<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Robert</first-name><last-name>Gordian</last-name></author><book-title>Demetrias Rache</book-title><annotation><p><emphasis>�ber dieses Buch:</emphasis></p><p>Das Frankenreich, Ende des 8. Jahrhunderts. Im Auftrag Karls des Gro�en bereisen zwei M�nner das Land, die unterschiedlicher nicht sein k�nnen: Der Adlige Odo ist tapfer bis zur Tollk�hnheit und stets bereit, sich von den Reizen der Damenwelt den Kopf verdrehen zu lassen; Lupus hingegen ist ein M�nch und hochgebildeter Rechtsgelehrter, auch wenn er nie etwas gegen einen weiteren Krug Bier einzuwenden hat. Ihre Mission: F�r Recht und Ordnung sorgen. So auch, als der Dichter Siegram angeklagt wird, eine junge Edeldame ermordet zu haben. Alle Indizien sprechen gegen ihn � bis zu dem Moment, als ein unerwarteter Zeuge hoch zu Ross in die Gerichtsverhandlung sprengt �</p><empty-line/><empty-line/><p>�Ein buntes, spannendes Bild aus fr�hmittelalterlicher Zeit � und zwei Detektive, die mit Humor und Sp�rsinn selbst die dunkelsten F�lle l�sen. Wer meint, nur die Angelsachsen verst�nden es, aufregende Thriller aus mittelalterlichen Tagen in Szene zu setzen, der wird durch Robert Gordian eines Besseren belehrt. Er stellt den M�nchen, weisen Frauen und k�niglichen Beamten aus England Detektive aus deutschen Landen entgegen, sprich Kommissare Karls des Gro�en, die ihren englischen Vettern in nichts nachstehen.� <emphasis>Margarete von Schwarzkopf im Norddeutschen Rundfunk </emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Der Autor:</emphasis></p><p>Robert Gordian, geboren 1938 in Oebisfelde, studierte Journalistik und Geschichte und arbeitete als Fernsehredakteur, Theaterdramaturg, H�rspiel- und TV-Autor, vorwiegend mit historischen Themen. Seit den neunziger Jahren verfasst er historische Romane und Erz�hlungen. Robert Gordian lebt in Eichwalde, einem Vorort Berlins. Bei dotbooks erschienen seine historischen Romane rund um Odo und Lupus, die Kommissare Karls des Gro�en:</p><empty-line/><p>Demetrias Rache</p><p>Saxnot stirbt nie</p><p>Pater Diabolus</p><p>Die Witwe</p><p>Pilger und M�rder</p><p>T�dliche Brautnacht</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Odo und Lupus, Kommissare Karls des Gro�en" number="1"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-05-21">21.5.2013</date><id>BBD0B820-6FE6-4E26-9E9B-5776D3A356F3</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>dotbooks</publisher><year>2013</year><isbn>978-3-95520-254-5</isbn></publish-info></description><body><section><title><p><strong>1. Kapitel</strong></p></title><p>Dem teuren Volbertus, Prior des Klosters N., entbietet sein Vetter Lupus Gr��e und Heil.</p><p>Gewiss wartest Du schon mit Spannung auf neue Nachrichten von mir, doch lange Zeit passierte nicht viel und so schwieg ich lieber.</p><p>Die meiste Zeit sa� ich in der Kanzlei und kopierte Akten des Hofgerichts. Manchmal setzte ich auch selbst irgendwelche Urkunden auf. Gelegentlich berief mich der Herr Pfalzgraf als Beisitzer zu Verhandlungen, bei denen es aber immer nur um langweilige Dinge wie Vormundschafts- und Erbangelegenheiten ging. Ich f�rchtete schon, ich w�rde hier als Schreiber verk�mmern und alle meine Studien des r�mischen, salischen, ripuarischen, alemannischen, bayrischen und s�chsischen Rechts w�ren umsonst gewesen.</p><p>Aber ich beklage mich nicht, hei�t es doch in der Heiligen Schrift: �Strebe nicht nach h�herem Stande. Denn es geh�rt sich nicht, dass du nach dem gaffst, was dir nicht befohlen ist.�</p><p>Doch pl�tzlich hat sich alles ge�ndert. Ich habe ein Amt und ich bin unterwegs!</p><p>Die Reise ist lang und beschwerlich und das Ziel ist noch nicht erreicht, doch schon nach wenigen Tagen hatte ich ein Erlebnis, von dem ich Dir gleich berichten will.</p><p>Es handelt sich um die h�chst seltsame Geschichte zweier Morde, an deren Aufkl�rung ich einigen Anteil habe.</p><p>Ich erinnere mich, dass Du gelegentlich die Absicht ge�u�ert hast, ungew�hnliche Geschichten zu sammeln, um sie, mit frommen, belehrenden Kommentaren versehen, der Nachwelt zu �berliefern. Vielleicht lohnt es sich, diese in deine Sammlung aufzunehmen.</p><p>Du fragst Dich nat�rlich, woher ich unterwegs die Zeit f�r die Niederschrift dieser Abhandlung nehme. Durch Umst�nde, von denen Du im Laufe der Erz�hlung erfahren wirst, hat sich f�r uns ein l�ngerer Aufenthalt bei einem Grafen Hrotbert ergeben. Im Augenblick kann ich nichts weiter tun als warten. So werde ich mir das Vergn�gen machen, beim Schreiben noch einmal alles nachzuerleben. Dass auch Du Dich beim Lesen gut unterh�ltst, sei Dir geg�nnt, denn Dein gottgef�lliges Dasein ist sonst ja recht eint�nig. Ich habe auch nichts dagegen, dass Du diese Bl�tter an einige Br�der Deines Vertrauens weitergibst. Doch Vorsicht! Die Darstellung eines Kriminalfalles ist mit den Lekt�revorschriften der Regel des heiligen Benedikt kaum vereinbar und also nicht etwa, wenn Du die scherzhafte �bertreibung erlaubst, dazu geeignet, als Ersatz f�r den erbaulichen Text bei den Mahlzeiten im Refektorium zu dienen.</p><p>Ob es aber nun S�nde ist, dies zu lesen, musst Du selbst beurteilen. Notfalls kannst Du die Verfehlung ja beichten, wobei ich freilich davon �berzeugt bin, dass der Bischof, Dein Beichtvater, nachdem er dich absolviert hat, begierig sein wird, sie selbst zu begehen.</p><p>Zun�chst erfahre, mein lieber Volbertus, wie es zu meiner Reise gekommen ist und um was f�r ein Amt es sich handelt.</p><p>Du wirst staunen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Sicher wei�t Du, dass sich diesmal, im Jahr 788 nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, die Gro�en des Frankenreichs zu ihrer j�hrlichen Generalversammlung in der Ingelheimer Pfalz einfanden. Auch Teile des Heers waren aufgeboten, um, wie es hie�, gegen die Awaren zu ziehen. �ber das Hauptereignis, den Prozess gegen den Bayernherzog Tassilo, bist du wohl ebenfalls unterrichtet, denn zweifellos war auch Euer ehrw�rdiger Abt anwesend. Ich habe ihn zwar nicht bemerkt, doch was besagt das schon? Sonst hatten wir in der Pfalz viel Platz, aber nun herrschte f�rchterliches Gedr�nge. Auf Schritt und Tritt begegnete man hohen Pers�nlichkeiten � Heerf�hrern, Kriegshelden, Kirchenf�rsten und ber�hmten Streitern f�r die Sache unseres Glaubens. Das Auge konnte sich nicht satt sehen und dabei entging ihm wohl dieser und jener.</p><p>F�r uns in der Kanzlei waren das nat�rlich Wochen der angestrengtesten Arbeit. Fast jeder, der anreiste, brachte ja irgendeine unerledigte Angelegenheit mit, die am Hofe entschieden werden musste. Bereits in aller Fr�he, w�hrend er sich noch ankleidete, empfing der K�nig die ersten Besucher zum Vortrag. Kaum hatte er seine Hosen an, sprach er schon Recht. Das Hofgericht tagte ununterbrochen. Berge von Akten stapelten sich auf unseren Tischen, und manchmal h�rten wir stundenlang nichts als eine einzige monotone Musik: das Kratzen von f�nfzehn, zwanzig Federn auf Pergament.</p><p>An diesem Morgen nun war ich gerade an mein Schreibpult getreten, um mich niederzulassen und mein Tagewerk zu beginnen, als der Herr Kanzler, mein Vorgesetzter, eintrat und mich zu sich rief.</p><p>�H�re, Lupus�, sagte er �du bist zu unserm Herrn K�nig befohlen. Es werden dort Erzbisch�fe, Bisch�fe, �bte, Grafen und andere hohe Herren anwesend sein. Der K�nig wird eine wichtige Neuerung im Reiche bekanntgeben, an der auch du teilhaben sollst.�</p><p>�Um was handelt es sich ?�, fragte ich verwundert. �Und was h�tte ich, ein einfacher Diakon, in einem so vornehmen Kreis zu suchen?�</p><p>�Warte nur ab, das wird sich finden. Dein Fuldaer Abt, Herr Baugulf, hat dich als Kenner des Rechts empfohlen. Das ist ja der Grund, weshalb du hier bist. Noch konnten wir dich nicht angemessen besch�ftigen. Ich vermute aber, das wird sich �ndern. �brigens werden nicht nur hohe Amtsinhaber und W�rdentr�ger anwesend sein, sondern auch andere verdiente M�nner, f�r die unser K�nig neue Aufgaben hat. Geh nun also und lege die sch�bige Kutte ab, die �rmel sind ja vom Schreibpult ganz durchgescheuert. Du hast doch hoffentlich eine bessere?�</p><p>Gl�cklicherweise habe ich eine, die ich zu Festgottesdiensten oder anderen besonderen Anl�ssen trage. Nachdem ich am Brunnen Hals und F��e gewaschen und mich sorgf�ltig rasiert hatte, legte ich sie an und fand mich p�nktlich zur befohlenen Stunde in der gro�en Palasthalle ein.</p><p>Der Herr Kanzler hatte nicht �bertrieben. Unter denen, die nach und nach eintraten, waren hohe Herren aus den edelsten Geschlechtern des Reiches. Ich bemerkte den Herrn Erzkaplan, den K�mmerer, den Seneschalk und meinen Herren Kanzler selbst. In der Mitte der Halle sah man die farbenpr�chtigen Gew�nder der hohen Geistlichkeit, daneben die schlichtere Tracht der weltlichen Machthaber, die sich mit silbernem G�rtelschmuck und goldenen Fibeln f�r ihre M�ntel begn�gten. Wir weniger wichtigen M�nner, Geistliche niederen Ranges wie ich und einfache K�nigsvasallen ohne Benefiz, standen seitlich unter den S�ulen.</p><p>Schlie�lich verstummten alle Gespr�che, denn zur T�r herein trat der Herr Karl, unser ruhmreicher, gottesf�rchtiger K�nig.</p><p>Ich brauche Dir nicht den Eindruck zu schildern, den sein Erscheinen immer wieder hervorruft. Du selbst hast ihn mir einmal beschrieben, nachdem der Herr Karl Euer Kloster besucht hatte. Seine hohe Gestalt, die Haltung, die Gesichtsz�ge � alles verriet den bedeutenden Herrscher. Auch diesmal bewunderte ich wieder seine Geringsch�tzung gegen�ber �u�erlichem Prunk, womit er ja schon manchen Fremden in Erstaunen gesetzt hat, der sich einen K�nig, welcher von den Pyren�en bis zu Elbe gebietet, nicht anders vorstellen konnte als in Samt und Seide, goldstarrend und mit Diamanten beladen. Ganz wie ein biederer Landedelmann trug der Herr Karl sein ledernes Wams mit dem alten blauen Wollmantel dar�ber, an dem sogar Zweige und Stroh hingen. Er k�mmerte sich ja um alles. Vielleicht hatte er gerade die Pferdest�lle und die k�niglichen Obstg�rten inspiziert.</p><p>Nun aber lie� er sich auf seinem Thronsessel nieder und seine Miene, die gew�hnlich zwar respekteinfl��end, doch g�tig und mild ist, zeigte mit Ernst und Strenge an, dass es tats�chlich um eine hochwichtige Sache ging. Nachdem er sich kurz mit seinen R�ten verst�ndigt hatte, wandte er sich an die Versammlung.</p><p>�Meine Herren�, sprach er, �ich bin in tiefer Sorge. Aus allen Teilen des Reiches wird mir gemeldet, dass die Unordnung jedes Ma� �bersteigt. Kaum eine Stra�e ist noch sicher, in jedem Wald lauert R�ubergesindel. Die adeligen Herren gebieten mit Willk�r, die Rechtsh�ter kennen die Gesetze nicht, unter dem Volk verfallen die Sitten. In den Kl�stern lebt man nicht nach der Regel und es gibt Priester, die nicht einmal das Vaterunser beherrschen!�</p><p>Der K�nig machte eine Pause und ein allgemeines Gemurmel erhob sich. Viele sahen sich an und nickten bek�mmert. Es hielt ihn nicht mehr in seinem Sessel, er sprang auf und ging mit weit ausladenden Schritten, vorbei an den zur�ckweichenden Herren, die ihm eine Gasse bildeten, von einer Seite der Halle zur anderen.</p><p>�Aber das ist ja nicht alles!�, rief er. �Ich h�re von �bten, die die Immunit�t ihrer Kl�ster dazu missbrauchen, �belt�ter unserer Justiz zu entziehen. Ich h�re von Grafen, die lieber Hirsche und Auerochsen jagen als das Verbrechergesindel in ihren Gauen. Andere nehmen Geschenke an und beugen das Recht zum eigenen Vorteil und dem ihrer Freunde und Verwandten. Ein Sumpf von Bestechlichkeit, Habsucht und Unmoral! Da soll es Bisch�fe geben, die in betrunkenem Zustand die Messe lesen. Priester betreiben Zinswucher. M�nche prassen in Wirtsh�usern und stellen verheirateten Frauen nach. An den Alt�ren lagern Hunde und mancher geht nur in die Kirche, um dort zu schwatzen und Gesch�fte zu machen. Hat unser Herr Jesus Christus nicht die H�ndler zum Tempel hinaus getrieben? Statt Gottesfurcht, Bildung und Zucht, wie wir es w�nschen, finden wir Rohheit und Verwahrlosung. Ohne Hemmungen wird gemordet � aus Rache, aus Eifersucht, aus Gier nach Besitz. Schamlos wird gegen die Natur ges�ndigt, sogar unter den n�chsten Verwandten. Man vergeht sich gegen die Witwen und Waisen und zieht den �rmsten der Armen das Fell �ber die Ohren. Das dumme Volk kann sich auch von den heidnischen Br�uchen nicht trennen, es beschw�rt die Geister der Toten und betet immer noch Felsen, B�ume und Quellen an. Wettermacher und Wahrsager treiben ihr Unwesen. Neulich soll sogar ein Buch vom Himmel gefallen sein, das die haarstr�ubendsten Irrlehren enth�lt. Damit muss es ein Ende haben! Wir m�ssen handeln, meine Herren! Es gen�gt nicht mehr, mit den Qualen der H�lle zu drohen. Die �belt�ter und Rechtsbeuger k�mmern sich nicht um das J�ngste Gericht. Deshalb m�ssen sie ihre Strafe auf Erden erhalten!�</p><p>So etwa sprach der Herr Karl und lie� einen langen, strengen Blick �ber unsere Reihen gleiten, als wollte er �ber uns alle als Mitschuldige den K�nigsbann verh�ngen. Aber dann tat er etwas ganz anderes und nun wurde mir endlich klar, warum ich die Ehre hatte, zu dieser Versammlung befohlen zu sein.</p><p>Schon sein Vater, der selige Herr Pippin, fuhr er fort, habe <emphasis>missi dominici </emphasis>ausgesandt. Diese K�nigsboten, als Kommissare des Herrschers seine Stellvertreter <emphasis>ad hoc </emphasis>oder mit Generalmandat, seien in die Lande des damals noch wesentlich kleineren Reiches gegangen, um dort f�r Recht und Ordnung zu sorgen. Zu mehreren seien sie immer gereist, gew�hnlich zu zweit, ein Adeliger und ein Mann der Kirche, um die zwei st�rksten S�ulen zu repr�sentieren, auf denen der Staat ruhe. Diese n�tzliche Einrichtung habe zu Zeiten seines Vorg�ngers viel dazu beigetragen, die Rechtssicherheit im Reich zu erh�hen, und so sei er entschlossen, sie wieder einzuf�hren.</p><p>Wir, die wir um ihn versammelt waren, sollten allesamt <emphasis>per verbum nostrum, ex nostri nominis auctoritate</emphasis> in wenigen Tagen, nach einer kurzen juristischen Vorbereitung und einer Eidleistung in der Pfalzkapelle als K�nigsboten hinaus ins Reich gehen!</p><p>Kannst Du Dir vorstellen, lieber Volbertus, wie mir zumute war? Dass mir der Schwei� ausbrach und das Herz bis zum Halse klopfte? Ich, ein einfacher Diakon, bis dahin nicht mehr als ein Wassertr�ger des Hofgerichts � und nun K�nigsbote!</p><p>Nat�rlich fragte ich mich gleich, wohin und mit wem ich reisen w�rde. Ich blickte mich vorsichtig um und versuchte, in den Gesichtern zu lesen. In meiner N�he standen nur k�nigliche Vasallen, aus deren Mienen Selbstbewusstsein und Genugtuung strahlten. Sie schienen das hohe Amt, das ihnen der Herrscher verlieh, als etwas zu nehmen, das ihnen zustand. Ich beneidete sie in diesem Augenblick. Das waren Krieger, kampferprobte Leute, M�nner der Tat. Sie brauchten wahrhaftig nicht an sich zu zweifeln. Ich dagegen? W�rde ich, ein Federfuchser und B�chermensch, einer solchen Bestimmung gewachsen sein?</p><p>Der K�nig nahm wieder Platz und nun trat der Herr Pfalzgraf mit einer Liste neben den Thronsessel. Er las die Namen derjenigen vor, die gemeinsam in bestimmte Mandatsgebiete, sogenannte <emphasis>missatica</emphasis>, reisen sollten. In der Mehrzahl der F�lle war das schon festgelegt. Es stellte sich auch heraus, dass die meisten der Anwesenden, darunter alle H�hergestellten, vorher Bescheid gewusst hatten, denn sie zeigten auch jetzt keine Verwunderung oder Freude oder Entt�uschung. Einige gro�e Herren hatten sich Mandate im sonnigen Burgund, im lieblichen Aquitanien und in den freundlichen, nahen, bequem erreichbaren Gauen der Alamannen gesichert.</p><p>Einer der j�ngeren K�nigsvasallen, der neben mir stand, ereiferte sich dar�ber recht unverhohlen.</p><p>�Sie haben den Braten schon zerlegt�, bemerkte er mit b�sem Spott, sodass alle ringsum es h�ren konnten. �Die fettesten Happen fressen sie selber!�</p><p>Diesen Mann muss ich Dir gleich ausf�hrlicher beschreiben, denn er wird in meiner Erz�hlung die Hauptperson sein. Du ahnst schon warum!</p><p>Stelle ihn Dir hoch gewachsen und schwarzhaarig vor, mit flinken braunen Augen und einer starken, k�hn geschwungenen, an der Spitze leicht aufgebogenen Nase, unter der sich der gewaltigste Schnurrbart str�ubt, den je ein Franke getragen hat. Wie alt er ist, wei� ich bis heute nicht, er macht ein Geheimnis daraus. Vermutlich ist er j�nger als ich, also unter f�nfunddrei�ig, was er jedoch nicht zugeben will. Sein Aufzug verriet auch an jenem Tag das Dilemma, in dem er steckt: zwischen dem Anspruch eines standesgem��en Auftretens und seinen eher bescheidenen Mitteln. Betrachtete man ihn von Kopf bis Fu�, sah man den Glanz allm�hlich in Elend �bergehen. Dem pr�chtigen golddurchwirkten Stirnband und der mit einem Rubin geschm�ckten Fibel, die den seidenen Mantel hielt, folgten �ber der sch�bigen Tunika ein einfacher G�rtel, darunter abgetragenen Hosen und unter den kreuzweise geschn�rten Lederstr�mpfen als kl�glicher Abschluss ein Paar l�chrige Stiefel, die l�ngst ihren Abschied verdient h�tten. Der Mann war ein wandelnder Widerspruch, aber auch ein witziger Kopf. Schon w�hrend der Rede des Herrn Karl hatte er halblaut in seinem romanischen Dialekt respektlose Bemerkungen gemacht. Nat�rlich hatte ich mich geh�tet, ihm beizustimmen, mich aber im Stillen dar�ber belustigt.</p><p>Als jetzt die Mandatsgebiete im Nordwesten, in der <emphasis>Francia occidentalis</emphasis>, vergeben wurden, geb�rdete sich mein Nachbar besonders lebhaft. Er grollte und brummte, wenn ihm wieder ein �fetter Happen� entgangen war. Auch er geh�rte also zu denen, die wie ich noch nicht wussten, wohin man sie schicken w�rde.</p><p>F�r das Gebiet um Paris, die ber�hmte Stadt in Neustrien, die mit den Regionen um Chartres und Evreux ein einheitliches <emphasis>missaticum </emphasis>bildete, war erst einer der K�nigsboten bestimmt, ein Bischof. Der weltliche Partner wurde noch gesucht, da der vorgesehene Kandidat f�r das Amt ein Kommando im Heer �bernehmen sollte. Der K�nig erkundigte sich, ob sich jemand bewerbe. Mein Nachbar dr�ngte sich so heftig nach vorn, dass er mich beinahe umstie�.</p><p>�Ich, Herr! Sendet mich nach Paris!�</p><p>Der Herr Karl blickte skeptisch zu ihm her�ber.</p><p>�Und warum glaubst gerade du, Odo, f�r diese Mission geeignet zu sein?�</p><p>�Weil Paris die Stadt der K�nige ist. Meiner Vorfahren!�</p><p>�Deine Vorfahren waren dort K�nige?�</p><p>�So ist es. Ich bin ein Nachkomme Chlodwigs.�</p><p>�Sieh einmal an, das wusste ich gar nicht. War denn ein Kebsweib des letzten Merowingers deine Gro�mutter?�</p><p>Da erhob sich dr�hnendes Gel�chter. Mein Nachbar, verlegen und w�tend zugleich, fasste unwillk�rlich nach seinem G�rtel. Aber dort steckte kein Schwert. Denn nat�rlich war es nur wenigen Gro�en gestattet, in der N�he des Herrschers Waffen zu tragen.</p><p>Als endlich wieder Ruhe eintrat, setzte der Herr Karl, der ausgiebig mitgelacht hatte, seine Befragung fort.</p><p>��ber deine Herkunft wissen wir nun also Bescheid. Kannst du aber noch andere Gr�nde daf�r anf�hren, dass du dich f�r Paris bewirbst?�</p><p>�Das kann ich!�, sagte mein Nachbar dreist. Er hob seine Faust und sch�ttelte sie. �Dort wird eine starke Hand gebraucht � so eine wie diese! Ich war oft genug in Paris, Herr K�nig, ich kenne mich aus, das k�nnt Ihr mir glauben. Es gibt dort mehr Diebe und R�uber als Fliegen und M�cken, an jeder Stra�enecke liegt ein Ermordeter. Das Blut l�uft in B�chen die Gassen hinunter. Von den Witwen und Waisen schweige ich � sie werden von allen betrogen und ins Elend gesto�en. Dringend brauchen sie einen Besch�tzer. Erlaubt bitte, dass ich mich ihrer annehme!�</p><p>�Ja, vor allem der Witwen!�, rief einer der Herren.</p><p>�Und der Waisen, sofern sie Jungfrauen sind!�, t�nte es aus einer anderen Ecke.</p><p>Wieder erhob sich ein gro�es Gel�chter. Der K�nig sprach kurz mit seinen R�ten. Dann deutete er auf einen anderen Vasallen.</p><p>�Vizegraf Rollo! Mach du dich bereit f�r Paris und Chartres!�</p><p>Herr Odo, wie ihn der K�nig genannt hatte, drehte sich heftig um und trat zur�ck in die Reihe. Ich allein h�rte wohl den Fluch, den er zwischen zusammengebissenen Z�hnen ausstie�. Es war der unanst�ndigste, den ich je vernommen hatte.</p><p>Dennoch tat mein Nachbar mir leid. Er war verspottet und gedem�tigt worden und ich h�tte ihm gern etwas Tr�stendes gesagt. Doch seine Miene war so finster und starr, dass ich es lieber unterlie�.</p><p>Es wurden nun weitere <emphasis>missatica </emphasis>vergeben und obwohl auch manchmal der geistliche Amtstr�ger noch zu bestimmen war, wagte ich nicht, mich zu melden. Es waren auch immer einige schneller als ich und ich f�rchtete schon, dass ich am Ende als Einziger �brig bleiben und gar nichts mehr abbekommen w�rde. Als ich doch einmal zaghaft einen halben Schritt vortrat und mich bemerkbar machen wollte, gab der Herr Kanzler mir ein Zeichen der Missbilligung, sodass ich mich rasch wieder zwischen die S�ulen zur�ckzog.</p><p>Die Mandatsvergabe erfolgte von Westen nach Osten und so kam die Reihe schlie�lich an das wilde, gottlose Sachsen, das sich so lange gewunden und immer wieder aufgeb�umt hatte wie der Lindwurm gegen die Lanze des heiligen Georg. Wir alle erinnern uns ja daran, wie der K�nig Jahr um Jahr an der Spitze seiner Armee in ihre w�sten W�lder hinein drang. Nun hatte er die Sachsen endlich niedergeworfen. Die meisten wurden getauft, sogar ihr rebellischer Herzog Widukind. Viele sind aber noch immer verstockt, brechen ihre Schw�re, �berfallen die fr�nkischen Grafen, brennen Kirchen nieder, schlagen Priester tot und wollen den Zehnten nicht zahlen.</p><p>So ist es bei ihnen besonders n�tig, doch leider auch besonders gef�hrlich, im Namen Gottes und des K�nigs f�r Recht und Ordnung zu sorgen. Wie Du Dir denken kannst, gab es f�r diese Aufgabe keine Begeisterung. Schon als der Name der Sachsen genannt wurde, bekreuzigten sich viele in der Halle. Immerhin gelang es, f�r die s�chsischen Westgebiete in der N�he des Rheins, unserer alten Reichsgrenze, ein paar Mandate zu vergeben. F�r die fast unbekannte Landschaft nahe der alten Thinkst�tte Markloh in der Gegend der Weser und Aller hatte sich niemand vormerken lassen und fand sich auch jetzt niemand.</p><p>Vergebens sprach der Herr Karl ermunternde Worte. Er wies darauf hin, dass er befehlen k�nnte, jedoch in diesem Ausnahmefall der erh�hten Gefahr m�glichst nach dem Prinzip der Freiwilligkeit verfahren wollte. Wir, die wir noch kein Mandat hatten, senkten die K�pfe und schwiegen hartn�ckig. Herr Odo neben mir hatte sich abgewandt und verrenkte sich fast den Hals, um ein Wandgem�lde zu betrachten, auf dem Kyros, Alexander, Romulus und Remus abgebildet waren.</p><p>Da trat unser Herr Erzkaplan vor und bat den K�nig, ein Wort an die Versammlung richten zu d�rfen. Mit ger�tetem Gesicht und gro�er Beredsamkeit erinnerte er an unsere heiligen M�rtyrer, die sich nicht vor den barbarischen Gefolgschaften Wodans und Saxnots gef�rchtet hatten. Stellvertretend f�r alle nannte er den Namen Theofrieds, eines irischen M�nchs, der ein leuchtendes Beispiel gab, als er vor Jahren in das w�ste Sachsen ging, um das Missionswerk fortzusetzen. Kein Lebenszeichen habe man seitdem erhalten. Verschollen sei der heilige Mann.</p><p>�Ist es nicht unsere Christenpflicht�, rief der Herr Erzkaplan, �uns dieses Unerschrockenen w�rdig zu zeigen? M�ssen wir nicht seine Spur verfolgen und � falls ein Verbrechen an ihm ver�bt worden ist � die T�ter finden und bestrafen?�</p><p>Nun war es totenstill in der Halle. Wenn Du dies liest, mein lieber Volbertus, denkst Du gewiss dasselbe wie ich in jenem Augenblick. Alle empfanden, dass es Christenpflicht war, doch niemand meldete sich. Viele hatten ja Theofried gekannt, auch ich erinnerte mich sehr gut an ihn. Er war ein willkommener, wenn auch aufgrund seiner frommen Streitsucht manchmal etwas anstrengender Gast in den Gemeinschaften unserer Kl�ster gewesen. Wie viele aufregende Stunden haben wir in Fulda mit ihm verbracht, wie viele n�tzliche Gespr�che gef�hrt. Von dort aus war er zu seiner gef�hrlichen Missionsreise aufgebrochen. Beim letzten Abschied hatten uns allen Tr�nen in den Augen gestanden.</p><p>Pl�tzlich war ich entschlossen.</p><p>Ich trat zwei Schritte vor und rief: �Erlaubt, Herr K�nig, dass ich � dass ich unseren Bruder Theofried suche! Lasst mich dorthin reisen, zu den Sachsen. Bitte erweist mir die Gunst und gebt mir das Mandat!�</p><p>Durch die Halle ging ein Raunen der Erleichterung. Wohin ich in meiner Verlegenheit sah, begegnete ich freundlichen, anerkennenden Blicken. Nur Herr Odo grinste sp�ttisch, musterte mich wie einen Esel, der das <emphasis>Te deum laudamus </emphasis>singen wollte, und wandte sich wieder den Wandbildern zu.</p><p>Inzwischen hatte mein Herr Kanzler das Wort genommen. Er stellte mich vor, denn kaum jemand kannte mich. Er lobte mich sehr und strich meine F�higkeiten heraus, besonders meine Kenntnis der alten Volksrechte. Eigentlich, sagte er, h�tte er vorschlagen wollen, mich zu den Th�ringern zu schicken, die auch noch auf der Liste des Pfalzgrafen st�nden. Wenn aber der Herr K�nig meine Bewerbung annehme, w�rde er das f�r eine weise Entscheidung halten.</p><p>Der Herr Karl nickte gn�dig und sagte: �Deinem Antrag wird stattgegeben, Diakon Lupus! Ich h�tte mich auch gewundert, wenn sich nicht ein einziger Franke f�r dieses Amt gemeldet h�tte. Sind wir nicht mehr das alte Heldenvolk? Es soll sich jeder an Lupus ein Beispiel nehmen!�</p><p>Da empfing ich herzlichen Beifall und freundliche Zurufe. Vor Verlegenheit brannte mir der Kopf und meine Knie wurden weich wie Wachs. Wahrhaftig, ich f�hlte mich wie eine Altarkerze!</p><p>Nun musste aber ein zweiter K�nigsbote f�r dieses Mandat bestimmt werden. Da sich noch immer niemand freiwillig meldete, befahl der Herr Karl den weltlichen Herren, die bisher kein Mandat hatten, vorzutreten. Es waren f�nf.</p><p>�Ich will deinen Mut belohnen, Lupus�, sagte der K�nig, �indem ich dir das Vorrecht einr�ume, deinen Amtsgef�hrten selbst zu benennen. W�hle unter diesen f�nfen einen aus!�</p><p>Ich warf einen. Blick auf die Kandidaten. Ich hatte sie alle schon einmal gesehen, sie waren kleine Vasallen aus dem st�ndigen Gefolge des Herrschers. Vier von ihnen starrten mich an wie der Hase den J�ger. Der F�nfte kehrte mir den R�cken zu.</p><p>�Ich w�hle diesen!�, sagte ich, auf den R�cken deutend, ohne Besinnen.</p><p>�Eine vortreffliche Wahl!�, rief der K�nig. �Ich h�tte dir Odo selbst empfohlen!�</p><p>Da fuhr Herr Odo herum, als h�tte ein Keiler ihn mit seinen Hauern gekitzelt, und rief: �Was? Mich? Ich soll �?�</p><p>�Ich kenne niemanden unter meinen Vasallen, der besser geeignet w�re�, fuhr der Herr Karl fort. �Deine edle Herkunft wird dir bei den Sachsen Respekt verschaffen. Von deiner K�hnheit hast du mir manche Probe gegeben. Deine starke Hand, mein lieber Odo, wird an der Weser gebraucht, nicht an der Seine. Ich hoffe, du entt�uscht mich dort nicht.�</p><p>Dies sprach der K�nig in freundlichem, doch auch etwas ironischem Tonfall und gleich erhob sich wieder Gel�chter. Vielen Herren sah man an, dass sie dem Odo g�nnten, statt ins kurzweilige Paris ins barbarische Sachsen geschickt zu werden.</p><p>Er selbst brachte kein Wort mehr hervor und sandte nur einen Seufzer zum Himmel, der einen Felsblock r�hren konnte.</p><p>Auf einmal bedauerte ich ihn wieder und gleich machte ich mir Vorw�rfe. Ich hatte, die Erlaubnis des K�nigs missbrauchend, einen Fremden, der mir nichts getan hatte, zu etwas gen�tigt, was ihm zuwider war. Ich warf mir vor, aus Bosheit und Eitelkeit gehandelt zu haben, um ihm sein sp�ttisches, abweisendes Benehmen heimzuzahlen. Am liebsten h�tte ich den K�nig gebeten, ihm das Mandat wieder abzunehmen. Aber das war nat�rlich nicht m�glich.</p><p>Steif und sprachlos standen wir nebeneinander. Die letzten <emphasis>missatica </emphasis>wurden verteilt. Alle freuten sich auf das angek�ndigte Festmahl und es herrschte schon allgemeine Unruhe. Schlie�lich hielt ich es nicht mehr aus und sprach Herrn Odo leise an.</p><p>�Ich habe den Eindruck, dass meine Wahl Euch verdrie�t. Das war keineswegs meine Absicht. Wenn es so ist, dann bitte ich Euch um Verzeihung. Ich w�nsche mir sehr, mit Euch in gutes Einvernehmen zu kommen.�</p><p>�Du bl�der Pfaffe!�, zischte er. �Was hast du mir da eingebrockt! Warum hast du dir ausgerechnet mich ausgesucht? Hab ich dir nicht den R�cken zugekehrt?�</p><p>�Ich gestehe, das hat mir nicht gefallen. Deshalb wollte ich, dass Ihr mir Euer Gesicht zuwendet.�</p><p>�Nun, und was hast du davon?�</p><p>�Wir haben Bekanntschaft geschlossen. Ihr gefallt mir.�</p><p>�Darauf gebe ich einen Hundeschiss.�</p><p>�Das ist immerhin mehr als nichts.�</p><p>�Wart�s ab, du wirst es schon noch bereuen! Vor dem Alten hier gro�tun ist nicht schwer. Aber wie sich ein kleiner, schw�chlicher Bierwanst im s�chsischen Urwald zurechtfinden will, ist etwas anderes. Ich war schon dort, hab meine Erfahrungen. Willst du auch ein M�rtyrer werden? Meinetwegen. Sollen sie dich fressen. Ich werde ihnen gute Verdauung w�nschen!�</p><p>So sprach er zu mir, lie� mich stehen und ging fort. Die Versammlung war n�mlich gerade beendet.</p><p>Um mich k�mmerte sich niemand. Ich stand herum und haderte mit den heftigen Worten meines k�nftigen Amtsgef�hrten.</p><p>Mich klein und schw�chlich und einen Bierwanst zu nennen! Was dem einfiel! Gewiss, mit meinen K�rperma�en kann ich nicht gerade mit den marmornen S�ulen wetteifern, die der Herr Karl zur Ausschm�ckung seiner Pfalzen aus Italien herbeischaffen l�sst. Aber bin ich nicht fest im Fleische und kr�ftig? Erinnerst Du Dich an unsere gemeinsame Fuldaer Zeit und an die beiden alten Chorherrn, deren Ochse im Schlamm stecken geblieben war? Bin nicht ich es gewesen, der ihn ausspannte, um ins Joch zu treten und der den Wagen mit den Chorherren zog � bis vor das G�stehaus?</p><p>Es gab nun viel Trubel und der Herr Seneschalk und der Herr Mundschenk rannten hinaus. Im n�chsten Augenblick kamen sie wieder, gefolgt von Dienern, K�chen und B�ckern. Man trug Tische und B�nke herbei und F�sser mit Wein und Bier, ganze gebratene Ochsen und Wildschweine, Sch�sseln mit W�rsten, K�rbe mit Backwerk und andere Herrlichkeiten. Musikanten spielten auf und die Lieblingshunde des K�nigs wuselten umher und schnappten sich Brocken, die man ihnen bereitwillig zuwarf.</p><p>Ach, und die Damen nicht zu vergessen! Unsere stolze K�nigin Fastrade rauschte herein. Sie ist sehr sch�n, doch macht sie stets ein Gesicht, als h�tte sie gerade eine Kr�te verschluckt. Und leichtf��ig h�pften die lieblichen T�chter des Herrn Karl in die Halle. Sie liefen zu ihrem Vater, der sie herzte und k�sste und sie an seiner Seite Platz nehmen lie�.</p><p>Ich war ganz verwirrt von all dem Get�mmel. Obwohl ich ja schon eine Weile bei Hofe war, hatte ich noch nie an einem so festlichen Schmaus teilgenommen. Ich empfing Rippenst��e und Nasenst�ber. Ein Diener, der mich anrempelte, begoss mich mit hei�er Br�he. Jemand, dem ich im Wege stand, stie� mich beiseite und im Fallen landete ich auf einer Bank, an einem der Tische. Ringsum schmatzte schon alles und da stand auch schon eine Sch�ssel vor mir und ich brauchte nur hineinzugreifen. Der Wein dazu war nicht so ein saures Ges�ff, wie wir es als Messwein verwenden, sondern herrlicher, sonnengereifter Burgunder. Ich leerte den Becher, den eine Magd vor mich hinstellte, in einem Zuge.</p><p>Pl�tzlich war Herr Odo neben mir. Er n�tigte mich und meinen Tischnachbarn, etwas beiseite zu r�cken und zw�ngte sich in die L�cke. Er hatte einen ganzen Krug Wein erbeutet, aus dem er mir und sich einschenkte. Mit Erleichterung bemerkte ich, dass mir mein neuer Amtsgef�hrte nicht mehr b�se zu sein schien und dass seine Heiterkeit und Spottlust zur�ckgekehrt waren.</p><p>�Ich sehe, du l�sst es dir noch einmal wohl sein�, sagte er, �bevor wir beide gemeinsam zur H�lle fahren.�</p><p>�Warum sollten wir?�, erwiderte ich ebenfalls heiter �Da ist nicht die geringste Gefahr, denn wir werden ja gottgef�llige Werke tun.�</p><p>�Meinst du? Aber ich hoffe, du bist nicht kleinlich, wenn auch mal ein paar S�nden dabei sind. Die s�chsischen Weiber ��</p><p>Er kniff ein Auge zusammen und lachte lauthals. Ich fiel mit Gekicher ein, weil ich ihn nicht wieder ver�rgern wollte. So kam zwischen uns eine Unterhaltung in Gang. Dabei sprachen wir dem Braten und den anderen K�stlichkeiten zu, unter deren Last die Tische fast brachen. Ein ernstes Gespr�ch war bei dem L�rm der fr�hlichen Esser und Zecher ringsum nat�rlich nicht m�glich. So redete jeder von dem, was ihm in den Sinn kam: Odo von Frauen, Pferden und Waffen, ich von B�chern, Reliquien und einer r�mischen Pilgerfahrt. Vom Essen verstanden wir beide etwas und so konnten wir alle Gerichte, die aufgetragen wurden, sachkundig beurteilen. Nach kurzer Zeit f�hlten wir uns wie alte Bekannte, und Odo zog mich in sein Vertrauen.</p><p>�Nimm es mir nicht �bel, dass ich dich vorhin beschimpft habe�, sagte er, indem er den Arm um meine Schultern legte. �Nicht du bist schuld daran, dass ich in diese Ein�de muss. Der K�nig kann mich n�mlich nicht leiden. Er h�tte mich auch dorthin geschickt, wenn du nicht gewesen w�rst.�</p><p>�Aber was sollte er gegen dich haben?�</p><p>�Ich bin Merowinger � das reicht! Ein Spross vom alten fr�nkischen K�nigsgeschlecht. Zwar von einer Nebenlinie, aber ein echter, kein Bastard. Das wei� er genau, auch wenn er immer so tut, als sei es neu f�r ihn. Soll ich dir etwas verraten?� Jetzt kitzelte mich sein Schnurrbart am Ohr. �Ich h�tte mehr Anspruch auf den Thron als er selbst! Seine Sippe, die Karolinger � die waren ja, wie jeder wei�, nur Hausmeier. Auch noch Pippin, sein Vater. Der hat den Thron usurpiert und den letzten rechtm��igen K�nig, meinen Onkel, den schickte er ins Kloster und ��</p><p>�Und ich bin �berzeugt, dass dich trotzdem eine gro�e Zukunft erwartet!�, unterbrach ich ihn, um das heikle Thema zu wechseln.</p><p>�Eine gro�e Zukunft? Das will ich meinen!�, sagte er ernst. �Siehst du die junge Prinzessin dort an seiner Seite? Die H�bsche mit den hellblonden Locken und dem goldenen Stirnreif? Sie hei�t Rotrud und sie liebt mich.�</p><p>�Sie liebt dich?�, fragte ich verbl�fft.</p><p>�Erst k�rzlich hat sie es mir gestanden. Wir haben auch schon K�sse getauscht, heimlich nat�rlich, w�hrend eines Jagdausflugs. Aber einer dieser widerlichen Ohrenbl�ser, von denen es hier wimmelt, muss es gesehen und dem Alten hinterbracht haben. Auch das ist ein Grund f�r ihn, mich zu entfernen, und zwar m�glichst weit. Vielleicht hofft er sogar, dass mir etwas zust��t. Vergebens nat�rlich! In ein paar Monaten, wenn wir zur�ck sind, werde ich um sie anhalten.�</p><p>�Aber ist sie nicht noch ein Kind? Erst dreizehn Jahre alt?�</p><p>�Alt genug, um zu heiraten. Ihre Mutter, die selige Hildegard, war dreizehn, als sie zum ersten Mal niederkam. Was der K�nig kann, kann ich auch! Zum Gl�ck ist Rotrud nun wieder frei. Sie war schon einmal verlobt, mit dem byzantinischen Thronfolger. Der Alte hat die Verlobung platzen lassen � aus purem Eigennutz, weil er seine T�chter nicht hergeben will. Aber er hat nicht mit Odo von Reims gerechnet. Was ist? Du siehst mich so seltsam an. Glaubst du mir etwa nicht?�</p><p>�Ich w�nsche dir Gl�ck und Gottes Segen.�</p><p>�Sehr gut, das k�nnen wir beide brauchen. Auch du! Jetzt werden wir erst einmal gro�e Taten vollbringen. Wir werden in diesem w�sten Sachsen eine musterg�ltige fr�nkische Rechtsordnung einf�hren. Und wenn wir ruhmbedeckt zur�ckkehren, muss mir de Alte endlich ein Benefiz geben. Oder besser gleich eine Grafschaft. Das wird er seinem k�nftigen Schwiegersohn schuldig sein. Und du � du bekommst auch deinen Anteil. Du wirst mindestens Bischof.�</p><p>Er lachte wieder und ich stimmte ein. Trotz unserer kurzen Bekanntschaft glaubte ich, ihn schon so weit zu durchschauen, dass ich ungef�hr unterscheiden konnte, was der Wahrheit entsprach und was nur Geflunker war. An der Behauptung, er sei ein Nachkomme der Merowinger, mochte vielleicht etwas dran sein. Genaueres wei� ich bis heute nicht. Dass ihn aber die Tochter des K�nigs liebte, hielt ich f�r eitle Prahlerei, mit der er sich wichtig machen wollte. Die feixenden Mienen einiger Tischgenossen, die an dieser Stelle unseres Gespr�chs ein paar Brocken aufgeschnappt hatten, best�rkten mich in dieser Ansicht.</p><p>Wie ernst es ihm aber damit war, sollte ich gleich darauf erfahren.</p><empty-line/><empty-line/><p>Zur T�r herein trat ein S�nger, ein bemerkenswert gro�er und sch�ner Mann mit auf die Schultern wallendem Blondhaar, im pr�chtigen, golddurchwirkten Gewand, die Harfe im Arm. L�chelnd, mit raschen, wiegenden Schritten durchma� er die Halle. Sein seidener Umhang wehte ihm anmutig nach. Er neigte sich vor dem K�nig und bedachte auch die k�nigliche Familie und die wichtigsten W�rdentr�ger mit vollendeten Reverenzen.</p><p>Der L�rm in der Halle ebbte rasch ab. Jeder wusste, wie sehr der K�nig den Skops, den weit gereisten Dichtern und S�ngern, zugetan war, wie aufmerksam er ihnen zu lauschen und wie missf�llig er St�rungen aufzunehmen pflegte. So beeilten sich alle, ihr Mahl zu beenden oder wenigstens zu unterbrechen. Da und dort wurden noch hastig ein paar Bissen verschlungen, Handr�cken fuhren �ber B�rte und M�nder, um das Fett abzuwischen. Odo f�llte uns nochmals die Becher.</p><p>Ich war voller Vorfreude. Wann hat unsereiner schon mal Gelegenheit, andere Lieder zu h�ren statt, Gott verzeihe es mir, immer dieselben, die man in der Kirche singt?</p><p>Der Herr Karl richtete freundliche Begr��ungsworte an den S�nger und stellte ihm einige Fragen. Weil ich recht entfernt sa�, verstand ich nicht alles. Nur soviel bekam ich mit, dass der Mann Siegram hie� und einem edlen angels�chsischen Geschlecht entstammte. Fast alle Gegenden des Frankenreichs und auch andere L�nder habe er bereist, so erkl�rte er, weshalb er in der Lage sei, neben seinen eigenen Dichtungen manches vorzutragen, was man im Norden und S�den, Osten und Westen singe. Und er begann auch gleich mit einem Heldenlied, das sich der K�nig ausdr�cklich w�nschte und dessen Vortrag wohl zuvor schon vereinbart war.</p><p>Das Lied stammte aus dem Langobardischen und war die Geschichte zweier K�mpfer, Vater und Sohn, die sich infolge eines widrigen Schicksals auf Leben und Tod gegen�berstanden, wobei der Vater den Sohn schlie�lich t�tete.</p><p>Der S�nger verstand seine Sache, er wusste die Zuh�rer zu fesseln. Seine hohe, doch kr�ftige Stimme drang bis in den letzten Winkel der Halle. Seine mimische und gestische Ausdruckskraft waren bewundernswert. Je nachdem, ob er den Vater oder den Sohn darstellte, wechselte er die Position. Mal war er mit verd�sterter Miene und herzergreifendem Sprechgesang der tragisch zerrissene, von der Last seines Schicksals gebeugte Hildebrand, dann wieder der k�hne junge Hadubrand, der mit blitzendem Auge strahlende T�ne schmetterte, die an Schlachttrompeten erinnerten. Seine wohl einstudierten Geb�rden gefielen, anmutig hielt er die Harfe und lie� seine schlanken Finger flink �ber die Saiten hinweg gleiten.</p><p>Er erhielt kr�ftigen Beifall. Der K�nig, von dem man wei�, dass er recht unwirsch sein kann, wenn ihm ein Vortrag nicht gef�llt, rief:</p><p>�Gro�artig! Wunderbar!�</p><p>Auch ich war begeistert. Odo dagegen sa� mit saurer Miene da und seufzte. Im ersten Augenblick dachte ich, dass er wie die meisten unserer biederen Franken wenig Sinn f�r Poesie und Sangeskunst hatte. Doch schnell begriff ich, was ihn st�rte. Nicht entgangen war ihm die hingebungsvolle Aufmerksamkeit, die Prinzessin Rotrud dem K�nstler widmete.</p><p>Als Siegram nun ein zweites Lied vortrug, musste dies jedem in der Halle auffallen. Das Lied handelte von der Liebe eines edlen, aus seiner Heimat vertriebenen Schutzflehenden zu der sch�nen Tochter seines Gastgebers, eines m�chtigen F�rsten. Der S�nger schwelgte in der Beschreibung der Vorz�ge dieser jungen Dame, wobei er kein Auge von Rotrud lie�, die ihn ihrerseits mit schmachtenden Blicken verschlang. Das Versma� holperte an diesen Stellen ein wenig, was zweifellos daher kam, dass Herr Siegram kr�ftig improvisierte, um mit seiner Dichtung der vor ihm sitzenden Sch�nen zu huldigen. Er verglich Rotruds Haar mit dem Strahlenkranz der Sonne, ihr M�ndchen mit einer Rosenknospe und verga� auch alles andere nicht. Der K�nig nahm es heiter, doch die K�nigin, die ja selbst noch sehr jung ist und vielleicht nur gekr�nkt war, weil in ihrer Gegenwart die Vorz�ge ihrer Stieftochter ger�hmt wurden, zog ein noch saureres Gesicht als gew�hnlich und wandte sich ab. Viele G�ste tauschten Blicke und grinsten unverhohlen. Ich vermied es, Odo anzusehen, h�rte ihn aber mehrmals entr�stet schnaufen.</p><p>Dann kam es noch besser. Nachdem der S�nger in jubelnden T�nen den Sieg der Liebe und die Vereinigung des edlen Schutzflehenden mit der Prinzessin verk�ndet hatte, sprang Fr�ulein Rotrud von ihrer Bank auf, trat ohne Scheu auf ihn zu, reckte sich auf die Zehenspitzen und k�sste ihn. Alles blickte auf den K�nig, der aber nur wohlwollend lachte und einem Diener winkte. Dieser brachte dem S�nger einen Silberpokal, den Lohn f�r seine Kunst. Siegram l�chelte strahlend, schwenkte den Pokal wie eine Troph�e und dann beugte er sich zu Rotrud herab und k�sste sie seinerseits. Sie spielte ein wenig die Emp�rte, fuhr mit der Hand in sein Lockenhaar und zauste es, lachte aber gleich wieder und eilte leichtf��ig an ihren Platz zur�ck.</p><p>�Was sagst du dazu, Odo? Er hat deine Braut gek�sst�, stichelte einer am Tisch.</p><p>�Das durfte er�, bemerkte sein Nachbar. �Der Herr Karl hatte nichts dagegen.�</p><p>�Warum soll er denn seinen T�chtern nicht eine Liebschaft erlauben?�, sagte der Erste. �Das ist besser, als wenn sie heiraten und ihn verlassen.�</p><p>Im selben Augenblick purzelten Kr�ge, Kannen und Becher durcheinander, und ihr Inhalt, Wein und Bier, floss �ber den Tisch. Mit einer heftige Geste war Odo aufgesprungen.</p><p>�Was hast du? Wo willst du hin?�, rief ich.</p><p>Er antwortete nicht. Mit Riesenschritten, gefolgt vom Gel�chter unserer Tischgenossen, st�rmte er zur T�r und hinaus.</p><p>Odos j�her Abgang war nur von den in der N�he Sitzenden bemerkt worden. Da der Vortrag beendet war, st�rzte sich alles wieder auf Speisen und Getr�nke. Lautstark ergossen sich die zur�ckgehaltenen Maulstr�me in die Halle.</p><p>Der sch�ne Herr Siegram machte die Runde bei den Gro�en des Reiches. Man beehrte ihn mit einem Lob, einem freundlichen Abschiedswort, einer Einladung oder sogar � wenn man schon betrunken und gro�z�gig war � einem Goldst�ck. Er l�chelte auch noch einmal zu Fr�ulein Rotrud hin�ber, die ihn aber bereits vergessen hatte und sich mit ihren j�ngeren Geschwistern zankte. Nach einer letzten Verbeugung gegen den K�nig, der ihn ebenfalls nicht mehr beachtete, wandte er sich zum Ausgang.</p><p>Ich hatte kein Auge von ihm gelassen und da Odo nicht zur�ckgekommen war, zweifelte er nicht, dass den S�nger drau�en ein unangenehmer Empfang erwartete. Mich packte die Sorge, mein neuer Freund und Amtsgef�hrte k�nnte sich eine Torheit leisten und damit alles verderben, was gerade so gut begann. Ich sprang auf und lief dem S�nger nach. Drau�en geschah tats�chlich, was ich bef�rchtet hatte.</p><p>Der S�nger ging �ber den Hof auf eines der G�steh�user zu. Odo trat von der Seite an ihn heran, sein Schwert am G�rtel. Das schien den S�nger jedoch nicht sehr zu beeindrucken.</p><p>Ein Ochsengespann, das auf dem belebten Hof vor�ber getrieben wurde, hinderte mich einen Augenblick daran, mich den beiden zuzugesellen. Als ich bei ihnen ankam, standen sie sich gegen�ber � ein w�tender Odo und ein hochm�tig l�chelnder Siegram.</p><p>�Euer Betragen war unversch�mt!�, schnauzte Odo. �Nicht einmal die h�chsten W�rdentr�ger d�rfen sich solche Freiheiten herausnehmen. Ihr werdet noch heute die Pfalz verlassen!�</p><p>�Ach, und wie k�me ich dazu?�, entgegnete der S�nger. �Ist Euch entgangen, wie erfolgreich ich war? Man wird mich noch �fter zur Tafel rufen.�</p><p>�Da t�uscht Ihr Euch aber sehr. Man w�nscht nur eines: dass Ihr so schnell wie m�glich abreist!�</p><p>�Und wer befiehlt das?�</p><p>�Hier hat nur einer zu befehlen.�</p><p>�Der eine hat mir gerade diesen Pokal geschenkt.�</p><p>�Weil er mit Euerm Gesang zufrieden war. Mit Euerm Betragen ganz und gar nicht.�</p><p>�Aber was habe ich denn verbrochen?�</p><p>�Da fragt Ihr noch?�</p><p>�Ich bitte Euch, kl�rt mich auf.�</p><p>�Man k�sst nicht in aller �ffentlichkeit eine k�nigliche Jungfrau, die einem Edelmann bestimmt ist!�</p><p>�Zuerst hat die Jungfrau mich gek�sst.�</p><p>�Damit h�ttet Ihr Euch begn�gen m�ssen.�</p><p>�War denn der Edelmann, dem sie bestimmt ist, anwesend?�</p><p>�Er war es.�</p><p>�Seid Ihr es etwa?�</p><p>�Und wenn ich es w�re?�</p><p>Herr Siegram l�chelte nachsichtig wie �ber einen misslungenen Scherz und lie� herausfordernd langsam seinen Blick an Odo hinab gleiten. Ich erw�hnte bereits, dass der �u�ere Eindruck, den mein neuer Gef�hrte machte, von oben nach unten zunehmend ung�nstiger wurde. Bei den zerrissenen Stiefeln angekommen, verweilte der Blick des S�ngers mit gen�sslicher Ruhe.</p><p>�Ich gratuliere Euch!�, sagte Herr Siegram. �Zweifellos werdet Ihr Eure Braut sehr gl�cklich machen. Aber wollt Ihr etwa in diesen Stiefeln auf Eurer k�niglichen Hochzeit tanzen?�</p><p>Der elegante S�nger lie� ein kurzes ver�chtliches Lachen h�ren, warf die Lockenm�hne zur�ck und ging mit wehendem Mantel weiter. Odos Hand fuhr nach dem Schwertgriff. Doch nun sah ich den Augenblick zum Eingreifen gekommen.</p><p>�Bei allen Heiligen! Lass das Schwert stecken!�</p><p>�Hast du geh�rt, wie mich der Laffe beleidigt hat? Ich werde ihn zum Zweikampf fordern!�</p><p>�Das wirst du nicht tun. Du bist nicht mehr nur f�r dich selbst verantwortlich. Vergiss nicht, ab heute hast du ein Amt. Du bist ein Stellvertreter des K�nigs!�</p><p>�Also hat er den K�nig beleidigt. In mir, seinem Stellvertreter!�</p><p>�Wenn schon. Von einer solchen H�he aus l�sst man sich nicht auf Zweik�mpfe ein.�</p><p>�Und was soll ich deiner Meinung nach tun?�</p><p>�Ich w�rde mir ein paar neue Stiefel anmessen lassen.�</p><p>Einen Augenblick starrte er mich an. Dann blickte er auf seine F��e und pl�tzlich begann er zu lachen. Er schlug mir die Hand auf die Schulter und rief: �Recht hast du! Ich gehe sofort in die Schusterwerkstatt. Zwar hab ich kein Geld im Beutel, aber daf�r geh�rt mir ja jetzt die Staatskasse!�</p><p>Odos Lachen schallte �ber den weiten Hof. Herr Siegram, der gerade das G�stehaus betreten wollte, sah sich noch einmal verwundert um.</p><p>Odo bemerkte es, l�chelte gallig und murmelte: �Und dich erwische ich noch, mein Goldkehlchen. Irgendwann sehen wir beide uns wieder!�</p><p>Wie recht er hatte. Keine drei Wochen sollten vergehen, bis sie sich wiedersahen.</p></section><section><title><p><strong>2. Kapitel</strong></p></title><p>Die n�chsten Tage waren mit Reisevorbereitungen angef�llt. Nat�rlich war ich ab sofort von meinen Aufgaben in der Kanzlei entbunden. Schnell wies ich noch meinen Nachfolger ein, ein blasses M�nchlein, das sich eifrig �ber das Pult beugte und zu schreiben begann, w�hrend ich mitleidig seinen gekr�mmten R�cken betrachtete. Dabei h�rte ich auf das Gezwitscher der Schwalben, die �ber dem kleinen Fenster unter dem Dach nisteten. Wie oft hatte ich sie beneidet, weil sie einfach davon flattern konnten, hinaus in die Welt. Es ist wohl noch zu fr�h f�r mich, an ein besinnliches Leben in einer Klosterzelle zu denken. Jetzt w�rde ich meine Fl�gel breiten!</p><p>Ich traf mich mit Odo und wir einigten sich darauf, was jeder tun sollte. Odo stellte die Schutztruppe zusammen, besorgte die Reittiere und einen Planwagen. Er k�mmerte sich auch um Zelte, Decken und Mundvorr�te f�r den Fall, dass wir unterwegs einmal keine Herberge finden sollten. Mir als dem Schriftkundigen oblag es, uns mit allem zu versorgen, was wir in unserer Eigenschaft als Gerichtsherren, Ankl�ger, Anw�lte, Ordnungsh�ter und Ermittler von Straftaten ben�tigen w�rden. Da die Kanzlei hoffnungslos �berlastet war, musste ich dieses oder jenes wichtige Schriftst�ck, eine k�nigliche Verordnung oder einen Auszug aus der <emphasis>Lex Salica</emphasis>, der allgemein anwendbare Bestimmungen enthielt, am Tisch einer Sch�nke kopieren.</p><p>Vom s�chsischen Volksrecht gibt es ja leider noch keine vollst�ndige Sammlung. Deshalb suchte ich meine Kenntnisse zu erg�nzen, indem ich s�chsische Edelinge, die zur Reichsversammlung erschienen waren, ansprach und ausfragte. Dabei machte ich mir Notizen auf Wachst�felchen. An die hundert lagen schlie�lich in einem Korb, den ich mitnehmen wollte, um sie irgendwann zu ordnen und unter Hinzuf�gung dessen, was ich auf der Reise erfahren w�rde, zu einer <emphasis>Lex Saxonum </emphasis>zusammenzustellen.</p><p>Dann gab es noch einen feierlichen Augenblick. In der Pfalzkapelle erneuerten wir dem K�nig den Treueid und erhielten unsere Ernennungsurkunden als <emphasis>missi dominici.</emphasis> Mir zitterten die H�nde, als ich das kostbare Pergament mit dem Titelmonogramm und dem eigenh�ndigen Vollziehungsstrich des Herrn Karl in Empfang nahm. Ich legte es in eine eiserne Schatulle, zu der Odo und ich je einen Schl�ssel besitzen. In der Schatulle bewahren wir auch unsere fl�ssigen, leider nicht sehr �ppigen Geldmittel auf. Der Herr K�mmerer ist ein Knauser. Wir m�ssen uns bem�hen, am Abend eines Reisetags immer ein K�nigsgut, ein Kloster oder das Anwesen eines Grafen, Zentgrafen oder k�niglichen Vasallen zu erreichen, wo wir unentgeltlich versorgt werden. Bis jetzt ist es uns fast immer gelungen, aber noch sind wir nicht weit gekommen und befinden uns im alten Reichsgebiet, wo ein K�nigsgut neben dem anderen liegt. Hinter Fulda wird sich das �ndern.</p><p>Unsere Gesandtschaft besteht aus sieben M�nnern: Odo und mir, einem Diener, der auch gleichzeitig Schreiber ist, und einer vierk�pfigen Schutztruppe. Deren Anf�hrer ist ein gewisser Fulk, ein Graukopf mit finsteren, kantigen Z�gen und einer Narbe quer �ber der Stirn. Auf den ersten Blick fl��t er wenig Vertrauen ein. Odo kennt ihn aber von fr�her, von Gefechten mit s�chsischen Widerst�ndlern, und h�lt ihn f�r einen von der Sorte, die es mit Satan pers�nlich aufnehmen w�rden. Fulk redet wenig und wenn er den Mund auftut, flucht und schimpft er. Zu lieben scheint er nur seine Waffen und ein altert�mliches Trinkhorn, das ihm am G�rtel h�ngt und aus dem er sich Unmengen Bier einfl��t. Seine drei Leute sind brave Burschen, die auch nicht zimperlich sind. Wann immer wir rasten, �ben sie sich im Schwertkampf oder im Bogenschie�en, wobei sie auch Hunde und Katzen nicht schonen. Ihre B�rte sind schmutzig, ihre Kleider sch�big, doch ihre Waffen blinken und blitzen.</p><p>�Eine bessere R�uberbande�, fand Odo. �Raubeine, aber zuverl�ssig.�</p><p>Den Diener und Schreiber habe ich selbst ausgesucht. Er h�rt auf den Namen Rouhfaz und sieht auch aus wie einer, der bei der Messe das Weihrauchfass schwenkt. Seinen richtigen Namen hat er mir einmal genannt, doch ich habe ihn vergessen. Rouhfaz ist d�nn wie ein Zaunpfahl und trotz seiner noch jungen Jahre (sein genaues Alter kennt er nicht) fast kahl. Er kann leidlich lesen und hat eine sehr sch�ne Handschrift, jeder Buchstabe ist ein kleines Kunstwerk. Das ist der Grund, weshalb ich mich f�r ihn entschieden habe. Ich war ihm schon auf meiner Wanderung von Fulda nach Ingelheim begegnet, wo er sich mir unterwegs anschloss. Er hatte als Novize in mehreren Kl�stern gelebt, es aber nirgendwo ausgehalten. Vielleicht hatte man ihn auch hinausgeworfen. Er ist n�mlich rechthaberisch und z�nkisch und man muss sich daran gew�hnen, dass er fast immer eine beleidigte Miene zur Schau tr�gt. In der Pfalz Ingelheim konnte er nur als G�rtner unterkommen und sie waren dort froh, dass sie ihn wieder loswurden. Immerhin ist er sehr fromm und scheint nicht zu stehlen. Ich komme ganz gut mit ihm aus.</p><p>Am Tag unserer Abreise regnete es. Odos Laune entsprach dem Wetter. Das hatte gleich mehrere Gr�nde. In den vergangenen Tagen hatte er sich vergebens bem�ht, seine angebetete Rotrud zu treffen und irgendein Zeichen oder Abschiedswort von ihr zu erhalten. Wo immer sie erscheinen konnte, hatte er gelauert. Aber wenn er sie mal zu Gesicht bekommen hatte, dann stets nur inmitten eines Schwarms von Erziehern, Geistlichen, Hofdamen oder Geschwistern.</p><p>�Sie wird bewacht!�, erkl�rte er finster. �Meinetwegen, das wird nichts n�tzen. Und wenn der Alte das ganze Heer dazu aufbietet. Ich komme zur�ck und dann werden wir sehen. Sie wird doch meine Frau!�</p><p>Der zweite Grund f�r Odos Verstimmung war die Himmelsrichtung, in die wir aufbrachen. Eine Gesandtschaft nach der anderen verlie� die Pfalz in Richtung Westen � nach Soissons, Paris, Autun, Tours. Nun packte ihn doch wieder der �rger �ber die Zur�cksetzung und er beneidete diese Gl�cklichen. Hinzu kam, dass fast alle Gesandtschaften in die westlichen Reichsgebiete gl�nzender und aufwendiger waren als die unsrige. Da flatterten Fahnen, schimmerten Br�nnen, t�nzelten rassige Pferde, an deren Geschirr Gold und Silber gl�nzten. Und an der Spitze von zwanzig, drei�ig Mann ritten Grafen und Bisch�fe.</p><p>Dagegen waren wir ein recht trauriger Haufen. Zwar war Odo au�er beim Schuster auch beim Hofschneider gewesen und trug nun neue Stiefel und eine h�bsch bestickte Tunika. Doch konnte damit das Gesamtbild, das wir boten, nicht wesentlich versch�nert werden. Der Herr K�mmerer hatte, wie schon bemerkt, bei uns geknausert.</p><p>Nun, auch wir setzten uns in Bewegung. Odo br�llte herum, damit niemand dar�ber im Unklaren blieb, wer die Befehlsgewalt hatte. Ich �berlie� sie ihm gern, obwohl wir ja ranggleich sind. Auch Fulk ertrug alles gleichm�tig. Mit stumpfem, glasigem Blick hing er krumm im Sattel, er hatte die Nacht durch nach Kriegerart den Aufbruch in den Kampf gefeiert. Wir drei ritten voran, Odo und Fulk zu Pferde, ich auf meinem flinken Eselshengst Grisel. Dann folgte der von zwei kleinen Fuchsstuten gezogene, hoch beladene Wagen, auf dessen Kutscherbank Rouhfaz hockte. Den Abschluss bildeten die drei �Raubeine�, auch sie zu Pferde.</p><p>Ich �bergehe die Einzelheiten der Reise. Am ersten Tag kamen wir mit M�he bis Mainz, weil wir auf der schmalen Stra�e immer wieder von entgegen kommenden Kaufmannstrecks, die zur Pfalz wollten, aufgehalten wurden. Als es dunkelte, hatten wir gerade den Rand der Vorstadt erreicht. So mussten wir schon zur ersten �bernachtung auf eigene Kosten in einer Herberge absteigen.</p><p>Am n�chsten Morgen brachen wir zeitig auf, fanden im Hafen eine F�hre und setzten �ber den Rhein. Auf der alten r�mischen Heerstra�e zogen wir weiter. Wir �bernachteten zweimal auf Krong�tern und kamen am vierten Tag an einen Ort, dessen Namen ich nicht nennen kann. Ich darf die Namen von Orten und von Personen, mit denen ich bei der Aus�bung meines Amtes in Ber�hrung komme, nur in meinen Berichten an den Herrn Pfalzgrafen auff�hren. Ich bitte Dich daher um Verst�ndnis, lieber Volbertus, dass alle Orte, von denen die Rede sein wird, anonym bleiben m�ssen. Dasselbe betrifft die Personen, die aber nat�rlich Namen bekommen werden, wenn auch erfundene.</p><p>Am vierten Reisetag also, vormittags und bei wieder angenehmem Fr�hlingswetter, gerieten wir an dem oben erw�hnten Ort in ein Marktget�mmel, was uns eine Weile aufhielt.</p><p>Dieser Aufenthalt sollte Folgen haben.</p><p>W�hrend der verschiedenen Unterweisungen, die uns h�here Hofbeamte in den Tagen der Vorbereitung auf unsere Mission erteilt hatten, waren wir auch wiederholt und nachdr�cklich dazu verpflichtet worden, unterwegs, wo immer es sich ergab, zu pr�fen, ob Gesetze und Bestimmungen eingehalten wurden. Hier wurden wir t�tig. Begleitet von Rouhfaz und zwei M�nnern unseres Trupps ging ich auf diesem Markt mit einer Waage von einem Stand zum anderen, um die M�nzgewichte zu �berpr�fen. Dabei konnte ich einen H�ndler �berf�hren, der gro�e Warenposten mit Falschgeld bezahlte. Seine Denare hatten nur wenig mehr als die H�lfte des vorgeschriebenen Gewichts. Ich verurteilte ihn an Ort und Stelle, nat�rlich in Gegenwart der versch�mten Marktaufseher, bei denen ich mich vorher ausgewiesen hatte. Da uns Strenge anbefohlen war, musste er f�nfzehn Solidi oder 180 Denare zahlen, was dem Gegenwert von f�nf K�hen und acht Schweinen entsprach. Er schickte gleich einen seiner Diener zu seinem Teilhaber nach Mainz, damit dieser das Geld herbeischaffte. Vorerst musste er in Haft bleiben. Das alles ging nat�rlich unter Aufregung und Geschrei vor sich. Der H�ndler behauptete, selber betrogen worden zu sein, doch hatte er als Zeugen nur Gott und alle Heiligen, die ich (sie m�gen es mir verzeihen) nat�rlich nicht anerkennen konnte. Ich lie� mich �berhaupt auf nichts ein und war, offen gesagt, ein wenig stolz darauf, mich auf diesem f�r mich neuen Gebiet so unerschrocken behauptet zu haben.</p><p>Inzwischen hatte sich Odo zum Pferdemarkt begeben. Ich folgte ihm dorthin und fand auch ihn als Mittelpunkt eines Auflaufs. Unterst�tzt von Fulk, war er gerade dabei, einem pr�chtigen Grauschimmel, der sich str�ubte und ausschlug, das Maul zu �ffnen. Als es endlich gelang, starrten vier, f�nf M�nner hinein und Odo rief triumphierend, er habe es gleich gewusst. Der Hengst sei keine f�nf Jahre alt und der H�ndler habe den Verk�ufer geprellt, indem er das Tier f�r zwei Jahre �lter erkl�rte. Der H�ndler schwor aber, sich nicht in betr�gerischer Absicht geirrt zu haben. Es sei ihm nicht gelungen, der Bestie die Z�hne auseinander zu bringen, und so habe er das Alter nach dem �u�eren Eindruck sch�tzen m�ssen. Gern sei er bereit, den Hengst nebst Sattelzeug f�r die 360 Denare, die der Verk�ufer empfangen habe, zur�ckzugeben.</p><p>�Und ich bitte den edlen Herrn um Verzeihung�, f�gte er mit einer Verbeugung hinzu.</p><p>Der edle Herr, der Verk�ufer des Pferdes, war noch anwesend, er stand zwischen Odo und dem H�ndler. Es war ein dicker, etwa vierzigj�hriger Mann mit eng beieinander stehenden, schlau blickenden Augen, r�tlichem Schnurrbart und einem runden Sch�del, den nur noch ein Haarkranz umgab. Seine Kleidung war in der Tat die eines Herrn: ledernes Wams, silberbeschlagener G�rtel, weiter, mit einer Fibel am Hals zusammengehaltener Mantel. Er hatte den Beutel mit Geld gerade an seinem G�rtel befestigt und es war ihm sichtlich nicht recht, dass der Handel so viel Aufmerksamkeit erregte.</p><p>�Schon gut, du brauchst dich nicht zu entschuldigen�, sagte er mit einer beschwichtigenden Geste. �Ich wusste ja selbst nicht mehr, wie alt das Pferd ist. Deshalb war ich mit dem Preis zufrieden. Es war nicht n�tig, dass Ihr Euch einmischtet�, wandte er sich vorwurfsvoll an Odo.</p><p>�Es tut mir leid, aber ich konnte nicht ahnen, dass Ihr so wenig auf Euern Vorteil bedacht seid�, sagte Odo. �H�tte ich gewusst, dass Ihr dieses herrliche Pferd verschenken wollt, w�re ich stumm geblieben. Und ich h�tte Euch verschwiegen, dass ich selbst Euch 420 Denare zahlen w�rde.�</p><p>�F�nfunddrei�ig Solidi?�, sagte der Dicke nicht unbeeindruckt.</p><p>�So seid Ihr ein K�ufer!�, rief der Pferdeh�ndler. �Und ich dachte, Ihr seid eine Amtsperson!�</p><p>�Eine Amtsperson bin ich auch�, entgegnete Odo. �Aber im Augenblick bin ich K�ufer.�</p><p>�Dann muss ich Euch sagen, dass Ihr zu sp�t kommt�, sagte der H�ndler frech. �Der edle Herr hier war mit dem Preis zufrieden, Ihr habt es von ihm selbst geh�rt. Das Pferd ist mein Eigentum. Wenn Ihr es also erwerben wollt, m�sst Ihr die 420 Denare an mich zahlen!�</p><p>Odo blickte ihn w�tend an. Er trat einen Schritt auf ihn zu. Seine Nasenspitze schien zustechen zu wollen.</p><p>�Damit du f�nf Solidi Gewinn machst, du Gauner! Zwischen zwei F�rzen! Wenn das so ist, dann bin ich jetzt wieder Amtsperson. Nimm den Kerl fest!�, rief er Fulk zu.</p><p>Der zog augenblicklich sein Schwert und trat auf den Pferdeh�ndler zu.</p><p>�Komm mit, du Auswurf! Du stinkender, madenzerfressener Schafsk�se!�</p><p>Unter den M�nnern, die die Gruppe umstanden und von denen die meisten wohl h�rige arme Schlucker waren, wurde beif�lliges Gemurmel laut. Der Pferdeh�ndler schrie, er habe nichts getan und gehe nur friedfertig seinen Gesch�ften nach. Der Dicke, der heftig schwitzte und ein paar Mal unruhig nach links und rechts blickte, wandte sich zu seinen Gunsten an Odo.</p><p>�Lasst ihn gehen! Wir werden auch so einig. Wozu der L�rm. Wer seid Ihr �berhaupt?�</p><p>�Ich bin Odo von Reims. Im Dienste unseres erhabenen Herrschers. Als K�nigsbote unterwegs.�</p><p>�Als K�nigsbote?�, rief der Dicke erschrocken. �Ah, das ist nat�rlich etwas anderes! Hat man Euch aus einem bestimmten Grunde hierher gesandt?�</p><p>�Ich bin auf der Durchreise und m�chte ein Pferd kaufen. Doch, wie ich sehe, gibt es Schwierigkeiten.�</p><p>Die Erw�hnung des Amtstitels wirkte Wunder und jeder war jetzt beflissen, Odos Wunsch zu erf�llen. Der Pferdeh�ndler k�sste ihm die Hand und �bergab ihm unter Verbeugungen die Z�gel des Grauschimmels. Daf�r wollte er nun auf keinen Fall mehr haben als den Betrag, den er vorher bezahlt hatte. Er erhielt ihn. Als Odo darauf dem fr�heren Besitzer des Pferdes die zus�tzlich versprochenen sechzig Silberdenare geben wollte, wehrte dieser erschrocken ab. Er stammelte, dass es ihm eine Ehre und das Pferd f�r einen so hohen Herrn nicht gut genug sei.</p><p>Pl�tzlich hatte er es sehr eilig. Er deutete mit der Hand einen Gru� an, schob ein paar M�nner beiseite, die ihm im Wege standen, und machte sich hastig davon. Jetzt sah man, dass er auf einem Fu� auff�llig hinkte.</p><p>�Wartet doch!�, rief Odo ihm nach. �Ihr habt mir nicht einmal Euren Namen genannt! Ich h�tte gern gewusst, wem das Pferd ��</p><p>Doch der Mann war schon in der Menge verschwunden.</p><p>�Ist er hier bekannt? Wie hei�t er?�, fragte Odo den Pferdeh�ndler.</p><p>�Ich wei� es nicht, Herr. Hab ihn zum ersten Mal gesehen. Obwohl sein Gesicht mir nicht unbekannt vorkam.�</p><p>�Was soll das hei�en � nicht unbekannt?�</p><p>�Nun, so ein Kopf war schon einmal hier. Aber auf zwei gesunden Beinen. Und eigentlich war es auch nicht derselbe Kopf ��</p><p>�Lasst doch den Narren, er schwatzt Unsinn!�, sagte Fulk.</p><p>Odo hatte mich entdeckt, winkte mich heran und griff freudig in die M�hne des Hengstes, der unwirsch den Kopf zur Seite warf.</p><p>�Sieh, was ich hier erworben habe!�</p><p>�Ich war Zeuge des Handels�, sagte ich. �Ein sch�nes Pferd. Hoffentlich hat es keine versteckten Fehler.�</p><p>�Warum sollte es?�</p><p>�Die verd�chtige Eile seines fr�heren Herrn ��</p><p>�Das beweist eher, dass er ehrlich ist. Er wollte die f�nf Solidi nicht haben, die ich ihm sonst noch aufgedr�ngt h�tte. Ich schw�re dir, das Tier ist es wert. Ist das nicht ein vollendetes Exemplar seiner Rasse? Der kr�ftige Hals, das feurige Auge! Wenn ich nur w�sste, wie er hei�t ��</p><p>�Da kann ich Euch vielleicht helfen, Herr�, sagte der Pferdeh�ndler, der an seinem schlechten Gewissen trug und noch immer um Odo herum buckelte. �Es war, schien mir, etwas Lateinisches.�</p><p>�Was? Er versteht sogar Latein?�</p><p>�Der andere Herr nannte ihn Inter � Imper � Impetus.�</p><p>�Impetus? Gro�artig! Was hei�t das, Gelehrter?�</p><p>�Windstoߓ, sagte ich. �Auch Angriff, Ungest�m.�</p><p>�Ein treffender Name, den soll er behalten. Impetus!�</p><p>Als Odo das Wort jetzt mehrmals aussprach, spitzte der Hengst tats�chlich die Ohren und er hielt still, als sich sein neuer Herr in den Sattel schwang.</p><p>Stolz ritt Odo davon. Im Stillen warf ich ihm vor, schon zu Beginn der Reise zu verschwenderisch mit dem Geld umzugehen. Andererseits g�nnte ich ihm das Vergn�gen. Es hatte an ihm genagt, dass Fulk und die anderen bessere Pferde hatten, obwohl er ihnen vorgesetzt war. In der Ingelheimer Pfalz hatte er dem Marschalk seinen alten Klepper vorgef�hrt und ihn gefragt, ob er mit dem auf Verbrecherjagd gehen solle. Der Marschalk hatte ihm einen Zweij�hrigen aus dem Nachwuchsstall versprochen. Aber wie das so ist bei den hohen Herren: versprochen � vergessen.</p><p>Wir hatten auf dem Markt viel Zeit verloren und beeilten uns, um unser Tagesziel noch zu erreichen. In dem Itinerar, das ein Verzeichnis aller Rastpunkte auf unserem Wege enthielt, war ein Graf Hrotbert aufgef�hrt. In der N�he der r�mischen Befestigungsanlagen, die seit f�nfhundert Jahren verfallen, sollte er seinen Sitz haben. Bis zu ihm wollten wir kommen, um dann in den n�chsten Tagen, g�nstiges Wetter und einen passierbaren Weg vorausgesetzt, bis Fulda zu gelangen.</p><p>Es ging einigerma�en z�gig voran, denn die Stra�e, die wir nun entlang zogen, ist in verh�ltnism��ig gutem Zustand. Sie ist eine der wichtigsten im �stlichen Reichsteil, der K�nig und sein Hof haben sie benutzt, das Heer ist hier gegen die Sachsen marschiert. Handelsleute, die zu den Th�ringern, den Slawen und �berhaupt nach Osten wollen, ziehen hier entlang. Es geh�rt auch zu den Aufgaben der K�nigsboten, die Verkehrswege zu begutachten und notfalls Ma�nahmen anzuordnen. Die meisten �rtlichen Machthaber kommen nur nachl�ssig ihrer Verpflichtung nach, die Stra�en ihres Gebiets instand zu halten und m�glichst neue durch die W�lder zu schlagen. So m�ssen die Vertreter des K�nigs ein besonders wachsames Auge auf M�ngel richten. Sobald uns etwas auffiel, lie� ich Rouhfaz auf einer der Wachstafeln, die wir f�r Reisenotizen verwenden, eine Anmerkung machen. Manches brachten wir auch gleich selbst in Ordnung. Wo B�ume, vom letzten Sturm geknickt, auf den Weg gest�rzt waren, r�umten wir sie fort. Hielt uns ein verirrtes Fr�hjahrsb�chlein auf, sch�tteten wir es zu oder warfen Planken hin�ber.</p><p>Das brauchte nicht viel Zeit, denn die Zahl der H�nde, die zupacken konnten, hatte sich inzwischen vervierfacht. Im Schutz einer k�niglichen Gesandtschaft zu reisen, ist ja vorteilhaft, auch wenn sie nur so klein wie die unsrige ist. So hatte sich nach und nach hinter uns ein Tross gebildet: ein j�discher Kaufmann, ein Reliquienh�ndler aus Benevent, eine Gruppe aus Rom heimkehrender Pilger, Handwerker, Bauern und eine Gauklertruppe.</p><p>Odo ritt an der Spitze. Er konnte es sich nicht versagen, seinem neuen Pferd von Zeit zu Zeit eine Probe seines K�nnens abzuverlangen. Wann immer ein Hindernis auftauchte, lie� er Impetus springen. Er trieb ihn ein St�ck ins Unterholz, um ein Reh zu verfolgen, das �ber die Stra�e gewechselt war. Es stellte sich heraus, dass Impetus konnte, was ein Pferd k�nnen muss, und dass sein fr�herer Herr sich viel M�he mit ihm gegeben hatte.</p><p>Schlie�lich, als ein l�ngeres gerades St�ck Wegs vor uns lag, nahm Odo die Z�gel kurz, rief �Furi! Furi!� und legte mit Impetus einen wilden Galopp hin, sodass wir nur noch eine Staubwolke sahen.</p><p>Das war ein Fehler. Unsere Ordnung l�ste sich auf, weil einige Pferde nicht mehr zu halten waren. Auch Fulks kleinen Rappen packte der Ehrgeiz, er st�rmte los. Andere Pferde folgten ihm. Sogar mein Grisel wurde vom Wettkampffieber ergriffen und eilte hinterher.</p><p>Da gab es pl�tzlich vorn ein Gedr�nge. Ich h�rte Wiehern und raues Schimpfen. Als ich heran war, sah ich, wie Odos Grauschimmel sich b�umte, als wollte er seinen Reiter abwerfen.</p><p>Vor uns war die Stra�e durch einen Trupp von f�nfzehn, zwanzig Reitern versperrt, der hier rastete. Einige sa�en zu Pferde, andere lagerten unter B�umen.</p><p>Der Anf�hrer, ein junger Kerl mit Helm und Kettenhemd, schrie immer wieder: �Impetus! Das ist Impetus!�</p><p>Odo konnte sich zwar im Sattel halten, doch als sich Impetus schon beruhigt hatte, war er immer noch zornig.</p><p>�Was schreist du so, Dummkopf? Warum machst du mein Pferd wild?�</p><p>�Wenn es heute das Eurige ist�, sagte der junge Mann mit scharfer Betonung, �war es gestern noch das Pferd meines Schwiegervaters!�</p><p>�Und was willst du damit sagen, Gr�nschnabel? Glaubst du, ich h�tte es gestohlen?�</p><p>�Mein Schwiegervater wollte auf diesem Pferd zum Heer. Er ritt nie ein anderes.�</p><p>�Wer ist dein Schwiegervater?�</p><p>�Der Zentgraf Mommo. Ich hei�e Farold. Und wer seid Ihr?�</p><p>�Nicht du hast hier Fragen zu stellen. Das Pferd habe ich auf dem Markt erworben. Vermutlich hat es dein Schwiegervater verkauft, bevor er weiterzog nach der Pfalz.�</p><p>�Aber er wollte zuerst hierher kommen. Wir sollten ihn hier erwarten.�</p><p>�Seid ihr das Aufgebot eurer Zent?�</p><p>�Ja. Wir sind alle zum Heer unterwegs.�</p><p>�Recht sp�t. Wenn ihr euch nicht beeilt, ist der Krieg zu Ende.�</p><p>Fulk, der an Odos Seite hielt, musterte die M�nner mit pr�fendem Blick.</p><p>�Mit denen wird unser K�nig nicht viel ausrichten k�nnen�, knurrte er ver�chtlich. �Kocht�pfe statt Helme. K�chenmesser statt Schwerter. Weiberhaufen!�</p><p>�Wenn Ihr uns beleidigen wollt ��, schrie der junge Farold mit dem Griff zum Schwertknauf.</p><p>Ich hielt es f�r geboten, m��igend einzugreifen, und lenkte meinen Esel heran.</p><p>�So beruhigt Euch doch! Wir sind k�nigliche Kommissare. Es wird besser sein, keinen Streit mit uns anzufangen. Wenn Ihr darauf besteht, werden wir uns ausweisen. Wie lange wartet ihr schon an dieser Stelle?�</p><p>�Den ganzen Tag. Wir sind beim ersten Hahnenschrei losgeritten. Unser Dorf liegt zehn Meilen von hier entfernt.�</p><p>�Und seid Ihr sicher, am richtigen Ort zu sein?�</p><p>�Da steht die Wodanseiche, der Treffpunkt.�</p><p>�Es gibt keine Wodanseichen mehr!�, sagte ich streng. �Gott der Herr hat diese Eiche geschaffen, aber nicht zum G�tzendienst. Warum wolltet ihr euch erst hier mit euerm Schwiegervater, dem Zentgrafen, vereinigen?�</p><p>�Er wollte vorher noch zu seinem Heiligen beten und um Schutz flehen.�</p><p>�Welchem Heiligen?�</p><p>�Dem heiligen Ponz. Das ist ein Ahnherr seiner Familie. Er lebte vor langer Zeit als Einsiedler in einer H�hle. Dort ist auch sein Grab, ein paar Meilen von hier.�</p><p>�Und warum habt ihr nicht jemanden dorthin geschickt?�</p><p>�Das haben wir ja. Die M�nner sind gerade zur�ckgekehrt. Von meinem Schwiegervater keine Spur.�</p><p>�Seid ihr gemeinsam mit ihm aufgebrochen?�</p><p>�Nein. Er ist schon bei Nacht losgeritten.�</p><p>�Da konnte er sich verirrt haben.�</p><p>�Unm�glich. Er kennt hier jedes Mauseloch. Au�erdem schien der Mond.�</p><p>�Er wollte also beten und dann hierher kommen. Und ihr wolltet euch dann unter seiner F�hrung zum Heer begeben.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und nun stellt ihr fest, das Pferd, das er ritt oder reiten wollte ��</p><p>�Es ist dieses hier � Impetus!�</p><p>�Seid Ihr sicher?�</p><p>�Wie sollte ich nicht! Hab ja selber geholfen, es zuzureiten. Und dann die Blesse, die Narbe am Schenkel. Und dies ist ja auch das Zaumzeug, der Sattel, die Decke.�</p><p>�Warum halten wir uns hier auf?�, rief Odo ungeduldig dazwischen. �Die Sache ist klar. Dein Schwiegervater hat sich beim Beten beeilt und war hier, als ihr Schnecken noch unterwegs wart. Doch hier herumzustehen wurde ihm schlie�lich zu langweilig. Also ritt er voraus und weil er allein war, dachte er nach und da fiel ihm ein, dass er nicht genug Geld im Sack hatte. So ein Krieg, dachte er, ist teuer, man muss sich selbst versorgen und wei� nicht einmal, ob man sp�ter auch Beute macht. Und als er dann zu einem Markt kam, sagte er sich: �Besser, wenn ich das Pferd verkaufe, als dass ich unterwegs darbe!� und so ��</p><p>�Aber wie konnte er das?�, rief Farold. �Er muss sich als Panzerreiter melden!�</p><p>�Er wird einen von euch aus dem Sattel werfen. Ich w�rde das auch tun an seiner Stelle. Ein Jammer, wie ihr zu Pferde sitzt � wie die Affen der Gaukler da hinten! Vermutlich wartet er jetzt in einer Sch�nke am Weg und trinkt sich die richtige Wut an. Weil seine Dummk�pfe hier faulenzen statt loszureiten und zu ihm zu sto�en. Also macht, dass ihr weiterkommt! Ich befehle es euch kraft meiner k�niglichen Vollmacht!�</p><p>Das wirkte. Die braven Leute gehorchten. Der junge Farold gr��te h�flich und sie zogen ab in der Richtung, aus der wir gekommen waren.</p><p>Ich h�tte sie gern noch etwas gefragt, doch das war nicht mehr m�glich. Unser Tross, wie ich ihn nannte, war inzwischen herangekommen und es gab auf der schmalen Stra�e ein ganz unchristliches Gedr�nge mit Fl�chen und Verw�nschungen. Wir waren froh, dass es endlich weiterging.</p><p>�Die Geschichte, die du diesem Farold erz�hlt hast, glaubst du nat�rlich selbst nicht�, sagte ich zu Odo, als wir sp�ter nebeneinander ritten.</p><p>�Wir mussten die T�lpel ja irgendwie loswerden�, erwiderte er m�rrisch. �Au�erdem werden sie dringend erwartet. Der Alte braucht Schwertfra� f�r seine christlichen Schlachten und sie lungern hier unter Wodanseichen herum.�</p><p>�Ich m�chte wissen, wer der Mann war, der dem H�ndler das Pferd verkauft hat.�</p><p>�Hinkefu�? Das war ein Gauner.�</p><p>�Er schien von Adel zu sein.�</p><p>�Schlie�t sich das aus? Warum sind wir zwei unterwegs? Es gibt Grafen und �bte, die ganze Diebesbanden unterhalten.�</p><p>�Du meinst �?�</p><p>�Denk doch mal praktisch, auch wenn du ein Pfaffe bist. Verkauft man ein solches Pferd? Noch dazu, wenn man in den Krieg muss? So ein Pferd ist im Krieg das halbe Leben. Und das Zaumzeug, die Decke � Goldschmuck, Stickereien. Gibt man das weg? Ohne das alles bist du nackt!�</p><p>�So wurde das Pferd diesem Zentgrafen Mommo gestohlen.�</p><p>�So wird es wohl sein�, sagte Odo. �Ich habe aber kein Mitleid mit einem, der sich ein solches Pferd stehlen l�sst.�</p><p>�Aber wie mag es geschehen sein?�</p><p>�Wir wollen nicht gleich das Schlimmste bef�rchten. Der heilige Ponz wird schon aufgepasst haben. Ihr erz�hlt uns doch, wie wachsam die Heiligen sind, wie sie vom Himmel aus die sch�tzende Hand �ber ihre Anbeter halten. Ist es nicht so?�</p><p>�Gott gebe es.�</p><p>�Nat�rlich w�re es diesem Mommo ohne den Umweg zu dem Heiligen besser ergangen. W�re er mit seinem Trupp geritten, h�tte ihm das nicht passieren k�nnen.�</p><p>Er lachte und wider Willen musste ich einstimmen.</p><p>Unsere Heiterkeit konnte uns jedoch nicht dar�ber hinweg t�uschen, dass wir einem Diebstahl, m�glicherweise einem schweren Verbrechen auf die Spur gekommen waren. Das Verhalten des Hinkenden auf dem Pferdemarkt lie� nach allem, was wir von dem jungen Farold geh�rt hatten, an dieser Annahme keinen Zweifel mehr. Seine Furcht vor jedwedem Aufsehen, sein Erschrecken, als er erfuhr, wen er vor sich hatte, sein fluchtartiges Verschwinden � wie lie�e sich das sonst erkl�ren?</p><p>W�hrend wir unseren Weg fortsetzten, dachte ich immer wieder an diesen Mann. Ich stellte ihn mir als reichen Grundherrn vor, der in seinen W�ldern auf der Lauer lag. Vielleicht war er Advokat eines Klosters und versorgte seinen vergn�gungss�chtigen Abt (leider gibt es ja solche Herren) durch �berf�lle mit Geld und Luxus. Vielleicht war er der Zentgraf selbst? Der Pferdeh�ndler wollte den Mann oder einen, der ihm �hnelte, wiedererkannt haben. Entzog er sich dem Kriegsdienst, um irgendwo ein behagliches Leben ohne Gott, ohne K�nig und ohne Pflichten zu f�hren? Brauchte er dazu das Geld`?</p><p>Nein, dieser Gedanke war abwegig, ich verwarf ihn sofort. Der Mann hinkte, er war ohnehin nicht mehr kriegst�chtig. Mochte er sein, wer er wollte. Eigentlich war es nicht klug, l�nger dar�ber nachzudenken. Und vollkommen ausgeschlossen war es, irgendwelche Nachforschungen anzustellen. Wenn wir dem Grafen Hrotbert einen Hinweis gaben, w�rden wir unserer Pflicht gen�gen. Mochte er selbst nach seinem Zentgrafen suchen!</p><p>Um die Wahrheit zu sagen, es w�re Odo am liebsten gewesen, die Sache mit Schweigen zu �bergehen. Er hing schon so sehr an seinem Impetus, dass die Sorge, ihn wieder hergeben zu m�ssen, mit seinem Gerechtigkeitssinn in Konflikt geriet. Erst als ich ihm versicherte, dass ein rechtsg�ltiger Kauf vor Zeugen, n�mlich Fulk und mir, auf keinen Fall wieder r�ckg�ngig gemacht werden k�nne, war er beruhigt.</p></section><section><title><p><strong>3. Kapitel</strong></p></title><p>Es d�mmerte fr�her, als uns lieb war. Der Wald zu beiden Seiten der Stra�e verwandelte sich. Sein geheimnisvolles n�chtliches Leben erwachte, Gefahr zog herauf. Zeit war es zu rasten.</p><p>Wir befragten einen K�hler und seine Auskunft nahm uns die Hoffnung, den Grafensitz noch an diesem Tag zu erreichen. Doch sei ein gro�es Dorf mit einem Herrenhof in der N�he. Auch ein Fl�sschen gebe es dort, um die Pferde zu tr�nken. Odo gab dem Mann ein Halbst�ck und befahl, uns dorthin zu f�hren.</p><p>Nach kurzer Zeit verlie�en wir die Stra�e. �ber einen schmalen, durch dichtes Unterholz geschlagenen Pfad ging es einen H�gel hinauf, dann wieder hinab und nochmals hinauf. Schlie�lich blickten wir auf ein Tal hinunter, aus dem uns ein paar Lichter entgegen gl�hten wie Johannisfunken im Grase. Die meisten sah man an der Stelle, wo sich das Herrenhaus befand. Die H�user und H�tten, die es umgaben und �ber das ganze Tal verstreut waren, konnte man nur noch schemenhaft wahrnehmen.</p><p>�Wem geh�rt dieses Dorf?�, fragte ich.</p><p>�Das meiste geh�rt Herrn Mommo�, antwortete unser F�hrer. . �Dort seht Ihr den Herrenhof und das Saalhaus. Ihr werdet gastliche Aufnahme finden.�</p><p>�Ist Herr Mommo vielleicht euer Zentgraf?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wei�t du, ob er zu Hause ist?�</p><p>�Das wohl nicht. Er geh�rt zum Heerbann und ist sicher schon fort. Genau wei� ich es aber nicht, lebe ja im Wald.�</p><p>�Wir sollten uns eine andere Herberge suchen�, sagte Odo unwillig. �Wenn der Zentgraf nicht zu Hause ist � wer soll uns empfangen?�</p><p>�Oh, dar�ber macht Euch keine Sorgen. Empfangen wird Euch Frau Begga, die Zentgr�fin. Sie k�mmert sich hier auch sonst um alles. Befehlt Ihr, dass ich Euch bis ans Tor f�hre?�</p><p>�Nicht n�tig�, sagte ich, �das kann Impetus tun.�</p><p>Der K�hler hatte das Pferd in der Dunkelheit nicht erkannt. Bevor er sich aber wundern konnte, hatten wir ihn zur�ckgelassen.</p><p>In langer Reihe krochen wir, Menschen, Tiere und Wagen, den flachen H�gel hinunter. Der breiter werdende, ausgetretene Pfad wand sich direkt auf das Anwesen zu. Unter Trappeln und Knarren, Rasseln und Scheppern n�herten wir uns dem Tor.</p><p>Pl�tzlich hob Odo, der vorn ritt, die Hand und brachte Impetus zum Stehen. So zerrten auch wir anderen an den Z�geln, starrten nach vorn und spitzten die Ohren.</p><p>Und da h�rten wir eine Stimme. Eine hohe m�nnliche Stimme. Dazu als Begleitung Harfent�ne. Das klang von dort unten herauf aus dem Herrenhaus. Es war ein Gesang, wie wir ihn erst vor wenigen Tagen in der Halle des K�nigs vernommen hatten. Der Gesang des ber�hmten Skops � des Herrn Siegram.</p><p>�Ein guter Bekannter�, sagte Odo. �Wusste ich doch, ich w�rde Goldkehlchen wiederbegegnen.�</p><p>�Du hattest Recht�, bemerkte ich. �H�tten wir es nur woanders versucht.�</p><p>�Warum? So wird der Abend vielleicht noch kurzweilig.�</p><p>�Ich f�rchte, du k�nntest die Kurzweil zu weit treiben.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Du verstehst mich schon.�</p><p>�Beruhige dich, �ngstliche Pfaffenseele! Wir werden dem Singvogel lauschen und sein buntes Gefieder bewundern. Nur muss er vermeiden, noch einmal von unseren Stiefeln zu singen, das w�rden sie diesmal krumm nehmen.�</p><p>�Du darfst dich auf keinen Fall mit ihm schlagen!�</p><p>�Schlagen? Lieber Freund, wie kommst du darauf? Ist es Stiefelart, sich zu schlagen? Zumal diese Stiefel noch neu sind und einen so guten, festen Tritt haben. Glaub mir, sie treffen jeden Hintern.�</p><p>Wenig sp�ter hielten wir unten am Tor. Es war ein Zangentor mit zwei hohen W�llen, die eine Gasse bildeten, an deren Ende sich die Pforte befand. Diese stand offen, es schien auch niemand auf den W�llen Wache zu halten.</p><p>Odo und ich sa�en ab und �bergaben den anderen unsere Reittiere.</p><p>�Wartet hier alle!�, sagte Odo. �Von Wachsamkeit halten sie nichts, aber wir wollen h�flich sein und uns anmelden.�</p><p>Er stapfte voraus, ich folgte ihm. Wir durchschritten die Pforte und gelangten In den ger�umigen Hof. Rechts und links standen niedrige H�tten. Es roch nach Mist und frischem Brot. Ein Hund bellte uns an,</p><p>Wir folgten dem Licht der Kienfackeln und den T�nen des S�ngers und standen nach hundert Schritten an der Freitreppe des Herrenhauses. Das hei�t, wir standen vor einer Wand von R�cken. Alles, was ringsum zwei Beine hatte, schien hier versammelt zu sein: das Hofgesinde, Bauern aus dem Dorf, M�nner, Frauen, Kinder. Und darunter wohl auch die Torw�chter, die eigentlich auf ihrem Posten sein sollten. Mit offenen M�ulern lauschten sie alle dem angels�chsischen Orpheus.</p><p>Dieser stimmte gerade einen neuen Gesang an, der Odo und mir bekannt vorkam. Es war die Weise von dem edlen Schutzflehenden, der sich in das T�chterlein seines Wirtes verliebt. Odo sah mich an und grunzte missf�llig. Auch ich erinnerte mich nur zu gut daran, wie der S�nger mit diesem Lied Prinzessin Rotrud gehuldigt hatte. Gab es auch hier eine sch�ne junge Person, der er die Perle seiner Sangeskunst darbrachte?</p><p>Odo musste dieselbe Frage besch�ftigen. Es �berforderte seine Geduld, das Ende des Liedes abzuwarten. Er stie� einem vor ihm stehenden Bauern die Faust in den R�cken. Der machte eilfertig Platz. Noch ein paar P�ffe und eine Gasse war frei. Wir schritten hindurch und stiegen die wenigen Stufen hinauf. Vor der offenen T�r standen ein paar st�mmige Knechte, die Arme gekreuzt, uns den R�cken zukehrend. Odo verzichtete vorerst darauf, an ihnen vorbei weiter vorzudringen. Wir konnten nun aber schon einen Blick in das Innere des Hauses werfen.</p><p>Im vorderen Teil, dem Saal, einem gro�en d�steren Raum, dessen W�nde aus dicken Pfosten und Bohlen von Eichenholz gezimmert waren, sa�en auf B�nken an die zwanzig M�nner. Die meisten waren ehrw�rdige Graub�rte, wohl die Vornehmsten und �ltesten des Herrenhofs und des Dorfes. Der S�nger stand in der Mitte, im Reisekost�m, die Harfe im Arm.</p><p>Ich hatte richtig vermutet: Unter den Zuh�rern gab es Frauen. Es waren nur zwei, die allerdings die Blicke stark anzogen.</p><p>Die eine, gro�, �ppig, mit blonder M�hne, in einem reich gestickten Gewand und aufreizend mit Armreifen, Halsketten und Ringen geschm�ckt, lehnte an einem der Pfeiler, die den Saal gegen die dahinter liegende Kammer abgrenzten. Sie stand hoch aufgerichtet da und hatte den Kopf stolz in den Nacken gelegt, doch ihre lebhaften dunklen Augen, die grell ummalt und k�nstlich vergr��ert waren, wie ich es bei den R�merinnen gesehen hatte, hingen verz�ckt an den Lippen des S�ngers. Sie schien von dem Vortrag in ungew�hnlicher Weise erregt zu sein. Ihr m�chtiger Busen hob und senkte sich heftig, ihre unsteten H�nde griffen bald nach den Schl�sseln, bald nach dem Kamm, bald nach dem silbernen Messeretui und anderen Gegenst�nden, die an ihrem G�rtel hingen. Ich bin ja in Bezug auf Frauen kein Kenner, doch habe ich selten eine gesehen, die mir auf den ersten Blick so erhaben und gleichzeitig so unruhig erschien. Sollte sie die Hausherrin sein, die von dem K�hler erw�hnte Zentgr�fin Begga?</p><p>Was f�r ein Unterschied zu der anderen weiblichen Person, die hier anwesend war, allerdings nicht im Saal. Sie befand sich in der erw�hnten Kammer hinter der Pfeilerreihe, deren Fu�boden h�her lag als der des Hauptraums und deren Eingang man �ber drei Stufen erreichte. Die T�r stand offen und dahinter sah man diese Frau, halb sitzend, halb liegend auf einem Ruhebett, in dem schummrigen Licht, das aus dem Saal dort hinein drang. Ich sage �Frau�, obwohl man sie auf den ersten Blick auch f�r eine Jungfrau halten konnte. Es war eine zarte, schmale, zerbrechlich wirkende Sch�nheit. Mit gro�en, weit ge�ffneten Augen blickte sie Herrn Siegram an � oder an ihm vorbei? Das war von meinem Standpunkt aus nicht genau festzustellen. Auch sie war geschm�ckt, doch weniger aufwendig, daf�r erlesener als die andere. Ihr schlicht zur�ck gek�mmtes kupferrotes Haar wurde von einer Nadel gehalten, an der kleine Diamanten gl�nzten. Auf dem hoch geschlossenen dunklen Gewand trug sie am Hals ein goldenes Kreuz, in dessen Mitte ein feuriger Stein funkelte. War die �ltere der beiden Frauen auf eine gr�bere Art eindrucksvoll, wirkte die J�ngere edler und vornehmer. Sie strahlte engelhafte Ruhe, W�rde, Zartheit, Reinheit und Fr�mmigkeit aus.</p><p>Das schien auch der S�nger zu empfinden, denn er wandte sich mit seinen Versen ausschlie�lich an sie. Auch diesmal improvisierte er und tat manches hinzu, um der Figur seiner Dichtung die Z�ge der leiblich vor ihm sitzenden Sch�nheit zu geben. Nun hatte das Haar seiner Heldin �des Abendrots purpurnen Schimmer� und �der Ewigkeit stiller Glanz� lag in ihren Augen. Auch das Kreuz mit dem feurigen Stein fehlte nicht, denn �frommen Sinn verriet ihr k�stlich Geschmeide�.</p><p>W�hrend er sang und die Harfe schlug, versuchte Herr Siegram einige Male, noch n�her an die Sch�ne in der Kammer heranzutreten. Doch es gelang ihm nicht, weil die andere dann jedes Mal wie zuf�llig einen Schritt zur Seite machte und mit ihrer �ppigen Leiblichkeit ein Hindernis bildete. War sie eifers�chtig? Wollte sie seine Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken? Oder wollte sie die Junge, die aber kaum ihre Tochter sein konnte (denn sie selbst hatte wohl noch keine drei Dezennien) vor einer zu aufdringlichen Huldigung sch�tzen?</p><p>Ich tauschte einen Blick mit Odo, der nur die Augenbrauen bedeutsam hochzog. Gleich reckte er wieder den Hals. Die sch�nen Frauen hatten ihn schon verzaubert.</p><p>Als Siegram seinen Vortrag beendete, trat die �ltere rasch auf ihn zu. Begeistert blickte sie ihm in die Augen. Sie ergriff seine Hand, um sie mit ihren beiden H�nden zu dr�cken. Diese Geste wirkte etwas befremdlich, der Beifall gewohnte S�nger selbst war verlegen. Es war einen Augenblick lang vollkommen still. Dies nutzte Odo, um die M�nner, die vor ihm standen, zur Seite zu schieben und in die Mitte zu treten.</p><p>�Seid gegr��t, begnadete Nachtigall!�, rief er. �Wir zogen vor�ber und h�rten Eure lieblichen T�ne. Da konnten wir nicht widerstehen und mussten herkommen. Sch�ne Damen, unsere Ehrerbietung! Und auch ihr M�nner � seid alle gegr��t! Ich bin Odo von Reims, ein Nachkomme Chlodwigs, des Merowingers, und Vasall des K�nigs, und dort steht Lupus, aus edlem Frankengeschlecht, ein bedeutender Rechtsgelehrter. Wir sind als K�nigsboten unterwegs, als Kommissare unseres erhabenen Herrschers. In seinem Namen erbitten wir Nachtquartier. Ist der Hausherr zugegen?�</p><p>Odos �berfallartiger Auftritt l�ste einige Aufregung aus. Herr Siegram machte ein saures Gesicht, verneigte sich steif und murmelte einen Gru�. Die hoch gewachsene Dame erschrak zun�chst, doch fasste sie sich gleich wieder.</p><p>�Der Hausherr, mein Gemahl, ist leider abwesend�, sagte sie, wobei sie Odo mit einem hoheitsvollen Blick musterte. �Er ist dem Ruf des K�nigs gefolgt. Erlaubt deshalb, dass ich Euch in seinem Namen begr��e.�</p><p>�So seid Ihr Frau Begga, die Zentgr�fin. Weithin ber�hmt f�r ihre Sch�nheit und Gastfreundschaft.�</p><p>�Ihr versteht es zu schmeicheln. Doch erwartet nicht zu viel. Nat�rlich werdet Ihr bei uns Kost und Herberge finden. Nehmt zuvor einen Trunk zur Begr��ung. Es ist eine Ehre f�r uns, so hohe G�ste zu empfangen.�</p><p>Inzwischen war auch ich eingetreten. Hinter mir dr�ngten Fulk, der j�dische Kaufmann und die Pilger herein, die ungeduldig geworden waren. Frau Begga, winkte Knechten und M�gden und gab Befehle. Ich sah sie auch kurz mi Herrn Siegram sprechen. Die junge Sch�nheit war nicht im Saal, sie musste noch in der Kammer sein, deren T�r jetzt geschlossen war. Vielleicht verbarg sie sich vor den Augen so vieler Fremder.</p><p>Pl�tzlich rief Odo: �Da ist ja noch ein guter Bekannter!�</p><p>Dieser hatte sich schon erhoben und trat hinkend auf Odo zu. Wahrhaftig, es war der Herr vom Pferdemarkt! Wir hatten ihn vorher nicht bemerkt, denn er hatte in einer schattigen Ecke gesessen. Er streckte uns seine gro�e, rot behaarte, schwitzende Hand hin.</p><p>�Ich bin Hauk. Der Bruder des Zentgrafen.�</p><p>�So erfahre ich doch noch Euern Namen�, sagte Odo. �Ich hatte vergebens hinter Euch her gerufen.�</p><p>�Verzeiht, ich war heute Mittag in Eile. Wenn man schon mal den Weg zum Markt zur�cklegt, hat man manches zu erledigen. Und wie Ihr seht, bin ich nicht mehr der Schnellste.�</p><p>�Was ist Euch passiert?�</p><p>�Ein Schwerthieb, im Sattel empfangen. Unter Herrn Audulf, in der Bretagne.�</p><p>�Ein kurzer, aber ruhmreicher Waffengang.�</p><p>�Das kann man wohl sagen. Doch leider der letzte, in dem ich Heldenschwei� vergie�en durfte. Jetzt vergie�e ich nur noch Bauernschwei�. Seid Ihr zufrieden mit dem Pferd?�</p><p>�Ein pr�chtiges Tier.�</p><p>�So reut es mich nicht, es gleich verkauft zu haben. Mein Bruder, dem es vorher geh�rte, wird sich freuen, wenn er nach seiner R�ckkehr erf�hrt, dass ein gro�er Herr wie Ihr es nun reitet. Erlaubt jetzt, dass ich Euch diese M�nner vorstelle ��</p><p>Er rief einige der Graub�rte heran, die sich respektvoll verneigten. Es waren der Gutsverwalter, der Priester des Dorfes und ein paar Bauern, die in der Nachbarschaft ihre H�fe hatten.</p><p>�Wir sind Herrn Farold und den anderen begegnet�, sagte ich.</p><p>�Ach, wirklich?�, entgegnete Hauk.</p><p>�Auch Ihr m�sst sie getroffen haben, als Ihr Euch nach Hause begabt.�</p><p>�Nein, das habe ich nicht. Ich benutze meine eigenen Wege. Auf der Stra�e ist zuviel Gesindel unterwegs und �berall lauern die Schnapph�hne.�</p><p>�F�hrt einer Eurer Wege vielleicht am Grab des Eremiten vorbei?�</p><p>�Woher wisst Ihr von diesem Grab?�, fragte Hauk, die kleinen, schlauen Augen argw�hnisch zusammen kneifend.</p><p>�Herr Farold sagte uns, dass Euer Bruder dort beten wollte, bevor er mit den anderen zum Rhein zog. Leider verfehlten sie sich.�</p><p>�Sie verfehlten sich?�</p><p>�Herr Mommo kam nicht.�</p><p>�Seltsam. Hoffentlich ist ihm nichts zugesto�en.�</p><p>�Ihr selbst habt ihn heute nicht mehr gesehen?�</p><p>�Wie sollte ich! Bin ja viel sp�ter aufgebrochen.�</p><p>�Habt Ihr denselben Weg benutzt?�</p><p>�Es gibt viele Wege, wenn man sich auskennt.�</p><p>�Wusstet Ihr, dass Euer Bruder noch zu dem Grab reiten wollte?�</p><p>�Warum fragt Ihr?� Wieder sah er mich misstrauisch an. �Ja, ich wusste es � seit heute Morgen. Gestern Abend, beim Abschiedsgelage, hat er uns nichts davon gesagt. Wann ist es Mommo eigentlich eingefallen, noch unseren Heiligen zu besuchen?�, wandte er sich an Frau Begga, die sich gesch�ftig gab, doch in der N�he hielt und dem Gespr�ch zu folgen versuchte.</p><p>�Warum langweilst du unsere G�ste mit dieser Geschichte?�, sagte sie herantretend in ihrem romanisch gef�rbten Diutisk. �Ganz pl�tzlich fiel es ihm ein, reichlich sp�t. Eine Aufregung war das heute Nacht! Auf einmal erhob er sich vom Lager und sagte: �Es ist besser, wenn ich vorher noch zu Ponz reite. Es geht in den Kampf, da kann man nie wissen, wozu der Schutz eines Heiligen gut ist.� Nat�rlich war alles vorbereitet � Helm, Br�nne, Waffen, Gep�ck. Wir nahmen Abschied � ach, es war schrecklich. Ich tat kein Auge zu. Bei Sonnenaufgang musste ich ja auch am Tor sein, um den anderen zu sagen, wo sie ihn treffen w�rden.�</p><p>�Ja, und dann haben sie sich verfehlt�, sagte Hauk. �Das erfuhr ich eben von diesen Herren.�</p><p>�Ist das wahr?� Frau Begga griff sich ans Herz. �Gott im Himmel, was mag da geschehen sein?�</p><p>�Beruhigt Euch�, sagte Odo. �Die Hauptsache ist doch, dass sie ihr Ziel nicht verfehlen, es ist ja nicht weit. Beim K�nig werden sich alle wiedertreffen.�</p><p>�Wenn Ihr nur Recht h�ttet ��</p><p>�Euer Gemahl hat gewiss ein gutes Pferd, das ihn dorthin bringt�, bemerkte ich.</p><p>�Oh ja�, erwiderte Frau Begga. �Er hat seinen Impetus, einen prachtvollen Grauschimmel.�</p><p>�Verzeih, Begga, aber jetzt irrst du dich�, warf Hauk rasch ein.</p><p>�Ich irre mich?�</p><p>�Vielleicht wei�t du auch nicht, dass Mommo mir Impetus gestern gebracht hat, weil er dringend einen Geldbetrag brauchte. Und dass er mir freie Hand lie�, das Pferd zu verkaufen. Ich tat es gleich, denn ich musste das Geld wieder einnehmen. Zuf�llig ist Herr Odo der neue Besitzer! Wir lernten uns heute auf dem Pferdemarkt kennen.�</p><p>Hauk brachte diese Erkl�rung nicht ohne M�he heraus. Unter dem Blick seiner Schw�gerin schien er zu schrumpfen.</p><p>�Ah, so ist das�, murmelte sie. �Nein, das wusste ich nicht.�</p><p>Sie musste sich anstrengen, um ihre Verstimmung zu verbergen. Odo bem�hte sich, sie wieder aufzuheitern. Er versuchte, sie �ber den Verlust des edlen Pferdes hinweg zu tr�sten, indem er versprach, ihm ein guter Herr zu sein. Beredt r�hmte er die Reitk�nste ihres Gemahls, der Impetus so gro�artig ausgebildet hatte. Schlie�lich ging er zum Lob der Dame selbst �ber. Er bewunderte ihren Schmuck und ihre Kunst, sich noch sch�ner zu machen, als sie schon war, was er als Westfranke hoch zu sch�tzen wisse.</p><p>Sie nahm die Schmeicheleien mit einem zerstreuten L�cheln entgegen. Dabei huschte ihr unsteter Blick bald hierhin, bald dorthin. Mir entging nicht, dass ihre besondere Aufmerksamkeit auch jetzt wieder Herrn Siegram galt, der etwas abseits vor einem Becher Wein sa�.</p><p>M�gde trampelten herein und brachten gebratene H�hner, W�rste und Speck, dazu frisches Brot aus der Backh�tte. Man gab auch den anderen Reisenden zu essen, allerdings wohl gegen Bezahlung. Die geringeren Leute und die Gaukler lagerten drau�en unter B�umen. Es ging ger�uschvoll und fr�hlich zu.</p><p>Ich unterhielt mich leise mit Odo.</p><p>�Was meinst du dazu? Die Zentgr�fin wusste auch nichts davon, dass das Pferd verkauft wurde.�</p><p>�Warum sollte sie?� Odo kaute mit vollen Backen. �So etwas ist doch M�nnersache.�</p><p>�Dem Hauk scheint die Angelegenheit aber h�chst unangenehm zu sein. Hast du den Blick gesehen, den sie ihm zuwarf? Und wie er sich duckte?�</p><p>�Sie h�lt ihn f�r einen Gauner. Und er ist wohl auch einer. Wenn auch kein ganz so schlimmer, wie wir vermutet hatten.�</p><p>�Ich h�tte sie gern noch etwas gefragt. Aber sie w�rde mir wohl nicht die Wahrheit gesagt haben. Ich bin sicher, sie hat ihren Gatten auf Impetus fortreiten sehen.�</p><p>�Und was w�rde das beweisen? Nur dass dieser Mommo vor seiner Frau einen gro�en Respekt hat. Sieh sie dir an, mich wundert es nicht! Sie war dagegen, dass das Pferd verkauft wurde. Also musste er es heimlich tun, er brauchte die Denare. Sein Bruder stie� unterwegs zu ihm und half ihm bei dem Gesch�ft. Wahrscheinlich wollte sich Mommo nicht auf dem Markt zeigen.�</p><p>�Dann w�re das Gebet am Grab des Eremiten ��</p><p>�Frommes Gehabe, zur Tarnung, nichts weiter. Damit er schon in der Nacht aufbrechen konnte.�</p><p>�Und warum lie� er seine Leute unter der Eiche warten?�</p><p>�Begreif doch! Die sollten nat�rlich auch nicht wissen, dass er das Pferd auf den Markt brachte. Er wird ihnen irgendetwas erz�hlen, vielleicht von einem �berfall.�</p><p>Ich r�umte ein, dass dies eine Erkl�rung war.</p><p>�Und w�ren wir nicht zuf�llig hier vorbei gekommen�, fuhr Odo fort, �w�re Hinkefu� jetzt nicht in Ungnade. Eine Achtung gebietende Riesendame! Ich m�chte mich in den Vanengott Frey verwandeln, der wusste, wie man so eine herumkriegt.�</p><p>�Ich bitte dich, Odo, denke daran ��</p><p>�Auch die andere ist nicht zu verachten. Ich habe mich schon nach ihr erkundigt. Ihr Name ist Chrodelind, sie ist die Tochter des Zentgrafen.�</p><p>�Und die Zentgr�fin ist ihre Mutter?�</p><p>�Nur ihre Stiefmutter. Ihr Ehemann ist dieser Bl�dian Farold, der mir das Pferd scheu gemacht hat.�</p><p>�Sie scheint sich vor uns zu verstecken.�</p><p>�Es hei�t, ihr sei nicht ganz wohl. Der Schmerz des Abschieds. Hier ist Trost n�tig, Vater!�</p><p>�Ihr seid K�nigsbote, Herr Odo!�</p><p>�Zur Treue vereidigt, doch nicht zur Keuschheit. Sollen wir diesem gelockten Harfenschl�ger das Schlachtfeld kampflos �berlassen?�</p><p>�Vorsicht! Das k�nnte vorm Hofgericht enden. Wie w�rde der K�nig, dein k�nftiger Schwiegervater, es aufnehmen, wenn eine edle Dame behauptete, du h�ttest die Abwesenheit ihres Heldengatten benutzt, um ihre und seine Ehre zu besudeln?�</p><p>�Du schlauer Pfaffe hast meine verwundbarste Stelle entdeckt. Fluch �ber dich!�</p><p>Wir mussten laut lachen.</p><p>Ich machte w�hrend des Mahls ein paar aufschlussreiche Beobachtungen.</p><p>Die erste war, dass Frau Chrodelind an diesem Abend nicht mehr erschien. Die Kammert�r blieb geschlossen. Nur einmal sah ich sie noch kurz aufgehen.</p><p>Bevor dies aber geschah, kam es zu einer heftigen Meinungsverschiedenheit zwischen Frau Begga und Herrn Hauk. W�hrend im Saal getafelt wurde und alle sich unterhielten, mochten die beiden sich unbeobachtet f�hlen. Sie standen hinter den Pfeilern an dem Treppchen zur Kammer und sprachen leise und erregt aufeinander ein. Frau Begga schien nach und nach bei dem Streit die Oberhand zu gewinnen. Offenbar ging es dabei um uns, um den S�nger und die Kranke hinter der T�r. Nicht anders waren die Blicke und Gesten der beiden zu deuten. Ich wagte den Schluss, der sich bald best�tigen w�rde: dass die Hausherrin uns loswerden wollte. Hauk fuhr sich immer wieder mit dem Handr�cken �ber den schwitzenden Kahlsch�del, begehrte auch einige Male auf, zuckte dann aber bek�mmert die Achseln und schwieg endlich. Wieder kr�mmte er sich f�rmlich unter Frau Beggas zornigen, ver�chtlichen Blicken. Schlie�lich nickte er, wandte sich ab und gab einem der M�nner, die an der T�r standen, ein Zeichen. Der trat zu ihm, nahm in unterw�rfiger Haltung Anweisungen entgegen und eilte davon.</p><p>Frau Begga blieb derweil dort, wo sie war, und beobachtete eine Zeitlang die Leute im Saal. Der Blick, den sie unter ihren langen, dichten Wimpern, aus ihren k�nstlich vergr��erten Augen auf uns warf, konnte der einer aufmerksamen Hausfrau sein, die sich �berzeugen wollte, ob die G�ste zufrieden waren. Ich bildete mir vielleicht nur ein, dass er l�ngere Zeit auf mir ruhte. Als h�tte ich aus irgendeinem Grunde n�tig gehabt, mich unverd�chtig zu machen, begann ich, meinem anderen Tischnachbarn, dem Priester, gegen den ich bisher nur einsilbig gewesen war, wortreich eine Reisebegebenheit zu erz�hlen.</p><p>Der Blick der Dame ruhte dann lange und, wie mir schien, d�ster und nachdenklich auf Herrn Siegram, der etwas abseits von uns sa� und auf einen dunkelhaarigen J�ngling einsprach, wohl seinen Diener und Reisebegleiter. Dann sah ich, wie Frau Begga sich halb abwandte und einen Schl�ssel vom G�rtel hakte. Sie stieg das Treppchen zur Kammer hinauf und die kurze Verz�gerung auf der Treppe zeigte an, was man hinter ihrem R�cken nicht sah � dass sie den Schl�ssel einpasste und drehte. Sie �ffnete die T�r, trat ein und schloss sie wieder. Das war der erw�hnte Augenblick, da meine Aufmerksamkeit auf die T�r gerichtet war, w�hrend sie noch einmal kurz aufging. Aus dem Dunkel der Kammer sah ich den feurigen Stein des Kreuzes blinken.</p><p>Inzwischen hatte sich Odo, der neben mir auf der Bank sa�, in eine Unterhaltung mit dem j�dischen Kaufmann vertieft. Einigen Brocken, die ich auffing, entnahm ich, dass sie �ber das Emirat und die hispanische Halbinsel sprachen., Dies war eines von Odos Lieblingsthemen, Erinnerung an den verungl�ckten Pyren�en-Feldzug des K�nigs, den er als junger Krieger mitgemacht hatte. Der Jude mochte sich dort unten noch besser auskennen, jedenfalls fesselte er Odo mit Ausk�nften und Anekdoten.</p><p>Mir war es recht. So tat ich, was ich mir gleich nach unserem Eintritt in den Saal vorgenommen hatte. Ich erhob mich und trat zu Herrn Siegram.</p><p>Der S�nger hatte sein Mahl beendet und klimperte ein bisschen auf der Harfe. Er summte und tr�llerte, sang auch mal einen Vers oder zwei, und sein junger Diener stimmte ein, sie lachten sich zu und sangen gemeinsam. Ein paar Zuh�rer standen um sie herum und als Siegram ein frommes Liedchen begann, stimmte auch ich ein und sang s�mtliche Verse. Der S�nger lobte mich sp�ttisch. So w�rden also die Herren K�nigsboten, die ihn unterbrochen hatten, seinen Auftritt zu Ende f�hren.</p><p>Ich tat nun, was ich mir vorgenommen hatte.</p><p>�Verzeiht uns�, sagte ich. �Es war nicht unsere Absicht, Euch zu st�ren. Ich h�tte Euern Vortrag gern l�nger gelauscht.�</p><p>�Aber wozu entschuldigt Ihr Euch?� Der S�nger neigte sich mir zu, damit die M�nner vom Zenthof ihn nicht h�ren konnten. �Ich habe nur ein wenig gesungen, um mich f�r das Nachtlager zu bedanken. Und weil die Hausherrin mich so dringend gebeten hat. Das sind doch hier Bauern, fast Barbaren. Was verstehen die von meiner Kunst? Sie konnten dem Inhalt des Vortrags gar nicht folgen. Bemerkt Ihr, dass D�nste aus dem Stall aufsteigen, der hier unter dem Saal liegt? Wie l�stig! Nein, ich bin Euch zu Dank verpflichtet. Sonst h�tte man mich vielleicht gen�tigt, bis zum Morgengrauen weiter zu singen.�</p><p>�Immerhin hattet Ihr bei den edlen Frauen Erfolg�, sagte ich. �So war Eure M�he nicht umsonst.�</p><p>�Wir singen nicht, um bei Frauen Erfolg zu haben�, belehrte mich Siegram, mit seiner schmalen, beringten Hand eine Locke aus der Stirn streichend. �Die hohe Kunst des Gesanges dient h�heren Zielen. Wir sind das Ged�chtnis des Volkes, wir bewahren Ereignisse, Taten und Leidenschaften vor dem Vergessen. F�r euch Kirchenm�nner sind wir wohl weniger wichtig, ihr kennt ja nur <emphasis>eine </emphasis>Tradition. Doch f�r die Herrschenden sind wir unentbehrlich. Nur sie sind das Publikum, das uns ansteht.�</p><p>�So nehme ich an, dass Ihr dorthin unterwegs seid, wo Ihr ein solches Publikum findet.�</p><p>�Ich werde in Th�ringen erwartet. Alle Gro�en haben mich eingeladen.�</p><p>�Ihr reist nur zu zweit? Mit diesem jungen Mann?�</p><p>�Wir sind keine Hasenf��e�, sagte Herr Siegram fr�hlich, wobei er dem h�bschen Burschen in den Haarschopf griff. �Oder sind wir das, Aimo?�</p><p>�Oh nein, Herr Siegram�, hauchte der J�ngling.</p><p>�Ich biete Euch dennoch an�, sagte ich, �mit uns ein St�ck im Schutze unserer Gesandtschaft zu reisen. Bis Fulda werden wir wohl denselben Weg haben.�</p><p>�Ich danke Euch. Aber wir werden sehr fr�h aufbrechen, noch in der Nacht. Ich pflege bei Sonnenaufgang zu dichten, es ist meine beste Schaffenszeit. Au�erdem will ich nicht wieder die Eifersucht Eures Begleiters reizen, des k�nftigen Schwiegersohns unseres K�nigs.�</p><p>Herr Siegram sah zu Odo hin�ber und sch�rzte seine vollendet geformten Lippen zu einem kleinen ironischen L�cheln.</p><p>Ich gr��te ihn und kehrte an meinen Platz zur�ck.</p><p>Inzwischen war die Zentgr�fin wieder erschienen. Sie winkte Herrn Hauk und beide traten auf uns zu. Frau Begga nahm das Wort und entschuldigte zun�chst ihre Tochter, weil sie sich um so hohe G�ste nicht k�mmerte. Leider sei sie erkrankt, sei still und in sich gekehrt, habe Fieber und k�nne sich nicht vom Lager erheben. Chrodelind sei immer ein sehr empfindsames Gesch�pf gewesen und nun habe sie wohl auch der Kummer �ber die lange Trennung von Vater und Ehemann niedergeworfen. Nicht einmal Herr Siegram mit seinem wundervollen Gesang habe sie aufheitern k�nnen. Aus Erfahrung wisse man zwar, dass solche Zust�nde vor�ber gingen. Gebete und m�tterliche Pflege w�rden Seele und Leib der jungen Frau wieder st�rken. Im Augenblick aber m�sse man vorsichtig sein. Um die Kranke zu schonen, habe man sie hier in der Kammer gebettet, da es drau�en, im Schlafhaus der Familie, zu unruhig sei. Man ahnte ja noch nicht, dass man Besuch bekommen w�rde. Die Aufregung f�r die Geschw�chte w�rde aber noch gr��er, wenn man hier nebenan im Saal, dem einzigen Raum des Anwesens, wo man so hohe G�ste unterbringen k�nne, ein Lager errichte.</p><p>Um es kurz zu machen: Die Zentgr�fin bat uns, die Nacht bei ihrem Schwager Hauk zu verbringen.</p><p>�Nur ein kleines Meilchen von hier entfernt�, sagte er. �Ein Flohsprung!�</p><p>Nat�rlich waren wir einverstanden. Das Mahl war beendet, wir brachen auf. Unter einem Schwall von Entschuldigungen geleitete uns Frau Begga hinaus ans Tor. Bevor wir losritten, kam es noch zu einem Zwischenfall. Odo und ich mussten unsere Leute erst suchen, die es sich in einer der niedrigen, strohgedeckten H�tten beim Hofgesinde bequem gemacht hatten. Fulk und der fadend�nne Rouhfaz hatten schon dralle M�gde im Arm. Sie murrten und wollten sich nicht erheben. Da zog Odo sein Kurzschwert und trieb sie unter Fl�chen und Drohungen hinaus.</p><p>Der wahre Grund seines Zornesausbruchs war aber ein anderer. Als wir alle schon Abschied genommen hatten, war Herr Siegram im Saal zur�ckgeblieben. Er machte keine Anstalten, uns zu folgen. Wir h�rten noch, wie er dem Diener befahl, ihm seine Decken und Felle zu bringen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Es waren nicht mehr als tausend Doppelschritte zur�ckzulegen, um das Anwesen des Herrn Hauk zu erreichen. Unser Gastgeber ging voran, die Reiter f�hrten ihre Tiere am Z�gel. Noch einmal ein sanfter H�gel, ein W�ldchen � dann sahen wir im Mondlicht das Schattenbild einer burgartigen Anlage. Wir durchquerten nicht ohne M�he das halb mit Steinen gef�llte Bett eines ausgetrockneten Bachs oder Grabens und folgten einer schadhaften Palisadenwand, bis sich ein Tor vor uns auftat. Ein paar H�rige des Hauk mit Kienfackeln und eine Meute bellender Hunde empfingen uns.</p><p>Im Unterschied zum Herrenhof wurde dieses Anwesen das �Castell� genannt. Der Bruder des Zentgrafen hatte sich auf den Tr�mmern einer r�mischen Grenzfestung eingerichtet, die in dem halben Jahrtausend nachr�mischer Zeit abwechselnd immer mal wieder bewohnt und verlassen worden war. Gegen den hellen Nachthimmel zeichnete sich ein nur �ber Leitern zug�nglicher ehemaliger Wachturm ab, der nun als Herrenhaus diente. Von Stein und mit Ziegeln gedeckt waren auch der Saal und ein winziges Kirchlein. Die Palisadenwand wurde stellenweise von einer aus Quadern grob gef�gten Mauer abgel�st. Alles schien in bauf�lligem Zustand zu sein. Fr�her war das Castell Teil eines K�nigsgutes gewesen. Zusammen mit ein paar �ckern, Wiesen und W�ldern aus ehemaligem Klosterbesitz war es dem verdienstvollen K�nigsvasallen Hauk als Benefiz �berlassen worden.</p><p>Wir verlangten gleich nach unseren Nachtlagern und erhielten sie zugewiesen.</p><p>Hauk wollte Odo und mich als seine Ehreng�ste oben im Turm unterbringen. Odo nahm die Einladung an. Ich zog es vor, bei den anderen unten im Saal zu bleiben. Es war dort Platz f�r die ganze Gesellschaft und warum sollte ich mich nicht in christlicher Demut zu den geringeren Leuten lagern? Der Jude und der Reliquienh�ndler schliefen allerdings drau�en bei ihren Wagen, aus Sorge um die kostbare Fracht</p><p>Auf dem Boden des Saals war frisches Stroh aufgesch�ttet. Wir entkleideten uns und legten uns nieder. Entgegen m�nchischer Gepflogenheit lege ich nachts die Kutte ab, jedenfalls au�erhalb von Klostermauern. Es scheint mir ges�nder zu sein.</p><p>Bald schnarchte alles. Auch ich war rechtschaffen m�de, h�llte mich in meine Decke und wollte einschlafen. Doch daran hinderte mich ein kl�gliches St�hnen.</p><p>�Was hast du, Rouhfaz?�</p><p>�Ich sterbe.�</p><p>�Bist du nicht bei Verstand? Was fehlt dir denn?�</p><p>�Herr Odo hat mich mit seinem Schwert erschlagen.�</p><p>�Noch lebst du ja.�</p><p>�Nicht mehr lange.�</p><p>�Ein Hieb mit der flachen Klinge � davon willst du gleich sterben?�</p><p>�Alle meine Rippen sind gebrochen, meine Ged�rme verschlungen. Bald wird mein Herzschlag aussetzen.�</p><p>�Das ist die Strafe f�r deine Sch�ndlichkeit. F�r das, was du vorhattest � mit der Magd, die gewiss eine Jungfrau ist.�</p><p>Aber Rouhfaz zeigte keine Einsicht, jammerte nur noch lauter. Er verlangte nach einem Arzt, den es nat�rlich hier nicht gab.</p><p>�Nimm dich endlich zusammen, Rouhfaz�, zischte ich, �und st�re nicht weiter.�</p><p>Pl�tzlich lie� sich Fulk vernehmen und sagte mit seiner heiseren Trinkerstimme: �Ich w�sste f�r den schon ein Heilmittel. Wenn Ihr es befehlt, erw�rge ich ihn. Damit er nicht lange leiden muss und wir endlich unsere Ruhe haben.�</p><p>Rouhfaz war augenblicklich still. Kein Laut kam mehr �ber seine Lippen. Ich gestehe, dass ich die gottlose Drohung nicht r�gte. Mich verlangte nach Schlaf und so bekam ich ihn.</p></section><section><title><p><strong>4. Kapitel</strong></p></title><p>Es war nur noch eine kurze Nacht. Mit dem ersten Hahnenschrei erwachte ich aus einem unruhigen Schlaf. Ich stand auf, warf die Kutte �ber das Hemd und trat hinaus. Im fahlen Morgenlicht krochen aus den H�tten ringsum elende Gestalten, um ihr Tagewerk zu beginnen. Fr�stelnd rieb ich die H�nde.</p><p>Ich suchte einen geeigneten Platz, um meine Morgenandacht zu halten. Mein Blick fiel auf die kleine Kirche. Unscheinbar duckte sie sich zwischen Saalhaus und Turm. An den Giebel waren zwei gekreuzte �ste genagelt. Die T�r stand offen, das hei�t, sie hing in den Angeln.</p><p>Ich trat ein. Der Raum war fast leer. Aus den W�nden waren �berall Steine herausgefallen, sie lagen haufenweise auf dem Fu�boden. Auch hier gab es ein Kreuz, schief aufgeh�ngt an der gegen�ber liegenden Wand. Darunter stand ein roh gezimmerter Tisch mit einer schmutzigen Altarecke, deren Borten und Spitzen zerrissen waren. Bei meinem Eintritt flatterten H�hner auf und ergriffen die Flucht. Ich musste an die Worte des K�nigs denken: �An den Alt�ren lagern Hunde.� Hier waren es H�hner.</p><p>Ich ging noch einmal hinaus und rupfte Gras, um notd�rftig den �ber und �ber beschmutzten �Altar� zu reinigen. Auch das Kreuz h�ngte ich gerade. Dann s�uberte ich ein Pl�tzchen vom H�hnerdreck, kniete nieder und hielt die Andacht. Ich bat Gott um Verzeihung f�r die Gleichg�ltigen und Nachl�ssigen, die seine Wohnung verkommen lie�en, versprach, ihnen ins Gewissen zu reden und die Missst�nde zu beseitigen.</p><p>Pl�tzlich vernahm ich von drau�en Schritte. Eine grobe weibliche Stimme rief: �Herr! Herr, wacht auf! Macht schnell! Kommt mit! H�rt Ihr? Wacht auf, Herr! Kommt herunter! Beeilt Euch doch!�</p><p>Ich lag noch immer auf den Knien. Doch der Psalm, den ich gerade begonnen hatte, erstarb auf meinen Lippen.</p><p>Nun h�rte ich die Stimme des Hauk.</p><p>�Was willst du, Celsa? Was f�llt dir ein? Warum st�rst du mich mitten in der Nacht?�</p><p>�Kommt herunter, Herr!�</p><p>�Verschwinde! Oder ich lasse dich auspeitschen!�</p><p>�Die junge Herrin ist tot!�</p><p>�Was sagst du?�</p><p>�Umgebracht! Sie ist umgebracht!�</p><p>�Willst du mich foppen?�</p><p>�Es ist die Wahrheit!�</p><p>�So ist sie ermordet?�</p><p>�Ja doch!�</p><p>�Wer war das? Wer hat das getan?�</p><p>�Die Herrin sagt ��</p><p>�Was sagt sie? Nun, was? Was sagt die Herrin?�</p><p>�Sie sagt, dass es der S�nger war.�</p><p>Ich war aufgesprungen und unter die T�r getreten. Jetzt sah ich die Celsa genannte Magd, rotgesichtig, plump, mit lose geflochtenem Zopf. In zehn Fu� H�he stierte Hauk aus der Einstiegs�ffnung des Turms. Sein fetter, r�tlich behaarter Leib war nackt unter dem Schafpelz, den er um sich geschlagen hatte.</p><p>�Der S�nger also!�, rief er. �Verfluchte Satansbrut! Nun, haben sie ihn? Wo ist er jetzt?�</p><p>�Fort! Er ist fort. So kommt doch, helft! Die Herrin ist au�er sich, die schreit sich die Seele aus dem Leib. Ihr m�sst sie beruhigen!�</p><p>Jetzt erschien Odo hinter Hauk, auch er fast nackt, mit Stroh im Haar.</p><p>�Was ist los?�</p><p>�Ein Mord. Meine Brudertochter. Der S�nger war es, er ist aber �ber alle Berge. Lauf zur�ck, Celsa! Sag der Herrin, dass ich gleich dort sein werde. Wenn Ihr mitkommen wollt, Herr Odo � Aber Ihr m�sst Euch nicht beeilen. Helfen k�nnen wir doch nicht mehr.�</p><p>Die Magd rannte davon. Ich besann mich nicht lange, eilte zur�ck in das Saalhaus, weckte Rouhfaz.</p><p>�Hol mir den Esel! Schnell!�</p><p>Rouhfaz knurrte, zog aber sein Hemd an und torkelte hinaus. Wenig sp�ter ritt ich durch das Tor. Ein paar Bewaffnete lungerten dort.</p><p>�Du kommst zu sp�t, Vater!�, rief mir einer nach. �Sie ist schon in der H�lle!�</p><p>Ich h�rte sie noch ein zweideutiges Gel�chter anstimmen. An dem zugesch�tteten Graben erreichte ich die Magd. Sie war barfu� und trat vorsichtig auf, um auf den Steinen nicht auszugleiten. Ich sa� ab und f�hrte Grisel am Z�gel. Die Magd sah sich scheu nach mir um, lie� ihre hoch gerafften R�cke fallen und zog den Kopf ein.</p><p>�Warte, Celsa!�, sagte ich und beeilte mich, an ihre Seite zu gelangen. �Ich habe alles geh�rt, was du Herrn Hauk mitgeteilt hast. Warst du es, die die Tote gefunden hat?�</p><p>�Ja, das war ich�, antwortete sie, ohne mich anzusehen.</p><p>Ihre F��e fanden Halt an der B�schung. Sie erreichte den Waldweg und stapfte mit gro�en Schritten, den Blick gesenkt, vor mir her.</p><p>�Hast du gleich bemerkt, dass sie tot war?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hast du sie anger�hrt?�</p><p>�Ich hab nichts getan!�</p><p>�Schon gut. Aber sag, war es deine Aufgabe, Frau Chrodelind zu bedienen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hast du das auch gestern Abend getan?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Die Herrin wollte es nicht.�</p><p>�Aber heute Morgen bist du zu ihr hineingegangen.�</p><p>Celsa antwortete nicht gleich. Dann presste sie hervor: �Ich hab Angst gehabt, weil sie so still war.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Sie war immer fr�h auf und sang.�</p><p>�Wir h�rten, dass sie sich gestern nicht wohl befand.�</p><p>Die Magd z�gerte wieder.</p><p>�Die junge Herrin war immer gesund�, sagte sie trotzig. �Das gab es nicht, dass sie krank war.�</p><p>Wir durchquerten das W�ldchen. Celsa war meist drei Schritte mir. Es schien, dass sie meinen Fragen zu entkommen suchte. Ich schwang mich wieder auf Grisels R�cken und ritt an ihre Seite.</p><p>�Du bist aufgeregt, Celsa. Ich bin ein Fremder f�r dich, doch hab Vertrauen zu mir. Wir m�ssen die Wahrheit herausbekommen, um den Schuldigen zu bestrafen. Du sahst also gleich, dass Frau Chrodelind tot war. Sahst du auch, dass sie umgebracht wurde?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und was tatest du?�</p><p>�Ich lief fort.�</p><p>�Zu Frau Begga, vermute ich.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wo fandest du sie?�</p><p>�Im Schlafhaus.�</p><p>�Wo sie gew�hnlich �bernachtet.�</p><p>�Nein, sonst schl�ft sie im Seli.�</p><p>�Ich nehme an, zu dieser Kammer im Saalhaus hat nur sie einen Schl�ssel.�</p><p>�Der Herr hat auch einen.�</p><p>�Aber die T�r war nicht verschlossen, als du heute Morgen nach Frau Chrodelind sahst.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Es konnte jeder bei ihr eintreten.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Warum sagtest du, dass es der S�nger war?�</p><p>�Er hat ja im Seli geschlafen.�</p><p>�Und glaubst du auch, dass er sie umgebracht hat?�</p><p>�Die Herrin sagt es!�, stie� Celsa hervor. Sie begann zu laufen. Keuchend, mit rotem Gesicht und aufgel�sten Haaren, schleppte sie ihren schweren K�rper. Das Verh�r war ihr unangenehm. Sie mochte bef�rchten, in etwas verwickelt zu werden, was sie als Magd nichts anging. Es war stets misslich und konnte �bel ausgehen, wenn sich Unfreie in die Angelegenheiten ihrer Herren einmischten.</p><p>Ich hatte jedoch den Eindruck; dass sie etwas wusste, was sie mir nicht sagen wollte. Sie mochte Angst haben, ich w�rde aus ihr herausfragen, was sie lieber f�r sich behalten wollte. Und vielleicht w�re mir das auch gelungen, wenn es nicht hinter uns pl�tzlich Bewegung gegeben h�tte.</p><p>Im Galopp preschte Odo heran. Bei ihm waren Fulk und seine drei M�nner. Celsa fl�chtete unter die B�ume. Auch ich lenkte Grisel an die Seite.</p><p>�Wei�t du es schon?�, schrie Odo. �Der Kerl ist geflohen. Aber ich hol ihn zur�ck!�</p><p>Und damit waren sie vor�ber. Jetzt tauchte auch Hauk mit einem kleinen Gefolge auf. Er hatte es nicht ganz so eilig. Ich schloss mich ihm an und wir erreichten kurz darauf den Waldrand.</p><p>Eine freundliche Morgensonne beschien das Tal, in dem ein Mord geschehen war.</p><p>Ich h�tte mir gew�nscht, allein und als Erster am Ort des Geschehens eingetroffen zu sein. Vielleicht w�rde ich dieses oder jenes bemerkt haben, was uns kl�ger gemacht h�tte. Doch wir gerieten in ein Gedr�nge. Das ganze Dorf war schon auf den Beinen und weit �ber hundert Menschen waren im Herrenhaus versammelt. Ein Teil von ihnen, krumme alte Weiber, kecke Burschen und sogar Kinder darunter, war bis in den Saal vorgedrungen. Hinter den Pfeilern, um das Treppchen zur Kammer, hatte sich eine Traube gebildet. Alles machte die H�lse lang. Wer etwas gesehen hatte, teilte es den hinter ihm Stehenden mit, die es raunend und wispernd weitergaben.</p><p>�Womit hat er es getan?�, h�rte ich die fistelnde Stimme eines Greises. �Mit einem Strick�, brummte jemand zur Antwort. �Nein, mit einem Messer�, kr�chzte es. �Er hat ihr die Kehle durchgeschnitten.�</p><p>Mit den Armen rudernd bahnten wir uns einen Weg.</p><p>Hauk schlug r�cksichtslos mit der Faust zu.</p><p>�Weg da, Gesindel! Dreckspack! Was gibt es zu gaffen? Fort, an die Arbeit!�</p><p>Er wies seine Gefolgsleute an, das Saalhaus zu r�umen. Sobald wir uns der Kammer n�herten, h�rten wir das Jammergeschrei der Frau Begga, in das sich Odos zornige Reden mischten.</p><p>�Mein ungl�ckliches Kind!�, schluchzte sie. �Er hat ihre Schw�che ausgenutzt, der Unhold! Dabei hatte ich so viel Vertrauen zu ihm. H�tte ich nur die T�r verschlossen! Ich bin schuldig, ich habe sie umgebracht! O Herr, vergib mir! Er sang wie ein Engel. Konnte ich ahnen, dass er ein Teufel ist?�</p><p>�Nein�, sagte Odo, �das konntet Ihr nicht. Doch seid gewiss, wir erwischen ihn. Er bekommt seine Strafe!�</p><p>Die Tote lag auf dem Ruhebett. Ihre Augen waren weit offen und schon etwas tr�be, doch fand sich noch eine Spur von Furcht und Entsetzen darin. Sie war vollst�ndig bekleidet, wie es zur Nachtzeit ja nicht �blich ist. Anscheinend trug sie noch dasselbe Gewand wie am Abend, doch war dieses jetzt an der Brust zerrissen und man sah am Hals die gr�sslichen Male der Gewalt, die der jungen Frau angetan worden war. Decken und Felle auf dem Ruhebett waren zerw�hlt und das Gewand und das Hemd waren bis zur Mitte des Leibes hinauf geschoben. Die Beine waren in eine Stellung gebracht, welche keinen Zweifel daran lie�, dass es allein die b�se Lust war, die den T�ter in dieses Krankengemach gelockt hatte.</p><p>Der Anblick war so ersch�tternd, dass ich mich einen Augenblick abwenden und an den T�rpfosten lehnen musste. Dies geschah mir nicht zum ersten Mal. Immer wieder packt mich ein Schauder angesichts eines Zerst�rungswerks, das ein Gottesgesch�pf an seinesgleichen vollbracht hat. Und es beschleicht mich dann jedes Mal der Gedanke, dass der Herr uns so nicht hat machen wollen und dass auch er sich betroffen und schaudernd abgewandt hat.</p><p>Auf den Knien vor dem Ruhebett lag Frau Begga mit schmerzverzerrtem Gesicht, die blonde M�hne wild zerzaust, im Hemd, mit blo�en Armen und Beinen. Sie schrie immer dieselben Klagen heraus und Odo, der auf der anderen Seite des Bettes an der Wand lehnte, antwortete ihr in derselben Weise.</p><p>Hinter der Hausherrin standen mehrere alte Frauen und M�nner, stumm, starr, knorrig und trocken wie grob geschnitzte Germanenidole. Es waren wohl Verwandte der Toten. Fulk und die anderen hielten sich, Odos Befehle erwartend, in der N�he der T�r auf.</p><p>Als Frau Begga Hauk bemerkte, der mit mir eintrat, sprang sie auf und warf sich ungest�m und unter heftigem Schluchzen in seine Arme. Doch gleich darauf stie� sie ihn wieder von sich und schrie: �Mommo! Warum ist Mommo nicht hier? Er w�rde das Scheusal an die Wand spie�en!�</p><p>Und abermals st�rzte sie vor dem Ruhebett nieder. Sie w�lzte sich vor uns auf dem Fu�boden, rang die H�nde, beschwor Gottes Gerechtigkeit. Die herzzerrei�ende Klage der Herrin, die nicht einmal ihrer leiblichen Tochter galt, r�hrte auch das Gesinde zu Tr�nen. Drau�en erhob sich Wehgeschrei und dazwischen wurden immer wieder Drohungen laut, die dem fl�chtigen M�rder galten.</p><p>Seltsamerweise war es gerade die Heftigkeit, mit der Frau Begga ihren Jammer und ihre Anklagen herausschrie, die mich etwas ern�chterte. Ich habe schon oft an mir bemerkt, dass ich jede Art von �berma� schwer ertrage. In solchen F�llen strebe ich beinahe unbewusst danach, den Dingen, die sich verwirren und aus den Fugen zu geraten drohen, wieder irgendwie Klarheit und Stabilit�t zu geben. Meine Betroffenheit verwandelte sich in teilnehmende Neugier und ich begann wieder zu beobachten.</p><p>Gleich fiel mir auf, dass mir schon beim ersten Blick auf das Opfer etwas gefehlt hatte. Ich vermisste das Kreuz mit dem feurigen Stein, das die Tote am Hals getragen und das sich so auff�llig und vollendet zu ihrer edlen, frommen, stillen Erscheinung gef�gt hatte. Wo war es? Auf dem Ruhebett und der Bank, den einzigen M�beln im Raum, war nichts zu entdecken. Es gab hier nicht einmal eine Truhe. Die W�nde waren bis unter das Dachgeb�lk mit bunt gemusterten Teppichen beh�ngt. Lediglich unterhalb der winzigen Fenster�ffnung fehlte einer, von dem an einem dicken Nagel nur noch ein Fetzen hing.</p><p>Man konnte nun allerdings leicht feststellen, dass die Kammer h�chstens ein Drittel des Raumes einnahm, den man jenseits der vom Saal aus sichtbaren Wand, welche sich hinter der Pfeilerreihe in ihrer ganzen Breite erhob, vermuten musste. Hinter einem der Teppiche war daher wohl eine T�r versteckt, die in eine zweite, gr��ere Kammer f�hrte. Diese konnte dann nur von dem Raum aus erreichbar sein, in dem wir uns gerade befanden. Ich hatte bisher selten Gelegenheit gehabt, mich in Saalh�usern wie diesem umzusehen. Nach allem, was ich geh�rt hatte, waren solche gewisserma�en unsichtbaren R�ume die Schatzkammern der Besitzer. Man schlief im Vorzimmer, um pers�nlich zu wachen.</p><p>Ich hatte mich so weit gefasst, dass ich nun auch die Tote genauer ansehen konnte. Ich trat an das Ruhebett und beugte mich �ber sie. Auf meiner Pilgerreise nach Rom habe ich viele Menschen gesehen, denen Gewalt angetan wurde, Opfer von Wirtshausstreitereien, Raub�berf�llen und sogar von Eifersucht und Hass unter Pilgern. Manchem auf solche Weise Gestorbenen konnte ich vor seinem Ende noch christlichen Beistand leisten.</p><p>Ich erkannte nun, dass die sch�ne junge Frau Chrodelind wom�glich erdrosselt worden war, denn ein breiter, blutunterlaufener Streifen, an dessen R�ndern die Haut besch�digt war und Kratzer und Schrammen aufwies, war der t�dliche Schmuck ihres Halses. Das kupferrote Haar, in dem noch die Diamantenspange steckte, das aber jetzt ungeordnet herab wallte, lie� die Verletzung nur zum Teil sehen. Ich h�tte es gern beiseite gestrichen und auch das Kleid �ber die Schultern zur�ck gestreift, um sie genauer untersuchen zu k�nnen. Doch das wagte ich nicht, weil ich f�rchtete, man k�nnte mich, der ich die M�nchskutte trug, eines unreinen Gel�sts verd�chtigen. So nahm ich ein Fell und breitete es �ber den Leib und die Beine der Toten. Und dann l�ste ich ein kleines bronzenes Kreuz, das ich am Hals trug, und legte es anstelle des anderen, das ich vermisste, auf die Brust der Toten.</p><p>Odo, der vor Emp�rung und Ungeduld sch�umte, forderte mich durch ein Zeichen auf, ihm nach drau�en zu folgen.</p><p>�Du bist doch auch der Meinung, dass wir jetzt nicht einfach weiterreisen k�nnen�, sagte er, als wir auf einen Baum zu schritten, an dem Impetus festgebunden war. �Eine Untat, die nach Vergeltung schreit! Ich schlage vor, dass du hier wartest, w�hrend ich den Kerl verfolge. Er k�nnte einen betr�chtlichen Vorsprung haben. Falls er gewagt hat, in der Nacht aufzubrechen, hat er vielleicht schon ein paar Meilen gewonnen. Aber es n�tzt ihm nichts, er entkommt mir nicht!�</p><p>�Willst du etwa allein reiten?�</p><p>�Ich f�rchte mich nicht vor feigen Mordbuben.�</p><p>�Und wie willst du ihn herbringen?�</p><p>�Wird das n�tig sein?</p><p>�Was hei�t das? Du hast doch nicht etwa vor, an Ort und Stelle mit einem Zweikampf ��</p><p>�Er verdient nicht, dass lange gefackelt wird!�</p><p>�Du bist nicht bei Verstand! Du musst Geduld haben. Zuerst muss er vor Gericht gestellt werden. Nur wenn das Urteil auf Zweikampf lauten sollte, ist so etwas statthaft. In dem Fall aber m�sste der Kl�ger oder ein Vertreter des Kl�gers das Schwert f�hren. Das alles wei�t du genau. Also bez�hme dich!�</p><p>�Bez�hmen! Geduld! Alles Pfaffengeschw�tz!� Er packte mich am Arm und blickte mir zornig in die Augen. �Haben wir den Auftrag, f�r Ordnung zu sorgen?�</p><p>�Gewiss ��</p><p>�Die Verbrecher zu bestrafen? Antworte!�</p><p>Ich befreite sich von seinem eisernen Griff.</p><p>�Den Auftrag haben wir. Aber ob Siegram einer ist � das wissen wir nicht. Noch ist seine Schuld nicht erwiesen.�</p><p>�Aber wie kannst du zweifeln?�, rief Odo entr�stet. �Eher w�rde ich K�nig Karl f�r einen Zaunk�nig halten als diesen Vogel f�r einen harmlosen Schn�pper. Ein Geier ist das, der zartes Fleisch rei�t!�</p><p>Ich machte ein skeptisches Gesicht. Odo redete sich in Eifer.</p><p>�Hast du Augen im Kopf? Dann konntest du sehen, wie er das Wild beschlich � das arme Ding, das da auf dem Totenbett liegt. Schon als er sang, hatte er nur Blicke f�r sie. Warum ist er uns nicht gefolgt, als es hie�, dass die �rmste Schonung brauchte? Weil er nur an sein Verbrechen dachte! Er nutzte die Gunst der Zentgr�fin, um im Saalhaus zu bleiben. Hast du bemerkt, wie dieses l�sterne Weib ihn anschw�rmte? Vermutlich entsprach sie aber nicht seinem Geschmack und sie h�tte sich auch nicht so leicht umbringen lassen. Aber genug davon! Noch kl�ger sind wir, wenn wir ihn haben. Er wird gestehen, daf�r sorge ich! Wenn ich nur w�sste, wann etwa er sich davongemacht hat.�</p><p>�Immerhin lie�e sich feststellen, ob die junge Frau bereits l�ngere Zeit ��</p><p>�Ist schon geschehen. Wir hatten viel Umgang mit dem Tod, mein Freund, wir kennen seine Geheimnisse. Sie ist starr wie ein erfrorener Sperling. Hast du die tr�ben Augen und die Flecke in ihrem Gesicht bemerkt? Sie wurde vor Mitternacht umgebracht, so viel steht fest. Nun, hast du etwas erfahren?�, rief er Fulk entgegen, der mit m�rrischer Miene herankam.</p><p>�Nichts. Das Bauernpack schl�ft einen Totenschlaf.�</p><p>�Und die Torw�chter?�</p><p>�Die verlassen sich auf die Wanzen. Das sind die Einzigen, die hier wachen. Er muss selbst den Riegel zur�ckgeschoben haben. Das Tor war heute Morgen offen.�</p><p>�Verflucht�, sagte Odo, �so m�ssen wir damit rechnen, dass er sich schon vor Mitternacht verdr�ckt hat.�</p><p>Durch einen Zufall, der einen Pferdeknecht �ber unseren Weg f�hrte, erfuhren wir N�heres.</p><p>Odo hatte Impetus gerade losgebunden, als dieser wei�b�rtige, krumme Alte vor�ber zuckelte. Er f�hrte eine Stute zur Tr�nke. Die machte sich pl�tzlich los, kam n�her und das Pferdep�rchen beschnupperte sich freudig.</p><p>Der Alte wollte die Stute wegzerren.</p><p>�Ist das seine Braut?�, fragte Odo.</p><p>�Er hat hier viele Br�ute�, erwiderte der Alte verschmitzt.</p><p>�Wir sind in Cordoba!�, lachte Odo und klopfte dem Hengst anerkennend auf den Hals. �Ich sollte ihn Emir nennen.�.</p><p>�Ihr m�sst ein sehr hoher Herr sein�, sagte der Pferdeknecht ehrerbietig. �Sonst h�tte Herr Mommo ihn Euch nicht geschenkt.�</p><p>�Du glaubst, er h�tte ihn mir geschenkt?�</p><p>�Herr Mommo hat immer gesagt: Nur wenn ein sehr hoher Herr, ein Graf oder Bischof, ihn darum bitten sollte � dann w�rde er ihn hergeben, aus Freundschaft.�</p><p>�Und wenn ich ihn gekauft h�tte?�</p><p>�Gekauft?� Der Alte lachte wie �ber eine Ungeheuerlichkeit. �Ein Mann, der so reich ist wie Herr Mommo � der sollte sein bestes Pferd verkaufen?�</p><p>Odo und ich wechselten einen Blick.</p><p>�Hast Gl�ck gehabt, Impetus�, sagte der Alte. �Musst nicht in den Krieg, dienst einem Gro�en. Dabei musste ich ihn Herrn Mommo noch satteln, als er gestern Nacht aufbrach, um in den Kampf zu ziehen.�</p><p>�Und er ritt selbst auf Impetus fort?�, fragte ich gespannt.</p><p>�Freilich. Er ritt doch nie ein anderes Pferd. Er nahm aber noch ein zweites mit.�</p><p>�Ein zweites?�</p><p>�Den Wiz. Er geh�rt Herrn Hauk. Ist aber nur noch als Lastpferd gut.�</p><p>�Warst du dabei, als Herr Mommo aufbrach � mit Impetus und dem Lastpferd?�</p><p>�Das nicht. Aber ich sah es von weitem. Eigentlich h�rte ich es nur, denn meine Augen sind schon sehr schwach. Aber ich h�re alles, alles! Nachts sitze ich vor dem Stall da drau�en, denn schlafen kann ich nicht mehr. Da h�re ich das Eichhorn, den Igel, den Maulwurf, den Dachs ��</p><p>�Augenblick!�, sagte Odo und packte den Alten am Bart. �Und was hast du heute Nacht geh�rt?�</p><p>�Heute? Wartet, ich will es Euch sagen. Wenn Ihr mich loslasst, Ihr tut mir weh!�</p><p>�Also?�</p><p>�Ich h�rte den Kauz, das Wiesel, auch die Natter im Gras ��</p><p>�Teufel, verschone uns mit deinem Viehzeug!�, unterbrach ihn Odo. �Du wei�t doch, was heute Nacht geschehen ist. Hast du Schreie geh�rt?�</p><p>�Was? Schreie?�</p><p>�Die junge Herrin � hat sie geschrien?�</p><p>�Geschrien? Nein ��</p><p>�Was hast du sonst geh�rt? Zwei Reiter vielleicht?�</p><p>�Die h�rte ich, ja.�</p><p>�Wann ritten sie fort? Fr�h oder sp�t in der Nacht?�</p><p>�Sp�t, hoher Herr. Es war fast Morgen. Die ersten S�nger waren schon munter.�</p><p>�Wie Recht du hast!�, rief Odo erfreut. �Und einen von ihnen werde ich jagen! Weit kann er noch nicht sein!�</p><p>Er wollte sich in den Sattel schwingen. Aber ich hielt ihn entschlossen zur�ck.</p><p>�H�r zu, Odo! Ich bestehe darauf, dass du Fulk und ein paar andere von unseren Leuten mitnimmst. Du kannst ihn allein nicht zur�ckbringen. Falls er Widerstand leistet, gef�hrdest du ihn und dich selbst. Bedenke auch, dass sie zu zweit sind. F�r einen Hieb oder Pfeilschuss aus dem Hinterhalt ist auch ein Junge gut. Im �brigen � woher willst du wissen, in welche Richtung er sich gewandt hat? Falls er wirklich die Tat ver�bt hat, k�nnte er seine Pl�ne ge�ndert haben.�</p><p>�Daran habe ich nicht gedacht�, murmelte Odo. �Was also tun?�</p><p>�Ich wei� nicht ��</p><p>�Auf jeden Fall d�rfen wir keine Zeit mehr verlieren. Sonst bleibt uns nur die Kraft deines Gebetes, Bruder Lupus, um unseren M�rder zu bekommen.�</p><p>In aller Eile stellte Odo aus unseren Leuten zwei Trupps zusammen. Er selbst brach mit zwei Begleitern in Richtung Fulda auf. Diesen Weg musste Siegram ziehen, falls er bei seinem Reiseziel blieb. Fulk ritt mit einem der M�nner den Weg zur�ck, den wir gekommen waren.</p><p>Ich konnte nichts tun und musste warten. Mit langsamen Schritten, die H�nde auf dem R�cken verschr�nkt, folgte ich dem alten Pferdeknecht, der die Stute hinunter zum Fluss f�hrte. Offen gestanden war mir ein wenig bange davor, dass sie den S�nger zur�ckbringen w�rden. Einer Mordanklage konnte er dann nicht mehr entgehen. F�r die Verwandten der Toten und f�r das ganze Dorf war er schuldig. Doch war er es wirklich? Ich hatte Zweifel. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass ein so edler, gebildeter Herr, der kurz zuvor noch vor dem K�nig aufgetreten war, eine so scheu�liche Tat ver�bt hatte. Dagegen sprach auch die offenkundige Sorglosigkeit des S�ngers. Er war erst kurz vor Tagesbeginn davongeritten, wie er es sich vorgenommen hatte. H�tte er es so lange, immer der Entdeckung gew�rtig, im Saalhaus ausgehalten, wenn er vor Mitternacht den Mord begangen h�tte? Ich musste diese Frage verneinen. Mir fielen auch wieder die Ausk�nfte der Magd Celsa ein. So �ngstlich und vorsichtig sie mir geantwortet hatte, war doch un�berh�rbar gewesen, dass auch sie an eine Schuld des S�ngers nicht glaubte.</p><p>Aber was lie� sich mit alldem in einer Gerichtsversammlung anfangen? Es war so viel wert wie ein feuchter Wind. Ich sp�hte nach anderen Zeichen f�r die Unschuld des S�ngers, die vielleicht handfester waren. Das Kreuz mit dem feurigen Stein kam mir wieder in den Sinn. Als Frau Begga am Abend noch einmal die Kammer betrat, hatte ich es zum letzten Mal aufblitzen sehen. Nat�rlich konnte, was schnell feststellbar w�re, eine der Frauen das kostbare St�ck verwahrt haben. Es konnte jedoch auch gestohlen sein. Irgendeiner der rohen Gesellen, die sich am Abend vor dem Hause gedr�ngt hatten, konnte nachts, an dem schlafenden Gast vorbei, in die unverschlossene Kammer geschlichen sein und die Kranke gesch�ndet, get�tet und beraubt haben. Ich erinnerte mich jetzt auch wieder an den h�hnischen Scherz der Torw�chter. Frau Chrodelind war wohl keine Heilige �</p><p>W�hrend ich diesen Gedanken nachhing, ging ich langsam zum Ufer des Fl�sschens hinunter. Hier lie� ich mich auf einer Bank unter dem Bl�tterdach einer Esche nieder. Ein strahlender Fr�hlingstag zog herauf. Das Auge erfreute sich an den zarten Bl�ten der Apfelb�ume. Schmetterlinge torkelten durch die Luft und junge Ziegen h�pften umher.</p><p>In der N�he hatten ein paar M�nner vom Gesinde des Herrenhofs damit begonnen, die schadhafte Br�cke �ber das Fl�sschen auszubessern. Zwei neue Bohlen, die schon bereit lagen, mussten eingezogen werden. Im Augenblick standen die Leute allerdings m��ig beisammen. Sie f�hrten heftige Reden und Gegenreden und es war nicht schwer zu erraten, wor�ber sie sich ereiferten.</p><p>Pl�tzlich stoben sie auseinander. Herr Hauk war erschienen � wie aus dem Boden gewachsen. Er schimpfte und fluchte erb�rmlich.</p><p>�An die Arbeit, faules Gesindel! Habt euch lange genug ausgeruht! Verweichlicht und tr�ge seid ihr! Mein Bruder hat euch gep�ppelt, fett wie die Maden seid ihr geworden! Aber jetzt wird sich hier einiges �ndern, jetzt werdet ihr wieder, was ihr gewesen seid � Hungerleider, Krautfresser! Die goldenen Zeiten sind vorbei, arbeiten oder verrecken sollt ihr ��</p><p>Er schlug mit den F�usten zu und schwang sogar eine Peitsche. Pl�tzlich bemerkte er mich und besann sich. Er trat vor mich hin und sagte mit einem erk�nstelten L�cheln: �Erschreckt bitte nicht! Mein Bruder verw�hnt dieses gottlose Pack. Deshalb nutze ich die Zeit seiner Abwesenheit, um hier ein bisschen Ordnung zu schaffen. Wenn Mommo zur�ckkehrt � m�ge der Herr Jesus seinen Schild �ber ihn halten � wird er ein Mustergut vorfinden. Das habe ich mir fest vorgenommen und ich gehe noch heute ans Werk, trotz des Schrecklichen, was passiert ist.�</p><p>Ich hatte inzwischen allen Grund, diesem Hauk nicht einmal die Warze am Kinn zu glauben. Sie mochte teuflisches Blendwerk sein. Er bat um die Erlaubnis, sich neben mir auf die Bank setzen zu d�rfen.</p><p>�Ich sehe�, fuhr er fort, �Ihr habt Euch schon an der richtigen Stelle niedergelassen. Dies ist unser Gerichtsplatz. Wenn Herr Odo den Unhold fasst � werdet Ihr ihn dann gleich vor Euer Gericht ziehen und verurteilen?�</p><p>�Das steht noch nicht fest�, erwiderte ich ausweichend. �Wir m�ssen weiter, k�nnen uns nicht lange aufhalten.�</p><p>�Und wir haben den Kerl dann auf dem Hals�, seufzte Hauk. �Reich scheint er nicht zu sein, sonst w�rde er mit Gefolge reisen. Er wird das Wergeld vielleicht nicht aufbringen k�nnen. Wisst Ihr N�heres �ber ihn? Gibt es eine Familie, die f�r ihn einstehen kann?�</p><p>�Macht Euch dar�ber nur keine Gedanken. Noch ist kein Urteil gesprochen. Gibt es denn nur diesen einen Verdacht? Ich denke, es k�nnte auch jemand vom Gutshof oder vom Dorf ��</p><p>�Wo denkt Ihr hin!�, entgegnete er emp�rt. �Hier gibt es niemanden, der so etwas fertig gebracht h�tte. Alle liebten meine Brudertochter, besonders Frau Begga, die bei ihr Mutterstelle vertrat. Habt Ihr bemerkt, wie untr�stlich sie ist?�</p><p>�Ich hoffe, sie hat sich inzwischen ein wenig beruhigt.�</p><p>�Sie ist jetzt gefasster. Die M�gde tragen schon Wasser hinein, damit sie die Tote waschen kann. Sie will es selbst tun, als letzten Beweis ihrer m�tterlichen Liebe. Dem Himmel sei Dank, dass Mommo schon fort war. Es h�tte den �rmsten schwer getroffen.�</p><p>�War Frau Chrodelind seine einzige Tochter?�</p><p>�Sie war sogar sein einziges Kind.�</p><p>�Wer war ihre Mutter?�</p><p>�Die ungl�ckliche Muthgard.�</p><p>�Die ungl�ckliche?�</p><p>�Vier Jahre ist es jetzt her, dass sie da dr�ben, hinter der Br�cke, ertrank � beim W�schebesorgen, w�hrend des Fr�hjahrshochwassers. Mommo heiratete dann Begga, eine pr�chtige Frau, aber er hat keine Kinder mit ihr. Was sich nat�rlich noch �ndern kann.�</p><p>�Und Frau Chrodelind � hatte sie schon geboren?�</p><p>�Auch nicht. Sie war ja erst seit einem halben Jahr mit Farold verheiratet.�</p><p>�So hat Herr Mommo keine Nachkommen. Falls ihm auf seiner Heerfahrt etwas zustie�e ��</p><p>�Beschw�rt es nicht!�</p><p>�� w�ret Ihr als n�chster m�nnlicher Verwandter sein einziger Erbe.�</p><p>�Gewiss. Aber das ist f�r mich unwichtig.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Nun, seht doch, das meiste ist Benefiz. Der K�nig kann es zur�cknehmen. Was in den Truhen ist, erbt Begga. Und dann Mommos Schulden � er hat davon mehr als genug. Was bliebe da schon? Ein paar ausgelaugte Felder, ein kleines St�ck Wald � und ein paar von den Tagedieben dort.�</p><p>Hauk sah mich mit einer so gequ�lten Miene an, als verdiente er schon f�r den Gedanken Mitleid, er k�nnte hier etwas erben.</p><p>Ich beschloss, den Heuchler aufs Glatteis zu f�hren.</p><p>�Oh ja, ich verga�, dass Herr Mommo sogar gen�tigt war, Euch sein bestes Pferd zu �berlassen. Nicht einmal Frau Begga wusste davon.�</p><p>�Sie sollte nichts �ber die wahre Lage erfahren�, sagte er ohne Verlegenheit. �Er hatte sich mit der Ausr�stung etwas verausgabt. Das ist nun mal seine Art, er will sich hervortun. Nat�rlich hofft er auf Kriegsbeute, um sich schadlos zu halten.�</p><p>�Und Euch scheint es auch nicht gerade gl�nzend zu gehen. Ihr musstet Impetus gleich auf den Markt bringen und sogar etwas unter Wert verkaufen. Habt Ihr auch Wiz verkauft? Oder seid Ihr auf ihm nach Haus geritten?�</p><p>Hauk sah mich einen Augenblick lang aufmerksam an, wobei seine kleinen schlauen Augen noch enger zusammenzur�cken schienen.</p><p>�Wie kommt Ihr auf Wiz? Ihr habt Euch erkundigt?�</p><p>�Durch Zufall erfuhren wir, dass Herr Mommo ein zweites Pferd mitnahm, das Euch geh�rt. Es soll aber nicht mehr kampft�chtig sein, sondern nur noch zum Lastpferd taugen. Man sagte uns auch, Euer Bruder sei auf Impetus fortgeritten.�</p><p>Er atmete tief ein, so als m�sste er die Mitteilung einsaugen. Doch dann entspannten sich seine Z�ge und er grinste so breit, dass er die letzten schwarzen Zahnstummel entbl��te.</p><p>�Ah, jetzt verstehe ich, was Ihr meint! Ihr glaubt, ich h�tte Euch gestern nicht ganz die Wahrheit gesagt. So ist es, aber ich tat es mit R�cksicht auf Herrn Odo. Ich f�rchtete, das Gewissen k�nnte ihn plagen. Er sollte nicht glauben, einem fr�nkischen Krieger, der sich zum Heer begab, das Pferd weggenommen zu haben. Deshalb sagte ich in seiner Gegenwart, mein Bruder h�tte mir Impetus schon vor seinem Aufbruch �bergeben. Erfahrt also, wie es wirklich war, aber sagt es Herrn Odo nicht weiter. Ich stie� am Grabe des Ponz zu Mommo ��</p><p>�So wusstet Ihr doch schon am Abend, dass er dorthin wollte!�</p><p>�Nun ja, ich wusste es � und ich traf ihn dort. Man kommt auf verschiedenen Wegen dorthin, von hier und vom Castell aus. Es sind jedes Mal etwa drei Meilen. Wir haben sogar zusammen gebetet. Vorher hatte mir Mommo gesagt: �Gib mir die 360 Denare f�r alles und verkaufe das Pferd, ich bringe es nicht fertig!� Deshalb wollte ich dann auch nicht mehr als 360 nehmen, Ihr versteht, ich wollte mich nicht auf Kosten meines geliebten Bruders bereichern. Ich �bergab ihm also den Geldbeutel, wir umarmten uns zum Abschied. Dann ritt ich auf Impetus zum Markt und er blieb zur�ck. Er wollte noch eine Weile allein sein und mit dem Heiligen Zwiesprache halten. Anschlie�end wollte er sich nach der Stra�e begeben, wo ihn unsere Leute erwarteten.�</p><p>�Und wie wollte er dorthin kommen?�</p><p>�Zu Pferde, wie sonst? Auf Wiz! Ein Schecke, nicht mehr ganz jung, aber schnell und stark. Wer hat Euch gesagt, er sei nicht kriegstauglich? Ein solches Pferd w�rde nicht mal der K�nig verschm�hen. Ich habe es Mommo geliehen, aus br�derlicherer Liebe. Und f�r einen kleinen Anteil am Kriegsgewinn.�</p><p>�Und nach diesen br�derlichen Gesch�ften am Eremitengrab habt Ihr Herrn Mommo nicht wiedergesehen.�</p><p>�So ist es�, erwiderte Hauk. �Als ich auf Impetus fortritt, kniete er am Eingang der H�hle. Ein ergreifendes Bild edler Fr�mmigkeit! Ich hoffe, dass er gesund ist und die M�nner unserer Zent noch getroffen hat. Auch ich werde t�glich auf die Knie fallen, damit Gott ihn uns erh�lt und heil zur�ckkehren l�sst.�</p><p>Er schnaufte ersch�pft. Das L�gen hatte ihn angestrengt. Ich war mit meiner Geduld am Ende.</p><p>�Und wo wollt Ihr das tun?�, fragte ich. �Wo wollt Ihr vor Gott auf die Knie fallen? In Eurer Kirche vielleicht? Seht Euch vor, Ihr werdet Euch dort mit H�hnerdreck beschmutzen.�</p><p>Ich stand auf und wollte gehen.</p><p>�Wartet!�, rief er, sprang ebenfalls auf und stellte sich mir in den Weg.</p><p>�Ihr wart im Castell in der Kirche? Zugegeben, das ist ein Missstand, sehr �rgerlich. Verantwortlich ist der Priester Serapius, den Ihr ja kennen gelernt habt. Er ist ein H�riger meines Bruders. Ich habe ihn schon so oft ermahnt, aber er k�mmert sich nur um die hiesige Kirche. Tut so, als ginge ihn die im Castell nichts an. Da seht ihr, wie n�tig es ist, sie immer wieder an ihre Pflicht zu erinnern. Auspeitschen lasse ich den Kerl! Soll er den H�hnerdreck auflecken!�</p><p>�Seine Zunge soll Gottes Wort verk�nden!�, sagte ich, angeekelt von dieser feigen Erkl�rung. �Ihr selbst werdet daf�r sorgen, dass Euer Gotteshaus in einen w�rdigen Zustand versetzt wird!�</p><p>�Ich schw�re Euch, es wird geschehen!�, stammelte er beflissen. �Noch heute! Gleich jetzt! Ich bitte Euch nur, davon keine Meldung zu machen!�</p><p>�Dazu sind wir aber verpflichtet. Der K�nig will wissen, wie sich seine Vasallen auff�hren, in welchem Zustand sich seine Benefize befinden. Besonders aber die Kirchen. Ich werde mich nun auch hier etwas umsehen, um einen Eindruck zu gewinnen. Hier sieht es wohl etwas freundlicher aus.�</p><p>Abermals wollte ich fortgehen.</p><p>�So wartet doch!� Er hinkte aufgeregt um mich herum und trat mir fast auf die F��e. �Gewiss, bei mir steht nicht alles zum Besten. Aber warum? Ich will es Euch sagen. Ich hab keine Zeit, mich darum zu k�mmern. Weil ich fast nur noch hier bin. Was Ihr hier seht � es ist mein Werk. Mein Bruder, Gott sch�tze ihn, ist ein Trinker, er liebt die Frauen, die Jagd, die Tafel. Um die Wirtschaft k�mmert er sich wenig, nicht zu reden von seinen Pflichten als Zentgraf. Er vernachl�ssigt sie str�flich! Dass er �berhaupt noch Gericht h�lt, dem K�nig die Abgaben eintreibt, den Heerbann anf�hrt � ich schw�re Euch, es ist mein Verdienst! Auch das der Frau Begga. Sie ist eine Frau, wie man sie nicht zweimal findet. Leider ist er ihrer nicht w�rdig.�</p><p>�Und Ihr? Ihr w�ret w�rdig?�, fragte ich.</p><p>Hauk starrte mich an. �Ich? Wie kommt Ihr darauf? Das wollte ich damit nicht gesagt haben.�</p><p>�Aber Ihr w�rdet gern Zentgraf sein.�</p><p>�Nur wenn mein Bruder, den der gn�dige Gott uns erhalten m�ge � �</p><p>�Nur wenn er nicht wiederk�me. Das meint Ihr doch.�</p><p>�Damit � damit rechne ich nicht � der Himmel bewahre mich davor! Trotz seiner Fehler � er ist tapfer, ein Held! Er wird mit Ruhm bedeckt heimkehren ��</p><p>Jetzt standen ihm Schwei�perlen auf der Stirn. Ich beschloss, ihn an der Gurgel zu packen. �Und wenn ich mich nun trotz allem, was mir bei Euch missf�llt, zu der Meinung durchringen k�nnte�, sagte ich, die Worte zum Schein gedankenvoll dehnend, �dass Ihr der bessere Zentgraf w�ret?�</p><p>�Das k�nntet Ihr?�</p><p>In den �uglein des Hauk, die eben noch erschrocken und unterw�rfig dreingeschaut hatten, blitzte auf einmal wieder die Schl�ue auf. Einen Augenblick z�gerte er noch. Aber dann ging auch er aufs Ganze.</p><p>�Drei�ig Solidi?�, fragte er lauernd.</p><p>Ich l�chelte absch�tzig.</p><p>�Sechzig? Achtzig? Hundert?�</p><p>�Schon besser. Aber wo wollt Ihr die hernehmen? Verf�gt Ihr schon �ber den Schatz Eures Bruders?�</p><p>Wieder wechselte die Miene des Hauk ihren Ausdruck. Sein breites, fettes Gesicht war ein Buch, man musste nur darin zu lesen verstehen.</p><p>Jetzt las ich Angst.</p><p>Das gen�gte mir vorerst. Ich lie� ihn stehen und damit er mir nicht weiter folgte, zog ich meine Sandalen aus, raffte die Kutte und watete ein paar Schritte in das flache Uferwasser des Fl�sschens hinein. Ich war ja noch nicht einmal zu meiner Morgenw�sche gekommen.</p></section><section><title><p><strong>5. Kapitel</strong></p></title><p>Die Sonne stand im Zenit, als Herr Siegram gebracht wurde. Ich war gerade von meinem Gang �ber den Herrenhof und durch das Dorf zur�ckgekehrt, als sie durch das Zangentor einritten: Odo an der Spitze, dann Siegram und der Junge, zuletzt die beiden M�nner unseres Wachtrupps. Am Eingang des Saalhauses stand hoch aufgerichtet Frau Begga, von weiten Gew�ndern und einem Schleier umwallt, einem jener weiblichen Trauermonumente namens Niobe oder Hekate gleich, von denen uns die heidnischen Autoren berichten. Auch die knorrigen Alten waren dort wieder aufgereiht und starrten den Reitern b�se entgegen. Odo hielt an der Treppe, an deren Fu� ich wartete, warf mir einen finsteren Blick zu und sprang vom Pferd. Er gab Siegram ein Zeichen, ebenfalls abzusitzen und ihm in den Saal zu folgen.</p><p>Die Ermordete war aufgebahrt, wie es Brauch ist, nachdem sie gewaschen und mit geweihtem Wasser besprengt worden war. Eine Bank, �ber die ein B�renfell gebreitet war, diente als Totenbett. Ringsum waren Kerzen aufgestellt. Frau Chrodelind war mit einem wei�en, bestickten Hemd bekleidet und bis zum G�rtel mit einem dunklen �berwurf zugedeckt, unter dem sich der zarte K�rper kaum abzeichnete. �ber den Hals war ein Schleiertuch gebreitet. Sorgsam geordnet und geflochten umgab das kupferrote Haar das bleiche, spitze Gesicht mit den nunmehr geschlossenen Augen. Auf der Brust der Toten lag auch jetzt mein kleines Bronzekreuz.</p><p>Der Priester, jener H�rige namens Serapius, und ein paar alte Frauen vom Gesinde, die mit ihm gesungen und gebetet hatten, verstummten und zogen sich in eine Ecke des Saals zur�ck. Herr Siegram, den alle anstarrten (ich nicht ausgenommen), trat z�gernd n�her. Man erwartet ja, dass ein Frevler, der vor sein Opfer gef�hrt wird, sich verr�t und unter der Last seiner Schuld zusammenbricht. Nat�rlich hoffte ich, der S�nger, den ich f�r unschuldig hielt, w�rde die Fassung bewahren.</p><p>Ich wurde entt�uscht. Es war nicht nur der heitere Stolz gewichen, der seine Z�ge sonst so unwiderstehlich gemacht hatte. Er schien auch zutiefst verwirrt zu sein. Kaum hatte er die Tote erblickt, st�rzten ihm Tr�nen aus den Augen. Er schlug die H�nde vor das Gesicht und stand lange zitternd auf einem Fleck.</p><p>Ich sah Odo an, der sich seufzend abwandte.</p><p>Unter den Alten erhob sich giftiges Gefl�ster: �M�rder! Satan! Sollst b��en � im Pech schmoren ��</p><p>Nun trat Frau Begga heran. Mit einer Geste, die auch mich schaudern lie�, zog sie das Schleiertuch von dem entstellten Hals der Toten.</p><p>�Sieh her! Verstecke dich nicht vor deiner Tat!�</p><p>Der erschrockene Siegram lie� die H�nde sinken und blickte hin. Gleich wurde ihm schwach, Odo und Aimo mussten ihn st�tzen. Frau Begga legte das Tuch wieder an seinen Platz und nahm das kleine Bronzekreuz von der Brust der Toten.</p><p>�Ich w�rde dieses Kreuz, das dem ehrw�rdigen Lupus geh�rt, gern durch ein anderes ersetzen�, sagte sie, wieder an den S�nger gewandt, mit sanfter, bebender Stimme. �Durch das goldene Kreuz mit dem Opal, das ihre Mutter ihr hinterlie� und das ich f�r sie aufbewahrt hatte. Sie trug es gestern. Ihr habt es genommen. Gebt es zur�ck. Habt Erbarmen mit ihr!�</p><p>�Das Kreuz? Was f�r ein Kreuz? Ich habe es nicht!�, stammelte der S�nger, �ber und �ber err�tend.</p><p>�Ihr habt es. Als wir sie heute Morgen fanden, vermissten wir es. Ihr m�sst es genommen haben.�</p><p>�Glaubt mir ��</p><p>�Seid doch barmherzig! Gebt es ihr wieder!�</p><p>�Aber ich habe es nicht!�</p><p>�Warum l�gt Ihr?�</p><p>�Ich l�ge nicht! Was wollt ihr von mir?� Der S�nger ermannte sich pl�tzlich. �Ich war es nicht! Ich habe sie nicht get�tet. Und stehlen? Ich bin ein angels�chsischer Edler! Ja, ich weine � Ich bin ersch�ttert, ich leide. Wie sch�n sie noch gestern war � sie hat mir Verse eingegeben. Warum sollte ich sie denn umbringen? K�nnt ihr mir einen Grund daf�r nennen?�</p><p>Er warf heftig sein langes Haar zur�ck und mit seinen immer noch tr�nengef�llten Augen starrte er erst Odo, dann mich an. Doch er erwartete keine Antwort. Im n�chsten Augenblick drehte er sich um und schon war er drau�en. Er wollte zum Fluss hinunter laufen. Aber weit kam er nicht. Zwei Lanzen wurden vor ihm gekreuzt.</p><p>�Wo bringt man hier Inhaftierte unter?�, fragte Odo die Zentgr�fin.</p><p>�Unten im Haus, neben den St�llen�, erwiderte sie in trockenem Ton. �Da ist ein Verschlag mit einer Kette. Soll ich Euch hinf�hren? Ich habe den Schl�ssel.�</p><p>�Nicht n�tig�, warf ich schnell ein. �Wir m�ssen uns erst beraten.�</p><p>Odo war einverstanden. Der Chor der Alten war wieder ans Totenbett ger�ckt und wir flohen vor dem Gegreine und Geseufze.</p><p>Hinter dem Haus setzten wir uns auf einen Stapel Brennholz. Odo schwieg m�rrisch. Auch mir fiel zun�chst nichts ein.</p><p>Nach einer Weile sagte ich: �Nun?�</p><p>�Nun?�, ahmte er mich nach. �Das Beste wird sein, wir verschwinden.�</p><p>�Du wolltest doch Vergeltung.�</p><p>�Soll Hrotbert sich damit befassen. Ich hab ihn schon vorbereitet.�</p><p>�Du warst beim Grafen?�</p><p>�Hm.�</p><p>�Wie ist er? Vertrauensw�rdig?�</p><p>�Ein misstrauischer alter Knochen. Hielt mich zun�chst f�r einen Sklavenh�ndler, der ihm zwei Christen weggefangen hatte. Ich hatte ja unsere Schatulle nicht bei mir. Schlie�lich begriff er, was geschehen war. Es �berraschte ihn nicht sehr. �Die werden sich dort noch alle umbringen�, brummte er.�</p><p>�Sieh mal an. Und das war alles?�</p><p>�Er kommt her. Sobald er mit einem Bischof fertig ist. Als ich eintrat, war er gerade dabei, ihn in St�cke zu rei�en. �Ich mache Hundefutter aus dir, du gottloser Schuft!� br�llte er. Nun, wenn seine Hunde gespeist haben, wird er wohl kommen. Es kann aber dauern, der Bischof scheint z�he zu sein.�</p><p>�Warum willst du verschwinden, Odo?�</p><p>�Wir haben noch mehr zu tun. Oder irre ich mich? Unser Mandatsgebiet liegt in Sachsen. M�ssen wir uns in alles einmischen?�</p><p>�Und was wird aus dem dort?� Ich deutete nach dem S�nger hin, der f�nfzig Schritte von uns entfernt, den Kopf in den H�nden vergraben, an einem Baum hockte. Links und rechts standen, ihre Lanzen in den F�usten, unsere M�nner.</p><p>�Was soll aus ihm werden?�</p><p>�Bis zu einer Anklage vor dem Grafschaftsgericht k�nnen Wochen und Monate vergehen�, sagte ich. �Soll er so lange angekettet im Verschlag neben dem Schweinestall liegen?�</p><p>�Sie werden ihn schon besch�ftigen.�</p><p>�Du bist doch auch nicht mehr von seiner Schuld �berzeugt.�</p><p>Odo schwieg.</p><p>�Wo hast du ihn denn aufgegriffen?�</p><p>�ber uns in den Baumwipfeln pfiff ein Pirol. Odo spitzte die Lippen, um die T�ne des Vogels nachzuahmen. Schlie�lich sagte er grinsend: �Auf einer Blumenwiese.�</p><p>�Ah! Und was tat er?�</p><p>�Er zupfte die Harfe. Unter anderem. Wir w�ren beinahe vorbei geritten. Da h�rte ich pl�tzlich hinter den B�schen: pling-plang, pling-plang � Neben ihm sa� der Junge mit einer Tafel und schrieb etwas auf.�</p><p>�Er dichtete! Und der Junge notierte, was ihm einfiel. Bei Tagesbeginn ist seine beste Schaffenszeit.�</p><p>�Woher wei�t du das?�</p><p>�Von ihm selbst. Er war also offenbar v�llig sorglos. �nderte nicht einmal seine Gewohnheiten.�</p><p>�Nein, das tat er wohl nicht �� Odo pfiff wieder. Der Pirol, der verstummt war, f�hlte sich herausgefordert und fing auch wieder an.</p><p>�Machte er Schwierigkeiten, als du ihn mitnehmen wolltest?�, fragte ich.</p><p>��berhaupt nicht. Er protestierte ein bisschen. Er wusste auch gar nicht, wo sein Schwert lag. Wir suchten es gemeinsam und fanden es irgendwo im Geb�sch bei dem anderen Gep�ck. Auch die Pferde mussten wir erst einfangen.�</p><p>�War er schon weit gekommen?�</p><p>�Nicht ganz zwei Meilen.�</p><p>�Trotzdem warst du recht lange fort.�</p><p>�Ich war ja auch noch bei Hrotbert.�</p><p>�Und hast du Siegram bei der R�ckkehr befragt? Hast du irgendetwas erfahren?�</p><p>�Nichts. Wir schwiegen die ganze Zeit. Vorwurfsvoll.�</p><p>�Er ist unschuldig, Odo�, sagte ich entschieden. �Nur einen Augenblick war ich unsicher: als er vorhin am Totenbett in Tr�nen ausbrach. Aber als dann die Zentgr�fin das Kreuz verlangte � Ich wusste gleich, das Kreuz bringt die Wahrheit ans Licht! Als erhabener Sch�ngeist war er ersch�ttert. Ein solcher Mann kann eine welkende Bl�te beweinen, einen verblassenden Stern � Alles Sch�ne, das vergehen muss, wird ihm Schmerz bereiten. Eines Mordes und erst recht eines gemeinen Diebstahls ist er unf�hig!�</p><p>Odo pfiff wieder.</p><p>�Deshalb sollten wir kraft unserer Vollmacht als Kommissare des K�nigs�, fuhr ich fort, �noch heute eine au�erordentliche Gerichtsversammlung einberufen und seinen Freispruch erwirken! Wer wei�, was ihm hier geschehen w�rde, wenn wir ihn zur�cklie�en � in diesem dumpfen Tal, unter ungebildeten Bauern. Bist du einverstanden?�</p><p>�Hm�, brummte Odo und zog die Schultern hoch.</p><p>�Du wirst doch nicht etwa so kleinlich sein, eure alte Nebenbuhlerschaft ��</p><p>�Welche Nebenbuhlerschaft?�, fuhr er mich an.</p><p>�Nun, eure kleinen Eifers�chteleien wegen der Gunst einer hoch gestellten jungen Dame ��</p><p>�Schweig!�</p><p>Er packte mich pl�tzlich vorn an der Kutte und es fehlte nicht viel daran, dass er mir mit der Spitze seiner m�chtigen Nase ein Loch ins Gesicht gebohrt h�tte. �Fang nie wieder davon an! Hast du verstanden? Untersteh dich, noch einmal daran zu erinnern!� Er b�ckte sich und riss ein B�schel Gras aus. �Da, nimm das und wisch es weg aus deinem Ged�chtnis wie � na, du wei�t schon, was man sonst damit abwischt.�</p><p>Er dr�ckte mir das Gras in die Hand und rollte noch einmal furchterregend die Augen. Dann stand er auf und wollte weggehen.</p><p>In diesem Augenblick erhob sich in einem der Stallh�user, die sich wie eine Horde Betrunkener um das Saalhaus gruppierten, ein w�ster L�rm. Es war ein Kreischen und Schimpfen, wobei ich zwei m�nnliche und eine weibliche Stimme unterschied, die mir alle bekannt vorkamen.</p><p>Gleich darauf stolperte oder besser flog eine d�nne, schlotternde Gestalt zur T�r heraus. Es war unser Rouhfaz. Hinter ihm erschien Hauk, der ihm fluchend einen Sack nachwarf und gleich wieder im Stall verschwand. Rouhfaz rappelte sich auf, nahm den Sack, sah sich nach allen Seiten um und schien zu �berlegen, wohin er sich wenden sollte.</p><p>Ich rief ihn an. Sofort kam er raschen Schrittes n�her und erst auf halbem Wege fiel ihm ein, das Gesicht vor Schmerz zu verzerren, den Buckel zu kr�mmen und sich die Seite zu halten. Belustigt war Odo stehen geblieben, um zu erfahren, was es gegeben hatte.</p><p>Ich lasse die Schn�rkel von Emp�rung und Wehleidigkeit weg, mit denen Rouhfaz seinen Bericht garnierte. Er enthielt im Kern folgendes.</p><p>Nachdem er mich auf dem Gang �ber den Herrenhof und durch das Dorf begleitet und ich ihn entlassen hatte, war er nicht nach dem Castell zur�ckgekehrt, sondern in diesem Stall gelandet. Angeblich weil er Durst versp�rte und einen Trunk Milch erbitten wollte. Die dort waltende Magd, keine andere als Celsa, erf�llte die Bitte und es kam, laut Rouhfaz, zu einer �Unterhaltung�, zu der er sich nicht n�her �u�ern wollte. Sie wurde durch Hauk gest�rt, der �hinkend und stinkend wie der Teufel hereinfuhr�, sodass Rouhfaz sich gerade noch in einem Verschlag hinter einer Krippe verbergen konnte. Von hier aus bekam er nun mit, was zwischen Hauk und Celsa gesprochen wurde.</p><p>Es handelte sich um ein scharfes Verh�r, bei dem der Herr nicht mit Schl�gen sparte. Hauk wollte vor allem wissen, was Celsa mir am Morgen auf dem Waldweg vom Castell zum Hof des Zentgrafen erz�hlt hatte. Ob sie mir etwas von einem Streit berichtet hatte, dessen Ohrenzeugin sie am Tag zuvor gewesen war, einem heftigen Auftritt zwischen Frau Begga und Frau Chrodelind. Unter Tr�nen beschwor die Magd, mir davon kein Sterbensw�rtchen gesagt zu haben. Hauk glaubte ihr nicht und z�ckte die Peitsche. Sie sollte ihm nun gestehen, was sie unter den M�gden herumerz�hlt hatte. Von schweren Vorw�rfen der Frau Chrodelind gegen Frau Begga, wobei das Wort �Diebin� noch das zahmste gewesen sein sollte. Hauk wollte wissen, ob Chrodelind ihren Vater Mommo oder gar ihn selbst erw�hnt hatte. Ob sie etwas gesehen oder geh�rt hatte von den Vorg�ngen in der Nacht davor, als ihr Vater zum Heer aufgebrochen war. Celsa wollte jedoch nur mitbekommen haben, dass von Frau Muthgard die Rede war, der Mutter Frau Chrodelinds. Die junge Herrin h�tte Frau Begga beschuldigt, ihre Mutter beim W�schebesorgen ertr�nkt zu haben. Da beruhigte sich Hauk, sagte, das seien alte Geschichten, und steckte die Peitsche wieder hinter die Wadenbinde.</p><p>Ausgerechnet in diesem Augenblick geriet dem hinter der Krippe kauernden Rouhfaz ein Strohhalm in die Nase, der ihn zum Niesen veranlasste. Die Entdeckung war unvermeidlich und Rouhfaz wollte die Flucht ergreifen. Doch Hauk erwischte ihn und erkannte den d�rren Kahlkopf, der den ganzen Vormittag an meiner Seite gewesen war. Wo immer wir beide aufgetaucht waren, hatte sich ja auch Hauk in der N�he herumgetrieben, ob an der M�hle, in der Schmiede oder sonstwo, entweder misstrauisch aus dem Hintergrund beobachtend oder beflissen um uns herum dienernd. Wahrscheinlicher war also, dass er sich h�tete, unseren Schreiber zu pr�geln, sondern dass er sich damit begn�gte, ihn mitsamt dem Sack, in dem sich unsere Schreibtafeln mit den Notizen �ber Missst�nde befanden, hinauszusetzen.</p><p>�Jetzt h�r mir gut zu, du Held!�, sagte Odo, als Rouhfaz seinen Bericht beendet hatte. �Ich habe zwei Auftr�ge f�r dich, die du prompt erledigen wirst. Der erste: die �Unterhaltung� mit dieser Magd wird fortgesetzt. Und dabei wirst du herausbekommen, was bei dem Streit der beiden edlen Frauen noch so zur Sprache kam. Vielleicht hat Frau Chrodelind doch etwas gesagt, was Celsa dem Hauk lieber nicht weitererz�hlen wollte.�</p><p>�Und Ihr glaubt, sie w�rde es mir erz�hlen?�, fragte Rouhfaz zweifelnd.</p><p>�Einem feurigen Liebhaber sind die Weiber verfallen�, sagte Odo ernsthaft, �sie haben vor ihm keine Geheimnisse. Und du bist doch so einer � oder t�usche ich mich?�</p><p>�Oh nein, Herr Odo, Ihr t�uscht Euch nicht�, sagte der T�lpel stolz.</p><p>�So mach dich ans Werk!�</p><p>�Jetzt gleich?�, fragte Rouhfaz besorgt und schielte nach dem Stallhaus, aus dem der erz�rnte Bruder des Zentgrafen noch nicht herausgekommen war.</p><p>��berst�rzen musst du nichts�, sagte Odo verst�ndnisvoll. �Deshalb erledige gleich meinen zweiten Auftrag. Geh dort hinein und frage Herrn Hauk im Auftrag der K�nigsboten, wann bei ihm gespeist wird.�</p><p>�Ich soll dort noch einmal �?�</p><p>�Geh nur!�, sagte ich. �Du wirst ihm sogar eine Freude bereiten.�</p><p>Damit sollte ich Recht behalten. Rouhfaz machte sich zaghaft auf den Weg. Mehrmals blickte er sich um, zuletzt an der Stallt�r. Wir gaben ihm ermunternde Zeichen. Er verschwand und tats�chlich erschien kurz darauf Herr Hauk vor dem Stall, verbeugte sich, an der G�rtelschnalle nestelnd, mit breitem L�cheln und winkte uns zu, wobei er uns zu verstehen gab, es werde alles geschehen, um die Herren K�nigsboten zufrieden zu stellen. Erst beim eiligen Davonhinken gelang es ihm, die G�rtelschnalle fest zu machen.</p><p>�Unser kahler Hahn hat Recht�, bemerkte Odo. �Dieser Hauk kommt mir vor wie Herr Satan pers�nlich. Er stinkt, er hat einen Pferdefu� � was fehlt noch? Der feurige Schweif. Der h�ngt ihm unter der Nase. Auch sonst scheint er ein paar satanische Eigenschaften zu haben.�</p><p>�Vielleicht hat er einen Mord begangen�, sagte ich.</p><p>�Jetzt gehst du in deinem Eifer, das Ged�chtnis des Volkes zu retten, wohl etwas zu weit.�</p><p>�Ich spreche ja nicht von diesem Mord. Obwohl man nicht wissen kann, ob Hauk ��</p><p>�Vergiss nicht, dass ich heute Nacht sein Gast war.�</p><p>�Aber nicht in der Nacht davor. Da m�ssen seltsame Dinge geschehen sein. Warum hat er die Magd gefragt, ob Frau Chrodelind etwas bemerkt h�tte?�</p><p>�Willst du jetzt auch noch dem Zentgrafen nachsp�ren, der vielleicht lebendig und munter zum Heer unterwegs ist?�</p><p>�Wenn er aber nicht mehr lebendig und munter sein sollte, handelte es sich um den Mord an einem Beauftragten des K�nigs. Da m�ssen wir etwas unternehmen!�</p><p>Odo seufzte.</p><p>�Bei dieser Hitze! Wir sollten wenigstens vorher unsere Kehlen befeuchten.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Wir verlie�en den Herrenhof. Hinter uns versiegte der j�mmerliche Klagegesang. Ein Bauer, der uns mit einem Ochsenkarren entgegen kam, wies uns den Weg nach der Sch�nke. Wir gingen au�en am Zaun entlang, auf einem von Viehherden breit getrampelten Weg. Unsere Reittiere f�hrten wir am Z�gel.</p><p>�Kein Zweifel, dass Mommo es nicht n�tig hatte, dieses Pferd zu verkaufen�, sagte ich, auf unser Thema zur�ckkommend. �Ich habe mich heute hier umgesehen. Pr�chtiges Vieh, wohlgef�llte Scheunen und Vorratskammern, die H�user und H�tten in gutem Zustand. Wahrscheinlich ist das weniger Mommos Verdienst als das seiner Verwalter, eines alten Onkels namens Arnfried und seines Schwiegersohns, des Farold. Alle, mit denen ich sprach, lobten die beiden. Kein Wort von Hauk, der behauptet, ihm sei dies zu verdanken. Was Mommo betrifft, so werden ihm zwei Leidenschaften nachgesagt: den Frauen nachzustellen und zu Gericht zu sitzen. Die Frauen soll er schon immer geliebt haben, seine Leidenschaft f�r das Gericht hat er aber erst vor ein paar Jahren entdeckt. Willst du wissen, wie das kam? Eine Alte hat es mir zugefl�stert. Ich musste aber schw�ren, sie nicht zu verraten.�</p><p>�So verrate sie nicht. Ich kenne das Geheimnis.�</p><p>�Dann sprich.�</p><p>�Er hat die Riesendame geheiratet.�</p><p>�Tats�chlich. Wie bist du darauf gekommen?�</p><p>�Sehr leicht. War sie nicht �ber und �ber mit Ketten, Armb�ndern und goldenen Gl�cksbringern behangen? Dergleichen verdient ein Dorfvorsteher, auch wenn er �ber ein Benefiz verf�gt, nur durch eifriges Rechtsprechen.�</p><p>�So ist es! Tagelang sa� er zu Gericht. Angeblich hat sie ihn dazu angestiftet. Um jedes Scheit Holz, um jeden Krug Bohnen wurde hier prozessiert. Er hatte sogar seine Spitzel, die alles ausschn�ffelten, was nach Streit roch. Er selbst soll die Parteien gegeneinander gehetzt haben. Und er nahm alles: Geld, Waffen, G�rtel, Ringe, Zaumzeugbeschl�ge, auch Felle, T�cher, Gew�nder. Drei bis zum Rand gef�llte Truhen sollen im Saalhaus in der Schatzkammer stehen. Alles Geschenke. Der Mann war reich.�</p><p>�Und nun meinst du, der Neid, dieser t�ckische Nager ��</p><p>�Ist das verwunderlich? Sieh dir diesen Hauk an: fr�her ein stolzer Krieger, jetzt ein Kr�ppel. Abgefunden mit einem elenden Benefiz, diesem verfallenen fr�heren Castell und etwas Land drum herum. Wie zum Hohn in der Nachbarschaft seines Bruders. Ein lahmer Raufbold, ein Fisch im Sand. Der vom Wirtschaften so viel versteht wie die Kuh vom Spinnen. Fr�her durfte er befehlen, nun musste er den Mund halten, weil ein anderer das Wort f�hrte. Aber schlau ist er trotzdem. Mommo hat keine m�nnlichen Erben, er ist der n�chste Verwandte ��</p><p>�Und da erinnert er sich auch der gemeinsamen Ahnen und kommt auf den heiligen Ponz.�</p><p>�Ein fragw�rdiger Heiliger und ganz unbekannt. Vielleicht gab es ihn gar nicht. Aber es gibt die einsam gelegene H�hle im Wald, wo vielleicht mal jemand gehaust hat und wo ein paar Knochen herumliegen. Wie war das, wenn du in den Krieg zogst? Hattest du dir da nicht auch gew�nscht, dass sich im Himmel jemand um dich k�mmerte?�</p><p>�Das ist wahr. Aber leider hatte ich dort keine Bekannten.�</p><p>�Solche Bekanntschaften kann man in jeder Kirche machen, man muss nur hineingehen. Aber Jugend ist leichtfertig! Mommo war im gesetzten Alter, wohlhabend, ein behagliches Leben gew�hnt � er hatte Angst. Doch der K�nig rief und er musste folgen. Am Abend vor dem Aufbruch packt ihn der Jammer. Da fl�stert ihm jemand ins Ohr: �Warum f�rchtest du dich? Du hast doch einen Heiligen in der Familie. Was, du erinnerst dich nicht an ihn? Das k�nnte er aber �bel nehmen. Reite lieber vorher noch hin, bitte ihn um seinen Schutz! Das wird ihn freuen und er wird sich erkenntlich zeigen.��</p><p>�Man k�nnte glauben, du selbst w�rst dieser Jemand gewesen, so �berzeugend kannst du ihn nachahmen�, sagte Odo lachend. �Ist das der tr�be Bodensatz in deiner Pfaffenseele?�</p><p>Ich lie� mich nicht ablenken.</p><p>�Der Rest ist klar: Mommo bricht noch in der Nacht auf, um Ponz zu besuchen. Aber dort irgendwo erwartet ihn Hauk. Und Kain erschl�gt Abel, die alte Geschichte. Die Leiche liegt unauffindbar im Wald. Anschlie�end reitet Hauk zum Markt und verkauft das wertvolle Pferd. Dass er ausgerechnet an einen K�nigsboten ger�t, erschreckt ihn, er macht sich eilig davon. Um das zweite Pferd zu besteigen, das er seinem Opfer vorsorglich mitgegeben hat. Vielleicht tauscht er es gegen ein anderes ein, um ganz sicher zu gehen. Und abends ist er zur�ck, sitzt hier im Saal und lauscht dem S�nger.�</p><p>�Und dann meuchelt er noch seine Brudertochter. Das nenne ich ganze Arbeit.�</p><p>Mich �rgerte Odos unernster Tonfall und ich erwiderte unn�tig rechthaberisch:</p><p>�Ausgeschlossen w�re es nicht! Bist du wirklich sicher, dass er die ganze Nacht mit dir oben im Turm zugebracht hat?�</p><p>�Ich hatte einen l�ngeren Traum. Da verlor ich ihn zeitweilig aus den Augen.�</p><p>�Du warst reisem�de. Wir alle waren es. Er konnte vom Turm gestiegen sein und das Castell verlassen haben. Seine Torw�chter sind Galgenv�gel, sie werden schweigen. Vielleicht hat es auch einer von denen getan. Wer immer es war � Er drang in den Herrenhof ein, schlich durch den Saal in die offene Kammer zu der Kranken, erdrosselte und sch�ndete sie � denn sie war tot, als sie gesch�ndet wurde, sonst h�tte der alte Pferdeknecht einen Schrei geh�rt � und verschwand wieder. Vielleicht wurde die Sch�ndung auch nur vorget�uscht, um den S�nger zu belasten. Und wei�t du, warum auch das Kreuz mit dem Opal verschwunden ist? Es hing, das sah ich deutlich, an einem Band aus ineinander gef�gten goldenen Ringen. Mit diesem Band wurde sie erdrosselt! Danach riss es ihr der M�rder vom Halse. Du hast Recht, er muss Satan sein, er selbst! Er benutzte das heiligste aller Symbole, um zu morden.�</p><p>Nach dieser, wie mir schien, sehr schl�ssigen Darlegung, die ich in temperamentvoller Rhetorik und mit lebhaften Geb�rden vorbrachte, machte ich eine Pause und sah Odo erwartungsvoll an. Wir blieben stehen.</p><p>Auch er sah mich an und fragte: �Und weiter?�</p><p>�Und weiter? Das sieht man ja. Hauk spielt schon den Herrn, schilt und pr�gelt die Leute. Da Mommo niemals beim Heer und schon gar nicht wieder zu Hause ankommen wird, glaubt er, sich das erlauben zu k�nnen. Und da nun auch Frau Chrodelind tot ist, wird ihm selbst Farold nicht mehr ins Gehege kommen. Als t�chtiger Mann und vielleicht bald Vater eines Enkels des Zentgrafen h�tte ja dieser Farold Anspr�che. Warum sollte er nicht eines Tages zum <emphasis>vassus regis</emphasis> aufsteigen und das Benefiz und das Amt �bernehmen? Dem galt es vorzubeugen. Der Zeitpunkt war g�nstig. Nun ist es vollbracht. Hauk wird alles bekommen. Zuerst das erledigte Benefiz, um das er sich nur zu bewerben braucht, und dann die Frau Begga mit all ihrem Goldschmuck und ihren Kleidertruhen. Noch springt sie r�de mit ihm um und verachtet ihn. Aber er ertr�gt es geduldig, denn er wei�, eines Tages wird sie einsehen, dass es das Beste sein wird, ihn zu heiraten. Schluss der Geschichte. So wird es kommen, wenn wir nichts tun.�</p><p>Odo schwieg und blickte hinunter auf das Fl�sschen. Mit hoch gebundenen R�cken standen dort M�gde bis zu den Knien im Wasser, schrubbten W�sche und bearbeiteten sie mit Schl�geln. Andere breiteten die gewaschenen St�cke auf der Uferwiese zum Trocknen aus. Ihr Geschnatter t�nte herauf. Sie stritten und eine schlug einer anderen ein nasses Tuch um die Ohren.</p><p>�Sieh dir das an�, sagte Odo. �Wir wollen warten, was daraus wird. Vielleicht zeigen sie uns eine h�bsche Kehrseite. Du kannst dich ja so lange abwenden, mein frommer Freund. Ah, sie beruhigen sich! Ist auch besser so. W�rden sie sich etwas weiter zur Mitte dr�ngen, k�nnten sie den Grund unter den F��en verlieren. Und sie k�nnen nat�rlich nicht schwimmen. Siehst du die kleinen Strudel da hinten? Dort muss es recht tief sein. Wahrscheinlich ist das die Stelle, wo Frau Muthgard ertrunken ist.�</p><p>Ich h�rte kaum zu und wollte den Faden meiner Betrachtungen nicht abrei�en lassen.</p><p>�Nat�rlich wird es zu einer Anklage gegen Hauk nicht reichen. Es gen�gt daher, wenn wir einen Bericht �ber Missst�nde im Castell an den Pfalzgrafen schicken und auch dem hiesigen Grafen unsere Eindr�cke mitteilen. Ich habe dem Hauk schon seine Kirche vorgehalten. Er geriet sofort in Verwirrung � nat�rlich aus Sorge, die ganze Mordarbeit k�nnte umsonst gewesen sein. Ich tat so, als w�re ich bestechlich, und er bot mir gleich hundert Solidi an. Mein Vorschlag ist also: F�r den Fall, dass Mommo sich nicht beim Heer meldet, das hei�t mit Sicherheit nicht mehr am Leben ist, sollten wir dem Hof empfehlen, dass der K�nig sein Benefiz sofort einzieht und einem anderen �berantwortet. Vasallen ohne Benefiz gibt es genug, Anwesende eingeschlossen, aber du strebst ja H�heres an. Der neue Mann muss sich unverz�glich hierher begeben! Dann kann Hauk auch nicht Zentgraf werden. Benefiz und Amt sind zwar nicht zwangsl�ufig miteinander verbunden, aber gew�hnlich wird ja der gr��te Grundherr � Du h�rst mir nicht zu!�</p><p>�Sie fangen wieder an, diese Weibsst�cke�, sagte Odo, der halb belustigt, halb besorgt noch immer die streitenden M�gde beobachtete.</p><p>Jetzt hatten sich zwei von ihnen an den Schultern gepackt und versuchten, einander ins Wasser zu werfen. Schon standen sie bis zum G�rtel drin � und pl�tzlich war eine versunken. Sie tauchte kreischend und Luft schnappend auf und verschwand abermals. Im Nu hatte sich Odo �ber den Zaun geschwungen. Er rannte zum Ufer hinunter. Doch er brauchte nicht einzugreifen. Hilfreiche Arme wurden ausgestreckt und zogen die Verungl�ckte ins flache Wasser zur�ck. Prustend stolperte sie ans Ufer und wrang ihre R�cke aus. Odo rief den M�gden ein paar Scherzworte zu, die sie dankbar belachten, und kehrte zu mir zur�ck.</p><p>�Hast du das gesehen?�, sagte er und nahm mir Impetus wieder ab, den ich so lange am Z�gel gehalten hatte. �So k�nnte es passiert sein.�</p><p>�Was?�</p><p>�So k�nnte die Riesin sich der fr�heren Zentgr�fin entledigt haben.�</p><p>�Du glaubst die Geschichte?�</p><p>�Es war ein Kinderspiel.�</p><p>�Vielleicht sollten wir nichts auf Weibergez�nk geben.�</p><p>�Immerhin liegt eine der Z�nkerinnen dort aufgebahrt.�</p><p>�Und was h�ltst du nun von von meinem Vorschlag?�, fragte ich unwirsch. �Hast du ihn �berhaupt zur Kenntnis genommen?�</p><p>Odo befingerte seine Nasenspitze und blickte mich einen Augenblick lang tiefsinnig an.</p><p>�Dein Vorschlag ist ausgezeichnet. �berhaupt ist deine Deutung des Falles bemerkenswert. Nur hast du vielleicht eine Kleinigkeit �bersehen.�</p><p>�Und welche?�</p><p>�Dass es unter den menschlichen Wesen, die die Welt bev�lkern, nicht nur solche wie uns beide gibt: die Schnurrb�rtigen und die Tonsurierten. Sondern auch noch andere, zum Beispiel so drollige Gesch�pfe mit glatten Wangen wie die da unten.�</p><p>�Lass uns ernsthaft reden!�</p><p>�Siehst du. Nur eine Welt der �mter, Benefize, Kriege, Heiligengr�ber ist f�r dich eine ernsthafte Welt. Wir schreiben an die vorgesetzte Beh�rde und man wird die Sache in Ordnung bringen. Der M�rder ist gestraft, weil der Neid weiter an seiner schwarzen Seele frisst. Er bekommt kein Benefiz und kein Amt. Kann man ihn schlimmer strafen? Einen von uns, den Schnurrb�rtigen und Tonsurierten, wohl kaum.�</p><p>�Was, zum Teufel, willst du damit sagen?�</p><p>�Eure Heiligkeit fluchen?�</p><p>�Hast du einen anderen Verdacht? Sprich! H�ngt er vielleicht mir diesem Ungl�cksfall zusammen? Dem Tod der fr�heren Zentgr�fin?�</p><p>�Um mich dazu zu �u�ern�, sagte Odo bed�chtig, �m�sste ich die jetzige besser kennen lernen. Aber sie ist zu sehr mit ihrer Trauer besch�ftigt. Sie k�nnte mich f�r zudringlich halten und missverstehen. Einer so erhabenen Riesendame n�hert man sich auch nicht auf die �bliche Art, frontal und drauf zu. Sie ist eine Burg mit T�rmen, Vorbauten, W�llen, r�ckw�rtigen Befestigungen, sch�nen An- und Aussichten, Fallt�ren, geheimen G�ngen und finsteren Verliesen. In dieser Beziehung kann man von unserem Alten, dem ruhmreichen K�nig Karl, etwas lernen. Er geht bedeutende strategische Ziele niemals direkt an, sondern immer auf Umwegen, indem er seine Kr�fte teilt und allerlei Umgehungsbewegungen ausf�hrt, bis der Augenblick zum Zuschlagen da ist. Allerdings nimmt er sich daf�r viel Zeit und die haben wir nicht. Wir m�ssen uns wohl damit abfinden, dass das meiste, was hier getan werden m�sste, ungetan bleiben wird. Aber schreib nur an den Pfalzgrafen. Ein Fehler kann es nicht sein ��</p><p>Unterdessen hatten wir die Sch�nke erreicht, ein strohgedecktes Bauwerk von Holz und Lehm, ein wenig gr��er und l�nger als die �brigen H�tten. Wir banden Impetus und Grisel an B�ume und traten ein. Der Herd, F�sser, ein Regal mit Kr�gen und Bechern, ein grober Tisch und eine lange Bank bildeten die bescheidene Ausstattung. Ein paar Bauern, die herum hockten, erhoben sich gleich, um sich unter eckigen Verbeugungen aus dem Staube zu machen. Das war ihnen wohl f�r den Fall befohlen, dass ein Adeliger die Sch�nke betrat.</p><p>Eine Frau zwischen Jugend und Alter, doch etwas mehr zum Alter hinneigend, mit einem breiten slawischen Gesicht, im einfachen, aber sauberen Kittel und einer klirrenden Sammlung von Schl�sseln, Messern und Kochl�ffeln am G�rtel, schlurfte heran und fragte nach unserm Begehr. Ich bestellte klares Wasser, Odo erkundigte sich nach Branntwein.</p><p>�So etwas haben wir hier nicht�, sagte die Frau, das fr�nkische Diutisk mit hartem Akzent aussprechend. �Hier ist kein Kloster, edler Herr. Ich habe Wein. Ihr k�nnt auch Honig dazu bekommen.�</p><p>�Ist der Wein gut gek�hlt?�</p><p>�Ihr werdet zufrieden sein. Witzlaw!�, rief sie.</p><p>Ein Junge von etwa f�nfzehn Jahren erschien in der T�r. Er war nur mit einer Hose bekleidet. Von seiner rechten Schulter hing statt des Arms ein kurzer Stumpf.</p><p>�Bring den Wein, Witzlaw! Aber den guten!�</p><p>Der Junge verschwand.</p><p>�Wie ist ihm das zugesto�en?�, fragte ich die Frau.</p><p>�Das waren die Sachsen, Vater. Eines Nachts �berfielen sie uns und brannten die H�tte nieder. Er hielt sie f�r die Gefolgschaft des B�sen und streckte ihnen ein Kreuz entgegen. Da schlugen sie ihm den Arm ab.�</p><p>�Bist du Witwe?�, fragte Odo, der die Frau wohlgef�llig betrachtete.</p><p>�Mein Mann kam in jener Nacht um. Er versuchte zu retten, was verloren war.�</p><p>�Wie hei�t du?�</p><p>�Petrissa.�</p><p>�Und wie bist du hierher gekommen?</p><p>�Wie schon! Mit einem Sklaventreck.�</p><p>�Hatte dein Mann dich dem H�ndler abgekauft?�</p><p>�Nein, Herr Mommo kaufte mich, er brauchte Leute. Es hatte gerade mal wieder eine Hungersnot gegeben und es waren ihm viele weggestorben. Er hat mich dann mit einem seiner Behausten verheiratet. Wisst Ihr, wieviel er f�r mich bezahlt hat? F�nfundzwanzig Solidi!�</p><p>Sie lachte kurz auf, mit naivem Stolz, und man sah dabei, eine gro�e Seltenheit, dass ihr weder oben noch unten ein einziger Zahn fehlte.</p><p>�Ich h�tte drei�ig f�r dich gegeben!�, sagte Odo gro�spurig.</p><p>Jetzt lachten sie beide und ich begriff schon, was dabei schlie�lich herauskommen w�rde</p><p>Der Junge schleppte einen halb vollen Krug herbei. Petrissa holte ein T�pfchen mit Honig und einen Becher und setzte sich unbefangen neben Odo auf die Bank, um ihm einzuschenken und dem verw�hnten Westfranken unseren herben Ostfrankenwein zu s��en. Mir brachte der Junge eine Kanne frischen, k�hlen Wassers, ein Labsal bei der Mittagshitze.</p><p>�Und was geschah nach dem Brand?�, fragte ich. �Habt ihr ein Unterkommen gefunden � du und dein Sohn?�</p><p>�Zuerst auf dem Herrenhof. Ich hab dort alles gemacht. Backen, kochen � Solange Frau Muthgard lebte, ging das gut. Aber als sie dann die Herrin wurde, die Aquitanierin ��</p><p>�Wer ist das? Frau Begga?�, fragte Odo.</p><p>�Das ist nicht ihr richtiger Name. Sie hei�t anders, ich hab vergessen wie. Sie hat mich auspeitschen lassen und vom Hof gejagt.�</p><p>Petrissas Augen verengten sich zu Schlitzen, aus denen Hass funkelte.</p><p>�Warum tat sie das? Hast du Herrn Mommo zu gut gefallen?�</p><p>�Und wenn?�, fragte sie, indem sie Odo herausfordernd anblickte.</p><p>�Und was geschah dann?�</p><p>�Er hat mich hierher in die Sch�nke gebracht, sie geh�rt ihm ja. Erst half ich dem alten Gislevert. Der starb dann und nun mache ich es allein mit dem Jungen.�</p><p>�Und hier l�sst dich Frau Begga in Ruhe ��</p><p>Sie seufzte, schwieg aber.</p><p>�Hast du geh�rt, Petrissa, was heute Nacht auf dem Herrenhof passiert ist?�, fragte ich.</p><p>�Hab ich.�</p><p>�Du kanntest doch sicher Frau Chrodelind gut. Wie war sie?�</p><p>�Wie sie war? Wie ihre Mutter. Sie sang, sie war lustig. Manchmal ein bisschen boshaft, aber nicht grausam. Sie sprach mit jedem. Wir waren nicht Dreck f�r sie, wir Unfreien. Dagegen die Aquitanierin � Dabei wei� sie nicht einmal, wo ihre Familie lebt. Vielleicht ist sie gar keine Edle, sondern nur eine wie wir.�</p><p>Wieder verengten sich Petrissas Augen und die Haut �ber ihren kr�ftigen Wangenknochen schien aufzugl�hen. Odo und ich tauschten einen Blick.</p><p>�War sie schon hier, als du ankamst?�, fragte Odo.</p><p>�Nein, sie kam sp�ter. Viel sp�ter.�</p><p>�Allein?�</p><p>�Wieso denn allein? Warum wollt Ihr das wissen?� Petrissa musterte uns argw�hnisch. �Wer seid Ihr �berhaupt? Etwa die � diese K�nigsboten?�</p><p>�Nein, wir sind einfache Reisende. Er will nach Fulda, ich noch weiter.�</p><p>�Ihr verratet mich nicht?�</p><p>�Wie werden wir! Aber ist Frau Begga denn wirklich so schlimm?�</p><p>�Ein Scheusal ist sie! Den armen Herrn Mommo hat sie v�llig in ihre Gewalt gebracht. Auch Herrn Hauk, seinen Bruder. Aber der passt schon eher zu ihr.�</p><p>�Und mit wem ist sie nun hierher gekommen?�</p><p>�Mit einem S�nger.�</p><p>�Einem S�nger?�, riefen Odo und ich wie aus einem Munde.</p><p>�Ja, so einem wie dem, der gestern hier war. Der es gewesen sein soll, also der Frau Chrodelind � Der andere hie� Adalmar. Hatte ein gro�es Gefolge bei sich. An die zehn Mann und sie. Angeblich war sie seine Frau. Er war sch�n wie ein Engel.�</p><p>Petrissa schwieg einen Atemzug lang versonnen.</p><p>�Und weiter?�, fragte Odo gespannt.</p><p>�Gesungen hat er nicht. Aber reichlich gegessen und getrunken. Wir mussten den ganzen Tag um ihn herumspringen. Er wollte nach Speyer und dann nach Burgund. Aber dazu ist er nicht mehr gekommen.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil er am n�chsten Tag tot war.�</p><p>�Er war tot?�</p><p>�Herr Mommo hat ihn erschlagen. Mit seiner Axt.�</p><p>�Erschlagen? Warum?�</p><p>�Na, erratet Ihr es nicht? Er �berraschte ihn mit Frau Muthgard.�</p><p>�Ah! Und wurde er angeklagt � der Herr Mommo?�</p><p>�Von wem denn? Und wo er die beiden doch �berrascht hatte. Der Graf kam her und es gab viel Aufregung. Herrn Adalmars Leute drohten, Herrn Mommo zu t�ten. Sie hatten ja nun keinen Herrn und kein Brot mehr. Ein paar Tage hielten sie sich noch im Seli, lie�en niemand hinein, nur uns M�gde, um ihnen Essen zu bringen. Dann kam der Graf mit Gepanzerten. Zwei von denen wurden get�tet, die andern ergaben sich. Ich wei� nicht, was aus ihnen geworden ist.�</p><p>�Und sie? Frau Begga?�, fragte ich.</p><p>�Na, sie blieb hier. Angeblich freiwillig. Jetzt f�llt mir wieder ein, wie sie hei�t! Herr Adalmar nannte sie �Demetria�. Was soll das f�r ein Name sein?�</p><p>Petrissa l�chelte absch�tzig. Pl�tzlich starrte sie uns wieder misstrauisch an.</p><p>�Seid Ihr wirklich nur Reisende? Sie hat verboten, dar�ber zu reden. Wenn sie erf�hrt, dass ich ��</p><p>Wir konnten sie beruhigen. Sie r�ckte n�her an Odo heran.</p><p>�Warum sprechen wir nicht von etwas anderem?�, fragte sie dreist, wobei sie ihm �ber die Brust strich und ihre pr�chtigen Z�hne in die N�he seiner Nasenspitze brachte, als wollte sie sie anbei�en. �Habt Ihr an einem so sch�nen Tag nichts anderes im Sinn als alte Geschichten?�</p><p>�Warte�, sagte Odo, �auf das andere kommen wir gleich. Wenn du uns aber schon etwas erz�hlst, dann wollen wir alles wissen. Was geschah nun mit ihr?�</p><p>�Was wohl? Sie blieb auf dem Salhof. Lange Zeit sa� sie nur herum, meistens unten am Fluss. Da sa� sie und starrte auf das Wasser. Manchmal sogar noch nachts, wie eine riesenhafte Kr�he, ein Totenvogel. Man bekam eine G�nsehaut, wenn man sie sah. Gearbeitet hat sie nicht viel, sie war ja eine �Edle�. Ich wusste nat�rlich Bescheid. Herr Mommo kam immer seltener zu mir ins Backhaus. Und eines Tages geschah das andere ��</p><p>�Was? Was geschah?�</p><p>�Na, dass Frau Muthgard im Fluss ertrank. Er ist nicht sehr tief. Sonst ist hier niemals jemand ertrunken. Frau Begga holte sie heraus, sie war die Einzige, die dabei war. Und bald danach hat Herr Mommo sie geheiratet.�</p><p>Ein Haufen verschwitzter, halbnackter Kerle dr�ngte herein. Als die M�nner uns erblickten, machten sie aber gleich wieder kehrt und lagerten sich drau�en an der Hauswand. Petrissa rief Witzlaw und wies ihn an, ihnen Wasser und Gerstenbrei zu bringen.</p><p>Sie wich nicht von Odos Seite.</p><p>�Was meint Ihr, mein sch�ner edler Herr � und wenn ich nun doch einen Branntwein h�tte? Zwei M�nche empfahlen ihn mir f�r meine Gesundheit. Er soll auch die Jugend erhalten, wenn man ihn ma�voll genie�t. Also hab ich einen Krug davon gekauft. Man muss ihn gut verschlie�en, es ist ein Geist darin, ein guter D�mon, er macht sich sonst auf und davon. Wenn Ihr mir ins Kellerhaus folgen wollt ��</p><p>Jetzt schlurfte sie nicht mehr, sondern setzte die F��e tak-tak wie eine Stute. Odo sah mich an, kniff ein Auge zu und ging ihr nach.</p><p>Branntwein trank er, dieser Genie�er, w�hrend ich vor einer leeren Wasserkanne hockte.</p><empty-line/><empty-line/><p>Ich wei� nicht, wie lange ich so sa�. Was wir von Petrissa geh�rt hatten, war genug, um dar�ber in tiefes Nachdenken zu versinken. Zun�chst waren meine �berlegungen noch klar, doch dann ging einiges durcheinander. Schlie�lich waren es keine Worte und Begriffe mehr, sondern nur noch Bilder, was sich in meinem Kopf formte. Ich sah immer wieder Frau Begga, stolz und erhaben, im Schmuck ihrer Ketten und Ringe, an den Pfeiler im Saal gelehnt, die k�nstlich vergr��erten Augen verz�ckt auf den S�nger gerichtet.</p><p>Auch ihn sah ich und mich wunderte, dass er mit einer Stimme sang, aber zwei K�pfe auf den Schultern hatte, erst den einen, dann den anderen, n�mlich zuerst den des Herrn Siegram, dann aber den eines Unbekannten, der seltsamerweise einem der marmornen Kaiser glich, die ich auf den Foren in Rom gesehen hatte. Diesen letzteren Kopf traf ein Beil, er wackelte und fiel ab und an seiner Stelle erschien wieder der des Herrn Siegram. Das waren nat�rlich Traumbilder. In der wohligen Mittagsw�rme, w�hrend drau�en die M�nner murmelten und drinnen die Fliegen summten, war ich ein wenig eingenickt.</p><p>Pl�tzlich schreckte ich auf. Ich hatte Ger�usche und Stimmen geh�rt. Berittene sausten an der offenen T�r der Sch�nke vor�ber und in Augenblicksschnelle bemerkte ich Impetus. Zuerst dachte ich, dass es Odo war, der ohne mich fortritt, ich hatte den Reiter nicht erkannt. Ich st�rzte an die T�r. Nur den R�cken des Reiters sah ich noch, der Mann hatte lange, hellblonde Haare. Gleich darauf waren Pferde und M�nner verschwunden. Das W�ldchen, das zwischen Dorf und Castell lag, hatte sie aufgenommen.</p><p>Was sollte ich tun? Nach Odo rufen? Der war in einem der niedrigen Grubenh�uschen, die um die Sch�nke herumstanden. Doch in welchem? Und was konnte er ohne Pferd anfangen, wie die Diebe verfolgen? Ich rannte um das Haus und war froh, meinen Grisel wiederzusehen. Entschlossen band ich ihn los, schwang mich auf seinen R�cken, rief �Furi!� und Grisel begriff gleich, worauf es ankam. Im wilden Eselsgalopp jagten wir durch das W�ldchen und erreichten das Tor des Castells. Es war offen. Ein paar Bewaffnete standen herum, es waren dieselben wie am Morgen.</p><p>�Habt ihr zwei M�nner gesehen? Einen auf einem gro�en Grauschimmel, den ihr kennen m�sstet, dem Impetus?�</p><p>�Wir haben niemanden gesehen�, sagte einer.</p><p>�Sie sind in den Wald hineingeritten.�</p><p>�Der Wald ist groߓ, bemerkte ein anderer und grinste.</p><p>�Aber sie m�ssen hier herausgekommen sein!�</p><p>�Hier sind nur zwei F�chse herausgekommen. Aber die kannten wir nicht.�</p><p>Jetzt bogen sich die Kerle vor Lachen.</p><p>�Ist euer Herr zu Hause?�, fragte ich scharf.</p><p>�Wird er wohl. Aber Ihr d�rft ihn nicht st�ren.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Er jagt.�</p><p>�Ist also fortgeritten!�</p><p>�Er ist im Turm.�</p><p>�Ich denke, er jagt.�</p><p>�So ist es. Dort jagt er.�</p><p>Meine verbl�ffte Miene erzeugte einen neuen Heiterkeitsausbruch. Ich sah ein, dass es nutzlos war, mich l�nger bei diesen Flegeln aufzuhalten. Ich schritt durch das Tor, wobei ich Grisel, von dem ich wegen des steinigen Grabenbetts abgestiegen war, am Z�gel hinter mir her zog.</p><p>Im unbarmherzigen Licht der Nachmittagssonne wirkte das Anwesen des Hauk noch trostloser als am Morgen. �berall sah man Verfall und Mangel. Einige H�tten mussten durch Pfosten gest�tzt werden, um nicht zusammenzubrechen. In den meisten D�chern klafften L�cher. Es gab keine Ecke, in der nicht Ger�mpel herumlag, da ein zerbrochener Hakenpflug, dort ein abgefallenes Wagenrad. Magere Ziegen versuchten, zwischen Steinen und Abfallhaufen etwas Gras zu zupfen. Ein paar alte Knechte machten sich am Kircheneingang zu schaffen. Sie hatten wohl den Befehl, die T�r wieder ordentlich einzuh�ngen, die neben ihnen an der Wand lehnte. Im Vorbeigehen sah ich, dass auch drinnen gearbeitet wurde. Ein Hahn, der hier wohl lange Zeit sein Zuhause hatte, stolzierte ver�rgert auf und ab.</p><p>Ich �bergab Grisel einem unserer M�nner, den wir zur Bewachung des Wagens und des Gep�cks zur�ckgelassen hatten, und ging auf den Turm zu. Die Leiter zur Einstiegs�ffnung war angestellt. Ich hatte die H�nde schon an den Holmen, doch z�gerte ich hinaufzusteigen, weil ich es f�r geraten hielt, den Hausherrn erst anzurufen. Kaum hatte ich aber den Mund aufgetan, als von oben die polternde Stimme des Hauk ert�nte.</p><p>�Hoho! Getroffen! Warte, ich brenne ihm noch einen drauf! Dann wird es reichen!�</p><p>Es folgten ein paar Ger�usche, die ich nicht deuten konnte. Wieder rief Hauk:</p><p>�Hoho! Jetzt hat er genug. Der war z�he. Schaff ihn weg, Blado, gleich in die K�che. Den n�chsten! Lass noch ein paar Hasen herein, damit es munterer wird!�</p><p>Jetzt konnte ich mir nicht versagen, doch noch ohne Anruf die zehn, zw�lf Sprossen der Leiter zu erklimmen. Der Anblick, der sich mir bot, war ebenso �berraschend wie befremdlich. Wahrhaftig, da stand Hauk, fett, schwitzend, nackt bis zum G�rtel, nur mit einer Hose bekleidet, einen K�cher mit Pfeilen umgeh�ngt, an der gegen�berliegenden �ffnung, fuchtelte mit dem Bogen und schrie hinunter:</p><p>�Nein, nicht den! Also gut, lass ihn drin! Noch einen? Was? Ich sage, noch einen Bock, Dummkopf! Sperr die Ohren auf, wenn ich etwas befehle, oder ich jage dir einen Pfeil in den Arsch! Das ist ein Awarenpfeil, du Ochse, der ritzt dir die Kutteln gr�ndlich!�</p><p>Und dann zog er einen Pfeil aus dem K�cher, spannte den Bogen und schoss. Offenbar verfehlte er sein Ziel. Er heulte auf und wandte sich w�tend ab. Da bemerkte er mich, denn mein neugieriges Haupt ragte bis zur Mitte �ber die untere Kante des Einstiegs. Wir erschraken beide. Ich w�re am liebsten gleich wieder abgetaucht � der stiere Blick, der mich traf, verhie� nichts Gutes. Doch gleich darauf wurde das breite Gesicht des Hauk noch breiter und aus dem Loch zwischen seinen schw�rzlichen Zahnstummeln kam ein freundlich gegrunztes: �Sieh da, Bruder Lupus! Ihr besucht mich?�</p><p>Ich kletterte nun die restlichen Sprossen empor und in das Turmgemach hinein.</p><p>�Ich st�re Euch wohl ��</p><p>�Wie k�nntet Ihr mich st�ren! Seid mein Gast, lasst Euch nieder. Gut Freund, gut Gl�ck! Noch den Bock dort und wir werden uns an einem Trunk g�tlich tun.�</p><p>Ich muss zugeben, dass ich in diesem Augenblick v�llig vergessen hatte, weshalb ich gekommen war. Das martialische Nest des Hauk machte Eindruck auf mein friedliches M�nchsgem�t. An den W�nden hingen Waffen aller Art, vorzugsweile Schwerter und �xte. Ganze B�ndel Lanzen und Spie�e lehnten in den Ecken. K�rbe voller Pfeile standen herum. Auf dem Fu�boden t�rmten sich Felle und abgezogene, roh bearbeitete Tierh�ute, von denen �ble Ger�che ausgingen. Ein Fass, das als Tisch diente und ein Hocker waren die einzigen M�bel. Ich blieb mit meiner Kutte an einem Nagel h�ngen und w�re beim Eintreten beinahe hingefallen.</p><p>�Seht Euch vor, es ist eng hier!�, warnte Hauk. �Wollt Ihr mir einen Wurfspie� reichen? Nein, den dort! Jetzt zieht den Kopf etwas ein, ich muss ausholen!�</p><p>Er schleuderte den Spie� hinunter und schrie gleich: �Hoho! Der hat sein Teil. Schaff ihn weg, Blado! Wollt Ihr es auch versuchen?�</p><p>Er f�hrte mich an die �ffnung gegen�ber, eine Art Fenster, eigentlich nur ein gro�es Loch in der Wand des einstigen r�mischen Wachturms. Unmittelbar darunter befand sich ein umz�untes Gehege. Einige Hasen und Rehe hasteten darin umher. Der soeben gef�llte Bock wurde von ein paar M�nnern hinaus geschleift.</p><p>Ich lehnte ab, als Hauk mir den Bogen in die Hand dr�cken wollte.</p><p>�Warum nicht? Versucht es doch! Nein? Ich bin leidenschaftlicher J�ger und ein ausgezeichneter Sch�tze. Leider behindert mich mein verkr�ppelter Fu�, ich sitze auch nicht mehr gut zu Pferde. Auf der Stra�e geht es, aber im Wald � da muss man im Steigb�gel sicher sein. Seit mich beinahe ein Keiler erledigt h�tte, wage ich mich nicht mehr hinaus. Aber verzichten? Unm�glich. Also habe ich mir das Gehege eingerichtet. Meine Leute versorgen mich mit Wild, nat�rlich aus meinen eigenen W�ldern. Es ist nicht das wahre Jagdvergn�gen, aber besser als nichts.�</p><p>Er br�llte noch ein paar Befehle hinunter, des Inhalts, dass die Jagd f�r diesmal beendet sei und dass man die Gatter schlie�en und die Wachen aufstellen solle.</p><p>�Setzt Euch, lasst Euch irgendwo nieder�, sagte er, sich mir wieder zuwendend. �Heute Abend werden wir es bequemer haben, unten im Saal. Dort werde ich die Ehre haben, mit Euch bei Tische zu sitzen. Ihr kommt doch? Wir werden nur wenige sein. Es geh�rt sich ja nicht, �ppig zu tafeln, w�hrend man in der Familie eine teure Verstorbene beklagt. Aber es ist unsere Schuldigkeit, wie immer uns auch zumute ist, hohe G�ste ihrem Rang entsprechend zu bewirten. Denn was verdanken wir Euch nicht alles! Wie ich h�re, ist der M�rder schon eingefangen. Allein h�tten wir das niemals geschafft! Es ist auch Euer Verdienst, uns Murmeltiere und Flederm�use aus dem Winterschlaf geweckt zu haben. Seht Ihr da unten, wie eifrig unser Kirchlein geputzt wird? Es wird das sch�nste im ganzen Frankenreich sein! Wahrhaftig, es ist ein gro�es Gl�ck, wenn so hohe Herren wie Ihr einem verlassenen Winkel wie diesem Aufmerksamkeit schenken ��</p><p>Hauk fuhr fort, Schmeicheleien herunter zu haspeln. Dabei fiel mir wieder ein, was ich hier wollte.</p><p>�H�rt mir zu!�, unterbrach er ihn. �Man hat Herrn Odo den Impetus gestohlen!�</p><p>�Was?�, rief er. �So etwas sollte es geben?�</p><p>�Ja, und vor Eurer T�r! Die Diebe flohen auf Euer Anwesen zu. Leider konnte ich sie nur auf meinem Esel verfolgen.�</p><p>�Ich bringe sie um, wenn ich sie erwische!�</p><p>Er geb�rdete sich sehr aufgeregt, legte augenblicklich seinen ledernen Waffenrock an, g�rtete sich, nahm Schwert und Dolch. Dabei br�llte er herum, gab Unsichtbaren, die sich am Fu�e des Turms befanden, Befehle und erkl�rte, gleich alle verf�gbaren Leute auf die Spur der Diebe hetzen zu wollen.</p><p>Da ich nicht das geringste Vertrauen zu ihm hatte, war es schwer f�r mich zu beurteilen, ob er nur heuchelte oder tats�chlich erbost war und irgendetwas unternehmen wollte.</p><p>Die Probe sollte ihm erspart bleiben. �berraschend mischte sich eine Stimme von unten in sein Geschrei. Ein Reiter war herangesprengt und fragte, ob jemand den edlen Herrn K�nigsboten gesehen habe.</p><p>Ich steckte die Nase aus der T�r�ffnung.</p><p>�Hier bin ich. Was gibt es?�</p><p>�Der Herr Graf ist gekommen. L�sst fragen, wo er Euch treffen kann.�</p><p>�Ist Herr Odo schon bei ihm?�</p><p>�Ja.�</p><p>�So f�hre mich hin.�</p></section><section><title><p><strong>6. Kapitel</strong></p></title><p>Als wir den Herrenhof erreichten, erlebte ich eine �berraschung. Auf dem Gerichtsplatz der Zent, unten am Flussufer, waren an die hundert M�nner versammelt. Der junge Krieger, der mich abgeholt hatte, einer der Gefolgsleute und Leibw�chter des Grafen, sagte mir, Hrotbert habe sie alle eilig zusammenrufen lassen. Die Ankunft der K�nigsboten im Gau sei schlie�lich eine Ehre, der man nicht alle Tage teilhaftig werde.</p><p>Ich fand den Grafen auf der Bank unter der Esche und Odo stellte mich ihm gleich vor. Hrotbert ist ein Mann in den Sechzigern, der aber trotz seines hohen Alters noch nichts Greisenhaftes hat. Seine Augen und seine dichten Haare sind eisgrau, sein K�rper ist gut gebildet, seine Haltung straff wie die eines Drei�igj�hrigen. Durch die Kleidung unterscheidet er sich kaum von seiner Umgebung, sie entspricht der eines wohlhabenden Bauern. Seine Stimme ist scharf und befehlsgewohnt, kann aber zu einem heiseren Schnarren absinken, wenn er W�rme und Herzlichkeit ausdr�cken will. Er begr��te mich als ehemaligen Fuldaer wie einen alten Bekannten, bezeichnete Abt Baugulf als seinen Freund und erkundigte sich nach einigen geistlichen Herren, die sich am Hofe aufhalten sollten. Ich konnte ihm leider keine Auskunft geben. Odo und ich versprachen ihm aber, ihn noch ausf�hrlich �ber die Reichsversammlung zu unterrichten, an der er in diesem Jahr eines Unfalls wegen nicht teilnehmen konnte.</p><p>Der Graf machte mich dann auch gleich mit einigen �lteren M�nnern bekannt, die er als Rechtskundige, insbesondere als Kenner des alten Volksrechts bezeichnete. Es waren solche, die man fr�her Rachinburgen genannt hatte, die neuerdings aber <emphasis>scabini</emphasis>, Sch�ffen, hei�en, also Leute, die als Beisitzer bei der Urteilsfindung behilflich sind. Der Kanzleivorsteher des Grafen war ebenfalls anwesend und auch den knieerweichenden H�ndedruck einiger gr�flicher Vasallen musste ich aushalten. Kurz gesagt, Hrotbert war mit gro�em Gefolge, gewisserma�en im vollen Glanz seines �Hofstaats� erschienen.</p><p>Zun�chst glaubte ich, dass er damit nur uns, die K�nigsboten, beeindrucken wollte. Doch rasch wurde mir klar, was wirklich dahinter steckte.</p><p>Offensichtlich wollte der Graf unsere Anwesenheit nutzen, um in der Zent die Macht des K�nigs und damit die seinige zu demonstrieren. Dies schien dringend n�tig zu sein. Als er eintraf, war gerade das neueste Beispiel gesetzlosen Treibens in diesem Tal bekannt geworden. Odo hatte seinen �rger �ber den Diebstahl von Impetus nicht zur�ckgehalten. Beim Verlassen der Sch�nke � das hei�t wohl der Petrissa in einem der Grubenh�user � hatte er von einem Bauern geh�rt, was geschehen war, auch dass ich mich an die Verfolgung der Diebe gemacht hatte. Nun musste ich zugeben, nichts erreicht zu haben.</p><p>Da erhoben sich zornige Rufe �ber die Zust�nde in der Zent. Nachts werde gemordet, am Tage gestohlen. Nicht einmal die Ankunft von K�nigsboten k�nne die Misset�ter noch z�geln und es sei h�chste Zeit, f�r Ordnung zu sorgen. Etwas weniger laut fielen auch Worte wie �Weiberherrschaft� und �aquitanische Hure�. Und der Zentgraf sei der �gr��te Gauner und Dieb� und sein Bruder ein �halb verr�ckter Schlagetot�.</p><p>Die so redeten, waren M�nner aus anderen Teilen des Gaus. Die vom Herrenhof und vom Dorf hielten sich zur�ck. Sie waren auch in der Minderheit. Vom Castell schien �berhaupt niemand da zu sein. Darauf kam es allerdings auch nicht an. Die au�erordentliche Gerichtsversammlung, die ich gleich vorschlug, wurde durch unsere Anwesenheit in den Rang einer Hofgerichtsverhandlung gehoben, denn wir handelten ja <emphasis>ad vicem nostram</emphasis>. Ein solches Gericht kann notfalls auch ohne Zuh�rer stattfinden.</p><p>Der Graf hatte damit gerechnet, dass wir den Fall gleich verhandeln w�rden und deshalb vorgesorgt. Die Anklage war schon erhoben. Nachdem Hrotbert die Tote geehrt und sich bekreuzigt hatte, war ihm ein Blatt Pergament �berreicht worden, das er mir nun in die Hand gab. Arnfried, der alte Gutsverwalter, der Onkel Mommos und Hauks, bezeichnete einen �Herrn Chramn Scop aus Francia� des Verbrechens an seiner jungen Verwandten. Da Hrotbert nicht lesen kann, hatte er sich von seinem Kanzleivorsteher �ber den Inhalt des Schriftst�cks unterrichten lassen.</p><p>Nichts war mir lieber, als dass wir gleich zu Gericht sa�en. Die Stimmung nicht nur der Zuh�rer, sondern auch des Grafen und seiner Berater schien dem S�nger g�nstig zu sein. Ich bin auch der Meinung, dass es der Wahrheitsfindung nur zutr�glich sein kann, wenn ohne langes Z�gern verhandelt wird. Eine frisch unter dem Eindruck der Untat vorgebrachte Anklage und Verteidigung ist meiner Ansicht nach ehrlicher und glaubw�rdiger als eine nach endloser Verschleppung des Verfahrens im Abstand von Monaten ausgekl�gelte. Wie oft muss man sich dann auf Gottesurteile verlassen!</p><empty-line/><empty-line/><p>Die Gerichtsverhandlung, die nun folgte, mein lieber Volbertus, nahm einen so ungew�hnlichen Verlauf, dass ich es kaum erwarten kann, in meiner Erz�hlung auf die entscheidenden Ereignisse zu kommen. Was Brauch und Sitte betrifft, werde ich deshalb nicht allzu breit ausf�hren und auch alles weniger Wichtige weglassen. Ich komme gleich zur Sache.</p><p>Alles lie� sich so an, wie es sich geh�rt. Da aber die Tageszeit schon vorgeschritten war, mussten wir uns mit der Hegung des Gerichts beeilen. Odo h�ngte seinen Schild an den untersten Ast der Esche, die Richter und Sch�ffen nahmen unter dem Baumriesen Platz, die Zuschauer lagerten sich auf der sanft vom Flussufer aufsteigenden Wiese. Einige zwanzig Allodbauern aus dem Dorf, die man rasch herbeigerufen hatte, waren noch hinzugekommen. Hrotbert legte Wert auf gro�e �ffentlichkeit und wir hatten nat�rlich nichts dagegen.</p><p>Odo ergriff seinen Speer und mit drei dumpfen Schl�gen gegen den Schild er�ffnete er die Verhandlung. Wir �berlie�en jedoch deren F�hrung dem Grafen, zu dem wir Vertrauen hatten. Er kannte die Leute und die Verh�ltnisse besser. Im �brigen konnten wir jederzeit eingreifen.</p><p>Man brachte den Angeklagten. Herr Siegram erschien jetzt gefasst und keineswegs niedergeschlagen. Anscheinend hatte er mitbekommen, dass seine Sache nicht schlecht stand. Vielleicht lag es auch daran, dass Odo sich eine Weile mit ihm unterhalten hatte. Um seinen Rang zu betonen, hatte der S�nger sich kost�miert wie zwei Wochen zuvor in der Halle des K�nigs. Sein langes gelocktes Blondhaar wallte herab auf den im leichten Fr�hlingswind wehenden Umhang, der das golddurchwirkte Gewand darunter sehen lie�. Er trug den Kopf hoch erhoben und seine Miene hatte schon fast wieder den �blichen heiteren Stolz angenommen. Frei blickte er auf die Versammlung, als wollte er sagen: �Wie kann man von einem Schwan erwarten, dass er versteht, warum G�nse �ber ihn zu Gericht sitzen?�</p><p>Von der anderen Seite r�ckte die Gegenpartei in den Halbkreis zwischen Richtern und Zuh�rern. An der Spitze der vorgeschobene Kl�ger, der ja ein m�nnlicher Verwandter sein muss, jener alte Onkel Arnfried, ein schmales M�nnchen mit dem Gesicht eines m�den Uhus. Hinter ihm, ihn um zwei H�upter �berragend, schritt Frau Begga. Hinkend und schwitzend folgte Hauk. Schlie�lich kamen noch die knorrigen Alten. Eine Greisin fiel mir besonders auf, die w�hrend der folgenden Reden und Gegenreden kein Auge von Siegram lie� und unentwegt vor sich hin brabbelte, wohl heidnische Zauberspr�che und Verw�nschungen murmelnd.</p><p>Graf Hrotbert gab dem Kl�ger das Wort. Der alte Uhu stotterte unter heftigem Augenzwinkern ein paar S�tze, womit der Form Gen�ge getan war. Frau Begga trat in die Mitte und schob ihn beiseite. Streng geb�ndigt war ihre M�hne unter dem Schleier, �ber ihren m�chtigen Schultern und Br�sten spannte sich ein einfacher Umgang, der von einer altgermanischen kostbaren Fibel in Form eines Vogelkopfs gehalten war. Ihre Augen waren auch ohne r�mische Schminkk�nste gro� und gl�hend von Angriffslust und s�dlicher Leidenschaft. Die M�nner gafften sie an, die einen neugierig, die anderen l�stern, viele beunruhigt.</p><p>�Sie begann mit einer kurzen pathetischen Schilderung ihres m�tterlichen Schmerzes und einer Anrufung des Herrn Jesus Christus, damit er dieses Gericht erleuchte und ein gerechtes Urteil finden lasse. In ihrer eigenartigen, etwas singenden, von romanischen Brocken durchsetzten Sprache gab sie zur Sache dann das Folgende an.</p><p>Am Tag zuvor, bei schon sinkender Sonne, sei Herr Siegram mit seinem jungen Begleiter auf dem Herrenhof erschienen. Sie habe mit einer Stickerei unter der Linde vor dem Saalhaus gesessen, voller schwerer Gedanken wegen der langen Trennung von ihrem geliebten Gemahl. Der Fremde sei h�flich gewesen, habe seinen Namen, seinen Stand und sein Reiseziel angegeben und gebeten, ein wenig rasten und zur Abk�hlung und Reinigung nach einem langen Ritt auf staubiger Stra�e unten im Fl�sschen baden zu d�rfen.</p><p>Nat�rlich habe sie die Bitte gew�hrt, den Gast aber aufgefordert, zun�chst bei ihr Platz zu nehmen und einen Becher Wein zu genie�en. Selten seien ja die Gelegenheiten, mit weit gereisten Leuten zu sprechen und etwas vom Treiben der Welt zu erfahren. Sie habe sich dabei auch ein wenig Ablenkung von ihrem Kummer versprochen. Zu ihrer Freude hatte der Gast erst k�rzlich Orte in Neustrien besucht, die sie selbst aus ihrer Jugend kannte. So sei das Gespr�ch bald lebhaft geworden und sie habe, um es zu verl�ngern, Herrn Siegram vorgeschlagen, nach dem Bade ein Mahl zu sich zu nehmen und vielleicht auch im Saalhaus zu �bernachten. Dieses in allen Ehren vorgebrachte Angebot habe er jedoch abgelehnt, da er die angenehme K�hle des Abends nutzen und noch ein paar Meilen zur�cklegen wollte.</p><p>An dieser Stelle warf Frau Begga Herrn Siegram, der ihr im Abstand von zehn Schritten gegen�ber stand, einen raschen Blick zu, der vieles bedeuten konnte. Herr Siegram l�chelte fein und ein wenig absch�tzig. Er hatte die Arme gekreuzt und, ein Bein vorgestreckt, eine so anmutige Haltung eingenommen, als st�nde er in einem von S�ulen getragenen Festsaal und nicht auf einem absch�ssigen Dorfanger zwischen Kuhfladen. Doch bald verlie� ihn diese Gelassenheit, denn Frau Begga schoss ihren ersten vergifteten Pfeil ab.</p><p>�Aber dann erschien meine Tochter Chrodelind! Ich nenne sie Tochter, meine Herren Richter, denn seit ich Mutterstelle bei ihr vertrete, liebten wir uns so innig, wie sich Mutter und Tochter nur lieben k�nnen. Sie war so zart, so zerbrechlich, ein liebes kleines V�gelchen, das immer den ganzen Tag sang. Doch gestern ging es ihr nicht gut. Sie hatte schon in den letzten Tagen und N�chten gefiebert und �ber Kopfweh geklagt, nun kam der Abschiedsschmerz dazu. Sie war so traurig und niedergeschlagen ��</p><p>Frau Begga lie� einen Schluchzer h�ren und dr�ckte den Zipfel des Schleiers vor ihre Augen.</p><p>�Sie kam aus dem Webhaus�, fuhr sie fort, �hatte sich zu den M�gden gesetzt, damit das fr�hliche Geschw�tz ihre tr�ben Gedanken verscheuchte. Sie bangte um Farold, ihren Mann, der ja auch in den Krieg gezogen war. Das erste Mal, seit sie verheiratet waren! Die M�gde hatten sie nicht aufheitern k�nnen. Ich erschrak, als ich sie auf mich zu kommen sah. Sie war blass, ihre Augen waren von Tr�nen umflort, sie wankte. Ich trat ihr entgegen und st�tzte sie. �Mein liebes Kind�, rief ich, �bist du so krank?� Und ich lie� sie neben mir niedersitzen. Da sah ich pl�tzlich, wie er sie anstarrte. Er konnte sich nicht von ihr abwenden und hatte nur noch Blicke f�r sie. Trotz ihres Zustands versuchte die �rmste zu l�cheln und ein wenig zu plaudern. Entz�ckt hing er an ihren Lippen und seine eigene Rede, meine Herren, die vorher ein Bach war, wurde ein Strom! Schnell hatte er vergessen, dass er eben noch seine Reise fortsetzen wollte. Er befahl seinem Diener, das Gep�ck abzuladen. Dann bat er um unsere Erlaubnis, sich vom Reisestaub zu befreien, und stieg in den Fluss. Oh, w�re er drin ertrunken! Dann w�rde mein liebes Kind noch am Leben sein!�</p><p>Frau Begga zog wieder den Schleier vor das Gesicht und es schien, als k�nnte sie vor heftiger Ersch�tterung nicht weiter sprechen.</p><p>Odo raunte mir zu: �Dazu h�tte sie schon mit ihm gemeinsam in den Fluss steigen m�ssen. Hier ertrinkt man doch nur, wenn sie nachhilft.�</p><p>Ich hatte den S�nger beobachtet, der inzwischen mehrmals heftige Zeichen des Widerspruchs gegeben hatte. Mal hatte er die Augen geschlossen und den Kopf gesch�ttelt, dann wieder aufgelacht wie �ber etwas Unfassbares.</p><p>Jetzt trat er zwei Schritte auf die Zentgr�fin zu und rief: �Warum bleibt Ihr nicht bei den Tatsachen, edle Frau? Berichtet doch diesen Herren die Wahrheit! Eure Tochter war ja nicht krank ��</p><p>Hrotbert fuhr sofort streng dazwischen.</p><p>�Schweigt, Herr Siegram! Noch seid Ihr nicht aufgefordert zu reden. Sprecht weiter, Frau Begga!�</p><p>�Meiner armen Tochter ging es auf einmal so schlecht, dass sie sich niederlegen musste�, fuhr die Zentgr�fin fort. �Sie hatte sich nur zusammengenommen, um unserem Gast nicht zu missfallen. Doch jetzt konnte sie sich nicht mehr aufrecht halten. Ich f�hrte sie in das Saalhaus und bettete sie in der Kammer. Dann eilte ich, um einen Kr�utersud zu bereiten, von dem ich hoffte, er w�rde ihr guttun. Besorgt lief ich hin und her und alle meine Sinne waren bei meinem kranken Kind, sodass ich den Gast ein wenig vernachl�ssigte. Pl�tzlich f�hrte er sich recht seltsam auf. Ich bot ihm im Saal Platz an und lie� ihm auftragen, doch damit war er nicht zufrieden. Herrisch rief er nach Chrodelind, damit sie ihm Gesellschaft leistete. Ich musste ihn bitten, die Stimme zu d�mpfen und R�cksicht zu nehmen. Schilderte ihm ihren Zustand, sagte ihm, es sei ihr unm�glich, sich zu ihm zu setzen. Auch auf das Befremdliche seines Verhaltens wies ich ihn hin. Doch er wollte nichts h�ren und dr�ngte nur st�rker. Da machte ich ihm den Vorschlag, f�r sie zu singen. Ich selber liebe die Sangeskunst und wei� um ihre erhebende Wirkung. Ich hatte die Eingebung, dass der Gesang meinem Kinde helfen k�nnte. Irgendwann hatte ich einmal geh�rt, ein kranker K�nig sei durch einen S�nger gesund gemacht worden.�</p><p>Sie seufzte tief und betupfte ihre Augen.</p><p>�Und weiter�, sagte Graf Hrotbert. �Er war einverstanden? Er sang f�r sie?�</p><p>�Zun�chst lehnte Herr Siegram ab. Er sah sich ver�chtlich um und sagte: �In diesem engen, dumpfen und stinkenden Saal soll ich singen?� Er sagte �stinkenden�, meine Herren! Seine Stimme k�nne hier nicht erbl�hen, sich nicht zu ihrer vollen H�he und Sch�nheit entfalten. Ich flehte, best�rmte ihn, bat ihn um Nachsicht, unserer bescheidenen Verh�ltnisse wegen. Er erwiderte, dass er gew�hnt sei, vor K�nigen, F�rsten und ihrem gro�en Gefolge zu singen. Ich solle ihm wenigstens ein Gefolge verschaffen, wenn schon kein F�rst vorhanden sei. So sandte ich aus, um ein paar w�rdige �ltere M�nner holen zu lassen, die j�ngeren sind ja fast alle zum Heer unterwegs. Es wurde dunkel, wir z�ndeten Fackeln an. Schlie�lich waren alle versammelt. Da kam er mit einer neuen Ausflucht. Er erkl�rte, dass er nur singen werde, wenn Chrodelind in den Saal komme. Ich sagte: �Wie denn, mein teurer Herr? Sie ist viel zu schwach, sie wird hinter der T�r lauschen.� �So �ffnet die T�r, damit ich sie sehe!�, befahl er. Also tat ich, wie er mich hie�, und nun sang er endlich. Er sang herrlich, wie alle best�tigen k�nnen, die zugeh�rt haben. Auch meine Tochter war begeistert. Als ich ihr gesagt hatte, dass Herr Siegram sie w�hrend seines Gesangvortrags sehen wollte, hatte sie mich gebeten, ihr das dunkelblaue Gewand zu bringen und das goldene Kreuz mit dem Opal. Sie wollte nicht h�sslich und elend aussehen. Wie sch�n sie war, als sie auf dem Ruhebett lag und lauschte! Auch jetzt verschlang er sie wieder mit Blicken. Und w�hrend er sang und die Harfe schlug, versuchte er sogar, in die Kammer zu treten. Das verhinderte ich, es w�re zu aufregend f�r sie gewesen. Es war so schon genug! Der Gesang von den Liebenden erinnerte sie an ihren teuren Gemahl und hinterher sagte sie mir, sie h�tte w�hrend des Vortrags die Ahnung gehabt, dass sie ihn nicht wiedersehen w�rde. Gott im Himmel, wie Recht sie hatte!�</p><p>Frau Begga schwieg und rang wieder um Fassung.</p><p>Da sagte Odo laut und vernehmlich: �Auch Euch hat der Gesang erregt, edle Frau! War dies auch die Sorge um Euern Gatten?�</p><p>�Daran solltet Ihr wohl nicht zweifeln!�, erwiderte sie, ohne zu z�gern. �Aber vielleicht ist es bei den hohen Herren jetzt Mode, Frauen zu verspotten, die ihr Alleinsein beklagen und krank werden, wenn ihre Gatten abwesend sind.�</p><p>�Weiter, Frau Begga!�, dr�ngte Hrotbert.</p><p>�Dann traten die Herrn K�nigsboten ein und ich begr��te sie, wie es sich geh�rt. Trotz der Sorge um Chrodelind k�mmerte ich mich um ihr Wohlbefinden und lie� auftragen. Nebenan begann meine Tochter wieder zu fiebern und ich malte mir aus, wie sie leiden w�rde, wenn ich die G�ste im Saal ihr Nachtlager aufschlagen lie�e. Ich besprach mich mit Hauk, dem Bruder meines Gemahls. Er erkl�rte sich bereit, sie dr�ben bei sich im Castell zu beherbergen.�</p><p>�Nat�rlich war ich nicht vorbereitet!�, rief Hauk dazwischen. �Ich hatte zuletzt nicht viel Zeit, mich um mein Anwesen zu k�mmern!�</p><p>�Vielleicht sind die Herren nun beleidigt�, sagte Frau Begga. �Vielleicht werfen sie mir mangelnde Gastfreundschaft vor und sind mir deshalb nicht wohlgesinnt. Aber ich konnte nicht anders handeln.�</p><p>�Wir sind nicht beleidigt�, sagte Odo. �Aber warum machtet Ihr eine Ausnahme? Wenn Euch das Betragen des Herrn Siegram gegen Eure Tochter so missfiel � warum habt Ihr sie allein mit ihm im Saalhaus gelassen?�</p><p>�Ich bemerkte zu sp�t, dass er geblieben war�, sagte sie, wiederum ohne lange nachzudenken. �Ich hatte Euch, wie Ihr Euch wohl erinnert, ans Tor begleitet. In der Dunkelheit �bersah ich, dass er Euch nicht gefolgt war. Sp�ter konnte ich ihn ja nicht mehr wegschicken.�</p><p>�Sie hatte mich eingeladen zu bleiben!�, rief Siegram, der mit dem lebhaftesten Mienenspiel seine Emp�rung zeigte.</p><p>�Geduldet Euch doch!�, ermahnte ihn Hrotbert.</p><p>�Ich hatte ihn vorher eingeladen, bevor die Herren K�nigsboten kamen!�, widersprach Frau Begga.</p><p>�Nein!�, entgegnete Siegram. �Ihr wolltet ausdr�cklich, dass ich blieb, w�hrend sie aufbrachen!�</p><p>Es gab ein heftiges Gemurmel und einige Zwischenrufe. Der Graf musste mehrmals Ruhe anmahnen.</p><p>�Kommt nun zum Schluss, Frau Begga!�</p><p>�Was sollte ich tun? Ich musste ihn unterbringen. Er hatte sich ja auch schon eingerichtet. So vertraute ich auf seinen Anstand als Edelmann. Der K�nig hatte ihn ausgezeichnet � konnte er denn ein schlechter Mensch sein? Nat�rlich h�tte ich Chrodelind auf die Arme nehmen und ins Schlafhaus hin�ber tragen k�nnen. Doch sie war endlich eingeschlummert und ich wollte nicht, dass sie noch einmal erwachte. Also deckte ich sie mit Pelzen zu und ging leise hinaus. Ich �berlegte auch, ob ich die T�r zur Kammer verschlie�en oder offen lassen sollte. Aber dann dachte ich, sie k�nnte sich f�rchten, wenn sie vielleicht in der Nacht wach w�rde. Es k�nnte ja auch ein Feuer ausbrechen � Wir hatten schon G�ste im Seli, die nach Mitternacht noch ein Schwein brieten. Au�erdem hatte ich die Absicht, sp�ter noch einmal nach ihr zu sehen. Dies unterblieb, das gebe ich zu. In der Nacht zuvor, als mein Gemahl zum Heer aufbrach, hatte ich kein Auge zugetan. Ich war todm�de. So verlie� ich also das Saalhaus. Der Fremde lag schon auf der Bank, in seine Decken und Felle gewickelt, und schien zu schlafen. Das beruhigte mich. Ich ging hinaus und legte mich im Schlafhaus nieder. Eine Magd war es, die mich am Morgen weckte, nachdem sie die schreckliche Tat entdeckt hatte.�</p><p>Frau Begga machte eine Pause und lie� einen langen, ernsten Blick �ber unsere Richterbank gleiten.</p><p>�Das ist alles, meine Herren, mehr kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich hatte er sich nur schlafend gestellt. Er war allein im Saal, sein Diener �bernachtete drau�en bei den Pferden. Er hatte die ganze Nacht Zeit, um sein Verbrechen zu begehen und sich dann heimlich davonzumachen. Wie wir sie morgens fanden, ist Euch bekannt. Nur eines noch: Das goldene Kreuz, das sie am Hals trug, ist verschwunden. Wer k�nnte es haben, wenn nicht der M�rder? Sucht es bei ihm! Und dann f�llt Euer Urteil!�</p><p>�Erlaubt, edle Frau, dass ich Euch noch eine Frage stelle!�, sagte ich, indem ich rasch aufstand.. �So wie Ihr das Saalhaus verlassen habt, w�hrend Herr Siegram schon schlief, so konnte doch auch jeder hinein und durch die unverschlossene Au�ent�r durch den Saal in die Kammer gelangen. K�nnte es also nicht ein anderer gewesen sein, der den Mord beging? Jemand vom Hof, vom Dorf oder vom Castell?�</p><p>�Das k�nnte wohl sein�, entgegnete sie. �Nur ist er uns unbekannt und wir haben auch keinen Verdacht. Habt Ihr einen, so bringt uns Beweise. Ich wiederhole: Findet das Kreuz bei ihm!�</p><p>Frau Begga trat auf die Seite.</p><p>Hrotbert neigte sich uns zu und raunte: �Wollen wir ihn durchsuchen lassen?�</p><p>�Wozu?�, erwiderte Odo. �Wir werden nichts finden.�</p><p>�Es w�re auch dem�tigend f�r einen Edlen vor all diesen M�nnern.�</p><p>�Wenn er sich f�r unschuldig erkl�rt, mag er es dort in der Kirche auf das Evangelium schw�ren�, schlug ich vor.</p><p>�Fahren wir also fort�, sagte Hrotbert und rief: �Sprecht Ihr nun, Herr Siegram! Verteidigt Euch!�</p><p>Einen Augenblick sah der S�nger zum Himmel empor, um sich zu sammeln.</p><p>�Ihr Herren�, begann er mit leiser Stimme, �erlaubt, Euch erst dies zu sagen: Ist der S�nger �berall zu Hause, so ist er doch gleichzeitig �berall ein Fremder. Rastlos zieht er umher, nie kommt er endg�ltig an. Angewiesen ist er auf Gastlichkeit und Vertrauen, das man ihm gew�hren, aber auch verweigern kann. F�r seine Kunst wird er geehrt und bewundert, seiner Unrast wegen wird er beargw�hnt. Er kommt aus der Ferne und er zieht in die Ferne, man kann ihn nicht festhalten. Man muss ihn schon eines Verbrechens bezichtigen, um das zu tun!�</p><p>Er sah Frau Begga voll an, die, wie mir schien, leicht err�tete.</p><p>Der S�nger f�hrte uns nun in seine Heimat, das K�nigreich Wessex. Fing mit den Heldentaten seiner Vorfahren an. Schilderte die N�te des siebenten Sohnes eines Edlen, der nur die Wahl zwischen dem Kloster und unsteter Wanderschaft hatte. Er w�hlte das Letztere: L�nder, St�dte, Meere, Herz�ge, Grafen, Bisch�fe. Aber auch staubige Stra�en, dumpfe Herbergen, versinkende F�hren, brennende Br�cken. Sechsmal war er �berfallen und beraubt worden. Da hatte er es aufgegeben, eine teure Gefolgschaft zu unterhalten. Er hatte seine Besitzt�mer in die H�nde eines vertrauensw�rdigen Freundes gelegt und war nur noch mit dem Jungen gereist, Gott und seinem Gl�ck vertrauend. Ja, auch der K�nig habe sich seines Gesangs erfreut, sagte er stolz, wie dessen hier anwesende Abgesandte best�tigen k�nnten. Und nun sei er unterwegs nach Th�ringen.</p><p>Nachdem er dies alles ausgef�hrt hatte, wandte er sich seiner Kunst zu. Schon in seiner Kindheit habe er voller Inbrunst den Barden gelauscht, welche, von Norden kommend, seine angels�chsische Heimat durchzogen. Dann habe er seine eigene Begabung entdeckt und �</p><p>An dieser Stelle unterbrach ihn Graf Hrotbert ungeduldig. �Sprecht nun zur Sache, Herr Siegram! Ihr braucht nicht Euern Gesang zu verteidigen. Wie ich h�re, hat niemand etwas an ihm auszusetzen. Aber Ihr seid eines Mordes angeklagt!�</p><p>Der S�nger schluckte die Zurechtweisung. Er l�chelte sogar, um Entschuldigung bittend, und schwieg einen Augenblick. Dann begann er mit seiner Darstellung der Ereignisse.</p><p>Wie die Zentgr�fin seine Ankunft beschrieben hatte, entsprach nach seinen Worten der Wahrheit. Der dringende Wunsch nach einem Bad, der Hinweis eines Bauern, es gebe hier einen Bach oder Fluss, allerdings hinter Z�unen und Toren, habe ihn auf den Salhof gef�hrt. Frau Begga habe ihn begr��t und ihn gebeten, �ber sich Auskunft zu geben. Zun�chst habe er nicht den Eindruck gehabt, sagte Siegram, dass sie �ber seine Ankunft besonders erfreut war. Doch als er sagte, er sei ein Skop, da sei sie wie umgewandelt gewesen. Sie habe Rufe der �berraschung ausgesto�en und �berschw�nglich Freude bekundet. Seltsam seien ihre Ausspr�che �An so einem Tag!� und �Ein Abgesandter des Himmels!� gewesen. Jedenfalls sei ihm noch niemals durch eine Gutsherrin in einem abgelegenen Tal ein solcher Empfang bereitet worden. Frau Begga habe gleich Wein kommen lassen und ihn mit Fragen nach dem Woher und Wohin best�rmt. Dann seien sie auf jene neustrischen Comitate zu sprechen gekommen, wo auch sie einen Teil ihres Lebens verbracht hatte. Bald habe sich herausgestellt, was ihr Verhalten einigerma�en erkl�re: dass sie einst die Frau eines S�ngers gewesen war, bevor sie Umst�nde, die sie nicht n�her bezeichnen wollte, in ihre jetzige Lage gebracht hatten. Mehrmals habe sie ihre Genugtuung dar�ber ge�u�ert, dass ihr jetziger Gatte, der Zentgraf, abwesend war. Und dann habe sie ihm vorgeschlagen, die Nacht auf dem Salhof zu verbringen.</p><p>�Wollt Ihr uns damit sagen, Herr Siegram�, warf Hrotbert ein, �dass Euch die Zentgr�fin diesen Vorschlag machte, weil sie Gefallen an Euch fand? Weil sie vielleicht bestimmte Absichten hatte?�</p><p>Frau Begga warf ihm einen emp�rten Blick zu.</p><p>�Das ist beleidigend, Herr Graf! Das wagt Ihr nur, weil mein Gemahl nicht anwesend ist!�</p><p>�Antwortet auf meine Frage, Herr Siegram!�, sagte Hrotbert, ohne den Einwurf zu beachten.</p><p>�Ich hatte wahrhaftig diesen Eindruck�, sagte der S�nger und blickte dabei auf Odo, der ihm mit einer ganz leichten Kopfbewegung zustimmte. �Die edle Frau schien in meiner Ankunft eine Art Wiederkehr ihres ersten Gemahls zu sehen, der nicht mehr am Leben ist und den sie offenbar sehr geliebt hatte. Da ich mich ganz au�erstande sah, so hohen Erwartungen zu gen�gen, hielt ich es f�r besser, die Einladung auszuschlagen. �berraschend sprang dann aber die andere Dame herbei, die junge Frau Chrodelind.�</p><p>�Sprang?�, rief Hrotbert dazwischen. �Wir haben gerade geh�rt, dass sie leidend war und sich kaum auf den Beinen halten konnte.�</p><p>�Sie sprang, sie h�pfte, sie tanzte!�, sagte Siegram. �Sie drehte sich wie ein Wirbelwind. Und leidend? Sie war rosig und frisch. Und wie sie lachte! Sie begann gleich zu plaudern, als w�ren wir alte Bekannte. Sie scherzte �ber die Sch�chternheit meines jungen Begleiters. Ich gestehe, ich f�hlte mich von ihrer Anmut ber�hrt, vom Zauber ihrer zarten Erscheinung, von dieser mitrei�enden Lebhaftigkeit, die zu einer verheirateten Frau nicht passte, sondern eher m�dchenhaft, ja knabenhaft wirkte ��</p><p>Abermals sah er Odo an, ein wenig erschrocken, wie mir schien. Ich sah gerade noch, dass Odo verstohlen den Zeigefinger hob und ihm drohte.</p><p>Der S�nger bremste seinen poetischen Schwung und fuhr fort: �Ich will damit nur erkl�ren, meine Herren, warum es Frau Chrodelind gelang, mich doch noch zum Bleiben zu �berreden. Die junge Edeldame schien mir auch klug zu sein, ihre Scherze hatten Bedeutung, man konnte dar�ber nachdenken. Ich bin ein sp�ter Hellene, ich liebe das heitere Gespr�ch im Kreise geistvoller Menschen. Wie rar sind solche Gelegenheiten bei uns im Frankenland! Doch ich schweife wohl ab ��</p><p>In der Tat wussten weder der Graf noch seine Zuh�rerschaft die Bed�rfnisse eines sp�ten Hellenen zu w�rdigen. Auch Odo seufzte und brummte: �Wenn er so weitermacht, verdirbt er noch alles!�</p><p>Doch die Besorgnis war unn�tig. Man konnte den Mienen der meisten Zuschauer eine gewisse Genugtuung dar�ber ansehen, dass gerade die ungeliebte Partei der L�ge �berf�hrt worden war.</p><p>�Was geschah nun weiter, Herr Siegram?�, fragte der Graf.</p><p>�Ich ging hinunter zum Wasser, um hinter den Weiden dort ein Bad zu nehmen. Es war herrlich erfrischend! Als ich zur�ck ans Ufer stieg, bemerkte ich, dass ich das duftende �l vergessen hatte, mit dem ich mich nach dem Bade zu salben pflege. Ich schickte den Jungen nach unserm Gep�ck, das schon ins Saalhaus gebracht war. Als er wiederkam, war er ganz aufgeregt! Zwischen den beiden edlen Frauen, berichtete er, sei ein Streit ausgebrochen. Frau Chrodelind habe Frau Begga verspottet und sie gefragt � ich gebe nur wieder, was der Junge geh�rt hat �, ob sie die Absicht habe, mich zu verf�hren und sich deshalb mit gestohlenen Juwelen schm�cke. Der Junge konnte die beiden nicht sehen. Er h�rte dann nur noch ein klatschendes Ger�usch und gleich darauf ein gellendes Hohngel�chter sowie den Ruf: �Diebin! M�rderin!� Er konnte aber nicht genau sagen, wer diesen schrillen Ruf ausgesto�en hatte. Es war ihm unheimlich und er lief fort. Atemlos kam er ans Ufer zur�ck und hatte sogar das Salb�l vergessen.�</p><p>Das war ein Stich ins Wespennest.</p><p>Frau Begga rief zornbebend: �Eine L�ge ist das! Kein Wort ist wahr!�</p><p>Raue Stimmen grollten von der Wiese zur�ck: �Wir wissen schon, wer die Diebin ist!� � �Von einer M�rderin haben wir auch schon geh�rt!�</p><p>Es war ein Tumult und der Graf machte keine Anstalten einzugreifen. Seine Miene dr�ckte sogar eine grimmige Befriedigung aus. Odo kaute an einem Grashalm und tat so, als h�rte er nur K�he muhen und Hunde bellen. Arnfried und Hauk bem�hten sich, Frau Begga zur�ckzuhalten, die sich auf einen der Rufer st�rzen wollte.</p><p>Das ging mir zu weit, ich sah die W�rde des Gerichts in Gefahr. Also sprang ich auf und verschaffte mir schlie�lich Ruhe.</p><p>Dann sagte ich streng zu Siegram: �Bevor Ihr weitersprecht, gebt uns Auskunft! Ist der Junge, der Euch begleitet, ein Freier oder Unfreier?�</p><p>�Ein Unfreier�, antwortete er.</p><p>�Dann ist er nicht zeugnisberechtigt und was er gesehen und geh�rt hat, das hat niemand gesehen und geh�rt. Ich muss Euch ermahnen, hier nur noch wiederzugeben, was Ihr selbst mit Euren Sinnen wahrgenommen habt. Was geschah nun, als Ihr vom Bade zur�ckkehrtet?�</p><p>�Frau Begga empfing mich allein. Sie war in der Tat verwandelt, ich erkannte sie kaum wieder. Sie war geschm�ckt wie zu ihrer eigenen Hochzeit und bemalt wie ein Normannenboot, so wie Ihr es ja dann selbst gesehen habt. Ich musste annehmen, dass dies meinetwegen geschehen war. Was Frau Chrodelind betrifft, so war sie verschwunden, und erst jetzt sagte mir Frau Begga, dass sie unp�sslich sei. Das wunderte mich nat�rlich, war sie doch eben noch munter wie eine Forelle gewesen. Ich verstehe ein wenig von der Heilkunst, auf Reisen widerf�hrt einem dies und jenes und man muss sich zu helfen wissen. So bot ich meinen Rat an und bat, mich zu der Kranken zu f�hren. Doch davon wollte Frau Begga nichts wissen. Sie habe, sagte sie, f�r diesen Fall ein Hausmittel und ich solle mich nicht weiter sorgen und mir das Mahl schmecken lassen. Ich bedankte mich f�r die Gastfreundschaft und da meinte sie, wenn ich ihr daf�r eine Freude machen wolle, m�ge ich etwas vortragen. Es sei ihr innigster Wunsch, einmal wieder den Gesang eines Skops zu h�ren.�</p><p>�Aber Ihr wolltet nicht singen�, sagte der Graf, �weil Ihr den K�nig und sein Gefolge vermisstet.�</p><p>Her Siegram wiederholte freim�tig, was er schon mir �ber die Kunst des Gesangs und ihren h�heren Zweck erkl�rt hatte. Er habe die Bitte auch als l�stig empfunden, den Preis f�r eine H�hnerkeule und eine harte Bank in der Nacht als zu hoch und deshalb nach Argumenten gesucht, um abzulehnen. Doch sei er von der edlen Frau so heftig bedr�ngt worden, dass er schlie�lich klein beigegeben habe.</p><p>�Ich gestehe, dass mir die Aufmerksamkeit Frau Beggas immer unangenehmer wurde�, sagte Siegram, �und ich w�re vielleicht noch fortgeritten, wenn es nicht schon zu sp�t gewesen w�re. Ich sagte also, ich w�rde zwar singen, aber nur f�r die junge Frau Chrodelind, in der Hoffnung, dass mein Gesang die magische Kraft entfalten w�rde, sie wieder gesund zu machen. Frau Begga nahm das sehr �bel auf, ihre Miene wurde frostig und starr, und sie fragte noch einmal, ob dies die Bedingung sei. Ich best�tigte es. Da sagte sie, ihre Tochter sei so krank, dass sie nicht im Saal erscheinen k�nne. Doch hinter der angelehnten T�r werde sie lauschen. Ich sagte, dies gefiele mir nicht. Ich wollte der edlen jungen Frau ein paar besondere Verse widmen, die aber der Anregung durch das lebendige Bild bedurften. Da sah Frau Begga mich b�se an und sagte: �Dann sei es so, aber Ihr werdet sie nur von weitem sehen!� Denn ihre Tochter habe nicht die Kraft, sich von ihrem Ruhebett zu erheben. Frau Begga verschwand dann f�r einige Zeit in der Kammer, w�hrend sich im Saal ein paar M�nner einfanden, die sie geladen hatte. Inzwischen war es dunkel geworden und Fackeln wurden entz�ndet. Dann kam die Hausherrin wieder heraus und sagte, ihre Tochter sei nun bereit, mich zu h�ren. Ich ergriff meine Harfe und sie �ffnete die T�r zu der Kammer.�</p><p>Der S�nger schwieg und suchte nach Worten. Er schien in Verlegenheit dar�ber zu sein, wie er das, was nun folgte, beschreiben sollte. Odo, der ihn nicht aus den Augen lie�, kam ihm zu Hilfe.</p><p>�Ihr saht nun Frau Chrodelind wieder. Sprach sie etwas oder gab sie Euch ein Zeichen?�</p><p>�Nein�, sagte Siegram, �kein Wort, kein Zeichen. Nichts! Sie sprach nichts und sie tat auch nichts. Ich gestehe, dass ich betroffen war, denn sie war ja noch vor kurzem so lebhaft und heiter gewesen. Sie sa� nur da, in halb liegender Stellung. Falls sie doch etwas tat oder sich bewegte, so bemerkte ich es jedenfalls nicht. Es gab ja auch nur sehr schwaches Licht. Man sah eigentlich nur ihre Augen, das rote Haar und das goldene Schmuckkreuz. Es ist wahr, ich versuchte w�hrend des Vortrags, etwas n�her an sie heranzukommen. Frau Begga lie� es nicht zu, sie trat bei jedem dieser Versuche dazwischen. Das war alles sehr seltsam und im Stillen nahm ich mir vor, sp�ter doch an das Lager zu treten, weil ich mehr �ber diese eigenartige, pl�tzlich ausgebrochene Krankheit erfahren wollte. Aber dann kamen die Herren K�nigsboten, es wurde sp�t und ich unterlie� es.�</p><p>Der S�nger hatte jetzt alles abgelegt, was auf Wirkung bedacht war. Ein wenig gebeugt und ratlos stand er vor der Versammlung. Auch wir Richter und die M�nner auf der Wiese schwiegen. Weit im Hintergrund standen kleine Gruppen unbefugter Zuh�rer, wohl Knechte und M�gde des Herrenhofes. Frau Begga hatte sich abgewandt, blickte ins Nirgendwo und nestelte an der Fibel mit dem Vogelkopf.</p><p>Die Pause war endlos.</p><p>Pl�tzlich erhob sich Odo entschlossen, trat an den S�nger heran und sah ihm scharf in die Augen.</p><p>�Nun, jetzt antwortet uns, so gut Ihr k�nnt, Herr Siegram! Glaubt Ihr, dass sie schon tot war?�</p><p>Der S�nger starrte Odo entgeistert an. Er faltete die H�nde �ber der Brust und bewegte die Lippen, ohne einen Laut hervorzubringen. Auch ich war erschrocken �ber die K�hnheit dieser Vermutung. Alle hielten den Atem an. Sogar der Wind schien stillzustehen, kein Blatt an der Esche bewegte sich.</p><p>�Ich frage Euch, ob Ihr der Meinung seid, dass sie w�hrend Eures Vortrags schon tot war�, dr�ngte Odo. ��u�ert Euch doch! Was meint Ihr?�</p><p>�Es w�re m�glich ��, stammelte der S�nger. �Aber nein!�, rief er pl�tzlich. �Wie konnte sie dann ��</p><p>�Nun?�</p><p>�Wie konnte sie mich dann zu Versen angeregt haben? Ihr Haar �, �des Abendrots purpurner Schimmer�. Und in ihren Augen �der Ewigkeit stiller Glanz� ��</p><p>�,Der Ewigkeit stiller Glanz�?�, rief Odo. �Aber das ist es ja. Der Tod!�</p><p>�Der Tod?�</p><p>�Ihr habt es bemerkt und uns allen, die wir dabei waren, mitgeteilt! Doch niemand hat richtig zugeh�rt.�</p><p>Ich muss gestehen, dass mich Odo in diesem Augenblick verbl�ffte. Da hatte er so getan, als w�re ihm alles hier nur noch l�stig, als w�rde er am liebsten gleich weiterziehen, und auf einmal wartete er mit �berraschungen auf.</p><p>Ich glaubte nun, dass sich ein Unwetter �ber Frau Begga entladen w�rde. Es raunte und grummelte auch schon wieder bedrohlich, doch hatte die Beweisf�hrung aus dem poetischen Bild nicht gleich in alle diese Bauernsch�del Eingang gefunden, sodass noch hin- und her gefragt wurde: �Was?� �Wie?� �Wer hat nicht zugeh�rt?� Auch Graf Hrotbert hatte nicht alles begriffen und neigte sich zu mir her�ber, um sich Auskunft zu holen.</p><p>Diese kurze Unsicherheit der Gerichtsversammlung nutzte die Zentgr�fin, indem sie einer blitzschnellen Eingebung folgte. Sie trat wieder vor und rief triumphierend:</p><p>�Aber damit hat er ja alles gestanden! Er sah voraus, was geschehen w�rde, denn er wusste ja, was er vorhatte! Er sah den Tod schon in ihren Augen! Es war der Tod, den er ihr selbst bereiten wollte! Recht habt Ihr, Herr Odo, er teilte es mit, aber niemand hat richtig zugeh�rt. Sogar das Kreuz besang er, mit dessen Halsband er sie erdrosseln wollte. Hat jemals ein M�rder frecher sein Opfer verh�hnt? Wie kl�glich, ihr Herren Richter, will er sich jetzt vor Euch herausreden! Mit der erfundenen Aussage eines unfreien J�nglings. Mit Behauptungen, die niemand von euch glauben wird, ihr M�nner, die Ihr Frauen und T�chter habt. Seid ihr nicht alle mal in den Krieg gezogen und k�nnt ihr euch etwa vorstellen, eure Frauen h�tten, kaum dass ihr fort wart, getanzt, gelacht und mit Fremden gescherzt? M�gt ihr mich, die ich hier selbst eine Fremde bin, so schlimm verd�chtigen. Ich verzeihe es euch! M�gt ihr die Aufmerksamkeit und die Ehre, die ich einem Gast erwies, �bel missdeuten. Ich habe nichts anderes verdient, da ich einen Unw�rdigen auszeichnete. Aber k�nnt ihr wirklich hinnehmen, dass man die Tochter des Zentgrafen, die Gattin des braven und treuen Farold, die immer eine von euch war, als eine Verworfene hinstellt, die solchen geputzten Herren die Zeit vertrieb? Dieselbe, die dort auf dem Totenbett liegt? Wollte auch ich die Unfreien zu Zeugen erheben, die M�gde im Webhaus, so w�rdet ihr etwas anderes h�ren. Doch ich halte mich an das Recht, und mehr, ihr Herren Richter, verlange ich auch nicht von Euch! Obwohl sich der M�rder schon verraten hat, soll er doch seiner Tat �berf�hrt werden. Sucht das Kreuz bei ihm! Wenn er es nicht aus Habsucht nahm, dann aus Vorsicht. Vielleicht auch zur lustvollen Erinnerung an seine Untat. Warum z�gert Ihr noch? Ein goldenes Kreuz mit einem Opal in der Mitte. Sie trug es, als sie ermordet wurde. Noch seid Ihr im Zweifel. Wenn Ihr es findet, werdet Ihr Klarheit haben!�</p><p>Sie blieb stehen und wartete. Von allen Seiten wurden jetzt Rufe laut. �Durchsuchen!�, wurde gefordert.</p><p>Vielleicht erscheint es nicht glaubhaft, doch es war dieser imponierenden Frau gelungen, die Stimmung der Richter und der Zuh�rer vollst�ndig zu ihren Gunsten zu wenden. Und das in dem Augenblick, da schon fast alles f�r sie verloren war!</p><p>Odo sa� wieder neben mir, schnaufte w�tend und zupfte sich ganze B�schel von Haaren aus dem Schnurrbart.</p><p>Der S�nger rief h�hnisch: �Sucht, meine Herren, sucht nur! Was gilt hier die Ehre eines Skops? Schafft mein Gep�ck her!�</p><p>Tats�chlich gab Hrotbert nun den Befehl zur Durchsuchung, das war nicht mehr zu vermeiden. Man f�hrte das Lastpferd herbei und lud zwei prall gef�llte Leders�cke ab. Ausgesch�ttet wurde alles: Festgew�nder, seidene M�ntel und Tuniken, mit Silber beschlagene G�rtel, Hosen, Schuhe, bestickte Stirn- und Wadenb�nder, Armreife, Kettchen, Fibeln, Schriftrollen, Kodizes, Griffel, zierliche Messer und Dolche, der Silberpokal des K�nigs und �</p><p>Wahrhaftig, da lag das goldene Kreuz im Gras! Der Stein reflektierte das Sonnenlicht und schoss gelbrote Blitze.</p><p>Ich wandte mich ab, weil es schmerzte. Aber es war wohl mehr der Schmerz der Entt�uschung.</p><p>Im ersten Augenblick der Entdeckung l�ste sich jede Ordnung auf.</p><p>Die Zuh�rer sprangen auf und dr�ngten heran, um mit runden Augen den Fund zu beglotzen.</p><p>Auch Odo erhob sich, einen Fluch auf den Lippen. Der S�nger, der sich w�hrend der Ausleerung seiner Gep�cks�cke gekr�nkt und gedem�tigt abgewandt hatte, fuhr herum und erstarrte. Reglos verharrte auch Frau Begga. Ihre lebhaften Augen blickten betroffen, sie war klug genug, jeden Triumph zu vermeiden.</p><p>Damit war der Beweis f�r die Tat vollbracht, zu verhandeln gab es nichts mehr. Die <emphasis>scabini</emphasis> steckten die K�pfe zusammen, um �ber die Strafe zu beraten, die sie den Richtern empfehlen wollten. Nat�rlich w�rde Odos und meine Meinung, sofern wir uns einigen konnten, den Ausschlag geben. Die Todesstrafe kam nicht in Frage, da es sich um einen Adeligen handelte. Doch auch das Opfer war eine Adelige, dazu verheiratet. War sie schwanger? W�hrend Hrotbert mit d�sterer Miene schwieg, reckten die Sch�ffen ihre B�rte und Zeigefinger gegeneinander, um zahnlos m�mmelnd weitere Fragen aufzuwerfen, die bei der Urteilsfindung bedacht werden mussten. Soviel stand fest, dass das Wergeld betr�chtlich sein und das Verm�gen eines S�ngers, auch eines ber�hmten, zu kaum mehr als einer teilweisen Abgeltung reichen w�rde. Siegrams Freiheit war in Gefahr.</p><p>Odo nahm mich beim Arm und f�hrte mich ein paar Schritte beiseite.</p><p>�Was machen wir nun? Goldkehlchen ist unschuldig, jedenfalls was diesen Mord betrifft.�</p><p>�Ich bemerkte, dass du ihm Zeichen gabst.�</p><p>�Ja! Mir war das schon vor der Verhandlung klar, deshalb hab ich ihm vorher noch gesagt, was f�r T�ne er anstimmen soll. Im Gro�en und Ganzen ging das auch gut, aber ��</p><p>�Aber das Kreuz! Wie ist es in sein Gep�ck gekommen?�</p><p>�Es gibt hundert M�glichkeiten, wie das geschehen sein k�nnte. Ich selbst konnte es hineingetan haben.�</p><p>�Glaubst du, dass sie es war?�</p><p>�Von den hundert M�glichkeiten hatte sie f�nfzig.�</p><p>�Leider werden wir ihr nichts nachweisen k�nnen.�</p><p>�Jetzt kommt es vor allem darauf an, Zeit zu gewinnen. Wenn ein Urteil erst einmal gesprochen ist ��</p><p>�Du hast Recht. Es g�be dann zwar noch die Urteilsschelte. Aber die w�re in diesem Fall kaum erfolgversprechend.�</p><p>�Also was k�nnen wir tun? F�llt dir nichts ein?�</p><p>Odo blickte unruhig zu den Sch�ffen hin. Die hatten sich inzwischen geeinigt und redeten alle gleichzeitig auf den Grafen ein. Hrotbert wehrte �rgerlich ab und forderte einen von ihnen auf, ihm die Meinung aller mitzuteilen.</p><p>�Das einzige Mittel�, sagte ich, �w�re vielleicht die <emphasis>inquisitio</emphasis>.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Hast du die Unterweisung in der Hofkanzlei verschlafen?�</p><p>�Schon m�glich. Du hast bestimmt aufgepasst. Kl�re mich auf!�</p><p>�Nun, eben eine Untersuchung. Zwecks Ermittlung von Zeugen, die wir selber berufen k�nnten. Sonst ist das ja nur die Sache der Parteien. Wir h�tten sogar die M�glichkeit, den Befehl zur eidlichen Aussage zu geben. Aber woher nehmen wir solche Zeugen?�</p><p>�Wo ein Wald ist, findet man B�ume�, sagte Odo und klopfte mir auf die Schulter. �Ich wusste ja, mein bewunderter Freund, dass deine Weisheit uns nicht im Stich lassen w�rde!�</p><p>�So etwas braucht aber seine Zeit.�</p><p>�Wenn es um die Gerechtigkeit geht ...�</p><p>�Du scheinst es nicht mehr so eilig zu haben�, bemerkte ich sp�ttisch. �Daf�r gibt es au�er der Gerechtigkeit wohl weitere Gr�nde.�</p><p>�Du hast es erraten, gleich zwei�, erwiderte er lachend. �Einen guten und einen schlechten. Einen m�nnlichen und einen weiblichen. Einen tierischen und einen menschlichen.�</p><p>�Sie hei�en Impetus und Petrissa.�</p><p>�Wie k�nnte man dir etwas vormachen, Bruder. Aber jetzt wollen wir die <emphasis>inquisitio </emphasis>einleiten.�</p><p>Graf Hrotbert, der m�rrisch die Empfehlung seiner Sch�ffen entgegen genommen hatte, war erfreut, dass es einen Weg gab, das Urteil aufzuschieben. Als noch von K�nig Pippin eingesetzter langj�hriger Amtsinhaber hatte er manche Neuerung Karls entweder nicht mitbekommen oder stillschweigend ignoriert, um nicht vom Gewohnten abweichen zu m�ssen. In diesem Fall war er augenscheinlich mit Eifer bem�ht, sich unseren Standpunkt zueigen zu machen, wenngleich auch er sich fragte, wie man zu Zeugen kommen sollte. Die Bedenken seiner Sch�ffen wies er mit einem barschen �Schweigt!� und dem Hinweis zur�ck, dass er die durch uns vermittelten Weisungen des K�nigs auszuf�hren habe. Dann wandte er sich an die Parteien und die Versammlung, um unseren zu dritt gefassten Beschluss zu verk�nden.</p><p>Doch dazu kam es nicht.</p><p>In diesem Augenblick erhob sich Unruhe unter den Leuten, die etwas weiter entfernt standen. Wir h�rten, wie jemand aufschrie, dann folgten Rufe der �berraschung. Gleich darauf sahen wir einen Reiter, der in m��igem Trab zum Tor herein gekommen war und sich in Richtung des Saalhauses bewegte. Auf den ersten Blick war es ein gew�hnlicher Krieger, ein gedrungener Mann in milit�rischer Aufmachung, mit Helm und Mantel. Er sa� allerdings seltsam steif und ein wenig nach hinten geneigt im Sattel. Die Z�gel hielt er straff, doch schien er beharrlich zum Himmel zu blicken und seinem Pferd allein die Richtung und das Tempo zu �berlassen. Dieses Pferd �</p><p>�Das ist ja Impetus!�, rief Odo.</p><p>Jetzt wurde auch in der N�he ein Schrei ausgesto�en. Es war Frau Begga, die sich ans Herz griff und dem Reiter ein paar Schritte entgegen wankte. Die knorrigen Alten bekreuzigten sich heftig.</p><p>Hauk st�rzte auf die Knie, stie� den Kopf auf den Boden und keuchte: �Er lebt! O Himmel, er ist nicht tot!�</p><p>�Wer ist der Reiter?�, fragte ich den Grafen, der neben mir aufgesprungen war.</p><p>�Es ist Mommo. Ja, es ist Mommo! Aber warum kehrt er zur�ck? Was ist mit ihm los?�</p><p>Ringsum reckten alle die H�lse. Wir machten uns zum Saalhaus auf, das etwa zweihundert Schritte vom Gerichtsplatz entfernt liegt. Die R�cken vor mir verdeckten den Reiter. Durch eine L�cke sah ich vorn eine Gruppe vom Gesinde, die entsetzt auseinander stob. Eine Frau fiel ohnm�chtig um. M�nner sprangen erschrocken zur Seite. Andere bildeten eine Gasse. Impetus hatte die Richtung gewechselt und bewegte sich auf das Fl�sschen zu.</p><p>War das Mommo, der Zentgraf? Was f�r ein Anblick! Blaurot war sein rundes, verzerrtes Gesicht, tr�be und eingesunken waren die Augen. Der Mann auf dem Pferder�cken war tot. Ein Pfeil, der ihn umgebracht hatte, steckte quer im Hals, er war unter dem linken Ohr eingedrungen und unter dem rechten wieder herausgetreten.</p><p>Hatte der Tote vorher nach hinten geneigt gesessen, so fiel er jetzt, da Impetus mit ihm auf der Uferwiese herab kam, leicht vorn�ber. Aber er hielt sich im Sattel. Die ruckenden Bewegungen des plumpen, steifen K�rpers, die farblosen dicken Lippen, hinter denen die Z�hne bleckten, waren von einer grausamen Komik. Herr Mommo schien �ber den Schauder zu lachen, den er uns �ber den R�cken jagte. So ritt er an uns vor�ber, in einer Wolke von Gestank, der uns scharf in die Nasen fuhr.</p><p>Der erste Schreck hatte den meisten die Zunge gel�hmt. Jetzt schrie alles durcheinander. Frau Begga presste den Schleier vor das Gesicht und wandte sich ab. Hauk war wieder aufgesprungen und hinkte, das lahme Bein nachziehend, dem Pferd mit dem Leichnam hinterher, zum Fluss hinunter.</p><p>Wie besessen schrie er: �Er ist ja tot! Habt ihr es gesehen? Mein Bruder ist tot! R�ubergesindel hat ihn umgebracht!�</p><p>�Man muss das Pferd aufhalten!�, rief Odo, warf die Beine und folgte Impetus.</p><p>�Helft ihm!�, befahl der Graf seinen Leuten.</p><p>Doch es war zu sp�t. Impetus mochte pl�tzlich bemerkt haben, dass sein fr�herer Herr das Reiten verlernt hatte und au�erdem merkw�rdig roch. Vielleicht waren es auch das Geschrei und das Hin- und Herlaufen, was den Hengst aufregte. Er warf den Kopf zur�ck, sprang hierhin und dorthin, buckelte und stieg hoch. Der Leichnam auf seinem R�cken machte groteske kleine H�pfer, wurde vor, zur�ck und zur Seite geschleudert. Doch lie� er sich nicht absch�tteln. Am Sattel und an den Steigb�geln war er mit Riemen festgebunden.</p><p>Schlie�lich machte Impetus kehrt und galoppierte den Weg zum Saalhaus zur�ck. Odo warf sich ihm entgegen und es gelang ihm, einen Z�gel zu packen. Aber er konnte das wild gewordene Pferd nicht halten, er musste laufen, glitt aus und wurde ein St�ck mitgeschleift. Dabei verlor Herr Mommo nun doch den Halt, die Riemen am Sattel und an einem der Steigb�gel l�sten sich. Der schwergewichtige Entseelte machte eine halbe Drehung und st�rzte seitlich herab. Erschrocken umarmte ihn Odo und lie� dabei den Z�gel fahren. Impetus galoppierte weiter quer �ber den Salhof und schleppte das eigenartige Paar mit sich fort � den Lebendigen und den Toten, von welchem Letzteren noch immer ein Fu� verdreht und festgebunden im Steigb�gel steckte.</p><p>Zweihundert M�nner waren bem�ht, das Pferd einzufangen. Alles wimmelte durcheinander. Die meisten waren allerdings Greise, die nur im Wege standen, fuchtelten und Ratschl�ge kr�hten.</p><p>Auch ich wollte helfen und meinen Amtsgef�hrten aus seiner Zwangslage befreien. Dabei benahm ich mich nicht gerade heldenhaft. Ich raffte meine Kutte bis �ber die Knie und rannte wieselflink hierhin und dorthin, wo eben alle hinrannten. Auf einmal sah ich Impetus auf mich zu galoppieren. Vor Schreck fiel ich glatt hinten�ber. Das Pferd und die beiden innig Umarmten rasten, dem Herrn sei Dank, vorbei. Doch als ich mich nun erheben wollte, bekam ich einen so heftigen Schlag auf den Hinterkopf, dass ich gleich wieder umfiel. Der Helm hatte mich getroffen, der sich in diesem Augenblick vom Kopf des toten Krieges gel�st hatte.</p><p>Als ich etwas benommen aufstand, sah ich gerade noch, wie die wilde Jagd endete. Es war Fulk, der Odo zu Hilfe kam. Er musste inzwischen, von mir unbemerkt, zur�ckgekehrt sein. Ein Kerl wie er machte nicht viel Federlesens. Er sprang pl�tzlich aus einem Kn�uel von M�nnern auf Impetus zu und schlug mit einem Schwertstreich den Fu� ab, der festgebunden im Steigb�gel steckte. Odo und Mommo rollten, sich einige Mal umeinander drehend, ins Gras. Dann rappelte Odo sich auf, hielt sich die Schulter, bef�hlte sein Knie, spuckte aus und stie� die M�nner weg, die ihn st�tzen wollten.</p><p>�Fangt endlich das Pferd ein!�, schrie er.</p><p>Doch alles rannte auf den Leichnam zu. Der Zentgraf lag gekr�mmt auf der Seite, in einer Erdmulde. Eine w�ssrige Fl�ssigkeit rann aus dem verk�rzten Bein. Auch im Tode war die �hnlichkeit Mommos mit seinem Bruder Hauk noch erkennbar. Der runde Kahlsch�del, die eng zusammenstehenden Augen �</p><p>Hrotbert beugte sich �ber den Toten und sah ihn lange nachdenklich an.</p><p>�Ein b�ses Ende hat es mit dir genommen, Mommo. Gott sei deiner armen Seele gn�dig.�</p><p>Dann betrachtete er die scharfe Spitze des Pfeils, der im Hals des Toten steckte.</p><p>�Nat�rlich ein Awarenpfeil�, murmelte er.</p></section><section><title><p><strong>7. Kapitel</strong></p></title><p>Das Erscheinen des toten Mommo hatte der Gerichtsversammlung ein j�hes Ende bereitet. Es war nicht einmal m�glich, die Ordnung so weit wiederherzustellen, dass der Graf unseren Beschluss verk�nden konnte. Wir versuchten dies auch gar nicht ernsthaft.</p><p>Ich glaube, wenn Siegram so geistesgegenw�rtig gewesen w�re, die allgemeine Verwirrung zu nutzen, sein Pferd zu besteigen und zu fliehen, h�tte ihn niemand verfolgt. Man hatte ihn fast vergessen. Ich selbst war sp�ter sogar �berrascht, dass er im Untergeschoss des Saalhauses gefangen sa�. Hrotbert hatte dies doch noch verf�gt.</p><p>Was jetzt allein die Gem�ter bewegte, waren der Mord am Zentgrafen Mommo und die seltsamen Umst�nde seiner R�ckkehr als berittener Leichnam. Viele sahen ein gro�es Ungl�ck voraus, wozu dies der himmlische Fingerzeig sein sollte. So offensichtlich irdisches Zutun war, ohne Gottes ausdr�cklichen Befehl konnte ihrer Meinung nach kein toter Zentgraf auf ein lebendiges Pferd gelangen.</p><p>Aber auch vern�nftige �berlegungen wurden angestellt. Der Pfeilschuss war zwar die Methode der Schufte, die irgendwo hinter B�schen lauerten, doch es war nicht deren Art, einen Ermordeten wieder nach Hause zu schicken. Also musste wohl mehr dahinter stecken. War man zu diesem Punkt gelangt, wurden die Stimmen ged�mpft und man fragte sich, was das f�r ein H�llengaul war, dieser Impetus, den vor zwei Tagen noch der lebendige Herr Mommo geritten, den gestern Herr Hauk auf dem Markt verkauft und den der K�nigsbote erworben hatte, worauf er mit diesem zur�ckgekehrt, ihm aber heute abhanden gekommen war, um jedoch kurz darauf wieder aufzutauchen, nun mit dem toten Herrn Mommo im Sattel! Dies war ein eigenartiger <emphasis>circulus</emphasis>, ein schwerer Brocken, an dem �berall mit Inbrunst gekaut wurde � auf dem Salhof, im Dorf, am Fluss, am Zaun, in den Scheunen und St�llen, im Backhaus, im Webhaus und nat�rlich in Petrissas Sch�nke.</p><p>Hier sa� ich zur D�mmerstunde mit Rouhfaz in einer Ecke und wartete auf Odo.</p><p>Dabei waren wir nicht unt�tig. Es liegt nun einmal im Wesen des Menschen, dass er gewaltigen Respekt vor Machthabern hat, solange sie leben, doch auf sie spuckt, sobald sie tot sind. Der kleine K�nig des Tals, Herr Mommo, war hier viele Jahre die Obrigkeit, denn den gro�en K�nig kannte man nicht und auch der Graf lie� sich selten blicken. Und da die Obrigkeit von Gott ist, wie es in der Heiligen Schrift hei�t, war man ihr untertan und schwieg. Noch am Morgen, beim Gang durch das Dorf, hatte ich fast nur zufriedene Bauern erlebt. Jetzt war der Zentgraf tot und man konnte sich endlich beschweren.</p><p>Die Erste, die an meinen Tisch st�rzte und aus ihrem runzligen, zahnlosen Mund einen wahren Wasserfall von Beschwerden hervorbrachte, kannte ich schon. Es war dieselbe, die mir am Vormittag einiges zugefl�stert hatte und der ich schw�ren musste, sie nicht zu verraten. Sie sagte mir jetzt auch ihren Namen: Ermelinde, Witwe des Frotbert.</p><p>�Mommo hat alles genommen, was wir an Wertvollem besa�en! Einen Kupferkessel, zwei silberne Becher, sogar die f�nf Goldmancusen, die mein Frotbert mal aus dem Krieg mitgebracht hatte � alles! Und warum? Weil Gaudulf, unser Nachbar behauptete, die Hufe hinter der M�hle geh�re nicht uns, sondern ihm. Angeblich hatte er als Kind seinen Gro�vater dort pfl�gen sehen. Hat man Worte f�r eine so freche L�ge? Mommo hatte ihn nur aufgehetzt, damit er von uns Geschenke bekam, der Gierschlund. M�ge er in der H�lle braten!�</p><p>�Fluche nicht�, sagte ich. �Wir werden das alles �berpr�fen. Schreib, Rouhfaz: �Von Ermelinde ohne Gerichtsurteil ein Kupferkessel ���</p><p>Nach kurzer Zeit war der Tisch umringt und es ist ein Wunder, dass unser Schreiber und ich bei dem Geschiebe und Gedr�nge nicht erdr�ckt wurden. Rouhfaz warf den Bittstellern giftige Blicke zu, schrieb aber: �Von Landbert ohne Gerichtsurteil ein Pferdegeschirr, ein Wehrgeh�nge �� � �Von Gausbold dem J�ngeren ohne Gerichtsurteil ein Ring, sechs Mutterschafe ��</p><p>Endlich kam Odo und erl�ste uns. �Fort mit euch! Kommt morgen wieder!� Zwei besonders Hartn�ckige packte er bei den Haaren und stie� ihre K�pfe zusammen. �Ihr zwei seht selber wie Diebe aus!�</p><p>�Wir schw�ren, edler Herr ��</p><p>�Auch noch meineidig? Auf Meineid steht H�ngen. Macht euch bereit!�</p><p>Weg waren sie.</p><p>Odo hatte sich gewaschen und die Kleider gewechselt. Bis auf eine Schramme an der Stirn hatte er keine Verletzungen erlitten.</p><p>�Herr Mommo sieht schlimmer aus�, sagte er lachend. �Wozu musste er sich auch so woll�stig auf mich st�rzen! Ich nehme es ihm aber nicht �bel, der alte Frauenheld hat sich geirrt. Kein Wunder, in seinem Zustand! Leider kam ich nicht von ihm los, wir verhakelten uns mit unseren G�rtelschnallen. Rieche ich noch nach ihm? In dem Fall m�sste ich Siegrams Duft�l beschlagnahmen.�</p><p>Ich beruhigte ihn.</p><p>Petrissa kam heran, schenkte Odo ein vertrauliches L�cheln und stellte gleich einen Becher Wein vor ihm hin.</p><p>�Ist schon ges��t, edler Herr!�</p><p>�Ich bemerke, wie stark dein Herz klopft, Petrissa�, sagte Odo, indem er dies sachkundig mit der Hand erf�hlte. �Und ich gestehe, dass ich nichts lieber t�te, als zur Abwechslung etwas Lebendiges zu umarmen. Aber jetzt gibt es erst einmal etwas zu tun. Wo ist dein Witzlaw?�</p><p>�Er holt Wasser. Warum?�</p><p>�So ein Junge streift doch im Wald umher. Sicher wei� er, wo sich das Grab des heiligen Ponz befindet.�</p><p>�Ja�, sagte sie und ihr L�cheln erstarb. �Aber ich lasse ihn nicht mehr dorthin.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil dort die Wilderer und Tierf�nger sind.�</p><p>�Sieh an!�, sagte Odo und stie� einen Pfiff aus. �Da sind wir ja schon auf der sicheren Spur!�</p><p>�Sind das die M�nner�, fragte ich, �die f�r Herrn Hauk das Wild zusammentreiben und einfangen?�</p><p>�Die und andere. �berall gibt es dort Fallen, Schlingen und Netze. Einmal fiel Witzlaw in eine Grube und konnte sich nicht allein befreien. W�re nun ein Wolf oder B�r hinein gest�rzt ��</p><p>�Ich brauche den Jungen als F�hrer, Petrissa�, sagte Odo. �Mein Wort darauf, dass er heil zur�ckkommt.�</p><p>�Bitte�, flehte die Frau, �verzichtet auf ihn! Wer sollte mir hier in der Wirtschaft helfen? Seht doch, die Sch�nke ist voll.�</p><p>�Einen Helfer habe ich mitgebracht. F�r eine Sch�ssel Brei und ein Nachtlager wird er dir dienstbar sein. Komm her, Aimo!�</p><p>Der h�bsche schwarzhaarige Bursche, der sich an der T�r herumgedr�ckt hatte, kam sch�chtern heran.</p><p>�Sein Herr kann ihn heute Nacht entbehren, er wird auch bei Sonnenaufgang nicht dichten�, sagte Odo. �Was ist nun, Petrissa? Gilt der Tausch?�</p><p>�Da Ihr mir Euer Wort gebt ��, seufzte sie.</p><p>�Wir brechen auf, sobald meine Leute hier sind.�</p><p>�Was hast du vor?�, fragte ich.</p><p>�Wir suchen doch Zeugen f�r die Untersuchung. Den ersten haben wir schon - Herrn Mommo. Leider ist er ein bisschen schweigsam. Also m�ssen wir weitere suchen. Aber h�ren wir doch erst einmal, was unser kahler Hahn zu berichten hat.�</p><p>Rouhfaz musste gestehen, dass er bei der Magd Celsa nichts mehr erreicht hatte. Aus Angst vor Hauk wollte sie nicht einmal mehr mit ihm reden. Mit den Worten �Er bleibt, ihr zieht weiter!� hatte sie ihn abgewiesen. Es war Rouhfaz sehr peinlich, Odo entt�uschen zu m�ssen, den er im Stillen bewunderte und auf dessen Anerkennung er Wert legte.</p><p>�Nun, Meister Rouhfaz�, sagte Odo, �du wirst doch hoffentlich noch nicht aufgeben. Das Tor ist zu, also an die Belagerung! Mit Sturmb�cken und Katapulten!�</p><p>�Ich werde mich bem�hen, Herr Odo�, sagte Rouhfaz mit einem unsicheren L�cheln. Odo entlie� ihn mit einer Handbewegung.</p><p>�Ich m�chte wirklich gern wissen, wer mir mein Pferd gestohlen hat�, sagte er, als wir am Tisch allein waren. �Eine solche Dreistigkeit kann ich als Stellvertreter des K�nigs nicht hinnehmen.�</p><p>�Du willst wissen, wer die Leiche in den Sattel gesetzt hat?�, fragte ich. �Es war auf jeden Fall nicht der M�rder.�</p><p>�Ah! Wie ich sehe, bist du wieder mal weiter als ich. Und wer war nun der M�rder?�</p><p>�Ich hatte noch keine Gelegenheit, dir ein Erlebnis zu erz�hlen. Heute Mittag, als ich die Pferdediebe bemerkte und, leider gl�cklos, verfolgte �� Ich berichtete, was ich im Castell beim Besuch des Hauk gesehen und erfahren hatte.</p><p>�Er schie�t auf zusammengetriebenes Wild, mit Awarenpfeilen!�, schloss ich. �Bis heute wusste ich zwar nicht, was Besonderes an ihnen ist ��</p><p>�Sie sind dreifl�gelig, ohne Widerhaken, sehr scharf, dringen sehr tief ein�, erkl�rte Odo. �Ich habe nat�rlich auch bemerkt, dass er ganze K�rbe voll davon in seinem Turm hat. Das Gehege und die Abfallgrube sind mir entgangen. Es war ja Nacht und dass es hier �berall stinkt, ist nichts Besonderes.�</p><p>�T�glich macht er seine Ziel�bungen � auf ver�ngstigtes Wild, das l�uft, springt, Haken schl�gt. Wie sollte er da seinen knienden Bruder vor dem Eremitengrab verfehlen!�</p><p>�Du bist also nach wie vor der Meinung ��</p><p>�Der Awarenpfeil in Mommos Hals ist doch die letzte Best�tigung. Niemand anders als Hauk kann es getan haben. Was den zweiten Mord betrifft, magst du Recht haben. Hier kommt Hauk wohl nicht mehr in Frage. Wenn aber Frau Begga Mommos Tochter get�tet hat, bedeutet das nichts weiter, als dass sie und Hauk ein Paar sind, das sich die M�he teilte und gr�ndlich vorging. Vater und Tochter zwischen zwei Sonnenunterg�ngen.�</p><p>�Und wer hat den Vater auf das Pferd gesetzt?�</p><p>�M�nner, die den Leichnam gefunden und so wie wir eine Ahnung haben, was geschehen ist. Sie wollen zeigen, dass sie Bescheid wissen, vielleicht um Hauk gewisse Zugest�ndnisse abzupressen. Oder sie hofften sogar, dass sich der M�rder beim Anblick der grausigen Erscheinung verraten w�rde. Er tat es auch, aber vielleicht war ich der Einzige, der es bemerkt hat. Als Mommo am Tor erschien, fiel Hauk auf die Knie und stie� hervor: �Er lebt! O Himmel, er ist nicht tot!� Er hatte ihn also vermutlich liegen lassen � in dem sicheren Glauben, ihn t�dlich getroffen zu haben. Es sollte eben wie die Tat eines Wegelagerers aussehen. Dass der M�rder dann selber das Pferd auf den Markt brachte, war eine Dummheit, auch in den Augen dieser M�nner. Um das zu zeigen, stahlen sie Impetus! Erinnerst du dich an den Blick, den Frau Begga gestern dem Hauk zuwarf, als sie erfuhr, dass er das Pferd verkauft hatte? Er hatte gegen den Plan gehandelt und sie ahnte, was das bedeuten konnte ��</p><p>Mittlerweile war es drau�en dunkel geworden, doch der Mond schien durch die T�r�ffnung und so wurde mit Licht gespart. Nur vor uns hatte Petrissa ein �ll�mpchen hingestellt. Die M�nner vom Salhof und vom Dorf beschr�nkten jetzt ihre Achtung vor uns darauf, das sie uns nicht mehr zu Leibe r�ckten und uns in unserer Ecke allein lie�en. Eng aneinander gedr�ngt hockten sie l�ngs der W�nde, saures Bier in t�nernen Kr�gen vor sich. Ihre Unterhaltung war offenbar lebhaft, h�rte sich aber an wie das harmlose Grollen eines fernen Gewitters. Es war sp�t geworden und sonst mochte um diese Zeit niemand mehr hier sein. An einem Tag wie diesem war es zu fr�h, sich schon nach Hause zu schleppen und auf das Strohlager zu kriechen.</p><p>�Wo sie bleiben!� sagte Odo und trat kurz an die T�r, um hinauszusehen.</p><p>�Wen erwartest du denn eigentlich?�, fragte ich, als er zur�ckkam.</p><p>�Fulk und einen von unserm Trupp. Sie sind im Castell, sollen Waffen holen. Ich zweifle zwar nicht an ihrer Tapferkeit, aber ob sie dem Bratenduft Widerstand leisten k�nnen ��</p><p>Hauk l�sst also anrichten, obwohl sein Bruder und seine Brudertochter ��</p><p>�Die Toten sitzen am Tisch des Herrn. Soll deshalb hier unten das Wildbret verderben? Er muss Hrotbert und seine Leute bek�stigen, sie bleiben bis morgen, zur Grablegung. Und nat�rlich will er sich angenehm machen. Vielleicht ist er auch gar nicht schuldig ��</p><p>�Nicht schuldig?�, sagte ich so laut, dass das Gemurmel ringsum verstummte.</p><p>Odo l�chelte nachsichtig und leerte seinen Becher. �So seid ihr Pfaffen, Zweifel vertragt ihr nicht. Ihr erz�hlt uns eine Geschichte und dann hei�t es: Nun glaube! Deine Geschichte ist nicht schlecht, aber sie �hnelt diesem ges��ten Wein hier. Die Bestandteile passen nicht recht zusammen.�</p><p>�So widerlege mich!�</p><p>�Das ist nicht einfach. Was das Ges�ff hier betrifft, so verfahre ich nach eurer Methode. Ich trinke noch einen Becher und noch einen und vertraue auf die Gew�hnung. Und schlie�lich schmecke ich den sauren Saft und den Honig nicht mehr heraus und glaube, dass es tats�chlich s��er Wein ist. Vielleicht ist das mit dieser Geschichte auch m�glich, wenn du sie mir noch ein paarmal erz�hlst. Aber was ich im Augenblick noch durchschmecke ��</p><p>�Was ist es? Sprich doch!�</p><p>�<emphasis>Primo. </emphasis>Hier benutzen alle zur Jagd Awarenpfeile. Der Waffenschmied der Zent hat einen Gehilfen, einen gewissen Uto, obodritischer Herkunft, der lange bei den Awaren in Gefangenschaft lebte. Dort hat er gelernt, solche Pfeile zu machen und andere wollen sie hier nicht mehr. Wer immer in diesen W�ldern auf Hirsche, Wildschweine oder Zentgrafen schie�t, l�sst einen Awarenpfeil von der Sehne schnellen.�</p><p>�Nun? Und?�</p><p>�Es gab auch andere, die Mommo nicht liebten. Einige Namen hat du auf deinen Schreibtafeln.�</p><p>�<emphasis>Secundo</emphasis>!�</p><p>�<emphasis>Secundo </emphasis>leere ich jetzt, wie angek�ndigt, noch einen weiteren Becher, der aber f�r heute der letzte sein wird. Dieser unreine Saft ist gef�hrlich.� Er winkte der Schankwirtin, die mit dem Krug herbei kam.. �Sag dem guten Lupus, Petrissa, wie fandest du Mommo am Abend vor seiner letzten ruhmlosen Ausfahrt?�</p><p>�Er war betrunken. Er konnte kaum stehen. Was er sprach, verstand man nicht mehr ��</p><p>�Hattest du denn Gelegenheit�?�, warf ich ungl�ubig ein.</p><p>�Es gab doch im Seli das gro�e Abschiedsgelage. Da musste ich noch zwei F�sser Wein hinschaffen, ihr eigener reichte nicht.�</p><p>�Glaubst du�, fragte Odo, �dass er um Mitternacht schon wieder zu Pferde sitzen konnte?�</p><p>�Woher soll ich das wissen? Probiert es aus. Euch w�rde ich es zutrauen. Aber in dem Fall lasst mir Witzlaw zu Hause.�</p><p>�Siehst du�, sagte Odo, nachdem er Petrissa mit einem geschmeichelten L�cheln entlassen hatte, �solche Leistungen werden nur einem Nachfahren Chlodwigs zugetraut, nicht aber einem gew�hnlichen Zentgrafen. Der Kerl war voll, er roch heute noch aus dem Mund.�</p><p>�Umso leichter war er zu �berreden, das Grab des Heiligen zu besuchen�, sagte ich starrsinnig. �Er wird ��</p><p>�<emphasis>Tertio</emphasis>!�, fuhr Odo dazwischen. �War er aber so betrunken, dass er bei seiner n�chtlichen Pilgerfahrt auch noch ein Lastpferd mit sich f�hrte? Welcher Befehlshaber schleppt seinen eigenen Tross? Warum hat er das zweite Pferd nicht dem Trupp �bergeben, bei dem sich die anderen Lasttiere befanden?�</p><p>�Und warum verr�tselst du alles? Vielleicht ist Mommo gar nicht fortgeritten und es war nur ein Trugbild, das uns heute erschreckt hat. Gibt es auch noch ein <emphasis>quarto</emphasis>?�</p><p>�Es gibt eines�, sagte Odo. Er leerte den Becher, wischte sich den Schnurrbart und fuhr mit einem lustigen Blinzeln fort: �Aber damit kommen wir wieder auf den leidigen Punkt, f�r den Eure Heiligkeit sich nicht zust�ndig f�hlt: die Frauen. Wenn schon ein einfaches Gesch�pf wie Petrissa den edlen Mommo ein Vieh nennt, nat�rlich nur w�hrend einer vertraulichen Unterredung im Grubenhaus � f�r was wird ihn da wohl die aquitanische Edeldame Demetria angesehen haben?�</p><p>�Wozu das? Wir wissen es doch. Einen ungeliebten Gemahl, an dessen Heimgang sie keinen Anstand nahm.�</p><p>�Das ist �u�erst fein und geistlich ausgedr�ckt. Sie w�nschte ihn zu allen Teufeln! War der Grund nun aber ihre brennende Leidenschaft f�r ein anderes Vieh, den Hauk?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Der Unterschied zwischen den beiden ist nur, dass Hauk nicht der M�rder des Adalmar ist.�</p><p>�Ich f�rchte, du bist auf dem rechten Wege, mein Freund! Forsche weiter in dieser Richtung, In die geheimen Seeleng�nge der Frauen einzudringen ist euch heiligen M�nnern ja nicht untersagt. Auf also! Auch dies kann Lust bereiten, glaube es mir. Endlich, da kommen sie!�</p><p>In der T�r standen Fulk und einer seiner M�nner als schwarze, scharf gezeichnete Schatten. Beide waren mit Bogen, K�cher, Wurfspeer und Streitaxt bewaffnet. Noch einmal die gleiche Ausr�stung hielten sie f�r Odo bereit.</p><p>�Seid Ihr da, Herr Odo?�, rief Fulk, den Kopf vorgestreckt und vergebens bem�ht, im schwachen Schein des blakenden L�mpchens etwas zu erkennen�</p><p>�Wartet drau�en, ich komme!�, lie� sich Odo vernehmen.</p><p>Er stand auf und pl�tzlich fiel ihm noch etwas ein. Er zog mein kleines Bronzekreuz aus der G�rteltasche und legte es vor mir auf den Tisch.</p><p>�Frau Chrodelind tr�gt nun wieder das goldene mit dem Opal. Ich selbst habe es ihr umgelegt. <emphasis>Quinto</emphasis>! Sie wurde nicht mit dem Halsband erdrosselt. Als ich es befestigte, machte ich eine Entdeckung. Der h�ssliche Ring um ihren Hals ist nicht vollst�ndig, er ist an den Seiten unterbrochen. Was das bedeutet, wei� ich nicht. Denke gr�ndlich dar�ber nach! Dann habe ich das beruhigende Gef�hl, Bruder Lupus, dass du nicht schl�fst, w�hrend ich t�tig bin.�</p><p>Er rief nach Witzlaw, der gleich herbeisprang, trotz der Nachtzeit keineswegs m�de, voller Vorfreude auf das Abenteuer. Seine Mutter hatte ihn in einen langen Umhang gegen die K�lte geh�llt, der ihr sonst wohl als Unterrock diente. Odo nahm seine Waffen an sich und legte den Arm um den schm�chtigen K�rper des Jungen. So zogen die vier dem Wald zu.</p><p>Petrissa und ich blickten ihnen nach.</p><p>�Was hat Herr Odo eigentlich vor?�, fragte sie.</p><p>Ja, was? Ich �berlegte: <emphasis>Primo, secundo, tertio �</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Vom Herrenhof her war Klagegesang zu h�ren. J�mmerliche T�ne, hervorgebracht von d�nnen, br�chigen Stimmen, zitterten durch die n�chtliche Stille. Von weitem sah man die Kerzen schimmern, die um die Lager der beiden Toten, Vater und Tochter, aufgestellt waren.</p><p>Ich lie� mich von Grisel durch das Tor tragen. Meine Absicht war, mich an der Totenwache zu beteiligen und selbst einige Psalmen zu singen und Gebete zu sprechen. Es war h�chste Zeit, den armen, heiser kr�chzenden Priester zu entlasten. Viele Male hatte er heute herunter geleiert, was er kannte: das Pater noster, das Credo in Deo, auch erbauliche Spr�che und Ermahnungen eingestreut, um etwas Abwechslung zu bieten. Sein Chor war nun verst�rkt durch die Pilger, die mit uns gekommen waren und sich entschlossen hatten, noch eine Nacht zu bleiben, um fromme Werke zu verrichten. Doch auch sie waren schon ersch�pft und ihre in grauslichem Latein gesungenen Psalmen erstarben unter Husten, Schniefen und G�hnen. Der Rauch der Kienfackeln und vieler Kerzen legte sich schwer auf die Lungen.</p><p>Wie am Abend zuvor war die Treppe zum Salhaus vom Hofgesinde umlagert. Ich bat um Durchlass und stieg hinauf.</p><p>Im Saal war neben Frau Chrodelind nun also auch ihr Vater, Herr Mommo, gebettet. Bis zum Halse, aus dem man den Pfeil entfernt hatte, war sein K�rper mit einem Schild bedeckt. Die Beine waren mit Fellen umwickelt, sodass die Verst�mmelung nicht zu sehen war. Zwei M�nner vom Herrenhof standen mit Mommos Helm und Schwert neben dem Totenbett. Mommos Waffen sollten am n�chsten Tag mit ins Grab gelegt werden. Ich hatte dagegen Einspruch erhoben, doch ohne Erfolg. Dass ein Verbot sinnlos war, sah ich ein, denn was war es nach unserer Abreise wert? Es wird noch lange Zeit dauern, bis unsere christlichen alle heidnischen Br�uche verdr�ngt haben werden.</p><p>Bei meinem Eintritt traf mich ein Blick Frau Beggas, die unter den Trauernden auf der Bank sa�. Es war ein rascher Blick aus wachsamen Augen, welche, so schien es, keine Tr�ne vergossen hatten. Das Gesicht der edlen Frau war maskenhaft starr und sehr bleich. Hrotbert, der ebenfalls anwesend war, hatte ihr zweifellos mitgeteilt, was wir auf meinen Vorschlag beschlossen hatten. Sie wusste, dass wir sie eines Mordes verd�chtigten und nach Zeugen und Beweisen suchten. Ihr rascher Blick suchte zu erforschen, ob wir schon etwas erreicht hatten. Gleich wandte sie sich wieder ab, sa� reglos da und sah auf ihre gefalteten H�nde.</p><p>Auch Hauk war im Saal. Ich bemerkte ihn nicht gleich, er sa� wieder etwas abseits. Als ich auf ihn aufmerksam wurde, neigte er den Kopf, wobei er sich um eine schmerzerf�llte Miene bem�hte. W�hrend ich betete und das Kreuz schlug, lie� ich meine verstohlenen Blicke zwischen Hauk und Frau Begga hin- und her wandern. Und ich begann zu begreifen, was Odo gemeint, wenn auch sehr grob formuliert hatte. Sich diese beiden als Paar vorzustellen �</p><p>Es waren auch die alten Verwandten da und die wohlhabenden Bauern aus dem Dorf hatten sich ebenfalls zur Totenwache eingefunden. Ein schweres Gemisch von Weihrauch, Harz und Verwesung stieg in die Nase. Noch immer entstr�mten gr�uliche T�ne den M�ndern der Pilger und alten Frauen.</p><p>Gerade wollte ich selbst in die Klage einstimmen, als alle verstummten.</p><p>Ein hoher, klarer, heller Ton war pl�tzlich vernehmbar. Er kam von irgendwoher, aus der Tiefe herauf, und schien zum Himmel zu steigen. Wir lauschten verwundert. Der lang ausgehaltene erste Ton ging in ein feierliches Kyrie-eleison �ber, ein ergreifendes Klagelied. Man konnte glauben, einen Engel zu h�ren, wenn auch der irdische Urheber des wunderbaren Gesangs leicht zu erkennen war. Es war der gefangene Siegram, der im Untergeschoss des Saals neben den Schweinest�llen an eine Kette geschlossen war.</p><p>Wohl niemals wieder werde ich ein Kyrie so vollendet h�ren, mit solcher Inbrunst gesungen und unter so au�ergew�hnlichen Umst�nden! Der d�stere d�rfliche Saal verwandelte sich f�r ein paar Augenblicke in eine Basilika. Zwar d�mpften die dicken Eichenbohlen den Gesang ein wenig, doch Siegrams Stimme war kr�ftig genug, sich durchzusetzen.</p><p>Alle h�rten ergriffen zu. Als ich jetzt wieder zu Frau Begga hinsah, bemerkte ich ein Glitzern auf ihrem Gesicht. Aus ihren Augen, die eben noch kalt und pr�fend geblickt hatten, flossen Tr�nen. Ihre Z�ge gewannen auf einmal Leben, ihre Wangen f�llten sich mit Blut. Auch ihre H�nde tasteten wieder unstet umher, zupften an ihrem Schleier, gl�tteten ihr Gewand. Es war die gleiche starke Erregung, die ich am Tag zuvor w�hrend des Gesangsvortrags bei ihr beobachtet hatte. Die sonst so kaltbl�tige, stolze Frau hatte M�he, sich zu beherrschen. Siegrams Stimme schien eine T�r zu �ffnen, hinter der sie nichts mehr verbergen konnte. Es war nicht die �bertriebene, k�nstlich erzeugte, zur Schau gestellte Verzweiflung, die mich am Morgen eher befremdet hatte. Es war eine wahre Empfindung, eine leidenschaftliche Liebe, die aber nicht den Toten galt. So sehr meine Feder sich str�ubt, dies niederzuschreiben: Der erhabene geistliche Gesang l�ste bei Frau Begga sehr diesseitige Gef�hle aus, deren Ursprung ich zu ahnen begann.</p><p>Das Kyrie endete. Siegram schwieg. Ich war froh, dass er nicht von neuem begann, trotz meiner eigenen Ergriffenheit. Frau Begga wischte sich rasch die Tr�nen vom Gesicht und beruhigte sich. Sie schien sich jetzt selbst bewusst zu sein, etwas preisgegeben zu haben, was sie lieber verborgen h�tte. Sie warf verstohlene Blicke um sich, von denen der l�ngste mich traf. Ich bemerkte es, obwohl ich so tat, als sei ich in meine Andacht vertieft.</p><p>Niemand wagte nun, seine Stimme zu erheben. Wer wollte jetzt mit dem erb�rmlichen Psalmodieren fortfahren? So hob ich zum zweiten Mal an, um ein schlichtes Gebet sprechen. Aber da zog mich jemand an der Kutte. Ich blickte mich um. Eine hakennasige Magd gab mir heftige Zeichen, ich solle mitkommen. Ich stieg hinter ihr die Freitreppe hinunter. Die Alte deutete auf eine plumpe Gestalt, die vor einem der kleinen Fenster des Untergeschosses im Grase kauerte. Ich konnte im Dunkeln nicht viel erkennen. War sie zusammengebrochen? Betete sie?</p><p>Ich ging hin und ber�hrte die Gestalt. Sie hob heftig den Kopf und ich blickte in ein grobes, verwirrtes Gesicht. Es war die Magd Celsa. Als sie mich erkannte, fuhr sie erschrocken zur�ck. Sie streckte sogar sch�tzend die H�nde vor.</p><p>Ich sprach sie mit sanfter Stimme an. �Was hast du, Celsa? Warum f�rchtest du dich vor mir?�</p><p>�Ihr seid es?�, stammelte sie.</p><p>�Warum liegst du hier auf dem Boden?�</p><p>�Ich bete. Damit Ihr ihn nicht ans Kreuz schlagt!�</p><p>�Wen?�</p><p>�Ihn!�</p><p>Sie deutete nach den Fenstern und ich begriff, dass sie den meinte, der dahinter sa�. Den S�nger.</p><p>�Steh auf!�, sagte ich. �Beruhige dich. So etwas wird nicht geschehen. Wie kommst du nur darauf?�</p><p>Ich wollte ihr die Hand geben, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Doch sie duckte sich, als griffe nach ihr eine Geierkralle. Dann raffte sie sich selbst auf, trat ein paar Schritte zur�ck und stie� hervor: �Aber ich will nicht, dass Ihr es tut! Lieber sage ich Euch alles!�</p><p>�Was willst du mir sagen?�</p><p>�Was Ihr wissen wollt. Alles. Ich werde ihn retten!�</p><p>Es lag nahe, dass Siegram auch dieses weibliche Wesen mit seinem wundervollen Kyrie verzaubert hatte. Warum sollte ich diese Wirkung nicht zu seinen Gunsten nutzen? Da Rouhfaz bei Celsa nichts erreicht hatte �</p><p>Inzwischen hatte sich ein Kreis Neugieriger um uns geschart. Die Alte, die mich geholt hatte, stie� eine andere an und zischte: �Soll ich dir sagen, wer das ist � der da drinnen?� Das Weitere verstand ich nicht. Die andere schrie spitz auf und schlug die H�nde zusammen.</p><p>�Folge mir!�, sagte ich zu Celsa und schritt auf den Baum zu, an dem ich Grisel festgebunden hatte. �Du willst mir also erz�hlen, was du wei�t. So viel ist mir bereits bekannt: Frau Begga und Frau Chrodelind stritten sich. Hast du alles geh�rt?�</p><p>�Ja, alles.�</p><p>�Stritten die beiden Frauen oft?�</p><p>�Ziemlich oft.�</p><p>�Hassten sie sich?�</p><p>Celsa stapfte hinter mir her. Jetzt schwieg sie. Ich drehte mich halb zu ihr um und wiederholte die Frage. Sie zog den kleinen Kopf zwischen die massigen Schultern und sagte sch�chtern: �Wei� ich nicht.�</p><p>�Warum stritten sie gestern?�</p><p>�Wegen � seinetwegen.�</p><p>�Wann war das? Als er im Fluss sein Bad nahm?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und du konntest h�ren, was sie sprachen? Wie kam das?�</p><p>�Ich sollte ein Huhn rupfen.�</p><p>�Und?�</p><p>�Da sa� ich hinter dem Seli. An der Wand, wo die Kammern sind.�</p><p>�Wer von ihnen fing an? Frau Begga?�</p><p>�Nein, die junge Herrin. Sie sagte: �Putzt du dich f�r den Fremden�?��</p><p>�Und weiter?�</p><p>��Hast du es so eilig mit einem Liebhaber, kaum dass mein Vater fort ist?��</p><p>�Sie glaubte also, Frau Begga wollte den Fremden ��</p><p>�Wie konnte sie wissen, wer er ist!�, rief Celsa.</p><p>Ich gab nicht darauf Acht, sondern fragte: �Und was antwortete die Herrin?�</p><p>�Sie antwortete: �Es geh�rt sich, dass man sich schm�ckt, wenn ein Gast wie dieser kommt.� Da sagte Frau Chrodelind: �Aber nicht mit gestohlenem Schmuck!��</p><p>�Wie war das gemeint? Wem sollte der Schmuck gestohlen sein, den Frau Begga trug? Den Leuten vom Dorf?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich glaube, sie meinte, ihrer Mutter, der Frau Muthgard.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann schlug Frau Begga die junge Herrin.�</p><p>�Das hast du geh�rt?�</p><p>�Die Schl�ge, ja, und die Schreie.�</p><p>�Hat sie sie auch sonst oft geschlagen?�</p><p>�Nicht oft. Schon lange nicht mehr.�</p><p>�Und die junge Herrin? Was tat sie?�</p><p>�Sie schrie: �Diebin! M�rderin!��</p><p>�M�rderin?�</p><p>�Weil Frau Muthgard ertrunken ist und Frau Chrodelind ��</p><p>�� glaubte, Frau Begga sei daran schuld.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und ging der Streit weiter?�</p><p>�Frau Chrodelind sagte: �Ich will mich auch schm�cken. Mit den Sachen, die mir geh�ren, von meiner Mutter.� Und sie wollte die Schl�ssel.�</p><p>�Welche Schl�ssel?�</p><p>�Zu der hinteren Kammer und zu den Truhen. Aber die Herrin gab sie nicht her. Da schrie Frau Chrodelind wieder: �Diebin! M�rderin!� Und sie wollte alles dem Fremden erz�hlen. Da h�rte ich, wie die Herrin die T�r aufschloss.�</p><p>�Zu der hinteren Kammer. Der Schatzkammer.�</p><p>�Ja.�</p><p>Ich blieb stehen und drehte mich heftig um. Celsa, die mir dichtauf gefolgt war, wich wieder ein paar Schritte zur�ck.</p><p>�Bleib hier!�, befahl Lupus. �Und erz�hle weiter! Was geschah nun in dieser Kammer? Was bekamst du davon mit?�</p><p>Sie blickte hinunter auf ihre blo�en F��e und holte tief Luft. Dann sagte sie leise, hastig und ohne die Stimme zu heben: �Jetzt konnte ich nicht mehr alles h�ren. Die junge Herrin probierte wohl Kleider an. Da rief die Herrin: �Das nicht!� Und die junge Herrin: �Warum nicht? Du kannst es doch nicht tragen, fette Gans. Und jetzt will ich noch Schmuck!� Dann stritten sie wieder leise. Auf einmal schrie die junge Herrin: �Das Kreuz! Ich will das Kreuz mit dem Stein!� � �Das Kreuz?�, rief die Herrin. �Willst du die Heilige spielen, Hure, die es mit allen Burschen im Dorf hatte?� � �Ich will es!�, rief die junge Herrin noch einmal. Da lachte die Herrin ganz f�rchterlich auf und schrie: �Dann hol es dir doch! Da unten ist es! Fass tief hinein!��</p><p>�Und dann? Und dann?�, fragte ich gespannt.</p><p>Erst jetzt hob Celsa wieder den Kopf. Sie blickte nach links und nach rechts, als ob sie sich vergewissern wollte, dass niemand zuh�rte.</p><p>�Nichts!�, sagte sie und starrte mich an.</p><p>�Nichts?�</p><p>�Auf einmal war nichts mehr zu h�ren. Es wurde kein Wort mehr gesprochen. Ich habe mich erst nur gewundert. Da machen sie solchen L�rm und ganz pl�tzlich ��</p><p>�Und etwas anderes hast du nicht geh�rt? Schreie, Schl�ge, Gepolter?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wie lange hast du dort noch gesessen?�</p><p>�Noch eine Weile. Bis ich fertig war mit dem Huhn.�</p><p>�Und wann hast du die junge Herrin wiedergesehen?�</p><p>�Erst abends. Als sie auf dem Ruhebett lag. Ich musste dem Fremden Wein bringen, da sah ich sie. Vorher durfte ich ja auch nicht zu ihr.�</p><p>�Das hatte Frau Begga verboten.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Durftest du abends in ihre N�he?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wie alle anderen sahst du sie also nur von weitem.�</p><p>�So hab ich sie nie erlebt. Nein, nie! So stumm, so still � das war nicht ihre Art!�</p><p>Ich wusste genug. Wir waren bei Grisel angekommen und ich band ihn los. Vom Saalhaus her kamen wieder d�nne, abgerissene Klaget�ne. Ich konnte mich nicht entschlie�en, noch einmal zur�ck zu gehen, und bestieg den Esel.</p><p>Die Magd machte eine Bewegung, als wollte sie mich aufhalten. Angst und Unruhe waren in ihren kleinen Mausaugen.</p><p>�Ich danke dir, Celsa�, sagte ich. �Schade, dass du nur eine Unfreie bist. Dass du in der Gerichtsversammlung nicht zeugen darfst. Aber trotzdem hast du uns einen Dienst erwiesen. Ich gebe dir auch mein Wort, dass du daf�r nicht leiden sollst, wenn wir fort sind. Gott mit dir!�</p><p>Grisel setzte sich in Richtung des Tors in Bewegung.</p><p>�Herr!�, rief Celsa.</p><p>�Meine Tochter?�</p><p>Sie lief hinter mir her, so schnell ihre Beine den schweren K�rper tragen konnten.</p><p>�Herr!�, keuchte sie. �Er hat nichts getan, lasst ihn frei!�</p><p>�Das h�ngt nicht allein von mir ab.�</p><p>�Ich wei�! So sprecht mit dem Herrn Pontius Pilatus!�</p><p>�Wie? Mit wem?�</p><p>�Sprecht mit ihm, bitte! Er soll ihn begnadigen. Sagt ihm, Celsa, die Magd Gottes, h�tte f�r ihn gezeugt!�</p><p>Sie stolperte in der Dunkelheit und fiel hin. Ich h�rte hinter mir das dumpfe Ger�usch und ihr St�hnen.</p><p>�Herr! Herr!�</p><p>Ich drehte mich nicht mehr um und dachte missgestimmt: Sie wird doch nicht etwa verr�ckt sein? Dann w�re alles, was sie erz�hlt hatte, die Ausgeburt eines kranken Verstandes. Nicht brauchbar �</p><p>Doch unterwegs zum Castell verwarf ich diesen Gedanken. Ein Teil dessen, was ich von ihr geh�rt hatte, war immerhin schon von anderer Seite mitgeteilt worden. Am Nachmittag in der Gerichtsversammlung.</p><empty-line/><empty-line/><p>Vor dem Saal des Castells, einem niedrigen, flachen Steinbau, sa� Rouhfaz im Mondschein auf einem Hackklotz und nagte an einer Rehkeule. Aus dem Haus t�nten Stimmengewirr, Gel�chter und Gepolter, der w�ste L�rm einer lustigen Gesellschaft.</p><p>�Was ist da los?�, fragte ich.</p><p>�Das sind die Kerle, die der Graf mitgebracht hat. Ungehobelte D�rfler, ohne Benehmen. Erst fressen und saufen sie, dann pr�geln sie sich und jetzt machen sie mit den Knochen Zielwerfen. Das ganze Stroh haben sie zusammengekehrt. Und wo schlafen wir nun?�</p><p>Ich seufzte. Gern h�tte ich mich zur Ruhe gelegt, es ging auf Mitternacht. Ich lie� mich auf einem Baumstamm nieder, der als Bank diente, und befahl Rouhfaz, den Esel in den Stall zu bringen.</p><p>�Wir warten auf den Grafen. Er wird Ordnung schaffen.�</p><p>Als Rouhfaz zur�ck war, brachte ich die Rede auf Celsa. Die dralle Magd sei wohl nicht die Kl�gste, meinte ich, und von der Leidensgeschichte des Herrn so beeindruckt, dass sie lebende Personen mit den im Evangelium behandelten verwechsle.</p><p>�Ihr habt sie also befragt�, sagte Rouhfaz. �Und hat sie Euch alles mitgeteilt?�</p><p>�Ja, ich glaube, sie hat nichts verschwiegen. Und ich musste sie nicht einmal zu ihren Aussagen n�tigen. Sie schien pl�tzlich so viel Achtung vor mir zu haben, dass es an Furcht grenzte.�</p><p>�Das liegt daran�, erkl�rte er ohne Z�gern, �dass sie auch Euch f�r eine dieser Personen aus dem Evangelium h�lt.�</p><p>�Was sagst du? F�r wen denn?�</p><p>�Den Hohepriester Kaiphas.�</p><p>�Wie? Ist ja unglaublich! Und wer ist Pilatus?�</p><p>�Herr Odo.�</p><p>�Aber � aber wie kommt sie nur darauf?�</p><p>�Weil Ihr und Herr Odo hinter dem Herrn Jesus Christus her seid.�</p><p>�Was erz�hlst du da f�r Unsinn! Und wer ist � doch nicht etwa der S�nger? Sie lag auf Knien vor seinem Gef�ngnis!�</p><p>�Findet Ihr nicht, dass er so aussieht, wie eine Kuhmagd sich den Herrn Jesus vorstellen k�nnte?�</p><p>Der selbstgef�llige Ton, in dem er diese Frage stellte, lie� mich endlich etwas ahnen.</p><p>�Rouhfaz!�, sagte ich. �Sprich die Wahrheit! Warst du es, der diesem einf�ltigen Gesch�pf solchen blasphemischen Unfug eingegeben hat?�</p><p>�Warum werdet Ihr gleich so w�tend?�, erwiderte er. �Ich wollte Euch und Herrn Odo nicht entt�uschen. Also musste ich mir etwas ausdenken.�</p><p>�Und was, bei allen Heiligen, hast du dir ausgedacht?�</p><p>�Dass unser Herr Jesus vom Himmel zur�ckgekehrt ist und nun auch die Franken erl�sen will. Aber die Juden und die R�mer sind wieder hinter ihm her und wollen ihm diesmal einen Mord anh�ngen. Alle verleugnen und verraten ihn, nur eine reine Magd ist auserw�hlt, f�r ihn zu zeugen und ihn zu retten. Zur Belohnung ist ihr die ewige Seligkeit sicher.�</p><p>Als ich das h�rte, wusste ich im ersten Augenblick nicht recht, ob ich lachen oder zornig werden sollte. Er entschied sich f�r das Letztere.</p><p>�Gottloser!�, grollte ich. �F�r diese freche Verh�hnung der heiligsten Dinge wird dich der Himmel strafen!�</p><p>�Warum denn?�, begehrte Rouhfaz auf. �Habe ich damit nicht der Gerechtigkeit und der Wahrheit gedient?�</p><p>�Das hast du. Trotzdem ist es eine S�nde. Ich nehme an, du selber hast dich auch auf wundersame Weise in eine Gestalt des Evangeliums verwandelt.�</p><p>�Ich bin Josef von Arimathia�, sagte der Spitzbube.</p><p>�Der heimliche Freund des Herrn. Sonst w�re die reine Magd wohl nicht zu Heimlichkeiten bereit gewesen.�</p><p>Rouhfaz, der seine gute Absicht verkannt sah, schwieg beleidigt.</p><p>Die M�nner im Saal hatten sich etwas beruhigt, schwatzten und lachten aber noch immer. Die Nacht war mild, kein L�ftchen wehte. Ich entdeckte hinter dem Haus einen Moosteppich. So lie� ich Rouhfaz unsere Felle und Decken aus dem Wagen holen. Wir legten sich nebeneinander nieder. Es gab noch einmal Unruhe, als Hrotbert, Hauk und andere vom Salhof her�ber kamen. Doch das nahm ich nur noch aus weiter Ferne wahr.</p><p>Verzeih, Odo, dachte ich vor dem Einschlafen. Du wolltest, dass auch ich in dieser Nacht t�tig sei �</p></section><section><title><p><strong>8. Kapitel</strong></p></title><p>Das Erste, was ich beim Erwachen wahrnahm, hatte noch keine Gestalt. Es war ein Gemisch der verschiedenartigsten Laute, ein Quietschen, �chzen, Rumpeln und Grollen. Gleich darauf wurden Ger�usche und Stimmen daraus: das Poltern eines Fuhrwerks, ein knarrendes Rad. Jemand st�hnte, ein anderer gab Befehle. Ich �ffnete sie Augen. Wenige Schritte von mir entfernt stand ein Bauernkarren, von dem zwei d�nne M�nnerbeine herabhingen. Das eine war nackt, schmutzig, mit verkrustetem Blut bedeckt, das andere steckte in einem zerrissenen Schuh und einem ebenso l�chrigen, mit Wadenb�ndern umwickelten Strumpf. Ein hellblonder, struppiger junger Kerl hielt die Deichsel des Karrens.</p><p>Bevor ich noch richtig zu mir kam, stie� Odos Nase wie ein Keil in mein Blickfeld. Seine braunen Augen bohrten sich in mein verschlafene Gesicht.</p><p>�Steh auf, Lupus! Es gibt Arbeit. Wir haben die Pferdediebe. Dazu f�r Hauk eine �berraschung. Hoch mir dir! Fulk, geh hinein und wecke den Grafen!�, rief er nach hinten.</p><p>Nat�rlich war ich sofort auf den Beinen. Ich hatte in der Kutte gelegen und brauchte nur die Decken und Felle abzuwerfen. Auch Rouhfaz rappelte sich von unserem Mooslager auf. Es war bereits heller Morgen, wir hatten den Sonnenaufgang verschlafen.</p><p>Ich sah nun die M�nner unseres Trupps, die Odo bei seiner n�chtlichen Unternehmung begleitet hatten, auch den unter seinem Unterrockumhang fr�stelnden Witzlaw. Der Verletzte auf dem Karren war ein Bauer, ein d�rres M�nnchen, das gr�sslich st�hnte. Ein Pfeil oder eine Lanze hatte seinen Oberschenkel durchbohrt und man hatte ihn notd�rftig verbunden. Neben ihm lagen ein zusammengerollter schmutziger Teppich, Bogen und K�cher, ein Spaten und Netze, wie sie Wilderer verwenden.</p><p>�Warum bleibst du stehen?�, fuhr Odo den Burschen an, der die Deichsel hielt. �Vorw�rts! Stelle ihn unter den Turm!�</p><p>Der Karren rumpelte weiter und wir folgten mit etwas Abstand. Aus dem Saalhaus trat Fulk, gefolgt von Hrotbert. Der Graf war nur schnell in seine Hose gefahren, seine mit grauen Zotteln bedeckte Brust und seine F��e waren nackt. Hinter ihm taumelten noch ein paar andere aus dem Stroh hoch gefahrene Gestalten heraus, die im Gehen ihre Kittel �berstreiften, die G�rtel schlossen und Schwerter und Beile zu sich steckten.</p><p>Die Leiter zu dem fr�heren r�mischen Wachturm war hinauf gezogen. Nichts r�hrte sich oben. Der blonde Bursche stellte den Karren unter die Einstiegs�ffnung, blieb stehen und sah sich nach Odo um. Der lehnte am Pfosten der Kirchent�r.</p><p>�Hauk!�, sagte er mit lauter Stimme. �Hauk, h�rt Ihr mich? Wir entbieten Euch unseren Morgengru�! Erhebt Euch! Wollt Ihr so unh�flich sein und uns warten lassen?�</p><p>Es dauerte eine Weile, bis der runde Kahlkopf oben auftauchte. Hauk blinzelte, glotzte herab auf die Ansammlung vor dem Turm und brachte zun�chst kein Wort hervor. Erst als er den Karren mit dem Verletzten bemerkte, erschrak er und sagte: �Blado!�</p><p>�Blado und Frambert!�, best�tigte Odo. �Die M�nner, die Euch den Nachschub verschafften. F�r das abartige Vergn�gen, Wildtiere im geschlossenen Gehege abzuschie�en. Nat�rlich aus W�ldern, die Euch nicht geh�ren!�</p><p>�Was? Was sagt Ihr da?�, stie� Hauk hervor. �Ich wei� nicht, wovon Ihr redet ��</p><p>�Das wisst Ihr sehr gut! Sie hatten ja von Euch den Auftrag, bei Euern Nachbarn zu wildern.�</p><p>�Das ist nicht wahr! Ich habe nie ��</p><p>�Wir �berraschten sie drei Meilen von hier entfernt. Eure eigenen W�lder reichen nicht weiter als eine Meile.�</p><p>�Wenn das stimmt, Hauk�, sagte Graf Hrotbert in scharfem Ton, �so habt ihr uns mit gestohlenem Wildbret bewirtet. Ihr wisst wohl, das kann Euch teuer zu stehen kommen!�</p><p>�Aber das ist ein Irrtum � ein Irrtum ��</p><p>Hauks Blicke huschten von einem zum anderen.</p><p>�Wollt Ihr nicht zu uns herunter kommen?�, rief Odo.</p><p>�Warum denn? Es ist noch fr�h. Ihr seht ja auch, ich bin noch nicht fertig ��</p><p>�Kleidet Euch an! Wir warten auf Euch!�</p><p>Hauk verschwand vom Einstieg des Turms.</p><p>Der Graf lie� sich Tunika, Mantel und Stiefel bringen und steckte seine Waffen zu sich. Nach und nach traten alle seine Gefolgsleute aus dem Saalhaus. Hinter B�umen, Hecken, und windschiefen H�tten duckte sich das Hofgesinde des Castells. Auch die Wachm�nner hatten das Tor verlassen und hinter einem Haufen zerbrochener Ackerger�te einen Beobachtungsposten bezogen.</p><p>�Ihr nehmt Euch viel Zeit!�, rief Odo ungeduldig. �Wir k�nnen nat�rlich auch alle hinaufkommen!�</p><p>Hauk erschien wieder, diesmal in voller Gr��e. Ein Schwert und ein Beil am G�rtel, den Bauch vorgestreckt, stand er breitbeinig da und spielte den Unerschrockenen.</p><p>�Was wollt Ihr von mir? Was wollt Ihr wirklich? Ist es gute Sitte, dass G�ste den Wirt aus dem Schlaf holen? Ihr kommt doch nicht wegen der Kerle da. Sie haben Euch angelogen, ich lasse sie auspeitschen!�</p><p>�Das werdet Ihr unterlassen!�, sagte Odo. �Was mit ihnen geschieht, bestimmen wir. Nun, wollt Ihr endlich herunterkommen?�</p><p>�Ich verstehe Euch hier oben sehr gut. Ich sehe und h�re alles!�</p><p>�Wenn das so ist, dann seht genau hin. Ich werde Euch jetzt etwas zeigen!�</p><p>Er gab dem blonden Burschen ein Zeichen. Der lie� die Deichsel des Karrens fahren, sie stie� hart auf den Boden. Der Verletzte jammerte laut.</p><p>Der Bursche ergriff den zusammengerollten Teppich und trug ihn zu dem Punkt in unserer Mitte, auf den Odo mit ausgestrecktem Arm hinzeigte. Hier rollte er ihn aus. Der Teppich war, wie erw�hnt, stark verschmutzt. Nur an einer Ecke war unter dem getrockneten Schlamm noch das farbige, kunstvoll gewebte Muster zu erkennen. Und diese Ecke war besch�digt, ein kleines St�ck fehlte.</p><p>Der Fetzen h�ngt an dem Nagel in der Kammer, dr�ben auf dem Salhof, dachte ich sofort.</p><p>�Kennt Ihr den Teppich, Hauk?�, fragte Odo.</p><p>�Woher soll ich ihn kennen? Ich k�mmere mich nicht um dreckiges Zeug, das jemand verloren hat.�</p><p>�Ihr selber wart es, der diesen Teppich in einem Sumpfloch verlor. In der N�he des Eremitengrabes.�</p><p>�Ich habe nie einen Teppich besessen. Wie k�me ich also dazu?�</p><p>�Ihr habt ihn Euch ausgeliehen, als Verpackung. Um einen Leichnam darin einzuwickeln. Die Verpackung habt Ihr dann nicht zur�ckgegeben. Aber Frau Begga hat das wohl auch nicht verlangt.�</p><p>Hauk lie� ein hohles Lachen h�ren.</p><p>�Ihr seid nicht bei Sinnen. Wovon redet Ihr?�</p><p>�Nat�rlich von Euerm Bruder, dem Zentgrafen. Er war zu betrunken, um selber zum Grab des heiligen Ponz zu reiten. Als guter Christ habt Ihr das f�r ihn �bernommen. Damit der Heilige und vor allem die Torwachen den frommen Betrug nicht bemerkten, habt Ihr sogar sein Kettenhemd angelegt und seinen Helm aufgesetzt. Und dann seid Ihr auf Impetus losgeritten. Doch Herr Mommo musste ja auch an sein Ziel. Also habt Ihr ihn in diesen Teppich gewickelt, gut verschn�rt und auf einem Lastpferd mit Euch genommen. Das war sicher f�r ihn recht unbequem und als Lebender h�tte er das nicht mitgemacht. Doch ihr wart klug und fandet die L�sung. Ihr triebt ihm vorher, als er schlief, einen Pfeil durch den Hals!�</p><p>�Das war nicht ich � das war sie!�, schrie Hauk.</p><p>�Frau Begga?�</p><p>�Sie war es! Ich h�tte doch nicht meinen Bruder ��</p><p>Mitten im Satz hielt er inne und riss erschrocken die Augen auf. Dann versetzte er sich einen Faustschlag auf den Mund, als wollte er ihn mit Gewalt verschlie�en. Dabei wurde sein Kopf zur�ckgerissen und das brachte auch den K�rper ins Wanken. Hauk taumelte ein paar Schritte nach hinten und war wieder verschwunden.</p><p>�Ich wusste es ja�, sagte Odo mit zufriedenem L�cheln. �Diese heilige Handlung musste sie selbst zelebrieren. Der Kerl da oben war nur f�r die niederen Dienste gut. Zum Gl�ck hat er auch dabei noch versagt, sonst w�re ich nicht zu meinem Pferd gekommen.�</p><p>�Und ich begehe jetzt eine S�nde � die des Neides�, sagte ich anerkennend. �Gott verzeihe sie mir! Und du verzeih mir meine Rechthaberei.�</p><p>�Drei Paternoster und f�nf Psalmen, mein Sohn�, sagte Odo, �falls wir damit anfangen wollen, unsere Irrt�mer bu�pflichtig zu machen.�</p><p>Das fanden wir beide erheiternd und unser Gel�chter mischte sich mit dem Gejammer des alten Wilderers, der von ein paar herbei gewinkten Knechten vom Karren gehoben und zu einer H�tte getragen wurde. Dabei l�ste sich der Stofffetzen, der als Verband diente, und die Wunde �ffnete sich wieder. Eine Greisin beugte sich �ber das Bein, bewegte die Arme wie Vogelschwingen und murmelte einen Blutsegen: �Bei den heiligen f�nf Wunden, heile auch du! Stehe, Blut, stehe, komm zur Ruh!�</p><p>Inzwischen hatte sich Graf Hrotbert den blonden Burschen vorgenommen. Er unterzog ihn einem Verh�r. In der dem�tigen Haltung des Hoffnungslosen gab der Misset�ter Auskunft.</p><p>�Arme Kerle, die beiden�, sagte Odo. �Vater und Sohn mit gro�en Familien. Vor ein paar Jahren noch frei auf drei Hufen, dann Missernten, Schulden, Hunger, Wilddiebereien, daf�r Verurteilung durch Mommo, unbezahlbares Bu�geld, Verlust der drei Hufe, Verlust der Freiheit, als H�rige zu Hauk, der sie f�r seine eigenen Diebereien missbraucht � und nun? Jetzt kommt noch die b�se Geschichte mit dem Toten dazu. Ich gebe nichts mehr f�r ihre H�lse.�</p><p>�Sie hatten also das Pferd gestohlen.�</p><p>�Der Bursche dort war es. Aber der Alte hat mitgemacht bei der Sache mit Mommo. Du hattest Recht, sie wollten Hauk einen Schreck einjagen und zeigen, dass sie Bescheid wussten. Und ihn damit an ein Versprechen erinnern. Er wollte ihnen die Freiheit zur�ckgeben und einen Teil ihres Bodens, wenn sie f�r ihn ein Jahr lang diese gef�hrliche Drecksarbeit machten. Das Jahr ist l�ngst um, aber du siehst ja � er ist vergesslich. Er konnte sich nicht mal an den Teppich erinnern.�</p><p>�Und wie hast du den nun gefunden?�</p><p>�Den Teppich?� Odo g�hnte. Wir hatten uns auf dem als Bank dienenden Baumstamm niedergelassen. �Das erz�hle ich dir sp�ter. Jetzt w�re es gut, sich auszustrecken.�</p><p>�Warte damit noch ein bisschen. Es geht um den Mord an einem Zentgrafen. Unsere Aufgabe ist es, Anklage zu erheben, also m�ssen wir Hauk verh�ren. Ich kann es allein tun oder mit Hrotbert. Aber sage mir alles, was du wei�t.�</p><p>�Was gibt es da noch viel zu sagen? Seit ich mir in den Kopf gesetzt hatte, dass es hier um einen Kampf der Riesen und G�tter ging, wobei zur Abwechslung die G�tter unterlagen, war ich fest �berzeugt, die Riesin hatte die Heldenarbeit selbst verrichtet und ihren G�ttergemahl mit eigenen H�nden ins Totenreich geschickt. Dazu passte alles: das Trinkgelage am Abend, der pl�tzliche Aufbruch mitten in der Nacht, das zweite Pferd. Und nat�rlich der Awarenpfeil. Von der Sorte haben hier alle so viele im Hause, dass die Frauen sie als Haarnadeln oder zum Umr�hren der Suppe verwenden k�nnen. Jedenfalls war es klar, dass damit ein �berfall vorget�uscht werden sollte. Du hast ja gesehen, dass sich an Mommos G�rtel die durchschnittenen Riemen von Geldbeuteln fanden. Alles T�uschung.�</p><p>�In dem Punkt hatte ich also richtig vermutet.�</p><p>�Vollkommen. Und man hatte auch nichts dagegen, dass Mommo gefunden wurde.�</p><p>�Vor einem Heiligengrab.�</p><p>�Beim Beten gemeuchelt. Fast ein M�rtyrer. Nat�rlich musste er ausgeraubt sein. Waffen, Br�nne, Pferde � alles, was wertvoll war, musste verschwinden. Dies war der Auftrag f�r den treuen Vasallen der M�rderin, der sich da oben im Turm versteckt.�</p><p>Tats�chlich hatte sich Hauk noch nicht wieder blicken lassen. Wahrscheinlich beobachtete er uns aus seiner H�he. Um Hrotbert und den jungen Wilderer hatten sich die M�nner des Grafen geschart. Die Leute vom Castell waren n�her ger�ckt und standen in Gruppen beisammen, in der dumpfen Erwartung eines Ereignisses, das vielleicht ihr Leben �ndern w�rde. Der Einzige, der an allem keinen Anteil mehr nahm, war Witzlaw. Auf dem Hackklotz vor dem Saalhaus war er zusammengesunken und eingeschlafen.</p><p>�Den Impetus hat Hauk zum Markt gebracht�, nahm ich das Gespr�ch wieder auf. �Aber das andere ��</p><p>�Sein Verstand k�mpfte mit seiner Habgier�, sagte Odo und g�hnte noch einmal herzhaft. �Und wie er so heftig mit sich rang, wurde er beobachtet.�</p><p>�Beobachtet? Von seinen Wilderern?�</p><p>Odo nickte nur schl�frig.</p><p>�Wie hast du sie �berhaupt aufgegriffen? Gab es einen Kampf? Hattest du vorher schon einen Hinweis darauf, dass sie es waren? Rede doch!�</p><p>�Du folterst mich, grausamer Pfaffe!�, knurrte Odo und schloss die Augen.</p><p>�Herr Odo hat eine Sp�rnase�, bemerkte Fulk, der in der N�he an der Wand des Saalhauses lehnte und auf Befehle wartete. �Er ahnte schon, dass sich allerlei lichtscheues Gesindel bei dem Heiligengrab zum Morgengebet einfinden w�rde.�</p><p>�Was hei�t das?�, fragte ich.</p><p>�Einsame Gegend. G�nstig f�r Waldschrate, Kobolde, Schnapph�hne, Holzdiebe, Wilderer und andere Teufelsbraten. Wir hofften, einige zu erwischen. Wenn man sie ein bisschen am Hals kitzelt, f�llt solchen Gesellen manches ein. Zum Beispiel, ob sie gesehen haben, wie man eine Leiche wegschafft.�</p><p>�Und da seid ihr gleich an die Richtigen geraten?�</p><p>�Nicht gleich, aber bald. Da waren drei entlaufene M�nche und brieten sich einen Hasen. Die wussten Bescheid. Die wilderten n�mlich bei den Wilderern, versteht Ihr? Bei Sonnenaufgang kamen die Kerle zum Beutefassen. Die falschen Br�der f�hrten uns hin, nicht ganz freiwillig. Einer fiel dabei in eine Grube - auf einen hungrigen jungen B�ren, der ihm gleich etwas abbiss. Sein Gebr�ll verschreckte die Kerle. Wir mussten ihnen ein paar Pfeile nachschicken. Ich erwischte den Alten. Na, und zum Gl�ck gibt es noch S�hne, die ihre Christenpflicht kennen. So hatten wir beide und, hol�s der Teufel, sie waren es!�</p><p>� � die beobachtet hatten, wie Herr Hauk ��</p><p>�Wie der vor der H�hle die Leiche ablud. Zu glauben, dass so etwas nachts im Wald nicht bemerkt wird! Und es waren auch noch seine eigenen Leute. Er wusste wohl nicht, wo sie gerade sein Wild stibitzten.�</p><p>�Und was tat er nun mit der Leiche?�</p><p>�Er schmiss sie dorthin, den Helm daneben. Und den Teppich da in das Sumpfloch, zweihundert Schritte weiter. Das Beil und das Kurzschwert dazu. Auch das Kettenhemd und die Spatha sollten hinein. Dann fiel ihm aber ein, dass die sich g�nstig versilbern lie�en. Schlie�lich f�hrte er den Hengst, den Impetus, an das Sumpfloch. Er wollte ihn erst mit der Lanze erledigen. Aber das �berlegte er sich auch. Er warf die Lanze hinein und stieg in den Sattel. Das andere Pferd am Z�gel geschnappt, die Br�nne eingesackt, das Schwert am G�rtel befestigt � weg war er!�</p><p>�Und die Wilderer? Was taten die?�</p><p>�Sie schleppten den Leichnam in die H�hle, weil es dort k�hl war. Dann verschwanden sie erst einmal mit ihrer Beute. Und gestern kamen sie wieder, holten ihn heraus und setzten ihn auf das Pferd. So war das. H�ngen sollen sie, diese Schufte! Diese stinkenden Rattenschw�nze, dieses verlauste Wanzenfutter ��</p><p>Fulk fluchte noch eine Weile und beendete so in seiner �blichen Art die l�ngste zusammenh�ngende Rede, die ich bisher von ihm geh�rt hatte. Dabei hakte er sein Trinkhorn vom G�rtel und zog mit den Z�hnen den Holzpflock heraus, der als Verschluss diente. Zur�ckgelehnt, den Kopf im Nacken, goss er den Rest des Biers, das da nach einer solchen Nacht noch drin sein mochte, in sich hinein.</p><p>Inzwischen hatte Odo die Arme verschr�nkt und es sich, den Kopf auf der Brust, an meiner Schulter bequem gemacht. Der Graf trat heran, um die n�chsten Ma�nahmen zu besprechen. Sein aufgeregtes, halb bekleidetes Gefolge dr�ngte sich hinter ihm. Noch mehr als der Mord waren es die Wilddiebereien, die diese M�nner emp�rten. Sie hatten gerade erfahren, dass die Diebe des Hauk sich in s�mtlichen W�ldern des Gaus versorgt hatten. Die meisten waren betroffen, vor allem aber Hrotbert selbst, der das gr��te Benefiz verwaltete. Den jungen Wilderer w�rde man gleich einsperren, um zu verhindern, dass er floh, bevor er verurteilt war. Des alten war man aufgrund seiner Verletzung sicher. Alle anderen w�rde man einfangen. Was sollte nun aber mit Hauk werden?</p><p>�Ihr seid doch wohl auch der Meinung, dass wir ihn festnehmen m�ssen�, wandte sich Hrotbert an mich, da Odo Schnarcht�ne von sich gab. �Wer wei�, was er noch alles anrichtet, wenn er hierbleibt, dieser Lump, dieser R�uber und M�rder!�</p><p>�Nicht zu hastig, Graf�, sagte ich. �Was den Mord betriff, so hat er Frau Begga beschuldigt, das ist alles. Vermutlich wei� er auch etwas �ber den anderen Mord. Vorerst ist er also nur Zeuge.�</p><p>�Meinetwegen!, sagte Hrotbert, den solche Spitzfindigkeiten langweilten. �Ob nun als M�rder oder Zeuge � er hat genug auf dem Buckel, es reicht! Seht Euch hier um, kein Gut im Gau ist so verwahrlost. Er pr�gelt und foltert seine Leute. Die R�ubereien dazu und jetzt diese Mordgeschichte. Schon Mommo hat in den letzten Jahren nur Schaden gestiftet. Wenn man Hauk gew�hren l�sst, wird er die Zent zugrunde richten. Und das wird den ganzen Gau in Verruf bringen. Ich werde beim K�nig den Antrag stellen, das Benefiz einzuziehen und den Kerl zum Teufel zu jagen.�</p><p>Dieser raue, drohende Ton gefiel seinen M�nnern, sie gr�lten Beifall. �Ja, zum Teufel mit ihm!�</p><p>�Komm herunter, du R�uber!�</p><p>�Sollen wir dich erst holen?�</p><p>�Vielleicht ist er hinten herum geflohen!�</p><p>�Wenn schon, weit kann das hinkende Scheusal nicht sein!�</p><p>Die Ersten r�ckten gegen den Turm vor. F�uste wurden gesch�ttelt, Schwerter gez�ckt, Lanzen und Beile geschwungen. Man rief nach Leitern.</p><p>�Haltet sie auf!�, rief ich Hrotbert zu. �Ihr d�rft das nicht dulden. Ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren darf ihm kein Haar gekr�mmt werden!�</p><p>�Ihr habt Recht, aber die M�nner sind aufgebracht.� Er br�llte: �Baltram! Fulbert! Zur�ck!� Doch mehr unternahm er nicht.</p><p>Eine Leiter wurde herangeschleppt. Im selben Augenblick schwirrte ein Pfeil �ber unsere K�pfe hinweg und fuhr hinter uns in einen Baumstamm, wo er zitternd stecken blieb. Er war zwischen Hrotbert und mir hindurch geflogen, ich hatte sogar den Luftzug gesp�rt. Es war einer dieser Awarenpfeile, von denen dort oben im Turm gro�e Vorr�te lagerten. Schon kam ein zweiter geflogen. Er glitt �ber aufspritzenden Sand und blieb liegen. Jetzt erst bemerkten die meisten, dass wir beschossen wurden.</p><p>�Seht euch vor! Der Hund greift uns an!�</p><p>Alles lief durcheinander. Die Vorderen dr�ckten sich gegen die Turmwand. Andere suchten Schutz hinter H�tten, B�umen, Ochsenkarren und sogar hinter dem Misthaufen. Im Laufen wurden �berhastet Speere und Beile nach oben geschleudert. Fast alle diese Geschosse krachten nur Funken schlagend gegen die Turmmauer.</p><p>Regelm��ig kamen Hauks Pfeile geflogen. Die meisten landeten hinten bei uns, denn der Sch�tze stand weit hinter dem Einstieg, um selbst kein Ziel abzugeben. So sah er aber nicht viel und traf auch nicht.</p><p>Inzwischen war Odo wach geworden, aufgesprungen und an der dem Turm abgewandten Kirchenwand in Deckung gegangen. Ich warf mich hinter den Baumstamm, der als Bank diente. Graf Hrotbert war in der T�r eines Grubenhauses nur noch bis zu den Knien sichtbar. Er br�llte Befehle, um Ordnung in seinen Haufen zu bringen. Hinter ihm gl�nzten die platten Nasen und roten Apfelbacken verschreckter Kochm�gde.</p><p>Inzwischen hatten alle irgendwie Schutz und Deckung gefunden. Auch Ziegen, Hunde und H�hner waren geflohen. Das Dreieck zwischen Turm, Kirche und Saalhaus leerte sich.</p><p>Als ich jetzt ein wenig den Kopf hob und �ber den Rand meiner Wehr sp�hte, erblickte ich Hauk, der sich oben im Turm ein St�ck nach vorn gewagt hatte. Er hatte den Bogen gespannt und bewegte ihn ruckend hin und her, suchte ein Ziel f�r den abschussbereiten Pfeil.</p><p>Ich �ffnete den Mund, um seinen Namen zu rufen. Noch wusste ich nicht, was ich sagen wollte, irgendetwas Mahnendes, Beg�tigendes, vielleicht auch Strenges. Ehe ich jedoch einen Laut hervorbrachte, erhob sich in meiner N�he hinter dem Hackklotz ein st�mmiger Bursche mit oben zusammengebundenem Schopf, sprang vier, f�nf Schritte vor, ma� die Entfernung, sprang noch zwei Schritte und schleuderte seine Streitaxt zum Turm hinauf. Das wirbelnde Eisen schnitt gl�nzende Splitter in den blauen Morgenhimmel. Aber die Franken waren nicht mehr die Meister des Wurfbeils wie ihre Ahnen zu Zeiten der Merowinger. Der Werfer verfehlte sein Ziel. Doch Hauk hatte eines f�r seinen Pfeil, der auf der gespannten Sehne lag.</p><p>In diesem Augenblick sah ich Witzlaw. Wie ein H�ndchen lag er zusammengerollt auf dem stammdicken Hackklotz, bedeckt von grauem Wollzeug, unter dem nur ein blondes Haarb�schel und ein nackter Fu� hervorguckten.</p><p>Der Junge schlief fest. Doch der Beilwerfer fl�chtete wieder hinter den Hackklotz.</p><p>�Witzlaw!�, schrie ich.</p><p>Ein furchtbarer Schreck durchzuckte mich. Was hatte ich getan? Der Junge fuhr hoch. In seinem R�cken hockte der Beilwerfer.</p><p>Da l�ste sich etwas von der Kirchenwand, flog fast waagerecht durch die Luft, traf sich dabei mit dem Pfeil, der in ihm stecken blieb, und riss im Fallen den Jungen zu Boden.</p><p>So lag Odo, Witzlaw mit seinem K�rper verdeckend, im Sand. Die dreifl�gelige Spitze des Pfeils war neben dem Nacken in seine Schulter gedrungen. Der Schaft mit den roten Federn ragte wie eine langstielige seltene Blume heraus.</p><p>�Hauk!�, rief ich. �Ihr seid wahnsinnig! Kommt zur Besinnung!�</p><p>Fulk war bei Odo, half ihm auf, nahm ihm den erschrockenen Jungen ab. Odos Gesicht schien nur aus der Nase zu bestehen, die sich vor Schmerz kr�uselte.</p><p>Jetzt wurden Speere und Lanzen geschleudert und trieben Hauk wieder in den hinteren Teil seines Nests. Aus der Backh�tte trat Hrotbert, ein brennendes Scheit in jeder Hand. Die M�gde hinter ihm kreischten.</p><p>Den grauen Kopf vorgestreckt, rannte der Graf in einem Bogen auf den Turm zu.</p><p>�Komm herunter, du Schurke!�, br�llte er, �dein Ma� ist voll! Ergib dich, du Unhold! Komm an die frische Luft, sonst wirst du da oben ausger�uchert!�</p><p>Hauk gab keine Antwort.</p><p>Hrotbert wartete nicht l�nger als zwei Atemz�ge. Aus f�nf Schritten Entfernung warf er die Br�nde hinein. Noch zweimal wiederholte er seine Aufforderung. Nichts geschah. Aus dem Einstieg oben zogen die ersten Rauchschwaden. Der Pfeil, der Odo getroffen hatte, war der letzte gewesen. Ringsum wagten sich jetzt die M�nner hinter ihren Schutzwehren hervor. Die meisten hatten nur noch ihre Schwerter, die sie mordl�stern z�ckten.</p><p>�Im Namen Gottes, nehmt Vernunft an, Hauk!�, rief ich, w�hrend ich auf den Turm zurannte. �Wir versprechen Euch ��</p><p>Doch meine Stimme konnte gegen den L�rm, der sich wieder erhob, nicht durchdringen.</p><p>Aus dem Turm schlugen Flammen.</p><p>�Die Leiter!�, rief Hrotbert.</p><p>Zwei M�nner sprangen hinzu und stellten die Leiter an. Der Graf setzte den Fu� auf die erste Sprosse, verharrte aber, denn jetzt war endlich etwas von oben zu h�ren. War es ein Hohnlachen? War es ein Angstschrei? Das Feuer prasselte. Dicke Rauchwolken quollen aus dem Turm. Es w�rde unm�glich sein, von dieser Seite einzudringen. Hrotbert stieg ein paar Stufen hinauf, war aber gen�tigt umzukehren.</p><p>Da erhob sich ein Ruf: �Hierher! �ber die Mauer! Er will fliehen!�</p><p>Es war nicht schwer, die viele Male verfallene und unvollkommen wieder aufgerichtete Mauer zu �bersteigen. Sie war so br�chig, dass man mit etwas Kraftaufwand sogar die oberen lockeren Steine hinausdr�cken konnte. Schnell waren ein paar M�nner hin�bergeklettert. Wir h�rten ihre aufgeregten Stimmen und �berraschungsrufe.</p><p>Auch ich gelangte irgendwie auf die andere Seite und landete mit einem Sprung in dem Graben voller Steine. Vor mir dr�ngte sich R�cken an R�cken. Ich besann mich meiner Amtsgewalt und verlangte Durchlass. Die M�nner machten mir Platz und nun stand ich am Rande einer Grube, aus der ein Gestank heraufzog, wie ihn die H�lle f�r die schlimmsten S�nder bereit halten muss. An dieser Stelle war der Graben nicht zugesch�ttet, sondern hatte noch seine urspr�ngliche Tiefe. Der Boden war �ber und �ber mit Knochen und verwesten Kadavern von Wildtieren bedeckt. Dazwischen lagen zerbrochene Lanzen und Pfeile und allerlei Abf�lle. Hauks Kopf war dort hinein getaucht. Nur der K�rper mit ausgestreckten Armen und Beinen war noch zu sehen. Er gab kein Lebenszeichen mehr von sich.</p><p>Ich blickte zum Turm hinauf. Unterhalb der fensterartigen �ffnung waren hinter der Rauchwolke ein paar morsche Balken zu sehen, die Reste eines Umgangs. An ihnen hatte Hauk die Leiter aufgeh�ngt. Doch beim hastigen Hinabsteigen des schweren Mannes war wohl einer der Balken weggebrochen. Die Leiter, die dort noch hing, musste ins Schwanken geraten sein und Hauk hatte einen Mauervorsprung verfehlt, der ihm den Abstieg in den zugesch�tteten Graben erm�glicht h�tte. So war er kopf�ber in die Grube gest�rzt und wohl gleich erstickt.</p><p>Man konnte nur noch den Leichnam bergen und der Graf befahl ein paar Knechten hinabzusteigen.</p><p>�Dummer Kerl�, sagte er, als der leblose, mit Unrat bedeckte K�rper heraufgezogen wurde. �Warum musste er uns beschie�en? Warum fliehen? Warum sich umbringen?�</p><p>�Er f�rchtete wohl, von Euern Leuten erschlagen zu werden�, erwiderte ich nicht ohne Vorwurf.</p><p>�Dazu w�re es nicht gekommen. Sie waren w�tend. Aber im letzten Augenblick h�tten sie sich beherrscht. Schlie�lich war er einer der ihren.�</p><p>Lupus schwieg dazu. Der Graf sah ihn etwas unsicher an.</p><p>�Was sollte ich machen? So lange warten, bis es Tote gab? Es fehlte nur eine Handbreit und Herr Odo w�re nicht mehr am Leben. Der Kerl war toll geworden, man musste ihn b�ndigen!�</p><p>�Ich h�tte ihn lieber vor Gericht gestellt�, sagte ich seufzend.</p><p>�Gewiss, das h�tte ich auch vorgezogen, ich bin vollkommen Eurer Meinung!� Die finstere Miene des Grafen nahm pl�tzlich einen sp�ttischen Zug an. �Es war wirklich sehr dumm von ihm, sich uns nicht gefangen zu geben. Was h�tte ihm Schlimmes passieren k�nnen, nach Recht und Gesetz, f�r alles, was er getan hat? Der K�nigsbann von sechzig Solidi und der Entzug des Benefizes. Man h�tte ihm aber ein anderes gegeben, vielleicht in einer schlechteren Gegend, in Sachsen, Friesland oder der Bretagne. Aber er h�tte sich schon eingelebt. Und dort sechzig Solidi herauszupressen � Kleinigkeit. Bald h�tte er wieder fr�hlich jagen k�nnen!�</p><p>Der Graf deutete mit einer ver�chtlichen Geste auf die Abfallgrube und wandte sich ab.</p><p>Dieser Hrotbert erscheint mir wie einer, der ein paar Jahrhunderte zu sp�t gekommen ist. Wie einer der alten Kriegsf�rsten der Wanderzeit, die die Dinge auf ihre Weise regelten. Nat�rlich wei� er, dass er die Eigenm�chtigkeit nicht zu weit treiben darf, er ist ja nur Vasall und als Graf Vertreter des K�nigs. Er gibt sich uns gegen�ber auch eifrig bem�ht, doch im Grunde sind ihm Kapitularien, Prozessvorschriften, Kompetenzbeschr�nkungen und alle juristischen Haarspaltereien ein Gr�uel. Einer wie er w�rde am liebsten alle Misset�ter, selbst Vasallen des Herrschers und Amtstr�ger, gleich und wie Verbrecher behandeln: Du stiehlst � das kostet ein Auge, du stiehlst zweimal � das andere Auge und die Nase, du stiehlst dreimal � du h�ngst. M�nner wie Mommo und Hauk waren seiner redlichen Natur zuwider und er ergriff erfreut die Gelegenheit, diese Pestbeule aus seinem Gau zu entfernen. Wenn er sich auch bek�mmert gab, so erf�llte es ihn in Wahrheit mit Genugtuung, einen �belt�ter wie Hauk auf eine zwar waghalsige, doch immerhin nicht gesetzlose Art dem irdischen Richterspruch entzogen zu haben. Mochte er gleich vor seinen himmlischen Richter treten, damit hatte Graf Hrotbert nichts mehr zu tun!</p><p>Tatkr�ftig und gut gelaunt ging er nun gleich daran, den Brand, den er selbst gelegt hatte, zu l�schen. Mit weit schallender Stimme trieb er alles, was Beine hatte, zur Arbeit an. Knechte und M�gde bildeten eine Kette zum Brunnen, Kr�ge und Kannen wurden von Hand zu Hand gereicht. Bald versiegten die Flammen, die alle brennbaren Bestandteile des Turms verzehrt hatten. Dicker schwarzer Rauch drang aus den �ffnungen und Ritzen und kroch in langen Schwaden �ber den Boden des alten Castells. Inzwischen steht nur noch der hohle steinerne Klotz und erwartet, was seine Bestimmung ist: den Zerfall.</p><p>Ich kam nun endlich dazu, mich um meinen verletzten Amtsgef�hrten zu k�mmern. Er hatte sich auf meinem Mooslager niedergelassen. Rouhfaz und Fulk verarzteten ihn, indem sie ihre bescheidenen Kenntnisse in der Heilkunde vereinigten. Der Pfeil war bereits entfernt und die Wunde gewaschen, Fulk legte einen Verband an. Odo w�lzte sich auf dem Bauch im Gras, st�hnte und fluchte.</p><p>�Hast du gro�e Schmerzen?� Ich f�hlte mich mitschuldig an dem Unfall.</p><p>�Was z�hlt das!�, erwiderte er. �Es schmerzt viel mehr, dass unser Zeuge beim Teufel ist. Die Riesendame wird uns ein Hohnlachen hinterher schicken, mit einem so gewaltigen Echo, dass wir es als taube Greise noch h�ren werden.�</p><p>�Mach dir dar�ber keine Gedanken. Wichtig ist jetzt deine Genesung, damit wir bald weiterziehen k�nnen.�</p><p>�Herr Odo ist der edelste Mensch unter der Sonne�, bemerkte Rouhfaz. �Wenn man bedenkt, dass er sein Leben f�r den Sohn einer Unfreien ��</p><p>�Halt�s Maul�, knurrte Odo. �Du wei�t ja gar nicht, warum ich es getan habe. Leih mir dein Ohr, Vater, dir will ich es beichten!� Er winkte mich mit dem Finger zu sich herab und sagte leise: �F�r einen Schluck Branntwein und das andere. Ich f�rchte, sie h�tte mir sonst nichts mehr gew�hrt!�</p><p>Dar�ber wurde er sehr fr�hlich und lachte laut. Doch gleich darauf verzog er vor Schmerz das Gesicht und das Lachen ging in ein w�tendes Heulen �ber.</p><p>In diesem Augenblick erschien ein Berittener. Es war derselbe junge Vasall, der mich am Tage zuvor hier abgeholt hatte.</p><p>�Verzeiht! Ich soll mich auf Befehl des Herrn Grafen an Euch wenden.�</p><p>�Nun?�</p><p>�Der Gefangene vom Salhof wollte fliehen. Und die Zentgr�fin hat man eingesperrt. Ihr m�sst sofort kommen!�</p></section><section><title><p><strong>9. Kapitel</strong></p></title><p>Ich bestieg meinen Esel und befahl den drei M�nnern unseres Trupps, mich zu begleiten. Fulk und Rouhfaz blieben bei Odo zur�ck. Einem Knecht vom Castell trug ich auf, den Teppich, der noch immer zwischen Turm und Kirche im Sand lag, wieder aufzuladen und uns so schnell wie m�glich zu folgen. W�hrend des Rittes durch das W�ldchen gab mir der junge Vasall des Grafen einen kurzen Bericht.</p><p>Herr Siegram hatte noch w�hrend der Nacht versucht, mit zwei Pferden vom Herrenhof zu entkommen. Er wollte zun�chst zur Sch�nke reiten, weil er dort seinen jungen Begleiter vermutete. Ein paar Leute des Grafen, die in der N�he des Tors lagerten und strengen Befehl hatten, niemanden herauszulassen, fingen ihn aber ab. Er behauptete, die Zentgr�fin selbst habe ihn aus seinem Gef�ngnis befreit, doch habe er nicht fliehen wollen, sondern die Absicht gehabt, sich unter den Schutz der K�nigsboten zu begeben. Das glaubte man ihm nicht und so wurde ihm befohlen, abzusitzen und unsere Ankunft am Morgen zu erwarten.</p><p>Es sei dann auch ein Mann des Grafen auf den Salhof gegangen, fuhr der Bote fort, um sich �ber die n�heren Umst�nde der Befreiung des Gefangenen zu erkundigen. Zu seiner gro�en Verwunderung habe er, obwohl es noch tiefe Nacht war, die meisten Bewohner auf den Beinen gefunden. Sie h�tten alle um das Saalhaus herum gestanden, wo die Toten lagen und wo die Zentgr�fin eingesperrt war. Sie selber seien es n�mlich gewesen, die anstelle des Entwichenen die edle Frau eingesperrt hatten. Die Zentgr�fin habe getobt und geschrien, doch die Leute vom Salhof h�tten sie nicht heraus gelassen. Jemand habe sogar gerufen, das sei eine Abgesandte des Satans und sie solle nur dort drinnen verrecken. Der Mann des Grafen habe sich unverrichteter Dinge zur�ckgezogen.</p><p>Auf meine Frage, warum sie uns alle diese Vorf�lle erst so sp�t gemeldet h�tten, erkl�rte der junge Vasall, sie h�tten vom Grafen den Befehl gehabt, bis zu seiner R�ckkehr vom Castell nicht von ihren Posten zu weichen. Erst als man die Rauchs�ule hinter dem W�ldchen bemerkt habe, sei man unruhig geworden und der Anf�hrer habe sich entschlossen, ihn loszuschicken.</p><p>Wir erreichten das Tor des Herrenhofs. Ringsum lagerten die Leute des Grafen unter den B�umen. Einer f�hrte mir gleich den �bern�chtigten, schmutzbedeckten und unrasierten Siegram zu. Was f�r ein Jammerbild war aus dem strahlenden S�nger geworden! Er hob Lupus seine mit Lederriemen gebundenen H�nde entgegen.</p><p>�Bitte veranlasst, dass sie die Fesseln l�sen! Seht, meine Finger sind ganz verkr�mmt. Wie sollen sie jemals wieder die Harfe schlagen!�</p><p>Ich erf�llte die Bitte und nahm ihn ein paar Schritte beiseite.</p><p>�Nun? Was ist vorgefallen? Wie kommt Ihr hierher?�</p><p>�Was immer man Euch berichtet hat � Ich wollte nicht fliehen!� beteuerte der S�nger. Flehentlich blickte er mich mit den vom vom Wachen und Weinen entz�ndeten Augen an. �Bitte glaubt mir! Es waren die Umst�nde � seltsame Umst�nde, an denen ich unschuldig bin. Diese Frau ��</p><p>�Ihr meint die edle Frau Begga, die Zentgr�fin.�</p><p>�Sie kam heute Nacht in mein Gef�ngnis. Ich lag auf dem Stroh, die Kette am Fu�, in einem D�mmerschlaf. Pl�tzlich kniete sie vor mir und sprach auf mich ein: �Wach auf! Lass uns fliehen! Es ist alles bereit. Die Pferde sind gesattelt, das Gep�ck ist vorbereitet, mehrere Beutel mit Gold und Juwelen. Wir gehen �ber den Rhein und dann nach Toul und �ber Lyon nach P�rigueux. Dort in der Gegend lebt ein Bruder meines Vaters, er ist ein reicher Laienabt und wird uns Unterkunft gew�hren. Mit dem Gold sind wir aber unabh�ngig. Wenn du willst�, fuhr sie fort, �begleite ich dich auf deinen Reisen, wie Adalmar, meinen geliebten Mann, dem du so �hnlich bist. Wir m�ssen nur erst einmal weg von hier, diesem schrecklichen Ort, wo ich so lange gelitten habe. Ich verzeihe dir alles, verzeih auch du mir! Ich wollte, dass sie dich verurteilten und dass du deine Schuld hier abb��en m�sstest. Sp�ter wollte ich mit dir fliehen. Doch nun hat sich alles ge�ndert. Sie verd�chtigen mich, wir k�nnen nicht warten. Wenn wir nicht z�gern, wird alles gut. Wir werden uns lieben und ich will dir dienen und deiner Stimme lauschen. Steh auf und komm!� So sprach sie. Haltet Ihr das f�r m�glich? W�hrend sie hastig und leidenschaftlich fl�sterte, befreite sie meinem Fu� vom Eisen. Sie wollte mir beim Aufstehen helfen, doch in meiner Schw�che sank ich zweimal zur�ck auf das Stroh. Pl�tzlich war sie �ber mir und bedeckte mein Gesicht mit K�ssen. Sie fl�sterte mir z�rtliche Worte zu und geriet vollkommen au�er sich. Sie ��</p><p>�Wir wollen die Einzelheiten nicht wissen!�, unterbrach ich ihn.</p><p>�Verzeiht! Es war ein Alptraum. Ihr seht mich noch immer emp�rt. Zum Gl�ck gewann ich meine Kr�fte zur�ck. Es gelang mir, mich loszumachen und aufzustehen. Dann gab ich dem Weib einen Sto�, eilte die Stufen zur T�r hinauf und entkam.�</p><p>�Und habt Ihr die T�r hinter Euch verschlossen oder verriegelt?�</p><p>�Nein. Ich sah die beiden Pferde bereitstehen, schwang mich auf das meinige, ergriff das andere am Z�gel und ritt zum Tor. Obwohl es doch tiefe Nacht war, s�umten viele Leute vom Salhof meinen Weg. Ich sah sogar, dass einige auf dem Boden knieten, was immer das zu bedeuten hatte. Man �ffnete mir das Tor bereitwillig. Ich wollte nur erst meinen Knaben holen, den Aimo, von dem ich erfahren hatte, dass er in einer Sch�nke untergebracht war. Danach wollte ich aber gleich zu Euch und Herrn Odo, meinen Besch�tzern. Glaubt mir um Gottes Willen, dass ich nicht fliehen wollte!�</p><p>Das glaubte ich ihm ganz und gar nicht, doch die Geschichte, die er erz�hlt hatte, mochte wahr sein. Ich �bergab ihn wieder den Leuten des Grafen zur Bewachung, befahl dreien von ihnen, mir zu folgen und trat so an der Spitze eines sechsk�pfigen, mit Schwertern und Lanzen bewaffneten Trupps vor das Tor. Es war verschlossen, doch �ffnete es sich auf mein Begehren.</p><p>Wir begaben uns zum Saalhaus, das, wie erwartet, von zahlreichem Volk umlagert war. Die Leute empfingen uns stumm, mit ebenso feindseligen wie furchtsamen Blicken. Die meisten waren wohl Knechte und M�gde, aber auch die knorrigen Verwandten standen aufgereiht an der Wand und starrten uns b�se entgegen.</p><p>Wir traten an die nicht ganz mannshohe, aus dicken Eichenbrettern gef�gte T�r, die ins Untergeschoss f�hrte. Sie war verschlossen. Ich forderte den Schl�ssel. Niemand wollte ihn haben.</p><p>Kaum hatte ich meine Stimme erhoben, meldete sich von drinnen auch schon die Zentgr�fin.</p><p>�Helft mir! Seid barmherzig, lasst mich hinaus! Sie wollen mich umbringen! Befreit mich um Christi willen!�</p><p>�Habt Geduld!�, rief ich und sah mich um. Ich entdeckte Arnfried, den alten Onkel der toten Br�der, der mir hier immer als der Vern�nftigste und Rechtschaffenste erschienen war.</p><p>�Was ist vorgefallen?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?� Die m�den Augen des alten Uhus zwinkerten heftig. �Sie ist dort hineingegangen und irgendjemand hat sie dann eingesperrt. Aber wer es gewesen ist ��</p><p>Ich hatte nat�rlich l�ngst begriffen, dass die dumme, gottesl�sterliche Geschichte, die Rouhfaz der Magd erz�hlt hatte und die rasch von Mund zu Mund gegangen war, in den Sch�deln dieser einfachen Menschen betr�chtliche Verwirrung gestiftet hatte. Die Ermordung der jungen Frau, die R�ckkehr des Zentgrafen, ihres Vaters, beider Erscheinen als �lebende� Tote, die au�erordentliche Gerichtsversammlung, die Totenklage mit Siegrams ergreifendem Kyrie � das alles war ein undurchdringliches Kn�uel. Hier spukte nicht nur Satan, sondern es mochten auch b�se D�monen, Abgesandte der alten, verdr�ngten, rachedurstigen G�tter, bei all dem Unheil mitgewirkt haben. Diese Menschen waren von Angst und Entsetzen beherrscht und sie folgten nur einem dumpfen Antrieb, wenn sie dem Schrecken menschliche Z�ge gaben: die der Fremden dort hinter der Eichent�r.</p><p>Ein r�mischer Hakenschl�ssel wurde ben�tigt, um die Sicherungsbolzen aus dem Riegel zu sto�en. Wer immer ihn hatte, er gab ihn jedoch nicht heraus, und so erteilte ich den Befehl, die T�r gewaltsam zu �ffnen. Meine drei M�nner f�hrten ihn mit ihren �xten m�helos aus. Binnen weniger Augenblicke war die schwere T�r niedergelegt.</p><p>Tief musste Frau Begga sich b�cken und ihre Schultern zusammenziehen, um sich durch die �ffnung zu zw�ngen. Dann erhob sie sich zu ihrer vollen Gr��e. Ich gestehe, dass ich erschrak. Sie wirkte noch eindrucksvoller als sonst, denn sie trug M�nnerkleider: Mantel, geg�rtete Tunika, Hosen, geschn�rte Lederstr�mpfe, derbe Schuhe. Die M�hne war durch ein breites Stirnband geb�ndigt. Aus ihrer H�he richtete sie die lebhaften Augen auf mich und sagte: �Ich danke Euch! Ewigen Dank! Ihr seid mein Retter! W�rt Ihr nicht gekommen � wer wei�, was sie mit mir gemacht h�tten!�</p><p>Sie sagte noch mehr in ihrer sprudelnden, weich-romanisch gef�rbten Sprechweise. Verwirrt sei sie, vielleicht nicht mehr ganz bei Verstande. Das Ungl�ck, mit dem sie geschlagen sei, habe sie vollkommen aus der Fassung gebracht. Der Schlaf fliehe sie und sie irre umher. Sie k�nne sich nicht einmal daran erinnern, wie sie in dieses Gef�ngnis gekommen sei. Schlie�lich sank sie vor mir auf die Knie, ergriff meine Hand und k�sste sie.</p><p>�Ich bin so ungl�cklich! Helft mir! Versagt mir nicht Euern Schutz!�</p><p>�Lasst das! Erhebt Euch!�</p><p>Ich musste ihr meine Hand fast gewaltsam entziehen. Dann forderte ich sie auf, in den Saal vorauszugehen. Gerade hatte ich den Knecht vom Castell bemerkt, der den Karren mit dem Teppich herbeizog. Ich befahl meinen Leuten, sich mit Hammer und N�geln zu versehen und mir dann mit dem Teppich zu folgen.</p><p>Frau Begga erwartete mich im Saal. Sie hatte sich an einen der Pfeiler gelehnt, so wie am vorvergangenen Abend, als ich sie zum ersten Mal sah. Sie versuchte, ihrem Gesicht einen dem�tigen Ausdruck zu geben, doch es gelang ihr nicht recht und mir entging nicht das gespannte Lauern dahinter. Die beiden Toten, die ihre Opfer waren, lagen auf der anderen Seite des Saals noch immer aufgebahrt. H�chste Zeit war es, sie zu Grabe zu tragen.</p><p>In der Mitte des Saals blieb ich stehen, verschr�nkte die H�nde auf dem R�cken und er�ffnete das unangenehme Gespr�ch mit der Frage: �Ihr wolltet heute Nacht fort?�</p><p>�Wie kommt Ihr darauf?�</p><p>�So wie Ihr gekleidet seid, muss ich annehmen, dass Ihr die Absicht hattet, Euch auf eine weite, beschwerliche Reise zu begeben.�</p><p>�Die Absicht hatte ich in der Tat�, best�tigte sie rasch, wobei sie mir voll ins Gesicht blickte. �Vor den Leuten konnte ich es Euch nicht sagen. Ja, es ist wahr, ich wollte fliehen! Ihr seht, wie viel Feindschaft mir hier entgegenschl�gt. Wer soll mich sch�tzen? Mein Gemahl, der das immer getan hat, ist nicht mehr am Leben.�</p><p>�Und Ihr konntet nicht einmal seine Beisetzung abwarten?�</p><p>�Was h�tte er noch davon? Nicht einmal die Sch�ndung seines Leichnams musste ihn k�mmern. Er ist l�ngst unterwegs in eine bessere Welt.�</p><p>�Und auch Ihr wolltet Euch in eine bessere Welt begeben. Nach Aquitanien. Zu Euerm Onkel, dem Laienabt. In Begleitung eines Mannes, den Ihr gestern noch des Mordes angeklagt hattet.�</p><p>Sie erschrak nur kurz. Dann seufzte sie tief. Mit einer heftigen Geste streifte sie das Stirnband ab und befreite ihre blonde M�hne.</p><p>�So hat er es Euch gesagt? Der Undankbare! Ich hatte Mitleid mit ihm. Und ich war auch nicht mehr von seiner Schuld �berzeugt. Ihr selbst wart der Erste, der mir Zweifel einfl��te. Den letzten Ausschlag aber gab sein Gesang bei der Totenklage. Konnte ein M�rder so f�r sein Opfer singen? Da ich ihn nun f�r unschuldig hielt, schlug ich ihm vor, mich zu begleiten. In meiner Heimat liebt man die Sangeskunst, man belohnt die S�nger dort gro�z�gig. Au�erdem brauchte ich m�nnlichen Schutz. Hier gibt es niemanden, dem ich vertrauen kann. Er musste mir immerhin dankbar sein ��</p><p>�Dankbar? Wof�r? Dass Ihr ihm das Schmuckst�ck � das Kreuz mit dem Opal, das die Tote dort am Hals tr�gt � ins Gep�ck geschmuggelt habt, als er schlief?�</p><p>Frau Begga l�chelte fast nachsichtig.</p><p>�Wie k�nnt Ihr so etwas behaupten? Der Dieb war vermutlich sein junger Knecht. Er handelte ohne Wissen des Herrn.�</p><p>�Und der Knecht brachte auch Frau Chrodelind um?�</p><p>�Das wohl nicht. Aber das ist nicht mehr meine Sache. Da Mommo tot ist, bin ich frei. Was geht mich jetzt noch seine Familie an! Wenn Arnfried die Klage aufrecht erh�lt, so m�gt Ihr dar�ber zu Gericht sitzen. Meine Aufgabe hier ist erf�llt.�</p><p>�Deshalb wollt Ihr Euch mit den Juwelen, die Ihr mit Mommos Hilfe zusammengerafft habt, eilends nach Aquitanien absetzen.�</p><p>�Die Juwelen sind mein Eigentum!�, sagte Frau Begga und warf mir einen so kalten Blick zu, dass mich unter meiner dicken, wollenen Kutte fr�stelte. �Das meiste hinterlie� mir mein fr�herer Gemahl, der sehr wohlhabend war. Wir waren zwar nur in einer Friedelehe verbunden, aber er hatte sonst keine Erben. Wie Ihr sicher l�ngst wisst, kam er hier ums Leben. Der Rest sind Geschenke von Mommo, der sehr gro�z�gig war.�</p><p>�Herr Mommo nahm also nicht nur, er gab auch�, sagte ich. �Was er nahm, wird gerade festgestellt. Was er kein Recht zu nehmen hatte, durfte er allerdings auch nicht verschenken.�</p><p>In diesem Augenblick trugen die M�nner den Teppich herein.</p><p>�Was da gebracht wird�, sagte ich zu Frau Begga, �ist dagegen unstreitig Euer Eigentum. H�ttet Ihr wohl die G�te, die T�r zu der Kammer dort zu �ffnen? Anderenfalls m�ssten wir so verfahren wie vorhin bei Eurer Befreiung.�</p><p>Frau Begga hielt sich nicht damit auf, sich zu wundern oder zu protestieren. Kein Zweifel, dass sie den Teppich erkannte. Schweigend und, wie mir schien, absichtlich langsam brachte sie unter ihrem weiten Mantel den Schl�ssel zum Vorschein. W�hrenddessen versuchte sie wohl zu erraten, wie dieser schmutzstarrende Wandbehang in unsere H�nde gelangt sein konnte.</p><p>Sobald wir die Kammer betreten hatten, befahl ich den M�nnern, den Teppich auf das einzige Rechteck der eichenen Bohlenwand zu nageln, das unbedeckt war. Dabei achtete ich darauf, dass die abgerissene Ecke und der an dem Nagel unter dem Fenster h�ngende Fetzen zueinander kamen. Die M�nner stiegen auf die Bank und schwangen die H�mmer. Dicke Klumpen des getrockneten Schlamms platzten von dem Wandbehang ab. Wie erwartet, passte er genau.</p><p>Frau Begga verfolgte unser Tun mit verschr�nkten Armen und immer noch wortlos. Als ich mich zu ihr umwandte, konnte ich mir nicht versagen, die Frage zu stellen: �Nun? Seid Ihr froh, ihn wiederzuhaben?�</p><p>�Spart Euch das�, erwiderte sie ver�chtlich. �Was versprecht Ihr Euch davon, dass Ihr die Wand verunstaltet?�</p><p>�Zugegeben, der Teppich ist nicht mehr sehr ansehnlich. Ein Eckchen fehlt sogar, es h�ngt an dem Nagel dort. Er wurde mit gro�er Hast von der Wand gerissen. Warum?�</p><p>�Warum? Frau Begga seufzte und ihre Miene nahm einen gelangweilten Ausdruck an. �Weil mein Gemahl und sein Bruder sich eines Abends betranken, was leider nicht selten vorkam, und Hauk wieder einmal seine Armut beklagte. Noch nie sei er Besitzer eines Teppichs gewesen, jammerte er. Das wurde Mommo schlie�lich zuviel, er riss einen von der Wand, n�mlich diesen, und sagte: �Nimm ihn und verschwinde!� Was Hauk auch tat.�</p><p>�Seltsam. Und diesen kostbaren Besitz, den er sich so w�nschte, hat er dann im Wald in ein Sumpfloch geworfen.�</p><p>�Warum auch nicht? Das sieht ihm �hnlich. Was sollte einer wie er in seiner schmutzigen Wirtschaft mit dem Teppich anfangen?�</p><p>�Zum Beispiel einen Leichnam darin verpacken. Den des angeblichen Schenkers, der vermutlich in diesem Raum ermordet wurde. Mit einem Pfeil, den Ihr selbst ihm durch den Hals stie�et, als er dort auf dem Ruhebett schlief, betrunken und wehrlos. Hauk �bernahm es, den toten Mommo zum Grab des heiligen Ponz zu bringen, wo er gefunden werden sollte, als Opfer von R�ubern. Dabei ging er aber so leichtfertig vor, dass man ihm gleich von mehreren Seiten auf die Spur kam. Inzwischen hat er uns alles gestanden.�</p><p>Ich sagte das schnell und wie beil�ufig, w�hrend ich hierhin und dorthin guckte und einen anderen Teppich zur�ck schlug, der erwartungsgem�� die T�r zu der zweiten Kammer verdeckte. Jetzt sah ich Frau Begga an, gespannt, in dem Bewusstsein, sie �berrumpelt zu haben. Auch die M�nner starrten sie an. Wir wurden entt�uscht.</p><p>Frau Begga, die noch immer mit verschr�nkten Armen am T�rpfosten lehnte, zeigte nicht das geringste Erschrecken. Unter den langen, dichten Wimpern, die halb herabgesenkt waren, sah sie uns tr�ge und sp�ttisch an.</p><p>�Was habt ihr mit ihm gemacht, damit er euch diesen Unsinn erz�hlte?�, fragte sie. �Habt ihr ihn eingesperrt? Foltert ihr ihn?�</p><p>�Aber er ist doch tot!�, entfuhr es einem unserer M�nner, der sich angesprochen f�hlte.</p><p>�Tot? Ist das wahr? Hauk ist tot? Auch er ��</p><p>Ich best�tigte es. Im selben Augenblick �rgerte ich mich �ber das Ungeschick unseres Mannes. Mit dem gest�ndigen Hauk im Hintergrund w�re es mir vielleicht doch gelungen, der M�rderin die Wahrheit abzulisten. Jetzt musste ich mich sogar zu einer Erkl�rung herbeilassen, wie es geschehen konnte, dass der Bruder des Zentgrafen gewisserma�en unter unseren Augen ums Leben gekommen war.</p><p>�Im Bewusstsein der schweren Schuld, die er auf sich geladen hatte�, schloss ich, �wollte auch er sich unserem Gericht durch Flucht entziehen. Da er auf Erden nicht Bu�e tun wollte, wird er nun im Jenseits umso h�rter bestraft. Bedenkt das bitte, bevor Ihr auch weiterhin alles ableugnet!�</p><p>Doch diese Ermahnung war in den Wind gesprochen. Mir entging nicht, dass sich die Wangen der Frau Begga, die vorher vom Wachen und von der Aufregung blass waren, jetzt nach und nach r�teten. Unter der Maske der Best�rzung �ber den Tod des Hauk schimmerte wieder etwas anderes, ganz und gar Gegenteiliges durch: Freude, Erleichterung.</p><p>�Ich glaube, Ihr habt den �rmsten verwirrt�, sagte sie, indem sie ihrer Stimme einen dunklen, von Schmerz bewegten Klang zu geben bem�ht war. �Sein Verstand war ohnehin nicht der st�rkste. Ihr habt wohl auch gesehen, was f�r Tollheiten er getrieben hat. Seinem Bruder, meinem Gemahl, war er weit unterlegen. Und gewiss war er auf ihn eifers�chtig. Auch eine Untat w�re ihm zuzutrauen. Von Euch in die Enge getrieben, hat er dann wohl versucht, auch mich zu beschuldigen, die ich zu oft den Fehler gemacht habe, ihn meine Geringsch�tzung sp�ren zu lassen. Er tut mir leid, aber das kann kein Grund f�r mich sein, eine Schuld, die er auf sich geladen hat, mitzutragen. Ich habe nichts abzuleugnen! Mein einziges Vergehen besteht darin, dass ich von hier fort will. Und das habe ich Euch offen gestanden.�</p><p>�Ihr habt wahrhaftig gro�es Geschick, Euch aus der Verlegenheit zu ziehen�, sagte ich mit widerwilliger Anerkennung.</p><p>�Ich wollte, es w�re so�, erwiderte sie seufzend. �Denn wie Ihr seht, bin ich hier gefangen. Sie umlauern und bewachen mich, waren die ganze Nacht auf dem Posten � die alten Verwandten, Dorfleute, Knechte und M�gde. Wie konnte ich hoffen, heimlich zu entkommen? Kaum hatte mich der Undankbare, dem ich den Kerker ge�ffnet hatte, allein gelassen, waren sie da � wie Ungeziefer, sobald man das Licht l�scht. Und schon h�rte ich, wie sie die Bolzen in den Riegel stie�en. Habt Ihr genug Einbildungskraft, um Euch vorzustellen, was mich erwartet, wenn Ihr fort seid?�</p><p>Die schlaue Heuchlerin! Eben noch hatte ich ihr ihre Tat vorgeworfen und schon zwang sie mich anzuerkennen, dass sie selbst ein Opfer war. Was sollte ich mit dieser Mischung aus L�ge und Wahrheit anfangen? Unverrichteter Dinge abziehen?</p><p>Aber da gab es nebenan im Saal ein Gepolter und als wir durch die offene T�r blickten, sahen wir mehrere Knechte damit besch�ftigt, die beiden Toten auf Bahren zu legen.</p><p>�Ist es soweit?�, fragte ich. �Sind die Gr�ber ausgehoben?�</p><p>�Ja�, antwortete einer. �Aber der Tischler legt noch letzte Hand an die S�rge.�</p><p>Ich befahl einem unserer Leute, den Grafen zu verst�ndigen. Den beiden anderen trug ich auf, die Toten, vor allem den Leichnam Mommos, nicht aus den Augen zu lassen. Bei der gereizten Stimmung, welche die Leute drau�en beherrschte, musste mit allem gerechnet werden.</p><p>Als ich mich abwandte, h�rte ich noch, wie einer der Leichentr�ger sagte: �Fass sie vorsichtig an, du Grobian! Wie leicht sie ist, wie eine Handvoll Federn. So jung, so sch�n � und musste schon sterben.�</p><p>Nein, ich durfte nicht gehen, ohne erreicht zu haben, was ich vorhatte. Wenigstens diese Untat musste ich der M�rderin nachweisen!</p><p>�Zeigt mir nun den anderen Raum!�, befahl er.</p><p>�Ihr habt ja die T�r schon gefunden�, erwiderte Frau Begga. �Sie ist offen, tretet nur ein!�</p><p>Ich schlug den Teppich zur�ck und stie� die T�r auf. Wie vermutet war dieser Raum mehr als doppelt so gro� als die Kammer, aus der man eintrat. Auch er hatte nur ein winziges Fenster. Nebeneinander standen drei schwere, mit Eisen beschlagene Truhen. M�bel und andere Gegenst�nde standen und lagen herum: ein Elfenbeintischchen, ein Kandelaber, mehrere silberne Gef��e. Auch ein Kupferkessel, m�glicherweise der Ermelindes, lag neben einem umgefallenen Dreifu�. Auf einem Hocker und einer Sitzbank waren Felle von B�ren und Fischottern und allerlei bunt bestickte Gew�nder aufget�rmt. Einige M�ntel und Tuniken waren auf den Fu�boden hingeworfen, offenbar aussortiert beim hastigen Packen. An den W�nden hingen Schwerter mit kostbaren Griffen, aber auch K�mme, B�rsten und ein Obsidianspiegel.</p><p>Gleich neben der T�r lagen vier fest geschn�rte pralle Leders�cke, das vorbereitete Reisegep�ck. Je zwei von ihnen waren mit Riemen verbunden, um �ber Pferder�cken geworfen zu werden.</p><p>Frau Begga war hinter mir eingetreten und ich befand mich nun mit ihr allein im Raum.</p><p>��ffnet alle drei Truhen!�</p><p>�Auch sie sind offen. Wenn es Euch nicht an Kraft mangelt, die Deckel zu heben, dann tut es selbst�, sagte sie mit einem, wie mir schien, h�hnischen Unterton.</p><p>Ich k�mmerte mich aber nicht weiter um sie, sondern richtete meine ganze Aufmerksamkeit auf die drei Truhen. Die erste enthielt M�ntel, Kleider, Tuniken, Hemden und T�cher aus Seide und Brokat. Alles war zerw�hlt und durcheinander geworfen. Frau Begga hatte in der Eile wohl nur ein paar besonders sch�ne Kleidungsst�cke ausgew�hlt.</p><p>In der zweiten Truhe befanden sich Gegenst�nde des m�nnlichen Bedarfs: kunstvoll verzierte Dolche, G�rtelschmuck, Armringe, Trinkbecher. Aus einigen metallenen St�cken waren die wertvollen Steine herausgebrochen. Auf dem Boden eines besonderen Fachs lagen noch einige beim raschen Zusammenraffen vergessene r�mische und arabische Goldm�nzen.</p><p>Es musste die dritte Truhe sein, wo ich zu finden hoffte, was ich suchte. Ich erinnerte mich der Worte Celsas: �Da schrie die junge Herrin: �Das Kreuz! Ich will das Kreuz mit dem Stein!� �Willst du die Heilige spielen, Hure?�, rief die Herrin. Dann lachte sie f�rchterlich auf. �Hol es dir doch! Fass tief hinein!��</p><p>Ich hob den Deckel der Truhe, klappte ihn zur�ck. Zweifellos war das meiste entnommen und befand sich in den Gep�cks�cken. Aber noch immer war diese Truhe zu einem Drittel mit allem gef�llt, was edle Frauen ben�tigen: Halsketten, Ohrringen, Haarnadeln, Schnallen, Broschen, Fibeln, gestickten B�rsen, silbernen Messert�schchen. Ganz unten auf dem Boden hatte also das Kreuz gelegen. (�Fass tief hinein!�) Frau Chrodelind wird sich geb�ckt haben, dachte ich. Doch da sie nur zierlich war und die L�nge ihres Arms nicht ausreichte, musste sie vor der Truhe niederknien. So wie ich es jetzt tat, der ich auch nicht gro� von Statur bin.</p><p>Ich sah �ber den Rand der Truhe. Mein Hals war nur knapp �ber der etwa daumendicken Kante. Wo hatte Frau Chrodelind gekniet? Ich rutschte vor dem etwa vier Fu� langen Beh�ltnis hin und her. Dabei lie� ich meinen aufmerksamen Blick �ber die Kante gleiten. Das Licht, das durch das kleine Fenster fiel, war nur schwach. So �bersah ich zuerst, was ich suchte. Dann aber entdeckte ich es doch noch: ein schwarzes Fleckchen verkrusteten Blutes und darin verklebt drei feine, lange, kupferrote Haare, an den Enden ein wenig geringelt, fest haftend an der rohh�lzernen Innenwand. (�Auf einmal war nichts mehr zu h�ren. Kein Wort wurde mehr gesprochen. Nichts.�)</p><p>Ich kniete noch immer. Um ganz sicher zu gehen, dass es so gewesen war und nicht anders, legte ich meinen Hals auf die Kante. Nicht genau an der Stelle mit dem Blutfleck nat�rlich, doch nur eine Handbreit daneben. Nun griff ich mit der Rechten in die Truhe � �tief hinein�. Fasste suchend hierhin und dorthin, w�hlte �</p><p>Und pl�tzlich wurde es dunkel. Es war wie Nacht um mich her. Nur das Schimmern und Glitzern der Juwelen nahm ich noch wahr, vor mir auf dem Grund der Truhe.</p><p>Ich hob den Kopf. Da bekam ich von oben einen Schlag auf den Hals. Mein K�rper sackte vor Schreck zusammen und wieder lag mein Hals auf der Kante. Ich wollte den Kopf zur Seite drehen, aber das war nicht mehr m�glich. Der schwere Deckel der Truhe hatte sich auf mich herab gesenkt und die Kante des Deckels dr�ckte von oben. Bei jeder Bewegung w�rde das raue Holz �ber meine Haut schrammen und sie aufrei�en. Ich gab einen r�chelnden Laut von mir. Mein Kopf war jetzt so fest eingeklemmt, dass ich ihn nicht mehr drehen konnte, auch wenn ich wollte. Die bunten Steine und goldenen Ringe verschwanden vor meinen Augen, die sich mit Tr�nen f�llten, zu einem flimmernden Chaos.</p><p>Da h�rte ich nahe an meinem Ohr ein raues, trockenes Frauenlachen. Gleich wurde es um mich wieder hell, der Deckel der Truhe war hochgeklappt. Befreit warf ich den Kopf zur�ck. Ich wischte die Augen, keuchte, st�hnte, r�usperte mich. Jetzt sah ich einen wei�en Arm, der wie ein St�tzpfosten gegen den Deckel der Truhe gestemmt war, und dann ebenso runde nackte Schultern, auf die eine blonde M�hne herabfiel. Neben mir kniete Frau Begga, im Hemd, die gro�en lebhaften Augen auf mich herabgesenkt (denn auch in dieser Haltung �berragte sie mich um Hauptesl�nge), mit einem Ausdruck, der mir wohl unvergesslich bleiben wird: einer Mischung von Triumph und Verachtung.</p><p>�Bist du zufrieden, M�nchlein?�, sagte sie. �Glaubst du, dass ich es so gemacht habe? Oder vielleicht war es so?�</p><p>Sie lie� den Deckel der Truhe los. Er blieb hoch geklappt. Sie stie� die Truhe ein wenig an. Jetzt fiel er herab. Bei dem krachenden Laut schrie ich auf. Mir war, als w�rde mir der Kopf abgetrennt.</p><p>Frau Begga lie� wieder ihr raues Lachen h�ren.</p><p>�Schade. Du wirst es nicht erfahren. Es war niemand dabei.�</p><p>Ich zitterte noch immer. Sie griff mir unter die Arme und half mir beim Aufstehen. Aus der anderen Truhe nahm sie ein seidenes Tuch und reichte es mir.</p><p>�Wischt Euch damit den Schwei� ab.�</p><p>Ich tat es. Sie stellte sich vor den Spiegel und fuhr mit einem Kamm durch ihr Haar.</p><p>�Und jetzt geht! Sehr Ihr nicht, dass Ihr Euch in meinem Ankleidezimmer befindet? Gleich werden mein Gemahl und meine Tochter beerdigt. Lasst mich allein!�</p><p>Ich nickte gehorsam und wankte hinaus. Erst durch die Kammer, dann durch den Saal, dann ins Freie.</p><empty-line/><empty-line/><p>Du bist nun gewiss �berzeugt, mein lieber Volbertus, dass ich nichts besch�nige, sondern Dir nur die reine Wahrheit berichte. Die Art und Weise, wie ich die Todesursache der Frau Chrodelind herausfand, gereicht mir ja nicht gerade zum Ruhme. Die M�rderin h�tte mich ebenso t�ten k�nnen, und bei ihrem Geschick, alles zu ihren Gunsten zu wenden, w�re sie wohl auch in dem Fall ohne Anklage davongekommen. Konnte ich in meinem �bereifer, den Inhalt der Truhe zu untersuchen, nicht selbst den t�dlichen Fall des Deckels verursacht haben? H�hnisch und gleichzeitig mitleidig zeigte mir diese erstaunliche Frau, dass sie mich f�r einen erb�rmlichen St�mper hielt, schlimmer noch, f�r einen j�mmerlichen Kerl �berhaupt.</p><p>Nun h�tte ich mich nat�rlich damit tr�sten k�nnen, dass es die Liebe Gottes, nicht aber die Bewunderung der Frauen ist, was ich erstrebe. Eitelkeit, Ehrgeiz und heldisches Gehabe sollen unsereinem ja fremd sein. Aber so einfach ist das nicht. Meine Niederlage, die mit einem schm�hlichen Hinauswurf, einem l�cherlichen Abgang aus einem Raum endete, den ich als Amtsperson festen Schrittes betreten hatte, musste vergessen gemacht werden, wenn unsere ganze Mission nicht fragw�rdig werden sollte. Es durfte nicht sein, dass wir weiterreisten, ohne zwei Morde, denen wahrscheinlich ein dritter vorausgegangen war, bestraft zu haben. Was wollten wir dann �berhaupt noch ausrichten?</p><p>Ich habe mich in diesem Tagen oft gefragt, ob mich vielleicht noch andere Gr�nde leiteten, als ich das Mittel ersann, mit dessen Hilfe wir Frau Begga schlie�lich zu einem �ffentlichen Schuldbekenntnis brachten. Ich habe mich gefragt, ob es nicht jenen tr�ben Bodensatz in meiner Seele gibt, von dem Odo gesprochen hatte. War das Mittel erlaubt? War es gerechtfertigt? War es christlich? Oder war es nicht vielmehr heimt�ckisch? Vielleicht sogar teuflisch? Gewiss, unter diesen anderen Gr�nden gab es die Einsicht, dass wir Siegram nicht l�nger festhalten durften. Es gab die Bewunderung f�r Odo, der die Wahrheit herausgefunden hatte und sich nicht ganz unn�tigerweise mit einer Pfeilwunde in der Schulter herumqu�len sollte. Aber gab es vielleicht auch Gr�nde, die ein rachs�chtiger, in seiner W�rde gekr�nkter Amtsinhaber hatte � ein neidischer, blutleerer Gottesmann, der seine Freude daran hat, wenn Menschen an ihren Leidenschaften zugrunde gehen? W�sste ich auf all das die richtige Antwort!</p><p>Mommo und seine Tochter Chrodelind wurden auf einem kleinen Friedhof am Waldrand begraben. Dabei geschah nichts Auff�lliges, das mitteilenswert w�re. Unsere und Hrotberts Leute standen schwer bewaffnet dabei und warfen einsch�chternde Blicke um sich.</p><p>Frau Begga gab sich nicht mehr die M�he, Trauer zu heucheln. Sie blickte nicht einmal hin, als die Toten in ihre S�rge gelegt wurden. Das Kreuz mit dem Opal wurde der Zentgrafentochter mit ins Grab gegeben. Es d�rfte inzwischen gestohlen sein.</p><p>Bei der R�ckkehr zum Salhof fragte mich Hrotbert, wie lange die Untersuchung noch dauern werde. Wir einigten uns darauf, am dritten Tag die Verhandlung gegen Siegram zu Ende zu f�hren. Sehr eilig hatten wir es ja nun nicht mehr. An eine Fortsetzung der Reise war erst zu denken, wenn Odo wieder zu Pferde sitzen konnte. Der Graf lud uns ein, nach Abschluss der hiesigen Angelegenheit noch ein paar Tage auf seinem Anwesen zu verbringen. Er wollte sogar f�r Odo eine S�nfte schicken, die ihm einmal ein reisender Erzbischof, nachdem er in seinem Hause gestorben war, hinterlassen hatte. Als ich das Odo erz�hlte, lachte er und sagte: �Gut, einverstanden. Ich setze mich in die S�nfte. Aber schickt mir vorher den Papst, damit er mich zum Erzbischof weiht!�</p><p>Eine andere Frage, die ich mit Hrotbert er�rterte, betraf die Anklageerhebung im Fall des Mordes an Mommo. Hauk hatte Frau Begga bezichtigt, doch er war tot. Andere Zeugen w�rden nicht aufzutreiben sein und wie Begga sich verteidigen w�rde, wusste ich schon. Dennoch war Hrotbert entschlossen, sie vor sein Grafschaftsgericht zu bringen. Notfalls wollte er selbst als Kl�ger auftreten und ein Gottesurteil entscheiden lassen. (Noch hatte ich nicht jenes oben erw�hnte Mittel gefunden.) Er ordnete an, dass Frau Begga zun�chst bis zu der Verhandlung gegen Siegram den Salhof nicht verlassen durfte. Mommos Schatzkammer und jede Truhe darin wurden verschlossen, der Graf nahm selbst alle Schl�ssel an sich. Als Wache lie� er einige seiner Leute zur�ck, die sich im Saal einquartierten.</p><p>Irgendwie schaffte es Odo, auf Witzlaw gest�tzt, den Weg durch das W�ldchen zur�ckzulegen. Unter der Obhut der ihm nun grenzenlos ergebenen Petrissa lie� er sich in der Sch�nke nieder. Er richtete sich in einer Ecke ein und die Schankwirtin behandelte ihn mit Salben, die sie selbst nach Rezepten aus ihrer slawischen Heimat bereitete. Zum Gl�ck war Hauks Pfeil nur ins Fleisch eingedrungen und hatte keinen Knochen besch�digt, Odo �berstand ein leichtes Wundfieber und war bald auf dem Weg zur Genesung. Er machte sich schon nach ein paar Tagen wieder n�tzlich, indem er fortsetzte, was ich begonnen hatte, n�mlich Mommos Rechtsbr�che aufzulisten. Hrotbert und der neue Zentgraf werden noch lange zu tun haben, wenn sie auch nur f�r die schlimmsten �bergriffe Genugtuung geben wollen.</p><p>Da Odo nicht schriftkundig ist, hilft ihm Aimo, der das Lesen und Schreiben von seinem Herrn Siegram erlernt hat. Der h�bsche, aufgeweckte Siebzehnj�hrige ist �u�erst diensteifrig. Er m�chte am liebsten bei uns bleiben und Odo stellt �berlegungen an, ob wir ihn nicht als Helfer von Rouhfaz mitnehmen sollten. Ich gab zu bedenken, dass wir ihn ja in diesem Falle dem S�nger abkaufen m�ssten, vorausgesetzt dieser w�rde freigesprochen, dass aber ein solcher Kauf unser schmales Reiseguthaben schwer belasten w�rde. Da grinste Odo genauso wie ein paar Tage zuvor, als ich ihn nach den Umst�nden der Ergreifung Siegrams gefragt hatte.</p><p>�Sei unbesorgt�, sagte er, �mit Goldkehlchen werden wir schon einig.�</p><p>So komme ich nun zu Siegram, dem Skop. Ich hatte ihn ja bei den Gefolgsleuten des Grafen vor dem Tor des Salhofs zur�ckgelassen.</p><p>Damit sich die Ereignisse der Nacht nicht wiederholten, nahm ich ihn mit ins Castell hin�ber, wo ich selbst bis zur Abreise bleiben wollte. Siegram richtete sich in dem Saal ein, den wir nach dem Abzug der Vasallen des Grafen wieder f�r uns allein hatten. Da sich Fulk und seine M�nner stets in der N�he aufhielten, war f�r eine unauff�llige Bewachung gesorgt. Der S�nger machte allerdings keinen Versuch zu fliehen. Den Rest des Tages verschlief er und am Abend setzte er sich mit seiner Harfe auf den Baumstamm vor dem Saalhaus und sang etwas von der zerst�rten heidnischen Heldenstadt Troja. Dazu regte ihn wohl der ausgebrannte alte Wachturm an, aus dem immer noch Rauch aufstieg.</p><p>Ich hielt w�hrenddessen in dem Kirchlein meine Vesperandacht, und dabei kam mir die Idee zu dem, was ich �das Mittel� genannt hatte. Der Herr m�ge mir verzeihen, dass meine Gedanken abschweiften und pl�tzlich Spr�nge machten. Siegram sang drau�en leise, mit Wehmut in der Stimme, unterbrach sich immer wieder und setzte neu an, und w�hrend einer solchen Pause war mir, als h�rte ich noch einmal das Kyrie, und ich sah wieder die Frau vor mir, die kaum ihre Erregung beherrschen konnte. Und ich dachte auch an unsere Ankunft im Saalhaus des Herrenhofs, erinnerte mich des ersten Eindrucks, den wir von ihr gewonnen hatten. Warum war ich darauf nicht gleich gekommen? Hatte ich nicht schon fr�her begriffen, dass Siegrams Gesang der Schl�ssel zu dieser T�r war?</p><p>Ich beendete meine Andacht und setzte mich drau�en zu dem S�nger. Wieviel Zeit er brauchen w�rde, um ein Lied zu dichten, fragte ich ihn. Er antwortete, das k�me darauf an, f�r ein einfaches Preislied w�rde er manchmal nur ein paar Morgenstunden ben�tigen. Ein Heldenlied sei schon schwieriger, weil eine Handlung gekn�pft werden und viel Sorgfalt auf die Gestalten des Liedes und ihre Sprache gelegt werden m�sse. Da sagte ich, es solle ein Heldenlied sein, doch sei die Heldin eine Frau vom Schlage der alten merowingischen K�niginnen, die zwei S�kula vor uns gelebt hatten, der Brunichilde und Fredegunde, und auch ihre Taten seien Verbrechen.</p><p>Siegram begriff sofort. Es bedurfte nicht vieler Worte, um uns zu verst�ndigten. Seine Aufgabe war es, aus allem, was �ber Frau Begga bekannt war, eine Handlung zu formen und diese in sangbare Verse zu setzen. Abgesehen von den ungew�hnlichen Umst�nden war es nicht das erste Mal, dass dem S�nger ein solcher Auftrag erteilt wurde. Mancher adelige Herr w�nscht sich ja, die Taten seiner Ahnen besungen zu h�ren, und es ist oft nur dunkle Kunde, nach der die Dichter ihre Werke gestalten m�ssen. Je besser ihnen dies gelingt, desto h�her ist die Belohnung. Auch in diesem Fall gab es nur wenige sichere Tatsachen, daf�r umso mehr Vermutungen und Ger�chte. Der Preis allerdings war der h�chste, um den dieser Skop je gedichtet hatte. Es war seine Freiheit.</p><empty-line/><empty-line/><p>So nahm Herr Siegram seine Aufgabe �beraus ernst. Mit einer Schreibtafel in der Hand fragte er mich aus. Er lief auch, von Fulk begleitet, herum und erkundigte sich bei den Leuten des Castells nach allem, was sie nur irgendwie zum Thema beitragen konnten. Sehr unzufrieden war er mit den Angaben zur Herkunft der Heldin des Liedes. Beinahe w�re daran alles gescheitert, denn es geh�rt zur Berufsehre eines Skops, nur �ber Menschen zu berichten, die sich schon von Geburt her vor gew�hnlichen Sterblichen auszeichnen. Er h�tte wohl lieber f�r immer geschwiegen und gelitten, als sich mit dem Makel belastet, jemals ein Heldenlied �ber einen Mann oder eine Frau aus dem Volke gedichtet zu haben.</p><p>So mussten zus�tzliche Nachforschungen angestellt werden. Ich wandte mich an den alten Arnfried, der von Hrotbert vor�bergehend zum Zentgrafen und Verwalter des Haukschen Benefizes ernannt worden war. Er kam nun oft zum Castell her�ber, um die gr�bsten Missst�nde zu beseitigen. Zum Gl�ck war er gut unterrichtet. Frau Begga hatte keine Gelegenheit ausgelassen, den neuen Verwandten ihre vornehme Herkunft vorzuhalten und die schlimmen Wechself�lle zu beklagen, die sie hierher verschlagen hatten. Der alte Uhu, der in drei Tagen drei j�ngere Verwandte verloren hatte, erz�hlte mir alles, was er wusste, traurig mit den Augen zwinkernd, doch ohne eine einzige zornige Aufwallung, mit der unendlichen Nachsicht des Weisen.</p><p>Was ich erfuhr, gab ich an Siegram weiter, der sich nun unverz�glich ans Werk machte.</p></section><section><title><p><strong>10. Kapitel</strong></p></title><p>Der dritte Tag kam heran. Das Wetter war umgeschlagen. Grau w�lbte sich der Himmel und schwarze, bizarr geformte Wolken zogen tief und eilig vor�ber.</p><p>Sonst war alles fast wie bei der ersten au�erordentlichen Versammlung. Hrotbert war mit seinen Sch�ffen gekommen. Odo, der noch schwach war und seine verletzte Schulter und den unbeweglichen Arm unter einem weiten Mantel verbarg, hatte sich am Stock zu seinem Platz unter der Esche geschleppt. Siegram trug sein golddurchwirktes Gewand, doch wehte der Umhang diesmal st�rker. Bei der Kl�gerpartei fehlte Hauk, der inzwischen auch unter der Erde lag. Aber die knorrigen Alten waren da und es war wieder die Fibel mit dem Vogelkopf, die Frau Beggas Umhang am Halse zusammenhielt. Es mochten wohl auch an die hundert M�nner mehr sein, die diesmal ringsum im Wiesengras hockten.</p><p>Hatte es jemals eine Gerichtsversammlung gegeben, auf der der Angeklagte sich singend verteidigte? Ich glaube nicht. Dies war wohl die erste und einzige und w�rde die erste und einzige bleiben.</p><p>Zu Anfang gab der Graf mir das Wort, damit ich das Ergebnis der <emphasis>inquisitio </emphasis>bekanntgab. Nat�rlich hatten wir uns vorher verst�ndigt. Ich erhob mich und sagte etwas von der unendlichen Weisheit Gottes, der dem Menschen die Gabe verliehen habe, sich nicht nur mit Worten, sondern, wenn diese nicht ausreichten, auch in T�nen zu �u�ern. Der Angeklagte habe bedauert, beim ersten Mal, als er nur mit Worten pl�dierte, nicht in der Lage gewesen zu sein, alles auszudr�cken, was er zu sagen habe. Er wolle dies jetzt nachholen, doch bitte er, singend pl�dieren zu d�rfen. Die Untersuchung, schloss ich, habe ergeben, dass dies der sicherste Weg sei, die Wahrheit zu finden.</p><p>Ich setzte mich. Ein Blick der Frau Begga traf mich, scharf wie ein Schwerthieb. Hatte sie verstanden? Durchschaute sie mich?</p><p>Hrotbert forderte Siegram auf zu beginnen. Der S�nger trat in die Mitte. Er griff kr�ftig in die Saiten der Harfe und seine helle, klare, Stimme erhob sich m�helos �ber das Windsausen und Bl�tterrascheln.</p><p>W�hrend die schwarzen Wolken �ber uns hin jagten, h�rten wir das Lied von der Rache der Demetria.</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Sie war eine aquitanische Jungfrau, weithin ber�hmt f�r ihre Sch�nheit und ihren Edelmut. </emphasis></p><p><emphasis>Obwohl sie fast noch ein Kind war, �bertraf sie alle M�dchen an Liebreiz und alle jungen M�nner an Kraft und Geschicklichkeit. </emphasis></p><p><emphasis>Ihr Vater, ein gro�er und edler Herr, war Gefolgsmann des m�chtigen F�rsten Hunold.</emphasis></p><p><emphasis>In Treue hielt er fest an seinem Vasalleneid, auch dann noch, als sich der F�rst rebellisch gegen den K�nig wandte. </emphasis></p><p><emphasis>Der gro�e Karl vertrieb den F�rsten und seinen treuen Vasallen.</emphasis></p><p><emphasis>Die sch�ne Demetria wurde heimatlos. </emphasis></p><p><emphasis>Loup, der Herzog der Gascogne, nahm die Fliehenden auf.</emphasis></p><p><emphasis>Doch er erwies sich als Verr�ter. </emphasis></p><p><emphasis>Er lieferte Hunold und seinen treuen Vasallen dem K�nig aus.</emphasis></p><p><emphasis>Demetrias Vater wurde hingerichtet, sie selbst als Sklavin verkauft.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Siegram machte eine Pause und sah zu Frau Begga hin. Betroffen und anger�hrt von der Erinnerung stand sie reglos am Rande des Gerichtsplatzes. Sie atmete schwer, doch war dies das einzige sichtbare Zeichen ihrer Teilnahme. Offenbar war sie bem�ht, sich zu beherrschen. Ja, sie ahnte wohl, was wir vorhatten, und sie kannte ihre Schw�che.</p><p>Aus der Ferne h�rten wir dumpfes Gewittergrollen. Der Skop schlug die Saiten und fuhr fort.</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Nun musste die sch�ne Demetria dienen. </emphasis></p><p><emphasis>Niedere Arbeiten wurden ihr zugemutet. </emphasis></p><p><emphasis>Sie teilte das Lager mit schmutzigen M�gden. </emphasis></p><p><emphasis>Dennoch erbl�hte sie immer mehr und �bertraf alle reich geputzten jungen Damen an Anmut und vornehmer Haltung. </emphasis></p><p><emphasis>Grafen und andere Edle bemerkten dies und versuchten, sich ihr zu n�hern. </emphasis></p><p><emphasis>Doch alle wies sie voller Entr�stung ab. </emphasis></p><p><emphasis>Sie wartete auf ihren Befreier. </emphasis></p><p><emphasis>Nur er war es, den sie mit hei�em Herzen herbeisehnte. </emphasis></p><p><emphasis>In Soissons, wo sie im Haus eines Bischofs diente, erschien eines Tages ihr Held. </emphasis></p><p><emphasis>Er hie� Adalmar.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Frau Begga stie� einen schweren Seufzer aus. Ein Blitz zuckte hinten am Horizont. Die blonden Haare des S�ngers flatterten. Die M�nner auf der Wiese erhoben sich einer nach dem anderen und traten n�her, um nichts zu verpassen.</p><p>Frau Beggas Blick hing an Siegrams Mund und nun erklomm er mit seiner Stimme strahlende H�hen.</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Er war der herrlichste Mann, den es je gab. </emphasis></p><p><emphasis>Er konnte die Sonne ersetzen, wenn sie nicht schien. </emphasis></p><p><emphasis>Sie liebten sich und er bot ihr die Hand zum Ehebund. </emphasis></p><p><emphasis>Aufgrund von untr�glichen Zeichen erwies sich nun auch ihre hohe Geburt. </emphasis></p><p><emphasis>Die sch�ne Demetria war gl�cklich. </emphasis></p><p><emphasis>Alles hatte sich zum Guten gewendet. </emphasis></p><p><emphasis>Sie begleitete ihren Geliebten und Gatten auf seinen Reisen von Land zu Land. </emphasis></p><p><emphasis>Die Gro�en bewunderten seine Kunst und huldigten ihrer Sch�nheit. </emphasis></p><p><emphasis>Kein edleres Paar ward je gesehen als Adalmar und Demetria. </emphasis></p><p><emphasis>Aber die b�sen M�chte ruhten nicht. </emphasis></p><p><emphasis>Sie neideten den beiden ihr Gl�ck. </emphasis></p><p><emphasis>In einem finsteren Winkel, wo sie herbergen mussten, ereilte den herrlichen Mann sein Schicksal. </emphasis></p><p><emphasis>Eine Zauberin lockte ihn in einen Hinterhalt. </emphasis></p><p><emphasis>Ein Unhold erschlug ihn mit seinem Beil!</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Jetzt schrie die Frau auf. Ein Blitz beleuchtete grell ihr Gesicht. Ein Windsto� riss ihr den Schleier vom Kopf, der davon wehte, �ber die Reihen der M�nner hinweg.</p><p>Der S�nger wartete nur den Donnerschlag ab.</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>So wurde die sch�ne Demetria wieder ins Ungl�ck gesto�en.</emphasis></p><p><emphasis>Niemand vermochte die Tr�nen zu z�hlen, die sie um Adalmar vergoss. </emphasis></p><p><emphasis>Doch als sie keine mehr hatte, erhob sie das stolze Haupt. </emphasis></p><p><emphasis>Nein, diesmal wollte sie nicht wieder Opfer sein. </emphasis></p><p><emphasis>Sie wollte sich den dunklen Gewalten nicht beugen. </emphasis></p><p><emphasis>Sie erinnerte sich ihrer Kraft und sie beschloss, den Kampf aufzunehmen. </emphasis></p><p><emphasis>So harrte sie in dem finsteren Winkel aus, um ihn nicht eher zu verlassen, als sie gesiegt hatte. </emphasis></p><p><emphasis>Die Zauberin tarnte sich gern als flei�ige Hausfrau. </emphasis></p><p><emphasis>Eines Tages zwang sie Demetria, mit ihr die W�sche zu besorgen.</emphasis></p><p><emphasis>Leichtfertig stieg sie ins tiefe Wasser hinein. </emphasis></p><p><emphasis>Da �berwand sich die sch�ne Demetria und gab der Zauberin einen Sto�. </emphasis></p><p><emphasis>Das furchtbare Weib versank in den Fluten.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>�Sie ist ertrunken wie eine Ratte!�, sagte Frau Begga und lachte auf.</p><p>Sie war auf den S�nger zugegangen, unwiderstehlich angezogen. Ihr funkelnder Blick, die sprechenden Gesten, mit denen sie das, was er vortrug, best�tigte � alles verriet sie. Jede Vorsicht vergessend, war sie nicht mehr f�hig, sich zu beherrschen.</p><p>Die ersten Regentropfen fielen. Das Paar stand sich gegen�ber, vor einer Wand herandr�ngender Zuh�rer. Auch wir Richter standen auf, traten n�her.</p><p>Siegram schlug auf der Harfe schrille T�ne an.</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Das Gute hatte gesiegt. </emphasis></p><p><emphasis>Aber der Sieg war nicht vollst�ndig. </emphasis></p><p><emphasis>Noch lebte der Unhold, der den herrlichen Adalmar ermordet hatte.</emphasis></p><p><emphasis>Mit der grausamen Willk�r des Despoten herrschte er in seinem Winkel. </emphasis></p><p><emphasis>Uners�ttlich war seine Gier nach Gold und Geschenken. </emphasis></p><p><emphasis>Die sch�ne Demetria wusste, dass ihr nun das Schwerste bevorstand. </emphasis></p><p><emphasis>Der Schurke hatte sein begehrliches Auge auf sie geworfen. </emphasis></p><p><emphasis>Lange rang sie mit sich, denn er ekelte sie. </emphasis></p><p><emphasis>Sie wollte nicht wieder Opfer sein, aber sie opferte sich ihrer Rache. </emphasis></p><p><emphasis>So entschloss sie sich, mit ihm das Bett zu teilen. </emphasis></p><p><emphasis>Viele Jahre litt sie und wartete. </emphasis></p><p><emphasis>Nie verga� sie, was sie zu tun hatte. </emphasis></p><p><emphasis>Endlich kam jene Nacht. </emphasis></p><p><emphasis>Er betrank sich, erzwang sein Gattenrecht. </emphasis></p><p><emphasis>Dann schlief er ein. </emphasis></p><p><emphasis>Er wollte am Morgen fort, um gegen Feinde zu reiten. </emphasis></p><p><emphasis>Aber sie wusste, dass im Krieg nur die Edlen und Tapferen fallen.</emphasis></p><p><emphasis>Der feige Unhold w�rde mit reicher Beute zur�ckkehren. </emphasis></p><p><emphasis>Sie durfte nicht l�nger z�gern. </emphasis></p><p><emphasis>Der Pfeil der Awaren, der ihn im Kampf nicht finden w�rde, traf den M�rder unter dem eigenen Dach. </emphasis></p><p><emphasis>Die sch�ne Demetria hatte ihre Rache vollendet!</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Ihre Augen leuchteten. Sie lachte befreit und streckte Siegram die H�nde entgegen.</p><p>�So war es! Wie wunderbar du es besungen hast! Nur du warst imstande, es ihnen zu sagen. Ich selber h�tte es nicht gekonnt. Wolltest du deshalb nicht mit mir fliehen? Wolltest du nicht mit mir fort, ohne ihnen gesagt zu haben, wie gro� und edel meine Rache war?�</p><p>Sie dr�ckte seine Hand wie an jenem ersten Abend, den Blick tief in den seinen versenkt.</p><p>Der Himmel hinter den schwarzen Wolken war jetzt fast gelb. Ringsum blitzte es auf, in kurzen Abst�nden folgten die Donnerschl�ge. Es war, als feierte Donar, der germanische Gott mit dem Feuerbart, den Triumph des heidnischen Brauchs der Blutrache mit einem Freudengewitter. Immer dickere Tropfen fielen. Wie eine Herde umdr�ngten wir das Paar in der Mitte. Langm�hnig, blond, alle anderen �berragend, schienen die beiden uns nicht mehr wahrzunehmen. Als w�ren sie aus l�ngst vergangenen Zeiten zu uns her�ber gekommen, zelebrierten sie ihr Ritual.</p><p>Sie bat: �Singe weiter! Berichte alles!�</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Am Tage nach der Vollendung ihrer Rache hatte die sch�ne Demetria einen Traum. </emphasis></p><p><emphasis>Adalmar, ihr Geliebter und Gatte, erschien ihr. </emphasis></p><p><emphasis>Es war ihr, als kehrte er zur�ck, um ihr f�r ihre Standhaftigkeit und ihren Opfermut zu danken. </emphasis></p><p><emphasis>Ein hei�es Gef�hl des Gl�cks und der Freude durchstr�mte sie, zum ersten Mal seit so vielen Jahren. </emphasis></p><p><emphasis>Sie zog f�r ihn ihr bestes Gewand an. </emphasis></p><p><emphasis>Sie schm�ckte sich mit Ketten und Ringen. </emphasis></p><p><emphasis>Aber da h�rte sie eine Stimme, die sie verspottete. </emphasis></p><p><emphasis>Es war eine b�sartig z�ngelnde Schlange, die Tochter der Zauberin und des Unholds, die ihren Traum zerst�ren wollte. </emphasis></p><p><emphasis>Die Schlange lie� nicht von ihr ab und ihre Bisse verletzten die sch�ne Demetria. </emphasis></p><p><emphasis>Sie war verzweifelt, doch pl�tzlich sah sie, wie das b�se Reptil, geblendet von den Juwelen, den Kopf in ihre Truhe steckte. </emphasis></p><p><emphasis>Rasch warf sie den Deckel zu, die Schlange starb.</emphasis></p><p><emphasis>Der Traum war gerettet �</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>�Ja!�, rief die Frau. �So starb die Schlange! Aber es ist kein Traum. Singe weiter! Was geschieht nun? Singe! Du wei�t es doch! Warum schweigst du? Warum verstummst du?�</p><p>�Das gen�gt, Herr Siegram!�, sagte Graf Hrotbert. �Sie hat die drei Morde gestanden. Ihr habt es alle geh�rt. Ihr seid Zeugen!�</p><p>Pl�tzlich war das Gewitter �ber uns. Aus den gelben Wolkengebirgen schossen Blitze in alle Richtungen, gefolgt von markersch�tterndem Donnerget�se. Die schwarzen Wolken entluden sich sintflutartig. Alles st�rzte zum Saalhaus und unter die D�cher der H�tten.</p><p>Siegram verbarg die Harfe unter seinem seidenen Umhang. Frau Begga wollte sich an ihm festklammern, aber er riss sich los. Da glitt sie aus und st�rzte zu Boden. Mit langen S�tzen, den Kopf eingezogen, in geb�ckter Haltung die Harfe an sich dr�ckend, rannte er auf ein trockenes Pl�tzchen zu.</p><p>Auch ich hatte meine Kutte gerafft und das sch�tzende Dach des Saalhauses erreicht. Als ich zur�ckblickte, sah ich durch die dicken, graugelben Streifen des Regens, im zuckenden Licht der Blitze unten auf dem Gerichtsplatz nur noch zwei Menschen: die ehemalige Zentgr�fin, die reglos auf dem schlammigen Boden lag, und Odo, der sich um sie bem�hte. Auch um ihn hatte sich niemand gek�mmert. Auf seinen Stock gest�tzt, hatte er sich der Frau gen�hert, und jetzt versuchte er, sie zum Aufstehen zu bewegen.</p><p>�ber hundert M�nner standen ringsum unter B�umen und D�chern und sahen zu. Kein Einziger r�hrte sich zur Hilfe. Auch ich nicht.</p><empty-line/><empty-line/><p>Das Gewitter zog schnell vor�ber und die au�erordentliche Gerichtsversammlung trat gegen Abend noch einmal zur Verk�ndung des Urteils zusammen.</p><p>Nat�rlich wurde der S�nger freigesprochen. Gegen Frau Begga will Hrotbert selbst, wie schon vorher beabsichtigt, vor dem Grafschaftsgericht Anklage erheben. Da ihre Sache v�llig aussichtslos ist, wurde sie sofort in Verhaft genommen. Um aber zu vermeiden, dass auch in diesem Fall wieder Rache dem Richterspruch vorgreift, brachten Gefolgsleute Hrotberts sie noch am selben Abend auf eines der G�ter des Grafen.</p><p>F�r die Verhandlung vor dem Grafschaftsgericht wird �brigens nicht, wie zun�chst vorgesehen, die n�chste turnusm��ige Versammlung, das �echte Ding� der Lex Salica, abgewartet, sondern sie soll bereits in ein paar Tagen stattfinden. Wir werden dann allerdings nicht mehr hier sein. Der besondere Grund f�r die Eile ist die Ankunft eines syrischen Sklavenh�ndlers, der schon ein begehrliches Auge auf die sch�ne Demetria geworfen hat. Er will das Ergebnis der Gerichtsversammlung abwarten, das im Grunde aber feststeht. Es geht nur noch um die H�he des Wergelds. Zwar hat sich herausgestellt, dass Begga-Demetria von ihrem ersten Gemahl Schmuck und Juwelen von betr�chtlichem Wert geblieben sind, doch wird das nicht reichen, um die Verwandten ihrer drei Opfer zu entsch�digen. Unvermeidlich wird der Verlust ihrer Freiheit sein. Der H�ndler will den Rest zahlen, nicht weniger als f�nfzig Solidi, den h�chsten Betrag, wie er versicherte, den er jemals f�r eine Sklavin aufbringen musste.</p><p>Die Idee des Verkaufs an den Syrer hatte �brigens Odo. Er f�hrte mit dem Mann ein l�ngeres Gespr�ch, in dem es um Hispanien und das arabische Emirat ging, wo er sich, wie ich schon erw�hnte, auskennt. Der H�ndler ist dorthin unterwegs und Odos s�ndige Phantasie eilte ihm gleich voraus in den Harem des Emirs. Sie waren sich schnell dar�ber einig, dass eine blonde Riesin dort hoch willkommen sein w�rde.</p><p>Ich habe allerdings den Verdacht, dass Odo mit diesem Gesch�ft eine geheime Hoffnung verbindet. Um nach C�rdoba, dem Sitz des Emirs, zu gelangen, muss der H�ndler seinen Treck durch Aquitanien und die Gascogne f�hren. Odo hofft, wie ich bef�rchte, dass Demetria dort, in ihrer Heimat, irgendwie die Flucht gelingt. Vielleicht ist das sogar ein Teil der Abmachung. Unvergesslich wird mir das Bild bleiben, wie sich Odo, obwohl verletzt und behindert, bei Gewitter und Regen �ber die am Boden liegende Frau beugte und ihr aufhelfen wollte.</p><empty-line/><empty-line/><p>Zum Schluss kehre ich noch einmal in Petrissas Schenke zur�ck.</p><p>Dort erschien am Morgen nach seinem Freispruch Herr Siegram, um seinen jungen Diener, den Aimo, zu holen. Aimo hatte sich aber inzwischen mit Witzlaw angefreundet, machte ein saures Gesicht und wollte seinem Herrn nicht folgen. Und Odo erkl�rte dem S�nger, dass es besser f�r ihn sei, auf den Jungen zu verzichten, sonst werde er vielleicht doch noch gro�e Unannehmlichkeiten bekommen. Siegram weigerte sich emp�rt. Es kam zu einem heftigen Auftritt, in dessen Verlauf Odo mit seinem einsatzf�higen Arm alle in seiner N�he befindlichen Gegenst�nde nach dem S�nger schleuderte: seinen Stock, seinen Becher, einen Hocker und sogar ein Fass. Zum Gl�ck hatte er seine Waffen nicht griffbereit.</p><p>�Das ist Raub!�, schrie Siegram. �Der Junge ist mein Knecht, ich verklage Euch!�</p><p>�Gut�, erwiderte Odo, �Ihr habt das Recht, mich zu verklagen. Aber bringt die Sache gleich vor das Hofgericht. Nur dort ist man f�r �bergriffe der K�nigsboten zust�ndig.�</p><p>Darauf stie� der S�nger nur noch laute Verw�nschungen aus, bestieg sein Pferd und ritt davon.</p><p>�Ich wusste ja gleich, ich w�rde mich mit Goldkehlchen einigen�, sagte Odo zufrieden, als er mir die Geschichte erz�hlte.</p><p>�Das nennst du einigen? Und wenn er nun zum Hofgericht geht und uns anklagt?�</p><p>�Wo denkst du hin! Er wird sich h�ten.�</p><p>�Aber der Junge geh�rt ihm. Er kann zumindest verlangen ��</p><p>�Nichts wird er verlangen.�</p><p>�Und warum nicht? Was macht dich so sicher?�</p><p>Odo grinste nur und pfiff vor sich hin.</p><p>�Willst du es mir nicht endlich sagen?�, dr�ngte ich. �Du wirfst ihm doch irgendetwas vor, was ihn andererseits in deinen Augen entlastet hat. Wie kam es, dass du nach seiner Festnahme pl�tzlich der Meinung warst, er sei unschuldig? Vorher hattest du ihn w�tend verfolgt!�</p><p>�Verstehst du wirklich nicht?�</p><p>�Wie fandest du ihn?�</p><p>�Du meinst, auf der Blumenwiese? Bekr�nzt! Und au�er mit Dichten und Harfeschlagen noch mit einer anderen Kurzweil besch�ftigt. Die soll mal in Sodom sehr beliebt gewesen sein, weshalb sie im Reich unseres frommen Alten verboten ist. Es ist also besser, der Junge bleibt hier. Der sp�te Hellene hat das eingesehen, wenn auch z�hneknirschend.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Und damit beende ich meine Erz�hlung, mein lieber Volbertus.</p><p>Ich habe das letzte Blatt Pergament beschrieben, unsere Vorr�te sind ersch�pft. Sie haben gerade noch f�r einen Bericht an den Herrn Pfalzgrafen gereicht, damit recht bald �ber die Neuvergabe der erledigten Benefize entschieden wird. Ich hoffe, im Skriptorium von Fulda werden mir meine alten Bekannten aus der Verlegenheit helfen. In drei Tagen wollen wir dort sein.</p><p>Gerade kommt Odo von seinem ersten Ausritt zur�ck.</p><p>Wei�t Du, was er mir zuruft`?</p><p>�Mach endlich Schluss mit der Schreiberei! Wie lange willst du uns noch damit aufhalten?�</p><p>Er spr�ht schon wieder vor Tatendrang. Unbedingt will er sich auf dieser Reise die Grafschaft verdienen. Und die Prinzessin Rotrud hat er sich noch immer nicht aus dem Kopf geschlagen.</p><p>Auf nach Sachsen! Die Spur des verschollenen Theofried harrt der Entdeckung. Sobald es sich lohnt, berichte ich Dir.</p><p>Leb wohl!</p></section><section><title><p><strong>Dramatis personae</strong></p></title><p><emphasis>Im Laufe der Handlung auftretende oder namentlich erw�hnte Personen</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p><strong>Karl</strong>, K�nig der Franken und Langobarden</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>Odo</strong>, Vasall des K�nigs (K�nigsbote)</p><p><strong>Lupus</strong>, M�nch und Diakon (K�nigsbote)</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>Hrotbert</strong>, Graf</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>Mommo</strong>, Zentgraf</p><p><strong>Begga</strong>, seine Gemahlin</p><p><strong>Muthgard</strong>, seine fr�here Gemahlin</p><p><strong>Chrodelind</strong>, seine Tochter,</p><p><strong>Farold</strong>, sein Schwiegersohn</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>Hauk</strong>, Gutsherr, Bruder des Mommo</p><p><strong>Arnfried</strong>, ein Verwandter der Br�der, Gutsverwalter</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>Siegram</strong>, Dichter und S�nger</p><p><strong>Aimo</strong>, sein Begleiter</p><p><strong>Adalmar</strong>, Dichter und S�nger, erster Gemahl der Begga</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Am Hofe</emphasis></p><p><strong>Fastrade</strong>, K�nigin, Karls Gemahlin</p><p><strong>Rotrud</strong>, Karls �lteste Tochter</p><p><strong>Der Erzkaplan</strong></p><p><strong>Der Kanzler</strong></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Unterwegs</emphasis></p><p><strong>Ein Pferdeh�ndler</strong></p><p><strong>Ein K�hler</strong></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Auf dem Salhof und im Castell</emphasis></p><p>Petrissa, Schankwirtin</p><p><strong>Witzlaw</strong>, ihr Sohn</p><p><strong>Celsa</strong>, Magd</p><p><strong>Ermelinde</strong>, B�uerin</p><p><strong>Blado</strong>, Wilderer</p><p><strong>Frambert</strong>, sein Sohn, Wilderer</p><p><strong>Ein alter Knecht</strong></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Im Gefolge der K�nigsboten</emphasis></p><p><strong>Rouhfaz</strong>, Diener und Schreiber</p><p><strong>Fulk</strong>, Anf�hrer des Schutztrupps</p><p><strong>Drei M�nner des Schutztrupps</strong></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>sowie die beiden animalischen Reiseteilnehmer</emphasis></p><p><strong>Impetus</strong>, ein Grauschimmel</p><p><emphasis>Grisel</emphasis>, ein Esel</p></section><section><title><p><strong>Glossar</strong></p></title><p><strong><emphasis>ad vicem nostram</emphasis></strong></p><p>(lat.) an Unserer Stelle</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Allodbauern </emphasis></strong></p><p>freie Bauern mit vererbbarem Eigentum an Grund und Boden</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Benefiz</emphasis></strong></p><p>(von lat. <emphasis>beneficium</emphasis> � Wohltat, Verdienst) aufgrund erwiesener Dienste �bertragenes Gut oder Recht</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Br�nne</emphasis></strong></p><p>Schutzgewand aus eisernen Ringen und Schuppen</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Friedelehe </emphasis></strong></p><p>(von ahd. <emphasis>friudila</emphasis> � Geliebte) eine aus dem germanischen Recht �bernommene Eheform, bei der die Frau sich nicht unter die Vormundschaft (<emphasis>munt</emphasis>) des Mannes begab und so eine freiere, wen auch weniger gesicherte Stellung erlangte</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Hufe</emphasis></strong></p><p>etwa die eine Bauernfamilie ern�hrende Nutzfl�che (zwischen 7 und 15 Hektar)</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Kebsweib </emphasis></strong>oder <strong><emphasis>Kebse</emphasis></strong></p><p>(von ahd. <emphasis>Kebisa</emphasis> � Magd) nicht rechtm��ig angetraute, d.h. nicht durch Erlegung eines Brautpreises erworbene Nebenfrau</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Lex Salica</emphasis></strong></p><p>das Volksrecht der salischen Franken, bereits unter K�nig Chlodwig um 510 aufgezeichnet. Eine Lex Saxonum kam auf Veranlassung Karls des Gro�en im Jahre 802 zustande</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Mancusus</emphasis></strong></p><p>(eigtl. <emphasis>manqush</emphasis>) arabische M�nze</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Merowinger</emphasis></strong></p><p>das K�nigsgeschlecht, das seit dem sp�ten f�nften bis zum mittleren achten Jahrhundert im Frankenreich herrschte. Der Vater Karls des Gro�en, der Hausmeier Pippin, entthronte 751 den letzten Merowinger und begr�ndete damit die Herrschaft der Karolinger</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>per verbum nostrum </emphasis></strong></p><p>(lat.) Auf Unser Gehei�; mit dem Gewicht Unseres Namens</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Salhof </emphasis></strong></p><p>(ahd. <emphasis>selihof</emphasis>) Herrenhof</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Seneschalk</emphasis></strong></p><p>hoher Beamter, f�r die Verwaltung und die Versorgung des Hofes</p><p>mit Speisen zust�ndig</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Sodom </emphasis></strong></p><p>mythische Stadt in einer Erz�hlung des Alten Testaments, von Gott wegen der S�nden seiner Bewohner zerst�rt. Als Sodomiten bezeichnete man im Mittelalter u. a. auch Homosexuelle</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Thingst�tte</emphasis></strong></p><p>(auch Dingst�tte) Schauplatz der Volks- und Gerichtsversammlungen</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>vassus regis</emphasis></strong></p><p>(lat.) Vasall des K�nigs</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Wergeld </emphasis></strong></p><p>vom T�ter als Bu�e an die Sippe des Opfers zu zahlende Geldsumme (eigtl. �Manngeld� von ahd. <emphasis>wer</emphasis> � Mann)</p><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Zentgraf</emphasis></strong></p><p>Stellvertreter des Grafen und Vorsteher einer Zent (Siedlungsverband mit eigener Gerichtsbarkeit)</p></section></body><binary id="cover" 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