<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_classic</genre><author><first-name>Caroline</first-name><last-name>Graham</last-name></author><book-title>Ein B�ses Ende</book-title><annotation><p><strong>Buch</strong></p><empty-line/><p>In dem kleinen englischen Dorf Compton Dando be�ugt man die neuen Bewohner des Herrenhauses mit gro�em Mi�trauen. Einst residierte hier ein G�nstling von Elizabeth I., doch nun hat sich in dem Haus eine exotische Truppe von New-Age-Aposteln niedergelassen, die keinen Kontakt zu den �brigen Dorfbewohnern pflegen und sich auch sonst kaum in das Bild von Compton Dando f�gen. Sie kommunizieren mit Geistern, schicken ihren Astralleib zur Venus, und es w�rde auch niemanden �berraschen, sie nachts auf Besen durch die Luft reiten zu sehen. So erstaunt es die Leute noch weniger, als ein Mitglied der Gemeinschaft tot aufgefunden wird. Zwar wird das Ganze zur allgemeinen Entt�uschung als Unfall bewertet, aber wer wei� ... Und tats�chlich gibt es schon bald den n�chsten Todesfall zu beklagen. F�r Chief Inspector Barnaby entwickelt sich der Fall rasch zum verworrensten seiner Laufbahn, und die bizarren Verh�ltnisse im Herrenhaus machen ihm die Arbeit auch nicht leichter. Besonders undurchsichtig ist allerdings ein Fremder im Herrenhaus, der reiche und m�chtige Wirtschaftstycoon Guy Gamelin, der mit allen Mitteln versucht, seine Tochter Suhami - in ihrem fr�heren Leben Sylvie genannt - der Kultgemeinde zu entrei�en ...</p><empty-line/><p><strong>Autorin</strong></p><empty-line/><p>Caroline Graham wurde in den drei�iger Jahren in Warwickshire geboren. Nach ihrer Ausbildung war sie einige Zeit bei der englischen Marine, leitete sp�ter eine Heiratsvermittlung und arbeitete w�hrend der sechziger Jahre an einem Theater. 1970 begann sie mit dem Schreiben, arbeitete zun�chst als Journalistin bei BBC und Radio London, sp�ter wandelte sie sich zur H�rspiel- und Drehbuchautorin. Caroline Grahams erster Roman erschien 1982, seither hat sie neben zahlreichen Kriminalromanen auch zwei Kinderb�cher verfa�t.</p><empty-line/><empty-line/><p>Die Originalausgabe erschien 1992 unter dem Titel �Death in Disguise� bei Headline Book Publishing PLC, London</p></annotation><keywords>Krimi</keywords><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="Inspector Barnaby" number="3"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-05-19">19.5.2013</date><id>0825C474-4975-4C52-A375-91A8299FBF77</id><version>1.0</version><history><p>1.0</p></history></document-info><publish-info><publisher>Goldmann</publisher><year>2011</year></publish-info></description><body><section><p>F�r meinen Sohn David</p><empty-line/><p><emphasis>That monks can save the world, or ever could</emphasis></p><p><emphasis>That anchorites and fakirs do you good.</emphasis></p><p><emphasis>Is to bring Buddha back before your gaze.</emphasis></p><p><emphasis>Men do not eat the lotus in our days.</emphasis></p><empty-line/><p>Im Anlehnung an Juvenal, Satire 3.</p><p>Thorold-Roper</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Prolog</strong></p></title><p>Der Mord oben im Manor House �berraschte keinen der Bewohner von Compton Dando. Ein eigenartiger Haufen lebte dort. Ein �u�erst eigenartiger Haufen. Verr�ckt.</p><p>��Mr. und Mrs. Bulstrode waren im �rtchen die einzigen, die - falls man es �berhaupt so nennen konnte - Kontakt zur spirituellen Gemeinschaft auf dem weitl�ufigen Anwesen pflegten. Sie steckte einmal im Monat mit Nachdruck das Gemeindeblatt in den Briefkasten. Er lieferte die t�gliche Milchration. Da� der Kontakt nur lose war, �nderte nichts an der Tatsache, da� das Ehepaar f�r die Dorfbewohner die Informationsquelle schlechthin war. Jetzt stieg ihr Wert in der Gemeinschaft, und Mrs. Bulstrode wurde jedes Mal, kaum da� sie einen Fu� vor die Haust�r setzte, von einer Menschenmenge empfangen.</p><p>��Zuerst murmelte sie: �Ich wei� nicht mehr, als ich gestern, wu�te, Mrs. Oxtoby...�, lie� sich dann aber von dem Bed�rfnis, die Geschichte auszuschm�cken, hinwegrei�en. Am Abend des dritten Tages h�tte es niemanden im Dorf �berrascht zu h�ren, da� die Bewohner von The Lodge of the Golden Windhorse auf Besenstielen �ber ihre Natursteinmauer geflogen kamen.</p><p>��Beim Metzger, wo sie ihre Lammleber und einen Knochen f�r Ponting kaufte, sch�ttelte Mrs. Bulstrode leicht widerwillig und gleichzeitig besonnen den Kopf. Sie hatte es kommen sehen, gestand sie Major Palfrey (zwei Nieren und ein Topf Schmalz) mit lauter, tragender Stimme. Man konnte sich nur wundern �ber das, was sich dort oben abspielte. Die Warteschlange, sofort bereit, sich allen m�glichen Spekulationen hinzugeben, folgte ihr ins Postamt.</p><p>��Dort schob Miss Tombs, die ihre vollen Backen praktisch an die Maschendrahtabsperrung pre�te, ihr die Briefmarken mit einem B�hnenfl�stern zu: �Meine Liebe, dar�ber werden Sie gewi� nicht so schnell wegkommen. Wo Ihr Derek doch einen Leichnam gefunden hat. So was passiert einem schlie�lich nicht alle Tage.�</p><p>���Ohhh...� Schwer betroffen suchte Mrs. Bulstrode (deren Mann keinen einzigen Blick auf die Leiche geworfen hatte) Halt an der Theke. �Jetzt sehe ich wieder alles vor mir, Myrtle -�</p><p>���Der Teufel soll mich holen f�r meine Schwatzhaftigkeit!� entfuhr es Miss Tombs, und sie mu�te Zusehen, wie ihre Kunden verschwanden, um sich wie ein Nebel um ihren Leitstern zu scharen.</p><p>��In Bob�s Emporium behauptete Mrs. Bulstrode, schon die Art und Weise, wie sie sich kleideten, spr�che B�nde. Ihrem Publikum war diese Aussage einen Tick zu verhalten. Sie harrten noch kurz aus, ehe sie zu den Pyramiden von Happy-Shopper-Katzenfutter und den aufgeschichteten M�hrens�cken str�mten.</p><p>���Die H�lfte der Zeit kann man nicht sagen, was M�nnlein oder Weiblein ist.� Und dann, um die Sache ein wenig anzuheizen: �Was mein Derek an so manchem Morgen hinter den Fenstern erblickt hat... Nun - ich w�rde mich in Gesellschaft beiderlei Geschlechter gewi� nicht enth�llen.�</p><p>���Sie sprechen von...� Eine Frau mit einem Kopftuch und der Nase eines Haifischs atmete schwer. �...Opfern?�</p><p>���Lassen Sie es uns doch einfach Zeremonien nennen, ja, Miss Oughtred? Und es besser dabei belassen.�</p><p>���Zeremonien!� Mit ernsten Mienen str�mten die Menschen geschwind zur�ck. Abwechselnd malten sie sich melodramatische, banale und schreckliche Bilder aus. Gr�ber �ffneten sich und gew�hrten den Untoten problemlosen Zugriff auf sorglose Passanten. Ein geh�rnter Luzifer mit schwefelgelben Augen klapperte mit seinen Hufen �ber den Rand des Pentagons. Brennender Sand und ein M�dchen, fr�her einmal bildh�bsch wie eine Mameluckin, an einem Pfahl festgebunden, bei lebendigem Leib einer Heerschar von Ameisen zum Fra� vorgeworfen.</p><p>��Als n�chstes begab sich Mrs. Bulstrode zum Crinoline Tea Room, um dort ein halbes Dutzend Eclairs zu erstehen. W�hrend die Verkaufshilfe die Leckereien mit einer Silberzange in die T�te legte, blickte sich Mrs. Bulstrode in der Hoffnung um, ihr Publikum noch vergr��ern zu k�nnen.</p><p>��Doch hier verlie� sie das Gl�ck. Die beiden einzigen G�ste interessierten sich nur f�r Kaffee und Kuchen. Ann Cosins und ihre Freundin aus Causton, Mrs. Barnaby. Ungl�cklicherweise machte es wenig Sinn, sich mit den beiden zu unterhalten. Ann mit ihrer trockenen Art - man hatte immer das Gef�hl, sie k�nne nur hinter vorgehaltener Hand lachen - war ganz und gar nicht zu beeindrucken und deshalb bei ihren Mitmenschen nicht sonderlich beliebt. Au�erdem hatte sie quasi Verrat an der Dorfgemeinschaft begangen, indem sie tats�chlich einmal einen Kurs im Manor House belegt hatte. Niemandem war entgangen, da� die beiden Frauen eines Freitag nachmittags ganz unverfroren die Zufahrt hochmarschiert und erst am Sonntag wieder aufgetaucht waren. Als ginge es ihr darum, ihre Mitmenschen noch deutlicher vor den Kopf zu sto�en, hatte Ann sich halsstarrig geweigert, sich detailliert �ber die Gruppenmitglieder und das Haus auszulassen.</p><p>��Diesem Ereignis war es zuzuschreiben, da� Mrs. Bulstrode sich damit begn�gte, den Kopf leicht zum Gru� zu neigen und beim Schlie�en der Ladent�r gro�m�tig das gurgelnde Gekicher zu ignorieren. Kurze Zeit sp�ter, auf dem Heimweg, blieb sie stehen, um ein paar Worte mit dem Pfarrer auszutauschen, der mit der Pfeife im Mund am Zaun von Benisons lehnte. Er begr��te sie mit einem zutiefst zufriedenen Blick. Die Lodge war ihm seit langem ein Dorn im Auge. Obgleich er sich �ber die Moral der Lodgebewohner im unklaren war, hatte ihn das nicht daran gehindert, eine Reihe hysterischer Leserbriefe an das Causton Echo zu schicken und die Leser des Blattes vor diesem neuen und g�tzendienerischen Glauben zu warnen, der sich wie ein Sch�dling im Herzen einer Rose in der bl�henden englischen Landschaft breitmachte.</p><p>��Keine Religion (schrieb der Pfarrer), die vom Menschen erfunden war und in krassem Gegensatz zu den Lehren des Allm�chtigen stand, konnte gut sein. Wie sehr er mit seiner Einstellung recht behalten hatte, zeigte sich nun. �ber Gott durfte man nicht spotten, und Reverend Phipps und seine kleine Kirchengemeinde hatten sich versammelt, um diese Einsicht gewisserma�en selbstherrlich und voller Zufriedenheit zu feiern. Teilnahmsvoll hob er eine ergrauende Braue und erkundigte sich, ob es weitere Neuigkeiten gebe.</p><p>��Auch wenn die Andeutung, da� Derek und der CID ganz dick miteinander waren, ihr schmeichelte, brachte Mrs. Bulstrode es nicht �bers Herz, einem Mann Gottes Halbwahrheiten aufzutischen, und gestand, es gebe nichts zu berichten. �Aber die gerichtliche Untersuchung ist auf Dienstag angesetzt. Elf Uhr�, f�gte sie schnell hinzu.</p><p>��Das wu�te er selbstverst�ndlich. Das wu�te jedermann, und alle hatten die Absicht zu erscheinen, selbst wenn das bedeutete, da� man freinehmen mu�te, um dabeisein zu k�nnen. Der gesamte Ort hoffte, da� die Anh�rung den ganzen Tag dauerte, und alle Tische im Soft Shoe Caf� von Causton waren schon vor Wochen f�r diesen Tag zum Mittagessen reserviert worden. Seit drei Jungs aus dem Council Estate die Bushaltestelle abgefackelt hatten, hatte Compton Dando keine derartige Aufregung mehr erlebt, und jedermann rechnete damit, da� ihm dieses Drama weitaus gr��ere Befriedigung verschaffte.</p><p>��Der Schauplatz dieser dramatischen Auff�hrung war ein ganz ansehnliches Beispiel fr�her elisabethanischer Architektur. Das zweist�ckige Bauwerk war aus grauem Stein gefertigt, mit horizontalen B�ndern aus Feuerstein und glatten Kieseln versehen und charmanterweise nicht symmetrisch. Den leicht aus der Mitte verschobenen T�reingang zierten ionische S�ulen. Es gab eine kleine Veranda und sechsundvierzig l�ngsverstrebte Fenster. Die Kamine (zu drei Gruppen zusammengefa�t) prangten auf dem Dach. Manche waren gedreht, andere mit Efeubl�ttern verziert und gewunden. Ein Gro�teil verf�gte �ber sternenf�rmige �ffnungen, denen w�hrend der Wintermonate sternenf�rmige Rauchschwaden entstiegen. Ein riesiger Metallklumpen, den so mancher als Meteorit deutete, der in den Augen weniger romantischer Menschen allerdings nur eine Kanonenkugel war, lag am Rand des Daches auf rosenroten, moosbewachsenen Ziegeln.</p><p>��Das Geb�ude war ein Geschenk Elisabeth I. an Gervaise Huyton-Corbett, einen ins Exil verbannten G�nstling. W�hrend der ersten f�nf Jahre waren die K�nigin und ihre Gefolgschaft gerngesehene G�ste, doch die Ehre ihres Besuches brachten ihn und ein paar seiner Nachbarn an den Rand des Bankrotts. Die Nachkommen von Sir Gervaise (wie er netterweise genannt wurde, nachdem die Armut ihn in die Knie gezwungen hatte) hatten vier Jahrhunderte lang auf Compton Manor gelebt. Leider war es der Familienschatulle nie wieder verg�nnt gewesen, sich von den k�niglichen Besuchen zu erholen. Der j�hrliche Unterhalt des Anwesens �berstieg die eigentliche Bausumme, doch die Liebe der Huyton-Corbetts zu ihrem Haus war so stark, da� sie sich abm�hten und �ber die Ma�en verschuldeten, da sie den Gedanken nicht ertragen konnten, sich davon zu trennen. Schlie�lich, im Jahr 1939, trat Ashley in die Fleet Air Arm ein. Der Spro� des Geschlechts kam in der Schlacht beim River Plate ums Leben. Der'unmittelbaren Nachkommenschaft somit beraubt, verkaufte dessen altersschwacher Vater das Anwesen, und das Dorf mu�te in den folgenden Jahrzehnten eine lange Reihe kultureller Schocks und R�ckschl�ge ertragen.</p><p>��Heutzutage war es den Dorfbewohnern nicht mehr verg�nnt, am Tag des Dorffestes durch die G�rten des Anwesens zu flanieren und sich am Anblick von Lady Huyton-Corbett zu erg�tzen, die, in flie�endes Georgette geh�llt und mit einem schattenspendenden, breitkrempigen Hut leicht angeschickert, mit der Bowlingkugel auf das Schwein zielte (und es gelegentlich gar traf). Der Gutsherr �berreichte auch nicht l�nger einen silbernen Becher bei der Pr�mierung f�r die sch�nsten Zuckererbsen und Rosetten f�r den zweiten und dritten Platz.</p><p>��1980 wurde das Anwesen erneut ver�u�ert und in ein Konferenzzentrum umgewandelt. Das tiefe Mi�trauen von seiten der Dorfbewohner gegen�ber Ver�nderungen und deren Abneigung gegen�ber Fremden wurde durch die Schaffung von drei�ig Arbeitspl�tzen ein wenig gemildert, auch wenn diese den Arbeitern keine besonderen F�higkeiten abverlangten. F�nf Jahre sp�ter kam das Anwesen durch schludriges und ineffizientes Management erneut auf den Markt, bis es einer von Mrs. Thatchers Designergladiatoren �bernahm. Dar�ber hinaus kaufte er noch tausend Morgen angrenzendes Farmland in der (heimlichen) Absicht, einen Tudor-Themenpark zu kreieren. Zutiefst schockierte Dandonians jeder Klasse und jedweder politischen Couleur schlossen sich zusammen angesichts dieser niedertr�chtigen Vergewaltigung der englischen Landschaft. Die umliegenden D�rfer, die insgeheim schon mit einem unertr�glichen Verkehrsaufkommen vor ihren Haust�ren und ihren auf der Hinterseite liegenden G�rten rechneten, boten Unterst�tzung an. Nachdem mehrere Petitionen eingereicht und im Unterhaus auf der Galerie ein Transparent aufgeh�ngt worden war, wurde die Baugenehmigung verweigert. Der Unternehmer verschwand blitzschnell von der Bildfl�che, um an einem anderen Ort Schaden anzurichten.</p><p>��Die Freude der Dorfbewohner �ber seinen Abgang �nderte nichts an dem Umstand, da� sie dessen Profitgier wenigstens verstanden, wenn auch nicht gebilligt hatten. Die momentane Situation ging weit �ber ihr Verst�ndnis hinaus. Als erstes waren die Neuank�mmlinge stets unter sich geblieben. Die Dorfgemeinschaft, die sich beim leisesten Anflug herablassender Familiarit�t seitens durchziehender Parven�s auf den Schlips getreten f�hlte, reagierte doppelt ungehalten, als sich niemand anschickte, um sie zu erwerben. Derlei Verhalten durfte nicht ignoriert werden. Selbst jenes halbe Dutzend Wochenendg�ste, das an lauen Freitagen in Golf GTIs mit einem Kofferraum voller Wein und hausgemachter Pasta aus London anreiste, bem�hte sich an der Theke von The Swan zaghaft um Integration und wurde daf�r mit gespielt witziger Ablehnung gestraft.</p><p>��Der andere Vorbehalt gegen�ber den Windhorse-Bewohnern war wesentlich ernsterer Natur. Sie gaben kein Geld aus. Nicht ein einziges Mal hatte einer der Bewohner einen Fu� in Bob�s Emporium oder gar ins Postamt gesetzt, geschweige denn in das hiesige Pub. Dieses Gebahren wurde murrend hingenommen in der Annahme, die Gemeinschaft sei durch die Bestellung der drei Morgen Land autark, aber als einer von ihnen beim Verlassen des Busses mit zwei Sainsbury-Tragetaschen gesichtet wurde, hatten die Dorfbewohner doch Ansto� genommen, woran sich bis heute nichts ge�ndert hatte. So kam es, da� eine gro�e Menschenmenge voller Erwartung und mit berechtigtem Ressentiment in den Coroner�s Court str�mte, um zu verfolgen, was f�r ein Drama sich auf Manor House abgespielt hatte und wie der Gerechtigkeit Gen�ge getan wurde.</p><p>��Der Tote, der bei seinem Ableben dreiundf�nfzig Jahre alt gewesen war, hie� James Carter. Die Untersuchung wurde mit der schriftlich festgehaltenen Aussage eines Sanit�ters er�ffnet, der nach einem Telefonnotruf auf Manor House eingetroffen war und den Leichnam von Mr. Carter neben einer Treppe auf dem Boden vorgefunden hatte.</p><p>���Ich habe den Verstorbenen kurz untersucht�, las der Gerichtsdiener vor, �und mich danach bei meiner Einsatzstelle zur�ckgemeldet, die einen Arzt geschickt und die Polizei verst�ndigt hat.�</p><p>��Doktor Lessiter machte als n�chster seine Aussage. Er war ein aufgeblasener kleiner Mann, der sich einer ausschweifenden Wortwahl bediente und seine Zuh�rer so schnell langweilte, da� sie ihre Aufmerksamkeit schon bald den anderen Mitgliedern der Wohngemeinschaft schenkten.</p><p>��Der Gemeinschaft geh�rten acht Mitglieder an, die - kurz gesagt - eine Entt�uschung waren. Mrs. Bulstrodes Schilderungen war es zuzuschreiben, da� die Menschen eine seltene und exotische Gruppe zu sehen erwartet hatten, die sich auf pikante Weise vom Rest der Bev�lkerung abhob. Gut - ein M�dchen trug weitgeschnittene Mousselinhosen und hatte einen roten Punkt auf die Stirn gemalt, doch derlei Allt�glichkeiten bekam man jeden Tag in Slough oder Uxbridge zu sehen. Ziemlich angenervt widmeten sich die Leute wieder dem Doktor und schnappten gerade noch die �u�erst befriedigenden Worte �starker Brandygeruch� auf.</p><p>��Der Constable, der danach aussagte, best�tigte, den Sanit�ter gefragt zu haben, ob es sich seiner Meinung nach m�glicherweise nicht um einen Unfall gehandelt hatte, obgleich ihm selbst keine Anzeichen daf�r aufgefallen waren. Schlie�lich trat der erste Augenzeuge von Windhorse in den Zeugenstand. Eine gro�e, breite Frau, geh�llt in ein zweiteiliges Kleid aus farbenpr�chtiger Liberty-Seide, machte eine imposante Figur. Zuerst versicherte sie, da� sie in der Tat Miss May Cuttle sei, ehe sie ihr Treiben an besagtem Tag ausf�hrlicher als unbedingt n�tig schilderte. Und zwar mit wohlklingender und selbstsicherer Stimme, die einem Mitglied des hiesigen Women�s Institute zur Zierde gereicht h�tte.</p><p>��Sie hatte einen Zahnarzttermin in Causton gehabt - �ein aufs�ssiger Backenzahn� - und kurz nach elf das Haus in Gesellschaft von drei Begleitern verlassen, die eine Mitfahrgelegenheit nach Spinnakers Wood brauchten, wo sie mit der W�nschelrute nach Tierf�hrten zu suchen beabsichtigten.</p><p>���Ich mu�te in der Zahnarztpraxis warten. Wegen eines renitenten Kindes. Enten, Teddys, das Versprechen, sp�ter Eiscreme essen zu d�rfen - nichts half. Habe ihn �berredet, orange zu denken - im Handumdrehen wurde er ganz sanftm�tig. Aber das Ergebnis d�rfte ja niemanden wundern.�</p><p>���Backenzahn�, dr�ngte der Gerichtsmediziner.</p><p>���Ach ja! Ziemlich angeschlagen ging ich zu Hi-Notes, um Noten zu kaufen. Boccherini, die G 5-Sonate, und etwas von Offenbach. Meiner Meinung nach k�nnte man ihn durchaus als den Liszt des Cello bezeichnen, finden Sie nicht auch?� Sie strahlte den Gerichtsmediziner an, dessen Lesebrille vor Fassungslosigkeit wild auf der Nase herumtanzte. �Kaufte auch noch eine Gurke und ein Cremeschnittchen. A� beides unten am Flu�, fuhr dann heim, wo ich um dreiviertel zwei eintraf, und fand den armen Jim. Den Rest haben Sie ja schon geh�rt.�</p><p>��Die Frage, ob sie den Leichnam ber�hrt habe, verneinte Miss Cuttle. �Ich erkannte sofort, da� er schon in die Astralebene �bergewechselt hatte.�</p><p>���Siehe da�, sagte der Gerichtsmediziner, nahm einen Schluck Wasser und w�nschte, ihm st�nde etwas St�rkeres zur-Verf�gung.</p><p>��Miss Cuttle f�hrte aus, da� sich ihres Wissens niemand im Haus aufgehalten habe. Die anderen trafen - nacheinander - kurz vor dem Tee ein. Auf die Frage, ob ihr noch etwas anderes einfalle, was sich als hilfreich erweisen k�nnte, antwortete sie: �Eine Sache war komisch. Kurz nach meiner Heimkehr rief jemand an und fragte nach Jim. Sehr seltsam. Er hatte kaum Kontakt zur Au�enwelt. War eigentlich ein sehr zur�ckgezogener Mensch.�</p><p>��Mit Erlaubnis kehrte sie zu ihrem Platz zur�ck, ohne sich bewu�t zu sein, da� die Gurke und die Tierf�hrten das exzellente Fundament des Vertrauens, welches auf Seide und ihrer wohlklingenden Stimme basierte, beinah wieder zerst�rt hatten.</p><p>��Nach der Person, die James Carter zuerst tot aufgefunden hatte, betrat die Person den Zeugenstand, die ihn zuletzt lebend gesehen hatte. Ein kleiner Mann mit respekteinfl��endem Bart (einem kleinen roten Spaten nicht un�hnlich) stellte sich als Arno Gibbs vor und erl�uterte, er habe das Haus gegen elf Uhr drei�ig verlassen, um den Meister -</p><p>���K�nnten Sie bitte den richtigen Namen verwenden�, unterbrach ihn der Gerichtsdiener.</p><p>���Entschuldigen Sie�, beeilte sich der b�rtige Mann zu sagen. �Mr. Craigie und Mr. Riley - nach Causton zu fahren, im Lieferwagen. Als wir gingen, tr�nkte Jim gerade die Pflanzenk�bel auf der Terrasse. Er schien guter Dinge zu sein. Sagte, er wolle ein paar Tomaten aus dem Gew�chshaus holen und zum Mittagessen eine Suppe zubereiten. Er war an der Reihe gewesen, Calypso zu melken, und hatte deswegen, wie Sie wissen m�ssen, das Fr�hst�ck verpa�t.�</p><p>��Den kurz aufflammenden Spekulationen �ber Calypso wurde schnell ein Ende bereitet.</p><p>��Auf die Frage, wie es um die Trinkgewohnheiten des Toten bestellt gewesen sei, antwortete Mr. Gibbs, da� die Gemeinschaft sich der Abstinenz verschrieben h�tte, einmal abgesehen von der Flasche Brandy, die f�r Notf�lle im Medizinschr�nkchen aufbewahrt wurde. Jedenfalls hatte Mr. Carter nicht getrunken, als sie sich auf den Weg gemacht hatten.</p><p>��Danach rief der Gerichtsmediziner Timothy Riley in den Zeugenstand, was den Gerichtsdiener veranla�te, eilig an dessen Tisch zu treten und ihm leise etwas zuzufl�stern. Stirnrunzelnd nickte der Gerichtsmediziner, bl�tterte in seinen Unterlagen und rief Mr. Craigie auf.</p><p>��Inzwischen stand die Luft im Raum. Gesichter waren schwei�bedeckt, Hemden und Kleider dunkelgefleckt. Die Bl�tter des alten Deckenventilators w�lzten knarzend hei�e Luft um. Mehrere gro�e Schmei�fliegen knallten gegen die Fenster. Der Mann, der nun vortrat, um seine Aussage zu machen, wirkte nicht erhitzt. Er trug einen blassen Seidenanzug. Sein Haar war schlohwei� (keine Spur grau oder gelb), wurde von einem Gummiband zusammengehalten und fiel als Ro�schwanz auf den R�cken. Mrs. Budstrode �u�erte nicht gerade leise die Meinung, da� wei�es Haar sehr tr�gerisch sein konnte. Die Augen des Mannes waren in der Tat nicht rheumatisch, sondern von einem leuchtenden klaren Blau. Seine klare, blasse Haut wies fast keine Falten auf. Kaum hatte er zu sprechen begonnen, stieg das Ma� der Aufmerksamkeit im Gerichtsraum. Seine sanfte Stimme hatte eine eigenartige, nahezu enth�llende Qualit�t, als w�rde er jeden Augenblick die gro�artigsten Neuigkeiten an jene weitergeben, die Ohren zum H�ren hatten. Alle Anwesenden beugten sich vor, um ja keine Silbe zu verpassen. Man h�tte meinen k�nnen, sie bef�rchteten, etwas Wertvolles zu verpassen.</p><p>��Fatalerweise hatte er kaum Neues zu erz�hlen. Er schlo� sich dem vorangegangenen Zeugen in seiner Meinung an, da� der Verstorbene sich wie gew�hnlich verhalten h�tte - guter Dinge und positiv sei er am Morgen seines Todes gewesen. Er f�gte noch hinzu, da� Mr. Carter ein Gr�ndungsmitglied der Gemeinschaft gewesen sei, ein Mensch, den jeder gemocht hatte und der nun schmerzlich vermi�t w�rde. Dann traten nacheinander die anderen Wohngemeinschaftsmitglieder hervor, best�tigten die eigene Abwesenheit und die der anderen, ehe der Gerichtsmediziner sich daranmachte, die Ergebnisse zusammenzufassen.</p><p>��Die Jury, inzwischen eine dahinschmelzende Masse auf einer langen, harten Bank, bem�hte sich, unbeteiligt, intelligent und einigerma�en wach zu erscheinen. Man sagte ihnen, in diesem Fall gebe es offenbar keinen Grund zur Annahme, da� der Tod kein Unfall gewesen sei. Alle Bewohner von Manor House hatten sich zum Zeitpunkt von Mr. Carters ungl�cklichem Tod erwiesenerma�en anderen Ortes aufgehalten. Der abgewetzte L�ufer auf dem oberen Treppenabsatz in Kombination mit der kleinen Menge Alkohol, von einer Person auf leeren Magen konsumiert, die allem Anschein nach derlei Getr�nke nicht gew�hnt war, hatte zu dem t�dlichen Sturz gef�hrt. Der Gerichtsmediziner stellte heraus, wie sinnvoll die Verwendung eines Rutschschutzes war, da� Teppichl�ufer auf blankgescheuerten Bodendielen nichts zu suchen hatten und sprach den Freunden des Toten sein Mitgef�hl aus. Am Ende wurde �Tod durch Unfall� verk�ndet.</p><p>��Der Gerichtsmediziner erhob sich, der Ventilator gab ein letztes apathisches St�hnen von sich, und eine tote Schmei�fliege landete auf dem Kopf des Gerichtsdieners. Die Windhorse-Gruppe blieb sitzen, w�hrend alle anderen zur T�r str�mten. Die Entt�uschung unter den Zuh�rern war �berdeutlich sp�rbar. Ein Mord - so hatten die Dorfbewohner es wenigstens gesehen - war ihnen versprochen worden. Sie schauten sich nach jemandem um, dem sie die Schuld geben konnten, aber die Bulstrodes - ehrlose Propheten - hatten sich schon davongeschlichen. M�rrisch und entt�uscht trottete die Menge die Treppe hinunter in Richtung Parkplatz oder The Soft Shoe.</p><p>��Zwei h�bsche junge M�dchen, deren lange Beine in Stone-washed-Shorts verschwanden, warteten, bis die Zeugen den Gerichtssaal verlie�en. Die eine blickte sich neugierig um, stie� ihrer Freundin den Ellbogen in die Seite und zeigte auf den sch�bigen Morris-Kombi.</p><p>���Schau dir den an.�</p><p>���Wo?� Ein Mann mit sonnengebleichter Afrokrause drehte sich hektisch um.</p><p>���Bist du blind? Dort dr�ben, Schwachkopf. Das ist ihr Wagen.�</p><p>���Und?�</p><p>���Sieh doch...�</p><p>��Atemlosigkeit. �Ange...�</p><p>���Gef�llt er dir?�</p><p>���Machst du Witze?�</p><p>���Dann quatsch ihn an. Los, nur zu.�</p><p>���Kev w�rde mich umbringen.�</p><p>���Wenn du�s nicht tust, mach ich es.�</p><p>���Das w�rdest du nicht tun.�</p><p>���Ich werde sagen, da� der Wagen nicht anspringt.�</p><p>���Wir haben keinen Wagen.�</p><p>��Kichernd und sich gegenseitig sto�end, wagten sie sich einen Schritt vor, wichen zwei zur�ck und bauten sich schlie�lich vor dem Seitenfenster des Lieferwagens auf. Das M�dchen, das nicht Ange hie�, gab ihrer Freundin mit der Aufforderung �Los jetzt...� einen Schubs.</p><p>���Dann h�r endlich auf zu lachen.�</p><p>��Z�gerndes Klopfen auf Glas. Ein Mann verdrehte den Kopf. Einen Augenblick starrten sich die drei reglos an, ehe die beiden M�dchen, schlagartig unterk�hlt und mit schockierten Mienen, einen Schritt zur�cktraten.</p><p>���Es tut mir ja so leid...�</p><p>���Entschuldigung.�</p><p>���Ich wollte nur...�</p><p>���Wir haben es nicht so gemeint.� Sich an den H�nden haltend, rannten sie davon.</p><p>��Weiter hinten im Gericht weinte die Tr�gerin der Mousselinhosen und wurde getr�stet. Ihre Kameraden scharten sich um sie, schlossen sie in die Arme und klopften ihr auf die knochigen Schultern. Der Mann mit dem Spatenbart entfernte sich, kehrte einen Moment sp�ter zur�ck, um zu vermelden, da� alle anderen inzwischen fort waren und sie sich nun vielleicht ebenfalls auf den Heimweg machen konnten.</p><p>��Mit dieser Einsch�tzung lag er nicht ganz richtig. Als die kleine Gruppe bek�mmert durch die offenstehenden T�ren ging, erhob sich ein junger Mann auf der Galerie. V�llig reglos stierte er auf den verwaisten Stuhl des Gerichtsmediziners, zog eine Weile sp�ter ein Blatt Papier aus der Tasche seiner Jeans und �berflog es - so hatte es zumindest den Anschein - immer wieder. Am Ende steckte er das Blatt in seine Tasche zur�ck und st�tzte sich schwer gebeutelt auf dem Galeriegel�nder ab. Dergestalt harrte er einige Minuten lang aus, ehe er eine spitz zulaufende Kappe auf sein blondes Haar setzte und sich umdrehte, um das Gericht zu verlassen. Was allerdings nicht hie�, da� er sich nun schon besser f�hlte. Ganz im Gegenteil. Mit zu F�usten geballten H�nden lief er die Treppe hinunter. Sein Gesicht war wei� vor Zorn.</p><p>��F�nf Tage sp�ter wurde Jim Carters Asche um den Stamm einer hohen Zeder verteilt, unter der er fr�her so gern gesessen hatte. Im Gebet wurde seine Wiedergeburt als Chohan des Ersten Stahls beschworen. Jemand hielt einen Holzrahmen mit kleinen Glocken und Glasperlenstr�ngen, die in der Sonne glitzerten. Leiser Gesang ert�nte. Hinterher tranken alle Zitronentee und a�en ein St�ck von Miss Cuttles glasiertem Karottenkuchen, ehe sich jeder wieder seinen Aufgaben widmete.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>ZWEI TODESF�LLE</strong></p></title><section><title><p><strong><emphasis>1</emphasis></strong></p></title><p>Das Fr�hst�ck neigte sich dem Ende zu. Der Meister, der bei Sonnenaufgang aufstand, um zu meditieren und zu beten, war bei dieser Mahlzeit nie anwesend, sondern nahm sp�ter, nach der Reinigung und Energieaufladung seiner Chakras, im Solar einen Kr�utertee und ein K�mmelbr�tchen zu sich. Obwohl er von den anderen geliebt wurde und sie ihm ab und an sogar tiefe Verehrung entgegenbrachten (er w�re allerdings der erste gewesen, der solch �berschwenglichen Unsinn getadelt h�tte), sorgte seine Abwesenheit zweifelsohne daf�r, da� sich die Anspannung der anderen ein St�ck weit legte. Die kleine Gruppe an dem langen Refektoriumstisch war gerade im Begriff, sich der Ausgelassenheit hinzugeben.</p><p>���Und was habt ihr beide heute nachmittag vor, Heather?� erkundigte sich Arno und wischte mit einer handgewebten Serviette einen Spritzer Joghurt aus seinem Bart. Mit seiner Frage bezog er sich auf die einzig freien Stunden am Tag, die ihnen zwischen ihren Aufgaben und Verpflichtungen blieben.</p><p>���Wir gehen hoch zu Morrigan�s Ridge.� Trotz ihrer langen grauen Haare sprach Heather Beavers wie ein atemloses kleines M�dchen. �Dort gibt es einen Monolithen mit den erstaunlichsten Schwingungen. Hoffentlich gelingt es uns, die kosmische Energie freizusetzen.�</p><p>���Seid vorsichtig�, riet Arno. �Und nehmt auf alle F�lle ein Amulett mit.�</p><p>���Gewi� doch.� Heather und Ken ber�hrten sofort die Eisenkieskristalle, die, an einem Lederband befestigt, wie ein drittes Auge auf ihrer Stirn ruhten.</p><p>���Als wir letztes Mal Energie freigesetzt haben, gab sich Hilarion zu erkennen. Mit absolut unglaublicher, energiegeladener Information. Er hat sich einfach... entfaltet. Nicht wahr, Ken?�</p><p>���Mmm.� Ken sprach undeutlich, da er sich gerade einen L�ffel mit Kleie und Hagebuttenkompott in den Mund geschoben hatte. �Hat unsere n�chsten tausend Leben beschrieben und die intergalaktischen Kriegspl�ne des Mars kurz Umrissen. Um die Jahrtausendwende d�rfte es ziemlich hart zugehen.�</p><p>���Und du, Janet. Was f�r Pl�ne hast du?�</p><p>���Da heute so ein wundersch�ner Tag ist, dachte ich, ich werde mit dem Bus nach Causton fahren. May ben�tigt ein paar Sticknadeln. Vielleicht m�chtest du mich ja begleiten, Trixie?� Ihr Blick wanderte zu der neben Arno sitzenden jungen Frau, die nicht antwortete. Janet plapperte weiter: �Wir k�nnten hinterher in den Park gehen und Eis essen.�</p><p>��Ihr schmales knochiges Gesicht wirkte ausgemergelt und hungrig. Entweder ganz ausdruckslos oder voller widerstreitender Gef�hle, schien dieses Antlitz unf�hig zu sein, so etwas wie Zweideutigkeit widerspiegeln zu k�nnen. Janet hatte blasse, helle Augen mit farblosen Pupillen und das st�rrischdrahtige Haar eines irischen Wolfshundes. Ihr starkes Verlangen zwang Arno, den Blick zu senken. Weil er selbst Miss Cuttles imposanter Oberweite und liquidem Blick zutiefst ergeben war, fiel ihm diese Form der Zuneigung bei anderen sofort auf, und die arme Janet war ein Paradebeispiel f�r sklavische Abh�ngigkeit in ihrer schlimmsten Auspr�gung.</p><p>��Da Janet keine Antwort erhielt, stand sie auf und begann die bauchigen, mit Farbschliereri dekorierten M�slischalen wegzur�umen. Sie waren das kl�gliche Ergebnis ihres T�pferkurses, den sie kurz nach ihrem Eintritt in die Kommune belegt hatte, um sich n�tzlich zu machen. Sie verabscheute diese unf�rmigen Dinger aus tiefstem Herzen und ging stets bewu�t unvorsichtig mit ihnen um, in der Hoffnung, da� eine zerbrach, aber die Schalen stellten sich als unzerst�rbar heraus. Sogar Christopher, der immer ruckzuck einen von Mays G�nsebl�mchenkr�nzen kaputtkriegte, richtete beim Abwasch keinen Schaden an.</p><p>���Da heute Suhamis Geburtstag ist, hast du bestimmt noch eine �berraschung parat.� Arno l�chelte dem ihm gegen�bersitzenden Mann verschmitzt zu. Alle Kommunenmitglieder wu�ten, wie es um dessen Gef�hle bestellt war.</p><p>���Nun...� Augenscheinlich f�hlte sich der ansonsten liebenswerte und offene Christopher unwohl in seiner Haut. �Anscheinend ist schon eine ganze Menge vorbereitet worden.�</p><p>���Du wirst sie sicherlich ausf�hren wollen? Und vielleicht eine Bootsfahrt auf dem Flu� mit ihr machen?�</p><p>��Christopher antwortete nicht, was Janet zum Lachen veranla�te. Sie stie� einen gepre�ten, rauhen Laut aus, in dem eine Spur Boshaftigkeit mitschwang, und drehte mit ihren knochigen Fingern Brotkrumen zu kleinen K�gelchen. In ihrer Kindheit hatte man ihr des �fteren versichert, sie habe die H�nde einer Pianistin, doch ihr hatte nie etwas daran gelegen, diese Mutma�ung auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu �berpr�fen.</p><p>���Dann glaubst du also nicht an Romantik, Jan?� Trixie lachte fr�hlich und sch�ttelte ihre blonden Locken. Gl�nzende pinkfarbene Lippen und dichte lange Wimpern verliehen ihr das Aussehen einer teuren Porzellanpuppe.</p><p>��Janet erhob sich und kehrte ein paar M�slikr�mel zum Tischrand, dessen beide Tischplattenh�lften sich im Lauf der Jahre aufgeworfen hatten und nicht mehr richtig zueinander pa�ten. Ein paar N�sse verschwanden in der Ritze und fielen auf den Holzboden. Sie entschied, den Tolpatsch zu spielen (ein Ausdruck, mit dem in der Gemeinschaft ein Verhalten beschrieben wurde, welches den Frieden st�rte) und die Kr�mel nicht aufzuheben. Trixie kippelte auf ihrem Stuhl nach hinten, blickte skeptisch zu Boden und gab mit gesch�rzten Lippen' einen mi�billigenden Ton von sich.</p><p>��Janet brachte die Schalen weg, kehrte mit einer Kehrschaufel und einem Handfeger zur�ck und kroch unter den Tisch. Ihre Knie schmerzten auf den blanken Holzbohlen. Zehn F��e. M�nnlich: zwei Socken aus Chemiefasern - vom vielen Waschen mit Kn�tchen �berzogen, verstr�mten sie den schwachen Duft von Kampfer�l - zwei wei�e Baumwoll-socken, zwei beigefarbene aus Frottee und sechs grobschl�chtige Sandalen. Weiblich: purpurne, gesch�rzte Fellstiefeletten, mit kabbalistischen Stickmustern verziert. Mickymaus-Turnschuhe �ber kurzen Socken, die die h�bschen und zarten Fesseln kaum bedeckten. Bis unters Knie hochgekrempelte Jeans und vor kurzem rasierte Beine, auf denen blonde Haarstoppeln wie Golddraht glitzerten.</p><p>��Mit pochendem Herzen betrachtete Janet diese Beine und wandte dann schnell den Blick von den blauwei�en Gliedma�en und delikaten Knochen ab. So zerbrechlich wie der Brustkorb eines V�gelchens. Der Feger rutschte ihr aus der verschwitzten Hand. Sie streckte die Hand aus, ber�hrte fl�chtig die nahezu transparente Haut, ehe sie die Mickymaus-Schuhe beiseite schob.</p><p>���Hebt alle die F��e.� Ihre Stimme klang m�rrisch, obwohl sie versuchte, ganz beil�ufig zu klingen.</p><p>���Und du, Arno?� fragte Christopher.</p><p>���Ich werde mit Tim Weiterarbeiten�, erwiderte Arno, stand auf und sammelte die rechteckigen Salzf��chen aus Stein und die Hornl�ffel ein. �Wir sind gerade dabei, ein neues Strohdach f�r den Bienenstock anzufertigen.� Jedes Mitglied der Gemeinschaft verf�gte �ber handwerkliche F�higkeiten.</p><p>���Ihr macht euch solche M�he�, meinte Heather. Die Worte klangen wie schrille kleine Pfiffe. Eine Stimme wie eine Sammlung Orgelpfeifen.</p><p>���Ach ja... wei�t du...� Arno reagierte besch�mt.</p><p>���Gestern abend haben wir f�r ihn eine Astro-Zeremonie abgehalten, nicht wahr, Heather?� sagte Ken.</p><p>���Mmm. Wir hielten ihn eine ganze Ewigkeit im Licht.�</p><p>���Hinterher �berantworteten wir das aurische Zentrum seines Wesens Lady Portia - der bla�goldenen Meisterin der Klarheit.�</p><p>��Sie waren so unersch�tterlich positiv. Arno bedankte sich bei ihnen, da ihm keine passendere Erwiderung einfiel. Weder die Beavers mit ihrem strahlenden Optimismus noch Lady Portia konnten Tim helfen. Und das war auch gar nicht n�tig. Man konnte ihm Liebe entgegenbringen, das gen�gte. Selbstverst�ndlich war das schon eine ganze Menge, aber es reichte leider nicht, ihn aus der Welt der Schatten zu f�hren.</p><p>��Dies genauer auszuf�hren war - wie Arno sehr wohl wu�te - sinnlos. Und es w�re auch unfreundlich, denn Ken und Heather hatten positives Denken zu einer absoluten Kunstform entwickelt. Niedertr�chtige, dunkle Gedanken waren ihnen fremd. Falls jemand etwas in der Art �u�erte, wurde es blitzschnell unter den Teppich gekehrt. Ihre Weigerung, die grauen, vielleicht gar dunklen Seiten des Lebens zu erkennen, f�hrte bei ihnen zu einer fast unertr�glichen Selbstgef�lligkeit. Ein Problem war noch nicht mal richtig formuliert, schon wurde die passende Antwort geliefert. Postulierung. Vereinfachung. L�sung. Und jede Stufe war eingebettet in Anteilnahme, Warmherzigkeit, Gro�mut, so einfach war das.</p><p>��Trixie schob ihren Stuhl zur�ck und sagte: �Ich bin heilfroh, da� ich heute keinen K�chendienst habe. Statt dessen kann ich mir einen netten Longdring im Black Horse genehmigen. Ich bin sicher, wir alle werden einen brauchen.�</p><p>��Ken und Heather bel�chelten diesen spitzb�bischen Spleen nachsichtig. Keiner von ihnen war jemals im Dorfpub gewesen. Janet kroch unter dem Tisch hervor, stand auf und massierte ihre Knie.</p><p>���Was meinst du damit?� fragte Arno. �Was soll das hei�en, da� wir alle einen brauchen werden?�</p><p>���Mr. Gamelin. Erz�hl mir ja nicht, da� du seinen Besuch vergessen hast.�</p><p>���Gewi� nicht.� Arno griff nach der Plastikabwaschsch�ssel, aus der sich alle ihr M�sli gesch�pft hatten. Eine der Kommunenregeln lautete: �Verla� den Tisch nie mit leeren H�nden�, und auch wenn das hin und wieder zur Folge hatte, da� etwas verschwand, ehe jemand die Chance hatte, es in die Hand zu nehmen oder sich zu bedienen, funktionierte diese Regel im gro�en und ganzen sehr gut. �Wirst du dein Quarksouffle machen, Heather?�</p><p>���Ich hielt das f�r keine so gute Idee. Immerhin ist es m�glich, da� er zu sp�t kommt. Ihr wi�t ja, wie Tycoons sind.� Sie sprach mit nachsichtiger Autorit�t, als sei sie gerade eben von der B�rse heimgekehrt.</p><p>���Wir dachten an eine Lasagne mit drei unterschiedlichen Bohnensorten�, verriet Ken und strich �ber seinen Partisanenschnurrbart.</p><p>���Die ist wirklich au�erordentlich s�ttigend.�</p><p>���Und verbrauchen den Quark mit ged�mpften Birnen. Sollte der nicht reichen, r�hren wir noch ein paar L�ffel von Calypsos Joghurt darunter.�</p><p>���Ausgezeichnet.� Arno strahlte �bers ganze Gesicht, als meinte er, was er sagte, und dachte insgeheim an den Geburtstagskuchen, den es au�erdem noch geben sollte.</p><p>���Ich k�nnte wetten, er schenkt ihr etwas ganz Besonderes zum Geburtstag�, meinte Trixie.</p><p>���Auf was diese r�cksichtslosen Tycoons wirklich stehen�, behauptete Janet, �ist, �ber ein gro�es, blutiges Steak herzufallen.�</p><p>���Da hast du dir ja einen Schwiegervater ausgesucht, Christopher.� Ken und sein Kristall funkelten �ber den Tisch.</p><p>���Nun, hier wird er jedenfalls kein Steak serviert bekommen.� Heather erschauderte. �Und woher willst du �berhaupt wissen, da� er r�cksichtslos ist, Jan?� Janet ha�te es, Jan genannt zu werden. Nur Trixie durfte das.</p><p>���Ich habe ihn Vor Jahren mal im Fernsehen gesehen. In einer dieser Diskussionen. Falls ich mich recht entsinne, in einer Sendung zum Thema Geld. Innerhalb der ersten f�nf Minuten hat er alle fertiggemacht.�</p><p>���Aber, aber�, rief Arno zur M��igung. Die Sendung hatte er nicht gesehen. Um negative Schwingungen zu vermeiden, gab es in Manor House keinen Fernsehapparat.</p><p>��Janet erinnerte sich ganz genau. An jene korpulente, m�chtige Gestalt, die sich auff�hrte, als wollte sie den Bildschirm zum Bersten bringen. An diesen Mann, der vor Aggressivit�t nur so gestrotzt hatte. War mit leicht nach vorn geneigtem Kopf dagesessen, reglos wie ein Bulle, der jede Minute zum Angriff bl�st. �Ich w�nschte, er k�me nicht.�</p><p>���Bleib gelassen.� Ken bewegte seine H�nde hoch und runter, diminuendo. �Vergi� nicht, er ist allein, und wir sind zu zehnt. Doch damit nicht genug, wir stehen im Licht des g�ttlichen Ozeans des Bewu�tseins. Und begreifen, da� so etwas wie Zorn nicht existiert.�</p><p>���Er w�re nie und nimmer eingeladen worden, m��t ihr wissen�, verriet Arno, da Janet immer noch besorgt dreinblickte, �wenn der Meister es nicht f�r klug gehalten h�tte.�</p><p>���Der Meister ist sehr weltfremd.�</p><p>���Gamelin wei� nicht, in was f�r eine diffizile Situation er sich begibt�, meinte Ken kichernd. �Wird ihm eine erstklassige M�glichkeit bieten, sein Karma zu �ndern. Sollte er nur zur H�lfte so sein, wie du ihn beschreibst, Janet, wird er die Gelegenheit beim Schopf packen.�</p><p>���Was ich nicht kapiere�, sagte Trixie, �ist, wieso Suhami uns erst neulich gestanden hat, wer sie in Wahrheit ist.�</p><p>���Kannst du das nicht verstehen?� Janet brach erneut in un-am�siertes Gel�chter aus. �Ich schon.�</p><p>���Ist nur gut�, fuhr Trixie fort, �da� Chris sich ihr schon erkl�rt hat, sonst w�rde sie vielleicht denken, er sei nur hinter ihrem Geld her.�</p><p>��Auf diese verwegene Spekulation hin stellte sich urpl�tzlich Schweigen ein, das Christopher brach, indem er Messer und Gabel einsammelte, schmallippig �Entschuldigung� murmelte und den Raum verlie�.</p><p>���Ehrlich, Trixie...�</p><p>���Das war doch nur ein Scherz. Ich wei� nicht...� Ohne auch nur einen Eierl�ffel in die Hand zu nehmen, st�rmte sie davon. �Hier hat keiner eine Spur von Humor.�</p><p>��Da stand Ken auf. Er hatte �ein Bein�, das ihn davon abhielt, all die T�tigkeiten im Haus und Garten zu verrichten, die er liebend gern �bernommen h�tte. An manchen Tagen (vor allem, wenn Regen angek�ndigt wurde) war es besonders schlimm. Heute morgen hinkte er nur leicht. Er nahm das Brotschneidebrett hoch und sagte: �Kein Frieden f�r die B�se-wichter.�</p><p>���Die w��ten gar nicht, was sie anfangen sollten, wenn sie Frieden f�nden�, lautete Janets Kommentar, was Heather veranla�te, ihre geduldige Griselda-Miene aufzusetzen.</p><p>��Janet war Heathers Kreuz und gleichzeitig ihre gro�e Herausforderung. Sie war so intellektuell, benutzte permanent ihre linke Hirnh�lfte. Anfangs war es Heather schwergefallen, damit umzugehen. Bis ihr eines Tages Kens geistlicher F�hrer Hilarion auf Anrufen hin erl�utert hatte, da� Janet die physische Verk�rperung von Heathers eigener Animosit�t sei. Wie dankbar war Heather gewesen, dies zu erfahren! Die Erkl�rung machte nicht nur Sinn, sondern l�ste zudem ein noch tieferes Gef�hl teilnahmsvoller Hingabe aus. Jetzt sagte sie in einem Ton �bertriebener Ruhe: �Ich denke, wir machen uns besser an die Arbeit.�</p><p>��Arno, nun allein mit Janet, betrachtete sie besorgt. Er bef�rchtete, eine Teilschuld zu tragen an der Bl�sse ihres Gesichtes und an der Verkrampftheit ihrer Arme und H�nde, mit denen sie die Kehrschaufel umklammert hielt. Und er w�nschte, das Richtige zu tun. In der Lodge wurde von allen Kommunenmitgliedern erwartet, den anderen Mitbewohnern zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Rat zur Seite zu stehen. Arno, von Natur aus sehr w�hlerisch, was die Offenbarung seiner eigenen Gef�hle anbelangte, war stets bestrebt, sich offen und aufgeschlossen zu geben, sollte man ihn brauchen. In diesem Augenblick lag allerdings etwas in der Luft, was ihn zutiefst verunsicherte und er nicht verstand. Nichtsdestotrotz ...</p><p>���Machst du dir wegen irgend etwas Sorgen, Janet? Gibt es was, das du mit mir teilen m�chtest?�</p><p>���Was willst du damit sagen?� Sofort war sie in der Defensive, als setze er sie unter Druck. �Da ist nichts. �berhaupt nichts.� Das Wort �teilen� irritierte sie, weil es ganz selbstverst�ndlich die Bereitschaft implizierte, sich zu offenbaren.</p><p>���Entschuldigung.� Mitnichten gekr�nkt trat Arno den R�ckzug an. Sein sommersprossiges Antlitz verriet, wie erleichtert er war, da� Janet sein Angebot ausgeschlagen hatte.</p><p>���Wenn man nicht den ganzen Tag vor sich hin l�chelt, vermutet gleich jeder, man habe ein Problem.�</p><p>���Es war gut gemeint...�</p><p>��Janet lie� ihn einfach stehen. Ihre quadratischen Schulterbl�tter waren steif vor Irritation. Arno folgte ihr gem�chlich in die weitl�ufige Eingangshalle, die leer zu sein schien. Er blickte sich um. �Tim...?� Einen Moment sp�ter rief er noch mal, ohne eine Antwort zu erhalten. Seit einiger Zeit zog der Junge sich so tief in sich zur�ck, da� kein Durchdringen zu ihm m�glich war. In der Annahme, da� Tim sich versteckte und allein sein wollte, machte Arno keine Anstalten, ihn zu suchen. Wenn der Meister nach seiner Andacht erschien, w�rde auch Tim auf der Bildfl�che auftauchen - und seinem �ber alles geliebten Wohlt�ter wie ein Schatten auf Schritt und Tritt folgen und sich wie ein treuer Hund neben seinen F��en hinkauern, wenn er stehenblieb.</p><p>��Daher verschob Arno die Fertigstellung des Bienenstockdaches auf einen anderen Tag, ging den langen Flur hinunter, an dessen Ende Gummistiefel, Galoschen und Regenschirme aufbewahrt wurden, suchte seine alte Jacke und seinen Panamahut heraus und machte sich auf den Weg in den Garten, wo er sich n�tzlich zu machen gedachte.</p><p>��Nachdem die anderen weggegangen waren und sich Stille im Haupthaus breitmachte, tauchte Tim auf und schlich sich vorsichtig ins Foyer.</p><p>��Hier, mitten in der Decke, war ein wundersch�nes, achteckiges Oberlicht aus Buntglas eingelassen, das - ins Dach integriert - in den Himmel zu reichen schien. An sonnigen Tagen fielen Strahlen bunten Lichtes durchs Glas und malten ein Muster aus dunklem Rosa, Bernstein, kr�ftigem Maulbeer-blau, Indigo und sanftem Grasgr�n auf den Holzboden. Entsprechend dem Lichteinfall waren die Farben blasser oder kr�ftiger und vermittelten die Illusion eines Eigenlebens, das best�ndig im Flu� war. Dieser stille und vom Licht verzauberte Bereich �bte gro�e Faszination auf Tim aus. Er hatte die Angewohnheit, sich mitten ins farbige Licht zu stellen, sich langsam zu drehen und sich �ber die kaleidoskopischen Muster zu freuen, die �ber seine Haut und Kleidung wanderten. Jetzt stand er reglos unter den im ged�mpften Licht umherschwirrenden Staubk�rnchen. F�r ihn waren sie eine Wolke winziger Insekten, harmlose kleine Wesen mit glitzernden Fl�geln.</p><p>��Manchmal tr�umte er von dem Oberlicht. In diesen Tr�umen war er immer in Bewegung, trieb ab und zu nach oben, teilte das einfallende, strahlend helle Licht mit d�nnen Fingern, schob es hinter sich und stieg h�her. Und er flog sehr oft. Wann immer er flog, schwerelos in einer schwerelosen Welt, drehte sich sein K�rper, bewegte sich auf und ab, beschrieb Kreise unterm Regenbogen. Einmal hatte ihn eine Schar heller V�gel mit gutm�tigen Augen und weichen, kaum bedrohlichen Schn�beln begleitet. Manchmal, wenn er aus solch einem Oberlichttraum erwachte, �berkam ihn ein starkes Gef�hl von Trauer und Verlust. Dann sprang er aus dem Bett und flitzte zum Gel�nder, um sich zu versichern, da� es noch da war.</p><p>��Nachdem Tim nach Manor House gebracht worden und er nicht davon zu �berzeugen gewesen war, etwas zu sich zu nehmen, hatte der Meister, dem die beruhigende Wirkung der tanzenden Farben nicht entgangen war, zwei Kissen auf dem Hallenboden auslegen lassen. Zusammen mit dem Jungen hatte er sich auf die Kissen gesetzt und ihn wie ein kleines Kind gef�ttert, ein L�ffel nach dem anderen, �einen f�r dich, einen f�r mich�. An dieser Prozedur hatte er zwei Wochen lang festgehalten. Inzwischen ging es Tim nat�rlich wesentlich besser. Er a� mit allen anderen am Tisch, erf�llte seine Rolle in der Kommune, soweit es ihm m�glich war, und k�mpfte damit, die ihm �bertragenen einfachen Aufgaben zu bew�ltigen.</p><p>��Seine Angst legte sich hingegen nie. Und wenn - wie in diesem Moment - auf der Empore eine T�r ge�ffnet wurde und es sich nur um Trixie handelte, die ins Badezimmer ging, setzte Tim schnell wie der Wind zur Flucht an und versteckte sich in einer dunklen Ecke.</p><p>��Der Meister sa� im Solar und hielt eine Schale mit frischem Minze- und Zitronentee in der Hand. Suhami, die ihn zu einer Unterredung gedr�ngt hatte, schien jetzt, da sie ihm gegen�bersa�, keine Eile mehr zu versp�ren. Diese Wirkung hatte die Anwesenheit des Meisters des �fteren auf seine Mitmenschen. Welch k�rperliches oder seelisches Leiden sie auch veranlassen mochte, seinen Rat zu suchen, kaum befanden sie sich in seiner Gegenwart, schien ihr Anliegen an Bedeutung zu verlieren.</p><p>��Und schlie�lich, dachte Suhami, w�hrend sie sich mit geradem R�cken unglaublich elegant auf dem Kissen niederlie�, war es mittlerweile zu sp�t f�r Worte. Der Schaden war l�ngst angerichtet. Sie studierte ihreh Lehrer. Seine feingliedrigen H�nde, seine angenehmen Z�ge und mageren Schultern. Es war unm�glich, ihm b�se zu sein, dumm, von ihm zu erwarten, da� er verstand. Er war so harmlos, seine Anteilnahme ganz und gar spiritueller Natur. Er hatte sich (wie Janet es einmal formuliert hatte) in das Ideal der Reinheit verliebt und sah deshalb �berall nur Gutes. Als Suhami an ihren Vater dachte, der sich demn�chst in seiner schrecklichen Wildheit auf den Weg machen w�rde, wallte ihre Verzweiflung wieder auf.</p><p>��Guy Gamelin war ungef�hr so spirituell wie ein angreifendes Rhinozeros und hatte im Lauf seines Lebens ein vergleichbares Chaos hinterlassen. Der Meister konnte sich eine derart impulsive Person, einen Mann, von Gier zerfressen, der - wenn man sich ihm entgegenstellte - einen in Angst und Schrecken versetzte, garantiert nicht vorstellen, denn der Meister war der festen �berzeugung, da� in jedem Menschen etwas von Gott war und da� man nur Geduld und Liebe aufbringen mu�te, um dies zutage zu f�rdern.</p><p>���Ich h�tte diesen Besuch nicht vorgeschlagen�, (sie war es gewohnt, da� der Meister ihre Gedanken las), �wenn ich den Zeitpunkt nicht f�r richtig gehalten h�tte.� Da Suhami beharrlich schwieg, fuhr er fort: �Es ist an der Zeit zu genesen, Kind. La� all diese Bitterkeit fahren. Sie wird dir nur schaden.�</p><p>���Das versuche ich.� Wie schon ein dutzendmal in der vergangenen Woche sagte sie: �Ich begreife nur nicht, wieso er hierherkommen mu�. Und ich werde meine Meinung in bezug auf das Geld nicht �ndern, falls es das ist, was er will.�</p><p>���Oh, la� uns nicht noch mal damit anfangen.� Er l�chelte. �Ich erkenne eine Sackgasse, wenn ich sie sehe.�</p><p>���Falls Sie es nicht annehmen, wird es an die Wohlfahrt gehen.� Schnell setzte sie nach: �Sie wissen nicht, was Geld bei Menschen bewirkt, Meister. Sie sehen einen an, denken anders �ber einen. Schon -� Ihre Miene ver�nderte sich, wirkte pl�tzlich sorgenvoll. Weich und verdunkelt. Ihr Mund zitterte.</p><p>���Schon?�</p><p>���Sie... haben es niemandem erz�hlt? Von dem Treuhandverm�gen?�</p><p>���Selbstverst�ndlich nicht, zumal es ja dein Wunsch gewesen ist. Aber meinst du nicht, da� deine Eltern -�</p><p>���Meine Mutter kommt nicht. Er hat geschrieben, da� sie krank ist.�</p><p>���Das k�nnte wahr sein.�</p><p>���Nein.� Entschlossen sch�ttelte sie den Kopf. �Sie hatte keine Lust zu kommen. Hatte nicht mal den Anstand, so zu tun als ob.�</p><p>���Ein Besuch auf dieser Grundlage d�rfte sinnlos sein. Sei tapfer, Suhami - greif nicht nach vorschnellen L�sungen. Und verlange auch nicht, da� andere dich tr�sten und st�rken. Das ist weder dir noch den anderen gegen�ber fair. Alles, was du brauchst, ist hier...� Er legte die Finger auf sein Herz. �Wie oft mu� ich das noch betonen?�</p><p>���F�r Sie ist das einfach.�</p><p>���Einfach ist es nie.�</p><p>��Damit hatte er recht. Nur ein einziges Mal hatte sie w�hrend der Meditation ann�hernd verstanden, was �alles, was du brauchst� wirklich bedeutete. Nach einer guten Stunde Stillsitzen hatte sie eine tiefe, intensive Stille erfahren, gefolgt von einer au�erordentlichen B�ndelung von Spannung, die ihr wie ein starker energetischer Impuls vorgekommen war. Darauf war ein Augenblick erleuchteter Stille von einer solchen Vollendung gefolgt, da� sie den Eindruck gehabt hatte, all ihr Menschsein, all das Durcheinander aus Schmerz und Hoffnung und Verlust, alles, was ihre Person ausmachte, falle von ihr ab - w�rde verschlungen von einem inneren Licht. Ein Augenblinzeln, und verschwunden war dieses Gef�hl. Ihr Erlebnis hatte sie nur dem Meister gegen�ber erw�hnt, der sie schlicht davor gewarnt hatte, sich in Zukunft krampfhaft um derlei Erlebnisse zu bem�hen. Selbstverst�ndlich war sie nicht in der Lage gewesen, dem einen oder anderen Versuch zu widerstehen, doch diesen bestimmten Zustand hatte sie nie wieder erlangt.</p><p>��Vor einem Jahr hatte sie nicht mal gewu�t, da� er lebte. Noch heute erinnerte sie sich mit Schrecken daran, wie zuf�llig ihre Begegnung gewesen war. W�re sie nach links statt nach rechts abgebogen...</p><p>��In Begleitung eines halben Dutzend Freunde war sie in einer Weinbar unweit des Red Lion Square gewesen. W�hrend der Happy Hour - jener fr�habendlichen Unterbrechung, in der die Einsamen, Entfremdeten und Enterbten sich mit Hilfe von Alkohol zum halben Preis in die Vergessenheit katapultieren k�nnen. Sturzbetrunken hatten sie ihre Brotstengel in einen Auberginendip getunkt und waren schlie�lich zum Gehen gen�tigt geworden. Sie hatten sich geweigert, woraufhin ihnen - auch nichts Neues - mit der Polizei gedroht worden war. Untergehakt und mit lautstarkem Gebr�ll waren sie losgezogen und hatten ihre Mitmenschen in der Theobald Road vom B�rgersteig vertrieben.</p><p>��Es war Perry gewesen, dem das an einen sch�bigen T�reingang geheftete Poster aufgefallen war. Die Worte LIEBE, LICHT &amp; FRIEDEN standen �ber dem gro�en Foto eines Mannes mittleren Alters mit langem wei�em Haar. V�llig grundlos kam ihnen dieses Plakat ungeheuer komisch vor. Johlend und ver�chtlich lachend st�rmten sie die ausgetretenen, verfleckten Stufen hoch durch eine Schwingt�r.</p><p>��Sie kamen in einen kleinen, schwach besuchten Raum, vor dessen R�ckwand ein Podest aufgestellt war. Das Publikum bestand haupts�chlich aus �lteren Frauen. Ein paar ernst dreinblickende M�nner mit Rucks�cken oder Einkaufstaschen waren ebenfalls zugegen. Einer trug eine mit durchsichtiger Plastikfolie �berzogene Kappe. Wiederholt sch�rzte er besonnen die Lippen und sch�ttelte dabei den Kopf, als m��te er den anderen Zuh�rern klarmachen, da� er nicht so leicht zu beeindrucken war. Angesichts der St�rung drehten die anderen G�ste den Kopf, formulierten leise ihr Unbehagen und bissen die Z�hne zusammen.</p><p>��Die Neuank�mmlinge warfen sich auf die aufgereihten Klappst�hle und legten die F��e hoch. F�nf Minuten verhielten sie sich unglaublich ruhig, bis Perry zuerst warnend die Augen verdrehte und dann laut losprustete. Die anderen schrien und kicherten und stopften sich wie unerzogene Kinder die F�uste in den Mund. Als Antwort auf die zurechtweisenden Blicke der anderen Zuh�rer schnitten sie Fratzen, und Perry rief: �Er ist es gewesen, der da, mit der M�tze in der Plastikt�te.�</p><p>��Zehn Minuten sp�ter standen sie t�dlich gelangweilt auf, machten sich �ber den Mann auf dem Podest lustig und stie�en auf dem Weg nach drau�en St�hle um. Vor der Schwingt�r drehte sich eine von ihnen - Sylvie - um und warf einen Blick nach hinten. Nur einen halben Schritt vom Chaos entfernt (so deutete sie es sp�ter), veranla�te sie irgend etwas zu dieser Bewegung. Sie machte kehrt und nahm leise auf einem Holzstuhl Platz, ohne auf das ungehobelte Gebr�ll von der Treppe zu achten.</p><p>��Die Rede, warmherzig und lindernd wie Honig, beeindruckte sie tief. Hinterher wunderte sie sich, da� sie sich kaum an jenen Abend erinnern konnte, der ihr Leben so nachhaltig ver�ndert hatte. Der einzige Satz, an den sie sich entsinnen konnte, lautete: �Wir alle stehen in unserem eigenen Licht.� Ohne damals eine Ahnung davon gehabt zu haben, was die Worte wirklich bedeuteten, waren sie ihr an jenem Abend (und das war auch heute noch der Fall) unglaublich profund und tr�stend vorgekommen. Noch im Verlauf jener ersten Momente war sie sich �ber ihr Bed�rfnis im klaren gewesen, diesen Schritt aus ihrem alten zweifelhaften Selbst zu wagen. Sich zu �ffnen und das Gespenst einer lieblosen, schrecklichen Vergangenheit abzusch�tteln. Jene ha�erf�llten, volltrunkenen Tage und liebeshungrigen N�chte.</p><p>��Nach dem Vortrag zog der Sprecher einen Mantel �ber sein langes blaues Gewand. Ein kleiner b�rtiger Mann war ihm dabei behilflich. Danach trank er einen Schluck Wasser und lie� im Stehen seinen Blick �ber die leeren Stuhlreihen schweifen, bis er bei dem M�dchen h�ngenblieb. Er l�chelte, woraufhin sie sich erhob, auf ihn zuging und sich dem Sog purer, uneigenn�tziger G�te ausgesetzt f�hlte (was sie damals garantiert nicht so beschrieben h�tte). In dieser zierlichen Gestalt meinte sie eine grenzenlose Sorge um ihr eigenes Wohlergehen zu sp�ren. Diese f�r sie absolut neue Situation bereitete ihr unertr�gliche Schmerzen, und sie weinte.</p><p>��Der Meister beobachtete sie beim N�herkommen. Er sah ein gro�es, d�nnes M�dchen in einem anz�glichen Outfit. Die silbriggl�nzende Andeutung von einem Rock, ein knapp geschnittenes Oberteil. Die gebleichten Haare trug sie wild nach oben gek�mmt, die Augen waren mit Kajal verschmiert, die Lippen knallrot ausgemalt. Sie roch nach Gin, einem aufdringlichen Parf�m und bitteren Tr�umen. Je n�her sie kam, desto lauter wurde ihr Schluchzen, und als sie das Podest erreichte, schrie sie und machte ihrer Trauer unverh�llt Luft. �Ahhh... ahhh.� Sich auf hohen Pfennigabs�tzen wiegend, und mit �ber den kaum bekleideten Br�sten verschr�nkten Armen stand sie da und heulte.</p><p>��All das lag so lange zur�ck, da� es ihr schwerfiel, sich an die Intensit�t ihrer damaligen Verzweiflung zu erinnern. Sie streckte die Hand nach dem Glas ihres Gegen�bers aus.</p><p>���M�chten Sie noch etwas Tee, Meister?�</p><p>���Nein. Vielen Dank.�</p><p>��Zwischen seinen Augenbrauen war eine tiefe Falte zu erkennen. Er sah m�de aus. Schlimmer noch - Suhami bemerkte die faltige Haut unter seinen Augen - er sah alt aus. Der Gedanke, die Zeit k�nne ihm etwas anhaben, war ihr unertr�glich. Denn war er nicht die Quelle aller Weisheit, der nie versiegende, segensreiche Brunnen? Er war hier, um sie zu lieben und zu sch�tzen. Falls ihm etwas zustie�...</p><p>��Auf dem Weg zur T�r d�mmerte es Suhami, da� das Wissen um die Sterblichkeit eines anderen und diese Sterblichkeit tats�chlich zu verstehen, zwei v�llig unterschiedliche Dinge waren. Tief in ihrem Innern war sie davon �berzeugt gewesen, da� er immer f�r sie alle dasein w�rde. Sie mu�te an Tim denken. Was w�rde er ohne seinen geliebten Besch�tzer und Kameraden anfangen? Was w�rden die anderen tun? Furcht �bermannte sie, zwang sie zur R�ckkehr. Sie pre�te seine Hand an ihre Wange.</p><p>���Was, um Himmels willen, ist denn?�</p><p>���Ich will nicht, da� Sie sterben.�</p><p>��Sie nahm an, er w�rde l�cheln und sie mit einem Scherz von ihrer Verzweiflung befreien. Statt dessen sagte er: �Aber das m�ssen wir. Wir alle.�</p><p>���F�rchten Sie sich nicht?�</p><p>���Nein. Nicht jetzt.� Damit entzog er ihr seine Hand. �Fr�her... schon. Aber jetzt nicht.�</p><p>��Ich habe Angst, dachte Suhami. Und verlie� ihn zutiefst verst�rt.</p><empty-line/><p>Aus einem offenen Fenster im Erdgescho� des Hauses drang ein Schwall fulminanter T�ne. Mit gegr�tschten Beinen und fest auf der Seegrasmatte ruhenden F��en spielte May auf ihrem Cello eine Sonate von Boccherini. Energisch strich der Bogen vor und zur�ck. Ihre dicken Augenbrauen waren gekr�uselt, die Augen fest geschlossen. In einem Anfall leidenschaftlicher Hingabe warf sie den Kopf so weit nach hinten, da� durchsichtige Schwei�perlen durch die laue Luft flogen und einer ihrer geflochtenen Z�pfe, der wie ein rostrotes Ufo �ber ihrem Ohr festgesteckt war, sich l�ste und im Dreivierteltakt fr�hlich hin und her schwang.</p><p>��Sie trug ein loses Gewand, von Hand maronenfarben eingef�rbt und mit aufgedruckten Pyramiden und Trauerz�gen verziert. Dieses Kleidungsst�ck war nicht gerade ein leuchtendes Beispiel f�r die im Druckraum angefertigten Arbeiten. Bei der Verwendung der Klischees war ein Fehler unterlaufen, so da� der Trauerzug - Kamele, Leichnam und Trauernde - an einer Stelle eine Kehrtwendung machte und mit dem hinteren Zugabschnitt zusammenstie�.</p><p>��Oberhalb des Ausschnitts dieses volumin�sen Kleides pr�sentierte sich Mays wundersch�nes Profil. Symmetrisch geschnitten, edel, ernsthaft, unmi�verst�ndlich in seiner Hingabe, Gl�ck und Gesundheit zu verbreiten, zog es die Aufmerksamkeit anderer auf sich, zumal May ihr Gesicht mit derselben �berschwenglichen Hingabe schminkte, die sie der Ausschm�ckung ihres Zimmers, ihrer Person, jedes in ihrem Besitz befindlichen Gegenstandes angedeihen lie�. Die von ihr verwendete Farbpalette war so breit, wie ihr Strich gro�z�gig war. Wangen erbl�hten in satter Koralle, volle Lippen in leuchtendem Granatapfelrot. Augenlider leuchteten in grellem Gr�n, das in Himmel- und Pflaumenblau �berging und ab und an silbern abgetupft wurde. Es kam durchaus vor, da� ihr Teerosenteint gar nicht zur Geltung kam: Hin und wieder verga� sie - abgelenkt von ihrem ganz und gar unweltlichen Ansinnen -, da� sie schon Make-up aufgelegt hatte, und trug eine zweite Lage auf, das sie hinterher gro�z�gig mit Coty American Tan abpuderte.</p><p>��Nach dem letzten Bogenstrich legte sie die Hand auf die Saiten, um die Vibration zu d�mpfen. Gibt es ein anderes Instrument, �berlegte sie, eine andere Kreatur, die so elegant grunzen konnte? Kurz legte sie die Wange auf das gl�nzende Holz und hinterlie� darauf einen pfirsichbraunen Puderabdruck, ehe sie das Cello an ihren Stuhl lehnte und in ihrem aufbauschenden Stoffmeer aus Kattun zum Fenster hin�berschwebte.</p><p>��Dort harrte sie aus, fixierte die Zeder und bem�hte sich darum, an jener vom Gl�ck durchdrungenen Stille festzuhalten, die sie beim Musizieren befiel. Doch kaum hatte sie von diesem Zustand Notiz genommen, verwandelte sich Gl�ck in Freude und Zufriedenheit in einen beklagenswerten Mangel an Mu�e. Mit einem leisen Seufzer zwang sich May - aus Gr�nden der Entspannung -, an ihren letzten Farbenworkshop unter dem Titel �Ein Regenbogen liegt auf Ihrer Schulter� zu denken, der �berbucht gewesen und bei den Teilnehmern sehr gut angekommen war. Leider bescherte die �berlistung der eigenen Natur ihr nur einen Teilerfolg. Bilder von gutgelaunten Teilnehmern, die alle aquamarin dachten, verbla�ten, obgleich sie daran festzuhalten suchte, und ein Schatten von Angst trat an ihre Stelle. Sie mu�te sich eingestehen, da� sie sich heute nicht auf ihre bevorstehende R�ckf�hrung freute, was oftmals eine �u�erst anregende Erfahrung war.</p><p>��May legte gesteigerten Wert auf positives Denken. F�r Menschen, die - wie sie es nannte - �herumjammerten�, brachte sie nicht sonderlich viel Geduld auf. Sich �ber dieses oder jenes beklagten, sich weigerten, das Problem am Schopf zu packen oder es zu l�sen. Aus solch einem Verhalten lie� sich in ihren Augen nur ein Mangel an R�ckgrat ableiten. Jetzt verfuhr sie schon genauso. Und ganz ohne Grund, denn ihr mangelte es gewi� nicht an Menschen, an die sie sich wenden, mit denen sie sich unterhalten konnte. Ungl�cklicherweise war einer von ihnen (wer, das konnte sie nicht mit Gewi�heit sagen) der Grund ihrer Sorge. Am liebsten h�tte sie sich in dieser Frage an den Meister gewandt, auch wenn man im Normalfall nicht mit allt�glichen Problemen zu ihm ging. Da� sie in diesem speziellen Fall von ihm keine Hilfe erwarten konnte, machte sie richtig ungl�cklich. Ihr kam es so vor, als w�re eine zuverl�ssige W�rme- und Lichtquelle unfreundlicherweise abgedreht worden. Das Gef�hl, nicht nur beraubt, sondern auch abgewiesen worden zu sein, entbehrte - dar�ber war sie sich im klaren - jeder Grundlage. Die Schwierigkeit lag darin, da� ihr geliebter Guru - unwissentlich und unabsichtlich, wie sie sehr wohl wu�te - ihr Unbehagen mitverschuldet hatte.</p><p>��Folgendes hatte sich zugetragen: Zwei Tage nach Jims Tod war May auf dem Weg zur Waschk�che an der Kammer des Meisters vorbeigekommen. Trotz offenstehender T�r hatte sie nichts sehen k�nnen, da sein wundersch�ner Passepartout-Wandschirm mit den Tierkreiszeichen ihr die Sicht versperrt hatte. Gesenkte Stimmen unterhielten sich, verstummten, ert�nten aufs neue und veranla�ten May zu der Annahme, da� im Raum eine Sitzung im Gange war, da� spirituelles Wachstum gef�rdert, Chakras gereinigt wurden. Dann allerdings rief eine Stimme unvermittelt: �O Gott - warum hast du ihn nicht in Ruhe gelassen? Wenn sie nun eine Obduktion -� Mit einem beherzten Zischen wurde der Redner unterbrochen.</p><p>��Die sich daran anschlie�ende Stille kam May, die wie angewurzelt stehengeblieben war, eigenartig beklemmend vor. Hatte etwas Ersticktes, etwas von �unter den Teppich kehren� an sich. Sie h�rte keine Schritte, schlo� jedoch aus dem Rascheln eines Gewandes, da� jemand hinter dem Wandschirm hervorzutreten gedachte. Gerade noch rechtzeitig sprang sie zur Seite und pre�te sich an die Korridorwand, ehe die T�r fest geschlossen wurde.</p><p>��Vor lauter �berraschung und Angst zitternd, harrte May dort aus. Die Stimme des Meisters war so emotionsgeladen gewesen, da� sie sie kaum erkannt hatte. Ob er Zorn oder Furcht versp�rt hatte, wu�te sie nicht zu sagen. Vielleicht keins von beiden. Oder beides gleichzeitig. Sie versuchte sich einzureden, da� sie etwas falsch verstanden hatte oder die Worte aus dem Zusammenhang gerissen (viel hatte sie ja nicht geh�rt) eine ganz andere Bedeutung bekommen konnten. Aber worauf sollten das Wort �Obduktion� sich beziehen, wenn nicht auf Jims Tod? Diese Schlu�folgerung war sicher naheliegend.</p><p>��In der Waschk�che, beim Einf�llen �kologisch unbedenklicher, enzymfreier bla�gr�ner Waschk�gelchen, verfluchte May stumm den boshaften Luftgeist, der an diesem Morgen ihre Schritte gelenkt hatte. Im Einklang mit den anderen Kommunenmitgliedern hing sie der �berzeugung an, die Gestaltung und der Ablauf ihres Tages w�rde nicht von ihr selbst, sondern von den Sternen bestimmt, und sie konnte gewi� nicht behaupten, sie w�re nicht gewarnt worden. Phobos, Mond des Mars, hatte schon die ganze Woche seinen Einflu� auf sie ausge�bt.</p><p>��Als sie die feuchten Berge farbenpr�chtiger W�sche aus der Maschine nahm, bemerkte May die auff�llige Diskrepanz zwischen der frischgewaschenen, fleckenlosen Perfektion und ihren eigenen dunklen Gedanken.</p><p>��Einen Monat nach jenem Vorfall ereignete sich eine andere, beinah ebenso irritierende Begebenheit. Mitten in der Nacht wurde sie von einem leisen Knarzen in Jims Zimmer aufgeweckt, das neben ihrem lag. Kurz darauf knarzte es noch zweimal, als w�rde eine Reihe von Schubladen ge�ffnet und geschlossen. May hatte belauscht, wie sich jemand tags zuvor mehrmals dort zu schaffen gemacht hatte, sich dabei aber nichts gedacht. Ihrer Meinung nach hatte der Betreffende die traurige Aufgabe �bernommen, Jims Sachen durchzugehen und auszusortieren. Dieses n�chtliche Treiben hingegen war etwas ganz anderes. Sofort an Einbrecher denkend, hatte sie tapfer ihren dicksten W�lzer geschnappt (Neue Karten von Atlantis und deren intergalaktische Logoi), sich mit angehaltenem Atem den Flur runtergeschlichen, vorsichtig die Hand auf den Griff der T�r gelegt und versucht, diese zu �ffnen. Sie war fest verschlossen gewesen.</p><p>��Obwohl sie sich der T�r ganz leise gen�hert hatte, h�rte May hektische Bewegungen. Trotz ihrer Furcht harrte sie aus, die Neuen Karten �ber dem Kopf haltend. Entgegen ihrer Erwartung ging die T�r nicht auf. Unentschieden, was sie als n�chstes unternehmen sollte, spitzte sie die Ohren, h�rte ein metallisches Knirschen, das sie an das Schiebefenster denken lie�. Sie eilte in ihr Zimmer zur�ck, doch bis sie das Buch weggelegt hatte und an ihr Fenster getreten war, war es schon zu sp�t. Das Fenster nebenan stand weit offen, und sie meinte einen Schatten, eine dunkle Bewegung am Ende der Terrasse auszumachen.</p><p>��Dies veranla�te sie, ihren Entschlu�, sofort Alarm zu schlagen, nochmals zu �berdenken. Wer immer das gewesen war, er war nicht in Richtung Stra�e und Au�enwelt geflohen. Zu fliehen h�tte niemanden vor gr��ere Probleme gestellt, denn wie viele gro�e elisabethanische H�user lag auch Manor House nur unweit der Dorfhauptstra�e. Vor ein paar Monaten hatten auf dem Grundst�ck Vandalen ihr Unwesen getrieben (M�ll in den Teich geworfen, Gl�hbirnen kaputtgeschlagen), woraufhin die Lodge eine Halogenlampe angeschafft hatte, die sich nach Dunkelheit automatisch einschaltete, wenn sich eine Person oder ein Fahrzeug auf oder neben der Zufahrt bewegte. Diese Lampe ging nicht an.</p><p>��Doppelt verunsichert lie� May sich auf ihrem Fensterplatz nieder und blickte in die wohlriechende Nacht hinaus. Die unterschiedlichen Gartend�fte und die am Himmel stehenden Sterne vermochten nicht, ihre Stimmung zu �ndern. In diesem besonderen Augenblick litt sie unter extremer Einsamkeit. Nicht unter jener dunklen Verlassenheit, die sich gew�hnlich gegen vier Uhr morgens einstellt und wo man vom Zeitpunkt und den Umst�nden des eigenen Todes niedergedr�ckt wird. Ihre Einsamkeit war weniger gewichtig, aber genauso be�ngstigend. Sie hatte entdecken m�ssen, da� in ihrem Eden - auf Golden Windhorse empfand sie ein Gl�ck, das keine andere Bezeichnung zulie� - eine Schlange hauste. Mit zwei Gesichtern, verschlagenem Herzen, doppelz�ngig.</p><p>��Um wen es sich dabei handelte, konnte sie noch nicht sagen, aber sie glaubte - nein, sie wu�te -, da� die Person, die aus Jims Zimmer geflohen war, das Haus hinterher wieder betreten hatte. Ihr fielen wieder die aufgeschnappten Worte ein. Sie kam zu der �berzeugung, da� die beiden Dinge miteinander in Verbindung standen, r�gte sich aber prompt f�r diese dramatische Auslegung. Gro� war die Versuchung, beides ad acta zu legen. Wie gewohnt weiterzumachen in der Hoffnung, da� es keine weiteren eigenartigen Vorf�lle geben w�rde. Mit der Zeit verbla�te die Erinnerung gewi�. M�glicherweise war der Satz �K�mmere dich um deine eigenen Angelegenheiten� hier nicht ganz unpassend. Andererseits widersprach solch ein Verhalten dem Ethos der Kommune. Sinn und Zweck dieses Lebensstils war es schlie�lich, da� sich jedermann fortw�hrend um die Angelegenheiten der anderen k�mmerte. Das war ihre Definition von Anteilnahme.</p><p>��Und so kam es, da� Mays Gedanken immer wieder zu dem geheimnisvollen Schleicher und zu der mysteri�sen Stimme zur�ckkehrten. Verdrie�lich und in Gedanken versunken, hatte sie ihren Rock geb�gelt. Mit einem Mal wirkten die Kamele mehr denn je wie das lebendige Abbild einer Karawane.</p><p>��W�re es ihr nur m�glich gewesen, der Stimme, die mit dem Meister gesprochen hatte, ein Geschlecht zuzuordnen, dann h�tte sie sich einfach einer Person des anderen Geschlechts anvertrauen k�nnen.</p><p>��Einigerma�en ungehalten sprang May auf. Der Gedanke, da� etwas nicht stimmte und nicht in Ordnung gebracht werden konnte, war ihr schier unertr�glich. Nerv�s ging sie auf und ab und rief stumm, aber voller Inbrunst Kwan-Yih an, die blasse Pfirsich-Meisterin, unter deren F�hrung und erhabener Schirmherrschaft sie seit einer Zauberzeremonie stand, die einen Korb mit Fr�chten, ein sauberes wei�es Leinentuch und einen Scheck in betr�chtlicher H�he beinhaltet hatte. Im Gegensatz zu sonst gab sich Kwan-Yih, die bislang nie gez�gert hatte, Ratschl�ge zu erteilen und perlmuttfarbene Strahlen zu senden, die Frische und Trost versprachen, heute nicht zu erkennen.</p><empty-line/><p>Arno harkte die dicken Bohnen und k�mpfte mit einer paradoxen Frage. Es handelte sich um eine sehr schwierige paradoxe Frage, die ihm urspr�nglich vom Zenmeister Bac An gestellt worden war. �Wie h�rt es sich an�, hatte der gro�e Zauberer gefragt, �wenn eine Hand klatscht?�</p><p>��Logisches Denken, das wu�te Arno, brachte ihn in diesem Fall nicht weiter. Erleuchtung gem�� der Losung Bring dir selbst Satori bei, wor�ber es in der Bibliothek zahlreiche B�nde unter der Rubrik Theo/Psych/Myth: Orientalische Untersektion 4:17 gab, war einem erst nach Monaten, vielleicht Jahren anstrengender Meditation und Reflexion verg�nnt. Und das war noch l�ngst nicht alles. Ein Anh�nger mu� jeden einzelnen Augenblick eines Tages im Auge behalten, stets in vollem Bewu�tsein leben und sich voll und ganz bei jeder noch so gew�hnlichen Angelegenheit physisch, mental und spirituell ein-bringen. Arno hatte viele kleine Tricks entwickelt, um sich -wenn seine Aufmerksamkeit nachlie�, was fast permanent der Fall war - wieder in die Gegenwart zur�ckzukatapultieren. Jetzt kniff er sich in den Arm, um nicht l�nger in den Tag hineinzutr�umen und sich besser auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er schnappte den Griff, sp�rte das warme, glatte Holz, starrte intensiv auf die rostige Klinge und musterte kritisch die winzigen wei�en Vogelnierenbl�mchen. Selbst die Staubbl�tter mit den dunklen Spitzen wurden gewissenhaft studiert.</p><p>��All das tat Arno, ohne die geringste Zufriedenheit zu versp�ren. Descartes� These, die besagte, der Mensch sei Herr �ber und Besitzer der Natur, half ihm keinen Deut weiter. Weder verstand er den Garten, noch liebte er ihn. Irgendwie schien der Garten ihm Fallen zu stellen, war voller Brombeerstr�ucher, an denen man h�ngenblieb, und verschwiegener, unter dichtem Gras versteckter Feuchtpl�tze. Und er war voller Insekten: Schnaken- und Maik�ferlarven, Blutegel und W�rmer. Alle labten sich an Arnos Gem�se, das - um die Wahrheit zu sagen - nicht gerade gro�artig gedieh. Ahnungslos, was die Beschaffenheit von B�den betraf, hatte er M�hren in Lehmboden ausges�t, Bohnen in feuchter Erde und Kartoffeln immer wieder an der gleichen Stelle.</p><p>��Nat�rlich war er sich bewu�t, da� landwirtschaftliche Ignoranz ausgemerzt werden konnte, und hatte sich irgendwann einmal ein Buch zu diesem Thema angeschafft. Es war ziemlich dick und strotzte nur so vor schwarzwei�en Zeichnungen, die unglaublich perfekt Arnos kl�gliche, mickrige und schrumpelige Ernte illustrierten. Schon nach kurzer Zeit hatte der Inhalt Arno zu Tode gelangweilt, und bald war der dicke W�lzer auf Nimmerwiedersehen im Schuppen hinter Saatgut verschwunden.</p><p>��Es versteht sich von selbst, da� Arno Einspruch erhob, als man ihm die Position des G�rtners �bertrug, und dem Berufungskomitee versicherte, er verf�ge �ber keinerlei Talent in dieser Richtung. Doch genau dies - wurde ihm geduldig erkl�rt - war der Grund f�r seine Ernennung. Seine eigenen W�nsche standen weder an zweiter noch an letzter Stelle, sondern wurden erst gar nicht in Betracht gezogen. Kein H�tscheln des Egos (dieses gemeine, hinterh�ltige Biest). Keine Wahl, nichts. In W�rde zu wachsen war gleichbedeutend mit dem Zur�ckstellen eigener Interessen, und da gab es keinen leichten Weg, keine Abk�rzung. Seufzend zupfte Arno das Kreuzkraut aus.</p><p>��Nach einer Weile schwand sein Mi�mut, zumal �ber die Wiesen, den Teich und den von Rhododendren ges�umten Weg eine einschmeichelnde Tonfolge schallte. Arno legte die Schaufel weg und widmete seine ungeteilte Aufmerksamkeit der Musik, die die K�nigin seines Herzens spielte. Am meisten bef�rchtete Arno, infolge der Ausmerzung seines Egos auch noch seine Liebe zu May zu verlieren und seines zuk�nftigen Gl�cks beraubt zu werden.</p><p>��Wesentlich sp�ter hatte er sich eingestehen m�ssen, da� er seine tiefe Leidenschaft niemals offenbaren w�rde. Dies war nicht immer so gewesen. Nach seinem Eintritt in die Kommune war er gewillt gewesen, sein durch und durch gew�hnliches Anliegen zu bekunden, ohne damals Mays g�tigen Charakter und ihre bemerkenswerten musikalischen F�higkeiten in vollem Umfang erkannt zu haben. In jenen Tagen war es ihm nur darum gegangen, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Seine wiederholten Ann�herungsversuche waren allerdings so vorsichtig gewesen, da� niemand - und May schon gar nicht - sie bemerkt hatte. Und das, obgleich sie �ber die Gabe der Vorsehung verf�gte.</p><p>��Ziemlich schnell begriff er, da� er mit seinen Ambitionen weit �bers Ziel hinausgeschossen und seine Angebetete eines jener bemerkenswerten Gesch�pfe war, deren Aufgabe es nicht war, einem einzelnen Menschen, sondern der gesamten Menschheit Trost zu spenden. Beinah zufrieden zog Arno sich zur�ck und beschlo�, ihr ein Leben lang zu Diensten zu stehen.</p><p>��Im Grunde genommen war es eher dem Zufall zuzuschreiben, da� er sie �berhaupt kennengelernt hatte, wie auch seine Ankunft in Golden Windhorse mehr oder minder dem Zufall zu verdanken war. Er war mutterseelenallein auf dieser Welt. Seine Mutter, mit der er zusammenlebte, seit sein Vater vor gut drei�ig Jahren abgehauen war, war vor kurzem gestorben. Unverdienterweise war sie langsam und unter Schmerzen gestorben. Sie war eines der sanftm�tigsten Wesen gewesen, das er je gekannt hatte. Verbittert, verzweifelt und einsam blieb er zur�ck. Nach der Beerdigung hatte er sich wie ein verwundetes Tier in das kleine Reihenhaus in Eltham zur�ckgezogen. Er a� gerade so viel, da� er nicht verhungerte, wusch sich gerade noch so oft, da� er einigerma�en zivilisiert aussah, wenn er mal einkaufen ging. Mit Ausnahme des Verk�ufers sah er wochenlang keine Menschenseele, zumal er seine Stelle bei der Water Board Authority aufgegeben hatte, um seine Mutter gegen Ende ihrer Krankheit zu pflegen.</p><p>��Einen Gro�teil seiner Tage verbrachte er zusammengerollt auf dem Bett, mit tr�nennassen Wangen, ein B�ndel aus dunklem, alles verzehrendem Schmerz. Salzwasser lief ihm in die Ohren, seine Nase war verstopft, seine Kehle heiser. Die Freunde seiner Mutter - und sie hatte nicht wenige gehabt - pflegten ans Fenster zu klopfen und ihn zum Essen einzuladen, wenn sie ihm mal auf der Stra�e begegneten. Manchmal fand er kleine Kartons mit Dosensuppen und Milchpulver auf seiner T�rschwelle. Wochen verstrichen, in denen er nur selten aufstand. Die Jalousien waren permanent heruntergelassen. Tage gingen in N�chte �ber. Allein ein schmaler Streifen Licht �ber dem Fensterbrett k�ndete vom Lauf der Zeit. Irgendwann briet er ein paar Speckstreifen - wie er annahm - zum Fr�hst�ck, nur um festzustellen, da� es drei Uhr fr�h war.</p><p>��Dann, eines Nachmittags, begann er wieder zu lesen. Er machte sich Kaffee, und anstatt wie gew�hnlich ins Bett zur�ckzukehren, setzte er sich an den K�chentisch, �ffnete eine Schachtel Kekse, die ihm ein Unbekannter geschenkt hatte, und schlug Little Dorrit auf. Er und seine Mutter hatten viktorianische Romanciers geliebt, doch sie hatte Trollope den Vorzug gegeben.</p><p>��Sp�ter an jenem Tag, nach dem Einkauf, hatte er ein Antiquariat besucht und eine Zeitlang in der Philosophieabteilung herumgest�bert. R�ckblickend gesehen meinte er, auf der Suche nach einer Erkl�rung f�r die lange Krankheit seiner Mutter gewesen zu sein. Dies war ihm nat�rlich nicht verg�nnt gewesen. Er hatte ein halbes Dutzend B�cher mit nach Hause genommen. Ein paar waren so abstrus gewesen, da� er �berhaupt nichts kapiert hatte, andere so umwerfend dumm, da� er gelacht h�tte, w�re er dazu in der Lage gewesen.</p><p>��Kurze Zeit sp�ter besuchte er verschiedene spirituelle Treffen, bei denen er - seine Mutter offenbarte sich ihm leider nicht - ein gewisses Ma� an Trost fand, paradoxerweise, indem er andere beim Leiden beobachtete. Ein paar der Anwesenden hatten kleine Kinder verloren, und der Anblick ihrer zornigen Mienen und des Spielzeugs, das sie ab und an mitbrachten,'um die Schatten ihrer geliebten Kleinen zu rufen, half Arno, den eigenen Verlust zu relativieren. Wenigstens war seine Mutter fast achtzig Jahre alt geworden und - durfte man ihren Worten Glauben schenken - lebensm�de gewesen.</p><p>��Nach und nach verwandelte sich Arnos stechender Schmerz in dumpfes, ertr�gliches Leid. An seiner Einsamkeit �nderte das nichts; die oberfl�chlichen Unterhaltungen, die sein Schicksal waren, brachten keine Linderung. Er gierte nach einer tieferen, intimeren Freundschaft, ohne da� er eine Ahnung hatte, wie man so etwas wie menschliche N�he herstellte. Sein einziges Hobby (Lesen) verbot ihm, den allgegenw�rtigen Rat zu befolgen, sich einer Gruppe mit gleichem Interesse anzuschlie�en. Nichtsdestotrotz hatte er das Gef�hl, jene vage und z�gerliche Freundlichkeit, die er der Welt inzwischen entgegenbrachte, n�hren zu m�ssen. So kam es, da� er sich f�r einen Literaturkurs an der n�chstbesten technischen Hochschule einschrieb.</p><p>��Auf dem Heimweg - er hatte sich gerade angemeldet - machte er einen kurzen Stop bei Nutty Notions, um Honig zu kaufen. Sein Blick fiel auf eine Karte am Anschlagbrett, auf der ein okkultes Wochenendseminar mit dem Titel �Nachrichten von Ihren Lieben� angeboten wurde. Ob der wohltuende Klang des Wortes �Lieben� oder die reizvolle M�glichkeit, seinem freudlosen Heim f�r ein Wochenende entfliehen zu k�nnen, den Ausschlag f�r seine Entscheidung gab, wu�te Arno nicht zu sagen. Der Kurs war relativ teuer (von den Angeboten im Fenster des Reiseb�ros wu�te er, da� er f�r dieselbe Summe eine Woche nach Spanien reisen k�nnte), aber er hoffte, da� das Seminar ihm die M�glichkeit bescherte, neue Menschen kennenzulernen.</p><p>��Wie es sich herausstellte, bekam der erstklassige Channeller (ein Hopi-Indianer) eine ganz gew�hnliche Grippe, aber �Der Mensch - die kosmische Zwiebel!� erwies sich als eine nicht g�nzlich uninteressante Alternative f�r den aufrichtigen Sucher.</p><p>��Die Er�ffnungsrede wurde von Ian Craigie, dem Gr�nder der Kommune, gehalten. Die Vorstellung, tief im Innern eine Art vielschichtiges, von Gott beseeltes Wesen zu sein, beeindruckte und am�sierte Arno. Er geno� die Gesellschaft der anderen G�ste und war entz�ckt �ber die Vielfalt der angebotenen Heilkurse: Farbtherapie, Harmonische Einstellung, Zerrei� dein negatives Skript, Die Reinigung und Pflege deines astralen K�rpers. Im Preis f�r das Wochenende war eine erste Konsultation inbegriffen, und Arno war schon kurz davor gewesen, sich auf die Harmonische Einstellung einzulassen, als die T�r dessen, was er nun als Solar kannte, aufging und Miss May Cuttle in einem regenbogenfarbenen Taftgebilde heraustrat.</p><p>��Niemals w�rde er vergessen, wie er sie das erste Mal gesehen hatte. So hochgewachsen, mit gl�nzendem rostbraunem, �ber die Schulter fallendem Haar. Ihre Gesichtsz�ge waren von atemberaubender Symmetrie. Die Spitze ihrer gro�en, leicht gekr�mmten Nase hob sich deutlich gegen die gepuderte, olivfarbene Oberlippe ab, die ein ganz feiner, seidiger Bart zierte. Sie hatte flache, breite Wangenknochen, und ihre Augen mit den durchsichtig wirkenden Pupillen, die Bernsteinkreisen glichen, standen leicht schr�g.</p><p>��Nach dem Abendessen spielte sie Cello. Verzaubert vom leichten Bogenstrich und der blumigen, gef�hlvollen Musik, die zu den hohen Deckenbalken aufstieg, d�mmerte es Arno, da� er sie nicht nur liebte, sondern da� dem auf eigenartige und unerkl�rliche Weise schon immer so gewesen war. Er fand heraus, was ihr Thema war (Heilung durch Farbe), schrieb sich f�r einen Workshop ein und erg�tzte sich an ihrem enthusiastischen, menschlichen und gro�z�gigen Wesen. In Windeseile wu�te sie �ber seine Aura, Bekleidung, Schlafgepflogenheiten, Ern�hrung und seine Einstellung zum Kosmos Bescheid. Arno besuchte drei weitere Seminare, verkaufte sein Haus und zog f�r immer nach Manor House.</p><p>��All dies lag achtzehn Monate zur�ck, und das Gl�ck, das er bei seinem ersten Besuch empfunden hatte, hatte sich als steigerungsf�hig erwiesen. Nach und nach streifte er seine Einsamkeit - ein rundes, undurchdringliches kleines P�ckchen -wie eine alte Haut ab, hing ihr noch eine Weile halbherzig nach, um sie eines sch�nen Tages endg�ltig abzusch�tteln.</p><p>��Von den damaligen Mitgliedern der Kommune waren heute nur noch May und der Meister �brig. Die anderen hatten sich - wie das bei Rezipienten oftmals der Fall ist - anderen Gruppen angeschlossen oder sich zur�ckgezogen. Neue Mitglieder waren an ihre Stelle getreten. Mittlerweile prosperierte die Lodge so sehr, da� die Habenseite ihnen erlaubte, Bed�rftigen finanziell unter die Arme zu greifen. In einigen Monaten konnten sie sogar eine kleine Summe nach Eritrea oder - je nachdem, wo gerade Not herrschte - an einen anderen Ort �berweisen.</p><p>��Arno knurrte irritiert und zwickte sich erneut in den Arm. Wieder war es passiert. Er war in Gedanken abgeschweift. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob es ein Fehler gewesen war, Zen als Disziplin zu w�hlen. Die praktische, pragmatische und bodenst�ndige Natur des Zen hatte ihm von Anfang an imponiert, erwies sich aber als unglaublich schwierig in der allt�glichen Durchf�hrung. Genauso erging es ihm mit Ko�n. Die Z�hne zusammenbei�end, st�rzte er sich auf die bevorstehende Aufgabe und befolgte den Vorschlag des Meisters, den Augenblick positiv und laut zu verbalisieren.</p><p>���Wie wunderbar, wie erstaunlich!� rief er und setzte die Metallharke ein. �Ich harke Rettiche und jetzt die dicken Bohnen. Welch Freude!�</p><p>��Was f�r ein Unsinn. Nicht lange, und er stellte sich schon wieder May vor. Sehnte sich nach ihrer Gesellschaft. Dienen, bewundern. Die Seiten ihrer Notenbl�tter Umschlagen. Zitronentee auf ihrem kleinen Spirituskocher zubereiten. Oder sich einfach in ihrer charmanten Gegenwart suhlen, unter dem lichten, gl�nzenden Schutz ihrer strahlenden Augen.</p><empty-line/><p>Jeden Tag, mitten am Morgen, widmete sich Ken in seiner Rolle als Zadkiel, dem planetarischen Lichtarbeiter, ernsthaftem Channelling. Nachdem er die Lotusstellung eingenommen, die Nasenfl�gel temperamentvoll aufgebl�ht und die Augen dem�tig geschlossen hatte, versuchten er und sein extrem fein eingestelltes Bewu�tsein, den �u�eren Schirm des Seins zu durchdringen und in die innere Matrix der Realit�t vorzusto�en. Bei diesen Gelegenheiten trug Zadkiel seinen nuklearen Rezeptor. Dabei handelte es sich um ein kleines, vergoldetes Medaillon mit winzigen eingravierten Pyramiden, das alle toxischen Energien (Mikrowellenherde, saurer Regen, karzinogene Strahlung, Janets negative Art etc.) einfing und danach die DNS-Schwingungen des Tr�gers manipulierte, bis all das Gift unsch�dlich gemacht und harmonisiert war.</p><p>��Heather (oder Tethys, wie ihr Astralname lautete) sa� laut und nasal schnaufend neben ihrem Gatten und k�mmerte sich um ihre eigenen kosmischen Angelegenheiten, die von ganz banalem Auftanken neuer Energien mit Hilfe des gro�en Devas vom Kristallenen Gitter bis hin zu einer Reise auf die Venus reichten, wo sie ihre Freundschaft mit anderen aszendierenden Seelen erneuerte, die - wie sie selbst - den Untergang von Atlantis �berlebt hatten.</p><p>��Manchmal zeigte Hilarion, Kens Kontakt auf der anderen Seite, sich sofort, aber es kam auch vor, da� er ihn die l�ngste Zeit neckte, schwebend um ihn kreiste und in Gro�buchstaben schicksalhaft auf bevorstehende Enth�llungen anspielte. Heute meldete er sich schon zu Wort, ehe Ken einen Atemsto� reiner Luft aus dem Reich des Aufsteigenden Meisters inhaliert hatte.</p><p>���Ich bin hier, Erdling. Nimmst du die Konzentrierte Flamme in Gegenwart des Heiligen Feuers entgegen?�</p><p>���Gr��e, geliebter Hilarion. Ich akzeptiere die Autorit�t der Flamme und verspreche, das Kosmische Anliegen zu perfektionieren, zu sch�tzen und zu versch�nern und alles daranzusetzen, den Menschen den Geist der Liebe nahezubringen.�</p><p>���Das ist gut. Du wei�t, da� die in den H�heren Reichen, die Strahlenden und Unbezwingbaren, den Wunsch hegen, bei der Vereitelung von Gottes Perfektion in der Welt der Formen zu assistieren. Gesegnet seien seine Ernsthaften Bem�hungen.�</p><p>���Bitte �bermittle meine vom Herzen kommende Dankbarkeit an diese �berm�chtigen �berragenden Autorit�ten, gro�er Hilarion.�</p><p>��Dergestalt ging es noch eine ganze Weile lang weiter. Ken erhielt Instruktionen, wie er die �sich spiralf�rmig drehenden Energiewirbel unseres wundersch�nen Planeten� mit Bedacht ausrichtete und magnetisch reinigte. Hilarions Stimme �hnelte Kens, und er versp�rte das Bed�rfnis zu kichern. Als dieses unterdr�ckte Kichern zum ersten Mal �ber Kens Lippen kam, war er ziemlich �berrascht gewesen, da er nicht erwartet hatte, da� der Herr des Karmas �ber so etwas wie irdischen Humor verf�gte. Der Inhalt dieser Sitzungen variierte, und es war beileibe keine Untertreibung, wenn man sie als ziemlich langweilig beschrieb. In erster Linie ging es darum, wie man unharmonische Akkumulationen in die interplanetarische Matrix des violetten Lichts warf.</p><p>��Ken geno� jene seltenen Gelegenheiten, bei denen der alte Zauberer einen wahrlich ungew�hnlichen Vorschlag (beispielsweise zu einem imagin�ren Tor) machte, der Zadkiel und Tethys ein neues Verst�ndnis f�r den glorreichen Kosmischen Herzschlag vermittelte. Erst vergangene Woche hatte er ihnen garantiert, da� sie (sollten sie sich im richtigen und entsprechenden Geisteszustand daf�r entscheiden) jede englische Eisenbahnlinie bis zu ihrem Anfang zur�ckverfolgen durften und somit den eindeutigen Beweis erhielten, da� Jesus - der Kosmische Christ - ihr Land in der zweiten H�lfte des 12. Jahrhunderts besucht hatte.</p><p>���Ich habe eine Prophezeiung zu machen, Zadkiel.� Ken setzte sich auf, und Heather, die inzwischen auf dem R�ckweg war, folgte seinem Beispiel. �In dieser Nacht wird die G�ttin Astarte zuf�lligerweise menschliche Gestalt annehmen, um sich unter die Bewohner der unteren Ebenen zu mischen und lunare Weisheit zu verbreiten.�</p><p>���Herrje�, kam es Heather �berzeugend �ber die Lippen.</p><p>���Ich schlage vor, da� ihr euch einen Lichtkreis denkt, der euer ganzes Wesen einrahmt, und euch bereithaltet. Und ruft auch die zahllosen Legionen Elohims zur Unterst�tzung herbei. Visualisiert euch innerhalb des elektronischen Musters. Sorgt daf�r, da� der Rhythmus der Anrufung nicht unterbrochen wird. Und bietet ihr keine Erfrischungen an.�</p><p>���Bestimmt nicht, gro�er Hilarion.� Als ob sie so dumm w�ren. �Hast du eine Ahnung, wann genau -�</p><p>��Aber da war er schon weg. Verschwunden in den �onen der Galaxie seiner Wahl. Wieder eins mit den funkelnden Sternen und dem solaren Feuer g�ttlicher Alchemie. Ganz kurz brannten die Worte �Ich bin� lichterloh am Himmel, aber dann waren auch sie nicht mehr zu sehen, und Ken seufzte laut, als er seine �therische Pers�nlichkeit abstreifte und in die dornen�bers�te, alte und allt�gliche Welt zur�ckkehrte. Sein Blick fiel auf Heather.</p><p>���Wie ist es f�r dich gewesen?�</p><p>���Ohhh... Die Einheit des Lebens als Licht in der Schwesternschaft der Engel. Eine ganz neue avatarische Botschaft: Das Ego des Gottes gleicht dem der Vestalin. Ein bi�chen eigenartig, um dir die Wahrheit zu sagen. Aber Hilarion...�, Heather versuchte, nicht m�rrisch zu klingen, �hat dir eine Vorhersage gew�hrt...� Ken err�tete, zuckte mit den Achseln und inspizierte die Sohle seines hochgestellten linken Fu�es. �Meinst du, wir sollten den anderen Bescheid sagen?�</p><p>���Sicherlich�, antwortete Ken. �Es w�re unfair, das nicht zu tun. Stell dir vor, wie �berrascht sie ansonsten w�ren. Au�erdem m�ssen wir an den Meister denken. Er ist alt und gebrechlich. Eine unangek�ndigte �berraschung von diesem Ausma� k�nnte zuviel f�r ihn sein.�</p><empty-line/><p>Suhami melkte Calypso, pre�te dabei ihre Wange an die beige und schokoladenbraune Flanke der Ziege und zog vorsichtig an den dunklen, faltigen Zitzen. Die Milch spritzte in einen Plastikeimer.</p><p>��Wenn Calypso nicht drau�en angepflockt war, hauste sie in einem sauberen wei�en Nebengeb�ude mit einer zweigeteilten Scheunent�r. Dort waren �pfel in Reih und Glied auf Holzlattenregalen ausgelegt. Die schrumpligen Fr�chte und Calypsos Stroh, das t�glich gewechselt wurde, rochen sehr gesund.</p><p>��Suhami liebte diesen Ort. Die Stille. Die goldene W�rme der Morgensonne, die von den schneewei�en W�nden reflektierte. Er erinnerte sie an den Solar, in dem sie sich zur Meditation versammelten - hier herrschte die gleiche aufgeladene, wohltuende Helligkeit.</p><p>��Der Vergleich lie� sie schmunzeln. An einem alten Kuhstall voller Ziegenmist war nichts Spirituelles. Doch der Meister hatte gesagt, Gott k�nne sich �berall offenbaren, wenn man sein Herz �ffnete und sich in Bescheidenheit �bte, also wieso nicht hier?</p><p>���Wieso nicht, Cally - hmm?� Suhami sch�ttelte die letzten Milchtropfen ab und streichelte das warme, gesprenkelte Ziegeneuter. Calypso drehte den Kopf, zog die gummiartige Lippe hoch und musterte ihr Milchm�dchen. Die Pupillen ihrer Augen bestanden aus horizontalen gelben Schlitzen, und sie hatte einen d�nnen Bart, m�dchenhaft und fedrig. Ihr Gesichtsausdruck �nderte sich nie. Immer wirkte sie nachdenklich und selbstzufrieden, als h�te sie ein �beraus wichtiges Geheimnis. Die kaum wahrnehmbare Bewegung eines Hinterhufs veranla�te Suhami, schnell den Eimer in Sicherheit zu bringen. Calypsos Glocke t�nte leise. Nichts bereitete ihr mehr Spa�, als den Milcheimer umzusto�en.</p><p>��Jede Minute mu�te Christopher auftauchen, um sie zum Grasen rauszubringen. Wie �blich wurde sie dann �ber den weitl�ufigen Rasen gef�hrt. Ihrer Graserei war es zu verdanken, da� er einem samtigen Flor glich. Man hatte sich f�r dieses Verfahren entschieden, nachdem ein benzinbetriebener Rasenm�her als �kologisch bedenklich eingestuft worden war. Nur Ken, der allergisch auf die Milch reagierte, hatte sich der Abstimmung enthalten.</p><p>��Suhami legte Calypso das Lederhalsband an, gab ihr einen Apfel und legte einen zweiten in die h�bsche, neben dem Melkschemel liegende Gobelintasche. Die Tasche war ein Geburtstagsgeschenk von May. Die aufgestickten Sonnenblumen und purpurnen Schwertlilien prangten auf einem erdfarbenen Untergrund und waren mit rotbraunen Bl�ttern verziert. Das Muster glich dem Entwurf von Mays eigener Tasche, die Suhami schon seit langem bewunderte. Nur die Sonnenblumen waren anders. Einen Ton blasser, denn das Gesch�ft in Cau-ston hatte keine ringelblumengelbe Wolle mehr vorr�tig gehabt und statt dessen einen weniger tiefen Farbton angeboten. Die Vorstellung, wie May heimlich in ihrem Zimmer dieses Geschenk angefertigt und es immer wieder vor ihr versteckt hatte, allein aus dem Grund, einen anderen Menschen gl�cklich zu machen, ber�hrte Suhami sehr. Seit sie nach Manor House gezogen war, war Suhami die �berw�ltigende G�te der Lehren des Meisters zuteil geworden, und zudem hatte sie viel Freundlichkeit erfahren. So oft hatte man ihr vorsichtige Anteilnahme entgegengebracht, Unterredungen angeboten, bei denen tats�chlich jemand zuh�rte, Trost gespendet, die gemeinsame Bew�ltigung von Aufgaben angeboten. Jetzt, da sie wu�ten, wer sie in Wirklichkeit war, w�rde sich all das �ndern. Gewi� - sie w�rden versuchen, wie gew�hnlich weiterzumachen. Sie wie immer zu behandeln, aber das war schlicht unm�glich. Nach und nach w�rde das Geld einen Keil zwischen sie und die anderen treiben. So war es bislang immer gewesen.</p><p>��Ein ironisches L�cheln machte sich auf Suhamis Lippen breit, als sie daran dachte, wie aufgeregt und hoffnungsvoll sie bei der Vorstellung, sich einen neuen Namen w�hlen und ihr altes Ich in London zur�cklassen zu d�rfen, gewesen war. Ein naiver und kindischer Gedanke, denn wie sollte man mit Hilfe solch einer einf�ltigen Methode zwanzig schreckliche Jahre absch�tteln und ein anderer Mensch werden k�nnen? Und doch hatte es ihr geholfen. Als �Sheila Gray� war sie ein leeres Blatt gewesen, auf dem neue Freunde ihre Zuneigung artikulieren konnten. Dann hatten ihr wachsendes Interesse an Vedanta und ihre voller Entschiedenheit durchgef�hrten praktischen �bungen und ein tieferes Verlangen nach weiterer Ver�nderung zur Wahl ihres jetzigen Namens gef�hrt. Nun waren ihre Tage von stummer Dankbarkeit gepr�gt, die sie als Zufriedenheit wertete, denn so gut war es ihr noch nie gegangen.</p><p>��Eine Weile nach ihr hatte sich Christopher der Kommune angeschlossen. Ziemlich schnell hatten die beiden Freundschaft geschlossen. Er pflegte sie zu necken - ganz und gar nicht unfreundlich (er war nie unfreundlich) -, die H�nde auf sein Herz zu legen, um ihr seine Liebe zu gestehen, und zu schw�ren, da� er sterben w�rde, falls sie ihn nicht haben wollte. Und das vor allen anderen. Waren sie allein, benahm er sich v�llig anders. Dann sprach er �ber seine Vergangenheit, seine Hoffnungen f�r die Zukunft, dar�ber, da� er von der Kamera weg wollte, um zu schreiben und Regie zu f�hren. Manchmal k��te er sie; es waren schwere, s��e K�sse, ganz anders als das feuchte Gesabber, das sie von fr�her her kannte.</p><p>��Wann immer sie an Christophers unausweichlichen R�ckzug aus der Kommune dachte, rief sie sich des Meisters Maxime in Erinnerung, da� alles, was sie zu ihrem eigenen Wohlbefinden brauchte, nicht drau�en im �ther oder in der Psyche eines anderen Menschen zu finden war, sondern in ihrem eigenen Herzen. Ihrer Einsch�tzung nach f�hrte dies zu einem harten und einsamen Dasein, zumal sie sich in ihrem Leben schon oft genug einsam gef�hlt hatte. W�hrend sie �ber all das nachdachte, ert�nten drau�en Schritte. Suhamis Finger zitterten auf dem Holzstuhl.</p><p>��Christopher beugte sich �ber die Scheunent�r und fragte: �Wie geht es meinem M�dchen?�</p><p>���Sie hat wieder Apfel gefuttert.�</p><p>��Wie immer verwirrte und erfreute sie sein Anblick. Das weiche schwarze Haar, die blasse glatte Haut, die leicht schr�gstehenden graugr�nen Augen. Sie wartete, bis er �Und wie geht es meinem anderen M�dchen?� sagte, was er sich im Lauf der Zeit angew�hnt hatte. Unerwarteterweise schob er einfach die Scheunent�r auf, ging zu Calypso hin�ber, schnappte die Leine und sagte: �Komm schon, du altes fettes haariges Wesen.� Er hatte sie nicht mal richtig angel�chelt, und falls Suhami sich nicht beeilte, waren die beiden gleich �ber alle Berge.</p><p>��Suhami fragte: �M�chtest du mir nicht zum Geburtstag gratulieren?�</p><p>���Tut mir leid. Selbstverst�ndlich will ich das, Liebes.� Er wickelte die Leine um sein Handgelenk. �Alles Gute zum Geburtstag.�</p><p>���Und seit einer Woche hast du mir nicht mehr deine unsterbliche Liebe erkl�rt. Das reicht nicht.�</p><p>��W�hrend sie sich bem�hte, ihre Worte scherzhaft und ihre Stimme ganz gew�hnlich klingen zu lassen, h�rte Suhami das Echo Hunderter �hnlicher Fragen in Hunderten von �hnlichen Szenen. M�chtest du nicht f�r einen Moment reinkommen? Werde ich dich Wiedersehen? Willst du �ber Nacht bleiben? Wirst du mich anrufen? Mu�t du schon gehen? Liebst du mich... liebst du mich... liebst du mich? Und sie dachte: O Gott - ich habe mich �berhaupt nicht ge�ndert. Und das mu� ich. Mu� ich. So kann ich nicht weitermachen.</p><p>���Ich wei�, du sagst es nur aus Spa�...� Ihr fiel auf, wie flehend sie klang, und sie ha�te sich daf�r.</p><p>���Das ist nie Spa� gewesen.� Seine Stimme klang harsch, als er an Calypsos Leine zog. �Ich sagte, komm jetzt...�</p><p>���Nie...� Suhami stand auf; ihr war schwindlig. Sie starrte ihn ungl�ubig an. �Du hast das nie im Spa� gesagt? Was war es dann?�</p><p>���Ist das wichtig?�</p><p>���Christopher!� Von Gef�hlen �bermannt, rannte sie zu ihm, stellte sich ihm in den Weg. �Was meinst du damit? Du mu�t mir sagen, was du damit meinst.�</p><p>���Es hat keinen Sinn.�</p><p>���Die Dinge, die du gesagt hast...� Nahezu erhaben ber�hrte sie sein Kinn, drehte sein Gesicht in ihre Richtung, zwang ihn, sie anzusehen. �Ist das wahr gewesen?�</p><p>���Du h�ttest mir sagen m�ssen, wer du bist.�</p><p>���Aber ich bin das hier.� Flehend streckte sie die H�nde aus. �Dieselbe Person, die ich gestern war...�</p><p>���Du begreifst nicht. Ich habe mich in jemanden verliebt, und nun stellt sich heraus, da� sie jemand anderer ist. Ich mache dir keine Vorw�rfe, Suze - Sylvie -�</p><p>���Nenn mich nicht so!�</p><p>���Ich bin fix und fertig. Du kennst meine Situation. Ich besitze nichts. Nun, jedenfalls nichts im Vergleich zu den Gamelins -�</p><p>���O Gott!� rief Suhami und wich zur�ck, als habe er ihr einen Schlag verpa�t. �Werde ich mein ganzes Leben lang damit fertig werden m�ssen? Gamelin, Gamelin, Gamelin... Ich hasse diesen Namen. Ich w�rde ihn mit einem Messer auskratzen, wenn es m�glich w�re - ich w�rde ihn ausbrennen. Wei�t du, was dieser Name f�r mich bedeutet? K�lte, Ablehnung, Mangel an Liebe. Du hast meine Eltern nie kennengelernt, aber ich sage dir, da� sie h��lich sind. Interessieren sich nur f�r Geld. Wie man es verdient, wie man es ausgibt. Sie essen und atmen und tr�umen davon und leben es. Ihr Haus ist gr��lich. Mein Vater ist ein monstr�ser Mann, meine Mutter eine �berstylte Marionette, die mit Pillen und Alkohol am Leben gehalten wird. Ja, ich hei�e Sylvia Gamelin, und das ist mein verdammtes Verderben...� Dann brach sie in Tr�nen aus.</p><p>��Einen Augenblick lang schien Christopher keine Erwiderung einzufallen. Dann trat er einen Schritt vor und schlo� sie in die Arme. Sp�ter, als er ihre Tr�nen trocknete, sagte er: �Du darfst nie, nie wieder so weinen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>2</emphasis></strong></p></title><p>Guy und Felicity Gamelin standen im T�reingang ihres oft fotografierten Stadthauses unweit des Eaton Square. Die grellrote T�r stand offen und gab den Blick auf das georgianische Oberlicht frei. Dekorative Lorbeerb�umchen gediehen in K�beln auf schwarzwei�en Kacheln.</p><p>��Guy und Felicity verabschiedeten sich. Oder besser gesagt, Felicity �rgerte sich laut �ber ihr Spiegelbild in der gewundenen Masse aus mexikanischem Glas, die als Spiegel in der Halle diente, w�hrend Guy Furneaux verfluchte, der momentan in der Chester Row im Stau feststeckte. Keiner der beiden richtete ein Wort an den anderen. Alles Wichtige war l�ngst gesagt - oder gebr�llt, gekreischt und geschrien worden. Inzwischen war Felicity auf der Hut, Guy indifferent. Fr�her hatte er sich bei einer jener seltenen Gelegenheiten, wo er �berhaupt einen Gedanken an sie verschwendete, einmal gefragt, wieso sie sich die M�he gab, Morgen f�r Morgen Luftk��chen zu verteilen und zu winken, ohne dabei auf die Idee zu kommen, da� sein Verschwinden der einzige befriedigende Augenblick an einem ansonsten heimt�ckischen und riskanten Tag war.</p><p>��Felicity sch�ttelte ihre apricotfarbene M�hne mit den silbernen Spitzen und stellte sich ihr Haar kurz zu einem von Goldf�den und Perlen durchwirkten Botticelli-Chignon hochgesteckt vor. Guys Schm�hungen wurden fiebriger. Er hatte die Seele einer randvollen Abfallgrube und schenkte den ha�erf�llten, phantasievollen Schimpfworten, die ihm �ber die Lippen kamen, keinerlei Beachtung. Endlich tauchte der Wagen auf. Furneaux, mit grauer M�tze und grauem Anzug, gab sich wie �blich stocktaub, parkte und stieg aus, um die Beifahrert�r zu �ffnen. Sofort bildete sich eine Wagenschlange. H�hnisch l�chelnd lehnte sich Guy an die dick gepolsterte T�r des Rolls-Royce. In einer Stadt, wo Respekt an den Aktienindex gekoppelt war, kam er nicht auf den Gedanken, da� sich die Schlange vielleicht nicht ganz so stark von der Opulenz seiner irdischen Habseligkeiten beeindrucken lie�. Dieser kleine Sieg, der erste dieses Tages (denn er hatte l�ngst aufgegeben, seine Frau als gleichberechtigten Feind zu sehen), heiterte Guy betr�chtlich auf, als er auf das elfenbeinfarbene Leder rutschte und die erste verbotene Dom Perignons anz�ndete.</p><p>��Endlich allein, schwebte Felicity in den Salon. Diese Zeit, diese ersten Minuten, nachdem ihr Mann das gemeinsame Domizil verlassen hatte, bestimmten die Gestaltung und den Flu� der bevorstehenden Stunden. Und - sie mu�te an seinen kleinen Koffer denken - auch den Abend. Sie betete um einen guten Tag. Nicht um Gl�ck, niemals um Gl�ck. Nur um die ungest�rte Bew�ltigung ihrer von Konventionen bestimmten Verpflichtungen. Wo Worte wie �Wie geht es Ihnen, Mrs. Gamelin?� und �Wie sch�n, Sie wiederzusehen� niemals ernst gemeint waren und deshalb gl�cklicherweise nach keiner ernstgemeinten Antwort verlangten. Sie hatte alle m�glichen Tricks auf Lager, todsichere Methoden, die sie auf den richtigen Weg brachten. Oder sie zumindest davor bewahrten, den falschen einzuschlagen.</p><p>��Wohlt�tigkeitsdiners, private Vorf�hrungen, Modeschauen, die Verkostung exotischer Gerichte und erstklassiger Weine. Einladungen gab es immer. Kommen Sie, wie Sie sind, und vergessen Sie Ihr Scheckbuch nicht. Heute stand die Versteigerung russischer Ikonen und der Verkauf von Einj�hrigen in Newmarket im Terminkalender. Anderenfalls w�rde sie eine tratschs�chtige Bekannte anrufen und ihr Fragen �ber Leute stellen, die sie nicht im geringsten interessierten. Sie w�rde sich zwingen, mit heller Stimme zu sprechen, die kleinste Spur von Mi�mut auszumerzen, wie eine dieser �bersch�umenden Schauspielerinnen/Hausfrauen in der Waschpulverwerbung.</p><p>��Ihre Bewegungen wurden fahrig, ein gef�hrliches Zeichen. Besch�ftigung, hatte man ihr in der Klinik geraten, war �beraus wichtig. Ihrer Ansicht nach war damit k�rperliche Ert�chtigung gemeint, denn ihr Kopf ratterte immer. Nach ihrer Heimkehr hatten viele Leute Ratschl�ge angeboten, die oftmals mit den Worten �Was auch immer geschehen mag, dorthin m�chten Sie bestimmt nicht mehr zur�ck� endeten. Zu widersprechen erschien Felicity unh�flich. Sie konnte sich sehr gut die �berraschung der anderen vorstellen, h�tte sie ihnen die Wahrheit gesagt, die da lautete, da� ihr die hermetisch abgeriegelte W�rme und Bequemlichkeit auf Sedgewick Place gr��ere Zufriedenheit beschert hatte als alles andere in ihrem Erwachsenendasein.</p><p>��Zuerst hatte man ihr Drogen verabreicht und sie dann graduell an eine subtilere Form der Abh�ngigkeit gew�hnt. Jeder Tag war ein einziger langer H�hepunkt gewesen. Zuerst wurden Blumen gebracht, gefolgt von exquisit arrangierten Tabletts mit k�stlichem Essen. L�chelnde Menschen badeten sie, k�mmten mit langen Strichen ihr Haar. �rzte h�rten sich ihre Sorgen an, und die Grausamkeiten der Au�enwelt klopften vergeblich an die Klinikw�nde. Nichts war real. Sie kam sich wie eine gefangengenommene Prinzessin in einem hohen und geheimnisvollen Turm vor. Die ph�nomenalen Kosten hatten nicht einmal die Oberfl�che ihres Verm�gens angekratzt.</p><p>��Sie bezeichneten es als Nervenzusammenbruch. Eine nette Umschreibung f�r die unterschiedlichsten antisozialen Handlungen - angefangen von einem Weinkrampf bei Harrods bis hin zu einem Anfall von Selbstha�, bei dem man sich sein Gesicht zerkratzte. Sie hatte beides getan, am selben Tag. Eine be�ngstigende Eskalation von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Doch all das geh�rte der Vergangenheit an. Alles Schnee von gestern, Felicity.</p><p>��Sie sprach ihren Namen h�ufig laut aus. Das half ihr, jenes h�ufig auftretende Gef�hl von Ungewi�heit, die Angst, kaum mehr eine richtige Person zu sein, in Schach zu halten. Mit gespielter Entschlossenheit begab sie sich ins Erdgescho�. Der Saum des schweren cremefarbenen Morgenmantels schlug gegen ihre Fesseln.</p><p>��In der riesigen, nach italienischem Vorbild designten Hightech-K�che hing der Duft von pain au chocolat in der Luft. Verboten, wenn sie Gr��e 38 beibehalten wollte. Guy hatte vier verschlungen. An einem Mann sahen ein paar Kilo zuviel gut aus.</p><p>��Als sie sich kennengelernt hatten, war er schlank und hungrig gewesen, hatte sich wie ein K�ter mit leerem Magen rumgetrieben. Sie hatte sich nur verbeugen, ihre weiche wei�e Hand ausstrecken, die Worte �McFadden und Latymer� hauchen und l�cheln m�ssen. In jenen Tagen hatte die Art und Weise, wie er den Kopf drehte, etwas Behendes an sich gehabt, und seine leicht nach unten gezogenen Mundwinkel hatten �alles oder nichts� gelobt. Er hatte sie an einen h�bschen Frosch erinnert. An den jungen Edward G. Robinson.</p><p>��Felicity griff nach einem noch warmen St�ckchen, rammte es in ihren Mund, schob mit den Fingern die Kr�mel nach und verletzte dabei ihre Lippen. Sie kaute und kaute und schluckte und kaute, saugte wie wild den Butter-, Schokoladen- und Vanillegeschmack heraus, spuckte danach den Brei in den M�llzerkleinerer und entsorgte ihn, ehe sie sich eine Zigarette anz�ndete und durch das Kellergitter zu den traurig beschnittenen Topfplatanen hochblickte. In Gedanken malte sie sich gro�e, gerade, kr�ftige B�ume mit saftigen Bl�ttern aus, die sich majest�tisch �ber Londons Dreck und Siff erhoben. Ihre �rmlichen B�umchen hatten nur ein paar Zweige, die aus mit Farbe bestrichenen Wunden sprossen. Jemand lief am Fenster vorbei und schaute nach unten. Felicity wich zur�ck und eilte die Treppe hoch ins n�chste Stockwerk.</p><p>��Ihr Schlafzimmer befand sich in der dritten Etage. Nachdem sie die T�r abgeschlossen hatte, sank sie keuchend auf Guys Bett, als w�re sie verfolgt worden. Sie schliefen immer noch im gleichen Raum; ob seine Motivation Sturheit oder Boshaftigkeit war, wu�te sie nie ganz genau zu sagen. Auf jeden Fall handelte es sich um eine unangenehme Erfahrung. Guy war ein rastloser Typ. Ruhte sein Gesicht auf dem Kissen, dr�ckte es grunds�tzlich eine extreme Gef�hlslage aus. Hin und wieder grinste er im Schlaf, und Felicity war �berzeugt davon, da� er �ber sie lachte. Auf seinem Nachttisch stand eine Fotografie ihrer gemeinsamen Tochter in einem Schildpattrahmen. Felicity warf nie einen Blick darauf. Sie kannte es in- und auswendig. Oder h�tte es in- und auswendig gekannt, h�tte sie ein Herz gehabt. Diese melodramatische Erkenntnis veranla�te sie, vor Selbstmitleid zu weinen und schnell die Augen zu schlie�en.</p><p>��Unsinnigerweise griff sie nach dem Bilderrahmen und tauchte weiter in ruin�se Selbstreflexion ab. W�hrend sie in die haselnu�braunen Augen schaute, schienen die Konturen des Gesichts zu verwischen und sich in ineinanderflie�ende Kindheitsbilder zu verwandeln. Sylvies erste tolpatschige Bem�hungen beim Ballettunterricht, ihre verzweifelten Tr�nen, als sie zur Schule geschickt wurde, ihr be�ngstigender Zorn, als Kezzie, ihr �ber alles geliebtes Pony, starb. Felicity knallte das Foto hin; das Glas zerbarst. Jesus, ich brauche einen Drink, scho� es ihr durch den Kopf.</p><p>��Einen Drink und ein paar Tabletten, die ihr Wohlbefinden f�rderten. Die braunen Bomben. Sie m��ten ihr helfen. Nur f�r Notf�lle, hatte man ihr in der Klinik gesagt, aber wenn unendliche Einsamkeit und Verzweiflung um neun Uhr an einem wundersch�nen sonnigen Morgen im tiefsten Belgravia kein Notfall war, was - verflucht noch mal - dann? Und ein Bad. Das d�rfte helfen, ihre Stimmung zu �ndern. Felicity machte sich an den zarten goldenen H�hnen zu schaffen, aus denen parf�miertes Wasser sprudelte.</p><p>��An ihrer Zigarette ziehend, schaute sie in den Spiegel und bemerkte ihre eingefallenen Wangen. Ein Netz feinster F�ltchen breitete sich neben den Augenwinkeln aus. Soviel zu dem Embryo-Serum, f�r das zahllose ungeborene L�mmer auf die M�glichkeit verzichtet haben, jemals �ber eine gr�ne Wiese zu springen. Sie dr�ckte die Zigarette in dem honigfarbenen Gel aus. Einhundertf�nfzig Pfund, und wof�r? F�r ein Netz feiner Linien. Mit dem Zeigefinger fuhr sie �ber die F�ltchen, bohrte urpl�tzlich die N�gel mit aller Gewalt in die zarte Haut, auf der Halbmonde zur�ckblieben. Danach schnappte sie sich das Beruhigungsmittel und kehrte ins Schlafzimmer zur�ck.</p><p>��Eine halbe Flasche Champagner aus dem Schildkr�ten- und elfenbeinfarbenen Armoire nehmend, die Guy in einen K�hlschrank f�r seinen Schlummertrunk umgewandelt hatte, legte sie die Beruhigungstabletten auf die Zunge und sp�lte sie mit Champagner runter, der �ber ihr Gesicht und ihren Hals sprudelte. Im Badezimmer lief das parf�mierte Wasser �ber, �berschwemmte den Teppich, kroch langsam zur T�r.</p><p>��Nachdem Felicity zwei weitere Flaschen gekippt hatte, machte sie es sich mit angezogenen Knien auf einem niedrigen Brokatsessel bequem. Ihr Mund war staubtrocken. Sie versuchte zu vermeiden, den Stoff zu ber�hren, der ihr wie eine geheimnisvolle Landschaft vorkam: durchbrochenes Gitterwerk, sich voneinander l�sende Liebende, die in blutrote Seen rannten, Wolken wie blauge�derte F�uste. All das wirkte ihrer Meinung nach auf beklemmende Weise lebendig und vermittelte ihr eine d�stere Vorahnung.</p><p>��Die nahende Flut, das Schwappen des Wassers gegen den Badewannenrand, erregte endlich ihre Aufmerksamkeit. Sie versuchte aufzustehen. Ihre Gliedma�en waren schwer, ihr Kopf schmerzte. Mit blinzelnden Augen betrachtete sie das Wasser, das immer in Bewegung war. Angst und Verlorenheit brachten sie zum Weinen.</p><p>��Drau�en auf der Stra�e ert�nte das Dr�hnen eines Pre�luftbohrers. Drrrrrrrr....r.r.r......Felicity steckte die Finger in die Ohren, doch der L�rm h�mmerte ungehindert auf ihren Kopf ein. Drrrrrr......</p><p>��Sie schleppte sich zum Fenster, ri� es auf und schrie mit brechender Stimme: �H�rt auf, ihr Mistkerle... H�rt auf!�</p><p>��Das Bohren wurde ohne ihr Zutun eingestellt. Gerade als sie sich zur�ckziehen wollte, fragte eine Stimme unter ihr: �Mrs. Gamelin?�</p><p>��Felicity beugte sich weiter hinaus. Auf den schwarzwei�en Kacheln stand ein ihr vollkommen fremder junger Mann, dessen Miene begehrlichen Respekt verriet. Sie st�rmte nach unten - offenbar an das Gekreische von vorhin erinnert, sprang der Mann zur�ck. Hinter ihm parkte ein Lieferwagen mit dem aufgemalten Schriftzug �Au Printemps: Luxury Dry Cleaning + Invisible Repairs�. Er zog ein Blatt Papier hervor.</p><p>���Vom Empfangspult von Mr. Gamelin, Mrs. Gamelin.�</p><p>��Sein pomp�ses Getue veranla�te Felicity zu h�hnischem Gel�chter. Dennoch nahm sie das Papier in Empfang, auf dem unterschiedliche Kleidungsst�cke aufgelistet waren, und las die einzelnen Posten laut vor. �Ein marineblauer Nadelstreifenanzug, ein grauer Nadelstreifenanzug, ein cremefarbenes Dinnerjackett. Zur Abholung.� Und eine Unterschrift: �Gina Lombardi�.</p><p>���Warten Sie.� Sie lie� ihn am Eingang in dem Wissen stehen, da� er in dem Moment, wo sie die Treppe hochging, in die Halle trat. In Guys Ankleidezimmer suchte sie - wie es von ihr zweifellos erwartet wurde - die entsprechenden Kleidungsst�cke heraus und bemerkte eine Lippenstiftspur auf dem Frackrevers. Ein ganz und gar �berfl�ssiger Hinweis. Wenn es nach Felicity ging, konnte Gina ihn nicht nur besteigen, sondern auch gleich verschlingen.</p><p>��Sie spazierte zum Gel�nder und blickte nach unten. Der Mann vom Au Printemps inspizierte gerade seine verpickelte Haut im mexikanischen Spiegel. Felicity rief: �Fangen Sie�, warf die Klamotten runter und beobachtete, wie sie sich im Fallen aufplusterten.</p><p>��Der junge Mann err�tete. Begab sich wortlos in die Halle, kniete sich hin und legte demonstrativ jedes einzelne Kleidungsst�ck ordentlich zusammen. Felicity sch�mte sich ihrer grobschl�chtigen Art. Bei ihrer Erziehung hatte man gro�en Wert darauf gelegt, da� sie Untergebene h�flich behandelte, zu denen - wie ihre Eltern ihr beigebracht hatten - au�er der K�nigin, dem Thronfolger und - sonntags - Gott jeder z�hlte.</p><p>��Er sagte kein Wort. Kontrollierte die Taschen, zog das Innenfutter raus und stopfte es wieder rein. Ihr Verhalten setzte ihm nicht wirklich zu. Jedermann wu�te, da� die Reichen und richtig Alten redeten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, und taten, was sie wollten. Und das aus demselben Grund. Beide Gruppen hatten nichts zu verlieren. Die hier war jenseits von Gut und B�se. Champagner konnte er schon von weitem riechen. Da hatte er Hazel ja was zu erz�hlen, wenn er zur�ckkam. Im B�ro behauptete sie immer, er sei ein waschechter kleiner Nigel Dempster. Und w�hrend er halbherzig auf einen weiteren Schwall Obsz�nit�ten wartete, ber�hrten seine Finger einen bla�gr�nen Umschlag. Er zog ihn heraus und legte ihn vorsichtig auf den Tisch in der Halle. Sie gab ein fragendes Ger�usch von sich.</p><p>���Wir sind angehalten, alle Taschen zu �berpr�fen, Madam.�</p><p>���Das sehe ich�, sagte Felicity, immer noch �bers Gel�nder gebeugt. �Ist das eine schwierige Aufgabe?�</p><p>��Nachdem er die T�r zugeschlagen hatte und verschwunden war, ging sie nach unten und nahm den Briefumschlag. Unachtsamkeit sah Guy gar nicht �hnlich. Sowohl daheim als auch im B�ro hatte er einen Rei�wolf. Gewi�, die letzten Tage war er ein wenig zerstreut gewesen, aber trotzdem...</p><p>��Der Umschlag war aus recyceltem Papier. Sie drehte ihn um. Er war an sie beide adressiert. Eigenartigerweise rief diese perfide Heimlichkeit bei ihr eine wesentlich heftigere Reaktion hervor als sexuelle Untreue oder sozialer Verrat. Mit zittrigen Fingern zog sie das Blatt heraus, Was f�r eine verdammte Frechheit! Ihr Brief, ihr Brief. Sie las die Nachricht mehrmals, zuerst bebend vor Zorn, allerdings nicht wirklich in der Lage, den Inhalt zu verdauen. Als die Information eingesickert war, sa� sie lange Zeit wie in Trance da. Schlie�lich lief sie ins Wohnzimmer, nahm den Telefonh�rer und dr�ckte auf die Tasten.</p><p>���Danton - Sie m�ssen vorbeikommen - sofort... Nein - Jetzt! Ganz schnell. Etwas Unglaubliches ist geschehen.�</p><empty-line/><p>Das lauteste Ger�usch im Corniche-Kabriolett, das langsam um Ludgate Circus kroch, war das unregelm��ige Klopfen von Guy Gamelins Herz.</p><p>��Ungeduldig bediente er sich der beruhigenden Technik tiefer, gleichm��iger Atmung, die ihm dieser Typ in der Harley Street zusammen mit diesem Muskelentspannungskram empfohlen hatte. Keine der beiden Methoden zeigte Resultate. M�rrisch und widerwillig praktizierte Guy beides, aber nur aus einem Grund: Der Gedanke, f�r einen Rat zu zahlen und ihn dann nicht anzunehmen, war ihm unertr�glich. In Wahrheit weigerte er sich zuzugeben, da� derlei prophylaktische Ma�nahmen �berhaupt notwendig waren. Er war so kr�ftig wie eh und je. Trotz seiner f�nfundvierzig Jahre strahlte er Jugendlichkeit aus.</p><p>��Da war dieses Flattern in seiner Brust. Eine extrem leise Schwingung wie die einer schwebenden Feder. Guy legte die Finger auf seine Jackeninnentasche, sp�rte den Umri� einer braunen Glasflasche, ohne die zu reisen ihm nicht mehr gestattet war. Ohne sie durfte er nicht mal vom Schlafzimmer ins Badezimmer gehen. Er zog den Walnu�barschrank heraus, mixte sich einen gef�hrlich gro�en, eiskalten Tom Collins und legte eine Tablette auf die Zunge. Kurz darauf lie� die Oszillation in seiner Brust nach, und wenngleich Guy sich nicht entspannte - das tat er nie -, meinte er, etwas bequemer auf dem Lederpolster zu sitzen. Danach st�pselte er das Telefon aus und lie� seine Gedanken schweifen. Sofort begann er sich Szenarien der bevorstehenden abendlichen Auseinandersetzung vorzustellen, die in wenigen Stunden stattfinden w�rde.</p><p>��Normalerweise kam Guys Blut vor einer Begegnung mit einem Feind in Wallung. Denn nichts liebte er mehr als einen Kampf. Kampfbereitschaft war seine normale Seelenlage. Jeden Morgen wachte er nach Tr�umen von blutigen Eroberungen auf, bereit, sich durch st�dtische Sitzungss�le zu pfl�gen und eine Reihe verwundeter Unternehmen zur�ckzulassen. In Kleidungsst�cke aus der Savile Road geh�llt, von Trampers rasiert und parf�miert, sah er sich als Kaufmann des 20. Jahrhunderts. In Wirklichkeit war er ein R�uberbaron, auch wenn seine Anw�lte denjenigen, der die K�hnheit besa�, dies laut auszusprechen, auf der Stelle gekreuzigt h�tten. Guy konnte es nicht ertragen zu verlieren. Beim Kaufen und Verkaufen mu�te er der Beste sein, der Beste beim Verw�sten, bei der Aussaat von Leid. Seine Pferde mu�ten schneller laufen als alle anderen, seine Yacht mu�te die sch�nste sein. Die Rennwagen, die er sponsorte, kamen unter seiner Patronage nur einmal als zweiter ins Ziel. �Zeig mir einen guten Verlierer�, pflegte er dem schwitzenden Fahrer ins �lverschmierte Gesicht zu bellen, �und ich werde dir einen Verlierer zeigen.�</p><p>��Doch obwohl er M�nner wie Erdn�sse kaufte und verkaufte, ganze Unternehmen und zahllose Frauen seinem Willen unterjochte, gab es einen Bereich, wo ihm bislang kein Sieg verg�nnt gewesen war. Aber selbst in diesem Fall wurde das Wort �versagen� niemals auch nur angedeutet. Seine Tochter Sylvie war Guys einzige Liebe und gleichzeitig seine gr��te Pein.</p><p>��Selbstverst�ndlich hatte Guy damals, als Felicity schwanger wurde, einen Sohn gewollt. Da er es selbst in jenen fr�hen Tagen gewohnt gewesen war, seinen Willen durchzusetzen, hatte ihn die Geburt einer Tochter am Boden zerst�rt. Das Ma� seiner Entt�uschung angesichts dieser Beleidigung seiner M�nnlichkeit hatte seine Frau, seine Eltern, das Krankenhauspersonal und jeden, der sich zu jener Zeit in seiner N�he aufhielt, �ber alle Ma�en erschreckt. Und (zu sp�t, viel zu sp�t) wahrscheinlich auch seine Tochter, wie er heute annahm.</p><p>��In den ersten Wochen nach der Entbindung legte sich sein Zorn etwas, aber Resignation entsprach nicht seinem Charakter. Er besorgte sich jemanden, der aus wissenschaftlichen und medizinischen Journalen die neuesten Informationen �ber genetische Forschung herausfilterte, und kaufte sich die beste Information, die damals erh�ltlich war. Nach dem, was er gelesen hatte, stand die Wissenschaft - medizinisch gesehen -kurz vor einem Durchbruch, um das Geschlecht des Kindes im voraus bestimmen zu k�nnen, und er war gewi� nicht gewillt, sich ein zweites Mal von der Natur �bers Ohr hauen zu lassen. Bedauerlicherweise stellte sich heraus, da� all die zusammengeklaubten Informationen, all die Ausgaben und die tyrannischen Konfrontationen mit Spezialisten nichts als Zeit- und Geldverschwendung gewesen waren, denn Felicity empfing nie wieder.</p><p>��W�hrend der Schwangerschaft seiner Frau hatte Guy sich seine erste Geliebte zugelegt und Felicitys beharrliche Weigerung, sich zu vermehren, als bewu�ten Racheakt gedeutet. Als sich dieser Standpunkt sp�ter, medizinisch gesehen, als unhaltbar erwies, sah sich dieser ungeheuer empfindliche Mann mit einem f�rchterlichen Dilemma konfrontiert. Entweder er ging als Vater eines M�dchens durchs Leben, oder er begann mit einer neuen Partnerin von vorn und tat der Welt somit kund, da� seine Ehe ein Fehlschlag war.</p><p>��Zu begreifen, da� ihm solch ein Gest�ndnis absolut unm�glich war, hie� auch zu verstehen, was f�r ein erstaunlicher und unerh�rter Triumpf es gewesen war, da� er sich Felicity �berhaupt geangelt hatte.</p><p>��Ihre Familie hatte in ihm freilich das gesehen, was er war. Sie hatten seine Herkunft durchleuchten lassen und waren von ihr angewidert. Sie, die gerade ein genuesisches M�dchenpensionat absolviert hatte, konnte auf eine ganze Reihe passender junger und nicht mehr ganz so junger M�nner zur�ckgreifen, die ihr im Vergleich zu Guy - der sie faszinierte und genauso stark befremdete - allerdings furchtbar dr�ge vorkamen. Er war sich seiner Anziehungskraft bewu�t und achtete sorgsam darauf, da� der Angstquotient nicht unter ein bestimmtes Level fiel. Einerseits mu�te er gerade hoch genug sein, damit sie nicht das Interesse verlor, und andererseits niedrig genug, um ihr den Eindruck zu vermitteln, er lie�e sich schon z�hmen, falls ihm nur das richtige M�dchen �ber den Weg lief. Sie z�hmte ihn nicht. Daf�r vernichtete er sie.</p><p>��Dennoch durfte ihr gemeinsames Leben, falls man diese leere barocke Extravaganz �berhaupt als solches bezeichnen konnte, nicht enden. Mit Geld hatte er sich nicht abspeisen lassen, und das hatten alle versucht. Niemand w�rde ihm jemals nachsagen k�nnen, da� er etwas, das er einmal bekommen hatte, wieder loslie�.</p><p>��Die Kindheit seiner Tochter interessierte ihn nicht die Bohne. Er kriegte kaum mit, da� sie existierte. Es hatte Kinderm�dchen gegeben (die eine oder andere hatte sich als �u�erst befriedigend herausgestellt), und ab und an waren andere Kinder ins Gamelin-Haus eingeladen worden. Einmal war Guy nach Hause gekommen und hatte Horden von Kindern mit bunten Ballons und Karnevalh�tchen und einen Mann in einem Clownkost�m auf einem Einrad angetroffen. Bei jener Gelegenheit hatte Sylvie sich mit ernster Miene bei ihm f�r eine wunderh�bsch gekleidete, einen Meter gro�e Puppe bedankt, die ihm noch nie zuvor unter die Augen gekommen war. Normalerweise kam ihr kein Sterbensw�rtchen �ber die Lippen, und wie sollte Guy, bar jeder Phantasie, jenen leidenschaftlichen Hunger seiner Tochter nach Liebe und Lob oder einfach nur Aufmerksamkeit verstehen?</p><p>��Und dann, nach ihrem zw�lften Geburtstag, ver�nderte sich alles grundlegend. An jede Minute dieses Tages entsann er sich noch ganz genau. Jemand hatte sie gebeten, etwas auf dem Klavier zu spielen. Da Musik auf dem Stundenplan ihres extrem teueren Internats stand, mu�te sie lernen zu musizieren. Sylvie besa� kein Talent, hatte sich aber, da sie schon Stunden nehmen und w�hrend der Schulzeit �ben mu�te, eine rudiment�re Technik angeeignet. Sie hatte �The Robin�s Return� gew�hlt, eine altmodische, ziemlich sentimentale Melodie. Guy st�tzte sich auf den Marmorkamin und fragte sich, ob er mit seinem Gesp�r f�r Ver�nderung bei Blue Chip Trusts richtig gelegen hatte, als er �ber den wei�en Steinway-Fl�gel blickte und zum ersten Mal das Gesicht seiner Tochter wahrnahm.</p><p>��Bla�, intensiv, starr vor Angst. Mit in Falten gelegter Stirn sa� sie da, ihre Lippen eine schmale Linie der Konzentration. D�nne �rmchen schwebten �ber den Tasten; ihr gl�nzendes braunes Haar wurde von einem samtbezogenen Kamm aus dem Gesicht gehalten. Sie trug ein blau-wei� gestreiftes Kleid mit gro�em wei�em Kragen und eine Schleife mit d�nnen dunkelblauen Linien. All diese Einzelheiten hatte Guy so deutlich und lebendig vor Augen, als w�re ihm gerade eben erst die Gabe des Sehens zum Geschenk gemacht worden. Und dann, bevor er sich auch vage an diesen beinahe halluzinogenen Anblick gew�hnte, ereignete sich eine zweite, weitaus seltsamere Begebenheit.</p><p>��Eine Glut extremer Emotionen �berw�ltigte ihn. In dem Gef�hl, darin zu ertrinken, von ihnen weggetragen zu werden, hielt er sich unendlich beunruhigt am Kamin fest. Er bildete sich ein, just erkrankt zu sein, so stark reagierte sein K�rper. Sein Herz f�hlte sich an, als dr�cke jemand fest zu, sein Magen machte einen Satz und wurde dann zusammengedr�ckt. Doch damit nicht genug - nachdem diese Gef�hle verebbt waren, blieb ein trauriger Rest �ber und lie� ihn mit der Gabe des Verstehens zur�ck.</p><p>��In k�rzester Zeit wu�te er um die Verzweiflung, die Einsamkeit, den Hunger nach Liebe, unter dem seine Tochter litt. Und gleich darauf lernte auch er den Schmerz kennen und empfand eine besorgte, auf sie gerichtete Z�rtlichkeit. Die Neuartigkeit und die Macht dieses Schmerzes - von dem ihm jeder Vater h�tte berichten k�nnen - f�hlte sich an wie ein Messer, das ihm jemand in den Magen rammte. Er ertrank in ihrem ernsten Antlitz, und pl�tzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, da� er sie nur selten l�cheln gesehen hatte. (Warum war ihm das bisher nicht auf gefallen?) Das Wissen um ihre Traurigkeit ber�hrte ihn �ber alle Ma�en. Und dann �berfiel ihn das verzweifelte Bed�rfnis zur Wiedergutmachung. Ihr seine Liebe anzubieten.</p><p>��Ja - er erkannte dieses Gef�hl als das, was es war, obgleich man es ihm niemals entgegengebracht hatte. Er gelobte, ihr alles zu geben. Sich Zeit f�r alles m�gliche zu nehmen, die vergangenen Jahre wettzumachen. Als die Musik leiser wurde und nach ein paar Noten g�nzlich verhallte, applaudierte er, brachte die H�nde zu laut zusammen. Am�siert und fassungslos starrte Felicity ihn an.</p><p>���Das war sehr gut, Sylvie. Ausgezeichnet, Liebling! Du machst gro�e Fortschritte.� Es �berraschte ihn, wie selbstverst�ndlich ihm diese Worte �ber die Lippen kamen. Ihm, der niemals ein Lebewesen gelobt hatte. Er wartete auf ihre Reaktion, hing v�terlichen Illusionen nach, malte sich ihre Freude �ber seinen Enthusiasmus aus. Behutsam klappte sie den Tastendeckel zu, erhob sich von ihrem Stuhl und verlie� das Zimmer. Felicity lachte.</p><p>��Von jenem Augenblick an verfolgte Guy seine Tochter. Er nahm sie aus dem Internat, um sie jeden Tag sehen zu k�nnen. Jedes Wochenende �berlegte er sich Aktionen, die ihr m�glicherweise gefielen oder sie unterhielten. Er �bersch�ttete sie mit Geschenken, legte sie ihr in den Scho�, versteckte sie in ihrem Zimmer oder wickelte sie in die Serviette neben ihrem Besteck ein, krank vor Sorge, da� sie nicht ihrem Geschmack entsprachen. All seine Bem�hungen, ihre Zuneigung zu gewinnen, wies sie zur�ck. Nicht barsch oder vehement - damit h�tte er umgehen k�nnen, das w�re ein Anfang gewesen, auf dem sich etwas aufbauen lie�e sondern indem sie sich in leiser, wohlerzogener Resignation abwandte. Manchmal kam es vor, da� sie ihn anblickte. Ihre Augen glichen bla�blauen Steinen.</p><p>��Nur ein einziges Mal zeigte sie ihre Gef�hle, als sich Guy - in einem neuen Anfall von Reue �ber jahrelange Vernachl�ssigung - eines Tages w�hrend eines Zoobesuchs dazu durchrang, seine Scham und sein Bedauern in Worte zu fassen. In dem Bed�rfnis, vielleicht einen Bruchteil der Schuld abzustreifen. Kaum hatte er zu sprechen begonnen, drehte sie sich um und br�llte ihn an: �H�r auf, h�r auf. Das interessiert mich nicht.�</p><p>��Anstandslos hatte er von seinen Bem�hungen Abstand genommen, und sie hatten den verbleibenden Nachmittag stumm und distanziert verbracht, wenn auch nicht distanzierter als sonst, wie er schmerzlich einr�umen mu�te. Wohin er an diesem Tag auch schaute, �berall erblickte er V�ter, die ihre Kinder an der Hand hielten oder auf dem Arm trugen. Ein Junge, dem Aussehen nach gerade mal sechzehn Jahre alt, trug ein winziges Baby in einem Leinenbrusttuch. Das Kleine schlief, sein ger�tetes, verschrumpeltes Profil ruhte auf dem flachen Brustkorb des Jungen. Das h�tte ich auch tun k�nnen, dachte Guy und blickte ver�rgert auf den Scheitel seiner Tochter. Jesus - ich entsinne mich nicht mal, sie auf den Arm genommen zu haben.</p><p>��Niemals wieder startete er den Versuch, Sylvie mit einer Erkl�rung seiner Gef�hle zu belasten. Einmal jedoch m�hte er sich ab, sie schriftlich festzuhalten. Den Brief hatte er ihr allerdings nie ausgeh�ndigt, sondern ihn statt dessen zusammen mit einer Locke ihres Haars, ein paar Fotos und Schulzeugnissen in seiner Schreibtischschublade versenkt. Und w�hrend Monate und Jahre verstrichen, verlor seine bittere Reue angesichts ihrer fortw�hrenden Indifferenz ein wenig an Sch�rfe. Locker zu lassen war ihm freilich nicht gegeben. Unbeirrt unterhielt er sich mit ihr, bis seine Kehle schmerzte, stellte Fragen, machte Vorschl�ge, gab Kommentare zu Allt�glichkeiten ab. Irgendwann war er dann auf die Idee verfallen, Felicitys Gegenwart verursachte die Zur�ckhaltung des M�dchens. Da� er und Sylvie, wenn sie allein leben w�rden, durch den gl�cklichen Zufall einer famili�ren Osmose W�rme in das Herz und Leben des anderen hauchen w�rden. Ohne zu zaudern hatte er Sylvie einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet. Inzwischen war es ihm egal, da� dieser Schritt der Welt vom Fehlschlagen seiner Ehe k�ndete. Sylvie war ziemlich verwirrt gewesen, hatte die Stirn gerunzelt und einen Augenblick nachgedacht, bevor sie fragte: �Wieso sollte ich diesen Wunsch hegen?�</p><p>��Vor f�nf Jahren war eine neuerliche Ver�nderung eingetreten. Am Morgen ihres sechzehnten Geburtstages verschwand Sylvie. Verlie� wie �blich das Haus, als ginge sie zur Schule, kam dort nie an, kam nicht mehr heim. Guy, rasend vor Angst, war �berzeugt, da� sie entf�hrt worden war. Nachdem keine L�se-geldforderung gestellt wurde, malte er sich aus, sie w�re in einen Unfall verwickelt gewesen, einem M�rder zum Opfer gefallen. Er setzte sich mit der Polizei in Verbindung, die - nachdem sie Sylvies Alter erfahren hatten - irritierend gelassen reagierte und die Vermutung anstellte, da� sie h�chstwahrscheinlich bei Freunden oder einfach eine Zeitlang allein sein wollte.</p><p>��In der �berzeugung, da� das nicht der Fall war, stattete Guy ihrer Schule einen Besuch ab und fragte, ob er mit jemandem sprechen k�nnte, dem seine Tochter besonders nahe gestanden habe. Mit einem Namen konnte er nicht aufwarten, da Sylvie nie von ihren Freunden erz�hlt, seit vielen Jahren niemanden mehr mit nach Hause gebracht hatte.</p><p>��Ein hochgewachsenes M�dchen mit schmalen Augen und hochn�sigem Blick wurde in das B�ro des Direktors gef�hrt. Sie informierte Guy, da� Sylvie seit jeher behauptete, sie k�nne ihren sechzehnten Geburtstag nicht erwarten, weil sie dann das Elternhaus verlassen konnte. �Sie hat mir gesagt�, plauderte das M�dchen mit gespielter Widerwilligkeit aus, �da� sie ihre Eltern zutiefst verachtet.�</p><p>��An jenem Abend h�rte Felicity, die von ihrer dritten Behandlung und schon ziemlich hin�ber heimkam, sich die kl�glichen Enth�llungen ihres Gatten an und sagte: �Mein Gott, au�er Geldmachen ist dir doch alles schnurzegal. Sie ha�t uns schon seit Jahren.�</p><p>��Guy sp�rte Sylvie ziemlich schnell auf. Sie lebte in einem besetzten Haus in Islington. Relativ annehmbar, soweit man das von besetzten H�usern sagen konnte. Wasser, Elektrizit�t, Teppichreste auf dem Boden. Er erschien mit den Papieren eines dreij�hrigen Rennpferdes, sein Geburtstagsgeschenk f�r sie. Sie kam an die T�r und begann auf der Stelle zu schreien und ihn zu beschimpfen, spuckte ihm fast ins Gesicht. Nach Jahren blutloser, mundfauler Introvertiertheit hatte ihre Reaktion auf ihn die Wirkung eines Elektroschocks. Irritiert, �berrascht und - wie er sich eingestand - aufgeregt wich er einen Schritt zur�ck. Dann warf sie die Papiere �ber das Kellergel�nder und knallte die T�r zu. Jemand mu�te sie sp�ter aufgehoben haben, denn im folgenden Monat wurde das Pferd ein Drittel unter Wert verkauft.</p><p>��Komischerweise stachelte diese lautstarke Auseinandersetzung Guys fr�here Hoffnungen an, nachdem er sich eigentlich l�ngst voller Resignation an die nichtexistente Beziehung zu seiner Tochter gew�hnt hatte. Er mochte nicht glauben, da� einer der sechs schmarotzenden Troglodyten, die hinter ihrem R�cken h�hnisch gegrinst hatten, einen Pfifferling f�r ihr Wohlbefinden gab.</p><p>��Im Lauf der n�chsten Jahre zog sie sehr oft um. Guy beauftragte eine Privatdetektivagentur, Jaspers, in der Coalheaver Street, und wu�te daher immer, wo sie steckte. Allein lebte sie nie. Gelegentlich wohnte sie in einer Wohngemeinschaft, hin und wieder nur mit einem Mann. Diese Liebschaften, falls es welche waren, hielten selten lange Zeit. Guy schrieb Sylvie regelm��ig, bat sie, nach Hause zu kommen, und legte stets einen Scheck bei. Zu Weihnachten und zum Geburtstag einen dicken Scheck. Auf seine Briefe antwortete sie niemals, die Schecks hingegen wurden immer eingel�st, was nur hie�, da� er wenigstens noch zu etwas gut war. Wenn sie erst mal einundzwanzig war und �ber ihren Treuhandfonds verf�gte, w�rde ihm selbst diese winzige Rolle abgesprochen werden.</p><p>��Mich wundert nicht, da� sie es mir heimzahlen m�chte, dachte Guy. Hat lange genug darauf warten m�ssen. Hat gewartet und gewartet, bis sie mich dem�tigen und zur�ckweisen konnte, wie ich es jahrelang mit ihr gemacht habe. Fast mit Freude erkannte er: Sie ist genau wie ich. Und dann kam die Erkenntnis, die ihn zu Boden schmetterte: Und ich w�rde niemals vergeben.</p><p>��Ab und an fragte er sich quasi zum Trost, ob sie m�glicherweise einer kalten, grausamen Symmetrie folgte. Hatte sie sich vorgenommen, diese Bestrafung, diese Verbannung exakt zw�lf Jahre aufrechtzuerhalten, also genau so lange, wie seine gedauert hatte? Dann w�re sie achtundzwanzig. Vielleicht verheiratet, mit eigenen Kindern. W�rde eventuell woanders wohnen. Vielleicht in �bersee. Angesichts dieser Gedanken beschlich Guy die verabscheuungsw�rdige und gemeine Ahnung, da� er, w�re sie tot, damit besser zurechtk�me.</p><p>��All dies f�hrte dazu, da� er immer in der N�he der Wohnung rumging, wo sie gerade ihre Zelte aufgeschlagen hatte, heimlich und verunsichert wie ein abgewiesener Liebhaber. Einmal hatte sie ihn beim Einsteigen in ein Taxi entdeckt und wie ein obsz�ner Bauarbeiter heftig und vielsagend gestikuliert. Ein anderes Mal - und das war viel schlimmer gewesen - hatte er sie aus einem Geb�ude kommen sehen, am Arm eines gelangweilt dreinblickenden Mannes in einem Tweedjackett. Sie hatte fr�hlich geplaudert und ihn angel�chelt. Ihre Haltung war die einer Person gewesen, die sich verzweifelt darum bem�ht zu gefallen. Mitten auf der Stra�e hatte der Kerl sie abgesch�ttelt, und Guy h�tte ihn am liebsten umgebracht, ohne da� ihm die Ironie seiner Reaktion entgangen w�re.</p><p>��Schlie�lich verschwand sie ein letztes Mal von der Bildfl�che. Und zwar richtig. Angesichts ihres intelligenten Untertauchens �bernahm Jasper h�chstpers�nlich die Aufgabe, sie zu finden. Sich als Schuldeneintreiber ausgebend, stattete er ihrem letzten Wohnort einen Besuch ab, nur um von einer Amazone von Mitbewohnerin die Treppe runtergeschmissen zu werden. Danach wurde ein weiblicher Schn�ffler eingestellt, der das Gl�ck anf�nglich auch nicht hold war.</p><p>��In diesen Wochen raste Guy vor Verzweiflung. Ehe ihm das Wissen um den Wohnort seiner Tochter versagt blieb, hatte er nicht begriffen, wie wichtig dies f�r seinen Seelenfrieden war. Auch wenn sie sich voller Bitterkeit von ihm fernhielt, hatte er zumindest gewu�t, da� es ihr �gutging�, im eigentlichen Sinne des Wortes. Nachdem sie verschwunden war, registrierte er tags�ber und w�hrend der Nacht - vor allem in seinen Tr�umen - eine gro�e, alles verschlingende Dunkelheit, die ihn in Augenblicken, in denen seine Achtsamkeit nachlie�, zu �bermannen drohte.</p><p>��Einmal, als diese �ngste ihn fast bei lebendigem Leib auffra�en, hatte er sich kurz mit der Presse unterhalten. Die w�rde sie schon finden. GAMELIN-ERBIN VERSCHWUNDEN! Sie hatten massenhaft Fotos von ihr in ihren Archiven. Sie w�rden sie jagen und aus ihrem Versteck zerren. Irgendwo wu�te irgend jemand, wo sie war. Auch wenn diese Vorgehensweise die Vater-Tochter-Beziehung nicht noch st�rker belastete, als das ohnehin schon der Fall war, so standen die Chancen auf eine wie auch immer geartete, zuk�nftige Vers�hnung nun schlechter denn je. Eine M�glichkeit, an die Guy unvern�nftigerweise immer noch glaubte.</p><p>��Knapp drei Wochen nach Sylvies Verschwinden stie� das Rechercheteam von Jaspers auf einen Informationskr�mel. Eine Detektivin war auf die kluge Idee gekommen, einen Termin bei Sylvies Friseur zu machen. Dort stellte sie mit gro�en Augen und exaltiertem Gehabe die Vermutung an, da� Felix und seine Lockenwickler Zugang zu den Geheimnissen der H�lfte aller Mitglieder der Londoner Gesellschaft hatten. Ihre Schmeicheleien lockerten die Zunge des Hairstylisten betr�chtlich. Nachdem er zu der �berzeugung gelangt war, da� jemand, der einen so gr��lichen selbstgestrickten Pulli und einen Vororthaarschnitt trug, garantiert kein Klatschkolumnist sein konnte, lie� er den einen oder anderen Namen fallen und wartete mit schl�pfrigen Anekdoten auf, die die Gute mit ihren langweiligen kleinen Freunden in Ruislip oder wo auch immer teilen konnte.</p><p>��Zwei Informationen bezogen sich auf Sylvia Gamelin. Offenbar langweilte Hammersmith sie in Grund und Boden (�Und wem ginge das nicht so, meine Liebe?�). Daher war sie an einen ruhigen, sauberen und friedlichen Ort gezogen. Auf die dr�ngende Frage, wo dieser Ort denn sein mochte, erwiderte Felix: �Sie redete nur vom Land. Und wir alle wissen doch, wie gro� das ist, nicht wahr? Wom�glich hat sie ja nicht mal die an London angrenzenden Grafschaften gemeint.� Klappernde Scheren blieben angesichts dieser bedrohlichen Vorstellung in der Luft h�ngen.</p><p>���Sie sagte, sie habe einen ungew�hnlichen Mann kennengelernt, aber ob die beiden Dinge miteinander in Beziehung stehen...�</p><p>��Auch wenn diese Informationsschnipsel Guy nicht zu beruhigen vermochten, st�rzte er sich wie ausgehungert auf sie und wies Jaspers an, die Bem�hungen zu verdoppeln und auszuschw�rmen. Weitere Hinweise oder Spuren wurden trotz aller Anstrengung nicht gefunden. Sechs leere Monate verstrichen, nicht ohne bei Guy Spuren zu hinterlassen. Die tiefe Befriedigung, die er fr�her aus dem Ankauf und der rigiden Umgestaltung von Firmen, aus der Durchsetzung auf dem internationalen Markt gezogen hatte, verwandelte sich in das dumpfe, ganz und gar nicht zielgerichtete Verlangen, anderen Schmerz zuzuf�gen. Was wiederum Einflu� auf seine Urteilsf�higkeit hatte. Er kaufte und verkaufte mit einer gewissen Schwerf�lligkeit und begann zum ersten Mal seit zwanzig Jahren Geld zu verlieren. Gottlob war vor ein paar Tagen der Brief gekommen.</p><p>��Nach dem ersten gewaltigen Schock, der nur nat�rlich ist, wenn einem etwas, wonach man sich lange gesehnt hat, einfach so in die H�nde f�llt, war Guy nun aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Obwohl das Briefpapier nicht Sylvies Handschrift trug (der Brief stammte �berhaupt nicht von ihr), handelte die Nachricht von ihr und enthielt - was noch besser war - eine Einladung. Immer wieder nahm Guy den Brief in die Hand, der f�r ihn inzwischen fast die Funktion eines Talismans hatte. Jetzt war er nicht da, wo er sein sollte. Er durchsuchte alle anderen Taschen, zupfte entnervt am Futter herum, bis ihm einfiel, da� er sich umgezogen hatte. Egal. Er kannte die Adresse und jede Zeile auswendig.</p><p>��Sehr geehrter Mr. &amp; Mrs. Gamelin, Ihre Tochter wohnt nun seit einiger Zeit bei uns. Am 19. August werden wir ihren Geburtstag feiern und w�rden uns freuen, wenn Sie beide kommen k�nnten. Vielleicht gegen halb acht. Wir essen um acht. Mit freundlichen Gr��en, Ian Craigie.</p><p>��Gestern nacht hatte Guy vor Aufregung und Neugier keinen Schlaf gefunden, sich jeden Satz des kurzen Briefes immer wieder durch den Kopf gehen lassen, versucht, Trost daraus zu ziehen. Das �uns� beruhigte ihn sehr. Es klang nicht danach, als ob Ian Craigie jener �unglaubliche� Mann w�re, den Sylvie in London kennengelernt hatte. Das Wort implizierte, da� es m�glicherweise eine Ehefrau, vielleicht gar eine Familie gab. Und �Ihre Tochter� hatte etwas angenehm Formelles, Gediegenes an sich.</p><p>��Felicity erz�hlte er nichts von der Einladung. Sie mochte Sylvie nicht und hatte sich nicht die M�he gemacht, ihre Erleichterung, als das Kind von daheim fortgelaufen war, und ihre Gleichg�ltigkeit gegen�ber dem Wohlergehen ihrer Tochter zu verbergen. Nicht ein einziges Mal hatte sie ihren Namen ausgesprochen. Aufgrund ihres Verhaltens war es undenkbar, da� sie ihn begleitete. Guy beschlo� zu sagen, da� sie krank war. Das schien ihm die einfachste L�sung zu sein. Und wem schadete es schon?</p><empty-line/><p>Danton Morel war eines der bestgeh�teten Geheimnisse in London. Keiner, der seine Dienste in Anspruch nahm, erz�hlte das je weiter, eifers�chtig bestrebt, die Vorteile seiner Behandlungen exklusiv genie�en zu d�rfen. Nichtsdestotrotz war immer wenigstens ein Beispiel seiner Magie anwesend und verschlug den anderen den Atem, wenn sich die Reichen und Ber�hmten, die Ber�chtigten und Glamour�sen irgendwo ein Stelldichein gaben.</p><p>��Seine Visitenkarte beschrieb ihn angenehm bescheiden als Coiffeur et Visagiste, doch die unerh�rten Transformationen, die seine Kunst bewirkte, gingen weit �ber jene banalen Schminktechniken hinaus, die in Modezeitschriften oder im Fernsehen gezeigt wurden. Auf magische Weise ver�nderte Danton nicht nur das �u�ere, das Fleisch und die Haut, das Aussehen, sondern schuf eine deutlich und dramatisch ver�nderte Pers�nlichkeit.</p><p>��Einmal abgesehen von diesen m�rchenhaften F�higkeiten, war Danton mit einer unglaublich wohlklingenden Sahne-und-Brandy-Stimme gesegnet. Und wenn er nicht sprach, signalisierte sein Schweigen W�rme, Ermunterung und Aufmerksamkeit, was dazu f�hrte, da� die Menschen geneigt waren, ihm alles m�gliche anzuvertrauen. Und Danton h�rte zu, l�chelte, nickte und fingerte derweil an ihnen herum.</p><p>��Vor zwanzig Jahren hatte er als Maskengestalter und Marionettenhersteller angefangen und befand heute mit einer Spur Ironie, er sei immer noch im selben Gesch�ft t�tig, wenngleich seine Kundschaft zu Tode erschrecken w�rde, w��te sie um seine Gedanken. Sein Privatleben war extrem unkompliziert. Er f�hrte ein Leben aus zweiter Hand, labte sich an Informationen, destilliert aus verworrenen Gef�hlsausbr�chen, Gest�ndnissen, Vertraulichkeiten und Schilderungen sybaritischer Ereignisse, die beeindruckender als das wahre Leben waren und sein Herz in neidischer Aufregung entbrennen lie�en. Weil er niemals tratschte, unterstellte ihm jeder Diskretion, und diskret war er in gewisser Weise auch. Freilich schrieb er alles nieder und f�hrte nun seit zehn Jahren Tageb�cher, von deren Ver�ffentlichung er sich eines Tages gro�en Reichtum erhoffte. Er pfl�ckte gerade ein paar Lorbeerbl�tter, als Felicity die T�r �ffnete. Die Haare standen ihr zu Berge, als ob sie daran gezogen h�tte, und er h�tte ein Fremder sein k�nnen, so leer war ihr Blick.</p><p>��Im oberen Stockwerk begann sie auf und ab zu gehen und zu lamentieren. Lange, aufwendig gebr�unte Beine stachen wie dunkelbraune Scheren aus dem Hausmantel hervor, um gleich darauf wieder darunter zu verschwinden. Kaum hatte er das Haus betreten, dr�ckte sie ihm den Brief in die Hand. Nachdem Danton ihn gelesen hatte, nahm er Platz und wartete.</p><p>���Dieser Betrug, Danton... dieser Betrug... Meine eigene Tochter! Als ob ich sie nicht gern sehen w�rde...�</p><p>��Keuchend spuckte Felicity die Worte aus. Ihre Schultern zuckten, und sie strich best�ndig �ber ihre Arme, als w�rde sie von einem Schwarm Insekten angegriffen. Wieder sagte sie mit lauter, anklagender Stimme �Meine eigene Tochter!�, als tr�ge Danton die Schuld an den Vorg�ngen. Sein Eintreffen hatte sie in einem Anfall widerstreitender Gef�hle herbeigesehnt. Zuerst war sie erstaunt gewesen �ber die Einladung, dann stinksauer, weil man sie nicht in Kenntnis gesetzt hatte. Jetzt war ihr ganz mulmig, aber auch bewu�t, da� sie - nachdem sie den Brief gefunden hatte - eine Entscheidung bez�glich des Inhalts treffen mu�te. Dieses ganze Durcheinander wurde begleitet von einer messerscharfen Verbl�ffung �ber die Macht, die der Brief auf sie aus�bte. Sie war sich relativ sicher gewesen, da� die Liebe zu ihrer Tochter l�ngst gestorben war. Sie selbst hatte alles daf�r getan, ihre Zuneigung der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, hatte sie �ber die Jahre hinweg schrumpfen lassen zu einer zu vernachl�ssigenden Gef�hlsregung.</p><p>��Sylvie hatte ihre Mutter nie gemocht. Schon als Kleinkind k�mpfte sie und machte sich ganz starr, wenn Felicity versuchte, sie in den Arm zu nehmen oder zu halten. Kaum da� sie gehen konnte, polterte sie auf ihr Kinderm�dchen oder einen zuf�lligen Hausgast zu. Sie ging zu jedem - wenigstens bekam Felicity diesen Eindruck aber niemals zu jener Person, die sie am meisten liebte. Sp�ter, als deutlich wurde, da� Sylvie ihre Mutter nicht nur nicht liebte, sondern sich auch halsstarrig weigerte, sie zu m�gen, begann Felicity langsam, die eigene Zuneigung zu pulverisieren. Dies hatte ihr gro�en Schmerz bereitet, zumal sie schon eine Ahnung von der kargen Landschaft hatte, als die sich ihre Ehe schlie�lich herausstellte. In ihren Augen war das Kind irrigerweise ein Gegenmittel, eine Quelle der Zuneigung und Freude gewesen. Sollte sie sich nun nach all den Jahren der Hoffnung hingeben? Das wagte sie nicht.</p><p>���Das ist wahrscheinlich ein Scherz, denke ich.�</p><p>���Warum sagen Sie das, Mrs. G?�</p><p>��Danton wurde von seinen Klienten st�ndig gedr�ngt, sie beim Vornamen anzureden, hatte dieses Angebot aber seit jeher abgelehnt. In Felicitys Fall war die Abk�rzung ihres Nachnamens das Zugest�ndnis, das er einzugehen bereit war. Sie hingegen konnte die Abk�rzung auf den Tod nicht ausstehen, da sie der Meinung war, da� sie damit zum Ebenbild einer Cockney-Putzfrau degradiert wurde. Allerdings h�tte sie es nie gewagt, dies �ffentlich kundzutun, aus Furcht, ihn zu beleidigen.</p><p>���Seit f�nf Jahren haben wir nichts von ihr geh�rt oder gesehen.�</p><p>���Haben Sie nicht gesagt, da� sie, wenn sie einundzwanzig wird, zu Geld kommt? Vielleicht stammt der Brief von einem Anwalt, und Sie beide m�ssen etwas unterschreiben.�</p><p>���Das m�ssen wir nicht. Die Bedingungen des Treuhandfonds sind eindeutig. Wurden von meinen Eltern festgelegt, als sie noch ein Kleinkind war. Wie dem auch sei - wir wurden zum Dinner eingeladen.�</p><p>���Ist es gro�? Das Erbe?�</p><p>���F�nfhundert.�</p><p>��Im Geist f�gte Danton die fehlenden Nullen an und erschauderte neidvoll. Felicity lie� sich auf eine �ppig gepolsterte Fu�bank sinken und wickelte den glatten Satin um ihre Beine. Sie sagte: �Ich werde gehen�, und sp�rte die Gr��e ihres Vorhabens. Ihr war, als w�re sie in einen tiefen Abgrund gesprungen.</p><p>���Selbstverst�ndlich�, meinte Danton. �Die Frage ist, als was Sie gehen werden?�</p><p>��Zuerst blickte Felicity verst�ndnislos, dann irritiert drein. Ganz automatisch hatte sie Danton herbeizitiert, eigentlich nur aus dem Verlangen nach einem aufmerksamen Zuh�rer. Weitere Gedanken hatte sie sich bislang nicht gemacht.</p><p>���Sie k�nnen nicht einfach so gehen, Mrs. G.�</p><p>���Kann ich nicht?� Da� sie �berhaupt eine Entscheidung getroffen hatte, war f�r Felicity schon genug gewesen. Was sie tragen sollte, wie sie aussehen wollte, all dies waren Fragen, mit denen sie sich noch nicht besch�ftigt hatte. Doch nun, da das Thema angeschnitten worden war, begriff sie, welche Bedeutung es hatte. Ihr nerv�ser und verletzlicher Verstand schrieb den potentiellen G�sten schon die unterschiedlichsten Rollen zu. Sollten ihre Erwartungen zutreffen, durfte sie sich nicht nur einfach irgendwas �berschmei�en, sondern mu�te sich gegen eine beachtliche Ansammlung von Gegnern wappnen. Auf der anderen Seite...</p><p>���Nichts Extremes, Danton.�</p><p>���In diesem Fall d�rfen Sie mir getrost vertrauen.�</p><p>��Sie hatte ihn beleidigt. Hastig entschuldigte sich Felicity. Danton stand auf.</p><p>���Nun - dann machen wir uns lieber an die Arbeit. Gut gekleidet und bei Verstand, so hei�t es doch, oder?�</p><p>��Ein gemeiner Seitenhieb, m�glicherweise gar beabsichtigt, was eigentlich nicht der Fall sein konnte. Man nahm einem Kunden nicht hundert Pfund die Stunde f�r seine Dienste ab und beleidigte ihn dann. Felicity folgte ihm die Empore hinauf zu ihren Ankleidezimmern. Wie gern h�tte sie noch was getrunken, verzichtete aber darauf, weil sie nicht ma�los erscheinen mochte. Danton trank niemals Alkohol und auch nichts, das Koffein enthielt. Hin und wieder benetzte etwas Quellwasser seine Lippen. Seine Z�hne und das Wei� seiner sanften braunen Augen funkelten.</p><p>��Felicitys Kleidung wurde in drei Zimmern aufbewahrt. Eins f�r den Abend, eins f�r den Tag und eins f�r nicht leicht zu kategorisierende Kleidungsst�cke wie Kreuzfahrtklamotten, Bikinis und Wickelt�cher, selten benutzte Sportartikel. Tennisschl�ger, Skier, Golfausr�stung. (Sie hatte angefangen, Golfunterricht zu nehmen und sich gleich am ersten Morgen t�dlich gelangweilt.) Die den T�ren gegen�berliegenden W�nde waren verspiegelt. Gut einen Meter unterhalb der Decken hingen metallene Kleiderstangen.</p><p>��Zusammen mit Danton spazierte Felicity die Ansammlung ab, zog gepolsterte Kleiderb�gel hervor und h�ngte sie wieder weg, begutachtete Taftr�schen, Seidengebilde und weichfallende Samtfalten. Unter einem Dutzend in die Decke eingelassener Gl�hbirnen, die �Tageslicht� suggerierten, musterten sie Muir und Miyake, Lagerfeld und Bellville Sassoon. Chanel und St. Laurent. Zahlreiche Kreationen wurden hervorgezogen, diskutiert und verworfen. Ein orangerotes Flamencokleid mit stark ger�schtem Rock, r�ckenfrei und vorn tief dekolletiert. �Das sollte ich nicht tragen. Nach acht Uhr k�nnte es etwas frisch werden.� Ein enges schwarzes Ding aus Samt mit Schleppe und einem wei�en Band um den Hals. �Sie sind ihre Mutter und nicht ihr Beichtvater.� Ein beiges Hemdblusenkleid aus Rohseide, perlenbestickt, mit Goldf�den durchwirkt und furchtbar steif. �Ungew�hnlich langweilig.� Himbeerfarbener Georgette und Federn. �Zu sehr Ginger und Fred.�</p><p>��Und so ging es weiter, bis sie alles durchhatten und wieder von vorn anfangen mu�ten. Schlie�lich entsann sich Felicity der Karelia. Sie ging weg und kehrte mit einem aufgebauschten Nebel aus wei�er Baumwolle unter einem durchsichtigen �berwurf zur�ck. �Das war f�r eine Premiere im Garden gedacht.� Sie ri� die Druckkn�pfe auf und Danton hielt den unteren H�llenrand fest, um zu ziehen. �Die Leute, mit denen ich in die Oper gehe�, fuhr Felicity fort, �haben f�r gew�hnlich eine Loge, aber an jenem Abend hatten wir aus irgendeinem unerfindlichen Grund Pl�tze im ersten Rang. Es w�re mir unm�glich gewesen, in diesem Ding zu meinem Sitzplatz zu gelangen. Daher habe ich es nie getragen.� Felicity schob mit dem Fu� die H�lle zur Seite. �Es war Pavarotti.�</p><p>���Das hier m�ssen Sie tragen.�</p><p>���Oh. Meinen Sie nicht, da� es ein bi�chen zu -�</p><p>���Wir reden von einem feierlichen Diner auf einem Anwesen auf dem Land. Jeder wird sich herausputzen. Was sollen die armen Hunde dort drau�en im Unterholz denn sonst tun?�</p><p>��In Wirklichkeit dachte Danton, da� das Kleid �ein bi�chen�, wenn nicht gar v�llig �bertrieben war, andererseits war es unerh�rt phantasievoll. Allein beim Betrachten zuckte es ihm in den Fingern. Ein Traumgewand, das dazu bestimmt war, zwischen Reihen von Bewunderung zollender, Zylinder tragender M�nnern eine Busby-Berkeley-Treppe hinunterzurauschen.</p><p>��Lagen �ber Lagen aus durchsichtigem Chiffon in jeder nur erdenklichen Grauschattierung, angefangen von der Andeutung eines blassen Rauchtons bis hin zu sattem Anthrazitgrau, und alles �ber Petticoats in der Farbe von geschw�rztem Silber. Das Satinmieder und die spitz zulaufenden �rmel waren mit Schleifenschlingen verziert, die mit einer einzelnen dunklen Perle fixiert waren.</p><p>���Ziehen Sie es an.�</p><p>��Ohne Scham legte Felicity ihren Hausmantel ab.</p><p>���Richten Sie mich her als... Nun - was schlagen Sie vor?�</p><p>���O mein Gott...� Er trat einen Schritt zur�ck und platzte fast vor Aufregung. �Wann m�ssen Sie los?�</p><p>���Ich denke... wegen des Feierabendverkehrs so gegen halb sechs.�</p><p>���Werden Sie zu Mittag essen?�</p><p>���Ich w�rde keinen Bissen runterkriegen.�</p><p>���Gut. Dann fangen wir lieber gleich an.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>3</emphasis></strong></p></title><p>Gleich nach dem Mittagessen gingen Suhami und Christopher nach drau�en, um Calypso herumzuf�hren. Die schnell und gierig fressende Ziege mu�te in relativ kurzen Intervallen an einen anderen Ort gebracht werden.</p><p>��Wie sehr Calypso Gras liebte! Wegen des Verbots von Unkrautvernichtern gediehen Fingerkraut, Brennessel und dicker L�wenzahn allerorten. Als Christopher ihren Pfahl rauszog, hatte sie noch nicht den Eindruck, ihr jetziges Territorium ausreichend abgegrast zu haben, und er mu�te die Leine mehrmals um seinen Unterarm schlingen, um sie wegzuzerren.</p><p>��Calypso, die sehr wohl in der Lage war einzusch�tzen, wie stark ihr Betreuer war, neigte zur Sturheit, falls sie ihn f�r schw�chlich hielt. Erst neulich war sie wie wild die Zufahrt hinuntergesprungen und zum Tor hinaus auf die High Street gerannt, wo man sie zehn Minuten sp�ter geduldig wartend in der Schlange vor dem Fischgesch�ft entdeckt hatte.</p><p>���Du bist ein einf�ltiges M�dchen�, hatte May sie auf dem Heimweg gescholten. �Zumal du Fisch gar nicht magst.�</p><p>���M�chtest du festhalten oder draufklopfen?�</p><p>���Festhalten�, antwortete Suhami und griff nach dem genieteten Halsband.</p><p>���Dann nimm dich lieber vor Eibenbeeren in acht.�</p><p>��Christopher schlug den Pfahl in den Boden, w�hrend Calypso Luftspr�nge vollf�hrte und in einem Anfall von Zorn mit den Hinterbeinen ausschlug. Kaum angepflockt, legte sich ihre Wut. Sie begann friedlich zu mampfen und hob ab und an den Kopf, um der Welt einen ihrer enigmatischen Blicke zu schenken.</p><p>���Wir m�ssen uns unterhalten, Suze. Meinst du nicht auch?� fragte Christopher.</p><p>��Sie wandte sich von ihm ab. �Ich wei� nicht.�</p><p>���Ich liebe dich.� Er stellte sich vor sie und bemerkte den Schatten, der ihre Miene verd�sterte. �Nun... es ist sch�n, wenn man gemocht wird.�</p><p>���Ich will dich ja - wirklich. Es ist nur so, da�...�</p><p>��Als sie nicht weitersprach, hakte Christopher sich bei ihr unter und f�hrte sie zu der gro�en Zeder. �Setzen wir uns da hin, und dann werde ich -�</p><p>���Nicht hier.� Suhami blieb stehen.</p><p>���Okay.� Verdrie�lich dreinblickend, drehte er sich um und spazierte mit ihr zum Teich.</p><p>���Ich wei�, es ist dumm... und ich wei�, da� sie l�ngst vom Wind weggeblasen wurde, aber Jims Asche wurde hier verstreut. Ich kann nicht anders; dieser Ort ist f�r mich immer so etwas wie ein Grab.�</p><p>���Arno hat mir davon berichtet. Mu� sehr traurig gewesen sein.�</p><p>���Das war es damals. Und dennoch - es ist wirklich eine Schande, wie schnell man vergi�t.�</p><p>���Ich denke, das ist immer so. Es sei denn, die Person hat einem ungew�hnlich nahegestanden.�</p><p>���Er war ein so netter Mann. Ruhig und bescheiden. Wenn er seine Arbeit getan hatte, ging er einfach auf sein Zimmer und las oder meditierte. Eigentlich pa�te er nicht richtig in diese Art von Kommune. Manchmal hatte ich den Eindruck, er w�re in einem Kloster gl�cklicher gewesen.�</p><p>���Aber war er nicht ein heimlicher S�ufer? Ich meine, geh�rt zu haben, da� -�</p><p>���O nein. Er hat �berhaupt nichts getrunken. Darum ist es ja so eigenartig. Um ehrlich zu sein -�</p><p>���Hallo.� Der Zuruf kam von der Terrasse. May kam winkend auf sie zu.</p><p>��Sie kam ruhigen Herzens. So ruhig, als h�tten sich ihre Probleme in Luft aufgel�st. Kwan Yin hatte schlie�lich doch noch Wunder bewirkt. Nachdem sie sich erst mal ihr Problem vergegenw�rtigt hatte, war die L�sung derart logisch, da� May sich am liebsten selbst einen Tritt in den Hintern gegeben h�tte, weil sie so blind gewesen war. Nat�rlich war Christopher die Person, mit der sie sprechen mu�te. Er war erst nach Jims Tod nach Windhorse gekommen und konnte deshalb unm�glich in die Geschehnisse verwickelt gewesen sein. Ihre Erleichterung f�hrte mitnichten dazu, da� May seiner Reaktion gelassen entgegensah. Immerhin war es durchaus m�glich, da� er vorschlug, zur Polizei zu gehen, und May wu�te, da� sie sich in diesem Fall genauso schuldig f�hlen w�rde, als h�tte sie diesen Weg gew�hlt.</p><p>��Sie hoffte, ihn allein anzutreffen, aber Suhami winkte ihr zu und rief: �M�chtest du etwas von uns, May?� Mit einer vagen Handbewegung versuchte May anzudeuten, da� - selbst wenn das der Fall gewesen w�re - sie den Grund ihres Kommens vergessen hatte. Aber die Geste wirkte gek�nstelt, denn May war hoffnungslos ehrlich, arglos wie ein kleines K�tzchen.</p><p>���Eigentlich habe ich dich gesucht, Christopher.�</p><p>���Nun, jetzt hast du mich gefunden.�</p><p>���Ja... �hm... tja... Am Wochenende wollten wir Honig ernten, und der Sterilisierer funktioniert nicht.� May sprach mit geschlossenen Augen und rang um Worte. Wie ein schlecht sitzender Zahn lag ihr die L�ge im Mund.</p><p>���Letztes Mal, als wir ihn benutzt haben, funktionierte er prima.� Zusammen schlenderten sie zum Haus zur�ck. �Aber das ist schon �ne Weile her.�</p><p>��Beim Betreten des Hauses zerbrach sich May den Kopf, wie sie das junge Paar auseinanderrei�en k�nnte. Ihr fielen eine ganze Menge unsinniger Ausreden ein, aber sie war sich bewu�t, da� sie sie nicht �berzeugend r�berbringen konnte und infolgedessen eher Suhamis Verdacht erregen, als ihn zerstreuen w�rde.</p><p>���Ich werde mich nach dem Tee darum k�mmern.�</p><p>���Um was k�mmern?� May starrte Christopher verbl�fft an.</p><p>���Um das, worum du mich noch vor zehn Sekunden gebeten hast, May. Nach dem Tee werde ich mir den Sterilisierer anschauen - in Ordnung?�</p><p>���Aber sicher!� rief May. �Tee! Suhami - ich mu� mein Ginseng einnehmen und habe es auf meinem Nachttisch stehenlassen. W�rst du so nett - dann k�nnte ich mir den Gang ersparen und meine Beine schonen...�</p><p>��Kaum eilte Suhami davon, packte May den Arm ihres Begleiters und zerrte ihn in die Halle, bis sie unter dem Oberlicht standen. �Christopher, ich mu� mit dir reden�, fl�sterte sie dann.</p><p>��Mit gehetztem Blick schaute er sich um und fl�sterte: �Ich denke, sie wissen von unseren Pl�nen.�</p><p>���Sei ernst.�</p><p>��Christopher lachte. �Entschuldigung. Wenn du m�chtest, werde ich sofort nach dem Sterilisierer sehen, und wir k�nnen uns in der K�che unterhalten.�</p><p>���Das Ding funktioniert prima. Mir ist ad hoc nichts Besseres eingefallen. Ich mu�te dich allein sprechen. Ich mache mir solche Sorgen. Irgend etwas geht hier vor... etwas stimmt nicht. Und ich bin mir sicher, da� es mit Jims Tod zu tun -� Sie brach ab und blickte zur Galerie hoch, die leer zu sein schien. �Was war das?�</p><p>���Ich habe nichts geh�rt.� Er folgte ihrem Blick.</p><p>���Ein Klicken. Als habe jemand eine T�r geschlossen.�</p><p>���Vielleicht war dem so. Was soll das alles, May?�</p><p>���La� uns lieber drau�en reden.�</p><p>��Christopher lie� sich von ihr den Gang hinunter in Richtung K�che schleifen. �Kommt mir alles ein bi�chen wie der MI vor. Du rekrutierst nicht zuf�lligerweise neue Leute?� Sie kamen zum Hintereingang des Hauses, einer verglasten Terrassent�r. �Ich werde keinen Mikrofilm schlucken, May�, scherzte Christopher weiter. �Nicht mal f�r dich.�</p><p>��Sie traten nach drau�en. Christopher drehte sich um, um die T�r zu schlie�en. May stand ein paar Schritte hinter ihm auf unebenen, moosbewachsenen alten Pflastersteinen. Auf dem Weg zu ihr nahm er ein tiefes Rumpeln wahr. Donner? Ein Blick nach oben verriet keine Verdunkelung. Dann ert�nte ein Poltern, und ein gro�es schwarzes Objekt holperte �ber die Dachrinne.</p><p>��Mit einem Aufschrei verpa�te Christopher May einen Sto�. Sie flog nach vorn, fiel �ber den Saum ihres Kleides und plumpste �ber eine Blumenrabatte. Christopher st�rzte in den T�reingang zur�ck. Der Gegenstand landete zwischen ihnen und brachte einen Pflasterstein zum Bersten. In Sekundenschnelle breitete sich von der Aufprallstelle ein Netz aus; Steinsplitter flogen durch die Luft.</p><p>��Der Fall hatte sich so schnell ereignet und der Aufprall war so gewaltig gewesen, da� die beiden einige Sekunden vor Schock reglos an Ort und Stelle verharrten. Langsam registrierte Christopher, da� jemand hinter ihm stand und seinen Namen rief. Suhami.</p><p>���Hast du geschrien? Was ist denn? Was soll - May...�</p><p>��Mit zerkratztem Gesicht, auf dem Abdr�cke von Lavendel�sten prangten, k�mpfte May sich auf die F��e. W�hrend Suhami ihr zu Hilfe eilte, schlich Christopher ins Haus zur�ck. Immer noch keine Menschenseele auf der Treppe oder Galerie. Alles war ruhig.</p><p>��Behende rannte er zur Galerie hoch, klapperte alle drei Seiten ab, klopfte an T�ren, ri� sie auf und warf einen Blick in die dahinterliegenden Zimmer, wenn niemand antwortete. Alle Zimmer waren leer.</p><p>��Am hinteren Ende des rechten Fl�gels, verdeckt durch einen Samtvorhang, lag ein extrem spitz zulaufender Mauerbogen. Gleich hinter dem Bogen gab es ein Dutzend Stufen, die wie ein Korkenzieher in enger Drehung aufs Dach f�hrten. Es gab Anzeichen, da� vor kurzem jemand hier gewesen war. Der Staub auf den Stufen war teilweise weggewischt und mit Farbsplittern von dem alten, gr�ngestrichenen Oberlichtrahmen �bers�t. Christopher erinnerte sich, da� Arno vor ein paar Tagen dort oben gewesen war, um Vogelschei�e vom Fenster zu kratzen. Er kniete sich auf die oberste Stufe, ganz dicht neben das Glas, stie� den n�chstbesten Glasfl�gel des Oberlichts auf und fixierte ihn mit einem verrosteten Stab. Danach steckte er vorsichtig den Kopf durch die �ffnung und schaute sich um.</p><p>��Auf dem Dach schien niemand zu sein. Er kletterte hoch und verlor sofort jedes Orientierungsgef�hl - die enge Wendeltreppe hatte ihn vergessen lassen, wo welche Himmelsrichtung lag. Zur Orientierung drehte er sich langsam im Kreis. Dort lag der Gem�segarten, daher mu�te der Dachabschnitt �ber der Hintert�r auf der entgegengesetzten Seite liegen.</p><p>��W�hrend er noch z�gerte, was er als n�chstes tun sollte, schoben sich Wolken vor die Sonne und lie�en die Farben der ihn umgebenden Ziegel und Mauern verblassen. Wind kam auf, und Christopher zitterte, obgleich ihm nicht kalt war. Jemand spaziert �ber mein Grab. Er fragte sich, wann dieser Satz zum ersten Mal Erw�hnung gefunden hatte, denn die Toten, eingebettet in ihre h�lzernen Kokons, waren die letzten, die sich daf�r interessierten, ob jemand �ber ihre zu Staub zerfallenden K�pfe ging oder gar auf ihnen tanzte.</p><p>��Auf dem Dach stand eine Unmenge von Kaminen, aber es gab nur drei ru�ige Schornsteine mit jeweils vier T�pfen. Ihre N�he st�rte Christopher. Die toten Schornsteine vermittelten ihm den Eindruck von Zusammenhalt. Auf der einen oder anderen �ffnung sa� eine Art Haube. Bei einem Windsto� drehten sich mehrere von den Dingern knarzend in seine Richtung. Sein Gef�hl von Unsicherheit verst�rkte sich noch. Auf einmal kam er zu der unsinnigen �berzeugung, da� die Hauben lebende Organismen beherbergten, die ihn beobachteten. Er versuchte sich zu beruhigen und begann langsam zum gegen�berliegenden Dachrand zu schreiten. Es war unm�glich, einen geraden Weg einzuschlagen. Das Dach setzte sich aus drei steil abfallenden Abschnitten zusammen, von schmalen Trampelpfaden durchschnitten. Zwischen zweien der Pfade b�umte sich das gro�e, von Eisenstreifen eingefa�te Oberlicht auf.</p><p>��Auf den engen Wegen kam man nur voran, wenn man vorsichtig einen Fu� vor den anderen auf die blauschwarzen, verbogenen Bleiplatten setzte. Genau so verfuhr Christopher. Auf der anderen Seite angekommen, sp�hte er �ber den Dachrand. Nun befand er sich direkt �ber dem zersplitterten Pflasterstein. Die Delle in der Dachrinne verriet ihm, an welcher Stelle der Metallgegenstand hinuntergepurzelt war. Und eine helle, runde, fleckenlose Stelle sagte ihm, wo er die l�ngste Zeit gelegen hatte. Sie war gut einen halben Meter von der Dachrinne entfernt, auf einer ganz ebenen Fl�che. Ihm erschien es unm�glich, da� ein Objekt von dieser Gr��e und diesem Gewicht sich aus eigenem Antrieb in Bewegung gesetzt haben sollte. Selbst f�r eine einzelne Person h�tte es nicht leicht sein k�nnen, das Ding zur entsprechenden Stelle zu r�cken, geschweige denn �ber den Rand zu hieven. Und doch mu�te es genau so passiert sein.</p><p>��Sollte dem so gewesen sein - Christopher richtete sich schnell auf und schaute sich um -, wie war es dieser Person dann gelungen, sich so schnell aus dem Staub zu machen? War jemand derart flink, da� er �ber das Dach gehen, das Oberlicht schlie�en, die schmalen Treppenstufen �berwinden und nach unten laufen konnte und alles innerhalb von dem kurzen Zeitraum zwischen dem Heruntersto�en des Metallklotzes und Christophers R�ckkehr in die Halle? Er konnte sich dies - ehrlich gesagt - nicht vorstellen.</p><p>��Erneut knarzten die Schornsteinaufs�tze und erinnerten Christopher daran, da� er sich zuvor beobachtet gef�hlt hatte. Vielleicht war er auf eine Erkl�rung gesto�en. Falls der potentielle M�rder (denn als was sollte man sonst einen Menschen bezeichnen, der einen gro�en Brocken Eisenerz auf einen Menschenkopf warf?) gar nicht vom Dach herunter war, sondern geblieben war und sich versteckt hatte... Sich wom�glich immer noch versteckt hielt.</p><p>��Schlagartig wurde er sich des leeren Raums hinter seinem R�cken bewu�t. Nichts als Luft. Sauerstoff, Stickstoff, Kohlendioxid. Keiner dieser Stoffe hatte die Macht, ihn aufzufangen. Eigentlich - wenn man genauer dar�ber nachdachte -waren sie nur zum Durchfallen geeignet. Gerade, als er am dringendsten auf sie angewiesen war, merkte er, wie seine Knie weich wurden.</p><p>��Geschwind legte er die Distanz vom Dachrand zum n�chsten Schornstein zur�ck. Keine Menschenseele verbarg sich dahinter. Auch hinter dem zweiten nicht. Leise und mit pochendem Herzen n�herte er sich dem dritten. Vier gedrehte gelbe Stangen, ru��berzogen. Behutsam auftretend, begann er mit der Umkreisung. Nach der H�lfte �berfiel ihn das Bed�rfnis, laut zu lachen. Diese Vorgehensweise hatte er sich in einer Reihe von schaurigen Filmen abgeguckt, in denen die komische Hauptperson auf Zehenspitzen um einen Baum kreist und von einem Mann im Gorillakost�m verfolgt wird. Aber hier oben war niemand. Mu� durch das Oberlicht geklettert sein, schlo� Christopher, w�hrend ich mir die Dachrinne angesehen habe.</p><p>��Schon im Gehen begriffen, erregte etwas zwischen den Schornsteinaufs�tzen seine Aufmerksamkeit. Etwas, das aus einem Spalt ragte. Sah aus wie das Ende einer Metallstange. Er zog daran, bis das Ding sich l�ste. Und hielt ein Radkreuz in der Hand.</p><p>��Als Christopher endlich wieder unten war und zu Mays Zimmer gelangte, war es proppenvoll. Noch im T�rrahmen z�hlte er kurz durch. Alle waren anwesend.</p><p>��Er sah sich mit einer h�chst dramatischen Szene konfrontiert. Ziemlich malerisch und in gewisser Hinsicht viktorianisch beredt. Wie eine jener allegorischen Andeutungen der Sterblichkeit, auf denen ein alter Patriarch in seinen letzten Atemz�gen abgebildet war, umgeben von weinenden Familienangeh�rigen, einem alten Faktotum und einem r�hrselig dreinblickenden Hund.</p><p>��May lag auf einer Chaiselongue und sah f�r ihre Verh�ltnisse einigerma�en bla� aus. Jemand hatte einen pfauenblauen Fransenschal �ber ihre Knie drapiert. Hinter ihr stand der Meister. Sein wei�es Haar strahlte im Sonnenlicht; seine Hand ruhte auf ihrer Stirn. Suhami kniete neben ihr. Tim hatte sich auf einem Fu�schemel niedergelassen. Mit ringenden H�nden beugte sich Arno (er rang sie wirklich, als wringe er W�sche aus) �ber sie. Janet und Trixie hielten sich ein wenig abseits und erweckten den Eindruck, zur Gruppe zu geh�ren und auch wieder nicht.</p><p>��Die Beavers kauerten am Fu� der Couch. Heather hatte ihre Gitarre mitgebracht und schlug leise, zuckers��e Akkorde an. Ken sagte: �Hier gibt es viel zu heilen�, ehe er zuerst seinen magnetischen Kristall ber�hrte und dann mit ernster Miene nach Mays Fu�sohle griff.</p><p>���Es geht mir gut�, betonte May. �Unf�lle passieren. Macht keinen Wirbel.�</p><p>��Heather begann die Saiten ihres Instruments mit mehr Inbrunst zu zupfen und rezitierte dann einen Vierzeiler, der sie alle auffahren lie�.</p><p>���Oh, Zenitene Strahlen kosmischer Macht ergie�t aus dem himmlischen Turm glei�end helles Leuchten in einem goldenen Schauer und st�rkt unsere sternengeborene Blume.�</p><p>��Erneut ber�hrte Ken seinen Kristall und betrachtete einen nach dem anderen mit einer Grabesmiene. Schlie�lich blieb sein Blick an der Vorhangschabracke h�ngen, als beschuldige er sie, wichtige Informationen zur�ckzuhalten. Eine Weile sp�ter wandte er sich wieder an die liegende Gestalt: �Jetzt bist du tief eingeh�llt in Jupiters Psi-Sonde und badest in seinem wundersam heilenden Einflu�.�</p><p>���Nun, das wei� ich.� May zupfte am Seidenschal. �Wir alle sind permanent eingebettet in wundersam heilende Strahlen, welcher Ursprungs auch immer. Ich brauche jetzt meine Medizin und etwas Arnika f�r die blauen Flecken. Beides liegt in diesem kleinen Muschelk�stchen. W�re vielleicht jemand so nett... ?�</p><p>��Umgehend setzte sich Arno in Bewegung. Er h�ndigte ihr das Erbetene aus mit der Frage: �M�chtest du vielleicht auch etwas Oxymol, May?�</p><p>���Warum nicht? Honig kann nie schaden. Danke, Arno.�</p><p>��Hocherfreut, die W�nsche seiner Herzdame erf�llen zu d�rfen, eilte Arno von dannen. Er w�rde den wohlriechendsten Honig - war da nicht noch etwas Mount Hymettus �brig? - und dazu einen frischen, leichten Honig in einer h�bschen Tasse geben. Sollte er noch ein paar Blumen pfl�cken? Unter derlei Umst�nden durften die Regeln sicherlich ein wenig lockerer ausgelegt werden.</p><p>��Gerade als er die K�che betreten wollte, hielt er inne. Die hintere T�r stand immer noch offen. Arno trat �ber die T�rschwelle, inspizierte den geplatzten Pflasterstein und den Metallbrocken und begutachtete den Lavendel, der von Mays Sturz plattgedr�ckt worden war. Einige Zweige waren abgeknickt. Als er sah, wie knapp sie dem Tod entgangen war, �berkam ihn eine leise, tiefsitzende Furcht. Er stellte sich eine Welt ohne sie vor. Ohne W�rme und Farbe, ohne Licht, Musik, Sinn... Harmonie...</p><p>���Aber sie lebt ja noch�, sagte er mit fester Stimme. May w�rde ziemlich �rgerlich reagieren, wenn sie w��te, da� er derlei schrecklichen, d�steren Gedanken nachhing. Sie selbst sah immer in allem das Positive. Nicht die Wolke, sondern den Silberstreifen am Horizont. Den Regenbogen und nicht den Regen.</p><p>��Nachdem er kein sch�neres Gef�� gefunden hatte, hielt Arno bei seiner R�ckkehr einen schweren, grobschl�chtigen Becher mit Oxymol in den H�nden. May setzte sich auf und sah wieder einmal v�llig unfehlbar aus. Sie hatte ihre Medizin so lange gesch�ttelt, bis sie sich indigo gef�rbt hatte, und rieb etwas davon auf ihre Handgelenke. Im Zimmer breitete sich ein holziger Geruch aus. Er trat vor, und als er ihr den Becher �berreichte, ber�hrten Mays Finger die seinen. Arnos sommersprossige Wangen f�rbten sich rot. Er hoffte inst�ndig, da� es niemandem auffiel.</p><p>���Ich habe mich nicht einen Moment wirklich in Gefahr befunden�, versicherte sie nun allen Anwesenden. �Mein Schutzengel wachte �ber mich, wie er das immer tut. Wer hat eurer Meinung nach daf�r gesorgt, da� Christopher so dicht hinter mir war?�</p><p>��Christopher wurde von allen Seiten dankbar angel�chelt. Die von ihm auf dem Dach gef�llte Entscheidung behagte ihm immer noch nicht richtig. Nachdem sich der Schock �ber den Fund des Radkreuzes gelegt hatte, hatte er nicht recht gewu�t, was er mit dem Ding anstellen sollte. Sollte er es wieder dorthin legen, wo er es gefunden hatte? Und falls er so verfuhr, w�rde der Angreifer sich dann einbilden, nicht entdeckt worden zu sein, und selbstbewu�t einen zweiten Anschlag ver�ben? Wenn Christopher das Radkreuz mitnahm, w�rde sich der Mann m�glicherweise in acht nehmen und doppelt gef�hrlich sein. Nach l�ngerem Abw�gen hatte Christopher sich f�r letztere Strategie entschieden. Jetzt lag das Radkreuz in eine Decke gewickelt unter seinem Bett. Sp�ter wollte er es in Calypsos Schuppen bringen.</p><p>��Das Gespr�ch drehte sich nun nicht mehr um Mays Wohlergehen, sondern um den Eisenklumpen und die Tatsache, wie seltsam es war, da� das Ding �berhaupt auf dem Dach gelegen hatte. Heather, die sich als einzige mit der Geschichte von Manor House auseinandergesetzt hatte - in der K�chentisch-schublade lag ein kleines B�chlein zu diesem Thema -, verk�ndete, da� der Klumpen zum ersten Mal nach dem Ersten Weltkrieg erw�hnt und damals f�r das Fragment einer Kanonenkugel gehalten worden war. Sp�ter deutete man ihn - zweifellos das Ergebnis des Fortschritts in den Wissenschaften und der Astronomie - als Teil eines Meteors. Egal, welchen Ursprungs das Ding sein mochte, es hatte dort oben gelegen, und weder die Allmacht der Natur noch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg hatten das Ding auch nur einen Zentimeter verr�cken k�nnen. Wie seltsam, schlo� Heather, da� er ausgerechnet heute nach unten gefallen war.</p><p>��Nach dieser Bemerkung verfielen alle in Schweigen. May, unter dem Schutz der Engel, schaute immer noch etwas perplex drein. Hinter dem R�cken der anderen verdrehte Trixie die Augen. Ken schien von dem Geheimnis fasziniert zu sein, und Heather vermutete, er k�nne es nicht erwarten, in dieser Angelegenheit Hilarions Meinung einzuholen. Tim, das Unerkl�rliche sp�rend, machte sich noch kleiner als sonst.</p><p>��Die Stille breitete sich immer mehr aus, bis sich alle, einer nach dem anderen, dem Meister zuwandten. Der Raum schien vor verhei�ungsvoller Erwartung zu bersten. Er w�rde diese Disharmonien erkl�ren k�nnen, besagten ihre vertrauensvollen Mienen. Der Meister l�chelte sein obligates L�cheln. Beugte sich kurz nach unten, um Tims goldenen Schopf zu streicheln, und meldete sich schlie�lich zu Wort.</p><p>���Viele Dinge agieren im Vakuum des Energiefeldes. Das niedrige Stratum dynamischer Kraft ist weit davon entfernt, stabil zu sein. Subatomare Partikel sind konstant in Bewegung. Verge�t niemals - es gibt kein ruhendes Elektron.�</p><p>��Das war es also. Das fallende Objekt war nichts anderes als die Verk�rperung lebendiger Materie. Die Anwesenden begannen zu nicken und zu l�cheln oder den Kopf zu sch�tteln angesichts ihrer geistigen Tr�gheit. Den Handr�cken auf die Stirn legend, bekundete Ken, was f�r ein Idiot er doch sei. Niemand widersprach ihm.</p><p>��Kurz danach forderte der Meister sie auf, May ruhen zu lassen. �Und bedankt euch bei ihrem Schutzengel, wie es sich geb�hrt.� Damit entfernte er sich. Tim folgte ihm und trat beinahe auf den Saum seines blauen Gewandes, vor lauter Angst, zur�ckgelassen zu werden. An der T�r drehte sich der Meister um. �Ich mache mir gro�e Sorgen wegen deiner f�r heute abend angesetzten R�ckf�hrung. Diese Reisen k�nnen �beraus anstrengend sein. W�re es dir lieber, sie auf einen anderen Abend zu verschieben?�</p><p>���Auf gar keinen Fall, Meister�, antwortete May stur. �Wir haben Neumond, und wir haben �beraus verhei�ungsvolle Nachrichten von Hilarion erhalten. Wie w�rde ich mich f�hlen, wenn mir Astarte eine Manifestation zuteil werden lie�e und ich all diese extrem dynamische Energie nicht nutzte? Und au�erdem�, sagte sie, setzte sich auf, trank einen kleinen Schluck Oxymol und strahlte die anderen an, �bin ich schon wieder ganz die alte.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>4</emphasis></strong></p></title><p>Es war halb f�nf. Beim Abendessen waren die Craigies sicherlich anwesend. Und hinterher gab es vielleicht keine M�glichkeit mehr, Sylvie allein zu sprechen. So kam es, da� Guy verfr�ht in Compton Dando eintraf. Die leise Bef�rchtung, da� dies eventuell nicht gern gesehen war, hatte keine Chance gehabt, neben dem alles umfassenden Deckmantel freudiger Aufregung zu bestehen.</p><p>��Auf dem Weg dorthin war es ihm gelungen, sich selbst davon zu �berzeugen, da� der Brief in Wirklichkeit - ihm war es sehr wohl gegeben, zwischen den Zeilen zu lesen - von Sylvies Entscheidung k�ndete, ihm zu verzeihen. Da� sie ihn nicht pers�nlich �ber ihren Sinneswandel in Kenntnis setzen konnte, daf�r brachte Guy gro�es Verst�ndnis auf. Sie war tief verletzt worden und keineswegs bereit, die Rolle einer Bittstellerin einzunehmen. Und dies w�nschte er auch nicht. Aber daran, da� eine Einladung ausgesprochen worden war, und zwar nicht nur mit ihrer Erlaubnis, sondern auf ihren Wunsch hin, hatte er nun nicht mehr den geringsten Zweifel. Die Jahre seiner einsamen Trauer neigten sich dem Ende zu. Mit einem Blumenstrau� und einer Karte mit den schlichten Worten �In Liebe� neben dem Haupteingang von Manor House stehend, wurde er von Gl�cksgef�hlen �bermannt. Er war darin gebadet, wie in Schwei�.</p><p>��Er schaute sich nach Anzeichen von Leben um. Im Schlo� steckte ein gro�er gotischer Schl�ssel, und an einem vertikal angebrachten Eisenstab war eine rostige Klingel befestigt, an der erzog. Die Klingel t�nte recht laut, aber niemand kam. Die Blumen umst�ndlich haltend, wartete er eine Weile. Auf der Veranda standen zwei an die Wand gelehnte Holzst�hle, abgenutzt und glatt wie jene, die man oft vor alten Dorfkirchen fand. Guy legte den Strau� auf einem der St�hle ab und trat einen Schritt zur�ck, um das bemerkenswert imposante Haus besser betrachten zu k�nnen.</p><p>��Da� sie gar nicht dasein k�nnte, war Guy nicht in den Sinn gekommen. Sollte er erst in sein Hotel einchecken und sp�ter wiederkommen? Gina hatte ihm ein Zimmer im Chartwell Grange, dem einzig halbwegs annehmbaren Hotel weit und breit, reserviert. Guy hatte beschlossen, nach dem Abendessen, egal welchen Ausgang es nahm, nicht heimzufahren. Er wollte allein sein und das Wiedersehen mit seiner Tochter allein verdauen, genie�en, im Geist noch mal durchleben und feiern. Und auch wenn Felicity nichts von der Einladung ahnte und - bis er zur�ckkehrte - sich mit Hilfe von Alkohol und Tabletten unter aller Garantie ins seelische Niemandsland katapultiert hatte, war Guy der Gedanke unertr�glich, sich kurz nach dem Abschied von seiner Tochter ihrer Gegenwart aussetzen zu m�ssen.</p><p>��Noch nicht gewillt aufzugeben, marschierte er am Haus entlang. Was f�r ein Durcheinander hier herrschte. Blumen, deren Bl�ten nicht aufgerichtet waren, sondern im Staub lagen. Ein immens hohes, vielfach verstrebtes blaues Etwas, das in sich zusammengefallen war und auf dem Kies verstreut lag. Er gelangte zu einer r�udigen Eibenhecke, die parallel zur einer Mauer verlief. An einer Stelle waren die �ste f�r einen Durchgang, durch den Guy nun trat, gekappt worden.</p><p>��Dahinter lag ein weitl�ufiges Rasengrundst�ck, auf dem Stiefm�tterchen und Klee sprossen, an denen sich eine korpulente Ziege labte. In der Mitte stand eine gro�e Zeder, die so alt wie das Haus sein mu�te. Zu seinen F��en lag ein rechtwinkliger Teich mit herumflitzenden Fischen. Manche waren wie Tiger gestreift, andere waren kleiner und hatten d�nne R�cken und durchsichtige schneckenartige H�rner. Am Ende der Rasenfl�che erhoben sich mehrere Bambuswigwams. Dort mu�te es - das verriet ihm die Uneinheitlichkeit der Pflanzen - auch einen Gem�segarten geben. Und endlich ein Anzeichen von menschlichem Leben. Jemand harkte Erde. Vielleicht Ian Craigie?</p><p>��Kaum hatte Guy sich richtig in Bewegung gesetzt, da stellte der Mann sein Tun ein, warf den Kopf nach hinten und begann zu deklamieren. Die Verse waren schlicht, wurden laut vorgetragen und mit befremdlichen Gesten untermalt. Der Mann warf die Arme hin und her und hielt das Gesicht in die Sonne. Leicht verst�rt zog sich Guy zur�ck.</p><p>��Wieder auf der Veranda, beschlo� er, noch mal die Klingel zu bet�tigen, kam dann aber wieder davon ab und drehte, ohne gro� nachzudenken, an dem aus einem Eisenring bestehenden T�rgriff. Die T�r ging auf, und er betrat das Haus.</p><p>��Er stand in einer gro�en Halle mit gew�lbter Decke, die mit farbenpr�chtig bemalten Schlu�steinen akzentuiert war. Eine beeindruckende Treppe mit aufwendig geschnitzten Treppen- und Gel�nderpfosten f�hrte zu einer dreifl�geligen Musikantengalerie hoch. Der riesige Raum war nur sp�rlich mit �u�erst schlichten M�belst�cken ausstaffiert: zwei stattliche Holztruhen, von denen eine einen kaputten Deckel hatte, zwei unfachm�nnisch gepolsterte St�hle, ein runder, nichtssagender Tisch, der keiner Stilperiode zuzuordnen war, und ein gro�er freistehender Schrank. Der einzig ansehnliche Gegenstand war ein gro�er, knapp zwei Meter hoher Steinbuddha auf einem Sockel. Der Kopf war mit kleinen, an Pickel erinnernde Locken verziert. Auf dem Sockel stand eine Glasschale mit Lupinen, und jemand hatte ein paar Fr�chte ausgelegt.</p><p>��Die Luft roch unangenehm. Nach Bohnerwachs, ungesundem Essen und feuchter W�sche. Der Geruch einer Institution. Er mu�te es wissen. Schlie�lich hatte er lange genug dort gelebt. Und �ber allem schwebte ein ziemlich aufdringliches Aroma, das - wie Guy f�rchtete - Weihrauch sein mu�te.</p><p>��Auf dem Tisch standen zwei Holzschalen, in denen jeweils eine sch�n beschriftete Karte lag. �F�hlst du dich schuldig?� und �Liebesopfer� stand darauf geschrieben. In der Schale f�r die Schuldgef�hle lagen f�nf Pence. Au�erdem gab es eine Menge von Hand bedruckter Flugbl�tter, die von �berfl�ssigen Hervorhebungen und eigenwillig plazierten Ausrufezeichen strotzten. Guy hob The Romance of the Enema von einem Kenneth Beavers hoch, der sich Clairaudient und Intuitiver Diagnosesteller titulierte. An der T�r, durch die er gerade eingetreten war, hing ein gr�ngebeiztes Anschlagbrett. Guy ging hin�ber, um einen Blick darauf zu werfen, und trat fest auf, damit seine Schritte lauter als n�tig klangen.</p><p>��Die daran befestigten Notizen erwiesen sich als uninteressant. Haupts�chlich Arbeitspl�ne. Kochen, Waschen. Calypso f�ttern und melken. Schnell �berflog er die Liste, ohne Sylvies Namen zu entdecken. Er wu�te nicht, ob er sich ermutigt f�hlen oder frustriert sein sollte. An der gleichen Stelle hing auch ein gro�es Poster: �Mars &amp; Venus: Das Verlangen nach Hilfe, aber sind wir bereit? Diskussion am 27. August in der Bibliothek von Causton. Melden Sie sich rechtzeitig an, dann laufen Sie nicht Gefahr, abgewiesen zu werden.�</p><p>��Lebte hier demnach eine �bergeschnappte, pseudoreligi�se Truppe? Auf dem Arbeitsplan waren M�nner und Frauen eingetragen. Dann handelte es sich nicht um ein Nonnenkloster. M�glicherweise war das Haus eine Art Anstalt. Die Vorstellung, da� Sylvie sich hier aufhielt, kam ihm - ehrlich gesagt -l�cherlich vor. Und wo kam dieser Craigie ins Spiel? �Essen Sie mit uns zu Abend.� Stand �uns� f�r diese eigenartige Gruppe? Die Vorstellung behagte Guy ganz und gar nicht. Er versp�rte nicht die geringste Lust, sich in Gesellschaft einer Horde von Freaks mit seiner Tochter auszus�hnen. Er schaute sich nach weiteren Hinweisen um.</p><p>��Zwei Korridore gingen von der Halle ab, und da war auch eine T�r mit der Aufschrift �B�ro�, die Guy �ffnete. Er warf einen Blick in das fensterlose Zimmer mit auf Boden und Regalen verteilten Papieren und Akten. Auf einem Kartentisch stand ein Gestetner. In einem Ledersessel mit hoher R�ckenlehne sa� jemand.</p><p>��Lange, von blauem Jeansstoff eingeh�llte Beine, ein bildsch�ner Schopf goldblondes Haar, feine Locken auf der Stirn. Eine Diele knarzte unter Guys F��en, und die Gestalt drehte den Kopf. Es gelang ihm, einen kurzen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen, ehe sie aufstand, zum verstaubten Wandteppich rannte und sich dahinter versteckte, als w�re sie splitterfasernackt.</p><p>��Sie war das sch�nste Wesen, das ihm je unter die Augen gekommen war. Angesichts dieser Perfektion fiel Guy die Kinnlade runter. Es dauerte eine halbe Minute, bis er sich gefa�t hatte. Erst dann begriff er, wie sehr sie sich vor ihm f�rchtete. Hechelnd wie ein in die Enge getriebenes Tier, stand sie mit dem R�cken zur Wand. Leise murmelnd begann Guy eine Entschuldigung hervorzubringen.</p><p>���Es tut mir leid... ich wollte nicht... Es ist alles in Ordnung. Ich bin ein Besucher. Bin gekommen, um meine Tochter zu sehen.�</p><p>��Seine Worte waren nur Schall und Rauch. Ihr Keuchen wurde lauter, sie witterte Gefahr. Guy wich zur�ck, l�chelte und zuckte mit den Schultern, um zu zeigen, da� er keine Gefahr darstellte. Dann bewegte sie sich so heftig, da� der Vorhang wegrutschte. Zum zweiten Mal erhaschte er einen Blick auf ihr Gesicht und war schockiert. Sein Magen zog sich zusammen, seine Stirn wurde kalt und klamm. Schlagartig verflog der Zauber. Angeekelt wandte er den Blick ab - das M�dchen war geisteskrank.</p><p>��Unkontrolliert verdrehte sie die dunkelblauen Augen. Sabber tropfte von ihren wohlgeformten Lippen, die sie sch�rzte und zu einer unansehnlichen runden Schnute zusammenpre�te. Dann bemerkte Guy zum ersten Mal die Kinnlinie und die gro�e braune Hand, die �ber die Wand glitt. Langsam d�mmerte ihm, da� die Gestalt keine Frau, sondern ein junger Mann war. Sein Ekel verst�rkte sich noch. Am liebsten w�re er aus dem Zimmer gest�rmt und h�tte die T�r hinter sich zugeschlagen.</p><p>��Verdammt, was f�r ein Ort war das hier? Er war durchaus gewillt gewesen, den ersten Kerl, der drau�en im Kohlbeet allein vor sich hin gefaselt hatte, zu entschuldigen, aber dieser hier, diese zur�ckgebliebene Kreatur, war einfach zuviel. Die Vorstellung, da� seine Tochter in diesem Umfeld lebte, beunruhigte ihn.</p><p>��Er kehrte in die Halle zur�ck, wo man allem Anschein nach endlich von ihm Notiz genommen hatte. Vorhangringe aus Holz klapperten, ein M�dchen tauchte auf der Galerie auf und ging schnellen Schrittes zur Treppe hin�ber.</p><p>��Sie hatte das lange dunkle Haar zu einem Zopf geflochten und trug flie�ende Musselinhosen. In Bewegung erinnerte sie an eine wei�e Motte mit gespreizten Fl�geln. Der Musselin war an den Fesseln in B�ndchen zusammengefa�t, an denen winzige, fr�hlich klimpernde Gl�ckchen befestigt waren. Barfu� h�pfte sie wie eine Wolke Distelwolle die Stufen hinunter. Ihre F��e ber�hrten kaum den Boden. Als sie n�her kam, sah er, da� ihr geflochtener Zopf mit kleinen wei�en Blumen geschm�ckt war und ein roter Tupfer mitten auf ihrer Stirn prangte. Sich vor ihm aufbauend, legte sie wie beim Gebet die Handfl�chen aufeinander, um ihn zu begr��en. �Willkommen im Golden Windhorse.� Sie verbeugte sich.</p><p>��Gezwungenerma�en mu�te Guy den dritten Schock innerhalb von wenigen Minuten verdauen, reagierte aber dennoch geistesgegenw�rtig. Dieser eine Augenblick war gef�hrlich und bot ihm gleichzeitig eine gro�e Chance. Sein Blick ruhte auf ihrem Scheitel, der ebenfalls rot gepudert war. Er streckte die Hand aus und ber�hrte vorsichtig ihre Schulter. Dann sagte er: �Tag, Sylvie.�</p><p>���Ich hei�e jetzt Suhami.� Selbst ihre Stimme klang anders. Sanft, wohlklingend, leicht ged�mpft, als dringe sie durch mehrere Baumwollschichten. �Das hei�t tanzender Wind.�</p><p>��Im stillen spielte Guy mehrere Antworten durch, die seiner Einsch�tzung nach alle mi�verst�ndlich sein konnten, und schwieg. Nickte nur mit dem Kopf und zog die untere H�lfte seines Gesichts zu einem L�cheln hoch. War diese Reaktion zu k�hn? Der gesenkte Blick Suhamis verriet ihm nichts. Sie sagte: �Du bist fr�h dran.�</p><p>���Ja. Ich hatte gehofft, wir k�nnten uns vor dem Abendessen unterhalten.�</p><p>���Ich f�rchte, das wird nicht m�glich sein.� Allein der Gedanke schien sie aufzuregen. Die Haut unter dem roten Punkt legte sich in Falten.</p><p>��Unsicher und reglos stand Guy da und starrte seine Tochter an. Nur Sylvie war in der Lage, ihn in solch einen Zustand zu versetzen, und zum ersten Mal st�rte es ihn wirklich, da� sie dazu f�hig war.</p><p>��Ohne ein weiteres Wort entfernte sie sich. Durchma� die Halle, verschwand in einem Korridor. Gewi� ging sie davon aus, da� er ihr folgte. Guy setzte sich in Bewegung und kam sich auf einmal unglaublich ordin�r vor. Der Flur endete vor einer Glast�r, die auf die Terrasse hinausf�hrte. Kurz vor der T�r, auf der linken Seite, waren ein paar Holzhaken angebracht, an denen ein alter Regenmantel und ein W�scheklammerbeutel hingen. Darunter standen mehrere Paare Gummistiefel und ein Paraffinofen. Gegen�ber dieser Wand f�hrten drei Steinstufen zu einer weiteren T�r, aus der das Klappern von Teel�ffeln und Geschirr drang.</p><p>��Guy dr�ckte den T�rgriff runter und trat in die quadratische, niedrige K�che. Die Kacheln und die Steinsp�le hatten Risse und sahen alt aus. Es gab ein langes Eisenregal, einen moderneren Gasherd. Sylvie kochte Tee. Aus einem flachen Bastkorb nahm sie Minzebl�tter, legte sie in eine kleine Teekanne und go� kochendes Wasser darauf. Zuerst hoffte Guy, da� er nicht f�r ihn bestimmt war, dann wieder hoffte er, da� Sylvie den Tee doch f�r ihn aufbr�hte.</p><p>��Sie ging zu einem Regal, auf dem verschiedene Messer ausgelegt waren, nahm eins herunter und begann ein St�ck gl�nzendes, klebriges und hart aussehendes Etwas zu zerteilen. Ihr Vater, der erst vor kurzem einen Bericht �ber Drogen gesehen hatte, fand, das Zeug s�he wie gepre�ter Cannabis aus.</p><p>���Was ist das?�</p><p>���Rambutanzwieback.�</p><p>���Aha.�</p><p>��Jetzt richtete sie ein Tablett her. Offenbar war der Tee weder f�r sie noch f�r ihn. Jede Sekunde w�rde sie das Tablett nehmen und vielleicht endg�ltig verschwinden. Guy studierte das gefa�te Profil. Suchte darin nach einer Reaktion auf ihre Begegnung. Wie konnte sie nur so ruhig sein? Hatte sie tats�chlich keinen Sinn f�r die Bedeutung des Augenblicks? Was immer er auch erwartet haben mochte, das hier bestimmt nicht. Sie kam ihm wie eine Fremde vor. War seine Tochter und doch nicht seine Tochter.</p><p>��M�glicherweise hatte man sie einer Gehirnw�sche unterzogen. Vielleicht war dies die Zentrale eines verr�ckten Kults - das w�rde das flie�ende Kost�m, die dummen Gl�ckchen und diesen l�cherlichen roten Punkt erkl�ren. Ohne einen historischen Bezugspunkt f�r solch eine Transformation lehnte er sie prinzipiell ab, wie ihm jedwede Ver�nderung widerstrebte, die ohne seine Zustimmung vonstatten ging.</p><p>��Ihm entging nicht, da� sie allen Gegenst�nden auf dem Tablett eine �bertriebene Aufmerksamkeit schenkte. Mit extremer Pr�zision und widernat�rlich konzentriert neigte sie zwischen den einzelnen Bewegungen den Kopf nahezu ehrerbietig. Wie bei allen Ritualen wurde auch hier der Beobachter bewu�t ausgeschlossen. Ihre Ernsthaftigkeit ging Guy langsam auf die Nerven. Er versp�rte den heftigen Drang, sie zu irgendeiner Reaktion zu n�tigen, wohlwissend, wie unklug ein solcher Schritt w�re. Auf die Idee, da� seine Gesellschaft ihr unertr�glich war, kam er nicht.</p><p>���Ein wundersch�nes Haus, Syl... �hm... Suzz... �hm...�</p><p>���Ja. Ich bin sehr gl�cklich hier.�</p><p>���Das freut mich - oh! Es freut mich, da� du gl�cklich bist, Sylvie.� Ihm fiel auf, da� sie angesichts seiner aufdringlichen �berschwenglichkeit zusammenschrumpfte. Auf seine Stimme achtend, f�gte er hinzu: �Wie kommt das? Was bedeutet dieser Ort f�r dich?�</p><p>���Ich habe hier meinen Frieden gefunden.� Eine grazile Bewegung der Hand schlo� das alte Regal und die K�chenschr�nke. �Und Menschen, denen wirklich etwas an mir liegt.�</p><p>��Ohne gro� zu murren, fing Guy den Schlag unter die G�rtellinie ab.</p><p>��Er konnte sehen, da� sie es ernst meinte. Das wu�te er nun. Oder dachte es, was auf das gleiche hinauslief. Daher r�hrten zweifellos ihr ausdrucksloses Gesicht, ihre flie�enden Bewegungen, ihre vagen Verbeugungen. Demut war Guy unertr�glich. Wenn es nach ihm ging, konnte man sich Bescheidenheit in den Hintern schieben. Wieder wandte sie sich mit ihrer geschlechtslosen sanften Stimme an ihn: �... und als der Meister vorschlug, da� du eingeladen werden sollst, haben wir alle �ber diesen Vorschlag diskutiert und sind �bereingekommen, da� mein Geburtstag der passende Zeitpunkt ist.�</p><p>��Der zweite, so ganz beil�ufig ausgeteilte Schlag unter die G�rtellinie setzte Guy wesentlich st�rker zu als der vorige. Um ehrlich zu sein, er hing in den Seilen. Sein Besuch war also nicht ihre Idee gewesen. Der Vorschlag stammte von einer Horde Irrer, die alles miteinander teilten, die permanent f�reinander da waren, Frieden predigten und die Venus beobachteten. Seine Anwesenheit an diesem Ort wurde von ihnen nur geduldet. Der Gedanke verletzte seinen Stolz. Und machte ihn eifers�chtig. Ganz spontan wollte er unh�flich sein. Ihr weh tun, weil sie ihm diesen Schlag versetzt hatte.</p><p>���Ich denke, das wird sich legen.�</p><p>���Was?�</p><p>���All dieser Frieden und so.�</p><p>���Nein, das wird sich nicht legen.�</p><p>���Du bist noch sehr jung, Sylvie.�</p><p>���Ich bin �lter, als ich aussehe.�</p><p>��Die Worte waren voller Bitterkeit. Er schaute zu ihr hin�ber, und die Kluft schlo� sich. Ehrlichkeit erbl�hte, und pl�tzlich machten sich in der K�che j�mmerliche Reminiszenzen der Vergangenheit breit. Verpa�te Chancen, Gesten, die nie ausgef�hrt, Lieder, die nie gesungen worden waren. Guy ging auf sie zu, und sie wich zur�ck.</p><p>���Es tut mir so leid, Sylvie. Bitte... glaub mir ...es tut mir so leid.�</p><p>���Ach, warum bist du nur gekommen?� Sie verlor die Fassung. In ihren Augen funkelten auf einmal Tr�nen.</p><p>���Ich habe einen Brief erhalten -�</p><p>���Ich meine, wieso bist du jetzt gekommen? Wieso konntest du nicht einfach wie verabredet um halb acht kommen?�</p><p>���Das habe ich dir schon vorhin erkl�rt. Ich wollte -�</p><p>���Du wolltest, du wolltest. Kannst du nicht einmal in deinem Leben tun, was jemand anderer will? Ist das dir ganz und gar unm�glich?� Sie brach ab, drehte sich um und legte die H�nde aufs Gesicht.</p><p>��Bedr�ckendes Schweigen machte sich breit. Guy, tief betroffen von diesem abrupten und erschreckenden Umschwung, von ihrer Ablehnung, senkte den Kopf. Er mu�te erkennen, da� es seine Schuld war. War es nicht unwichtig, da� diese Gelegenheit, seine Tochter zu treffen, von Fremden initiiert worden war? Man hatte ihm eine Chance gew�hrt - allein das z�hlte. Und er hatte in dieser ihm fremden Umgebung den Mantel der Feindschaft �bergestreift und selbstherrlich die Z�gel in die H�nde genommen. Ich habe alles versaut, dachte er und verdr�ngte die Erkenntnis auf der Stelle. Ein falscher Schritt war noch keine Katastrophe.</p><p>��Sein Blick bohrte sich in Sylvies R�cken. Der dicke, mit Blumen verzierte Zopf war nach vorn gefallen und kaschierte nun nicht mehr jene zarte Einbuchtung unterhalb ihres Halses. Wenigstens das hatte sich nicht ge�ndert. Die Stelle wirkte so zart und zerbrechlich wie eh und je. Er hatte mal geh�rt, da� sie die Exekutionslinie genannt wurde, und war erschauert, als w�re das sein Metier. Stotternd begann er zu sprechen.</p><p>���Ich f�rchte, ich habe falsch gehandelt, aber nur, weil ich dich so gern sehen wollte. Und jetzt, wo ich dich sehen kann, scheine ich nicht in der Lage zu sein... � Das Ausma� seiner Hilflosigkeit, seines reuigen Verlangens schn�rte ihm die Kehle zu.</p><p>��Suhamis bis dahin gerader R�cken kr�mmte sich. Schon sch�mte sie sich f�r ihren unkontrollierten Gef�hlsausbruch. So durfte sie sich nicht verhalten. Welchen Sinn hatte die Meditation, das Ringen darum, im Licht zu wandeln und allen empfindungsf�higen Wesen ihre Liebe darzubieten, wenn sie nicht einmal in der Lage war, einem einzelnen Menschen H�flichkeit entgegenzubringen? Ihr Vater war ein verabscheuungsw�rdiger Mann, doch hassen durfte sie ihn nicht. Er hatte ihr unerme�lichen Schmerz zugef�gt, aber sie durfte keine Rache �ben. Der Meister hatte ihr in dieser Sache mit Rat und Tat zur Seite gestanden, und sie wu�te, da� er recht hatte. Bosheit zu n�hren hie� nur, sich selbst zu schaden. Ihr Vater konnte einem leid tun. Wer auf dieser Welt liebte ihn schon? Doch ich - Suhami atmete tief durch und beruhigte sich - habe Liebe kennengelernt. Vom Meister, von meinen Freunden hier, von Christopher. Man hat mich gen�hrt und sich um mich gesorgt. Sollte ich daf�r nicht auch Gro�z�gigkeit walten lassen? Sie drehte sich um und blickte ihm ins Gesicht. Noch immer wirkte er optimistisch, aber l�ngst nicht mehr so forsch. Sein Kinn ruhte auf seiner Brust.</p><p>���Mir tut es auch leid. Du darfst nicht denken...� Sie suchte nach etwas, das der Wahrheit entsprach. �Jeder ist fasziniert von der Idee, dich kennenzulernen.�</p><p>��Guy antwortete blitzschnell: �Und ich freue mich darauf, die Craigies kennenzulernen.�</p><p>���Die...?� Suhami war verwirrt und lachte dann, als habe er etwas wirklich Witziges gesagt. �Oh... so ist es nicht.� Sie hob den Zopf und lie� ihn wieder auf ihren R�cken fallen. �So ist es �berhaupt nicht.� Dann hob sie das Tablett auf. �Ich mu� das hier dem Meister bringen.�</p><p>���Ist der Tee inzwischen nicht kalt?�</p><p>���Nein, ich denke nicht.�</p><p>��Guy fiel es wie Schuppen von den Augen, da� sie sich nur wenige Minuten in der K�che aufgehalten hatten. Kaum zehn Minuten waren verstrichen, seit sie sich in der Halle begegnet waren. Zehn Minuten, in denen er Achterbahn gefahren war w�hrend einer Begegnung, die ihn seit Tagen unabl�ssig besch�ftigte.</p><p>��Auf der Treppe drehte sie sich um und zeigte auf die verglaste T�r neben den Gummistiefeln. �Du kannst da rausgehen. Vielleicht hast du ja Lust, dir den Garten anzusehen? Oder die Bibliothek?�</p><p>���Ich denke, ich werde gehen, meinen Koffer ins Hotel bringen und eine Dusche nehmen. Ich habe ein Zimmer reserviert.�</p><p>���In einem Hotel?�</p><p>���Ich habe beschlossen, dort zu �bernachten. Dachte, ich w�rde hier vielleicht st�ren. Ich m�chte keine Umst�nde machen.�</p><p>��Suhami fixierte ihn einen Moment lang und l�chelte dann. Die Vorstellung, da� ihr Vater nicht st�ren wollte, am�sierte sie, aber ihr Vater legte ihre Reaktion als einzigartig und als Beweis ihrer Zuneigung aus. Seine von Zorn und Kummer verdr�ngte Selbstsicherheit kehrte zur�ck. Er konnte es schaffen. Er mu�te sich nur an ihre Spielregeln halten. Er w�rde allem zustimmen, jeden m�gen und sich - falls n�tig - verstellen. W�hrend er beobachtete, wie seine Tochter sich entfernte, empfand er gro�e Befriedigung, als habe er diese unm�gliche Leistung schon vollbracht.</p><p>��Er w�rde Sylvie beweisen, da� er in der Lage war, sich zu �ndern. Wom�glich w�rde es ihm sogar gelingen, sie von der Echtheit seiner Gef�hle zu �berzeugen. Aufgeregt und hoffnungsvoll schlenderte er an dem alten Ofen und den Gummistiefeln vorbei und trat hinaus in die Sonne.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>5</emphasis></strong></p></title><p>�Da ist jemand auf der Terrasse.� Trixies Wange rieb �ber den Fensterrahmen. Die Bewegung produzierte ein leises Quietschen, veranla�te den Mann jedoch nicht, zu ihr hochzusehen. �Ich nehme an, das ist Suhamis Vater.�</p><p>��Janet kam her�ber, legte vorsichtig die Hand auf Trixies Schulter und schaute ebenfalls nach unten. Trixie lie� sie stehen und sagte: �Er sieht wie ein Gangster aus.�</p><p>��Das tat er tats�chlich ein bi�chen. Die schwere Statur in Verbindung mit der durchschnittlichen Gr��e verlieh Guy ein fast kubisches Aussehen. Sein Unterkiefer, vom Rasieren normalerweise lilagrau, hatte nun die Farbe von Treibhaustrauben.</p><p>���Und was f�r ein gr��licher Anzug.� Mit diesem Kommentar zu dem Gieves-&amp;-Hawkes-Anzug aus einem doppelf�digen Seiden-Mohair-Gemisch verb�ndete Janet sich mit ihrer Freundin. Sie musterte den m�chtigen, �berraschend wohlgeformten Sch�del mit den dunklen Locken, die auf breite, fleischige Schultern fielen. Anscheinend hatte er keinen Hals. �Ich wette, er tr�gt ein Toupet.�</p><p>���Auf gar keinen Fall.� Trixie lie� sich in einen gr�nen Sessel fallen und schwang die Beine �ber die Armlehne. Sie trug einen d�nnen Nylonmorgenmantel und kaum was darunter. �Ich finde, er sieht eigentlich ziemlich umtriebig aus. Ein bi�chen wie jener eigenartige Mann aus deinem Buch. Der Minnator.�</p><p>���Minotaur.� Zu sp�t. Janet h�tte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.</p><p>���H�ttest Lehrerin werden sollen�, giftete Trixie. Sie mu�te an verstaubte Tafeln denken, an b�swillige oder uninteressierte Sch�ler, an einsame N�chte, in denen fl�chtige Hausarbeiten korrigiert wurden. �Hackst immer auf anderen rum.�</p><p>���Tut mir leid.�</p><p>���Was willst du �berhaupt?�</p><p>���Ich wollte mir einen Wattebausch borgen.�</p><p>��In Wirklichkeit liebte es Janet einfach, sich in diesem Zimmer aufzuhalten, selbst wenn Trixie nicht da war. Manchmal glaubte sie sogar, da� ihr das noch lieber war. Dann konnte sie eher sie selbst sein. Sich entspannen. Die berauschende Atmosph�re in sich aufsaugen: Gesichtspuder, Parf�m, billiges Haarspray, eine Schale Rosen. Einmal hatte sie sogar Zigarettenrauch wahrgenommen. Dieses angenehme Potpourri aus Ger�chen in Verbindung mit jenem unterschwelligen s��en Duft des Verfalls schuf eine einschl�fernde Ante-Bellum-Atmosph�re. Rosen waren verboten. Gartenblumen durften nur zu seltenen Gelegenheiten geschnitten und dann in Gemeinschaftsr�umen aufgestellt werden, wo sich jeder an ihnen erfreuen konnte. Aber Trixie machte immer, was ihr pa�te, und verlie� sich auf den allgemein vorherrschenden Widerwillen, an anderen Kritik zu �ben.</p><p>��Janet zog eine Schublade heraus und gab vor, nach einem Wattebausch zu suchen. Sie ber�hrte einen pfirsichfarbenen Satinslip, hauchd�nne Str�mpfe und ein paar Kleidungsst�cke aus austernfarbenem Satin, die sie bei einer bestimmten Gelegenheit einmal Tarnschl�pfer getauft hatte. Heute w�rde sie dies nicht mehr laut wiederholen. In der zweiten Schublade lagen zwei Packungen Tampax und mehrere Halbschalen-b�stenhalter aus Spitze.</p><p>���Das, was du suchst, wirst du da nicht finden.�</p><p>���Nein - wie dumm von mir.� Janets langes, knochiges Gesicht lief rot an, und sie lie� das fipsige Ding wie gl�hende Kohle fallen. �Ich habe vergessen, sie auf Arnos Liste zu schreiben.�</p><p>��Eines Tages, fuhr es ihr durch den Kopf, wird sie mich - wenn ich mir Pflaster oder Taschent�cher oder Sicherheitsnadeln ausborgen m�chte - zur Rede stellen und sagen, sie wisse, da� ich mir in Wahrheit gar nichts ausborgen m�chte. Da� ich nur hierherkomme, um die Luft zu atmen, die sie ausatmet. Oder um die Dinge zu ber�hren, die sie ber�hrt.</p><p>���Ich komme einfach nicht �ber diese muskelbepackten Schultern weg.� Wann immer Trixie im Begriff war, eine Gemeinheit loszuwerden, schwang in ihrem Tonfall ein Hauch Erwartung mit. Diesen bestimmten Tonfall bemerkte Janet jetzt, und sie wappnete sich innerlich. �Ich frage mich, wie er im Bett ist.�</p><p>��Was soll ich ihrer Meinung nach nun sagen? Was kann ich sagen? Soll ich einfach lachen? Mit ihr von Frau zu Frau dar�ber scherzen? �Es gibt nur eine M�glichkeit, das rauszufinden?� Doch wenn ich dazu in der Lage w�re, h�tte sie mir diese Frage erst gar nicht gestellt.</p><p>��Bilder zogen durch Janets Kopf. Bleiche, zarte Gliedma�en, die sich um dunkelh�utige, behaarte, brunftige Maskulinit�t schlangen. Von schwarzen Haaren �berzogene H�nde, suchend, tastend. Dicke Stummelfinger, die weiche Br�ste dr�ckten, honigfarbene Locken zerzausten. Mit einem Anflug leichter �belkeit und kurz vor einem Tr�nenausbruch, warf sie einen Blick zum Sessel hin�ber und bemerkte das zweideutige L�cheln.</p><p>���Einen Million�r zu v�geln, das w�rde mir echt Spa� machen. Alle behaupten, Macht w�re ein Aphrodisiakum.�</p><p>���Wen meinst du mit &gt;alle&lt;?� Trixie war wie Kleopatra, die mit der W�nschelrute nach Gold suchte.</p><p>���Ich wette, das stimmt. Der da sieht echt aus, als stehe er darauf, Schaden anzurichten.�</p><p>��Das war die perfekte Er�ffnung f�r eine spitzz�ngige Erwiderung. Als Trixie sich der Kommune angeschlossen hatte, war keinem entgangen, da� ihr erst vor kurzem Gewalt angetan worden war. Ihre Arme und ihr Nacken waren von blauen Flecken �berzogen, ihr Haar str�hnig und verwahrlost gewesen. Aber trotz Heathers wiederholter Angebote, ihr von Frau zu Frau mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, hatte Trixie kein einziges Mal ein Wort �ber diese Verletzungen verloren oder deren Ursprung erl�utert. W�rde Janet es nun wagen, sie darauf anzusprechen? Sie war kurz davor.</p><p>���Erz�hl mir nur nicht, da� du eine von denen bist, die sich gern von M�nnern verpr�geln lassen.�</p><p>��Trixie lachte. Ein spontanes, am�siertes Feixen, als habe Janet eine komplett verr�ckte Frage gestellt. Dann schwang sie ihre bleichen Beine von der Armlehne und stand auf. �Wenn du nur w��test...�</p><p>���Was w��te?� Die M�glichkeit, vielleicht etwas aus der Vergangenheit der anderen zu erfahren, lie� die wi�begierige Janet einen Schritt nach vorn machen. W�rde Trixie ihr nun von den billigen blauen Briefumschl�gen erz�hlen, die sporadisch kamen? Von den Telefongespr�chen, die sie beendete, sobald jemand ins Zimmer trat?</p><p>��Aber Trixie zuckte nur mit den Achseln und schlenderte zum Fenster hin�ber. Guy stand immer noch da und schaute sich hilflos um. Er war vor die Terrassenstufen getreten, die zum Kr�utergarten f�hrten, und lie� den Blick �ber den Rasen schweifen. Trixie �ffnete das Fenster.</p><p>���Was machst du da?�</p><p>���Wonach sieht es denn aus?�</p><p>���Aber du wirst doch nicht... zieh dir wenigstens...� Hilflos mu�te Janet mit ansehen, wie Trixie auf das Fensterbrett rutschte, ihren Morgenrock in der Taille zusammenhaltend, dessen Stoff von ihrer linken Schulter glitt. Sie erhaschte einen Blick auf Trixies herausforderndes, aufgeregtes Antlitz und erkannte, wie fasziniert sie war.</p><p>���Hallooo.� Dann, nach einer kurzen Pause: �Hier oben.�</p><p>���Hallo.� Er hatte gel�chelt, doch der Klang seiner rauhen, unpers�nlichen und kalten Stimme lie� einen das nicht erahnen.</p><p>��Der Morgenrock rutschte noch ein St�ck herunter, als Trixie sich etwas weiter aus dem Fenster lehnte. �Suchen Sie jemanden?�</p><p>��Janet ri� die Schublade mit den Pullovern auf. Die Farben verschwammen vor ihren Augen. Wie eine Wilde w�hlte sie die Sachen durch.</p><p>���Wie gef�llt Ihnen das Wetter?� erkundigte sich Trixie und zeigte mit dem Kinn auf die verwelkenden Blumen und die trockenen B�sche. Beim Sprechen verrutschte der ausladende Ausschnitt ihrer Bluse und gab kurz einen Blick auf den cremigen, von Sommersprossen �berzogenen Brustansatz frei.</p><p>���Zu hei� f�r mich.� Beim letzten Wort hob sich die Stimme etwas, als h�tte er eine Frage gestellt.</p><p>��Trixie lachte, rauchig und frech. �In diesem Anzug kann ich mir das gut vorstellen.� Nun stand sie breitbeinig auf der Terrasse, einen Tick n�her, als die H�flichkeit es erlaubte. Sie hatte die Haltung eines Principal Boy eingenommen.</p><p>���Ein Drink d�rfte helfen�, setzte Guy die Unterhaltung fort.</p><p>���Im K�hlschrank steht Zitronentee.�</p><p>���Ich meinte einen richtigen Drink. Ich werde gleich in mein Hotel fahren und dort einchecken. Vielleicht k�nnten wir dort etwas trinken.�</p><p>���Ohhhh...� Dieser Vorschlag �berrascht mich nun doch, sagten der beschleunigte Atem und das Klimpern der Wimpern. �Ich wei� nicht so recht.�</p><p>��Trixies Verwirrung, die Guy auf der Stelle als weibliches Getue abtat, war nicht nur gespielt. Als sie sich schnell ein paar Klamotten �bergeworfen hatte und zur Terrasse hinuntergelaufen war, hatte sie nur den kindischen Wunsch gehabt, einen reichen und ber�hmten Mann aus der N�he zu sehen. Kaum da� sie sich ihm vorgestellt hatte - sie hatten sich inzwischen etwa zehn Minuten miteinander unterhalten, haupts�chlich �ber Suhami -, registrierte sie eine ihr nicht g�nzlich unbekannte physische Reaktion. Ihre halb im Ernst, halb im Spa� dahingeworfene Bemerkung �ber Geld und welche Wirkung es auf einen hatte, erwies sich nun als verbl�ffend zutreffend.</p><p>��Die Redewendung, da� die Reichen sich von ihren Mitmenschen nur dadurch unterschieden, da� sie mehr Geld besitzen, war Trixie bislang nicht zu Ohren gekommen, und w�re dem so gewesen, h�tte sie vehement Einspruch erhoben. In ihren Augen war Guy ein durch und durch geheimnisvolles Wesen. Die Verk�rperung eines Charakters, den man eigentlich nur aus Seifenopern kannte. Immer in Bewegung, immer am Gesch�fte machen, stets damit besch�ftigt, Leute aufzubauen und zu vernichten und in sultanischem Prunk an der Spitze eines atemberaubenden Familienclans zu stehen.</p><p>��Sie spazierten zu seinem Wagen. Mit gro�en Augen musterte Trixie das auf Hochglanz polierte, funkelnde, fuchsrote Chassis, die gro�en Scheinwerfer, die umwerfenden Wei�wandreifen und die Motorhaube, die dem gespannten Segel einer Yacht glich. Sie kam nicht mal auf die Idee, ihre Ehrfurcht zu verbergen, und sagte: �Wie wundersch�n. Sie m�ssen sehr reich sein.�</p><p>��Worauf Guy schlicht erwiderte: �Ich bin so reich wie Gott.�</p><p>��Furneaux, der sie n�her kommen sah, legte seinen Evening Standard weg, setzte seine spitze Samtkappe auf und sprang aus dem Wagen, um die Hintert�r aufzurei�en. Trixie stieg ein und nahm ganz vorsichtig auf dem Rand Platz, als w�re die R�ckbank aus Glas gefertigt. Nachdem sie losgefahren waren, lehnte sie sich St�ck um St�ck zur�ck, und als sie durch Causton glitten, hatte sie es sich in einer Ecke bequem gemacht. Ein Arm lag l�ssig auf dem Fensterrahmen, damit sie - sollte sie einen echten oder falschen Bekannten sehen - gleich winken konnte.</p><p>��Wie gew�hnlich dem Prinzip folgend, da� man sich nicht auf eine Sache konzentrierte, wenn man gleichzeitig mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte, tastete sich Guy n�her an Trixies Knie heran, schaute ihr tief in die Augen und stellte ihr weitere Fragen �ber die Kommune.</p><p>���Wie ist er denn nun - dieses strahlende Licht?�</p><p>���Der Meister? In Ordnung. Das hei�t, nett und... Sie wissen schon... nun, gut.� Jetzt, wo sie gefragt wurde, �berraschte es Trixie, wie wenig sie zu diesem Thema zu sagen wu�te. Guy warf ihr einen erwartungsvollen Blick zu. Sie zerbrach sich den Kopf, was sie ihm sonst noch erz�hlen konnte. �Man kann sich prima mit ihm unterhalten.� Das behaupteten alle, also mu�te es stimmen, wenngleich sich Trixie nach jenen seltenen Zweiersitzungen weniger beruhigt, denn entbl��t und nerv�s gef�hlt hatte. �Er verbringt eine Menge Zeit mit Meditation.�</p><p>��Guy kicherte h�hnisch. F�r Menschen, die sich nicht mit voller Kraft ins chaotische Treiben der Arbeitswelt st�rzten, brachte Guy nur Verachtung auf. Er selbst arbeitete achtundvierzig Stunden pro Tag, wie er immer wieder gern verk�ndete. Laut Felicity klang das, als verdinge er sich in einem Steinbruch.</p><p>��Trixie interessierte sich mehr daf�r, etwas �ber Guys Leben zu erfahren, als von ihrem eigenen zu sprechen, doch ehe es ihr gelang, dem Gespr�ch eine andere Richtung zu geben, sagte er schon: �Sie m�ssen doch noch mehr �ber ihn wissen.�</p><p>���Nein, ehrlich nicht.�</p><p>���Kommen Sie - Sie sind ein intelligentes M�dchen.� Guy l�chelte in das ausdruckslose, fragende Gesicht. �Zum Beispiel - geh�rt ihm das Haus?�</p><p>���Das wei� ich nicht. Es gibt ein Komitee, das sich um alles k�mmert.� Seine Hand streichelte ihr Knie. �May, Arno. Leute, die schon l�nger dort leben. Lassen Sie das.�</p><p>���Was soll ich lassen?� Sein vulg�rer, energischer Tonfall war fast enervierend. Seinem m�chtigen K�rper hafteten die unterschiedlichsten Ger�che an: Tabak und Alkohol, Haarwasser, ein scharfes, zitroniges Rasierwasser, das den m�nnlichen Schwei�geruch kaum zu kaschieren vermochte. Er r�ckte n�her und fl�sterte ihr etwas ins Ohr. Erstaunt ri� Trixie den Mund auf.</p><p>���Das ist wirklich schrecklich.�</p><p>���Ich bin ein schrecklicher Mann.�</p><p>��Guys Hand glitt nach oben, tastete sich entschlossen vor. Der oftmals von Soldaten und Athleten ge�u�erten Vermutung, da� Geschlechtsverkehr einen auslaugte und aller physischen Reserven beraubte, stimmte er nicht zu. Nach dem Sex f�hlte sich Guy geistig klar, befreit und war stets guter Dinge. Auf all das war er angewiesen, falls der Abend so erfolgreich verlaufen sollte, wie er es anvisiert hatte. Da� ihm Trixie �ber den Weg gelaufen war, kam ihm da gerade recht. Er nahm ihre Hand, drehte sie um und kratzte mit seinem Nagel �ber ihre Handfl�che.</p><p>��Trixie, der es nicht gerade leichtfiel, den Blick von ihrem triebhaften Begleiter abzuwenden, fixierte Furneauxs Nacken. Trotz des ganz gerade gehaltenen R�ckens und - das sah sie im R�ckspiegel - des stur auf die Stra�e gerichteten Blickes beschlich sie der Eindruck, da� er heimlich grinste.</p><p>��Guy dr�ckte seine vollen roten Lippen auf Trixies Ohr, schob seinen Mittelfinger zwischen ihren Ring- und Mittelfinger und bewegte ihn dort immer schneller hin und her. Nicht gerade entschieden versuchte Trixie wegzurutschen. Es gefiel ihr nicht, da� sie seine plumpen Bem�hungen nur der langen Fahrt zum Hotel zu verdanken hatte. Gew�hnlich bestand Guys Vorspiel aus der Vergewisserung, da� das M�dchen wach war.</p><p>��Als der Wagen auf die gewundene Auffahrt des Chartwell Grange rollte, brachte Trixie ihr Haar in Ordnung. Furneaux parkte und lud das Gep�ck aus. Die ausladende Empfangshalle war mit mehreren chintzbezogenen Sofas, tiefen Sesseln und kleinen Tischchen m�bliert, auf denen Sport- und Countryzeitschriften ausgelegt waren. Auf korinthischen S�ulen kamen zwei atemberaubende Blumenarrangements zur Geltung.</p><p>��H�tte Guy zu der Sorte Mensch geh�rt, die ein Gesp�r f�r die Gef�hle ihrer Mitmenschen hat, w�re ihm am Empfang hinter dem �Willkommen�-Schild eine gewisse K�hle nicht entgangen. Der Umgangston von Guys Sekret�rin hatte die kleine Jill Meredith, die die Gamelin-Reservierung entgegengenommen hatte, schwer vor den Kopf gesto�en. Auf Jills Frage, ob die beiden G�ste Wert auf nebeneinanderliegende Zimmer legten, hatte die Sekret�rin geraunzt: �Stellen Sie sich nicht so bl�d an. Haben Sie nicht so was wie ein Nebengeb�ude? Bringen Sie den Chauffeur dort unter.�</p><p>��Es gab keinen Grund, hatte Jills Chef verlauten lassen und seine Angestellte mit einem Iced Malibu zu tr�sten versucht, solch einen Ton anzuschlagen. Jill nickte und w�nschte, sie h�tte bei der Gelegenheit mit solch einer einfallsreichen Erwiderung aufgewartet. Nun h�ndigte sie die Schl�ssel aus, ohne zu l�cheln. Ein Page in einer Tracht wie aus einem kom�diantischen Musical - mit wei�en Handschuhen und nur einer Epaulette - ging mit Guys Koffer voran.</p><p>���Und jetzt die Drinks... ja?� wandte sich Guy an seine Begleiterin, deren Taille er fest umschlang.</p><p>��Trixie nickte und warf ihm einen aufgeregten, leicht nerv�sen und besitzergreifenden Blick zu. In der festen �berzeugung, da� jeder im Hotel wu�te, wer er war, meinte sie, ihr eigener Status ver�ndere sich dementsprechend. Doch Gesch�ftsm�nner mittleren Alters, die Sekret�rinnen, pers�nliche Assistentinnen, Hilfskr�fte oder andere n�chtliche Begleiterinnen mitbrachten, waren im Grange keine Seltenheit. Diese jugendlichen Anh�ngsel wurden von den Hotelangestellten als �Zusatzgep�ck� tituliert und von allen geschm�ht. Nicht wegen moralischer Bedenken, sondern weil sie niemals Trinkgeld gaben.</p><p>���Etwas Scotch... Gin. Eis. Soda.�</p><p>���Wann m�chten Sie -�</p><p>���Sofort.�</p><p>���In der Tally Ho Lounge, Sir?� erkundigte sich die Empfangsdame.</p><p>���Nur wenn Ihnen daran liegt, da� sie innerhalb von f�nf Sekunden leergefegt ist.� Jill Meredith err�tete. �Ansonsten vor meiner T�r.�</p><p>���Das Eis wird schmelzen�, prophezeite Trixie kichernd, als sie in den Lift traten. Gl�cklicherweise wu�te sie noch nicht, da� Guys brutale und habgierige Vorgehensweise keinem Eisw�rfel die Chance einr�umte, auch nur leicht anzuschmelzen.</p><p>��Bevor die T�r ins Schlo� fiel, hatte er seine H�nde schon unter ihrem Rock und rieb sein geschwollenes Geschlecht an ihrem Schenkel. Im Zimmer st�rzte er sich wie ein gefr��iger Wolf auf sie. Ri� an ihr, zwickte sie, knabberte an ihr herum, bi� in ihr Fleisch. W�hrenddessen kamen ihm unabl�ssig Obsz�nit�ten �ber die Lippen. Bekleidet, aber mit offenem Hosenladen drang er voller Zufriedenheit und unter Kraftanwendung in sie ein, um kurz darauf ihren Kopf in seinen Scho� zu dr�cken.</p><p>���Nein�, jammerte Trixie. �... das mache ich nicht -�</p><p>���Mach hin...� Gewaltsam packte Guy ihren Haarschopf. Sie heulte vor Schmerz auf. �Los, runter, du widerspenstige, st�rrische Kuh.�</p><p>��Nachdem er fertig war, st�rzte Trixie ins Badezimmer, ri� die Zahnb�rste aus der Verpackung, schraubte die Zahnpastatube auf und schrubbte ihre Z�hne, ihr Zahnfleisch, ihre Zunge, sogar ihre Lippen. Danach gurgelte sie, sp�lte mit Mundwasser und trank ein Glas Wasser. Was nichts nutzte - sein Geschmack war nicht zu vertreiben.</p><p>��Sie betrachtete sich im Spiegel. Musterte ihre mit blauen Flecken und Bissen �berzogenen Br�ste und die roten Striemen auf ihren Armen. Steifbeinig kehrte sie ins Schlafzimmer zur�ck, hob das zerfetzte H�schen und die zerrissene Bluse auf und machte sich auf die Suche nach ihrem Rock.</p><p>��Auf dem Bettrand sitzend, bemerkte sie, wie verspannt ihre R�ckenmuskeln waren. Da sie nicht die geringste Lust hatte, Guy anzusehen, fixierte sie eine Obstschale. Auf der dazugeh�rigen Karte stand: Verleben Sie eine sch�ne Zeit? Gro�artig. Dann erz�hlen Sie Ihren Freunden davon. Oder vielleicht sogar uns. Viele Gr��e, Ian und Fiona.</p><p>��Guy hatte die Getr�nke hereingeholt und mixte einen gro�en Scotch. Er nahm einen tiefen Schluck, zog seine Brieftasche hervor, nahm einen Geldschein heraus und lie� ihn aufs Bett fallen mit den Worten: �Das ist f�r dich.�</p><p>��Er hatte es sich zur Regel gemacht, f�r fl�chtigen Sex zu bezahlen. Damit ging er sp�teren Forderungen aus dem Weg. Niemand schuldete irgend jemand irgendwas. Kein Geschw�tz �ber zuk�nftige Treffen, keine lahmen Versprechungen, Kontakt zu halten oder anzurufen. Und keine gotterb�rmlich langweiligen Vortr�ge �ber ungl�ckliche Kindheiten. Rein und raus. Das war�s.</p><p>��Ungl�ubig starrte Trixie das Geld an. Guy zog sein Jackett aus, h�ngte es �ber die Stuhllehne und begann seine Krawatte aufzuknoten. Er genehmigte sich einen weiteren Schluck Scotch und zeigte mit dem Daumen in Richtung Tablett. �Bedien dich.� Als er keine Antwort erhielt, fragte er: �Was ist los?�</p><p>���Was los ist? Was los ist?�</p><p>���F�nfzig, mehr kriegst du nicht, falls es das ist, was dir Kummer bereitet.�</p><p>���Ich will kein Geld.� Bibbernd kauerte Trixie sich auf dem Bett zusammen. �Ich will nichts davon.�</p><p>���Was ist es dann?� Auf seinen Froschlippen machte sich ein Grinsen breit. �Werden diese Woche Million�re umsonst gefickt? Nur zu - nimm es. Kauf dir ein neues Oberteil. Von deinem ist eh nicht mehr viel �brig.�</p><p>���Sie sind ein... Sie sind ein...� Als wolle sie sich sch�tzen, schlang sie die verstriemten Arme um ihren Oberk�rper. �Abscheulich ... Sie sind abscheulich.�</p><p>��Ernsthaft �berrascht stierte Guy zu ihr hin�ber. �Jetzt kapiere ich gar nichts mehr.� Er legte seine Krawatte ab und machte sich daran, sein Hemd aufzukn�pfen. �Aber schon jetzt bin ich t�dlich gelangweilt. Du kannst dir jetzt einen Drink machen und dich wieder normal benehmen oder abhauen. Wie du dich entscheidest, ist mir vollkommen schnuppe.�</p><p>��Er verschwand im Badezimmer, drehte die Dusche an und kam noch mal zur�ck, um Hose und Unterhose abzustreifen. Krank vor Wut und Selbstha� sah Trixie ihm dabei zu. Wie hatte sie es nur zulassen k�nnen, da� er sie anfa�te? Er war widerw�rtig. Schwitzte am ganzen Leib, war �berzogen mit diesen flachgedr�ckten, langen schwarzen Haaren. Selbst sein Geh�nge war - wie sie jetzt bemerkte - ganz haarig, dunkel und glatt wie das Fell einer Ratte. Er zog die Socken aus.</p><p>���berw�ltigt und �berrumpelt schlo� Trixie die Augen, suchte Zuflucht in der Phantasie: Sie schenkte sich einen Scotch ein, knallte ihm das Glas auf die Lockenm�hne und rammte ihm die Glassplitter in Mund und Augen. Im Besitz �bermenschlicher Kr�fte warf sie sich im Badezimmer auf ihn, packte ihn bei den seifigen schmierigen Schultern und dr�ckte seinen Kopf so lange unter Wasser, bis keine Bl�schen mehr aufstiegen. Dann kam ihr eine Idee. �Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen..., da� ich Aids habe�, rief sie durchs Zimmer.</p><p>��Guy bedachte sie mit einem kurzen Blick, ehe er h�hnisch auflachte. �Mann, o Mann. Schon vor meiner Geburt sind mir bessere L�gen eingefallen.�</p><p>���Es ist wahr.� Doch sie beide h�rten, wie d�nn ihre Worte klangen, da� in ihnen ein fast flehender Unterton mitschwang. Angewidert sch�ttelte Guy den Kopf.</p><p>��Doch in diesem Moment kamen Trixie noch mehr blutige, vor atemberaubender Vernichtung triefende Szenen in den Sinn, und sie erdachte eine Waffe mit vernichtender Sch�rfe. Diesmal rein zuf�llig. Dann erinnerte sie sich an ihre Unterhaltung auf der Terrasse und an den Schatten, der beim Gespr�ch �ber seine Tochter �ber Guys Gesicht gezogen war. Sie setzte sich auf.</p><p>���Eigenartig, da� Suhami auf Windhorse lebt, nicht wahr? Mit ihrer Herkunft. Und all dem Geld... Man m�chte meinen, sie hat daheim alles, was sie braucht.� Guys ver�nderter Gesichtsausdruck machte ihr angst, aber ihr Verlangen, es ihm heimzuzahlen, feuerte sie an. �Es wundert mich nicht, da� sie den Meister abg�ttisch liebt. Ich nehme an, er ist so �ne Art Vaterfigur. Ein bi�chen seltsam ist das allerdings schon. Zumal sie ja einen Vater hat.�</p><p>��Die letzten Worte brachte sie nur stammelnd hervor. Die Art und Weise, wie Guy auf sie zukam, machte ihr angst. Es kostete sie gro�e M�he, sich nicht kleinzumachen, sich nicht in den Kissen zu verstecken. Er hielt ihr sein Gesicht vor die Nase. Sie konnte die gro�en Poren erkennen, die roten �derchen, die widerspenstigen Haare auf seiner Nase.</p><p>���Ich werde jetzt duschen gehen. Den Geruch der Gosse abwaschen. Wenn ich rauskomme, will ich, da� du verschwunden bist. In f�nf Minuten - okay?� Sein leises, bedrohliches Fl�stern war so ha�erf�llt, da� sein Atem auf ihrer Haut brannte.</p><p>��Als die Badezimmert�r zufiel, l�ste sich Trixies letztes F�nkchen Courage in Luft auf. Mit zittrigen Beinen erhob sie sich, taumelte zum Schminktisch hin�ber. Im Spiegel sah sie, da� ihre Wangen feucht waren. Da� sie geweint hatte, war ihr nicht bewu�t gewesen. Wie war das nur m�glich? Zu weinen, ohne es mitzukriegen. Ein Seufzer voller Selbstmitleid kam ihr �ber die Lippen und wurde sofort unterdr�ckt, obwohl ihn niemand h�ren konnte.</p><p>��Sie h�rte, wie er sich einseifte und dabei rumplanschte. In einer samtbezogenen Schachtel lagen Gesichtst�cher. Sie schnappte sich ein paar und rieb damit ihr Gesicht ab. Sie hatte viel zuviel Make-up aufgetragen. Hektisch und unprofessionell, ehe sie die Treppe hinuntergelaufen war. Die Erinnerung an vorhin lie� sie zusammenzucken. Trixie versuchte den Schaden, den die Tr�nen und der Schwei� angerichtet hatte, zu korrigieren, was kein Kinderspiel war, denn sie hatte ihre Handtasche vergessen und - das fiel ihr jetzt erst auf - infolgedessen kein Geld dabei.</p><p>��Wie sollte sie heimkommen? Der Gedanke, sich an den Chauffeur zu wenden und sich zuvor an der Rezeption nach dessen Zimmernummer zu erkundigen, lie� sie erneut erschaudern. Zweifellos w�rde er sie ohne Gamelins Erlaubnis nirgendwohin bringen. Trixie mu�te an ihre Eingebung im Wagen denken - da� der Mann �ber sie gelacht hatte. Wahrscheinlich hielt er sie f�r eine Art Prostituierte. Wom�glich hielt jeder sie daf�r! Von Scham �berw�ltigt, wandte Trixie sich von ihrem Spiegelbild ab.</p><p>��Das Wasser lief immer noch. Zwei Minuten waren gewi� schon verstrichen. Wie w�rde er reagieren, wenn er zur�ckkam und sie immer noch da war? Sie unter Gewaltanwendung rauswerfen, das w�rde er tun. Ihm war es doch schei�egal, ob er eine Szene machte. Reichtum bedeutete, da� man sich niemals entschuldigen mu�te.</p><p>��Da fiel ihr die F�nfzigpfundnote ein, die auf den nach liebloser Kopulation stinkenden Kissen lag. Da� sie kurz mit dem Gedanken spielte, sie zu nehmen, ekelte sie an. Das Geld war nicht als Entsch�digung f�r den Sex gedacht, sondern f�r die blau angelaufenen Br�ste, die R�ckenschmerzen, die wundgescheuerten, tauben Gliedma�en. Instinktiv, vielleicht um sich vor diesem verf�hrerischen, aber unehrenhaften rationalen Gedanken zu sch�tzen, ri� sie den Geldschein entzwei. Dann noch mal und noch mal und noch mal, in so kleine Schnipselchen wie nur irgend m�glich. Gerade als sie sie in die Luft werfen wollte, fiel ihr Blick auf die aus der Innentasche ragende Brieftasche. Sie zog sie raus und stopfte die Schnipsel hinein. Diese kindische Besch�ftigung verschaffte ihr kurzzeitige Befriedigung. Sie malte sich aus, wie er in irgendeinem eleganten Restaurant nach seiner Kreditkarte suchte und eine Konfettiwolke freisetzte.</p><p>��Beim Verstauen der Brieftasche stie� Trixie auf einen harten, klobigen Gegenstand, der ihre Neugier weckte. Sie griff danach. Ein R�hrchen aus sehr dickem braunem Glas. Sie drehte den folienbezogenen Deckel ab. Auch ohne das Schild h�tte sie gewu�t, was der Inhalt war. Glycerol Trinitrate. Ihr Vater hatte diese Tabletten immer dabei gehabt, um den Tod in Schach zu halten. Er hatte sie nie in einem anderen Zimmer zur�ckgelassen, wenn er duschen ging. Trixie sch�ttete die Tabletten in die Hand, schraubte den Deckel auf und steckte das R�hrchen dahin zur�ck, wo sie es gefunden hatte. Das Wasser wurde abgestellt.</p><p>��Sie stand einfach nur da und betrachtete die wei�gestrichene T�r, hinter der es kurz klapperte. Ein B�gel, der gegen Holz schlug. Er zog den Bademantel an. Er w�rde rauskommen und sie hier finden. Sie war nicht innerhalb von f�nf Minuten verschwunden, sondern stand hier, mit seinen lebenswichtigen Pillen, mit einem kleinen H�ufchen schwei�getr�nktem wei�em Kies in der Hand. Dann lautes Surren. Ein Rasierapparat. Erleichtert sp�rte Trixie, wie ihre Lebensgeister zur�ckkehrten. Andererseits hatte die Bedrohlichkeit des eigenen Tuns bei ihr zu einer Art inneren Anspannung gef�hrt. Wom�glich war der Diebstahl von Tabletten sogar kriminell. Sie mu�te sie wieder in das R�hrchen legen. Urpl�tzlich kam ihr der Diebstahl wie kompletter Wahnsinn vor.</p><p>��Gerade als sie sich in Bewegung setzte, ert�nte in dem Raum das schrille Klingeln eines Telefons. Guy schaltete den Rasierapparat aus. Und Trixie floh.</p><empty-line/><p>Im Buchenwald, der an die hinter dem Haus liegenden Felder grenzte, lief Janet w�tend auf und ab, trat nach Bl�tterhaufen, stampfte auf am Boden liegende Zweige. Der dunkle Wald mit seinem d�steren, lichtundurchl�ssigen Astdach pa�te hervorragend zu ihrer Laune. Tr�nen tropften ungleichm��ig. Ab und an kam ihr ein eigenartiger Ton �ber die Lippen. Ein Ger�usch, das wie eine Mischung aus Husten und St�hnen klang.</p><p>��Trixies Eile setzte Janet ganz sch�n zu. Gott - wie sie umhergerannt war! Hektisch Lippenstift aufgetragen, sich �berall mit Parf�m best�ubt hatte - sogar das Unterh�schen. Janet zugezwinkert, �Monee makes the world go round... the world go round... the world...� getr�llert hatte. Und dann mit dem ihr eigenen Gang einer Haremsdame entschwunden war.</p><p>��Wie grauenvoll das gewesen war. Bemitleidenswert und degradierend, als beobachte man die Armen beim Zusammensuchen von Brotkrumen. Janet wu�te, da� sie �bertrieb, aber im Prinzip lag sie mit ihrer Einsch�tzung richtig. Ich h�tte ihr Geld geben k�nnen. Sie kann gern alles haben, was ich habe. Mit einem Hauch gestohlener Spitze rieb sie �ber ihre Wange.</p><p>��Er hatte wahrhaftig wie ein Verbrecher ausgesehen. Die Erinnerung an ihn lie� sie mitten im Schritt innehalten und sich auf einen Baumstamm setzen. Genau richtig gebaut, um Schaden anzurichten, hatte Trixie gesagt. Was f�r eine Art Schaden richtete so einer wohl an? Sie war so verletzlich. Versuchte immer so zu tun, als - wie hie� die Redewendung noch gleich - wisse sie, wo�s lang geht. Doch in Wahrheit war sie kaum mehr als ein Kind, was bei Janet einen starken Besch�tzerinstinkt ausl�ste.</p><p>��Mehr hatte es mit ihren Gef�hlen selbstverst�ndlich nicht auf sich. Auf gar keinen Fall war sie in Trixie verliebt. Niemals, nicht in einer Million Jahre. Denn dann w�re sie ja so was wie eine... �hm... Lesbe. Und Janet w�re vor Scham rot angelaufen und in Grund und Boden versunken, w�rde ein anderer sie so titulieren. Denn sie w�rde niemals etwas tun. Konnte sich nicht vorstellen, unter wie auch immer gearteten Umst�nden aktiv zu werden. Allein schon der Gedanke daran widerte sie an. Sich in �bertriebener Weise rechtfertigend, sch�tzte sie ihre gef�hlsbetonteren Freundschaften (und waren nicht alle wahren Freundschaften sehr gef�hlsbetont?) eher als g�tzendienerische Schw�rmereien ein, die den Geschichten altmodischer M�dchenb�cher glichen. Maisie Saves The Day. Sukie Pulls It Off. So was in der Art.</p><p>��Abwesend hatte sie die Baumrinde abgezupft - sie war so weich wie Schokoladenflocken - und sich dabei bem�ht, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. War doch dumm, sich derart hinrei�en zu lassen. Wahrscheinlich waren die beiden nur irgendwo was trinken gegangen. Und er war ja nur f�r ein, zwei Stunden hier. Nach dem Abendessen verschwand er wieder, und das war�s dann. Sicher?</p><p>��Ihr Gezupfe hatte ein paar Bohrasseln aufgeschreckt. Dutzende fielen zu Boden und krabbelten aufgeregt umher. Eine landete auf dem R�cken und bewegte heftig die d�nnen Beinchen. Janet drehte sie mit dem Fingernagel um und warf dann einen Blick auf die Uhr. Trixie war inzwischen seit knapp einer Stunde weg. Mu�te jede Minute zur�ckkehren. Vielleicht war sie sogar schon daheim.</p><p>��Janet sprang auf, lief schnell zum Waldrand und kletterte auf den Zauntritt. Betrat das Grundst�ck durch die alte T�r, die in den Obstgarten f�hrte. Just in diesem Moment wurde sie von der eindringlichen, glasklaren Vorahnung �berw�ltigt, da� etwas nicht stimmte. Da� Trixie sie brauchte. Um Hilfe schrie oder nach Beistand verlangte. Sogleich setzte Janet sich in Bewegung, stolperte �ber den Rasen, trampelte Erdh�gel nieder, bewegte die Arme wie Kolben auf und ab, legte die Ellbogen an, als ginge es darum, ein Wettrennen zu gewinnen.</p><p>��Als sie durch die �ffnung in der Eibenhecke st�rmte fuhr ein Taxi in der Auffahrt vor, und Trixie stieg aus. Ihren Namen rufend, rannte sie �ber den Kies und lehnte sich dann keuchend an die Motorhaube. Trixie machte einen ziemlich gefa�ten Eindruck, war aber bla� und hielt ihre Bluse seltsam zusammen.</p><p>���Bezahlst du f�r mich das Taxi, Jan?� Sie eilte ins Haus und rief noch �ber ihre Schulter: �Ich geb�s dir zur�ck.�</p><p>��Janet bat den Taxifahrer zu warten. Sie holte das Geld. Nachdem er weggefahren war, ging sie nach oben und klopfte mehrmals leise an Trixies T�r. Keine Antwort. Schlie�lich gab Janet auf und ging wieder nach unten, um bei den Geburtstagsvorbereitungen zu helfen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>6</emphasis></strong></p></title><p>G�nzlich verwandelt sa� Felicity vor ihrem Ankleidezimmerspiegel und betrachtete sich. Ein schwarzer Hufeisenbogen aus faux marbre, gest�tzt von einer Gruppe ernst dreinblickender Karyatiden, spannte sich �ber sie und Danton. Dieses Bild spiegelte sich in einer Reihe von funkelnden Glasgegenst�nden - T�pfchen, Fl�schchen, Flakons - und in Lippenstifth�llen, Spraydosen und verchromten D�schen. Die Reflexionen in dem kleinen Raum, der ausschlie�lich dazu bestimmt war, der Eitelkeit zu fr�nen, wurden durch die zahllosen verspiegelten, in die W�nde eingelassenen Paneele multipliziert.</p><p>��Als seine Kundin aufstand, entfernte sich Danton mit erhobenen, kabukihaft anmutenden H�nden. Die Geste verriet sowohl Stolz als auch Verwunderung dar�ber, da� seine Kunst einen so hohen Grad an Perfektion erreichte. Felicitys Haut war - einmal abgesehen von dem perligen, rosafarbenen Gl�hen ihrer Wangen - einheitlich bla�. Riesige Augen wurden von silbernen und violetten Schatten eingerahmt, ihre Schultern schimmerten seidig unter einer H�lle changierender muschelfarbener Seide. Ihr Mund, in die Farbe eines dunklen Rotweins getaucht, stand vor Entsetzen offen.</p><p>���Ich sehe wie der Todesengel aus.�</p><p>���Mrs. G... Mrs. G...� Doch Danton empfand ihre Kritik als Kompliment. Von Anfang an hatte dieses Kleid ihm �Denk feierlich� zugeraunt, und als was f�r eine Inspiration sich diese Intuition erwiesen hatte! �Sie brauchen noch ein Gl�schen Schampus.�</p><p>���Nein.� Felicity sch�ttelte den Kopf. Die schwere M�hne aschblonder Locken bewegte sich nur unmerklich. �Hatte schon genug.�</p><p>���Dann vielleicht eine Line.� Wann immer Danton seine Kunden aufsuchte, hatte er stets einen Erste-Hilfe-Koffer dabei.</p><p>��Felicity z�gerte. �Bin seit einer Weile davon runter.� Vor ihren Augen schraubte Danton ein kleines Perlmuttd�schen auf. �Wie auch immer... selbst wenn ich mir jetzt was genehmige, bis ich dort bin -�</p><p>���Dann nehmen Sie es eben mit.� Beherzigt legte er das D�schen und den winzigen L�ffel in ihre Handtasche. �Ist durchaus m�glich, da� Sie es gar nicht brauchen werden, wenn Sie die Gewi�heit haben, sich jederzeit bedienen zu k�nnen.�</p><p>���Stimmt.�</p><p>��Aber Felicity wu�te jetzt schon, da� gar nichts auch nur ann�hernd okay sein w�rde. Angespannt und fassungslos betrachtete sie sich im Spiegel. Wie hatte das hier nur geschehen k�nnen? Sie hatte nur ein einziges Mal telefoniert. Diese simple Handlung und ihr Entschlu�, die Einladung anzunehmen, hatten zu dieser kaprizi�sen und bizarren Metamorphose gef�hrt. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, in einen Hinterhalt gelockt worden zu sein. Und dennoch war es an einem bestimmten Punkt gewi� m�glich gewesen, dem allem Einhalt zu gebieten, oder nicht? H�tte sie das Kleid ablehnen, darauf beharren k�nnen, wie g�nzlich unpassend - das sah sie nun glasklar - es f�r diese Gelegenheit war? Oder h�tte sie in jenem Moment �Halt� rufen sollen, als Danton ihr frischgewaschenes Haar aus jeder Perspektive inspizierte, um schlie�lich aufgeregt �erkaltete Asche� zu hauchen?</p><p>��All diese Chancen waren allerdings l�ngst vertan. In f�nfzehn Minuten kam der Wagen. Eine schreckliche Tr�gheit befiel sie. Ein Anflug von Fatalismus. Sie schien keinen eigenen Willen mehr zu haben. Jetzt, wo sie diese Reise angetreten hatte, gab es kein Zur�ck mehr. Sie sah sich an dem Tisch sitzen, zu Abend essen. Ein Gespenst an einer Tafel, wie Banquos Geist. Guy w�rde sie auslachen, wie er das im Schlaf immer tat. Sylvie w�rde entgeistert sein und sich ihrer sch�men. Und schlie�lich w�rde Felicity in ihrem Kapuzenumhang davoneilen und sich ausgeschlossen f�hlen.</p><p>���Duft.� Das war keine Frage. Dantons Finger flogen �ber die geschliffenen Glaspfropfen der Flakons. �L�Egypte.�</p><p>���u�erst passend, fand Felicity. Schwer und oppressiv. Verschlossene S�rge, vertrocknete Leichen, feuchte, abgestandene Luft. Er bespr�hte sie gro�z�gig, drapierte vorsichtig ein nebelgraues Tuch �ber ihr Haar. �Ich werde Ihr K�fferchen nach unten tragen.�</p><p>��Wohlwissend, da� jeder Einwand sinnlos war, hatte sie sich auf seinen Vorschlag eingelassen, einen Koffer mit Sachen zum Wechseln mitzunehmen, obgleich sie wu�te, da� sie nicht �ber Nacht bleiben w�rde, und rechtzeitig veranla�t hatte, da� der gemietete Wagen vor der T�r wartete, um ihr die Flucht zu erleichtern.</p><p>��Danton kehrte zur�ck und stellte sich neben seine Kundin. R�ckte ein letztes Mal ihre Ohrringe zurecht, zupfte noch einmal an ihren Locken. Felicity neigte den Kopf, als gew�hre er ihr den coup de gr�ce.</p><p>���Machen Sie nicht so ein Gesicht, Mrs. G�, riet Danton. �Sie werden eine prima Zeit haben. Ich w�nschte, ich k�nnte dabei-sein.� Auf der Stra�e hupte es. �Das w�r�s dann.� Er steckte seinen Scheck weg und warf ihr mit der Theatralik eines Matadors den Umhang �ber die Schultern. �Rufen Sie mich nach Ihrer R�ckkehr gleich an, und berichten Sie mir von dem au�ergew�hnlichen Abend. Ich kann kaum erwarten, von Ihnen zu h�ren.�</p><p>��Exakt um f�nf vor sieben fuhr der Corniche erneut auf der Auffahrt von Manor House vor. Wieder zog Guy an dem Eisenzug der Klingel. Diesmal unterliefen ihm keine Fehler. Sylvie - nein, Suhami, er durfte ihren neuen Namen nicht vergessen - hatte im Chartwell Grange angerufen, um ihn wissen zu lassen, da� der Meister ihn um sieben auf ein kurzes Gespr�ch vor dem Abendessen einlud.</p><p>��Der Klang ihrer Stimme hatte ihn befl�gelt. Er freute sich schon darauf, sie wiederzusehen, gierte nach einer M�glichkeit, die am Nachmittag entstandene Mi�stimmung zu beheben. Aber behutsam, ganz behutsam... Er mu�te sich langsam vortasten. Sich bem�hen, niemanden vor den Kopf zu sto�en. Seine Meinung f�r sich behalten. Das war kein leichtes Unterfangen, aber er w�rde es schaffen, denn er hatte sie wiedergefunden und durfte sie nicht noch mal verlieren.</p><p>��In diesem Augenblick kam eine Feuers�ule um die Ecke gebogen. Scharlachrote und orange Stofflagen bauschten sich flirrend, siedend, z�ngelnd auf. Sie wurden von einem mit bernsteinfarbenen Steinen besetzten G�rtel zusammengerafft. Die Feuers�ule blieb stehen und richtete das Wort an ihn.</p><p>���Sie tragen nicht Indigo.�</p><p>���Ich trage niemals Indigo�, meinte Guy. �Was ist Indigo?�</p><p>���Das sollten Sie aber. Sie verf�gen �ber ein hohes Ma� an Aggression. Zuviel Rot.�</p><p>���Rot trage ich auch nie.� Na, die mu� gerade was sagen, dachte Guy und spielte den Moderaten, als w�re die Unterhaltung schon aus dem Ruder gelaufen.</p><p>���In Ihrer Aura, meine ich. Sie gl�ht. Und hat ein Loch so gro� wie eine Cantaloupe.�</p><p>���Ach... ach ja?�</p><p>���Ein �therisches Leck darf nicht untersch�tzt werden.�</p><p>��Mit ernsthafter Miene �ffnete May die T�r. �Es gibt auch eine Menge dunkler Flecken. Sie sind nicht zuf�lligerweise ein Geizkragen?�</p><p>���Bestimmt nicht�, erwiderte Guy sp�ttisch, w�hrend er ihr in die Halle folgte. Konnte man jemanden, der sich selbst einen Rolls-Royce-Corniche g�nnte, als Geizkragen bezeichnen?</p><p>���Nun, mir f�llt da eine bedenkliche Unausgeglichenheit auf, Mr. Gamelin. Zuviel einseitige Aktivit�t, wie ich vermute. Ich m�chte Sie ja nicht aushorchen, aber falls Sie Wert auf weltlichen Erfolg legen -�</p><p>���Ich habe weltlichen Erfolg. Und mir fehlt nichts.� Einmal abgesehen von einer Tochter. Ab, Sylvie - meine gro�e Unausgeglichenheit. Mein Leben.</p><p>���Ich bin zu Besuch -�</p><p>���Das wei� ich alles. Ich werde Ihnen den Weg zeigen. Hier entlang, bitte.� Schon st�rmte sie davon. Guy h�ngte sich an ihre Fersen. Sie kamen an jener T�r vorbei, hinter der er nachmittags den verr�ckten Jungen entdeckt hatte.</p><p>���Bleiben Sie �ber Nacht?�</p><p>��Guy murmelte etwas von einem Hotel.</p><p>���Ausgezeichnet. Morgen m�ssen Sie vorbeikommen und ein paar Fl�schchen ausw�hlen, und ich werde Sie auf den richtigen Weg bringen.�</p><p>��Dessen war Guy sich nicht so sicher. Der Begriff �DarmSp�lung� kam ihm in den Sinn. Er fragte, woraus eine Konsultation bei ihr bestand.</p><p>���Ich beginne mit den Chakras. Durchsp�le sie richtig, reinige die Nadis. Danach versuche ich, mit einem von den gro�en Meistern in Verbindung zu treten. Meine Meisterin ist von unsch�tzbarem Wert. Sie ist ein erster Chohan des siebten Strahls, m�ssen Sie wissen.�</p><p>���Aber Ihr Meister ist doch schon hier�, sagte Guy und bem�hte sich, keine Miene zu verziehen. �K�nnten wir nicht einfach ihn um Rat fragen?�</p><p>��Mays Reaktion verbl�ffte ihn sehr. Sie schien richtiggehend irritiert zu sein. Der Rhythmus ihres selbstbewu�ten Gangs war kurzzeitig unterbrochen.</p><p>���Oh, das w�re mir nicht m�glich. Er ist... momentan ersch�pft. Ist ihm in letzter Zeit nicht allzu gutgegangen.�</p><p>���Meine Tochter hat das gar nicht erw�hnt.�</p><p>���Nicht?� May war vor einer geschnitzten Holzt�r stehengeblieben. Sie klopfte und wartete. Und dann - als habe sie eine Antwort erhalten, die Guy nicht h�ren konnte - stie� sie die T�r mit den Worten auf: �Mr. Gamelin ist hier, Meister�, und scheuchte ihn hinein.</p><p>��Zuerst hatte Guy den Eindruck, in einen sehr gro�en Raum zu treten, doch er erkannte schnell, da� dies vor allem der sp�rlichen M�blierung zuzuschreiben war. Das farblose, leere Zimmer erinnerte ihn an japanische R�ume. Die Negation eines Raums. Zwei Kissen lagen auf dem Boden. Neben dem Fenster standen ein Wandschirm und ein Holzrahmen, in den ein farbenpr�chtiges St�ck Seide gespannt war.</p><p>��Beneidenswert grazil erhob sich ein Mann von einem der Kissen und kam auf ihn zu, um ihn zu begr��en. Guy blickte in so faszinierende Augen, da� es eine Minute dauerte, bis er der ganzen Erscheinung seine Aufmerksamkeit schenkte. Was er sah, beruhigte ihn auf der Stelle. Langes wei�es Haar, ein blaues Gewand, Sandalen - alles zielte geradezu pathetisch darauf ab, eine spirituelle Wirkung zu erzielen. Wie die Zeichnung eines miesen K�nstlers. Astroth: Meister des Universums. Guy sch�ttelte nachdr�cklich die Hand seines Gegen�bers und grinste.</p><p>��Der Meister bot ihm an, sich zu setzen. Etwas schwerf�llig lie� er sich auf dem Kissen nieder, mit geradem R�cken, die H�nde hinter sich flach auf dem Boden liegend, die Beine gespreizt ausgestreckt. W�hrend ihm diese unbequeme Haltung zuwider war, fl��te ihm die dahinterstehende Strategie gleichzeitig Respekt ein. Bestimmt verf�gte Craigie �ber konventionellere Sitzm�bel (niemand lebte in solch einer kargen Behausung), hatte aber absichtlich alles entfernen lassen, um seinen Gast in die Defensive zu dr�ngen. Die Fakirversion der �Sieh-mal-wer-den-h�chsten-Stuhl-innehat�-Methode. Es wird schon mehr als diese M�tzchen brauchen, Craigie. Guy warf seinem Gastgeber einen ermutigenden und herausfordernden Blick zu. Craigie l�chelte und schwieg beharrlich.</p><p>��Das Schweigen dauerte an. Zu Anfang l�ste es bei Guy eine gewisse Rastlosigkeit aus. Wie gew�hnlich schlug sein Verstand Kapriolen, entwarf ausgefuchste Schachz�ge, spielte die unterschiedlichsten Strategien zur Vernichtung des anderen durch. Langsam, als die Sekunden und Minuten verstrichen, legte sich seine Aufregung, und etwas anderes trat an ihre Stelle. Er konnte noch immer seine bombastische innere Stimme h�ren, doch ged�mpft, wie Kampfl�rm hinter einem fernen H�gel.</p><p>��Normalerweise war Stille f�r Guy unertr�glich. Er mochte das, was er �ein bi�chen Leben� nannte, mit dem er gew�hnlich �ein bi�chen L�rm� meinte. In diesem Fall �bte die Stille eine sonderbare Wirkung auf ihn aus. Kam ihm wie eine beruhigende Umarmung vor. Am liebsten h�tte er losgelassen. Sich einfach fallen lassen. Ihm war, als habe ihm jemand eine Last von den Schultern genommen, als w�rden alle Bewegungen angehalten. Er versp�rte das Bed�rfnis, diesen bemerkenswerten Zustand in Worte zu fassen, doch die Sprache, mit der man derlei Befindlichkeiten ausdr�ckte, hatte er nicht gelernt, und so blieb er einfach still sitzen. Dem Anschein nach bestand kein Grund zur Eile, und unwohl f�hlte er sich auch nicht mehr.</p><p>��In dem Raum hing das Licht der untergehenden Sonne. Die farbenfrohe Seide sah aus, als brenne sie lichterloh. W�hrend 'Guy den gespannten Stoff betrachtete, verst�rkte sich die Intensit�t der sirrenden Farben. Er bildete sich fast ein, da� sie lebten und vor Energie pulsierten. Da es ihm unm�glich war, den Blick von dieser strahlenden Transformation abzuwenden, fragte er sich, ob er hypnotisiert wurde. Just in diesem Augenblick ergriff der andere Mann das Wort.</p><p>���Ich freue mich sehr, da� Sie zu Besuch kommen konnten.�</p><p>��Guy fa�te sich, rang darum, sich auf sein Gegen�ber zu konzentrieren, was ihm nicht leichtfiel. �Ich mu� Ihnen dankbar sein. Daf�r, da� Sie so freundlich zu meiner Tochter sind.�</p><p>���Sie ist ein �u�erst angenehmes M�dchen. Wir alle sind ganz vernarrt in Suhami.�</p><p>���Ich habe mir gro�e Sorgen gemacht, als sie verschwand.� Regel Nummer eins: Gesteh niemals deine Schw�chen ein. �Nicht da� wir uns sehr nahegestanden h�tten.� Regel Nummer zwei: Und auch nicht, da� du versagt hast.</p><p>��Was war denn in ihn gefahren? Das hier war sein Gegner. Die Vaterfigur, die Sylvie �ber alles stellte. Guy bem�hte sich, seine Eifersucht, seinen Rachedurst wieder anzukurbeln. Ohne diese Emotionen kam er sich nackt, entbl��t vor. Er blickte in die strahlendblauen Augen und das ruhige ausdruckslose Gesicht. Links und rechts der spitzen, geraden Nase war die Haut etwas eingefallen. Halt dich daran fest. Der Kerl ist schrottreif. Mit einem Bein im Grab. Aber wie ist es um seine Kinnlinie bestellt? Das Kinn eines Soldaten. Das Kinn eines Soldaten im Gesicht eines M�nchs. Welche R�ckschl�sse konnte er daraus ziehen? Was er damit anfangen sollte, wu�te Guy nicht.</p><p>���Selbst in Familien, wo die einzelnen Mitglieder einander sehr nahestehen, l�sen die jungen Menschen sich. Das ist eine �u�erst schmerzhafte Erfahrung.�</p><p>��Da war etwas an Craigies Pr�senz, vielleicht die Tatsache, da� er sich so stark auf seinen Gespr�chspartner konzentrierte, das nach einer Antwort verlangte. Guy sagte: �Schmerzhaft ist noch milde ausgedr�ckt.�</p><p>���Wunden k�nnen heilen.�</p><p>���Ach ja, meinen Sie? Glauben Sie tats�chlich, da� das m�glich ist?�</p><p>��Mit gefalteten H�nden beugte sich Guy nach vorn. Und begann zu reden. Ein Schwall ungl�cklicher Erinnerungen str�mte aus seinem Mund. Str�me der Reue. Fluten von Selbstbezichtigungen. Unabl�ssig ging das so weiter, als g�be es kein Ende. Entsetzt und angewidert lauschte Guy seinen eigenen Worten. Welch verabscheuungsw�rdige F�ulnis! Und dennoch - mit was f�r einer Leichtigkeit alles aus ihm rausflo�! Als h�tten diese Wortstr�me jahrelang nur darauf gewartet, ihm �ber die Zunge zu kommen.</p><p>��Am Ende war er total ersch�pft. Sein Blick suchte Craigie, dessen Blick auf den H�nden ruhte. Guy versuchte in der Miene des anderen zu lesen, die er als teilnahmsvolle Distanziertheit interpretierte, aber das konnte doch gar nicht'sein. Entweder man war teilnahmsvoll oder distanziert, aber gewi� nicht beides. Und schon gar nicht gleichzeitig. Eine kurze Weile sa� Guy einfach so da, bis sein Verlangen nach einer wie auch immer gearteten Reaktion unertr�glich wurde. Um die passenden Worte ringend, schob er eine Rechtfertigung nach:</p><p>���Ich habe ihr alles gegeben.�</p><p>��Ian Craigie nickte zustimmend. �Das ist verst�ndlich. Aber es funktioniert nat�rlich nicht.�</p><p>���Wollen Sie damit sagen, da� man Liebe nicht kaufen kann? Da haben Sie ganz recht. Ansonsten g�be es keine einsamen Million�re.�</p><p>���Ich wollte damit sagen, da� Dinge den Menschen nicht wahre Zufriedenheit schenken k�nnen, Mr. Gamelin. Sie haben kein Leben, das m�ssen Sie verstehen.�</p><p>���Ah.� Guy verstand gar nichts. Letztendlich ging es doch um nichts anderes als die Anh�ufung und Zurschaustellung von Dingen. Woher sollten die anderen sonst wissen, was f�r ein Mensch man war? Und selbst ein ganz bodenst�ndiger Mensch brauchte ein Haus, Essen, W�rme und Kleidung. Diese Meinung tat Guy auch kund.</p><p>���Selbstverst�ndlich stimmt das. Aber es existiert eine vierte gro�e Notwendigkeit, die wir gern vernachl�ssigen. Ich spreche von dem Verlangen nach Euphorie.� Er l�chelte mit dem Wissen, da� das Wort f�r Guy eine ganz andere Bedeutung hatte. �Ich spreche von emotionaler und spiritueller Euphorie. Manchmal vermittelt das Theater uns eine Ahnung davon. Gelegentlich auch die Musik...�</p><p>���Das verstehe ich.� Guy entsann sich der vollgestopften Glasschluchten in der Stadt. Der dramatischen Riten der Durchquerung. Rauchiger Sitzungszimmer, Dolche, die un�berh�rbar gezogen wurden. All das war unerh�rt euphorisch. �Ich begreife nicht, wie hier...� Mit einem Wedeln der Hand beendete er den Satz.</p><p>���Hier h�ngt unser Herz am Gebet. Au�erdem haben wir uns dem Streben nach dem Guten verschrieben.�</p><p>��Ein irritierender Anflug von Ironie. Guy ha�te Ironie. In seinen Augen war sie eine Waffe, der sich Schw�chlinge und Klugschei�er bedienten. �Sie h�ren sich an, als w�rden Sie das nicht ernst nehmen.�</p><p>���Die Herausforderung nehme ich sehr ernst. Aber nicht den Menschen. Oder nur sehr, sehr selten.�</p><p>��Urpl�tzlich wurde Guy kalt, als w�re ihm die Quelle seines Wohlbehagens schlagartig entrissen worden. War dann die W�rme, das Verst�ndnis, die Tatsache, da� er sein Leid einer intelligenten, zur Anteilnahme f�higen Person gestanden hatte, nur Illusion gewesen? Guy wurde zornig. F�hlte sich betrogen. �Das Streben nach dem Guten? Ich verstehe nicht ganz.�</p><p>���Nein. Abstraktionen sind immer schwer zu verstehen. Und gef�hrlich. Ich denke, die einfachste M�glichkeit, dies zu erkl�ren, ist folgende: Wenn die Vorstellung, da� so etwas tats�chlich existiert... da� wir es vielleicht erfahren, sp�ren k�nnen ... wenn diese Vorstellung sich einmal durchgesetzt hat, dann l��t sie einen nie wieder in Ruhe.�</p><p>��Guy dachte an seine alles verzehrende Liebe und verstand vollkommen.</p><p>���Wir verbringen hier nat�rlich viel Zeit damit zu straucheln, vom Weg abzukommen. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns nicht von unseren Mitmenschen.�</p><p>���Und dieses... Streben ist Ihrer Meinung nach das, was Sylvie sucht?�</p><p>���Davon ist sie momentan �berzeugt. Ihre Meditationen haben ihr ein gewisses Ma� an Zufriedenheit geschenkt. Aber sie ist noch sehr jung. Im Lauf unseres Lebens setzen wir viele unterschiedliche Masken auf. Und schlie�lich finden wir eine, die so gut pa�t, da� wir sie nie mehr ablegen.�</p><p>���Ich habe nie eine Maske getragen.�</p><p>���Wirklich nicht?� Es klopfte an der T�r. Er rief: �Noch ein paar Minuten, May�, und wandte sich wieder an Guy. �Wir haben noch nicht �ber das eigentliche Problem, �ber das Erbe Ihrer Tochter gesprochen, was der eigentliche Grund f�r meine Einladung war.�</p><p>���Der McFadden-Treuhandfonds? Dar�ber spreche ich nicht mit Ihnen, Craigie.�</p><p>���Ihre Tochter will alles der Gemeinschaft vermachen.�</p><p>��Guy st�hnte auf, woraufhin der Meister sich besorgt vorneigte. �Geht es Ihnen nicht gut, Mr. Gamelin?�</p><p>��Guy hob das Gesicht. Seine Miene sprach B�nde, verriet Benommenheit, Best�rzung. Ihm fiel die Kinnlade runter. Der Meister beobachtete diese bemitleidenswerte Reaktion und l�chelte dann mit geschlossenem Mund. Nach ein paar Minuten fuhr er fort:</p><p>���Bitte, machen Sie sich keine Sorgen. Das Geld wird nicht akzeptiert werden. Wenigstens nicht in n�chster Zeit. Ihre Tochter ist uns f�r unsere Zuneigung sehr dankbar, wie das bei Kindern, die keine Liebe erfahren haben, oftmals der Fall ist. Au�erdem erinnert das Erbe sie an ihr fr�heres Ungl�cklichsein, weshalb sie den Entschlu� gefa�t hat, sich davon zu befreien, wenn nicht hier, dann woanders. Ich hatte gehofft, mit Ihnen �ber dieses Anliegen sprechen zu k�nnen. Ich habe mich gefragt, ob es nicht eine M�glichkeit gibt, mir das Verm�gen pro forma zu �bertragen, damit es nach au�en hin so aussieht, als n�hme ich es an, w�hrend es in Wirklichkeit irgendwo fest angelegt wird, vielleicht wenigstens f�r ein Jahr. Selbstverst�ndlich besteht dann immer noch die M�glichkeit, da� sie das Verm�gen weggeben m�chte, aber laut meiner Erfahrung�, die Ironie wurde jetzt noch deutlicher, �wird sie am Ende nicht so handeln.�</p><p>��Es klopfte erneut. May legte ihre Lippen an den T�rrahmen. �Meister - wir werden gleich zu Abend essen.�</p><p>���Wir werden uns sp�ter noch mal �ber dieses Thema unterhalten, Mr. Gamelin. Bitte, machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden gewi� eine L�sung finden.�</p><p>��Aus diesem unglaublich h�flichen Vorschlag meinte Guy herauszuh�ren, da� seine Reaktion Belustigung hervorgerufen hatte, was ihm gegen den Strich ging. Welcher halbwegs normale Mann w�re nicht beunruhigt bei dem Gedanken, da� eine halbe Million Pfund aus den Schatztruhen der Familie entfernt wurden? Auch wenn die McFaddens eine erb�rmliche Truppe gewesen waren, ihr Geld war so gut wie das jedes anderen. Er k�mpfte sich auf die Beine und �rgerte sich erneut dar�ber, da� man ihm eine derart unbequeme Sitzgelegenheit angeboten hatte. Craigie r�hrte sich nicht. �Kommen Sie nicht?�</p><p>���Ich esse um zw�lf.�</p><p>���Nur um zw�lf? Dann m�ssen Sie sehr hungrig sein.�</p><p>����berhaupt nicht.� Es war fast sp�rbar, wie stark sein Interesse nachlie�. Wie er sich in sich selbst zur�ckzog. Guy h�tte allein im Zimmer sein k�nnen. �Und jetzt m�ssen Sie mich entschuldigen. Ich mu� mch ausruhen.�</p><empty-line/><p>In einer endlosen Schlange verharrte der von Felicity angemietete Wagen reglos auf der M4 zwischen einem verbeulten Cortina und einem BMW. Der Chauffeur dr�ckte immer wieder auf die Hupe. Felicity streifte ihren Schuh ab und klopfte mit dem mit Rheinkieseln besetzten Absatz gegen die Glasscheibe. ! Der Fahrer zuckte zusammen und drehte den Kopf. Sein Profil verriet Nervosit�t.</p><p>��Seit sie Belgravia verlassen hatten, hatte er sie unabl�ssig im Auge behalten. H�tte er die Wahl gehabt, w�re es nach ihm gegangen, h�tte er sie �berhaupt nicht einsteigen lassen. Nicht nur da� sie wie Vincent Prices Filmpartnerin aussah, nein, sie verhielt sich auch reichlich sonderbar. Zog fortw�hrend ihr Tuch runter, drapierte es dann wieder �ber die Haare, summte, winkte aus dem Fenster. Er lie� die verst�rkte Glasscheibe runter.</p><p>���Ich habe Ihrer Firma gesagt, da� ich um halb acht dort sein mu�.�</p><p>���Den Verkehr kann ich nicht �ndern, Mrs. Gamelin.�</p><p>���Sie h�tten fr�her kommen sollen.�</p><p>���Ich kam um die Uhrzeit, f�r die ich bestellt war.�</p><p>���Aber die h�tten wissen m�ssen, wie es hier aussieht.� Diese Unterhaltung hatten sie nun schon x-mal gef�hrt. Er schwieg und wartete ab. �In dem Brief stand zwischen halb acht und acht, verstehen Sie. Auf Manor House, Compton Dando. Das ist schrecklich wichtig f�r mich.�</p><p>��Was f�r ein Unsinn, ihm die Adresse zu nennen. Die war ihm ohnehin ins Gehirn gebrannt. Seit sie in den Wagen gestiegen war, hatte sie sie ununterbrochen wiederholt. Und er hatte sie auch aufgeschrieben.</p><p>���K�nnen Sie nicht ausscheren oder �berholen oder so was?�</p><p>��Der Fahrer l�chelte, nickte und lie� die Glastrennwand wieder hochfahren. Leicht beunruhigt bemerkte er, da� sie den Schuh immer noch in der erhobenen Hand hielt.</p><empty-line/><p>�Zu unserer vorigen Unterredung, Mr. Gamelin...�</p><p>��Wieder wurde Guy von May durch einen Korridor geschleust, und wieder h�rte er nicht zu. Er rang darum, sein Selbstbewu�tsein wiederzuerlangen, das in jenem Raum auf geheimnisvolle und subtile Weise zuerst in seine Einzelteile zerlegt und dann ausradiert worden war. Mein Gott, dachte er - wenn ich lernen k�nnte, das zu tun. Was f�r eine Waffe w�re das!</p><p>���Ich veranstalte im September einen Farbenworkshop. Ein paar Pl�tze sind noch frei.�</p><p>��Craigie, dieser altersschwache und fast stumme Mann, war ein Zauberer. Ein Betr�ger. Das mu�te es sein. Welche andere Erkl�rung konnte es sonst noch geben? All dieses Geschwafel �ber das Gute und spirituelle Euphorie war absoluter Schwachsinn. Ein Mantel aus mildt�tigem Mystizismus, hinter dem sich insgeheim ein Imperator versteckte. Und dann dieses scheinheilige Getue, als wolle er Sylvies Schotter nicht annehmen. Craigie konnte bluffen, das mu�te man ihm lassen. Wirklich beachtlich! Auch diese �Konsultation� der Eltern. Die diente doch nur dazu, Craigies Rolle als selbstloser Wohlt�ter zu untermauern. Dieser schlaue Fuchs. Vaterfigur. Dem werde ich eine Vaterfigur geben! Der hat keine Ahnung, mit wem er es zu tun hat. Der wei� noch nicht mal, da� er geboren wurde. Als sie den Speisesaal erreichten, war Guy wieder ganz der alte.</p><p>��Dort hatten sich eine Menge Menschen eingefunden. Alle sa�en an einem langen Tisch. Die Mienen von ein oder zwei Anwesenden verrieten erm�dende Selbstbeherrschung. Guy nahm an, da� er sich bei ihnen entschuldigen sollte, weil er sie hatte warten lassen, fand, da� das nicht seine Schuld gewesen war, kam dann aber zu der �berzeugung, da� Sylvie es ihm �belnehmen w�rde, und richtete ein paar vers�hnliche Worte an alle und niemand besonderen.</p><p>���Ich denke, Sie h�tten gern einen Drink.�</p><p>��May f�hrte ihn zu einer Anrichte mit zwei Glaskr�gen. Einer war randvoll mit einer hellroten Fl�ssigkeit, der andere, schon halb leer, enthielt etwas Teichgr�nes. Die Regel befolgend, da� die Eingeborenen immer am besten wissen, was gut schmeckt, neigte Guy zu dem Krug mit dem gr�nen Getr�nk.</p><p>���Nun�, sagte May mit der Handbewegung einer Zauberin. �Was darf es sein?�</p><p>���Was am st�rksten ist.�</p><p>���Die Haferpflaume strotzt nur so vor Kalzium. Wenn Sie die R�benbl�tter nehmen, kriegen Sie etwas Jod, eine Menge Vitamin C und eine ordentliche Menge Magnesium.�</p><p>���Ich meinte den st�rksten Alkohol.�</p><p>���O Gott.� Verst�ndnisvoll t�tschelte sie seinen Arm. �Brauchen Sie dringend einen Schluck Alkohol? Das erkl�rt den aurischen R�ckstand. Keine Sorge�, sagte sie und f�llte einen Tonbecher, �es ist nie zu sp�t. Vor ein paar Monaten hatte ich hier einen Alkoholiker. War kaum in der Lage aufzustehen, als er hier neu war. Ich habe ihn gependelt, mit ihm �ber dem violetten Arturusstrahl gearbeitet, seine Chakras gereinigt und ihn gelehrt, die Sonne zu gr��en. Wissen Sie, wo der Mann heute ist?�</p><p>��Guy fiel auf, da� er seinen Flachmann im Wagen liegengelassen hatte. Die gr�ne Fl�ssigkeit schl�rfend, folgte er seiner Gastgeberin. Das Gebr�u schmeckte besser, als es aussah, was aber nicht viel hie�. Es freute ihn zu sehen, da� der Platz neben Sylvie frei war. Sofort steuerte er auf diesen Stuhl zu, wurde aber von May behutsam in eine andere Richtung gelenkt, an einen Platz gef�hrt, ehe sie sich neben seine Tochter setzte.</p><p>��Er rief ihr hinterher: �Kann ich nicht dort sitzen...� Die Frau zu seiner Rechten unterbrach ihn.</p><p>���Jeder von uns hat einen bestimmten Platz. Das ist so unsere Art hier. Ein Hauch von Disziplin. Sie nehmen den Platz des Besuchers ein.�</p><p>��Guy musterte sie voller Ablehnung. Ein fliehendes Kinn, langes graues Haar, das mit einem bunten Tuch nach hinten gebunden war, vorstehende Augen, die ernst dreinblickten. Sie trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck �Universelle Seele: Die einzige Wahl� und hatte keinen BH an. Ihre gro�en Br�ste mit den hervorstehenden Brustwarzen reichten fast bis zur Taille. Der Mann, der ihr gegen�bersa� und den Platz am Tischende einnahm, trug einen Sch�ferrock. Er reichte Guy eine Platte mit Kuhfladen.</p><p>���Gerstenkuchen?�</p><p>���Warum nicht?�</p><p>��Mit einem gezwungenen L�cheln nahm Guy zwei St�ck und inspizierte die anderen Gerichte. Ein grauenvoller Anblick. Noch mehr Kr�ge mit Chateau-Ekelhaft, Berge von mit schwarzbraunem Kleister bestrichenem Brot und eine Sch�ssel mit einer klebrigen Pampe, in der aufrecht ein L�ffel steckte, als sei er vor Schreck erstarrt.</p><p>��Griesgr�mig dachte Guy an die Speisekarte in seinem Zimmer im Chartwell Grange. Fritierter Thwaite Shad auf einem Mandelreisbett mit englischen Pilzen und neuen Kart�ffelchen. Nach diesem g�ttlichen Mahl wurde entweder ein Korb mit knackigen Cox-Orange-�pfeln, herzhafter Fenland-Sellerie oder Tarte Judy gereicht, je nach Geschmack oder Appetit des Gastes. Was ich alles aus Liebe �ber mich ergehen lasse, fuhr es Guy durch den Kopf. Er warf seiner Tochter einen Blick zu, hoffte auf ein L�cheln von ihr.</p><p>��Sylvie war in einen wunderh�bschen apfelgr�nen und roten Sari geh�llt. Mit ihrem ernsten jungen Gesicht, auf dessen Stirn ein frischer roter Punkt prangte, und ihrem staubigen Haar wirkte sie auf ihn wie ein Schulkind, das bei einer Theaterauff�hrung falsch besetzt war. Er konnte nicht fassen, da� sie an diesen quasireligi�sen Unfug glaubte. Sie sa� neben einem jungen Mann mit langen dunklen Haaren, der sich wiederholt mit sanfter Intimit�t an sie wandte und ihr ins Ohr fl�sterte. War er der �wunderbare Mann�, wegen dem sie London den R�cken gekehrt hatte? Falls dem so war, war er ihr gegen�ber im Vorteil.</p><p>��Guy bemerkte sein verlogen sanftes L�cheln. Wahrscheinlich ein Mitgiftj�ger. Das M�dchen war von diesen blutr�nstigen Geiern umzingelt. Wie paradox seine Schlu�folgerung war, die da lautete, da� seine Tochter, die er nur um ihretwillen liebte, von anderen nur geliebt wurde, weil sie nach ihrem Verm�gen trachteten, fiel ihm nicht auf.</p><p>��Voller Elan machte sich May �ber den Inhalt einer flachen Zinnschale her und teilte aus. Wann immer sie ein eingetunktes St�ck Brot hochhob, zog die bla�gelbe Tunke eklige F�den. Beim Servieren plauderte sie munter drauflos.</p><p>���... beim grauen Star geht es eigentlich doch darum, da� die �rzte nicht einsehen wollen, da� es sich um eine psychosomatische Krankheit handelt. Die �lteren Menschen werden mit dem modernen Leben nicht fertig. Computer, Stra�engewalt, gro�e Superm�rkte, nuklearer Abfall... All dies zu sehen, k�nnen sie einfach nicht ertragen. Daher legt sich ein Film �ber die Augen. Ich meine... das ist so einfach. Guy?�</p><p>���Danke.� Man reichte ihm einen Teller mit einer geheimnisvollen Mixtur. Ein Mosaik aus Rot, Braun und Khaki mit schwarzen Ringen aus einer gummiartigen Materie. Guy griff nach seinem Besteck, registrierte die Verwunderung der anderen und legte es wieder weg. W�hrend er darauf wartete, bis alle bedient waren, musterte er die restlichen Tischg�ste.</p><p>��Einen Gnom von einem Mann mit hellrotem, schaufel�hnlichem Kinnbart, eine Frau mit st�rrischem, vollem Haar und m�rrischer Miene. Jener arme Tropf von einem Jungen, der auf der anderen Seite von Sylvie sa�. Richtiggehend angewidert bemerkte Guy, wie sanft sie mit dieser gest�rten Kreatur sprach und einmal sogar ihre Hand auf seinen Arm legte. Solche Menschen, von Krankheit verzehrt, m��ten weggesperrt werden und sollten nicht frei rumlaufen und groteske Forderungen an unschuldige, weichherzige Menschen stellen d�rfen. Kein Anzeichen von seiner Gespielin, mit der er sich heute nachmittag vergn�gt hatte. Guy wu�te nicht, ob er sich �ber ihre Abwesenheit freuen oder �rgern sollte. Eigenartigerweise hatte ihn kurz nach Trixies Verschwinden ein Hauch von Unwohlsein �berfallen. Wo ihr Problem lag, kapierte er allerdings immer noch nicht. Sie hatte ihm Avancen gemacht, er hatte das Angebot bereitwillig angenommen und sie prompt f�r ihre Dienste bezahlt. Trotz des Gezeters und verletzten Stolzes waren die f�nfzig Pfund zusammen mit ihr verschwunden. Nein - Guy f�rchtete, da� sie Sylvie von ihrem Stelldichein erz�hlte und dabei die Wahrheit entstellte. M�glicherweise sogar behauptete, sie h�tte keine Lust gehabt. Daher beschlo� er, sich zusammenzurei�en und sie freundlich zu behandeln, falls er ihr noch mal �ber den Weg laufen sollte. Und sich eventuell sogar entschuldigte, auch wenn er immer noch nicht wu�te, wof�r.</p><p>��Nachdem allen aufgetragen worden war, herrschte kurz Schweigen am Tisch. Alle senkten den Blick auf ihre Teller. Guy inspizierte seine Kuhfladen, die seinen Blick f�kal erwiderten. Sein Tischnachbar meldete sich zu Wort. Er legte den Sch�ferrock ab, unter dem er ein T-Shirt mit den Worten �Respektier meinen Raum� trug.</p><p>���Hey... wie w�re es, wenn wir uns nun gegenseitig vorstellen? Ich bin Ken &gt;Zedekial&lt; Beavers. Und das hier ist Heather, meine g�ttliche Erg�nzung�, sagte der Grauhaarige. �Oder - astral ausgedr�ckt - Tethys.�</p><p>���Guy Gamelin.� Jeder reichte jedem die Hand. Nach der Begr��ung durfte Guy endlich mit der Gabel in seinem Essen rumstochern. �Was essen wir hier eigentlich?�</p><p>���Nun, das ist - wie jeder sieht - eine Lasagne. Kennt jeder. Und dieser kleine Haufen ist Kichererbsenp�rree, und das da�, er zeigte auf die schwarzen Schleifen, �ist Zostera marina, direkt aus dem Meer.� Ken sprach das Wort ziemlich eigenartig aus, hob die Stimme und gurrte wie eine Gans. �Wo w�ren wir nur ohne den Ozean?�</p><p>���Wie bitte?�</p><p>���Zostera marina ist Seegras. Aus Japan.�</p><p>���I�t man viel davon, kriegt man kein G�rtelrosen mehr.�</p><p>��Guy, der noch nie im Leben eine G�rtelrose gehabt hatte, nickte unmerklich und legte die Gabel beiseite. Au�er dem Gemurmel der sich unterhaltenden Leute nahm er Musik wahr. Oder eher die zuckers��e Rekonstruktion der Natur, die sich selbst gen�gte. Vogelgezwitscher, im Wind rauschende �ste, das unabl�ssige Pl�tschern von Wasser.</p><p>��Zweifellos erachteten sie diese aufgezeichneten Ger�usche als der Ruhe f�rderlich. Und es schien zu funktionieren. Die ganze Atmosph�re hatte etwas ungew�hnlich Ernsthaftes. Jeder sprach mit gesenkter Stimme. Niemand nahm sich einfach das, worauf er Appetit hatte. Zeigte nur darauf und murmelte leise Worte. Guy fragte sich, was sie mit all ihrem �rger anfingen. Jeder �rgerte sich irgendwann. Das geh�rte zur menschlichen Ausstattung, wie Leber und Augen, Z�hne und N�gel. Meditierten sie ihn weg? Kehrten sie ihn unter einen Teppich aus gutgemeinten Taten? Oder schickten sie ihn mit einem Lied auf den Lippen f�r immer in den Kosmos? Was f�r eine Horde wabbelb�uchiger Schw�chlinge. Taten sich zusammen, rannten vor sich und dem Leben davon. Als er merkte, wie grie�gr�mig er dreinblickte, tat er schnell h�flich interessiert und wandte sich an seinen Nachbarn.</p><p>���Und was tun Sie hier alle auf Windhorse?�</p><p>��Heather warf ihr langes Haar �ber die Schulter. �Wir lachen... wir weinen...� Sie faltete die H�nde und �ffnete sie dann mit einer ausladenden Bewegung, als ginge es darum, einen Vogel freizulassen. �Wir leben.�</p><p>���Das tut jeder.�</p><p>���Nicht jeder trinkt aus dem tiefen Kelch seines Wesens.� Sie reichte ihm eine Platte mit einer gr�nen Pampe. �M�chten Sie probieren?� Guy z�gerte. �Ein feines P�rree aus kleingehacktem Schwarzwurz, Majoran und ein wenig Hanfnessel.�</p><p>��Mit einem Kopfsch�tteln gelang es Guy, seine Entt�uschung zu verbergen. �Wenn ich etwas unter gar keinen Umst�nden zu mir nehmen darf, dann Hanfnessel.�</p><p>���Kondensierter Sonnenschein�, versicherte Ken und deutete mit dem Kinn auf das P�rree.</p><p>���In welcher Hinsicht?�</p><p>���Durchdrungen von solarem Licht.� Das Funkeln und Glitzern seines Kristalls unterstrich seine Behauptung. �Erz�hlen Sie mir nicht, da� Sie noch nie von den f�nf Platonischen K�rpern geh�rt haben.�</p><p>���Von ihnen geh�rt habe?� fragte Guy. �Ich esse sie.�</p><p>��Mit einem Schmunzeln deutete er an, da� er einen Scherz gemacht hatte, und erkundigte sich dann mit gesenkter Stimme vorsichtig, ob auch Fleisch gereicht w�rde.</p><p>��Seine Frage zog einen langen Vortrag, gespickt mit warmherzigen, sentimentalen Schm�hungen, nach sich, der damit endete, da� im Grimmdarm eines Fleischfressers stets wenigstens f�nf Pfund tierische Proteine g�rten.</p><p>���F�nf Pfund? �</p><p>���Minimum.�</p><p>��Guy stie� einen Pfiff aus, und Ken gab einen �belriechenden R�lpser von sich, als wolle er damit die hervorragende Arbeit seines Verdauungsapparates demonstrieren. Guy r�mpfte die Nase. Heather wechselte das Thema und bot Guy noch etwas von dem Ersatzgebr�u an, dem er heimlich das Etikett �Ch�-teau-Pisse� verpa�t hatte.</p><p>��Nachdem es ihr nicht gelungen war, ihn von ihrem Tun zu �berzeugen, erkundigte sie sich: �Und was tun Sie den ganzen Tag lang?�</p><p>���ich bin Finanzier.� Als ob du das nicht w��test.</p><p>���Keine einfache Aufgabe.�</p><p>���Wenn man die Eier dazu hat, dann schon�, gab Guy selbstzufrieden Auskunft. Das sich daraufhin einstellende Schweigen zog sich hin. �O Gott - bin ich Ihnen zu nahe getreten? Ich nahm an, Sie w�ren hier alle auf Du und Du mit der Natur.�</p><p>���Wir ziehen die Eingeweide dem Verstand auf jeden Fall vor.�</p><p>���Die G�tterd�mmerung des Intellekts�, warf Heather ein, �steht bevor.�</p><p>��In deinem Fall mag das zutreffen, dachte Guy. �Ich selbst genie�e es sehr, hin und wieder zu einem vernichtenden Schlag gegen den Verstand auszuholen.�</p><p>���Hier sind wir alle Million�re im Geist�, lie� Ken verlauten. �Und finden, da� erbarmungslose Konkurrenzk�mpfe Ihresgleichen Vorbehalten sind.� Dieser Schlag unter die G�rtellinie wurde mit vollem Mund kundgetan.</p><p>���Es �berrascht mich, auf diese Weise abgestempelt zu werden. Zumal ich Gast in Ihrer Kommune bin.� Ken lief dunkelrot an. Schlagartig hatte Guy das dumme Gequatsche der beiden satt. Er beugte sich vor, um die beiden glauben zu machen, er beabsichtige, eine Vertraulichkeit auszutauschen. Dabei war er sich ganz sicher, da� die anderen ihn nicht h�ren konnten.</p><p>���H�r mal, du Idiot, die Menschen steigen nicht aus dem erbarmungslosen Konkurrenzkampf aus. Ganz im Gegenteil, man flieht irgendwann davor. Und zwar diejenigen, die keinen Schneid haben. Dann kriechen sie davon und �berlassen es einem anderen, das Schiff zu steuern.�</p><p>��Mit einem L�cheln auf den Lippen streckte Ken vers�hnlich die Hand aus. �Es tut mir leid zu h�ren...�</p><p>���Es tut Ihnen gar nicht leid. Es regt Sie tierisch auf, aber Sie haben nicht den Mumm, Ihre Wut zu zeigen. Und nehmen Sie die Hand von meinem Arm.� Wie ein aufgeschreckter Lachs sprang die Hand weg.</p><p>���Wo w�ren wir denn�, forderte Guy sein Gl�ck heraus, �wenn sich jeder dazu entschlie�en w�rde, auszusteigen und sich f�r den Nabel der Welt zu halten? Es g�be keine �rzte - keine Krankenschwestern - keine Lehrer...�</p><p>���Aber das wird niemals geschehen�, protestierte Heather. �Die Anzahl der Menschen, die den Wunsch hegen, ein zur�ckgezogenes Dasein zu f�hren, das von Moral und Philosophie durchdrungen ist, kurzum eine spirituelle Elite, wenn Sie so wollen, ist von Natur aus gering. Zumal so ein Leben einen unglaublich disziplinierten Tagesablauf erfordert.�</p><p>���Wie ich sehe, nutzen Sie die Vorteile moderner Technologien.� Jemand mit so einem Elefantenarsch, fand Guy, hatte auf ewig das Recht verwirkt, das Wort Disziplin in den Mund zu nehmen. Er sp�rte, da� die Zeit gekommen war, den Mund zu halten. �Haben Sie niemals einen Gedanken daran verschwendet, da� so ein armer Tropf in irgendeiner Mine auf den Knien Kohle schaufelt, damit Sie es warm haben, w�hrend Sie auf dem Pfad der Tugend wandeln?�</p><p>���Das ist sein Karma.� Guy registrierte einen Anflug von Irritation. �Er befindet sich auf der niedrigsten Stufe der Rein-karnation. Hat sich wahrscheinlich vom Maulwurf hochgearbeitet.�</p><p>��Die Leute am anderen Tischende unterhielten sich ebenfalls miteinander. Janet fragte sich, ob sie noch mal hochgehen und sich vergewissern sollte, da� Trixie nicht dazu �berredet werden konnte, nach unten zu kommen. May fragte, ob die anderen auch f�nden, da� die Kichererbsen ziemlich eigenartig schmeckten, und Arno drohte, sie w�rde keinesfalls einen Nachschlag kriegen. Tim mampfte vor sich hin und streichelte gelegentlich �ber die ockerfarbenen Sonnenblumen auf Suhamis Geburtstagstasche.</p><p>��Suhami selbst a� nur wenig. Mit wachsender Anspannung Beobachtete sie ihren Vater. Auf jemanden, der ihn nicht kannte, machte er den Eindruck des perfekten Gastes. Er nickte, unterhielt sich, h�rte zu, schmunzelte, aber er a� nicht viel. Hielt er die anderen zum Narren? Gewi� doch. Sich hundertprozentig zu verstellen war eine seiner ausgepr�gtesten Gaben. M�helos spielte er seine Spielchen. Sein Blick, die Art und Weise, wie er gerade den Kopf hielt, mi�fiel ihr. Urpl�tzlich �berfiel sie Panik. Sie w�nschte, sie bes��e die Gabe der Teufelsaustreibung und k�nnte ihn verschwinden lassen. Heather meldete sich zu Wort. Suhami spitzte die Ohren.</p><p>���...und wir sind der festen �berzeugung, da� einem wahres Gl�ck nur beschert wird, wenn das eigene Ich vernachl�ssigt wird. Wir bem�hen uns, unsere Individualit�t abzulegen, aus R�cksicht auf andere. Die Kranken oder Machtlosen... die Armen...�</p><p>���Die Armen...?� Guys Stimme explodierte. Qu�lende, seit langem unterdr�ckte Erinnerungen fingen Feuer. Ein kleiner Junge, der vor einer Stromuhr kniete. Der sein Taschenmesser in den Schlitz rammte, weder das Geld noch das Messer raus-bekam, dem die Angst im Nacken sa�. Derselbe Junge auf der Jagd nach Fr�chten und Gem�se aus kaputten Holzkisten hinter den Marktst�nden, �ber den die Menschen herfielen, falls sie ihn entdeckten. Ein leerer Magen, der ab und an mit �lgetr�nkter St�rke gef�llt wurde. Ein Junge, der als Erwachsener nur a�, was auf Dauer zu Herzkranzverfettung f�hrte. Rotes Fleisch in �ppiger So�e, Berge von Schokolade und Schlagsahne. Hummer-Thermidor.</p><p>���...mu� stark werden... da rauskommen... Weggehen... oder wird untergehen...� Guy zitterte und schaute sich leeren Blickes um. Die Intensit�t seiner Erinnerung ri� ihn fort. Er war kaum in der Lage, sich verst�ndlich zu machen. �...Ratten ... die Armen... das sind Ratten...�</p><p>���Nein... das d�rfen Sie nicht sagen.� Bla�, aber entschlossen neigte Arno sich vor. �Auch sie sind menschliche Wesen und m�ssen als solche wertgesch�tzt werden. Und man mu� ihnen helfen, weil sie keine Macht besitzen. Steht nicht in der Bibel geschrieben, da� die Schwachen die Erde erben werden?�</p><p>���Das haben sie ja auch, oder?� Guy mu�te sich einfach Luft machen. �Es gibt Massengr�ber, die sind voll von ihnen.�</p><p>��Sein Ausbruch machte die anderen mundtot. Jeder schaute betroffen zu seinem Nachbarn hin�ber und fragte sich fassungslos, ob diese absolut grausame Bemerkung tats�chlich gefallen war.</p><p>��Mit offenem Mund sa� Guy vollkommen erstarrt da. Furcht �bermannte ihn. Was hatte er nur getan? Wie hatte er sich von ein paar alternativen Hippies zu solch einem Gef�hlsausbruch hinrei�en lassen k�nnen, wo doch so viel f�r ihn auf dem Spiel stand? Er hob den Kopf, der kalt und schwer wie Blei war, und begann von neuem. �Es tut mir leid... verzeihen Sie.� Er stand auf. �Sylvie - ich hatte nicht die Absicht...�</p><p>���Du kannst nichts und niemanden in Ruhe lassen, nicht wahr?� Mit erstarrter Miene sprang sie ebenfalls auf. �Alles, was freundlich oder sch�n oder gut ist, mu�t du auf dein vergiftetes Level runterziehen. Ich war hier gl�cklich. Und nun hast du alles verdorben. Ich hasse dich... Ich hasse dich...�</p><p>��Verunsichert schrie Tim auf und legte den Kopf in Mays Scho�. Christopher griff nach Suhamis Arm und sagte: �Nicht, Liebling... bitte... tu es nicht...�</p><p>��Die anderen scharten sich um sie und redeten gleichzeitig auf sie ein. Suhami brach in Tr�nen aus. �Mein Geburtstag... an meinem Geburtstag...�</p><p>��Christopher strich ihr �bers Haar. May tat das gleiche bei Tim, und Ken und Heather warfen Guy scheinheilige Blicke zu. Guy harrte am anderen Ende des Tisches aus, zur�ckgewiesen und ausgeschlossen wie ein Pestkranker in einem Feldlazarett.</p><p>��Als das tr�stende Gemurmel verstummte, wurde er sich der au�erordentlichen Qualit�t der einsetzenden Stille bewu�t.</p><p>��Die einzelnen Kommunenmitglieder dr�ngten "sich noch enger zusammen und vermittelten den Eindruck, aufgeregt und ver�ngstigt zu sein. Guy sp�rte einen kalten Luftzug im Nacken. Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf eine Frau, die im dunklen T�reingang stand.</p><p>��Wie ein Phantom lehnte sie am T�rpfosten, geh�llt in Stofflagen, die die Farbe von Nebel hatten. In den H�nden hielt sie einen riesigen Strau� in Zellophan gewickelte, mit B�ndern verzierte Blumen. Sie bewegte sich auf sie zu, zog langsam eine Schleppe aus Seide und Taft hinter sich her, die leise zischelnd �ber die blanken Dielen glitt. Auf halber Strecke hielt sie inne, zog einen rauchfarbenen Schal vom Kopf. Beim Anblick ihrer gro�en Augen, ihres hohlwangigen Gesichts und der aufget�rmten lehmgrauen Haarpracht traten die Kommunenmitglieder n�her.</p><p>��Verwundert und ungl�ubig rief Ken: �Hilarions Prophezeiung. Sie ist eingetroffen...�</p><p>��Verunsichert blickte die Besucherin sich um und r�usperte sich. Ihr H�steln klang wie das Rascheln welker Bl�tter. �Ich habe gel�utet.� Eine Stimme so zaghaft, da� man sie kaum verstand. Sie streckte ihnen ein quadratisches gr�nes Papier entgegen, um nicht aufdringlich zu wirken. �Ich wurde eingeladen.�</p><p>��Guy, der den Brief erkannte, stie� einen zornigen, ungl�ubigen Schrei aus und sah zu, wie seine Frau sich schwankend wie eine Drogenabh�ngige auf die n�chste St�tze - auf einen mit Leinen bezogenen Stuhl - zubewegte. Dort angekommen, nahm sie Platz, wobei sich die sturmwolkenfarbenen R�cke aufbauschten. Die aus der einfachen Aufgabe resultierende Zufriedenheit �berw�ltigte sie offenbar.</p><p>��Ken und Heather n�herten sich ihr mit erhobenen H�nden, knieten sich vor ihr nieder und ber�hrten mit der Stirn den Boden.</p><p>���Sei gegr��t, Astarte... G�ttin des Mondes.�</p><p>���K�nigin des Halbmondes... lunares Strahlen.�</p><p>���Tausend dem�tige Willkommensgr��e.�</p><p>��Irritiert senkte Felicity den Blick. Dann sagte eine vor Scham erbla�te Suhami: �Mutter?� Sie ging zu der sitzenden Gestalt hin�ber. �Er sagte, du k�nntest nicht kommen.�</p><p>��Das absch�tzige unpers�nliche Pronomen lie� Guy zusammenzucken. Er sah, wie Felicitys Schwarze-Johannisbeer-Lippen vor Anstrengung zitterten, als sie um eine Erwiderung rang. Statt dessen �berreichte sie den Blumenstrau�. Suhami nahm ihn entgegen, las die Karte und sagte: �Wie h�bsch - danke.�</p><p>��Guy mu�te an seine eigenen Blumen denken, die er auf der Veranda vergessen hatte. Und mu�te erkennen, da� dies sein Strau� war. Welch unversch�mte Dreistigkeit! Jetzt konnte er nichts mehr daran �ndern. Wenn er vorst�rmte und behauptete, er habe sie mitgebracht, w�rde er wie ein bemitleidenswerter Idiot r�berkommen. Nun glaubte Sylvie sicherlich, er habe ihr kein Geschenk mitbringen wollen. Suhami �u�erte sich dazu allerdings nicht.</p><p>���Er hat uns gesagt, du seist krank.�</p><p>���Meine Liebe�, warf May ein, �Sie sind krank.�</p><p>��Die nicht, dachte Guy. Die hat den Kopf voller Schnee oder ist betrunken wie ein Iltis. Ist nur gekommen, um sich h�misch zu freuen, falls etwas schiefl�uft. Oder um ihm Kn�ppel zwischen die Beine zu werfen f�r den Fall, da� alles glattging. Hatte sie es doch tats�chlich geschafft, da� die anderen nur Augen f�r sie hatten. Wie diese glupsch�ugigen Eingeborenen in einem Tarzanfilm, die aus dem Dschungel gekrochen kommen. Preist den wei�en Gott in dem Eisenvogel, der vom Himmel herabgestiegen ist! Jesus - was f�r ein Abend.</p><p>���Sie armes Ding�, fuhr May fort. �Sie sehen schrecklich aus. Suhami - hol deiner Mutter etwas zu trinken.�</p><p>���O ja, bitte�, rief Felicity. Ihr Mann lachte laut heraus.</p><p>��Sie sah seinen Blick, war nicht in der Lage, ihm standzuhalten. Das legte er als Triumph aus und sagte: �Du hast dich also unter die lebenden Toten gemischt, Felicity?�</p><p>���Das ist ganz und gar unn�tig.� May zog ein kleines Plastikfl�schchen aus ihrer Robe. �Ihrer Frau geht es nicht gut. Jetzt... halten Sie Ihre H�nde so...� Sie sch�ttete ein paar Tropfen in Felicitys hohle H�nde. �Bitte inhalieren Sie.�</p><p>��Felicity folgte ihrer Aufforderung und mu�te prompt niesen. May sagte: �Ausgezeichnet� und: �K�nnte ich eine Serviette bekommen?�</p><p>��Ken und Heather, immer noch verz�ckt, n�herten sich Felicity und fragten sie, ob sie wisse, welcher Tag heute sei. Felicity, die kaum wu�te, welches Jahr man schrieb, versuchte den Kopf zu sch�tteln. Suhami brachte ihr einen Drink. Zwei, dreiMal streckte Felicity die H�nde aus, ohne die ihrer Tochter zu ' fassen zu kriegen. Heather behauptete: �Der Astralraum funktioniert anders.�</p><p>��May nahm das Glas und legte behutsam Felicitys Finger darum. Felicity nahm einen Schluck und begann, nachdem Verstand und Zunge endlich synchron arbeiteten, ihr sp�tes Eintreffen zu erkl�ren. Sie klang �ngstlich und defensiv, als fordere ihre Versp�tung einen hohen Preis.</p><p>��Alle sagten: �Macht doch nichts - ist wirklich nicht so schlimm� und: �Toll, da� Sie �berhaupt kommen konnten.�</p><p>��Langsam gew�hnten sie sich an sie. Arno ging los, um die T�r zu schlie�en, fand einen Schweinslederkoffer und brachte ihn herein.</p><p>��Guy lag nat�rlich richtig mit seiner Vermutung, da� Felicity nicht krank war. Noch daheim hatte sie eine erste Line hochgezogen und im Wagen eine zweite. F�r gew�hnlich lief mit Koks alles besser. Man kriegte einen richtigen Schub und einen Anflug von Selbstvertrauen, der einen die Treppe zum Paradies hochkatapultierte. Auf dem Weg zu den Sternen sonnte man sich in kristallenem Dunst.</p><p>��Aber diesmal war alles ganz anders gekommen. �berdeutlich empfand Felicity das Ausma� ihrer eigenen Verletzlichkeit. Sie f�hlte sich wie eine jener Weichschalenkreaturen, die bei Ebbe an den Strand gesp�lt wurden und langsam im Sand dahinsiechten. Die Gestalten, die sich �ber ihr auft�rmten, lie�en sie zusammenschrumpfen. Sie hatten gro�e, gl�hende Augen und Gummilippen und ver�nderten fortlaufend ihre Gestalt. Eine streckte die Hand aus und ber�hrte sie. Felicity heulte vor Schreck auf.</p><p>��Guy sagte: �Heilige Schei�e�, woraufhin alle Anwesenden die K�pfe in seine Richtung drehten.</p><empty-line/><p>Gut eine Stunde war seit Felicitys hochdramatischer Ankunft verstrichen. Der erste Gang war abger�umt, um f�r den Pudding und Suhamis Geburtstagstorte, einen von Janet gebackenen, quadratischen �Cidre-Kuchen�, Platz zu machen, der mit Apfelsaft und Soya-Marzipan verfeinert worden war. Der Kuchen war mit einer S-f�rmigen Kerze verziert und hatte einen Kranz aus recyceltem schlammgr�nen Toilettenpapier.</p><p>��Neun Leute nahmen Platz und nahmen sich vom Dessert. May hatte sich zur�ckgezogen, um sich auf ihre R�ckf�hrung vorzubereiten, aber man hatte Trixie �berreden k�nnen, sich der Geburtstagsfeier anzuschlie�en. Dieser Erfolg war vor allem Janets eindringlichen �berredungsk�nsten durchs Schl�sselloch und ein paar beil�ufigen Bemerkungen zuzuschreiben, die Trixies Neugier anheizten. Da Janet um Trixies Leidenschaft f�r Kleider wu�te, hatte sie lange und ausf�hrlich von der atemberaubenden, spektakul�ren Sch�nheit von Felicitys Abendkleid berichtet. Instinktiv hatte sie auch noch den Streit zwischen Suhami und Guy erw�hnt, weil sie meinte, diese Neuigkeit w�rde ihre Freundin zutiefst befriedigen.</p><p>��Eigentlich hatte Trixie nicht vorgehabt, ihr Zimmer zu verlassen, ehe er abgehauen war. �ngstlich hatte sie sich in ihrem Zimmer versteckt und immer wieder ausgemalt, wie w�tend und zornig Guy werden w�rde, wenn er den Verlust seines Medikaments entdeckte. In ihrer Vorstellung wurde er von Mal zu Mal gemeiner und gewaltt�tiger. Inzwischen sah sie ihn die Stufen hochspringen, �Fee Fi Fo Fum� rufen, die T�r ein-treten und sie bei lebendigem Leib auffressen.</p><p>��Als Janet ihr berichtete, er habe sich zum Abendessen nicht umgezogen, gab Trixie sich der Hoffnung hin, da� er das Verschwinden seiner Pillen noch gar nicht bemerkt hatte. Und selbst wenn dem so war, w�re er dann bereit, Suhami mit einer weiteren Szene zu verprellen? Au�erdem (und da beschlo� sie, nach unten zu gehen), wer sollte sie daran hindern zu behaupten, sie wisse nichts von der Medizin? Niemand konnte ihr das Gegenteil beweisen. Wer sollte die unseligen Dinger finden? Schlie�lich hatte sie die Tabletten in blinder Panik aus dem Taxifenster geworfen. Jetzt befand sie sich im Speisesaal, nippte an dem erstklassigen Haferpflaumengebr�u, musterte neidisch Felicitys Kleid und warf Guy ab und zu einen erwartungsvollen Blick zu. Irgendwann schaute er sie an. Sein L�cheln war so falsch, sein Winken so gek�nstelt, da� sie w�nschte, er h�tte es gelassen.</p><p>��Christopher sprach. Erz�hlte ihnen von seinem letzten Auftrag (ein Dokumentarfilm �ber Afghanistan) und schilderte die endlose, problematische Durchquerung der Chagai-Berge. Genau in diesem Augenblick ert�nte ein warmer, durchdringender Ton, der an ein Nebelhorn erinnerte.</p><p>��Heather sagte: �Die Meeresschnecke�, und wandte sich an Felicity mit dem freundlichen Zusatz: �Wir m�ssen gehen.�</p><p>��Inzwischen hatten Ken und Heather sich widerstrebend an Felicitys physische Gegenwart gew�hnt, legten ihr Eintreffen aber immer noch als geheimnisvoll, �vorbestimmt�, als Omen aus. Seit Mays Verschwinden hatte Heather das Ruder �bernommen. Sie f�llte Felicitys Becher (halb warme Ziegenmilch, halb Malztrunk) auf und erteilte mit �berschwenglicher Herzensg�te diskret Ratschl�ge. Eine Mischung aus astrologischer Deutung und Hinweisen, wie man negative Schwingungen umwandelte. Felicity lauschte ihr mit der nichtssagenden Miene einer Schlafwandlerin und unterbrach sie nur einmal, um zu klatschen, als der Kuchen aufgetischt wurde.</p><p>���Sie begleiten uns doch.� Heather half ihr beim Aufstehen.</p><p>���Wohin?�</p><p>���Wir gehen in den Solar. Sie werden den Meister kennenlernen. W�re das nicht sch�n?�</p><p>���Ja�, antwortete Felicity und strengte sich an, genau zu erkennen, wo der Tischrand war. �Werden wir auch tanzen?�</p><p>���Ausgeflippt�, sagte Ken und nahm ihren anderen Arm. Ganz beil�ufig bemerkte er: �Stell dir vor, wie viele Menschen in Bangladesch man mit dem Gegenwert f�r dieses Kleid satt kriegen k�nnte.�</p><p>��Die anderen waren schon im Begriff zu gehen. Trixie lachte schallend, plapperte laut und h�ngte sich bei der angenehm �berraschten Janet ein. Suhami in Gesellschaft von Christopher, der ihre Tasche trug, und von Tim, der verzaubert in der Halle stehenblieb, zum Oberlicht hochschaute und sich weigerte weiterzugehen, bis Suhami ihm versprach, da� er sp�ter noch mal nach unten d�rfe. Guy machte sich allein auf den Weg, nachdem man ihn f�r indiskutabel befunden hatte.</p><p>��Arno, dem das auffiel, unterdr�ckte seine nat�rliche Aversion, ging neben ihm her und stellte sich vor. Er streckte sogar die Hand aus, vermittelte gleichzeitig aber den Eindruck, diese Geste verlange ihm sehr viel ab. Sein Benehmen brachte Guy dazu, sich nach einem entsprungenem L�wen umzuschauen.</p><p>��Arno. Was f�r ein Name war das denn? Klang doch irgendwie komisch. Wie eine dieser weit drau�en liegenden Inseln, die bei Wettervorhersagen f�r die Schiffahrt immer genannt wurden. Wind der St�rke 9 bei Ross, Arno und Cromarty. Guy ignorierte die ausgestreckte Hand und bemerkte k�hl: �Sie haben Pudding im Bart.� Danach zog er - aufs�ssig wie immer - eine Zino Anniversaire, die K�nigin unter den Zigarren, hervor und z�ndete sie an.</p><p>��Der Solar lag am hinteren Ende der Galerie. Ein langer Raum mit hohen Deckenbalken und einem schwarzen Bitumenboden, auf dem in zwei akkuraten Reihen vierundzwanzig Kissen in losen, gebleichten Baumwollh�llen ausgelegt waren. Die beiden parallelen Reihen lenkten den Blick auf ein kleines, drei Stufen hohes Podest, das mit graubeiger Tweedauslegware bezogen war. Auf dem Podest stand ein Stuhl mit geschnitzter R�ckenlehne. Neben den Beinen lagen verschiedene Objekte: das Meeresschneckengeh�use, ein kleiner Messinggong und ein gro�er, auf Hochglanz polierter Holzfisch, dessen Schuppen wie Karameltoffee gl�nzten. Die D�mmerung setzte ein, und jemand knipste die in einer tiefh�ngenden Papierlaterne versteckte Gl�hbirne an.</p><p>��Der Meister, ganz in Wei�, sa� schon auf dem geschnitzten Stuhl. Tim sauste durch den Raum und hockte sich neben seine F��e. Die anderen nahmen entweder auf den Stufen Platz oder bauten sich hinter dem erh�ht sitzenden Zauberer auf.</p><p>��Guy war sehr erleichtert, da� man nicht schon wieder von ihm erwartete, sich auf einem Kissen niederzulassen. Er warf Craigie einen Blick zu, der Felicity gerade mit einem milden, aber besorgten L�cheln begr��te. Noch einmal bemerkte Guy die zerbrechliche Statur des Mannes, das lange wei�e, bis auf die Schultern herabfallende Haar, und nun mu�te er sich �ber seine Leichtgl�ubigkeit von vorhin wundern. Wie war es nur m�glich gewesen, da� er - wenn auch nur kurz - einem derart offensichtlichen Poseur auf den Leim gegangen war? Nachdem alle einen Platz gefunden hatten, griff Craigie nach dem Fisch, ri� dessen breiten Kiefer auf und lie� ihn mit einem lauten Kl�cken einrasten, May tauchte in der T�r auf. Sie trug ein schlichtes malvefarbenes Leinengewand und hatte bis auf einen silbernen Einhornanh�nger an einer Kette allen Schmuck abgelegt. Sie war barfu�. Das offene, frisch geb�rstete Haar reichte ihr bis zur Taille. Langsam und sehr rhythmisch n�herte sie sich den anderen. Aufrecht und mit geradem R�cken, als trage sie eine unsichtbare Amphore.</p><p>��Auf dem Boden, zwischen den hinteren sechs Kissen und gut drei Meter vom Podest entfernt, war eine Decke mit bunten Applikationen ausgebreitet worden. May legte sich dort nieder, setzte eine ernste Miene auf und faltete die Arme vor der Brust. Einen Augenblick sp�ter setzte sie sich wieder auf.</p><p>���Um ehrlich zu sein, beim letzten Mal wurde mir in dem Wikingerboot ziemlich kalt. D�rfte ich vielleicht meine kleine Pelerine haben? Sie ist in meiner Tasche.�</p><p>��Auf dem Sockel griff Christopher nach unten.</p><p>���Das ist meine�, sagte Suhami mit schneidender Stimme.</p><p>���Selbstverst�ndlich. Entschuldige.�</p><p>���Dr�ben neben der T�r�, rief May.</p><p>��Christopher holte Mays Tasche. Im Gehen machte er sie auf und zog das cremefarbene, gerippte Cape heraus. �Ist es das hier?� Er drapierte ihr den Stoff um die Schultern.</p><p>���Prima�, meinte May und machte den Verschlu� zu. Dann legte sie sich wieder hin, schlo� die dunklen Augen und begann tief zu atmen, stemmte diese atemberaubenden Halbkugeln unter ihrem Gewand in die Stratosph�re. Arno st�hnte verzaubert auf und war froh, als der Meister �Licht� rief und er zum Lichtschalter laufen durfte und kurzfristig abgelenkt wurde.</p><p>���Soll ich hierbleiben, May?� fragte Christopher und ber�hrte ihre linke Schulter. �Dann kann ich deine Hand halten, falls es brenzlig wird.�</p><p>���Wenn du m�chtest, aber ich komme auch so zurecht. Du wei�t ja, man kehrt immer heil zur�ck.�</p><p>��Nachdem das Licht gel�scht war, sah alles ganz anders aus. In den grauen Schatten wirkten die reglosen Gestalten, als habe man ihnen ihre Menschlichkeit entzogen. Alle wirkten geheimnisvoll. Ihre Konturen verwischten wie bei Gartenstatuen in der Morgend�mmerung. Mays Atem ging deutlich lauter. Tiefe, regelm��ige Seufzer in zunehmend l�ngeren Intervallen.</p><p>��Auf des Meisters Frage hin, ob sie bereit sei, erwiderte May mit sonorer Stimme: �Ich bin soweit.� Daraufhin wurde sie gebeten, exakt das Zentrum ihres Seins zu bestimmen, und einige langsame und noch tiefere Atemz�ge sp�ter legte sie die flache Hand auf ihren Bauch.</p><p>���Wie siehst du dieses Zentrum?�</p><p>���Eine Kugel... eine goldene Kugel.�</p><p>���Kannst du die Kugel nach unten rollen? Nach unten... und durch deine Fu�sohlen hinaus... so ist es richtig... schieb sie weg...� May grunzte leise. �Und jetzt wieder hoch, schieb sie nach oben...�</p><p>��May schob das Zentrum ihres Wesens hoch und runter, jedesmal ein St�ckchen weiter, bis es von einer kleinen Kugel zu einer gro�en, golden schimmernden Haut anschwoll, die wie ein Heliumballon gegen die W�nde pre�te. Und dann - freigelassen - schwebte der Ballon pl�tzlich. May warf einen kurzen Blick nach unten, sah die gedrehten Kamine und die moosbewachsenen Ziegel von Manor House, und dann war sie pl�tzlich weit weg. Hinter den H�geln, �ber den Wolken, ganz weit weg.</p><p>���Wo befindest du dich jetzt, May?�</p><p>��Ja, wo denn? Unter ihr ver�nderten sich die Dinge blitzschnell. Die Landschaft war rauh und wild. W�lder und weite, buschbestandene Ebenen. Dann ein paar kreisrunde Zelte, umgeben von einer hohen Steinmauer.</p><p>���Erz�hl uns, was du siehst.�</p><p>��Beim Abstieg wurden die Zelte gr��er. Eins war besonders gro�. Gr��er als alle anderen und geschm�ckt mit einem purpurnen und goldenen Banner. Ein Adler stieg auf.</p><p>���Was ist im Zelt?�</p><p>��Ein Paar Holzstelzen wurden sichtbar, waren mit in Streifen gerissenen Lumpen an dreckige M�nnerf��e gebunden. Der dazugeh�rige Mann hielt in der rechten Hand einen blutigen Fleischklumpen.</p><p>��Im Zelt stank es nach brutzelndem Fett, versch�ttetem Wein und nach in Pech getauchte, brennende Fackeln. Ein ohrenbet�ubendes Gelage war im Gange. M�nner br�llten einander an, lachten, schrien. Hunde knurrten, k�mpften um Knochen. Irgendwo, mittendrin, ein S�nger, der sich selbst auf einer kleinen Trommel begleitete, darum k�mpfte, sich inmitten des L�rms Geh�r zu verschaffen.</p><p>��Die �ble Luft machte den Vorkoster des Generals krank. Er stopfte sich das rohe Fleisch in den Mund, kaute auf den Sehnen herum, schluckte es mit M�he, legte den Rest auf einen Metallteller. Eben war ein neuer Schlauch Wein entkorkt worden, und er nahm einen gro�en Schluck davon. Der Sklave des Generals, ein sehr junger Mohr, nahm den Teller und den Schlauch und brachte sie zu dem anderen Geschirr, das sich auf einer Steinplatte t�rmte. Der General nahm nie warmes Essen zu sich (da nicht alle Gifte schnell wirkten, mu�te man sich in Geduld �ben). Andererseits war er immer noch am Leben. Der General verzehrte gerade Schafsnieren. R�lpsend und furzend wischte er seine fettigen Finger am dicken Haar des Negerjungen ab und kippte sich dann etwas Wein hinter die Binde. Leute von h�herem Rang nachahmend, st�tzte er sich auf seinen rechten Ellbogen. Seine gro�e Tunika verrutschte, und jeder konnte seine Unterhosen sehen, die aus der Haut seines Lieblingshengstes gefertigt waren und wie Kastanien gl�nzten.</p><p>��Danach standen Pilze auf dem Speiseplan. Der Vorkoster ha�te Pilze in jeder Form. Es war bekannt, da� manche Sorten t�dlich waren, und obgleich die meisten (dank einer Reihe sich aufopfernder Vorg�nger) kategorisiert worden waren, kam es immer wieder vor, da� sich ein giftiges Exemplar inmitten der anderen wiederfand. In so einem Fall stand sowohl das Leben des Vorkosters als auch das des Kochs auf dem Spiel. Leider liebte der General Pilze. Er hing der festen �berzeugung an, da� sie einen in der Liebe potent und in der Schlacht unbesiegbar machten.</p><p>��Die Pilze wurden in einem kleinen, vierbeinigen Bronzepf�nnchen ged�nstet. Ihr Saft hatte eine unangenehme Farbe. Der Vorkoster schob einen einzigen Pilz und einen L�ffel violetter Fl�ssigkeit in seinen Mund. Sofort w�rgte es ihn. Die Muskeln in seiner Kehle wurden starr, seine steife, schwarzan-gelaufene Zunge hing aus seinem Mund. Mit hervorquellenden Augen fiel er hin, stie� dabei das Pf�nnchen um, verbrannte sich die Arme mit dem dampfenden Essen.</p><p>��Kurz nahm er noch die besorgten Gesichter und den fliehenden Sklaven wahr, dann breitete sich die Paralyse in seiner Brust aus, und das Leben schlo� sich in ihm wie ein F�cher.</p><p>���May... May...� Arnos Worte klangen gepre�t, als er auf das schreckliche W�rgen reagierte. Er sprang als erster von dem Sockel und kniete sich neben sie. Die anderen folgten seinem Beispiel und gruppierten sich um die am Boden liegende May. Selbst Felicity, die eher verwirrt denn besorgt zu sein schien, flanierte hin�ber, um einen Blick auf die sich auf der Decke aufb�umende und windende Gestalt zu werfen.</p><p>���So tut doch etwas!� schrie Arno. �Warum unternimmt ... denn... niemand etwas?� Er nahm Mays Hand, die Christopher eben noch gehalten hatte, und begann sie mit seinen H�nden zu massieren.</p><p>���Du mu�t sie von Mund zu Mund beatmen.�</p><p>���Sie ertrinkt nicht.�</p><p>���Woher willst du wissen, da� sie nicht ertrinkt?�</p><p>���Sollten wir nicht den G�rtel lockern?�</p><p>���Seht euch ihr Gesicht an!�</p><p>���Nehmt das Kissen weg. Legt sie flach hin.�</p><p>���So kann sie nicht atmen.�</p><p>���Ken hat recht. Das wird ihren Zustand nur noch verschlimmern.�</p><p>���Wir brauchen etwas Odermennig.�</p><p>���Ich dachte, davon h�tten wir hier schon genug.�</p><p>���Bemerkungen dieser Art sind nicht besonders hilfreich, Mr. Gamelin.�</p><p>���Tut mir leid.�</p><p>���Hier handelt es sich um einen Notfall, falls Sie das noch nicht bemerkt haben sollten.�</p><p>���Es tut mir leid - okay?�</p><p>��May fletschte die Z�hne und gurgelte erbarmungsw�rdig. �Was w�rde sie sagen, wenn sie sprechen k�nnte?�</p><p>���Denkt an Farben, die den kosmischen Regeln folgen.�</p><p>���Das stimmt, genau das w�rde sie sagen. Welchen Tag haben wir?�</p><p>���Freitag.�</p><p>���Das ist violett.� Heather neigte den Kopf tiefer und rief, �May - kannst du mich h�ren ? Denk violett...�</p><p>��May sch�ttelte angestrengt den Kopf, bem�hte sich, die richtigen Worte zu sagen und rief schlie�lich: �Schnauze ...Schnauze...�</p><p>���Was meint sie mit Schnauze... Schnauze...?� Nachdenkliches Schweigen setzte ein. Dann rief Arno: � �Hunde! Bestimmt ruft sie nach Hunden. May ist in der Antarktis.� Geistesgegenw�rtig zog er seine Strickjacke aus. �Darum zittert sie auch so. Sie erfriert. Schnell, beeilt euch...�</p><p>��Jeder der Anwesenden legte ein Kleidungsst�ck ab. Felicity bot ihren gl�nzenden Mousselinschal an. Die einzelnen Teile wurden auf May gelegt. Nach einer Weile sah es ganz danach aus, als erzielten die Kleidungsst�cke die gew�nschte Wirkung. Das Gurgeln lie� nach, ging in leises Blubbern �ber und war dann nur noch ein pfeifendes Seufzen. Ihr Atem ging so leise, bis er kaum mehr zu h�ren war. Ihre Brust hob und senkte sich ruhig, gleichm��ig. Der Saum ihres Gewandes bewegte sich nicht mehr.</p><p>���Es hat funktioniert.� Mit strahlender Miene wandte Arno sich an die anderen. �Es geht ihr besser.�</p><p>��W�hrend er redete, �ffnete May die Augen, g�hnte unverhohlen und setzte sich auf. �Mein Gott! Das war bislang mein aufregendstes Abenteuer, glaube ich. Was, g�tiger Gott, soll denn das?�</p><p>���Wir dachten, dir w�re kalt.�</p><p>���Du hast am ganzen Leib gezittert.�</p><p>���Unsinn. In diesem Zelt war es br�tend hei�. Wenn jemand das Licht einschaltet, werde ich euch davon berichten.�</p><p>��Christopher kam ihrer Bitte nach. Im hellen Raum begannen die Menschen, ihre Sachen aufzuheben und sie wieder anzuziehen. May rief ihrem Mentor zu: �Nun, Meister, das war ja eine ziemliche -� Sie brach ab und stie� einen markersch�tternden Schrei aus, woraufhin die anderen sich umdrehten und in die gleiche Richtung blickten wie sie.</p><p>��Der Meister stand vor seinem Stuhl. Langsam und augenscheinlich mit gro�er M�he hob er den rechten Arm. Streckte die Finger aus, fiel ganz grazil mit einer halben Drehung, so da� er mit dem Gesicht nach oben aufschlug. Sein wei�es Haar ergo� sich �ber den graubeigen Teppich. Wie gekreuzigt lag er da, mit ausgebreiteten Armen. In seiner Brust steckte ein Messer. Nur das Heft schaute heraus.</p><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>VERH�RE</strong></p></title><section><title><p><strong><emphasis>7</emphasis></strong></p></title><p>Detective Chief Inspector Barnaby kochte Moules a l�Indienne und zerstampfte gerade ein paar Kardamomkapseln in einem ) Steinm�rser. Er trug eine lange Baumwollsch�rze, wie sie gern von Kellnern in Hinterhofkaschemmen getragen wurden, und hielt ein Glas Frog�s Leap-Chardonnay in der Hand.</p><p>��Es hatte ein paar Jahre gebraucht, bis Tom auf die harte Tour begriffen hatte, da� Joyce - seine geliebte Gattin und St�tze -nicht gewillt war (und keinen Grund sah), ihre Kochk�nste auszubauen. �Fri� oder stirb� lautete ihre Einstellung, und der Umstand, da� er �starb�, gen�gte anscheinend nicht, um ihre Haltung zu revidieren. Zudem hatte sie einmal verk�ndet und ihm dabei den Zeigefinger in den Bauch gebohrt, da� man bestimmt nicht hungerte, wenn man ein Gewicht von dreiundachtzig Kilo auf die Waage brachte. Ihre Meinung hatte nichts mit Aufs�ssigkeit oder Aggression zu tun, nein, sie konnte seinen Standpunkt einfach nur nicht nachvollziehen. Guter Dinge a� Joyce die von ihr zubereiteten Gerichte und verzehrte die Mahlzeiten, die ihr Mann kochte (wenn er denn mal die Zeit dazu fand), ebenso frohgemut, ohne jemals ein einziges lobendes Wort dar�ber zu verlieren, da� seine Kochk�nste ; die ihren bei weitem �bertrafen. Barnaby war l�ngst zu der �berzeugung gelangt, da� sie unter dem gastronomischen �quivalent zu Taubheit litt.</p><p>���Was gibt es als Vorspeise?�</p><p>���Estragon-Eier.�</p><p>���Sind das diese Dinger in den braunen Pf�tzen?� Joyce genehmigte sich einen Schluck Wein und strahlte ihn ermutigend an. �Die mag ich gern.�</p><p>���Diesmal werde ich mehr Gelatine nehmen.�</p><p>��Die Herstellung von Aspik war in Teil sieben, �Anspruchsvolle Pies und Gelatine�, in Barnabys �Zw�lf Kochlektionen f�r Anf�nger� an der Camton Tech unterrichtet worden. Just diesen Abend hatte er verpa�t, da er zum Bereitschaftsdienst eingeteilt gewesen war. Voller Elan hatte er sich auf die Kochkunst gest�rzt, sich immer auf die Dienstagabende gefreut, an denen er mit Me�bechern, Messern, T�pfen und Pfannen rumfuhrwerken durfte. Als einziger m�nnlicher Teilnehmer in einer Gruppe von siebzehn hatten seine Mitsch�lerinnen, nachdem sie sich erst mal an seine maskuline Pr�senz gew�hnt hatten und es leid wurden, sich �ber ihn lustig zu machen, ihn alsbald in Ruhe gelassen. Nur eine Dame, eine Mrs. Queenie Bunshaft, beharrte darauf, ihn schelmisch zu fragen, wo er denn sein Hackebeilchen verstecke und welche der Damen er heute zum Abendessen zu servieren ged�chte. Wann immer Joyce sich besonders widerborstig gerierte, drohte Barnaby, mit Mrs. Bunshaft davonzulaufen.</p><p>��Das heutige Mahl bereitete er zur Feier der Verlobung seiner Tochter zu. Beide Elternteile hatten sich �ber Cullys einige Wochen zur�ckliegendes Eingest�ndnis ihrer Liebe gefreut, waren in gewisser Hinsicht aber auch �berrascht gewesen. Barnaby hatte ziemlich �rgerlich reagiert, als ihm der Verlobungsring - ein h�bsches, mit viktorianischen Granaten verziertes St�ck aus Wei�gold - pr�sentiert wurde.</p><p>���Ich dachte, er w�re erst vor kurzem mit einer Zahnb�rste und einem P�ckchen Mates mit Pfefferminzgeschmack eingezogen.�</p><p>��Cully schmunzelte vertr�umt und gab sich sittsam. Sittsam! Das erste Mal, behauptete Joyce hinterher, seit sie aus den Windeln rausgewachsen war. Nicholas wirkte schlicht und einfach erstaunt, als k�nne er sein Gl�ck nicht fassen. Was der Wahrheit entsprach.</p><p>���Studenten�, st�hnte Joyce, nachdem sie davongetanzt waren. Eine Hollywoodpavane mit Trockeneis und Streicheruntermalung und allem Drum und Dran.</p><p>���Nicht mehr lange.�</p><p>���Sie haben kein Geld.�</p><p>���Die haben soviel, wie wir hatten.�</p><p>���Du hattest wenigstens einen anst�ndigen Job. Am Theater, Tom... vor allem am Theater...�</p><p>���Sie sind nur verlobt. Nicht verheiratet, mit f�nf Kindern. Wie auch immer - unser M�dchen hat mehr Selbstvertrauen als f�nfzig Normalsterbliche.�</p><p>���Du wei�t nicht, wie es ist.� Joyce leerte ihr Glas und griff nach einer Sch�ssel mit Kokosnu�flocken.</p><p>���Finger weg. Das habe ich abgewogen.�</p><p>���Fang jetzt ja nicht an, mir mit deinem Gewicht zu kommen. Du bist nicht auf dem Revier, falls du das vergessen hast.� Joyce legte ein paar von den wei�en Raspeln auf ihre Zunge. �Sonntag wird doch in Ordnung gehen, nicht wahr, Tom?�</p><p>���Ich schw�re es.�</p><p>��Im Augenblick lief der Laden schleppend. Nat�rlich gab es Verbrechen, und das nicht zu knapp (das war nie der Fall), doch w�hrend der letzten paar Tage hatte er sich nur um ganz gew�hnliche Vorf�lle k�mmern m�ssen. Solche Phasen gab es immer mal wieder, obwohl eher selten - und lange dauerten sie auch nie. Dann gab es wieder Zeiten, wo Mord und Totschlag, Diebstahl, Geschrei, quietschende Reifen und Knochenbr�che eskalierten. In solchen Phasen hatte Barnaby das Gef�hl, in einen sich unabl�ssig drehenden Mahlstrom der Brutalit�t gerissen zu werden. Diese Erkenntnis spendete ihm weder Trost noch Freude. Trotzdem war er nicht gewillt, dieses Wissen zu verdr�ngen.</p><p>��Im Flur l�utete das Telefon. Joyce stand auf und sagte: �O nein.�</p><p>���Wahrscheinlich Cully...�</p><p>���Ich wette, sie ist es nicht.�</p><p>��Barnaby begann die Chilis kleinzuschneiden und h�rte mit halbem Ohr dem Gespr�ch im Flur zu. Mit ausdrucksloser Miene kehrte Joyce zur�ck. Barnaby zog an den B�ndern seiner Sch�rze und drehte das Gas ab. F�nf Minuten sp�ter half ihm Joyce in die Jacke.</p><p>���Tut mir leid, Liebes.�</p><p>���Ich wei� nicht, warum du immer wieder so tust, als ob es dir leid tut. Seit drei�ig Jahren entschuldigst du dich nun und k�nntest damit nicht mal ein Kleinkind zum Narren halten. Du machst schon einen doppelt so lebhaften Eindruck wie vorhin in der K�che.� Barnaby kn�pfte sein Jackett zu und k��te sie. �Wo mu�t du eigentlich hin?�</p><p>���Raus nach Iver.�</p><p>���Wird es sp�t werden?�</p><p>���Sieht ganz danach aus.� Unn�tigerweise f�gte er �Warte nicht auf mich� hinzu. Joyce wartete nie auf ihn.</p><p>��Sie rief ihm hinterher: �Soll ich Cully anrufen und ihr absagen?�</p><p>���Noch nicht. Wollen erst mal sehen, wie es l�uft.�</p><p>��Seit neuestem trug Troy beim Fahren eine Brille. Ein glitzerndes, quadratisches Stahlgestell, mit dem er wie Himmler aussah. Konsequent die Spur wechselnd, den Fu� konstant auf dem Gaspedal, hatten sie schon die halbe Strecke nach Manor House zur�ckgelegt.</p><p>���Hat Sie bei was Besonderem unterbrochen, nicht wahr, Chief - diese Sache?�</p><p>���Eigentlich nicht.�</p><p>��War nur gerade dabei, ein paar Moules a l�Indienne f�r das Verlobungsessen meiner Tochter zuzubereiten. Als Barnaby sich dazu die Antwort des Sergeants vorstellte, mu�te er schmunzeln. Heimliche Ablehnung, verborgen hinter einem h�flichen �Ach ja, Sir�. Und hinterher, kaum da� Barnaby au�er Haus war, w�rde er in der Kantine einen �berkandidelten Koch zum besten geben.</p><p>��In Troys Augen war Kochen (wie Haare frisieren und das N�hen von Kleidern) ein Vergn�gen, das ausschlie�lich Frauen Vorbehalten war. Oder Schwuchteln. Immer wieder verk�ndete er mit stolzgeschwellter Brust, er habe in seinem ganzen Leben keine einzige Scheibe Brot getoastet, nicht eine einzige Socke gewaschen. Fang mit so was an, pflegte er zu prophezeien, und auf einmal hat deine Frau viel zuviel Freizeit. Frauen mit viel Freizeit kamen in Schwierigkeiten. Keine Frage. Allseits bekannt.</p><p>��Nat�rlich war ein Baby die L�sung dieses Problems. Seins war jetzt fast ein Jahr alt. Erstaunlich klug. Troy fragte sich, ob wohl der Augenblick gekommen war, das, was sie beim Fr�hst�ck gesagt hatte, rauszusposaunen. Sie war so klug, ihrem Alter weit voraus. Das hatte er auf dem Revier jedem verklickert, dem einen oder anderen Opfer sogar �fter als einmal. Aber bei seinem Bo� wu�te man nie so richtig. Manchmal bildete man sich ein, er h�re zu, und f�nf Minuten sp�ter mu�te man feststellen, da� er nichts mitgekriegt hatte. Und hin und wieder sprang er einem prompt an die Kehle. Nun gut - einen Versuch konnte man ja wagen.</p><p>���Sie werden nie erraten, was sie heute morgen gesagt hat, Chief.�</p><p>���Wer?�</p><p>��Wer...? Wer? Troy verschlug es die Sprache. Einen Moment lang brachte er kein Wort �ber die Lippen. Dann verriet er: �Talisa Leanne.�</p><p>���Hmm.�</p><p>��War das wom�glich ein Grunzen gewesen? Oder ein H�steln? Konnte auch ein Seufzer gewesen sein. Nur ein absolut vernarrter Vater legte so ein Ger�usch als Ermutigung, als Aufforderung zum Weitersprechen aus.</p><p>���Sie hat gerade ihre Weetabix gegessen... nun, ich sage gegessen ... herumwerfen kommt wohl eher hin...� Troy lachte und sch�ttelte angesichts dieses Wunders den Kopf. �Ein bi�chen landete auf ihrem L�tzchen... ein bi�chen an der Wand... es gab sogar -�</p><p>���Jetzt kommen Sie mal auf den Punkt, Sergeant.�</p><p>���Wie bitte?�</p><p>���Was hat sie denn nun gesagt?�</p><p>���Oh. Ja. Nun - &gt;Bally&lt; hat sie gesagt.�</p><p>���Was?�</p><p>���Ball.�</p><p>���Ball?�</p><p>���So wahr ich hier sitze.�</p><p>���Herrje.�</p><p>��Der Himmel war fast dunkel. Ein roter Streifen markierte den Horizont, als der Wagen in das Dorf rollte. Im stillen rechnete Barnaby damit, einen Krankenwagen auf der Zufahrt von Manor House vorzufinden, aber da parkten nur zwei Streifenwagen und George Bullards Volvo.</p><p>��Kaum war Barnaby aus dem Wagen gestiegen, h�rte er Geheul. Ohrenbet�ubend laute Schmerzensschreie wie die eines in der Falle sitzenden Tieres. Ein kalter Schauer lief ihm den R�cken hinunter.</p><p>���Jesus!� Troy trat zu ihm auf die Veranda. �Was, verflucht noch mal, ist das?�</p><p>��Ein in der Halle postierter Constable salutierte vor ihnen. �Alle sind oben, Sir. Auf der Galerie zu Ihrer Linken. Am hinteren Ende.�</p><p>��Die Stufen erklimmend, schaute Troy sich um. Die erb�rmlichen Schreie irritierten ihn so sehr, da� er diesmal - im Gegensatz zu sonst - nicht von jener vernichtenden Ablehnung heimgesucht wurde, die ihn immer �berfiel, wenn er seiner Einsch�tzung nach einen Fu� in ein Haus der Oberschicht setzte. Er schn�ffelte und befand: �Was f�r ein Gestank!�</p><p>���R�ucherkerzen.�</p><p>���Riechen nach Katzenpisse.�</p><p>��Schlie�lich fanden sie den Schauplatz des Verbrechens. Ein langgezogener, nur sp�rlich m�blierter Raum. Kontrollierte, gesch�ftige Menschen bewegten sich leise und effizient. Ein Fotograf sa� auf ein paar Stufen. An seinem Hals hing eine Pentax mit aufgesetztem Blitz. Ein zweiter Constable stand neben der T�r. Bei ihm erkundigte sich Barnaby, wer f�r dieses Gezeter verantwortlich war.</p><p>���Eine der Personen, die hier leben, Sir. Allem Anschein nach ist er nicht ganz zurechnungsf�hig.�</p><p>���Na, das d�rfte die ganze Angelegenheit doch etwas fr�hlicher gestalten.� Barnaby schritt zum Podest hin�ber und kniete sich neben den wei�gewandeten Leichnam. Etwas Blut war aus der Brustwunde gesickert und bildete eine kleine Pf�tze, einer frischgewaschenen Pflaume nicht un�hnlich. �Und was haben wir hier, George?�</p><p>���Sie sehen es ja selbst�, meinte Doktor Bullard. �Einen Messerk�nstler.�</p><p>���Sauber.� Barnaby inspizierte den Toten genauer und blickte dann in die Richtung, aus der das Geheul kam, das langsam zu einer Reihe gequ�lter Seufzer abschwoll. �K�nnen Sie ihm nicht etwas geben? Das treibt einen ja in den Suff.�</p><p>��Der Doktor sch�ttelte den Kopf. �Soweit ich mir das zusammengereimt habe, bekommt er schon eine relativ komplizierte Medikamentenmischung verabreicht. Ist nicht klug, in so einem Fall noch was zu geben. Ich habe vorgeschlagen, ihren eigenen Arzt zu Rate zu ziehen, aber sie behaupten, keinen zu haben. Machen sie alles ganz allein, mit Mondschein und Kr�utern.�</p><p>���Sie m�ssen doch einen Arzt haben. Woher kriegt er seine Medizin?�</p><p>���Hillingdon in Uxbridge.� Er stand auf und klopfte unn�tigerweise seine Knie ab.</p><p>���War auf dem Weg ins Bett, nicht wahr, Doktor Bullard?� fragte Troy und zeigte auf den Leichnam. �In seinem Nachthemd.�</p><p>���Wie lange, George?�</p><p>���H�chstens eine Stunde. Diesmal sind Sie gar nicht darauf angewiesen, da� ich Ihnen das sage. Wie ich h�rte, waren alle zugegen.�</p><p>���Wie bitte... Wollen Sie damit sagen, es war ein Versehen? Eine Art Unfall?�</p><p>��Aus der Stimme des Chiefs h�rte Troy eine Spur Entt�uschung heraus. Kurzzeitig f�hlte Barnaby sich betrogen. In sich hineinschmunzelnd, senkte der Sergeant den Blick auf den Toten, musterte die faltigen, emotionslosen Gesichtsz�ge, die pergamentene Haut. Und die langen wei�en Haare. Der Mann sah aus wie jemand aus den Zehn Geboten. Problemlos konnte man ihn sich als Moses vorstellen, wie er �La� mein Volk ziehen� in die Wildnis schrie. Oder hie� es �kommen�? Troy und die Bibel standen sich nicht nahe. Barnaby unterhielt sich inzwischen mit Graham Arkwright, dem Mann, der den Tatort gesichert hatte. Troy spitzte die Ohren.</p><p>���... eine Menge, dem man nachgehen kann, f�rchte ich. Das hier haben wir hinter dem Vorhang dort dr�ben entdeckt.� Er zeigte auf eine kleine Laibung und hielt eine Plastikt�te mit einem hellgelben Handschuh hoch. �Vielleicht entdecken wir was am Messer, da h�ngt eine Faser dran. Wissen Sie etwas �ber diese Kommune, Tom?� Barnaby sch�ttelte den Kopf.</p><p>���Meine Frau hat hier einen Webkurs besucht. Habe mir Ewigkeiten den Kopf zerbrochen, wie ich den Schal los Werde. Schlie�lich habe ich ihn jemandem auf dem Flohmarkt gegeben. Sp�ter tauchte das doofe Ding im Oxfam-Schaufenster auf. Meine Frau hat eine Woche lang nicht mit mir gesprochen.�</p><p>���Na, wenn das kein Ergebnis ist�, warf Troy ein.</p><p>��Barnaby nahm den Handschuh und eine zweite T�te, in der das Messer lag, und sagte: �Das hier werde ich sp�ter bei den Gerichtsmedizinern abgeben - okay?�</p><p>��Es blitzte, und die beiden Beamten n�herten sich den im T�rrahmen stehenden Mann.</p><p>���Waren Sie als erster hier, Sergeant?�</p><p>���Ja, Sir. Traf zusammen mit dem Krankenwagen ein. War auf Streife mit meiner Kollegin Lynley. Habe den CID benachrichtigt und blieb hier bei der Leiche. Sie pa�t unten auf die anderen auf. In dem gro�en Zimmer auf der anderen Seite der Halle.�</p><p>���Und welchen Eindruck machte die... ganze Truppe auf Sie?�</p><p>���Nun... sie reagierten so, wie man es erwarten w�rde. Standen alle rum und waren fassungslos. Einmal abgesehen von diesem retardierten Jungen, der sich die Seele aus dem Leib schreit. Ich fragte, ob jemand den Toten ber�hrt habe, was sie verneinten. Tja, mehr habe ich nicht aus ihnen rausgekriegt.�</p><p>���Gut.� Barnaby stieg die Treppe hinunter. Troy, gertenschlank in seinem abgetragenen Lederblouson und seinen engen grauen Hosen, rannte voraus und ri� erst zwei andere T�ren auf, bis er die richtige fand.</p><p>��Das relativ gro�e Zimmer mit Holzdecke und holzverkleideten W�nden vermittelte einem den Eindruck, in einer gro�en geschnitzten Kiste eingesperrt zu sein. Es gab eine Menge Plastikschalensitze auf d�nnen Metallbeinchen und eine nicht ordentlich geschrubbte Tafel. Ein Raum f�r Vortr�ge und Seminare.</p><p>��Mit Ausnahme eines Mannes, der abseits vor dem franz�sischen Fenster stand, hatten die Kommunenmitglieder sich zusammengeschart. Mit den geballten F�usten in der Jackentasche vermittelte der Mann am Fenster den Eindruck, irritiert und w�tend zu sein. Auf seiner linken Wange prangte ein langer, blutiger Striemen. Er kam Barnaby irgendwie bekannt vor.</p><p>��Troy musterte die Polizistin (sie hatte die Drei�ig l�ngst hinter sich) und dann die anderen. Ein weinendes M�dchen in einem Sari wurde von einem Mann in Jeans getr�stet. Ein jammernder Junge hatte seinen Kopf in den Scho� einer blaugekleideten Frau mit k�hnen Gesichtsz�gen gelegt. Ein blondes P�ppchen und eine graumelierte Frau mit harten Z�gen in Kordhosen. Zwei fette, pathetisch wirkende Hippies, auf deren Stirn Steine funkelten, eine Frau in einem durchgeknallten Kleid, die kaum lebendiger wirkte als die Leiche im oberen Stockwerk. Und ein rundlicher kleiner Zwerg mit einem Bart in der Farbe von Tomatenso�e.</p><p>��Barnaby stellte sich vor und fragte, ob einer von ihnen ihm genau erz�hlen k�nnte, was sich zugetragen hatte. Daraufhin entstand eine lange Pause. Troy kam es vor, als versuche das M�dchen im Sari, sein Schluchzen zu unterdr�cken, um sich schlie�lich zu Wort zu melden, aber dann wandten sich alle (bis auf den Mann am Fenster) der Frau in Blau zu. Fortw�hrend den Kopf des weinenden Jungen streichelnd, neigte sie widerwillig den Kopf und versuchte aufzustehen, aber der Junge umklammerte ihre Beine so fest, da� jedwede Bewegung unm�glich war. Sie sprach mit belegter Stimme. Leise und ruhig und doch unnat�rlich, als w�rden gro�e Gef�hlsreserven unterdr�ckt.</p><p>���Der Meister hat uns verlassen. Er ist in seinen Lichtk�rper eingetreten und nun eins mit dem Universellen Bewu�tsein.�</p><p>��O Gott, g�tiger Gott, dachte der Chief Inspector. Sie ist also eine von der Sorte. Troy fragte sich, wie gro� die Chance war, sich kurz rauszuschleichen und eine Kippe zu rauchen, bevor die Sache ernst wurde. Inzwischen war er runter auf f�nf Zigaretten pro Tag, von denen er die ersten vier vor dem Fr�hst�ck geraucht hatte. Das Verlangen zu inhalieren machte ihn krank. Zwei endlos lange Minuten verstrichen, ohne da� jemand etwas sagte. In diesem Augenblick begann die Torte mit den H�ngetitten zu jammern, die Arme auszubreiten und sie um die Brust zu schlingen, als w�re ihr kalt.</p><p>��Der Sergeant verfolgte dieses �berdrehte Gehabe voller Irritation und Ablehnung. Man h�tte sie f�r eine Horde Ausl�nder halten k�nnen, so wie sich verhielten. F�r Italiener. Oder karibische Plapperm�uler. Seine Hand fuhr in die Jackentasche und schlo� sich um das Feuerzeug und das P�ckchen Chesterfield.</p><p>��Barnaby erkannte schnell, da� eine Gruppenbefragung ihn nicht weiterbrachte. Bislang hatte er nur den Namen des Toten erfahren. Die Befragung kam ihm wie ein Verh�r von Kriegsgefangenen vor. Daher bat er um ein anderes Zimmer. Man bot ihm einen Raum an, der dem Aussehen nach als B�ro fungierte.</p><p>��Ein Arbeitsraum - mit Kartons voller Briefpapier und Briefumschl�gen, Aktenschr�nken und einem altmodischen Vervielf�ltigungsapparat. An der Wand hing ein Reinkarnationsposter mit den Worten: Haben Sie jemals einen Scheck mit 'William Shakespeare unterzeichnet und, sich dar�ber gewundert? Das B�ro war ein Raum ohne Fenster und insofern besonders attraktiv f�r einen Polizisten. Die Konfrontation mit einem unbekannten Vernehmungsbeamten in Verbindung mit der kompletten Negierung der Au�enwelt war ungef�hr die halbe Miete.</p><p>��Mit einem Sto� grobem Papier und ein paar Bleistiften bewaffnet, setzte sich Barnaby an einen kleinen, runden Tisch. Die Plastikt�ten legte er auf den Boden. Troy schlenderte umher. Ein weiterer Streifenwagen war eingetroffen. Ein Constable war vor der Eingangst�r ausgestiegen und sa� nun mit einem Kugelschreiber und einem Spiralblock auf einem Stuhl, der so positioniert war, da� die zu verh�rende Person ihn nicht sehen konnte. Da die Gruppe sich als wortkarg zu erkennen gegeben hatte, konnte der Chief Inspector nicht wie gew�hnlich zuerst den ergiebigsten Zeugen vernehmen, sondern begann mit der Sprecherin. Eine Entscheidung, die ihm gr�ndlich den Tag vermieste.</p><p>��Bis zu diesem Moment hatte Barnaby geglaubt, im Lauf seiner drei�ig Dienstjahre auf jede Sorte Mensch getroffen zu sein, auf jeden Typus, jede Hautfarbe, auf Anh�nger jeder sexuellen, religi�sen und politischen Couleur, die sein Land zu bieten hatte. Innerhalb weniger Minuten mu�te er feststellen, wie sehr er sich geirrt hatte. Die ihm gegen�bersitzende Frau nannte ihren vollen Namen, ihren Astralnamen (�Pacifica�) und tat die Meinung kund, Barnaby solle lieber auf gelbem als auf wei�em Papier schreiben, um Verwirrung zu mindern und seine �bellaunigkeit auszugleichen. Ein rumkritzelnder Barnaby legte den Stift weg.</p><p>��Zum Todesfall im Solar befragt, konstatierte sie, da� der Begriff unangebracht war. Der Meister war magnetisch transformiert worden, hatte sich in einen Mond verwandelt, der inzwischen in den interplanetarischen Teich eingedrungen war. War zum Herrn �ber alle Elohim geworden, zu einem Tropfen im weiten Feld kosmischen Bewu�tseins.</p><p>���Wie dem auch sei, Miss Cuttle...� (Oh, sehr klug, fand Troy.) �Worauf ich hinausm�chte, ist die Frage, wer ihn dorthin geschickt hat.�</p><p>���O nein, nein, nein - so war das �berhaupt nicht.� Sie schenkte ihm ein s��es, leicht herablassendes L�cheln. Barnaby hatte schon Sorge, jede Minute den Rat zu erhalten, sich ja nicht seinen klugen Kopf zu zerbrechen.</p><p>���Wie war es dann?� fragte Sergeant Troy.</p><p>���Nun...� Nachdem May sich bequemer hingesetzt hatte, plazierte sie ihre Tasche wie einen K�nguruhbeutel auf ihrem Scho�. �Es fing alles mit meiner R�ckf�hrung an.� Sie brach ab, da ihr auffiel, wie Barnabys wettergegerbtes Antlitz sich verd�sterte. �Ach, je... es f�llt mir schwer, das Au�enseitern zu erkl�ren. Vielleicht reicht es zu erw�hnen, da� wir schon mehrmals auf dieser Welt gewesen sind und ich jeden dritten Freitag im Monat, au�er im Februar, wo ein �bernat�rlicher Selbstverteidigungskurs stattgefunden hat, unter der Anleitung des Meisters Ereignisse aus anderen Leben noch mal durchlebe. W�hrend dieser R�ckf�hrungsperioden schwirrt immer eine Menge Energie herum, der heutige Tag hingegen hat alles �bertroffen. Heute nachmittag hatte ich beispielsweise einen Unfall, den ich allerdings nicht als Unfall, sondern als Gleichnis begreife. Ein Eisenbrocken fiel vom Dach -�</p><p>���K�nnten wir bei diesem Abend bleiben, Miss Cuttle?�</p><p>���Oh. Ja, sehr gut. Eigentlich geschah dasselbe in einem anderen Gewand. Eine Symbolisierung von Astarte, der Mondg�ttin. Sp�ter, w�hrend der eigentlichen R�ckf�hrung, trieben Nebel umher, Sterne kollidierten, Pfeiler silberner Lichtblitze und goldener Lichtregen, drehende Monde... Die Durchquerung eines Arahat ist von signifikanter astraler Bedeutung und kann nicht mit Hilfe herk�mmlicher Dynamik erreicht werden. Dabei handelt es sich weder um eine gew�hnliche noch zuf�llige Angelegenheit.�</p><p>���Gewi� nicht zuf�llig.�</p><p>���Ich sehe, Sie suchen nach einer Art Einmischung von Menschenhand.�</p><p>���Ja, die Untersuchung zielt in diese Richtung.�</p><p>���Als Sie aus Ihrer Trance oder woraus auch immer erwachten�, sagte Troy, �was genau haben Sie da gesehen?�</p><p>���Das habe ich doch gerade eben beschrieben. Dahintreibende Monde -�</p><p>���Mich interessieren die Fakten.�</p><p>���Das sind die Fakten.�</p><p>��Wild entschlossen, in Zukunft seine Fragen so pr�zise zu formulieren, da� die Gegenseite keine Schlupfl�cher f�r astrologische Erg�sse fand, fuhr Barnaby fort: �Nun, Miss Cuttle -�</p><p>���Vorkoster des Generals.�</p><p>���Pardon?�</p><p>���Das war ich heute abend. Im r�mischen Britannien.�</p><p>���Tats�chlich?� Barnaby, dem die Huldigung von Vorfahren nichts sagte, drang weiter in sie. �K�nnten Sie mir verraten -oder besser noch - zeigen, wo er und die anderen sa�en, bevor Sie anfingen.� Er schob ihr einen Bleistift und ein Blatt Papier zu und - da sie den Mund �ffnete - beeilte sich zu sagen: �Wir haben nur Wei�.�</p><p>���Musik ist meine St�rke, nicht die darstellende Kunst�, verk�ndete May.</p><p>���Eine grobe Skizze d�rfte gen�gen. Machen Sie Kreuze, wenn Ihnen das lieber ist. Aber raten Sie nicht. Sollten Sie unsicher sein, machen Sie lieber kein Kreuz.�</p><p>��Sie malte wie ein Kind, konzentriert und mit vorgeschobener Zunge. Barnaby studierte das Ergebnis.</p><p>���Hatte sich etwas an diesen Positionen ge�ndert, als Sie... �hm... wieder Sie selbst waren?�</p><p>���O ja. Alle standen um mich herum. Arno weinte - der dumme Kerl.�</p><p>���Wieso?�</p><p>���Ich war vergiftet worden. Als ich die Pilze kostete. Die anderen machen sich immer gleich Sorgen. Er h�tte wissen m�ssen, da� ich in Ordnung bin. Als man mich an das Kutschenrad gefesselt hatte -�</p><p>���Sie sagen alle�, unterbrach Troy. �Geh�rte Mr. Craigie auch dazu?�</p><p>���Nein. Allerdings fiel mir das erst auf, als Christopher das Licht einschaltete.�</p><p>���Wo ist er auf dieser Zeichnung?� Barnaby betrachtete die Skizze.</p><p>���Nirgendwo. Er war bei mir.�</p><p>���Sie wollen damit sagen, da� es dunkel war?� hakte der Chief Inspector nach.</p><p>���D�ster.�</p><p>���Wie praktisch�, lie� Troy verlauten.</p><p>��May runzelte die Stirn. �Ich begreife nicht.�</p><p>���Wer hat vorgeschlagen, das Licht zu l�schen?�</p><p>���Niemand. Bei unseren Meditations�bungen verfahren wir immer so.�</p><p>���Und was haben Sie gesehen, als das Licht wieder an war?�</p><p>���Der Meister stand vor seinem Stuhl -�</p><p>���Immer noch auf dem Podest?� Barnaby warf einen Blick auf die Skizze.</p><p>���Ja. Und polterte dann die Stufen hinunter.� Ihre Stimme bebte, und ihre Lippen zitterten angesichts dieser Erinnerung. �Sein Brustkorb hatte schon die himmlische Lanze empfangen.�</p><p>��Langsam ri� dem Chief Inspector der Geduldsfaden. Energisch griff er nach der ersten Plastikt�te und schob sie �ber den Tisch. �Ihre Lanze, Miss Cuttle. Kennen Sie sie?�</p><p>���Gott...� Sie hob die T�te hoch. Die Blutspuren waren zu einem rostigen Orange oxydiert. �Das ist doch eins der Messer aus unserer K�che.� Sie legte die T�te auf den Tisch. �Wie kann...?� Einen Augenblick starrte sie ihn mit gro�en Augen und mit in Falten gelegter Stirn an, ehe sie schlagartig klarzusehen schien.</p><p>���Nat�rlich.� Die undurchdringliche Selbstsicherheit kehrte zur�ck. �Wir hier sind die noch nicht Erwachten, Inspector. Wir bem�hen uns, wir beten, wir ringen um Perfektion, aber das ist eine langwierige und aufwendige Aufgabe. Anscheinend war bisher keiner von uns bereit f�r die Offenbarung g�ttlicher Weisheit. Und da die G�tter das wissen, haben sie in ihrem unerme�lichen Gro�mut ihre geheimnisvolle, subtile Waffe in einen ganz durchschnittlichen und gew�hnlichen Haushaltsgegenstand verwandelt. Ich hege keinen Zweifel, da� Sie einen karmischen Fingerabdruck finden werden.�</p><p>��Troy kicherte h�hnisch. Barnaby, der den Eindruck hatte, da� es dieser Analyse ein wenig an Exaktheit mangelte, legte den zweiten Beutel auf den Tisch. �Und das da ist wohl ebenfalls aus der K�che?�</p><p>���Ja. Janet tr�gt sie. Sie hat einen leichten Hautausschlag, der besser wird, seit ich sie mit meiner Malven-Minze-Salbe behandele. Wieso haben Sie den?�</p><p>���Er wurde hinter einem Vorhang im Solar gefunden.�</p><p>���Wie seltsam. Man kann dort oben nicht abwaschen.�</p><p>��Angesichts ihrer �berzeugung, ein mystischer Attent�ter sei f�r den Tod verantwortlich, schien es wenig Sinn zu machen, Sie �ber den eindeutigen Zusammenhang aufzukl�ren. �Ist Ihnen aufgefallen, ob irgendwann irgend jemand zum Fenster gegangen ist?� May sch�ttelte den Kopf. �Diese R�ckf�hrungen - verlaufen die �fter so dramatisch?�</p><p>���Das variiert. Einmal bin ich dem Schwarzen Tod erlegen und habe geschrien wie am Spie�. Die Woche darauf - eine wunderbare Zeit mit Heinrich VIII. Im voraus kann man das nie sagen.�</p><p>��Gute Frage, fand Troy. Ziemlich hinterlistig. Denn falls jemand wu�te, da� sozusagen eine Ablenkung bevorstand... Er stellte selbst eine Frage: �War jemand anwesend, der diese Prozedur nicht kannte?�</p><p>���Ja, in der Tat. Mr. und Mrs. Gamelin sind uns fremd.� (Gamelin, dachte Barnaby. Sieh an, sieh an.) �Sie sind wegen des Geburtstags ihrer Tochter gekommen. Armes Kind.�</p><p>��Ihr Akzent ging Troy geh�rig gegen den Strich. Wohlklingend. Wurde auf den britischen Pferderennpl�tzen gesprochen. Geboren, um andere f�r sich rumspringen zu lassen. Zumindest hielten sie das f�r ihr Privileg, was aufs selbe hin-auslief. Hatte man den richtigen Ton drauf, kam man mit allem durch, selbst wenn man durchgeknallt war. Bei Mord kam man allerdings nicht davon. Der Chief erkundigte sich nach der Hierarchie der Kommune und wer in Zukunft die F�hrungsrolle �bernehmen w�rde.</p><p>���Wir sind hier alle gleichberechtigt, Inspector Barnaby, wenngleich man auch bei uns - wie in allen Gruppen - eine nat�rliche Hierarchie findet.� Barnaby nickte. Er fand, da� Menschen, die diese Erkl�rung anf�hrten, sich nur selten auf die untere Stufe stellten. �Ich bin am l�ngsten hier und denke, Sie k�nnten mich als Schatzk�mmerer bezeichnen. Ich besorge alle Bestellungen. Angefangen von den Sojabohnen bis hin zu Calypsos Heu. Und ich k�mmere mich um die Bankgesch�fte. Ich habe die Erlaubnis, Schecks auszustellen.� Sie fuhr fort, die anderen Mitglieder der Kommune gem�� ihres Eintreffens und der L�nge ihres Aufenthalts aufzuf�hren.</p><p>���Und der Junge?� Barnaby nickte in Richtung T�r. Das St�hnen war nun kaum noch zu h�ren.</p><p>���Tim? Oh - er ist... gefunden worden.� Mit einem Mal schien sie sich nicht mehr wohl in ihrer Haut zu f�hlen. ��ber die Einzelheiten wei� ich nicht Bescheid. Arno hat mir die Details nie erz�hlt. Er regte sich ziemlich auf, als ich ihn ein zweites Mal dazu befragte. Eines Tages brachten er und der Meister Tim einfach mit nach Hause. Wie er damit nur zurechtkommen soll... der arme Junge? Der Meister war sein Leben, seine Existenz. Ich habe Angst um ihn, wirklich.� Sie stand auf. �Falls das alles ist, k�nnte ich dann gehen? Ich w�rde gern nach -�</p><p>���Noch eine Frage�, sagte Barnaby. �Hat sich seit der R�ckf�hrung jemand umgezogen?�</p><p>��Nachdem sie ihm eine negative Antwort gegeben und man ihr die Erlaubnis, sich zu entfernen, erteilt hatte, tauschten die drei M�nner am�sierte Blicke aus. Barnaby fragte: �Calypsos Heu?�</p><p>���Das sind alles Vegetarier, Sir�, antwortete der junge Constable.</p><p>���Sie haben doch alles ganz genau mitgeschrieben, oder, Sonnenschein?� fragte Troy nach.</p><p>���Nat�rlich nicht, Sergeant�, sagte der Police Constable und lief rot an. Auf seiner Oberlippe prangte ein absurd flaumiges B�rtchen, das einen an einen Streifen Entenfedern denken lie�. �Nur die relevanten Details.�</p><p>���Die hatten massig Zeit, sich auf eine Geschichte zu einigen, bis der erste Streifenwagen eintraf, Chief. Vielleicht kriegen wir jetzt dauernd diesen �bernat�rlichen Unsinn aufgetischt,�</p><p>���Da habe ich so meine Zweifel. Bestimmt sind nicht alle so �bergeschnappt wie die eben.�</p><p>��Es klopfte, und die Frau mit den langen grauen Haaren trat ein, gefolgt von dem Mann mit dem mexikanisch anmutenden Bart. Sie hatten ihre Stirnb�nder abgelegt und trugen statt dessen �bertriebene Trauermienen. Sie brachte ein Tablett mit drei Tassen und er einen Teller, der im Grunde genommen auch noch auf das Tablett gepa�t h�tte.</p><p>���Wir dachten, Sie w�rden sich gewi� �ber eine kleine St�rkung freuen...�</p><p>���Eine Tasse Malzkaffee -�</p><p>���Ein wirklich ausgezeichneter Kaffee-Ersatz -�</p><p>���Und etwas Kuchen.�</p><p>��Eine Tasse entgegennehmend, fragte Barnaby sie nach ihren Namen und sagte: �Nun, wo Sie schon mal da sind, w�rde es Ihnen doch sicherlich nichts ausmachen, ein paar Fragen zu Mr. Craigies Ermordung zu beantworten.� Ganz bewu�t nannte er die Sache beim Namen, damit jeder wu�te, wo er stand.</p><p>��Man merkte, wie ungewohnt diese Situation f�r sie war. Beide lie�en sich schwerf�llig auf einen Stuhl fallen. Ken sprach als erster: �Sie k�nnen das doch nicht als Mord bezeichnen.� Und schob freundlich nach: �Jedenfalls nicht wie ein Laie dieses Wort verwenden w�rde.�</p><p>���Es gibt nur eine Art, diesen Begriff auszulegen, Mr. Beavers. Die mutwillige Vernichtung menschlichen Lebens. Sie k�nnen das selbstverst�ndlich in jede Ihnen genehme Sprache �bersetzen. Aber am Ende l�uft es eben doch auf Mord hinaus.� Auf ihr niedergeschlagenes Nicken hin schob er Papier und Bleistift hin�ber und erkl�rte ihnen, was es mit der Skizze auf sich hatte. Er untersagte ihnen, sich miteinander zu beraten, und beobachtete sie beim Zeichnen.</p><p>��Ihre Diagramme waren - wie ihre Kleider und ihre Haarfrisuren - beinahe identisch. Vor seinem geistigen Auge sah er sie im Winter gleiche Pullover und gleiche Pudelm�tzen tragen, die auf identischen Spitzk�pfen ruhten. Troy hatte mit seiner Erfrischung zu k�mpfen. W�re der Kuchen nicht in Scheiben geschnitten, h�tte er ein prima Fundament abgegeben.</p><p>��Ken gab das Blatt Papier zur�ck und fragte: �Darf ich einen Zwischenkommentar zu Ihrer letzten Ausf�hrung abgeben?�</p><p>���Durchaus. Aber bedienen Sie sich bitte - falls m�glich - einer uns gel�ufigen Sprache. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit�, meinte Barnaby und f�rchtete schon, da� dem doch so war.</p><p>���Das Messer wurde von einer sterblichen Hand gehalten.� Ziemlich st�rrisch. �Aber die Hand wurde unter g�ttlicher Anleitung gef�hrt. Um die Wahrheit zu sagen, sowohl ich als auch meine Frau waren ziemlich frustriert, nicht erw�hlt worden zu sein -�</p><p>���Es w�re uns eine Ehre gewesen -�</p><p>���Keines der anderen Kommunenmitglieder ist ergebener als wir.�</p><p>���Jedoch�, monierte Ken gekr�nkt, �es sollte nicht sein.�</p><p>���Sie m��ten dankbar sein, da� die Wahl nicht auf Sie gefallen ist, Mr. Beavers. Es sei denn, Sie versp�ren das Verlangen, die n�chsten Jahre in einer Gef�ngniszelle zu verbringen.�</p><p>���Wie kommen Sie denn darauf ?� rief Heather, warf den Kopf zur�ck und gab kurz einen Blick auf das frei, was mit Hilfe von exzessivem Training und einer Menge plastischer Chirurgie in ferner Zukunft der Ansatz eines Kinns werden k�nnte.</p><p>��Ken sagte: �In einem spirituell ausgerichteten Leben gibt es so etwas wie eine Zelle nicht.�</p><p>��In diesem Augenblick schob Barnaby die beiden Plastikt�ten hin�ber. Die mit dem Messer veranla�te Ken zu murmeln: �...Vibrationen, immer noch sp�rbar... subtil, aber sehr potent ... wow...�</p><p>���Er kann Ihnen wirklich behilflich sein, Inspector�, verriet Heather. �Versuchen Sie es, sehen Sie in ihm Ihre kosmische W�nschelrute.�</p><p>��Was f�r miese Schauspieler, scho� es Troy durch den Kopf. Nicht zu glauben. Er erkundigte sich, wie Kens Hilfe aussehen 'w�rde.</p><p>���Mein Mann ist ein Mensch, der sehr empfindlich auf alles reagiert.�</p><p>���Empfindlich in bezug auf was?�</p><p>���Diese Umschreibung verwenden wir, um eine Seele zu beschreiben, die nicht nur im Einklang mit den unergr�ndlichen Hefen des eigenen Selbst ist, sondern auch mit all den dynamischen Str�men des verborgenen Universums.�</p><p>���Ist das ein Fakt?�</p><p>���Eine Art Nebenwirkung davon ist�, erl�uterte Ken ernst und hob leicht die Schultern, �da� ich zum Channeller von Hilarion erw�hlt wurde. Einer der wunderbarsten Geister, die die Erde jemals gekannt hat. Hat vielfach die Gestalt gewechselt. Sie kennen ihn wahrscheinlich eher als Samuel, den Propheten des Herrn. Oder als Merlin. Vielleicht auch als Francis Bacon, Sohn von Elisabeth I. und Robert Dudley...�</p><p>���Was ich wirklich m�chte...� Voller Entschiedenheit versuchte Barnaby, dieses Geschw�tz zu unterbinden.</p><p>���- der echte Autor der sogenannten Shakespeare-St�cke -�</p><p>���Was ich wirklich m�chte...� Falls es die Situation erforderte, was jetzt der Fall war, konnte er ziemlich griesgr�mig dreinblicken. Die beiden setzten sich aufrecht hin. �... ist, Sie zu fragen, ob Sie eine Ahnung haben, warum dieser Mord ver�bt wurde.�</p><p>���So war es nicht.�</p><p>���Aber einmal angenommen�, sagte Troy laut und beugte sich beim Sprechen vor, �es w�re so gewesen.�</p><p>���Unm�glich. Jeder liebte ihn.�</p><p>���Wenigstens eine Person hat ihn offenbar nicht geliebt, Mrs. Beavers�, konstatierte Barnaby. �Nun, ich wei�, es war nicht sonderlich hell, aber ist einem von Ihnen w�hrend der R�ckf�hrung eine pl�tzliche Bewegung aufgefallen?� Er warf einen Blick auf die Zeichnungen. �Sa� beispielsweise jemand auf den Stufen?�</p><p>���Nun, wir sind nat�rlich alle wegen May aufgestanden. Und zu ihr hin�bergelaufen.�</p><p>���Gleichzeitig?�</p><p>���Ja, fast, meinst du nicht auch, Heth?�</p><p>��Heather nickte. Barnaby hatte den Verdacht, da� dies erst der Anfang war, da� sie stets die gleiche Meinung �u�ern w�rden. Ein verdunkelter Raum. Menschen, die sich auf eine liegende Gestalt konzentrierten. Alle blicken in dieselbe Richtung, w�hrend das, was wichtig ist, sich auf der anderen Seite abspielt. Nicht gerade ausgefallen, diese Vorgehensweise. Und dennoch ganz sch�n gewagt. Warum einen so riskanten Zeitpunkt w�hlen? Da es in diesem Stadium noch keine Antwort auf diese Frage gab, �nderte Barnaby die Richtung seiner Befragung und versuchte mehr Hintergrundinformationen zu sammeln.</p><p>���Wie viele Menschen leben hier?�</p><p>���Zehn wohnen permanent hier, aber selbstverst�ndlich k�nnen wir mehr Menschen beherbergen. Manchmal, w�hrend Workshops und Exerzitien, halten sich hier vierzig... f�nfzig Leute auf.�</p><p>���Kann nicht leicht sein�, spekulierte Troy, �so eng miteinander zu leben. Es gibt sicherlich Streitereien und Mi�stimmungen.� Beide l�chelten zuckers�� und sch�ttelten den Kopf. �Das Aufeinandertreffen verschiedener Charaktere? Zwist in finanziellen Angelegenheiten?�</p><p>���Materialismus ist uns fremd.�</p><p>���Was ist Geld, wenn nicht die Zementierung einer g�ttlichen Macht?�</p><p>��So ging es noch eine Weile lang weiter, bevor Barnaby sie gehen lie�. Kaum war die T�r ins Schlo� gefallen, da wurden er und Troy schon durchdiskutiert.</p><p>���Diese Typen... von einem anderen Planeten... oder?�</p><p>���Verstehen �berhaupt nichts. H�ren nur die Worte.�</p><p>���N�chstes Mal, wenn Maureen sich �ber den Haushalt beschwert, mu� ich ihr das erz�hlen�, sagte Troy. �Wie war das noch gleich, die Zement... wie war das noch gleich? Und wo wir schon von Zement sprechen - haben Sie von diesem Kuchen gekostet?�</p><p>���F�r einen Abend habe ich schon genug riskiert�, meinte Barnaby. �Ich habe das Zeugs getrunken.�</p><p>���Ist nicht gerade das, was man &gt;gro�e Spr�nge machen&lt; nennt, nicht wahr, Sir?� Troy lehnte sich an die Tischkante und " reagierte auf Barnabys s�uerliches Grinsen mit einem gewinnenden L�cheln. �Wie steht es mit der guten alten Verschw�rungstheorie? Die alte Schachtel tr�gt absichtlich dick "auf, um die Aufmerksamkeit vom Podest auf sich zu lenken... alle st�rmen nach unten und erm�glichen somit -�</p><p>���Genau. Alle st�rmten nach unten.�</p><p>���Ja... nun... sehen Sie...� Troy drehte Mays Skizze um. �Sie waren... zu neunt? Doch einer ist offensichtlich zur�ck-geblieben, bringt den alten Obi-halb-Kenobi um die Ecke und gesellt sich dann zu den anderen. Wie lange w�rde das dauern? ' Eine Sekunde? Zwei? Da die Schachtel geschrien und gezappelt hat, konnte niemand einen Schrei h�ren, falls der Typ einen ausgesto�en hat.�</p><p>���Hmm. Die Theorie ist nicht unvern�nftig.� Troy erlaubte sich ein selbstgef�lliges Grinsen. �Bin mir aber nicht sicher, ob ich die Verschw�rungstheorie kaufe. Nun - dann wollen wir mal mit -� Er drehte die Skizze wieder um. � - Christopher Wainwright sprechen. Er harrte w�hrend der gesamten R�ckf�hrung neben dieser Cuttle aus und hatte insofern - genau wie sie - ein uneingeschr�nktes Blickfeld. M�glicherweise hat er gesehen -� Es klopfte kurz an die T�r, und die Polizistin Anfang Drei�ig steckte den Kopf durch den T�rspalt. �Was gibt es?�</p><p>���Drau�en ist eine Miss McEndrick, Sir. Sie behauptet, wichtige Informationen �ber den Vorfall im oberen Stockwerk zu haben.�</p><p>��Kaum hatte die Beamtin das letzte Wort gesprochen, zw�ngte sich Janet in das Verh�rzimmer, stand mit eingefallenen Schultern da, verdrehte die Augen, blinzelte hektisch und ratterte drauflos. Die Worte kamen ihr wie Maschinengewehrfeuer �ber die Lippen und waren kaum verst�ndlich, so schnell sprach sie.</p><p>���Es tut mir leid... ich konnte nicht warten, bis Sie nach mir rufen... Entschuldigung... es ist nur so, da� ich was gesehen habe, bin mir sicher, es ist wichtig... und da� Sie es erfahren m�chten, bevor Sie Ihre Zeit mit den anderen verschwenden... �tschuldigung...�</p><p>��Alles an ihr k�ndete von Reue. Sie schien um Vergebung zu bitten f�r ihre Gr��e, ihre unattraktiven Klamotten, ihren knochigen K�rper, ihre blo�e Existenz. All das hatte sie aber nicht daran gehindert, unaufgefordert das Zimmer zu betreten. Sich einem Fremden aufzudr�ngen, sich als Autorit�t darzustellen. Dieser Schritt mu�te ihr einiges abverlangt haben.</p><p>��Barnaby bat sie, Platz zu nehmen. Das tat sie mit den Worten: �Ich wei�, wer es getan hat. Er trug einen Handschuh, nicht wahr? Einen Gummihandschuh?�</p><p>���Wie kommen Sie auf diese Idee?�</p><p>���Hinter dem Vorhang, dort lag er, nicht wahr?� Sie brach ab, woraufhin Barnaby sie zum Fortfahren ermunterte, w�hrend ihm das nerv�se Zucken in der Wange und die intelligenten, weit auseinanderstehenden Augen auffielen, in denen keine Trauer lag.</p><p>���Er hat ihn aus seiner Tasche gezogen. Ich habe es beobachtet. Er hat sich im Zimmer umgeschaut, als warte er, bis ihn niemand beobachtet, darum blickte ich in eine andere Richtung - tat so, als unterhielte ich mich mit jemandem aber ich habe ihn erwischt.�</p><p>���Wen erwischt, Miss McEndrick?�</p><p>���Wie - nat�rlich Guy Gamelin.� Sie hatte M�he, ruhig zu sprechen. In ihrer Stimme schwang un�berh�rbar Triumph mit.</p><p>��Nat�rlich? Hier geht es um etwas Pers�nliches, dachte Barnaby und fragte sich, wieso dem so war. M�glicherweise geh�rte sie - wie auch sein Sergeant - zu der Sorte Menschen, die in Gegenwart von Reichen von Neid zerfressen wurden. Diese Schlu�folgerung stellte den Inspector nicht zufrieden. Er fragte sie nach ihrer Meinung �ber Mr. Gamelin.</p><p>���Meine Meinung?� Sie lief puterrot an. �Ich habe keine Meinung. Ich habe ihn erst heute kennengelernt.�</p><p>���Sie haben zusammen zu Abend gegessen.�</p><p>���So kann man das wohl nicht nennen. Wir waren zu neunt.�</p><p>��Barnaby nickte und warf ihr einen erwartungsvollen, aufmunternden Blick zu. Die Stille dehnte sich aus. Seine Miene, die besorgtes Interesse verriet, ver�nderte sich nicht. Man mu�te schon sehr ungehobelt sein, um nicht zu antworten.</p><p>���Falls Sie es wirklich wissen m�chten, ich halte Gamelin f�r ziemlich widerlich. Denkt nur an sich - wie die meisten M�nner. Korrigiert uns, wenn er nicht gerade versucht, uns niederzumachen. Bel�chelt unsere Ideale und die Art und Weise, wie wir zu leben versuchen. Selbstverst�ndlich lassen sich manche Leute leicht von Macht beeindrucken. Und von Geld.�</p><p>���M�glicherweise die Mehrheit der Menschen?�</p><p>���Wie dumm von ihnen.�</p><p>��Barnaby erl�uterte die Skizze und reichte ihr ein Blatt Papier. Janet sagte: �Wieso? Ich hatte nichts damit zu tun.�</p><p>���Sie alle werden darum gebeten.�</p><p>���Ja - ist es jetzt nicht vorbei? Ich meine - warum gehen Sie nicht einfach raus und verhaften ihn?�</p><p>���Haben Sie daran ein spezielles Interesse, Miss McEndrick?� Troy lauerte hinter ihrem Stuhl.</p><p>���Nein...� Das Wort kam wie ein Peitschenschlag. Janet drehte den Kopf auf der Suche nach dem Vernehmungsbeamten. Ihr Blick fiel auf das feuerrote Haar, den schmalen Mund. Sie sp�rte K�lte und Unfreundlichkeit. Ziemlich beunruhigend. Fast dankbar wandte sie sich wieder dem �lteren der beiden M�nner zu. �Es ist nur so, ich dachte, da� derjenige, der das Messer benutzt hat, wegen der Fingerabdr�cke einen Handschuh getragen haben mu�. Und als ich dann sah, wie er ihn versteckte -�</p><p>���Haben Sie zwei und zwei zusammengez�hlt?� schlug Troy vor.</p><p>��Janet stierte auf ihre Skizze. W�hrend sie zeichnete, studierte Barnaby ihren Kopf. Bemerkte den messerscharfen Scheitel - kein einziges Haar auf der falschen Seite. Kriegsschiffgraue Metallklemmen pre�ten sich an die Kopfhaut. Er stellte sich vor, wie sie jeden Morgen und jeden Abend - ohne Ausnahme - diese drahtigen Haarmassen striegelte. F�nfzig harte, strafende B�rstenstriche. Die f�r Selbstgei�elung standen und nicht f�r den Wunsch, h�bsch zu sein. F�r den Wunsch, einen D�mon auszutreiben. Schlug er mit seiner Interpretation �ber die Str�nge? Um welchen D�mon, fragte er sich, k�nnte es sich dabei handeln? Eifersucht, Verzweiflung, Tr�gheit... Lust? Als sie ihm die Skizze aush�ndigte, mu�te er feststellen, da� sie den anderen sehr �hnlich war. Er wagte einen Sprung ins Ungewisse.</p><p>���Leben Sie gern hier, Miss McEndrick? Kommen Sie mit den anderen gut aus?� Sie schien auf der Hut zu sein. Er sp�rte Zur�ckhaltung.</p><p>���Ja. Ich denke schon.�</p><p>���Sind Sie vielleicht mit jemandem enger befreundet?�</p><p>���Nein!� In einer Bewegung sprang sie vom Stuhl auf und steuerte auf die T�r zu. Beim �ffnen wandte sie Barnaby ihr gepeinigtes Antlitz zu. �Ich werde Ihnen noch was �ber Guy Gamelin verraten. Der Meister hat beim Sterben auf ihn gezeigt. Hat mit dem Finger auf ihn gezeigt. Das zeigt doch, da� er schuldig ist. Fragen Sie ihn... fragen Sie die anderen...�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>8</emphasis></strong></p></title><p>�Genau so �ne Sportlehrerin hatte ich�, sagte Troy, nachdem Janet gegangen war. �Dicke Knie, Turnschuhe, keine Titten, Pfeife um den Hals. Die regen mich echt auf, diese Lesben. Alles Angeh�rige der Arschlochkratie, wenn Sie mich fragen. Finden Sie nicht auch?� Seine Frage richtete sich an den Constable, der mitschrieb.</p><p>��Der Mann warf Barnaby einen fragenden Blick zu. Mit gesenktem Kopf schrieb der Chief schnell ein paar Dinge nieder. Er hielt es f�r das beste, sich rauszuhalten. �Dar�ber habe ich eigentlich nie nachgedacht, Sergeant.�</p><p>���Werden wir nun Gamelin verh�ren, Sir?� wollte Troy wissen.</p><p>���Ich m�chte lieber erst h�ren, was die anderen zu sagen haben. Sehen, was wir Zusammentragen k�nnen.� Er schickte den Constable nach Christopher Wainwright.</p><p>���Ich denke nicht, da� er gewohnt ist zu warten.�</p><p>���Diese neue Erfahrung wird dann ein wenig Abwechslung in sein Leben bringen, nicht wahr?�</p><p>��Troy bewunderte die Vorgehensweise seines Vorgesetzten. Er kannte eine Menge Beamte (angefangen von ganz oben bis runter zu Barnaby), die Gamelin gerade mal so lange h�tten warten lassen, wie es brauchte, den Besucherstuhl abzustauben. Ich werde einmal wie der Chief sein, gelobte Troy, wenn ich Detective Chief Inspector bin. Mich wird keiner rumschubsen. Keiner wird Einflu� auf mich haben. Da� er in diesem Fall aus einer Position der Schw�che (und nicht der St�rke) handeln w�rde, entging ihm.</p><p>��Dem Aussehen nach mu�te Christopher Wainwright Ende Zwanzig sein. Die schwarzen Haare hoben die Bl�sse seines Gesichts noch st�rker hervor. Er trug enganliegende Jeans und ein kurz�rmliges Sporthemd mit einem kleinen applizierten Alligator. Falls er betroffen war, konnte er das gut verbergen. Die beiden Polizisten musterte er relativ gelassen, doch sein Gehabe wirkte in Barnabys Augen kontrolliert, vorsichtig. Weswegen machte sich dieser junge Mann Sorgen? Er war einer der beiden Menschen in dem Raum, die den t�dlichen Sto� nicht ausgeteilt haben konnten. Sorgte er sich wegen jemand anderem? Wegen des weinenden M�dchens, das er in seinen Armen gehalten hatte? Barnaby fragte, ob er von seinem besonders vorteilhaften Standort etwas gesehen habe. Christoph er sch�ttelte den Kopf.</p><p>���Die meiste Zeit behielt ich May im Auge. Die letzten paar Minuten hielt ich ihre Hand. Wir waren gut drei Meter von den anderen entfernt. Und sonderlich hell war es auch nicht.� Auf die Bitte, eine Skizze anzufertigen, sagte er: �Sie wird ziemlich vage ausfallen. Ich kann mich kaum mehr erinnern, wo jeder stand. Ein Mord l�scht derlei Wissen aus der Erinnerung.�</p><p>���Haben Sie eine Idee, warum Craigie ermordet wurde?�</p><p>���Keinen Schimmer. Er war ein ganz und gar unaufdringlicher Mann. Wirklich sanft, im Gegensatz zu dem einen oder der anderen hier, die oft �ber Liebe schwafeln, bei der praktischen �bung jedoch versagen.�</p><p>���Sind Ihnen die Einstellungen der Kommune unsympathisch?�</p><p>���Einige ja, andere nein. Ich denke, man k�nnte mich als vorurteilsfreien Skeptiker beschreiben. Letztes Jahr bin ich in Thailand im Urlaub gewesen. Die Haltung der Menschen dort hat mich au�erordentlich beeindruckt. Die Tempel und die M�nche. Nach meiner R�ckkehr begann ich, buddhistische Literatur zu lesen, und stie� sp�ter, im Vision, auf einen dreit�gigen Kurs hier - eine Meditation, basierend auf dem Diamant-Sutra. Ich schrieb mich ein, und sechs Wochen sp�ter, also jetzt, bin ich immer noch da.�</p><p>���Wie kommt das, Mr. Wainwright?�</p><p>���Ich... habe jemanden kennengelernt.�</p><p>��Barnaby registrierte, wie sich die Spannung in den Schultern seines Gegen�bers l�ste, sah, da� der aufmerksame Blick aus den wachsamen Augen verschwand, und dachte, dann macht er sich also keine Sorgen wegen des M�dchens. Sondern wegen etwas anderem. Er schien das Bed�rfnis zu haben, �ber sie zu sprechen, und der Chief Inspector lie� ihn plaudern.</p><p>���Zuerst konnte ich es nicht fassen.� Anscheinend war es ihm so peinlich, als gestehe er ein geheimes Laster, eine Schw�che ein. �Sich zu verlieben.� Er bem�hte sich, ironisch zu klingen, was ihm aber nicht gelang. �Man hat nat�rlich Aff�ren gehabt...� Er zuckte mit den Achseln. �Echte Liebe... nie. Um ehrlich zu sein, zuerst wollte ich mich verdr�cken. Ich mochte mein Leben, wie es war. H�bsches kleines Apartment, kein Mangel an weiblicher Gesellschaft. Aber ich z�gerte wohl einen Augenblick zu lange, und dann sa� ich ... in der Falle.�</p><p>��Er err�tete. Und erweckte gar nicht den Eindruck, in der Falle zu sitzen. �Damals wu�te ich nicht, wer sie ist. - Ich nahm einen Monat Urlaub - ich arbeitete als Kameramann f�r die BBC - der mir zustand. Danach bat ich um drei Monate unbezahlten Urlaub, der demn�chst zu Ende geht. Bis dahin hoffe ich, Suze �berredet zu haben, meine Frau zu werden. Sie hat Angst vor diesem Schritt, denke ich. Die Gamelins machen sich schon seit Ewigkeiten gegenseitig das Leben schwer. Ihre Kindheit mu� gr��lich gewesen sein.�</p><p>���Dann�, schlo� Barnaby, �d�rfte Craigies Tod Ihnen zum Vorteil gereichen. Ihre Umgebung d�rfte ihr nun wesentlich weniger Sicherheit bieten.�</p><p>���Ja. Es ist traurig, und selbstverst�ndlich tut es mir leid, was geschehen ist, aber ich k�nnte mir denken, da� sich die Waagschale nun mehr in meine Richtung neigt.�</p><p>��Heiliger Strohsack, dachte Troy. Wu�te nicht, wer sie ist. Meint wohl, wir sind von vorgestern. Jeder, der nur ein F�nkchen Verstand besitzt, wei�, wie das abgelaufen ist. Irgendwie kommt ihm im Fernsehbusine� zu Ohren, wo das arme kleine, reiche M�dchen sich versteckt h�lt. F�hrt hierher, geht an den Start und zieht seine Nummer ab. Kommen die beiden erst mal an ihr Bankkonto ran, sieht sie nur noch die Auspuffgase seines Ferraris.</p><p>��Diese phantasievolle Auslegung der Ereignisse und Barnabys Theorie zum Motiv des Mordes brachten Troy auf eine Idee. �Wo genau befindet sich der Lichtschalter, Mr. Wainwright?� Er zeigte auf die fast fertige Skizze. Pflichtschuldig machte Christopher sein Kreuzchen, wobei ihm Troy �ber die Schulter schaute. �Ich verstehe. Um dahin zu gelangen, h�tten Sie also dicht am Podest vorbei m�ssen.�</p><p>���Eigentlich nicht. Von hier nach hier�, sagte er und zog eine diagonale Linie, �w�re der k�rzeste Weg gewesen.�</p><p>���Und den haben Sie auch genommen?�</p><p>���Aber klar doch.� Christopher fixierte den Sergeant. �Worauf wollen Sie hinaus?� Als er begriff, worauf der Sergeant anspielte, lachte er. �Ach, kommen Sie...�</p><p>��Der Sergeant griff nach der Skizze, studierte sie aufmerksam und legte dabei die Hand �ber die Augen, um seinen Zorn zu verbergen. Ich kann alles ertragen, sagte Troy sich immer wieder (was �berhaupt nicht der Wahrheit entsprach), nur nicht, da� sich jemand auf meine Kosten lustig macht.</p><p>���Ich habe den Eindruck gewonnen�, warf Barnaby ein, �der sterbende Mann zeigte auf jemanden, bevor er fiel.�</p><p>���Er stand mit erhobenem Arm da, ja. Ob er aber auf jemand Besonderen zeigte, kann ich nicht sagen.�</p><p>���Falls nicht, ergibt die Geste keinen Sinn.�</p><p>���Uns wurde angedeutet�, Troy legte das Blatt Papier wieder auf den Tisch zur�ck, �da� er auf Mr. Gamelin zeigte.�</p><p>���Wer hat so was gesagt?� Da er keine Antwort auf seine Frage erhielt, fuhr Christopher fort: �Nun, das kann man verstehen. Er war der Au�enseiter. Niemand kann die Vorstellung ertragen, da� es einer von uns war.� Man zeigte ihm das Messer und den Handschuh. Er r�umte ein, da� beide Gegenst�nde aus der K�che stammten, und sagte dann: �Suze hat ihre eigene Interpretation der Vorg�nge aufgestellt. Um ehrlich zu sein, mir kommt das ziemlich weit hergeholt vor. Worum ich Sie bitten wollte, darf ich dabeisein, wenn Sie sie verh�ren? Sie ist immer noch ganz sch�n durch den Wind.�</p><p>���Vorausgesetzt, Sie unterbrechen sie nicht.� Barnaby deutete auf die T�r.</p><p>���Ist das eine gute Idee, Chief?� fragte Troy, nachdem Christopher das Zimmer verlassen hatte.</p><p>���Ich denke schon. Je entspannter und klarer sie ist, desto schneller bringen wir die Sache hinter uns und k�nnen das n�chste Mitglied verh�ren.�</p><p>���Will Ihnen was �ber diesenTypen verraten - der f�rbt seine Haare.� Sein Wissen gab Troy so siegessicher wie ein Hund, der einen absurd geformten Knochen anschleppt, zum besten.</p><p>��Barnaby, dem das F�rben der Haare nicht entgangen war, sagte nichts. �Andererseits geh�rt er nicht zu der Sorte, die sich betont cool gibt. Und er d�rfte zu jung sein, um schon grau zu werden. Also, wieso f�rbt er sie dann?�</p><p>��Das Gamelin-M�dchen mu�te drau�en auf dem Flur gewartet haben. Eben hatte sie noch geweint - ihre Wangen waren feucht und sie war immer noch sehr deprimiert. Barnaby hatte es noch nie Spa� gemacht, trauernde Menschen zu befragen. Bedauerlicherweise hatte sich diese Vorgehensweise als fruchtbar herausgestellt. In einer solchen Gef�hlslage legten Menschen weniger Vorsicht an den Tag. Auch bei dieser Gelegenheit erwies sich erneut, wie sehr dies zutraf. Kaum hatte das M�dchen sich gesetzt, kam ihr schon ein Schwall erboster Selbstbezichtigungen �ber die Lippen.</p><p>���... ist alles meine Schuld... er war nur meinetwegen hier... und nun ist er tot... der wunderbarste Mann auf Erden. Er war ein Heiliger... er liebte uns alle... hatte der Welt soviel zu geben ... soviel zu geben... Sie haben ja keine Ahnung, was heute hier ausgel�scht wurde... verr�ckt... ganz und gar verr�ckt... Ohhh, ich h�tte niemals hierherkommen d�rfen...�</p><p>��So ging es eine ganze Weile lang weiter. Wainwright hielt ihre Hand. Dabei versuchte Barnaby herauszufinden, auf wen sich die vielen �er� bezogen. Nach einer Weile beruhigte sie sich etwas und tupfte mit dem Sari, der schon von feuchten Flecken �berzogen war, die Augen ab.</p><p>���Sie nehmen also an, da� alles Ihre Schuld ist, Miss Gamelin?�</p><p>���W�rde ich nicht auf Manor House leben, w�re mein Vater nicht gekommen.�</p><p>���Ihrer Ansicht nach ist er f�r Mr. Craigies Tod verantwortlich?�</p><p>���Ich wei�, da� er es ist... ich wei�, da� er es ist...� Sie war aufgesprungen. �Kein anderer h�tte so etwas getan. Niemand hatte einen Grund. Wir alle verehrten den Meister. Er war der Mittelpunkt unseres Lebens.�</p><p>���K�nnte es sein, da� dieses &gt;Wissen&lt; nur auf vagen, gef�hlsbedingten Annahmen beruht?� �</p><p>���Es basiert auf Beweisen. Noch im Sterben zeigte der Meister auf meinen Vater. Daran gibt es nichts zu r�tteln.�</p><p>���Hatten sich zu jenem Zeitpunkt nicht eine Menge Menschen um Miss Cuttle geschart? M�glicherweise hat er auf einen von ihnen gezeigt.�</p><p>���Nein.�</p><p>���Und die Waffe?� Barnaby schob das Messer hin�ber.</p><p>��Erschaudernd musterte sie es. �Das lag auf dem Regal in der K�che. Und dort war er heute nachmittag. Auch das war meine Schuld. Ich habe ihn allein zur�ckgelassen, um Tee nach oben zu bringen. Da hat er es an sich genommen. Er mu� die Tat schon lange geplant haben.�</p><p>���Und wie steht es mit dem Motiv?�</p><p>���Ha! Das Motiv, das ihn immer und bei allem leitet. Geld. Seit heute habe ich die freie Verf�gung �ber meinen Treuhandfonds. Ich bin einundzwanzig geworden. �ber eine halbe Million.�</p><p>��Christopher fiel die Kinnlade runter. �Du hast mir nicht erz�hlt -�</p><p>���Mr. Wainwright...� Barnaby hielt die Hand hoch und ermunterte sie mit einem Nicken weiterzusprechen.</p><p>���Ich wollte den Fonds nicht haben. Er war mir eine Last.�</p><p>��Mein Gott, die Reichen, staunte Troy, diese verdammten Reichen. Diese absolut irren Reichen. Eine Last.</p><p>���Daher habe ich mich entschlossen, das Geld wegzugeben.�</p><p>��Nun, warum noch lange suchen, Lady? Hier bin ich.</p><p>���Ich wollte, da� die Kommune es bekommt. Der Meister hielt meine Entscheidung allerdings f�r unklug. Meinte, es w�rde mir irgendwann leid tun. Er schlug vor, mit meinen Eltern zu sprechen. Einmal abgesehen von dem Geld, hoffte er auch, wir k�nnten unsere Differenzen beilegen.� Erneut stie� sie eins von diesen rauhen, humorlosen Ger�uschen aus. �Er war so naiv. Begriff nicht, wie schrecklich Menschen sein k�nnen.�</p><p>���Sagen Sie, Miss Gamelin -�</p><p>���Nennen Sie mich nicht so! Das ist nicht mein Name.�</p><p>���Sind Ihre Eltern Mr. Craigie vor dem Mord begegnet?�</p><p>���Mein Vater schon. Die beiden haben sich gegen sieben miteinander unterhalten. Meine Mutter kam erst sp�ter.�</p><p>���WWissen Sie etwas �ber das Ergebnis dieser Unterhaltung?�</p><p>���Nur, da� sie sp�ter noch mal dar�ber sprechen wollten. Ich halte es f�r eher unwahrscheinlich, da� der Meister gro�en Einflu� auf meinen Vater hatte. Beim Abendessen war er wirklich gemein.�</p><p>���Wie hat er reagiert, als Sie ihm von Ihrer Entscheidung bez�glich des Fonds berichteten?�</p><p>���Das habe ich nicht getan. Ich habe es dem Meister �berlassen.�</p><p>��Barnaby warf einen Blick auf die Skizze. �Soweit Sie sich erinnern, stand Ihr Vater also direkt hinter Mr. Craigies Stuhl?�</p><p>���Ja. Jetzt wissen Sie ja, warum. Er mu�te sich nur vorbeugen und... und...�</p><p>���Ganz so einfach ist es nun wieder nicht, oder? Sie haben beispielsweise gerade gesagt, da� Ihr Vater, bis er mit Mr. Craigie sprach, nichts von Ihrer Entscheidung, das Geld zu verschenken, geahnt hat.�</p><p>���Das ist richtig.�</p><p>���Nicht vor sieben Uhr.�</p><p>���Ja.�</p><p>���Warum sollte er dann um f�nf Uhr das Messer an sich nehmen?�</p><p>���Oh...�</p><p>��Troy fragte sich, wie sie diesen Schlag wohl verdaute. Ihn freute es jedesmal, wenn jemand in der Bredouille war. Er schlenderte hin�ber und baute sich hinter Barnaby auf.</p><p>���Nun... das Geld mag nicht der einzige Grund gewesen sein. Ich habe von dem Ort hier gesprochen. Ihm erz�hlt, wie zufrieden ich bin.�</p><p>���Daran kann sich doch niemand st�ren?�</p><p>���Sie kennen ihn nicht. Er ist unglaublich eifers�chtig. Kann es nicht ertragen, wenn ich mit jemand anderem gl�cklich bin. Nachdem ich von Zuhause weg bin, hing er andauernd in T�reing�ngen rum und spionierte mir hinterher.� Sie streckte die Hand aus, griff nach der T�te mit dem Gummihandschuh. �Hat er den auch getragen?�</p><p>���Wir gehen davon aus, da� derjenige, der das Messer hielt, auch den Handschuh trug, ja.�</p><p>���Das ist ein linker Handschuh. Er ist Linksh�nder. Und sie waren auch in der K�che. Was wollen Sie noch? Da� May sich so echauffierte, war die perfekte Ablenkung.�</p><p>���Das Problem damit ist nur, Miss Gamelin�, wiederholte Troy ihren Namen s�ffisant und setzte sich auf die Tischkante, �da� das nicht zu unserer Theorie pa�t. Da er zum ersten Mal hiergewesen ist, woher sollte er da wissen, da� die Ereignisse eine so dramatische Wendung nehmen?�</p><p>���Sie werden zulassen, da� er sich da rauswindet, nicht wahr?� Mit unverhohlener Abneigung, als w�re er f�r jeden Preis zu haben, musterte sie Troy. �Das h�tte ich wissen m�ssen. Wer Geld hat, kommt immer ungeschoren davon.�</p><p>��Ihre Unterstellung machte Troy fuchsteufelswild. Er besa� viele schlechte Eigenschaften, aber korrupt war er nicht und w�rde es auch niemals sein. �Ihre verdammten Anschuldigungen behalten Sie besser f�r -�</p><p>���In Ordnung. Das reicht.� Die Worte wurden leise gesprochen. Troy bemerkte den Blick des Chief Inspectors, rutschte vom Tisch und wandte sich ab.</p><p>��Barnaby mu�te feststellen, da� die entschiedene Meinung dieser Zeugin jede weitere Befragung sinnlos machte. Ging er mit ihr die harten Fakten durch, lief er Gefahr, da� sie anfing, sich Dinge auszudenken. Er lie� beide gehen und wandte sich an seinen Untergebenen.</p><p>���Was nehmen Sie sich heraus, Troy? Wieso lassen Sie sich von einem jungen M�dchen provozieren?�</p><p>���Nun... ja...�</p><p>���Ja was?�</p><p>���Nichts, Sir.�</p><p>��Barnaby pr�fte seine Liste und schickte den jungen Constable nach Mr. Gibbs. Mit geradem R�cken stand Troy da und betrachtete den alten Gestetner. Darauf klebte ein gelber Sticker, der mit einem freundlichen �Nein, danke� auf Atomenergie verzichtete. Die Milde, mit der Barnaby seiner Unbill Luft gemacht hatte, tr�stete Troy nicht �ber den falsch gew�hlten Zeitpunkt hinweg. Da� er vor einem Polizisten, der noch gr�n hinter den Ohren war, und vor zwei Zivilisten gema�regelt worden war, war unverzeihlich. Troy, der - was die Gef�hle anderer anging - keinerlei Feingef�hl aufbrachte, legte gro�en Wert darauf, mit Samthandschuhen angefa�t zu werden. Beim leisesten Anflug von Kritik stieg er aufs hohe Ro�.</p><p>���Sehen Sie nach, ob Sie Wasser auftreiben k�nnen. Ich bin wie ausged�rrt.�</p><p>���Ja.� �bergeb�hrlich f�rmlich schritt er zur T�r.</p><p>���Und schlagen Sie Alternativen aus. Vor allem diesen unaussprechlichen Kaffee-Ersatz. Damit w�rde ich nicht mal meine Abflu�rohre reinigen.�</p><p>��Als Troy die T�r �ffnete, stand Guy Gamelin im Korridor. Er setzte sich in Bewegung und zwang Troy, ein paar Schritte zur�ckzuweichen.</p><p>���Ich begebe mich jetzt in mein Hotel. D�rfte bis morgen fr�h dort anzutreffen sein. Im Chartwell Grange, unweit von Denham.�</p><p>��Barnaby erhob sich. �Mr. Gamelin.� Er deutete auf den freien Stuhl. �Bevor Sie gehen, w�rde ich Ihnen gern ein paar Fragen stellen.�</p><p>��Beide M�nner musterten einander. Guy blieb stehen. Er gab sich unkooperativ und antwortete mit �Wei� ich nicht� und �Keine Ahnung� auf Barnabys Fragen. Auch weigerte er sich, eine Skizze zu machen.</p><p>���Ich kann mich nicht erinnern, wo ich war, ganz zu schweigen, wo die anderen sich aufhielten. Einmal abgesehen von dieser dusseligen Kuh, die auf dem Boden herumrollte und st�hnte.�</p><p>���Dann halten Sie also nicht viel von dieser Kommune?�</p><p>���Eine Horde sich selbst t�uschender, r�ckgratloser, theatralischer Wichser.�</p><p>���In dem Fall d�rfte es Ihnen nicht behagt haben, Ihre Tochter hier zu finden?� Bei dieser Bemerkung streckte Guy sein ausgepr�gtes Kinn vor und begann schneller zu atmen. Er antwortete dem Chief Inspector nicht. �Wenn ich richtig verstanden habe�, fuhr Barnaby fort, �haben Sie und Ihre Tochter seit Jahren keinen Kontakt mehr.�</p><p>���Falls Sie den Boulevardzeitungen Glauben schenken.�</p><p>���Dann trifft es nicht zu?�</p><p>���Einigerma�en. Nicht, da� es Sie - Teufel auch - etwas anginge.�</p><p>��Ein Wort wie �einigerma�en� aus dem Munde von Gamelin wirkte seltsam. Der Chief unterstellte Gamelin Intoleranz und hielt ihn f�r jemanden, der von extremen Gef�hlen beherrscht wurde.</p><p>���Erz�hlen Sie mir - haben Sie Craigie vor diesem Abend schon mal getroffen?�</p><p>���Nein.�</p><p>���Was f�r eine Meinung hatten Sie von ihm?�</p><p>���Er war ein Schlitzohr.�</p><p>��Nur ein Schlitzohr erkennt ein anderes. Neidisch stierte Troy auf Gamelins Armbanduhr. Ein glitzerndes Oval aus Wei�gold und Kristall mit r�mischen Zahlen auf einem Platinring. Daf�r m��te ich ein paar Jahresgeh�lter hinbl�ttern, dachte der Sergeant.</p><p>���Er hat versucht, Sylvie eine halbe Million abzuluchsen. Aber ich hege keinen Zweifel, da� Sie das auch ohne mein Zutun rausgefunden haben.� Barnaby r�usperte sich vieldeutig. Und wartete. �Im Lauf meines Lebens ist mir der eine oder andere Gauner unter die Augen gekommen, London ist voll davon, aber der war was Besonderes. Hat nicht nur versucht, Sylvie die �berschreibung ihres Erbes auszureden. Hat auch mich gebeten, dasselbe zu tun.�</p><p>���War das nicht etwas riskant?�</p><p>���Keineswegs. Sie verstehen nicht, wie diese Gauner arbeiten. Das ist der letzte Schritt. Wie bei einem Gefeilsche auf dem Markt. Der Kunde geht weg in dem Wissen, da� er zur�ckgerufen wird, weil er die Oberhand hat. All dieses Getue lie� Craigie gut aussehen, verstehen Sie. Untermauerte seinen Heiligenschein.�</p><p>��In seinen rotge�derten Augen und in seiner Stimme war etwas, das nicht pa�te. Das dem widersprach, was er sagte. Was War es? Neid? Entt�uschung? Ein Mangel an Vertrauen? Vielleicht gar, dachte Barnaby, Einsamkeit. Gamelin fuhr fort, Craigie niederzumachen.</p><p>���Craigie war hinter dem her, hinter dem alle diese Gurus her sind - Geld und Macht. So kriegen die ihren spirituellen Kick.� Unendliche Trauer schwang in seinen Worten mit.</p><p>���Dann haben Sie also nicht das Licht gesehen, Mr. Gamelin?� fragte Troy.</p><p>���Ich habe Dunkelheit gesehen�, erwiderte Guy. �Und die ist besser, glauben Sie mir. Im Dunkeln wei� man, wo man steht.�</p><p>���Aus diesem Grund haben Sie ihn umgebracht, Mr. Gamelin? Wegen des Geldes?�</p><p>���Wie bitte? Sie...� Ganz leise Zischlaute. Gamelin beugte sich vor, hielt sich am Tischrand fest. Schob sein Gesicht - ein verh�rteter Fleischball - ganz nah vor das des Inspectors. �Ich warne Sie. Nehmen Sie sich in acht. Ich habe Leute mit doppelt soviel Mumm verschlungen. An M�nnern wie Ihnen sch�rfe ich meine Z�hne.�</p><p>��Spucke tropfte auf sein Stoppelkinn. Frustration und Wut verzerrten seine Miene. Zorn f�llte den schmalen Abstand zwischen den beiden M�nnern aus. Barnaby sa� reglos da, mit einem Spritzer Spucke auf der Krawatte. Im Gegensatz zum Ausma� und zur Qualit�t von Gamelins Heftigkeit beeindruckte ihn der drittklassige Monolog �berhaupt nicht. Bislang war ihm noch nie ein Boiler vor seinen Augen explodiert, doch jetzt rechnete er jeden Moment mit dieser M�glichkeit. Der Tisch unter seiner Hand bebte.</p><p>��Troy, der gerade im Begriff gewesen war, einen Schritt nach vorn zu treten, blieb, wo er war, und verfolgte das Spektakel. Die beiden erinnerten ihn an ein Paar m�chtige Bullen im Fr�hling. Kompakte Schultern, gesenkte Stirn. Mit aufkeimendem Stolz betrachtete der Sergeant Barnabys regloses, passives Profil. Als sein Blick zu Gamelin hin�berschweifte, dachte er: Hier hast du dir den Falschen ausgesucht, mein Lieber.</p><p>��Barnaby holte den Handschuh hervor. �Wir glauben, da� derjenige, der den Mord ver�bt hat, den hier trug. Man hat Sie beobachtet, wie Sie ihn versteckten.�</p><p>���Wer hat Ihnen das gesagt?�</p><p>���Streiten Sie es ab, Mr. Gamelin?�</p><p>���Nein.� Er hielt sich zur�ck. Hielt seinen Zorn in Schach. Auf der Innenseite der herunterh�ngenden Unterlippe bemerkte Barnaby eine bl�uliche Verf�rbung. Gamelin atmete schwer und gleichm��ig. Kurz fuhr seine Hand zu seiner Brusttasche hoch. Fiel wieder runter.</p><p>���M�chten Sie etwas trinken, Mr. Gamelin? Ein Glas Wasser?�</p><p>���Nein. Nichts.� Eine Weile sa� er ruhig da; schlie�lich sagte er: �Der Handschuh. Nachdem der b�rtige Zwerg mit dem bl�den Namen losgegangen war, um einen Krankenwagen zu rufen, und die anderen sich gegenseitig anstarrten, weil sie nicht wu�ten, wie sie sich verhalten sollten, griff ich nach meinem Taschentuch und ri� damit den Handschuh heraus.�</p><p>���Das m��te jemandem aufgefallen sein, nicht wahr, Sir?� fragte Troy.</p><p>���In jenem Moment dachte ich nicht dar�ber nach. Ich war allein, m�ssen Sie wissen, auf der anderen Seite des Zimmers. Persona non grata. So ist das schon den ganzen Abend lang gelaufen. Die haben nicht mal zugelassen, da� ich beim Essen neben ihr sitze. Behaupteten, immer die gleichen Pl�tze einzunehmen.� Er ber�hrte seine Wange. �Ich legte ihn einfach weg. War doch eindeutig, was passiert war. Wer immer den Mann abgemurkst hatte, wollte mir die Sache in die Schuhe schieben. Ich ging zum Fenster r�ber, wartete, bis ich mich unbeobachtet f�hlte, und legte den Handschuh hinter den Vorhang.�</p><p>���Sind Sie Linksh�nder?�</p><p>���Zuf�lligerweise ja.�</p><p>���Ich kann mir ganz gut vorstellen, da� Ihre Beschreibung der Ereignisse zutrifft, Mr. Gamelin. Andererseits hat der Sterbende auf Sie gezeigt...�</p><p>��Zu Barnabys �berraschung unternahm Gamelin keine Anstalten, dies abzustreiten oder zu erl�utern. Er versuchte auch nicht, die Sache vom Tisch zu fegen.</p><p>���Ja. Das versteh ich auch nicht. Spielt dem M�rder nat�rlich hervorragend in die H�nde. Untermauert au�erdem die von Ihnen aufgestellte Handschuhthese.�</p><p>���Vielleicht...� begann Barnaby und er�ffnete ihm vordergr�ndig einen Ausweg. �Wenn Sie Teil der Gruppe gewesen w�ren...?�</p><p>���Nein. Er zeigte eindeutig auf mich. Ich stand etwas abseits. Es ist komisch, aber zu jenem Zeitpunkt meinte ich, er wolle mir etwas sagen.� Gamelin zuckte mit den Achseln, verlieh damit seiner leichten Verwirrung Ausdruck. �Klingt ein bi�chen d�nn, aber so war�s.�</p><p>��Verdammt d�nn, dachte der Chief Inspector. Das Problem war, da� Gamelin nicht wie ein Mann wirkte, der nach Ausreden suchte. Ihm war es einfach schnurzegal, was andere dachten, f�hlten oder �ber ihn sagten. Eine Position der extremen St�rke oder enormer Arroganz, je nachdem, welchen Standpunkt man vertrat. Der Chief Inspector mit seinem eher moderaten Naturell gab dem ersten Standpunkt den Vorzug. Er fragte Guy, ob er selbst eine Vermutung dar�ber h�tte, wer schuldig sein k�nnte.</p><p>���Keinen Schimmer. Ich wei� nicht genug �ber die Vorg�nge hier. Ehrlich gesagt h�tte ich nicht vermutet, da� einer von denen auch nur einer Fliege was zuleide tun k�nnte.� Er hielt einen Moment inne und fuhr dann fort: �Ich bin doch ideal, oder nicht? Der Au�enseiter, der all die gemeinen Verhaltensweisen der verr�ckten Welt einschleppt. Alle anderen haben eine wei�e Weste. Meine hingegen ist r�ter als rot. Das mu� man diesen verschlagenen Typen schon lassen.� Ein kurzes knatterndes Ger�usch kam ihm �ber die Lippen. �Praahh.� Mit etwas Versp�tung erkannte Barnaby, da� er gelacht hatte.</p><p>���Demnach sind Sie der Meinung, genau zu diesem Zweck eingeladen worden zu sein?�</p><p>���Ganz und gar nicht. Ich wurde von Craigie h�chstpers�nlich eingeladen. Und ich gehe nicht davon aus, da� er seine Ermordung selbst inszeniert hat. Es sei denn...� Er warf Barnaby einen interessierten, fragenden Blick zu. Die kochende Wut von vorhin war schlagartig vergessen. �Es sei denn, mein Besuch wurde ihm von jemand anderem vorgeschlagen, was bedeuten w�rde, da� alles von langer Hand geplant war. M�glicherweise... hat er das... in letzter Minute begriffen. Wom�glich deshalb auf mich gezeigt... um mich zu warnen...�</p><p>��Im Lauf seiner Dienstjahre waren Troy schon einige Beispiele ausgefallener Ausreden zu Ohren gekommen, aber die hier �bertraf alles. Schuldig wie der Teufel, und dann tischte er ihnen diese verkorkste Version auf. Er konnte nicht nachvollziehen, warum der Chief sich �berhaupt die M�he machte, so zu tun, als erschiene ihm Gamelins Theorie einigerma�en plausibel. Beide M�nner standen auf.</p><p>��Barnaby sagte: �Ich werde mich noch mal mit Ihnen unterhalten m�ssen, Mr. Gamelin. Morgen.�</p><p>��Gamelin erwiderte nichts. Wesentlich beherrschter als bei seiner Ankunft, ging er zur T�r. Seine massigen Schultern waren eingefallen, sein Schritt verriet M�digkeit. Nachdem er die T�r hinter sich geschlossen hatte, fragte Troy: �Warum haben Sie ihn nicht verhaftet?�</p><p>��Barnaby wartete auf die in diesem Fall �bliche Rede. Fall abgeschlossen. T�ter auf dem Tablett serviert. Ihm seine Rechte vorgelesen. Kurz und schmerzlos. Alles wie am Schn�rchen gelaufen. Troy stand mit seiner Meinung allein da.</p><p>���Wir k�nnen ihn morgen fr�h auch noch abholen. Haben wir alle verh�rt, werden wir genauer wissen, wo wir stehen. Bislang basiert alles nur auf Indizien.�</p><p>��Hinter dem R�cken seines Chefs sch�ttelte Troy ungl�ubig den Kopf. Ging es noch einfacher? Es war doch ganz klar, da� Gamelin behauptete, ihm w�re der Handschuh untergeschoben worden. Wer w�rde das nicht behaupten? Mann, o Mann, wenn die Sachlage nicht offensichtlich war! Gamelin hatte das Motiv und die Gelegenheit, das Messer an sich zu nehmen und es zu verwenden. Letztendlich hatte das Opfer auch noch mit dem Zeigefinger auf ihn gezeigt. Der Mann war f�llig. Eine Sekunde lang fragte sich Troy, ob er sich get�uscht hatte, ob sein Bo� sich nicht vielleicht doch von der verf�hrerischen Macht des Geldes bezirzen lie�.</p><p>��Barnaby murmelte etwas, sprach offenbar mit sich selbst, Troy spitzte die Ohren in dem Glauben, nicht richtig geh�rt zu haben. Irgendwas dar�ber, da� ihm Caliban leid t�te.</p><p>��Als ihm wieder einfiel, da� man ihn gebeten hatte, Wasser zu holen, entfernte er sich.</p><p>��Nachdem der Sergeant zur�ckgekehrt war, wurde Arno vernommen. In sich zusammengesunken und nerv�s, sa� er da und musterte den Chief Inspector aufmerksam. Auf die Bitte, eine Skizze anzufertigen, hatte er eine Reihe Strichm�nnchen gemalt - eins flach auf dem R�cken liegend, mit nach oben zeigenden Zehen, auf der Brust gefalteten H�nden und einem �Smiley�-Gesicht. Barnaby hatte ihn zu seiner Rolle in der Kommune befragt. Dabei war ihm aufgefallen, wie aufgeregt sein Gegen�ber war. F�r einen Moment trat der eigentliche � Grund des Verh�rs in den Hintergrund.</p><p>���Sagen Sie, Mr. Gibbs, was wird Ihrer Meinung nach nun hier geschehen? Beispielsweise mit Manor House?�</p><p>���Ich wei� es nicht. Ich wei� es einfach nicht.� Arno klang ziemlich melancholisch. Er sch�mte sich einzugestehen (auch ' vor sich selbst), da� er - nachdem er den best�rzenden Verlust einigerma�en verdaut hatte - nur noch daran gedacht hatte, wie seine eigene Zukunft aussehen w�rde. Was w�rde er machen, wenn sich die Kommune aufl�ste? Wer w�rde sich um Tim k�mmern? Und - noch weitaus wichtiger - wie um alles in der Welt sollte er ohne die unersch�tterliche und erhabene Gegenwart seiner gro�en Liebe �berleben? Ohne diesen strahlenden Blick, der ihm jedes Erwachen versch�nte, den Sonnenuntergang vers��te, war sein eigenes Leben kaum mehr ' lebenswert.</p><p>���Haben Sie eine Ahnung, wer dieses Anwesen erben wird?�</p><p>���Nein. Ich glaube, das wei� niemand. Irgendwie ist nie die Sprache darauf gekommen.�</p><p>���Mu�ten sich die Mitglieder in die Organisation einkaufen? Anteile erwerben - etwas in der Art?�</p><p>���Nein. Wir tragen uns selbst. Die Lodge erzielt Gewinne aus den Kursen und Workshops. Wir hatten vor, uns um die Bewilligung eines karitativen Status zu bem�hen. Beabsichtigten, eine Stiftung zu werden, aber...� Niedergeschlagen zuckte er mit den Schultern.</p><p>���Wu�ten Sie von Miss Gamelins Geschenk an die Kommune?�</p><p>���Nein, aber jetzt wei� ich davon - alle reden dar�ber.�</p><p>���Und heute abend...� Arno wappnete sich. �Was hat sich Ihrer Meinung nach zugetragen?�</p><p>���Herrje - ich wei� es nicht. Es war so schrecklich... so verwirrend ... In der einen Minute f�hrte er - der Meister - May durch die R�ckf�hrung -�</p><p>���Sie meinen verbal?� unterbrach Barnaby ihn.</p><p>���Ja.�</p><p>���Davon h�ren wir zum ersten Mal�, gab Troy mit ernster Miene zu bedenken, woraufhin Arno so geknickt wirkte, als habe er das zu verantworten. �Wie funktioniert das?�</p><p>���Er stellt Fragen - was siehst du jetzt? Wo bist du? So in der Art. Und May antwortet. Dieses Mal kehrte sie ins r�mische Britannien zur�ck. Er fragte sie, ob sie etwas beschreiben k�nne, und daraufhin erz�hlte sie uns von dem Zelt. Ich denke, das war das letzte Mal, da� er sprach. Kurz danach fing sie an, die allergr��lichsten Ger�usche auszusto�en. Da liefen wir nat�rlich alle zu ihr, um nachzusehen, ob es ihr gutging.�</p><p>���Wieso &gt;nat�rlich&lt;, Mr. Gibbs?� wollte Troy erfahren. �Man hat uns zu verstehen gegeben, da� solche Reaktionen nicht ungew�hnlich sind.�</p><p>���Oh, aber so schlimm ist es bisher noch nie gewesen. Doch sie wird weitermachen. Sie ist sehr, sehr tapfer und hat einen unstillbaren Wissensdurst.�</p><p>��Als Troy ein leichtes Tremolo und die pl�tzliche emotionale Ergriffenheit des Rotbarts auffiel, dachte er: Na, wenn da nicht was im Gange ist, schl�gt�s dreizehn. W��ten Verliebte mittleren Alters, wie grotesk sie wirkten, w�rden sie sich mit etwas passenderem besch�ftigen. Sich beispielsweise im Park entbl��en.</p><p>���Wir wurden darauf vorbereitet, da� sich heute etwas Besonderes ereignen w�rde. Ken - aus dem manchmal Zadekiel Spricht - wies darauf hin, da� die freigesetzte kosmische Energie betr�chtlich war. Sie m�ssen jemanden schicken, wissen Sie, der Karmische Ausschu�, wenn ein gro�er Meister von einer physischen Oktave geholt wird. Ungl�cklicherweise sind wir uns dessen zu sp�t bewu�t geworden. Die anderen glaubten, sie h�tten Astarte, die Mondg�ttin, geschickt, in Gestalt von Mrs. Gamelin. Ich hingegen bin davon �berzeugt, da� Mays Unfall ein Omen war -�</p><p>���Ja, Mr. Gibbs. Von ihrem Unfall hat sie uns berichtet�, sagte Barnaby.</p><p>���Oh. Entschuldigung.� Mit einem Blick auf beide M�nner sagte Arno: �Ich mu� schon sagen, Sie nehmen den Vorfall anscheinend auf die leichte Schulter.�</p><p>���Wir haben einen Mord, auf den wir uns konzentrieren m�ssen�, meinte Troy. �Sind Sie der Ansicht, da� Craigie kurz vor seinem Ableben auf Guy Gamelin gezeigt hat?�</p><p>��Arno z�gerte. �Tja... wissen Sie... man �u�ert ja nicht gern etwas, das ein schlechtes Licht... aber... ja. Den Eindruck hatte ich. Damit m�chte ich keineswegs sagen, da� die Geste eine Art Beschuldigung darstellte.�</p><p>���Worauf sonst verschwendet ein sterbender Mann Ihrer Meinung nach die letzten Sekunden seines Lebens?� hakte Troy nach.</p><p>��Die Frage verst�rte Arno sehr. Seine Irritation verst�rkte sich noch, als Barnaby sagte: �Wir werden uns mit diesem zur�ckgebliebenen Jungen unterhalten m�ssen, f�rchte ich. Soweit ich wei�, wissen Sie �ber seinen Hintergrund Bescheid.�</p><p>���Oh, das d�rfen Sie nicht! Er ist sehr verschlossen, kann sich nicht richtig ausdr�cken. Das w�re reine Zeitverschwendung.�</p><p>���Nichtsdestotrotz ist er ein Zeuge, Mr. Gibbs.� Barnaby warf einen raschen Blick auf seine Skizzen. �Au�erdem sa� er direkt zu Craigies F��en. N�her bei ihm als alle anderen. Er mu� etwas gesehen haben.�</p><p>���Er schl�ft. Bitte, st�ren Sie ihn nicht.� Arnos sommersprossige Haut war mit einem d�nnen Schwei�film �berzogen. �F�r ihn ist eine Welt zusammengebrochen.�</p><p>���Na, gut, dann eben morgen fr�h.� Da Arnos Erregung deutlich sp�rbar war, schob Barnaby nach: �Wir sind keine Monster, wissen Sie?�</p><p>���Gewi� nicht. Ich hatte nicht vor, anzudeuten... oh Gott. K�nnte ich dabeisein?�</p><p>���Wenn wir Geisteskranke verh�ren, ist das Vorschrift, Mr. Gibbs. Sollten Sie der Meinung sein, in diesem Fall die richtige Person zu sein, habe ich nichts dagegen einzuwenden.�</p><p>��Danach sprachen sie mit Mrs. Gamelin. Auch wenn es dem Verh�r nicht an einem gewissen Unterhaltungswert mangelte, erwies es sich in jeder anderen Hinsicht als au�erordentlich Unergiebig. May, die die beiden Polizisten in das Gemein-" schaftszimmer geleitete, beschrieb Felicity als �ziemlich arm und ruhebed�rftig�.</p><p>��Troy war schon mit der Information rausger�ckt, da� die Dame eine Kokserin war. Auf dem Weg zu ihr f�gte er hinzu: �Hat den Wagen zu Schrott gefahren. Die Polizei fand Drogen. Hat ihren F�hrerschein verloren. Stand alles in der Sun.�</p><p>���Bestimmt nicht�, entgegnete Barnaby.</p><p>���K�nnte wetten, sie ist v�llig zugedr�hnt.�</p><p>��Als er ihr dann gegen�berstand, beschlich Barnaby der Eindruck, da� sein Sergeant vielleicht recht hatte. Ihre riesigen Augen mit den verschmierten roten Lidern wanderten rastlos hin und her. Die H�nde gestikulierten wild: fuhren nach oben, als wolle sie ihr Gesicht ber�hren, �nderten die Richtung, zupften am Kleid herum, strichen �ber das zerzauste Haar. Ihr Gesicht war eingefallen, schien sich in sich selbst zur�ckzuziehen, war angespannt und geschrumpft wie das eines ver�ngstigten �ffchens.</p><p>Felicity begriff gerade noch, da� Menschen zugegen waren, einer redete ziemlich nachdr�cklich auf sie ein. Seine Stimme Ratterte in ihrem Kopf. Einzelne Laute vermochte sie nicht zu Erkennen. Er schob ein Blatt Papier in einer angenehmen Farbe her�ber. Felicity nahm es h�flich entgegen und gab es zur�ck. Wieder schob er ihr das Blatt und einen Bleistift zu. Legte er Wert darauf, da� sie damit etwas anstellte? Mit einem L�cheln griff sie seinen Vorschlag auf. Als Kind hatte sie gern gemalt. Die l�ngste Zeit beugte sie sich �ber das Papier, und Barnaby� mu�te einr�umen, da� das Ergebnis nicht unansehnlich war. Ein paar h�bsche Pferde, eins davon hatte nur drei Beine, und eine Girlande aus Blumen in Kohlkopfgr��e, die um den Pferdehals gewunden war. Nach Beendigung der Skizze bat Felicity um einen Drink.</p><p>��Troy brachte ihr Wasser. Um Wasser hatte sie nicht gebeten. Sie sch�ttete es ihm �ber die Hose. Kurz darauf wurde das Verh�r beendet.</p><p>��Die ganze Zeit �ber war Trixie im oberen Stockwerk nerv�s und kettenrauchend umhermarschiert. Die Luft in ihrem Zimmer roch s�uerlich und abgestanden. �Wieso brauchen die so lange?�</p><p>���Ich nehme an, sie m�chten mit allen sprechen. Sie sind erst...� Janet drehte den Snoopy-Wecker um. �Seit neunzig Minuten hier. Das ist nicht schlecht.�</p><p>���Du wartest nicht, oder?�</p><p>���Ich wei� nicht, warum du dich derart aufregst. Du hattest ja nichts damit zu tun.� Sie ging zum Fenster hin�ber und schob den Vorhang zur�ck. Ein silberner Halbmond stand tief am Himmel. Kalt und scharf konturiert wie eine Sichel.</p><p>���La� das. Du wei�t, ich kann es nicht ausstehen, wenn es Nacht ist.� Janet lie� den Vorhang fallen. �Wie sind sie denn so?�</p><p>��Janet mu�te an schmale Lippen und einen roten Schnauzbart denken. �In Ordnung.�</p><p>���Hast du ihnen bestimmt von dem Handschuh erz�hlt?�</p><p>���Das habe ich jetzt schon ein dutzendmal -�</p><p>���Und da� du diejenige warst, die ihn dabei beobachtet hat, wie er ihn versteckte?�</p><p>���Ja. Wie oft noch?�</p><p>���Dann h�tten sie ihn doch verhaften m�ssen, oder? Ich begreife es einfach nicht.�</p><p>��Weder du noch ich, dachte Janet traurig. Aber ich wei�, es hat etwas mit heute nachmittag zu tun. Nach der ersten schroffen Zur�ckweisung hatte sie Trixie keine Fragen mehr gestellt, doch es war keine Meisterleistung gewesen, die Gr�nde f�r Trixies verschmiertes Make-up, ihr fahles Gesicht und die notd�rftig zusammengehaltene Bluse zu erraten. So kam es, da� Janet gleich verstanden hatte, was sie tun sollte, als die auf Rache sinnende Trixie sie aufkl�rte.</p><p>���Jan - ich hab gesehen, wie er das Ding versteckt hat. Ich w�rde dich nicht bitten, die Unwahrheit zu erz�hlen. Das Problem ist, wenn Gamelin erf�hre, wer ihn verraten hat, w�rde er ihnen sagen, ich h�tte mir das alles nur ausgedacht, um ihm eins auszuwischen, und sie w�rden ihm glauben.�</p><p>���Warum?�</p><p>���Weil er reich und m�chtig ist, du Dummchen.�</p><p>���Warum k�nnen wir dann nicht beide sagen, da� wir ihn beobachtet haben? Ich k�nnte dir den R�cken st�rken.�</p><p>���Ich will �berhaupt nichts damit zu tun haben.�</p><p>��So hatte Janet die L�ge auf getischt, ohne sich sicher zu sein, ob Trixie ihr wirklich die Wahrheit gesagt hatte. Andererseits sympathisierte sie mit ihrer Freundin und versp�rte wie sie das Verlangen, alttestamentarisch Rache zu nehmen.</p><p>��Es klopfte an der T�r. Eine Polizistin fragte, ob Miss Channing ein paar Minuten er�brigen k�nnte.</p><p>���Sie sind ganz zivil, nicht wahr?� fragte Trixie. �Ich frage mich, wie sie reagieren w�rden, wenn ich ihnen sagte, sie sollen mir den Buckel runterrutschen.�</p><p>���Fordere die Leute nicht unn�tig heraus. Und la� deine Zigaretten hier. Du hast schon -�</p><p>���Ach, um Himmels willen, h�r auf, mich zu bemuttern. Du benimmst dich wie eine alte Glucke.�</p><p>��Troy hatte nichts gegen Zigaretten einzuwenden. Die Rauchschwaden, die Trixies blonde Locken einrahmten, inhalierte er tief. Das half ihm, seine nasse Hose zu vergessen. Mit zusammengedr�ckten Knien sa� sie da, umklammerte nerv�s die goldene Benson-Schachtel und das Feuerzeug, Barnaby entging nicht, da� sie Angst hatte. Konnte es f�rmlich riechen. Diesen s�uerlichen, starken Geruch. Dieser Geruch war ihm nicht fremd, er kannte ihn seit langem und hatte einmal versucht, ihn zu beschreiben. Der Vergleich, der seiner Ansicht nach noch am ehesten zutraf, war der Geruch, der beim Ausgraben von alten Nesseln freigesetzt wurde. Er erkundigte sich, ob sie schon lange auf Manor House lebte.</p><p>���Seit ein paar Wochen. Weshalb? Was hat das damit zu tun?�</p><p>���K�nnten Sie pr�ziser antworten?�</p><p>���Nein. Das genaue Datum habe ich vergessen.�</p><p>���Gef�llt es Ihnen hier?� Sein Tonfall war besonders h�flich, was nichts daran �nderte, da� sie sich in die Enge getrieben f�hlte.</p><p>���Ich nehme an, Sie finden, ich geh�re nicht hierher. Nur weil ich keine weiten Gew�nder trage und nicht permanent Halleluja singe.�</p><p>��Troy kicherte. Trixie warf ihm einen �berraschten Blick zu. Irrt�mlicherweise legte sie seine Reaktion als Sympathie, als Interesse aus. Sie versicherte Barnaby, da� sie ihm bei der L�sung des Mordes an �unserem armen alten Meister� �berhaupt nicht behilflich sein konnte. Ihre Skizze verriet den Polizisten, da� sie in seiner N�he gesessen hatte.</p><p>���Es war ziemlich dunkel, wissen Sie. Wir liefen zu May hin�ber, um ihr zu helfen, dann ging das Licht an, und alles war vorbei. Er zeigte auf Guy Gamelin. Ich nehme an, das haben Sie schon von anderer Seite geh�rt.� Erwartungsvoll schaute sie ihn an.</p><p>���In dieser Hinsicht scheinen die Meinungen auseinanderzugehen�, log Barnaby.</p><p>���O nein - das war ganz eindeutig. Er zeigte direkt auf ihn.� Sie err�tete, als sie merkte, mit welchem Nachdruck sie sprach.</p><p>���Und dann habe ich oben noch geh�rt, da� man ihn dabei beobachtet hat, wie er einen Handschuh versteckte. Den mu� er getragen haben, als er das Messer hielt.�</p><p>���Sind Sie Mr. Gamelin fr�her schon einmal begegnet, Miss Channing?�</p><p>���G�tiger Gott - in diesen Kreisen bewege ich mich nicht.� Dann, als entsinne sie sich ihres Standes: �Die sind ja so materialistisch, nicht wahr?�</p><p>���Sie scheinen offensichtlich von seiner Schuld �berzeugt zu sein.�</p><p>���Ich w��te nicht, wer es sonst gewesen sein k�nnte.�</p><p>���Miss Cuttle ist der Meinung�, verriet Barnaby, �der Tod sei �bernat�rlichen Kr�ften zuzuschreiben.�</p><p>��Trixie lachte. Aus vollem Hals. Ihre Furcht legte sich f�r einen Augenblick. Troy fragte: �D�rfen wir aus Ihrer Reaktion schlie�en, da� Sie keine Anh�ngerin dieses Glaubens sind?�</p><p>���Oh -� Ihre Miene ver�nderte sich schlagartig. Urpl�tzlich gab sie sich derart devot, da� sie beinah dumm wirkte. �Selbstverst�ndlich bin ich eine Gl�ubige. Nur reicht mein Glauben nicht ganz so weit wie bei den anderen.�</p><p>��Wenn du eine Gl�ubige bist, fuhr es Barnaby durch den Kopf, als er die spitzen Br�ste, die feuchten Lippen und den tiefen Ausschnitt betrachtete, dann bin ich Joan Collins. Jetzt redete sie wieder �ber Gamelin.</p><p>���Ist er... �hm... immer noch hier?� Da Barnaby sich mit ein paar Papieren besch�ftigte und nicht antwortete, f�gte sie hinzu: �Wir m�ssen wissen, verstehen Sie... ob jemand �ber Nacht bleibt.� Wieder eine Pause. �Ob wir ein Bett herrichten m�ssen... und wie das mit der Verpflegung aussieht...�</p><p>��Langsam tat sie dem Inspector leid. �Ich glaube, Mr. Gamelin ist in sein Hotel zur�ckgekehrt.�</p><p>���Sie haben ihn gehen lassen!�</p><p>���Dar�ber w�rde ich mir nicht den Kopf zerbrechen�, warf Troy ein. �Wir behalten ihn im Auge. Wir behalten alle im Auge.�</p><p>��Die Meinung vertretend, da� es unsinnig sei, fertigte Trixie eine Skizze an, ehe Barnaby sie gehen lie�. Hinterher sagte Troy: �Eine besorgte junge Dame, Sir.�</p><p>���Sie verbirgt etwas, soviel ist sicher. Wainwright und Gibbs auch. Wenn ich auf den Mord anspiele, r�ckt niemand mit der Sprache heraus. Warum nicht?�</p><p>���Verhaltenskodex, w�rde ich sagen.�</p><p>���Es ist Gamelin, der ihr zusetzt. Behauptet, ihn vorher noch nie getroffen zu haben, kann es aber nicht erwarten, ihm hinten und vorn einen Apfel reinzustopfen, ihn zusammenzun�hen und in den Ofen zu schieben. Ich kann es auf den Tod nicht ausstehen�, sagte er, erhob sich und bewegte sich steifbeinig, �wenn mich jemand auf eine falsche F�hrte lockt.�</p><p>���Werden Sie ihn sich morgen fr�h noch mal vornehmen?�</p><p>���O ja. Wir werden ihn aufs Revier bringen, denke ich. In der Zwischenzeit - liefern Sie das hier auf Ihrem Heimweg bei der forensischen Abteilung ab.�</p><p>��Troy nahm die beiden Plastikt�ten. Das Labor lag nicht auf seinem Heimweg, aber wenn es schon auf jemandes Heimweg lag, dann eher auf dem des Chief Inspectors als auf dem des Sergeants...</p><p>��Mit einem �Geht in Ordnung, Sir� dr�ckte er sie dem jungen Constable mit dem fedrigen Schnurrb�rtchen in die Hand und griff dankbar nach seiner f�nften Zigarette.</p><p>��Guy lie� sich in den breiten, tiefen Sessel vor dem Fernsehaparat fallen. Er hatte sich ausgezogen, aber nicht gebadet, hatte seinen Anwalt angerufen, aber darauf verzichtet, sich die Z�hne zu putzen. Er trug Boxershorts, Socken und ein verschwitztes, aufgekn�pftes Hemd. Die Manschettenkn�pfe Waren herausgenommen, die Manschetten hingen lose an den Armen herunter, fielen auf seine Handr�cken.</p><p>��Sein K�rper bewegte sich keinen Zentimeter, einmal abgesehen von den sporadischen Griffen nach dem frischgef�llten Eisk�bel. Sein Verstand hingegen arbeitete auf Hochtouren. Er f�hlte sich leicht kr�nklich. Ob dies seiner Trunkenheit zuzuschreiben war (die gegen Mittag georderte Whiskyflasche war fast leer) oder der d�steren, brodelnden Dunkelheit in seinem Kopf, wu�te er nicht zu sagen. Nicht, da� es ihn interessiert h�tte.</p><p>��Seine Gedanken kreisten ausschlie�lich um Sylvie. Ihm ging nicht aus dem Kopf, da� sie ihm am n�chsten gewesen war, als sich alle �ber May gebeugt hatten. Links von ihm, auf der gef�hrlichen Seite. Dort, wo der Handschuh gefunden worden war. Unter ihrem flie�enden Gewand h�tte sie Handschuh und Messer problemlos verstecken k�nnen. Dies und das Wissen, da� er nur ihretwegen anwesend gewesen war, m�ndeten in die schmerzhafte Schlu�folgerung, da� man ihm eine Falle gestellt hatte. Obgleich Guy sich bei seiner alkoholvernebelten, morbiden Introspektion gegen diese Interpretation der Fakten wehrte, gelang es ihm nicht, sie wirklich ad acta zu legen. Vor lauter Nachdenken bekam er Kopfschmerzen. Seine Hals- und Schultermuskeln waren hart wie Stahl. Je l�nger er sich den Kopf zerbrach, desto logischer erschienen die R�ckschl�sse, die er zog.</p><p>��Sie erkl�rten, warum sie ihn in die K�che gelockt und dort allein gelassen hatte - damit er m�helos Zugang zu dem Messer und dem Handschuh erhielt. Am meisten setzte ihm zu, da� sie ihn umgehend beschuldigt hatte. Innerhalb jener ersten h�llischen Sekunden, nachdem das Licht eingeschaltet worden war und sie alle reglos und ungl�ubig Zusehen mu�ten, wie die wei�gekleidete Gestalt zu Boden sank, hatte Sylvie sich zu ihrem Vater umgedreht und gerufen: �Du... du...�, ehe sie ihm eine Ohrfeige verpa�te. Ihre N�gel hatten Kratzer auf seiner Wange hinterlassen.</p><p>��Jemand hatte sie zur�ckgehalten. Guy war zur�ckgewichen, hatte sich in die Rolle eines Parias gefl�chtet, bis die Polizei ihn verh�rte. Wann war ihm zum ersten Mal dieser Verdacht gekommen? Seufzend streckte Guy die Hand nach dem Eis aus, tauchte sein Glas in den Beh�lter, f�llte es auf, sch�ttete Whisky �ber die W�rfel. Ein paar Spritzer landeten im K�bel, ein paar auf dem Tablett. Das ganze Zimmer stank nach diesem torfigen, holzigen Geruch. Mit zwei Schlucken leerte er das Glas.</p><p>��Zu der schrecklichen Vermutung, da� seine Tochter ihn versto�en hatte, gesellten sich Irritation �ber und Abneigung gegen den Verstorbenen. Eigentlich war geplant gewesen, da� sie sich noch mal unterhielten. An diesem zweiten Gespr�ch hatte Guy viel gelegen. Weder Craigies Haltung noch seine Worte hatten einen Hinweis darauf gegeben, da� Guy nicht als Gewinner aus dem ersten Gespr�ch hervorgegangen war. Das �Wissen, verloren zu haben, setzte ihm jetzt geh�rig zu. Ihm kam es so vor, als h�tte er den Eindruck eines Mannes erweckt, der sein �bersteigertes Ego nicht kontrollieren kann. In Wirklichkeit hatte er mehr drauf. Schlie�lich hatte das Leben ihn zu dem gemacht, was er war. Niemand, der es nicht selbst erlebt hatte, wu�te, was es hie�, sich aus der Gosse emporzuarbeiten.</p><p>��Keiner wu�te um die Energie, die Entschlossenheit, die Kosten, die solch eine Transformation erforderten. Einen Augenblick der Schw�che, und schon lag man wieder im Dreck und bekam Dutzende von Fu�tritten ab. H�tte er die Chance gehabt, Craigie davon zu erz�hlen...</p><p>��Guy erinnerte sich an die Ruhe in jenem leeren, stillen Raum. Da� es ihm kurze Zeit verg�nnt gewesen war, die B�rde abzulegen, der gro�e Guy Gamelin zu sein. Eine B�rde, von der er bis dahin nicht gewu�t hatte, da� er sie trug. Falls er zur�ckging, falls man es ihm erlaubte, dorthin zur�ckzukehren, w�rde dort immer noch diese Stille herrschen? Vermochte sie wirklich Heilung zu bringen?</p><p>��Als diese Fragen ihm durch den Kopf gingen, erboste ihn die damit verbundene Leichtgl�ubigkeit. Craigie war ein Betr�ger, richtig? Richtig. Ein Gauner, der mit Hilfe von Seide und Licht eine Nummer abzog. Vergi� das nicht.</p><p>���Vergi� das nicht.� Heftig nickend tauchte Guy sein Glas wieder in den Eisk�bel und schraubte die Whiskyflasche auf.</p><p>��Auf der Suche nach Ablenkung schaltete er den Fernseher ein und ri� die Augen auf, um die verschwommenen Gestalten auf der Mattscheibe besser erkennen, voneinander unterscheiden zu k�nnen. Eine Frau, die abwusch, ein kleines M�dchen mit gl�nzendem Haar, das neben ihr auf einer Kiste stand.</p><p>��Ganz ernsthaft diskutierten sie �ber Fettreste. Die Frau zeigte ein gek�nsteltes, m�tterliches L�cheln und tupfte etwas Schaum auf die Nase des M�dchens. Guy wechselte den Kanal, aber der Schaden war angerichtet.</p><p>��Wieder aufflammende Entbehrung ergriff sein Herz. Letzten Endes begriff er, da� es tats�chlich zu sp�t war. Da� er all die Jahre nicht seine Tochter gewollt hatte - diese erwachsene Fremde -, sondern das Kind, das sie fr�her einmal gewesen war. Fleisch von seinem Fleisch. Die unertr�gliche Hoffnungslosigkeit seines Wunsches �berw�ltigte ihn. Schmerz entstellte seine Miene.</p><p>��Sein Blick fiel auf sein Spiegelbild auf der gegen�berliegenden Seite des Zimmers. Auf die Fettringe, die �ber den Unterhosenbund quollen, auf das nasse, plattgedr�ckte Brusthaar, auf dieses rote, teigige, verschwitzte Gesicht, auf die Whiskyflecken auf seinem Hemd. Angesichts dieser grobschl�chtigen und widerw�rtigen Kreatur bem�chtigte sich starke �belkeit seiner Eingeweide. Schlagartig sp�rte er eine entsetzliche Hitze. Guy pre�te den Kopf zwischen die Knie.</p><p>��Das Zimmer schwankte, neigte sich erst auf die eine, dann auf die andere Seite. Er setzte sich wieder aufrecht hin und klammerte sich an der verzierten Armlehne fest. Ihm ging es nicht gut. Sich abst�tzend, kam er schwerf�llig auf die Beine und bewegte sich in Richtung Badezimmer. Auf halber Strecke sp�rte er einen erstaunlich heftigen Stich in seiner Brust, als rei�e ihm jemand den Brustkorb mit einer Spitzhacke auf. Schreiend und taumelnd hielt er inne und schaute sich um.</p><p>��Die Tabletten waren in seiner Jacke. Guy bewegte sich langsam, setzte einen Fu� vor den anderen. Seine Beine waren unbewegliche S�ulen aus Marmor. Einen Schritt weiter warf ihn der zweite Stich um. Auf dem R�cken liegend, harrte er aus, bis das Schlimmste vorbei war. Ein paar Minuten st�tzte er sich auf einen Ellbogen und streckte den anderen Arm nach dem Tisch aus. Er erwischte den Rand der Obstschale.</p><p>Verschob eine kleine Karte. �pfel und Orangen, Trauben und Bananen fielen auf sein Gesicht und dann zu Boden. Unm�glich, es noch mal zu versuchen. Mit voller Wucht kehrte der Schmerz zur�ck. Guy lie� sich auf den Teppich fallen und von ihm verschlingen.</p><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>EINE L�GE MIT EHRENWERTER ABSICHT</strong></p></title><section><title><p><strong><emphasis>9</emphasis></strong></p></title><p>Um halb neun am n�chsten Morgen sa� Barnaby an seinem Schreibtisch, st�berte herum, dachte nach und sah die vielen unterschiedlichen Aussagen und Skizzen durch. Keine der Zeichnungen war vollst�ndig, und doch schien jeder zu wisSen, wo er selbst und seine unmittelbaren Nachbarn gestanden hatten. Mit Hilfe dieser Hinweise hatte Barnaby eine gro�e, komplette Skizze angefertigt, die nun an der Wand hing.</p><p>��Er studierte sie gerade, als die T�r aufging und eine blasse, gespenstische Gestalt mit schwarzumrandeten Pandaaugen 's und einem Tablett in der Hand auftauchte.</p><p>���Ist das mein Tee? Wurde ja auch Zeit.�</p><p>��Barnaby hatte nur f�nf Stunden geschlafen. Da er gew�hnlich nie mehr als sechs Stunden Schlaf brauchte, war er in ausgezeichneter Form. Troy war gegen drei Uhr nachts ins Bett gegangen. Das Baby hatte ihn um vier geweckt und bis halb acht immer mal wieder geweint. Um diese Uhrzeit war der Vater aufgestanden und hatte sich angezogen, w�hrend die Kleine sanft eingeschlummert war. Das ging nun schon seit einer Woche so. Solch ein Grad an Rachs�chtigkeit bei einem so jungen Wesen machte Troy Kopfzerbrechen. Er reichte ' Barnaby seinen Tee, s��te seinen eigenen mit drei St�cken W�rfelzucker, r�hrte um und trank einen Schluck und verzog das Gesicht. �Kein Zucker.�</p><p>���Neulich sagten Sie, Sie m�chten Ihren Zuckerkonsum reduzieren.�</p><p>���Aber doch nicht auf Null.� Troy brachte die Zuckerdose. Der Chief Inspector bediente sich gro�z�gig und grinste dabei seinen Sergeant an. �Ach - das Gl�ck der Vaterschaft.�</p><p>���Sie ist wunderbar. Wundersch�n. Aber...�</p><p>���Nur nicht mitten in der Nacht. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern.� Er und Joyce hatten sich abgewechselt, als Cully mit den Dreimonatskoliken zu k�mpfen hatte. Er fragte sich, ob Maureen auch mit Hilfe rechnen durfte.</p><p>���Ich denke, irgendwann werde ich trotzdem durchschlafen k�nnen.�</p><p>���Das denke ich auch, Gavin.�</p><p>��Ermutigt von der Stimme der Erfahrung und vom stark ges��ten Tee zu neuem Leben erweckt, studierte Troy die Zeichnung seines Chefs.</p><p>���Das w�re es dann also?�</p><p>���Ja. Ob und wie wichtig all diese Positionen sind, kann ich noch nicht sagen. Wir werden uns wieder damit besch�ftigen, sobald wir den Bericht der Gerichtsmediziner haben. Dann kennen wir den Winkel, mit dem das Messer gef�hrt wurde, und all das.�</p><p>���Dar�ber habe ich mir so meine Gedanken gemacht, Sir.� Mit dem L�ffel kratzte Troy den aufgel�sten Zuckersatz aus seiner Tasse. �Das Ding war ziemlich lang und spitz. Selbst wenn man es am K�rper tragen kann, d�rfte sich der Betreffende meiner Meinung nach weder sicher noch bequem gef�hlt haben. Ich frage mich, ob es nicht von vornherein im Solar versteckt wurde.�</p><p>���Ist wohl nicht gerade das passende Versteck. Und es h�tte sp�ter auch wieder leicht erreichbar sein m�ssen.�</p><p>���Ich dachte an die Kissen.�</p><p>���W�re ein Risiko gewesen, oder? Weil vielleicht jemand draufsitzt.�</p><p>���Es sei denn, man setzt sich eben selbst drauf.�</p><p>���Was nicht der Fall gewesen ist.�</p><p>���Stimmt, stimmt.� Troy war noch nicht geneigt, seiner Theorie abzuschw�ren. Er schlenderte zum Fenster hin�ber. Es zuckte ihm in den Fingern, so sehr verlangte es ihn nach einer Kippe nach dem Tee. In der Hoffnung auf Ablenkung warf er einen Blick nach drau�en. �Nat�rlich w�rde das bedeuten, da� Gamelin schon vorher wu�te, wo die R�ckf�hrung stattfindet. Dazu k�nnten wir ihn nachher doch befragen.�</p><p>��Barnaby, der den Stapel Aussagen �berflog, antwortete nicht. Gerade als er seine Tasse aufs Tablett zur�ckstellen wollte, erregte ein Wagen auf dem Besucherparkplatz Troys Aufmerksamkeit. �Sieh an, wenn da nicht jemand klug investiertes Geld parkt.�</p><p>��Erfreut �ber die M�glichkeit, seine Beine zu bewegen, trat Barnaby neben seinen Sergeant. Ein atemberaubender Bentley in der Farbe von bitterer Schokolade stand unten auf dem engen Parkplatz. Etwas umst�ndlich stieg ein Mann aus und ging auf das Hauptgeb�ude zu. W�hrend Barnaby zusah, wie der Autobesitzer langsam und erhaben �ber den Platz schritt, dachte er, da� es einen erstklassigen Schneider brauchte, um einen Wanst wie diesen distinguiert und nicht absto�end aussehen zu lassen.</p><p>���Wer, verdammt noch mal, k�nnte das sein?�</p><p>���Ich habe da so eine vage Vermutung.�</p><p>��Kurz darauf tauchte ein Constable aus dem Hauptgeb�ude mit einer unerh�rt schlichten, teuren Visitenkarte in der Hand auf, die Barnaby laut las: �Sir Willoughby St. John Greatorex. Gut, Troy - dann holen Sie ihn mal rein.�</p><p>��Der CID war in einem eigenen Geb�ude untergebracht, das durch einen hohen, verglasten �bergang mit dem Hauptgeb�ude verbunden war. Um zum CID zu gelangen, mu�te man eine ganz sch�ne Strecke zur�cklegen, die jedoch nicht so lang war, wie Troy sie erscheinen lie�. Zuerst f�hrte er Sir Willoughby durch die Abteilung f�r Verkehrsdelikte und dann zwei Treppen hoch. Er gab ein schnelles Tempo vor. Endlich in Barnabys B�ro angekommen, schnappte der gutgen�hrte Herr nach Luft. Ohne eine Miene zu verziehen, meldete Troy ihn an und blickte dann vielsagend zur Decke hoch. Barnaby stellte sich vor und bot Kaffee an. Sir Willoughby tupfte seine Stirn mit einem seidenen Paisleytaschentuch ab und schlug das Angebot aus.</p><p>���Er ist sehr gut.�</p><p>���Das glaube ich gern, Chief Inspector. Ungl�cklicherweise darf ich nur noch eine Tasse pro Tag trinken, die ich mir heute schon drei Mal geg�nnt habe.�</p><p>��Der unter Magenverstimmungen leidende Barnaby nickte nicht ganz teilnahmslos. Seine Magenprobleme waren nichts anderes als die durchaus nachvollziehbare Reaktion auf schlichte Hausmannskost und fettiges, fritiertes Kantinenessen, wovon er sich jahrelang ern�hrt hatte. Er vermutete, da� Greatorex� Magen und Darmtrakt nach jahrelangem Konsum superber Gesch�ftsessen und Dinners, auf denen p�te de foie gras mit einem Glas Margaux gereicht wurde, ihm den Dienst versagten.</p><p>��Sir Willoughby verf�gte wirklich �ber eine beeindruckende Statur. Sein Anblick lie� einen unweigerlich an eine riesige tweed�berzogene Birne denken. Alles an ihm hing herunter. Die Nase, die Wangen, die faltigen Tr�nens�cke. Selbst seine Ohrl�ppchen erweckten den Anschein, beim leisesten Windsto� zu tanzen. Der Mann meldete sich wieder zu Wort.</p><p>���Andererseits kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, einen l�ngeren und relativ unerfreulichen Vortrag vor mir zu haben, und daher d�rfte es wohl kaum schaden, wenn ich noch ein weiteres Mal �ber die Str�nge schlage.�</p><p>��Keine Disziplin, diese Leute, monierte Troy und zog los, um das gew�nschte Gebr�u zu besorgen. Kein Funken Selbstbeherrschung.</p><p>��Kurze Zeit sp�ter nippte Sir Willoughby vornehm an seinem Kaffee und fragte: �Vielleicht k�nnen Sie mir erkl�ren, wie genau die Situation hinsichtlich Mr. Gamelin aussieht. Der Anruf, den ich gestern erhielt, war etwas inkoh�rent.�</p><p>��Welch ausgepr�gtes Taktgef�hl! Barnaby stellte sich die Fl�che und das bellende Gezeter vor, das aus dem Greatorex -H�rer geschallt hatte. Zweifellos w�rde Greatorex bei der Rechnungsstellung derlei Dinge ber�cksichtigen. Detailliert schilderte er den Stand der Dinge.</p><p>��Sir Willoughby lauschte den Ausf�hrungen des Mannes, der ihm erst vor kurzem als �ein aufs�ssiger Mistkerl mit einem Gesicht wie ein Rindersteak� beschrieben worden war. Geduldig legte er seine langen, verbl�ffend schmalen Finger auf die in eleganten Stoff geh�llten Beine, st�hnte auf und stellte seine fast volle Tasse auf den Schreibtisch des Inspectors. Sich an Troy wendend, fragte Willoughby: �K�nnte ich m�glicherweise ein Glas Wasser bekommen?�</p><p>��Perverserweise setzte die H�flichkeit des Mannes dem Sergeant mehr zu als eine herablassende Behandlung. Er schwor sich, da� ihm niemals die Worte �Sir Willoughby� �ber die Lippen kommen w�rden. Und auch kein einfaches �Sir�, mit dem die meisten Erwachsenen Personen m�nnlichen Geschlechts anredeten. �In Ordnung...� murmelnd, verlie� er das B�ro.</p><p>���Falls ich richtig verstanden habe�, sagte Sir Willoughby, �als ich mich vergangenen Abend mit Mr. Gamelin �ber die Angelegenheit unterhalten habe, wird er offiziell beschuldigt.� (�Die Mistkerle haben mich bei den Eiern, Will.�)</p><p>���Das ist nicht der Fall, aber wir werden ihn heute morgen noch mal vernehmen. Als Mr. Gamelins Anwalt -�</p><p>���Bitte.� Sir Willoughby hob abwehrend die H�nde. �Ich bin der Anwalt der McFaddens und in erster Linie erschienen, um Mrs. Gamelin den R�cken zu st�rken und sie zu sch�tzen.�</p><p>��F�r einen fl�chtigen Augenblick tat Gamelin Barnaby leid. Der arme Tropf hatte garantiert die Hosen bis zu den Kn�cheln runterlassen m�ssen, um einen Fu� in diesen kleinen, exklusiven Familienclan zu kriegen. Das Wasser wurde gebracht. Troy stellte es auf die gegen�berliegende Schreibtischecke und trat ans Fenster.</p><p>��Barnaby fuhr fort: �- sind Sie herzlich eingeladen, zugegen zu sein.�</p><p>��Das Angebot entsprang nicht purer H�flichkeit. Die Anwesenheit eines Anwalts sicherte die vorschriftsm��ige Handhabung des Verfahrens. Ersparte einem unn�tige Probleme, sollte der Fall jemals vor Gericht kommen. Mit einem L�cheln streckte Sir Willoughby die Hand nach dem Wasserglas aus, trank einen Schluck und setzte erneut zu einer ambivalenten Handbewegung an, die - je nach Auslegung - nichts, alles oder beides gleichzeitig andeuten konnte.</p><p>��Die werden ihn den W�lfen zum Fra� vorwerfen, z�hlte Barnaby zwei und zwei zusammen. Er beschlo�, Sir Willoughby zum Telefongespr�ch vom vergangenen Abend zu befragen. F�r gew�hnlich war die Befragung des Anwaltes eines potentiellen Verd�chtigen ungef�hr so sinnvoll wie M�usemelken und f�hrte in etwa zum selben Ergebnis. Sir Willoughby hingegen zog die Bitte ernsthaft in Erw�gung.</p><p>���Nun, es war ziemlich laut. Ein Handschuh wurde erw�hnt. Das Essen und die Gesellschaft wurden mir ausf�hrlich beschrieben. Selbstverst�ndlich auch der Mord. Und mir war noch ein l�ngerer Vortrag �ber seine Tochter verg�nnt.�</p><p>���Was sagte er �ber den Mord?�</p><p>���Nur, da� er nichts damit zu tun h�tte.�</p><p>���Hat er den Treuhandfonds erw�hnt?�</p><p>��Sir Willoughby setzte sich aufrecht hin. So aufrecht, wie seine Korpulenz es ihm erlaubte. �Nein.�</p><p>���Soweit ich wei�, m�chte Miss Gamelin die ganze Summe weggeben.�</p><p>���Ahhh...� Er erholte sich so schnell, da� man sich unweigerlich fragte, ob in seiner Stimme gerade eben tats�chlich ein Hauch von Ver�rgerung mitgeschwungen hatte. �Nun, selbstverst�ndlich ist es ihr Geld, und sie hat jetzt das Alter erlangt, wo sie dar�ber frei verf�gen kann.� Nachdem er auf dem Stuhl ein wenig hin und her gerutscht war, stand er auf. �Ich mu� heute nachmittag bei Gericht erscheinen... daher...�</p><p>���Werden Sie sp�ter Mr. Gamelin herfahren, Sir Willoughby? Falls nicht, werden wir einen Wagen schicken.�</p><p>���Ich kann wirklich nicht sagen, wann wir uns sehen werden. Von hier aus werde ich direkt nach Manor House fahren, um nachzusehen, wie es Sylvie und ihrer Mutter geht. Insofern sollten Sie sich nicht auf mich verlassen.�</p><p>��Ja, dachte Barnaby. Definitiv den W�lfen.</p><p>��Troy �bertrug der Polizeibeamtin Brierley die Aufgabe, Sir Willoughby nach drau�en zu geleiten, und beobachtete mit gekr�uselten Lippen, wie der Bentley davonrollte. Sinjhan, dachte er. Tr�ge ich den Namen eines pakistanischen Zeitungsh�ndlers, w�rde ich es f�r mich behalten.</p><empty-line/><p>Niemand hatte viel geschlafen. Das Fr�hst�ck machte seinem Namen kaum Ehre. Jeder riet jedem: �Du mu�t etwas essen�, ohne selbst einen Bissen zu sich zu nehmen. Zuvor hatten sie sich in der Halle versammelt (niemand konnte den Gedanken � ertragen, einen Fu� in den Solar zu setzen) und sich im Kreis aufgestellt, um neue Energie zu tanken. Zehn Minuten kontrolliertes Atmen ins universelle Bewu�tsein zeigte kaum Wirkung. Kummer hatte einen Keil zwischen sie getrieben. Jeder gedachte des Toten auf seine pers�nliche Art. Alle hatten sich in unsichtbare K�fige zur�ckgezogen. Selbst Janet, deren Respekt vor und Bewunderung f�r den Meister nicht an Ergebenheit grenzten, war ersch�ttert dar�ber, wie scheu�lich sie sich f�hlte.</p><p>��Christopher schenkte Fruchtsaft ein. Arno zerkr�melte ein St�ck Gerstenkuchen. Heather hatte etwas Marmelade in der Farbe eines Melassetoffees auf einen verbrannten Toast gestrichen, ohne davon abzubei�en. Auf Hilarions Rat hin war Ken im Begriff, sich mit einem geradegebogenen Drahtkleiderb�gel in den Garten zur�ckzuziehen, um - falls sie noch vorhanden waren - nach �therischen Spuren von des Meisters Seele zu suchen, sich also mit dem zu besch�ftigen, was er �Operation Karmalicht� nannte.</p><p>��May sa� am Tischende. Ihre ansonsten so stolzen Schultern waren nach unten gesackt, ihr wundersch�nes Haar weder geb�rstet noch geflochten. Die ganze Nacht hindurch hatte sie geweint. Ihre Augen waren feucht, ihr Blick verschwommen. Ohne Make-up wirkte ihr Gesicht ausgemergelt. Sie sah zehn Jahre �lter aus, war nur noch ein vages Abbild ihres fr�heren Ichs. Ihr Anblick brach Arno fast das Herz. Nie hatte er sie mehr geliebt als in diesem Augenblick.</p><p>��Fast die ganze Nacht �ber hatte sie neben Tim ausgeharrt. Um vier Uhr fr�h war Arno aufgetaucht, um sie abzul�sen. Bei seinem Erscheinen kauerte der Junge mit um die angezogenen Beine geschlungenen Armen und fest geschlossenen Augen in Embryonallage auf seinem Bett und weigerte sich beharrlich aufzustehen.</p><p>��Janet fragte: �Soll ich noch mal Tee machen?� Keiner antwortete ihr. Heather erkundigte sich, wo Suhami steckte.</p><p>���Sie wird nicht nach unten kommen�, sagte Christopher. �Sie gibt sich die Schuld an Gamelins Besuch und wagt es nicht, euch unter die Augen zu treten.�</p><p>���Armes M�dchen.� Schwerf�llig erhob sich May. �Jemand sollte nach ihr sehen.�</p><p>���Du wirst nicht reinkommen. Sie hat sich mit mir durch die verschlossene T�r unterhalten.�</p><p>���O Gott.� Ersch�pft in sich zusammenfallend, warf May Janet einen fragenden Blick zu und konstatierte: �Trixie ist auch nicht hier.�</p><p>���Nein.� Die Andeutung, sie kenne den Grund f�r Trixies Abwesenheit, beschleunigte Janets Puls. �Sie schl�ft noch. Auf dem Weg nach unten habe ich einen Blick in ihr Zimmer geworfen.�</p><p>���Wir trauern doch nur um uns selbst.� Mit gepeinigter Miene kehrte May zu dem Thema zur�ck, mit dem sich alle besch�ftigten. �Er hat es hinter sich. Er befindet sich nun in Gesellschaft der Erleuchteten.�</p><p>���Wurde schon wiedergeboren�, sagte Heather mit einem w��rigen L�cheln.</p><p>��Auch wenn das wahrscheinlich den Tatsachen entsprach, empfand niemand Trost. Es war einfach zu fr�h. Wie schrecklich nicht nur der Tod ihres Meisters, sondern auch die Umst�nde seines Dahinscheidens waren, d�mmerte ihnen erst jetzt. Legte sich wie ein dunkler Schleier �ber ihre Seelen. Die Fakten sprachen B�nde, was nichts daran �nderte, da� keiner von ihnen den Verlust fassen konnte. Es war einfach unfa�bar. Allein May, die immer noch der �berzeugung anhing, eine gewaltige �bernat�rliche Kraft habe den Meister geholt, war in der Lage, ihre Verzweiflung in Schach zu halten. �Wir m�ssen unsere d�steren Gedanken vertreiben�, mahnte Heather. �Ich jedenfalls werde mich darum bem�hen - weil er es so gewollt h�tte.�</p><p>���Du hast recht!� Ken sprang auf, soweit das mit einem steifen Bein �berhaupt m�glich war. �Heute wird hier eine Menge Liebe vonn�ten sein. Ich pl�diere daf�r, da� wir den Tag mit einer Herz-zu-Herz-Begr��ung beginnen - komm her, Heather.�</p><p>���Ich komme.� Seine Frau stand auf, und die beiden bauten sich voreinander auf, blickten sich an und legten die Arme um die Taille des anderen.�</p><p>���Direkter Augenkontakt.�</p><p>���K�pfe aneinander.�</p><p>���Voller K�rperkontakt.�</p><p>���Langsam und leise atmen.�</p><p>���....l.a.n.g.s.a.m.....l.e.i.s.e...�</p><p>���Mitgef�hl flie�t.�</p><p>���Mein Herzchakra zu deinem...�</p><p>���F.l.i.e.�.t... f.l.i.e.�.t....�</p><p>���Dr�cken.�</p><p>���Loslassen.�</p><p>��L�chelnd l�sten sie sich voneinander. Ken sah schon viel besser aus. Von den anderen hatte keiner Anstalten gemacht, eine Herz-zu-Herz-Begr��ung zu vollziehen. Arno trank Saft und brach ein weiteres St�ck Gerstenkuchen ab. �Ich denke, was helfen w�rde - was auch helfen w�rde, sollte ich sagen�, er warf Heather einen entschuldigenden Blick zu, �w�re, sich zu besch�ftigen. Ich meine, nach einem... Nach so einem Ereignis gibt es doch gewi� so manches zu organisieren, oder?� Er mu�te an den Tod seiner Mutter denken, an die Freunde und Verwandten, die kamen und gingen. An Briefe, die zu beantworten waren, an die Bestattungsfeierlichkeiten.</p><p>���Es wird eine Obduktion geben, vermute ich�, sagte Christopher. �Bis das vorbei ist und der Leichnam freigegeben wird, k�nnen wir nicht viel unternehmen.�</p><p>��Diese unverbl�mte Bemerkung lie� May erneut in Tr�nen ausbrechen. Arno streckte die Hand aus, um sie zu ber�hren. Im letzten Augenblick verlie� ihn allerdings der Mut, und er legte seine sommersprossige Hand neben ihre auf den Tisch. Pl�tzlich kam ihm der Gedanke, da� sie (selbstverst�ndlich ganz unbewu�t) nach seiner greifen w�rde, und da wurde ihm auf der Stelle leicht schwindlig.</p><p>���F�rs erste halte ich es f�r sinnvoll, wie gewohnt unseren t�glichen Pflichten nachzugehen. Das h�tte der Meister gewollt. Auf lange Sicht...�</p><p>���Was meinst du damit?� fragte Ken. �Mit &gt;auf lange Sicht&lt;?�</p><p>���Ich denke, er will damit ganz pragmatisch fragen�, mischte Janet sich in das Gespr�ch ein, �was auf lange Sicht mit dem Haus passieren wird.�</p><p>���Ich verstehe nicht�, meinte May entsetzt.</p><p>���Nun, May�, sagte Janet mit sanfter Stimme, �einmal angenommen, da� Manor House sein Verm�chtnis war, best�nde ja durchaus die M�glichkeit, da� er es nicht uns vermacht hat.�</p><p>��W�hrend sich alle mit dieser neuen, beunruhigenden und ungeahnten M�glichkeit besch�ftigten, stellte sich Schweigen ein. Nach l�ngerem �berlegen meldete sich May zu Wort. �Er mu� es uns vermacht haben. Wir waren seine Familie - seine Angeh�rigen. Das hat er einmal zu mir gesagt.�</p><p>���Zu mir auch�, gestand Arno.</p><p>���Wei� denn keiner von euch, wem dieses Haus zuf�llt?� fragte Christopher. �Immerhin seid ihr beiden am l�ngsten hier.�</p><p>��Arno sch�ttelte den Kopf. Wie schnell sie sich einem so allt�glichen Thema zuwandten, deprimierte ihn sehr. �Wir haben �ber alles andere geredet. �ber administrative Dinge, wie man Kurse zusammenstellt, �ber die Finanzierung. Auf dieses spezielle Thema kam die Sprache nie.�</p><p>���Es bestand ja auch kein Grund dazu�, meinte May. �Jedenfalls bis jetzt nicht.�</p><p>���Hatte er einen Anwalt?�</p><p>����ber derlei Dinge hat er nie ein Wort verloren. Seine Bank oder - besser gesagt - die Bank der Lodge ist die National Westminster in Causton.�</p><p>���Dann frag dort nach, May�, schlug Ken vor, �wenn du das n�chste Mal hinkommst. Du bist diejenige, die die Konten verwaltet. Dich kennen sie.�</p><p>���Zumindest akzeptieren sie meine Unterschrift�, gab May zu. �Aber nur bei gew�hnlichen Angelegenheiten. Ich glaube nicht, da� sie verpflichtet sind, mich in die pers�nlichen Angelegenheiten des Meisters einzuweihen.�</p><p>���Sie k�nnten dir wenigstens sagen, ob ein Kredit existiert.�</p><p>���Ein Kredit?� Ken war entr�stet. �Jesus - an so was habe ich gar nicht gedacht.�</p><p>���Er war einfach nicht von dieser Welt�, seufzte Heather.</p><p>���Sollte mich nicht wundern, wenn er kein Testament hinterlassen h�tte.�</p><p>���Dem stimme ich nicht zu�, meinte Arno. �Er hat garantiert an uns gedacht und seine Angelegenheiten geregelt.�</p><p>���H�chstwahrscheinlich - er hat sich �ber Tims Zukunft Gedanken gemacht�, glaubte May.</p><p>���Andererseits h�ngt unser Verweilen an diesem Ort�, gab Christopher zu bedenken, �nicht nur von Backsteinen und M�rtel ab, oder? Alle Gemeinschaften, ob religi�s oder profan, brauchen einen f�hrenden Geist, auf den sie sich beziehen k�nnen. Unser Geist ruhte in ihm. Wer au�er ihm kann Vortr�ge halten, Energiefelder neu aufladen, spirituellen Rat erteilen?�</p><p>���Ich bin qualifizierte Therapeutin.� Heather war leicht eingeschnappt. An den W�nden ihres Zimmers hingen f�nf gerahmte Zertifikate, darunter eins, das den erfolgreichen Abschlu� eines Kurses als Dienerin des Venustempels belegte. �Christopher hat recht�, meinte Janet, die eine ganz andere Meinung zum Thema Beratung hatte als Heather. Normalerweise ging so etwas folgenderma�en vonstatten: Heather sa�, ziemlich selbstgef�llig auf einem Stuhl, w�hrend ihr �Klient� sein Problem erl�uterte. Nachdem sie herausgestellt hatte, da� ! jedes Leiden, ob seelisch oder k�rperlich, das �u�ere Ergebnis einer inneren spirituellen Ignoranz war, wartete sie kurzerhand mit einer astralausgerichteten L�sung auf. Kaum hatte der Klient seine Rechnung bezahlt und war gegangen, beklagte Heather sich dar�ber, wie sehr ihre Kunden sie auslaugten.</p><p>���Schlie�lich�, fuhr Janet fort, �sind wir hier alle Laien. Unsere Pflichten waren praktischer Natur. Wir haben Dinge hergestellt, uns darum gek�mmert, da� der Laden l�uft. Ich habe den Eindruck, unsere zahlreichen F�higkeiten sind ein wenig d�rftig.�</p><p>���Du sprichst f�r dich�, meinte Ken.</p><p>��Arno machte dem sich daraufhin einstellenden betretenen Schweigen ein Ende. �Hat schon jemand nach Mrs. Gamelin gesehen?�</p><p>���Ich m�chte sie nicht wecken�, meinte May. �Es ist gerade mal acht Uhr. Sie wird wahrscheinlich noch ein paar Stunden ruhen. Ich habe ihr Ziesttee verabreicht.�</p><p>���Herrje, diese Frau hat so viel n�tig.� Heather straffte ihre Schultern und legte den Daumen und den kleinen Finger an die Nasenwurzel. Dies tat sie in einer Art und Weise, als ballten sich in ihren Nasenh�hlen wundersam heilende Kr�fte zusammen. �Ich wei� wirklich nicht, ob ich damit fertig werde.�</p><p>���Darum hat dich auch niemand gebeten, oder?� sagte Janet, stand auf und schenkte sich Tee ein.</p><p>��Am Ende lief es darauf hinaus, da� May sich um Felicity k�mmerte. Gegen neun Uhr �ffnete sie vorsichtig die T�r des Erkerzimmers, warf einen Blick durch den T�rspalt und entdeckte hinter einem Wust aus grauem, auf dem Boden liegendem Stoff eine zierliche Gestalt in einem Satinunterh�schen, die auf der Bettkante sa� und die Wand anstarrte.</p><p>��Felicity war v�llig durcheinander und f�hlte sich h�chst eigenartig. Sie versuchte, ihren Geisteszustand zu erfassen. Wenigstens ein Gef�hl aus den vielen anderen herauszufiltern, isoliert zu betrachten, zu orten. Kaum hatte sie eine Regung sondiert, wurde sie von einem halben Dutzend anderer hinfortgetragen. Sie hatte den Eindruck, schon vor Ewigkeiten auf Manor House eingetroffen zu sein. Erst bei Morgengrauen hatte sie die Augen geschlossen, und das auch nur aus einem unbestimmten Pflichtgef�hl heraus, was zweifellos zu ihrem geistigen Chaos beitrug.</p><p>��Anf�nglich hatten die au�ergew�hnlichen und be�ngstigenden Ereignisse vom vergangenen Abend sie �berhaupt nicht � ber�hrt. Einerseits war ihr alles sehr fr�hlich und klar und interessant vorgekommen, auf der anderen Seite aber auch irgendwie irreal, als h�tte sich alles auf einer weit entfernten B�hne abgespielt. Oder hinter einer dicken Panzerglasscheibe. (Ehe sie sich in den Solar begeben hatte, hatte sie sich in der Toilette im Erdgescho� eine dritte Line genehmigt.) Kurz nach dem Eintreffen der Polizei, hatte die Wirkung der Droge nachgelassen. Furcht, Besorgnis und das ganze Durcheinander st�rmten auf sie ein und rissen ihr den Boden unter den F��en weg. Langsam d�mmerte ihr, da� sie irgendwie in schreckliche Ereignisse verwickelt war und l�cherlich aussah, weil sie Danton erlaubt hatte, aus ihr eine Jahrmarktsnummer zu machen - ein Privileg, f�r das sie auch noch einen geh�rigen Batzen hatte bezahlen m�ssen. Das Knarzen der T�r lie� sie hochfahren. . Voller Entsetzen starrte sie May an, an die sie sich nicht erinnerte.</p><p>��May brachte eine Tasse mit dampfendem Tee. In einem besonderen Schr�nkchen wurden Besucherrationen (Earl-Grey-Teebeutel, Kaffeebohnen und andere dekadente K�stlichkeiten) aufbewahrt. Sie hatte ein paar Tropfen Edelsteinelixier zugegeben, um Felicitys Genesung zu beschleunigen. May stellte die Tasse auf dem Nachtschr�nkchen ab, setzte sich und nahm Felicitys Hand.</p><p>��Felicity sah erb�rmlich aus. Ihr Gesicht war mit farbenfrohen Klecksen �bers�t, als sei ein Kind mit einer Packung Buntstifte dar�ber hergefallen. Die �ppige Verwendung von Haarschaum, Spray und Gel hatte ihr Haar in eine leblose, verfilzte Masse verwandelt. May streichelte Felicitys Hand, l�chelte � ihr aufmunternd zu und dr�ngte sie nach einer Weile, einen Schluck Tee zu trinken.</p><p>��Felicity kam der Aufforderung nach, doch ihre Lippen bebten so stark, da� die Z�hne gegen den Tassenrand schlugen und sie etwas Fl�ssigkeit versch�ttete. Wieder hielt May die Hand der anderen Frau. Mehr fiel ihr angesichts ihrer eigenen Trauer und dem Gef�hlschaos, dem Felicity ausgeliefert war, im Augenblick nicht ein. Sanft, behutsam, so mu�te sie vorgehen. Hier war ein gro�es Ma� an Hilfe und Unterst�tzung notwendig. Das schlo� May aus Felicitys unharmonischer Aura. Einer der schlimmsten F�lle, mit denen sie je konfrontiert gewesen war.</p><p>��Etwas sp�ter n�herte sich May dem offenen Schweinslederkoffer. In der Absicht, Felicity ein Bad nehmen zu lassen, suchte sie nach frischer Unterw�sche und fand einen gro�en pinkfarbenen und goldenen Cremetiegel. Mit langsamen, rhythmischen Bewegungen reinigte sie damit Felicitys Gesicht. Nach dem dritten Versuch quoll der Abfallkorb von benutzten Gesichtst�chern �ber, und Felicitys eigentliche Gesichtsfarbe, ein ebenm��iges Elfenbeinwei�, kam zum Vorschein.</p><p>��May ging kurz in ihr eigenes Zimmer, kramte das untere Fach ihres Kleiderschranks durch und fand ein nachtblaues Gewand. (Es gab keine andere Farbe, die den Geist mehr erfrischte.) Au�erdem schnappte sie sich noch eine Tube Malvenshampoo und ein weiches Handtuch und kehrte zu Felicity zur�ck, um ihr die Haare zu waschen.</p><p>��Dies stellte sich als wesentlich komplizierter heraus als die Reinigung des Gesichts. Felicity beugte sich zwar f�gsam �ber das Becken, hielt ganz still und dr�ckte einen Waschlappen auf die Augen, die Probleme fingen aber damit an, da� sie eine Menge Haare hatte. Das ganze Waschbecken war voll davon. May glaubte, mit einer L�wenm�hne zu k�mpfen. Die Haarmenge war - wie sich nach dem zweiten Aussp�len herausstellte - einem riesigen Haarb�schel zuzuschreiben, das May �berraschenderweise in der Hand hielt. Anf�nglich reagierte sie schockiert (hatte sie es hier mit einer starken Malvenallergie zu tun?), erkannte aber, da� es sich um ein falsches Haarteil handelte. Sie wrang es aus, drapierte es �ber die Stuhllehne und fuhr mit dem Shampoonieren fort. Was f�r eine widerliche Br�he! Wie konnte es jemand ertragen, all dieses eklige Zeug auf dem Kopf zu haben? May wickelte Felicitys Haar in } das weiche Handtuch und klopfte vorsichtig darauf. Danach � k�mmte sie es und umwickelte es mit einem farbigen Haarband, das in ihrer Tasche lag.</p><p>���Nun�, May beugte sich auf Felicitys Augenh�he hinunter und l�chelte, �f�hlen Sie sich jetzt nicht schon etwas besser?�</p><p>��Felicity stie� einen traurigen kleinen Laut aus, wie ein hungriges K�tzchen.</p><p>���Na, na�, sagte May. �Ich w�rde jetzt vorschlagen...�, sie nahm Felicity beim Arm, �da� Sie sich bis zur Mittagszeit hinlegen. Etwas sp�ter k�nnen Sie ein Bad nehmen und eine Kleinigkeit essen.�</p><p>��Benommen setzte sich Felicity aufs Bett und warf May einen Blick aus ihren dunklen, traurigen Augen zu.</p><p>���Es ist schon in Ordnung. Alles wird gut. Wir werden uns um Sie k�mmern.� May beugte sich vor und k��te Felicity auf die Wange.</p><p>��W�hrend in der oberen Etage diese feinf�hlige Waschung vonstatten ging, wusch Janet in der K�che das Geschirr ab und knallte wie �blich die von ihr get�pferten M�slisch�sseln in das Steinwaschbecken. Beim Nachsp�len mit klarem Wasser dachte sie ans Mittagessen. Suhamis Name stand auf der Liste.</p><p>��Bislang hatte sie sich noch nicht blicken lassen, und jetzt war es schon zehn Uhr. Der heutige Tag w�rde aus dem Ruder laufen und - wie Janet vermutete - noch viele andere. Die Endg�ltigkeit des Dahinscheidens des Meisters traf sie mit voller Wucht. Sie h�tte schw�ren k�nnen, da� das Leben auf Manor House nie mehr dasselbe sein w�rde, egal wie sehr sie alle daran festzuhalten versuchten.</p><p>��Was w�rde nun mit ihnen allen geschehen? Wohin w�rden sie gehen, wenn sich herausstellte, da� das Haus nicht mehr zur Verf�gung stand? W�rden sie versuchen, gemeinsam an einem anderen Ort ihre Zelte aufzuschlagen? Und w�rde sie das wollen?</p><p>��Janet war sich dar�ber im klaren, da� ihr jenes intensive Bed�rfnis fremd war, sich in das Leben anderer einzumischen, eine Eigenschaft, die die �brigen Kommunenmitglieder als Freundschaft definierten. Von einem philosophischen Standpunkt aus betrachtet, fiel es ihr schwer, sich konform zu verhalten. Ausufernde Oberfl�chlichkeit und fantastische Vorahnungen waren ihrem Wesen fremd. Vorzugeben, alle Probleme seien l�sbar, fand sie arrogant. Und sie meckerte ab und an ganz gern, was bei ihren Mitbewohnern nur Stirnrunzeln hervorrief. Erst neulich, als sie sich leicht abf�llig �ber das Wetter ge�u�ert hatte, hatte Heather ihr einen Vortrag gehalten und geraten, dankbar zu sein, da� sie nicht blind war oder an multipler Sklerose litt und in einem Hochhaus lebte.</p><p>��Die Erinnerung erregte ihren Zorn. Janet beschlo�, gegen die Regeln zu versto�en und echten Kaffee zu kochen. Stimulierenden Auftrieb - das brauchte sie im Moment, und wen k�mmerte da Magenkrebs? Oder war es ein Leberegel? Sie nahm sich vor, Trixie auch eine Tasse Kaffee zu bringen. Und vielleicht ein paar Kekse.</p><p>��Im Besucherschrank entdeckte sie eine organisch bedenkliche Schachtel mit Uncle Bob�s Treacle Deligbts. Sie mahlte die Kaffeebohnen, atmete tief das k�stliche Aroma ein und machte die Keksschachtel auf. Die Verpackung war multikulturell gestaltet und zeigte eine Chinesin mit einem Sombrero, an dessen Rand Korken baumelten. F�r die Deligbts w�hlte Janet einen Teller mit blauem Blumenmuster, stellte ihn wieder zur�ck, nahm einen senfgelben mit roten Bl�ten heraus, stellte auch den zur�ck und entschied sich nach langem Ringen f�r einen bla�rosa Teller mit durchbrochenem Rand. Mit Bedacht legte sie die sirupfarbenen Kekse in �berlappenden Halbkreisen darauf und schnitt drau�en vor dem K�chenfenster eine kleine Rose (die hervorragend zum Teller pa�te) ab, w�hrend der Kaffee durchlief.</p><p>��Auf dem Weg in die Halle schn�rte sich ihr Magen zusammen bei der Vorstellung, da� sie Trixie gleich aufwecken w�rde. Janet blieb abrupt stehen. Dr�ben, auf den unteren Treppenstufen, standen May und Arno und sprachen mit einem kr�ftigen Mann in einem gemusterten Anzug. W�hrend sie noch z�gerte, machten May und der Mann auf dem Absatz kehrt und verzogen sich nach oben.</p><p>���Wer war das, Arno?�</p><p>���Der Anwalt der Gamelins.� Sein Blick folgte May. Es fiel ihm schwer, sich auf Janet zu konzentrieren, sie anzusehen. �Etwas Schreckliches ist geschehen. Zumindest w�rde man es normalerweise schrecklich finden. Ich frage mich allerdings, ob es nicht ein Segen ist. Er wurde heute morgen in seinem Hotelzimmer tot aufgefunden.�</p><p>����Was... Guy?�</p><p>��Arno nickte. �Offenbar hat er darum gebeten, gegen neun geweckt zu werden. Das M�dchen brachte Tee nach oben, und da lag er einfach da. War nicht mal zu Bett gegangen. Sie nehmen an, da� es sich um einen Herzinfarkt gehandelt hat.�</p><p>���Wie furchtbar.� Kaum war ihr diese Erwiderung �ber die Lippen gekommen, empfand Janet Freude. Er war ein gr��licher Mann gewesen. Habs�chtig und unfreundlich. Ohne ihn war die Welt besser dran. Was f�r aufregende Nachrichten durfte sie nun Trixie �berbringen! Welch s��es Geschenk! Viel besser als echter Kaffee und Uncle Bob�s Deligbts. Viel besser , als die Rose. Arno sagte irgend etwas.</p><p>���May nahm an, da� Suhami eher in der Verfassung ist, die Nachricht entgegenzunehmen. Ihre Mutter ist immer noch nicht ganz...� Er brach taktvoll ab. Janet stieg schon die Treppe hoch.</p><p>��Trixie schlief nicht, sondern hatte es sich auf der Erkerbank bequem gemacht und rauchte. �Ist Post gekommen?�</p><p>���Ja.� Janet stellte das Tablett auf der Kommode ab. Sie fragte sich, ob Trixie wieder auf einen dieser Briefe im blauen Kuvert wartete. �Erwartest du einen Brief?�</p><p>���Eigentlich nicht.� Trixie trug ein apfelgr�nes Seidenkleid. Ihr Gesicht war ungeschminkt, ihre Haut weich und glatt wie Samt. Auf der Innenseite ihrer Arme konnte Janet rote Kneifspuren erkennen, die sich langsam in blaue Flecken verwandelten.</p><p>���Ich habe echten Kaffee gekocht.� Sie schenkte zwei Tassen ein.</p><p>���Daf�r wirst du einen R�ffel kriegen. Wir leben hier in einer koffeinfreien Zone.�</p><p>���Und eine Schachtel Kekse aufgemacht.� Janet stellte ihre Tasse ab und brachte das Tablett zum Fenster hin�ber. Die Rose wirkte ziemlich dumm, wenn nicht gar �berfl�ssig. Sie hatte vergessen, da� Trixie schon eine Vase mit Rosen aufgestellt hatte. �Trink, solange er noch hei� ist.�</p><p>��Trixie bat sie, den Mund zu halten. Diese Zurechtweisung akzeptierte Janet mit der Geduld eines Menschen, der wu�te, da� er in K�rze ein gro�es Geheimnis l�ften durfte. Sie griff nach ihrer Tasse und nahm einen Schluck. Herrje - sie hatte fast vergessen, wie k�stlich echter Kaffee schmeckte! Waren blitzsaubere Ged�rme so ein Opfer wert? �Schmeckt er dir?� fragte sie kurz angebunden.</p><p>���K�stlich. Wird mich aufw�rmen.�</p><p>��Janet begriff nicht. Die Sonne schien ins Zimmer. Trixie aalte sich darin.</p><p>���Gibt es irgendwelche Neuigkeiten? Ich meine, von der Polizei.�</p><p>���Die ist gerade hier. Mit dem Anwalt der Gamelins.� Janet hielt inne. Ihr ausgemergeltes Gesicht gl�hte erwartungsvoll. Nun war der richtige Augenblick gekommen. Dennoch z�gerte sie. Die Nachricht konnte sie nur einmal �berbringen. Danach stand sie wieder mit leeren H�nden da. Trotzdem war es ihr unm�glich, sich zur�ckzuhalten. Verschlagenheit entsprach nicht ihrem Naturell. Am Ende platzte sie einfach mit der Information heraus.</p><p>���Guy Gamelin ist tot. Er hatte einen Herzinfarkt.�</p><p>��Auf ewig w�rde sie sich an das erinnern, was dann geschah. Trixie richtete sich derart abrupt auf, als erhielte sie Elektroschocks. Kaffee spritzte auf ihr apfelgr�nes Seidenkleid, auf ihre blo�en Beine. Die Kaffeetasse fiel zu Boden. Sie stie� einen lauten Schrei aus und legte blitzschnell die Hand auf den Mund. Dann rief sie: �O Gott - was soll ich jetzt tun?�, und brach in Tr�nen aus.</p><empty-line/><p>Eine halbe Stunde nach dieser dramatischen und �berraschenden Reaktion verh�rte die Polizei Tim. Unertr�glich langsam, richtiggehend widerwillig f�hrte Arno sie zum Zimmer des Jungen. In der N�he der T�r wurde sein Schritt noch langsamer, bis er ganz stehenblieb, sich zu Barnaby umdrehte und dem Chief Inspector die Hand auf den Arm legte.</p><p>���Er wird Ihnen nicht behilflich sein k�nnen, wissen Sie?�</p><p>���Bitte, Mr. Gibbs. Das haben wir unten ausf�hrlich durchgesprochen.�</p><p>���Da Sie entschlossen sind... w�rden Sie...?� Arno war ein St�ck beiseite getreten und winkte. Als die beiden M�nner sich zu ihm gesellten, fuhr er mit gesenkter Stimme fort: �Ich denke, ich mu� Ihnen etwas �ber seinen Hintergrund erz�hlen. Niemand hier wei� Bescheid, doch es k�nnte Ihnen helfen zu verstehen und... Sehen Sie, ich traf ihn oder, besser gesagt, fand ihn vor sechs Monaten.�</p><p>��Er brach ab, legte kurz die H�nde �ber die Augen und fuhr dann fort: �Ich habe den Meister nach Uxbrigde gefahren. Ins Krankenhaus. Dorthin ging er jeden Donnerstag. Wir hatten verabredet, uns hinterher am Wagen zu treffen. Ganz in der N�he gibt es eine �ffentliche Toilette, die ich aufsuchen mu�te. Auf dem Weg die Treppe hinunter kamen mir drei M�nner entgegen. Gro�e, kr�ftige M�nner. Einer hatte rot und blau t�towierte Arme. Sie lachten - laut und herzlos. H��lich, nicht aus Spa�. Ich benutzte das Urinal, w�hnte mich allein. Auf einmal h�rte ich leises Jammern, das aus einem der Abteile kam. Er war da drinnen - Tim. Seine Hosen waren bis zu den Knien runtergezogen, und er blutete aus dem After. Sie hatten ihn... genommen.� Arnos Stimme war kaum mehr ein Fl�stern. Barnaby neigte sich vor, um sein Gegen�ber zu verstehen. �Da war auch... nun... etwas Geld... eine F�nfpfundnote. Ich meine, sie klemmte zwischen den Pobacken... Es war grausam.�</p><p>��Arno war nicht in der Lage weiterzusprechen. Er zog ein Taschentuch heraus, drehte sich weg und tupfte seine Augen ab. Barnaby, der sich die eben geschilderte Szene ausmalte, empfand Mitleid. Selbst Troy f�hlte mit dem Jungen mit und dachte: Das Leben ist grausam, daran besteht kein Zweifel. Nach einer Weile entschuldigte sich Arno und fuhr fort:</p><p>���Er litt gro�e Schmerzen und verstand nichts. Nie werde ich vergessen, wie er sich umgeschaut hat... seine Augen... Mir war, als h�tte ich ein mi�handeltes Kind gefunden. Oder ein geschundenes Tier. Ich bem�hte mich, ihm zu helfen, aber er hielt sich einfach nur an der Toilette fest, schlang die Arme um die Sch�ssel. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. So lief ich zum Parkplatz, wo der Meister wartete, und erz�hlte ihm, was sich zugetragen hatte. Er ging mit mir zur�ck. Inzwischen hatte Tim die T�r verriegelt. Eine geschlagene Stunde redete der Meister durch die geschlossene T�r auf ihn ein. Der eine oder andere Mann, der in dieser Zeit die Toilette aufsuchte, warf ihm merkw�rdige Blicke zu. Sie haben ihn nat�rlich nie sprechen geh�rt, Inspector. Er hatte eine ganz au�ergew�hnliche Stimme. Nicht nur sehr wohlklingend, sondern ungew�hnlich warm... und freundlich. Sehr gewinnend. Was immer er einem erz�hlte, man glaubte ihm auf der Stelle. Irgendwann entriegelte Tim die T�r. Der Meister redete ihm gut zu, strich ihm �bers Haar. Etwas sp�ter halfen wir ihm, sich anzuziehen, geleiteten ihn zum Wagen und fuhren mit ihm hierher. May brachte ihn ins Bett, und wir sorgten f�r ihn. Und das tun wir immer noch. Selbstverst�ndlich mu�ten wir uns mit dem Sozialamt in Verbindung setzen. Wir wurden ganz genau �berpr�ft, was mir etwas eigenartig vorkam, wenn man sich �berlegt, wie sehr man diesen Jungen vernachl�ssigt hat. Sie werfen ihn aus dem Krankenhaus und stecken ihn in ein Heim, wo er, wenn er Gl�ck hatte, einmal pro Woche von einem F�rsorger besucht wird. Wir bekamen Instruktionen zur Medikamentenvergabe, und das war�s dann mehr oder weniger. Ich denke, den Ausschlag gegeben hat der Umstand, da� wir mehr oder minder eine religi�se Organisation sind. Sie behaupteten, uns von Zeit ZU Zeit zu �berpr�fen, was bisher nicht passiert ist. Ich glaube, sie sind froh, einen weniger auf der Liste zu haben.�</p><p>��Arno sprach nicht weiter und warf dem Inspector einen Blick zu. Er hoffte, mit dieser niederschmetternden Geschichte den Beamten von seiner Absicht abgebracht zu haben. Als klar wurde, da� dem nicht so war, sagte er: �Nun, dann kommen Sie bitte mit...�</p><p>��Tims Zimmer war fast dunkel. Sonnenlicht fiel durch einen Schlitz in den schweren Samtvorh�ngen auf das Fensterbrett. Arno zog den Samt auf, aber nur ein wenig. Die zusammengekauerte Gestalt unter der Decke r�hrte sich umgehend und begann zu zittern. Die Luft roch abgestanden. Barnaby h�tte viel darum gegeben, das Fenster aufrei�en zu d�rfen.</p><p>��Arno n�herte sich dem Bett, rief leise den Namen des Jungen. Als er die Bettdecke wegnahm, schimmerte Tims Haar golden auf dem Kissen, und er schlug die Augen auf wie eine mechanische Puppe. Barnaby h�rte, wie Troy hinter seinem R�cken den Atem anhielt, und auch er selbst blieb nicht unber�hrt von der bemerkenswerten Sch�nheit des Jungen, der Tr�nen und Trauer nichts anhaben konnten.</p><p>���Tim? Mr. Barnaby w�rde sich gern kurz mit dir unterhalten - keine Angst...� Der Junge wich zur�ck. Sch�ttelte den Kopf. Wie ein d�nner t�rkiser Wurm pulsierte eine Ader auf seiner Stirn.</p><p>���Ich werde nicht Weggehen�, fuhr Arno fort.</p><p>��Barnaby nahm einen Stuhl, um nicht auf den Jungen herabsehen zu m�ssen, und setzte sich Arno gegen�ber. Auf ein Nicken seines Chefs hin verzog sich Troy in die gegen�berliegende Zimmerecke und holte ohne Hoffnung einen Notizblock hervor.</p><p>���Ich kann mir vorstellen, wie ungl�cklich du bist, Tim, aber ich bin mir sicher, da� du uns gern helfen m�chtest.� Das gurrende Zirpen einer Taube. Troy beklagte, da� das Revier derlei F�higkeiten niemals honorierte. Trotz des einf�hlsamen Tonfalls des Inspectors streckte Tim best�rzt die H�nde nach Arno aus.</p><p>��Am vergangenen Abend hatte Arno erw�hnt, da� der Junge immer so reagierte. Dennoch bekam der Chief Inspector den Eindruck, da� der Junge von Sekunde zu Sekunde ver�ngstigter wurde und da� seine behutsame Vorgehensweise nichts daran �nderte. Dies verriet ihm Tims Blick, die zusehends heftiger pulsierende Ader. Barnaby z�hlte stumm bis f�nf, ehe er fortfuhr.</p><p>���Begreifst du, was geschehen ist, Tim? Da� hier jemand gestorben ist?�</p><p>��Wieder entstand eine Pause. Ein paar Minuten sp�ter drehte der Junge sein schwach erleuchtetes Gesicht auf dem Kissen. Die Wangen waren tr�nen�berstr�mt. Strahlendblaue Augen suchten Barnabys Blick, schauten in eine andere Richtung, kehrten zur�ck. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrmals. Schlie�lich fixierte der Junge ihn, schien etwas sagen zu wollen.</p><p>���Fragen... fragen...�</p><p>���Wen sollen wir fragen, Tim?�</p><p>���Frag... sie...�</p><p>��Die Stimme war kaum mehr als ein leises Wispern. Gl�cklicherweise machte Barnaby nicht den Fehler, sich weiter vorzubeugen. Er wiederholte nur seine Frage und f�gte jetzt, wo er das Geschlecht kannte, hinzu: �Meinst du vielleicht May? Soll ich May fragen? Oder Suhami?�</p><p>���N�... n�...� Tim sch�ttelte heftig den Kopf, woraufhin der blondschimmernde Heiligenschein erstrahlte. �Unnerfall... Unnnerfall...�</p><p>��Barnaby fragte: �Sprichst du von einem Unfall?�</p><p>���Nein, Chief Inspector. Er sagt nur -�</p><p>��Arno brach ab, da Tim undeutlich die Worte des Inspectors wiederholte.</p><p>���... mein Unnerfall... Un... fall...� Nachdem Tim das Wort einmal richtig ausgesprochen hatte, wiederholte er es in immer k�rzeren Abst�nden, immer lauter und schriller, bis die beiden Silben sich in sinnloses Geplapper verwandelten. Unter der Decke zuckte sein K�rper heftig, und er verdrehte unabl�ssig die Augen. So gut, wie es einem Mann seines Temperaments m�glich war, warf Arno dem Inspector einen erbosten Blick zu, strich Tim sch�tzend �ber die Stirn und gab dem Polizeibeamten deutlich zu verstehen, da� er nicht guthie�, was er da trieb.</p><p>��Barnaby schaltete auf stur und machte drei�ig Minuten so weiter trotz seiner Vermutung, da� Tim nichts Neues mehr �u�ern w�rde. Der Junge verstummte bald und fl�chtete sich in den Schlaf. Arnos Unmut legte sich dennoch nicht. Barnaby konnte nicht umhin, die negative Energie zu sp�ren.</p><p>��Er weigerte sich, Schuldgef�hle zu empfinden. Er wu�te, er hatte das Recht und die Pflicht, Tim zu befragen. Wu�te, da� er betont taktvoll und human vorgegangen war. Die geistige Verwirrung des Jungen bedeutete nicht, da� er nicht in der Lage war, die Ereignisse mitzukriegen. Nat�rlich hatte Barnaby nicht geahnt, wie verwirrt er war. Und trotzdem...</p><p>��An diesem Punkt des Nachdenkens erhaschte er Troys Blick. Wie gew�hnlich zeigte sein Sergeant eine Miene, die seine wahren Gef�hle nicht erkennen lie�. Er senkte die Lider, nachdem er seinem Vorgesetzten einen ungeduldigen, ablehnenden Blick zugeworfen hatte. Diesen Blick �bersetzte Barnaby richtig: Was f�r eine verdammte Zeitverschwendung!</p><p>��Er konnte noch nicht sagen, ob er derselben Meinung war. Es war nicht uninteressant, da� Tim, der Craigie auf dem Podest am n�chsten gewesen war, den Tod als Unfall betrachtete. Dar�ber hinaus zeugte Arnos Haltung von einer viel tiefsitzenderen Angst, die Barnabys Einsch�tzung nach nicht allein dem Besch�tzerinstinkt des Mannes zuzuschreiben war.</p><p>��Nein - Barnaby stand auf und ging zur T�r -, das war keine Zeitverschwendung gewesen.</p><p>��Gleich nachdem er von Gamelins Tod erfahren hatte, machte sich Christopher auf die Suche nach Suhami. Ihr Zimmer war leer. Kurz darauf fand er sie auf der zum Kr�utergarten f�hrenden Terrasse. May hatte alles darangesetzt, ihn davon abzuhalten. �Sie braucht etwas Zeit f�r sich allein. Um den Verlust zu verdauen.�</p><p>��Suhami drehte sich nicht um, sondern blieb reglos wie eine Salzs�ule stehen. Er betrachtete ihr Profil. Sie kam ihm sehr ruhig vor, schien tief in Gedanken versunken zu sein.</p><p>���Wie f�hlst du dich?�</p><p>���Ich wei� es nicht.� In diesem Moment wandte sie sich um, und er stellte fest, da� sie l�ngst nicht so gefa�t war, wie er gemeint hatte, sondern ziemlich betroffen zu sein schien. �Ich habe das Gef�hl, etwas verloren zu haben, wei� aber nicht, was. Ihn bestimmt nicht... ihn nicht.� In der Wiederholung schwang eine beunruhigende Mischung aus Entsetzen und Zufriedenheit mit.</p><p>��Christopher f�hlte sich unwohl in seiner Haut. Ihre Reglosigkeit kam ihm unnat�rlich vor. Nach ihrer Hand greifend, sagte er: �La� uns Spazierengehen.�</p><p>��Sie gingen die Stufen hinunter, achteten darauf, nicht auf wuchernden Hauswurz und Grasnelken zu treten, und flanierten in den eigentlichen Garten. Es war schon ziemlich hei�. Das Summen der Bienen, die rosa Lavendel und Borretsch aussaugten, erf�llte die Luft.</p><p>��Gedanken an eine gemeinsame Zukunft mit Suhami lie�en Christopher nicht los. W�re ihr Vater nicht eben verstorben, h�tte er herauszufinden versucht, wie sie dar�ber dachte, die Kommune zu verlassen, zumal er den Eindruck hatte, da� vor allem Ian Craigies Gegenwart sie hier gehalten hatte. M�glicherweise entschied sie sich, auch nach seinem Tod zu bleiben. Sollte dies der Fall sein, w�rde er ebenfalls bleiben. Er hatte bestimmt nicht vor, sie aufzugeben. Sie setzten sich auf ein kleines rundes Rasenst�ck. Ein leuchtender Kreis aus silbernem Thymian und Kamille.</p><p>���Wie nimmt deine Mutter es auf?�</p><p>���Sie wei� es noch nicht. Will hat mich zuerst informiert. Er hielt es f�r besser, da� ich mich um alles k�mmere. Wenn wir zur�ckgehen, werde ich es ihr sagen. Oder heute nachmittag. Es ist nicht so, da� es Eile h�tte...�</p><p>���Ist es wahr, da� sie miteinander ungl�cklich waren?�</p><p>���Den Eindruck erweckten sie jedenfalls immer. Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand mit ihm Zusammenleben und nicht ungl�cklich sein soll.� Mit angespannter Miene wandte sie sich von ihm ab. �Kann gut sein, da� es bei uns auch so kommen wird.�</p><p>���Niemals.� Christopher l�chelte. Das �uns� machte ihm Mut. �Das ist das Leben anderer. Wir sind wir. Das...� Er legte seine Hand auf ihren Nacken, zog sie an sich heran und k��te sie. �Das hier bist du...� Seine Lippen blieben nahe bei ihrem �Mund. �Und das bin ich.�</p><p>��Ihre Schweigsamkeit setzte ihm zu. Noch gestern hatten sie beinahe ekstatisch miteinander getanzt. Er griff in seine Jeanstasche und zog eine in pinkfarbenes Papier gewickelte Schachtel heraus.</p><p>���Das hier habe ich dir zum Geburtstag gekauft. Bevor ich wu�te, wer du in Wirklichkeit bist. Danach hatte ich das Gef�hl, dir das Geschenk nicht geben zu k�nnen.�</p><p>���Aber du hast dich get�uscht.�</p><p>���Ja.�</p><p>���Wer ich wirklich bin.� Die Schachtel lag auf ihrem Scho�, ihr Finger steckte in der Schleife. �Der Meister hat gesagt, wir sollen genau das herausfinden. Darum geht es in Wirklichkeit, nicht wahr, Christopher? Im Vergleich dazu ist alles andere belanglos.�</p><p>���Du kannst die Philosophin spielen, wenn du alt bist. Auf die gro�en Fragen gibt es sowieso keine Antworten. Mach dein Geschenk auf.�</p><p>��Suhami legte die Ohrringe an. Zartes, filigranes Geschmeide, an denen winzige Perlen hingen. Sie drehte ihren Kopf hin und her.</p><p>���Du bist wie eine sch�ne Tempelt�nzerin. Ach, du bist so sch�n, Suze.�</p><p>��Sie neigte ihren kleinen Kopf ungl�ubig und mit ernster Miene, ohne zu protestieren, wie das h�bsche M�dchen f�r gew�hnlich machten.</p><p>���Was kann ich dir sagen?� fragte er verzweifelt. Sie hob die schmalen Schultern und lachte resigniert. �Gestern, im Schuppen -�, begann er von vorn.</p><p>���Gestern hast du gesehen, wie ich fr�her war. Ver�ngstigt, verzweifelt, nach Gl�ck, nach menschlicher Gesellschaft gierend. Au�er mir, wenn man mich allein lie�. So kann ich nicht mehr leben, Christopher, das kann ich einfach nicht. Und das werde ich auch nicht.�</p><p>���Du brauchst doch keine Angst zu haben. Ich werde dich niemals verlassen -�</p><p>���Ja, das sagst du jetzt. Und vielleicht ist es wahr. Aber die Menschen unterscheiden sich nicht von anderen Lebensformen. Sie ver�ndern sich permanent.�</p><p>���Das klingt ein wenig pessimistisch.�</p><p>���Nein, das ist realistisch. Offensichtlich. Ver�nderung ist die einzige Konstante, und ich will mich nicht mein ganzes Leben davor f�rchten.�</p><p>���Wie steht es mit Glaube und Hoffnung?�</p><p>���Ich bin mir nicht sicher, ob sie von Bedeutung sind.�</p><p>���Diese Art von Stoizismus pa�t zu alten M�nnern auf dem Schlachtfeld. Oder zu Neurotikern. Aus Angst, da� was schiefgeht, keine Beziehung einzugehen ist dumm. Einsam und allein zu enden, halb tot wie -�</p><p>��Schweigen machte sich breit. Die Bienen summten lauter als je zuvor. Einer der Fische im Teich sprang nach oben und lie� sich ins Wasser zur�ckfallen. Ein L�ftchen regte sich. Suhami gelobte: �Wie meine Mutter werde ich nie enden.�</p><p>���Es tut mir leid.�</p><p>���Du bist sauer, nicht wahr?�</p><p>���Nat�rlich bin ich sauer. Ich mu� Zusehen, wie unsere Zukunft den Bach runtergeht.�</p><p>���Du hast nicht verstanden.�</p><p>���Ich denke, du wei�t nicht, was du willst.�</p><p>���Ich m�chte...� Sie besann sich auf einen einzigen Moment der Erleuchtung im Solar. Auf die Worte des Meisters, mit dem sie sich erst vor vierundzwanzig Stunden unterhalten hatte. Auf seine feste �berzeugung, da� unter ihrem ruhelosen, verwirrenden Dasein all das verborgen lag, was sie brauchte, um Ruhe und Kraft zu finden. �Ich suche etwas, das kein Ende hat.�</p><p>���Alles endet irgendwann einmal. Lektion eins aus dem Handbuch f�r Stoiker.�</p><p>���Nein, es gibt etwas, das nicht endet. Man kann es finden und sich immer wieder darauf berufen. Ich wei�, da� das so ist. Der Meister nannte es die kostbare Perle.�</p><p>��Wie unoriginell von ihm, dachte Christopher. Er streckte die Hand aus und ber�hrte ihren Zopf, zupfte samtene Haarstr�hnen heraus, die nach Jasminbl�ten�l rochen. �Wieso k�nnen wir das nicht gemeinsam suchen? Du wei�t, auch ich interessiere mich daf�r. Aus welchem Grund bin ich deiner Meinung nach hier?� Er zog sie an sich. �Wir k�nnten unsere Flitterwochen in einem Retreat verbringen, wenn du m�chtest.�</p><p>���Flitterwochen.� In ihrer Wiederholung schwang ein Anflug von Sehnsucht mit. Ermutigt plapperte Christopher weiter.</p><p>���Man mu� nicht in einer religi�sen Kommune leben, um ein religi�ses Leben zu f�hren. Es gibt eine Menge Laien, die meditieren und beten. Die leise und ohne aufzufallen existieren. Warum k�nnen wir nicht wie sie sein?� Suhami legte die Stirn in Falten. Sie machte einen unsicheren, leicht verwirrten Eindruck. �Glaubst du nicht, da� esoterisches Wissen unterschiedlich angewendet werden kann? Trifft man die richtige Entscheidung am richtigen Tag, gut. Wenn nicht...�</p><p>��Suhami l�chelte zaghaft. Ihr gefiel, wie er sich ausdr�ckte. Es erinnerte sie an die Einsch�tzung des Meisters: da� das Bestreben, einen Traum wahr werden zu lassen, nicht nur sinnlos, sondern kontraproduktiv war.</p><p>��Christopher erwiderte ihr L�cheln doppelt, dreifach, vielfach. Sein eigenes war flink und breit, voller Zutrauen. Die Zeit ' war auf seiner Seite. Die Jugend. Und leidenschaftliche Entschlossenheit. Am Ende w�rde sie gewi� die seine sein.</p><p>��Bei ihrer R�ckkehr ins Haus hatten sich die anderen zu einem Schw�tzchen in der K�che versammelt. Alle sa�en an dem gro�en Tisch, zerbr�selten Uncle Bob�s Treacle Delights und tranken eine wohlriechende Arabica-Kaffeebohnenmischung. Nachdem sie anf�nglich �berrascht und dann erfreut die raren s�kularen Delikatessen be�ugt hatten, schenkten Suhami und Christopher sich Kaffee ein und teilten den letzten Keks miteinander. Die Unterhaltung drehte sich um Trixie, w�hrend Janet Fragen gestellt wurden, die aufrecht auf ihrem Stuhl und im w�rtlichen wie im �bertragenen Sinn mit dem R�cken zur Wand sa�.</p><p>���Bist du sicher�, fragte Arno, �da� du �berhaupt nichts aus ihr rausgekriegt hast?�</p><p>���Sie mu� doch�, meinte Heather, �irgendwas gesagt haben, was Sinn machte.�</p><p>���Menschen, die hysterische Anf�lle kriegen, sagen selten etwas, das Sinn macht.�</p><p>��Die fragliche Szene hatten sie die letzte Stunde gr�ndlich durchleuchtet, und Janet hatte inzwischen die Nase gestrichen voll. Die anderen hatten sich mit der gleichen gierigen Besorgnis auf diese beunruhigende und be�ngstigende Episode gest�rzt, die sie in derartigen Situationen stets an den Tag legten. Die scheinen keinen Unterschied zu machen, dachte Janet verdrie�lich, zwischen gutgemeinter Anteilnahme, herrischer Einmischung und Schikane. Andererseits mu�te sie sich eingestehen, da� sie Trixie auch ziemlich schikaniert hatte, selbst wenn das nicht ihre Absicht gewesen war.</p><p>��Auf Trixies Gezeter hin war Janet durchs Zimmer gelaufen und hatte �Tu�s nicht� geraten und dummes Geschw�tz wie �Ist doch alles in Ordnung� von sich gegeben. Sie hatte Trixie an den Schultern gepackt oder es zumindest versucht. Aber Trixie hatte sich gewunden, losgerissen, wild mit den Armen um sich geschlagen, Janet einen Schlag auf den Hals verpa�t und nonstop panisches Geschrei ausgesto�en. Unabl�ssig hatte sie wie ein gestrandeter Fisch den Mund ge�ffnet und geschlossen und Janet mit leeren, nichtssagenden Blicken bombardiert. Ihr Blick hat verraten, dachte Janet sp�ter, da� sie die F�higkeit besa�, das zu tun, was sie getan hatte.</p><p>��Janet hatte nicht mit Absicht so hart zugeschlagen. Ihre Handfl�che schmerzte immer noch. Offenbar hatte sie weit ausgeholt. Als ihre Hand Trixies Wange ber�hrte, war das M�dchen zur Seite getaumelt und gegen die Wand gedonnert. Und doch hatte der Schlag Wirkung gezeigt, wie das in Spielfilmen immer der Fall war. Trixie h�rte sofort auf zu schreien. Langsam d�mmerte ihr, was Sache war. Ein roter Fleck prangte auf ihrer Wange. Schlie�lich waren die anderen aufgetaucht und hatten Janet in den Hintergrund gedr�ngt. Drau�en auf der Galerie hatte sie - am ganzen Leib zitternd Halt am Gel�nder gesucht und immer wieder jenen gewaltt�tigen Augenblick durchlebt. Zuerst war sie davon �berzeugt gewesen, allein aus Verzweiflung gehandelt zu haben (alles war erlaubt, um dieses schreckliche, seelenlose Geschrei abzustellen). Nun wurde sie sich anderer, komplexerer Motive bewu�t, die ihr Handeln ebenfalls bestimmt hatten. War sie ehrlich, mu�te sie einr�umen, da� der Schlag ihr eine gewisse Befriedigung verschafft hatte. Ihre Rachegel�ste gestillt hatte. Wie erb�rmlich! Dieses Wissen machte Janet krank vor Scham. Bis zum heutigen Tag hatte sie nicht geahnt, da� ihre stumme, unergiebige Liebe Feindseligkeit hervorgerufen hatte. Und Trixie hatte es gutgetan, ihre Freundschaft zur�ckzuweisen. Sie ' merkte, wie Arno sie besorgt musterte, und rang sich ein L�cheln ab.</p><p>��Arnos Besorgnis - und er war immer und wegen allem besorgt - umfa�te gar manches. Die Tatsache, da� sein Blick nur auf Janet fiel, war eher dem Zufall als der Absicht zuzuschreiben. Das gr��te Kopfzerbrechen bereitete ihm selbstverst�ndlich der Mord. Wie die meisten Kommunenmitglieder hielt er Gamelin f�r schuldig und wu�te nun nicht zu sagen, ob der Tod des Mannes ein Segen oder ein Fluch war. Er war gut, falls die Polizei ebenfalls von seiner Schuld �berzeugt war. In diesem Fall bestand keine Notwendigkeit, eine Gerichtsverhandlung anzuberaumen. Und in diesem Fall wurde die Kommune nicht zum Dreh- und Angelpunkt �ffentlicher Spekulationen. Er war schlecht, wenn sie ihn nicht f�r schuldig hielt, weil dies ! eine Untersuchung nach sich ziehen und der Gemeinschaft noch gr��eren Schaden zuf�gen w�rde, als das ohnehin schon der Fall war.</p><p>��Und jetzt war da diese seltsame Sache mit Trixie. Da� sie so heftig auf Guys Dahinscheiden reagiert hatte, machte Arno sehr zu schaffen. Das Unerkl�rliche oder pl�tzliche Gef�hlsausbr�che, vor allem solche, die ihm unlogisch erschienen, setzten ihm besonders zu. Immerhin hatte sie den Mann kaum gekannt. Als er h�rte, wie Janets Hand mit voller Wucht auf die rote Wange klatschte, verflog seine Freude dar�ber, da� er endlich, nach so langer Zeit, seinen letzten Ko�n gel�st hatte. Er erkannte, mit welcher Freude er unter normalen Umst�nden den anderen die gro�artigen Neuigkeiten mitgeteilt h�tte, und empfand somit den Verlust seines geliebten Lehrers um so schmerzlicher. Arno konzentrierte sich wieder auf die Unterhaltung. Heather war offensichtlich gerade dabei, die erste seiner Sorgen laut zu formulieren.</p><p>���Wenn wir nur w��ten, was sich zwischen den beiden gestern abgespielt hat.�</p><p>���Laut Konfuzius hei�t Wissen, zu wissen, da� Wissen nicht Wissen ist�, wandte Ken ein. Er schlug einen alterslosen weisen Ton an und zog die Haut an seinen Schl�fen hoch, bis seine Augen die Form von Mandeln hatten.</p><p>���Kein Wunder, da� er konfus war�, erwiderte Janet.</p><p>��Auf die Trag�die vom vorigen Abend wurde nicht eingegangen. Vielleicht hatten alle das Gef�hl, da� Spekulationen bei Suhami, die gerade damit besch�ftigt war, den Spinat zu waschen, Best�rzung hervorrufen w�rden. Heather brachte einen tr�stenden Gedanken zum Ausdruck.</p><p>���Heute morgen habe ich im Obstgarten meditiert. Sa� ganz still und ruhig da und rief wie jeden Samstag die gelbe Flamme der Kassiopeia an... ihr werdet nie erraten, was passiert ist.� Alle am Tisch sitzenden Kommunenmitglieder warteten darauf, da� sie fortfuhr. �Eine wunderh�bsche Biene setzte sich auf den Klee, ganz dicht neben meiner Hand. Ein richtiges Prachtst�ck. Sie verharrte einfach dort, schlug mit ihren kleinen Fl�geln, als - und ihr d�rft das gern als pneumatische Synthese bezeichnen, wenn ihr wollt - versuche sie, mir etwas zu sagen. Nun, ich dachte so bei mir, wer nichts wagt, der nichts gewinnt, und streckte die Hand aus, und die Biene erlaubte mir, mit meinem kleinen Finger �ber ihr Fellchen zu streichen. Wenn das nicht absolut unglaublich ist, was dann?�</p><p>��May sagte: �Was wollte sie dir deiner Einsch�tzung nach damit sagen, Heather?�</p><p>���Ich denke - und ich halte das f�r eine ziemlich bodenst�ndige Auslegung, okay? -, ich deutete die Situation dahingehend, da� �therische Reste seines Astralk�rpers immer noch vorhanden sind, da die Verwandlung des Meisters erst so kurze Zeit zur�ckliegt. Wer sagt denn, da� auf den Fl�geln der Biene keine Spuren davon waren? Diese liebe, kleine, fellbezogene Kreatur spendete mir gro�en Trost.�</p><p>���Das k�nnte durchaus m�glich sein�, fand May. �Gewi� w�rde der Meister, wenn er denn k�nnte, uns genau dies vermitteln wollen.�</p><p>���Vielleicht�, sagte Suhami und tupfte die gr�nen Bl�tter gerade mit einem K�chentuch ab, �war die Biene der Meister. Eine Reinkarnation.�</p><p>��Ken und Heather tauschten am�sierte Blicke aus. Ken sagte: �Ich glaube kaum, da� ein �berragender Geist, nachdem er ein Leben lang seinen Mitmenschen untert�nigst gedient hat, als Insekt wiedergeboren wird.�</p><p>���Du kannst gleich mal abschwirren�, fl�sterte Christopher, der den Spinat in einen Eisentopf packte. Suhami mu�te lachen.</p><p>���Heather hat recht�, sagte May, �in bezug auf die Materiereste. Ich habe heute morgen dasselbe gesp�rt. Unter meinem Fenster schnatterte eine Gruppe Elohim. Wir m�ssen uns vor Bosheit in acht nehmen. Die sind doch immer darauf aus, eine Aura anzuzapfen. Ach je...� Sie schob den Stuhl zur�ck. �Es ist gleich zw�lf. Ich mu� los und Felicity ein Bad einlassen. Janet, k�nntest du wom�glich an meiner Stelle das Mittagessen zubereiten?�</p><p>���Kein Problem.�</p><p>���La�t uns lieber unsere Pflichten erledigen�, sagte Arno zu Ken. �Ich glaube, wir beide haben heute Gartendienst.�</p><p>���Mein Bein setzt mir ganz sch�n zu, Arno.�</p><p>���Nun... du kannst ja harken.�</p><p>���Beim B�cken scheint sich der Schmerz nur noch zu verschlimmern.�</p><p>���Hast du jetzt nicht nur Beinprobleme, sondern auch noch R�ckenschmerzen?� fragte Janet ziemlich spitzfindig.</p><p>��Ken bedachte sie mit einem nachsichtigen L�cheln. Die arme alte Jan projizierte wieder einmal. H�tte die Gruppe nach ihrem Eintreten in die Gemeinschaft das Pendel bem�ht, wie er das vorgeschlagen hatte, w�ren sie wenigstens vorgewarnt gewesen. �Oh, ich habe keine Probleme, mich zu besch�ftigen.�</p><p>���Womit?�</p><p>���Hilarion hat mich auf die Inkarnation mehrerer Gottwesen vom Pluto vorbereitet. Ich habe die Absicht, mich zur Vorbereitung f�r einen l�ngeren Zeitraum unter meine Chela-Pyramide zu setzen. Sp�ter m�chte ich den gro�en Bonsai-Baum stutzen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>10</emphasis></strong></p></title><p>Ian Craigies Habseligkeiten waren freigegeben worden. Troy hatte sie abgeholt. Der Bericht der Polizisten, die zuerst am Tatort eingetroffen waren, mu�te auch bald fertig sein. Barnaby hatte darauf spekuliert, da� die Gerichtsmediziner mit etwas Handfestem aufwarteten, mit dem er die bisherigen Indizienbeweise gegen Gamelin untermauern konnte. Falls es nichts Handfestes gab oder sich gar herausstellte, da� er unschuldig war, sah sich der Chief Inspector gezwungenerma�en mit einem Fall konfrontiert, der seit langem einer der interessantesten, aber auch kompliziertesten war.</p><p>��Als er h�rte, da� sein Hauptverd�chtiger entlastet wurde, war seine erste Reaktion �berw�ltigende Erleichterung. Vergangenen Abend war er schon kurz davor gewesen, den Mann verhaften zu lassen. Ein Todesfall im Gef�ngnis zog berechtigterweise eine langwierige und sorgf�ltige Untersuchung nach sich, um der inzwischen immer lauter werdenden Kritik wegen �Polizeibrutalit�t� entgegenzutreten. Man stelle sich nur mal vor, was Guy Gamelins Tod in diesem Fall nach sich gezogen h�tte: erstklassige Rechtsanw�lte, eine Riege hochrangiger Gesetzesh�ter, Heerscharen von Spitzenjournalisten und Fotografen, Anfragen im Unterhaus, ... Barnaby empfand tiefe Dankbarkeit, da� Gott ihn vor einem gravierenden Fehler bewahrt hatte.</p><p>��Mit einer grauen Plastikt�te in der rechten Armbeuge kam Troy ins Zimmer. �Hab hier die Sachen von unserem Ober-Guru, Chef.� In seinen Worten schwang ein Anflug neugieriger Vorfreude mit. Seine Augen gl�nzten aufgeregt. Mit langsamen theatralischen Handbewegungen zog er Sandalen, ein blutverschmiertes Gewand und eine Baumwollunterhose hervor, hielt inne und warf Barnaby einen gespannten und erwartungsvollen Blick zu.</p><p>���Sollten Sie auf einen Trommelwirbel warten, k�nnen Sie warten, bis Sie schwarz werden. Jetzt mal raus damit.�</p><p>��Troy griff erneut in die T�te und zog ein B�ndel strahlendwei�er Haare hervor. Barnaby streckte die Hand danach aus. Die Per�cke war erstklassig gearbeitet. Auf ein Netz gekn�pftes Echthaar.</p><p>���Sehr h�bsch. Und teuer.�</p><p>���Stimmt einen nachdenklich, nicht wahr, Chief?�</p><p>���Ja, in der Tat.�</p><p>��Barnabys Herz schlug schneller. Zum ersten Mal gab der Tote etwas �ber sich selbst preis. Bisher hatten alle Informationen aus zweiter Hand gestammt. Erinnerungen, Gedanken, Einsch�tzungen von Dritten. Das hier war eine Offenbarung aus dem Grab. Ein echter Hinweis. Barnaby legte dieses exquisite Requisit der Schauspielerzunft beiseite und sagte: �Ich frage mich, wieviel Leute wu�ten, da� er sie trug.�</p><p>���Keiner, m�chte ich wetten�, vermutete Troy. �Ich denke, die Per�cke untermauert Gamelins Theorie. Das ist doch eindeutig ein Hilfsmittel, das Gauner einsetzen.�</p><p>��Ein nicht unvern�nftiger Einwand. Eigentlich ziemlich verf�hrerisch. Wieso griff ein wahrer Gl�ubiger, fragte sich Barnaby, auf solch trickreiches Zubeh�r zur�ck? Kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, mu�te er an die �ppigen Gew�nder der Priester und Pr�laten orthodoxer Religionen denken. Im Vergleich dazu kam ihm eine Per�cke fast bescheiden vor.</p><p>��Craigie hatte also k�nstliche Hilfsmittel eingesetzt, um ein Bild von sich zu entwerfen, das seinen Gefolgsleuten Sicherheit vermittelte. Das hie� allerdings noch l�ngst nicht, da� seine Lehren oder seine Person falsch waren oder ihm ein T�uschungsman�ver nachzuweisen war. Dennoch...</p><p>��Gamelins Meinung war eindeutig gewesen. War er - was durchaus verst�ndlich gewesen w�re - nur wegen des Treuhandfonds zu dieser Einsch�tzung gelangt? Oder hatte, wie Troy vermutete, ein Betr�ger einen Gleichgesinnten erkannt? Es schadete nicht, in diese Richtung zu ermitteln, wenngleich es immer ein schwieriges Unterfangen war, einen Betr�ger festzunageln. Erstens hielten sie sich nie l�nger an einem Ort auf und verf�gten �ber so viele Namen wie �berseekonten. Zweitens wurden die wirklich Gerissenen nie gefa�t und waren daher auch nicht im Computer zu finden. Trotzdem -ein Versuch schadete nicht.</p><p>���Ich habe auch so eine Idee zu dem Handschuh, Chief�, sagte Troy. �Kam mir, als ich mich mit Maureen beim Fr�hst�ck unterhielt.� Bei der Erinnerung an die erste Mahlzeit bekam seine Stimme einen leicht s�uerlichen Unterton. Die Mahlzeit, die eigentlich dazu gedacht war, den Ern�hrer der Familie bis zum Mittagessen zu s�ttigen. Heute morgen hatte es Cornflakes und Tee gegeben, und der war nicht mal frisch aufgebr�ht gewesen. Ein kleines Baby, und schon machte es zuviel M�he, ein paar Eier in die Pfanne zu hauen, ein paar Speckstreifen in den Grill zu schieben, ein paar frische Champignons zu d�nsten und ein paar Scheiben Brot in den Toaster zu werfen. Gezwungenerma�en hatte er in der Kantine einen Burger und Pommes runtergeschlungen. Seither warfen die Damen am Empfang ihm sp�ttische Blicke zu.</p><p>���Gibt es ein Problem, Chief?�</p><p>���Handschuh.�</p><p>���Ach ja. Sie war gerade beim Abwaschen und meckerte, da� die Gummidinger nie lang halten. Ich h�rte nicht richtig zu - �hm, Sie tun das bestimmt auch nicht, oder? Aber ich h�rte sie sagen: &gt;Der linke geht immer zuerst kaputt.&lt; Das setzte sich bei mir fest, denn unserer war doch f�r Linksh�nder. Danach sagte sie: irgendwann hatte ich Unmengen von rechten Gummihandschuhen �brig, bis ich rausfand, da� man welche kaufen kann, die auf beide H�nde passen.&lt; Und da fragte ich mich, ob das nicht auch auf unseren zutrifft.�</p><p>���K�nnte sein. Doch wer oder was sollte einen linksh�ndigen M�rder daran hindern, einen rechten Handschuh zu tragen? Oder umgekehrt, was die Sache noch komplizierter macht.�</p><p>���W�re es in so einem Fall nicht schwierig, das Messer richtig zu halten? Wo wir hier doch von jemandem reden, der sehr flink ist.�</p><p>���Stimmt.� Barnaby erhob sich. �Ich werde veranlassen, da� man Craigie �berpr�ft. F�r gew�hnlich orientieren sie sich bei der Namens�nderung am Original. M�glicherweise sind die Initialen dieselben.�</p><p>���Wie alt ist er wohl gewesen... f�nfundf�nfzig? Sechzig?�</p><p>���Das w�rde ich auch sagen. M�glicherweise noch einen Tick �lter. Ich gehe mal ins Pathologie-Labor r�ber und finde raus, wie weit die sind.� Er nahm seine d�nne Jacke vom Garderobenhaken. �Und sp�ter versuchen wir noch mal, Felicity Gamelin zu verh�ren. K�nnte ja sein, da� wir heute ein paar einigerma�en schl�ssige Antworten aus ihr rauskriegen.� Er drehte sich in Richtung T�r. �Und wir k�nnten Ihre Aura deuten lassen, wo wir schon mal dabei sind.� Troy tippte mit dem Zeigefinger an die Schl�fe. Barnaby grinste. �Oder Ihr Horoskop. Welches Sternzeichen haben Sie noch gleich? Sirius, der Hundestern?�</p><p>���Wenn dem so w�re�, meinte Troy, �k�nnte ich wetten, da� der kleine Mistkerl M�nnchen macht.�</p><empty-line/><p>Nachdem Arno l�ngere Zeit im Garten gearbeitet und etwas Obst zu sich genommen hatte, um klarer denken zu k�nnen, plagte er sich mit einem Haiku ab. Seine Gedanken kreisten ausschlie�lich um May (das Gedicht war selbstverst�ndlich f�r sie bestimmt). Der Haiku - drei Zeilen mit f�nf, sieben und f�nf Silben, in die ein einziger erhellender Gedanke gefa�t wurde - war keine leichte Form. Neben Arnos Stuhl war der Fu�boden mit zusammengekn�llten Papierkugeln bedeckt.</p><p>��Laut seufzend, beklagte er frustriert, da� Thalia, die poetische Muse sich so rar machte, da� die englische Sprache ungew�hnlich widerspenstig war.</p><p>��Geliebte Blume leichtf��iger Musikus Seele der Flamme.</p><p>��Das konnte er ihr nicht geben. Zum einen wirkte es unvollst�ndig, wie der Anfang eines viel l�ngeren Gedichts. Und dann war da dieses �geliebte�. Derlei Z�rtlichkeiten schlichen sich immer wieder ein. In jedem seiner vorherigen Versuche kam mindestens eine solche Liebkosung vor. Wollen wir doch mal ehrlich sein, gestand sich Arno mi�mutig ein: Bezeichnet man eine Person als �Engel�, �sch�ne Blume� oder �allerliebster Schatz�, wird die betreffende Person fr�her oder sp�ter aus dem Gedicht etwas anderes als Freundschaft oder Respekt herauslesen.</p><p>��Ver�rgert und geistig ermattet, gab Arno vorzeitig auf und trat an das Becken, um seine schmutzigen H�nde zu waschen. In der festen �berzeugung, nur die edelsten Materialien w�rden dieser heiligen Pflicht gerecht, hatte er feinstes Pergament, eine Flasche sepiafarbener indianischer Tinte und eine Kalligraphiefeder gekauft. Dummerweise kam er, der normalerweise Kugelschreiber verwendete, mit dem Schreibwerkzeug �berhaupt nicht zurecht. Die vielen Tintenkleckse waren der Beweis daf�r.</p><p>��Die H�nde und die Kn�chel schrubbend, betrachtete ein deprimierter Arno sich in dem kleinen, abgebl�tterten Spiegel. An sein Erscheinungsbild konnte er sich nie gew�hnen, nicht in einer Million Jahren. Wenn er nur gro�gewachsen und gutaussehend w�re! Ohne zu z�gern, w�rde er ihr den Boden unter den F��en wegrei�en und mit ihr auf dem Sattel eines wunderbaren wei�en Pferdes mit edelsteinbesetztem Geschirr und goldenen Z�geln davonreiten.</p><p>��Die Vorstellung lie� Arno schmunzeln. Seine Mutter hatte derlei Schwelgereien immer als �in Ekstase geraten� bezeichnet. Kritisch musterte er sein Gesicht, zupfte an seinem Bart, teilte ihn vorsichtig, wickelte die beiden Enden um seine Finger.</p><p>��Er hatte einen Rauschebart ausprobiert, ein Ding voller Eigenleben, das ihm bis auf die Brust fiel, der ihm nicht gestanden hatte. Zu jener Zeit hatte er wie ein Zwerg mit einer Fu�matte am Kinn ausgesehen. Der, den er jetzt trug, war... tja... nett. Wenigstens gl�nzte er, seit er regelm��ig eine Hennapackung auftrug. Manchmal allerdings �berkam ihn der Verdacht, da� er ohne Gesichtsbehaarung j�nger aussehen w�rde.</p><p>��Bevor er sich abwandte, bespritzte Arno sein Gesicht mit gr�nlichem Wasser aus einer halbvollen Sch�ssel mit Steinbrech. Heather hatte ihm glaubhaft versichert, da� dies ein hervorragendes Mittel f�r das Bleichen von Sommersprossen sei. Seit einem geschlagenen Monat verwendete er das Zeug nun schon und konnte absolut keinen Unterschied ausmachen. Er trocknete sein Gesicht ab und legte das Handtuch ordentlich zusammengefaltet zur�ck. Gleich war es Zeit, das Mittagessen einzunehmen.</p><p>��In zehn Minuten mu�te das Essen auf dem Tisch stehen, und Janet war es gerade mal gelungen, ein improvisiertes Hauptgericht zusammenzustellen. Halbherzig hatte sie den Vorratsschrank gepl�ndert, verschiedene Schachteln und Dosen herausgenommen, um sie wieder zur�ckzustellen und sich f�r eine Packung Sossomix zu entscheiden. Die Verpackung zierte das Bild von granulierten W�rstchen, die in einer Pfanne brutzelten. Nicht zum ersten Mal monierte Janet die perversen Verpackungstechniken der Firmen, die mit ihrem Produkt auf die stetig anwachsende Zahl der Menschen abzielten, die kein Fleisch mehr essen wollten.</p><p>��Nu�steaks, Veggie-Burgers, Cashewschnitzel. Unten im Karmic Pulse hatten sie zu H�hnerschlegel gepre�tes Tofu im Sortiment, die mit Sojabr�seln �berzogen waren. Nicht zu unterscheiden, versicherte das Verpackungsetikett den Kunden, von echten H�hnerbeinen.</p><p>��Gedankenverloren hatte Janet zuviel Wasser in das Granulat gesch�ttet. Anstelle eines sch�n festen, formbaren Teiges hatte sie versehentlich eine pampige Masse anger�hrt. Bei dem Versuch, die �bersch�ssige Fl�ssigkeit abzugie�en, war ein bi�chen von der Masse im Abflu� gelandet. Ziemlich entnervt von der ganzen Angelegenheit, hatte Janet die Sch�ssel in das Abtropfgestell gelegt und war wieder nach oben gegangen, um noch mal zu versuchen, sich mit Trixie zu unterhalten.</p><p>��Nachdem sie praktisch jeden, der ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen wollte, aus ihrem Zimmer verbannt hatte, hatte Trixie die T�r abgeschlossen. Das war nicht ungew�hnlich, aber normalerweise antwortete sie, falls jemand anklopfte, und wenn auch nur, um die Leute zu fragen, warum sie sie nicht endlich in Ruhe lie�en. Heute hingegen gab sie keinen Muckser von sich.</p><p>��Diese Stille ist irgendwie anders als sonst, dachte Janet, klopfte unabl�ssig an die T�r und rief: �Trixie - Essen...� Heute war die Stille total, allumfassend. Man h�rte nicht mal einen ged�mpften Schritt. Kaum zu glauben, da� hinter der T�r ein Herz schlagen sollte.</p><p>��Sich vergewissernd, da� sie nicht beobachtet wurde, und in dem Gef�hl, wie der gro�e Inquisitor zu sein, kniete Janet sich hin und sp�hte durchs Schl�sselloch. Leider konnte sie nur einen bestimmten Bereich von Trixies Bett sehen. Err�tend erhob sie sich.</p><p>��Unten in der K�che stie� sie auf Christopher, der sich heimlich ins Dorf geschlichen und eine riesengro�e Schokoladentorte besorgt hatte, �um alle aufzumuntern�.</p><p>���Heather hat zum Nachtisch eine Tapiokaroulade mit Feigenglasur gemacht�, erinnerte sie ihn.</p><p>���Genau!�</p><p>��Janet mu�te lachen und stellte hocherfreut fest, da� der Sossomix das �brige Wasser aufgesaugt hatte und nun fest genug war, um sich formen und braten zu lassen. Sie schaltete das Gas unter dem Spinat ein und bat Christopher, die anderen zu Tisch zu rufen.</p><p>��Heather fand er in einem k�nigsblauen Trainingsanzug auf der Terrasse. Mit hocherhobenen Armen, um die tellurischen Energielinien anzuzapfen, rezitierte sie:</p><p>���Bewegung nehme ich in meine Essenz auf.</p><p>Rennen und Springen nehme ich in mich auf,</p><p>Ich bin Rennen... ich bin Springen...�</p><p>��Danach begann sie, auf der Stelle auf und ab zu springen. Ihr m�chtiger Busen und ihr Hintern zitterten wie Wackelpudding. Gerade als er sagen wollte, da� das Mittagessen fertig war, hielt ihn eine poetische Explosion davon ab.</p><p>���Jede kleine Zelle in meinem K�rper ist gl�cklich...</p><p>Jeder kleinen Zelle in meinem K�rper geht es gut...�</p><p>��Christopher war vertraut mit Heathers Lobeshymnen zur Preisung des holistischen Positivismus. Diese Hymnen bleute sie all ihren Kunden ein, egal wie schlecht es um deren Gesundheit bestellt war.</p><p>��Keuchend sagte sie: �Kenny... B�ro... gehe...�, und sprang im Pogostil an der Hausmauer entlang.</p><p>��Ken produzierte gerade ein paar Poster f�r den kommenden Eheworkshop (An einem klaren Tag k�nnen Sie sich gegenseitig sehen). Sein kaputtes Bein ruhte auf dem Schreibtisch, w�hrend der alte Vervielf�ltigungsapparat schwerf�llig arbeitete.</p><p>���Es gibt Mittagessen�, rief seine Gattin schweratmend und steckte den Kopf durch die T�r.</p><p>���Ist auch Zeit�, meinte Ken. �Ich bin am Verhungern.�</p><p>���Tut mir leid, aber an einem Tag wie heute ist alles ein wenig chaotisch.� Heather st�rmte ins B�ro und nahm ein Poster in die Hand. Auf himmelblauem Hintergrund waren zwei Tauben abgebildet. Eine hatte lange Wimpern und trug eine Sch�rze, die andere war bis auf ein B�schel wei�er Federn splitterfasernackt. Die mit den wei�en Federn schlang einen Fl�gel um die Mitte der anderen. Darunter standen Kens und Heathers Namen und nach Kens (in Klammern): �Intuitiver Diagnostiker, Autor, Chaneller�. Heather wurde als �Heilerin, Autorin, Priesterin� angek�ndigt. Sie meinte: �Das m��te die Leute doch anziehen. Ich hoffe, wir werden den Kurs durchf�hren k�nnen, ich meine, bei dem ganzen Durcheinander.�</p><p>���Ich empfange deine Schwingungen, Heth�, sagte er und nahm sein Bein herunter. �Entspann dich bitte. Ich mu� dir etwas mitteilen.�</p><p>���Oh - was gibt es denn?� Etwas umst�ndlich setzte sich Heather mit �berkreuzten Beinen auf den Boden.</p><p>���Tja, du kennst ja meine Devise - erledige niemals eine Sache, wenn du gleichzeitig drei erledigen kannst.� Heather nickte. �Nun, w�hrend ich die Poster abzog, bem�hte ich auch mein Gedanken-Energie-Netz, um mit Hilarion in Verbindung zu treten und ihn nach unserer Zukunft hier zu fragen.�</p><p>���Brillant. Was hat er gesagt?�</p><p>���Er hat mir nichts gesagt, dieser alte Halunke - uups!� Ken legte den Kopf auf den Scho� und die H�nde darauf, als m�sse er sich vor Steinschlag sch�tzen. �Entschuldige, Hilarion...�, rief er durch die Finger. �Das war nur ein Scherz.� Dann setzte er sich wieder auf und fuhr fort: �Aber er r�ckte mit anderen Informationen heraus. Gew�hrte mir einen kompletten Ausblick auf die kosmische und globale Lage. Der Gute spielte ganz eindeutig auf die L�cher in der Ozonschicht an und - wo wir schon von einer Ver�nderung der Paradigmen sprechen -dar�ber m�ssen wir uns keine Sorgen machen.�</p><p>���Was? Ich fasse es nicht...� Hoffnung und Skepsis spiegelten sich auf Heathers gl�nzendem Antlitz.</p><p>���Es ist wahr. Kommt direkt von ganz oben. Wei�t du, wie sich das Wasser teilt, wenn ein Baby geboren wird? Nun, wir haben es mit genau demselben Proze� zu tun. Wie wir alle wissen, findet just in diesem Augenblick ein gro�er spiritueller Ergu� aus dem Reich der Engel statt. Wie sollte das m�glich sein, wenn die �ffnungen nicht im Himmel beschlossen worden w�ren?�</p><p>��Seine Frau klatschte vor Verwunderung in die H�nde. �Daran habe ich nie gedacht.�</p><p>���Na, wenn das nicht profund ist. Dieser raffinierte Fuchs.�</p><p>���Dann sind diese neuen Aerosoldinger und K�hlschr�nke und alles also -�</p><p>���Reine Zeitverschwendung.�</p><p>��Heather sprang auf. �Das m�ssen wir unbedingt den anderen sagen.</p><p>���Und hinterher der restlichen Welt.�</p><p>��Auf dem Weg zur K�che warf Ken in der Halle einen Blick auf die �F�hlst-du-dich-schuldig�-Schale. Heute lag kein Geld drin, aber er entdeckte etwas anderes. Einen Schl�ssel mit einem Anh�nger, auf dem �25� stand. Der Schl�ssel zu Trixies Zimmer.</p><empty-line/><p>Am Nachmittag herrschte gro�e Hitze. Beide Fenster in Barnabys B�ro standen offen, doch kein L�ftchen regte sich. Die Polizistin Brierley feierte ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag. Klugerweise war jemand auf die Idee gekommen, Eis, ein gro�es Netz Zitronen und eine Auswahl an Kuchen- und Tortenst�cken zu besorgen. Aus Furcht, da� ihm die F�llung auf sein Hemd oder auf die auf dem Schreibtisch angeh�uften Unterlagen tropfte, unter denen sich auch der eben angelieferte Bericht vom Schauplatz des Mordes befand, hielt der Chief Inspector ein Glas frischgemachter Zitronenlimonade steif in der einen Hand und knabberte vorsichtig an seinem Donut.</p><p>��Das mehrstimmig vorgetragene Geburtstagsst�ndchen drang durch die offenstehende T�r. Ihm fiel auf, da� sich sein Sergeant auf Audreys Schreibtisch gepflanzt hatte. Troy hielt ein paar Computerausdrucke in H�nden und sang aus voller Kehle mit, w�hrend sein Blick auf ihren schwarzbestrumpften Beinen ruhte.</p><p>��Sie hat sich in den letzten drei Jahren gut entwickelt, die kleine Audrey, dachte Barnaby. Anfangs war sie relativ sch�chtern gewesen, hatte keinen Schimmer gehabt, wie man mit der koketten Anmache und den chauvinistischen Herabsetzungen, die wie siamesische Zwillinge miteinander in Beziehung standen, umgehen mu�te. Die M�dchen, die blieben, wurden im Lauf der Zeit h�rter im Nehmen. W�hrend Barnaby zusah und gerade noch verhindern konnte, da� das rote Gelee auf sein Hemd fiel, beugte sich Troy mit dem Blick eines J�gers vor, murmelte etwas und zwinkerte. Audrey zwinkerte und murmelte ebenfalls ein paar Worte. Lautes Gel�chter ert�nte. Der Sergeant entfernte sich.</p><p>���Fr�her ist sie mal richtig niedlich gewesen, dieses M�dchen�, beklagte er sich w�tend und wedelte mit den Computerausdrucken. �Tierisch feminin - falls Sie wissen, was ich meine.�</p><p>���Ich finde sie immer noch recht niedlich.�</p><p>���Macht man denen ein Kompliment, gehen sie einem gleich an die Gurgel.�</p><p>��Das Kompliment war folgendes gewesen. Troy: �Zur Feier des Tages lade ich Sie auf einen Drink ein. Irgendwo, wo es richtig h�bsch ist. Wie w�re es mit diesem kleinen verschwiegenen Pub am Flu�? Sie werden sich gut am�sieren. Nicht umsonst h�lt man mich f�r einen Senkrechtstarter.� Audrey: �Dann r�hren Sie doch damit Ihren Tee um.�</p><p>���Frauen, die ungehobelt sind, vergeben sich was - finden Sie nicht, Sir?�</p><p>��Lesend sagte Barnaby: �Hier taucht kein Craigie auf.�</p><p>��Troy bem�hte sich, seine Verdrossenheit abzulegen. �Ich habe auch �hnlich klingende Namen �berpr�ft. Es gibt einen Brian Craig. Versicherungsbetrug. Starb in Broadmoor.�</p><p>���Na, wenn das nicht der richtige Ort zum Sterben ist.� Barnaby machte selten Witze, und dieser war keinen Lacher wert.</p><p>���Da kommt noch mehr. Ich warte auf einen Cranleigh und einen Grawshaw.� Er klang ziemlich munter und optimistisch. �Bin �berzeugt, da� Gamelin recht hatte. Das sp�re ich in den Knochen.�</p><p>��Troy sp�rte dauernd etwas in den Knochen. Seine Knochen waren in etwa so zuverl�ssig wie ein Bernhardiner, der Cognac getrunken hatte.</p><p>���Was steht in dem Bericht der Polizisten, die zuerst am Schauplatz des Verbrechens eintrafen?�</p><p>���Nicht viel.�</p><p>��Troy las die beiden eng bedruckten Seiten. Nichts im Handschuh - was zu vermuten gewesen war. Und auch ansonsten nicht viel. Nur ein vergr��ertes Foto einer Faser, die am Messer geklebt hatte.</p><p>���Bi�chen entt�uschend�, meinte er, nachdem er mit dem Lesen fertig war. �Sieht nicht so aus, als stamme es von irgendwelchen Kleidungsst�cken. Obwohl - nicht jeder hatte etwas an, worunter er oder sie das Messer verstecken konnte. May Cuttles Kleid hatte lange, weite �rmel, aber sie ist aus dem Spiel. K�nnte es allerdings jemandem ausgeh�ndigt haben. Hey - vielleicht hat sie es Wainwright zugesteckt. Er h�tte es nicht selbst mitbringen k�nnen. Enge Jeans, Turnschuhe, kurz�rmliges Hemd.�</p><p>���Au�erdem ist er nicht in die N�he des Podests gekommen.�</p><p>���Wer k�me sonst noch in Betracht? Die lesbische Frau hatte Hosen an - sie h�tte es reinbringen k�nnen. F�r die Blondine d�rfte es schwierig gewesen sein. Gibbs h�tte es in seiner Strickjacke verstecken k�nnen. Gamelin und die Beavers h�tten es ebenfalls verstecken k�nnen und auch dieser Junge, der einen Sprung in der Sch�ssel hat. Er hatte einen ausgeleierten Pulli an. Oder Gamelins Gattin - in ihrem Kleid h�tte die einen ganzen Besteckkasten verbergen k�nnen. Das gilt auch f�r ihre Tochter im Sari.�</p><p>��Troy sch�rzte ang�widert die Lippen. Wenn er etwas auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann wei�e Frauen, die sich wie Schwarze kleideten. �Wenn die mir geh�ren w�rde�, murmelte er, �w�rde ich sie heimschleifen, das rote Zeugs abwaschen und sie mal ordentlich �bers Knie legen.�</p><p>���Menschen &gt;geh�ren&lt; uns nicht, Sergeant. Sie sind weder Autos noch Waschmaschinen. Und Sie haben jemanden vergessen.�</p><p>���Nein, habe ich nicht.� Barnaby zeigte auf die Zeichnung an der Wand. �Craigie?� Troy lachte ungl�ubig. �Nun, er wird doch nicht dem M�rder in die Hand spielen, indem er das Messer selber reinschmuggelt, oder?�</p><p>���Er war anwesend. Wir d�rfen ihn nicht ausschlie�en. Wie gehen wir immer vor, Troy?�</p><p>���Wir halten uns alle M�glichkeiten offen�, rezitierte Troy mit einem Seufzer und dachte, da� manche Leute sich derart viele M�glichkeiten offenhielten, da� sie vor lauter Wald die B�ume nicht mehr sahen.</p><p>���Schauen Sie doch mal nach, ob es noch mehr von diesen Donuts gibt.�</p><empty-line/><p>Janet durchst�berte Trixies Zimmer. Wie sinnlos das war, begriff sie schnell. Sie hatte es schon zweimal durchsucht, zuerst ziemlich hastig und halb wahnsinnig vor Kummer, danach noch einmal langsam und sorgf�ltig. Ganz systematisch war sie jede einzelne Schublade durchgegangen. Hatte unter die Matratze, unter die Teppiche geschaut, B�cher durchgebl�ttert und in einem Augenblick totaler Verzweiflung sogar den Kaminrost kontrolliert. Nur Hinweise, wohin Trixie wohl geflohen sein mochte, fand sie keine.</p><p>��In Wahrheit suchte Janet nat�rlich einen Brief. Davon gab es weit und breit keine Spur. Nicht einmal ein paar Papierschnipsel, die einem, nachdem man sie zusammengesetzt hatte, eine Adresse verrieten. Auch im Adre�buch, das im B�ro lag, stand nichts. Nach telefonischer Anmeldung war Trixie �bers Wochenende zu Besuch gekommen und nicht wieder gegangen, nachdem eine Finanzierungsm�glichkeit gefunden worden war.</p><p>��Die Intensit�t ihres Leids setzte ihr genauso stark zu wie das Leiden selbst. Wie hatte sie es zulassen k�nnen, an solch einen Punkt zu gelangen? Die Entwicklung war heimt�ckisch vonstatten gegangen. Anf�nglich hatte sie Trixie nicht mal gemocht. Das M�dchen war ihr oberfl�chlich und dumm vorgekommen. Sie beide hatten nichts gemein gehabt. Dann, peu � peu, hatte sie begonnen, die j�ngere Frau zu bewundern, und sie schlie�lich um ihre heitere Natur beneidet. Um ihre Selbstsicherheit und ihre Schlagfertigkeit. Janet, bei deren Erziehung man gro�en Wert auf h�fliche Zur�ckhaltung gelegt hatte, litt permanent unter ihrer Gehemmtheit und darunter, da� ihre guten Manieren ihr verboten, mit der Sprache rauszur�cken.</p><p>��Ziemlich fr�h war ihr aufgefallen, da� Trixie keine wahre Sucherin war. Da� sie sich nicht sonderlich f�r eine andere Bewu�tseinsebene interessierte. Sie hatte meditiert, hatte ein paar Unterredungen mit dem Meister gehabt und bei quasireligi�sen Diskussionen hin und wieder ein paar ehrerbietige Bemerkungen fallenlassen, aber Janet wu�te, da� sie nicht mit dem Herzen dabei war. Irgendwann war sie zu der �berzeugung gekommen, da� Trixie nur das N�tigste tat, um einen Fu� in der T�r zu behalten. H�ufig hatte Janet das Bed�rfnis versp�rt, sie zu fragen, aus welchem Grund sie auf Manor House lebte. Aus Mangel an Mut war es jedoch nie dazu gekommen. Trixie behauptete immer, da� ihr Neugierde verha�t war.</p><p>��Am Schminktisch sitzend und die frischen Rosen in der Vase betrachtend, war Janet ganz krank vor Sehnsucht. Erneut zog sie die oberste Schublade heraus und inspizierte das, was von Trixie �briggeblieben war. Eine halbvolle Packung Tampax, ein rosa Angorapulli, der unter den Achseln roch, und ein paar Bahnhofsschm�ker, schlecht geschrieben und recht pornographisch (Janet hatte ein paar Seiten �berflogen). Sp�testens auf Seite sieben hatte jeder seine Unschuld verloren.</p><p>��Janet z�hlte eins und eins zusammen. Furcht mu�te Trixie dazu getrieben haben abzuhauen. Diese Angst hatte irgend etwas mit Guy Gamelin zu tun. Noch im Tod besa� dieser monstr�se Mann die Macht, Schaden anzurichten. Janet stellte sich vor, wie Trixie allein und ver�ngstigt auf der Flucht war. Hatte sie Geld? W�rde sie per Anhalter reisen? Nicht nach all den schrecklichen Geschichten, die einem zu Ohren kamen. Irgendwann zwischen halb elf und zw�lf mu�te sie weggegangen sein. Wahrscheinlich hatte sie sich mit ihrem Koffer mit den blauen Rollen durch die Halle geschlichen, w�hrend Janet nur ein paar Meter weiter in der K�che zugange gewesen war.</p><p>��O Gott!</p><p>��Sie sprang vom Stuhl auf und schlang die Arme fest um ihren Brustkorb. In diesem Augenblick brauchte Trixie ihre Freundschaft mehr denn je. Janet hatte soviel zu geben. Sie konnte sp�ren, wie es wie ein gro�er, schwerer Klumpen dort lag, wo eigentlich ihr Herz h�tte sein m�ssen. Ihr ganzes Leben lang schien sie ihn mit sich herumgetragen zu haben, und von Tag zu Tag wurde er schwerer.</p><p>��Pl�tzlich fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild. Ihre Haare standen wild ab, die Haut spannte sich �ber ihrer Hakennase. Als ihr d�mmerte, da� Trixie wom�glich nie wieder zur�ckkehren w�rde, sp�rte sie einen dicken Klo� im Hals. Wurde sich des Verlustes erst richtig bewu�t. Das Ausma� ihrer Qualen zwang sie fast in die Knie. Sie hatte das Gef�hl, in Zukunft in unertr�glichem Zwielicht leben zu m�ssen, ohne jemals die Sch�nheit eines strahlenden Tages kennengelernt zu haben.</p><p>��Vor einiger Zeit hatte sie mal gelesen, da� die Intensit�t eines wirklich starken Gef�hls alle Erinnerungen auszul�schen vermochte. Janet bildete sich ein, das Vergessen ertragen zu k�nnen. Ihre Liebe zu Trixie war einem dumpfen Schmerz vergleichbar, �hnelte einer verlorenen Erinnerung. Diesem Bild haftete etwas Sauberes, Strenges an. Mit Sicherheit zu wissen, da� man niemals Trost fand, war auch ein Trost. Sie w�rde allein bleiben und das unbeugsame, zutiefst unbefriedigende Epigramm in Erinnerung behalten, da� man im Leben nur bekam, was man wollte, wenn man wollte, was man bekam.</p><p>���Finde dich damit ab�, h�tte ihre Mutter ihr in diesem Fall geraten. �Ich werde mich damit abfinden.� Da� sie das immer gesagt hatte, daran erinnerte sich Janet noch sehr gut. Diesen Ausspruch hatte sie immer dahingehend gedeutet, da� man nicht genau das kriegte, was man wollte, da� das aber immer noch besser war als gar nichts.</p><p>��Kaum hatte Janet entschieden, sich mit dem schmerzlichen Verlangen nach menschlichem Kontakt zufriedenzugeben, mit einem Hauch von W�rme, der einem das Leben ertr�glich machte, da schn�rte es ihre Brust zusammen. Bitterlich weinend, tauchte sie ihr Gesicht in die duftenden Rosen.</p><empty-line/><p>Christopher und Suhami hatten sich ins B�ro zur�ckgezogen. Sie schaute aus dem Fenster, er sa� an dem einbeinigen Tisch, an dem Barnaby die Verh�re durchgef�hrt hatte. Neben Christophers Fu� stand ein kleiner Schweinslederkoffer, und auf dem Tisch lag ein gro�er, unverschlossener Briefumschlag. In dem seit drei Tagen nicht mehr benutzten Raum bildete sich auf allen Gegenst�nden schon eine d�nne Staubschicht.</p><p>��Das Paar unterhielt sich �ber den Tod. Suhami mit der getriebenen Gereiztheit eines Menschen, der sich verpflichtet f�hlt, eine alte Wunde zu begutachten, Christopher, der langsam ebenfalls m�rrisch wurde, mit gro�en Widerwillen.</p><p>���Es ist unm�glich, oder?� sagte sie. �Sich vorzustellen, wie es sich anf�hlt, tot zu sein. Man stellt sich vor, bei der eigenen Beerdigung anwesend zu sein. Man sieht, wie die Trauerg�ste weinen. Man sieht die vielen Blumen. Dennoch, man mu� leben, um sich dieses Bild ausmalen zu k�nnen.�</p><p>���Ich denke schon. K�nnen wir nicht �ber etwas anderes sprechen?� Sie antwortete ihm nicht. Ungeduldig stellte er den Koffer auf einen Stuhl mit gerader Lehne. �Wir k�nnten die Sachen deines Vaters durchsehen?�</p><p>���Was gibt es da durchzusehen? Das sind nur Klamotten. Wenn jemand n�chstes Mal nach Causton f�hrt, soll er die Sachen in den Laden einer wohlt�tigen Organisation tragen.�</p><p>���Und da ist noch dieser Umschlag.�</p><p>���Ich wei�, ich wei�. Ich habe den Empfang quittiert, nicht wahr?�</p><p>���Beruhige dich.� Er sch�ttete den Inhalt auf den Tisch. Guys Brieftasche, seine Schl�ssel, ein Taschentuch, ein Zigarrenabschneider und ein Feuerzeug. Ein leeres braunes Glasr�hrchen. Eine kleine Karte, zerknittert, als habe sich jemand daran festgehalten. Eingraviert war eine Nachricht von Ian und Fiona (Besitzer). Christopher drehte die Karte um. Eine Elfe mit Schuhen, deren Spitzen hochgebogen waren, zeigte mit einem Stab auf eine kursiv gesetzte Zeile: Sie zu erfreuen ist unser wahres Anliegen. Wm. Shakespeare. Und da war noch etwas anderes im Umschlag. Ganz unten im Knick.</p><p>��Christopher fuhr mit der Hand hinein und holte die Armbanduhr heraus. Diesen ungew�hnlich sch�nen, nur aus Juwelen, Edelmetall und geschliffenem Glas bestehenden Gegenstand nahm er in die Hand. Er hielt den Atem an (er konnte nicht anders) und sp�rte, wie sie sich umdrehte. Als er aufschaute, beobachtete Suhami ihn. Ihr Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. Er legte die Uhr auf den Tisch. Auf dem dunklen Rosenholz funkelte sie wie ein Stern. Als er endlich wieder sprechen konnte, ohne sich seine Habsucht anmerken zu lassen, sagte er: �Was meinst du? Sollten wir diese Sachen deiner Mutter geben?�</p><p>���Wohl kaum.� Suhami trat n�her. �Das letzte, was sie brauchen kann, sind Erinnerungsst�cke. Ihren derzeitigen Zustand hat sie ihm zu verdanken.�</p><p>���Dieses R�hrchen ist leer.�</p><p>���Herztabletten.�</p><p>���Dann hatte er also noch Zeit, sie einzunehmen.�</p><p>���So scheint es.�</p><p>���Da steckt noch was in seiner Brieftasche.� Das metallischcremefarbene Lederbeh�ltnis mit den gro�en Krokodilschuppen war auf einer Seite ausgebeult. Als Christopher die Finger in das Fach schob, flog Konfetti heraus. Ein paar Schnipselchen fing er mit der Hand auf. �Das ist Geld.�</p><p>���Wie grotesk.� Suhami musterte die verstreuten Fragmente.</p><p>��Auf einmal wurde sie unerkl�rlicherweise von Angst ergriffen. �So etwas w�rde er niemals tun. Es sei denn...� F�r einen Sekundenbruchteil sah sie Guy in extremis, wie er schlagartig die Sinnlosigkeit seines Reichtums erfa�te und symbolisch einen gro�en Geldschein zerri�. Gleich darauf wurde ihr klar, wie sentimental und unsinnig dieses Bild war.</p><p>���Es sei denn was...?�</p><p>���Keine Ahnung. Er war... ziemlich am Ende. Emotional gesehen. Neulich nachmittag, im Verlauf unserer Unterhaltung, tat er mir beinahe leid. Nicht da� ich es mir h�tte anmerken lassen.�</p><p>���Wieso nicht?�</p><p>���Er verabscheute jedwede Zurschaustellung von Gef�hlen. In seinen Augen war das mit Schw�che gleichzusetzen.�</p><p>���Klingt alles ein bi�chen traurig.�</p><p>���Vergeude nicht deine Gef�hle an ihn�, meinte Suhami. �Er hat das Messer genommen, vergi� das nicht. Ach - r�um die verdammten Sachen weg. Nein - warte...� Sie nahm die Armbanduhr und hielt sie ihm hin. �Hier - nimm sie.�</p><p>���Wie bitte?�</p><p>���Nimm sie.� Fassungslos starrte er sie an. �Nur zu.�</p><p>��Christopher schluckte. Langsam, als k�nne er es nicht verhindern, wanderte sein Blick zu der Uhr hin�ber. �Das kann nicht dein Ernst sein.�</p><p>���Warum nicht?�</p><p>���Ich wei� nicht, sie ist so unglaublich... so...� Er wu�te wohl, da� seine Gier sich auf seinem Gesicht spiegelte, doch �ndern konnte er daran nichts. �Wem geh�rt sie nun?�</p><p>���Mir. Er hat immer behauptet, er w�rde alles mir vermachen.�</p><p>���Du kannst doch nicht einfach...� Seine Gier dr�ngte ihn, den Arm zu heben, die Finger, die Hand auszustrecken.</p><p>���Gewi� - ich kann.� Sie machte einen Satz, dr�ckte ihm die Uhr in die Hand und wich wieder zur�ck.</p><p>���Bist du sicher?�</p><p>���Klar doch.� Sie wich immer weiter von ihm zur�ck. �Verkauf sie, wenn du willst. Kauf dir das, was die Agenten einen guten Ruf nennen. Nur trag sie bitte nicht, wenn du dich in meiner N�he auf h�ltst.�</p><p>��Christopher stopfte die Uhr in seine Tasche. Sie wog nichts. Die Gr��e des Geschenks verschlug ihm die Sprache. Auf der anderen Seite best�rzte ihn die beil�ufige Art, mit der sie es ihm gegeben hatte. Suhami hatte ihm die Uhr praktisch unter die Nase gehalten. War die ganze Angelegenheit eine Art Pr�fung gewesen, und hatte er versagt, indem er das Geschenk angenommen hatte? Zweifelsohne ging von ihr eine gewisse Hochspannung aus, die er nicht nachvollziehen konnte. Mit einem Mal bildete er sich ein, da� die Uhr eine Art Abschiedsgeschenk gewesen war, da� sie beschlossen hatte, ihren eigenen Weg zu gehen, ohne ihn. Diese Einsch�tzung stimmte ihn -nicht nur wegen dieser beleidigenden �Abfindung� - zornig. Er zog Suhami einem Zeitmesser in jedem Fall vor, egal, wie au�ergew�hnlich der auch sein mochte.</p><empty-line/><p>Nach drei Uhr fuhren Barnaby und Troy vor Manor House vor. May begr��te sie. In ihrem mehrfarbig gestreiften Djeballa, der von einem Kupferg�rtel zusammengehalten wurde, wirkte sie unerh�rt extravagant.</p><p>���Ah - da sind Sie ja.� Als h�tte man sie pers�nlich vorgeladen. �Ich freue mich sehr �ber Ihr Kommen, denn ich mu� Ihnen etwas sagen.�</p><p>���Ach ja, Miss Cuttle?� Barnaby folgte ihr in die Halle. Bis auf das leise Klappern von Geschirr herrschte im Haus Stille. Ihm fiel das farbenfrohe, durchs Oberlicht einfallende Licht auf, und er gab einen Kommentar dazu ab.</p><p>���Wir aalen uns darin, Chief Inspector. Wir laden unsere Psyche damit auf. Wenigstens einmal pro Tag. Untersch�tzen Sie niemals die heilende Kraft der Farben. Vielleicht m�chten Sie...�</p><p>���Ein anderes Mal. Was wollten Sie -?�</p><p>���Nicht hier.� Schnellen Schrittes marschierte sie weiter und gab ihnen mit hocherhobenem Arm und wedelnder Hand zu verstehen, da� sie ihr folgen sollten. Ihr Anblick lie� Barnaby an den Kommandoturm eines Unterseebootes denken.</p><p>��Heute fiel ihr Haar locker auf die Schultern herab. Eine Wolke aus Korkenzieherlocken, Wellen, Kringeln, begrenzt von einem zerzausten Pony, der bei einer nicht ganz so rubenesken Gestalt keck gewirkt h�tte. Ihr zu folgen war kein Problem. Tats�chlich schien die magnetische Anziehungskraft ihres flie�enden Gewandes gar keine andere M�glichkeit zuzulassen. Sie scheuchte sie in ein Zimmer, warf kurz einen Blick den Flur hoch und runter und schlo� dann die T�r.</p><p>��Nach dieser aufwendigen Einleitung rechnete Barnaby damit, da� May sofort einen ganzen Schwall wichtiger Informationen ausspucken w�rde, doch sie wartete ein wenig, r�mpfte ihre sch�ne r�mische Nase und bewegte ihre zarten Nasenfl�gel. Schlie�lich sagte sie: �Hier gibt es eine ganze Reihe negativer, unerh�rt negativer Schwingungen.� Ihr Blick tanzte zwischen den beiden M�nnern hin und her. �Ich nehme an, sie gehen von Ihnen aus.� Troy zog die Augenbrauen hoch. Cool wie immer. �Ich mu� Sie um etwas Geduld bitten, bis ich die positiven Ionen wiederhergestellt und meinen Vitalit�tsindex erh�ht habe.�</p><p>��Sie setzte sich an einen kleinen runden Tisch, auf dem eine orangefarbene Chenilledecke mit Fransen lag, st�tzte die Ellbogen auf dem Rand ab und schlo� die Augen. Mehrere Minuten verstrichen.</p><p>��Ist jemand zu Hause? fragte sich Troy. Er hoffte inst�ndig, da� ihm nicht seine Tante Doris erschien. Er hatte ihr f�nfzig Pfund geschuldet, als sie von einem Ford Sierra �berfahren wurde. Sie war extrem spitzz�ngig gewesen.</p><p>���Oh! Glei�ende helle Strahlen flie�t in mich! Erquickender allumfassender Frieden entfalte dich und schaffe Harmonie unter Vestas alles sehenden Augen. Ida und Pingala - kreuzt meine Schwingungsknoten.�</p><p>��Bei den ersten laut ausgesprochenen Worten h�tte Troy fast einen Satz gemacht. Seine Schuhe musternd, weigerte sich Barnaby beharrlich, den Blick seines Sergeants zu erwidern. In einer Zimmerecke registrierte er einen gr��eren Tisch, auf dem mehrere Flaschen mit heller Fl�ssigkeit standen. Zweifelsohne Futter f�r die Leichtgl�ubigen. May atmete ein paarmal hintereinander laut aus und ein, blickte sich dann um und bedachte die beiden Beamten mit einem warmen, freundlichen L�cheln.</p><p>���Ja. Ist es jetzt nicht besser? F�hlen Sie sich wohl?� Barnaby nickte. Troy stierte weiterhin wie gebannt aus dem Fenster.</p><p>���Heute nacht habe ich nicht geschlafen, wie Sie sich bestimmt vorstellen k�nnen, aber nach dem Mittagessen habe ich mich kurz hingelegt und bin wegged�st. W�hrend dieser kurzen Ruhepause erhielt ich einen Besuch vom gr�nen Meister Rakowsky. Er erteilt Ratschl�ge in juristischen Fragen, wie Sie wahrscheinlich wissen d�rften, und er schlug mir vor, mit Ihnen zu sprechen.�</p><p>���Ich verstehe�, sagte der Chief Inspector. Die Selbstverst�ndlichkeit, mit der May davon ausging, da� er in diesen Dingen bewandert war, irritierte ihn sehr.</p><p>���Mein Anliegen steht nicht in Verbindung mit der Wiedergeburt des Meisters, sondern mit einer ganz anderen Sache, die mir schon seit l�ngerem Kopfzerbrechen macht und �ber die ich gerade in dem Augenblick, als der Meteor vom Dach fiel, mit Christopher reden wollte. Dann ist es mir aber wieder entfallen. Zu jenem Zeitpunkt begriffen wir nicht, da� das ein Vorbote war.� Barnabys nichtssagende Miene als Unverst�ndnis auslegend, f�gte sie freundlich hinzu: �Das hei�t ein Omen, wissen Sie.�</p><p>���Ja�, antwortete der Chief Inspector.</p><p>��May blickte zum Fenster hin�ber, an dessen Rahmen Troy seinen Kopf pre�te. �F�hlt sich Ihr Sergeant nicht wohl?�</p><p>���Es geht ihm gut.�</p><p>���Ich f�rchte�, fuhr May fort, �ich kann meine Vogel-Strau�-Mentalit�t nicht l�nger aufrechterhalten. Hier stimmt ganz eindeutig irgend etwas nicht.�</p><p>��Gro�er Gott, dachte Barnaby, da steckt sie bis zum Hals in Mord und begreift nun endlich, da� was nicht stimmt.</p><p>���Alles fing an, nachdem Jim Carter uns verlassen hat.�</p><p>���An den Namen entsinne ich mich nicht, Miss Cuttle.�</p><p>���Nein. Er verstarb, ehe Sie hier eintrafen.�</p><p>��Darauf lie� sich Barnaby erst gar nicht ein. �Und wer war er?�</p><p>���Oh, ein guter Mensch. Eines unserer �ltesten Mitglieder. Er hatte einen Unfall - einen t�dlichen Unfall. Es �berrascht mich, da� Sie nichts dar�ber wissen.�</p><p>���T�dliche Unf�lle fallen nicht in unseren Zust�ndigkeitsbereich.�</p><p>���Es gab eine Untersuchung.� May musterte Barnaby in einer Art und Weise, als habe er heimlich im Heuschober geraucht. �Ein, zwei Tage nach seinem Tod war ich auf dem Weg in die Waschk�che und wurde Zeuge einer Unterhaltung. Oder zumindest eines Teils einer Unterhaltung. Die T�r zu des Meisters Heiligtum stand einen Spalt offen. Jemand sagte: &gt;Was hast du getan? Falls sie beschlie�en, eine Obduktion vorzu-&lt; Dann senkten sie die Stimmen und schlossen die T�r.�</p><p>���Haben Sie gesehen, wer da gesprochen hat?�</p><p>���Nein, ein Wandschirm versperrte mir die Sicht.�</p><p>���War es Ihrer Ansicht nach Mr. Craigie, der da sprach?� Beim Reden beugte Barnaby sich vor. Troy h�rte auf, das Fenster zu massieren und wandte sich mit fragendem Blick den anderen zu. Anspannung machte sich im Zimmer breit.</p><p>���Keine Ahnung. Die Stimme klang ziemlich gepre�t. Als die Untersuchung anberaumt wurde und der Bericht des Pathologen vorlag und alles in Ordnung zu sein schien, nahm ich an, ich w�rde den Worten zu gro�e Bedeutung beimessen. Ein paar Wochen sp�ter weckte mich mitten in der Nacht ein Ger�usch. Leises Poltern, als verr�cke jemand vorsichtig M�bel, und Knarzen wie beim �ffnen und Schlie�en von Schubladen.�</p><p>���Woher kamen die Ger�usche?� wollte Troy wissen.</p><p>���Von nebenan - aus Jims Zimmer. Es war nicht verschlossen, wieso also diese seltsame Heimlichtuerei? Warum ging der Betreffende nicht einfach bei Tag rein?�</p><p>���Ein Einbrecher?� schlug Barnaby vor.</p><p>���Ganz gewi� nicht�, meinte May und schilderte, wie die Person am Haus entlanggelaufen war.</p><p>���Warum haben Sie nicht die Polizei verst�ndigt?�</p><p>���Nun, wissen Sie, so handeln wir hier nicht.� May warf Troy ein tr�stendes L�cheln zu. �Ich bin sicher, Sie sind sehr kompetent, aber diese Reaktion h�tte wom�glich gro�en psychischen Schaden angerichtet.�</p><p>���Glauben Sie, da� er - oder sie - beim Wegrennen geh�rt hat, wie Sie Ihr Fenster �ffneten? Ich nehme an, die betreffende Person wu�te, da� Ihr Zimmer nebenan lag.�</p><p>���Durchaus m�glich.� Sie warf ihm einen Blick aus ihren strahlend hellen Augen zu. �Ist das wichtig?�</p><p>��Auf diese Frage reagierte Troy mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Fassungslosigkeit. Diese Frau fuhr einen Wagen, k�mmerte sich um die finanziellen Angelegenheiten der Kommune, handhabte alle Bankgesch�fte und umsorgte gelegentlich eine stattliche Anzahl von Besuchern. All diese F�higkeiten gingen Hand in Hand mit dem Glauben an Erzengel, au�erirdische Hilfe in h�uslichen und juristischen Dingen und an einen astralen Messerwerfer, der den gro�en Meister m�helos in eine andere Dimension bef�rdert hatte. Er beobachtete, wie sie seinem gequ�lt dreinblickenden Chief sachte die Hand auf den Arm legte.</p><p>���F�hlen Sie sich nicht ganz wohl, Inspector Barnaby?�</p><p>��Barnabys R�uspern h�rte sich wie ein trockenes Scharren an. May machte einen besorgten Eindruck. �Ein zugeschn�rter Kehlkopf weist manchmal auf gravierende Nierenprobleme hin.� Die Gelassenheit, mit der er auf die formidable Diagnose reagierte, lie� sie fortfahren: �Es w�rde keine M�he machen, f�r Sie kurz den Passionsblumeninhalator zu holen.� Barnaby zog sich unwiderruflich in sich zur�ck.</p><p>��So was kann er nun gerade �berhaupt nicht ausstehen, konstatierte Troy. Dieser alte Teufel. M��te einen Gang runterschalten.</p><p>��Barnaby sp�rte Mays Entt�uschung. Traurig sch�ttelte sie den Kopf, doch ihre opulente Selbstsicherheit nahm keinen Schaden. Es war nicht von der Hand zu weisen, da� sie zu den Menschen geh�rte, die stets anderen helfen mu�ten. Er zweifelte nicht an der Echtheit ihrer Freundlichkeit, vermutete jedoch, da� sich ihre Anteilnahme dergestalt �u�erte, da� sie das vorliegende Problem gem�� ihrer eigenen Prinzipien anpackte und sich in Wahrheit nicht bem�hte, den N�ten des Hilfesuchenden gerecht zu werden.</p><p>���D�rften wir m�glicherweise einen Blick in Mr. Carters Zimmer werfen?�</p><p>���Da gibt es nichts zu sehen. All seine Sachen sind weg.�</p><p>���Nichtsdesto trotz...�</p><p>���Ich m�chte Ihnen einen Rat geben�, sagte sie und setzte sich in Bewegung, �der Ihnen helfen d�rfte. Ziehen Sie ein Tausendsch�n mit der Wurzel heraus, an einem Freitag, an dem Vollmond ist, ansonsten funktioniert es nicht. Wickeln Sie die Pflanze in ein wei�es Tuch, es mu� aus Leinen sein, und tragen Sie sie auf der Haut. Fortan k�nnen Kugeln Ihnen nichts anhaben.�</p><p>���Zu diesem Zweck gibt die Polizei Westen aus, Miss Cuttle.�</p><p>���Sieh an, sieh an. Taugen die was?� Auf einmal war sie richtig interessiert. �Tragen Sie jetzt auch eine kugelsichere Weste? D�rfte ich eventuell einen Blick darauf werfen?�</p><p>��Mays Augen funkelten, ihre Bernsteinohrringe ebenfalls. �berraschenderweise mu�te sie feststellen, wie ungemein aufregend es war, an einer polizeilichen Ermittlung beteiligt zu sein. Sie fragte sich, ob auf Windhorse, wo es weder Fernsehen, Radio noch Druckerzeugnisse profaner Natur gab, nicht nur alle negativen Schwingungen ausgemerzt wurden, sondern dar�ber hinaus eine ganze Palette lebendiger Farben. Ich sollte �fter ausgehen, dachte sie, und sch�mte sich auf der Stelle f�r ihren Mangel an Loyalit�t.</p><p>���W�rden Sie sagen, da� ich Ihnen &gt;bei Ihrer Untersuchung behilflich&lt; bin, Inspector?� Sie blieb vor dem Zimmer neben ihrem stehen. �Ich habe mich des �fteren gefragt, was mit diesen Worten gemeint ist.�</p><p>��Kaum hatte sie dies gesagt, �ffneten die Herren die T�r, bedankten sich kurz und knallten ihr die T�r vor der Nase zu.</p><p>��Barnaby und Troy schauten sich um. Das Zimmer war so ordentlich wie eine Seemannskaj�te. Ein Minimum an M�beln. Zwei helle Eichenst�hle mit hohen, geraden Lehnen, ein schmales Bett, ein Kartentisch, ein Schrank mit einer leeren Schuhschachtel (das Etikett k�ndete von eleganten italienischen Slippern) und eine Kommode mit mehreren Schubladen. An der gegen�berliegenden Wand war ein einfaches Holzbrett mit drei Haken angeschraubt worden. Die Bettdecke war aus wei�em grobem Baumwollstoff gefertigt, wie man sie auf Eisenbettgestellen in M�nnerwohnheimen fand. Der Bett�berwurf war krankenhausm��ig umgeschlagen und straff �ber die Matratze gespannt. Die strenge Zur�ckhaltung pa�te gut zum restlichen Raum, in dessen puritanischer Schlichtheit eine Falte extrem woll�stig gewirkt h�tte. An einer der W�nde hing ein Poster mit folgendem Ausspruch: Gott ist ein Kreis, Dessen Zentrum �berall und dessen Grenzen nirgendwo sind.</p><p>��Troy kontrollierte die Schubladen. Leer. Barnaby lie� seinen Blick schweifen und wunderte sich �ber den augenf�lligen Beweis, da� es eine direkte Verbindung zwischen physischer Unbequemlichkeit und spiritueller Verwirklichung gab. Er dachte an Bettelm�nche in B��erhemden, an Selbstgei�elung, an Yogis, die jahrelang in H�hlen zubrachten, an M�rtyrer, die sich in die Flammen st�rzten oder den gefr��igen M�ulern gro�er Raubkatzen auslieferten. Diese Form der Lebensf�hrung kam dem Inspector sinnlos vor. Er liebte seine Bequemlichkeiten. Den vielbenutzten Sessel nach einem langen Tag, Musik, die aus offenstehenden Terrassent�ren schallte. Er liebte es immer noch, mit Joyce ins Bett zu gehen. Oder an einem warmen Feuer zu sitzen und die klaren Konturen ihres Profils zu beobachten.</p><p>��Dem Chief Inspector war es nicht gegeben, sich l�nger mit philosophischen Themen zu besch�ftigen. Was nicht nur daran lag, da� es ihm an der n�tigen Zeit mangelte, sondern auch dem Umstand zuzuschreiben war, da� derlei Gedanken in seinen Augen unerh�rt hochtrabend waren. Er gab sich M�he, ein anst�ndiges Leben zu f�hren. Er sorgte f�r Frau und Tochter, ging einer anst�ndigen Arbeit nach und unterst�tzte ein halbes Dutzend karitativer Einrichtungen. Er hatte wenig Freunde, da er seine knapp bemessene Freizeit gern mit seiner Familie verbrachte, doch die Freunde, die er besa�, konnten sich in schwierigen Zeiten auf seine Unterst�tzung verlassen. Insgesamt hatte er es - seiner eigenen Einsch�tzung nach - nicht schlecht getroffen. Eigentlich sogar so gut, da� die Waagschale - sollte es so einen hinterlistigen metaphysischen Witz wie das J�ngste Gericht geben - in seine Richtung ausschlug.</p><p>���Nicht viel f�r ein ganzes Leben, nicht wahr, Sir?� Troy war an das B�cherregal getreten. Drei Holzbretter, die auf einer � Reihe amethystfarbener Steine aufgeschichtet waren. Er kniete sich hin, um ein Buch aus dem untersten Regal hervorzuziehen. �Hier gibt es einen Schinken �ber W�lfe.� Er reichte es weiter. �Meine Biographie von R. R. Hood.� Er kicherte.</p><p>��Barnaby wu�te nie zu sagen, ob sein Sergeant sich tats�chlich f�r witzig hielt. Das Gegenteil anzunehmen war unh�flich. Er warf einen Blick auf den Buchr�cken. Der Autor war ein gewisser Wolf Messing, der auf dem Umschlag als �wichtigster russischer Seelenheiler� ausgewiesen wurde. Barnaby machte sich daran, selbst ein Buch herauszuziehen. Deathing: Eine intelligente Alternative, den Tod bewu�t zu erleben von Anya Foos-Graber. Aufgeheitert durch die Nachricht, da� es eine Alternative gab, tat es dem Inspector nur leid, da� es dem armen alten Jim nicht gelungen war, das Prinzip zu erfassen.</p><p>��Entweder das, oder er hatte keine Zeit gehabt, seine Intelligenz ins Spiel zu bringen.</p><p>���Ist besser, wenn wir sie alle durchsehen - man wei� ja nie.� Die beiden M�nner zogen einen Band nach dem anderen heraus und bl�tterten sie durch. In der irrigen Annahme, ausschlie�lich auf fern�stliche Themengebiete zu sto�en, �berflog Barnaby angenehm �berrascht die Titel. Sufismus, Buddhismus, Sagen, Mythen und Legenden �ber Druiden, Runensysteme, Rosenkreuzer, eine Jung-Fibel. Und es gab auch B�cher zu I Ging, zu UFOs, The Tao of Physics und das Arkana Dictionary of New Perspectives. Die meisten waren gebrauchte Taschenbuchausgaben. Der dickste Band hatte drei Pfund f�nfundsiebzig, der billigste f�nfundzwanzig Pence gekostet.</p><p>���Er mu� doch auch pers�nliche Gegenst�nde besessen haben, Chief?� Troy bl�tterte das letzte Buch durch und stellte es vorsichtig zur�ck. �Die meisten Menschen besitzen zumindest eine Geburtsurkunde, ein paar Fotografien. Man kann nicht existieren, indem man nur die Klamotten, die man am Leib tr�gt, und ein paar B�cher sein eigen nennt.�</p><p>���M�nche schon.�</p><p>����hm... ja... M�nche.� Troys Tonfall verriet ein derart tiefes Unverst�ndnis, als w�rden die beiden sich �ber Marsmenschen unterhalten. Barnaby nahm The Meaning of Happiness heraus. Wen w�rde das nicht interessieren?</p><p>���Eins hier ist von einem Yogi. Um ehrlich zu sein, von Yogi-B�r. Zehn aufregende Porridgegerichte.�</p><p>���Wenn Ihnen nichts anderes einf�llt, als dumme Witze zu machen, k�nnen Sie gehen und Mrs. Gamelin verh�ren.�</p><p>���In Ordnung. Haben Sie eine Ahnung, wo sie steckt?�</p><p>���Sie verf�gen doch �ber Sprechwerkzeug. Fragen Sie. Sie wissen, was wir erfahren m�chten.�</p><p>��Ich wei�, was ich will. Eine sch�ne lange, gutriechende Zigarette. Troy machte die T�r auf und stolperte beinah �ber May, die umgehend anbot, ihn zu Felicity zu bringen. Auf dem Weg dorthin warf sie ihm wiederholt ermutigende Blicke zu und blieb einmal sogar stehen, um vorzuschlagen, er d�rfe sich sein Haar nicht so kurz schneiden lassen, weil Haare als Antenne f�r kosmische Kr�fte fungierten.</p><p>���Der Siegertempel auf der Venus steht Ihrem Bewu�tsein am siebzehnten dieses Monats offen. Sind Sie daran interessiert, an einer kleinen Heilungszeremonie teilzunehmen?�</p><p>��Troys Verbl�ffung kannte keine Grenzen mehr. �Sie m�ssen sich dringend heilen lassen, wissen Sie? Sehr dringend.� Sein Schweigen als Unentschlossenheit auslegend, fuhr sie fort: �Hier behandeln wir den ganzen Menschen. Bei einem gew�hnlichen Arzt kriegen Sie einfach ein Medikament verschrieben. Werden Sie ins Krankenhaus eingeliefert, k�mmern sich die Chirurgen ausschlie�lich um das betroffene Organ und nicht um den Menschen mit all seinen Facetten.�</p><p>��Troy, der sein ganzes Erwachsenenleben damit zugebracht hatte, nach einer Frau mit solch ausgepr�gtem Talent f�r uneigenn�tzigen Eifer zu suchen, seufzte laut auf. �Ja... nun... bin augenblicklich sehr besch�ftigt. Mit dem kleinen Baby und all dem...�</p><p>��Troy auf der Galerie zur�cklassend, betrat May Felicitys Zimmer, um gleich darauf wieder herauszukommen und zu sagen: �Sie ist wach, aber ihr Energiefeld ist immer noch sehr schwach, darum -�</p><p>���Wir werden schon zurechtkommen, Miss Cuttle.�</p><p>��Troy erkannte Felicity kaum wieder. An einen Berg aufgesch�ttelter Kissen gelehnt, sa� Felicity im Bett. Ihr Haar war mit einem bunten Band zur�ckgebunden, und sie trug ein blaues Seidengewand. F�r Troy war das Sch�nste an diesem Verh�r, da� er die ganze Zeit rauchen konnte, ohne sie um Erlaubnis zu fragen. Dieser kleine Vorteil wurde allerdings von dem Umstand, da� sie ihn kaum wahrnahm, geschweige denn zu einer Aussage zu �berreden war, betr�chtlich geschm�lert.</p><p>��Im Grunde genommen kam sie ihm noch abgedrehter als gestern vor. Erinnerte sich kaum, wo sie auf dem Podest gesessen und wer neben ihr gewesen war. Troy fragte sich, inwieweit sie den Mord absichtlich ausblendete. Der Ehrlichkeit halber mu�te er einr�umen, da� es schon schrecklich genug war, sich in einem Zimmer aufzuhalten, in dem ein Mord begangen wurde, hatte man dazu auch noch nicht alle Tassen im Schrank...</p><p>��Auf die Frage, was sie �ber den McFadden-Treuhandfonds und die damit in Zusammenhang stehende Schenkung d�chte, regte sie sich ziemlich auf und behauptete, davon nichts gewu�t zu haben. Er stellte die Vermutung an, da� ihr Mann sicherlich Bescheid gewu�t h�tte, woraufhin sie sagte: �Das will ich gern glauben.� Und: �Er w�rde alles in seiner Macht Stehende tun, um so etwas zu verhindern.�</p><p>���Das Erbe geh�rt Ihrer Tochter, Miss Gamelin. Gewi� liegt die Entscheidung bei ihr?�</p><p>���Wem das Geld geh�rt, macht keinen Unterschied.� Sie regte sich noch mehr auf, warf wild den Kopf hin und her. Troy entschied, sich aus dem Staub zu machen. Ehe er die T�r erreichte, begann sie, sich lautstark �ber die physische und psychische Verfassung ihres Gatten auszulassen. Vor lauter Bewunderung f�r ihre anschauliche Schilderung (das Netteste, was sie �ber ihn zu sagen hatte, war �froschgesichtiger, ehebrecherischer, habs�chtiger Mistkerl�) fiel ihm anf�nglich gar nicht auf, da� sie von ihm in der Gegenwartsform sprach. Als Felicity sich keuchend gegen die Kissen fallen lie�, sagte er knapp: �Ich finde das nicht nett, Mrs. Gamelin. Schlie�lich ist er gerade erst gestorben.�</p><p>��Felicity stie� einen lauten Schrei aus, fiel zur Seite und hing wie ohnm�chtig �ber dem Bettrand. In diesem Moment kam May ins Zimmer gerauscht.</p><p>���Sie dummer Hund, Gavin�, schimpfte Barnaby auf der R�ckfahrt zum Revier.</p><p>����hm, woher h�tte ich das wissen sollen? Sie lag da wie der aufgew�rmte Tod. Daher nahm ich an, jemand habe ihr l�ngst die guten Neuigkeiten �berbracht. Sir Sinjhan Furzheimer ist gegen zehn Uhr morgens dagewesen.� Verdrie�lich blickte er zu Boden. �Ich kriege hier f�r alles m�gliche die Schuld in die Schuhe geschoben.�</p><p>��Wieder bin ich der Pr�gelknabe. H�tte Installateur werden sollen. Oder Streckenarbeiter wie mein Vater. Kaum ging er in Gedanken diese Alternativen durch, wu�te Troy, da� das nicht sein Ernst war. Seit jeher hatte er Polizist werden wollen, liebte es, Polizist zu sein, w�rde niemals einen anderen Beruf aus�ben. Was nichts daran �nderte, da� es Zeiten gab, in denen ihm das ewige Gen�rgel, die Schreibarbeiten, das Herumschn�ffeln, das doppelte H�ndesch�tteln, die schwammige Einstellung der Au�enseiter, die nie das Durcheinander ausr�umen mu�ten, die politische Einmischung, die Notwendigkeit, die Klappe zu halten, falls man vorw�rtskommen wollte, und all die anderen t�glichen Irritationen gegen den Strich gingen und ihn zu �berw�ltigen drohten.</p><p>��Troys schmaler Mund und die roten Flecken auf seinen Wangen brachten Barnaby zu der Einsicht, wie unfair er gewesen war. Die Annahme, da� Felicity �ber den Tod ihres Mannes in Kenntnis gesetzt worden war, war nicht aus der Luft gegriffen, was nichts daran �nderte, da� sein Sergeant die ganze Angelegenheit nicht besonders geschickt angefa�t hatte. Sein moderates Level an akademischer Bildung war f�r Troy ein wunder Punkt. Stempelte man ihn als dumm ab, stach man direkt in offene Wunden. Normalerweise vertrat der Chief Inspector die These, da� das Leben eben hart war, und h�tte es dabei belassen, doch heute war er gro�m�tig gestimmt.</p><p>���Dieser Fehler h�tte jedem unterlaufen k�nnen, Sergeant.�</p><p>���Sir.�</p><p>��Mehr brauchte es nicht. In Windeseile war Troys Selbstbewu�tsein wieder in Topform. Schon fragte er sich, ob diese ungewohnte Nachsichtigkeit Ermunterung genug war, vorsichtig das Dauerthema Talisa Leanne anzuschneiden. Er murmelte ein paar Worte. Nur eine kleine Anspielung, nichts Besonderes. Auf Barnabys abwesendes Nicken hin begann er umgehend, sich �ber den Charme, die Sch�nheit, die ungew�hnliche Wachstumsrate (Gr��e, Z�hne, Haare, N�gel), die Sprachentwicklung, ihren Teddyb�r (wie geschickt sie mit ihm umging) und die musikalische Begabung (kreatives Trommeln mit einem Kochtopfdeckel) des Babys auszulassen. Und �ber ( das letzte Gem�lde, das mit einem Magneten an der K�hlschrankt�r befestigt und dem Pudel des Kinderm�dchens wie aus dem Gesicht geschnitten war.</p><p>��Barnaby war es gewohnt, auf Durchzug zu schalten. Er dachte an Jim Carters k�rglichen Raum. Ein Mann, der sich ernsthaft mit seinem Glauben auseinandersetzte, der freundlich zu seinen Mitmenschen war. Ihm ging das Fitzelchen Unterhaltung durch den Kopf, das May aufgeschnappt hatte.</p><p>���Was hast du getan? Falls sie beschlie�en, eine Obduktion vorzu-�</p><p>��Eine Obduktion? Was sonst, zwei Tage nach einem unerkl�rlichen Todesfall? F�rchteten Craigie (vermutlich) und wenigstens eine andere Person so eine Vorgehensweise? Mittlerweile war auch Craigie tot. Standen die beiden Todesf�lle miteinander in Beziehung?</p><p>��In diesem Stadium waren Spekulationen fruchtlos. Pure Energieverschwendung. Dar�ber hinaus beeintr�chtigten sie die Konzentration. Wei� Gott, dachte Barnaby, ich habe schon genug Probleme zu l�sen. Die neue Information mu�te erst mal hintangestellt werden und warten, bis die Zeit reif war.</p><empty-line/><p>Es dauerte nicht lange, bis die Zeit dann tats�chlich reif war. Gleich am n�chsten Tag warfen weitergehende Ausk�nfte ein ganz neues und sehr beunruhigendes Licht auf Jim Carters Tod.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>11</emphasis></strong></p></title><p>Fr�hst�ck chez Barnaby. Cully und Joyce teilten sich den Independent. Tom knabberte an einem sehr labbrigen, sehr rosafarbenen, sehr feuchten Etwas.</p><p>���Ich w�rde w�nschen, du w�rdest den Speck richtig braten. Warum kriegen wir nie knusprigen?�</p><p>���Letztes Mal, als ich knusprigen Speck servierte, hast du behauptet, er sei verbrannt.�</p><p>���Er war verbrannt.�</p><p>���Wo wir gerade vom Essen sprechen�, Cully faltete ihren Zeitungsteil zusammen, legte ihn auf den Scho� und griff nach einem weiteren Brioche, �wie l�uft es mit deinen Kochk�nsten, Dad?�</p><p>���Diese Woche werde ich nicht hingehen k�nnen.�</p><p>���Ich meine den morgigen Abend, Dummerchen.� Sie bestrich ihr Brioche mit fast wei�er Butter, trug Kirschmarmelade auf und begann wieder die Zeitung zu lesen, ohne seine Antwort abzuwarten.</p><p>���Den ersten Gang habe ich fertig, aber es w�re nicht unklug, f�r den zweiten Gang was bei Sainsbury zu besorgen.</p><p>���Sainsbury?�</p><p>��Joyce mahnte: �Sprich nicht mit vollem Mund.�</p><p>���Wir reden hier �ber mein Verlobungsessen. Und �ber meinen Geburtstag.�</p><p>���Ich werde euch alle zum Essen einladen, wenn der Fall abgeschlossen ist.�</p><p>���Das ist nicht dasselbe.�</p><p>���Wie ich sehe, hat es dieser schreckliche Tycoon geschafft, auf die Titelseite zu gelangen.� Joyce schlug ihren Zeitungsteil auf. �Und weiter hinten wird es, wie ich vermute, eine Todesanzeige geben. Ich frage mich, was da geschrieben steht.�</p><p>���Gl�cklicherweise kamen keine menschlichen Wesen zu Schaden�, erwiderte ihr Gatte.</p><p>���Ist er so schlimm gewesen?�</p><p>���W�re es unverfroren, auch um einen Zeitungsteil zu bitten?� Barnaby streckte die Hand aus, was ihm aber nicht weiterhalf. �Wieso kriege ich in diesem Haushalt niemals das, was ich m�chte?�</p><p>���Wir lieben dich alle, Dad.�</p><p>���Mir w�re es aber lieber, man lie�e mich einen Blick in die Zeitung werfen.� Barnaby fragte sich, wie lange es wohl dauerte, bis die Presse dahinterkam, wo sich der eben verstorbene Million�r nur wenige Stunden vor seinem Tod aufgehalten hatte. Nicht sehr lange, lautete seine Schlu�folgerung, und er hoffte, da� sich die Leute von Golden Windhorse darauf einstellten.</p><p>��Cully kicherte wieder, und die Zeitung, von ihren zarten Fingern mit den grell pinkfarbenen N�geln gehalten, erzitterte. Sie trug einen seidenen Herrenhausmantel und hatte das lange dunkle Haar mit ein paar Haarnadeln locker auf ihrem h�bsch geformten Kopf festgesteckt. Eine Locke fiel ihr in die Stirn, die sie immer wieder mit beil�ufiger Grazie aus dem Gesicht strich. Oder vielleicht doch nicht so ganz beil�ufig? Man konnte nie sagen, wann die Tochter und wann die Schauspielerin zum Vorschein kam. W�hrend Barnaby die sch�nen Wangen, die herrlich makellose Aprikosenhaut und die feinen goldenen H�rchen auf ihren Unterarmen bewunderte, mu�te er sich immer wieder bewu�t machen, da� dieses M�dchen schon ziemlich viel erlebt hatte. Kaum sechzehn Jahre alt, hatte sie w�hrend ihrer Punkrockphase weiche Drogen eingepfiffen. In dieses Geheimnis hatte sie ihn erst eingeweiht, als die Phase schon vor�ber war. Und jetzt sa� sie hier am Fr�hst�ckstisch, f�nf Jahre �lter und wei� Gott wie viele Liebesbriefe sp�ter, und glich einer exquisiten, unber�hrten, gerade eben erbl�hten Rose. Ach, Jugend... Jugend...</p><p>���Was, um Himmels willen, ist denn los, Tom?�</p><p>���Hmm?�</p><p>���Hast du Verdauungsprobleme?�</p><p>���Nein, dank des Specks habe ich keine. Nun, wenn ich schon kein St�ck Zeitung kriege�, sagte er und warf seiner Tochter einen verdrossenen Blick zu, �dann darf ich euch vielleicht wenigstens einen Witz erz�hlen?</p><p>��Ein Mann, der sich einbildete, da� man ihn zu Unrecht verurteilt hatte, brach in die R�ume des Richters ein und kochte seine Per�cke in einem elektrischen Wasserkocher.�</p><p>���Das glaube ich nicht. Das glaube ich wirklich nicht.�</p><p>���Es ist wahr.�</p><p>���Zeig�s mir.� Es funktionierte beinahe. Die Zeitung wurde schon ein St�ck weit r�bergeschoben. Und dann in letzter Minute zur�ckgerissen.</p><p>��Joyce lachte und fing an, Details aus ihrem Zeitungsteil vorzulesen: den Wetterbericht, ein Rezept, einen ausf�hrlichen Bericht �ber jemanden, der einen Baum besetzte, um Wale zu retten.</p><p>���Wird dort oben nicht gerade viele Wale antreffen�, spottete Barnaby.</p><p>���Am Wochenenende gab es schon wieder eine Autobombe.� Raschel, raschel. �Das Opfer war jemand aus der UDR. Anscheinend will er nach Kanada auswandern.�</p><p>���Dann mu� es ja eine ganz ordentliche Explosion gewesen sein.� Cully grinste ihren Vater an.</p><p>���Das ist nicht besonders witzig, Liebling.�</p><p>���Ist es dieser Mord in Compton Dando� - Joyce sp�hte �ber den Seitenrand -, �an dem du gerade arbeitest?�</p><p>���Ja.�</p><p>���Und wieso hast du das nicht erw�hnt?�</p><p>���Das habe ich.�</p><p>���Du sagtest nur &gt;drau�en bei Iver Way&lt;.�</p><p>���Was hat das -�</p><p>���Das ist mal wieder absolut typisch.� Joyce faltete die Zeitung zusammen und knallte sie auf den Tisch. Der Salzstreuer drohte umzufallen. Barnabys Hand scho� vor.</p><p>���Wag es ja nicht!� schimpfte seine Frau.</p><p>���Wei�t du, was heute morgen in deine Mutter gefahren ist?�</p><p>��Gully schaute aus dem Fenster und betrachtete den bl�henden Jasmin. Wie �blich weigerte sie sich, Partei zu ergreifen oder sich einzumischen.</p><p>���Sprich nicht so, als ob ich nicht anwesend w�re, Tom. Das bringt mich auf die Palme.�</p><p>���Na gut. Was ist denn nun wieder ganz typisch f�r mich?�</p><p>���Du unterh�ltst dich nicht mit mir.�</p><p>���Mein Gott, Joyce - ich spreche nun schon seit zwanzig Jahren mit dir �ber meine Arbeit. Ich dachte, du w�rdest dich freuen, nichts mehr dar�ber zu h�ren.�</p><p>���Und - was noch schlimmer ist - du h�rst nicht zu.� Barnaby st�hnte auf. �Ich wette, du erinnerst dich nicht mehr an Ann Cousins?�</p><p>���An wen?�</p><p>���Siehst du? Meine Freundin aus Compton Dando.�</p><p>���Ah.�</p><p>���Letztes Jahr, nach Alans Tod, veranstalteten die Leute von Manor House einen Workshop mit dem Titel &gt;Neue Horizonte&lt;. Sie meinte, da� ihr das helfen k�nnte. War eine gro�e Entt�uschung, wie sich herausstellte. Nur Getue, keine Substanz. Wir sind zusammen hingegangen.�</p><p>���Was? Wieso hast du mir das nicht erz�hlt?�</p><p>���Ich habe es dir erz�hlt.� Joyce schmunzelte mit grimmiger Zufriedenheit. �Und zwar ganz ausf�hrlich. Selbst wenn dein K�rper daheim ist, ist dein Verstand in der Arbeit. Du interessierst dich nicht im geringsten f�r das, was ich tue.�</p><p>���Das ist aber ziemlich �bertrieben und unfair. Ich habe mir dein letztes B�hnenbild angeschaut. Ich verpasse nie eine deiner Vorstellungen -�</p><p>���Die letzte hast du verpa�t.�</p><p>���Zwei Kinder sind entf�hrt worden. Vielleicht erinnerst du dich nicht -�</p><p>���Poppy Levine heiratet.�</p><p>��Cullys laute und klare Stimme schnitt durch die tiefer werdende Kluft ihrer Eltern, die sofort ihren Zwist beendeten in der Annahme, der gemeinsamen Tochter damit zu sehr zuzusetzen.</p><p>��Cully, die sich einfach nur langweilte, fuhr fort: �In einem superkurzen Rock und Spitzenstr�mpfen.�</p><p>���Ich komme zu sp�t.� Barnaby stand auf. ��ber deinen Besuch unterhalten wir uns, wenn ich heimkomme.�</p><p>���Auf einmal schenkst du mir deine Aufmerksamkeit�, monierte Joyce s�uerlich. Sie stand ebenfalls auf und trat hinter Cullys Stuhl, um den graugelockten Schopf zu neigen und m�rrisch das Hochzeitsfoto zu studieren. �Sechs Ehem�nner, und sie sieht immer noch wie einundzwanzig aus. Wie macht sie das nur?�</p><p>���Schenkt man den Ger�chten Glauben, hat sie ihre Epidermis dem Teufel verkauft. Sieh dir das mal an.� Cully tippte mit dem Fingernagel auf die Zeitung. �Es geht mir echt gegen den Strich, da� sie bei Frauen immer das Alter erw�hnen. Poppy Levine, neununddrei�ig, heiratet den Kameramann Christopher Wainwright. �ber sein Alter verlieren sie kein Wort - Dad!� Der Indy wurde ihr aus den Fingern gerissen. �Sei doch nicht so verdammt unh�flich!�</p><p>��Barnaby �berflog die entsprechende Seite und faltete sie zusammen.</p><p>���Auf der R�ckseite ist ein Interview mit Nick Hytner... Dad...�</p><p>���Was ist denn?� fragte Joyce. �Hat es etwas mit deinem Fall zu tun?�</p><p>���Tut mir leid.� Barnaby schl�pfte in sein Jackett. �Dauert zu lange, das zu erkl�ren.�</p><p>���Da haben wir�s mal wieder. Genau das meine ich.� Die T�r fiel ins Schlo�. Joyce wandte sich an Cully und wiederholte: �Da haben wir�s mal wieder.�</p><empty-line/><p>Troy raste die A40 hinunter. Schnell, gelassen. Entspannt geno� er seine privilegierte Position. Sein Fahrgast trommelte auf die in blauen Jeansstoff geh�llten Knie. Zuvor hatte er mit einer Packung Polos aus dem Handschuhfach gespielt und hinterher an seinem Sicherheitsgurt rumgezerrt, bis Troy ihn angeherrscht hatte, dies zu unterlassen.</p><p>���Aber aus welchem Grund m�chte er mich sehen?�</p><p>���Das kann ich Ihnen nicht sagen, Sir.�</p><p>���Ich bin mir sicher, Sie k�nnten es mir sagen, wenn Sie Lust dazu h�tten.�</p><p>��Troy lie� sich nicht provozieren. Und er war auch nicht so dumm, sich anmerken zu lassen, wie sehr er es geno�, wenn ein Mitglied der gro�artigen britischen �ffentlichkeit ihm hilflos ausgeliefert war. Schwitzte, flehte. Ganz besonders freute ihn, da� es Wainwright war, den er von Anfang an f�r einen hinterfotzigen Mistkerl gehalten hatte. Ihn jetzt ein bi�chen schmoren zu lassen, kam dem Sergeant gerade recht.</p><p>���Ich nehme mal an, es geht um den Mord?�</p><p>���Wahrscheinlich, Mr. Wainwright.� Troy schlo� den Mund, um ein L�cheln zu unterdr�cken. Es gefiel ihm sehr, �Mr. Wainwright� zu sagen. Den Kerl zum Narren zu halten. Die ganze Sache machte ihm solchen Spa�, da� er es wieder sagte, als er die Uxbridge-Ausfahrt runterfuhr.</p><p>���Bald sind wir da, Mr. Wainwright. Dauert h�chstens noch f�nf Minuten.�</p><p>��Barnaby sa� an seinem Schreibtisch und las erneut die Aussagen durch, als ein blauer Orion an seinem Fenster vorbeiflitzte und eine atemberaubende Kurve beschrieb, ehe er dicht vor der Revierwand abbremste und zum Stehen kam.</p><p>��Der Chief Inspector bestellte drei Tassen Kaffee, die zusammen mit Sergeant Troy und dessen Begleiter kamen, der sich setzte, blasser als gew�hnlich wirkte und davon �berzeugt war, da� er ganz knapp einem Sturz durch die Windschutzscheibe entkommen war.</p><p>���Aus welchem Grund m�chten Sie mich sprechen?� Christopher nahm den Kaffee entgegen, trank ihn schnell aus und sagte dann: �St�rt es Sie, wenn ich rauche? Auf Windhorse sind Zigaretten ziemlich verp�nt.�</p><p>��Zu Troys Kummer (das Nicht-Rauchen-Schild war deutlich genug) gab Barnaby Wainwright die Erlaubnis, sich eine Zigarette anzuz�nden. Wenn ich das t�te, murrte der Sergeant stumm, bek�me ich was zu h�ren. K�nnte mir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag Vorw�rfe anh�ren. Christopher holte eine Schachtel Gitanes heraus und bot den Beamten Zigaretten an. Beide M�nner schlugen das Angebot aus, Troy allerdings schweren Herzens. Die Zigarette wurde angez�ndet. Wainwright nahm einen Zug und wiederholte seine Frage.</p><p>���Ich nehme an, Sie haben die Zeitung von heute noch nicht zu Gesicht bekommen?�</p><p>���Ist nicht gestattet. Zuviel externe Stimuli, die die Reise auf eine h�here Bewu�tseinsebene erschweren.�</p><p>��Barnaby h�tte schw�ren k�nnen, einen Hauch Sarkasmus herauszuh�ren. �Poppy Levine hat gestern geheiratet.�</p><p>���Schon wieder?� staunte Christopher. �Nun, es ist freundlich, da� Sie mich dar�ber informieren, aber ein einfaches Telefonat h�tte auch gen�gt.�</p><p>���Das ist schon ein ungew�hnlicher Zufall.� Barnaby faltete den Independent auf. �Der Br�utigam ist ein Fernsehkameramann.� Er schob die Zeitung r�ber.</p><p>���Warum auch nicht? Wir sind keine vom Aussterben bedrohte Spezies.� Er warf einen Blick auf das Gedruckte. �Was f�r ein scheu�liches -� Er hielt den Atem an. Barnaby schnappte sich die Zeitung, ehe eine Kaffeetasse umkippte. Es dauerte eine Weile, bis Christopher sagte: �Schei�e.�</p><p>���Das stimmt.� Barnaby begann vorzulesen: �Der Br�utigam, der sich bei der Brautmutter in Stowe aufhielt, ist erst vor kurzem von Dreharbeiten in Afghanistan zur�ckgekehrt. Nach einer heftigen Romanze und der Trauung in der Chelsea Town Hall begab sich das gl�ckliche Paar in das Haus der Braut in Onslow Gardens. N�chsten Monat treten sie etwas versp�tet ihre Flitterwochen in Santa Cruz an. Also...�, er warf die Zeitung in den M�lleimer, �das sagt uns alles �ber Christopher Wainwright. Was wir nun nat�rlich gern wissen w�rden, ist, wer, verdammt noch mal, sind Sie?�</p><p>��Der Barnaby gegen�bersitzende Mann dr�ckte seine Zigarette in der Untertasse aus, griff in die Tasche seines Baum-woll-Madras-Jacketts und klopfte eine neue Zigarette aus dem P�ckchen. �K�nnte ich eventuell noch etwas Kaffee haben?�</p><p>��Verz�gerungstaktik. Wird ihm nichts bringen. Troy ging ins Vorzimmer, wo Audrey gerade telefonierte. Die einzige andere anwesende Polizistin verh�rte eine Nutte, die vorgab zu weinen, aber darauf w�re nicht mal ein Kleinkind reingefallen. Widerwillig besorgte er selbst den Kaffee. Bei der Erledigung dieser kurzen und extrem einfachen Aufgabe gelang es ihm, sich extrem g�nnerhaft zu geben, was in keinem Verh�ltnis zu der Anforderung stand. Bei seiner R�ckkehr stierte der Befragte �ber Barnabys Kopf hinweg und dr�ckte die zweite Zigarette aus. Der Chief hatte ein aufgeschlagenes Notizbuch vor sich liegen und hielt einen Kugelschreiber in der Hand. Wainwright nahm den Kaffee entgegen, trank einen Schluck, r�hrte ihn um. Barnaby wartete, bis die Tasse leer war, ehe er sagte: �Beantworten Sie nun bitte die Frage.�</p><p>���Das ist einfach Pech.� Mit dem Kinn deutete er auf den Independent. �Er hat sie gerade kennengelernt, als wir miteinander zum Mittagessen gegangen sind. War echt �berw�ltigt von ihr. Quasselte die ganze Zeit �ber sie.�</p><p>���Dieses Mittagessen fand, wie ich annehme, statt, bevor Sie nach Manor House zogen?�</p><p>���Kurz davor. Ich lief Chris in der Jermyn Street �ber den Weg. Er hatte gerade ein paar Hemden bei Herbie Frogg�s gekauft. Ich war auf dem Weg zu einem billigen Laden, um ein paar W�rstchen zu kaufen, was Ihnen eine Vorstellung von der fast zu vernachl�ssigenden Diskrepanz unserer Einkommen geben d�rfte. Es stimmt, da� er und ich fr�her die gleiche Schule besucht haben. Und er war ein mieses kleines Arschloch. Mischte sich immer in die Gespr�che anderer ein, in deren Jobs, zw�ngte sich in deren Betten.�</p><p>���Bleiben Sie beim Thema.� Barnaby fiel es leicht, zorniger zu klingen, als er war. Eine durchaus n�tzliche Begabung. Der falsche Christopher Wainwright fuhr fort:</p><p>���Wir gingen zusammen auf einen Drink ins Cavendish, und dann schlug er vor, zusammen bei Simpson�s zu Mittag zu essen. Beim Essen berichtete er mir ausf�hrlich von seinem rasanten Aufstieg in der BBC und von diesem Trip &gt;zum Dach der Welt&lt;, wie er es nannte, obgleich ich immer der Meinung war, damit w�re Tibet gemeint. Irgendwann begann er �ber Poppy zu plaudern. Ich hatte keine Chance, auch etwas zu sagen, darum schaltete ich einfach auf Durchzug und konzentrierte mich auf die k�stlichen Proteine. Zum Nachtisch bestellten wir Trifle, und als die Rechnung kam, holte er sein Jackett - wir belegten eine der Nischen an der Wand - und konnte seine Brieftasche nicht finden. Behauptete, sie beim Hemdenmacher vergessen zu haben. Da sa� ich nun mit einer Rechnung �ber achtundvierzig Pfund. Ich war stinksauer, weil ich gerade blank war. Vor allem aber, weil ich sicher war, da� er sie nicht verloren hatte. Der ist schon in der Schule knickrig gewesen. Hat alles weggeschlossen - sogar seinen Waschlappen.�</p><p>��Barnaby beugte sich vor, ohne die Ellbogen vom Tisch zu nehmen. Wie schlecht die Luft in seinem B�ro war, registrierte er kaum. Mit der linken Hand machte er eine ermunternde Bewegung und lud �Christopher� zum Weiterreden ein.</p><p>���Ich mu�te dem Golden Windhorse unbedingt einen Besuch abstatten. Um mich im Haus umzusehen, die Leute kennenzulernen. Ihre Zimmer zu durchsuchen und ihre Habseligkeiten, falls n�tig. Unter meinem eigenen Namen w�re mir das " nicht m�glich gewesen.�</p><p>���Und wie lautet der?�</p><p>���Andrew Carter.�</p><p>��Troy warf seinem Chef einen Blick zu und beobachtete, wie dieser den Namen aufnahm, sich zur�cklehnte und entspannte. Als w�re nun der Punkt erreicht, wo es keine Umkehr gab, wo die Geschichte ohne sein Zutun ihren Lauf nahm.</p><p>���Jim Carter war mein Onkel. Ich wei� nicht, ob der Name Ihnen was sagt.�</p><p>���Er ist mir bekannt, ja.�</p><p>���Ich glaube, da� er ermordet wurde. Aus diesem Grund halte ich mich auf Windhorse auf. Um rauszufinden, wieso. Und von wem.�</p><p>��Barnaby sagte: �Schweres Gesch�tz.�</p><p>���Nicht, wenn Sie meine Beweggr�nde erfahren.� Er zog einen Umschlag hervor und eine Fotografie. �Mein bona fide, wenn�s recht ist.�</p><p>��Er reichte das Foto weiter. Darauf abgebildet war ein lachender blonder Junge, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, auf einem Esel. Ein Mann mittleren Alters, ebenfalls blond, hielt die Z�gel. Der Junge blickte geradeaus. Der Mann, der vorsichtig und �ngstlich wirkte, studierte die Miene des Jungen, als spende sie Sicherheit und Freude.</p><p>���Da besteht doch eine gewisse �hnlichkeit.� Barnaby gab das Foto nicht zur�ck. �Wenn auch nur vage.�</p><p>���Haben Sie deshalb Ihr Haar gef�rbt, Sir?� Troy stand nun hinter dem Schreibtisch und nahm das Foto in die Hand.</p><p>���Jesus, ist das so offensichtlich?� Nerv�s strich er �ber den dunklen Schopf. �Ja. Ich dachte, dann w�ren die �hnlichkeiten weniger augenf�llig. Er hat mich gro�gezogen - mein Onkel nachdem meine Eltern umgekommen sind. Er war unglaublich nett. Konnte es sich nicht leisten, mich weiterhin nach Stowe zu schicken, aber ansonsten bekam ich alles, was ich wollte. Selbstverst�ndlich war mir nicht bewu�t, wie sehr er seine eigenen Bed�rfnisse zur�ckstellte. Kinder merken so was nie.� Er streckte die Hand nach dem Foto aus. �Ich war ziemlich vernarrt in ihn.�</p><p>���Ich w�rde davon gern eine Kopie machen, Mr. Carter.�</p><p>��Andrew z�gerte. �Das ist das einzige Bild, das ich besitze.�</p><p>���Sie werden es zur�ckkriegen, bevor Sie gehen.� Barnaby gab das Foto Troy, der damit abzog. �Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?�</p><p>���Ist schon eine Weile her. Unsere Beziehung war eng, doch wir sahen uns nicht sehr oft, nachdem ich ausgezogen war. Ich war achtzehn. Wir hatten eine Auseinandersetzung. Ich hatte eine Beziehung zu einer wesentlich �lteren, verheirateten Frau. Das war das einzige Mal, da� wir einen echten Konflikt hatten. Er hielt mein Verhalten f�r unmoralisch. War ein wenig altmodisch. Er war richtig sauer. Seine Entt�uschung l�ste bei mir Schuldgef�hle aus, und da lief ich weg. Der Streit dauerte keine f�nf Minuten - und die Aff�re auch nicht -, aber von da an wohnte ich nur noch kurzfristig bei ihm. Ich war ein bi�chen so was wie ein Rumtreiber, f�rchte ich. War gern unterwegs und arbeitete, wo und wann sich die Gelegenheit bot, manchmal sogar im Ausland. Ich half bei der Traubenernte in Italien und Frankreich, zog weiter, lebte dann auf einer Skih�tte in den Alpen. Arbeitete bei einem Zirkus in Spanien - ausgerechnet als L�wenb�ndiger, aber das waren arme, zahnlose Tiere. Ging in die Staaten - konnte keine Arbeitserlaubnis kriegen. Habe mich dort eine Weile lang illegal aufgehalten und bin dann zur�ckgekommen. Verdingte mich eine Zeitlang auf der Golden Mile in Blackpool, auf dem Rummelplatz. Alles ziemlich pittoresk. Oder sch�big, je nachdem, wie alt man ist und wie tolerant.�</p><p>���Sie hielten immer Verbindung zu Ihrem Onkel?�</p><p>���Aber sicher doch. Ich schrieb regelm��ig. Und besuchte ihn immer zwischen zwei Eins�tzen. Er p�ppelte mich dann ein bi�chen auf. Hielt mir niemals Vortr�ge, obwohl ihn meine Entwicklung vermutlich etwas entt�uscht hat. Akzeptierte mich als das, was ich bin. Als schwarzes Schaf.�</p><p>��Diese letzten Worte wurden so leise ausgesprochen, da� Barnaby sich anstrengen mu�te, sie zu verstehen, doch Carters Miene sprach eine eindeutige Sprache. In seinen Augen loderte eine brodelnde Mischung aus Angst und Verzweiflung. Seine Kinnmuskeln verspannten sich in dem Bem�hen, das Beben seiner Lippen zu bes�nftigen. Als Troy mit der Fotografie und neuem Kaffee zur�ckkehrte, gab Barnaby ihm mit einer herrischen Handbewegung zu verstehen, da� er warten sollte.</p><p>���Wann ist Ihr Onkel nach Windhorse gezogen?�</p><p>��Carter atmete tief durch. Es dauerte einen Moment, bis er eine Antwort gab. Er vermittelte den Eindruck, sich m�hsam zu wappnen f�r den n�chsten Schritt, als konfrontiere ihn dieser mit der Quelle seines Elends.</p><p>���Er schrieb mir von seinem Eintritt in die Kommune, als ich in den Staaten war. Ich mu� einr�umen, da� ich nicht gerade �berrascht war. Er ist nie verheiratet gewesen. Als Kind war ich dar�ber froh. Weil das bedeutete, da� ich ihn mit niemandem teilen mu�te. Au�erdem ist er schon immer ein wenig... �hm... einsiedlerisch gewesen. Zu bestimmten Tageszeiten bat er darum, in Ruhe gelassen zu werden, um einfach still dazusitzen. Ich nehme mal an, heute w�rde man das Meditieren nennen. Fast alle seine B�cher hatten einen religi�sen oder philosophischen Inhalt. Bhagavad-Gita, Tagore, Pascal. Soweit ich wei�, besch�ftigte er sich w�hrend meiner gesamten Kindheit mit diesen Themen. Die meisten stehen jetzt noch in seinem Zimmer auf Manor House. Hat mich echt fertiggemacht, als ich sie fand...�</p><p>��Er brach ab, pre�te die Kn�chel seiner Hand an den Mund, als k�nne er damit unsichtbare Gef�hlsregungen im Zaum halten. Als er die Hand wegnahm, waren seine Lippen blutleer. Diskret plazierte Troy die Fotografie auf dem Schreibtisch.</p><p>���Das geschah achtzehn Monate vor meiner Heimkehr nach England. Ich zog in ein Zimmer in Earl�s Court, �bermittelte ihm schriftlich meine neue Adresse und Telefonnummer und benachrichtigte ihn, da� ich f�r ein verl�ngertes Wochenende zu Besuch kommen w�rde, sobald ich eine Arbeit gefunden habe. Es ging ihm nicht besonders gut. Er hatte Magenprobleme. Dann, ein paar Tage sp�ter, erhielt ich den Brief.� Er nahm wieder den Umschlag in die Hand und zog ein liniertes Blatt Papier heraus, das er Barnaby aush�ndigte. Darauf stand geschrieben: Andy, etwas Schreckliches ist passiert. Rufe dich morgen abend (Donnerstag) um acht Uhr aus dem Dorf an. Kann nicht vom Haus aus telefonieren. Sei bitte auf jeden Fall da. In Liebe, Jim. Der letzte Satz war dick unterstrichen.</p><p>���Danach habe ich nie wieder was von ihm geh�rt. Am Freitag blieb ich bis zum Mittagessen daheim. Schlie�lich habe ich in Manor House nachgefragt. Ich konnte es echt nicht fassen, als sie mir sagten, da� er gestorben sei. Meine ganze Familie war auf einen Schlag... tot. Stundenlang sa� ich da und versuchte zu begreifen. Dann ging ich aus und habe mich furchtbar betrunken. Ob Sie es glauben oder nicht, erst am n�chsten Tag ergaben die beiden Dinge - der Brief und sein Tod - einen Sinn f�r mich.�</p><p>���M�chten Sie damit andeuten, da� er umgebracht wurde, um zum Schweigen gebracht zu werden?�</p><p>���Ja, genau das m�chte ich.�</p><p>���Ist das nicht ein bi�chen melodramatisch, Mr. Carter? Sein Tod kann die unterschiedlichsten Ursachen gehabt haben. M�glicherweise ist er sehr krank gewesen.�</p><p>���Er war erst Ende F�nfzig. Um seine Gesundheit war es, mal abgesehen von den Magenproblemen, von denen ich gerade gesprochen habe, sehr gut bestellt. Man erz�hlte mir, es habe sich ein Unfall ereignet. Ein tragischer Unfalk� In diesen letzten Worten schwang grenzenlose Ablehnung mit. �Ich kriegte raus, wann die Anh�rung stattfand und ging hin. Sa� oben auf der Empore. Da d�mmerte mir dann auch, da� ich mich nicht irrte.�</p><p>��Inzwischen war Barnabys Kaffee kalt. Selbst Troy hatte vergessen, da� er eine halbvolle Tasse in der Hand hielt.</p><p>���Bis zu jenem Zeitpunkt machte ich mir gro�e Sorgen, weil ich nichts Definitives in H�nden hatte. Aber als ich den Autopsiebericht vernahm, wu�te ich Bescheid.� Er beugte sich vor, hielt sich an Barnabys Tischrand fest. �Der Arzt behauptete, Jim habe getrunken. Da� er nach Whisky gerochen habe, da� etwas davon auf sein Revers getropft sei. Das ist kompletter Unsinn. In seinem ersten Brief hatte er mir geschrieben, da� der Doktor ihm Tabletten gegen eine Mageninfektion verschrieben und ihm deutlich zu verstehen gegeben habe, da� er nicht trinken d�rfte, da Alkohol unerfreuliche, wenn nicht gar gef�hrliche Nebenwirkungen ausl�sen w�rde. Die Warnung war �berfl�ssig, weil mein Onkel sowieso nicht trank.�</p><p>��Barnaby wartete kurz, ehe er sagte: �Dann glauben Sie also, da� jemand, der das gewu�t hatte, ihn gezwungen hat, etwas zu trinken? Und ihn auf diese Weise get�tet hat?�</p><p>���Nein, das h�tte doch ein gewisses Risiko dargestellt. Nein, ich denke, da� sie ihn umgebracht und ihm dann Alkohol eingefl��t haben, damit es so aussah, als sei er betrunken gest�rzt.�</p><p>���Leichter gesagt als getan, Mr. Carter. Die F�higkeit zu schlucken, endet - wie die meisten anderen K�rperfunktionen - nach dem Tod. Eine Leiche - verzeihen Sie mir meine Direktheit - kann man nicht zum Schlucken zwingen.�</p><p>���Und trotzdem h�tte man bei der Anh�rung darauf eingehen m�ssen. Ich habe mich felsenfest darauf verlassen.� Carters Gem�t war erhitzt, er hob die Stimme. �Bislang dachte ich immer, das sei der Sinn und Zweck von Obduktionen.�</p><p>���Pathologen sind sehr besch�ftigte Menschen. Vielleicht hatte er gerade viel zu tun. Eine Obduktion beginnt am Kopf...� Urpl�tzlich sah Barnaby vor seinem geistigen Auge all die Prozeduren, die eine Obduktion ausmachten, und f�hlte sich kurzzeitig unwohl, �...dann hat er einen Blick auf das Genick geworfen und gesehen, da� es gebrochen war, und an diesem Punkt aufgeh�rt.�</p><p>���Aber... analysiert man nicht den Mageninhalt? Geh�rt das nicht dazu?�</p><p>���Nur f�r den Fall, da� die Umst�nde verd�chtig sind. Dieser Tod schien offenbar eindeutig zu sein. Es ist schade�, sagte er, faltete den Brief zusammen und legte ihn unter einen Briefbeschwerer, �da� Sie die Polizei nicht sofort �ber Ihre Zweifel in Kenntnis gesetzt haben.�</p><p>���Was h�tte ich beweisen k�nnen? Der Leichnam war noch vor der Anh�rung verbrannt worden - daf�r haben sie schon gesorgt. Alle Beweise waren buchst�blich in Rauch aufgegangen. Und ich rechnete damit, da� die Leute auf Manor House den Mund halten w�rden, wenn ich die Polizei informierte und die sie verh�rte. Die h�tten dichtgemacht, und ich h�tte nichts erreicht.�</p><p>���Haben Sie denn etwas erreicht?�</p><p>���Nein.� Seine Miene verd�sterte sich, wurde verschlossen. �Nicht die kleinste Kleinigkeit habe ich rausgefunden. Ich war sehr vorsichtig. Bin einen Monat lang dort gewesen, bevor ich Fragen stellte. Und dann auch ganz beil�ufig. Ich erw�hnte ihn nur mal so nebenbei. Glaubte, da� dies kein Aufsehen erregte - da� die anderen sogar damit rechneten. Sie wissen doch, wie neugierig Menschen nach einem unnat�rlichen Tod werden. Ich rechnete damit, da� die anderen meine Fragen unter Neugier verbuchten. Fand aber nur heraus, wie er als Mensch gewesen war, was ich sowieso schon wu�te.�</p><p>���Hatten Sie jemals das Gef�hl, da� sich jemand nur widerwillig �u�erte? Oder den Eindruck, da� sie etwas verbargen?�</p><p>���Nein, verflucht noch mal. Ab einem gewissen Punkt fragte ich mich, ob sie alle dahinterstecken.� Er bemerkte den fragenden Blick, die in Falten gelegte Stirn. �So was kommt gar nicht so selten vor.�</p><p>���Dessen bin ich mir bewu�t.� Barnaby, der seinen Stift schon l�ngst weggelegt hatte, schob ihn nun zusammen mit dem Block beiseite. �Sicherlich ist es unwahrscheinlich, da� keiner auf Manor House von den Medikamenten Ihres Onkels und den m�glichen Nebenwirkungen wu�te.�</p><p>���Da habe ich so meine Zweifel. Das Thema Alkohol wurde bestimmt nie angeschnitten. Die Kommune ist trocken, m�ssen Sie wissen.�</p><p>���Trocken}� Ganz unvermittelt kam dem Sergeant dieses Wort �ber die Lippen. Mit ernster Miene schaute Troy sich um, als bef�nde sich eine vierte Partei im Raum, versteckte sich eventuell im Aktenschrank und besitze die Dreistigkeit, sich ungefragt zu �u�ern.</p><p>���Sie haben nicht zuf�lligerweise sein Zimmer durchsucht?�</p><p>���Woher wissen Sie das?� Er schien kurzzeitig beeindruckt zu sein.</p><p>���Man hat Sie geh�rt.�</p><p>���O Gott. Das ist dumm.�</p><p>���Haben Sie nach etwas Bestimmtem gesucht?�</p><p>��Andrew err�tete. Er schien sich nicht wohl in seiner Haut zu f�hlen, und zum ersten Mal seit Beginn des Verh�rs wirkte er unaufrichtig. Er z�gerte kurz, zuckte mit den Achseln und drehte die Handfl�chen nach oben, als m�sse er sich rechtfertigen. �Das wird so kurz nach dem Tod meines Onkels bestimmt hartherzig klingen, aber ja, ich suchte nach einem Testament. Vor seinem Umzug nach Windhorse hat er sein Haus verkauft. Nichts Gro�es. Ein Reihenh�uschen mit drei Schlafzimmern in einem Teil von Islington, der vor Jahren nicht gerade edel war. So was gibt es heute nat�rlich nicht mehr. Er bekam einhundertachtzigtausend Pfund daf�r.� Troy stie� einen leisen Pfiff aus. �Ich ging zu seiner Bank, Barclays, wo er seit Jahren ein Konto hatte, doch die hatten kein Testament f�r ihn aufbewahrt und konnten mir nichts �ber seine Angelegenheiten sagen.�</p><p>���Vielleicht hat er es der Kommune vermacht?�</p><p>���So funktioniert das aber nicht. Man mu� sich nicht einkaufen. Die Menschen kommen selbst f�r ihren finanziellen Unterhalt auf. Und au�erdem h�tte er das nie und nimmer getan. Er h�tte mich nicht bei sich aufnehmen und gro�ziehen m�ssen. Nachdem er sich dazu entschieden hatte, standen wir uns sehr, sehr nah. Ich war sein n�chster Verwandter, und ich wei�, da� er mir das aus dem Verkauf des Hauses stammende Verm�gen hinterlassen h�tte. Auf alle F�lle eher mir als einer Horde Fremder.� Bei den letzten Worten hob sich seine Stimme erneut. Er legte eine Pause ein. Atmete tief durch und griff, um sich zu beruhigen, nach der dritten Zigarette.</p><p>���W�ren Sie so freundlich, mir die letzte Adresse, die von EarPs Court, zu geben, Mr. Carter?�</p><p>��Barnaby nahm wieder seinen Stift in die Hand.</p><p>���Barkworth Gardens 28. Leicht zu behalten, denn das entspricht meinem Alter.�</p><p>���Sie behaupten, Sie sind an jenem Morgen, an dem Ihr Onkel verstarb, bis mittags daheim geblieben. Waren Sie allein?�</p><p>���Teilweise ja. Gegen halb elf fragte Noeleen, eine Australierin, die nebenan wohnte, ob ich mit ihr Kaffee trinken m�chte. Wir gingen dann in ihre Wohnung. Das Telefon befindet sich im Flur, und sie lie� die T�r offenstehen. Warum fragen Sie?�</p><p>��Anstatt zu antworten, stellte Barnaby ihm noch eine Frage. �Was werden Sie nun tun, wo Ihre Tarnung aufgeflogen ist?�</p><p>���Wieso ist sie denn aufgeflogen?� Beide M�nner warfen ihm erstaunte Blicke zu. �Im Haus gibt es weder einen Fernseher noch Radio.�</p><p>���Es steht in allen Boulevardzeitungen, Mr. Carter�, gab Troy zu bedenken. �Vielleicht wurde die Heirat auch plakatiert. Man mu� keine Zeitung kaufen. Man mu� nur irgendwo in der N�he eines Verkaufsstandes sein.�</p><p>���Davon wei� ich nichts. Ich war heute morgen im Dorf, und mir ist nichts dergleichen aufgefallen. Wie auch immer - die Neuigkeit h�lt nur einen Tag vor, nicht wahr? Morgen ist alles Schnee von gestern. Ich denke, ich werde den Mund halten und die Daumen dr�cken.�</p><p>���Die Journalistenmeute wird jeden Augenblick �ber die Kommune herfallen�, prophezeite Barnaby. �Mit dem neuen Mord und Gamelins Tod. Es macht keinen Sinn, in deren Gegenwart zu behaupten, Sie seien Christopher Wainwright.�</p><p>���Mist. Ich denke, Sie haben recht. Dann hat Trixie das wahrscheinlich kommen sehen. Falls sie zur�ckkehrt -�</p><p>���Zur�ckkehrt? Was meinen Sie damit?�</p><p>���Sie ist davongelaufen.�</p><p>���Wie bitte?�</p><p>���Ist uns erst vor dem Mittagessen aufgefallen.�</p><p>���Und wieso, zum Teufel, haben Sie uns nicht dar�ber informiert?�</p><p>���Ach, das ist nichts Ernstes. Sie ist aus freien St�cken gegangen. Hat all ihre Sachen mitgenommen.�</p><p>���Es liegt nicht bei Ihnen zu entscheiden, was ernst ist und was nicht!� rief Barnaby entgeistert. �Sie alle sind angewiesen worden, den Ort nicht zu verlassen, ohne die Polizei davon in Kenntnis zu setzen.�</p><p>���Es ist ja nicht so, als h�tte sie ihre Finger -�</p><p>���Sie ist Zeugin in einer Morduntersuchung, Mr. Carter. Und eine potentielle Verd�chtige.�</p><p>���Eine Verd�chtige... aber das ist doch... ich dachte...�</p><p>���Der Fall ist noch nicht abgeschlossen.� Er beobachtete, wie Wainwright diese Andeutungen aufnahm.</p><p>���Ich mu� Suze da wegholen. Ihr die Wahrheit erz�hlen. Sie wird es begreifen. Warum ich mich als jemand anderer ausgeben mu�te. Oder nicht?� Er klang unsicher. �Was die anderen von mir denken, ist mir schnurzegal.�</p><p>���Das ist eine n�rrische und unvorsichtige Haltung, Mr. Carter�, sagte der Chief Inspector. �Sollte etwas an Ihrem Verdacht in bezug auf den Tod Ihres Onkels dran sein - und ich sage Ihnen ganz ehrlich, da� es mich nicht �berraschen w�rde, wenn dem so w�re -, dann hat jemand auf Manor House schon zwei Menschen auf dem Gewissen. Ich versichere Ihnen, da� es so jemandem nichts ausmachen wird, im Notfall noch einen dritten Mord zu begehen.�</p><p>���Aus welchem Grund sollte mich jemand umbringen wollen? Ich habe doch nichts rausgefunden.�</p><p>���Dann d�rfte es klug sein, dies kundzutun. Und auch�, schlo� Barnaby, �da� Sie auf sich aufpassen.�</p><empty-line/><p>In der K�che r�umten die Beavers nach dem Mittagessen auf. Heather wusch und trocknete ab, Ken unternahm den Versuch, das Geschirr wegzur�umen, stellte sich aber umst�ndlich an und st�hnte permanent.</p><p>���Wenn ich nur an das Sprossentimbale denke.� Sie klang ziemlich gereizt.</p><p>���Du hast es doch nicht weggeworfen?� Ken war au�er sich. Essen wegzuwerfen war eine unverzeihliche S�nde. Alles, sogar der Staubsaugerbeutelinhalt, kam auf den Komposthaufen - der auf Windhorse einen nahezu ikonen�hnlichen Status hatte. Voller Hingabe k�mmerte man sich um ihn, harkte und schichtete ihn mit einer langen Mistgabel um. Mischte etwas Limone darunter. Arno mit seinen Gummistiefeln �bernahm stampfend die Funktion eines sanften Kompressors. W�rmer wurden besonders gesch�tzt, und einige dieser glitschigen Wesen, die ganz bescheiden ihr Tagwerk verrichteten, mu�ten entsetzt feststellen, da� sie aus terra firma gerissen und durch die Luft geschleudert wurden, um auf einem Haufen verrottender Eierschalen zu landen, ob ihnen das nun gefiel oder nicht.</p><p>���Sei nicht dumm�, erwiderte Heather. �Wir k�nnen es zum Abendessen aufw�rmen.� Sie go� das Abwaschwasser in den Ausgu�. Auch Sp�lwasser wurde nicht einfach weggesch�ttet. Das ganze Abwasser (bis auf das aus der Toilette) wurde durch eine aufwendige Rohrkonstruktion in den Kr�utergarten geleitet, der undankbarerweise nicht in dem Ma� aufbl�hte, wie sie sich das vorgestellt hatten. �Oh, sei vorsichtig. Hier - la� mich...�</p><p>��Ken drohte umzufallen, als er sich auf die Zehenspitzen stellte, um die Teller wegzupacken. �Tut mir leid... recht herzlichen Dank. F�llt mir heute nicht so leicht, meine Mitte zu finden.�</p><p>��W�hrend Heather den Ysoptee einschenkte, kam sie noch einmal auf das Thema zu sprechen, �ber das sie sich vergangene Nacht bis in die Morgenstunden unterhalten hatten. �Hast du weiter dar�ber nachgedacht�, erkundigte sie sich, �was wir tun werden, falls...�</p><p>��Ken sch�ttelte den Kopf. Er trank etwas Tee und sch�rzte dabei die Oberlippe wie ein Hase, um den Schnauzbart nicht zu benetzen. �Heute wird sich was ergeben.�</p><p>��Es bestand keine Notwendigkeit, weiter darauf einzugehen. Beide wu�ten, da� mit �was� ein Testament gemeint war.</p><p>��Als dieses Thema in der Gruppe diskutiert worden war, hatten Heather und Ken sich relativ mi�billigend und weltfremd gegeben. Zu ihrer Meinung befragt, hatten sie einen Standpunkt vertreten, der ihrer selbstlosen und vorsichtigen Art widersprach. Doch sp�ter, � deux, hatten sie einander eingestanden, da� Fakten Fakten waren, egal wie br�chig alles war. Mittlerweile war diese Unsicherheit nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken.</p><p>��Sie waren auf Windhorse sehr zufrieden und hatten sich schnell daran gew�hnt, unter einem festen Dach zu schlafen, sich mit warmem Wasser zu waschen, sich in beheizten R�umen aufzuhalten. Keiner von ihnen versp�rte das Bed�rfnis, das Hippiedasein wiederaufzunehmen, das sie noch so lebhaft in Erinnerung hatten. Sie entsannen sich, wie sie in undichten Wohnw�gen, in dreckigen Bussen durchs Land gezogen waren. Wie sie von der Polizei aufgesp�rt und von ihr oder hartherzigen Landbesitzern, f�r die die Worte �f�reinander sorgen und miteinander teilen� keinerlei Bedeutung hatten, nicht gerade freundlich vertrieben worden waren. M�de waren sie von einem verrauchten Zelt ins n�chste gezogen, hatten sich um kaum w�rmende Lagerfeuer geschart, umgeben von hungrigen Hunden und weinenden Kindern. Sie hatten Eis f�r die Teezubereitung gehackt, Ladendiebst�hle begangen - was Ken ganz besonders verha�t gewesen war - und n�chtliche Gewaltausbr�che ertragen, wenn die ortsans�ssigen Barbaren ihnen lautstark auf die Pelle r�ckten. Einmal war Heather von ohrenbet�ubenden Motorradger�uschen aufgeschreckt worden und hatte entdecken m�ssen, da� brennende Stoffetzen auf ihrem Kopfkissen lagen.</p><p>��In jenen Tagen hatten sie beide noch nichts von der Vielzahl ihrer hellseherischen F�higkeiten gewu�t. Hier auf Manor House war Ken als Channeller als einer der f�higsten K�pfe, den die Welt je gesehen hatte, anerkannt, und Heather wurde als Venusreisende betrachtet, die von dort mit �berragenden Heilkr�ften zur�ckgekehrt war.</p><p>��Vor allem wegen ihrer Arbeit waren sie darauf bedacht, auch weiterhin auf Windhorse zu leben. Das Haus war ein Hafen, in den die Geplagten und spirituell Durstigen einlaufen konnten und Unterst�tzung fanden. Sollte sich herausstellen, da� dieses Anwesen einem Fremden, oder - schlimmer noch - der Regierung in die H�nde fiel, wohin w�rden diese armen Seelen dann gehen? Und - wo sie schon dar�ber nachdachten - wohin sollten Heather und Ken gehen? Besitz war selbstverst�ndlich Diebstahl, aber selbst wenn dem nicht so w�re, sie verf�gten nicht �ber Ersparnisse, um ein Haus zu kaufen. Da sie kinderlos waren, hatten sie kein Anrecht auf eine Sozialwohnung. Ken hatte nicht nur ein kaputtes Bein, sondern litt auch noch unter zu geringer Spermadichte.</p><p>��Selbst allt�gliche Ausgaben konnten sich in Zukunft als problematisch erweisen. Das Sozialamt hatte sich bei ihrer ersten Antragstellung auf Unterst�tzung, die sie vor einem Jahr eingereicht hatten, als ungeheuer phantasielos erwiesen. Vergeblich hatte sich Heather darum bem�ht, die Bedeutung ihrer Arbeit deutlich zu machen: ein liebevolles L�cheln hier in Ux-bridge w�rmt ein Herz in Katmandu. Und schlie�lich sparte die staatliche Krankenkasse viele tausend Pfund im Jahr durch ihre Heilungen. Das Amt war in Kens Fall genauso kurzsichtig gewesen und hatte bei seinem Antrag auf eine Schwerbesch�digtenrente immer wieder auf konventionelle medizinische Gutachten wie R�ntgenbilder gepocht.</p><p>���Soweit wird es noch kommen�, hatte Ken sich zur Wehr gesetzt, �da� ich meinen K�rper einer solchen Maschine und ihren krebserregenden Strahlen aussetze.�</p><p>��Heather hatte ihm den R�cken gest�rkt und gerufen: �Warum schicken Sie ihn nicht einfach nach Tschernobyl? Dann haben Sie Ihre Ruhe?�</p><p>��Die gute alte Heather. Als Ken langsam die Tassen zum Sp�lbecken brachte und sie aussp�lte, betrachtete er sie. Sie trug ein billiges wei�es Baumwollsackkleid, unter dessen Stoff sich ihr in schwarzen H�schen steckendes Hinterteil deutlich abzeichnete. Da sie den Kristall abgelegt hatte, wirkte ihre rosafarbene Stirn nackt, hoch und gew�lbt und lie� sie unerh�rt intelligent erscheinen.</p><p>���Eigentlich interessiere ich mich ja nicht f�r derlei Dinge�, sagte Ken mit gesenkter Stimme, �das wei�t du nur zu gut. Trotzdem frage ich mich, ob Suhami, jetzt wo der Meister weg ist, noch gewillt ist, ihr Geld der Lodge zu vermachen.�</p><p>���Ach, das hoffe ich!� rief Heather. �Selbst wenn es einem pers�nlich gelingt, sich nicht korrumpieren zu lassen, stellt unverdienter Reichtum immer noch die gr��te Barriere bei dem Bestreben dar, eine harmonische Seelenlage zu erlangen.�</p><p>���Richtig.� Ken streckte die Hand nach dem Brotkorb aus. �Ist noch Marmelade da?�</p><p>���Ich habe sie gerade wegger�umt.� Sie trat an den Schrank. �Du h�ttest eher was sagen k�nnen.�</p><p>���Tut mir leid. M�chtest du auch eine Scheibe?�</p><p>���Eigentlich sollte ich nichts mehr essen.� Ken schnitt eine weitere Scheibe ab. �Komisch, da� Trixie einfach so weggerannt ist, findest du nicht? Nachdem Gamelin gestorben war, habe ich mich gefragt... nun... ob sie etwas miteinander gehabt haben.�</p><p>���Sie kannten einander nicht.�</p><p>���Das behauptete sie hinterher, aber May sah die beiden zusammen an dem Nachmittag wegfahren, als er zum ersten Mal hier auftauchte. Bevor er einen von uns kennengelernt hat.�</p><p>���Wahrscheinlich nachdem er ein bi�chen auf ihr rumgehopst ist.�</p><p>���Also wirklich, Ken!� Heather belegte ihr Brot mit einer Birnenscheibe und einer Stange Rhabarber. �F�r einen sehr f�higen planetarischen Lichtarbeiter kannst du manchmal ganz sch�n vulg�r sein.�</p><p>���Die menschliche Natur. Wer sind wir, da� wir richten d�rfen?�</p><p>��Das Telefon l�utete. Es gab drei Apparate, einen im B�ro, einen in der K�che und einen auf dem Tisch in der Halle. Heather reagierte nicht auf das Klingeln und sagte: �Wird irgend etwas Gesch�ftliches sein. May ist im B�ro.�</p><p>��Falls May wirklich im B�ro war, weigerte sie sich, den H�rer abzunehmen. Nach einer Weile stand Heather seufzend auf. �Als ob ich nicht schon genug zu tun h�tte�, beklagte sie sich.</p><p>��Ken spitzte die Ohren. Die abgehackten, unzusammenh�ngenden Antworten seiner Frau erregten seine Neugierde.</p><p>���... aber sie ist nicht da. ... im Augenblick nicht... das kann ich wirklich nicht sagen... Oh, das denke ich nicht... Nein, nein - so ein Ort ist das hier nicht. Wir... Nun, um ehrlich zu sein, ich war anwesend... Heather Beavers. Autorin, Heilerin und Priesterin... Priesterin... Wie bitte... ja - das sind meine Qualifikationen... Herrje, das kann ich jetzt nicht sagen. Wir leben hier in einer Kommune, wissen Sie? Diskutieren miteinander �ber alles... Wirklich? Das ist aber bald... ach ja? Ich k�nnte fragen - hallo? Hallo?�</p><p>��Sie sch�ttelte den H�rer, ehe sie auflegte, und wandte sich an Ken. Ihre Gesichtsmuskeln waren angespannt. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, wie stark sie auf das Telefonat reagierte.</p><p>���Das war der Daily Pitch.�</p><p>���Erdverbundene Gottesl�sterer.�</p><p>���O ja - nat�rlich. Sie wollten mit Miss Gamelin sprechen - mit Suhami. Ich sagte, sie sei nicht hier.�</p><p>���Recht so. Nur gut, da� ein f�rsorglicher Mensch abgenommen hat.�</p><p>���Wir m�ssen sie sch�tzen, Ken. Das ist lebenswichtig.�</p><p>���Die kristallenen Scharen herbeirufen.�</p><p>���Das Problem ist... apr�s moi le d�luge, Sch�tzchen.�</p><p>���H�?�</p><p>���Genau das hat die Frau auch gesagt. Diese Journalistin. Es wird nicht lange dauern, dann sind wir umzingelt.�</p><p>���Handlanger der Tories.�</p><p>���Absolut.� Heather blickte sich in der leeren K�che um und sprach mit gesenkter Stimme weiter: �Die sind echt krank. Nachdem sie mich irgendwie dazu gebracht hat zuzugeben, da� ich hier war, als der Mord geschah, begann sie �ber ein Exklusivinterview zu reden. Fang an, die Nullen zu z�hlen, meine Liebe - so ein Zeugs gab die von sich.�</p><p>���Jesus.� Seine Stimme klang d�nn.</p><p>���Ich wei�.� Heather faltete die H�nde in dem vergeblichen Versuch, nicht zu erschaudern.</p><p>���Was f�r eine verabscheuungsw�rdige Truppe. Da f�hlt man sich nie wieder rein... Was meinst du?�</p><p>���In diesem Fall stimme ich dir zu�, meinte Heather und musterte betroffen ihre ineinander verwobenen Finger. �Andererseits ... stimmt mich die Sache nachdenklich, Ken. Worum es uns hier geht, du wei�t schon.� Sie deutete auf den selbstgebackenen Brotlaib, auf die zu fest eingekochte Marmelade. �Worum geht es uns?� Ihr Ehemann blickte auf und runzelte die Stirn. �Uns geht es darum, das Ego in den Hintergrund zu stellen, richtig? An andere denken, sie an erste Stelle zu setzen. Nun, jetzt haben wir die Chance, eine Schwester in Not zu sch�tzen - wir k�nnten doch mit den Journalisten sprechen, das schwere Gesch�tz von ihr weg auf uns lenken, schlie�lich sind wir eher in der Lage, damit fertig zu werden.�</p><p>���Ohhh...� Mit lautem Gest�hne demonstrierte Ken seinen Widerwillen. �Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid. Du hast selbstverst�ndlich recht. Die arme Suze. Wieder einmal ist es dir gelungen, Heath, den richtigen Weg aufzuzeigen.�</p><p>���Au�erdem w�rde es unserem Karma sehr gut bekommen.�</p><p>��Lachend sch�ttelte ihr Mann den Kopf. �Offenbar ist es doch m�glich, von diesem Egotrip runterzukommen. Was meinst du... wie w�re es, nur um uns beiden den R�cken zu st�rken, wenn ich bei Hilarion nachfragte?�</p><p>���Sie wird jeden Augenblick zur�ckrufen.�</p><p>���Dauert nicht l�nger als eine Minute.� Sofort setzte sich Ken kerzengerade hin, begann zu schielen, konzentrierte sich auf seine Nasenspitze und nahm Verbindung mit dem Intergalaktischen Weltverstand auf.</p><empty-line/><p>May war nicht ans Telefon gegangen, weil sie sich ins obere Stockwerk begeben hatte, um sich dort einer ihrer Ansicht nach aufwendigen und ganz wunderbaren Aufgabe zu widmen. Sie hatte sich vorgenommen, Felicity Gamelins Seele neu zu erwecken. May hatte ganz von vorn angefangen. Zuerst mu�te die gute Frau k�rperlich wiederhergestellt werden.</p><p>��Felicitys magere Hand streichelnd und sie ins Licht ziehend, lie� May ihre ganze Energie (die nach den letzten beiden Tagen nicht gerade in Topform war) in die blasse, reglose Figur flie�en. Sie arbeitete allein, zumal Felicity keinen eigenen Willen mehr zu besitzen schien. Sie lag einfach nur da, den stieren Blick auf die Decke gerichtet, und sah aus, als w�rde sie zusammenschrumpfen und sterben.</p><p>��Eine geschlagene halbe Stunde hatte May mit ihrer wohlt�nenden Stimme auf sie eingeredet, bis Felicity sich pl�tzlich umdrehte und sie mit ihren kalten, harten Augen, die in elfenbeinfarbenen H�hlen lagen, betrachtete.</p><p>���Ich ha�te ihn.�</p><p>���Schhh.�</p><p>���Ich ha�te ihn. Warum freue ich mich nun nicht?�</p><p>���Weil das nicht Ihrer wahren Natur entspricht.�</p><p>��Das war May sofort aufgefallen. Die leicht ramponierte Aura war �berraschenderweise im Gleichgewicht. Ziemlich viel Pink und Gr�n, sogar ein wenig Blau. Ganz anders als bei diesem jungen Polizisten, der nur so von roten Tupfern �bers�t war. Der arme Junge hatte noch einen weiten Weg vor sich. May legte die Hand auf Felicitys Stirn und stellte sich vor, wie g�ttliche Liebe durch ihren Arm flo�, durch ihre Finger, in Felicitys K�rper drang und ihn heilte, ihm Segen brachte.</p><p>���Danton nannte ihn den Kr�sus meiner mittleren Jahre.�</p><p>���Ist Danton dein Freund?�</p><p>���Nein.� Ihre Stimme klang hart. �Ganz gewi� kein Freund. Nur jemand, den ich fr�her einmal kannte.�</p><p>��Diese wenigen Worte schienen sie zu ersch�pfen. Sie murmelte noch etwas, bevor sie den Kopf wieder in eine andere Richtung drehte. Es klang wie �Chaos�.</p><p>���Unser Meister pflegte zu sagen, da� es in der Unordnung eine Ordnung gibt, und ich bin sicher, da� das stimmt. Ruhen Sie sich einfach aus, meine Liebe, liegen Sie still, und all der Schmutz, all das Ungl�ck wird sich in Luft aufl�sen, und alles wird klar und strahlend werden. Sie sind vom Weg abgekommen, Felicity, doch wir werden ihn wieder f�r Sie finden.�</p><p>��Felicity lie� sich auf die Kissen fallen. Ihre Hand lag in der von May. Sie sp�rte, wie sie peu � peu lethargischer wurde. Dieses Gef�hl behagte ihr. Ihre Gliedma�en wurden so schwer, da� sie den Eindruck hatte, durch die Matratze zu fallen. Mays Stimme kam und ging, tief, rhythmisch, beruhigend wie die Gezeiten des Meeres. Felicity schlief ein.</p><empty-line/><p>Arno zog f�r den Beilagensalat Radieschen aus der Erde. Manchmal hielt er inne, um Christopher ermutigend zuzuwinken, der auf der anderen Seite des Gartens die Stangenbohnen befestigte. Die Radieschen waren kleine, schrumplige Dinger und hatten nicht mal entfernt �hnlichkeit mit den gl�nzenden roten Kugeln auf dem Saatt�tchen. Eins war von winzigen Schuppen �berzogen und geh�rte eigentlich ins Feuer. Er bem�hte sich, die anderen auf einem Holzteller, der extra daf�r angeschafft worden war, auszulegen, aber egal wie er sie drehte, am Ende schaute immer die bemitleidenswerte Seite nach oben.</p><p>��Um sich von all den traurigen Ereignissen abzulenken, hatte er versucht, ein neues Haiku zu komponieren, mit dem er wieder nicht zufrieden war. In dem Wissen, da� Perfektion unerreichbar war, erschien ihm dieses letzte (�St�rmisches Wesen, an der Brust deines Sklaven, ruhe in Frieden�) ganz besonders unpassend. Nicht einmal ihr Name kam darin vor.</p><p>��Heute hatte er sie kaum zu Gesicht bekommen. Andererseits begriff er, da� Felicity mehr auf sie angewiesen war als er. Jeder konnte sehen, wie krank sie war. Doch auch Arno war es schwer ums Herz. Vor dem Zubettgehen und gleich nach dem Aufstehen hatte er gebetet, ohne auf Trost zu hoffen und schon gar nicht, um dem Herrn zu huldigen. Eigentlich betete er eher aus Gewohnheit und weil er es seiner Mutter versprochen hatte. Vergi� nie, hatte sie ihm eingebleut, da� Jesus dich liebt. Pers�nlich hatte er das nie so empfunden, und selbst wenn dem so gewesen w�re, h�tte er wenig Trost daraus gezogen, denn wer wollte schon von jemandem geliebt werden, der jeden liebte? Und dann auch nur, weil es seine Aufgabe war.</p><p>��Diese Gedankenkette lie� ihn wieder an den Tod des Meisters denken, den er kurzzeitig verdr�ngt hatte. Wie schrecklich das gewesen war. Und wie sehr sich alle innerhalb dieser kurzen Zeit ver�ndert hatten. In Worte fa�te das niemand. Keiner blickte dem anderen ins Gesicht und sagte: �Du hast dich ziemlich ver�ndert.� Aber das hatten sie. Wie, das konnte Arno nicht genau beschreiben. Die Mitglieder der Kommune kamen ihm jetzt kleiner vor... geschrumpft. Ihre Menschlichkeit erschien diffuser, ihre G�te war weniger greifbar, ihre Vitalit�t schwand. Vielleicht sagte das Gedicht dies aus. �Der Tod eines jeden...�</p><p>��Arno zwickte sich. Sein Zen-Bewu�tsein schien in den letzten achtundvierzig Stunden stark nachgelassen zu haben. Er lebte nicht den Augenblick, sondern in der j�ngeren, furchtein-fl��enden Vergangenheit. Das Bild seines sterbenden Meisters war in seine Netzhaut eingebrannt. Das konstante Kommen und Gehen der Polizei versetzte ihn in Unruhe. Gestern hatten sie das Haus durchsucht. Heute waren sie wieder aufgetaucht und hatten alle m�glichen Geschirrhandt�cher mitgenommen. Vor allem Tims Wohlergehen bereitete ihm gro�e Sorgen. Wenn der Junge sich �ngstigte, wer wu�te da schon, was er sagte? Jener Chief Inspector hatte ihn �berraschenderweise nur kurz und vorsichtig vernommen, aber er geh�rte garantiert nicht zu der Sorte, die einen zweiten Versuch scheute.</p><p>��Nicht zum ersten Mal erhaschte Arno einen Blick auf Heather. Innerhalb der letzten Stunde war sie wenigstens dreimal die Zufahrt auf und ab gelaufen. Zuerst meinte Arno, das sei Teil ihrer t�glichen k�rperlichen Ert�chtigung, bis ihm auffiel, wie sie auf die Stra�e trat und die High Street rauf- und runterblickte. Eine Entwicklung im Mordfall. Wenn dem so war, dann war es seine Pflicht, sich wieder ins Haus zu begeben. Dazu hatte er allerdings nicht die geringste Lust. Hier drau�en in der Sonne wirkten die Dinge etwas weniger bedrohlich. Davon ausgehend, da� man ihn schon rief, falls er gebraucht wurde, widmete sich Arno wieder seinem Gem�se und verpa�te die Ankunft des Wagens, der mit quietschenden Reifen durch das Manor-House-Tor fuhr.</p><p>��Gefa�t erwarteten Ken und Heather die Ankunft des Daily Pitch. Sie rechneten auch mit Fotografen, und als Vertreter des Golden Windhorse sahen sie es als ihre Aufgabe an, sich um sie zu k�mmern.</p><p>��Gl�cklicherweise hatte Hilarion ihr Projekt abgesegnet. Der gro�e Chohan hatte sie nicht nur eindeutig unterst�tzt, sondern gro�z�gigerweise auch Erkl�rungen geliefert. Auf der anderen Zeite mu�te Zadekiel wissen, da� das Wort �Geld� fest im pinkfarbenen, atomischen Zellularlicht manifester Neutralit�t eingebettet war. Einfach ausgedr�ckt, Geld konnte einem guten oder schlechten Zweck dienen. Fraglos durfte man darauf vertrauen, da� er und Tethys als panirdische und kosmische Wesen diese spezielle Verpflichtung kreativ bew�ltigten.</p><p>��Nachdem dieses Detail erst mal aus dem Weg ger�umt war, hatten die Beavers die Lage unter Einbeziehung der potentiellen Standpunkte ihrer Mitbewohner ausf�hrlich durchgesprochen. Am Ende waren sie mit Bedauern zu dem Ergebnis gelangt, da� ihre Bereitschaft, sich den Reportern zu stellen, wenn auch nur, um die anderen zu schonen, von ihren Mitbewohnern falsch interpretiert werden k�nnte. Nachdem ihnen das klar war, ergab sich der n�chste Schritt (von der Tugend zum Pragmatismus) wie von selbst. Sie beschlossen, ihr Opfer zugunsten von Suhami geheimzuhalten. Stand nicht in der Bibel geschrieben, da� die linke Hand nicht wei�, was die rechte tut? Eine neue Auslegung dieses Zitats brachte Ken und Heather auf die Idee, da� es kl�ger war, sich irgendwo anders ein Stelldichein mit dem Teufel zu geben.</p><p>��So kam es. da� Heather sich an die alte Backsteinwand lehnte, die in der Nachmittagsonne wie frischgebrannte Erde aussah. Stirnrunzelnd drehte sie den Kopf nach rechts, in die Richtung, aus der ein aus London kommender Wagen nahen mu�te. Aber der Citroen CV, auf dessen Windschutzscheibe ein PRESSE-Schild klebte, kam von links durch das Tor gerauscht und war schon halb die Auffahrt hochgerollt, ehe sie begriff, was Sache war.</p><p>��Heftig gestikulierend rannte Heather los. Schnell und unbeholfen, in gegen die Fu�sohlen und auf den Kies klatschenden Latschen, verfluchte sie ihre mangelnde Aufmerksamkeit.</p><p>��Das Auto war schon geparkt, und zwei Personen stiegen aus. Falls sie klingelten... Eine stand auf der Veranda, die andere sp�hte mit beschatteten Augen durch ein geschlossenes Fenster. Artemis, die Flinke, um Hilfe bittend, lief Heather keuchend weiter.</p><p>��Die weibliche H�lfte des Duos beobachtete ihr N�herkommen und bem�hte sich redlich, bei diesem Anblick nicht in schallendes Gel�chter auszubrechen. F�lschlicherweise zu Limonengr�n �berredet (Ken behauptete, das passe hervorragend zu ihren Augen), hatte Heather ihr Haar aufgesteckt, um ihren Nacken zu betonen. Dar�ber hinaus hatte sie Augenlider und Brauen angemalt, um die hierophante Natur ihrer Berufung zu unterstreichen. Sie trug einen nuklearen Rezeptor. Die Pyramide h�pfte beim Rennen auf ihrem stattlichen Busen auf und ab.</p><p>���Terry... hey...� Die junge Frau trug ein Jeanskost�m mit sehr kurzem Rock, cremefarbene Strumpfhosen und spitze, hochhackige Schuhe. Sie hatte eine schwarze Lackledertasche von der Gr��e eines Aktenkoffers dabei. �Mach davon ein paar Fotos.�</p><p>���Gro�er Gott�, entfuhr es Terry. (Kurz�rmliges Karohemd, Jeans und Turnschuhe.) �Die Weight-Watchers-Katastrophe des Jahres.� Die Pentax glitt in seine H�nde. Er machte eine Aufnahme nach der anderen, w�hrend Heather mit den Armen �ber dem Kopf wedelte. Die beiden Pressemenschen standen wartend nebeneinander.</p><p>���Tag. Sind Sie Mrs. Beavers?� Sie beugte sich auf ihren hohen Abs�tzen ein wenig vor. �Heather?�</p><p>��Mit einem Nicken lehnte sich Heather an das Verandagel�nder. Ihre Hochsteckfrisur war dahin, ihre Wangen gl�hten blutrot. Terry machte noch ein paar Schnappsch�sse. Eines der Fotos, aus einem wahrscheinlich grausamen Winkel aufgenommen, lie� sie wie ein Walro� aussehen.</p><p>��Er sagte: �Klasse, Darling. Geh�rt dir, nicht wahr?� und zog ab, ohne eine Antwort abzuwarten, setzte Schritt um Schritt zur�ck und knipste unaufh�rlich.</p><p>���Ich bin Ave Rokeby.�</p><p>��Sie hat eine recht nette Stimme, fand Heather. Warm, freundlich und interessiert. Mit einer Spur Humor. Ganz und gar nicht wie der durchschnittliche aggressive Reporter. Nun streckte sie die Hand aus. Die wiederum war gar nicht nett. Lange, knochige Finger mit roten N�geln, die an Vogelkrallen erinnerten. Oder an eine Hexe. Gerade als Heather sie sch�tteln wollte, bemerkte sie, da� sie eine auf der Stra�e aufgelesene Kartoffelchipst�te in der Hand hielt. Beide Frauen lachten, w�hrend Heather die T�te in die andere Hand nahm.</p><p>���Ist schon ein kleines Problem...�, sagte Heather, nachdem sie Luft gesch�pft hatte. �Vandalismus.�</p><p>��(Vandalismus? Eine Kartoffelchipst�te?)</p><p>���Compton Dando ist eine spirituelle W�ste. Niemand ist sich wirklich seiner Seele bewu�t.�</p><p>��(Und was gibt es sonst noch Neues?)</p><p>���Nat�rlich treten wir zur interplanetarischen Reinigung mit Au�erirdischen in Verbindung...�</p><p>��(Sie tun was?)</p><p>���Hilarion prophezeit, da� die Erde so lange dieselbe t�dliche Tagesordnung beibeh�lt, bis wir unsere egoistische Natur ablegen.�</p><p>���Hilarion? Ist das Ihr Mann?�</p><p>���Oh... oh.� Heather kicherte, bis ihr Fleisch bebte. �Hilarion ist seit mehreren hundert Jahren tot.�</p><p>��(Jesus.)</p><p>���Aber Sie sprechen noch mit ihm?�</p><p>���Ken spricht mit ihm. Er ist ein Klarh�render. Ein Channeller f�r die Gro�en. Er hat alle Shakespeare-Theaterst�cke geschrieben, m�ssen Sie wissen.�</p><p>��(Habe ich im B�ro eine Telefonnummer hinterlassen?)</p><p>��Ave st�tzte sich auf die Veranda und holte einen Kassettenrecorder und ein Mikrophon aus ihrer Tasche, das wie ein gro�er grauer Schwamm aussah. �Ich w�rde gern etwas �ber den Hintergrund erfahren. Wenn Sie mir kurz erz�hlen w�rden, wie viele Menschen hier wohnen, woran Sie so glauben. Beispielsweise an UFOs oder derlei Dinge.�</p><p>��Kaum hatte Heather begonnen, �ber die multistellare Herrlichkeit der bevorstehenden Venuserkundung zu plaudern, da fragte Ave sie schon, was Guy Gamelin hierhergebracht hatte und ob sie den Lesern des Pitch etwas �ber die Gewohnheiten des Ermordeten berichten konnte.</p><p>���Leben hier zum Beispiel eine Menge junger M�dchen?� Heathers Blick verriet Entsetzen. �Dann vielleicht Jungs?� Noch mehr Entsetzen. Das Mikrophon wurde wieder in die Handtasche verfrachtet. �Na gut, die Einzelheiten f�ge ich sp�ter ein.� Ave erhob sich und �ffnete die Eingangst�r. �Ja, wir sind hier auf dem Land. Wenn man in London seine Wohnungst�r nur zwei Minuten offenstehen l��t, wird man ausgeraubt. Terry...� Ihre Stimme wurde lauter. �Wir gehen rein.�</p><p>���Gut.�</p><p>���W�rden Sie bitte... falls es Ihnen nichts ausmacht... nicht so br�llen...�</p><p>��Heathers Herz, das gerade wieder im normalen Rhythmus schlug, machte einen Satz. Sie fragte sich, wo Ken abgeblieben war, und schaute sich nerv�s um. Das vage Wissen um die Wahrscheinlichkeitsrechnung sagte ihr, da� in einem Haus, in dem acht Menschen lebten, fr�her oder sp�ter einer von ihnen auftauchte oder zumindest einen Blick aus dem Fenster warf.</p><p>���Ave...� Sie zupfte an dem Jeans�rmel. �Miss Rokeby...�</p><p>���Ave ist okay.�</p><p>��Terry dr�ngelte sich an Heather vorbei, und einen Augenblick sp�ter standen alle drei in der Halle. Ave sagte: �Gott -hier riecht es wie in einem alten Konvent�, und begann umherzuwandern. Die Metallstifte ihrer Abs�tze bohrten sich in die alten Holzdielen.</p><p>���Hallo, hallo.� Terry stand an dem runden Tisch mit den Flugbl�ttern und den Holzschalen. Die �Schuldig�-Karte ignorierend, hob er die hoch, auf der �Liebesangebot� stand. �Mu� man hier seinen Namen eintragen, wenn man eine Nummer schieben will, ja?� Er kicherte und widmete seine Aufmerksamkeit den verschiedenen Flugbl�ttern. Umar-mungs- und Lachworkshop. Wie Sie Ihr spirituelles Wissen n�hren.</p><p>���Wer produziert dieses Zeug?� Er wedelte mit Kens Romanze mit dem Klistier.</p><p>���Unterschiedliche Personen.� Mit stolzgeschwellter Brust fuhr Heather fort: �Wir alle hier sind Autoren. F�r das da ist mein Mann verantwortlich. Es ist sehr gut geschrieben. Der Health Shop in Causton hat alle Exemplare in der ersten Woche verkauft.</p><p>���Ist das wahr?� sagte Terry und warf das Flugblatt weg.</p><p>���K�nnte ich Sie bitten�, sagte Heather und sortierte die durcheinandergebrachten Flugbl�tter, �das nicht zu...� Aber da war er schon weg und fotografierte die Treppe und die Galerie. �Ave?�</p><p>���Ja?� Sie �ffnete eine der Schubladen, zog Vorh�nge zur�ck.</p><p>���Nun, wir haben beschlossen... Ken und ich... da� wir uns lieber drau�en mit Ihnen unterhalten m�chten. Vielleicht unten im Dorf. Es gibt ein nettes kleines Pub -�</p><p>���Vergessen Sie�s.�</p><p>���Wie bitte?� Im hereinstr�menden Sonnenlicht fiel Heather zum ersten Mal auf, wie schlaff die Haut der Frau war, wie trocken ihr Haar. Schlagartig wirkte sie gar nicht mehr so jung.</p><p>���Wir werden hier miteinander sprechen, weil es hier passiert ist. Okay? Und Terry wird ein paar Fotos von dem Raum machen wollen, wo der Mord geschah.�</p><p>���Das d�rfen Sie nicht!� Entsetzt blickte sich Heather wieder und wieder um, als k�nne allein der Vorschlag ihre erz�rnten Mitbewohner auf den Plan rufen. �Der Solar ist ein heiliger Ort, an dem ausschlie�lich gebetet und meditiert wird.�</p><p>���Sie h�tten mich fast �berzeugt�, sagte Ave, und zusammen mit Terry brach sie in schallendes Gel�chter aus.</p><p>���Ganz normale menschliche Neugier, Sch�tzchen�, meinte Terry. �Ein schneller Schnappschu� kann nicht schaden.� Beim Sprechen t�nzelte er herum. St�ndig in Bewegung, richtete er auf alles seine Kamera. Suchte den richtigen Blickwinkel, stellte das Objektiv ein. Surr, klick. Surr, klick. Die schweren Balken, der Steinbuddha, das wundersch�ne Oberlicht wurden fotografiert. Heather war fasziniert und gleichzeitig angewidert von der Unpers�nlichkeit des Apparats. Ein grauenvolles Ding - wie aus einem Science-fiction-Film. Ein schwarzsilbernes, ein�ugiges Metallhirn zwischen zwei behaarten Klauen, das alles aufzeichnete. Sehr bedrohlich. Eine Bewegung im Korridor lie� sie zusammenzucken.</p><p>��Aber es war nur Ken. Humpelnd kam er n�her, den linken Arm auf die Brust gelegt - die Handfl�che ruhte auf seiner Schulter. In der Rechten hielt er eine Blume. Er war in Stoffbahnen aus schmuddligem Baumwollstoff geh�llt, trug eine gr�ne Sch�rpe und sein Stirnband mit dem braunen Tigerauge-Kristall. Sein Schnurrbart war frisch gestutzt.</p><p>���G�tiger Gott - der Meister des Universums�, murmelte Terry und machte eine Aufnahme nach der anderen.</p><p>���Wo bist du gewesen?� Heather floh zu ihrem Gatten. �Mich hier allein zu lassen!� Dann, als ihr sein unzufriedener Gesichtsausdruck auffiel: �Das ist nicht meine Schuld. Sie haben sich einfach reingedr�ngt.�</p><p>���Kein Grund zur Sorge.� Ken schob sie gelassen von sich weg. �Von nun an werde ich mich um alles k�mmern.� Er ging auf Ave zu und verbeugte sich. Dabei geriet sein Kristall in Bewegung und schlug gegen seine Stirn. �Wir werden nur au�erhalb des Hauses �ber die Angelegenheiten sprechen, die direkt mit der Sache zu tun haben. Also... wenn Sie nun bitte...� Er trat an die T�r und �ffnete sie.</p><p>��Ave kehrte zur Kommode zur�ck und entdeckte ein paar alte Ausgaben vom Middle Way und einen kaputten Lampenschirm. Terry kniete sich vor den Buddha, um einen besseren Blickwinkel auf die aufgebl�hten Nasenl�cher der in sich ruhenden und gelassen wirkenden Statue zu haben. Bei dieser Aktion rutschte seine Jeans hoch und gab den Blick auf die Nylonsocken frei, die allem Anschein nach den Kern seiner Lebenseinstellung symbolisierten. Auf der einen Socke stand in vielen Sprachen das Wort �Hau� und auf der anderen �dich voll�.</p><p>��Mit einem R�uspern sagte Ken: �Entschuldigung -�</p><p>���Ich habe nichts unversucht gelassen�, rief Heather. �Warum h�ren Sie denn nicht auf mich?�</p><p>��Die ganze Anspannung und das Gerenne schn�rten ihr die Brust zu. Sie hatte die Situation nicht mehr unter Kontrolle und inzwischen den Eindruck, da� dem von Anfang an nicht so gewesen war. Sie sp�rte auch, wie sich die Atmosph�re ver�nderte. Energische Entschlossenheit sprang zwischen den beiden Besuchern hin und her. Sie berieten sich nur selten miteinander und schienen die Gedanken des anderen doch ganz genau zu kennen.</p><p>���Wo ist nun dieser Solar?� Als er keine Antwort erhielt, sagte Terry: �Los, los.� Das Quengeln eines Cockney-Stra�enjungen. Gereizt und aggressiv balancierte er auf den Fu�ballen wie ein Boxer, der versucht, einen Schlag zu plazieren. �Haben Sie uns eingeladen oder nicht?�</p><p>���Sie eingeladen}�</p><p>��Die Worte kamen von oben. F�r einen Augenblick verloren Terry und Ave die Orientierung. Schlie�lich erblickten sie oben auf der Treppe eine beeindruckende Frau in einem flie�enden, vielfarbigen Gewand, auf dem ein funkelnder Halbmond prangte. Der aufgeplusterte, haselnu�braune Haarschopf lie� sie noch imposanter erscheinen.</p><p>��Terry murmelte: �Heilige Schei�e.� Und stellte seine Blende ein. F�r einen Sekundenbruchteil meinte er neben diesem reflektierenden Strahlen eine zweite Person erkennen zu k�nnen. Ein schlankes M�dchen in einem gr�ngoldenen Sari, das sich wie eine Zofe einen Schritt hinter der Herrscherin hielt. Als der Blitz ausgel�st wurde, wandte sie sich geschwind ab, bedeckte das Gesicht mit einem St�ck Seide.</p><p>��Na, was soll das? fragte sich Ave.</p><p>���Erkl�ren Sie sich.� Eine wohlt�nende und volle Stimme. Man meinte, den Er�ffnungsakkorden eines bekannten Oratoriums zu lauschen.</p><p>���Das ist unsere glorreiche freie Presse�, fl�sterte Suhami May ins Ohr. �Sie bedient sich gerade des ihr verbrieften Rechts, �berall ihre Nase reinzustecken.�</p><p>���Das hier ist Privatbesitz.� Mit dem Gehabe eines Generalbevollm�chtigten schritt May die Treppe hinunter. Ihre in pflaumenfarbenen, mit Brillanten bestickten Slippern steckenden F��e blitzten kurz unter dem Gewandsaum hervor, um gleich darauf wieder zu verschwinden. �Wer sind Sie?�</p><p>���Wer sind Sie}� erwiderte Ave wie eine Gestalt aus Alice im Wunderland. Ungeduldige Finger schwebten �ber dem Startknopf ihres Diktierger�ts.</p><p>���Das ist nicht von Bedeutung.� Klick, surr. Klick, surr. �H�ren Sie umgehend damit auf!�</p><p>��Einen Moment lang kam Terry der Aufforderung nach. Kritisch musterte er die weniger exotische der beiden Frauen und kam zu dem Schlu�, da� sie trotz des roten Punkts genausowenig Inderin war wie er. Die braune Haut war einfach nur gebr�unte wei�e Haut, und das Gesicht kam ihm bekannt vor. Wo hatte er sie schon mal gesehen? Er hob die Pentax. Sie nahm eine B��erschale aus der zweiten Schublade und warf sie ihm an den Kopf.</p><p>���Sind Sie noch ganz dicht, Lady?� br�llte er. �Ich versuche nur ein paar Fotos zu schie�en.�</p><p>���Mein liebes Kind...� Konsterniert und beunruhigt wandte sich May um. �So geht es nicht. So geht es wirklich nicht. Was h�tte Er dazu gesagt?� Suhami brach in Tr�nen aus.</p><p>���H�ren Sie�, sagte Ave und legte ihre Handtasche und das Mikrophon in einer Art und Weise auf den Boden, die verriet, da� sie sp�ter beides noch brauchen w�rde. �Mir liegt nichts daran, �l ins Feuer zu gie�en und all das scheinheilige Getue anzufeuern, aber wir sind eingeladen worden, stimmt�s, Terry? Insofern w�re es mir recht, wenn wir aufh�ren w�rden, so zu tun, als handele es sich hier um die Pl�nderung einer heiligen St�tte.� ' �Sie m�ssen sich irren�, behauptete May.</p><p>���Fragen Sie Mrs. Beavers�, beharrte Ave.</p><p>��Alle Augen richteten sich auf Ken und Heather. Mittlerweile hatten die Beavers g�nzlich die Fassung verloren. Verlegenheit, Anspannung und Verzweiflung rangen in ihren Mienen um die Vorherrschaft. Unabl�ssig verdrehten sie die Augen und gaben mit ihren Grimassen dem jeweils anderen zu verstehen, wer die Lage erkl�ren sollte. Schlie�lich ergriff Heather das Wort.</p><p>���Es handelt sich um ein Mi�verst�ndnis. Diese Person hat angerufen, und ich habe alles falsch verstanden. Sie vermittelte mir den Eindruck, da� vor einiger Zeit ein Interview vereinbart worden sei und sie nur noch eine Wegbeschreibung br�uchte, um zu uns zu finden.�</p><p>���Sie sind hier ganz falsch, meine Liebe�, meinte Ave. �Sie geh�ren nach Westminster.�</p><p>���Heather hat recht�, meldete sich Ken zu Wort. �Ich stand die ganze Zeit �ber neben dem Telefon.�</p><p>���Ich habe ihnen ein Exklusivinterview angeboten.� Ave richtete sich direkt an May. �Sie haben mich gebeten, in f�nf Minuten zur�ckzurufen. Und als ich das tat, sagten Sie, es sei in Ordnung hierherzukommen. Offenbar haben Sie sich mit einem Astraltypen unterhalten, und er hat sein Okay gegeben.�</p><p>���Ist das wahr, Heather?�</p><p>��L�ngere Zeit herrschte Schweigen, das schlie�lich von Ave beendet wurde. �Sollte es Probleme geben, m�chte ich Sie darauf hinweisen, da� eingehende Anrufe aufgezeichnet werden.�</p><p>���Nat�rlich ist es wahr!� platzte Suhami heraus und musterte die Beavers voller Verachtung. �Die haben uns verkauft. Du brauchst sie dir doch nur ansehen.�</p><p>���Sprich nicht so mit mir!� rief Heather. �Du hast ja keine Probleme. Warst dein ganzes Leben lang in ein Bett aus Geld gebettet. H�tte ich auch eine halbe Million, �ber die ich mir den Kopf zerbrechen m��te -�</p><p>��Sie brach ab und legte - zutiefst erschrocken �ber diesen Ausrutscher - die Hand auf den Mund. Ken, der so besch�mt und schuldbewu�t dreinblickte, als sei seine Frau ein schlechterzogenes Haustier, das er nicht im Griff hatte, t�tschelte sie unbeholfen.</p><p>��Bei Terry, der die ganze Tirade mit unverhohlener Schadenfreude verfolgt hatte, fiel der Groschen. Auf einmal wu�te er, warum ihm das junge M�dchen so bekannt vorkam. Er trat einen Schritt zur�ck und versuchte ihren Kopf und ihre Schultern ins Visier zu kriegen, solange sie noch abgelenkt war. Um sie richtig fotografieren zu k�nnen, mu�te er h�her stehen. Die Treppe brachte nichts - von dort aus erwischte er sie nur von hinten. Suchend schaute er sich um, entdeckte die richtige Stelle und kletterte hinauf. Ave hatte nun ebenfalls begriffen, um wen es sich bei dem M�dchen handelte. Ohne gro� nachzudenken, griff sie nach dem Mikro.</p><p>���Was hatte Ihr Vater hier zu suchen, Sylvia? Denken Sie, da� er etwas mit dem Mord zu tun hatte? Hatten Sie eine Aff�re mit dem Opfer?�</p><p>���Aahh...� Schmerz schwang in der Stimme des M�dchens mit. �Sie sind gemein... Reicht es nicht, ihn zu verlieren? Den liebsten Menschen...�</p><p>���Dann ist er also Ihr Liebhaber gewesen ?�</p><p>���Verschwinden Sie... um Himmels willen, hauen Sie ab!�</p><p>���Wenn ich gehe, werden Ihnen nur andere auf den Pelz r�cken. Sie werden nicht mehr vor die Haust�r treten k�nnen, ohne von Blitzen geblendet, ohne mit Fragen, die viel fieser sind als die, die ich Ihnen stelle, bombardiert zu werden. Wenn Sie dem Pitch ein Exklusivinterview geben, werden die sie in Ruhe lassen.�</p><p>��Terry, der auf den Sockel des Buddhas gestiegen war, hatte auf diesen Vorschlag gewartet. Aus Erfahrung wu�te er, da� er zog. Er zog immer. Selbst intelligente Menschen fielen darauf rein. Haupts�chlich aus Verzweiflung. W�hl lieber den Schrecken, den du schon kennengelernt hast. Was f�r ein Mist, da� Saris keinen tiefen Ausschnitt hatten. Das M�dchen hatte klasse Titten.</p><p>��May gab sich gro�e M�he, ihre karmische Blaupause neu zu malen. Da sie sp�rte, da� die Besucher in gewisser Weise teuflisch waren, hatte sie ihren Schutzengel gerufen und sah ihn nun, die breiten Schwingen schlagend, direkt unter dem Oberlicht. Sie stellte sich vor, da� ihre Knochen und ihr Gewebe vom Pulsschlag seines himmlischen Lichts durchflutet wurden. In dieser Stunde brauchte sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit, seine Hilfe. Wie schnell und problemlos diese Leute hier aufgetaucht waren! Zweifellos angelockt von dem gro�en Ri� im Schutzschild des Hauses, der durch den Tod des Meisters entstanden war. Nun sprach die Frau wieder.</p><p>���Ich versichere Ihnen, da� Sie in Ruhe gelassen werden, wenn Sie uns ein Exklusivinterview geben.�</p><p>� �Solch eine Zusammenarbeit widerspricht unseren Prinzipien.�</p><p>���Wir werden zahlen. Und nicht zu knapp.�</p><p>���Genau das meinte ich gerade.�</p><p>���Diese Kommune braucht bestimmt Geld, wie alle anderen Menschen auch, oder?�</p><p>���Die Kommune!� Fassungslos starrte Ken sie an. �Aber ich dachte -� Heather stie� ihm den Ellbogen so fest in die Rippen, da� er fast hingefallen w�re.</p><p>���Wir werden den Scheck auf Golden Windhorse ausstellen, dann k�nnen Sie sich deswegen - ohne uns - die K�pfe einschlagen.�</p><p>���So sind wir nicht�, entgegnete May w�rdevoll.</p><p>���Alle sind so, wenn erst mal ein B�ndel Geld auf dem Tisch liegt.�</p><p>��An dieser Stelle wollte Terry, nachdem er seinen Reebok in die diskrete Umhangfalte gestemmt hatte, die das Glied des Buddhas bedeckte, eine Gro�aufnahme vom Gamelin-Profil machen. Als er abdr�ckte, schrie May auf.</p><p>���Seht mal, wo er steht! Das ist unm�glich...� Terry machte eine Aufnahme nach der anderen und scho� ein erstklassiges Foto von ihrem h�bschen, angstverzerrten Gesicht. �Das ist eine heilige Statue. Gehen Sie runter... gehen Sie runter.�</p><p>��Mit einem Schlag reagierte die ganze Gruppe ver�rgert, war aber unf�hig, aktiv zu werden. Die unfa�bare Blasphemie seines Handelns schockierte sie so sehr, da� sie sich kaum bewegen konnten. Suhami blickte sich suchend um. Unertr�gliche Pein lag in ihrem Blick.</p><p>��Die Pause dauerte nur kurz an. Urpl�tzlich sauste ein Schwall flie�ender Baumwolle an ihnen vorbei. Nachdem Ken eine M�glichkeit gefunden hatte, wenigstens einen kleinen Teil seiner Schuld abzutragen, schmi� er sich mit voller Wucht gegen den Buddhasockel und warf die Blumengaben um, woraufhin ihm kaltes Wasser und Lupinen ins Gesicht spritzten. Tief durchatmend, kraxelte er den schl�pfrigen Stein hoch. Keuchend arbeitete er sich hoch. Als Terrys Fu� in Reichweite kam, griff er nach den Schn�rsenkeln der Reeboks und zog.</p><p>��Beide Arme um den Statuenhals schlingend, r�ckte Terry von Ken ab und begann wild auszuschlagen. Ken bekam ein paar schmerzhafte Fu�tritte auf die Schulter ab. Selbst aus der Ferne konnte man nun Terrys Sockenaufschrift lesen, die dem Eigenleben der F��e unn�tigen Nachdruck verlieh. Nach dem dritten Tritt gelang es Ken, die Schn�rsenkel zu l�sen, und schnappte nach Terrys Kn�cheln.</p><p>��Kurz und fast grazi�s holte er ein letztes Mal aus, krachte dann aber mit dem Gesicht nach unten auf den Sockel. Sich flink wieder aufrappelnd, ri� er an mit Baumwollstoff bezogenen Beinen, Schenkeln und Pobacken. Aus der Ferne betrachtete, erinnerte das Gerangel der beiden M�nner an eine Schlammschlacht ohne Schlamm. Das Ganze hatte ein Ende, als Ken Terrys Schritt fand und hineingriff.</p><p>��Nach einem kurzen Aufschrei drehte der Fotograf Kopf und Schultern um und br�llte Ken phantasielose Obsz�nit�ten ins Gesicht. Bei seiner hektischen Bewegung geriet die Statue in Bewegung. Lautes Knarzen, als w�rde ein gro�er Stein aus einer Wand gezogen, war zu h�ren.</p><p>��Die atemlosen, staunenden Zuschauer hielten auf einen Schlag die Luft an, als sie beobachten mu�ten, wie die ewig �l�chelnde Statue erzitterte. Kurz darauf neigte sie sich nach vorn, ganz langsam, w�hrend ein Gro�teil der Steinmasse noch sicher ausbalanciert war. Es bestand immer noch die Chance, da� sie nicht umkippte, aber nur, wenn das zappelnde menschliche Halsband abgenommen wurde.</p><p>��Ave stie� einen markersch�tternden Schrei aus. �Terry - la� los!�</p><p>��Terry keuchte laut. Seine siegessichere Miene verriet den Triumph, den er sp�rte, w�hrend er immer noch an der Statue hing. Dann allerdings machte er den Fehler, den Kopf vorzustrecken, um nachzusehen, wie sich sein Gegen�ber hielt. Diese unkluge Verlagerung des K�rpergewichts bewirkte, daߠ die Statue sich noch weiter vorneigte, diesmal so weit, da� es kein Zur�ck mehr gab.</p><p>��Mit einem ohrenbet�ubenden Krachen schlug sie auf dem Boden auf. Terry, der sich mitten im Umkippen drehte, landete nur wenige Zentimeter neben dem schweren Steinsch�del. Soviel Gl�ck war Ken nicht beschieden.</p><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>DURCH DIE LATERNA MAGICA</strong></p></title><section><title><p><strong><emphasis>12</emphasis></strong></p></title><p>Strahlenden Blickes und pr�chtig ausgeruht, kam Troy ins B�ro - das Baby hatte die ganze Nacht durchgeschlafen. Er roch nach Players High Tar and Brusque, dem Chanel Pour l�Homme f�rs einfache Volk. Er h�ngte seine Jacke auf, blickte zu Barnaby hin�ber, der aus dem Fenster sah, und sagte: �Was treiben Sie?�</p><p>���Ich lerne f�rs Priesterseminar, Sergeant. Wonach sieht es denn aus?�</p><p>��Herrje. Ein �tzender Tag. Ein �tzender Tag, an dem man Stunde um Stunde in ein Gesicht, das an einen versohlten Hintern erinnerte, blicken mu�te. Jedenfalls kein Tag, um neue Fotos von Talisa Leanne rauszuziehen, auf denen sie sich ohne elterlichen Beistand an der Lehne von Maureens Stuhl festhielt und stand. Der Gerechtigkeit halber mu�te Troy zugeben, da� sein Chef �berhaupt nicht gut aussah.</p><p>���Sind Sie in Ordnung, Sir?�</p><p>���So lala. Habe nicht allzu gut geschlafen.�</p><p>���Ist es denn die M�glichkeit?� Ausgeruht wie er nun mal war, brachte Troy seinem Bo� kein echtes Mitgef�hl entgegen. Er geh�rte zu der Sorte Mensch, die - mit Ausnahme von randalierendem Nachwuchs - immer und �berall schlafen konnten. Zum wiederholten Mal trat er vor die Vergr��erung und verk�ndete: �Ich habe nachgedacht.�</p><p>��Eine F�higkeit, die Troy nur selten nutzte. Seiner Ansicht nach �berhitzte man wie ein altersschwaches Auto, wenn man zuviel nachdachte. Er beobachtete, er h�rte zu, er machte Notizen. Er war ungeheuer akkurat und konnte sich gelegentlich auf seine Intuition verlassen. Ausgedehnte Introspektion und durchdachte Theorien b�rdete er sich nicht auf.</p><p>���Also�, sagte Barnaby und wartete.</p><p>���Dieser Tim, sehen Sie doch, wo der gesessen hat.� Der Chief Inspektor brauchte dieser Aufforderung nicht zu folgen. Die einzelnen Positionen kannte er auswendig. �Kniete genau zu Craigies F��en.�</p><p>���Und?�</p><p>���Und jetzt sehen Sie mal, wo das Gamelin-M�dchen war. Links von Craigie. Die drei bildeten ein spitzwinkliges Dreieck. Tim mu�te nur aufspringen und sich drehen, und schon stand er beiden gegen�ber - richtig?� Barnaby stimmte zu. �Ich denke, da� er genau das getan hat. Und hat im Halbdunkel und w�hrend all des Durcheinanders, das die alte Kleekuh auf dem Boden ausl�ste, die falsche Person erstochen.�</p><p>���Wollen Sie damit andeuten, da� er versuchte, Sylvia Gamelin zu ermorden? Aus welchem Grund denn?�</p><p>���Nach allem, was wir geh�rt haben, hat er den alten Obi zutiefst verehrt. Dieser Mann war seine Sonne, sein Mond, seine Sterne und seine Rettung. Aber was hat der Junge als Gegenleistung daf�r zu bieten? Hundertprozentige Ergebenheit, oder? Nun, die kriegt man auch von einem Hund, stimmt�s? Pl�tzlich tauchte dieses M�dchen auf, jung, h�bsch, bei Sinnen, und sie ist drauf und dran, der Kommune ein stattliches S�mmchen zu �berschreiben. K�nnte Riley das nicht als Bedrohung empfunden haben? Vielleicht hat er sich eingebildet, sie erkaufe sich damit die Zuneigung des Meisters und verdr�nge ihn von seinem angestammten Platz?�</p><p>��Barnaby runzelte die Stirn. Troy fuhr fort: �Mag Ihnen und mir wie eine �berreaktion erscheinen, doch wir d�rfen nicht vergessen, er ist nicht ganz wasserdicht. Er ist bestimmt nicht in der Lage, Vernunft walten zu lassen.�</p><p>���Ist ein bi�chen d�nn, aber m�glich. In einem Stadium extremer Eifersucht k�nnte er durchaus panisch reagieren und in der von Ihnen umrissenen Weise handeln.�</p><p>��Troy err�tete und zupfte an seinen Manschetten. Das tat er immer, wenn er sich sch�mte oder freute. �Das w�rde zudem die heftige Reaktion auf den Tod erkl�ren, Chief. Und warum er von einem Unfall redete.�</p><p>���Mmm. Die ganzen emotionalen Beziehungen haben wir bislang noch gar nicht genauer unter die Lupe genommen, diese geschlossenen Gruppen sind manchmal wie Dampfkocht�pfe, allen voran spirituell ausgerichtete Gemeinschaften, wo offener Widerspruch nicht gern gesehen wird.� Falls Barnaby ungehalten klang, lag das daran, da� er Menschen, die den Anschein erweckten, G�tigkeit bereits mit der Muttermilch eingesogen zu haben, nicht ausstehen konnte. �Bei F�hrern mit stark ausgepr�gtem Charisma ist es keine Seltenheit, ,da� ihm sowohl k�rperliche als auch emotionale Bewunderung entgegengebracht wird.�</p><p>���Sie meinen, er machte die anderen fertig?�</p><p>��Barnaby zuckte zusammen. �Nicht unbedingt. Ich denke, ich versuche anzudeuten, da� wir - da wir ihm zu Lebzeiten nicht begegnet sind - nicht erfassen k�nnen, was f�r eine Pers�nlichkeit er war. Wie wissen nur das, was seine Anh�nger �ber ihn sagen. Wie gro� sein Einflu� gewesen ist, wissen wir nicht.�</p><p>���Das stimmt. Tot hat er nicht viel hergegeben. Ich wei� allerdings immer noch nicht, ob...� Troy trat von dem Schaubild weg und setzte sich an den Schreibtisch. �Meinen Sie, da� er jemanden vielleicht falsch beeinflu�t hat?�</p><p>���W�re immerhin m�glich.� In Wahrheit wu�te Barnaby nicht, was er meinte. Er dachte einfach laut nach. Spielte Ideen durch, verwarf sie, baute andere Theorien auf. Spekulierte �ber unsichtbare Verbindungen und kam vielleicht vom Weg ab. In j�ngeren Jahren hatte ihm dieses Stadium einer Ermittlung in einem Mordfall am meisten zugesetzt. Diese f�rchterliche Ungewi�heit. Da� alles Auslegungssache war. Man st�rzte sich auf eine Unterhaltung hier, ein unterstelltes Motiv da, ein Indiz (das griffig war und bewiesen werden konnte), nur um dann bei genauerer Betrachtung mit ansehen zu m�ssen, wie sich alle zusammengeschusterten Theorien in Luft aufl�sten.</p><p>��Jeder R�ckschlag steigerte seine Anspannung. An so einem Punkt sp�rte er (und das entsprang nicht immer seiner Einbildung), wie man von ihm entt�uscht war. Und er sp�rte zunehmenden Druck von seiten seiner Vorgesetzten. Nie konnte er jenen ersten Fall vergessen, den er gel�st hatte. Seine Freude dar�ber war bald dem beunruhigenden Gef�hl gewichen, da� das Ergebnis mitnichten seinen Deduktionsf�higkeiten zuzuschreiben war, sondern da� er vor allem Gl�ck gehabt und Z�higkeit bewiesen hatte. Und da� sich so ein Erfolg vielleicht nie mehr wiederholte.</p><p>��Inzwischen kam er mit der Ambiguit�t besser zurecht und besa� genug Selbstvertrauen, um nicht in Panik zu geraten. Jetzt vertraute er darauf, da� fr�her oder sp�ter eine neue Erkenntnis, eine hergestellte Verbindung oder ein Verd�chtiger auftauchte, der sich unabsichtlich verplapperte. Das bedeutete nicht das Ende der Welt, wie er fr�her einmal angenommen hatte, sondern veranschaulichte nur, wie wenig er sich von seinen Mitmenschen unterschied.</p><p>��Im Moment war der ihm �bertragene Fall gerade mal zwei Tage alt, und er wartete auf verschiedene Dinge. Vor allem auf den Obduktionsbericht und auf die Informationen aus dem Labor �ber die Fasern einer groben Sch�rze und der Geschirrt�cher, die gestern aus Windhorse mitgenommen worden waren. Diese Faser machte ihm Kopfschmerzen. Da er weder ihre Herkunft kannte, noch wu�te, wie sie dorthin gelangt war, konnte er auch nicht wissen, ob sie wichtig war. Vielleicht half sie ihm nicht weiter, vielleicht bedeutete sie den Durchbruch.</p><p>��Zus�tzlich versuchte einer seiner Kollegen, den echten Christopher Wainwright aufzutreiben. George Bullard sollte sich telefonisch melden und ihn �ber Jim Carters Medikamente informieren. Es gab bestimmt noch ein paar Typenbeschreibungen im Computer, die auf Arthur Craigie pa�ten, aber Barnaby vertraute nicht darauf, da� Troy mit seiner Vermutung richtig lag, weil sie auf Gamelins vagem Gef�hl und einer Per�cke beruhte. Andrew Carters Geschichte wurde ebenfalls �berpr�ft. Fatalerweise war sein Leben so unstet gewesen (falls er die Wahrheit gesagt hatte), da� das kein einfaches Unterfangen war. Barnaby hatte auch eine Kopie des Obduktionsberichts von Jim Carter erhalten und mu�te erkennen, da� eine Wiederer�ffnung dieses Falls sich als problematisch erweisen w�rde. Zum Zeitpunkt seines Todes hatten sich alle Kommunenmitglieder an einem anderen Ort aufgehalten. Dennoch durften weder der Brief noch das belauschte Gespr�ch ignoriert werden. Trixie Channig war nicht im Computer; also mu�te ein Foto von ihr vervielf�ltigt und verteilt werden, was Zeit beanspruchte. Im Gegensatz zu Andrew Carter war Barnaby nicht im geringsten davon �berzeugt, da� �etwas Schreckliches� eingetreten war, nur weil das M�dchen mitsamt seinen Habseligkeiten verschwunden war. W�hrend des Verh�rs hatte Trixie vor etwas Angst gehabt. Mittlerweile tat es Barnaby leid, sie nicht h�rter in die Zange genommen zu haben, um rauszukriegen, worum es sich dabei gehandelt hatte.</p><p>���Sie sind immer noch gegen Gamelin als potentiellen M�rder, Chief?�</p><p>���Ich denke schon.� In Wirklichkeit erschien Barnaby diese Erkl�rung an den Haaren herbeigezogen. Wieso dem so war, wu�te er allerdings nicht zu sagen. Einerseits irritierte ihn, da� ihm der Mann so eindeutig als S�ndenbock pr�sentiert worden war. Auf der anderen Seite lag ihm Gamelins echte Emp�rung dar�ber, da� ihn alle als M�rder abstempelten, schwer im Magen. Und dann war da noch das Motiv. Auf den ersten Blick schien es eindeutig, aber bei n�herer Betrachtung verfl�chtigte sich dieser Eindruck. Barnaby glaubte, da� Guy im Ernstfall seine Tochter dem Mammon vorzog. Er schien ganz und gar davon besessen gewesen zu sein, sich mit ihr auszus�hnen. Da sie aus ihren Gef�hlen zu ihrem Lehrer kein Hehl gemacht hatte, hatte ihr Vater an f�nf Fingern abz�hlen k�nnen, da� seine Chance auf Wiedervers�hnung gleich Null war, falls er Craigie etwas antat. Und sein Tod bot keine Garantie, da� Sylvie das Geld nicht verschenkte. Ganz im Gegenteil, vielleicht h�tte dies sie nur noch in ihrer Entscheidung best�rkt. Doch den Hauptgrund f�r Barnabys Einstellung lieferte der Charakter des Mannes. In seinen Augen war Gamelin ein Mann, der nach dem Motto handelte: Nimm dir, was du willst, und bezahl daf�r. Sicherlich konnte der Chief Inspector sich vorstellen, da� Gamelin einen Mord ver�bte, aber dann eher impulsiv, spontan, rasend vor Zorn, und nicht kaltbl�tig, durchdacht, geplant. Und bestimmt w�re er hinterher dagestanden und h�tte den Mord laut in die Welt hinausgeschrien oder sogar damit geprahlt und sich dann die besten Anw�lte geholt, die man f�r Geld kaufen konnte. Nein - Barnaby war sicher, da� Gamelin nicht der M�rder war. Warum der Tote auf ihn gezeigt hatte, verstand er allerdings nicht.</p><p>��Audrey Brierley brachte weitere Informationen �ber die m�glichen Alter egos des Toten. Troy schnappte sich die Ausdrucke und �berflog sie. Freddie Cranmer? Nicht nur zu jung, sondern auch mit exotischen (und obsz�nen) T�towierungen �bers�t. Der n�chste kam schon eher in Frage. Albert Crainleigh. Siebenundf�nfzig. Von Kindheit an kriminell, in erster Linie kleine Betr�gereien und das Verschieben gestohlener Gegenst�nde. Sp�ter ausgefeiltere Aktionen. Get�rkte Bestellanzeigen. Versicherungs- und Hypothekenbetrug. Und dann hatte er eine gro�e Nummer mit dem Verkauf von Anteilen abgezogen. Hatte auf diese Weise eine Menge Kohle gemacht, die nie gefunden wurde. Wurde in Malta geschnappt. Vier von sieben Jahren abgesessen. War 1989 freigelassen worden. Beispielhafter Gef�ngnisinsasse, aber das waren Betr�ger immer.</p><p>���Das hier kommt hin, Sir.�</p><p>��Barnaby h�rte zu, w�hrend Troy laut vorlas. Als der Sergeant enthusiastisch nickte, hob und senkte sich sein B�rsten-haarschnitt wie der Kamm einer vorwitzigen Sumpfschnepfe.</p><p>���Das einzige, was pa�t�, fa�te der Chief Inspector zusammen, �ist, da� beide M�nner im gleichen Alter sind. Einmal abgesehen von Gamelins Beschuldigung, die unter jenen Umst�nden verst�ndlich war, haben wir keinen Grund, in Craigie einen Betr�ger zu vermuten.�</p><p>��Er bemerkte, wie Troys Kinnmuskeln sich verkrampften. Wenn Troy eine Ahnung hatte, war er wie die Katze vor dem Mauseloch. Da� er nie begriff, wann er aufgeben und heimgehen mu�te, war seine St�rke und gleichzeitig seine Schw�che.</p><p>���Falls Sie sich entsinnen�, sagte Barnaby, der sich nur daran erinnerte, weil er vergangenen Abend noch einmal die Aussagen durchgegangen war, �sprach Arno Gibbs �ber die finanzielle Hilfe, die die Kommune gew�hrte, und �ber die Spenden an Organisationen wie Christian Aid und so. Das pa�t ja nun �berhaupt nicht zu Ihrer Theorie.�</p><p>���Aber so sind doch alle gro�en Schurken verfahren, Chief. Denken Sie an die Krays. Almosen, Jugendclubs, Boxtroph�en. Die haben das Geld verteilt.�</p><p>���Die Basis unterst�tzen. Das ermutigt die Rekruten. Aber auf Windhorse haben wir keinen Zarismus, sondern eher so was wie eine Demokratie.�</p><p>���Ach ja?� Troy zwinkerte und schnalzte mit der Zunge.</p><p>���Eine Organisation, in der alle Mitglieder gleich sind.� Barnaby las die Gedanken seines Untergebenen. �Und die nicht von Frauen geleitet wird.�</p><p>���Ist nur gerecht.� Ein verst�ndlicher Fehler, sinnierte Troy, da die meisten von ihnen den Verstand von ausgeleierten Unterhosen hatten. �Was mich nicht daran hindern wird, mir ein paar Fotos anzusehen.� Er gab sich rebellisch.</p><p>���Lassen Sie das. Die Leute in dieser Abteilung haben schon genug zu tun.� Es klingelte. Das war Winterton, der Communications-relations-Beamte, der sich um den sogenannten Gamelin-Fall k�mmerte. Die Presse setzte ihm telefonisch ziemlich zu, und nun wollte er erfahren, ob Barnaby �ber ein paar neue Informationskr�mel verf�gte, die er ihnen zum Fra� vorwerfen konnte.</p><p>���Verbraten Sie noch mal das, was Sie denen gestern schon gesagt haben. Nur mit anderen Worten.�</p><p>���Danke, Tom. Sie waren mir eine gro�e Hilfe.�</p><p>���Gern geschehen.� Barnaby legte auf. Als er aufblickte, war das B�ro leer.</p><empty-line/><p>Arno ging im Obstgarten spazieren. Es war noch ziemlich fr�h. Blaue Nebelschwaden lagen �ber den Beeten, und die frost�berzogenen �pfel schimmerten im morgendlichen Sonnenschein. �ber seinem Kopf funkelte der strahlende Morgenstern. Obwohl er in der Nacht kaum ein Auge zugemacht hatte, war er kein bi�chen m�de.</p><p>��Er trug ein mit Erdbeerbl�ttern verziertes Sch�lchen und ging zu �Stella�, ihrem sich selbst befruchtenden Kirschbaum, der reichlich Fr�chte trug. Der Baum war mit einer Reihe von Netzen bedeckt, die auf Flohm�rkten gekauft und hinterher zusammengeflickt worden waren. Das Ding war nicht wirklich vogelsicher. Gerade als Arno n�her kam, traten ein paar Stare laut zwitschernd die Flucht an. Er pfl�ckte die restlichen Kirschen, stellte das Sch�lchen auf das Gurkenspalier und schnitt mit seinem Taschenmesser die angeknabberten und verschrumpelten Fr�chte ab. Die anderen stapelte er zu einer kleinen Pyramide und ordnete sie so an, da� die sch�ne Seite nach au�en zeigte. Leider war das Ergebnis alles andere als befriedigend. Die Kirschen hatten nichts mit den �ppigen dunkel gl�nzenden Exemplaren gemein, die man in Superm�rkten kaufen konnte.</p><p>��Normalerweise akzeptierte Arno voller Resignation die ungespritzte Unvollkommenheit, aber heute gedachte er May zu verf�hren. Am vergangenen Abend hatte sie kaum einen Bissen zu sich genommen, was ihn angesichts des desastr�sen Nachmittags kaum verwunderte. Seit dem Abendessen war Arno beunruhigt, weil er (wie alle Liebenden) f�rchtete, da� seine Angebetete dahinschwand, falls sie so weitermachte.</p><p>��Das Sch�lchen vorsichtig balancierend, �berquerte er den Rasen. Erst jetzt bemerkte er, da� die Sonne aufgegangen war, da� das Gras seine Frische von vorhin verloren hatte, da� das taubenetzte Gr�n unter seinen Sohlen sich weich anf�hlte. Als er sich dem Haus n�herte und in Sichtweite des Haupttors gelangte, z�gerte er und schlich dicht an der Hecke entlang, um dann das letzte St�ckchen ungesch�tzt zur�ckzulegen.</p><p>��Ave und Terry hatten mit der Belagerung recht behalten.</p><p>��Arno hatte ein altes Schlo� und eine rostige Eisenkette gefunden und gerade noch rechtzeitig das Tor gesichert. Am fr�hen 'Abend hatte sich dort drau�en eine lautstarke Menschenmenge versammelt. Das alles erinnerte ein wenig an eine Szene aus einem alten Stummfilm, in der aufbegehrende Bauern die Bastille st�rmen. Fotografen waren auf die Mauer geklettert, und der Krankenwagen hatte gro�e M�he gehabt, durchzukommen.</p><p>��Doch im Moment herrschte Ruhe. V�gel zogen ihre Kreise. Die W�rmer zeigten sich noch nicht. Wie sich herausstellte, war Arno nicht der einzige Fr�haufsteher. Als er um die Hausecke bog, wurde ein Fenster im Erdgescho� aufgerissen. Es geh�rte zu Mays Zimmer. Kurz darauf schallte ein wundersch�ner Akkord durch die reine Luft. Arnos Herz machte einen Satz, setzte einmal aus und schlug dann hocherfreut weiter.</p><p>��Er versteckte sich im Efeu, stand reglos da, hob und drehte den Kopf, w�hrend es ihn zum offenstehenden Fenster dr�ngte wie die Blume zum Licht. Ein goldener Ton ergo� sich in die strahlende Morgenfrische, legte sich um Arnos Herz, band ihn noch enger an sie, an die liebste aller Musikerinnen. Sich zur�cklehnend, schlo� er die Augen. Unbemerkt fiel Staub aus dem Efeu auf seine Haare und seinen Bart. Die Welt schrumpfte auf die schnellen Bewegungen des Cellobogens zusammen.</p><p>��Sie spielte ein katalanisches Volkslied. Den majest�tisch-melancholischen Trauergesang eines Exilanten. Wie �blich stimmte das Lied Arno traurig, doch die Liedstruktur war so harmonisch, die Melodie so lieblich, da� er, wenn die letzten T�ne erklangen, nicht Trauer empfand, sondern schieres Gl�ck.</p><p>��Sein Blick fiel auf das Sch�lchen. Die Kirschpyramide war zusammengefallen. Die Fr�chte schrumpelten schon ein. Nicht einmal die Erdbeerbl�tter wirkten frisch. Die Unangemessenheit seines Geschenkes im Vergleich zu dem Genu�, der ihm gerade beschieden gewesen war, besch�mte Arno zutiefst. Ohne zu z�gern kippte er die Kirschen hinter die Blumenbeeteinfassung und brachte das Sch�lchen in den T�pferschuppen.</p><p>��Die Cellistin legte ihren Bogen weg und trat ans offene Fenster, um die Sonne zu begr��en. Gerade heute brauchte sie alle Energie, die sie aufbringen konnte. Ihre heilenden Kr�fte - derart �bertrieben beschrieb May Warmherzigkeit - wurden st�rker gebraucht als je zuvor. Sie hob die Arme, woraufhin die wassergr�ne Seide auseinanderfiel, und legte damit ihre wunderbare K�rperf�lle frei. �Das G�ttliche in mir ruft das G�ttliche in dir�, tat sie kund und verneigte sich sieben Mal in dem Wissen, da� jede Verbeugung Liebe, kosmische und g�ttliche Kraft ins Herzchakra flie�en lie�. Hinterher nahm sie ein ausgiebiges Bad, machte ein paar Yoga�bungen, atmete abwechselnd durch eines der Nasenl�cher aus und ein und begab sich, nachdem sie sich nun gewappnet f�hlte, den Tag in Angriff zu nehmen, zum Fr�hst�ck in die K�che.</p><p>��Allem Anschein nach war May ihren Ablutionen l�nger als gew�hnlich nachgegangen. In der K�che hatten sich - bis auf Tim und Felicity - bereits alle eingefunden.</p><p>��Heather stand an der Sp�le und k�mmerte sich um die Herstellung von dynamischem Sonnenwasser. Dazu mu�te man mehrere Streifen verschiedenfarbiges Lackmuspapier um mit Wasser gef�llte Plastikflaschen legen und die Streifen mit einem Band befestigen. Danach wurden sie in die pralle Sonne gestellt. Die Energie der Strahlen verlieh dem Wasser eine kraftvolle elektromagnetische Ladung.</p><p>��Heather gab sich unterw�rfig und verrichtete heute Aufgaben, an die sie vor vierundzwanzig Stunden keinen einzigen Gedanken verschwendet h�tte. Sie hatte ihr Haar zu einem Zopf zusammengebunden und ihn mehrmals um den Kopf geschlungen. Sie trug ein Kleid in einer Farbe, die nur als B��ergrau bezeichnet werden konnte. Die gewissenhafte und unterw�rfige Hausfrau mimend, war sie doch eher das Paradebeispiel einer Aufseherin im Hochsicherheitstrakt eines Gef�ngnisses.</p><p>��Ken schwieg und hielt sich ein wenig abseits. Bislang hatte er das, was ihm gereicht wurde (ein Glas Mate und etwas M�sli), mit �berschwenglicher Dankbarkeit entgegengenommen und ohne den Versuch zu machen, sich mit irgend jemandem zu unterhalten. Er verhielt sich wie ein Mann, der wu�te, welcher Platz ihm geb�hrte (eine Nische neben dem Kamin), : und sich dar�ber freute. Selbst wenn er sich h�tte bewegen wollen, w�re ihm das nicht m�glich gewesen. Sein rechtes Bein, dreimal gebrochen, steckte vom Schritt bis zur Fu�sohle in Gips.</p><p>��Dar�ber verlor Ken absichtlich kein Wort. W�hrend Heather sich bem�ht hatte, ihn halbwegs komfortabel in ein kleines Schlafzimmer im Erdgescho� zu betten, hatte sie ihm beigepflichtet, da� sie nur darauf hoffen konnten, da� die Kommune ohne ihr Zutun einsah, wie gro� sein Opfer war, und dies gegen das Ausma� und die Qualit�t seines Betrugs abwog.</p><p>��Als man ihn unter dem Buddha hervorgezogen hatte, hatte sich Ken - zu seiner eigenen �berraschung und zu der seiner Mitbewohner - erstaunlich ruhig und tapfer verhalten. Darum bem�ht, nicht laut aufzuschreien, hatte er Mays Notfallmedizin eingenommen und - als die Schmerzen schlimmer statt besser wurden - die Z�hne zusammengebissen, Tr�nen unterdr�ckt. Auf der Trage war es ihm sogar gelungen, sich ein L�cheln abzuringen, zu winken und den anderen zu verstehen zu geben, da� sie sich keine Sorgen um ihn machen brauchten. Nichts sollte sich von Kens Aufenthalt auf Windhorse so nachhaltig einpr�gen wie dieser Abgang.</p><p>��Arno erhob sich, als May hereinkam, und fragte sie, ob sie etwas essen und eine Tasse frisch aufgebr�hten Luakatee trinken mochte. L�chelnd sch�ttelte sie den Kopf. �Du bist gerade am Fr�hst�cken, mein Lieber. La� nur, ich bediene mich selbst.� Die z�rtliche Anrede trieb ihm die R�te ins Gesicht. Sie steckte den Stecker des klapprigen Restauranttoasters in die Dose. Er war ziemlich alt, daf�r aber sehr effizient. Kaum i waren die Toasts knusprig gebr�unt, warf er die gestreiften Brotscheiben in die H�he. War der Toaster voll, kamen insgesamt ein Dutzend Scheiben Brot auf einen Schlag aus den Schlitzen geschossen und purzelten durch die Luft.</p><p>��May fand, da� es sehr ruhig war. Gew�hnlich wurde bei den Mahlzeiten viel geredet und gelacht. Heute morgen brachte kaum einer ein Wort �ber die Lippen. Janet hing unbequem auf einem nach hinten gekippten Stuhl und zupfte an ihren in Kordhosen steckenden Knien herum. Christopher und Suhami tranken richtigen Kaffee, sa�en beieinander und waren doch nicht zusammen. Er warf ihr immer wieder einen Blick zu und verdrehte den Kopf einmal so sehr, da� sich sein Gesicht um neunzig Grad geneigt vor ihrem befand. Diese Ma�nahme, als Aufheiterung gemeint, erzielte leider nicht das gew�nschte Ergebnis. Sie sch�ttelte nur den Kopf und wandte sich ab. Selbst das Klappern des Bestecks wirkt ged�mpft, dachte May, und beobachtete, wie Arno sein Messer ganz behutsam auf einen kleinen Teller legte. Ihr fiel sein ger�tetes Gesicht auf, und sie hoffte, da� er keine Krankheit ausbr�tete. Drei Kranke waren mehr als genug.</p><p>��Nachdem Heather die Flaschen verschlossen hatte, fl�sterte sie leise: �Ich werde sie nach drau�en bringen.� Und spazierte auf Zehenspitzen aus der K�che.</p><p>��Mays Toast sprang aus dem Schlitz. Gleichzeitg begann das Telefon zu l�uten. Mit einer Hand nach dem H�rer greifend, auf der anderen den hei�en Toast balancierend, rief May: �Beim Jupiter! Ist das hei�.� Der Anrufer war konsterniert.</p><p>��Die anderen, in Furcht isoliert, spitzten die Ohren. Gab es Neuigkeiten �ber Trixie? �ber die Ermordung des Meisters? War das die Bank oder ein Rechtsanwalt mit Informationen �ber ein Testament? Alle versuchten, die L�cken zwischen den sporadisch von May hingeworfenen Satzfetzen zu f�llen.</p><p>���tombs...? Bestimmt nicht. Wir werden unsere eigenen Vorbereitungen treffen. Ich mu� schon sagen, ich finde es ziemlich unerh�rt - ach, Sie hei�en Tombs? Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?... ah - ich verstehe. Ja, das ist nat�rlich schon ein Problem... Das werden wir in der Tat, lassen Sie mich kurz �berlegen... Nein, ich bin sicher, da� keiner von uns den Wunsch hat, das zu tun. Die sind �berhaupt nicht freundlich. H�ren Sie - ich sage Ihnen was - in der Mauer hinter unserem Gem�segarten befindet sich eine Holzt�r. Die Erde unter der T�r ist ziemlich runtergetreten, insofern gibt es da so etwas wie �nen Spalt... Oh, das k�nnten Sie? Wie furchtbar nett. In einer Viertelstunde? Vielen Dank.�</p><p>���Worum ging es denn?�</p><p>���Miss Tombs, Christophen Vom Dorfpostamt. Der Postbote kann die Post nicht ausliefern, weil unser Tor verschlossen ist. Sie erkundigte sich, ob jemand runtergehen -�</p><p>���Nein!� schrie Suhami auf.</p><p>���Ganz richtig. Ihr habt geh�rt, was ich vorgeschlagen habe. Sie wird die Briefe f�r uns in eine Plastikt�te stecken.�</p><p>���Die Post habe ich ganz vergesssen�, meinte Arno. �Wir werden sie sorgf�ltig pr�fen m�ssen. Von nun an werden die Menschen auch aus ganz anderen Gr�nden zu uns kommen wollen.�</p><p>���Ich werde die Post holen gehen.� Chris trank aus. �Begleitest du mich, Suze?�</p><p>���Ich m�chte aber nicht.�</p><p>���Wir werden uns �ber die Terrasse rausschleichen. Dort kann uns niemand sehen. Ich mu� dir etwas erz�hlen.� Als sie sich nicht r�hrte, f�gte er hinzu: �Wenn du dich hier drinnen versteckst, �berl��t du ihnen den Sieg.�</p><p>��Suhami stand auf und folgte ihm. Nicht wegen der Anspielung, sondern weil ihr das leichter fiel, als einen Streit vom Zaun zu brechen. Ihre Gliedma�en waren bleischwer. Trauer und Schuldgef�hle zerm�rbten sie.</p><p>��Gemeinsam streiften sie durch den Kr�utergarten und liefen dann quer �ber den Rasen. Der warme Kies unter ihren F��en gab nach. Unkraut und Goldlack spro�en: jene winzigen senfgelben Bl�mchen, die nach Vanille und Ananas rochen. Der Weg war von Sonne und Wind ausgebleichten Herzmuscheln eingefa�t.</p><p>��Er nahm ihren Arm, der schwer und indifferent auf seinem eigenen ruhte. Urpl�tzlich �berkam Chris eine Woge der Best�rzung. Er f�rchtete nicht so sehr, da� ihr Verhalten dem Schock �ber den Mord oder den gestrigen �berfall zuzuschreiben war, sondern da� sich ihre Einstellung ihm gegen�ber auf immer ge�ndert hatte. Der Gedanke, sie zu verlieren, schn�rte ihm die Kehle zu. Er h�tte ihr viel fr�her die Wahrheit sagen m�ssen. Je l�nger er sie verschwieg, desto schlimmer wurde es. Er hatte ihr den Hof unter falschem Vorwand gemacht, aus Gr�nden, die ihm nicht nur entschuldbar erschienen, sondern auch lebenswichtig. W�rde sie das verstehen? Er mu�te daran denken, wie sie sich bei ihm dar�ber beklagt hatte, da� sie immer von allen belogen wurde.</p><p>��Er z�gerte, wollte stehenbleiben, konnte sich aber nicht dazu durchringen. Fragte sich, wie er die Wahrheit sagen und ihr gleichzeitig die Notwendigkeit zu l�gen begreiflich machen sollte. Am Ende sagte er gar nichts, sondern ging einfach weiter.</p><empty-line/><p>Kurz vor dem Mittagessen traf der Obduktionsbericht ein. Barnaby hatte die Bl�tter aus dem Ordner genommen, ehe Audrey das B�ro verlassen hatte. Schnell �berflog er das Gedruckte. �Irgendwelche �berraschungen?� fragte Troy und wurde mit einem Blick bedacht, den er als wohlwollend auslegte.</p><p>���Craigie hat in letzter Zeit nicht geraucht, fr�her hingegen schon. Und nicht getrunken. Hat neun Stunden vor seinem Tod zum letzten Mal gegessen. Todesursache ist ein gerade ausgef�hrter Sto� mit dem Messer, der den rechten Ventrikel durchstie�. Damit ist die These, da� Gamelin von hinten zugesto�en hat, vom Tisch.�</p><p>��Als Barnaby eine Pause einlegte, verlagerte Troy sein Gewicht, um seine Irritation zu verbergen. Der alte Herr hatte die Angewohnheit, theatralische Pausen einzulegen, wann immer eine besonders krasse Enth�llung bevorstand. Das lag in der Familie. Da mu�te man eben Zugest�ndnisse machen. Nichtsdestotrotz ging es Troy gegen den Strich, da� er immer gescholten wurde, zu Potte zu kommen, wenn er das versuchte. Pflichtschuldig gab er seinem Chef das Stichwort.</p><p>���Ist das alles, Sir?�</p><p>���Nicht ganz.� Barnaby legte den Bericht auf den Schreibtisch. �Er hatte Knochenkrebs.�</p><p>���Krebs!� Was immer Troy auch erwartet haben mochte, das gewi� nicht. Barnaby h�tte sich keine zufriedenstellendere Reaktion w�nschen k�nnen. Troy setzte sich auf den Besucherstuhl. �Wie stand es um ihn - schlimm?�</p><p>���Schlimmer ging�s nicht. Sie behaupten, da� er h�chstens noch ein paar Monate zu leben hatte. Das erkl�rt selbstverst�ndlich auch die Per�cke.�</p><p>���Wie bitte?�</p><p>���Falls er sich einer Chemotherapie unterzogen hat, sind ihm wahrscheinlich die Haare ausgefallen.�</p><p>���Aber w�rde er auf solch ein Hilfsmittel zur�ckgreifen? Sie wissen doch, wie die da oben sind. W�rde er sich nicht eher irgendwelchen omin�sen Strahlen aus dem Universum aussetzen oder sich Kr�uter in die Nase stopfen?�</p><p>���Denken Sie daran, er war im Hillingdon an dem Tag, an dem Riley aufgegabelt wurde. Gibbs sagte aus, da� Craigie regelm��ig das Krankenhaus aufsuchte. Ich nehme mal an, da� man den anderen damit seine Besuche erkl�rte.�</p><p>���Sie meinen, er wollte sie nicht aufregen, solange es sich vermeiden lie�?�</p><p>���Ganz genau.�</p><p>���Dann ist er also doch ein Heiliger.� Entt�uscht zog Troy die Mundwinkel nach unten. Selbst seine ansonsten immer zu Berge stehenden Haarspitzen neigten sich ein klein wenig.</p><p>���Wir werden uns in dieser Angelegenheit noch mit dem Krankenhaus in Verbindung setzen, doch ich halte es f�r ratsam, nicht mehr davon auszugehen, da� die Per�cke Teil eines gro�angelegten Betrugs war.�</p><p>��Troy setzte eine bedeutungsschwangere Miene auf. Er zuckte mit den Achseln, sch�rzte die Lippen, nickter Besonnen, aber nicht �berzeugt. �Und welchen Einflu� hat dies Ihrer Meinung nach auf den Mord, Chief?�</p><p>���Keine Ahnung. Sollte es Craigie gelungen sein, seine Krankheit geheimzuhalten, m�glicherweise gar keinen.�</p><p>���Der M�rder hat bestimmt nichts davon gewu�t. Wer riskiert schon, f�r Jahre ins Gef�ngnis zu wandern, wenn er einfach in aller Seelenruhe abwarten kann, bis der Betreffende ins Gras bei�t.�</p><p>���Das gilt nur, falls Zeit keine Rolle spielte.�</p><p>���Richtig. Andererseits... he... was ist damit? Da er wu�te, da� seine Tage gez�hlt waren, und weil er keine Lust hatte, all den Schmerz und die vielen Prozeduren �ber sich ergehen zu lassen, begeht unser Held Selbstmord.�</p><p>���Vom psychologischen Standpunkt aus gesehen, klingt das meiner Ansicht nach ganz einleuchtend. Aber er h�tte niemals so gehandelt, weil das f�r die anderen ein Maximun an Leid und Verwirrung bedeutet h�tte. Ich sehe ihn als jemanden, der seine Angelegenheiten in Ordnung bringt und dann eine �berdosis nimmt, nachdem er eine Nachricht an seine Zimmert�r geklebt hat. Sie wissen schon - bitte nicht st�ren. Ruft einen Krankenwagen.�</p><p>���Okay. Nehmen wir mal an... �hm... jemand wei� Bescheid, ja? Er mu�te es jemandem sagen, um die Zukunft der Kommune nicht zu gef�hrden, und er - oder sie - kann es nicht ertragen. Kann den Gedanken nicht ertragen, da� der arme alte Obi zunehmend wirrer im Kopf wird. Und beschlie�t, ihn aus Barmherzigkeit umzubringen. Ein kurzer Sto� mit dem Messer, und schon wandelt ein Seeliger weniger auf der Erde, schon steht einer mehr vor der Himmlischen Pforte.�</p><p>���Da habe ich denselben Einwand. Diesen Ausweg w�rde keiner von denen w�hlen.� Barnaby tippte auf den Bericht. �Unn�tig gef�hrlich und aufwendig. Die w�rden ihm was ins M�sli r�hren.�</p><p>���Wahrscheinlich.� Da jede seiner Theorien abgeschmettert wurde, musterte Troy ziemlich gereizt den Bildschirm. Es geschah einigen Leuten ganz recht, wenn sie es mit einem Holzkopf zu tun hatten, der nur einmal pro Jahr eine vern�nftige Idee auftischte.</p><p>���Tut mir leid, Gavin.�</p><p>���Was?� Troy gab sich verwundert. �Oh - ist schon in Ordnung. Ich habe einfach nur laut nachgedacht, wissen Sie. So wie sie das auch immer tun. Nun�, sagte er und erhob sich, �ich denke, ich werde heute etwas fr�her zum Mittagessen gehen, es gibt wahrscheinlich Fisch, wie immer am Ende der Woche. Ich werde ihn mal probieren. Soll gut f�r das Gehirn sein.�</p><p>���Die alten Chinesen waren gerissen. Sie stopften ihren Verd�chtigen den Mund mit Reis voll. Spuckte der Verd�chtige ihn aus, hie� das, seine Speicheldr�se war nicht ausgetrocknet, virgo - er sagte die Wahrheit.�</p><p>���Und was, wenn er tats�chlich keinen Reis mochte?�</p><p>���Bringen Sie mir ein paar Sandwiches mit.�</p><empty-line/><p>Mit einer hellgr�nen, vollgepackten Plastikt�te kehrten Chris und Suhami in die K�che zur�ck und sch�tteten die Post auf� den Tisch. Zwei kleine P�ckchen und rund ein Dutzend Briefe.</p><p>��Janets flinke Finger schoben sie hin und her. Kein Brief f�r sie. Als ihr Heathers teilnahmsvoller Blick auffiel, stand sie schnell auf und machte sich daran, die Kaffeetassen einzusammeln.</p><p>���Himmel�, entfuhr es Arno, als er einen Briefumschlag �ffnete, �da meldet sich schon jemand f�r unser Hydro/Massage-Wochenende an.�</p><p>��Reich Aphrodite die Hand war �berall in Causton und Ux-bridge plakatiert und diskret in einer oder zwei Zeitschriften annonciert worden. Die Kommune hatte ein paar Whirlpoolapparate angeschafft, um die Ausstattung der alten Klauenfu�badewannen zu verbessern. Falls das Wetter es zulie�, sollte der Workshop jedoch im See stattfinden.</p><p>���Hier ist einer f�r dich�, sagte Chris. �Und May.� Er hielt ihnen einen langen, schmalen Briefumschlag aus schwerem cremefarbenem B�ttenpapier entgegen, der tadellos adressiert und ausreichend frankiert war.</p><p>���F�r uns beide?� Hocherfreut, aber auch irritiert nahm Arno den Brief in Empfang. Als Verwalterin erhielt May im Gegensatz zu ihm sehr oft Post. Er k�nne sich nicht vorstellen, verriet er, warum jemand an sie beide einen Brief sandte.</p><p>���Kannst du nicht?� fragte Chris aufgeregt und angespannt. �Der ist von einem Anwalt.�</p><p>���Meinst du?�</p><p>���Aber klar doch. Deren Briefe sehen immer so aus.�</p><p>���Ich denke, Chris k�nnte recht haben�, murmelte Heather m�rrisch.</p><p>���Wir m�ssen sofort May suchen.�</p><p>���Mach ihn auf�, dr�ngte Suhami. �Er ist auch an dich adressiert.�</p><p>���Dennoch w�re es mir lieber, wenn sie ebenfalls zugegen w�re.�</p><p>���May war vorhin bei Mrs. Gamelin�, sagte Heather. �Soll ich sie holen?�</p><p>���Ich werde gehen�, schlug Suhami vor.</p><p>��Mit geschlossenen Augen und einem Milchb�rtchen auf der Oberlippe lag Felicity auf ihrem Kissen. May sa� neben ihrem Bett. Leise trat Suhami ein und schlo� die T�r.</p><p>��Sie ging zum Bett hin�ber und betrachtete ihre Mutter, die sie seit Jahren nicht mehr ohne das, was Felicity ihre �Kriegsbemalung� nannte, zu Gesicht bekommen hatte. Mit Entsetzen bemerkte sie, da� sie sie auf der Stra�e nicht wiedererkannt h�tte.</p><p>��Felicitys Haar war glatt zur�ckgek�mmt. Da sie auf ihrem Ro�schwanz lag, war da nichts, was ihre unglaublich scharfe Kinnlinie und ihre hohlen Wangen umschmeichelte. Selbst im Tiefschlaf sah sie unerh�rt verzweifelt aus. Alle Gamelins, dachte Suhami. Wir alle... Unerwarteterweise ber�hrte es sie sehr zu sehen, da� die Augenbrauen ihrer Mutter langsam grau wurden.</p><p>���Wird sie wieder gesund werden, May?�</p><p>���Das h�ngt sehr stark davon ab, ob sie gesund werden m�chte. Im Augenblick k�nnen wir ihr nur Ruhe und Erholung bieten. Ich vermute, ihre Seele und ihr K�rper haben gro�e Pein erfahren.�</p><p>���Ja.� Suhami drehte sich weg. Schlie�lich gab es nichts, was sie tun konnte. Zuviel Zeit war verstrichen. Sie besa� nicht einmal die Erinnerung an Zuneigung. �F�r dich ist ein Brief gekommen.� Ohne noch einmal einen Blick �ber die Schulter zu werfen, verlie� sie das Zimmer. �Alle nehmen an, da� es sich um einen Brief von einem Anwalt handelt.�</p><p>��Nachdem er ins B�ro umgezogen war und hinter dem alten Kopierger�t Platz genommen hatte, sortierte Arno mit Chris� Unterst�tzung die Briefe aus. Wie er angenommen hatte, handelte es sich bei den meisten um Anmeldungen f�r geplante Veranstaltungen. Ein oder zwei Rechnungen waren ebenfalls darunter und auch die Anfrage nach einer Heilsitzung. Als May eintrat, erhob er sich und h�ndigte ihr den B�ttenumschlag aus, den sie umgehend aufri�.</p><p>���Der Brief ist von einem Mr. Pousty von Pousty &amp; Dingle. Sie m�chten uns sprechen.�</p><p>���Weswegen?� fragte Arno.</p><p>���Das steht nicht drin.� May stellte sich vor das offene Fenster und hielt den Briefbogen ins Sonnenlicht. Nach ein paar Minuten begann ihr Arm zu zittern. Sie zog den Brief zur�ck, pre�te ihn an ihre Wange und atmete tief durch. �Nun, sicherlich gute Neuigkeiten. Wir sollten anrufen, Arno, und einen Termin vereinbaren.�</p><p>��Arno war nicht in der Lage, mit Mr. Pousty zu sprechen, der gerade in der N�he von Cairngorms Urlaub machte, aber man lie� ihn wissen, da� Hugo Clinch sich freuen w�rde, sie an diesem Nachmittag um halb drei zu empfangen.</p><p>��Mr. Clinch, ein Mann Mitte Drei�ig, trug einen hervorragend geschnittenen mittelblauen Anzug, eine etwas hellere Seidenkrawatte und eine graublaue Weste. Sein Hemd strahlte in einem blassen Kanarienvogelgelb, das sich nicht von seinen gelockten Haaren unterschied. Er besa� eine Menge gro�er, sehr gepflegter Z�hne.</p><p>��Das B�ro war hell und ger�umig. An einer Wand hing eine Reproduktion von Annigonis �Queen�, und die anderen drei waren mit langen, schmalen Fotos von Cricketspielern best�ckt. Ein Sack mit Golfschl�gern lehnte an einem Aktenschrank, und auf dem Tisch stand ein in Silber gerahmtes Foto, auf dem Mr. Clinch mit einem Fechtdegen unter dem Arm und einem Rapier in der Hand abgebildet war.</p><p>��Arno, dem ein paar altmodische Zertifikate lieber gewesen w�ren, sah, da� May sich setzte, und folgte ihrem Beispiel. Kaum hatte er Platz genommen, ging eine T�r auf, und ins Zimmer stolperte eine Dame mit einem Hut wie ein glasierter Pilz. In H�nden hielt sie ein Tablett mit Teegeschirr. Dem Alter nach h�tte sie gut und gern Mr. Clinchs Gro�mutter sein k�nnen. Arno sprang auf und eilte ihr zu Hilfe. Dankbar neigte sie den Kopf und entfernte sich wieder. In der Luft blieb ein Hauch von Lavendel zur�ck.</p><p>��Nachdem der Tee - Lapsang Souchong - eingeschenkt und das Geb�ck - Lincoln-Biskuits - verteilt waren, sprach Mr. Clinch ihnen sein Mitgef�hl aus. Nach dieser kurzen Ansprache zog er eine graue Metallkiste heran, auf der seitlich in Wei� der Name �Craigie� geschrieben stand, und l�chelte. Endlos lange Zahnreihen blitzten auf. Arno bewunderte die teuren Keramikkronen und fragte sich, wie der Mann es schaffte, den Mund zu schlie�en.</p><p>��Das Testament war kurz und schlicht gehalten. Beschrieben wurde das �Manor House� genannte Anwesen in Compton Dando, Buckinghamshire, das im folgenden zu gleichen Teilen Miss May Lavinia Cuttle und Mr. Arno Roderick Gibbs vermacht wurde. Piet�tvoll legte der Anwalt eine kurze Pause ein, senkte den Blick taktvoll auf seine gr�ne Schreibunterlage und blickte schlie�lich auf. Er rechnete damit, da� sich auf den Mienen seiner Besucher Freude und Trauer spiegelten, wie das unter derlei Umst�nden immer der Fall war.</p><p>��Doch Mr. Gibbs war leichenbla�, umklammerte die Armlehnen seines Holzstuhls. Es war un�bersehbar, da� er schreckliche Qualen litt. Im Gegensatz dazu nahm Miss Cuttles Antlitz in Sekundenschnelle einen tiefen Rotton an. Sie stie� einen Schrei aus und begann laut zu weinen.</p><p>��Schockiert �ber die allzu menschlichen Reaktionen, �ffnete Mr. Clinch eine Schreibtischschublade und holte eine Schachtel Kosmetikt�cher hervor. Als sein Papierkorb bis zur H�lfte mit verbrauchten Zellstofft�chern gef�llt war und Arnos Wangen langsam wieder einen verhaltenen Roseton annahmen, schenkte der Anwalt Tee nach, den keiner von beiden anr�hrte. Hilflos h�ndigte er Arno, der in seinen Augen nicht ganz so mitgenommen wie seine Begleiterin war, einen Briefumschlag aus. Auf dem Umschlag hatte der Meister ihre beiden Namen geschrieben. Arno stand auf und fragte: �M�ssen wir ihn jetzt lesen?�</p><p>���Nat�rlich nicht. Obgleich darin Dinge angesprochen werden k�nnten, �ber die Sie eventuell mit mir sprechen m�chten. Dies w�rde Ihnen einen weiteren Termin bei mir ersparen.�</p><p>���Selbst wenn dem so ist, brauchen wir nach meinem Daf�rhalten Zeit, um all das zu verdauen. Sicherlich wird Miss Cuttle...� Er warf May, die immer noch aufgel�st war, einen �ngstlichen Blick zu. Selbst die gr�ne Kokarde auf ihrem kleinen roten Dreispitz schien in sich zusammengefallen zu sein.</p><p>���Nein, Arno�, sagte sie. �Mr. Clinch hat ganz recht. Es ist vern�nftiger, ihn jetzt gleich zu lesen.�</p><p>���Dann - falls es Ihnen nichts ausmachen w�rde?� Arno gab den Brief zur�ck. Weder sich noch seiner Stimme traute er zu, die Worte des Verstorbenen laut zu lesen. Der Anwalt zog ein einzelnes Blatt heraus und begann vorzulesen.</p><p>���&gt;Liebe May, lieber Arno, inzwischen seid Ihr �ber den Inhalt meines Testaments und die damit verbundene Last in Kenntnis gesetzt worden, die ich Euch aufgeb�rdet habe. Mein gr��ter Wunsch ist es, da� die Arbeit der Kommune, das Heilen, die Bereitschaft, eine R�ckzugsm�glichkeit zu gew�hren, und die Lehre des Lichts fortgef�hrt wird, und ich meine, da� diese Aufgabe bei Euch gut aufgehoben ist. Es tut mir sehr leid, da� ich nicht in der Lage bin, Euch die finanzielle Unterst�tzung zu hinterlassen, die Euch diese Aufgabe erleichtern w�rde. Sollte es unm�glich werden, ein so gro�es und altes Anwesen zu leiten und zu unterhalten, w�rde ich vorschlagen, es zu verkaufen und mit dem Geld ein kleineres Haus zu kaufen. Das �brige Kapital k�nntet Ihr vielleicht investieren und Euch somit ein zuk�nftiges Einkommen sichern. Au�erdem �bertrage ich Euch in vollem Vertrauen die Sicherheit und das Wohlergehen Tim Rileys. Meine Liebe an Euch beide. Gott sch�tze Euch. Wir werden uns wiedersehen.&lt; Und dann ist das Schriftst�ck noch signiert�, schlo� Mr. Clinch, �mit Arthur Craigie.�</p><p>��Schweigen machte sich im Zimmer breit. Beide Legatare sp�rten, da� es ihnen absolut unm�glich war, eine ad�quate Antwort zu finden. Vorgewarnt zog Mr. Clinch eine frische Zellstoffschachtel hervor, um dann r�cksichtsvoll aus dem Fenster zu blicken. Als Miss Cuttle aufsprang, war er in Gedanken meilenweit entfernt. Mit dramatischer Geste bekundete sie ihre Zustimmung. Dabei bauschte sich ihr weites Cape auf. Von den vielen Metern in Falten gelegter, bernsteinfarbener Seide geblendet, griff Mr. Clinch nach seinem Tintenfa� und seinem Bilderrahmen, die es seiner Meinung nach vor dem Fall zu sch�tzen galt.</p><p>���Wir werden die Wahrheit h�ten. Das werden wir doch, nicht wahr, Arno?� fragte sie mit feuchten Augen.</p><p>���... oh...� Arno konnte kaum sprechen. All diese Verbindungen ... diese offizielle Verbindung seines Namens mit dem von May machte ihn schwindlig. Um jedweden Zweifel auf der Stelle auszur�umen, brachte er gequ�lt, aber geistesgegenw�rtig hervor: �Ja, ja.�</p><p>��Mr. Clinch versprach, ihnen den Besitz umgehend zu �berschreiben, geleitete sie dann durch den Flur zu der Dame mit dem Filzhut, die gerade Goldfische f�tterte, und verabschiedete sich von ihnen mit einem letzten umwerfenden L�cheln.</p><p>��Die Causton High Street hinunterfahrend, fragte May: �Meinst du, wir sollten auf dem Polizeirevier vorbeischauen?�</p><p>���H�h?� Arno war noch nicht wieder auf die Erde zur�ckgekehrt.</p><p>���Sie haben uns aufgetragen, sie �ber alle neuen Entwicklungen zu informieren. Meiner Meinung nach k�nnte der Inhalt des Testaments auch damit gemeint sein.�</p><p>���Nun...� Die Wahrheit war, da� Arno May so lange f�r sich allein haben wollte wie nur irgend m�glich. Nur sie beide, eingezw�ngt in ihren kleinen, lauten K�fer. May, die hinter dem ^ Steuer ein Liedchen tr�llerte, und er, der alles, jede Sekunde des Zusammenseins mit ihr wie ein Schwamm aufsaugte.</p><p>���Die n�chste links, nicht wahr?�</p><p>���Ich wei� es nicht.�</p><p>��Es war die n�chste links. Gewissenhaft parkte May ihr Auto auf dem Besucherparkplatz und stieg aus. Arno fragte: �Willst du deine Handtasche im Wagen lassen?�</p><p>���Himmel, nein. Vor so einer Unaufmerksamkeit wird man doch immer gewarnt.� May zog ihr besticktes T�schchen heraus und schlo� die T�r ab. �Irgendein Polizist wird sie sehen, und dann kriege ich eine Verwarnung.�</p><p>���Ist gut m�glich, da� er gar nicht da ist - Barnaby�, meinte Arno, als sie durch die gro�e Glast�r mit dem Aufdruck �Empfang� schritten. �K�nnte sein, da� er unterwegs ist und in einem Fall ermittelt.�</p><p>���Dann werden wir ihm eben eine Nachricht hinterlassen�, schlug sie vor. Neben einem Schild, das die Besucher zum L�uten aufforderte, war ein wei�er Knopf, auf den May lange dr�ckte. �Ich habe nicht die geringste Lust, mit diesem jungen Mann mit der schrecklichen Aura zu sprechen. Solche Leute ziehen einen tagelang runter.�</p><p>��Ein Constable n�herte sich ihnen und musterte m�rrisch Mays behandschuhte Hand. Sie nahm den Finger vom Klingelknopf, meldete ihr Anliegen, woraufhin sie zu dem CID-Block hin�bergebracht und in Barnabys B�ro gef�hrt wurden. Troy, das fiel Arno angenehm auf, war nicht anwesend. Jede Form von Erfrischung ablehnend, verk�ndete May die Neuigkeiten. Nachdem sich der Chief Inspector von dem Schock erholt hatte, einer mobilen Ampel zu begegnen, fragte er seine beiden Besucher, ob sie mit dieser frohen Botschaft gerechnet h�tten.</p><p>����berhaupt nicht.� May schien entsetzt, ja beinah schockiert zu sein.</p><p>��Arno sagte: �Auf diese Idee w�ren wir nie gekommen.�</p><p>��Barnaby hielt es durchaus f�r m�glich, da� sie die Wahrheit sprachen. Die beiden kamen ihm tats�chlich wie ein ganz und gar undurchtriebenes P�rchen vor. L�chelten nicht verlogen, gaben keine falschen Erkl�rungen ab, alles Eigenschaften, die der menschlichen Rasse bei der Erledigung der Tagesgesch�fte bestens vertraut sind. May holte den Brief heraus und beobachtete ihn beim Lesen. Nachdem er den Inhalt �berflogen hatte, dankte er ihr, schrieb die Telefonnummer auf und gab ihn wieder zur�ck. Sie erwarteten seinen Kommentar. May, unschuldig und ruhig, mit ausdruckloser Miene, was bei ihr eine Seltenheit war. Arno stolz, doch angesichts der Konfrontation mit der staatlichen Autorit�t ein wenig versch�chtert.</p><p>���Glauben Sie, da� jemand anderer �ber Mr. Craigies Pl�ne Bescheid wu�te?�</p><p>���Ich bin sicher, da� dem nicht so war�, verk�ndete May. �Wenn er uns nicht informiert hat, wo wir doch die Nutznie�er sind, wem sonst sollte er es erz�hlen?�</p><p>���Dann k�nnte man sozusagen von einer g�nstigen Wendung sprechen�, deutete Barnaby mit einem L�cheln das Testament.</p><p>���Es ist�, meinte May ernst, �eine gro�e Verantwortung.�</p><p>���Wir betrachten das Testament nicht als pers�nliches Geschenk�, f�gte Arno erkl�rend hinzu. �Sondern eher als etwas, das uns im Vertrauen �berlassen wurde.�</p><p>��Barnaby runzelte die Stirn. Dieser Satz erinnerte ihn an etwas. Stimmte ihn nachdenklich. Wo hatte er ihn schon mal geh�rt? Einen Augenblick dachte er angestrengt nach, gab dann aber auf. Er hatte den Eindruck, da� Arno noch etwas sagen wollte und zog ermutigend die Augenbrauen hoch.</p><p>��Arno interpretierte die Mimik richtig, schwieg aber beharrlich. In Wirklichkeit hatte er die Absicht gehabt zu fragen, ob es bei der Ermittlung irgendwelche Fortschritte gab. Ob die Polizei ihrem Ziel, der Ergreifung des M�rders, schon n�her gekommen war. Aber dann mu�te er an Mays Auslegung denken, die davon �berzeugt war, da� ihr geliebter Meister durch �bernat�rliche Vorg�nge von der Erde entfernt worden war, und hielt den Mund.</p><p>��Barnabys R�uspern veranla�te seine Besucher, den Blick auf ihn zu richten. �Ich habe Neuigkeiten f�r Sie. Etwas, das sich bei der Obduktion ergeben hat.� Er erl�uterte die Natur und das fortgeschrittene Stadium der t�dlichen Krankheit. Eigentlich hatte er angenommen, da� diese Nachricht eine tr�stende Wirkung haben w�rde. Falls etwas das schreckliche und brutale Ende durch einen Mord mildern konnte, dann doch gewi� die Entdeckung, da� dieser kurze, gewaltt�tige Akt dem Opfer ein schmerzensreiches Schicksal erspart hatte.</p><p>��Nach einer Weile legte May die Hand auf die Stirn und sagte: �Wie typisch, da� er uns dar�ber nicht in Kenntnis gesetzt hat. Was f�r ein tapferer Mann.�</p><p>���Ja.� Arno nickte zustimmend. Und gelangte zum selben Schlu�, zu dem auch Barnaby gekommen war. �Das war wahrscheinlich der Grund, warum er so oft ins Krankenhaus gegangen ist. Und warum er hinterher so ersch�pft war.�</p><p>���Begreifen Sie nun, Inspector�, fragte May, �wie recht ich gehabt habe? Das erkl�rt wirklich alles.�</p><p>���In welcher Hinsicht, Miss Cuttle?�</p><p>���Da� er auf wundersame Weise unsere Welt verlassen hat. G�ttliche Intervention, verstehen Sie? Der Lohn f�r ein gerechtes und gutes Leben. Die Erleuchteten hatten den Wunsch, ihm weiteres Leid zu ersparen.�</p><p>��Was sollte er darauf erwidern? Barnaby dankte ihnen f�r ihren Besuch und kam hinter seinem Schreibtisch hervor, um sie zur T�r zu bringen. Miss Cuttle hob ihre Tasche auf, die Barnaby, den T�rgriff in der Hand, anstarrte. May hielt mitten in der Bewegung inne und lie� dann die Hand sinken.</p><p>���Was, um Himmels willen, ist denn, Inspector?�</p><p>��Barnaby fragte: �K�nnte ich bitte einen Blick darauf werfen?� Er streckte die Hand aus. Sp�rte instinktiv, noch ehe sie ihm die Tasche aush�ndigte, da� er einen Treffer gelandet hatte. Wieder an seinem Schreibtisch, legte er die Tasche hin und bemerkte, wie seine H�nde leicht zitterten. Die Tasche war �ppig bestickt: Rosen, Lilien, kleinere blaue Blumen, die alle durch verschlungene lange Stiele miteinander verbunden waren. Farne bildeten den Hintergrund. Der Stoff war mit langen Griffen aus poliertem Holz zusammengefa�t. Die Form kam Barnaby bekannt vor. Joyce hatte auch so eine Tasche, in der sie ihr Strickzeug aufbewahrte. �Falls es Ihnen nichts ausmacht...?�</p><p>��Er nahm die Griffe auseinander. Verbl�fft sagte May: �Bitte sehr.�</p><p>��Au�en war der Stoff g�nzlich bestickt. Ihn interessierte das Innere der Tasche. Sie war wundersch�n verarbeitet. Die Enden der farbigen Stickereien waren ordentlich vern�ht und abgeschnitten. Der Saum war eingefa�t, aber das bi�chen Stoff, das noch zu erkennen war, reichte, um seine Vermutung zu best�tigen. Mit Mays Erlaubnis schnitt er ein St�ck davon ab, ehe er ihr die Tasche aush�ndigte. Inzwischen hatten Arno und May wieder Platz genommen.</p><p>���Am Abend von Craigies Ermordung�, fragte der Chief Inspector, �wo ist da die Tasche gewesen? Wissen Sie das noch?�</p><p>���Ich hatte sie bei mir.�</p><p>��Barnabys Magen machte einen Satz. �Die ganze Zeit �ber?�</p><p>���Sicherlich ab dem Zeitpunkt, wo ich die R�ckf�hrung antrat. Lassen Sie es mich Ihnen erkl�ren - als ich den Solar betrat, nachdem ich meine Reinigung beendet hatte, legte ich meine Tasche neben die T�r und nahm daraufhin meine �bliche Position ein. Kaum hatte ich es mir bequem gemacht, merkte ich, da� ich leicht fr�stelte. Nun, w�hrend einer R�ckf�hrung begibt man sich schnell auf das, was wir das Alphale-vel nennen. Die Temperatur sinkt, die Haut k�hlt aus. Wenn man dann friert, wird es ziemlich ungem�tlich. Daher bat ich um mein Cape, und Christopher stand auf und holte meine Tasche.�</p><p>���Und er brachte sie Ihnen gleich?�</p><p>���Ja, er zog das Cape heraus und reichte mir die Tasche. Ich legte sie auf den Boden, na, eigentlich neben mich, legte das Cape um, und dann begannen wir.�</p><p>���Kam jemand anderer in Ber�hrung mit der Tasche?�</p><p>���Nein.�</p><p>���Doch, das mu� so gewesen sein.� Barnaby sprach halb zu sich selbst.</p><p>���Ich kann Ihnen versichern, da� dem nicht so war.�</p><p>���Und was war, als Sie sie neben die T�r legten?�</p><p>���Ich war die letzte Person, die den Raum betrat. Keiner kam in ihre N�he.�</p><p>���Hatten Sie sie den ganzen Tag �ber bei sich?�</p><p>���Nun... ab und zu, ja. Wie das eben so ist. Am Vormittag lag sie in meinem Zimmer.�</p><p>��Das war nicht von Interesse. Das Messer konnte jederzeit hineingelegt worden sein, wenngleich der gesunde Menschenverstand diktierte, da� so etwas in der allerletzten Minute getan wurde, um zu verhindern, da� der Gegenstand entdeckt wurde. Jeder h�tte Mays Tasche �ffnen k�nnen. Und das hatte auch jemand getan. Andrew Carter. War es denn m�glich, da� er in dem dunklen Raum keinen Blick auf den Inhalt geworfen � hatte?</p><p>���Erinnern Sie sich, was sonst noch in Ihrer Tasche gewesen ist, Miss Cuttle? Einmal abgesehen von dem Cape?�</p><p>���Meine Notfallmedizin nat�rlich. Ohne die mache ich keinen Schritt. Kristalle - ein gr�ner Aventurin, ein kleiner Pyrit und ein Schneeflockenobsidian. Ein Tierkreiszeichenkalender, ein Pendel - der �bliche Krimskrams. Im Augenblick herrscht - wie ich bef�rchte - etwas Unordnung. Ich mu�te mit der Tasche auf einen Reporter eindreschen, um ihn von unserem Grundst�ck zu vertreiben.�</p><p>��Barnabys Hochstimmung verfl�chtigte sich schnell. Er w�rde das Stoffst�ckchen ins Labor schicken, h�tte aber jetzt schon schw�ren k�nnen, da� es mit der Faser am Messergriff �bereinstimmte, was nichts daran �nderte, da� er den Eindruck hatte, da� diese Gewi�heit eher zur Verwirrung denn zur Kl�rung beitrug. Er malte sich aus, wie alle zu der am Boden liegenden Gestalt in extremis st�rzten. Wie der M�rder sich die Tasche schnappte, nach dem Messer suchte, zur�ck zum Podest rannte, Craigie erstach, sich wieder zu den anderen gesellte. Die ganze Sache konnte verr�ckter nicht sein. Erst jetzt registrierte er, da� Arno sprach.</p><p>���Entschuldigung, Mr. Gibbs?�</p><p>���Ich sagte, es gab noch eine andere Tasche.�</p><p>���Eine andere Tasche?�</p><p>���Sicher�, rief May. �Die war mir ganz entfallen. Ich habe Suhami eine gemacht, als Geburtstagsgeschenk. Weil ihr meine so sehr gefallen hat.�</p><p>���Und Sie haben denselben Stoff verwendet?�</p><p>���Nicht genau denselben. Aber von der gleichen Bahn. Ich hatte noch etwas �brig, m�ssen Sie wissen.�</p><p>���Ich nehme nicht an�, es kostete Barnaby einige M�he, nicht laut zu werden, �da� einem von Ihnen aufgefallen ist, ob sie sie mit in den Solar gebracht hat?�</p><p>���Doch, das hat sie�, meinte Arno. �Hat sie neben ihre F��e gelegt.�</p><p>���Auf das Podest?�</p><p>���Ja.�</p><p>���Aaahhh.�</p><p>���Sie wollte sie nicht weglegen�, erkl�rte May. �Mochte sie so gern. Ist Ihnen das eine Hilfe, Inspector?� Barnaby best�tigte dies nachdr�cklich. �Sie haben einen Frosch im Hals�, bemerkte May gutm�tig. Die polierten Griffe der Tasche gingen auseinander. �Darf ich Ihnen ein Salbeihustenbonbon anbieten?�</p><empty-line/><p>Es war vier Uhr nachmittags. Barnaby wartete darauf, da� Troy von Manor House zur�ckkehrte, wo er Sylvia Gamelin verh�rte. Der Inspector stand vor seiner Vergr��erung und sah sie vor seinem geistigen Auge rechts von Craigies Stuhl stehen, die Tasche zu ihren F��en, das Messer darin versteckt.</p><p>��Wu�te sie, da� es drin war, oder nicht? May hatte ausgesagt, Suhami habe ihr Geschenk nicht weglegen wollen, aber diese Form von �bertreibung war beileibe keine Seltenheit. S�tze wie �Wenn ich noch einen Bissen zu mir nehme, platze ich� oder �Wir sind ja so von Ihnen angetan� durften nicht wortw�rtlich genommen werden. Zweifellos hatte Suhami ihre Tasche tags�ber irgendwann einmal - oder sogar �fter - weggelegt oder sie zumindest aus den Augen gelassen.</p><p>��Auf der anderen Seite, wenn sie nicht gewu�t hatte, da� das Messer darin war... Das M�dchen hatte genau an der richtigen Stelle gestanden, um mit dem Messer zuzusto�en. Nur ein einziger Schritt nach vorn, eine Drehung, und schon stand sie dem Opfer direkt gegen�ber. Was, wenn alle anderen weggegangen waren und den altersschwachen Mann mit einer kr�ftigen jungen Frau allein zur�ckgelassen hatten? Ja, was dann? Hatte sie �berhaupt ein Motiv?</p><p>��Barnaby schlenderte zu seinem Schreibtisch zur�ck, bl�tterte die Unterlagen und Fotos durch und fischte ihre Aussage heraus. Im Grunde genommen kannte er sie auswendig, wie alle anderen auch. Er erinnerte sich an ihr zorniges Geschrei, ihre aufgebrachten, gegen den Vater gerichteten Beschuldigungen. Barnaby war kein Mann, der sich leicht irref�hren lie� - schon gar nicht von Tr�nen -, doch die Echtheit ihres Gef�hlsausbruchs zweifelte er nicht an.</p><p>��Er las weiter. Wie alle anderen war sie schnell bereit gewesen zu erw�hnen, da� der Sterbende auf Gamelin gedeutet hatte. Des weiteren hatte ihr viel daran gelegen herauszustellen, da� ihr Vater die Gelegenheit gehabt hatte, Messer und Handschuh an sich zu nehmen. Aber wer hatte ihn allein in der K�che gelassen? Und falls er das Messer genommen und es versteckt hatte, warum h�tte er dann das Risiko eingehen und es sp�ter in ihre Tasche schieben sollen? Er h�tte sich nicht sicher sein k�nnen, da� sie sie zur R�ckf�hrung mitnehmen w�rde.</p><p>��Sollten sie es hier mit zwei Morden zu tun haben - was er f�r wahrscheinlicher hielt -, wo war die Verbindung zwischen dem Tod von Craigie und dem von Jim Carter? Suhami lebte zwar lange genug auf Manor House, um an der ersten Ermordung beteiligt gewesen zu sein, und sie war vom physischen Standpunkt aus betrachtet auch in der Lage, jemanden eine Treppe hinunterzusto�en, doch selbst wenn sie kein hieb- und stichfestes Alibi hatte, gab es f�r sein Daf�rhalten kein eindeutiges Motiv.</p><p>��Troy kam ins B�ro und plapperte sofort drauflos. �Habe ein St�ck Stoff aus ihrer Tasche. Hab�s gleich ins Labor gebracht. Ich sagte, es sei sehr dringend. Sie meinten, morgen fr�h erfahren wir mehr.�</p><p>���Das habe ich schon mal geh�rt.�</p><p>��Troy kn�pfte sein Jackett auf, h�ngte es sorgf�ltig auf einen B�gel und zog sein Notizbuch und eine Kopie von Suhamis erster Aussage hervor.</p><p>���Best�tigt alles, was die anderen beiden gesagt haben. Hat die Tasche zum Geburtstag geschenkt bekommen. Hat sie die ganze Zeit �ber dabeigehabt, hat sie nicht mal auf ihr Zimmer gebracht, sondern mit in die K�che genommen, hat sie aber einmal auf dem E�tisch und einmal auf dem Tisch in der Halle abgelegt.�</p><p>���Haben Sie sie gefragt, was sie in der Tasche gehabt hat?�</p><p>���Ja. Wollte das Gef�hl haben...�, Troy warf einen Blick auf seine Notizen, �da� sie sie von Anfang an richtig benutzt. Etwas Make-up, eine B�rste, eine Packung Taschent�cher, ein paar Haark�mme. Damit half sie dem M�rder, denn er h�tte das Messer wohl kaum in eine leere Tasche stecken k�nnen. Das n�chste Mal, als sie sie in die Hand nahm, �ffnete sie sie, um einen Blick hineinzuwerfen.�</p><p>���Vielleicht stecken da ja zwei unter einer Decke.�</p><p>���Ja, das ist auch m�glich.�</p><p>���Wei� sie noch, wann sie zum letzten Mal einen Blick reingeworfen hat?�</p><p>��Wieder schaute Troy auf die engbeschriebenen Seiten. �Hat sie erst wieder aufgemacht, nachdem sie die Sachen reingetan hat. Im Solar hat sie das Ding neben ihre F��e gelegt. Hat nicht gesehen, da� jemand sie ber�hrte. Der Rest ist ein Mysterium. Meinen Sie, das grenzt die Sache ein, Chief? Ich meine auf die vier, die in ihrer N�he waren?�</p><p>���Ist verf�hrerisch, das anzunehmen. Aber auch die anderen sind nicht weit entfernt. Bin nicht der Ansicht, da� wir zum jetzigen Zeitpunkt einen von ihnen von der Verd�chtigenliste streichen k�nnen.�</p><p>���Nicht mal die arme alte Kokserin Felicity?�</p><p>���Nicht mal die. Haben Sie dem Gamelin-M�dchen erz�hlt, warum Sie ihr Fragen zu der Tasche stellen?�</p><p>���Das brauchte ich nicht. Die ist geistesgegenw�rtig, auch wenn sie ganz sch�n abgedreht r�berkommt.�</p><p>���Wie hat sie darauf reagiert?�</p><p>���Relativ verst�rt. &gt;Da� ich unwissentlich die Mordwaffe...&lt; ... bla bla bla...� Troy hob die Arme hoch und kreischte mit hoher Stimme.</p><p>��Seine Vorstellung war so schlecht, da� Barnaby lachen mu�te. Troy, der nat�rlich annahm, sein Chef lache aus dem gegenteiligen Grund, zog an seinen Manschetten.</p><p>��In diesem Moment tauchte die Polizistin Brierley mit grobk�rnigen Schwarzwei�abz�gen auf. �Ihre Fotos, Sir.�</p><p>���Was f�r Fotos?�</p><p>���Sie haben einen Antrag gestellt.�</p><p>��Barnaby warf seinem Sergeant einen Blick von der Seite zu. �Tut mir leid, Chief.�</p><p>���Was habe ich Ihnen gesagt?�</p><p>���Das sind die letzten.� Troy betrachtete die Fotos und fragte die Beamtin, ob sie wohl Kaffee kochen w�rde.</p><p>���Ich habe zu tun.�</p><p>���Bitte bringen Sie zwei Tassen, ja, Audrey?�</p><p>���Sofort, Sir.�</p><p>��Sofort, Sir, wiederholte Troy stumm. Warte nur, bis ich Detective Chief Inspector bin. Dich werde ich springen lassen! Dich werde ich, verflucht noch mal, springen lassen! Er begutachtete die Fotos und konnte seinen Blick nicht mehr abwenden.</p><p>��Barnaby las gerade die Notizen des Sergeants durch, als er sp�rte, da� Troy auf ihn zukam und vor ihm stehenblieb. Von dem Schweigen seines Untergebenen irritiert, blickte er auf.</p><p>��Bla� vor lauter Siegesfreude, breitete Troy die Fotos auf dem Schreibtisch aus und richtete sich dann gem�chlich auf. Diese Bewegung erinnerte Barnaby an einen erfolgreichen Athleten, der sich runterbeugte, um sich die Medaille umh�ngen zu lassen. Barnaby w�rdigte die Fotos keines Blickes. Das war auch nicht n�tig: Troys Miene sprach B�nde.</p><p>���Sie hatten also recht?�</p><p>��Das war seine gro�e Stunde, das wu�te Troy, aber er sagte kein Wort. Balsam f�r die Seele. Diesen Sieg konnte ihm niemand mehr nehmen. Er hatte einen guten Riecher gehabt, war ins kalte Wasser gesprungen, hatte Z�higkeit bewiesen. Und es hatte sich bezahlt gemacht. Wer wollte da behaupten, da� die Klugen immer als letzte ins Ziel kamen?</p><p>��Nach einer Weile griff Barnaby nach dem Verbrecherfoto von Albert Cranleigh. Kurzgeschnittene Knastfrisur, stoppeliges Kinn, trotzig zusammengepre�te Lippen. Augen, die im Blitzlicht wie dunkle Glasmurmeln aussahen. Oder war dieser Blick jahrelanger Schikane zuzuschreiben? Ganz anders als der Mann mit dem unterw�rfigen L�cheln und den langen silbernen Locken des Zauberers von Golden Windhorse. Und doch waren die beiden eindeutig ein und derselbe Mann.</p><empty-line/><p>Die vergangene Nacht hatte Janet in Trixies Bett geschlafen. Sich darin vergraben, sich am Duft des aufdringlichen Parf�ms erg�tzt. Sich vorgemacht, da� diese vage Mulde im Kissen und die unregelm��ige Linie des Lakens von ihrem verlorenen Liebling, ihrer mignonne stammten.</p><p>��Zutiefst ersch�ttert wachte sie aus einem Traum auf. Sie war eine schmale Landstra�e entlanggelaufen, bis sie einen alten Kirchhof erreichte. Etwas veranla�te sie, gegen ihren Willen einzutreten. Nun stolperte sie �ber kleine, von Gras eingefa�te Grabsteine. Sie b�ckte sich, las ihr eingemei�eltes Geburtsdatum und entdeckte darunter ein zweites moosbewachsenes Datum. Sie begann, das samtige gr�ne Gew�chs abzukratzen, doch da ver�nderte der Stein seine Form und Struktur, wurde rot und schl�pfrig und ziemlich weich. Auf einmal bewegte er sich unter ihren Fingern. Erschrocken wich sie zur�ck.</p><p>��Janet kletterte steif aus dem Bett und schl�pfte in ihre Kleider, die sie gestern abend �ber den gr�nen Samtsessel geworfen hatte. Es fiel ihr nicht leicht, die best�rzenden Traumbilder abzusch�tteln. Als sie die marineblaue Hose hochzog, fiel ihr Blick auf ihre dicken Schenkel. Geschwind zog sie den Stoff dar�ber. Beim Schlie�en des Hosenladens mu�te sie daran denken, wie Trixie sich immer �ber die Hose lustig gemacht hatte. Moniert hatte, da� sie das allerletzte w�re und Janet, was Mode anbelangte, keinen Durchblick bes��e.</p><p>��Sie band sich die alte Armbanduhr ihrer Gro�tante mit dem Seidenuhrband um, bevor sie in ihr eigenes Zimmer zur�ckkehrte, sich kaltes Wasser ins Gesicht spritzte und es mit einem harten Frotteehandtuch trocken tupfte. Sie b�rstete ihr verfilztes Haar durch, ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen. An Essen war nicht zu denken (seit Trixies Verschwinden hatte sie kaum was zu sich genommen), aber ihr Mund war ungew�hnlich trocken, und es gel�stete sie nach einer Tasse Tee.</p><p>��In der K�che hing der Geruch von verbranntem Toast. Heather sa� am Tisch, a� M�sli und las in The Secret Commonwealth of Elves, Fauns and Fairies. Als sie Gesellschaft bekam, schlug sie das Buch zu und stand auf. Ihre Miene signalisierte tiefe Anteilnahme.</p><p>���Aloha, Janet - geh in Frieden.�</p><p>���Ich bin erst gerade gekommen.�</p><p>���La� mich dir Tee bringen.�</p><p>��Sie schlug jenen Tonfall an, den Janet immer als �die zuckers��e Kleinm�dchenstimme� bezeichnete. Genauso redeten die Leute, die auf Channel Four die Andachten hielten.</p><p>���Ich bin durchaus in der Lage, mir selbst Tee einzuschenken.�</p><p>���Aber sicher.� Ohne an Janets �u�erung Ansto�-zu nehmen, wich Heather zur�ck und bedachte sie mit einem liebevollen L�cheln. �Vielleicht etwas Toast?�</p><p>���Nein, danke.� Allein bei der Vorstellung wurde Janet schon �bel. Sie f�rchtete, krank zu werden.</p><p>���Du k�nntest etwas Butter nehmen - sozusagen als besonderen Leckerbissen.�</p><p>���Nein, danke, Heather.�</p><p>���Gut.� Heathers fein gestimmte Antenne registrierte einen Anflug von Verzweiflung. Sie rieb die Handfl�chen aneinander, sammelte all ihre therapeutischen Kr�fte, nahm sie dann langsam auseinander in dem Wissen, da� nun ein starker Strom belebender Energie zwischen ihren H�nden hin und her sprang. Sie schlich sich hinter Janet und fing an, ihre H�nde dicht �ber den Schultern der anderen Frau zu bewegen. Mit der Tasse in der einen, dem Teebeutel in der anderen Hand fuhr Janet herum und br�llte: �Tu das nicht!�</p><p>��Heather trat einen Schritt zur�ck. �Ich wollte dir doch nur helfen.�</p><p>���Bei was helfen, g�tiger Gott?�</p><p>���... nun...�</p><p>���Du hast keine Ahnung, nicht wahr?� Heather erwiderte nichts, sondern schwieg w�rdevoll, teilnahmsvoll. �Bist du jemals auf die Idee gekommen, Heather, da� du m�glicherweise �berhaupt nicht in der Lage bist, eine richtige Diagnose zu stellen?�</p><p>��Mit rotem Gesicht murmelte Heather: �Ich sehe doch, da� du ungl�cklich bist.�</p><p>���Dann bin ich eben ungl�cklich. Warum sollte ich das nicht sein? Oder du - oder irgendwer anders, wo wir schon dar�ber sprechen. Das ist Teil des Lebens. Was bringt dich auf die Idee, da� Ungl�cklichsein einfach ausgel�scht werden kann? Oder da� es uns besser ginge, wenn dem so w�re?�</p><p>���Das ist l�cherlich. Indem man sich scheu�lich f�hlt, ist es noch niemandem gelungen, da� die betreffende Seele strahlend und holistisch wird.�</p><p>���Um Himmels willen, woher willst du das wissen? Du wei�t soviel dar�ber, wie man eine strahlende, holistische Seele kriegt... wie ich wei�, wie man Miss World wird.�</p><p>���Ich bin wirklich sehr froh, da� du mir das mitgeteilt hast.�</p><p>���O Gott -� Janet schleuderte den Teebeutel in die Schachtel. �Sich mit dir zu unterhalten gleicht einem Faustkampf mit einem Marshmallow.�</p><p>���Ich sehe, da� du ziemlich gestre�t bist, Jan.�</p><p>���Soll ich dir mal erz�hlen, was mich stre�t, Heather? Mehr noch als alles andere in diesem deprimierenden, lieblosen alten Universum. In diesem Tal der Tr�nen. Soll ich dir das erz�hlen?�</p><p>���Ich w�nschte, du t�test es, meine Liebe.� Heathers Miene hellte sich auf.</p><p>���Ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, Jan genannt zu werden.�</p><p>���Gut. In Ordnung. Jetzt haben wir etwas, wor�ber wir uns unterhalten k�nnen. Denk nur immer daran, da� stets die Regel gilt: Du bist okay, ich bin okay.�</p><p>���Nun, Heather, eigentlich finde ich ganz und gar nicht, da� du okay bist. Eigentlich w�rde ich sogar so weit gehen und dich als zu fett f�r dein Alter und als Nervens�ge beschreiben.�</p><p>���Du vermi�t Trixie -�</p><p>���Oh, halt den Mund. Halt den Mund!�</p><p>��Janet rannte davon. Durch die Seitent�r, �ber die kaputte Steinplatte, die Terrassenstufen hinunter, quer �ber den Rasen. Sie lief zum Obstgarten, wo sie sich zwischen die Stiefm�tterchen fallen lie�. Unter ihrem R�cken knickten die ersten kleinen gr�n-rot gestreiften Bl�mchen um. Die warme Luft und die angenehme Atmosph�re standen in krassem Widerspruch zu ihren Qualen. Die Worte �Frieden, Licht und Liebe� schmerzten wie spitze Dolche.</p><p>��Sie dachte: Ich kann nicht hierbleiben. Ich mu� weiterziehen. Noch mal in einer Kommune zu wohnen kommt nicht in Frage. Ich bin offenbar nicht in der Lage, in einer Gruppe zu leben. Dies hatte sie mehrmals versucht (manchmal hatte Janet das Gef�hl, ihr ganzes Leben habe aus nichts anderem als fortw�hrender Landstreicherei bestanden), und es h�tte nie funktioniert. All diese Kommunen wie Windhorse boten �Liebe� und erwarteten daf�r im Gegenzug, da� man sich ohne zu murren unterordnete. Die meisten setzten ein spirituelles Leben gleich mit dem permanenten Vort�uschen, netter zu sein, als man in Wahrheit war. F�r Janets Daf�rhalten hatte es damit allerdings mehr auf sich.</p><p>��Nacheinander hatte sie sich allen orthodoxen Religionen ausgeliefert in der Hoffnung, der Glaube wirke so ansteckend wie eine tropische Krankheit. Im Lauf der Zeit hatte sie sich als immun herausgestellt. Hin und wieder jedoch war es vorgekommen, da� ein Gedicht oder Musik, die Begegnung mit jemandem, der anscheinend den Durchblick hatte, da� all das, was sie gelesen und gedacht oder absorbiert hatte, ein gro�es zufriedenstellendes Ganzes ergab. In diesen kostbaren Momenten legte sich f�r kurze Zeit dieses geheimnisvolle, nicht zu fassende Durcheinander in ihrem Kopf und nahm klar und deutlich Gestalt an. Ungl�cklicherweise hielt dieser Zustand nie lange vor. Bis zum Einbruch des Abends hatte Janet - wie Penelope mit ihrem Schleier - all die Gewi�heiten des Tages abgestreift und war so verwirrt und einsam wie eh und je.</p><p>��Man hatte ihr klargemacht, da� solch eine Wankelm�tigkeit weit davon entfernt war, gesund zu sein (Heather behauptete, die Seele setze bei einer negativen Einstellung Warzen an), aber sie wu�te nicht, was sie dagegen unternehmen sollte. Wer immer postuliert hatte, Religion sei die Wissenschaft der Angst, hatte gewu�t, wovon er sprach. Sie war sich dar�ber im klaren, da� man mit Gott nicht verhandeln konnte, wer oder was auch immer Gott war.</p><p>��Ungl�cklich hing sie ihren Gedanken nach, bis ihr Blick auf die unter der T�r durchgeschobene T�te fiel, die heute gr�n und orange war. Die Post! Janet rappelte sich auf und holte sie.</p><p>��Die T�te war ziemlich voll. Sie �berflog die Briefe, und sofort fiel ihr der lange blaue Umschlag auf. Ohne ihn umzudrehen, wu�te sie, da� er an Trixie adressiert war. Den Rest �berfliegend - nichts f�r sie -, stopfte Janet die Briefe wieder in die T�te und eilte ins Haus zur�ck. Die T�te warf sie auf den Tisch in der Halle und rannte auf ihr Zimmer.</p><empty-line/><p>Nachdem Heather Ken geholfen hatte, sein Bein hochzulegen, damit das Blut flie�en konnte, schenkte sie allen anderen in der K�che Tee ein. Die Kommune hatte aufgeh�rt, sich im E�zimmer zu versammeln. Dort wurde nicht mal mehr das Abendessen, fr�her der H�hepunkt des Tages, eingenommen.</p><p>��An die t�gliche Routine auf Windhorse, die noch vor kurzem von gro�er Bedeutung gewesen war, hielt sich kaum noch jemand. Die Mitglieder standen morgens auf (oder auch nicht), wann es ihnen behagte, und fr�hst�ckten im Stehen. Die Flugbl�tter waren nicht verschickt worden; keiner hielt sich an die Aufgabenverteilung, die bislang streng eingehalten worden war. Entweder hatten sie keine Lust oder verga�en oder ignorierten ihre Pflichten. In der Waschk�che stapelte sich die Dreckw�sche, die sortiert werden mu�te, und das unabl�ssige traurige Gebimmel von Calypsos Glocke erinnerte sie daran, da� selbst die Ziege am Ende ihrer Kraft war. Die Mitte hatte nicht gehalten.� Es gab keinen Zweifel daran, da� alles in rasendem Tempo auseinanderfiel.</p><p>��Heather reichte ein gro�es Glas Honig herum und schilderte Janets Unfreundlichkeit, sorgsam darauf bedacht, nicht den leisesten Hauch von Kritik anklingen zu lassen.</p><p>���Ich merkte schon, da� sie sich aufregte... und ich wollte ihr doch nur Beistand leisten - wi�t ihr? Sie auf angenehmere Gedanken bringen. Nichts da - sie hat sich einfach von mir abgewandt.� Als sie Kens Honig aufl�ste und ihm die Tasse brachte, stand in Heathers kleinen Augen das Wasser. Ken nickte ihr dankbar zu und dr�ckte die Hand seiner Frau. Heute morgen war seine Nase ein wenig abgeschwollen und nicht mehr ganz so rot, sondern braungelb. Die kleinen Schnitte heilten gut ab.</p><p>���Ich nehme mal an�, sagte May, �sie macht sich Sorgen um Trixie.�</p><p>���Gewi� doch�, stimmte Heather zu. �Und das verstehe ich auch. Oder versuche es wenigstens. Das Problem ist, da� ich schon immer langweilig und normal gewesen bin.� Dieser kaprizi�se genetische Irrtum entlockte ihr einen Seufzer. Sie und Ken tauschten normale und unerh�rt langweilige Blicke aus. �Aber als sie mir dann vorwarf, keine Heilerin zu sein -�</p><p>���Keine Heilerin?� Das Bein rutschte beinahe von der Metallst�tze.</p><p>���Ich wei�.� Heather rang sich ein L�cheln ab. �Ich war kurz davor, ihr etwas Geh�ssiges an den Kopf zu werfen.�</p><p>���Ich bin sicher, da� Janet nicht unfreundlich sein wollte�, meinte Arno. �Im Augenblick stehen wir alle unter gro�er Anspannung. Ich pers�nlich mache mir gro�e Sorgen um Tim.�</p><p>��Der Junge hatte sich extrem ver�ndert. Nur Arno durfte sein Zimmer betreten, allen anderen blieb die T�r verschlossen. Tim weigerte sich, die Vorh�nge mehr als einen Spaltbreit aufzuziehen. In dem sp�rlich einfallenden Licht konnte Arno erkennen, wie schlimm es inzwischen um Tims Geisteszustand bestellt war. Der Schlaf und das Weinen lie�en seine normalerweise straffe Haut aufquellen. Seine ger�teten Wangen waren stets tr�nenbenetzt und wiesen tiefe Furchen auf, wo die Matratze sich abdr�ckte. Seine Augenlider waren gelbverkrustet. Der Anblick des Jungen schockierte Arno.</p><p>��Als Arno versuchte, das verschwitzte Kopfkissen neu zu beziehen, mu�te er Tims Finger einen nach dem anderen l�sen, um diese Aufgabe zu bew�ltigen. Mit seinen langen und knochigen Fingern umklammerte der Junge panisch seinen Arm. Geduldig hatte Arno sich auf den Bettrand gesetzt und ihm im Fl�sterton gut zugeredet.</p><p>���Es ist alles in Ordnung... mach dir keine Sorgen. Du bist in Sicherheit, Tim. Verstehst du mich?� Er machte eine Pause, in der Tim die Augen verdrehte, als f�rchte er sich vor jedem Schatten, jeder Zimmerecke. �Niemand ist hier. Niemand wird dir weh tun. Kannst du mir nicht sagen, wovor du dich f�rchtest?� Diesmal schwieg er l�nger und strich mit der Hand �ber Tims hei�e Stirn. �Es w�rde ihm nicht gefallen, dich so zu sehen.�</p><p>��Bei diesen leise formulierten Worten stie� Tim eine Reihe verunsicherter, erstickter Laute aus. Besorgt und beunruhigt, weil es ihm nicht gelang, den armen Jungen zu tr�sten, reagierte er verzweifelt. �Du machst dir doch keine Gedanken um die Zukunft, oder? Gestern habe ich dir zu erkl�ren versucht, da� May und mir nun das Haus geh�rt. Wir werden uns immer um dich k�mmern. Der Meister hat dich unserer Obhut �berlassen. Er hat dich geliebt, Tim...�</p><p>���Findest du nicht, Arno�, holte Mays Stimme ihn in die Gegenwart zur�ck, �da� wir uns mit jemandem aus dem Krankenhaus unterhalten sollten?�</p><p>��Mit offenem Mund warfen sich Ken und Heather konsternierte Blicke zu. Niemals h�tten sie erwartet, solch verr�terische Worte auf Windhorse zu vernehmen. Jedes allopathische Mittel, angefangen von einem milden Analgetikum bis hin zu lebenserhaltender Chirurgie, erregte ihre Skepsis. Gestern waren sie beide wie vor den Kopf geschlagen gewesen, als sie von der t�dlichen Krankheit des Meisters und der Behandlung, der er sich unterzogen hatte, erfahren hatten. Selbst jetzt fiel es ihnen schwer zu glauben, da� er sich von ihnen abgewandt und nicht ihre heilenden F�higkeiten in Anspruch genommen hatte.</p><p>���Ich denke, er wird sich hintergangen f�hlen�, meinte Arno und litt darunter, anderer Meinung als seine Angebetete zu sein, �falls wir das tun. Wom�glich wird er uns in Zukunft nie mehr vertrauen.�</p><p>���Ich verstehe�, meinte May. �Auch ich hasse es, professionelle Hilfe zu holen. Andererseits k�nnen wir nicht zulassen, da� er sich ewig dort oben versteckt. Ach - w�re nur der Meister hier.�</p><p>���Er wird wieder auf die Erde zur�ckkommen, May�, rief ihr Ken zu.</p><p>��Trotz der Festigkeit seiner Stimme schien seine Versicherung in der Luft zu schrumpfen und keinen Trost zu spenden.</p><p>��In der Zwischenzeit hatte sich Janet �ber ihren K�pfen auf der gepolsterten Fensterbank zusammengekauert und den blauen Umschlag aus der Tasche gezogen; mit zittrigen Fingern hielt sie ihn hoch. Ein Poststempel aus Slough. M�nnliche Schrift (wen wunderte das?), die keine besonders starke Hand verriet. Und wieso war sie sich dann so sicher, da� der Absender ein Mann war? Oder entsprang ihre �berzeugung nur ihrer Eifersucht, ihrer Ablehnung?</p><p>��Vielleicht t�uschte sie sich. Vielleicht war der Brief (alle Briefe) von Trixies Mutter oder Schwester. Oder einer Freundin. Aber wer immer sie geschrieben hatte, mu�te ihr nahestehen. Nur jemand, der einem nahestand, schrieb so h�ufig. Sollte diese Person Trixie nahestehen, wu�te sie sicherlich, wohin sie gegangen war. Janet begann den Brief aufzurei�en, hielt dann aber inne.</p><p>��Was, wenn diese Person, die regelm��ig Briefe schrieb, darauf verzichtet hatte, eine Adresse anzugeben? In dem Fall w�re sie umsonst in Trixies Privatsph�re vorgedrungen. Letztendlich war das die einzige Motivation, den Brief zu �ffnen. Um mit Trixie in Verbindung zu treten und sie zur R�ckkehr zu �berreden. Sie mu�te erfahren, da� sie als Zeugin in einem Mordfall Schwierigkeiten bekam, wenn sie einfach so davonlief. Janet rechnete sogar damit, da� die Polizei schon eine Beschreibung von ihr in Umlauf gebracht' hatte. Als Freundin war es ihre Pflicht, Trixie zu suchen und sie zur Heimkehr zu bewegen, oder nicht? Selbstverst�ndlich w�rde sie den Brief nicht lesen. Sie ri� den Umschlag auf und zog ein einzelnes Blatt Papier heraus.</p><p>��Geliebte Trixie, Du wirst es kaum glauben - ich selbst kann es kaum fassen - aber Hedda ist weg. Es ist wahr. Ruf mich an oder komm einfach. Ich liebe dich. In Liebe, V.</p><p>��Janet dr�ckte das Blatt mit der Schrift nach unten auf ihr Knie. Ihr war eiskalt vor Schock. Unertr�gliche Einsamkeit �bermannte sie.</p><p>��Darum war Trixie also weggerannt. Um mit diesem Mann - diesem V - zusammenzusein, der sie schlecht behandelt hatte und dies zweifellos auch in Zukunft tun w�rde. Janet hatte �ber Frauen gelesen, die stets zu ihren Ehem�nnern zur�ckgingen, die sie schlugen. So ein Verhalten war ihr v�llig schleierhaft. Niemand hatte jemals Janet geschlagen, und sie h�tte schw�ren k�nnen, sie w�rde weglaufen und keinen Blick zur�ckwerfen, sollte so etwas jemals geschehen.</p><p>��Sie dachte an den Tag, als Trixie zum ersten Mal hier aufgetaucht war. Mit be�ngstigenden blauen Flecken an Kinn und Hals, mit grellroten Fingernagelstriemen auf der Haut. Die Erinnerung lie� Janet am ganzen K�rper erschaudern. Etwas sp�ter hatte sie sich wieder beruhigt und sa� die meiste Zeit stumm und reglos da.</p><p>��Nach einer Weile heftete sich ihr Blick widerwillig auf das Blatt Papier. Da war eine Adresse. Seventeen Waterhouse. H�chstwahrscheinlich in Slough. Wenn sie nicht dort ist, dachte Janet, bin ich verloren. Und selbst wenn sie dort ist, habe ich auch nicht viel, womit ich etwas anfangen kann. Kein Stadtteil, nichts. M�glicherweise konnte ihr das Postamt behilflich sein.</p><p>��Janet zwang sich, die kurze Nachricht wieder und wieder durchzulesen, dem Prinzip folgend, da� jedes Wort oder jede Wortreihe laut gesprochen oder genauer betrachtet einen Sinn ergeben k�nnte, da� die Worte die Macht hatten, ihr weh zu tun. Sie konnte nicht ernsthaft behaupten, da� das hier der Fall war. Obgleich sie noch Eifersucht und Schmerz sp�rte und ihre Hand leicht zitterte, wurde sie zusehends ruhiger. Ganz allm�hlich gelang es ihr, die Sache rational zu sehen.</p><p>��Wieso ging sie ganz selbstverst�ndlich davon aus, da� �V� ein Mann war? Klar, Trixie (oder - vulg�rer - Trix) war die �Geliebte� des Schreibers, aber was sagte das schon? Nicht mehr als starke Zuneigung. Kein Grund, ein romantisches Interesse zu unterstellen. Dasselbe galt f�r die letzte Zeile. Wer setzte heute kein �Ich liebe dich� ans Ende eines Briefes? So verfuhren sogar Bekannte. Dann war da noch die Wiederholung, was wom�glich nur bedeutete, da� der Schreiber ein enthusiastischer Charakter war.</p><p>��Je l�nger Janet �ber den Text nachdachte, desto klarer sah sie alles. Bei Hedda, die ohne Zweifel Ausl�nderin war, handelte es sich bestimmt um ein Au-pair-M�dchen, das gegangen war und mit dem Trixie nicht ausgekommen war. Nun, wo sie weg war, war es in Ordnung, wieder heimzukehren.</p><p>��Erst nach diesen �berlegungen fiel es Janet wie Schuppen von den Augen, wie dumm sie war. Trixie war vor dem Eintreffen des Briefes verschwunden. Die beiden Dinge hatten also nichts miteinander zu tun.</p><p>��Gerade als sie das Papier zusammenkn�llen wollte, kam ihr eine andere Idee. In einer Hinsicht hatte sich nichts ge�ndert. V konnte wissen, wo Trixie sich aufhielt, auch wenn er sie nicht beherbergte. Als n�chstes w�rde sie das Postamt in Slough an-rufen und nach der genauen Adresse fragen.</p><p>��Janet stand auf. Nachdem sie eine Entscheidung gef�llt hatte, ging es ihr gleich besser. Zu ihrer �berraschung versp�rte sie Hunger. Sie nahm eine Orange aus ihrer Obstschale und verlie� das Zimmer, um zu telefonieren.</p><empty-line/><p>�Wo ist der Indy?�</p><p>���Ich sitze drauf.�</p><p>���Gott, bist du gemein!�</p><p>��In der Ecke von Barnabys K�che klapperte und schleuderte und h�pfte die Waschmaschine. Jedes Mal, wenn Cully daheim war, war das Ding ohne Unterbrechung, den ganzen Tag lang, in Betrieb. Der Geruch von gebratenem Speck und Kaffee vermischte sich mit dem Duft von Sommerjasmin, von dem ein gro�es B�schel �ber dem offenstehenden Fenster hing. Die Nacht war lau gewesen, und die Luft war schwer. Kein L�ftchen regte sich.</p><p>���Es ist ja nicht so, als ob du die Zeitung lesen w�rdest. Du denkst nur �ber deinen Fall nach. Ist es nicht so, Ma?�</p><p>���Ja.� Joyce drehte den Speck mit einem Messer um.</p><p>���Und... wer ist es?�</p><p>���Wer ist was?�</p><p>���Der Mann mit dem schwarzen Hut.�</p><p>���Keine Ahnung.�</p><p>���Puh. Drei volle Tage, und du wei�t es nicht.�</p><p>���Nimm dich in acht�, riet ihre Mutter. �Er ist gro�, aber schnell.�</p><p>���Das h�rt sich recht verr�ckt an, dieses Windhorse. Tanzen sie da nackt unter dem Vollmond? Ich k�nnte wetten, da� sie es alle miteinander treiben. Im Kloster tun sie das.�</p><p>���Eine Kommune ist kein Kloster.�</p><p>���Was f�r einen Unterschied macht das? Was tragen sie? Weite Kittel und selbstgestrickte Unterhosen?�</p><p>���Mehr oder weniger.�</p><p>���Ich bezweifle, da� man weniger tragen kann�, verk�ndete Joyce.</p><p>��Der Toaster spuckte das ger�stete Brot aus. Joyce stand auf, und Cully raffte die weichen Falten ihres Morgenmantels zusammen (der heute aus bla�graumarmorierter Seide war). Der Mantel war viel zu lang. Sie hatte ihn in einem Secondhand-shop in Windsor gefunden und sich auf der Stelle in ihn verliebt, weil sie sich - wie sie behauptete - darin wie Anna Karenina vorkam. Joyce prophezeite, da� sie irgendwann �ber den Saum stolpern und sich verletzen w�rde. Cully zog die Toastscheiben heraus und be�ugte die Bratpfanne.</p><p>���Schalt ab! Schalt ab!� Sie griff nach dem Messer, nahm den Speck heraus und schnappte sich einen Teller.</p><p>���Ich will ihn knusprig.�</p><p>���Er ist l�ngst knusprig.� Mit zwei T�chern von der Haushaltsrolle tupfte sie die Speckscheiben ab. �Noch knuspriger, dann zerbr�seln sie.�</p><p>���Was machst du denn jetzt schon wieder?�</p><p>���Ich bewahre ihn vor einem Herzinfarkt.� Cully stellte den Teller vor Barnaby und reichte ihm den Toast. Der Speck war perfekt. Dann setzte sie sich auf ihren Stuhl und sagte: �Erz�hl mir mehr �ber deine Verd�chtigen.�</p><p>���Wieso denn?�</p><p>���Durchaus m�glich, da� ich eines Tages so eine �kotussi spielen mu�.�</p><p>���Ah.� Nat�rlich die Schauspielerei. Am Ende lief es immer darauf hinaus. �Nun, es gibt da jemanden, der Geister herbeirufen kann und dessen Gattin die Venus besucht, wenn sie nicht gerade Feen abkommandiert, die beim Abwasch helfen sollen -�</p><p>���Ich w�nschte, die w�rden mir jemanden schicken�, meinte Joyce.</p><p>���Und dann lebt da eine Frau, die Auras deutet. Ach ja, um meine macht sie sich gro�e Sorgen, auch wenn das hier keiner tut. R�t mir, meine schlechte Laune abzureagieren.�</p><p>���Wie k�nnen die Leute nur an einen solchen Mist glauben?�</p><p>���Tunnelvision�, erl�uterte Cully. �Stimmt das nicht?�</p><p>���Ist mir alles ein gro�es R�tsel�, verriet Barnaby, der keine Veranlassung sah, in der Welt etwas anderes zu sehen, als das, was sie war. W�rde er sie als etwas anderes sehen, k�nnte er seiner Arbeit nicht gerecht werden.</p><p>���All diese Kulte laufen doch auf dasselbe hinaus. Man mu� nur jeden und alles, was dem eigenen Glauben widerspricht, ausschalten. Solange man dazu f�hig ist, funktioniert es. Ich wette, die besitzen weder Radio noch Fernsehen.� Barnaby gab zu, da� dem so war. �Ist aber gef�hrlich, so isoliert zu leben. Bricht irgendwann die wahre Welt �ber einen herein, ist man am Boden zerst�rt. Friede unserer just verstorbenen Klostervorsteherin.�</p><p>���Oh, h�r auf, hier eine Auff�hrung zu geben�, meinte Joyce, immer noch erz�rnt wegen des Specks. Mit ihrer Kaffeetasse in der Hand setzte sie sich an den K�chentisch. �Dann hat also eines dieser spirituellen Wesen einen Mord begangen.�</p><p>���Vielleicht zwei.�</p><p>���Ach?� Sie gab zuviel Zucker in den Kaffee, r�hrte ihn aber nicht um. �Du spielst doch nicht etwa auf den Mann an, der die Treppe hinuntergepurzelt ist?�</p><p>��Barnaby h�rte auf zu essen. �Was wei�t du denn dar�ber?�</p><p>���Ann hat mir davon erz�hlt. Wir haben uns auf einen Kaffee getroffen, kurz nach dem Unfall. Jedermann war �berzeugt, da� er eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Und die Dorfbewohner waren au�erordentlich unzufrieden mit dem Ergebnis der gerichtlichen Untersuchung.�</p><p>���Wieso, zum Teufel, hast du mir nicht -�</p><p>���Ich habe dir noch am selben Abend davon berichtet.�</p><p>���Ich kann mich nicht erin -�</p><p>���Ich erz�hle dir immer, was ich tags�ber erlebe. Du h�rst einfach nicht zu.�</p><p>��Unbehagliches Schweigen breitete sich aus. Cully grinste ihren Vater an und sagte: �Dieser gro�e wei�e H�uptling - der, der erstochen wurde? War er einer von diesen charismatischen Typen?�</p><p>���Definitiv.� Barnaby atmete tief durch in dem Wunsch, seine Irritation abzusch�tteln. �Silberne M�hne, zungenfertig. Scheint jeden verzaubert zu haben.�</p><p>���Die R�mer hingen der �berzeugung an, da� ein guter Rhetoriker von Natur aus auch ein guter Mensch ist.�</p><p>���Hah.� Er verschluckte sich und stellte die Teetasse ab. �Bei Craigie haben sie sich da allerdings get�uscht. Er war ein Betr�ger, seit Jahren.� Kurz fragte sich der Chief Inspector, wie es die Kommunenmitglieder aufnehmen w�rden, wenn sie von der Vergangenheit ihres geliebten Gurus erfuhren. Die vom Glauben Geblendeten w�rden ihre Blindheit zweifelsohne nicht mal angesichts der unwiderlegbaren Beweise ablegen. Gott wu�te, da� es im Lauf der Geschichte f�r solch ein Verhalten viele Beispiele gegeben hatte.</p><p>���Mu� mich auf den Weg machen. Ich hole Gavin ab. Maureen bringt die Kleine ins Krankenhaus und braucht daher den Wagen. Keine Frage, da� ich mir heute den lieben langen Tag jede Menge langweiliger Schilderungen von Talisa Leannes Entwicklung anh�ren darf.�</p><p>���Talisa Leanne.� Cully brach in h�hnisches Gel�chter aus.</p><p>���Du warst genauso�, sagte Joyce mit einem L�cheln.</p><p>���Ich?�</p><p>���Hast Schnappsch�sse von Cully mit dir rumgetragen und sie Fremden gezeigt.�</p><p>���Unsinn.� Seiner Tochter einen Blick zuwerfend, zwinkerte er. Als w�re das ihr Stichwort gewesen, schl�pfte Cully in die Rolle einer glamour�sen, kamerahungrigen Schauspielerin. Mit offenem Mund und heftig mit den Lidern klappernd, st�tzte sie das Kinn auf den Handr�cken.</p><p>���Ein klobiges kleines Ding ist sie gewesen.� Er ging zur T�r.</p><p>��Ein St�ck Toast flog an seiner Schulter vorbei, knallte gegen den T�rrahmen.</p><p>��Als er im Flur seine Jacke anzog, rief sie ihm hinterher: �Vergi� nicht den heutigen Abend, Dad.�</p><p>��Aus diesen Worten meinte Barnaby eine N�he herauszuh�ren, die er seit langem in den Unterhaltungen mit ihr vermi�te. Und ihm wurde mulmig zumute. Vater und Tochter wu�ten, was da ablief. Im Lauf der Jahre hatte sich Cully allm�hlich - was ihr bestimmt nicht leichtgefallen war - daran gew�hnt, da� ihr Vater im Gegensatz zu den V�tern ihrer Freunde und Freundinnen, die bei Geburtstagsfeiern und Schulauff�hrungen, Sportveranstaltungen und w�hrend der Ferien anwesend waren, nur selten auftauchte. Ihre Tr�nen, seine Schuldgef�hle, wenn er mit ihrer Entt�uschung konfrontiert wurde, die Wut dar�ber, da� man ihm Schuldgef�hle einpflanzte, all dies hatte Joyce dazu gebracht, in der Familie die Rolle des Vermittlers zu �bernehmen. Die Rolle laugte sie aus, f�hrte zu extrem wortreichen Zornausbr�chen. (Alle Barnabys w�ren erstklassige Kandidaten gewesen bei einer Preisverleihung f�r Selbstdarstellung.) Sie liebten einander, doch leicht war das Zusammenleben noch nie gewesen.</p><p>��Nach den Wagenschl�sseln greifend und �Bye� �ber die Schulter rufend, bildete Barnaby sich ein, das Echo jahrelangen Gejammers zu h�ren: �Aber du hast es versprochen...�</p><p>���Was ist denn heute in dich gefahren?� Joyce setzte sich ihrer Tochter gegen�ber, die sich hinter dem Independent versteckte. �Tu nicht so, als ob du lesen w�rdest, wenn ich mit dir rede, Cully...� Sie schnappte nach der Zeitung und ri� sie herunter.</p><p>���Was soll das?� fragte Cully und gl�ttete die Zeitungsseiten.</p><p>���Wann hat er dir je was versprochen?� Joyce hielt kurz inne. �Komm schon.� Schmollend schob Cully ihre g�ttliche Unterlippe vor. �Nie, genau darum geht es ja. &gt;Falls mir nichts dazwischenkommt, werde ich dasein.&lt; Auf mehr Zugest�ndnisse hat er sich nie eingelassen.�</p><p>��Die Wiederholung dieser vagen Aussage lie� Mutter und Tochter an jene besonders ungl�ckliche Episode denken, die sich an Cullys viertem Geburtstag abgespielt hatte.</p><p>��Sieben kleine Kinder, ein Kuchen in der Form der Arche Noah mit schokoladen�berzogenen Marzipantierchen, viele Spiele, sch�ne Geschenke, und die ganze Zeit �ber wanderte der Blick des kleinen M�dchens zur Eingangst�r. Wartend. Sie verpa�te ihre eigene Geburtstagsfeier. Schlie�lich, als die G�ste sich mit Luftballons in den H�nden verabschiedeten, winkten und aus den Fenstern der elterlichen Autos riefen, kam Tom nach Hause. Viel zu sp�t - das M�dchen war untr�stlich. An ihrem f�nften und sechsten Geburtstag war er daheim, aber wie das bei Kindern so der Fall ist, erinnerte sie sich nur an den vierten.</p><p>���Versuch nicht, ihn in die Enge zu treiben, Liebling. Er f�hlt sich schon scheu�lich genug, wenn er nicht dasein kann, da brauchst du ihm nicht auch noch zuzusetzen.�</p><p>���Er f�hlt sich nicht halb so beschissen wie ich.�</p><p>���Ach, sei fair.� Joyce merkte, wie sie w�tend wurde, bem�hte sich aber, ihren aufsteigenden Zorn zu mildern. Sie mu�ten den Rest des Tages gemeinsam durchstehen. �Zu deinen letzten drei Geburtstagen hast du uns nicht eingeladen. Letztes Jahr haben wir versucht, dich anzurufen, aber du warst nach Marokko gereist.�</p><p>���Dieses Mal ist es etwas Besonderes, meine ich. Immerhin feiere ich auch meine Verlobung.� Sie lie� die Zeitung auf den Boden fallen. �Immer bist du auf seiner Seite.�</p><p>���Aber klar doch. Nein, das stimmt nicht. Heb die Zeitung auf.� Cully griff nach einem Apfel und dem Obstmesser. �Cully... dieser Fall ist knifflig. Ich habe nicht den Eindruck, da� die Ermittlung gut l�uft. Mach ihm bitte nicht das Leben schwer.�</p><p>��Da warf Cully ihrer Mutter einen Blick zu, der von jener Launenhaftigkeit zeugte, die ihre Bewunderer verzauberte, alle anderen jedoch in den Wahnsinn trieb, und setzte ein warmherziges, strahlendes L�cheln auf.</p><p>���Es tut mir leid... tut mir leid...� Sie kam um den Tisch herum, dr�ckte ihrer Mutter einen Ku� auf die Wange und schlang die Arme um ihren Hals. Joyce versuchte, ihrer Tochter ebenfalls einen Ku� zu geben, aber Cully hatte sich schon gel�st und war im Begriff aufzustehen.</p><p>���Arme Ma.� Sie sch�ttelte den Kopf. Joyce hatte das Gef�hl, da� sie sich �ber sie lustig machte. �Immer zwischen den Fronten. Wie �blich.� Und wandte sich ab. �Ich werde ein Bad nehmen.�</p><p>���Was f�r Pl�ne hast du f�r heute morgen?� Obgleich sie wu�te, da� der Augenblick der Verbundenheit unwiderruflich dahin war, unternahm Joyce den Versuch, ihn zu strecken.</p><p>���Werde einen Blick auf Deirdres Baby werfen.� Die schlanken braunen F��chen mit den pinkfarben lackierten N�geln trippelten die Stufen hoch. �Hinterher treffe ich mich mit Nico in der Uxbridge-U-Bahn-Station. Um vier werden wir kommen und dir behilflich sein.�</p><p>��Joyce malte sich diese Hilfe im Geist aus. �Du bringst besser ein paar Sachen von Sainsbury mit. Bislang k�nnen wir nur Estragoneier und ein paar zermahlene Kardamomkapseln servieren�, schrie sie gegen das einlaufende Badewasser an.</p><p>���Okay.�</p><p>��Der Geruch des nach Nelken riechenden Badezusatzes str�mte nach unten, als Cully etwas Floris Malmaison ins Wasser gab. Joyce nahm die Zeitung und begann den Tisch abzur�umen. Den �briggebliebenen Toast f�r die V�gel zerbr�selnd, sah sie vor ihrem geistigen Auge erneut, wie Cully grazi�s �ber den gekachelten Boden geschwebt war. Wie sie ihren schweren Hausmantel zusammengerafft, die Arme um ihren Nacken geschlungen, den Kopf elegant gedreht hatte. Sie dachte an den Ku�, an den tanzenden R�ckzug. Joyce kam es so vor, als sei das alles in einer flie�enden Bewegung geschehen, vom Anfang bis zum Ende. Im Lauf der Jahre hatten Tom und sie sich widerwillig eingestehen m�ssen, da� sie nie wu�ten, ob ihre Tochter gerade schauspielerte oder einfach nur sie selbst war. Das war ziemlich beunruhigend. Einen Augenblick tat ihr Nicholas leid, bis ihr einfiel, da� er noch schlimmer war.</p><p>��Barnaby sa� �ber seinen Schreibtisch gebeugt. Der Ventilator k�hlte eine seiner Gesichtsh�lften, die andere war schwei��berzogen. �berall im B�ro waren Tageszeitungen ausgebreitet und beschwert worden, damit sie nicht von der k�nstlichen Brise weggetragen wurden. Nur die Boulevardpresse brachte die Geschichte noch auf der Titelseite, und allein der Daily Pitch hatte sie abermals zur Titelstory gemacht. Kamen die M�rder des Yogi von der Venus? Das Foto einer ungek�mmten Heather prangte auf der Titelseite.</p><p>��Barnabys T�r stand sperrangelweit offen und gab den Blick auf gesch�ftiges, aber geordnetes Treiben frei. Auf Formulare und noch mehr Formulare, Fotos und Berichte. Auf gr�ne Bildschirme mit noch mehr Informationen. Und dann waren da noch die Telefone, die fortw�hrend klingelten.</p><p>��Viele Anrufer boten �lebenswichtige Informationen� �ber das Verbrechen auf Golden Windhorse an. Es brauchte schon mehr als den Umstand, da� der Mord ganz in der N�he und auf einem hermetisch abgeriegelten Anwesen stattgefunden hatte, um die gro�artige britische �ffentlichkeit davon abzuhalten, ihren Senf zu dem Vorfall abzugeben. Ein anonymer Anrufer hatte sich um f�nf Uhr morgens gemeldet, um einen Traum zu schildern, in dem ihm der Geist Arthur Craigies in Ketten erschienen war und verk�ndet hatte, da� seine Seele keine Ruhe f�nde, ehe alle in Gro�britannien lebenden Farbigen in ihre Heimatl�nder zur�ckgekehrt waren. Der Mann hatte noch hinzugef�gt: �Damit sind L�nder mit tropischem Klima gemeint�, ehe er auflegte.</p><p>��Ein Gro�teil der Information war offizieller Natur und brachte die Polizei ein gutes St�ck weiter. George Bullard rief an, um zu sagen, da� Jim Carter vermutlich Metranidozole verschrieben bekommen hatte und es in diesem Fall tats�chlich unvorsichtig gewesen w�re, gleichzeitig Alkohol zu sich zu nehmen. Mit Erlaubnis von Arno Gibbs hatte Mr. Clinch sich bereit erkl�rt, den Inhalt von Craigies Testament zu verk�nden. Der echte Christopher Wainwright war im White City Television Centre aufgetrieben worden und hatte Andrew Carters Schilderung ihrer gemeinsamen Schulzeit in Stowe, da� sie sich in der Jermyn Street getroffen und zusammen bei Simpson''s zu Mittag gegessen hatten, verifiziert. Nur an einem Punkt wichen die beiden Versionen voneinander ab: Wain-wright behauptete immer noch, seine Brieftasche an besagtem Tag verloren zu haben. Er hatte gesagt: �Andy hat das Essen bezahlt�, und hatte dabei ziemlich erfreut geklungen.</p><p>��Noleen, Andrew Carters Nachbarin in Earl�s Court, hatte best�tigt, an jenem Morgen, als sein Onkel gestorben war, zusammen mit Andrew gefr�hst�ckt zu haben. Barnaby hatte nicht ernsthaft geglaubt, da� der Junge etwas mit dem Tod seines Onkels zu tun gehabt hatte, andererseits war es nicht gerade ungew�hnlich, da� ein Schuldiger der Polizei eine glaubw�rdige Geschichte auftischte, um die eigenen Spuren zu verwischen. Bislang war es Barnaby nicht verg�nnt gewesen, Andrews Aktivit�ten auf Blackpool�s Golden Mile zu �berpr�fen, aber irgend jemand k�mmerte sich vor Ort darum.</p><p>��Ob es eine Verbindung zwischen den beiden F�llen gab, war im Augenblick noch unklar. Nichtsdestotrotz war es verf�hrerisch, von dieser M�glichkeit auszugehen. Wollte man sich ausschlie�lich an die Tatsachen halten, durfte man mit Sicherheit davon ausgehen, da� Carter eine Entdeckung gemacht hatte (�Andy - etwas Schreckliches ist geschehen...�) und er kurze Zeit danach die Treppe hinuntergest�rzt war. Und da� Craigie zwei Monate sp�ter ermordet worden war. Ob der Meister bei dem ersten Tod seine H�nde im Spiel gehabt hatte, war im nachhinein nicht eindeutig zu beweisen - Miss Cuttle konnte nicht mit Sicherheit sagen, wessen Stimme sie geh�rt hatte. Einmal angenommen, da� es nicht Craigie gewesen war, hatte er dann etwas herausgefunden und war infolgedessen get�tet worden?</p><p>��Sollte dem so gewesen sein, gab der Gamelin-Treuhand-fonds kein stichhaltiges Motiv ab, zumal Sylvie bei ihrem Verh�r dem Chief Inspector gesagt hatte, sie habe diesen Vorschlag dem Meister erst eine Woche vor ihrem Geburtstag unterbreitet. Keiner von beiden hatte gegen�ber den anderen ein Wort �ber dieses Thema verloren. Einmal abgesehen von Guy, aber der hatte erst am Mordabend davon erfahren. Barnaby warf einen Blick auf seinen Notizblock. Beim Nachdenken hatte er die Angewohnheit, herumzukritzeln und zu malen. Gew�hnlich Pflanzen. Farne, Blumen, auff�llig ausgearbeitete Bl�tter. Gerade hatte er die spitzen Bl�tter und die gew�lbten, ge�derten Bl�tenbl�tter der Inssibirica, der Orchidee des armen Mannes, gezeichnet.</p><p>���Treuhandfonds� wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen.</p><p>��Ihm kam es fast so vor, als heische dieses Wort nach Aufmerksamkeit. Jedenfalls machte es ihm geh�rig Kopfzerbrechen. Barnaby nahm an, alles zu wissen, was es zu diesem Thema zu wissen gab. Er wu�te, um was f�r eine Summe es sich handelte, wu�te von Suhamis Entschlossenheit, das Geld wegzugeben, von dem Willen ihres Vaters, nicht so zu verfahren, von Craigies (laut Gamelin) vorgespielter Weigerung, das Geschenk anzunehmen. Der Chief Inspector zog einen dicken geraden Strich, ri� die Seite ab und warf sie in den M�lleimer, doch das Wort lie� ihn nicht in Ruhe. Darum...</p><p>��Wom�glich besch�ftigte ihn gar nicht das Treuhandverm�gen. Vielleicht ging es ja um etwas ganz anderes. Er spann den Gedanken weiter. Ging es um Vertrauen in jemanden oder den Glauben an etwas? Um den Mangel an Vertrauen, um Betrug? Betrug war nun mal das Handwerk des Betr�gers. War Craigie von einem Anh�nger ermordet worden, der ihm auf die Schliche gekommen war und sich von ihm get�uscht gef�hlt hatte? Oder von dem aufgebrachten Opfer eines fr�heren Betrugs? Von jemandem, der vor Jahren �bers Ohr gehauen worden war und der geduldig gewartet hatte, bis er aus dem Gef�ngnis entlassen worden war? Mit Z�higkeit und Durchhalteverm�gen konnte jeder Mensch aufgesp�rt werden. In diesem Fall h�tte Craigie doch sicher gewu�t, um wen es sich handelte, und sich vorgesehen, oder?</p><p>��Troy brachte den Laborbericht. Wie gew�hnlich trug er enge Hosen, ein perfekt geb�geltes, wei�es Hemd, das trotz der Hitze bis zum Hals zugekn�pft war, und eine schmale gemusterte Krawatte. Barnaby traf seinen Sergeant nur selten in der Freizeit und konnte daher nicht sagen, ob dessen Kleidungsstil immer so formell war, aber auf dem Revier krempelte er niemals die �rmel hoch oder trug ein Freizeithemd. Ihm war Audreys Spekulation zu Ohren gekommen, die besagte, dies l�ge daran, da� Troy keine Haare auf der Brust hatte.</p><p>��Barnaby unterstellte diesem Erscheinungsbild komplexere Ursachen. Und er ging davon aus, da� die ordentlichen Berichte und der stets aufger�umte Schreibtisch in dieselbe Kategorie fielen. Nachdem Troy das B�ro betreten, sein Jackett aufgeh�ngt und Kaffee bestellt hatte, richtete er seine Drahtablagek�rbe so aus, da� die R�nder parallel zum Schreibtischrand standen, und b�ndelte lose Bl�tter zu einem ordentlichen Stapel. Manchmal rieb er mit seinem Taschentuch sogar einen unsichtbaren Flecken weg.</p><p>��Es erforderte wohl kaum einen geschulten Analytiker, um aus Troys Verhalten das Bed�rfnis nach absoluter Kontrolle herauszulesen. Das Bed�rfnis nach konstanter Ordnung, um das Chaos in Schach zu halten. M�glicherweise war es ein wenig oberfl�chlich, so ein Verhalten dahingehend zu interpretieren, da� es einen auf jeden und alles gerichteten Groll tief im Innern des Betreffenden symbolisierte. Na, wenn das nicht ein Anflug von der auf Windhorse praktizierten Psychologie war, was dann? Himmel, dachte Barnaby, als n�chstes werde ich ihm wohlmeinende Ratschl�ge erteilen. In Erwartung, der Laborbericht st�tze seine Vermutung, da� die Fasern von Suhamis Handtasche mit denen auf der Mordwaffe identisch waren, streckte er die Hand aus.</p><p>��Troy h�ndigte ihm den Umschlag aus und schaltete den tragbaren Fernsehapparat ein, um sich die Elfuhrnachrichten anzusehen. Gesendet wurde ein Interview mit einer Miss Myrtle Tombs, der Postbotin von Compton Dando, die man so geschickt vor dem Herrenhaus aufgebaut hatte, da� der Eindruck entstand, sie stehe direkt in der Zufahrt. Sie hatte weder etwas �ber den Gamelin-Fall noch �ber die Bewohner des Hauses zu sagen, doch das tat sie besonders ausf�hrlich und mit Hingabe. Troy schaltete das Ger�t gerade noch rechtzeitig ab, um zu h�ren, wie sein Chef den Atem anhielt.</p><p>��Mit offenem Mund und leerem Blick stierte Barnaby auf den Laborbericht. Troy stellte sich neben ihn, zog den Bericht aus der schlaffen Hand seines Vorgesetzten, setzte sich und �berflog ihn.</p><p>���Das darf doch nicht wahr sein.� Er sch�ttelte den Kopf. �Die haben Mist gebaut.�</p><p>���Sehr unwahrscheinlich. Das nennt sich Wissenschaft.�</p><p>���Werden Sie das noch mal �berpr�fen?�</p><p>���Sicher.�</p><p>���Falls sie sich nicht geirrt haben, was bedeutet es dann f�r uns?�</p><p>���Keine Ahnung.� Wie ein Irrer dr�ckte Barnaby auf die Kn�pfe. Man h�tte meinen k�nnen, er werte das Untersuchungsergebnis als pers�nliche Beleidigung. �Dann sind wir echt angeschmiert.�</p><empty-line/><p>Felicity war aufgestanden, hatte sich angekleidet und sa� nun vor dem offenen Fenster ihres Zimmers. Sie trug den Inhalt des Schweinslederkoffers: ein zweiteiliges, mit Mohn- und Wiesenblumen bedrucktes Seidenkost�m von Caroline Charles. Dazu geh�rten passende, grasgr�ne Wildlederst�ckelschuhe von Manolo Blahnik, die vorn spitz zuliefen und die May umgehend in eine Schublade legte. Statt dessen bot sie Felicity ein Paar bequeme Slipper an. Ehe sie ihr die Schuhe anzog, hatte sie Felicitys F��e mit parf�miertem �l massiert. Die kupferfarbene Haut erinnerte an zerknittertes Pergamentpapier; ihre Kn�chel hatten denselben Umfang wie Mays Handgelenke.</p><p>���Wir m�ssen Sie aufp�ppeln�, hatte May l�chelnd angedroht. �Mit einer Menge frischem Gem�se Und selbstgebackenem Brot.�</p><p>���Oh, ich darf kein Brot essen.� Felicity beeilte sich, eine Entschuldigung nachzuschieben. �Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich mu� Gr��e 36 halten.�</p><p>���Aus welchem Grund?�</p><p>���... nun...� Der Grund war, da� alle von Felicitys Bekannten und Freundinnen Gr��e 36 hatten. Kaum legten sie etwas Gewicht zu, besuchten sie eine Beauty-Farm und machten eine Di�t, bis sie wieder in ihre Klamotten pa�ten. Aber weil die bl�hende und kerngesunde May siebenundsiebzig Kilo wog, erschien Felicity diese Erkl�rung sowohl niedertr�chtig als auch belanglos. �Keine Ahnung.�</p><p>���Sie haben eine sehr lange Reise vor sich, Felicity. Daf�r werden Sie jede Hilfe brauchen k�nnen, die wir zu geben imstande sind, aber Sie m�ssen schon auch Ihren Teil dazu beitragen. Momentan sind Sie sehr schwach und k�nnen nur wenig tun, aber das wenige mu� getan werden. Das ist Ihr Beitrag, wissen Sie?�</p><p>���Ja, May.� Die Vorstellung, auch einen Beitrag zu leisten, beunruhigte Felicity. Sie f�rchtete, da� ihre Seele, br�chig wie Eis, angesichts dieser Anstrengung Schaden nehmen k�nnte. In der Klinik, wo sie in einem weich gepolsterten Traum gelebt hatte, war ihr Beitrag rein finanziell gewesen. Vielleicht meinte May genau das. Auf die nerv�se Frage, ob dem so war, erhielt sie eine abschl�gige Antwort. Felicity nahm all ihren Mut zusammen und fragte, was von ihr erwartet wurde.</p><p>���F�rs erste essen Sie ein wenig und ruhen sich aus. Sp�ter, wenn Sie zu Kr�ften gekommen sind, sehen wir weiter.�</p><p>��Felicity streckte die Hand aus. In diesem Augenblick wurde sie von einer besonders lebhaften Erinnerung heimgesucht. Nach ihrer ersten Entziehungskur war sie zu Guy heimgekehrt und hatte ebenfalls die Hand ausgestreckt, woraufhin er sie als emotionalen Vampir bezeichnet und sich von ihr abgewandt hatte. May hingegen nahm Felicitys Hand zwischen ihre leicht parf�mierten Handfl�chen, k��te sie und dr�ckte sie an ihre Wange. Felicity sp�rte, wie das gefrorene Blut in ihren Adern auftaute.</p><p>���Sie haben hoffentlich nicht noch mehr von diesem gr��lichen Zeug, das Sie die Nase hochziehen?�</p><p>���Nein, May.�</p><p>���Das ist gut. Der K�rper ist der Tempel, der Ihre unsterbliche Seele birgt. Vergessen Sie das nie. Und mi�brauchen Sie ihn nicht. Nun�, sie lie� vorsichtig die Hand los, �mu� ich gehen ; und Janet bei der Zubereitung des Mittagessens helfen. Es wird eine wohlschmeckende Suppe geben, von der Sie unbedingt etwas probieren m�ssen.�</p><p>��Entgegen ihrem Versprechen, noch einmal das Mittagessen zuzubereiten, war Janet nicht in der K�che. May begann das Gem�se vorzubereiten, schnitt Artischocken und Lauch klein und d�nstete alles in Erdnu��l an. Sie warf einen Blick auf das Gew�rzregal und fragte sich, welche Geschmacksrichtung Felicity wohl am ehesten zusagte. Die Suppe machte einen ziemlich blassen Eindruck. May �berlegte, ob sie Safran zugeben sollte. Bruder Athelstans Kr�uterbuch versicherte, da� es �jeden Mann munter machte�, merkte aber auch noch an, da� der norwegische Mystiker Nils Skatredt im Jahre 1462 eine �berdosis Safran zu sich genommen und mit einem Lachen auf den Lippen verstorben war. May stellte das kleine D�schen ins Regal zur�ck und griff nach einer Dose Lorbeerbl�tter.</p><p>��Als die Suppe vor sich hin k�chelte, begab sie sich auf die Suche nach Janet. Zuerst schaute sie in ihrem Zimmer nach. Janet war nicht da. Daf�r lehnte ein Brief an einer Ausgabe von Pascals Pens�es. May ri� den Umschlag auf, begab sich danach gleich zum n�chsten Telefon, um diesmal die Polizei - die sich sehr dar�ber echauffiert hatte, zu sp�t �ber Trixies Verschwinden informiert worden zu sein - rechtzeitig zu benachrichtigen.</p><p>���Sie schreibt, Chief Inspector, da� sie eine ziemlich genaue Vorstellung von Trixies Aufenthaltsort habe und sie - falls sie bis heute abend nicht zur�ckkehrt - uns anrufen und wissen lassen wird, was passiert... �berhaupt nicht. Es war mir ein Vergn�gen. Wie geht es Ihnen? Und diesem armen jungen { Mann mit -�</p><p>��Da ihr Gespr�chspartner leider schon aufgelegt hatte, machte May sich auf die Suche nach den anderen, um auch sie zu informieren.</p><empty-line/><p>Von einer korpulenten Frau mit zwei riesigen Einkaufst�ten eingezw�ngt, sa� Janet am gl�hendhei�en Fenster des Doppeldeckerbusses. Eine der T�ten lag halb auf Janets Knien. Die Frau machte leider keine Anstalten, sie wegzunehmen oder sich daf�r zu entschuldigen. Beim Aufstehen fiel Janet auf, da� eine matschige Tomate Saft und kleine Kerne auf ihrem Rock hinterlassen hatte.</p><p>��Heute trug sie anstelle ihrer Stretchhosen ein Sommerkleid mit tiefem Ausschnitt, langem, weitem Rock und grellblauem und braunem Schlierenmuster. Der tiefe Ausschnitt brachte eine faltige Mulde am Halsansatz zur Geltung. Um sie zu kaschieren, hatte Janet eine Halskette mit gro�en, transparenten Perlen, die an alte Hustenbonbons erinnerten, umgelegt. Unabl�ssig zupfte sie nerv�s an der aufgesetzten Tasche des Kleides herum. Darin befanden sich die Instruktionen, wie man zu Seventeen Waterhome gelangte. (Das war tats�chlich die ganze Adresse gewesen. Laut Auskunft des Postbeamten handelte es sich um einen Wohnblock.) In der Tasche lag auch noch ein selbstgemachtes Lavendels�ckchen, das Heather ihr auf der Treppe in die Hand gedr�ckt hatte mit den Worten: �Es ist nichts Besonderes, Jan, aber es kommt von Herzen.�</p><p>��An der Haltestelle stieg Janet aus, bog gem�� ihren Anweisungen nach rechts ab und dann noch mal nach rechts. An der roten Fu�g�ngerampel fiel ihr Blick auf ein wundersch�nes georgianisches Erkerfenster, das selbst schon ein Juwel war und zu einem Schmuckladen geh�rte. Sie ging hin�ber, um einen Blick in das Schaufenster zu werfen.</p><p>��Die Auslage war sp�rlich, wie das immer der Fall ist, wenn die Preise der feilgebotenen Waren unbezahlbar sind. Nur etwas in Falten gelegter, elfenbeinfarbener Samt, ein Paar atemberaubende Ohrringe aus getriebener Bronze und ein Tuch, das wie achtlos hingeworfen dalag und in �ppigem, strahlendem Gr�n und T�rkis leuchtete. Daran hing ein kleines wei�es Schildchen, dessen unbeschriebene Seite nach oben zeigte. Fast unbewu�t betrat Janet den Laden, um sich das Tuch genauer anzusehen.</p><p>��Das Objekt ihrer Begierde war ein Quadrat aus reiner Seide von erstklassiger Qualit�t und unglaublich glatter Oberfl�chenstruktur. Mit einer Seitenl�nge von gerade mal achtzehn Zentimetern war es relativ klein. Genau von der Gr��e, da� man es - wie die Leute zu sagen pflegten - durch einen Ehering ziehen konnte. Janet malte sich aus, wie das Tuch auf Trixies Haupt aussehen und ihrem perfekten Teint einen h�bschen Farbton verleihen w�rde. Das Tuch kostete einhundertzwanzig Pfund.</p><p>��Beim Ausf�llen des Schecks �berlegte Janet, wieviel Geld sie laut dem letzten Kontoauszug noch besa�. Die Verk�uferin packte das Tuch in eine sch�ne flache, schwarzwei� gestreifte Schachtel mit rotem Seidenpapier und band eine rote Schleife darum. Der Name des Gesch�fts, XERXES, war in Gold auf den Schachteldeckel gedruckt.</p><p>��Drau�en auf der Stra�e freute sich Janet �ber den Kauf und stellte sich Trixies Gesicht vor, w�hrend sie das Band l�ste... den Deckel anhob... das Seidenpapier l�ftete und schlie�lich das sch�ne Tuch zum Vorschein kam. Einen Moment lang f�hlte sich Janet unglaublich gl�cklich. Doch dann regten sich wieder Zweifel.</p><p>��Hatte Trixie jemals solche Farben getragen? Trixie mochte Pastellt�ne: rosa, hellblau, beige. Und habe ich sie, fragte sich Janet nun, schon mal ein Tuch tragen gesehen? Sie besa� T�cher; sie lagen in ihrem Unterw�schefach, aber sie hatte sie nur sehr selten rausgeholt und getragen. Ach - wie angewurzelt blieb sie auf dem gepflasterten Gehweg stehen. Ein Mann rannte sie fast um und fluchte. Wie dumm hatte sie gehandelt. Dumm, un�berlegt. Idiotisch.</p><p>��Was Trixie wirklich brauchte, was sie immer brauchte, war Geld. Geld hatte sie nie genug. Sie w�rde einen Blick auf dieses wundersch�ne, �berfl�ssige Geschenk werfen und denken: Gott - was h�tte ich mit dem Geld alles anstellen k�nnen. Immerhin war sie in der Lage, den Preis des Geschenks ziemlich genau zu bestimmen; das konnte sie immer.</p><p>��Janet blieb z�gernd stehen, w�hrend Menschen an ihr vorbeigingen, Autohupen ert�nten, Auspuffabgase in ihre Lungen str�mten. Sollte sie das Tuch zur�ckbringen? W�rde das Gesch�ft sich darauf einlassen, ihr das Geld zur�ckzugeben? Handelte sie so, bedeutete das, da� sie mit leeren H�nden auftauchte, und ihr lag sehr viel daran, ihrer Freundin eine Freude zu machen. Ich h�tte, dachte Janet mit sp�ter Reue, etwas kaufen sollen, was wirklich n�tzlich ist. Etwas zu essen. Oder etwas zu trinken.</p><p>��Auf der anderen Seite war ein Marks and Spencer. Mit derselben Un�berlegtheit und Spontanit�t, mit der sie Xerxes betreten hatte, schlo� sie sich einer Gruppe Fu�g�nger an, die die Stra�e �berquerte, und fand sich einen Augenblick sp�ter in der Lebensmittelabteilung wieder.</p><p>��Es war lange her, da� sie bei Marks and Spencer eingekauft hatte. Insofern waren die gef�llten Regale wie eine Offenbarung f�r sie. Sie beugte sich �ber die Gefrierk�hltruhe, hielt die hei�en Wangen in die aufsteigende K�lte und griff nach einer von funkelnden Eiskristallen �berzogenen Schachtel. American Fudge Pie. Dazu w�hlte sie einen Topf Zitroneneiscreme. Danach begab sie sich zu den Fertiggerichten, w�hlte knusprige Pekingente, Won-Ton-Krabben, Filetsteak mit gr�nen Pfefferk�rnern und Lachs in Bl�tterteig aus. In den Einkaufswagen legte sie echten Kaffee, double cream, einen runden, in Weinbl�tter geh�llten Kr�uterk�se und Marmelade von wilden Erdbeeren. Eine gro�e Schachtel belgische Schokoladent�felchen. Nat�rlich Brot (flaches italienisches Ciabatta), ungesalzene Butter, Spargel. An der Obsttheke suchte sie zwei Mangos heraus, eine herrlich duftende Melone und eine Staude Muscat-Trauben. Dabei fiel ihr Blick auf den Blumenkohl: schneewei�e, dichtstehende R�schen, umgeben von knackigen gr�nen Bl�ttern. Als sie an Arnos armselige Exemplare dachte, mu�te sie einfach einen nehmen. Und sie brauchte Champagner.</p><p>��W�hrend sie all die Sachen auf das Rollband legte, d�mmerte ihr, da� es sinnvoller gewesen w�re, einen Korb mitzunehmen. Sie hatte eine Menge Sachen ausgew�hlt, von denen einige ganz sch�n schwer waren. Da die M�glichkeit bestand, gr��ere und festere Einkaufst�ten zu kaufen als diejenigen, die der Laden umsonst ausgab, nahm sie ein paar davon und legte sie ebenfalls aufs Rollband. Die Rechnung f�r ihre Eink�ufe belief sich auf vierundf�nfzig Pfund und siebzehn Pence.</p><p>��Aus dem klimatisierten Gesch�ft zu treten kam einem Schock gleich. Auf dem gl�henden Asphalt stellte Janet ihre Tragetaschen ab und bem�hte sich, den enervierenden Verkehr nicht zu beachten. Sie warf einen Blick auf ihre Stra�enkarte, um sich neu zu orientieren, wandte sich schlie�lich an eine Frau mit einem Sportwagen und zeigte ihr die Adresse.</p><p>���Geradeaus, und dann m�ssen Sie in die Caley Street einbiegen.� Sie be�ugte Janets T�ten. �Ist �ne ganz ordentliche Strecke.�</p><p>���Ach - wirklich?�</p><p>���Gute zwanzig Minuten. Ich w�rde einen Bus nehmen.� Mit dem Kinn zeigte sie auf eine Warteschlange in der N�he. �Siebenundf�nfzig.�</p><p>��Im Bus Nr. 57 fand Janet keinen Sitzplatz, konnte ihre Tragetaschen aber wenigstens gleich neben dem Ausgang abstellen. Die schwarzwei�e Schachtel in der einen Hand haltend, umklammerte sie mit der anderen den Haltegriff �ber ihrem Kopf. An der vierten Haltestelle stieg die H�lfte der Fahrg�ste aus. Der Schaffner rief: �Sie m�ssen hier raus�, und reichte ihr die Taschen.</p><p>��Janet stieg die Stufen hinunter, schaute sich einigerma�en best�rzt um, drehte den Kopf und fragte: �Sind Sie sicher, da� ich hier richtig bin?� Bedauerlicherweise war der Bus schon abgefahren.</p><p>��Sie stand vor einem gro�en, mit M�ll �bers�ten Areal, um das sich sechs riesige schlackefarbene Hochhaust�rme gruppierten. Ein Junge rollte auf einem Skateboard an ihr vorbei. Sie hielt ihn am Arm fest und fragte: �Waterhouse?�</p><p>��Er rief: �K�nnen Sie nicht lesen?�, und zeigte mit dem Daumen �ber die Schulter.</p><p>��Ein Holzschild mit orangefarbenen und wei�en Buchstaben, deren Farbe abbl�tterte, und gestrichelten Linien, die f�r �berdachte Gehwege standen, verrieten ihr den Lageplan des Areals. Offenbar war Waterhouse der hinterste Wohnblock. Sie hob ihre Taschen hoch und lief los.</p><p>��Nach ein paar Minuten war vom gesch�ftigen Stra�enverkehr kaum mehr was zu h�ren. Betroffen registrierte sie, wie sich die Atmosph�re ver�nderte. Bedr�ckend. Seltsam leer war die Gegend. Die Leere kam ihr komisch vor, zumal sie sich von mehreren hundert Menschen - nur ein paar Schritte entfernt und hoch oben in den Wolken - umgeben f�hlte, von denen sie keinen sah. Janet blickte nach oben. Kein Zeichen menschlichen Lebens. Trotz des sch�nen Wetters sa� niemand auf dem Balkon, was vielleicht daran lag, da� �berall W�sche hing und somit kein Platz mehr war. Niemand schaute aus dem Fenster. Janet erinnerte sich, da� sich die anderen Fu�g�nger schlagartig in Luft aufgel�st hatten. Die ganze Situation mutete gespenstisch an.</p><p>��Sie kam an zwei Metallm�lleimern vorbei, die gr��er waren als sie, gr��lich stanken und von summenden Fliegen umzingelt waren. Neben ihnen befand sich ein Durchgang. Leise, verunsichert und darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, schritt sie hindurch. Die W�nde waren mit Graffitis �bers�t. Ziemlich phantasielos wiesen sie die Fu�g�nger an, wohin sie gehen und was sie - einmal dort angekommen - tun sollten. Verschwitzt und nerv�s, aber gl�cklich erreichte Janet das andere Ende.</p><p>��Wieder ins Freie tretend, bekam sie erneut einen Schock. Dort drau�en wartete eine Gruppe Motorradfahrer auf sie. Die vorderste Maschine war ein gro�es, schwarzgl�nzendes Ding, eher eine Waffe als einem Transportmittel vergleichbar. Alle Motorr�der waren mit hohen Stangen ausger�stet, an denen Fahnen flatterten.</p><p>��Janet hielt inne. Ihr Herz machte einen Satz. Die Jungs musterten sie hartherzig. Einer stimmte ein Wolfsgeheul an, woraufhin die anderen aus vollem Hals ihre Zustimmung br�llten. Aus schierer Verzweiflung spielte Janet mit dem Gedanken, sie zu fragen, wo Waterhouse lag, beschlo� aber, einfach weiterzugehen. Schlie�lich war es ja nicht so, als ob einer von ihnen ihr den Weg versperrte. Nach ein paar Schritten ert�nte ohrenbet�ubender L�rm. Vor Schreck lie� Janet die schwarzwei�e Schachtel fallen. Die Jungs bogen sich vor Lachen auf ihren Sitzen.</p><p>��Endlich am Ziel, trat sie unter ein Betonvordach und stellte ihre T�ten ab. Dahinter befanden sich vier sch�bige, numerierte T�ren. Wenn es vier Wohnungen pro Stockwerk gab, hie� das, da� V in der f�nften Etage lag. Sie dr�ckte auf den Fahrstuhlknopf, wartete und dr�ckte noch ein paar Mal. Mit ihrer Geduld am Ende, h�rte sie pl�tzlich rechts ein Ger�usch. Ein junges M�dchen in hautengen Jeans und spitzen wei�en St�ckelschuhen schleppte ein Baby in einem Kinderwagen die Treppe hinunter. Ein Kleinkind lief ihr weinend hinterher und hatte Angst, zur�ckgelassen zu werden. Das M�dchen sprach Janet an.</p><p>���Sie werden noch an Weihnachten hier stehen.�</p><p>���Wie bitte?�</p><p>���Funktioniert nicht, oder?� Sie zog den kleinen Jungen hinter sich her, verdrehte ihm den Arm und hob ihn die letzten beiden Stufen hinunter. �Komm endlich...� Sie klang vollkommen entnervt. �Beweg dich, verdammt noch mal...�</p><p>��Sie entfernte sich. Janet rief: �Wissen Sie, ob die Leute aus Nr. 17 daheim sind?� Der kleine Junge heulte laut auf. Das M�dchen antwortete ihr nicht.</p><p>��Janet ging zum Treppenabsatz und warf einen Blick nach oben. Acht Stufen, ein Absatz, dann wieder acht Stufen. Kein Problem. Schlie�lich hatte sie es ja nicht eilig. Gott sei Dank war sie nicht vom Zentrum zu Fu� hierhergelaufen. Sich einigerma�en frisch f�hlend, begann sie, die Stufen hinaufzusteigen.</p><p>��Auf dem ersten Absatz mu�te sie eine Pause einlegen, um ihre Eink�ufe neu zu ordnen. Die Champagnerflasche schlug ihr seitlich gegen das Knie. Sie drehte die T�te um, atmete tief durch und k�mpfte sich die n�chsten beiden Stockwerke hoch.</p><p>��Auf halber Strecke verfing sich die Sohle ihrer Sandalette unter einem Seitenvorsprung. Beinahe h�tte sie den Halt verloren und w�re hingefallen. Danach war sie auf der Hut, hob die F��e h�her als n�tig, beanspruchte ihre Wadenmuskeln st�rker als zuvor.</p><p>��Keuchend legte sie eine weitere Pause ein. Ihre Schulterbl�tter schmerzten. Janet fiel auf, wie sich auf der schwarzwei�en Geschenkh�lle ein feuchter Fleck ausbreitete. Sie nahm die Schachtel, die auf der Eiscreme gelegen hatte, aus der T�te. Nicht in der Verfassung, ihre Eink�ufe erneut neu zu verteilen, quetschte Janet die Schachtel unter den Arm und stieg weiter die Treppen hoch.</p><p>��Bei der n�chsten Verschnaufpause litt sie unter solchem Seitenstechen, da� sie den R�ckenschmerzen gar keine Beachtung mehr schenkte. Ihre Schultern waren steif, ihre Beine zitterten wie Espenlaub. Der Oberarm, der die Schachtel an ihren K�rper pre�te, pulsierte. Schwei� tropfte ihr in die Augen.</p><p>��Gerade, als sie die T�ten erneut abstellen wollte, fiel ihr Blick auf den Boden, auf dem zermatschte Chips, fettiges Papier, eine von Fliegen �bers�te H�hnerbrust, ein Kothaufen lagen. Irgendwie gelang es ihr, sich weitere acht Stufen hochzuschleppen. Sie setzte sich auf die letzte Stufe, legte den dr�hnenden Kopf auf die Knie, k�mpfte tapfer gegen die Tr�nen an.</p><p>��So sa� sie lange in dem Wissen da, da� sie nicht weiter konnte, jedenfalls nicht mit den Tragetaschen. Vielleicht konnte sie die l�stigen Dinger eine Weile lang in einer Nische verstecken. Nach der Begr��ung w�rde sie Trixie von den mitgebrachten K�stlichkeiten erz�hlen und zusammen mit ihr nach unten gehen, um sie zu holen. Ein Gedanke f�hrte zum anderen, und schlagartig wurde ihr klar, da� sie mit hundertprozentiger Sicherheit davon ausgegangen war, Trixie anzutreffen - mit oder ohne diesem geheimnisvollen �V�. Sie stellte sich vor, wie sie zu dritt lachend zusammensa�en, die Won-Ton-Krabben a�en und blubbernden Champagner aus schlanken, langstieligen Gl�sern tranken. Voller Vorfreude schaute sie sich nach einem Versteck um.</p><p>��Die Eingangst�ren der vier Wohnungen zu ihrer Linken gingen auf einen schmalen, offenen Gang hinaus, der von einer ein Meter hohen Backsteinbr�stung eingefa�t war. Janet legte die Schachtel auf die Br�stung, w�hrend sie die Tragetaschen in die Ecke stopfte. Pl�tzlich streckte ein deutscher Sch�ferhund seinen Kopf aus einem nur wenige Zentimeter entfernten Fenster, knurrte feindselig und fletschte die Z�hne. Panisch sprang Janet beiseite und schubste die Schachtel hinunter.</p><p>��Aufschreiend streckte sie die H�nde aus. Ihre Finger ber�hrten noch kurz das Geschenkband, doch dann war die Schachtel weg, fiel langsam, beinah schwerelos nach unten und drehte sich dabei um die eigene Achse. Ihr Schrei veranla�te die Motorradfahrer, denen sie vorhin begegnet war, die K�pfe zu heben. Sie beobachtete, wie sie sich in Bewegung setzten, sich der Stelle n�herten, wo die Schachtel vermutlich aufschlug. Mit ihren bunten Kappen, ihren quadratischen K�rpern und den d�nnen Beinen glichen sie einem Schwarm angreifender Insekten.</p><p>��Janet wandte sich ab und stieg die n�chsten Stufen hoch. Da� sie sich nun am Treppengel�nder festhalten konnte, freute sie. Ehe sie die vierte Etage erreichte, waren all ihre Einkaufst�ten verschwunden. Im f�nften Stockwerk angekommen, starteten die Jungs ihre Motorr�der, fuhren zwischen den aufgestellten Betonpfosten herum und spritzten Erde in die Luft. An ihren Stangen mit den unechten Fuchsschw�nzen und Flaggen, auf denen Tod und Verw�stung propagiert wurden, flatterte unter anderem auch Janets teures Seidentuch.</p><empty-line/><p>Trixie lie� sich auf das schmale Bett fallen und pre�te sich an das knochige R�ckgrat ihres Geliebten. Sie hatten miteinander geschlafen, sich ausgeruht, wieder miteinander geschlafen und sich danach abermals ausgeruht. Sie empfand freudige Erregung, er Dankbarkeit und Gl�ck, f�rchtete aber"immer noch, da� alles nur ein Traum war. Da� seine Frau zur�ckkehrte.</p><p>��Sie hatte Trixie und ihn schon einmal vor sechs Monaten erwischt. Hatte Victor im Badezimmer eingeschlossen, Trixie verm�belt und sie hinterher blutend und von blauen Flecken �berzogen zur Haust�r rausgescheucht. Eins m��te man der guten Hedda lassen: Sie war eine kr�ftige Frau.</p><p>��Trixie war zu ihrer Schwester nach Hornchurch gefl�chtet und hatte dort in einem Buchladen ein Poster von Golden Windhorse gesehen. Ihrer Anstellung als Boutiqueverk�uferin weinte sie nicht nach, Victor hingegen schon. Wiederholt rief sie bei ihm zu Hause an und legte auf, wenn Hedda daheim war, bis sie ihn eines Tages allein erwischte. Nachdem sie ihm die Adresse ihres Unterschlupfes genannt hatte, erkl�rte er sich bereit, ein Postfach zu mieten. Fortan schrieben sie sich Briefe, telefonierten manchmal aufgeregt. Aus Feigheit wagte sie es nicht, sich ihm zu n�hern, und stellte im Lauf der Zeit fest, wie �hnlich er ihr in dieser Hinsicht war.</p><p>��Jetzt dr�ckte sie ihm einen Ku� auf sein kleines zierliches Ohr und sah, wie sein weicher Mund l�chelte, als sp�re er ihre Gegenwart im Schlaf. Die Luft im Zimmer war abgestanden. Ein paar Aluminiumbeh�lter vom Mumtaz Takeway standen auf dem Tisch und einige leere Dosen Ruddles Bitter. Vergangenen Abend hatten sie Heddas Abgang gefeiert. Sie war zu einem Profi-Wrestler nach Stamford Hill gezogen. Da all ihre Sachen weg waren, meinte sie es bestimmt ernst, was nichts an Vs Nervosit�t �nderte.</p><p>��Trixie machte sich keine Sorgen mehr. Gl�cklich war sie in die Wohnung getaumelt, hatte ihren Geliebten gek��t, selbstbewu�t gelacht. Nach ihrem dritten Bier verk�ndete sie: �Was w�rdest du sagen, wenn ich dir erz�hlte, da� ich jemanden umgebracht habe?� Victor lachte. �Du, h�bsches K�tzchen?� Und zog sie auf seinen Scho�. Trixie lie� sich von ihm streicheln, lachte insgeheim �ber seine Ungl�ubigkeit und schwor sich, Hedda davon zu erz�hlen, falls sie zur�ckkam. Sie wird an meinem Gesicht ablesen k�nnen, da� ich die Wahrheit sage, dachte sie, und uns fortan in Ruhe lassen.</p><p>��Als auf dem offenen Gang Schritte ert�nten, schlug Victor die Augen auf und wurde unruhig. Trixie, deren Herz etwas schneller schlug, sagte: �Ist schon in Ordnung... sei still...�</p><p>��Sie schlang die Arme um ihn und kuschelte sich zu ihm unter die Federdecke. Die beiden Liebenden bewegten sich nicht. Die Leichtigkeit der Schritte verriet ihnen, da� dort drau�en nicht Hedda lauerte. Vielleicht jemand vom Amt. Ein Schn�ffler, der ihnen Schwierigkeiten machen wollte. Der Briefkastendeckel klapperte. Trixie unterdr�ckte einen Lacher, stopfte sich einen Lakenzipfel in den Mund. Victor fl�sterte: �Schhhh...� Reglos und schwer atmend harrten sie im Bett aus. Wieder fl�sterte Victor: �Was werden wir tun?�</p><p>���Nichts. Mach dir keine Sorgen. Die Person drau�en wird schon wieder verschwinden.�</p><p>��Und nach einer ganzen Weile und einer Menge Geklopfe war dem auch so.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>13</emphasis></strong></p></title><p>Die abendliche Gruppenmeditation auf der Terrasse erwies sich als Fehlschlag. Alle hatten sich auf Kissen, die auf den von Thymian eingefa�ten Pflastersteinen lagen, niedergelassen und sich isoliert verdrie�lichen Gedanken gewidmet. Nach der gemeinsamen Meditation f�hrten sie niedergeschlagen eine Diskussion �ber die Beisetzung des Meisters. Einhellige Meinung war, sie solle sobald als m�glich stattfinden. Suhami bekannte, wie unangenehm ihr die Vorstellung war, da� seine k�rperliche H�lle in einem Metallsarg unter dunkler Erde vergraben lag. Ihrer Meinung nach sollte er auf einem hohen Katafalk, vielleicht sogar am Strand, unter einer warmen Sonne zur letzten Ruhe gebettet werden. Die Kommunenmitglieder hatten sich auf eine Verbrennung anstatt einer traditionellen Beerdigung geeinigt.</p><p>���Das entspr�che auch seiner eigenen Vorstellung�, meinte May. �Schlie�lich war er ein Geist der Luft und des Lichts. SoZusagen Blowing in the wind.�</p><p>���War eine tolle Platte�, sagte Ken.</p><p>��Er und Heather warfen ihren jetzigen Regenten einen sch�chternen Blick von der Seite zu. Nachdem May und Arno ihnen gestern die frohe Botschaft �berbracht hatten, hatten sie - wie alle anderen auch - ihre �berraschung und Zufriedenheit kundgetan, doch das Paar war sich l�ngst nicht sicher, ob man ihnen jemals wieder vertrauen oder gut �ber sie sprechen w�rde. Ihr L�cheln verriet, wie bang ihnen ums Herz war. Im Haus l�utete das Telefon. Heather rief: �Ich gehe, ich gehe!�</p><p>��Damit war die Zusammenkunft aufgel�st. May verschwand, um f�r Felicity einen Kr�uterschlaftrunk zuzubereiten. Suhami ging Calypso melken. Chris wollte sich ihr anschlie�en, wurde sanft zur�ckgewiesen, wagte einen neuen Versuch und ging schlie�lich ins Haus - mit zornroter, verdrie�licher Miene. Heather kehrte zur�ck, erkl�rte, der Anrufer habe sich in der Nummer geirrt, und fragte Arno, ob er ihr behilflich sein w�rde, Ken f�r seinen Spaziergang fertig zu machen. Auf �rztliches Dr�ngen hin (es war wichtig, das gesunde Bein zu bewegen) humpelte er alle paar Stunden diskret auf und ab. Nun regte Heather an, eine kleine Runde durchs Dorf zu wagen. Gl�cklicherweise wurde das Tor nicht l�nger von Journalisten belagert.</p><p>��Arno blickte ihnen hinterher. Ken beschwerte sich lautstark, da� die Strecke viel zu lang w�re. Einen Moment sp�ter trottete Arno in die K�che, um den Abwasch zu erledigen. Er war sich dar�ber im klaren, da� er sich eigentlich �ber das Verhalten der Beavers echauffieren m��te, aber sein eigener Seelenzustand war so labil, da� die Gegenwart anderer und deren Schw�chen ihm gleichg�ltig waren.</p><p>��Seine Ver�nderung hatte gestern eingesetzt. Kurz nach der bemerkenswerten Diskussion �ber das Testament des Meisters hatte der ansonsten �u�erst zaghafte Arno so etwas wie ein unausgesprochenes Vertrauen gesp�rt. Er war erw�hlt! Gewi� nicht wegen seiner bemerkenswerten F�higkeiten, was geistige F�hrung anbelangte (Arno hatte noch nie zu der Sorte Menschen geh�rt, die sich der Selbst�bersch�tzung hingaben), und dennoch hatte der Meister ihn f�r f�hig gehalten. Gestern nacht hatte er vor dem Zubettgehen (er war sofort eingeschlafen) um Kraft und St�rke gebeten, um seine neue Verantwortung couragiert annehmen und ihr gerecht werden zu k�nnen.</p><p>��Gl�cklich und gelassen wachte er auf, nur um gleich wieder neuen und beunruhigenden Gedanken nachzuh�ngen, die ihn zu Tode �ngstigten. Geschwind sprang er aus dem Bett, als sorge Geschwindigkeit daf�r, da� die schweren Gedanken in den Laken zur�ckblieben. Er kleidete sich an und st�rzte sich umgehend auf seine T�tigkeiten und Pflichten. Heute erledigte er nicht nur die ihm �bertragenen Aufgaben, sondern auch die H�lfte aller anderen, die auf der Liste eingetragen waren.</p><p>��Leider mu�te er feststellen, da� k�rperliche Aktivit�t nicht die richtige Antwort auf seine Befindlichkeiten war. Wie besch�ftigt sein K�rper auch sein mochte, seine Gedanken �berschlugen sich, sp�lten immer wieder dieses eine und zutiefst beunruhigende Gef�hl an die Oberfl�che seines Bewu�tseins. Seine leidenschaftliche Zuneigung zu May hatte ihn endg�ltig �berw�ltigt, und da der Meister mit seinem letzten Willen sie und ihn noch enger zusammengebracht hatte, stand Arno kurz davor, sich ihr zu offenbaren.</p><p>��Im Verlauf des Tages hatten sich dazu mehrere Gelegenheiten geboten, von denen ihm keine passend erschienen war. An einem bestimmten Punkt hatte er an Mays Vorliebe f�r alles Indigofarbene denken m�ssen, sich kurzentschlossen in den Garten begeben und jede blaue Blume, die er finden konnte, gepfl�ckt. Mit einem Arm voller Lupinen, Rittersporne und Glockenblumen war er ins Haus zur�ckgekehrt, hatte dann aber allein bei dem Gedanken, sie ihr zu schenken oder seine Liebe zu gestehen, Angst bekommen und gekniffen.</p><p>��Eins der Probleme - nun, eigentlich das Hauptproblem -war, da� Arno sich nicht l�nger einreden konnte, seine Gef�hle f�r sie w�ren rein, nobel und spiritueller Natur. Inzwischen war ihm ein Licht aufgegangen: Es w�rde ihm in Zukunft nicht gen�gen, in platonischer Ergebenheit gemeinsam mit ihr den prosaischen Alltag zu verleben. Sie aus respektvoller Distanz zu verehren. Auf einmal wollte er mehr.</p><p>���Oh�, rief Arno laut in der K�che aus. �Ich bin kaum besser als ein wildes Tier.�</p><p>��Gegen diesen Ausbruch von Z�gellosigkeit hatte er sich zur Wehr gesetzt. Seine Duschb�der waren k�lter geworden, seine Haut rosa von den r�cksichtslosen Abreibungen mit dem Luffaschwamm. In Bruder Athelstans Kr�uterbuch hatte er im Kapitel mit der �berschrift �Das Ablegen schlechter Stimmungen� nachgeschlagen und den Rat befolgt, Ysop zu sammeln, ihn im Backofen zu trocknen, zu zerbr�seln und in Mandel�l zu r�hren, die Paste auf den Bauch zu reiben, die Beine auf ein Kniekissen zu betten und zu ruhen. Pflichtschuldig hatte er die Prozedur vollzogen und sich hinterher tats�chlich besser gef�hlt. Allerdings war seine Haut blau angelaufen.</p><p>��Er war mit sich ins Gericht gegangen, was sich als schwierig herausstellte, hatte sich redlich bem�ht, positiven Gedanken nachzuh�ngen, was ihm wiederum au�erordentlich leichtgefallen war. Auch hatte er die vom Meister vielbeschworene innere Quelle allen Wissens strapaziert, ohne Ergebnis. Irgendwann war Arno an den Punkt gelangt, sein in Wallung versetztes Blut als gegeben hinzunehmen. Allein das Wissen, da� er anst�ndig bleiben und seine Gef�hle f�r sich behalten w�rde, spendete ihm Trost. Und anst�ndig war er geblieben. Bis heute.</p><p>��Erst heute war ihm ein Licht aufgegangen. Er hatte einsehen m�ssen, da� er keinen Frieden finden w�rde, wenn er seine Liebe nicht eingestand. Und da� sie ihm auf ewig verwehrt bleiben w�rde, sollte er versagen. Trotz des Meisters Verf�gung sp�rte Arno, da� er in diesem Fall May in Zukunft nicht mehr mit seiner Gegenwart bel�stigen durfte. Den ganzen Tag �ber hatte er wie ein �ngstlicher Soldat vor einer schicksalsschweren Schlacht nach positiven Vorzeichen Ausschau gehalten. Nach dem Mittagessen war ihm eins verg�nnt gewesen. Beim Ausleeren der Tasse hatte der Teesatz im Sp�lbecken die Gestalt eines Herzens angenommen und Arno in Hochstimmung versetzt. Offenbar war der Zeitpunkt richtig gew�hlt. Er mu�te die Sache endlich hinter sich bringen, und wie lange brauchte es schon, die drei Worte auszusprechen? Keine f�nf Sekunden. Vielleicht etwas l�nger - immerhin hatte er sich entschlossen, ihr dar�ber hinaus noch ein paar Z�rtlichkeiten zu sagen.</p><p>��Bei dem Gedanken an diese Z�rtlichkeiten stellten sich die H�rchen in Arnos Nacken vor freudiger Erwartung auf. M�glicherweise war es eine gute Idee, ein K�rtchen mit seinem letzten Haiku zwischen die Blumen zu legen. Er zog es aus seiner Tasche.</p><p>��May, Herzk�nigin Bitter, ein Leben ohne dich Sei zusammen. Mit mir.</p><p>��Die zweite Zeile, die eine Silbe zuviel hatte, machte ihm noch Kopfzerbrechen, andererseits hatte sie �berzeugungskraft und das richtige Tempo. Daran gab es keinen Zweifel.</p><p>��Nach dem Abwasch und dem Abtrocknen stellte Arno die Gl�ser weg und fand dabei den Brandy. Versteckt hinter den Haferflocken, den Bohnen und den Trockenpflaumen. Gedankenlos nahm Arno die relativ volle und gro�e Flasche herunter. Er schenkte ein kleines Schnapsglas voll und trank es in einem Zug leer.</p><p>��Der Brandy brannte in seiner Kehle und veranla�te ihn zu husten, doch danach f�hlte er sich gleich wesentlich besser. Tats�chlich so viel besser, da� er sich auf der Stelle ein zweites Schn�pschen genehmigte. Dieses Glas ging ihm runter wie �l. In seiner Brust breitete sich wohlige W�rme aus. Arno merkte, wie der Alkohol genau das bewirkte, was ein starkes Getr�nk bewirken sollte. Hemmungen absch�ttelnd, �berkam ihn jene Selbstsicherheit, die er brauchte, um seinen tapferen, draufg�ngerischen Auftritt zu bew�ltigen. Er beschlo�, sich einen weiteren Brandy zur Brust zu nehmen, und lie�-sich auf einen Stuhl fallen.</p><p>��Just in dieser Sekunde wurde er von ungebetenen Erinnerungen heimgesucht. Vor langer Zeit hatte er in einem Amateurtheater ein St�ck gesehen. Es spielte in Ru�land, und soweit Arno sich entsann, kamen darin zwei Charaktere vor, von denen alle anderen dachten, sie w�ren ineinander verliebt. Die Frau packte gerade, um wegzufahren, er stand neben der T�r. Sie nahm an, er w�rde sich ihr erkl�ren, und er dachte das ebenfalls, aber er tat es nicht, und so ging sie weg, um als Gouvernante zu arbeiten. Die Verschwendung und das Pathos der ganzen Situation hatten Arno sehr anger�hrt. Nun wertete er die Erinnerung an das Schauspiel als Warnung und Aufforderung zugleich.</p><p>��Damit ihn die Trauer nicht �bermannte, g�nnte er sich noch ein Gl�schen Schnaps. Taumelte langsam zum Fenster hin�ber, �ffnete es und hielt den Kopf in die wohlriechende, seidenweiche Luft. Wie angenehm! Doch er konnte nicht leugnen, da� es ihn nach einer mutigeren Tat d�rstete. Genau da h�rte er das Cello.</p><p>��Sie spielte die Chakras, die - wie sie ihm einmal versichert hatte - der siebennotigen Tonleiter entsprachen. Woher er wu�te, da� sie nicht einfach eine gew�hnliche Tonleiter spielte, konnte er nicht sagen. Lag es an dem besonders vollen Timbre, an der tieferen Resonanz in der Pause? Konnte man wom�glich Farben h�ren? Sich am Rahmen festhaltend, stand er am Fenster und spitzte die Ohren, um keine einzige Note zu verpassen.</p><p>��Er hatte das Gef�hl, in Freude und Selbstvertrauen zu ertrinken. Als w�re ihm die gro�e Kraft, die es brauchte, um sie und sich selbst zu st�tzen - jetzt und in der Zukunft -, gerade eben zum Geschenk gemacht worden. Diese Kraft zog ihn nicht runter, sondern gab ihm Auftrieb. Er flog. Urpl�tzlich war er davon �berzeugt, da� sie ihm geh�ren w�rde - das wu�te er nun! Ihre ganze �berschwengliche, unfa�bare Extravaganz. Als die Noten ert�nten, erschuf Arno - in einem Anfall von Mannstollheit - die von ihm angebetete Musikerin neu und sah sie nicht mehr in einem englischen Landhaus sitzen, sondern auf einer von Gold eingefa�ten Wolke mit einem gl�nzenden Helm quer durch den Himmel reiten. Ja, das war es!</p><p>��Seine gro�e Chance, die Gelegenheit, auf die er so lange gewartet hatte. Sein gro�er Tag.</p><p>��Von diesem Bild angespornt, ri� Arno die Blumen aus der Vase, blickte sich suchend nach einem Einschlagpapier um. Da nichts in der richtigen Gr��e, der richtigen Beschaffenheit, der richtigen Qualit�t vorhanden war, gab er sich mit einem Geschirrsp�ltuch zufrieden. Er legte sich eine Strategie zurecht. Zuerst w�rde er ihr die Blumen �berreichen, sich eine Zeitlang �ber die Sch�nheit ihrer Seele auslassen, �ber ihre erstaunliche physische Attraktivit�t und dar�ber, wie angenehm es war, mit ihr zu plaudern, sich dabei wie ein Mann von Welt verbeugen und sich dann zur�ckziehen. Durfte eigentlich nicht allzu schwierig sein. Jeder konnte ein bi�chen S��holz raspeln. Er legte das K�rtchen mit dem Haiku zwischen den Rittersporn und war gerade im Begriff, zur T�r zu gehen, als die Musik mitten in der Tonleiter (irgendwo zwischen dem Herz und dem Solarplexus) verstummte.</p><p>��Wie angewurzelt blieb Arno stehen und konzentrierte sich voll und ganz auf die sich ausbreitende Stille. Was war denn los? War sie krank? Ein Angstschauer lief ihm �ber den R�cken, bis er sich wieder gefa�t hatte. May war niemals krank. Diese rubenesken Gliedma�en, diese strahlenden Augen und diese bemerkenswerte Oberweite waren nicht nur gesund, sondern unzerst�rbar.</p><p>��H�chstwahrscheinlich legte sie nur eine Pause ein, um eine neue Seite aufzuziehen. Oder den rechten Arm auszuruhen. Mitten in der Tonleiter? W�hrend er z�gerte, �berlegte, seinen Blumenstrau� umklammerte, drang ein anderes fremdes Ger�usch an seine Ohren. Ein bitters��er, reiner Ton, unterbrochen von kurzem, gurgelndem St�hnen. Zuerst interpretierte er es als Gesang. Andererseits war der Vortrag wenig musikalisch, erinnerte ihn vielmehr an mittelalterliche franz�sische Balladen, die meistens von einer Fl�te begleitet dargeboten wurden. Schlie�lich verschaffte eine unglaubliche traurige Kadenz ihm Klarheit. Sie sang nicht, sie weinte.</p><p>���berw�ltigt von Anteilnahme und Sorge, lief Arno den Korridor hinunter. �ber ihr Instrument gebeugt, sa� May auf dem Hocker und hielt den Bogen in die Luft, als beabsichtige sie, gleich weiterzuspielen. Ihre Wangen waren benetzt. Ihr Profil k�ndete von Trauer. Arno blieb auf der T�rschwelle stehen. Ihr Anblick brach ihm das Herz. Er brachte kein Wort �ber die Lippen, nichts, nicht mal einen einzigen tr�stenden Satz, geschweige denn seine ritterliche Liebeserkl�rung.</p><p>��Zuerst bemerkte sie ihn vor lauter Trauer gar nicht. Z�gerlich wagte sich Arno mit seinem Blumenstrau� in der Hand ins Zimmer. Sie drehte sich um und sagte einfach: �Oh, Arno - ich vermisse ihn so sehr.�</p><p>��Das gen�gte. Befreit und k�hn n�herte sich Arno ihr. Rief: �Liebste May�, umarmte sie und r�ckte mit der Sprache heraus.</p><p>��Ab da wurde die Sache ein wenig kompliziert. May erhob sich. Auf ihrem Antlitz spiegelte sich eher Verwirrung denn Sorge oder Ablehnung. Arno, der sich an ihren breiten, in Seide geh�llten Schultern festhielt, rutschte ab. Darauf folgte eine kurze turbulente Rangelei mit in Falten gelegtem, rutschigem Stoff, kr�ftigen kurzen Beinen, losen, tiefblauen Bl�tenbl�ttern, gl�nzendem Rosenholz, gefolgt von einem Aufschrei elementarer Heftigkeit. Ob dieser von Freude oder Zorn ausgel�st wurde, konnte im nachhinein unm�glich gekl�rt werden.</p><empty-line/><p>Es war kurz vor sieben. Mit hinter dem Kopf gefalteten H�nden sa� Barnaby an seinem Schreibtisch, �berdachte die vielen verschiedenen Details des Falles und hing �berhitzten, abgestandenen Gedanken nach. Ein Labyrinth aus Gesichtern, Stimmen, Schaubildern und Fotos. Welches Puzzleteilchen w�rde Licht ins Dunkel bringen? Durchaus m�glich, da� dieses Puzzleteilchen noch gar nicht gefunden worden war. Wo soll ich das in dem Fall noch hernehmen, fragte er sich?</p><p>��Da� ein Gro�teil der Informationen verworfen werden konnte, bezweifelte er nicht. Im Moment war er hingegen noch nicht bereit, diesen Schritt zu wagen. Er lie� seine verspannten Schultern kreisen, hob und senkte sie, um die Blutzirkulation anzuregen. Troy warf einen Blick auf die Armbanduhr.</p><p>���Ich nehme mal an, da� die Leute auf Windhorse ihr Abendlied anstimmen�, sagte er. �Oder tanzen. Oder welchen komischen Dingen sie ansonsten nachgehen.�</p><p>���Seien Sie nicht so, Troy. Wom�glich werden auch Sie eines Tages wiedergeboren.�</p><p>���Wenn Sie mich fragen, h�tten die meisten Leute, die wiedergeboren werden, nicht mal beim ersten Mal auf die Welt kommen d�rfen.�</p><p>��Barnaby lachte, woraufhin Troy ihm einen verunsicherten Blick zuwarf. Manchmal reagierte sein Chef so. Verzog angesichts der kl�gsten Scherze keine Miene, fiel aber vor Lachen fast vom Stuhl, wenn man es ernst meinte. �Es wird Zeit, Sir.�</p><p>���Vielleicht kommt ja noch was rein.�</p><p>���Dachte, Sie h�tten gesagt, heute sei Cullys Geburtstag.� Barnaby konnte die unverhohlene Wollust, die jedes Mal in Troys Tonfall mitschwang, wann immer er Cullys Namen erw�hnte, nicht leiden. �Wird es keine Party geben?�</p><p>���Eine kleine. Wir feiern heute auch noch ihre Verlobung.�</p><p>���Ach ja. Und was macht er?�</p><p>���Ist Schauspieler.�</p><p>���Dann wird er bald im Fernsehen zu sehen sein�, sagte Troy.</p><p>��Ohne etwas zu erwidern, stierte Barnaby auf den Stapel mit den Aussagen. Die von Gamelin lag obenauf. Verbarg sich auf dieser abgetippten Seite oder auf einer der anderen eine Zeile, die neu interpretiert werden konnte? Eine Information, die man in einem anderen Licht betrachten mu�te?</p><p>��Voller Sympathie musterte Troy seinen Chef. �Ich setze mein Geld auf diesen Meister Rakowsky. Jemand, der umsonst juristischen Beistand gew�hrt, kann nichts Gutes im Schilde f�hren. Die meisten Anw�lte verlangen f�nfzig Pfund nur f�rs Handsch�tteln.� Er kicherte. �Und wo wir schon von Anw�lten sprechen - haben Sie sich noch mal Gedanken �ber Miss Cuttle und diesen Gibbs gemacht? Ich meine - da haben wir doch ein Motiv. Elisabethanisches Herrenhaus, viel Grund und Boden, ganz zu schweigen von dieser Ziege. Ich wei�, vordergr�ndig kommen sie einem wie unschuldige Idealisten vor -�</p><p>���Idealisten sind nie unschuldig�, sagte Barnaby, ohne aufzublicken. �Sie verursachen die H�lfte aller Probleme, mit denen die Welt momentan zu k�mpfen hat. Sehen Sie sich das hier an.� Troy nahm Guy Gamelins Aussage in die Hand, las sie durch und warf Barnaby einen nichtssagenden Blick zu. �Erz�hlt uns was �ber den Mord, was wir bislang noch nicht gewu�t haben.�</p><p>��Troy runzelte die Stirn. �Nein, tut sie nicht.�</p><p>���Doch, tut sie. Lesen Sie noch mal.�</p><p>��Troy las die Aussage noch zweimal durch. �Ohhh...� Er zuckte mit den Achseln. �Und - was f�r einen Unterschied macht das?�</p><p>���M�glicherweise�, Barnaby forderte die Aussage zur�ck, �bringt es uns dazu, die ganze Sache von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten. Das ist nie schlecht, wenn man nicht weiterkommt.�</p><p>���Richtig.� Troy wandte sich schnell ab, um einem Vortrag �ber Unvoreingenommenheit zu entgehen. �M�ssen Sie jetzt nicht los?�</p><p>���Hmm.� Barnaby erhob sich, ohne den Blick von dem Blatt Papier zu nehmen. �Ich denke, morgen werden wir uns noch mal mit dem verr�ckten Jungen unterhalten m�ssen. Versuchen Sie rauszufinden, warum er felsenfest davon �berzeugt ist, da� Craigies Tod ein Unfall war. Und wieso er solche Angst hat. Gibbs hat definitiv versucht, eine Begegnung zwischen ihm und uns zu vereiteln. N�chstes Mal mu� ein anderes Kommunenmitglied dabeisein. Vielleicht haben wir dann mehr Gl�ck.�</p><p>���Wann f�ngt sie an - die Feier?�</p><p>���Um halb sieben.�</p><p>���Dann schaffen Sie�s gerade noch.�</p><p>��Barnaby machte �Hmm�, trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte und schaltete seinen Monitor ein. Troy verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte er nur am einundzwanzigsten Geburtstag seiner Tochter im B�ro rumh�ngen?</p><p>���Ich werde dableiben.� Ein �berraschter Blick. �Die Abf�tterung und das Baden des Babys habe ich ohnehin schon verpa�t, wozu also die Eile?�</p><p>���Das ist sehr nett von Ihnen, Gavin�, meinte Barnaby und dachte an die arme alte Maureen. �Aber mehr werden wir heute abend wahrscheinlich nicht rausfinden. Au�erdem bin ich ja daheim erreichbar. Trotzdem - ich bin Ihnen sehr dankbar.�</p><p>���So bis gegen neun?�</p><p>���Gut. Bis dann bin ich bestimmt wieder zur�ck.�</p><p>���Aber sicher, Chief�, sagte Troy und dachte an die arme alte Cully.</p><p>��Als Barnaby weg war, hing er gehorsam eine halbe Stunde lang im B�ro herum, stattete dem Hauptb�ro ein paar Besuche ab, unterhielt sich mit dem diensthabenden Personal, nahm ein paar unwichtige Telefonate entgegen. Gelangweilt beschlo� er, in der Kantine zu Abend zu essen und hinterlie� die Nachricht, da� - falls seine Frau anrief - man ihr sagen sollte, er sei nicht da, und, f�r den Fall, da� etwas reinkam, was mit der Windhorse-Sache zu tun hatte, man ihn umgehend rufen sollte.</p><p>��Nicht der Hunger trieb ihn in die Kantine. In der Abendschicht arbeitete eine neue Assistentin. Verheiratet und, wollte man den Ger�chten Glauben schenken, nicht wirklich abgeneigt, was Neues auszuprobieren. Er stellte Spaghetti, Pommes und einen Becher d�nnen Tee auf sein Tablett und trug es zur Registrierkasse. Mit Vergn�gen bemerkte er die falschen Augenwimpern, den engen Overall, den pinkfarbenen Schmollmund. Ihre Lippen gl�nzten, als fahre sie oft mit der Zunge dar�ber. Vielleicht voller Vorfreude? Er bekam f�nfzig Pence heraus. Als sie ihm die M�nze reichte, klimperte sie mit den Wimpern und sagte: �Das sollten Sie f�r blinde Hunde spenden.�</p><p>���Blinde Hunde?� Troy entdeckte die Dose und lie� die M�nze reinfallen. In seinen Augen war die Spende eine Investition. �Arme Viecher. Es ist ja nicht so, als ob man es ihnen erkl�ren k�nnte, nicht wahr?� Sie verzog keine Miene. Auch gut. Schlie�lich war er nicht hinter ihrem Humor her.</p><p>��Sp�ter kam sie zum Geschirrabr�umen an seinem Tisch vorbei. Troy klopfte auf den neben ihm stehenden Stuhl, und als sie sich setzte, gestand er ihr, wie sehr es ihm gefallen w�rde, die Lederpolsterung zu sein. So ging es eine Weile zwischen ihnen hin und her. Sie kicherte ungemein sexy. Ihr ganzes Verhalten war �beraus angenehm, um nicht zu sagen vielversprechend. Mit Bedauern sah Troy, da� sie, nachdem man in der K�che nach ihr gerufen hatte, aufstand. Er bestellte ein St�ck Pfefferminzkuchen mit Vanilleso�e, bezahlte und tr�delte an der Kasse herum. Nach dem Verzehr der S��speise und einer weiteren Tasse Tee (beim Bezahlen harrte er wieder die l�ngste Zeit an der Kasse aus), z�ndete er eine Zigarette an, inhalierte langsam, blies den Rauch aus und sah zu, wie er kr�uselnd zur Decke stieg. Alles sehr zeitintensiv, und sp�ter tat es ihm nat�rlich unendlich leid. Aber woher h�tte er denn wissen sollen, da� seine Tr�delei jemandem das Leben kostete.</p><p>��Punkt halb sieben traf Barnaby daheim ein. Wie sich herausstellte, hatte sich die Doppelfeier (Geburtstag und Verlobung) in ein Fest verwandelt, bei dem nun ein dritter Anla� gew�rdigt wurde: Nicholas, der sein letztes Jahr auf der Central School of Speech and Drama absolvierte, hatte die begehrte Gielgud-Medaille verliehen bekommen.</p><p>��Er hatte den �dipus gespielt, war ganz in Wei� gekleidet und vor Selbstgerechtigkeit strotzend die B�hne auf und abgeschritten, hatte entschlossen die Korruption ausgerottet, um am Ende des St�ckes - nun in Rot geh�llt - erkennen zu m�ssen, da� er selbst ebenfalls korrupt war. Seine Darbietung hatte unerh�rt angeberisch gewirkt. Sein Leiden war derart stilisiert und extravagant gewesen, da� es sich beinah ins Gegenteil verkehrt und komisch gewirkt h�tte, doch im Kern war es authentisch geblieben. Nun war er f�r diese Leistung ausgezeichnet worden. Nicholas, der schlagartig - quasi wie die Jungfrau zum Kind - zu einem Agenten gekommen war, war jetzt im Besitz der lebenswichtigen Equity Card und mit einer bemerkenswerten jungen Dame verlobt. Wen wunderte es da, da� er sich als K�nig der Welt f�hlte?</p><p>��Er und Cully unterbrachen einander fortw�hrend, lachten �ber alles und nichts. Hie und da warf Barnabys Tochter ihre dunkle, mit eingeflochtenen Bl�ten verzierte M�hne nach hinten. Sie trug einen langen scharlachroten Baumwollrock, dessen Saum mit vielfarbigen B�ndern verziert war, und eine wei�e mexikanische R�schenbluse mit so weiten �rmeln, da� der Stoff eines �rmels f�r eine neue Bluse gereicht h�tte.</p><p>���Ich kann euch gar nicht sagen�, verk�ndete Nicholas beim Verzehr der Estragoneier, �wie unerh�rt angenehm es war, mit Phoebe Catchpole zu arbeiten.�</p><p>���Sie war nicht schlecht�, kommentierte Cully gn�dig.</p><p>���Um ehrlich zu sein�, bemerkte Joyce an, �ich hielt sie f�r sehr gut.�</p><p>���Doch ihre Gr��e, Darling�, fuhr Nicholas fort. �Das war gerade so, als habe man es mit einem Rhinozeros zu tun. Bei &gt;Oh - verloren und verdammt&lt; -, wi�t ihr, kurz vor ihrem letzten Abgang, lehnte sie sich an mich. Ich f�rchtete schon, durch die Holzdielen gedr�ckt zu werden. Die einzige erwachsene Studentin in meinem Jahrgang, und man gibt ihr die Rolle der Iokaste. Sie ist alt genug, um meine Mutter zu sein.�</p><p>��Dieser Kommentar brachte alle zum Lachen. Diesmal war es Nicholas, der seine langen haselnu�braunen Haare �ber die Schultern warf. Das junge Paar scherzte und erbl�hte und strahlte sich �ber den gedeckten Tisch hinweg an. Nichts als Jugend, Sch�nheit und feuriges Talent. Die beiden halten sich zweifellos, sinnierte Joyce kritisch, f�r Viv und Larry de nos jours. Auch gut - das Leben w�rde sie schon noch zurechtstutzen. Das Leben, das Theater, die Menschen. Joyce empfand gleichzeitig Trauer, Irritation und Neid. Beim Einsammeln der Teller sagte sie: �Ich kann einfach nicht verstehen, warum die Psychiater das sexuelle Verlangen des Sohnes nach seiner Mutter �dipuskomplex nennen. Im Grunde genommen geht es in diesem St�ck doch genau darum, da� er nicht wei�, da� sie seine Mutter ist.�</p><p>���Findest du nicht, da� Teiresias anr�hrend war?� Cully pickte das letzte bi�chen Gelee auf. �Vor allem w�hrend der letzten Rede.�</p><p>���Ach, komm schon�, entgegnete Nicholas geschwind. �Er hat eine Stimme wie ein Maiskuchen.�</p><p>��Die gr��te Tugend ist Gro�mut. Als Joyce das Geschirr raustrug, dachte sie, da� Nicholas lernen mu�te, seine Zunge zu h�ten, falls er weiterkommen wollte. Noch in der K�che konnte sie h�ren, wie die beiden die irrsinnigsten Pl�ne schmiedeten.</p><p>���Es ist gro�artig, da� es einen weiblichen Boten gegeben hat�, meinte Cully. �Bei dem ganzen blutigen Durcheinander auf der B�hne sind das immer gro�artige Rollen.�</p><p>����berbrachten sie schlechte Nachrichten�, rief Joyce, �"wurden sie nach drau�en gef�hrt und gek�pft.�</p><p>���Gro�er Gott�, sagte Nicholas. �Wie kommt man nur zu so einem Job?�</p><p>���Wie zu allen anderen auch�, erwiderte Cully schlagfertig. �Man h�ngt im Groucho�s rum.�</p><p>��Mehr Gel�chter. Cullys kam tief aus der Kehle, hatte genau den richtigen Ton, die richtige Lautst�rke. Das L�uten kleiner Silberglocken. Nicholas Lachen war warm, dunkel, maskulin, wie aus einem Rasierwerbeclip.</p><p>��Joyce richtete Sainsbury�s Enchiladas, Basmatireis und eine gro�e Sch�ssel Eichenlaubsalat her. Auf dem Tisch standen schon zwei entkorkte Flaschen eines schweren portugiesischen Rotweins. Zum Nachtisch sollte es Chocolate-Butter-Pecan-Eiscreme geben. Sie rief: �Ich k�nnte Hilfe gebrauchen.�</p><p>���Ich wei� immer noch nicht, wie ich mich entscheiden soll�, sagte Nicholas und brachte somit das Gespr�ch wieder auf seine Zukunft. Ihm waren eine feste Besetzung in Stratford und mehrere Parts am Octogon angeboten worden. �Ich denke, verschiedene Rollen sind immer besser.�</p><p>���Klar doch.� Cully kam aus dem Staunen nicht heraus. �Was willst du werden? Schauspieler - oder irgendein Stra�enkom�diant, der mit gro�en Augen zu Ian McKellans bestrumpften Beinen aufsieht?�</p><p>���Ich nahm an, er sei am National?�</p><p>���Oder du k�nntest in einer Produktion enden, die im Sande verl�uft.�</p><p>��Nicholas bekam einen Schreck. �Im Sande verl�uft?�</p><p>��Die Platten mit dampfenden K�stlichkeiten auf einem Tablett anrichtend, merkte Joyce, da� Tom neben ihr stand, und trug ihm auf, es ins E�zimmer zu bringen. �Bem�h dich doch bitte, an dem Gespr�ch teilzunehmen, Liebling.�</p><p>���Wie bitte?�</p><p>���Sag was.�</p><p>���Ich h�re zu.�</p><p>���Nein, tust du nicht.�</p><p>���Die w�rden es doch gar nicht mitkriegen, wenn wir hier in der K�che essen w�rden.�</p><p>���F�hre mich nicht in Versuchung�, sagte Joyce in dem Wissen, da� er sich irrte. Schauspieler merken immer, wenn das Publikum verschwindet. Sie nahm den Wein, und Cully schenkte ein, w�hrend sie Nicholas versicherte, wie gl�cklich Bolton sich sch�tzen durfte, ihn zu haben. Nicholas sagte: �Bitte, keine Anhimmelei.�</p><p>���Richtig, ihr beiden.� Barnabys Stimme war laut und fest. Der Tadel entging Nicholas nicht. Cully setzte eine B��ermiene auf und l�chelte. Gl�ser wurden hochgehoben. �Auf euren zuk�nftigen Erfolg. Auf die Plakatw�nde und alles andere auch. Werde gl�cklich, Liebling.�</p><p>��Alle tranken einen Schluck. Dann kam Cully um den Tisch herum, k��te den Scheitel ihrer Mutter, die Wange ihres Vaters. F�r einen Augenblick versperrte ihr herabfallendes Haar ihm die Sicht, und da sp�rte er mit voller Wucht, da� er sie verlor, obgleich er sich schon vor langer Zeit damit abgefunden hatte.</p><p>���Danke, Dad, Ma.� Sie sa� schon wieder auf ihrem Platz.</p><p>��Nicholas griff nach ihrer Hand, schob seine schlanken Finger zwischen ihre, f�hrte ihre Hand an seine Lippen und gestand: �Ich m�chte nicht zu lange von London Weggehen.�</p><p>���Herrje, Nicholas, sagte Joyce leicht genervt. �Gerade vor f�nf Minuten hast du die Schauspielschule verlassen. Du mu�t Erfahrungen sammeln.�</p><p>���Was mir wirklich Spa� machen w�rde�, meinte Nicholas, �was mir wirklich was bringen w�rde, denke ich jedenfalls, w�re, wenn ich mich f�r eine Zeitlang vom gesprochenen Theater zur�ckz�ge. Mich in Pantomime weiterbilden w�rde. Vielleicht sollte ich in einem Zirkus arbeiten. Das w�re phantastisch.�</p><p>���Um dich als Pantomime weiterzubilden, mu�t du nach Spanien gehen�, gab Cully zu bedenken. �Oder nach Frankreich.�</p><p>���Einer der Verd�chtigen in meinem jetzigen Fall arbeitete in einem spanischen Zirkus�, sagte Barnaby. �Als L�wenb�ndiger.�</p><p>���Und - hatte er Erfolg?� wollte Nicholas wissen.</p><p>���An dem Abend, an dem wir uns verlobten, haben wir uns einen Pantomimen angesehen�, erz�hlte Joyce. �Wei�t du noch, Tom? Im Saville. �</p><p>���Nat�rlich wei� ich das noch.� Diese spezielle Erinnerung, die - wenigstens eine Zeitlang - jeden Gedanken an seine Arbeit ausl�schte, war ihm willkommen. �Haben zuvor im Mon Plaisir zu Abend gegessen.�</p><p>���Und war sie gut?� fragte Nicholas. �Die Company?�</p><p>���Das war nur ein Mann. Marcel Marceau.�</p><p>���Er hat den Ruf, brillant zu sein�, meinte Cully.</p><p>���Das war er auch�, best�tigte Barnaby. �F�llte die B�hne mit Menschen. Sprach mit ihnen, tanzte mit ihnen. Man h�tte schw�ren k�nnen, da� sie tats�chlich da waren. Es gab diese Szene, wo er gegen den Wind anlief, und man konnte praktisch sehen, wie er von ihm weggetragen wurde.�</p><p>���Toll�, sagte Cully. Sie und Nicholas hatten aufgeh�rt zu essen.</p><p>���Meiner Meinung nach war die beste Szene die�, warf Joyce ein, �mit der er den Abend beendete. Er hatte einen Stapel Masken - nat�rlich nur in der Einbildung - und setzte sie nacheinander auf. Sein eigenes Gesicht ist sehr sch�n und unglaublich beweglich, wie Gummi. Alle Masken waren unterschiedlich. Er hielt sie schnell hoch, und jedes Mal ver�nderte sich sein Gesichtsausdruck komplett. Am Ende hatte er einen schrecklich tragischen Ausdruck. Und konnte die Maske nicht wieder ablegen. Er zog und zerrte und ri� schlie�lich die R�nder ab. Dabei wurde er immer wilder, hektischer. Das Ding ging einfach nicht runter. Und obwohl die Maske sich abnehmen lie�, konnte man trotzdem noch erkennen, was dahinter war. Das war wirklich faszinierend. Seine Panik zu sehen, als er begriff, da� er f�r den Rest seines Lebens so aussehen w�rde.�</p><p>��Nach dieser dramatischen Schilderung herrschte vollkommene Stille. Wie verzaubert sa�en Cully und Nicholas auf ihren St�hlen. Barnaby ritzte mit seiner Gabel Rillen ins Tischtuch. Nach einer Weile fand Nicholas seine Sprache wieder. �Gott - was g�be ich darum, wenn ich das h�tte sehen d�rfen.�</p><p>���Er gibt immer mal wieder eine Vorstellung. Und wir sprechen andauernd davon, uns noch eine seiner Vorstellungen anzuschauen, schaffen es dann aber nie. Ist es nicht so, Tom?�</p><p>��Keine Antwort. Cully wedelte ein paarmal mit den H�nden vor den Augen ihres Vaters. Auf Nicholas Kichern hin riet sie ihm: �Tu das nicht. In diesem Haus ist es ein schweres Verbrechen, sich �ber die Polizei lustig zu machen.�</p><p>���Jetzt mal im Ernst, Tom�, erkundigte sich Joyce, �bist du in Ordnung?� Er war bla�, wirkte in sich gekehrt, starrte vor sich hin, als wisse er nicht, wer sie war. Alle drei bekamen einen gro�en Schreck.</p><p>���Doch.� Endlich schaute er auf, registrierte ihre Besorgnis. �Ich bin... tut mir leid. Es geht mir gut. Selbstverst�ndlich geht es mir gut.� Er l�chelte sie an. �Entschuldigt. Es geht mir wirklich gut. Ja.�</p><p>���Es geht dir nicht gut�, wiedersprach Joyce. �Du tust nur so.�</p><p>���Wir sollten noch mal ins Mon Plaisir gehen. Zu unserer Silberhochzeit. Alle zusammen.�</p><p>���Ich werde die Eiscreme holen.� Joyce verschwand in der K�che und rief �ber ihre Schulter: �Die wird dich beruhigen.�</p><p>��Zu der Sekunde, als sie einen Blick durch die Durchreiche warf, klingelte das Telefon. Eine kurze Bewegung, und sein Stuhl war leer.</p><empty-line/><p>W�hrend der Wagen durch die dunkle Nacht rollte, unterhielten sich die beiden M�nner miteinander, sortierten die Fakten. Gleich nachdem Troy ihn daheim angerufen hatte, hatte Barnaby gewu�t, was Sache war. Den Einblick, den der Chief Inspector beim Abendessen erhalten hatte, untermauerte seine Theorie nur noch.</p><p>���Eigenartig�, sagte Troy nun. Er setzte den Blinker und verringerte das Tempo.</p><p>��Das Tor des Anwesens stand sperrangelweit offen. Einmal abgesehen von einem einzelnen Licht im Erdgescho�, war das Haus dunkel. Als der Streifenwagen die Auffahrt hochfuhr, verwandelte die Halogenwarnleuchte das Haus in eine mondbeschienene, in Dunkelheit gebettete H�lle.</p><p>��Nachdem sie aus dem Wagen gestiegen waren, klopfte Barnaby laut an die Eingangst�r und klingelte gleichzeitig. Da er keine Antwort erhielt, dr�ckte er den T�rgriff herunter und trat unaufgefordert ein. Troy folgte ihm und zog dabei eine Augenbraue hoch: Sie hielten sich nicht an die Vorschriften.</p><p>��Barnaby rief: �Hallo!� Stille erstickte das Wort. Das Haus schien leer zu sein.</p><p>���Gef�llt mir gar nicht.� Er ging zur Treppe hin�ber und rief erneut. �Hier wohnen acht Leute, wo stecken die nur alle?�</p><p>���Kommt mir wie ein Schiff auf hoher See vor, Chief, das ohne Besatzung dahintreibt.�</p><p>���Die k�nnen doch nicht alle mit dem Kleinbus weggefahren sein. Und der VW ist noch da.�</p><p>���H�ren Sie!� Troy warf den Kopf zur�ck und blickte zum Oberlicht empor. Barnaby folgte seinem Beispiel.</p><p>���Was? Ich kann nichts h�ren.�</p><p>���Eine Art... Scharren...�</p><p>��Ja, nun konnte er es h�ren. Direkt �ber ihnen. Als w�rde ein schwerer Gegenstand verr�ckt. Kurz darauf polterte es laut, und jemand schrie wie am Spie�.</p><p>���Auf dem Dach!� Troy rannte nach drau�en. Barnaby folgte ihm ein wenig gem�chlicher. Die beiden M�nner entfernten sich so weit vom Haus, bis sie das Dach richtig im Blick hatten. Vergebliche Liebesm�h - oben schien sich keine Menschenseele aufzuhalten.</p><p>���Er mu� auf der anderen Seite sein. Hinter den Schornsteinen. Ich werde au�en rumgehen -�</p><p>���Nein - warten Sie.� Barnaby packte den Sergeant am Arm. �Sehen Sie doch - dort oben... in den Schatten.�</p><p>��Zwei dunkle Gestalten, ineinander verschlungen, ringend, k�mpfend, ganz dicht am Abgrund. Eine l�ste sich, krabbelte die Dachschr�ge hoch. Die andere verfolgte sie. Barnaby sah, wie etwas aufblitzte, wie Licht reflektiert wurde.</p><p>���G�tiger Gott - er h�lt ein verdammtes Radkreuz in der Hand -�</p><p>���Wie gelangen wir nach oben?�</p><p>���Es gibt ein Oberlicht, dann wird es h�chstwahrscheinlich auch eine Treppe geben. Nehmen Sie die Galerie. Ich werde es von unten versuchen.�</p><p>���Wie w�re es mit einer Leiter?� Beide M�nner hatten sich schon in Bewegung gesetzt.</p><p>���Dauert zu lange... Ich wei� nicht mal... wo ich suchen sollte...� Barnaby hielt sich an der Verandabr�stung fest. �Gehen... Sie... weiter...�</p><p>���Okay.�</p><p>��Mitten in der Halle h�rte Troy ein seltsames Ger�usch �ber seinem Kopf. Ein merkw�rdiges Knirschen und Knarzen, als dr�cke jemand mit Gewalt eine gro�e Zellophankugel zusammen. Er blickte nach oben, und Barnaby sah, wie sich seine Miene ver�nderte, wie sich Schock und Unglauben auf seinem Antlitz breitmachten. Der Sergeant wich gerade noch rechtzeitig zur�ck. Eine Wolke aus opalisierendem Staub und funkelnden Glassplittern regnete herunter. Im Herzen dieses Glitzerregens zeichnete sich die schmale Gestalt eines blonden Mannes ab, der sich um die eigene Achse drehte, mit den Armen fuchtelte und laut schrie.</p><empty-line/><p>Alle sa�en in der K�che. Heather hatte in der gro�en braunen Emaillekanne starken Tee aufgebr�ht. Nicht jedermann hatte Lust auf Tee. Der am Abtropfregal lehnende Troy sch�ttelte den Kopf. Auch der Chief Inspector und May schlugen das Angebot aus. Nachdem sie Andrews Gesicht gereinigt hatte, tupfte sie nun eine Kampfertinktur auf seine von Schnitten �bers�ten Wangen und seine blutenden Lippen. Er schl�rfte Tee, st�hnte ab und zu auf und warf Suhami finstere Blicke zu, als wolle er sie damit veranlassen, Anteilnahme an seinem Zustand zu zeigen.</p><p>��May, Suhami und Arno waren nur wenige Sekunden nach Tims Sturz herbeigeeilt. Nachdem Suhami den Orion entdeckt hatte, hatte sie praktisch auf der Veranda geparkt und war umgehend ins Haus gerannt.</p><p>���Tim...� rufend, war sie durch die Halle geeilt, hatte sich neben ihn gekniet und vor Schreck die H�nde aufs Gesicht gelegt.</p><p>���Es gibt nichts, was Sie tun k�nnten, Miss.� Troy hatte versucht, sie zum Aufstehen zu �berreden. �Der Chief Inspector ruft gerade einen Krankenwagen. Fassen Sie das nicht an�, schob er hartherzig nach, als sie die Hand nach dem Radkreuz ausstreckte.</p><p>���Aber - wie ist das passiert?� Sie schaute zu dem klaffenden Loch im Oberlicht auf. �Ist er gefallen? Was hatte er dort oben zu suchen?�</p><p>��In diesem Moment war Andrew aufgetaucht, hatte sich am Galeriegel�nder entlanggezogen. Blutend, mit zerrissenem Hemd, kaputter Jeans. Er hatte etwas gemurmelt. Je n�her er kam, desto verst�ndlicher wurden seine Worte.</p><p>���Mich t�ten... hat versucht, mich zu t�ten...�</p><p>��Eine halbe Stunde sp�ter wiederholte Barnaby diesen Satz in Form einer Frage. Er mu�te dreimal nachfragen, ehe er eine Antwort erhielt.</p><p>���Wieso? Weil er rausgekriegt hat, wer ich wirklich bin.� Wegen der geschwollenen Lippen kamen die Worte undeutlich heraus. Neugierig und verwirrt begannen die anderen Anwesenden zu murmeln.</p><p>��May wischte ihre H�nde an einem Mousselintuch ab und fragte: �Was meinst du damit?�</p><p>���Ich hei�e nicht Christopher. Ich bin Andrew Carter. Jim Carter war mein Onkel.� Die Neugierde verwandelte sich in ' Best�rzung. Nun folgten die Kommunenmitglieder Barnabys Beispiel und bombardierten ihn mit Fragen. Es dauerte ein 'paar Minuten, bis sie sich wieder beruhigt hatten. Ken war der letzte, der den Mund hielt, und zwar erst, nachdem er Andrew noch gefragt hatte, welchen Sinn es machte, sich f�r jemand anderen auszugeben.</p><p>��Andrew erz�hlte von dem Brief, den Tabletten seines Onkels und da� er bei der Anh�rung dabeigewesen war. �Ich wu�te, jemand war mir auf der Spur�, richtete er sich an Barnaby. �Ich wu�te nur nicht, wer. Das Foto, das ich Ihnen mal gezeigt habe, hatte ich unter ein paar Hemden versteckt. Irgendwann merkte ich, da� es verschoben worden war. Kurz danach hat man mich angegriffen. Beim Verlassen des Hauses warf jemand vom Dach aus einen Metallklumpen auf mich. Ich habe die anderen belogen und ihnen nicht gesagt, wo der Klumpen tats�chlich aufgeschlagen ist. Nicht auf der Platte, wo May gestanden hatte, sondern auf der dahinter.�</p><p>���Davon haben Sie mir nichts erz�hlt.�</p><p>���Doch, habe ich, Chief Inspector!� rief May. �Beim ersten Verh�r habe ich genau diesen Vorfall erw�hnt.�</p><p>���Ich glaube nicht -�</p><p>���Ich entsinne mich ganz deutlich. Mein Unfall. Als der Meteor vom Himmel fiel.�</p><p>���Ahhh. Ja.�</p><p>���Sie haben mich angewiesen, nicht abzuschweifen. Und ich wollte mich nicht stur geben. Hatte den Eindruck, es g�be in so einem Fall eine bestimmte Vorgehensweise, die es zu befolgen gilt. In Ihrem B�ro sind Sie mir ein zweites Mal �ber den Mund gefahren.�</p><p>��Na, darauf gibt es keine passende Antwort, nicht wahr, Sch�tzchen? Troy erg�tzte sich an der Verwirrtheit seines Chefs, gestand sich aber ein, da� er keinen Deut anders reagiert h�tte.</p><p>���Aus welchem Grund haben Sie den Mund gehalten?� Der Chief Inspector betonte das �Sie� und wandte sich erneut an Andrew.</p><p>���Ich bildete mir ein, die Gegenseite w�rde annehmen, ich wisse nicht Bescheid, wenn ich so tat, als kenne ich den Grund f�r den Angriff nicht. Fatalerweise w�hnte ich mich in Sicherheit.�</p><p>���H�rt sich meiner Meinung nach ganz sch�n verworren an. Uns h�tten Sie trotzdem die Wahrheit sagen k�nnen.�</p><p>���Sie w�ren doch nur hier aufgetaucht, h�tten Fragen gestellt und alles verraten.�</p><p>���K�nnen Sie Beweise vorlegen, da� die ganze Sache nicht doch ein Unfall gewesen ist?�</p><p>���Ich bin gleich danach aufs Dach gestiegen. Unm�glich, da� so ein gro�er Metallbrocken allein vom Dach f�llt. Schlie�lich hatte er nicht dicht am Rand gelegen. Und zwischen den Schornsteinen eingeklemmt, habe ich ein Radkreuz gefunden.�</p><p>���Das, das heute nacht verwendet wurde?�</p><p>��Andrew nickte. Er war m�de, fertig. �Ich habe es mitgenommen und in Calypsos Stall versteckt. Gestern hat es noch dort gelegen. Als ich heute nachsah, war es weg. Mit einem Mal d�mmerte mir, da� derjenige, der es genommen hat, auch derjenige war, der mich damals angegriffen hat. Tim, wie sich herausstellte.�</p><p>��Die anderen tauschten verzweifelte Blicke aus. May sagte: �Du h�ttest uns das nicht verheimlichen d�rfen, Christopher. Das war falsch.�</p><p>���Wir m�ssen in Zukunft darauf achten, ihn &gt;Andrew&lt; zu nennen�, rief Heather.</p><p>��Ken f�gte hinzu: �Morgen werde ich f�r ihn einen neuen Namen suchen.�</p><p>���Es war ja nicht so, da� ich eine gro�e Bedrohung darstellte. Ich habe mich umgesehen, Fragen gestellt, Jims Zimmer mehrmals durchsucht und nichts gefunden.�</p><p>���Dann bist du das in jener Nacht gewesen?�</p><p>���Ja, tut mir leid, falls ich dich erschreckt habe, May. Im Wegrennen h�rte ich, wie dein Fenster aufging.�</p><p>���Ich bin sehr froh, da� dieses R�tsel nun gel�st ist. Und mein anderes R�tsel, Chief Inspector... der Unterhaltungs-schnipsel, den ich belauscht habe - Andrews Verdacht, da� sein Onkel get�tet wurde, verleiht den Worten gewi� gr��ere Bedeutung, oder?�</p><p>���Was f�r eine Unterhaltung war das?� Die Ersch�pftheit schien von Andrew abzufallen. �Wer war das? Und was wurde gesagt?�</p><p>���Wer sich da unterhalten hat, ist unklar, Mr. Carter�, f�hrte Barnaby aus. �Allem Anschein nach machten sich die beiden Gespr�chspartner offenbar Sorgen wegen einer m�glichen Obduktion.�</p><p>���Ich wu�te es -�</p><p>���Ich kann mir nicht vorstellen, weshalb jemand den Wunsch haben sollte, Jim weh zu tun�, meinte Suhami. �Er war v�llig harmlos.�</p><p>���Ich habe dir gesagt�, betonte Andrew, �da� er rausgefunden hat, was hier vorgeht.�</p><p>���Hier geht nichts vor�, widersprach Ken. �Hier herrschen Liebe, Licht und Frieden.�</p><p>���Und es wird geheilt�, schob Heather nach.</p><p>���Momentan m�chte ich mich weniger auf Spekulationen einlassen�, rief Barnaby die anderen zur R�son, �sondern w�rde lieber versuchen, das, was sich heute abend ereignet hat, Punkt f�r Punkt klarzustellen. Was hat den Kampf ausgel�st? Was hatten Sie auf dem Dach zu suchen?�</p><p>���Ich war in meinem Zimmer. Ken und Heather waren ins Dorf gegangen -�</p><p>���Nur kurz�, unterbrach Heather ihn defensiv, �um Kens Bein zu bewegen.�</p><p>���Suze hat May und Arno ins Krankenhaus gefahren. Er hat einen Unfall gehabt.�</p><p>��Heiliger Strohsack, dachte Troy. W�rde dieser Haufen mal einen Tag ohne Unfall auskommen, glaubten sie sicher gleich, der Weltuntergang st�nde bevor.</p><p>���Ich nahm einen Drink und lag auf dem Bett und las. Tim hatte ich schon l�nger nicht mehr zu Gesicht bekommen. Keiner von uns, mit Ausnahme von Arno. Ich denke, ich hatte ungef�hr eine halbe Stunde gelesen, als ich h�rte, wie jemand meinen Namen rief -�</p><p>���Welchen Namen?� wollte der Chief Inspector wissen.</p><p>���Meinen echten Namen, Andrew. Das war ja das Komische. Dann h�rte ich, wie seine Zimmert�r aufging. Deshalb bin ich auf die Galerie getreten. Klingt jetzt ziemlich doof, aber zu jenem Zeitpunkt sch�pfte ich keinen Verdacht. Es war ja nur der arme alte Tim - wissen Sie? Er kam auf mich zu - mit verfilzten Haaren, bohrendem Blick - und mit dem Radkreuz in der Hand. Er... schwenkte es. Lie� es �ber dem Kopf kreisen. War ziemlich furchteinfl��end. Ich wich zur�ck - mein Zimmer liegt am Ende der Galerie, und schlie�lich stand ich mit dem R�cken zur T�r, die zum Dach hochf�hrt. Jetzt hatte ich nur zwei M�glichkeiten: entweder nach oben oder �ber das Galeriegel�nder...� Suhami stie� einen kurzen Angstschrei aus.</p><p>���Nat�rlich sa� ich auf dem Dach in der Falle. Einen Fluchtweg gibt es dort oben nicht. Zuerst versteckte ich mich hinter den Schornsteinen. Er schlug wie ein Irrer um sich - wann immer er auf etwas traf, flogen Backsteinsplitter durch die Luft. Wenn er wenigstens nicht mehr im Besitz des Radkreuzes w�re - rechnete ich mir aus -, w�ren wir ebenb�rtig. Als die Halogenlampe anging, wurde er kurz abgelenkt, und ich wagte einen Versuch. Umklammerte das Radkreuz und lie� es nicht wieder los. Er allerdings auch nicht. Er fing an, mit den F��en auszuschlagen. Er war ein St�ck gr��er als ich... hatte lange Beine... jedenfalls taten seine Tritte h�llisch weh. Also lie� ich los und versteckte mich wieder, kauerte mich neben dem Schornstein direkt beim Oberlicht. Er kam an mir vorbei. Blieb ganz dicht vor mir stehen, schaute sich um, versuchte mich ausfindig zu machen. Ich griff nach seinen Kn�cheln. Glaubte, ihn zu Boden ziehen zu k�nnen. Aber er fiel nach hinten... durch das Glas...�</p><p>��Die letzten Worte waren kaum zu h�ren. Die Erinnerung an seine Angst lie� sein schmales, h�bsches Gesicht bla� werden. Von einer Sekunde auf die andere war es von Trauer gezeichnet. Andrew drehte ihnen den R�cken zu, als isoliere das Gest�ndnis ihn von den anderen, als brenne es ihm ein Kainsmal auf die Stirn. Das sich daraufhin einstellende Schweigen war ungew�hnlich beklemmend. Nicht mal die Beavers wagten es, dem ein Ende zu machen. Schlie�lich ergriff Barnaby das Wort.</p><p>���Sie h�ngen also der �berzeugung an, da� Riley die Person war, die das Foto gefunden und Sie am Donnerstag angegriffen hat?� Andrew senkte den Blick. �Und f�r den Tod Ihres Onkels verantwortlich war?�</p><p>���Meiner Meinung nach hatte er damit was zu tun, ja. Auf der anderen Seite w�rde ich vermuten, da� er zu so einem Trick wie der Sache mit dem Whisky verstandesm��ig nicht in der Lage war.�</p><p>���Ich kann das alles gar nicht fassen�, gestand May. �Es ist einfach zu grauenvoll.�</p><p>��Mit feuchten Augen nickten die Beavers zustimmend.</p><p>��Barnaby richtete seine Aufmerksamkeit auf Arno, der sich bislang nicht ge�u�ert hatte. Er sa� ein wenig abseits, den linken Fu� - eingepackt in einen dicken wei�en Verband - auf einen Metallst�nder gelegt. Er hatte den Alkohol noch l�ngst nicht verdaut und au�erdem noch eine Handvoll Schmerztabletten und eine Tetanusimpfung verabreicht bekommen. Ihn besch�ftigte Mays ambivalente Reaktion auf seine Avancen. Gleichzeitig hatte er das Gef�hl, als habe jemand seinen Kopf in Baumwolle gebettet. Er war sich fast sicher, nicht wirklich abgewiesen worden zu sein. Andererseits war es schwierig, sich wegen des Durcheinanders in dieser Hinsicht hundertprozentige Klarheit zu verschaffen.</p><p>��Trotz des von Medikamenten und Alkohol vernebelten Verstandes und den Tr�umen, denen er nachhing, sp�rte er, da� jemand etwas von ihm wollte, und bem�hte sich, einigerma�en klar zu werden. Der Chief Inspector starrte ihn - so deutete Arno Barnabys Blick - anklagend und fragend an. Schlagartig f�hlte er sich beschissen. Alles war genau so gekommen, wie er es seit langem bef�rchtet hatte.</p><p>���Tut mir leid...� Nun schauten alle zu ihm hin�ber, sogar May. O Gott - selbst May. �Ich f�rchte, ich habe nicht zugeh�rt.�</p><p>��Barnaby wiederholte seine Aufforderung. �Ist es nicht an der Zeit, da� Sie mit der Wahrheit rausr�cken, Mr. Gibbs?�</p><p>���Wieso sagen Sie das zu mir?� Arnos Gesicht nahm die Farbe seiner Bandage an.</p><p>���Ich denke, Sie kennen die Antwort.� Barnaby legte eine Pause ein; als Arno beharrlich schwieg, fuhr er fort: �Ich frage Sie, weil Sie sich ganz offensichtlich Sorgen um den Jungen gemacht haben. Weil Sie versucht haben, mich davon abzuhalten, mit ihm zu sprechen, und Sie mir im Verlauf des eigentlichen Verh�rs permanent dazwischengefunkt haben.� Da Arno auch jetzt noch nicht zum Sprechen zu bewegen war, �bte er st�rkeren Druck aus. �Nur zu, Mr. Gibbs. Jetzt kann ihm keiner mehr weh tun.�</p><p>���Nein.� Arno hob den Blick. �Das ist wahr.� Z�gernd begann er mit seiner Erkl�rung und schaute dabei Andrew an.</p><p>���Der Tod deines Onkels war, wie ich meine, ein Unfall, wenngleich ich f�rchte, ein Richter k�nnte das anders sehen. An jenem bewu�ten Tag wollten wir zu dritt in die Stadt fahren, wie ich das bei der Anh�rung ausgesagt habe. Tim und ich stellten frische Blumen in den Solar, w�hrend wir auf den Meister warteten, der Tims Mantel holen wollte. Pl�tzlich h�rten wir laute Stimmen. Ich rannte los, um nachzusehen, was da los war. Der Meister kam aus Tims Zimmer, gefolgt von Jim. Sie stritten miteinander. Was mich erstaunte, zumal ich Jim bis dahin noch nie so erlebt hatte. Auf dem Treppenabsatz blieben sie stehen. Jim versperrte dem Meister den Weg und rief: &gt;Ich werde dir das nicht erlauben. Ich werde allen verraten, was ich wei� - allen.&lt; Er packte den Meister an den Schultern, als habe er vor, ihn zu sch�tteln. Als n�chstes - das passierte so schnell, da� ich gar nicht reagieren konnte - h�rte ich... tja, wie soll ich es beschreiben... lautes Gebr�ll, und Tim lief die Galerie runter, packte Jim und schob ihn weg. Dabei fiel er r�ckw�rts die Stufen hinunter und brach sich das Genick.� Beim Sprechen hatte Arno nach und nach den Blick wieder zu Boden gesenkt. Jetzt jedoch zwang er sich, Andrew Carter anzublicken. �Er hat nicht gelitten. Da� das kein gro�er Trost ist, wei� ich.�</p><p>���Du hast recht. Das ist es nicht.�</p><p>���Nachdem klar war, da� wir nichts mehr f�r ihn tun konnten - und w�re dem so gewesen, h�tten wir alles in unserer Macht Stehende getan -, dachten wir beide nur noch daran, Tim vor der Polizei zu sch�tzen. Wir wu�ten, da� die Polizei etwas unternehmen mu�te, auch wenn der Junge nicht die Absicht gehabt hatte, jemandem Schaden zuzuf�gen. Der Meister rechnete damit, da� Tim des Totschlags beschuldigt und als... falls das die richtige Bezeichnung ist... &gt;nicht zurechnungs-f�hig&lt; befunden werden w�rde. Auf jeden Fall h�tte er ins Gef�ngnis gemu�t, man h�tte ihn wom�glich sogar mit anderen zusammen in eine Zelle gesperrt, mit solchen Typen, die ihm fr�her weh getan haben. Oder man h�tte ihn in eine Anstalt �berwiesen. Ihn mit Medikamenten vollgepumpt, um ihn ruhigzustellen ... da h�tte er dann Monate oder vielleicht sogar Jahre mit Wahnsinnigen zugebracht. Er war doch erst dreiundzwanzig!� rief Arno leidenschaftlich, �und hier war er so gl�cklich. Wir bildeten uns ein, da� etwas in der Art nie wieder passieren w�rde, wenn wir uns permanent um ihn k�mmerten. Jetzt wei� ich�, richtete er sich an Barnaby, �vor allem nach dem heutigen Abend, da� ich mich get�uscht habe.�</p><p>���Und wie Sie sich get�uscht haben, Mr. Gibbs.� Barnaby bem�hte sich, die Stimme nicht zu heben. Er war w�tend auf Gibbs und noch w�tender auf sich selbst. Beim Verh�r von Tim hatte er peinlichst darauf geachtet, den Namen des Meisters nicht zu erw�hnen, um den Jungen nicht in die Enge zu treiben. Jetzt - zu sp�t - wurde ihm klar, da� der verunsicherte Junge mit dem �Unfall� nicht Craigies Tod, sondern den ersten Todesfall auf Manor House gemeint hatte. �Sie wissen hoffentlich, da� Meineid als kriminelle Handlung geahndet wird.�</p><p>���... Ja...�, fl�sterte Arno. Er stand kurz davor, in Tr�nen auszubrechen. Mit zitternden Fingern suchte er nach einem Taschentuch.</p><p>��Kalt musterte Barnaby den verst�rten Mann. In dem Wissen, da� er Gibbs nicht anzeigen w�rde, hielt er es nicht f�r einen Fehler, ihn ein, zwei Tage schwitzen zu lassen. Oder eventuell sogar ein oder zwei Wochen.</p><p>���Fahren Sie fort. Was geschah als n�chstes?�</p><p>���Wir brachten Tim in den Garten. Er war ver�ngstigt, weinte. Und wir �berlegten, was zu tun war. Nach einer Weile kamen wir zu dem Entschlu�, es w�re am einfachsten und vern�nftigsten, einfach nach Causton zu fahren, wie geplant unsere Eink�ufe zu erledigen, dann nach Hause zu kommen und so zu tun, als w��ten wir von nichts. Da� May - Miss Cuttle - vor uns zur�ckkehrte, hat uns beiden sehr zugesetzt. Der Meister f�hrte Tim zum Kleinbus, und ich wollte den beiden gerade folgen, als ich auf einmal in Panik geriet. War felsenfest davon �berzeugt, da� niemand uns Glauben schenken w�rde. Ganz und gar unwahrscheinlich, da� jemand grundlos die Treppe runterf�llt, die er schon hundert Mal benutzt hat. Und da kam mir eine Idee - was, wenn er getrunken hatte? In unserem Medizinschr�nkchen gab es eine kleine Flasche Whisky, die ich holte. Davon go� ich Jim etwas in den Mund... ich mu�te seine Lippen schlie�en und seinen Hals massieren, damit das Getr�nk die Kehle hinunterflo�.� Arno erschauderte. �Es war gr��lich. Am Ende schob ich noch den L�ufer auf der Treppe hoch, damit es so aussah, als ob er gestolpert sei. Auf dem R�ckweg weihte ich den Meister ein. Er regte sich sehr auf. Wiederholte immer wieder, da� ich das nicht h�tte tun d�rfen. Erst ein paar Tage sp�ter, als er merkte, wie ungl�cklich ich war, erl�uterte er mir den Grund f�r seine Aufregung. Er sagte mir, da� die Medikamente, die Jim gegen seine Infektion nahm, ihm verboten, auch nur einen Tropfen Alkohol zu sich zu nehmen. Nun f�rchtete er, da� - falls eine Obduktion vorgenommen wurde -�</p><p>��An dieser Stelle stockte May h�rbar der Atem. Sie warf Barnaby, der ihr sofort zu verstehen gab, nichts zu sagen, einen vielsagenden Blick zu.</p><p>���- sie uns auf die Schliche kommen und wissen w�rden, da� etwas nicht stimmte. Einige Tage sp�ter wurde die Obduktion gemacht und nichts gefunden, und ich war unglaublich erleichtert. F�r mich war das ein Zeichen, da� ich vielleicht doch nicht ganz falsch gehandelt hatte.�</p><p>���Inspector�, sagte May, �bestimmt begreifen Sie, da� Arno selbstlos gehandelt hat. Er hat das Falsche getan, ja, aber aus Gr�nden, die richtig waren. Er hat aus Liebe zu einem menschlichen Wesen gehandelt.�</p><p>��Diese unerwartete, gro�z�gige und v�llige unverdiente Unterst�tzung bewegte Arno zutiefst. Vor lauter Dankbarkeit konnte er kaum atmen.</p><p>��Heather nutzte die Pause, um frischen Tee zu kochen, w�hrend Ken seinen Gips verr�ckte und es sich im Rollstuhl bequemer einrichtete. In seinen Augen war Arnos leichter Verband keine Konkurrenz im Vergleich zu seiner heroischen Tat, und er war beileibe nicht gewillt, ihm das Feld zu �berlassen.</p><p>��May stellte die Salbe weg und �berlegte, ob sie nach Felicity sehen sollte. Das Schlafmittel war leicht gewesen, und vielleicht war sie inzwischen wieder wach und sorgte sich. Suhami sammelte die Tassen derer ein, die Tee nachgeschenkt haben wollten. Vorsichtig legte sie Andrew die Hand auf die Schulter, l�chelte ihm zu und stellte eine volle Tasse'vor ihn. An seiner Seite zu bleiben, dazu war sie allerdings nicht zu bewegen. Insgeheim hatte er gehofft, sein Aussehen w�rde sie derart erschrecken, da� ihre Zuneigung zu ihm erneut erh�rt wurde. In diesem Fall h�tte der Vorfall auf dem Dach, der schreckliche Unfall, wenigstens einen Sinn gehabt.</p><p>��Diesmal nahm Troy die angebotene Tasse Tee dankbar entgegen, sein Chef hingegen schlug das Angebot erneut aus.</p><p>���Jims Tod mag ein Unfall gewesen sein�, sagte Heather, nachdem alle bedient worden waren, �aber der Angriff auf Chris -Entschuldigung, Andrew - wahrscheinlich nicht. Ich nehme an, Tim ist auf den Geschmack gekommen. Das kommt doch vor, nicht wahr?�</p><p>���Wie gemein von dir, so was zu sagen!� erwiderte Suhami erz�rnt. �Er ist gerade gestorben, g�tiger Gott. Das wenigste, was wir tun k�nnen, ist, nett �ber ihn zu sprechen.�</p><p>��Heather err�tete. Da� ihre Reputation als ewige Quelle anteilnehmender F�rsorge einen Kratzer bekam, behagte ihr nicht. �Ich finde nicht, da� du in der Position bist, mich anzugreifen, Suhami. W�rst du nicht gewesen, w�re der Meister heute noch am Leben.�</p><p>��Suhami schnappte nach Luft und erbla�te. Andrew meldete sich erbost zu Wort- �Sie war von Anfang an gegen den Besuch ihres Vaters. Es war der Meister, der darauf bestanden hat.�</p><p>���Ich denke, Sie wissen�, mischte sich Barnaby ein, �da� - soweit es den Mord an Craigie betrifft - Mr. Gamelins Besuch nicht von Bedeutung war.�</p><p>��Verbl�ffung unterschiedlichen Ausma�es spiegelte sich auf den Gesichtern seiner Zuh�rer. Nur May, die davon ausging, da� die Polizei sich endlich ihrer Art zu denken angeschlossen hatte, nickte ernst. Mit ineinander verschr�nkten Fingern neigte sich Suhami vor.</p><p>���Wollen Sie sagen... denken Sie etwa, er war nicht f�r den Tod verantwortlich?�</p><p>���Daran besteht nicht der geringste Zweifel, Miss Gamelin. Er war definitiv nicht verantwortlich, sondern hielt sich ungl�cklicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort auf.�</p><p>���War dann Tim auch sein M�rder?� fragte Heather. �Ist er wahnsinnig geworden?�</p><p>���Ganz und gar unm�glich�, entgegnete Arno. �Er war dem Meister vollkommen ergeben. Ihr habt doch mitbekommen, wie sehr er gelitten hat.�</p><p>���Solche Leute k�nnen sich ver�ndern�, gab Ken zu bedenken. �Und wenden sich dann gegen die, die sie lieben. Wie Hunde.�</p><p>���Er war kein Hund!� rief May.</p><p>���Vielleicht war es Trixie?� warf Andrew ein. �K�nnte das der Grund sein, warum sie weggelaufen ist?�</p><p>���Was f�r ein Motiv sollte Trixie haben?� fragte Ken und richtete sich dann an Barnaby. �Sie h�tten mich dar�ber aufkl�ren m�ssen, da� Sie nicht von Gamelins Schuld �berzeugt waren. Dann h�tte ich Hilari�n f�r Sie gechannelt.�</p><p>���Wollen Sie behaupten, Inspector, da� mein Treuhandfonds kein Motiv gewesen ist?�</p><p>���Da� die ganze Sache ein Unfall war?�</p><p>���O nein, Mrs. Beavers, der Mord an Arthur Craigie wurde ganz bewu�t, aber aus opportunistischen Gr�nden ver�bt. Damit meine ich, da� er geplant war bis zu einem gewissen Punkt und dann, als die Dinge eine andere Wendung nahmen, impulsiv und spontan ausgef�hrt wurde.�</p><p>��Er stand auf und vermittelte - ohne ein Wort dar�ber zu verlieren - den anderen den Eindruck, er m�sse sich die Beine vertreten, doch in Wirklichkeit konnte er nicht l�nger stillsitzen. Troy beobachtete ihn. Die Vorgehensweise seines Chefs stellte er nicht in Frage, sp�rte jedoch eine gewisse Anspannung. Der Chief Inspector bewegte sich auf d�nnem Eis. Ahnungen, R�ckschl�sse, Vermutungen, ein gewisses Ma� an Hintergrundinformationen, aber kein einziger Beweis. Hielt die fragliche Partei den Mund...</p><p>���Eine der wichtigsten Komponenten�, begann der Chief Inspector, �bei einem Mordfall - mit Ausnahme eines zuf�lligen Opfers - ist der Charakter des Opfers. Was f�r eine Mann oder Frau war die Person? Was trieb sie an? Die Antwort findet man nur, indem man die Leute befragt, die die Person kannten. In diesem Fall vertraten alle eine einhellige Meinung. Mit einer Ausnahme: Guy Gamelin weigerte sich, das Bild eines fast heiligen Mannes zu zeichnen, dem ausschlie�lich das Wohlergehen seiner Mitmenschen am Herzen lag. Und selbst er r�umte ein, da� Craigie ihn im Verlauf des Gespr�chs relativ stark beeindruckt hatte. Kurz gesagt, der Meister wurde von allen geliebt. - Was an Mr. Craigie wirklich interessant war, war die Tatsache, da� ich nichts �ber ihn herausfinden konnte, soviel M�he ich mir auch gab. Falls ich es richtig verstanden habe, hat er sich vor ein paar Jahren in einen gro�en Seher verwandelt. Nun, das ist mehr als eigenartig. In diesen von Computern beherrschten Zeiten ist es nicht gerade einfach, nirgendwo registriert zu sein. Hat man irgendwann einmal Steuern oder Sozialversicherungen bezahlt, einen Wagen, ein Haus oder ein Bankkonto besessen, ist das irgendwo vermerkt. Nicht so bei Arthur Craigie.�</p><p>���Er hatte ein Bankkonto�, verteidigte ihn Ken. �In Causton.�</p><p>���Windhorse hatte ein Bankkonto, Mr. Beavers. Das ist nicht dasselbe. Um die eigene Spur so gr�ndlich zu verwischen�, fuhr Barnaby fort, �mu� man mit Bedacht Vorgehen und sich gut auskennen.�</p><p>���Ich verstehe nicht, in welche Richtung Ihre Ausf�hrungen gehen, Chief Inspector�, sagte Ken.</p><p>���Einen Menschen anzuschw�rzen, der sich nicht verteidigen kann, ist nicht nett�, meinte Heather und schaute sich �berrascht um, als Suhami auflachte.</p><p>���Einer der Gr�nde, wieso es uns so schwerfiel, ihn ausfindig zu machen, ist der, da� Craigie ein Pseudonym war. Eins von vielen, seit er vor zwei Jahren aus dem Gef�ngnis entlassen wurde, wo er f�nf von sieben Jahren Haft wegen Betrugs abgesessen hatte. Um ehrlich zu sein, Miss Gamelin, ihr Vater lag nicht falsch mit seiner Einsch�tzung von Craigie, als er ihn als Betr�ger bezeichnete.�</p><p>���Das ist ja das allerletzte!� Am ganzen Leib zitternd, sprang May auf. So w�tend hatten die anderen sie noch nie erlebt. �Sein Astralk�rper strahlte. War in blaues Licht getaucht. So was kann niemand vort�uschen.�</p><p>���Ich bin sicher, Sie irren sich, Inspector�, sagte Suhami. Auch sie schien sehr bewegt zu sein und kurz vor einem Tr�nenausbruch zu stehen. �Sie haben wahrscheinlich alles m�gliche �berpr�ft, aber irgendwo mu� es eine Verwechslung gegeben haben. Sie t�uschen sich garantiert.�</p><p>���Denkt mal nach�, meldete Ken sich zu Wort. �Ich nehme an, da� jemand, der bei einer Sache wie Betrug erfolgreich ist, sehr �berzeugend sein mu�. Sonst funktioniert es nicht.�</p><p>��Heather nickte. Offenbar hatten die beiden schlagartig vergessen, wo ihr Platz war. Arno verga�, wie benommen Alkohol und Tabletten ihn machten, und sch�ttelte heftig den Kopf, als er mitbekam, wie die Beavers das sinkende Schiff verlie�en. Das Kopfsch�tteln bereute er auf der Stelle, weil er sich einen Augenblick lang so f�hlte, als ob ihm der Kopf abgefallen w�re.</p><p>���M�chten Sie damit sagen, da� jemand aus seiner Vergangenheit hier eingebrochen ist�, fragte Heather, �und ihn angegriffen hat?�</p><p>���Das ist doch kompletter Unsinn�, entgegnete Andrew. �Die einzigen Menschen, die bei seinem Tod anwesend waren, sind wir gewesen.�</p><p>���In der Tat�, pflichtete Barnaby bei. �Wenngleich ich meine, da� Mrs. Beavers nicht ganz falschliegt, wenn sie denkt, da� jemand aus seiner Vergangenheit anwesend war. Und seine Vergangenheit ist auch f�r seinen Tod verantwortlich. Andererseits h�nge ich der �berzeugung an, da� Craigie nicht sterben mu�te, weil er ein Betr�ger war, sondern weil er kein Betr�ger war.�</p><p>���Ich wu�te es!� rief May triumphierend. �Die Aura l�gt nie.�</p><p>���Nun begreife ich gar nichts mehr�, gestand Andrew. �Sie haben uns doch gerade verklickert, er sei ein Betr�ger gewesen.�</p><p>���Lassen Sie mich das erkl�ren. Nachdem ich von seiner Vergangenheit erfahren hatte, wertete ich den Kauf von Manor House als Hauptbestandteil eines gro�angelegten Schwindels. Das Geld f�r den Kauf stammte, wie ich annahm, von dem anderen Betrug. Aber als ich mir die Unterlagen zu Windhorse ansah, stellte ich nicht nur fest, da� die finanziellen Angelegenheiten einwandfrei geregelt waren, sondern da� hier eine altruistische Lebensweise praktiziert wurde. Bed�rftigen wurde finanziell unter die Arme gegriffen, manchmal sogar denen, die es nicht ganz so dringend n�tig hatten. Die Menschen, die hierherkamen, um sich heilen zu lassen oder sich einer Therapie zu unterziehen, mu�ten nicht eine festgelegte Summe bezahlen, sondern durften so viel geben, wie sie ihrem eigenen Ermessen nach er�brigen konnten. Jeden Monat wurde eine Summe unterschiedlicher H�he an wohlt�tige Organisationen �berwiesen. Und dennoch... irgendwas lief hier ab. Wir haben Jim Carters Brief, der das beweist. Heute abend, durch Mr. Gibbs Aussage, wissen wir, was er gesagt hat: &gt;Ich werde dir das nicht erlauben. Ich werde allen verraten, was ich wei�.&lt; Der Brief, den Mr. Carter kurz vor seinem Tod geschrieben hat, dr�ckt - wenn Sie mich fragen - gro�e Besorgnis aus. Jetzt, wo wir wissen, wie er gestorben ist, interpretiere ich ihn anders. Die ausgesprochene Bedrohung - und ich werte die beiden S�tze als Bedrohung - bleibt jedoch. Was wu�te Jim Carter, was beabsichtigte Craigie zu unternehmen? Was ist so wichtig und ruft solch eine heftige Reaktion hervor? - Die Schlu�folgerung, die sich aus der ersten H�lfte der Frage ableitet, liegt auf der Hand. Jim Carter wu�te �ber die Vergangenheit Bescheid. Die zweite H�lfte der Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Ich hoffte, es w�rde sich als hilfreich erweisen, wenn ich mehr �ber Carter herausf�nde. Zusammen mit dem Sergeant habe ich mich in seinem Zimmer umgesehen, und obgleich seine Kleider und Habseligkeiten nicht mehr vorhanden waren, habe ich zwei Dinge herausgefunden, die meiner Einsch�tzung nach von Interesse sind.�</p><p>��Er legte eine Pause ein. Troy, der ganz hinten an der Wand stand, nickte kaum wahrnehmbar und zollte damit der Pers�nlichkeit seines Bosses und dessen narrativen F�higkeiten unbewu�t Respekt. Niemand bewegte sich. Keiner blinzelte.</p><p>��Die Menschen im Raum hatten nur Augen und Ohren f�r Barnaby.</p><p>���Ein Gegenstand, der meine Neugierde weckte,'war eine leere Schuhschachtel, in der fr�her einmal sehr teure italienische Slipper aufbewahrt worden waren. Sehr ungew�hnlich f�r einen Mann, der sich ansonsten so wenig den weltlichen Dingen widmete. Eine kleine Abweichung von der Norm und - wie ich meine - h�chst interessant. Dann waren da noch die B�cher. Auf den ersten Blick genau von der Sorte, wie man es erwartet hatte. Alle antiquarisch - nichts Besonderes, nicht jeder kann sich neue B�cher leisten. Die ausgezeichneten Preise waren dezimal. Nun hat uns aber Jims Neffe berichtet, sein Onkel habe sein ganzes Leben lang spirituelle Literatur gelesen, und doch war keines der B�cher vor 1971 angeschafft worden. Unsere Fachleute haben sogar herausgefunden, da� keins der B�cher vor 1990 gekauft wurde. Alle B�cher, insgesamt fast sechshundert B�nde, stammen aus mehreren Second-hand-Buchl�den in Slough und Uxbridge.�</p><p>���Die B�cher meines Onkels wurden m�glicherweise woanders aufbewahrt�, warf Andrew ein. �Vielleicht unten in der Bibliothek.�</p><p>���Aber Sie haben uns erkl�rt, da� Sie die B�cher in seinem Zimmer erkannt haben, Mr. Carter. Und wie sehr ihr Anblick Ihnen zugesetzt hat.�</p><p>���M�chten Sie damit andeuten, sie wurden gekauft, um diese Wirkung zu erzielen?� fragte Ken.</p><p>���Ganz genau�, sagte Barnaby, der der Schauspielgruppe seiner Frau oft genug geholfen hatte, einen Spannungsbogen zu erzeugen, um zu wissen, wovon er sprach. �Wirklich eigenartig an diesen umfangreichen Ank�ufen ist, da� sie in zwei F�llen von Carter und nicht von Craigie abgeholt und bezahlt worden sind.�</p><p>���Von Jim?� May verstand die Welt nicht mehr. �Hei warum sollte er denn so etwas tun?�</p><p>���M�glicherweise kann sein Neffe uns das sagen?�</p><p>���Ich hab keine Ahnung.� Andrew zuckte mit den Schultern, gestikulierte verst�ndnislos. �Es sei denn, man h�tte ihn �berredet, seine B�cher der Allgemeinheit zur Verf�gung zu stellen.�</p><p>���Oh, ich denke nicht, da� Ihr Onkel so leicht zu �berreden war. Wenn Sie mich fragen, dann war es genau anders herum.�</p><p>���Ich wei� nicht, was Sie meinen, Chief Inspector, aber ich wei� ganz genau, da� ich hier nicht sitzen und zuh�ren werde, wie Sie ihn mit Schmutz bewerfen.� Er rutschte vom Tisch und war schon auf halbem Weg zur T�r, als Barnaby weitersprach.</p><p>���Warum haben Sie Ihr Haar gef�rbt, Mr. Carter?�</p><p>���Das haben wir doch alles schon in Ihrem B�ro durchgekaut. Ich wollte verhindern, da� mich jemand mit meinem Onkel in Verbindung bringt.�</p><p>���Die �hnlichkeit war gering. Mir ist sie �berhaupt nicht aufgefallen.�</p><p>���Ich dachte, es g�be sie - in Ordnung? Und beschlo�, mich vorzusehen. Gro�er Gott - vor drei Tagen bin ich knapp dem Tode entgangen, und heute hat mich ein Wahnsinniger mit einem Radkreuz angefallen. Man m�chte annehmen, da� man mir Verst�ndnis und Anteilnahme entgegenbringt. Doch weit gefehlt.�</p><p>���Ganz blond auf dem Foto, nicht wahr? Fast wei� - sehr eindrucksvoll. Jeder, der Sie als Kind kannte, wie beispielsweise Craigie, h�tte Sie nach all den Jahren m�helos erkannt.�</p><p>���Als Kind...� Andrew blickte sich um, lud die anderen ein, seine Emp�rung zu teilen.</p><p>���Wie alt waren Sie? Acht, neun? Als sie zusammen arbeiteten?� Jetzt sch�ttelte Andrew den Kopf - wie ein Mensch, der mit etwas konfrontiert wird, das er absolut nicht fassen kann. �Ich w�rde sagen, das war der Hauptgrund, warum Sie dagegen waren, da� die Polizei nach dem Tod Ihres Onkels gerufen wurde. Nicht weil die Menschen hier etwas spitzkriegen konnten, sondern aus Angst vor dem, was wir in Erfahrung bringen k�nnten.�</p><p>���Das ist absoluter Quatsch.�</p><p>���Ich stimme Andrew Zu�, sagte May. �Beim ersten Treffen, das ich besuchte, stand Jim auf dem Podest und sprach dar�ber, wie die Begegnung mit dem Meister sein Leben ver�ndert hat. Aus diesem Grund habe ich mich der Kommune angeschlossen. So sehr hat mich seine Schilderung bewegt.�</p><p>���Diesen Trick, Miss Cuttle, kriegen Sie auf jedem Jahrmarkt vorgef�hrt. Ein Betr�ger verkauft irgendeinen Mist, und ein anderer in der Menge ruft, da� dieser Mist sein Leben ver�ndert hat. Sagen Sie mir - fanden Sie das Leben auf Windhorse kurz nach Ihrem Eintreffen nicht etwas teuer?�</p><p>��Der abrupte Themenwechsel schien May zu irritieren. �Ich f�rchte, ich mu� dem zustimmen. Man ist an mich herangetreten und hat mich gebeten, eine h�here Geb�hr f�r meine Kurse zu verlangen, als mir pers�nlich recht war. Arno... du bist kurz nach mir hierhergezogen, ich wei� nicht, wie du...?�</p><p>���Ja. Ich entsinne mich, im Schaufenster eines Reiseb�ros eine Notiz entdeckt zu haben, kurz nachdem ich mein erstes Wochenende gebucht hatte. F�r die gleiche Summe h�tte ich gut und gerne eine Woche nach Spanien reisen k�nnen. Damit m�chte ich nicht sagen, da� das Wochenende nicht jeden Penny wert gewesen ist.� Er warf May einen Blick von der Seite zu, err�tete und wackelte nerv�s mit den Zehen, zumindest mit den f�nfen, die er noch bewegen konnte.</p><p>���Das war doch nur so, bis sich Windhorse einigerma�en etabliert hatte?� fragte Heather. �Ein Jahr sp�ter, als wir hier auftauchten, waren die Preise schon vern�nftig.�</p><p>���Ansonsten h�tten wir gar nicht bleiben k�nnen�, erl�uterte Ken.</p><p>���Ich glaube nicht, da� es um die Etablierung von Windhorse ging. Ich denke, da� urspr�nglich geplant war, den Leuten soviel Geld wie nur irgend m�glich aus der Tasche zu ziehen�, meinte Barnaby.</p><p>���Und was ist dann schiefgelaufen?� fragte Ken und schob hastig nach, �oder besser gesagt, richtig gelaufen?'�</p><p>���Meine Meinung ist - und das ist keine Seltenheit, obgleich es eigenartig anmutet, wenn der Kriminelle schon lange seinem Handwerk nachgeht -, da� Craigie eine Ver�nderung durchmachte. Das k�nnte an der Literatur gelegen haben, die er las, an seinen Meditationen, an der Begegnung mit den vielen Menschen, die sich ernsthaft darum bem�hten, ein spirituelles Leben zu f�hren. Ich spreche nicht von einem abrupten Sinneswandel, sondern eher von einer langsamen Verwandlung, was der Echtheit dieser Verwandlung allerdings nicht widerspricht. Mit anderen Worten, der Mann wurde zu dem, was er zu sein vorgab.�</p><p>���Ich wu�te es�, seufzte May erleichtert. �Er h�tte sonst nicht so lehren k�nnen, wie er es tat -�</p><p>���Oder sich so um uns k�mmern k�nnen�, warf Suhami ein.</p><p>���Und dann ist da noch Tim gewesen�, gab Arno zu bedenken. �Er reagierte ganz emotional auf Menschen. Er begriff, wie sie wirklich waren. In dieser Hinsicht war er wie ein Kind, und Kinder lassen sich nicht an der Nase herumf�hren.�</p><p>��Auf diese Bemerkung ging Barnaby nicht weiter ein. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt zu betonen, wie leicht Kinder sich zum Narren halten lie�en. Er fuhr fort: �Irgendwann wurde Craigie krank. Und begriff sp�ter, da� er niemals wieder gesund w�rde. Diese Erkenntnis f�hrte zu - wie ich vermute - der Erw�hnung von �etwas Schrecklichem�, wie Carter sich im Brief an seinen Neffen ausgedr�ckt hat. Das Wort Treuhandverm�gen wollte mir von Anfang an einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wieso dem so war, wu�te ich lange Zeit nicht zu sagen. Ich wu�te alles, was es �ber Miss Gamelins Erbe zu wissen gab und in welcher Beziehung es zu diesem Fall stand. Schlie�lich erinnerte ich mich an Ihr erstes Verh�r, Mr. Gibbs, und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Hier ging es nicht um einen, sondern um zwei Treuhandfonds.�</p><p>���Wirklich?� Arno runzelte die Stirn. �Ich verstehe nicht... es sei denn, Sie meinen die Wohlt�tigkeit -�</p><p>���Genau�, sagte der Chief Inspector. �Craigie hatte den Wunsch, das Haus und die Organisation dergestalt zu hinterlassen, da� nicht ein einzelnes Individuum die Kontrolle dar�ber hatte. Das erz�rnte Carter, der - dessen bin ich mir ziemlich sicher, auch wenn sein Neffe mir das Gegenteil versichert hat - Geld aus seinem Hausverkauf in das Unternehmen gesteckt hatte. Knapp zweihunderttausend Pfund. Daher bin ich skeptisch, ob die von Mr. Gibbs mit angeh�rte Auseinandersetzung die erste war.�</p><p>���Aber er ist nicht so verfahren�, gab Arno zu bedenken. �Er hat keinen karitativen Status beantragt.�</p><p>���Dazu bestand kein Grund mehr�, behauptete der Chief Inspector, �nach Carters Unfall.�</p><p>���Jetzt ist es also doch ein Unfall?� Andrew war puterrot angelaufen. �Sie sind genauso inkompetent wie diese Fuzzis bei der Anh�rung.�</p><p>���Es ist keine gute Idee, Mr. Carter, das Gesetz in die eigenen H�nde zu nehmen.�</p><p>���Nun, man kann auch nicht gerade behaupten, da� es in Ihren gut aufgehoben ist, oder? Woher wollen Sie denn wissen, worum es bei dem Streit ging? Das wei� nicht mal Arno, der die beiden M�nner geh�rt hat und hier wohnt. Und ich mu� sagen, da� Sie dem Umstand, da� Riley meinen Onkel ermordet und zwei Mordanschl�ge auf mich ver�bt hat, keine gro�e Aufmerksamkeit schenken. Sie scheinen vergessen zu haben, da� heute abend beinahe die Umst�nde meiner Ermordung untersucht worden w�ren. Und die w�re dann, w�ren Sie nicht zuf�lligerweise rechtzeitig eingetroffen, auch wieder vertuscht worden.�</p><p>���Das ist nicht fair�, entgegnete May. �Tim hat nur zu verhindern versucht, da� dein Onkel den Meister angreift.�</p><p>���Daf�r haben wir ausschlie�lich Arnos Wort.�</p><p>���Sein Wort�, bekr�ftigte May emp�rt, �gen�gt mir.�</p><p>���Das schwarze Schaf. Als das haben Sie sich ziemlich entwaffnend in meinem B�ro bezeichnet, Mr. Carter.� Uninteressiertes Achselzucken. �Ihr ehemaliger Kumpel aus Stowe hat nicht nur seine Brieftasche verloren, sondern war zu der Zeit da er Visa und American Express �ber seinen Verlust informiert hatte, schon f�nftausend in den Miesen. Einer der Artikel, der mit seinen Kreditkarten bezahlt wurden, war eine Antilopenjacke.</p><p>���Nun, das hier ist sie jedenfalls nicht. Die habe ich schon vor Monaten bei Aquascutum gekauft.�</p><p>���Das zu belegen d�rfte nicht schwierig sein.�</p><p>���Sollten Sie tats�chlich Lust haben, Ihre kostbare Zeit zu verschwenden, bitte sehr.�</p><p>���Was meinten Sie damit, Inspector?� Suhami warf Andrew Carter fragende, skeptische Blicke zu. �Sie sprachen davon, das Gesetz in die eigenen H�nde zu nehmen.�</p><p>���Ich spreche von Mord, Miss Gamelin.� Ohne etwas zu besch�nigen, lag in dem Blick, den er dem M�dchen im gr�nen Sari zuwarf, ein Anflug von Mitleid.</p><p>���Mord?� Ihr Gesicht erstarrte, und sie fl�sterte: �Das kann nicht wahr sein.� Sie begann zu zittern. Ohne zu �berlegen, sprang Heather auf und dr�ckte Suhami an ihren wogenden Busen.</p><p>���Selbstverst�ndlich ist das nicht wahr�, sagte Andrew m�rrisch. �Ich habe mich ihm nicht gen�hert. Nur weil Sie Gamelin nicht f�r den M�rder halten, brauchen Sie den Mord doch nicht mir anh�ngen. Was f�r ein Motiv sollte ich schon haben?�</p><p>���Da sind mehrere Faktoren im Spiel, aber nach meinem Daf�rhalten ist Rache das Hauptmotiv. Eines der wenigen Dinge, die Sie mir in meinem B�ro wahrheitsgetreu gestanden haben, ist Ihre tiefe und anhaltende Zuneigung zu Ihrem Onkel. Da Sie mit ihm Kontakt gehalten haben, wu�ten Sie sicherlich, was hier Sache war und da� etwas schieflief. Was hat Sie so sicher gemacht, da� Craigie Ihren Onkel ermordet hat? Haben Sie angenommen, da� die beiden Diebe sich zerstritten haben?�</p><p>���Es gab keine Diebe, die sich zerstreiten konnten. Jedenfalls nicht, soweit es Jim betraf. In einem seiner Briefe schilderte er mir, da� der Mann, der diese Organisation leitete, eine religi�se Manie entwickelt habe. Nun, wir alle wissen, was aus solchen Menschen werden kann. Die H�lfte aller Psychopathen behauptet, Gott habe ihnen aufgetragen, Prostituierte zu ermorden, kleine Jungs oder einbeinige Rentner �bers Ohr zu hauen.� An dieser Stelle brach er ab, um sich eine Zigarette anzuz�nden. Heather begann zu husten und mit den H�nden zu wedeln.</p><p>���In einem Punkt haben Sie allerdings recht. Jim hielt den Mann f�r einen Betr�ger. Und es ist allein den wiederholten Anstrengungen meines Onkels zu verdanken, da� hier die Preise und Geb�hren fielen.�</p><p>���Sie verf�gen �ber eine Menge Phantasie, mein Sohn�, bescheinigte ihm Barnaby. �Das mu� man Ihnen lassen.�</p><p>���Das Hauptmotiv haben Sie genannt.� Ken hustete demonstrativ. �Wie steht es mit den anderen?�</p><p>���Geld - wie das so oft der Fall ist. Allem voran ein Anrecht auf dieses Anwesen, das Mr. Carter als rechtm��iger Erbe seines Onkels bestimmt f�r sich beansprucht.� Er legte eine Pause ein, damit Andrew Carter etwas erwidern konnte, was dieser aber nicht tat. �Und dann selbstverst�ndlich der ber�hmt-ber�chtigte Treuhandfonds. Den Miss Gamelin loswerden wollte. Carter befand sich in einer kniffligen Situation. Kaum war er hier eingetroffen, begann er schon, ihr den Hof zu machen. Nichtsdestotrotz ist es bislang nicht zu einer Verlobung gekommen, ganz zu schweigen davon, da� man schon die Kirchenglocken l�uten h�rt. Mag sein, da� sie unter Craigies Einflu� ein abgeschiedenes, m�glicherweise sogar z�libat�res Leben favorisierte. Also ein weiterer Grund, warum sein Tod Ihre eigenen Pl�ne beg�nstigt h�tte.�</p><p>���Da gab es keine &gt;Pl�ne&lt;. Ich habe mich verliebt.� Sein zorniger Blick tanzte zwischen Barnaby und Troy hin und her. �Merken Sie nicht, wie sehr Sie ihr zusetzen? Mit all diesen gemeinen L�gen.�</p><p>��Suhami beobachtete Andrew beim Sprechen. Nicht einen Hauch von Reue konnte sie entdecken. Aber wenn ohnehin alles L�ge gewesen war, was hatte er dann zu bereuen? Ihre eigene Reaktion auf diese Enth�llungen verwunderte sie. Nach dem ersten Schock, nach dem ersten Schmerz, der Sprachlosigkeit empfand sie rein gar nichts. Eine gro�e, alles umfassende Leere schien von ihr Besitz zu ergreifen. Ob Christopher sich tats�chlich in sie verliebt hatte, war f�r sie nicht l�nger von Belang. Sie versuchte sich an fr�here Gef�hle zu entsinnen, erinnerte sich an den Augenblick im Schuppen, wo sie vor Freude wie von Sinnen gewesen war. Die ganze Szene kam ihr jetzt gar nicht mehr so erfreulich vor. Zum ersten Mal in ihrem Leben war etwas schiefgelaufen, richtig schiefgelaufen, und sie lag nicht zerst�rt am Boden. Ihr eigenes Verhalten kam ihr h�chst r�tselhaft vor, aber beruhigte sie auch.</p><p>���Vergeben Sie mir, Inspector, da� ich das sage�, murmelte Arno, �aber was Sie da andeuten, ist unm�glich. Wie Andrew schon erl�utert hat und was wir alle best�tigen k�nnen - zu keiner Zeit hielt er sich in der N�he des Podestes auf. Wollen Sie etwa behaupten, er hatte einen Komplizen?�</p><p>���Einen unwissenden Komplizen. Nicht bei der Ausf�hrung des Mordes, aber nat�rlich mu�te er das Messer beschaffen und es in den Solar bringen. Er trug Kleidung, die es ihm nicht erm�glichte, die Mordwaffe am K�rper zu verstecken. Die Kleidungsst�cke w�hlte er ganz bewu�t, um sich sozusagen ein Alibi zu verschaffen.�</p><p>���Wie soll jemand ein Messer in den Solar bringen, ohne es zu wissen?� wunderte sich Ken.</p><p>���In einer Tasche�, antwortete Barnaby. �Am Messergriff fanden wir eine Faser, die das best�tigt. Wo auf dem Podest standen Sie, Mr. Carter?�</p><p>��Andrew antwortete ihm nicht. Statt dessen sagte Suhami: �Er stand neben mir.�</p><p>���Nachdem Sie Miss Cuttles Cape geholt haben, kehrten Sie nicht wieder an Ihren Platz zur�ck?�</p><p>���W�hrend ihren R�ckf�hrungen reagiert May des �fteren sehr heftig. Ich nahm an, es w�re hilfreich, wenn ich in ihrer N�he bleiben w�rde.�</p><p>���Haben Sie das fr�her auch schon mal gemacht?�</p><p>���Nein, trotzdem, ich finde nicht, da� die Tatsache, da� ich an jenem Tag so gehandelt habe, gen�gt, um Ihre Theorie zu st�tzen. Hat man die Absicht, jemanden zu t�ten, sucht man die N�he des Opfers und h�lt sich nicht von ihm fern.�</p><p>���Mein Lieber - Sie hatten doch gar keine Wahl. Weil Sie das Messer in die falsche Tasche gelegt haben. Erst als Sie das Cape rausnahmen, bemerkten Sie Ihren Fehler.�</p><p>���In meine Tasche!� Mays kraftvolle Stimme hallte durchs ganze Haus.</p><p>���Er dachte, sie geh�re Miss Gamelin. Die beiden Taschen sind sich sehr �hnlich.�</p><p>��In diesem Augenblick st�hnte Suhami auf. Wieder dr�ckte Heather das M�dchen an ihre Brust.</p><p>���Er hat in der letzten Minute so entschieden und sie vielleicht sogar getragen, damit sie keinen Blick mehr reinwerfen konnte.�</p><p>���Ja, das stimmt�, rief Ken aufgeregt. �Er hat sie f�r sie getragen. Ich erinnere mich ganz genau.�</p><p>���Ja, das will ich wohl glauben�, h�hnte Andrew.</p><p>���Er spekulierte auf das Durcheinander, das dann ja tats�chlich stattfand, aber selbstverst�ndlich hatte er gehofft, sich in diesem Moment in Craigies N�he aufzuhalten. Wie ich schon zuvor andeutete, ein Teil war geplant, der andere wurde spontan ausgef�hrt.�</p><p>���Mir leuchtet nicht ein, wie er im letzten Moment das Messer in die Tasche gelegt haben soll, Inspector�, bekundete Arno. �Er hat es nicht bei sich gehabt, und es lag auch nicht auf dem Tisch.�</p><p>���Ja, dieses Detail hat mir auch Kopfzerbrechen bereitet. Dann mu�te ich aber an Guy Gamelins Beschwerde denken. Man hatte ihm nicht gestattet, neben Sylvie zu sitzen, weil eines der Kommunenmitglieder diesen Platz schon eingenommen hatte. Ich gehe davon aus, da� auf Mr. Carters Stuhl ein Kissen gelegen hat. Das Messer war im Verlauf des Tages dort versteckt worden. Und der Gummihandschuh ebenfalls.�</p><p>���Dummerweise habe ich den linken genommen�, meinte Andrew aufgebracht. �Wo ich doch Rechtsh�nder bin.�</p><p>���Nur ein weiteres Mittel, um von der Wahrheit abzulenken. Ich gehe davon aus, da� Sie die Innenseite nach au�en gekehrt haben und den Handschuh sp�ter noch mal umgedreht haben. Sie konnten ja nicht wissen, da� Gamelin Linksh�nder war, was sich sp�ter noch als Pluspunkt erwies. Gamelin versuchte, das Ding hinter dem Vorhang zu verstecken. Und ist dabei beobachtet worden. W�re das nicht der Fall gewesen, w�re es Ihnen trotzdem gelungen, unser Augenmerk darauf zu lenken. Vielleicht �ber Miss Gamelin, die von Anfang an von der Schuld ihres Vaters �berzeugt war.�</p><p>���Alles nur Vermutungen. Sie kommen nicht weiter, Inspector - Sie k�nnen den Fall nicht l�sen und haben deshalb diese phantastische Geschichte erfunden. Und wenn Sie nun behaupten m�chten, da� ich ihn auf dem Weg zum Lichtschalter umgebracht habe, t�uschen Sie sich gewaltig. Ich habe mich �berhaupt nicht in seiner N�he aufgehalten. Und ich geh�rte auch nicht zu der Gruppe, auf die Craigie vor seinem Ableben zeigte.�</p><p>���Das spielt keine Rolle�, meinte Barnaby. �Denn Arthur Craigie hat gar nicht auf eine Person gezeigt.�</p><p>���Doch, hat er. Auf Gamelin. Das kann Ihnen jeder hier best�tigen.�</p><p>���Sicherlich mag es danach ausgesehen haben, nach dem, was sich zuvor an diesem Abend ereignet hatte. Wie mir aufgefallen ist, unterschied sich Gamelin in einer Hinsicht von allen anderen. Er war der einzige, der stand.�</p><p>���Und?�</p><p>���Dadurch versperrte er die Sicht.�</p><p>���Wie meinen Sie das, Inspector?� fragte Arno.</p><p>���Ich vermute, Craigie zeigte in die Richtung, aus der das Messer geworfen worden war!�</p><p>��Auf einmal sprachen alle durcheinander. Das Wort �geworfen� wurde mehrmals hintereinander erstaunt ausgerufen. Heather lie� Suhami los und rannte aufgeregt zu Ken zur�ck. Andrew brach in Gel�chter aus.</p><p>���Ach - das ist brillant. In einem dunklen Raum? Aus einer Entfernung von drei, vier Metern?�</p><p>���Nicht dunkel - schummerig. Und er trug ein strahlend wei�es Gewand.�</p><p>���Unm�glich.�</p><p>���Nicht f�r jemanden, der sich mit Messerwerfen seinen Lebensunterhalt verdient hat.� Das Geplapper verstummte auf einen Schlag. �Das haben Sie uns nicht erz�hlt, Mr. Carter, nicht wahr?�</p><p>���Es gibt viele Dinge, �ber die ich in Ihrer Gegenwart nicht gesprochen habe.�</p><p>���Was Sie nicht sagen�, warf Troy ein.</p><p>���Es war ein Fehler, da� Sie von Ihrer Zeit in Blackpool gesprochen haben. Wir haben uns mit Ihren Arbeitgebern in Verbindung gesetzt, die uns dar�ber aufgekl�rt haben, da� Sie sich nicht nur als L�wenb�ndiger, sondern auch als Feuerschlucker und Messerwerfer verdingt haben.�</p><p>���Jahrmarktstypen sagen alles m�gliche.� Barnaby schwieg eine Weile. Schlie�lich meldete sich Andrew Carter erneut zu Wort.</p><p>���Das ist es? Das sind die Beweise, die Sie gegen mich vorzubringen haben? Na, da kann ich nur sagen, sollte diese Geschichte wie durch ein Wunder jemals vor einem Gericht verhandelt werden, wird die Jury hysterisch lachend von den B�nken kippen.�</p><p>��Wunder, dachte Troy, da hat er recht. Konzentriert und vollkommen �berzeugt hatte er zugeh�rt, wie der Chief versucht hatte, Andrew Carter die Tat nachzuweisen, aber nun, da die bemerkenswerte Geschichte erz�hlt worden war, welche Beweise hielten sie in H�nden? Mit welchen Beweisen konnten sie �berhaupt aufwarten? Mit einer Faser, die am Messergriff entdeckt worden war. Der Rest - nichts als Mutma�ung. Keine Fingerabdr�cke auf der Mordwaffe. Einen kurzen Moment, in dem jeder in eine andere Richtung geschaut hatte. Carter mu�te nur bei seinem Standpunkt bleiben, und ein kompetenter Anwalt w�rde daf�r sorgen, da� er schneller wieder frei war, als man den Fall abweisen konnte. Und das wu�te er - dieser gerissene Gauner. Sein Achselzucken, sein Kopfsch�tteln, sein L�cheln machten das deutlich. Der w�rde nicht kleinbei geben. Oder Fehler machen. Selbst wenn es ihnen gelang, nachzuweisen, da� er fr�her mal kriminell gewesen war - brachte sie das weiter? Das bewies nur, da� er keine bl�tenreine Weste hatte. Troy warf dem Chief einen Blick von der Seite zu. Barnaby stierte mit nichtssagender Miene auf den Steinboden. Schlie�lich blickte er auf und sprach.</p><p>���Wie ist es Ihnen gelungen, den Jungen aus seinem Zimmer zu locken?�</p><p>��Herrje, jetzt ist er echt verzweifelt. Nachdem die erste Geschichte nicht gezogen hat, versucht er es auf diese Tour, die auch nichts bringen wird. Riley hatte Carter angegriffen und beinahe get�tet. Carter w�rde auf Notwehr pl�dieren. Sie kriegten ihn nicht mal f�r Totschlag dran. Auch wenn Troys Miene nichts von seiner Skepsis verriet, war ihm schwer ums Herz. Was hatte der Chief gestern noch gesagt - den rei�enden Strom hoch, ohne Paddel? Verdammt richtig! F�r einen Sekundenbruchteil empfand Troy so etwas wie Mitleid f�r Barnaby. Oder gar Zuneigung. Diese Regung war seiner Natur so fremd, da� es ihn ungemein erleichterte, als das Gef�hl sich genauso abrupt verfl�chtigte, wie es aufgetaucht war.</p><p>��Die Anspannung im Raum hatte sich gelegt, was in erster Linie Andrews gespielt ehrlichem Gel�chter zuzuschreiben war. May brach das unbequeme Schweigen, indem sie Arno fragte, wie es seinem Fu� ginge. Suhami kehrte allen den R�cken zu. Heather sammelte die benutzten Tassen ein und stellte sie in die Sp�le. Nur Troy bekam mit, wie sich die T�r leise �ffnete.</p><p>��Barnaby wiederholte seine Frage. �Wie ist es Ihnen gelungen, den Jungen aus seinem Zimmer zu locken}�</p><p>���Er imitierte Arnos Stimme.�</p><p>��Felicity trug ihr Caroline-Charles-Kost�m und geborgte Pelzhandschuhe. Sie war leichenbla�, ihre Stimme hingegen deutlich und klar. Die Anspannung im Zimmer baute sich wieder auf.</p><p>���Kommen Sie und setzen Sie sich, Mrs. Gamelin.� Wiederbelebt zog Barnaby einen Stuhl unter dem Tisch hervor. Z�gerlich und �ngstlich dreinblickend, trat sie n�her. Nachdem sie Platz genommen hatte, setzte sich Barnaby mit einer Pobacke auf den Tischrand und versperrte ihr mit seinem breiten R�cken den Blick auf Andrew Carter.</p><p>���Schildern Sie mir, was sich zugetragen hat.�</p><p>���Ich wachte auf und mu�te dringend zur Toilette. Ich zog einen Bademantel an und war gerade dabei, die T�r zu �ffnen, als ich... ihn... sah.�</p><p>���Andrew Carter?�</p><p>���Christopher.�</p><p>���Und wo?�</p><p>���Er kniete vor dem Schl�sselloch von Tims Zimmert�r. Seine Lippen waren ganz dicht am Schl�sselloch. Er sagte: &gt;Hier ist Arno. Ich bringe dir dein Abendessen&lt;. Seine Stimme klang ganz anders. Das war richtig unheimlich. Er hatte kein Tablett und auch sonst nichts dabei, nur dieses gr��liche Radkreuz, das er an die Wand gelehnt hatte. Als Tim die T�r �ffnete, packte ihn Christopher und zerrte ihn auf den Flur hinaus und... und fing an, auf ihn einzudreschen. Ich h�tte Hilfe holen sollen... ich wei�. Aber ich hatte Angst. So kehrte ich in mein Zimmer zur�ck. Ich habe nicht mal die Polizei angerufen. Es tut mir ja so leid... so leid...�</p><p>���Wir sind zu jenem Zeitpunkt ohnehin schon unterwegs gewesen, Mrs. Gamelin.�</p><p>���Ach - ist das wahr?�</p><p>���Ja, das ist wahr.�</p><p>���Dann f�hle ich mich nicht mehr so... Ich h�rte, wie Glas zersprang. Ist er in Ordnung? Geht es Tim gut?�</p><p>��Alle schwiegen betreten. Heather ging zu Felicity hin�ber und sagte: �Soll ich Ihnen eine Tasse Malzkaffee bringen? Mit viel Honig?�</p><p>��Troy fragte sich, ob das dieses schreckliche Gebr�u war, das ihm in der Mordnacht angeboten worden war. Falls ja, dann gab es Felicity eher den Rest, als da� es sie wiederbelebte. Und das kam ganz und gar nicht in Frage, weil sie bei der Gerichtsverhandlung auf ihre Aussage angewiesen waren. Was Gl�ck! Da� sie die Wahrheit sprach, hatte ihm Carters verraten, auch wenn der Kerl versucht hatte, sich nichts anmerken zu lassen. Jetzt mu�ten sie nur vorsichtig weitermachen, ihn verhaften, und dann war die Sache endlich abgeschlossen. Der Chief war aufgestanden und gerade im Begriff, etwas zu sagen. May kam ihm zuvor.</p><p>���Was Sie vorhin �ber den Tod des Meisters gesagt haben, gibt mir zu denken. Ich frage mich, ob ich mich bei meiner ersten Aussage nicht deutlich genug ausgedr�ckt habe.�</p><p>���In welcher Hinsicht, Miss Cuttle?�</p><p>���Nun, ich habe nat�rlich alles gesehen, wissen Sie?� Barnaby hatte das Gef�hl, die Erde �ffne sich unter seinen F��en und verschlinge ihn. Das kann doch wohl nicht wahr sein, redete er sich ein, das mu� doch irgendwann ein Ende haben.</p><p>���Steht alles in meiner Aussage.� Das war die einzige Aussage, der er keine gro�e Bedeutung beigemessen hatte. Er hatte May unterstellt, nur �bernat�rlichen Schwachsinn von sich zu geben. �Ein silberner Pfeil? Der �ber mich hinwegflog?�</p><p>��O Gott! Ach du heilige Schei�e! Er wu�te nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Weinen nat�rlich. Was sonst? Wo seine Ignoranz ein weiteres Leben gekostet hatte. Auf einmal sch�mte sich der Chief Inspector. Er mu�te an Joyces hartn�ckige Anschuldigung denken, da� er nie zuh�rte, und daran, wie er versucht hatte, Troy davon abzuhalten, der Betr�gertheorie nachzugehen. Anscheinend hielt er sich selbst f�r unfehlbar. Zum Gl�ck hatte der Sergeant nicht auf ihn geh�rt und war der Sache nachgegangen. H�tte er nicht eigenm�chtig gehandelt...</p><p>��Meine Arterien verkalken, dachte Barnaby. Und das gef�llt mir nicht. Erst jetzt merkte er, da� May mit ihm sprach.</p><p>���Zu jenem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck�, sagte May, �da� Sie einfach nicht in der Lage waren, noch mehr esoterisches Wissen zu verkraften. Mag durchaus sein, da� ich mich geirrt habe.�</p><p>��Ja, das hast du, du dumme alte Ziege, scho� es Troy durch den Kopf, als er sah, da� der Chief am Boden zerst�rt war. Was nichts daran �nderte, da� der Sergeant nur zum Teil Verst�ndnis f�r seinen Bo� aufbrachte. Da Barnaby ihm immer wieder unter die Nase gerieben hatte, er solle Aufgeschlossenheit beweisen, empfand er so etwas wie Schadenfreude. Dar�ber hinaus schm�lerte diese Entdeckung teilweise Troys Schuld. W�rde Barnaby irgendwann die f�nfzehnmin�tige Diskrepanz auffallen, die zwischen dem aus Blackpool eingegangenen Anruf und dem Anruf des Sergeants lag, h�tte er sich nur mit einem �Woher h�tte ich das denn wissen sollen?� herausreden k�nnen. Gewi� kein stichhaltiges Argument. Nun hatte auch der Bo� einen D�mpfer verpa�t bekommen. H�tte er May Cuttles Aussage gr��ere Aufmerksamkeit geschenkt, w�re der Junge verschont geblieben, und sie h�tten sich eine Menge Zeit und Geld gespart.</p><p>��Der Fall war erledigt. Troy kn�pfte sein Jackett zu und trat einen Schritt nach vorn, rechnete insgeheim aber mit Schwierigkeiten. Die gab es nicht. F�nf Minuten sp�ter sa�en die drei M�nner im Wagen und fuhren zum Revier.</p><p>��Troy sa� am Steuer. Barnaby sa� hinten neben einem verdrie�lich dreinblickenden Andrew Carter. Vehement hatte er Felicitys Geschichte abgestritten, ihr Halluzinationen unterstellt. Konnte doch ein Blinder sehen, da� jahrelanger Alkohol- und Drogenkonsum ihr Gehirn zerfressen hatte.</p><p>���Nun, wir werden das Radkreuz auf Fingerabdr�cke untersuchen.�</p><p>���Ja, tun Sie das nur. Ich habe Ihnen gesagt, da� ich es in der Hand gehalten habe, als wir auf dem Dach gewesen sind. Und ein paar Tage davor habe ich es in mein Zimmer gebracht.�</p><p>���Sollte das alles sein, was Sie sich zuschulden kommen lie�en, werden sie es auch rausfinden.�</p><p>��Beim Sprechen studierte Barnaby Andrews Gesicht. Der junge Mann grinste selbstgef�llig in sich hinein. Lehnte sich l�ssig nach hinten, legte ein Bein �ber das andere. Als er an seinem Turnschuh rumzupfte, rutschte sein Jacken�rmel nach oben. Etwas an seinem Handgelenk funkelte.</p><p>���Woher haben Sie das?�</p><p>���Ein Geschenk. Von der jungen Dame, die beinahe meine Verlobte geworden w�re.�</p><p>���Dann hat sie ja gerade noch mal Gl�ck gehabt.�</p><p>���Ich auch. Die ist tierisch neurotisch. Quatscht dauernd �ber ihr Seelenleben. Kann ich rauchen?�</p><p>���Jetzt nicht. Sagen Sie mir - um meine Neugierde zu befriedigen - wu�ten Sie schon vor Ihrem Eintreffen auf Windhorse, da� sie dort lebte?�</p><p>��Carter antwortete nicht gleich, sondern �berlegte erst, welche Konsequenzen eine wahrheitsgetreue Aussage haben k�nnte. Dann meinte er: �Ja. Mein Onkel hat es mir geschrieben. Er hat sie erkannt.�</p><p>���Zweifellos mit Hilfe eines Eintrags in einer buddhistischen Schrift.�</p><p>���Es ist kein Verbrechen, sich eine reiche Frau zu suchen. W�re dem so, w�rde die H�lfte der m�nnlichen Bev�lkerung morgen in den Knast wandern.�</p><p>���Waren Sie jemals im Gef�ngnis?�</p><p>���Nat�rlich nicht.�</p><p>���Sie haben mal was in dieser Richtung fallenlassen.�</p><p>���Das mu� ein Versprecher gewesen sein.�</p><empty-line/><p>In den Wochen vor der Gerichtsverhandlung kamen weitere Informationen �ber die beiden Carters ans Licht. Angesichts der Fakten waren Andrew Carters Proteste unhaltbar. Er beschlo�, sich im Fall von Arthur Craigie schuldig zu bekennen, nachdem er seine Uhr verkauft und mit dem Geld einen Anwalt genommen hatte.</p><p>��Nach und nach r�ckte er mit der Wahrheit heraus. Er gab zu, da� sein Onkel (nachdem er im Fernsehen einen Dokumentarbericht �ber einen amerikanischen Guru gesehen hatte, der mit einer Karawane von Rolls-Royces geflohen war, die er mit dem Geld seiner Anh�nger gekauft hatte) seinen alten Partner im Albany-Gef�ngnis aufgesucht und ihm folgende Idee verkauft hatte: Sie sollten sich zusammentun und auch so eine Nummer durchziehen. Genau das hatten sie dann auch getan. W�hrend der Verhandlung wurde ausf�hrlich auf den von Carter eingebrachten finanziellen Beitrag eingegangen und auf die Frage, was damit nach dessen Tod geschehen sollte. Andrew Carters Mittellosigkeit wurde ebenfalls thematisiert, denn das Geld, das aus dem Verkauf des Hauses stammte, h�tte eigentlich ihm als n�chstem Angeh�rigen als Erbe zugestanden.</p><p>��Ein d�nner und ausgemergelter Andrew Carter schilderte auf anr�hrende Weise, wie er in der Mordnacht gezwungenerweise seine wahre Identit�t preisgegeben und darum gebettelt hatte, wenigstens einen Teil seines Geldes, das rechtlich und moralisch ihm geh�rte, zu bekommen. Sein Flehen hatte allerdings zu nichts gef�hrt. Craigie, so erz�hlte er dem Gericht, h�tte ihm nur ins Gesicht gelacht.</p><p>��Carters Anwalt, der brillante G�rard Malloy-Malloy, ging in einem umwerfenden Abschlu�pl�doyer ausf�hrlich auf den Charakter des verstorbenen Betr�gers ein. Minuti�s und akribisch genau trug er die ganze Liste herzloser Gaunereien und Betr�gereien vor. Am Ende wunderten sich seine Zuh�rer nicht mehr �ber Craigies Ermordung, sondern nur noch dar�ber, warum das nicht schon fr�her geschehen war.</p><p>��Mit seiner Weigerung, sich f�r den Mord an Timothy Riley schuldig zu bekennen, kam Carter durch. Da Felicity seit Jahren instabil war, Drogen genommen und an besagtem Abend einen Schlaftrunk verabreicht bekommen hatte, ehe sie Carter anscheinend dabei beobachtet hatte, wie er Riley aus dem Zimmer lockte, wurde sie als unzuverl�ssige Zeugin betrachtet. In Windeseile gelang es dem Anwalt, sie zum Weinen zu bringen und bei ihr Zweifel an der eigenen Aussage zu s�en. Die vielen Fingerabdr�cke belegten nur, da� beide M�nner das Radkreuz in der Hand gehalten hatten.</p><p>��F�r Rileys gef�hrlich aggressives und gewaltt�tiges Verhalten wurden Beweise erbracht. Er hatte den Tod des Onkels des Beschuldigten herbeigef�hrt und des weiteren versucht, den Beschuldigten selbst zu t�ten, der sein Lebensaltern seiner schnellen Reaktionsf�higkeit zu verdanken hatte. (An dieser Stelle wurde der Metallbrocken gezeigt.)</p><p>��Niemand au�er Andrew Carter kannte den wahren Grund f�r Tims Tod. Troy hatte ein paar Vermutungen ge�u�ert, von denen nicht eine aufgegriffen wurde. Beweisen lie� sich nur, da� Tim w�hrend Mays R�ckf�hrung unfreiwillig von seinem geliebten Meister getrennt worden war und sich gleich danach wieder auf seinen Platz begeben hatte. Er hatte gesehen, was passiert war, hatte sich umgedreht und den M�rder erkannt. Und war infolgedessen ebenfalls erkannt worden.</p><p>��Carter wurde zu acht Jahren Gef�ngnis verurteilt, wovon er sechseinhalb Jahre absa�. Da er klug genug gewesen war, den Rest der Summe aus dem Armbanduhrverkauf einem irren, aber gewitzten Investmentbroker zu �bertragen, verf�gte er - nachdem er auf Bew�hrung entlassen wurde - �ber ein stattliches Verm�gen. Ein paar Wochen sp�ter verlie� er, das Geld in einem Bauchg�rtel versteckt, das Land.</p><p>��Ein paar Monate reiste er quer durch Europa, lebte auf gro�em Fu�, warf mit Geld um sich und spielte, bis eine undurchsichtige Sache in Marseille (ein markierter Kartensatz bei einem Pokerspiel) ihn zwang weiterzuziehen. Er floh nach Amerika, nach San Diego. Der Sonnenstaat Kalifornien hatte seit jeher gro�e Anziehungskraft auf ihn ausge�bt. Dort mietete er einen Wagen, um die K�ste hochzufahren. Ungl�cklicherweise wurde er kurz vor Sausalito von einer Horde als Mafiosi verkleideter New-Age-Schamanen �berfallen, schwer mi�handelt und ausgeraubt.</p><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>Epilog</strong></p></title><p>Ein paar Tage nach der L�sung des Falles verlie� Sylvie Gamelin Manor House. Das Angebot ihrer Mutter - der Schl�ssel zum Haus in London - schlug sie aus und zog statt dessen in ein anonymes Hotel in Victoria. Einen ganzen Monat verlie� sie nur selten ihr Zimmer, ruhte sich aus, besuchte hin und wieder das Hotel-Restaurant und stattete dem Anwalt der Familie einen Besuch ab.</p><p>��Die Enth�llungen �ber Arthur Craigie (sie konnte es sich nicht angew�hnen, ihn als jemand anderen zu sehen) hatten sie sehr schockiert. Obgleich Sylvie seine Verwandlung - die vor ihrem Zusammentreffen stattgefunden hatte - als echt empfand, gelang es ihr nicht, seine Lehren so unkritisch und mit der gleichen Bewunderung wie fr�her zu betrachten, was die aus seinem Tod resultierenden Verlustgef�hle nur noch zu verst�rken schien. Andererseits war ihre Verwirrung so gro�, da� sie nicht in der Lage war, ernsthaft um ihn zu trauern.</p><p>��Die Einsamkeit im Hotel half ihr, all die verschiedenartigen Gef�hle zu verarbeiten. Ganz allm�hlich lernte sie, den wahren Wert der Einblicke zu sch�tzen, die der Meister ihr vermittelt hatte und die von der Beschaffenheit seines Charakters nicht geschm�lert wurden. Und sie sp�rte auch, da� die im Verlauf der Meditationen gemachten Erfahrungen nichts mit ma�loser Selbst�bersch�tzung zu tun hatten. Diese Erfahrungen waren echte, wenn auch unergr�ndliche Bekr�ftigungen f�r die Richtigkeit ihrer Entscheidung. Sie hatte einen Lebensweg gew�hlt, der Spiritualit�t nicht ausschlo�.</p><p>��In dieser Zeit erhielt sie einen Brief von Willoughby Greatorex, in dem der Anwalt sie schriftlich um einen Besuch bat. .Etwas widerwillig folgte sie dieser Aufforderung, in der ErWartung, von ihm onkelhaft �ber die Zukunft ihres Treuhandverm�gens beraten zu werden. Tats�chlich beabsichtigte er, Sylvie das Testament ihres Vaters vorzulesen. Guy hatte alles, was er vor seinem Tod besessen hatte, seiner Tochter vermacht. Die Nachricht war keine Neuigkeit. Dennoch best�rzte es sie, da� er genau so verfahren war. Ehe sie sich verabschiedete, h�ndigte Sir Willoughby ihr einen gro�en Briefumschlag mit den Worten aus, es w�re der ausdr�ckliche Wunsch ihres Vaters gewesen, da� sie ihn erhielt. Den Inhalt kannte er nicht.</p><p>��Im Hotelzimmer verstaute Sylvie den Briefumschlag in der hintersten Schrankecke und versuchte ihn zu vergessen. Sie brauchte keine weiteren Erinnerungen an ihren Vater. Eine Sache, die sie im Verlauf ihrer einsamen Introspektion immer wieder besch�ftigte, war das Wissen, da� ihr Vater in dem Glauben gestorben war, da� sie ihn f�r schuldig hielt an der Ermordung von Arthur Craigie. Mehrere Male hatte sie, ruhig auf dem Bett sitzend und darum bem�ht, Ordnung in ihre wirren Gedanken zu bringen, mit geschlossenen Augen den Versuchunternommen, mit ihm �Verbindung aufzunehmen�. Dabei war ihr vor lauter Konzentration stets ganz schwindlig geworden. All ihre mentalen Anstrengungen erwiesen sich als vergebliche Liebesm�h. Da Guy unerreichbar blieb, erfuhr er nicht, wie sehr seine Tochter ihr Verhalten bereute.</p><p>��Einige Tage sp�ter �ffnete sie den Briefumschlag und leerte den Inhalt aufs Bett. Sie hatte damit gerechnet, Versicherungspolicen, Aktien und Wertpapiere zu finden und nicht Fotos, abgerissene Eintrittskarten, Programme und ein paar gefaltete Briefseiten. Z�gernd griff sie nach dem obersten Blatt Papier und strich es glatt.</p><p>��Es war ein Schulreport aus dem Winterhalbjahr 1983. Und noch viel, viel mehr lag auf der Bettdecke. Tausend kleine Erinnerungen bis zu dem Jahr, in dem sie von zu Hause fortgegangen war. Au�erdem ein paar Zeichnungen, Karten, wissenschaftliche Skizzen und ein mit Spitze verzierter Kragen, auf dem �S.G.� gestickt war. Da waren Notenbl�tter und ein St�ck, �The Robin�s Return�, das wild mit einem Filzstift vollgekritzelt war. Eine von einem Gummiband zusammengehaltene Haarlocke. Sie erinnerte sich, wie sie - als ihr die Haare bis zur Taille reichten - darauf bestanden hatte, sie schneiden zu lassen, nur weil ihr Vater betont hatte, wie sehr ihm ihre langen Haare gefielen. Ihr Blick fiel auf zwei Ticketh�lften auf einer Postkarte mit einem Gorilla, auf der �Unser Tag im Zoo� geschrieben stand.</p><p>��Sie arbeitete sich durch, las nicht alles, warf auf manches nur einen kurzen Blick. Ganz allm�hlich, St�ck um St�ck, erfa�te sie das Ausma� seiner Einsamkeit, seines seelischen Leids, verglich beides mit ihren eigenen Gef�hlen. Zuunterst lag ein kleiner, zugeklebter Umschlag, auf dem ihr Name stand. Mit diesem Brief bat er um Vergebung. Der Schreiber war sich dar�ber im klaren, da� seine Zuneigungs�u�erungen nicht willkommen waren, aber nun, da er nicht mehr unter den Lebenden weilte, konnte seine Liebe vielleicht im nachhinein angenommen, akzeptiert werden. Er w�nschte ihr alles Gl�ck der Welt. Sie war die einzige, unverdiente Freude seines Lebens, und er war stets ihr ergebener Vater gewesen.</p><p>��Sylvie hielt das Blatt Papier lange in der Hand. Sa� vollkommen reglos auf dem Bett, bis das Zimmer im Dunkeln lag, bis ihr Profil sich wie ein Scherenschnitt gegen den orangeroten Schein der Stra�enlaternen abzeichnete. Sie f�hlte sich in die Enge getrieben, merkte, wie Wut in ihr aufstieg bei der Erinnerung an die Jahre der Entfremdung. Der Brief und der herzzerrei�ende Berg Andenken warfen ein anderes Licht auf die Beachtung, die er ihr geschenkt hatte, auf seine Bem�hungen, die sie fr�her als geh�ssig und autorit�r empfunden hatte. Sie entsann sich, wie er in einem T�reingang gegen�ber ihrer Wohnung gelauert und versucht hatte, sich zu verstecken, wenn sie herauskam, w�hrend sie sich lautstark �ber sein Verhalten beklagt hatte.</p><p>��Nun fragte sie sich, was an seinem Verhalten eigentlich so schlimm, so unertr�glich gewesen war. Er hatte sie vernachl�ssigt, wie das zweifellos zahllose andere vielbesch�ftigte V�ter auch taten. Sp�ter versuchte er, diesen Fehler wiedergutzumachen, und �bertrieb dabei so sehr, wie er das in allen anderen Lebensbereichen auch tat, seiner Natur entsprechend. Das Blatt Papier in den zitternden H�nden haltend, wunderte sich Sylvie, wie leicht es ihr gefallen war, ihm gegen�ber ihr Herz zu verschlie�en.</p><p>��Der Meister hatte einmal gesagt: �Wagt den Versuch, euch in der Ewigkeit kennenzulernen.� Sie hatte erst gar nicht versucht, ihren Vater kennenzulernen. Jetzt blieb ihr nur noch dieser Brief und die M�glichkeit, �ber all die verpa�ten Gelegenheiten zu lamentieren. Diese Gedanken setzten ihr so sehr zu, da� sie das Hotel verlie�, um durch die umliegenden Stra�en zu spazieren. Gelbes Laub s�umte die B�rgersteige. Ihre Umgebung, die Menschen, denen sie begegnete, nahm sie kaum wahr. Kurz ruhte sie sich auf einer Bank aus, ehe sie mit schnellen Schritten weitermarschierte. Erst als sie v�llig ersch�pft war, kehrte sie in ihr Hotel zur�ck und legte sich schlafen. Einmal ging sie in den Park und verbrachte den ganzen Nachmittag versteckt hinter B�schen, bem�ht, an nichts zu denken, nur langsam und regelm��ig zu atmen, wie man es sie gelehrt hatte, doch ohne Erfolg. Linderung war ihr nicht beschieden. Reue, jenes erstickende und sterile Gef�hl, bem�chtigte sich ihrer, raubte der Gegenwart Licht und W�rme, verweigerte ihr die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.</p><p>��Des �fteren kam sie an Eccleston Square 58 vorbei. Irgendwann fiel ihr auf, da� dort die Buddhistische Gesellschaft ans�ssig war. Weitere Wochen verstrichen, ehe sie l�utete und die gl�nzende schwarze T�r �ffnete. Nach dem ersten Besuch schaute sie fast jeden Nachmittag vorbei, verbrachte etwas Zeit in der Bibliothek, las und geno� vor allem die Stille. Anf�nglich vermied sie es, die geschnitzte Rupa anzusehen, die sie an die groteske Auseinandersetzung auf Manor House erinnerte. Doch je �fter sie kam, desto heimischer f�hlte sie sich. Allm�hlich verbla�ten die Bilder der Vergangenheit.</p><p>��Sie begann den samst�glichen Meditationskurs zu besuchen und schlo� sich der w�chentlich stattfindenden Diskussionsgruppe an, zu der einmal Thannisara, eine buddhistische Nonne, eingeladen wurde. Deren Aura konzentrierter Aufmerksamkeit, ihre Grazie, Warmherzigkeit und die Tatsache, da� sie so h�ufig lachte, all das faszinierte Sylvie. So beschlo� sie, ein paar Tage in Amaravati zu verbringen, einem buddhistischen Kloster unweit von Great Gaddesden, dem die Nonne angeh�rte.</p><p>��Nach mehreren Aufenthalten dieser Art kaufte sie in der N�he ein kleines Cottage, verbrachte viel Zeit in Amaravati und wuchs nach und nach in die Rolle der weltlichen Helferin hinein. Sie machte sich in der K�che oder den G�rten n�tzlich. Am Tag der offenen T�r half sie, sich um die Kinder zu k�mmern. Mit der Zeit verschmolz ihr Innen- und Au�enleben harmonisch mit dem der spirituellen Gemeinschaft, was ihr eine gewisse Zufriedenheit verschaffte.</p><p>��Einmal pro Woche traf sie sich zu einem Gespr�ch mit Schwester Thannisara. Im Verlauf dieser Stunden wurde Sylvie so etwas wie ein spezieller Dispens gew�hrt, in denen sie entweder mit sich selbst hart ins Gericht ging oder anderen die Schuld an ihrer gegenw�rtigen Misere gab. Immer und immer wieder pfl�gte sie denselben Acker, bis die Worte null und nichtig wurden und wie kalte Asche in ihrem Mund lagen.</p><p>��Die Schuldgef�hle lie�en nach. Ihre Gedanken wurden klarer, die Wunden schlossen sich. Die Vergangenheit verlor zusehends die Macht �ber sie. Irgendwann �berlegte sie, ihre Mutter zu besuchen. Der Heilungsproze� brachte es mit sich, da� sie immer seltener an Andrew Carter dachte. Sechs Monate sp�ter war die Erinnerung an ihn vollends Verbla�t.</p><p>��In bezug auf Ken und Heather, was gibt es da zu sagen, was der Leser (vorausgesetzt, er oder sie besitzt einen Fernsehapparat) nicht schon w��te? M�glicherweise gen�gen ein paar Einzelheiten zu ihrem Abschied von Manor House. Am Morgen nach Tim Rileys Tod packten sie ihre Koffer.</p><p>��Die Beavers erschienen zum Fr�hst�ck und verharrten mit gesenkten K�pfen, eingefallenen Schultern und zusammengepre�ten Handfl�chen auf dem glatten Steinboden. Sie erkl�rten, sie h�tten seit ihrem fehlerhaften Betragen nicht mehr schlafen k�nnen und k�mpften seither mit so schlimmen Schuldgef�hlen, da� sie keine andere M�glichkeit sahen, als f�r immer von Manor House wegzugehen.</p><p>��Die anderen widersprachen ihnen. Boten Vergebung an, ohne Bedingungen daran zu kn�pfen. Ken rief: �Feuerkohlen!�, lie� sich aber nicht dazu bewegen, seine Entscheidung zu revidieren. Sie packten ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und waren innerhalb einer Stunde verschwunden. Als Ken die Kieszufahrt runterhoppelte, schien sich sogar der Gips f�r sein Betragen zu sch�men. Sie schauten nicht zur�ck.</p><p>��Am darauffolgenden Wochenende erschien in News of the World (die w�hrend der Abendmeditation auf der Terrasse angerufen und den Preis des Daily Pitch verdoppelt hatte) der erste Teil ihrer Exklusivstory. Nichts wurde ausgelassen. Statt dessen flo� eine Menge ein, das nichts mit der Realit�t zu tun hatte.</p><p>��Auf Heathers Venusbesuche wurde ausf�hrlich eingegangen. Des weiteren auf die Unterst�tzung der G�tter und anderer kleiner Luftgeister, die ihr halfen, ihren allt�glichen Pflichten nachzugehen. All dies wurde unter der �berschrift �Elementargeister, mein lieber Watson� pr�sentiert. Zwei Wochen sp�ter wurde das Ehepaar zu Wogan eingeladen in der Annahme, sie w�ren genau die Richtigen, um sich auf ihre Kosten lustig zu machen. Nun, dieser Schu� ging sozusagen nach hinten los, denn mitten in der Sendung verfiel Ken urpl�tzlich in Trance und channelte Hilarion und die Kristallinen Horden mit solch dynamischer Autorit�t, da� die Telefonleitungen auf der Stelle hei�liefen, weil unz�hlige Anrufer ein Wochenende buchen wollten. Als die ersten Nachrichten von der anderen Seite eintrafen (von Cosmo Lang, dem letzten Erzbischof von Canterbury, der sich f�r seine Rolle bei der Unterdr�ckung des Kirchenberichtes �ber Spiritualit�t und Kommunikation entschuldigte), herrschte im Studio helle Aufregung.</p><p>��Danach war alles nur noch eine Frage der Zeit. Wenige Tage sp�ter hatte Baz Badaistan, der - was das R�hren der Werbetrommel anging - hinter Malcolm McLaren den zweiten Platz einnahm, Ken und Heather unter seine Fittiche genommen. Es dauerte nicht lange, und sie besuchten landauf, landab ausgebuchte H�user. Wie gew�hnlich wurden die Sitzungen mit einer Demonstration von Heathers Heilk�nsten beendet. Mit einem himmlischen L�cheln auf den Lippen legte sie die Fingerspitzen auf die Stirn des Bittstellers, der dann obligatorisch in Kens ausgebreitete Arme fiel. Fielen die Kandidaten nicht von allein nach hinten, �bte Heather mit den Fingern so lange Druck aus, bis sie nachgaben.</p><p>��Ihre Fernsehsendung The Perfect Medium, in der das Publikum stets mit einbezogen wurde, war von Anfang an ein Riesenerfolg. Ken und Heather erschienen in mit Edelsteinen besetzten, bestickten Kaftanen auf der B�hne, versuchten lachend auf dem Karmischen Klapometer die Astralpunkte des anderen zu �bertreffen und �bertrafen damit auch noch die Einschaltquoten von Coronation Street. Am Ende der Sendung klimperte Heather auf einem Instrument und gab irgendein Lied zum besten. �Verspr�h etwas �ther und l�chle, l�chle, l�chle� stand bald auf Platz eins der Hitparade.</p><p>��Trotz ihrer Entschlossenheit, sich nicht von materiellem Wohlstand und irdischem Denken verf�hren zu lassen, h�uften die Beavers so viel Krimskrams an, da� sie eine Penthousewohnung mit f�nf Zimmern auf der Canary Wharf kaufen mu�ten, um all ihre weltlichen G�ter verstauen zu k�nnen. Eine Haush�lterin und eine Sekret�rin organisierten ihren Alltag, da Ken und Heather zu stark beansprucht von kosmischen Dekreten und Vorahnungen, Gesch�ftstreffen und Pl�nen f�r eine zweite Fernsehserie waren, um sich mit allt�glichen Problemen zu belasten. F�r das kommende Jahr wurden Europa und die Vereinigten Staaten anvisiert.</p><p>��76 Beauclerc Gardens, W11, war ein hohes, schmales, vier? stockiges Geb�ude mit wundersch�nen schmiedeeisernen Balkons, deren Gel�nder an New Orleans erinnerten. Da es Indigoblau angestrichen war und eine strahlend gelbe Sonne vom Dach l�chelte, konnte man es nicht �bersehen.</p><p>��Das Haus geh�rte The Lodge of the Golden Windhorse, einer Organisation, die sich der Meditation und Heilung verschrieben hatte und von den anderen Bewohnern von Holland Park unisono als gew�hnlich abgestempelt wurde. Das �rtchen Compton Dando hingegen, wo die Kommune zuvor ihre Zelte aufgeschlagen hatte, hatte sich �ber deren Weggang gefreut. Ein, zwei Dorfbewohner hatten sich sogar dazu herabgelassen, sich vor Freude zu bekreuzigen, als die Umzugswagen kamen.</p><p>��Das neue Haus wurde folgenderma�en genutzt: Im Keller gab es zwei R�ume, die f�r Beratungen, Therapien und Workshops genutzt wurden. Im Erdgescho� befanden sich der Empfang, ein Buchgesch�ft und eine Bibliothek. Im ersten Stock lagen die Behandlungszimmer und im oberen Stockwerk die Privatr�ume, zu denen ein gro�es, bequemes Wohnzimmer und ein winziges Schlafzimmer mit einer Dusche und einer kleinen K�chenzeile geh�rten.</p><p>��Janet lebte in dieser extra f�r sie umgebauten Wohnung, die ihr kostenlos �berlassen worden war. Daf�r mu�te sie f�nfundzwanzig Stunden die Woche B�roarbeit leisten. Tats�chlich arbeitete Janet viel mehr, nachdem sie entdeckt hatte, da� sie Talent f�r diese Aufgabe hatte und der Job ihr Spa� machte. Mit der Pr�zision eines Schiffskapit�ns herrschte sie �ber ihr Empfangsb�ro, ein h�bsches Zimmer mit hohen Decken und voller Blumen. Bislang hatte sie sich nachdr�cklich geweigert, eine bezahlte Aushilfskraft einzustellen. Auf ihrer mit Leder bezogenen Schreibtischplatte standen drei Telefone und ein Computer. An der Wand hingen Poster kommender Veranstaltungen und ein gro�er, mit bunten Stecknadelk�pfen gespickter Kalender.</p><p>��An ihrer neuen Aufgabe �berraschte Janet am meisten, mit welcher Selbstverst�ndlichkeit sie sich um den Empfang k�mmerte, Menschen begegnete, Informationen weitergab, Vorschl�ge zu Kursen und Behandlungsmethoden erteilte. Nat�rlich spielte sie eine Rolle. Die wahre Janet (die alte Janet) stand daneben, beobachtete sie mit verst�ndnislosem Kopfsch�tteln und w�re diesem Anspruch nie gerecht geworden. Die neue Janet sch�ttelte ebenfalls den Kopf, weil sie Tweedr�cke, Seidenpullover und glatte enge Hosen trug und sich einen neuen Haarschnitt zugelegt hatte... Diese Ver�nderung hatte sie Felicity zu verdanken, die taktvoll darauf hingewiesen hatte, da� Kordhosen und eine wilde Haarm�hne eventuell nicht das richtige Outfit f�r eine Empfangssekret�rin waren.</p><p>��Mittlerweile ging Janet h�ufig aus. Kurz nach ihrem Umzug nach London hatte sie sich davor gef�rchtet, das Haus zu verlassen, aus Angst, Trixie �ber den Weg zu laufen. (Slough war nicht allzu weit entfernt.) Als sie dann endlich einkaufen ging, �begegnete� ihr Trixie bei jeder Gelegenheit wenigstens einmal. Einmal lief sie sogar einem blonden M�dchen mit einer Baskenm�tze hinterher, folgte ihr durch das gesamte C-&amp;-A-Geb�ude, bis das M�dchen, das nat�rlich nicht Trixie war, drohte, den Gesch�ftsf�hrer zu rufen.</p><p>��Nach einer Weile lie� ihre Anspannung nach. Sah sie jemanden, der eine vage �hnlichkeit mit ihrer ehemaligen Freundin hatte, schaute sie in die andere Richtung. Oder wechselte gar die Stra�enseite, um eine Begegnung zu vermeiden. Die Zeit erm�glichte ihr eine ges�ndere Perspektive auf ihre fr�here Zuneigung. Sie verstand, was f�r eine pathetische Figur sie damals abgegeben haben mu�te, und zuckte angesichts der Erinnerung innerlich zusammen. Der Alltag bereitete ihr immer noch nicht die Freude, nach der sie sich sehnte, und sie hielt beharrlich an der �berzeugung fest, da� ihr dies niemals verg�nnt sein w�rde. Dennoch war sie nicht ungl�cklich und versp�rte manchmal so etwas wie Zufriedenheit.</p><p>��Zwischen ihr und Felicity bahnte sich z�gernd so etwas wie eine Freundschaft an. Hin und wieder plauderten sie miteinander, manchmal recht lange �ber philosophische Fragen, die Felicity verwirrten und auf die Janet keine Antworten hatte� Im Fr�hling besuchten sie gemeinsam eine Theatervorstellung im Park, und ein paar Wochen sp�ter schlug Janet ein Konzert in der Festival Hall vor. Sie w�hlte eine Vorstellung aus, die f�r ihren pers�nlichen Geschmack im Grunde genommen zu leichtf��ig war, aber Felicity kannte sich mit klassischer Musik nicht aus, und Janet wollte verhindern, sie vor den Kopf zu sto�en. Insofern freute sie sich um so mehr, da� Felicity eine Vorliebe f�r Palestrina zum Ausdruck brachte, nachdem sie sich verschiedene Kassetten und CDs ausgeborgt hatte. Einmal a�en sie zusammen zu Abend, sa�en hinterher auf Janets Eisenbalkon, genossen die Abendd�mmerung und h�rten sich Missa Brevis an.</p><p>��Felicitys �u�eres hatte sich stark ver�ndert. Sie war etwas f�lliger geworden. Ihr Haar, nun sich selbst �berlassen, hatte die Farbe von Zinn angenommen und wurde zu einem schlichten Zopf zusammengefa�t. Ihre seelische Transformation war zwar best�ndig, ging aber z�gernd vonstatten und gab manchmal Anla� zur Besorgnis. Wann immer Felicity jedoch zu taumeln drohte, was eigentlich immer der Fall war, fing die gute May sie auf.</p><p>��Die beiden Frauen teilten sich ein Haus zwei T�ren weiter die Stra�e hinunter, das mit dem erzielten Erl�s aus dem Verkauf von Manor House angeschafft worden war. Die Ver�u�erung des Anwesens hatte mehr als eine Million Pfund eingebracht, von denen vierhunderttausend sicher und ethisch vertretbar investiert worden waren. Die Zinsen gew�hrleisteten t�gliche Ausgaben, m��ige Geh�lter, weitere Projekte und die finanzielle Unterst�tzung Bed�rftiger. Alle vier Mitglieder der Organisation hatten sich darauf geeinigt, da� bei bestimmten Gelegenheiten praktische Hilfe sinnvoller war als alles andere. Es kam durchaus vor, da� ihre Freundlichkeit ausgenutzt wurde, was allerdings keinen Einflu� auf ihre Gro�z�gigkeit und ihren guten Willen hatte und vor allem in keinem Verh�ltnis zu den j�ngst gemachten Erfahrungen stand.</p><p>��Arno bewohnte eine Gartenwohnung in dem anderen Haus und hatte sich eine elegante Katze mit Schildpattzeichnung zugelegt. Zu seiner �berraschung und Erleichterung hatte das Gest�ndnis seiner unsterblichen Liebe nicht zu einer Verbannung aus Mays N�he gef�hrt. Als er ernsthaft und unterw�rfig gelobte, sich zur�ckzuhalten und sie nie wieder mit seinen Gef�hlen zu bel�stigen, schalt sie ihn nur sanft. Zuerst legte er ihre Reaktion als Mitleid aus, zumal er immer noch Schmerzen litt, seit die Spitze ihres geliebten Cellos durch seinen Fu� gesto�en war. Doch im Verlauf sp�terer Unterhaltungen kam heraus, da� sie ihm seit l�ngerem zugetan war.</p><p>��Ungef�hr ein Jahr sp�ter, an dem Tag, an dem diese Geschichte endet, versammelten sich vier Leute im Standesamt von Chelsea. Felicity in einem bodenlangen, regenbogenfarbenen Kleid, Janet in hellvioletter Seide mit einem Strau� Teerosen in der Hand. Arno trug seinen besten Anzug, der frisch geb�gelt worden war und nun gl�nzte. In der Armbeuge der strahlenden Braut lag ein riesiges Blumenbouquet in allen Blauschattierungen.</p><p>��Eine schimmernde Gestalt aus wei�em Satin und Spitze, das Haupt gekr�nt von einem Kranz aus Orangenbl�ten und einem gebauschten Schleier, schwebte �ber den L�ufer, um an Arnos Seite stehenzubleiben, der sein Kinn mit dem frisch mit Henna gef�rbten Bart triumphierend neigte.</p><p>��F�nf Minuten sp�ter war alles vorbei. Jeder k��te jeden, und ein �ber alle Ma�en gl�cklicher Br�utigam f�hrte seine ihm rechtm��ig angetraute Gattin nach drau�en. May Cuttle (Sternenname �Pacifica�) war von nun an und f�r immer May Gibbs. Und Arnos Walk�renk�nigin.</p></section></body><binary id="cover" 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