen herein und lie� Ferrand abf�hren. Dann l�chelte er Henri an. �Ihr k�nnt Euch zur�ckziehen. Kommt morgen zur gleichen Zeit in die Kanzlei.�</p><p>Henris ungutes Gef�hl verst�rkte sich immer mehr. Er sagte: �Aber wollt Ihr nicht meine Aussage zu Protokoll nehmen? Ich klage Ferrand der Volksverhetzung und des Aufruhrs an!�</p><p>�Kommt morgen wieder. Dann sehen wir weiter.�</p><p>Ferrand mischte sich ein. �Habt Ihr nicht geh�rt? Ihr seid unerw�nscht! Eure Anklage ist l�cherlich, meine Unschuld wird sich durch die Arbeit des Herrn Untersuchungsrichters schnell erweisen.�</p><p>Henri musste wohl oder �bel gehen. Er machte sich Vorw�rfe, dass er Ferrand, der f�r ihn ein Pfand darstellte, aus der Hand gab. Sp�testens jetzt ahnte er, dass sein Plan nicht aufgehen w�rde. Von jetzt an bestimmte die Gerichtsbarkeit die Spielregeln � und die tanzte nach der franz�sischen Pfeife.</p><p>Und als m�sste er Ferrand zum letzten Mal in die Augen sehen, trat Henri nahe an seinen Todfeind heran und sagte: �Bei Gott, wir machen viel Aufhebens mit dir, Ferrand! Das bist du nicht wert, denn du tust nichts f�r das Zusammenleben der Menschen, du schadest nur! Vielleicht h�tten wir doch tun sollen, was die Sarazenen vorschlugen.�</p><p>Ferrand erwiderte: <emphasis>�Du</emphasis> bist es nicht wert! Wir sind die, die am Ende siegen werden!�</p><p>Henri konnte es nicht unterlassen, Ferrand noch einmal seinen Standpunkt entgegenzuschleudern. �Wir wollen eine gro�e Idee entwickeln. Wir, die wir einen tiefen Einblick in das Leben der V�lker im Westen und im Orient erhalten haben, was zweifellos ein Geschenk ist, uns schwebt ein Gleichgewicht zwischen den V�lkern und Religionen vor. Kannst du das �berhaupt ermessen? Ein universeller Frieden, der die Sch�pfung bes�nftigt. Daf�r brauchen wir ein geistiges Band zwischen den Regierungen und den V�lkern von Europa. Unsere Erfahrungen aus allen Schlachten und aus fast zwei Jahrhunderten �berlieferung und Ged�chtnis sagt uns, dass wir eine andere Welt brauchen. Eine bessere, als wir jetzt haben. Eine friedliche, eine vers�hnte.�</p><p>Der Richter wollte seine Rede unterbrechen, aber Henri brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen und fuhr fort:</p><p>�Du kannst eine solche gro�e Idee nicht begreifen, Ferrand! Aber dennoch: Habe keine Angst, Ferrand! Die Welt wird dadurch nicht auf den Kopf gestellt. Es ist begl�ckend, in Frieden mit den anderen zu leben! Lerne das!�</p><p>Ferrand starrte ihn hasserf�llt an. �Du beschnittenes, j�disches Scheusal. Wir werden euch ausrotten. Wir Christen werden �ber euch und den Antichristen siegen!�</p><p>�Wie k�nnte ich dich nur von deinem Hass befreien, Ferrand? Was ist es, was dich so unvers�hnlich gegen andere Menschen macht?�</p><p>Ferrand de Tours schwieg. Er biss die Z�hne zusammen, sein Gesicht wurde hart und wei�.</p><p>Henri sah ein, dass er sich mit Ferrand nicht verst�ndigen konnte. Er wandte sich ab und verlie� die Kanzlei.</p><p>Henri stieg die Stufen des Gerichtshauses mit unguten Gef�hlen hinab. Er war so in Gedanken versunken, dass er die beiden Gestalten nicht bemerkte, die sich auf seine F�hrte setzten. Sie trugen das kurz geschnittene Haar der einfachen Bev�lkerung, aber eine Kleidung aus teuren Tuchen. Jeder besa� zwei Messer im Lederg�rtel.</p><p>Henri holte die beiden Reittiere aus dem Stall und f�hrte sie am Z�gel durch die Stadt in Richtung auf das s�dliche Ausfalltor. Er gr�belte dar�ber nach, ob er nicht dabei war, alles falsch zu machen. Er befand sich in einem seltsamen Gem�tszustand, halb zornbebend, halb ratlos.</p><p>Aber dann wies er die qu�lenden Gedanken zur�ck. Am n�chsten Tag w�rde er erfahren, wie man den Prozess gegen Ferrand vorbereitete. Er w�rde auch erfahren, wer den Haftbefehl gegen ihn unterschrieben hatte. Dann konnte er auch diesen Richter aufsuchen und ihm beweisen, dass er verleumdet worden war. Bis dahin musste er sich gedulden.</p><empty-line/><empty-line/><p>Noch in den Gassen von Avignon beschloss Henri, den Palast der Dominikaner aufzusuchen. Vielleicht w�rde er dort Gottfried von Wettin treffen, der ihm vor einem Jahr eine so gro�e Hilfe gewesen war. Die Gef�hrten vor den Stadttoren mussten warten.</p><p>Erst jetzt bemerkte Henri, dass die Stimmung in Avignon gereizt war. �berall standen Menschen zusammen, und wenn sich ein Fremder n�herte, schlenderten sie betont unbeteiligt auseinander, als wollten sie nicht zusammen gesehen werden. An einer offenen Feuerstelle, wo man Garnelen und Pulpos r�stete, belauschte Henri ein Gespr�ch zweier B�rger. Danach wusste er, was die Menschen in der Papststadt bewegte.</p><p>�Die P�pste sind die Nachfolger der armen Fischer von Galil�a � aber daran erinnern sie sich selbst nicht mehr. Sie kleiden sich in Purpur und Gold. Und sie speisen nicht, weil sie Hunger versp�ren.�</p><p>�Ich wei�. Ich h�rte von einem, der in Damaskus vierzig Kleidungsst�cke aus Goldbrokat f�r seinen pers�nlichen Gebrauch kaufte. Das kostete 1276 Goldflorin! Noch mehr gab er f�r kostbare Pelze aus. Und er schlief nur in nerzbesetzter Seidenbettw�sche.�</p><p>�Nun, w�rde man einem solchen Herrscher seine kleinen privaten S�nden beichten? Die P�pste bedeuten den Verfall der Kirche, sie besitzen kein Existenzrecht!�</p><p>�Aber im Moment haben wir ja gar keinen!�</p><p>�Und das soll auch am besten so bleiben!�</p><p>In diesem Moment traten die beiden M�nner, die Henri unauff�llig verfolgt hatten, in den Kreis. Sie herrschten die sich unterhaltenden Passanten an: �Zerstreut euch! Oder wir arretieren euch sofort!�</p><p>Henri hob, spontan ber�hrt, die Hand. �Sie haben nichts Frevlerisches getan! Kann man in Avignon nicht mehr seiner Meinung Ausdruck geben?�</p><p>�Ihr haltet Euch heraus, Fremder�, fuhr ihn der j�ngere der M�nner im Dienst des Gerichtshauses an. �Mit Euch besch�ftigen wir uns schon noch. Immer der Reihe nach!�</p><p>Henri erschrak. Konnte es sein, dass er schon im Visier der Geheimpolizei war? Selbst im unabh�ngigen Avignon? Nein, es musste Zufall sein. W�hrend sich die B�rger an der Feuerstelle trollten, fragte Henri: �Was wolltet Ihr damit ausdr�cken, bester Mann? Bin ich interessant f�r Euch? Und wenn ja, warum, und wer seid Ihr?�</p><p>Als beide n�her an ihn herantraten und sich drohend vor ihm aufbauten, bemerkte Henri aus den Augenwinkeln, dass sich eine gr��ere Menschenmenge anschickte, ihrem Disput zuzuh�ren. In ihm klingelten Alarmglocken. �ffentliche Aufmerksamkeit war das Letzte, was er bewirken wollte. Deshalb griff er zum Z�gel seines Pferdes und wollte es wortlos fortf�hren.</p><p>Aber die M�nner stellten sich ihm in den Weg. �Halt! Ein paar Fragen haben wir schon noch, guter Mann! Seid Ihr mit den B�rgern dort im Bunde gewesen, die sich ketzerisch �ber die P�pste unterhalten haben? Antwortet!�</p><p>�Ich bin fremd in Avignon. Ich kenne niemanden. Und nun macht mir Platz!�</p><p>�Ihr werdet uns in das Gerichtshaus begleiten! Betrachtet Euch als festgenommen!�</p><p>Henri verfluchte seinen Leichtsinn. Er sah, wie immer mehr Passanten n�her r�ckten. Schon standen er und seine beiden Gegen�ber in einem Kreis mehrerer Neugieriger. Er sa� kurz entschlossen auf und wollte davonreiten. Aber einer der M�nner griff ihm in die Z�gel.</p><p>�Hier geblieben!�</p><p>Henri verhielt Barq. Er �berlegte nicht lange und benutzte einen Kampfgriff, den er im Tempel gelernt und erst vor kurzem erneut angewendet hatte. Er beugte sich schnell seitw�rts herab, griff beiden M�nnern an die K�pfe und schlug diese zusammen. Wie vom Blitz getroffen sanken die beiden in den Staub des Platzes. Die Menge �ffnete ihm eine Gasse. Henri konnte ungehindert davonreiten.</p><p>Er begriff, in welcher Gefahr er sich nun befand. Blitzschnell �berschlug er seine M�glichkeiten. Er konnte zum Gerichtshaus zur�ckreiten und Ferrand in seine Gewalt bringen. Aber das verwarf er. Ferrand de Tours war f�r ihn verloren. Er konnte auf schnellstem Weg aus der Stadt herausreiten, die Wachen an der Stadtmauer w�rden ihn nicht aufhalten � wenn er sich beeilte. Oder er konnte zu den Dominikanern gehen.</p><p>Dort w�rde ihn Gottfried so lange verstecken, dass er einen Schlachtplan aushecken konnte, um im Untergrund der Stadt t�tig zu werden. Vielleicht kam er auf diese Weise doch noch an Ferrand de Tours heran. Aber dann w�rde man �berall nach ihm suchen, wahrscheinlich auf allen �ffentlichen Pl�tzen seinen Steckbrief verk�nden. Der R�ckzug aus Avignon war ihm dann versperrt.</p><p>Henri entschied sich dennoch f�r die letzte L�sung. Er wollte nicht davonlaufen.</p><p>Die Gef�hrten, die ihn vor der Stadt erwarteten, w�rden wissen, was sie zu tun hatten.</p><p>Henri hatte Gl�ck. Gottfried von Wettin, M�nch und ehemaliger Tempelritter aus dem Heiligen R�mischen Reich, war anwesend. Er fand ihn ohne Umschweife. Als Henri in sein Zimmer im Abteigeb�ude st�rmte, sah ihn der M�nch, den eine sorgf�ltig ausrasierte Tonsur schm�ckte, aus seinen grauen Augen entsetzt an.</p><p>�Henri de Roslin! Was um Gottes willen�!�</p><p>�Still, Gottfried, du wei�t, die W�nde haben Ohren. Du musst mir helfen!�</p><p>�Das ist mir klar. Aber was ist geschehen?�</p><p>Henri berichtete. Der tief gl�ubige und aufrichtige Gottfried schickte ein Sto�gebet zum Himmel. Er trat an die T�r, blickte nach rechts und links den Gang hinunter und schloss die T�r �ngstlich.</p><p>�Henri! Um Gottes willen! Du hast dich in Lebensgefahr begeben, ist dir das klar? Du bist der gesuchteste Mann von Frankreich! Selbst in den abh�ngigen Gebieten sind �berall Spitzel! Und jetzt spazierst du hier herein, als wolltest du an der Nachmittagsmette teilnehmen!�</p><p>�Es w�re sch�n, daran teilzunehmen, Gottfried. Leider bleibt daf�r keine Zeit. Du musst mich verstecken, bis sich der L�rm gelegt hat, den ich m�glicherweise gerade in Avignon verursacht habe.�</p><p>�Henri, wei�t du �berhaupt, was du da sagst? Du musst sofort aus Avignon verschwinden! Der Generalinquisitor Guillaume de Imbert weilt hier. Mehr noch, er befindet sich gerade beim Prior hier im Palast! Wenn ihr zusammentrefft, bist du ein toter Mann!�</p><p>�Imbert ist bei den Dominikanern? Nun��</p><p>�Ich begleite dich! Zieh das hier �ber! Und schnell! Hast du ein Pferd?�</p><p>Henri streifte die wei�e M�nchskutte �ber. �Drau�en angebunden. Willst du etwa mit mir reiten?�</p><p>�Haben wir Templer und armen Br�der Christi nicht fr�her immer zu zweit auf einem Pferd gesessen? Na also. Gehen wir, bevor es zu sp�t ist!�</p><p>Die beiden so ungleichen M�nner schl�pften auf dem dunklen Gang des Klosters hinaus. Henri war gro� und breitschultrig, Gottfried nicht mehr als mittelgro� und schmal. Aber die Kutten verwandelten beide in die gleichen frommen Br�der eines Ordens, der im Land m�chtig war, weil er die Inquisition anf�hrte.</p><p>Deshalb kamen sie auch ungehindert aus dem Palast heraus und die Stra�en hinunter. Kein Mensch wunderte sich �ber die beiden M�nche auf dem Araberhengst, auch wenn dieser zu stolz und zu pr�chtig dahintrabte, um im Besitz armer Br�der zu sein.</p><p>Gottfried machte Umwege. Er kannte sich so gut in Avignon aus, dass er wusste, wo die Gefahr am wenigsten drohte. Sie kamen schlie�lich an ein Torhaus, in dem es eine niedrige Pforte gab.</p><p>�Sie wird benutzt von M�gden, die fr�hmorgens die Milch von den Weiden holen und bringen. Nur wenige kennen sie.�</p><p>Gottfried stieg vom Pferd und schob Barq weiter.</p><p>�Du kommst nicht mit, nicht wahr?�, fragte Henri.</p><p>�Mein Platz ist hier. Aber lass uns einen Treffpunkt verabreden, wo wir �ber das Zur�ckliegende sprechen k�nnen, Henri.�</p><p>�Du kennst Uz�s, dort, wo Clemens begraben wurde? Ich werde in drei Tagen mit meinen �brigen Gef�hrten dort auf dich warten, Gottfried. Vielleicht kannst du dich dann entschlie�en, dich uns anzuschlie�en. Dieses Land ist noch ein S�ndenpfuhl, bald wird es ein Paradies sein. Aber daf�r m�ssen wir noch viel tun. Und ich w�re stolz, dich an meiner Seite zu haben!�</p><p>�Wir werden sehen. Und nun reite zu deinen Gef�hrten! Gott mir dir!�</p><p>�Und mit dir, Bruder!�</p><p>Henri bestieg sein Pferd und ritt davon. Er musste die Stadt ganz umrunden, um seine Gef�hrten zu erreichen. Bald verlor er sich in der Ferne. Ein kleiner Punkt in einer endlosen Landschaft.</p><empty-line/><empty-line/><p>Drei Tage sp�ter trafen sich sechs M�nner in Uz�s, nordwestlich von Avignon.</p><p>Zwei davon wollten sich hier, im Anblick des p�pstlichen Grabes, von den anderen verabschieden. Das waren die beiden jungen Sarazenen. Sie wollten nach Toledo zur�ckkehren. Sie versprachen, besonders auf die j�dische <emphasis>Aljama</emphasis> aufzupassen und Theophil von Speyer zu gr��en. Henri trug ihnen auch einen Gru� an die junge J�din Azaria auf.</p><p>�Bis das Jahr sich rundet, bin ich wieder in Toledo an der Seite der Juderia und aller ihrer wunderbaren Menschen�, k�ndigte Henri an.</p><p>Aber noch w�hrend er so sprach, zweifelte er daran, ob er diesen Wunsch w�rde erf�llen k�nnen. Denn vor ihnen lag eine Zeit der Gef�hrdungen und K�mpfe.</p><p>W�hrend sie auf Uz�s zugeritten waren, um dort Gottfried von Wettin zu treffen, hatten die jungen Sarazenen, vielleicht um ihren Ungehorsam vergessen zu machen, alles �ber den Tempelorden wissen wollen. Und Henri erz�hlte bereitwillig dar�ber, denn es erleichterte ihn, an bessere Zeiten zur�ckzudenken, als die Templer noch in Freiheit waren.</p><p>�Nach dem Ende der Kreuzz�ge zogen wir uns in die Provinzen zur�ck, in die die Verwaltung des Tempels eingeteilt war � nach England, Poitou, Aragon, Portugal, Ungarn, Apulien und nat�rlich nach Frankreich. Die oberste Gewalt unseres Ordens lag damals beim Gro�meister, der auf Zypern residierte. Ihm unterstanden die Komture der Provinzen, auch Meister genannt. Dann folgten die Komture der mehr als neuntausend H�fe und gro�en Komtureien. Sie verwalteten die Festungen, Dom�nen und landwirtschaftlichen G�ter des Tempels und f�hrten den Befehl �ber die Ritter, Knappen und Servientenbr�der, die h�usliche Dienste und die Landarbeit verrichten mussten. Visiteure des Ordens reisten von Komturei zu Komturei, um sie zu inspizieren, und erstatteten den Meistern Bericht.�</p><p>�Ein gewaltiger Orden! Wie konnte er so schnell und ohne Gegenwehr zerschlagen werden?�</p><p>�Dar�ber denke ich auch oft nach. Ich wei� keine Antwort. Auch die Juden leisten keinen Widerstand, wenn man sie deportiert und ihre Wohnorte zerst�rt. Es hat etwas mit Gottvertrauen zu tun. Damit, dass man nicht glauben kann, der Herr verlasse einen wirklich. M�ssen nicht hinter allen Geschehnissen ein Wille und ein Plan Gottes stehen?�</p><p>�So weit, so gut. Aber was war mit den Gefolterten in den Kerkern? Sp�testens da mussten doch alle wissen, dass Gott sich von ihnen abgewendet hatte! Es sei denn, ihr seid davon ausgegangen, dass sie sich vor eurem Gott schuldig gemacht hatten.�</p><p>Henri musste dem jungen Sarazenen Recht geben. �Ich habe selbst gefangene Br�der in den Folterkellern gesehen. Auch ich f�hlte den Schmerz �ber die Abwesenheit des Herrn. Es war ein bitterer Anblick, der verzweifelt macht. Ich wollte ihnen helfen. Aber ich konnte es nicht.�</p><p>�Starben sie?�</p><p>Henri erwiderte m�hsam: �Sie starben alle. Die einfachen Br�der und auch die Gro�meister.�</p><p>Uthman sagte: �Etwas �hnliches darf nie mehr passieren! Wir m�ssen daf�r k�mpfen, dass Recht und Gesetz einkehren. Auch einen neuen Kreuzzug darf es niemals mehr geben, in dem sich Christen und Sarazenen bekriegen und Juden get�tet werden.�</p><p>Joshua f�gte einfach hinzu: �Wir m�ssen lernen, miteinander auszukommen.�</p><p>Henri wies mit ausgestreckter Hand voraus. �Uz�s. Gebe Gott, dass wir niemals wieder zu Papstm�rdern und K�nigsm�rdern werden m�ssen. Das Ma� der Zeit ist bis an den Rand mit Blut gef�llt.�</p><p>Gottfried von Wettin wartete schon an der Kapelle auf sie, die zu F��en der m�chtigen Burg stand. Henri war hocherfreut dar�ber, dass der Wettiner bei der Begr��ung er�ffnete, mit ihnen reiten zu wollen.</p><p>�Wir m�ssen immer mehr werden�, begr�ndete der Dominikaner seinen Entschluss. �Unsere Epoche ist reif f�r eine breite Bewegung gegen die Willk�r von Tyrannen.�</p><p>Mit diesem Motto ihrer noch geheimen Vereinigung, deren Gr�ndung sie bis zu einem besseren Tag verschieben mussten, waren alle einverstanden.</p><p>Dann verabschiedeten sich die jungen Sarazenen. Henri hatte ihnen ihren Ungehorsam verziehen. Denn er hatte einsehen m�ssen, dass sie nicht Unrecht gehabt hatten. �berhaupt hatten seine Gef�hrten die besseren Argumente vertreten. Er, Henri, h�tte Ferrand de Tours, dessen weiteres Schicksal ihm unbekannt und jetzt auch gleichg�ltig war, nicht pers�nlich in die Stadt seiner Feinde bringen d�rfen.</p><p>Aber jetzt war dieses Kapitel beendet. Sie waren unbelastet davon und frei, zu tun, was sie tun wollten. Von jetzt an sollte es in ihrer gemeinsamen Entscheidung liegen, wie lange jene Kr�fte noch �berleben durften, die durch L�gen und Intrigen in ihren Heimatl�ndern gegen das Zusammenleben der V�lker hetzten. Sie wollten vor allem den Kampf gegen alle jene aufnehmen, die den Judenhass predigten.</p><p>Sie standen zusammen und blickten den beiden jungen Sarazenen nach, die nach S�den davonritten. Dann wendeten sie sich einander zu und sahen sich fest in die Augen.</p><p>Sie wussten, die Zukunft w�rde nicht leicht werden. Sie waren ein versprengter Haufen in Feindesland. Aber solange sie zusammenblieben, waren sie auch kampferprobt genug, um den Gefahren zu trotzen.</p><p>Und mit dem, was sie gemeinsam erlebt und getan hatten, war f�r sie in dieser Zeit �berall, wohin sie auch kommen mochten, Feindesland. Das w�rden sie niemals vergessen.</p><empty-line/></section></section><section><title><p><emphasis><strong>Historische Nachbemerkung</strong></emphasis></p></title><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Juden, Christen und Muslime</strong></emphasis><strong>�</strong><emphasis><strong>kein einfaches Verh�ltnis</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Der Golem und die geheimnisvollen magischen Kr�fte der Kabbala � das sind Sagenmotive, mit denen dieser Roman spielt. Sagen und Ger�chte hatten im Mittelalter eine gro�e Bedeutung und wurden gerne zur nationalen und auch rassistischen Propaganda ausgeschlachtet. Eine weit verbreitete und von Christen gern geglaubte �ble M�r war jene, die Juden vergifteten die Brunnen, entf�hrten christliche Kinder und schlachteten sie in einer Imitation des Abendmahles. Dieses Ger�cht � das hier in der Geschichte Ferrand de Tours verbreitet � f�hrte tats�chlich in vielen europ�ischen St�dten zu Pogromen. Denn das Verh�ltnis zwischen Christen und Juden, aber auch zwischen Muslimen, Christen und Juden, war selten einfach und h�ufig gespannt.</p><p>Das Leben der Juden in den europ�ischen Staaten des Mittelalters, also vor allem im Heiligen R�mischen Reich, in Frankreich, England und Spanien sowie in den zahlreichen weiteren kleineren Herrschaften, war bestimmt durch ihre Ausgrenzung aus der christlich gepr�gten Gesellschaft. Sie galten als Angeh�rige nicht nur einer fremden Religion, sondern auch immer als fremdes Volk. Dabei hatten viele Juden schon fr�h in der Geschichte das Heilige Land verlassen, um anderswo ans�ssig zu werden.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Von der Babylonischen Gefangenschaft zum R�mischen Reich</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Im Jahr 721 v. Chr. war der j�dische Nordstaat Israel von den Assyrern erobert worden, die gro�e Teile der Bev�lkerung im Zuge ihrer Umsiedlungspolitik in andere Teile ihres gewaltigen Reiches verschleppten, wo sie ans�ssig wurden. Diese erste Deportation kann als Beginn der Ausbreitung j�discher Siedler in der Alten Welt angesehen werden. Nach der Zerst�rung Jerusalems durch die Babylonier 587 v. Chr. und dem damit besiegelten Ende des s�dlichen Staates Juda wurden erneut gro�e Gruppen von Juden nach Mesopotamien umgesiedelt. Es handelte sich hierbei um Angeh�rige der F�hrungsschichten. Von den Deportierten kehrten nach dem Erlass des persischen K�nigs Kyros (Kg. 559-529 v. Chr.) nicht alle nach Juda zur�ck. Vom 3. Jhd. v. Chr. an gingen Juden nach �gypten, siedelten aber auch schon im Westen Nordafrikas und selbst in Europa. Der Schwerpunkt j�dischen Lebens lag aber weiterhin in Mesopotamien, insbesondere nach den gescheiterten Aufst�nden der Juden gegen die r�mische Herrschaft im Heiligen Land in den Jahren 64 bis 70 und 135. In der Folge beider Aufst�nde wurden die Juden aus ihrer angestammten Heimat erneut vertrieben. Jerusalem selbst durften sie auf eine Anweisung Kaiser Hadrians (Ks. 117-138) nach dem Scheitern des zweiten Aufstandes nicht mehr betreten. J�dische Ansiedlungen gab es in dieser Zeit in der Kyrenaika (Nordafrika) und um Karthago, aber auch im Osten des R�mischen Reiches verstreut �ber Kleinasien, in Griechenland, Makedonien sowie Thrakien, weiterhin in Pannonien (an der mittleren Donau) und in der Provinz Noricum (�sterreich). In kleinerem Umfang fanden sich auch Gemeinden in Spanien, Gallien und Germanien sowie in Italien und Sizilien, also im Herz des Imperiums. Dabei war die Rechtsstellung der Juden durch die Gesetze der r�mischen Kaiser nicht ung�nstig. Schon Julius Caesar hatte den Juden die freie Aus�bung des Synagogenkults gew�hrt und, was noch bedeutsamer war, sie vom offiziellen r�mischen Staatskult ausgenommen. Kaiser Augustus (Ks. 27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) erlie� eine Verf�gung �ber die von allen Juden an den Tempel von Jerusalem zu entrichtende Steuer. Auch durften Juden unter Ber�cksichtigung ihrer Ritualgesetze nicht zum Dienst im Milit�r verpflichtet werden. Ihre privatrechtlichen, aber auch die strafrechtlichen Angelegenheiten durften die Juden als �religio licita� untereinander regeln. Diese Sonderstellung im R�mischen Reich hatten die Juden bis zu den erfolglosen Aufst�nden inne.</p><p>Au�er dem hohen Blutzoll, es fielen wohl um 600 000 Juden im ersten Aufstand gegen Rom (Flavius Josephus, J�discher Krieg 6, 420; Tacitus, Historien 5, 13), waren die rechtlichen Folgen des Scheiterns f�r die au�erhalb Pal�stinas lebenden Juden nicht wirklich einschneidend. Kaiser Vespasian (Ks. 69-79) verf�gte, dass die bisher an den Tempel von Jerusalem abgef�hrte Tempelsteuer von nun an als �Fiscus Judaicus� dem Tempel des Juppiter Capitolinus in Rom zugute kam. Dies sollte bis ins 4. Jhd. so bleiben und kann als Vorbild der Judensteuern des Mittelalters gesehen werden. Aber auch wenn Kaiser Hadrian nach dem Scheitern des zweiten j�dischen Aufstands in Pal�stina unter Bar Kochba den �bertritt zum Judentum zum Kapitalverbrechen erkl�rte und die Beschneidung eines Nichtjuden unter Todesstrafe gestellt wurde, blieb die Selbstverwaltung der Juden unangetastet. So konnte sich die politische Stellung des �Nasi�, des die j�dische Bev�lkerung Pal�stinas vertretenden Patriarchen und Vorsitzenden des gro�en j�dischen Gerichtshofes, im Laufe der folgenden Jahrzehnte sogar festigen. Unter Kaiser Severus Alexander (Ks. 222-235) erlangte der Patriarch die Anerkennung als Oberhaupt aller Juden im Reich. Schon im Jahr 212 hatten die Juden, zusammen mit allen im R�mischen Reich lebenden Nichtr�mern, das r�mische B�rgerrecht zugesprochen bekommen. An diesen Ma�nahmen zeigt sich, dass von r�mischer Seite her keine Absicht bestand, die Rechte und Freiheiten der Juden in irgendeiner Weise einzuschr�nken.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Der Beginn der Ausgrenzung</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Der Umschwung kam mit der Herrschaft Kaiser Constantins I. (Ks. 306-337), der, ohne selbst getauft zu sein, sich dem Christentum geneigt zeigte und durch politische Ma�nahmen die Entwicklung hin zu einem christlichen Reich einleitete. Die in der Folge erlassenen Vorschriften schr�nkten nun das soziale und religi�se Leben der Juden stark ein. Ausbau und Neubau von Synagogen wurden untersagt. Von b�rgerlichen und milit�rischen �mtern wurden Juden ausgeschlossen. Es durften von Juden keine christlichen Sklaven mehr gehalten werden, auch wurde die bis dahin �bliche j�dische Mission verboten. Mit allen diesen Ma�nahmen begann die Aussonderung der Juden aus dem gesellschaftlichen Leben des R�mischen Reiches. Einen scharfen Einschnitt in das Verh�ltnis zwischen Juden und Christen stellte die Synode von Elvira in Spanien im Jahr 306 dar. Nicht nur die Ehe zwischen Juden und Christen sowie die Kultgemeinschaft wurden verboten, sondern f�r Christen wurde auch die Tischgemeinschaft mit Juden unter schwere Kirchenstrafen gestellt. Die Zeit war nun reif f�r die ersten christlichen �bergriffe auf Juden. Gutgehei�en wurde ein solches Vorgehen sogar von Ambrosius von Mailand. Doch war diese scharfe Ausgrenzungspolitik nicht �berall in Europa gleich. Im westlichen Teilreich verf�gte noch im Jahr 404 Kaiser Honorius (Ks. 395-423) zwar den Ausschluss der Juden aus dem Kriegsdienst, lie� die �brigen Privilegien der Juden aber unangetastet. So hielten hier Juden weiterhin christliche Sklaven, denen die freie Religionsaus�bung gestattet sein musste.</p><p>Bis zum 7. Jahrhundert war das Judentum in Europa in einem starken Niedergang begriffen. Durch die Einschr�nkungen ihrer wirtschaftlichen Bet�tigung verarmten viele Juden, hinzu kamen Verluste in den Gemeinden durch zahlreiche �bertritte zum Christentum. Diese Entwicklung machte auch vor Pal�stina nicht Halt. Katastrophal war hier auch die Abschaffung des j�dischen Patriarchats im Jahr 425 unter Kaiser Theodosius II. (Ks. 379-395), womit die bis dahin eigenst�ndige politische Vertretung der Juden erlosch. Kaiser Heraklius (Ks. 610-641) untersagte die Aus�bung der j�dischen Religion vollst�ndig und wollte die Juden zur Annahme der christlichen Staatsreligion zwingen. Diese Politik hatte sogar Auswirkungen in Westeuropa, in der Lombardei, in Burgund und im Frankenreich.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Der �Babylonische Talmud�</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>F�r das babylonische Judentum bedeutete diese negative Entwicklung den Aufschwung. Am deutlichsten zeigt sich dies in der Rechtsverbindlichkeit des �Babylonischen Talmuds�, dessen Sammlung im 6. Jahrhundert abgeschlossen wurde. Der pal�stinische Talmud, seit dem 4. Jahrhundert vollendet, stand dahinter zur�ck. Die arsakidischen und sassanidischen Herrscher im Zweistromland �bten weitgehend Toleranz gegen�ber ihren j�dischen Untertanen. So konnten die Juden auch eine gewichtige Position im Seidenhandel einnehmen, sie trieben aber auch Ackerbau und waren in den St�dten handwerklich t�tig. Das geistige Leben der Juden bl�hte unter diesen Bedingungen auf. So konnte der Unterhalt f�r die rabbinischen Hochschulen aufgebracht werden, die gro�e Gelehrte hervorbrachten. Dabei blieb deren Einfluss nicht auf Mesopotamien beschr�nkt. Auch aus Europa kamen religi�se Fragen betreffende Anfragen hierher und wurden beantwortet. So entstand die �Responsenliteratur�, die diese Fragen und Antworten sammelte. Die Entscheidungen der babylonischen Rabbiner galten im ganzen Judentum als rechtsverbindlich. Diese Vormachtstellung hielt mehrere Jahrhunderte an, auch die arabische Eroberung tat dem keinen Abbruch. Und doch kam es infolge der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung am Beginn des 11. Jahrhunderts zum Niedergang. Mit dem Tod des Hai Gaon von Pumbedita im Jahr 1038 verlor das babylonische Judentum seine Bedeutung.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Die Juden unter der Herrschaft des Islams</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Mit der arabisch-islamischen Eroberung und Staatenbildung im Nahen Osten hatte sich die Lage der Juden in diesen Gebieten erneut ge�ndert. Als �Leute des Buches� (Ahl al-kitab) schon im Koran als sch�tzenswerte Minderheit anerkannt, profitierten die Juden von der neuen Herrschaft. Waren die Juden auch, wie die Christen, unter islamischer Herrschaft zur Zahlung der Kopfsteuer verpflichtet und galten nicht als Staatsb�rger, so gewannen sie doch ihre fr�heren Bet�tigungsfelder zur�ck. So konnte sich der weitgehend von Juden getragene Fernhandel entwickeln, der die Luxuswaren des Orients bis ins christliche Europa hinein weitergab. In dieser Zeit lebte auch das Judentum Europas wieder auf, insbesondere durch die Zuwanderung orientalischer Juden, wodurch die Gemeinden wieder anwuchsen.</p><p>Spanien gewann im fr�hen Mittelalter eine wichtige Mittlerfunktion zwischen der arabischen Gelehrsamkeit und Europa. Dabei bildeten die j�dischen Gelehrten eine wichtige Instanz. In den Jahrhunderten vor der islamischen Eroberung der iberischen Halbinsel war das Judentum allerdings von den christlichen Herrschern in gro�e Bedr�ngnis gebracht worden. Was mit den Beschl�ssen der Synode von Elvira begonnen hatte, wurde nach dem �bertritt des westgotischen K�nigs Rekkared (Kg. 586-601) zum Katholizismus auf mehreren Konzilien zu einem System der Unterdr�ckung ausgebaut. Die westgotischen Herrscher Spaniens waren bestrebt, die religi�se Einheit ihrer Untertanen zu erreichen. Und das bedeutete, sie sollten alle der katholischen Kirche angeh�ren. Die Juden wurden aus den Staats�mtern ausgeschlossen, das Verbot zur Haltung christlicher Sklaven wurde bekr�ftigt, ebenso jeglicher Umgang zwischen Christen und Juden unter Strafen gestellt. Auch vor Zwangstaufen schreckte man nicht zur�ck, obwohl von p�pstlicher Seite dieses Mittel der �Bekehrung� ausdr�cklich untersagt worden war. Wer sich nicht taufen lassen wollte, der wurde des Landes verwiesen. Da dies aber den Verlust des gr��ten Teils ihres Besitzes bedeutete, lie�en sich viele, besonders die Land besitzenden Juden, zum Schein taufen.</p><p>Als die au�enpolitische Lage durch die Entwicklung in Nordafrika immer bedrohlicher wurde, klagte K�nig Egiks (Kg. 687-701) die Juden auf dem 17. Konzil von Toledo an, sie w�rden mit ihren Glaubensbr�dern in Nordafrika zum Schaden seiner Herrschaft konspirieren � was im Klartext bedeutete, sie h�tten Kontakte zu den islamischen Kr�ften. Dieser Vorwurf sollte etwa 400 Jahre sp�ter erneut zur Begr�ndung von Zwangsma�nahmen dienen. Als schlie�lich im Jahr 711 die arabische Invasion der iberischen Halbinsel kam und die Eroberung des gesamten Gebietes innerhalb von drei Jahren abgeschlossen war, bedeutete dies die weitgehende Befreiung der Juden von Unterdr�ckungsma�nahmen aller Art.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Eine neue Bl�te j�dischen Lebens in Spanien</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Hatte die Politik der Westgoten das j�dische Geistesleben Spaniens nahezu zum Erliegen gebracht, kam es nun unter den arabischen Herrschern zu einer neue Bl�te. Zun�chst war es m�glich, das Gemeindeleben wieder zu organisieren, dann aber auch die unter der christlichen Herrschaft verlorene Stellung in der Wirtschaft wiederzugewinnen. Dieser Aufschwung begann unter Abd al-Rahman I. (Emir 755-788), der das gesamte islamische Spanien (al-Andalus) im Jahr 755 im Emirat von Cordoba zusammenfasste. Der Anteil der Juden an der Gesamtbev�lkerung betrug aber nie mehr als 1 %. Allerdings gab es j�dische St�dte, wie z. B. Lucena. �berhaupt lebten die Juden bevorzugt in den St�dten, wo sie in allen Bereichen st�dtischen Handels und Handwerks t�tig waren. Unter Kalif Abd al-Rahman III. (Klf. 929-961) stieg Hasdaj ibn Schaprut (940-975) zu hohen Staats�mtern auf. So war er nicht nur das Oberhaupt der spanischen Juden, sondern auch im Dienst des Kalifen f�r Zoll und Au�enhandel zust�ndig und unternahm diplomatische Missionen. An die Talmud-Hochschule <emphasis>(Jeschiva)</emphasis> von Cordoba berief er Mose ben Hanoch, einen bedeutenden italienischen Talmud-Gelehrten. Auch die hebr�ische Sprachwissenschaft f�rderte Hasdaj. Diese positive Entwicklung der j�dischen Wissenschaft brach auch nicht ab, als Cordoba 1031 von den Berbern erobert wurde. Auf der iberischen Halbinsel bildeten sich nun zahlreiche islamische Teilreiche unter den <emphasis>Reyes de taifas</emphasis> genannten Kleink�nigen, in denen j�dische Kultur bl�hte. Juden stiegen in h�chste Staats�mter auf. Auch die talmudische Wissenschaft erreichte einen H�hepunkt, besonders in Lucena, wo an der dortigen Hochschule Isaak Alfasi (1013-1103) wirkte. Die Ber�hrung mit der arabischen Wissenschaft wirkte ebenfalls anregend, besonders auf die j�dische Literatur. Salomo ibn Gabriol (1020/21-1053/58) und Mose ibn Esra (ca. 1055-1135/40) waren wichtige Vertreter j�discher Dichtung der Zeit. Die Philosophie und die Mystik erhielten wichtige Impulse. Die von Bahja ibn Paqudas, der um 1100 lebte, verfasste �Mystik der Herzenspflichten� zeigt starke Beziehungen zur islamischen Philosophie. Das Buch �Lebensquelle� von Salomo ibn Gabriol hatte innerhalb des Judentums keinen Widerhall gefunden, fand aber in der lateinischen (christlichen) Scholastik einige Beachtung.</p><p>Mit dem Ende des 11. Jahrhunderts war die Zeit des Friedens vorbei. Jerusalem wurde von den Christen 1099 erobert, die Kreuzz�ge begannen und f�hrten nat�rlich zu einer Verh�rtung der Fronten zwischen Islam und Christentum, aber auch zu Bedr�ckungen innerhalb der islamischen Staaten f�r die Nicht-Muslime. So war es 1066 in Granada zum ersten Pogrom im islamischen Spanien gekommen. 1500 j�dische Familien fielen dem Gewaltausbruch zum Opfer. In diesem Jahrhundert begann auch mit der Herrschaft K�nig Alfons VI. (Kg. 1065/72-1109) von Kastilien die erneute Erstarkung der christlichen Herrschaften in Spanien. Die untereinander zerstrittenen islamischen Herrschaften konnten keine einheitliche Front mehr aufbauen. So kam es dazu, dass Alfons VI. Tribute von einigen islamischen Herrschern erhielt. Wenn auch noch bei der Schlacht von Zallaqa im Jahr 1086 auf christlicher wie islamischer Seite Juden teilnahmen, so endete in dieser Zeit doch die Toleranz der Muslime und Christen den Juden gegen�ber.</p><p>Die Almoraviden ergriffen die Macht in Sevilla und begannen sofort ihre Bem�hungen um die vollst�ndige Islamisierung des Landes. Juden wie Christen wurden �rgstens bedr�ckt. Aber auch in den christlichen Reichen war die Situation von nun an �hnlich.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Spanien wird wieder christlich</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>In der ersten Phase der Reconquista, der christlichen Wiedereroberung der iberischen Halbinsel, waren Sanktionen gegen die Juden unterblieben. Ihre Rechte wurden nicht eingeschr�nkt, sie konnten Landbesitz erwerben und ihren Gewerben nachgehen. Im christlichen Norden Spaniens waren sie den Christen rechtlich nahezu gleichgestellt. Ihr Schutzherr war der K�nig, und so hei�t es im �Libro de los Fueros de Castilla�: �Die Juden geh�ren dem K�nig; selbst wenn sie auf dem Territorium Adliger des Reiches oder ihrer Ritter oder anderer oder auf kl�sterlichem Territorium leben; sie haben immer dem K�nig zu unterstehen, in seinem Schutz und in seinem Dienst� [� 107, zit. n. Greive, 1980, S. 32]. Diese f�r die Juden g�nstigen Umst�nde fanden allerdings im Verlauf des 11. Jahrhunderts ein Ende. Zun�chst erfolgte der Umschwung im christlichen Spanien. Hatte Papst Gregor VII. (PM 1073-1085) mit seinem Protest gegen die weitgehende rechtliche Gleichbehandlung von Juden und Christen im christlichen Spanien noch keinen nennenswerten Erfolg gehabt, so machte sich mit der Zeit bei den Untertanen, insbesondere aber beim Adel, ein regelrechter Judenhass breit. Dieser hatte seinen Ursprung allerdings mehr in der Auseinandersetzung zwischen Adel und K�nig. Die spanischen K�nige hielten weiter am Schutz der Juden fest, bedienten sie sich ihrer doch in der Verwaltung, wo einzelne j�dische Amtstr�ger zu h�chsten W�rden aufstiegen. Dies f�hrte zu Neid unter den Christen. Trotzdem hielten alle K�nige der Reconquista bis hin zu Ferdinand III. (Kg. 1217-1252) von Kastilien und Jayme I. (Kg. 1213-1276) von Aragon daran fest. In Kastilien wurde nach Ferdinands Tod das j�dische Leben stark beschr�nkt. Es waren Blut- und Ritualmordbeschuldigungen aufgetaucht, denen man durch Zwangsma�nahmen zuvorkommen wollte. Die Juden durften also um das Osterfest herum ihre H�user nicht mehr verlassen. Die Errichtung von Synagogen wurde wieder durch Vorschriften erschwert. Kein Jude durfte, wie von der Kirche schon in den Jahrhunderten zuvor immer wieder verlangt, eine Funktion einnehmen, in der ihm Christen unterstellt waren. Nun wurde auch das Tragen bestimmter Kleidung und insbesondere des gelben Flecks zur Kennzeichnung einer Person als Jude verlangt. Dabei f�hrten diese Ma�nahmen, nicht �berall mit letzter Konsequenz durchgef�hrt, nicht zu einem Absterben j�discher Kultur im christlichen Spanien.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>J�dische Gelehrsamkeit gibt Europa Impulse</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Im 12. Jahrhundert wirkten weiterhin bedeutende j�dische Gelehrte. Philosophie und Mystik, aber auch die anderen Wissenschaften bl�hten. Unter K�nig Alfons X. (Kg. 1252-1282) stieg die �bersetzerschule von Toledo � deren Personal in dem Roman vollkommen fiktiv ist � zu gro�er Bedeutung auf. Hier wurde das islamisch-j�dische Wissen der christlichen Gelehrtenwelt zug�nglich gemacht und strahlte aus nach ganz Europa. Die Kabbala, eine mystische Deutung der f�nf B�cher Mose, erlebte im 13. Jahrhundert mit dem 1291 von Moses Bar Shem Tov de Leon verfassten �Sohar� (Buch des Glanzes) ihren H�hepunkt. In diesem Jahrhundert wirkten auch die Bibelkommentatoren Mose ben Nachman (Nachmanides, um 1195-1270) und Bahja ben Ascher (um 1260-1340), die wesentlichen Einfluss auf die sp�tere Zeit hatten. Doch mussten diese Gelehrten auch inszenierte Dem�tigungen ertragen. In Barcelona wurde 1263 eine �ffentliche Religionsdisputation abgehalten, in der sich Nachmanides dem zum Christentum �bergetretenen Pablo Christiani stellen musste. Das �ffentliche Gespr�ch endete ohne fassbares Ergebnis, wenn auch beide Seiten sich nachher als Sieger sahen. Der einzige Zweck dieser und �hnlicher Veranstaltungen nicht nur in Spanien war christlicherseits der �Beweis� der Unterlegenheit des Judentums. Von vornherein hatten diese Gespr�che kein anderes Ziel als die Dem�tigung der Juden. F�r Nachmanides hatte die Disputation von 1263 noch Folgen. Wegen seines dar�ber aufgesetzten Protokolls, in dem sich angeblich Angriffe gegen das Christentum fanden, wurde er angeklagt. Doch er entzog sich dem Urteilsspruch, indem er sich auf eine Pilgerreise nach Jerusalem begab. Den Rest seines Lebens verbrachte er im Heiligen Land.</p><p>Im muslimisch beherrschten Spanien konnten die Juden nach einer Beruhigung der Verh�ltnisse im Anschluss an die Kampfphase der almoravidischen Eroberung einige Jahrzehnte der Ruhe genie�en. Das geistige Leben bl�hte wieder auf. Doch als die berberische Sekte der Almohaden unter Abd al-Mu�min 1146 die Almoraviden abl�ste, setzte diese die Islamisierung mit aller Gewalt durch. Dies hatte nat�rlich nicht nur Schein�bertritte zum Islam zur Folge, sondern auch eine Massenflucht. Die christlichen Reiche Spaniens nahmen die Fl�chtlinge auf. Unter diesen befand sich auch Mose ben Maimon, genannt Maimonides (1135-1204). Sein 1168 abgeschlossener Mischna-Kommentar machte ihn zu einer Autorit�t. Mit seiner �Mischne Tora� (Wiederholung der Lehre), einem vierzehnb�ndigen Werk, das die rabbinische Gesetzgebung systematisierte, verband er die Hoffnung, den Talmud ersetzen zu k�nnen. Dies geschah allerdings nicht, wenn auch die �Mischne Tora� f�r das Talmud-Studium wichtig wurde. Auch die bedeutendste religionsphilosophische Schrift des j�dischen Mittelalters, die den Titel �F�hrer der Verwirrten� (More Nevuchim) tr�gt, ist ein Werk des Maimonides. Sie sollte weit �ber die j�dische Welt hinaus Interesse finden. In der christlichen Gelehrtenwelt wurde diese Schrift unter dem lateinischen Titel �Dux neutrorum� bekannt. Durch die Flucht weiterer Gelehrter gelangten die Erkenntnisse j�disch-islamischer Gelehrsamkeit auch ins christliche Europa. In Spanien selbst kamen die Wissenschaften durch das ung�nstige, dem forschenden Geist entgegenstehende religi�se Klima unter der Almohaden-Herrschaft nahezu vollst�ndig zum Erliegen. Dies zeigt sich auch in einem Umschwung in der verwendeten Sprache. Hatten die j�dischen Gelehrten bis dahin ihre Werke in arabischer Sprache verfasst, so begannen sie nun, Hebr�isch zu schreiben.</p><p>Das 13. Jahrhundert sah in Spanien die gro�en Erfolge der <emphasis>Reconquista.</emphasis> Im Jahr 1212 erlitten die Almohaden eine schwere Niederlage bei Navas de Tolosa, dann fiel Cordoba 1236 in christliche Hand, Murcia wurde 1241 erobert und Sevilla 1248. Der islamische Einflussbereich beschr�nkte sich von nun an allein auf das K�nigreich Granada. Die Juden Spaniens hatten sich mit der christlichen Herrschaft abzufinden.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Die Lage der Juden im restlichen Europa</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Auch au�erhalb Spaniens war die Geschichte der Juden zumeist von Repressalien bestimmt. Im 7. Jahrhundert hatte der merowingische K�nig Dagobert I. (Kg. 628-637) versucht, die Juden zur Annahme der Taufe zu zwingen oder sie auszuweisen. In den folgenden beiden Jahrhunderten konnte sich das j�dische Leben aber vor allem in den Hafenst�dten Frankreichs erholen. Auch hier lag in dieser Zeit der Fernhandel weitgehend in den H�nden von j�dischen Kaufleuten. Wie eng auch hier die Beziehungen zwischen Juden und Christen bis in die Zeit der Karolinger hinein waren, zeigt sich an den wiederholten Bem�hungen der Kirche, diese zu unterbinden. Die Synoden stellten die Mahlgemeinschaft von Juden und Christen immer wieder unter Strafe, ein deutliches Zeichen daf�r, dass diesen Vorschriften nicht nachgekommen wurde. Bischof Agobard von Lyon (779-840) tat sich in seinen Schriften ganz besonders als Judenfeind hervor. Dem trat aber Kaiser Ludwig der Fromme (Ks. 814-840) entgegen, und auch Karl der Kahle (Ks. 875-877) unterband solche Bem�hungen. Die Kaiser und K�nige hatten die Juden unter ihren Schutz genommen und verteidigten sie auch gegen�ber der Kirche. Dieses Interesse der K�nige r�hrte nat�rlich von den nicht unwesentlichen Abgaben her, die von den Juden f�r diesen Schutz zu entrichten waren. Im 11. Jahrhundert kam es in Frankreich zu ersten Pogromen. Als im Jahr 1010 Kalif al-Hakim (Klf. 996-1021) die Grabeskirche in Jerusalem zerst�ren lie�, wurden die Juden der Mithilfe bezichtigt, was zu Ausschreitungen an der Loire und in Rouen f�hrte. Lyon war 1049 Schauplatz eines Pogroms mit zahlreichen j�dischen Opfern. Auch kam es im Jahr 1063 zu �bergriffen, als S�ldner f�r den Kampf gegen die Muslime in Spanien durch Frankreich zogen. Wenn also auch das Leben der Juden unsicher war, so konnte sich doch in <emphasis>Frankreich</emphasis> das Geistesleben voll entfalten. Die Stadt Troyes brachte mit Salomo ben Isaak (1040-1105), besser bekannt unter dem Namen Raschi, den bedeutendsten Kommentator des babylonischen Talmuds hervor. Seine Jeschiva in Troyes erlangte gro�es Ansehen.</p><p>Auf dem Gebiet des <emphasis>Deutschen Reiches</emphasis> hatten sich gr��ere j�dische Gemeinden vor allem in den gro�en rheinischen St�dten (Speyer, Worms, Mainz, Bonn, K�ln) angesiedelt. Zu nennen sind aber auch die Gemeinden von Hameln, Hildesheim und Magdeburg sowie von Regensburg. Besonderes Interesse an der Ansiedlung von Juden hatten die Bisch�fe, da sie als deren Schutzherren �ber die f�lligen Abgaben direkt verf�gen konnten. Auch war der j�dische Geldverleih eine willkommene M�glichkeit f�r die geistlichen und weltlichen Herren, ihre oft leeren Kassen wieder zu f�llen. J�disch-christliche Kontakte waren im Deutschen Reich, �hnlich wie zur gleichen Zeit in Frankreich, selten. Die j�dischen Gemeinden lebten daher weitgehend unter sich, wenn es auch noch keine wirklichen Ghettos gab.</p><p>Den Buchstaben nach standen die Juden im Deutschen Reich unter kaiserlichem Schutz. Dieser Schutz wurde f�r die Juden von Speyer mit einer Urkunde Kaiser Heinrichs IV. (Ks. 1084-1106) im Jahr 1090 bekr�ftigt, in der es hei�t: �� dass in Zukunft niemand, der unter unserer k�niglichen Macht mit irgendeiner Amtsw�rde oder Machtbefugnis ausgestattet ist, kein Geringer und kein Gro�er, kein Freier und kein Sklave, sich unterstehen soll, diese durch irgendwelche falsche Anklagen zu beunruhigen oder anzugreifen. Auch soll niemand es wagen, ihnen irgendetwas von ihrem rechtm��ig ererbten Besitz an H�fen, H�usern, G�rten, Weinbergen, Feldern, Sklaven und sonstigen beweglichen und unbeweglichen G�tern wegzunehmen. [�] Auch sollen sie die freie Erlaubnis haben, ihre G�ter mit wem auch immer es ihnen beliebt in gerechtem Handel auszutauschen und sich frei und unbehelligt in den Grenzen unseres Reiches zu bewegen. [�] Niemand soll es wagen, ihre S�hne und T�chter gegen ihren Willen zu taufen� [zit. n. Schoeps/Wallenborn, Bd. 1, 2001, S. 121-122].</p><p>Waren diese Sicherheitsversprechen auch sehr weitreichend, so sollte sich doch wenige Jahre sp�ter zeigen, wie wenig den Juden damit geholfen war.</p><p>In der Folge des Kreuzzugsaufrufes und des Zustandekommens des nicht legitimierten �Kreuzzuges des Volkes� im Jahr 1096 kam es zu den ersten ausgedehnten Juden-Pogromen im Deutschen Reich. Der Einsiedler Peter von Amiens hatte zur Finanzierung seines Kreuzzuges die Juden des Rheinlandes zun�chst zur Zahlung gewaltiger Summen gen�tigt, doch blieb es nicht dabei. Die Rotten um Graf Emicho von Leiningen zogen mit dem Ruf �Taufe oder Tod!� gegen die rheinischen Juden. Wenn auch die Bisch�fe von Trier, Worms und K�ln verzweifelt bem�ht waren, ihre j�dischen Untertanen vor der rasenden Soldateska zu sch�tzen, so entkamen nur wenige Juden den Verfolgungen. Von Pl�nderungen wird in den Quellen nur wenig berichtet, die �Kreuzfahrer� hatten die �Bekehrung� der �Ungl�ubigen� auf ihre Fahnen geschrieben. Unz�hlige Juden w�hlten wegen der drohenden Taufe den Freitod, t�teten ihre Kinder und Ehefrauen oder wurden von den fanatisierten Christen niedergemacht. Nur vereinzelt kam es zu einem bewaffneten Widerstand. In Regensburg gab es eine zwangsweise Massentaufe: Das Kreuzzeichen wurde �ber den Wassern der Donau geschlagen, dann trieb man die Juden in den Fluss. Im Zusammenhang mit diesen �bergriffen wurde auch zum ersten Mal in der Geschichte der Vorwurf laut, die Juden h�tten mit Leichen Brunnen vergiftet. Dieser grundlose und erfundene Vorwurf sollte in den folgenden Jahrhunderten immer wieder Anlass zu Verfolgungen, Pogromen und schrecklichen Ausschreitungen geben. Beim Abzug der Mordbrenner aus dem Deutschen Reich fiel auch noch die j�dische Gemeinde von Prag einem Pogrom zum Opfer. Alle Schutzversprechungen Kaiser Heinrichs IV. hatten nichts geholfen, allein die der Zwangstaufe Unterworfenen durften zu ihrem alten Glauben zur�ckkehren, die Gemeinden konnten sich wiederherstellen. Erneut flammte ma�loser Judenhass in der Zeit des Zweiten Kreuzzuges um 1146 auf. Dabei standen sich gewichtige kirchliche Autorit�ten unvers�hnlich gegen�ber. Peter Venerabilis von Cluny und Radulf von Clairvaux machten die Juden zum Ziel des Hasses, Peter dabei mit der erkl�rten Absicht, ihr Verm�gen zur Finanzierung des Kreuzzuges zu verwenden. Diesem Ansinnen trat der weit bekannte Bernhard von Clairvaux entgegen. Allerdings waren die antij�dischen Ausschreitungen nicht zu beenden. Nachdem es in <emphasis>England</emphasis> 1144 zum ersten Ritualmordprozess gekommen war, folgte ein weiterer in Blois 1171. Hier basierte die ganze Anklage auf der Behauptung eines christlichen Knappen, ein Jude habe die Leiche eines get�teten christlichen Knaben in den Fluss geworfen. Daraufhin wurden alle Juden der Stadt verhaftet. Zun�chst sollte ein nicht unbetr�chtliches L�segeld erpresst werden, doch ein M�nch riet dann dazu, den Knappen der Wasserprobe zu unterziehen. Als er in einer mit geweihtem Wasser gef�llten Tonne nicht unterging, glaubte man ihm seine Bezichtigung. Die 31 Beschuldigten h�tten ihr Leben retten k�nnen, w�ren sie zum Christentum �bergetreten, doch sie weigerten sich. Die Verbrennung von zwei f�hrenden Rabbinern der Gemeinde misslang; die Stricke, mit denen sie gebunden waren, fielen ab. Als sie einen der Christen mit in die Flammen schleiften, wurden sie erschlagen. Die �brigen Juden kamen zusammen mit den Leichen ihrer Rabbiner auf den Scheiterhaufen. Wundersamerweise sollen sie nicht verbrannt sein: Die Leichen aller Juden seien unversehrt geborgen worden, so schrieb es jedenfalls Efraim ben Jakob aus Bonn (1132-1221) nach dem Bericht des Rabbis Baruch bar David auf.</p><p>Die deutschen Juden suchten in diesen Zeiten der Bedr�ckung Trost in einer neuen Mystik. Darin spielte der Gedanke an die Verherrlichung Gottes durch die �Heiligung seines Namens� im Martyrium eine wesentliche Rolle.</p><p>In <emphasis>Frankreich</emphasis> wurde die Haltung der K�nige den Juden gegen�ber immer unvers�hnlicher. K�nig Philipp II. Augustus (Kg. 1180-1223) setzte 1181 die reichen Juden von Paris gefangen und erpresste f�r deren Freilassung eine Summe von 15 000 Silbermark. Dem folgten im Jahr darauf die Vertreibung der Juden und die Einziehung ihres Grundbesitzes. Zum Ende des 12. Jahrhunderts hin hatte die Auspressungspolitik in Frankreich die Folge, dass das j�dische Geistesleben verarmte. Der Druck von au�en war zu stark, als dass die Besch�ftigung mit den Wissenschaften weiter auf hohem Niveau h�tte fortgesetzt werden k�nnen. Mit den auf dem IV. Laterankonzil von 1215 erlassenen <emphasis>kirchlichen Vorschriften</emphasis> spitzte sich die Lage der Juden Europas weiter zu. So wird in einer sehr weitgehenden Formulierung das Zinsnehmen der Juden untersagt: �Wenn unter irgendeinem Vorwand die Juden von Christen unm��ige Zinsen erpressen, dann soll ihnen der Verkehr mit Christen verboten werden, bis sie ihnen f�r die unm��ige Belastung eine angemessene Genugtuung geleistet haben.� Was �unm��ig� ist, blieb der Willk�r des Ankl�gers �berlassen; f�hlte sich also ein Christ im Nachhinein �bervorteilt, konnte er sich immer auf diese Bestimmung berufen, um seine Schuld auf einfache Weise zu mindern. Eine Rechtssicherheit bestand also f�r die beklagten Juden nicht. Auch eine Kleiderordnung wurde auf dem Konzil erlassen, in der verlangt wird, �� dass (Juden und Sarazenen) beiderlei Geschlechts in jedem christlichen Land und zu jeder Zeit sich �ffentlich durch ihre Kleidung von anderen Leuten unterscheiden sollen�. Weiterhin wird mit der Behauptung, sie w�rden in der Passionszeit die Christen verspotten, den Juden die Anwesenheit in der �ffentlichkeit verboten. Das Verbot, Juden in �ffentliche �mter zu berufen, wird vom Laterankonzil bekr�ftigt, das auch f�r den Christen Strafen vorsieht, der einem Juden ein solches Amt gibt. Auch hinsichtlich der zwangsgetauften Juden, die trotzdem ihre alten Riten beibehielten, wurde eine Bestimmung getroffen: �Die Kirchenoberen sollen daf�r sorgen, dass solche Leute von der Beobachtung ihres alten Ritus ablassen, damit jene, die sich mit freiem Willen dem Christentum zugewandt haben, durch heilsamen Zwang zu dessen Beobachtung angehalten werden.� Alle diese Vorschriften sind sehr allgemein gehalten, lassen also hinsichtlich der Sch�rfe der durchzuf�hrenden Ma�nahmen und der zu bestimmenden Strafen einigen Spielraum. Insgesamt handelt es sich hier um einen Ma�nahmenkatalog, der nur dazu diente, die Juden immer weiter aus dem gesellschaftlichen Leben der christlichen Staaten auszugrenzen. Die Vorschriften waren aber nicht so eng gefasst, dass es den Herrschern, kirchlichen wie weltlichen, nicht doch gestattet gewesen w�re, die Dienste von Juden in Anspruch zu nehmen.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Streit um den �Talmud�</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>In Frankreich ist das 13. Jahrhundert gepr�gt von einer immer st�rkeren Bedr�ckung der Juden. Dies war auch eine Folge des Krieges gegen die Glaubensgemeinschaft der Albigenser, nach dessen Ende Graf Raimund von Toulouse angewiesen wurde, in seinem Herrschaftsgebiet alle Juden aus Staats�mtern zu entfernen. Mit der von den Dominikanern getragenen Inquisition setzte auch eine Zensur des j�dischen Schrifttums ein. Dabei kam es zun�chst zu der kuriosen Situation, dass im innerj�dischen Streit um den �F�hrer des Verwirrten� des Maimonides die Gegner dieser Schrift die christliche Inquistion zum Eingreifen bewegten. Im Jahr 1232 war das Werk zun�chst von den j�dischen Autorit�ten gebannt worden. Doch dann wurde es ebenso bei der Inquisition angezeigt, worauf die vorhandenen Exemplare des Buches noch im folgenden Jahr eingezogen und verbrannt wurden. Damit war aber nur der erste Schritt getan. Der n�chste Schlag sollte gegen den Talmud gef�hrt werden. Dieses gewaltige Werk j�discher Gesetzgebung war erst mit der Arbeit Raschis und seiner Nachfolger auch von den Christen wahrgenommen worden. So hatte sich Petrus Venerabilis in seinem �Traktat gegen die seit alters her unver�nderte j�dische Verstockung� als Erster �berhaupt ausf�hrlich mit dem Inhalt des Talmuds auseinander gesetzt. Und es war ein zum Christentum �bergetretener Jude, der ihn mit den Informationen versah, die der Abt zur Abfassung seines polemischen Angriffs verwendete. Dasselbe wiederholte sich nun im 13. Jahrhundert mit wesentlich drastischeren Folgen. Der 1236 zum Christentum �bergetretene Nikolaus Donin, der noch als Jude Kritik am Talmud ge�bt hatte, wof�r er von den rabbinischen Gelehrten gebannt worden war, verfasste eine aus 35 Punkten bestehende Anklageschrift gegen den Talmud und sandte sie an Papst Gregor IX. (PM 1227-1241). Die Folge waren Briefe des Papstes an geistliche und weltliche Amtstr�ger, in denen auf den angeblich christenfeindlichen Inhalt und die Ungereimtheiten im Talmud aufmerksam gemacht werden sollte.</p><p>Folgen hatte dieses p�pstliche Eingreifen allein in Frankreich. Am 3. M�rz 1240, einem Sabbat, wurden die im Besitz der franz�sischen Juden befindlichen hebr�ischen B�cher beschlagnahmt. Dann wurden der Erzbischof von Paris sowie die Ordensoberen der Dominikaner und Franziskaner damit beauftragt, diese B�cher daraufhin zu untersuchen, ob sich die Vorw�rfe der Anklage best�tigen lie�en. Zum Abschluss dieser Untersuchung fand ein Prozess in Paris statt, bei dem sich eine j�dische Delegation um die Rettung des Talmuds bem�hte. Es gelang allerdings lediglich, die sofortige Verbrennung des Talmuds zu verhindern. Zwei Jahre sp�ter wurden zwischen 20 und 24 Wagenladungen hebr�ischer Handschriften in Paris verbrannt. Bem�hungen der Juden, von Papst Innozenz IV. (PM 1243-1254) den Talmud wieder zur�ckzuerhalten, f�hrten nach einer weiteren Untersuchung des Inhalts durch christliche Gelehrte zur endg�ltigen Verurteilung des Talmuds. Es folgte eine Verbrennung der noch vorhandenen Exemplare.</p><p>Noch im gleichen Jahrhundert folgte in Frankreich eine Welle von Ausweisungen: Die Juden wurden aus der Bretagne, aus dem Poitou, der damals englischen Gascogne und der Grafschaft Anjou vertrieben. Das Tragen des Judenabzeichens wurde mit einem Staatsgesetz vorgeschrieben.</p><p>Die j�dischen Gemeinden Frankreichs wuchsen trotzdem, allerdings zum Teil infolge der 1276 erlassenen Vorschrift, die den Juden die Niederlassung au�erhalb der St�dte untersagte.</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Philipp der Sch�ne vertreibt die Juden</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Zum H�hepunkt kam die feindliche Haltung der franz�sischen K�nige gegen�ber den Juden mit Philipp IV. dem Sch�nen. Um sich mit einem Schlag seiner finanziellen N�te zu entledigen, lie� er am 22. Juli 1306 alle verm�genden Juden seines Herrschaftsbereiches verhaften. Den Verhafteten wurde ein Ultimatum gestellt, wonach sie Frankreich binnen eines Monats bei Zur�cklassung ihrer Verm�genswerte zu verlassen h�tten.</p><p>�ber die Ausweisung der Juden aus Frankreich schreibt Josef ha-Kohen (1496-1578) in seinem Buch �Tal der Tr�nen�, K�nig Philipp IV. habe befohlen, �� dass jeder Jude aus seinem Lande ziehen sollte, ohne das Geringste von seiner Habe mitnehmen zu d�rfen, er m�sste sich denn zu einem andern Glauben bekennen und mit uns ein Volk werden�. Die Masse der Juden verlie� daraufhin das Land, einige wenige aber lie�en sich taufen. Und so hei�t es weiter: �So blieben unter den Christen zahlreiche von j�discher Abkunft, und daher gibt es jetzt unter ihnen viele, welche zu anderen Glaubenss�tzen sich bekennen� [zit. n. Schoeps/Wallenborn, Bd. 1, 2001, S. 138].</p><p>Sch�tzungsweise 10 000 Juden wanderten aus Frankreich aus. Die nordfranz�sischen Juden fanden eine neue Heimat in Lothringen, Burgund und der Dauphin�, w�hrend die Juden S�dfrankreichs in das K�nigreich Mallorca, aber auch in das spanische K�nigreich Aragon auswanderten. Aller zur�ckgelassener Besitz wurde zu Gunsten der Krone eingezogen, die ausstehenden Schulden bei Christen von der k�niglichen Finanzverwaltung eingezogen. Schon 1315 wurde den Juden die R�ckkehr nach Frankreich erlaubt, allerdings hatten sie daf�r hohe Zahlungen zu entrichten. Weiterhin wurde ihnen gestattet, nicht nur ihre Friedh�fe und Synagogen zur�ckzukaufen, sondern auch die beschlagnahmten B�cher, darunter den Talmud. Vorgeschrieben war von nun an das kreisf�rmige �Judenzeichen�, das sie auf der Kleidung zu tragen hatten. In den folgenden Jahren kam es in verschiedenen Teilen Frankreichs zu Pogromen, so in Chinon, Paris und Tours, die zu einer freiwilligen Auswanderung von Juden f�hrten. Im Jahr 1322 folgte eine erneute landesweite Vertreibung, die allerdings auch nicht endg�ltig sein sollte.</p><empty-line/><p>J�rg Dendl</p><empty-line/><subtitle><emphasis><strong>Angef�hrte Literatur:</strong></emphasis></subtitle><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Eli Barnavi (Hg.), <emphasis>Universalgeschichte der Juden � ein historischer Atlas,</emphasis> Wien 1993</p><empty-line/><p>J�rg Dendl, <emphasis>Wallfahrt in Waffen,</emphasis> M�nchen 1999</p><empty-line/><p>Alfred Ebenbauer/Klaus Zatloukal (Hgg.), <emphasis>Die Juden in ihrer mittelalterlichen Umwelt,</emphasis> Wien/K�ln/Weimar 1991</p><empty-line/><p>Raymonde Foreville, <emphasis>Lateran I-IV</emphasis> (Geschichte der �kumenischen Konzilien, Bd. VI), Mainz 1970</p><empty-line/><p>Hermann Greive, <emphasis>Die Juden � Grundz�ge ihrer Geschichte im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa,</emphasis> Darmstadt 1980</p><empty-line/><p>Julius H. Schoeps/Hiltrud Wallenborn (Hgg.), <emphasis>Juden in Europa � Ihre Geschichte in Quellen,</emphasis> Bd. 1: <emphasis>Von den Anf�ngen bis zum sp�ten Mittelalter,</emphasis> Darmstadt 2001</p><empty-line/><p><emphasis>Der Sohar,</emphasis> Hrsg. Ernst M�ller, M�nchen 1982</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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