<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>thriller</genre><genre>sf_horror</genre><author><first-name>Robert</first-name><last-name>Masello</last-name></author><book-title>Das letzte Relikt</book-title><annotation><p>USA Today Bestseller.</p><p>In einer H�hle am italienischen Lago d'Averno in der N�he von Neapel wird ein in einem Fels eingeschlossenes Fossil entdeckt. Es weist Klauen, aber auch Aspekte der Menschenartigen auf - nur dass es viel zu alt ist, um zu dieser Gattung zu passen. Professor Russo l�sst das Fossil nach New York transportieren, wo er gemeinsam mit Carter Cox, einem befreundeten Pal�ontologen, weitere Untersuchungen vornehmen will. Bei einem Unfall im Labor erwacht die im Fels eingeschlossene Kreatur zum Leben. Ein Mitarbeiter wird get�tet und Russo schwer verletzt. Er schw�rt, dass er ein lebendes Wesen aus Licht gesehen hat. Carter Cox hat M�he, Russos Geschichte zu glauben, versucht aber, der Wahrheit auf die Spur zu kommen - und bringt sich und seine Frau Beth, eine Kunsthistorikerin, in Gefahr. Unerwartete Hilfe erhalten sie schlie�lich von einem jungen Religionsforscher, Ezra Metzger, der in Israel eine der Schriftrollen vom Toten Meer gestohlen und in die USA geschmuggelt hat - Teile des verlorenen biblischen Buchs Henoch. Ezra �bersetzt sie und st��t auf Antworten auf die Frage, um welche Art von Wesen es sich bei dem Fossil handelt.</p><empty-line/><p><strong>�ber Robert Masello</strong></p><p>Robert Masello, geboren in Evanston, Illinois, studierte Literatur in Princeton, und ist ein preisgekr�nter Journalist und Drehbuchautor. Seine Beitr�ge erschienen in Zeitungen und Zeitschriften, u.a. Los Angeles Times, The Washington Post, New York Magazine und People. Er schrieb f�r erfolgreiche Fernsehserien, u.a. �Charmed�. In den USA erschienen mehrere Romane und Sachb�cher von ihm. Im Fischer Taschenbuch Verlag ist sein Bestseller �Eisiges Blut� (Bd. 18519) lieferbar. Robert Masello lebt in Santa Monica, Kalifornien.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-05-26">17.12.2012</date><id>BE82F16A-A0D2-4E18-A347-53993A8D927D</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>S. Fischer Verlag GmbH </publisher><city>Frankfurt am Main</city><year>2011</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><strong><emphasis>�Die Suche nach Verst�ndlichkeit,</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>welche die Wissenschaft charakterisiert,</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>und die Suche nach Bedeutung,</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>welche die Religion charakterisiert,</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>sind zwei notwendige miteinander</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>verflochtene Str�nge menschlichen Unter-</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>fangens und stehen einander nicht entgegen.</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>Sie sind essentiell f�r einander, komplement�r,</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>aber eindeutig und inst�ndig miteinander</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>interagierend � genau wie die beiden</emphasis></strong></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong><emphasis>spiralf�rmigen Str�nge der DNA selbst.�</emphasis></strong></p><empty-line/><p><strong><strong>Reverend Canon Dr. Arthur Peacocke, anl�sslich der Verleihung des Templeton Preises am 8. M�rz 2001</strong></strong></p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Prolog</strong></p></title><p><emphasis>Lago d�Averno, Italien</emphasis></p><p>Tr�ge tanzte das Boot auf dem Wasser, die Wellen schlugen leise an seine Seiten. Kevin lag auf dem Deck und sog die Sonnenstrahlen auf. Eine Hand umfasste die Bierdose, die F��e hatte er gegen das aufgerollte Segel gest�tzt. Davon hatte er seit Tagen getr�umt. W�hrend des endlosen Probe-Essens mit den d�mlichen Trinkspr�chen, w�hrend der aufwendigen Hochzeit und dem noch aufwendigeren anschlie�enden Empfang im Country Club von Great Neck. Selbst danach. Als er die Gl�ckw�nsche der G�ste entgegennahm und Leuten die H�nde sch�ttelte, die er nie zuvor gesehen hatte und wahrscheinlich auch nie wieder sehen w�rde, z�hlte er die Stunden, bis er endlich w�rde entrinnen k�nnen. Er konnte an nichts anderes denken als an den Moment, in dem Jennifer und er endlich allein sein w�rden. Allein an einem Ort, an dem es keine Bands gab, keine T�nze, keine Torten, die angeschnitten, Geschenke, die gew�rdigt, oder Fremde, die begr��t werden mussten.</p><p>Und jetzt war er zweifelsohne dort.</p><p>Auf dem Flug vom Kennedy Airport nach Rom hatte er fast die ganze Zeit geschlafen. Erst auf dem k�rzeren Anschlussflug nach Neapel hatte er sich endlich gef�hlt, als sei er tats�chlich auf dem Weg in die Flitterwochen. Jennifer und er hatten es geschafft, zwei nebeneinanderliegende Pl�tze am Gang zu ergattern. Unter der roten Alitalia-Decke alberten sie zum ersten Mal auf � oder zumindest <emphasis>�ber</emphasis> � einem anderen Kontinent herum.</p><p>�Europa und Nordamerika sind abgehakt�, hatte Jennifer l�chelnd gefl�stert. �Fehlen also nur noch f�nf Kontinente.�</p><p>�Ich rufe das Reiseb�ro an, sobald wir wieder zur�ck sind�, erwiderte Kevin.</p><p>Das Mietboot geh�rte zum Gesamtpaket der Reise dazu. Es war nicht so sch�n wie diejenigen des Country Clubs, mit denen Kevin regelm��ig segelte, aber es hatte alles, was sie brauchten � eine K�hlbox, einen CD-Player und einen Schrank, gef�llt mit allem Notwendigen von Sonnencreme bis Kondome (die Italiener dachten einfach an alles). Sie hatten drei Tage am See, um sich zu entspannen und richtig anzukommen, ehe es weiterging nach Venedig. Zum Gl�ck zahlten Jennifers Eltern die Rechnung.</p><p>Er h�rte es spritzen, und kaltes Wasser traf ihn im hohen Bogen an den Beinen.</p><p>�Komm schon!�, rief Jennifer neben dem Boot. �Willst du dich etwa gar nicht bewegen?�</p><p>Kevin drehte sich um und st�tzte sich auf den Ellenbogen. Jennifer paddelte in ihrem hellroten Bikini in dem azurblauen See. Ihr langes braunes Haar breitete sich �ber den Schultern aus.</p><p>�Warum kommst du nicht zur�ck an Bord?�, sagte er. �Wir k�nnen uns auch hier bewegen.�</p><p>�Das ist aber kein Aerobic.�</p><p>�Es w�re es, wenn du es richtig machen w�rdest.�</p><p>Jennifer lachte, dann entfernte sie sich paddelnd vom Boot. Kevin beobachtete, wie sie gem�chlich auf die zerkl�fteten grauen Klippen zuschwamm, welche die Bucht umgaben, in der sie ankerten. Er trank das Bier aus und warf die Dose in die K�hlbox, dann stand er auf und streckte sich. Schwimmen war vielleicht gar keine so schlechte Idee.</p><p>Er ging am Mast vorbei und nahm sich eine Sekunde Zeit, um sich gegen den Schock des kalten Wassers auf seiner hei�en Haut zu wappnen. Schlie�lich vollf�hrte er einen perfekten Kopfsprung in den See. Das Wasser war sogar noch k�lter als erwartet. Prustend tauchte er wieder auf und wischte sich die nassen Haare aus den Augen.</p><p>�Hier bin ich!�, rief Jennifer.</p><p>Kevin blickte sich um, doch alles, was er erkennen konnte, war das Aufleuchten ihres roten Bikinis irgendwo rechts von ihm. Er begann, darauf zuzuschwimmen. Das Wasser war so klar, dass er seine Arme sah, wenn sie es durchschnitten.</p><p>�Du kommst <emphasis>nie</emphasis> darauf, was ich gefunden habe.�</p><p>�Atlantis?�, sagte er.</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Als er sich ihr n�herte, gew�hnte er sich allm�hlich an die Wassertemperatur. In ein oder zwei Minuten k�nnte es sich tats�chlich erfrischend anf�hlen. Jetzt konnte er erkennen, dass Jennifer vor einer kleinen H�hle in den Klippen Wasser trat. Zerkl�ftete graue Felsen ragten �ber den Eingang.</p><p>�Sieh mal�, sagte sie, �man kann hineinsehen.�</p><p>Kevin schwamm an ihre Seite und hielt sich an einem �berh�ngenden Felsen fest. Sie hatte recht. Das Sonnenlicht, das auf dem Wasser glitzerte, wurde in der engen Grotte reflektiert. Etwas in ihrem Inneren, m�glicherweise ein phosphoreszierendes Mineral, lie� die W�nde funkeln, als seien sie mit Millionen winziger Diamanten bedeckt.</p><p>�Sieh nur, wie es funkelt�, sagte Jennifer, tauchte unter dem �berh�ngenden Felsen hindurch und auf die �ffnung der H�hle zu.</p><p>�Das ist vielleicht keine so gute Idee�, warnte Kevin.</p><p>Doch mit einer weiteren kr�ftigen Armbewegung war sie bereits in der H�hle. �Huh, ist das unheimlich hier�, sagte sie. Ihre Stimme hallte hohl von den steinernen W�nden wider. �Und es scheint hier eine Klimaanlage zu geben.�</p><p><emphasis>Was bleibt mir anderes �brig, als ihr zu folgen?</emphasis>, dachte Kevin. <emphasis>Selbst wenn es eine schlechte Idee ist</emphasis>. Er zog den Kopf ein und paddelte hinter ihr her in die H�hle. Kaum hatte er den Eingang passiert, w�rmte die hei�e Sonne nicht l�nger seinen Hinterkopf. Stattdessen umfing ihn eine kalte uralte Luft.</p><p>Jennifer, wenige Meter von ihm entfernt, schien auf irgendetwas zu stehen und st�tzte sich mit einer Hand an der niedrigen Decke der Grotte ab.</p><p>�Hier ist ein Felsvorsprung�, sagte sie. �Pass auf, wo du hintrittst.�</p><p>Eine Sekunde sp�ter stie� er sich das Schienbein an einer Felszunge unter Wasser. �Verdammt.�</p><p>�Tut mir leid. Ich habe mir auch den Zeh gesto�en, falls das ein Trost ist.�</p><p>�Ist es nicht.� Vorsichtig setzte er seine F��e auf den glatten schleimigen Felsen. Etwas, das er f�r Algen hielt, strich um seine Kn�chel.</p><p>�Was, wenn wir die ersten Menschen w�ren, die diesen Ort entdecken?�, wisperte Jennifer.</p><p>�Ich w�rde meinen, dass schon vor uns jemand hier geankert und sie gefunden hat.�</p><p>�Aber haben die Leute nicht gesagt, dass es dieses Jahr ungew�hnlich trocken und der Wasserstand des Sees niedriger sei als je zuvor?�</p><p>�Stimmt, ich erinnere mich.�</p><p>�Also kann es doch gut sein, dass diese H�hle noch nie zuvor oberhalb des Wasserspiegels lag.�</p><p>Kevin zuckte die Achseln. Vermutlich war das durchaus m�glich. Im d�mmrigen flirrenden Licht, das von den Wellen hereingetragen und von den kristallinen Felsen gebrochen wurde, erweckte die H�hle den Eindruck, als sei nie zuvor ein menschliches Wesen hier eingedrungen. Die H�hle kam ihm vor wie � wie das �lteste Ding, das er je gesehen hatte. �lter als die steilen Felsh�nge des Grand Canyon, �lter als die Dinosaurierknochen, die er im Naturkundemuseum gesehen hatte, �lter als alles, das er sich auch nur vorstellen konnte. Ein eiskalter Schauder lief ihm �ber den R�cken.</p><p>�Komm�, sagte er, �hier ist es kalt. Und das Wetter kann jeden Moment umschlagen.�</p><p>�In diesem Fall sollten wir uns besser beeilen�, sagte Jennifer und warf ihm die Arme um den Hals. �Das wird unser geheimer Ort sein, f�r alle Ewigkeit.� Sie presste ihren K�rper gegen seinen und k�sste seine Lippen. Kevin wollte sich widersetzen, wollte, dass sie beide hier rauskamen, doch als er sp�rte, wie sie ihre Br�ste gegen seinen Brustkorb presste und der d�nne Bikinistoff an seiner Haut rieb, l�ste sich seine angeborene Vorsicht in Luft auf. Er legte die Arme um ihre H�fte und zog sie noch enger an sich. Er schloss die Augen. Wenn dies nicht der perfekte Moment war, um ihre Flitterwochen zu feiern, welcher dann? Er �ffnete sie erst wieder, als Jennifer unvermittelt aufkeuchte und sich von ihm losriss.</p><p>�Was ist das?�, sagte sie und starrte �ber seine Schulter.</p><p>Selbst wenn er geglaubt h�tte, sie wolle ihn verulken, verriet ihm ihr Gesichtsausdruck, dass sie keinen Witz machte. Hastig wandte er den Kopf um und sah es ebenfalls.</p><p>Eingebettet in den glitzernden Felsen, als k�mpfte es selbst jetzt noch darum, freizukommen, erkannte er etwas wie Krallen, scharf und ausgestreckt, lang und gebogen. Sie waren deutlich zu erkennen, obwohl sie mit der steinernen Wand verschmolzen waren.</p><p>�Das ist ein Fossil�, sagte er, obwohl er es selbst kaum glauben konnte.</p><p>�Von was?�</p><p>Er beugte sich vor, doch das Wasser schwappte gegen die funkelnden W�nde, und es war schwer zu erkennen, ob die Krallen mit etwas unterhalb der Wasserlinie verbunden waren. Oder waren es nicht eher Klauen?</p><p>�Du hast mich erwischt�, sagte er. �Bio war noch nie meine St�rke.�</p><p>�Was immer es ist, es macht mir Angst�, sagte Jennifer. In ihrer Stimme schwang Unbehagen mit. �Lass uns von hier verschwinden.�</p><p>Kevin stimmte ihr aus vollem Herzen zu, aber er wollte Jennifer nicht noch mehr Angst einjagen, als sie ohnehin schon hatte. �Geh du zuerst. Aber f�r den Fall, dass es wertvoll ist, sollte ich vielleicht ein kleines St�ckchen herausmei�eln.�</p><p>�Nein!�, schrie Jennifer. �Mach das nicht! Fass es nicht einmal an!�</p><p>�Ich habe einen Witz gemacht�, erwiderte er beruhigend. �Ich habe doch gar keinen Mei�el dabei.� Er merkte, dass es nicht der richtige Moment f�r Scherze war. �Lass uns zum Boot zur�ckschwimmen. Du zuerst, ich komme gleich nach.�</p><p>Sie tauchte an ihm vorbei ins dunkle Wasser. Als er sich umdrehte, um ihr nachzusehen, schwappte eine Welle in die H�hle und sp�lte sie zur�ck. Prustend schnappte sie hektisch nach Luft. Er hatte in den Sommerferien lange genug als Rettungsschwimmer gearbeitet, um die Anzeichen einer beginnenden Panik zu erkennen.</p><p>�Ganz ruhig, Jen�, sagte er. �Schwimm mit derselben Welle hinaus, die gerade hereingekommen ist.�</p><p>Es war ihm nicht entgangen, dass die H�hlen�ffnung bereits merklich kleiner und das Licht von drau�en weniger geworden war. War ein pl�tzlicher Sturm im Anzug?</p><p>�Lass dich vom Wasser hinaustragen�, sagte er, so ruhig er konnte. Sie senkte den Kopf und machte Schwimmbewegungen mit den Armen. Erneut warf er einen Blick auf den funkelnden Felsen mit den gefangenen Krallen. Oder waren es <emphasis>Finger</emphasis>?</p><p>Eine weitere Welle, gr��er als die erste, rollte herein, und er sp�rte, wie er das Gleichgewicht verlor. Seine F��e versuchten, auf dem Felsvorsprung Halt zu finden, aber der Stein war zu glitschig. Etwas Loses, Klebriges leckte an seiner Wade. Er kippte vorn�ber ins Wasser und stie� mit dem Schienbein gegen einen Felsvorsprung.</p><p>Doch Jennifers Kopf, das konnte er erkennen, hatte gerade den Rand der H�hle erreicht. Ihre F��e wirbelten das Wasser auf, als sie in die Bucht zur�ckpaddelte.</p><p><emphasis>Gott sei Dank,</emphasis> dachte Kevin. <emphasis>Jetzt wird sie sich wieder beruhigen</emphasis>.</p><p>Als er sicher war, dass sie drau�en war, stie� er sich ab und folgte ihr, aber er hatte den falschen Zeitpunkt erwischt und eine weitere Woge, kalt und bei�end, schlug ihm ins Gesicht. So viel zu seinem eigenen Ratschlag. Er wischte sich das Wasser aus den Augen, und zu seiner �berraschung traf ihn bereits die n�chste Welle. Wie schnell hintereinander kamen die denn? Das Wasser stieg, hob ihn in die H�he, und er sp�rte, wie er mit dem Kopf gegen das raue nasse Dach der H�hle stie�.</p><p><emphasis>Entspann dich,</emphasis> sagte er sich. <emphasis>Entspann dich einfach, und in ein paar Sekunden bist du hier raus</emphasis>.</p><p>Er holte tief Luft und schwamm auf die �ffnung zu. Von Jennifer war nichts mehr zu sehen, aber das Wasser in der H�hle war jetzt aufgew�hlt und schien nur noch aus Strudeln zu bestehen, die ihn zur Seite und zur�ck zogen. Er strengte sich noch mehr an, aber es war wie bei einem dieser Tr�ume, in denen man versucht zu laufen, aber nie irgendwo ankommt. Er kam kein St�ck voran. <emphasis>Verdammt � warum habe ich Jennifer �berhaupt in dieses bescheuerte Drecksloch schwimmen lassen?</emphasis></p><p>Die H�hlen�ffnung war inzwischen nur noch ein schmaler Spalt, und das Wasser stieg weiter an. Er hob eine Hand, um seinen Kopf zu sch�tzen, aber es war bereits zu sp�t. Das Wasser hob ihn in die H�he, kr�ftiger und schneller als zuvor, und sein Kopf schlug heftig auf den zerkl�fteten Felsen auf. Selbst in dem kalten dunklen Wasser erkannte er das heraussickernde Blut und wusste, dass er sich die Kopfhaut aufgerissen hatte.</p><p>�Kevin!�</p><p>Hatte er das wirklich geh�rt?</p><p>�Wo bist du?�</p><p><emphasis>Ich bin hier</emphasis>, dachte er benommen. <emphasis>Ich bin doch hier.</emphasis></p><p>Erneut versuchte er, hinauszuschwimmen, aber das Wasser dr�ngte immer noch herein, schleuderte seinen Kopf erneut gegen den schartigen Felsen, dass es ihm den Atem raubte.</p><p>Seine Beine gaben nach, und dann h�rte er auf zu treten. Auch die Arme bewegten sich nicht mehr im Wasser.</p><p><emphasis>Lass dich von der Str�mung tragen,</emphasis> dachte er undeutlich.</p><p>Es war, als w�rde sich pl�tzlich ein schwarzer, sehr dicker und sehr warmer Samtvorhang �ber ihn legen. Sein Kopf schmerzte, als h�tte ihn jemand mit einem Hammer geschlagen.</p><p>�Kevin!�</p><p>Er antwortete, oder zumindest glaubte er, dass er das tat. Sein Mund f�llte sich mit eisigem Wasser. Der Vorhang wickelte sich noch enger um ihn. Er hatte das Gef�hl, zu fallen und hinabzusinken, eigentlich eine angenehme Empfindung. Das Letzte, das er vor seinem inneren Auge sah, und es brachte ihn zum L�cheln, war er selbst, in seinem geliehenen Smoking, wie er Jennifer mit einem gro�en, unhandlichen St�ck der wei�-gelben Hochzeitstorte f�tterte.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Erster Teil</strong></p></title><section><p><emphasis>�� und die W�chter blickten herab auf</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>die T�chter der Menschheit.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Gleich dem Drachen, der niemals schl�ft,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>hielten sie Wache � und Abscheu erf�llte</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>ihre Herzen.�</emphasis></p><p><strong>Das (verschollene) Buch Henoch, 2�3</strong></p><empty-line/><p><strong>(�bertragen aus dem Aram�ischen), 4QEN f-g</strong></p><empty-line/></section><section><title><p><strong>1. Kapitel</strong></p></title><p>�N�chstes Bild, bitte.�</p><p>W�hrend das Dia von der Leinwand verschwand und ein anderes an seine Stelle trat, fragte sich Carter Cox, wie viele der Studenten, die in den ordentlichen Reihen des H�rsaals um ihn herum sa�en, tats�chlich noch wach waren. Vom beleuchteten Rednerpult aus waren sie unm�glich zu erkennen, aber er wusste, dass sie da oben auf ihren St�hlen kauerten. Das stetige Summen des Diaprojektors erzeugte genau die richtige Menge wei�en Rauschens, um sie in den Schlaf fallenzulassen und sogar gelegentliche Schnarcher zu �bert�nen.</p><p>�Es ist bald vorbei�, sagte er. �Halten Sie durch!� Dankbar h�rte er kleine Lacher aus verschiedenen Ecken des Saals. �Dies hier ist das letzte Dia f�r heute. Kann mir irgendjemand von Ihnen sagen, um was es sich handelt?�</p><p>Ein paar St�hle knarrten, als die Studenten sich aufrichteten, um besser folgen zu k�nnen.</p><p>�Sieht aus wie das Fossil eines Dinosauriers�, sagte ein M�dchen irgendwo aus den hinteren Reihen. Sie h�rte sich an wie Katie Coyne, eine seiner besten Studentinnen. �Einer der kleineren Karnivoren.�</p><p>�In Ordnung, gut. Aber was hat Sie darauf gebracht?�</p><p>�Nichts. Ich bin ganz von allein daraufgekommen.�</p><p>Gel�chter ert�nte, und jetzt wusste er definitiv, dass es Katie war.</p><p>�Lassen Sie es mich anders ausdr�cken, Miss Coyne�, sagte Carter und versuchte, die Kontrolle wiederzuerlangen. �Warum glauben Sie, dass es sich um einen Fleischfresser handelt?�</p><p>�Von hier sieht es aus, als h�tte das Ding, was immer es einmal war, scharfe, vielleicht sogar s�gezahn�hnliche Z�hne gehabt ��</p><p>�Das ist gut, denn es stimmt.�</p><p>�� und obwohl es nur schwer zu erkennen ist, k�nnten seine F��e eventuell Krallen gehabt haben, wie bei einem Greifvogel. Aber das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.�</p><p>�Sie betrachten also diesen Bereich�, sagte Carter und deutete mit dem Pointer auf den unteren Rand des Dias. Dort waren die gespreizten F��e der Kreatur zu sehen, und es sah in der Tat aus, als bes��en sie Krallen. Doch selbst in seiner Gesamtheit bot das Bild nur wenig Hinweise. Eigentlich war es nicht mehr als der Eindruck schwacher grauer und schwarzer Linien, verdreht, gebrochen und sich an manchen Stellen �berlagernd. Und das alles vor dem Hintergrund blaugrauer vulkanischer Asche. Katie hatte ihre Sache gut gemacht, indem sie einige der hervorstechendsten Merkmale herausgepickt hatte. Das wichtigste hatte sie allerdings �bersehen.</p><p>�Aber was glauben Sie, was dies hier darstellen k�nnte?�, fragte Carter und zeigte auf eine Stelle am oberen Bildrand, wo ein Knochenvorsprung sich nach oben drehte und in einem schlichten Schn�rkel m�ndete. Selbst Katie hielt den Mund.</p><p>�Vielleicht ein Schwanz, mit etwas an seinem Ende�, wagte ein anderer Student.</p><p>�Ein gepanzerter Stachel�, sagte Katie, �um andere Raubtiere abzuwehren?�</p><p>�Nicht ganz. Bei n�herer Untersuchung, wozu dieses Dia wahrscheinlich ziemlich ungeeignet ist, zeigt sich erstens, dass es sich tats�chlich um einen Schwanz handelt. Und zweitens entpuppt sich diese kleine Verbreiterung hier als ein ��, um des dramatischen Effekts willen machte er eine kurze Pause, �B�schel Federn.�</p><p>Nur das Summen des Projektors war noch zu h�ren. Dann sagte Katie: �Ich lag also falsch? Es ist kein Dinosaurier, sondern ein Vogel?�</p><p>�In gewisser Weise haben Sie beide Male recht. Es ist ein Dinosaurier mit Federn, genannt <emphasis>Protarchaeopteryx robusta</emphasis>. Merken Sie sich diesen Namen, ich erwarte von Ihnen, dass Sie ihn bei der Abschlusspr�fung buchstabieren k�nnen. Er wurde in Westchina gefunden und auf die Unterkreide datiert. Und es ist der beste Beweis daf�r, dass die heutigen V�gel tats�chlich Nachkommen der Dinosaurier sind.�</p><p>�Ich dachte, diese Theorie sei diskreditiert�, sagte Katie.</p><p>�Nicht in diesem Seminar�, sagte Carter. �Hier ist die Theorie gesund und munter.�</p><p>Die Klingel, bei der es sich in Wahrheit um einen nervigen Summton handelte, ert�nte, und die Studenten begannen ihre B�cher und Papiere zusammenzukramen. Sein Assistent schaltete die Lampen im Saal ein, und das Dia verblasste auf der Stelle zur Unkenntlichkeit.</p><p>�Dieses Ding, das Sie uns gerade gezeigt haben�, sagte Katie, �wie immer es auch hei�t, konnte es fliegen?�</p><p>�Nein, sieht nicht so aus�, erwiderte Carter, w�hrend die anderen Studenten in Richtung T�r schlurften. Katie war stets die Letzte, die ging, und hatte wie immer noch eine Zusatzfrage f�r ihn, ehe sie ihre �bergro�e Armyjacke zukn�pfte und selbst verschwand. Sie erinnerte Carter ein wenig an sich selbst in diesem Alter. Auch er hatte stets versucht, noch ein paar letzte lose Enden zusammenzuknoten oder ein weiteres St�ck des Puzzles zu ergattern. Normalerweise tr�delte er nach dem Seminar noch eine Weile herum, um eventuelle offene Fragen zu beantworten, heute hatte er allerdings noch einen Termin. Er hatte sich extra einen gelben Zettel auf sein Vorlesungsskript geklebt, damit er es nicht verga�.</p><p>Er zog seine Lederjacke an, stopfte die Unterlagen in seine abgewetzte Aktentasche und verschwand direkt hinter Katie durch die Seitent�r.</p><p>�Sie glauben also, dass <emphasis>T. Rex</emphasis> ebenfalls Federn hatte?�, fragte sie mit einem Blick �ber die Schulter.</p><p>�Das ist durchaus vorstellbar.�</p><p>�Dann wird man wohl <emphasis>Jurassic Park</emphasis> neu drehen m�ssen.�</p><p>�Das werden sie bestimmt auch machen�, sagte er, �und wenn sie schon einmal dabei sind, k�nnen sie es auch gleich in <emphasis>Kreidepark</emphasis> umbenennen.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil es den <emphasis>T. Rex</emphasis> vorher gar nicht gab. Wir sehen uns n�chsten Donnerstag.�</p><empty-line/><p>Drau�en war es knackig kalt und herbstlich, einer von diesen Tagen, an denen New York tats�chlich zu funkeln schien. Die Schaufenster leuchteten, Herbstbl�tter bedeckten die Gehwege, und selbst die Wagen der Brezelverk�ufer sahen verlockend aus. Einen Moment lang erwog Carter, an einem haltzumachen, da er zum Lunch nur einen Burrito aus der Mikrowelle gegessen hatte. Doch dann erinnerte er sich an den Artikel in der <emphasis>New York Post</emphasis> �ber das Ungeziefer in den Lagerh�usern, in denen die Wagen �ber Nacht untergestellt wurden, und er ging weiter. In Momenten wie diesem tat es ihm h�ufig leid, dass er diesen Artikel jemals gelesen hatte.</p><p>Die Verabredung, bei der er in genau vierzig Minuten erscheinen musste, war in Midtown, und jetzt war er erst am Washington Square. Aber wenn er z�gig ging, w�rde er es vermutlich rechtzeitig schaffen. Ein Taxi w�rde ein Verm�gen kosten, und die Vorstellung, an solch einem sch�nen Nachmittag in die U-Bahn zu steigen, war wenig verlockend. Er zog den Rei�verschluss seiner Jacke hoch und machte sich auf den Weg die Fifth Avenue hinauf, die ausgebeulte Aktentasche unter dem Arm. Zu einer Verabredung, auf die er, wenn er ehrlich war, nicht besonders erpicht war.</p><p>Es war ein weiterer Termin beim Arzt, dieses Mal bei einem Fruchtbarkeitsspezialisten, den Beth durch ihre Freundin Abbie aufgetan hatte. Beth war erst zweiunddrei�ig und Carter ein Jahr �lter, aber seit �ber einem Jahr versuchten sie nun schon, ein Baby in die Welt zu setzen. Bislang ohne Erfolg. Einerseits wollte Carter wissen, wo das Problem lag, andererseits wollte er genau das nicht. Er f�rchtete jedoch, es heute Nachmittag auf die eine oder andere Weise herauszufinden.</p><p>Seit sechs Jahren waren sie verheiratet, und die meiste Zeit �ber hatten sie das Thema Kinder vertagt. Nein, falsch. Sie hatten es nicht verschoben, sondern es war einfach nie zur Sprache gekommen. Einmal, weil sie beide so scharf aufeinander waren, dass die Vorstellung, aus einem anderen Grund Liebe zu machen und eine Familie zu gr�nden, ihnen geradezu absurd erschien. Sex war einfach Sex, und warum sollten sie es sich schwerer machen als n�tig? Das war eigentlich keine schlechte Herangehensweise, wie er fand. Sie hatten ziemlich gl�cklich in einer Art Seifenblase gelebt, in der es nichts gab, au�er ihnen beiden. Und es hatte sich nicht so angef�hlt, als w�rde irgendetwas fehlen.</p><p>Der andere Grund war ihre Arbeit gewesen. Carter hatte stets gesagt, dass er nicht einmal �ber die Gr�ndung einer Familie <emphasis>nachdenken</emphasis> wolle, solange er nicht wusste, dass seine Karriere in trockenen T�chern war. Bis er zum Beispiel irgendwo eine feste Anstellung hatte. Sein Albtraum war es, so zu enden wie viele andere Promovierte, die er kannte, und sich als herumziehender Wissenschaftler von einer befristeten Stelle zur n�chsten zu hangeln. Ein Jahr in New Haven, zwei in Ann Arbor, mit einer Frau und mehreren Kindern im Schlepptau, f�r die er zu sorgen h�tte. Keinen Ort zum Schreiben, keine Zeit zum Nachdenken, keine Freiheit, dorthin zu gehen, wo er hingehen musste, um die Arbeit tun zu k�nnen, die er tun musste, um sich einen Ruf zu erwerben. Aber das war kein Problem mehr. Seit achtzehn Monaten war er fest bei der New York University angestellt und Inhaber des erst k�rzlich gestifteten Kingsley-Lehrstuhls f�r Pal�ontologie und Integrative Biologie. Und damit galt diese Ausrede nicht mehr.</p><p>An der einunddrei�igsten Stra�e bog er rechts ab und steuerte auf den Bereich der First Avenue zu, den er inzwischen f�r sich die Medizinwelt nannte. Als er einmal mit einem Taxi in einen Unfall verwickelt war, hatte der Notarzt ihn hierhergebracht. Als er nach einem Kletterunfall mit einer Verletzung am rechten Bein einen Orthop�den aufsuchen musste, war er hierhergekommen. Und die Praxis, in der er anschlie�end Physiotherapie bekommen hatte, lag ebenfalls nur einen halben Block entfernt. Er betrat also ein im Gro�en und Ganzen recht vertrautes Gebiet.</p><p>Was nicht bedeutete, dass er sich hier wohlf�hlte.</p><p>Dr. Westons Praxis nahm die gesamte zweite Etage eines unauff�lligen Krankenhausanbaus ein. Eine zweifl�gelige polierte Eichent�r trug seinen Namen in hervorgehobenen, drei Zentimeter hohen, vergoldeten Buchstaben, darunter die Buchstaben P. C. f�r <emphasis>Private Corporation.</emphasis> Seit wann, fragte Carter sich, geb�rdeten �rzte sich eigentlich wie Gesch�ftsleute? Er wurde durch den eleganten Empfangsbereich und den Korridor mit Holzt�felung und Perserteppichen zu Dr. Westons Heiligtum gef�hrt. Carter gewann immer mehr den Eindruck, eine Investmentbank und keine Arztpraxis zu besuchen. Dieses Gef�hl wurde noch verst�rkt, als er das B�ro mit Blick auf den East River betrat.</p><p>Beth war bereits da und sa� in einem der beiden Sessel vor dem antiken, mit Schnitzereien verzierten Schreibtisch des Arztes. Als Carter eintrat, stand Dr. Weston auf, um ihm die Hand zu sch�tteln. Er trug keinen wei�en Kittel, sondern einen gerade geschnittenen dunklen Anzug. Der einzige Gegenstand im Raum, der etwas mit Medizin zu tun hatte, war ein Leuchtkasten an einer Wand, auf dem der Arzt sich vermutlich gelegentlich R�ntgenbilder anschaute.</p><p>Carter f�hlte sich eindeutig unpassend gekleidet.</p><p>�Ihre Gattin hat mir soeben ein wenig �ber ihre Arbeit in der Galerie erz�hlt�, sagte Dr. Weston und nahm wieder auf seinem roten Lederdrehstuhl mit der hohen Lehne Platz. Er war ein schlanker Mann und wirkte auf Carter wie einer jener M�nner, die st�ndig ihre Runden um den See im Central Park liefen. �Zuf�llig sammle ich selbst Kunst.� Er deutete auf ein riesiges schauderhaftes abstraktes �lgem�lde neben der T�r. Carter wusste, dass das genau die Sorte Bilder war, die Beth verabscheute.</p><p>�Das ist ein Bronstein�, f�gte er stolz hinzu.</p><p>Verstohlen warf Carter einen Blick auf Beth, auf deren Gesicht ein freundliches, aber geheimnisvolles L�cheln lag. Ihr schwarzes Haar war zu einem straffen Pferdeschwanz zur�ckgebunden, und der Ausdruck ihrer tiefbraunen Augen blieb unverbindlich. �Ich f�rchte, unsere Galerie hat sich auf wesentlich �ltere St�cke spezialisiert�, sagte sie. �F�r uns ist Renoir topaktuell.�</p><p>�Ich w�rde mir trotzdem bei Gelegenheit gerne ansehen, was Sie dahaben. Man kann nie wissen, was einem ins Auge f�llt�, sagte er und wandte sich endlich einigen Notizen zu, die er sich gemacht hatte. �Und Sie, Mr Carter, sind, wie ich sehe, Wissenschaftler?�</p><p>�Pal�ontologe, in erster Linie.�</p><p>Dr. Weston nickte bedeutungsvoll, als w�rde er sich auskennen. �Unterrichten Sie?�</p><p>�An der NYU.�</p><p>�Sehr gut. Ich habe mein Praktikum dort an der Uniklinik gemacht.�</p><p>Weston hielt den Kopf gesenkt und blickte auf eine Tabelle in der offenen Mappe vor ihm auf dem Tisch. Ein paar Sekunden lang schwieg er, w�hrend er die Informationen studierte. Carter nahm an, dass die Mappe ihre pers�nlichen Daten enthielt, Alter, medizinische Vorgeschichte und so weiter. Einige dieser Fragen hatte er bereits einer Krankenschwester am Telefon beantwortet. Carter ergriff Beths Hand und dr�ckte sie.</p><p>�Bin ich zu sp�t gekommen?�, fl�sterte er.</p><p>�F�r deine Verh�ltnisse nicht�, sagte sie l�chelnd. �Wie ist das Seminar gelaufen?�</p><p>�Es w�re schwer, da was falsch zu machen � es kommt mir vor, als h�tte ich alles schon tausendmal erz�hlt.�</p><p>�Wie lange versuchen Sie jetzt schon zu empfangen?�, unterbrach Dr. Weston sie, ohne aufzuschauen.</p><p>�Seit �ber einem Jahr�, erwiderte Carter.</p><p>�Vierzehn Monate, und es werden immer mehr�, sagte Beth.</p><p>Weston korrigierte die Eintragung auf der Tabelle. Dann las er weiter.</p><p>�Hast du Lust, heute Abend ins Luna zu gehen?�, fragte Carter seine Frau.</p><p>�Geht nicht. Wir haben einen privaten Empfang f�r ein paar Kunden.�</p><p>�Wie lange dauert es?�</p><p>Beth zuckte die Achseln. �Wenn es so aussieht, als seien sie in Kauflaune, k�nnte es sp�t werden. Halb neun, neun.�</p><p>Jetzt blickte Weston zu ihnen auf. �Wie h�ufig hatten Sie innerhalb dieser vierzehn Monate regelm��igen Geschlechtsverkehr?�</p><p>Selbst wenn Dr. Weston Carter f�r so etwas wie einen Forscherkollegen hielt, �berraschte ihn die Frage dennoch.</p><p>�Vier-bis f�nfmal die Woche�, antwortete Beth.</p><p>Stimmte das? Carter musste erst nachdenken.</p><p>Weston notierte die Zahl.</p><p>Ja, sie hatte recht, jetzt, wo Carter genauer dar�ber nachdachte. War das normal f�r verheiratete Paare? Man konnte es nie wirklich wissen.</p><p>�Also gut�, sagte Dr. Weston, lehnte sich in seinem Sessel zur�ck und schob die �rmel hoch.</p><p>Unwillk�rlich fiel Carters Blick auf die goldenen Manschettenkn�pfe.</p><p>�Sie sind beide jung, so dass wir, solange wir nicht doch noch auf irgendwelche Schwierigkeiten sto�en, meines Erachtens h�chstwahrscheinlich Erfolg haben werden.�</p><p>�Aber warum hat es bisher noch nicht geklappt?�, fragte Beth. �Ich meine, mit was f�r Schwierigkeiten genau rechnen Sie?�</p><p>Dr. Weston antwortete nur ausweichend. �Eine Menge Dinge kann die Empf�ngnis erschweren, von einem blockierten Eileiter bis zu einer zu geringen Spermienanzahl, aber die gute Nachricht ist, dass wir heutzutage Mittel und Wege haben, um nahezu alle Probleme zu umgehen. Ich schlage Ihnen Folgendes vor ��</p><p>W�hrend der n�chsten f�nfzehn Minuten skizzierte Dr. Weston eine Reihe von Schritten, angefangen von einem Tagebuch �ber ihren Geschlechtsverkehr bis hin zu dem Vorschlag, dass sie die Stellung ver�ndern sollten, um die besten Voraussetzungen f�r eine Empf�ngnis zu schaffen. Insbesondere Carter erhielt den Rat, Boxershorts anstelle von Slips zu tragen, weil dann die Temperatur im Hodensack niedriger sei, woraufhin mehr und beweglichere Spermien produziert w�rden. Au�erdem sollte er einen weiteren Termin vereinbaren, um seine Spermien z�hlen zu lassen.</p><p>�Ich soll also herkommen und eine � Spermienprobe hierlassen?�, fragte Carter.</p><p>�Ja. Ich m�chte, dass Sie sich vierundzwanzig Stunden vor dem Termin jegliche sexuelle Aktivit�t � oder, um genauer zu sein: jede Ejakulation � versagen. Morgens ist der beste Zeitpunkt.�</p><p>Beth empfahl er, sich einen eigenen Termin f�r eine umfassende Untersuchung geben zu lassen, dann stand Dr. Weston unvermittelt auf und reichte ihnen erneut �ber den Schreibtisch hinweg die Hand. �Ich denke, in Ihrem Fall werden wir au�erordentlichen Erfolg haben�, sagte er.</p><p>�Ich will aber keine Drillinge�, sagte Beth. �Eines reicht mir.�</p><p>�Fein. Dann machen wir es so � eins nach dem anderen.�</p><p>Auf dem Weg nach drau�en gab Carter der Schwester am Empfangstresen die Daten seiner Kreditkarte, dann waren Beth und er drau�en und standen an einer windgepeitschten Ecke auf der First Avenue. Er stellte seine Aktentasche auf den Boden zwischen seine Beine und begann die Kn�pfe von Beths langem gr�nem Regenmantel zuzukn�pfen.</p><p>�Wann geht der Empfang los?�, fragte er.</p><p>�Erst in ein paar Stunden�, sagte sie und blickte nach unten, als er mit einem widerspenstigen Knopf k�mpfte. �Was ist mit dir? Hast du noch ein Seminar?�</p><p>�Nein. Ich muss nur noch ein paar Arbeiten benoten. Aber die k�nnen warten.� Carter l�chelte und beugte sich so weit vor, dass sich ihre Nasenspitzen ber�hrten. �Vielleicht sollten wir die Zeit f�r einen guten Zweck nutzen.�</p><p>�Und an was denkst du da?�</p><p>�Hausaufgaben?�, schlug er vielsagend vor. �Ich meine, wir wollen doch den guten Onkel Doktor nicht entt�uschen, oder?�</p><p>Beth runzelte die Stirn, als versuchte sie sich eine Meinung zu einem besonders heiklen Problem zu bilden. Dann sagte sie: �Vielleicht hast du recht. Es ist nie gut, die Dinge hinauszuschieben.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>2. Kapitel</strong></p></title><p>�Wir landen in wenigen Minuten�, sagte der Pilot �ber die Bordsprechanlage. �Ich bitte die Flugbegleiter, alles f�r die Landung vorzubereiten.�</p><p>Ezra Metzger �ffnete seine silberne Pillendose, nahm einen weiteren Tranquilizer heraus und sp�lte ihn mit dem Rest seines Evian-Wassers herunter. Er hatte es bereits bis hierher geschafft, jetzt musste er nur noch eine Stunde lang Ruhe bewahren.</p><p>�Bitte schlie�en Sie den Sicherheitsgurt�, sagte die Stewardess und griff nach seinem leeren Plastikbecher. Er reichte ihn ihr, dann sagte sie dasselbe zu der jungen Frau Anfang zwanzig, die den ganzen Flug �ber auf dem Sitz hinter ihm geschnieft hatte. Jedermann schien sehr besorgt um das M�dchen zu sein, und Ezra hatte sich gefragt, was wohl dahinterstecken mochte. War sie eine Fernsehschauspielerin, die �ffentlich ihren Liebeskummer zelebrierte? Er wusste, dass er ziemlich hinter dem Mond lebte, was Popkultur anging. Dabei war er nicht einmal besonders alt, gerade mal drei�ig. Aber in den letzten drei Jahren hatte er sich nahezu rund um die Uhr im Institut in Jerusalem aufgehalten, und selbst, als er noch in New York gelebt hatte, hatte er eher dazu tendiert, Vortr�ge im Cooper-Hewitt-Museum zu besuchen, als fernzusehen oder sich einen Film anzuschauen.</p><p>Als das Flugzeug mit dem Sinkflug begann, schloss er die Augen und versuchte, entspannt zu bleiben. Er wusste, dass er einen vollkommen ungezwungenen Eindruck machen musste, wenn er den Zoll passierte, und bei jeder Verz�gerung, Frage oder Bitte ganz ruhig bleiben musste. Er ermahnte sich, dem Zollbeamten gerade in die Augen zu schauen, nicht zur Seite zu blicken, seine Nase zu ber�hren, sich am Kinn zu kratzen oder sonst irgendetwas zu tun, das wom�glich seine Nervosit�t und Angst verraten k�nnte. Und falls er tats�chlich das Pech haben sollte, dass man seine Taschen durchsuchte oder ihn in aller Ausf�hrlichkeit befragte, musste er Gleichmut und Unbek�mmertheit zeigen. Das Geheimnis, so sagte er sich zum hundertsten Mal, lag darin, so zu tun, als h�tte er nichts zu verbergen. Als sei er nur ein weiterer amerikanischer Staatsb�rger, der gl�cklich war, nach einem ausgedehnten Auslandsaufenthalt wieder nach Hause zu kommen.</p><p>Obwohl das meilenweit von der Wahrheit entfernt war.</p><p>Sobald das Flugzeug gelandet war und auf das Gate zurollte, wurde das h�bsche M�dchen mit dem haselnussbraunen Haar hinter ihm erneut bevorzugt behandelt. W�hrend Ezra und die anderen Passagiere der ersten Klasse warteten, durfte sie das Flugzeug als Erste verlassen und die Fluggastbr�cke betreten. Ezra konnte sie immer noch nicht einordnen, also fragte er eine gutgekleidete Frau, die im Gang neben ihm wartete, wer sie sei.</p><p>�Ich wei� nicht, wie sie hei�t, aber ich habe in der <emphasis>Herald Tribune</emphasis> etwas �ber sie gelesen. Sie stammt aus einer angesehenen Familie und war gerade in den Flitterwochen, als ihr Mann bei einem Bootsunfall oder so etwas get�tet wurde, in der N�he von Neapel.�</p><p>Ezra lie� das Gesagte auf sich wirken, bis er feststellte, dass die Frau ihn ansah, als erwarte sie eine Reaktion von ihm. �Das ist sehr traurig�, sagte er pflichtschuldig. <emphasis>Konzentration, Ezra. Konzentration!</emphasis></p><p>�Ja�, sagte sie, �furchtbar, nicht wahr?�, ehe sie sich so weit zur�ckzog, wie der schmale Gang es zulie�.</p><p>Als sich die Menschen vor ihm in Richtung Ausgang schoben, holte Ezra seine Papprolle aus dem Gep�ckfach �ber seinem Kopf und klemmte sie sich unter den Arm. <emphasis>Verhalte dich ganz normal.</emphasis></p><p>�Danke, dass Sie mit Alitalia geflogen sind�, sagte die Stewardess mit starkem Akzent, als er das Flugzeug verlie�.</p><p>Er ging langsam, so dass er allm�hlich von der gr��eren Masse an Passagieren aus der Touristenklasse eingeholt wurde, und folgte den Schildern zur Einreise-und Passkontrolle. Eine Frau in blauer Uniform fragte: �Fremde Staatsangeh�rigkeit?�, und ber�hrte ihn am �rmel, um ihn in die ganz rechte Reihe zu dirigieren.</p><p>Bei ihrer Ber�hrung riss er den Arm zur�ck, und sie sah ihn �berrascht an.</p><p>�Sind Sie ein Ausl�nder, der unser Land besucht?�, fragte die Frau betont langsam.</p><p>�Nein, tut mir leid�, sagte Ezra. �Ich bin Amerikaner.�</p><p>�Oh, dann k�nnen Sie sich links anstellen.�</p><p>Er nickte zum Dank und ging auf die Schlange auf der linken Seite zu, aber er meinte ihre Blicke auf sich zu sp�ren, als er sich entfernte. Er musste sich besser in den Griff bekommen. Allerdings konnte er verstehen, warum sie sich geirrt hatte. Er war dunkelhaarig und angespannt, seine Kleidung stammte aus dem Ausland, und selbst sein Haarschnitt wirkte vermutlich irgendwie falsch. Bei seinen Reisen wurde er h�ufig f�r alles M�gliche vom Spanier bis zum Griechen gehalten, und als er mit der Hand �bers Kinn strich, sp�rte er die Stoppeln, die w�hrend des langen Fluges nachgewachsen waren. Wenn er doch blo� daran gedacht h�tte, sich im Waschraum des Flugzeugs zu rasieren �</p><p>Der Grenzschutzbeamte, der den Pass kontrollierte, war ein �lterer Mann mit Drahtgestellbrille. Schweigend studierte er den Reisepass und bl�tterte bed�chtig die Seiten ein paar Sekunden lang vor und zur�ck.</p><p>�Wann waren Sie das letzte Mal in den Vereinigten Staaten, Mr Metzger?�</p><p>�Vor etwa drei Jahren.�</p><p>�Sie haben im Ausland gearbeitet?�</p><p>�Ja, in Israel.�</p><p>�Was f�r eine Arbeit war das?�</p><p>�Ich war Stipendiat des Feldstein-Instituts.� Das traf zumindest teilweise zu. Ezra hatte bereits beschlossen, sich so eng wie m�glich an die Wahrheit zu halten.</p><p>Der Beamte musterte ihn intensiv durch den oberen Teil seiner Gleitsichtbrille. Er schien auf mehr zu warten.</p><p>�Das ist ein Forschungsinstitut. Wir arbeiten dort mit modernster Technik, um arch�ologische Funde zu datieren und zu analysieren.�</p><p>Der Beamte nickte. �In dem Teil der Welt muss es eine Menge von dem Zeugs geben.�</p><p>�Ja, auf jeden Fall�, stimmte Ezra bereitwillig zu.</p><p>�Ist das der Grund, warum Sie so oft in ��, der Beamte hielt kurz inne und warf erneut einen Blick auf die Seiten des Reisepasses, �� �gypten, Saudi-Arabien, Kuwait und dem Libanon waren?�</p><p>�Ja, genau deswegen. Manchmal habe ich bei Ausgrabungen gearbeitet.�</p><p>Der Beamte schwieg erneut, und Ezra bef�rchtete, er habe bereits zu viel gesagt. Er hatte versucht, das Wichtigste auszulassen und gleichzeitig so viel vom Rest der Geschichte preiszugeben wie m�glich. Die Papprolle hatte er vorsichtig an seine Beine gelehnt.</p><p>Der Beamte hob seinen Stempel und h�mmerte damit auf die letzte Seite von Ezras arg mitgenommenem Reisepass. Ezra unterdr�ckte einen Seufzer der Erleichterung.</p><p>�Willkommen zu Hause�, sagte der Beamte und reichte ihm den Pass. �Die Gep�ckausgabe und der Zoll befinden sich direkt vor Ihnen.�</p><p>Als Ezra durch den Gang neben dem Schalter schritt und gerade dachte: <emphasis>Ein Hindernis ist �berwunden, eines liegt noch vor mir,</emphasis> h�rte er die Stimme des Beamten hinter sich. �Mr Metzger?�</p><p>Ezra blieb stehen und drehte sich um. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals.</p><p>�Falls Sie planen, weiterhin so viel zu reisen, sollten Sie einen neuen Reisepass beantragen. Ihrer ist schon ziemlich zerfleddert.�</p><p>Ezra l�chelte und schwenkte den alten Pass. �Mach ich.� Dann wandte er sich wieder der Gep�ckausgabe zu.</p><p>Seine Koffer geh�rten zu den ersten, die auf dem F�rderband ankamen, ein weiterer Vorteil bei Fl�gen erster Klasse. W�hrend er sein Gep�ck in Richtung Zoll schleppte, versuchte er, zu einer raschen Einsch�tzung zu gelangen. Welcher Zollbeamte wirkte am wenigsten aufmerksam? Vor wem hatte sich die l�ngste Schlange gebildet, in der die Flugg�ste ungeduldig darauf warteten, durchgelassen zu werden?</p><p>Er entschied sich f�r eine untersetzte Beamtin, die mehr Interesse daran zu haben schien, mit einer ihrer Kolleginnen herumzualbern, als die Taschen der Passagiere vor ihr zu inspizieren. Als er an die Reihe kam, l�chelte er sie an und reichte ihr ungezwungen die Zollerkl�rung, die er an Bord ausgef�llt hatte.</p><p>�Langer Flug�, sagte er, streckte sich wie beil�ufig und schaute sich um.</p><p>Sie erwiderte sein L�cheln und warf einen kurzen Blick auf das Formular. �Sie kommen mit dem Alitalia-Flug aus Rom?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Anschlussflug?�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�War das ein Anschlussflug von einem anderen Flughafen?�</p><p>�O ja. Ich komme aus Tel Aviv.�</p><p>�Mit welcher Fluglinie?�</p><p>�El Al.�</p><p>Warum fragte sie ihn das alles? Damit hatte Ezra nicht gerechnet. Warum hatte sie pl�tzlich beschlossen, sich auf ihren Job zu konzentrieren? Die andere Beamtin, mit der sie vorhin herumgealbert hatte, war ebenfalls wieder konzentriert bei der Sache.</p><p>�Haben Sie irgendjemandem Zugang zu Ihrem Gep�ck gew�hrt?�</p><p>�Au�er den Mitarbeitern der Fluggesellschaften niemandem.�</p><p>�Hat jemand anders die Koffer f�r Sie gepackt?�</p><p>�Nein, das habe ich selbst getan.�</p><p>�Bitte stellen Sie sie auf den Tresen und �ffnen Sie ��, sie z�gerte einen Moment, als wollte sie abwarten, wo sein Blick unwillk�rlich hinwanderte, �� diesen hier.�</p><p>Ezra hob den Koffer auf den Tresen und �ffnete den Rei�verschluss. Mein Gott, er hatte sich die Falsche rausgepickt � er wurde tats�chlich durchsucht! <emphasis>Bleib ruhig, ganz ruhig,</emphasis> redete er sich gut zu. Selbst wenn sie fand, was er dabei hatte, w�rde sie nichts damit anzufangen wissen.</p><p>Sie klappte den Deckel zur�ck und begann den Inhalt des Koffers durchzusehen. Schwarze Rollkragenpullover aus Baumwolle, khakifarbene Cargohosen, so wie er sie auch jetzt trug. Au�erdem Socken, Unterw�sche sowie ein paar B�cher, die er nicht der Post anvertrauen wollte und sie deshalb eigenh�ndig mitschleppte. Seine anderen mehrere hundert B�cher hatte er eingeschifft.</p><p>Die Beamtin tippte auf den ledernen Kulturbeutel. �Bitte �ffnen Sie den f�r mich.�</p><p>Er nahm den Beutel heraus, �ffnete ihn und legte ihn f�r die Frau auf den Tresen. Sie w�hlte in seiner Zahnpasta und Zahnseide, dem Rasierer und der Aspirinflasche herum, bis sie auf das Fata-Morgana-K�rperpeeling stie�. �Benutzen Sie das?�, fragte sie.</p><p>�Ich habe manchmal drau�en gearbeitet und bin dabei ziemlich schmutzig geworden�, sagte er. �Nichts hilft besser als dieses Zeug.�</p><p>Sie schraubte den Deckel auf, und er versuchte, nicht besorgt auszusehen. Aber er sp�rte sein Herz pochen, und seine H�nde wurden feucht. <emphasis>Wisch sie nicht ab,</emphasis> sagte er sich. <emphasis>Lass sie einfach in Ruhe.</emphasis></p><p>Das Glas war mit einer milchig-roten Paste gef�llt. Die Beamtin roch daran. �Puh!�, sagte sie und zuckte zur�ck. �Und dieses Zeug schmieren Sie sich ins Gesicht?�</p><p>�Ja. Wenn man sich damit einreibt, f�hlt es sich gro�artig an.�</p><p>Sie schraubte das Glas wieder zu. �Ich bleibe lieber bei Noxzema.�</p><p>Sie legte das Glas zur�ck in den Kulturbeutel und deutete auf die Papprolle. �Was ist da drin?�</p><p>�Ein paar Graphiken auf Papyrus, Souvenirs, die ich am Flughafen in Israel gekauft habe.� Er kramte in seiner Tasche herum. �Ich habe sogar noch die Rechnung�, sagte er und f�rderte sie zutage. �Sie sind �berhaupt nicht wertvoll.�</p><p>�Entfernen Sie bitte die Deckel von der Rolle.�</p><p>Ezra tat, worum sie ihn gebeten hatte, und sie hob den Zylinder wie ein Teleskop und drehte ihn, um hineinzusehen. Wie viel w�rde sie so erkennen k�nnen?</p><p>�Wer ist der Kerl mit dem Hundekopf?�</p><p>�Das ist wahrscheinlich Anubis, den Sie gerade sehen�, erkl�rte er. �Der Totengott. Genaugenommen ist es der Kopf eines Schakals.� Himmel, was dachte er sich blo� dabei, sie zu <emphasis>korrigieren?</emphasis></p><p>Sie stopfte die Plastikdeckel dorthin zur�ck, wohin sie geh�rten, und legte die Rolle neben den Koffer auf den Tresen. Seine Zollerkl�rung stempelte sie unten auf der Seite ab.</p><p>�Danke�, sagte sie. �Der Ausgang befindet sich diesen Korridor entlang und dann links.�</p><p>Ezra sammelte seine Koffer zusammen, stopfte sich die Rolle wieder unter den Arm und machte sich auf den Weg aus dem Zollbereich heraus. Er sp�rte, wie sein schwarzer Rollkragenpullover schwei�nass an seinem R�cken klebte, aber er musste sich zusammenrei�en, um keine Freudenspr�nge zu machen.</p><p>Sobald er die Ankunftshalle betreten hatte, entdeckte er seinen Onkel Maury in einer blauen Windjacke. Er hielt ein handbemaltes Schild mit dem Namen METZGER in die H�he.</p><p>Ezra, beladen mit seinen Koffern, hob das Kinn, um ihn zu begr��en, und Maury eilte herbei, um ihm zu helfen. Ezra stellte die Koffer ab, und sie umarmten sich. Dann trat Maury einen Schritt zur�ck und musterte ihn von oben bis unten. �Du hast abgenommen.�</p><p>�Du aber auch.� Das war eine L�ge. Sein Onkel sah nicht nur genauso schwer aus wie eh und je, sondern man sah ihm auch jedes seiner f�nfundsechzig Jahre an, vielleicht sogar ein paar mehr. �Aber was soll das Schild? Dachtest du, ich w�rde dich nicht wiedererkennen?�</p><p>�Ich hatte Angst, dass ich <emphasis>dich</emphasis> vielleicht nicht erkenne.�</p><p>Maury wollte gerade den sperrigsten Koffer aufheben, doch Ezra hielt ihn zur�ck. �Hier�, sagte er und reichte ihm einen kleinen Bordkoffer, �du kannst den hier nehmen.�</p><p>Maury ging langsam und schwankte dabei von einer Seite zur anderen, als sie das Terminal verlie�en. Obwohl er nur ein Jahr mehr z�hlte als sein Bruder, Ezras Dad, sah er wesentlich �lter aus. Das Leben war hart mit Maury umgesprungen, doch er war, wie er gerne sagte, auch hart zum Leben gewesen. W�hrend sein Bruder Sam ihn in allem ausgestochen und mit drei�ig bereits ein Verm�gen gemacht hatte, hangelte Maury sich von Job zu Job, von Frau zu Frau, ohne sich jemals ernsthaft festlegen zu wollen. Schlie�lich endete er als M�dchen f�r alles f�r Sam und seine Familie und fungierte je nach Bedarf als Handwerker, Babysitter oder, wie heute Abend, Chauffeur.</p><p>Die schwarze Lincoln-Limousine stand auf dem ersten f�r VIPs reservierten Parkplatz. Was Ezra daran erinnerte, dass er wieder einmal die Einflusssph�re seines Vaters betrat. Maury hielt ihm die Fondt�r auf.</p><p>�Soll ich nicht vorn bei dir sitzen?�, fragte Ezra.</p><p>�Komm schon, steig ein. Vorne habe ich zu viel von meinem Kram.�</p><p>Ezra wusste, dass es seinem Onkel so schon immer lieber gewesen war. Also stieg er hinten ein und wartete, w�hrend Maury sich auf den Fahrersitz setzte, seine Wettzeitschrift <emphasis>Daily Racing Form</emphasis> beiseiteschob und den Wagen aus dem Flughafenlabyrinth navigierte.</p><p>Auf dem Weg in die City erkundigte sich Ezra, wo sein Vater und seine Stiefmutter Kimberly den heutigen Abend verbrachten. Er hoffte, dass sie vielleicht in ihrem Haus in Palm Beach seien.</p><p>�Sie sind zu Hause. Das hei�t, sie schmei�en eine Dinnerparty.�</p><p>Ezras Herz sank.</p><p>�Wer steht auf der G�steliste?�</p><p>Maury wusste, dass das nicht gut ankommen w�rde. �Der B�rgermeister�, sagte er mit einem gewissen Widerwillen, �und ein Haufen weiterer gro�er Tiere.�</p><p>�Kannst du mich am Hintereingang rauslassen?�</p><p>Maury warf ihm im R�ckspiegel einen kurzen Blick zu. Selbst nach all der Zeit hatte sich nicht viel ver�ndert. �Du kannst es versuchen, aber sie erwarten, dass du dich blicken l�sst.�</p><p>Vor so einer Heimkehr hatte Ezra sich immer gef�rchtet, und das war auch der Grund, warum er es jahrelang vermieden hatte. Die letzten Worte, die er pers�nlich mit seinem Vater gewechselt hatte, waren ziemlich unverbl�mt gewesen. Und um die Sache noch schlimmer zu machen, kamen jetzt noch die merkw�rdigen Umst�nde hinzu, unter denen er Israel verlassen musste. Er war sich nicht sicher, wie viel genau sein Vater von dem wusste, was dort vorgefallen war. Er selbst hatte niemandem die ganze Geschichte erz�hlt, aber sein Vater hatte �berall seine Quellen, wie Ezra sein Leben lang immer wieder hatte erfahren m�ssen. Was Samuel Metzger noch nicht wusste, w�rde er in K�rze herausfinden.</p><p>F�r den Rest der Fahrt hielten sie sich eher an neutrale Themen � die Mets, die Stadtpolitik, die Haush�lterin Gertrude, die K�chin Trina. Als sie das Haus erreichten, lenkte Maury den Wagen in die kreisrunde Auffahrt und hielt an. �Du kannst dein Gep�ck im Kofferraum lassen�, sagte er. �Ich schicke es dir mit dem Lastenaufzug nach oben.�</p><p>�Danke�, sagte Ezra. �Sehe ich dich morgen?�</p><p>�Aber auf jeden Fall.�</p><p>Ezra nahm die Papprolle und trug sie hinein. Der Pf�rtner war neu und kannte ihn nicht, aber er erkannte die Lincoln-Limousine und Maury, der die Koffer auslud.</p><p>�Ich will zum Penthouse; ich bin Mr Metzgers Sohn�, erkl�rte Ezra trotzdem, und der Pf�rtner fragte: �Soll ich Sie anmelden?�</p><p>�Nein, nein, nicht n�tig. Sie wissen, dass ich komme.�</p><p>Im Lift begr��te Ezra den Fahrstuhlf�hrer, einen der Angestellten, die am l�ngsten in diesem Geb�ude arbeiteten. Im obersten Stock stieg er aus und stand direkt im mit Marmor ausgestatteten Foyer des riesigen Apartments seiner Familie. Zum Gl�ck war er vorgewarnt, dass der B�rgermeister zum Dinner da war, andernfalls h�tte ihm der Anblick eines Polizisten wom�glich einen Schock versetzt. Unter dem Gem�lde einer Ballerina von Rodin hockte der Beamte auf dem Stuhl aus der Zeit des Franz�sischen Empires und las in einer Boulevardzeitung.</p><p>�Wer sind Sie?�, fragte der Cop.</p><p>�Ich wohne hier�, sagte Ezra und fragte sich einen Moment sp�ter, ob das eigentlich stimmte.</p><p>�Okay, dann k�nnen Sie rein.�</p><p>�Furchtbar gro�z�gig von Ihnen�, sagte Ezra.</p><p>In der Wohnung h�rte er Gl�serklirren und Geplauder, doch er dachte, dass er, wenn er vorsichtig genug war und sich heimlich durch den Flur schlich, es vielleicht bis in seine Zimmer schaffen k�nnte, ohne entdeckt zu werden.</p><p>�Ezra!�</p><p>So viel also zum Thema Heimlichkeit. Oder hatte der Pf�rtner doch angerufen und Bescheid gegeben?</p><p>Seine Stiefmutter betrat die Halle. Ihre achtundneunzig Pfund in ein hautenges schwarz-silbernes Etwas geh�llt, stakste sie auf zehn Zentimeter hohen Abs�tzen auf ihn zu. An ihrem Hals glitzerte ein Collier aus Diamanten und Smaragden, ohne Zweifel das j�ngste Geschenk seines vernarrten Vaters.</p><p>�Willkommen zu Hause�, sagte sie und legte ihm die H�nde, kalt wie Diamanten, auf die Wangen. Eine perfekte Simulation von Zuneigung. �Es ist so lange her.�</p><p>�Ja�, sagte er, �das stimmt.� Er fragte sich bereits, ob es lange genug gewesen war.</p><p>�Wie war der Flug?�</p><p>�Gut, danke.�</p><p>�Dein Vater ist schon ganz ungeduldig, dich zu sehen. Du wirst doch zumindest kurz hereinkommen und hallo sagen, nicht wahr?�</p><p>�Klar, nat�rlich. Sobald ich mich frisch gemacht habe.�</p><p>�Gut. Tu das. Der B�rgermeister ist heute Abend hier.�</p><p>Ezra wusste, dass Kimberly ihr ganzes Leben lang davon getr�umt hatte, S�tze wie diesen sagen zu k�nnen. Und nachdem sie seinen Vater an der Angel gehabt hatte, war dieser Traum Wirklichkeit geworden. Sie war nur wenige Jahre �lter als ihr Stiefsohn, aber sie w�rde am liebsten ewig so weitermachen � solange sie es schaffte, den alten Mann gl�cklich zu machen.</p><p>Ezra wandte sich zum Gehen, den Korridor entlang zu seinen alten R�umen. Die Papprolle hatte er noch immer unter den Arm geklemmt.</p><p>�Ezra, zieh bitte m�glichst einen Blazer an, und ein frisches wei�es Hemd, das w�re super. Die Krawatte kannst du weglassen, wir sind heute Abend ganz zwanglos.�</p><p>Wenn <emphasis>das</emphasis> zwanglos war, dachte Ezra, wollte er lieber nicht sehen, was sie anhatte, wenn sie sich schick machte. Aber er nickte, ohne sich umzudrehen, und ging weiter. Seine eigenen R�ume befanden sich am anderen Ende des Penthouses, und er atmete erst wieder aus, als er die T�r hinter sich geschlossen und abgesperrt hatte.</p><p>Er lehnte sich mit dem R�cken gegen die T�r, das kostbare Mitbringsel in den Armen, und dachte: <emphasis>Zuhause.</emphasis> Jetzt konnte er sich ernsthaft wieder seiner Aufgabe widmen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>3. Kapitel</strong></p></title><p>Nachdem Beth kurz geduscht hatte und zur Party in der Kunstgalerie aufgebrochen war, lag Carter einfach nur faul im Bett und sah sich die Lokalnachrichten an. Ein drohender Busfahrerstreik, eine Premiere am Broadway, eine junge Frau, die nach einer Trag�die irgendwo im Ausland allein aus den Flitterwochen zur�ckgekehrt war. Schlie�lich bekam er Hunger, und er machte sich daran, den K�hlschrank zu pl�ndern.</p><p>Er fand das �bliche � ein Dutzend Plastikbeutel mit frischem Obst und Gem�se, alle ordentlich verschlossen, ein Stapel Danone Joghurt in allen Geschmacksrichtungen, ein Sechserpack Pellegrino. Beth erledigte beinahe ihre gesamten Lebensmitteleink�ufe, und sie nahm nichts in den Mund, das nicht gesund, ungepanscht und biologisch angebaut war. Carter tat sein Bestes, um bei diesem Programm mitzuhalten, aber wann immer Beth ihn nicht direkt �berwachte, erlitt er einen ernsthaften R�ckfall. Und sie wusste es.</p><p>F�nfzehn Minuten sp�ter schlang er auf der Sixth Avenue einen Burger und Pommes herunter. Es ging doch nichts �ber Fett und Proteine, um ihn so richtig auf Hochtouren zu bringen, und solange Beth bei diesem Empfang in der Galerie war, gab es keinen besonderen Grund, anschlie�end wieder nach Hause zu gehen. Der Abend war k�hl und klar, und Carter brannte darauf, sich wieder an die Arbeit mit ein paar kleinen Fossilien zu machen, die der Universit�t gespendet und dann zwecks Identifizierung an ihn weitergereicht worden waren. Sie warteten im Erdgeschoss des Biologiegeb�udes auf ihn, wo er sich mit mehreren anderen Mitgliedern seines Fachbereichs ein Labor teilte.</p><p>Das Geb�ude selbst war ge�ffnet, was ihn nicht �berraschte, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass im Labor noch Licht brennen w�rde. Abends konnte er zumeist damit rechnen, den Raum ganz f�r sich zu haben. Als er jedoch Eminem aus den Laborlautsprechern h�rte, wusste er, wen er zu erwarten hatte.</p><p>Leise trat Carter ein und beobachtete Bill Mitchell ein, zwei Sekunden lang. Tief �ber eine Probe gebeugt, hockte er auf einem Stuhl und rappte leise mit. Mitchell war ein Juniorprofessor, und dies war das alles entscheidende Jahr f�r ihn. Entweder bekam er eine feste Stelle oder nicht. Insgeheim wusste Carter, dass seine Chancen nicht gut waren. Seine Arbeit war einfach nicht gut genug, seine Aufs�tze wurden nicht ver�ffentlicht, und er hatte die Tendenz, st�ndig anzuecken. Trotzdem machte der Typ massenweise �berstunden, ein allerletzter Versuch, sich einen Namen und einen Ruf zu erwerben, egal womit. Unwillk�rlich empfand Carter Mitleid f�r ihn.</p><p>�Du arbeitest heute aber lange�, sagte Carter, und Mitchell schreckte auf.</p><p>�Mann, ich habe dich gar nicht hereinkommen h�ren�, sagte er und schob seine Brille auf der Nase nach oben. Sein langes schwarzes Haar, das immer so fettig aussah, als k�nnte er damit einen Motor schmieren, hing ihm in die Stirn. Aus irgendeinem Grund sah er noch nerv�ser aus als gew�hnlich. �Ich dachte, du h�ttest mittwochs abends ein Seminar.�</p><p>�Das war letztes Semester.�</p><p>�Und warum bist du dann nicht zu Hause bei deiner wundersch�nen Frau?�</p><p>�Meine wundersch�ne Frau arbeitet heute Abend�, sagte Carter und h�ngte seine Lederjacke an die R�ckseite der T�r. �Ich dachte mir, ich komme mal vorbei und arbeite die liegengebliebenen Sachen auf.�</p><p>Als sei er unsicher, was er machen sollte, blickte Mitchell auf die Proben vor sich.</p><p>�Woran arbeitest du gerade?�, fragte Carter, aber als er n�her kam, konnte er es selbst erkennen. Und es machte ihn nicht gerade gl�cklich. Mitchell hatte einen der transparenten Umschl�ge aufgerissen und untersuchte eifrig eines der gespendeten Fossile unter der Leuchtstofflampe.</p><p>�Ich konnte einfach nicht widerstehen�, sagte Mitchell mit einem matten L�cheln. �Ich dachte, vielleicht entdecke ich etwas und erspare dir so etwas Zeit.�</p><p>Carter sagte nichts.</p><p>�Dies hier, zum Beispiel�, sagte Mitchell und holte tief Luft, �sieht aus wie das Fragment eines Kieferknochens. Ich denke da an den <emphasis>Smilodon</emphasis>, bin mir aber nicht wirklich sicher. Was siehst du darin?�</p><p>Carter wusste nicht, was er sagen sollte. Das war ein ziemlich heftiger Versto� gegen die Laboretikette, ganz zu schweigen vom beruflichen Ethos. Wenn er wollte, k�nnte er Mitchell deswegen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Zweifellos wusste Mitchell das ebenfalls, weshalb ihm jetzt auch der Schwei� auf die Stirn trat. Carter streckte die Hand aus und dr�ckte den Stopp-Button des Ghettoblasters.</p><p>�Ist das die erste Probe, die du ge�ffnet hast?�, fragte er.</p><p>��h, ja, eindeutig. Ich meine, ich habe gerade an etwas anderem gearbeitet, aber ich habe diese T�ten st�ndig aus dem Augenwinkel gesehen, und na ja, du wei�t ja, wie das ist � wie soll man als Pal�ontologe die Finger von so verlockendem Material lassen k�nnen?�</p><p>�Ja�, sagte Carter trocken. �Ich wei�, wie das ist.� Er wusste auch, wie es war, so verzweifelt zu sein, so sehr auf den Durchbruch bei der Arbeit zu hoffen, der einem irgendwo eine Festanstellung bescheren w�rde. Aber das war keine Entschuldigung. �Ich glaube, es ist das Beste, wenn du mir die Anfangsarbeit �berl�sst. Daf�r werde ich schlie�lich bezahlt.�</p><p>�Absolut�, best�tigte Mitchell und schaltete die Lampe aus.</p><p>�Wenn ich Unterst�tzung brauche, lasse ich es dich wissen.�</p><p>�Cool. Kein Problem�, sagte Mitchell, schob die Probe zur�ck in den Umschlag und reichte ihn Carter.</p><p>Carter wandte sich ab und ging zu seiner eigenen Ecke im Labor. Was f�r eine Schwachsinnsaktion! Er hatte bereits beschlossen, niemandem davon zu erz�hlen, weder innerhalb noch au�erhalb des Fachbereichs, als Mitchell sagte: �Hey, Carter ��</p><p>�Ja?�</p><p>�Tut mir leid, falls ich eine Grenze �berschritten habe. Da kommt doch nichts nach, oder?�</p><p>Carter sch�ttelte den Kopf. �Nein.�</p><p>Er konnte Mitchells erleichterten Seufzer beinahe h�ren.</p><p>�Carter?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Eins noch.�</p><p>Carter fragte sich, ob er �berhaupt zum Arbeiten kommen w�rde, solange Mitchell im Labor war.</p><p>�Macht es dir etwas aus, wenn ich die Musik wieder anmache? Ich kann mich dann besser konzentrieren.�</p><p>�Mach ruhig�, sagte Carter. Wenigstens w�rde Mitchell nicht versuchen, mit ihm zu reden, solange der Ghettoblaster pl�rrte.</p><empty-line/><p>In der Raleigh Galerie in der Siebenundf�nfzigsten East schlenderten die K�ufer durch den Hauptsaal. Es handelte sich um ein paar Europ�er, zwei von ihnen mit einem Titel, ein paar asiatische Wirtschaftsbosse und eine Handvoll ausgew�hlte Plutokraten. Derjenige, den Beth im Auge behielt, war selbst nicht einmal besonders reich. Aber er war Kurator des Getty-Museums in L. A. Die anderen entschieden sich m�glicherweise, etwas zu kaufen, das konnte man nie wissen, aber der Vertreter des Museums mit seinem gewaltigen j�hrlichen Budget war geradezu verpflichtet, etwas davon auszugeben. Und die Werke, die in der Galerie zum Verkauf standen, geh�rten genau zu jenen St�cken, die das Getty normalerweise gerne erwarb. Obwohl es ein paar gute �lgem�lde gab, vor allem den Salvator Rosa, handelte es sich zumeist um Zeichnungen der Alten Meister, einschlie�lich mehrerer Tizians. Es bedurfte schon echten Sachverstands, um zu begreifen, wie erlesen und wertvoll sie waren.</p><p>�Was hat es mit diesem hier auf sich?�, fragte ein j�ngerer Typ und deutete mit einem Kopfnicken auf eine Studie von Tizian, die den Kopf eines Mannes mit geschlossenen Augen darstellte, eingeh�llt wie f�r eine Beerdigung. Beth drehte sich zu dem Besucher um. Er hatte ein rundliches Gesicht, das vollkommene Ahnungslosigkeit ausstrahlte, und einen blonden B�rstenhaarschnitt. Das musste einer von den Typen sein, die mit einem intakten Verm�gen aus Silicon Valley entwischt waren. Davon gab es immer noch welche.</p><p>�Das ist ein sp�ter Tizian.�</p><p>�Italiener, stimmt�s?�</p><p>�Ja, richtig.� Sie sah seine Augen vor Stolz aufleuchten. �Aus der Gegend um Venedig.�</p><p>�Ist der Kerl auf dem Bild tot?�</p><p>�Nein, er betet. Es zeigt den Kaiser Karl V., der bei Tizian ein Gem�lde des J�ngsten Gerichts in Auftrag gab. Aus eigenem Antrieb f�gte Tizian den Kaiser und seine Familie in das Bild mit ein. Dies hier ist eine Studie daf�r.�</p><p>�Es ist nett�, verk�ndete der B�rstenkopf. �Wie teuer soll das sein?�</p><p>Obwohl sie den Preis auswendig wusste, �ffnete Beth ihre Ledermappe und tat, als w�rde sie nachsehen. Sie sp�rte seinen Blick auf sich ruhen, als sie mit dem Finger die Ausstellungsliste entlangfuhr. �Der geforderte Preis betr�gt 250 000 Dollar.�</p><p>Der B�rstenkopf blinzelte nicht einmal.</p><p>�<emphasis>Das J�ngste Gericht</emphasis>�, fuhr sie fort, �ist eines von Tizians bekanntesten und ergreifendsten Werken. Wenn Sie w�nschen, kann ich den Eigent�mer der Galerie herbitten, damit er Ihnen mehr dar�ber erz�hlt, und �ber diese Zeichnung im Besonderen.�</p><p>�Nein�, erwiderte er und sah sie erneut an. �Ich w�rde lieber mit Ihnen reden.�</p><p><emphasis>Welch eine �berraschung.</emphasis></p><p>�Mein Name ist Bradley Hoyt�, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen.</p><p>�Beth Cox�, erwiderte sie und sch�ttelte die Hand.</p><p>�Es gef�llt mir sehr, Beth, aber ich w�rde nie etwas kaufen, ehe meine eigenen Leute nicht einen Blick darauf geworfen haben.�</p><p>�Das verstehe ich vollkommen�, sagte sie und zog ihre Hand zur�ck. �Wir k�nnen jederzeit eine private Schau arrangieren. Oder, wenn Ihnen das lieber ist, k�nnen wir das St�ck auch zu Ihren Experten bringen lassen.�</p><p>�Nee, das ist schon okay. Die k�nnen ruhig zu Ihnen kommen. Sind Sie die ganze Zeit hier?�</p><p>Sie l�chelte. �Meistens, leider.�</p><p>�Wo sind Sie, wenn Sie nicht hier sind?�</p><p>Jetzt war der richtige Zeitpunkt, um die Sache im Keim zu ersticken. �Zu Hause. Bei meinem Mann.�</p><p>�Ja, ich habe den Ring gesehen. Aber wenn Sie sich wegen eines so gro�en Kaufs mit einem Kunden treffen m�ssen, k�nnen Sie doch f�r ein paar Stunden weg, um ihn zu beraten, stimmt�s?�</p><p>�Wir k�nnen die Galerie jederzeit �ffnen.�</p><p>�Ich dachte eher an so etwas wie Lunch im Stanhope. Oder ein Dinner.�</p><p>�Tut mir leid, aber mir w�re nicht wohl dabei, so ein wertvolles St�ck auf eigene Faust aus der Galerie mitzunehmen.�</p><p>�Das brauchen Sie auch nicht. Ich habe die Bilder bereits gesehen.�</p><p>Beth schloss ihre Ledermappe. �Wenn Sie mich bitte entschuldigen w�rden, Mr Hoyt. Es war sehr nett, Sie kennenzulernen, aber ich f�rchte, es gibt noch jemanden, der Interesse an diesem Gem�lde hat.�</p><p>Sie wandte sich ab und ging hin�ber zum Kurator des Getty-Museums. Er beobachtete sie �ber den Rand seiner Halbbrille und sagte mit leiser Stimme: �Sie d�rfen diese <emphasis>Gericht</emphasis>-Studie nicht an diesen Kretin verkaufen � das w�re ein Verbrechen.�</p><p>Beth unterdr�ckte ein Lachen.</p><p>�Sie haben es doch nicht getan, oder?�, fragte er.</p><p>�Nein, noch nicht. Kann ich es vielleicht stattdessen dem Getty verkaufen?�</p><p>Er nahm seine Brille ab und schob sie in die Brusttasche seiner Anzugjacke. �Lassen Sie uns dar�ber reden.�</p><p>�Ja�, sagte sie erleichtert, �reden wir. Solange Sie k�nnen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>4. Kapitel</strong></p></title><p>Kimberlys erster Gedanke beim Aufwachen war: Das war ein Erfolg. Die Dinnerparty f�r den B�rgermeister war ein Erfolg gewesen.</p><p>Ihr zweiter Gedanke war <emphasis>Ezra</emphasis>. Er war aus Israel zur�ckgekommen, hatte sein Zeug in die Zimmer geschafft, in denen er aufgewachsen war, und sie hatte keinen Schimmer, wie lange er vorhatte hierzubleiben. Je k�rzer sein Aufenthalt, desto besser, aber sie konnte es sich nicht leisten, ihre Gef�hle allzu offen zu zeigen. Soweit sie wusste, war die Beziehung zwischen Ezra und seinem Vater seit Jahren angespannt, aber er war immer noch Sams einziger Sohn. Und da Blut nun einmal dicker als Wasser war, musste sie vorsichtig zu Werke gehen.</p><p>Sam kam aus seinem begehbaren Kleiderschrank und zog den Knoten seiner Krawatte zu, die gelbe Seidenkrawatte von Sulka, die sie ihm letzte Woche gekauft hatte. F�r seine Verh�ltnisse sah Sam gut aus. Ma�geschneiderter blauer Anzug, gl�nzende burgunderrote Schuhe, ein ordentlich gefaltetes, zur Krawatte passendes Einstecktuch. Sie hatte getan, was sie konnte, aber mehr konnte selbst sie mit ihren K�nsten nicht erreichen. Er war immer noch klein, glatzk�pfig und fast drei�ig Jahre �lter als sie. Jedes Mal, wenn er sie ber�hrte, wurde sie daran erinnert, dass seine Wurstfinger ebenfalls kurz waren.</p><p>�Ist Ezra schon aufgestanden?�, fragte er.</p><p>�Woher soll ich das wissen? Ich liege ja selbst noch im Bett.� Es kam sch�rfer heraus als beabsichtigt.</p><p>�Ich habe lediglich eine einfache Frage gestellt.�</p><p><emphasis>Schlechte Laune,</emphasis> dachte sie im Stillen. <emphasis>Er hat schlechte Laune</emphasis>. Sie l�chelte und warf die Bettdecke aus �gyptischer Baumwolle zur�ck. �Mach dir keine Sorgen um Ezra. Ich werde mich darum k�mmern, dass er alles bekommt, was er braucht.�</p><p>�Was immer das auch sein mag.� Sam stand neben dem Bett und blickte auf sie herunter, genau, wie sie es vorausgesehen hatte. Ihre Haare, denen Franck stets ein perfektes Kastanienbraun verpasste, ergossen sich �ber die Kissen, und ihre Br�ste wurden von dem schwarzen Spitzenhemd, in dem sie schlief, kaum bedeckt.</p><p>�Was hast du heute vor?�, fragte er.</p><p>�Ich habe mich noch nicht entschieden.� Was sie sehr wohl hatte. �Vielleicht treffe ich mich mit Janine zum Lunch.� Sie hatten f�r halb eins einen Tisch im Le Cirque reserviert.</p><p>Sam schnaubte; er mochte Janine nicht. Andererseits mochte er niemanden von ihren Freunden, die er bislang kennengelernt hatte. Gott allein wusste, was er sagen w�rde, wenn er einigen von denen begegnen w�rde, die sie ihm vorenthielt. Es war Zeit, den Tenor ihrer Unterhaltung zu �ndern. Mit einer Hand ber�hrte sie l�ssig die Vorderseite seiner Hose.</p><p>�Musst du jetzt schon los?�, schnurrte sie.</p><p>�In f�nfundvierzig Minuten habe ich einen Ortstermin im Village.�</p><p>Aber allein der Klang seiner Stimme verriet ihr, dass sie bereits gewonnen hatte. �Du bist der Boss. Die anderen k�nnen warten.�</p><p>Er blieb stehen, w�hrend sie sich auf die Seite drehte und den Rei�verschluss seiner Hose �ffnete. Ihre Finger waren so geschickt wie die einer Spitzenkl�pplerin. Als sie feststellte, dass er leicht auf den Hacken wippte und h�rbar Luft holte, wusste sie, dass sie ihn hatte. Und wenn sie Gl�ck hatte, w�re die Qu�lerei in drei Minuten vorbei.</p><empty-line/><p>Nachdem Sam gegangen war, rief Kimberly bei Janine an, um die Lunchverabredung zu best�tigen. Denn in einem hatte Sam recht: Janine war wirklich zerstreut. Anschlie�end ging sie in ihr Ankleidezimmer, schaltete den Fernseher ein und h�rte einer der morgendlichen Nachrichtensendungen zu, w�hrend sie badete und langsam den letzten Rest Schlaf fortwusch. Nachdem Sam f�r den Rest des Tages verschwunden war, blieb nur noch Ezra im Haus, mit dem sie irgendwie fertigwerden musste. Als sie in ihrem Morgenmantel vor dem Spiegel sa� und sich schminkte, fragte sie sich, was genau Sams Spr�ssling eigentlich in New York vorhatte, jetzt, wo er wieder zur�ck war. Die ganze Angelegenheit hatte etwas h�chst Mysteri�ses an sich. In der einen Minute war er v�llig aus dem Rennen, stellte keine Gefahr dar und arbeitete an irgendeinem Institut in Israel, zu dem sein Vater, o Wunder, Beziehungen hatte. Und im n�chsten Moment haute er aus dem gesamten Nahen Osten ab und kehrte mit dem erstbesten Flug zur�ck. Sie hatte zuf�llig mitgeh�rt, als Sam seine Sekret�rin am Telefon angeschrien hatte, sie solle auf der Stelle den Botschafter ans Telefon holen und f�r Ezra den n�chsten Flug aus Tel Aviv raus buchen, egal wohin. Er schrie oft Leute an, aber seine Sekret�rin normalerweise nicht.</p><p>Dabei hatte Kimberly gro�e Pl�ne f�r die beiden Zimmer, die Ezra einst bewohnt hatte. Sie w�rden ein perfektes Kinderzimmer abgeben.</p><p>Nun, noch war nichts in Stein gemei�elt, sagte sie sich erneut. Die Dinge konnten sich immer noch in ihrem Sinne entwickeln.</p><p>Nachdem sie ihrem Gesicht den letzten Schliff verpasst hatte, w�hlte sie ein Outfit aus ihrem gut best�ckten Kleiderschrank aus. Cremefarbene Bluse und hellgrauer Bleistiftrock, beides von Jean Gaultier, dazu ein Paar Schuhe mit moderaten Abs�tzen. Sie war ohnehin schon gr��er als Sam, so dass sie ihr Schuhwerk mit Bedacht w�hlte. Schlie�lich verlie� sie das Schlafzimmer.</p><p>Von Ezra keine Spur, weder im Wohnzimmer noch im Salon, der Bibliothek oder dem Arbeitszimmer. Nicht einmal im Esszimmer, wo Gertrude, die �ltliche Haush�lterin, den silbernen Kandelaber auf seinen Platz auf den Tisch stellte.</p><p>�Haben Sie Ezra gesehen?�, fragte Kimberly.</p><p>�Er fr�hst�ckt. Er hat abgenommen.�</p><p>Kimberly hatte noch nie zuvor genug von ihm gesehen, um das beurteilen zu k�nnen, aber es war ihr ohnehin herzlich egal. �Danke.� Sie wandte sich bereits zum Gehen, doch dann hielt sie noch einmal inne, gerade lange genug, um zu sagen: �Vielleicht sollten Sie das Silber noch einmal polieren, ehe Sie es zur�ckstellen.�</p><p>Gertrude erstarrte, nicht mehr als eine Sekunde, und Kimberly dachte schon, sie w�rde etwas sagen, doch dann nahm sie schweigend den Kandelaber vom Tisch und verlie� den Raum.</p><p><emphasis>Mit ihr sind es zwei Leute,</emphasis> dachte Kimberly, <emphasis>die ich gerne hier raus h�tte.</emphasis></p><p>Sie entdeckte Ezra in der Fr�hst�cksecke, wo er mit einem Bagel mit Frischk�se, Saft und Kaffee hockte. Es war ein sonniger Tag, und der Ausblick auf den East River weit unter ihnen und die Skyline von Queens dahinter erstreckte sich bis in die weite Ferne. Von hier oben konnte sie die Mietswohnung sehen, in der sie anfangs gewohnt hatte, als sie in New York angekommen war, die kleine Krone der Miss Milwaukee in der Reisetasche.</p><p>�Guten Morgen, Ezra�, sagte sie strahlend. �Gut geschlafen?�</p><p>�Ja, sehr gut.�</p><p>Er sah nicht so aus. Er hatte sich nicht rasiert, und unter den Augen hatten sich Tr�nens�cke gebildet. F�r jemanden, der ein paar Jahre im Nahen Osten verbracht hatte, wo es, soweit sie wusste, hei� und sonnig war, wirkte seine Haut ungesund blass. Auf Kimberly machte er den Eindruck, als h�tte er unter einem Stein gelebt.</p><p>�Hast du etwas dagegen, wenn ich dir Gesellschaft leiste?�</p><p>�Ganz und gar nicht�, erwiderte er, aber sein Gesichtsausdruck sagte etwas anderes.</p><p>Nicht, dass Kimberly besonders scharf auf diese Pflicht�bung gewesen w�re. Aber wenn sie sich mit diesem � Spr�ssling gutstellen und herausfinden wollte, was eigentlich vor sich ging, konnte sie genauso gut jetzt damit anfangen.</p><p>�Hast du deinen Vater heute Morgen noch gesehen, bevor er gegangen ist?�</p><p>�Nur kurz. Er sagte, wir w�rden heute Abend reden.�</p><p>Kimberly setzte sich an den kleinen Glastisch, und als Gertrude hereinkam, fragte sie sie, wo die K�chin sei.</p><p>�Die Party gestern Abend dauerte so lange, also sagte ich ihr, dass sie erst mittags zu kommen br�uchte.�</p><p>�Dann werde ich wohl Sie bitten m�ssen, mir mein �bliches Fr�hst�ck zu machen. Eine kleine Schale M�sli mit frischen Fr�chten und Joghurt sowie schwarzen Kaffee.�</p><p>�M�chtest du noch etwas, Ezra?�, fragte Gertrude demonstrativ. �Vielleicht ein paar Eier, so wie du sie gerne magst, mit zerkr�melter Matze?�</p><p>Kimberly war nicht dumm, sie wusste, dass es sich bei dieser Verz�gerung um einen subtilen Akt des Ungehorsams handelte, aber sie war klug genug, f�r dieses Mal ihren Mund zu halten.</p><p>�Danke, Gertrude, aber ich m�chte nichts mehr�, sagte Ezra. Endlich drehte Gertrude sich um, ihr langer schwarzer Rock wirbelte um ihre fetten Kn�chel, und sie ging in die angrenzende K�che. Kimberly h�rte sie herumfuhrwerken, und selbst das erboste sie.</p><p>�Ich bin so froh, dass du gestern Abend noch den B�rgermeister begr��en konntest. Er ist so ein witziger Mann, wenn er sich mal bei Freunden entspannen kann. Aber wir werden noch mehr Dinnerpartys geben, und mit der Zeit wirst du ihn schon kennenlernen.�</p><p>Ezra nickte unverbindlich und nippte an seinem Kaffee.</p><p>�Also�, sagte Kimberly auf der Suche nach einem Anfang, �mit den ganzen Leuten gestern Abend hatten wir gar nicht die Gelegenheit, uns richtig zu unterhalten. Warum hast du dich entschieden, nach New York zur�ckzukehren?�</p><p>Ezra hob den Blick zum Fenster, und ein paar Sekunden lang sagte er gar nichts. �Meine Arbeit in Israel ist beendet.�</p><p>Da Kimberly keine klare Vorstellung davon hatte, worin diese Arbeit bestanden hatte, und sich auch nicht wirklich daf�r interessierte, ging sie nicht n�her darauf ein. �Und hast du jetzt vor, f�r immer hier zu bleiben � ich meine, in New York?�</p><p>�Ich habe mich noch nicht entschieden.�</p><p>�Du wei�t, dass du nat�rlich so lange bei uns wohnen kannst, wie du m�chtest�, sagte sie. �Ich wei�, dass dein Vater sehr gl�cklich ist, dich wieder hier zu haben.�</p><p>Gertrude kam mit einem lackierten Tablett herein, auf dem sie Kimberlys Fr�hst�ck angerichtet hatte. Sie stellte das Tablett auf den Tisch und wollte zur�ck in die K�che gehen, aber Kimberly hielt sie zur�ck.</p><p>�Ich glaube nicht, dass in diesem Haus vom Tablett gegessen wird�, sagte sie. �K�nnen Sie die Sachen bitte noch auf den Tisch stellen?�</p><p>Gertrude wandte sich erneut um, nahm die M�slischale, den Joghurt und den Kaffee vom Tablett und stellte alles auf den Tisch. Die alte Frau blickte an Kimberly vorbei zu Ezra und sagte: �Ich werde nachher noch einkaufen gehen. Magst du immer noch diese Kekse, die du als Schuljunge so gerne gegessen hast? Ich kann dir welche mitbringen.�</p><p>�Gerne�, sagte Ezra. �Die habe ich schon ewig nicht mehr gegessen.�</p><p>Wie lange, fragte Kimberly sich, w�rde sie sich diese Spielchen noch bieten lassen m�ssen? Sie hatte Sam, so gut es ging, umgemodelt, aber mit seinem Haushalt war es eine andere Sache. Diese ganzen alten Bediensteten der Familie, Gertrude, die K�chin Trina, dieser Chauffeur Onkel Maury, kamen ihr vor wie die Dorfbewohner in einem der alten Frankensteinfilme. Wenn sie ihre Freundinnen, ihre neuen Freundinnen wohlgemerkt, zu Hause besuchte, sah sie dort Dienstpersonal in ordentlichen Uniformen, die wussten, wie man die Herrschaften bediente und sich zu benehmen hatte. Kimberly dagegen f�hlte sich in Gegenwart ihrer Angestellten nicht nur unbehaglich, sondern hatte auch, wie sie zugeben musste, Angst vor ihnen. Wenn sie Jiddisch sprachen oder was immer das war, w�hrend sie sich mit ihr in einem Raum aufhielten, wusste Kimberly verdammt gut, dass sie dann �ber sie sprachen.</p><p>Es war Zeit, zum Kern der Sache zu kommen. �Ezra�, sagte sie und gl�ttete die Serviette �ber ihrem prallen Scho�, �hast du jemals in Betracht gezogen, f�r deinen Dad zu arbeiten?� Das war ihr ganz pers�nlicher Albtraum. �M�chtest du, dass ich deswegen mit ihm rede?� Sie vermutete, dass es auch Ezras �belster Albtraum war.</p><p>Ezra sah sie an, und sie hatte das Gef�hl, dass er geradewegs durch sie hindurch schaute. Aber das bek�mmerte sie nicht allzu sehr. Sie hatten beide von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Noch w�hrend es mit der ersten Mrs Metzger in der Sloan-Kettering-Krebsklinik immer mehr bergab gegangen war, hatte sie ein Verh�ltnis mit Sam gehabt, und Ezra hatte es herausgefunden. Sie k�nnte ihm noch so viel erkl�ren: wie sehr sie versucht hatte, Sam dazu zu bringen, noch zu warten. Dass sie sich immer schlecht deswegen gef�hlt hatte oder dass das alles einfach so passiert sei. Na ja, vielleicht hatte sie hier und da etwas nachgeholfen, wie das eine Mal, als sie vorgegeben hatte, dass ihr Boss in der Werbeagentur verlangt habe, dass Sam pers�nlich sein Okay zu mehreren Layouts g�be. Damit hatte sie eine Ausrede gehabt, ihn in seinem Apartment aufzusuchen � eines Abends, an dem sie rein zuf�llig einfach umwerfend angezogen war. Aber was sollte das jetzt noch bringen? Das waren alte Geschichten. Und ehrlich gesagt ging es Ezra auch gar nichts an. Es wurde Zeit, dass er erwachsen wurde und endlich dar�ber hinwegkam.</p><p>�Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee w�re�, sagte Ezra, und sie fragte sich, ob er damit meinte, dass er f�r seinen Dad arbeiten sollte oder dass sie f�r ihn die F�hler ausstreckte. �Immobiliengesch�fte haben mich noch nie interessiert.�</p><p>�Und f�r was interessierst du dich dann? Was willst du machen, jetzt, wo du wieder in Amerika bist?�</p><p>�Meine Arbeit fortsetzen.�</p><p>Das schon wieder. �Und was ist das genau?�</p><p>�Forschung.�</p><p>�Und du kannst diese Forschung hier machen? Musst du daf�r nicht wieder zur�ck nach Israel oder sonst wohin?�</p><p>�Nein.�</p><p>Kimberlys Herz sank. Dieses J�ngelchen war genauso alt wie ihr Bruder Wayne, auch wenn Wayne ihn mit einem einzigen Schlag zu Mus kloppen w�rde. Und jetzt plante er wom�glich, bis in alle Ewigkeit in dieser Wohnung rumzuh�ngen. Und das w�rde ihre Pl�ne gewaltig durcheinanderbringen. Wenn sie nicht aufpasste, w�rde es sogar zu m�chtigen Verwerfungen f�hren.</p><p>�Oh, wow�, sagte sie, �das sind ja Neuigkeiten.�</p><p>Ezra l�chelte ironisch. �Darauf wette ich.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>5. Kapitel</strong></p></title><p>An diesem Nachmittag war die Atmosph�re im Labor mehr nach Carters Geschmack. Kein Bill Mitchell, kein Eminem aus dem Ghettoblaster, niemand, der das Elektronenmikroskop in Beschlag genommen hatte. Carter war selten gl�cklicher als in den Momenten, in denen er etwas Neues zu studieren, zu analysieren und zu klassifizieren hatte und herausfinden musste, um was es sich handelte. Selbst als Kind war er schon so gewesen. Seit dem Tag, an dem seine Eltern ein zus�tzliches Zimmer anbauen lassen wollten, wusste er, wozu er im Leben berufen war. Der Bulldozer, der einen tiefen Graben f�r das Fundament ausheben sollte, buddelte dabei einen rostigen L�ffel und ein paar Knochenbruchst�cke aus der Erde. Man h�tte meinen k�nnen, er h�tte Edelsteine und Diamanten zutage gef�rdert. Carter war damals zehn Jahre alt. Am n�chsten Morgen rannte er zur Schule, um die Fundst�cke seinem Naturkundelehrer zu zeigen, der sich allerdings nicht davon beeindrucken lie�. Aber seine Klassenkameraden hatten seine Begeisterung geteilt, besonders als er behauptete, die Knochen seien alt genug, um von einem Dinosaurier stammen zu k�nnen. Woher der L�ffel stammte, war ihm egal. Von diesem Tag an hatte er den Spitznamen �Bones�, Knochen. So begannen seine Freunde ihn zu nennen, und es gefiel ihm tats�chlich. Selbst heute nannten seine Studenten ihn manchmal �Professor Bones�, wenn sie unter sich waren.</p><p>Die Proben, die man ihm zur Identifikation geschickt hatte, waren ein einziges Kuddelmuddel. Kein Wunder, dass die Universit�t Hilfe brauchte. Wer immer die Sammlung gespendet hatte, musste sie auf unterschiedlichsten Wegen zusammengetragen haben. Bei einem St�ck handelte es sich tats�chlich um das versteinerte Fragment des Kieferknochens eines <emphasis>Smilodon</emphasis>, so der passende Name eines S�belzahntigers aus der Eiszeit. Bei den meisten anderen handelte es sich um Fragmente von Schienbeinen und Fu�wurzelknochen von Sauriern. Im Vergleich mit anderen Fossilien gar nicht schlecht erhalten, aber auch nichts Weltbewegendes. Noch ein, zwei Stunden, dann k�nnte Carter seine Arbeit abschlie�en, seinen Bericht schreiben und sich Aufgaben widmen, die mehr Herausforderung versprachen.</p><p>Wenn nur endlich das Telefon Ruhe geben w�rde.</p><p>Es hatte schon fr�her geklingelt und klingelte immer wieder, ohne dass Carter deswegen seine Arbeit unterbrochen h�tte. Die einzige Person, die wusste, dass er hier war, war die Sekret�rin des Fachbereichs, und sie w�rde die Nachricht f�r ihn entgegennehmen und in sein Postfach legen. Zu der anderen Post, die er, wie ihm jetzt einfiel, seit drei Tagen nicht abgeholt hatte.</p><p>Jetzt klingelte es schon wieder, doch vermutlich war es ohnehin nur Bill Mitchell, der pr�fen wollte, ob sonst noch jemand im Labor war, der sich �ber ihm auf der Karriereleiter befand. Er wollte es klingeln lassen, wusste jedoch, dass es zehn Minuten sp�ter doch wieder losgehen und seine Konzentration erneut st�ren w�rde. Er stand vom Stuhl auf, streckte sich und durchquerte den Raum zum Wandtelefon. Beim f�nften oder sechsten Klingeln hob er ab.</p><p>�Labor, Carter am Apparat.�</p><p>�Carter Cox?� Die Verbindung war schlecht, aber er ahnte bereits, mit wem er sprach. Dr. Giuseppe Russo, Joe, f�r seine amerikanischen Freunde.</p><p>�Russo? Joe Russo?�</p><p>�Ja! Die Sekret�rin hat mir gesagt, dass du da bist. Ich habe die ganze Zeit angerufen.�</p><p>�Von wo aus rufst du an? Die Verbindung ist so schlecht, kann ich dich zur�ckrufen?�</p><p>�Nein, mein Freund. Jetzt, wo ich dich erwischt habe, werde ich nicht wieder auflegen.�</p><p>�Es muss wichtig f�r dich sein, wenn du sogar den Anruf zahlst.�</p><p>Russo lachte. Dar�ber hatten sie w�hrend der Ausgrabungen auf Sizilien, bei denen sie sich kennengelernt hatten, st�ndig Witze gemacht. Russos Budget war so knapp bemessen gewesen, dass er nicht einmal Essen und Wasser davon bezahlen konnte.</p><p>�Ich habe jetzt einen richtigen Job, an der Universit�t in Rom.�</p><p>�Gratuliere! Das ist gro�artig!�</p><p>�Darum rufe ich auch an.�</p><p>�Soll ich r�berkommen und eine Vorlesung halten? Beth w�re ganz aus dem H�uschen. Sie sucht st�ndig nach einem Vorwand, um nach Italien zu reisen.�</p><p>�Nein. Keine Vorlesung. Das mache ich selbst.�</p><p>�Okay, ein Nein als Antwort kann ich akzeptieren.� Aber warum rief er dann an, und dann noch so hartn�ckig?</p><p>�Hast du mein P�ckchen nicht bekommen?�, fragte Russo. �Die Proben, die ich dir mit Federal Express geschickt habe?�</p><p>�Nein, habe ich nicht.�</p><p>�Ich habe es dir letzte Woche ins B�ro in deinem Fachbereich geschickt.�</p><p>Mist. �Ich habe seit ein paar Tagen nicht mehr nach der Post geschaut.�</p><p>In der Leitung knisterte es, trotzdem h�rte Carter Joes glucksendes Lachen.</p><p>�Du musst es holen�, sagte Russo, �und es lesen. Bald. Es ist sehr wichtig.�</p><p>�Ich werde es einsammeln, sobald ich das Labor verlasse. Was ist darin?�</p><p>Entweder war die Leitung einen Moment ganz ausgefallen, oder Joe �berlegte, was er erwidern sollte. �Wir haben hier etwas gefunden�, sagte er schlie�lich. �Um genau zu sein, waren es eigentlich zwei Amerikaner, die es zuerst entdeckt haben. Es ist ein � sehr interessanter Fund. Ich denke, wir brauchen deine Hilfe.�</p><p>Joe hatte Carter dabei geholfen, die �berreste von Europas ersten Bewohnern aus der �Knochengrube� auf Sizilien auszugraben. Er war kein Mann, der haltlose Behauptungen aufstellte, und wenn er etwas als �sehr interessanten Fund� bezeichnete, dann wusste Carter, dass es sich m�glicherweise um eine richtig gro�e Sache handelte. Carter sp�rte das Prickeln der Vorfreude am Hinterkopf.</p><p>�Was soll ich tun? Mir das P�ckchen ansehen und dich morgen anrufen?�</p><p>�Ja! Meine Nummer ist dabei. Ruf mich um sechs Uhr abends an, r�mische Zeit. Du wirst es selbst wollen, mein Freund�, sagte er mit einem leisen Auflachen. �Du wirst nicht warten wollen.�</p><p>Carter konnte es jetzt schon kaum noch abwarten. Im Stillen schwor er sich, dass er sein Postfach nie wieder so str�flich vernachl�ssigen w�rde. Sobald er aufgelegt hatte, r�umte er die gespendeten Fossilien weg, wobei er sich aus lauter Gewohnheit streng an die Vorschriften hielt, dann schnappte er sich seine Jacke und ging zur T�r.</p><p>Mitchell kam gerade herein, in der Hand eine T�te von Burger King. �Hey, Bones, warum so eilig?�</p><p>�Hab was in meinem B�ro vergessen�, sagte Carter, w�hrend er sich an ihm vorbeidr�ckte.</p><p>�Viel Gl�ck�, sagte Mitchell, �wahrscheinlich haben sie schon �bers Wochenende dichtgemacht.�</p><p>Genau das bef�rchtete Carter. �Du hattest �brigens recht mit dem Kieferfragment�, rief er �ber die Schulter, als er um die Ecke bog. �Es ist ein <emphasis>Smilodon</emphasis>.�</p><empty-line/><p>Das B�ro des Fachbereichs war tats�chlich bereits geschlossen, als Carter au�er Atem dort ankam. Durch die Glast�r konnte er sein Postfach sehen, den obersten Schlitz im h�lzernen Schrank, bis zum Platzen vollgestopft. Er erkannte sogar einen dieser unverwechselbaren FedEx-Umschl�ge mit den dicken Blockbuchstaben ganz oben auf dem Stapel. Entgegen aller Vernunft r�ttelte er am T�rgriff, aber es war nat�rlich abgeschlossen.</p><p>In diesem Moment h�rte er den Hausmeister, Hank, der irgendwo im Korridor seinen Mopp in einen Eimer tauchte.</p><p>�Hank, sind Sie das?�, rief er laut und bog um die Ecke.</p><p>Hank blickte auf, den Mopp immer noch im Blecheimer. �Was ist los, Professor?�</p><p>�K�nnen Sie mir einen riesigen Gefallen tun? K�nnen Sie das Fachbereichsb�ro kurz f�r mich aufschlie�en?�</p><p>�Sie wissen doch, dass ich das nicht darf.�</p><p>�Ja, ich wei�, Hank, und normalerweise w�rde ich Sie auch nie darum bitten. Aber im B�ro ist etwas, das ich unbedingt heute Abend noch haben muss.�</p><p>Hank atmete h�rbar aus, strich mit der Hand �ber seinen kahlen Sch�del und schob schlie�lich den Eimer samt Mopp an die Wand. �Ich habe das nie getan, verstanden?�</p><p>�Nie.�</p><p>Hank trottete zur B�rot�r, sperrte sie auf und wartete, w�hrend Carter sich den FedEx-Umschlag aus seinem Postfach schnappte. Er war dick und schwer, und Carter �berpr�fte den Absender, um sich zu vergewissern, dass es der richtige war. Tats�chlich, er kam von Joe Russo aus Rom. �Das ist es, was ich gebraucht habe�, sagte er und zeigte Hank das P�ckchen. �Sie haben mir das Leben gerettet.�</p><p>Hank nickte und schloss das B�ro wieder ab. �Allerdings.�</p><p>Am liebsten h�tte Carter den Umschlag an Ort und Stelle aufgerissen und den Inhalt begutachtet und gelesen, doch inzwischen war es fast sieben, und er war mit Beth und ihren Freunden Abbie und Ben Hammond in Minetta�s Tavern zum Abendessen verabredet. Der Briefumschlag w�rde warten m�ssen, doch zumindest hielt er ihn jetzt in den H�nden. Andernfalls h�tten die Chancen nicht besonders gut gestanden, dass er in der Nacht, oder eher das ganze Wochenende �ber, Schlaf gefunden h�tte.</p><p>Das Restaurant war nur ein paar Blocks entfernt, und als er ankam, entdeckte er Beth und die Hammonds an einem Tisch in der N�he der Bar, wo sie sich einen Vorspeisenteller teilten.</p><p>�Gut, dass ihr nicht gewartet habt�, sagte Carter, beugte sich vor und k�sste Beth auf die Wange.</p><p>�Das w�re uns nie in den Sinn gekommen�, sagte Ben und spie�te eine Olive auf.</p><p>Carter lachte, zog den freien Stuhl hervor und setzte sich. Auf dem Tisch stand eine halbleere Karaffe mit Wein, und er schenkte sich ein Glas ein. Ben trug immer noch seinen Banker-Anzug, und Abbie, die bei einer Agentur arbeitete, deren Name Carter sich nie merken konnte, trug ein Kost�m, rot mit wei�en Biesen an Revers und Kragen. Auf Carter wirkte sie, als wollte sie f�r eine Rolle als Gattin des Weihnachtsmanns vorsprechen.</p><p>�Was ist in dem P�ckchen?�, fragte Abbie. �Du klammerst dich daran, als sei es das Gewinnerlos der Fernsehlotterie.�</p><p>�Ach, nur etwas Arbeit f�r sp�ter.�</p><p>Aber Beth, die in ihm lesen konnte wie in einem offenen Buch, legte den Kopf schr�g und l�chelte neugierig. Sie wusste, dass mehr dahintersteckte.</p><p>�Was ist das hier?�, fragte Carter in der Hoffnung, das Thema zu wechseln, und deutete auf einen Haufen Fotos, die auf dem Tisch verteilt lagen. Auf einem erkannte er eine kurvenreiche Landstra�e, auf dem n�chsten ein altes Farmhaus mit breiter Veranda.</p><p>�Sie haben sich ein Landhaus gekauft�, sagte Beth begeistert. �Im Norden.�</p><p>�In Hudson�, erkl�rte Abbie stolz. �Mit anderthalb Hektar Land und einer alten Apfelplantage.�</p><p>�Nicht zu vergessen die Scheune, die demn�chst umf�llt�, f�gte Ben hinzu.</p><p>�Super�, sagte Carter, besah sich die Fotos vom Haus, das klein, aber gut erhalten wirkte. In der Ferne sah man eine niedrige Bergkette. �Ich wollte schon immer mal �fter aus der Stadt raus, aber ich wusste nie, wohin.� Er schaute Ben und Abbie an und sagte: �Vielen, vielen Dank. Ich bringe auch meine eigenen Marshmallows mit.�</p><p>�Und vergiss die Cracker und die Schokolade nicht�, sagte Abbie.</p><p>Beth hob ihr Glas, um einen Toast auszubringen. �Auf die Gro�grundbesitzer!�</p><p>�<emphasis>Salud!</emphasis>�, sagten alle und stie�en an, als sich der Kellner mit den Speisekarten n�herte.</p><p>Nachdem sie sich die Tageskarte angesehen und bestellt hatten, erz�hlten die Hammonds noch mehr von dem Haus. Sie waren schon seit Monaten auf der Suche. �Wir brauchen unbedingt einen Platz au�erhalb der Stadt�, sagte Abbie, �um mal abzuschalten.�</p><p>Carter glaubte allerdings, den wahren, unausgesprochenen Grund zu kennen, weshalb sie sich das Haus gekauft hatten. Es sollte von den Schwierigkeiten ablenken, die sie damit hatten, ein Kind zu bekommen, was er sehr gut nachvollziehen konnte. Und tats�chlich, schon bald unterhielten Beth und Abbie sich �ber Dr. Weston. Abbie hatte ihn zuerst konsultiert, und jetzt steckten sie die K�pfe zusammen und sprachen konzentriert miteinander. Nicht zum ersten Mal bewunderte Carter die Intensit�t ihrer Freundschaft. Soweit er beurteilen konnte, gab es nichts unter der Sonne, �ber das Beth und Abbie nicht miteinander reden konnten, und vermutlich gab es auch nichts, wor�ber sie nicht schon geredet hatten. Im Barnard-College waren sie Zimmergenossinnen gewesen, und seitdem waren sie einander die beste Freundin. Selbst als Beth f�r ein Jahr nach England gegangen war, um am Cortauld College Kunstgeschichte zu studieren, hatte Abbie ein Sloan-Stipendium an der London School of Art ergattert. Ihr urspr�ngliches Ziel war es gewesen, selbst K�nstlerin zu werden, eine abstrakte Expressionistin, die n�chste Lee Krasner. Aber das hatte nicht so richtig geklappt. Stattdessen hatte sie sich schlie�lich f�r einen lukrativen, aber geistig weniger anspruchsvollen Posten als Art Director in einer Werbeagentur entschieden.</p><p>Ben und Carter waren bei dieser Beziehung nur Anh�ngsel, und das wussten beide. W�hrend ihre Frauen lachten und schwatzten und sich weiterhin leise berieten, suchten die M�nner h�flich nach einem Thema, �ber das sie reden k�nnten. Es war nicht so, dass sie einander nicht gemocht h�tten. Sie waren sich sehr wohl sympathisch, aber ihre Lebensl�ufe und Berufe, selbst ihre Interessen waren ziemlich verschieden.</p><p>Ben entstammte einer beg�terten Familie aus dem Main Line Viertel in Philadelphia, hatte in Exeter studiert, als Jahrgangsbester an der Wharton Business School seinen Abschluss gemacht und legte seitdem eine steile Karriere als Investmentbanker hin.</p><p>Carter nannte seine Familie mittlerweile �bequeme Unterschicht�, nat�rlich nur, wenn sie nicht in H�rweite waren. Sein Vater hatte einen Milchlaster einer Molkereikette in Nord-Illinois gefahren, und seine Mutter war zu Hause geblieben, um Carter und seine vier Br�der und Schwestern gro�zuziehen. Einen Gro�teil seiner Kindheit hatte er krank zu Hause gelegen. Als kleiner Junge hatte er die �blichen Kinderkrankheiten durchgemacht, Mumps, Masern, Windpocken, aber er hatte auch unter etwas gelitten, das eine Art Asthma zu sein schien. Er sagte stets, �zu sein schien�, denn als er ins Teenageralter kam, verschwanden die Beschwerden auf mysteri�se Weise. Seitdem hatte er sich M�he gegeben, die verlorene Zeit wieder wettzumachen, indem er kletterte, Ski fuhr und die ganze Welt bereiste. Zu jedermanns Erstaunen, einschlie�lich seines eigenen, bekam er ein gro�z�giges Stipendium in Princeton. Er packte die Gelegenheit beim Schopfe und blickte nie zur�ck.</p><p>Doch erst in den letzten Jahren, nachdem er seine bemerkenswerten Funde auf Sizilien gemacht hatte, war er in die Riege der Spitzenkr�fte in seinem Fachgebiet aufgestiegen. Der Lehrstuhl, den Carter an der New York University innehatte, war ein hei�begehrter Posten, was zum Teil daran lag, dass Mr Kingsley, nach dem der Lehrstuhl benannt war, eine hinreichend ausgestattete Stiftung hinterlassen hatte, um dem Lehrstuhlinhaber ein respektables Gehalt zahlen zu k�nnen. Carter war nicht wegen des Geldes in das Knochengesch�ft eingestiegen, das w�rde niemand tun, der bei klarem Verstand war. Aber letztendlich, so musste er einr�umen, hatten die Knochen ihm ziemlich viel Gl�ck gebracht.</p><p>W�hrend er und Ben von B�chern und Filmen auf die Au�enpolitik kamen, fiel es Carter immer schwerer, sich zu konzentrieren. Er tat sein Bestes, um seinen Teil zur Unterhaltung beizutragen, aber mit den Gedanken kehrte er immer wieder zu dem P�ckchen von FedEx zur�ck, das unter seinem Stuhl lag. Am liebsten w�re er nach Hause gerannt, h�tte den Umschlag aufgerissen und herausgefunden, wovon Russo geredet hatte. Als Carter als erster Forscher die Knochengrube entdeckt und ausgegraben hatte, war Giuseppe Russo, damals noch Doktorand der Pal�ontologie, buchst�blich seine rechte Hand gewesen. Einmal, als Carters Seil sich unerkl�rlicherweise aus dem Karabiner gel�st hatte, hatte Joe ihn in letzter Sekunde am Kragen seines Ponchos gepackt und hinauf auf festen Boden gezerrt. Carter konnte sich noch gut an das Gef�hl erinnern, wie er �ber einem grausigen Haufen pr�historischer menschlicher Knochen mitten in der Luft im engen Schacht geschwebt hatte, den sie mehr als zwanzig Meter tief in die Erde gegraben hatten. Ohne Joe h�tte er sich damals zu den anderen sterblichen �berresten gesellt, genauso mausetot.</p><p>Als die Dessertkarte kam, waren zum Gl�ck alle viel zu vollgegessen, um auch nur dar�ber nachzudenken. Carter betete, dass niemand noch einen Kaffee oder einen Drink bestellen w�rde, und sein Flehen wurde erh�rt. Ben sagte tats�chlich, er m�sste noch einmal ins B�ro. Drau�en trennten sich ihre Wege, und Beth hakte sich bei Carter unter, als sie nach Hause gingen.</p><p>�Also�, sagte sie. �Ich sterbe fast vor Neugier. Was ist in diesem geheimnisvollen Umschlag?�</p><p>�Das werde ich wissen, wenn wir zu Hause sind�, sagte er. �Aber er ist von Joe Russo.�</p><p>�Der Typ, mit dem du auf Sizilien zusammengearbeitet hast?�</p><p>�Ja. Er sagt, er habe etwas gefunden, etwas, das er f�r merkw�rdig genug h�lt, damit ich einen Blick darauf werfen soll.�</p><p>�M�chte er, dass du hinfliegst?�, fragte sie und klang besorgt.</p><p>�Soweit ich wei� nicht. Aber meinst du nicht, dass du dort gen�gend Renaissance-Kunst findest, um dich ein paar Wochen lang zu besch�ftigen?�</p><p>�Das ist es nicht�, entgegnete sie, als sie an der Bleecker Street an der Ampel warteten. �Ich k�nnte im Moment nicht aus der Galerie weg, und wenn du allein f�hrst, wie sollen wir dann �?�</p><p>Carter begriff. �Ach so, das. Ich k�nnte dir ein paar Proben im K�hlschrank dalassen.�</p><p>�Du bist immer so romantisch. �brigens, das wollte ich dir noch sagen: Dr. Westons Praxis hat angerufen. N�chsten Samstag hast du einen Termin. Morgens.�</p><p>Um seine Zeugungsf�higkeit testen zu lassen. Carter dachte mit Schrecken daran, w�hrend sie die letzten paar Blocks nach Hause gingen. Er sp�rte bereits Versagens�ngste in sich aufsteigen.</p><p>Ihre Wohnung im zweiten Stock eines alten roten Backsteingeb�udes wies direkt auf den Washington Square Park. Bei den irrsinnigen Immobilienpreisen in Manhattan w�rde sie normalerweise mehrere tausend Dollar im Monat kosten. Aber zum Gl�ck geh�rte das Haus der Universit�t, welche die Wohnungen g�nstig an Fakult�tsmitglieder vermietete.</p><p>Carter schloss die T�r auf und schaltete das Licht an, w�hrend Beth ihren Mantel an den h�lzernen Garderobenst�nder im Foyer h�ngte.</p><p>�Willst du zuerst unter die Dusche?�, fragte sie.</p><p>�Nein, geh du nur�, sagte er und riss bereits den Umschlag von FedEx auf.</p><p>�Das hatte ich mir schon gedacht.�</p><p>Carter ging ins Wohnzimmer und lie� sich in seinen Lieblingssessel fallen, einen abgenutzten Lederlehnsessel, den er seit seiner Studentenzeit besa�. Er riss den Umschlag beinahe in zwei H�lften. Aus einer Mappe rutschten ein paar Hochglanzbilder auf seinen Scho�, und er musste rasch danach greifen, ehe sie zu Boden fielen. Mit dem Fu� zog er den Couchtisch n�her heran und sch�ttete alles auf die marmorierte Tischplatte.</p><p>Obenauf lag ein getippter Brief mit dem Briefkopf der Universit�t von Rom, nach dem er als Erstes griff. �<emphasis>Dottore</emphasis>�, begann er. So hatte Joe ihn stets angeredet. �Ich schicke dir zur Kenntnisnahme alle beigef�gten Proben. Und meine Gr��e. Und jetzt erz�hle ich dir die Geschichte von diesen Sachen, die dich, wie ich denke, sehr interessieren wird, und dann reden wir dar�ber.� Sein Englisch hatte sich enorm verbessert, hatte jedoch immer noch diese wunderbar gestelzte Art. Joe benutzte zum Beispiel keine Kurzformen, aber bisher war das Schreiben vollkommen verst�ndlich. Carter �berflog den Rest des sechsseitigen, einzeilig bedruckten Briefes, ehe er wieder zum Anfang zur�ckbl�tterte.</p><p>Die Schilderung begann, seltsam genug, mit einem Bericht �ber die Wasserst�nde eines Ortes namens Lago d�Averno, von dem Carter noch nie geh�rt hatte. Offensichtlich war der Wasserspiegel des Sees auf den tiefsten Stand seit vielleicht mehreren Millionen Jahren gefallen. Eine H�hle, die die ganze Zeit unter Wasser gelegen hatte, m�glicherweise sogar Hunderte von Metern tiefer als heute, war durch die seismischen Aktivit�ten in dieser Region langsam nach oben geschoben und so zum ersten Mal zug�nglich gemacht geworden. Ein junges amerikanisches Paar waren die Ersten, die zuf�llig darauf stie�en. In Klammern hatte Joe hinzugef�gt, dass der Mann dort verungl�ckte und ertrank.</p><p>In dieser H�hle hatte man eine versteinerte Kreatur entdeckt. Joe entschuldigte sich f�r den Gebrauch des vagen Begriffs <emphasis>Kreatur</emphasis>, erkl�rte jedoch, dass genau diese Ungewissheit der Grund daf�r sei, warum er seinen alten Freund Carter in erster Linie kontaktiere. �Aus den Teilen des Fossils, die wir sehen k�nnen, ist es nicht klar, womit wir es zu tun haben.� Es g�be etwas, das auss�he wie erweiterte Klauen, fuhr der Brief fort, was die Vermutung nahelegte, dass es sich um ein Raubtier mittlerer Gr��e handelte, aber diese Klauen schienen ebenso �ber deutlich ausgebildete Mittelhandknochen und Fingerglieder zu verf�gen. Merkmale also, die nur auf einen hominiden Vorfahren hindeuten konnten. �Aber ein Hominid, der im evolution�ren Zeitplan viel zu alt ist, um m�glich zu sein.�</p><p>Carter verstand bereits, warum Joe so verwirrt war. Aber warum unterzogen sie die Probe nicht einem einfachen Carbon-14-Test und warteten ab, was dabei herauskam? Damit h�tte Carter angefangen.</p><p>Doch offensichtlich hatte Joe das auch getan. Schon im n�chsten Absatz las Carter: �Wie man es erwarten darf, haben wir die vorschriftsm��igen Radiocarbon-Datierungen durchgef�hrt. Da wir hier keinen Zugang zu einem Beschleuniger-Massenspektrometer haben� � kurz AMS, die, wie Carter wusste, au�erhalb der Vereinigten Staaten kaum zu finden waren �, �haben wir f�nf Gramm reinen Kohlenstoff vom Ausgangsmaterial isoliert und wiederholt Untersuchungen damit durchgef�hrt. Die Laborberichte dieser Testreihe sind beigef�gt, siehe Anhang A.�</p><p>Carter bl�tterte in den Unterlagen, bis er den Anhang gefunden hatte. Es war die typische Darstellung, ein komplexes Diagramm mit den elementaren Zusammensetzungen und Zerfallsraten der Isotope, aber Carters Finger flog �ber die Seiten, bis er zu den Ziffern kam, nach denen er gesucht hatte, der abschlie�enden Alterssch�tzung. Und diese Zahl, das stimmte, ergab absolut keinen Sinn. Die Methode funktionierte, <emphasis>wenn</emphasis> sie funktionierte, weil das Radiocarbon-Isotop Carbon-14, das in allen organischen Stoffen vorhanden war, egal ob es sich um Holz, Pflanzenfasern, Muscheln oder Tierknochen handelte, gleichm��ig alle 5730 Jahre zu f�nfzig Prozent zerfiel. Wenn man �ber eine ausreichend gro�e Probe verf�gte, wie beispielsweise die f�nf Gramm, die Joe hatte, bekam man eine ziemlich genaue Sch�tzung �ber das Alter selbst der fr�hesten pr�historischen Funde. Die ber�hmten H�hlenmalereien von Lascaux zum Beispiel wurden auf 15 000 bis 17 000 Jahre gesch�tzt. Es gab immer eine kleine Fehlerspanne, da Carbon-14 im Laufe der Geschichte nicht immer in gleichen Mengen produziert worden war, so dass die Radiocarbon-Datierung noch �korrigiert� oder �kalibriert� werden musste, um den chronologischen Schwankungen Rechnung zu tragen. Als Ergebnis blieb eine Diskrepanz von vielleicht ein paar hundert, in seltenen F�llen von ein paar tausend Jahren.</p><p>Doch selbst bei einem Spielraum von ein paar tausend Jahren ergaben Joes Berechnungen keinen Sinn, besonders dann nicht, wenn er immer noch erwog, dass es sich bei dem Fund m�glicherweise um einen Hominiden handelte. Dieses Fossil vom Lago d�Averno hatte laut der Radiocarbon-Datierung vor Millionen von Jahren gelebt, lange bevor die allerersten Vorfahren der Menschheit auf der Erde herumliefen oder auch nur krochen.</p><p>Obwohl er noch nicht genau bestimmen konnte, wo sich der Fehler eingeschlichen hatte, entschied Carter, dass die Ergebnisse so fehlerhaft sein mussten, dass sie nutzlos waren. Es blieb nichts anderes �brig, als sie vollkommen au�er Acht zu lassen.</p><p>Er bl�tterte zur�ck zum Brief. Dort r�umte Joe ebenfalls ein, dass er mit der �blichen Radiocarbon-Methode nicht weiter vorankam.</p><p>Als n�chsten Schritt h�tte Carter die umgebende Gesteinsformation der Fundstelle analysiert, um anhand des Alters und der Zusammensetzung des Felsens, in den der Fund eingebettet war, herauszufinden, um was f�r ein Fossil es sich handelte oder handeln k�nnte. Offensichtlich war Joe zu demselben Schluss gekommen. �Die Ergebnisse der Untersuchung des umgebenden Felsens befinden sich im Anhang B.�</p><p>Wieder �berpr�fte Carter Joes Arbeit, und wieder konnte er keine offenkundigen Fehler oder Vers�umnisse entdecken. Joe hatte die Arbeiten genau nach Lehrbuch erledigt. Trotzdem waren die Ergebnisse auch dieses Mal absolut r�tselhaft. Das Felsgestein war vulkanischen Ursprungs und stark mit Pyroxenen durchsetzt, so viel war klar. Doch dem erstaunlich hohen Anteil an Silizium, seiner Streifung und Dichte nach zu urteilen, war es aus einem nahezu unglaublich tiefen und hei�en Bereich der Erdkruste spiralf�rmig an die Oberfl�che gedr�ckt worden. Im Inneren des Felsens, gleichsam als Mahnung an diesen gewundenen Weg von der Asthenosph�re durch die �u�ere Kruste hindurch, fand sich eine ungew�hnlich hohe Konzentration eingeschlossener, fl�chtiger Gase. Carter lie� sich in seinem Sessel zur�cksinken und dachte kurz dar�ber nach. Im Endeffekt hatten sie es hier mit einer unermesslich best�ndigen und dichten Gesteinsprobe zu tun, die wie eine selbstgebastelte Bombe vor den Augen explodieren konnte, wenn man sie nicht richtig behandelte. Wie eine ziemlich gewaltige selbstgebastelte Bombe.</p><p>Kein Wunder, dass Joe z�gerte weiterzumachen, ehe er sich ausgiebig mit Kollegen beraten hatte.</p><p>Das Problem lag darin, einen Weg zu finden, das Fossil in einem m�glichst intakten Zustand aus dem explosiven Gestein zu entfernen, mit dem es unter Umst�nden unl�sbar verbunden war, ohne die Bombe zu z�nden.</p><p>�In der Pappmappe�, schrieb Joe, �findest du Fotos von dem Fossil <emphasis>in situ</emphasis>.�</p><p>Darauf hatte Carter gewartet. Als die Fotos ihm entgegengefallen waren, hatte er sie absichtlich wieder zur�ckgelegt. Er wollte sie nicht ansehen, ehe er das �brige Material gesichtet hatte und wusste, womit er es zu tun hatte. Inzwischen wusste er, was bereits feststand, und was, in diesem besonderen Fall, noch in der Schwebe hing, und erst jetzt war er bereit, einen Blick auf die sichtbaren Beweise zu werfen und sich selbst ein Bild davon zu machen. Er beugte sich vor und �ffnete die Mappe auf dem Tisch.</p><p>Das oberste Bild war so wundersch�n, dass es aus einer Reisebrosch�re h�tte stammen k�nnen. Im Vordergrund sah man nichts als blaues Wasser mit kleinen Wellen, und im Hintergrund eine Wand aus schroffen grauen Klippen mit vom Wind gebeugten Zypressen. Auf Seeh�he lag der Eingang einer H�hle, die immer noch teilweise unter Wasser lag und auf dieser Aufnahme kaum zu erkennen war. Carter schaute auf die R�ckseite des Fotos, wo Joe das Datum notiert und dazugeschrieben hatte: �Lago d�Averno, H�hle, aus etwa 150 Metern Entfernung.�</p><p>Carter legte das Bild mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch und nahm das n�chste zur Hand.</p><p>Bei diesem hatte der Fotograf sich der H�hle schon viel weiter gen�hert. Die �ffnung war rau und zerkl�ftet, und an einer Seite waren die K�pfe zweier Taucher mit Taucherbrillen und Schnorcheln zu sehen. Auf der R�ckseite stand �Eingang zur H�hle�, was kaum n�tig gewesen w�re, doch in Klammern war hinzugef�gt: �Wusstest du, dass ich tauchen kann?� Carter l�chelte. Nein, dass Joe tauchen konnte, war ihm neu.</p><p>Die n�chsten Fotos zeigten das Innere der H�hle, die offensichtlich von einer starken Taschenlampe beleuchtet worden war. Die nassen W�nde und Decken waren in helles Licht mit scharfem Schatten getaucht, und der Fels glitzerte wie Pyrit und Diamanten. Von dem Fossil hingegen sah Carter nichts.</p><p>Er nahm sich das n�chste Bild, und dieses Mal stockte ihm der Atem. Im harten hellen Licht der Lampe, die teilweise in der linken oberen Ecke zu erkennen war, konnte er jetzt die vom Felsen eingeschlossenen Knochen erkennen. Er hatte Tausende solcher Fotos gesehen, von Fossilien aus allen Teilen der Welt, aber so etwas war ihm noch nie untergekommen. Unwillk�rlich erinnerte ihn der Anblick an Michelangelos <emphasis>J�ngstes Gericht</emphasis> in der Sixtinischen Kapelle. Dieses Fossil mit den knotigen langen Klauen, oder Krallen, oder Fingern beschwor die Vorstellung von sich windenden Figuren herauf, die sich in der Phantasie des K�nstlers in der H�lle tummelten. Es war fast, als l�ge diese Kreatur im Sterben, leide �ber das ertr�gliche Ma� hinaus und k�mpfe darum, wieder freizukommen. Ein Teil der Gliedma�en war erkennbar oder zumindest als vager Umriss auszumachen, aber das war auch schon alles. Gleichwohl sp�rte Carter immer noch die h�chst instinktive und �berw�ltigende Reaktion der Kreatur. Sieh an, dachte Carter, ich benutze dasselbe Wort wie Joe.</p><p>Es gab noch mehr Fotos, von verschiedenen Winkeln aus aufgenommen, aber sie zeigten nichts Neues mehr von dem Fossil. Der Rest war und blieb im Felsen verborgen. In der n�chsten Bildfolge war das Fossil selbst sorgf�ltig verh�llt und zugedeckt, w�hrend Arbeiter in Taucheranz�gen dabei waren, einen Teil der Wand zu markieren. Sie bohrten L�cher, um den Druck zu mindern, und lockerten den Felsen m�hselig mit Anschlagh�mmern, elektrischen Bohrern und Handpickeln. Die letzten Bilder zeigten, wie ein Forschungsschiff, auf dessen Achterdeck ein Kran montiert war, die Felsplatte fortschleppte, die inzwischen durch eine Plattform aus sechs riesigen gelben Pontons gesichert war. Joe und der andere Taucher, ohne Masken, aber immer noch im Taucheranzug, standen links und rechts der Felsplatte. Sie hatten die Beine gespreizt und die H�nde auf den Felsen gest�tzt, wie Gro�wildj�ger neben der erlegten Troph�e.</p><p>Auf dem letzten Foto der Mappe sah man die Felsplatte unter einem Kunststoffbaldachin. Sie ruhte, gest�tzt von einem halben Dutzend Stahlb�cken, anscheinend in einem offenen Innenhof. Auf die R�ckseite hatte Joe geschrieben: �Halle der Biologischen Fakult�t, Universit�t von Rom�. Dann folgten die Daten der Probe. �Der Fossilblock ist 3,5 Meter lang, 3,5 Meter breit und 2,5 Meter tief.� Oder, in Fu�, zehn auf zehn auf sieben. Das Gewicht betrug 1,25 Tonnen oder, wie Carter rasch �berschlug, rund 3300 Pfund. Egal, welche Ma�st�be man anlegte, es war ein gewaltiges und gewaltig schwerf�lliges Exemplar.</p><p>Carter legte das letzte Foto zur�ck und nahm noch einmal Joes Brief zur Hand. Die letzte Zeile lautete: �Es ist meine beachtliche Meinung, dass die ungew�hnlichen Merkmale nahelegen, dass es sich um einen Fund von gro�er wissenschaftlicher Bedeutung handelt.�</p><p>Das konnte man wohl sagen.</p><p>Carter lehnte sich in seinem Sessel zur�ck und sah auf die Uhr. Zu seiner �berraschung war es bereits fast Mitternacht. Dann fiel sein Blick erneut auf das Foto, das im Inneren der H�hle gemacht worden war, dasjenige, auf dem die Kreatur sich aus dem Felsen herauszugraben schien. Es war ein Bild, von dem er wusste, dass er es nie wieder w�rde vergessen k�nnen. Er stand auf und schaltete das Licht aus. Doch bevor er ins Bett ging, hielt er inne und drehte das Foto um, so dass es mit der Vorderseite zum Tisch zeigte.</p><p>Warum, fragte er sich, irgendwie von sich entt�uscht, hatte er das getan?</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>6. Kapitel</strong></p></title><p>�Es muss schwierig f�r Sie sein, nach so vielen Jahren in der Ferne wieder zur�ckzukommen�, sagte Dr. Neumann, legte ihre Finger aneinander und musterte Ezra mit ihrem vorsichtig neutralen Blick. �Wie geht es Ihnen damit?�</p><p>Wie es ihm damit ging? Gut, dachte Ezra. Ganz gut � solange sich ihm niemand in den Weg stellte und man ihn in Ruhe lie�, damit er tun konnte, was er tun musste. �Es ist eine Umstellung�, sagte er in der Annahme, es sei eine vollkommen befriedigende Antwort, weder negativ noch positiv.</p><p>�Nat�rlich.� Sie l�chelte und schwieg, aber er kannte den Trick. Das war ihr Psychotherapeutenl�cheln, mit dem sie einen dazu bringen wollte, sich ihr anzuvertrauen. Das Schweigen sollte mit der Zeit so unangenehm werden, dass man es unbedingt brechen wollte und dabei alle m�glichen Geheimnisse ausplauderte. Nein, es hatte sich nicht viel ge�ndert. Nicht einmal die abstrakten Drucke an den W�nden ihrer Praxis, das leise Summen der Heizung oder die Position der beiden Sessel, in denen sie sa�en. Er f�hlte sich, als sei er zwanzig Jahre in der Zeit zur�ckgereist, bis zu dem Moment, in dem er ihr zum ersten Mal begegnet war. Kurz nachdem der Direktor der Horace Mann School seine Eltern dar�ber informiert hatte, dass Ezra, trotz seiner astronomisch guten Werte beim IQ-Test und allen anderen �blichen Leistungstests, sich nicht, nun ja, so recht anpasste. Weder akademisch noch sozial.</p><p>�Wie kommen Sie mit Ihrem Vater zurecht? Hat sich Ihre Beziehung zu ihm verbessert?�</p><p>�Wir gehen einander aus dem Weg�, sagte Ezra, �so gut es geht.� Das entsprach der Wahrheit. Sein Vater hielt sich entweder in seinem B�ro in der Madison Avenue auf, wo er herummauschelte und R�nke schmiedete, um sich auch noch die letzten Fitzelchen der Stadt unter den Nagel zu rei�en, die er nicht bereits besa�. Oder er war auf einer Veranstaltung der feinen Gesellschaft, zu der Kimberly ihn mitschleifte.</p><p>�Sie haben jetzt doch auch eine Stiefmutter, war es nicht so? Ich meine mich zu erinnern, in der Zeitung gelesen zu haben, dass Ihr Vater wieder geheiratet hat.�</p><p>Jetzt, dachte Ezra, wurde sie unaufrichtig. Nat�rlich wusste sie, dass sein Dad wieder geheiratet hatte. Wahrscheinlich wusste sie �ber sein Treiben besser Bescheid als Ezra. In der ganzen Zeit in Israel hatte er penibel alle New Yorker Zeitungen gemieden, und er hatte nie jemandem verraten, dass er Sam Metzgers Sohn war, es sei denn, es lie� sich nicht vermeiden.</p><p>�Ja, er hat eine neue Frau. Ihr Name ist Kimberly�, sagte er. Nerv�s umklammerten seine Finger die Plastikt�te in seinem Scho�. Wann bek�me er endlich die Gelegenheit, auf den wahren Grund zu sprechen zu kommen, warum er diesen Termin vereinbart hatte?</p><p>�Wie ist Ihr Verh�ltnis zu ihr?�</p><p>Ezra konnte beinahe �berhaupt nicht antworten. Er war dieser Sache so �berdr�ssig, wollte das alles nicht durchexerzieren, wollte keine Fragen �ber seine Familie, seine Gef�hle und seine Zukunft beantworten. Er hatte sich diesen Termin geben lassen, weil seine Medikamente zur Neige gingen, und solange er kein neues Rezept bek�me, w�rde es ihm verdammt schwerfallen, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Oder zu schlafen. Oder seine Stimmungsumschw�nge in den Griff zu bekommen. Er brauchte einfach Nachschub.</p><p>�Sie ist in Ordnung. Sie sehe ich auch nicht oft.� Und weil er glaubte, dass es der guten Frau Doktor gefallen w�rde, und weil er das Gef�hl hatte, ein wenig mehr Interesse zeigen zu m�ssen, f�gte er hinzu: �Es ist eher so, als sei da pl�tzlich eine �ltere Schwester im Haus. Sie ist nur ein paar Jahre �lter als ich.�</p><p>�Tats�chlich?�, sagte Dr. Neumann und nickte langsam. �Wie interessant.�</p><p><emphasis>Verdammt,</emphasis> dachte Ezra. <emphasis>Sie hat angebissen</emphasis>. Jetzt hatte er unbeabsichtigt schlafende Hunde geweckt. Neumann w�re glatt in der Lage, diese Bemerkung mehrere Sitzungen lang auszuschlachten. Und wann w�rde er sie endlich da haben, wo er sie schon <emphasis>jetzt</emphasis> haben wollte?</p><p>�Was meinen Sie, welche Auswirkungen das auf Ihre Beziehung zu Ihrem Vater hat? Wenn Sie Kimberlys Einfluss darauf beschreiben m�ssten, w�rden Sie eher sagen, sie baut eine Br�cke oder eine Mauer zwischen Ihnen beiden?�</p><p>�Auf diese Weise habe ich noch nie dar�ber nachgedacht�, sagte Ezra und versuchte, seine Stimme frei von Geringsch�tzung zu halten. Er hatte keine Ahnung, wo diese Fragerei hinf�hren sollte, und Neumann konnte bis in alle Ewigkeit mit diesen d�mlichen Metaphern und sinnlosen Fragen weitermachen. Erneut fingerte er an der Tasche auf seinem Scho� herum, und dieses Mal geruhte sie, davon Notiz zu nehmen.</p><p>�Ich habe das Gef�hl, dass Sie abgelenkt sind, Ezra�, sagte sie mit einer gewissen Sch�rfe. �Dass es etwas gibt, das wir zun�chst benennen und kl�ren m�ssen. Was ist in der Tasche, die Sie da festhalten?�</p><p>Ezra versuchte, nicht zu ungeduldig zu wirken, als er hastig die Schleife der Plastikt�te l�ste. �Das hier sind die Medikamente, die ich in Israel bekommen habe�, sagte er, holte die Gl�schen heraus und stellte sie auf den kleinen Tisch neben Dr. Neumanns Sessel. Die Etiketten waren auf der einen Seite auf Hebr�isch und auf der anderen Seite auf Englisch beschriftet. �Alles, was ich brauche, sind neue Rezepte.�</p><p>Dr. Neumann nahm ihre Lesebrille vom Tisch, setzte sie auf und nahm die Fl�schchen in die Hand. �Ihr Arzt dort dr�ben hie� Stern?�</p><p>�Ja, Herschel Stern.�</p><p>�Ich w�rde gerne Kontakt mit ihm aufnehmen und seine Berichte lesen.�</p><p>�Kein Problem. Ich kann Ihnen seine Nummer geben.�</p><p>�Aber wahrscheinlich kann ich Ihnen f�rs Erste ein neues Rezept ausstellen�, sagte sie und warf einen Blick auf das, was er als das Glas mit den Xanax erkannte. �Wir werden die Dosis neu einstellen, sobald wir in der Therapie weitergekommen sind.�</p><p>Soweit es Ezra betraf, waren sie bereits genau an dem Punkt, der ihn interessierte. Aber er wusste, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um das zu sagen. Als sie nach ihrem Block griff und die Rezepte ausf�llte, vollf�hrte sein Herz einen Luftsprung.</p><empty-line/><p>Drau�en lehnte Onkel Maury rauchend an der Parkuhr. �Wie ist es gelaufen?�, fragte er und schmiss die Zigarette in den Gulli. �Bist du endlich gesund?�</p><p>�Ich werde es sein�, sagte Ezra und wedelte mit dem B�ndel Rezepte herum.</p><p>Auf dem Heimweg hielten sie bei der ersten Apotheke, an der sie vorbeikamen, und w�hrend seine Medikamente geholt wurden, streifte Ezra durch den Laden und suchte all die anderen Dinge auf seiner Liste zusammen, von OP-Handschuhen und Isopropylalkohol bis zu Wattest�bchen und Talkumpuder. Der Rest der Sachen, die er brauchte, ein Zeichentisch und ein Computerstuhl, durchsichtige Schutzh�llen, Schablonenmesser und B�rsten aus Zobelhaar sowie ein Vergr��erungsglas, war heute Morgen geliefert worden. Es musste nur noch ordentlich aufgebaut und anschlie�end benutzt werden. Er konnte es kaum abwarten, anzufangen.</p><p>Zu Hause stellte Ezra erfreut fest, dass alle fort waren; selbst Gertrude war zum Einkaufen oder so. Er eilte den Korridor entlang, schloss die T�r hinter sich ab und machte sich umgehend daran, seine Zimmer umzur�umen. Au�er, dass er ein paar Dinge vom Nachttisch r�umte, um mehr Platz f�r seine Lekt�re zu haben, belie� er das Schlafzimmer in seinem urspr�nglichen Zustand.</p><p>Der angrenzende Raum war fr�her sein Spielzimmer gewesen, und er hatte beschlossen, dass er hier die eigentliche Arbeit erledigen w�rde. Zuerst r�umte er das B�cherregal aus, in dem immer noch die meisten B�cher aus der Schule und dem College standen, alles vom <emphasis>F�nger im Roggen</emphasis> bis zur <emphasis>Norton Anthologie</emphasis>. Anschlie�end zerrte er das leere Regal hin�ber zum Fenster. Wenn seine Quellensammlung aus Israel ank�me, w�rde er sie dort einsortieren.</p><p>An der Stelle, wo vorher das B�cherregal gestanden hatte, baute er den Zeichentisch auf. Zum Gl�ck war das nicht viel Arbeit, er musste nur die Beine befestigen, die Platte im richtigen Winkel einstellen und die Lampe anklemmen. Tisch und Stuhl standen jetzt so weit wie m�glich vom Fenster und damit vom Tageslicht entfernt, und das war gut so. Sonnenlicht konnte an Materialien wie denen, mit denen er arbeiten w�rde, eine Menge Schaden anrichten.</p><p>Schlie�lich brauchte er noch etwas, auf dem er seine Werkzeuge und Arbeitsmaterialien ablegen konnte. Sein Blick fiel auf eine alte Holzkiste neben dem Schrank, in der er fr�her seine Spielsachen aufbewahrt hatte. Er b�ckte sich, um sie zu �ffnen, und war nicht weiter �berrascht, als er seine alten Modellflugzeuge und Comics darin entdeckte. Sogar die Bongos waren noch dort, mit denen er seine Eltern fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Er klappte den Deckel wieder zu, zerrte die Kiste hin�ber zum Zeichentisch und legte die T�ten mit den Pinseln, dem Alkohol und den Handschuhen darauf. Dann trat er einen Schritt zur�ck und begutachtete sein Werk.</p><p>Nicht �bel, dachte er. �beraus brauchbar sogar.</p><p>Jetzt stand ihm nichts mehr im Weg. Er konnte wieder mit der Arbeit beginnen.</p><p>Er betrat den begehbaren Schrank und griff in das oberste Regal, hinter die zus�tzlichen Decken. Seine Finger ertasteten die Papprolle, die er dort versteckt hatte, und zogen sie hervor. Obwohl der Inhalt der Rolle nur wenig wog und nur in Gramm, nicht einmal in Kilogramm messbar war, f�hlte es sich an, als hielte er etwas von unvorstellbarem Gewicht in den H�nden. Es f�hlte sich an, als h�tte er den Gipfel des Berges Sinai erklommen und umklammere jetzt die Steintafeln, die einst Moses h�chstpers�nlich anvertraut worden waren.</p><p>Und so viel er wusste, tat er genau das.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>7. Kapitel</strong></p></title><p>Obwohl Carters Anruf erst in einer Stunde f�llig war, wollte Giuseppe Russo kein Risiko eingehen. Er w�rde neben dem Telefon warten. Sich hinauszuwagen war im Moment ohnehin keine besonders verlockende Aussicht. In Rom d�mmerte es, und aus den schmalen Fenstern seines B�ros im obersten Stockwerk des Biologiegeb�udes konnte er bereits die riesige Wand aus d�steren grimmigen Wolken sehen, die gegen die Olivenb�ume zu sto�en schien und �ber die alten Ruinen auf dem Monte Palatino hinwegfegte. Seit Tagen braute sich �ber der Adria ein Sturm zusammen, und jetzt schien er bereit zu sein, seine Urgewalten freizulassen.</p><p>Russo setzte sich auf den klapprigen Schreibtischstuhl, was angesichts seiner Gr��e und der Zerbrechlichkeit des alten Eichenstuhls kein ganz leichtes Unterfangen war, und z�ndete sich eine weitere Nazionali an. Gott, war er m�de. Nur mit M�he schleppte er sich nachmittags zu seinen Vorlesungen und abends nach Hause. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann er das letzte Mal anst�ndig geschlafen hatte. Nein, das stimmte nicht. Er konnte sich sehr wohl daran erinnern. Es war die Nacht, bevor er das Fossil in der H�hle zu Gesicht bekommen hatte. Das Fossil, das sich jetzt im Hof unter ihm befand. Einerseits glaubte er, dass er sich mit diesem Fund einen Namen machen w�rde, doch andererseits w�nschte er, er h�tte niemals auch nur davon geh�rt. Und diese Seite wurde mit jedem Tag st�rker.</p><p>Er blies eine Rauchwolke gegen die verblichenen Samtvorh�nge. Ein paar voreilige Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheibe. Er verstand es einfach nicht. Er war an einem Dutzend Ausgrabungsst�tten gewesen, hatte Tausende von Fossilien und Knochenfragmenten in der Hand gehabt, viele von ihnen menschlichen Ursprungs. Aber nie zuvor hatte er so etwas empfunden wie im Moment. Ein nagendes Unbehagen, ein fast greifbares Gef�hl des Grauens. Seit seine Finger in der Grotte am Lago d�Averno die nassen Klauen ber�hrt hatten, falls es sich tats�chlich um solche handelte, war sein Geist in Aufruhr und seine Stimmung gesunken. Nachts warf er sich unruhig im Bett von einer Seite auf die andere, und wenn er schlie�lich einschlief, plagten ihn Albtr�ume. Mehrmals war er schlafgewandelt, etwas, das er seit seiner Kindheit nicht mehr getan hatte. Einmal war er aufgewacht und hatte, zusammengerollt wie ein Hund, unter dem Tisch gelegen.</p><p>Und hatte ein K�chenmesser fest umklammert gehalten.</p><p>Er dr�ckte die Zigarette im Aschenbecher auf dem Tisch aus und schloss eine Sekunde lang die Augen. Er musste sich �berlegen, wie er Carter den Fall darlegen sollte und ihn dazu �berreden konnte, ihn bei diesem gewaltigen, aber sonderbaren Unterfangen zu unterst�tzen. Der zunehmende Wind r�ttelte an den Glasscheiben in den bleigefassten Fenstern, und die roten Samtvorh�nge raschelten in der Zugluft. Wie ein losgemachtes Boot begannen seine Gedanken abzudriften. Die Heizung in der Ecke zischte und erzeugte mehr L�rm als W�rme, doch unter diesen Ger�uschen glaubte er noch etwas anderes zu h�ren. Ein weit entferntes, unregelm��iges Klopfen. Das Ger�usch von Metall, das auf Stein schlug. Er versuchte es zu ignorieren, aber der Ton war so beharrlich, dass er niemals imstande sein w�rde, zur Ruhe zu kommen oder sich zu konzentrieren, solange er nicht herausgefunden hatte, was es war, und dem ein Ende bereitete. Wo, fragte er sich, steckte blo� Augusto, der Pf�rtner, und warum k�mmerte er sich nicht darum?</p><p>Ersch�pft und gereizt ging Russo zur Treppe und lauschte erneut. Das Ger�usch kam eindeutig von unten. Die Treppe bestand aus abgewetztem Marmor und schwang sich in einem eleganten Bogen nach unten. Sie erinnerte daran, dass das Geb�ude, das jetzt Teil der Universit�t war, vor mehreren Jahrhunderten als Privatpalast f�r einen Abk�mmling der Medici erbaut worden war. In diesem Moment, als sich die D�mmerung des Samstagabends �ber die Stadt senkte, lag es verwaist da. Nur ein paar Deckenlichter brannten noch. Es war Russos Aufgabe, sie auszuschalten, ehe er ging. Es sei denn, Augusto w�re noch hier.</p><p>Russo hasste es, sich so weit vom Telefon zu entfernen, aber jetzt ert�nte das metallische Klopfen erneut, und er musste sich vergewissern, dass es nichts Ernstes war. Eine Hand an dem feingearbeiteten eisernen Handlauf, hastete er die Treppe hinunter in das riesige Vestib�l im Erdgeschoss. Weit und breit keine Spur von Augusto oder einem anderen Menschen. Die gro�en bogenf�rmigen T�ren, die zum Innenhof f�hrten, waren unverschlossen und knarrten im feuchten Wind.</p><p>Das Klopfen ert�nte erneut. Es kam vom Hof.</p><p>Russo kn�pfte seine Strickjacke zu, wobei er feststellte, dass etwas Zigarettenasche an der Vorderseite klebte, und stie� eine der schweren T�ren weiter auf.</p><p>Wie eine Glucke schien der massive schwarze Steinblock in der Mitte des Hofes zu hocken. Er ruhte auf einem halben Dutzend Stahlb�cken, eine riesige blaue Plastikplane hing dar�ber und flatterte und peitschte im Wind. Eines der Seile, mit denen die Plane festgezurrt war, hatte sich gel�st und schlug wie wild hin und her, wobei der Metallkarabiner immer wieder gegen den Felsbrocken knallte.</p><p>Zumindest dieses R�tsel war gel�st.</p><p>Russo wusste, dass er das Seil nicht so lose lassen durfte, es k�nnte den Felsen besch�digen.</p><p>Widerstrebend betrat er den Hof. Der kalte Wind auf seinem Gesicht kam ihm vor wie Schmirgelpapier, als er sich dem Felsblock n�herte. W�hrenddessen hatte er das eindeutige Gef�hl, nicht allein zu sein. Noch jemand schien sich in dem leeren Hof aufzuhalten, und sein Blick wanderte zu den d�steren Kolonnaden auf beiden Seiten.</p><p>�Augusto?�, rief er laut. �Sind Sie hier?�</p><p>Aber niemand antwortete.</p><p>Das Seil schlug so hart gegen das Pflaster, dass der Stein blaue Funken schlug. Russo griff danach, aber der Wind riss ihm das Seil wieder aus der Hand. Er musste aufpassen. Er wartete ein paar Sekunden, b�ckte sich, packte es erneut und riss es mit aller Kraft an sich. Er f�hlte sich an einen Schlangenbeschw�rer erinnert, den er einmal gesehen hatte und der seine zischende Kobra an der Kehle gepackt hatte.</p><p>�<emphasis>Rompi � la pietra</emphasis>.� Brich den Stein auf.</p><p>Wie angewurzelt stand er da, immer noch vorgebeugt, das Seil in der Hand. Sein Kopf war nur wenige Zentimeter vom Fossil entfernt, und er h�tte schw�ren k�nnen, dass die Worte aus dem Inneren des Steins gekommen waren.</p><p>Aber das war unm�glich.</p><p>Er klinkte den Metallkarabiner des Seils in einen Haken am Boden ein, dann trat er mit dem Fu� kr�ftig dagegen, um sicherzustellen, dass er fest verankert war.</p><p>Regen hatte eingesetzt, prasselte auf die Plastikplane und wurde an den Seiten von Windb�en daruntergeweht, die sich im Innenhof verfangen hatten. Der Felsen wurde nass.</p><p>Russo wollte gerade gehen, als etwas ihn innehalten und sich umdrehen lie�.</p><p>Er beugte seinen Kopf dichter an die Oberfl�che des Felsens, wie ein Arzt, der den Herzschlag des Patienten abh�rte.</p><p>�Brich den Stein auf.�</p><p>Instinktiv zuckte sein Kopf zur�ck, sein Herz pochte. Dieses Mal war die Stimme nicht zu �berh�ren gewesen. Im d�mmrigen Licht des Hofes konnte er die knochigen Klauen erkennen. Sie waren nicht l�nger mit dem Felsen verschmolzen, sondern kr�mmten sich. Und w�hrend er voller Entsetzen zusah, begann der Scheitel des runden, nassen und glatten Kopfes von <emphasis>Irgendetwas</emphasis> sich ebenfalls herauszudr�cken, als w�rde das Wesen geboren werden. Russo versuchte, zur�ckzuweichen, aber es war zu sp�t. Die Kreatur hatte seinen �rmel mit ihren Klauen gepackt und zog ihn auf den gl�nzenden Felsen zu. Hin zu dem Kopf, der jetzt aus dem Stein ausbrach und ihm seine steinernen Augen zuwandte. Russo st�hnte vor Entsetzen auf und h�rte ein Klingeln, wie aus meilenweiter Entfernung.</p><p>Die roten Samtvorh�nge bauschten sich im Wind.</p><p>Es klingelte erneut.</p><p>Regen prasselte gegen die Fensterfl�gel.</p><p>Er starrte vor sich hin, die Augen weit aufgerissen, als ein greller Blitz den Monte Palatino erhellte.</p><p>Das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte zum dritten Mal.</p><p>Er war eingeschlafen. Seine Hand tastete nach dem H�rer. �<emphasis>Pronto</emphasis>.�</p><p>�Professor Russo?�</p><p>Noch immer meinte er diese eindringliche Grabesstimme aus dem Inneren des Steines zu h�ren.</p><p>�Joe? Bist du das?� Es war Carter. �Kannst du mich h�ren?�</p><p>�Ja, Bones, ich kann dich h�ren.�</p><p>�Na ja, etwas mehr Begeisterung k�nntest du schon an den Tag legen.�</p><p>Russo sch�ttelte den Traum ab und setzte sich in seinem knarrenden Stuhl auf.</p><p>�Besonders, nachdem ich die halbe Nacht mit deinen Laborberichten und Fotos zugebracht habe.�</p><p>�Du hast es dir also angesehen?�, sagte Russo. Er versuchte, sich eine neue Zigarette anzuz�nden, aber seine H�nde zitterten zu stark.</p><p>�Ja. Und es sieht so aus, als h�ttest du tats�chlich einen erstaunlichen Fund zwischen die Finger bekommen.�</p><p>�Das denke ich auch.�</p><p>�Aber es gibt da Einiges, das ich nicht verstehe. Erstens, es sieht so aus, als h�ttest du alles genau nach Vorschrift gemacht, alle Tests, am Fossil, am Felsen selbst ��</p><p>�Das haben wir auch.�</p><p>�� aber keines deiner Ergebnisse ergibt irgendeinen Sinn.�</p><p>In gewisser Weise war Russo erleichtert, dass jemand anders das genauso sah.</p><p>�Und ich brauche dir ja nicht zu sagen�, fuhr Carter fort, �dass es im Inneren der Probe jede Menge eingeschlossener Gase geben kann. Du wirst einen guten Mineralogen brauchen, der dir hilft herauszufinden, wie du das Fossil aus dem Fels herausbekommst.�</p><p><emphasis>Brich den Stein auf.</emphasis></p><p>�In deinem Brief hast du geschrieben, dass ihr nicht die Ausr�stung habt, um ein beschleunigtes Massenspektrogramm zu machen?�</p><p>�Nein, das k�nnen wir nicht.� Das war genau die Er�ffnung, auf die Russo gehofft hatte. �Aber an der New York University k�nnt ihr das doch machen, oder?�</p><p>�Ja, klar.�</p><p>�Und Magnetresonanztomographie in einer offenen Umgebung? K�nnt ihr das auch?�</p><p>�Das lie�e sich einrichten.�</p><p>�Und was ist mit Lasern? Auf Argon-Basis?�</p><p>Carter schwieg einen Moment. �Den k�nnten wir uns ausleihen. Warum?�</p><p>Russo z�gerte, dann wagte er den Sprung ins kalte Wasser. �Weil ich dich unter diesen Umst�nden besuchen werde, mein Freund.�</p><p>�Was meinst du damit? Ohne das Fossil, hier in New York ��</p><p>�Ich komme <emphasis>mit</emphasis> dem Fossil. So, wie es ist, im Stein eingeschlossen. Und wir werden einen Weg finden, es zu befreien.�</p><p>�Und das werden sie dir erlauben?� In Carters Stimme lag �berraschung und eine Spur Erregung. �Bei einer Entdeckung von dieser Bedeutung?�</p><p>�Ich habe erkl�rt, dass du der einzige Mensch auf der Welt bist, der diese Arbeit �bernehmen und uns erkl�ren kann, was wir da gefunden haben.�</p><p>Am anderen Ende der Leitung herrschte verbl�fftes Schweigen, und Russo konnte sich nur vorstellen, was f�r Gedanken jetzt durch Carters Kopf wirbelten. Schlie�lich h�rte er: �Joe, das ist unglaublich.�</p><p>Russo lachte leise. �Was willst du damit sagen � wie in alten Zeiten?�</p><p>�So ziemlich�, erwiderte Carter.</p><p>In der n�chsten halben Stunde kl�rten sie die logistischen Fragen, besprachen den Zeitplan und die notwendige Laborausstattung. Als Russo den H�rer wieder auf die Gabel legte, war es drau�en vollkommen dunkel, und der Sturm hatte sich in einen heftigen Platzregen verwandelt.</p><p>Aber er hatte erreicht, was er wollte.</p><p>Jetzt wollte er nur noch nach Hause, duschen und etwas essen.</p><p>Er nahm seinen alten Regenmantel vom Haken auf der R�ckseite der T�r, schloss ab und stieg die Treppe hinunter. Merkw�rdig, wie stark das Gef�hl war, er sei erst vor Kurzem hier entlanggegangen. Aber das war ein Traum gewesen � ein Albtraum. Daran sollte er sich mittlerweile gew�hnt haben.</p><p>Im Vestib�l blieb er stehen, um den Kragen hochzuschlagen und seinen Regenschirm aus dem Halter neben der T�r zu nehmen, den einzigen, der noch �brig war. Drau�en auf der Via del Corso h�rte er den Regen gurgelnd in den Gullis verschwinden. In der Pf�rtnerloge brannte noch Licht, und einen Moment sp�ter tauchte Augusto auf, der einen gro�en M�lleimer zum gro�en Container in der Halle trug.</p><p>�Ach, hallo�, sagte Russo zu dem alten Mann. �Haben Sie zuf�llig vorhin so ein h�mmerndes Ger�usch geh�rt, aus dem Innenhof?�</p><p>�Ja, Professor. Eines der Seile hatte sich gel�st. Ich habe es wieder am Boden befestigt.�</p><p>Wie konnte sein Traum so zutreffend sein? �Gut. Danke sch�n. Falls so etwas noch einmal vorkommt ��</p><p>�Nein�, erwiderte Augusto und sch�ttelte den Kopf. �Ich werde da nicht noch mal rausgehen.�</p><p>�Aber Sie waren doch bereits drau�en.�</p><p>�Nein�, sagte er, kippte den M�lleimer aus und wandte den Blick ab. �Ich gehe da nicht noch mal raus.� Er biss die Z�hne zusammen und ging zur�ck in sein Kabuff.</p><p>Das war vollkommen untypisch f�r Augusto, der normalerweise �u�erst respektvoll und h�flich war, doch nachdem Russo dar�ber nachgedacht hatte, beschloss er, dass er ihn nicht weiter mit Fragen bedr�ngen w�rde. Er �ffnete die T�r zur Dunkelheit und der schmalen Gasse drau�en und klappte seinen Regenschirm auf. Nein, es war besser, es einfach auf sich beruhen zu lassen. Der Wind zerrte an dem Regenschirm und riss ihn Russo fast aus der Hand. Au�erdem, dachte er, wollte er vielleicht gar nicht h�ren, was Augusto ihm zu sagen hatte.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>8. Kapitel</strong></p></title><p>Die n�chste Woche wurde hektisch f�r Carter. Es stellte sich heraus, dass Joe mit einer ganz untypischen Eile voranpreschte, und Carter musste sich anstrengen, um mitzuhalten.</p><p>Als Erstes hatte Joe sich eine befristete Ausfuhrgenehmigung der Nationalen Akademie der Wissenschaften beschafft, und mit dieser Genehmigung in der Hand hatte er das italienische Milit�r zu Hilfsleistungen verpflichtet. Dieses w�rde das Fossil mit einer Transportmaschine vom Luftwaffenst�tzpunkt in Frascati, s�d�stlich von Rom, zum Kennedy Airport in New York bringen. In einem Land, das f�r seine Verwaltungsb�rokratie ber�chtigt war, hatte Joe es nicht nur geschafft, sich durch den Beh�rdendschungel zu k�mpfen, sondern das auch noch in Rekordzeit. Unwillk�rlich fragte Carter sich, was tats�chlich hinter dieser gro�en Eile steckte. Joe benahm sich, als k�nnte er es kaum abwarten, das Fossil nach New York zu schaffen.</p><p>F�r Carter stand w�hrenddessen eine Menge Lobbyarbeit und Rennerei in der NYU an. Gleich am Montagmorgen schickte er die Bilder und Anh�nge zum Fachbereichsleiter Dr. Stanley Mackie und schaute nachmittags in dessen B�ro vorbei. Mackie war ebenso ber�hmt f�r seine buschigen wei�en Augenbrauen, die offensichtlich seit einem halben Jahrhundert ungehindert sprie�en durften, wie f�r seine Funde in der Olduvai-Schlucht in Tansania in den sp�ten sechziger Jahren. Als Carter ihm kurz Joes Pl�ne darlegte, das Fossil an die New York University zu schaffen, ragten Mackies Brauen sogar noch weiter in die H�he als �blich.</p><p>�Er will etwas teilen, das er selbst f�r bemerkenswert h�lt? Warum um alles auf der Welt sollte er das tun?�</p><p>�Wir haben schon zuvor zusammengearbeitet, auf Sizilien ��</p><p>�Wo Sie die Knochengrube entdeckt haben.�</p><p>�Ja. Professor Russo war mir eine gro�e Hilfe.�</p><p>�Trotzdem�, sagte Mackie. �In meinen ganzen Jahren in diesem Beruf kann ich die Pal�ontologen, Anthropologen oder Arch�ologen an den Fingern einer Hand abz�hlen, die jemals freiwillig den Ruhm f�r irgendetwas geteilt h�tten. Meiner Erfahrung nach geht es immer nur darum, den Ruhm zu stehlen wo immer es m�glich ist, nicht darum, ihn zu teilen.�</p><p>Carter wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Dr. Mackie hatte recht. Jeder, der glaubte, in der akademischen Welt ginge es weniger halsabschneiderisch zu als in der Gesch�ftswelt, unterlag einem traurigen Irrtum. Das hatte Carter schon fr�h auf die harte Tour gelernt. Zweimal hatte er sich die Anerkennung f�r wissenschaftliche Aufs�tze mit Professoren teilen m�ssen, die formal die Ausgrabungen leiteten, an denen er gearbeitet hatte, obwohl die Funde und die Schlussfolgerungen, die er in seinen Berichten daraus gezogen hatte, ganz allein von ihm stammten.</p><p>Dr. Mackie wartete seine Antwort nicht ab. �Nat�rlich ist es m�glich, dass dieser Russo einfach ein ehrlicher Mann und gewissenhafter Wahrheitssucher ist.� Er sagte es, als wollte er damit andeuten, dass an dem ganzen Gerede �ber die Zahnfee vielleicht doch etwas dran sei. �Aber wenn ich mir diese Laborberichte und die Bilder ansehe, kann er genauso gut auch das Opfer eines Schwindels sein.�</p><p>Ein Schwindel? War es das, worauf Mackie hinauswollte? Carter war verbl�fft.</p><p>�Giuseppe Russo ist einer der zuverl�ssigsten und brillantesten Wissenschaftler, mit denen ich je zusammengearbeitet habe�, sagte Carter.</p><p>�Brillante M�nner sind auch zuvor schon hereingelegt worden.�</p><p>�Alle Berichte in dieser Mappe belegen, dass er genauso vorgegangen ist, wie es sich geh�rt.�</p><p>�Aber sehen Sie sich die Ergebnisse an! Sie haben doch selbst zugegeben, dass sie keinen Sinn ergeben.�</p><p>�Mit Hilfe der richtigen Technik, einer AMS-Analyse zum Beispiel, wird sich das vielleicht �ndern.�</p><p>�Darum bitten Sie mich also? Sie wollen mein Okay haben f�r die Massenspektrometrie, die Laseranalyse, das volle Programm?�</p><p>�Ja. Und noch ein paar andere Sachen.�</p><p>Mackie lehnte sich in seinem Stuhl zur�ck. Er sagte nicht ja, und er sagte nicht nein, aber als er schlie�lich fragte: �Und was wollen Sie noch haben?�, wertete Carter das als stillschweigende Einwilligung.</p><p>�Einen Arbeitsraum.�</p><p>�Was gef�llt Ihnen nicht am Labor der Biowissenschaft? Dort haben Sie doch alle Privilegien.�</p><p>�Das schon, aber f�r diese Aufgabe brauche ich absolute Sicherheit und Ungest�rtheit.� Er wollte das zwar nicht sagen, aber er musste sicher sein, dass Bill Mitchell dort nicht herumschn�ffelte, so wie er es neulich bei den gespendeten Fossilien gemacht hatte. �Au�erdem brauche ich Platz, viel Platz. F�r die Probe und f�r die Maschinen, mit denen wir die Tests durchf�hren.�</p><p>Mackie nickte widerwillig. �Irgendetwas sagt mir, dass Sie auch schon einen Raum im Auge haben.�</p><p>�Stimmt. Im Moment wird er nur als Lagerraum benutzt, direkt hinter der Laderampe vom Bio-Geb�ude. Er ist leicht zug�nglich, und er liegt im Erdgeschoss, so dass es relativ einfach sein wird, den Felsblock und die Ger�te dorthin zu schaffen. Au�erdem hat der Raum doppelt gesicherte Stahlt�ren zur Stra�e raus.�</p><p>�Ich bezweifle, dass sich irgendjemand mit einer Felsplatte aus dem Staub machen w�rde, die mehr als eine Tonne wiegt.�</p><p>�Wir sind hier in New York.�</p><p>Selbst Mackie musste grinsen. �Ich will nicht h�ren, dass Ihr neues Hobby Sie in irgendeiner Weise von Ihren Unterrichtspflichten ablenkt.�</p><p>�Das wird es nicht.�</p><p>�Und ich will auch nicht, dass Ihnen das Ding um die Ohren fliegt.�</p><p>Wenn er w�sste, was er da sagt, dachte Carter. Das einzige Thema, das er gezielt gemieden hatte, war die Explosivit�t der im Felsen eingeschlossenen Gase, und Mackie hatte die Unterlagen offensichtlich nicht gr�ndlich genug studiert, um selbst darauf zu sto�en.</p><p>�Ich bin immer noch der Meinung�, schloss Mackie, �dass dieses sogenannte Fossil nicht das ist, was es zu sein scheint. Wenn Sie mich fragen, haben wir es hier mit der Antwort Italiens auf den Riesen von Cardiff zu tun.�</p><p>Oder, dachte Carter, mit der fehlenden Verbindung zwischen den Dinosauriern und den modernen V�geln. Diese Klauen konnten sich als immens wichtig erweisen.</p><p>�Und wenn sich herausstellt, dass es sich tats�chlich so verh�lt�, sagte Mackie, �will ich nicht, dass dadurch das Wappen dieser Universit�t beschmutzt wird.�</p><p>�Ihr Wappen ist bei mir sicher.�</p><p>Mackie blickte ihn unter seinen gewaltigen Brauen hinweg an, und ohne eine Spur von Leichtigkeit in der Stimme sagte er: �Das will ich Ihnen auch geraten haben, Professor Cox.�</p><empty-line/><p>Mit Dr. Mackies z�hneknirschender Bewilligung des Projekts und einem kleinen diskreten Zuschuss aus dem Geldtopf, den der Fachbereich zur freien Verf�gung hatte, zog Carter von dannen. Im Biologiegeb�ude machte er sich auf die Suche nach Hank, dem leitenden Hausmeister, und fand ihn in seinem �B�ro�, einem umgewandelten Vorratsraum im Keller. Hank hatte den Kopf �ber eine geheimnisvolle Arbeit gebeugt und blickte auf, als Carter zur T�r hineinschaute.</p><p>�Was machen Sie da?�</p><p>�Fischk�der�, sagte Hank. �Demn�chst geht�s rauf in den Norden.�</p><p>�Super�, sagte Carter, �aber ich hoffe, Sie finden diese Woche noch etwas Zeit, um mir einen Gefallen zu tun.�</p><p>�Kommt drauf an.�</p><p>�Kennen Sie den Lagerraum im Erdgeschoss, hinter der Laderampe?�</p><p>Hanks Gesichtsausdruck verriet Carter, dass er sich damit bereits unbeliebt gemacht hatte.</p><p>�Wir bekommen eine riesige Probe rein, aus �bersee, und wir m�ssen diesen Raum in eine Art provisorisches Labor verwandeln.�</p><p>Hank sagte nichts, aber es war offensichtlich, dass ihm das bisher Geh�rte nicht gefiel.</p><p>�K�nnten Sie den meisten Krempel da drin rausr�umen? Ist mir egal, wohin�, fuhr Carter beharrlich fort. �Wenn Sie das hinkriegen, k�nnte ich daf�r sorgen, dass Sie eine Zulage von, sagen wir, dreihundert M�usen bekommen.�</p><p>Jetzt legte Hank den K�der aus der Hand und schien sich die Sache zu �berlegen. �Wie w�re es mit vier?�</p><p>Carter hatte mit so etwas gerechnet. �Wenn Sie auch noch ein paar extra Lampen besorgen k�nnten, mache ich vier draus. Aber zum Wochenende muss alles fertig sein.�</p><p>Hank wandte sich wieder dem K�der zu. �Okay.�</p><p>Carter kam sich vor wie ein Olympionike, der geschickt eine H�rde nach der anderen nahm. In gewisser Weise jedoch war der n�chste Schritt der schwerste von allen. Joe w�rde in wenigen Tagen hier aufkreuzen, so dass keine Zeit mehr blieb, es l�nger hinauszuschieben. Er musste Beth auf den neuesten Stand bringen und sie �ber einige Details informieren, die er f�r besonders verzwickt hielt.</p><p>Es war erst zwanzig nach elf, und sein erstes Seminar begann um drei. Also verlie� er das Bio-Geb�ude und sprang in die U-Bahn Richtung Uptown. Neben ihm sa� ein f�lliges M�dchen mit einem Kapuzenpullover und studierte das Horoskop auf der R�ckseite eines Hochglanzmagazins. Der Aufmerksamkeit nach zu schlie�en, mit der sie las, h�tte man meinen k�nnen, ihr Leben hinge in der einen oder anderen Weise von den abgedruckten Vorhersagen ab. Carter traf andauernd auf solche Leute, selbst unter seinen Studenten, und es machte ihn wahnsinnig. Diese Faszination f�r die Pseudowissenschaft in all ihren Spielarten, von den Tierkreiszeichen bis zur Kabbalah, von Feng Shui bis Hellseherei, von der Kraft der Pyramiden bis zur R�ckf�hrung in vergangene Leben. Eine Studentin, die nat�rlich aus L.A. kam, hatte ihm tats�chlich einmal erkl�rt, sie sei sicher, dass sie in einem fr�heren Leben ein Liebespaar gewesen seien. Zum Gl�ck hatte sie den Kurs wieder abgew�hlt, ehe sie versuchte, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.</p><p>Doch es war ein st�ndiger Kampf, all diesen Bl�dsinn aus ihren K�pfen zu verbannen und durch die aufrichtige Sch�nheit wahrer Wissenschaft und verb�rgter Entdeckungen zu ersetzen. Es gab so viel Erstaunliches auf der Welt, wahr und trotzdem nahezu unglaublich, dass Carter diese Faszination durch das offensichtlich Fadenscheinige und Unbegr�ndete nie begriffen hatte. Die Geheimnisse der Biologie und der Evolution, die Unermesslichkeit der Zeit im geologischen Ma�stab und der Aufstieg der Menschheit befriedigten sein Bed�rfnis nach Wundern vollkommen. Machten sich die Menschen eigentlich klar, wie leicht die Entwicklung eine vollkommen andere Richtung h�tte nehmen k�nnen? Bisweilen stie� er dabei an die Grenzen seiner Vorstellungskraft, eher als bei allem, was die Mystiker und Star-Medien, die Astrologen und New-Age-Propheten sich so einfallen lie�en. Diese geistlose Flut musste irgendwie gestoppt werden, andernfalls bef�rchtete er ernsthaft, dass sie das Fundament der wissenschaftlichen Forschung fortsp�len k�nnte, das in jahrhundertelanger, m�hseliger Arbeit errichtet worden war. Dann bliebe nur noch ein riesiges tr�bes und undifferenziertes Terrain �brig.</p><p>Doch wie sollte er ihr das verst�ndlich machen, dachte er mit einem Blick auf die junge Frau neben sich, die begierig ihr Horoskop aufsog.</p><p>In der neunundf�nfzigsten Stra�e stieg er aus und schlenderte in Richtung Park Avenue. F�r Ende Oktober war es fast unangemessen warm, ein Altweibersommer, und er �ffnete im Gehen den Rei�verschluss seiner Lederjacke. In diesem Teil der Stadt sahen die Menschen auf der Stra�e eindeutig anders aus. Hier trug man, anders als im Village, Businesskleidung, wollte beeindrucken und Gesch�fte machen. Die M�nner steckten in Anz�gen, hatten schmale lederne Diplomatenkoffer dabei und sprachen in winzige Mobiltelefone. Die Frauen waren teuer gekleidet, diskreter, aber echter Schmuck glitzerte an ihren Handgelenken, Ohren und Dekollet�s. Wann immer Carter hierherkam, in die Welt, die er f�r Beths Welt hielt, f�hlte er sich leicht deplatziert. Ein wenig zu sehr aus dem falschen Teil der Stadt, zu akademisch, um wirklich dazuzugeh�ren.</p><p>Die Raleigh Galerie, in der Beth arbeitete, machte es nur noch schlimmer. Sie nahm die ersten beiden Etagen eines Geb�udes im italienischen Stil in der siebenundf�nfzigsten East ein, und eine ausladende rote Markise reichte fast bis zur H�lfte �ber den gedr�ngt vollen Gehweg. Es war einer jener Orte, die Reiche und Prominente aufsuchten, oft mit ihren eigenen Experten im Schlepptau, um sich den Constable anzusehen, der sich seit Jahrzehnten in irgendeinem Landhaus versteckt hatte, oder eine Skizze von Claude Poussin, die auf mysteri�se Weise aus einem Schweizer Tresorraum ans Licht gekommen war. Das Zusammenleben mit Beth hatte Carter eine nachtr�gliche, aber gr�ndliche Ausbildung in europ�ischer Kunstgeschichte beschert. Durch sie hatte er den atemberaubenden Wert dieser Werke zu w�rdigen gelernt. Ein wei�-behandschuhter Diener hielt ihm die T�r auf und nickte ihm zu, als er ihn erkannte.</p><p>�Ihre Gattin ist mit einem Kunden oben�, sagte er.</p><p>�Danke.�</p><p>Als Carter durch den Hauptraum der Galerie schritt, stellte er fest, dass in den reich verzierten Rahmen an den W�nden mehrere neue Gem�lde hingen. Am bemerkenswertesten war das Portr�t eines holl�ndischen B�rgers in einem pr�chtigen, mit Pelz besetzten Mantel.</p><p>�Dieses Gem�lde eines B�rgers, m�ssen Sie wissen, wurde einst Rembrandt zugeschrieben.�</p><p>Noch ehe er sich umdrehte, wusste er, wer gesprochen hatte. Richard Raleigh, geboren als Ricky Radnitz, hatte zusammen mit seinem Namen auch den Long-Island-Akzent abgelegt. Inzwischen h�rte er sich an, als sei er im Mayfair District in London aufgewachsen.</p><p>�Morgen�, sagte Carter. �Ich war gerade in der Gegend und dachte, ich �berrasche Beth.�</p><p>�Wenn Sie mich fragen�, sagte Raleigh, hakte sich bei Carter unter und zog ihn zur�ck zum Bild, �sollte es immer noch auf Rembrandt zur�ckgef�hrt werden. Sehen Sie sich nur die Pinself�hrung an, achten Sie auf die Details der Kleidung. Welcher Sch�ler w�re je so brillant gewesen?�</p><p>Carter hatte nat�rlich �berhaupt keine Ahnung, und es war ihm auch herzlich egal. Alles, was er wollte, war nach oben gehen, sich Beth schnappen und herausfinden, ob sie Zeit f�r einen Lunch im Central Park hatte � was, wie er fand, der perfekte Rahmen war, um ihr von Joes bevorstehender Ankunft zu erz�hlen.</p><p>�Ich finde, es sieht unglaublich gut aus�, sagte Carter, �aber ich bin besser darin, Knochen zu beurteilen als Gem�lde.�</p><p>�Stimmt, Sie sind ja sogar auf noch �ltere Dinge spezialisiert als ich�, sagte Raleigh mit einem d�nnen L�cheln. Er war ein kleiner adretter Mann, und Beth hatte Carter eines Tages verraten, dass die grauen Str�hnen an seinen Schl�fen vom Friseur stammten. Raleigh glaubte, dass er dadurch distinguierter und vertrauensw�rdiger wirkte.</p><p>�Der Portier erw�hnte, dass Beth oben sei?�, sagte Carter und zog unauff�llig seinen Arm zur�ck.</p><p>�Kennen Sie den Unterschied zwischen einer unangefochtenen Zuschreibung und der Bezeichnung �aus der Schule von ��?�</p><p>�So aus dem Stegreif nicht.�</p><p>�Millionen, mein Junge, Millionen. Bei einem �lgem�lde wie diesem? Da geht es schnell um eine Differenz von f�nfzehn, zwanzig Millionen Dollar.�</p><p>�Interessant�, sagte Carter und versuchte immer noch, sich in Richtung Treppe zu schieben.</p><p>�Beth hat einen neuen Kunden�, warnte Raleigh. �Ich muss Sie bitten, sie nicht zu st�ren, wenn sie mit ihm spricht.�</p><p>Das war es also. Carter war es nicht entgangen, dass Raleigh versuchte, ihn aufzuhalten, und jetzt kannte er den Grund daf�r. Beth war Raleighs beste Angestellte, und er konnte stolz auf sie sein. Raleigh war brillant, wenn es darum ging, den Markt einzusch�tzen und seine wohlhabenden Kunden zu verh�tscheln, doch Beth verf�gte �ber die eigentliche Expertise und ein tiefes Verst�ndnis der Werke, ihrer Sch�pfer und ihrer Provenienz.</p><p>�Ich tue einfach so, als sei ich ein Kunde.�</p><p>�Das w�rde Ihnen niemand abnehmen�, sagte Raleigh �ber die Schulter, w�hrend er rasch zur T�r strebte, durch die gerade eine reiche junge Tussi hereinschwebte. �Mrs Metzger!�, fl�tete er, �wie sch�n, dass Sie es einrichten konnten, kurz hereinzuschauen.�</p><p>Carter umfasste das Messinggel�nder und stieg die breite, mit rotem Teppich ausgelegte Treppe nach oben. Im Zwischengeschoss waren die B�ros versteckt, und vom Treppenabsatz aus f�hrte eine zweite Treppe in die obere Galerie. Er konnte Beth h�ren, ehe er sie sah, als sie gerade etwas zum Thema Zeichenkunst erkl�rte.</p><p>Am Eingang zur Galerie blieb er stehen, noch im Schatten des Treppenaufgangs verborgen. Beth hatte ihm den R�cken zugewandt, und der Kunde stand neben ihr. Sie trug ihre �bliche Arbeitskleidung, einen engen schwarzen Hosenanzug mit wei�er Seidenbluse. Ein schwarzes Band hielt ihr Haar in einem kurzen Pferdeschwanz zusammen. Sie nannte es ihren Smoking und sagte, sie tr�ge ihn aus dem gleichen Grund wie die M�nner: um mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Der Typ neben ihr hingegen w�rde mit gar nichts verschmelzen. Er war gro� und kr�ftig, mit kurzem borstigem Haar, und trug einen langen Regenmantel aus einem gl�nzenden, metallisch schimmernden Stoff.</p><p>W�hrend Beth auf verschiedene Aspekte der Zeichnungen hinwies, die vor ihnen auf dem breiten Tisch ausgebreitet waren, musste Carter feststellen, dass der Mann wesentlich mehr Zeit damit verbrachte, Beth zu beobachten anstelle der Zeichnungen. Vielleicht hatte Raleigh es aus diesem Grund so eingerichtet, dass Beth sich um diesen speziellen Kunden k�mmern sollte, und dann auch noch in der relativen Ungest�rtheit der oberen Galerie. M�glicherweise z�hlte er darauf, dass ein wenig Erotik helfen k�nnte, heute ein Gesch�ft f�r die Galerie abzuschlie�en.</p><p>�Der gro�e Wert von Zeichnungen�, sagte Beth gerade, �besonders, wenn es sich um Studien und Skizzen handelt, liegt darin, dass man die Hand des K�nstlers v�llig frei bei der Arbeit sieht. Er arbeitet schnell, improvisiert, probiert aus.�</p><p>Der Mann streckte die Hand aus und ber�hrte ihr Gesicht, um ihr, wie Carter annahm, eine Haarstr�hne aus der Stirn zu streichen.</p><p>Beth verstummte und wirkte einen Moment lang verwirrt.</p><p>�Das Haar war im Weg. Ich konnte Ihre Augen nicht mehr sehen.�</p><p>��h, danke. Aber vielleicht sollten wir uns besser auf die Zeichnungen konzentrieren.�</p><p>Carter nahm das als sein Stichwort, weitere Aufmunterungen brauchte er bestimmt nicht. Er r�usperte sich ger�uschvoll und betrat die Galerie. �Ich hoffe, ich unterbreche keine Verhandlungen�, verk�ndete er.</p><p>�Was f�r eine �berraschung�, sagte Beth mit Erleichterung in der Stimme.</p><p>Carter legte einen Arm um sie und k�sste sie auf die Wange, dann wandte er sich mit ausgestreckter Hand an den Kunden.</p><p>�Carter Cox, Beths Gatte.�</p><p>�Bradley Hoyt�, sagte der Mann und sch�ttelte ihm die Hand.</p><p>�Mr Hoyt m�chte sich eine Sammlung Alter Meister zulegen�, erkl�rte Beth.</p><p>�Und Beth sorgt daf�r, dass ich nur das richtige Zeug kaufe.�</p><p>�Eine bessere Ratgeberin bekommen Sie nicht�, sagte Carter und dr�ckte ihre Schulter. �Aber warum Alte Meister?�, sagte Carter. Jetzt, bei genauerer Betrachtung, nahm er den eigenartigen grau-gr�nen Schimmer des Regenmantels wahr.</p><p>�All meine Freunde kaufen dieses riesige Zeugs, neuen Kram, aber die Preise schie�en im Moment in den Himmel. Ich meine, ich k�nnte es mir ohne Probleme leisten, dieses Spiel mitzuspielen, aber es gef�llt mir nicht, in Dinge zu investieren, bei denen das Wachstumspotential gegen null geht. Ich kaufe lieber Zeug, das immer noch Profit bringen kann.�</p><p>�Und das�, fragte Carter und warf einen kurzen Blick auf die Zeichnungen vor ihnen, �gilt f�r diese Zeichnungen?�</p><p>�Das hat Beth mir jedenfalls erkl�rt�, sagte der Mann. Ein breites L�cheln entbl��te perfekte wei�e gro�e Z�hne. �Au�erdem ist es eine klassische Form von Investition.�</p><p>Pl�tzlich begriff Carter, aus welchem Material der Mantel bestand. �Ist das eine Art Eidechsenhaut?�</p><p>�Nah dran. Es ist Krokodilleder.�</p><p>�Der ganze Mantel?� Carter hatte schon Krokoleder gesehen, bei Uhrenarmb�ndern oder Brieftaschen. Aber ein Regenmantel, der dem Mann fast bis zu den Kn�cheln reichte?</p><p>�Jupp. Echtes Krokodil aus Sumatra.�</p><p>�So etwas habe ich noch nie gesehen�, sagte Carter.</p><p>�Und bei dem, was er gekostet hat, werden Sie es vermutlich auch nie wieder zu sehen bekommen.� Sein Blick flog hin�ber zu Beth, vermutlich, um sich zu vergewissern, dass dieser erneute Hinweis auf seinen Reichtum auch richtig angekommen war.</p><p>Aber Beth bemerkte es nicht einmal. Sie verbrachte den gr��ten Teil ihres Arbeitstages mit Menschen, die mehr Geld hatten, als sie ausgeben konnten, und Carter wusste, dass diese Vorstellung schon l�ngst ihren Reiz f�r sie verloren hatte.</p><p>�Und, was treiben Sie so?�, wandte Bradley sich an Carter.</p><p>�Ich unterrichte.�</p><p>�High School?�</p><p>�Nein, Grundschule.�</p><p>Verwirrt sah Beth ihn an.</p><p>�Welche Klasse?�, fragte Bradley.</p><p>�Die erste. Ich finde, Kinder in diesem Alter haben noch so ein ungeheures Wachstumspotential.�</p><p>Jetzt hatte sie begriffen, und sie war nicht gerade angetan davon. �Mr Hoyt�, mischte sie sich ein, �ich denke, wir haben uns jetzt alles angesehen, was diese Galerie im Moment zu bieten hat. Vielleicht sollten Sie die Dinge noch einmal �berdenken und wiederkommen, sobald Sie eine engere Wahl getroffen haben.� Mit diesen Worten reichte sie ihm einen Hochglanzkatalog vom Tisch.</p><p>Hoyt nahm den Katalog, rollte ihn zusammen und schob ihn in die Seitentasche seines Mantels.</p><p>�Es war nett, Sie kennenzulernen�, sagte Carter.</p><p>�Danke gleichfalls�, erwiderte Bradley.</p><p>�Ich werde die Zeichnungen jetzt wieder wegr�umen�, sagte Beth. �Vielen Dank, dass Sie vorbeigeschaut haben, Mr Hoyt.�</p><p>Endlich kapierte Hoyt. Er drehte sich um und ging, wobei seine Abs�tze laut auf dem Parkettfu�boden klapperten. Er hatte Stiefel an, stellte Carter fest, als er die Treppe hinunterstieg. Wahrscheinlich handgefertigt, aus dem Leder einer seltenen und vom Aussterben bedrohten Tierart.</p><p>Beth sammelte die Zeichnungen ein und verstaute sie sorgf�ltig in den Mappen. Als sie sicher war, dass sie allein waren, drehte sie sich zu Carter um und sagte: �Erste Klasse?�</p><p>�Desinformation, um den Feind in die Irre zu f�hren.�</p><p>�Ist er ein Feind?�</p><p>�K�nnte sein. Ich habe gesehen, wie er dich angeschaut hat.�</p><p>�Ich bitte dich�, sagte sie l�chelnd. �Wenn du dir wegen so etwas Sorgen machst, d�rftest du den ganzen Tag nur Desinformationen von dir geben.�</p><p>Er lachte, legte jedoch seinen Arm um sie.</p><p>�Du wei�t doch, dass wir hier �berall Videokameras haben?�, fragte sie.</p><p>�Mir egal�, erwiderte er und k�sste sie. Als er den Kuss zu sehr in die L�nge dehnte, wurde Beth verlegen und stie� ihn von sich.</p><p>�Aber mir macht es etwas aus�, sagte sie. �Ich muss diesen Menschen jeden Tag unter die Augen treten.�</p><p>�Dann lass uns zum Lunch gehen. Ich zahle.�</p><p>�Rumpelmayer�s?�</p><p>�Central Park, am See. Drau�en ist es wundersch�n.�</p><empty-line/><p>Auf dem Weg zum Park machten sie bei einem Feinkostladen halt und holten sich Sandwiches und etwas zu trinken. Doch ihre Lieblingsbank mit Blick auf den kleinen See im Central Park South war bereits besetzt, ebenso wie alle anderen B�nke. �Ich war anscheinend nicht der Einzige mit dieser Idee�, sagte Carter.</p><p>Sie fanden einen flachen Felsen, auf dem sie sitzen konnten, gleich neben dem Fu�weg, und packten ihre Mahlzeit dort aus. W�hrend Carter den Verschluss von Beths Flasche aufschraubte, sagte sie: �Du hast mir gar nicht erz�hlt, was du heute hier in der Gegend vorhast.�</p><p>�Dich zum Lunch treffen.� Er reichte ihr die offene Flasche.</p><p>�Wirklich?�, fragte Beth, doch sie l�chelte skeptisch. Sie nahm einen Schluck von dem Eistee und stellte die Flasche anschlie�end vorsichtig auf den Stein. �Der Spaziergang zum Park, das kleine Picknick ��</p><p>�Ja?�</p><p>�Das ist alles nur eine spontane Demonstration deiner Zuneigung?�</p><p>�Absolut.�</p><p>Sie biss von ihrem Sandwich ab, kaute langsam, legte das Brot zur�ck in die Verpackung und sagte: �Okay, ich kann die Spannung nicht l�nger ertragen. Wie schlimm ist es?�</p><p>�Was?�</p><p>�Das Problem, von dem du mir erz�hlen willst.�</p><p>Carter tat entr�stet. �Kann ein Mann seine Frau nicht einfach mit einem romantischen Mittagessen an einem wundersch�nen Herbsttag �berraschen?�</p><p>�Nicht, wenn es ein Mann ist, der glaubt, er w�rde den Rubikon �berschreiten, sobald er die vierzehnte Stra�e �berquert. Du musst schon einen ziemlich guten Grund f�r diesen Ausflug haben, sonst h�ttest du ihn nicht gemacht.�</p><p>Wie bin ich blo� auf die Idee gekommen, sie w�rde nichts merken?, dachte Carter. Jetzt hatte es keinen Zweck mehr, noch l�nger damit hinter dem Berg zu halten. �Erinnerst du dich an das P�ckchen, das ich von Joe Russo bekommen habe?�</p><p>�Nat�rlich. Du hast mir alles �ber seine gro�e Entdeckung erz�hlt.�</p><p>�Nun, in ein paar Tagen kann er dir das alles selbst erz�hlen. Er kommt nach New York.�</p><p>�Das ist gro�artig. Ich freue mich darauf, ihn kennenzulernen.� Sie tat, als sei die Gefahr vor�ber, nahm ihr Sandwich in die Hand und biss gro�z�gig davon ab.</p><p>Carter st�rzte mutig voran. �Das sollte kein Problem sein�, sagte er. �Er braucht ohnehin einen Platz zum Schlafen, w�hrend er hier ist.�</p><p>Ihr Kiefer verharrte mitten in der Kaubewegung.</p><p>�Und ich habe ihm gesagt, dass er solange bei uns wohnen kann.�</p><p>Sie schluckte. �Wo? Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, wir haben kein G�stezimmer.�</p><p>�Er ist nicht w�hlerisch. Das Sofa im Wohnzimmer reicht v�llig.�</p><p>�Das Sofa ist nicht einmal bequem genug, um darauf zu sitzen.�</p><p>�Er hat schon schlimmer geschlafen. Auf Sizilien haben wir zwischen Skorpionen auf Felsen geschlafen.�</p><p>Beth stie� einen Seufzer aus, und Carter wusste, dass sie sich allm�hlich mit der Idee anfreundete. �Wie lange wird er bleiben? Eine Woche oder zwei?�</p><p>�Ich wei� es wirklich nicht�, sagte Carter. �Vielleicht auch l�nger. H�ngt davon ab, wie lange wir f�r die Arbeit brauchen.�</p><p>�Welche Arbeit?�</p><p>�Habe ich das nicht erw�hnt? Er bringt das Fossil mit nach New York. Wir werden zusammen daran arbeiten, hier.�</p><p>�Er bringt dieses Riesenfossil, von dem du mir erz�hlt hast ��</p><p>�Mehr als eine Tonne!�</p><p>�� hierher nach Manhattan? Nur damit ihr zusammen daran arbeiten k�nnt, wie in alten Zeiten?�</p><p>�Genau das hat er gesagt. Fast wortw�rtlich.�</p><p>Carter wusste, dass er eine Menge von ihr verlangte. Beth legte gro�en Wert auf ihre Privatsph�re, vor allem in letzter Zeit, seit sie versuchten, das mit dem Baby hinzubekommen. Aber er wusste auch, dass sie niemals etwas tun w�rde, was seine Arbeit behindern k�nnte. Einer der zahllosen Gr�nde, warum er sie liebte.</p><p>�Sonst noch etwas, von dem ich wissen sollte?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>�Na ja, er hat etwa die Ausma�e einer Dampflok. Und er raucht wie ein Schlot, aber ich werde ihm sagen, dass er das in der Wohnung bleiben lassen soll. Und er hat nie Geld.�</p><p>�Er ist mir bereits jetzt sympathisch.�</p><p>Carter lachte und schlang den Arm um ihre Schultern. �Warst du nicht diejenige, die unbedingt das Tapsen kleiner F��e in der Wohnung h�ren wollte?�</p><p>�<emphasis>Kleiner</emphasis> F��e�, erwiderte sie. �Das entscheidende Wort war <emphasis>klein</emphasis>.�</p><p>�Oh�, sagte Carter, �tut mir leid. Und wenn ich ihn bitte, auf Zehenspitzen zu gehen?�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>9. Kapitel</strong></p></title><p>Den ganzen Tag schon war er auf Widerstand gesto�en und wurde von Leuten gest�rt, die sich in seine Angelegenheiten mischten. Warum, fragte sich Ezra, konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen, ihm aus dem Weg gehen und ihn die Arbeit tun lassen, zu der er, er allein, berufen war?</p><p>Angefangen hatte es in Dr. Neumanns Praxis, wo er, kaum dass er Platz genommen hatte, den verr�terischen Briefkopf von Dr. Herschel Stern entdeckt hatte. Das Schreiben seines Psychiaters in Jerusalem lag oben auf einem Papierstapel auf dem Scho� der �rztin. Sie hatte also tats�chlich Kontakt zu ihm aufgenommen. Er wusste, was jetzt kommen w�rde, ehe sie das Wort <emphasis>Jerusalemsyndrom</emphasis> auch nur ausgesprochen hatte.</p><p>�Ich bin sicher, dass Sie den Begriff schon einmal geh�rt haben�, sagte sie. �Ich glaube, Dr. Stern hat mit Ihnen dar�ber gesprochen?�</p><p>�Kann sein.�</p><p>Sie dr�ngte weiter. �Es ist ein Leiden, das bestimmte Menschen bef�llt, Evangelikale zum Beispiel, religi�se Laien oder Stipendiaten wie Sie selbst, die das Heilige Land besuchen und davon �berw�ltigt werden. Sie sind so gefesselt davon, so bewegt, so ver�ndert durch die Erfahrung, dass sie gewisserma�en Wahnvorstellungen entwickeln. In den extremsten F�llen sind sie zum Beispiel davon �berzeugt, der Messias zu sein.�</p><p>�Ja, dieses Syndrom ist mir bekannt�, erwiderte Ezra, �und nein, ich leide nicht darunter. Vertrauen Sie mir, ich wei�, dass ich weder der Messias noch Moses oder der Todesengel bin.�</p><p>�Ich habe das nur als Einleitung erw�hnt�, sagte Dr. Neumann. �Es k�nnen noch weitere Arten von St�rungen auftreten.� Ezra fiel auf, dass sie das vorletzte Wort mit derselben Vorsicht aussprach wie kurz zuvor das Wort �Wahnvorstellungen�. �Der Nahe Osten ist in dieser Hinsicht eine sehr ergiebige und fruchtbare Gegend, und Dr. Stern hat mir geschrieben und ein wenig �ber Ihre Arbeit in Israel berichtet. Ich muss sagen, es ist kein Wunder, dass Sie eine gewisse Anspannung empfinden.�</p><p>�Hat der gute Doktor Sie auch �ber die Schwierigkeiten informiert, in die ich geraten bin? Mit den Beh�rden?� Ezra hatte kein besonderes Verlangen, ihr davon zu erz�hlen, aber er konnte auch ebenso gut herausfinden, wie viel sie wusste.</p><p>Dr. Neumann machte eine Pause, als sei sie sich nicht sicher, wie viel von ihrem Wissen sie jetzt schon preisgeben sollte.</p><p>�Der Felsendom?�, soufflierte er ihr.</p><p>�Ja�, gab sie schlie�lich zu.</p><p>Aha, also hatte er ihr das ebenfalls erz�hlt.</p><p>Der Felsendom, das Heiligtum der Moslems, war auf den Ruinen des zweiten Tempels errichtet worden. Das war von zentraler Bedeutung. Ezra hatte die Schriftrollen gelesen, und er wusste, was sie sagten. Niemand sonst hatte es je begriffen, niemand hatte je zuvor alles zusammengef�gt. Er wusste, dass er, wenn er ungehindert in dem Fundament unterhalb der Kuppel graben k�nnte, die heiligste Reliquie des ganzen Universums finden w�rde. Und in der Tat h�tte er es beinahe geschafft. Er hatte den unterirdischen Tunnel gefunden und die Tontafeln gesehen, mit denen die �ffnung versiegelt war. Im Inneren der Kammer hatte er das Ger�usch aller Winde dieser Welt geh�rt.</p><p>Das grollende �chzen eines lebendigen atmenden Gottes.</p><p>Das Ger�usch der Sch�pfung selbst.</p><p>Doch genau in diesem Augenblick, ehe er noch n�her herankam, hatten die israelischen Sicherheitskr�fte ihn an den Fu�kn�cheln gepackt und herausgezerrt.</p><p>Es war ein Ger�usch, das ihm manchmal immer noch in den Ohren klang.</p><p>�Ich mache mir Sorgen, dass Ihre Arbeit hier in New York eng verkn�pft ist mit Ihrer Arbeit in Israel. Einige der Dinge, die Sie sagten, w�hrend Sie inhaftiert waren� � an dieser Stelle hielt sie inne, um ihre Lesebrille aufzusetzen und einen Blick auf ihre Notizen zu werfen �, �klingen �beraus beeindruckend und beunruhigend. �Ich habe mit Engeln kommuniziert.� �Die Sch�pfung kann entschl�sselt werden.� �Ich kann Ihnen das Antlitz Gottes zeigen.�� Sie nahm ihre Brille ab und sah ihn an. �Sie sind ein intelligenter Mann, Ezra, ich brauche Sie also kaum auf den Charakter dieser Aussagen hinzuweisen. Die Selbstverherrlichung, der epochale Inhalt und Kontext, der messianische Eifer. Was fangen wir mit diesen Gedanken und Gef�hlen an? Und was noch wichtiger ist: Empfinden Sie immer noch so?�</p><p>Was sollte er darauf antworten? Er k�nnte entweder l�gen, und Dr. Neumann blieb weiterhin sein psychiatrischer Wachhund. Als solcher k�nnte sie allen Beh�rden, die sich m�glicherweise nach ihm erkundigten, garantieren, dass seine Wahnvorstellungen unter Kontrolle seien und dass er, Ezra, keine Bedrohung mehr f�r irgendjemanden darstellte. Ganz gewiss nicht f�r den souver�nen Staat Israel. Oder er k�nnte ihr die Wahrheit erz�hlen, ihr anvertrauen, was die gestohlene Schriftrolle ihm nach und nach offenbarte � und riskieren, dass er in einer Institution landete, in der die einzige Papierrolle, die er je wieder zu Gesicht bek�me, eine Klopapierrolle w�re.</p><p>Die Entscheidung fiel ihm nicht besonders schwer.</p><p>�Der Ortswechsel hat mir gutgetan�, sagte er. �Hier, in meinen alten Zimmern in New York City, f�hle ich mich wesentlich entspannter. Ich empfinde nichts mehr von dieser Manie, die ich im Nahen Osten gesp�rt habe.�</p><p>Sie sah ihn ausdruckslos an. Sie hatte es ihm noch nicht abgekauft. �Und die Stimmen? Von den Engeln?�</p><p>�Ich habe nie behauptet, dass es tats�chlich Engel seien, die zu mir sprachen. Selbst in meinen schlimmsten Zeiten habe ich das nie gesagt.�</p><p>Aber sie lie� nicht zu, dass er der Frage auswich. �Egal, was Sie glauben, wessen Stimmen das waren: H�ren Sie sie immer noch? Sie m�ssen es mir sagen, Ezra, falls Sie akustische Halluzinationen haben. Andernfalls w�re es sehr schwierig f�r mich, Ihnen zu helfen.�</p><p>Das war nun wirklich zum Lachen. Allein die Vorstellung, dass Dr. Neumann ihm Hilfe anbot, die �ber das Ausstellen von Rezepten hinausging, war ein Witz.</p><p>�Nein, ich habe keine Halluzinationen�, sagte er, wieder einmal die Wahrheit sorgsam verschleiernd. �Alles, was ich h�re und sehe, ist real.�</p><p>Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, lag noch einiges an �berzeugungsarbeit vor ihm.</p><empty-line/><p>Auch seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Mittlerweile sa� er im Esszimmer im Apartment am Sutton Place und musste sich zusammenrei�en, um nicht von seinem Stuhl aufzuspringen und davonzust�rzen. Doch der Preis daf�r, dass er hier wohnen durfte, bestand darin, gelegentlich Szenen wie diese ertragen zu m�ssen.</p><p>Sein Vater sa� am Kopf des Tisches, gekleidet in einen seidenen Smoking. Wann hatte er eigentlich angefangen, so etwas zu tragen? Kimberly sa� perfekt frisiert, geschminkt und gekleidet am anderen Ende, und Ezra hockte in der Mitte. Mit seiner Jeans und dem Sweatshirt von H&amp;M f�hlte er sich eindeutig falsch angezogen.</p><p>Gertrude stellte die Sch�ssel mit den sautierten Kartoffeln und Zwiebeln neben Ezras Ellenbogen. �Iss, so viel du magst, aber lass noch Platz f�r den Nachtisch�, sagte sie, ehe sie sich umdrehte und in Richtung K�che ging.</p><p>�Das w�re dann alles, Gertrude�, sagte Kimberly unn�tigerweise, als die T�r sich bereits hinter ihr schloss.</p><p>Ezra nahm von den Kartoffeln und Zwiebeln und versuchte dann, sie an Kimberly weiterzureichen, die ihre H�nde hob, als biete er ihr eine Sch�ssel voll ranziger Milch an. Stattdessen gab er sie an seinen Vater weiter, der einen �rmel seines zu engen Smokings zur�ckschieben musste, um heranzureichen.</p><p>�Ich habe heute zuf�llig mit jemandem von der israelischen Botschaft gesprochen�, sagte Sam bedeutungsschwer.</p><p>Ezra hielt den Kopf gesenkt und a� sein Kalbfleisch mit Kartoffeln.</p><p>�Sie werden die Angelegenheit nicht weiterverfolgen�, fuhr Sam fort.</p><p>�Welche Angelegenheit?�, fragte Kimberly und nippte an ihrem Wein.</p><p>�Ezras kriminellen Hausfriedensbruch.�</p><p>Das fehlte ihm gerade noch. Erst Dr. Neumann und jetzt sein Vater. W�rde das denn gar kein Ende nehmen?</p><p>�Krimineller Hausfriedensbruch? Wo?� Kimberly schaute Ezra an. Wenn er es nicht besser w�sste, h�tte ihr Gesichtsausdruck glatt als m�tterliche Besorgnis durchgehen k�nnen. �Was hat das zu bedeuten?�</p><p>�M�chtest du darauf antworten, Ezra?�, fragte sein Vater.</p><p>�Wenn du mit der Botschaft gesprochen hast, dann wei�t du ja bereits alles.�</p><p>�Ich will es von dir h�ren.�</p><p>Ezra nahm rasch einen weiteren Happen. Man konnte schlie�lich nie wissen, wie lange er noch an diesem Tisch sitzen w�rde. �Ich wusste, was ich tat.�</p><p>�Das wei�t du doch immer�, gab Sam s�uerlich zur�ck.</p><p>�Sie haben so viele Regeln und Vorschriften da dr�ben, wo man hingehen darf, was man machen darf, mit wem man reden darf. Wenn man sich an alle halten w�rde, k�me man nie zu irgendwas.�</p><p>�Meinst du nicht, dass sie diese Regeln vielleicht, nur vielleicht, aus ganz bestimmten Gr�nden haben? Dass die israelische Regierung eventuell mehr dar�ber wei�, wie man die Dinge handhabt, als du?�</p><p>�Sie wissen, wie man eine Regierung f�hrt, und selbst dar�ber lie�e sich streiten, aber sie haben nicht den blassesten Schimmer von dem, was ich tue.�</p><p>�Und was ist das, Ezra?�, mischte Kimberly sich ein. �Ich bin mir nie so ganz sicher.�</p><p>Ezra wandte sich ihr zu. Endlich einmal sagte sie tats�chlich die Wahrheit. Sie wusste es nicht, und selbst wenn er es ihr erkl�ren w�rde, w�rde sie es nicht verstehen, in einer Million Jahren nicht. Trotzdem musste er etwas sagen. �Ich suche nach Antworten auf die wichtigen Fragen.�</p><p>�Was f�r Fragen?�</p><p>�Die wichtigsten. Warum sind wir hier? Steckt eine bestimmte Absicht dahinter? Gibt es einen Gott, und wenn ja, wie k�nnen wir herausfinden, was er von uns will?�</p><p>�Das sind in der Tat wichtige Fragen�, sagte Kimberly.</p><p>�Aber du wirst die Antworten nicht finden�, warf Sam ein, �indem du mitten in der Nacht in heiligen St�tten herumschleichst, deren Zutritt strengstens verboten ist. Das gesamte Land ist ein Pulverfass, und jemand wie du, der tut was er will und dem die Vorschriften egal sind, kann unbeabsichtigt die ganze Gegend in die Luft jagen. Du hast Gl�ck gehabt, dass es nicht dazu gekommen ist.�</p><p>�Diese Gefahr hat niemals bestanden.�</p><p>�Das sehen die Israelis anders. Wenn ich nicht diverse F�den gezogen und dich da rausgeholt h�tte, w�rdest du jetzt in einer Gef�ngniszelle in Jerusalem schmoren.�</p><p>Ezra musste sich eingestehen, dass das vermutlich stimmte. Die Probleme, die er mit den Direktoren des Feldstein Instituts gehabt hatte, verblassten angesichts des �rgers, den er wegen der Sache mit dem Felsendom bekommen hatte.</p><p>�Es interessiert dich vielleicht, zu erfahren�, fuhr Sam fort, �dass ich die Kampagne zur Wiederwahl des B�rgermeisters von Jerusalem durch eine beachtliche Spende unterst�tzt habe.�</p><p>�Vielleicht kannst du daf�r ja da dr�ben einen Immobiliendeal schaukeln�, sagte Ezra und bereute seine Worte, noch ehe die Faust seines Vaters die Tischplatte traf. Eine brennende Kerze fiel aus dem Kerzenst�nder.</p><p>�Meinst du etwa, das alles sei ein Witz?�, schrie Sam, das Gesicht beinahe genauso rot wie sein Smoking.</p><p>Kimberly griff nach der brennenden Kerze, die �ber die Tischdecke rollte.</p><p>�Glaubst du, ich werde immer da sein, um den Schlamassel, den du angerichtet hast, in Ordnung zu bringen? Um dir aus der Patsche zu helfen und alles wieder geradezubiegen? Was zum Teufel ist blo� mit dir los?�</p><p>Ezra wischte sich den Mund ab, faltete seine Serviette zusammen und legte sie auf den Tisch.</p><p>�Antworte mir!�</p><p>�Ich nahm an, es handle sich um eine rhetorische Frage�, erwiderte Ezra.</p><p>Sein Vater sah aus, als w�rde ihn gleich der Schlag treffen.</p><p>�Sam, denk an dein Herz! Beruhige dich�, sagte Kimberly.</p><p>�Wieso machst du dir eigentlich Sorgen?�, sagte Ezra zu ihr. �Du hast doch schon darauf gewartet, dass meine Mutter stirbt. Jetzt ist nur noch einer �brig.�</p><p>�Du lausiger Hurens��, schrie Sam und sprang auf, aber Ezra war schneller. Er war bereits aus dem Zimmer heraus und den Flur hinunter, bevor sein Vater den �rmel von der Stuhllehne, in der er sich verheddert hatte, befreit hatte. Er h�rte Kimberly, die ihn mit den Worten �Lass ihn laufen� und �Mach es nicht noch schlimmer, als es ist� zu beruhigen versuchte. Zum vielleicht ersten Mal in seinem Leben war er tats�chlich dankbar f�r Kimberlys Anwesenheit, und das ausgerechnet, nachdem er sie beleidigt hatte.</p><p>In seinem Zimmer angekommen, verriegelte er die T�r hinter sich, wartete schwer atmend und lauschte, ob er verfolgt wurde. Wie alt bin ich eigentlich?, dachte er. Drei�ig Jahre, und er benahm sich wie ein Schulkind, das aus Angst vor einer Tracht Pr�gel davonrannte. Er presste ein Ohr an die T�r, doch die Wohnung war so riesig und das Esszimmer so weit entfernt, dass er keinen Ton h�rte. Was war gerade geschehen? Was hatte er gerade gesagt? Er konnte es selbst kaum glauben. Bisher war er so vorsichtig gewesen, auf sein Benehmen zu achten und sich mit niemandem anzulegen. Und jetzt hatte er innerhalb weniger Minuten alles vermasselt. Nicht, dass er sich sonderlich wegen seiner Beziehung zu Kimberly sorgte; die war ohnehin nie besonders gut gewesen. Und das Verh�ltnis zu seinem Vater war im Laufe der Jahre immer schlechter geworden. Doch was ihm wichtig war, war ein sicherer Hafen, ein Ort, an dem er unbehelligt und ungehindert seiner Arbeit nachgehen konnte. Bis vor einer Minute hatte er diesen Ort gehabt. Hatte er all das tats�chlich durch ein paar unbedachte aufr�hrerische Worte zum Fenster hinausgeschmissen?</p><p>Zumindest sah es so aus, als sei die Schlacht vorbei. Niemand h�mmerte an seine T�r. Aber sein Herz raste, und er sp�rte, wie das Blut in seinen Schl�fen pochte. Er musste ruhiger werden, besonders, wenn er wie geplant heute Abend noch arbeiten wollte. Er ging ins Badezimmer, riss das Medizinschr�nkchen auf und nahm sich von den Xanax, die Dr. Neumann ihm verschrieben hatte. Er schluckte ein paar der Viertel-Milligramm-Tabletten, ging zur�ck in sein Schlafzimmer und lie� sich mit einem Plumps aufs Bett fallen. In f�nfzehn bis zwanzig Minuten w�rde er die Wirkung sp�ren.</p><p>Er h�tte auch Kimberly gegen�ber diese Bemerkung nicht machen sollen, dass sie nur darauf warten w�rde, dass Sam starb. Bis zu diesem Zeitpunkt w�re die Situation noch zu retten gewesen. Aber unter den vielen Dingen, die er seinem Vater nie verziehen hatte, stand Kimberly ganz oben auf der Liste. W�hrend Ezras Mutter jahrelang unter Operationen und Chemotherapien gelitten hatte, hatte sein Vater sich zunehmend zur�ckgezogen und immer weniger Interesse an ihr gezeigt. An Ezra und seinem Onkel Maury war es h�ngengeblieben, f�r sie da zu sein, sie zu tr�sten und sich um sie zu k�mmern. In der Nacht, in der sie in dem Privatzimmer im Sloan-Kettering-Krankenhaus starb, war Sam nirgendwo aufzufinden gewesen. Ezra hatte zu Hause angerufen, hatte mit der Sekret�rin in seinem B�ro gesprochen und es im Metropolitan Club probiert, doch Sam war und blieb verschwunden. Sp�ter hatte er erfahren, dass sein Vater sich in Kimberlys Wohnung verkrochen hatte, einer ordentlichen kleinen Maisonette am Beekman Place, die er f�r sie gekauft hatte. W�hrend Ezras Mutter ihren letzten Atemzug tat, hatte Sam vermutlich Atem�bungen mit seiner �u�erst entgegenkommenden Werbefachfrau gemacht.</p><p>Als er sich beruhigt hatte und die Situation kritisch absch�tzte, begriff Ezra, dass er sein kleines Refugium vielleicht noch ein klein wenig l�nger behalten k�nnte. Er m�sste sich nur so weit wie m�glich zur�ckhalten und vielleicht sogar einen Weg finden, sich zu entschuldigen. Auch wenn ihm im Moment nicht einfiel, wie man allen Ernstes behaupten konnte, man habe eine so deutliche Aussage nicht so gemeint. In den letzten Jahren war er h�ufig �hnlich heftig mit seinem Vater aneinandergeraten wie heute, und seine Stiefmutter w�rde vermutlich ebenso wie er bestrebt sein, so zu tun, als sei es nie geschehen. Es w�rde ihr nichts n�tzen, sich zwischen Sam und seinen Sohn zu stellen, egal, wie zerstritten sie waren.</p><p>Nat�rlich wusste Ezra sehr wohl, dass die meisten normalen Leute in seiner Lage einfach ausziehen und sich eine eigene Wohnung suchen w�rden, doch f�r ihn war das nicht so einfach. Er besa� kein Geld, �ber das er selbst verf�gen k�nnte, oder auch nur eine Kreditkarte. Alles kam von Sam, ausgespuckt von einem der Schmarotzer aus der Buchhaltung, und das Letzte, was Ezra wollte, war, die Dinge aufzur�hren und um eine neue Vereinbarung zu bitten. Wenn er ruhig und unbemerkt blieb, wo er war, lie� Sam ihn vielleicht in Ruhe. Wenn er hingegen anfing, um mehr zu bitten, k�nnte es heikel werden. Wom�glich w�rde sein Vater ihm die Unterst�tzung ganz verweigern und von ihm verlangen, sich einen Job zu suchen.</p><p>Doch was Ezra anging, hatte er bereits einen Job � den wichtigsten auf der Welt.</p><p>Als die Wirkung des Xanax einsetzte und ihm diese neue und gelassene Sichtweise bescherte, f�hlte er sich entspannt genug, um wieder an diese Aufgabe zu denken. Und an die Arbeit, die er sich f�r diesen Abend vorgenommen hatte. In der Wohnung war es jetzt still. Soweit er wusste, waren sein Vater und Kimberly ausgegangen, und nichts stand ihm im Weg. Er erhob sich vom Bett und ging zu den Terrassent�ren, die auf einen kleinen Balkon f�hrten. Tief unter ihm bildeten die R�cklichter der Autos auf dem FDR Drive ein hellrotes Band in der Nacht, und auf der anderen Seite des Flusses, in Queens, leuchtete ein kaum sichtbares silbernes Kreuz auf dem Turm einer Kirche.</p><p>Die Nachtluft war erfrischend. Er war bereit, sich an die Arbeit zu machen.</p><p>Er ging wieder hinein, schloss die T�ren und zog beide Vorh�nge vor. Er hatte Gertrude gebeten, ein zweites Paar aufzuh�ngen, damit kein Sonnenlicht in den Raum drang. Sie hatte ihn fragend angesehen, ihm aber seine Bitte erf�llt.</p><p>Im Arbeitszimmer schaltete er die Lampe an, die er am Zeichentisch befestigt hatte, dann kniete er neben der Spielzeugkiste nieder und �ffnete sie mit dem Schl�ssel, den er am Boden festgeklebt gefunden hatte. Genau dort, wo er sie versteckt hatte, inmitten der Comics und Bongos, lag die Papprolle.</p><p>Er zog den Deckel von einem Ende der Rolle ab und entfernte die billigen Papyrusbl�tter, die er in einem Souvenirgesch�ft gekauft hatte, kurz bevor er den Nahen Osten verlassen hatte. Das oberste zeigte Anubis, den schakalk�pfigen Gott, der die Seelen der Toten wog. Als N�chstes kam ein Bild von Osiris, der �ber alle Kreaturen der Erde und des Himmels herrschte. Doch es war der dritte Gegenstand, in Zellophan geh�llt und um die anderen herumgerollt, auf den es ihm ankam. Diesen holte er so vorsichtig wie m�glich aus der Papprolle. Er warf die anderen beiden Bl�tter beiseite und legte die Zellophanh�lle ehrfurchtsvoll auf die saubere, flache Oberfl�che des Zeichentisches. Die Platte war nur wenige Grad geneigt, um ihm die Arbeit zu erleichtern.</p><p>Nicht, dass es auch nur andeutungsweise einfach werden w�rde.</p><p>Was er da in den H�nden hielt, hatte er aus den Archiven der Hebrew University herausgeschmuggelt, wo es darauf gewartet hatte, zusammengesetzt und schlie�lich erkannt zu werden. Es handelte sich um die Fragmente, Streifen und Fetzen einer Schriftrolle, die zweifelsohne mehr als zweitausend Jahre alt war. Die Pergamentfetzen waren teils miteinander verbunden, teils lose, und zusammengesetzt w�rden sie den meistgesuchten und unglaublichsten Fund der gesamten Bibelforschung ergeben. Davon war Ezra �berzeugt. Andere Schriftrollen vom Toten Meer, die bereits zusammengef�gt, �bersetzt und gelesen worden waren, verwiesen auf diese Schrift. Es gab sogar eine �thiopische �bersetzung davon aus dem vierzehnten Jahrhundert. Doch diese Version war der Einsch�tzung der meisten Forscher zufolge von den Kopisten der Kirche �ber die Jahrhunderte stark �berarbeitet worden. Entsetzt �ber den schonungslos okkulten und zu Spekulationen neigenden urspr�nglich aram�ischen Text, hatten diese ihre eigenen Urteile mit einflie�en lassen und alles ausgelassen, was ihren Unmut erregt hatte. Nein, bis jetzt war noch nie ein Mensch in der Lage gewesen, das Original St�ck f�r St�ck zusammenzusetzen, zu entziffern und das zu lesen, was seit Jahrtausenden als das verschollene Buch Henoch galt.</p><p>Andererseits hatte auch nie jemand unter uralten Schriftrollen von allt�glichen Dokumenten danach gesucht, zwischen Rechnungen, Ehevertr�gen und Gesch�ftskorrespondenzen. Dort hatte Ezra sie gefunden. War es mehr Gl�ck als Verstand gewesen?, fragte er sich oft. Oder steckte mehr dahinter? Denn zwischen all dem Schrott, den er eigentlich hatte katalogisieren sollen, war er auf dieses unsch�tzbare Juwel gesto�en. War es vollkommen �bersehen worden, verloren in diesem Durcheinander aus eher banalen Schriften? Allein die Geniza der Ben-Esra-Synagoge in Kairo enthielt zum Beispiel mehr als f�nfzehntausend Dokumente aus dem elften bis zum dreizehnten Jahrhundert, von denen viele noch gesichtet werden mussten. Mittlerweile vermutete Ezra, dass die Rolle m�glicherweise vor Jahrzehnten von einem seiner Vorg�nger dort versteckt worden war, der, aus welchen Grund auch immer, nicht mehr in der Lage gewesen war, sein Verbrechen zu Ende zu bringen oder seine Entdeckung herauszuposaunen. In der Schriftrollenforschung waren solche Betr�gereien weit verbreitet. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb Ezra sich dort so zu Hause f�hlte.</p><p>Er zog ein Paar neu erstandener OP-Handschuhe an und entrollte vorsichtig das gr��te Segment der Rolle, das immer noch intakt war. Doch selbst dieses war weniger als sechs Zentimeter lang und nur zwei bis vier Zentimeter breit. Das blassgelbe Pergament, das jetzt flach auf dem Zeichentisch lag, hatte die Farbe und Beschaffenheit eines Herbstblatts, das vor langer Zeit zwischen den Seiten eines Buches gepresst worden war. Bei den hauchd�nnen Fasern handelte es sich vermutlich um Papyrus, wie bei den meisten Schriftrollen, doch Ezra war sich nicht vollkommen sicher. Einige der fr�hesten Funde hatten aus Tierh�uten bestanden, abgeschabt, geh�mmert und gedehnt, bis sie beinahe ebenso glatt und fein gewesen waren wie irgendein heute produziertes Papier. Wenn er Israel nicht wie ein Dieb in der Nacht so �berst�rzt h�tte verlassen m�ssen, h�tte er eine M�glichkeit gefunden, die Laboreinrichtungen der Hebrew University oder des Instituts zu benutzen, um festzustellen, worauf der Text geschrieben worden war.</p><p>Aber war das nicht nur ein weiteres Beispiel daf�r, wie eine kleinliche B�rokratie das Voranschreiten menschlicher Erkenntnis verhindern konnte? Nichts machte ihn w�tender.</p><p>Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, sich zu �rgern. Alles in allem hatte er ziemliches Gl�ck gehabt. Er hatte seine Beute, musste zurzeit keinen anderen dringenden Pflichten nachgehen und war an einem Ort, an dem er ungest�rt arbeiten konnte. Morgen, so nahm er sich vor, w�rde er anfangen, den schief h�ngenden Haussegen wieder geradezur�cken. Wenn man ihn nur sich selbst �berlie�e, w�rde er die St�ckchen zusammenf�gen und die verschollene Schriftrolle �bersetzen, neben der sich der Legende nach das Buch der Offenbarung wie ein M�rchen las.</p><p>Vorsichtig ergriff er einen weiteren Pergamentfetzen mit den behandschuhten H�nden, legte es auf den Tisch und gl�ttete es vorsichtig mit den Fingerspitzen. Es war dicht beschrieben, wie alle Fragmente der Rolle, mit der unverwechselbaren aram�ischen Schrift, die dunkler, enger und eckiger war als das weiter verbreitete Pal�ohebr�isch oder Altgriechisch. Wie passte dieses St�ck der Rolle, an allen Enden zerfasert, zu dem Rest? Und was w�rde es sagen, wenn Ezra erst einmal herausgefunden hatte, wohin es geh�rte, und den Text sorgf�ltig �bersetzt hatte? Was w�rde es �ber den Krieg im Himmel, das Wort Gottes, die Apokalypse verraten?</p><p>Als Ezra den Rand dieses kleinen Fragments an den l�nglichen Streifen hielt, um zu sehen, ob sie irgendwo zusammenpassten, leuchtete etwas vor seinen Augen auf, wie ein blauer Blitz, und seine Fingerspitzen begannen zu kribbeln. Er lehnte sich zur�ck und hielt den Atem an.</p><p>War das tats�chlich gerade geschehen?</p><p>Er blinzelte und rieb die Fingerspitzen aneinander. Schmerzhaft konnte man das Gef�hl bei weitem nicht nennen, aber es war auch nicht gerade angenehm. Ein feiner Hauch von Kordit lag in der Luft, und seine Finger f�hlten sich an � wie sollte er es beschreiben? Als seien sie gerade mit einer lebendigen Stromquelle in Ber�hrung gekommen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>10. Kapitel</strong></p></title><p>Als der Wecker am Samstagmorgen um halb acht klingelte, begriff Carter zun�chst nicht, was los war.</p><p>Es war <emphasis>Samstag</emphasis>.</p><p>Immer noch im Halbschlaf, drehte er sich zu Beth um und schob einen Arm unter die Decke und um ihre H�fte. Als seine Hand tiefer glitt, hielt sie sein Handgelenk fest.</p><p>�Hast du nicht etwas vergessen?�, murmelte sie, die Augen geschlossen.</p><p>�Was denn?�</p><p>�Du hast eine Verabredung � wei�t du nicht mehr?�</p><p>Jetzt fiel es ihm wieder ein. Punkt neun Uhr in Dr. Westons Praxis. F�r den gef�rchteten Spermatest. Er zog seine Hand zur�ck, ehe es noch schwerer wurde, aufzuh�ren. Beth drehte sich zur anderen Seite des Bettes, vielleicht, um es ihm leichter zu machen. Carter legte sich auf den R�cken und dachte an die vor ihm liegenden Stunden. Zuerst der Test, und dann die Fahrt zum Kennedy Airport. Joes Flieger sollte am Nachmittag landen.</p><p>Er schl�pfte aus dem Bett, tappte barf��ig durch den Flur ins Badezimmer und schaltete das Licht an. Beth hatte ihm schon zweimal Hausschuhe gekauft, aber er hatte keine Ahnung, wo die abgeblieben waren. Er trug nichts au�er den karierten Boxershorts, in denen er geschlafen hatte. Befehl vom Doktor � nur Boxershorts f�hrten zum Erfolg.</p><p>Nach einer kurzen Dusche und einem noch k�rzeren Fr�hst�ck aus Kaffee und Pop-Tart-Keksen nahm er die U-Bahn Uptown. Er kam ein paar Minuten zu fr�h in der Praxis an. Das passte ganz gut, denn er musste noch Unmengen von Formularen und Frageb�gen zu seinen Vorerkrankungen, den Krankheiten seiner Familie, den Medikamenten, die er zurzeit einnahm, seiner Krankenversicherung und so weiter ausf�llen. Als er fertig war, reichte er der Krankenschwester am Empfangstresen den Papierstapel. Sie �berflog ein paar Seiten, pr�fte seine Unterschrift unten auf der Seite und sagte dann: �Und Sie hatten seit mindestens vierundzwanzig Stunden keine Ejakulation?�</p><p>Carter war versucht zu sagen, dass er nah dran gewesen war, entschied sich dann aber dagegen. �Nein.�</p><p>Sie notierte etwas auf seiner Karte und f�hrte ihn anschlie�end einen schmalen Korridor mit wei�en nummerierten T�ren entlang. Ged�mpftes Licht, grauer Teppichboden, weit und breit kein Ger�usch. Sie �ffnete eine der T�ren. In dem kleinen Raum dahinter sah er einen Sessel, einen an die Wand montierten Fernseher und ein Nachttischchen mit einem Stapel Pornomagazine.</p><p>�Im Fernseher liegt eine Videokassette�, sagte sie. �Sie m�ssen ihn nur noch einschalten. Die Magazine k�nnen Sie ebenfalls benutzen.�</p><p>Carter, der nicht dar�ber nachgedacht hatte, was ihn wohl erwartete, f�hlte sich peinlich ber�hrt.</p><p>�Bitte versuchen Sie, so viel wie m�glich in diesem Beh�lter zu sammeln�, sagte sie und reichte ihm einen Plastikbecher. Entsetzt stellte er fest, dass er ihn an die Salsa-Sch�sseln bei seinem Lieblings-Fast-Food-Mexikaner erinnerte. �Wenn Sie fertig sind, bringen Sie mir den Becher.�</p><p>Carter betrat den Raum, und die Schwester schloss die T�r. Er sah sich um und wusste nicht, wie er anfangen sollte. Wie um alles in der Welt sollte er hier erotische Gef�hle entwickeln?</p><p>Gleichwohl steckte er f�nfzehn Minuten sp�ter den Kopf aus der T�r und suchte nach der Krankenschwester, aber niemand war zu sehen. Er verdeckte den Becher mit der Probe mit der Hand und ging zur�ck zum Empfangsbereich, wo inzwischen eine Reihe anderer Patienten wartete. Die Schwester, die ihm den Raum gezeigt hatte, sprach gerade am Telefon mit jemandem.</p><p>Carter fing ihren Blick auf. Immer noch redend, streckte sie die Hand aus.</p><p>Erwartete sie tats�chlich, dass er ihr den Becher einfach so in die Hand dr�ckte?</p><p>Er tat es. Sie stellte ihn neben das Terminbuch, l�chelte und winkte ihm zum Abschied zu.</p><p>Carter hatte das Gef�hl, gerade den seltsamsten Morgen seines Lebens erlebt zu haben, und dabei war es noch nicht einmal zehn Uhr. Zumindest hatte er jetzt noch gen�gend Zeit, um zum Flughafen zu fahren und Joe abzuholen. Nur zu schade, dass er nicht vorher noch einmal nach Hause konnte. Er hatte gerade unheimlich Lust auf Beth.</p><empty-line/><p>Am Flughafen sah er, dass Joes Flug p�nktlich landen w�rde, ein Wunder, wenn man bedachte, dass es ein internationaler Flug war. Da er so fr�h dran war, hatte er noch Zeit, um zu Hause anzurufen. Beth nahm nach dem zweiten Klingeln ab.</p><p>�Ich h�tte dich heute Morgen gut gebrauchen k�nnen�, sagte Carter.</p><p>Beth lachte. �Ich glaube, das ist nicht erlaubt.�</p><p>�Sollte es aber.�</p><p>�Wie war es? Sehr gruselig?�</p><p>�Ziemlich.�</p><p>�Ich wei� es zu sch�tzen, dass du hingegangen bist. Es bedeutet mir viel.�</p><p>�Na ja, das ist schlie�lich auch mein Projekt.�</p><p>�Ich wei߫, sagte sie leise. �Und wegen heute Morgen � Ich mache es wieder gut, wenn du nach Hause kommst.�</p><p>�Das k�nnte leichter gesagt als getan sein. Vergiss nicht, ich werde gut zweihundertf�nfzig Pfund Italien im Gep�ck haben.�</p><p>�Soll ich einkaufen gehen und etwas zu essen besorgen? Vielleicht ist er m�de und will einfach nur ein ruhiges Abendessen zu Hause.�</p><p>Obwohl Carter nichts dazu sagen wollte, wusste er, dass Beths Vorstellung von einem ruhigen Abendessen zu Hause in leichter Kost bestand. Unmengen von Salaten und frischem Gem�se, mit vielleicht einer H�hnchenbrust ohne Kruste pro Person. F�r Joe Russo waren das Appetith�ppchen, und noch nicht einmal besonders verlockende.</p><p>Nein, Carter hatte vor, mit ihm auszugehen, vielleicht in ein Steakhouse wie das Morton�s oder The Palm. �Lass uns sehen, wie er sich f�hlt, wenn er ankommt.�</p><p>�Okay. Ich werde den ganzen Tag mal unterwegs und mal zu Hause sein.�</p><p>Carter h�rte eine Ansage �ber Lautsprecher, irgendetwas �ber einen Alitaliaflug aus Rom, also verabschiedete er sich und ging zur Ankunftshalle. Nachdem er ewig gewartet hatte, sah er einen Schwung Passagiere, die aus der Gep�ckausgabe und der Zollkontrolle herausstr�mten. Wie alle anderen Wartenden musste er hinter einer Glaswand ausharren und die Menge nach der einen Person absuchen, die er abholen wollte. Die Menschen um ihn herum sahen alle eindeutig italienisch aus, zumindest viele von ihnen, in ordentlich geschneiderten Anz�gen, gl�nzenden Sonnenbrillen und kleinen polierten Lederschuhen. Eine Frau in einem Pelzmantel trug eine Gucci-Tasche, aus der neugierig ein winziger Hund hervorlugte.</p><p>Und dann entdeckte Carter seinen Freund. Mit einem Kleidersack �ber der Schulter trottete er schwerf�llig vor sich hin, einen vollgestopften Koffer in der Hand und eine ramponierte Reisetasche unter den Arm geklemmt. Als er vorbeikam, klopfte Carter an das Glas. Joe blickte auf und hob gr��end das Kinn, den einzigen K�rperteil, der nichts zu schleppen hatte. Carter deutete den Korridor hinunter auf den Ausgang, dann ging er los, um Joe dort zu treffen.</p><p>�<emphasis>Mio fratello</emphasis>�, rief Carter, die Arme weit ausgebreitet, als Joe herauskam.</p><p>�<emphasis>Dottore!</emphasis>�</p><p>Joe lie� Koffer und Kleidersack fallen, und sie umarmten sich und klopften einander auf die Schultern. Obwohl Carter �ber einen Meter achtzig gro� und langgliedrig war, kam er sich in Joes b�renartiger Umklammerung wie ein Zwerg vor. Joe verstr�mte diesen abgestandenen Geruch aus der Flugzeugkabine, und sein schwarzer stoppeliger Bart kratzte an Carters Wange.</p><p>�Es ist einfach klasse, dich zu sehen�, sagte Carter und l�ste sich aus der Umarmung. �Wie war der Flug?�</p><p>Joe zuckte die Achseln. �Wie sind Fl�ge schon? Zu lang und viel zu wenig Platz.�</p><p>Carter hob seinen Koffer auf. �Komm, wir nehmen uns ein Taxi.�</p><p>�Ich sterbe, wenn ich keine Zigarette bekomme.�</p><p>�Dann solltest du besser eine rauchen, bevor wir ins Taxi steigen. Es gibt keine Rauchertaxis hier.�</p><p>Joe verdrehte die gro�en dunklen Augen, wie ein Wasserb�ffel, der im Matsch stecken geblieben ist, und blieb stehen. �Hei�t es nicht immer, New York City sei zivilisiert?�</p><p>Carter legte den Kopf schr�g und sagte: �Von mir hast du das bestimmt nie geh�rt.�</p><p>Die Warteschlange f�r ein Taxi drau�en war endlos, was Joe gen�gend Zeit gab, eine Nazionali anzuz�nden und Carter alles �ber seine erst k�rzlich erfolgte Berufung an die Universit�t von Rom zu erz�hlen, ebenso wie seine neue Wohnung und den Aufsatz, den er gerade �ber den Riechkolben des <emphasis>T. Rex</emphasis> geschrieben hatte, der �brigens wesentlich gr��er war, als er zuerst angenommen hatte. Carter informierte ihn �ber einige seiner Aufgaben an der NYU, aber in stillschweigender �bereinkunft brachte keiner von ihnen das gro�e Thema zur Sprache. Das Offensichtliche, den Grund, weshalb Joe �berhaupt hier war, mieden sie. Als sei der Gegenstand einfach zu bedeutend, um dar�ber zu plaudern, w�hrend sie in der Schlange auf ein Taxi warteten oder sich durch den dichten Stadtverkehr qu�lten.</p><p>Als sie den Washington Square erreicht hatten, bezahlte Carter den Fahrer, w�hrend Joe seine Taschen und Koffer in das Foyer des Geb�udes schleppte. Im Fahrstuhl auf dem Weg nach oben fragte Joe: �Die Universit�t � zahlt sie die Wohnung hier?�</p><p>�Nein, ich zahle Miete. Aber das Geb�ude geh�rt der Uni.�</p><p>�Aber die Universit�t gibt dir bezahlten Urlaub?�</p><p>�Ja�, sagte Carter, �einen langen Urlaub.�</p><p>Joe nickte, als wollte er zustimmen. �Ich werde das der Universit�t in Rom erz�hlen. Sie sollten wissen, wie gut amerikanische Professoren behandelt werden.�</p><p>Carter hatte den Eindruck, dass Joe sich �ber alle Aspekte des Lebensstils seines amerikanischen Kollegen im Geiste Notizen machen w�rde, um f�r die Verbesserung der akademischen Lebensbedingungen zu pl�dieren, sobald er wieder in Italien w�re.</p><p>�Und deine Frau, ist sie zu Hause?�, fragte Joe, als sie die Taschen zur T�r schleppten.</p><p>�Das werden wir gleich wissen�, sagte Carter, schloss die T�r auf und �ffnete sie. �Beth, bist du da?�</p><p>Aber es kam keine Antwort. Am Fu�ende des Sofas lagen eine ordentlich zusammengefaltete Decke und Laken, dazu ein Kissen mit einem frischen Bezug.</p><p>�Das ist mein Zimmer?�, fragte Joe und lie� seinen Kleidersack neben dem Couchtisch fallen. �Es gef�llt mir sehr.� Er betrachtete die gerahmten Bilder �ber dem Sofa, zwei Vogelstudien von Audubon, und verstand sofort, welche Bedeutung sie f�r Carter hatten. �Abk�mmlinge der Dinosaurier?�, sagte er, lie� seinen Koffer auf das Sofa plumpsen und �ffnete den Rei�verschluss.</p><p>�Ist das nicht offensichtlich?�, sagte Carter, und Joe sch�ttelte traurig den Kopf. Wenn es um Pal�ontologie ging, gab es nur wenige Punkte, bei denen sie nicht vollkommen �bereinstimmten. �Wenn du dich frisch machen willst�, sagte Carter, �das Badezimmer ist auf der anderen Seite des Flurs.�</p><p>�Ich w�rde gerne duschen. Die Frau neben mir hatte eine Tasche mit Salami aus Genua dabei.�</p><p>Er holte einen Kulturbeutel aus blauem Nylon aus seinem Koffer und schlenderte in Richtung Badezimmer. �<emphasis>Oo fa</emphasis>, ich bin immer noch v�llig steif.�</p><p>�Lass dir Zeit. Hei�es Wasser kostet nichts.�</p><p>�Ich liebe Amerika.�</p><p>W�hrend Joe unter der Dusche stand, �berpr�fte Carter den Anrufbeantworter. Es gab nur eine Nachricht von Hank, dem Hausmeister, der erkl�rte, dass die Deckenleuchten dreiundf�nfzig Dollar mehr gekostet hatten, als Carter veranschlagt hatte. Davon abgesehen schien das Labor, das sie im hinteren Teil des Bio-Geb�udes eingerichtet hatten, rechtzeitig und mehr oder weniger innerhalb des Budgets so gut wie fertig geworden zu sein. Er war ganz begierig darauf, es Joe zu zeigen.</p><p>Aber er wollte ihn auch nicht zu sehr dr�ngen, nicht heute, denn sein Kollege wirkte ziemlich erledigt. Vielleicht lag es nur an dem langen Flug in einem Sitz, der zweifelsohne f�r einen Mann von seiner K�rpergr��e viel zu klein war, aber Joe sah nicht so gesund und munter aus, wie er ihn kannte. Seine olivfarbene Haut hatte einen leicht gelblichen Schimmer, unter den Augen hatte er Tr�nens�cke, und in seinen Z�gen lag etwas Gehetztes, selbst wenn er l�chelte. Irgendwie schien es ihm im Moment nicht besonders gut zu gehen.</p><p>Carter wollte gerade nach unten laufen, um nach der Post zu sehen, als die T�r aufging und Beth hereinkam, die Arme voll mit Einkaufst�ten. �Hilfe�, nuschelte sie, einen �bergro�en Umschlag zwischen den Z�hnen. Carter schnappte sich die gr��te T�te, die am ehesten �berzuquellen schien, und trug sie in die kleine K�che. Der Rest der Post steckte oben in der T�te. Beth folgte ihm, stellte die anderen Taschen auf die Arbeitsplatte und lie� den Umschlag aus ihrem Mund auf den kleinen Fr�hst�ckstisch fallen. �Den hier musste ich quittieren.�</p><p>Carter warf einen kurzen Blick auf den Absender. Sein Italienisch war immer noch gut genug, um zu erkennen, dass er von einer italienischen Armeeeinrichtung stammte, einem St�tzpunkt in Frascati. Er riss den Umschlag auf und erblickte eine Flut von Dokumenten auf Durchschlagpapier, alle beglaubigt, abgestempelt und an den Stellen, wo er unterschreiben sollte, mit gro�en roten Kreuzen versehen.</p><p>Beth sagte: �Und, wo ist unser Gast?�, und �ffnete den K�hlschrank.</p><p>�Unter der Dusche.�</p><p>Sie stellte eine T�te auf den Boden und begann, die Eink�ufe in den K�hlschrank zu r�umen. Carter studierte immer noch die Unterlagen, als Joe hinter ihm in der T�r zur K�che auftauchte.</p><p>�Das f�hlt sich wesentlich besser an�, sagte er. Carter drehte sich um. Joe war immer noch nass und bis auf das Badehandtuch, das er locker um die H�fte geschlungen hatte, nackt. An einer Silberkette baumelte eine St. Christophorus-Medaille auf seiner behaarten Brust.</p><p>Beth kniete auf dem Boden und wurde von der ge�ffneten K�hlschrankt�r verdeckt. Jetzt stand sie auf und sagte: �Hi, ich bin Beth.�</p><p>Joe, der sie offensichtlich nicht gesehen hatte, packte den Knoten in seinem Handtuch. �<emphasis>Maron</emphasis>�, sagte er. �So wollte ich mich dir nicht vorstellen.�</p><p>Trotzdem streckte er eine gro�e nasse Hand aus, w�hrend er mit der anderen das Handtuch festhielt. Beth sch�ttelte sie, und gab es schlie�lich auf, sich das Lachen zu verkneifen. �Genauso habe ich mir unser erstes Treffen vorgestellt�, sagte sie, und Joe lachte ebenfalls.</p><p>�Hast du zuf�llig einen Bademantel, den du mir leihen k�nntest?�, fragte er Carter. �Ich habe meinen vergessen.�</p><p>�Ja, sicher. Aber sieh dir das hier an�, sagte Carter und reichte ihm die Papiere, ehe er loszog, um den Mantel zu holen.</p><p>Joe durchbl�tterte ein paar Papiere, milit�rischer B�rokratenkram, mehr nicht, ehe er zu Beth sagte: �Ich w�rde dir gerne beim Einr�umen helfen, aber das k�nnte gef�hrlich werden�, sagte er und deutete mit den Papieren in der Hand auf das fadenscheinige Handtuch.</p><p>�Schon in Ordnung�, sagte sie und wandte sich wieder den Einkaufst�ten zu. �Ich bin fast fertig. Ich wusste nicht genau, was du magst, also habe ich alles M�gliche gekauft � �pfel, Rucola, Tomaten, K�se, Brot, Wein.�</p><p>�Das w�re nicht n�tig gewesen, aber danke.�</p><p>�Hattest du eine gute Reise?�</p><p>�Die Dame neben ihm hat Genueser Salami geschmuggelt�, antwortete Carter f�r ihn und reichte Joe einen Frotteebademantel.</p><p>Joe gab ihm die Papiere zur�ck, drehte sich um und zog den Bademantel �ber dem Handtuch an. �Das sind nur ein paar Formulare und Quittungen�, sagte er mit Blick auf die Papiere, �aber du musst sie morgen mitnehmen und unterschreiben, wenn wir das Fossil in Empfang nehmen.� Er verknotete den G�rtel des Bademantels. �Andernfalls werden sie es dir nicht aush�ndigen.�</p><p>�Wei�t du, um wie viel Uhr es ankommt? Ich habe dem Hausmeister gesagt, er soll sich den ganzen Tag bereithalten, um uns in das Bio-Geb�ude zu lassen.� Und weil es ein Sonntag war, hatte es Carter hundert Dollar extra gekostet.</p><p>�In den Unterlagen steht morgen fr�h gegen elf Uhr. Aber ich muss dich wohl nicht daran erinnern, dass es Landsleute von mir sind.�</p><p>Carter fragte sich, ob es �berhaupt am n�chsten Tag ankommen w�rde. Der Vorteil einer Anlieferung auf dem Campus an einem Sonntag war, dass wenig Verkehr herrschte und die Laderampe frei sein w�rde. Er hatte mit der Spedition der Uni vereinbart, dass das Fossil vom Flughafen abgeholt wurde. Normalerweise transportierte diese Firma Dinge wie schwere Maschinen, und er hatte darauf gedr�ngt, dass die M�nner, denen die Probe wie ein einfacher riesiger Felsblock vorkommen musste, damit umgingen wie mit einem h�chstempfindlichen Hightech-Ger�t.</p><p>�Aber jetzt werde ich gehen und mir etwas anziehen. Kleidung habe ich dabei�, sagte er zu Beth.</p><p>Carter blieb bei Beth in der K�che, w�hrend sie die Papiert�ten zusammenfaltete und sie verstaute. Mit leiser Stimme sagte sie: �Beim Test heute Morgen ist also wirklich alles gutgegangen?�</p><p>�Ja�, erwiderte Carter l�chelnd. �Ich bin ziemlich abgegangen.�</p><p>�Du bist echt ekelhaft�, sagte sie, ohne es wirklich zu meinen. �Giuseppe ��</p><p>�Nenn ihn einfach Joe. Das ist ihm lieber.�</p><p>�� scheint sehr nett zu sein. Und sehr korpulent�, f�gte sie mit noch leiserer Stimme hinzu. �Er hat den Bademantel fast gar nicht zubekommen.�</p><p>�Ob du es glaubst oder nicht, ich finde, er hat tats�chlich abgenommen, seit ich ihn zuletzt gesehen habe.�</p><p>�Hat er Hunger? Ich habe ein Paket Truthahnkoteletts mitgebracht. Oder glaubst du, dass er lieber raus m�chte?�</p><p>Carter lachte. �Es klingt, als w�rdest du �ber einen Hund reden. Mach dir dar�ber keine Sorgen, er wird schon sagen, was er will. Eins muss man Joe lassen, sch�chtern ist er nicht.�</p><p>�Das ist mir auch schon aufgefallen.�</p><p>Nachdem er angezogen war, stellte sich heraus, dass Joe nichts anderes wollte, als sich die Beine zu vertreten. Er war so lange in Flugzeug und Taxis eingeklemmt gewesen, dass er einfach nur wieder laufen wollte. Alle drei gingen nach drau�en in den Washington Square Park. Ein Frisbee segelte tr�ge �ber Joes Kopf hinweg, als er stehen blieb, um sich eine weitere Nazionali anzuz�nden. Carter schaute kurz zu Beth hin�ber, um sie stumm daran zu erinnern. <emphasis>Ich habe dir gesagt, dass er ein starker Raucher ist</emphasis>.</p><p>Sie schlenderten auf den gedr�ngt vollen Gehwegen durch den Park, und Carter wies auf ein paar besondere Sehensw�rdigkeiten hin. Den Washington Square Arch zum Beispiel, an dem ein paar Leute trommelten, oder die Bobst Bibliothek auf der anderen Stra�enseite, wo ein stetiger Strom von Studenten der NYU mit Rucks�cken und Kopfh�rern hinein-und hinauseilte.</p><p>�In Italien haben wir so etwas auch�, sagte Joe und legte eine Hand �bers Ohr, als einer der Studenten, im Takt der Musik wippend, an ihnen vorbeikam.</p><p>�Kopfh�rer�, erg�nzte Carter das Wort.</p><p>�<emphasis>Stupido</emphasis>. Warum k�nnen sie stattdessen nicht miteinander reden?� Er dr�ckte den Zigarettenstummel mit dem Fu� aus. �Wenn die Menschen nicht miteinander reden, lernen sie nichts.�</p><p>�Du solltest mal zu einem Seminar von mir kommen�, sagte Carter und fragte sich, warum er nicht schon fr�her daran gedacht hatte. �Meine Studenten lieben es, zu reden. Du k�nntest eine Gastvorlesung halten, wenn du magst.� Er dachte dabei besonders an Katie Coyne. Es gab wohl keinen Dozenten, den sie nicht gerne in die Mangel nehmen w�rde.</p><p>�Das ist eine gro�artige Idee�, sagte Beth. �Und wenn du etwas von der Kunstwelt sehen willst, Joe�, sie sagte seinen Namen, als wage sie einen Versuch, �kannst du mich in der Galerie besuchen.�</p><p>�Ja. Das w�rde mir gefallen. Carter hat mir erz�hlt, dass du die Alten Meister verkaufst.�</p><p>�Das machen wir.�</p><p>�Die Alten <emphasis>italienischen</emphasis> Meister.�</p><p>Beth l�chelte. �Gibt es noch andere?�</p><empty-line/><p>Zum Abendessen gingen sie ins Sparks, wo Carter gro�spurig f�r Joe und sich selbst je ein Porterhouse Steak bestellte. Beth hielt sich nat�rlich an den Caesarsalat und eine Pellkartoffel mit Kr�uterquark. �Sie haben nicht gesagt, dass die Dinger so gro� sind wie mein Sch�del!�, sagte sie. Beth verzichtete zwar auf den Wein, aber Joe und Carter hatten keine Schwierigkeiten damit, einer Flasche Cabernet Sauvignon den Garaus zu machen und zum Dessert ein paar Brandys zu vernichten.</p><p>Als sie nach Hause kamen, fand Carter, dass Joe aussah, als w�rde er jeden Moment aus den Latschen kippen. Er und Beth machten das Sofa zurecht, stopften das Bettlaken unter die Kissen und breiteten die Decke aus. Sie waren kaum fertig, als Joe in Carters Bademantel aus dem Badezimmer kam und sich auf ihr Werk plumpsen lie�. �Wenn ich heute Nacht nicht schlafe�, verk�ndete er, �werde ich nie wieder schlafen.�</p><p>�Wenn du irgendetwas aus dem K�hlschrank m�chtest, bedien dich�, sagte Beth.</p><p>�Ich werde nie wieder etwas essen.�</p><p>�Wir sehen uns dann morgen fr�h�, sagte Carter.</p><p>�<emphasis>Buona notte</emphasis>, Bones�, sagte Joe, und Carter f�hlte sich unweigerlich an die N�chte in den rauen H�geln auf Sizilien erinnert, wenn sie zusammen mit den anderen Expeditionsteilnehmern schlafen gegangen waren.</p><p>W�hrend Beth duschte, zog Carter sich aus und �ffnete das Schlafzimmerfenster einen Spaltbreit. Als sie zur�ck ins Zimmer kam, trug sie ein langes wei�es Nachthemd, das vom Hals bis zu den Kn�cheln reichte. �Aus R�cksicht auf unseren Gast�, erkl�rte sie.</p><p>�Sehr freundlich. Und wir sollten ihm morgen einen Bademantel kaufen�, sagte Carter und verschwand mit Boxershorts und Godzilla-T-Shirt im Flur. Als er zur�ckkam, schloss er die Schlafzimmert�r, die normalerweise offen stand, und kletterte ins Bett.</p><p>�Ich w�re �berrascht, wenn er vor morgen Mittag aufwachen w�rde�, sagte Carter und schaltete das Licht aus.</p><p>�Er sieht ersch�pft aus.� Beth legte den Kopf auf das Kissen, und ihr dunkles Haar lag wie ein aufgeklappter F�cher an der Seite. �Du hattest aber auch einen langen Tag.�</p><p>Carter rutschte zu ihr hin�ber. �Er ist noch nicht vorbei�, sagte er und begann, an den Kn�pfen ihres Nachthemdes zu nesteln. �Musstest du es unbedingt noch zukn�pfen?�</p><p>�Im <emphasis>Cosmo</emphasis> habe ich gelesen, M�nner w�rden Herausforderungen lieben.�</p><p>�Geht so.�</p><p>Er �ffnete die Kn�pfe, dann beugte er sich nach unten und liebkoste die nackte Haut ihres Halses. Sie roch nach ihrer Lieblingsseife mit Sandelholz. Beth schloss die Augen. Er griff unter die Decke, nahm den Saum ihres Nachthemds hoch, und sie hob die H�ften an, damit er den Stoff besser nach oben schieben konnte.</p><p>�War es sehr schrecklich heute Morgen beim Arzt?�, fl�sterte sie.</p><p>�Warum fl�sterst du?�</p><p>�Ich will Joe nicht aufwecken.�</p><p>�Heute Nacht k�nnte eine Atombombe hochgehen, und Joe w�rde nichts h�ren.� Z�rtlich lie� er seine Hand �ber ihre Schenkel gleiten und dann weiter hoch auf ihren Bauch. �Und ja, es war ziemlich schrecklich.�</p><p>�Wie hast du � ich meine, an was hast du dabei gedacht?�</p><p>�Daran�, sagte er, rollte sich auf sie und st�tzte die Ellenbogen auf beide Seiten ihrer Schultern. Als er den Kopf senkte, um sie zu k�ssen, wurden ihre Lippen trocken, und er befeuchtete sie mit der Zunge. Beth hob die Arme und schlang sie um ihn.</p><p>�Hat es funktioniert?�, murmelte sie.</p><p>�Ganz wunderbar.�</p><p>Dann brachte Carter sie mit einem weiteren ausgedehnten Kuss zum Schweigen. Sie �ffnete die Beine unter ihm, und er wusste, dass sie bereits auf ihn wartete. Er verbannte jeden Gedanken an die Praxis aus seinem Kopf und verlor sich ganz in diesem Moment, in der W�rme von Beths Umarmung, in dem Geruch ihrer Haut und ihres Haars, in ihrem Geschmack.</p><p>Er war so tief versunken, dass er weder das Quietschen der Schlafzimmert�r h�rte noch den k�hlen Luftzug sp�rte, der pl�tzlich durch den Raum wehte. Doch Beth bemerkte es, und das N�chste, das er bewusst wahrnahm, waren ihre Finger, die sie in seine Haut bohrte, w�hrend sie �ber seine Schulter starrte und ihn dr�ngte: �Dreh dich um, dreh dich um!�</p><p>�chzend und widerstrebend wandte er den Kopf um � und sah in der T�r etwas im Licht stehen. Er musste sich von Beth losrei�en und noch einmal hinsehen, ehe er begriff, dass es Joe war, im geliehenen Bademantel, der ausdruckslos nach vorn starrte.</p><p>�Joe�, sagte Carter, �alles in Ordnung?�</p><p>�<emphasis>La pietra</emphasis>�, sagte Joe mit monotoner Stimme. �<emphasis>� all�interno della pietra</emphasis>.�</p><p>Der Stein? Irgendwas im Inneren des Steines? Auf Sizilien hatte Carter ein paar Brocken Italienisch aufgeschnappt, aber das war inzwischen ziemlich eingerostet. Doch er wusste, dass Joe ihm gar nicht geantwortet hatte. Er bezweifelte, dass sein Freund ihn �berhaupt geh�rt hatte.</p><p>Beth riss die Decke bis zum Kinn hoch. �Was geht hier vor sich?�, fragte sie �ngstlich.</p><p>�Ich glaube, er schlafwandelt�, fl�sterte Carter und schl�pfte nackt aus dem Bett. �Tu nichts, was ihm Angst machen k�nnte.�</p><p>�<emphasis>Ihm</emphasis> Angst machen?�, sagte sie, sprach jedoch leise.</p><p>Langsam trat Carter auf Joe zu, der eine Hand ausgestreckt hatte. �Joe, du musst zur�ck ins Bett.�</p><p>�<emphasis>Sta provando ad uscire</emphasis>.�</p><p>Irgendetwas versucht, herauszukommen? Carter vermutete, dass Joe von dem Fossil sprach, oder vielleicht von den Gasen, die im Fels eingeschlossen waren. Hatte er einen Albtraum, in dem die explosiven Anteile des Fossils in die Luft gingen?</p><p>Vorsichtig legte Carter eine Hand auf Joes Schulter und sagte: �Komm, Joe.�</p><p>Joe reagierte nicht.</p><p>�Geh jetzt wieder zur�ck ins Bett.�</p><p>Ohne seine Schulter loszulassen, dirigierte Carter ihn zur�ck zum Wohnzimmer. Er f�hrte Joe den Flur entlang, um den Couchtisch und die Sessel herum zum Sofa, wo das Laken und die Decke auf den Boden gefallen waren. Unter Carters sanftem Druck lie� Joe sich auf das Sofa sinken, immer noch irgendetwas �ber <emphasis>la pietra</emphasis> vor sich hinmurmelnd. Inzwischen war er ganz aufgeregt.</p><p>Carter war der Meinung, es sei besser, ihn w�hrend eines Albtraums nicht allein zu lassen, und sei es aus keinem anderen Grund, als dass er wieder anfangen k�nnte, in der Wohnung herumzuwandern. Aber er war sich auch nicht sicher, wie er ihn am besten wach bek�me.</p><p>�Joe�, sagte er noch einmal und blickte direkt in die leeren Augen. �Du hast nur einen schlechten Traum, Joe.�</p><p>Allm�hlich sah er das Aufflackern des Bewusstseins in Joes Blick.</p><p>�So ist es gut�, sagte Carter, �so kenne ich dich. Wach jetzt auf, Joe.�</p><p>Joe fokussierte seinen Blick und schien Carter allm�hlich zu erkennen, der direkt vor ihm kniete. �Bones?�</p><p>�Ich bin hier.�</p><p>�Was tust du da?�</p><p>�Ich habe dich aufgeweckt. Du bist schlafgewandelt.�</p><p>Zuerst kam Begreifen, dann �berraschung, fast unmittelbar gefolgt von Verlegenheit. �O nein. Nein, nein, nein ��, murmelte Joe. �O Bones, habe ich ��</p><p>�Es ist nichts passiert�, versicherte Carter ihm. �Du hast mich vielleicht ein paar Jahre meines Lebens beraubt, aber ich werde dar�ber hinwegkommen. Warte hier.�</p><p>Carter ging zur�ck ins Schlafzimmer, um nach Beth zu sehen.</p><p>�Ist alles in Ordnung?�, fragte sie. Sie hatte sich ins Bett gekuschelt und das Licht eingeschaltet.</p><p>�Ja, das wird wieder�, sagte er, schnappte sich die Jeans vom Stuhl und zog sie an. �Was ist mit dir?�</p><p>Sie zuckte die Achseln. �Nichts, was ein neues Schloss in der Schlafzimmert�r nicht kurieren k�nnte.�</p><p>Carter ging in die K�che, holte eine Flasche Ginger Ale aus dem K�hlschrank und brachte sie Joe, der mittlerweile vollkommen wach aussah.</p><p>�Ich dachte, du w�rdest vielleicht gerne was trinken�, sagte Carter und reichte ihm die Flasche. �Vielleicht lag es an der ganzen Warterei und dem Abendessen.�</p><p>Dankbar nahm Joe die kleine Flasche, schraubte den Deckel auf und leerte sie fast in einem Zug.</p><p>�F�hlst du dich besser?�, fragte Carter.</p><p>Joe nickte, sah aber immer noch verst�rt aus. �Habe ich irgendetwas getan? Etwas gesagt?�</p><p>�Nicht viel. Du hast etwas gesagt, auf Italienisch, �ber den Stein, und ich nehme an, du meintest das Fossil. Machst du dir deswegen Sorgen?�</p><p>Joe nickte erneut. �Ich mache mir schon ziemlich lange Sorgen�, sagte er. Er sp�lte den letzten Rest Ginger Ale hinunter. �Bones, ich war nicht fair zu dir.�</p><p>�Weil du mir nicht gesagt hast, dass du ein Schlafwandler bist?�, sagte Carter l�chelnd. �Ich werde dich ab sofort am Sofa festbinden.�</p><p>Joe sch�ttelte den Kopf. �Seit dem Tag, an dem ich es gesehen und im Inneren der H�hle ber�hrt habe, bin ich hier oben nicht mehr ganz richtig.� Er tippte sich mit dem Finger gegen den Sch�del.</p><p>�Du bist verr�ckt geworden?�, fragte Carter.</p><p>�Nein, das nicht.� Joe suchte nach den richtigen Worten. �Ich f�hle mich nicht wohl in meinem Kopf. Ich hatte Probleme mit meinen Gedanken, ich hatte schlechte Tr�ume � wie heute Nacht.�</p><p>�Worum genau ging es in dem Traum?�</p><p>Joe verzog das Gesicht und wandte den Blick dem fahlen Licht der Stra�enlaterne zu, das durch das Fenster hereinfiel. Jetzt konnte Carter erkennen, dass er zutiefst aufgew�hlt war.</p><p>�Manchmal w�nschte ich, wir h�tten es nie entdeckt�, sagte Joe schlie�lich leise.</p><p>�Aber es k�nnte sich doch als phantastischer Fund erweisen�, versicherte Carter ihm.</p><p>Joe wirkte unger�hrt. �Ich will nicht, dass das, was mit mir passiert ist, auch dir passiert. Ich h�tte dich nie mit hineinziehen sollen.�</p><p>Carter stie� ihn spielerisch gegen die Schulter und sagte: �Mitgefangen, mitgehangen. Morgen kommt das Fossil, und n�chsten Monat stehen wir beide auf der Titelseite der <emphasis>New York Times</emphasis>.�</p><p>Joe blickte so kreuzungl�cklich zu ihm auf, als ob er sich das gut vorstellen k�nnte � aber nicht aus dem Grund, den Carter im Sinn hatte.</p><p>�Versuch zu schlafen�, sagte Carter, hob die Decke auf und legte sie auf das Sofa. Dabei stellte er fest, dass eine der Vogelstudien von Audubon nicht mehr an der Wand hing, sondern auf dem kleinen Tisch lag, den sie neben das Sofa gestellt hatten. �Wir werden morgen fr�h dar�ber reden.�</p><p>Joe legte sich hin, und Carter deckte ihn zu.</p><p>�Es tut mir leid, Bones�, sagte Joe. Carter war sich nicht vollkommen sicher, worauf er sich bezog.</p><p>�Mach dir nichts draus. Es wird schon alles gut.� Doch bevor er das Zimmer verlie�, warf er einen kurzen Blick an die Wand, wo das Bild gehangen hatte. Er stellte fest, dass Russo es durch etwas anderes ersetzt hatte. Im D�mmerlicht brauchte er eine Sekunde, um es zu erkennen, und dann eine weitere, um es mit dem zusammenzubringen, was er von seinem Freund wusste, einem Mann der Wissenschaft wie kaum ein anderer. Aber genau �ber dem Ende des Sofas, wo sich sein Kopf befand, hatte Joe an den Nagel, an den das Bild geh�rte, ein altes h�lzernes Kruzifix geh�ngt.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>11. Kapitel</strong></p></title><p>Zum dritten Mal hatte Carter die Nummer auf den internationalen Frachtpapieren gew�hlt, und endlich war er durchgekommen. Doch als er fragte, ob die italienische Milit�rmaschine mit dem Fossil an Bord bereits auf dem Kennedy Airport gelandet sei, sagte eine gestresste Telefonistin nur: �Einen Moment bitte�, und lie� ihn erneut h�ngen.</p><p>�Was sagen sie?�, fragte Joe nerv�s. Er stand direkt neben Carters Stuhl.</p><p>�Ich wei� nicht, ich bin in der Warteschleife, w�hrend sie es �berpr�ft.�</p><p>�Sie h�tten schon vor Stunden ankommen sollen�, sagte Joe und zog eine weitere Nazionali aus dem fast leeren P�ckchen in seiner Tasche. �Was ist denn jetzt schon wieder das Problem?�</p><p>Das wusste Carter nat�rlich genauso wenig wie Joe. Und obwohl er wusste, dass Beth nicht gerade begeistert davon war, dass Joe sich eine Zigarette in der Wohnung ansteckte, schien es ihm kein besonders guter Zeitpunkt zu sein, um den Mann zu bitten, damit aufzuh�ren.</p><p>�Die Maschine wurde aufgehalten�, sagte die Telefonistin, die urpl�tzlich wieder in der Leitung war. �Sie wird am sp�ten Nachmittag erwartet. Gegen vier.�</p><p>�Wodurch wurde sie aufgehalten?�</p><p>�Das Wetter. Starker Wind aus �stlicher Richtung.�</p><p>�Ich meine, ich h�tte einmal geh�rt, dass der Wind fast immer aus dem Westen k�me.�</p><p>�Da haben Sie richtig geh�rt. Aber das ist genau der Grund, warum die Wetterfr�sche sich oft irren.�</p><p>Als Carter auflegte und Joe die Neuigkeit mitteilte, ging dieser zum Fenster und blies eine Rauchwolke hinaus. Passend zu seiner Stimmung, erwies sich dieser Tag als grau und d�ster. Und wenn Joe daran dachte, was in der Nacht zuvor geschehen war, w�rde er am liebsten im Erdboden versinken und sterben. In seiner allerersten Nacht in New York hatte er sich vor Carter und Beth blamiert, wobei er sich immer noch nicht sicher war, in welchem Ma�e. Carter hatte nicht weiter auf der Schlafwandel-Episode herumgeritten, und Joe war es zu peinlich, nachzufragen. Er hoffte nur, dass Carter das Kruzifix �ber dem Sofa nicht bemerkt hatte. Gleich am Morgen hatte er es wieder abgenommen, ehe es irgendjemand sah und er eine plausible Erkl�rung f�r seine pl�tzliche Hinwendung zum katholischen Glauben finden musste. Jetzt lag es gut versteckt unten in seinem Koffer.</p><p>�Und was machen wir bis dahin?�, fragte Joe.</p><p>Das fragte Carter sich ebenfalls. Beth war mit Abbie unterwegs und half ihr, Vorh�nge und Tapeten f�r das Landhaus auszusuchen, das sie und Ben im Norden gekauft hatten. Beth hatte vorgeschlagen, dass sie beide am kommenden Halloween-Wochenende hinfahren und sich das Haus selbst ansehen k�nnten. F�r heute hatte Carter geplant, den Gro�teil des Tages mit der Anlieferung und dem Aufbau des Fossils zu verbringen.</p><p>�Wir k�nnten hin�ber zum Bio-Geb�ude gehen�, schlug er vor. �Ich kann dir schon mal das Labor zeigen, in dem wir am Fossil arbeiten werden.�</p><p>�Ja, das ist eine gute Idee�, sagte Joe und ergriff die Gelegenheit. �Ich w�rde sehr gerne zuerst das Labor sehen.�</p><p>Bevor sie die Wohnung verlie�en, gab Carter Joe einen Regenschirm und nahm einen zweiten f�r sich selbst mit. Es sah aus, als k�nnten sie die Dinger jeden Augenblick brauchen. Drau�en wehte ein kalter Wind, und die B�ume im Park, deren �ste vom Wind gebeugt wurden, verloren ihre letzten goldenen und orangefarbenen Bl�tter. Auf der Stra�e waren nur die Menschen, die immer dort waren: das obdachlose Paar, das auf einer Bank in der N�he des Washington Archs lebte, der Schachs�chtige in der Mets-Jacke, der gegen sich selbst spielte, wenn sonst niemand gegen ihn antrat, der M�chtegerncomedian, der unter dem kaputten Springbrunnen auf einer Obstkiste stand und durch ein Megaphon br�llte.</p><p>Als sie sich dem Bio-Geb�ude n�herten, sagte Carter: �Ich zeige dir zuerst das Hauptlabor, wo ich die allt�glichen Arbeiten erledige.�</p><p>Das Geb�ude war verwaist und leer, und im Flur war nur eine Neonr�hre eingeschaltet, f�r die ganz Harten, die sogar am Sonntag arbeiteten. Carter f�hrte Joe den Flur entlang, und zu seiner �berraschung h�rte er laute Musik aus dem Hauptlabor der Fakult�t dr�hnen. Obwohl, wenn er genauer dar�ber nachdachte, gab es keinen Grund, �berrascht zu sein, Eminem oder einen der anderen Rapper, die er nie auseinanderhalten konnte, zu h�ren.</p><p>�Du wirst gleich einen Typen namens Bill Mitchell kennenlernen�, vertraute er Joe an, �ein Juniorprofessor an diesem Fachbereich.�</p><p>Die T�r war angelehnt, und Mitchell sa� an seinem �blichen Platz hinten. Sein Ghettoblaster stand auf dem Tresen, das str�hnige schwarze Haar hing ihm vor der Brille.</p><p>�Hey, Bill!�, rief Carter laut, damit er trotz der Musik zu h�ren war.</p><p>Missmutig blickte Mitchell auf. In der einen Hand hielt er eine B�rste, in der anderen einen schwarzen Stein, bei dem es sich vermutlich um einen Kotstein handelte, versteinerte Exkremente.</p><p>�Ich w�rde dir gerne einen Freund von mir vorstellen, Giuseppe Russo. Er lehrt an der Fakult�t der Universit�t in Rom.�</p><p>Das Wort Fakult�t gen�gte, damit Mitchell seinen Ghettoblaster ausschnipste und mit ausgestreckter Hand von seinem Stuhl aufsprang. �Ich bin Bill Mitchell. Freut mich wirklich sehr, Sie kennenzulernen. Sie sind Pal�ontologe?�</p><p>Carter konnte beinahe h�ren, wie es in Mitchells Hirn ratterte. <emphasis>Ob es in Italien freie Stellen gibt? Wie schwer w�re es wohl, sich einzugew�hnen? Wie ist der momentane Wechselkurs?</emphasis></p><p>�Ja, das bin ich�, sagte Joe. �Carter und ich haben vor Jahren zusammen auf Sizilien gearbeitet.�</p><p>Mitchell schaltete schnell. �Dann geh�rten Sie also zum Team, das die Knochengrube entdeckt hat?�</p><p>Joe l�chelte. Auch Wissenschaftler f�hlten sich geschmeichelt, wenn ihr Ruf ihnen vorauseilte. �Ja, ich war dabei.�</p><p>�Eine gro�artige Leistung, eine bahnbrechende Arbeit�, schw�rmte Mitchell. Dann hielt er inne, und sein Gesicht verd�sterte sich, und Carter konnte sich denken, warum. �Besuchen Sie nur Carter oder suchen Sie nach einer Stelle hier an der NYU?� Mit einem weiteren vollwertigen Professor �ber ihm auf der Karriereleiter w�rden Mitchells Aussichten auf eine Bef�rderung noch schlechter.</p><p>�Nein, nein. Ich bin nur f�r kurze Zeit hier, um zusammen mit meinem alten Freund an einer Sache zu arbeiten.�</p><p>Mitchell spitzte die Ohren, was Carter lieber nicht gesehen h�tte.</p><p>�Tats�chlich? Was ist es?�</p><p>�Etwas, das ein paar technischer Analysen bedarf�, mischte Carter sich ein. �Nichts Besonderes.�</p><p>Als er das h�rte, warf Joe ihm einen raschen Blick zu und begriff augenblicklich. �Manchmal, in Italien�, stimmte er um Mitchells willen zu, �haben wir nicht die Maschinen, die wir brauchen. Das ist alles.�</p><p>Aber Mitchell hatte bereits Lunte gerochen, und Carter wusste, dass er nicht so schnell wieder lockerlassen w�rde. �Werden Sie hier in diesem Labor arbeiten?�, fragte er. �Ich w�rde mich echt freuen, wenn ich Ihnen helfen k�nnte.�</p><p>�Nein, das ist nicht n�tig�, sagte Carter. �Wir haben einen abgetrennten Bereich vorbereitet.� Carter tat es leid, dass er �berhaupt so viel verraten musste. Er wollte das Projekt so geheim wie m�glich halten, und ganz bestimmt wollte er den armen Mitchell nicht mit der Vorstellung qu�len, dass buchst�blich vor seiner Nase eine weltbewegende Entdeckung gemacht wurde, eine jener Entdeckungen, die einem �ber Nacht eine Festanstellung bescherten.</p><p>Dann bemerkte er den orange-schwarzen Briefumschlag, der mit Klebeband an seinem eigenen Laborstuhl befestigt war.</p><p>�Was ist das?�, fragte Carter, und ehe er ihn �ffnen konnte, platzte Mitchell heraus: �Eine Einladung zur Party.�</p><p>Carter zog die Karte, eine schwarze Katze mit ausgefahrenen Krallen, aus dem Umschlag. Das Kleingedruckte brauchte er indes gar nicht zu lesen.</p><p>�Sie findet am Abend vor Halloween statt�, erkl�rte Mitchell. �Wir dachten, dass dann mehr Leute kommen.�</p><p>�Tut mir leid, aber Beth und ich sind an dem Wochenende gar nicht in der Stadt.� Er blickte zu Joe hin�ber, den diese Neuigkeit nicht im Geringsten zu beeindrucken schien. �Sorry, ich wollte es dir noch sagen.�</p><p>�Schade, dass ihr es nicht schafft�, sagte Mitchell, doch dann wandte er sich an Joe und f�gte hinzu: �Aber vielleicht k�nnen Sie ja kommen? Je mehr, desto gruseliger.�</p><p>Carter reichte die Einladung an Joe weiter. �Warum nicht?� Ihm w�rde ein Stein vom Herzen fallen, wenn er w�sste, dass Joe sich am�sierte, w�hrend er auf dem Land war.</p><p>�Wir wohnen ganz in der N�he�, fuhr Mitchell fort, �und meine Frau backt unglaubliche Brownies.�</p><p>�Danke�, sagte Joe, nickte und steckte die Einladung in seine Hemdtasche. �Ich werde mich freuen, zu kommen.�</p><p>�Wir sehen uns�, sagte Carter und f�hrte Russo zur T�r. �Aber wir wollen dich nicht l�nger von der Arbeit abhalten.�</p><p>�Kein Problem�, erwiderte Mitchell und stand da wie ein Kind, das man einfach stehengelassen hatte. �Und denkt daran, falls ihr Hilfe braucht, braucht ihr blo� ein Wort zu sagen.�</p><p>Nachdem sie den Raum verlassen und Carter die T�r hinter sich geschlossen hatte, bedeutete er Joe, ihm zu folgen. Schweigend gingen sie den Korridor entlang und bogen um die Ecke, ehe Carter sagte: �Der Typ ist ganz in Ordnung, aber er schn�ffelt gerne herum.�</p><p>Joe nickte. �Er ist sehr � beflissen.�</p><p>�Und wir sind vermutlich besser dran, wenn er nicht wei�, was hier passieren wird.� Mit diesen Worten �ffnete Carter eine Metallt�r, schaltete das Licht an und f�hrte Joe durch einen Lagerraum, vollgepackt mit Kartons, Holzkisten und ausrangierten Ger�ten und Einrichtungsgegenst�nden. Am gegen�berliegenden Ende befand sich eine weitere Feuerschutzt�r, und um diese �ffnen zu k�nnen, musste Carter einen Metallhebel hochziehen und dann mit der Schulter kr�ftig dagegendr�cken. Quietschend schob sich die T�r �ber den Zementboden.</p><p>�Willkommen in deinem zweiten Zuhause�, sagte Carter, verbeugte sich und winkte Joe herein.</p><p>Eine geriffelte Metallrampe f�hrte etwa einen Meter in die Tiefe. Joe stapfte hinunter und hielt sich dabei am eisernen Handlauf fest, und Carter folgte ihm. Schlie�lich standen sie in einem riesigen, einem Rohbau �hnlichen Raum mit schmutzigem Betonfu�boden, dessen W�nde von aufgestapelten Holzkisten verdeckt waren. Zwei riesige, durch schwere Vorh�ngeschl�sser gesicherte Tore f�hrten auf die Laderampe drau�en an der Stra�e. In der am weitesten entfernten Ecke hockte Hank, der Hausmeister, an einem alten angeschlagenen grauen Schreibtisch. Er hatte eine Zeitung, ein Telefon und einen tragbaren Fernseher auf den Tisch gestellt und sah etwas, das nach einer Naturkundesendung klang. Carter verstand etwas wie �schnell floss das klare Wasser im breiten Strom dahin�. Als sie hereinkamen, blickte Hank auf und sagte: �Hey, Dr. Cox. Ich sitze hier schon den ganzen Tag, und kein Schwein hat sich mit irgendwas blicken lassen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Carter. �Und der Fund wird auch nicht vor dem sp�ten Nachmittag hier sein. Wahrscheinlich nicht vor f�nf oder sechs.�</p><p>Hank sch�ttelte den Kopf und schaltete den Fernseher aus. �So lange kann ich nicht bleiben.�</p><p>�Das verstehe ich�, sagte Carter. �Professor Russo ist jetzt hier ��</p><p>Hank und Joe nickten einander zu.</p><p>�� und wir k�nnen hier die Stellung halten. Alles, was wir brauchen, sind die Schl�ssel f�r die T�ren an der Laderampe.�</p><p>Hank stand auf und nahm einen massiven Schl�sselbund von seinem G�rtel. Er musterte diverse Schl�ssel, bis er schlie�lich zwei gro�e Schl�ssel losmachte. �Diese hier sind f�r die Vorh�ngeschl�sser. Sobald Sie die aufgeschlossen haben, dr�cken Sie den Knopf an der Wand dort dr�ben ��, er deutete auf einen roten Knopf in einem roten, auf die Wand gemalten Kreis, �� und die T�ren �ffnen sich. Sobald Sie noch einmal dr�cken, schlie�en sie sich wieder.� Er reichte Carter die Schl�ssel. �Das war�s.�</p><p>�Danke.�</p><p>Hank blickte auf. �Sie haben noch gar nichts zu den Lampen gesagt, die ich zurechtgebastelt habe.�</p><p>Carter, der schon zuvor im Labor gewesen war, hatte sie bereits bewundert, aber es stimmte, er hatte bisher noch nichts zu Hank gesagt. �Sie sehen gut aus. Genau so etwas haben wir gebraucht.�</p><p>�ber ihren K�pfen hatte Hank an zwei �ber Kreuz gespannten dicken Dr�hten vier helle Scheinwerfer befestigt.</p><p>�Sehen Sie sich das an�, sagte Hank stolz, ging zur Wand und dr�ckte auf einen wackelig angebrachten Schalter. Auf der Stelle wurde der halbdunkle Raum mit der hohen Decke in blendend wei�es Licht getaucht. Instinktiv bedeckte Carter seine Augen. War das nicht sogar noch mehr Wattleistung, als er ausgehandelt hatte? Als sich seine Augen an das grelle Licht gew�hnt hatten, blickte er zu Joe hin�ber, der ebenso demonstrativ nicht nach oben blickte.</p><p>�Zu viel f�r Sie?�, fragte Hank. �Sie sagten, Sie wollten eine ganze Menge Licht haben, Professor.�</p><p>�Nein, es ist gut�, sagte Carter und nahm sich vor, n�chstes Mal eine Baseballkappe mit langem Schirm mitzubringen.</p><p>�Also gut, wenn es f�r Sie okay ist, dann mach ich mal �nen Abflug.� Hank zog den Stecker des Fernsehers, wickelte die Schnur um das Ger�t und hielt dann noch einmal inne. �Soll ich Ihnen den Fernseher hierlassen? Er geh�rt mir, aber ich kann Ihnen den leihen, wenn Sie wollen.�</p><p>Pl�tzlich schien das Carter eine sehr gute Idee zu sein. �Wirklich?�</p><p>�Klar. Ich hole ihn dann morgen fr�h ab.� Hank zog seinen Parka von der Stuhllehne und ging in Richtung Metallrampe. �Ich hoffe, Sie m�ssen nicht allzu lange warten�, sagte er und verschwand durch die T�r, die in den Lagerraum f�hrte.</p><p>�Ich werde Sonnencreme benutzen m�ssen, wenn wir hier arbeiten�, sagte Joe.</p><p>�Vielleicht k�nnen wir ihn dazu bringen, ein oder zwei Scheinwerfer wieder abzuklemmen.�</p><p>Joe sah sich nach einem zweiten Stuhl um, entdeckte einen zwischen zwei Holzkisten und zerrte ihn hin�ber zum Schreibtisch. �Zeigt das amerikanische Fernsehen Fu�ball?�</p><p>�Nein, nur Football�, sagte Carter, der wusste, dass Russo europ�ischen Fu�ball meinte, der hier dr�ben Soccer hie�. �Aber an einem Sonntagnachmittag im Oktober stehen die Chancen verdammt gut, ein Spiel im American Football zu erwischen.� Carter wickelte das Kabel wieder ab, steckte den Stecker in die Steckdose und schaltete das Ger�t ein. In der Sendung, die Hank sich angeschaut hatte, ging es anscheinend um Angeln in Minnesota, aber nachdem er zweimal weitergeschaltet hatte, stie� Carter auf die �bertragung des Spiels zwischen den Chicago Bears und den New York Jets. Seine Heimatstadt gegen seine Wahlheimat. Sie mochten noch einen langen Tag vor sich haben, aber so furchtbar w�rde es nicht werden.</p><empty-line/><p>Etwa jede Stunde einmal rief Carter beim Frachtb�ro am Kennedy Airport an, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Nachdem er von einem schnellen Essenseinkauf vom Feinkostladen um die Ecke zur�ckkam, berichtete Joe ihm, dass das B�ro angerufen habe, w�hrend er weg war. �Es ist am Boden�, sagte Joe, w�hrend Carter die Regentropfen von seiner Jacke wischte. Es hatte zu nieseln begonnen. �In etwa einer Stunde wird es hier sein.�</p><p>Carter konnte seine Erregung kaum verbergen, w�hrend Joe merkw�rdig leidenschaftslos blieb. Er packte sein Roastbeef-Sandwich und die Cola aus, die Carter ihm mitgebracht hatte, und hielt den Blick starr auf den Fernseher gerichtet. Vielleicht lag es daran, dass er schon so lange mit dem Fossil lebte, dachte Carter. Inzwischen hatte es seinen Reiz f�r ihn verloren.</p><p>Entweder das, oder die nerv�se Ersch�pfung forderte ihren Tribut.</p><p>Keiner von ihnen hatte viel zu den Ereignissen der letzten Nacht gesagt, und Carter hatte es absichtlich heruntergespielt. Doch wenn Joe in den letzten paar Wochen so gelebt hatte, konnte Carter nachvollziehen, warum er so m�de und verst�rt wirkte. Und was das Kruzifix �ber dem Sofa anging � nun, Joe w�re nicht der erste Wissenschaftler, dem Carter begegnete, der insgeheim zu einem Glaubenssystem Zuflucht nahm, das kaum mit der empirischen Natur seiner � <emphasis>ihrer</emphasis> � Berufung in Einklang zu bringen war.</p><p>Genau zwei Stunden sp�ter kam der Truck am Bio-Geb�ude an. Noch ehe der Fahrer geklingelt hatte, h�rte Carter, wie der Wagen r�ckw�rts an die Laderampe heranfuhr. Wie ein Kind am Weihnachtsmorgen sprang Carter von seinem Stuhl auf und fummelte mit den Schl�sseln an den Vorh�ngeschl�ssern herum. Als er die Schl�sser endlich aufbekommen hatte, hatte der Fahrer auch die Klingel erreicht, und ein lautes Scheppern hallte durch den Raum. Joe steckte sich die Finger in die Ohren, w�hrend Carter auf den roten Knopf dr�ckte, der den elektrischen T�r�ffner in Gang setzte. Langsam �ffneten sich die gro�en Tore, mit einem schrillen Winseln, das in die Kakophonie einfiel.</p><p>Es war dunkel geworden, und die Ladezone drau�en wurde von den hellen roten R�cklichtern des Trucks und dem unheilvollen grellgelben Licht der Stra�enlaternen beleuchtet. Ein kalter Wind wehte, blies so kr�ftig, dass die Stra�enlaternen schwankten und unruhige Schatten auf den nassen schwarzen Asphalt warfen. Ein heftiger Regenguss ging schr�g nieder, trommelte hart auf das Dach des Trucks und verschwand gurgelnd in den Regenrinnen.</p><p>Carter stand am Eingang und wurde erneut vollkommen nass, aber er k�mmerte sich nicht darum. Er wollte nur das Fossil sehen. Zwei Arbeiter hatten bereits eine Rampe ausgelegt, die vom Truck auf den Boden f�hrte. Bis jetzt konnte Carter nur einen riesigen dunklen Block im Inneren des Trucks erkennen. Er war in strapazierf�hige Plastikplanen verpackt, die mit breiten Streifen hellgelben Klebebandes verklebt waren, und mit mehreren dicken silbrigen Ketten gesichert. Es sah aus, als st�nde er leicht erh�ht auf einer Art Plattform.</p><p>Ein kleiner Mann in brauner Milit�runiform sprintete aus der Fahrerkabine des Trucks und rannte ins Geb�ude. Er trug eine M�tze mit seinen Rangabzeichen, und sobald er es unter das Dach des improvisierten Labors geschafft hatte, riss er sich die M�tze vom Kopf und klopfte sich das Regenwasser von dem gl�nzenden schwarzen Schirm.</p><p>�<emphasis>Professore</emphasis> Cox?�, sagte er mit starkem Akzent zu Carter.</p><p>�Ja, das bin ich.�</p><p>Die Augen des Mannes waren klein und dunkel wie Kieselsteine. Sein Blick wanderte im Raum herum, w�hrend er sprach. �Ich bin Leutnant DiPalma. Ich bin f�r die Fracht zust�ndig. Ich kann die Ladung nur Ihnen geben.�</p><p>�Gro�artig, dann sind wir uns ja einig. Ich nehme sie.�</p><p>�So einfach ist das nicht. Zuerst muss ich Ihre Kopie der internationalen Frachtpapiere sehen. Sie haben sie doch bei sich, oder?�</p><p>�Ach ja, nat�rlich.� Carter drehte sich um, um sie zu holen, aber Joe brachte sie ihm bereits vom Schreibtisch. �Dies ist Professor Russo�, sagte Carter, �der Mann, der ��</p><p>�Ich wei�, wer der <emphasis>Professore</emphasis> ist�, unterbrach DiPalma ihn, nahm die Papiere und begann sie durchzusehen. �<emphasis>Non vedo l�ora di lasciare questi problemi nelle tue mani</emphasis>�, ratterte er an Joe gewandt los.</p><p>�<emphasis>Perch�</emphasis>?�</p><p>�<emphasis>Da quando ho preso controllo di questo, � stato un problema dopo l�altro. Un soldato � rimasto gravemente ferito caricandola a Frascati. Abbiamo avuto mal tempo per il viaggio intero. Abbiamo dovuto fermarsi a Halifax per rifornirsi di carburante</emphasis>.� Er bl�tterte eine weitere Seite um und unterschrieb hastig.</p><p>Carter, der bei diesem schnellen Italienisch nicht mitgekommen war, blickte zu Joe hin�ber. Dieser nickte und murmelte: �Probleme. Ein schlimmer Sturm die ganze Zeit �ber.� Er klang, als h�tte er nichts anderes erwartet.</p><p>�Ist das der Grund, warum ich meine, dass er Halifax erw�hnt hat?�</p><p>�Ja. Sie mussten dort zwischenlanden, um aufzutanken.�</p><p>�Ich bin froh, dass es nicht schlimmer gekommen ist.�</p><p>�Das stimmt leider nicht.� Joe blickte ihn ruhig an. �In Frascati wurde ein Soldat schwerverletzt. Als der Fels verladen wurde.�</p><p>Langsam war Carter dankbar, dass das Fossil �berhaupt angekommen war. Er sch�ttelte den Kopf. �Hast du mir nicht erz�hlt, dass dieser Typ auf seiner Hochzeitsreise ��</p><p>�Ja, er starb. In der H�hle.�</p><p>�Oh�, sagte Carter. �Das ist ja, als l�ge ein Fluch darauf.�</p><p>Joe wandte rasch den Blick ab, w�hrend die LKW-Fahrer ein paar schwere Ketten an dem Felsblock befestigten. Anschlie�end wurden die Ketten an einer elektrischen Winde am hinteren Teil der Ladefl�che des Trucks befestigt. Carter vermutete, dass man den Block auf diese Weise kontrolliert die Rampe herunterlassen konnte.</p><p>Der Leutnant warf einen kurzen Blick zur�ck auf den Truck und sagte: �Sorgen Sie daf�r, dass der Stein sehr sicher ist, Gentlemen. Er ist sehr alt.�</p><p>Die M�nner hielten die K�pfe gesenkt und erledigten ihre Arbeit wortlos und so schnell sie konnten. Carter fiel auf, dass auch sie aussahen, als k�nnten sie diesen Auftrag gar nicht rasch genug hinter sich bringen.</p><p>DiPalma riss die letzte Seite von Carters Dokumenten ab, faltete sie zusammen und schob sie in seine Tasche. Dann zog er ein weiteres Dokument hervor, geschrieben in Italienisch, mit jeder Menge offizieller Stempel darauf. �Sie m�ssen dies hier noch unterschreiben, hier und hier�, sagte DiPalma und tippte mit dem Finger auf zwei Stellen am unteren Rand.</p><p>Carter, der das italienische Beh�rdenkauderwelsch auf die Schnelle nicht rasch genug entziffern konnte, hielt das Blatt Joe hin, der es �berflog und erkl�rte: �Es ist nur die Quittung f�r die Auslieferung und geht wieder zur�ck an die Accademia in Rom.�</p><p>W�hrend Carter pflichtbewusst unterschrieb, tappte DiPalma nerv�s mit dem Fu� auf dem immer nasser werdenden Beton. Regenwasser spritzte in das improvisierte Labor und tropfte von der R�ckseite des Trucks auf die Rampe. Als Carter fertig war, schnappte sich DiPalma die Quittung, gerade als die Winde eingeschaltet wurde. Mit einem lauten knirschenden St�hnen erwachte sie zum Leben, und DiPalma machte einen Satz zur Seite, weg von der Rampe.</p><p>�Langsam�, schrie er den Arbeitern am Truck zu, �langsam!�</p><p>Der Block hatte die Gr��e von mehreren K�hlschr�nken. Auf jeder Seite stand ein Arbeiter, als er begann, sich in Bewegung zu setzen. Carter nahm an, dass sie Angst hatten sich zu verletzen und deswegen die H�nde von dem Felsen lie�en. Jetzt konnte er erkennen, dass er auf einen st�hlernen Transportkarren montiert worden war, dessen breite R�der w�tend polterten, als sie die geriffelte Metallrampe ber�hrten.</p><p>Joe war ebenfalls auf Abstand gegangen und stand neben dem Schreibtisch. Sein starr auf den Felsblock gerichteter Blick wirkte misstrauisch. Auf Carter wirkten der Leutnant, Joe und die Arbeiter wie ein Haufen scheuender Pferde, die Rauch in ihrem Stall rochen. Was ihn selbst anging, so h�tte er nicht aufgeregter sein k�nnen. Der Block war bereits zur H�lfe die Rampe herunter.</p><p>Und dann, so schnell, dass er nur noch instinktiv reagieren konnte, passierte es. Er h�rte einen der Arbeiter schreien: �Vorsicht!�, und sah, wie die Kette, die den Transportkarren hielt, mit der gesamten L�nge von der Ladefl�che des Trucks schoss, zuckend wie eine w�tende Klapperschlange. Er sprang hoch, als die wild um sich schlagende Kette unter seinen F��en entlangpeitschte, dann wirbelte er zum Schreibtisch und Joe herum, der sich platt auf die Tischplatte warf, als die Stahlglieder sich um die Tischbeine wickelten und den ganzen Tisch mehrere Meter �ber den Boden zogen.</p><p>�<emphasis>Dio!</emphasis>�, br�llte DiPalma.</p><p>Der Felsblock, jetzt nicht mehr durch die Kette gesichert, rollte durch den Raum. Die R�der des Karrens kreischten auf dem Zementboden. Er drehte sich einmal halb um sich selbst, ehe er durch sein enormes Gewicht unvermittelt knirschend stehen blieb und es still wurde.</p><p>Das Ganze hatte nur wenige Sekunden gedauert. Joe klammerte sich an den Schreibtisch wie ein Schiffbr�chiger an ein Flo�, der Leutnant bekreuzigte sich und murmelte etwas auf Italienisch, und einer der Arbeiter im Truck taumelte die Rampe hinunter. �Dieser gottverdammte verhexte Brocken�, fluchte er und umklammerte seinen rechten Arm. �Ich glaube, ich habe mir das Handgelenk gebrochen.�</p><p>Carter holte tief Luft, dann stie� er den Atem langsam aus. <emphasis>Ganz ruhig</emphasis>, sagte er sich. Das scheinbar endlose St�ck der abgerissenen Kette lag wie ein ersch�pftes Tier auf dem Boden. Der Felsblock war nicht besch�digt worden, er war sogar genau da zum Stehen gekommen, wo er ihn hinhaben wollte, unterhalb der Scheinwerfer, die Hank zusammengebastelt hatte.</p><p>�Dieses <emphasis>verdammte</emphasis> Ding�, st�hnte der Arbeiter, setzte sich auf die Rampe und kr�mmte sich sch�tzend �ber seinen verletzten Arm. Carter ging zu ihm und sagte: �Ein paar Blocks weiter ist ein Krankenhaus. Ich werde ein Taxi rufen und Sie hinbringen.�</p><p>�Ich wei�, wo das Krankenhaus ist�, sagte der Arbeiter emp�rt, �und ich komme schon allein hin.�</p><p>�Das Fossil?�, fragte Joe und kam zaghaft n�her. Unwillk�rlich musste er an den Traum denken, den er in Rom gehabt hatte.</p><p>�Das sieht gut aus�, sagte Carter. �Gott sei Dank ist es nicht umgekippt.�</p><p>Im gro�en Bogen ging Joe um den Felsbrocken herum und inspizierte ihn vorsichtig. Er dachte an seinen Albtraum von dem losen Seil, das gegen den Felsen schlug. War das wom�glich tats�chlich eine Warnung gewesen?</p><p>Leutnant DiPalma b�ckte sich, um die Kette vom Tischbein zu wickeln, und sie mit der Hilfe des unverletzten Arbeiters zur�ck auf die Ladefl�che des Trucks zu werfen. Sie schlug mit einem ged�mpften Rasseln auf. Er kam noch einmal zu Carter zur�ck und erkl�rte: �Das Fossil geh�rt jetzt Ihnen, <emphasis>Professore</emphasis>.� Er sagte es mit einer offenkundigen Erleichterung, als w�rde er vor einem unsichtbaren Gericht unter Eid aussagen. Er r�ckte seine M�tze zurecht und streckte zum Abschied die Hand aus. Carter sch�ttelte sie, und der Leutnant hielt sie fest und sagte: �Seien Sie vorsichtig.� Sein Blick huschte zum br�tenden Felsblock hin�ber und kehrte dann vielsagend zu Carter zur�ck. �Ein Unfall, verstehen Sie, ist schnell passiert.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>12. Kapitel</strong></p></title><p>Nicht mehr lange, und es w�rde d�mmern. Vor nur wenigen Momenten war der Himmel noch tiefschwarz gewesen, und jetzt schimmerte er bereits in einem tiefen kr�ftigen Indigoblau. Ezra eilte dahin, den Blick auf den Gehweg gerichtet, die Arme vor der Brust verschr�nkt, um den Mantel geschlossen zu halten.</p><p>Er wusste nicht, wohin er ging, und es k�mmerte ihn auch nicht. Er wusste nur, dass er aus seinem Zimmer raus musste, raus aus dieser Wohnung, dass er nicht aufh�ren durfte, sich zu bewegen. Er musste unter Leute, selbst wenn es nur wenige waren, die zu dieser unchristlichen Uhrzeit vereinzelt unterwegs waren, zusammen mit vorbeirumpelnden Bussen und Taxis auf dem Weg zum Depot. Er brauchte die Aktivit�t, diese absolut banale Allt�glichkeit der Gesch�ftigkeit, die ihn umgab.</p><p>Er brauchte es, um zu vergessen, was in der Nacht geschehen war.</p><p>Er hatte gearbeitet. Tat er noch irgendetwas anderes? Die Schriftrolle machte Fortschritte, schneller, als er erwartet h�tte. Die Bruchst�cke schienen geradezu an die richtigen Stellen zu fallen. Stundenlang hatte er sich in die Arbeit vertieft und wie immer jedes Zeitgef�hl verloren. Der CD-Player hatte zur n�chsten CD gewechselt, Beethovens Klavierkonzert Nr. 5. In der zeitweiligen Stille hatte er mit behandschuhten Fingern vorsichtig ein Fragment der Schriftrolle zwischen zwei andere gelegt, und die enge, kunstvolle Handschrift schien zu seinem Entz�cken ineinanderzuflie�en und einen Sinn zu ergeben. Doch als er den Kopf tiefer gebeugt hatte, um seine Arbeit zu begutachten, hatte er eine Stimme geh�rt, die etwas in sein Ohr fl�sterte, so deutlich wie er das Ticken seiner Armbanduhr h�rte. Die Worte waren nicht zu entziffern gewesen, als handele es sich um eine fremde Sprache, und doch war die Bedeutung irgendwie klar. Sie lautete <emphasis>ja � mach weiter</emphasis>.</p><p>Und es klang, als w�rde sich der Sprecher direkt �ber seine Schulter lehnen.</p><p>Er riss den Kopf zur�ck und wirbelte auf seinem Stuhl herum. Sein Nacken kribbelte, und sein Herz pochte heftig.</p><p>Aber da war niemand. Im Raum war keiner au�er ihm selbst.</p><p>Dabei <emphasis>hatte</emphasis> er die Stimme geh�rt. Und er hatte einen Atemzug gesp�rt, einen warmen Lufthauch an seiner Wange.</p><p>Dann setzte leise das Klavierkonzert ein.</p><p>Er stand von seinem Stuhl auf, die Beine f�hlten sich ein wenig schwach an. Die Vorh�nge am Fenster, die doppelten Vorh�nge, die Gertrude auf seine Bitte hin aufgeh�ngt hatte, bewegten sich � kaum wahrnehmbar, aber sie bewegten sich. Mit z�gernden Schritten ging er auf sie zu. Hielt sie fest. Zog sie auseinander.</p><p>Er sp�rte einen leichten Zug, ein k�hler Windhauch drang durch die Ritzen im T�rrahmen der Terrassent�r. Aber die T�ren waren geschlossen, und der Balkon war leer.</p><p>Er war allein im Zimmer.</p><p>Er kehrte zum Schreibtisch zur�ck und blickte auf seine Arbeit hinunter. Die Oberfl�che des Tisches war zur H�lfte mit Bruchst�cken und Teilen der Schriftrolle bedeckt, die er gewissenhaft ausgebessert und zusammengef�gt hatte. Er hatte sie sogar schon ansatzweise �bersetzt und festgestellt, dass es sich tats�chlich um das Buch Henoch handelte. Er hatte also recht gehabt, verdammt recht. Es war Henochs Bericht von seiner Reise gen Himmel, und von dem, was er dort erblickt hatte. Der Text handelte von Engeln, die hell um den Thron Gottes herum erstrahlten, und von anderen, den gefallenen, die in Ungnade gefallen waren. Der Text handelte von einem kommenden Krieg. Von einer Seuche, die auf Erden w�ten w�rde. Es war ein Traum, es war eine Prophezeiung � und sie geh�rte ihm. Niemand anders hatte sie gesehen, niemand hatte sie gelesen, seit Tausenden von Jahren. Manchmal f�hlte sich das Gewicht dieser Entdeckung wie ein Hammer im Inneren seines Kopfes an, der drohte, seinen Sch�del zu zertr�mmern.</p><p>Und vielleicht war genau das heute Nacht geschehen, dachte er. Vielleicht hatte sich ein klitzekleiner Spalt in seinem Sch�del aufgetan, nur f�r den Bruchteil einer Sekunde, und das Ger�usch dieser Stimme entweichen lassen. Vielleicht war die Stimme gar nicht von au�en gekommen; wom�glich war sie aus dem Inneren seines eigenen Kopfes gekommen. Der zweigeteilte Geist war wieder bei der Arbeit.</p><p>Ein L�schzug der Feuerwehr raste mit heulenden Sirenen �ber die First Avenue, mehrere Taxis im Kielwasser. Eine Limousine hielt am Bordstein an, und ein M�dchen im glitzernden Partykleid, das seine Schuhe in den H�nden hielt, stieg aus. Ein paar Tauben kreuzten im perfekten G�nsemarsch seinen Weg. Wie die Beatles auf dem Cover von <emphasis>Abbey Road</emphasis>, dachte er.</p><p>Der Himmel war dunkelblau, aber die Sonne ging auf.</p><p>Ezra ging weiter. Wenn er an einer Stra�enecke anhalten musste, um auf Gr�n zu warten, lief er auf der Stelle weiter. Er brauchte dieses Gef�hl von Bewegung, das Gef�hl, Energie zu verbrauchen. Er musste seine Schritte auf dem Gehweg h�ren, die Autos, die vorbeirauschten � irgendetwas, solange es nicht die Stimme in seinem Ohr war.</p><p>Ein Mann in einem Blumenladen spritzte den B�rgersteig ab, hielt aber inne, um Ezra vorbeizulassen.</p><p>Vor einem japanischen Restaurant, das Ezra gelegentlich besucht hatte, stand ein h�lzerner Bottich mit frischem Fisch. Als er vorbeiging, schien ein gro�er Fisch mit glitzernden silbernen Schuppen ihn mit totem Blick zu fixieren.</p><p>Er hastete weiter. Mit jeder Minute nahm der Verkehr zu. Die Sonne war endg�ltig aufgegangen. Der Besitzer eines koreanischen Lebensmittelladens rollte das schwere Metallgitter hoch, das seine T�r und sein Schaufenster bedeckte.</p><p>Ezra ging weiter. Je l�nger er unterwegs war, desto besser f�hlte er sich. Die Stimme in seinem Ohr verstummte allm�hlich. Es war gut, drau�en zu sein, gut, die Morgenluft und den Puls des Lebens um sich herum zu sp�ren. Vielleicht sollte er das regelm��ig machen. Vielleicht sollte er anfangen, lange Spazierg�nge zu machen, etwas Sport zu treiben.</p><p>Bevor er sich dessen bewusst war, stand er an der Ecke zur neunundachtzigsten Stra�e, der Stra�e, in der sein Onkel Maury wohnte. Er bemerkte es erst, als er vor der alten Wiener B�ckerei stehenblieb, in der sein Onkel seine Plunderst�ckchen am liebsten kaufte. Die T�r zur B�ckerei war geschlossen, aber im Inneren brannte Licht, und er sah eine Frau, die ein Tablett mit orangefarbenen Halloweenkeksen in den Schaukasten schob.</p><p>Leise klopfte er gegen die Glasscheibe in der T�r. W�re es nicht eine nette �berraschung, seinen Onkel mit seinem Lieblingsgeb�ck zu wecken?</p><p>Die Frau kam um den Tresen herum und wischte sich die H�nde an der Sch�rze ab.</p><p>�Haben Sie schon ge�ffnet?�, rief Ezra durch die T�r. �Kann ich schon etwas kaufen?�</p><p>Sie beugte sich vor, nur um gleich darauf wieder zur�ckzuweichen. �Wir haben geschlossen�, sagte sie und wandte sich ab.</p><p>Geschlossen? Sie hatte ausgesehen, als wollte sie nach dem Schl�ssel greifen, um ihn einzulassen. Um welche Uhrzeit �ffneten sie? Er trat selbst einen Schritt zur�ck, um zu sehen, ob er ein Schild mit den �ffnungszeiten entdecken konnte. Dann sah er sein Spiegelbild im Glas. Ein Mann mit glasigem Blick, Stoppelbart und zerzaustem Haar, den Mantel eng um sich geschlungen, blickte ihm entgegen. Erst jetzt stellte er fest, dass einer seiner Schuhe nicht zugeschn�rt war.</p><p>Kein Wunder. Er �berlegte, ob er noch einmal klopfen und versuchen sollte, die Frau von seiner geistigen Gesundheit zu �berzeugen, doch sie war bereits im Hinterzimmer verschwunden, wo sie zweifellos darauf wartete, dass er verschwand.</p><p>Er �berquerte die Stra�e und ging an einer Reihe bauf�lliger Backsteinh�user vor�ber. Sein Onkel wohnte im dritten Stock, nach vorne raus, und Ezra wusste, dass er einen leichten Schlaf hatte und fr�h aufstand. Vor der Treppe, auf der jemand eine leere Bierflasche abgestellt hatte, blieb er stehen und schaute hoch zum Fenster seines Onkels. Das Licht war auf jeden Fall an.</p><p>Im Foyer klingelte Ezra, aber er kannte seinen Onkel und wartete die Antwort nicht ab, sondern trat wieder nach drau�en auf die Stra�e. Er wusste, dass sein Onkel am Fenster stehen und auf den B�rgersteig schauen w�rde, um herauszufinden, wer ihn bel�stigte.</p><p>Als er sah, wie der Vorhang zur�ckgezogen wurde, winkte er. Maury, noch im Bademantel, starrte zu ihm hinunter, als wollte er eine unwahrscheinliche Information verarbeiten. Schlie�lich lie� er den Vorhang einfach fallen, und als Ezra wieder im Foyer war, summte die T�r, und er konnte sie aufsto�en.</p><p>Als er um den Treppenabsatz bog, hatte Maury seine T�r weit ge�ffnet. �Was zum Teufel hast du denn so fr�h morgens hier zu suchen?� Dann, als sei ihm etwas Schreckliches eingefallen, f�gte er hinzu: �Dein Vater? Ist mit ihm alles in Ordnung?�</p><p>�Soweit ich wei�, geht es ihm gut. Er ist immer noch mit Kimberly in Palm Beach.�</p><p>Ezra ging in die K�che, durch die man das Apartment betrat. Alle Zimmer der Wohnung lagen in einer Reihe hintereinander, wie bei einem Eisenbahnwaggon. Erst kam die K�che, dann das Schlafzimmer und nach vorne raus das Wohnzimmer.</p><p>�Willst du einen Kaffee?�, fragte sein Onkel und deutete auf ein Glas mit Folger�s Instantkaffee auf der Arbeitsplatte. �Ich wollte mir gerade einen machen.�</p><p>�Ja, das w�re klasse. Ich habe an der Wiener B�ckerei angehalten, um dir ein Plunderst�ckchen mitzubringen, aber sie haben mich nicht reingelassen.�</p><p>Maury lachte leise auf. �Das kann ich ihnen nicht verdenken. Du siehst aus, als w�rst du gerade aus der Klapse entwischt.�</p><p>In gewisser Weise f�hlte er sich auch genau so. Diese gespenstische Stimme, tief, eindringlich und seltsam unheilvoll, hallte erneut in seinem Kopf wider.</p><p>Maury nahm einen zweiten Becher aus dem Abtropfgestell, l�ffelte etwas l�slichen Kaffee hinein. �Willst du ihn stark?�, fragte er, und als Ezra nickte, f�gte er weitere L�ffel hinzu. Er goss das kochende Wasser ein und ging dann voraus ins Wohnzimmer.</p><p>Sein Onkel setzte sich in seinen Relaxsessel aus wei�em Kunstleder mit Heizkissen und Massagefunktion, und Ezra nahm ihm gegen�ber auf dem Sofa Platz. Von den W�nden hingen die Tapeten wie Schriftrollen herunter.</p><p>�Ich warte immer noch auf eine Antwort�, sagte sein Onkel. �Das ist keine �bliche Zeit f�r einen Besuch. Was ist los?�</p><p>Ezra nahm einen Schluck von seinem Kaffee. �Ich konnte nicht schlafen und habe einfach einen Spaziergang gemacht.�</p><p>�Gertrude hat mir erz�hlt, dass du nachts �berhaupt nicht mehr schl�fst. Sie sagt, dass du nicht vor der Morgend�mmerung zu Bett gehst und erst am Nachmittag aufstehst. Was treibst du nachts, Ezra?�</p><p>�Ich arbeite.�</p><p>�Kannst du nicht tags�ber arbeiten wie die meisten Menschen?�</p><p>�In der Nacht ist es besser. Ruhiger. Weniger Unterbrechungen.� Bis auf diese spezielle Nacht nat�rlich.</p><p>Maury wirkte nicht �berzeugt. �Was sagt deine �rztin dazu? Diese Dr. Neumann?�</p><p>�Ich habe nicht mit ihr dar�ber geredet.�</p><p>�Vielleicht solltest du das tun. Sie verschreibt dir doch Medikamente, gegen die Stimmungsschwankungen und so?�</p><p>�Ja�, sagte Ezra. Er schaute hinunter auf seine Tasse und staunte �ber die Art und Weise, wie das Lampenlicht in buntschillernden Kreisen auf der Oberfl�che des hei�en Kaffees reflektiert werden konnte. Er hatte Dr. Neumann nichts von seiner Schlaflosigkeit erz�hlt, da er wusste, dass sie ihm nur ein Schlafmittel verschreiben w�rde, und Schlaf war nicht das, was er wollte. Nicht solange er eine so aufregende Arbeit machte und an so bahnbrechendem Zeug dran war. Die einzigen Mittel, die er von ihr verschrieben haben wollte, waren die Pillen, die ihm halfen, sich zu konzentrieren, ihn wach hielten und weit genug beruhigten, damit er sich ganz der im Moment vor ihm liegenden Arbeit widmen konnte.</p><p>Das war der Grund, weshalb er ihr auch nichts von der Stimme erz�hlen w�rde, nicht erz�hlen <emphasis>konnte</emphasis>, die er diese Nacht geh�rt hatte, genauso wenig, wie er seinem Onkel davon erz�hlen konnte. Er wusste, wohin das f�hren k�nnte: bestenfalls zu endlosen Therapiesitzungen, schlimmstenfalls w�rde er gegen seinen Willen eingewiesen werden. Die Schriftrolle f�gte sich St�ck f�r St�ck zusammen, aber es war eine irrsinnige Aufgabe, die einen glatt verr�ckt machen konnte. In der Tat war genau das vielen seiner Vorg�nger passiert, wie Ezra besser als jeder andere wusste. Der Erste, der diesen Fluch zu sp�ren bekommen hatte, war Shapira gewesen, jener Mann, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Erster einige alte Manuskripte am Ufer des Toten Meers entdeckt hatte. Zu seinen Lebzeiten hielt man seine Entdeckungen f�r F�lschungen. Nichts, so folgerten die Forscher damals, h�tte so lange in solch unwirtlichem Klima �berdauern k�nnen. Nachdem Shapira lange Jahre berufliche Verachtung und Zur�ckweisung hatte erdulden m�ssen, mietete er sich in einem Hotel in Rotterdam ein und jagte sich eine Kugel in den Kopf. Nach den erstaunlichen Funden von Qumran 1947 war Shapira rehabilitiert. Andere machten dort weiter, wo er aufgeh�rt hatte, oft genug mit �hnlich fatalen Folgen. Schriftrollenforscher waren bekannt daf�r, leicht dem Wahnsinn und der Verzweiflung anheimzufallen, f�r ihren Alkohol-und Drogenmissbrauch und ihre Neigung zu Selbstmord. All das kam ziemlich regelm��ig vor, und einen solchen Fall kannte Ezra sogar pers�nlich. Eine Australierin, die bedeutendste Autorit�t in Bezug auf die Religion der Essener, hatte im Schrein des Buches in Jerusalem mit den Schriftrollen vom Toten Meer gearbeitet. In weniger als zwei Jahren war sie zu einer brabbelnden Fanatikerin geworden, die �ber die bevorstehende Apokalypse phantasierte und vor einem allgegenw�rtigen Gespenst davonlief, das sie den Schattenmann nannte. Bei einer Konferenz in Haifa st�rzte sie auf das Podium, und nachdem sie etwas �ber die S�hne des Lichts geschrien hatte, z�ndete sie sich selbst an. Sie �berlebte mit schweren Verbrennungen und wurde nach Hause nach Melbourne geschickt, wo sie, seinen letzten Informationen nach, unter starken Medikamenten und permanenter Betreuung in einem privaten Sanatorium lebte.</p><p>Ezra wusste also, dass man sich sehr gut im Griff haben musste, wenn man die Schriftrollen studierte.</p><p>�Gertrude hat mich gestern angerufen�, sagte sein Onkel Maury in diesem Moment. Ezra blickte von seinem Kaffee auf. �Sie hatte ein paar Neuigkeiten, und sie will sie dir heute erz�hlen, sobald du aufgewacht bist.�</p><p>�Was ist es denn?�</p><p>�Dein Vater und Kimberly kommen aus Palm Beach zur�ck. In ein paar Tagen werden sie wieder in New York sein.�</p><p>Das waren in der Tat Neuigkeiten. Direkt nach dem Streit am Abendbrottisch hatten sie ihre Sachen gepackt und waren ohne ein Wort in sonnigere Gefilde gefl�chtet.</p><p>�Dein Vater ist nicht unbedingt ein Typ, mit dem man einfach zurechtk�me�, gab Maury zu, �und manchmal wei� ich nicht, wie deine Mutter es all die Jahre mit ihm ausgehalten hat. Aber wenn du in der Wohnung bleiben willst, und Gertrude sagte mir, dass du das willst, dann solltest du etwas mehr daf�r tun. Du musst dich mehr bem�hen, Ezra.�</p><p>Nat�rlich hatte sein Onkel recht, obwohl Ezra keine Ahnung hatte, wie diese Bem�hungen aussehen k�nnten. Wenn seine Mutter noch leben w�rde, w�re es kein Problem. Sie war auf alles stolz gewesen, was er getan hatte, sei es das Bild eines Pferdes, das er gemalt hatte, oder weil er bei einer Spielshow im Fernsehen die richtigen Antworten erraten hatte. Es war sein Vater, dem das, was er tat, niemals gut genug war. Es war sein Vater, der stets glaubte, sein Sohn sei ihm nicht gewachsen. Der nichts von dem verstand, was Ezra Spa� machte oder f�r das er sich interessierte. Alles, worauf Sam Metzger sich verstand, war, wie man Geld verdiente, indem man B�rogeb�ude, Parkh�user und Einkaufszentren hochzog. Was er auch anfasste, verwandelte sich in Gold, w�hrend alles, was Ezra ber�hrte, zu Staub zerfiel.</p><p>Aber die Schriftrolle w�rde alles �ndern. Was Ezra hier tat, w�rde die ganze Welt aufhorchen und von ihm Notiz nehmen lassen. Und dann w�rde sein Vater ihn endlich wahrnehmen und zugeben m�ssen, dass Ezra etwas getan hatte, etwas von so gro�er Tragweite, wie selbst er, der gro�e Sam Metzger, es nicht geschafft hatte. Wenn dieser Tag k�me, w�rde es der s��este in Ezras Leben sein.</p><p>Und er war nicht mehr weit entfernt.</p><p>Doch was sollte er ihm in der Zwischenzeit als Friedensangebot anbieten? Einen Kuchen backen? Ihnen einen Brief mit einer Entschuldigung auf das Kopfkissen legen? �Ich versuche nur, meine Arbeit zu machen�, sagte er schlicht.</p><p>�Gut. Tu das�, sagte Maury, stellte seinen Kaffeebecher auf den Fu�boden und rappelte sich aus dem Sessel auf. Das morgendliche Sonnenlicht str�mte durch die schmutzigen Fenster in die Wohnung. �Ich k�nnte jetzt ein paar Plunderst�cke vertragen. Wie sieht�s mit dir aus?�</p><p>�Ich zahle�, sagte Ezra.</p><p>�Das �berlass lieber mir�, sagte Maury. �Dich werden sie nicht einmal in den Laden lassen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>13. Kapitel</strong></p></title><p>�Ist es in Ordnung, wenn ich die Frage direkt an Professor Russo richte?�, fragte Katie, und Carter, der sich die B�hne des H�rsaals mit ihm teilte, sagte:</p><p>�Nur zu.�</p><p>Katie stand auf und st�tzte sich auf die R�ckenlehne des Sitzes vor ihr. Joe und Carter standen links und rechts der Dia-Leinwand, auf dem die k�nstlerische Darstellung eines fliegenden Pterodactyls zu sehen war. �Professor Cox glaubt, dass V�gel die modernen Abk�mmlinge der Dinosaurier sind�, sagte Katie, �und dass einige Dinosaurier, einschlie�lich des Fossils, das wir in der letzten Vorlesung gesehen haben, sogar Federn hatten. Ich wei�, dass es eine gro�e Diskussion dar�ber gibt. Welche Position nehmen Sie dabei ein?�</p><p>Carter h�tte sich denken k�nnen, dass Katie versuchen w�rde, ihn dranzukriegen. Sie war die kl�gste Studentin in diesem Kurs, aber sie stiftete gerne Unruhe, und Joes Anwesenheit verschaffte ihr die perfekte Gelegenheit dazu. Es war fast, als h�tte sie erraten, dass dies eine der wenigen Fragen in der Pal�ontologie war, bei der sie nicht einer Meinung waren.</p><p>Joe stopfte die H�nde in die Taschen seines Tweedjacketts und sah aus, als �berlege er, wie er darauf antworten sollte. Ehrlich sein oder sich der Meinung seines Gastgebers beugen?</p><p>�Ja, Sie haben recht. �ber diesen Punkt wird viel gestritten�, sagte er, um Zeit zu gewinnen. Als er seine H�nde wieder aus den Taschen nahm, hatte er ein Streichholzheftchen in der einen und ein zerknautschtes P�ckchen Nazionalis in der anderen Hand. Er klopfte eine Zigarette heraus und war gerade dabei sie anz�nden, als ein paar Studenten lachten und Carter erkl�ren musste:</p><p>�Joe, tut mir leid, aber hier drin darfst du nicht rauchen.�</p><p>Einen Moment lang wirkte Joe ratlos, als habe er nicht einmal mitbekommen, dass er �berhaupt eine Zigarette anstecken wollte, dann schnipste er das Streichholz aus. �Ja, nat�rlich.�</p><p>�Ich habe gelesen, dass man in Madagaskar einige Fossilien gefunden hat�, warf Katie ein, �die eine Art Tier darstellen, das Federn an den Unterarmen besitzt, wie ein Vogel. Aber es weist auch Klauen auf, die wiederum eher an einen Dinosaurier denken lassen.�</p><p>�Ich wei�. Ich glaube allerdings, dass dort ein Fehler gemacht wurde. Ich vermute, dass bei der Grabung Teile verschiedener Tiere entdeckt wurden. F�r mich�, sagte Joe und blickte entschuldigend zu Carter hin�ber, �gibt es immer noch zu viele � wie sagt man � offene Fragen. Ich kann zum Beispiel bei V�geln keinen Daumenansatz erkennen�, er hob seinen eigenen in die H�he und wackelte damit, �wie wir es bei den Dinosauriern haben. Ich sehe die �hnlichkeiten, ja, zwischen V�geln und einer Linie der Dinosaurier ��</p><p>�Den Theropoden?�, machte Katie sich wichtig.</p><p>�Ja. Sie haben Ihrem Professor gut zugeh�rt�, sagte Joe l�chelnd, �doch selbst zu diesen Theropoden, den Fleischfressern, gibt es keine eindeutige Verbindung.� Er zuckte die Achseln. �Aber darum geht es schlie�lich in der Wissenschaft. Debatten, Diskussionen und Entdeckungen. Ich k�nnte mich irren und mein Freund Carter letztendlich recht behalten. Das ist m�glich. Und da Sie in seinem Kurs sitzen und nicht in meinem, denke ich, dass Sie lieber mit seiner Sichtweise �bereinstimmen sollten.�</p><p>Es gab vereinzeltes Gel�chter im H�rsaal, und Carter wollte schon nach vorn treten und wieder f�r Ruhe sorgen, als ein anderer Student fragte: �Herrscht unter europ�ischen Forschern Konsens in diesen ganzen Fragen? Unterscheidet sich die europ�ische Sichtweise von der amerikanischen? Was zum Beispiel denkt die italienische Wissenschaftsgemeinde?�</p><p>�Sie wollen, dass ich f�r ganz Europa spreche, oder auch nur f�r Italien?�, fragte Joe mit gro�en Augen, und Carter sagte: �Mach ruhig. Soweit ich wei�, schneidet niemand mit, was du sagst. Die B�hne geh�rt dir.�</p><p>Joe ging mehr in die Mitte, und Carter zog sich in den Schatten im Hintergrund zur�ck, was genau der Platz war, an dem er heute sein wollte. In der Nacht hatte er schlecht geschlafen, und selbst jetzt kehrten seine Gedanken immer wieder zu den Ereignissen rund um die Anlieferung des Fossils zur�ck.</p><p>Als er endlich so weit gewesen war, seine eigenen Untersuchungen anzustellen, hatte Carter sich voller Energie in die Arbeit gest�rzt. Er hatte die Ketten entfernt, die den Felsen auf der Plattform festhielten, und die breiten gelben Klebestreifen abgerissen, mit denen die Plastikplane befestigt war. Dann hatte er vorsichtig von oben nach unten die Plane selbst aufgeschnitten, so dass die St�cke sich vom Felsen l�sten wie Bl�tenbl�tter, die sich weit �ffneten und schlie�lich matt herunterhingen. Schlie�lich lagen die Plastikstreifen gleich einem Nest um den Stein herum. Der Felsen selbst war das reinste Wunder. Ein massiver unebener k�rniger Block, voller Furchen und Rillen, der �berall glitzerte und aus einer Vielzahl unterschiedlichster Mineralien bestand. Geologie war noch nie Carters St�rke gewesen, aber selbst er konnte mit blo�em Auge erkennen, dass dieses besondere Exemplar ein sehr langes und ereignisreiches Leben hinter sich hatte. Jeder h�tte es erkennen k�nnen.</p><p>�In Italien ist die Regierung sehr knauserig, was die Bewilligung von Geldern angeht, so dass wir nur sehr schlecht Zugang zu moderner Technik haben. Vielleicht ist das der Grund daf�r, dass wir gerne <emphasis>nachdenken</emphasis> und mit <emphasis>Theorien</emphasis> arbeiten�, sagte Joe gerade. �Erst sp�ter versuchen wir, Beweise zu finden, die unsere Theorie belegen.�</p><p>Die Studenten lachten erneut, und eine weitere Frage wurde gestellt. Erleichtert stellte Carter fest, dass Joe sich f�r die Aufgabe erw�rmte. Er wusste, dass sein Freund ein guter Dozent war, und vermutete, dass er bei seinen eigenen Studenten in Rom ziemlich beliebt war.</p><p>Aber an jenem ersten Abend im Labor hatte er wesentlich weniger Interesse und Begeisterung gezeigt, als Carter erwartet h�tte. Vielleicht war die ganze Sache f�r ihn schlichtweg entt�uschend. Joe hatte sich zur�ckgehalten und nur gelegentlich einen Kommentar abgegeben oder eine Feststellung gemacht, w�hrend Carter auf dem Felsen herumgeklettert war wie ein Kind auf dem Baum. Einmal hatte er sich flach oben auf den Stein gelegt und versucht, sich vorzustellen, was in seinem Inneren versteinert worden war. Wie lag das Fossil? Welche Knochen waren noch erhalten? Was w�rden sie ihm m�glicherweise �ber die Evolution und die pr�historische Welt verraten?</p><p>�Du solltest vorsichtig sein. Immerhin liegst du auf einer tickenden Zeitbombe�, hatte Joe gesagt und ihn damit an die Kammern mit explosiven Gasen erinnert, die sie beide im Felsen eingeschlossen vermuteten.</p><p>�Solange ich das verdammte Ding nicht punktiere, d�rfte ich in Sicherheit sein�, hatte Carter erwidert. Doch er wusste, dass dieser Zeitpunkt kommen w�rde. Letztendlich w�rden sie einen Weg finden m�ssen, den Stein wegzumei�eln, zu schmirgeln, zu hacken, zu sprengen oder gar zu lasern, der den Rest des Fossils gefangen hielt. Bis jetzt konnte man nur erkennen, was man von Anfang an erkennen konnte. Diese lange gebogene Klaue, die sich aus dem Felsen zu graben schien. Carter hatte bereits zahllose Fossilien aus allen Teilen der Welt zu Gesicht bekommen, aber so etwas hatte er noch nie gesehen. Es war nahezu unm�glich, es in Worte zu fassen oder es jemandem zu vermitteln, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, aber von diesem Fossil schien eine unbeschreibliche <emphasis>Lebendigkeit</emphasis> auszugehen. Es gab kein besseres Wort, um es zu beschreiben. Als Carter nicht widerstehen konnte und die Greifkrallen streichelte, f�hlte es sich nicht an, als w�rde er eine lang verstorbene Kreatur ber�hren, ein verkalktes, verkn�chertes, versteinertes Ding. Er hatte das Gef�hl, ein � schlafendes Wesen anzufassen. Und obwohl er wusste, dass er sich irren musste, dass sein Eindruck unm�glich richtig sein konnte, hatte er das Gef�hl, das Ding sei merklich, vielleicht sogar messbar w�rmer als der Stein, der es umgab.</p><p>�Der Beckenknochen und auch das Schambein sind beim Madagaskarfossil noch sehr primitiv ausgebildet�, erkl�rte Joe gerade. �F�r die sp�te Kreidezeit ist das eher ungew�hnlich.�</p><p>�Haben Sie irgendeine Erkl�rung daf�r, wie das geschehen sein k�nnte?�, fragte Katie.</p><p>�M�glicherweise Isolation. Auf einer Insel kann eine Spezies unter Umst�nden l�nger �berleben als auf dem Festland. Sie kann eine eigene Entwicklung durchgemacht haben, einen eigenen Nebenweg der Evolution eingeschlagen haben, in ihrem eigenen Tempo, ihrer eigenen � Nische.�</p><p>Wohl wahr, dachte Carter. Vielleicht lie�en sich damit einige der Anomalien des Fundes in Madagaskar erkl�ren. Aber ihr eigenes Vorzeigefossil vom Lago d�Averno? Im Laufe der Jahrmillionen war der italienische Stiefel, wie alle anderen modernen L�nder und Kontinente, gewandert und hatte sich ver�ndert, aber seit mehr als zweihundert Millionen Jahren war er Teil dessen, was Geowissenschaftler Laurasia nennen. Das heutige Italien war niemals in irgendeiner Weise undurchdringlich f�r extraterritoriale Einfl�sse oder Mutationen gewesen. Selbst die alpidische Faltung, die sich im K�nozoikum vollzogen hatte, war aus Sicht der Geologie keine gro�e Sache gewesen.</p><p>�Darf ich Ihnen eine pers�nliche Frage stellen?�, bat Katie, und Carter spitzte die Ohren.</p><p>�Fragen Sie, dann werden wir sehen�, erwiderte Joe gutm�tig.</p><p>�Warum sind Sie hier in New York? Besuchen Sie nur Ihren alten Freund Professor Cox, oder sind Sie zum Arbeiten hergekommen?�</p><p>Seltsam, wie dieses M�del ins Schwarze treffen konnte. Selbst Joe wirkte perplex und warf Carter einen raschen Blick zu, gerade als es zum Ende der Stunde l�utete.</p><p>�Ein wenig von beidem�, sagte Carter �ber den L�rm hinweg. �Die gute Nachricht ist, dass Professor Russo Ihnen auf informeller Basis zur Verf�gung stehen wird. Und die schlechte Nachricht ist, dass unsere Arbeit Sie � um es professionell auszudr�cken � nichts angeht. Ich sehe Sie n�chste Woche. Vergessen Sie nicht, mir Ihre Semesterarbeiten in mein Postfach im Fachbereichsb�ro zu legen.� W�hrend die Studenten auf den Ausgang zustr�mten, wandte er sich an Joe: �Und, wie gef�llt es dir, in den Staaten zu unterrichten?�</p><p>Joe wiegte seinen Kopf vor und zur�ck. �Gar nicht so schlecht. Aber es w�re besser, wenn ich dabei rauchen k�nnte.�</p><p>�F�r eine Sondererlaubnis m�sstest du dich an den Chef des Fachbereichs wenden.�</p><p>�Und die w�rde ich bekommen?�</p><p>�Eher nicht.�</p><empty-line/><p>Nach dem Lunch in der Kantine der Fakult�t, wo Joe das zweifelhafte Vergn�gen hatte, den Fachbereichsleiter Stanley Mackie kennenzulernen, verbrachten sie den Rest des Tages im Labor. Der Argon-Laser war geliefert worden, und ein Techniker vom Fachbereich Medizin brauchte mehrere Stunden, um Carter und Joe die Anwendung zu erkl�ren. Im Gro�en und Ganzen hatte Carter das Gef�hl, zu wissen, wie er das Teil bedienen musste, aber er w�rde es nicht vor n�chster Woche ausprobieren. Und selbst dann w�rde er es erst an den Proben des <emphasis>Smilodon</emphasis> testen, die k�rzlich der Universit�t gespendet worden waren. Erstens waren sie nichts Besonderes, und zweitens hatten sie keine gef�hrlichen Gase in sich eingeschlossen.</p><p>Um Punkt sechs Uhr, als er immer noch in das Handbuch des Lasers vertieft war, ert�nte drau�en ein lautes Hupen, direkt hinter den Metalltoren des Labors.</p><p>�Carter?�, sagte Joe.</p><p>�Hm?�, machte Carter ohne aufzublicken.</p><p>�Ich glaube, deine Freunde sind da.�</p><p>Carter konnte es nicht glauben, bis er auf die Uhr schaute. Er hatte mit Beth ausgemacht, dass er um sechs Uhr bereit sei f�r ihren Ausflug aufs Land, und um es ihm leichter zu machen, hatte sie vorgeschlagen, Ben und Abbie zu bitten, mit dem Wagen direkt bis vor die Labort�r zu fahren.</p><p>Carter warf das Handbuch in die Reisetasche zu seinem anderen Kram und zog seine Lederjacke an. �Und du kommst wirklich allein zurecht?�, fragte er Joe.</p><p>�Ich bin ein gro�er Junge�, sagte Joe. �Und heute Abend gehe ich auf eine New Yorker Party�, sagte er und wedelte mit der Einladung zu Bill Mitchells vorgezogener Halloween-Feier herum. �Viel Spa�!�</p><p>Das Auto hupte erneut, und Carter schl�pfte aus der T�r.</p><p>Beth sa� hinten, und Carter rutschte neben sie. �Tut mir leid, hoffentlich habe ich euch nicht zu lange warten lassen�, sagte er und stellte seine F��e auf die Reisetasche.</p><p>�Kein Problem�, sagte Ben und drehte sich um, w�hrend er zur�cksetzte.</p><p>�Wir wollten unterwegs anhalten und zu Abend essen�, sagte Abbie vom Vordersitz. �Es gibt ein kleines nettes Restaurant, mit einem Elchkopf �ber der Bar und so was, etwa anderthalb Stunden von hier.�</p><p>�Klingt gro�artig�, sagte Beth und dr�ckte Carters Hand auf dem R�cksitz. Mittlerweile sa�en sie nur noch zusammen auf der R�ckbank eines Wagens, wenn sie Taxi fuhren, und dann mussten sie sich gut festhalten. Dies hier war wesentlich romantischer.</p><p>�Beth hat uns erz�hlt, du w�rdest an etwas sehr Spannendem arbeiten�, sagte Ben, w�hrend der Wagen durch den dichten Verkehr auf der Houston Street westw�rts kroch.</p><p>�Kannst du uns verraten, was es ist?�, fragte Abbie, �oder ist diese Information geheim?�</p><p>Beth fragte sich, was Carter darauf antworten w�rde. Normalerweise war er sehr verschlossen, was seine Forschungsarbeit anging, und bei diesem Projekt ganz besonders. Sie hatte bereits ein schlechtes Gewissen, weil sie es �berhaupt erw�hnt hatte.</p><p>�Es ist anders als alles, was ich bisher gesehen habe�, sagte er. Die Verwunderung in seiner Stimme �berraschte Beth. �Ein massiver Block aus vorwiegend vulkanischem Gestein, aber mit einem eingebetteten Fossil, das anscheinend perfekt erhalten geblieben ist.�</p><p>�Und das ist selten?�, fragte Ben �ber die Schulter und navigierte durch die Autoschlangen. Wie sie selbst, versuchten die meisten Leute, zum West Side Highway zu gelangen.</p><p>�Es ist nicht nur selten, es ist im Grunde sogar unm�glich. Besonders, da der Stein den empirischen Untersuchungen zufolge fast so alt ist wie der geschmolzene Kern dieses Planeten, so alt wie die Erde selbst.�</p><p>�Wie kann etwas, das so alt ist, �berhaupt ein Fossil enthalten?�, fragte Ben. �Selbst ein Investmentbanker wei�, dass sich das Leben erst wesentlich sp�ter entwickelte.�</p><p>�Das macht die ganze Sache ja gerade so verwirrend.�</p><p>Wenn er so redete und sich in seiner Begeisterung weit nach vorn beugte, kam er Beth vor wie ein kleiner Junge.</p><p>�Wir haben eine Probe vom Fossil selbst genommen ��</p><p>�Ich dachte, ihr h�ttet den Laser noch nicht eingesetzt?�, unterbrach Beth ihn.</p><p>�Haben wir auch nicht. Wir haben es auf die altmodische Weise gemacht und mit einem Mei�el ein kleines St�ck am Ende einer Kralle entfernt.�</p><p>�Und was hofft ihr, damit zu beweisen?�, fragte Ben.</p><p>�Wir haben sie r�ber ins medizinische Forschungslabor geschickt, und mit der CarbonDatierung k�nnen wir vielleicht sein ungef�hres Alter bestimmen. Das Merkw�rdige ist, dass alle Tests bisher v�llig unhaltbare Ergebnisse geliefert haben.�</p><p>�Inwiefern?�, fragte Abbie.</p><p>�Laut den Untersuchungen ist das Fossil �lter als jede Lebensform, die je existiert hat, egal wo auf der Welt. Es ist �lter als die Dinosaurier, das niederste Plankton oder Moos oder Am�ben. Es existiert, wenn du so willst, seit Anbeginn der Zeit.�</p><p>Einen Moment lang herrschte Stille im Wagen.</p><p>�Klingt f�r mich wie ein Fall aus <emphasis>Akte X</emphasis>�, sagte Ben schlie�lich.</p><p>�Oder es ist ein Au�erirdischer�, f�gte Abbie hinzu.</p><p>Carter lehnte sich zur�ck. �Ja, nicht wahr?� Er blickte aus dem Fenster. �Ich habe ein paar B�cher und Aufs�tze eingepackt, die ich dieses Wochenende lesen will�, sagte er. �Vielleicht werde ich also in eurem Haus das R�tsel ein f�r allemal knacken.�</p><p>Beths Herz sank. Sie hatte sich lange Spazierg�nge im Wald ausgemalt, bei denen sie sich an den H�nden halten und intensiv unterhalten w�rden, gefolgt von gem�tlichen Abenden vor dem knisternden Feuer. Aber jetzt sah sie sich pl�tzlich allein durch den Wald laufen, w�hrend Carter im Haus �ber seinen Laborberichten br�tete. Das hatte nicht zum Plan geh�rt. Sie wollte, dass sie Zeit zusammen verbrachten, dass sie rausgingen � und an diesem kleinen Projekt arbeiteten, ihrer Familiengr�ndung. Doch solange Carter sich nicht v�llig ver�ndert hatte, gab es immer noch eine Sache, auf die sie z�hlen konnte: Der kleine Junge in ihm liebte Dinosaurier, aber der Mann in ihm liebte Victoria�s Secret. Und genau dort hatte sie in ihrer Mittagspause ein paar pikante �berraschungen besorgt.</p><p>Am Ende w�rde es eins zu null f�r die Reizw�sche stehen, und die Dinosaurier h�tten das Nachsehen.</p><p>Als sie das Restaurant erreichten, war es genauso, wie Abbie es beschrieben hatte. Eine dunkle H�tte, einfaches Essen und ein traurig dreinblickender Elchkopf �ber der Bar. Die Stimmung zwischen Ben und Abbie allerdings verschlechterte sich zusehends. Schon im Wagen hatten sie angefangen, sich zu zanken, und jetzt, nachdem Ben ein paar Drinks zu viel intus hatte, wurde es nur noch schlimmer. Vielleicht war der Stress einfach zu viel. Der Kauf eines neuen Hauses, die Fahrt aus der Stadt heraus bei dem irrsinnigen Wochenendverkehr, der Versuch, ein Kind zu bekommen � Beth konnte nachvollziehen, wie es dazu kam, aber dadurch wurde es nicht angenehmer, Zeuge des Streits zu werden. Nach dem Essen bestand Abbie darauf, den Rest der Strecke zu fahren, und nach einer kleinen, nur zur H�lfte spielerischen Rangelei mit Ben um die Autoschl�ssel hatte sie schlie�lich gewonnen.</p><p>Je weiter sie fuhren, desto dunkler und einsamer wurde die Stra�e. Die Ortschaften, durch die sie kamen, wurden immer trostloser und verlorener. Langsam w�nschte Beth, sie h�tte diesem Plan niemals zugestimmt. W�rde Carter ihr je vergeben? Aber jetzt war es zu sp�t, um etwas dagegen zu unternehmen.</p><p>Nachdem sie etwa f�nfzehn Minuten lang auf einer kurvenreichen, tiefschwarzen zweispurigen Stra�e entlanggefahren waren, sagte Ben: �Fahr langsam, wir sind da!�, und Abbie sagte: �Wo? Ich sehe nichts.�</p><p>�Da vorne, hinter der gro�en Eiche.�</p><p>Sie ging vom Gas. �Wie sieht eine Eiche aus? Ich kann eine Eiche nicht von einer Ulme unterscheiden, nicht einmal bei Tageslicht.�</p><p>�Es war der gro�e Baum, an dem du gerade vorbeigefahren bist�, sagte Ben. �Ich habe dir doch gesagt, dass du mich fahren lassen sollst.�</p><p>Abbie wurde noch langsamer und wendete schlie�lich an einem Kiesweg. Ein langer offener Graben, von orange gestreiften Plastikkegeln markiert, f�hrte an einer Seite der Stra�e entlang.</p><p>�Die Wasserleitungen in der Gegend werden gerade ausgetauscht�, sagte Ben. �Die alten stammen etwa aus der Zeit des B�rgerkriegs.�</p><p>Nachdem sie gewendet hatten, fanden sie die Einfahrt, die teilweise durch die riesige alte Eiche verdeckt wurde und von der Stra�e aus steil bergab f�hrte. Holpernd fuhren sie ein paar hundert Meter nach unten und hielten schlie�lich vor einem kleinen altmodischen, wei� und gr�n gestrichenen Haus mit niedriger Vorderveranda und hohem Dach an.</p><p>Beth stieg als Erste aus. �Es ist gro�artig�, rief sie mit so viel �berzeugungskraft, wie sie aufbringen konnte, obwohl sie in Wahrheit entt�uscht war. Auf den Fotos, die sie und Carter an jenem Abend im Minetta gesehen hatten, hatte das Haus sonnig und irgendwie niedlich ausgesehen. Aber jetzt am Abend, umgeben von kahlen B�umen und Feldern und nur vom kalten Mondlicht erhellt, machte es eher einen unheimlichen Eindruck. Die Eingangst�r, mit der Ben sich gerade abm�hte, quietschte und klemmte.</p><p>�Du musst den Schl�ssel ganz nach links drehen�, sagte Abbie, und Ben fauchte zur�ck: �Ich <emphasis>habe</emphasis> ihn ganz nach links gedreht. Das Schloss muss ausgetauscht werden � mehr kann ich dir auch nicht sagen.�</p><p>Carter und Beth besch�ftigten sich mit dem Gep�ck und zogen die K�pfe ein. Sie machten eine Tour durch das Haus, das nur �ber insgesamt f�nf Zimmer verf�gte, von denen die meisten noch nicht eingerichtet waren. Sie waren rasch fertig mit der Besichtigung und stiegen die Wendeltreppe hinauf in den ersten Stock, in dem ihre Zimmer lagen. Die Farbe war von den W�nden gekratzt und die Gardinenstangen leer. Nachdem sie die T�r hinter sich geschlossen hatte, lie� Beth sich auf die Bettkante plumpsen und formte mit den Lippen die Worte <emphasis>Ach du Schei�e</emphasis>. Carter nickte. Dann kam er zu ihr, lie� sich neben sie fallen, schlang einen Arm um ihren Hals und k�sste sie auf die Wange.</p><p>�Ist dir schon einmal aufgefallen�, fl�sterte er, �dass man angesichts der Eheprobleme anderer Paare erst richtig w�rdigen kann, wie gut man es hat?�</p><p>Im Schlafzimmer direkt unter ihnen h�rten sie, wie eine Schublade krachend geschlossen wurde, dann ged�mpfte Stimmen. Beth meinte Abbie sagen zu h�ren, etwas sei �so peinlich� und konnte sich gleich mehrere Dinge vorstellen, die damit gemeint sein k�nnten. Ben sagte immer wieder: �H�r doch auf!�</p><p>�Ein guter Grund, sich niemals ein Landhaus zu kaufen�, sagte Carter.</p><p>�Zumindest nicht dieses hier�, fl�sterte Beth.</p><p>�Ziemlich unheimlich, was?�</p><p>Sie l�chelte. �Und ziemlich kalt�, sagte sie ebenso leise wie er.</p><p>�Nimm ein hei�es Bad�, sagte er. �Ich packe inzwischen aus.�</p><p>Beth fischte ein paar Sachen aus ihrer Tasche und ging ins Badezimmer. Das Fenster hatte weder einen Vorhang noch eine Jalousie und wies auf sich endlos erstreckende schwarze Felder, verk�mmerte B�ume und ein Geb�ude in der Ferne, das wie eine verlassene Scheune aussah. Sie drehte den Hei�wasserhahn ganz auf und lauschte, als die Rohre st�hnten und �chzten. Anfangs war das Wasser braun, wurde jedoch rasch klar. Als sie schlie�lich in die tiefe alte Badewanne stieg, war es einfach nur himmlisch. Sie lehnte den Kopf zur�ck und lie� die Hitze zu ihren Knochen durchdringen. Hoffentlich hatten Abbie und Ben morgen bessere Laune. Es gab nichts Schrecklicheres, als mitten im Ehekrach von anderen Leuten festzusitzen, vor allem, da sie sich eigentlich auf ein gem�tliches und romantisches Wochenende gefreut hatte. Sie und Carter hatten ein gutes Leben in der Stadt. Ein gro�artiges Leben, wie wohl die meisten Leute sagen w�rden, aber sie mussten beide auch hart daf�r arbeiten. Es war Zeit, dass sie einmal ausspannten und sich ein wenig vergn�gten.</p><p>Als sie aus der Wanne stieg und die T�r zum Badezimmer �ffnete, tat Carter genau das, was sie sich vorgestellt hatte. Er sa� auf dem Bett, die Nase in einem Stapel Papiere vergraben.</p><p>Doch dann blickte er auf und sah sie in ihrem neuen Outfit von Victoria�s Secret. Sie war vielleicht nicht gerade Heidi Klum, aber sie sah gar nicht so �bel aus. Carters Papiere rutschten ihm auf den Scho�, und der Unterkiefer tat es ihnen beinahe gleich.</p><p>�Lass dich nicht st�ren�, schnurrte sie.</p><p>�Zu sp�t.�</p><p>Gut zu wissen, dachte sie, als sie sich in seine ausgebreiteten Arme kuschelte, dass sie immer noch jedes Fossil der Welt aus dem Rennen schlagen konnte.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>14. Kapitel</strong></p></title><p>Im Nachhinein dachte Russo, dass der Bootstrip vermutlich nicht die beste Idee gewesen war, aber da hatte er das Ticket bereits gekauft, und die frische Luft w�rde ihm vermutlich guttun.</p><p>Auf der Party gestern Abend hatte er zu viel getrunken. Kaum hatte er die Wohnung betreten und sich in das dichte Gedr�nge gest�rzt, war schon Bill Mitchell aufgetaucht und hatte ihm ein Glas Halloween-Punsch in die Hand gedr�ckt. Er wusste immer noch nicht, was genau das eigentlich gewesen war. Dann hatte Mitchell ihn �berall vorgestellt, als sei er der bekannteste Pal�ontologe Europas. �Er ist wegen eines supergeheimen Projekts in New York�, hatte Mitchell behauptet. �Wenn irgendjemand herausbekommt, worum es sich handelt, m�ge er sich bitte bei mir melden.�</p><p>Russo hatte sich M�he gegeben, die Sache herunterzuspielen, und sich ziemlich gut am�siert. Die Partyg�ste waren eine Mischung aus j�ngeren Fakult�tsmitgliedern, Doktoranden und sogar einigen Studenten. Er traf diese Studentin, Katie Coyne, die ihm im H�rsaal ein paar Fragen gestellt hatte. Sie war ein sehr verf�hrerisches und selbstherrliches junges Ding. Selbst auf der Party wollte sie alles M�gliche von ihm wissen. Wie er dahin gekommen sei, wo er heute stand, bei welchen Ausgrabungen er dabei gewesen sei, wo seiner Meinung nach die n�chsten gro�en Entdeckungen zu erwarten seien. Selten hatte er Studenten in ihrem Alter getroffen, die so auf ein Thema fixiert waren.</p><p>�Wenn Sie Ihren Abschluss haben�, sagte er, �besuchen Sie mich einmal in Rom. Ich glaube, Sie werden eines Tages gro�artige Arbeit leisten.�</p><p>Nach Mitternacht war er nach Hause getorkelt und am n�chsten Morgen sp�t aufgestanden. Er hatte sich nicht einmal die M�he gemacht, seine Bettdecke zusammenzulegen, da Beth und Carter erst Sonntagabend zur�ckkommen w�rden. Er war wild entschlossen, diese Circle Line Cruise mitzumachen. Er wollte ein bisschen Tourist spielen, und heute bot sich die perfekte Gelegenheit daf�r. Doch er hatte nicht mit dem flauen Gef�hl im Magen gerechnet. Ebenso wenig hatte er sich klar gemacht, wie viele Leute auf so einem Boot zusammengepfercht wurden, oder wie viele von ihnen pl�rrende Kinder sein w�rden, die teilweise schon in ihren Halloweenkost�men steckten. Er hatte probiert, drinnen in der Kabine zu bleiben, aber bei der Hitze und dem Tumult hatte er schlie�lich beschlossen, sein Gl�ck drau�en auf dem offenen Deck zu versuchen.</p><p>�ber die Lautsprecher wies der Kapit�n auf die verschiedenen Sehensw�rdigkeiten hin, an denen das Boot vorbeituckerte. Den South Street Seaport, die Brooklyn Bridge, Hell�s Gate, Gracie Mansion. Eine winzige Insel im East River, die sie passierten, erweckte Russos Aufmerksamkeit. Darauf hatte einst das st�dtische Krankenhaus f�r Pockenkranke gestanden, von dem heute nur noch ein Haufen Staub und Steine �brig geblieben war. Fr�her hatte man die Patienten dort hin�bergefahren und dann gewisserma�en sich selbst �berlassen, um zu verhindern, dass sie den Rest der Stadt ansteckten. Charles Dickens, so sagte der Kapit�n, sei einmal an dieser Insel mit dem Namen Blackwell�s Island vor�bergesegelt. Die Patienten hatten, zusammen mit den Insassen der benachbarten Irrenanstalt, ihm mit H�ten und Taschent�chern zugewinkt. Russo war immer �berrascht, wenn er in Amerika etwas entdeckte, das �lter als hundert Jahre war, und seien es Ruinen.</p><p>Als das Boot wieder anlegte, wartete Russo, bis die meisten Passagiere ausgestiegen waren, ehe er selbst das Boot verlie�. Obwohl die Fahrt relativ ruhig gewesen war, f�hlte es sich gut an, wieder an Land zu sein und nicht l�nger das Vibrieren der Motoren unter den F��en zu sp�ren. Es wurde rasch dunkel, aber der lange Fu�marsch nach Hause w�rde ihm ein wenig Bewegung verschaffen, so dass er in der Nacht vielleicht besser schlafen k�nnte. Er schlief immer noch schlecht, und selbst letzte Nacht, als er halb betrunken auf das Sofa gefallen war, war er mehrmals aus b�sen Tr�umen aufgeschreckt. Heute Abend wollte er versuchen, sich so m�de wie m�glich zu laufen.</p><p>Je mehr er sich dem West Village n�herte, desto wilder wurde die Stra�enszene. Als Vampire verkleidete M�dchen und Jungs in Cowboykleidung kamen ihm entgegen. Eine ganze Gruppe war mit braunen Roben als mittelalterliche B��er verkleidet, sie schwenkten qualmende R�uchergef��e und gei�elten sich selbst. Russo nahm an, dass es sich um eine W�rdigung von Bergmans <emphasis>Das Siebente Siegel</emphasis> handelte. Den ganzen Tag �ber war ihm noch nicht richtig nach essen zumute gewesen, aber jetzt stellte er fest, dass er langsam etwas im Magen brauchte. Als er vor einer Art italienischer Trattoria stand, fand er pl�tzlich, dass ein Teller mit hei�er Pasta Fagiolo jetzt genau das Richtige w�re. In Rom wohnte er �ber einem Lokal, in dem der Koch die beste Pasta kochte, die er je probiert hatte.</p><p>Was er schlie�lich vorgesetzt bekam, war kaum als Pasta erkennbar, und die Kidneybohnen h�tte er an den Fingern einer Hand abz�hlen k�nnen. Er wusste, dass man den Amerikanern nachsagte, sie w�rden italienisches Essen lieben, aber warum waren sie so versessen darauf, wenn sie <emphasis>so</emphasis> ein Zeug serviert bekamen? Er zahlte die Rechnung bar, lie� ein, wie er hoffte, angemessenes Trinkgeld liegen und ging wieder nach drau�en. In der letzten Stunde hatte sich die Stimmung eindeutig noch weiter aufgeheizt. Es waren noch mehr Menschen als vorher auf der Stra�e, gekleidet in alle m�glichen seltsamen Kost�me. Drei blau angemalte M�nner gingen zusammen mit einer Frau, die als Freiheitsstatue verkleidet war. Die Stra�en waren mit Autos und Taxis verstopft, die laut hupend versuchten, irgendwie vorw�rtszukommen. Soweit Russo beurteilen konnte, kam man zu Fu� immer noch am schnellsten voran, obwohl auch das nicht gerade einfach war.</p><p>Heute Nacht war Vollmond, ohne Zweifel ein Beitrag zu dem Irrsinn, und die Stadt erstrahlte im Lichterglanz der Ampeln, Scheinwerfer und Neonreklamen. Die roten Lichter der Polizeiwagen blinkten, und Dutzende von Feiernden trugen leuchtend gr�ne Ketten um den Hals oder die Stirn. W�hrend Russo sich seinen Weg durch die Menge bahnte, kam er sich immer mehr vor wie an Karneval, mit dem L�rm, den aufwendigen Kost�men, dem Geschiebe und Gedr�nge. Die Luft schien ganz erf�llt von einem Gef�hl der Aufregung und Erwartung, von Spannung und sexueller Erregung, von gezwungener Heiterkeit und sogar, um ganz ehrlich zu sein, dem Gef�hl der Bedrohung. Als Neuank�mmling in der Stadt war es interessant f�r ihn, das festzustellen, aber er konnte gut verstehen, warum Carter und Beth �ber das Wochenende aus New York weg wollten.</p><p>Als er endlich in der N�he des Washington Square war, waren die B�rgersteige so gedr�ngt voll, dass er kaum noch vorankam. St�ndig stie� er mit Leuten zusammen, entschuldigte sich, obwohl niemand ihn h�ren konnte oder sich darum k�mmerte, wurde gesto�en, angerempelt und geschubst. Ein Typ mit einem Plastikbecher Bier rumste gegen ihn und versch�ttete den Gro�teil des Biers �ber seinen Regenmantel, dann wuselte er ohne ein Wort oder auch nur einen Blick weiter. So gut es ging, wischte Russo das Bier ab. Vielleicht k�me er schneller voran, wenn er die Hauptstra�en mied, und k�nnte sich auf diese Weise besser zur Wohnung durchk�mpfen. Als er sich dem Bio-Geb�ude n�herte, bog er in eine Seitenstra�e ab und beschloss, hinter dem Haus entlangzugehen.</p><p>Er bog um die Ecke des massiven Altbaus aus gelbem, l�ngst braun gewordenem Backstein, und auf der Stelle lie� das Gedr�nge nach. Es gab zwar Feiernde, aber die waren ganz versessen darauf, sich wieder ins Get�mmel zu st�rzen. Sobald er noch einmal abgebogen war und hinter dem Ladebereich entlangging, entdeckte er nur noch wenige Nachz�gler sowie den Transvestiten, der immer hier war. Ein hochgewachsener Mann in rotem Wildledermantel, der am hinteren Fenster einer im Leerlauf wartenden Limousine lehnte. Er arbeitete selbst an Halloween, und Russo fand, das habe etwas Lobenswertes an sich.</p><p>Unwillk�rlich wanderte sein Blick zu den gro�en verschlossenen Stahlt�ren. Er wollte gerade wieder wegsehen, als ihm etwas ins Auge fiel. Zuerst war er nicht einmal sicher, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte, aber dann merkte er, dass unter der Seitent�r auf der H�he der Laderampe ein schmaler Lichtschein hindurchschimmerte.</p><p>Er blieb stehen. Hatte er am Freitag die Scheinwerfer angelassen, als er gegangen war?</p><p>Nein. Er erinnerte sich deutlich, dass er sie ausgeschaltet hatte und sich noch einmal nach dem Laser und der Felsplatte umgedreht hatte, ehe er die T�r abgeschlossen hatte.</p><p>Konnte der Hausmeister, Hank, dort drin sein? Ziemlich unwahrscheinlich, besonders um diese Uhrzeit, fast zehn Uhr an einem Samstagabend.</p><p>Er wollte weitergehen und einfach so tun, als h�tte er nichts gesehen, aber er wusste, dass er das nicht fertigbrachte. Er musste nachsehen, was dort vor sich ging. Er tastete in seiner Tasche nach dem Schl�ssel und stieg die Betonstufen zur Laderampe hinauf. An der T�r blickte er noch einmal nach unten. Ja, durch den d�nnen Spalt am Boden drang ein Lichtschimmer. Er legte das Ohr an das kalte Metall und h�rte leise Radiomusik.</p><p>K�nnte Carter unangek�ndigt fr�her zur�ckgekommen sein? <emphasis>Das</emphasis>, so stellte er erleichtert fest, war durchaus m�glich. Russo wusste, dass Carter insgeheim hoffte, dieses Fossil k�nnte eine Verwandtschaft zwischen V�geln und Dinosauriern belegen. Vielleicht war er �berst�rzt zur�ckgekommen, jetzt, wo er so nah daran war, den endg�ltigen Beweis f�r seine Lieblingstheorie zu finden. M�glicherweise war ihm langweilig geworden, schon nach einem Tag auf dem Land, und er konnte es nicht abwarten, sich wieder an die Arbeit zu machen.</p><p>Von diesem Gedanken aufgemuntert, schloss Russo die T�r auf und betrat das improvisierte Labor. Seine erste Schlussfolgerung war, dass er recht gehabt hatte. Aus dem Radio pl�rrte Rock �n� Roll, alle Deckenscheinwerfer waren eingeschaltet, und die Plastikplane, die er �ber das Laserger�t geworfen hatte, lag auf dem Schreibtisch.</p><p>Doch zu seiner ungeheuren �berraschung war der Laser in Betrieb und gab ein regelm��iges schrilles Jaulen von sich. Das Ger�t war verschoben worden, so dass sein Lauf direkt auf einen Abschnitt des Felsens deutete und diesen sogar beinahe ber�hrte. Hatte Carter beschlossen, weiterzumachen und es auf eigene Faust zu versuchen? Russo war verdutzt, denn es hatte den Anschein gehabt, sie w�rden solche Dinge nur zusammen machen. Es gab so viel vorzubereiten, so viele Vorsichtsma�nahmen zu beachten, so viele Schritte, um zu gew�hrleisten, dass diese Prozedur sicher ablief und brauchbare Ergebnisse lieferte. Er und Carter waren sich von Anfang an einig gewesen, dass sie es mit einem furchtbar zerbrechlichen und explosiven Fundst�ck zu tun hatten, das mit gr��ter Behutsamkeit zu behandeln war. Aber jetzt, als Russo ins Labor schaute, kam Carter mit einer dicken Schutzbrille vor den Augen von der anderen Seite des Felsens herum und ging zuversichtlich auf den Laser zu.</p><p>Nur, dass es nicht Carter war, wie er pl�tzlich begriff.</p><p>Dieser Typ war zu klein, und das Haar war lang und str�hnig. Als er her�berblickte und Russo entdeckte, schob er die Brille hoch und sagte verlegen: �Oh, hallo. Ich hatte nicht damit gerechnet, Sie heute Abend hier zu sehen.�</p><p>�Mitchell?�, fragte Russo erstaunt. �Was tun Sie hier?�</p><p>Mitchell sah aus, als fehlten ihm die Worte. Aber der summende Laser beantwortete die Frage f�r ihn, ohne dass er einen Ton sagen musste. Und das wusste er.</p><p>�Wie sind Sie hier hereingekommen?�, fragte Russo und durchquerte das Labor.</p><p>�Durch den Lagerraum. Ich meine, ich musste keine Schl�sser knacken oder so.�</p><p>�Dies hier ist ein privates Labor. Sie haben kein Recht, sich hier aufzuhalten.�</p><p>Mitchell sah aus, als suchte er erneut verzweifelt nach einer Antwort. �Hey, Sie k�nnen so ein Geheimnis nicht lange unter Verschluss halten.� Er l�chelte verschlagen. �Ein privates Labor, eine Lieferung aus �bersee, die Anforderung eines Lasers � Ich bin kein Sherlock Holmes, aber das war kaum zu �bersehen.�</p><p>�Woher wussten Sie �berhaupt irgendetwas davon?�, fragte Russo entr�stet.</p><p>�Ich wei� eine Menge�, sagte Mitchell, in dem sich langsam ebenfalls Zorn zu regen begann. �Und f�r den Fall, dass Sie es vergessen haben, ich bin hier Juniorprofessor. Ich denke, ich habe ein Recht darauf, zu wissen, was hier vor sich geht.�</p><p>�Sie sind nicht berechtigt, hier hereinzukommen und � sich in unsere Experimente einzumischen.�</p><p>�Ich muss schon sagen, Joe, Sie haben echt Nerven.� Er zog die Brille von seinem Kopf und schob sich das str�hnige Haar hinter die Ohren. �Sie geh�ren nicht einmal zur Fakult�t hier, im Gegensatz zu mir, und Sie wollen mir erz�hlen, was ich in diesem Fachbereich tun darf und was nicht? Ich war nett zu Ihnen, habe Sie zu meiner Party eingeladen, habe mich bem�ht, freundlich zu sein. Und was ist der Dank daf�r? Mit keinem einzigen Wort haben Sie mir verraten, warum Sie hier sind oder was Sie machen oder was�, dabei deutete er auf den schwarzen Felsblock, �f�r ein unglaubliches Ding sich in diesem Stein verbirgt.�</p><p>Russo warf einen raschen Blick auf den Felsen. Der Laserstrahl war exakt auf die Stelle gerichtet, von der sie die Probe der versteinerten Klaue genommen hatten. Ein sehr feiner, aber �tzender Geruch lag in der Luft.</p><p>�Wie lange l�uft der Laser schon?�, fragte Russo hastig.</p><p>�Ein paar Minuten, mehr nicht�, sagte Mitchell. �Ich wollte gerade ausprobieren, was der so alles kann.�</p><p>�Schalten Sie ihn aus. Sofort!�</p><p>�Ich glaube, das darf man nicht machen. Sobald er einmal eingeschaltet ist, muss man ihn mindestens ��</p><p>Russo erinnerte sich noch an genug von der Einf�hrung durch den Techniker, um zu wissen, wo sich der Ein-und Ausschalter befand. Er ging um das Ger�t herum zur R�ckseite und beugte den Kopf �ber das Bedienungspaneel, doch Mitchell kam ihm zuvor.</p><p>�Es wird schon nicht schaden, ihn noch eine Weile laufen zu lassen�, sagte er und legte die H�nde �ber die Kontrollschalter.</p><p>�Der Stein ist sehr, sehr gef�hrlich�, sagte Russo. Der Geruch nach Verbranntem wurde st�rker. �Nehmen Sie die H�nde weg!�</p><p>�Was soll so gef�hrlich daran sein?�, fragte Mitchell, obwohl er seine H�nde fortnahm.</p><p>�Gase! Sie sind darin eingeschlossen!� Russo stie� Mitchell grob aus dem Weg.</p><p>Mitchell musste den Brandgeruch ebenfalls bemerkt haben. �Ich dachte, der Laser w�rde auf kalte Weise brennen. Es funktioniert auf Argon-Basis, und das bedeutet ��</p><p>Es gab einen Knall, nicht lauter als ein Luftballon, in den jemand eine Nadel gestochen hatte.</p><p>Russo wurde pl�tzlich in die Luft gehoben und von einer ohrenbet�ubenden Druckwelle aus sengend hei�em Wind und grellem Licht quer durchs Labor geschleudert. Er knallte gegen die gegen�berliegende Wand und rutschte auf den Betonfu�boden, w�hrend ein Flammenmeer gleich einer blitzartigen Woge durch das Labor auf ihn zukam. Er konnte sich nicht bewegen, doch er h�tte ohnehin keine Zeit mehr gehabt. Die Flammen verschlangen den Boden, dann seine Beine, seinen K�rper, reinigten ihn, versengten ihn, wuschen �ber sein Gesicht und knisterten in seinem Haar. Das Labor erbebte unter der Explosion und warf das Br�llen zur�ck. Die Deckenscheinwerfer barsten, die Luft war erf�llt von einem dichten Schauer aus zerbrochenem Glas. Ein Hagel aus Scherben und Kiesel ging nieder, Steine schossen wie Gewehrkugeln durchs Labor.</p><p>Russo konnte nicht atmen und kaum etwas sehen. Die Flammen rasten durch den Raum, leckten an den W�nden und T�ren, wie wilde Hunde, die sich zu befreien versuchten. In der Luft lag ein feiner schwarzer Staubnebel, der vom pulverisierten Felsen stammte.</p><p>Doch das Labor war nicht dunkel.</p><p>Selbst mit seinen verletzten Augen konnte Russo das Licht erkennen. Ein wei�es schimmerndes Licht in der Mitte des Raumes, genau dort, wo sich die Felsplatte befunden hatte. Das Licht schien sich zu bewegen, es schien � eine Gestalt zu formen.</p><p>Er versuchte zu atmen. Der Geruch seiner eigenen schwelenden Kleidung und Haut stieg ihm in die Nase.</p><p>Schwankend erhob sich die Gestalt.</p><p>Mitchell?, dachte er. Nein, das war nichts, was er je zuvor gesehen h�tte �</p><p>Sie schien sich auszudehnen, gleich einem Adler, der seine Schwingen ausbreitete.</p><p>War er tot? War dies sein � Hirte?</p><p>Die Gestalt leuchtete wie eine Lichts�ule, und sie bewegte sich. Auf ihn zu.</p><p>Russo blinzelte, aber nichts schien zu geschehen. Waren seine Lider verschwunden? Seine Augen schmerzten, Teile seines K�rpers brutzelten immer noch wie ein Steak, das man gerade vom Grill genommen hatte. Seine H�nde lagen nutzlos an den Seiten.</p><p>Die Gestalt kam n�her. Russo bem�hte sich, die brennende Luft einzuatmen. K�mpfte darum, wach zu bleiben. Am Leben.</p><p>Er starrte hinauf in den schwarzen Nebel.</p><p>Die Gestalt schwebte �ber ihn und musterte ihn. Beschn�ffelte ihn.</p><p>Sie war so hell, so gl�hend hei�, dass Russo sie kaum ansehen konnte, doch ebenso wenig ertrug er die Vorstellung, den Blick abzuwenden.</p><p>Denn es war das Sch�nste, das er je gesehen hatte.</p><p>Ein Gesicht aus purem Licht. Ein menschliches Gesicht, aber kein Mensch. Perfekt, wundersch�n und furchteinfl��end. Das Letzte, das er je erblicken w�rde.</p><p><emphasis>Du leidest.</emphasis></p><p>Es waren keine wirklichen Worte, sondern eher ein Gedanke, den Russo wahrnahm, als sei er in seinen Kopf gepflanzt worden.</p><p>Die Gestalt streckte die Hand aus. Eine Hand, keine Klaue, aus purem Licht, ber�hrte seinen Kopf. Es war, als w�rde ein Eiszapfen �ber seinen versengten Sch�del streichen.</p><p><emphasis>Leiden ist ein Geschenk Gottes.</emphasis></p><p>Wieder empfing er diesen Gedanken wie durch Telepathie.</p><p>Die Gestalt erhob sich und begann sich zu entfernen. Russo hatte entsetzliche Angst, sie k�nnte bleiben, aber zur gleichen Zeit f�rchtete er, sie k�nnte gehen und ihn in diesem Inferno zur�cklassen.</p><p>Schimmernd schwebte sie auf die Stahlt�ren zu, sie wogte und drehte und schl�ngelte sich � ein strahlendes Licht von der Gr��e eines Mannes.</p><p>Und dann �berw�ltigte ihn die H�llenqual. Als h�tte er seine Kr�fte f�r einen letzten Angriff aufgespart, schwoll der Schmerz in ihm an, und Russo kippte auf den Betonfu�boden, zu verbrannt, um auch nur zu schreien.</p><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>Zweiter Teil</strong></p></title><section><title><p><strong>15. Kapitel</strong></p></title><p>Ironischerweise hatte Carter erst am Sonntagnachmittag, als es Zeit wurde zu packen und in den Mahlstrom der Stadt zur�ckzukehren, das Gef�hl, sich allm�hlich auf dem Land zu entspannen.</p><p>Joe hatte das ganze Wochenende �ber nicht angerufen, aber auf der anderen Seite hatte Carter sich auch nicht gemeldet. Am Samstag hatte er sich ein paar Stunden in die detaillierte Beschreibung des Lasers vertieft, bis Beth schlie�lich darauf bestanden hatte, dass er das Handbuch beiseitelegte und mit ihr einen Spaziergang durch den Wald machte. Abbie und Ben schienen ihren Streit, den sie auf der Fahrt hierher ausgetragen hatten, beigelegt zu haben und luden sie zum Apfelpfl�cken auf eine nahegelegene Apfelplantage ein. Jetzt hatten sie einen Zentner frische �pfel, und Carter fragte sich, was um Himmels willen sie damit anfangen sollten.</p><p>Nicht einmal Joe w�re in der Lage, mehr als ein Dutzend davon zu vertilgen.</p><p>Auf dem R�ckweg in die Stadt duftete es im Wagen nach �pfeln und dem K�rbiskuchen, den Abbie und Beth am Morgen gebacken hatten. Ben schaltete das Radio ein, um die Verkehrsmeldungen zu h�ren. �Solange ich nichts anderes h�re�, sagte Ben, �halte ich mich an den Saw Mill River Parkway.�</p><p>Doch zuerst mussten sie eine ganze Reihe von Werbespots �ber sich ergehen lassen, anschlie�end den Wetterbericht und mehrere Minuten idiotischen Gepl�nkels zwischen den beiden �berkandidelten und nervt�tenden Moderatoren Gary und Gil. Carter achtete nicht auf ihre Betrachtungen �ber Elvira, die gro�z�gig ausgestattete Herrin der Dunkelheit � �Ich meine, sind diese Br�ste wirklich echt? Sie sind seit drei�ig Jahren genau an der gleichen Stelle!� Aber dann spitzte er doch die Ohren, als Gil sagte: �Und was ist das f�r eine verr�ckte Geschichte mit den New Yorker Kirchenglocken letzte Nacht?�</p><p>�Das ist unheimlich, was?�, klinkte Gary sich ein.</p><p>�F�r alle, die immer noch zu verkatert von der Halloweenparty sind, um sich daran zu erinnern, was gestern Abend um genau sechzehn Minuten nach zehn passiert ist: Jede Kirchenglocke in Manhattan ��</p><p>�� und wir meinen <emphasis>jede</emphasis> Glocke in jeder Kirche�, mischte sich Gary erneut ein.</p><p>�� hat wie verr�ckt zu l�uten angefangen.�</p><p>�Wie eine Art Warnsignal bei einem Luftangriff�, sagte Gary.</p><p>�Sie kommen! Sie kommen!�, rief Gil.</p><p>�Aber nichts kam, stimmt�s?�</p><p>�Das will ich doch hoffen.�</p><p>�Aber eins sag ich dir, wenn das eine Art Halloweenstreich war ��</p><p>�Was sollte es sonst gewesen sein?�, fragte Gil.</p><p>�� dann haben die Jungs einen erstklassigen Job gemacht, um das alles zu koordinieren. Wie um alles in der Welt schafft man es, jede Kirchenglocke, von der altmodischen Sorte, die immer noch ganz oben in ihrem Turm h�ngt, bis zu den elektronisch gesteuerten Glockenspielen in Kirchen wie der St. Patrick�s Cathedral, gleichzeitig zum L�uten zu bringen?�</p><p>�Und warum ausgerechnet um sechzehn Minuten nach zehn?�, fragte Gil sich laut. �Ich f�r meinen Teil h�tte ja bis Mitternacht gewartet, wenn ich so etwas geplant h�tte.�</p><p>�Ich kann jedenfalls sagen, wenn die Leute, die hinter diesem Halloweentrick stecken, uns jetzt zuh�ren, ruft uns an unter 1�800-GIL-GARY, und erz�hlt uns, wie ihr das durchgezogen habt. Echt eine coole Sache!�</p><p>�Total irre.�</p><p>Ben drehte das Radio leiser. �Wetten, dass da dieser Magier dahintersteckt, dieser David Blaine? Der, der schon einmal in einem Eisblock am Times Square gestanden hat?�</p><p>�Aber wenn er nicht sagt, dass er es war�, erwiderte Carter, �was f�r einen Zweck sollte das Ganze dann haben?�</p><p>�Vielleicht wartet er nur eine Weile, damit es um so geheimnisvoller wirkt?�</p><p>�In dieser Stadt ist das am Dienstag doch schon Schnee von gestern�, warf Abbie ein. �Er sollte sich besser schnell zu erkennen geben.�</p><p>Nach dem Verkehrsbericht lie� Ben das Radio an. Aus der ganzen Stadt riefen Leute an und schalteten sich in die Diskussion um die l�utenden Glocken ein. Ein paar von ihnen unterst�tzten die Theorie vom Halloweenstreich, aber die meisten Anrufer pl�dierten zu Carters Best�rzung f�r eine �bernat�rliche, oder, um es anders zu formulieren, eine <emphasis>irrationale</emphasis> Ursache. Ein Typ behauptete, der �Geist des Houdini hat das bewerkstelligt, um zu beweisen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt�, doch die meisten bevorzugten eher traditionelle religi�se Erkl�rungen. Ein Mitglied der Zeugen Jehovas rief an, um zu erkl�ren, es handele sich um ein Zeichen der bevorstehenden Apokalypse. Ein Pfarrer aus Harlem meldete sich und schlug vor, dass es vielleicht ein Warnsignal f�r New York sei, �das Sodom und Gomorrha unseres Landes�, um die Stadt von ihrem verderbten Weg abzubringen. Und ein Theologieprofessor von der Columbia-Universit�t erkl�rte, dass das L�uten der Kirchenglocken an Halloween ein altes Mittel sei, um Hexen abzuwehren.</p><p>�Fr�her dachte man�, so fuhr der Professor fort, �dass, wenn die Kirchenglocke l�utete, w�hrend eine Hexe dar�ber hinwegflog, der Klang der Glocke sie erledigen w�rde wie eine Rakete.�</p><p>�Wir m�ssen also nichts weiter tun�, unterbrach der Moderator Gil ihn, �als in den Stra�en nach abgest�rzten Hexen Ausschau zu halten?�</p><p>�Nun, das k�nnen Sie nat�rlich gerne machen�, erwiderte der Professor, �aber ich an Ihrer Stelle w�rde nicht allzu viel Zeit damit verschwenden.�</p><p>�Ich glaube immer noch, dass dieser David Blaine dahintersteckt�, sagte Ben. �Hat jemand was dagegen, wenn ich den Sender wechsle? Mehr von Gary und Gils Affentheater ertrage ich nicht.�</p><p>Niemand erhob Einw�nde, und Ben dr�ckte ein paar Kn�pfe, ehe er den �ffentlichen Sender NPR fand.</p><p>Den Rest des Weges in die Stadt h�rten sie sich eine Nachrichtensendung an, in der �ber vern�nftigere Themen gesprochen wurde. Sobald sie das West Village erreicht hatten, man�vrierten sie durch die verstopften Stra�en, bis sie vor Beths und Carters Wohnhaus anhielten.</p><p>�Vielen Dank, es war klasse�, sagte Beth und stieg aus dem Wagen, wobei sie vorsichtig den K�rbiskuchen balancierte.</p><p>Carter stieg auf der anderen Seite aus und lud mit Bens Hilfe ihre Taschen aus dem Kofferraum, zusammen mit einem Vorrat an �pfeln, der bis an ihr Lebensende reichen w�rde.</p><p>�Iss sie nicht alle auf einmal�, sagte Ben.</p><p>�Zum Gl�ck haben wir einen hungrigen Hausgast�, sagte Carter. �Danke f�r das Wochenende. Es war genau das, was der Arzt befohlen hatte.�</p><p>�Kommst du, Carter?�, rief Beth von der Treppe her. �Abbie und Ben wollen heute Abend bestimmt auch noch mal nach Hause.�</p><p>�Bis dann�, sagte Carter, nahm eine kleine Tasche in die eine und den Sack mit �pfeln in die andere Hand.</p><p>Oben angekommen, klopfte er zuerst an, um Joe vorzuwarnen.</p><p>�Ich glaube nicht, dass er zu Hause ist�, sagte Beth. �Die Zeitung liegt immer noch auf der Fu�matte.�</p><p>Sie hatte recht. Die Sonntagsausgabe der <emphasis>Times</emphasis> ruhte mit ihren ganzen zw�lf Pfund vor ihrer T�r.</p><p>Nirgends in der Wohnung brannte Licht, und als Carter es einschaltete, stellte er fest, dass Joe tats�chlich nicht hier war. Sein Bettzeug, das er normalerweise zusammengelegt unter den Couchtisch stopfte, lag immer noch auf dem Sofa und teilweise auf dem Boden. Und das Kruzifix, das er in der Nacht von Joes Ankunft gesehen hatte, hing wieder an der Wand.</p><p>Beth zerrte die �pfel in die K�che.</p><p>�Ist da irgendwo eine Nachricht?�, fragte Carter. �Ich frage mich, wo er steckt.�</p><p>�Nichts�, sagte sie. �Keine Nachricht.� Sie kam wieder zur�ck. �Im Badezimmer ist er auch nicht, oder?�</p><p>�Nein�, sagte Carter.</p><p>�Bisher hat er jeden Morgen das Bettzeug weggepackt�, grummelte sie und schaute zum Sofa hin�ber. �Und was ist das da an der Wand?�</p><p>W�hrend Beth hin�berging, um einen Blick darauf zu werfen, versuchte Carter, sich einen Reim auf alles zu machen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es sah Joe gar nicht �hnlich, das Sofa in so einem Durcheinander zu hinterlassen, und es passte auch nicht zu ihm, die Zeitung auf der Fu�matte liegen zu lassen. Er las gerne Zeitung.</p><p>�Carter, hast du das hier gesehen? Ein Kruzifix. Ich wusste gar nicht, dass Joe religi�s ist.�</p><p>�Ich auch nicht. Er war es auch nicht, als ich ihn in Europa kennengelernt habe.�</p><p>�Mir f�llt gerade etwas ein�, sagte sie mit einem halben L�cheln. �Hast du nicht gesagt, er w�rde zu Bill Mitchells Party gehen?�</p><p>�Ja. Ich habe ihm die Einladung gegeben.�</p><p>�Vielleicht hat er da jemanden kennengelernt.�</p><p>�Das war Freitagabend.�</p><p>�Ich wei�, aber vielleicht haben sie die letzte Nacht zusammen verbracht, hier.� Sie sah auf die zerw�hlten Decken und Laken auf dem Sofa. �Meinst du, wir h�tten ihm sagen sollen, dass er gerne das Schlafzimmer benutzen kann, solange wir nicht da sind?� Vorsichtig hob sie den Saum des Lakens an und warf es zur�ck aufs Sofa. �Vielleicht ist er gerade bei dieser geheimnisvollen Frau.�</p><p>Das war sicherlich m�glich. Carter hatte Joe zwar nicht unbedingt als Frauenheld erlebt, aber das war damals auf der Ausgrabungsst�tte auf Sizilien gewesen. Hier in New York hatte er wom�glich ein besonderes Prestige; hier war er ein bedeutender Wissenschaftler, der gerade aus Italien zu Besuch weilte.</p><p>�Wollen wir uns etwas vom Chinesen zu essen bestellen?�, fragte Beth. �Ich bin zu m�de, um noch einmal rauszugehen.�</p><p>�Nein, so hungrig bin ich nicht�, sagte er. �Wenn es dir nichts ausmacht, w�rde ich gerne noch mal r�ber zum Labor und nachschauen, ob Joe da ist.�</p><p>�Es macht mir gar nichts aus. Ich bin vollkommen erledigt. Warum geht ihr nicht noch ein wenig aus und am�siert euch?�</p><p>Sich zu am�sieren war nicht unbedingt das, was Carter im Sinn hatte, als er die Treppe wieder hinunterstieg. Er hatte immer noch ein merkw�rdiges Gef�hl. Als er nach Hause gekommen war, hatte er erwartet, Joe vor dem Fernseher zu finden, die F��e hochgelegt. Stattdessen hatte er ein ungemachtes Bett vorgefunden. Dazu das Kruzifix und die Zeitung vor der T�r. Nichts davon ergab einen Sinn.</p><p>An der Ecke wartete Carter, dass es gr�n wurde. Vielleicht benahm er sich einfach l�cherlich, und Beth hatte recht. Vielleicht war Joe auf der Party schlicht von einer Frau angebaggert worden und war jetzt mit ihr unterwegs und gl�cklich. M�glicherweise hatte er sie zu dieser Circle Line Cruise mitgeschleppt, die er machen wollte. Wenn sie da mitgekommen war, dann mussten sie echt verliebt sein.</p><p>Oder er war im Labor und fragte sich, was Carter so lange davon abhielt, wiederzukommen und weiterzuarbeiten.</p><p>Als Carter sich der Vorderseite des Bio-Geb�udes n�herte, meinte er, einen leichten Geruch von Asche wahrzunehmen. Und als er seitlich herumging, um durch den Ladebereich ins Labor zu gelangen, wurde der Geruch st�rker. Zu Halloween flippte das West Village immer ein wenig aus, und Carter nahm an, dass jemand am Abend unbedingt ein Lagerfeuer veranstalten musste. Doch als er zur R�ckseite des Geb�udes kam, sah der gelbe Backstein, der schon immer ziemlich schmutzig gewesen war, noch schlimmer aus als sonst, schwarz, schmutzig und verru�t. Der Rauchgeruch war �berw�ltigend.</p><p>Er sah den nassen Beton, das gelbe Polizeiband, die h�lzernen Absperrungen, die verbogenen Stahlt�ren und blieb stehen.</p><p>Was war hier passiert?</p><p><emphasis>Joe.</emphasis></p><p>Er rannte auf den Ladebereich zu und �berwand ohne M�he zwei der Absperrungen aus Holz. Niemand war zu sehen bis auf zwei Studenten auf der anderen Stra�enseite, die sich fl�chtig den Schaden besahen. Einer von ihnen hatte einmal in Carters Einf�hrungsseminar gesessen.</p><p>�Wissen Sie, was hier passiert ist?�, rief Carter ihnen zu.</p><p>�Ich habe geh�rt, es habe gebrannt. Mehr wei� ich nicht�, sagte sein ehemaliger Student.</p><p>�Wurde jemand verletzt?�</p><p>Der andere erwiderte: �Ja, ich glaube schon. Aber ich wei� nicht, wer es war.�</p><p>Carter sprang auf die Laderampe, die zur Seitent�r f�hrte. Ein Polizeiband klebte quer dar�ber, ebenso ein Warnschild der Feuerwehr</p><p><emphasis><strong>LEBENSGEFAHR �</strong></emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong>ZUTRITT BIS AUF WEITERES VERBOTEN.</strong></emphasis></p><p>Carter riss das Band ab und zerrte seinen Schl�ssel hervor. Er schloss die T�r auf, aber sie hatte sich im Rahmen verzogen und klemmte. Mit der Schulter stemmte er sich dagegen und dr�ckte sie gewaltsam auf, bis sie �ber den Beton quietschte.</p><p>�Hey, Professor, ich glaube, das ist nicht sicher�, rief sein Student.</p><p>Aber Carter hatte die T�r weit genug ge�ffnet, um hineinschl�pfen zu k�nnen.</p><p>Au�er dem Licht, das durch die offene T�r hereinfiel, war das improvisierte Labor dunkel. Trotzdem war es hell genug, um zu erkennen, dass der Raum vollkommen verw�stet war. Der Boden war nass und mit grauem Schutt, verkohltem Holz und zerbrochenem Glas bedeckt. Die leeren Geh�use der Deckenscheinwerfer baumelten nutzlos von der Decke herunter. Und in der Mitte des Raumes, dort, wo das Fossil gestanden hatte, war selbst der Betonfu�boden verschwunden. An der Stelle war eine Senke entstanden, fast drei�ig Zentimeter tief und gleichm��ig schwarz ausgebrannt. Es sah aus, als h�tte dort eine Bombe eingeschlagen.</p><p>War es das, was geschehen war? Hatte es eine Explosion gegeben? Sie hatten immer vermutet, dass in der Felsplatte gef�hrliche Gase eingeschlossen waren. Aber das Gestein war stabil gewesen, und sie waren noch nicht mit dem Laser rangegangen.</p><p>Oder doch?</p><p>Und wo war Joe? War er im Labor gewesen, als der Unfall, oder was immer es gewesen war, sich ereignet hatte?</p><p>Carter lie� sich das alles durch den Kopf gehen und versuchte, einen Sinn darin zu erkennen, als er auf der anderen Seite des Labors einen Lichtschimmer bemerkte.</p><p>�Wer ist da?�, rief eine Stimme. �Hier ist der Zutritt verboten!�</p><p>Es war der Hausmeister.</p><p>�Ich bin�s, Hank � Carter Cox.�</p><p>Hank kam, eine gro�e Taschenlampe schwenkend, aus dem Lagerraum. �Wusst ich�s doch, dass ich was geh�rt hatte.�</p><p>�Hank, was ist passiert? Wo ist Professor Russo?�</p><p>Hank schlurfte herein und bahnte sich seinen Weg durch die nassen Tr�mmer. �Wer zum Teufel wei� schon, was passiert ist? Ich wei� nur, dass es nicht die Lampen waren.�</p><p>�Die was?�</p><p>�Der Brandermittler behauptet, dass die Scheinwerfer schuld sind, die ich aufgeh�ngt habe, mit dem separaten Verteilerkasten. Aber die Lampen waren astrein, ich habe sie selbst �berpr�ft.�</p><p>�War Russo hier, als es passierte?�, wiederholte Carter.</p><p>Hank holte Luft, als sei dies eine Frage, auf die er am liebsten keine Antwort gegeben h�tte. �Er und dieser andere Typ, der junge Prof.�</p><p>�Welcher andere junge Professor?�</p><p>�Mitchell sowieso.�</p><p>�Bill Mitchell?� Was zum Teufel hatte der hier zu suchen gehabt? Er h�tte im Grunde nicht einmal wissen d�rfen, dass dieses Behelfslabor �berhaupt existierte.</p><p>�Jau. Er hat das meiste abbekommen.� Schweigend biss Hank sich auf die Lippen. �Er ist tot.�</p><p>Carter war ersch�ttert. Sprachlos.</p><p>�Das Letzte, was ich geh�rt habe, ist, dass Ihr Freund Russo noch lebt. Aber nur so gerade eben. Er liegt dr�ben im St. Vincent�s.�</p><p>Hank hatte den Satz kaum beendet, als Carter sich schon abgewandt und auf den Weg gemacht hatte.</p><p>�Ich wei� nicht, was hier schiefgelaufen ist�, rief Hank ihm nach, �aber die Lampen waren es nicht.�</p><p>Drau�en rannte Carter gerade die Treppe der Laderampe hinunter, als eine Limousine am Stra�enrand anhielt und eine hochgewachsene schwarze Prostituierte in einer kurzen wei�en Kaninchenfelljacke auf der Beifahrerseite ausstieg. Der Wagen fuhr rasch weiter. Erst als Carter an der Hure vorbeiging und diese ihn am �rmel packte, begriff er, dass es ein Mann in Frauenkleidung war.</p><p>�Arbeiten Sie in diesem Geb�ude?�, fragte er.</p><p>Aber Carter hatte den Arm bereits zur�ckgezogen. �Lassen Sie mich los, ich habe es eilig.�</p><p>�Ich sagte, arbeiten Sie in diesem Geb�ude? Wenn ja, dann m�chte ich n�mlich wissen, was da drin vor sich geht.�</p><p>�Wovon reden Sie?�</p><p>�Ich war letzte Nacht hier, und ich habe gesehen, was da rauskam.�</p><p>Widerwillig blieb Carter stehen. �Was sagen Sie da? Was haben Sie gesehen, was kam da raus?�</p><p>�Das ist es ja, was ich gerne w�sste. Ich sah einen Mann, aber eigentlich war es kein Mann. Er bestand vollkommen aus Licht, und er leuchtete.�</p><p>Der Typ war nicht ganz dicht.</p><p>�Sch�n f�r Sie. Aber jetzt muss ich gehen.�</p><p>Doch der Mann folgte ihm und packte ihn erneut am �rmel. Er war stark genug, um Carter aufzuhalten und ihn halb herumzuwirbeln. �Ich habe dem Mann � dem Mann, der eigentlich keiner war � meinen Mantel gegeben. Meinen besten roten Mantel. Wissen Sie, warum?�</p><p>�Warum?�</p><p>Der Transvestit blickte ihm direkt in die Augen. �Weil er keinen Fetzen Stoff am Leib hatte.�</p><p>Carter riss sich los und wandte sich ab. Er hatte keine Zeit f�r diesen Quatsch.</p><p>�Und wissen Sie, aus welchem Grund ich es noch tat?�, rief der Transvestit ihm nach. �Weil ich glaube, dass dieser Mann ein Engel ist.�</p><p>An der Ampel musste Carter stehen bleiben und auf Gr�n warten. Als sie endlich umsprang, eilte er �ber die Stra�e.</p><p>�Ich behalte Sie im Auge�, rief der Typ. �O ja! Ich wei�, dass hier etwas nicht stimmt.�</p><p>Dessen war Carter sich sicher. Aber was immer dieser Kerl gesehen haben mochte oder auch nicht, er hatte keine Zeit, es herauszufinden. Er musste so schnell wie m�glich ins Krankenhaus. Er blieb nicht einmal stehen, um ein Taxi anzuhalten, weil er das f�r eine nicht tolerierbare Verz�gerung hielt. Er musste in Bewegung bleiben, und das tat er. Er wich anderen Fu�g�ngern aus, rannte �ber die Stra�en, sobald es gr�n wurde, und hastete die letzten Blocks auf das Krankenhaus zu.</p><p>Solange er sich auf den Weg konzentrierte, musste er nicht dar�ber nachdenken, was Joe zugesto�en sein mochte. Und in welchem Zustand er ihn im St. Vincent�s finden w�rde. Lebend oder � sein Verstand konnte es nicht einmal denken. Noch nicht.</p><p>Die Ampel sprang auf Gr�n, und er rannte �ber eine weitere Stra�e.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>16. Kapitel</strong></p></title><p><emphasis>Feuer.</emphasis></p><p><emphasis>Dann Licht.</emphasis></p><p><emphasis>Wie zuvor.</emphasis></p><p><emphasis>Vor so langer Zeit.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Und dann, wieder Nacht.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Eine Nacht indes, erf�llt mit Licht, �berall.</emphasis></p><p><emphasis>Und Kl�ngen. So vielen Kl�ngen.</emphasis></p><p><emphasis>Und Stimmen. So vielen Stimmen.</emphasis></p><p><emphasis>So vielen � Menschen.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>War es das � was daraus entstanden war?</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>K�lte.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Ein Umhang.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>So viele Menschen.</emphasis></p><p><emphasis>�berall, und sie redeten.</emphasis></p><p><emphasis>Verschiedene Stimmen.</emphasis></p><p><emphasis>Ihre Ger�che.</emphasis></p><p><emphasis>Jeder von ihnen ein anderer Geruch.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Aber war er � allein?</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Die Dunkelheit.</emphasis></p><p><emphasis>Die K�lte.</emphasis></p><p><emphasis>Ewigkeit.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>War er allein?</emphasis></p><p><emphasis>War er der Letzte?</emphasis></p><p><emphasis>Und war er endlich � frei?</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p><strong>17. Kapitel</strong></p></title><p>Selbst an einem so trostlosen Tag wie heute am�sierte Ezra sich �ber die Inschrift. In die Wand �ber der geschwungenen Treppe, gegen�ber des massiven UNO-Hochhauses selbst, waren die Worte aus Jesaja 2,4 eingemei�elt: �Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spie�e zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk gegen das andere ein Schwert aufheben, und werden hinfort nicht mehr kriegen lernen.� Die Ironie war so un�bersehbar, dass es keines weiteren Kommentars bedurfte. Seiner Ansicht nach waren sich die Vereinten Nationen nur in einem einzigen Punkt einig: der Einschr�nkung, Denunziation und letztendlich der Vernichtung Israels. Bis auf diesen einen Punkt war die ganze Organisation nichts als Heuchelei, ein Haufen aufgeblasener, machtloser Delegierter, die sich in New York ein sch�nes Leben machten, w�hrend ihre V�lker in Uganda, Ruanda, Kambodscha, Serbien, Tschetschenien, Indien, Pakistan oder wo auch immer hungerten und litten und einander millionenfach meuchelten.</p><p>F�r Ezra hatte die UN nur eine gute Seite, und das war der �ffentliche Park, der sich am East River entlangzog. Er war gut gepflegt, und Ezra hatte angefangen, hier spazieren zu gehen, wenn er das Gef�hl hatte, frische Luft zu brauchen. Es gab einen breiten ellipsenf�rmigen Fu�weg mit B�nken und Statuen und einem gro�en gr�nen Rasen in der Mitte, den niemand auch nur betreten durfte. Niemand bel�stigte einen, die Sicherheitsleute hielten den Gro�teil des Gesindels drau�en, und man musste nicht st�ndig aufpassen, um nicht in Hundehaufen zu treten. An manchen Tagen, wenn er viel nachzudenken hatte und nicht nach Hause gehen wollte, drehte Ezra zehn, zw�lf Runden in dem Park.</p><p>Heute war so ein Tag.</p><p>Ganz wie Maury ihn gewarnt hatte, waren sein Vater und seine Stiefmutter heute Morgen zur�ckgekehrt. Sein Vater hatte sich allerdings gleich bei seinem B�ro absetzen lassen, so dass bisher nur Kimberly tats�chlich wieder zu Hause war.</p><p>Unter Gertrudes wachsamen und ermutigenden Blicken hatte Ezra sich die M�he gemacht, sie an der T�r zu begr��en. Er hatte ihr sogar angeboten, ihr das Paket abzunehmen, das sie trug.</p><p>�Danke, Ezra�, hatte Kimberly gesagt, �das ist eine sehr gute Idee. Besonders, da es ohnehin f�r dich ist.�</p><p>�F�r mich?�</p><p>�Ja.�</p><p>Auf der Stelle wurde er misstrauisch. H�te dich vor den Griechen, wenn sie Geschenke bringen.</p><p>�Du kannst es aufmachen�, sagte sie. Die Ferien in Palm Beach hatten ihr einen leichten braunen Teint beschert und das Haar aufgehellt. �Es ist nichts Gro�artiges.�</p><p>H�tte er ebenfalls ein Geschenk f�r sie besorgen m�ssen? Immerhin hatte er mit dem Streit angefangen und sie in die Flucht geschlagen. Aber es war ihm �berhaupt nicht in den Sinn gekommen, ein Vers�hnungsgeschenk bereitzuhalten. Er warf Gertrude einen raschen Blick zu, deren Stirnrunzeln ihm riet, sich dankbar zu zeigen und das Geschenk auszupacken.</p><p>�Danke�, sagte er, w�hrend er vorsichtig die wei�e Schleife entfernte und die kleine t�rkisblaue Schachtel �ffnete. Sie war mit einer ganzen Wolke aus Seidenpapier gef�llt, und darin eingebettet sah er eine glitzernde silberne Uhr mit wei�em Zifferblatt und schwarzen Ziffern. Ein kleiner Umschlag war an dem oberen Ring befestigt. Ezra nahm die Uhr heraus und stellte die leere Schachtel auf den Tisch.</p><p>�Das ist ein Wecker von Tiffany�, sagte Kimberly. �Lies die Karte.�</p><p>Ezra zog die kleine braungelbe Karte aus dem dazupassenden Umschlag und las: �Wach endlich auf und kapier, wie der Hase l�uft! Alles Liebe, Kimberly.�</p><p>Er war sich nicht sicher, was das zu bedeuten hatte; er meinte, diesen Ausdruck schon einmal irgendwo geh�rt zu haben, aber er war sich absolut nicht sicher.</p><p>�In unserem Haus in Palm Beach hatten Sam und ich eine Menge Zeit, um miteinander zu reden�, erkl�rte Kimberly. Vielleicht hatte sie seine Verwirrung bemerkt. �Wir sind beide zu dem Schluss gekommen, dass es zu deinem eigenen Besten h�chste Zeit f�r dich wird, aus deinen alten Zimmern auszuziehen, dir eine eigene Wohnung zu suchen und anzufangen, auf eigenen F��en zu stehen.�</p><p>Ezra war v�llig schockiert.</p><p>�Es ist nicht eilig. Lass dir eine Woche Zeit, zwei, wenn es sein muss. Ich habe geh�rt, dass der Wohnungsmarkt zurzeit ziemlich angespannt ist. Aber wir glauben beide, dass du gl�cklicher sein wirst, wenn du von jetzt an allein lebst.�</p><p>Ezra, der nicht wusste, wie er reagieren sollte, blickte zu Gertrude hin�ber, deren Gesichtsausdruck Mitgef�hl verriet, aber keine �berraschung. Wahrscheinlich hatte sie so etwas erwartet, dachte Ezra. Sein ganzes Leben lang schienen die Leute mit den Dingen gerechnet zu haben, die Ezra zustie�en, nur Ezra selbst wurde von den Ereignissen immer v�llig �berrascht. Was stimmte nicht mit seinem zwischenmenschlichen Radar?</p><p>�Aber ich will nicht gehen�, stammelte er. �Ich bin mitten bei der Arbeit. Ich kann sie jetzt nicht unterbrechen.�</p><p>�Nat�rlich kannst du das�, sagte Kimberly unbek�mmert und durchquerte die Halle in Richtung Schlafzimmer. �In deiner eigenen Wohnung wirst du wahrscheinlich sogar noch besser arbeiten k�nnen. Besonders nach Montag n�chster Woche.�</p><p>�Was ist denn Montag n�chster Woche?�</p><p>�Da kommt Laurent vorbei, um sich deine Zimmer anzuschauen. Er ist Innenarchitekt.�</p><p>Kimberly hatte die Halle jetzt zur H�lfte durchquert und ihm den R�cken zugewandt.</p><p>�Wir werden diesen Teil der Wohnung komplett neu gestalten�, sagte sie �ber die Schulter, ehe sie in ihrem Schlafzimmer verschwand.</p><p>Ezra h�rte, wie sie den Schl�ssel im Schloss umdrehte.</p><p>Er stand immer noch so da, wie der Blitz ihn getroffen hatte, die silberne Uhr in den H�nden.</p><p>�Das hatte ich bef�rchtet�, sagte Gertrude, trat auf ihn zu und nahm die Uhr. Sie blickte darauf. �Du solltest versuchen, sie immer am Ring hier oben festzuhalten. Daf�r ist er da. Sonst hinterl�sst du �berall auf dem Silber deine Fingerabdr�cke.�</p><empty-line/><p>Ezra beendete eine weitere Runde durch den Park. Es war ein grauer Tag und ziemlich kalt, so dass die meisten B�nke mit Blick auf den Fluss frei waren. Auf einer hatte jemand eine ordentlich zusammengefaltete Ausgabe der <emphasis>New York Times</emphasis> liegen gelassen.</p><p>Er breitete den Mantel unter sich aus, setzte sich und nahm die Zeitung. Die Titelseite war voll mit den �blichen Schreckensmeldungen. Ein Bombenanschlag in Belfast, Unruhen im Westjordanland, ein politischer Mord in Osteuropa. Doch unten rechts in der Ecke erweckte eine eigenartige Story Ezras Aufmerksamkeit. KIRCHENGLOCKEN L�UTEN ZU HALLOWEEN? Er las rasch und stellte fest, dass in allen Bezirken von New York kurz nach zehn am Samstagabend die Glocken gel�utet hatten. Bevor er zur Fortsetzung auf der Seite zwei des Lokalteils weiterbl�tterte, lie� er die Zeitung sinken und dachte einen Moment nach. Am Halloweenabend hatte er wie �blich in seinen R�umen gearbeitet, aber nach zehn hatte er eine Pause gemacht. Und ja, jetzt erinnerte er sich, dass er die Glocken �ber dem Fluss geh�rt hatte, wie sie unabl�ssig l�uteten. Es war ihm merkw�rdig vorgekommen, aber er hatte nicht weiter dar�ber nachgedacht. Er war zurzeit schon nerv�s genug, auch ohne sich �ber Unregelm��igkeiten und Vorkommnisse da drau�en Gedanken zu machen.</p><p>Dann bl�tterte er zum Lokalteil der Zeitung weiter und las den Rest der Story. Es schien immer noch ein ungel�stes R�tsel zu sein, obwohl die <emphasis>Times</emphasis> Meinungen und Kommentare von solch erhabenen Quellen wie dem Di�zesanrat, einer Hohepriesterin des Wicca-Glaubens und, basierend auf der Theorie, dass es sich um einen erstaunlich aufwendigen Halloweenstreich gehandelt hatte, von Penn Jillette wiedergab. Ezra glaubte keine Sekunde lang, dass es sich um einen Streich handelte. Er hatte in letzter Zeit zu viel durchgemacht und wusste nur zu gut, dass es Dinge gab, die im Traum nicht ins Weltbild der meisten Menschen passten.</p><p>Eine Mutter mit ihrer Tochter an der Hand ging an der Bank vorbei, auf der er sa�.</p><p><emphasis>�L�Assemble Generale est ou les delegats viennent a faire le paix l�un avec l�autre�</emphasis>, sagte die Mutter. Das M�dchen l�chelte Ezra an, aber er verga�, das L�cheln zu erwidern, bis sie vorbeigegangen war. Er dachte immer noch verbittert �ber das nach, was die Mutter gesagt hatte � dass die Vollversammlung der Ort sei, an dem die Nationen zusammenkamen, um Frieden miteinander zu schlie�en. Was f�r ein Unsinn. Als er in Jerusalem gelebt hatte, hatte er es stets als �u�erst passend empfunden, dass sich das �rtliche UN-B�ro an dem Ort befand, der seit der Antike als Berg des B�sen Rates bekannt war.</p><p>Er bl�tterte zur ersten Seite des Lokalteils und sah das Bild eines brennenden Backsteingeb�udes.</p><p><emphasis><strong>EXPLOSION AN DER NYU.</strong></emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong>EIN WISSENSCHAFTLER TOT, EIN WEITERER VERLETZT.</strong></emphasis></p><p>M��ig �berflog er den Artikel. Offensichtlich hatte am Samstagabend eine Explosion mit anschlie�endem Brand in einem Labor des Bio-Geb�udes gro�en Schaden angerichtet. W�hrend immer noch unklar war, was die Katastrophe ausgel�st hatte, wurde ein Brandschutzexperte mit den Worten zitiert: �Wir untersuchen gerade eine Reihe extrem starker Scheinwerfer, die erst vor kurzem st�mperhaft installiert wurden und durch unpassende Sicherungen gesichert waren.� Ein Juniorprofessor war bei der Explosion get�tet worden, und ein weiterer Professor, der gerade zu Besuch weilte, wurde schwerverletzt. Ezra wollte gerade weiterbl�ttern und zu dem R�tsel mit den Kirchenglocken zur�ckkehren, als ihm etwas auffiel, das wahrscheinlich niemandem sonst auffallen w�rde.</p><p>Es war die �bereinstimmung des Zeitpunkts.</p><p>Die t�dliche Explosion hatte sich etwa gegen viertel nach zehn ereignet, nur eine Minute, bevor die Kirchenglocken zu l�uten begonnen hatten. Und w�hrend niemand sonst auch nur auf die <emphasis>Idee</emphasis> kam, ein brennendes Geb�ude und Glockengel�ut miteinander in Verbindung zu bringen, war es genau das, was Ezra momentan die ganze Zeit tat. Er f�gte die Dinge zusammen, stellte Verbindungen her, entwarf aus scheinbar nicht zusammengeh�renden Fragmenten und Bruchst�cken eine logische Geschichte.</p><p>Nichts beruhte tats�chlich auf Zufall. Nicht einmal die Tatsache, dass diese Zeitung vollst�ndig auf genau dieser Bank liegengelassen worden war. Damit er sie finden und darin lesen konnte.</p><p>Einige Fragen stellten sich ihm: Erstens, hatten diese beiden Ereignisse tats�chlich irgendetwas miteinander zu tun?</p><p>Und wenn ja, ging ihn diese Verbindung irgendetwas an? Konnten diese Ereignisse in irgendeiner Weise, wie abseitig und unwahrscheinlich es auch klang, etwas mit seiner eigenen Arbeit zu tun haben?</p><p>Er versuchte, gr�ndlich dar�ber nachzudenken. Versuchte, k�hl und rational zu bleiben. In dem, was er tat, lag notwendigerweise ein theologischer Aspekt, und dieser Aspekt w�rde � oder <emphasis>k�nnte</emphasis> zumindest � eine Verbindung zum Glockengel�ut darstellen. Traditionell wurden die Glocken gel�utet, um die Gl�ubigen zum Gebet zu rufen, um den Beginn und das Ende eines Tages anzuzeigen, um solche Dinge wie die Hochzeit eines K�nigs oder die Nachricht eines Schlachtsieges zu verk�nden.</p><p>Aber im Laufe der Jahrhunderte waren sie auch als Warnung vor einer nahenden Katastrophe gel�utet worden. Invasoren vor der K�ste. Ein Feuer oder eine Flut. Der schwarze Tod.</p><p>Gab es irgendeinen Aspekt bei seiner Arbeit am verschollenen Buch Henoch, der dieses L�uten ausgel�st haben k�nnte? Was w�rde Dr. Neumann wohl von solchen Fragen halten? Innerhalb von zwei Sekunden w�re sie damit fertig. Ach, ein weiteres Symptom seines Jerusalem-Syndroms, w�rde sie behaupten. Ein weiterer Ausdruck der z�gellosen Selbst�berh�hung, die wesentlicher Bestandteil seiner allumfassenden Wahnvorstellung sei.</p><p>Dabei wusste er Dinge, die sie nicht wusste, er sah Zusammenh�nge, die sie niemals begreifen w�rde. Er setzte die �lteste Erz�hlung der Welt zusammen und �bersetzte, langsam und m�hselig, die Worte der geheimen Schrift. Von Henoch, dem Vater Methusalems, erfuhr er die Wege des Guten und des B�sen. Es gab eine Schlacht, so hatte er letzte Nacht gelesen, um die Seele jedes Menschen. Eine Schlacht, ausgetragen zwischen zwei Engeln, und der Ausgang des Kampfes w�rde das Schicksal des Menschen bis in alle Ewigkeit bestimmen. War er dabei, etwas zu enth�llen, das seit vielen Jahrtausenden verschollen gewesen war? Etwas so Fundamentales f�r das Verst�ndnis des Universums und unseren Platz darin, dass er die Alarmglocken ausgel�st hatte, die dann tats�chlich in der ganzen Stadt gel�utet hatten? Selbst Ezra kam das weit hergeholt vor � aber es schien nicht unm�glich zu sein.</p><p>Hatte die Stimme ihm nicht ein <emphasis>Ja</emphasis> ins Ohr gefl�stert? Hatte sie ihn nicht in der Einsamkeit seines Zimmers gedr�ngt, weiterzumachen?</p><p>Eine Touristengruppe, eindeutig aus dem Nahen Osten, schlurfte an ihm vorbei. Die �lteren Frauen trugen schwarze Tschadors und Gesichtsschleier, die M�nner, oder zumindest ein paar von ihnen, die arabische Kopfbedeckung. Ihr Reiseleiter plapperte Arabisch mit einem Akzent, der sich f�r Ezra �gyptisch anh�rte. Er hatte sich richtig in Schale geworfen, trug eine sich bauschende Dschellaba und trotz des kalten Wetters offene Ledersandalen. Er ging r�ckw�rts, wobei er der Gruppe das Gesicht zuwandte und mit den Armen wedelte. Mit lauter Stimme erging er sich in allen Einzelheiten �ber die Vereinten Nationen und alles M�gliche. Als die Gruppe vorbeiging, flatterten ihre Gew�nder im Wind, der vom Fluss her wehte. Ezra, der sich viel auf seine Sensibilit�t einbildete, nahm ihren Geruch wahr, das feine Aroma von Olivenseife und Tamarindensamen, getrockneten Datteln und reifen Feigen, gekochtem Lamm und Pfefferminztee. Unwillk�rlich f�hlte er sich zur�ckversetzt in die Stra�en der Heiligen Stadt. Die meisten Menschen der Gruppe schlenderten vor ihm entlang, doch ein paar gingen auch hinter der Bank vorbei. Pl�tzlich f�hlte er sich von ihnen umzingelt, einer wabernden Masse aus schwarz gewandeten Gestalten und halb vermummten M�nnern, und genau wie schon einmal zuvor h�rte er eine Stimme etwas in sein Ohr fl�stern. Aber dieses Mal schien sie aram�isch zu sprechen. Es klang wie die Worte f�r: �<emphasis>Bring es zu Ende</emphasis>.�</p><p>Sein Kopf wirbelte herum, aber die Gruppe spazierte einfach nur an ihm vorbei. Niemand schien dem Mann auf der Bank besonders viel Aufmerksamkeit zu schenken. Aber irgendjemand hatte gesprochen! Dieselbe tiefe Stimme, die er zuvor schon einmal geh�rt hatte. Ezra sprang auf die F��e.</p><p>�Wer hat das gesagt?�, verlangte er zu wissen. �Wer hat gerade zu mir gesprochen?�</p><p>Niemand antwortete. Ein Mann blickte ihn fragend an, und Ezra sagte: �Waren Sie das? Haben Sie etwas zu mir gesagt?�</p><p>Der Mann schreckte zur�ck, und mehrere Frauen wichen ihm ebenfalls aus. Sie murmelten etwas und kicherten verhalten unter ihren Schleiern, was Ezra nur noch w�tender machte. Was sagten sie da? Versuchten sie, ihn irgendwie hereinzulegen?</p><p>�Jemand hier hat gerade mit mir gesprochen, und ich m�chte wissen, wer es war.�</p><p>�Ich versichere Ihnen, Sir�, sagte der Reiseleiter, �niemand aus dieser Gruppe hat etwas zu Ihnen gesagt. Niemand aus dieser Gruppe spricht Englisch.�</p><p>�Derjenige hat auch kein Englisch gesprochen�, blaffte Ezra zur�ck, �sondern Aram�isch.�</p><p>Die Haut des Reiseleiters war faltig und hatte die Farbe einer Walnuss. Seine Miene verriet noch gr��ere Verwunderung als zuvor. �Das, Sir, ist ebenfalls nicht m�glich, Sir. Wir bedauern sehr, falls wir Sie irgendwie gest�rt haben�, sagte er und f�hrte die Gruppe weiter. Leise sagte er etwas auf Arabisch zu ihnen, doch Ezra verstand genug von der Sprache, um das Wort <emphasis>majnoon</emphasis> aufzuschnappen, Verr�ckter.</p><p>�Erz�hlen Sie ihnen, ich sei ein <emphasis>majnoon</emphasis>?�, sagte er. �Wollen Sie behaupten, ich sei verr�ckt?�</p><p>�Bitte entfernen Sie sich, Sir�, sagte der Reiseleiter, �oder ich werde Ma�nahmen ergreifen m�ssen.�</p><p>�Sie wollen Ma�nahmen ergreifen? Was f�r Ma�nahmen k�nnen das schon sein!�</p><p>Ezra ging auf den Mann zu, aber ehe er n�her herankam, stellten sich ihm pl�tzlich zwei Sicherheitsleute der Vereinten Nationen in den Weg. �Okay, und jetzt beruhigen Sie sich erst einmal�, sagte der eine.</p><p>�Was ist das Problem?�, fragte der andere.</p><p>�Einer dieser Leute hat etwas zu mir gesagt�, erkl�rte Ezra, �und ich will wissen, wer es war.�</p><p>�Dieser Mann bel�stigt uns�, sagte der Reiseleiter und scheuchte rasch die letzten Nachz�gler der Gruppe auf die Treppe des Geb�udes zu. �Er sollte unter Arrest gestellt werden!�</p><p>�So etwas machen wir nicht in diesem Land!�, schrie Ezra ihn an. �Habt ihr das immer noch nicht kapiert? Ihr seid hier in Amerika! Nicht in irgendeinem mittelalterlichen arabischen Provinznest! Amerika!�</p><p>Selbst Ezra wusste nicht, wo diese Wut herr�hrte. Es war, als h�tte sie sich hinter dem schw�chsten Damm angestaut, der jetzt unvermittelt brach.</p><p>�Ihr Land ist ein Land der Ungl�ubigen und Teufel�, fauchte der Reiseleiter zur�ck. Und dann, nachdem er seinen Feind korrekt eingesch�tzt hatte, f�gte er in deutlichem, aber leisem Arabisch hinzu: �<emphasis>Und der zionistischen Schweinehunde</emphasis>.�</p><p>Ezra st�rzte sich auf ihn, die Arme nach der Kehle des Mannes ausgestreckt, doch einer der UN-Sicherheitsleute schlug pl�tzlich seinen Arm nach unten, w�hrend der andere ihn von hinten packte.</p><p>�Ich warne Sie�, rief Ezra, �der Gott Israels ist sehr lebendig!�, doch ehe er seinen Gedanken zu Ende f�hren konnte, wurde die Luft aus seinen Lungen gepresst, und er fand sich b�uchlings auf dem Gehweg wieder. Er h�rte, wie einer der W�chter die Araber aufforderte, weiterzugehen, w�hrend der andere sein Knie in Ezras schmalen R�cken presste, eine Codenummer in sein Walkie-Talkie murmelte und um sofortige Unterst�tzung bat.</p><p>Wenn er nur genug Luft bek�me, k�nnte Ezra ihm erkl�ren, dass das nicht n�tig sei. Er war bereits bedient, und ihm war nicht nach K�mpfen zumute.</p><p>Doch diese Chance bekam er nicht. Als N�chstes wurden seine H�nde mit Handschellen auf dem R�cken gefesselt, und er wurde auf die F��e gezerrt. Ein paar Touristen sahen erschrocken zu, einige machten sogar Fotos, dann wurde er zum Ausgang des Parks zur First Avenue geschleift, wo ein Polizeiwagen mit rotem Blinklicht und quietschenden Reifen zum Stehen kam.</p><p>Ein Cop sprang heraus und riss die hintere T�r auf.</p><p>�Sie m�ssen das nicht tun�, brachte Ezra heraus, aber der Cop legte nur die Hand auf Ezras Kopf, dr�ckte ihn nach unten und schob ihn auf die R�ckbank.</p><p>Krachend schlug die T�r zu. Ezra musste sich bis zu einem Drahtgitter vorbeugen, damit die Handschellen nicht in seine Handgelenke schnitten. Die Sicherheitsleute reckten die Daumen in die H�he, und der Wagen fuhr rasch vom Bordstein los. Als Ezra aus dem R�ckfenster und das Eisengitter schaute, das den Park umgab, konnte er sehen, wie der arabische Reiseleiter hinterh�ltig �ber seinen Sieg l�chelte. L�chle, wenn du willst, dachte Ezra. Deine Tage sind gez�hlt � und schwinden rasch.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>18. Kapitel</strong></p></title><p>Sobald Raleigh die Galerie verlassen hatte, schob Beth die unvollst�ndigen Pl�ne f�r die Weihnachtsfeier in den Ordner und eilte zur T�r hinaus. Sie nahm ein Taxi direkt nach Hause, doch Carter war wie erwartet nicht dort. Die letzte Nacht hatte er im St. Vincent�s Hospital verbracht, und sie vermutete, dass er heute ebenfalls dort bleiben wollte. Sie schnappte sich die kleine Tasche, die sie nach ihrem Ausflug aufs Land gerade ausgepackt hatte, und warf seinen Rasierer, Rasiercreme, frische Socken, Unterw�sche und ein sauberes Hemd hinein.</p><p>Im Krankenhaus machte sie den Fehler, das Geb�ude durch den Eingang der Notfallambulanz zu betreten. Es war, als sei sie in ein Tollhaus geraten. Dutzende von Menschen, von denen manche noch bluteten, irrten herum, andere waren auf Tragen geschnallt, die im Flur aufgereiht standen wie Flugzeuge auf einem Flughafen, die auf die Starterlaubnis warteten. �ber die Sprechanlage gab eine Krankenschwester Namen wieder, forderte diverse �rzte auf, sich auf der Stelle zu melden, erinnerte Neuank�mmlinge daran, dass sie zuerst ihre Formulare ausf�llen mussten und, was das Wichtigste �berhaupt war, ihren Versicherungsnachweis bereithalten sollten.</p><p>Beth folgte den Schildern und Pfeilen durch mehrere lange Flure bis zum Haupteingang und Empfangsschalter. Dort wurde ihr mitgeteilt, dass Giuseppe Russo auf der Intensivstation im f�nften Stock behandelt wurde. Die Tasche mit den �bernachtungssachen in der Hand, nahm sie den Fahrstuhl nach oben.</p><empty-line/><p>Verglichen mit der Notaufnahme war der f�nfte Stock wie eine Raumstation. Alles war in wei�es Licht getaucht, die Ger�usche waren ged�mpft, die G�nge gl�nzten, die T�ren waren geschlossen. Als sie zum Empfangsbereich au�erhalb der eigentlichen Intensivstation kam, sah sie zwei �rzte, die sich leise �ber ein Diagramm auf einem Klemmbrett unterhielten. Ein Pfleger schob einen schlafenden Patienten im Rollstuhl, ein gro�er Mann in einem Mantel, der verd�chtig nach einem roten Damenmantel aussah, beugte sich �ber einen Wasserbrunnen. Auf einem blauen Plastikstuhl sa� Carter mit gesenktem Kopf und h�ngenden Schultern.</p><p>�Irgendwelche Neuigkeiten?�, fragte Beth und stellte die Tasche neben seinem Stuhl ab.</p><p>Carter blickte auf. Er war unrasiert, die Augen m�de und blutunterlaufen. �Nein, bisher nichts. Er ist immer noch ohne Bewusstsein.�</p><p>Beth setzte sich neben ihn, legte ihm eine Hand auf die Schulter. �Hattest du schon Gelegenheit, mit den �rzten zu sprechen?�</p><p>�Vor ein paar Stunden. Die zust�ndige �rztin, Dr. Baptiste, sagte, sie w�rden mich informieren, sobald es etwas Neues g�be.�</p><p>Beth rieb seine Schulter. �Hat sie irgendetwas gesagt, wann das sein k�nnte? Ich meine�, sagte sie und suchte nach den richtigen Worten, �glaubt sie, dass Joe heute Nacht wieder zu sich kommt? Oder morgen?� Und obwohl sie es nicht aussprach, dachte sie: <emphasis>Jemals?</emphasis></p><p>Carter sch�ttelte den Kopf. �Keine Ahnung.� Er lehnte sich auf dem Stuhl zur�ck und streckte die langen Beine von sich. �Darum will ich nicht gehen. Keiner wei�, wann er wieder aufwacht, es kann jeden Moment so weit sein, und ich will sichergehen, dass ich dann da bin.�</p><p>Beth hatte gewusst, dass er das sagen w�rde. �Ich habe dir ein paar Sachen gebracht; ich dachte, du k�nntest sie vielleicht gebrauchen. Deinen Rasierer, etwas zum Anziehen, das Buch von deinem Nachttisch.�</p><p>�Danke. Unten gibt es einen �ffentlichen Waschraum. Ich werde mich dort sp�ter waschen.�</p><p>Schweigend sa�en sie da und lauschten dem Gemurmel der Schwestern am Empfangsschalter, dem gelegentlichen Klappern einer zufallenden T�r oder der Stimme aus der Sprechanlage �ber ihren K�pfen. Beth hatte gehofft, dass Carter bereit sei, nach Hause zu kommen, zumindest f�r ein paar Stunden, aber sie war nicht �berrascht. Sie wusste, dass er sich nicht allein um Joe Sorgen machte. Er f�hlte sich verantwortlich f�r alles, was geschehen war. Den Tod von Bill Mitchell. Joes schreckliche Verletzungen. Was das anging, konnte sie nur beten, dass Joe durchk�me.</p><p>�Du wei�t�, sagte sie behutsam, �dass ich hierbleibe, wenn du nach Hause gehen und ein paar Stunden schlafen willst. Wenn diese Dr. Baptiste nach dir sucht, rufe ich dich an.�</p><p>�Nein, es ist schon in Ordnung. Ich muss hierbleiben.�</p><p>Sie wog ihre Worte sorgf�ltig ab und fuhr dann fort: �Was geschehen ist, ist furchtbar. Aber du musst dir klarmachen, dass nichts davon deine Schuld ist. Du hast nichts falsch gemacht.�</p><p>Er reagierte nicht.</p><p>�Es war ein Unfall. Ein furchtbarer, unvorhersehbarer Unfall.�</p><p>Sein Gesichtsausdruck �nderte sich nicht. Sie wusste, dass er sie geh�rt hatte, aber sie wusste auch, dass das, was sie gesagt hatte, kaum einen Eindruck hinterlassen hatte. Vielleicht w�rde er eines Tages in der Lage sein, die Schuldgef�hle abzulegen, aber heute, das sp�rte sie instinktiv, war es dazu noch zu fr�h.</p><p>Die T�r zur Intensivstation �ffnete sich mit einem leisen Summen, und eine junge �rztin steuerte auf sie zu. Sie hatte das Haar zu einem Knoten gebunden, und ihre Haut hatte die Farbe von Zimt. Carter blickte zu ihr auf, mit mehr Grauen als Hoffnung im Blick.</p><p>Die �rztin musste es gesehen haben, denn sie nickte rasch und l�chelte ihm kurz zu. �Erwarten Sie nicht zu viel�, sagte sie, �aber Ihr Freund ist wieder bei Bewusstsein.�</p><p>Carter brauchte eine Sekunde, um diese Neuigkeit zu verdauen.</p><p>�Das ist doch eine gute Nachricht, oder?�, sagte Beth. �Ich meine, wenn er jetzt wach ist und spricht ��</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass er schon spricht�, unterbrach Dr. Baptiste sie. �Sind sie eine Verwandte?�, fragte sie Beth. In ihrer Stimme schwang das leichte Tr�llern eines karibischen Akzents mit.</p><p>�Nein, das ist mein Mann�, sagte sie und dr�ckte Carters Schulter. �Wir sind seine Freunde.�</p><p>�Die einzigen, die er in diesem Land hat�, f�gte Carter hinzu.</p><p>�Dann sollten Sie auf jeden Fall versuchen, sich mit seiner Familie in Verbindung zu setzen, wo immer sie lebt. Es kann jederzeit sein, dass jemand Entscheidungen treffen muss.�</p><p>�Entscheidungen?�, sagte Beth.</p><p>��ber seine Pflege und Behandlung.�</p><p>�K�nnen Sie nicht mit Joe selbst reden � �ber was auch immer?�, fragte Carter.</p><p>�Sie m�ssen verstehen, dass Ihr Freund sich immer noch in einem kritischen Zustand befindet. Wir k�nnen nicht darauf z�hlen, dass er lange genug klar bleibt, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Im Moment konzentrieren wir uns lediglich darauf, ihn zu stabilisieren und stabil zu halten. Sp�ter, wenn wir die Gelegenheit hatten, alle Verletzungen neu zu beurteilen, werden wir entscheiden, wie wir weitermachen. Er hat Verbrennungen dritten Grades an mindestens f�nfundzwanzig Prozent der K�rperoberfl�che erlitten.�</p><p>Verbrennungen dritten Grades? Soviel Beth wusste, waren das die schlimmsten Brandwunden, die m�glich waren.</p><p>�Aber im Moment�, sagte Dr. Baptiste zu Carter, �wird es ihm wahrscheinlich helfen, ein bekanntes Gesicht zu sehen. M�chten Sie jetzt zu ihm? Sie d�rfen aber nur ein paar Minuten bleiben.�</p><p>�Ja, auf jeden Fall�, sagte Carter und stand auf.</p><p>Beth wollte sich ebenfalls erheben, doch Dr. Baptiste bedeutete ihr, sitzen zu bleiben.</p><p>�Tut mir leid, aber wir k�nnen nur einen Besucher auf einmal auf die Station lassen.�</p><p>�Ich bleibe mit der Tasche hier�, sagte Beth zu Carter. �Geh schon.�</p><p>Dr. Baptiste ging voran, und Carter verschwand hinter den Glast�ren der Intensivstation.</p><p>Fast sofort stellte Carter fest, dass die Luft sich hier k�lter und frischer anf�hlte als drau�en auf dem Flur. Ein leises stetiges Summen war zu h�ren, das von den ganzen Maschinen und Ger�ten herr�hrte, die neben den Betten der verschiedenen Patienten standen. Bei der Stationszentrale, einem halbrunden Tresen mit schwach leuchtenden Monitoren, reichte Dr. Baptiste Carter eine Gesichtsmaske aus Papier.</p><p>�Wir m�ssen sicherstellen, dass die Situation nicht noch durch eine Infektion verkompliziert wird�, sagte sie. Carter zog die Maske �ber Mund und Nase. �Sie d�rfen Mr Russo auch auf keinen Fall ber�hren. Keine Umarmung, kein H�ndesch�tteln, nichts.�</p><p>Dann wandte sie sich um, und Carter folgte ihr zum anderen Ende der Station. Als sie sich dem letzten Bett n�herten, das fast vollst�ndig durch einen blickdichten Vorhang verdeckt war, sp�rte er sein Herz rasen. Wie w�rde Joe aussehen? W�rde er klar genug sein, um Carter zu erkennen? W�rde Carter selbst seinen alten Freund wiedererkennen, egal in wie vielen Bandagen er eingewickelt war? Er versteifte sich.</p><p>Dr. Baptiste stand bereits neben dem Bett und �berpr�fte einen der Infusionsschl�uche. Davon gab es einige, zusammen mit einer ganzen Menge anderer Kabel und Schl�uche, die mit den Monitoren und Maschinen neben und �ber dem Bett verbunden waren. Joe selbst war kaum zu sehen. Ein Laken schien zeltf�rmig ein paar Zentimeter �ber seinem K�rper aufgespannt zu sein, nur sein Kopf lugte oben heraus. Konnte es sein, dass selbst der Stoff zu schmerzvoll auf seiner verbrannten Haut war? Er trug eine Art Papierhut, der wie eine Krone geformt war, und das Gesicht gl�nzte von der vermutlich antiseptischen Salbe, mit der es bedeckt war. Die Augen waren riesig und dunkel. Sein Blick war, wie es Carter schien, erf�llt mit dem frustrierten Bed�rfnis, sich auszudr�cken. Sobald Carter an das Bett herantrat, fixierten ihn die Augen.</p><p>�Hey, Joe�, sagte Carter leise. <emphasis>Himmel, was ist in dem Labor passiert?</emphasis> Was sollte er als N�chstes sagen? Er war immer noch betroffen, seinen Freund in diesem Zustand zu sehen, aber er wollte seine Reaktion nicht zeigen. Er war dankbar f�r die Maske vor seinem Gesicht.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte Carter einfach. Er wollte nach Joes Hand greifen, doch Dr. Baptiste erinnerte ihn rasch: �Keine Ber�hrungen, bitte.�</p><p>�Tut mir leid, ich hatte es vergessen.�</p><p>�Und ich f�rchte, Ihr Freund ist im Moment nicht in der Lage, Ihnen zu antworten.�</p><p>Warum nicht?, wunderte Carter sich. Er war ziemlich eindeutig bei Bewusstsein. Doch dann sah er den Atemschlauch zwischen Joes verbrannten und abbl�tternden Lippen.</p><p>�Wenn er so weit ist�, sagte Dr. Baptiste, �kann er versuchen, das hier zu benutzen.� Sie reichte Carter eine wei�e gl�nzende Tafel und einen Filzstift. �Aber er steht unter so starken Beruhigungs-und Schmerzmitteln, dass er sich vielleicht nicht zusammenh�ngend ausdr�cken kann.� Sie �berpr�fte noch ein paar letzte Einstellungen, dann sagte sie: �Bleiben Sie nicht l�nger als f�nf Minuten�, und ging.</p><p>Sobald sie verschwunden war, �chzte Joe leise und warf einen Blick auf die kleine Tafel. Carter hielt sie ihm hin, und Joe hob eine Hand. Die Fingern�gel waren nur noch schwarze Halbmonde. M�hsam ergriff er den Filzstift.</p><p>W�hrend Carter die Tafel festhielt, schrieb Joe ein Wort in unpassend fr�hlicher gr�ner Farbe. Als er den Stift fallen lie�, drehte Carter die Tafel um und las <emphasis>Bill?</emphasis></p><p>Bill Mitchell. Carter sch�ttelte den Kopf. �Er hat es nicht geschafft.�</p><p>Joe blinzelte einmal mit den gro�en Augen. Dann griff er erneut zum Stift und kritzelte das Wort <emphasis>Laser</emphasis> auf die Tafel.</p><p>Was sollte mit dem Laser sein? �Der ist ebenfalls hin�ber. Das Feuer hat alles zerst�rt.� Nat�rlich einschlie�lich des Fossils. Doch wenn Carter es irgendwie vermeiden k�nnte, w�rde er dieses Thema im Moment meiden.</p><p>Doch Joe sch�ttelte vorsichtig den Kopf und tippte erneut auf das Wort.</p><p>Der Laser? Dann begriff Carter. �War der Laser an, als das Feuer ausbrach?�</p><p>Joe nickte.</p><p>�Hat der Laser es verursacht?�</p><p>Er nickte noch einmal.</p><p>Aber Joe h�tte sich geh�tet, den Laser ohne Carters Hilfe in Gang zu setzen. Er hatte schon Probleme gehabt, einen Sinn in die englische Beschreibung im Handbuch zu bringen. Carter wischte die Tafel sauber. Wollte er damit sagen, dass Bill, Bill Mitchell � �Hat Mitchell mit dem Laser gearbeitet?�</p><p>Joe schloss zustimmend die Augen und �ffnete sie erneut.</p><p>�Er ist irgendwie auf eigene Faust ins Labor gekommen?�</p><p>Joe nickte fast unmerklich, dann nahm er den Stift und kritzelte <emphasis>Fossil</emphasis>.</p><p>So viel zu Carters Hoffnung, das Thema zu vermeiden. �Alles im Labor�, wiederholte Carter langsam, �wurde zerst�rt.�</p><p>Joe sch�ttelte den Kopf, und dieses Mal lie� er Carter nicht aus den Augen.</p><p>�Nicht?� Was konnte er damit meinen? �Hast du es geschafft, irgendetwas zu retten?� Carter dachte daran, dass sie bereits winzige Proben vom Fossil und dem Felsen genommen hatten. Proben, die sich in sicherer Verwahrung befanden und in einem anderen Labor verschiedenen Tests unterzogen wurden. Aber Joe schien auf etwas anderes hinauszuwollen. �Tut mir leid, Joe, aber ich kann dir nicht folgen.� Vielleicht begannen die Beruhigungsmittel wieder zu wirken.</p><p>Joe griff erneut nach dem Stift. Dieses Mal zitterte seine Hand ein wenig, als er das Wort <emphasis>lebendig</emphasis> schrieb.</p><p>Was bedeutete das? Carter konnte nur annehmen, dass Joe von sich selbst sprach. �Ja, du lebst�, sagte er mit gespielter Fr�hlichkeit, �und eines Tages, ob du es glaubst oder nicht, wirst du wieder all das machen, was du immer gemacht hast.� Carter fragte sich, ob das stimmte. �Selbst Tauchen.�</p><p>Aber der Ausdruck in Joes Blick wurde nur noch unruhiger. Carter hatte ihn nicht richtig verstanden. Mit der Spitze des Stifts tippte Joe auf das Wort <emphasis>Fossil</emphasis>, dann auf <emphasis>lebendig</emphasis>.</p><p>Als Carter nicht reagierte, wiederholte er das Ganze mit mehr Nachdruck.</p><p>Nun konnte es kein Missverst�ndnis mehr geben, egal wie unglaubw�rdig es war. �Versuchst du mir zu sagen, dass das Fossil gelebt hat?�</p><p>Schon wieder falsch. Joe st�hnte und runzelte die Stirn. Die Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er den Stift ein weiteres Mal aufnahm und etwas zwischen die beiden anderen W�rter auf der Tafel kritzelte. Als Carter die komplette Nachricht las, lautete sie: <emphasis>Fossil ist lebendig.</emphasis></p><p>Carter wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich heute noch weiter mit Joe zu unterhalten. Sein Freund musste unter dem Einfluss der Medikamente stehen. Und das war wahrscheinlich auch das Beste f�r ihn.</p><p>�Okay�, sagte Carter. �Ich habe verstanden.� Er nickte zur Best�tigung. �Die �rztin hat gesagt, dass ich nicht l�nger als f�nf Minuten bleiben darf, aber morgen fr�h komme ich als Erstes hierher.�</p><p>Carter legte die Tafel und den Stift auf den Nachttisch neben dem Bett. Als er Joe erneut anschaute, sah sein Freund ersch�pfter und gequ�lter aus als je zuvor. Carter bef�rchtete, dass er mit seinem Besuch mehr Schaden angerichtet als Gutes getan hatte.</p><p>�Mach dir keine Sorgen um das Fossil oder das Labor oder irgendetwas�, sagte er. �Versuch jetzt einfach nur zu schlafen.�</p><p>Carter wandte sich vom Bett ab. Obwohl er den Gedanken hasste, musste er zugeben, dass es eine Erleichterung war, Joe nicht l�nger anblicken zu m�ssen, und sei es auch nur f�r eine Sekunde. Am Vorhang schaute er noch einmal zur�ck. Russo hatte den Blick in seine Richtung gelenkt. Zum Abschied hob er die Hand, aber es gab keine Reaktion. Und er hatte den Eindruck, dass Russo ihn nicht einmal sah. Er starrte an ihm vorbei, durch ihn hindurch, in etwas sehr Dunkles und sehr Tiefes.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>19. Kapitel</strong></p></title><p>Der Leichnam war bewegt worden. Im Schatten verborgen hatte er zugesehen, wie er zugedeckt und hinausgetragen wurde. <emphasis>Was w�rden sie mit ihm machen? Warum taten sie all das?</emphasis></p><p>Er wurde unter die blitzenden Lichter gelegt und eilig fortgebracht.</p><p><emphasis>So viele von ihnen.</emphasis> Er konnte es immer noch nicht begreifen. <emphasis>Auf dieser Welt wimmelte es von Leben, �berall um ihn herum.</emphasis></p><p>Er atmete ein, schmeckte die Luft. <emphasis>Geschm�cker und Ger�che, die er nicht kannte, die er noch nicht wiedererkannte. Aber bald w�rde er es k�nnen. Er lernte bereits.</emphasis></p><p>Von einem dunklen Winkel aus beobachtete er den Ort, an dem er freigelassen worden war. Wenn er an dieser Stelle freigekommen war, waren vielleicht noch andere hier gefangen.</p><p><emphasis>Andere wie er.</emphasis></p><p>Er hatte zugesehen, wie M�nner, immer mehr von ihnen, gekommen und gegangen waren. Sie trugen Werkzeuge und Lichter und �berfluteten den Ort mit Wasser. Schlie�lich wurde der Rauch weniger. Durch Beobachtung lernte er rasch. Und begriff schnell, was sie taten.</p><p>So ging es immer weiter, die ganze Nacht lang, und dann ging die Sonne auf, und er hatte sich erneut zur�ckgezogen, noch weiter in den dunklen Eingang. Er hatte den roten Mantel vor sein Gesicht gezogen. Und gewartet. Einen Wimpernschlag lang, so schien es, hatte er gewartet. Nicht l�nger. Und dann war es wieder dunkel.</p><p>W�hrend seiner Wache hatte er einen Mann kommen sehen, an den Ort, an den jetzt keiner mehr kam, und er hatte ihn wieder gehen sehen. Der Mann war davongerannt, sein Geruch voll Furcht und Trauer, und weil es wieder Nacht war, hatte er ihm mit Leichtigkeit folgen k�nnen. Durch die Stra�en. Die Lichter. Die Menschen. <emphasis>So viele von ihnen.</emphasis> Und zu einem Ort nicht weit entfernt.</p><p>Wo der andere, wie er jetzt wusste, festgehalten wurde.</p><p>Derjenige, dem gesagt worden war, sein Leiden sei ein Geschenk.</p><p>Derjenige, der noch am Leben war.</p><p><emphasis>Waren das seine Feinde,</emphasis> fragte er sich, <emphasis>oder seine Freunde?</emphasis></p><p>Die Luft. Die Luft hier war schwer und roch stark. Er drehte sich um. Hinter ihm stand ein Zaun mit verdrillten Dr�hten, gleich einem K�fig, und hinter den Dr�hten war ein anderer Ort � ein Geb�ude. Niemand war darin, das wusste er. Es war aus Steinen gemacht, rot wie sein Mantel, hatte �ffnungen, die mit Holz und glitzerndem, zerbrochenem � <emphasis>Glas</emphasis> bedeckt waren. Glas, das war es.</p><p>Er lernte. Er hatte das Wort geh�rt, die M�nner an dem Ort, an dem er befreit worden war, hatten es benutzt. Er hatte nur beobachtet � und zugeh�rt. Einst war Sprache eine Gabe gewesen, die seinesgleichen gespendet hatten. Jetzt, sinnierte er, wurde sie ihm zur�ckgegeben. Genau so sollte es sein. Es passte.</p><p>Die D�mmerung begann sich �ber den Himmel auszubreiten. Er wandte sich den verdrillten Dr�hten zu und zog sie auseinander. Mit den schmalen, nahezu perfekten Fingern, an dem nur das Ende des Mittelfingers seiner rechten Hand fehlte. Dann stieg er durch das Loch, das er geschaffen hatte, und in Erde und Wasser. <emphasis>Matsch</emphasis>. Er erklomm die zerbr�ckelnden Stufen und sp�hte hinein, durch die rauen Bretter, welche die Fenster verschlossen. Im Inneren sah er Leere. Schatten. Dunkelheit. Einsamkeit.</p><p>Alles davon zog ihn an.</p><p>Doch noch mehr als das, war es vor allem die Luft an diesem verlassenen Ort, die ihm behagte. Die Luft war alt und erf�llt von Ger�chen, die er kannte � von Blut, Tr�nen und Tod. Jahrelang war sie davon getr�nkt worden.</p><p>Nat�rlich bedeutete das nichts im gro�en Ablauf der Welt. �berhaupt nichts.</p><p>Aber in diesem Moment war es gut genug, in dieser seltsamen Welt, in der er erwacht war. Dieser Ort konnte ihm als � <emphasis>Zuflucht</emphasis> dienen. Er l�chelte. Das war ein gutes Wort, ein neues Wort, aufgegriffen aus der ihn umgebenden Luft.</p><p>Es gab so vieles, sinnierte er, das er haben wollte. Und er hatte vor, es sich zu nehmen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>20. Kapitel</strong></p></title><p>Carter hatte nie zuvor eine Trauerrede geschrieben, schon gar nicht f�r jemanden, den er so wenig gekannt hatte wie Bill Mitchell. Was es noch schwerer machte, war nat�rlich die Tatsache, dass er ihn nicht besonders gemocht hatte. Und jetzt war es seine Aufgabe, Bills Tugenden zu loben und, so vermutete er, �ber die vielversprechende Zukunft zu sprechen, die vor ihm gelegen hatte. Das Labor, in dem der Juniorprofessor ums Leben gekommen war, hatte Carter pers�nlich eingerichtet, und aufgrund der Umst�nde seines Todes und der Zeitungsartikel wurde allgemein angenommen, dass sie nicht nur Arbeitskollegen, sondern auch gute Kumpel gewesen waren. Nachdem Mitchells kurzes Leben ein so entsetzliches Ende genommen hatte, war es v�llig unm�glich, dass Carter etwas anderes behauptete.</p><p>Das letzte Mal hatte er seinen dunkelblauen Anzug zu dem Fakult�tsdinner getragen, bei dem er offiziell den Kingsley-Lehrstuhl �bernommen hatte. Bei dieser Gelegenheit war er schon nerv�s genug gewesen, doch zumindest hatte niemand von ihm verlangt, mehr zu tun, als sich auf ein Podium zu stellen, gn�digerweise eine Ehrenplakette entgegenzunehmen und den versammelten Professoren und Verwaltungsangestellten f�r die ihm erwiesene gro�e Ehre zu danken. Jetzt musste er nicht nur eine Rede halten, er musste auch daf�r sorgen, dass die Erinnerung an einen Kerl in Ehren gehalten wurde, der sich selbst umgebracht und gleichzeitig Carters Freund bis zur Unkenntlichkeit verst�mmelt hatte. Und das alles nur, weil er seine Finger nicht von Apparaten lassen konnte, von deren Bedienung er keine Ahnung hatte.</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob ich je damit fertig werde�, hatte er Beth anvertraut.</p><p>�Du musst aufh�ren, so zu denken�, hatte sie geantwortet und versucht, ihn zu beruhigen. �Es war ein Unfall. Ein furchtbarer Unfall, und niemand hat einen h�heren Preis daf�r gezahlt als Bill Mitchell.�</p><p>�Erz�hl das Joe.�</p><p>Carter hatte sich ein paar Notizen �ber Mitchells Begeisterung f�r seine Arbeit gemacht, die Hingabe, mit der er die Studenten an der NYU unterrichtet hatte, seine Vorliebe f�r Rap-Musik, und er hoffte, dass er das alles an Ort und Stelle zu einem �berzeugenden Ganzen w�rde zusammenbasteln k�nnen. W�rde er auf einer Kanzel stehen? Hinter einem Rednerpult? Wo?</p><p>Fast in letzter Minute verlie�en sie die Wohnung, und als sie das Bestattungsinstitut der O�Banion Brothers erreichten, hatte sich in der Gedenkkapelle bereits eine erkleckliche Anzahl Trauerg�ste eingefunden. Carter wurde Bills Eltern vorgestellt, mit denen er bereits am Telefon gesprochen hatte. Sie waren ein phlegmatisches Paar aus dem Herzen von Queens und wirkten verst�ndlicherweise noch v�llig verst�rt. Bills Witwe Suzanne stellte ihm noch weitere Familienmitglieder vor. Anschlie�end nahm sie ihn beiseite und dankte ihm daf�r, dass er sich bereit erkl�rt hatte, die Trauerrede zu halten.</p><p>�Ich wei�, dass Bill sehr zu Ihnen aufgeblickt hat�, sagte sie. Sie war eine blasse Blondine, an diesem Tag wom�glich noch blasser als sonst, mit fast unsichtbaren Wimpern. �Er sprach immer von Ihrer Arbeit auf Sizilien, und wie Sie es geschafft haben, sich einen Namen zu machen.�</p><p>Jetzt f�hlte sich Carter noch mieser.</p><p>�Und ich wei�, dass er sich auf den Tag gefreut hatte, an dem Sie beide zusammen an einem Projekt arbeiten w�rden.� Eine Tr�ne erschien in ihrem Auge, und sie tupfte sie mit einem zusammengekn�llten Taschentuch weg. �Ich sch�tze, das war es, was diese Katastrophe ausgel�st hat. Er konnte einfach nicht warten.� Die Tr�nen begannen zu flie�en. �Das war so typisch f�r Bill. Er konnte nie auf irgendetwas warten.�</p><p>Ein gequ�lter Schluchzer sch�ttelte sie, und Carter legte ihr instinktiv den Arm um die Schultern, was es nur noch schlimmer zu machen schien. Ehe er recht wusste, was er tat, hatte er sie an sich gezogen, und sie schluchzte in sein Jackett. Beth warf ihm einen mitf�hlenden Blick zu und schlenderte davon, um mit einem der anderen Fakult�tsmitglieder zu reden, die zur Trauerfeier gekommen waren. Ein paar Minuten sp�ter bat der Bestatter, zu Carters gro�er Erleichterung, die Trauerg�ste, Platz zu nehmen.</p><p>Ganz vorn in der kleinen Kapelle stand der Sarg auf einer mit rotem Stoff beh�ngten Tragbahre. Der Deckel war nat�rlich geschlossen. Carter hatte geh�rt, dass Mitchells K�rper von der Explosion in St�cke gerissen worden war. Einige Teile waren, ebenso wie St�cke seiner Kleidung oder seine Schuhe, �berhaupt nicht wiedergefunden worden. Als Suzanne stockend ins Mikrophon sprach, das am Rednerpult befestigt war, fragte Carter sich, wie viel von ihrem Mann genau eingesammelt und wie die Teile f�r die Beerdigung vorbereitet worden waren. Er begriff, dass es makaber war, was er da tat, aber angesichts seines Berufs war es vielleicht auch nicht weiter �berraschend. Knochen waren sein Job, sogar sein Spitzname bezog sich darauf, und vielleicht war es die einzige M�glichkeit, mit so etwas Bizarrem umzugehen, indem er es mit dem gewohnten Abstand betrachtete.</p><p>Nachdem Bills Witwe fertig war, stand sein Vater auf, um ein paar Worte zu sagen. Langsam las er sie von einem zerknitterten St�ck Papier ab, und Carter hatte den Eindruck, dass er sie ebenso m�hevoll aufgeschrieben hatte. Er war nicht der Typ, um �ber seine Gef�hle oder Erinnerungen zu sprechen, und es nun bei der Trauerfeier seines eigenen Sohnes vor all diesen Fremden tun zu m�ssen, war sicherlich mehr, als er bew�ltigen konnte.</p><p>Carter war als N�chster an der Reihe, und er verstand seine Aufgabe so, dass er f�r die gro�e Welt sprechen und allen versichern sollte, dass Bill auch in der akademischen Welt respektiert und bewundert worden war. In den heiligen Hallen der Wissenschaft, in denen er gehofft hatte, sich einen Namen zu machen. Als Carter das Podium betrat, dachte er, dass er dank Bills Frau endlich ein Thema f�r seine Rede gefunden hatte. Als sie gesagt hatte, dass Bill niemals warten konnte, dass er stets versucht hatte, die Dinge zu beschleunigen, hatte sie ihm ein Stichwort geliefert, mit dem er alles andere verkn�pfen konnte.</p><p>Bill Mitchell, begann Carter, sei ein junger Mann in st�ndiger Eile gewesen. �Er hatte es bereits weit gebracht. Er war eines der j�ngsten Mitglieder des Fachbereichs und zweifelsohne das wissbegierigste, und er war bereits dabei, in Rekordgeschwindigkeit noch gr��ere Leistungen zu vollbringen.� W�hrend er sprach, erw�rmte er sich langsam f�r seine Aufgabe. Je l�nger er sprach, desto lieber mochte er den armen Kerl. Au�erdem stellte er fest, dass die Erfahrung, eine Trauerrede zu halten, einer Vorlesung vor Studenten im H�rsaal verd�chtig �hnelte. Mittlerweile war das Reden in der �ffentlichkeit f�r ihn zur zweiten Natur geworden. W�hrend er aus dem Stegreif auf die vielen Tugenden und Erfolge von Bill Mitchell zu sprechen kam, konnte er sich sogar in der Kapelle umschauen und registrieren, wer alles da war, wen er kannte und wen nicht.</p><p>Eine Menge Leute aus dem Fachbereich waren gekommen, einschlie�lich des Leiters Stanley Mackie, zusammen mit ein paar anderen Gesichtern, die er hin und wieder auf dem Campus gesehen hatte. Dann waren da Mitchells Verwandte und Freunde, die er nat�rlich nicht kannte. Ein Typ, der zu keiner der beiden Gruppen zu geh�ren schien, sa� ganz f�r sich allein auf einer der letzten B�nke. Er trug einen zerknitterten blauen Anzug sowie einen schwarzen Rollkragenpullover und sah aus, als h�tte er seit einer Woche nicht geschlafen. Er hatte etwas so Feierliches und Zur�ckhaltendes an sich, dass Carter nach genauerem Nachdenken zu dem Schluss kam, dass er f�r das Bestattungsinstitut arbeiten musste. Er hatte das Aussehen eines professionellen Trauergastes.</p><p>Carter beendete seine Rede mit den Worten, dass er Bills Gegenwart im Labor der Fakult�t immer vermissen w�rde, und �ohne Bill, der mich stets auf dem Laufenden hielt, werde ich nie wieder wissen, wer gerade an der Spitze der aktuellen Musikcharts steht�. Er sagte es mit einem traurigen, wehm�tigen L�cheln, das von mehreren Leuten in den Bankreihen erwidert wurde. Dann faltete er seine Notizen zusammen und verlie� das Podium. Dabei bemerkte er, dass der Typ ganz hinten aufstand und leise die Kapelle verlie�. Vielleicht hatte er noch andere Pflichten, oder er musste eine andere Trauerfeier mit seiner tieftraurigen Anwesenheit begl�cken. Carter nahm wieder Platz, und Beth nickte ihm verstohlen zu, um ihn wissen zu lassen, dass er seine Sache gut gemacht hatte.</p><p>Nachdem die Trauerfeierlichkeiten vor�ber waren, begaben sich alle in das Vestib�l, wo Kaffee und Kuchen bereitstanden. Carter fand sich Ellenbogen an Ellenbogen neben Stanley Mackie wieder, der seine Tasse unter den Zapfhahn einer silbernen Kaffeemaschine hielt. W�hrend der Kaffee lief, sagte er: �Freundliche Worte, aber ein schwacher Trost.�</p><p>Carter wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er hatte bereits pers�nlich mit dem Fachbereichsleiter gesprochen, doch er hatte keine Ahnung, wie viele Scherereien ihm noch bevorstanden.</p><p>Mackie hob seine Tasse und starrte Carter �ber den Rand hinweg an. �Das B�ro des Unipr�sidenten hat mich gebeten, einen unterschriebenen schriftlichen Bericht des Unfalls einzureichen. Ich werde mich um das Begleitschreiben k�mmern, aber ich m�chte, dass Sie den Bericht schreiben und in allen Einzelheiten darlegen, was Sie eigentlich in Ihrem sogenannten Labor getrieben haben und was dabei schiefgegangen ist.�</p><p>Er hatte auch schon in fr�heren Diskussionen von Carters �sogenanntem Labor� gesprochen, und Carter merkte, dass Mackie sich von dem ganzen Projekt distanzierte. Auf einmal hatte Carter das vollkommen allein ausgebr�tet, und er, der Leiter, hatte kaum etwas davon mitbekommen. Im Stillen fragte Carter sich, wie Mackie die Ausgaben aus dem Geldtopf des Fachbereichs erkl�ren wollte, f�r die Scheinwerfer, den Transport des Lasers und so weiter. Doch die belastenden Dokumente waren vermutlich l�ngst vergraben, geschreddert und gel�scht. In seinem Begleitbrief w�rde Mackie zweifelsohne jeden Rest von Verantwortung abstreiten oder verschleiern. Am Ende w�rde Carter derjenige sein, an dem alles h�ngenblieb.</p><p>�Ich will den Bericht bis n�chsten Mittwoch in meinem B�ro haben�, sagte Mackie und entfernte sich, als wollte er nicht dabei gesehen werden, dass er zu viel Zeit in Carters Gesellschaft verbrachte.</p><p>Obwohl er jetzt eigentlich einen ordentlichen Schluck aus der Bar h�tte gebrauchen k�nnen, f�llte Carter seine Tasse mit Kaffee aus der Kaffeemaschine.</p><p>�Sie haben eine gute Rede gehalten, Professor.�</p><p>Noch ehe er sich umgedreht hatte, wusste Carter, dass es Katie Coyne war, seine Mustersch�lerin. Er hatte sie in der Kapelle gesehen.</p><p>�Danke. Ich hoffe, ich muss so etwas nie wieder machen.�</p><p>Sie trug einen Jeansrock und ein sorgf�ltig geb�geltes Arbeitshemd. Vielleicht war es das ordentlichste Outfit, das sie zusammenbekam.</p><p>�Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie gekommen sind�, sagte er.</p><p>�Bill Mitchell war letztes Semester der Tutor in einem Seminar, das ich belegt hatte.�</p><p>Das hatte Carter nicht gewusst.</p><p>�Deshalb denke ich, dass ich ihn ziemlich gut kannte. Ich war sogar auf seiner Halloweenparty und habe mich dort mit Ihrem Freund, Professor Russo, unterhalten.� Sie blickte auf ihre F��e hinunter und sagte dann z�gernd: �Wie geht es ihm? Ich habe geh�rt, dass er bei dem Feuer ziemlich schwer verletzt wurde.�</p><p>�Ja, das stimmt. Er liegt im St. Vincent�s Hospital, auf der Intensivstation.�</p><p>�Wird er wieder gesund?�</p><p>�Ja, er wird durchkommen. Aber es wird eine ganze Weile dauern.�</p><p>�K�nnen Sie ihm Gr��e von mir ausrichten? Ich meine, wenn er sich �berhaupt an mich erinnert. Und wenn er wieder fit genug ist, glauben Sie, er w�rde sich freuen, wenn ich vorbeik�me und ihm einen Besuch abstattete?�</p><p>�Das w�re gro�artig. Ich wei�, dass er sich freuen w�rde.� Dass Katie seine kl�gste Studentin war, hatte er schon immer gewusst, aber jetzt ahnte er, dass sie auch die netteste war.</p><p>Beth machte ihm von der anderen Seite des Raumes aus Zeichen, wo sie mit einem von Carters Kollegen aus der Fakult�t sprach. Mit dem Mund formte sie die Worte <emphasis>Sollen wir gehen?</emphasis>, und Carter nickte. Er nahm einen letzten Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf den Tisch. �Ich sehe Sie morgen�, sagte er zu Katie. Sie sa� in seiner Fr�hvorlesung.</p><p>Doch auf dem halben Weg die Treppe hinunter lauerte ihm Bills Frau, oder besser gesagt Witwe, auf. �Ich hasse es, das zu fragen�, sagte sie, �aber h�tten Sie vielleicht noch Zeit, mit zum Trauergottesdienst zu kommen?�</p><p>Carter war sich nicht sicher, wovon sie sprach � war er nicht gerade bei einer Trauerfeier?</p><p>�Die eigentliche Beerdigung�, sagte sie. �Sie findet in einer halben Stunde statt und wird nicht l�nger als f�nfzehn Minuten dauern.�</p><p>Beth murmelte Carter zu: �Ich muss zur�ck zur Galerie, oder Raleigh bringt mich um.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Suzanne ernst zu ihr, �und vielen Dank, dass Sie gekommen sind.� Dann wandte sie sich erneut an Carter. �Aber Bills Familie war von Ihrer Rede so ger�hrt. Ich wei�, dass es ihnen eine Menge bedeuten w�rde, wenn Sie dabei w�ren. Sie k�nnten mit uns zum Friedhof fahren.�</p><p>Sie deutete auf eine Mietlimousine, die bereits am Stra�enrand wartete.</p><p>Carter f�hlte sich in der Falle. Wie sollte er so eine Bitte abschlagen?</p><p>Beth beantwortete die Frage f�r ihn. �Wir sehen uns dann zu Hause�, sagte sie. �Ich bin gegen halb acht wieder da.�</p><p>W�hrend Beth die Stra�e �berquerte, um ein Taxi heranzuwinken, das sie zur Galerie bringen w�rde, wurde Carter gen�tigt, zu Suzanne und Bills Eltern in die wartende Limousine zu steigen. Erst als er eingekeilt auf der R�ckbank sa� und der Wagen anfuhr, fragte er sich, wo der Friedhof sich wohl befand. Sein Herz sank, als Bills Dad davon erz�hlte, wie es war, als Bill in Forest Hill aufgewachsen war. Dort hatte er Autofahren gelernt, auf den ruhigen Stra�en des �rtlichen Friedhofs. Als der Fahrer der Limousine den Midtown Tunnel ansteuerte, fand Carter sich damit ab, dass er nach Queens, irgendwohin weit drau�en unterwegs war.</p><p>Die Fahrt dauerte gar nicht so lange, aber Carter kam es vor wie eine Ewigkeit. Schlie�lich passierten sie das Tor des Greenlawn Friedhofs und fuhren zu einer offenen Grabstelle, die zwischen diversen anderen bereits belegten Gr�bern eingezw�ngt war. Carter konnte es kaum abwarten, von der R�ckbank zu kriechen, sich zu strecken und die frische Luft zu atmen. Obwohl er sich auf einem Friedhof befand.</p><p>Ein paar Wagen hielten hinter ihnen an, und Leute vom Bestattungsinstitut stiegen aus. Carter wusste nicht, wie viele dieser Beileidsbekundungen er noch ertrug, und entfernte sich ein paar Schritte, um Kopf und Lungen freizubekommen. Der Boden war festgestampft, und das Gras, das noch �brig war, war braun und verk�mmert. Bei fl�chtiger Musterung schienen die Grabsteine allesamt irische oder italienische Familiennamen zu tragen, manche hatten Sterbedaten vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Auf einer kleinen Anh�he blieb er stehen und sah sich um. Kilometerweit erstreckte sich der Friedhof in alle Richtungen. Hier und dort standen verstreut ein paar schwarze B�ume, deren nackte Zweige verloren �ber marmornen Mausoleen hingen. Nicht weit von ihm entfernt legte eine �ltere Frau einen Kranz auf einem Grabstein nieder. Im Licht der sp�ten Nachmittagssonne hob sich in der Ferne eine hochgewachsene Gestalt mit rotem Mantel vom Horizont ab. Sie verschwand hinter einem massiven Grabstein, auf dem ein trompetender Engel stand. Der Wind seufzte, hob das tote Laub an und blies es gegen Carters Beine.</p><p>Er sollte besser umkehren. Nicht, dass irgendjemand noch glaubte, er w�rde der eigentlichen Beerdigung nicht beiwohnen wollen.</p><p>Unten am offenen Grab war der Sarg auf eine Art mechanische Vorrichtung gestellt worden, die ihn in die Grube senken w�rde. Der Priester, der jetzt einen schwarzen �berzieher und Galoschen trug, stand am einen Ende des offenen Grabes. Eine wei�e Stola lag um seinen Hals drapiert, und in der Hand hielt er ein Buch mit dem Titel <emphasis>Die h�ufigsten Gebete</emphasis>. Suzanne, Bills Eltern und mehr als ein Dutzend Leute hatten sich versammelt und stampften gelegentlich mit den F��en auf, um sich warm zu halten. Der harte karge Boden schien die K�lte regelrecht abzustrahlen.</p><p>Der Priester dankte ihnen allen daf�r, dass sie gekommen waren. Dann, als sp�rte er ebenfalls die Auswirkungen des Wetters, �ffnete er rasch das Buch und begann zu lesen. W�hrend er sprach, hielt Carter den Kopf gesenkt, aber er konnte es sich nicht verkneifen, hin und wieder aufzuschauen. Die meisten Trauerg�ste hielten den Kopf gesenkt und den Blick zu Boden gerichtet, doch einige starrten auch einfach in die Ferne. Bills Mom betete leise, aber innig, die Worte mit, die der Priester laut vorlas. Glaube, dachte Carter nicht zum ersten Mal, musste eine wunderbare Sache sein. In Momenten wie diesen musste er eine ungeheure Hilfe sein. Aber das war etwas, das er in seinem Leben nie gekannt hatte, und er wusste, dass er es nie erleben w�rde. War es nicht Kardinal Newman gewesen, der gesagt hatte, wenn die Kirche dich mit sechs Jahren kriegt, hat sie dich f�r den Rest deines Lebens? Wenn das stimmte, war Carter au�er Gefahr. Keine Kirche, egal welcher Richtung, hatte ihn bisher in die Finger bekommen.</p><p>Der Priester las immer noch, in einem gleichm��igen, wenn auch etwas hastigen Rhythmus. Erst jetzt bemerkte Carter die schwarze Limousine, die auf der anderen Seite der B�schung stand. Der Fahrer, ein st�mmiger, �lterer Mann, sa� auf dem Vordersitz und bl�tterte in einer Zeitung. Weder diesen Mann noch den Wagen hatte Carter zuvor auf der Trauerfeier gesehen.</p><p>�Erde zu Erde, Asche zu Asche ��, sagte der Priester, und diese Worte hatte selbst Carter schon oft geh�rt.</p><p>Bills Mom sprach sie laut mit. Ihr Mann hatte seinen Arm sch�tzend um ihre Schultern gelegt.</p><p>�Staub zu Staub; in der sicheren Gewissheit ��</p><p>Irgendwann auf dem Friedhof zu landen, dachte Carter. Aber wenn das ein Trost war �</p><p>�� der Wiederauferstehung zum ewigen Leben.� Der Priester schloss das Buch und sagte: �Amen.�</p><p>Die anderen murmelten ebenfalls �Amen�. Bills Mom stie� einen ged�mpften Klagelaut aus, und ihr Mann dr�ckte sie an sich. Jemand gab das Zeichen, und St�ck f�r St�ck wurde der Sarg in die Erde hinabgelassen. Unwillk�rlich f�hlte Carter sich an die Ausgrabungen in der Knochengrube auf Sizilien erinnert. Die Erde dort hatte ausgesehen wie hier, die Farbe von nassem Kaffeesatz, und am Boden, ebenfalls wie hier, lagen nur Knochen.</p><p>Eine Minute sp�ter war alles vorbei. Die Trauerg�ste verabschiedeten sich voneinander und zerstreuten sich. Suzanne kam zu Carter her�ber und sagte: �Sie k�nnen mit der Limousine zur�ck in die Stadt fahren, aber wir m�ssen zuerst zum Haus von Bills Eltern und sie dort rauslassen.�</p><p>Es war Carter gar nicht in den Sinn gekommen, dass nicht jeder direkt zur�ck nach Manhattan fahren w�rde, und sein erster Gedanke war: <emphasis>Wo bekomme ich ein Taxi her?</emphasis> Innerhalb des Friedhofs war das nat�rlich unm�glich, und er hatte keine Ahnung, wo er sich eigentlich befand.</p><p>�Ja, sicher�, murmelte er und �berlegte immer noch, welche andere M�glichkeit er hatte. �Aber ich will die Familie wirklich nicht st�ren. Sie wollen jetzt sicherlich allein sein.� Er suchte bereits mit Blicken die �briggebliebenen Autos ab, um zu sehen, ob er vielleicht bei irgendwem mit zur�ck in die Stadt fahren k�nnte. Ein grauer Toyota fuhr gerade los, und der einzige Wagen, der noch �brig war, war der schwarze Lincoln. Ein junger Mann stand jetzt daneben. Es war der Typ von der Trauerfeier, der so aussah wie ein professioneller Trauergast, und er schaute sogar direkt in Carters Richtung.</p><p>�Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment�, sagte er zu Suzanne. Das war vielleicht seine letzte Chance. �Ich bin gleich wieder da.�</p><p>Als Carter zum Lincoln hin�berging, riss der Trauergast die Augen auf. Vielleicht hatte das Bestattungsinstitut ihn als eine Art Kontrolleur geschickt, dachte Carter, nur f�r den Fall, dass bei der Beerdigung irgendetwas schiefging.</p><p>�Geh�ren Sie zuf�llig zu O�Banion Brothers?�, fragte Carter.</p><p>Der Mann machte ein ziemlich verwirrtes Gesicht. �Nein.�</p><p>�Es ist nur so, ich brauche eine Mitfahrgelegenheit zur�ck nach Manhattan, und ich wollte wissen, ob Sie vielleicht in die Richtung fahren.�</p><p>Die Augen des Mannes leuchteten auf, als sei er gerade mit einem v�llig unerwarteten Geschenk �berrascht worden. �Ja! Aber nat�rlich! Ich kann Sie absetzen, wo immer Sie wollen.�</p><p>�Danke.� Das war mehr, als Carter gehofft hatte. �Lassen Sie mich nur schnell Bills Familie Bescheid sagen, dass Sie mich mitnehmen.�</p><p>�beraus erleichtert ging Carter zur�ck und erkl�rte es Suzanne, die ihrerseits ebenfalls erleichtert wirkte. Vielleicht h�tte die Familie f�r die Extrafahrt mit der Limo zahlen m�ssen.</p><p>Als er zum Lincoln zur�ckkehrte, bemerkte er in diskretem Abstand zwei Arbeiter mit Schaufeln. Totengr�ber, die darauf warteten, ihre Arbeit zu Ende zu bringen.</p><p>�Ich bin Carter Cox�, sagte er und streckte dem Mann die Hand entgegen, der ihn in die Stadt mitnahm.</p><p>�Ezra Metzger�, erwiderte dieser. Er deutete auf den Wagen. �Bitte.�</p><p>Carter stieg auf der einen Seite ein, w�hrend Ezra zur anderen ging und sich beinahe vor Begeisterung die H�nde rieb. Vielleicht, dachte Ezra, wendete sich das Blatt jetzt doch zu seinen Gunsten. Erst gestern war er nach dem Tumult im UN-Park gegen Kaution und unter der Auflage, dass Sam und Kimberly f�r ihn b�rgten, aus dem Gef�ngnis entlassen worden. Und heute bekam er eine Exklusivaudienz bei dem Mann in New York, mit dem er am dringendsten sprechen wollte.</p><p>�Das ist mein Onkel Maury�, sagte Ezra, als der Fahrer sich auf dem Vordersitz umdrehte.</p><p>�Nett, Sie kennenzulernen�, sagte Maury. �Und, wo sollen wir Sie rauslassen?�</p><p>�Irgendwo in Manhattan w�re fein�, erwiderte Carter. �Aber je n�her am St. Vincent�s Hospital, desto besser.� Er hatte Joe heute noch nicht besucht.</p><p>�St. Vincent also�, sagte Maury. �Ich werde mir ein Spiel anh�ren, wenn ihr nichts dagegen habt�, f�gte er hinzu und schaltete das Radio ein. Carter fragte sich, ob das ihre Methode war, um sich auf dem R�cksitz ungest�rt unterhalten zu k�nnen. Nicht, dass er glaubte, es g�be irgendeine Veranlassung dazu.</p><p>W�hrend der Wagen die gewundenen Wege �ber den Friedhof entlangfuhr, fragte Carter Ezra, woher er Bill Mitchell kannte.</p><p>�Tut mir leid, ich kannte ihn gar nicht.�</p><p>�Oh. Dann Sind Sie also ein Freund der Familie?�</p><p>�Nein, auch nicht. Ich habe aus der Zeitung von der Trauerfeier erfahren. Mein eigentliches Interesse bestand, wie ich zugeben muss, darin, Sie zu treffen.�</p><p>�Mich? Warum?�</p><p>�Weil ich von dem Unfall in Ihrem Labor gelesen habe und sehr neugierig bin, was genau geschehen ist. Ich denke, Sie werden es besser wissen als jeder andere.�</p><p>�Sind Sie ein Brandermittler?�, fragte Carter, obwohl die vornehme Limousine nicht gerade daf�r sprach.</p><p>�Nein.�</p><p>�Ein Reporter?�</p><p>�O nein. Ich habe selbst in vielen Labors gearbeitet, zuletzt im Nahen Osten, und ich bin immer neugierig, wenn so ein gr�ssliches Missgeschick geschieht wie bei Ihnen.� Im Moment bestand noch keine Veranlassung, Mr Cox seine wahren Gr�nde anzuvertrauen. �Darf ich fragen, was f�r eine Arbeit Sie genau in Ihrem Labor erledigten, als das Feuer ausbrach?�</p><p>Wer war dieser Typ? Und sollte er diese Frage beantworten? Der Wagen passierte die Friedhofstore, und nachdem Carter noch ein paar Sekunden dar�ber nachgegr�belt hatte, glaubte er nicht, dass es noch gro� schaden konnte, wenn er ihm antwortete. Jeder denkbare Schaden war bereits angerichtet. �Professor Russo und ich sind Pal�ontologen, und wir haben an einem Fossil gearbeitet.�</p><p>�Zusammen mit dem verstorbenen Mr Mitchell?�</p><p>Carter z�gerte, dann sagte er: �Bill war eigentlich nicht befugt, sich dort aufzuhalten.�</p><p>Ezra schien zu begreifen, was er meinte. �Ich verstehe. Experimente k�nnen leicht schiefgehen, wenn die falschen Leute ihre Finger im Spiel haben.�</p><p>F�r Carter h�rte es sich an, als spr�che er aus Erfahrung.</p><p>�Aber d�rfte ich Sie vielleicht fragen�, sagte Ezra und fuhr so vorsichtig und h�flich fort, wie er konnte, �an was f�r einem Fossil Sie und Professor Russo arbeiten?�</p><p>Carter schaute aus dem Fenster auf die anderen Autos, die jetzt an ihnen vorbeiflitzten. �Gearbeitet <emphasis>haben</emphasis>. Es wurde durch die Explosion und das Feuer komplett zerst�rt. Und jetzt werden wir niemals wissen, was es war.�</p><p>�Nach was hat es denn ausgesehen?�</p><p>Das war eine gute Frage, und unwillk�rlich sah sich Carter erneut mit dem Thema konfrontiert. Es war das bitters��e Gef�hl, das einen �berkam, wenn man �ber eine alte Flamme sprach. �Der gr��te Teil war noch in einem Steinblock eingeschlossen, aber nach dem, was wir gesehen haben, k�nnte es ein Exemplar aus der Familie der Raubv�gel gewesen sein.�</p><p>�Also ein Dinosaurier?�</p><p>Jetzt wusste er, dass der Typ kein rivalisierender Pal�ontologe war. �Wahrscheinlich. Alles, was wir sehen konnten, war seine Hand, oder besser gesagt Klaue, und ein Teil einer Extremit�t.�</p><p>Ezra schien fasziniert von dieser Information. �Das ist komisch�, sagte er.</p><p>�Was?�</p><p>�Sie haben zuerst Hand gesagt. Als sei es Ihnen menschlich vorgekommen.�</p><p>Das konnte Carter nicht leugnen. Das Fossil hatte ihn st�ndig auf seltsame Gedanken gebracht. Ganz zu schweigen von diesem bizarren Gef�hl, das Fossil sei irgendwie w�rmer als der umgebende Stein. Er erinnerte sich noch gut an den Tag, als er die Probe von der ausgestreckten Kralle genommen hatte.</p><p>�Interessieren Sie sich deswegen so daf�r?�, fragte Carter und riet ins Blaue hinein. �Sind Sie Anthropologe?�</p><p>�Im weitesten Sinne des Wortes kann man das vermutlich schon sagen. Ich widme mich dem Studium der Menschheit.� Ezra schien das ein fairer Kompromiss zu sein <emphasis>und</emphasis> ein m�heloser Weg, um Carters Neugier zu befriedigen. �Ich bin sehr interessiert an der Frage, wie wir hierhergekommen sind, und warum.�</p><p>�Klingt so, als w�rden Sie sich dem Thema sehr kosmisch ann�hern�, sagte Carter. War dieser Typ ein bisschen � abgedreht? Langsam fragte er sich, ob er gleich etwas �ber Au�erirdische h�ren w�rde, die den Menschen die Geheimnisse des Pyramidenbaus beigebracht h�tten.</p><p>�Da stimme ich Ihnen zu. Ich habe in der Tat eine sehr kosmische Sichtweise�, sagte Ezra, �obwohl ich wei�, dass Sie diesen Begriff sp�ttisch gemeint haben.�</p><p>Himmel, hatte Carters Tonfall ihn verraten, oder war der Typ einfach �berempfindlich? Carter musste sich ermahnen, dass Ezra, selbst wenn er ihm vielleicht etwas merkw�rdig vorkam, nicht dumm war. Im Gegenteil, seine Z�ge strahlten Scharfsinn und Brillanz aus. �Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht beleidigen.�</p><p>�Schon gut�, erwiderte Ezra, obwohl er offensichtlich ver�rgert war. Er wandte das Gesicht ab. Sein Profil erinnerte Carter an einen W�stenfalken, mager, frei und hungrig. Ezra beobachtete den Kontrolleur an der Mautstelle, der gerade dem Fahrer sein Wechselgeld herausgab.</p><p>Schweigend fuhren sie durch den Tunnel. Carter f�hlte sich schlecht, weil er den Mann, der ihn mitgenommen hatte, beleidigt hatte. Als sie den Tunnel hinter sich gelassen hatten, versuchte Carter die Stimmung im Wagen aufzulockern, indem er Ezra fragte, wo er wohnte.</p><p>�East Side�, lautete die knappe Antwort.</p><p>�Allein?�</p><p>�Nein.� Wenn es eine gute Sache gab, die sich aus Ezras Sicht aus den Verwicklungen vor der UN ergeben hatte, dann war es die Auflage des Gerichts, dass er jederzeit unter seiner derzeitigen Adresse erreichbar sein musste. Kimberly hatte sich totge�rgert � eines der wenigen Dinge seit langem, die Ezra aufrichtiges Vergn�gen bereitet hatten.</p><p>Aber Ezra begriff, dass er es sich im Moment nicht leisten konnte, weiter beleidigt zu sein oder diesen Carter irgendwie zu verstimmen. Zumindest nicht, bis er gen�gend Informationen aus ihm herausgeholt hatte, um jeden Zweifel und alle Fragen zu kl�ren, die er vielleicht noch hatte. Gab es eine Verbindung zwischen dem, was in jener Nacht im Labor vorgefallen war, einem Labor, in dem ein seltsames Fossil peinlich genau untersucht wurde, und den Glocken, die in jeder Kirche der Stadt gel�utet hatten?</p><p>�Ich muss einmal um den Block fahren�, meldete sich Maury, �um zur Krankenhausauffahrt zu kommen�, doch Carter, der es eilig hatte, aus dem Wagen auszusteigen, sagte: �Kein Problem, Sie k�nnen mich gerne auf der anderen Stra�enseite rauslassen.�</p><p>Maury zuckte die Achseln und parkte den Wagen vor einem leerstehenden Geb�ude genau gegen�ber vom Haupteingang des Krankenhauses.</p><p>�Danke f�rs Mitnehmen�, sagte Carter zu Ezra, der sich endlich wieder zu ihm umwandte und fragte: �Wird Mr Russo hier behandelt?�</p><p>�Ja.� Das war nicht schwer zu erraten. �Ich gehe hoch zur Intensivstation, um zu sehen, wie es ihm geht.�</p><p>Carter �ffnete die T�r und stieg aus. Doch ehe er fortgehen konnte, war Ezra �ber die R�ckbank gerutscht und hatte das Fenster heruntergelassen.</p><p>�Eine Sache noch�, sagte er.</p><p>�Ja?� Jetzt, wo er aus dem Wagen raus war, f�hlte Carter sich wie befreit.</p><p>�Hat Ihr Kollege Ihnen etwas dar�ber erz�hlt, egal wie seltsam es auch sein mag, was an jenem Abend im Labor passiert ist? �ber die Explosion? Das Feuer? Das Fossil?�</p><p>�Nicht viel�, sagte Carter. �Sie m�ssen verstehen, dass sein Zustand immer noch sehr schlecht ist. Ich wei�, dass sie einen Laser benutzt haben, und der Strahl hat eine H�hle erwischt, in der Gas im Felsen eingeschlossen war. Das war die Ursache f�r den Unfall.�</p><p>�Sind Sie sich sicher, dass das alles war?�, frage Ezra. �Mehr hat er nicht gesagt?�</p><p>Carter haderte mit sich, ob er mehr sagen sollte. Er wollte nur noch weg, aber andererseits hatten Ezras Fragen und dieser flehentliche Blick etwas an sich, das ihn z�gern lie�.</p><p>Und Ezra sah es. �Was ist es? Sagen Sie mir, was Sie denken.�</p><p>�Also gut. Er erw�hnte etwas, das Sie vielleicht interessieren k�nnte�, sagte Carter, w�hrend Ezra am offenen Fenster wartete. �Sie m�ssen allerdings bedenken, dass er im Delirium lag und bis zum Anschlag mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt war, als er das sagte ��</p><p>�Sagen Sie es mir.�</p><p>�Er behauptete, das Fossil sei lebendig geworden.�</p><p>Einen Moment lang blieb Ezras Gesicht ausdruckslos, dann r�teten sich die Wangen, und er schlug mit der geballten Faust gegen die Innenseite der Autot�r. �Ich wusste es.�</p><p>Jetzt war die Reihe an Carter, �berrascht zu sein. �Sie wussten es?�</p><p>Ezra kritzelte etwas auf ein St�ck Papier und reichte es Carter durch das Fenster. �Das ist meine Nummer, aber ich nehme nie ab. Rufen Sie an und hinterlassen Sie Ihre Nummer bei der Haush�lterin.�</p><p><emphasis>Haush�lterin?</emphasis></p><p>�Wir m�ssen uns unterhalten�, sagte Ezra, �viel l�nger.� Er lehnte sich zur�ck, den Blick geradeaus gerichtet. Im Verkehrsstrom tat sich eine L�cke auf, und der Wagen fuhr davon.</p><p>W�hrend Carter auf Gr�n wartete und den verschwindenden R�cklichtern des Lincoln nachsah, fiel sein Blick zuf�llig auf ein riesiges Schild auf dem sch�bigen Grundst�ck hinter ihm. In gro�en Lettern stand darauf:</p><p><emphasis><strong>HIER ENTSTEHT IN K�RZE THE VILLAGER.</strong></emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong>26 STOCKWERKE LUXUS-</strong></emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong>GENOSSENSCHAFTSWOHNUNGEN.</strong></emphasis></p><p>Und darunter, in ebenso gro�en Lettern:</p><p><emphasis><strong>EIN PROJEKT DER METZGER COMPANY, INC.</strong></emphasis></p><p>Warum klingelte es pl�tzlich bei ihm? Er brauchte einen Moment, um eins und eins zusammenzuz�hlen, aber hatte Ezra nicht gesagt, sein Familienname sei Metzger? Konnte es sein �?</p><p>Die Ampel sprang um, und Carter �berquerte die Stra�e. Mit wem genau hatte er gesprochen? Und noch wichtiger: Wie um alles in der Welt konnte Ezra Metzger, ja, er war sicher, dass das sein Name war, wie konnte er vorher, so wie er behauptete, von Russos wirrem Gerede �ber das lebendig gewordene Fossil gewusst haben?</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>21. Kapitel</strong></p></title><p>Die Nacht wurde zu seinem Freund. Es war so viel einfacher, sich nachts durch die Stra�en zu bewegen, im Schein der Lampen, die alles und jeden leicht unwirklich wirken lie�en. Wie ein Nebelschleier konnte er sich zwischen den Menschen bewegen und unbemerkt ihre Tausende Ger�che, Stimmen und Gestalten in sich aufnehmen. Er konnte ihre Parfums einatmen, ihnen in die Augen blicken, sogar ihre K�rper streifen, ihre Haut und die Beschaffenheit ihrer Kleider ersp�ren. Er ging dorthin, wo die Stra�en voll waren, um die Luft einzuatmen, die sie ausatmeten, ihnen zuzuh�ren, wenn sie sprachen � <emphasis>hundert verschiedene Zungen, die alle zur gleichen Zeit zu sprechen schienen</emphasis> � und die Geheimnisse ihrer Herzen und Seelen zu erforschen.</p><p>Und darin lag, wie er sp�rte, wenig �berraschendes. Und ein gewisser Trost. Er hatte sich damals also doch nicht geirrt, vor so langer Zeit � und er irrte auch jetzt nicht.</p><p>Aber alles andere hatte sich so sehr ver�ndert.</p><p>Er hatte bereits den Namen des Ortes erfahren, den er nun bewohnte, und er hatte herausgefunden, welche Rolle er in der gegenw�rtigen Welt einnahm. H�tte der Ort seiner R�ckkehr weiser ausgew�hlt worden sein k�nnen? Gab es irgendeine andere Stelle auf der Erde, wo er so leicht beginnen k�nnte? Das war keine g�ttliche Vorsehung, o nein, das ganz gewiss nicht, aber es kam dem sehr nahe. Etwas war in Bewegung gesetzt worden. Ein Plan, den selbst er, bei all seiner Weisheit und all seinem Wissen, nicht vollst�ndig erfasste.</p><p>Manche Stra�en, gewisse Ecken kannte er inzwischen besser als andere, und oft ertappte er sich dabei, dass er immer wieder dorthin zur�ckkehrte. Gleich einem Wolf, der die Pfade verfolgt, auf denen er bereits erfolgreich gejagt hat. Wenn er aus der Dunkelheit seines Schlupfwinkels heraustrat, einem Ort aus zersplittertem Holz und zerbr�ckelnden Steinen, an dem er das leise Echo von Gebrechen und Krankheit vernahm, schritt er oft diese vertrauten Pfade entlang. Hier, zum Beispiel, war der Ort, zu dem der verbrannte Mann gebracht worden war � hier hatte er aus dem Schatten die lodernden Flammen beobachtet � und an dieser Stelle, die jetzt geschw�rzt und verlassen dalag, war er auf die Welt zur�ckgekehrt. Hier gab es Antworten, o ja, so viel wusste er, aber er wusste noch nicht, in wessen Brust sich diese Antworten verborgen hielten.</p><p>Er wollte es wissen. Es war seine ureigenste Bestimmung zu wissen.</p><p>Im Lichtkreis, der von einer Stra�enlaterne auf den nassen gl�nzenden Gehweg geworfen wurde, sah er jemanden auf und ab schreiten. Es war dieselbe Person, die er in jener Nacht getroffen hatte, als er aus dem Inferno getreten war. Diejenige, die ihm den roten Mantel gegeben hatte, den er noch immer trug.</p><p>Als er sich n�herte, blieb die Gestalt stehen und starrte ihn ehrf�rchtig an. War es so offensichtlich, was er war? Das wollte er nicht. Er wollte, dass die Dinge so waren, wie sie vor langer Zeit gewesen waren � bevor sich alles auf so schreckliche Art und Weise aufgel�st hatte.</p><p>Je n�her er kam, desto mehr schien die Gestalt an Ort und Stelle festzuwachsen. Dunkle Haut, langes Haar, die Gesichtsz�ge verdeckt durch Farbe und Schlamm, Saft und Staub. Ein lederner Sack hing an einem Arm � eine <emphasis>Handtasche</emphasis>, unvermittelt kam ihm dieses Wort in den Sinn.</p><p>�Du bist es!�, rief sein Wohlt�ter erstaunt. Schwankend n�herte sich die Gestalt in Schuhen mit hohen Abs�tzen. Sie legte ihm eine Hand, deren N�gel, wie er bemerkte, in hellem Silber gef�rbt waren, auf den �rmel. �Ich h�tte nie gedacht, dass ich dich noch einmal wiedersehe. Zumindest nicht in diesem Leben.�</p><p>Bei so vielen Menschen, die es jetzt auf der Welt gab, kam das vielleicht h�ufig vor.</p><p>�Aber dieses Mal wirst du mir nicht so einfach davonkommen. Nicht ohne mir zuerst ein paar Dinge erkl�rt zu haben.�</p><p>�Was � willst du � wissen?� Es war das erste Mal, dass er tats�chlich versuchte, Worte auszusprechen, Worte, die er aus der Luft um sich herum gepfl�ckt hatte. Und jetzt wartete er, ob man ihn verstanden hatte.</p><p>�Als Erstes m�chte ich wissen, wer du bist.�</p><p>Man hatte.</p><p>�Oder vielleicht sollte ich lieber fragen, <emphasis>was</emphasis> du bist. Letztes Mal, als ich dich sah, hast du geleuchtet wie eine Gl�hbirne. Jetzt strahlst du nicht mehr so viel Licht ab.�</p><p>Er konnte es sich nicht leisten. Es w�re zu t�richt. Er beobachtete, wie ein wei�es Auto mit blauen Streifen und einem roten Balken auf dem Dach langsam um die Ecke bog.</p><p>�Oh shit�, murmelte sein Wohlt�ter.</p><p>Er f�hlte sich am �rmel des Mantels gepackt und in den dunklen Eingang gezerrt, in dem er damals gestanden hatte, um das Feuer zu betrachten.</p><p>Das Auto kam n�her, und er wurde noch tiefer in den Schatten gezogen, bis zum Ende der Treppe unterhalb des Stra�enniveaus. Der Boden war mit dickem Papier und zerbrochenen Flaschen bedeckt, es roch nach M�ll � und menschlicher Vereinigung.</p><p>�Wir werden hier nur eine Weile warten, bis meine Freunde weg sind.�</p><p>Jetzt roch er auch � Furcht.</p><p>�Man nennt mich Domino, vielleicht, weil ich so leicht umkippe.� Ein leises Lachen. �Willst du mir sagen, wie man dich nennt?�</p><p>Es gefiel ihm hier nicht, und er begann, die Stufen wieder zu erklimmen. Doch Domino packte ihn erneut am �rmel und sagte: �Die Cops gurken hier immer noch rum. Und �berhaupt, wozu die Eile?�</p><p>Domino zog ihn dichter zu sich heran. Sie waren etwa gleich gro�, und er konnte seinem Wohlt�ter direkt in die Augen blicken. Sie waren dunkelbraun, mit langen schwarzen Wimpern. Die Brauen waren, wie er jetzt erkannte, bernsteinfarben gef�rbt.</p><p>�Du schuldest mir noch was.� Dominos Finger spielten mit seinem Mantel. �Ich habe dir schlie�lich den hier gegeben.� Er sp�rte, wie die Kn�pfe ge�ffnet wurden. �Ich bitte dich nicht um Geld � es sei denn, du m�chtest mir etwas geben. Aber du k�nntest mir zumindest zeigen, was du darunter tr�gst.� Der Mantel �ffnete sich. �Ich denke immer noch, dass du was ganz Besonderes im Schilde f�hrst.�</p><p>Als sich der Mantel weiter �ffnete, schwand die Dunkelheit am Fu� der Treppe. Domino lehnte sich zur�ck, um den Anblick auf sich wirken zu lassen. �Wow, du machst es schon wieder!�</p><p>Er sorgte daf�r, dass sein Strahlen noch ein wenig heller wurde. Im Licht konnte er Domino deutlicher erkennen als je zuvor. Erkannte das falsche Haar, welches das echte verdeckte, die kr�ftigen Knochen unter dem Puder und dem Lehm im Gesicht, die sehnigen Arme unter den weichen femininen Kleidern.</p><p>Dominos Hand schlich sich ins Innere des Mantels. Ber�hrte ihn.</p><p>Unter dem s��en Parfum nahm er den Geruch der Verderbnis wahr.</p><p>�Was zum � Teufel�, sagte Domino stockend.</p><p>Er breitete die Arme aus, und Domino trat zur�ck bis an die feuchte Mauer des Kelleraufgangs. Die Handtasche rutschte auf den schmutzbedeckten Boden.</p><p>�Heiliger Strohsack ��</p><p>Er sch�ttelte den Mantel von den Schultern und kam n�her. Er umarmte Domino, der sich jetzt wehrte.</p><p>Was ihn nur dazu brachte, seinen Griff zu verst�rken. Er presste den sich windenden und um sich schlagenden K�rper an sich. Er konnte die Hitze riechen, die Angst, die Wut. Er umklammerte Domino so fest, dass dieser seine Glieder nicht mehr r�hren konnte. Er sp�rte, wie der K�rper nach Luft rang, das Herz wie rasend in der Brust schlug. �Du fragtest nach meinem Namen�, sagte er, w�hrend pl�tzlich ein exakter Flammenkreis aus dem Beton um ihre F��e erwuchs. In Dominos vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen spiegelte sich der Schein des Feuers. �Er lautet Arius.�</p><p>Die Flammen wuchsen rasch, wanden sich um ihre vereinigten Leiber wie eine Schlange um einen Baum. Domino schrie, aber das Ger�usch wurde vom Feuer erstickt und verhallte dumpf im d�steren Kelleraufgang. Seine Kleider brannten, und seine Haut knisterte und brach. Die Per�cke auf seinem Kopf verschwand in einer Wolke aus goldenem Feuer.</p><p>Als es nicht mehr gen�gend gab, das er festhalten konnte, lie� Arius unger�hrt los und trat zur�ck. Was von Domino �briggeblieben war, fiel in einem flackernden Haufen aus verru�ter Haut und Knochen zusammen. Orangefarbene Funken tanzten in der Dunkelheit, als Arius sich b�ckte, um den roten Mantel aufzuheben, die Asche abzusch�tteln und ihn wieder anzuziehen. Auch die heruntergefallene Handtasche hob er auf und wandte sich zur Treppe.</p><p><emphasis>Im Grunde hatte sich nichts ge�ndert</emphasis>, dachte er, w�hrend er zur Stra�e emporstieg und die Handtasche durchw�hlte, um zu sehen, ob sich darin etwas von Nutzen befand. <emphasis>So etwas kam davon, wenn man sich abscheulichen Lastern hingab.</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p><strong>22. Kapitel</strong></p></title><p>Carter war heute nicht in Stimmung. Zuerst war da dieser verst�rende Termin in der Arztpraxis gewesen, und jetzt versuchte er, einem ungew�hnlich unruhigen Seminarpublikum die Theorie der Geochronologie nahezubringen.</p><p>�Den meisten von uns wurde vorgegaukelt�, sagte er, �die Menschheit habe sich in einem langen kontinuierlichen Prozess entwickelt, und dass alle protohumanen Fossilien, egal, wo sie gefunden werden, und egal, wie alt sie sind, sich irgendwo in diese Linie einf�gen lassen m�ssen.�</p><p>Er blickte von seinen Notizen auf und sah ein paar Studenten in der letzten Reihe, die mit gesenkten K�pfen �ber etwas diskutierten, das wie eine Gl�ckwunschkarte aussah.</p><p>�Aber diese Theorie, bekannt als Theorie des einzelnen Ursprungs oder auch Out-of-Africa-Theorie�, fuhr er fort und versuchte, die St�rung zu ignorieren, �ist zunehmend schwerer zu verteidigen. Neuere Funde in L�ndern wie China oder Indonesien, insbesondere auf Java, weisen in eine andere Richtung. Sie deuten auf eine Welt hin, die Millionen von Jahre alt ist und auf der verschiedene hominide Spezies es geschafft haben, den Planeten zur selben Zeit zu bewohnen. Nicht unbedingt friedlich, aber zumindest gleichzeitig.�</p><p>Er blickte erneut auf. Dieses Mal sah er, wie jemand die Karte an Katie Coyne weiterreichte, und er wurde w�tend.</p><p>�Also gut, wer erkl�rt mir, was Sie da treiben?�</p><p>Stille legte sich �ber den H�rsaal.</p><p>�Katie, w�rden Sie mir bitte erkl�ren, was los ist, ehe ich beschlie�e, Ihnen allen einen unangek�ndigten Test aufzudr�cken?�</p><p>Katie sah aus, als w�rde sie lieber nichts sagen. Sie r�ckte das blaue Tuch zurecht, das sie heute auf dem Kopf trug und mit dem sie auf Carter wie ein h�bsches Bauernm�dchen in einem Gem�lde von Millet wirkte. �Es ist eine Gute-Besserung-Karte�, erkl�rte sie schlie�lich.</p><p>�Okay�, erwiderte Carter k�hl und fragte sich, wieso das eine angemessene Erkl�rung sein sollte. �Und f�r wen?�</p><p>�F�r Ihren Freund�, sagte sie. �Professor Russo. Wir unterschreiben alle.�</p><p>Carter fehlten die Worte.</p><p>�Ich wollte sie ihm sp�ter noch vorbeibringen, wenn Sie meinen, dass es okay ist.�</p><p>�Ja�, sagte Carter, inzwischen leicht verlegen. �Ich bin sicher, dass er sich freuen wird.�</p><p>Es klingelte, keinen Augenblick zu fr�h. Die Studenten packten, vielleicht aus R�cksicht auf seine Stimmung, ihre Sachen noch schneller zusammen als sonst.</p><p>�Aber diese Idee mit der Geochronologie�, sagte Katie �ber das Gewusel hinweg, �klingt cool. Dem kann ich voll zustimmen.�</p><p>Er wusste, dass sie nur versuchte, ihn zu �berzeugen, dass nicht alles, was er heute gesagt hatte, verschwendet gewesen war. Es war ein netter Versuch, aber er wusste auch, dass es ihm heute nicht gelungen war, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.</p><p>Zum Lunch ging er an den einzigen Ort, an dem er sicher sein konnte, keinem seiner Fakult�tskollegen �ber den Weg zu laufen, in die Mensa. Er trug sein Tablett mit einem Hamburger und Pommes zu einem Tisch in der hintersten Ecke, wo es nicht ganz so laut war, und er seine Ruhe hatte. Mit dem R�cken zur hungrigen Horde sitzend, konnte er nachdenken, ohne gest�rt zu werden.</p><p>Das einzige Problem war, dass seine Gedanken heute nur in miese Richtungen gingen.</p><p>Angefangen hatte es mit dem Termin in Dr. Westons Praxis, wo sie die Ergebnisse ihrer verschiedenen Tests erfuhren. Carter hatte sich nicht darauf gefreut, aber den Augenblick auch nicht gef�rchtet. Er nahm an, dass die Probleme, die Beth und er hatten, sich als ziemliche Routineangelegenheit erweisen w�rden. Ein, zwei kleine Korrekturen in ihrer Methode der Familienplanung, und in Nullkommanichts w�re alles auf den richtigen Weg gebracht. Sie waren beide jung und gesund, und Beth ern�hrte sich sogar ausgesprochen ausgewogen. Wenn er es aus irgendwelchen Gr�nden ebenso halten m�sste, w�rde er eben auf sein Junk-Food verzichten.</p><p>Doch noch ehe das Gespr�ch richtig begonnen hatte, hatte der Ausdruck auf Dr. Westons Gesicht Carter bereits verraten, dass es um mehr ging als um falsche Ern�hrung. Der Arzt breitete einen Haufen Papiere und Laborberichte auf seinem Schreibtisch aus und machte etwas peinlichen Smalltalk mit Beth �ber seine private Kunstsammlung. Danach kam er jedoch direkt auf das Problem zu sprechen.</p><p>�In all Ihren Tests und Laborberichten�, sagte er und wandte sich direkt an Beth, �haben wir nichts gefunden, das die Probleme bei der Empf�ngnis erkl�ren k�nnte. Die k�rperliche Untersuchung erbrachte keine Obstruktionen oder Probleme gleich welcher Art, und auch bei Ihren Blut-und Hormonwerten sind keine kritischen Auff�lligkeiten festzustellen. Sie haben eine leichte Neigung zu An�mie, aber das bekommen wir mit einem einfachen Eisenpr�parat in den Griff.�</p><p>Carter stie� einen Seufzer der Erleichterung aus. Zumindest bei Beth war alles in Ordnung. Und vielleicht, ganz vielleicht, hatte seine Intuition ihn ja get�uscht.</p><p>Dann wandte Dr. Weston sich an ihn, und er wusste, dass es nicht so war.</p><p>�In Ihrer Krankengeschichte, Carter, lese ich, dass Sie als Jugendlicher Mumps hatten?�</p><p>Mumps? �Ja, das stimmt.�</p><p>�Erinnern Sie sich noch, ob es ein schwerer Verlauf war?�</p><p>Auf der Stelle war Carter der Monat wieder gegenw�rtig, den er mit heftigem Fieber zu Hause verbracht hatte. Er war in einem der hinteren Schlafr�ume unter Quarant�ne gestellt worden, mit zugezogenen Vorh�ngen und einer Tasse k�hlendem Tee neben dem Bett. �Ja, das war es. Ich konnte deswegen ein paar Wochen lang nicht zur Schule.�</p><p>Dr. Weston nickte. �Wissen Sie noch, welche Medikamente Sie bekommen haben?�</p><p>Carter entsann sich, massenweise Tabletten geschluckt zu haben, und selbst an ein paar Spritzen in den Po, aber er hatte keine Ahnung, was das gewesen war. �Da m�ssen Sie meine Mutter fragen, oder den Arzt, falls er noch praktiziert. Er stand damals schon kurz vor der Pensionierung.�</p><p>�Das brauchen wir wahrscheinlich gar nicht. Ich denke, es ist ziemlich klar, was passiert ist, besonders, wenn Ihr Arzt, wie Sie sagen, damals schon eine ganze Weile praktiziert hat. Dieser Vorfall hat sich in den fr�hen Achtzigern zugetragen, bevor wir �ber die Informationen verf�gten, die wir heute haben.�</p><p>Beim letzten Teil, �Informationen, die wir heute haben�, begannen bei Carter die Alarmglocken zu schrillen.</p><p>�Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er Ihnen ein starkes Antibiotikum verschrieben�, f�hrte Dr. Weston aus, �das sich, wie wir inzwischen wissen, in manchen F�llen, wenn es zu Beginn der m�nnlichen Pubert�t verabreicht wird, ung�nstig auf die sp�tere Potenz auswirken kann.�</p><p>Carter musste die ganzen W�rter erst richtig sortieren. Sagte der Arzt damit, dass er impotent war? Denn wenn es das war, was er dachte, dann �</p><p>�Ich meine damit nicht, dass Sie irgendwelche Schwierigkeiten bei der Erregbarkeit oder der Ejakulation haben�, fuhr Dr. Weston fort. �Keiner von Ihnen hat angedeutet, dass es in diesem Bereich Probleme geben k�nnte.�</p><p>Die Sache war also schon einmal gekl�rt.</p><p>�Aber leider ist eine Nebenwirkung von Mumps und den Ma�nahmen, die ergriffen wurden, um es zu besiegen, bei manchen M�nnern sp�tere Sterilit�t.�</p><p>Carter sa� still auf seinem Stuhl. Beth r�hrte sich genauso wenig.</p><p>�Wir haben Ihre Spermienprobe zweimal untersucht � Sie haben uns eine ganze Menge Arbeit beschert.� Weston brachte ein sparsames L�cheln heraus, das indes nicht viel half. �Leider kamen wir beide Male zum selben Ergebnis. Die Anzahl der Spermien bewegt sich im Bereich um ein Prozent, und die Beweglichkeit ist in �hnlichem Ma�e abgeschw�cht.�</p><p>Carter war immer noch dabei, die Informationen zu verarbeiten. Er war � steril?</p><p>�Wollen Sie damit sagen, dass ich � kein Kind zeugen kann?�</p><p>Dr. Weston lehnte sich in seinem Sessel zur�ck, die H�nde flach auf den Schreibtisch gelegt. �Biologisch betrachtet muss ich diese Frage bejahen. Aber ich brauche jemandem von Ihrem intellektuellen Kaliber nicht zu erkl�ren, dass biologische Vaterschaft nicht das Wichtigste im Leben ist.�</p><p>Eine Sekunde lang konnte Carter ihm nicht folgen.</p><p>�Als Paar k�nnen Sie immer noch ein Kind haben, indem Sie zum Beispiel eine alternative Quelle f�r die Samen finden. Wir k�nnen ein anderes Mal dar�ber reden, wenn Sie m�chten, sobald Sie Gelegenheit hatten, sich alles in Ruhe zu �berlegen. Physiologisch ist Beth immer noch eine erstklassige Kandidatin, um Mutter zu werden.�</p><p>Carter sp�rte, wie sie ihre Hand langsam �ber die Stuhllehne schob und seine eigene ergriff. Ob seine Hand genauso eisig war wie ihre?</p><p>Sie konnten also ein Kind bekommen, oder zumindest Beth konnte eines geb�ren. Mit dem Sperma eines anderen Mannes? Eines Freundes? Eines Familienmitglieds? Eines anonymen Spenders? Meine G�te, dachte Carter, so viele phantastische M�glichkeiten, wie sollte er sich da blo� f�r eine entscheiden?</p><p>�Ich wei�, dass das keine gute Nachricht ist�, sagte Dr. Weston, �und Sie sollten sich so viel Zeit nehmen, wie Sie brauchen, um alle Optionen in Erw�gung zu ziehen. Aber wenn ich Ihnen eines mit auf den Weg geben darf, dann dieses: Sie <emphasis>haben</emphasis> Optionen. Wenn Sie eine Familie haben m�chten, dann k�nnen und werden Sie eine bekommen.�</p><p><emphasis>Sicher,</emphasis> dachte Carter. <emphasis>Aber wessen Familie w�re es dann?</emphasis></p><p>Er wusste, dass Dr. Westons abschlie�ende Worte als Ermutigung gedacht waren, aber als er sich jetzt unter all den jungen Leuten in der Cafeteria umschaute, bekamen die Worte einen dumpfen Beiklang. Als er all die jungen Kerle anschaute, kam ihm ein unheimlicher und unwillkommener Gedanke: Jeder von ihnen k�nnte der Vater seines Kindes werden, jeder von ihnen k�nnte f�r seine Frau das tun, was er nicht fertigbrachte. Jeder von ihnen k�nnte ein Baby zeugen, k�nnte seine eigenen Gene an die n�chste Generation weitergeben. Das war ja auch nicht weiter schwer, aber es war etwas, das er niemals zustande bringen w�rde. Er wusste, dass diese Gedanken falsch und selbstzerst�rerisch waren, aber er konnte nichts dagegen machen. Er kam auch nicht gegen das Gef�hl an, dass er jetzt, wo er die Wahrheit kannte, weniger ein Mann sei als noch am Morgen, als er vollkommen ahnungslos aufgestanden war. Er konnte nur hoffen, dass Beth nicht auf gleiche Weise empfand. Denn selbst wenn es so w�re, w�rde sie es niemals zugeben.</p><p>Er legte die Gabel fort und schob das halbaufgegessene Essen beiseite. Selbst von dem Geruch wurde ihm im Moment leicht �bel.</p><p>Er verlie� die Mensa, um nach Hause zu gehen, entschied sich jedoch, im jetzt verwaisten Labor vorbeizuschauen. Er musste seinen Bericht f�r das B�ro des Pr�sidenten fertigstellen, und er wollte sich vergewissern, dass er an alles gedacht hatte. Auf der gegen�berliegenden Stra�enseite blieb er stehen und begutachtete von dort aus das gelbe Polizeiband, das inzwischen an einigen Stellen herunterhing. Die Stahlt�ren hatten sich unter der intensiven Hitze verdreht und verbogen, und die Au�enmauern waren ru�geschw�rzt. Erstaunt stellte er fest, dass der Brandgeruch immer noch ziemlich stark war.</p><p>Doch dann merkte er, dass der Geruch nicht vom Labor kam. Die Quelle lag wesentlich dichter, rechts hinter ihm. Er drehte sich um und sah eine Art laminierten Ausweis auf dem Beton liegen. Er b�ckte sich, um ihn aufzuhaben.</p><p>Es war der F�hrerschein eines Mannes, eines jungen Afroamerikaners mit dem Namen Donald Dobkins. An den R�ndern war er angesengt, aber das Bild kam ihm vage bekannt vor.</p><p>Er blickte in den Kelleraufgang und sah ein Brillenetui, offen und leer.</p><p>Hier war der Geruch sogar noch st�rker. Und er h�rte ein Ger�usch, ein leises Rascheln, im Schatten am Fu� der Treppe.</p><p>Was ging hier vor? Was war da unten? Konnte es irgendetwas mit dem Brand im Labor zu tun haben? Und wenn ja, wie war das all die Tage unentdeckt geblieben, so nah dabei?</p><p>Das Rascheln ert�nte erneut, und Carter rief: �Hallo? Ist da unten jemand?�</p><p>Keine Antwort.</p><p>�Ist da jemand?�</p><p>Carter stieg eine Stufe hinunter, und der Brandgeruch, der Geruch nach verbranntem Fleisch, um genau zu sein, wurde noch st�rker.</p><p>Schlie�lich konnte er etwas erkennen, einen geschw�rzten Haufen, der auf dem Boden lag.</p><p>Er stieg noch eine Stufe hinab und sah, dass der Haufen Schuhe trug. Verbrannte, aber deutlich erkennbare Schuhe mit hohen Abs�tzen.</p><p>Carter blieb stehen. Das war eine Leiche. Ein Toter. Aber das Rascheln ert�nte erneut, und er sah eine Bewegung.</p><p><emphasis>O mein Gott</emphasis>, dachte er. <emphasis>Vielleicht auch nicht. Vielleicht lebt sie noch!</emphasis> Er sprang den Rest der Stufen hinab, und kaum ber�hrte sein Fu� den Beton am Grund der Treppe, als es pl�tzlich hektisch zu werden begann. Es quietschte und huschte, rote Augen und kleine wei�e Z�hne blitzten auf. Ratten, manche schwarz und gro� wie Katzen, stoben in alle Richtungen davon, rannten �ber seine Schuhe und jagten die Stufen hinauf. Carter blieb wie angewurzelt stehen, bis die Meute verschwunden war. So etwas war ihm schon einmal passiert, als er in eine uralte Abfallgrube in Yucat�n hinabgestiegen war, und er war klug genug, um den Atem anzuhalten und es einfach geschehen zu lassen. Die Ratten wollten genauso wenig etwas von ihm wie er von ihnen.</p><p>Sein erster Eindruck hatte ihn nicht get�uscht. Die Leiche sah aus, als sei sie in sich zu einem Haufen aus verbrannten Gliedma�en und verschmorten Knochen zusammengefallen. Das Gesicht, beziehungsweise das Wenige, was davon noch �brig war, starrte in einer stummen, schmerzverzerrten Grimasse nach oben. Als er sich tiefer beugte, war der Geruch von verbranntem Fleisch kaum noch zu ertragen. Er musste sich abwenden, einmal kr�ftig Luft holen und sich mit geschlossenem Mund wieder umdrehen. Was er sah, kam ihm, wie das Bild auf dem F�hrerschein, seltsam bekannt vor. Kannte er diese Person?</p><p><emphasis>Ich sah einen Mann, aber eigentlich war es gar kein Mann. Er war ganz und gar aus Licht, und er leuchtete.</emphasis></p><p>Jetzt fiel es ihm wieder ein.</p><p><emphasis>Ich gab ihm meinen besten roten Mantel.</emphasis></p><p>Der Transvestit, der in dieser Gegend arbeitete.</p><p><emphasis>Dieser Mann war ein Engel.</emphasis></p><p>Den hatte er hier vor sich � oder besser, was von ihm �brig war. Aber was um alles auf der Welt war ihm zugesto�en?</p><p>Carter wandte den Kopf ab und schnappte erneut nach Luft.</p><p>War es nicht merkw�rdig? Erst Russo, und nun dieser Kerl, beide �bel verbrannt. Fast am selben Ort, und innerhalb weniger Tage. Wie standen die Chancen, dass es sich um einen Zufall handelte? Carter sch�tzte sie als nicht besonders gro� ein.</p><p>Er sah sich im dunklen Kelleraufgang um, aber alles, was er fand, waren Asche und Fetzen von verbranntem Zeitungspapier. Mehr nicht. Er konnte nichts mehr f�r den toten Donald Dobkins tun, au�er die Polizei zu rufen.</p><p>In der Telefonzelle an der Ecke w�hlte er 911, und eine Minute sp�ter kreuzte ein Streifenwagen auf. Ein Mord, vermutete Carter, stand bei der Polizei immer noch hoch im Kurs.</p><p>Er reichte einem der Beamten den F�hrerschein, den er gefunden hatte, und war gerade dabei zu erkl�ren, wie er die Leiche gefunden hatte, als ein weiterer Wagen, dieses Mal ein Zivilfahrzeug, auftauchte. Ein Mann mittleren Alters stieg aus. Er trug einen alten grauen Regenmantel sowie eine gro�e schwarze Brille mit mindestens einem Zentimeter dicken Gl�sern. �Haben Sie angerufen?�, fragte er Carter, und dieser nickte. �Dann bin ich derjenige, mit dem Sie sich unterhalten sollten.� Er �ffnete seinen Mantel, um die goldene Plakette vorzuzeigen, die an seinem herabh�ngenden G�rtel befestigt war. �Ich bin Detective Finley.�</p><p>Er warf einen kurzen Blick in den Kelleraufgang, dann sagte er m�de: �Warten Sie hier.�</p><p>Carter tat wie befohlen, obwohl er bereits bedauerte, jemals in diese Sache hineingeraten zu sein. Warum hatte er nicht einfach anonym angerufen, den F�hrerschein dort gelassen, wo er ihn gefunden hatte, und sich davongemacht? Das w�re nicht richtig gewesen, aber zumindest w�rde er jetzt nicht hier herumstehen und darauf warten, die kostbaren sp�rlichen Informationen weiterzugeben, die er hatte.</p><p>Detective Finley kam die Stufen hoch und steckte sich die Finger in die Ohren, als der Krankenwagen mit heulenden Sirenen am Tatort ankam. Als der Wagen anhielt und die Sirenen verstummten, nahm Detective Finley die Finger wieder raus. �Das machen sie immer�, sagte er zu Carter. �Ich werde noch taub davon.�</p><p>Carter l�chelte mitf�hlend. �Berufsrisiko, sch�tze ich.�</p><p>�Nicht das schlimmste.�</p><p>Nein, vermutlich nicht. Der Detective zog einen Notizblock aus der Tasche seines Regenmantels und nahm pflichtbewusst Carters Namen, seine Telefonnummer und ein paar Stichworte auf, wie er die Leiche gefunden hatte und warum er �berhaupt hier gewesen war. Als Carter erw�hnte, dass er in dem Labor auf der anderen Stra�enseite arbeitete, schien der Detective die Ohren zu spitzen. �Ich wurde an dem Abend dazugerufen�, sagte er. �Wir haben eine Leiche da rausgeholt, die genauso �bel verbrannt war wie diese hier, und einen Kerl, der noch geatmet hat.�</p><p>�Das ist ein Freund von mir, derjenige, der noch lebt. Er liegt jetzt im St. Vincent�s Hospital.�</p><p>�Ich wei�. Ich habe ihm die Hand gehalten, bis sie ihn in die Notaufnahme gebracht hatten.� Traurig sch�ttelte er den Kopf. �Armer Kerl � ich bin froh, dass er durchgehalten hat.� Er deutete auf den Kelleraufgang, wo die Sanit�ter die Leiche auf eine Bahre legten. �Und jetzt sieht es so aus, als h�tten wir ein weiteres Brandopfer, blo� dass dieses bereits seit ein oder zwei Tagen tot ist.�</p><p>�Ich wei�, wer es ist�, erkl�rte Carter freiwillig. �Ich habe sogar ��</p><p>�Wir kennen ihn ebenfalls. Er ist einer der Transvestiten, die in dieser Ecke arbeiten. Er wurde hin und wieder zusammengeschlagen, das werden sie alle. Aber so etwas �bles ist noch nie vorgekommen.�</p><p>�Sie meinen also, einer seiner � Kunden h�tte ihm das angetan?�</p><p>Detective Finley trat zur Seite, um die Bahre vorbeizulassen. Selbst jetzt, wo die Leiche in eine Plastikdecke geh�llt war, war der Gestank noch heftig. Die Sanit�ter trugen Zellstoffmasken.</p><p>�Das kann ich im Moment noch nicht sagen. Aber was mich stutzig macht, ist die Tatsache, dass es genau gegen�ber von dem Ort passiert ist, wo ich die letzten Brandopfer gesehen habe.�</p><p>Obwohl es schwierig war, Finleys Augen durch die dicken Brillengl�ser zu erkennen, hatte Carter das Gef�hl, eindringlich gemustert zu werden.</p><p>�Was haben Sie eigentlich in diesem Labor gemacht?�, fragte Finley.</p><p>�Wir haben an einem Fossil gearbeitet. Ein seltener Fund, aus Italien.�</p><p>�Haben Sie brennbare Stoffe verwendet, wie zum Beispiel chemische Mittel? Schneidbrenner?�</p><p>Er griff nach Strohhalmen, so viel war Carter klar, aber zum ersten Mal d�mmerte es Carter, dass er vielleicht aufpassen sollte, was er sagte. �Es wurden ein paar zus�tzliche Scheinwerfer provisorisch angebracht�, r�umte er ein. �Der Brandinspektor glaubt, dass das Feuer dadurch verursacht wurde.�</p><p>Detective Finley sch�rzte die Lippen. �Ziemlich gro�er Rums f�r eine falsche Sicherung.�</p><p>Nat�rlich k�nnte Carter erkl�ren, was wirklich geschehen war, wenn er wollte. Er k�nnte ihm sagen, was Russo ihm mitgeteilt hatte, dass Mitchell den Laser auf die Felsplatte gerichtet hatte, einen Felsen, in dessen Inneren sich Kammern mit explosiven Gasen befanden. Doch aus irgendeinem Grund tat er es nicht. Er erz�hlte auch nicht, was Russo in seinem verwirrten Zustand �ber das lebendig gewordene Fossil gesagt hatte.</p><p>�Haben Sie jemals mit diesem Typ, Donald Dobkins, der Hure, geredet?�</p><p>�Nein�, sagte Carter, ehe er sich verbesserte und sagte: �Ach, doch, einmal.� <emphasis>Verdammt</emphasis>, dachte er. Finley w�rde seine Verwirrung bemerken. �Ich war auf dem Land, als sich der Unfall ereignete, aber direkt danach bin ich zum Labor, am Tag nach dem Unfall. Da habe ich ihn auf der Stra�e gesehen. Er faselte etwas davon, dass er jemanden aus dem brennenden Geb�ude hatte kommen sehen.� Warum hatte er immer st�rker das Gef�hl, ein Alibi abzugeben?</p><p>�Und wer, glaubte er, war herausgekommen?�</p><p>Carter z�gerte. Er wusste, wohin das f�hren k�nnte. Vielleicht dachte Finley, dass Donald Dobkins den Brandstifter erkannt hatte und dieser zur�ckgekommen war, um sich des Zeugen zu entledigen. Aber Carter wusste, dass es nicht so gewesen war. �Wenn Sie es genau wissen wollen, er sagte, er habe einen nackten Mann aus Licht gesehen�, antworte Carter. Das w�rde zumindest der Befragung in diese Richtung ein Ende bereiten.</p><p>Doch Finley wirkte merkw�rdigerweise nicht �berrascht. �Passt zu der allgemeinen Beschreibung.�</p><p><emphasis>Passte zu was?</emphasis></p><p>�Obwohl Mr Russo immer wieder das Bewusstsein verlor, als er hier rausgebracht wurde�, f�gte der Detective hinzu, �murmelte er etwas ganz �hnliches.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>Der Detective nickte, w�hrend er in seinen Taschen herumw�hlte und eine Visitenkarte zutage f�rderte, die so abgewetzt aussah, als h�tte er sie bereits Dutzende Male �berreicht. �Wenn Ihnen noch irgendetwas einf�llt, rufen Sie mich an.� Er wandte sich zu seinem Wagen. �In der Zwischenzeit werden wir Ausschau halten nach jemandem, der aus Licht besteht und durch die Gegend spaziert.�</p><p>Der Krankenwagen fuhr davon, und einen Augenblick sp�ter folgte ihm das Auto des Detectives. Einer der Polizisten stand immer noch oben am Kelleraufgang und sprach in ein Walkie-Talkie. Schlie�lich begriff Carter, dass er jetzt frei war zu gehen, obgleich niemand ihm eine besondere Erlaubnis erteilt hatte.</p><p>Es wirkte alles so � unspektakul�r. Er hatte eine Leiche entdeckt, einen toten, verbrannten K�rper, und jetzt war schon alles vorbei. Er ging davon. Niemand hatte mehr weitere Fragen an ihn, es gab nichts mehr, das er tun k�nnte. M�glicherweise war das der Grund, warum ihn das ganze Grauen, das er gerade erlebt hatte, in einer versp�teten Reaktion erst jetzt traf. Da er nichts zu tun hatte und mit niemandem reden musste, konnte er sich pl�tzlich ganz auf die Realit�t konzentrieren, auf die grausige, haarstr�ubende Entdeckung, die er gemacht hatte. Es war nicht die erste Leiche, die er je gesehen hatte. Bei seinen Expeditionen hatte er es gelegentlich mit Todesf�llen zu tun, mit den sterblichen �berresten von Menschen, die auf nat�rlichem Weg oder durch ein Ungl�ck gestorben waren. Aber das hier war etwas ganz anderes. Dies war einer jener Anblicke, die einen bis in die Tr�ume hinein verfolgten. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Als h�tte er im Moment nicht schon genug Probleme, Schlaf zu finden.</p><p>Zitternd stellte er den Kragen seiner Lederjacke auf. Langsam wurde es Zeit, den Parka hervorzuholen. Obwohl es erst Sp�tnachmittag war, war das Licht bereits ziemlich sp�rlich. Die Tage wurden k�rzer. An der Ecke vierte Stra�e West wartete er gerade an der Ampel, als er pl�tzlich das Gef�hl hatte, jemand st�nde rechts hinter ihm. Und beobachtete ihn. Er drehte sich um, aber der n�chste Fu�g�nger war eine �ltere Frau mit einer Gehhilfe, die den Blick auf das Pflaster gerichtet hatte.</p><p>Er �berquerte die Stra�e und schritt f�r den Rest des Heimwegs forsch aus. Nicht nur, um warm zu werden, sondern auch, um dieses unheimliche Gef�hl abzusch�tteln, jemand folge ihm. Ein-oder zweimal drehte er sich abrupt um, doch niemals sah er einen Verd�chtigen. Als er das Foyer seines Hauses betrat, blieb er stehen, um die Post aus dem kleinen Metallbriefkasten zu holen. Diese Briefk�sten, dachte er, waren offensichtlich lange vor der Zeit der Versandkataloge entworfen worden. Anstatt auf den unzuverl�ssigen Fahrstuhl zu warten, entschied er sich f�r die Treppe und nahm zwei Stufen auf einmal.</p><p>Beth war nicht zu Hause, und in der Wohnung war es dunkel. Er ging von Zimmer zu Zimmer, schaltete die Lampen an und legte eine CD der Hives in die Stereoanlage. Er wollte peppige schnelle Musik, die seine Aufmerksamkeit fesselte. Er riss den K�hlschrank auf, nahm ein Bier heraus und ging ins Wohnzimmer. Er l�mmelte sich aufs Sofa und streckte die Beine aus. �ber seinem Kopf sah er die Vogelbilder von Audubon. Von denen Joe eines abgenommen hatte, um es durch ein Kruzifix zu ersetzen. Worum, fragte er sich, ging es hier eigentlich wirklich? Er hatte nie die Gelegenheit gehabt, ihn zu fragen, und jetzt w�re es ganz eindeutig keine gute Idee.</p><p>Vielleicht sollte er nach dem Abendessen noch einmal im Krankenhaus vorbeischauen, nur um gute Nacht zu sagen.</p><p>Er hob eine Ausgabe des <emphasis>New York Magazine</emphasis> vom Boden neben dem Sofa auf und begann darin zu bl�ttern. Vielleicht entdeckte er eine Empfehlung f�r ein Downtown-Restaurant, das Beth und er heute Abend ausprobieren konnten, irgendein �berf�lltes und lautes Lokal. Doch kaum hatte er das Heft aufgeschlagen, als er jemanden drau�en vor der Wohnungst�r h�rte. Er hielt die Zeitschrift ganz still und lauschte. F�r Beth war es noch ein wenig zu fr�h. Raleigh bestand darauf, dass seine Angestellten die volle Zeit im Laden absa�en. Doch als Carter vom Sofa aufstand, schwang die T�r auf, und Beth trat ein, ihren Lederkoffer in der einen und eine ausgebeulte Plastikt�te in der anderen Hand, aus der es verd�chtig nach chinesischem Essen roch.</p><p>�Lass mich das nehmen�, sagte er und eilte herbei, um ihr die T�te abzunehmen, die jeden Moment zu rei�en drohte.</p><p>�Danke�, sagte Beth und schloss die T�r hinter sich mit einem Fu�tritt. Dann drehte sie den Schl�ssel im Schloss um und legte den Riegel vor. Anschlie�end sp�hte sie durch den Spion.</p><p>�Heute Abend bist du aber besonders vorsichtig�, sagte Carter und stellte die T�te auf den K�chentresen.</p><p>�Na ja, ich habe unten einen ziemlichen Schrecken bekommen.�</p><p>Carter lie� die T�te T�te sein und ging zu Beth.</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>�Eigentlich nichts. Ich habe einfach nicht aufgepasst, als ich ins Haus gekommen bin.�</p><p>Carter wartete.</p><p>�Ich trug den ganzen Krempel, und ich war schon im Foyer, ehe ich begriff, dass jemand da war. Normalerweise bin ich aufmerksamer.�</p><p>�Wer war es?� Carter dachte an sein Gef�hl, auf dem Weg nach Hause verfolgt zu werden.</p><p>�Ich wei� nicht, ich konnte ihn nicht besonders gut erkennen.� Sie zog ihren Mantel aus und h�ngte ihn an den Holzst�nder neben der T�r. �Ich glaube, er wollte nicht, dass ich ihn ansehe. Er war gro�, blond, glaube ich, und trug eine Sonnenbrille. Beinahe sofort, nachdem ich das Haus betreten hatte, drehte er sich um und verlie� das Foyer. Ich wollte gerade die Post holen.�</p><p>�Ich habe sie bereits geholt�, sagte Carter wie bet�ubt.</p><p>�Gut, weil ich nicht mehr nachgesehen habe. Er stand direkt davor. Ich k�nnte sogar schw�ren, dass er mit dem Finger �ber unsere Namen auf dem Briefkasten fuhr.�</p><p>Carter f�hlte einen eisigen Schauder und schloss Beth instinktiv fest in die Arme.</p><p>�Es geht mir gut�, sagte sie mit einem nerv�sen Lachen, �wirklich. Sobald ich meinen Schl�ssel in die T�r zur Lobby gesteckt habe, ging er nach drau�en und die Treppe hinunter.�</p><p>�Hast du gesehen, wohin er gegangen ist?�, fragte Carter.</p><p>�Es sah aus, als sei er �ber die Stra�e in den Park gegangen, aber ich habe nicht gewartet, um es herauszufinden.�</p><p>Carter lie� Beth los und rannte zum vorderen Fenster, das zum Park hinaus zeigte. Die Stra�enlaternen waren noch nicht eingeschaltet, und in der Abendd�mmerung war es schwer, viel zu erkennen. Ein paar Inlineskater zogen noch ihre Runden auf den Fu�wegen, ein M�dchen im Teenageralter f�hrte einen Hund spazieren, und ganz hinten verlie� gerade eine hochgewachsene Gestalt im roten Mantel den Park durch den anderen Eingang.</p><p>Carter schnappte sich seine Lederjacke vom Garderobenst�nder und entriegelte hastig die T�r.</p><p>�Wo willst du hin?�, fragte Beth alarmiert. �Du wirst doch wohl nicht etwa nach dem Kerl suchen?�</p><p>�Ich habe ihn gesehen�, sagte Carter, sperrte die T�r auf und rannte hinaus.</p><p>�Aber ich habe dir doch gesagt�, erkl�rte Beth, obwohl sie ihn bereits die Treppe hinunterst�rzen h�rte, �dass er eigentlich gar nichts gemacht hat!�</p><p>Sie h�rte Carters F��e auf dem Treppenabsatz landen, dann die n�chsten Stufen hinunterrasen. Sie eilte zur T�r und rief: �Carter! Vergiss die ganze Sache doch einfach!�</p><p>Sie h�rte, wie die T�r zum Foyer aufgerissen wurde und anschlie�end krachend ins Schloss fiel.</p><p>�Mach keinen Mist, Carter�, rief sie ins leere Treppenhaus hinein. Sie stand an der offenen Wohnungst�r und dachte <emphasis>Und jetzt?</emphasis> Sie bedauerte, dass sie �berhaupt etwas gesagt hatte.</p><p>Sie schloss die T�r und lehnte den Kopf von innen dagegen. Warum regte sich Carter nur so dar�ber auf? Ihr kam der Gedanke, dass sie es hier wom�glich mit einer klassischen Verdr�ngungsreaktion zu tun hatte. Vielleicht hatte er die schlechte Nachricht vom morgendlichen Termin in der Praxis noch nicht ganz verdaut, und jetzt bahnten sich die Frustration und die aufgestaute Energie ihren Weg in alle m�glichen unpassenden Richtungen � wie zum Beispiel diese.</p><p>Sie verschloss alle Schl�sser bis auf den T�rriegel und ging in die K�che, um das chinesische Essen wegzur�umen. Zumindest hatte sie ihm nichts von der unheimlichsten Sache �berhaupt erz�hlt. Sie k�nnte schw�ren, dass der Typ, als er hinter ihr im Foyer gestanden hatte, in der Luft herumgeschn�ffelt hatte. Wie ein Hund, der einen neuen Geruch aufnimmt.</p><empty-line/><p>Als Carter den Park endlich erreicht hatte, war seine Jagdbeute verschwunden. Er rannte zur anderen Seite des Parks, wich einigen Autos aus und lief in die Richtung weiter, die der Kerl eingeschlagen zu haben schien. Weit vor sich, vielleicht zwei Blocks entfernt, meinte er, etwas Rotes zu erblicken, eine Sekunde bevor ein Bus ihm f�r den Moment den Blick versperrte.</p><p>Er beschleunigte seine Schritte, aber als der Bus weiterfuhr, war der rote Fleck verschwunden. Der Kerl konnte nach links oder rechts abgebogen sein, aber Carter entdeckte in keiner Richtung etwas, das nach ihm aussah. Er rannte geradeaus, und wieder meinte er, den roten Mantel zu erkennen, der gerade beim Obsth�ndler auf der anderen Stra�enseite um die Ecke bog. Aber die Ampel war gegen ihn, und als sie endlich ein Einsehen hatte und er die Stra�e �berqueren konnte, war der Kerl ihm schon wieder entwischt. Aber zumindest wusste er, in welche Richtung er verschwunden war. Carters Atem ging sto�weise, und er w�nschte, er h�tte nicht ausgerechnet seine abgetragenen Slipper an. Trotzdem rannte er weiter, schl�ngelte sich t�nzelnd durch die anderen Menschen auf dem Gehweg. Nicht lange, und er fand sich in einer schmerzlich vertrauten Ecke wieder. Genau auf der anderen Seite der breiten Stra�e befand sich der Haupteingang des St. Vincent�s Hospital.</p><p>Und nirgends eine Spur von dem roten Mantel.</p><p>Mit einer Hand st�tzte er sich am Stra�enschild ab, sah sich um und holte keuchend Luft.</p><p>Es war dieselbe Stelle, an der Ezra Metzger ihn nach der Beerdigung abgesetzt hatte. Er stand vor dem Grundst�ck, auf dem demn�chst Villager-Genossenschaftswohnungen errichtet w�rden, wie die Plakatwand verk�ndete. Der Tag mochte vielleicht nicht mehr fern sein, aber im Moment war es ein dunkler und dreckiger Schandfleck. Ein verbogener, durch eine Kette gesicherter Zaun umgab das leere, verlassene Geb�ude aus sch�bigem braunem Klinker. Carter blickte auf die br�chigen Stufen, die zerbrochenen, mit Sperrholz vernagelten Fenster, die verzierte, aber trostlose Fassade aus der vorletzten Jahrhundertwende. Der Haupteingang war kreuz und quer mit schweren Bohlen vernagelt und mit einem Warnschild</p><p><emphasis><strong>BETRETEN VERBOTEN</strong></emphasis></p><p>versehen. Dar�ber hing an einer einzigen Schraube ein verrostetes Metallschild. Obwohl es mit Graffiti bedeckt war, konnte Carter die Worte MEDIZINISCHES ZUBEH�R erkennen. Interessanter jedoch war die Inschrift hinter dem halb abgefallenen Schild, die in den Stein der urspr�nglichen Fassade eingemei�elt war:</p><p><emphasis><strong>NEW YO K SANATOR M F�R TUBER UL SE</strong></emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong>UND INFEKT NSKRAN HEIT N.</strong></emphasis></p><p>Man musste nicht regelm��ig <emphasis>Das Gl�cksrad</emphasis> sehen, um den Namen zu vervollst�ndigen: New York Sanatorium f�r Tuberkulose und Infektionskrankheiten. Unter den eingemei�elten Buchstaben stand das Gr�ndungsjahr: 1899.</p><p>Auf Carter wirkte das Geb�ude wie aus einem Roman von Dickens. Wie lange es wohl in Betrieb gewesen war, ehe man es dem endg�ltigen Verfall preisgegeben hatte? Die Reinkarnation als Lager f�r medizinisches Zubeh�r jedenfalls schien auch schon eine ganze Weile zur�ckzuliegen. In Manhattan gab es nicht mehr viele Geb�ude aus dem neunzehnten Jahrhundert, und auch dieses hier w�rde bald dran glauben m�ssen. Normalerweise tat es Carter leid, diese alten H�user verschwinden zu sehen, zu sehen, wie die Geschichte der Stadt ausgemerzt und durch seelenlose gl�serne Wolkenkratzer und Wohnt�rme f�r Yuppies verdr�ngt wurde. Dieses spezielle Geb�ude jedoch strahlte etwas aus, von dem er bezweifelte, dass es jemand vermissen w�rde. Selbst wenn er nicht gewusst h�tte, welchem Zweck es urspr�nglich einmal gedient hatte, h�tte er es �de und entmutigend gefunden. Unheilvoll, wenn er ganz ehrlich war.</p><p>Aber es gab kein Zeichen von dem Mann in dem roten Mantel, weder hier noch sonst wo. Entweder hatte Carter ihn verloren, oder der Kerl hatte ihn bewusst abgesch�ttelt.</p><p>Ein kalter Wind pfiff die Stra�e entlang, und Carter zitterte. Ein Krankenwagen mit rotierenden Lichtern bog in der Ferne um die Ecke und n�herte sich dem Eingang zur Notaufnahme.</p><p>Er �berquerte die Stra�e und dachte an das chinesische Essen, das Beth mitgebracht hatte. Die Aussicht darauf war verdammt verlockend. Er blieb noch einmal stehen und blickte zur�ck zu dem verlassenen Geb�ude mit den verbarrikadierten Fenstern. Die massiven W�nde sahen aus, als w�rden sie meditieren. Pl�tzlich hatte er das unerkl�rliche Gef�hl, dass das Haus selbst, heruntergekommen, unbewohnt und kurz vorm Zusammenfallen, seinen Blick erwiderte. Verr�ckt, er wusste es, aber so war es. Er wandte sich ab und ging davon. Ein Zitat, m�glicherweise von Nietzsche, schoss ihm durch den Kopf. Wie ging es noch genau? <emphasis>Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.</emphasis></p><p>Wie wahr.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>23. Kapitel</strong></p></title><p>�Und Henoch sah, eingereiht inmitten der Engel, jene, die bekannt waren als die W�chter. Ihr Haar glich geh�mmertem Gold, ihre Gew�nder � Ihre Augen, welche sie niemals schlossen, waren tief wie Brunnen in der W�ste. Sie wachten �ber die � der Menschen und lehrten sie viele Dinge.�</p><p>Ezra war erfreut, wie sich die St�cke der Schriftrolle zusammenf�gten. Es war eine m�hsame Arbeit, aber er hatte gerade einen weiteren zerfledderten Schnipsel gefunden, der sich genau an der richtigen Stelle ordentlich in den Text einzuf�gen schien, als er ein Klopfen an der n�chsten T�r, der Schlafzimmert�r, h�rte.</p><p>Verdammt. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um gest�rt zu werden.</p><p>Er ignorierte das Klopfen, aber es ert�nte erneut, und dieses Mal h�rte er Gertrude, die mit leiser Stimme aus dem Korridor rief: �Ezra, da ist ein Anruf f�r dich.�</p><p>Ein Anruf? Ezra hatte nicht einmal eine eigene Telefonnummer. Wer sollte ihn auch anrufen? Und was Freunde anging � Dann d�mmerte es ihm, wer es sein k�nnte, und ohne auch nur die Latexhandschuhe auszuziehen, sprang er von seinem Zeichentisch auf, rannte ins n�chste Zimmer und riss die T�r auf.</p><p>�Es ist ein gewisser Carter�, sagte Gertrude und hielt ihm das schnurlose Telefon hin.</p><p>�Hier ist Ezra�, sagte er und scheuchte die neugierige Gertrude fort. �Carter Cox?�</p><p>�Ja.�</p><p>Er klang nicht gerade freudig. Trotz der einsilbigen Antwort sp�rte Ezra, dass Carter ihn nur widerwillig anrief.</p><p>�Ich hatte gehofft, dass Sie anrufen�, sagte Ezra, um ihn weiter zu ermutigen.</p><p>�Und ich hatte gehofft, ich br�uchte es nicht.�</p><p>�Aber jetzt haben Sie es getan, und das ist alles, was z�hlt. Sie haben also �ber das nachgedacht, was ich im Wagen gesagt habe? Das ist gut. Das ist ein Anfang.�</p><p>Carter r�usperte sich und sagte: �Ja. Nun ja, vielleicht.�</p><p>�Wann wollen wir uns treffen? Um zu reden?�</p><p>�Ich habe heute zum Lunch Zeit�, sagte Carter. �Und wenn Sie Lust h�tten, nach Downtown in den Fakult�tsclub der NYU zu kommen, w�rde ich Sie gerne einladen.�</p><p>Nein, dachte Ezra, das klang entsetzlich. Au�erdem hatte Kimberly vor, sich heute von Onkel Maury auf eine Einkaufstour fahren zu lassen, so dass ihm nichts anderes �brigbliebe, als ein Taxi zu nehmen. Ob er damit wohl die Auflage vom Gericht verletzte, st�ndig erreichbar zu sein?</p><p>�Wie w�re es�, sagte Ezra, pl�tzlich ganz befl�gelt, �wenn Sie hierherk�men? Ich k�nnte einen Lunch zubereiten lassen, und wir k�nnten uns absolut ungest�rt unterhalten.�</p><p>Es gab eine Pause, dann sagte Carter: �Also gut, danke. Wo wohnen Sie?�</p><p>Ezra gab ihm die Adresse und legte auf. Anschlie�end stand er stocksteif da und dachte nach. Was hatte Carter schlie�lich doch noch dazu gebracht, die Nummer zu w�hlen, die er auf einen Fetzen Papier gekritzelt hatte? Er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Und jetzt war der Anruf gekommen. Was sagt man dazu! Dinge, die wom�glich gr��er waren, als selbst er, Ezra, es sich vorstellen konnte, waren erneut in Bewegung gesetzt worden. Wenn es tats�chlich einen gr��eren Plan gab, hatte er vielleicht gerade einen kurzen Blick darauf erhascht.</p><p>Dem Anlass zu Ehren duschte Ezra, rasierte sich und zog einen frischen schwarzen Rollkragenpullover an. Als Carter eine Stunde sp�ter eintraf, wartete er bereits im Foyer auf ihn, um ihn zu begr��en. Carter, das merkte er, war einen Moment lang �berrascht von der prunkvoll ausgestatteten Wohnung. Die Skulpturen von Rodin, die gew�lbten Decken, der Ausblick aus dem Penthouse. Ezra war nat�rlich daran gew�hnt.</p><p>�Danke, dass Sie gekommen sind�, sagte er, nahm ihm die Lederjacke ab und reichte sie Gertrude, die wie eine Mutterglucke um sie herumschwirrte. �Folgen Sie mir�, sagte er und f�hrte seinen Gast �ber den polierten Marmorfu�boden. �Wir werden im Esszimmer speisen. Dort haben wir vollkommene Ruhe.� Doch dann h�rte er Kimberlys Stimme, die gerade auf sie zukam, und er blieb stehen. Sollte sie nicht schon l�ngst zum Shoppen sein?</p><p>�Ich werde heute bei ein paar Galerien vorbeischauen�, sagte sie gerade, �aber damit bin ich bis zum sp�ten Nachmittag fertig. Merken Sie mich f�r halb sechs vor.�</p><p>Einen Moment sp�ter kam sie in Sicht, als sie gerade ihr Handy zuklappte. Als sie Ezra und Carter sah, blickte sie von einem zum anderen, als versuchte sie herauszufinden, was an dem Bild nicht stimmte. Diamantohrringe glitzerten diskret unter ihrem kastanienbraunen Haar.</p><p>�Du hast Besuch von einem Freund?�, sagte sie mit kaum verhohlener �berraschung zu Ezra. �Ich bin Kimberly Metzger�, sagte sie zu Carter und streckte ihm eine perfekt manik�rte Hand entgegen.</p><p>�Carter Cox.�</p><p>�Sie sind nicht zuf�llig�, fragte sie und senkte die Stimme, �sein Bew�hrungshelfer, oder?�</p><p>So sehr er sie auch hasste, Ezra war beeindruckt. Sie schaffte es in Rekordzeit, ihn schlechtzumachen.</p><p>�Vom Gericht?�, fuhr sie fort, ehe Carter sich eine Antwort einfallen lassen konnte. �Oder aus Dr. Neumanns Praxis?�</p><p>�Nein, nichts dergleichen�, sagte Carter leicht befremdet. �Ich unterrichte an der NYU. Ezra und ich haben einige Dinge zu besprechen. �ber seine � Forschung.�</p><p>Sie nickte und sagte: �Oh, seine <emphasis>Forschung</emphasis>�, w�hrend sie ihr Telefon in die schwarze Handtasche von Chanel gleiten lie�. �Das ist bestimmt sehr wichtig.� Sie dr�ckte auf den Knopf f�r den Lift und schenkte ihnen keinerlei Beachtung mehr.</p><p>Ezra f�hrte seinen Gast durch mehrere riesige und verschwenderisch ausgestattete R�ume. Carter entdeckte ein Portr�t eines fl�mischen Malers, von dem er h�tte schw�ren k�nnen, dass er es einmal in der Raleigh Galerie gesehen hatte. Obwohl Ezra kein Wort sagte, merkte Carter, dass er innerlich kochte. Da seine Mutter unm�glich noch so jung und h�bsch sein konnte, musste es sich bei ihr um seine Stiefmutter handeln. Die b�se Stiefmutter, der Art nach zu urteilen, wie sie miteinander umgingen.</p><p>Im Esszimmer war der Tisch, an dem mit Leichtigkeit zwanzig Personen Platz fanden, f�r zwei gedeckt. Gefaltete Leinenservietten, Kristallkelche, gl�nzendes Silber. Zwei Gedecke mit kunstvoll pochiertem Lachs auf wildem Reis waren bereits serviert. Carter und Ezra nahmen an einem Ende des Tisches Platz, Ezra am Kopf der Tafel und Carter direkt rechts neben ihm, von wo aus er durch eine Reihe von Terrassent�ren auf eine gro�z�gige Veranda mit kleinen B�umen und B�schen blickte.</p><p>Carter war hungrig, und das Essen war ebenso gut zubereitet wie angerichtet. Ezra hingegen stocherte nur hier und da auf seinem Teller herum. Es schien, als wartete er nur auf den Moment, bis sein Gast auf den Grund ihres Treffens zu sprechen k�me. Ein-oder zweimal erhaschte Carter einen Blick auf die Haush�lterin, die ihren Kopf aus der K�chent�r steckte und ihn sofort wieder zur�ckzog, als wollte sie sich nur vergewissern, dass die beiden Jungs auch allein zurechtk�men.</p><p>Nach einer halbherzigen Unterhaltung �ber die M�glichkeit eines Streiks beim �ffentlichen Nahverkehr fragte Carter, ob der Bauplatz gegen�ber des St. Vincent�s Hospitals tats�chlich ein Projekt von Ezras Vaters sei.</p><p>�Das sind sie alle�, erwiderte Ezra wegwerfend.</p><p>Okay, dachte Carter, hier war er in ein Fettn�pfchen getappt. Jetzt wagte er nicht mehr, nachzufragen, auf was seine Stiefmutter sich bezogen hatte, als sie ihn gefragt hatte, ob er Ezras Bew�hrungshelfer sei. Wer war dieser Kerl wirklich? Irgendein Krimineller?</p><p>�Also, wann erz�hlen Sie mir endlich, warum Sie angerufen haben?�, fragte Ezra, als er sich nicht l�nger bez�hmen konnte. �War es Ihre eigene Idee, oder hat jemand sie darauf gebracht? Ihr italienischer Freund zum Beispiel?�</p><p>Carter war beeindruckt. Der Typ mochte seltsam sein, aber seine Vermutungen trafen stets den Nagel auf den Kopf. �Ja, es war Russo. Heute Morgen im Krankenhaus.�</p><p>�Was hat er gesagt?�</p><p>Carter hasste es, auch nur daran zu denken. Bei seinem Besuch hatte er erw�hnt, dass er einen Mann getroffen habe, der genau wie Joe glaubte, das Fossil sei zum Leben erwacht. Daraufhin hatte Joe sich den Filzstift geschnappt und <emphasis>Rede mit ihm!</emphasis> auf die kleine Tafel gekritzelt. �Er m�chte, dass ich mit Ihnen rede, um herauszufinden, was Sie wissen.�</p><p>�Das ist alles?�, fragte Ezra.</p><p>�Er kann noch nicht sprechen, seine Lungen und Stimmb�nder wurden beim Feuer arg in Mitleidenschaft gezogen. Er kann nur ein paar Worte auf einmal mitteilen.�</p><p>�Ich m�chte selbst mit ihm sprechen, sobald das m�glich ist. Werden Sie es mich wissen lassen, wenn es so weit ist?�</p><p>Carter nickte, obwohl er im Stillen dachte, dass Ezra der letzte Mensch war, dem er das mitteilen w�rde.</p><p>�Eines Tages muss ich mich mit ihm hinsetzen und meine Theorien in aller Ausf�hrlichkeit mit ihm diskutieren.�</p><p>�Theorien? Wor�ber?�</p><p>Ezra spielte mit ein paar Reisk�rnern auf seinem Teller herum, als w�rde er �berlegen, wie er das, was er zu sagen hatte, am besten formulierte. �Ihr Freund ist durch eine schreckliche Erfahrung aufgeschlossen daf�r geworden. Aber ich bin mir nicht wirklich sicher, wie es bei Ihnen damit steht. Sie sind das, was ich einen Mann der Wissenschaft nennen w�rde�, sagte er und blickte immer noch nicht auf, �und meiner Erfahrung nach bedeutet das, dass Sie ziemlich voreingenommen sind.�</p><p>Carter reagierte ver�rgert. �Das ist meiner Erfahrung nach gewiss nicht richtig. Wenn Sie mich fragen, sind Wissenschaftler die aufgeschlossensten, wissbegierigsten Menschen auf der Welt.�</p><p>�Das stimmt nur, solange ihre Fragen sie zu den Antworten f�hren, die sie von Anfang an erwartet hatten�, erwiderte Ezra. �Nur solange sie das finden, wonach sie an den �blichen Stellen gesucht und genau das Erwartete gefunden haben.�</p><p>Carter wollte nicht den Eindruck erwecken, er sei �berm��ig defensiv, und bedachte diese Erwiderung. Tats�chlich, da war etwas Wahres dran. Waren seine Entdeckungen in der Knochengrube urspr�nglich nicht von den meisten seiner Kollegen au�er Acht gelassen worden? Hatten er und andere nicht erbitterten Widerstand gegen den Gedanken erfahren, dass es sich bei den modernen V�geln um die direkten Nachfahren der Dinosaurier handelte? Musste die Theorie der Geochronologie, der er selbst anhing, nicht immer noch einen schweren Kampf austragen, um akzeptiert zu werden? �Okay�, r�umte er schlie�lich ein, �ich wei�, worauf Sie hinauswollen, und ich gebe zu, dass ich selbst einigen Widerstand gegen neue Ideen zu sp�ren bekommen habe.�</p><p>Ezra schnaubte unbeeindruckt.</p><p>�Aber jeder gute Wissenschaftler�, fuhr Carter fort, �gleichg�ltig, ob Astronom oder Pal�ontologe, will tats�chlich die Wahrheit herausfinden. Er will wissen, was der Beweis zeigt oder die empirisch gesammelten Daten enth�llen. Er hat kein Interesse daran, f�r die eine oder andere Theorie zu pl�dieren, ehe er sich angesehen hat, was er vor sich hat, und ein Muster oder eine Idee erkennt, die allem einen Sinn gibt.�</p><p>�Aber das setzt voraus, dass er wei�, wohin er schauen muss, dass er wei�, welche Daten er sammeln muss und wie diese miteinander zu verkn�pfen sind.�</p><p>�Ja, sicher�, sagte Carter und fragte sich, wie man es sonst machen sollte. �Ein Wissenschaftler, der nicht wei�, welches Material f�r seine Arbeit relevant ist, wird niemals weit kommen.�</p><p>�Und ich nehme an, dass Sie zum Beispiel glauben, Sie w�ssten es? Sie glauben, dass Sie alles mit einbezogen haben, was f�r die Arbeit mit dem Fossil relevant sein k�nnte. Ist es nicht so?�</p><p>Womit sie wieder beim Fossil w�ren. �Ja, das glaube ich.�</p><p>�Sind Sie sich dar�ber im Klaren, dass eine Minute nach der Explosion in Ihrem Labor die Glocken in jeder Kirche in der Stadt zu l�uten begonnen haben?�</p><p>Carter erinnerte sich, davon im Radio geh�rt zu haben, als sie von Abbies und Bens Landhaus zur�ckgefahren waren. �Ja. Es war eine Art Halloweenstreich.�</p><p>�Ein Streich, f�r den es bis jetzt noch keine Erkl�rung oder L�sung gibt.�</p><p>�Und Sie glauben, dass das Glockengel�ut etwas mit meiner Arbeit zu tun hat?�, sagte Carter ungl�ubig. �Wollen Sie etwa sagen, dass die Gewalt der Explosion eine Art � ja was, ausgel�st hat? Eine einheitliche Schwingung in den Kirchenglocken im ganzen Umkreis?�</p><p>Unvermittelt beugte Ezra sich vor, wobei er den Teller mit den Ellenbogen zur Seite schob. �Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede! Die Fakten springen Ihnen ins Auge, aber Sie wollen sie einfach nicht sehen!�</p><p>Carter erinnerte sich an seinen Gedanken dar�ber, in einen Abgrund zu blicken. �Welche Fakten meinen Sie?�</p><p>�Glauben Sie, diese beiden Ereignisse sind nichts als Zufall?�</p><p>�Genau das denke ich. Was sollte es sonst sein?�</p><p>In Ezras Blick loderte �berzeugung oder, wie Carter dachte, der Wahnsinn. Er merkte, dass sein Gastgeber versuchte, sich zu einer Entscheidung durchzuringen. Er sch�tzte Carter ab und fragte sich, ob er das Thema anschneiden sollte, dem er schwerlich l�nger ausweichen konnte. Schlie�lich sagte er, mit einer Stimme, die andeutete, dass er einige tiefgreifende Vorbehalte �berwunden hatte. �Kommen Sie mit.�</p><p>Ezra warf seine Serviette auf den Tisch, erhob sich und verlie� den Raum. Carter folgte ihm. Er hatte keine Ahnung, wo es hinging oder was ihn dort erwartete, aber nach der Unterhaltung, die sie gerade gef�hrt hatten, sollte er sich besser auf etwas gefasst machen. Was immer Ezra ihm zeigen wollte, es w�rde � ziemlich absonderlich sein.</p><p>Am Ende eines langen Korridors blieb Ezra stehen und schloss eine T�r auf. Er hielt sein eigenes Zimmer, seine eigenen R�ume, verschlossen? Carter hatte immer mehr das Gef�hl, es mit einer paranoiden Pers�nlichkeit zu tun zu haben. Ezra trat ein, und sobald Carter das Zimmer ebenfalls betreten hatte, schloss und versperrte er die T�r hinter ihnen.</p><p>�Ich muss gewisse Vorsichtsma�nahmen ergreifen�, sagte Ezra.</p><p>Carter nickte, als w�rde er verstehen. Das Schlafzimmer, in dem er jetzt stand, war sehr gro� und gut m�bliert, aber bis jetzt hatte er nichts entdeckt, das ihm sonderlich unheimlich oder bemerkenswert vorgekommen w�re. Wenn Ezra etwas hatte, das er ihm zeigen wollte, dann musste es sich hinter der T�r zu seiner Linken verbergen.</p><p>�Ehe ich Sie einweihe�, sagte Ezra, �m�ssen Sie mir versprechen, dass Sie niemandem ein Wort davon verraten. Kann ich mich darauf verlassen?�</p><p>Carter willigte ein.</p><p>�Und Sie versprechen auch, dass Sie nicht voreingenommen sind?�</p><p>�Ehrenwort!�</p><p>Ezra blieb stehen, als sei er immer noch nicht sicher, ob er den n�chsten Schritt wirklich machen sollte. Doch schlie�lich �ffnete er die T�r zum angrenzenden Zimmer und blickte sich um, ehe er eintrat. <emphasis>Ein weiteres Anzeichen von Paranoia?,</emphasis> dachte Carter.</p><p>Die Luft war stickig, der Raum d�mmrig. Es gab Terrassent�ren, wie im Esszimmer, doch die Vorh�nge waren zugezogen, und Carter hatte den ausgepr�gten Eindruck, dass sie nur selten, wenn �berhaupt jemals, zur�ckgezogen wurden. Ezra ging zur anderen Seite des Raumes und schaltete die Lampe �ber einem Zeichentisch ein. Auf dem Tisch und an den W�nden davor und daneben bedeckten Klarsichth�llen gelbe Bruchst�cke und Streifen von etwas, das aussah wie antike Schriftrollen oder Papyri.</p><p>�Was ist das?�, fragte Carter. �Die Schriftrollen vom Toten Meer?�</p><p>Ezra antwortete nicht, und Carter dachte pl�tzlich <emphasis>O mein Gott, sie sind es tats�chlich!</emphasis> Er sah Ezra an, der seinem Blick standhielt. In seinen Augen sah er Trotz, aber auch Stolz aufblitzen.</p><p>�Wie um alles auf der Welt sind Sie an die rangekommen?�</p><p>�Sagen wir, ich habe sie gefunden. Sie waren dazu bestimmt, in meinen Besitz zu gelangen.�</p><p>Carter konnte nicht widerstehen und trat n�her. Er ging zur Wand und musterte eine der H�llen, die dort hingen. Selbst f�r jemanden wie ihn, der den Umgang mit altert�mlichen Dingen gewohnt war, war es faszinierend. Noch nie zuvor hatte er ein so altes Dokument gesehen, und soweit er wusste, gab es keine, die �lter waren. Dieses hier war eng mit unentzifferbaren Schriftzeichen bedeckt, aufgeschrieben mit einer leicht violetten Tinte, die fast schwarz wirkte. Er blickte hin�ber zum Zeichentisch, wo Ezra offensichtlich dabei war, ein weiteres St�ck der uralten Schriftrolle zusammenzusetzen.</p><p>�Was steht darin?�</p><p>�Wie Sie sehen k�nnen, setze ich sie noch zusammen. Aber sie stellt eine Mischung dar, aus Geschichten, Enth�llungen � und Prophezeiungen.�</p><p>Carter beugte sich n�her �ber das Blatt auf dem Zeichentisch. �Ist das Papyrus?�</p><p>�Nein�, sagte Ezra. �Es ist etwas anderes. Aber vorausgesetzt, es stammt tats�chlich urspr�nglich aus dem Nahen Osten, w�re es unwahrscheinlich, dass Reis beigemischt wurde. Vermutlich handelt es sich um irgendeine Tierhaut � Ziege, Schaf, Kamel, Ochse.�</p><p>�Klingt, als m�ssten Sie es noch genauer eingrenzen.�</p><p>�Das stimmt � und ich hatte gehofft, dass Sie mir dabei helfen k�nnten.�</p><p>Carter warf einen kurzen Blick auf Ezra, um zu sehen, ob er einen Witz machte, aber es sah nicht so aus. Er meinte es ernst. �Woher soll ich das wissen?�, sagte er. �Das ist nicht gerade mein Fachgebiet.�</p><p>�Aber Sie haben ein Labor an der NYU. Sie haben Zugang zu allen �blichen Datierungstechniken und k�nnten zum Beispiel eine Radiocarbondatierung durchf�hren. Und ich bin sicher, dass Sie auch eine molekulare Gewebsanalyse machen lassen k�nnten.�</p><p>Ezra stellte sich neben Carter und deutete mit dem Finger auf eine Stelle der Schriftrolle, wo das Licht am hellsten war. �Sehen Sie das hier? Es hat eine Struktur, vielleicht sogar die Porenstruktur eines Tiers. Was f�r ein Tier es sein k�nnte, wei� ich nicht. Ich wei� auch nicht, woraus die Tinte besteht.� Er blickte zu Carter hin�ber. �Aber wenn Sie in Ihrem Labor die entsprechenden Tests machen w�rden, k�nnten Sie es mir sagen.�</p><p>�Und das w�rde Ihnen weiterhelfen?�</p><p>�Bei meiner Arbeit? Enorm. Wenn ich die Zusammensetzung und das Alter der Schriftrollen kennen w�rde, w�re ich in der Lage, eine Menge mehr dar�ber herauszufinden.�</p><p>Carter richtete sich auf. �Wenn es so wichtig ist, wie kommt es dann, dass Sie keine M�glichkeit gefunden haben, die Laboruntersuchungen selbst zu machen?�</p><p>Ezra wandte den Blick ab, und f�r Carter sah es aus, als probte er, was genau er sagen wollte. �W�hrend mein Anspruch auf dieses Material vollkommen legitim ist, gibt es immer noch bestimmte Beh�rden, hier und anderswo, die das bestreiten w�rden.�</p><p>Puh, dachte Carter, der Typ steckte ja echt ziemlich in der Klemme.</p><p>�Und meine Aktivit�ten werden gerade�, f�gte Ezra, �sehr genau beobachtet.�</p><p>Damit spielte er vermutlich auf den Bew�hrungshelfer an, den seine Stiefmutter erw�hnt hatte. Was immer Ezra im Schilde f�hrte, es war auf jeden Fall ein gro�es Ding. Carter sah sich im Arbeitszimmer um. Auf dem ganzen Boden lagen B�cher und Papiere verstreut. In dem Bem�hen, einen brauchbaren Arbeitsplatz zu schaffen, hatte Ezra seine Werkzeuge auf eine alte Spielzeugkiste gelegt. Und so merkw�rdig es auch war, Carter musste zugeben, dass er diesen Platz sofort erkannt h�tte, genauso, wie er sofort gewusst h�tte, was f�r eine Sorte Mensch ihn sich geschaffen hatte. Es erinnerte ihn an einige seiner eigenen improvisierten B�ros und Forschungsecken. Trotz all des Geldes, das er offensichtlich hatte, geh�rte Ezra Metzger zu jenen zielstrebigen Exzentrikern, die es gew�hnlich schafften, sich in ein universit�res Umfeld zu mogeln und dann f�r den Rest ihrer Tage in ihrer Nische in der Versenkung zu verschwinden. Dieser Typ war Carter absolut vertraut. Er hatte eine Schw�che f�r diese intellektuellen Sonderlinge � vielleicht, weil er wusste, wie gef�hrlich nahe er mit seinen eigenen Expeditionen und Lieblingstheorien daran war, selbst als einer zu enden.</p><p>�Angenommen, ich erkl�re mich bereit, das zu tun, was Sie wollen�, sagte er, �und ich sage nicht, dass ich es kann � wie stellen Sie sich das vor? Meinen Sie, ich k�nnte einfach ins Labor marschieren und eine dieser Schriftrollen auspacken?�</p><p>�Nein, ich wei�, dass Sie das nicht k�nnen�, sagte Ezra beflissen, als sp�rte er, dass er kurz vor dem Sieg stand. �Alles, was Sie brauchen, ist eine winzige Probe, und die habe ich bereits f�r Sie ausgesucht.� Er hielt einen sandwichgro�en Plastikbeutel in der Hand, in dem sich ein Fragment der Schriftrolle befand. �Das sollte gen�gen, um damit zu arbeiten. Und ehrlich gesagt ist es alles, was ich er�brigen kann.�</p><p>Carter nahm die T�te und hielt sie ins Licht. Der Streifen darin war etwa zwei Zentimeter lang und eineinhalb Zentimeter breit, aber er wusste, dass Ezra recht hatte. F�r die Laboruntersuchungen war es v�llig ausreichend � wenn er sie denn machen konnte. Er w�rde einige �berredungsk�nste anwenden m�ssen, um zu erkl�ren, warum er, ein Pal�ontologe, ausgerechnet mit dieser Probe ankam und wof�r er die Testergebnisse brauchte.</p><p>Aber er hatte zuvor schon merkw�rdige Bitten ge�u�ert.</p><p>Jetzt, wo er dar�ber nachdachte, fiel ihm ein, dass er nie die Ergebnisse der Probe angefordert hatte, die Joe und er von dem Fossil genommen hatten. In der ganzen Aufregung nach der Explosion, dem Tod von Bill Mitchell und Joes Krankenhausaufenthalt hatte er das v�llig verdr�ngt. Inzwischen dachte er an das Fossil nur noch als etwas, das unwiederbringlich im Inferno des Labors verlorengegangen war. Das machte es wesentlich einfacher. Aber das stimmte ja gar nicht. Eine winzige, saubere Probe existierte immer noch. Es war nicht viel, aber er musste dankbar sein f�r alles, das ihm erhalten geblieben war. Und es w�rde ihm einen guten Grund verschaffen, �berhaupt im Labor f�r Biomedizin aufzutauchen.</p><p>�Sie wissen, dass solche Laboruntersuchungen nicht umsonst sind�, sagte Carter. �Da wird ordentlich was zusammenkommen.�</p><p>�Was immer es kostet�, sagte Ezra und wischte das Problem beiseite, �ich werde daf�r aufkommen.�</p><p>Nach allem, was er bisher gesehen hatte, glaubte Carter ohne weiteres, dass Ezra das Geld beschaffen konnte. Er wollte gerade den Plastikbeutel in seine Hemdtasche stecken, doch Ezra hielt ihn auf.</p><p>�Ihre K�rperw�rme�, warnte er.</p><p>�Wie soll ich es sonst transportieren?�</p><p>Ezra drehte sich um und griff nach einem Briefumschlag. �Tun Sie es hier hinein und halten Sie ihn in der Hand, oder stecken Sie ihn in die �u�ere Manteltasche.�</p><p>Bereitwillig schob Carter den Beutel in den Briefumschlag und verschloss ihn. Allein durch diese Handlung hatte er das Gef�hl, ungewollt seine Komplizenschaft zu signalisieren. Er hatte eine Art Pakt mit Ezra geschlossen, den genauer zu hinterfragen er nicht allzu begierig war. Aber andererseits gab es gerade so viele Dinge in seinem Leben, die einer genaueren Betrachtung kaum standhalten w�rden. Vielleicht war er dumm, vielleicht auch nur hilfsbereit. M�glicherweise versuchte er lediglich zweifelsfrei zu beweisen, dass er nicht einer dieser engstirnigen Wissenschaftler war, �ber die Ezra sich ausgelassen hatte. Sch�n und gut, aber wem wollte er das beweisen � Ezra oder sich selbst?</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>24. Kapitel</strong></p></title><p>Arius roch sie, noch ehe sie aus dem Geb�ude trat. Der Duft von Hyazinthen wehte ihm entgegen und verdeckte kaum das feinere, aber noch verf�hrerische Aroma darunter. Der Geruch von Sch�nheit und Jugend � und Verlangen. Sie war schlank, hatte �ppiges braunes Haar und gr�ne Augen, und er fragte sich, ob der alte Mann, derjenige, der jetzt die Wagent�r f�r sie �ffnete, ebenso in ihrem Duft schwelgte. Wie k�nnte er nicht?</p><p>W�hrend der Wagen langsam die Auffahrt umrundete, stand er in seinen neuen Kleidern neben einem verwelkenden Baum. <emphasis>Wie sollten sie auch wachsen k�nnen, wenn ihre Wurzeln unter diesem � Beton begraben waren?</emphasis> Er beobachtete.</p><p>Inzwischen wusste er, dass es eine gro�e Stadt war, mit unz�hligen Menschen darin.</p><p>Aber sein Netz hielt ihn in der Mitte, und es wuchs, wurde gr��er und komplexer. Er wusste, dass sein Netzwerk, wenn er aufmerksam lauschte, ihn schlie�lich mit allem versorgen w�rde, was er wissen musste � und mit allem, das n�tig war, um die F�den zu ihrem Anfang zur�ckzuverfolgen. Carter Cox, dessen Namen er von dem silberfarbenen Briefkasten abgelesen hatte, hatte ihn zu diesem Punkt gef�hrt, und jetzt wusste er, dass es Zeit war, dem neuen Faden zu folgen.</p><p>Zeit, das Netz erneut zu erweitern.</p><p>Als er sich umdrehte und entfernte, kam er an ein paar jungen M�nnern vorbei, die sich angeregt unterhielten. Erfreut stellte er fest, dass sie nicht innehielten, um ihn anzustarren. Ihre Unterhaltung wurde nicht einmal langsamer. Eine Frau mit einem Kinderwagen blickte l�chelnd in seine Richtung, dann wandte sie sich wieder brabbelnd ihrem Baby zu.</p><p>Jetzt war er � <emphasis>glaubw�rdig</emphasis>.</p><p>Er hatte nicht lange gebraucht, um diese neue Welt einzusch�tzen und zu begreifen, dass er gewisse Ver�nderungen vornehmen musste. Er hatte sich umgesehen und die anderen M�nner auf der Stra�e gemustert. Rasch hatte er den Unterschied zwischen denen erkannt, die sich abk�mpften, und den Erfolgreichen, zwischen den Ungewollten und jenen, die begehrt waren. Und er war schnell dahintergekommen, dass der rote Umhang � <emphasis>Mantel</emphasis> � falsch war. Es war ein Banner des Widernat�rlichen. Er hatte auch die Handtasche dieser Kreatur genommen und Geld darin gefunden, und noch mehr. Die Tasche war gef�llt mit diesen Karten, kleinen Karten, die gerade in die Handfl�che passten, jede mit einem anderen Namen darauf. Er hatte beobachtet, wie Menschen sie benutzten, um zu bekommen, was immer sie ersehnten.</p><p>Und er hatte schleunigst dasselbe getan.</p><p>Jetzt war sein Mantel schwarz, dazu geschmeidig, warm und lang genug, dass er beinahe seine Kn�chel ber�hrte. Die spitzen gl�nzenden Schuhe waren ebenfalls schwarz. Er trug einen Anzug, tiefblau wie der Himmel, kurz bevor die Sonne den Horizont erreichte, und ein wei�es Hemd aus wei�er weicher Seide mit offenem Kragen, der sich wie ein Band an seinen Hals schmiegte. Obwohl er die Handtasche, ein weiteres Zeichen unnat�rlicher K�nstlichkeit, l�ngst weggeworfen hatte, ebenso wie die dunkle Brille � <emphasis>Sonnen</emphasis>brille � die er darin gefunden hatte, hatte er diese durch eine mit andersgef�rbten Gl�sern ersetzt. Die neue Brille war rund, hatte einen Goldrahmen und bernsteinfarbene Gl�ser. Er wusste, dass seine Augen andernfalls verst�rend wirken k�nnten, denn sie bestanden nicht aus einer einzigen Farbe. Vielmehr konnte er sie entsprechend seiner Stimmung und Umgebung ver�ndern. Er wusste, dass die Menschen in ihnen das Licht sahen, das wie Blut durch seinen K�rper str�mte. Seine Augen konnten wie ein Wasserfall aus Sonnenlicht leuchten, aufblitzen wie ein Fluss aus Goldm�nzen oder sieden wie eine Flut aus geschmolzener Lava.</p><p>Alles in allem war es besser, wenn er die Brille aufbehielt.</p><p>Hin und wieder blieb er bewusst stehen und sog die Luft ein. Obwohl das Auto nirgends zu sehen war, das Auto, in dem die Frau sa�, die nach Hyazinthen roch, gelang es ihm, ihre Spur zu verfolgen. Er lie� sich von ihrem Duft leiten. Er sp�rte das Zucken der feinen F�den seines unsichtbaren Netzes, und diesem konnte er nachgehen.</p><p>Es f�hrte ihn fort vom Fluss und in das Herz der Stadt. Bald fand er sich auf einer breiten gesch�ftigen Stra�e wieder, vor einem Geb�ude mit rotem Vordach und schweren T�ren aus poliertem Messing. Dort hinein war sie gegangen.</p><p>Ein uniformierter Mann hielt ihm die T�r auf, als er eintrat, und hie� ihn in etwas willkommen, das Raleigh Galerie der bildenden K�nste hie�.</p><p>�Danke�, erwiderte Arius, stets erfreut, seine Worte und seine Stimme zu h�ren und so leicht akzeptiert zu werden.</p><p>Nachdem er eingetreten war, ahnte er, dass die Dinge sich erneut gl�cklich zusammenf�gten. Nicht nur, dass die Hyazinthenfrau ganz in der N�he stand und eine Zeichnung betrachtete. Die Frau, die ihr das Bild zeigte, war die Frau, die bei Carter lebte. <emphasis>Elizabeth</emphasis> lautete der Name, den er auf dem Briefkasten gelesen hatte.</p><p>Sein Netz war gerade sehr viel st�rker geworden.</p><p>W�hrend er sie beobachtete und feststellte, dass sie tats�chlich denselben unterschwelligen Geruch an sich hatten, kam ein kleiner Mann auf ihn zu, sehr eifrig, sehr freundlich, und streckte ihm die Hand entgegen.</p><p>�Ich glaube, wir hatten noch nicht das Vergn�gen�, sagte der Mann, �aber ich bin Richard Raleigh, der Eigent�mer der Galerie.�</p><p>Arius streckte seine Hand aus und nickte.</p><p>�Und Sie sind?�, bohrte Raleigh nach.</p><p>�Mein Name ist Arius.�</p><p>�H�re ich da einen Akzent?�, sagte Raleigh und l�chelte breit. �Gew�hnlich bin ich sehr gut darin, ihn genauer zu bestimmen. Aber bei Ihnen komme ich nicht darauf, und wenn es um mein Leben ginge. Darf ich fragen, woher Sie kommen?�</p><p>�Von weit her�, erwiderte Arius.</p><p>Raleigh nickte und wusste genug, um nicht weiter zu dr�ngen. Sein ganzes Leben lang hatte er mit betuchten, selbst mit adligen Ausl�ndern zu tun gehabt, und er wusste, wann er sich zur�ckhalten musste. Manche von ihnen versuchten, wie ganz gew�hnliche Leute zu wirken, doch Raleigh pickte sie aus einer Menschenmenge auf hundert Schritt Entfernung heraus. Er musste allerdings zugeben, dass dieser Knabe hier noch ungew�hnlicher war als die meisten. Er war etwa einen Meter f�nfundachtzig gro�, trug eine Sonnenbrille, die er offensichtlich nicht abzunehmen gedachte, und war teuer, aber unaufdringlich gekleidet. Er trat auf wie ein k�niglicher Machthaber. Zur�ckgeworfener Kopf, breite Schultern, modisch langes Haar, das sich genau �ber dem Hemdkragen kr�uselte. Nur mit M�he konnte Raleigh den Blick von ihm abwenden.</p><p>�Gestatten Sie mir, Ihnen ein wenig �ber unsere Galerie zu erz�hlen. In diesem Raum werden Sie die meisten Werke in �l sowie den Gro�teil der Aquarelle finden, die wir momentan zum Verkauf anbieten. Aber in der oberen Etage haben wir noch eine Galerie, um bestimmte Arbeiten in privaten Schauen zeigen zu k�nnen. Zumeist handelt es sich dabei um Zeichnungen und Drucke der Alten Meister.�</p><p>Arius sagte nichts, trat jedoch n�her an eines der Gem�lde heran, eine Szene von Mari� Verk�ndigung aus dem sechzehnten Jahrhundert. Mit den langgestreckten Formen und verdrehten Perspektiven war es ein typisches Beispiel des Manierismus.</p><p>�Das ist eine besonders ausgezeichnete Arbeit�, sagte Raleigh, �die erst k�rzlich auf den Markt kam. Sie befand sich seit dem sp�ten sechzehnten Jahrhundert im Besitz einer einzigen �sterreichischen Familie. Das St�ck wird Fra Bartolommeo zugeschrieben. Sind Sie mit seinem Werk vertraut?�</p><p>Mit geneigtem Kopf betrachte Arius das Gem�lde, als versuchte er, die ver�nderte Perspektive zu kompensieren. �Nein.�</p><p>�Nicht viele Menschen kennen seine Arbeiten�, beeilte Raleigh sich zu sagen, stets eifrig bem�ht, potentiellen Kunden zu versichern, das, was sie nicht wussten, sei ohnehin nur ausgewiesenen Experten bekannt. �Doch falls Sie mehr dar�ber erfahren m�chten, unsere Kunsthistorikerin, die jedes St�ck unserer Sammlung genauestens kennt, ist heute zuf�llig im Hause.� Er deutete auf Elizabeth, die daraufhin in Arius� Richtung blickte.</p><p>Sie war ziemlich sch�n, dachte Arius. Sogar noch sch�ner als die Hyazinthenfrau.</p><p>�Beth ist im Augenblick mit einer anderen Kundin besch�ftigt�, sagte Raleigh, �aber ich werde Sie mit ihr bekannt machen, sobald sie frei ist.� Raleigh wusste, dass Beth es irgendwie schaffte, m�helos das Vertrauen neuer Kunden zu gewinnen � und sie, mit Ausnahme von Bradley Hoyt, dem jungen Dot-com-Multimillion�r, zu einem Kauf zu bewegen.</p><p>�Ich m�chte sie gerne jetzt kennenlernen�, sagte Arius.</p><p>Jetzt? Raleigh wusste nicht sofort, was er tun sollte. Beth beriet gerade Kimberly Metzger, eine seiner meistgesch�tzten Kundinnen. Erst letzten Monat hatte er ihr ein fl�misches Portr�t f�r fast eine halbe Million Dollar verkauft. Er konnte die beiden Frauen jetzt schlecht unterbrechen. Aber als er zu ihnen hin�berschaute, stellte er fest, dass Kimberly dem geheimnisvollen Fremden bereits mehr Aufmerksamkeit schenkte als Beths Ausf�hrungen.</p><p>�Habe ich einen Rivalen f�r dieses Gem�lde?�, fragte sie jetzt neckend.</p><p>�Nein, nein, ganz und gar nicht�, erkl�rte Raleigh, �aber wenn Sie gestatten, w�rde ich Sie gerne einen Moment st�ren.�</p><p>Mehr brauchte er nicht zu sagen. Kimberly trat vor, reichte Arius die Hand und stellte sich selbst vor. �Ich kenne jeden in New York, der etwas von Kunst versteht�, sagte sie, �aber ich bin sicher, dass ich Sie nicht kenne.�</p><p>�Mr Arius ist nur zu Besuch in der Stadt�, sagte Raleigh und warf ihm rasch einen fragenden Blick zu, ob das korrekt war. Arius erhob keine Einw�nde.</p><p>�Stimmt das, Mr Arius?�, fragte sie. �Sind Sie neu in der Stadt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie lange haben Sie vor zu bleiben?�</p><p>�Das kann ich noch nicht sagen�, erwiderte er.</p><p>Raleigh, der nicht wollte, dass sich die Unterhaltung zu weit vom Gesch�ftlichen entfernte, zog rasch Beth hinzu. �Und dies ist Beth Cox, die alles �ber unsere Sammlung wei�, was es zu wissen gibt.�</p><p>�Sehr erfreut, Sie kennenzulernen�, sagte Beth.</p><p>�Ebenfalls!�</p><p>�Haben Sie zuf�llig eine Karte?�, fragte Kimberly und trat Beth gewisserma�en auf den Zeh. �Mein Gatte � Sam Metzger � und ich bewirten oft G�ste in unserer Stadtwohnung, und wir sind stets auf der Suche nach frischem Blut.�</p><p>�Nein, ich habe keine � Karte�, sagte Arius. <emphasis>Ein weiterer Brauch, den ich mir aneignen muss</emphasis>.</p><p>�Oh. Dann lade ich Sie besser auf der Stelle ein. Sehen Sie, wir werden morgen Abend eine kleine Zusammenkunft haben, um halb acht, f�r die Kampagne zur Wiederwahl des B�rgermeisters. Am Sutton Place Nummer eins. K�nnen Sie sich das alles merken?�</p><p>Arius l�chelte. �Ja, das kann ich. Danke.�</p><p>�Sie werden also kommen?�, fragte sie kokettierend.</p><p>Er nickte, den Blick immer noch hinter den dunklen Gl�sern verborgen.</p><p>Beth und Raleigh wechselten einen Blick, als wollten sie sagen: <emphasis>Das ist doch nicht zu fassen!</emphasis> Ihr waren bereits unz�hlige Ger�chte �ber Kimberly Metzgers Privatleben zu Ohren gekommen, aber so eine unverhohlene Anmache hatte Beth noch nie erlebt. In diesem besonderen Fall konnte sie es allerdings fast verstehen. Arius war in der Tat eine ziemlich umwerfende Erscheinung. Er war etwa so gro� wie Carter, doch sein Haar war so blond, dass es beinahe wei� war, und gl�nzte in den Deckenlampen der Galerie. Seine Haut war ebenfalls nahezu makellos, nein, korrigierte sie sich, sie war vollkommen makellos, und seine Gesichtsz�ge wirkten, als seien sie aus einem Block lupenreinen Marmors herausgemei�elt. Seine Augen blieben hinter den dunklen Gl�sern verborgen, und sie fragte sich fl�chtig, was f�r ein Kunstliebhaber er schon sein konnte, wenn er bei der Betrachtung von Gem�lden die Brille aufbehielt? Der einzige Farbtupfer in seinem Gesicht waren die Lippen, dunkelrosa, pulsierend vor Leben und ebenso voll wie die einer Frau. Verlockend und verschlagen zugleich.</p><p>�Der van Eyck, den Beth mir gerade gezeigt hat�, sagte Kimberly gerade zu Raleigh, �ich w�rde gerne ��</p><p>�Van Dyck�, korrigierte Beth sanft.</p><p>�Ja, nat�rlich�, stellte Kimberly fest. �Habe ich das nicht gesagt?�</p><p>�Ich muss mich verh�rt haben�, entschuldigte Beth sich. Raleigh warf ihr einen Blick zu, der sie glatt h�tte t�ten k�nnen.</p><p>�Ich �berlege, ihn f�r unser neues Haus zu kaufen, das wir gerade im Hunt Country in Virginia bauen. Er k�nnte gut in die Bibliothek passen, aber ich bin mir nicht ganz sicher.�</p><p>�Es ist immer schwierig, es zu wissen�, tr�stete Raleigh sie, �bis Sie ihn tats�chlich an seinem Platz h�ngen sehen. Warum lassen Sie uns nicht wissen, wenn Sie fertig sind, und dann bringen wir ihn hin, damit Sie es selbst sehen k�nnen?�</p><p>�Danke, Richard�, sagte sie und k�sste ihm fl�chtig die Wange. �Sie sind ein Schatz. Und Sie�, sagte sie kokettierend zu Arius, �sehe ich dann morgen Abend. Nicht vergessen!�</p><p>Als sie die Galerie verlie�, wandte Arius den Kopf um. Was war es, fragte Beth sich, das ihn so � einzigartig wirken lie�? So attraktiv und zur gleichen Zeit so � bezwingend? Man wollte ihn unbedingt ansehen und zur gleichen Zeit den Blick abwenden.</p><p>�Nun, Beth�, sagte Raleigh, �haben Sie ein paar Minuten Zeit, um Mr Arius ein paar der Werke zu zeigen, die wir oben haben? Ich denke da besonders an die Courbets und Corots.�</p><p>Sie h�tte es kommen sehen m�ssen. V�llig ausgeschlossen, dass Raleigh diesen neuen Fisch aus seinem Netz schl�pfen lassen w�rde. Aber der Gedanke, Mr Arius zu einem privaten Beratungsgespr�ch mit nach oben zu nehmen, schickte ihr unwillk�rlich ein Kribbeln �ber den R�cken. Dieser Mann hatte etwas ausgesprochen Seltsames und zugleich seltsam Vertrautes an sich. Obwohl es unm�glich war, dass sie ihn vergessen haben k�nnte, hatte sie das unheimliche Gef�hl, ihn schon einmal irgendwo gesehen zu haben.</p><p>�Tut mir leid�, platzte sie heraus, �aber ich habe eine dringende Verabredung, die ich nicht vers�umen darf.�</p><p>Raleigh warf ihr einen zweiten t�dlichen Blick zu.</p><p>�Einen Termin beim Arzt�, erg�nzte sie, wohl wissend, dass dies das Einzige war, gegen das Raleigh keine Einw�nde erheben w�rde. Er wusste von ihren und Carters Problemen mit der Familienplanung.</p><p>�Sind Sie sicher?�, probierte er es.</p><p>�Ich bin mir sicher�, sagte sie zerknirscht und warf einen Blick auf die Uhr. �Ich muss mich ohnehin schon sputen.�</p><p>�Ja dann.� Raleigh gab sich geschlagen und wandte sich direkt an Arius. �Ich w�rde mich �beraus freuen, wenn ich Ihnen selbst ein paar St�cke zeigen d�rfte. K�nnen Sie ein wenig Zeit er�brigen?�</p><p>Da Beth in Wahrheit nur mit Abbie ganz in der N�he f�r eine Tasse Kaffee verabredet war, hielt sie sich nicht damit auf, ihren Mantel von oben zu holen. Sie hoffte, dass es Raleigh nicht auffallen w�rde. Im Moment wollte sie nur noch fl�chten und so schnell wie m�glich aus der Galerie verschwinden, fort von dieser merkw�rdigen Gestalt, deren Blicke sie auf sich sp�rte. Selbst jetzt noch, als sie sich entfernte, wusste sie, dass er sie hinter diesen bernsteinfarbenen Gl�sern musterte. Einerseits w�nschte sie, sie k�nnte ihm die Brille einfach aus dem Gesicht rei�en, um zu sehen, wer er wirklich war. Andererseits sp�rte sie, dass sie es, wenn sie es t�te, f�r den Rest ihrer Tage bedauern w�rde.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>25. Kapitel</strong></p></title><p>�H�ren Sie, ich w�nschte, ich h�tte nur gute Nachrichten f�r Sie�, sagte Dr. Permut und lehnte sich mit einem Aktenordner in der Hand zur�ck, �aber mit der Probe, die Sie uns gegeben haben, kann etwas nicht stimmen.�</p><p>�Ich habe die Probe selbst entnommen, direkt vom Ende der einen Klaue�, sagte Carter. �Wollen Sie damit sagen, sie sei kontaminiert?�</p><p>Dr. Permut rieb sich zweifelnd das Kinn. �Ich wei� nicht, was damit nicht stimmt, aber nein, ich glaube nicht, dass Kontamination das Problem ist.�</p><p>�Was ist dann damit? Was haben Sie herausgefunden?�</p><p>�Sehen Sie selbst�, sagte Permut und reichte Carter den Ordner.</p><p>W�hrend Carter die Seiten �berflog, gab Permut laufend Kommentare ab.</p><p>�Bei den obersten Seiten handelt es sich um den Bericht der Datierungsanalysen. Wie Sie sehen, sind die Ergebnisse derma�en jenseits von Gut und B�se, dass sie v�llig unbrauchbar sind.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Nichts, das auch nur im Entferntesten einem Menschen, Saurier oder Vogel �hneln k�nnte, also einer der M�glichkeiten, die Sie erw�hnten, kann so alt sein. Wenn Sie mit einer Probe des Mondgesteins angekommen w�ren, das <emphasis>Apollo 12</emphasis> mitbrachte, w�ren die Ergebnisse brauchbarer gewesen.�</p><p>Carter war nicht erfreut, aber auch nicht �berrascht. Schlie�lich war Russo in Rom bereits zum gleichen Schluss gekommen.</p><p>�Aber was ist mit den biologischen Tests? Den Zelluntersuchungen?� Und dann die Millionen-Dollar-Frage: �Konnten Sie �berhaupt irgendwelche DNA-Spuren finden?�</p><p>Dr. Permut kippte den Stuhl weit nach hinten und nahm eine Rolle Verdauungspastillen aus der Tasche seines wei�en Laborkittels. �M�chten Sie?�</p><p>�Nein danke.�</p><p>�Ich nehme sie wegen des Kalziums. Aber wenn Sie mit Knochen arbeiten, wissen Sie das ja.�</p><p>�Aber ich arbeite normalerweise nicht mit DNA-Analysen�, sagte Carter, um wieder auf das Thema zur�ckzukommen. �Konnten Sie etwas Brauchbares finden?�</p><p>Permut nickte. �Ob Sie�s glauben oder nicht�, sagte er und lutschte an der Tablette, �wir konnten ein inaktives Bruchst�ck lokalisieren und extrahieren. Es war kleiner als nahezu alles, das irgendjemand je zuvor untersucht hat.� Stolz blickte er sich im biomedizinischen Forschungslabor der NYU um. �Aber hier sind Sie genau an der richtigen Stelle.�</p><p>Carter war ermutigt, hielt sich jedoch zur�ck.</p><p>�Wir mussten ein Computermodell erstellen, um einige der L�cken zu f�llen�, fuhr Permut fort, �und dann haben wir etwas vom Rest am anderen Ende extrapoliert.�</p><p>�Und das bedeutet was?�</p><p>�Das bedeutet, dass wir das haben, was ich eine spekulative DNA nenne.�</p><p>F�r Carter h�rte sich das nicht so gut an. �Und? Konnten Sie etwas damit anfangen oder nicht?�</p><p>Permut wackelte mit dem Kopf. �Ein wenig von beidem. Wir haben eine solide chromosomale Grundlage f�r unser Profil, doch andererseits sind wir angesichts der winzigen Probe sowie ihres Alters und Zustands auf Mutma�ungen angewiesen.�</p><p>Carters Entt�uschung wuchs. Das war der Grund, warum normale Leute die Wissenschaft und Wissenschaftler hassten. �Dann erkl�ren Sie mir�, sagte er beherrscht, �Ihre beste Mutma�ung. K�nnen Sie mir, basierend auf den zur Verf�gung stehenden DNA-Spuren, sagen, womit wir es hier zu tun haben?�</p><p>Permut stie� die Luft aus, und Carter wehte eine Wolke Kalziumatem entgegen. �Ich kann Ihnen sagen, womit wir es <emphasis>nicht</emphasis> zu tun haben.�</p><p>�Also gut, fangen wir damit an.�</p><p>�Wir haben keinen <emphasis>Homo sapiens</emphasis>.�</p><p>Okay, dachte Carter, zumindest machen wir Fortschritte.</p><p>�Und wir haben es mit keinem anderen bekannten Vertreter aus dem Tierreich zu tun.�</p><p>Permut langte quer �ber den Tisch nach dem Ordner und bl�tterte ein paar Seiten vor. Carter starrte auf eine wilde Mischung aus Zahlen und den vier Buchstaben C, G, T und A, die sich ohne erkennbare Ordnung endlos zu wiederholen schienen und Reihe um Reihe die Seiten f�llten. Die Zahlen waren ihm ein R�tsel, doch bei den Buchstaben wusste Carter, dass sie f�r die vier Nukleinbasen Cytosin, Guanin, Thymin und Adenin standen. �Wenn ich mir diese Ausdrucke anschaue�, sagte Permut, �sehe ich ein Muster.�</p><p>�Gut, dass das wenigstens einer tut.�</p><p>�Am Anfang dachte ich sogar, ich h�tte ein menschliches Gen-Muster vor mir. Dann sah ich genauer hin und dachte, hm, vielleicht doch nicht. Es k�nnte ein S�ugetier sein, aber das ist alles, was wir sagen k�nnen. Dann habe ich noch genauer hingeschaut und festgestellt, dass es weder das eine noch das andere ist.�</p><p>Carter wartete, dass er zum Schluss k�me.</p><p>�Sie sind der Pal�ontologe�, sagte Permut, �und Sie k�nnen es nennen, wie Sie wollen, aber f�r uns haben wir hier bereits einen Namen daf�r gefunden.�</p><p>�Und der w�re?�</p><p>�Missing link.�</p><p>Das fehlende Bindeglied. �Vielen Dank�, sagte Carter trocken. �Das hilft mir ungemein.�</p><p>�Hey, erschie�en Sie nicht den Boten�, protestierte Permut. �Und das war nur zur H�lfte als Scherz gemeint. Die DNA weist eine neunundneunzigprozentige �bereinstimmung mit den Genen des <emphasis>Homo sapiens</emphasis> auf. Nat�rlich liegen alle Unterschiede in den letzten ein oder zwei Prozent.�</p><p>�Wie beim Schimpansen?�, fragte Carter.</p><p>�Es ist sogar noch n�her mit uns verwandt � so nah wie nur irgend m�glich, ohne tats�chlich �bereinzustimmen.�</p><p>Carter holte tief Luft. Was hatte er da im Stein gehabt? Nach allem, was er gerade erfahren hatte, wurde der Verlust des Fossils noch schmerzlicher.</p><p>�Tut mir leid�, sagte Permut, der Carters Niedergeschlagenheit sp�rte. �Falls es noch etwas gibt, was ich f�r Sie tun kann, helfe ich Ihnen gerne weiter.�</p><p>�In der Tat�, sagte Carter und fischte m�de nach dem Plastikbeutel, den Ezra ihm gegeben hatte. �Hier.� Er holte den Beutel aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch.</p><p>�Was ist das?�, fragte Permut. �Noch so eine harte Nuss?�</p><p>�So �hnlich.�</p><p>Permut nahm die T�te und hielt sie ins Licht, um das kleine Fragment der Schriftrolle darin zu betrachten. �Zumindest ist es dieses Mal kein Knochen.�</p><p>�Es ist ein St�ck von einem uralten Dokument�, sagte Carter vorsichtig, als wollte er keine Hinweise auf seine eigenen Thesen oder Mutma�ungen geben. �Ich muss wissen, wie alt es ist, woraus es gemacht ist und woraus die Tinte besteht.�</p><p>�Ich hatte schon bef�rchtet, Sie w�rden von mir wissen wollen, was diese Schn�rkel besagen.�</p><p>�Nein, darum k�mmert sich jemand anders.�</p><p>Permut sah ihn lange an. �Wird dieser Jemand auch f�r die Laborkosten aufkommen? F�r den letzten Auftrag hatten wir eine unterschriebene Genehmigung von Ihrem Fachbereichsleiter Stanley Mackie. Wer wird f�r diese Probe hier unterschreiben? Die Laborkosten k�nnen sich leicht auf ein paar Tausender summieren.�</p><p>�Sie werden bezahlt.�</p><p>Permut wirkte beeindruckt. �Sie m�ssen mir unbedingt bei Gelegenheit Ihren Spender verraten.� Den Beutel in der Hand, schwenkte er mit seinem Stuhl herum, bereit, loszulegen, dann wandte er sich wieder Carter zu. �Werde ich daf�r in die Annalen der Wissenschaft eingehen?�</p><p>�Ich werde sehen, was sich machen l�sst�, sagte Carter. �Liefern Sie mir erst einmal so schnell wie m�glich die Ergebnisse.�</p><empty-line/><p>Auf dem Weg zum St. Vincent�s Hospital kaufte Carter an einem Kiosk mit internationaler Presse ein paar italienische Zeitschriften. Obwohl er wusste, dass Joe der Sinn eher nach <emphasis>Scientific American</emphasis> als nach <emphasis>GQ</emphasis> stand, w�rde er sich mit dem bescheiden m�ssen, was er bekommen konnte.</p><p>Auf der Intensivstation bekam er es einen Moment lang mit der Angst zu tun, als eine Krankenschwester ihm erkl�rte, dass Russo nicht l�nger dort sei.</p><p>�Er wurde verlegt�, f�gte sie hinzu. �Er ist jetzt in der Station f�r Verbrennungsopfer, eine Etage h�her.�</p><p>�Hei�t das, dass es ihm besser geht?�</p><p>Sie hob den Blick von ihrem Schreibtisch. �Es ist die Intensivstation f�r Brandopfer.�</p><p>Carter begriff, was sie meinte.</p><p>Doch als er nach oben kam, stellte er fest, dass es zumindest eine kleine Verbesserung war. Die Atmosph�re war weniger frostig und abweisend. Hier ert�nte leise Musik aus den Deckenlautsprechern, und es gab ein paar M�nzautomaten mit Getr�nken und Snacks f�r die Besucher. Er entdeckte Dr. Baptiste, als sie gerade aus einem Zimmer am Ende des Flures kam, und fragte sie, ob Joe hierhergebracht worden sei.</p><p>�Ja, wir haben ihn heute Morgen verlegt. Sein Zustand ist jetzt stabil, und wir k�nnen bald mit den Hauttransplantationen beginnen.�</p><p>Bei dem Gedanken zuckte Carter zusammen.</p><p>�Sie haben recht, es wird nicht gerade ein Zuckerschlecken f�r ihn. Wenn seine Familie kommen und ihn besuchen m�chte, w�re jetzt ein sehr guter Zeitpunkt.�</p><p>�Die einzige lebende Verwandte ist seine Mutter�, sagte Carter, �und die ist selbst zu krank, um Italien zu verlassen.�</p><p>Dr. Baptiste sch�ttelte den Kopf. �Dann hat er ja gro�es Gl�ck, Sie zum Freund zu haben.�</p><p>Wenn sie w�sste, dachte Carter. Wenn sie blo� w�sste. �Kann ich ihn besuchen? Ich habe ihm ein paar Zeitschriften mitgebracht.�</p><p>Sie blickte auf die Titel und runzelte die Stirn. �Sieht nicht so aus, als tr�fe das genau seinen Geschmack�, sagte sie, �aber gehen Sie ruhig hinein.�</p><p>Im Zimmer fand er Joe in einem Bett mit hochgestelltem Kopfteil. Er war allein im Raum, und ein Rollwagen, vollgestellt mit leeren Tellern und Aluminiumdeckeln, war zur Seite geschoben worden.</p><p>�Das�, sagte Carter und schaute sich um, �ist eine gro�e Verbesserung.� Und das war es in der Tat. In einer Vase standen sogar ein paar Blumen, und an der Wand hing ein Weizenfeld von van Gogh. Doch das Beste von allem war ein breites Fenster, dessen Jalousien noch hochgezogen waren.</p><p>Joe selbst sah leider nicht wesentlich besser aus. Dort, wo seine Haut nicht von Verb�nden bedeckt war, bildete sie ein furchtbares Flickwerk aus schwarzen und hellroten Flecken. Doch zumindest war das Plastikzelt, das bisher seinen Kopf bedeckt hatte, zur�ckgeschlagen.</p><p>�Ich habe dir etwas zum Lesen mitgebracht�, sagte Carter und legte die Zeitschriften vorsichtig neben Joes mit Blasen bedeckte Hand auf das Bett. Er ber�hrte ihn nicht, aus Angst, dass der k�rperliche Kontakt immer noch tabu war.</p><p>�Danke�, sagte Joe mit einer Stimme, die irgendwo zwischen Fl�stern und Kr�chzen lag.</p><p>Carter schaute kurz aus dem Fenster. Man hatte einen guten Blick auf die Autos, die am Haupteingang direkt unter ihnen entlangfuhren, und einen beinahe unverstellten Ausblick nach S�den. Das Einzige, was den Blick teilweise verstellte, war das alte Sanatorium auf der anderen Stra�enseite. Die Fenster waren verbarrikadiert, und die Feuertreppen, die noch �brig waren, hingen nur noch an wenigen Stellen an der zerbr�ckelnden Fassade. Das Geb�ude wirkte, als k�nnte ein kr�ftiger Wind es in Schutt und Asche legen. Es sei denn, die Abrissbirne war schneller.</p><p>�Hast du � ihn gesehen?�, fragte Joe.</p><p>Ezra. �Ja, ich habe mich mit ihm getroffen.� Womit sollte er anfangen? �In einer Sache hatte ich recht, er stammt tats�chlich aus einer wohlhabenden Familie.�</p><p>�Aber was � hat er gesagt?�</p><p>�Er sagte, dass er dir glaubt und ebenfalls denkt, dass das Fossil lebendig geworden sei.� Carter konnte kaum fassen, dass er diese Worte tats�chlich wiederholte. �Er sagte, dass die meisten Wissenschaftler voreingenommen sind, aber dass du durch das, was du gesehen hast, der Sache aufgeschlossen gegen�berstehst.�</p><p>Grummelnd signalisierte Joe seine Zustimmung.</p><p>�Was � wei� er � sonst noch?�</p><p>Jetzt wurde es schwierig. Selbst Carter war sich dessen nicht sicher. Aber er wusste, was Ezra glaubte: dass hier m�chtige und wichtige Kr�fte am Werk waren, die es noch zu verstehen galt. Aber wie sollte er das Joe erkl�ren, zumal er selbst nur so wenig davon begriff oder akzeptierte? �Es stellte sich heraus, dass er so etwas wie ein freischaffender Bibelforscher ist.�</p><p>Joe sah verwirrt aus.</p><p>�Ich wei�, ich verstehe es selbst nicht so richtig. Aber wenn ich nicht v�llig meschugge bin, hat der Typ ein Original der Schriftrollen vom Toten Meer in seiner Wohnung. Und die setzt er St�ck f�r St�ck zusammen. Er wollte meine Hilfe, um sie zu analysieren.� Er beschrieb seinem Freund Ezras Arbeitszimmer und was er dort gesehen hatte. Dann berichtete er, was Ezra �ber die Kirchenglocken erz�hlt hatte, die direkt nach der Explosion zu l�uten begonnen hatten. Je l�nger er sprach, desto verr�ckter klang die Geschichte in seinen Ohren, doch Joes Gesichtsausdruck �nderte sich nicht. Er schien alle Informationen in sich aufzusaugen und zu versuchen, das heillose Wirrwarr in eine logische Ordnung zu bringen. Als Carter schlie�lich innehielt, um Luft zu holen, sch�rzte Joe die Lippen, die nicht mehr als zwei geschw�rzte Hautstreifen waren, und sagte: �<emphasis>Bene</emphasis>.�</p><p>�<emphasis>Bene?</emphasis>�, wiederholte Carter. �Was soll daran gut sein?�</p><p>�Wenn ich verr�ckt bin�, kr�chzte Joe, �dann ist es gut, Gesellschaft zu haben.�</p><p>Er wei� also, dachte Carter, dass ich immer noch Zweifel habe.</p><p>�Noch ein � Gefallen?�</p><p>�Sicher�, sagte Carter, �solange ich dir keine Zigaretten besorgen soll. Du wei�t, dass man hier drin nicht rauchen darf.�</p><p>�Bring ihn her.�</p><p>�Ezra Metzger?�, fragte Carter, obwohl er genau wusste, wer gemeint war. War das eine gute Idee? Seinen schwerverletzten Freund mit einem m�glichen Geisteskranken bekannt zu machen?</p><p>Joe nickte.</p><p>�Ich werde ihn anrufen�, gab er nach.</p><p>�Gut. Und jetzt�, sagte Joe und hob unter Schmerzen die Finger der verst�mmelten Hand, �eine Zigarette?�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>26. Kapitel</strong></p></title><p>�Ich sehe leere Champagnergl�ser�, warnte Kimberly einen der Kellner, �und auf meinen Partys will ich keine leeren Gl�ser sehen.�</p><p>�Jawohl, Madam�, erwiderte der Mann, �ich k�mmere mich sofort darum�, und floh aus der K�che, um seine Cristal-Vorr�te aufzuf�llen.</p><p>Bis auf kleine Pannen wie diese hatte Kimberly jedoch das Gef�hl, dass die Party sehr gut lief. Der B�rgermeister, seine Gattin und seine Geliebte, auch bekannt als seine Kampagnen-Schatzmeisterin, waren gekommen und hielten in den verschiedenen Ecken Hof. Auch verschiedene Spitzenreporter und Journalisten, einen Haufen hochdotierter Banker und Rechtsanw�lte und sogar ein paar Broadway-Stars hatte sie herlocken k�nnen. V�llig unm�glich, dass diese Party es nicht auf die Seite sechs schaffen w�rde, und vielleicht sogar bis in Liz Smiths Kolumne. Wenn dann zuf�llig auch noch ein paar Spenden f�r die Kampagne zur Wiederwahl des B�rgermeisters fl�ssen, was schlie�lich der vorgebliche Grund f�r diese Party war, nun, dann w�re das auch nicht schlecht.</p><p>W�hrend sie von einem Raum zum n�chsten schlenderte, ihre G�ste begr��te und daf�r sorgte, dass jeder die Verbindungen kn�pfte, um deretwillen er hergekommen war, hielt sie Ausschau, um die Ankunft ihres geheimnisvollen Gastes nicht zu verpassen. Seit sie ihn gestern zum ersten Mal gesehen hatte, musste sie st�ndig an ihn denken. Mr Arius. Nie zuvor hatte sie einen Mann gesehen, der aussah wie er oder einen so unausl�schlichen und unmittelbaren Eindruck auf sie gemacht h�tte. Der Abend war noch jung, aber sie begann sich bereits Sorgen zu machen, dass er wom�glich gar nicht auftauchen w�rde.</p><p>Sam hatte sich in eine Ecke des Hauptsalons verzogen, wo er mit zwei, drei der anderen Gr��en der Immobilienbranche zusammenhockte und zweifelsohne bereits Pl�ne f�r einen weiteren B�roturm, ein Einkaufszentrum oder ein Kaufhaus in New Jersey schmiedete. Sie winkte ihm mit drei Fingern zu, als sie an ihm vorbeikam, aber er schien nicht einmal Notiz von ihr zu nehmen.</p><p>Andere M�nner bemerkten sie sehr wohl, wie sie erfreut zur Kenntnis nahm.</p><p>Sie trug ein scharlachrotes schulterfreies Chiffonkleid von Thierry Mugler, das den R�cken frei lie� und an der Seite geschlitzt war. Die Haare hatte sie zu einem strengen Chignon gedreht und mit einer mit Diamanten und Rubinen besetzten Spange in Form eines Regenbogens festgesteckt. Der B�rgermeister pers�nlich hatte sie l�nger als n�tig festgehalten, als er sie zur Begr��ung gek�sst hatte, und Kimberly hatte den besorgten Ausdruck im Gesicht seiner �Schatzmeisterin� gesehen. <emphasis>Mach dir keine Sorgen,</emphasis> dachte Kimberly, <emphasis>heute Abend bin ich auf einen gr��eren Fisch aus.</emphasis></p><p>Als sie das n�chste Mal nachschaute, stand er im Foyer und reichte dem Bediensteten seinen langen schwarzen Kaschmirmantel. Er trug wieder einen dunklen Anzug, und die Augen waren immer noch hinter den runden bernsteinfarbenen Gl�sern verborgen. Mit hochgerecktem Kinn wandte er den Kopf um, wie ein blinder Mann, der seine Umgebung zu ersp�ren versuchte. Kimberly ging auf ihn zu, um ihn zu begr��en.</p><p>�Ich bin <emphasis>so</emphasis> froh, dass Sie es geschafft haben, Mr Arius�, sagte sie und bot ihm ihre Hand und ihre Wange an.</p><p>�Danke. Dass Sie mich eingeladen haben�, sagte er, ergriff ihre Hand, blieb ansonsten jedoch eher reserviert. �Ich freue mich, hier zu sein.�</p><p>Was, dachte sie, war nur so merkw�rdig und zugleich so verlockend an diesem Mann? Die Art, wie er sprach, in diesem seltsamen Tonfall, als h�tte er Englisch nur in der Schule gelernt? Die Art, wie er seine Augen bedeckt hielt? Die Art, wie sich seine Hand anf�hlte, so kalt und glatt wie Glas, als er ihre ergriff? Und war da nicht mit einem seiner Finger etwas nicht in Ordnung? Er hatte sogar einen ganz eigenen feinen Geruch an sich, anders als jedes Aftershave, das sie kannte. Sein Geruch wirkte irgendwie organisch, als ginge er direkt von seiner Haut, seinen Haaren und seinem Atem aus.</p><p>�Lassen Sie uns hineingehen�, sagte sie. �Ich werde Sie einigen der anderen G�ste vorstellen.� Sie hakte sich bei ihm unter und f�hrte ihn in den n�chsten Raum. Ihr kam es vor, als eskortierte sie einen Filmstar, und die anderen G�ste reagierten ebenfalls dementsprechend. Die Menge teilte sich, um sie hindurchzulassen, Gespr�che wurden unterbrochen, und jemand fragte laut: �Wer ist der Mann neben Kimberly?� Arius selbst schien vollkommen unber�hrt von all der Aufmerksamkeit. Wenn er jemandem vorgestellt wurde, war er h�flich, ansonsten schwieg er. Er sprach �berhaupt sehr wenig. Seine Antworten waren freundlich, aber knapp, und immer ein wenig vage oder ausweichend. Nachdem Kimberly ein halbes Dutzend Mal zugeh�rt hatte, wie er jemanden auflaufen lie�, hatte sie das Gef�hl, nicht mehr dar�ber zu wissen, wo er herkam, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente oder wo er in New York wohnte, als bei seiner Ankunft. Nicht einmal Sam bekam mehr als ein paar Worte aus ihm heraus, und Kimberly wusste sehr gut, wie seine Meinung �ber ihn sein w�rde. L�ngliches wei�-blondes Haar, eine affige Sonnenbrille und die Tatsache, dass seine Frau ihn bei diesem extravaganten Richard Raleigh kennengelernt hatte? Sam w�rde ihn in einen Topf mit ihrem Friseur, ihrem Innenarchitekten, ihrem Antiquit�tenberater und all ihren anderen schwulen Freunden werfen. Und soweit es Kimberly anging, k�nnte es gar nicht besser kommen.</p><p>Es sei denn, es stellte sich als zutreffend heraus. Was der Himmel verh�ten mochte.</p><p>Was diesen kleinen Mistkerl Ezra betraf, so hatte er bereits seine Pflichtrunde gedreht und sich, soviel Kimberly wusste, sogar beim B�rgermeister daf�r bedankt, dass er ihm nach dem Fiasko im UN-Park geholfen hatte, aus dem Gef�ngnis zu kommen. Jetzt war er nirgends zu sehen, und wenn Kimberly nicht v�llig daneben lag, war er wieder auf seinem Zimmer und br�tete �ber seinen nutzlosen �bungen, die er seine �Forschung� nannte.</p><p>Der Partyservice schien alles unter Kontrolle zu haben, die Getr�nke flossen, �berall wurden Tabletts mit Kanapees und Appetith�ppchen herumgereicht, und im Esszimmer war ein �ppiges Bufett aufgebaut. Jedes Mal, wenn sie durchs Foyer ging, �ffneten sich die Liftt�ren und spuckten eine weitere Handvoll G�ste aus. Sogar die Journalistin Katie Couric lie� sich f�r eine halbe Stunde blicken, und das, da war Kimberly sicher, bedeutete praktisch, dass die Party morgen irgendwo in den Medien erw�hnt werden w�rde.</p><p>Die einzige Person, die sich nicht ausgezeichnet zu am�sieren schien, war ihr mysteri�ser Mr Arius. Sie lie� ihn nur widerstrebend allein, aber sie musste ihren Pflichten nachkommen, so dass sie keine andere Wahl hatte, als ihn sich selbst zu �berlassen. Wann immer sie ihn erblickte, stand er ganz f�r sich, hielt ein Champagnerglas in der Hand, das stets voll zu sein schien, schlenderte allein �ber die Terrasse oder kam herein, um mit tiefem Interesse eine Zeichnung oder Skulptur zu betrachten. Vielleicht war er tats�chlich eine Art ernsthafter Kunstsammler mit einem riesigen Ch�teau im S�den Frankreichs, bis unters Dach mit ber�hmten Gem�lden und wundersch�nen Statuen gef�llt. Einem pl�tzlichen Impuls folgend, ging sie zu ihm hin�ber, als er gerade ein nichtssagendes kleines �lbild betrachtete, das Sams erste Frau gekauft hatte. �Sie sind ein echter Kunstkenner, nicht wahr?�</p><p>�Ich bewundere Sch�nheit�, sagte er langsam. �In allen Dingen.�</p><p>Hatte sie da gerade eine subtile Ermunterung geh�rt? �Dann lassen Sie mich Ihnen etwas zeigen, das Ihnen ganz bestimmt gefallen wird.�</p><p>Sie drehte sich um, aber er blieb, wo er war. �Folgen Sie mir�, sagte sie und winkte ihn mit dem Zeigefinger heran. �Ich werde schon nicht bei�en.�</p><p>So unauff�llig wie m�glich f�hrte sie ihn den Korridor hinunter und dann rasch um die Ecke auf die Schlafzimmert�r zu. Dort blieb sie stehen und sagte: �Was jetzt kommt, ist allein f�r Ihre Augen bestimmt. Selbst mein Mann wei� noch nicht, dass ich es gekauft habe. Ich vertraue Ihnen also mein Leben an.� Sie lachte unbek�mmert, aber er l�chelte nur h�flich.</p><p>Sobald er ihr ins Zimmer gefolgt war, schloss sie die T�r hinter sich und sperrte sie, zu ihrer eigenen �berraschung, ab. Was glaubte sie, was jetzt passieren w�rde? Mitten w�hrend ihrer eigenen Party?</p><p>Sie ging voran in das riesige Schlafzimmer, vorbei am gewaltigen Himmelbett, dem Louis-Seize-Kleiderschrank, den Scalamandre-Sesseln und in ihr vollkommen privates Reich � ihre Kleiderkammer mit angrenzendem Badezimmer. Sie dachte oft daran, dass die Abmessungen ihres Ankleidezimmers ziemlich genau denen ihres ersten Apartments in New York entsprachen. Und das hatte sie sich sogar noch mit einem anderen M�dchen teilen m�ssen.</p><p>Dieser Raum hatte Sams erster Frau als eine Art N�hzimmer gedient, aber Kimberly hatte ihren Mann �berzeugt, dass sie einen eigenen Bereich br�uchte, wo sie ihre Kleider aufbewahren und sich schminken konnte. Sie m�sse ganz allein sein k�nnen, um sich anzuziehen und f�r ihn sch�n zu machen. Daraufhin hatte sie alle alten M�bel rausgeworfen und den Raum mit verspiegelten W�nden und marmornen Fl�chen im Badezimmer, mit Halogenlampen und Einbauregalen aus Zedernholz im Ankleidezimmer komplett neu einrichten lassen. Aber es war allein Kimberlys Entscheidung gewesen, f�r den Platz neben ihrem Schminktisch den hinrei�enden kleinen Degas zu kaufen. Das Bild stellte eine Frau dar, die gerade aus dem Bad stieg. �Die Eigent�mer wollten ihn schon �ber Sotheby�s versteigern lassen�, gab sie zu, �aber Richard Raleigh, der Gute, konnte sie �berreden, ihn stattdessen direkt an mich zu verkaufen.�</p><p>Sie blieb davor stehen, wandte sich zu Arius um und hob die offenen H�nde. �Ich nehme an, ich muss Ihnen nicht erkl�ren, was Sie hier vor sich haben. Wahrscheinlich k�nnen Sie mir sogar mehr dar�ber erz�hlen.� <emphasis>Ganz ruhig,</emphasis> sagte sie sich, <emphasis>du h�rst dich an wie ein Schulm�dchen</emphasis>.</p><p>Arius hatte nie zuvor eine solche Arbeit gesehen, aber w�hrend er sie anschaute, nahm er auf der Stelle alles auf und ordnete ein, was es dar�ber zu wissen gab. Die K�nste waren schlie�lich eine der vielen Gaben, die er und seinesgleichen gespendet hatten, so dass es eine Freude war, die unz�hligen raffinierten Wege zu sehen, die sie seitdem genommen hatten. Dieses besondere Gem�lde vor ihm war offensichtlich ein Degas, eine sehr feine und ausdrucksstarke Arbeit. Mit jeder Sekunde lernte er mehr dar�ber, und sei es nur der Name des K�nstlers, ein Wort oder die Bedeutung eines Blicks. Sein Durst nach mehr war unstillbar.</p><p>Den Ausdruck zum Beispiel, den er jetzt auf Kimberlys Gesicht sah, kannte er bereits. M�glicherweise war sie sich nicht bewusst, dass er ihr Bild im Spiegel verschlang, w�hrend er vorgab, das Gem�lde daneben zu betrachten. Sein Blick war hinter den dunklen Brillengl�sern verborgen. Sie sah ihn an, und ihre Miene verriet, dass sie neugierig war, sich zu ihm hingezogen f�hlte und Angst versp�rte. Sie hatte guten Grund, genau das alles zu empfinden.</p><p>Vor langer Zeit, w�hrend seiner Zeit der Wache, hatte er diesen Blick h�ufig gesehen � und seiner Verlockung widerstanden. Zumindest eine gewisse Zeit.</p><p>Und danach?</p><p>Er hatte Einsamkeit jenseits jeglicher Vorstellungskraft ertragen, eine kalte und �de Nacht, die kein Ende nahm � eine Nacht, die sich bis jetzt niemals vollkommen gelichtet hatte.</p><p>Er wandte sich vom Gem�lde ab und blickte sie wortlos an. <emphasis>War das also der Anfang?</emphasis></p><p>�Es ist wundersch�n, nicht wahr?�, sagte sie mit einem nerv�sen Flattern in der Stimme.</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich musste es einfach haben.�</p><p>Obwohl seine Augen immer noch hinter den bernsteinfarbenen Gl�sern verborgen waren, sp�rte sie die Intensit�t und Eindringlichkeit seines Blickes. Leicht schwankend trat sie zur�ck.</p><p>�Vielleicht sollten wir zur�ckgehen.�</p><p>Er antwortete nicht.</p><p>�Zur Party.� Aber sie versuchte nicht, sich an ihm vorbeizuschieben. Wie angewurzelt stand sie da, und ihr nackter R�cken spiegelte sich an der verspiegelten Wand hinter ihrem Schminktisch.</p><p>�Ja�, sagte er.</p><p>Aber er sagte es auf so eine Art, dass Kimberly nicht sicher war, was er meinte. Ja, sollten sie zur�ck zur Party gehen? Oder ja � etwas anderes?</p><p>Sie ertappte sich dabei, wie sie unsinnigerweise �ber seinen Geruch nachdachte. Als sie ihn das erste Mal getroffen hatte, schien er ganz subtil gewesen zu sein, aber jetzt wirkte er wesentlich kr�ftiger, regelrecht �berw�ltigend.</p><p>�D�rfte ich Sie�, sagte sie und st�tzte sich mit einer Hand am Schminktisch ab, �um einen Gefallen bitten?�</p><p>Er nickte.</p><p>�W�rden Sie f�r mich Ihre Brille abnehmen?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich habe noch nie Ihre Augen gesehen. Ich muss Ihre Augen sehen.�</p><p>Er l�chelte. Nat�rlich musste sie das.</p><p>Sie lachte freudlos. �Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das klug ist, aber ich m�chte es. Dabei habe ich das Gef�hl, immer noch nicht zu wissen, wer Sie sind.�</p><p><emphasis>Also w�rde es tats�chlich der Anfang sein.</emphasis></p><p>Er trat n�her, beugte den Kopf �ber ihren wie ein gro�er goldener Vogel sich �ber seine Beute beugt, und nahm die Brille ab. In ihrem Blick sah er �berraschung, Angst � sprachloses Nichtbegreifen.</p><p>Er hob die H�nde zu ihren Schultern. Ihre Haut war hei�, er sp�rte das Blut direkt unter der Oberfl�che pochen. Er lie� das rote Kleid, leicht wie der Fl�gel eines Schmetterlings, an ihrem K�rper entlang auf den Boden gleiten. Er entfernte die diamantenbesetzte Spange, bis ihr Haar kaskadengleich �ber ihre nackten Schultern fiel. Er beugte sich tiefer und presste seine kalten Lippen auf ihren Mund und ihre Kehle. Sie roch nach Hyazinthen und streckte sich ihm entgegen.</p><p>Er sch�ttelte die Anzugjacke von den Schultern, �ffnete mit einer Hand den Kragen und die Kn�pfe darunter. Er sog den hei�en Atem ihres K�rpers ein, als sie blind mit den Fingern an seinem G�rtel und der Hose nestelte.</p><p>In seinem Kopf h�rte er das Pfeifen des Windes, das Krachen des Donners. Er erblickte einen Schauer aus Feuer, der, brennenden Pfeilen gleich, tosend aus dem sich endlos ausdehnenden schwarzen Himmel niederging.</p><p>Kimberly rutschte zur�ck gegen die Kante des Schminktischs. Parfumflaschen kippten klirrend auf die Seite, w�hrend andere herabfielen und verstreut im dicken Teppich liegen blieben. Sie h�rte nur noch das Rauschen ihres eigenen Blutes, roch nur noch einen Sommergarten nach dem Regen, sah nur noch seine Augen, die sie in sich aufsogen wie in einen geheimen Pool aus honigs��em Licht. Sie schlang die Arme um ihn, ber�hrte seine glatte, makellose Haut � doch was sie sp�rte, war Eis. Hart und kalt wie die Diamantspange, die auf dem Boden lag. Als seine H�nde ihre Br�ste umfassten, erbebte sie unter der Ber�hrung.</p><p>�Arius ��, hauchte sie verunsichert, �du bist nicht einmal ein ��</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> fl�sterte er in ihren verwirrten Verstand, <emphasis>das bin ich nicht.</emphasis></p><p>Und dann nahm er sie, wie ein Falke, der herabst�rzte, um zu t�ten. Hilflos sp�rte sie, wie sie in den immer gr��er werdenden See seiner Augen gezogen wurde, in das gr�ne Aroma der vom Regen gewaschenen Bl�tter. Licht, zu hell, um es zu ertragen, durchflutete das Zimmer, als w�rde ein Stern explodieren � um sie herum, in ihrem Inneren.</p><p><emphasis>Lieber Gott,</emphasis> dachte sie voller Entsetzen, als das Licht sie umh�llte, umschloss und sie schlie�lich �berw�ltigte � <emphasis>O mein Gott, was habe ich getan?</emphasis></p><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>Dritter Teil</strong></p></title><section><title><p><strong>27. Kapitel</strong></p></title><p>Obwohl die Feuerwehr alle elektrischen Leitungen in diesem Teil des Geb�udes gekappt hatte, gab es immer noch gen�gend Licht im Behelfslabor, damit Carter sich hindurchtasten konnte. Aber es gab wesentlich mehr Tr�mmer, mehr zerst�rte Einrichtungsgegenst�nde und verdrehte Metallbl�cke, als er sich erkl�ren konnte. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass �berhaupt so viel Zeug hier gewesen war. Woher also stammten jetzt die ganzen Tr�mmer?</p><p>Auch die Vertiefung im Boden, genau in der Mitte des Raumes, dort, wo das Fossil in seiner Felsplatte gefangen gewesen war, wirkte tiefer, als er es in Erinnerung hatte. Er trat an den Rand des Kraters und schaute nach unten. Der Anblick erinnerte ihn an die Knochengrube, an die Mine, in die er in Sizilien hinabgestiegen war. Wie damals auch bestanden die W�nde dieser Grube aus Fels und Erde, und es roch nach uraltem Staub und t�dlichem Verfall. Jetzt aber befand sich etwas darin, das er zuvor nicht gesehen hatte, etwas Kleines, Gl�nzendes auf dem Boden der Kuhle. Er ging in die Hocke, um es besser erkennen zu k�nnen.</p><p>Es war etwa drei�ig Zentimeter lang, schwarz, aber poliert, etwa wie ein Spazierstock. Aber er konnte es immer noch nicht richtig erkennen. Carter st�tzte sich mit der Hand ab, um das Gleichgewicht zu halten, und kletterte vorsichtig in die Senke hinunter. Es war noch tiefer, als er gedacht h�tte, und seine Finger scharrten an den dreckigen W�nden, als er nach unten rutschte. Er landete auf dem Kn�chel, den er sich einmal beim Basketball verletzt hatte, und zuckte zusammen. <emphasis>Mist</emphasis>, dachte er, <emphasis>das kann ich jetzt auch gerade noch gebrauchen</emphasis>. Der Schmutz zu seinen F��en war vom Feuer schwarz verbrannt, und als er sich umsah, fand er den gl�nzenden Gegenstand wieder. Er b�ckte sich und hob ihn auf. Als er sich wieder aufrichtete, stellte er angenehm �berrascht fest, dass er sich nicht l�nger in der Grube befand. Er lag in seinem alten Kinderzimmer au�erhalb von Chicago, demjenigen, in dem er sich vom Mumps erholt hatte.</p><p>Das war es also! Das war gar nicht real, es war ein Traum! Es f�hlte sich nur nicht an wie ein Traum, genauso wenig wie das Ding in seiner Hand sich wie ein Phantasiegebilde anf�hlte.</p><p>Das Schlafzimmer war genauso, wie er es in Erinnerung hatte. Die Troph�e, die er beim Westinghouse Forschungswettbewerb gewonnen hatte, stand auf der zerschrammten Kommode. Das Poster von Raiders of the Lost Ark schm�ckte die Schrankt�r. Und in dem alten Sessel unter dem Dachvorsprung las eine Frau einem kleinen Kind etwas vor.</p><p>Jetzt wusste er definitiv, dass es ein Traum sein musste. Er hatte niemals ein M�dchen mit nach oben in sein Zimmer genommen, und schon gar nicht eins mit einem Kleinkind.</p><p>Doch als er n�her herantrat, blickte die Frau auf, ohne mit dem Vorlesen innezuhalten, und l�chelte ihn an. Es war Beth. Aber wessen Kind war es? War es seins? Er dachte, das sei v�llig unm�glich. Aber vielleicht stimmte das nicht, vielleicht hatten die �rzte sich geirrt! Pl�tzlich f�hlte er sich so gl�cklich, so erleichtert.</p><p>�Ist er � unser Sohn?�, fragte Carter und deutete nickend auf den kleinen Jungen, dessen blonder Haarschopf in Beths Armbeuge geschmiegt war.</p><p>Aber sie antwortete nicht, stattdessen las sie einfach weiter aus dem Buch vor, bei dem es sich, wie er jetzt zu seinem Erstaunen feststellte, um Vergils <emphasis>Aeneis</emphasis> handelte � jene uralte Ausgabe, die er in Princeton gelesen hatte. Seit wann war das eine Gutenachtgeschichte?</p><p>�Hochauf ragte die H�hle�, las sie laut in einem weichen Singsang, �gewaltig mit klaffendem Rachen ��</p><p>Carter beugte sich n�her, um seinen Sohn zu betrachten.</p><p>�� schroff und gesch�tzt vom schwarzen See und finsteren W�ldern ��</p><p>Sein Haar war blond, fast wei�, und hing in niedlichen L�ckchen herunter.</p><p>�� Nimmer konnten straflos hier hin�ber die V�gel nehmen im Fluge die Bahn ��</p><p>Doch als er schl�frig den Kopf hob, erkannte Carter, dass dort, wo seine Augen h�tten sein sollen �</p><p>�� ein solcher Brodem entquoll dem schwarzen Schlunde und stieg empor zum Himmelsgew�lbe ��</p><p>� sich nur zwei klaffende L�cher befanden, wie H�hlen in den Kopf eingebrannt, in denen ein Feuer loderte.</p><p>W�rgend sa� Carter kerzengerade im Bett. Sein Herz pochte so heftig, dass er das Gef�hl hatte, seine Brust m�sste zerspringen. Sein K�rper war eiskalt und schwei�gebadet.</p><p>�Was ist los?�, fragte Beth besorgt.</p><p>Er schluckte hart und zitterte.</p><p>Beth setzte sich ebenfalls auf. Sie trug ihren Lieblingspyjama mit Leopardenmuster. �Alles in Ordnung?�, fragte sie und zog die Decke um seine Schultern.</p><p>�Alles okay�, keuchte er.</p><p>�Hattest du einen Albtraum?�</p><p>�Den schlimmsten, den ich je hatte.�</p><p>Sie stie� ihren Atem aus. �Das glaube ich gerne.�</p><p>Er zitterte erneut und zog die Decke fester um sich.</p><p>�Willst du mir davon erz�hlen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich w�rde ihn lieber vergessen.�</p><p>Bes�nftigend strich sie ihm �ber den R�cken. �Vielleicht ist das wirklich besser.� Im schwachen bl�ulichen Licht des Weckers sah sie, dass er etwas in der Hand hielt. �Was hast du da?�</p><p>Er wusste nicht, wovon sie sprach.</p><p>�In deiner Hand � du umklammerst etwas.�</p><p>Carter blickte nach unten und stellte erst jetzt fest, dass er in der Tat etwas in der Hand hielt. Er �ffnete die Faust und lie� es auf die Decke fallen.</p><p>�Ein Kruzifix�, sagte Beth verwirrt. �Wo kommt das denn her?�</p><p>�Es geh�rt Joe.�</p><p>�Warum h�ltst du dich daran fest?�</p><p>Carter hatte keinen Schimmer. Er wusste nicht einmal, wo er es pl�tzlich herhatte.</p><p>�Wenn es Joe geh�rt, m�chte er es vielleicht haben�, sagte Beth. �Vielleicht sollten wir es ihm ins Krankenhaus bringen.�</p><p>Verbl�fft starrte Carter das Kreuz an. �Ja, das mache ich�, sagte er. �Morgen.�</p><p>Nach all dem wusste Carter, dass er unm�glich wieder einschlafen konnte. Er zog einen Bademantel �ber das T-Shirt und die Boxershorts, schl�pfte in seine Gummi-Flip-Flops und ging in die K�che. Seine Kehle war wie ausged�rrt, vielleicht vom angestrengten Atmen, und er nahm sich ein Bier aus dem K�hlschrank. Die K�hle w�rde vielleicht seiner Kehle guttun � und den Dingen ein wenig die Sch�rfe nehmen.</p><p>O Mann, das war aber auch ein Albtraum gewesen! Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er so �bel getr�umt � oder so etwas erlebt. Wo kam der Traum her? Und warum hatte Beth ausgerechnet in der <emphasis>Aeneis</emphasis> gelesen, selbst wenn es nur ein Traum gewesen war? Gewiss, er hatte das Werk auf dem College durchgearbeitet und sogar ein paar Aufs�tze dar�ber geschrieben, aber er hatte seit Jahren nicht mehr daran gedacht. Jetzt, wo er genauer dar�ber nachsann, war er sich nicht einmal sicher, wo seine kommentierte Ausgabe abgeblieben war.</p><p>Er ging ins Wohnzimmer, nippte hin und wieder an seinem Bier und suchte die B�cher ab, die in dichten Reihen in den Regalen aus Schlackenbetonsteinen standen. Die meisten B�cher von Beth, �bergro�e Werke zur Kunstgeschichte, standen in den unteren Regalen, w�hrend der Gro�teil seiner B�cher, von <emphasis>Die Entstehung der Arten</emphasis> bis zu ornithologischen Bestimmungsb�chern, oben einsortiert war. Als er und Beth zusammengezogen waren, war ihnen rasch klar geworden, dass sie nicht genug Platz hatten, um all ihre B�cher in der Wohnung unterzubringen, so dass sie viele von ihnen in Kisten verstaut hatten. In Kisten, die jetzt im Keller standen.</p><p>Er nahm an, dass in einer von ihnen auch seine Ausgabe der <emphasis>Aeneis</emphasis> steckte. Am Morgen w�rde er danach suchen.</p><p>Aus m��iger Neugier nahm er eines von Beths B�chern �ber die Kunst der Renaissance heraus und nahm es mit zu seinem Lehnsessel. Er bl�tterte darin, betrachtete die kuriose Mischung aus biblischen und mythologischen Motiven und nippte an seinem Bier. Doch seine Gedanken kehrten immer wieder zur <emphasis>Aeneis</emphasis> zur�ck, zu den Zeilen, an die er sich aus seinem Traum dunkel erinnerte und die er bereits wieder zu vergessen begann. Etwas �ber einen beschatteten See und vergiftete Luft, die von ihm aufstieg. Er fragte sich, ob er sich tats�chlich so genau an einzelne Zeilen erinnern konnte. Hatte das Epos w�hrend seiner Studentenjahre einen so tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen? Oder lag er vollkommen daneben? Erneut fragte er sich, wo das Buch wohl gelandet war. Er wollte es sehen, und aus irgendeinem Grund wollte er es jetzt sehen.</p><p>Er legte den Kunstband auf den Couchtisch und warf einen Blick auf die Uhr �ber dem Regal. Es war halb vier morgens. Zumindest w�rde er keinen Nachbarn �ber den Weg laufen, wenn er jetzt nach unten ginge.</p><p>Er schlich sich aus der Wohnung und nahm die Treppe. Im Treppenhaus wehte ein kalter Wind, und als er das Erdgeschoss erreichte, erkannte er den Grund daf�r. Die T�r zum Foyer, die eigentlich immer geschlossen sein sollte, stand weit offen. Er stie� sie zu und wartete auf das Ger�usch, mit dem der Schnapper einrastete. Dann drehte er sich um und ging ans andere Ende der Halle, wo sich die Kellert�r hinter dem Fahrstuhl verbarg. Trotz der sp�ten Stunde h�rte er die Fahrstuhlkabine im Schacht rumpeln. Vielleicht h�tte er nicht gerade in Bademantel und Flip-Flops aus der Wohnung gehen sollen. Es w�re ziemlich peinlich, in diesem Aufzug einem Nachbarn in die Arme zu laufen. An der Kellert�r hing zwar ein Vorh�ngeschloss, aber Carter wusste wie alle �brigen Mieter, dass es nicht abgeschlossen war. Er entfernte das Schloss, klappte den Riegel zur�ck und stieg die enge Treppenflucht hinab.</p><p>Hier unten gab es zwei Waschmaschinen und einen Trockner, einen klapprigen Tisch, um die W�sche zusammenzulegen, und einen Plastikstuhl. Der Boden bestand aus Beton, die Decke aus schmutzigen schalld�mmenden Platten. Der Versuch des Hausmeisters, den Raum freundlicher zu gestalten, indem er einen Lampenschirm aus gelbem und rotem Glas �ber das Deckenlicht geh�ngt hatte, verst�rkte nur noch den Eindruck der Trostlosigkeit. Im n�chsten Raum stand an der R�ckwand der Heizungskessel, und hier durften die Mieter ein paar Dinge lagern. Es gab ein paar Fahrr�der, ein Paar Skier und einige Dutzend Kisten. Carters standen ganz hinten.</p><p>Er zog am Band an der nackten Gl�hbirne, die hier von der Decke hing, und betrachtete den Stapel brauner Pappkartons. Sie sahen alle gleich aus. In welchem steckten seine B�cher aus den Literatur-und Klassikkursen? Er wusste, dass es nicht der oberste war; der enthielt verschiedene Aufs�tze, die er verfasst hatte, seine Doktorarbeit, kurze Zusammenfassungen und Monographien. Er nahm sie vom Stapel und hob den Deckel des n�chsten Kartons an. Er entdeckte eine Reihe von Texten zu Biologie und Chemie. Er stellte den Karton auf den ersten. Der n�chste Karton k�nnte sich als Treffer erweisen. Ganz obenauf lag Dryden, direkt darunter Chaucer. Er lie� den Karton auf den Boden plumpsen, setzte sich auf die beiden anderen und begann sich durch die eselsohrigen B�nde mit Lyrik und Literatur zu w�hlen. Ganz unten entdeckte er die <emphasis>Aeneis</emphasis>. Es war ein dickes Taschenbuch, mit einem Gem�lde von <emphasis>Aeneas und Dido in Karthago</emphasis> auf dem Cover. Als er es erblickte, erinnerte er sich auf der Stelle, dass es von Claude Lorraine stammte. Mit einer Kunsthistorikerin verheiratet zu sein, hatte ihn ein paar Dinge gelehrt.</p><p>Aber wie sollte er die Zeilen finden, nach denen er suchte? Und warum suchte er �berhaupt danach? Er hatte das �beraus merkw�rdige Gef�hl, dass es etwas zu bedeuten hatte; dass sein Unterbewusstsein versuchte, ihn auf etwas hinzuweisen. Dass es schon eine ganze Weile versuchte, ihm etwas mitzuteilen.</p><p>Aber die <emphasis>Aeneis</emphasis> bestand aus zw�lf B�chern, und jedes bestand aus Tausenden von Zeilen. Im Geiste ging er noch einmal die Zeilen aus seinem Traum durch. Es gab keine einfache M�glichkeit, um zielgerichtet im Glossar oder Index die Stelle mit einem schwarzen See oder finsteren W�ldern aufzusp�ren. Jedes Wort hatte vermutlich Dutzende von Verweisen. Aber es wurden V�gel erw�hnt, an der Stelle, wo es im Gedicht hie�, kein Vogel k�nnte �ber den Brodem des Sees fliegen. Carter wusste, dass es im Altgriechischen den Begriff <emphasis>vogellos</emphasis> gab, mit dem auch ein karger Ort selbst bezeichnet wurde. Er erinnerte sich, dass er den Begriff in einem seiner ersten Aufs�tze �ber die Verbindung zwischen V�geln und Dinosauriern verwendet hatte. Das Wort lautete <emphasis>aornos</emphasis>, und das, fand er, war ein guter Anfang.</p><p>Er schlug die hinteren Seiten des Buchs auf, und da war es, ein Verweis auf die erste Erw�hnung im sechsten Buch, Zeile 323 der Mandelbaum-�bersetzung, die er benutzt hatte.</p><p>Doch dann, ehe er die Seite umbl�ttern konnte, fiel ihm in derselben Begriffserkl�rung etwas ins Auge. Es war ein anderer Name f�r denselben kargen Ort, eine Alternative, die ihm vage vertraut vorgekommen war, seit Russo ihm die ersten Berichte �ber das Fossil aus Rom geschickt hatte. Avernus. Den Anmerkungen zufolge, die er jetzt las, war das der Ort, an dem die bekannte Sibylle von Cumae, die ungest�me und furchterregende Seherin der Antike, den Eingang zur Unterwelt bewachte. Die Pforte zur H�lle, wie es hie�.</p><p>Und war nicht auch dort, am Lago d�Averno, das Fossil gefunden worden, in einer H�hle, die seit Millionen von Jahren unterhalb der Wasseroberfl�che lag?</p><p>Ohne sich zu r�hren, sa� Carter da, w�hrend ein kalter Windzug um seine F��e und Kn�chel strich. Hinter dem Heizkessel vernahm er ein verstohlenes Scharren. Er hatte das Gef�hl, als w�rde etwas Massives, ein roh behauener Block der Pyramiden zum Beispiel, endlich an seinen Platz gleiten. Etwas nahm Form an, ohne dass er indes erkennen konnte, was es war. Das Scharren ert�nte erneut, und er bemerkte eine gespannte Mausefalle in der Ecke. Zeit, wieder nach oben zu gehen, dachte er. Zeit, �ber all das in einer w�rmeren und behaglicheren Umgebung nachzudenken.</p><p>Er zog an dem Band der Lampe, ging durch die Waschk�che zur�ck und erklomm, die <emphasis>Aeneis</emphasis> in der Hand, die Treppe zum Erdgeschoss. Im Treppenhaus war es immer noch kalt, und f�r den Rest des Weges nach oben nahm er den alten knarrenden Aufzug.</p><p>Er hatte die Wohnungst�r nicht abgeschlossen und trat leise ein, leerte das Bier, das noch auf dem Couchtisch stand, und warf die leere Flasche gedankenverloren in den Abfalleimer in der K�che. Besorgt, dass er Beth damit gest�rt haben k�nnte, warf er einen Blick �ber den Flur auf die Schlafzimmert�r. Sie war zum Gl�ck geschlossen.</p><p>Aber das war seltsam.</p><p>Sie schlossen diese T�r nur selten, und er wusste, dass er sie heute Nacht nicht zugemacht hatte. War es Beth gewesen? Nachdem sein Albtraum sie aus dem Schlaf gerissen hatte, hatte er geglaubt, sie sei sofort wieder eingeschlafen.</p><p>Avernus. Morgen w�rde er in der Universit�tsbibliothek ein paar weitere Quellen nachschlagen m�ssen, um herauszufinden, ob es noch weitere Bez�ge gab, die weniger erschreckend waren als die, die er bereits kannte.</p><p>Im Wohnzimmer schaltete er das Licht an, blickte �ber den leeren weiten Washington Square Park unter sich und ging schlie�lich zur Schlafzimmert�r. Er wollte sie �ffnen, stellte aber zu seiner gro�en �berraschung fest, dass sie sich nicht bewegen lie�. Er wusste ganz sicher, dass sie nicht abgeschlossen sein konnte, denn das Schloss war schon vor ihrem Einzug kaputt gewesen. Er probierte es erneut, und dieses Mal gab die T�r nach, wenn auch nur ein kleines St�ck. Dann, als h�tte sie einen eigenen Willen, schloss sie sich erneut.</p><p>Verwirrt stand Carter da. Gab es einen heftigen Windzug, der die T�r von der anderen Seite wieder zudr�ckte? Tats�chlich konnte er einen k�hlen Luftzug unter der T�r sp�ren, der seine nackten Kn�chel streifte. Er st�tzte die Schulter gegen die T�r und schob sie St�ck f�r St�ck etwa einen halben Meter weit auf. Er sp�hte durch den Spalt und stellte fest, dass das Fenster weit offen stand. Die Jalousien klapperten und hingen schief. Und pl�tzlich schien etwas sein Herz zu umklammern. Mit seinem ganzen Gewicht warf er sich gegen die T�r und erzwang sich Zutritt zu dem Zimmer.</p><p>�Beth!�, schrie er und stolperte �ber etwas Sperriges am Boden. �Bist du in Ordnung?�, rief er und schaffte es gerade noch, nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten.</p><p>Beinahe nackt lag sie auf dem Bett, die Laken zur�ckgeworfen. Die obere H�lfte des Leoparden-Pyjamas fehlte v�llig, und die Hose hatte sich um ihre Kn�chel verheddert.</p><p>�Beth! Was ist hier los!�, dr�ngte er und rannte zum Bett. �Beth!�</p><p>Doch so unglaublich es klang, sie schlief, tief und fest. Als er die Hand auf ihre Schulter legte und sie sch�ttelte, war es, als bewegte er eine Lumpenpuppe. Ihr Kopf rollte zur�ck, und ihre Haut war so kalt, dass sie �berall G�nsehaut hatte. Ein feuchter Wind wehte durch das offene Fenster herein. Er sprang auf, schlug die Jalousien beiseite und zog das Fenster herunter. Drau�en auf der Feuerleiter war der Geranientopf umgekippt.</p><p>Als er Beth erneut packte, �ffnete sie langsam die Augen. �Beth, wach auf! Sprich mit mir!�</p><p>Aber es schien ihr schwerzufallen, ihn deutlich zu erkennen. Ihr verschwommener Blick wanderte im schwach erleuchteten Zimmer umher, als er eine Decke, die halb auf dem Boden hing, zur�ck aufs Bett zerrte und sie damit zudeckte.</p><p>�Beth, ich bin�s. Beth!�</p><p>Allm�hlich wurde ihr Blick klarer, aber damit schien auch Panik in ihr aufzusteigen. Ihre Finger umklammerten Carters Arme, und sie st�hnte voller Angst.</p><p>�Es ist alles in Ordnung, du bist okay�, sagte er immer wieder und versuchte, sie zu beruhigen. �Was ist passiert?� Dabei wollte sein Verstand es gar nicht so genau wissen � noch nicht.</p><p>Ihr Haar war zerzaust, als ob kr�ftige Finger es zerw�hlt h�tten.</p><p>�Ich dachte, ich sei derjenige mit dem Albtraum heute Nacht�, sagte Carter tr�stend. Er lachte halbherzig. �Jetzt hattest du auch einen, was?� Er hoffte inst�ndig, dass es nur das gewesen war.</p><p>Sie sagte immer noch nichts, sondern dr�ngte sich nur an ihn.</p><p>Z�rtlich rieb er ihren R�cken und blickte sich auf dem Boden um. Der Schlafzimmerteppich, der normalerweise vom Bettgestell an Ort und Stelle gehalten wurde, lag in einem Haufen vor der T�r. Das musste die T�r blockiert haben, und dar�ber musste er gestolpert sein.</p><p>Aber das erkl�rte noch lange nicht, wie der Teppich dort hingekommen war.</p><p>�Beth�, sagte er leise, �erinnerst du dich, ob du die Schlafzimmert�r zugemacht hast?�</p><p>Er sp�rte, wie sie verneinend den Kopf sch�ttelte.</p><p>�Oder den Teppich verschoben hast?�</p><p>Erneutes Kopfsch�tteln. <emphasis>Nein</emphasis>. Er brauchte sie gar nicht erst wegen des offenen Fensters zu fragen. Er wusste, wie die Antwort lautete.</p><p>Aber was war dann passiert? Hatte sie schlafgewandelt, so wie Joe? In all den Jahren, seit sie zusammen waren, war ihm nie aufgefallen, dass Beth so etwas t�te. Aber was war die Alternative? Dass etwas oder jemand anderes daf�r verantwortlich war?</p><p>Soweit er erkennen konnte, war sie k�rperlich in keiner Weise verletzt. Zumindest das nicht. In der Luft lag ein seltsam frischer Duft, der ihn an regennasse Bl�tter denken lie�. Aber irgendetwas Unfassbares war hier geschehen. Beth umklammerte ihn noch fester als je zuvor. Sie hatte die Arme um ihn geschlungen und zog ihn eng an sich. Unter der Decke hatte sie die Pyjamahose weggetreten.</p><p>�Jetzt ist alles gut�, sagte er und dachte, dass sie vielleicht nur die Best�rkung brauchte, doch ihre Umarmung zeigte, dass sie noch mehr wollte.</p><p>�Fick mich�, sagte sie.</p><p>Es war das Letzte, was er erwartet hatte von ihr zu h�ren, und er glaubte, sie nicht richtig verstanden zu haben.</p><p>�Fick mich!�</p><p>Auch ihre Stimme, distanziert und fordernd, klang nicht nach der Beth, die er kannte.</p><p>Abrupt riss sie sich die Decke vom nackten Leib und zog ihn hinunter, bis er auf ihr lag. Ihre H�nde glitten unter seinen Bademantel.</p><p>�Beth, willst du wirklich ��</p><p>�Ja, ich will wirklich�, sagte sie mit sp�ttischem und zugleich dr�ngendem Ton, �es ist genau das, was ich will.� Sie zerrte seine Boxershorts nach unten. �Jetzt.�</p><p>�Aber ich ��</p><p>Sie brachte ihn zum Schweigen, indem sie ihre Lippen gegen seinen Mund presste und ihre Zunge sich dr�ngend Einlass verschaffte. Es f�hlte sich falsch an, �berhaupt nicht gut. Carter hatte den Eindruck, mit jemandem im Bett zu liegen, den er nicht kannte.</p><p>Ihre Hand rutschte tiefer, packte ihn.</p><p>Unwillk�rlich reagierte er darauf.</p><p>Beth presste ihre H�ften gegen ihn und st�hnte. Das Ger�usch ihres qu�lenden Verlangens hallte in seinen Ohren wider. Sie spreizte die Beine und schlang sie um seinen R�cken.</p><p>Als er in sie eindrang, war sie so offen, so nass, als seien sie bereits stundenlang zugange, nicht erst seit wenigen Sekunden. Sie zog ihn noch enger an sich und lie� ein ekstatisches St�hnen h�ren, ein St�hnen, das ihn ebenfalls entflammte. Noch nie zuvor hatte er sie solche Ger�usche machen h�ren, er hatte nicht gewusst, dass ihr K�rper vor Leidenschaft so erhitzt und im selben Moment so kalt in der Ber�hrung sein konnte. Sie warf den Kopf ins Kissen zur�ck, das Kinn angehoben, und er stie� zu, immer und immer wieder.</p><p>�Mehr�, bettelte sie, �mehr � mehr ��</p><p>Gleichg�ltig, wie heftig er zustie� oder wie tief er in sie eindrang, sie dr�ngte ihn, weiterzumachen, und packte ihn noch fester. Als er sich nicht l�nger zur�ckhalten konnte, bohrte sie die Fingern�gel in seinen R�cken, wie Klauen, und ein unterdr�ckter Schrei blieb ihr in der Kehle stecken.</p><p>Er schloss die Augen, verloren im Augenblick, und dachte ausnahmsweise einmal an nichts.</p><p>Doch als er die Augen wieder aufschlug, hatte sie den Kopf dem Fenster zugewandt. Ihre Lippen bildeten ein d�nnes, eingefrorenes L�cheln, und ihre Augen waren so weit nach oben verdreht, dass nur noch das Wei�e zu sehen war.</p><p>Ein Schauder lief Carter �ber den R�cken. Dort, wo ihre N�gel sich in seine Schultern gebohrt hatten, begann Blut hervorzusickern.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>28. Kapitel</strong></p></title><p>Ezra war auf einen ausgesprochen kniffligen, aber fesselnden Teil der �bersetzung gesto�en. Der vorige Abschnitt der Schriftrolle hatte die Pflichten der Engel beschrieben, dieser W�chter, und was sie einst f�r die Menschheit getan hatten. Da sie selbst niemals schlafen mussten, konnten sie unabl�ssig �ber die Welt wachen und hatten Geschenke gebracht wie das Wissen �ber Aussaat und Ernte oder den Sinn f�r die K�nste � und das K�nstliche. Sie hatten die Menschen gelehrt, in einer gemeinsamen Sprache zu sprechen, damit sie einander verstanden und gemeinsame Ziele erreichen konnten.</p><p>Seit er mit diesem Abschnitt der Schriftrolle begonnen hatte, hatte er nur eine Unterbrechung hinnehmen m�ssen. Er hatte sich, wie gefordert, auf der Spendenparty f�r den B�rgermeister blicken lassen. Sein Vater hatte darauf bestanden, und pflichtschuldig war Ezra gerade lange genug geblieben, um dem B�rgermeister pers�nlich daf�r zu danken, dass er zu seinen Gunsten eingegriffen hatte, als er wegen der Sache im UN-Park im Gef�ngnis gesessen hatte. Anschlie�end war er wieder auf sein Zimmer gehuscht.</p><p>An diesem Abend war er so erpicht darauf gewesen, weiterzumachen, dass er in seiner Eile beinahe einen Gast buchst�blich umgerannt h�tte. Einen blonden Mann, der aus dem Gang kam, der ausschlie�lich zu den Privatr�umen der Familie f�hrte. Ezra, der immer noch eine Champagnerfl�te in der Hand hielt, versch�ttete etwas davon auf dem Anzug des Mannes.</p><p>�Oh, tut mir leid�, sagte Ezra und b�rstete den Champagner fort.</p><p>Der Mann sagte nichts, und als Ezra ihn ansah, stellte er verdutzt fest, dass er eine Sonnenbrille mit bernsteinfarbenen Gl�sern trug. Sein Gesicht sah aus, als sei es aus makellosem Alabaster gemei�elt.</p><p>�Haben Sie sich verlaufen?�</p><p>�Wie kommen Sie darauf?�</p><p>Auch sein Akzent war seltsam. �Weil die Party dort dr�ben stattfindet�, sagte Ezra und deutete mit dem Kopf in die entsprechende Richtung.</p><p>�Ja�, sagte der Mann. Er l�chelte, als sei ihm nachtr�glich etwas eingefallen, dann ging er davon. Die Luft, stellte Ezra fest, roch nach einem Kranz aus immergr�nen Zweigen.</p><p>Er hatte indes nicht weiter dar�ber nachgedacht, sondern sich direkt wieder dem Abschnitt gewidmet, mit dem er sich seitdem abm�hte. Es handelte sich um eine wahrhaftige Auflistung der Engel selbst, eine Liste mit den alten Namen, und er kam auffallend langsam voran. Den ganzen Morgen und den gr��ten Teil des Nachmittags hatte er darauf verwendet, die blassen Buchstaben zu analysieren und die verblichenen Worte zu entziffern. In keiner bekannten Sprache gab es w�rtliche Entsprechungen, so dass er versuchte, die Begriffe grob zu �bersetzen. Aber der Klang war schwer zu kopieren, die Konsonanten waren hart wie Waln�sse, und die Vokale verwischten miteinander auf eine Art, die f�r moderne Zungen schwer auszusprechen waren. Die Silben erforderten, oder besser schufen, eine Art fremdartige Melodie, und alles, was er tun konnte, war, sich den geheimnisvollen Namen grob anzun�hern. Araquiel � Semjaza � Gadreel � Penemue � Tamuel � Baraqel � Ereus �</p><p>Vielleicht lag es daran, dass er von seiner Arbeit so in Anspruch genommen war, dass er das Kratzen auf dem Glas hinter sich zuerst gar nicht h�rte. Erst allm�hlich drang es in sein Bewusstsein ein, und jetzt h�rte er auch, wie der T�rknauf an der Terrassent�r gedreht wurde. Er wirbelte auf seinem Stuhl herum und starrte zur Veranda. Die T�ren waren geschlossen, die bodenlangen Vorh�nge zugezogen, doch irgendetwas r�hrte sich dort drau�en auf der Veranda, das wusste er.</p><p>Er warf ein leichtes St�ck Stoff �ber seine Arbeit auf dem Zeichentisch und schlich verstohlen zur T�r.</p><p>Das kratzende Ger�usch erstarb, doch pl�tzlich h�mmerte jemand gegen das Glas.</p><p>Mit einem Finger teilte er die Vorh�nge, und ein Auge, ein wildes, gr�nes Auge presste sich von der anderen Seite gegen das Glas und starrte ihn an.</p><p>�Lass mich herein, Ezra�, h�rte er. �Ich muss den Innenarchitekten herumf�hren.�</p><p>Wie bitte? Kimberly stand dort drau�en in der K�lte, bekleidet, wie er jetzt sah, nur mit einem rosa Satinbademantel. Und sie war allein.</p><p>�Mach auf! Wir frieren hier drau�en!�</p><p>Auf dieser Seite erstreckte sich die Veranda �ber das gesamte Apartment, vom Hauptschlafzimmer bis zu seinen eigenen R�umen, aber er h�tte nie gedacht, dass Kimberly jemals bis hierher kommen w�rde. Er zog den Vorhang zur�ck und fummelte am T�rgriff der Terrassent�r herum. Sie wurden so selten benutzt, dass der Griff klemmte und sich nur schwer �ffnen lie�. Als die T�r endlich aufging, schl�pfte Kimberly rasch hindurch. Ihr Haar war lose und zerzaust, die F��e nackt.</p><p>�Warum musst du diese Zimmer immer verschlossen halten wie ein Gef�ngnis?�, beschwerte sie sich, und Ezra wusste nicht, was er sagen sollte. Genauso wenig wusste er, was er davon halten sollte. Sie sah sich im Zimmer um, sah die Klarsichth�llen an den W�nden, in denen die zusammengef�gte Schriftrolle steckte, auf den Arbeitsplatz, an dem noch die Neonlampe brannte, auf den Berg aus B�rsten und Plastikhandschuhen und Schablonenmessern auf der alten Spielzeugkiste. Angewidert r�mpfte sie die Nase. �Du hast ja noch nicht einmal angefangen zu packen.�</p><p>�Warum sollte ich?�, fragte Ezra.</p><p>�Damit wir anfangen k�nnen, das Kinderzimmer einzurichten�, erwiderte sie, als sei er der d�mmste Mensch auf der Welt.</p><p>Sie phantasierte eindeutig. Seit der Party f�r den B�rgermeister war sie krank. Laut Gertrude hatte sie sich heimlich von der Party davongemacht und war in ihrem Zimmer zusammengebrochen. Seitdem war sie weder zu den Mahlzeiten noch aus einem anderen Grund herausgekommen. Gertrude hatte ihr H�hnerbr�he und Medikamente gebracht, aber offensichtlich hatte sich ihr Zustand noch verschlechtert. Sein Vater war, wie nicht anders zu erwarten, nicht in der Stadt, sondern gesch�ftlich in Dallas.</p><p>�Erinnerst du dich nicht�, sagte er, �dass ich hier wohnen bleiben muss, wo ich unter Beobachtung stehe?�</p><p>�Wovon redest du da?�</p><p>�Von der Anweisung des Gerichts�, erwiderte er, obwohl er merkte, dass nichts von dem einen Sinn f�r sie ergab. Vor ein paar Sekunden hatte sie noch geglaubt, der Innenarchitekt sei bei ihr.</p><p>�Alles, was ich wei߫, sagte sie und machte eine Armbewegung, die den ganzen Raum mit einschloss, �ist, dass das alles verschwinden muss. Wir m�ssen hier streichen, neuen Teppichboden verlegen lassen und Platz schaffen f�r die Babywiege!�</p><p>Ihr Bademantel war ihr von der Schulter gerutscht, als sie so wild gestikulierte, und entsetzt stellte Ezras fest, dass ihr Schulterblatt mit blauen Flecken �bers�t war. Es sah aus, als h�tte jemand sie viel zu heftig mit den H�nden gepackt, und bei der Vorstellung, dass dieser Jemand sein Vater gewesen sein k�nnte, wurde ihm eindeutig mulmig. <emphasis>Es musste sein Vater gewesen sein, wer denn sonst?</emphasis></p><p>�Was f�hrst du hier �berhaupt im Schilde?�, fragte Kimberly und setzte sich in Richtung Zeichentisch in Bewegung. �Das hier nennst du also deine Forschung?�</p><p>Hastig baute Ezra sich zwischen ihr und dem Tisch auf. In ihrem gegenw�rtigen Zustand lie� sich nicht vorhersagen, was sie tun w�rde.</p><p>�Ja, und es darf nichts durcheinandergebracht werden�, sagte er.</p><p>�Wer sagt das?�, erwiderte sie, langte um ihn herum und riss den Stoff vom Abschnitt der Schriftrolle, den er gerade �bersetzte.</p><p>Ezra packte ihr Handgelenk. �Ich habe gesagt, dass du aufh�ren sollst.�</p><p>�Du hast mir nicht zu sagen, was ich machen soll!�</p><p>�Kimberly, du bist krank�, sagte er und versuchte sie zu beruhigen. �Ich glaube, es ist besser, wenn wir in dein Zimmer zur�ckgehen und den Arzt rufen.�</p><p>�In Ordnung�, sagte sie, pl�tzlich gef�gig, �du hast recht�, aber kaum hatte er ihr Handgelenk losgelassen, machte sie einen Satz auf den Tisch zu und schnappte sich ein St�ck der kostbaren Schriftrolle.</p><p>�Kimberly, nein!�, schrie er.</p><p>Ehe er sie aufhalten konnte, war sie davonget�nzelt. Mit einem irren Grinsen im Gesicht wedelte sie mit dem Streifen herum. �Komm doch und hol es dir!�</p><p>Sie rannte auf die Terrassent�r zu, und Ezra hatte keine andere Wahl, als ihr nachzulaufen und sie erneut zu packen. Sie wirbelte herum, bis der Bademantel ganz aufging. Darunter war sie nackt, und als sie mit den H�nden auf ihn losging und ihn wie wahnsinnig kratze und um sich schlug, stellte Ezra fest, dass sie am ganzen K�rper noch weitere blaue Flecken hatte. Was um alles in der Welt war ihr zugesto�en?</p><p>�Lass mich los!�, kreischte sie. �Lass los!�</p><p>Aber Ezra versuchte lediglich, das St�ckchen Schriftrolle wieder an sich zu bringen. Sie hielt es au�er Reichweite, dann kr�mmte sie sich und wirbelte herum. Er sah, wie sie vergeblich versuchte, es zu zerrei�en.</p><p>�H�r auf, Kimberly!�</p><p>Aber sie h�rte nicht auf. Sie nahm den Fetzen zwischen ihre Z�hne und zerrte daran � und es war, als h�tte sie in einen unter Strom stehenden Draht gebissen. Eine Woge aus blauen Funken schoss in die Luft und summte wie ein Schwarm w�tender Bienen. Sie st�rzte zu Boden, ein winziges St�ck der Schriftrolle klebte noch an ihrer Lippe. Ihre Glieder zuckten, und wei�er Schaum trat ihr aus dem Mund.</p><p>Ezra kniete sich neben sie, legte eine Hand auf ihre Schulter und versuchte mit der anderen, das St�ck seiner kostbaren Schriftrolle zu entfernen. Doch wie eine Schlange, die sich in ihre H�hle zur�ckzog, verschwand das Fitzelchen in ihrem Mund. Er sah, wie ihre Kehle zuckte, als w�rde das St�ck Schriftrolle sich noch weiter zur�ckziehen. Oder hatte er sich das alles nur eingebildet?</p><p>Kimberly keuchte und w�rgte. Ihr ganzer K�rper wand sich in Kr�mpfen.</p><p>Ezra wusste nicht, was er tun sollte. Er sagte: �Halt durch�, und rannte aus dem Arbeitszimmer, durch sein Schlafzimmer und riss die T�r zum Flur auf. �Gertrude!�, rief er. �Gertrude!�</p><p>�Ja?� Es klang, als sei sie vier oder f�nf R�ume entfernt.</p><p>�Ruf den Notarzt f�r Kimberly. Wir brauchen einen Krankenwagen!�</p><p>Als er wieder an ihrer Seite war, sah sie aus, als sei sie gerade ins Koma gefallen. Ihr Blick war glasig und die Atmung sehr flach. Ihr K�rper im ge�ffneten Bademantel war seinem Blick preisgegeben. Direkt unterhalb ihrer Br�ste entdeckte er schwarze und blaue Flecken, als sei sie grob misshandelt worden. Er zog den Mantel zu und strich ihr �ber die Stirn. �Ruh dich einfach aus�, sagte er. �Alles wird wieder gut.� Ihre Haut war schwei�nass, aber fiebrig hei�. Ezra fragte sich nicht nur, ob sie wieder gesund werden w�rde, sondern ob sie �berhaupt so lange �berleben w�rde, bis der Krankenwagen k�me.</p><p>Gertrude st�rzte ins Zimmer. �Gott im Himmel�, fl�sterte sie, �Ich habe den Notarzt gerufen�, sagte sie zu Ezra.</p><p>Zehn Minuten sp�ter waren die Sanit�ter da, hoben Kimberly auf eine Trage und rollten sie eilig hinaus zum Fahrstuhl. Ezra rief im B�ro seines Vaters an, von wo aus die Sekret�rin den Anruf nach Dallas weiterleitete. Sam sa� gerade im Konferenzsaal und handelte irgendeinen Vertrag aus. Als Ezra ihm mitteilte, dass Kimberly erkrankt und ins Krankenhaus gebracht worden sei, schwieg er einen Moment. Anschlie�end bombardierte er Ezra mit Fragen. Welches Krankenhaus? Warum hatte er nicht Sams Hausarzt gerufen? Was stimmte nicht mit ihr? Wer hatte die Diagnose gestellt?</p><p>Ezra beantwortete so viele Fragen wie m�glich, aber da er selbst nicht viel wusste, konnte er sp�ren, wie die Entt�uschung seines Vaters mit jeder Minute wuchs.</p><p>�Ich sehe zu, dass ich hier fertig werde�, erkl�rte Sam, �und komme so schnell wie m�glich zur�ck.�</p><p>�Gibt es irgendetwas, das ich in der Zwischenzeit f�r dich tun kann?�</p><p>�Ja! Ich m�chte, dass du ins Krankenhaus f�hrst und daf�r sorgst, dass sie verdammt nochmal alles bekommt, was sie braucht.�</p><p>Ezra legte auf und hatte das Gef�hl, wieder einmal irgendetwas falsch gemacht zu haben. Sein Vater vermittelte ihm st�ndig dieses Gef�hl.</p><p>Er ging zur�ck in sein Zimmer. Er wagte kaum auf die leere Stelle auf seinem Zeichentisch zu blicken, wo das Fragment der Schriftrolle gelegen hatte. Er nahm seinen Mantel und fuhr nach unten. Vom Pf�rtner, Alfred, lie� er sich ein Taxi rufen, und w�hrend sie warteten, sch�ttelte Alfred den Kopf und sagte: �Tut mir furchtbar leid, diese Sache.�</p><p>�Ja, ist wirklich schrecklich.�</p><p>�Sie sieht immer so h�bsch aus, und diese Partys, die sie immer schmei�t, bringen uns in die Zeitung.�</p><p>Was genau ihre Absicht ist, dachte Ezra.</p><p>�Ach ja, falls Sie das zur�ckhaben wollen�, sagte der Pf�rtner und zog ein paar Papiere aus seiner Uniformtasche, �Mrs Metzger will sie immer gerne wiederhaben.�</p><p>Ezra blickte auf das gepr�gte Briefpapier und sah, dass es sich um eine Liste der geladenen G�ste handelte, mit kleinen H�kchen hinter fast allen Namen.</p><p>�Sie bat mich, die G�ste bei ihrer Ankunft zu �berpr�fen�, sagte der Pf�rtner, �und ihr die Liste nach der Party zur�ckzugeben. F�r ihre Unterlagen, nehme ich an.�</p><p>�Ich werde es ihr geben�, sagte Ezra, w�hrend das Taxi in die Auffahrt einbog und er hinten einstieg.</p><p>�Doctors Hospital�, sagte er, und der Wagen fuhr an.</p><p>W�hrend er auf dem R�cksitz sa� und in den sp�ten grauen Nachmittag starrte, dachte er �ber alles nach, was gerade geschehen war. Kimberlys Delirium, der Schaden an der Schriftrolle. Zu seiner geheimen Schande wusste er genau, was ihn mehr bek�mmerte. Kimberly w�rde geheilt werden, von was immer sie plagte, aber die Schriftrolle? Die w�rde nie wieder restauriert und jener Teil des Textes nie wiederhergestellt werden k�nnen. Er hatte immer das Gef�hl gehabt, die Schriftrolle sei ihm anvertraut worden, m�glicherweise von einer h�heren Macht. Seine Aufgabe, seine Pflicht war es gewesen, sie zu sch�tzen. Doch er hatte wieder einmal versagt.</p><p>Das Taxi hielt vor einer Ampel in der First Avenue, und Ezra blickte auf den Ausdruck der G�steliste in seiner Hand. Manche der Namen � des B�rgermeisters, einiger Stadtr�te, alter Freunde der Familie � erkannte er. Auf den anderen Seiten standen reihenweise Namen, die wahrscheinlich nur Kimberly etwas sagten. Er bl�tterte bis zum Ende der Liste, und dort entdeckte er noch ein paar Namen in lavendelfarbener Tinte hingekritzelt. Vermutlich Einladungen in letzter Minute, die sie selbst handschriftlich hinzugef�gt hatte.</p><p>Da war ein Mr Donlan, Mr und Mrs Lamphere und am Ende, mit einem gro�en Fragezeichen daneben, ein Mr Arius.</p><p>Hm. Das war ein seltsamer Name. Und was hatte das Fragezeichen zu bedeuten?</p><p>Vermutlich war sie sich nicht sicher gewesen, ob er kommen w�rde.</p><p>In diesem Moment fuhr das Taxi weiter, und er dachte wieder an jenen Abend. Erinnerte sich an eine weitere Merkw�rdigkeit.</p><p>Dieser gro�e blonde Mann, mit dem er im Korridor zusammengesto�en war. Seinen Namen kannte er zwar nicht, aber er war aus der Richtung von Kimberlys Schlafzimmer gekommen.</p><p>Er dachte an die Prellungen, die er auf ihrem K�rper gesehen hatte. Male, von denen er sich einfach nicht vorstellen konnte, dass sein Vater daf�r verantwortlich sein sollte.</p><p>Er dachte an die bizarre Erscheinung des blonden Mannes.</p><p>Und dann dachte er an den Namen. Er schaute erneut auf die Liste und auf das dazugeh�rige Fragezeichen. War es dort, weil sie nicht sicher war, ob er kommen w�rde? Oder weil sie nicht sicher war, wie der Name buchstabiert wurde?</p><p>Er sprach ihn laut aus. �Arius�, sagte er. Der Taxifahrer drehte sich um.</p><p>�Nichts�, sagte Ezra, dann murmelte er den Namen erneut, leiser diesmal. �Arius.�</p><p>Seine Gedanken flogen zu dem Teil der Schriftrolle, an der er gerade gearbeitet hatte. Eine Liste mit Namen. Gadreel, Tamuel, Penemue � und als letzter � Ereus.</p><p>Das war seine Umsetzung der Laute gewesen, aber konnte man sie nicht genauso gut � oder sogar noch besser � mit Arius �bersetzen?</p><p>Pl�tzlich glaubte er zu wissen, was Kimberly heimgesucht hatte. Und zum ersten Mal glaubte er, dass sie es wom�glich doch nicht �berleben w�rde.</p><p>Wenn das stimmte � w�rde dann irgendjemand �berleben?</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>29. Kapitel</strong></p></title><p>Carters erste Station an diesem Tag war die Hauptbibliothek gewesen, und was er dort entdeckt hatte, war schon �bel genug.</p><p>Jetzt sa� er im Fachbereichsb�ro, und es wurde noch schlimmer. Die Sekret�rin reichte ihm einen Brief der Rechtsanwaltskanzlei Grundig und Gaines, mit dem er dar�ber informiert wurde, dass Mrs Suzanne Mitchell, die Witwe des k�rzlich verstorbenen Bill Mitchell, die New York University wegen fahrl�ssiger T�tung verklagt habe und dass er, Carter Cox, als Verantwortlicher des Labors, in dem der t�dliche Unfall sich zugetragen hatte, seines Amtes zu entheben sei.</p><p>�Der Vorsitzende hat ebenfalls so ein Schreiben erhalten�, sagte die Sekret�rin, �und er m�chte, dass Sie sich f�r die n�chste Woche einen Termin bei ihm geben lassen.�</p><p>Was kommt denn jetzt noch?, dachte Carter. Innerhalb weniger Tage hatte er erfahren, dass er steril war, ein guter Freund war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, seine Frau hatte irgendeinen unheimlichen halluzinatorischen Albtraum erlitten, und jetzt sah es so aus, als wollte Mackie ihn zusammenstauchen, weil er Unheil �ber den gesamten Fachbereich gebracht hatte.</p><p>�Also�, sagte die Sekret�rin, �wie w�re es mit Donnerstag um drei Uhr?�</p><p>Carter brauchte eine Sekunde. �Oh � sicher, das geht.� Er warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass er zu sp�t kommen w�rde. Wieder einmal. Er musste zum St. Vincent�s, zu dem Gipfeltreffen, das sowohl Ezra als auch Joe eingefordert hatten.</p><p>Als er an die Kreuzung gegen�ber vom Haupteingang des Krankenhauses kam, musste er an der Ampel warten. Das verschaffte ihm gen�gend Zeit, um festzustellen, dass das Schild vor dem alten Sanatorium, auf dem der Bau der Villager-Genossenschaftswohnungen angek�ndigt wurde, jetzt mit einem neuen Banner protzte. Darauf hie� es:</p><p><emphasis><strong>GRUNDSTEINLEGUNG AM 1. JANUAR!</strong></emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong>VERKAUFSB�RO �FFNET IN K�RZE.</strong></emphasis></p><p>Er meinte sogar, jemanden hinter den Fenstern im obersten Stock zu sehen, vielleicht einen Mitarbeiter des Abrissunternehmens. Nur in New York City, wo der Immobilienmarkt selbst jetzt noch verr�ckt spielte, konnte ein Bauunternehmer damit rechnen, dass die Leute Schlange standen, um eine Wohnung in einem Geb�ude zu erwerben, das bislang nur auf dem Papier existierte.</p><p>Als er schlie�lich die Verbrennungsintensivstation erreichte, h�rte er bereits Ezras Stimme aus Joes Zimmer. Verdammt, eigentlich hatte er die beiden einander vorstellen wollen. Au�erdem wollte er dabei sein, um, falls n�tig, den ersten Schock, den Ezra m�glicherweise bei Joes Anblick zeigen k�nnte, zu �berspielen.</p><p>Doch als er eintrat, stellte er fest, dass er sich unn�tig Sorgen gemacht hatte. Ezra hatte sich einen Stuhl neben das Bett gezogen, und Joe wandte ihm aufmerksam den Kopf zu. Sie erweckten den Eindruck von engen Verb�ndeten, die es ihm geradezu ver�belten, dass er sie st�rte. Zum Gru� hob Joe seine verbrannten Finger, und Ezra nickte kurz, um sogleich mit seinen Ausf�hrungen fortzufahren.</p><p>�Lasst euch durch mich nicht st�ren�, sagte Carter, hockte sich auf die Heizk�rperabdeckung auf der anderen Seite des Bettes und lie� seine Aktentasche neben sich fallen. Darin befand sich Joes Kruzifix, das er ihm in einem ungest�rten Moment zur�ckzugeben gedachte.</p><p>�Ich habe Joe gerade von einem Mann erz�hlt, den ich gesehen habe�, wiederholte Ezra, �demjenigen, der dem Felsen entstiegen ist.�</p><p>Carter f�hlte sich, als w�rde er pl�tzlich im freien Fall das Kaninchenloch hinunterst�rzen. �Ach ja?�, sagte er skeptisch. �Und was haben Sie ihm erz�hlt?�</p><p>�Seinen Namen.�</p><p>Carter blickte demonstrativ auf seine Uhr. �Ich bin nur f�nfzehn Minuten zu sp�t dran, und wir sind bereits zu dem Schluss gekommen, dass tats�chlich ein Mann aus dem Fels geklettert ist ��</p><p>�Er ist es�, kr�chzte Joe.</p><p>�Und wir kennen au�erdem seinen Namen?�</p><p>�Das tun wir�, sagte Ezra. �Er lautet Arius. Und er ist einer der W�chter.�</p><p>�Der was?�</p><p>�Der W�chter. Ein Orden aus Engeln, die bereits existierten, ehe die Zeit, wie wir sie kennen, begann.�</p><p>Es war reines Gl�ck, dass Carter bereits sa�. Er blickte von einem zum anderen, um herauszufinden, ob sie ihn nicht vielleicht irgendwie verulkten, aber er merkte sofort, dass dem nicht so war. Joes Miene war unersch�ttert, und Carter begriff pl�tzlich, dass sich eine neue Allianz gebildet hatte. Er war �berstimmt worden. Endlich hatte Joe jemanden gefunden, der seinen Bericht akzeptierte, und der glaubte, dass das, was er gesehen hatte, mehr war als die Halluzination eines schwerverletzten Mannes. Und Ezra hatte einen Mitstreiter gefunden, der sich seine haarstr�ubenden biblischen Theorien anh�rte.</p><p>Es lag allein an Carter, ob er mit einsteigen oder abspringen wollte. �Also gut. Wenn er, wie ihr sagt, ein Engel ist�, sagte Carter und versuchte, aufgeschlossen zu klingen, �dann lasst mich ein paar Fragen stellen. Erstens, warum ist Bill Mitchell tot? Und zweitens, warum liegt Joe hier und wartet auf eine Hauttransplantation? Sollten Engel nicht �ber uns wachen und uns vor Leid besch�tzen?�</p><p>�Nein, nicht unbedingt�, sagte Ezra. �Es gibt alle m�glichen Arten von Engeln. Manche von ihnen sind Freunde der Menschheit, andere nicht.�</p><p><emphasis>Und wie viele k�nnen auf einem Stecknadelkopf tanzen?</emphasis>, dachte Carter. Joe musste seinen Gedanken gelesen haben.</p><p>�Bones, bitte�, sagte er ernsthaft. �Ezra � kennt sich mit diesen Dingen aus.�</p><p>Aus R�cksicht auf Joe schluckte Carter seine Skepsis ein weiteres Mal herunter. �Dieser Engel, von dem Sie � du redest, dieser Arius, ist also einer von den B�sen?�</p><p>�Das habe ich nicht behauptet. Die W�chter wurden von Gott berufen, um die Entwicklung der Menschheit zu �berwachen, und um ihnen Dinge beizubringen � alles vom Ackerbau bis zum Bogenschie�en.�</p><p>�Sie haben uns Pfeil und Bogen gegeben?�, fragte Carter.</p><p>�Zusammen mit der Sprache und der Literatur, Astronomie und Kunst�, fuhr Ezra fort und weigerte sich, nach Carters K�der zu schnappen. �Es erkl�rt, wie er es schafft, hier zu �berleben, wie es ihm gelingt, im New York von heute zurechtzukommen.�</p><p>Ein weiterer harter Brocken f�r Carter. �Ach, jetzt ist er also nicht nur lebendig, nach ein paar hundert Millionen Jahren, sondern auch noch ein ganz normaler New Yorker? Mit einem Job und einer Wohnung?�</p><p>W�tend starrte Ezra ihn an. �Es erkl�rt�, sagte er in sorgf�ltig bemessenem Ton, �warum er in der Lage ist, unsere Sprache, Gewohnheiten und Gebr�uche in einer unglaublichen Geschwindigkeit aufzunehmen. Man k�nnte sagen, dass er diese Dinge erfunden hat. Ohne das, was die W�chter uns vermittelt, ohne diesen Funken des g�ttlichen Feuers, das sie uns geschenkt haben, w�re niemand von uns dort, wo er heute ist. Und damit meine ich die gesamte Menschheit.�</p><p>�Und jetzt?�, fragte Carter. �Will er seine Geschenke zur�ckhaben? Ist er nicht gl�cklich damit, wie wir sie benutzen? Ist er deshalb hier?�</p><p>Ezra blickte hin�ber zu Joe. ��ber seine Pl�ne sind wir uns noch nicht im Klaren. Wir sprachen gerade dar�ber. Ich muss noch weiter daran arbeiten.�</p><p>�Woran?�, fragte Carter, obwohl er sich das denken konnte. �An den Schriftrollen? Du glaubst, dass etwas, das vor unz�hligen Jahren aufgeschrieben und in einer W�stenh�hle versteckt wurde, dir das sagen wird?�</p><p>�Gut m�glich. Und vielleicht verr�t es uns auch, was mit ihm geschah und warum er fiel, vor so langer Zeit.�</p><p>Carter fuhr sich mit der Hand durch das dichte braune Haar. Er kam sich vor, als habe er eine Irrenanstalt betreten und versuchte, aus dem Gebrabbel der Insassen schlau zu werden. Wenn man der Unlogik zu Leibe r�cken wollte, musste man St�ck f�r St�ck des Phantasiegebildes entfernen, damit sie selbst einsahen und begriffen, wie irrational es war. Aber wo sollte er anfangen?</p><p>�Warum denkst du�, fragte Carter schlie�lich Ezra, �dass er keinen Flug nach Paris oder einen Greyhound nach Florida genommen hat? Warum glaubst du, dass Arius immer noch hier in New York ist?�</p><p>�Ganz einfach�, sagte Ezra und lehnte sich so weit zur�ck, dass die Vorderbeine seines Stuhls sich vom Boden l�sten. �Ich habe ihn getroffen.�</p><p>Jetzt, dachte Carter, bin ich ganz unten im Kaninchenloch und auf direktem Weg ins Wunderland. �Du hast�, sagte er langsam, �diesen Engel getroffen?�</p><p>�Er war auf der Spendenparty f�r den B�rgermeister in unserer Wohnung.�</p><p>Meinte er das ernst?</p><p>�Und ich habe den starken Verdacht, dass er meine Stiefmutter schwer verletzt hat. Deshalb sagte ich, dass ich noch nicht wei�, was seine Absichten sind. Da tappe ich ebenso im Dunkeln wie du.�</p><p>Betr�bt sch�ttelte Carter den Kopf. �Das bezweifle ich.�</p><p>�Bones�, sagte Joe mit kaum h�rbarer Stimme, �du bist Wissenschaftler. Sieh dir die Beweise an.�</p><p>�Joe, das w�rde ich gerne, aber es gibt keine.�</p><p>Joe hob die H�nde, als wollte er sagen <emphasis>Sieh mich an. Sieh dir alles an, was passiert ist. Wie willst du das alles sonst erkl�ren?</emphasis> �Sag nicht, du h�ttest dir nicht � schon deine eigenen Gedanken gemacht�, sagte er, und Carter hatte das Gef�hl, sein Freund w�rde in ihn hineinblicken, geradewegs in seinen Kopf. Es stimmte, es gab Dinge, die Carter nicht leugnen konnte, nicht einmal vor sich selbst. Er dachte zur�ck an die letzte Nacht, als er in der <emphasis>Aeneis</emphasis> die Zeilen �ber Avernus gefunden hatte. Und an heute Morgen, als seine Nachforschungen in der Bibliothek den Rest zutage gef�rdert hatten.</p><p>Joe musste etwas in seinem Gesichtsausdruck gesehen haben. �Da ist etwas, das du uns sagen willst�, sagte er. �Etwas, das du erfahren hast.�</p><p>�Nein, da ist nichts�, sagte Carter und versuchte, den Gedanken beiseitezuschieben.</p><p>�Das <emphasis>ist</emphasis> etwas�, beharrte Joe. �Ich habe diesen Blick vor Jahren schon einmal gesehen, auf Sizilien.�</p><p>Ezra wartete. �Je verr�ckter es dir vorkommt, desto lieber m�chte ich es h�ren.�</p><p>Aber Carter hatte das Gef�hl, dass er, wenn er es laut ausspr�che, wenn er auch nur einen Zeh in das sumpfige Wasser steckte, nie wieder sicher aus der Sache herausk�me. Mit jeder Faser seiner Existenz str�ubte er sich dagegen, diesen d�steren Morast zu betreten.</p><p>Aber hatte er das nicht schon l�ngst getan? Hatte er unbewusst den ersten Schritt nicht bereits in dem Moment gemacht, in dem ihm der absolut seltsame Verdacht in den Sinn gekommen war? Oder zumindest, als er ihm heute Morgen in den Regalen der Forschungsbibliothek der Universit�t nachgegangen war?</p><p>�Es ist nur ein merkw�rdiger Zufall�, sagte Carter.</p><p>�Manchmal ist es vielleicht mehr als das�, sagte Ezra. �Wir werden es nicht wissen, solange du es uns nicht sagst.�</p><p>Joes m�hsames Atmen war das lauteste Ger�usch im Raum.</p><p>�Es hat etwas mit dem Ort zu tun, an dem das Fossil gefunden wurde�, r�umte Carter ein.</p><p>�Lago d�Averno�, sprang Joe ein, �in der N�he von Neapel.�</p><p>�Was ist damit?�, fragte Ezra ungeduldig.</p><p>�Nun, dem r�mischen Dichter Vergil zufolge ist das ein sehr interessanter Ort. In der <emphasis>Aeneis</emphasis> schrieb er, dass es dort einen Zugang g�be � einen Zugang zur Unterwelt.�</p><p>Ezra und Joe reagierten mit best�rztem Schweigen.</p><p>�Seit Tausenden von Jahren�, fuhr Carter widerstrebend fort, �gibt es in den lokalen Legenden und dem �berlieferten Wissen Geschichten dar�ber, wie dieses Tor beschaffen ist.�</p><p>�Wie?�, kr�chzte Joe.</p><p>Ezra wartete einfach ab.</p><p>�Als der Erzengel Michael die rebellierenden Engel bezwang, warf er sie aus dem Himmel�, sagte Carter und konnte kaum fassen, dass er so weit ging. �Und sie st�rzten in die Tiefe.�</p><p>�Laut der Schriften sechs Tage und N�chte lang�, f�gte Ezra leise hinzu.</p><p>�Ja. Sie schlugen wie Meteore auf dem Boden auf und wurden von den Eingeweiden der Erde verschlungen. Genau dort, wo wir das Fossil gefunden haben.�</p><p>Joe schloss die Augen und murmelte leise ein Gebet. Nach ein paar Sekunden r�hrte Ezra sich auf seinem Stuhl. �F�r mich h�rt sich das ganz und gar nicht verr�ckt an.� Aber er bedachte Carter mit einem taxierenden Blick. �Und wie klingt es f�r einen Mann der Wissenschaft?�</p><p>Doch Carter war sich nicht l�nger sicher. �ber gar nichts. Er w�hlte in seiner Aktentasche herum, holte das Kruzifix heraus, stand auf und reichte es Joe.</p><p>Ezra l�chelte. Als h�tte er seine Antwort erhalten.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>30. Kapitel</strong></p></title><p>Wenn Beth nicht versprochen h�tte, mit Abbie zusammen die letzten paar Sachen f�r das Landhaus zu besorgen, w�re sie vermutlich direkt nach Hause gegangen, h�tte die T�r abgeschlossen und ein langes hei�es Bad genommen. Aber sie hasste es, ihre Freundin zu entt�uschen, und da sie planten, am kommenden Wochenende hochzufahren, war heute die letzte Gelegenheit, um die Eink�ufe zu erledigen.</p><p>Sobald Raleigh aus der T�r war, f�gte Beth der G�steliste noch einen weiteren Namen hinzu, damit die Liste der Einladungen zur Weihnachtsfeier am n�chsten Tag an die Druckerei geschickt werden konnte, und loggte sich aus ihrem Computer aus. Der Nachtportier, Ramon, stand bereits an der Treppe, als sie ging.</p><p>�Guten Abend, Mrs Cox�, sagte er, w�hrend er etwas Kaffee aus seiner Thermoskanne in seinen Plastikbecher der Yankees goss. �Vergessen Sie Ihren Schirm nicht.�</p><p>�Regnet es?�, fragte Beth. Sie war den ganzen Tag hinten besch�ftigt gewesen und hatte keine Ahnung, was drau�en in der Welt vor sich ging.</p><p>�Noch nicht, aber es hei�t, da w�rde noch was runterkommen.�</p><p>Sie war sicher, dass sie ihren Regenschirm zu Hause gelassen hatte. �Ich f�rchte, ich muss es darauf ankommen lassen.�</p><p>Drau�en war es kalt und windig, und Ramon hatte wahrscheinlich recht. Die Abendluft schmeckte feucht. Sie zog den Kragen ihres Mantels bis zu den Ohren hoch und setzte sich in Richtung Bloomingdale�s in Bewegung, wo sie sich Punkt sechs mit Abbie treffen wollte. Auf den B�rgersteigen dr�ngten sich wie immer die Menschenmassen, und mehr als einmal hatte sie das unheimliche Gef�hl, jemand w�rde ihr folgen. Jeden Moment rechnete sie damit, ein Tippen an der Schulter zu sp�ren. Doch sobald sie sich umdrehte, sah sie stets nur ein Meer aus fremden Gesichtern, von denen manche gar nicht gl�cklich wirkten, weil Beth ihr Vorankommen st�rte.</p><p>�Frohe Feiertage�, brummte ein Mann, �aber jetzt machen Sie schon.�</p><p>Zwischen den Stra�enlaternen �ber ihren K�pfen waren Kabel gespannt, an denen Rauschgoldsterne und rote Zuckerstangen aus Aluminium baumelten, und die Schaufenster waren mit Kunstschnee beflockt. Normalerweise genoss Beth all die weihnachtlichen Dekorationen, aber dieses Jahr war sie einfach nicht in der Lage, sich darauf einzulassen. Heute Abend war sie sogar so ersch�pft und ausgebrannt, dass sie es gerade noch schaffte, einen Fu� vor den anderen zu setzen. Der Anruf aus Dr. Westons Praxis hatte die Sache auch nicht gerade besser gemacht. Sie solle die Dosis ihrer Eisentabletten erh�hen, hatte er gesagt und sie daran erinnert, dass sie eine sehr seltene Blutgruppe hatte, AB negativ.</p><p>�Falls Sie sich entscheiden sollten, auf alternativem Wege schwanger zu werden�, hatte der Arzt so taktvoll wie m�glich erkl�rt, �w�rde ich Ihnen empfehlen, ein oder zwei Eigenblutspenden zu machen, nur f�r den Fall, dass es bei der Geburt gebraucht wird.�</p><p>Im Moment hatte sie das Gef�hl, nicht einmal einen einzigen Tropfen entbehren zu k�nnen.</p><p>Auf den G�ngen bei Bloomingdale�s war, wie zu erwarten, nahezu kein Durchkommen. Sie nahm den Fahrstuhl in die Einrichtungsabteilung und fand Abbie bereits mitten in einem angeregten Beratungsgespr�ch mit einer jungen eleganten Verk�uferin.</p><p>�Glauben Sie wirklich, dass diese Kissenfarbe sich nicht mit den Vorh�ngen bei�t, die wir bereits bestellt haben? Der Stoff ist doch eher gelb als pfirsichfarben!�</p><p>�Nein�, sagte die junge Frau und sch�ttelte energisch den Kopf. �Die geh�ren alle zur selben Design-Linie und erg�nzen einander.�</p><p>Abbie blickte auf und entdeckte Beth. �Glaubst du, dass dieser Stoff zu den Vorh�ngen im Esszimmer passt, die wir schon bestellt haben?�</p><p>Beth musste dar�ber nachdenken. �Ja, vielleicht.�</p><p>�Ja oder vielleicht?�, wollte Abbie wissen.</p><p>Die Verk�uferin wirkte ver�rgert, jetzt musste sie f�r jeden Einkauf zwei Stimmen gewinnen.</p><p>�Nein�, entschied Beth.</p><p>Abbie lachte, und die Verk�uferin l�chelte durch die zusammengebissenen Z�hne, ehe sie sich demonstrativ entschuldigte und verschwand, um eine andere Kundin zu bedienen.</p><p>�Danke f�r deine Meinung�, sagte Abbie leise. �Ich wollte sie sowieso loswerden.�</p><p>Beth l�chelte.</p><p>�Und danke, dass du an so einem lausigen Abend gekommen bist.�</p><p>�Kein Problem.�</p><p>�Bist du sicher?�, fragte Abbie besorgt und legte Beth eine Hand auf den Arm. �Entschuldige meine Offenheit, aber du siehst nicht besonders gut aus.�</p><p>�Das ist schon in Ordnung � ich f�hle mich auch nicht besonders gut.�</p><p>�Glaubst du, du br�test irgendetwas aus? Hast du dich gegen Grippe impfen lassen?�</p><p>�Ja, ich bin geimpft, und nein, ich glaube nicht, dass ich wirklich krank werde.�</p><p>Sie schlenderten einen anderen Gang entlang, vorbei an Tischen, auf denen sich extrem teure Haushaltstextilien stapelten.</p><p>�Ich f�hle mich seit ein paar N�chten nicht mehr so richtig wie ich selbst. Ich kann nicht einschlafen, und wenn ich es schaffe, tr�ume ich so schlecht, dass es sich kaum lohnt.�</p><p>�H�r zu, Beth � wenn dir nicht danach ist, am Wochenende mit aufs Land zu fahren, denk nicht weiter daran. Wir k�nnen es auch ein anderes Mal machen.�</p><p>�Nein, nein�, protestierte Beth. �Ich freue mich darauf. Ich glaube, der Tapetenwechsel wird mir ganz guttun.�</p><p>�Ich frage mich, ob ich Ben wohl auch dazu bekomme, es so zu sehen.�</p><p>�Ganz bestimmt�, versicherte Beth ihr, obwohl sie im Grunde ihres Herzens fand, dass Ben nicht ganz unrecht hatte. Obwohl das Haus auf den Bildern so heimelig ausgesehen hatte, ging von dem Ort etwas unbestimmt Tristes aus, etwas, das alle hellen Vorh�nge und farbigen Tapeten der Welt nicht w�rden vertreiben k�nnen. Das Haus strahlte Einsamkeit aus, wirkte sogar ein wenig abweisend.</p><p>Ohne dass sie es geplant h�tten, fanden sie sich am Ende eines Ganges in der Abteilung f�r Kinderzimmereinrichtungen wieder. Wo Beth auch hinsah, entdeckte sie Bettlaken und Kissenbez�ge, verziert mit Karussells, tanzenden Seepferdchen und einer gro�en Auswahl an Disney-Figuren.</p><p>�Ist dir schon einmal aufgefallen, dass man, wenn man ohne Erfolg versucht schwanger zu werden, an jeder Ecke �ber Kinder und Kinderzeug stolpert?�, bemerkte Abbie.</p><p>Es war Beth aufgefallen. Und seit dem letzten Termin bei Dr. Weston, bei dem sie die schlechten Nachrichten �ber Carters Zeugungsunf�higkeit erhalten hatten, schien es nur noch schlimmer geworden zu sein. Egal, wohin sie ging, sie stie� auf Babys, Kinder und werdende M�tter.</p><p>�Ben und ich �berlegen, ob wir es n�chstes Jahr mit dieser In-vitro-Sache versuchen. Und wie sieht�s bei dir und Carter aus? Macht ihr irgendwelche Fortschritte?�</p><p>�Nein�, sagte Beth und versuchte, m�glichst unbek�mmert zu klingen. �Bisher jedenfalls nicht.� Obwohl Abbie ihre �lteste und beste Freundin war, hatte sie ihr den j�ngsten und in gewisser Weise endg�ltigen R�ckschlag noch nicht mitgeteilt. �Macht es dir etwas aus, wenn ich mir kurz mal die Musterzimmer anschaue?�, sagte Beth. �Ich will immer wissen, wie weit ich der Mode hinterherhinke.�</p><p>�Nein, geh ruhig. Vielleicht mache ich mich auf die Suche nach der zickigen Verk�uferin und lasse sie �berpr�fen, wann meine Vorh�nge geliefert werden.�</p><empty-line/><p>So schnell sie konnte, lie� Beth die Kinderabteilung hinter sich und ging ans andere Ende der Etage, wo die Dekorateure von Bloomingdale�s regelm��ig eine Reihe von Musterzimmern aufbauten, jedes in einem anderen phantastischen Stil. Stets aufs Neue am�sierte sie sich k�stlich �ber das Nebeneinander eines englischen Salons und der Bude eines Hip-Hop-Gangsters, dem Schlupfwinkel auf einer Insel und der Bergh�tte aus Colorado. Gew�hnlich erging es einer Menge anderer Leute genauso, doch heute Abend war die Abteilung geradezu verwaist. Sie schlenderte an einem schnittigen Hightecharbeitszimmer und einem Hampton-Strandhaus vorbei, bis sie ganz allein vor dem letzten Musterzimmer in der Reihe stehen blieb.</p><p>Was sollte das bedeuten? Irgendeine Szene aus einem Roman von Paul Bowles? Es erinnerte vage an marokkanisches Dekor, ein Phantasie-Boudoir, komplett mit Webteppichen, Ornamenten aus geh�mmertem Kupfer und einem riesigen Bett, das teilweise von einem hauchzarten hellgelben Vorhang verdeckt war. Hinter einem T�rbogen sah sie die bemalte Leinwand mit wellenf�rmigen Sandd�nen, die silbrig im Mondlicht glitzerten. Der K�nstler, dachte sie, hatte vorz�gliche Arbeit geleistet, es war �berraschend �berzeugend.</p><p>Tats�chlich war die gesamte Einrichtung gut gelungen � und �u�erst einladend. Viel <emphasis>zu</emphasis> einladend. Pl�tzlich schien die M�digkeit in ihren Knochen noch gr��er zu werden, und die Augen wurden ihr schwer. Den ganzen Tag schon war sie m�de gewesen, aber jetzt hatte sie das Gef�hl, als w�rde sie jeden Augenblick zusammenbrechen. Sie musste sich hinlegen und die Augen schlie�en, und sei es nur f�r ein paar Minuten. Das Bett mit dem hauchzarten Vorhang war nur eine rote Absperrkordel weit entfernt.</p><p>Nein, das konnte sie nicht machen. Aber die Sehnsucht wurde rasch unwiderstehlich.</p><p>Und wer w�rde es schon merken? Es w�re ja nur f�r ein paar Minuten. Niemand war hier, niemand w�rde sie hinter dem Vorhang sehen, besonders, wenn sie sich beeilte. <emphasis>Wenn sie sich endlich entscheiden und es einfach machen w�rde</emphasis>.</p><p>Ehe sie recht wusste, was sie tat, hatte sie die F��e schon �ber das rote Absperrseil gehoben und tappte �ber die Webteppiche. Das Bett war massiv und hoch, und sie musste regelrecht hinaufklettern. Sie wusste, dass es verr�ckt war, trotzdem passte sie gut auf, damit sie die Bettdecke und die Vorh�nge nicht durcheinanderbrachte. Das w�re nicht in Ordnung.</p><p>Die Decke musste aus der feinsten, weichsten Baumwolle gefertigt worden sein, die je gesponnen wurde, und die in Brokat gefassten Kissen waren perfekt arrangiert und schienen nur darauf zu warten, dass sie ihren m�den Kopf und die schmerzenden Schultern darauf bettete. Nie zuvor in ihrem Leben war ein Bett so einladend, so bequem gewesen. Ich werde nur ein paar Minuten hier liegen bleiben, sagte sie sich. Sie w�rde ganz still liegen, versteckt hinter dem durchscheinenden Vorhang. Niemand w�rde es bemerken, niemand w�rde je davon erfahren.</p><p>Die Lider wurden ihr schwer. Die Dekorateure hatten einfach an alles gedacht und mussten sogar die Luft mit D�ften best�ubt haben. Es roch nach � vom Regen gewaschenen Bl�ttern. Beth empfand ein k�stliches Gef�hl des Wohlbehagens. Wenn sie doch nur ihre Schuhe ausziehen und unter das k�hle glatte Laken schl�pfen k�nnte. Sie f�hlte sich, als k�nnte sie ewig und unbehelligt schlafen, ohne durch schlechte Tr�ume gest�rt zu werden.</p><p>Irgendwo in weiter Ferne meinte sie jemanden ihren Namen rufen zu h�ren. Aber sie war zu m�de, um darauf zu reagieren.</p><p>Sie h�rte ihren Namen erneut, etwas n�her, und dieses Mal �ffnete sie die Augen, gerade genug, um durch den Torbogen zu schauen, auf die gemalte Kulisse der endlosen wandernden Sandd�nen. Jetzt konnte sie sehen, dass jemand oben auf der D�ne stand. Im silbernen Licht des gemalten Mondes zeichneten sich die Umrisse eines Menschen ab.</p><p>L�chelnd schloss sie die Augen. Was f�r ein unglaublich talentierter K�nstler. Vielleicht sollte sie herausfinden, wer es war. Er oder sie war zu gut, um Kulissen f�r ein Warenhaus zu malen.</p><p>Sie fragte sich, wo Carter wohl im Moment steckte. Wahrscheinlich im Krankenhaus, bei seinem armen Freund. Gott, wie furchtbar. Wenn Carter sich weiterhin die Schuld an den Ereignissen gab, w�rde es nur noch schlimmer. Sie wusste, dass er es tat, und sie k�mpfte auf verlorenem Posten, um ihn vom Gegenteil zu �berzeugen.</p><p>Erneut wurde ihr Name gerufen, und als sie dieses Mal zu den D�nen blickte, war die Gestalt wesentlich n�her. Sie erkannte die Silhouette eines hochgewachsenen Mannes. Bed�chtig und langsam ging er durch den Sand � und ihr schl�friger Verstand versuchte, das unter einen Hut zu bringen. Wie um alles in der Welt hatte der K�nstler diesen Effekt hervorgerufen?</p><p>Sie wollte aufstehen und nachsehen, aber ihre Glieder f�hlten sich an wie Blei. Ihr Kopf war so schwer, dass sie bezweifelte, dass sie ihn jemals wieder von dem verzierten Kissen w�rde heben k�nnen, auf dem er ruhte.</p><p>Der Mann kam immer noch n�her, bis sein Schatten durch den gew�lbten Torbogen fiel. Nach und nach wurden seine perfekt geschnittenen Z�ge klarer � In diesem Moment sp�rte sie, wie ihr Magen sich umdrehte, und schmeckte eine hei�e Flut in ihrer Kehle.</p><p>�Beth�, h�rte sie, �Hier steckst du!�</p><p>Sie drehte sich zur Seite, und da nichts anderes zur Stelle war, erbrach sie sich in einen gl�nzenden Messingtopf, der neben dem Bett aufgebaut war.</p><p>�O mein Gott!�, rief Abbie, und riss die hellgelben Vorh�nge zur�ck. �Ach, du meine G�te!�</p><p>Beth erbrach sich erneut, unf�hig, es zur�ckzuhalten.</p><p>�Holen Sie ein paar Handt�cher�, befahl Abbie der Verk�uferin, die entgeistert neben ihr stand.</p><p>�Das ist absolut nicht erlaubt�, rief die junge Frau aus. �Die Musterzimmer d�rfen nicht betreten werden, und ��</p><p>�Holen Sie mir ein verdammtes Handtuch�, schrie Abbie, ehe sie sich neben Beth aufs Bett setzte und ihr einen Arm um die Schultern legte. �War es das?�, fragte sie sanft. �Geht es dir jetzt besser?�</p><p>Beth nickte besch�mt. Dann blickte sie zum gew�lbten Torbogen und der gemalten Kulisse. Niemand war dort.</p><p>Die Verk�uferin kehrte mit einigen Ralph-Lauren-Handt�chern zur�ck und reichte sie missmutig an Abbie weiter. �Die werden Sie bezahlen m�ssen�, sagte sie.</p><p>�Fein. Setzen Sie sie mit auf die Rechnung, zusammen mit diesem Nachttopf.� Mit einem Zipfel des Handtuchs tupfte sie Beth das Kinn ab, dann reichte sie es ihr. Beth vergrub das Gesicht in dem tr�stlich dicken Stoff und dachte <emphasis>Ich will hier nie wieder weg</emphasis>.</p><p>�Willst du dich wieder hinlegen?�, frage Abbie sie, �oder kannst du aufstehen?�</p><p>�Ich denke schon�, sagte Beth und klammerte sich immer noch an das Handtuch. Unsicher stand sie von dem Bett auf, w�hrend die Verk�uferin durch den T�rbogen in beide Richtungen sp�hte.</p><p>�Ihr Freund ist schon gegangen�, sagte sie zu Beth.</p><p>�Wovon reden Sie da?�, erwiderte Abbie scharf.</p><p>�Hier war ein Mann�, antwortete die junge Frau, �aber der ist inzwischen verschwunden.� Sie blickte auf den beschmutzten Messingtopf. �Schei�e.�</p><p>Abbie legte den Arm um Beths Schulter und geleitete sie aus dem Musterzimmer. �Schicken Sie ihn mir nach Hause�, sagte sie. �Leer.�</p><p>Im Waschraum bat Beth Abbie, drau�en zu warten, w�hrend sie sich frisch machte. Sie wollte allein sein, im Boden versinken und diesen ganzen Vorfall ungeschehen machen. Sie lie� das kalte Wasser laufen und sp�lte sich das Gesicht ab. Davon bekam sie schwarze Flecken unter den Augen, die sie anschlie�end mit dem neuen Handtuch fortwischen musste, das sie immer noch bei sich hatte. Was stimmte blo� nicht mit ihr? Sie erinnerte sich an den Traum, an diese Halluzination, dass ein Mann durch den Sand auf sie zukam. Aber hatte die Verk�uferin nicht gesagt, sie h�tte ebenfalls jemanden gesehen?</p><p>Wenn es kein schlechter Traum gewesen war, was dann?</p><p>Abbie steckte den Kopf durch die T�r. �Alles in Ordnung?�</p><p>�Ja�, sagte Beth und stellte das Wasser ab. �Ich werde mich nur nie wieder bei Bloomingdale�s blicken lassen k�nnen.�</p><p>Mit einem Arm an der H�fte hielt Abbie sie fest, als sie zu den Fahrst�hlen gingen. �Bist du sicher, dass du nicht schwanger bist?�, fragte sie halb im Scherz.</p><p>�Ganz sicher.�</p><p>�Dann brauchst du jetzt vor allem ein warmes Bett und ein ordentliches Erk�ltungsmittel. Du hast eindeutig Fieber.� Bei den Fahrst�hlen warteten sie eine Weile, als eine Mutter mit zwei kleinen Kindern und einer zusammenklappbaren Sportkarre herauskam.</p><p>�Ich werde dich mit dem Taxi nach Hause bringen�, sagte Abbie, �und dir eine Br�he kochen.�</p><p>In Beths Ohren h�rte sich das gut an. Sie traten in den Lift, und bevor dieser sie nach unten brachte, warf Beth einen letzten verstohlenen Blick auf das Musterzimmer.</p><p>Die Verk�uferin trug gerade den Messingtopf fort, unter einem Tuch versteckt. Doch der Torbogen hinter ihr war leer, und dahinter erblickte Beth nichts als die ewig wandernden Sandd�nen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>31. Kapitel</strong></p></title><p>Carter wusste, dass das ruinierte Labor noch nicht betreten werden durfte, aber er musste trotzdem hinein, durch den hinteren Gang. Er musste noch einmal den Ort sehen, an dem er seinen gr��ten Triumph hatte feiern wollen und der stattdessen zum Schauplatz seiner gr��ten Trag�die geworden war. Polizei und Spurensicherung waren bereits fertig und hatten alle m�glichen Proben gesammelt, doch als er raus auf die Stra�e ging, musste er sich trotzdem unter dem gelben Absperrband der Polizei b�cken.</p><p>Er war auf dem Weg zum biomedizinischen Labor, wo er sich mit Ezra treffen wollte. Dr. Permut hatte offensichtlich die Analyse der Tinte und des Materials der Schriftrolle beendet, und er war bereit, die Ergebnisse mit ihnen durchzugehen. Carter wartete, um die Stra�e zu �berqueren, als ein schmutziger brauner Wagen neben ihm anhielt und er jemanden sagen h�rte: �Sie wissen, dass das immer noch der Tatort ist, an dem wegen Brandstiftung ermittelt wird. Sie d�rfen dort nicht rein.�</p><p>Carter b�ckte sich und sp�hte in den Wagen. Es war Detective Finley.</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>�Wo wollen Sie hin? Ich kann Sie ein St�ck mitnehmen.�</p><p>�Nicht n�tig�, sagte Carter, �es sind nur ein paar Blocks.�</p><p>�Kommen Sie schon�, sagte Finley und winkte mit dem Arm, �springen Sie rein.�</p><p>Carter hatte den Eindruck, es sei mehr als ein Angebot, und nachdem der Detective das Ger�mpel vom Beifahrersitz auf den Boden gefegt hatte, stieg er ein. �Geradeaus�, sagte Carter, �zur Sechsten. Dort k�nnen Sie rechts abbiegen.�</p><p>�Ehrlich gesagt�, sagte Finley und schob seine dicken Brillengl�ser auf dem Nasenr�cken nach oben, �wollte ich ohnehin mit Ihnen reden.�</p><p>Genau das hatte Carter bef�rchtet. ��ber die Leiche, die ich gefunden habe?� Dieser Satz, dachte er, geh�rt zu denen, von denen ich nie dachte, dass ich sie einmal aussprechen w�rde.</p><p>�Wor�ber sonst?�, sagte Finley, griff in die Brusttasche seiner Jacke und zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor. �Sehen Sie sich das hier an.�</p><p>Carter nahm das Blatt und entfaltete es. Im Wagen roch es nach abgestandenem Kaffee und fettigen Burgern. Bei dem Papier handelte es sich um die Fotokopie von zwei Fingerabdr�cken. Carter blickte zum Detective hin�ber.</p><p>�Wir haben sie vom Handlauf am Kelleraufgang.�</p><p>�Sie sehen sehr deutlich aus�, sagte Carter und �berlegte, was sich sonst noch �ber Fingerabdr�cke sagen lie�e. Er hatte sich noch nie zuvor welche n�her angesehen.</p><p>�Ja, nicht wahr?�, sagte Finley. �Und viel zu perfekt.�</p><p>Carter schaute erneut auf das Blatt, und jetzt konnte er sehen, dass die Windungen des Abdrucks in der Tat bewundernswert komplett und intakt waren. Perfekte Kreise in der Mitte, perfekte Rechtecke am �u�eren Rand, ohne einen einzelnen Bruch oder eine Abweichung.</p><p>�Es gibt keine perfekten Fingerabdr�cke�, f�gte Finley hinzu. �Wenn es sie g�be, w�ren wir niemals in der Lage, mit ihrer Hilfe jemanden zu erwischen.� Er zog ein nicht besonders sauberes Taschentuch aus der Tasche und putzte damit erst die Brillengl�ser und anschlie�end die Innenseite der Frontscheibe. �Sie sind doch Wissenschaftler � was fangen Sie damit an?�</p><p>�Mit den Fingerabdr�cken? Keine Ahnung. Vielleicht hat das Labor einen Fehler gemacht.�</p><p>Der Detective sch�ttelte den Kopf. �Nee, ich hab das alles h�chstselbst erledigt.�</p><p>Carter schwieg. Das Einzige, was ihm dazu einfiel, war, dass ein perfekter Fingerabdruck von einem perfekten Wesen hinterlassen worden sein musste � so etwas wie einem Engel vielleicht. Aber er hatte nicht vor, den Vergehen, die der Detective ihm m�glicherweise insgeheim zur Last legte, auch noch geistige Verwirrung hinzuzuf�gen.</p><p>�Sie k�nnen es mir jetzt zur�ckgeben�, sagte Finley, nahm das Papier und stopfte es zusammengefaltet zur�ck in die Tasche.</p><p>�Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann�, sagte Carter.</p><p>Der Detective nickte und bog rechts ab. �Welche Adresse?�</p><p>�Drei Blocks weiter, an der Ecke.�</p><p>Der Detective fuhr eine Weile schweigend, dann sagte er: �Vielleicht gibt es doch eine Sache, bei der Sie mir helfen k�nnten.�</p><p>�Ich werde es versuchen.�</p><p>�Der Gerichtsmediziner sagte, der Mann sei an den Verbrennungen gestorben.�</p><p>Carter wartete. War das nicht ziemlich offensichtlich?</p><p>�Aber da gibt es eine Merkw�rdigkeit. Der K�rper ist von innen nach au�en verbrannt.�</p><p>Carter war verwirrt. �Falls Sie mich fragen, ob spontane Selbstverbrennungen tats�chlich vorkommen k�nnen, muss ich eindeutig verneinen.�</p><p>�Das habe ich auch gedacht. Aber da die beiden einzigen anderen Brandopfer, die ich dieses Jahr gesehen habe, in Ihrem Labor genau auf der anderen Stra�enseite gearbeitet haben, dachte ich, Sie k�nnten mir vielleicht weiterhelfen.�</p><p>Carter wusste nicht, was er sagen sollte. �Zufall?�, schlug er schlie�lich vor.</p><p>Hinter der Kreuzung fuhr der Detective an den Stra�enrand und hielt an. �Vielleicht�, sagte er. �Aber dann muss es schon ein ziemlich gewaltiger Zufall sein.�</p><p>Das k�nnen Sie laut sagen, dachte Carter, behielt es jedoch f�r sich. �Danke f�rs Mitnehmen�, sagte er und versuchte, nicht den Eindruck zu erwecken, als k�nne er es gar nicht abwarten, aus dem Auto zu kommen.</p><p>Der Detective wartete, bis Carter die Stra�e vor ihm �berquert hatte, und fuhr davon.</p><p>Zum ersten Mal, seit er zu Finley in den Wagen gestiegen war, holte Carter tief Luft. Er hatte das ungute Gef�hl, dass er ihn wiedersehen w�rde.</p><p>Als er Dr. Permuts Labor betrat, war Ezra bereits dort. P�nktlichkeit war nicht Ezras Problem. Seinen Fakult�tskollegen allerdings h�tte Carter fast nicht wiedererkannt. Letztes Mal, als er hier gewesen war, um das Bruchst�ck von Ezras Schriftrolle zur Analyse vorbeizubringen, war Permut wie aus dem Ei gepellt gewesen, kein H�rchen war verrutscht, sein wei�er Laborkittel fleckenlos und von oben bis unten zugekn�pft.</p><p>Aber jetzt sah er aus, als h�tte er seit Tagen nicht mehr geschlafen. Das Haar war ungek�mmt, der Laborkittel zerknittert und schmuddelig, und selbst hinter der Brille konnte Carter die dunklen Ringe unter den Augen erkennen.</p><p>�Ich bin froh, dass Sie es heute geschafft haben�, sagte Dr. Permut und schloss demonstrativ die T�r hinter ihnen. �Ich will damit nicht l�nger warten.�</p><p>�Wir auch nicht�, sagte Carter. �Ezra hier, f�r den Fall, dass er Ihnen das noch nicht erz�hlt hat, ist der Eigent�mer der Schriftrolle, die Sie analysiert haben.�</p><p>�Ja, er hat es erw�hnt�, sagte Dr. Permut und wandte sich rasch dem Labortisch zu. �Ich werde mit Ihnen die Ergebnisse durchgehen, wie sie mir vorliegen�, sagte er, �und Ihnen steht es frei, daraus zu machen, was Sie wollen.�</p><p>Carter und Ezra wechselten einen Blick, dann folgten sie dem sichtlich verst�rten Wissenschaftler zum Tisch, auf dem gro�e Datenbl�tter mit dichten Sequenzen aus Zahlen und Buchstaben ausgebreitet lagen. Obwohl er sie genauso wenig entziffern konnte wie beim ersten Mal, erkannte Carter sie als das, was sie waren. Ezra erging es offensichtlich genauso.</p><p>�Das sind DNA-Codierungen�, sagte er. �Das habe ich schon einmal gesehen.�</p><p>�Gut�, sagte Dr. Permut, fummelte in seiner Tasche herum und holte eine Rolle Pastillen hervor. �Eine Sache weniger, die ich erkl�ren muss.� Mit einem Finger stie� er auf den rechten Ausdruck und sagte zu Carter: �Das sind die Ergebnisse, die ich Ihnen letztes Mal gezeigt habe, von der Fossilprobe.�</p><p>�Okay�, sagte Carter, �ich verlasse mich da ganz auf Sie.�</p><p>�Sie sind das, was ich als spekulative DNA bezeichne�, erkl�rte er Ezra. �Das meiste davon konnten wir zusammensetzen, aber bei ein paar kritischen Verbindungsstellen waren wir auf wohlbegr�ndete Vermutungen angewiesen, um die L�cken zu f�llen und zu �berbr�cken.�</p><p>Ezra nickte, w�hrend Permut sich eine Pastille in den Mund schob und anschlie�end die Rolle zur�ck in die Tasche steckte.</p><p>�Der Prozess nennt sich PCR oder Polymerase-Kettenreaktion.�</p><p>�Und das bedeutet?�</p><p>�Es bedeutet, dass wir die Probe zu einem Pulver zermahlen und anschlie�end Siliziumdioxid hinzuf�gen, weil das alle DNA-Spuren bindet, die noch �brig sind. Dann sind wir mithilfe der PCR in der Lage, die Fragmente der DNA zu verst�rken und �ber eine Million Kopien von beispielsweise einem einzigen Molek�l zu machen.�</p><p>�Damit Sie es besser lesen k�nnen?�, fragte Carter.</p><p>�Damit wir es �berhaupt lesen k�nnen�, erkl�rte Permut.</p><p>�Aber ich wei� bereits, dass Sie nichts damit anzufangen wissen�, sagte Carter. �Das sind wir beim letzten Mal schon durchgegangen.�</p><p>�Das war, bevor Sie mir die Probe von der Schriftrolle gebracht haben. Sehen Sie sich das an�, sagte Permut und tippte mit dem Finger auf das linke Datenblatt. �Sehen Sie, wie �hnlich sich die Sequenzen sind?�</p><p>Carter sah sich die Papierausdrucke an, ebenso wie Ezra, und ja, er konnte vage erkennen, wie sehr manche Muster und Abfolgen von Zahlen und Buchstaben sich �hnelten. Aber wie kam das? Was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Als er aufblickte, stellte er fest, dass Permut seine Gedanken erraten hatte.</p><p>�Seltsam, nicht wahr?�, sagte er mit einem leicht schiefen L�cheln. �Ein St�ckchen Knochen und ein Fitzelchen Pergament, die so wunderbar zusammenpassen?�</p><p>�Ja, das ist seltsam�, stimmte Carter zu.</p><p>�Wenn Sie diese beiden genauer vergleichen � und glauben Sie mir, das habe ich getan �, werden Sie sogar feststellen, dass die DNA, die wir aus dem Pergament isolieren konnten, perfekt die L�cken im Genom des Fossils f�llt.�</p><p>Permut wippte auf den Fersen und lie� seine Worte wirken. Das einzige Ger�usch im Raum war das Quietschen seiner Gummisohlen auf dem Linoleumfu�boden.</p><p>�Sie sagen also�, wagte Ezra sich schlie�lich vor, �dass diese beiden Proben von derselben � Quelle stammen?�</p><p>Permut sch�rzte die Lippen und legte den Kopf zur Seite. Auf Carter wirkte er leicht verst�rt.</p><p>�Noch besser�, sagte Permut. �Ich werde Ihnen etwas zeigen, bei dem Sie Augen machen werden.�</p><p>Er machte einen Schritt zur Seite und gab den Blick frei auf ein gl�nzendes wei�es Trinokular-Mikroskop auf dem Labortisch hinter ihm. Carter erkannte es als Meiji ML 2700, ein Modell, f�r das er h�tte t�ten k�nnen, um es in seinem eigenen Labor zu haben. �Werfen Sie einen Blick hier hinein�, sagte Permut. �Der Objekttr�ger liegt bereits.�</p><p>Ezra, der n�her stand, ging als Erster hin. Als er sich �ber das Okular beugte, sagte Permut: �Sie sehen eine Probe des Pergaments.�</p><p>Ezra blieb ein paar Sekunden lang reglos stehen, dann richtete er sich auf.</p><p>�Carter, Sie sind dran�, sagte Permut.</p><p>Ezra trat beiseite, mit einem merkw�rdigen Ausdruck auf seinem Gesicht � als h�tte er das Gef�hl, sich irgendwie rechtfertigen zu m�ssen.</p><p>Carter senkte den Kopf, und nachdem er den eingebauten Kohler-Beleuchter justiert hatte, sah er etwas, das zuerst wie eine dieser Vergr��erungen der Marsoberfl�che wirkte. Eine unebene gelbe Fl�che voll Gruben und Kratern, hier und da durch enge verbogene Kan�le halbiert. Aber diese Kan�le waren nicht leer und trocken. Sie waren mit einer leicht violett-roten Fl�ssigkeit gef�llt, die durch sie hindurchstr�mte, rhythmisch pulsierend wie Blut.</p><p>�Was haben Sie der Probe beigef�gt?�, fragte Carter ohne aufzublicken. �Einen Farbstoff oder so etwas?�</p><p>�Nein. Was Sie da sehen ist das, was wir f�lschlicherweise f�r Tinte gehalten haben�, sagte Permut. �Tats�chlich ist es aber Blut.�</p><p>Carter richtete sich auf und trat vom Mikroskop zur�ck. �Aber was bringt es dazu, sich zu bewegen? Es flie�t doch eindeutig!�</p><p>Aufgeregt kratzte Dr. Permut sich am Kopf. �Warum schon? Das Gewebe lebt.�</p><p>Ezra schloss die Augen, als w�nschte er, er k�nnte die Neuigkeit ganz im Stillen verdauen.</p><p>Permut lutschte an seiner Pastille, als g�be es kein Morgen.</p><p>Als Ezra die Augen wieder aufschlug, sah er Carter direkt an. �Sieht so aus, als h�tte ich die Haut und du die Knochen.� Er wandte sich an Permut. �W�rden Sie mir zustimmen, dass das zwei Enden ein und desselben Stocks sind?�</p><p>Permut nickte entschieden.</p><p>Carter bem�hte sich, alles in den Kopf zu bekommen und irgendeinen Sinn in dem zu erkennen, was er soeben erfahren hatte.</p><p>Als ob Ezra das ahnte, rezitierte er laut: �Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, als Eure Schulweisheit sich ertr�umen l�sst.�</p><p>Dr. Permut trat zum Mikroskop und entfernte den Objekttr�ger. Er schob ihn in einen transparenten Umschlag, nahm einen weiteren, identischen Umschlag vom Labortisch und stopfte beide in die Tasche von Carters Lederjacke. �Ich will diese Proben nicht l�nger in meinem Labor haben�, sagte er und machte einen Schritt zur�ck, als h�tte Carter eine Erk�ltung, die er sich nicht einfangen wollte. �Sie k�nnen sie mitnehmen, wenn Sie gehen.�</p><p>�Klar, nat�rlich�, sagte Carter. Er hatte Permut, oder irgendeinen anderen Wissenschaftler, den er je getroffen hatte, noch nie so kopflos erlebt. �Und danke, dass Sie sich die M�he gemacht haben.� Er warf Ezra einen raschen Blick zu. Dieser sah aus, als verst�nde er genau, warum Permut so reagierte.</p><p>�Was sind wir Ihnen schuldig?�, sagte Ezra, holte einen Blankoscheck hervor und z�ckte einen Stift. �Die Laboruntersuchungen allein m�ssen ��</p><p>�Nichts�, sagte Permut.</p><p>Ezras Stift verharrte mitten in der Luft �ber dem Scheck, den er auf dem Tisch neben das Mikroskop gelegt hatte. �Nichts? Ich wei� aus Erfahrung, dass DNA-Tests ��</p><p>�Ich will nichts mehr damit zu tun haben�, sagte Permut.</p><p>�Aber das muss Sie ein paar tausend Dollar gekostet haben�, warf Carter ein.</p><p>�Das ist mein Problem. Ich werde die Kosten auf ein paar andere Projekte verteilen. Lassen Sie das meine Sorge sein.� Ungeduldig tappte er mit dem Fu� auf den Linoleumboden. �Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen w�rden, ich muss mich auch noch um andere Aufgaben k�mmern.�</p><p>Carter zuckte die Achseln und nickte Ezra zu. �Ich glaube, hier sind wir fertig.� Als er das Labor zusammen mit Ezra verlie�, h�rte er, wie die T�r hinter ihnen geschlossen und abgesperrt wurde, sobald sie auf dem Flur standen.</p><p>Drau�en piepste Ezra seinen Fahrer an. �Ich fahre nach Uptown, um meine Stiefmutter im Krankenhaus zu besuchen. Kann ich dich irgendwohin mitnehmen?�</p><p>�Nein, es geht schon�, sagte Carter. �Ich muss eine Weile spazieren gehen und meinen Kopf wieder klar bekommen.�</p><p>Die Lincolnlimousine mit Onkel Maury hinterm Steuer bog um die Ecke und parkte in zweiter Reihe auf der belebten Stra�e.</p><p>�Dazu braucht es mehr als einen Spaziergang�, sagte Ezra und hielt ihm die Hand entgegen, die Handfl�che nach oben. Im ersten Moment wusste Carter nicht, was er wollte. �Die Probe der Schriftrolle�, sagte Ezra.</p><p>Carter durchsuchte seine Taschen, fand die Umschl�ge und reichte Ezra, worum dieser gebeten hatte.</p><p>�Danke�, sagte Ezra und �ffnete die hintere T�r des Wagens. �Wir m�ssen uns morgen zusammensetzen und unsere Aufzeichnungen vergleichen.�</p><p>Carter nickte nur, als der Wagen anfuhr. Und obwohl er sich f�hlte, als h�tte er an Ort und Stelle Wurzeln geschlagen, raste sein Verstand mit einer Meile pro Sekunde dahin. Nichts von all dem ergab einen Sinn, und es war l�cherlich, so zu tun als ob. Das Fossil, das Pergament � die Knochen, die Haut � waren Teil einer ausgekl�gelten List, irgendeiner bizarren Intrige, eines Scherzes. Es <emphasis>musste</emphasis> so sein. Wenn Bill Mitchell nicht tot w�re, w�re er der Erste, den Carter in Verdacht h�tte, hinter allem zu stecken. Aber Mitchell <emphasis>war</emphasis> tot, und dieser Teil war beileibe kein Scherz. Der Einsatz war bereits viel zu hoch. Joe war fast bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.</p><p>Es konnte kein Spiel sein und auch keine Intrige.</p><p>Irgendetwas musste da vor sich gehen. Ein schreckliches Drama offenbarte sich, und Carter bef�rchtete, dass er, ob er wollte oder nicht, dazu bestimmt war, eine Hauptrolle darin zu spielen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>32. Kapitel</strong></p></title><p>Ezras Mut hatte neuen Auftrieb erhalten. Endlich waren seine Bef�rchtungen durch Beweise untermauert worden. F�r einen Mann, der wusste, dass der Wahnsinn stets um die Ecke lauerte, war es seltsam tr�stlich, herauszufinden, dass selbst die unm�glichsten Gedanken, die er erwogen hatte, vielleicht doch m�glich waren.</p><p>Er war nicht verr�ckt. Allerdings schien das Universum es irritierenderweise zu sein.</p><p>Er schaute aus dem hinteren Wagenfenster und gr�belte �ber das nach, was er gerade in Permuts Labor erfahren hatte. Die Schriftrolle bestand aus dem lebendigen Gewebe eines Lebewesens unbestimmter Herkunft. Beim Fragment des Fossils handelte es sich um Knochen derselben unidentifizierten Quelle.</p><p>Aber war diese Kreatur das, wof�r er sie hielt? Und wer � oder was � h�tte sie bei lebendigem Leib h�uten k�nnen?</p><p>�Kimberly geht�s immer noch mies�, sagte Maury auf dem Vordersitz und unterbrach seine Gedanken. �Und sie finden auf Teufel komm raus nicht heraus, was sie eigentlich hat.�</p><p>Das �berraschte Ezra nicht. Wenn seine Vermutung stimmte, dass es etwas mit ihrem Last-Minute-Partygast zu tun hatte, dann w�rden sie nie darauf kommen.</p><p>�Dein Dad ist gerade bei ihr.�</p><p>Davon war Ezra ausgegangen, und das war der Grund, warum er ihr jetzt einen Besuch abstatten wollte. Es war eine Gelegenheit, sich mit ihm zu vers�hnen. Au�erdem geh�rte es sich einfach, ermahnte er sich, unter diesen Umst�nden.</p><p>Das Krankenhaus war ohnehin schon exklusiv, doch der Fl�gel mit Kimberlys Suite lag noch einmal besonders abgeschieden. Hier waren die Flure mit teurem Teppichboden belegt, die W�nde mit farbenfrohen Drucken dekoriert, und die T�ren bestanden aus poliertem Mahagoni. F�r Ezra sah es eher nach einem kleinen europ�ischen Hotel aus als nach einem Krankenhaus, was zweifelsohne auch beabsichtigt war. Sein Vater sa� im Vorraum, als Ezra eintraf, und schaltete gerade sein Handy aus.</p><p>�Ich habe Maury gesagt, dass er nicht auf uns zu warten braucht�, sagte er zu Ezra, �aber nat�rlich musste er wieder mit mir streiten.� Er warf das Telefon auf das Sofapolster.</p><p>�Wie geht es Kimberly?�</p><p>�Vor einer halben Stunde hatte sie einen hysterischen Anfall, hat sich alle Schl�uche herausgerissen und angefangen zu delirieren.�</p><p>�Wor�ber?�</p><p>�Wor�ber?� Verwirrt blickte sein Vater ihn an. �Sie redete wirr, nichts davon ergab einen Sinn.�</p><p>�Erz�hl es mir trotzdem.�</p><p>��ber V�gel und Feuer. Sie wurde von V�geln angegriffen, deren Fl�gel aus <emphasis>Feuer</emphasis> bestanden. Zufrieden?�</p><p>Ezra merkte sich die Information, um sie am n�chsten Tag an Carter und Russo weiterzugeben. Wer wusste schon, ob irgendein Hinweis sich als wichtig erweisen w�rde?</p><p>Eine Krankenschwester in wei�er Uniform mit marineblauen Paspeln, die eher nautisch als medizinisch wirken sollte, kam aus dem Patientenzimmer. Sie trug ein Tablett mit einer Spritze und anderem Krimskrams. �Sie ist jetzt stark sediert und wird bis zur Operation morgen fr�h durchschlafen.� Sie l�chelte Sam und Ezra zu und verschwand.</p><p>�Was f�r eine Operation?�, fragte Ezra seinen Vater. �Haben sie herausgefunden, was ihr fehlt?�</p><p>�Nicht ganz.� Sein Vater hatte sein Anzugjackett auf das Sofa gelegt, und lie� sich jetzt, nur in Hemds�rmeln, hineinsinken. Auf der Brusttasche war nat�rlich sein Monogramm eingestickt, und die Manschettenkn�pfe glitzerten. �Eine Blutvergiftung. Organversagen. Das Einzige, was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass sie schwanger ist.�</p><p>Ezra war nicht v�llig �berrascht, und sein Vater bemerkte es. �Du wusstest es?�, fragte er.</p><p>�Ich wusste, dass sie meine Zimmer als Kinderzimmer einrichten wollte.�</p><p>�Dazu w�re es nie gekommen.�</p><p>Einen Moment lang sch�pfte Ezra Mut. War es am Ende doch m�glich, dass sein Vater nie vorgehabt hatte, ihn durch ein neueres und j�ngeres Modell zu ersetzen? Doch dann begriff er, was es wirklich bedeutete.</p><p>�Ich habe mich schon vor Jahren sterilisieren lassen�, r�umte sein Vater ein. �Als du noch ein Teenager warst.�</p><p>Schweigen breitete sich aus. Sam begriff, wie es auf Ezra wirken musste, aber es war zu sp�t, um die Worte zur�ckzunehmen. Ezra musste mit dem Schlag fertig werden. �Am Anfang habe ich ihr nichts gesagt�, erkl�rte sein Vater, �warum auch? Und sp�ter, als ich feststellte, was sie sich w�nschte, sollte sie nicht erfahren, dass ich es ihr nicht geben kann.�</p><p>Es d�rfte so ziemlich das Einzige sein, das er ihr nicht geben konnte, dachte Ezra.</p><p>�Ich wollte sie nicht verlieren�, sagte Sam, und in diesem Moment begriff Ezra zum ersten Mal, dass sein Vater Kimberly tats�chlich und aufrichtig liebte. Er war nicht einfach nur ein alter Mann, der in ein hinrei�endes junges Ding vernarrt war, wie Ezra und wahrscheinlich der Rest der Welt gedacht hatten. Die Tatsache, dass sie jetzt schwanger war, musste ein schwerer Schlag f�r ihn sein.</p><p>�Es ist mir v�llig egal, wer � daf�r verantwortlich ist�, sagte Sam, als er Ezras Gedanken erriet. �Jetzt spielt es ohnehin keine Rolle mehr.�</p><p>Ezra dachte an die blauen Flecken, die er auf ihrem K�rper gesehen hatte, und war froh, jetzt mit Bestimmtheit zu wissen, dass sein Vater nichts damit zu tun hatte.</p><p>�Die ganze Sache ist v�llig aus dem Ruder gelaufen�, fuhr Sam fort. �Die einzige M�glichkeit, ihr Leben zu retten, ist eine Abtreibung gleich morgen fr�h. Danach, so sagte man mir, wird sie nie wieder Kinder bekommen k�nnen.�</p><p>�Nach diesem brauche ich auch keine mehr�, sagte Kimberly, die schwankend in der T�r zu ihrem Zimmer aufgetaucht war. Sie trug ein langes blassrosa Nachthemd, und die Infusionsschl�uche, die am Rollst�nder befestigt waren, steckten immer noch in ihrem Arm.</p><p>Doch was Ezra am meisten schockierte, war ihr Bauch. Selbst unter dem Nachthemd konnte er die Schwellung ihres Unterbauchs erkennen. Noch einen Tag zuvor war nichts zu sehen gewesen, und jetzt sah sie aus, als k�nnte sie jeden Moment ein Kind geb�ren. Wann war das geschehen? <emphasis>Wie</emphasis> konnte das geschehen?</p><p>�Warum bist du nicht im Bett?�, fragte Sam und stand vom Sofa auf. Falls er ebenso schockiert war wie Ezra, so merkte sein Sohn nichts davon. Aber wie hatte sie es bei den ganzen Beruhigungsmitteln, die sie bekommen hatte, �berhaupt geschafft, aufzustehen?</p><p>�Ich muss zu ihm�, sagte sie und schob eine feuchte Haarstr�hne zur�ck, die in ihrem Gesicht klebte. �Er ist der Einzige, der daf�r sorgen kann, dass es aufh�rt.�</p><p>�Dass was aufh�rt?�, fragte Sam und ging zu ihr. �Ezra, ruf die Krankenschwester.�</p><p>�Das Feuer.�</p><p>�Hier ist kein Feuer�, sagte Sam und ergriff behutsam ihren Arm. Doch noch w�hrend Ezra zusah, zog sein Vater die Finger zur�ck und sch�ttelte sie in der Luft, als h�tte er sich verbrannt.</p><p>Kimberly lachte irre. �Ich habe es dir gesagt.�</p><p>Ezra wollte zur T�r gehen, um eine Schwester zu rufen, aber er blieb wie gel�hmt stehen. Kimberlys Blick flackerte auf, als sei in ihrem Inneren ein Feuer entfacht worden, das langsam zu einer lodernden Flamme anwuchs.</p><p>�Was zum Teufel �� Sams Worte verloren sich, w�hrend er zur�ckwich und auf die Flurt�r zuschwankte.</p><p>St�hnend kr�mmte Kimberly sich zusammen und umklammerte ihren Bauch. �Mach, dass es aufh�rt�, murmelte sie durch zusammengebissene Z�hne.</p><p>Ezra packte sie, ehe sie vorn�berkippte, und ihre Blicke trafen sich. Es war, als blickte er in den Krater eines Vulkans, kurz vor dem Ausbruch.</p><p>�Schwester! Doktor! Wir haben einen Notfall!� Sein Vater war drau�en im Flur und schrie sich die Lunge aus dem Leib.</p><p>�Bring es um�, sagte Kimberly. Ihr Atem war so hei�, dass Ezra sp�rte, wie er sein Gesicht verbrannte, dann brach sie zusammen. Der St�nder mit den Infusionsschl�uchen krachte zu Boden. Ezra drehte sie um. Ihre Haut war hei� wie ein B�geleisen. Als er in ihre Augen sah, k�nnte er schw�ren, dass dort noch jemand war, <emphasis>Etwas</emphasis>, das ihn aus Kimberlys gl�hend gelben Augen heraus ansah.</p><p>�Platz da!�, sagte der Arzt und schob Ezra zur Seite. Der Notfallwagen rollte ratternd ins Zimmer.</p><p>�Zum Teufel�, rief der Arzt aus und blies sich auf die verbrannten Fingerspitzen.</p><p>�T�te es�, wimmerte Kimberly zwischen zwei hei�en keuchenden Atemz�gen. �Ich halte es nicht l�nger aus.�</p><p>�Eis! Wir m�ssen sie in ein Eisbad legen!�</p><p>Die Krankenschwestern wuselten hektisch durcheinander.</p><p>Schockiert hockte Ezra sich neben sie auf den Boden, sein Gewicht ruhte auf den H�nden, als sie pl�tzlich in Zuckungen ausbrach. Sie presste die H�nde auf ihren Leib und grub die Finger in die eigene Haut, als versuchte sie, sich das Baby selbst herauszurei�en. Sie hob die Knie bis zur Brust hoch, und ein Blutstrom ergoss sich unvermittelt �ber den Boden.</p><p>Dem Arzt wurde eine Spritze gereicht, doch seine H�nde zitterten so heftig, dass er sie nicht entgegennehmen konnte. �Ich � <emphasis>kann</emphasis> es nicht tun!�</p><p>Eine Schwester schnappte sich die Spritze und versuchte es selbst. Dieses Mal verschwand die Nadel im Arm, brach jedoch ab, als Kimberly sich unter Schmerzen wand.</p><p>�Wir brauchen einen Druckverband � sofort!�, schrie die Schwester.</p><p>Kimberlys Bauch schien anzuschwellen, wie ein Luftballon, den man pl�tzlich noch einmal kr�ftig aufgepumpt hatte. �Bringt mich um!�, schrie sie im Todeskampf, �t�tet <emphasis>mich</emphasis>!�</p><p>Sie warf den Kopf zur�ck, und sie stie� einen Schrei voller Angst und Verzweiflung aus, einen Schrei, der Ezra durch Mark und Bein ging � und in den jemand einzufallen schien. Er k�nnte schw�ren, dass er noch eine Stimme geh�rt hatte, ein ged�mpftes Wehklagen in ihrer Geb�rmutter.</p><p>Selbst der Arzt und die Schwester hielten schockiert inne. Sie hatten es ebenfalls vernommen.</p><p>Und dann lag Kimberly vollkommen still, ihr K�rper auf dem mit Blut bedeckten Boden erschlaffte, die Augen schlossen sich und der Mund klappte auf. Die Spitzen ihrer Haare knisterten wie Draht unter Spannung, um schlie�lich ebenfalls Ruhe zu geben.</p><p>�V�lliges Organversagen�, sagte der Arzt benommen und mit monotoner Stimme.</p><p>Ezra wusste, dass sie es nicht schaffen w�rden, sie zur�ckzuholen, egal, wie sehr sie sich abm�hten.</p><p>Nach dem, was sie durchgemacht hatte, hatte er den Verdacht, dass sie es ohnehin vorziehen w�rde, tot zu bleiben.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>33. Kapitel</strong></p></title><p>F�r Russo gab es am Tag nicht viel, worauf er sich freuen konnte. Da waren die kurzen Morphinsch�be, die er sich selbst verabreichen konnte, indem er den schwarzen Knopf dr�ckte, der neben seiner verbrannten Hand auf dem Bett lag, genau neben dem roten Rufknopf. Da waren die Tr�ume, in denen er sich verlieren konnte, davon, wie er in dem Vorort von Rom aufgewachsen war und mit den Freunden seiner Kindheit die uralten Ruinen erforscht hatte. Und da war die z�rtliche F�rsorge einer h�bschen jungen Schwester namens Monica.</p><p>Heute hatte sie ihm w�hrend des Verbandswechsels alles �ber die Verabredung vom vorigen Abend erz�hlt. Als sie die antiseptische Salbe aufgetragen hatte, hatte sie ihn mit den neuesten Schlagzeilen versorgt. Er sah ihr gerne in die Augen. Sie waren dunkel und strahlten, und sie zeigten kein Entsetzen bei seinem Anblick. Vielleicht, weil sie schon so viele Brandopfer gesehen hatte. �Dr. Baptiste hat mir gesagt, dass es bei Ihnen n�chste Woche mit den Hauttransplantationen losgeht�, erz�hlte sie ihm jetzt.</p><p>�Ach ja?�, murmelte Russo durch seine immer noch schwarzen Lippen.</p><p>�Das ist gut�, sagte Monica und hob behutsam seinen linken Unterarm an, um frische Salbe aufzutupfen.</p><p>Der Schmerz war immer noch ungeheuer, und Russo dr�ckte den schwarzen Knopf f�r eine weitere Dosis Morphin.</p><p>Monica bemerkte es und sagte: �Tut mir leid, ich wei�, dass es wahnsinnig wehtun muss.�</p><p>Russo h�tte ihr gerne widersprochen, aber er konnte nicht. Vorsichtig legte Monica seinen Arm wieder zur�ck. �Das war�s f�r heute.�</p><p>Er h�tte sich gefreut, wenn sie noch bleiben k�nnte. Wenn sie einfach nur ein wenig neben seinem Bett sitzen und ihm von ihrem Tag erz�hlen w�rde, von ihren Freunden, von was immer sie wollte. Aber er wusste, dass sie noch andere Patienten hatte, um die sie sich k�mmern musste.</p><p>Das Morphin w�rde ihn ohnehin schon bald in seine Tr�ume entf�hren. Wenn er Gl�ck hatte, w�rden es gute Tr�ume sein. Wenn nicht, w�rden es Albtr�ume sein, von knisternden Flammen, von St�rzen aus gro�en H�hen in bodenlose Tiefen. Leider gab es keine M�glichkeit, vorher zu wissen, was f�r ein Traum es sein w�rde.</p><p>�Sie m�chten, dass ich Sie damit zudecke, richtig?�, fragte Monica und hielt eine Ecke des Plastik-Sauerstoffzelts in der Hand.</p><p>�Da ich Sie ohnehin nicht mehr ansehen kann�, wisperte Russo, �ja.�</p><p>Monica lachte. �Durch das Plastik sehe ich besser aus�, sagte sie und senkte die Folien, bis sie beinahe seine Schultern und Brust ber�hrten. Sie behinderten zwar seinen Blick, aber er wusste, dass ihm nicht viel entging. Wie lange konnte man die R�ckseite einer T�r und die billige Reproduktion eines van Goghs anstarren? Die k�hle frische Luft erleichterte ihm das Atmen, und das leise Surren des Sauerstofftanks wirkte beruhigend, wie das Heranrollen der Wellen am Meeresstrand.</p><p>Er war sich nicht sicher, wie viel Zeit verstrichen war, als er h�rte, wie die T�r zu seinem Zimmer ge�ffnet und wieder geschlossen wurde. Waren es f�nf Minuten? Eine halbe Stunde? Durch die dicke Folie sah er eine Gestalt vor dem van Gogh stehen. Es war nicht Monica, so viel war sicher, und es war auch nicht Dr. Baptiste. Die Gestalt war hochgewachsen und ganz in Schwarz gekleidet.</p><p>Ihm stockte der Atem.</p><p>Es war ein Mann, sehr blass, mit blonden, nein leuchtend goldenen Haaren.</p><p><emphasis>Ich bin gekommen, um dir zu danken,</emphasis> h�rte Russo, wobei er nicht sicher war, ob der Mann tats�chlich gesprochen hatte oder ob die Worte einfach nur irgendwie in seinen Kopf gelangt waren.</p><p>Russo streckte die Finger auf dem k�hlen Bettlaken aus und suchte nach dem roten Knopf, mit dem er die Schwester rufen konnte. Aber er war nicht dort. Monica musste ihn verlegt haben, als sie seine Verb�nde gewechselt hatte.</p><p><emphasis>Ich w�nschte, ich k�nnte es dir vergelten.</emphasis></p><p><emphasis>Du k�nntest mir die Schmerzen nehmen,</emphasis> dachte Russo und fragte sich, ob seine Gedanken wohl ebenfalls den Empf�nger erreichten. Zugleich �berlegte er, ob das alles wom�glich nur ein ungew�hnlich lebhafter Morphintraum war.</p><p>Die Gestalt kam n�her, und durch das Plastik des Sauerstoffzelts erkannte Russo, dass sie eine kleine bernsteinfarbene Sonnenbrille trug. Das lange Haar war gleich goldenen Fl�geln aus der Stirn gestrichen. Die Gestalt zog einen Stuhl neben das Bett und setzte sich.</p><p>Russos Herz erf�llte sich mit Grauen. Das musste Arius sein, der gefallene Engel, wie Ezra ihn beschrieben hatte. Die Gestalt aus Licht, die in jener entsetzlichen Nacht dem Felsblock entstiegen war.</p><p><emphasis>Du wei�t, wer ich bin.</emphasis></p><p>Erneut tasteten Russos Finger blindlings nach dem Rufknopf, doch stattdessen erwischten sie den Morphinknopf. Er gab sich selbst eine weitere Dosis. Wenn das ein Traum war, brauchte er vielleicht nur noch tiefer einzutauchen, um ihm zu entkommen.</p><p><emphasis>Aber bin ich der Einzige?</emphasis></p><p>�Ich hoffe es�, sagte Russo. Unter dem Sauerstoff klangen die Worte ged�mpft.</p><p>Arius stutzte, als �berlegte er, wie er das zu verstehen hatte. Dann hallten die Worte <emphasis>Erinnerst du dich, was ich dir einmal sagte?</emphasis> in Russos Kopf wider.</p><p>Arius streckte den Arm aus und ber�hrte Russos Hand, mit der er nach dem Rufknopf suchte. Mit etwas, das sich anf�hlte wie eine Kralle, kratzte er einen Streifen der verbliebenen schmerzempfindlichen Haut ab. Russo st�hnte, aber auch dieses Ger�usch wurde von dem Plastik und dem st�ndigen Murmeln des Sauerstofftanks ged�mpft.</p><p><emphasis>Leiden ist ein Geschenk Gottes.</emphasis></p><p>Russo streckte die Hand, die nur noch aus Schmerz zu bestehen schien, zum Nachttisch neben dem Bett aus. Arius verfolgte seine Anstrengungen, und als Russo M�he hatte, die Schublade zu �ffnen, �bernahm er es zuvorkommend f�r ihn.</p><p>Mit bebenden Fingern tastete Russo das Innere ab und umklammerte schlie�lich das h�lzerne Kruzifix, das er darin verwahrte. Er zog es heraus und streckte es Arius entgegen. Sein verbrannter Arm zitterte.</p><p>�Wei�t du � was das ist?�, stie� Russo hervor. �Jesus Christus � unser Retter.�</p><p>Gelangweilt griff Arius danach und nahm ihm das Kreuz fort. <emphasis>Dann lass dich von ihm retten</emphasis>. Er wollte es gerade wegwerfen, doch dann, als h�tte er es sich anders �berlegt, schob er es stattdessen in die Tasche seines Mantels.</p><p>Unter dem Plastikzelt sank Russo zur�ck in sein Kissen. Er konnte an nichts anderes denken und nichts anderes tun, als zu hoffen, dass jemand, irgendjemand, pl�tzlich ins Zimmer k�me.</p><p>�Wie viele von euch�, fragte Arius, �wissen von mir?�</p><p>Dieses Mal hatte Russo ihn eindeutig sprechen h�ren. Die Worte waren in der Luft, nicht in seinem Kopf. Und so entsetzt, wie er war, empfand er die Stimme, die Stimme dieses gefallenen Engels, als klangvoll, beinahe tr�stend.</p><p>�Nicht viele.�</p><p>Arius nickte nachdenklich.</p><p>Russo wagte zu fragen: �Aber warum � bist du hier?� War es alles nur ein Versehen, vielleicht das entsetzlichste Missgeschick, das der Menschheit je zugesto�en war?</p><p>Als h�tte er seine Gedanken gelesen, sagte Arius: �Alles geschieht zu einem bestimmten Zweck. Vielleicht war es deine Aufgabe, mich zu befreien.�</p><p>Diese Vorstellung war fast zu grauenhaft f�r Russo, um auch nur dar�ber nachzusinnen. Der Judas des einundzwanzigsten Jahrhunderts � sollte <emphasis>das</emphasis> seine Bestimmung sein?</p><p>�Meine ist es vielleicht, mich zu vermehren.�</p><p>Russo musste einen Moment nachdenken, um das Wort zu verstehen. <emphasis>Vermehren?</emphasis> Er musste es falsch verstanden haben. Unter dem Zelt, mit der summenden Sauerstoffpumpe und dem in seinen Ohren rauschenden Blut, war es schwer, sich wirklich sicher zu sein. Au�erdem war es immer noch m�glich, dass nichts von dem wirklich geschah, oder etwa nicht? Dass das alles nur ein weiterer furchterregender Traum war, schlimmer noch als die Tr�ume vom Feuer und dem Sturz aus dem Himmel.</p><p>�Aber wie?�, murmelte Russo. �Du hast keine Freunde auf der Welt.�</p><p>Arius schien dar�ber nachzudenken, dann tat er es mit einem Achselzucken ab. �Dann werde ich sie erschaffen.� Er beugte sich n�her. �Nach meinem Bild.�</p><p>Russos Gedanken �berschlugen sich. Was k�nnte er damit gemeint haben? Deutete er damit an, wer er glaubte zu sein?</p><p><emphasis>Und mir schwebt bereits eine � Gef�hrtin vor,</emphasis> sagte die Stimme in seinem Kopf erneut. Es schien, als sei diese Information so vertraulich, dass sie nicht laut ausgesprochen werden durfte.</p><p>Der Engel l�chelte, doch seine Lippen bewegten sich nicht. Die Z�hne strahlten, wie die eines Wolfes, durch das Plastikzelt. Auf einmal wusste Russo, als sei ihr Bild in seinen Kopf telegraphiert worden, dass es Beth war, die er auserw�hlt hatte.</p><p>Seine Gedanken rasten. Was konnte er tun, um ihn aufzuhalten? Wie konnte er Carter und Beth von seinem Krankenhausbett aus warnen? Auf dem Nachttisch stand ein Telefon, und gerade, als er sich fragte, wie oder ob er es �berhaupt benutzen konnte, begann es zu klingeln.</p><p>Unger�hrt blickte Arius erst auf das Telefon, dann zu Russo. Schlie�lich nahm er den H�rer ab, hob, ohne ein Wort zu sagen, den Saum des Plastikzelts an und hielt den H�rer, bis Russo imstande war, ihn mit bebenden Fingern selbst zu halten. Obwohl das Plastik nur wenige Zentimeter angehoben war, nahm Russo den Duft von frischem Gr�n wahr, wie in einem regennassen Wald, der �ber ihn hinwegwehte.</p><p>�Joe? Hier ist Carter.�</p><p>Das hatte Russo erwartet.</p><p>�Wie geht es dir heute?�</p><p>�Bones�, sagte Russo mit kaum h�rbarer Stimme, �etwas � Wichtiges passiert hier gerade.� Wie viel w�rde Arius ihn sagen lassen? Und was w�rde er tun, wenn Russo versuchte, zu viel auszuplaudern?</p><p>�Was? W�scht die s��e Schwester, die du so magst, dich gerade mit dem Schwamm?�</p><p>�Nein�, hauchte Russo. �Ich habe � einen Besucher.�</p><p>�Ist Beth da? Ich wei�, dass sie dich besuchen wollte.�</p><p>�Nein, Bones�, sagte Russo so eindringlich, wie er es schaffte, �es ist derjenige, �ber den wir sprachen.� Er betete, dass Carter seinen Hinweis verstand.</p><p>Und offensichtlich tat er das. Die Stille im Telefonh�rer war ohrenbet�ubend. Russo konnte sich nur vorstellen, was in Carters Kopf vorging. Glaubte er ihm? Dachte er, er w�rde phantasieren? Oder sei auf einem Morphintrip?</p><p>�Mein Gott�, sagte Carter.</p><p>Er glaubte ihm.</p><p>�Ich komme�, f�gte er leise hinzu. �Kannst du ihn aufhalten? Ich mache mich sofort auf den Weg.�</p><p>Arius schob eine Hand unter das Zelt, nahm den H�rer fort und sprach hinein. �Ich muss gehen�, sagte Arius zu Carter.</p><p>Russo sah, dass er auflegen wollte, wobei ihm auffiel, dass sein Mittelfinger k�rzer zu sein schien als die anderen. Dies war vielleicht die letzte Chance, die er je haben w�rde, die einzige Gelegenheit, Alarm zu schlagen. �Bones, lass ihn nicht in deine N�he kommen! Lass ihn nicht in die N�he von Beth!�</p><p>Aber der H�rer lag bereits auf der Gabel.</p><p>Wie viel hatte Carter verstanden? Hatte er Russos abgerissenes Kr�chzen, ged�mpft von dem Plastikzelt, �berhaupt geh�rt?</p><p>Langsam erhob sich Arius von seinem Stuhl. In dem dunklen Mantel sah er aus wie eine S�ule aus schwarzem Rauch, mit einem gl�henden Licht an der Spitze.</p><p>Russo konnte nicht zulassen, dass er ging, er musste ihn zum Hierbleiben bewegen und, wenn m�glich, t�ten. Aber wie sollte er das anstellen?</p><p>Als Arius sich zum Gehen wandte, hob Russo die Beine und schob sie aus dem Bett. Selbst mit all dem Morphin in seinen Adern war der Schmerz unertr�glich. Er hatte keine Ahnung, ob seine Beine ihn tragen w�rden.</p><p>Er schob das Plastikzelt beiseite und riss sich die Infusionsschl�uche aus den Armen. Jetzt konnte er zum ersten Mal seit jener entsetzlichen Nacht Arius� Gesicht erkennen. Die perfekten Z�ge, wie aus makellosem Marmor gemei�elt, die M�hne aus dichtem schimmerndem Haar, die Augen, die ohne zu blinzeln hinter dem bernsteinfarbenen Glas schimmerten.</p><p>Russo machte einen Schritt auf ihn zu. Seine Beine zitterten wie die eines neugeborenen Fohlens, und er streckte die verbrannten Arme aus.</p><p>Arius trat zur�ck, und Russo schwankte auf ihn zu. �Ich werde nicht zulassen � dass du ihnen wehtust�, fl�sterte er.</p><p>Arius l�chelte freundlich und breitete seine Arme aus. Russo st�rzte sich auf ihn, doch er stolperte und fand sich schlie�lich in der Umarmung des Engels wieder.</p><p><emphasis>Und ich werde dich nicht leiden lassen.</emphasis></p><p>Einen Moment lang f�hlte Russo sich seltsam getr�stet. Leicht wie eine Feder hing sein K�rper in den Armen des Engels. Es war, als w�rde er schwerelos in einer Gartenlaube gewiegt.</p><p>Doch dann sp�rte er noch etwas. Ein Funken schien sich in seinem Inneren zu entz�nden, tief in seinen Eingeweiden, und der Schmerz war gr��er als alles, was er bislang erlebt hatte. Zu dem Geruch des Waldes, dem Duft feuchtgl�nzender Bl�tter und regennasser Erde, gesellte sich der bei�ende Geruch von Rauch, von trockenen Sp�nen, die Feuer fingen. Entsetzt sah Russo Rauch vor seinem Gesicht aufsteigen � Rauch, der aus seinem eigenen Mund und seiner Nase drang. Rauch, der von einem Feuer herr�hrte, das seinen K�rper sp�rbar von innen verzehrte.</p><p>Arius trat beiseite und lie� ihn fallen. Ein Rauchmelder l�ste Alarm aus und schrillte immer wieder in dem geschlossenen Raum.</p><p>Russo lag auf dem Boden. Seine Haut kr�uselte sich vom Feuer, das in seinen Adern brannte, und er beobachtete, wie Arius nach dem T�rknauf griff. Die Sprinkleranlage ging los und benetzte seine deformierten Glieder mit lauwarmem Wasser. Seine Haut zischte.</p><p>Arius ging hinaus und schloss die T�r. Russo sackte zu einem Haufen zusammen und sp�rte, wie seine Haut Blasen warf, bis schlie�lich Flammen darunter hervorbrachen. Er versuchte, ein Gebet zu sprechen, aber ehe er auch nur ein Wort sagen konnte, hatte das Feuer den offenen Sauerstofftank gefunden, der immer noch zischend neben dem Bett stand. Der ganze Raum explodierte in einem grellen Ball aus Hitze und Licht. F�r Russo wurde es wohlige und ewige Nacht.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>34. Kapitel</strong></p></title><p>Ein paar Sekunden lang sa� Carter wie gel�hmt auf seinem Stuhl. Der Klang der Stimme hallte noch in seinen Ohren nach. <emphasis>Ich muss gehen.</emphasis> Konnte das die Stimme eines Engels gewesen sein? Sie war weich und tief gewesen, mit einer leicht fremdartigen Betonung, einer jener Kleinigkeiten, an denen man merkte, dass jemand kein Muttersprachler war.</p><p>Und was hatte Joe gerufen, kurz bevor die Verbindung unterbrochen wurde? Er solle Arius nicht in seine N�he gelangen lassen, das hatte er verstanden. Aber danach? Dass er Arius nicht in Beths N�he lassen sollte? War es das? Und gab es au�er den offensichtlichen noch andere Gr�nde f�r diese dringende Warnung?</p><p>Er schnappte sich seine Lederjacke von der Lehne seines Laborstuhls, zog sie an und rannte zur T�r. Mit einem Fu�tritt schloss er die T�r hinter sich und tippte verzweifelt die Nummer des Krankenhauses in sein Handy, w�hrend er die Treppe zum Erdgeschoss hinaufst�rmte.</p><p>�Village Pizza�, sagte eine Stimme vor der Unruhe einer hektischen K�che, und Carter unterbrach die Verbindung. Er blieb auf der Treppe stehen und w�hlte noch einmal sorgf�ltiger.</p><p>Dieses Mal war es die richtige Nummer, doch als er das Schwesternzimmer auf Joes Station verlangte, wurde er in die Warteschleife gelegt. H�tte er nach dem Sicherheitsoffizier fragen sollen? Sollte er auflegen und neu w�hlen?</p><p>Er stie� die Hauptt�r auf und hielt auf der Stra�e Ausschau nach einem Taxi.</p><p>Oder sollte er den Detective anrufen und ihm sagen, er solle auf der Stelle ins St. Vincent�s kommen, wenn er den Kerl fassen wollte, der den Transvestiten abgefackelt hatte? Aber welche Warnung sollte er ihm mit auf den Weg geben? Dass er besser eine Bibel mitn�hme oder etwas Weihwasser? W�rden diese Dinge ihm �berhaupt etwas n�tzen, wenn er sie mitbr�chte?</p><p>W�rden sie <emphasis>irgendjemandem</emphasis> etwas n�tzen?</p><p>Die Telefonistin vom Krankenhaus meldete sich wieder. Sie h�rte sich an, als habe sie M�he, unbeeindruckt zu klingen. �Tut mir leid, aber im Schwesternzimmer kann im Moment niemand Ihren Anruf entgegennehmen. Bitte rufen Sie sp�ter noch einmal an.�</p><p>Ehe sie auflegen konnte, platzte Carter heraus: �Aber das ist ein Notfall!�</p><p>�Sie m�ssen sp�ter noch einmal anrufen�, wiederholte sie, und dieses Mal h�rte Carter etwas in ihrer Stimme, etwas, das sie nicht laut aussprach.</p><p>Er f�rchtete sich vor dem, was es sein k�nnte.</p><p>Ein Taxi bog um die Ecke und hielt an, um eine �ltere Frau aussteigen zu lassen. Carter st�rzte sich darauf und schnitt zwei Studenten, die mit schweren Reisetaschen zum Bordstein schlurften, den Weg ab.</p><p>�Hey, Mann! Wir haben es zuerst gesehen�, rief einer.</p><p>�Er geh�rt zur Fakult�t�, h�rte Carter den anderen sagen. �Professor Bones.�</p><p>�Na und?�, erwiderte der Erste, aber Carter war bereits im Wagen, knallte die T�r zu und sagte dem Fahrer, er solle zum St. Vincent�s fahren. Er w�hlte die Nummer von Ezras Wohnung, und diese Frau, die ihnen den Lunch serviert hatte, Gertrude oder so �hnlich, meldete sich mit ged�mpfter Stimme.</p><p>Als er seinen Namen nannte und Ezra verlangte, schien sie unsicher zu sein, was sie tun sollte.</p><p>�Es ist �u�erst wichtig�, sagte Carter. �Ich muss ihn sprechen. Sofort.�</p><p>Zentimeterweise schob sich das Taxi durch den Verkehr im West Village.</p><p>Schlie�lich kam Ezra ans Telefon.</p><p>�Ich bin auf dem Weg ins Krankenhaus�, sagte Carter. �Ich glaube, Joe ist etwas zugesto�en.�</p><p>�Was?�</p><p>�Ich wei� nicht�, erwiderte Carter und wollte selbst jetzt noch nicht an die furchtbaren M�glichkeiten denken. �Aber es kann sein, dass er Besuch hatte. Von Arius.�</p><p>Er h�rte, wie Ezra den Atem anhielt.</p><p>�Sobald ich dort fertig bin�, sagte Carter, �komme ich zu dir.�</p><p>�Hierher?�</p><p>�Du wirst mir diese ganze verdammte Schriftrolle zeigen, alles, was du bereits zusammengesetzt hast, und dann werden wir herausfinden, was wir zu tun haben.�</p><p>Carter legte auf und stopfte ein paar Dollarnoten in den Metallbeh�lter in der Zwischenwand aus Plexiglas. �Das sind zwanzig Kr�ten�, sagte er. �Beeilen Sie sich.�</p><p>Der Fahrer griff mit der Hand nach hinten, fischte die Geldnoten aus der Dose und gab Gas. Er jagte das Taxi �ber drei gelbe und eine rote Ampel, aber als er zum Block kam, in dem das Krankenhaus lag, war der Eingang von drei Feuerwehrwagen und einem halben Dutzend Polizeiwagen mit kreisenden roten Lichtern versperrt. Jetzt wusste Carter, dass er mit dem Schlimmsten zu rechnen hatte.</p><p>�Lassen Sie mich auf der anderen Stra�enseite raus.�</p><p>Das Taxi wendete auf den verstopften Fahrbahnen und hielt vor dem Maschendrahtzaun an, der das abbruchreife Lager f�r medizinisches Zubeh�r umgab. Carter stieg aus, spurtete los und schl�ngelte sich durch das Durcheinander aus Polizeiautos und Feuerwehrwagen. �ber die qu�kenden Funkger�te und Walkie-Talkies hinweg schnappte er hier und da ein paar Brocken auf. Er h�rte �Das Feuer ist unter Kontrolle� und �Der gr��te Schaden entstand im sechsten Stock.� Joes Etage. Bis jetzt hatte er nichts �ber Todesopfer geh�rt.</p><p>Die beiden Seitent�ren waren weit ge�ffnet, aber gedr�ngt voll mit Notfallpersonal, das rein und raus eilte. Carter benutzte stattdessen die Dreht�r, trat ein und schob sie an.</p><p>Kaum hatte er das sich drehende Abteil betreten, da hatte er das Gef�hl, direkt nach einem Sommerregen in einen dichten Wald gestolpert zu sein. Es war derselbe Geruch, der ihm auch in seiner eigenen Wohnung aufgefallen war, in jener Nacht, als er Beth nahezu nackt im Bett ausgestreckt gefunden hatte und das Fenster zur Feuerleiter ge�ffnet gewesen war.</p><p>Kurz darauf stand er mitten im Tumult in der Krankenhauslobby. Die Duftwolke, die ihn umh�llt hatte, hatte er genauso unvermittelt hinter sich gelassen, wie er hineingeraten war. Feuerwehrm�nner und Polizisten setzten eine Art Notfallplan um, und Carter begriff rasch, dass es sich um eine Evakuierung handelte. Eine Gruppe nerv�ser Besucher wurde aus einem Fahrstuhl und zu den Ausg�ngen gef�hrt. Ein Polizist rief: �Hey, Sie da!� und meinte Carter damit. �Das Krankenhaus ist geschlossen.�</p><p>Carter nickte und machte kehrt, doch anstatt durch die Dreht�r wieder hinauszugehen, verschwand er geduckt in einem kurzen Korridor, von dem er wusste, dass er zum Treppenhaus f�hrte. Die T�r stand offen, und �ber sich h�rte Carter die quietschenden Gummistiefel der Feuerwehrm�nner. Er erklomm die Treppe, zwei Stufen auf einmal nehmend, und stie� auf dem dritten Absatz auf einen Trupp Feuerwehrleute.</p><p>�Ich bin Arzt, ich habe gerade den Anruf bekommen�, sagte er, w�hrend er sich zwischen ihnen hindurchdr�ngte. �Sechster Stock, richtig?�</p><p>�Stimmt�, sagte einer von ihnen, doch Carter war bereits am n�chsten Treppenabsatz und dann beim �bern�chsten.</p><p>Im sechsten Stock blieb er stehen und beugte sich vor, um wieder zu Atem zu kommen und sich gegen das zu wappnen, was er vorfinden w�rde. Der Brandgeruch war st�rker geworden, je h�her er gekommen war, so dass es f�r ihn au�er Frage stand, dass es eine Explosion gegeben hatte.</p><p>Wie die Explosion in seinem Labor.</p><p>Die T�r stand offen und war festgehakt, und von der anderen Seite h�rte Carter einen ungeheuren Krach. Der Boden gl�nzte vom Wasser, das, schwarz vor Ru� und Asche, immer noch ins Treppenhaus lief und die Stufen hinuntertropfte. Er trat �ber ein Rinnsal hinweg und in den breiten Korridor des sechsten Stocks.</p><p>Hier herrschte ein heilloses Chaos. Feuerwehrm�nner und Polizisten halfen dem Pflegepersonal dabei, die verbliebenen Patienten aus dem zerst�rten Bereich zu holen. Vorsichtig wurden die Kranken in ihren Betten aus den Zimmern und durch die Tr�mmer gerollt. Carter umrundete das verlassene Schwesternzimmer und ging in die Richtung von Joes Zimmer. Noch ehe er sein Ziel erreicht hatte, sah er, dass es sich dabei um das Epizentrum der Zerst�rung handelte. Die T�r fehlte v�llig, ebenso ein Teil der Wand. Das Fenster gegen�ber der T�r war herausgedr�ckt worden, und ein starker Luftzug sorgte daf�r, dass permanent eine Aschewolke in der Luft herumwirbelte. Angeh�rige der Rettungsmannschaft liefen im Zimmer herum, hielten sich jedoch sorgsam von einem geschw�rzten Haufen fern, der in der N�he der Stelle lag, wo einmal die T�r gewesen war. Carter drehte sich der Magen um.</p><p>Er sp�rte eine Hand an seinem Ellenbogen, die ihn zur�ckzog.</p><p>�Sie d�rfen dort nicht hinein�, h�rte er jemand sagen. Als er sich umdrehte, sah er Dr. Baptiste, das Haar zerzaust, das Gesicht dreckverschmiert. �Sie k�nnen nichts mehr f�r ihn tun.�</p><p>Sie zog ihn fort.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Carter wie bet�ubt.</p><p>Sie zerrte ihn den Korridor hinunter und durch die T�r in ein evakuiertes Zimmer.</p><p>�Niemand wei� es�, sagte sie und wischte sich mit dem �rmel ihres Kittels �ber die Augen. Er war grau vor Ru�. �In seinem Zimmer ging ein Rauchmelder los, und ich eilte los, um nach ihm zu sehen. In dem Moment sah ich den anderen Mann den Raum verlassen.�</p><p>�Welchen anderen Mann?�, fragte Carter, obwohl er es im Grunde bereits wusste.</p><p>�Der gro�e mit dem blonden Haar�, sagte sie, und w�hrend sie sprach, schien ihr Blick Carter mit erstaunlicher Intensit�t zu durchbohren. �Wissen Sie, wen ich meine?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann k�nnen Sie mir vielleicht etwas erkl�ren�, sagte sie und ergriff erneut seinen Arm. �Er kam aus dem Zimmer, und ich sah, wie er die T�r hinter sich schloss. Ich hielt ihn auf, um ihn zu fragen, warum der Rauchmelder losgegangen sei. Ich ergriff seinen Arm, genau so wie Ihren jetzt�, sagte sie und blickte auf Carters Ellenbogen hinunter, �aber ich wei� nicht, was ich da festhielt.�</p><p>Carter wusste nicht, was er sagen sollte. Was sollte er ihr erz�hlen, das sie glauben k�nnte?</p><p>�Er trug eine dunkle Sonnenbrille�, fuhr sie fort, �so dass ich seine Augen nicht richtig erkennen konnte. Aber jetzt bin ich froh, dass ich sie nicht gesehen habe.�</p><p>�Das sollten Sie auch�, erwiderte Carter.</p><p>�Dann ist das ganze Zimmer einfach explodiert. Ich wurde durch den halben Flur geschleudert. Alles im Zimmer stand in Flammen�, sagte sie und sch�ttelte traurig den Kopf, �alles. Und der Mann mit der Sonnenbrille war verschwunden.�</p><p>Nat�rlich war er das, dachte Carter. So w�rde es immer sein. Er s�te Tod und Verderben, und dann verschwand er. Was hatte er davon gehabt, Joe zu t�ten?</p><p>Aber da war eine Sache, die Dr. Baptiste gesagt hatte, die Carter nicht aus dem Kopf ging. Sie hatte gesagt, der Mann habe die T�r hinter sich geschlossen. Vorsichtig nahm Carter ihre Hand von seinem Arm und sagte: �Ich muss etwas erledigen.�</p><p>�Ich sagte Ihnen bereits�, wiederholte sie, �dass Sie nichts mehr tun k�nnen. Er ist tot. Ihr Freund ist tot.�</p><p>�Das wei� ich�, sagte Carter. �Haben Sie OP-Handschuhe dabei?�</p><p>�Was?�</p><p>�Einen OP-Handschuh � haben Sie einen dabei?�</p><p>Sie w�hlte in der Tasche ihres schmutzigen Kittels und zog ein Paar Gummihandschuhe heraus. Rasch zog Carter sie �ber und lie� die �rztin verwirrt im leeren Zimmer stehen.</p><p>Er ging den Korridor entlang und zum Schwesternzimmer zur�ck. Seine Erinnerung hatte ihn nicht get�uscht, an der Wand dort vorne lehnte eine T�r, eine Krankenhaust�r. Die Oberfl�che war schwarz und zersplittert, aber die Zimmernummer war immer noch heil, ebenso wie der metallene T�rgriff. Es war die T�r zu Joes Zimmer.</p><p>Carter stellte einen Fu� gegen das zerbrochene Holz und trat zu. Das Holz zersplitterte vollst�ndig, bis der T�rgriff auf der einen Seite sich l�ste. Er trat auf der anderen Seite gegen das Holz, und auch hier lockerte sich der T�rgriff. Dann riss er mit behandschuhten H�nden beide Griffe los. Ein vorbeikommender Polizist musterte ihn merkw�rdig.</p><p>�Sicherung von Fingerabdr�cken�, sagte Carter und hielt die T�rgriffe vorsichtig an der angesengten Kante fest.</p><p>Im Schwesternzimmer fand er einen gro�en Umschlag mit Patientenakten darin. Er holte die Akten heraus, legte die Griffe hinein und stopfte sie in die Innentasche seiner Jacke. Er warf einen kurzen Blick in Joes Zimmer und stellte fest, dass man eine schwarze Plastikplane neben die sterblichen �berreste gelegt hatte. Zwei Krankenhausmitarbeiter b�ckten sich, bereit, die Leiche anzuheben. So sehr er es auch hasste, sich der Aufgabe zu stellen, Carter wusste, dass er sich von seinem Freund verabschieden musste.</p><p>Er bahnte sich seinen Weg durch die Feuerwehrleute und Polizisten und betrat das, was von Joes Zimmer �briggeblieben war.</p><p>�Hey, Sie k�nnen hier nicht rein�, sagte einer der Sanit�ter, aber der andere, der vielleicht den Ausdruck auf Carters Gesicht bemerkte, sagte: �Wir k�nnen Ihnen eine Sekunde geben�, und zog sich taktvoll ein St�ck zur�ck.</p><p>Carter stand �ber den verschmorten, nahezu unidentifizierbaren �berresten, die einst sein Freund gewesen waren. Joe war ein gro�er Kerl gewesen, so stattlich und voller Leben. Doch alles, was jetzt von ihm �briggeblieben war, war ein Haufen geschw�rzter Glieder und nackter Knochen, deren extreme Haltung die Grenze dessen ausdr�ckte, was ein Mensch ertragen konnte. Bei dem Anblick f�hlte Carter sich an die Leichen erinnert, die man in Pompeji und Herculaneum ausgegraben hatte. Joes Gesicht, oder was davon �brig war, lag seitlich zum Boden gedreht, und Carter hatte das Bed�rfnis, seinen Freund dort zu ber�hren und ihm Lebewohl zu sagen. Er kniete nieder und legte die Hand auf die eingesunkene versengte Wange. Mit dem Finger strich er �ber das ausgetrocknete Gewebe. Es f�hlte sich an wie warmer Teer. Leise sagte er: �Auf Wiedersehen, Joe. Es tut mir so leid.�</p><p>Und noch ehe er sich dessen recht bewusst war, h�rte er sich sagen: �Gott sei mit dir.�</p><p>Carter, der sein Leben lang voller Inbrunst an nichts geglaubt hatte, h�tte nie gedacht, dass ihm so ein Satz je �ber die Lippen k�me. Aber jetzt, wo er mit diesem Grauen konfrontiert war und kurz davor stand, sich noch Grauenvollerem stellen zu m�ssen, str�mten die Worte so selbstverst�ndlich aus ihm heraus wie Wasser aus einer Quelle � oder Blut aus einer Wunde.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>35. Kapitel</strong></p></title><p>Seit Stunden sa�en sie bereits �ber den alten Texten. Immer wieder war Ezra die Bruchst�cke der Schriftrolle durchgegangen, hatte den Text erkl�rt, ihn durch Einzelheiten aus der biblischen Geschichte erg�nzt und Beweise zusammengetragen. Im nur schwach erleuchteten und zunehmend stickigen Raum konnte Carter sich nicht mehr l�nger wach halten und konzentrieren.</p><p>�Siehst du,�, sagte Ezra, als er zu einem anderen Fragment der Rolle kam, das in einer Schutzh�lle steckte und mit Rei�zwecken an die Wand geheftet war, �hier hei�t es, dass die W�chter in Hunderten z�hlen, und dass Gott sie berufen hat, um �ber die Menschheit zu wachen.� Glucksend sch�ttelte Ezra den Kopf. �Sieht so aus, als h�tten sie ihre Aufgabe zu gut erledigt.�</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte Carter und nahm einen weiteren Schluck von seinem abgestandenen Kaffee.</p><p>�Sie hatten ein Auge auf die Frauen geworfen � und sind dabei auf dumme Gedanken gekommen.�</p><p>�Wo wir gerade von dummen Gedanken reden � ist es wirklich n�tig, das Fenster geschlossen zu halten? Man kann hier drinnen kaum noch atmen.�</p><p>�Ich kann es nicht riskieren, dass die Schriftrolle noch weiter besch�digt wird�, sagte Ezra gereizt. �Ich habe dir gesagt, dass ich nur noch ein paar Stellen �bersetzen muss, und dann muss ich das ganze Ding endg�ltig zusammensetzen.�</p><p>�Mach weiter�, gab Carter nach.</p><p>�Sie empfanden Lust.�</p><p>�Diese Engel konnten Gef�hle entwickeln?�</p><p>�Ich habe nie behauptet, dass sie es nicht k�nnten. Ich sagte nur, dass sie keine Seelen besa�en.�</p><p>�Wozu sollte ein Engel auch eine Seele brauchen? Haben sie das nicht schon hinter sich?�</p><p>�Guter Einwand. Aber wie wir in diesem Abschnitt hier lesen�, sagte Ezra und deutete auf ein weiteres vergilbtes Fragment an der Wand, �fingen sie schlie�lich an, uns zu beneiden. Sie sahen, welchen besonderen Platz die Menschen, die als Einzige �ber eine Seele verf�gten, in Gottes Augen einnahmen, und deshalb wollten sie ebenfalls eine haben.�</p><p>�Und sie konnten nicht einfach darum bitten?�</p><p>�Der Abschnitt hier ist zu verblasst, um ihn zu entziffern�, sagte Ezra und zeigte auf ein kleines St�ck Pergament, �aber m�glicherweise taten sie es, und Gott verweigerte es ihnen. Vielleicht waren sie auch einfach zu stolz, um darum zu bitten. Wir werden es niemals wissen.�</p><p>Carter stellte den Kaffeebecher auf dem Boden ab, hob die Arme �ber den Kopf und streckte sich. Dann warf er einen Blick auf die Uhr. Es war ein Uhr nachts. Inzwischen w�rde Beth l�ngst in Abbies und Bens Wohnung schlafen. Am Telefon hatte er ihr das Versprechen abgenommen, heute Abend nicht nach Hause zu gehen, und sie hatte ohne zu z�gern zugestimmt, was ihn ein wenig �berrascht hatte.</p><p>�Aber was immer geschehen ist�, fuhr Ezra fort, �die W�chter blieben unzufrieden. Also begannen sie, die Angelegenheit selbst in die H�nde zu nehmen. Sie beschlossen, sich mit den Menschenfrauen zu paaren, nach denen sie ohnehin schon immer ein Verlangen versp�rt hatten. Dabei kam das heraus, was man vielleicht als perfekte Mischlinge bezeichnen k�nnte.�</p><p>�Engel mit Seelen.�</p><p>�Ganz recht. Damit forderten sie jedoch die himmlische Ordnung extrem heraus. Zu diesem Zeitpunkt begann der Krieg im Himmel. Den Rest kennst du � der Erzengel Michael schlug an der Spitze von Gottes Armee die Rebellen nieder und warf sie aus dem Himmel.�</p><p>�Was ist mit Luzifer und der S�nde des Stolzes? Diese ganze Geschichte?�</p><p>�Das sind sp�tere Ausschm�ckungen, alles ausgedacht�, erkl�rte Ezra mit einer wegwerfenden Handbewegung. �Aber es gibt noch eine andere Sache, bei der das Alte Testament recht gehabt haben k�nnte � bei der Sintflut.�</p><p>�Vierzig Tage und N�chte?�</p><p>�Nein. In dieser Schriftrolle habe ich nichts gefunden, das best�tigen w�rde, dass es tats�chlich zu einer �berschwemmung gekommen w�re�, erkl�rte Ezra mit der �berzeugung eines Wissenschaftlers, der Unmengen von Labordaten unter die Lupe genommen hatte. �Keine Arche, kein Noah, nichts davon. Aber irgendetwas war da. Es ist schwer, das wortw�rtlich zu �bersetzen, aber es geht um eine gewaltige Ver�nderung, ein einschneidendes Erlebnis, durch das reinen Tisch gemacht wurde. Nach dem Sieg �ber die rebellischen Engel, nachdem sie in den Eingeweiden der Erde begraben worden waren�, sagte er und deutete auf den unteren Teil eines weiteren Abschnitts der zerfetzten Schriftrolle, �hei�t es an dieser Stelle �und die Ruchlosen und der Mensch wurden, gleich dem L�wen und dem Schakal, Todfeinde. Von diesem Tag an brachte es den Tod, ihr Blut zu vermengen.� Ich habe mir bei der Syntax einige Freiheiten erlaubt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Kern stimmt.�</p><p>Carter atmete aus und lie� die Arme zwischen seinen Beinen baumeln. �Aber wie kann irgendetwas davon wahr sein? Ich meine, ist es nicht l�ngst nachgewiesen, nur um irgendwo anzufangen, dass die Erde �lter ist als sie nach irgendeiner dieser Geschichten sein d�rfte? Dass die Evolution, um ein weiteres Beispiel zu nennen, sich seit vielen Millionen Jahren abspielt? Und dass wir vom Affen, nicht von Engeln abstammen? Haben wir uns nicht von Augustus ab-und Darwin zugewandt? Und was ist mit ��</p><p>�Und was ist hiermit?�, unterbrach Ezra ihn und deutete mit einer ausholenden Bewegung auf die m�hevoll rekonstruierte Schriftrolle. �Wenn wir den Ergebnissen aus deinem eigenen Labor Glauben schenken, dann ist dies hier lebendes Gewebe, �lter als alles, was jemals datiert wurde, und zudem noch unidentifizierbar. Dein Freund Joe, m�ge er in Frieden ruhen, hat das akzeptiert. Warum kannst du es nicht?�</p><p>Weil es, selbst nach allem, was geschehen war, inakzeptabel war. Weil alles, was er je geglaubt, gelernt, erforscht, <emphasis>gewusst</emphasis> hatte, dagegen sprach.</p><p>�Du siehst immer noch nicht das gro�e Ganze, Carter�, beharrte Ezra. �Alles, wor�ber wir sprachen, geschah �onen <emphasis>bevor</emphasis> sich die Geschichten der Bibel mutma�lich abgespielt haben. Und ich rede hier nicht von Tausenden von Jahren, sondern von Millionen und Abermillionen. Es war eine Welt, die vor allem existierte, von dem wir je wissen oder uns vorstellen k�nnen, vor den Dinosauriern, bevor die Kontinente auseinanderdrifteten, bevor die Sterne geboren wurden und die Planeten ihre Umlaufbahnen erreicht hatten.�</p><p>�Und wie sollen wir irgendetwas davon <emphasis>wissen</emphasis> k�nnen?�</p><p>Ezra zuckte die Achseln. �G�ttliche Inspiration? Das kollektive Unterbewusstsein?� Selbst Ezra schien am Ende zu sein und lie� sich auf den Stuhl vor dem Zeichentisch plumpsen. �Durch diese Schriftrolle?�</p><p>Immer wieder kamen sie auf die Schriftrolle zur�ck. Und auf das Fossil. Die DNA-Untersuchungen hatten ergeben, dass beides von einem Wesen stammte, das unm�glich existieren konnte. Und die Datierungstechniken bescheinigten beiden ein genauso unm�gliches Alter. Ein Alter, das nur Ezra glaubw�rdig finden konnte.</p><p>Zudem hatte Carter insgeheim noch einen weiteren unerkl�rlichen Beweis. Auf dem Weg zu Ezra hatte er den T�rgriff von Joes Krankenzimmer beim Polizeirevier abgegeben, mit einer Nachricht f�r Detective Finley, ihn auf Fingerabdr�cke untersuchen zu lassen. Ein paar Stunden sp�ter hatte Carter seinen Anrufbeantworter im B�ro abgeh�rt.</p><p>�Danke f�r den T�rgriff�, hatte der Detective aufs Band gesprochen. �Zu Ihrer Information: es sind dieselben perfekten Abdr�cke darauf. W�rden Sie mich bitte zur�ckrufen und mir erkl�ren, wie Sie darangekommen sind?�</p><p>Das w�rde Carter morgen erledigen m�ssen, obwohl er die Aussicht, vom Detective in die Mangel genommen zu werden, nicht gerade reizvoll fand. Er hatte gewusst, dass die Fingerabdr�cke zu denen passen w�rden, die man am Tatort von Donald Dobkins� Verbrennung gefunden hatte, und er wusste auch, von wem diese Abdr�cke stammten. Aber er wusste auch, dass er sich, sobald er auch nur <emphasis>versuchte</emphasis>, einem Mordermittler der New Yorker Polizei die ganze Sache zu erkl�ren, schneller in einer psychiatrischen Anstalt wiederfinden w�rde als er <emphasis>gefallener Engel</emphasis> sagen konnte.</p><p>�Ich brauche eine Pause�, sagte Ezra. �Ich werde mal nachsehen, was Gertrude noch im K�hlschrank hat. M�chtest du ein Sandwich oder so etwas?�</p><p>Carter sch�ttelte den Kopf, und Ezra verschwand. Obwohl er gro�e Lust hatte, zu den Terrassent�ren zu gehen und sie weit aufzurei�en, wollte er nicht riskieren, Ezras Zorn auf sich zu ziehen. Von Anfang an schien der Kerl st�ndig unter Strom zu stehen. Statt die T�ren zu �ffnen, erhob sich Carter, bog den R�cken durch und h�pfte ein paar Mal auf der Stelle, um sein Blut wieder in Fluss zu bringen und sich selbst wach zu machen. Er ging hin�ber zum Zeichentisch und blickte auf die wenigen verbliebenen Bruchst�cke, die noch dort lagen. Ezra hatte keinen Witz gemacht, er stand tats�chlich kurz vor der Beendigung seiner Aufgabe. Der Gro�teil der Rolle war in Klarsichth�llen an den Zimmerw�nden angeordnet, und es sah aus, als w�re das Ding komplett, sobald diese St�cke am Ende angef�gt w�ren. Jetzt, wo Carter sie sich genauer ansah, konnte er sogar erkennen, dass eines der St�cke einfach nur umgedreht werden musste, und der zerfetzte Rand w�rde genau in ein bereits zusammengef�gtes St�ck der Rolle passen. Er hatte keine Ahnung, was es besagte, aber er konnte sehen, wie es sich einf�gen w�rde. Gar kein gro�er Unterschied, dachte er, zum Zusammensetzen von Knochensplittern.</p><p>Er hockte sich auf Ezras Arbeitsstuhl, und ohne gro� dar�ber nachzudenken, drehte er das St�ckchen Pergament um. Anschlie�end ertappte er sich dabei, dass er ein anderes aufhob und es ebenfalls in das Muster einf�gte. In den Fingerspitzen versp�rte er ein merkw�rdiges Kribbeln. Er blickte zur Wand auf und konnte genau sehen, wo die St�cke hingeh�rten. Und obwohl er wusste, dass Ezra ausflippen w�rde, weil er sich einmischte, war er pl�tzlich wie besessen von dem Drang, weiterzumachen. Nachdem er stundenlang stillgesessen hatte wie bei einem Vortrag, war es ein Vergn�gen, zumindest etwas zu <emphasis>tun</emphasis> und sich n�tzlich zu f�hlen. Es war fast so, als l�de die Schriftrolle ihn ein, an der Arbeit teilzuhaben. War dies derselbe Drang, fragte er sich am Rande, den Bill Mitchell versp�rt hatte und der zu der Katastrophe im Labor gef�hrt hatte?</p><p>Er nahm das dritte und letzte Fragment der Schriftrolle, legte es zu den anderen beiden und hob dann den oberen Teil der Schutzh�lle an, um alles zu fixieren. Sie waren wie die St�cke eines Laubs�genpuzzles, das perfekt zusammenpasste. Die Enden w�rden sich genau mit dem Teil verzahnen, die Ezra bereits fertig hatte.</p><p>Was f�r eine �berraschung w�re es f�r Ezra, wenn er zur�ckk�me und die Schriftrolle komplett vorfand.</p><p>Carter stand auf, mit der Schutzh�lle in der Hand. Sollte er? Es war, als sei sein Verstand durch eine Wolke verdunkelt. Er wusste, dass es falsch war, er wusste, wie sauer <emphasis>er</emphasis> w�re, wenn jemand sich auf diese Weise in seine Arbeit einmischte. Wieder dachte er fl�chtig an Mitchell und das Smilidon-Fossil. Gleichwohl versp�rte er den Zwang, weiterzumachen.</p><p>Er ging zur Wand, und als ob seine Hand von einer unsichtbaren Macht gef�hrt w�rde, hob er die Schutzh�lle und hielt sie n�her an die Wand. <emphasis>Ja, genau hier.</emphasis> Er l�ste eine der Rei�zwecken, die Ezra zu Dutzenden in den Putz gesteckt hatte, und bohrte sie durch eine Ecke der Klarsichth�lle. Dann befestige er eine weitere Rei�zwecke am andern Ende und trat zur�ck, um sein Werk zu bewundern.</p><p>�Gertrude macht uns ein paar Brownies�, verk�ndete Ezra, als er die Schlafzimmert�r hinter sich schloss und mit einem Tablett in den H�nden ins Arbeitszimmer kam.</p><p>Carter drehte sich um, ein unsicheres L�cheln auf dem Gesicht, und wartete darauf, dass Ezra sah, was er getan hatte. Pl�tzlich war er sich nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee gewesen war.</p><p>Ezra blieb stehen und suchte die Wand ab. �Was hast du getan?�, fragte er mit heiserer Stimme.</p><p>�Ich wollte dir helfen�, sagte Carter.</p><p>Ein tiefes Summen setzte ein, wie bei einem Generator, der langsam in Fahrt kam. Als Carter sich umdrehte, sah er, wie die Klarsichth�llen leicht flatterten, als w�rden sie von einer pl�tzliche Brise erfasst. Die R�nder des Pergaments, die sich ber�hrten, schienen miteinander zu verschmelzen. Die Fragmente der Schriftrolle in den H�llen wuchsen zusammen und vereinigten sich, bis die Bruchstellen nicht mehr zu sehen waren. Ein leichtes Gl�hen erhellte den Raum, ein lavendelblaues Licht, das von der Rolle selbst auszugehen schien.</p><p>Die Brise wurde kr�ftiger und w�rmer und wirbelte im Raum im Kreis.</p><p>Ezra lie� das Tablett fallen, Becher und Teller zerschellten auf dem Boden, w�hrend die T�r zum Schlafzimmer krachend hinter ihm ins Schloss fiel. Er rannte zum Schrank.</p><p>Was macht er da?, fragte sich Carter.</p><p>Die Schutzh�llen flatterten wie wild, manche von ihnen waren bereits losgerissen und l�sten sich von dem St�ck der Schriftrolle, das sie enthalten hatten.</p><p>Ezra kam zur�ck und hielt etwas in der Hand, das aussah wie eine Dose mit k�hlender Creme. Mit zitternden H�nden versuchte er im lavendelblauen Licht den Deckel zu �ffnen.</p><p>�Ezra, was geht hier vor?�, rief Carter.</p><p>Aber Ezra antwortete nicht. Er warf den Deckel fort, tunkte seinen Finger hinein und schmierte Carter den Inhalt, der sich wie warmer Matsch anf�hlte, auf die Stirn.</p><p>�Was machst du da?�</p><p>Dann verrieb er einen weiteren Streifen, der Carter wie roter Lehm vorkam, auf der eigenen Stirn. �Es ist heiliger Boden�, rief Ezra zur�ck, �von unterhalb des Felsendoms.�</p><p>Verst�ndnislos sch�ttelte Carter den Kopf.</p><p>�Von der Stelle, an der die Bundeslade versteckt ist.�</p><p>F�r Carter ergab es immer noch keinen Sinn. Hatte Ezra nicht gerade eben noch erkl�rt, der ganze religi�se Hokuspokus sei zwecklos, dass sich das erst lange nach den Ereignissen entwickelt hatte, denen sie hier auf der Spur waren?</p><p>�Und das soll uns besch�tzen?�</p><p>Ezra schaute auf die flatternden Schutzh�llen und nickte hastig.</p><p>�Wovor?�</p><p>Wie zur Antwort vernahm Carter ein Ger�usch, das nichts �hnelte, das er je geh�rt hatte oder hoffte, jemals in seinem ganzen Leben wieder zu h�ren. Es begann als leises St�hnen, wie ein Wind, der seufzend durch die uralten Dachvorspr�nge eines gewaltigen Hauses strich, aber der Ton wurde rasch schriller und lauter. Instinktiv hielt er sich die Ohren zu, doch das Ger�usch grollte unter seinen F��en und dr�hnte in seinem Kopf.</p><p>Er rannte zur T�r und versuchte, sie aufzurei�en, aber sie r�hrte sich nicht. Der hei�e Wind im Zimmer gewann an St�rke und riss die letzten Schutzh�llen von den W�nden. Die Schrift entrollte sich von allein und bewegte sich wie ein Tornado auf die Mitte des Zimmers zu. In einer unregelm��igen Spirale wirbelte sie herum. Das lavendelblaue Licht wurde dunkler, ging mehr ins Violette, und der Wind nahm an Geschwindigkeit zu.</p><p>Es gab nur noch einen anderen Weg nach drau�en. Carter rannte auf die Balkont�ren zu.</p><p>�Nein!�, schrie Ezra, dessen Entsetzen noch �bertroffen wurde von der Angst, seine kostbare Schriftrolle zu verlieren. �Tu es nicht!�</p><p>Doch die T�ren lie�en sich ohnehin nicht �ffnen. Carter r�ttelte an den Griffen und dr�ckte mit der Schulter gegen den Rahmen.</p><p>Ezra packte seinen Arm und versuchte ihn aufzuhalten. �Wir k�nnen das nicht tun!�, schrie er.</p><p>�Wir m�ssen!� Carter sch�ttelte ihn ab und sah sich verzweifelt im Raum um.</p><p>Der L�rm in seinem Sch�del war mittlerweile ohrenbet�ubend. Inzwischen klang es eher wie ein Wehklagen, eine anschwellende Hymne des Leids, ausgesto�en von Tausenden Stimmen in einer Vielzahl von Sprachen. Es war der Klang allen Elends der Welt aus allen Zeiten.</p><p>Selbst f�r Ezra war es zu viel, und er sank auf die Knie. Die Stirn lehmbeschmiert, presste er die H�nde auf die Ohren und kniff die Augen fest zusammen.</p><p>Carter hatte das Gef�hl, sein Kopf w�rde explodieren, wenn es nicht aufh�rte. Die alte Spielzeugkiste, auf die Ezra sein Werkzeug gelegt hatte � damit k�nnte es funktionieren. Carter fegte die Werkzeuge beiseite und hob die Holzkiste in die H�he. Wie einen Rammbock hielt er sie vor sich und rannte auf die Terrassent�ren zu. Das Glas splitterte und zerbrach, aber die T�ren hielten stand.</p><p>Carter h�rte das Schreien jedes Babys, das je geboren worden war, das Todesr�cheln jeder Seele, die ihren K�rper verlie�, das Heulen jeder lebenden Kreatur, die abgeschlachtet oder verst�mmelt wurde.</p><p>Er wich zur�ck und rannte erneut auf die T�r zu. Dieses Mal gab das Holz nach, und die T�r sprang auf. Die Kiste fiel auf den Steinboden der Terrasse, und Carter stolperte dar�ber und st�rzte auf den R�cken.</p><p>�ber sich sah er den Nachthimmel und die Sterne. Und dann, mit einer B�, so trocken wie W�stenwind, schl�ngelte sich die Schriftrolle gleich einem lebendigen Wesen spiralf�rmig gen Himmel. Sie schwebte �ber ihm, eine lange, gl�hende violette Schlange, ehe ein weiterer Windsto� sie erfasste und �ber die Br�stung des Balkons davontrug.</p><p>Carter kam gerade m�hsam auf die Beine, als Ezra durch die zerbrochene T�r stolperte.</p><p>Sie beobachteten, wie die Schriftrolle gleich einer M�we hoch �ber ihnen von den verschiedenen Windstr�mungen getragen wurde. Sie schoss herunter und flatterte in der Luft, entfernte sich von ihnen und flog davon, fort �ber den East River. Langsam verblasste das violette Gl�hen, verlor sich in den Lichtern der Stadt und wurde von der Nacht verschluckt.</p><p>Carter, dem immer noch der Kopf dr�hnte, blickte zu Ezra hin�ber, der die Balustrade umklammert hielt. Noch immer suchte er nach einem Anzeichen der Schriftrolle. Dabei murmelte er leise etwas vor sich hin.</p><p>�Was hast du gesagt?� Carters eigene Stimme kam ihm ged�mpft und fremd vor.</p><p>Ezra schwieg, dann wiederholte er: �Sie geh�rte mir.�</p><p>Carter blickte auf die Stadt unter und den Nachthimmel �ber ihnen. �Ich bin mir nicht sicher, ob du sie jemals besessen hast.� Er nahm einen tiefen Atemzug der frischen Nachtluft. Das Dr�hnen in seinem Kopf lie� langsam nach. Von der Kirche auf der anderen Seite des Flusses meinte er, das unabl�ssige L�uten einer Glocke zu vernehmen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>36. Kapitel</strong></p></title><p>Beth kam es vor, als h�tte sie den ganzen Tag nichts anderes getan, als Feuerwehr zu spielen. Sie hatte sich bei Mrs Winston f�r die fehlende Einladung entschuldigt, dem Partyservice geholfen, seine Genehmigungen zu bekommen, hatte einen Platz freiger�umt, an dem die Kellner sich umziehen konnten, und den Pf�rtner in eine Uniform gequetscht, die zwei Nummern zu klein f�r ihn war.</p><p>Aber endlich war die Weihnachtsfeier der Raleigh Galerie in vollem Gange. �berall im Erdgeschoss standen gewaltige Str�u�e mit frischen Blumen, und Kellner in wei�en Jacken trugen silberne Tabletts mit Dom Perignon und Beluga-Kaviar herum. Ein Streichquartett des Juilliard-Konservatoriums, das auf dem Zwischengeschoss untergebracht war, spielte Vivaldi. Und wieder einmal war jeder zugegen, der in der Welt der New Yorker Kunstsammler etwas z�hlte.</p><p>Richard Raleigh trug ein weinrotes Dinnerjackett aus Samt mit einer goldenen Schleife am Revers, von der er gerne behauptete, sie sei eine Art Ehrenauszeichnung, die ihm von der franz�sischen Regierung verliehen worden sei. Aber Beth wusste, dass er sie bei einer Wohnungsaufl�sung in Southampton erworben hatte. Unbek�mmert bewegte er sich zwischen seinen zahlreich erschienenen Kunden, sorgte daf�r, dass ihre Champagnergl�ser stets gef�llt waren, dass sie sich am�sierten und vor allem, dass sie die wichtigen neuen St�cke bemerkten, die jetzt die W�nde zierten, darunter ein Fragonard und ein Greuze.</p><p>Beth tat ihr Bestes, um ein fr�hliches Gesicht zu machen, aber es war nicht leicht. Carter war erst in der Morgend�mmerung zu Ben und Abbie gekommen, wo sie beide �bernachtet hatten. Sie hatten nicht einmal die Gelegenheit gehabt zu reden, bevor sie zur Arbeit musste. Vor allem jedoch bedr�ckte sie die Nachricht von Joes Tod. Sie versuchte sich einzureden, dass es vielleicht sogar besser sei. Er hatte schwerste Verbrennungen erlitten, und ihm h�tte eine qualvolle Behandlung bevorgestanden. Aber es war immer noch so tragisch, so furchtbar, dass sie kaum daran denken konnte.</p><p>Und schlie�lich, als sei das noch nicht genug, f�hlte sie sich seit Tagen k�rperlich nicht wohl. Zu ihrer gro�en Best�rzung hatte sie heute Morgen im Badezimmer festgestellt, dass sie Blutungen hatte, obwohl ihre Periode noch lange nicht f�llig war. Besorgt fragte sie sich, was das zu bedeuten hatte. Im Moment wollte sie nur noch die F��e hochlegen, denn Raleigh hatte, nicht besonders feinf�hlig, darauf bestanden, dass sie gl�nzende schwarze High Heels trug. Wenn es nach ihr gegangen w�re, h�tte die Party gar nicht schnell genug vor�ber sein k�nnen.</p><p>�Beth, sehen Sie nur, wer hier ist�, h�rte sie Raleigh rufen, und schon erblickte sie Bradley Hoyt, der bereits auf sie zukam. Sein Kurzhaarschnitt gl�nzte im Licht des Kronleuchters. Einerseits war er das Letzte, was sie jetzt brauchte, doch andererseits w�rde er zumindest sein Bestes tun, um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, und sie w�rde sich nicht unter die G�ste mischen m�ssen.</p><p>�Sie sehen phantastisch aus�, sagte Hoyt, als er ihre Hand ergriff.</p><p>�Sie bietet einen Anblick�, meldete Raleigh sich hinter seiner Schulter zu Wort, �der eines Fragonard w�rdig ist.�</p><p>Das war geschickt, dachte Beth.</p><p>�Und wagen Sie es nur nicht zu gehen, ohne dass ich Ihnen ein paar unserer neuen St�cke zeigen durfte�, sagte Raleigh, nahm zwei volle Gl�ser von einem Tablett, das gerade vorbeigetragen wurde, und reichte sie Beth und Hoyt.</p><p>Nachdem er verschwunden war, beugte Hoyt sich vor und sagte: �Gibt er denn nie auf?�</p><p>�Meines Wissens nach nicht.�</p><p>Ein paar Minuten unterhielten sie sich �ber die fallenden Aktienkurse, den j�ngsten Plan, Downtown zu verj�ngen und die anderen G�ste um sie herum. Obwohl Hoyt einen Haufen Geld gemacht hatte, wusste er so gut wie nichts �ber andere New Yorker, die auf ihrem eigenen Geldhaufen sa�en, und Beth fand es recht am�sant, f�r ihn die Fremdenf�hrerin zu spielen. Sie zeigte ihm, wer wer war, wie alt das Geld war und aus welchen krummen Gesch�ften es urspr�nglich stammte. Mit der Zeit hatte Beth die Weisheit in Balzacs Beobachtung erkannt, dass hinter jedem gro�en Verm�gen ein Verbrechen stehe. Hoyt begn�gte sich damit, ihr zuzuh�ren � und sie zu betrachten.</p><p>�Die Frau in dem marineblauen Chanelkost�m ist Mrs Reginald Clark. Ihr Geld stammt aus einem Betrug mit Eisenbahnaktien aus der Zeit der Raubritter. Und sehen Sie die Frau, mit der sie gerade redet, mit dem Diamantenhalsband? Alice Longstreet. B�rsenmaklerin, gegen die zur Zeit eine Anklage l�uft.�</p><p>Hoyt lachte. �Ich wette, Sie halten mich ebenfalls f�r einen Gauner�, sagte er.</p><p>Beth nippte an ihrem Champagner, bedauerte es jedoch auf der Stelle. Ihr Magen war bereits rebellisch genug.</p><p>�Wollen Sie es nicht wenigstens leugnen?�, neckte er sie.</p><p>�Ich bin sicher, dass Sie durch und durch ehrlich sind�, sagte sie und wollte gerade fortfahren, als sie jemanden an der Eingangst�r entdeckte, der in diesem Moment gegen Raleighs Assistentin Emma gedr�ngt wurde. Er war hochgewachsen und blond und trug die kleine runde Sonnenbrille, die er niemals abnahm. Sie blickte quer durch den Raum zu Raleigh, der Arius� Eintreten ebenfalls bemerkt hatte. Beth wusste, dass er nicht auf der G�steliste stand, die Galerie hatte ja nicht einmal seine Adresse, aber irgendwie hatte er erfahren, dass heute die Weihnachtsfeier stattfand. Und er hatte ganz richtig geraten, wie er empfangen werden w�rde.</p><p>W�hrend Beth mit wachsendem Grauen zusah, erreichte Raleigh breit l�chelnd die T�r, die H�nde bereits zur Begr��ung ausgestreckt. Wenn es auch nur den Hauch einer Aussicht auf zuk�nftige Gesch�fte gab �</p><p>�Stimmt etwas nicht?�, fragte Hoyt und versuchte, ihrem Blick zu folgen.</p><p>�Mir ist nur gerade etwas eingefallen.�</p><p>�Was?�</p><p>�Wir haben eine neue Zeichnung hereinbekommen, die Sie sich unbedingt ansehen sollten.�</p><p>�Jetzt?�, sagte er. �Das hier ist eine Party. Sind Sie jetzt nicht von Ihren Pflichten entbunden?�</p><p>�Sie ist oben, in der Privatgalerie.�</p><p>Sie konnte f�rmlich sehen, wie er die Ohren spitzte, doch sie hatte keine Zeit, um seine Fehlinterpretation zu korrigieren.</p><p>Sie schob ihren Arm unter seinen rechten Ellenbogen und f�hrte ihn rasch zum Lift. Das war weniger auff�llig, als wenn sie die Treppe n�hmen. Sobald sie in der Kabine waren, dr�ckte sie den Knopf. Als sich die T�ren langsam schlossen, stellte sie erleichtert fest, dass von Arius nichts zu sehen war.</p><p>Oben hatte sie ein anderes Problem. Sie musste eine Zeichnung finden, die Hoyt nicht bereits gesehen hatte. Dann fiel ihr ein, dass er wahrscheinlich Dreiviertel von dem, was ihm bislang gezeigt worden war, ohnehin nicht wiedererkennen w�rde. Sie zog die oberste Schublade des Schranks auf und holte, ohne auch nur hinzusehen, die erste Zeichnung hervor, die ihr in die H�nde fiel.</p><p>�Ihre Hand zittert�, sagte Hoyt. �So eine gro�e Sache wird es schon nicht sein.�</p><p>�Das sind alles Neuerwerbungen ��</p><p>Hoyt legte seine Hand auf ihre und sagte: �Sie bekommen st�ndig neue Ware. Sind Sie sicher, dass es nur das ist?�</p><p>�Nein�, gab sie zu, �das ist es nicht. Es geht tats�chlich um etwas anderes.�</p><p>Hoyt verzog das Gesicht zu einem Grinsen. Endlich gab sie zu, dass er unwiderstehlich war. Das wurde aber auch langsam Zeit.</p><p>�Unten ist jemand, von dem ich nicht gesehen werden m�chte.�</p><p>Seine Gesichtsz�ge fielen sichtlich zusammen.</p><p>�Und darum haben Sie mich hier hochgehetzt?�</p><p>Beth nickte. �Ich f�rchte, ja.�</p><p>Hoyt schien dar�ber nachzudenken, dann sagte er: �Kein Problem. Ich nehme es, wie es kommt.�</p><p>�Ich m�chte Sie�, gab sie zu, �sogar um noch einen Gefallen bitten.�</p><p>Hoyt wartete, wie immer hoffnungsvoll.</p><p>�Ich muss mich aus der Galerie schleichen, aber ich m�chte nicht, dass Raleigh mich sieht. Und ich will nicht, dass der andere Mann wei�, dass ich gegangen bin.�</p><p>�Mein Wagen steht drau�en, wir k�nnten in Nullkommanichts hier weg sein.�</p><p>�Das meinte ich nicht. Worum ich Sie bitte, ist, nur noch ein paar Minuten hier oben zu bleiben und mich zu decken, falls jemand nach mir fragt.�</p><p>Das war nicht das, worauf er gehofft hatte. Trotzdem, dachte er, f�r alles, was er jetzt t�te, w�rde sie in seiner Schuld stehen, was sich m�glicherweise sp�ter einmal auszahlen w�rde. Ein Teil seines Erfolgs beruhte darauf, dass er genau wusste, wann man um einen Gefallen bitten und wann man die Schuld einl�sen konnte. Zu tun, worum Beth ihn bat, war eine geringe Investition, die eines Tages wom�glich riesige Gewinne abwerfen w�rde.</p><p>�Gehen Sie schon�, sagte er. �Mein Wagen steht drau�en, der schwarze Bentley. Sagen Sie Jack, dass er Sie hinbringen soll, wo immer Sie wollen, und dann hierher zur�ckkommen soll.�</p><p>Nie zuvor hatte Beth Hoyt lieber gemocht als in diesem Moment. Obwohl sie wusste, dass es wahrscheinlich eine weitere dumme Idee war, hauchte sie ihm spontan einen fl�chtigen Kuss auf die Wange, bevor sie sich zum Gehen wandte.</p><p>�Ehe Sie gehen, w�rde ich Ihnen gerne noch eine Frage stellen. Da ich ja angeblich dar�ber nachdenke, es zu kaufen�, sagte er und deutete auf die Zeichnung, �was sehe ich mir da eigentlich an?�</p><p>Beth musste sich noch einmal umwenden und drehte die Zeichnung richtig hin. Und erst jetzt sah sie, was sie da aus der Schublade gezogen hatte.</p><p>Es war ein Stich aus dem neunzehnten Jahrhundert und zeigte einen gefallenen Engel. Er hatte schwarze Fledermausschwingen und st�rzte durch den Nachthimmel, einer Bank aus aufgew�hlten Wolken entgegen. Der Stich war Teil der franz�sischen Lieferung, genau wie der Greuze und der Fragonard.</p><p>�Es ist ein Gustave Dor�, aus seiner Reihe von Illustrationen f�r <emphasis>Das verlorene Paradies</emphasis>�, sagte sie. �Ein gefallener Engel wird aus dem Himmel geworfen.�</p><p>Hoyt nickte, anscheinend zufrieden mit der Information.</p><p>Beth drehte sich um, und ein kalter Schauder lief ihr �ber den R�cken. Es war, als sei der Stich aus einem ganz bestimmten Grund dort gewesen. Als habe er darauf gewartet, dass sie die Schublade �ffnete und ihn entdeckte. Nur noch ein Grund mehr, die Galerie so schnell wie m�glich zu verlassen. Sie ging zum Fahrstuhl, ihre hohen Abs�tze klapperten auf dem Parkett. Hoyt sah ihr nach, dann warf er einen beil�ufigen Blick auf den Stich, der auf dem Tisch liegen geblieben war.</p><p>Selbst f�r sein unge�btes Auge war es eine beeindruckende Arbeit. Der Engel mit den Fledermausfl�geln st�rzte kopf�ber, als sei er nicht imstande, seinen Flug zu kontrollieren. Wellenf�rmiges Licht strahlte von der oberen rechten Ecke des Bildes aus, durchbohrte die turbulenten Wolken und beleuchtete die gekr�mmte Erdoberfl�che, die weit darunter lag. Es war wesentlich besser als der Kram, den er normalerweise hier zu sehen bekam, alle m�glichen Skizzen und Studien, die selten eine zusammenh�ngende Geschichte erz�hlten. Wenn er sich nicht so zu Beth hingezogen f�hlen w�rde, h�tte er sich diese Sache mit den Alten Meistern wahrscheinlich schon vor Wochen abgeschminkt. Vielleicht hatten seine Freunde ja recht, und er sollte lieber das gro�e bunte moderne Zeug kaufen, bei dem jeder, der es sah, sofort wusste, dass es einen Haufen Geld gekostet hatte.</p><p>Hinter sich h�rte er das Knacken der Dielenbretter, aber das begleitende Klappern der Abs�tze fehlte. Als er aufblickte, sah er einen Mann mit blondem Haar und Sonnenbrille, der ihn von der Treppe aus beobachtete. Der Kerl war gro�, etwa so gro� wie er selbst, und trug einen langen schwarzen Mantel, der Hoyts Ansicht nach aus Kaschmir war. Hoyt war sich ziemlich sicher, dass er den Typ nie zuvor gesehen hatte, und genauso sicher war er sich, dass dies der Kerl war, dem Beth unbedingt aus dem Weg gehen wollte, koste es, was es wolle.</p><p>�Falls Sie Beth suchen�, sagte er und hoffte, ihr ein wenig mehr Zeit zur Flucht zu verschaffen, �sie ist gleich wieder zur�ck.�</p><p>Der Eindringling l�chelte, und Hoyt musste feststellen, dass seine Lippen ungew�hnlich voll waren und die Z�hne dahinter fast unnat�rlich strahlten.</p><p>�Mein Name ist Bradley Hoyt�, sagte er. �Und Sie sind �?�</p><p>�Arius�, sagte der Mann beim N�herkommen. Die Deckenlampen schienen sein Haar in poliertes Gold zu verwandeln, und Hoyt ertappte sich dabei, dass er �berlegte, wo der Typ hinging, um solche Str�hnchen zu bekommen.</p><p>�Sie hat mir gerade ein paar neue Sachen gezeigt�, fuhr Hoyt fort und deutete auf den Dor�.</p><p>Arius kam noch n�her, wobei er nahezu ger�uschlos �ber den Boden glitt.</p><p>Und was f�r ein Aftershave benutzt dieser Typ blo�, fragte sich Hoyt. Es erinnerte ihn an seine Sommer in Maine, als er noch ein kleiner Junge war.</p><p>Ohne die Sonnenbrille abzunehmen, blickte Arius absch�tzig auf den Stich. Hoyt hatte den Eindruck, dass er wusste, worum es sich handelte, ohne dass jemand es ihm h�tte erkl�ren m�ssen. Er hatte die Ausstrahlung eines Menschen, der mit dieser absoluten �berlegenheit aufgewachsen war.</p><p>�Die Fl�gel�, sagte Arius und deutete auf den Engel im Bild, �sind viel voller als hier.�</p><p>Sein Mittelfinger, stellte Hoyt fest, war nur ein Stumpf und endete �ber dem ersten Kn�chel.</p><p>�Und sie kommt nicht zur�ck�, f�gte Arius hinzu und hob endlich seinen Blick.</p><p>Hoyt wusste nicht, was er sagen sollte. Irgendwie wusste er genau, dass es keinen Zweck hatte, diesen Typ anzul�gen. Und obwohl Arius� Augen hinter den bernsteinfarbenen Gl�sern verborgen waren, hatte Hoyt nicht die geringste Lust, den Blick daraus auf sich zu sp�ren.</p><p>�Vielleicht sollten wir beide zur�ck zur Party gehen�, schlug er vor, aber Arius schien nicht gewillt zu sein. Hoyt war sich nicht sicher, ob er ihn unbeaufsichtigt mit diesem wertvollen Kunstwerk allein lassen sollte. Wenn irgendetwas damit geschah, k�nnte Beth daf�r verantwortlich gemacht werden.</p><p>�Ob der Champagner wohl schon ausgegangen ist?�, versuchte Hoyt es erneut. Dieses Mal nahm Arius nur eine Ecke des Stichs zwischen die Finger und begann das Papier zu reiben. Obwohl Hoyt niemals behaupten w�rde, ein Experte in diesen Dingen zu sein, war er sich ziemlich sicher, dass es keine gute Idee war, an dem alten Stich zu reiben.</p><p>�Ich an Ihrer Stelle w�rde das nicht tun.�</p><p>�Warum bel�stigen Sie Beth?�, fragte Arius leise.</p><p>�Ich und Beth bel�stigen?�, sagte Hoyt. �Ich glaube, da bringen Sie was durcheinander, mein Freund.� Jetzt verstand Hoyt, warum Beth vor diesem Kerl davonlief. Er hatte eindeutig etwas Gruseliges an sich.</p><p>�Halten Sie sich von ihr fern. Sie geh�rt Ihnen nicht.�</p><p>�Und wer sind Sie, bitte sch�n?�, sagte Hoyt ungl�ubig. �Ihr Eheberater?� Er war entgeistert. Der Kerl war nicht nur unheimlich, er war total verr�ckt. Beth sollte eine einstweilige Verf�gung beantragen.</p><p>Pl�tzlich wehte ein neues Aroma durch den Raum, etwas, das sich mit dem Duft eines regennasses Waldes vermischte � der Geruch von Rauch.</p><p>Hoyt blickte nach unten. Ein schwarzer Fleck hatte sich in der Ecke des Dor� gebildet, wo das Papier versengt war.</p><p>�Herrgott, was tun Sie da!�, rief Hoyt und riss ihm den Stich aus der Hand. Aber pl�tzlich war da mehr als ein Brandfleck, eine helle Flamme schoss �ber das Bild wie eine Schlange auf der Jagd nach Beute. Jetzt schnappte sie nach Hoyts Arm und Hand. Er versuchte, den brennenden Stich fallen zu lassen, aber er klebte an seiner Hand wie Fliegenpapier. Unger�hrt sah Arius zu, wie Hoyt zur�cktaumelte und sich verzweifelt bem�hte, das brennende Papier loszuwerden.</p><p>�Nehmen Sie es weg!�, schrie Hoyt, w�hrend der Rauchmelder und die Sprinkleranlage angingen. Als h�tten sie einen eigenen Willen, krochen die Flammen an seinem Arm empor, �ber seine Schulter und begannen, an seinem Gesicht und den Haaren zu lecken.</p><p>Arius wandte sich zum Gehen.</p><p>�Nehmen Sie es weg!�, schrie Hoyt erneut, w�hrend aus der Galerie unter ihnen das Gemurmel aufgeregter Stimmen zu h�ren war und hastige Schritte am Fu� der Treppe ert�nten.</p><p>Arius blickte sich nicht um, das war kaum n�tig, aber er h�rte, wie Hoyt wild um sich schlug, seine brennenden Gliedma�en gegen die W�nde donnerte und schlie�lich auf dem Boden zusammensackte. Mit den Gedanken war er bereits woanders, bei der kleinen Reise, die er w�rde unternehmen m�ssen, wenn er hoffte, Beth diesen Abend noch einzuholen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>37. Kapitel</strong></p></title><p>Wenn die vor ihnen liegende Aufgabe nicht so ernst gewesen w�re, h�tte Carter gelacht, als Ezra erschien. Er war ganz in Schwarz gekleidet, hatte ein schwarzes Barett tief in die Stirn gezogen und trug einen schwarzen Rucksack �ber der Schulter. Auf Carter wirkte er wie ein Mitglied der franz�sischen R�sistance in einer alten Wochenschau.</p><p>�Ist deine Frau zu Hause?�, fragte Ezra und sp�hte �ber Carters Schulter in die Wohnung.</p><p>�Nein, sie ist zu Freunden oben im Norden gefahren. Ich fand, es sei das Beste, sie aus der Stadt zu schaffen.�</p><p>�Sie wei� also, was wir tun?�, fragte Ezra und klang nicht gerade gl�cklich dar�ber.</p><p>�Nein, �berhaupt nicht.�</p><p>�Gut.�</p><p>Carter machte einen Schritt zur Seite, und Ezra betrat die Wohnung. Er schaute sich um und ging dann zum Beistelltisch neben dem Fenster, von dem aus man den Washington Park �berblickte. Er setzte den Rucksack ab, der mit einem dumpfen Klatschen neben dem Stadtplan landete, den Carter auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Dann lie� er sich in einen Sessel plumpsen.</p><p>�So wie ich es sehe�, sagte Carter, nahm ihm gegen�ber Platz und deutete auf den ausgebreiteten Stadtplan, �m�ssen wir als Erstes herausfinden, wo Arius sich versteckt.�</p><p>�Wie kommst du darauf, dass er sich �berhaupt versteckt?�</p><p>�Ich wei�, dass er gesehen wurde, aber ich glaube trotzdem nicht, dass er mitten am Tag heruml�uft und Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er muss irgendwo eine Art Schlupfwinkel haben.�</p><p>Ezra wirkte nicht �berzeugt, schien aber bereit, sich umstimmen zu lassen. �Und wie willst du es anstellen, seinen Schlupfwinkel ausfindig zu machen?�</p><p>Carter holte tief Luft, ehe er antwortete, da er wusste, wie sich das anh�ren w�rde. �Indem wir uns vorstellen, Arius sei ein Vampir.�</p><p>Carter meinte fast h�ren zu k�nnen, wie Ezra innerlich die Schotten dichtmachte. Er sah Carter an, als h�tte dieser den Verstand verloren. �Was zum Teufel meinst du damit?�</p><p>�H�r mir nur eine Sekunde zu�, sagte Carter, um Zeit zu gewinnen. �Sieh dir nur seine hervorstechendsten Eigenschaften an, zumindest diejenigen, von denen wir wissen. Er ist unsterblich, er hat keine Seele, er sch�tzt seine Augen vor der Sonne und, soweit wir wissen, lebt er, um sterbliche Frauen zu verf�hren.�</p><p>�Ich bitte dich�, sagte Ezra, als sei er seltsamerweise im Namen des Engels beleidigt. �Und was ist mit einigen anderen hervorstechenden Eigenschaften, beziehungsweise deren Nichtvorhandensein? Er zeigt keine Neigung, Blut zu trinken, einen Smoking zu tragen oder in seinem eigenen Sarg zu schlafen. Tats�chlich schl�ft er �berhaupt nicht, ganz zu schweigen von dem anderen Bl�dsinn.�</p><p>�Du hast mir nicht zugeh�rt�, erkl�rte Carter. �Ich sage nicht, dass er ein Vampir <emphasis>ist</emphasis>. Versteh mich nicht falsch. Aber vielleicht ist er der Ursprung f�r solche Legenden und der Grund, warum sie �berhaupt entstanden sind.�</p><p>�Selbst wenn du recht h�ttest, was du nicht hast, was dann? Wie soll uns das bei dem helfen, was wir heute Nacht tun m�ssen?�</p><p>�Vielleicht k�nnte es uns dabei helfen herauszufinden, wo er steckt�, sagte Carter so geduldig wie m�glich. �Und es ist nicht auszuschlie�en, dass uns diese Legenden etwas dar�ber verraten, wie diese unseligen Kreaturen get�tet werden k�nnen.�</p><p>�Mit einem Holzpflock durchs Herz?�, fragte Ezra herablassend. �Oder wom�glich mit Knoblauch?� Er wand sich in seinem Sessel und stie� ver�chtlich die Luft aus.</p><p>Das lief �berhaupt nicht gut, und Carter merkte es. Pl�tzlich gingen Ezra und er einander an die Gurgel, die beiden einzigen Menschen auf der Welt, die an dieses Wesen glaubten und die folglich den leisesten Hauch einer Chance hatten, es zu besiegen. Statt die K�pfe zusammenzustecken, rammten sie sie gegeneinander. Carter hielt inne, vergewisserte sich, dass er seinen eigenen Zorn unter Kontrolle hatte, und sagte dann: �Wir sind beide angespannt, und nach dem, was wir beide in deinem Apartment gesehen haben, ist das auch nur nat�rlich. Aber wenn wir uns nicht zusammenraufen und an einem Strang ziehen, werden wir nie Erfolg haben.� Ganz �hnliche Ratschl�ge hatte er seinen Mitarbeitern auf einem Dutzend Ausgrabungsst�tten gegeben, wenn die Dinge pl�tzlich immer mehr au�er Kontrolle zu geraten schienen. Und jetzt begriff er, dass das genau die Methode war, mit der er sich auch dieser Aufgabe widmen musste.</p><p>Ezra lie� sich in seinem Sessel zur�cksinken und riss sich das Barett vom Kopf. Seine Stirn war schwei�bedeckt. �Ich rege mich ab, wenn du es tust�, sagte er, und endlich richtete er den Blick auf den Stadtplan neben seinem schwarzen Rucksack.</p><p>�Abgemacht.�</p><p>�Also, mach weiter�, f�gte er grummelnd hinzu, �zeig mir, was du mit dem Stadtplan vorhast.�</p><p>Carter schob den Rucksack zur Seite. �Koordinaten einzeichnen. Wie du siehst, habe ich bereits die Punkte markiert, an denen Arius, soweit wir wissen, bisher aufgetaucht ist.� W�hrend Ezra ihm aufmerksam zuh�rte, zeigte er auf die entsprechenden Punkte. Das Labor, aus dem der Engel nach der Explosion herausgekommen war, der Kelleraufgang, in dem die verbrannte Leiche des Transvestiten gefunden worden war, das St. Vincent�s Hospital, wo er Russo umgebracht hatte, und schlie�lich Carters eigene Wohnung. �Beth ist ihm unten im Foyer begegnet�, sagte Carter und unterdr�ckte einen Schauder, �aber als ich versuchte, ihn zu verfolgen, habe ich ihn verloren, und zwar genau hier.� Sein Finger landete auf einem Punkt direkt neben dem Krankenhaus. �Bis auf seinen Ausflug nach Uptown, zur Party am Sutton Place, liegen alle Orte, an denen er in Erscheinung getreten ist�, sagte Carter und zog einen kleinen Kreis auf dem Stadtplan, �irgendwo innerhalb dieses Umkreises.�</p><p>�Im West Village�, sagte Ezra.</p><p>�Wenn er seine Wohnung �ber einen Makler gefunden hat, sollten wir ihn ziemlich leicht aufsp�ren k�nnen�, sagte Carter mit einem schmalen L�cheln.</p><p>�Irgendetwas sagt mir, dass er einen v�llig anderen Weg eingeschlagen hat.�</p><p>�Wodurch es noch schwerer wird.�</p><p>Ezra erwog das einen Moment, dann sagte er: �Und was machen wir, wenn wir ihn finden?�</p><p>Zu diesem Problem war Carter noch weniger eingefallen. Wie fing man einen gefallenen Engel? Und noch wichtiger: wie t�tete man ihn? Er hatte all diese bescheuerten Filme gesehen, in denen �bernat�rliche Wesen mit Pfl�cken und Schwertern, mit silbernen Kugeln und heiligem Wasser, mit gesegneten Dolchen oder der endlosen Rezitation lateinischer Anrufungen zur Strecke gebracht wurden. Aber das hier war kein Film. Es war real. �Ich habe keine Ahnung.�</p><p>Seufzend beugte Ezra sich vor und �ffnete die Schnallen seines Rucksacks. Als Erstes zog er eine Taschenlampe hervor. �Hast du auch eine?�</p><p>�Werden wir ihn mit einer Taschenlampe t�ten?�</p><p>�Nein. Ich wei� auch nicht, wie wir das anstellen sollen.� Dann w�hlte er tiefer im Inneren und zog die Dose hervor, die Carter zuletzt in Ezras Wohnung gesehen hatte. Er �ffnete sie, und ehe Carter zur�ckweichen konnte, hatte Ezra sich �ber den Couchtisch gebeugt und schmierte ihm den roten Lehm bis zum Haaransatz auf die Stirn.</p><p>�Haben wir das Zeug nicht letzte Nacht schon ausprobiert, als die Schriftrolle uns beinahe umgebracht hat?�, fragte Carter.</p><p>�Ja�, erwiderte Ezra, �und soviel wir wissen, ist <emphasis>dieses Zeug</emphasis> der Grund, weshalb wir hier sitzen.�</p><p>�Es sieht gar nicht aus wie eine Waffe.�</p><p>�Das soll es auch nicht sein. Aber es k�nnte uns Schutz bieten.�</p><p>�Warst du nicht derjenige, der mir sagte, dass dieser ganze religi�se Hokuspokus absolut nutzlos ist? Ich dachte, diese Kreatur sei millionenmal �lter als dieser ganze Kram.�</p><p>�Das habe ich�, erwiderte Ezra. �Nenn es einfach meine Version der Pascal�schen Wette.�</p><p>Carter kannte diese Redewendung. Der franz�sische Philosoph hatte argumentiert, dass, selbst wenn der r�mische Katholizismus sich irrte, es keinen Zweck hatte, dagegen zu wetten. Auf dem Totenbett n�tzte einem nur noch der Glaube etwas.</p><p>Einen Moment lang blieben sie sitzen, ohne sich zu r�hren. Was gab es sonst schon noch zu sagen? Als Ezra schlie�lich die Dose mit dem heiligen Lehm zur�ck in den Rucksack stopfte und diesen verschloss, wurde es f�r beide offensichtlich, dass das der einzige Plan war, den sie im Augenblick hatten. Carter ging in die K�che und w�hlte in den Schubladen herum, bis er eine gelbe Taschenlampe ausgegraben hatte. Er probierte sie aus und stellte �berrascht fest, dass die Batterien noch in Ordnung waren.</p><p>Dann fiel sein Blick auf den Messerblock mit dem Satz aus schwarzgriffigen Messern, die sie von seiner Tante Lorraine zur Hochzeit bekommen hatten. Er nahm eines mit einer mittelgro�en gezackten Klinge und schob es in seine G�rtelschlaufe.</p><p>Ezra wartete bereits neben der T�r, als er zur�ckkam. Er entdeckte das Messer, sagte jedoch nichts. Carter zog seine Lederjacke an, und als er die Messerklinge an seiner Seite ausrichtete, war sie vollkommen verborgen. Er schob sein Handy und die Taschenlampe in die Au�entaschen und schloss ab. Sie gingen die Treppe hinunter.</p><p>Drau�en hatte Ezra die Limousine seines Vaters mit den Vorderreifen halb im Halteverbot geparkt. �Du hast mir gar nicht gesagt, dass du ein Auto hast�, sagte Carter und f�hlte sich pl�tzlich wieder wie ein Teenager.</p><p>�Steig ein�, sagte Ezra und dr�ckte auf den Schl�sselanh�nger, um die T�ren zu �ffnen.</p><p>Carter schob das <emphasis>Daily Racing Form</emphasis> beiseite und setzte sich auf den Beifahrersitz. Ezra fuhr genauso, wie Carter es sich vorgestellt hatte � miserabel, mit abrupten Bremsman�vern und ohne jemals den Blinker zu bet�tigen. Obwohl es fast neun Uhr abends war, waren die meisten Schaufenster, an denen sie vorbeikamen, noch hell erleuchtet, die L�den waren ge�ffnet und mit Weihnachtsschmuck dekoriert. Auf den Gehwegen dr�ngten sich gutgelaunte Menschen.</p><p>Sie folgten keiner bestimmten Route, sondern hielten einfach nur die Augen offen und n�herten sich langsam, aber sicher dem Krankenhaus. Carter suchte die Gesichter der vorbeiziehenden Menschenmenge ab, aber nicht eine Minute lang glaubte er, Arius tats�chlich unter ihnen zu entdecken. So einfach w�rde es nicht sein. Ab und zu deutete Ezra irgendwohin und hielt an, so dass Carter einen Blick in ein d�steres Treppenhaus werfen oder eine enge Gasse untersuchen konnte. Doch die schlimmste Bedrohung, mit der sie konfrontiert wurden, war ein Obdachloser, der an einer Ampel darauf bestand, ihre Windschutzscheibe zu putzen.</p><p>Als sie das Village mit seinem Dickicht aus L�den und Restaurants verlie�en und sich dem Krankenhausbezirk n�herten, leerten sich die Gehsteige, und es gab weniger Stellen, von denen Carter sich vorstellen konnte, dass diese Kreatur sich dort verstecken w�rde. Aber wenn er ihn je finden wollte, musste er das tun, was all die Thriller st�ndig empfahlen: Fang an, wie der Kriminelle zu denken, den du verfolgst, versetze dich in ihn und seine Art zu denken hinein und sieh die Welt mit seinen Augen. Doch selbst wenn das etwas n�tzte, solange es um Serienm�rder und Psychopathen ging � w�rde das auch funktionieren, wenn es galt, einen gefallenen Engel aufzusp�ren? Wie <emphasis>dachte</emphasis> man als gefallener Engel?</p><p>Als sie die Ecke gegen�ber dem Krankenhaus erreichten, konnte Carter es sich nicht verkneifen, nach oben zu schauen. Unwillk�rlich wurde sein Blick vom sechsten Stock angezogen, wo Joes Zimmer gewesen war. Selbst vom Wagen aus konnte er die dicke Plastikfolie erkennen, die sich spannte und leicht w�lbte und die klaffende Wunde in der Mauer verdeckte. Wer w�rde das n�chste Opfer sein? Er wusste, dass er sich gerade mitten in die Schusslinie begab oder es zumindest versuchte. Doch das beunruhigte ihn weit weniger als die Vorstellung, dass Arius es irgendwie auf Beth abgesehen haben k�nnte. Dass es wom�glich Beth gewesen war, den der Engel verfolgt hatte, als sie ihm eines Abends in der Lobby begegnet war.</p><p>Eine Windb� wehte durch die Stra�e, wirbelte den M�ll auf und brachte das Holzschild neben dem Auto h�rbar zum Quietschen. Carter blickte hin�ber und musste beinahe lachen. Das hatte er fast vergessen. Es war die Anschlagtafel f�r die Villager-Genossenschaft, die demn�chst auf diesem Grundst�ck bauen w�rde, mit niemand anderem als dem Bauunternehmen Metzger. Der rostige Maschendrahtzaun, versehen mit Schildern, die das unbefugte Betreten verboten, umgab immer noch das verdammte Lager f�r medizinisches Zubeh�r. Er wollte gerade Ezra anstupsen und einen Witz dar�ber machen, in die Richtung, dass er ja vielleicht eine Wohnung zu einem Sonderpreis bekommen k�nnte, als er innehielt. Die Erkenntnis kam �ber ihn wie eine kalte Dusche. M�glicherweise hatten sie gefunden, wonach sie suchten. Wenn eine verdammte Kreatur nach einem Ort suchte, an dem sie sich h�uslich einrichten, einen Ort, an dem sie sich mitten in einer belebten Stadt verstecken konnte � was k�nnte dann besser daf�r geeignet sein als dieses Abrisshaus? Als sein Blick auf einen br�ckeligen Sims �ber der Vordertreppe und die verbliebenen Buchstaben fiel, die die Ruine als urspr�ngliches Sanatorium auswiesen, wuchs seine �berzeugung nur noch.</p><p>Als er zu Ezra hin�berschaute, merkte er, dass diesem gerade derselbe Gedanke gekommen war.</p><p>�Wenn deine Vampir-Analogie stimmt, was ich immer noch nicht glaube�, sagte Ezra, �kann ich mir keinen passenderen Ort vorstellen als diesen hier.�</p><p>Carter nickte und verrenkte den Hals, um die Frontseite des riesigen alten Backsteingeb�udes abzusuchen. Es schien insgesamt sieben Stockwerke zu haben. In den unteren waren die Fenster mit Brettern vernagelt oder zugemauert, w�hrend in den oberen Etagen die Fenster offen gelassen worden waren. Wind und Wetter konnten ebenso eindringen wie jeder Unbefugte, der entschlossen und imstande war, die W�nde zu erklimmen.</p><p>Das vorrangige Problem stellte jedoch der Maschendrahtzaun dar, dessen Spitze mit Natodraht gesichert war. Obwohl das Geb�ude gegen�ber des St. Vincent�s an der Vorderseite gut gesch�tzt war, fragte Carter sich, ob der Rest ebenso gr�ndlich verbarrikadiert war. Seiner Erfahrung nach dauerte es in New York nicht lange, bis es Schleichwege in ein leerstehendes Geb�ude gab.</p><p>�Fahr mal zur R�ckseite�, sagte er. �Vielleicht haben wir da Gl�ck.�</p><p>Ezra bog um die Ecke und fuhr den halben Block entlang, doch Carter sah nur einen durchgehenden Zaun. Und selbst wenn sie versuchen w�rden, hin�berzuklettern, w�rden sie von Dutzenden Fu�g�ngern dabei gesehen werden. Doch am anderen Ende, unter einer defekten Stra�enlaterne, schien eine Gasse zu einem Eingang zu f�hren.</p><p>�Gut�, sagte Carter, �da ist ein Hintereingang.�</p><p>Ezra bog in die Gasse ein und kam mit einem Ruck zum Stehen.</p><p>�Schalt das Fernlicht an�, sagte Carter und stieg aus. Die enge Stra�e war mit Abfall �bers�t, und auf der anderen Seite befand sich irgendein Kraftwerk, m�glicherweise f�r Wasser, Strom oder M�llrecycling. Doch Carter hatte bereits einen Weg in das alte Sanatorium entdeckt. Er zog eine Milchkiste aus Plastik zu einem riesigen M�llcontainer aus Metall und benutzte sie, um auf den Container zu klettern. Jetzt befand er sich auf gleicher H�he mit dem Natodraht, und wenn ihm eine M�glichkeit einfiele, den Draht abzudecken, k�nnte er vielleicht auf der anderen Seite am Maschendrahtzaun herunterklettern, ohne sich dabei in Fetzen zu schneiden. Er schaute sich in der Gasse um. Wenige Meter entfernt entdeckte er einen Stapel nasser, zusammengefalteter Pappkartons. �Du kannst das Licht jetzt ausmachen�, rief er Ezra zu, der immer noch im Wagen sa�. �Und bring mir ein paar von den Kartons da dr�ben.�</p><p>Ezra stieg aus dem Wagen und schloss ab. Wegen des Gestanks, der von den Kartons ausging, wendete er das Gesicht ab, w�hrend er ein paar davon zum Zaun zerrte. Carter hievte sie hoch und legte jeweils zwei oder drei �ber die scharfen Widerhaken des Natodrahts. Sie waren schwer und lappig genug, um den Draht zu bedecken und sogar ein wenig nach unten zu dr�cken. Carter stellte seinen Fu� darauf und trat zu, um die Stabilit�t zu testen, dann streckte er vorsichtig eine Hand aus, um das Gleichgewicht zu halten. Nachdem er einen kurzen Moment schwankend auf dem Zaun gestanden hatte, sprang er auf der anderen Seite herunter. Er landete auf einem flachen Haufen aus verklumptem Dreck und Kies, der selbst hier mit Glassplittern und zerdr�ckten Blechdosen �bers�t war.</p><p>Er wischte seine Jeans ab und schaute hoch, als Ezra gerade auf den M�llcontainer kletterte.</p><p>�Gib mir deinen Rucksack�, sagte Carter, und Ezra reichte ihn vorsichtig herunter. �Hier ist der Boden etwas h�her. Versuch, auch hier zu landen.�</p><p>Carter trat zur�ck. Unter seinen Sohlen knirschte der Schutt, als Ezra den Natodraht mit den Kartons �berwand. Aus der Entfernung h�rte er das Rumoren eines M�llwagens. Ezra landete h�rter als Carter, und sein schwarzes Barett flog ihm vom Kopf.</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte Carter und hob die M�tze auf.</p><p>Ezra nickte und rang, die H�nde auf die Knie gest�tzt, nach Atem. �Gib mir eine Sekunde.�</p><p>Carter reichte ihm das Barett, ehe er sich der R�ckseite des alten Sanatoriums zuwandte. Diese Seite war sogar noch d�sterer und bauf�lliger als die Vorderfront. Schartige L�cher durchzogen das Mauerwerk, und aus leeren Fensterh�hlen ragten zerbrochene Balken hervor. Eine gef�hrlich wackelige schwarze Feuerleiter f�hrte bis zum zweiten Stock. Dort, wo Carter jetzt stand, mochte sich einst der Lieferanteneingang befunden haben, die Umrisse einer halbrunden Auffahrt waren noch schwach zu erkennen. Zu der Zeit, als das Sanatorium errichtet worden war, waren hier wahrscheinlich den ganzen Tag Pferdekarren ein-und ausgefahren. Jetzt war die einzige Bewegung das gelegentliche Vorbeihuschen scheuer Ratten, die sich tief im Schatten verborgen hielten.</p><p>Keine Stra�enlaterne schickte ihren Schein bis hierher, aber der Mond war hell und tauchte die Ruine in ein fahles silbriges Licht. Carter fischte die Taschenlampe aus seiner Tasche und bahnte sich in ihrem Strahl seinen Weg �ber das heimt�ckische Terrain. Der Boden war bedeckt mit einer Mischung aus alten Tr�mmern aus Steinen und verrotteten Brettern und neuerem M�ll wie Plastikreinigungsflaschen und hier und da einer verdreckten Matratze. Als er das Sanatorium erreichte, legte er eine Hand auf den Fu� der Feuerleiter, die am Geb�ude baumelte wie ein verdrehter Kleiderb�gel, und r�ttelte ein paar Mal daran. Nichts bewegte sich oder gab nach. Vorsichtig setzte er einen Fu� auf die unterste Sprosse und probierte, ob sie sein Gewicht trug. Bis auf ein rostiges Quietschen schien das Bauteil noch stabil genug zu sein.</p><p>Er drehte sich zu Ezra um, der zustimmend nickte.</p><p>�Aber dr�ngle nicht�, sagte Carter und senkte instinktiv seine Stimme. �Warte, bis ich von der Treppe runter bin, ehe du raufkommst.�</p><p>Er kletterte ein paar Stufen h�her. Das Quietschen wurde lauter, und als er den ersten Stock erreicht hatte, wo die Fenster�ffnung zugemauert war, sp�rte er, wie pl�tzlich ein Beben durch die Metallstufen ging. Eine Sekunde lang erwog er, umzukehren, doch dann sah er, dass es bis zum leeren Fenster des zweiten Stocks nur noch wenige Schritte waren, und nahm von den restlichen Stufen drei auf einmal. Von der Fensterbank aus lie� er den Strahl der Taschenlampe durch das Innere wandern, um sicherzugehen, dass es einen Fu�boden gab, auf dem er landen konnte, dann duckte er sich und kletterte �ber das verrottete Fensterbrett hinein.</p><p>Als er den Kopf wieder durchs Fenster steckte, sah er, dass Ezra bereits den Rucksack geschultert hatte. Schweigend winkte er ihm zu, hochzukommen. Dann wandte er sich um und suchte die neue Umgebung mit Blicken ab.</p><p>Dieses Stockwerk konnte nie als medizinisches Lager genutzt worden sein. Ganz offensichtlich handelte es sich bei dem langen schmalen Raum um einen der ehemaligen Krankens�le. An den W�nden standen mehrere eiserne Bettgestelle aufgereiht, deren Spiralfedern gr��tenteils zu Staub zerfallen waren. Ein metallener Ablagewagen ohne R�der lag auf der Seite. Am anderen Ende des Raumes f�hrte eine gro�e offene T�r in die Dunkelheit.</p><p>Ezra kletterte durch das Fenster ins Zimmer. Mit ged�mpfter Stimme sagte er: �Wie sollen wir jemals das ganze Geb�ude durchsuchen k�nnen?�</p><p>�Hoffen wir, dass das nicht n�tig ist.�</p><p>Carter ging voran. Seine Taschenlampe erfasste die L�cher im Boden sowie die gesplitterten Dielen, die in merkw�rdigen Winkeln herabhingen. Schlie�lich erreichten sie die T�r. Mit der Lampe leuchtete Carter den Flur in beide Richtungen aus. Direkt vor ihnen lockte ein breiterer Korridor.</p><p>�Dieser dort�, fl�sterte Carter, �sieht aus, als w�rde er uns am ehesten in den Bauch der Bestie f�hren.�</p><p>Obwohl sie so leicht auftraten, wie sie konnten, hallten ihre Schritte im h�hlenartigen Inneren des Geb�udes wider. Zu beiden Seiten waren die W�nde mit L�chern �bers�t und voller Wasserflecken. Die T�ren zu den Zimmern waren entweder herausgefallen oder standen offen und gaben den Blick auf karge R�ume frei. Hier und da entdeckten sie noch ein Bettgestell, eine Kommode ohne Schubladen oder ein zerbrochenes Waschbecken am Boden.</p><p>Vor ihnen, gerade noch im Lichtkegel von Carters Taschenlampe, schien sich der Raum zu �ffnen, es f�hlte sich sogar an, als wehte ein frischerer Lufthauch aus dieser Richtung. Aufgrund der Anordnung der anderen Flure gewann Carter den Eindruck, dass das alte Krankenhaus als ein einziges gro�es Quadrat angelegt worden war, mit einem offenen Platz genau in der Mitte. Als sie n�her kamen, wurde die Luft frischer, und die Dunkelheit wurde allm�hlich schw�cher. Selbst die Decke wurde am Ende des Korridors h�her.</p><p>Und dann war die Decke ganz verschwunden. Carter blieb stehen, genau wie Ezra neben ihm, blickte empor und sah eine Wolkenbank vor dem Mond dahinjagen. Sie befanden sich in einem riesigen offenen Raum, der wie ein Wintergarten wirkte. �ber ihnen befanden sich die �berreste von etwas, was einst ein riesiges Oberlicht gewesen zu sein schien. Die eisernen St�tzbalken, oder zumindest einige davon, kr�mmten sich �ber ihnen wie schwarze Finger, doch die �bergro�en Glasscheiben, die sie einst gehalten hatten, waren komplett verschwunden. Alles, was von den Fenstern �brig geblieben war, waren Tausende k�rnige Splitter, die unter ihren F��en knirschten. In der Mitte des Raumes befand sich ein versiegter steinerner Springbrunnen mit einer Art Statue in der Mitte, die aus dieser Entfernung nicht zu erkennen war.</p><p>�Sieht aus, als sei das fr�her einmal das Sonnenzimmer gewesen�, sagte Carter.</p><p>Ezra leuchtete mit seiner eigenen Taschenlampe im Saal herum. Schwere Holzs�ulen ragten wie Telegraphenmasten in die H�he, um ein Dach zu tragen, das nicht mehr dort war. Jegliche Farbe war verblasst, es war eine Welt aus Schw�rze und Schatten, in der im silbrigen Schimmer des Mondlichts kaum Konturen erkennbar waren. Selbst die Ger�usche der umgebenden Stadt fehlten. Alles, was sie h�rten, war der Wind, der am verrotteten Holz und den abgewetzten Ziegeln r�ttelte. Doch dann erfasste sein Lichtstrahl etwas Glitzerndes, das an einem der senkrechten Holzbalken befestigt war.</p><p>Als er n�her kam, konnte Ezra erkennen, was es war. Ein Kruzifix. Er winkte Carter heran.</p><p>W�hrend Carter es anschaute, fragte Ezra leise: �Ob es von einem ehemaligen Patienten des Sanatoriums stammt?�</p><p>Doch Carter sch�ttelte den Kopf. Er erkannte sofort das Kruzifix wieder, das er zuletzt auf der Intensivstation f�r Brandopfer im St. Vincent�s gesehen hatte. �Es geh�rte Joe.�</p><p>Ezra wusste nicht, was er davon halten sollte. Einerseits war er erleichtert, weil sie tats�chlich auf der richtigen Spur waren, doch zugleich war er auch verwirrt. Wenn seine Theorien stimmten, w�rde Arius sich f�r so etwas zuletzt interessieren. Und noch weniger w�rde er es in seinem Schlupfwinkel zur Schau stellen. Aber was g�be es sonst f�r eine Erkl�rung daf�r, wie es hierhergekommen war?</p><p>Als er erneut in die d�steren Winkel des Raumes sp�hte, entdeckte Ezra noch etwas, das ebenfalls an einer der S�ulen befestigt war. Etwas, das sich, soweit er es aus der Ferne beurteilen konnte, als ebenso seltsam erweisen k�nnte.</p><p>Er ging an dem steinernen Springbrunnen vor�ber, dessen Becken trocken und zerbrochen war, und folgte dem Strahl seiner Lampe bis zu einem kleinen Farbklecks in einem vergoldeten Rahmen. Es war ein Aquarell, unverkennbar ein Degas, und als Carter neben ihm stand, sagte Ezra: �Und dies hier geh�rte Kimberly. Sie hatte es in ihrem Ankleidezimmer h�ngen.� Es hing schief an einem rostigen Nagel, der mitten durch das Bild geschlagen worden war. �Er hat sich nicht viel M�he damit gegeben, es richtig aufzuh�ngen�, f�gte er hinzu. Er brauchte nicht auszusprechen, was sie beide wussten: Das Bild war von ihrem fl�chtigen Engel dort angebracht worden. �Aber warum?�, �berlegte Ezra laut. �Warum das Kruzifix? Und warum dieses Bild? Schlie�lich respektiert er weder die religi�se Bedeutung des einen, noch kann er von der Sch�nheit des anderen so verzaubert sein.�</p><p>Carter kannte den Grund, obwohl ihm bei dem Gedanken daran schlecht wurde. In verschiedenen pal�ontologischen Ausgrabungsst�tten hatte er �hnliches gesehen. Geweihe und Kieferknochen, die an H�hlenw�nden hingen, oder eingeschlagene hominide Sch�del, in kleinen Nischen versteckt. �Das ist keine Dekoration�, erkl�rte er. �Er sammelt Souvenirs.�</p><p>Er lie� den Strahl seiner Lampe durch den Raum wandern, und dieses Mal hielt er bei der antiken Statue in der Mitte des Springbrunnens inne. Sie hatte einen klassischen Kopf, von Apollo oder Narziss oder dergleichen, Beth k�nnte ihn sicherlich eindeutig benennen. Der Rest der Statue jedoch war unter einem lose drapierten roten Tuch verborgen. Carter ging n�her heran und stellte fest, dass es sich um einen langen roten Wildledermantel handelte.</p><p>�Was zum Teufel ist das?�, frage Ezra. �Das sieht ja aus wie der Fummel einer Nutte.�</p><p>�So ist es�, sagte Carter. �Der Mantel geh�rte dem Transvestiten, der Arius als Erster gesehen hat.�</p><p>Ezra schwieg. �Noch eine Troph�e?�</p><p>Carter nickte.</p><p>Ezra, dem anscheinend etwas auffiel, das Carter entgangen war, kletterte �ber den Rand des Beckens und zog den Mantel auf. Fl�sternd sagte er: �Aber schau dir an, was darunter ist.�</p><p>Carter richtete den Strahl seiner Taschenlampe darauf, und jetzt konnte er ebenfalls das Pergament erkennen, das gleich einer Haut fest um den Torso der Statue gewickelt war. �Meine Schriftrolle�, sagte Ezra. Hastig schob er den Mantel von den Schultern der Statue und lie� ihn in das trockene Becken fallen.</p><p>�Was tust du da?�, fragte Carter. �Lass die Rolle in Ruhe!�</p><p>�Warum sollte ich?�</p><p>�Hast du schon vergessen, was in deiner Wohnung passiert ist?�</p><p>�Ich habe nicht vor, sie hier zu lassen�, sagte Ezra und warf Carter �ber die Schulter einen finsteren Blick zu. �Es ist die bedeutendste Entdeckung der Weltgeschichte, und dieses Geb�ude wird in wenigen Tagen abgerissen.�</p><p>Erneut drehte er sich um, und ehe Carter ihn aufhalten konnte, hatte er das Ende der Rolle, das �ber die Schulter der Statue drapiert war, zwischen den Fingern. Vorsichtig begann er, die Schriftrolle abzupellen. Kaum begann sich das Pergament zu l�sen, da vernahm Carter das vertraute leise Summen und sah das pulsierende lavendelblaue Licht.</p><p>�Ezra, h�r auf!�</p><p>Doch die Schrift entrollte sich weiter, das Summen wurde lauter und das Licht dunkler. Ezra machte einen Schritt zur�ck, als sei er �berrascht �ber das, was er ausgel�st hatte.</p><p>�Ich habe gesagt, h�r auf�, sagte Carter.</p><p>�Das habe ich doch!�, sagte Ezra, w�hrend die Rolle sich von selbst abwickelte, gleich einer Schlange, die sich von einem d�nnen Baum l�ste.</p><p>Das Licht wurde intensiver, wurde zu einem kr�ftigen pulsierenden Violett. Das Summen wurde durch ein Knistern ersetzt, als w�rden trockene Zweige unter ihren F��en zerbrechen.</p><p>�Komm zur�ck�, sagte Carter und packte Ezra am �rmel, aber Ezra weigerte sich. �Ich glaube nicht, dass sie uns etwas anhaben kann�, sagte er. �Nicht, solange wir den Lehm aus Jerusalem tragen.�</p><p>�Hast du vor, es auszuprobieren?�</p><p>Ezra streckte die Hand aus. �Ja.� Er ber�hrte die Schriftrolle, gerade, als Carter erneut nach seinem Arm griff, und es war, als w�rde pl�tzlich ein heftiger Stromschlag sie beide treffen. Ezra wurde in die Luft gehoben, und mit einem f�rchterlichen dumpfen Ger�usch prallte sein Kopf auf dem Beckenrand auf.</p><p>Carter wurde umgerissen und gegen eine der h�lzernen S�ulen geschleudert. Das Messer, das in seinem G�rtel steckte, schlitterte �ber den Boden.</p><p>In einer senkrechten S�ule aus immer st�rker werdendem Licht wirbelte die Schriftrolle empor und tauchte die Steinmauern des bauf�lligen Wintergartens in einen violetten Glanz. Auf den schmuddeligen W�nden wurden die Worte sichtbar, die einst auf der uralten Haut niedergeschrieben worden waren, sie drehten und wanden sich wie die Schriftrolle selbst.</p><p>Benommen und verbl�fft lag Carter da und begriff pl�tzlich, was diese Worte bedeuteten.</p><p>Sie berichteten nicht nur davon, wer die W�chter waren, welche Gr�uel sie ver�bt hatten und welcher entsetzlichen Strafe sie ausgesetzt waren.</p><p>Diese Worte waren mehr als das. Jemand hatte sie aufgezeichnet, und zwar einer der Bezwinger.</p><p>Sie waren das Protokoll eines Sieges, niedergeschrieben mit dem Blut des Besiegten. Auf seiner ureigenen Haut.</p><p>Auf Arius� Haut.</p><p>Kein Wunder, dass sie zu ihm zur�ckgekehrt war.</p><p>Die Worte, deren Schriftzeichen gespenstisch in die L�nge gezogen wurden, kreisten auf den br�ckeligen Mauern wie Bilder einer magischen Laterne. Sie drehten sich im Kreis, Runde um Runde, und wurden dabei immer schneller. Das violette Licht wurde heller und hei�er, bis es nahezu wei� war. Carter konnte nicht l�nger direkt hineinblicken, sondern musste seine Augen sch�tzen. Die Rolle beschrieb immer engere Spiralen, verwandelte sich in eine Helix aus Wind und Licht, w�hrend sie weiter �ber dem Springbrunnen schwebte.</p><p>Er h�rte Ezra st�hnen.</p><p>Zumindest war er am Leben.</p><p>Wieder blickte er auf die umherwirbelnde Rolle, wie gel�hmt von ihrer Kraft. Gleich einer Feuers�ule drehte sie sich am Platz, wurde so grell und hei�, dass er schlie�lich die Augen zusammenkneifen und den Kopf abwenden musste. Selbst jetzt noch sp�rte er die Kraft, h�rte das Knistern der Hitze. Im Raum befand sich eine lebendige Pr�senz, und in stummem Entsetzen fragte Carter sich, was sie zufriedenstellen w�rde.</p><p>Dann wusste er, selbst mit geschlossenen Augen, dass sie verschwunden war. Der gro�e Raum war wieder dunkel, der Wind und das Knistern waren erstorben. Alles war ruhig.</p><p>Er schlug die Augen auf und wandte sich wieder zum Springbrunnen. Die antike Statue stand allein und unschuldig dort, nur vom blassen Mondlicht angestrahlt, das durch das leere Oberlicht des Wintergartens fiel.</p><p>Die Schriftrolle war verschwunden. Hatte sie sich in Luft aufgel�st? War sie wie eine Flamme erloschen? Durch das offene Dach davongeweht? Nirgendwo entdeckte Carter eine Spur von ihr. Er hielt den Atem an und sagte: �Ezra, bist du verletzt?�</p><p>Er bekam keine Antwort.</p><p>Taumelnd kam er auf die Beine, stieg �ber den Rucksack und ging zu Ezra. Das schwarze Barett hatte sich �ber das Gesicht geschoben, und als Carter es anhob, stellte er fest, dass er die Augen ge�ffnet hatte, aber der Blick ziellos war. �Kannst du mich h�ren?�, fragte er, und dieses Mal nickte Ezra schwach. �Ich bringe dich hier raus. Kannst du aufstehen?�</p><p>Wieder keine Antwort, aber als er seinen Arm unter Ezras Schulter schob, schaffte er es, ihn auf die F��e zu ziehen.</p><p>�Okay, und jetzt ein Schritt nach dem anderen.� Er leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und w�hrend Ezra sich schwankend gegen ihn lehnte, entfernten sie sich langsam vom Springbrunnen. Mit der Lampe leuchtete Carter st�ndig hin und her, um sicherzustellen, dass sie nicht �ber irgendeinen verrotteten Balken oder zerbrochene Dielen stolperten. �Wir lassen es langsam angehen�, erkl�rte er Ezra. �Ganz langsam und gem�tlich.�</p><p>Sie hatten es fast aus dem Raum geschafft, als der Strahl seiner Taschenlampe etwas erfasste, das wie die anderen Troph�en an einem der Holzbalken befestigt war. Er musste es beim Eintreten v�llig �bersehen haben. Carter zerrte Ezra mit sich zu dem Fund und sah, dass es ein St�ck Satinstoff war, das im Licht gl�nzte. Satinstoff am Kragen eines Pyjamas mit Leopardenmuster.</p><p>Genau wie bei Beths Lieblingspyjama. Demjenigen, den sie an dem Abend getragen hatte, als ihre Schlafzimmert�r blockiert gewesen war und das Fenster zur Feuerleiter weit offen gestanden hatte.</p><p>�O mein Gott�, sagte er leise, und Ezra stie� einen Schmerzenslaut aus. Ein Blutstropfen lief ihm aus einem Mundwinkel.</p><p>Carter stopfte die Taschenlampe in seinen G�rtel und nahm dann das Kleidungsst�ck vom Nagel. Er hielt es vor sein Gesicht. Es verstr�mte immer noch ihren Duft. �O mein Gott�, murmelte er noch einmal und betete, dass es, anders als die anderen Troph�en, ein Symbol f�r einen unerf�llten Wunsch war und kein Erinnerungsst�ck.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>38. Kapitel</strong></p></title><p>�Ich bin froh, dass du die Party fr�her verlassen hast�, sagte Abbie, w�hrend sie den Wagen auf die Ausfahrt nach Hudson lenkte. �Je eher wir heute Abend ins Bett kommen, desto fr�her k�nnen wir uns morgen an die Arbeit machen.�</p><p>Beth starrte aus dem Fenster auf die schwarzen B�ume und B�sche, die jetzt die zweispurige Stra�e s�umten. Sie hatte M�he, sich auf das zu konzentrieren, was ihre Freundin sagte. Egal, wie sehr sie dagegen ank�mpfte, ihre Gedanken kehrten immer wieder zu denselben Punkten zur�ck. Arius� Anblick, als er bei der Party auftauchte, den kleinen Blutfleck, den sie selbst jetzt in ihrer Unterhose zu sp�ren meinte. Wenn sie an die letzten paar Wochen zur�ckdachte, sah sie nur eine immer h�her werdende Flut aus schlechten Nachrichten, Problemen und sogar Tod. Einen Kondolenzbrief an Joes Mutter zu schreiben, geh�rte zu den schmerzhaftesten Aufgaben, vor die sie je gestellt worden war.</p><p>�Wir werden nat�rlich auch jede Menge Spa� haben�, sagte Abbie. �In der richtigen Gesellschaft kann es total witzig sein, Vorh�nge aufzuh�ngen.�</p><p>�Ich bin sicher, dass es lustig wird�, sagte Beth pflichtschuldig.</p><p>�F�r diese Vorstellung bekommst du aber nicht gerade einen Oscar�, witzelte Abbie.</p><p>L�chelnd wandte Beth sich ihrer Freundin zu. �Tut mir leid, aber die Party hat mich v�llig geschafft. Ich muss nur mal eine Nacht richtig gut schlafen. Morgen fr�h kann ich es vermutlich kaum noch abwarten, loszulegen.�</p><p>Abbie t�tschelte Beths Handr�cken. �Schlaf ruhig, so lange du willst. Selbst Ben, der das Ganze hasst, musste zugeben, dass er da oben wie ein Baby schl�ft.� Sie wollte gerade hinzuf�gen, dass Beth aussah, als k�nnte sie eine ordentliche Portion Schlaf vertragen, aber dann �berlegte sie es sich anders. Wer h�rte so etwas schon gerne?</p><p>Obwohl sie inzwischen ein Dutzend Mal beim Haus gewesen war, war Abbie daran gew�hnt, dass Ben am Steuer oder neben ihr sa�, so dass sie nie gro� auf die Richtung oder Wegmarkierungen geachtet hatte. Jetzt war es zudem schon dunkel, und sie musste sich konzentrieren und an jeder Kreuzung oder Abbiegung zweimal �berlegen. Musste sie hier scharf links abbiegen oder die andere Stra�e nach links nehmen? Lag die alte Gie�erei immer rechts von ihnen, oder waren sie auf der Anliegerstra�e quer �ber das Gel�nde gefahren? Hin und wieder entdeckte sie etwas Bekanntes, den vertrauten Schriftzug von Quickie Mart auf einem trostlosen Neonschild oder die Tankstelle mit diesen altmodischen Pumpen, wo sie ein paarmal auf dem R�ckweg in die Stadt getankt hatten. Dann wusste sie, dass sie auf dem richtigen Weg war. Aber es war nicht leicht, und die Dunkelheit, die sie von allen Seiten umgab, war tiefer und abweisender, als sie es von den vorigen Fahrten in Erinnerung hatte. Im Grunde ihres Herzens musste sie sich eingestehen, dass sie, trotz ihrer Tagtr�umereien vom einsamen Landleben, nicht oft allein herkommen w�rde. Zumindest nicht abends.</p><p>Als sie schlie�lich die alte Bahnlinie kreuzten, deren Warnschild von Rost und Einschussl�chern arg in Mitleidenschaft gezogen war, wusste sie, dass sie es fast geschafft hatten. Vorsichtig nahm sie die lange, beeindruckende Kurve eines H�gels und wich dem Schlagloch aus, von dem sie wusste, dass es kommen w�rde. Sie bremste und schaltete das Fernlicht an, um die Auffahrt zu ihrem Haus zu finden. Sie wurde teilweise von einer riesigen alten Eiche verdeckt, die wie ein gigantischer Wachposten am Anfang des schmalen Hohlwegs stand.</p><p>�Mein n�chstes Projekt wird irgendeine Lampe sein, damit ich das Haus auch im Dunkeln finde�, sagte Abbie, als sie mit dem Wagen in die Auffahrt einbog.</p><p>�Was ist das?�, sagte Beth, gerade als Abbie selbst es erblickte. Ein orangefarbener Stra�enkegel stand auf der rechten Seite der Auffahrt. Sie erwischte ihn mit der Sto�stange und stie� ihn in einen tiefen Graben, den sie erst jetzt bemerkte.</p><p>�Was ist hier denn los?�, sagte Abbie, riss hektisch den Wagen nach links und hielt an.</p><p>�Sieht nach Stra�enbauarbeiten aus�, sagte Beth und sp�hte die Auffahrt hinunter. Der Graben zog sich den ganzen H�gel hinunter und h�rte kurz vor dem Haus auf.</p><p>�Du hast recht�, sagte Abbie, �das muss die Wasserleitung sein. Sie wird gerade �berall hier in der Gegend erneuert.�</p><p>�Haben sie euch nicht Bescheid gegeben, dass sie jetzt damit anfangen?�</p><p>�Wer liest schon all die Zettel, die man st�ndig bekommt?� Abbie startete den Wagen erneut. �Ich hoffe nur, dass sie uns nicht das Wasser abgestellt haben.�</p><p>Sie fuhren den Rest des Weges hinunter bis zum Haus. Tiefschwarz lag es in der Dunkelheit und war vor den ebenso schwarzen H�geln dahinter fast nicht zu erkennen.</p><p>Abbie bog in die halbrunde Auffahrt ein. Die Reifen knirschten auf dem losen Kies, dann hielten sie neben einem Stapel Baumaterial und einer zusammengeklappten Leiter an. Die Balken und Steine wurden f�r eine zus�tzliche Terrasse an der R�ckseite des Hauses gebraucht. Abbie wollte schon die Scheinwerfer ausschalten, �berlegte es sich dann aber anders.</p><p>�Ich lasse sie an, bis ich das Haus aufgeschlossen habe�, sagte sie, und Beth nickte.</p><p>�K�nnen wir nicht die Vorh�nge bis morgen im Auto lassen?�, fragte Beth, und dieses Mal stimmte Abbie zu. Keine von ihnen wollte es aussprechen, aber beide wollten nichts anderes, als so schnell wie m�glich ins Haus kommen, die T�r hinter sich absperren und jede Lampe im Haus einschalten.</p><p>Abbie stieg aus, lie� die Fahrert�r offen, obwohl ein leiser Warnton einsetzte, und eilte die Holztreppe empor. Auf der Vordertreppe suchte sie zwischen ihren Schl�sseln, bis sie den richtigen gefunden hatte. Anschlie�end musste sie ihn noch eine Weile drehen und r�tteln, bis das Schloss endlich nachgab und die T�r sich �ffnen lie�. Auf der Stelle griff sie nach innen und schaltete die Lampen im Eingang und auf der Terrasse an, ehe sie zum Auto zur�ckkehrte.</p><p>Beth zerrte ihre Taschen von der R�ckbank. Gemeinsam trugen sie das Gep�ck die Treppe hinauf und lie�en es im Foyer fallen. Im Haus war es fast so kalt wie drau�en in der Nacht.</p><p>�Ich stelle die Heizung an�, sagte Abbie. �Die sollte trotz allem funktionieren. Du kannst ja deine Sachen schon ins G�stezimmer bringen.�</p><p>Beth man�vrierte sich samt Tasche um die engen Windungen der Wendeltreppe, was nicht ganz einfach war. Das Haus war als einst�ckiges Geb�ude errichtet worden, und erst einer der sp�teren Eigent�mer hatte den Dachboden ausbauen lassen, so dass die Treppe irgendwie in den bestehenden Grundriss hineingequetscht werden musste. Das G�steschlafzimmer mit dem angrenzenden Badezimmer und einem eigenen Wohnraum nahm das gesamte Dachgeschoss ein.</p><p>Ersch�pft warf Beth ihre Tasche auf das mit einem Quilt bedeckte Bett. Sie hatte den Lichtschalter noch nicht gefunden, so dass es im Zimmer immer noch dunkel war. Sie konnte die nackten Zweige in der aufgegebenen Apfelplantage sehen, und dahinter die in Silber getauchten Umrisse der bauf�lligen Scheune. Ben hatte Witze dar�ber gemacht, dass sie ihre Nachbarn zu einem Scheunenfeuer einladen k�nnten, aber Abbie hatte gesagt, dass ihr die Scheune gefiel und dass sie dem Ort Charakter verlieh. In diesem Moment verst�rkte sie nur Beths Gef�hl, sich am Ende der Welt zu befinden. Wenn die Vorh�nge schon h�ngen w�rden, h�tte sie sie mit einem Ruck zugezogen.</p><p>�Sieht so aus, als k�nntest du doch ein Bad nehmen�, rief Abbie vom Fu� der Treppe. �Der Boiler ist an, und das Wasser l�uft.�</p><p>�Danke�, rief Beth zur�ck. Das Haus war so klein, dass man kaum die Stimme heben musste, um verstanden zu werden. �Ich denke, das werde ich auch tun.�</p><p>�Ich sehe dich dann morgen fr�h�, sagte Abbie. �Wer als Erster wach ist, macht die Kaffeemaschine an.�</p><p>Beth fand den Lichtschalter und schaltete ihn ein. Dann ging sie zum Fenster, das ein paar Zentimeter offen stand. Sie wollte es gerade schlie�en, als sie innehielt. Die Nachtluft war zwar kalt, aber auch so frisch und duftend, dass sie den Geruch noch einen Moment genie�en musste. Es erinnerte sie daran, wie es nach einem Regenschauer im Wald gerochen hatte, als sie eine Reise durch die Cotswolds unternommen hatte. Sie w�rde das Fenster einen Spalt offen lassen, um zur Abwechslung einmal bei frischer Luft und ohne Stadtl�rm zu schlafen. Zu m�de, um ihre Tasche ganz auszupacken, nahm sie nur ihr Nachthemd, den Bademantel und die Toilettenartikel heraus und brachte alles ins Badezimmer, das Abbie und Ben inzwischen hatten renovieren lassen. Jetzt war es mit einem Medizinschr�nkchen aus ge�tztem Glas, einem Porzellanwaschbecken mit zwei vergoldeten Wasserh�hnen und einer gro�en hohen Badewanne auf klauenartigen F��en ausgestattet. Als Beth das hei�e Wasser aufdrehte, fiel ihr ungl�cklicherweise wieder ein, was sie schon beim letzten Mal gest�rt hatte, als Carter und sie f�r ein Wochenende hier gewesen waren: Die Badewanne stand direkt vor einem gro�en Fenster, und es gab weder Vorh�nge noch Jalousien.</p><p>�Wer soll von einem brachliegendem Feld schon zusehen?�, hatte Carter gefragt, wie Beth sich erinnerte. Au�erdem, sagte sie sich, war es fast Mitternacht.</p><p>Trotzdem wandte sie sich vom Fenster ab, als die Wanne voll war und sie sich auszog. Sie h�tte das Badezimmerlicht ausschalten k�nnen, aber nicht heute Abend, nicht hier. Lieber ging sie das Risiko ein, vom unternehmungslustigsten Spanner der Welt entdeckt zu werden, als in einem dunklen Zimmer zu baden.</p><p>Sie h�ngte ihren wei�en Bademantel an die R�ckseite der T�r und stapelte ihre Kleidung unter dem Waschbecken auf, wobei sie besorgt feststellte, dass ihr Slip tats�chlich blutbefleckt war. Anschlie�end fuhr sie mit einem Finger durch das Badewasser. Wenn es noch hei�er w�re, w�rde sie schmelzen. Sie legte ein paar zusammengelegte Handt�cher auf den Toilettensitz neben der Badewanne und stieg, nachdem sie den Kaltwasserhahn etwas weiter aufgedreht hatte, in die Badewanne. Das Wasser war tief, und als sie sich hinsetzte, reichte es bis �ber ihre Knie. Sie lie� sich weiter einsinken, und das Wasser stieg h�her, �ber ihren Bauch und ihre Br�ste. Vorsichtig lehnte sie den Kopf gegen das immer noch kalte Email.</p><p><emphasis>Entspann dich,</emphasis> sagte sie sich. <emphasis>Versuch einfach, dich zu entspannen.</emphasis></p><p>Aber genauso gut h�tte sie auf einen Gefangenen auf dem Weg zum Galgen einreden k�nnen. Noch immer schwirrten ihr tausend Dinge im Kopf herum. Sie musste Carter anrufen, sobald sie aus der Wanne raus war, und sei es nur, um eine Nachricht zu hinterlassen, dass sie wohlbehalten angekommen waren. Und morgen fr�h sollte sie bei der Galerie anrufen, um sich f�r ihr fr�hes Verschwinden von der Party zu entschuldigen. Sie m�sste sogar Bradley Hoyt anrufen, um ihm f�r seine Deckung zu danken.</p><p>Und schlie�lich sollte sie den Gyn�kologen anrufen und sich einen Termin geben lassen, um die Blutung untersuchen zu lassen. Es war nicht n�tig, Dr. Weston damit zu behelligen. Wahrscheinlich hatte sie sich nur irgendeine Infektion eingefangen, das hatte sie schon einmal gehabt. Ein Antibiotikum w�rde gen�gen, und die Sache k�me wieder in Ordnung. Aber bis dahin war es nur noch ein Problem mehr, um das sie sich Sorgen machen w�rde.</p><p>Sie lie� sich noch tiefer in die Wanne sinken, bis das Wasser �ber ihre Schultern stieg. Mit dem ausgestreckten Fu� konnte sie den Wasserhahn erreichen und das Wasser langsam abdrehen, bis nur noch ein warmes Rinnsal �brig blieb. Sie schloss die Augen und versuchte erneut, den Kopf freizubekommen, aber wie sehr sie es sich auch w�nschte, sie schaffte es nicht. Egal, wie angestrengt sie es versuchte, es gab keine M�glichkeit, den Strom der Gedanken aufzuhalten, der unausweichlich und unaufhaltsam zu dem einen Punkt f�hrte, den sie am meisten f�rchtete. Arius.</p><p>Wo war er jetzt? Was wollte er von ihr? Und wie konnte sie ihn jemals loswerden?</p><p>Unwillk�rlich verzog sie das Gesicht zu einer Grimasse, und ein kaltes Grauen ergriff sie, obwohl sie in hei�es Wasser getaucht war.</p><p>Sie hatte das Gef�hl, beobachtet zu werden.</p><p>Sie �ffnete die Augen und sah sich angstvoll im Raum um. Niemand war da.</p><p>Blut hatte das Badewasser rosig gef�rbt und begann gerade �ber den Rand der Wanne zu laufen. Was f�r eine Sauerei, dachte sie, als sie sich aufsetzte und nach dem Wasserhahn griff. Rasch drehte sie daran, aber in die falsche Richtung, und der st�rkere Wasserstrahl verursachte noch mehr Spritzer. <emphasis>Verdammt</emphasis>.</p><p>Sie drehte erneut am Hahn, dieses Mal in die richtige Richtung, aber das Wasser lie� sich trotzdem nicht ganz abstellen. Vielleicht war der Wasserhahn zu lange nicht benutzt worden und klemmte. Sie zog den St�psel aus dem Abfluss, doch dieser widersetzte sich ihr ebenfalls. Ihr blieb nichts anderes �brig, als so schnell wie m�glich aus der Badewanne zu steigen, damit der Wasserspiegel sank, und die Pf�tze mit ein paar Handt�chern aufzuwischen, ehe sie sich noch weiter ausbreitete. Sie wollte gerade aufstehen, als sie erneut dieses Gef�hl hatte, das Gef�hl, nicht allein zu sein.</p><p>Ihr Blick wanderte zu dem gro�en unverh�ngten Fenster. Obwohl es drau�en dunkel war und die frisch geputzten Scheiben nur das Innere des Badezimmers reflektierten, ahnte sie eine Bewegung dahinter. So unglaublich es auch schien, aber irgendetwas schwebte auf der H�he des Dachgeschosses in der Luft. Konnte es sich um einen Vogel handeln? Eine Fledermaus? War es ein Zweig, den sie vorher nicht gesehen hatte und den der Wind jetzt gegen das Glas dr�ckte?</p><p>Ihre Hand auf dem Rand der Badewanne erstarrte. Sie traute ihren Augen nicht, als sie sah, wie der untere Rand des Fensters zitterte, als versuchte jemand, es von au�en aufzuhebeln. Das Fenster war, wie alles im Haus, frisch gestrichen und quietschte, als es gewaltsam nach oben geschoben wurde.</p><p><emphasis>Das passiert nicht wirklich</emphasis>, sagte sie sich. <emphasis>Das geschieht nicht in Wirklichkeit.</emphasis></p><p>Und dann passierte es.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>39. Kapitel</strong></p></title><p>Carter verlie� sich mehr auf sein Ged�chtnis als auf irgendeinen Orientierungssinn. Er war erst einmal in Bens und Abbies Landhaus gewesen, und w�hrend der Fahrt hatte er die ganze Zeit auf der R�ckbank gesessen und nicht auf den Weg geachtet.</p><p>Aber seine Erfahrung bei den Ausgrabungen hatte ihn offensichtlich nicht im Stich gelassen. Selbst bei dieser einen Gelegenheit musste er sich im Geiste Notizen �ber das Terrain und Wegmarkierungen gemacht haben. Erst jetzt, als er sich dem Haus n�herte, musste er bei jeder Abzweigung, jeder Kurve und jeder Kreuzung lange und gr�ndlich nachdenken. Er konnte es sich nicht leisten, auch nur einen einzigen Fehler zu machen.</p><p>Der Wagen hatte Gott sei Dank noch gen�gend Benzin im Tank und fuhr wie ein Traum. Ehe er in Richtung Norden aufgebrochen war, hatte er Ezra mit M�he und Not auf die R�ckbank bugsiert und ihn einmal um die Ecke direkt zur Notaufnahme des Krankenhauses gebracht. Ein Pfleger war mit einem Rollstuhl herbeigeeilt, und Carter hatte sie zum Aufnahmetresen begleitet. So schnell er konnte, gab er ihnen Ezras Daten, Namen, Adresse und Telefonnummer und einen kurzen Bericht dar�ber, was geschehen war. �Er ist mit voller Wucht auf den Bordstein gest�rzt und genau mit dem Kopf aufgeschlagen.� Seiner Meinung nach war das so nah an der Wahrheit wie n�tig. Auf die Frage nach der Krankenversicherung sagte er: �Wissen Sie, wer Sam Metzger ist?�</p><p>�Dieser Immobilientyp?�</p><p>�Ja�, erwiderter Carter. �Dies hier ist sein Sohn.�</p><p>Dann war er zum Auto zur�ckgerannt und gestartet.</p><p>Um diese Uhrzeit herrschte zum Gl�ck nicht viel Verkehr, und sobald er aus der Stadt heraus war, war auf den Stra�en so gut wie nichts mehr los. Er erinnerte sich an die Gie�erei und die Tankstelle mit den altmodischen Pumpen. Beim Bahn�bergang mit dem alten Schild mit Einschussl�chern fiel ihm ein, dass Ben hier einen Witz �ber den lokalen Sport gemacht hatte. Er wusste, dass er ganz in der N�he des Hauses sein musste.</p><p>Was seine Angst nur noch steigerte. Die ganze Zeit �ber hatte er versucht sich einzureden, dass alles in Ordnung sein w�rde und dass Beth hier oben in Sicherheit sei. Er hatte angerufen, aber entweder hatten Ben und Abbie das Telefon noch nicht angemeldet, oder sie hatten eine neue Nummer bekommen. Neben ihm auf dem Beifahrersitz lag das Pyjama-Oberteil mit dem Leopardenmuster, auf Maurys <emphasis>Daily Racing Form</emphasis> und Zigarrenh�llen. Es ging ihr bestimmt gut. Sie war rasch in diesem Schlafzimmer im Dachgeschoss eingeschlafen, und den gr��ten Schrecken w�rde sie bekommen, wenn es mitten in der Nacht an der T�r klopfte.</p><p>Vor sich sah er ein betr�chtliches Schlagloch auf der rechten Spur, an das er sich ebenfalls erinnerte. Abbie hatte hier abgebremst, um ausweichen zu k�nnen.</p><p>Der gro�e alte Baum, der sich �ber der Einfahrt erhob, musste bald kommen.</p><p>Aber was war eigentlich sein Plan? Er musste sich entscheiden, und zwar auf der Stelle. Sollte er einfach hinfahren und an die T�r klopfen? Oder war es vern�nftiger, sich leise zu n�hern und zuerst die Lage zu peilen?</p><p>Da war sie, die alte Eiche, und Carter wurde langsamer. Sich heimlich anzuschleichen w�re das Kl�gste. Als er in die Auffahrt einbog, schaltete er die Scheinwerfer aus. Unter sich in einer Senke konnte er das Haus erkennen. Abbies Wagen parkte davor. So weit, so gut.</p><p>Doch dann gab es einen Rums, und die Reifen begannen wegzurutschen. Er schaltete das Licht wieder an, nur um einen dunklen Graben zu entdecken, der sich an der Seite der Auffahrt entlangzog. Die Reifen rutschten noch weiter nach unten, und pl�tzlich schwankte der Wagen, als er �ber den Rand in den Graben schlitterte und mehr als einen Meter tief im Boden versank. Carter umklammerte den Lenker und trat auf die Bremse, aber da war es schon vorbei, fast so schnell, wie es begonnen hatte. Sein Knie stie� gegen irgendwas, vermutlich gegen die Handbremse, und der Sicherheitsgurt schnitt in seine Brust und Schultern. Der Wagen sa� auf dem Boden des Grabens fest und war auf die rechte Seite gekippt. Die Scheinwerfer strahlten das umgebende schwarze Erdreich an. Aber zumindest war der Airbag nicht aufgegangen.</p><p><emphasis>Was zum Teufel</emphasis> �? Carter stellte den Motor aus, l�ste den Sicherheitsgurt und versuchte, die T�r aufzusto�en. Doch er sa� in einem so merkw�rdigen Winkel fest, dass es zuerst nicht klappte. Er drehte sich auf dem Sitz um und dr�ckte noch einmal kr�ftiger, und jetzt ging die T�r auf. Er musste sie mit einer Hand aufhalten, w�hrend er die Beine hinausschwang. Als die T�r wieder zufiel, landete er auf etwas Rundem, Weichem � einem orangefarbenen Stra�enkegel. Hatte er den Warnhinweis �bersehen, als er in die Auffahrt eingebogen war? Mist, er h�tte das Licht nicht so schnell ausschalten sollen.</p><p>Auf allen vieren kroch er aus dem Graben. Als er sich anschlie�end umdrehte, erkannte er, dass der Wagen so tief verkeilt war, dass man einen Abschleppwagen brauchen w�rde, um ihn wieder herauszuholen.</p><p>Er wandte sich dem Haus zu. Ein paar Lampen waren noch an, und vor dem Geb�ude lag ein Stapel Baumaterial. Als er sich Abbies Wagen n�herte, stellte er fest, dass die neuen Vorh�nge noch auf der R�ckbank lagen. Irgendwie fand er das beruhigend; als sei alles ganz so verlaufen, wie Abbie und Beth es geplant hatten. Zumindest bis jetzt.</p><p>Vielleicht stellte sich ja heraus, dass alles in Ordnung war. Es sah aus, als sei er gerade rechtzeitig gekommen, um weitere Katastrophen abzuwenden.</p><p>Nach dem, was mit Ezra passiert war, und jetzt mit dem Wagen, hatte er f�r heute Nacht von Katastrophen die Nase voll.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>40. Kapitel</strong></p></title><p>Als das Fenster oben am Rahmen anschlug, klirrten die Glasscheiben. Entsetzt kauerte sich Beth im sch�tzenden warmen Wasser der Badewanne zusammen. Erneut schwappte das Wasser �ber den Rand der Wanne.</p><p>Eine kalte B� wehte in den Raum, wirbelte den Wasserdampf auf und verdichtete ihn. In dem Dampf sah sie Arius, als h�tte er sich direkt aus der Schw�rze der Nacht materialisiert. Er trug wieder seinen langen schwarzen Mantel und die runde Brille mit den bernsteinfarbenen Gl�sern.</p><p><emphasis>Ich werde dich immer finden,</emphasis> h�rte sie, als w�rden die Worte in ihrem Kopf widerhallen.</p><p>Beth war sprachlos und konnte sich vor Angst nicht r�hren.</p><p><emphasis>Aber f�rchte dich nicht.</emphasis> Er strich sein goldenes Haar von dem aufgestellten Kragen seines Mantels. <emphasis>Ich w�rde dir niemals weh tun.</emphasis></p><p>Diese Stimme in ihrem Kopf war seltsam tr�stend, vertraut und beruhigend. Aber sie wusste, selbst jetzt, dass sie ihr nicht trauen durfte. Sie wusste, dass sie ebenso unheilvoll wie verf�hrerisch war. Sie wusste, dass es die Stimme des Teufels war.</p><p>�Du hast Joe Russo get�tet�, fl�sterte sie mit bebender Stimme.</p><p>Der Engel gab keine Antwort.</p><p>�Und du hast auch Bill Mitchell get�tet.�</p><p>Wieder nichts. Aber der Dampf schien dichter zu werden und an ihm zu haften, anstatt sich in der kalten Luft zu verziehen. Der Wasserhahn tr�pfelte weiter, ein seltsam heiteres Ger�usch.</p><p>�Warum bist du hier? Was willst du?�</p><p><emphasis>Ich will nur, was du bereits hast.</emphasis></p><p>Beth war verbl�fft. Was konnte sie haben, das er begehren k�nnte? Was konnte sie haben, das dieses Wesen nicht selbst haben konnte?</p><p>Als h�tte er ihre Frage ebenfalls gesp�rt, sagte Arius leise, aber mit h�rbarer Stimme: �Eine Seele.�</p><p>�Du willst � meine Seele?�</p><p>�Nicht f�r mich�, sagte er mit derselben seidigen honigs��en Stimme. �F�r unsere Kinder.�</p><p>Ihr stockte der Atem, und sie begann zu zittern, obwohl sie im hei�en Wasser lag. Die Bewegung schickte eine weitere kleine Welle �ber den Rand der Wanne und vergr��erte die Pf�tze. Bald musste sie die vom Dunst verh�llten F��e des Engels erreichen. Sie sah, wie er den Blick senkte und einen Schritt zur�cktrat.</p><p>�Geht es dir nicht gut?� Solange sie nicht verr�ckt war oder das alles hier �berhaupt nicht passierte, k�nnte sie schw�ren, dass aufrichtige Besorgnis in seiner Stimme mitschwang. Aber was hatte ihre Gesundheit mit dem Wasser zu tun?</p><p>Sie schaute in die Wanne. Das Wasser war immer noch von ihrem Blut get�nt, aber nur ganz leicht. War es das?</p><p>Sie verspritzte noch mehr Wasser �ber den Rand und wartete, ob er noch weiter zur�cktreten w�rde, und das tat er.</p><p>Konnte er das Blut sehen? Konnte er es riechen? Sie wusste, dass er sie aufsp�ren konnte, wie ein Bluthund, also war er m�glicherweise dazu imstande.</p><p>Aber war es das Wasser oder das Blut? Andererseits, dachte sie, was spielte es schon f�r eine Rolle? Es lie� ihn zur�ckweichen, und das gen�gte ihr f�r den Moment. Vielleicht, dachte sie, w�hrend ihre Gedanken sich �berschlugen, k�nnte sie schnell genug gen�gend Wasser aus der Wanne spritzen, um aus der Wanne zu springen und davonzulaufen.</p><p>In diesem Moment h�rte sie Abbies Stimme vom Fu� der Treppe.</p><p>�Beth? Ist alles in Ordnung bei dir da oben?�</p><p>Arius wandte den Kopf zur verschlossenen T�r. Sein Profil war so perfekt, als sei es auf eine M�nze gepr�gt.</p><p>�Raus hier!�, schrie Beth. �Verlass das Haus!�</p><p>�Was?�, rief Abbie, und es klang, als erklimme sie die Wendeltreppe.</p><p>�Raus aus dem Haus, Abbie!�</p><p>�Hier unten zieht es ganz furchtbar�, sagte sie, und ihre Stimme kam n�her. �Ist bei dir irgendwo ein Fenster offen?�</p><p>Arius wandte sich zur T�r, und Beth schrie ihn an: �Nein! Lass sie in Ruhe!�</p><p>Doch er �ffnete die T�r und schloss sie rasch hinter sich. Der Dampf waberte gegen die R�ckseite der T�r, als wollte er ihm folgen.</p><p>Beth kauerte sich im Wasser zusammen, strengte sich an, irgendetwas zu h�ren, aber das einzige Ger�usch war das stete Tr�pfeln des Badewassers auf die kalten wei�en Fliesen. Ihr nasses Haar f�hlte sich an, als sei es an der Stirn und den Seiten des Gesichts gefroren. �O Abbie�, sagte sie zu sich, w�hrend sie darum k�mpfte, ihr eigenes Entsetzen in Schach zu halten, �lauf! Bitte, bitte, lauf!�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>41. Kapitel</strong></p></title><p>Leise schlich Carter auf die vordere Veranda, aber bevor er klingelte, versuchte er die T�r zu �ffnen. Zu seiner Erleichterung war sie h�rbar verriegelt. Trotzdem hielt ihn etwas davon ab, zu klingeln oder zu klopfen. Man konnte es �bertriebene Vorsicht nennen, aber er wusste, dass er nicht hineingehen oder gar einschlafen k�nnte, ehe er nicht zumindest kurz nach dem Rechten gesehen hatte.</p><p>Er machte so wenig Krach wie m�glich und schlich zur R�ckseite des Hauses. Wenn sie nicht geh�rt hatten, wie er mit dem Wagen im Graben gelandet war, w�rden sie ihn vermutlich auch nicht h�ren, wenn er drau�en herumschn�ffelte. Das untere Schlafzimmer war noch hell erleuchtet, und oben im G�stebereich brannte das Licht im Badezimmer. Das Fenster war f�r so eine kalte Nacht ziemlich weit ge�ffnet. Dabei wusste er aus Erfahrung, dass Beth es liebte, das Badezimmer in eine Sauna zu verwandeln, nicht in einen Iglu. Er kauerte sich hinter einen Busch und blickte erneut zu dem unverh�ngtem Fenster des unteren Schlafzimmers.</p><p>Er konnte Abbie auf dem gro�en Messingbett erkennen, die Arme �ber dem Kopf. Sie trug ein wei�es Nachthemd, das an ihren Oberschenkeln nach oben gerutscht und verdreht war. Die Laken waren weggesto�en und hingen auf den Boden, als h�tte sie sich im Schlaf hin und her geworfen. Zumindest von seinem Beobachtungsposten aus schien daran nichts ungew�hnlich zu sein. Sie musste bei eingeschaltetem Licht eingeschlafen sein. Carter passierte das st�ndig, dass er am Morgen mit einem aufgeschlagenen Buch auf der Brust aufwachte, und er f�hlte sich ein wenig schuldig, weil er sie jetzt dabei beobachtete.</p><p>Aber dann schien sich etwas zu ver�ndern. Das Licht im Zimmer ver�nderte sich, als ein Schatten drohend �ber dem Kopfteil aus Messing auftauchte. Jemand war bei Abbie im Zimmer, stand aber so, dass Carter ihn nicht sehen konnte. <emphasis>Bitte,</emphasis> betete er, <emphasis>lass es nur Beth sein. Oder Ben, der seine Pl�ne ge�ndert hat und doch mit ihnen aufs Land gefahren ist.</emphasis> Der Schatten wurde gr��er, und dann sah er, nein, es war nicht Beth. Und auch nicht Ben. Es war eine hochgewachsene Gestalt, steif und gerade wie eine Marmorstatue, mit leuchtend goldenem Haar. W�hrend er mit wachsendem Entsetzen zusah, trat die Gestalt auf das Bett und Abbie zu. Jetzt erkannte Carter, dass sie nicht schlief und dass sie ihre Arme nicht nur �ber den Kopf gelegt hatte. Sie waren irgendwie an die Bettpfosten aus Messing gefesselt.</p><p>Was sollte er tun? Sollte er einen Warnschrei aussto�en? Oder die Scheibe einwerfen? Er sah sich um und entdeckte ein paar lose Ziegel im Dreck. Ben hatte ihm erz�hlt, dass sich an der Stelle einst eine Veranda befunden hatte. Er eiste einen Stein von dem fast gefrorenen Boden los, doch unvermittelt wurde er von einem verstohlenen Ger�usch �ber ihm abgelenkt. Nur wenige Meter von ihm entfernt fielen lose Schuttteile auf den Boden. Er blickte auf und sah einen nackten Fu�, der auf dem steilen absch�ssigen Schindeldach nach Halt suchte. Ein d�nner abgestorbener Zweig fiel vom Dach.</p><p>Dann tauchte Beth auf. Sie trug nichts als den kurzen wei�en Bademantel, den er ihr zum Valentinstag geschenkt hatte. Sie kletterte auf das Dach und schaute verzweifelt in alle Richtungen. Direkt hinter dem Haus fiel der Boden steil ab, und vom Dach bis nach unten waren es gut sechs Meter.</p><p>Carter warf den Stein fort und kroch von dem Busch fort. Ohne ein Wort zu sagen, winkte er mit den Armen, um Beth auf sich aufmerksam zu machen. Fassungslos erstarrte Beth. Selbst von hier unten konnte er ihre vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen erkennen, w�hrend er ihr durch Gesten zu verstehen gab, durchzuhalten. <emphasis>Spring nicht!</emphasis> Er formte die Worte mit dem Mund <emphasis>Warte!</emphasis> Dann rannte er zur Vorderseite des Hauses.</p><p>Er wusste, dass er zwischen den Betonziegeln und Dielenbrettern eine Leiter gesehen hatte. Sie lag zusammengeklappt auf dem Boden, und das Metall f�hlte sich kalt und glatt an, als er es ber�hrte. Er hob die Leiter vom Boden hoch, um jedes Ger�usch zu vermeiden, und schleppte sie zur R�ckseite des Hauses.</p><p>Mit beiden H�nden klammerte Beth sich an die Fensterbank, als Carter sich mit der Leiter abm�hte, um sie aufzuklappen. Beths F��e begannen zu rutschen, und ein Regen aus Dreck und totem Laub l�ste sich von den Schindeln. Carter dr�ckte das zentrale Scharnier mit der Hand nach unten und lehnte die Leiter genau unter das Badezimmerfenster.</p><p>Sie war nicht lang genug.</p><p>�Warte�, fl�sterte er und hoffte, dass sie ihn h�ren konnte, �warte!�</p><p>Rasch kletterte er bis nach oben und streckte die Hand aus. �Lass dich runter�, fl�sterte er. �Ich fang dich auf.�</p><p>Beth lie� eine Hand los und streckte sie Carter entgegen. Er konnte sie immer noch nicht erreichen. �Du musst die andere Hand auch loslassen�, dr�ngte er, und Beth gehorchte widerstrebend. Sie rutschte ein St�ckchen, eine Schindel l�ste sich und rollte �ber ihren Fu�. Doch gerade, als sie vollends die Balance zu verlieren drohte, bekam Carter ihre Hand zu fassen.</p><p>�Halt durch!�, sagte er und zog sie zu sich, w�hrend er schwankend auf der h�chsten Sprosse der Leiter stand. Einen Augenblick glaubte er, sie w�rden beide hinten�ber kippen. Doch Beth bohrte ihre Zehen in die losen Schindeln und bremste ihren Fall. Carter stieg ein paar Sprossen herunter, dirigierte Beth auf die Leiter und langsam nach unten.</p><p>Sobald sie den Boden erreicht hatten, zog er sie in ihre Arme. Sie zitterte, und als er ihr Haar k�sste, stellte er fest, dass es nass und eiskalt war. Er zog ihren Bademantel weiter zu und verknotete den G�rtel.</p><p>�Abbie ��, fl�sterte Beth, �sie ist immer noch drinnen ��</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�� mit ihm�, beendete sie den Satz schaudernd.</p><p>Er musste Beth dazu �berreden, zu verschwinden und sich irgendwo weit weg vom Haus in Sicherheit zu bringen. Aber wohin, und wie? Es war kein anderes Haus zu sehen, und das Auto der Metzgers w�rde nicht so bald aus dem Graben kommen.</p><p>�Du hast nicht zuf�llig Abbies Wagenschl�ssel, oder?� Doch er kannte die Antwort, ehe er die Frage �berhaupt gestellt hatte.</p><p>�Was? Nein.� Beth befreite sich aus seiner Umarmung. �Wir m�ssen ihr helfen.�</p><p>�Beth, du kannst nichts tun�, sagte Carter. �Lass mich dich in Sicherheit bringen, und dann komme ich zur�ck und helfe Abbie, ich schw�re es dir.� Doch wie ein K�mpfer, der schon einiges hatte einstecken m�ssen, taumelte Beth bereits auf das erleuchtete Fenster des unteren Schlafzimmers zu.</p><p>�Beth � bleib stehen�, mahnte er und folgte ihr.</p><p>Aber sie befanden sich bereits beide in dem schwachen Lichtrechteck, das aus dem Fenster nach drau�en fiel. Beth blieb stehen, starrte in das Zimmer mit dem gro�en Messingbett, den dazu passenden Nachttischen und dem orientalischen Teppich. Carter blickte ebenfalls hinein, aber alles was er sah, war ein leerer Raum.</p><p>�O mein Gott�, sagte Beth und trat n�her, den Blick nach oben gerichtet. Jetzt sah auch Carter, was sie entdeckt hatte. Oben an der Zimmerdecke, sich langsam drehend wie ein leuchtender Stern, schwebte Arius. Sein K�rper umschlang Abbies und hielt sie beide in der Luft �ber dem Bett. Ihr Kopf hing im Nacken, als h�tte sie das Bewusstsein verloren, und die Arme, die bis auf einen Bademantelg�rtel an einem Handgelenk nackt waren, baumelten schlaff an den Seiten.</p><p>Arius� Leib pulsierte in einem goldenen Licht, als er sie in seiner Umarmung nahm. Unwillk�rlich musste Carter an einen Naturfilm denken, den er einmal gesehen hatte. Libellen hatten sich mitten in der Luft vereinigt und hektisch mit den Fl�geln geschlagen, w�hrend sie an Ort und Stelle zu stehen schienen.</p><p>Beth hatte den Stein gefunden, den Carter vorhin hineinwerfen wollte, und richtete sich auf.</p><p>�Beth�, sagte er, �was tust du da?�</p><p>�Das muss aufh�ren�, sagte sie heiser, und ehe er sie aufhalten konnte, hatte sie den Stein geworfen, direkt in das Schlafzimmerfenster.</p><p>Das Fenster erzitterte beim Aufprall, tausend kleine Risse bildeten sich wie bei einem Spinnennetz, doch die Scheibe blieb ganz.</p><p>Im Schlafzimmer klammerte Arius sich immer noch an den K�rper seines Opfers, doch langsam wandte er den Kopf zum Fenster.</p><p>Beth hob einen weiteren Stein vom Boden auf und warf erneut. Dieses Mal zersplitterte das besch�digte Fenster, und die Glasscherben st�rzten wie ein Wasserfall herab.</p><p>Arius lie� Abbie los, so dass sie r�cklings aufs Bett fiel.</p><p>Mehr brauchte Carter nicht zu sehen. �Komm�, br�llte er und zog an Beths Hand. �Komm schon!�</p><p>Er zerrte sie vom Haus fort und in die Dunkelheit des dahinterliegenden Feldes. Barf��ig stolperte Beth �ber den unebenen Boden, und Carter musste sie wieder aufrichten und sie weitertreiben. Aber wo sollten sie hin? Am Ende des Feldes, in �ber einhundert Metern Entfernung, lag die aufgegebene Apfelplantage. Die schwarzen Zweige der abgestorbenen B�ume glitzerten im Mondlicht, und dahinter ragte der einzige Schlupfwinkel weit und breit auf.</p><p>�Die Scheune!�, rief er und hielt immer noch Beths Hand fest.</p><p>An seiner Seite taumelte sie weiter, und er konnte an nichts anderes denken, als sie dort zu verstecken und dann zur�ckzukommen und irgendwie Arius zu erledigen.</p><p>Sie rannten auf den Obsthain zu. Die ordentlichen Reihen, in denen die B�ume einst gepflanzt worden waren, waren jetzt unregelm��ig und schwer zu erkennen. Wurzeln ragten aus dem Boden, und verdrehte �ste streckten sich einander entgegen, ber�hrten sich manchmal sogar wie knochige Finger. W�hrend sie rannten, schaute Carter immer wieder zur�ck. Wo war Arius? Warum folgte er ihnen nicht?</p><p>�Wie k�nnen wir � ihn t�ten?�, keuchte Beth.</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Carter und schlug einen spr�den Zweig aus dem Weg.</p><p>Beth wurde langsamer, und Carter sah etwas Dunkles an der Innenseite ihrer Beine. Zuerst dachte er, es sei nur Schmutz, aber dann gl�nzte es matt im Mondlicht, und er erkannte, dass es sich wahrscheinlich um Blut handelte. Sie musste sich geschnitten haben, als sie vom Dach geklettert war, oder an einem der Zweige, die ihnen im Weg lagen.</p><p>�Willst du dich einen Moment ausruhen?�, fragte er. Er blickte zum Haus zur�ck, konnte aber immer noch nichts sehen. Das Licht war an, aber er sah keine Bewegung.</p><p>�Nein, ich kann � weiter�, sagte sie. Trotzdem blieb sie stehen, beugte sich vor und st�tzte die H�nde auf die Knie. Ihr hei�er Atem bildete in der Nachtluft Dampfwolken. Sie hatte ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der jetzt gegen ihre Wange fiel. Z�rtlich legte Carter eine Hand zwischen ihre Schultern.</p><p>�Es wird alles wieder gut�, sagte er und fragte sich, ob das die Wahrheit war. War es m�glich, dass Arius ihnen tats�chlich nicht nachsetzte?</p><p>Oder war er immer noch mit Abbie besch�ftigt?</p><p>�Wie�, fragte Beth, immer noch vorn�bergebeugt, �bist du hierher gekommen?�</p><p>�Ich habe mir Ezras Wagen geliehen.�</p><p>Hoffnungsvoll blickte sie zu ihm empor.</p><p>�Er steckt in einem Graben fest. Unbrauchbar.�</p><p>Erneut lie� sie den Kopf sinken und holte tief Luft.</p><p>�Wir sollten weiter�, sagte Carter. Es brachte nichts, ihr zu erz�hlen, was mit Ezra geschehen war.</p><p>Beth richtete sich auf und zog die Aufschl�ge des Bademantels zusammen. �Es gibt etwas, vor dem er sich f�rchtet�, sagte sie.</p><p>�Was?�</p><p>�Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber es k�nnte Wasser sein.�</p><p>Carters Gedanken �berschlugen sich. Hatte in der Schriftrolle irgendetwas dar�ber gestanden? Hatte Ezra irgendetwas in diese Richtung angedeutet? �Wie kommst du darauf?�</p><p>�Ich habe gerade gebadet, als er mich gefunden hat. Und er hat Abstand gehalten.�</p><p>�Vom Wasser?�</p><p>�Es war aber auch Blut darin.�</p><p>Carter machte ein verwirrtes Gesicht.</p><p>�Ich habe Blutungen.�</p><p>Ehe er die Sache weiterverfolgen konnte, sah er eine Bewegung im Dachgeschoss des Hauses. Er zog Beth hinter einem Busch nach unten, als er eine Gestalt am weit ge�ffneten Badezimmerfenster erblickte.</p><p>�Er ist oben�, sagte Carter.</p><p>Das Licht, das vom Fenster ausstrahlte, wurde heller, als h�tte jemand ein Flutlicht im Raum eingeschaltet.</p><p>�Warum ist er hinaufgegangen?�, sagte Beth. �Er wei� doch, dass ich weg bin.�</p><p>�Vielleicht, weil er von dort besser sehen kann�, erwiderte Carter. �Lass uns weiter.�</p><p>Sie drehten sich um und schlichen mit gesenkten K�pfen durch die B�ume. Als Carter erneut zur�ckblickte, war das Haus dunkel. Es war fast noch be�ngstigender, Arius <emphasis>nicht</emphasis> irgendwo zu sehen. Au�erdem sorgte er sich um Beth. Warum hatte sie Blutungen? Das Blut an ihren Beinen sah frischer und nasser aus als zuvor. Sobald sie die Scheune erreicht hatten, musste er herausfinden, was ihr fehlte, und ihr ein paar von seinen eigenen warmen Kleidungsst�cken geben.</p><p>Und dann? Was konnte er sonst noch tun? Ezra wusste wei� Gott nicht auf alles eine Antwort, aber ein paar hatte er doch gehabt. Jetzt war Carter ganz auf sich allein gestellt. Wenn es in dieser Schriftrolle oder in den Laborergebnissen irgendeinen Hinweis darauf gab, wie er einen Engel besiegen konnte, der so alt war wie die Zeit selbst, musste er ganz allein darauf kommen, w�hrend er auf der Flucht war.</p><p>�ber ihren K�pfen ert�nte ein Ger�usch, wie das Schlagen breiter Schwingen. Als Carter aufblickte, sah er zwischen den Zweigen der kahlen B�ume ein goldenes Licht, das sich rasch �ber den Nachthimmel bewegte. Er wusste, was es war. Das Licht schoss hinauf, bis es nicht gr��er war als ein Stern, verharrte, als sei es festgenagelt, ehe es unvermittelt zur Erde zur�ckst�rzte.</p><p>�Beeil dich!�, sagte Carter, packte Beths Hand und zerrte sie durch den Obsthain. W�hrend sie rannten, h�rten sie ein Rauschen, das wie Wind klang und die ganze Zeit n�her kam. Ein schwaches Licht beleuchtete den dunklen Boden und die abgefallenen Bl�tter vor ihnen.</p><p>Carter zog Beth in ein sch�tzendes Dickicht. Die Zweige zitterten und knackten wie zerbrechende Knochen, und trockenes Laub wirbelte vom Boden auf. Als das Licht wieder schw�cher wurde, dr�ngte Carter: �Komm, weiter.� Die Scheune war nur noch etwa hundert Meter entfernt, aber es gab keine Deckung mehr zwischen ihnen und den lose in den Angeln h�ngenden T�ren. �Wir k�nnen es schaffen.�</p><p>Beth rappelte sich auf und rannte los �ber das offene Gel�nde. Carter schaute nach oben und folgte ihr. Sein hei�er Atem bildete Nebelwolken in der Luft, und sein Knie begann zu schmerzen. Als er mit dem Auto im Graben gelandet war, musste es mehr abbekommen haben, als er anfangs dachte. Trotzdem rannte er weiter auf die alten wei�en Holzt�ren zu und �berlegte fieberhaft, was er tun sollte, sobald sie drinnen waren.</p><p>Der Spalt zwischen den Scheunent�ren war nur schmal, aber Beth schl�pfte rasch hindurch. Carter folgte ihr, drehte sich hastig um und versuchte, die T�ren zuzudr�cken. Aber die Scharniere auf der einen Seite waren kaputt, und die Ecke war fest im Boden verkeilt. Wie kr�ftig er auch schob, die T�r r�hrte sich nicht. Er st�tzte sich mit der Schulter dagegen und probierte es erneut, w�hrend Beth sich auf alle viere niederlie� und wie rasend begann, die Erde und Wurzeln, welche die T�r offen hielten, wegzukratzen. �Wir m�ssen erst das hier wegschaffen�, sagte sie, w�hlte im Dreck und schleuderte ihn beiseite. Carter versuchte, die T�r anzuheben, aber sie war viel zu gro� und schwer. Beth scharrte im Dreck wie ein Hund, der einen Knochen ausgrub, und sagte schlie�lich: �Versuch es noch einmal.�</p><p>Carter schob erneut und trat gegen den unteren Teil. Dieses Mal bewegte sich die T�r quietschend ein paar Zentimeter. �Sie r�hrt sich�, sagte Carter, und Beth grub weiter. Mit seinem gesamten Gewicht lehnte Carter sich an die T�r, bis Beth aufstand und sich ebenfalls dagegenwarf. Das alte Holz knarzte, bewegte sich schlie�lich zitternd und stie� beinahe an den Rand des anderen Torfl�gels. �Das reicht�, sagte Carter, griff nach dem Querbalken und lie� ihn herunter. Doch der Balken tat ihm nicht den Gefallen, ganz herunterzufallen, Carter musste sich auf die Zehenspitzen stellen und mit beiden H�nden daran ziehen, bis die beiden Fl�gel endlich von hinten gest�tzt wurden.</p><p>Endlich war die T�r verschlossen. Keuchend trat er zur�ck. Beth strich sich die Haare aus den Augen und zitterte in ihrem Bademantel. Carter �ffnete den Rei�verschluss seiner Lederjacke und sagte: �Schnell, zieh die hier an.�</p><p>�Nein�, sagte sie schaudernd. Er f�rchtete, dass sie bereits einen Schock erlitten hatte.</p><p>�Doch.� Anstatt zu versuchen, ihr erst den Bademantel auszuziehen, stopfte er einfach ihre Arme in die �rmel und nestelte dann am Rei�verschluss herum. �Wir werden die Sache durchstehen�, sagte er. �Wir werden hier heil rauskommen.�</p><p>Ihr Blick war wild und unfokussiert. Carter zog sie an seine Brust. Mondlicht schimmerte durch die Ritzen zwischen den verrotteten Dachbalken, aber es gen�gte, damit Carter erkennen konnte, dass die Scheune fast leer war. Am anderen Ende machte er ein paar bauf�llige Pferdeboxen aus. Dar�ber befand sich ein gef�hrlich durchh�ngender Heuboden.</p><p>�Sollen wir uns verstecken?�, murmelte Beth in sein Hemd, und Carter antwortete: �Ja, da oben�, und deutete auf den Boden. Der Plan war genauso gut wie jeder andere. Aber er wusste auch, dass es nicht viel brachte. Sicherlich wusste Arius, wohin sie verschwunden waren. Oder w�rde es fr�h genug irgendwie herausfinden.</p><p>Er hielt die wackelige Leiter fest und lie� Beth als Erste hinaufklettern. Der Boden war ziemlich ger�umig, aber an der R�ckseite offen, so dass sie die dunkle Landschaft sehen konnten. Wenn es fr�her einmal T�ren gegeben hatte, waren sie l�ngst verschwunden. Der Holzboden war mit Haufen aus modrigem verfaultem Heu bedeckt, und an den W�nden hingen verloren ein paar rostige Werkzeuge, eine alte Heugabel, eine Harke und eine Hacke. �Zieh den Kopf ein�, sagte Carter und kniete sich neben Beth, �und lass dich nicht blicken.�</p><p>Doch als er begann, sich von ihr zu l�sen, umklammerte sie seinen Arm und sagte: �Wo willst du hin?�</p><p>�Ich lasse dich nicht allein. Ich will mich nur umschauen. Vielleicht gibt es hier etwas, das uns von Nutzen sein k�nnte.� Er hatte gerade ihre Finger von seinem �rmel gel�st und sich erhoben, als die Scheunent�ren gegen den Querbalken schlugen, der sie verschloss.</p><p>�Er ist hier�, st�hnte Beth.</p><p>Carter hatte es gewusst.</p><p>Die T�ren klapperten erneut. Der Querbalken wackelte, und durch den schmalen Spalt zwischen den Torfl�geln schoss ein heller Lichtstreifen wie ein leuchtender Dolch auf den dreckigen Boden.</p><p>�Ich gehe runter�, sagte Carter, doch Beth umklammerte erneut seinen �rmel und sagte: �Nein! Bleib hier!�</p><p>Aber Carter wollte nicht abwarten, bis der Feind zu ihm k�me. Er kletterte die Leiter hinab und schlich verstohlen auf die T�r zu.</p><p>Die Torfl�gel dr�hnten erneut, als w�rden sie von einem Vorschlaghammer getroffen, und ein St�ck Holz flog davon. Carter kroch zur T�r, wartete, bis alles still war und schob dann vorsichtig ein Auge vor die �ffnung.</p><p>Ein anderes Auge starrte ihm direkt entgegen, so nah, dass die Wimpern beinahe seine eigenen ber�hrten.</p><p>�Wir sind eigentlich keine Feinde�, sagte Arius. Sein Atem roch wie ein immergr�ner Wald nach dem Regen. Carter wollte zur�ckspringen, aber etwas hielt ihn an Ort und Stelle. Im Auge des Engels war etwas, eine sich kr�uselnde Flamme in der Iris, die ebenso hypnotisierend wirkte wie der Anblick eines knisternden Feuers.</p><p>�Wir haben ein gemeinsames Interesse.�</p><p>Carter konnte sich denken, was das war, und das schickte einen kalten Schauder �ber seinen R�cken. Ohne den Blick von der �ffnung zwischen den Torfl�geln abzuwenden, wich er ein paar Zentimeter zur�ck. Doch es war, als versuchte er, einer unsichtbaren Macht Widerstand zu leisten. In der Stimme des Engels lag eine eindringliche Verf�hrungskraft, etwas, das sie � vertraut wirken lie�. Wie die Stimme eines alten Freundes, den man seit Jahren nicht gesprochen hatte.</p><p>Und den man zutiefst vermisst hatte.</p><p>Carter hatte das Gef�hl, seine H�nde, seine Gedanken, selbst sein Wille w�rden auf raffinierte Weise umsponnen. Er wusste, was er tun musste, wusste, was er wollte, aber Arius� Stimme, dieses goldene Licht, der frische Waldgeruch �berw�ltigten ihn beinahe.</p><p>Eine lange wei�e Hand, perfekt geformt bis auf den Mittelfinger, von dem nur noch ein Stumpf �brig war, schob sich durch die �ffnung unter den Querbalken, der die T�r verschloss. �Lass uns reden�, sagte Arius ruhig, so wie ein Vermittler der Polizei jemanden ansprechen w�rde, der gerade im Begriff war, von einer Br�cke zu springen.</p><p>Stumm vor Entsetzen sah Carter zu, wie die Finger den Querbalken packten und in die H�he schoben. Der Balken hob sich einen Zentimeter, dann zwei. Er war bereits fast ganz gelockert, als Beth vom Heuboden rief: �Carter! Nein!�</p><p>Es war, als h�tte ihm jemand einen Eimer mit Eiswasser ins Gesicht gesch�ttet.</p><p>�Halt ihn auf, Carter!�</p><p>Er sch�ttelte sich, schaute erneut auf die schmale Hand, die den Querbalken anhob, und stellte fest, dass sie jetzt eher der wei�en kn�chrigen Hand eines Skeletts glich. Es war die Hand, die seinen Freund Joe get�tet hatte, die Hand, die Tod und Zerst�rung �ber die Welt bringen konnte. Krachend riss er den Querbalken nach unten, und die Hand wurde hastig zur�ckgezogen.</p><p>Die T�rfl�gel stie�en erneut gegeneinander.</p><p>Abrupt erlosch das helle Licht auf der anderen Seite, und genauso pl�tzlich herrschte Stille. Kein w�tender Aufschrei, kein ver�rgerter Fluch, nicht einmal Fl�gelschlagen. Carter stand ganz still und lauschte, aber alles, was er au�er seinem eigenen flatternden Atem h�rte, war das Zirpen der Grillen.</p><p>Er trat zur�ck, den Blick immer noch auf die Scheunentore geheftet. �Wo ist er?�, h�rte er Beth fragen.</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Aber er ist doch weg, oder? Das Licht ist verschwunden.� In ihrer Stimme schwang eine Mischung aus Wunschdenken und Beinahe-Hysterie mit.</p><p>Ja, das Licht war verschwunden. Ja, es war kein Ton zu h�ren. Und so sehr Carter auch w�nschte, es k�nnte so einfach sein, wusste er, dass es das nicht war. Er wusste nicht, wo Arius war oder was er vorhatte, aber tief im Herzen war ihm klar, dass er nicht gegangen war.</p><p>Er entfernte sich noch weiter von der T�r. Der einzige Weg, wie er es mit Sicherheit herausfinden konnte, war, das Tor zu �ffnen und sich drau�en umzuschauen.</p><p>Aber dazu war er noch nicht bereit.</p><p>Er drehte sich um und sah Beths Kopf �ber die Kante des Heubodens lugen. Ihr Gesicht war schmutzig und zerkratzt, das dunkle Haar verfilzt, halb an ihrem Kopf angefroren und mit hellen abgebrochenen Strohhalmen verziert. Trotzdem war er sich sicher, dass sie nie in ihrem Leben sch�ner ausgesehen hatte. Erneut erklomm er die Leiter, ohne die Scheunent�r aus den Augen zu lassen. Beth fiel ihm um den Hals. Eine Weile standen sie nur da und wiegten sich behutsam hin und her, ohne ein Wort zu sagen. Er hob eine Hand, um ihr �bers Haar zu streichen, doch als er Beths Zittern sp�rte, legte er sie stattdessen auf den R�cken und versuchte, sie warmzurubbeln. Durch die offene R�ckseite drang kalte Nachtluft auf den Heuboden.</p><p>Wie lange sie auf diese Weise dastanden, h�tte er nicht sagen k�nnen. Er hatte die Augen geschlossen und wollte sie am liebsten nie wieder �ffnen. Er wollte einfach nur Beth festhalten und glauben, dass die Gefahr vor�ber sei. Er wollte sich vorstellen, sie seien in Sicherheit und Abbie im Haus am Leben und unverletzt. Doch das Gef�hl wurde immer dr�ngender, dass er die Augen wieder �ffnen musste, und zwar auf der Stelle. Sie waren nicht mehr allein in der Scheune.</p><p>Er schlug die Augen auf. Es war immer noch dunkel. Er machte <emphasis>Shhh</emphasis> zu Beth und bedeutete ihr, sich auf den Boden zu kauern. Dann drehte er sich um und schaute zu den Holzt�ren. Der Querbalken war immer noch an seinem Platz und die T�ren geschlossen. Nirgends in der Scheune entdeckte er ein Zeichen von Arius, aber das Gef�hl wollte nicht verschwinden, und sein Nacken h�rte nicht auf zu kribbeln.</p><p>�Ihr werdet geboren�, sagte die Stimme, �und schreit.�</p><p>Carter wirbelte herum. Im tiefsten Schatten unter einem Vorsprung hockte Arius auf einem uralten Heuballen. Sein nackter K�rper strahlte im Moment kein Licht ab. Rein und wei� sa� er vollkommen reglos da.</p><p>�Ihr lebt in Angst.� Seine Stimme war grabesdunkel und seltsam schwerm�tig.</p><p>Langsam schob Carter sich zwischen Beth und den Engel.</p><p>�Und ihr sterbt voller Furcht.�</p><p>Beth kauerte sich an der Wand unter den Werkzeugen zusammen.</p><p>�Aber so m�sste es nicht sein.� In der Finsternis unter den Dachsparren war der Engel kaum zu erkennen. �H�tte es nie sein m�ssen.�</p><p>So sehr es Carter auch widerstrebte, den Blick von der reglosen Gestalt abzuwenden, er musste sich nach irgendeiner Art Waffe umschauen. Nach irgendeiner M�glichkeit, zu entkommen. Aber was f�r ein Entkommen konnte das schon sein? Die Leiter w�rden sie niemals erreichen, und ein Sprung vom Heuboden aus auf den harten Boden drau�en k�nnte sie glatt umbringen.</p><p>�Wir waren eure Freunde�, psalmodierte der Engel, �und wir k�nnten es wieder werden.�</p><p>�Nein, das k�nnt ihr nicht�, sagte Beth, und als Carter sich umdrehte, sah er, dass sie die alte Heugabel von der Wand genommen hatte und sie gegen ihren eigenen Bauch hielt. �Ich wei�, was du willst, und ich werde mich eher selbst t�ten, als dass ich das zulasse.�</p><p>�Beth!�, schrie Carter, entsetzt von ihrem wilden Gesichtsausdruck. �Leg das Ding weg!� Er griff nach der Gabel, aber Beth schwang pl�tzlich herum, um ihn abzuwehren und traf dabei aus Versehen seine Hand. �Nein, Carter. Ich meine es ernst!�</p><p>W�hrend Carter seine verletzte Hand umklammerte, erfasste ihn eine pl�tzliche Brise, frisch und nach Wald riechend. Ein schwaches goldenes Licht erf�llte den Heuboden. Klappernd schlug die Heugabel auf dem Holzboden auf.</p><p>Arius leuchtete und zerrte Beth an einem Arm mit sich.</p><p><emphasis>Wie ist er dorthin gekommen?</emphasis></p><p>Er hielt auf die R�ckseite des Bodens zu. Carter traute seinen Augen und seinem Verstand kaum, als er sah, wie sich zwischen Arius� Schulterbl�ttern ein Paar Fl�gel entfaltete.</p><p>Doch es waren nicht die glatten und gefiederten Fl�gel eines Vogels. Was sich da hoch �ber dem Kopf des Engels ber�hrte, waren ledrige fledermausartige Schwingen, die Carter unwillk�rlich an einen Pterodactylus denken lie�.</p><p>�Nein!�, schrie Beth und befreite sich windend aus seinem Griff. Der Engel drehte sich zu ihr um, aber es war zu sp�t. An der Kante des Heubodens schwankte sie kurz, ehe sie schreiend auf den Boden darunter st�rzte.</p><p>�Beth!�, rief Carter, und ehe der Engel reagieren konnte, hatte er die Heugabel aufgehoben und sie ihm in den R�cken gerammt. Eine der rostigen Zinken durchbohrte den Engel an der Seite.</p><p>Aber das war es auch schon. Im n�chsten Moment klappten die gro�en Schwingen nach vorn, und Carter f�hlte sich in Arius� Umarmung gefangen, wie ein hilfloses Tier in den Windungen einer Boa constrictor.</p><p>Je mehr er zappelte und sich wand, desto enger schlossen sich die Schwingen um ihn. Die Luft wurde aus seinen Lungen gepresst, und sobald er versuchte, Atem zu holen, dr�ckte der Engel noch kr�ftiger zu und verhinderte es.</p><p>Er dachte an Beth und ihren Sturz �</p><p>Seine Lungen brannten und sein Herz verausgabte sich.</p><p>� und was sie �ber das Wasser gesagt hatte �</p><p>Sein Blickfeld begann bereits kleiner zu werden.</p><p>� und an die Schriftrolle � in der es hie�, das Blut der Menschen und das Blut der gefallenen Engel �</p><p>Winzige schwarze Punkte begannen vor seinen Augen zu tanzen.</p><p>� d�rfe sich niemals vermischen �</p><p>Als er sp�rte, dass ein schwarzer Nebelschleier sich �ber ihn zu legen begann, zwang er sich, in der Umklammerung der Schwingen den Arm zu heben.</p><p>Seine Lungen kollabierten, sein K�rper sackte zusammen.</p><p>Bis er die schartige Wunde fand, die von der Heugabel stammte, und dem Engel seine blutverkrustete Hand in die Seite presste.</p><p>Arius erschauderte, und der Griff des Engels lockerte sich ein winziges St�ck.</p><p>Doch das gen�gte. Carter gelang es, einen halben Atemzug zu nehmen, dann kratzte er die Wunde an seiner Handfl�che mit den N�geln wieder auf, um das eingetrocknete Blut zu befeuchten. Frisches Blut rann aus der Wunde.</p><p>Arius stie� seinen Atem aus. Der Duft eines regennassen Waldes wurde �berdeckt vom Geruch eines hei�en W�stenwindes.</p><p>Carter dr�ckte seine blutende Hand noch kr�ftiger gegen die Wunde des Engels. Seine Schwingen erbebten, am Anfang nur ein wenig, doch schlie�lich unkontrollierbar. Die Umklammerung lockerte sich noch weiter.</p><p>Carter befreite sich, taumelte in die Ecke des Heubodens und kr�mmte sich keuchend.</p><p>Arius� ge�ffnete Schwingen bebten. Er hielt den Blick nach oben gerichtet und stand da wie eine blendende Lichts�ule. Er brannte heller als je zuvor, doch er glich weniger einem Leuchtfeuer als vielmehr einem au�er Kontrolle geratenen Brand. Hitzewellen wie von einem riesigen Hochofen lie�en das alte Heu in einem knisternden Mahlstrom um seinen Leib herumwirbeln. Er taumelte auf die R�ckseite des Bodens zu, konzentrierte noch einmal seine ganze Kraft und warf sich trotzig dem Nachthimmel entgegen, als wollte er ihn ein letztes Mal verfluchen.</p><p>Auf allen vieren kroch Carter zur �ffnung und sah, wie der Engel ein-, zwei-, dreimal mit den Fl�geln schlug. Jedes Mal trugen sie ihn h�her und weiter davon. Gleich lodernden Segeln schwangen sie �ber die kargen Felder, dem Mond und den Sternen entgegen. Das Licht, das von ihm ausging, wurde kleiner, schw�cher, ferner, bis es schlie�lich vollkommen erlosch und nichts am Himmel zur�cklie� als einen Punkt, der dunkler und leerer zu sein schien, als alles um ihn herum.</p><p>Und dann war selbst er verschwunden.</p><p>Carter hockte auf dem offenen Heuboden, �ber sich nichts als den dunklen Nachthimmel. Unter ihm lag Beth auf einem Haufen aus verrottendem Heu und totem Laub und bewegte sich unter Schmerzen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>42. Kapitel</strong></p></title><p><emphasis>Sommer</emphasis></p><p>�Unten gibt es eine Cafeteria, in der Sie einen Kaffee bekommen, wenn Sie m�chten.�</p><p>Carter hob den Blick vom Fu�boden und nickte der Krankenschwester in der T�r zu. �Danke, mir fehlt nichts.�</p><p>Sie schenkte ihm ein routinem��iges L�cheln und verschwand. In der Ecke liefen im Fernsehen Nachrichten auf CNN mit leise gestelltem Ton. Der gr��te Teil des Landes litt unter einer Hitzewelle. Carter war allein im Raum, dem Wartebereich auf der Entbindungsstation des St. Vincent�s, der allein werdenden V�tern vorbehalten war. Und er wusste, warum.</p><p>In den letzten Monaten waren seine Sorge und Ungewissheit immer weiter angewachsen. Sobald sie erfahren hatten, dass Beth in der Tat schwanger war � �allen Widrigkeiten zum Trotz�, wie Dr. Weston ihnen wiederholt best�tigt hatte �, hatte Carter sich zunehmend grausigere Szenarien ausgemalt. Es war ihm fast unm�glich, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Aber jedes Mal, wenn er auch nur andeutete, dass etwas Schreckliches vor sich ging, dass er Gr�nde hatte zu glauben, das Baby k�nnte nicht auf normale Weise oder nicht gesund zur Welt kommen, wurde er mit einem nachsichtigen L�cheln oder einem Schulterklopfen abgespeist, dazu der eine oder andere Rat �ber das Lampenfieber beim ersten Mal und wie man dar�ber hinwegk�me.</p><p>Doch die Wochen vergingen, und seine �ngste wuchsen, bis schlie�lich die Chance, dass er bei der Geburt im Krei�saal zugelassen w�rde, immer geringer wurden. Als Erster hatte Dr. Weston gewarnt, dass die Geburt m�glicherweise �zu belastend� f�r ihn sein k�nnte, und schlie�lich hatte sogar Beth seine H�nde ergriffen und ihm gesagt, dass ihr wohler dabei w�re, wenn er �in der N�he, aber nicht im selben Raum� w�re. Sie hatte so getan, als sei es eine Frage des Anstands. �Ich will nicht, dass du mich schreien siehst, w�hrend meine Haare am Kopf kleben und meine Beine in der Luft h�ngen.� Aber er wusste, worum es wirklich ging. Er machte alle wahnsinnig.</p><p>�Da bist du ja�, h�rt er jemanden rufen, und Abbie st�rmte herein. �Ich bin sofort gekommen, als ich deine Nachricht erhalten habe.� Sie lie� sich auf den Stuhl neben Carter fallen und legte eine Hand auf sein Knie. �Irgendwelche Neuigkeiten?� Mit der anderen Hand �ffnete sie den obersten Knopf ihrer Bluse und lockerte den Kragen. �Hei� ist es hier.�</p><p>�Allerdings�, sagte er.</p><p>�Puh.� Sie lie� den Blick durch den kleinen nichtssagenden Raum schweifen.</p><p>�Danke, dass du gekommen bist�, sagte er pflichtschuldig. Er wusste, wie schwer es f�r sie sein musste. Ihr letzter Krankenhausaufenthalt lag noch gar nicht lange zur�ck, sie hatte eine Fehlgeburt gehabt.</p><p>�Ich hatte nicht erwartet, dass es so schnell gehen w�rde�, sagte sie.</p><p>�Damit hat niemand gerechnet.�</p><p>�Ich hatte gedacht, wir h�tten noch eine Woche oder so. Ben w�re auch gekommen, aber er ist die ganze Woche in Boston.�</p><p>�Gesch�ftlich?�</p><p>�Nein, er hat da eine Freundin.�</p><p>Als er weder lachte noch irgendeine andere Reaktion zeigte, sagte sie: �Das war ein Witz, Carter. Kein besonders guter, aber trotzdem ein Witz.�</p><p>�Tut mir leid. Ich f�rchte, ich bin etwas abgelenkt.�</p><p>�Dazu hast du jedes Recht. Wie lange bist du schon hier?�</p><p>Carter schaute auf die Uhr �ber dem Fernseher. �Etwa vier Stunden.�</p><p>Abbie nickte.</p><p>Jeden Augenblick konnte es so weit sein. Das war es, was sie dachte. Das war es, was er seit vier Stunden dachte. Jeden Augenblick konnte er die Antwort erhalten. Aber wollte er es auch?</p><p>Abbie tat, als w�rde sie sich den landesweiten Wetterbericht ansehen. Carter konnte sie kaum ansehen, ohne an die grauenvolle Nacht auf dem Land erinnert zu werden. Doch eines war ihm zunehmend klarer geworden: Er war der Einzige, der sich �berhaupt erinnerte. Er hatte festgestellt, dass Abbie nichts mehr von dem wusste, was Arius mit ihr angestellt hatte. Wenn jemals Bilder des �berfalls in ihrem Bewusstsein aufflackerten, wurden sie als nichts weiter als ein Albtraum abgetan, den sie einmal gehabt hatte.</p><p>Genauso war es bei Beth.</p><p>Gewiss, sie erinnerte sich daran, aus dem Badezimmerfenster geklettert, durch den Obsthain gerannt und aus Arius� Umklammerung vom Heuboden gefallen zu sein, aber sie erinnerte sich an nichts, was ihr in jener entscheidenden Nacht in New York vor Monaten zugesto�en war. Als Carter behutsam versucht hatte, es ihr zu erz�hlen, hatte sie zuerst �berrascht und schlie�lich mit wachsendem Entsetzen reagiert. Schlie�lich hatte sie ihm eine Hand auf den Mund gelegt und gesagt: �H�r auf! Ich werde ein Kind bekommen, <emphasis>unser</emphasis> Kind, und ich habe schon genug Sorgen. Rede mir nichts ein, das es noch schwerer machen w�rde.�</p><p>Also hatte er seine Sorgen Dr. Weston vorgetragen. Dieser hatte ihm die Laborergebnisse und Ultraschallbilder gezeigt und ihm geraten, sich zu entspannen. �Aber Sie haben doch selbst erz�hlt, dass Beth unm�glich von mir schwanger werden kann.�</p><p>�Ich bin nicht unfehlbar�, hatte Dr. Weston gesagt. �Es sind schon merkw�rdigere Dinge geschehen.�</p><p><emphasis>Ach, tats�chlich?</emphasis></p><p>�Mr Cox?�, sagte die Schwester und steckte erneut den Kopf durch die T�r. Carter sagte nichts, bis Abbie schlie�lich an seiner statt antwortete. �Ja?�</p><p>�Der Doktor kommt in einer Minute, um mit Ihnen zu reden.�</p><p>Ehe er sie noch irgendetwas fragen konnte, hatte sie sich schon wieder zur�ckgezogen. Was hatte das zu bedeuten: <emphasis>Der Doktor kommt, um mit Ihnen zu reden?</emphasis> Er sah Abbie an, und selbst sie sah ein wenig besorgt aus.</p><p>�Glaubst du, dass irgendetwas nicht stimmt?�, fragte Carter sie.</p><p>Wenig �berzeugend sch�ttelte Abbie den Kopf. �Nein. Wie kommst du darauf?�</p><p>�Der Klang ihrer Stimme. Irgendwie h�rte sie sich unehrlich an.�</p><p>�Ich bin sicher, dass sie viel zu tun hat.�</p><p>�Nein, in ihrer Stimme schwang etwas mit�, beharrte Carter.</p><p>Abbie tat, als w�rde sie etwas tief unten in ihrer Tasche suchen, und Carter stand auf und ging zum Fenster. Sie befanden sich im zehnten Stock, und als er hinausblickte auf die Lichter der Stadt, stellte er fest, dass das alte Sanatorium auf der anderen Stra�enseite verschwunden war. An seiner Stelle ragte das st�hlerne Ger�st des Neubaus der Villager-Genossenschaft in die H�he. Er fragte sich, was Ezra, der sich immer noch in einer Privatklinik im Norden �erholte�, davon halten w�rde. Oder ob es ihn �berhaupt interessierte.</p><p>Erneut h�rte er, wie die T�r ge�ffnet wurde. Als er sich umdrehte, kam Dr. Weston, immer noch im OP-Kittel, gerade herein. Schwei� stand ihm auf der Stirn, und er wischte sich die H�nde mit einem Papierhandtuch ab.</p><p>�Stimmt irgendetwas nicht?�, platzte Carter heraus.</p><p>Der Arzt hob die H�nde. �Im Moment ist alles in Ordnung.�</p><p>�Aber da war etwas?�</p><p>Abbie stand auf, die offene Handtasche griffbereit. Sie kannte Dr. Weston gut, schlie�lich hatte sie Beth empfohlen, sich an ihn zu wenden.</p><p>�Ja�, gab Dr. Weston zu, �aber jetzt ist alles in Ordnung. Warum setzen wir uns nicht?�</p><p>Wie bet�ubt ging Carter zum Sofa und setzte sich neben Abbie. �Ich bin ihre beste Freundin�, sagte sie zum Arzt, w�hrend er sich einen Stuhl heranzog. �Sie k�nnen mir alles erz�hlen.�</p><p>�Ja, ich wei�.� Als er sa�, schaute er Carter an und sagte: �Ich will Ihnen nichts vormachen, es war ein hartes St�ck Arbeit.�</p><p>�Ich wei�, dass es zu fr�h gekommen ist, aber ��</p><p>�Ja, einmal das. Aber bei ihrer Frau sind noch weitere Komplikationen aufgetreten. Sie bekam einen pl�tzlichen Fieberschub ��</p><p>�Ist das ungew�hnlich?�</p><p>�Ja, besonders in dieser H�he. Wir mussten uns beeilen und einen Kaiserschnitt machen, damit wir anschlie�end ihre K�rpertemperatur wieder runterbringen konnten. Wir haben ihr ein fiebersenkendes Mittel gegeben und sie kurz in ein Eisbad gelegt.�</p><p>�Und jetzt?�</p><p>�Ihre Temperatur ist wieder unter Kontrolle Aber sie hat eine Menge Blut verloren.�</p><p>�Brauchen Sie eine Spende?�, sagte Abbie. �Ich k�nnte Ihnen auf der Stelle etwas geben.�</p><p>�Danke, aber Beth hat eine sehr seltene Blutgruppe, AB negativ. Gl�cklicherweise hat sie zwei Konserven Eigenblut gespendet. Wir haben beide gebraucht.�</p><p>�Aber jetzt geht es ihr gut?�, fragte Carter stockend.</p><p>�Ja, es geht ihr gut, und sie ruht sich aus.�</p><p>�Und das Baby?�</p><p>Jetzt l�chelte Dr. Weston. �Dem Baby geht es ebenfalls gut. Er ist geradezu perfekt.�</p><p>�Kann ich sie jetzt sehen?�, fragte Carter.</p><p>�Ja, nat�rlich�, sagte Dr. Weston und erhob sich. �Aber seien Sie gewarnt � sie wird sich noch eine Weile ziemlich benommen f�hlen.�</p><p>Carter stand auf, aber Abbie sagte: �Geh du allein. Ich besuche sie morgen.� Erneut w�hlte sie in ihrer Tasche herum, bis sie schlie�lich ihr Handy herausfischte. �Ich rufe Ben an und erz�hle ihm die gute Neuigkeit.�</p><p>�Okay�, sagte Carter und ber�hrte ihre Hand. Als sie zu ihm emporschaute, lag in ihrem Blick etwas Trauriges und Unergr�ndliches.</p><p>�Gr�� sie ganz lieb von mir�, sagte sie.</p><p>�Mach ich.�</p><p>�Das erste Zimmer links�, sagte Dr. Weston, �aber versuchen Sie, nicht zu lange zu bleiben. Sie hat einiges durchgemacht.� Mit dem Ellenbogen dr�ckte er auf den T�r�ffner in der Wand, und die T�r zur Station �ffnete sich f�r Carter.</p><p>�Ach ja�, sagte Carter, kurz bevor er hineinging, �danke �brigens. F�r alles.�</p><p>�Es war mir ein Vergn�gen�, sagte Dr. Weston. �Noch nie habe ich mich so sehr gefreut, so gr�ndlich danebengelegen zu haben.�</p><p>Allm�hlich f�hlte Carter Erleichterung in sich aufsteigen. Im Stillen hatte er sich seit Monaten vor dieser Nacht gef�rchtet, aber jetzt, da sie gekommen und fast vor�ber war, begannen seine d�steren Vorahnungen endlich zu verblassen. Er hatte einen Sohn, einen normalen Sohn, einen perfekten Sohn, und Beth w�rde wieder gesund werden.</p><p>Er konnte Beths leicht lallende Stimme h�ren, wie sie etwas �ber Eiscreme sagte. Als er in der T�r zum Zimmer stehen blieb, lachte eine Krankenschwester.</p><p>�M�chtest du ein Eis?�, fragte er Beth.</p><p>�Nein�, antwortete die Schwester, �sie sagte, sie m�chte in Eiscreme baden.�</p><p>�Das l�sst sich einrichten�, sagte er und trat n�her ans Bett.</p><p>Nachdem die Schwester gegangen war, streckte Beth eine Hand aus. Das Plastikarmband des Krankenhauses baumelte an ihrem Handgelenk. Im anderen Arm hielt sie ein kleines B�ndel in einer blauen Decke. Sie sah ersch�pft, aber gl�cklich aus.</p><p>�Darf ich dir Joseph Cox vorstellen?�, sagte sie.</p><p>Einhellig waren sie zu dem Schluss gekommen, ihn nach Russo zu benennen.</p><p>Carter trat ans Bett, ergriff ihre feuchte Hand und blickte auf seinen neugeborenen Sohn hinunter. Es gab nicht viel zu sehen, nur ein winziges rotes Gesicht, zusammengekniffene Augen und ein paar feine L�ckchen aus blondem Haar auf dem Kopf. Trotzdem war es das Wunderbarste, das er je gesehen hatte.</p><p>�Ist er nicht wundersch�n?�, fragte sie.</p><p>�Ja�, sagte Carter, �genau wie seine Mutter.� Er verschwieg ihr, dass er sich an das Ei eines Triceratops erinnert f�hlte, das er einmal ausgegraben hatte und das genauso gro� gewesen war wie der Sch�del seines Babys. Mittlerweile hatte er gelernt, dass es besser war, gewisse Dinge f�r sich zu behalten.</p><p>�M�chtest du ihn mal halten?�</p><p>�Aber sicher�, sagte er, obwohl er es gar nicht war. Sie hielt ihm das hellblaue B�ndel hin, und er legte es in seine Armbeuge. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er etwas so vorsichtig angefasst.</p><p>�Puh, bin ich kaputt�, sagte Beth mit einem lauten Seufzer, w�hrend Carter seinen Sohn wiegte. Das Baby wog sogar noch weniger, als er erwartet h�tte. Es wog fast nichts.</p><p>�Wie viel bringt er auf die Waage?�, fragte er.</p><p>�Sie haben es mir gesagt�, sagte sie, die Augen halb geschlossen. �Aber ich habe es vergessen.�</p><p>Langsam ging Carter zum Fenster, immer noch mit dem schlafenden Baby im Arm.</p><p>�Tust du mir einen Gefallen?�, bat Beth. Sie hatte die Augen jetzt ganz geschlossen. �Kannst du das Fenster aufmachen? Es ist so hei� hier drin.�</p><p>�So hei� nun auch wieder nicht�, sagte Carter. �Vielleicht solltest du einfach eine Weile schlafen.�</p><p>�Nur einen Spalt. Ich brauche unbedingt frische Luft.�</p><p>Er besah sich das Fenster und stellte fest, dass es sich mit einer Kurbel �ffnen lie�. Mit der freien Hand nahm er den Griff und �ffnete das Fenster ein paar Zentimeter weit.</p><p>�Das ist gut�, sagte Beth und schob sich das Laken von den Schultern. �Ich kann atmen.�</p><p>Vorsichtig schaukelte Carter das Baby, das sich in seinen Armen zu regen begann. Auf der anderen Stra�enseite, hoch oben auf einem Stahltr�ger des Villager-Geb�udes, meinte er eine Bewegung gesehen zu haben.</p><p>Ein Bauarbeiter, so weit oben, zu dieser Uhrzeit? Im Dunkeln?</p><p>Das Baby greinte, und Beth streckte die Arme aus. Carter gab ihn zur�ck, dann beugte er sich vor und hauchte Beth einen Kuss auf die Stirn. Ihre Haut war immer noch warm. Sie schnurrte leise mit geschlossenen Augen.</p><p>�Schlaf ein bisschen�, sagte er. �Ich besuche dich morgen wieder.�</p><p>Er drehte sich um und sp�hte noch einmal angestrengt aus dem Fenster. Erneut suchte er mit Blicken das Stahlskelett auf der anderen Stra�enseite ab.</p><p>Aber jetzt sah er kein Zeichen von irgendjemandem. Das vorhin musste eine T�uschung im Mondlicht gewesen sein.</p><p>Er wollte nicht, dass im Zimmer Zugluft herrschte, und begann, das Fenster zu schlie�en. Doch Beth murmelte: �Ach, lass es doch auf � das Ger�usch ist so sch�n.�</p><p><emphasis>Welches Ger�usch?</emphasis>, dachte Carter. Doch dann h�rte er es ebenfalls.</p><p>Glocken. In der Ferne l�uteten Kirchenglocken. Er blickte auf die Uhr. Es war viertel nach zehn. Der Gro�teil der Stadt lag im Dunkeln.</p><p>Er lie� die Jalousien herunter. Als er zur�ck zum Bett schaute, schliefen Beth und das Baby tief und fest.</p><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>Dank</strong></p></title><p>Ich mache es kurz, versprochen, aber ich m�chte meiner Agentin Cynthia Manson danken, f�r ihre unerm�dlichen Ermunterungen und ihr Vertrauen; meiner Lektorin Natalee Rosenstein daf�r, dass sie auf der Stelle begriffen hat, wo ich hin will, und mir geholfen hat, dorthin zu kommen; und meiner schwer gepr�ften Frau Laurie Drake, die mich in Ruhe hat br�ten lassen.</p></section></body><binary id="cover" 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