<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_horror</genre><author><first-name>Manfred</first-name><last-name>Kluge</last-name></author><book-title>18 Geisterstories</book-title><annotation><p>Schaurige Geschichten von klassischen und modernen Gespenstern.�</p><p>Ausgew�hlt und herausgegeben von Manfred Kluge.</p><empty-line/><p><emphasis>Inhalt:</emphasis></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461763">Laertes</a></p><p><a l:href="#__Toc231461764">Karl Hans Strobl</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461765">Vier Geister in �Hamlet�</a></p><p><a l:href="#__Toc231461766">Fritz Leiber</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461767">Das arme alte Gespenst</a></p><p><a l:href="#__Toc231461768">Heinrich Seidel</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461769">Die Klausenburg</a></p><p><a l:href="#__Toc231461770">Ludwig Tieck</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461771">Der Geisterberg</a></p><p><a l:href="#__Toc231461772">Gustav Adolf Becquer</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461773">G�ste zur Nacht</a></p><p><a l:href="#__Toc231461774">Alexander Puschkin</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461775">Der schwarze Schleier</a></p><p><a l:href="#__Toc231461776">Charles Dickens</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461777">Das wei�e Tier</a></p><p><a l:href="#__Toc231461778">Ein Nachtst�ck</a></p><p><a l:href="#__Toc231461779">Georg von der Gabelentz</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461780">Das geheimnisvolle Telegramm</a></p><p><a l:href="#__Toc231461781">Anonymus</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461782">Der geraubte Arm</a></p><p><a l:href="#__Toc231461783">Vilhelm Bergs�e</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461784">Die Nacht von Pentonville</a></p><p><a l:href="#__Toc231461785">Jean Ray</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461786">Das Gespenst</a></p><p><a l:href="#__Toc231461787">Knut Hamsun</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461788">Der Geist</a></p><p><a l:href="#__Toc231461789">Frederic Boutet</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461790">Die Kleinodien des Tormento</a></p><p><a l:href="#__Toc231461791">Paul Busson</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461792">Altersstarrsinn</a></p><p><a l:href="#__Toc231461793">Robert Bloch</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461794">Der Spuk von Rammin</a></p><p><a l:href="#__Toc231461795">Hanns Heinz Ewers</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461796">Reitet, Colonel!</a></p><p><a l:href="#__Toc231461797">Mary-Carter Roberts</a></p><empty-line/><p><a l:href="#__Toc231461798">Die Stimme aus dem Jenseits</a></p><p><a l:href="#__Toc231461799">Werner Gronwald</a></p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Heyne Anthologie" number="61"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-07-20">20.07.2013</date><id>D6418F61-90E1-4850-AB8D-AC4AEE9083AC</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>1978</year></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/><p>18 Geisterstories</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Hamlet. </emphasis>Wo f�hrst du hin mich? Red, ich geh� nicht weiter.</p><p><emphasis>Geist.</emphasis> H�r an!</p><p><emphasis>Hamlet. </emphasis>Ich will�s.</p><p><emphasis>Geist. </emphasis>Schon naht sich meine Stunde,</p><p>Wann ich den schweflichten, qualvollen Flammen</p><p>Mich �bergeben mu�.</p><p><emphasis>Hamlet. </emphasis>Ach, armer Geist!</p><p><emphasis>Geist. </emphasis>Beklag mich nicht, doch leih dein ernst Geh�r</p><p>Dem, was ich kund will tun.</p><p><emphasis>Hamlet. </emphasis>Sprich! Mir ist�s Pflicht, zu h�ren.</p><p><emphasis>Geist. </emphasis>Zu r�chen auch, sobald du h�ren wirst.</p><p><emphasis>Hamlet. </emphasis>Was?</p><p><emphasis>Geist. </emphasis>Ich bin deines Vaters Geist:</p><p>Verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandern,</p><p>Und tags gebannt, zu fasten in der Glut,</p><p>Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit</p><p>Hinweggel�utert sind. War� mir�s nicht untersagt,</p><p>Das Innre meines Kerkers zu enth�llen,</p><p>So hob� ich eine Kunde an, von der</p><p>Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte,</p><p>Dein junges Blut erstarrte, deine Augen</p><p>Wie Stern� aus ihren Kreisen schie�en machte,</p><p>Dir die verworrnen krausen Locken trennte</p><p>Und str�ubte jedes einzle Haar empor</p><p>Wie Nadeln an dem zorn�gen Stacheltier:</p><p>Doch diese ew�ge Offenbarung fa�t</p><p>Kein Ohr von Fleisch und Blut. � Horch, horch! O horch!</p><p>Wenn du je deinen teuren Vater liebtest �!</p><p><emphasis>Hamlet. </emphasis>O Himmel!</p><p><emphasis>Geist. </emphasis>R�ch seinen schn�den, unerh�rten Mord!</p><p><emphasis>Hamlet. </emphasis>Mord?</p><p><emphasis>Geist. </emphasis>Ja, schn�der Mord, wie er aufs beste ist,</p><p>Doch dieser unerh�rt und unnat�rlich �</p><empty-line/><p><emphasis>William Shakespeare</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Es m�chte an der Zeit sein, die vielfachen und bedauerlichen Irrt�mer, welche �ber die Natur der Gespenster verbreitet sind, einmal n�her zu beleuchten. Eine der rohesten Anschauungen lautet: Ein Gespenst ist eine Gestalt in einem wei�en Bettlaken, welche nachts zwischen zw�lf und ein Uhr Unfug treibt. Ich vermute, da� diese Fabel von einem Liebhaber erfunden ist, den sein Nebenbuhler des Nachts in dieser Vermummung durchgepr�gelt hat. Schon der allgemeine Glaube, da� ein Gespenst sich an gewisse engumschriebene Nachtstunden bindet, zeugt von einer betr�benden Unkenntnis der wirklichen Verh�ltnisse. Ich glaube des Dankes unserer verstorbenen Mitb�rger, welche das Schicksal gen�tigt hat, sich diesem wenig befriedigenden Beruf zu widmen, gewi� zu sein, wenn ich die Ergebnisse meines eingehenden Studiums �ber die Natur und die Eigenschaften der Gespenster zur allgemeinen Kenntnis bringe. Vielleicht geschieht dies am besten, wenn ich ganz einfach in meiner Geschichte fortfahre �</p><p><emphasis>Heinrich Seidel</emphasis></p></section><section><title><p id="__Toc231461763"><emphasis>Laertes von Karl Hans Strobl</emphasis></p></title><p><emphasis>Der �sterreichische Schriftsteller Karl Hans Strobl (1877-1946) wurde mit seinen fantastischen Spukgeschichten, Novellen und Romanen zum Erneuerer und Begr�nder einer Gattung, die im deutschen Sprachraum Gustav Meyrink und Hanns Heinz Ewers fortsetzten. Gespenster, Vampire, Teufel, Hexen, Alben und Lemuren bev�lkern seine Erz�hlungen. So leiht blinde Eifersucht dem ermordeten Darsteller des Laertes in der vorliegenden Erz�hlung aus dem Jahre 1905 noch einmal Gestalt und Maske: Shakespeare, wie ihn nur wenige Theaterfreunde kennen. In der von Hanns Heinz Ewers herausgegebenen Galerie der Fantasten erschien 1921 unter dem Titel �Lemuria� eine Auswahl seiner seltsamen Geschichten.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Der Direktor telefonierte es dem Theatersekret�r, der eben alle Greuel der Wolfsschlucht hinnehmen mu�te, der Theatersekret�r lie� die ungeheure Neuigkeit sofort auf den Regisseur �berstr�men, der Regisseur leitete sie auf Samiel, Agathe und Kaspar weiter, die Agathe sagte es dem Kollegen vom Schauspiel, der sie im Dunkel der Kulissen bewunderte, und wie ein Wasserfall von der H�he st�rzt, rauschte die Nachricht aus den hellen H�hen; ver�stelnd, sich verbreiternd, alle Hindernisse �berspringend, funkelnd und bet�ubend bis zu den untersten Dunkelheiten der Theaterarbeiter. Zwischen Versenkung zwei und drei, zwischen �Abendd�mmerung� und �Mondschein� auf dem Schn�rboden, unter der Br�cke, auf der Agathes Geist erscheint, hinter dem borstigen R�cken des Wildschweines und neben der gro�en Trommel des Wassersturzes fl�sterte man davon. Dann quoll die Nachricht in die Stadt hinaus und brachte die Welt, deren Mittelpunkt die Rarit�ten des Theaters sind, in Aufregung. Der Kellner im Cafe Stadttheater servierte mit der Melange diskret dieses neueste B�hnenereignis und berechnete aus dem �berraschten Aufschauen des Gastes den Tageskurs seines Trinkgeldes. Alle Freunde der Kunst sch�ttelten die K�pfe und die �ltesten unter ihnen konnten gar nicht wieder aufh�ren, als w�ren sie durch den Schrecken in Pagoden verwandelt. Aus dieser Nachricht r�ttelten sich eine Menge von Gespr�chsstoffen, von Vermutungen, von Aphorismen, von guten und schlechten Witzen, wie die B�nder, Str�u�e, Bonbonnieren, Kaninchen aus dem Zylinder eines Magiers.</p><p>Vormittags um elf hatte Josef Prinz dem Direktor mitgeteilt, da� er bereit sei, den Hamlet zu spielen, und als er nachmittags um drei nach Hause kam, erwartete ihn seine Wirtin mit festlich verdoppelten Schminkschichten und vor Erregung etwas mi�ratenen Augenbrauen.</p><p>Ihre Fu�spitzen qu�lten sich mit Schweben ab und ihre Arme klappten auf und nieder, wie die Fl�gel einer verlassenen Windm�hle: �Ich h�re, ich h�re � oh, ich bin au�er mir. Ist es m�glich, Herr Prinz! Oh, Sie wollen uns wieder, ich fasse es nicht � Sie wollen uns wieder Ihren Hamlet schenken. Oh � dieser Monolog! Wie Sie den gesprochen haben �!�</p><p>Prinz dr�ngte an den Windm�hlfl�geln vorbei und k�mpfte sich der T�r seiner Wohnung zu. Zwischen zwei Drehungen und drei Ausrufen entschl�pfte er der Gefahr, nahm auf der Schwelle seiner T�r die Pose eines C�sars an, der einen Weltteil verschenkt, und rief: �Sie sollen eine Freikarte haben.� Dann sch�tzte er sich durch einen starken, einbruchsicheren Riegel. Aber um vier mu�te er dem Theaterdiener �ffnen, der ihm die Rolle und einen Strau� taktloser Fragen und Andeutungen brachte. Um f�nf �bergab ihm der Brieftr�ger dreiundzwanzig Briefchen in zarten Farben von Lila bis Rosa, mit allen Ger�chen von Moschus bis Heliotrop, mit den gl�hendsten Ausdr�cken innigster Verehrung und hei�er Sehnsucht nach dem Wiedersehen des g�ttlichen Hamlet.</p><p>Um halb sechs kam mit der D�mmerung sein Freund Gustav Rietschi. Er fand Hamlet in Grau geh�llt, mit zwei roten Blutflecken des sinkenden Abends auf Brust und Schultern und den Degen sinnend vor sich, da� die schmale Klinge im Halbkreis vom Korb zum Fu�boden sprang. Der Spiegel wiederholte dies alles noch einmal, fahler, grauer und leblos starrer als die Wirklichkeit.</p><p>�Ich h�re, da� du wieder den Hamlet spielen willst.�</p><p>�Ich habe mich dazu entschlossen. Der Direktor hat mir stark zugesetzt, um den Shakespeare-Zyklus zu erm�glichen und ich � warum sollte ich nicht wieder einmal den Hamlet spielen. Meine beste Rolle � l�cherlich!�</p><p>�Wenn du selbst das von damals �berwunden hast, warum solltest du ihn nicht spielen? Gewi�.�</p><p>�Ich � ich habe es �berwunden.� Prinz lie� die Klinge aufspringen, da� sie leise im Korb klirrte. Die blutigen Flecken auf Brust und Schultern breiteten sich im Grau aus, verschwammen und zitterten ins Dunkel hin�ber.</p><p>Der Freund sah den schmalen, schwarzen Streifen der Klinge von der Hand Hamlets ausgehen, wie einen ins Ungewisse gerichteten Willen. �Wie lange ist das schon her?�</p><p>�Du bist gl�cklich, da� du nicht die Jahre z�hlen mu�test. F�nf Jahre Verbannung von dem Besten und H�chsten meiner Kraft.�</p><p>�Ich kann es mir denken, da� dir jede Wiederholung auch alles Entsetzen von damals h�tte furchtbar zur�ckbringen m�ssen.�</p><p>�Eine Laune, mein Lieber, eine Laune. Oder glaubst du vielleicht, mein Gewissen � Willst du vielleicht sagen, da� mehr als ein ungl�cklicher Zufall ��</p><p>�Aber � aber, Prinz! Du scheinst noch immer nicht ganz �berwunden zu haben. Deine Aufregung damals hat deine Nerven stark mitgenommen.�</p><p>�Ja, es war furchtbar, als er so vor mir lag. Blut an seinem Wams und mein Degen voll Blut. Kein Theatertod, von dem man sich erhebt, um sich dem Beifall des Publikums l�chelnd zu verbeugen, sondern der wirkliche Tod. Noch ein paar Zuckungen und Kr�mpfe und dann taub f�r das Klatschen. Dieses Klatschen war furchtbar. Sie wu�ten nichts und glaubten an einen Triumph der Schauspielkunst. Fortinbras mu�te die Worte finden, die uns anderen erstarrt waren.�</p><p>Die Wirtin brachte die Lampe, froh, einen Vorwand gefunden zu haben, um zu Prinz vorzudringen. Aber ihre Liebensw�rdigkeiten und die erh�hte Farbigkeit ihres Gesichts gewannen keine Beachtung. Als sie schmollend gegangen war, legte Hamlet den Degen auf den Tisch. �Ein Zufall, Freund, ein ungl�cklicher Zufall. Ein Versehen des Requisiteurs und der Tod stand unter uns. Ich schw�re dir, ein Zufall.�</p><p>�Es zweifelt niemand daran.�</p><p>�Seitdem trage ich meine eigenen Waffen, von denen ich wei�, da� sie stumpf und unsch�dlich sind.� Er bohrte die Spitze des Degens gegen die Handfl�che, als wollte er einen Richter von seiner Unschuld �berzeugen. �Und doch � wenn sich auf der B�hne die Klingen kreuzen, so zittere ich und meine Fechterk�nste sind nicht besser als die irgendeines Statisten.�</p><p>�Ich habe es bemerkt.�</p><p>�Hast du es bemerkt? Nicht wahr! Vielleicht hat es auch das Publikum bemerkt. Und �berhaupt, wei�t du, ich f�hle mich seitdem nicht mehr voll. Die Kritik schont mich nur. Aber ich will kein Almosen des Beifalls. Wenn ich den Hamlet wieder gespielt habe, bin ich frei. Ich mu� wieder einem Laertes gegen�bertreten, ich mu� ihn sich erheben und l�cheln sehen, wei�t du, dann habe ich dieses greuliche Gespenst besiegt.�</p><p>Er wuchs zu voller Schlankheit empor und fiel aus einer raschen Fechterstellung mit einigen St��en aus, die einen k�rperlosen Feind durchbohrten. Dann sank der Degen wie in Verzweiflung am Sieg. �Du warst � nicht wahr, du warst doch damals meist um mich? Als ich im Nervenfieber lag. Was habe ich in meinen Delirien gesprochen? Ich meine, woraus setzten sich meine Fantasien zusammen?�</p><p>�Bruchst�cke aus Hamlet zumeist. Von Ophelia kam viel vor und auch von Laertes. Du nanntest sie mit ihren b�rgerlichen Namen und warfst die Beziehungen durcheinander. Ein wenig Wirklichkeit war auch dabei, denn ich denke, das Ger�cht von deinem Verh�ltnis mit der Witte hatte doch recht.�</p><p>�Unsinn!�</p><p>�Also nicht? Ich dachte, weil sie doch gleich nachher mit P�nale aus dem Engagement ging. Man sprach davon, und einige wollten wissen, da� es zwischen euch wegen des Laertes-Tiefenbach einen gro�en Krach gab.�</p><p>�Unsinn! Unsinn!�</p><p>�Es scheint dich aber doch beunruhigt zu haben. Du sprachst � freilich waren das Fieberideen.�</p><p>�Nichts als Fieberideen. Mein Gehirn nahm auf, was es davon fand und mengte alles durcheinander. Ich danke dir � aber du sprichst nicht davon, �berhaupt ist es am besten, wenn wir nicht mehr davon sprechen. Komm, Geist meines Vaters, wir wollen gehen und D�mon Alkohol beschw�ren.�</p><p>Sie r�steten sich, gingen an der feierlich bemalten Wirtin vorbei, gro�artig wie K�nige und verschlossen wie Verschw�rer und zitierten im Hinterzimmer der �Blauen Affengattin� den D�mon Alkohol.</p><p>Die Proben zu �Hamlet� wurden diesmal sehr gr�ndlich genommen. Prinz, der mit zusammengebissenen Lippen, bleich und entschlossen auf der B�hne stand, wehrte sich gegen jeden Schlendrian und alles zitterte davor, einen zweiten solchen Ausbruch zu erleben, wie bei der ersten Probe. Er hatte einen nachl�ssigen Statisten gepackt und mit zwei Ohrfeigen in die Kulissen geworfen, da� er winselnd zu den F��en des Polonius niederst�rzte. Der Statist hatte nun den rauhen Hamlet geklagt, aber die anderen h�teten sich doch, durch die Unarten der Proben seinen Zorn aufzurufen. Fast unheimlich, regungslos wie der steinerne Gast stand Prinz unter den in ihrer Stimmung sehr gedr�ckten Kollegen, und die leichten Witze schlichen gebunden in den dunkeln Winkeln umher. Vor seinem unerbittlichen Gesicht zerbrachen die immer bereiten Scherze in armselige Worte voller Bescheidenheit und Angst, als ob hier etwas vor ihnen st�nde, dessen Bedeutsamkeit weit �ber allem Schein der B�hne w�re.</p><p>�Wie einer, der seine eigenen Totenspiele inszeniert�, fl�sterte K�nig Claudius dem Gustav Rietschi zu, der den Geist von Hamlets Vater zu mimen hatte. Der junge Darsteller des Laertes, der erst zwei Jahre im Engagement war, wagte die gef�hrliche Frage nach dem Unfall seines Vorg�ngers. An Rietschis Schweigsamkeit prallte seine Neugierde ab und er mu�te sich mit dem begn�gen, was ihm K�nig Claudius nachmittags beim Tarockspiel an unzusammenh�ngenden Ger�chtfragmenten, barocken Bruchst�cken, gewagten Vermutungen und boshaften Anspielungen mitteilen konnte. Was er da h�rte, regte ihn auf, und er empfand prickelnd die l�sterne Sensation, an eine Stelle zu treten, die vom Tod verflucht und geweiht war. Prinz kleidete sich f�r seine Fantasie in den Panzer des Sonderbaren und Geheimnisvollen, und aus dem einen gefl�sterten Wort stiegen ihm die k�stlichen Wonnen furchtsamen Abscheues auf. Zwischen zwei Runden hatte sich K�nig Claudius weit vorgeneigt, damit es G�ldenstern, der Kiebitz, nicht h�ren k�nne: �Man spricht, aber du wirst davon den Mund halten, da� das damals nicht Zufall war, sondern � na, also Absicht, weil der Tiefenbach mit der damaligen Ophelia �� Ein kr�ftig angesagter Pagatultimo brachte K�nig Claudius auf andere Gleise, und der junge Laertes mu�te sich selbst in den Zauberwald der M�glichkeiten auf die Suche begeben. Sein Eifer und seine nerv�se Anspannung stiegen, je wunderbarer ihm das Erlebnis erschien, mit einem M�rder die Klingen kreuzen zu sollen. Diese Vorstellung lockte ihn an wie ein Abgrund, und er kam sich so interessant vor, wie der B�ndiger einer ungeheuren Gefahr, die unfa�bar und deshalb um so gr��er und sch�ner ist. Er war darum ganz au�er sich und zweifelte an der g�ttlichen Gerechtigkeit, als er am Tag vor der Auff�hrung die Anzeichen einer schweren Influenza f�hlte. Trotzdem er einen Teil seiner Monatsgage in Kognak anlegte, zwang ihn das Fieber nachmittags ins Bett, und der Arzt nahm ihm alle Aussicht auf das gro�e Erlebnis des morgigen Abends.</p><p>Der Direktor und der Theatersekret�r waren nicht weniger verzweifelt, fluchten auf das schlechte Wetter, das den Spielplan gar nicht beachte und griffen gleichfalls zum Kognak. Beim f�nften Glas machte der Sekret�r den Vorschlag, den Laertes durch einen minderen Darsteller zu besetzen. Aber der Direktor fuchtelte ihm seine Gegengr�nde vor das Gesicht: nie � nie � nie w�rde Prinz eine Besetzung durch eine minderwertige Kraft zugeben. �Er will sich doch gewisserma�en rehabilitieren. Gl�nzend einf�hren und alles zeigen, was er kann. Das ist einfach unm�glich.� Beim siebenten Glas endlich erstrahlte der Ausweg in wunderbarer Helle. �Hildemann aus Prag als Aushilfe�, schrie der Sekret�r und erhob sich halb von seinem Samtfauteuil, und �Hildemann aus Prag�, donnerte der Direktor.</p><p>Sie brachten ihren Vorschlag vor Prinz, und er nickte mit der d�steren Miene Hamlets Gew�hrung.</p><p>�Hildemann aus Prag ist gut�, sagte Gustav Rietschi und beschwichtigte den Freund, den der Wechsel doch unruhig machte. �Mit Hildemann brauchst du keine Probe, der ist fest und hat schon mit den besten Leuten gespielt, verla� dich auf ihn.� Hildemann sagte zu und versprach zur rechten Zeit, noch kurz vor der Vorstellung � fr�her war es ihm einfach unm�glich � einzutreffen. F�r Prinz war dieser Tag der Auff�hrung voll kochender Unruhe.</p><p>�Ich h�tte doch gerne noch mit ihm geprobt�, sagte er abends zum Garderobier, als er den Degen umh�ngte. Dann schritt er auf der dunklen B�hne auf und ab und sah in das leere Haus, immer wieder zu dem in die Schleier des Geistes geh�llten Freund zur�ckkehrend. �Ich bin sehr aufgeregt, ich bitte dich, verla� mich nicht.�</p><p>�Kein Wunder, wenn du heute Lampenfieber hast ��</p><p>�Lampenfieber? � Fast m�chte ich sagen Angst � Wei� der Teufel � ist Hildemann schon hier?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Aber er ist gewi� schon hier.�</p><p>Und Prinz wanderte weiter auf der noch mit allem Grauen des Unlebendigen erf�llten B�hne, vom Vorhang zum Rande der Schlo�terrasse von Helsing�r und wieder zur�ck, als ob er mit seinen Schritten die Qual der Einsamkeit zerrei�en wollte. Die Wachen zogen auf und lehnten die Hellebarden an die gemalten T�rme, um sich noch die Stiefel hochzuziehen und die Halskrausen zurechtzumachen, und Hamlet erschauerte vor ihren Schatten, als ob sie aus einer fremden, unbegriffenen Welt �ber die B�hne kr�chen. Aus dem lebhaften, gef�llten Haus, aus dem mit Erwartungen versammelten Publikum kam ihm diesmal keine Zuversicht, und er wagte nicht einer Unruhe nachzufragen, die hinter den Kulissen jemanden zu vermissen schien.</p><p>Das Zeichen zum Beginn ri� ihn empor, und mit einem pl�tzlichen Erschrecken begann er das nun Unwiderrufliche zu bedauern. Die Frage, warum er sich auf dieses grausame Spiel voll unbehaglicher Erinnerungen, voll blutiger Gestalten eingelassen habe, best�rmte ihn, und er hoffte nun, den Sinn des verzweifelten Hin und Her im Hintergrunde der B�hne im Ausbleiben Hildemanns zu finden. Dann war die Auff�hrung unm�glich, mu�te im letzten Augenblick abgesagt werden, und aus allen �ngsten f�hrte f�r ihn ein Weg der Rettung. Aber nach seiner ersten Szene erwartete ihn ein Schatten und trat auf ihn zu.</p><p>�Herr Hildemann?�</p><p>�Herr Prinz?�</p><p>Hamlets Vater scherzte �ber die Versp�tung.</p><p>�Oh, ich bin zuverl�ssig. Wenn ich zugesagt habe, so komme ich sicher.�</p><p>�Wollen wir nicht rasch die letzte Szene probieren.�</p><p>�Das Gefecht? Es ist nicht n�tig. Sie fechten gut, und Sie sollen sehen, da� ich ein t�chtiger Gegner bin. Wir wollen es schon machen ��</p><p>Laertes nahm Abschied von Polonius und Ophelia. Seine Warnung vor Hamlet war trocken und gesch�ftsm��ig und doch seltsam erregend. Dann verschwand er, und als ihn Hamlet, der von einer schreckhaften Unruhe umhergetrieben wurde, suchen wollte, war er nicht zu finden, als w�re er wirklich jenseits eines un�berbr�ckbaren Meeres. Zitternd lag seine Seele in der Szene mit dem Geist seines Vaters auf den Knien. Das unerkl�rliche und Gespenstige des so vertrauten Vorganges wirkte wie Gift auf sein Blut, bis er mit Flimmern in den Augen und Sausen vor den Ohren am Ende fast zusammenbrach.</p><p>Im Publikum antworteten Schauer der Ahnung auf die in die Grenzen der Kunst gezwungene Angst Hamlets. Man f�hlte sich vor der Offenbarung mystischer Ereignisse, vor einer seltsamen Symbiose von Schauspiel und Wirklichkeit und schrieb alle Erregung der unvergleichlichen K�nstlerschaft des Darstellers zu.</p><p>Hamlet erschien an der Rampe und verneigte sich, totenbla� und mit zuckenden H�nden vor dem begeisterten Haus. Dann jagte er wieder Hildemann nach, ohne ihn finden zu k�nnen. Rietschi hatte die Schleier des Geistes zur�ckgestreift und sah aus wie ein Beduinenh�uptling. Er wollte dem Freund durch seinen H�ndedruck von den k�hlen Sch�tzen seiner Ruhe geben. Aber Prinz fa�te ihn und ri� ihn fast um: �H�rst du, h�rst du, das ist gar nicht Hildemann ��</p><p>�Na, erlaube, wer sollte das denn sein ��</p><p>�Hildemann ist�s nicht. Ich kenne ihn nach den Bildern ��</p><p>�Und ich kenne ihn pers�nlich und sage dir, es ist Hildemann ��</p><p>�Merkst du denn nicht, Mensch, um Gottes willen, wie sich unter seinem Gesicht ein zweites immer vorschieben will. Es ist, als ob er zwei Schichten �bereinander h�tte. Ein Gesicht k�mpft mit dem anderen und dr�ngt es zur�ck � aber es wird ausbrechen k�nnen ��</p><p>�Hast du vielleicht aus Angst vor der Influenza zu viel Kognak ��</p><p>�Um Gottes willen! Sieht denn das niemand? � sieht denn das niemand, da� er mich ha�t. In der Szene mit Ophelia � wie er mit den Z�hnen knirschte und mit den Augen rollte, als er von Hamlet sprach. Das ist nicht Spiel, das ist echter Ha� � jenseits aller Maske � Und wo ist er, wo steckt er? Ich will ihn zur Rede stellen.�</p><p>�Willem, fall nit von�s Jer�st.�</p><p>�Mach keine Sp��e. Ich bitte dich, verla� mich nicht � bleib in meiner N�he. Immer in meiner N�he. Ich will dir etwas Schreckliches sagen � ich � ich f�rchte mich.�</p><p>Rietschi begann zu besorgen, da� die Vorstellung mit einer Absage endigen werde und verst�rkte alle suggestiven Kr�fte seiner Freundschaft. Zwischen stumpfsinnigem Br�ten, einer verlorenen Gleichg�ltigkeit, einem hastigen Aufzucken und einer unsteten Reizbarkeit ging die Darstellung des Hamlet weiter. Er gab das Schauspiel eines Verurteilten, der sich vor der Vernichtung in sich verkriecht und dann wieder mit den F�usten gegen die W�nde schl�gt. Der Monolog �ber Sein oder Nichtsein schwankte zwischen melancholischer Teilnahmslosigkeit und furchtbaren Ausbr�chen; die letzten S�tze kamen m�hsam und undeutlich hervor, w�hrend die Z�hne die Lippen zerbissen, da� nach den letzten Worten zwei d�nne Blutstrahlen �ber das nackte Kinn rieselten. So grausam hatte noch nie jemand gelacht, so klirrend und spitz war noch nie der Hohn der B�hne gewesen, eine ganze Sammlung von fein ausgekl�gelten Folterinstrumenten, und das Publikum jubelte und konnte sich vor Entz�cken nicht fassen. Es f�hlte sich mitgerissen, selbst daran beteiligt und empfand die Qualen dieses Gehirns woll�stig an sich, wie das Knirschen der S�ge in den Operationss�len angenehm durch die eigenen Knochen geht.</p><p>Der Theaterarzt kam im Zwischenakt auf die B�hne und fing Hamlet in einer Ecke ein: �Sie reiben sich auf. Was treiben Sie heute?� Aber Prinz lachte, stie� den Arzt grob von sich und rannte, von seinem verzweifelten Freund begleitet, fort, um Hildemann zu suchen. Seine Angst wirkte auf die �brigen Darsteller, und die Vorstellung begann sich �ber den Schein der B�hne zur Ahnung gr��licher Bedeutsamkeit zu erheben. In alle Tiefen durchw�hlt, zitterte die Dichtung, und die Schauspieler sahen sich in den Zwischenakten an, als ob sie nun den eigentlichen Sinn aller dieser Vorg�nge erfahren m��ten.</p><p>�Suchen Sie, suchen Sie�, schrie Hamlet dem Inspizienten, dem Regisseur, den Garderobieren zu, und alle suchten den verschwundenen Laertes.</p><p>Als die Szene seiner R�ckkehr im vierten Akt kam, war er pl�tzlich da, betrat die B�hne und f�gte sich kalt und steinern in das Spiel, als ob er nicht bemerkte, da� die �brigen sich f�rchteten, nahe bei ihm zu stehen. Er besprach mit K�nig Claudius den Mord Hamlets und blieb ruhig und sicher, nur wie von einer heimlichen Freude belebt, als ob sich etwas lang Ersehntes nun endlich unabwendbar erf�llen m��te. Hamlet h�rte hinter der Szene, schwer auf den Freund gest�tzt, alle Heimlichkeiten des Anschlages gespannt an, und es schien, da� er sie wie neue und unerwartete Nachrichten in sich �berwinden m�sse. Seine Unruhe wurde von einer gro�en Schwere erdr�ckt und erstarrte von einem tr�gen, drohenden Kolo�, der aus kleinen, grausamen Augen blinzelt. Aber die Handlung str�mte unaufhaltsam weiter und ri� �ber alle Verz�gerungen hinweg, die Hamlet im Zwischenakt zu erfinden suchte. Man verl�ngerte die Pause, und er geno� sie wie eine Gnadenfrist, stumm mit dem Freund zwischen den Gr�bern auf und ab wandernd, die man f�r die n�chste Szene aufwarf.</p><p>Auf dem Friedhof, am Grabe der Ophelia stie�en Hamlet und Laertes aufeinander. Es war ein Anprall, der das Publikum ersch�tterte, und grauenvoll ernst entspann sich das Ringen in dem offenen Grabe, ein Kampf, dem Hamlet mit leeren Augen und wankenden Knien entkam.</p><p>Den Beifall des Hauses dr�ckte die Angst, und nur Laertes erschien auf der B�hne, mit langen, seltsam schlenkernden Armen und einem L�cheln, das so durchaus unpassend und wirrend schien, w�hrend Hamlet hinter der Szene den Freund umklammert hielt.</p><p>�Das ist der Tod� � er keuchte � �das ist der Tod.�</p><p>�Unsinn; halt aus, dann ist�s zu Ende.�</p><p>�Es ist zu Ende � ja, denn das ist der Tod. Er hatte mich gefa�t und lie� mich noch einmal los. Hast du nicht gesehen, wie sein anderes Gesicht auftauchte, und als er mich pre�te, sp�rte ich � ich sp�rte � er atmet nicht. Er atmet nicht, Mensch!�</p><p>�Du mu�t nachher gleich ins Bett. Du hast Fieber. Es hat dich zu sehr angegriffen. Die Erinnerung ist noch zu stark ��</p><p>�Sie ist wieder lebendig geworden, sie bringt mich um. Dieser Laertes wird mich t�ten. Ich will nicht mehr hinaus ��</p><p>Der Direktor und der Regisseur bek�mpften seinen Widerstand, zerbrachen ihn und jagten Hamlet hinaus.</p><p>�Herr Prinz!� rief der Inspizient.</p><p>�Gleich.� Er packte den Freund bei der Schulter und ri� sein Gesicht zu sich. �Ich mu� dir�s sagen, bevor ich gehe. Einer mu� es wissen. Du! Das damals war kein Zufall. Es war Absicht � Mord. Laertes ist ermordet worden, ich habe ihn umgebracht.�</p><p>�Herr Prinz!!�</p><p>�Ich komme.� Und Hamlet trat zu Horatio in die Halle des Kampfspieles. Laertes stand in der N�he, irgendwo zwischen den Kulissen auf sein Stichwort wartend. Man sah ihn nicht, aber man wu�te, da� er hier war und da� ihn nichts hindern w�rde, die B�hne zu betreten. Von der Angst des Freundes und seinem Gest�ndnis verwirrt, wagte Rietschi nicht, ihn zu suchen und sah nur, wie sich die Vorg�nge der B�hne hinschleppten, wie die Worte Hamlets z�gernd und um kleine Aufenthalte bem�ht, folgten. K�nig Claudius setzte seine ausdrucksvollen, aufgeregten Geb�rden fast in das Gesicht des Theaterarztes, dann ri� auch ihn der Wirbel der Handlung hinaus, wo eine seltsame Spannung zitterte und auf ihre Erl�sung wartete.</p><p>Hinter Rietschi machten zwei Feuerwehrleute halblaute Bemerkungen: �Der Hamlet, der spielt heut, das is a Pracht.�</p><p>�Jo, der sp�llt � wie auf Tod und Leben.�</p><p>Pl�tzlich stand Laertes unter den Personen der Szene. Rietschi sah, wie sich alles ihm zuwandte, zugleich angezogen und abgesto�en und wie sie sich dann alle unwillk�rlich um Hamlet als um einen entgegengesetzten Pol zu sammeln suchten. Das Gef�ge des Dramas schwankte, wie ein vom Sturm berannter Turm, ohne Gefahr des Sturzes, aber gen�gend, um das Zitternd des Baues zu f�hlen. Laertes stand unter den H�flingen, schlank, geschmeidig, l�chelnd, und es schien Rietschi nun selbst, als ob dies nicht Hildemann sein k�nne. Er spielte verhei�ungsvoll mit der Klinge und zwang ihre Geschmeidigkeit zu tollen Linien, die einen Augenblick wie Zeichen in der Luft standen.</p><p>Der Kampf begann. Die Klingen fanden und banden sich, zischten wie Schlangen und begegneten sich in wilden St��en und Paraden. Sie waren rasch und heimt�ckisch, lauernd und brutal, belebte Wesen, die am Rande eines Abgrundes miteinander ringen. Der Kampf zog sich in die L�nge, weit �ber die Dauer eines blo�en Spieles hinaus, und w�hrend der Regisseur verzweifelt auf Fortinbras einsprach, sah Rietschi entsetzt, da� sich Hamlet im Ernst zu wehren hatte und da� ihn Laertes mit einem tollen Feuer von St��en bedr�ngte. Um diesen Kampf bildeten sich Gruppen von Zuschauern, die der unbesonnenen Mimik wirklicher Angst folgten, und selbst die Massen der Statisten belebten sich.</p><p>Da sah Rietschi, da� Laertes mit einem Doppelsto� Hamlets Brust ber�hrte und da� er die Klinge l�chelnd und langsam zur�ckzog. Hamlet st�rzte, b�umte sich auf, griff nach dem Hals und fiel zur�ck. Er langte mit krampfigen Fingern nach dem Kleide der K�nigin und w�lzte sich r�chelnd zur Seite.</p><p>�Vorhang, Vorhang!� schrie der Regisseur, der Theaterarzt rannte Rietschi fast um und dr�ngte sich zu dem Gefallenen. W�hrend der Regisseur vor dem Vorhang in das unruhige Murmeln des Publikums von einem kleinen, bedauerlichen Unfall sprach und um geordnetes Verlassen des Hauses bat, untersuchte der Arzt den K�rper des Verungl�ckten.</p><p>Hamlet war tot.</p><p>�Laertes, Laertes � wo ist Hildemann?� schrie der Direktor, und der Polizeikommiss�r rannte davon, um ihn zu suchen. Aber Laertes war verschwunden.</p><p>Ein Postbote durchbrach den Kreis der kreischenden Frauen und verstummten M�nner mit einem Telegramm an den Direktor. Es enthielt eine sonderbare Nachricht. Der Zug, mit dem Hildemann zur Abendvorstellung eintreffen wollte, war auf halbem Wege durch einen Schienenbruch verungl�ckt. Es gab zwei Tote und einige Schwerverletzte. Und sobald in der n�chsten Bahnstation die Identit�t der Verungl�ckten festgestellt worden war, hatte sich der Stationsvorstand beeilt, die Direktion davon zu verst�ndigen, da� man das Ausbleiben Hildemanns durch seinen Tod entschuldigen m�sse.</p></section><section><title><p id="__Toc231461765"><emphasis>Vier Geister in �Hamlet� von Fritz Leiber</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Fritz Leiber wurde 1910 als Sohn des gleichnamigen Stummfilmstars und Shakespeare-Darstellers geboren. Er studierte an der Universit�t in Chicago, promovierte in Philologie und begann Erz�hlungen f�r Kinder zu schreiben. W�hrend der Zeit der gro�en Depression schlo� sich Leiber der herumziehenden Schauspieltruppe seines Vaters an � er kennt also das Milieu bestens, das er in seiner �Hamlet�-Paraphrase beschreibt �, und spielte in einigen Hollywood-Filmen kleine und kleinste Nebenrollen. Dann gab er die Schauspielerei auf und versuchte es mit Schreiben. 1939 begann er in dem amerikanischen Magazin �Weird Tales� fantastische Geschichten zu ver�ffentlichen.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Schauspieler sind wahrscheinlich deshalb so abergl�ubisch, weil der Zufall eine gewichtige Rolle beim Erfolg einer Theaterproduktion spielt � und weil wir in unserer Lebensweise und Denkart ein wenig n�her mit den Zigeunern verwandt sind als andere Leute. So bringt es zum Beispiel Ungl�ck, auf der B�hne Pfauenfedern zu tragen, bei den Proben die letzte Zeile eines St�ckes zu deklamieren und in der Garderobe zu pfeifen (wer der T�r am n�chsten steht, wird gefeuert) oder gar die Nationalhymne im Zug zu singen (eine kanadische Theatertruppe ist auf diese Weise bankrott gegangen).</p><p>Shakespeare-Darsteller bilden von dieser Regel keine Ausnahme. Sie haben sich lediglich den einen oder anderen Extra-Aberglauben zu eigen gemacht, etwa jenen, demzufolge es streng untersagt ist, die Verse der drei Hexen oder irgend etwas anderes aus <emphasis>Macbeth</emphasis> zu rezitieren, es sei denn bei Auff�hrungen, Proben oder anderen legitimen Anl�ssen.</p><p>In unserer Theatertruppe, der �Governor�s Company� gilt die Regel, da� der Geist in <emphasis>Hamlet</emphasis> seinen gr�nen Schleier aus Nesseltuch erst dann �ber sein behelmtes Gesicht fallen lassen darf, wenn sein Auftritt unmittelbar bevorsteht. Hamlets toter Vater darf also nicht verschleiert in den dunklen Kulissen stehen.</p><p>Dieser letzte Aberglaube erinnert an einen Vorfall, der sich vor nicht allzu langer Zeit ereignete � eine echte Geistergeschichte. Manchmal denke ich, es ist die gr��te Geistergeschichte der Welt � zwar nicht in der geschw�tzigen und armseligen Art, wie ich sie erz�hle, beileibe nicht, sondern vor allem wegen ihrer wunderbaren Atmosph�re und Ausstrahlung.</p><p>Es ist nicht nur eine wahre Erz�hlung aus dem Bereich des �bersinnlichen, sondern mehr noch eine Geschichte �ber Geister und Menschen: dies vor allem.</p><p>Der gespenstische Teil der Geschichte zeigt sich gleich in h�chst trauriger Weise: Drei unserer Schauspielerinnen (also praktisch alle Damen einer Shakespeare-Truppe) pflegten sich in der Stunde, bevor der Vorhang aufgeht, und manchmal auch w�hrend der Auff�hrungen, wenn sie allzu lang auf ihren Auftritt warten mu�ten, mit Sitzungen am Ouija-Brett<a l:href="#n1" type="note">[1]</a> zu besch�ftigen. Sie gingen so sehr in dieser Besch�ftigung auf und plapperten so aufgeregt durcheinander angesichts der Enth�llungen, welche das Brett ihnen vorbuchstabierte � drei � oder viermal verpa�ten sie deswegen sogar ihren Auftritt �, da� der Prinzipal ihnen sicherlich verboten h�tte, das Brett ins Theater mitzubringen, wenn er nicht ein selten toleranter Prinzipal gewesen w�re. Ich bin sicher, da� er mehr als einmal versucht war, das Verbot trotzdem auszusprechen, und er h�tte es auch getan, wenn nicht Props ihn darauf aufmerksam gemacht h�tte, da� sich unsere drei Damen ohne Publikum in der Stille eines Hotelzimmers vermutlich gar nichts aus den Ouija-Sitzungen machen w�rden.</p><p>Props � das ist unser Requisitenmeister Billy Simpson � war fasziniert von der Besessenheit unserer Damen, so wie er von jeder Neuigkeit fasziniert ist, und er w�re durchaus imstande gewesen, unser Shakespeare-Tabu zu durchbrechen und die drei Hexen auf sie herabzubeschw�ren, wenn Props auch nur das geringste Gesp�r f�r die Sprache Shakespeares gehabt h�tte. In der Tat ist Props der einzige in unserer Truppe, der niemals auch nur die kleinste Rolle �bernimmt. Er w�rde nicht einmal einen stummen Speer auf die B�hne tragen. Aber Props hat andere Talente, die diesen Mangel spielend ausgleichen � er kann in zwei Stunden eine B�ste von Pompejus aus Pappmache anfertigen oder einen kaputten Rei�verschlu� reparieren. Damit sind seine Talente noch nicht einmal ersch�pft.</p><p>Was mich selbst betrifft, so war ich sehr verdrossen wegen des l�cherlichen Ouija-Brettes, da es fast die ganze Freizeit von Monica Singleton zu beanspruchen und ihren stets regen Hunger nach Erlebnissen vollauf zu befriedigen schien. Ich versuchte damals gerade eine Romanze mit ihr anzufangen � eine lange Saison auf Tournee wirkt mit der Zeit t�dlich langweilig und ohne einigen Herzenskitzel recht frustrierend � und f�r eine Weile sah es so aus, als machte ich Fortschritte. Aber als dann das Ouija aufkam, f�hlte ich mich wie ein l�cherlicher G�ldenstern, der sich nach einer unerreichbaren und unsichtbaren Ophelia verzehrt. Und genau das waren die Rollen, die ich und sie in <emphasis>Hamlet</emphasis> spielten.</p><p>Ich verfluchte das idiotische Brett mit seinen kindischen Eckfiguren, grinsenden Sonnen und schmunzelnden Monden und windzerzausten Geistern, aber dann entfremdete ich mich Monica noch mehr, als ich sie fragte, warum es nicht Nein-Nein-Brett anstatt Ja-Ja-Brett hie�? Hie� es so, drang ich weiter in sie, weil alle Spiritisten stets das Positive betonen und sich wie ein Pack schwanzwedelnder Ja-Sager benehmen? � Ja, wir sind hier; ja, wir sind Ihr Onkel Harry; ja, wir sind gl�cklich in diesem Flugzeug; ja, wir haben einen Doktor unter uns, der den Schmerz in Ihrer Brust diagnostizieren wird, und so weiter.</p><p>Danach sprach Monica eine Woche lang nicht mehr mit mir.</p><p>Ich w�re sogar noch deprimierter gewesen, wenn nicht Props mir erkl�rt h�tte, da� sich kein Mann aus Fleisch und Blut mit den Geistern in der Einbildung eines M�dchens messen k�nne, da eingebildete Geister alle Vorz�ge und Vollkommenheiten bes��en, von denen ein M�dchen tr�umt. Aber alle M�dchen w�rden eines Tages der Geister m�de, vielleicht nicht in ihrer Fantasie, aber ganz gewi� um ihres K�rpers willen. Dies geschah, der Gottheit sei Dank, in meinem und Monicas Fall recht bald, jedoch erst in dem Augenblick, da wir eine schreckliche, haarstr�ubende Erfahrung machten � eine Nacht des Entsetzens vor der Nacht der Liebe. Bis dahin florierte das Ouija. Der Prinzipal und die restlichen Mitglieder unserer Truppe mu�ten auf die eine oder die andere Art und Weise damit fertig werden, bis dann jener dreit�gige Aufenthalt in Wolverton kam, wo das gleicherma�en traurig und unheimlich anmutende alte Theater unsere drei Ouija-Damen in Versuchung f�hrte, das Brett zu befragen, wer nun eigentlich der Geist w�re, der den gespenstischen Ort heimsuchte: die Planchette buchstabierte den Namen S.H.A.K.E.S.P.E.A.R.E �</p><p>Aber ich greife den Ereignissen voraus. Ich habe au�er Monica, Props und dem Prinzipal noch nicht einmal unsere Truppe vorgestellt � und ich habe auch noch nicht den letzten der drei charakterisiert. Wir nennen Gilbert Usher aus reiner Achtung und Zuneigung den Prinzipal. Er ist einer aus der letzten Garde der alten Schauspieler-Manager. Er hat zwar nicht den Namen eines Gielgud oder Olivier oder Evans oder Richardson, aber er hat dennoch die meiste Zeit seines Lebens damit verbracht, Shakespeare am Leben zu erhalten, indem er � wie es Benson einst tat � Shakespeares magisches, a-religi�ses Evangelium in den entferntesten Regionen der Welt, in den Dominions und in den Vereinigten Staaten verbreitete. Unsere anderen Schauspieler haben sich noch keinen gro�en Namen gemacht � ich weigere mich, Ihnen meinen eigenen Namen zu verraten! �, aber mit Ausnahme meiner unbedeutenden Person sind sie alle gute Tournee-Schauspieler geworden oder ausgeschieden, falls es ihnen nicht gelang, dies in der ersten Saison zu schaffen. Strapazi�s lange Spielzeiten, viel unbequemes Reisen und kleine Gagen sind unser Schicksal.</p><p>Besagte Spielzeit war bis zu jenem vertrauten Punkt gediehen, an dem sich die St�cke glatt herunterspielen und jeder ein bi�chen m�der ist, als er es sich selbst eingesteht. Dann setzt meist Ruhelosigkeit ein. Robert Dennis, unser j�ngster Schauspieler, schrieb morgens im Hotel an einem Roman �ber das Theaterleben, wie er sagte. Der arme alte Guthrie Boyd hatte wieder zu trinken begonnen, und er trank nach einer Abstinenz von zwei Monaten, die jeden erstaunt hatte, wieder viel zuviel. Francis Farley Scott, unser Star, lie� es sich nicht nehmen, uns immer wieder darauf hinzuweisen, da� er gerade im Begriff stehe, f�r das n�chste Jahr auf eigene Faust ein Shakespeare-Repertoirensemble zu organisieren. Er fing konspirative Gespr�che mit Gertrude Grainger an, unserem weiblichen Star, und zog dauernd einen nach dem anderen von uns beiseite, um uns hypothetische Angebote zu machen, wobei er es stets vermied, die genaue H�he der Gagen zu nennen. F.F. ist genauso alt wie der Prinzipal, der nat�rlich unser wirklicher Star ist, und er hat au�er dem Talent der Selbstverblendung und einer irgendwie grandiosen, eindrucksvollen Art der Darstellung kaum andere Talente. Er sieht stattlich wie ein Operntenor aus, ist ganz kahl und f�hrt deshalb immer ein Sortiment von drei�ig Toupets in allen Farben von rot bis graumeliert mit sich, die er mit schamloser Ungezwungenheit wechselt � er tr�gt sie nicht nur auf der B�hne, sondern auch au�erhalb des Theaters. Es macht ihm nichts aus, da� die Truppe alles �ber seine k�nstliche bunte Haarpracht wei�, denn wir sind Teil seiner Welt der Illusionen, und er ist fest davon �berzeugt, da� die theaterbegeisterten Damen des Ortes, denen er den Hof macht, nichts davon bemerken oder auf jeden Fall die T�uschung achten.</p><p>Jedes Jahr plant F.F. eine eigene Truppe zu gr�nden � es ist ein fester Brauch mitten in jeder Spielzeit �, und jedes Jahr wird nichts daraus, denn er ist ebenso faul und unpraktisch wie eingebildet. Doch F.F. glaubt fest daran, da� er alle Shakespeare-Rollen oder gar alle auf einmal spielen kann, wenn es darauf ankommt; die einzige F.F. Scott-Truppe, die ihn wirklich befriedigen k�nnte, w�re wahrscheinlich eine, in der er als einziger Schauspieler auftr�te � ein einziger und einzigartiger Shakespeare-Monolog. Tats�chlich ist F.F. nur in einer Hinsicht nicht faul, und zwar in seinem Eifer, in jedem St�ck soviel Rollen wie m�glich zu �bernehmen. F.F.�s j�hrliche Intrigen k�mmern den Prinzipal keinen Deut � er wartet vielmehr jedesmal nachsichtig auf F.F. um ihn dann mit eindringlichem Blick zu fixieren und mit rauher Stimme zu fragen, ob er sich nicht seinerseits der Scott-Truppe anschlie�en d�rfe.</p><p>Und ich hoffte nat�rlich, da� jetzt auch Monica Singleton aufh�ren w�rde, die exquisiteste Naive zu spielen, die jemals Shakespeares Weg gekreuzt hatte. (Ich vermute, da� sie ihre Rollen sogar im Schlaf noch probte, obwohl ich meilenweit davon entfernt war, dies genau wissen zu k�nnen.) Es war endlich an der Zeit, da� sie Notiz von mir nahm und nicht nur Vorteile aus meinen devoten Aufmerksamkeiten zog.</p><p>Aber dann kaufte die alte Sybil Jameson das Ouija-Brett, und Gertrude Grainger zwang eine unwillige Monica, ihre Fingerspitzen mit denen der anderen �nur so zum Spaߋ auf die Planchette zu legen. Am n�chsten Tag lie� Gertrude einigen von uns mit geheimnistuerischer Stimme wissen, da� Monica ein ganz erstaunliches, freilich noch unterentwickeltes mediales Talent habe. Ihr selbst sei so etwas noch nicht begegnet. Von da an war das M�dchen s�chtig auf Ouija. Arme Monica! Ich bef�rchtete, sie w�rde irgendwann aus ihrer selbstauferlegten Shakespeare-Disziplin ausbrechen, und es war schlimm genug, da� es dann wegen des Brettes geschah und nicht meinetwegen. Aus diesem Grunde dem fatalen Brett zu grollen, war eigentlich vollkommen �berfl�ssig, denn Monica h�tte auch mit Robert Dennis auf und davon gehen k�nnen, was unendlich viel schlimmer gewesen w�re, obwohl wir nie ganz sicher waren, was sein Geschlecht betraf. In dieser Hinsicht war ich auch Gertrudes nicht ganz sicher und erlitt Agonien uns�glicher Eifersucht, wenn sie meine Angebetete in ihren Bannkreis zog.</p><p>Allein die Vorstellung, wie sich Gertrudes verwegenes Knie unter dem Ouija-Brett gegen Monicas Knie pre�te, machte mich rasend. Gl�cklicherweise agierten Sybils knochige Knie als Anstandsdamen dazwischen.</p><p>F.F. der nat�rlich auch eifers�chtig war, weil dieses neue Spielzeug Besitz von Gertrudes Geist ergriffen hatte und ihrer beider j�hrliche Intrigen empfindlich st�rte, deutete ziemlich giftig an, da� Monica eines jener habgierigen M�dchen sein m�sse, die Anspruch auf alles erheben, was sie in die Finger kriegen, ob es nun ein Mann oder eine Planchette sei. Aber Props sagte mir, er w�rde alles darauf wetten, da� Gertrude und Sybil die ersten zuf�lligen Fingerbewegungen Monicas aufmerksam registriert h�tten, um das unerfahrene M�dchen, geschickten T�nzern gleich, nach ihrem eigenen Willen zu f�hren, w�hrend Monica glauben sollte, sie sei es, die Gertrude und Sybil f�hre. Manchmal meinte ich, da� F.F. recht hatte, manchmal stimmte ich Props zu. Bisweilen dachte ich sogar, Monica besitze tats�chlich eine �bernat�rliche Gabe, obwohl ich gew�hnlich nicht an derartige Dinge glaube, und dieser Gedanke erschreckte mich zutiefst, denn eine solche Person w�re jederzeit imstande, einen lebenden Mann um eines Geistes willen zu verlassen. Sie war ein so sensitives, feinf�hliges M�dchen, und doch so feurig! Aber immer, wenn sie die Planchette ber�hrte, trat in ihre Augen solch ein leerer Blick, als w�re ihr Geist tief in ihre Fingerspitzen gefahren oder bis zu den Enden von Zeit und Raum entwichen. Einmal lasen die drei mein Charakterbild aus dem Brett heraus, das mich durch seine Genauigkeit best�rzte. Das gleiche geschah mit einigen anderen Leuten aus unserer Truppe. Nat�rlich k�nnten Schauspieler, ziemlich gute Charakteranalytiker sein, sagte Props, wenn sie nicht so verdammte Egozentriker w�ren.</p><p>Nach Charakteranalysen und Zukunftsvorhersagen zeigten unsere drei Hexenschwestern pl�tzlich Interesse f�r die Reinkarnation, und sogleich begannen sie, diesbez�glich das Brett zu befragen, um uns sp�ter zu erz�hlen, was f�r ber�hmte oder v�llig unbedeutende Menschen wir in den vergangenen Leben gewesen seien. Ich war nicht �berrascht, aus ihrem Munde zu h�ren, da� Gertrude Grainger die K�nigin Boadicea gewesen sei. In Sybil Jameson, vernahm ich, h�tten wir eine Reinkarnation der Kassandra vor uns, w�hrend Monica in ihrem fr�heren Leben einmal die wahnsinnige K�nigin Johanna von Kastilien und sp�ter eine hysterische Patientin Janets an der Salpetriere gewesen sei � Dinge, die mich mehr irritierten und erschreckten, als sie es h�tten tun d�rfen. Props habe als �gyptischer Silberschmied unter Hatshepsud und sp�ter als Diener bei Samuel Pepys gelebt � er h�rte sich dies entz�ckt kichernd an. Guthrie Boyd bekam den Imperator Claudius zugewiesen, w�hrend Robert Dennis sich mit Caligula zufrieden geben mu�te. Aus irgendeinem unerfindlichen Grunde sei ich sowohl John Wilkes Booth als auch Lambert Simnel gewesen, was mich in h�chstem Ma�e verunsicherte, denn ich sah in der Ermordung eines amerikanischen Pr�sidenten keine Romanze, sondern allenfalls eine Neurose. Die Tatsache, da� sich beide � Booth und Simnel � als Schauspieler versucht hatten, als Schmierenschauspieler �berdies, best�rzte mich am meisten. Erst sehr viel sp�ter bekannte mir Monica, da� das Brett wahrscheinlich diese Entscheidungen getroffen habe, weil ich einen solch �tragischen, gef�hrlichen, niedergeschlagenen Blick� gezeigt h�tte � eine Enth�llung, die mich �berraschte und die mir zugleich schmeichelte.</p><p>Auch Francis Farley Scott war geschmeichelt, als er h�rte, da� er einmal Heinrich VIII. gewesen sei. Er stellte sich alle Ehefrauen Heinrichs vor und trug nach dieser Abendvorstellung sein goldblondes Toupet, bis Gertrude, Sybil und Monica uns wissen lie�en, da� der Prinzipal eine Reinkarnation von keinem geringeren als William Shakespeare h�chstpers�nlich sei. Das machte F.F. so eifers�chtig, da� er sich sofort am Requisitentisch niederlie�, einen Federkiel ergriff und uns in einem gelungenen Impromptu vorspielte, wie Shakespeare seinen Hamlet-Monolog �Sein oder Nichtsein� dichtete. Es war eine sehr wirkungsvolle Vorstellung, wenngleich von betr�chtlich mehr Stirngefurche, Augengerolle und Stimmaufwand begleitet, als Willy S. urspr�nglich wohl selbst aufgewendet haben mochte. Als F.F. aufh�rte, applaudierte sogar der Prinzipal, der neben Props unbeobachtet im Schatten gestanden und die Szene beobachtet hatte.</p><p>Der Prinzipal wies die Idee, eine Reinkarnation von Shakespeare zu sein, sp�ttisch entr�stet von sich. Er sagte, da� Willy S. sollte er jemals eine Reinkarnation erleben, bei einem weltber�hmten Dramatiker am besten aufgehoben sei, und geradezu ideal w�re es, wenn dieser heimlich in seiner Freizeit zugleich f�r seinen Nachruhm als der Welt gr��ter Wissenschaftler und Philosoph sorgte, Hinweise auf seine Identit�t einzig und allein in Form mathematischer Gleichungen hinterlassend � in der Art etwa, wie man sp�ter hinter Shakespeare Bacon oder die Baconianer vermutete. Doch meine ich, da� Gilbert Usher, wenn man schon jemanden f�r eine Reinkarnation Shakespeares suchte, gewi� keine schlechte Wahl gewesen w�re. Denn der Prinzipal ist ebenso vornehm und selbstlos, wie Shakespeare selbst es gewesen sein mu�te � ansonsten w�re wohl niemals diese l�cherliche Bacon-Oxford-Marlowe-Elizabeth � �Wer schrieb nun eigentlich Shakespeares Dramen?� � Kontroverse entstanden. Der Prinzipal denkt in milder Melancholie an Shakespeare, obwohl er umg�nglicher und trotz seiner Jahre athletischer ist, als man sich Shakespeare gemeinhin vorstellt. Und er ist �ber die Ma�en freigebig, besonders gegen�ber alten Schauspielern, die bessere Tage gesehen haben.</p><p>Was letzteres betraf, so war ihm in dieser Spielzeit der Mi�griff passiert, Guthrie Boyd f�r einige der schwierigeren Rollen zu engagieren, einschlie�lich einiger Rollen, die gew�hnlich F.F. spielte: Brutus, Othello und daneben Duncan in <emphasis>Macbeth,</emphasis> Kent in <emphasis>King Lear</emphasis> und den Geist in <emphasis>Hamlet.</emphasis> Guthrie war ein l�rmender, schwer trinkender B�r von einem Schauspieler, der sich in Australien als Shakespeare-Darsteller einen gewissen Ruf erworben und mit Erfolg einiges von seiner Reputation in den Westen her�bergeschmuggelt hatte. Es fiel ihm nicht besonders schwer, sein Br�llen zu m��igen, seine Gef�hle waren immer einfach und aufrichtig, wenn auch etwas explosiv gewesen � und schlie�lich ging er sogar f�r einige Jahre nach Hollywood. Aber da man ihm meist nur stupide Filmrollen �berlie�, trank er immer mehr. Seine Frau lie� sich von ihm scheiden. Seine Kinder sagten sich von ihm los. Er heiratete ein Starlet, aber auch dieses trennte sich bald von ihm. Dann verschwand er f�r einige Zeit.</p><p>Nach einigen Jahren traf ihn zuf�llig unser Prinzipal. Guthrie tingelte damals gerade durch Kanada, nur noch ein Schatten seines fr�heren Selbst, aber es war noch immer genug Substanz in diesem Schatten verborgen � und Boyd trank nicht. Der Prinzipal beschlo� also, ihm eine Chance bei sich zu geben, obwohl Harry Grossman, der Manager, strikt dagegen war. W�hrend der Proben und der ersten Auff�hrungsmonate war es wunderbar zu beobachten, wie der alte Guthrie Boyd zu sich selbst fand, so als w�re Shakespeare eine belebende Medizin f�r ihn.</p><p>Es mag t�richt oder sentimental klingen, so etwas zu sagen, aber Sie kennen ja meine Meinung, Shakespeare sei f�r alle und alles gut. Ich wei� von keinem Schauspieler, mich selbst ausgenommen, dessen Charakter nicht durch Shakespeare gest�rkt, dessen Weltbild durch ihn nicht erweitert worden w�re. Ich habe geh�rt, da� Gilbert Usher, bevor er Shakespeare-Darsteller wurde, ein sehr ruheloser, ehrgeiziger und kritischer Mann gewesen sei, nicht ohne Bosheit, aber Shakespeare scheint ihn milde gestimmt zu haben, wie er auch Props� Philosophie gegl�ttet und ihm ein Lebensziel gewiesen hat. In der Tat denke ich manchmal, da� alles, was das britische Volk an zivilisierter Gelassenheit besitzt � dieser kleinen, aber durchaus realen F�higkeit, �ber sich selbst zu lachen � haupts�chlich auf sein gro�es Gl�ck zur�ckzuf�hren ist, da� William in einer seiner Schauspieltruppen geboren worden ist.</p><p>Aber ich wollte gerade berichten, wie Guthrie Boyd entgegen unser aller Erwartungen in diesen ersten Wochen erstaunlich gut spielte, so da� wir kaum noch den Atem anzuhalten oder �ber ihn die Nase zu r�mpfen brauchten. Sein Brutus war k�nstlerisch ausgewogen, sein Kent vortrefflich gelungen � diese Rolle lag ihm besonders �, und regelm��ig erhielt er begeisterte Kritiken f�r seinen Geist in <emphasis>Hamlet.</emphasis> Ich glaube, da� in all den Jahren des lebenden Todes, die er als Alkoholiker durchlitten hatte, in ihm ein tief empfundenes Verst�ndnis f�r Einsamkeit und Verzweiflung erwacht war, das er, wahrscheinlich unbewu�t, bei der Interpretation dieser kleinen Rolle mit gro�er Wirkung einzusetzen wu�te. Guthrie Boyd in der Rolle des Geistes war wirklich eine h�chst eindrucksvolle Gestalt, sogar vom �u�eren her. Das Kost�m ist denkbar einfach: ein gro�er, die ganze Figur einh�llender Umhang, der bis zum Boden reicht, dann ein m�chtiger, schwerf�lliger Helm mit einer winzigen, batteriebetriebenen Lampe in seiner Spitze, um einen schwachen gr�nlichen Schimmer auf die Gesichtsz�ge des Geistes zu werfen, und �ber dem Helm einen gr�nen Schleier aus Nesseltuch, der im Parkett wie Nebel aussieht. Unter dem Umhang trug er eine Garnitur alter B�hnenwaffen, aber das ist nicht wichtig, denn im Notfall kam er auch ohne sie aus.</p><p>Bis zu seinem Auftritt schaltete der Geist sein Helmlicht nicht an, aus Furcht, von irgendeiner Ecke im Zuschauerraum aus gesehen zu werden; heute l��t er wegen jenes Aberglaubens, von dem ich bereits gesprochen habe, den Nesseltuchschleier erst in letzter Sekunde fallen. Aber als Guthrie Boyd die Rolle spielte, existierte dieses Verbot noch nicht, und ich erinnere mich lebhaft daran, wie er in den Kulissen stand und auf seinen Auftritt wartete: eine gro�e, b�renstarke, r�tselhafte Gestalt, so wenig �bernat�rlich wie ein buschiges, sieben Fu� hohes Immergr�n, das von einer grauen Persenning bedeckt war.</p><p>Aber wenn Guthrie das winzige Licht einschaltete, leise und geschmeidig auf die B�hne trat und seine hohle, leicht gequ�lt klingende Stimme erhob, �berfiel alle ein schreckliches, grauenerregendes Schaudern, das sogar uns hinter der B�hne in seinen Bann schlug, als h�rten wir Worte, die in Wirklichkeit �ber die schwarzen, unendlichen Golfstr�me aus dem Jenseits zu uns her�bert�nten.</p><p>Auf jeden Fall war Guthrie ein gro�er Geist und vielleicht sogar ein bi�chen besser als in seinen anderen Rollen � zumindest in diesen ersten Wochen, als er noch nicht trank. Er schien sehr gl�cklich �ber sein gelungenes Comeback zu sein, obwohl uns aus seinen Augen bisweilen irgend etwas Schweres und Totes anstarrte: Der alte Alkoholiker fragte sich offenbar, was all dieser erm�dende, n�chterne Unsinn eigentlich zu bedeuten habe. Er freute sich ganz besonders auf unseren dreit�gigen Aufenthalt in Wolverton, der damals noch zwei Monate entfernt in der Zukunft lag. Der Grund war, da� seine beiden Kinder, die inzwischen nat�rlich l�ngst verheiratet waren, in Wolverton lebten. Ich bin sicher, da� er gro�en Wert darauf legte, ihnen in eigener Person seine Rehabilitation vor Augen zu f�hren, in der Hoffnung, auf diese Weise eine Vers�hnung herbeizuf�hren.</p><p>Aber dann kam seine erste Vorstellung als Othello. (Der Prinzipal, unser eigentlicher Star, spielte immer den Jago, eine genauso gro�e, aber eben nicht die Titelrolle.) Guthrie war nat�rlich schon zu alt f�r den Othello, und au�erdem stand es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten � die Zeit des Trinkens hatte ihren Tribut gefordert, die Probenarbeit und die ersten allabendlichen Auftritte in acht verschiedenen St�cken nach Jahren fern vom Theater hatten ihn ersch�pft. Aber irgendwie brodelte der alte Vulkan immer noch in ihm, und er gab sich alle M�he, eine ausgezeichnete Auff�hrung zustande kommen zu lassen. Am n�chsten Morgen schw�rmten die Zeitungen von ihm, und eine Besprechung stellte ihn sogar �ber den Prinzipal.</p><p>Das war es, ungl�cklicherweise. Die Glorie seines Triumphes war zuviel f�r ihn. Am n�chsten Abend � wieder als Othello � war er betrunken wie ein Stinktier. Zwar erinnerte er sich noch der meisten seiner Verse, aber er verhaspelte sich des �fteren und torkelte hin und her. Um nicht hinzufallen, st�tzte er sich mit schwerer Hand auf die Schultern seiner Mitspieler, ja er verga� sogar w�hrend der ersten zwei Akte, seine falschen Z�hne einzusetzen, so da� seine Stimme breiig klang. Um das Ma� voll zu machen, begann er in der letzten Szene noch, Gertrude Grainger zu w�rgen, bis die bereits bl�ulich angelaufene Desdemona, vom Publikum ungesehen, ihm ein Knie in die Weichteile stie�; dann, nachdem er sich selbst erstochen hatte, warf er den Requisitendolch hoch in die Luft, der in zwei tr�gen Umdrehungen wieder herunterkam und in den B�hnenbrettern steckenblieb. Die stumpfe Dolchspitze bohrte sich tief in das weiche Holz des B�hnenbodens, keine drei Fu� von Monica entfernt, die Jagos Frau Emilia spielte und an diesem Punkt des Dramas bereits tot auf der B�hne lag, ermordet von ihrem schurkischen Gatten � und die wirklich tot h�tte sein k�nnen, wenn der Dolch nur einer etwas anderen Flugbahn gefolgt w�re.</p><p>Da eine dritte Vorstellung des <emphasis>Othello</emphasis> f�r den folgenden Abend angek�ndigt war, hatte der Prinzipal keine andere Wahl, als Guthrie durch Francis Farley Scott zu ersetzen, der nach seiner eigenen Ansicht den Othello ohnehin besser spielte und kaum seine Befriedigung dar�ber unterdr�cken konnte, seine angestammte Rolle wieder zur�ckerobert zu haben. F.F. ein pl�schweicher, lasziv dreinblickender Mohr, spielte die Rolle ohne eine zus�tzliche Probe in der Tat so gut, da� ein Kritiker, der die erste und dritte Auff�hrung miteinander verglich, bewundernd anmerkte, da� wir nach Belieben gro�e Rollen austauschen konnten. Er war offenbar der Meinung, dies gesch�he allein aus dem Grunde, unsere Virtuosit�t zu demonstrieren. Selbstverst�ndlich las der Prinzipal Guthrie die Leviten und schickte ihn zu einem Arzt, der ihm auch ohne Souffleur wegen seines Trinkens und seines schwachen Herzens einen gro�en Schrecken einjagte. Guthrie h�tte sich sicherlich bald von seinem R�ckfall erholt, wenn er nicht zwei Tage sp�ter, als wir <emphasis>Julius Caesar</emphasis> spielten, den Entschlu� gefa�t h�tte, sich mit einer wahrhaft aufr�ttelnden Vorstellung zu empfehlen. Er bellte und grunzte und rollte mit den Augen wie in seiner besten australischen Schmierenzeit. Seine optimistische Selbstzufriedenheit zwischen den Szenen war schrecklich anzusehen. Gewi�, die Vorstellung war gar nicht so schlecht, aber alle Kritiker machten ihn nieder, und einer von ihnen sagte sogar: �Guthrie Boyd spielte Brutus � ein B�ndel von Vokalen, in eine Toga eingeh�llt.� Danach war Guthrie von morgens bis nachts besoffen. Der Prinzipal mu�te ihm den Brutus wegnehmen, den wieder F.F. spielte, aber er w�re nicht der Prinzipal gewesen, wenn er ihn ganz fallengelassen h�tte. Er teilte ihn f�r eine Reihe kleinerer Rollen in <emphasis>Othello</emphasis> und <emphasis>Julius Caesar</emphasis> ein und �bertrug mir und Joe Rubens und manchmal auch Props die Aufgabe, den armen alten Trunkenbold im Auge zu behalten, um sicherzugehen, da� er eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung ins Theater kam � wenn m�glich, nicht allzu besoffen. Oft spielte er den Geist oder den Dogen von Venedig in seinen Stra�enkleidern unter dem Umhang oder der Samtrobe, aber er spielte sie. Und es waren viele N�chte, in denen Joe und ich unsere Runden durch die H�lfte aller �rtlichen Bars machten, bevor wir ihn endlich aufgabelten. Der Prinzipal nannte Joe Rubens und mich manchmal sp�ttisch �das amerikanische Element� in seiner Truppe, aber gleichzeitig verlie� er sich auf uns: Ich habe gewi� nichts dagegen, so abgestempelt zu werden, denn es ist eine Freude, mit ihm zu arbeiten.</p><p>All dies scheint meiner Feststellung zu widersprechen, da� sich in dieser Zeit die St�cke wie von selbst spielten und Monotonie sich auszubreiten begann. Aber in einer Theatertruppe l�uft immer irgend etwas schief, ansonsten ginge es nicht mit rechten Dingen zu.</p><p>Andererseits f�hrte sich Guthrie gar nicht mehr so schlimm auf, nachdem er den Othello und den Brutus vom Hals hatte. Kleinere Rollen und sogar den Kent konnte er immer spielen, ob er nun n�chtern oder betrunken war. K�nig Duncan zum Beispiel und der Doge im <emphasis>Kaufmann von Venedig</emphasis> sind auch in betrunkenem Zustand noch leicht zu spielen, weil der Schauspieler immer ein paar Diener zur Seite hat, die seine Schritte lenken k�nnen, wenn er schwankt, und die ihn sogar festhalten k�nnen, falls es n�tig sein sollte � was sich bisweilen als ein �u�erst dramatischer Effekt herausgestellt hat, der besonders geeignet ist, die Unsicherheit des hohen Alters zu unterstreichen.</p><p>Und irgendwie schaffte es Guthrie auch weiterhin, den Geist in gewohnter Meisterschaft darzustellen und daf�r gelegentlich Anerkennung zu finden. In der Tat bestand Sybil Jameson darauf, da� der stets betrunkene Guthrie jetzt in der Rolle des Geistes eine Spur besser sei. Und Guthrie selbst sprach unentwegt von unserem dreit�gigen Aufenthalt in Wolverton, obwohl sich jetzt ebenso oft dunkle Besorgnis in die v�terlichen Erwartungen mischte. Nun, dieser dreit�gige Aufenthalt kam wirklich. Wir erreichten Wolverton an einem spielfreien Tag. Zur �berraschung der meisten von uns, aber besonders zur �berraschung Guthries, standen sein Sohn und seine Tochter am Bahnsteig, um ihn mit ihren entsprechenden Gatten und allen ihren Kindern und einer gro�en Schar von Freunden willkommen zu hei�en. Als sie ihn entdeckt hatten, brachen sie in frenetische Begr��ungsschreie aus.</p><p>Sp�ter fand ich heraus, da� Sybil Jameson, die Guthries Familie kannte, alle guten Kritiken nach Wolverton geschickt hatte, weswegen sie ganz begierig darauf waren, endlich mit ihm Vers�hnung zu feiern und sich ihm gegen�ber so l�rmend wie m�glich zu benehmen. Als er die Gesichter seiner Kinder und Enkelkinder sah und feststellte, da� die Schreie ihm galten, wurde der alte Guthrie ganz rot im Gesicht und strahlte. Sie scharten sich um ihn und schleppten ihn f�r einen Abend zum Feiern davon.</p><p>Am n�chsten Tag h�rte ich von Sybil, die sie mitgenommen hatten, da� alles sehr sch�n verlaufen sei. Er hatte zwar wie ein Fisch getrunken, aber sich in bewundernswerter Weise unter Kontrolle gehalten. Niemand au�er ihr hatte etwas bemerkt. Guthries Vers�hnung mit jedermann, vollkommen Fremde eingeschlossen, hatte aller Herzen erw�rmt. Sein Schwiegersohn, ein streits�chtiger Kerl, war �rgerlich geworden, als er h�rte, da� Guthrie am dritten Abend nicht mehr den Brutus spielen durfte, und er erkl�rte rundheraus, da� Gilbert Usher auf seinen pr�chtigen Schwiegervater eifers�chtig sei. Alles war l�ngst vergeben. Da� sie sogar versucht hatten, die alte Sybil zu Guthrie ins Bett zu legen, mag der romantischen Vorstellung entsprungen sein, jeder Schauspieler m�sse selbstverst�ndlich eine Geliebte haben. All das war nat�rlich sehr sch�n f�r Guthrie und in einer gewissen Weise auch f�r Sybil, doch ich vermute, da� nach zwei Monaten ununterbrochener, kaum kontrollierter Trunkenheit die n�chtliche Ausschweifung ungef�hr das Schlimmste war, was man dem angegriffenen Herzen des aufgedunsenen alten Jungen h�tte antun k�nnen.</p><p>Am ersten Abend begleitete ich Joe Rubens und Props zum Wolvertoner Theater, um mich zu vergewissern, ob die B�hnenbilder richtig aufgestellt und die Kost�mkisten alle sicher angekommen und aufbewahrt waren. Joe ist unser B�hnenmeister. Er war in seiner Jugend Profiboxer und hat seitdem eine eingeschlagene Nase. In der Meinung, da� ein Schauspieler alles wissen m�sse, hatte ich einmal damit begonnen, bei ihm Boxstunden zu nehmen, aber w�hrend der dritten Stunde marschierte ich in einen matten rechten Haken hinein, der mich zwar nicht direkt umwarf, aber ich h�rte noch sechs Stunden sp�ter das leichte Dr�hnen von Glocken in meinem Kopf. Das war das Ende meiner Karriere als Faustk�mpfer. Joe ist daneben auch ein sehr anpassungsf�higer Schauspieler; er schw�rmt von seiner eigenen Genialit�t, und in den Staaten kommt es oft vor, da� er w�hrend des Weihnachtsmonats in gro�en Kaufh�usern einen Job als Nikolaus offeriert bekommt.</p><p>Das �Monarch� � so hie� das Theater, in dem wir spielen sollten � war ein labyrinthisches altes Geb�ude, sehr finster hinter der B�hne, aber mit einem gro�en Kaninchenbau von schmutzigen kleinen Garderoben und sogar einer Requisitenkammer links von der B�hne, die wie ein L geformt ist. Ihre leeren Regale waren dick mit Staub bedeckt.</p><p>Jahrelang hatte im �Monarch� keine Show mehr stattgefunden, wie ich den vergilbenden Plakaten entnehmen konnte, die ich von den Anschlagtafeln herunterri� und durch ein einfaches: HEUTE ABEND UM 8.30: HAMLET ersetzte. Und dann bemerkte ich in dem kalten unzul�nglichen Licht ein paar winzige dunkle Schatten, die sich vom H�ngeboden herabfallen lie�en und in weiten schnellen Kreisen herumschwebten, auch in den Zuschauerraum hinaus, da der Vorhang auf war. Flederm�use, stellte ich entsetzt fest � das �Monarch� war wirklich schon halbwegs durch das Friedhofstor hindurch. Die Flederm�use w�rden recht gut zu <emphasis>Macbeth</emphasis> passen, versuchte ich mir einzureden, aber weniger gut zum <emphasis>Kaufmann von Venedig,</emphasis> w�hrend sie bei <emphasis>Hamlet</emphasis> weder hilfreich noch hinderlich sein w�rden, vorausgesetzt, sie lie�en sich nicht in n�chtlichen Kampfformationen herabfallen; es w�re doch sehr zu begr��en, wenn sie sich f�r die Dauer der Geisterszenen ruhig verhielten.</p><p>Ich bin sicher, da� der Prinzipal beschlossen hatte, in Wolverton mit <emphasis>Hamlet</emphasis> zu er�ffnen, um Guthrie die beste Chance f�r einen erfolgreichen Einstand in der Heimatstadt seiner Kinder zu geben.</p><p>�Es ist ein ziemlich verwunschenes Haus�, stellte Billy Simpson begeistert fest. �Ich wette, die M�dchen werden einige seltene Geister hier finden, wenn sie ihr Brett bearbeiten.�</p><p>Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, wie recht er damit hatte. �Bruce!� rief Joe Rubens mir zu. �Wir sollten vielleicht ein paar Rattenfallen kaufen und im Theater auslegen. Etwas huscht dauernd hinter dem Vorhang herum.� Aber als ich am n�chsten Abend eine Stunde vor Beginn der Vorstellung durch die knarrende, dicke Metallb�hnent�r das �Monarch� betrat, war das Geb�ude gefegt und oberfl�chlich gereinigt worden. Die �Hamlet�-Kulissen sahen nicht mehr so d�ster und schrecklich aus, obwohl man den Vorhang noch nicht heruntergelassen hatte und das Haus mit seinen leeren Sitzreihen und den beiden mattgr�nen Lampen am Ausgang nur schwach beleuchtet war. Es gab noch eine kleine Lampe an der B�hnenrampe rechts und eine andere Lichtquelle auf der linken B�hnenseite hinter den Kulissen. Niemand au�er mir war im Theater.</p><p>Ich ging �u�erst behutsam quer �ber die dunkle B�hne, um nicht �ber ein Kabel zu stolpern. Wieder sp�rte ich jenes elektrisierende Gef�hl, das mich so oft in einem leeren Theater am Abend vor einer Auff�hrung bef�llt. Nur kam diesmal irgend etwas hinzu, das mir einen Schauer �ber den R�cken jagte. Ich glaube, es war nicht so sehr der Gedanke an die Flederm�use, die jetzt, f�r mich unsichtbar, �ber meinem Haupt schweben konnten, ihre fast unh�rbaren schrillen Trompetenschreie aussto�end, es war auch nicht der Gedanke an die Ratten, die mich, hinter Kisten und Plattformen verborgen, vielleicht aus ihren Schlitzaugen beobachteten. Vor knapp einer Stunde hatte mir Joe n�mlich gesagt, da� die von ihm noch letzte Nacht aufgestellten Fallen heute leer gewesen seien.</p><p>Nein, es war vielmehr, als h�tten sich alle Gestalten Shakespeares unsichtbar um mich versammelt. Ich stellte mir Rosalinde und Falstaff und Prospero vor, wie sie mich Arm in Arm l�chelnd beobachteten. Und Seite an Seite, aber ohne zu l�cheln und auch nicht Arm in Arm: Macbeth und Jago und Richard III.</p><p>Ich schritt durch die gegen�berliegenden Kulissen, wo unter einem tr�ben Licht Billy Simpson mit den �Hamlet�-Requisiten an seinem Tisch sa�: den Sch�deln, Floretten, Laternen, Geldtaschen, Ophelias Blumen und all dem anderen Kram. Es war seltsam, da� Props schon so fr�h alles fertig hatte, und ein wenig seltsam war auch, da� er allein war, denn Props hat die f�r einen Schauspieler ungew�hnliche Eigenart, sich �berall Freunde zu machen. Bei ihm waren Polizisten, Blumenfrauen, Zeitungsjungen und Tramps, die sich als arme Schauspieler ausgaben, bestens aufgehoben. Er lud sie sogar zu sich hinter die B�hne ein � ein Bruch der Regeln, den der Prinzipal indes erlaubte, weil Props ein so sensibler Kerl war. Er war ein gro�er Menschenfreund, und vor allem ein Freund der einfachen Menschen. Er h�tte einen guten Schriftsteller abgegeben, wenn man einmal von seinem hervorstechenden Mangel an dramatischem Flair und Erz�hlgeschick absieht � er war viel zu weitschweifig, was wohl mit seinem Beruf zusammenhing. Jetzt sa� er �ber seinen Tisch gebeugt in der Requisitenkammer mit den leeren Regalen und starrte mich h�hnisch an. Auf seine hohe Stirn fiel mattes Licht, sein spitzes Kinn lag im Schatten und seine gro�en Augen huschten zwischen Licht und Dunkel unruhig hin und her. Gew�hnlich gr��te er jeden sofort, aber heute abend blieb er stumm, und das pa�te zu der Illusion.</p><p>�Props�, sagte ich, �durch dieses Theater weht ein �bernat�rlicher Hauch.� Sein Ausdruck blieb unver�ndert, aber er zog feierlich die Luft ein, warf seinen Kopf in den Nacken und streckte sein spitzes Kinn in das Licht, was die Illusion im Nu zerst�rte.</p><p>�Staub�, sagte er dann. �Staub, alter Pl�sch, Kulissen, Schwei�, Gelatine, Puder und ein leichter Geruch nach Whisky. Aber das �bernat�rliche � nein, ich kann es nicht riechen. Wenn nicht �� Und er schn�ffelte wieder, sch�ttelte aber seinen Kopf. Ich l�chelte �ber seinen Materialismus. Der Hinweis auf den Whisky schien aus der Luft gegriffen zu sein, da ich nicht getrunken hatte, Props niemals trank und Guthrie Boyd nirgendwo zu sehen war. Props hat f�r sensorische Details ein unfehlbares Ged�chtnis, besonders f�r Einzelheiten, die auf menschliche Gewohnheiten schlie�en lassen. Vielleicht ist er deshalb so versessen auf Details, weil er Sympathie f�r alle Hoffnungen und Schw�chen der Menschen empfindet, sogar f�r die trivialsten, wie meine selbsts�chtige Vernarrtheit in Monica.</p><p>�Ich meine nicht einen wirklichen Geruch, Billy�, sagte ich zu ihm, �aber ich f�hle und sp�re etwas, das heute nacht passieren k�nnte.� Er nickte feierlich. Bei irgendeinem anderen h�tte ich mich jetzt gefragt, ob er nicht ein wenig betrunken sei. Dann sagte er: �Du warst auf der B�hne. Du wei�t, die Science-Fiction-Schriftsteller haben dort eine Wette verloren. Wir haben bereits jetzt Zeitmaschinen. Theater. Theater sind Zeitmaschinen und auch Raumschiffe. Sie nehmen die Leute auf Reisen durch die Zukunft und durch die Vergangenheit und sonstwohin mit � ja, und wenn sie es gut genug machen, dann gew�hren sie noch Einblick in Himmel und H�lle.�</p><p>Ich nickte nachsichtig. Mit solch grotesken Fantasien versucht Props der Eint�nigkeit zu entfliehen.</p><p>�Nun�, sagte ich, �wir wollen hoffen, da� Guthrie an Bord des Raumschiffes kommt, bevor sich der Vorhang hebt. Wir m�ssen uns heute abend ganz darauf verlassen, da� seine Kinder vern�nftig genug sind, ihn hier intakt abzuliefern. Was durchaus nicht sicher ist, wenn man Sybils Worten �ber sie Glauben schenken darf.�</p><p>Props starrte mich wie eine Eule an und sch�ttelte langsam seinen Kopf. �Guthrie ist vor zehn Minuten hier eingetroffen�, sagte er, �und sah nicht betrunkener aus als gew�hnlich.�</p><p>�Das erleichtert mich�, sagte ich und meinte es auch so.</p><p>�Die M�dchen halten eine Ouija-Sitzung ab�, fuhr er fort, als ob er dazu ausersehen sei, �ber uns jederzeit Bericht zu erstatten. �Sie haben genauso wie du das �bernat�rliche hier gerochen, und sie befragen das Brett nach dem Namen des Verbrechers.� Dann b�ckte er sich.</p><p>Ich nickte. Der Lichtschein aus Gertrude Graingers Garderobe best�rkte mich darin, da� die Damen dort am Ouija-Brett sa�en. Props tauchte wieder aus seiner geb�ckten Stellung auf und hielt eine kleine Flasche Whisky in seiner Hand. Ich glaube nicht, da� mich ein geladener Revolver so sehr verbl�fft h�tte. Er �ffnete den Verschlu�.</p><p>�Der Prinzipal kommt gerade�, sagte er ruhig, als er die B�hnent�r knarren h�rte. �Jetzt sind bereits sieben von uns im Theater.� Langsam trank er einen gro�en Schluck Whisky und schraubte dann die Flasche mit einer so nat�rlichen Handbewegung wieder zu, als w�rde er allabendlich nichts anderes tun. Ich glotzte ihn kommentarlos an. Was er da gerade tat, war ganz einfach unerh�rt f�r Billy Simpson.</p><p>In diesem Augenblick vernahm ich einen scharfen Schrei und das Klopfen auf d�nnes Holz. Dann h�rte ich irgend etwas Metallisches gellend herunterfallen und hastende Schritte. Ich lief so schnell ich konnte zur T�r von Gertrude Graingers Garderobe, ohne mich darum zu k�mmern, ob ich in der Dunkelheit �ber Kabel stolperte.</p><p>Ich ri� die T�r auf und sah beim hellen Schein der Gl�hbirnen, die den Spiegel einrahmten, Gertrude und Sybil eng zusammensitzend, das Ouija-Brett umgest�rzt vor ihnen auf dem Boden. Bla� und mit starrem Blick pre�te sich Monica an Gertrudes Kost�me, die auf einem St�nder hingen, als wollte sie sich hinter ihnen verstecken. Sie schien mich nicht zu bemerken. Das dunkelgr�ne, schwere Brokatkost�m, das Gertrude als K�nigin in <emphasis>Hamlet</emphasis> tr�gt, unterstrich Monicas Bl�sse. Alle drei trugen immer noch ihre Stra�enkleidung.</p><p>Ich ging auf Monica zu, legte einen Arm um sie und ergriff ihre Hand. Sie war kalt wie Eis. Monica stand erstarrt vor mir.</p><p>W�hrenddessen erhob sich Gertrude und erkl�rte in hochm�tigen T�nen, was ich Ihnen schon fr�her erz�hlt habe: da� sie das Brett befragt h�tten, wer der Geist sei, der heute nacht das �Monarch� heimsuchen w�rde, und da� die Planchette den Namen Shakespeares buchstabiert h�tte.</p><p>�Ich wei� nicht, warum dich das so aufregt, meine Liebe�, f�gte sie m�rrisch hinzu. �Es ist doch nur nat�rlich, wenn sein Geist die Vorstellungen seiner St�cke besucht.�</p><p>Ich sp�rte, wie sich der schlanke K�rper in meinem Arm ein wenig entspannte. Das erleichterte mich. In meiner Eigensucht freute es mich sogar, einen Arm um sie legen zu d�rfen, selbst unter so �ffentlichen und wenig amour�sen Umst�nden, w�hrend zur gleichen Zeit mein alberner Verstand etwas ganz anderes dachte. Wenn Props mich nun belogen h�tte, als er sagte, da� Guthrie nicht betrunkener als gew�hnlich im Theater angekommen sei (dieser neue Props, der harten Whisky im Theater trank, konnte ja auch l�gen, vermutete ich) � warum konnten wir uns dann bei der heutigen Abendauff�hrung nicht gleich William Shakespeares selbst bedienen. Schlie�lich war der Geist in <emphasis>Hamlet</emphasis> die einzige Rolle in all seinen Dramen, die Shakespeare h�chstpers�nlich auf der B�hne gespielt haben soll. �Ich wei� nicht, warum das jetzt gerade mir wieder geschieht�, sagte Monica pl�tzlich, indem sie heftig ihren Kopf sch�ttelte, als wollte sie ihn wieder klar bekommen. Schlie�lich erkannte sie mich und versuchte sogleich, sich von mir zu l�sen, lie� aber dann meinen Arm gn�digst auf ihrer Schulter liegen.</p><p>Die n�chste Stimme, welche sprach, war die des Prinzipals. Er stand mit einem leichten L�cheln im T�rrahmen, Props blickte �ber seine Schulter. Der Prinzipal sagte sanft, w�hrend ein seltsamer Glanz in seinen Augen flackerte: �Ich meine, wir sollten uns damit begn�gen, Shakespeares Dramen zu neuem Leben zu erwecken, ohne uns �ber den Autor den Kopf zu zerbrechen. Es ist hart genug, Shakespeare zu spielen.� Er ging mit seinen grazilen, ganz nat�rlich anmutenden Bewegungen einen Schritt nach vorn, lie� sich auf die Knie fallen und hob das heruntergefallene Brett samt Planchette auf. �Auf alle F�lle m�chte ich das Brett f�r heute in Gewahrsam nehmen. F�hlen Sie sich jetzt etwas besser, Mi� Singleton?� fragte er, als er sich wieder erhoben hatte.</p><p>�Ja, ganz gut�, antwortete sie fl�sternd, befreite sich aus meinen Armen und entzog sich mir ziemlich schnell.</p><p>Der Prinzipal nickte freundlich. Gertrude Grainger sah ihn kalt an und gab sich offenbar alle M�he, ihm nicht einige Geh�ssigkeiten ins Gesicht zu schleudern. Sybil Jameson blickte zu Boden. Sie sah best�rzt und im h�chsten Ma�e verwirrt aus. Ich verlie� mit dem Prinzipal die Garderobe und erz�hlte ihm, da� Guthrie Boyd laut Props heute schon sehr fr�h ins Theater gekommen sei. Im Augenblick kam es mir ziemlich albern vor, Props� Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen, wenngleich dieser Drink eben ein unerkl�rliches R�tsel blieb. Props sagte noch, da� Guthrie etwas geistesabwesend gewirkt habe, aber immerhin war er hier.</p><p>Der Prinzipal nickte ob dieser Nachricht dankbar mit dem Kopf, dann lie� er schnuppernd seine Nase wandern und runzelte besorgt die Stirn. Ich war nicht sicher, ob er die Alkoholfahne gerochen hatte und jetzt gerne wissen wollte, wem von uns beiden sie geh�rte � vielleicht geh�rte sie auch einer der Damen, und nat�rlich lie� sich die M�glichkeit nicht ausschlie�en, da� Guthrie vor kurzem hier vorbeigegangen war.</p><p>�W�rden Sie bitte f�r eine Sekunde mit in meine Garderobe kommen?� fragte er mich.</p><p>In der Annahme, da� er mich f�r den Trunkenbold hielt, folgte ich ihm und �berlegte mir bereits krampfhaft, was ich ihm antworten sollte � vielleicht w�re es am besten, einfach schweigend seine v�terlichen Ermahnungen �ber mich ergehen zu lassen �, aber als er dann die Lichter anknipste und ich die T�r geschlossen hatte, war seine erste Frage: �Sie sind in Mi� Singleton verliebt, nicht wahr, Bruce?�</p><p>Als ich ohne zu z�gern nickte, so �berrumpelt war ich, fuhr er mit sanfter, aber nachdr�cklicher Stimme fort: �Warum h�ren Sie dann nicht auf, sich wie ein Narr zu benehmen? Versuchen Sie doch endlich, sie zu erobern! Es mag den Anschein haben, als dulde ich keine Liebesaff�ren in meiner Truppe, aber in diesem Fall scheint es mir doch die beste L�sung, mit diesen Ouija-Sitzungen Schlu� zu machen, die dem M�dchen sichtlich schaden.�</p><p>Ich versicherte ihm grinsend, da� es mir ein Vergn�gen sei, seinem Ratschlag zu folgen, fest entschlossen, sogleich die Initiative zu ergreifen.</p><p>Er grinste zur�ck, warf das fatale Instrument auf die Couch, doch dann holte er es wieder und legte das Ouija sorgf�ltig auf seinen langen Garderobentisch, bevor er mir eine zweite Frage stellte.</p><p>�Was halten Sie von den Dingen, die mit diesem Brett geschehen, Bruce?�</p><p>�Nun ja�, antwortete ich, �was zuletzt geschah, hat auch mich einigerma�en erschreckt � ich vermute �� Und dann erz�hlte ich ihm, wie ich die Gegenwart der Shakespeareschen Gestalten im Dunkeln zum Greifen nahe gesp�rt habe. �Aber das Ganze ist nat�rlich bl�hender Unsinn�, schlo� ich und versuchte wieder zu grinsen.</p><p>Diesmal grinste er nicht zur�ck.</p><p>�Vor einigen Wochen�, dr�ngte es mich zu sagen, �beeindruckte mich eine ihrer Ideen, obwohl Sie selbst wenig beeindruckt schienen. Ich hoffe, Sie denken jetzt nicht, da� ich Ihnen schmeicheln will, Mr. Usher. Ich spreche von der Idee, da� Sie eine Reinkarnation William Shakespeares sein k�nnten.�</p><p>Er lachte hocherfreut. �Es ist doch klar�, sagte er daraufhin, �da� Sie den Unterschied zwischen einem Schauspieler und einem Dramatiker jetzt noch nicht kennen, Bruce. Shakespeare, wie er seinen Kopf zur�ckwirft, romantisch einherstolzierend, sein Schwert herumwirbelnd, K�rper und Stimme jedem Gef�hl anpassend, das man ihm entgegenbringt? O nein! Ich gebe zu, es ist durchaus m�glich, da� er den Geist gespielt hat � eine Rolle, die nicht mehr Talent erfordert, als stillzustehen und wie aus dem Grabe zu t�nen.�</p><p>L�chelnd hielt er inne. �Nein�, fuhr er fort, �es gibt nur eine Person in unserer Truppe, die man sich als Reinkarnation Shakespeares vorstellen k�nnte � und das ist Billy Simpson. Ja, ich meine Props. Er kann zuh�ren und wei�, wie man mit Menschen umgeht und sich auf sie einstellt. Sein Geist ist wie eine Rattenfalle, in der sich die geringste Regung, jeder Duft und jedes Ger�usch des Lebens f�ngt. Und er hat einen scharfen analytischen Verstand. Oh, er wei�, da� es ihm an poetischem Talent mangelt, aber ich bin nicht sicher, ob eine Reinkarnation Shakespeares sehr poetisch sein w�rde. Ich glaube vielmehr, da� er mindestens ein Dutzend Leben gebraucht hat, um gen�gend Material f�r eine der Gestalten zusammenzubekommen, der er dramatische Form gab. Empfinden Sie die Vorstellung von einem stummen, aller Glorie entkleideten Shakespeare nicht schmerzlich, der sein ganzes bescheidenes Leben damit verbringt, den n�tigen Stoff f�r eine einzige, dann allerdings einzigartige Explosion zu sammeln? Denken Sie doch einmal dar�ber nach. Ich habe mir schon Gedanken wegen dieser, wie ich meine, faszinierenden Vorstellung gemacht. Dabei kristallisierte sich ganz nat�rlich jenes Gef�hl heraus, das mich immer bef�llt, wenn ich Billy Simpson hinter seinem Requisitentisch beobachte. Und dann hat Props genau das hochstirnige Poeten-Lehrer-Gesicht, das so sehr jenem Gesicht Shakespeares gleicht, wie wir es aus den posthumen Graphiken, Holzschnitten und Portr�ts kennen. Warum auch nicht � sogar ihre Initialen sind identisch. Ein h�chst sonderbares und unheimliches Gef�hl.�</p><p>Dann stellte mir der Prinzipal eine dritte Frage: �Er hat heute abend getrunken, nicht wahr? Ich meine Props, nicht Guthrie.�</p><p>Ich antwortete nichts, aber mein Gesichtsausdruck schien mich verraten zu haben � zumindest bei einem so versierten Kenner mimischer Nuancen wie dem Prinzipal �, denn er sagte l�chelnd: �Deshalb brauchen Sie nicht beunruhigt zu sein. Ich bin ihm nicht b�se. Ich erinnere mich nur an eine andere Gelegenheit, bei der sich Props im Theater Mut antrank, und daf�r bin ich ihm noch heute dankbar.� In sein schmales Gesicht trat ein nachdenklicher Ausdruck: �Es war lange vor Ihrer Zeit, um genau zu sein, es war die erste Saison, in der ich mit einer eigenen Truppe auftrat. Ich hatte nicht einmal genug Geld, um die Plakate beim Drucker zu bezahlen. Es war mehr als fraglich, ob sich der Vorhang zur ersten Auff�hrung heben w�rde. Monatelang war die Situation �u�erst kritisch. Dann, mitten in der Saison, begann uns auch noch das Pech zu verfolgen � zwei N�chte lang lag dichter Nebel �ber der Stadt, in der wir gerade spielten, die Grippe grassierte, und Harvey Wilkins Shakespeare-Company war uns zwei Wochen voraus. Als wir in der n�chsten Stadt spielten, stellte sich heraus, da� der Vorverkauf sehr z�h anlief, kein Wunder, mein Name war dort unbekannt, und das Theater erfreute sich keiner gro�en Beliebtheit. Mir wurde klar, da� ich die Truppe ausbezahlen mu�te, solange �berhaupt noch etwas Geld in der Kasse war, damit meine Schauspieler nach Hause fahren konnten. In dieser Nacht erwischte ich Props beim Saufen, aber ich hatte nicht das Herz, ihm deswegen Vorw�rfe zu machen � in der Tat glaubte ich nicht, da� ich damals irgend jemanden h�tte tadeln k�nnen, mich selbst nat�rlich ausgenommen, wenn er sich an diesem Abend einen Rausch angetrunken h�tte. Aber dann kamen w�hrend der Vorstellung die Schauspieler und B�hnenarbeiter, die mit uns reisten, von sich aus zu mir in die Garderobe und sagten, sie w�rden f�r weitere zwei Wochen gern ohne Gage arbeiten, wenn ich der Meinung sei, da� wir auf diese Weise unsere Verluste wieder einspielen k�nnten. Nun ja, ich nahm ihr Angebot selbstverst�ndlich an. Dann bekamen wir pr�chtiges Wetter und fanden ein paar Orte, die nach Shakespeare geradezu hungerten. Die Dinge r�ckten wieder ins rechte Lot, und noch vor Ende der Spielzeit konnte ich die f�lligen Gagen ausbezahlen. Sp�ter entdeckte ich, da� Props sie zu diesem Schritt �berredet hatte.�</p><p>Gilbert Usher blickte mich aus feuchten Augen an, seine Lippen zuckten: �Allein h�tte ich es niemals geschafft, denn meine Truppe war in dieser ersten Saison noch ziemlich unpopul�r. Au�erdem hatte ich die Schauspieler viel zu hart angefa�t und war unf�hig gewesen, meinen Sarkasmus zu z�geln. Auch hatte ich damals noch nicht gelernt, jemanden um Hilfe zu bitten, als ich Hilfe dringend n�tig hatte. Aber Billy Simpson tat, was in seiner Macht stand, obwohl er dazu all seinen Mut zusammennehmen mu�te. Sie wissen ja, da� er gew�hnlich recht flink mit der Zunge ist, vor allem, wenn er freundliche Zuh�rer hat. Aber wenn ihm etwas Au�erordentliches abverlangt wird, mu� er sich offensichtlich erst Mut antrinken. Ich frage mich ��</p><p>Seine Stimme verstummte, er stellte sich vor den Spiegel, band seine Krawatte ab und sagte br�sk: �Es ist besser, Sie ziehen sich jetzt um, Bruce. Und k�mmern Sie sich bitte um Guthrie.�</p><p>Als ich die Eisenstufen zu meiner Garderobe hinaufeilte und dabei fast mit Robert Dennis zusammengesto�en w�re, schossen mir seltsame Gedanken durch den Kopf. Kaum hatte ich mich in das Kost�m des G�ldenstern geworfen, als Robert zu mir kam, der den Laertes spielte und deshalb sp�ter auftrat. Wenn <emphasis>Hamlet</emphasis> auf dem Spielplan stand, brauchte er sich nicht besonders zu beeilen. Im �brigen lag uns beiden daran, so wenig Zeit wie m�glich in der Garderobe zu verbringen.</p><p>Bevor ich wieder hinunterging, sah ich noch einmal nach Guthrie Boyd, den ich jedoch nicht antraf. Aber in seiner Garderobe brannte Licht, und ich konnte darin nichts bemerken, was zum Kost�m des Geistes geh�rte � unm�glich, den gro�en Helm zu �bersehen! �, und so nahm ich an, da� er schon vor mir hinuntergegangen war.</p><p>Nur noch eine halbe Stunde. Der Vorhang war noch zu, aber im Zuschauerraum brannten schon die Lichter, und auch die B�hne war jetzt heller beleuchtet. Von der Truppe war kaum jemand zu sehen. Ich entdeckte Props, der auf seinem Stuhl hinter dem Requisitentisch sa� und genauso aussah wie immer � vielleicht bedeutete der Drink nur eine vor�bergehende Entgleisung und nicht gleichzeitig ein alarmierendes Krisensymptom unserer Truppe.</p><p>Nach Guthrie zu suchen hielt ich f�r �berfl�ssig. Wenn er sich rechtzeitig umgekleidet hat, steht er meist irgendwo in einer dunklen Ecke und w�nscht nichts sehnlicher, als allein gelassen zu werden � mag sein, um noch einen Schluck zu trinken, das wird es sein, da liegt wohl der Hund begraben. Manchmal besucht er dann auch Sybil in ihrer Garderobe.</p><p>Ich bemerkte Monica, die auf einem Koffer nahe dem Schaltbrett im hinteren Teil des B�hnenraums sa�, der in helles Licht getaucht war. Sie sah himmlisch zart in ihrer blonden Ophelia-Per�cke aus, wie ein strahlender Fr�hlingstag, was ihr hellgr�nes Kost�m allerliebst betonte. Ich erinnerte mich meines frohgemuten Versprechens dem Prinzipal gegen�ber, beugte mich zu ihr herunter und fragte sie in aller Offenheit, was es mit dem Ouija-Brett nun wirklich auf sich habe.</p><p>Ehrlich gesagt, ich war hocherfreut, da� es neben dem Theaterspielen noch etwas gab, wor�ber ich mit ihr sprechen konnte, ohne ihr auf die Nerven zu gehen.</p><p>Sie war sehr aufgeregt und zugleich seltsam geistesabwesend, ihr Blick irrte unruhig hin und her und verlor sich in der Ferne, um gleich darauf wieder ganz nah zu sein. Meine Fragen brachten sie nicht aus der Fassung, in Wirklichkeit schienen sie ihr ganz willkommen zu sein; andererseits mochte sie mir nicht verraten, warum sie der letzte Name auf dem Brett so erschreckt hatte. Sie sei in einen tranceartigen Zustand verfallen, w�hrend sie das Brett befragte, und dann h�tte sie pl�tzlich laut aufgeschrien, ohne richtig zu begreifen, was sie nun eigentlich so entsetzt habe. Was dann geschehen sei, wisse sie nicht mehr.</p><p>�Eines wei� ich aber sicher, Bruce: Ich werde das Brett nie mehr zu Rate ziehen.�</p><p>�Das klingt sehr vern�nftig�, sagte ich etwas zur�ckhaltend, damit sie nicht merkte, wie sehr mich das freute. Inzwischen hatte sie auch aufgeh�rt, mit ihren Blicken das Dunkel zu durchbohren, als k�nnte jeden Augenblick eine Gestalt daraus auftauchen, die nicht in das St�ck geh�rte und hinter der B�hne nichts zu suchen hatte.</p><p>�Vielen Dank�, sagte sie, ihre Hand auf die meine legend, �da� Sie so schnell gekommen sind. Ich wei�, ich habe mich idiotisch benommen.� Ich war gerade im Begriff, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und ihr zu gestehen, da� ich in meiner Verliebtheit einzig und allein ihretwegen so schnell herbeigeeilt sei, aber in diesem Augenblick kamen Joe Rubens und der Prinzipal, der bereits das �Hamlet�-Schwarz angelegt hatte, um mir mitzuteilen, da� man weder Guthrie Boyd noch sein Kost�m irgendwo im Theater habe finden k�nnen.</p><p>Joe hatte von Sybil die Telefonnummern von Guthries Kindern erfahren und versuchte sie jetzt anzurufen. Bei der ersten Nummer, die er w�hlte, meldete sich niemand, aber bei der zweiten hatte er mehr Gl�ck. Eine weibliche Stimme, wahrscheinlich eines der Enkelkinder, teilte ihm mit, da� alle zu Guthrie Boyd in <emphasis>Hamlet</emphasis> gegangen seien.</p><p>Da Joe bereits seine schwere Panzerr�stung f�r den Marcellus trug, wu�te ich, da� der Prinzipal mich ausersehen hatte. Also rannte ich die Treppe hinauf, setzte meinen Hut auf, zog meinen Mantel an, warf einen fl�chtigen Blick auf meine Armbanduhr und verlie� das Theater, vorbei an Robert Dennis, der den wahren Grund meiner Mission durchschaute und mir riet, es zuerst in den sch�bigen Bars zu versuchen. Auf meinem Weg durch die in der N�he des Theaters gelegenen Bars tr�stete mich der Gedanke, da� niemand einen Blick auf mein eigenes Kost�m werfen w�rde, wenn ich den besoffenen Geist von Hamlets Vater tats�chlich finden sollte. Kurz vor Beginn der Vorstellung kam ich ins Theater zur�ck. Ich war weder Guthrie noch irgendeiner Menschenseele begegnet, die den gro�en Mann gesehen h�tte, irischen Whisky saufend, angetan mit einem Wintermantel, in der Hand alte Waffen und auf dem Helm ein gr�nes Licht, das einen geisterhaften Schimmer auf sein Gesicht warf.</p><p>Jenseits der Rampe verklang die Ouvert�re in einem d�steren Finale. Die B�hne war vollkommen dunkel. Auf der Seite, wo der Geist auf- und abtritt, stritt man sich fl�sternd. Noch im Hut und Mantel rannte ich quer �ber die B�hne, vorbei an den mattblau angestrahlten Zinnen von Helsing�r, und traf auf den Prinzipal, neben dem Joe Rubens und John McCarthy standen. Letzterer war offensichtlich bereit, als Geist auf der B�hne aufzutreten, denn er trug �ber seiner Fortinbras-R�stung einen schwarzen Umhang und gr�ne Schleier.</p><p>Nicht weit von ihnen entfernt stand Francis Farley Scott in einem �hnlichen Aufzug, ohne R�stung, aber in einen Umhang gekleidet, der weit genug war, um darunter sein K�nigskost�m zu verbergen, auf dem Kopf einen Helm, der noch beeindruckender war als der Johns.</p><p>Ihre Gestalten hoben sich dunkel vor den bl�ulichen Kulissen des Schlosses Helsing�r ab. Wir f�nf waren die einzigen auf dieser Seite der B�hne. F.F. flehte gestikulierend um die Erlaubnis, sowohl den Geist als auch den K�nig Claudius spielen zu d�rfen, da er die Rolle besser beherrsche als John und, was wohl das wichtigste war, Guthries Stimme perfekt genug nachahmen k�nne, um sogar dessen Kinder zu t�uschen und auf diese Weise vielleicht ihre Illusionen �ber ihren Vater zu bewahren. Sybil hatte durch ein Loch im Vorhang gesp�ht und alle gesehen, die gestern abend dabeigewesen waren. Guthries Kinder und ihre Freunde und Bekannten hielten die ganze zweite, dritte und vierte Reihe im Parkett besetzt, ungeniert plaudernd und strahlend vor Begeisterung und Aufregung.</p><p>Es ist nicht �bertrieben, wenn ich behaupte, da� der Prinzipal sehr aufgebracht �ber F.F. war, aber auch etwas ger�hrt, was den letzten Teil seiner Argumentation betraf. Mit sentimental-heroischen Erkl�rungen dieser Art pflegte F.F. oft seinen unstillbaren Hunger nach pers�nlichem Ruhm zu kaschieren. Wahrscheinlich glaubte er sogar, was er sagte.</p><p>John McCarthy f�gte sich bereitwillig den Anordnungen des Prinzipals. Er ist ein Schauspieler, der sich um innere Drangsale nichts schert, es sei denn, es handelt sich darum, genau buchzuf�hren �ber die Stunden seines Schlafes und �ber jeden Penny, den er ausgibt. Auf der B�hne indes kann John mit nat�rlicher Leichtigkeit Gef�hle verk�rpern, die er ansonsten zu f�hlen vollkommen au�erstande ist.</p><p>Der Prinzipal brachte F.F. mit einer energischen Geste zum Schweigen und schickte sich gerade an, einen Entschlu� zu fassen, als ich eine sechste Person in den Kulissen nahe unserer Gruppe stehen sah, eine schwarze Gestalt, die aussah wie ein in Segeltuch gewickelter Christbaum, mit einem gro�en Helm auf dem Kopf, der trotz des Schleiers dar�ber keinen Zweifel an seiner Bestimmung zulie�. Ich packte den Prinzipal am Arm und deutete stumm auf die Figur. Dieser stie� einen derben Fluch aus, ging auf die Figur zu und sagte, sich verlegen r�uspernd: �Guthrie, du alter Hundesohn, kannst du denn �berhaupt noch auftreten?�</p><p>Die Figur grunzte best�tigend.</p><p>Joe Rubens zog eine Grimasse, die soviel wie �Show Busineߋ bedeutete, dann griff er sich einen Speer vom Garderobentisch und eilte, kurz bevor sich der Vorhang hob, quer �ber die B�hne, um seinen Auftritt als Marcellus nicht zu vers�umen. Die ersten Verse des Dramas ert�nten, zuerst noch etwas laut, aber atmosph�risch wunderbar dicht, dann leiser, beklemmender:</p><p>�Wer da?�</p><p>�Nein, mir antwortet: steht und gebt Euch kund.�</p><p>�Lang lebe der K�nig!�</p><p>�Bernardo?�</p><p>�Er selbst.�</p><p>�Ihr kommt gewissenhaft auf Eure Stunde.�</p><p>�Es schlug schon zw�lf; mach dich zu Bett, Francisco.�</p><p>�Dank f�r die Abl�sung! �s ist bitter kalt, und mir ist schlimm zumut.�</p><p>�War Eure Wache ruhig?�</p><p>�Alles mausestill.�</p><p>Mit einem resignierenden Schulterzucken setzte sich John McCarthy nieder. F.F. tat dasselbe, allerdings mit einer ganz anderen Geste: verbittert ballte er die F�uste. Die Szene war sehr komisch. Zwei Geister sa�en in den Kulissen und beobachteten einen dritten Geist, der auf seinen Auftritt wartete. Ich kn�pfte meinen Mantel auf, zog ihn aus und hing ihn �ber meinen linken Arm.</p><p>Die beiden ersten Erscheinungen des Geistes sind v�llig stumm. Er betritt die B�hne, zeigt sich den Soldaten und verschwindet wieder. Dennoch applaudierte das Publikum � die zweite, dritte und vierte Reihe, so schien es, gr��te ihren patriarchalischen Helden. Guthrie fiel nicht zu Boden, ja, er ging sogar aufrecht, was vielleicht auf den Applaus zur�ckzuf�hren war.</p><p>Au�ergew�hnlich war einzig die Tatsache, da� er vergessen hatte, das kleine gr�ne Licht in seinem Helm anzuschalten. Aber das war eine Nachl�ssigkeit, die bei seinem ersten Auftritt nicht ins Gewicht fiel. Als er wieder abtrat und sich in eine dunkle B�hnenecke verziehen wollte, rannte ich zu ihm hin�ber und fl�sterte ihm zu, da� seine Lampe nicht brannte. Durch den undurchsichtigen gr�nen Schleier schlug mir als Antwort eine Whiskyfahne entgegen, ansonsten gab er mir grunzend zu erkennen, da� er es erstens bereits wu�te, da� die Lampe zweitens noch funktionierte und da� er sich drittens daran erinnern w�rde, sie beim n�chsten Male anzuschalten.</p><p>Nach diesem Auftritt schlich ich �ber die B�hne, wo gerade die Szene im Staatszimmer des Schlosses eingerichtet wurde. Joe Rubens hielt mich fest und sagte, Guthries Lampe sei nicht eingeschaltet gewesen, worauf ich ihm entgegnete, da� ich Guthrie schon darauf aufmerksam gemacht h�tte.</p><p>�Wo, um Himmelswillen, hat er sich denn die ganze Zeit �ber rumgetrieben?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>In der zweiten Szene trat F.F. der sich inzwischen der Geisterutensilien entledigt hatte, als K�nig auf, eine Rolle, die er fast immer spielte, seine beste �brigens. Gertrude Grainger als K�nigin wirkte neben ihm sehr majest�tisch. Zaghaft r�hrte sich wieder etwas Applaus, denn unser Prinzipal betrat im schwarzen �Hamlet�-Wams die B�hne, um ungef�hr zum siebenhundertsten Male Shakespeares l�ngste und gr��te Rolle zu spielen. Monica, die immer noch auf ihrem Koffer nahe dem Schaltpult sa�, sah unter ihrem Make-up blasser denn je aus. Ich faltete meinen Mantel zusammen und bedeutete ihr wortlos, ihn als Kissen zu benutzen. Dann setzte ich mich neben sie, sie nahm meine Hand, und so verfolgten wir das Spiel vor den Kulissen.</p><p>�F�hlen Sie sich besser?� fragte ich sie nach einer Weile fl�sternd. Sie sch�ttelte den Kopf. Dann beugte sie sich zu mir her�ber, wobei ihr Mund fast mein Ohr ber�hrte, und wisperte ganz aufgeregt: �Bruce, ich habe Angst. Dieses Theater ist nicht ganz geheuer. Ich glaube einfach nicht, da� es Guthrie war, der den Geist gespielt hat.�</p><p>�Nat�rlich war er es�, fl�sterte ich zur�ck. �Ich habe ja mit ihm gesprochen.�</p><p>�Haben Sie sein Gesicht gesehen?� fragte sie.</p><p>�Nein, aber ich konnte seine Fahne riechen!� Dann erz�hlte ich ihr die Sache mit der Helmlampe und fuhr fort: �Francis und John hatten sich beide schon als Geister verkleidet, als pl�tzlich Guthrie erschien. Mag sein, da� Sie einen von ihnen gesehen haben, bevor die Szene begann, und das brachte Sie auf die Idee, jemand anderer als Guthrie sei aufgetreten.�</p><p>Sybil Jameson sah anklagend zu mir her�ber, weil ich offenbar zu laut gesprochen hatte. Daraufhin kam Monica noch n�her mit ihrem Mund heran, so da� ihre Lippen fast mein Ohr ber�hrten.</p><p>�Ich habe nichts dagegen, wenn jemand anderer den Geist spielt�, fl�sterte sie kaum h�rbar, �wirklich nicht, Bruce, aber in diesem Theater geht etwas um ��</p><p>�Sie sollten diesen Ouija-Unsinn vergessen�, sagte ich ein wenig zu scharf. �Stehen Sie jetzt bitte auf�, f�gte ich noch schnell hinzu, denn der Vorhang ging eben �ber der zweiten Szene nieder; es war h�chste Zeit f�r Monica, deren Auftritt mit Laertes und Polonius unmittelbar bevorstand.</p><p>Ich wartete, bis sie auf der B�hne war und ihre ersten Verse gesprochen hatte. Obwohl ich sicher war, da� ihr ihre �berreizten Nerven einen Streich gespielt hatten, lie�en mich ihre unheimlichen Beobachtungen erschauern. Was mich wiederum auf den Gedanken brachte, noch einmal mit Guthrie zu sprechen und mir sein Gesicht anzusehen. W�hrend ich �u�erst behutsam ging, damit sich der Vorhang nicht bauschte, lie� mich pl�tzlich eine Szene vor Verbl�ffung sprachlos innehalten, die ich schon einmal gesehen hatte, als ich von meinem Gang durch die Bars zur�ckgekommen war. Nur war die B�hne jetzt hell erleuchtet. Props sa� hinter seinem Requisitentisch und beobachtete alles sehr aufmerksam. Hinter ihm sah ich wieder Francis Farley Scott und John McCarthy in ihren improvisierten Geist-Kost�men, und bei ihnen standen wieder der Prinzipal und Joe, alle in einen heftigen, nur f�r Lippenleser verst�ndlichen Streit verwickelt, der diesmal aber viel hastiger ausgetragen wurde.</p><p>Es wurde mir schnell klar, da� Guthrie wieder verschwunden sein mu�te. Als ich auf die Streitenden zuging, scho� mir der alberne Gedanke durch den Kopf, da� Guthrie letztendlich doch noch das Loch entdeckt haben k�nnte, durch das jeder Alkoholiker liebend gern verschwinden w�rde, um die Pausen zwischen den leider nun einmal notwendigen Auftritten in der reellen Welt trinkend auszuf�llen.</p><p>Pl�tzlich rannte Donald Tryer, unser Horatio, an mir vorbei auf den Prinzipal zu und teilte ihm keuchend mit, da� er Guthrie weder in einer Garderobe noch sonst irgendwo im B�hnenraum aufst�bern k�nnte.</p><p>In diesem Augenblick fiel der Vorhang. Die Kulissen, vor denen Ophelia und die anderen agiert hatten, wurden hochgezogen und gaben den Blick auf die Zinnen Helsing�rs wieder frei. Die helle Beleuchtung wurde auf das mittern�chtliche Blau der ersten Szene herabged�mpft, so da� man momentan fast �berhaupt nichts erkennen konnte. Ich h�rte den Prinzipal mit gr��tem Nachdruck sagen: �Sie spielen den Geist.� Dann hasteten er und Joe und Don auf ihre Pl�tze, um sich f�r ihren eigenen Auftritt bereitzuhalten. Sekunden sp�ter ging der Vorhang tr�ge zischend in die H�he, und ich h�rte den Prinzipal mit vollt�nender Stimme rezitieren:</p><p>�Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt.�</p><p>Dann Don als Horatio:</p><p>��s ist eine schneidende und strenge Luft.�</p><p>Inzwischen hatten sich meine Augen an das Dunkel gew�hnt, und ich sah Francis Farley Scott und John McCarthy Seite an Seite in der Kulisse, durch die der Geist auf die B�hne tritt. Sie schienen noch immer zu streiten, denn jeder der beiden bildete sich ein, der Prinzipal h�tte in der Dunkelheit auf ihn gedeutet. Was F.F. betraf, so war es nat�rlich jederzeit m�glich, da� er sich nur diesen Anschein gab. Die Vorstellung von Zwillingsgeistern, die Arm in Arm die B�hne betreten, drohte meinen �berreizten, f�r Komik sehr empfindlichen Verstand ins Schleudern zu bringen. Dann tauchte hinter ihnen jedoch wieder die m�chtige Gestalt mit verschleiertem Helm auf � die Geschichte wiederholt sich eben. Auch Scott und McCarthy mu�ten sie gesehen haben, denn sie blieben abrupt stehen, bevor ich mit meiner Hand die Schulter des dritten Geistes ber�hren konnte. �Guthrie, sind Sie in Ordnung?� fragte ich fl�sternd. Ich wei�, man darf einen Schauspieler vor seinem Auftritt nicht erschrecken, es war sehr t�richt von mir, aber die Erinnerung an Monicas panische Angst und die bange Frage, wo Guthrie sich wohl versteckt hatte, machten mich v�llig kopflos.</p><p>In diesem Augenblick h�rte ich die Stimme Horatios:</p><p>�O seht, mein Prinz, er kommt.�</p><p>Guthrie entzog sich sogleich meinem leichten Griff, trat auf die B�hne, ohne sich auch nur umzudrehen � und lie� mich schaudernd zur�ck. Denn bei der Ber�hrung seines rauhen, steifleinernen Mantels hatte ich anstelle von Guthries breiten Schultern nur etwas K�rperloses gesp�rt. Ich versuchte mir einzureden, da� es an Guthries Umhang gelegen haben k�nne, der bei jeder Bewegung ein wenig von seinen Schultern wegstand. Irgend etwas in dieser Art mu�te ich mir ja einreden. Dann drehte ich mich um. John McCarthy und F.F. standen vor dem Garderobentisch, zwei dunkle Gestalten, die mir einen neuen Schreck versetzten, was wohl auf meine �berspannten Nerven zur�ckzuf�hren war. Hinter den Kulissen verborgen beobachtete ich das Geschehen auf der B�hne.</p><p>Der Prinzipal lag auf den Knien, w�hrend er seinen Degen mit dem Heft nach oben wie ein Kreuz hielt und seine lange Rede begann:</p><p>�Engel und Boten Gottes, steht uns bei!� �</p><p>Und nat�rlich hatte der Geist seinen Umhang so eng um sich geschlungen, da� man nicht sehen konnte, was darunter verborgen war. Das kleine gr�ne Licht in seinem Helm war noch immer nicht eingeschaltet. F�r mich war es schrecklich, da� der kleine theatralische Effekt bei der heutigen Vorstellung fehlte, weil ich mir nichts sehnlicher w�nschte, als Guthries verw�stetes altes Gesicht zu sehen, um endlich Gewi�heit zu erlangen. Gleichzeitig nistete in meiner albernen Fantasie die bizarre Vorstellung, wie Guthries streits�chtiger Schwiegersohn ver�rgert die um ihn Versammelten anzischte, da� Gilbert Usher so eifers�chtig auf seinen Schwiegervater sei, da� er ihm nicht einmal erlaube, sein Gesicht auf der B�hne zu zeigen.</p><p>In der folgenden Szene, wo der Geist allein mit Hamlet auf der B�hne ist, herrschte f�nf Sekunden lang vollkommene Finsternis. Erst dann sprach der Geist seine ersten Verse:</p><p>�H�r an!�</p><p>Und:</p><p>�Schon naht sich meine Stunde,/Da ich den schwefligen, qualvollen Flammen/Mich �bergeben mu�.�</p><p>Falls irgend jemand von uns bef�rchtet hatte, der Geist k�nne seinen Text vergessen haben oder sei so betrunken, da� er nur noch lallte, so waren diese Sorgen im Nu verflogen. Die Verse wurden mit gr��ter Autorit�t und Wirkung gesprochen. Ich war ziemlich sicher, da� ich Guthries eigene Stimme h�rte. Er spielte an diesem Abend sogar besser als sonst und interpretierte die Rolle noch distanzierter, weltferner, allem Erdenleben hoffnungslos entfremdet.</p><p>Im Zuschauerraum herrschte Totenstille. Ich sp�rte, wie Francis Farley Scott, der seine Schulter an mich pre�te, vor Angst zitterte.</p><p>Jedes Wort, das der Geist sprach, war wie ein anderer Geist, erhob sich in die Luft und hing schwebend �ber uns, bevor es in die Ewigkeit entschwand. �Ich bin Deines Vaters Geist: Verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandern ��</p><p>Die Worte waren kaum verklungen, da fiel mir ein, da� Guthrie ja tot sein konnte und nun sein Geist gekommen sei, um eine allerletzte Vorstellung zu geben. Ein schauderhafter, unm�glicher Gedanke, aber dann erinnerte ich mich, da� Monica �hnliche oder gar noch schrecklichere Gedanken peinigten. Ich mu�te unbedingt zu ihr gehen.</p><p>W�hrend die Worte des Geistes sich emporschwangen � wunderbare schwarzgefiederte V�gel �, lief ich wieder einmal hinter der B�hne herum. Auf der rechten Seite standen F.F. und John noch genauso da, wie ich sie verlassen hatte, bewegungslose Schemen, erstarrt und gefesselt.</p><p>Monica hatte sich von dem Schaltpult entfernt und stand jetzt, ein wenig geb�ckt, nahe dem Scheinwerfer, der ein diffuses blaues Licht auf den Vorhang warf.</p><p>Ich ging zu ihr hin�ber, als der Geist gerade von der B�hne abtrat und sich r�ckw�rts entlang des Lichtkegels bewegte, ohne in ihn hineinzutreten, seine letzten Worte sprechend, die noch schrecklicher und einsamer klangen, als ich sie jemals zuvor geh�rt hatte:</p><p>�� Lebe wohl mit eins:</p><p>Der Gl�hwurm zeigt, da� sich die Fr�he naht,</p><p>Und sein unwirksam Feuer beginnt zu blassen.</p><p>Ade! Ade! Ade! Gedenke mein!�</p><p>Es vergingen ein, zwei Sekunden, ehe im gleichen Augenblick an zwei verschiedenen Stellen L�rm ausbrach: Monica schrie gellend auf, w�hrend gleichzeitig im Parkett und auf den R�ngen donnernder Applaus losbrandete, angeheizt von Guthries Leuten, aber diesmal das ganze Publikum mitrei�end. Meiner Meinung nach war es der gr��te Beifall, den der Geist in der ganzen Theatergeschichte jemals bekommen hat. In der Tat war mir vorher nie zu Ohren gekommen, da� sich seinetwegen extra eine Hand ger�hrt h�tte. Es war sicher die unpassendste Stelle zum Klatschen, wenn ich auch zugebe, da� die Vorstellung den Beifall durchaus verdient hat. Aber die Atmosph�re war zerst�rt, und der anhaltende Applaus nahm der Szene viel von ihrem bedrohlichen Charakter.</p><p>Monicas Schrei erstickte in den Beifallswogen, so da� nur ich und einige andere aus der Truppe ihn h�ren konnten.</p><p>Zuerst dachte ich, ich selbst sei die Ursache f�r den Schrei gewesen, weil ich sie ganz pl�tzlich, wie zuvor Guthrie, von hinten angefa�t hatte. Aber anstatt zu erschrecken, drehte sie sich um und klammerte sich an mich. Gertrude Grainger und Sybil Jameson nahmen sich ihrer f�rsorglich an und versuchten sie zu beruhigen.</p><p>Der Beifall war abgeklungen. Der Prinzipal, Don und Joe taten ihr Bestes, um die Situation zu retten, w�hrend aus den Scheinwerfern ein rosaroter Lichtschein auf die B�hne fiel: Die D�mmerung brach �ber Helsing�r herein. Schlie�lich beherrschte sich Monica und erz�hlte uns in hastig hervorgesto�enen Worten, was sie zum Schreien gebracht hatte. Der Geist, sagte sie, sei f�r einen kurzen Augenblick an den Rand des blauen Lichtkegels getreten, und dabei h�tte sie durch seinen Schleier ein Gesicht gesehen, das dem Gesicht Shakespeares aufs Haar glich. Ja, so sei es gewesen. Sp�ter geriet ihre Sicherheit etwas ins Wanken, aber als sie uns das erz�hlte, war sie noch absolut sicher, da� sie Shakespeare h�chstpers�nlich und niemand anderen gesehen habe.</p><p>Ich machte die Erfahrung, da� man nicht entsetzt aufschreit oder sich nach au�en hin besonders exaltiert benimmt, wenn man so etwas h�rt. Es bringt einen eher zum Schweigen. Aber ich f�hlte mich ziemlich elend, w�hrend gleichzeitig meine Ver�rgerung wegen des Ouija-Brettes wieder wuchs. In der Tat war ich zutiefst erregt und obendrein verdrossen und gereizt, so als h�tte eine riesenw�chsige Kreatur die Spielzeugwelt meines Universums in Unordnung gebracht.</p><p>Sybil und Gertrude schien es genauso zu ergehen. Wir waren wegen dieser ganzen Sache alle sehr best�rzt, und auch Monica war auf ihre Weise eingesch�chtert. Gleich w�rde der Vorhang nach jener Szene fallen, mit der der erste Akt endet. Dann w�rden auch die B�hnenlichter aufleuchten.</p><p>Als der Vorhang schlie�lich fiel � mit einer weiteren Runde Applaus von jenseits der Rampe � und wir �ber die B�hne gingen, Monica dicht neben mir, denn mein Arm lag noch immer auf ihrer Schulter, da h�rten wir einen erstickten m�nnlichen Schreckensschrei, der uns entsetzte und zur Eile antrieb. Ungef�hr zur gleichen Zeit waren fast ein Dutzend Personen auf der linken B�hnenseite versammelt, unter ihnen nat�rlich der Prinzipal und die anderen, die auf der B�hne gewesen waren.</p><p>F.F. und Props standen in der T�r zur Requisitenkammer und blickten in den versteckten Teil des L-f�rmigen Raumes hinab. Sogar von der Seite sahen die beiden recht mitgenommen aus. Dann kniete sich F.F. nieder und verschwand aus meinem Gesichtsfeld, w�hrend Props sich in gekr�mmter Haltung �ber ihn beugte.</p><p>Als wir uns mit hochgereckten H�lsen um Props dr�ngten, um einen Blick zu erhaschen � ich war unter den ersten und stand direkt neben dem Prinzipal �, sahen wir etwas, das nur einen einzigen Schlu� zulie�: Dieser Geist w�rde nie mehr vor den Vorhang treten und sich f�r den Applaus bedanken k�nnen, der noch immer aus dem Zuschauerraum heraufbrandete, obwohl die Hauslichter f�r die erste Pause bereits an sein mu�ten.</p><p>Guthrie Boyd lag in seinen Stra�enkleidern auf dem R�cken. Sein Gesicht sah grau aus, seine Augen blickten starr. Um ihn herum verstreut lagen der Umhang des Geistes, der Schleier, der Helm und eine leere Whiskyflasche.</p><p>Zwischen den beiden unmittelbar aufeinanderfolgenden Ersch�tterungen � Monicas Enth�llung und die Entdeckung des Leichnams in der Requisitenkammer � hatte sich ein Zustand der Ersch�pfung meines Denkens bem�chtigt. Monicas hilfloser, ungl�ubig staunender Gesichtsausdruck verriet mir, da� sie das gleiche wie ich f�hlte. Ich versuchte, die Dinge wieder ineinanderzuf�gen, aber sie wollten einfach nicht mehr zusammenpassen.</p><p>F.F. schaute uns �ber seine Schulter hinweg an. �Er atmet nicht mehr�, sagte er, �ich f�rchte, er ist tot.� Dann begann er, Boyds Krawatte aufzubinden, sein Hemd aufzukn�pfen und seinen Kopf auf den zusammengerollten Umhang zu betten. Er reichte uns die Whiskyflasche zur�ck, deren sich Joe schleunigst entledigte.</p><p>Der Prinzipal schickte jemanden nach einem Arzt, und innerhalb von zwei Minuten brachte Harry Grossman einen aus dem Publikum herauf, der seine Platznummer und sein K�fferchen an der Abendkasse hinterlassen hatte.</p><p>Er war ein kleiner Mann � kaum die H�lfte von Guthrie � und vor Schreck fast gel�hmt, aber er versuchte sich gerade deshalb mit gr��ter professioneller W�rde aufrechtzuhalten, als wir ihm Platz machten und uns hinter ihm zusammendr�ngten.</p><p>Er best�tigte F.F.�s Diagnose und erhob sich schnell wieder, nachdem er sich f�r ein paar Sekunden bei Guthrie niedergekniet hatte. Dann sagte er sehr hastig zum Prinzipal, so als w�rden ihm die Worte entgegen seiner gewohnten beruflichen Zur�ckhaltung �berraschend entschl�pfen: �Mr. Usher, wenn ich nicht selbst Zeuge gewesen w�re, da� dieser Mann soeben eine gro�artige schauspielerische Leistung vollbracht hat, w�rde ich denken, er ist seit einer Stunde oder l�nger tot.�</p><p>Er sprach so leise, da� ihn nur wenige verstanden, aber ich verstand ihn, und auch Monica schien ihn verstanden zu haben. Und das war die dritte gro�e Ersch�tterung � ich stellte mir f�r einen Augenblick das grauenhafte Bild vor, wie Guthrie Boyds Geist oder irgendein anderes Wesen seinen toten K�rper zwang, diese letzte Auff�hrung durchzustehen. Wieder einmal versuchte ich vergeblich, die einzelnen Teile dieses n�chtlichen Mysteriums richtig ineinanderzuf�gen. Der kleine Doktor blickte uns lange und verwirrt an. �Ich vermute, er hat den Umhang �ber seinen Stra�enkleidern getragen?� Er machte eine Pause, bevor er uns fragte: �Er hat doch den Geist gespielt?� Der Prinzipal und einige andere nickten, aber ich vermute, F.F. hatte ihm einen seltsamen Blick zugeworfen, denn der Doktor r�usperte sich und sagte: �Ich mu� den Mann so schnell wie m�glich bei besserem Licht und an geeigneterem Ort genauer untersuchen. Gibt es hier �?� Der Prinzipal schlug ihm die Couch in seiner Garderobe vor, und der Doktor bestimmte Joe Rubens, John McCarthy und Francis Farley Scott dazu, den Leichnam zu tragen. Den Rest von uns bat er, zur�ckzutreten.</p><p>Just in diesem Augenblick geschah etwas, das alle St�cke dieses n�chtlichen Mysteriums wieder auf ihren angestammten Platz fallen lie� � jedenfalls f�r mich und auch f�r Monica, wenn ich die Art und Weise richtig deutete, wie ihre Hand in der meinen zitterte und sich dann fest um meine Hand schlo�. Wir waren jetzt im Besitz des Schl�ssels zu den unheimlichen Ereignissen. Ich werde Ihnen aber erst erz�hlen, von welchem Schl�ssel ich spreche, wenn ich die Enden dieser Geschichte zusammengekn�pft habe.</p><p>Der zweite Akt wurde ungef�hr eine Minute hinausgez�gert, aber dann hielten wir den Zeitplan ein und brachten sogar eine bessere Vorstellung zustande als gew�hnlich � ich kann mich nicht erinnern, die Friedhofs-Szene jemals so intensiv erlebt zu haben.</p><p>Bevor ich meinen eigenen ersten Auftritt hatte, ri� mir Joe Rubens meinen Hut vom Kopf, den ich die ganze Zeit �ber auf hatte. Ich spielte den G�ldenstern mit einer Armbanduhr, aber ich kann mir nicht vorstellen, da� irgend jemand davon Notiz nahm.</p><p>F.F. spielte die letzte Erscheinung des Geistes als Stimme jenseits der B�hne. Er imitierte Guthries Stimme recht gut, eine gespenstische Stimme, aber das verlangt ja die Rolle.</p><p>Bevor das Drama zu Ende ging, hatte der Doktor entschieden, da� Guthrie an Herzversagen gestorben sei. Kein Wort von seinem Alkoholismus. Als der Vorhang nach dem letzten Akt fiel, informierte Harry Grossman Sohn und Tochter und brachte sie mit hinter die B�hne. Angesichts der Tatsache, da� sie sich um den alten Jungen mehr als ein Jahrzehnt lang nicht gek�mmert hatten, waren sie jetzt ziemlich zerknirscht. Andererseits schienen sie es zu genie�en, einem so gro�en und feierlichen Ereignis beiwohnen zu d�rfen, vor allem Guthries streits�chtiger Schwiegersohn. Am n�chsten Morgen brachten die beiden Zeitungen von Wolverton Schlagzeilen �ber das Ereignis. Guthrie hat als Geist nie soviel Aufsehen erregt. Die merkw�rdigen Umst�nde sorgten daf�r, da� die Pressemeldung rund um die Welt ging.</p><p>Am Nachmittag des dritten Tages fand die Beerdigung statt, wenige Stunden vor unserer letzten Auff�hrung in Wolverton. Die ganze Truppe nahm gemeinsam mit Guthries Angeh�rigen und vielen anderen Wolvertonern daran teil. Die alte Sybil brach am Grabe zusammen und schluchzte hemmungslos.</p><p>Es mag ein bi�chen gef�hllos klingen, aber es war f�r uns doch recht angenehm, da� Guthrie gerade hier gestorben war, denn es sparte uns den �rger, die Verwandten zu benachrichtigen und aller Wahrscheinlichkeit auch noch f�r das Begr�bnis zu sorgen. Und f�r den alten Guthrie bedeutete es ein letztes gro�es Finale. Jedermann au�erhalb der Truppe hielt ihn f�r einen Heros und M�rtyrer nach dem Motto: Die Show mu� weitergehen. Und nat�rlich wu�ten auch wir, da� er in einem tieferen Sinne das auch gewesen war.</p><p>Wir mu�ten bei der Rollenverteilung improvisieren, um die L�cke zu f�llen, die Guthrie in den Dramen hinterlassen hatte, so da� der Prinzipal nicht gleich einen neuen Schauspieler zu engagieren brauchte. F�r mich, und ich glaube auch f�r Monica, gestaltete sich der Rest der Spielzeit sehr angenehm. Gertrude und Sybil mu�ten nun ihre Veranstaltungen am Ouija-Brett allein fortsetzen.</p><p>Und jetzt werde ich Ihnen erz�hlen, was es mit dem kleinen Umstand auf sich hat, der mir und Monica eine befriedigende L�sung dieses n�chtlichen Mysteriums bescherte.</p><p>Sie werden bemerkt haben, da� Props darin verwickelt war. Als ich ihn daraufhin ansprach, sagte er scheu, da� er mir in diesem Punkte nicht weiterhelfen k�nne. Er war ja eine Zeitlang dem unerkl�rlichen Zwang verfallen gewesen, sich betrinken zu m�ssen, und sein Verstand hatte vollkommen ausgesetzt, schon vor Beginn der Vorstellung bis hin zu dem Augenblick, wo er am Ende des ersten Aktes zusammen mit F.F. an Guthries Leichnam stand. Er erinnerte sich nicht an den Ouija-Schrecken oder an irgendein Wort, das er zu mir �ber Theater und Zeitmaschinen gesagt hatte.</p><p>F.F. erz�hlte uns, da� er Props nach dem letzten Auftritt des Geistes gesehen habe, wie er � in der Dunkelheit nur vage erkennbar � in die leere Requisitenkammer geschlurft sei, wo sie ein wenig sp�ter Guthrie am Boden liegend gefunden hatten. Ich glaube, da� der seltsame Blick, den F.F. � dieser realit�ttrunkene alte Schuft � dem Doktor zuwarf, nichts anderes andeuten sollte, als da� er selbst den Geist gespielt habe. Leider konnte ich ihn deswegen nicht zur Rede stellen.</p><p>Aber nun zu dem kleinen Umstand: Als sie Guthries Leichnam forttrugen und der Doktor den Rest von uns bat, zur�ckzutreten, da drehte sich Props gehorsam um, richtete sich auf und warf Monica und mir einen vielsagenden Blick zu. Er schien voller Mitleid, l�chelte ernst und verwandelte sich f�r einen kurzen Augenblick in den ewigen Beobachter der Lebensb�hne, f�r den diese kleine Trag�die nur ein Teilchen im unendlich gr��eren, endlos interessierenden Lebensplan war.</p><p>Es d�mmerte mir in diesem Moment, da� Props es gewesen sein konnte, denn w�hrend unserer Suche hatte er mit gr��ter Aufmerksamkeit den Eingang zur leeren Requisitenkammer beobachtet. Man kann das Kost�m des Geistes ja in Sekundenschnelle aus- oder anziehen (obwohl Props� Schultern einen Umhang wie den von Guthrie kaum zu f�llen verm�gen), und dann fiel mir noch ein, da� ich Props und den Geist kurz vor oder w�hrend der Vorstellung nie gleichzeitig gesehen hatte. Nat�rlich, Guthrie war wenige Minuten vor mir angekommen � und gestorben � und Props, ermutigt durch das Trinken, hatte seine Rolle �bernommen!</p><p>Wie Props mir sp�ter erz�hlte, hatte Monica sofort gewu�t, da� es sein hochstirniges Gesicht war, auf das sie durch den gr�nen Schleier einen fl�chtigen Blick hatte werfen k�nnen.</p><p>In dieser Nacht waren also vier Geister auf der B�hne gewesen � John McCarthy, Francis Farley Scott, Guthrie Boyd und ein vierter, der die Rolle wirklich gespielt hat. Ob Props nun einen Blackout hatte oder nicht � er kannte die Verse von den vielen, vielen �Hamlet�-Auff�hrungen auswendig, denen er in seinem Leben schon beigewohnt hatte, vielleicht auch von begrabenen Erinnerungen aus der Zeit, da er die Rolle in den Tagen der K�nigin Elizabeth I. verk�rpert hatte � und folglich hatte Billy (oder Willy) Simpson oder einfach Willy S. den Geist gespielt. Denn ein guter Schauspieler springt im Notfall automatisch f�r einen anderen ein.</p></section><section><title><p id="__Toc231461767"><emphasis>Das arme alte Gespenst von Heinrich Seidel</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Heinrich Seidel (1842-1906) war ein Erz�hler humorvoller Kleinstadtidyllen und liebenswerter Vorstadtgeschichten, der mit seinen Erz�hlungen um Leberecht H�hnchen hohe Auflagen erzielte. Er arbeitete nach einem polytechnischen Studium zuerst als Ingenieur und machte sich als Konstrukteur des Hallendaches �ber dem Anhalter Bahnhof einen Namen, bevor er sich seit 1880 ganz der freien Schriftstellerei widmete. Auch seine kleine Gespenstergeschichte zeichnet sich durch liebenswerten Humor aus.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Am Rande des Kiefernwaldes lag ein w�stes, sandiges Feld. Es war ganz sich selber �berlassen; es wuchs darauf, was wollte, und das war recht wenig, denn es geh�rte viel guter Wille dazu, auf diesem Felde zu gedeihen. Einige kegelf�rmige Wacholderb�sche hatten mit z�her Energie es vor sich gebracht und zeigten sich von ferne gesehen als einzelne dunkle Gestalten dar�ber zerstreut, scheinbar in trauriges Nachdenken versunken �ber ihren tr�bseligen Beruf. Eine tapfere und listige Sorte von Sandgras, das unter der Oberfl�che in sicherer Tiefe strahlenf�rmig lange schnurgerade Schossen treibt und aus diesen in abgemessenen Entfernungen seine spitzigen Bl�tter emporsendet, hatte einzelne Strecken �bersponnen, an gesch�tzteren Orten hatte r�tliches Heidekraut zu kleinen Fl�chen sich zusammengedr�ngt, und auf einem niedrigen Sandh�gel stand eine knorrige, verkr�ppelte Kiefer, bald mit blo�gelegten Wurzeln, bald auch wieder fu�tief im Sande vergraben, je nach des regierenden Windes allm�chtiger Herrscherlaune. Dieser kleine Sandh�gel, der an sonnenhellen Tagen als ein blendender Punkt in der ebenen Landschaft weithin sichtbar war, hatte sich noch nicht f�r seine endg�ltige Form entschieden, und unter Beihilfe g�tiger Luftstr�mungen sich in immer neuen Gestalten der erstaunten Umgebung zu zeigen, war sein unabl�ssiges Bestreben.</p><p>Der Fleck war einsam und lag an der letzten Grenze der Stadtfelder; niemand suchte dort etwas, weil dort nichts zu finden war. Eine kurze Zeitlang war es anders gewesen, bald nach der Abholzung des k�mmerlichen Waldes, der vor Jahren dort gestanden hatte. Es ward bekanntgemacht, da� die B�rger der Stadt an dieser Stelle gegen eine ganz geringe Gegenleistung Kartoffelland erhalten k�nnten, und es fanden sich zwei Nachbarn, deren Herzen dies Anerbieten mit vagen Hoffnungen und hochfliegenden Spekulationen erf�llte und die in wunderbarer Verblendung von diesem �Urboden� eine �ppige Ernte erwarteten. Weise M�nner zuckten die Achseln, gewichtige Ackerb�rger gaben abmahnende Ratschl�ge aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrung, allein der D�mon der Habgier hatte die Herzen der beiden M�nner verh�rtet, also da� ihr Sinn verblendet war.</p><p>Eines Tages lie� der eine derselben, ein Schuster, s�mtliche landwirtschaftlichen Sch�tze, welche seine flei�ige Kuh den Winter �ber produziert hatte, aufladen und hinausfahren. Er schwang selber die dreizinkige Gabel und schaute mit Befriedigung auf den reichen Segen, der ihm verhei�end entgegendampfte.</p><p>Am anderen Tag fand bei dem Nachbar Schneider ein �hnliches Ereignis statt. Aber ach, es war nur eine Karikatur dessen, was wir vorhin gesehen haben. Der arme Schneider hatte es nur zu einem Exemplar jenes Tieres bringen k�nnen, dessen m�nnliche Mitglieder von alters her zum Schneiderstand in einer von gewissenlosen Sp�ttern vielfach ausgenutzten Beziehung stehen, und wer die geringen Leistungen dieses Vierf��lers f�r den vorliegenden Zweck aus eigener Anschauung kennt, der wird es begreiflich finden, da� der d�nne Schneider und seine k�mmerliche Eheh�lfte es vermochten, im Laufe des Tages auf zwei Handkarren die ganze wohlzusammengesparte Sammlung auf den Acker zu bef�rdern. Seufzend betrachtete das Ehepaar dort den in �ppigen H�geln sich darstellenden Reichtum des Nachbarn � ach, ungleich verteilt sind die G�ter dieser Welt!</p><p>Nach einigen Tagen ging der Schneider wieder hinaus, um sein Land umzugraben. Wohlausgebreitet, einer Samtdecke vergleichbar, lag jetzt das nachbarliche Gut auf dem Felde. Der Schneider seufzte wieder und begann seine Arbeit. Aber der kr�ftige Duft, der vom Nebenlande zu ihm her�berwehte, lie� ihm keine Ruhe und befruchtete seine Fantasie. Er sah im Geiste beide Felder nebeneinanderliegen, das eine gr�n und �ppig bewaldet, da� man den Grund nicht sah, das andere mit niedrigen, gelbgr�nen B�schen besetzt, so da� man sie vergleichen konnte den beiden Tieren, welche so flei�ig f�r ihr Gedeihen gearbeitet hatten. Der Gedanke lie� ihm keine Ruhe und zu dem D�mon der Habsucht gesellte sich der des Neides. Und aus beider Verm�hlung ward die Untat geboren, welche dem armen Schneider so verh�ngnisvoll werden sollte. Er war der ehrlichste Schneider von der Welt gewesen, und seine H�lle war leer geblieben bis auf diesen Tag. Selbst als er dem reichen durchreisenden Herrn den Rock gemacht hatte von dem feinsten Tuche der Welt, dergleichen er nie zuvor und nie nachdem gesehen hatte, behielt er nichts zur�ck, als, mit Erlaubnis des Fremden, ein kleines Fleckchen, das ihm f�r diesen meteorgl�nzenden H�hepunkt seiner Laufbahn als Beweisst�ck diente. Es lag zu Hause, in sieben Papiere eingewickelt, wohlverwahrt in einer Schachtel. Aber der Mensch soll sich h�ten, b�sen Leidenschaften die Einkehr in sein Herz zu gestatten.</p><p>Er hatte aufgeh�rt zu graben und sah sich vorsichtig um, dann stieg er auf einen Stein und reckte sich und schaute in die Ferne, da� er mit seiner d�nnen Gestalt wie ein einsames Ausrufungszeichen in der Landschaft stand. Aber es war ringsherum niemand zu sehen, nur ein in Nahrungssorgen vertiefter Storch stelzte in einem fernen Wiesengrunde umher. Der Schneider brachte einen Busch zwischen sich und diesen Storch und schaute wieder auf den Nebenacker. Wie das k�stlich und verhei�ungsvoll dalag! Dann sah er sich noch einmal vorsichtig um und schlich auf das sch�sterliche Feld. Nach kurzer Pr�fung schob er sein Grabscheit behutsam unter eines jener flachen Gebilde, welche, wie allgemein bekannt, nur der Kuh in dieser Vollendung gelingen und schleuderte es auf seinen Acker. Eine geschickte Verteilung des umherliegenden Materials lie� die entstandene L�cke verschwinden, und bald war die letzte Spur der Tat unter dem Sande verborgen. Mit einem Male geschah ein Klappern auf der Wiese, der Storch h�pfte mit ausgestreckten Beinen eine Weile �ber das Gras, hob sich dann empor und flog auf die Stadt zu. Der Schneider schrak zusammen und zitterte, ihm war, als habe der kluge Vogel alles gesehen und eile ihn anzuklagen. Doch der Schreck legte sich, und da nun der erste Schritt getan war, so folgten ihm noch manche andere, wobei der vorsichtige Schatzdieb jedoch allemal bestrebt war, die Spuren seiner Tat sorglich zu verbergen.</p><p>Sie blieb auch unentdeckt. Am anderen Tage schickte der Schuster seine Gesellen und sein M�dchen hinaus, und diese gruben wohlgemut den Acker um, ohne im geringsten an dergleichen zu denken. Dem armen Schneider fiel ein Stein vom Herzen, als in der n�chsten Zeit alles still blieb. Die Ruhe seines Gem�ts aber war und blieb verschwunden. Es war, als ob ein d�monisches Etwas ihn immer zu dem Kartoffelfelde hinz�ge, wo die Jungfr�ulichkeit seiner ehrlichen Gesinnung neben so geringf�gigen und niedrigen Gegenst�nden begraben lag. Des Abends, wenn es dunkel ward, sah man ihn den Feldweg entlang schleichen und in den Himmel nach Wolken sp�hen. Von Zeit zu Zeit bohrte er mit dem Fu� im mahlenden Sande, bis er auf die Feuchtigkeit kam, die sich vor den Sonnenstrahlen und dem ausd�rrenden Winde in die Tiefe zur�ckzog. Je klarer der Himmel leuchtete, je bew�lkter waren seine Z�ge, bis endlich der ersehnte Regen kam, mehrere Tage anhielt und einen freundlichen Schein �ber sein abgewelktes Gesicht verbreitete.</p><p>Die Kartoffeln mu�ten von einer leichtgl�ubigen und vertrauensseligen Sorte sein, denn sie lie�en sich durch diesen Regen verleiten zu keimen, nach einiger Zeit streckten sie die ersten gr�nen Bl�tter aus dem Sande hervor und schienen gesonnen, auch von den schwierigsten Umst�nden sich nicht zur�ckschrecken zu lassen. Ein warmer Fr�hling und g�nstige Regeng�sse bef�rderten ihr Wachstum, und nun begann eine neue Qual f�r den armen Schneider. Das b�se Gewissen leitete seine Blicke mit d�monischer Macht immer auf einzelne seiner Pflanzen, welche unter den anderen durch ein volleres Gr�n und �ppigeres Wachstum sich auszeichneten. Seine Schuld wuchs aus dem Boden und jedes dieser Gew�chse war eine gr�nende Anklage.</p><p>Das Kartoffelkraut mochte etwa die H�he von drei Zoll erreicht haben, und der Schneider dachte schon daran, ob es wohl Zeit sei zu h�ufeln, da trat eine gro�e D�rre ein. Der Himmel gl�nzte wie poliert hernieder und eine unerbittliche Sonne brannte Tag f�r Tag auf das unbesch�tzte Feld. Zuweilen rotteten sich nach Mittag einige unternehmende Wolken zusammen und versuchten einen kleinen Angriff; allein am Abend gaben sie schamrot den Versuch auf und die Sonne ging siegreich unter. Einmal gelang es ihnen, sich zu einem Kumulus zu vereinigen, aber sie schienen wenig Vertrauen in sich zu setzen und hatten es sehr eilig. Im hastigen Vor�berschweben bekam das Sandfeld auch seinen Tribut, einige schwere Tropfen fielen puff, puff auf das ausged�rrte Land, und jeder erzeugte eine kleine Staubwolke um sich her. Nach f�nf Minuten hatte die gierige Sonne alles wieder aufgesogen. Bald war das ganze Land fu�tief in ein feines Pulver verwandelt, das Kartoffelkraut nahm eine gelbgr�ne Farbe an und legte sich. Jetzt mu�te ein schwerer, nachhaltiger Regen kommen, oder alles war verloren.</p><p>Das Quecksilber des Barometers, das wochenlang mit einer kleinen Kuppe geziert zu immer heitereren H�hen aufgestiegen war, fing pl�tzlich an zu sinken. Dann eines Mittags zog ein gewaltiges Gewitter herauf, blieb jedoch in der Ferne stehen und sandte nur einen m�chtigen Sturm her�ber. Allenthalben in der Weite sah man in dunklen Streifen den Regen aus dem Gew�lk herniedergehen, nur hier war weiter nichts als das flatternde �chzen der B�ume, und die Wege, welche in die Stadt f�hrten, standen wie lange, wogende Staubmauern in der Landschaft.</p><p>Am Nachmittag konnte der Schneider es nicht l�nger aushalten und machte sich auf nach seinem Acker. Ein breiter gelblicher Streif zeigte sich ihm an der Stelle, wo er sonst hinter dem Felde den dunklen Wald zu sehen die Berechtigung hatte. Schlimme Ahnung befl�gelte seine Schritte, und als er nahe genug war, zeigte es sich, da� sie ihn nicht betrog.</p><p>Das Schrecklichste, das einem Menschen, der auf Sandfelder seine Hoffnung setzt, geschehen kann, war eingetroffen. Sein Acker befand sich auf Reisen. Mit dem fr�hlichen Leichtsinn und der geringen Anh�nglichkeit an die Heimat, welche diesem Boden eigen ist, benutzte er die g�nstige Gelegenheit, andere Gegenden und fremde L�nder zu sehen, aufs bereitwilligste. Der arme alte Schneider stieg auf den Sandberg und schaute stumm in das grausige Treiben. Es war heute einer der Glanztage des kleinen H�gels; er konnte dann im Stolz auf seine Proteusnatur stets sagen: �Wer ist unter den Sterblichen, der mich kennt, wie ich jetzt bin und wer unter ihnen d�rfte es wagen zu behaupten, da� er mich kennen wird, wie ich morgen sein werde?� Er hatte seine Abnahme- und Zunahmetage, heute war das letztere der Fall und der Schneider sa� bereits im wahren Sinne des Wortes auf den Tr�mmern seiner Hoffnung. Und der Wind heulte und w�tete in dem fliegenden Felde, hier h�ufte er Sandwehen auf, die jede Spur von Gr�n verschlangen, dort entbl��te er erbarmungslos die armen welken Pflanzen bis auf die Wurzel, und �ber dem Ganzen schwebte, stets wallend und wechselnd, die dichte, hohe gelbgraue Wolke. Am Abend, als es schon zu sp�t war, kam das Gewitter herauf, ein gewaltiger Platzregen entlud sich und jagte unter Donner und Blitz den armen durchn��ten Schneider wieder nach Hause.</p><p>Von diesem Schlage erholte er sich nicht mehr. Hatte er sich nun bei dieser Gelegenheit erk�ltet, oder hatte Gem�tsbewegung seine Gesundheit zerr�ttet, er verfiel bald darauf in eine heftige Krankheit und nach ein paar Tagen war er begraben. Aber selbst im Grabe hatte sein armer Geist keine Ruhe. Er umflatterte und umschwebte noch immer die St�tte seiner Sorge und seiner Schuld, und indem er die feinsten �therischen D�nste aus der Luft an sich zog, verdichtete er sich allm�hlich zum Gespenst.</p><p>Es m�chte an der Zeit sein, die vielfachen und bedauerlichen Irrt�mer, welche �ber die Natur der Gespenster verbreitet sind, einmal n�her zu beleuchten. Eine der rohesten Anschauungen lautet: Ein Gespenst ist eine Gestalt in einem wei�en Bettlaken, welche nachts zwischen zw�lf und ein Uhr Unfug treibt. Ich vermute, da� diese Fabel von einem Liebhaber erfunden ist, den sein Nebenbuhler des Nachts in dieser Vermummung durchgepr�gelt hat. Schon der allgemeine Glaube, da� ein Gespenst sich an gewisse engumschriebene Nachtstunden bindet, zeugt von einer betr�benden Unkenntnis der wirklichen Verh�ltnisse. Ich glaube des Dankes unserer verstorbenen Mitb�rger, welche das Schicksal gen�tigt hat, sich diesem wenig befriedigenden Beruf zu widmen, gewi� zu sein, wenn ich die Ergebnisse meines eingehenden Studiums �ber die Natur und die Eigenschaften der Gespenster zur allgemeinen Kenntnis bringe. Vielleicht geschieht dies am besten, wenn ich ganz einfach in meiner Geschichte fortfahre und die weiteren Schicksale, welche den armen alten Schneider in seiner neuen Laufbahn trafen, ans Licht der �ffentlichkeit ziehe.</p><p>Sein Geist war also zu dem Anfang alles wirklichen Gespenstertums gelangt, er hatte wieder eine sichtbare H�lle angenommen. Diese H�lle war ein feiner �therischer Dunst, der die Umrisse seines verstorbenen K�rpers trug, und zwar mit der Kleidung, welche er im Hause zu tragen gewohnt war, die in Schlappschuhen, einem Paar Unterhosen, einer Flanelljacke und einer baumwollenen Zipfelm�tze bestand. Man darf es glauben, es war ein recht armes, altes, k�mmerliches Gespenst. Gar oft sa� es an stillen, hei�en Sommertagen auf dem kleinen Sandh�gel auf den Wurzeln der alten knorrigen Kiefer und sp�hte nach seinem Schatten, der nicht vorhanden war. Ja selbst seinen eigenen Dunstk�rper konnte es zu solcher Zeit nicht erblicken, und es geh�rt zu den niederdr�ckendsten Gef�hlen von der Welt, da� man die ganze Umgebung ringsumher zu sehen vermag, nur die eigene Hand nicht, auch wenn man sie sich dicht vor die Augen h�lt. Nur in der Nacht bei Mondschein gegen einen dunklen Hintergrund gesehen, ward es sich und anderen sichtbar, auch leuchten die Gespenster mit einem matten phosphorigen Schimmer, der sich nur zur Nachtzeit offenbart. Aus diesen bis jetzt nicht bekannten Eigenschaften ist wahrscheinlich zu erkl�ren, da� sich so viele irrige Meinungen �ber die Erscheinungszeit der Gespenster gebildet haben.</p><p>Die gr��te Plage f�r den armen, ungl�cklichen Schneider war die Langeweile, die entsetzliche, bodenlose, ewige Langeweile, welche sich seiner bem�chtigte. Ohne Schlaf, ohne Abwechslung, ewig Tag und Nacht ruhelos auf dem kleinen Sandfelde umhergetrieben, dehnten sich ihm die Stunden zu endloser L�nge. Dazu ward er von gespenstischen Empfindungen seiner fr�heren menschlichen Neigungen geplagt. Er empfand zu den bestimmten Zeiten einen gespenstischen Hunger und Durst, eine gespenstische M�digkeit, ohne das Verm�gen zu haben, diese Triebe zu befriedigen.</p><p>Am Tage sa� er, wie gesagt, gern auf dem kleinen H�gel und sp�hte dann in die Landschaft hinaus und zu der Stadt hin�ber, die fern hinter dem Wiesengrunde zwischen B�umen versteckt lag, oder er wanderte ruhelos an der l�ngst verwehten Scheide, welche die beiden verh�ngnisvollen Acker einst trennte, auf und ab. Die kleinen blauen Schmetterlinge, welche �ber dem Heidekraut ihr Wesen trieben, flogen ungehindert durch ihn hindurch, und eines Tages, als er gerade so stand, da� ein d�rrer Zweig in seinen Leib hineinragte, kam ein kleiner Vogel geflogen, setzte sich auf diesen Zweig und sang. Das Tier sa� genau in seinem Magen, ohne auch nur das geringste davon zu bemerken.</p><p>Eine andere Pein f�r den armen Schneider war, da� niemals des Nachts ein Mensch in diese Gegend kam, welchem gegen�ber er in seinem Beruf h�tte arbeiten k�nnen. Wenn er auch nur ein armes, altes und sehr k�mmerliches Gespenst war, so hatte er doch den Ehrgeiz seines neuen Standes und es h�tte ihm wohlgetan, was er im Leben nie erreicht hatte, n�mlich einen Menschen f�rchten zu machen, nach seinem Tode noch gelingen zu sehen. Aber die Gegend war w�st und einsam, es hatte am Tage niemand dort zu tun, und noch weniger des Nachts. So kam zu allem noch der nagende Kummer eines verfehlten Berufes und das niederschlagende Bewu�tsein, f�r den besten Willen in der Welt ohne Anerkennung zu bleiben.</p><p>Aber die Zeit mag noch so langsamen Schneckenganges gehen � sie geht doch wenigstens, aus Wochen wurden Monate, aus Monaten Jahre, und immer noch schwebte das arme alte Gespenst einsam, verlassen, ohne Anerkennung an dem alten Ort.</p><p>Doch endlich in einer wundervollen, mondhellen Sommernacht sollte der langgehegte Wunsch in Erf�llung gehen. Der gespenstische Schneider sa� gerade wieder auf seinem H�gel, da h�rte sein feines Ohr im Walde ein Ger�usch, und kurze Zeit darauf sah er eine menschliche Gestalt, vom Monde hell beleuchtet, auf das Sandfeld heraustreten. Die Gestalt schaute sich um und schritt dann auf den H�gel zu. Es schien ein Student zu sein, wie sich beim N�herkommen zeigte; er trug eine bunte M�tze und eine leichte Wandertasche. Das Gespenst zitterte an allen Gliedern vor Aufregung, es machte sich so lang es konnte, versuchte sich ein wenig aufzublasen und bem�hte sich, schrecklich zu sein. Infolgedessen sah es �ber alle Begriffe komisch aus. Das fand auch der lustige Student, denn er lachte, als er es erblickte und rief: �Guten Abend, altes Gespenst, k�nnt Ihr mir nicht sagen, wo der Weg zur Stadt geht, ich habe mich verirrt!�</p><p>Das Schreckliche, was der arme Schneider im geheimen gef�rchtet hatte, das J�mmerlichste, welches seinem Stande begegnen konnte, war eingetroffen, der erste Mensch, welcher ihn sah, f�rchtete sich nicht einmal vor ihm. Doch so leicht wollte er es nicht aufgeben und noch einmal blies er sich auf, verzerrte seine Z�ge und begann feierlich auf den Studenten loszuschreiten. Doch dieser lachte wieder und sprach: �Ach la�t das nur. alter Herr, es kleidet Euch nicht. Ihr habt Euern Beruf verfehlt. Warum habt Ihr kein anderes Metier ergriffen,� als Gespenst werdet Ihr es nie zu etwas bringen!�</p><p>Das war zuviel f�r den armen Schneider, er stie� einen wehm�tigen Klagelaut aus, sank auf eine Baumwurzel nieder und verbarg das Gesicht in beiden H�nden. Der Student war eine mitleidige Seele.</p><p>�Was habt Ihr denn, altes Phantom?� fragte er liebreich und setzte sich zu ihm, �wenn ich Euch helfen kann, so tue ich es gern, ich habe zu Berlin die Schwarzkunst studiert und f�rchte mich vor nichts.� Der Student redete ihm so freundlich zu, da� der arme alte Schneider das Gespenst der R�hrung empfand und alles herunterbeichtete, was er auf der Seele hatte. Es war das erstemal, da� er seine Schuld offenbarte. Und wie er sprach und sich selbst anklagte, ward seine Dunstgestalt immer blasser und blasser und die letzten Worte erschallten nur noch wie aus leerer Luft. Das blo�e Gest�ndnis hatte ihn befreit. Dann h�rte der Student es in einiger Entfernung aus den L�ften t�nen: �Dank, Dank, du hast mich erl�st.� Dann von Zeit zu Zeit, aus der Richtung, wo die Stadt lag, kam immer ferner und leiser ein Ruf: �Dank � Dank � Dank!� Zuletzt nur noch wie ein Hauch, dann war alles rundherum still.</p><p>Der Student sa� lange nachdenklich auf dem H�gel und schaute der Richtung nach, wo er die Stimme zuletzt geh�rt hatte. Im Osten r�tete sich der Himmel, und als die Sonne emporstieg und rings alles wieder im gl�nzenden Licht dalag, brach er einen Zweig von der alten Kiefer, steckte ihn an seine M�tze und wanderte auf die Stadt zu, welche im Schimmer der Morgensonne vor ihm lag.</p></section><section><title><p id="__Toc231461769"><emphasis>Die Klausenburg von Ludwig Tieck</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>�Selbst die sch�nste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahnungen, so verwirrte Schatten durch unsere Fantasie jagen, da� wir ihr entfliehen und uns in das Get�mmel der Welt hinein retten m�chten �� So entsteht nach den Worten des Romantikers Ludwig Tieck (1773-1853) das Wunderbare in der Poesie, aus dem alle romantische Dichtung erw�chst, �indem wir die ungeheure Leere, das furchtbare Chaos mit Gestalten bev�lkern�. Und so bem�chtigt sich dieser abgr�ndigen M�rchenwelt auch das Grausige und Schreckliche, das Seltsame, Groteske und D�monische. M�rchen wie �Der blonde Eckbert� und der �Runenberg� (1802) haben nichts mehr mit der Naivit�t des Volksm�rchens gemeinsam und f�hren bereits in das entfremdete Grauen zwischen Traum und Wahnsinn. Das Sammelwerk �Phantasus� (1812-1816) leitete in Tiecks realistische Sp�tzeit �ber, in der die Novellenform vorherrscht. Seine zahlreichen sp�ten Novellen vermitteln eine sich im Gespr�chsstil entwickelnde realistische Weltsicht, die dennoch nicht Tiecks ins Bizarre und Gespenstische abschweifende Fantasie g�nzlich verleugnen kann. Eine echte �Gespenster-Geschichte� ist �Die Klausenburg� aus dem Jahre 1837.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Es war fast Mitternacht. Sie wird heut nicht mehr kommen, sagte der junge Graf, das Schlo� liegt ihr zu fern, das Wetter ist ungewi�, die Wege sind nicht die besten.</p><p>Und, rief der junge Anselm, was wetten wir, da� sie dennoch erscheint, trotz allen Ihren Bef�rchtungen? denn sie reist gern in der Nacht, sie hat es versprochen und setzt alles an ihr Wort.</p><p>Wetten? antwortete Graf Theodor, ich bin kein Freund davon, aber ich w�nsche, da� Ihre Vorhersagung, Baron, die Sie so dreist aussprechen, in Erf�llung geht; denn wir gewinnen alle, wenn Sie recht behalten.</p><p>Und tritt der Fall nicht immer ein? rief der hochm�tige Anselm mit schn�dem Tone.</p><p>Wenn Sie Ihrer Sache so �beraus gewi� sind, rief Theodor ihm entgegen, so tun Sie wenigstens unrecht, Wetten anzubieten.</p><p>Anselm sagte: wenn Sie es scheuen, Geld zu wagen, so lie�e sich ja auch die Frage anders stellen.</p><p>Thedor stand auf, als wenn er dem Redenden n�her treten wollte, die Wirtin des Hauses aber, welche diesen Ungest�m der beiden jungen hochfahrenden M�nner f�rchtete, beg�tigte sie beide, indem sie das Gespr�ch auf andere Gegenst�nde richtete. Sie forderte einen �ltlichen, kleinen Mann auf, in der Geschichte, welche zuf�llig war unterbrochen worden, fortzufahren, doch dieser sagte mit einer schlauen Miene: Verehrte Baronin, es m�chte in diesem Augenblicke zu sp�t sein, denn vom Tale herauf h�re ich schon ein Posthorn klingen, und jetzt m�chte ich auch darauf wetten, da� in weniger als einer Viertelstunde die sch�ne Sidonie hier im Saale stehen wird.</p><p>Sie h�ren? sagte Theodor; ich vernehme nichts, und es ist nur eine Einbildung von Ihnen.</p><p>Herr Oberforstmeister, rief der kleine Mann, allen Respekt vor Ihren Talenten und den Gaben aller hier Anwesenden, was aber Ohren betrifft, so meine ich, da� keiner der Verehrten hier sich in Feinheit noch Gr��e derselben mit den meinigen wird messen k�nnen: und darum h�re ich so richtig in die Ferne hinein.</p><p>Alle lachten, denn sie kannten die Art und Weise des Alten, dessen Scherz darin bestand, sich immer selber preiszugeben, und Bl��en und Fehler an sich zu ersinnen, die jeder andere, auch wenn er an ihnen litt, geflissentlich ableugnete. Ein solcher Gesellschafter ist immer beliebt, weil er keiner Eitelkeit in den Weg tritt, und sich geschmeichelt f�hlt, wenn man �ber ihn lacht. Der alte Freiherr Blomberg hatte aber recht, denn so wie der Reisewagen langsam den steilen Berg hinanfuhr, h�rten alle das mahnende Posthorn, bald schw�cher, bald deutlicher, je nachdem der Weg sich kr�mmte, oder der Wind die T�ne �ber den Wald hin verwehte. Die Wirtin schellte, und die Bedienten eilten hinaus, um den edlen, wohlbekannten Gast zu empfangen.</p><p>Wer wettet jetzt mit mir, rief der alte Blomberg laut, da� Fr�ulein Sidonie ankommt?</p><p>Indem alle mit Heiterkeit dem Alten Beifall zunickten, stand Anselm hastig auf und rief: so wett� ich denn hundert Dukaten, da� sie in dieser Viertelstunde noch nicht kommt!</p><p>So! rief Blomberg und hielt die Hand hin, in welche Anselm einschlug. Indem sich alle noch verwundert und die beiden t�richten Menschen fast mit h�hnischen Blicken anschauten, rissen die Diener die T�ren auf, und eine gro�e, mit vielen Kleidern und T�chern verh�llte Gestalt folgte ihnen langsam und laut fluchend. Da alle fast erschraken, nahm der Fremde Reisem�tze, Kopftuch und Mantel ab, und ein altes, blasses Gesicht kam zum Vorschein, welches allen, im ersten Augenblick, ganz unbekannt schien. Er sah sich etwas scheu im Saale um und rief dann: Nun? mir ist, als wenn ich hier ganz unerwartet k�me! Kein Mensch will mir willkommen! sagen? Und meine Nichte Sidonie ist auch noch nicht hier?</p><p>Ei, Graf Blinden! rief die Wirtin jetzt aus, und eilte auf ihn zu: wie kommen Sie zu uns? wir hatten Sie nicht erwartet. Und freilich haben Sie sich in den f�nf Jahren ver�ndert, in welchen ich Sie nicht gesehen habe.</p><p>Das l��t sich denken, sagte der Alte und nahm in einem Sessel behaglich Platz, indes sich die �brige Gesellschaft um ihn her stellte. Ich bin eben erst von einer sehr schweren Krankheit genesen, ich reise in das Bad, und wollte mich bei Ihnen, Cousine, ein paar Tage ausruhen. Und ganz �hnlich sieht das meiner Sidonie, da� sie mich nicht gemeldet hat, wie ich ihr doch auftrug, denn sie wei� es schon seit einer Woche, da� ich herkommen will.</p><p>F�r den alten, von der Reise ersch�pften Mann wurde sogleich Gl�hwein zubereitet, und der alte Blomberg hatte dessen kein Hehl, wie verdrie�lich er dar�ber sei, da� er so gegen alle Wahrscheinlichkeit sein Geld verloren hatte. Der schon �berm�tige Anselm triumphierte jetzt um so mehr, und als der Angekommene die sonderbare Sache vernahm, neckte er den kleinen Mann mit seiner verlorenen Wette so sehr, da� Blomberg endlich ausrief: Nun will ich aber beschw�ren, da� unsere eigensinnige Sidonie heute gar nicht mehr anlangt! Sie setzt etwas darein, alles immer anders zu tun, als die �brigen Menschen, oder als man es erwarten darf.</p><p>Das wei� der Himmel, sagte Blinden, indem er sich am hei�en Weine erquickte; das hat keiner so sehr empfunden als ich, so lang ich ihr Vormund war. Sie hat ein wahres Studium daraus gemacht, denen Menschen, welche sie ihre Freunde nennt, das Leben sauer zu machen. Gnade Gott dem �rmsten, der sich einmal zu ihrem Liebhaber aufwerfen m�chte, oder noch schlimmer, wen sie einmal zu lieben vorgeben sollte. Lieber Galeerensklave sein.</p><p>Aller Blicke wendeten sich in scharfer Beobachtung zugleich auf den jungen Grafen Theodor, und Anselm, der keine Gelegenheit vermied, seinen �bermut zu zeigen, lachte laut. Theodor, der schon gereizt war, ging auf den lachenden jungen Mann mit drohendem Auge zu, indem er �berlaut fragte: Darf man wissen oder erfahren, was Sie zu diesem �berm��igen Gel�chter bewegt?</p><p>Nichts anders, erwiderte Anselm ganz trocken, als die Betrachtung, da� es doch immer wieder die Liebe ist, die alles verwirrt und in Bewegung setzt. So dachte ich denn eben, wie h�bsch sich die, so oft nur allzu langweilige politische Geschichte ausnehmen m�sse, wenn man sie einmal von dieser Seite darstellte, und alle jene unsichtbaren F�den sichtbar machte, die der sogenannte Amor kn�pft und l�st, h�ufig die ernstesten Minister und Herrscher an der Nase f�hrt oder g�ngelt, und, wie oft, hinter der Maske spielt, die der betrogenen Welt ein ganz ehrbares Gesicht entgegen richtet.</p><p>Das ist ja schon genug geschehen, sagte der alte Blomberg, was Sie da w�nschen. Sie sind nur, junger Herr, in Memoiren und Klatschgeschichten zu wenig belesen. Was will man nicht alles von Franz dem Ersten, dem Dritten und Vierten Heinrich, den Medic�ern, Ludwig dem Vierzehnten, von einigen spanischen Tyrannen und dem englischen Carl und Jakob dem Zweiten wissen. Wie vieles auch wahr ist, so haben doch manche Zungen, die nur l�stern m�gen, gerade dadurch die Sachen entstellt, da� sie blo� die Ausschweifung als Motiv und Verkn�pfung aller Begebenheit erz�hlten.</p><p>Sehr wahr! rief der alte Blinden: und wenn wir alle hier, die Besten im Saale nicht ausgenommen, Regenten w�ren, wie viele L�gen w�rde man von uns erz�hlen, da wir schon in unserm Privatstande der Verleumdung nicht entgehen k�nnen. Erinnern Sie sich, lieber Blomberg, was Ihre Neider in Ihrer Jugend sich hinterr�cks zuraunten, was man �ber mich l�sterte, ja unsere ehrw�rdige Wirtin wurde nicht verschont, und es gibt ja b�se Menschen genug, zu denen ich selbst in manchen Stunden geh�re, die Sidonchen ebenfalls scharf hernehmen.</p><p>Da die Baronin sah, da� Theodor schon wieder auffahren wollte, suchte sie das Gespr�ch auf einen andern Gegenstand zu lenken, indem sie sagte: Aber Graf Blomberg k�nnte uns doch die Geschichte zu Ende erz�hlen, die grade beim interessantesten Punkte abgebrochen wurde.</p><p>Graf Blinden, welcher nicht erm�det schien, fragte nach der Geschichte und Blomberg sagte: Lieber Freund, es ist eine Art von Gespensterhist�rchen, eine der Erz�hlungen, in welchen die guten redlichen Geister eben so verleumdet und verklatscht werden, wie regierende H�upter oder angesehene Menschen. So, da� es scheint, es gibt nirgendwo Ruhe und Sicherheit vor dieser allgemeinen Verl�sterung.</p><p>Wenn es die Geister von namhaften Leuten sind, antwortete Blinden, so ist es leicht jenen Abgestorbenen verdrie�lich, sind es aber nur allgemeine anonyme Gespenster, so hat es gar nichts zu bedeuten. Und am Ende, was ist das Schlimmste, was man ihnen nachsagen kann? Da� sie umgehn, keine Ruhe im Grabe finden, noch etwas des Hiesigen an Neid, Bosheit, Geiz, oder so was mit hin�ber genommen haben, und sich nun so lange sch�tteln m�ssen, bis alle diese Schlacken von ihnen abfallen. Was ist daran nun Besonderes?</p><p>Ei! Ei! erwiderte Blomberg, boshaft lachend, � h�tten Sie nur, teurer Mann, noch Ihre ehemalige Korpulenz und jene Fr�mmigkeit, mit welcher ich Sie vor zwanzig Jahren gekannt habe, und Sie s��en meditierend in Ihrem Lehnsessel, und pl�tzlich � pl�tzlich �</p><p>Nun, rief Blinden � machen Sie mir nicht bange � ich bin noch nervenschwach von meiner Krankheit her. �</p><p>Und pl�tzlich h�tten Sie furchtbare Kr�mpfe, und fluchten und l�sterten ganz gegen Ihre gewohnte Weise, und zweifelten an Gott und Mensch und Schicksal, und betr�gen sich in allen Ihren Manieren wie der ausgemachteste Atheist, und w�ren, mit einem Worte es zu sagen, pl�tzlich ein ganz gottloser Kerl geworden �</p><p>Ach! rief Blinden, � das sind so von Ihren Albernheiten! Ich m��te ja von zwanzig Teufeln besessen sein.</p><p>Jawohl, sagte Blomberg ganz gelassen, so glaubte man sonst in der altfr�nkischen Art unserer Vorfahren, aber durch die neueren und sicheren Entdeckungen des tierischen Magnetismus �</p><p>Ich will nichts von solchen Brutalit�ten wissen, sagte Blinden.</p><p>Hilft nichts, fuhr Blomberg fort, wir m�gen uns str�uben, soviel wir wollen, so nimmt uns doch oft, ohne uns zu fragen, diese geistige Viehheit, oder verviehte Geistheit mit. Und in diesem Zustande, in welchem wir durch Bretter, Mauern und T�rme, so wie in Vergangenheit und Zukunft hineinsehen k�nnen, sind wir doch so schwach, da� Verstorbene, die sich schon seit zwei-, dreihundert Jahren jenseits mit ihren Zweifeln und Gottlosigkeiten qu�len, in uns, ohne nur anzufragen, hineinsteigen m�gen, um in unserm Wesen ihr S�ndenleben weiter zu f�hren, und sich allgemach dann von unserem Geiste und unserer frommen �berzeugung bekehren zu lassen. Dies, Freunde, ist eine der interessantesten und auch wichtigsten Entdeckungen der neuern Tage. Es ist eine neumodische Anwendung des vormaligen Einquartierungs-Systems, und es ist nicht zu berechnen, wieviel ein solcher Gast, oder mehrere seines Gelichters von meinen guten und redlichen Eigenschaften, den unentbehrlichsten �berzeugungen und den edelsten Gesinnungen mir wegzehren, wenn sie einmal meine Hospitalit�t so gewaltsam in Anspruch genommen haben.</p><p>Und diese Tollheit, fragte Blinden, w�re authentisch verifiziert?</p><p>Sogar philosophisch argumentiert, antwortete jener, und verklausuliert. Dagegen k�nnen nun Zweifelsucht und Philisterei nicht mehr aufkommen. In den Annalen der Menschheit macht diese Entdeckung eine Epoche, und es bleibt nur zu �berlegen, welche Ma�regeln man gegen dergleichen �berrumpelung treffen k�nne. Die Philosophie wird nun zun�chst entdecken m�ssen, wie wir auf psychologischem Wege und in k�rperlicher R�cksicht durch Di�t unsern Geist und Leib in eine Festung verwandeln m�gen, um uns vor derlei �berf�llen sicher zu stellen. Denn es ist ja begreiflich, bei den Tausenden von vagierenden und vacierenden Seelen ehemaliger arger S�nder, welchen Appetit diese bekommen, wenn sie so stille, fette, fromme und in sich behagliche Menschen-Kreaturen sehen, sich in diese hineinzust�rzen, um sie zu Bosheiten anzutreiben, oder sich gleichsam in deren religi�sen Gef�hlen und edlen Stimmungen zu baden und abzuk�hlen. So werden wir nach der Reihe Kerker und Zuchthaus, wo dieses verbrecherische Gesindel seine Strafzeit absitzt, und welches gebessert und zum ewigen Leben reif aus uns wieder hinausst�rzt. Und wir haben das Nachsehn.</p><p>Es schien, als wenn Graf Blinden um eine Antwort verlegen w�re, und Theodor, welcher nur halb auf die Reden Blombergs hingeh�rt hatte, erinnerte diesen, seine Geschichte zu beschlie�en, deren Ende die Baronin, die Wirtin des Hauses, auch mit Neugier erwartete. � Blinden fragte, wovon die Rede sei, und Theodor nahm das Wort: Ich will Ihnen k�rzlich das wiederholen, was uns Freund Blomberg vorgetragen hat, damit Sie wenigstens den Zusammenhang begreifen.</p><p>Es werden jetzt ungef�hr f�nfzig Jahr sein, da� eine reiche Familie hier oben im Gebirge wohnte. Es ist nicht weit von hier, wo man noch die Tr�mmer des ehemaligen Schlosses sieht, welches vom Gewitter und Feuer zerst�rt, im Kriege ganz verw�stet wurde, und jetzt nur noch zuweilen von J�gern oder verirrten Wanderern besucht wird. Die Leute der Gegend nennen die Ruine die Klausenburg. Geht man den einsamen Fu�steig hinan, durch den Fichtenwald, und klettert dann die weglose Klippe hinauf, so steht man vor einem alten, fest verschlossenen Tore, dessen Mauern der lebendige Felsen bildet. Au�en am Tore ist von Eisen eine Stange mit einem Griffe, als wenn diese eherne Linie mit einer Glocke hinter dem Tore zusammenhinge. Als ich einmal auf der Jagd dorthin gekommen war, zog ich an dieser Eisenstange, aber kein Laut lie� sich von innen auf diese Mahnung vernehmen. Da niemand, als nur mit Beschwer, zu dieser einsamen Stelle gelangen kann, und es von der andern Seite wegen der Abgr�nde und schroffen Klippen fast unm�glich ist, hin�berzuklettern, so sind im Munde des gemeinen Mannes viele Sagen und M�rchen von dieser seltsamen Klausenburg, deren �berreste wirklich einen gespenstischen Anblick darbieten.</p><p>Nun lebte vor l�nger als hundert Jahren, so erz�hlt man sich n�mlich, ein sehr reicher Mann dort, der wohlt�tig, flei�ig und daher von Freunden und Untertanen sehr geliebt war. Er hatte sich schon fr�h aus dem Staatsdienste zur�ckgezogen, um ganz der Bewirtschaftung seiner G�ter leben zu k�nnen, deren er verschiedene im Gebirge hier besa�, samt Bergwerken, Glash�tten und Eisenschmelzereien, die er aus seinen gro�en Forsten mit Vorteil bearbeiten konnte. War dieser Mann von seinen Untergebenen geliebt, so wurde er auch von vielen seines Standes geha�t und beneidet, von denen die Kl�geren ihm z�rnten, weil er sie vermied, und sie wohl einsahen, da� er sie ihres Unflei�es wegen nur gering sch�tze: die Einf�ltigen glaubten aber, und erkl�rten es unverhohlen, Graf Moritz habe ein B�ndnis mit dem Satan geschlossen, und deshalb gelinge ihm alles so �ber Erwarten.</p><p>So albern dies Geschw�tz war, so tat es dem flei�igen Manne doch in jener fr�hen Zeit Schaden: denn die Jahre lagen noch nicht so gar fern, als man wegen Hexerei und Pakt mit dem B�sen M�nner und Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Der Graf also zog sich mi�mutig immer mehr in sich und die einsame Klausenburg zur�ck, und ihm war nur wohl, wenn er sich von Gesch�ften mit verst�ndigen Bergleuten, Maschinenmeistern oder Gelehrten unterhalten konnte. Da er es wu�te, mit welchem Mi�trauen ihn die alten Priester betrachteten, die seinen Kirchspielen vorstanden, so zeigte er sich auch nur selten in der Kirche, was aber auch nichts dazu beitrug, seinen Ruf in der Umgegend zu verbessern.</p><p>Es f�gte sich, da� eine Horde von Zigeunern, die damals noch ziemlich ungest�rt in Deutschland umherschw�rmten, in diese Gegend geriet. Die F�rsten des Landes und die Regierung waren unschl�ssig und saumselig, dem Unfug zu steuern, mehrere Grenzen vereinigten sich in der N�he, und so geschah es, da� dieses Volk ungestraft, selbst unbewacht sein Unwesen treiben konnte. Wo sie nichts geschenkt erhielten, raubten sie; wo man sich ihnen widersetzen wollte, brannten in der Nacht Scheunen ab, und so gingen, da das Feuer um sich griff, zwei D�rfer zugrunde. Da vereinigte sich Moritz mit einigen seiner Nachbarn, welche Entschlossenheit zeigten, und mit diesen verfolgte und strafte er das Gesindel aus eigner Machtvollkommenheit. Gef�ngnisstrafe, Gei�elung, Hunger und Schl�ge wurden angewendet, ohne die Gerichte weiter zu bem�hen, und nur einige der �berwiesenen Mordbrenner schickte er nach der Stadt, damit sie dort nach dem Zeugenverh�re, und ihres Verbrechens �berwiesen, am Leben gestraft werden m�chten.</p><p>Der Graf hielt sich f�r den Wohlt�ter des Landes. Wie gekr�nkt mu�te er sich also f�hlen, als seine Neider und Verleumder gerade diese Umst�nde benutzten, ihn der schw�rzesten Verbrechen, der abscheulichsten Unbilden zu beschuldigen. Diesem Undank wu�te er nichts als einen stillen Zorn und eine vielleicht zu gro�m�tige Verachtung entgegenzusetzen. Denn, wenn der edle Mann immer schweigt, so gewinnt bei Einf�ltigen und Charakterlosen Verleumdung und L�ge um so mehr Glauben. Konnte er sein Herz nicht zwingen, seinen Gegnern durch Gespr�ch, Erz�hlung, Auseinandersetzung der Umst�nde in den Weg zu treten, so f�hlte er sich ganz entwaffnet, als er entdeckte, wie sehr er in seiner eignen Familie und von dem Wesen, was ihm am n�chsten stand, verkannt wurde. Er hatte sp�t erst sich verm�hlt, und die Gattin lag jetzt krank, weil sie ihm vor einigen Tagen einen Sohn geboren hatte. Mit der leidenden Frau konnte er nicht streiten oder ihr heftig antworten, als sie ihm wegen seiner Grausamkeit Vorw�rfe machte, die er gegen schuldlose arme Menschen aus�be, die wohl sein Mitleiden, aber keine unmenschliche Verfolgung verdienten. Als ihm im Vorzimmer einige Basen dasselbe, nur in gemeineren Ausdr�cken sagten, mochte er seinen lange verhaltenen Grimm nicht l�nger zur�ckhalten, seine zornig scheltenden Antworten, seine Fl�che waren so heftig, die Geb�rden des gereizten Mannes so �bermenschlich, da� die alten schwatzenden Weiber alle Fassung verloren und einer Ohnmacht nahe waren. Er lie� sie, damit die kranke Gattin nicht alles von ihnen sogleich wieder erf�hre, mit Gewalt auf ein andres Gut bringen und ritt dann in das tiefe Gebirge hinein, teils um sich am Anblicke der erhabenen Natur zu zerstreuen und zu st�rken, teils um sich wieder zu seinem Streifzuge zu begeben und als Anf�hrer gegen die Bande der Zigeuner zu ziehen. Wie erstaunte er aber, als er vom Oberf�rster erfuhr, da� jene Edelleute, die sich mit ihm diesem Kriege gegen die Landstreicher unterzogen hatten, alle ohne weitere Anzeigen entwichen und auf ihre Schl�sser zur�ckgekehrt seien.</p><p>Er lie� sich nicht irren, und es gelang ihm, wieder einige der B�sewichter zu fangen, die sich grober Missetaten schuldig gemacht hatten. Er befahl, sie gefesselt in einen sichern Kerker zu werfen. Als er, da er alle Leute entfernt hatte, einsam und gedankenvoll nach der Klausenburg zur�ckritt, empfing ihn am Tore des Schlosses sein alter Kastellan und �bergab ihm ein gro�es Schreiben, welches aus der Stadt und von der Regierung eingelaufen war. Mit ahndendem Verdru� �ffnete er das Paket, war aber doch von dem Inhalte desselben �berrascht, so da� sich sein Zorn bis zur Wut, ja fast bis zur Raserei steigerte. Die Briefe enthielten nichts weniger als eine peinliche Anklage auf Mord und Hochverrat, indem der Graf sich durch Willk�r und Anf�hrung einer bewaffneten Schar, der Regierung als Rebell gegen�bergestellt habe. Fast bewu�tlos lie� er diese unsinnigen Briefe fallen, sammelte sich dann mit Gewalt und ging nach seinem Zimmer, um nach einiger Zeit diese Anklage ruhiger zu �berlesen und zu bedenken, wie er sich ihr entgegenstellen solle. Indem er vor dem Schlafzimmer seiner Gemahlin vorbeiging, h�rte er drinnen reden und ihm unbekannte Stimmen. Hastig �ffnete er die T�r, und was er jetzt erblickte, darauf war er freilich nicht vorbereitet. Zwei schmutzige, in Lumpen gekleidete alte Zigeunerinnen sa�en an dem Bett der Kranken, und prophezeiten dieser ihr Schicksal, indem sie widerlich ihre h��lichen Gesichter verzerrten. Mit Recht entsetzte sich die W�chnerin, als sie ihren Gemahl eintreten sah, denn was er jetzt tat, war unmenschlich. Wut ergriff ihn, und er wu�te nicht, was er tat. Bei den greisen langen Haaren fa�te er die Prophetinnen, ri� sie zur T�r und warf sie die hohe steile Treppe hinab. Seine Leute liefen zusammen. Diesen befahl er, sie unten an der steinernen S�ule festzubinden, ihnen den R�cken zu entbl��en und sie so lange und so heftig mit Peitschen zu z�chtigen, bis den Dienern seiner Grausamkeit die Kr�fte entwichen. So geschah es. Er hatte sich in sein Zimmer eingeschlossen, und als er zu sich kam, erstarrte er selbst �ber sich, zu welcher Unmenschlichkeit er sich habe hinrei�en lassen. Durch ein lautes Pochen an der T�r wurde er aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Er �ffnete, und mit allen Zeichen der Angst trat ein Diener herein, welcher sagte: O mein gn�diger Graf, ich f�rchtete, Sie seien krank, wohl gar tot, denn ich klopfe schon lange, und Sie m�ssen mich nicht geh�rt haben. � Was willst du? � Die �lteste, antwortete der Diener, von den garstigen Hexen will Sie durchaus auf eine Minute sprechen, bevor sie das Schlo� verl��t. Sie l��t sich durchaus nicht abweisen, und die h�rtesten Drohungen und Fl�che fruchten bei dem alten Weibe nichts. � So lie� der Graf denn die Gemi�handelte in sein Zimmer heraufsteigen. Der Anblick der Armen war zum Entsetzen: der Graf selbst schauderte zur�ck. Ganz mit Blut beronnen, Gesicht und Arme zerschlagen, eine tiefe Wunde am Kopfe, die man noch nicht verbunden hatte: so trat sie vor ihn. Ich danke dir, so fing sie an zu sprechen, mein g�tiger Bruder, f�r deine christliche Freundlichkeit, die ich in deinem Schlosse genossen habe. Ja wohl bist du ein tugendhafter Mann, ein Verfolger des Lasters, ein unparteiischer Richter und Bestrafer der Untaten. Nicht wahr, ein Racheengel im Dienst deines Gottes? Ist es dir denn bekannt, weichherziger Mensch, weshalb wir am Bette deines Weibes sa�en? Ja, wir hatten ihr gewahrsagt, aber eigentlich wollten wir dich sprechen, und du warst nicht in deinem gastlichen Hause. Wir hatten den Wunsch, uns von der Bande zu trennen, und ein bescheidenes ehrliches Unterkommen zu suchen. Wir kennen den Schlupfwinkel, wo sich der Haupt-Anf�hrer versteckt h�lt, jener so weit ber�chtigte Mordbrenner, den du so lange vergeblich gesucht hast: den wollten wir dir verraten. Aber du bist �rger, als der Verruchteste in unserer Bande, und da du uns so viele Liebe heute bewiesen hast, so wird auch daf�r der Fluch auf dich und deine Familie fallen, und auf deine Nachkommen bis in das dritte und vierte Glied hinab! �</p><p>Der Graf, der schon l�ngst seinen J�hzorn und seine �bereilung bereute, wollte die furchtbare Alte bes�nftigen, er sprach ihr g�tlich zu und reichte ihr, um sie zu vers�hnen, seine B�rse, die mit Gold angef�llt war. Einen giftigen Blick tat die Alte wie gierig auf das Gold, und warf dann mit den Z�hnen knirschend den Beutel dem Grafen vor die F��e. Der Mammon da, schrie sie, h�tte mich und meine arme Schwester gl�cklich gemacht, aber jetzt nach dem Mittagsmahle, das du uns gegeben hast, will ich lieber die Rinde der B�ume nagen, als von deiner vermaledeiten Hand diesen Reichtum nehmen. � So fuhr sie fort und war sinnreich und erfinderisch in Fl�chen, die sie aussprach, und in Qualen und Ungl�cksf�llen, die sie ihm und seinem Hause verk�ndigte. Als sie geendigt hatte, ging sie wankend die steinerne Treppe wieder hinunter, und alles Gesinde floh vor ihr wie vor einem Gespenst.</p><p>Von diesem Augenblicke war der Graf ein verwandelter Mann. Seine Kraft war gebrochen. Er lebte seitdem wie ein Tr�umender, der keinen Willen hat oder einen Entschlu� fassen kann. Seine Umgebung konnte nicht erfahren, ob es ihn tief ersch�tterte, als seine Gemahlin in der Mitternacht nach diesem verh�ngnisvollen Tage starb. Selten h�rte man ihn von jetzt an sprechen oder einen Laut, selbst Seufzer oder Klagen aussto�en. Er k�mmerte sich um nichts mehr, und es schien ihm gleichg�ltig, als die Regierung sein gr��tes Gut einzog, um ihn als Rebellen und �belt�ter zu bestrafen. In dieser Stimmung seines Gem�tes gab er sich ganz in die H�nde jener Priester, die er vorher so auffallend vermieden hatte; er besuchte die Kirche flei�ig und betete mit Inbrunst. Er sah sich nicht um, wenn die andern hinter ihm herriefen: Da kriecht der alte B�sewicht, der Landesverr�ter, der M�rder und Rebell wieder in das Gotteshaus hinein! So benutzten denn einige Verwandte seinen Bl�dsinn, um ihm in einem Proze� ein zweites gro�es Gut zu entrei�en, und es hatte fast den Anschein, als wenn seinem einzigen Erben, einem sch�nen Knaben, nichts von den gro�en Besitzungen seiner Vorfahren �brigbleiben w�rde, wenn sich nicht ein verst�ndiger Vormund des Kindes mit aller Kraft angenommen h�tte.</p><p>Soweit, beschlo� Theodor seinen Bericht, hat uns Freund Blomberg vorher die Geschichte vorgetragen, als er von Gespr�chen, und sp�ter durch Ihre Ankunft, Graf Blinden, unterbrochen wurde.</p><p>Man hatte unterdessen Erfrischungen umhergegeben, und der Alte sagte: Wollen wir die Fortsetzung nicht doch auf morgen versparen? Die Wirtin stimmte am lautesten diesem Vorschlage bei, indem sie ausrief: Mir ist es lieber, denn da noch die Rede von Gespenstern sein soll, so brauche ich mich wenigstens heut nicht mehr zu f�rchten.</p><p>Man trennte sich, und Theodor und Anselm bestiegen ihre Pferde, um noch in der Nacht in verschiedenen Richtungen nach ihrer Heimat zu kehren.</p><empty-line/><p>Am folgenden Tage war die sch�ne Sidonie wirklich angelangt. So wie ihr Charakter sich immer zeigte, blieb sie sich auch hier getreu, denn sie sagte ihren �lteren Verwandten keine Entschuldigung dar�ber, weshalb sie nicht fr�her erschienen sei; man nahm nur aus ihren Erz�hlungen ab, da� Launen und Eigensinn sie unterwegs l�nger aufgehalten hatten. Diese zuf�lligen Mitteilungen mu�ten der ehemalige Vormund sowie die Tante f�r Rechtfertigung ihres Betragens gelten lassen.</p><p>Es ist eine ausgemachte Sache, fing der Freiherr Blomberg nach Tische an, da� wir auf Reisen eigentlich niemals wissen k�nnen, wohin wir geraten werden. Es sind nicht immer die Pferde allein, welche keine Vernunft annehmen, sondern Postillone, ja Postmeister sind zuweilen noch schlimmer, des Wetters, der verdorbenen Wege und zerbrochenen R�der gar nicht einmal zu gedenken. Und wie es Ungl�ck gibt, so oft auch im Elend selbst ein unbegreifliches Gl�ck. Es ist noch nicht so lange her, da� ein Vetter von mir mit seiner jungen Frau und einem kleinen Kinde dr�ben auf meinem kleinen Gute ankam, und der Wagen fiel im Hofe sogleich um, indem sie absteigen wollten. Aber kein Wunder, denn er hatte nur drei R�der. Wir erstaunten nur, da� die Reisenden nicht fr�her umgeworfen hatten, und noch unbegreiflicher wurde die Sache, als die Diener im Walde, eine Viertelmeile hinein, das fehlende Rad an einem Baume ganz nachl�ssig angelehnt fanden. So hatte sich also der Wagen, ohne da� irgendwer den Mangel bemerkte, von selbst im Gleichgewichte gehalten, und die Freunde waren unbesch�digt angelangt. Und doch d�rfte keiner deshalb ein viertes Rad am Wagen f�r so �berfl�ssig halten, wie jenes ber�chtigte f�nfte. In meiner Jugend war ich einmal gezwungen, in den k�rzesten Wintertagen eine ziemlich weite Reise beim abscheulichsten Wetter zu machen. Einen eigenen Wagen besa� ich nicht, und so mu�te ich mich mit jenen Fuhrwerken behelfen, die mir die Postmeister gaben, und die oft nichts weniger als bequem waren und ein seltsames Aussehen hatten. Solange ich in der wohlhabenden menschenvollen Gegend reiste, war es noch ertr�glich. Aber nun geriet ich in Heidegegenden, wo D�rfer und St�dte fehlten und Mangel vollauf war. Mit der zunehmenden K�lte verwandelte sich nun der Regen in Schnee, welcher in Ungeheuern Massen aus den Wolken niederfiel, und Wege, Gestr�uche, Gr�ben und alle Kennzeichen, an denen man sich orientieren konnte, verdeckte. Weil es in diesem Landstriche keine Chausseen und gro�e Heerstra�en gab, war das Fortkommen mit tausend Schwierigkeiten verkn�pft und Geduld war das notwendigste Talent, um weiterzugelangen und auszuhalten.</p><p>H�bsch und behaglich wohnte es sich in der Nacht bei einem jungen Postmeister, der sich erst seit kurzem in dieser W�stenei eingerichtet hatte. Wir schwatzten beim Abendtisch, indem wir guten Wein tranken, fr�hlich miteinander. Er wollte am folgenden Tage seine Braut in sein Haus f�hren, die schon unterwegs war, um mit den Eltern des M�dchens die Hochzeit im ziemlich gro�en Hause zu feiern. Mein Herr, sagte er zu mir, indem ich zu Bette gehen wollte, wenn Sie den Rat eines Wohlmeinenden annehmen wollen, so bleiben Sie wenigstens morgen hier bei uns, und nehmen an unserer Freude teil. Sie haben selbst den Sturm geh�rt, welcher sich seit einigen Stunden aufgemacht hat, er treibt die Schneemassen hin und her, und kein Weg l��t sich unterscheiden.</p><p>Ich kann Ihnen leider nur einen kleinen, ganz offenen Wagen geben, und die n�chste Station ist weit, vier Meilen von hier. Dazu kommt noch, da� ein junger unerfahrner Bursche Sie f�hren mu�, denn die �lteren sind fort, mir Eltern und Braut abzuholen. Sie sparen Zeit und gewinnen, wenn Sie es sich wenigstens diesen einen Tag bei mir gefallen lassen.</p><p>Mein guter Herr, antwortete ich, ich w�rde Ihr g�tiges Anerbieten annehmen, wenn ich nicht allzusehr pressiert w�re. Ein Freund erwartet mich auf der n�chsten Station, dem ich mein Wort verpf�ndet habe, unfehlbar einzutreffen. Ich darf nicht ausbleiben. Meine Gesch�fte sind von der Art, da� ich mit meinem Verwandten auch sogleich von dort in der gr��ten Schnelle weiter reisen mu�.</p><p>Der Wirt, indem er mir gute Nacht bot, sah mich, wie etwas mi�trauisch, von der Seite an, als wenn er meinen Versicherungen keinen rechten Glauben zustellte. Und er war mit seinem Argwohn auch auf keinem ganz unrechten Wege. Denn, mit Menschenkenntnis ausger�stet, wie ich damals mir zutraute, nahm ich alles, was der Mann mir sagte, nur f�r Vorwand und List, um mich l�nger in seinem Hause zu behalten. Er hatte bemerken k�nnen, da� ich das Geld nicht sonderlich achtete, ich mochte ihm als reich erscheinen, wof�r man in der Jugend so gerne gilt, ich hatte ihn gezwungen, mit mir eine Flasche und mehr von seinem teuersten Weine zu leeren, ich hatte ein leckres Abendessen bestellt, welches er mit mir verzehren mu�te.</p><p>Dabei d�nkte ich mich nicht wenig politisch, als ich schon um f�nf Uhr, lange vor Tage, alles im Hause munter machte und nach genossenem Fr�hst�ck, beim Schein der Laternen, meinen d�rftigen Wagen bestieg. Ich lachte innerlich, indem ich von meinem Wirt Abschied nahm, der auch schon munter war, und dem jungen blonden Postillon alle m�gliche Vorsicht empfahl. Vom Schnee war eine gewisse d�mmernde Helle verbreitet, und als wir im Freien waren, fragte ich den jungen Menschen, ob er sich getraue, mich bis zur Mittagszeit auf jene Station zu liefern, und ob er auch des Weges recht kundig sei. Er lachte und sagte: Gnaden, ich bin ja von dort geb�rtig und habe den Weg, seit ich hier in Dienst stehe, schon �ber zwanzigmal gemacht. � Wie w�nschte ich mir selber zu meiner Klugheit und Konsequenz Gl�ck, als ich diese tr�stlichen Worte vernahm.</p><p>Es ging auch allem Anschein nach recht gut, wenigstens im Anfange, und ich tr�stete mich um so mehr, da� mit einbrechender Helle und dem Tageslicht jede Beschwer v�llig m�sse �berwunden sein. Mein Postillon sang, pfiff und blies abwechselnd, was auch dazu beitrug, meinen Sinn zu erheitern. Jetzt kamen wir in ein Fichtengeh�lz, in dem der k�ltere Morgenwind uns anblies und die D�mmerung etwas lichter wurde. Von einer Stra�e oder einem Wege war nirgends etwas zu sehen, denn der Schnee hatte alle Spuren verdeckt. Als wir weiterkamen, fiel von neuem Schnee, und mit dem sto�enden Winde wurde er so hin- und hergewirbelt, und nach allen Richtungen gestreut und getrieben, da� ich in meinem widerw�rtigen offenen Fuhrwerk bald alles Bewu�tsein verlor. Wenn der Schnee so sto�weise mir entgegenschlug, das Gesicht erk�ltete und die Augen blendete, so war es v�llig unertr�glich. Wir k�nnen es alle schon bemerkt haben, da� ein solches Wetter, auch abgesehen von Frost und Schmerz, selbst eine bet�ubende Kraft hat, eine Schwindel erregende, so da� man an solchem Tage auf viele Minuten oft das Bewu�tsein ganz eigentlich verliert. Das begegnete uns denn auch, und ehe ich mich dessen versah, hatte mein Postillon mich, als wir wieder im Freien waren, in einen tiefen Graben geworfen. Wir hatten ihn nicht bemerkt, und der verh�llende Schnee gab nach. Es kostete Anstrengung und Schwei�, das Fuhrwerk wieder in die H�he und aus dem Graben zu bringen, und als es gelungen war und ich meinen Sitz wieder eingenommen, war ich eigentlich um nichts besser daran. Fast kam mir schon die Reue, da� ich der Einladung des verst�ndigen Postmeisters nicht nachgegeben hatte, doch nahm ich Zuflucht zum Stolze und einer konsequenten Ausdauer. So krabbelten wir weiter, und mein junger Fuhrmann schien auch von seinem frohen Mute nach und nach etwas einzub��en.</p><p>Um nicht zu umst�ndlich zu werden, sage ich nur, da� wir langsam fortirrten, da� die Pferde im tiefen Schnee bald m�de wurden, da� nach meiner Rechnung und wenigen Besinnung die Mittagsstunde schon vor�ber sein mu�te, denn ich hatte vergessen, meine Uhr am Morgen aufzuziehn, und im Nebel und immerw�hrenden Schneegest�ber konnte man vom Stande der Sonne nichts erfahren. Mich hungerte, meine Bet�ubung ging endlich in eine Schl�frigkeit �ber, gegen die ich ank�mpfen mu�te, um nicht am Ende gar zu erfrieren.</p><p>Es d�rfte mir schwer werden, irgend von dem Rechenschaft abzulegen, was ich in diesen Stunden dachte, denn mein Geist schlief wirklich, wenn ich auch meinen K�rper noch so notd�rftig wach erhielt. Endlich kam es mir vor, als wenn sich die Luft zum Dunkeln anschickte, wenigstens wurden Nebel und Schnee noch dicker. Keine Spur von Wohnung oder Menschen. Die Pferde waren ganz matt, und nach meiner tr�umerischen Rechnung mochten wir dem Abend nahe sein. Der junge Postillon war abgestiegen, um an den Str�ngen etwas zu kn�pfen, die beim deutschen Fuhrwesen immerdar schlecht und in Unordnung sind. Als ich mich zu ihm hinbeugte, um mit ihm zu sprechen und etwas Tr�stliches zu erfahren, sah ich zu meinem Schrecken, da� der Bursche ganz unverhohlen weinte, und endlich gar laut schluchzte. Was ist dir? � Ach! gn�diger Herr, lautete seine Antwort, mit den Pferden, und auch mit uns, ist es v�llig aus. Wir sind schon stundenlang auf keinem gebahnten Wege mehr. Es hat mich einer behext, ich wei� nicht, wo wir sind. Ich bin in die Wildewahl hineingeraten. So nannte er, nach seiner Bauernsprache, unsre Verirrung.</p><p>Aber was anfangen? � Wenn uns der Heiland nicht durch ein Wunder errettet, so m�ssen wir hier umkommen. � Mut gefa�t, Kleiner! heut fr�h warst du so dreist und lustig. � Ja, damals war ich noch nicht verhext. � Wir k�nnen hier aber nicht bis zum Fr�hling halten. � Ach Gott! wir m�ssen hier umkommen. Und die hei�en Tr�nen rollten wieder in den Schnee.</p><p>Ich sah, da� der Bursche alle Fassung verloren hatte. Zum Gl�ck hatte ich noch einen Rest von s��em Wein bei mir, womit ich den schon ganz Verzweifelnden st�rkte, und so setzte er sich, etwas ermutigt, auf den Bock, um auf gut Gl�ck oder schlimm Ungl�ck weiterzufahren, indem die D�mmerung, und bald darauf auch die Finsternis, wirklich hereinbrach.</p><p>Ich war jetzt weniger bet�ubt. Mit der gr��ten Anstrengung horchte ich umher, ob der Laut eines Menschen, das Bellen eines Hundes mein Ohr tr�fe. Aber alles war still wie die tote Mitternacht. Fast mu�te ich sorgen, da� die Pferde, die immer h�ufiger stolperten, ohnm�chtig niedersinken m�chten. Ich sprach, so gut es sich bei dem Get�se des Windes tun lie�, mit meinem Fuhrmann, damit er nicht einschliefe, oder von neuem in sein trostloses Weinen verfiele. Meine Situation war in der Tat keine beneidenswerte, und in stumpfer Resignation war ich so tief gesunken, da� ich schon auf den andern Morgen zu hoffen begann, obgleich ich es wu�te, da� die Nacht nur seit kurzem begonnen hatte.</p><p>Eine Art von Schimmer verbreitete in der schwarzen Nacht der fallende und liegende Schnee; dieses Aufd�mmern diente aber mehr, Augen und Sinne zu verwirren, als zu irgendeinem Sehen zu verhelfen.</p><p>Endlich, so bildete ich mir ein, h�rte ich etwas, wie aus weiter Ferne: es schien auch etwas Dunkles, Festes sich in die Luft hinein zu erstrecken. So war es auch, denn wir gerieten nun wieder in einen Wald. Immer eine Art von Gewinn, wenn wir die Nacht doch einmal im Freien zubringen sollten. Jene Leute, die auch wohl nur eingebildet waren, lie�en sich nun aber nicht mehr vernehmen.</p><p>Nachdem wir eine Weile noch fortgestolpert waren, zeigte sich wirklich ein Lichtlein ganz, ganz ferne. Ich wollte erst meinen Augen nicht trauen, aber der Postillon entdeckte es ebenfalls. � � �</p><p>Hier wurde der Erz�hler unterbrochen, denn Anselm, so wie Theodor, die eben vom Pferde gestiegen waren, traten ein. Theodor wurde rot vor Freude, als er die sch�ne Sidonie erblickte. Er begr��te sie so lebhaft und leidenschaftlich, da� die Wirtin l�chelte und Blinden herzutrat, um ebenfalls dem jungen Mann Willkommen zu sagen und ihm die Hand zu bieten.</p><p>Sie kommen einen Augenblick zu fr�h, meine werten G�ste, sagte die Baronin, denn soeben ist unser Blomberg bei der Entwicklung einer interessanten Gespenstergeschichte, die er selbst erlebt haben will.</p><p>Man setzte sich wieder, und Blomberg gab verwundert von sich: Gespenstergeschichte?</p><p>Nun ja, fiel Sidonie ein, was kann denn nur das r�tselhafte ferne Licht anders sein als die erleuchtete Kammer einer Elfe oder das Begr�bnis eines wunderbar Ermordeten, dessen Gespenst dort im Schein der Irrlichter umirrt und Bu�e tut oder seinen M�rder auf schauerliche Weise anklagen will.</p><p>Sie haben recht, sagte Blomberg lachend, so sollte eigentlich der Regel nach die Geschichte fortfahren, und mein Postillon schien auch derselben Meinung zu sein; denn hatte er bis jetzt nur im stillen geschluchzt, so fing er jetzt vor Grausen und Entsetzen laut zu heulen an und wollte anfangs meinen Fragen und Ermahnungen kein Geh�r geben.</p><p>Immer rief der junge Mensch, als wir n�her kamen: Nun sind wir verloren! Lauter Hexen und Gespenster! Das ist nicht die Station! Wir sind in einem fremden Weltteile!</p><p>Ich konnte ihn nur mit M�he dahin bringen, da� er die todm�den Pferde st�rker antrieb, denn er zitterte und weinte.</p><p>Meine Neugierde ward gespannter, als wir n�her kamen. Es schien mir ein gro�es Haus, welches mir, hell erleuchtet, entgegengl�nzte. Meine Fantasie, indem ich von den vielst�ndigen Leiden alle meine Kr�fte ersch�pft f�hlte, bildete aus der breiten Masse bald einen gro�en feenartigen Palast, ich sah S�ulen und gl�nzende Balkone, wunderliche Zinnen und T�rme, nebst allen Zubeh�ren eines Zauberschlosses. Nicht lange, so vernahm ich Musik. Ganz wunderbare T�ne schlugen an mein Ohr, und ich r�ttelte mich endlich gewaltsam auf, weil ich furchtete, ich sei eingeschlafen und alles nur ein Traum. �</p><p>Nun, sagte Graf Blinden; schlieft Ihr wirklich, Freund? Nichts weniger, antwortete Blomberg, alles war wirklich. Wirklich? rief die Wirtin mit gro�em Erstaunen aus.</p><p>Wenn ich sage alles, sagte der Freiherr lachend, so meine ich damit, wie jener Hetman der Kosaken, einiges und also bei weitem nicht alles. Das hell erleuchtete gro�e Haus blieb, die Musik verschwand ebenfalls nicht, wohl aber die pr�chtigen Balkone, die k�niglichen S�ulen, die romantischen T�rme und Zinnen des Mittelalters, welche sich in ganz allt�gliche Schornsteine verwandelten.</p><p>Aber so sagen Sie doch endlich, was es nun war! rief Blinden.</p><p>Mich wundert�s nur, sagte Blomberg ganz ruhig, da� Sie es noch nicht erraten haben. � Ich war freudig und beruhigt, da� ich wieder zu Menschen geriet, mochten es auch sein, welche es wollten, da meine Not den h�chsten Grad erreicht hatte, und ich jener unertr�glichen, v�llig hilflosen Einsamkeit entronnen war. Es war mir daher nur erfreulich, als mir aus der T�r des Hauses jener Postmeister mit einem satirischen L�cheln entgegentrat, den ich heut morgen so �beraus fr�h und in hastiger Gesch�ftigkeit verlassen hatte. Wir waren in diesen vierzehn Stunden m�hselig im Kreise rundum gefahren, um zerschlagen, erfroren, ganz verhungert und �berm�det da wieder anzulangen, wo wir unsere Reise begonnen hatten. Sie h�tten es bequemer haben k�nnen, sagte der gutm�tige Mann, indem er mich wegen meines Ungl�cks, zugleich aber auch seine hinf�lligen Pferde bedauerte. Ich mu�te, da man auf mich nicht mehr gerechnet hatte, in einem kleinen St�bchen mich einrichten, und erst am folgenden Tage konnte ich, ausgeruht, meinen Anteil an den Freuden der Hochzeit nehmen. Ich war aber nun so klug, da� ich das schlechte Wetter austoben lie�, und ohne mich zu �bereilen, erst nach vier Tagen weiterreiste. Ein alter, erfahrener Postillon brachte mich zur n�chsten Station.</p><p>So waren wir denn, sagte die Wirtin, get�uscht, indem wir eine Gespenstergeschichte erwarteten. Wir d�rfen Ihnen aber jene nicht schenken, deren Erz�hlung Sie noch nicht vollendet haben, und welche neulich Graf Theodor dem Hinzugekommenen erl�uterte.</p><p>Man setzte sich in einen Halbkreis, und die �berm�tige Sidonie sagte: Wenn ich auch wenig oder nichts von jenem Vorfalle wei� und so mitten hineingerate, so will ich dennoch Interesse nehmen, denn Gespenster und alles, was damit zusammenh�ngt, sind meine Passion.</p><p>Recht so! rief Anselm aus, kann man doch nicht wissen, ob wir nicht alle noch einmal umgehn werden, denn keinem steht es an der Stirn geschrieben, ob er nicht aus eines B�ckers Tochter oder Sohn zur Eule wird.</p><p>O ihr junges Volk! sagte der alte kranke Blinden mit einem tiefen Seufzer: euch f�llt es doch niemals ein, da� ihr schon vor dem Tode zu Gespenstern werden m��t; denn was ist der hilflose, m�rrische, runzelvolle Greis anders, wenn man das Bild jenes bl�henden J�nglings zur�ckruft, welches er vor vierzig oder f�nfzig Jahren darstellte. Wie wird unser Sidonchen aussehn, wenn sie achtzig Jahr alt werden sollte.</p><p>Ich bitte mir einen andern Diskurs aus! wie manchmal der Wiener sagt, � rief Sidonie ganz empfindlich; Vorm�nder d�rfen unh�flich sein, und von diesem erloschenen Recht machen Sie noch immer Gebrauch.</p><p>Also denn, rief der kranke Graf, zu jenen wirklichen, echten Gespenstern, lieber Blomberg, um uns von den imagin�ren abzuwenden. Ihre idealischen sind vielleicht angenehmer.</p><p>Blomberg fing an: Sie wissen also, teure Freunde, wie Graf Moritz mehr und mehr verarmte und seinen Nachkommen nur wenig von jenem gro�en Verm�gen hinterlie�, welches ihm durch Erbschaft zugefallen war. Kriege brachen auch ein, doch erhielt sich der n�chste Besitzer der Klausenburg und seine Familie und war in der Nachbarschaft angesehen und geachtet. Flei�, Gl�ck, die Heirat mit einem wohlhabenden Fr�ulein brachten ihn wieder empor. Und so gelang es den Bem�hungen jenes Erben, da� sein Schlo� noch einige f�nfzig oder sechzig Jahre mit seinem altert�mlichen Schmuck in unsrer Nachbarschaft gl�nzte, da� Freunde und Verwandte ihn gern besuchten, und da� er seinem einzigen Sohne, als er starb, die �briggebliebenen G�ter im guten Zustande und noch bedeutende bare Summen hinterlassen konnte. Jener Fluch der Zigeunerinnen schien also g�nzlich beseitigt, erloschen oder eingeschlafen zu sein. Der Graf und sein Sohn h�tten die fr�here Begebenheit v�llig vergessen, von dem Fluche m�gen sie auch vielleicht nichts erfahren haben.</p><p>Ich war ein munterer Knabe, als ich die Bekanntschaft mit dem letzten jungen Erben, Franz, dort auf der Klausenburg machte. Dieser Franz; etwa um ein Jahr �lter als ich, war heiter, sch�n, liebensw�rdig, die Freude seines Vaters, jenes t�tigen Mannes, der den Glanz seiner Familie zum Teil wieder hergestellt hatte. Da mein Vater nur einige Meilen von hier auf seinem Gute wohnte, so kam ich oft von den jenseitigen Bergen nach der Klausenburg her�ber, und habe auch oft Ihrer Frau Mutter, meine gn�dige Baronin, meine Aufwartung gemacht, zuweilen auch, als ein ungezogener Junge, hier vielen Unfug getrieben.</p><p>Ich war damals noch nicht geboren, sagte die Wirtin.</p><p>In jenen Tagen, sagte Graf Blinden, bin ich niemals in diese Berggegenden gekommen.</p><p>Dieser mein Spielkamerad, Franz, fuhr Baron Blomberg fort, erwuchs nicht nur zur Freude seines Vaters, sondern aller Menschen. Er war sch�n, witzig, beliebt, geschickt als T�nzer und Reiter, und im Fechten konnte sich niemand mit ihm messen. Er hatte sich dem F�rsten vorstellen lassen, dessen Gunst er auch durch sein heiteres Wesen gewann und in dessen Dienst war er nach wenigen Jahren zum Rat emporgestiegen. Wenigen Menschen auf Erden schien ein so gl�ckliches Los bereitet zu sein. Alle M�tter und Tanten in der Nachbarschaft sahen und w�nschten in ihm auch den k�nftigen Mann ihrer T�chter und Nichten, und in der Stadt war er auf den B�llen der verg�tterte und verzogene Held der jungen M�dchen sowie der Gegenstand des Neides und der Verfolgung aller m�nnlichen Stutzer. Man begriff es nicht, da� der junge Mann so lange mit seiner Wahl z�gerte, und lange wollte man den Ger�chten, die dar�ber umliefen, keinen Glauben schenken. Es hie� n�mlich, es habe sich ein Verst�ndnis mit der Tochter des F�rsten angesponnen. Die beiden Liebenden warteten also, so erz�hlte man sich im Vertrauen, auf irgendeinen Zufall, auf eine Begebenheit, die ihnen zum Gl�ck ausschlagen m�chte, um �ffentlich ihre gegenseitige Leidenschaft und ihre W�nsche zu bekennen. Dieser Fall ereignete sich aber nicht, und Jahre um Jahre vergingen, und mit ihnen erloschen die Ger�chte und jene mannigfaltigen Deutungen der vielklugen Politiker.</p><p>Pl�tzlich, als kein Mensch mehr dieser Sache dachte, ward mein Jugendfreund durch die Ungnade seines F�rsten vom Hofe und aus der Stadt verbannt. Alle seine ehemaligen Freunde wichen von ihm zur�ck. Noch schlimmer, da� ihm die von oben besch�tzte Schikane einen gef�hrlichen Proze� an den Hals warf, der ihn mit dem Verlust seines ganzen Verm�gens bedrohte. So sah sich der geschmeichelte, bewunderte und von aller Welt geliebkoste Franz in der schlimmsten Lage und mu�te sich gestehen, da� sein Lebenslauf beschlossen und alle gl�nzenden Aussichten f�r immer verdunkelt seien.</p><p>Ich sah ihn um diese Zeit wieder. Er ertrug sein Ungl�ck wie ein Mann. Noch war er jugendlich sch�n, und die Heiterkeit seines Humors hatte nur wenig gelitten. Wir bereisten die hiesige Gegend, und da die Klausenburg fast schon eine Ruine geworden war, so hatte er nicht gar weit davon, am Abh�nge eines Berges, sich ein niedliches Haus gebaut, von welchem er der sch�nsten Aussicht geno�. Es ist dasselbe, das eine halbe Meile von hier liegt und jetzt dem alten kranken F�rster, dem verarmten Matthias, geh�rt.</p><p>Jenes, rief pl�tzlich Theodor aus, vor dem sogenannten Eibensteige?</p><p>Dasselbe, antwortete Blomberg.</p><p>Dasselbe? wiederholte Theodor fast mechanisch und wie in Gedanken verloren.</p><p>Aber, warf Anselm lebhaft ein, � was k�mmern uns alle diese Dinge? Sorgen wir doch lieber, da� die einleitende Erz�hlung zu Ende kommt, damit wir nun an den Anfang der Gespenstergeschichte gelangen. Das neue Haus, welches wir, wie ich glaube, alle kennen, ist eben das neue Haus, und jene veraltete Klausenburg ist das Gespensternest. Und von diesem sollten wir etwas mehr erfahren.</p><p>Sie machen mich irre, sagte Blomberg verdrie�lich, denn wenn ich erst weiter vorger�ckt bin und im Namen und der Person meines Freundes Franz erz�hlen werde, darf ich noch weniger unterbrochen werden und mu� mich noch mehr vor Zerstreuung h�ten. �</p><p>Also, ich fand diesen Franz ziemlich heiter und verst�ndig. Er vermied es, von seinen fr�heren Verh�ltnissen zu sprechen, doch war er eines Abends sehr ger�hrt, als ihm ein Brief den Tod der jungen F�rstin meldete, die am gebrochenen Herzen verschieden war, oder die, wie man sp�ter behaupten wollte, willk�rlich ihren Tod gesucht hatte, weil sie die Last eines verbitterten Lebens nicht mehr ertragen konnte.</p><p>Ich sah wohl, da� eine stille Melancholie meinen Freund in den meisten Stunden beherrschte, indessen war er nicht gem�tskrank, es zeigten sich bei ihm keine Spuren von Lebens�berdru�; so da� ich hoffen durfte, sein Ungl�ck und die Schicksale, die er erlebt hatte, w�rden dazu dienen, seinen Charakter zu l�utern und ihm die echte Haltung zu geben, die auch dem Unangefochtenen notwendig ist, wie vielmehr dem, welcher schwere Pr�fungen durchzugehen hat.</p><p>Es lebte damals ein verwildertes altes Weib in den hiesigen Gegenden und trieb sich bettelnd und halbwahnsinnig in den D�rfern herum. Die Vornehmeren nannten sie scherzend nur die Sibylle, und die gemeinen Leute trugen kein Bedenken, sie geradezu f�r eine Hexe auszugeben. Man wu�te nicht eigentlich, wo sie wohnte, auch mochte sie wohl keine H�tte oder eine ihr zugeh�rige Einkehr besitzen, weil man sie stets auf den Landstra�en traf und sie allenthalben in der Provinz umherschw�rmte. Einige alte J�gersleute wollten behaupten, sie sei noch ein Nachkomme jener ber�chtigten Zigeunerbande, welche Graf Moritz vor Jahren verfolgt und zerstreut hatte.</p><p>Indem wir in einem sch�nen Buchenwalde in Gespr�chen wandeln, die uns ganz von der Au�enwelt abziehn, steht pl�tzlich, bei einer Wendung des Fu�steiges, diese alte h��liche Sibylle vor uns. Wir waren verwundert, aber auf keine Weise erschreckt, denn wir waren beide in einer heitern Stimmung. Als wir die freche Bettlerin lachend mit einigen M�nzen beschenkt hatten, kam sie, nachdem sie schon fortgesprungen war, in Eile zur�ck, indem sie sagte: Wollt ihr denn f�r euer Geld nichts prophezeit haben? � Wenn es was Gutes ist, erwiderte ich, so kannst du dir noch einige Groschen verdienen. Ich hielt ihr die Hand hin, die sie mit Aufmerksamkeit betrachtete und dann h�hnisch sagte: Ihr habt, guter Gesell, eine ganz miserable Hand, an der jeder, auch der beste Prophet, zuschanden werden mu�. So ein mittelm��iges Gesch�pf, wie Ihr es seid, ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen: weder klug noch dumm, weder b�se noch gut, weder gl�cklich noch ungl�cklich. Ohne Leidenschaften, Geist, Tugend oder Bosheit, seid Ihr so recht einer der ABC-Sch�ler von unsers Herrgotts dummen Jungen, und Ihr werdet nicht einmal das kleine Verdienst haben, jemals in Eurem Leben Eure eigene Erb�rmlichkeit einzusehen. Aus der elenden Hand und dem nichtssagenden Gesicht ist gar nichts zu prophezeien, denn ein solcher trockner Baumschwamm, wenn er nicht erst pr�pariert und gebeizt ist, kann keinen Funken in sich aufnehmen: so k�nnt Ihr, Hans von Unbedeutend, in Eurer stumpfen Natur auch nichts erleben. �</p><p>Hier erhob sich im Saale von allen Zuh�renden ein lautes Gel�chter. Da� Sie diese Rezension so auswendig behalten haben, sagte Anselm, macht Ihnen alle Ehre. � Nun, ist denn diese Prophezeiung in Erf�llung gegangen?</p><p>Der gutm�tige Blomberg hatte mit den �brigen gelacht und sagte nun etwas empfindlich: Jetzt, Herr Baron, sind bei uns diese Wahrsager ausgestorben, sonst k�nnten sich unsere jungen Leute auch Rat holen, um an Selbstkenntnis zuzunehmen. Ich trage diese unbedeutende Begebenheit als Geschichtsschreiber mit der geh�rigen Treue vor, und es kann dabei von der Kritik meines eignen Selbst nicht die Rede sein.</p><p>Sehr wahr, sagte die freundliche Wirtin: Sie, Baron, sind die G�te selbst; und wenn man so �ber sich selbst zu scherzen versteht, so haben die jungen Leute keine Ursach, aus diesem Scherz Ernst machen zu wollen.</p><p>Ich glaube gar nicht, sagte Sidonie mit gespitztem Tone, da� das alte Weib so zu unserm Freunde gesprochen hat, sondern ich meine vielmehr, er improvisiert diesen Panegyrikus, damit wir ihm alle widersprechen und sein Lob in den lautesten T�nen singen sollen.</p><p>Dann hat er sich aber �ber die Ma�en verrechnet, meine schnippische Sch�nheit, sagte Graf Blinden, denn ein solches beif�lliges Lachen, wie er es erregt hat, kann gewi� nicht f�r Widerspruch gelten. Fahren Sie fort, Freund.</p><p>Blomberg erz�hlte: Mein Freund Franz lachte nicht �ber meine Charakteristik und die Ausspr�che des alten Weibes, sondern weil er mich liebte, ward er im Gegenteil b�se und fuhr sie mit heftigen Redensarten an. Ebenso unbillig, als �ber die Worte der alten Vettel Schadenfreude zu empfinden! Sie h�rte ihm ganz ruhig zu und sagte dann: Warum so b�se? Wenn Ihr mir f�r meine Bem�hung und Weisheit nicht noch etwas schenken wollt, so la�t mich ruhig gehn. Denn die Menschen k�nnen es freilich nicht gut vertragen, wenn man ihnen so ihr eigenes Inneres an das Tageslicht zieht. Was kann ich denn daf�r, da� in deinem Freunde da nicht mehr und Besseres steckt? Er ist nicht mein Sohn, noch mein Z�gling. � Sehn Sie, meine Freunde und Zuh�rer, so wollte die Wahrsagerin ihre vorige Grobheit durch eine neue gutmachen und rechtfertigen. � Franz war auch wieder bes�nftigt und gab der Bettlerin einen Dukaten, indem er sagte: Pflegt Euch, Alte: wo wohnt und hauset Ihr?</p><p>Wo ich bin, antwortete sie, mein Dach wechselt so oft, da� ich nicht sagen kann, wie es aussieht: nicht selten ist es offen, und mein Kamerad der Sturmwind. Natur nennen sie�s, wo die Menschen nichts hingebaut haben. Aber ich danke und mu� Euch Eure Freundlichkeit vergelten. � Mit Gewalt fa�te sie schnell die widerstrebende Hand des Freundes, hielt sie zwischen den kn�chernen Fingern fest und betrachtete sie lange, dann lie� sie den Arm mit einem tiefen Seufzer fallen und sagte mit einem Tone, der tiefe Trauer ausdr�ckte: Sohn! Sohn! Ei, du stammst aus einem b�sen Blut, von schlimmen Vorfahren ein schlimmer Spro�. Aber zum Gl�ck bist du der letzte deines Stammes, denn deine Kinder w�rden noch schlimmer werden. Was einmal b�se angefangen hat, mu� auch ein b�ses Ende gewinnen. Ei! Ei! und deine Physiognomie! Deine Mienen! Dein ganzes Gesicht! Ist mir doch fast zumute, als wenn ich einen M�rder vor mir s�he. Ja, ja! Du hast ein junges, sch�nes und vornehmes M�dchen umgebracht. Auf ihrem Sterbebette hat sie lange mit Gram und Angst gerungen. K�nnt ihr denn nicht treu sein und eure Schw�re halten, ihr B�sewichter? Nicht Messer, Degen und Flinte t�ten und schneiden. Auch Blicke, auch s��e Worte: o die verf�hrerischen Reden und all das l�genhafte Sch�ntun! Nun bricht die gl�nzende H�lle zusammen und wird der Verwesung gegeben, die erst euer dummes Auge blendete. Sch�nheit! o du ungl�ckselige Gabe des Himmels! Und auch du, Mordgesell, bist sch�n genug, um noch andere umzubringen. Die Fl�che des Vaters verfolgen dich nun. Du magst nun hier im Walde, oder in deinen sch�n tapezierten Stuben sein. Meinst du nicht, f�hlst du es nicht, wie sie, recht aus dem Herzen kommend, das Ungl�ck und Elend auf dich hinwehen, wie der Sturmwind die d�rren Bl�tter in die Tiefe des Gebirges hinstreut? Wo ist deine Ruhe, dein Gl�ck, dein Vertrauen? Alles zerstiebt wie Flugsand in der d�rren Ebene; keine Frucht kann hier Wurzel fassen.</p><p>Mit einem Male jauchzte die Wahnsinnige laut auf und lief schreiend und widerw�rtig singend in den dichtesten Wald hinein. Als ich mich umsah, erschrak ich, denn mein Freund war totenbleich geworden; er zitterte so heftig, da� er sich auf einen Grash�gel wie ohnm�chtig niedersetzen mu�te. Ich setzte mich zu ihm und suchte ihn zu tr�sten und zu beruhigen. Ist diese Besessene, rief er aus, von der Wahrheit begeistert? Sieht sie wirklich Vergangenheit und Zukunft? Oder sind es nur wahnsinnige Laute, die sie in tierischer Gedankenlosigkeit herausst��t? Und wenn dies ist, � sind diese zusammengew�rfelten Worte nicht vielleicht die echten Orakel aller Zeiten gewesen.</p><p>Er �berlie� sich den Tr�nen und lauten Wehklagen, er rief jetzt laut in die L�fte, was er bis dahin so sorgsam in seinem Innersten geheimnisvoll verschlossen hielt. Ja Fluch, Fluch! rief er aus, allem Talent, der Rede, der Anmut und allen Gaben, die uns ein schadenfrohes Schicksal mitteilt, um uns und andere zu verderben! K�nnt� ich nicht dem ersten ihrer freundlichen Blicke aus dem Wege gehn? Warum lie� ich mich bet�ren, Blick mit Blick und nachher Wort mit Wort zu erwidern? Ja, sie war liebenswert, edel und sch�n, aber in meinem Herzen erhob sich mit den besseren Gef�hlen auch die Eitelkeit, da� gerade sie, die h�chste, es war, die mich so auszeichnete. Nun trat ich n�her, dreister, bestimmter, und mein gel�utertes, hochgestimmtes Gef�hl �berraschte und gewann sie. Sie schenkte mir ihr Vertrauen. Ihr Herz war so schon und gro�; ach! alle diese Jugendgef�hle so zart und innig; es war ein Paradies, was sich uns beiden auftat. Wir glaubten, kindisch genug, es k�nne kein h�heres Gl�ck auf dieser Erde uns geboten werden, diese himmlische Gegenwart, der Moment gen�gte uns. Nun erwachte aber in meinem Herzen die Leidenschaft. Das hatte sie nicht erwartet, sie erschrak und zog sich zur�ck. Das stachelte meine Eigenliebe, ich f�hlte mich ungl�cklich, zerst�rt, der Krankheit nahe. Das erbarmte sie, sie kam mir wieder n�her. Durch eine vertraute Kammerfrau ward es uns m�glich, uns oft ohne Zeugen zu sehn und zu sprechen. Unser Verst�ndnis war inniger, unsre Liebe gewisser und z�rtlicher, aber da diese Gef�hle in Worte gefa�t und bewu�ter ausgesprochen wurden, so war auch auf immerdar jener paradiesische Hauch, jener �berirdische Duft verschwunden. Es war ein Gl�ck, aber ein anderes, irdischer, freundlicher, vertraulicher, aber nicht von jener Magie umgeben, die mich in der fr�heren Zeit entz�ckt hatte, so da� ich mich wohl oft im stillen fragen konnte: Bist du denn gl�cklich? � Ach! mein Freund! indem wir uns oft sahen � wieviel Entw�rfe, t�richte und wahnsinnige, wurden da gemacht! Es war von unserer Zukunft die Rede, an welche der schw�rmend Liebende in den ersten Zeiten seiner Entz�ckung niemals denkt. Einmal schien eine Gelegenheit sich anzubieten, sie zur Ehre des Hauses zu verm�hlen. Da erwachte Wut und b�ser Hader in mir. Sie ward von meinem Zorn bis in das innerste Herz mi�handelt, da es schien, als wenn sie dieser gl�nzenden Verbindung nicht abgeneigt w�re. Ich war schlecht in meiner Leidenschaft, und tief f�hlte sie meine Entartung, mehr in ihrer Liebe um meinetwillen, als ihrer Schmerzen wegen. Oh, sie hat dieses Bild meiner Raserei niemals wieder in ihrer Seele vertilgen k�nnen. Um mir die Schmerzen gut zu machen und mich ganz zu vers�hnen, stieg sie zu meinem geringern wildern Wesen herab. Unsre Herzen hatten sich wieder ganz ausges�hnt, aber mit Sehnsucht sah ich aus den schwefelgelben Gewitterwolken, die mich jetzt umgaben, nach jener Himmelsklarheit zur�ck, die mich anfangs so blendend angestrahlt hatte. Wir lebten in unserm D�nkel wie Verlobte und tr�umten von unserer Verm�hlung, von unerwartetem Gl�ck, von Freuden aller Art und Wendungen des Schicksals, die niemals eintreffen konnten. Aber wir tappten im Nebel umher und hielten das Unm�glichste f�r nahe und nat�rlich.</p><p>Diese Angew�hnung in unsrer Liebe vertilgte allgemach die n�tige Vorsicht. Die Augen der Sp�her erwachten und sch�rften sich an unsrer Unvorsichtigkeit. Ger�chte entstanden, die den Herrn selbst vielleicht niemals erreicht h�tten, wenn nicht sein eigener Blick unser Verh�ltnis geahndet und erraten h�tte. Nun vernahm er auf seine halben Fragen mehr, als er wissen wollte, und weit mehr, als mit der Wahrheit vertr�glich war. Er lie� mich zu sich kommen, ganz allein in sein Kabinett. An diesem feierlichen Abend enth�llte sich mir die Sch�nheit seiner gro�en Seele. Ohne mir Vorw�rfe zu machen, ma� er sich selbst die n�chste Schuld meiner Anma�ung bei, da� er mich mit zu gro�em Vertrauen fast wie einen Sohn behandelt habe, da� er f�r mich so viel vom Herkommen und der Etikette nachgelassen, da� er sich selber t�richt gefreut, da� seine Tochter durch meinen Umgang sich bilden und von mir lernen k�nne. Als er ernster wurde, und ich dem ersch�tterten Vater der Wahrheit gem�� bei meiner Ehre und bei Gott beteuern konnte, da� unsere Leidenschaft uns zu keinem Verbrechen hingerissen habe, da� unser Genius uns nicht verlassen, ward er wieder milde und sagte und verbot mir nur, was ich mir selber sagen konnte. Ich durfte die Tochter niemals wieder heimlich sehn; ich sollte durch Verstand und Charakter sie allgemach von dieser kranken Leidenschaft heilen, die ich t�richt in ihr entz�ndet hatte, und mich dadurch seines Vertrauens und seiner Liebe von neuem w�rdig machen.</p><p>Mir war, so fuhr Franz fort, pl�tzlich wie eine Decke von meinem Angesicht genommen. Ich kann wohl sagen, da� durch diese eine Unterredung mein ganzes Wesen verwandelt war. Die Wahrheit, die Wirklichkeit war nun endlich mit siegender Gewalt auf mich eingedrungen. Manche Lebensperioden sind einem lebhaften, wundersamen Traume zu vergleichen, man erwacht zur N�chternheit, aber man f�hlt sich doch erwacht.</p><p>O mein Freund, diese Wahrheit aber war oder erzeugte mir die H�lle. Mein Geist gab dem edeln Vater in allen Dingen nach, er hatte recht, im vollkommensten Sinne des Wortes. Wenn ich Juliane bewunderte und ihren Wert erkannte, wenn sie mir Freundin war, und ich ihr wichtig genug, da� ich ihr Dasein erh�hen konnte, � was hatte das mit der Leidenschaft, mit dem Ringen nach ihrem Besitz zu tun? Von dieser �berzeugung war ich jetzt durchdrungen und dieses Gef�hl tat mir wohl. Wie anders aber war es mit ihr! Wenden sich die Verh�ltnisse so, so werden in der Regel dann die Frauen in das verzehrende Feuer der Leidenschaft treten. Welche Briefe erhielt ich von ihr, nachdem ich ihr meinen Entschlu� und den Rat, sich der Notwendigkeit zu f�gen, mitgeteilt hatte! Ich sagte ihr fast nur dieselben Sachen, die ich fr�her, als mein Ungest�m in sie drang, aus ihrem sch�nen Munde geh�rt hatte. Aber ihr Ohr war jetzt ein anderes als damals. Taub jedem Rat, gef�hllos jeder Freundlichkeit, unzug�nglich jeder �berzeugung, h�rte sie nur die wilden Eingebungen ihrer Leidenschaft. Meine Vernunft schien ihr Feigheit, meine Resignation nannte sie Niedertr�chtigkeit. Sie, einzig und allein, sie sollte bei dieser Frage, die jetzt in meinem Herzen war er�rtert worden, ber�cksichtigt werden. Kurz, sie spielte jetzt dieselbe Rolle, die ich ihr fr�her dargestellt hatte. Da ich auf mein Betragen sp�ter mit Reue und Besch�mung blickte, so glaubte ich, durch ruhiges Beharren sie auf denselben Punkt allgemach f�hren zu k�nnen. Aber meine Hoffnung erf�llte sich nicht. Seltsam, da� ich jetzt deshalb ge�ngstigt war, weil ich das im �bervollen Ma� besa�, was ich ehemals f�r mein h�chstes Gl�ck gehalten h�tte: und da� sich jetzt mein innigster Wunsch nur erstreckte, sie zur Ruhe, ja K�lte und Gleichg�ltigkeit zur�ckf�hren zu k�nnen. So wunderlich behandeln uns oftmals die G�tter in Austeilung ihrer Gaben. Meine Briefe verletzten sie, so sah ich aus ihren Antworten, immer tiefer. So kam es denn, da� ich selbst w�nschen mu�te, wieder einmal eine vertraute Unterredung mit ihr in einsamer Abend- oder Nachtstunde haben zu k�nnen, deren mir ehemals so viele zuteil geworden waren. Es gelang durch Bestechung, Bitte, Erniedrigung. Aber, o Himmel! wie war diese Juliane eine andere als jene, die mich ehemals entz�ckt und begeistert hatte! Sie glich in ihrem Schmerz, verletztem Gef�hl und beleidigtem Stolz einer rasenden Bacchantin. Ich sagte mir, so wie ich zu ihr trat: Zu diesem Bilde also hat sie deine Liebe, Eitelkeit und Redekunst erniedrigt! O ihr M�nner, die ihr durch eure Kraft diese weichen Wesen zu Engeln erheben oder zu wildsinnigen Trunkenen verwandeln k�nnt! Doch diese Betrachtungen kamen zu sp�t. Waren ihre Briefe schon leidenschaftlich gewesen, so waren die Reden ihres Mundes noch viel ungest�mer und st�rmischer. Nur meine Liebe, nichts weiter in der ganzen weiten Welt verlangte sie. F�r sie gab es keine R�cksichten mehr. Flucht in die Welt hinein, Verletzung ihres Rufs, Kr�nkung des Vaters und ihres Hauses, alles war ihr jetzt recht und erw�nscht. Ich erschrak vor diesem Taumel, der keine Scheu mehr anerkennen wollte. Je milder ich war, je mehr ich ihr die unabweisliche Notwendigkeit deutlich machen wollte, um so wahnsinniger ward ihre Rede und Geb�rde. Gleich wollte sie mit mir entfliehn. Es bedurfte nur, das f�hlte ich, des ausgesprochenen Wunsches, so ergab sie sich mir in diesem Taumel ganz und unbedingt. Ich war im tiefsten Herzen elend, ja vernichtet in allen meinen Kr�ften.</p><p>Ich erfuhr, da� der F�rst nur in Andeutungen mit ihr gesprochen hatte: das Wichtigste wu�te sie nur aus meinen Briefen. Sie schalt auf mich, ihren Vater und das Schicksal, und erst, als sie einen Strom von Tr�nen vergossen hatte, war sie etwas mehr beruhigt. Ich mu�te ihr versprechen, nach einigen Tagen wiederzukommen, um dann die Mittel zu unserer Flucht verabreden zu k�nnen. Also war es nun so weit gekommen, da� ich mich vor dieser angebeteten Juliane f�rchten, ja da� ich sie verachten mu�te. Und doch war sie dieselbe, und nur diese unselige Leidenschaft, die ich aus meinem Herzen in das ihrige gegossen hatte, machte sie zu diesem furchtbaren Wahnbilde. Ich zitterte, sie wieder zu sehen. Ich wu�te nicht mehr, welche Worte ich ihr sagen, welchen Aufschub, oder welche Entschuldigung ich ersinnen sollte. Einige Wochen vergingen so, in denen wir nur Briefe wechselten. Um zu endigen: ich ging wieder zu ihr. Sie schien mir krank, aber noch in derselben Aufregung, die keine vern�nftigen Gr�nde zulassen wollte. Sie hatte einen Wagen besorgt, ihre Juwelen verpackt, an der Grenze Anstalten getroffen, P�sse angeschafft, Besch�tzer in fernen Gegenden in Anspruch genommen, kurz alles getan, was der Wahnsinn einer unbegrenzten Liebe nur immer unternehmen mag. Ich behandelte sie als Kranke, die um sich nicht wei�, und gab ihr in allen Ausschweifungen recht und lobte alle ihre h�chst wunderlichen Pl�ne. So glaubte sie dann mit mir einig zu sein, und in acht Tagen, w�hrend einer gl�nzenden Maskerade, indem alle Menschen besch�ftigt und zugleich unkenntlich waren, wollten wir entfliehn. Ich bewilligte alles, um sie nur f�r den Augenblick zu beruhigen, nahm mir aber im stillen vor, den Hof und die Stadt zu verlassen. Indem wir noch so unsere h�chst vern�nftigen Projekte verhandelten, gewahrte ich pl�tzlich den F�rsten hinter mir, der schon eine geraume Zeit unserer Unterredung zugeh�rt hatte. Die Szene, welche nun vorfiel, mag ich nicht beschreiben. Des Vaters Zorn �berstieg alle Grenzen, weil er mich wortbr�chig vorfand und der �berzeugung war, ich sei ganz mit dem wilden Plane seiner Tochter einverstanden. Sie warf sich zu seinen F��en; ganz dem fr�heren sch�nen Bilde un�hnlich, war sie, wie von Federn eine mechanische Figur in gewaltsame Bewegung gesetzt wird, eine Gestalt, deren Leben sich nur in den krampfhaftesten Geb�rden kund tut. Es ist zu verwundern, da� man manche Momente �berlebt. � Ich ward verbannt, mu�te in die Einsamkeit entfliehn und h�rte lange nichts von der Stadt und den dortigen Begebenheiten, weil ich alle Menschen vermied. Als ich wieder zur Besinnung kam und den Anblick von Freunden ertragen konnte, vernahm ich denn, da� sie an einer unheilbaren Krankheit leide und von ihren �rzten schon aufgegeben sei. Wie wunderlich spielt das Schicksal mit dem Menschen und allen menschlichen Absichten. In dieser h�chsten Not, so sagte man mir, h�tte mir der Vater gern seine Tochter gegeben, wenn er dadurch sein geliebtes Kind nur h�tte retten k�nnen. Er wollte sich �ber die Meinung der Welt und �ber die Einrede seiner Familie hinwegsetzen, wenn ihm durch diesen festen Entschlu� seine Juliane nur k�nne gerettet werden, durch deren Krankheit er erst erfahren hatte, wie er sie liebe, wie sie mit seinem Herzen verwachsen sei. � Alles war umsonst, sie starb in Schmerzen und nach mir rufend, und der trostlose Vater rief mir seine Fl�che nach, die mich auch einholen werden, o ja, so wie ihre Verw�nschungen.</p><p>� So ungef�hr �u�erte sich damals die Leidenschaft meines ungl�cklichen Freundes. Er erz�hlte mir noch zum Beschlu�, da� sein ganzes Verm�gen verlorengehe, wenn sich nicht ein Dokument vorf�nde, das er schon seit langem suche, aber nirgends, in keinem seiner Schr�nke entdecken k�nne.</p><p>Es gibt Leiden, bei denen es t�richt ist, nur den Versuch zu machen, um Trost einzusprechen. Solche Schmerzen m�ssen sich selbst durchleben, sie geh�ren zum Menschen, und wer ihnen nicht erliegt, wer sie �bersteht, wird sp�terhin einsehen, da� diese hohe Schule durchzuarbeiten zu seinem Heile notwendig war.</p><p>Ich bin �berzeugt, sagte mein Freund nach einigen Tagen, als ich von ihm Abschied nahm, da� diese Fl�che, diese Prophezeiungen der Furie mich finden werden. Mein Leben wird sich in Krankheit, Elend, Wahnsinn und Armut verzehren. Der Geist der Abgeschiedenen wird auf meinem Pfade in meine Fu�tapfen treten und Gift s�en, wo vielleicht noch eine Freude aufsprie�en m�chte. �</p><p>Jetzt fing ich an zu tr�sten und aus allen Gegenden Hoffnung und Beruhigung herbeizurufen, weil dergleichen Bef�rchtungen nur allgemein poetische sind, die sich bek�mpfen lassen. Die Hoffnung ist wenigstens noch unendlicher, als die weitumgreifende Ahndung dieser gespenstischen Furcht. � Wir trennten uns, und ich erfuhr lange nichts von meinem Franz. Ich war im Auslande und kehrte erst nach einigen Jahren zur�ck.</p><p>Wir hatten uns nicht geschrieben, und als ich nun wieder in meinem Wohnsitze mich behaglich fand, wie �berraschte und erfreute mich sein erster Brief. Keine Spur mehr der alten Leiden; alles war vergessen. Durch die Zeit und das Gl�ck war mein Franz zu einem wahrhaft neuen Menschen geworden. � Er schrieb mir n�mlich von seiner bevorstehenden Hochzeit. Das sch�nste M�dchen der Provinz, jung, heiter und unschuldig, hatte ihm ihre Liebe zugewendet: er hatte an demselben Tage, nach Jahren, jenes ihm so wichtige Dokument aufgefunden, als das sch�nste Brautgeschenk seines vollendeten Gl�cks. Jene tr�be Zeit, so meldete er mir, sei in seinem Geiste nun v�llig erloschen, eine neue Jugend bl�he ihm auf und er fange jetzt erst an zu leben. In acht Tagen sollte seine Hochzeit gefeiert werden, und er lud mich dringend ein, zu ihm zu kommen, um Zeuge seines Gl�ckes zu sein.</p><p>Gern w�re ich diesem Rufe gefolgt, wenn mich nicht mein Oheim, der auf dem Sterbebette lag, vierzig Meilen weit von hier hinweg gerufen h�tte. Der F�rst, der unsern Freund am meisten ha�te und verfolgte, war auch seitdem gestorben, und so lie� es sich denn nach aller menschlichen Aussicht und Berechnung so an, da� alles Ahnungsvolle, Drohende, Unheilbringende verl�scht, eingeschlafen und vergessen sei und sich Geister des Gl�ckes und der Lust vor den Lebenswagen unsers Freundes spannen w�rden. �</p><p>Hier schwieg der Erz�hler, und Graf Blinden fragte: Ist denn damit die Geschichte aus?</p><p>Wie Sie wollen, antwortete Blomberg.</p><p>Wie Sie wollen? rief Sidonie heftig: Sie sind mit Ihren weit ausgreifenden Reden unausstehlich, wenn jetzt nicht noch ganz andere Sachen kommen.</p><p>Ich will mich erst am Tee erquicken, erwiderte Blomberg ruhig, nachher, wenn der Abend so recht still geworden ist, wollen wir sehen, ob die Geschichte noch eine Fortsetzung zul��t.</p><p>Wenn die �brigen nur neugierig schienen, so konnten alle bemerken, da� sich der junge Graf Theodor in der gr��ten Spannung und Aufregung befand. Anselm wandte von diesem kein Auge und schien eine Art von Schadenfreude zu empfinden, da� Theodor von der Erz�hlung so ergriffen war. Er wechselte Blicke mit der stets lebhaften Sidonie, die auch den Grafen Theodor mit ihren sch�nen Augen pr�fte, als wenn diese Begebenheiten, die vorgetragen waren, auf ihn eine besondere Beziehung h�tten.</p><p>Als man sich um den Teetisch versammelt hatte, suchte Theodor der sch�nen Sidonie nahezukommen.</p><p>Er sprach leise und sehr eifrig mit ihr und Graf Blinden beobachtete indessen Anselm, der still und fein �ber diese lebhafte Unterredung l�chelte. Wie kann man nur so dringend sein? sagte Sidonie endlich laut.</p><p>Wovon ist denn die Rede? fragte der alte Blinden; wenn es erlaubt ist, sich danach zu erkundigen.</p><p>Mein junger Freund, sagte Sidonie, will mich berauben, und fordert mit Ungest�m eine meiner Locken, die ich ihm, wie er behauptet, schon seit langem versprochen habe.</p><p>Sie k�nnen es nicht leugnen, Sidonie, sagte Theodor mit lauter Stimme, und ich mu� mein Recht behaupten, da aus meiner Privatangelegenheit einmal ein �ffentlicher Proze� gemacht worden ist.</p><p>Wollen Sie mich zum Schiedsrichter annehmen? fragte jetzt Anselm mit lachender Stimme.</p><p>Sie, Baron, am wenigsten, antwortete Theodor mit einiger Bitterkeit: Sie m�chten zu sehr Partei werden. Auch ist es wohl passender, wenn die sch�ne Sidonie selbst und allein das Richteramt vertritt.</p><p>Es wird sich alles finden, sprach Sidonie, nur m�ssen wir nichts �bereilen wollen. Wenn der Richter frei und heiter stimmen soll, so mu� man ihm nicht durch Andrang und Vorw�rfe die heitere Laune verderben.</p><p>Die Wirtin, welche das Verh�ltnis der beiden jungen Leute kannte, und wie sehr Theodor eine Verbindung mit Sidonie w�nschte, suchte durch eine Erz�hlung alle zu zerstreuen, weil sie immerdar Anselms eifers�chtigen Ungest�m f�rchtete, der sich keine M�he gab, seine ziemlich feindliche Stimmung gegen Theodor zu verbergen.</p><p>Mit dem Abend trat ein sonderbares Wetter ein. Dunkle Wolken jagten sich durch den Himmel, pl�tzliche Finsternis wechselte mit Helle; zuweilen klatschte der Regen gegen die Fenster, dann vernahm man wieder Windesbrausen, welches �ber die W�lder dahinfuhr. Das ist eine schauerliche Witterung, sagte Blinden, die pa�t so recht, da� man sich am Kamin etwas gr��liche Geschichten erz�hlt. Wenn man auf den gro�en Teich da unten hinblickt, der nur von Zeit zu Zeit sichtbar wird, so hat er auch, wie der Wind sto�end dr�ber hinkr�uselt, vor innigem Schauer eine G�nsehaut. Lieber Blomberg, jetzt w�re die rechte Stunde, Ihre Geschichte zu endigen.</p><p>Die Bedienten hatten bei der na�kalten Witterung ein Feuer im gro�en Kamin gemacht, welches jetzt laut knisternd hell aufloderte. Anselm sprach heimlich mit Sidonie, und jetzt beobachtete Theodor ihre Blicke und Mienen. Indem er sich nahte, sagte das Fr�ulein: Nachher, lieber Theodor, sprechen wir miteinander, lassen Sie jetzt den Baron in seiner Erz�hlung fortfahren, und ich w�nschte nur, da� er uns recht zu f�rchten macht, denn ich liebe dergleichen.</p><p>In wahren Geschichten, warf Anselm dazwischen, wof�r sich diese doch ausgibt, kommt dergleichen nicht vor. Denn was wir bis jetzt von dieser Zigeunerin, der Sibylle, dem v�terlichen Fluch und dergleichen mehr vernommen haben, macht keinen gro�en Eindruck. Alles dieser Art ist nur von einer zweideutigen Wirkung, denn der Leser oder Zuh�rer mu� dem Erz�hler schon mit gutem, ja sogar dem besten Willen entgegenkommen, damit nur eine T�uschung, geschweige ein tiefer ersch�tternder Eindruck m�glich werde. Jene Poesien und M�rchen aber, die darauf ausgehen, uns Schauder und Entsetzen zu erregen, verabscheue ich geradezu, und sie waren mir schon in meiner Kindheit verha�t. Gibt es etwas Unsinnigeres, als da� ich mir freiwillig ein Gef�hl errege, welches mich peinigt, �ngstigt und qu�lt? Ich verlange von der Dichtung, da� sie mich in einen behaglichen Zustand versetze, der mich die Wirren und �ngste des wirklichen Lebens vergessen macht. Darum r�hren mich auch jene fantastischen M�rchen niemals.</p><p>Weil es Ihnen wohl an Fantasie gebricht, versetzte Theodor. Wer blo� Schreck und Angst empfindet, und wem in jenem s��en Grauen sich nicht das R�tsel des Lebens in einem halbverst�ndlichen Wunder darlegt, der kann freilich zu jener geistigen Region keine Einla�karte bekommen.</p><p>Da geraten wir, sagte Anselm h�hnisch, freilich auf jene bahnlosen Schmuggler-Pfade, auf welchen so viele �sthetische Contrebandiers verd�chtige und verbotene Ware aus dem Gebiet des Unsinns in das Land der Vernunft hin�berpaschen wollen.</p><p>Theodor wollte wiederum antworten, aber die alte Baronin nahm das Wort, indem sie freundlich sagte: Meine Freunde, wir Frauen verstehen nichts von diesen gelehrten Disputen, Sie m�ssen uns erlauben, uns an dergleichen wie die Kinder zu erg�tzen. O es ist gar so h�bsch, in guter Gesellschaft sich so recht zu f�rchten, vor dem Schatten an der Wand zu erschrecken, uns bei jedem Ger�usch umzusehen und endlich mit Grauen und Angst in das Bett zu steigen. Wird man recht �bermannt, so mu� wohl gar unter allerhand Vorw�nden die Kammerjungfer in derselben Stube schlafen, und man spricht und fragt, um sich zu �berzeugen, da� sie noch da ist. Wir sterblichen Menschen haben gar seltsame und gar mannigfaltige Vergn�gungen, und wen soll man darum schelten, da� wir so eingerichtet sind?</p><p>Meine Freunde, fing Blomberg jetzt, indem sich alle in der Gegend des Kamins niedergelassen hatten und das Zimmer nur von zwei Kerzen und dem flackernden Feuer erhellt war, mit einiger Feierlichkeit an: wie meine Erz�hlung wirken, ob sie interessant sein mag, kann ich nicht verb�rgen, ich kann nur bekr�ftigen, da� ich sie f�r wahr halte, und da� ich, wie Sie gesehn haben, einiges davon selber mit erlebt habe. Wie man es auslegen, inwiefern man mir glauben mag, welche Konsequenzen man daraus ziehen will, ob dieser und jener es f�r Erfindung erkl�ren m�chte, alles dies k�mmert mich nicht sonderlich. �</p><p>Der Aufenthalt bei meinem todkranken Oheim zog sich in die L�nge. Seine Qual w�hrte l�nger, als seine �rzte es vermutet hatten, und es war mir beruhigend, da� meine Gegenwart ihm so tr�stend und hilfreich sein konnte. Als er gestorben war, hatte ich viel zu tun, seine Verlassenschaft zu ordnen, mich mit den �brigen Verwandten, da mir ein Teil des Verm�gens zufiel, zu einigen und alles so einzurichten, da� wir alle befriedigt und ohne Streit auseinandergingen. �ber diese Angelegenheit, da das Gesch�ft zugleich verschiedene Reisen notwendig machte, war mehr als ein Jahr, fast achtzehn Monate waren dar�ber verflossen. Die Reisen hatten mich weit von dieser Gegend hinweg gef�hrt, und gesteh� ich es nur, in diesen Verh�ltnissen und im Drang der Gesch�fte hatte ich meinen Franz so gut wie vergessen. Er hatte mir nichts geschrieben, ich hatte nichts von ihm vernommen, und so war ich denn �berzeugt, da� es ihm gut gehe, da� er verheiratet sei und sich in seiner neuen Lebensbahn gl�cklich f�hle. Ich machte hierauf, weil ich einmal der Schweiz nahe war, noch in dieser eine Reise zu meinem Vergn�gen, und besuchte nachher ein Bad am Rhein, zu welchem mir mein Doktor schon seit l�ngerer Zeit geraten hatte.</p><p>Hier �berlie� ich mich den Zerstreuungen und geno� auf Spazierg�ngen die sch�ne Natur. Mir war lange nicht so wohl gewesen. Indem ich an der Wirtstafel die Badeliste zuf�llig in die Hand nehme, sehe ich, da� mein Freund Franz schon seit acht Tagen im Bade sich mit seiner Gattin aufh�lt. Ich verwunderte mich sehr dar�ber, da� er mich nicht sogleich aufgesucht hatte, da ihm in der Liste mein Name doch aufgefallen sein mu�te. Indessen sagte ich zu mir selber, er hat die Bl�tter vielleicht nicht mit Aufmerksamkeit gelesen, er hat mich nicht nennen h�ren, er ist vielleicht ernsthaft krank und sieht nur wenige Gesellschaft. So beruhigt, suchte ich ihn in seiner Wohnung auf, und man sagte mir, er sei nicht zu Hause. Ich hoffe, ihn auf dem Spaziergange zu treffen, aber ich werde ihn nirgends gewahr. Als ich am folgenden Tage wieder bei ihm Vorfrage, � dieselbe Antwort � er sei ausgegangen. Ich gebe meine Karte ab, mit dem Ersuchen, er solle zu mir kommen oder schicken, um welche Zeit er meinen Besuch annehmen wolle. Ich erfahre nichts. Fr�h gehe ich wieder bei ihm vor, und der Bediente sagt mir wieder mit einem bek�mmerten Gesicht, sein Herr sei schon ausgegangen.</p><p>Nun sah ich wohl ein, da� Franz mich nicht sprechen wolle und da� er sich vor mir verleugnen lasse. Ich ging alle meine Erinnerungen durch, ob und wie ich ihn k�nne beleidigt haben, aber auch bei der �berstrengen Nachforschung fand sich auch nicht der kleinste Flecken, in Hinsicht seiner, in meinem Gewissen. Ich schrieb ihm also einen etwas empfindlichen Brief, und forderte es, nicht blo� als Zeichen der Freundschaft, sondern der Achtung zugleich, die er sich selbst schuldig sei, da� er meinen Besuch annehmen solle und m�sse.</p><p>Man �ffnete mir, als ich wieder vor der T�r erschien. Als ich im Zimmer eine Weile gewartet hatte, kommt aus der Schlafkammer ein Fremder herein, kein Mann, sondern ein wankendes, zitterndes Gerippe, mit eingefallenem leichenblassen Antlitz, das, wenn nicht die brennenden Augen gewesen, man f�r einen Totensch�del h�tte halten k�nnen. Gro�er Gott! rief ich mit Entsetzen aus, denn ich erkannte nun in diesem Gespenst meinen Franz, diesen ehemals so sch�nen, so liebensw�rdigen Mann.</p><p>Ich war erschreckend in einen Sessel gesunken, und er setzte sich jetzt ebenfalls zu mir nieder, nahm meine Hand in seine d�rre, und sagte: Ja, so, mein Blomberg, sehn wir uns wieder, und du begreifst jetzt wohl, warum ich dir diesen traurigen Anblick ersparen wollte. Ja, Freund, alle jene Fl�che sind in Erf�llung gegangen, das Elend hat mich eingeholt, so r�stig ich ihm auch vorangeeilt war, ich bin zum Tode krank, meine junge Frau, die ein Musterbild der Sch�nheit war, nicht minder, ich bin ein Bettler, und alles ist vor�ber.</p><p>Ich konnte mich immer noch von meinem Erstaunen nicht erholen; nach jenem eisigen, ersten Schrecken trat jetzt das tiefste Mitleiden, ein unaussprechliches Erbarmen in meine Seele, und der ungl�ckliche Freund sah meine Tr�nen flie�en. Aber wie, wie ist alles dies m�glich geworden? rief ich aus, sprich! erz�hle! teile dich deinem Freunde mit. � Verschone mich, sagte er mit matter Stimme, werfen wir einen Vorhang �ber alle diese Trauer, denn was kann es dir frommen, das Wie und Warum zu erfahren. Du w�rdest nicht begreifen, nicht glauben und noch weniger kann dein Rat und Trost etwas helfen.</p><p>Ich konnte nichts erwidern, sein Elend schien so gro�, da� er vielleicht vollkommen recht hatte. Reden, Erz�hlungen und Klagen sind oft nur Stacheln in der Todeswunde. Ich bat ihn, mich mit seiner Frau bekanntzumachen. Er f�hrte sie herein, sie war ebenso leidend wie er, aber man sah, da� sie sch�n mu�te gewesen sein. Sie war gro� und edel gebaut, ihr blaues Auge war von einer durchdringenden Klarheit und ihre Stimme hatte den lieblichsten und seelenvollsten Klang. Nach wenigen Gespr�chen nahm ich Abschied, weil der Doktor hereintrat, und ich bedang mir nur aus, da� Franz den Freund k�nftig nicht mehr abweisen d�rfe.</p><p>Ruhe war mir n�tig, mich zu sammeln, und ich suchte den einsamsten Platz auf, um mich in meinen Gedanken und Gef�hlen wieder zu finden. Wie sonderbar erschien mir in diesen Augenblicken das menschliche Leben, Liebe, Freundschaft, Tod und Gesundheit. In meiner Tr�umerei wurde ich durch eine freundliche Stimme unterbrochen, die mich anredete. Es war der Badearzt, ein gutm�tiger, nicht mehr junger Mann, welcher sich zu mir setzte. Ich habe erfahren, begann er, da� Sie ein Jugendfreund unsers armen Kranken sind, und ich habe Sie aufgesucht, um mit Ihnen �ber seinen ebenso kl�glichen als r�tselhaften Zustand zu sprechen. Mir ist noch keine �hnliche Krankheit vorgekommen, ich verstehe sie nicht, und deshalb tappe ich auch nur mit meinen Mitteln im Dunkeln, und wei� auch nicht, ob ihm das hiesige Wasser irgend heilsam sein kann, ihm oder der kranken Frau, die an demselben Leiden dahinschwindet. Ich habe keinen Namen f�r dieses Fieber der Auszehrung, welches allen bisherigen Gesetzen spottet. Nach manchen Stunden m�chte ich sie beide f�r wahnsinnig halten, wenn sich nicht die Vernunft in ihnen unwiderleglich offenbarte. Sollte ihr Verstand aber auch nicht verletzt sein, so unterliegt es doch keinem Zweifel, da� beide gem�tskrank sind. Und das Schlimmste ist, da� der Graf nicht spricht und erz�hlt, sondern im Gegenteil allen Fragen �ber seinen Zustand, jeder Er�rterung �ber die Ursache, den Anfang desselben, �ngstlich ausweicht. Erz�rnen kann und mag ich ihn nicht, und meine Fragen und Forschungen haben ihn schon einigemal aufgebracht, und doch scheint es mir n�tig, die Geschichte der Krankheit von ihm zu erfahren. Und das ist meine Bitte an Sie, geehrter Herr, da� Sie, als sein Vertrauter, Ihren Einflu� auf ihn dahin wenden, da� er Ihnen und mir die Entstehung seines �bels bekennt. Erfahre ich diese, so ist es vielleicht erst m�glich, ihm und der Frau Hilfe zu verschaffen. Kommt die Krankheit aus dem Geiste, wie ich fast schon �berzeugt bin, so kann der Arzt nur etwas ausrichten, wenn er im Vertrauen ist; wird ihm dieses versagt, so kann er nicht nur durch seine Vorschriften, selbst durch ein unbeh�tetes Wort zum M�rder werden. Ich beschw�re Sie also, alles zu tun, damit der Leidende sich uns er�ffne.</p><p>Ich versprach, zu versuchen, was der vern�nftige Mann verlangte, denn ich selber hatte mir schon dasselbe sagen m�ssen. Als ich aber dem Freunde am folgenden Tage deshalb Vorstellungen machte, fand ich die Aufgabe viel schwieriger, als ich sie mir gedacht hatte, denn er war in diesem Punkte unzug�nglich. Erst als ich meinen Bitten Tr�nen zugesellte, als die leidende Frau endlich selbst auf meine Seite trat, weil der Wunsch in ihr lebendig war, da� der Arzt ihrem Gatten helfen m�chte, gab er nach; doch bedang er sich aus, da�, was er uns vortragen werde, im stillen Zimmer bei mir geschehen m�sse, von keinem Diener gest�rt, denn er k�nne seiner Frau nicht zumuten, bei der Erz�hlung zugegen oder nur in der N�he zu sein.</p><p>So ward es auch eingerichtet. Mein Gartenst�bchen war so still und einsam, da� keine St�rung zu besorgen war, nach dem m��igen Abendessen sendete ich die Diener fort und befahl, mich jedem m�glichen Besuch zu verleugnen. Bei der Kranken blieben ihre Kammerfrauen; und eine Dame war auf mein Gesuch so freundlich, ihr in Abwesenheit des Mannes etwas Leichtes und Erfreuliches vorzulesen.</p><p>Nun sa�en wir also in meinem trauten Zimmerchen, beim Scheine zweier Kerzen, indessen drau�en vor dem Fenster die B�ume im Sommerwinde lieblich s�uselten.</p><p>Aber jetzt, geehrte Freunde, sagte der Baron Blomberg mit erh�hter Stimme, mache ich von der Freiheit Gebrauch, im Namen meines Freundes selbst und nicht in der dritten Person zu erz�hlen. Ich schrieb damals jenes seltsame Bekenntnis sogleich nieder, deshalb sind mir noch jetzt alle Umst�nde gegenw�rtig. Ich habe bisher diese Erz�hlung noch niemand mitgeteilt, jetzt, nach so manchem verflo�nen Jahre, kann sie, in diesem Kreise vorgetragen, keinen Ansto� erregen, oder irgend jemand auch nur einen leichten Verdru� verursachen. �</p><p>Theodor stand auf und putzte die Kerzen, Anselm legte Scheite Holz in den Kamin, die Wirtin setzte sich begierig in ihren Lehnsessel zurecht, Sidonie sah erwartend um sich, und der kranke Graf Blinden nahm das Barett vom Haupt, um noch besser h�ren zu k�nnen.</p><p>Also denn, begann Blomberg, der kranke Freund sa� auf meiner Stube im Sofa, der Arzt und ich waren ihm gegen�ber, und langsam, oft pausierend, weil ihm das Sprechen sauer wurde und er mehr wie einmal der Ruhe bedurfte, begann Franz auf folgende Art, denn in seiner Person erz�hle ich, und ich ziehe es vor, unmittelbar aus der Erinnerung zu sprechen, statt jene Bl�tter Ihnen vorzulesen. �</p><p>� Ja, mein Freund Blomberg, krank und sterbend siehst Du mich wieder, eben so elend ist meine Gattin, die noch vor zwei Jahren ein Musterbild der Gesundheit und Sch�nheit war.</p><p>Die Klausenburg ist zur w�sten Ruine geworden, die uns einigemal so traut und heimisch bewirtete, Gewitter und Brand haben sie zerst�rt, und was von Holzwerk und brauchbaren Steinen �brigblieb, haben meine grausamen Gl�ubiger, mir zum Hohne, herausgerissen und f�r geringes Geld verkauft. Du wei�t es, mein Freund, welcher Glaube oder Aberglaube mich verfolgt, doch braucht davon unser lieber Arzt nichts zu erfahren, denn dies hat �u�erlich keinen Einflu� auf mein n�chstes Schicksal, auch habe ich von meinen neuesten Begebenheiten so viel Sonderbares vorzutragen, da� es hinreichen wird, den gelehrten Doktor mehr als vollkommen zu �berzeugen, da� ich wahnsinnig sei. �</p><p>Bei dieser Einleitung begegneten sich meine Blicke mit den forschenden des Arztes, dann betrachteten wir beide wieder pr�fend den bleichen Kranken, welcher jetzt mit gr��erer Lebhaftigkeit also fortfuhr: �</p><p>So jung ich auch noch war, so hatte ich mein Leben doch schon aufgegeben, denn ich hielt es f�r v�llig beschlossen. Wie aber zuweilen wohl die Kraft eines sch�nen Fr�hlings einen abgestorbenen Baum von neuem belebt, da� seine Zweige wieder gr�nen, und aus dem Laube eine Bl�te wiederum hervorquillt, so begegnete es auch mir. In menschenfeindlicher Stimmung reiste ich im Lande umher und verweilte in einer kleinen Stadt, welche in einer anmutigen Gegend liegt und in welcher ich, als ich meine Briefe abgab, interessante Menschen kennenlernte. Ein freundlicher Mann, ein sehr weitl�ufiger Verwandter, f�hrte mich in das Haus ein, wo ich meine teure Elisabeth zum ersten Male sah, und schon beim zweiten Besuch mein Herz und meine Ruhe verloren hatte. Wozu Beschreibung von Reizen und Vollkommenheiten, welche verschwunden sind? Ich war bezaubert und schmeichelte mir bald, da� man meine Gef�hle verstand, und nach einiger Zeit, da� man sie vielleicht erwidern k�nne. Elisabeth lebte im Hause einer alten Tante, beide waren nicht wohlhabend, aber von gutem alten Adel. Ich setzte mich �ber das Geschw�tz und die Verwunderung der Kleinst�dter hinweg, da� ich so lange in diesem unbedeutenden Orte verweilte, wo es weder ein Theater gab, um mich zu zerstreuen, noch gro�e, gl�nzende Assembleen oder Feste und B�lle, um mich zu besch�ftigen. Ich war so gl�cklich, da� ich nur den Tag und die Stunde geno�. Die Familie war sehr musikalisch, Elisabeth eine wahre Virtuosin auf dem Fortepiano, ihre Stimme war gebildet, voll und sch�n, und sie �berraschte mich freundlich dadurch, da� sie meinen vielleicht einseitigen Geschmack f�r �ltere Musik mit mir teilte. Wohllaut, Kunst, freundliche Blicke der sch�nsten Augen, alles bezauberte mich so, da� Wochen wie Tage und Tage wie Stunden in diesem poetischen Taumel verschwanden.</p><p>Ich sprach von der Familie. Auch die Tante war musikalisch und accompagnierte uns auf dem Instrument, wenn wir beide sangen. Es tat mir nebenher auch wohl, mich meiner Talente wieder bewu�t zu werden, welche zu �ben ich seit langer Zeit vernachl�ssigt hatte.</p><p>Jawohl, Talente, Liebensw�rdigkeit, gesellige Gaben, Feinheit des Betragens usw. � so fuhr Franz nach einer Pause fort, in welcher er ganz in sich versunken schien � diese Eitelkeit, diese Vorz�ge zu besitzen, haben von je mich und andere ungl�cklich gemacht. � Wenn ich nun von der Familie spreche, so mu� ich jetzt von einer �lteren Schwester Elisabeths, von Ernestine reden. Die Eltern meiner Geliebten waren schon fr�h gestorben. Sie hatten, entfernt von jener kleinen Stadt, in einer Residenz gelebt, und, wie man es so nennt, ein gro�es Haus gemacht. Dies geschah, ohne ihr Verm�gen zu Rate zu ziehen, und so waren sie schon fr�h verschuldet und verarmt. Wo diese Verwirrung einrei�t, wo die Not des Augenblicks immer wieder die Sicherheit von Tagen und Wochen verschlingt, da haben die wenigsten Menschen St�rke und Haltung genug, um in dem Sturme des wiederkehrenden Wirbelwindes das Steuer festzuhalten. Und so war denn in diesen zerst�rten Haushalt die wildeste und regelloseste Wirtschaft eingerissen. Die Eltern zerstreuten sich nicht nur an Gastm�hlern, Putz und Schauspielen, sondern gewisserma�en selbst an neuen und sonderbaren Ungl�cksf�llen. Auf diese Weise besch�ftigte sie ihre �lteste Tochter Ernestine. Das arme Wesen war als dreij�hriges Kind bei Gelegenheiten eines w�sten, tobenden Gelages, wo niemand auf die Kleine achtete, �ber eine Flasche starken Getr�nkes geraten, hatte die bet�ubende Fl�ssigkeit in sich geschl�rft und war dann trunken, ohne es zu wissen, eine hohe Treppe hinuntergest�rzt. Das Ungl�ck war kaum bemerkt worden, und als man es nachher inne wurde, nahm man die Sache leichtsinnig. Der Arzt, ein lustiger Freund des Hauses, scherzte mehr �ber den Vorfall, als da� er die richtigen Heilmittel angewendet h�tte, und so zeigten sich denn am Kinde die Folgen bald, die es sp�terhin der Lieblosigkeit seiner Eltern mit Recht zur Last legen konnte. Brustknochen und R�ckgrat waren verschoben, so wie die Arme wuchs, wuchs sie immer mehr in die Mi�gestalt hinein. Sie war ziemlich gro�, aber um so auffallender war ihr doppelter H�cker, die Arme waren �berm��ig d�rr, so wie die H�nde, Finger und Arme von einer erschreckenden L�nge. Auch der hoch ausgestreckte K�rper war d�rr, und das Gesicht vom sonderbarsten Ausdruck. Die kleinen lebhaften und klugen Augen konnten kaum unter der Knochenw�lbung der Stirn und der breitgequetschten Nase hervorblicken, das Kinn war lang und die Wangen eingefallen. So war die Ungl�ckselige eine sonderbare Folie f�r ihre Schwester Elisabeth. Die Tante, als sie von dem g�nzlichen Verfall des Hauses h�rte, war hinzugetreten und hatte geholfen, soviel ihre beschr�nkten Kr�fte vermochten. So ward die j�ngere Tochter gerettet und blieb gesund, indem die Schwester des Mannes schon vor dem Tode der Eltern beide Kinder zu sich nahm, um sie zu erziehen und auszubilden. Die k�rperliche Pflege kam f�r Ernestine zu sp�t, aber ihr Geist ward gebildet, ihre Talente wurden geweckt. Sie zeigte sich verst�ndig, lernte leicht und behielt, was sie gefa�t hatte. Sie �bertraf offenbar die Schwester an Witz und Gegenwart des Geistes. Da sie gern philosophische Schriften las, so �bte sie ihr Urteil und zeigte einen so durchdringenden scharfen Verstand, da� selbst M�nner oft vor ihren kecken und schroffen Urteilen erschraken. Denn da Sch�nheit und Anmut sie nicht mit ihrem Geschlecht verbanden, so �bte sie nicht selten eine Gewalt aus, die mehr als m�nnlich war. Was aber an das Wunderbare grenzte, war ihr gro�es musikalisches Talent. Niemals hatte ich so das Fortepiano behandeln h�ren. Alle Schwierigkeiten verschwanden, und sie lachte nur, wenn man ihr von schweren Passagen sprach. Freilich half es der Ungl�ckseligen sehr, da� ihre Hand und Fingerspannung alles �bertraf, was gesunden Klavierspielern m�glich ist. Sie war aber auch in der Kunst des Satzes erfahren und komponierte mit Leichtigkeit gro�e Musikst�cke, die wir dann oft zu ihrem Erg�tzen ausf�hrten.</p><p>Konnte ein solches Wesen nicht auf ihm eigne Art gl�cklich sein? Gewi�, wenn sie sich resignierte, wenn sie vergessen konnte, da� sie ein Weib sei. Ungl�cklicherweise verga�en es alle M�nner, die in ihre N�he kamen, sie aber konnte sich �ber diese Grenze bis zur M�nnlichkeit oder Geschlechtlosigkeit nicht erheben.</p><p>Dieses seltsame Wesen zog mich durch seine Vorz�ge sowie durch seine Widerw�rtigkeit auf eine eigene Weise an.</p><p>Wir musizierten, ich sang ihre Kompositionen, und wenn sie so aufgeregt war, blickte aus dem kleinen Auge ein wunderbar poetischer Geist, wie ein verh�llter, zum Staube erniedrigter Engel mit einem freundlichen und doch erschreckendem Gl�nze. Ich verga� fast immer, da� sie die Schwester meiner Elisabeth sei.</p><p>Elisabeth hatte fr�her schon einige Freier abgewiesen, die sich sehr ernstlich um sie beworben hatten. Als ich einmal unangemeldet in das Vorzimmer trat, h�rte ich die beiden Schwestern lebhaft sprechen, und mein Name wurde genannt. Diesen wirst du doch etwa nicht annehmen? rief Ernestine: er sagt dir und uns nicht zu; sehr reich soll er auch nicht sein: aber er ist so hochm�tig, so in sich selbst gen�gsam, so von seiner Vortrefflichkeit �berzeugt und durchdrungen, da� er mir Widerwillen erregt, so wie er nur zu uns tritt. Du nennst ihn liebensw�rdig? edel? Rechthaberisch, eigensinnig ist er, und glaube mir, seine Geistesgaben sind nicht von dem Gewicht, wie du sie anzuschlagen scheinst.</p><p>Elisabeth nahm mit sanfter Stimme meine Verteidigung, aber jene er�rterte alles Schlimme meiner Natur nur um so mehr und ging das Register aller meiner Fehler durch. Da so sehr von mir die Rede gewesen war, wollte ich nicht sogleich hineintreten, um sie nicht zu besch�men, und so hatte ich gegen mein Erwarten entdeckt, welchen Widerwillen die �ltere Schwester gegen mich gefa�t hatte. Ich nahm mir vor, durch Freundlichkeit und Wohlwollen die Ungl�ckliche mit mir auszus�hnen, deren Leben so wenig Reiz und Freude hatte. Als man sich beruhigt hatte, trat ich ein und wir nahmen sogleich, wodurch ich meine Verlegenheit am besten verbarg, unsre musikalischen �bungen vor, so wie die Tante gekommen war.</p><p>Nach einigen Besuchen gelang es mir wirklich, Ernestine freundlicher zu stimmen. Wenn sie mit mir allein war, vertieften wir uns zuweilen in die ernsthaftesten Gespr�che, und ich mu�te ihren Geist wie ihre Kenntnisse bewundern. Ich mu�te ihr beistimmen, wenn sie in mancher Stunde von jenen M�nnern mit Verachtung sprach, die am Weibe einzig und allein den fl�chtigen und wandelbaren Reiz achten und lieben, der mit der Jugend verschwindet. Sie schalt auch nicht ungern auf die M�dchen, die so h�ufig sich nur als Erscheinung geben und nur als solche gleichsam als Modepuppen oder Kleiderhalter gefallen wollen. Sie entfaltete ohne Affektation den Reichtum ihres Gem�ts, ein tiefes Gef�hl, gro�artige Gedanken, so da� ich, �ber diese m�chtige Seele in Bewunderung aufgel�st, mich kaum ihrer verkr�ppelten Gestalt mehr erinnerte. Sie dr�ckte mir freundlich die Hand und schien ganz gl�cklich, wenn wir eine Stunde so weggeschwatzt hatten. Ich freute mich ebenfalls, als ich zu bemerken glaubte, wie ihre Freundschaft zu mir mit jedem Tage wuchs.</p><p>Es fiel mir als eine Schwachheit meiner Geliebten auf, da� sie mit dieser Vertraulichkeit unzufrieden war. Ich begriff diese kleinliche Eifersucht nicht und tadelte sie im stillen als zu gro�e weibliche Schw�che. Mir war es im Gegenteil erw�nscht, wenn mir Ernestine jetzt deutliche Beweise ihres Wohlwollens gab, wenn mein Eintreten sie erfreute, wenn sie ein Buch, ein Musikst�ck f�r mich zurechtgelegt hatte oder mir sagte, wie sie sich schon auf ein Gespr�ch mit mir �ber einen wichtigen Gegenstand vorbereitet habe. Diese echte Freundschaft schien mir so w�nschenswert, da� ich mich schon im voraus freute, wie sie in der Ehe die sch�nste Erg�nzung der Liebe im gegenseitigen Vertrauen bilden w�rde. Die Tante hatte meine Verbindung mit Elisabeth gebilligt, die Verlobung war jetzt gefeiert. Bei dieser war Ernestine nicht zugegen, denn sie war an diesem Tage krank. Ich sah sie auch am folgenden Tage nicht, und als ich sie aufsuchen wollte, sagte meine Braut: La� sie noch, Lieber, sie ist so au�er sich, da� es besser ist, ihre Leidenschaft austoben zu lassen. � Was ist denn begegnet? fragte ich erstaunt. � Sonderbar, antwortete Elisabeth, da� du es nicht schon seit langem bemerkt hast, welche gl�hende Liebe zu dir sie ergriffen hat. � Ich war stumm vor Schreck und Erstaunen. Dies Wort ersch�tterte mich um so mehr, weil ich, seltsam genug, eine Leidenschaft in diesem verst�ndigen Wesen f�r ganz unm�glich gehalten hatte. Als wenn die Leidenschaft nicht immerdar gegen M�glichkeit, Wahrheit, Natur und Vernunft anrennte, wenn diese sich ihr widersetzen wollen, wie ich es ja selbst, auf �hnliche Weise, in meinem eigenen Leben erfahren hatte.</p><p>Ja, fuhr Elisabeth fort, fast zur n�mlichen Zeit, als du erst in unser Haus tratest, bemerkte ich diese Hinneigung zu dir. Deutlicher zeigte sich ihre Vorliebe, als du anfingst, mich auszuzeichnen, als du mir freundlich wurdest und ich dir mein Vertrauen schenkte. Lange Zeit verbarg sie ihre Neigung unter einem vorgegebenen Ha�, eine Verstellung, die mich nicht t�uschen konnte. O Geliebter, der Geist und die Gef�hle, Enthusiasmus und Leidenschaften dieses wunderbaren Wesens sind von so ungeheurer Kraft und Innigkeit, da� ich sie, seit ich zur Besinnung kam, ebenso sehr bewundern mu�te, wie ich sie f�rchte und vor ihrer Riesenst�rke erschrecke. Als ich vor Jahren meinen Unterricht in der Musik nahm und nach dem Zeugnis meines Lehrers rasche Fortschritte machte, lachte sie nur �ber mein kindisches Wesen, wie sie es nannte. Sie hatte fr�her nicht daran gedacht, Musik zu treiben, jetzt warf sie sich mit Heftigkeit auf diese Kunst. Tag und Nacht �bte sie, der Lehrer gen�gte ihr nicht, sie benutzte die Anwesenheit eines ber�hmten Komponisten und ward seine Sch�lerin. Ich begriff diese geistige wie k�rperliche Kraft nicht, da� sie Tag und Nacht, fast ohne Schlaf und ohne etwas zu genie�en, immer nur mit unerm�dlichem Eifer der �bung ihrer Kunst sich widmen konnte. Nun lernte sie den Satz, und der Meister lobte und bewunderte sie. Es w�hrte nicht lange, so tadelte sie den Lehrer, sie meinte, sein Vortrag sei nicht feurig, nicht enthusiastisch, er in Kompositionen nicht originell und leidenschaftlich genug. Er gab sich gefangen und ihr recht. Alle Menschen, pflegte sie wohl zu sagen, liegen immerdar im halben Schlaf, sie sind fast immer wie bet�ubt und beinah der Pflanze �hnlich und verwandt, die auch w�chst, bl�ht und sch�n ist, Geruch ausstreut und Kr�fte besitzt, ohne darum zu wissen. Was m��ten die Menschen verm�gen, wenn sie in ihrem wachen Zustande wahrhaft wachten! � Und so gab sie sich denn auch der Philosophie hin, las medizinische, anatomische und andere B�cher, die sonst den Frauen zu gelehrt oder widerw�rtig sind. Wir alle, auch ihre Bekannten, mu�ten sie anstaunen. Und so, lieber Franz, wird sie gewi� auch in dieser Leidenschaft der Liebe rasen und sich zugrunde richten.</p><p>Elisabeth schilderte mir nun auch wirklich alle jene Ausschweifungen, die sie begangen, als sie von unserer Verlobung geh�rt hatte; sie wollte erst sich und nachher die Schwester umbringen; dann wieder hatte sie gesagt, sie w�rde mich zu zwingen wissen, da� ich sie liebe und Elisabeth verlasse, denn sie sei verst�ndiger und besser als jene. �</p><p>Hier, sagte Blomberg, machte Franz in seiner Erz�hlung eine Pause, um etwas auszuruhen, und fuhr dann so fort: � Da� diese Nachrichten mich betr�bten, ist nat�rlich, ich f�hlte ja auch, wie unklug ich gehandelt hatte, mich Ernestine so freundlich zu n�hern, da� ich mich bem�ht hatte, sie zu gewinnen. Etwas beruhigt war ich, als mir Elisabeth nach einigen Tagen erz�hlte, wie die Schwester ihr unter vielen Tr�nen alles abgebeten habe, was sie im Zorn gesprochen, wie sie sie beschworen, mir nichts von diesen Verirrungen mitzuteilen, und wie sie nur darum flehentlich bitte, uns nach unserm k�nftigen Wohnsitz begleiten zu d�rfen, weil sie es nicht fasse, wie sie ohne meine und der Schwester Gesellschaft, ohne unsere Gespr�che und musikalischen �bungen noch leben k�nne.</p><p>So wurden denn Pl�ne gemacht, Einrichtungen getroffen, die Tante begleitet uns und wir kamen auf der Klausenburg an, um hier, von wenigen Vertrauten umgeben, eine kleine, stille Hochzeit zu feiern, da Elisabeth von je allem Prunk und Ger�usch beinah �bertrieben abhold war. Ich hatte einige Zimmer und den Saal in der Klausenburg, so gut es sich tun lie�, einrichten lassen, denn der gr��te Teil des alten Geb�udes war schon Ruine. Elisabeth aber hatte eine poetische Vorliebe f�r alte Schl�sser, einsame Gebirgsgegenden und die geschichtlichen oder poetischen Sagen, die sich an diese kn�pfen. Nach der Hochzeit wollten wir dann das nahegelegene neue Haus am Eibensteig beziehn, und nur gelegentlich uns tage- oder stundenlang in der Klausenburg aufhalten.</p><p>Wir kommen an, das Tor wird uns aufgetan, und das erste, was uns im Hofe aus den Efeuranken, die die hohen Mauern hinaufwachsen, entgegenspringt, ist jene tolle, alte Sibylle, die du, Freund Blomberg, vor einigen Jahren hast kennengelernt. Meine Frau erschrak und ich schauderte. Gegr��t! Gegr��t! schrie die Alte, indem sie widerw�rtig herumh�pfte, da kommt der Menschenw�rger, der M�dchenm�rder, und bringt seine beiden Br�ute mit, die er umbringen wird. � Wie kommst du hierher? schrie ich auf. � Sie mu�, sagte der T�rh�ter, von jenseits die Klippen hinuntergeklettert sein, die die letzte Mauer des kleinen Gartens dahinten formieren, und sich nachher in den Gestr�uchen und Ruinen versteckt haben. � Jawohl! Jawohl, kreischte die widerw�rtige Alte, da wohnt sich�s gut. � So sehr wir erschrocken waren, so lustig schien Ernestine, denn sie h�rte nicht auf zu lachen.</p><p>W�hrend der Tage, in welchen wir das Fest begingen, zeigte sich Ernestine nicht, sie war verschwunden, und wir waren sehr um sie besorgt, sendeten Leute aus, sie zu suchen, als sie am dritten Tage zu Fu� heiter und fr�hlich zur�ckkam. Sie erz�hlte, da� sie dem Hange im Gebirge umherzustreifen, nicht habe widerstehen k�nnen, da sie von Jugend auf dergleichen gew�nscht. � Aber so allein, ohne es uns zu sagen? sprach Elisabeth. � Allein? antwortete sie, nein, ich bin immer in Gesellschaft gewesen, mit jener alten Prophetin, die ihr so unfreundlich weggeschickt habt. Da habe ich auch ganz neue Sachen gelernt, die ich noch in keinem Buche fand; wir sind recht gute Freunde geworden.</p><p>Elisabeth und ich sahen uns mit gro�en Augen an. Ich fa�te den Glauben, ohne ihn auszusprechen, Ernestine sei wahnsinnig geworden. � So unheimlich, grauenhaft war der Eintritt in unsre Wohnung, so traurige Vorbedeutungen kamen uns entgegen, da� ich, trotz meines Gl�ckes, kein Vertrauen zum Leben, und Elisabeth keine sichere Heiterkeit gewinnen konnte.</p><p>Sonst f�gten wir uns und genossen die Gegenwart und die Sch�nheit der W�lder und Berge. Mit den wenigen G�sten hatte uns auch die Tante verlassen, und wir konnten in froher Einigkeit uns in der sch�nen Einsamkeit gen�gen, wenn ich nicht bemerkt h�tte, da� Elisabeth sich von ihrer Schwester zur�ckzog, so sehr es die Umst�nde nur erlaubten. Als ich sie dar�ber zur Rede stellte, sagte sie nach einigem Z�gern: Liebster, ich f�rchte mich vor ihr, die Ernestine ist boshaft geworden, wozu sie ehemals gar keine Anlage hatte. Wo sie mich �rgern, wo sie etwas verderben, ja selbst was Gef�hrliches herbei f�hren kann, so da� ich erschrecke, stolpere oder wohl falle, wenn von oben Steine niederst�rzen, wie neulich die Gardine meines Bettes brannte, dem sie mit dem Licht zu nahe gekommen war, zeigt sie immer die gr��te Schadenfreude. Sie selbst hat es mir mit Lachen erz�hlt, da� man in der Provinz davon spreche, wie Reisende und F�rster an einsamen Stellen, bei Mondschein und Morgend�mmerung zwei Gespenster wollten wahrgenommen haben, die sie auch als schreckliche fratzenhafte Wesen beschrieben. Sie sei es nebst jener Prophetin gewesen, und sie w�nsche nur, da� in einem Blatte der Vorfall erz�hlt w�rde, damit sie im Druck, mit ihres Namens Unterschrift, als Ernestine, Fr�ulein von Jertz, die L�ge von den Gespenstern widerlegen und aussagen k�nne, da� sie die eine Spazierg�ngerin war. Ist das alles nicht f�rchterlich?</p><p>Liebes Kind, sagte ich jetzt, ich will dir vertrauen, wie ich glauben mu�, sie sei wahnsinnig geworden. � Ist jede leidenschaftliche Bosheit etwas andres als Wahnsinn? bemerkte hierauf Elisabeth ganz richtig.</p><p>Wir verlie�en mit dem Herbst die Klausenburg, um das neue bequeme Haus zu beziehen. Denn zu meinem Erschrecken entdeckte ich eine Anlage zur Melancholie an meiner Gattin, f�r welche die Einsamkeit dort nicht heilsam war. Wir gingen einst durch die alten Zimmer, durch den ziemlich erhaltnen gotischen Saal, und indem unsre Tritte im einsamen Gemach widerhallten, zuckte meine Gattin pl�tzlich zusammen und schauderte. Ich fragte. O es ist grausig hier, sprach sie zitternd, ich habe das Gef�hl, als wenn Gespenster unsichtbar hier umgingen. � Ich erschrak, und der Gedanke sah mich mit grauen Augen eines Unget�ms an: da� auch der Verstand meiner Elisabeth vielleicht wie der der Schwester m�chte gelitten haben.</p><p>Als wir in dem neuen Hause am Eibensteige wohnten, vermi�ten wir oft Ernestine und erfuhren, da� sie in der Klausenburg und in den Ruinen des alten Schlosses verweile. Da es einmal zu dieser Mi�helligkeit gediehen war, hatte ich sowohl wie die Frau ein besseres Gef�hl, wenn wir die Arme nicht bei uns sahen. Aber wie verschieden war mein Leben doch von jenem, wie ich es mir vorgebildet hatte, als ich um die Hand meiner Elisabeth warb!</p><p>Noch anderes h�usliches Ungl�ck geseilte sich zu unseren Leiden, um unsern Gram zu vermehren. Jenes Dokument, welches eigentlich mein Verm�gen, mein Dasein begr�ndete, jener Beweis, da� Summen bezahlt seien und ich noch welche zu fordern hatte, alle diese Akten und Papiere, die schon nach dem Tode des Grafen Moritz waren als Beweist�mer in Anspruch genommen worden, diese wichtigen Bl�tter, die ich nach langem m�hevollen Suchen wieder gefunden und die ich nur k�rzlich noch in H�nden gehabt hatte, waren verschwunden. Ich hatte sie immer aufmerksam beh�tet und verschlossen gehalten, ich hatte sie jetzt meinem Advokaten ausliefern und selber mit diesen h�chst wichtigen Beweisen, die mir meine G�ter frei machten und wieder schafften, nach der Stadt reisen wollen. Und sie waren fort, und wie ich dachte und sann, konnte ich weder ergr�nden, ja selbst keine Spur auffinden, wie es m�glich gewesen, sie mir zu entwenden. Als ich endlich in meiner Herzensangst meiner Frau meine Sorge mitteile, ist sie scheinbar ganz ruhig und sagt mit kalter Stimme und Fassung: Und du kannst noch zweifeln? Ich kann es nicht. Ernestine hat einen Augenblick deiner Abwesenheit, des offnen Pultes, oder wer wei� welches augenblickliche Vergessen benutzt, um diese Papiere dir zu rauben.</p><p>Nicht m�glich! rief ich im Entsetzen. � M�glich? wiederholte sie; was ist ihr unm�glich? � Da diese Dokumente fehlten, ging jener uralte Proze� nur sehr langsam vorw�rts, und ich konnte es mir selber sagen, da� ich ihn durchaus verlieren m�sse, wenn es irgendeinmal zur Entscheidung k�me. Ich benutzte daher eine Gelegenheit, als ihn die Gerichte selbst niederzuschlagen vorschlugen, um den wahren Bescheid auf k�nftige Jahre m�glich zu machen. Ich konnte aber nicht unterlassen, Ernestine zu befragen und ihr meinen Verdacht mitzuteilen. Die Haare richteten sich mir empor �ber die Art und Weise, wie sie diese Anmutung, die jedes unschuldige Herz emp�ren mu�te, aufnahm. Als ich meine Verlegenheit �berwunden und ihr die Sache vorgetragen hatte, fing sie so laut und heftig an zu lachen, da� ich alle Fassung verlor. Als ich mich gesammelt hatte und in sie drang, mir zu antworten, sagte sie mit schneidender K�lte: Mein guter Herr Schwager, hier sind, wie Sie selbst, trotz Ihrer Borniertheit, einsehen, nur zwei F�lle m�glich. Entweder ich bin schuldig, oder unschuldig. Nicht wahr? Wenn ich den Raub begangen habe, so mu�te ich durch wichtige Ursachen bewogen sein, oder durch Bosheit, oder was es sei, zu dieser Handlung gestachelt. Und dann sollte ich sagen: ja, ich habe es getan, nehmen Sie es doch ja nicht �bel? Sie m�ssen selbst gestehn, das w�re d�mmer als dumm. Wenn ich also bl�dsinnig w�re, h�tte ich es vielleicht so ohne alle Absicht getan, um das K�chenfeuer damit anzuz�nden, oder auch weil mir die roten Siegel gefielen, und ich spr�che nun: da nehmen Sie die h�bschen Papiere zur�ck, weil ich sehe, da� sie einen Wert f�r den liebwerten Herrn Grafen haben. Bl�dsinnig aber bin ich bis dato noch nicht, und wenn ich boshaft bin, so bin ich nat�rlich nicht so einf�ltig, die Sache einzugestehen. Oder aber, der zweite Fall, ich bin unschuldig. Und Herr Schwager, widersprechen Sie ja nicht, dann sind Sie der Gimpel, diese so ganz ungeziemenden Fragen an mich zu tun.</p><p>Ich konnte dem gespenstischen Wesen nichts antworten. Als ich in unsrer Einsamkeit jetzt gar nicht mehr meine Elisabeth beim Fortepiano besch�ftigt sah, das ich eigens f�r sie vom Auslande hatte kommen lassen, und ich sie dar�ber zur Rede stellte, sagte sie klagend: Lieber, wenn ich nicht t�dlichen Verdru� haben will, darf ich nicht mehr spielen. � Wieso? � Weil mir es Ernestine verboten hat. Sie sagt, in einem Hause, wo eine solche gro�e Virtuosin wie sie selber lebe, k�nne sie nicht zugeben, da� irgend jemand anders auch nur einen Ton anzuschlagen wage. � Diese Anma�ung ging �ber alle Geduld hinaus. � Ich lief nach ihrem Zimmer hin�ber und forderte sie im ironischen Tone auf, mir etwas vorzuspielen, da sie es andern schwachen Sterblichen nicht erlauben wolle, das Instrument anzur�hren. Sie folgte mir laut lachend. Und es ist wahr, sie spielte mit solcher Meisterschaft, da� mein Zorn sich in Bewunderung und Entz�cken verwandeln mu�te. � Nun? sagte sie ganz ernsthaft, als sie geendigt hatte; das kann man in seinem Hause haben, den Genu�, nach welchem Kenner f�nfzig Meilen herreisen w�rden; � und doch kann man sich auch mit jener St�mperei, diesem Hin- und Herklappen und Tapsen unf�higer Finger zufriedenstellen? O ihr T�richten und Aberwitzigen! Da schwatzen sie von Kunst, die Sch�ker, und meinen den Dunst, nur nippen k�nnen sie vom Himmelstrank, und das Wunder wird in ihren groben H�nden zum Plunder und Zunder. Wenn mich nicht das Leben immerdar anekelte, wenn die Menschen mir nicht widerw�rtig w�ren, w�rde ich gar nicht mehr zu lachen aufh�ren.</p><p>Seitdem spielte sie oft mit uns und erlaubte h�chstens Elisabeth und mir, zu singen, obgleich sie behauptete, da� wir weder Schule noch Methode bes��en. So ging der Winter hin. Ich war schon arm und hatte die Aussicht vor mir, ganz zum Bettler zu werden, Elisabeth kr�nkelte, und mir war die Heiterkeit des Lebens verschwunden.</p><p>Es war fast eine Erleichterung unseres Daseins zu nennen, als mit dem nahenden Fr�hling Ernestine krank und kr�nker und endlich gar bettl�gerig wurde. Sie ward, so wie ihre Krankheit zunahm, immer unleidlicher. Am meisten z�rnte sie dar�ber, da� sie nicht nach der Klausenburg konnte, welche sie sehr lieb gewonnen. An einem warmen Tage lie� ich sie hinfahren, und sie kramte lange in den Gem�chern, trieb sich lange zwischen den Ruinen und den Gestr�uchen umher und kam uns dann viel kr�nker zur�ck, als sie uns verlassen hatte. �</p><p>Franz ruhte wieder eine geraume Zeit und fuhr dann so fort: Jetzt sah man wohl, da� die Arme nicht wieder aufkommen w�rde. Der Doktor meinte, er begriffe die Krankheit und den Zustand der Leidenden nicht, denn die Lebenskraft sei bei ihr so stark, da� alle jene Symptome, die sonst einen nahen Tod verk�ndigten, bei ihr sich nicht zeigten, und sie wahrscheinlich bald genesen w�rde. Aber nach einigen Tagen lie� er alle Hoffnung fahren.</p><p>Wir sahen eigentlich einer ruhigeren Zukunft entgegen. Wenn uns die Ungl�ckliche auch dauerte, so konnten wir es uns doch nicht ableugnen, da� sie st�rend in unser Leben und das Gl�ck unsrer Liebe hineingebrochen war. Wir h�rten, sie liege im Sterben, und da sie beim Arzt und ihren Pflegern es sich eigens bedungen hatte, da� wir sie nicht bel�stigen sollten, so hatten wir uns ferngehalten. Jetzt verlangte sie pl�tzlich dringend, mich zu sehen, bedang sich aber dabei aus, da� die Schwester nicht zugegen sein d�rfe. Ich ging hin�ber und sagte, so wie ich eintrat: Liebe Freundin, Sie wollen gewi� so gut sein, mir jene Dokumente wieder auszuliefern, die Sie, um mich zu necken, aus meinem Pulte genommen haben. Sie sah mich bedeutend mit den sterbenden Augen an, die jetzt viel gr��er und verkl�rter als vormals leuchteten. In ihrem Blick war etwas so Seltsames, Leuchtendes, Gr�nfunkelndes, da� man nichts Entsetzliches, Unbegreifliches zu sehen braucht, wenn man dergleichen erblickt hat. Haben Sie, Schwager, sagte sie nach einer Pause, immer noch diese Narrenpossen im Kopfe? Doch freilich, lebt jeder so hin, wie er leben kann. Setzt Euch, Freund; f�gte sie dann mit einer ver�chtlichen Miene hinzu, und ich lie� mich an ihrem Bett nieder.</p><p>Ihr glaubt, fing sie dann mit einem widerw�rtig scharfen Tone an, ihr werdet mich jetzt los. O t�uscht euch ja nicht, und schmeichelt euch nicht allzufr�h. Sterben, Leben, Nichtsein, Fortdauer. Welche unn�tzen und nichtssagenden Worte! Ich war fast noch ein Kind, als ich lachen mu�te, wenn die Menschen sich so um ihre Fortdauer nach dem Tode �ngstigten. Da schleppen sie Beweise auf Beweise zusammen und zimmern sie turmhoch hinauf, Wahrscheinlichkeiten und W�nsche, Bitten und Gebete, des Ewigen Barmherzigkeit und wie so manche gute liebe Anlagen in ihnen hier diesseits, wie sie es nennen, unm�glich ausgebildet, geschweige zur Reife gebracht werden k�nnten, � und alle die Anstalten nur, um ihre niedertr�chtige Feigheit, ihre Furcht vor dem Tode etwas zu beschwichtigen. Die Armseligen! Wenn ich mich sammle, mir nach allen Richtungen hin meiner vielf�ltigen Kr�fte bewu�t werde, und der Ewigkeit, dem Sch�pfer und den Millionen Geistern der Vorzeit und Zukunft entgegenrufe: Ich will unsterblich sein! ich will! was braucht�s da weiter, und welche Allmacht kann einschreiten, um meinen ewigen allm�chtigen Willen zu vernichten? Was braucht der Mensch, der irgend Besinnung hat, noch f�r eine andere Gew�hr, da� er unsterblich und ewig sei? Wie, auf welche Art, � das ist eine andere Frage. Welch Possenspiel und welche Fratze, welcher bunte Haarbeutel, welch h�ckerartiges Labyrinth von Eingeweiden und Liebesorganen uns wieder eingesetzt wird, welche Etikette und Hofsitte von H��lichkeit und Sch�nheit eingef�hrt mag werden, das steht dahin, da, ins Unendliche, Dumm-Weise, Geregelte, Abgeschmackte und ewig Tolle hinein wie alles. � Aber, ihr guten Freunde, wie meine eigene Kraft, ohne weiteres, mich unsterblich erh�lt, so kann dieselbe St�rke und derselbe Willenstrotz mich zu euch zur�ckf�hren, wann und wie oft ich will. Glaubt es mir nur, ihr Narren, die Gespenster, wie ihr sie nennt, sind nicht gerade die schlimmsten oder schw�chsten Geister. Mancher m�chte gern wiederkommen, aber er hat dort ebenso wenig Charakter als hier. Und du Ausb�ndiger, Schelmischer, Eitler, Liebensw�rdiger, Talentreicher, du Tugendknospe, du Sch�nheits-M�kler, � da� ich dich so innigst, innigst habe lieben m�ssen, m�ssen, trotz dem innersten Kern meiner Seele, der mir sagte, da� du es nicht verdientest, � dir glatth�utigem, gerade gewachsenem Menschentier werde ich immer, das kannst du mir glauben, ganz nahe sein. Denn diese Liebe, Eifersucht, diese Wut nach dir und deinem Atmen und deinem Gespr�ch wird mich nach der Erde hinrei�en und das wird, wie sich ein Frommer ausdr�cken w�rde, mein Fegefeuer sein. Also, ohne Abschied, auf Wiedersehn!</p><p>Sie reichte mir die kalte Totenhand. Als sie verschieden war, ging ich zu Elisabeth, h�tete mich aber wohl, ihr von den tollen Fantasien der Verstorbenen etwas mitzuteilen, da ihre Nerven ohnedies schon auf �ngstigende Weise aufgeregt waren und sie oft an Kr�mpfen litt.</p><p>Ich lebte jetzt mit meiner Gattin in stiller Ruhe und in einer l�ndlichen Einsamkeit, die wohl sch�n werden konnte, trotz unserer Verarmung, wenn ich nicht h�tte bemerken m�ssen, da� die kr�nkelnde melancholische Stimmung Elisabeths im Zunehmen sei. Sie ward bla� und mager, wenn ich in ihr Zimmer trat, fand ich sie oft in Tr�nen. Sie sagte, sie wisse selbst nicht, was ihr fehle, sie sei immerdar ger�hrt, ohne sagen zu k�nnen weshalb, wenn sie allein sei, f�hle sie sich so unheimlich, es sei ihr schrecklich, da� die Schwester in dieser wahnsinnigen Leidenschaft habe sterben m�ssen, und oft, wenn sie im Zimmer allein sitze, in die Kammer trete, sei es, als wenn Ernestine nahe stehe, ihr d�nke, sie h�re den Gang, sie sp�re den Atem wehen, als wollten Blicke aus der leeren Luft dringen.</p><p>Ich beruhigte sie, ich war viel mit ihr, um sie nicht allein zu lassen, ich las ihr vor, wir gingen aus und besuchten zuweilen die Bekannten in der Nachbarschaft. Sie ward ruhiger, erholte sich, und ihre sch�ne Farbe begann allgemach wiederzukehren. Als ich einmal mich unwohl f�hlte, und sie mir eine interessante Geschichte vorlas, indem ich behaglich auf dem Sofa ausgestreckt ruhte, sagte ich: Wie sch�n und wohlklingend ist deine Stimme, willst du denn nicht einmal wieder singen? Du hast seit langem alle deine Musikb�cher nicht aufgeschlagen, dein Klavier bleibt auch verschlossen, und die sch�nen Fingerchen werden am Ende ganz ungelenk werden. �</p><p>Du wei�t, antwortete sie mir, wie mir in den letzten Monaten die Schwester es geradezu verbot, Musik zu treiben, wir mu�ten ihrer Krankheit nachgeben und so habe ich mich wirklich entw�hnt. � Singe jetzt, rief ich, durch die Neuheit des Genusses wird er mir um so gr��er sein. � Wir suchten ein heitres, wohlgef�lliges Musikst�ck aus, um dem Tr�bsinn ganz aus dem Wege zu gehn, und mit wahrhaft himmlischer Stimme ergo� Elisabeth die klaren lichten T�ne, die beseeligend durch mein Herz gingen. Auf einmal stockte sie und fiel wieder in jenes heftige, krampfhafte Weinen, das mich schon so oft erschreckt hatte. Ich kann nicht, rief sie tief bewegt, alle diese T�ne stehn wie feindselig gegen mich auf: immer f�hle ich die Schwester ganz in meiner N�he, ihr Gewand rauscht an dem meinigen, ihr Z�rnen entsetzt mich. � Ich f�hlte es deutlich, mein und ihr Leben sei gebrochen.</p><p>Unser Doktor, ein verst�ndiger Mann, war zugleich unser Freund. Als sie ihm alle diese Gef�hle, ihr Zittern und die Angst bekannte, die in ihrem Innern fast immerdar arbeiteten und ihre Gesundheit aush�hlten, wandte er alle Mittel an, um sie k�rperlich und geistig zu beruhigen. Sein redlicher und vern�nftiger Zuspruch tat gute Wirkung, auch seine Medikamente schienen heilsam. So waren wir denn, als es Sommer war, viel im Freien. Wir waren zu einem Bekannten auf dessen Gut gefahren, und er hatte die Absicht, auf seinem Schlosse von Freunden und einzelnen Virtuosen ein musikalisches Fest zu geben. Meine Frau, deren gro�es Talent bekannt war, hatte sich anheischig gemacht, auch zu spielen und zu singen, denn sie war in der fremden Umgebung, geschmeichelt von vielen M�nnern und Frauen, einmal wieder in einer fr�hlichen Stimmung. Mir war es um so lieber, da unser Arzt es mit zu den Vorschriften seiner Di�t rechnete, da� sie allen diesen dunklen Gef�hlen und dieser hypochondren �ngstlichkeit mit Gewalt widerstreiten m�sse. Sie hatte sich vorgenommen, ihm Folge zu leisten. Recht heiter und vergn�gt kehrten wir in unser H�uschen zur�ck. Elisabeth ging mit Eifer die schweren Musikst�cke durch, und ich freute mich, da� sie auf diesem Wege ihre frische Jugend vielleicht wiederfinden m�chte.</p><p>Nach einigen Tagen las ich einen angekommenen Brief, als pl�tzlich die T�r aufgerissen wird und mir Elisabeth totenbleich und wie sterbend in die Arme st�rzt. Was ist dir? rufe ich, vom tiefsten Entsetzen ergriffen. Ihr Auge irrte wild umher, ihr Herz klopfte, als wenn es die Brust zersprengen wollte, sie konnte lange Atem und Stimme nicht wiederfinden. O Himmel! rief sie endlich, und jedes Wort war vom Ausdruck des Grausens begleitet, � drinnen, als ich mich �be, � ganz heiter gestimmt bin � zuf�llig werfe ich den Blick in den Spiegel � und ich sehe hinter mir Ernestine, � die mich mit jenem L�cheln, dem seltsamen, anschaut, die langen d�rren Arme �ber der Brust gefaltet. Ich wei� nicht, ob sie noch dort ist, ich begreife nicht, wie ich hierher gekommen bin. �</p><p>Ich �bergab sie ihrer Kammerfrau, sie legte sich zu Bett, nach dem Doktor ward eilig gesendet. Ich ging in das andere Zimmer hin�ber. Die Notenb�cher lagen unter dem Klavier verstreut, Elisabeth mu�te sie im Schrecken heruntergerissen haben.</p><p>Was halfen Vernunft, Scherz und Trost, Di�t und Medikamente gegen den vollendeten Wahnsinn? So sagte ich zu mir selber, und doch mu�te ich jener Worte der Sterbenden gedenken, mit denen sie uns gedroht hatte.</p><p>Man h�rte auf dem Schlosse, da� meine Frau krank geworden sei. Dies drohte das Musikfest zu st�ren. Die Frau des Hauses kam also mit einer S�ngerin nach einigen Tagen selber zu uns, um sich nach dem Befinden Elisabeths zu erkundigen. Da wir nicht einmal dem Doktor von jener Erscheinung etwas gesagt hatten, die Elisabeth wollte gesehn haben, so sprachen wir noch weniger zu Fremden von dieser seltsamen Begebenheit. Meine Frau war wieder auf und hatte sich, dem Anschein nach, v�llig von ihrem Schrecken erholt. Man erging sich also mit den Besuchenden in unserm kleinen Garten, sprach vom Fest, und endlich wollten sich die Baronin und jene S�ngerin ein Gesangst�ck ein�ben, in Gegenwart meiner Frau, um ihren Rat anzuh�ren, wenn sie auch vielleicht nicht selber mitsingen k�nne. Wir kehrten also in das Zimmer zur�ck und da es schon sp�t geworden, wurden die Kerzen angez�ndet. Die S�ngerin sa� vor dem Klavier, um den Gesang zu begleiten; neben dieser rechts die Baronin vor dem Notenbuche; neben dieser, etwas r�ckw�rts, hatte ich mich gesetzt, und meine Frau sa� links, nahe an der S�ngerin. Wir mu�ten im Duett die Stimme dieser sowie den Gesang der Baronesse bewundern. Die Musik ward immer lebhafter und leidenschaftlicher, und ich hatte es schon einmal verfehlt, das Blatt der Dame zur rechten Zeit umzuschlagen. Indem die Seite wieder zu Ende geht, legt sich ein langer, kn�cherner Finger auf das Musikbuch, die Melodie bewegt sich fort, und das Blatt wird schnell und a tempo umgeschlagen. Ich sehe zur�ck, und die schreckliche Ernestine steht dicht an mir, hinter der Baronin. Ich wei� nicht, wie ich die Fassung behalte, pr�fend, beinah kalt das entsetzliche Gespenst zu betrachten. Sie l�chelte mich an, mit jener boshaften Miene, die auch im Leben ihr Gesicht so widerw�rtig entstellen konnte. Sie war in ihrem gew�hnlichen Hauskleide, die Augen feurig, das Gesicht kreidewei�. Ich versenkte mich fast mit Genu� in ein dunkles Grauen, blieb stumm und war nur froh, da� Elisabeth die Erscheinung nicht bemerkte. Pl�tzlich ein Angstschrei, und meine Frau st�rzt ohnm�chtig nieder, indem der d�rre Finger eben wieder das Notenblatt umschlagen will. Die Musik war nat�rlich zu Ende, meine Frau fieberkrank, und die Fremden fuhren nach dem Schlosse zur�ck. Sie h�tten nichts Unheimliches gesehn und bemerkt. �</p><p>� Hier machte der Kranke wieder eine Pause. Der Badearzt sah mich bedeutsam an und sch�ttelte den Kopf. Und Sie haben, fragte er dann, auch jetzt Ihrem Doktor nichts von dieser Gespenster-Erscheinung gesagt?</p><p>Nein, erwiderte Franz, nennen Sie es Scham, Furcht vor seinem kalten und scharfen Menschenverst�nde, taufen Sie meine Schw�che, wie Sie wollen, genug, ich konnte es nicht �ber mich gewinnen, ihm diese Mitteilung zu machen.</p><p>Es war aber sehr notwendig, sagte der Arzt, denn wie konnte er ohne diese Nachweisung Ihre Krankheit richtig beurteilen?</p><p>Seit dem, fing Franz mit matter Stimme wieder an, war es so gut wie beschlossen, jene Gegend zu verlassen, weil wir hoffen konnten, da� uns das wilde Gespenst nicht jenseits der Berge und Fl�sse verfolgen werde. Aber im Hause sahen wir sie nun oft, am meisten im Musikzimmer. An einem Morgen war der Doktor bei uns. Er setzte sich an das Klavier und spielte so in Gedanken hin einige Passagen. Pl�tzlich stand die Entsetzliche wieder am Sessel meiner Frau und legte dieser die d�rre, kalte Hand auf die Schulter. Kr�mpfe, Ohnmachten waren wiederum die Folge.</p><p>Und hat sie Ihr Doktor diesmal auch gesehn?</p><p>Nein, sagte Franz, er hatte der Erscheinung den R�cken zugekehrt. Aber ich sah sie deutlich, am hellen Tage, und nachher wie oft. Es durfte einer nur die Tasten des Fl�gels ber�hren, so stand sie da, so da� es wie eine Citation war, einen Ton anzuschlagen. Als ich einmal wieder die alte Klausenburg besuchte, sa� sie dort auf einem Stein und sah mich gro� an. So verfolgt, ge�ngstigt, in steter Furcht, in best�ndigem Schauder und Angst sind wir zum Tode reif geworden, und der Arzt hat uns endlich, selbst verzweifelnd und ohne Rat und Hilfe hierher gesendet, ob die hiesigen B�der vielleicht unserer ganz zerst�rten Gesundheit wieder aufhelfen k�nnten. Aber bis jetzt sehe ich auch noch nicht den mindesten Erfolg. Und wer steht uns daf�r, da� das Gespenst sich auch nicht hier einmal zeigt? Sie will uns vernichten, und ihrem starken Willen ist das Unbegreiflichste m�glich. Ich glaube, wir d�rften nur es wagen, auch hier in dieser Entfernung ein Lied zu singen oder eine Sonate zu spielen, so st�nde sie wieder unter uns.</p><p>Daf�r stehe ich Ihnen, geehrter Herr Graf, rief der Doktor jetzt mit fester Stimme aus, einem solchen boshaften Untier wei� unsre medizinische Polizei am besten die Wege zu weisen.</p><p>Wir sorgten jetzt daf�r, da� der Kranke in einer S�nfte nach seiner Wohnung gebracht wurde, und ich begleitete den verst�ndigen Arzt.</p><empty-line/><p>Und hiermit ist die Erz�hlung zu Ende? fragte Sidonie.</p><p>Sie haben Ihr Wort gel�st, teurer Freund, fing die alte Baronin an: jenes Grauen, das ich so gern habe, haben Sie erregt, und die Erz�hlung hat sich endlich wirklich zu einer Gespenstergeschichte gestaltet. Und Franz und Elisabeth? Sind sie gestorben? War noch eine Heilung m�glich?</p><p>Es wird Zeit, schlafen zu gehen, fiel Blinden ein, sollte die Erz�hlung noch nicht ganz zu Ende sein, so machen Sie es nur kurz, lieber Blomberg.</p><p>Nein! noch nicht schlafen! rief die Wirtin mit liebensw�rdigem Zorn, wir m�ssen nun noch eine Weile beisammen bleiben, um dieses Grauen zu �berwinden und zu vergessen. Haben Sie, Baron Blomberg, noch etwas zu berichten, so lenken Sie wieder ein.</p><p>Ich bin zaghaft, sagte der alte Mann, den Schlu� zu berichten. Doch es sei! � Indem ich durch die stille Nacht mit dem Badearzt durch die finstern Baumg�nge dahinwandelte, sagte dieser: Geehrter Herr, wir sind beide so aufgeregt, da� wir doch jetzt nicht mehr schlafen k�nnen. Begleiten Sie mich auf mein Zimmer, ein kr�ftiger aromatischer Cardinal soll uns munter erhalten, und ich will Ihnen dort meine Gedanken �ber unsre beiden Kranken mitteilen, an deren Genesung ich jetzt, nach diesen Erz�hlungen, zum ersten Male glaube. Ich m�chte versichern, da� ich sie nach zwei Monaten ziemlich gesund zur�ckschicken werde.</p><p>Ich erstaunte, denn ich hatte meinen Jugendfreund v�llig aufgegeben. Das stark gew�rzte Getr�nk machte uns v�llig munter und der Doktor sprach: Diese Seelenkrankheit Ihres Freundes ist mir eine der interessantesten psychologischen Erscheinungen, die mir nur bekannt geworden sind. Er sowie seine Frau sind von einem seltsamen Wahnsinn befangen, und wenn es uns gelingt, diesen erst zu st�ren, dann zu schw�chen und zu verdunkeln und endlich ganz zu vertreiben, so wird sich auch die k�rperliche Genesung ganz von selbst einstellen. � Ohne Ihren Freund fr�her gekannt zu haben, kann ich mir aus seinen Mitteilungen seinen Charakter und seine Schicksale genau und wahr konstruieren. Er ist von Natur ein guter, weicher Mensch, etwas zu weich, und wie alle Menschen dieser Art der Eitelkeit mehr als die st�rkeren ausgesetzt. Er ist sch�n gewesen und liebensw�rdig, hat Talente und Suada besessen und war so allenthalben willkommen, wo er sich nur zeigen mochte. Allenthalben beliebt und geschmeidig, mag er manchem sch�nen Kinde Kopf und Herz verdreht haben. Nun kam ihm seine sch�ne Gattin entgegen, er will sich zum Ehemanne umgestalten, und seine reizbare nervenschwache Frau freut sich, den liebensw�rdigen, feinen Mann den ihrigen nennen zu k�nnen. Wie es den Schw�rmenden immerdar ergeht, so auch hier. Sie finden das �berschwengliche Gl�ck in der Ehe nicht, welches sie erwartet haben, und eine leise Verstimmung legt sich �ber die zarten Nervensaiten, die mit Ungeduld neue Schwingungen erwarten. Die h��liche verwachsene Schwester empfindet, wie fast alle Personen dieser Art, Neid und Mi�gunst gegen die vorgezogene, geschmeichelte und geliebkoste Braut und Gattin. Sie l��t deutlich ihren Widerwillen merken und gesteht, da� sie den jungen Edelmann hasse. Der liebensw�rdige Herzensbezwinger setzt nun alle seine K�nste daran, auch diese Widerspenstige zu �berw�ltigen. Es gelingt ihm, und die arme Get�uschte glaubt wohl gar Empfindungen in ihm erregt zu haben, indessen er nur seine Eitelkeit einen Triumph feiern l��t. Diese Herzlosigkeit mu�te die ungl�ckliche Ernestine kr�nken und emp�ren. Eine innere Wut verzehrt sie, sie wird ein Opfer ihrer ungl�cklichen Leidenschaft, und im Sterben spricht sie jene Drohung aus, die Ehegatten auf alle Weise zu verfolgen. Dies ist offenbarer Wahnsinn. Es ist eine schon alte Bemerkung, da� dieser oft im Blute steckt, und Verwandte, Br�der, Schwestern und Kinder davon ergriffen werden, wenn er sich in einem Glied der Familie manifestiert. So auch hier. Der z�rtliche Graf ist wohl auch nicht so ganz verschwiegen gegen seine Gattin gewesen: sie kr�nkelt schon, sie br�tet �ber Gedanken und schleicht mit neugieriger Aufmerksamkeit dunkeln Gef�hlen ihrer Nerven nach, � was ist nat�rlicher, als da� sie bei der ersten Gelegenheit die mi�gestaltete Schwester zu sehen glaubt? Die Angst der Frau teilt sich ihm mit, die b�se Laune �ber Ungl�ck hat seine Fantasie gesteigert, und er sieht ebenfalls die Gespenstererscheinung. So geht es denn fort, bis beide sich aus reiner Fantasie beinahe vernichtet haben. Zerst�rt man diese b�se Einbildung, so werden sie gesund.</p><p>Liebster Doktor, erwiderte ich, ich kann nicht sagen, ob ich einen zu vorwiegenden Hang zum Aberglauben habe, aber Ihre Gr�nde gen�gen mir nicht. So vieles, was uns Sage und Schrift aufbewahrt, kann in diesem sonderbaren Gebiete, so vern�nftig man sich auch entgegensetzt, nicht blo� Fantasie oder Erfindung sein. Es gibt wohl Stimmungen, Krankheiten, Nervenzust�nde, in welchen diesem oder jenem etwas sichtbar wird, was sich allen �brigen verh�llt. Was ist Geist? Was sollen wir uns bei dem Wort vorstellen? Ist uns die Eigenschaft, das Talent oder die Kraft bekannt, welche diese Millionen verschiedenartiger Seelen nach Abstreifung der irdischen H�lle besitzen? Was dieser und jener starke Geist durch Macht seines Willens, oder �nstigende Reue, oder s�� marterndes Heimweh f�r M�glichkeit findet, aus Imagination wieder eine scheinbare H�lle zu bilden, wie er sie vormals trug?</p><p>Und wenn Sie ganz recht h�tten, was w�re damit f�r Sie gewonnen? rief der eifrige Doktor. Wenn ein Verstimmter, Aufgeregter etwas sieht, so sieht er ja doch nur immer seine eigene Fantasie, seine eigenen inneren Gestalten, die sich nun sichtbar vor sein k�rperliches Auge hinstellen. Das begegnet jedem zuweilen. Man hat am Morgen einen lebhaften Traum. Man erwacht pl�tzlich und sieht noch einen Augenblick das Kind, nach dem man sich sehnte, die Lilie oder Rose, an der man sich erfreute, den alten Freund, der hundert Meilen entfernt ist, vor sich. Es ist wohl noch nie vorgekommen, da� einem der vielen Geisterseher sein greiser Vater oder Gro�vater als J�ngling oder Br�utigam, der M�rder als Knabe in Unschuld, das wilde Gespenst einer alten Giftmischerin als bl�hende Jungfrau erschienen ist. Warum wechseln denn diese Gespenster nicht einmal ihre Gestalten?</p><p>Weil sie vielleicht, warf ich ein, ihre Imagination nur in ihrem letzten Zustande, der ihnen noch am n�chsten liegt, auspr�gen k�nnen.</p><p>Ah was! rief der ungeduldige Mann, geben Sie sich lieber ruhig gefangen, als da� Sie so unbehaglich im Netze zappeln. Helfen Sie mir lieber bei der Heilung Ihres Freundes.</p><p>Und die Art und Weise?</p><p>Nur durch etwas Gewaltsames kann ein gl�cklicher Anfang gemacht werden. Glauben Sie mir, in den innersten Tiefen unsers Gem�tes w�chst noch immer etwas von jenem Unkraut der Eitelkeit, von dem wir uns gerne weismachen, da� es nur in der �u�ersten Oberfl�che, um zu wuchern, seinen Boden antr�fe. Auch im Schreck, im Todesentsetzen, in marternder Krankheit kitzelt uns das Bewu�tsein: du erlebst doch bei alle dem was Apartes, du siehst Erscheinungen, die dich �ngstigen. Man geht weiter: man w�nscht sie wieder zu sehn und lockt sie gleichsam hervor. Das schmiegsame, f�gsame innere Wesen, die fast unbegreifliche Fantasie gehorcht, und wieder steht ein solcher Popanz vor uns. � Stehn Sie mir also darin bei, die Kranken zu �berreden und zu stimmen, da� entweder im Zimmer des Grafen oder bei Ihnen Musik gemacht werde, schaffen wir ein Fortepiano an, und da die kranke Elisabeth nicht singen kann, so wird sie uns wenigstens eine Sonate spielen. Damit die beiden Wahnsinnigen keinen Skandal erregen, wenn sie vielleicht doch von ihrem Wirrsal befangen werden, so mu� niemand Fremdes zugegen sein, nur Sie und ich und h�chstens die Kammerfrau, falls die Gr�fin sich doch wieder vergessen sollte. Es wird aber in meiner Gegenwart, da ich mein gesundes Auge allenthalben werde herumschweifen lassen, nicht geschehn. Dadurch werden die Kranken Sicherheit und Beruhigung gewinnen, und wir fahren dann jeden Tag fort und brauchen immer st�rkere Mittel, um die irre Fantasie zu kurieren.</p><p>Und, wenn nicht, � sagte ich, mit fast furchtsamem Ausdruck.</p><p>Nun, beim Himmel, rief der untersetzte Mann mit lautem Lachen, wenn ich, ohne vorher etwas viel getrunken zu haben, etwas sehe, � nun so �</p><p>So?</p><p>So will ich ein Narr sein und bleiben, Baron, wie wir es denn, beim Licht besehen, alle von Hause aus schon sind.</p><p>So verlie�en wir uns, und es kostete viel �berredung, meinen angstvollen Freund dahin zu bringen, da� er zu diesem bevorstehenden Experiment seine Einwilligung gab. Die Frau war, zu meinem Erstaunen, viel leichter gewonnen. Sie sagte nicht unvern�nftig: Ich f�hle es, mein Leben ist beschlossen, alle Hilfe ist vergeblich, je n�her der Tod, mir um so lieber. Kann ein neuer Schreck mich wie ein Blitz niederschmettern, um so erw�nschter. Und tritt das Ereignis, das ich f�r m�glich halte, gar nicht ein, nun so sind meine letzten Tage wenigstens von dieser Furcht und dem angstvollen Grauen befreit, ich kann mich unterhalten und zerstreuen, und in der Hand der Allmacht liegt es dann, ob ich und mein Gatte noch wieder Hoffnung auf Genesung fassen sollen.</p><p>Man setzte den dritten Tag f�r die Musik fest, und zwar die sp�tere Abendstunde, weil Elisabeth, wie so manche Fieberkranke, sich um diese Zeit am st�rksten f�hlte, sich auch dadurch die Nacht abk�rzte, indem sie erst in der Regel gegen Morgen ihren Schlaf fand. Ein Fortepiano war also auf das Zimmer geschafft worden, mehr Kerzen als n�tig waren brannten, auch die Schlafkammer, die unmittelbar an das Wohnzimmer stie�, war hell erleuchtet worden, damit kein r�tselhafter Schatten sich irgendwo im Dunkel erzeugen k�nne. Im Wohnzimmer stand au�er Sessel und Sofa noch ein eigentliches Ruhebett, auf welchem die Kranke sich oft bei Tage ausstreckte. Das Fortepiano war an eine Wand zwischen zwei Fenster gestellt, die die Aussicht auf G�rten und nicht gar ferne Weinh�gel hatten. Nach dem Tee hatte man die T�r des Eingangs verschlossen und die Aufw�rter und Diener f�r diesen Abend verabschiedet. Die junge starke Kammerfrau war zugegen, und wir alle ersuchten sie, sich ja recht munter zu erhalten.</p><p>Elisabeth sa� am Fl�gel. Der Doktor stand seitw�rts neben ihr, um sie und Zimmer und Schlafstube zugleich beobachten zu k�nnen, ich sa� und stand abwechselnd auf der andern Seite der Kranken; Franz ging im Schlafrock und weichen Pantoffeln leise hinter der Spielenden hin und her, und die r�stige Kammerfrau lehnte an der offnen T�r des Schlafzimmers.</p><p>Elisabeth spielte erst matt, ungewi� und �ngstlich. Bald aber ri� sie die Sch�nheit der Komposition und das Bewu�tsein ihres Talents hin, und sie trug mit Pr�zision und Feuer das humoristische, melodienreiche Werk vor.</p><p>Ihr Auge gl�nzte, ihre Wange r�tete sich beim Spiel, und ein seelenvolles L�cheln schwebte auf dem vormals sch�nen Munde. Der Arzt warf mir triumphierende Blicke zu, und da die R�ume so hell und heller wie am Tage waren, so konnte man Miene und Gesichtszug eines jeden deutlich erkennen. Alle lobten die Spielerin, und der Arzt, der sich vorbereitet hatte, gab ihr etwas zur St�rkung. Sie selbst war wie neugeboren und gestand, da� sie sich seit einem Jahr nicht so wohl gef�hlt habe. Der leidende Franz war entz�ckt, und seine feuchten Blicke sprachen Hoffnung aus.</p><p>So ward denn, mit derselben Anordnung, zum zweiten Musikst�ck geschritten. Elisabeth spielte noch sicherer und leichter. Bravo und Applaus begleiteten sie, � da pl�tzlich � lie� sich ein entsetzlicher Aufschrei h�ren � wie soll ich ihn beschreiben? � nie war mein Ohr von solchem gr��lichen Ton zerrissen worden � erst nachher ward ich inne, da� Franz ihn ausgesto�en hatte � und � die Lichter brannten blau, aber doch blieb es hell genug � welch Schauspiel! Franz mit sch�umendem Munde und weit hervorgetriebenen Augen hielt sich mit einem entsetzlichen Gespenst umfa�t. Er rang mit der d�rren scheu�lichen Gestalt. Du oder ich! schrie er jetzt, und sie umklammerte ihn mit den d�rren Armen so fest, dr�ckte den krummen verwachsenen K�rper so fest an den seinigen, pre�te ihr bleiches Antlitz so fest auf seine Brust, da� wir alle es h�rten, wie in diesem Ringen seine Gebeine erkrachten. Die Kammerfrau war zu Elisabeth gesprungen, welche in Ohnmacht lag. Der Arzt und ich kamen herbei, als der Kranke das Gespenst wie mit Riesenkraft auf das Ruhebett niederwarf, welches von dem schweren Fall in seinen Fugen knackte. Er stand aufrecht. Wie eine Wolke, wie eine dunkle Decke lag es auf dem Bett und als wir nun ganz nahe traten, war auch jeder Schein verschwunden. �</p><p>Franz f�hlte sich nun wie in allen Gebeinen zerbrochen, seine letzte Kraft war vernichtet, er war nach dreien Tagen verschieden, und der Arzt fand blaue Flecken auf Rippen und Brustbein. Sie erwachte aus ihren irren Fantasien nicht wieder und folgte zwei Tage sp�ter dem geliebten ungl�cklichen Gatten in sein fr�hes Grab. �</p><p>Nun? fragte ich den Arzt, als wir uns wieder vom Schrecken, der Trauer und der Bet�ubung etwas erholt hatten. Die Kur ist nicht geraten. Sie, der Kaltbl�tige, haben gesehn, wogegen Sie erst mit voller �berzeugung schworen. Ein Bild Ihres Innern oder des meinigen, da wir Ernestine nie gesehen haben, war es gewi� nicht: den Kranken sahen und h�rten wir mit dem Gespenste ringen. Eine innere Fantasie hat ihm, dem Gestorbenen, gewi� Brust und Rippen nicht so erkrachen machen.</p><p>O mein sch�nes System! seufzte der Doktor; da entsteht nun eine schreckliche L�cke, ein herber Widerspruch mit allen meinen �berzeugungen und Erfahrungen, die ich wahrlich nicht zu vers�hnen oder zu erg�nzen wei�. Aber, mein teurer verst�ndiger Freund, im Namen der Menschheit und bei deren Wohl beschw�re ich Sie, halten Sie ja die ganze Sache geheim, verschweigen Sie gegen jedermann die Geschichte, denn sonst er�ffnen wir ja dem Aberglauben T�ren und Tore. Der Menschheit und der Wissenschaften wegen m�ssen wir die seltsame Geschichte vertuschen.</p><p>So habe ich denn auch bis jetzt geschwiegen, denn dies ist das erstemal, da� ich Ihnen hier diese wunderbare Gespenstergeschichte erz�hlt habe.</p><p>� Es entstand eine lange Pause. Endlich sagte Graf Blinden: Und Sie haben wirklich die Sache so gesehn?</p><p>Wie ich sie erz�hlt habe, antwortete Blomberg, und das kann ich vor jedem Gericht, wenn es n�tig w�re, beschw�ren. Aber, bester Graf, Gespenster kann man nicht unter die Lupe und das Mikroskop bringen und sie noch weniger sezieren und anatomieren. Ich sah das Gespenst, wie man es beschrieben hatte, auf dem Ruhebette war es nur noch eine unkenntliche Masse und bald darauf v�llig verschwunden. Die Nutzanwendung und Moral der Sache �berlasse ich andern, und ich selbst w�nsche auch nicht, eine solche Erfahrung zum zweiten Male zu machen.</p><p>Ich k�nnte mich wohl entschlie�en, sagte der junge Theodor, mit dieser Geisterwelt in Verbindung zu treten, denn jede Erfahrung, die wir machen, bereichert unsre Seele, und eine so seltsame, denke ich mir, mu� die merkw�rdigsten Folgen erzeugen.</p><p>Gar keine, rief Blomberg, dergleichen bleibt ganz einzeln stehn und erkl�rt weder vorw�rts noch r�ckw�rts irgend etwas. Wer nicht ganz besonders zum Denken und Philosophieren ausger�stet ist, h�te sich ja vor dem Konsequenz-Machen. Ein Einfall bleibt unschuldig oder geistreich, aber die schlimmsten aberwitzigen Systeme haben sich immer aus ganz richtigen Wahrnehmungen entwickelt. Eine stille fragmentarische Dummheit bleibt unsch�dlich, aber aus dem Besten, Wahrsten und Richtigsten haben geistreiche M�nner wohl schon das Absurdeste durch strenge Konsequenz und logische Kunst hergeleitet.</p><p>Mag sein, antwortete Theodor, ich habe aber gewi� auch nicht unrecht, wenn ich behaupte, da� das Gel�st nach einer Bekanntschaft mit �ber- oder doch au�erirdischen Wesen ein nat�rliches und verzeihliches sei, und ich w��te nicht, was ich darum g�be, um auf irgendeine Weise in jene Zirkel eingef�hrt zu werden.</p><p>Theodor! rief jetzt Sidonie und erhob sich von ihrem Sitz, Sie werben um meine Gunst und um meine Hand. Ich darf es hier wohl gestehn, weil alle Welt es wei�. Sie haben mir immer eine Probe Ihres Mutes geben, Sie haben immer etwas f�r mich tun wollen. Sie wissen, die Sage geht, da� beim Vollmond in der Mitternacht es gef�hrlich sei, jene Eisenstange dort vor der Klausenburg anzuziehen, die ehemals mit der Glocke den Pf�rtner rief. Wir haben Vollmond, in zwei Stunden ist Mitternacht, versuchen Sie Ihr Heil, und wenn Sie morgen zur�ckkommen, so sollen Sie mindestens als Unterpfand jene Haarlocke empfangen, um welche Sie mich dringend gebeten haben.</p><p>Nicht mehr? sagte der junge Mann lachend; morgen in der Fr�he sehn Sie mich wieder, nur beklage ich im voraus, da� ich nichts werde zu erz�hlen haben.</p><p>Er ging, weil die Zeit ihn dr�ngte, denn die Ruine war fast eine Stunde entfernt. Als er das Zimmer verlassen hatte, sagte Anselm: Mich wundert�s, Blomberg, da� Sie in seiner Gegenwart diese Familiengeschichten erz�hlten: er ist ja durch eine Seitenlinie ein Neffe des letzten Grafen Franz, und wenn der so lange schwebende Proze� zu seinen Gunsten entschieden, wenn jenes verlorene Dokument sich wieder finden sollte, so w�rde er die bedeutenden G�ter erben und ein reicher Kavalier sein.</p><p>Blomberg schlug sich mit der flachen Hand heftig vor die Stirn und rief aus: O verdammte, verdammte Verge�lichkeit! Darum wurde er auch einigemal so nachdenkend. Freilich mag ihn dieses und jenes verletzt haben, doch kommt in allen diesen Erz�hlungen nichts vor, was ihn beleidigen konnte. � Ja, er k�nnte reich werden, wenn jene dunklen Punkte sich aufkl�rten. Aber er wird es auch ohnedies in seiner jetzigen Stellung. Die Minister und der F�rst selbst zeigen dem jungen Mann das gr��te Vertrauen, und ohne Zweifel wird er es weit bringen.</p><p>Man sprach noch hin und her, und Anselm vorz�glich war in eifrigen Gespr�chen mit Sidonie. Es fiel den �brigen nicht auf, weil er f�r eifers�chtig und f�r den Nebenbuhler Theodors galt. Anselm verlie� das Schlo�, und die �brigen begaben sich ohne Furcht zur Ruhe und in ihre einsamen Kammern, weil sie durch die letzten Gespr�che wieder geh�rig waren abgek�hlt worden.</p><empty-line/><p>In jenem neuern Hause am sogenannten Eibensteige, welches Franz und seine kranke Gattin einige Zeit bewohnt hatten, hielt sich jetzt der alte F�rster Matthias auf, welcher schon seit zwei Jahren an der Gicht erkrankt fast immer auf seinem Bette lag. So lange war es ungef�hr, da� Theodor durch die Gunst des Erbprinzen seine Stelle als Oberj�germeister oder Vorstand aller Forsten im kleinen Lande erhalten hatte. Diesen bequemen Platz, wo das Gesch�ft des Alten ohne Nachteil von jungen Burschen besorgt werden konnte, hatte Theodor dem Kranken aus Wohlwollen gegeben, damit er und seine Tochter Hannchen ohne Not und Sorge leben k�nnten.</p><p>Hannchen war fast immer mit dem Vater besch�ftigt. Bald sang sie ihm etwas, bald las sie ihm vor, dann erz�hlte sie ihm Geschichten oder was sie erfahren hatte, sie bereitete selbst die Speisen, die seine Krankheit notwendig machte, und zeigte ihm immerdar, um ihn zu zerstreuen, die gr��te Heiterkeit, wenn sie auch selbst an einem stillen Kummer litt.</p><p>Jetzt war, weil der Vater schon schlief, im andern gro�en Zimmer ein junger Mann bei ihr, der sie fast t�glich besuchte. Eine Meile von dort war ihm durch Theodor eine eintr�gliche F�rsterstelle geworden, und fr�her hatte er bei Matthias, Hannchens Vater, die J�gerei erlernt.</p><p>Ich kann nicht fort, sagte er jetzt, bevor Sie mir nicht, liebes Hannchen, ein freundliches Wort gesagt haben.</p><p>Lieber Herr Werner, antwortete Hannchen, ich bin Ihre wahre Freundin, Sie haben es selbst gesehn, wie ich mich �ber Ihre Bef�rderung, �ber jene eintr�gliche Stelle gefreut habe, die Sie schon, so jung noch, verwalten; die ansehnliche Erbschaft, die Ihnen neulich zufiel, macht mich gl�cklich. Was wollen Sie mehr?</p><p>Sie wissen es recht gut, sagte der J�ngling. Aber freilich, ich wei� es wohl, ich begreife es auch, da� Ihr Herz immer noch dahin h�ngt, so unrecht, undankbar, ja schlecht sich auch der junge Mann gegen Sie und Ihren Vater benommen hat.</p><p>Hannchen war gl�hend rot geworden und rief jetzt im Unwillen: Ludwig! Sie machen mich b�se. Graf Theodor ist edel, mein Vater hat ihm alles zu danken, er hat auch Ihr Gl�ck gegr�ndet. Nein, mein Freund, wir m�ssen nicht ungerecht sein. Es gibt Dinge im Leben, die wir Schicksal nennen m�ssen. Ich kann mich �ber den jungen Grafen nicht beklagen, als da� er liebensw�rdig ist und mit s��en Reden, Blicken und seiner Anmut mein junges unerfahrenes Herz verstrickte und verwundete. Er hat mir niemals mit ausdr�cklichen Worten gesagt, da� er mich liebe, noch weniger hat er um meine Hand geworben. Er war oft hier, immer freundlich, zut�tig; nachher ist er weggeblieben. Weshalb soll ich denn also auf ihn schelten?</p><p>O liebes Hannchen, rief der J�ngling aus, Sie f�hren seine Verteidigung nur schlecht. Braucht ein Mann von Ehre das Wort gerade auszusprechen, wenn er wei� und f�hlt, was recht ist und sich geziemt? Einen solchen bindet ein bedeutender Blick, ein z�rtlicher H�ndedruck, ein Seufzer und ein zartes Gedicht weit mehr als den trocknen Alltagsmenschen ausgesprochenes Wort und Schwur. Die Liebe zweier edlen Wesen ist keine Verhandlung.</p><p>Er ist Graf, sagte das M�dchen, und ich eine B�rgerliche.</p><p>Um so schlimmer, rief Ludwig, desto mehr mu�te er sich zusammennehmen, damit seine Z�rtlichkeit und scheinbare Hingebung keine W�nsche und Hoffnungen erregte. Ich habe es ja selbst mit angesehen, wie er mit Ihnen umging. Wie ein Br�utigam mit seiner Braut, und zwar mit einer solchen Ergebung, als wenn Sie die Vornehme und er der einfache B�rgersmann w�re. Er hat Ihnen Briefchen, Gedichtchen zugesteckt, er hat Ihre Liebe und Zuneigung nicht mi�verstehen k�nnen. Sehn Sie, darum bleibe ich bei meinem Satz, er hat schlecht an Ihnen gehandelt.</p><p>Sie wollen mich durchaus zum Weinen bringen, sagte Hannchen, und dann sagen Sie doch wieder, da� Sie mir gut sind.</p><p>Weil ich Ihnen gut bin, rief Ludwig, so �bermenschlich gut, da� ich es in ordin�re Worte gar nicht fassen kann. Das ist ja eben mein Elend, da� ich meine Reden nicht so zu setzen wei� wie der Herr Theodor. Und warum, weshalb hat er Ihr sch�nes Herz so leichtsinnig aufgegeben? Nicht aus Hochmut, nein, so schlecht will ich von ihm nicht denken, sondern aus einer elenden Schwachheit. Ja freilich wird daraus unser Schicksal zusammengeflochten, unsre Strafe, unsre Gei�el, wenn wir jedem Gel�ste nachgeben, wenn wir uns von jedem Schimmer blenden lassen. B�se wird sie es ihm danken, die Kokotte, die ihn mit ihrem sch�nen Angesicht und den blonden Locken so gefesselt hat, so den Verstand und die Augen benebelt, da� er nicht mehr aus und ein, und nicht mehr Wei� von Schwarz zu unterscheiden wei�. Und diese Sidonie, � diese Falsche � sie kann keinen Menschen lieben. Erst hat sie sich mit dem Baron Anselm herumgeschleppt, im vorigen Jahre, wie sie auch zum Besuche hier war, nun ist ihr der nicht mehr gut genug. Vom Grafen Theodor denken alle, da� er noch einmal eine gro�e Rolle spielen wird, darum mu� der jetzt mit ihr den Vortanz halten.</p><p>Man sagt ja, fiel Hannchen ein �</p><p>Ja, es hei�t, sagte Ludwig, die Verlobung w�rde bald erkl�rt werden. Wenn nicht unterdes ein noch Vornehmerer sich meldet. Nun Gl�ck zu! � Und Sie, Hannchen, Sie verschm�hen ein ehrliches, treues Herz, weil � ach! ich wei� nicht, was ich rede.</p><p>Wie kamen Sie nur heut von jener Seite? fragte Hannchen, um nur ein anderes Gespr�ch auf die Bahn zu bringen.</p><p>Ich h�tte bald den Hals gebrochen, sagte Ludwig halb lachend. Sie wissen ja, wie mich die sch�ne Sidonie manchmal zum Botenlaufen braucht oder mi�braucht. Und ich bin ebenso ein Narr wie der Theodor, da� ich ihr so in allem Folge leiste. Aber es ist wahr, wenn sie einen so bittend ansieht, so kann man ihr nichts abschlagen. Ich hatte schon einen Brief f�r sie, einen wichtigen, wie es hie�, von einer alten B�rgersfrau da unten im St�dtchen, was dort im Grunde liegt, ein einsames fatales Nest. Wei� der Henker, was die alte und junge Hexe f�r Geheimnisse miteinander haben und warum ich mich zum Zwischentr�ger brauchen lasse. Aber kurzum, wie ich den Brief hinaufbrachte, bat Sidonchen so sch�n und sagte, sie k�nnte sich keinem als mir allein anvertrauen, und dieser Gang nach dem dummen St�dtchen sollte auch mein letzter Gang sein. So l��t man sich denn immer wieder beschwatzen, und ich nehme ihren Brief an, das Antwortschreiben an die alte Gertraud. Die Sch�ne sagt mir denn so mit ihrem allerliebsten L�cheln recht viel S��es, da� sie wohl wisse, wie sie mich nicht belohnen k�nne, wie es schimpflich sei, mir, dem wohlhabenden Manne, etwa Geld anzubieten, sie wolle mir bei Gelegenheit eine B�rse stricken oder mit eignen H�nden eine sch�ne Weste sticken, wobei ich ihrer gedenken solle, und so weiter. Kurz, ich ging in dem schlechten Regenwetter und bei dem Winde, und �rgerte mich nur der fatale weite Weg, der an manchen Stellen, wenn es regnet, grundlos ist. Da fiel mir denn ein, da�, wenn man den Wald und die Klippen hinter dem alten Nest, der Klausenburg, hinaufklimmt, man zwei ganze Stunden n�her geht, auch von dort aus, �ber den Hochwald, auf den Fu�steigen die Wege steiler, aber besser sind, als dort unten im Moorgrunde. Gedacht, getan. Ich renne hier vorbei, und da der Regen wieder anf�ngt, ist es mir lieb, hinter der alten Klausenburg mich durch den Wald und �ber die alten Steine hinweg, emporzuqu�len. Aber der Buchenwald sch�tzte mich doch ziemlich vor dem Regen. Nun war es schon finster geworden, da wir aber Mondschein haben, war mir Tag und Nacht gleich. Wie ich nun oben bin, tritt der Teufel selbst sichtbar auf mich zu.</p><p>Was sagen Sie, Ludwig? sagte Hannchen betreten.</p><p>Nun, nun, antwortete er, das hei�t nur: so zu sagen; es ist nur so eine Redensart. Denn wie ich da droben stand und mich unter einer Buche vor dem Regen niederduckte, fiel mir ein: Hannchen ist nicht gl�cklich, Hannchen wird mich doch vielleicht niemals lieben, sie h�ngt nun einmal an dem Theodor. Wie nun, wenn ich diesen Brief Sidonies, die verd�chtige Korrespondenz, dem jungen Grafen auslieferte? Vielleicht, da� er die sch�ne Verf�hrerin dann fahren lie�e und zu meinem Hannchen zur�ckkehrte. Sehen Sie, solche verteufelte Einf�lle hat der ehrlichste Mensch auch zuzeiten. Aber, dachte ich wieder, wenn das Schreiben nur Liebes und Gutes enth�lt, das ihr wohl gar Ehre macht? Und wird er als Edelmann wohl den Brief so geradehin aufrei�en? Vielleicht wenn er ihn ungesehn so auf der Stra�e f�nde, aber nicht, wenn er ihn aus meiner Hand bekommt, und ich nun sein Mitwisser bin. Er l�uft mit dem Schreiben vielleicht so gerade zur Sidonie hin und sagt ihr, welch ein Spitzbube ich bin. Ja, ja, zur Schelmerei geh�rt auch Geschick und wenigstens eine Art von Sicherheit, da� sie zum Ehrlichen hin ausschlagen k�nnte. Freilich also, wenn ich w��te, was in dem fatalen Brief st�nde, dann w�re es eine ganz andere Sache. Wenn der Herr Theodor dadurch etwas recht Boshaftes erf�hre, wenn sich ein Komplott entdeckte, � wenn � wenn � und mein Seel, da nesteln meine Finger schon an dem Siegel herum, und ich bin auch ganz nahe daran, das Petschaft entzweizubrechen.</p><p>Herr Werner! rief Hannchen, vor Schrecken bla� geworden; ein versiegelter Brief! Von einer Person, die gerade in Sie so gro�es Zutrauen gesetzt hatte. Vielleicht in einer wichtigen Sache. Der Sie versprochen hatten, alles genau zu besorgen.</p><p>Sie haben ganz recht, herziges Kind, erwiderte der junge Mann. Der Teufel selbst ist manchmal in einer ehrlichen Laune und rei�t in eigner Person das Handgeld dem armen S�nder und H�llen-Rekruten wieder weg. So machte er es mit mir. Mit einemmal lag neben dem roten Siegel, hart an meinem Finger ein d�rrer, dessen Totenk�lte ich f�hlte. Wie ich aufsah, stand ein abscheuliches h��liches Weib vor mir, bucklig, mit gr�nen Augen und verzerrten Mienen. Diese hob jetzt ihre langen d�rren Arme drohend gegen mich auf und schrie: Was machst du da, mein Sohn? � Ich bin nicht Euer Sohn! rief ich in Schreck und Bosheit, was wollt Ihr von mir?</p><p>Brief aufbrechen? schrie sie wieder und fa�te mich an. Ich wehrte mich und stemmte mich gegen einen Baum. Nun ward es mir deutlich, da� sie mir selber den Brief wegnehmen wollte, und sie hatte ihn schon in ihrer klapperd�rren Hand. Aber ich wehrte sie gewaltig ab, und so rissen wir uns hin und her, so da� der Brief dabei zu Schaden kam, ich f�hlte, wie er aufgegangen war, und mit einemmal raschelte das Blatt hinunter in die alten Ruinen der Klausenburg hinein, denn �ber dieser standen wir dicht und hart am Abgrund in unserer Balgerei. So wie ich mir noch das freche Weibsbild recht ausschelten will, ist sie auch schon auf und davon. Ich kann nicht begreifen, wo sie geblieben ist, so da� ich fast wie der gemeine Mann daran glauben m�chte, da� dort Gespenster umgehn. Nun liegt der aufgerissene Brief da drunten, wer wei� zwischen welchem Stein, Moos und Gras; morgen fr�h bei Tage will ich nur gleich in das alte Schlo� und nachsuchen. Finde ich ihn nicht, so mu� ich alles der Sidonie bekennen, oder auch, wenn ich ihn so aufgerissen wieder antreffe.</p><p>Aber, lieber Herr Werner, Sie lesen ihn dann nicht; nicht wahr?</p><p>Gewi� nicht, Hannchen, sagte der junge Mann, Sie haben ganz recht, und ich bleibe immer nur ein unn�tzer Bursche. � Nun will ich also dahinten in der Waldschenke �bernachten, damit ich morgen fr�h genug auf den Beinen bin.</p><p>Man h�rte aus dem innern Zimmer eine Klingel. Mein Vater bedarf meiner Hilfe, sagte das M�dchen: der Himmel geleite Sie, lieber Ludwig.</p><p>Schlafen Sie gesund, sagte der Bursche: ich sehe wohl, da� Sie mir niemals gut werden k�nnen. Die letzten Worte sagte er, indem er schon in der T�re war.</p><empty-line/><p>Nachdenkend und von seltsamen Empfindungen bewegt, war Theodor unten am Fu�e des Schlosses angelangt. In diesem Zusammenhange hatte er noch niemals die seltsame Geschichte seiner Vorfahren und Anverwandten gekannt. Seine Jugend ging noch einmal in seinem Gem�te auf, und mit Trauer und Bangen dachte er an seine Zukunft. Nun fiel ihm wieder ein, wohin er gehe und weshalb, und diese Aufgabe, welche ihm eine verehrte Geliebte zugeteilt hatte, erschien ihm l�cherlich und l�ppisch. Vielleicht, sagte er zu sich selbst, hat sie Menschen dorthin gesendet, die mich erschrecken sollen, denn ihrem Leichtsinn und �bermute ist alles m�glich. Sie will mich wohl gar dem Spott eines Anselm preisgeben, jenem Widerw�rtigen, mit dem sie immer so viele Geheimnisse hat, selbst dann, wenn sie mir schmeichelt und freundlich gegen mich ist. Ich mu� mich gegen alles waffnen.</p><p>Die Nacht war seltsam wechselnd. Bald hell, bald finster: die Wolken jagten sich durch den Himmel, sanken bald in die schwarzen W�lder an den hohen Bergw�nden hinein, bald erhoben sich von der andern Seite neue m�chtige Rauchs�ulen, um als Wolken emporzuschweben. Oft trieb der Regen, dann st�rmte der Wind, und nun trat wieder eine sanfte, feierliche Stille ein. Sollte dies ein Bild von meinem Leben sein? fragte sich Theodor. Mein Wunsch war immer, recht einfach dahinzuwandeln, mir und wenigen Vertrauten gen�gend, ohne Furcht und ohne ausschweifende Hoffnung, � aber freilich, dann h�tte ich nicht in den Zauberkreis dieser Sidonie geraten m�ssen. Sie wird vielleicht mein Leben gl�nzend, aber auch st�rmisch machen.</p><p>In den Erz�hlungen dieses Abends war er aber auch an jenes Haus am Eibensteige gemahnt worden, in welchem er so viele gl�ckliche Stunden verlebt hatte. Ihn qu�lte die Erinnerung an das einfache liebensw�rdige M�dchen, und er konnte mit sich nicht einig werden, ob er ihr Unrecht getan habe oder nicht. Aber schon dieser Zweifel, sagte er, beweist dann, da� ich sie in ihrem sch�nen Vertrauen verletzt habe.</p><p>Er war jetzt der Wohnung Hannchens nahe gekommen. Der Himmel hatte sich wieder verfinstert. Er sah das Licht durch ihre Fenster gl�nzen. In dieser Einsamkeit, die den fernen Anwohnern des Gebirges, den F�rstern, J�gersm�nnern und Bergleuten so sicher schien, verschlo� man die H�user nicht �ngstlich, und so hatte auch Hannchen die L�den vor den hohen breiten Fenstern, die tief zum Fu�steig niedergingen, nicht vorgeschoben. So stellte sich Theodor dicht an das Fenster und verwunderte sich dar�ber, da� das M�dchen noch nicht zu Bett gegangen sei. Er sah in die wohlbekannte Stube hinein, alles drin war noch so, wie sonst, Sessel und Armstuhl, Tisch und Schrank standen noch an derselben Stelle, und er sehnte sich mit R�hrung und s��em Schmerz in diesen behaglichen Raum hinein. Es stand nur ein Licht auf dem alten runden Tisch von Eichenholz, und die Schnuppe war lang und finster, denn Hannchen sa� am Tische und achtete, tief versunken, nicht darauf, das Licht zu putzen. Theodor erg�tzte sich an dem lieblichen Bilde, das wie ein sch�nes Gem�lde von Schalken sich ihm zeigte. Die ganze Stube war finster, und nur ihre Figur und ein kleiner Raum in ihrer N�he m��ig erleuchtet. Sie hatte sich schon zu Bett legen wollen und war halb entkleidet, der sch�ne wei�e Busen zeigte sich halb, und lange volle Flachshaare schwebten herab und verdeckten Schulter und Hals auf der einen Seite: das feine H�ndchen hielt, mit dem Ellenbogen auf den Tisch gest�tzt, den Kopf und die gekr�mmten Finger hatten sich in das dicke, niederflie�ende Haar verwickelt. Sie las eifrig ein Blatt und war so vertieft, da� sie dar�ber die Finstre des niedergebrannten Lichtes nicht bemerkte. Noch nie war die Gestalt, das Angesicht und der Ausdruck des M�dchens dem J�ngling so sch�n erschienen, aber zugleich mit dieser liebenden Bewunderung empfand er eine seltsame Eifersucht, denn er hatte von dem Werben Ludwig Werners geh�rt und war �berzeugt, da� dieses Blatt, in welchem das liebe blaue Auge so vertieft war, ein z�rtlicher Brief ihres Verlobten war. Indem warf eine Sturmwolke einen Regengu� pl�tzlich nieder, und er klopfte mit der Hand an die Scheibe. Sie erschrak, und ihr erstes war, das teure Blatt tief in ihrem Busen zu verbergen, dann warf sie die schimmernden Haare durch eine heftige Bewegung des Kopfes zur�ck, band schnell das Mieder zu und eilte an das Fenster. Lassen Sie mich nur auf einen Augenblick ein, rief der junge Mann, bis dieser Regengu� vor�ber ist, ich will Sie dann nicht l�nger beunruhigen. � Sie verschwand und �ffnete die Haust�r. Als sie in das Zimmer getreten waren, sagte sie, die H�nde im Erstaunen zusammenschlagend: Ei, lieber Gott! Graf Theodor wieder einmal in unserer Stube! Sie ging an den Tisch, um das Licht zu putzen, und Theodor sah sich allenthalben um, betrachtete die Flinten an der Wand, die alte Uhr und setzte sich dann gedankenvoll an den Tisch. Er konnte wohl bemerken, wie aufgeregt Hannchen war und in welcher Bewegung sie sich befand. Setzen Sie sich zu mir, Sie herzlichstes Kind, sagte er zu ihr, so gut ist es mir lange nicht geworden. Sie wu�te nicht, was sie antworten sollte, und diese kindliche Verlegenheit machte ihre Erscheinung noch lieblicher. Theodor r�ckte ihr n�her und fa�te ihre Hand mit der seinigen. Sie zittern ja, Hannchen, sagte er dann. � Es ist kaltes Regenwetter, antwortete sie und schon tief in der Nacht. � Jawohl, und Ihnen graut wohl manchmal hier in der Einsamkeit, fuhr er fort: geben Sie mir das andere liebe H�ndchen auch. So hielt er kriegslistig die beiden H�nde des M�dchens in seiner starken linken Hand, und indem sie ihn mit fragenden Blicken ansah, griff er nach dem Blatte, das so sch�n verwahrt war, entfaltete es und las. � O Theodor! sagte das sch�ne Kind weinend, das war sehr, sehr unrecht von Ihnen. Sie ging weit von ihm weg und setzte sich in den fernsten Winkel, das K�pfchen mit ihren H�nden bedeckend. Aber wie ward ihm, als er jetzt eins seiner Gedichte las, die er vor einem Jahre im Fr�hling einmal dem unschuldigen M�dchen in einer traulichen Stunde gegeben hatte. Er sah es wohl, wie oft das Blatt war gelesen worden, einige Buchstaben waren halb verl�scht, vielleicht von Tr�nen, vielleicht auch weggek��t, und er selbst lie� jetzt, von pl�tzlicher R�hrung gewaltsam ergriffen, eine gro�e Tr�ne auf das Blatt fallen.</p><p>Er ri� die Uhr heraus und sah, da� er nun, sein wunderliches Versprechen zu erf�llen, eilen m�sse. Er sprang auf, ging zu Hannchen, gab das Blatt ihrer zitternden Hand zur�ck und sagte dann mit der z�rtlichsten Stimme: Bitte! bitte! nicht b�se. Sie stand auf und sah ihn mit weinendem Auge durchdringend an. Er konnte sich nicht bezwingen und nahm sie in die Arme und dr�ckte einen herzlichen Ku� auf ihre Lippen, dann, ohne ein Wort zu sagen, eilte er hinaus und rannte auf dem Fu�steige fort, um zu rechter Zeit vor der alten Pforte der Klausenburg anzulangen.</p><p>Indem er davor stand, h�rte er unten im tiefen Tale die Glocke des Dorfes zw�lf schlagen. Er zog gedankenlos an dem Eisendrahte, der wie verh�hnend aus alter Zeit an der moosbewachsenen Mauer niederhing. Aber er kam auf unerwartete Weise zum Bewu�tsein, denn ein sonderbarer Ton erklang laut gellend im Innern, das Get�n hallte noch in die Ferne hinein, aus dieser erwachte eine zweite Glocke, und nach dieser noch entfernter eine dritte, alle so seltsam geisterhaft, da� ihn ein Schauer erfa�te.</p><p>Jetzt �ffnete sich das Tor, er trat hinein: ein altes geb�cktes M�tterchen stand mit einer Laterne da, er schritt in den Hof, und das Tor ward hinter ihm wieder verschlossen.</p><empty-line/><p>� Theodor kam aber am folgenden Tage nicht auf das Schlo� zur�ck. Es schien, als wolle er alle Verbindung mit seiner bejahrten Verwandten, der freundlichen Baronesse, ganz aufgeben, denn er lie� sich dort in mehreren Wochen nicht erblicken. Dagegen fiel ganz unerwartet eine gro�e Ver�nderung mit Sidonie vor. Sie hatte, wie man glaubte, von Theodor schon am folgenden Morgen ein gro�es Briefpaket erhalten. Sie erbrach es in Gegenwart der �brigen G�ste und war schon nach dem ersten fl�chtigen Anblick der Bl�tter au�er aller Fassung. Dies mu�te um so mehr auffallen, da sie sonst in allen Lagen des Lebens einen unersch�tterlichen Gleichmut bewiesen hatte. Sie war jetzt so ersch�ttert, da� sie ohne allen Vorwand die Gesellschaft verlie� und sich in ihrem Zimmer verschlo�. Die Tante war so neugierig, wie sie noch nie gewesen war, um zu wissen, was diese au�erordentliche Ver�nderung der Nichte habe verursachen k�nnen. Blinden war gleichg�ltig und Blomberg, welcher den Zusammenhang zu ahnen schien, wollte keine Vermutung oder Meinung von sich geben.</p><p>Sidonie hatte in gr��ter Eile einen reitenden Boten abgesendet, ohne zu sagen, wohin. Er mu�te aber, so sah man, zu Anselm geeilt sein, weil dieser sich schon vor Tische einstellte und lange mit Sidonie, obgleich das Wetter nicht angenehm war, im Garten am Abh�nge des Berges in den lebhaftesten Gespr�chen auf und nieder wandelte und sich endlich sogar mit ihr in den alten Pavillon begab, der wegen seiner Bauf�lligkeit sonst nicht gern besucht wurde. Nach zwei Tagen verlie� Sidonie in Begleitung des Grafen Blinden der noch einmal die Rolle des Vormundes �bernehmen mu�te, mit Anselm das Schlo�, und kaum war eine Woche verflossen, so meldeten beide ihre Verlobung und Verm�hlung. Sie verlie�en aber die Landschaft und kauften sich in einer weit entlegenen Gegend an. Auch erfuhr man, da� aus jener kleinen Stadt, welche abseits im Tale lag, eine alte Frau ihnen gefolgt war, welche die Verpflegerin eines kleinen einj�hrigen Kindes gewesen, dessen Herkunft niemand wu�te.</p><p>So gab es in der Provinz viel �ber jene so auffallenden Ver�nderungen zu reden. Auch Graf Theodor gab Stoff zum Verwundern. Er hatte jene verschwundenen Dokumente aufgefunden, und eine reiche Erbschaft war ihm zugefallen. Beim regierenden F�rsten galt er mehr als je, sein Gehalt war vermehrt und ihm ein gr��erer Wirkungskreis angewiesen worden. Mit dem Erbprinzen war er ebenfalls inniger befreundet, und beide F�rsten lobten ihn, da� er sein Verh�ltnis mit Sidonie so bestimmt und schnell aufgel�st habe. Der alte Herr war besonders dar�ber erfreut, da� die verd�chtige Sch�ne das Land ganz verlassen hatte, weil es ihr schon einmal gelungen war, seinen Sohn durch ihre Reize zu fesseln. Das Erstaunen der kleinen Provinz stieg noch h�her, als Graf Theodor, nachdem alles beseitigt war, seine Verm�hlung mit einem armen und b�rgerlichen M�dchen erkl�rte, und Hannchen, die F�rsterstochter, auch vom wohlwollenden Regenten mit Gnade aufgenommen wurde.</p><p>Dieses sch�ne liebende Gem�t wurde f�r ihre Treue durch die h�chste Gl�ckseligkeit �berrascht und �ber alle ihre W�nsche und Tr�ume durch die Wirklichkeit erhoben. An jenem Abend, als Theodor seine ehemalige Geliebte noch so sp�t besuchte, hatte er gef�hlt, wieviel er vormals an diesem reinen Herzen, an diesem kindlichen Wesen besessen hatte.</p><p>Nach zwei Monaten kam Graf Theodor mit seiner jungen Gemahlin wieder auf das Schlo� der alten Baronin, um einige Wochen bei ihr in der sch�nen Gebirgsgegend zu wohnen. Er fand nur den alten gutm�tigen Blomberg bei ihr. Die alte Verwandte behandelte das sch�ne liebensw�rdige Hannchen mit der z�rtlichsten Freundlichkeit, und Blomberg war �ber die Wendung entz�ckt, welche das Schicksal seines Freundes Theodor genommen hatte.</p><p>Da wir nun hier im vertrauten Kreise sitzen, fing der Alte an, da es wieder Abend geworden ist und kein Bedienter und noch weniger ein Besuch uns jetzt st�ren wird, so k�nnten Sie, mein Freund, uns wohl mitteilen, was Ihnen in jener Nacht, als Sie uns verlie�en, in der Klausenburg begegnet ist, oder ob Ihnen gar nichts zustie�, das der Rede verlohnte. Doch will mich bed�nken, als habe jene Nacht Ihr Leben entschieden.</p><p>So ist es, sagte Theodor, und da gutm�tige Freunde mir zuh�ren, so will ich auch erz�hlen, was mir begegnet ist, doch verlange ich selbst von Ihnen nicht, da� Sie mir unbedingt glauben, und bitte deshalb, da� meine Mitteilung nicht �ber Ihre Lippen kommen m�ge.</p><p>In einer sonderbaren Stimmung verlie� ich dies Haus, um die Probe zu bestehen, die mir l�cherlich d�nkte. Sidonies Betragen hatte mich verletzt, und ich konnte mein Inneres nicht deutlich ergr�nden, ob ich sie wirklich liebe. Als ich, von einem Platzregen �berrascht, zu Hannchen eintrat, erwachte meine vormalige, echte Liebe in ihrer ganzen Kraft, und ich wurde v�llig verwirrt. So kam ich an das verw�stete Schlo� und trat in der Mitternacht vor die Pforte. Schon als Kind hatte ich zuweilen an jenem Eisendraht gezogen und so wenig, wie andre Neugierige, eine Wirkung versp�rt. Mi�mutig griff meine Hand in den Ring, ich zog scharf � und ein lauter, wunderlicher Ton erklang, den ich nicht beschreiben kann. Er wiederholte sich in der Ferne und dann wieder in gr��erer Weite, und das alte verrostete Tor tat sich auf. Ich trat hinein, es verschlo� sich hinter mir, und ich war mit einem alten blassen M�tterchen allein, die mir mit einer Laterne in das Gesicht leuchtete, dann winkte sie mir, ihr zu folgen. Und von jetzt an, wie soll ich den Zustand beschreiben, welcher mich jetzt beherrschte? Es war keine Bet�ubung, aber auch kein deutliches Bewu�tsein. Fast wie ein Taumel oder Rausch oder eine Ann�herung zum Schlummer. Und so folgte ich der krummen Alten. Der Hof war aber nicht der Hof; das Gestr�uch, die Moosw�nde, der Efeu und das wilde Gestr�pp zwischen dem umherliegenden Gestein waren verschwunden, wir wandelten durch alte hohe Zimmer und S�le. In dem einen Zimmer war ein Bett und auf dem Tisch eine brennende Kerze. Die blasse Alte verlie� mich. Das dunkle Gemach war sparsam erhellt, und der Mond schien bleich durch das tr�be Fenster. In einer Nische des Zimmers stand die B�ste eines alten Mannes, wie aus Marmor gearbeitet. Indem ich mich so umsehe, schreitet das auf mich zu, welches ich f�r ein steinernes Brustbild gehalten hatte. Ich bin dein Vorfahr Moritz, sagte die hochaufgerichtete Gestalt, und mein Grauen vor ihm war nur schwach und verschwand. Du sollst Friede und Ruhe genie�en, und so werden wir alle die Ruhe finden. So t�nte es dumpf, mir aber verst�ndlich, aus seinem kreidewei�en Munde. Er winkte, und hinter dem Sessel wickelte sich eine scheu�liche Gestalt hervor, ganz so im Ansehn, wie uns jene Ernestine beschrieben wurde. Sie hatte einen offnen Brief in der Hand: Lies! kr�chzte sie, und ich ergriff mit zitterndem Ungest�m das Blatt. � �ffne den Schrank! sagte der Alte. Sie tat es und nahm viele Papiere hervor. � Ich nahm sie. Vers�hnt! riefen beide, und zwei holde Gestalten, die der Alte Franz und Elisabeth nannte, schwebten vor�ber. � Rund umher standen jetzt viele bleiche Erscheinungen, die W�nde und Fenster zu verdecken schienen. Alles schwirrte, fl�sterte, lispelte mir wie Fl�gelschlag, wie ein feines Brausen und S�useln dazwischen. So weit reicht mein Bewu�tsein, meine letzte schwache Erinnerung war, da� ich mir einbildete, ich sei auf das Bett gesunken.</p><p>Ein Frost erweckte mich. Es war klarer Morgen, und ich lag auf einem Stein in der Ruine, der vom Regen und Morgentau na� war. Ich h�tte jetzt alles f�r Traum erkl�rt, wenn ich nicht jene lang vermi�ten Dokumente, die mir das Erbe zusicherten, in H�nden gehalten h�tte sowie jenen Brief, den mir die verzerrte Gestalt auf den Befehl meines Ahnherrn �bergeben hatte. Er war von Sidonie und entdeckte mir ein inniges Verh�ltnis mit Anselm und wie man k�nftig meine Schwachheit und meinen Einflu� auf den jungen F�rsten hatte mi�brauchen wollen. Indem ich noch las, sann und staunte, arbeitete sich der junge Forstmann Werner durch die Klippen und Gestr�uche, um jenen Brief zu suchen, den ihm am Abend, wie er erz�hlte, ein Gespenst entrissen hatte.</p><p>Ich schickte diesen Boten mit jenem Schreiben und einem Briefe von meiner Hand an Sidonie zur�ck. Ich ging zu Hannchen, von dort in die Residenz und alles f�gte sich zu meinem Gl�ck.</p><p>Jetzt werde ich jene alte verw�stete Klausenburg wieder aufbauen, die Wege dort herstellen und mit der Frau, meinem alten Schwiegervater, meinen zuk�nftigen Kindern und so lieben Freunden, wie Sie beide es mir sind, recht oft und lange dort hausen und im Genu� der Liebe und Freundschaft so gl�cklich sein, wie es uns sterblichen Menschen nur irgend verg�nnt ist.</p><p>So schlo� Theodor seinen Bericht, und alles erf�llte sich sp�terhin so, wie er es gew�nscht und gesagt hatte.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p id="__Toc231461771"><emphasis>Der Geisterberg von Gustav Adolf Becquer</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>In einem Park vor den Toren Sevillas steht das wei�e Marmordenkmal Gustav Adolf Becquers (1836-1870), des gro�en Anregers und Neubelebers der spanischen Lyrik. Becquer blieb unbekannt, solange er lebte, geliebt erst, nachdem er tot war. Bedeutend sind auch die sp�teren reifen Erz�hlungen, die meist auf alten Volkssagen, Aberglauben und pers�nlichen Erlebnissen aufbauen. So tr�gt die Hauptfigur im �Geisterberg� deutlich die Z�ge des Dichters. Becquer trug eine fantastische Welt in sich, einen Garten voll bl�hender Sehnsucht und einen Friedhof begrabener Hoffnungen � mit seinen eigenen Worten: �In den dunklen Winkeln meines Hirns schlummern, nackt und eng beieinander, die absonderlichen Kinder meiner Fantasie und harren still der Stunde, wo die Kunst sie in Worte kleidet, auf da� sie sich mit Anstand auf der B�hne der Welt zeigen k�nnen.�</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>In der Nacht auf Allerseelen weckte mich � ich wei� nicht, wie sp�t es schon war � das Gel�ute der Kirchenglocken. Bei ihrem langgezogenen Schall mu�te ich unwillk�rlich an eine Geschichte denken, die ich k�rzlich in Soria h�rte.</p><p>Ich versuchte wieder einzuschlafen � unm�glich! Wenn die Fantasie einmal aufgestachelt ist, benimmt sie sich wie ein st�rrisches Pferd, bei dem alles Z�geln nichts hilft. Und so beschlo� ich denn aufzustehen und die Zeit mit Schreiben zu verbringen, was ich auch wirklich tat. �</p><p>Zugetragen hat sich die Geschichte ebenda, wo sie mir erz�hlt worden ist. Als ich sie niederschrieb, wandte ich jedesmal, wenn es an die Fensterscheiben polterte, erschreckt den Kopf � es war aber wohl nur der kalte Nachtwind, der gegen die Balkont�ren stand �</p><p>Und mag es auch gewesen sein, was es will, � jetzt ist Herzenk�nigin Trumpf!</p><empty-line/><p>�Koppelt die Hunde! Sto�t ins Horn, gebt den Weidgenossen das Zeichen, da� sie sich sammeln sollen! Nacht ist schon nahe � Wir d�rfen nicht vergessen, da� wir heut Allerheiligen haben und uns auf dem Geisterberg befinden � Wir kehren jetzt in die Stadt zur�ck!�</p><p>�So zeitig schon!�</p><p>�W�r�s an einem anderen Tage, d�chte ich nicht eher daran, als bis wir dem ganzen Wolfsrudel, das der Schnee des Moncayo aus den H�hlen getrieben hat, den Garaus gemacht h�tten. Heute aber ist das unm�glich. Bald wird von dem Kloster der Tempelherren das Avemaria her�berklingen, und dann werden die Geister der Verstorbenen kommen und in der Bergkapelle das Gl�cklein l�uten.�</p><p>�In der verfallenen Kapelle? Ach, Unsinn! Du willst mir wohl bange machen?�</p><p>�Nein, sch�ne Base! Du wei�t nur nicht, was sich hierlands alles zutr�gt, es ist ja noch nicht ein Jahr her, da� du hier weilst. Wir k�nnen unsere Stuten ja z�geln und Schritt reiten; auf dem Heimweg erz�hle ich dir dann die Geschichte vom Geisterberg.�</p><p>In frohen, lebhaften Gruppen kamen die Knappen herbei. Die Grafen von Borges und von Alcudiel schwangen sich auf ihre pr�chtigen Rosse; ihre Kinder Beatrix und Alfons ritten der Jagdgesellschaft vorauf, und all die andern folgten in gewissem Abstand.</p><p>Unterwegs erz�hlte ihr Alfons die versprochene Geschichte:</p><p>�Der Geisterberg, wie er heute hei�t, geh�rte einst den Tempelherren, deren Kloster du dort am Ufer des Flusses siehst. Die Templer waren Ritter und M�nche zugleich. Nachdem Soria den Mauren wieder entrissen worden war, lie� der K�nig sie aus fernem Lande kommen, damit sie die Stadt auf der Br�ckenseite verteidigten. Damit aber f�gte er den kastilischen Edlen eine schwere Kr�nkung zu, sie h�tten die Stadt auch allein verteidigen k�nnen, da sie sie auch erobert hatten!</p><p>Zwischen den Rittern des neuen, m�chtigen Ordens und den Adeligen der Stadt g�rte es einige Jahre lang, � schlie�lich aber brach der wilde Ha� wie ein Unwetter los.</p><p>Die Templer hatten den Berg eingehegt und behielten sich dort die ergiebige Jagd vor, um ihre Bed�rfnisse decken und ihrem Hang nach Wohlleben fr�nen zu k�nnen. Der Adel aber beschlo�, dort eine gro�e Treibjagd zu veranstalten � trotz des strengen Verbotes der �gespornten Pfaffen�, wie sie ihre Feinde nannten.</p><p>Die Herausforderung sprach sich herum. Nichts war imstande, die einen von ihrer Jagdlust abzuhalten, noch die anderen von ihrem Vorsatz, diese zu st�ren. Das geplante Unternehmen wurde wirklich ausgef�hrt � Die Raubtiere jedoch, auf die es abgesehen war, haben nicht viel davon zu sp�ren bekommen. Wohl aber all die vielen M�tter, die um ihrer S�hne willen Trauerkleider anlegten, � ja, denen wird noch alles gegenw�rtig sein! Das war keine Jagd: ein furchtbares Gemetzel war es! Mit Leichen bes�t war der Berg, und die W�lfe, die man hatte ausrotten wollen, hielten ein blutiges Festmahl.</p><p>Zuletzt sprach der K�nig ein Machtwort: der Berg, als unselige Veranlassung so vielen Unheils, wurde f�r herrenlos erkl�rt und die Kapelle der Templer, die auf jenem Berge lag und in deren Vorhof man Freund und Feind bunt durcheinander begraben hatte, begann zu verfallen.</p><p>Seit jener Zeit soll man in jeder Nacht auf Allerseelen h�ren k�nnen, wie das Gl�cklein der Kapelle ganz von selbst anf�ngt zu l�uten � und die Geister der Toten, in ihre zerfetzten Schwei�t�cher geh�llt, sollen zwischen Busch und Dorn umherrennen � eine fantastische Jagd � Die Hirsche schreien vor Schrecken, die W�lfe heulen, die Schlangen zischen grauenhaft � und am andern Tage hat man schon oft im Schnee Abdr�cke gesehen � Fu�spuren der Knochenm�nner! Daher hei�t er in Soria der Geisterberg � und deswegen hab� ich zum Heimweg geraten, bevor die Nacht anbricht.�</p><p>Alfons schlo� gerade seine Erz�hlung, als die beiden jungen Leute an der Br�cke anlangten, die von jener Seite aus in die Stadt f�hrt. Sie warteten dort auf die �brige Gesellschaft, und als sie alle wieder beisammen waren, ritten sie durchs Tor und verloren sich in den engen, d�steren Gassen Sorias.</p><empty-line/><p>Die Diener waren gerade mit dem Abr�umen der Tafel fertig. Der hohe gotische Kamin im Palast der Grafen von Alcudiel strahlte einen belebenden Schein aus und beleuchtete die Gruppen der Damen und Herren, die vertraulich plaudernd rings um das Feuer sa�en. Der Wind peitschte gegen die kleinen, bleigefa�ten Fensterscheiben der Halle.</p><p>Nur zwei Personen schienen an der allgemeinen Unterhaltung keinen Anteil zu nehmen: Beatrix und Alfons. Beatrix starrte, in Gedanken versunken, auf die lustig flackernden Flammen, und Alfons beobachtete, wie sich die rote Glut in den blauen Augen seiner Base spiegelte.</p><p>Beide verharrten eine Weile in tiefem Schweigen.</p><p>Einige �ltere Damen erz�hlten gelegentlich der Allerseelennacht traurige Geschichten, in denen Geister und Gespenster die Hauptrolle spielten. Und dumpf und eint�nig klangen von fern die Glockenschl�ge der Kirche Sorias her�ber.</p><p>�Sch�ne Base�, unterbrach Alfons endlich das lange Schweigen, dem sie sich �berlassen hatten, �bald werden wir uns trennen � vielleicht auf immer! Da� Kastiliens �de Steppen und die einfachen patriarchalischen Sitten hierzulande dir nicht zusagen, wei� ich ja, Auch hab� ich schon oft dich seufzen h�ren � vielleicht nach irgendeinem h�bschen Junker aus deiner fernen Heimat ��</p><p>Beatrix antwortete mit einer Geb�rde kalter Gleichg�ltigkeit, und in diesem ver�chtlichen Zusammenziehen ihrer schmalen Lippen enth�llte sich der ganze Charakter des Fr�uleins.</p><p>�Vielleicht sehnst du dich auch nach dem Prunk des franz�sischen Hofes � du hast ja all die Zeit �ber dort gelebt�, beeilte sich der Junker hinzuzuf�gen. �Jedenfalls, wie es auch sei � ich ahne, da� ich dich bald verlieren werde � Ich m�chte dir gern ein Andenken von mir mitgeben � Erinnerst du dich noch � als wir zur Kirche gingen, um Gott f�r deine Genesung zu danken, derentwegen du ja hierhergekommen? Damals zog diese Spange hier, mit der die Feder an meinem Barett befestigt war, deine Aufmerksamkeit auf sich � Wie sch�n w�re es, wenn sie dazu diente, einen Schleier auf deinem schwarzen Haar festzuhalten! Sie hat schon einmal einen Brautschleier getragen: mein Vater schenkte sie der Frau, der ich mein Leben verdanke, und sie trug sie, als sie zum Altar ging � Magst du sie haben?�</p><p>�Ich wei� nicht, wie ihr hierzulande dar�ber denkt�, entgegnete die Sch�ne. �Aber in meiner Heimat verpflichtet ein Geschenk, das man annimmt. H�chstens an gewissen Feiertagen darf man sich von einem Verwandten etwas schenken lassen � und selbst dann k�nnte es diesem einfallen, nach Rom zu gehen und nicht mit leeren H�nden zur�ckzukommen!�</p><p>Der eisige Ton, mit dem Beatrix dies sagte, setzte den Junker einen Augenblick in Verwirrung. Als er sich wieder gefa�t hatte, sagte er betr�bt:</p><p>�Ja, ich wei� es, Base. Heute aber feiern wir Allerheiligen und darunter auch deine Patronin. Heute ist solch ein Feiertag, an dem man Geschenke annehmen darf. � Also willst du das meine haben?�</p><p>Beatrix bi� sich leicht auf die Lippen und streckte, ohne ein Wort zu sagen, die Hand nach dem Kleinod aus.</p><p>Wieder versanken die beiden jungen Leute in Schweigen. Wieder vernahmen sie das behaglich dahinpl�tschernde Geschw�tz der Matronen, die von Hexen und Kobolden erz�hlten, das Heulen des Windes, das Klirren der Fensterscheiben, das dumpfe, eint�nige L�uten der Kirchenglocken �</p><p>Nach Minuten nahm Alfons das unterbrochene Gespr�ch wieder auf.</p><p>�Und bevor der Allerheiligentag zu Ende geht, � willst du mir nicht auch ein Andenken geben?� sagte er, seiner Base in die Augen schauend. �Heute kannst du es doch, ohne dich irgendwie zu verpflichten, � heute, wo man ebenso wie deinen auch meinen Heiligen feiert!�</p><p>In ihren Augen blitzte ein teuflischer Gedanke auf.</p><p>�Weshalb nicht!� erwiderte sie, nach ihrer rechten Schulter tastend, als ob sie etwas in den Falten ihres weiten, goldverbr�mten Samt�rmels suche � Dann aber rief sie, mit einem kindlichen Ausdruck des Bedauerns:</p><p>�Erinnerst du dich noch der blauen Sch�rpe, die ich heute bei der Jagd trug? Du sagtest mir ja noch, ihre Farbe sei aus irgendwelchem Grunde das Sinnbild deiner Seele ��</p><p>�Ja.�</p><p>�Denke dir: ich hab� sie verloren! Gerade diese wollte ich dir zum Andenken schenken � und nun hab� ich sie verloren!�</p><p>�Verloren? Wo verloren?� fragte Alfons und sprang auf, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck angstvoller Erwartung.</p><p>�Ich wei� nicht � vielleicht auf dem Berge.�</p><p>�Auf dem Geisterberg?� stammelte er erbleichend und lie� sich wieder in den Sessel zur�ckfallen. �Auf dem Geisterberg!�</p><p>Dann fuhr er stockend und dumpfen Tones fort:</p><p>�Du wei�t es � hast es ja tausendmal schon geh�rt: in der Stadt, in ganz Kastilien werde ich der K�nig der J�ger genannt. Da ich, wie alle meine Vorfahren, noch nicht meine Kr�fte im Kampf habe erproben k�nnen, so hab� ich dieser Vergn�gung, als dem Abbild des Krieges, das ganze Ungest�m meiner Jugend, das ganze erprobte Feuer meiner Rasse entgegengebracht. Die Felle, auf die dein Fu� tritt, sind Jagdtroph�en und stammen von wilden Tieren, die ich mit eigener Hand erlegte. Ich kenne ihre Schlupfwinkel, ihre Gewohnheiten. Am Tage und in der Nacht, zu Fu� und zu Ro�, allein auf dem Pirschgang und gemeinsam bei der Treibjagd, hab� ich mit ihnen gek�mpft, und niemand wird sagen, da� er mich bei irgendeiner Gelegenheit eine Gefahr fliehen sah! In jeder andern Nacht w�rde ich fliegen, dir die Sch�rpe zur�ckzubringen, � ich w�rde mit Freuden fliegen wie zu einem Fest! � Aber heute nacht � wozu es leugnen! heute nacht hab� ich Furcht � H�rst du die Glocken. In Sankt Johannis am Duero haben sie das Avemaria gel�utet, und nun werden die Geister mit ihren gelben Sch�deln aus dem Geb�sch auftauchen, das ihre Gebeine bedeckt � Die Geister! Bei ihrem blo�en Anblick gefriert dem Mutigsten vor Entsetzen das Blut im Leibe und sein Haar erbleicht � Oder sie rei�en ihn in den Wirbel ihrer rasenden Jagd, wie ein Blatt, das der Wind entf�hrt, wer wei� wohin.�</p><p>W�hrend der Junker dies sprach, spielte fast unmerklich ein L�cheln um Beatrix� Lippen, und als er geendet hatte, sagte sie in gleichg�ltigem Ton � und stocherte dabei im Kaminfeuer, wo, in tausendfarbigen Funken spr�hend, das Holz knackte und knisterte:</p><p>�O nein! Wegen einer solchen Kleinigkeit jetzt in die Berge gehen zu wollen. Auf keinen Fall! Welch ein Wahnsinn! In einer so d�stern Nacht � in der Allerseelennacht � und wo es auf allen Wegen von W�lfen wimmelt!�</p><p>Den letzten Worten gab sie eine so eigent�mliche F�rbung, da� Alfons die ganze bittere Ironie begreifen mu�te. Wie aus einer Armbrust geschossen, schnellte er vom Sessel auf. Fuhr sich mit der Hand �ber die Stirn, als wollte er die Furcht verscheuchen, die ihm im Hirn sa� und nicht im Herzen, und sagte dann mit fester Stimme zu der Sch�nen, die noch immer vorn�bergebeugt sa�, im Feuer herumstochernd:</p><p>�Leb� wohl, Beatrix, leb� wohl! � Bis auf sp�ter!�</p><p>�Alfons! Alfons!� rief diese da, sich rasch umwendend. Aber als sie ihn zur�ckhalten wollte oder sich dazu den Anschein gab, war der Junker schon fort.</p><p>Wenige Minuten darauf vernahm man den Hufschlag eines Pferdes, das sich im Galopp entfernte. Mit ger�teten Wangen und einem strahlenden Ausdruck befriedigten Stolzes lauschte die Sch�ne aufmerksam jenem Getrappel, das, schw�cher und schw�cher werdend, allm�hlich verhallte.</p><p>Die Matronen erz�hlten sich immer noch ihre Gespenstergeschichten. Und der Wind r�ttelte an den Balkont�ren, und fern in der Stadt l�uteten die Glocken �</p><empty-line/><p>Eine Stunde nach der anderen verstrich. Mitternacht war nahe, und Beatrix zog sich in ihr Betzimmer zur�ck. Alfons kam und kam nicht wieder, obwohl er in weniger als einer Stunde h�tte zur�ck sein m�ssen!</p><p>�Er wird Angst gehabt haben!� sagte das Fr�ulein, als sie das Gebetbuch schlo� und in das Schlafgemach trat. Umsonst hatte sie Ruhe in den Gebeten gesucht, welche die Kirche an diesem Tage f�r das Seelenheil der Verstorbenen vorschreibt.</p><p>Sie l�schte die Lampe, zog die seidenen Bettvorh�nge zusammen und legte sich schlafen. Und sie fiel in einen unruhigen, leichten und qu�lenden Schlummer.</p><p>Vom Tor her schlug es Mitternacht. Im Schlaf h�rte Beatrix den Klang der Glocke, schwer und dumpf und uns�glich traurig � Sie �ffnete die Augen. Es war ihr, als h�tte sie gleichzeitig ihren Namen rufen h�ren � aber aus weiter Ferne und wie von einer erstickten, schmerzbewegten Stimme ausgesto�en � An den Fensterscheiben heulte der Sturm �</p><p>�Es wird der Wind gewesen sein!� sagte sie und legte ihre Hand aufs Herz, um es zu beruhigen. Aber ihr Herz pochte mit jedem Augenblick heftiger � Mit einem schrillen, langgezogenen Kreischen drehte sich die l�rchene T�re zum Betzimmer in den Angeln �</p><p>Und nun knarrte und knackte eine T�r nach der andern � alle T�ren, die in ihre Gem�cher f�hrten, nach der Reihe � die einen dumpf und ernst, die anderen schrill und kl�glich. Dann wieder tiefes Schweigen � aber ein Schweigen, angef�llt mit seltsamen Ger�uschen, das Schweigen der Mitternacht: mit dem eint�nigen Gemurmel des nahen Baches, fernem Hundegebell, verworrenen Stimmen, unverst�ndlichen Worten, dem Widerhall von Schritten, die n�her kommen und sich wieder entfernen, dem Rascheln von langen, �ber den Boden schleifenden Kleidern, unterdr�ckten Seufzern, keuchendem, fast zu versp�rendem Atem � so da� man unwillk�rlich zusammenf�hrt, wie vor einem Etwas, das man in der Dunkelheit nicht sieht und doch sp�rt, wie es n�her und n�her kommt.</p><p>Zitternd schob Beatrix den Kopf durch die Vorh�nge, einen Augenblick regungslos lauschend. Sie vernahm tausenderlei Laute � strich sie sich aber mit der Hand �ber die Stirn und lauschte noch einmal: nichts, Totenstille �</p><p>Und sie sah, wie sich �berall Gestalten bewegten, hierhin, dorthin � aber ihr Blick war von jenem phosphorischen Glanz geblendet, der sich in erregtem Zustande einstellt. Sobald sie die Augen aufri� und sie auf einen bestimmten Punkt richtete, war nichts mehr da, nur Finsternis, undurchdringliches Dunkel!</p><p>�Ach was!� rief sie und legte ihren sch�nen Kopf wieder aufs blaue Atlaskissen, �bin ich denn auch schon so bange wie all diese armen Kerle hier, denen das Herz im Wamse vor Entsetzen klopft, wenn sie nur eine Gespenstergeschichte h�ren?!�</p><p>Sie schlo� die Augen und versuchte wieder einzuschlafen. Aber umsonst war all ihr M�hen, �ber sich Gewalt zu bekommen. Es w�hrte nicht lange, so fuhr sie schon wieder empor � bleicher, erregter, ge�ngstigter als vordem � denn jetzt war es keine T�uschung mehr: die Brokatvorh�nge an der T�r hatten sich deutlich h�rbar bewegt, wie wenn sie auseinandergeschlagen worden w�ren � und nun vernahm sie auch ein langsames Tappen von Schritten auf dem Teppich � Kaum vernehmbar, so dumpf war der Hall der Schritte � aber es dauerte an � und bei jedem Schritt knackte etwas mit � wie Holz � oder � oder wie Knochen � Und sie kamen n�her � immer n�her � da � das Betpult neben ihrem Bett hatte sich bewegt!! Beatrix stie� einen schrillen Schrei aus, wickelte sich bis �ber die Ohren in die Bettdecke ein und wagte nicht mehr zu atmen �</p><p>Der Wind r�ttelte an den Balkont�ren, da� die Fensterscheiben klirrten. Das Wasser des nahen Brunnens fiel unaufhaltsam in den Trog, immer mit dem gleichen eint�nigen Pl�tschern. Anschwellend mit jedem Windsto� wurde das Hundegebell h�rbar. Und all die Glocken der Stadt Soria, die einen n�her, die anderen ferner, l�uteten klagend f�r das Seelenheil der Verstorbenen.</p><p>So verflo� eine Stunde nach der anderen, die Nacht � ach, ein ganzes Jahrhundert ging hin! Denn wie eine Ewigkeit erschien Beatrix diese eine Nacht. Endlich graute der Morgen. Allm�hlich �berwand sie ihre Furchtsamkeit und blinzelte den ersten Sonnenstrahlen entgegen.</p><p>Wie sch�n ist doch nach einer schlaflosen, angstgequ�lten Nacht das helle, wei�e Tageslicht! Sie schlug die seidenen Bettvorh�nge auseinander und wollte schon �ber den ausgestandenen Schrecken lachen, als sie pl�tzlich die Augen weit aufri� � Kalter Schwei� brach ihr aus allen Poren, t�dliche Bl�sse entf�rbte ihr Antlitz � Die blaue Sch�rpe, die sie auf dem Berge verloren hatte � dieselbe blaue Sch�rpe, die Alfons suchen gegangen war, sah sie zerfetzt und blutbefleckt auf dem Betpult vor sich liegen! �</p><p>Als die Diener entsetzt hereinst�rzten, um ihr den Tod des Erben von Alcudiel zu verk�nden, um ihr zu berichten, da� man seine Leiche, von den W�lfen zerfleischt, am fr�hen Morgen auf dem Geisterberge zwischen Gestr�pp entdeckt hatte, fanden sie ihre Herrin regungslos und zusammengesunken auf dem Bettrand sitzen, beide Arme krampfhaft um einen der Ebenholzpfosten geschlungen � Die Augen aus den H�hlen gequollen, den Mund halboffen, die Lippen leichenbla�, die Glieder starr und kalt � Sie war tot, war vom Entsetzen get�tet!</p><empty-line/><p>Nicht lange nach dieser Begebenheit soll ein J�ger, der sich in der Allerseelennacht auf dem Geisterberg verirrt hatte und dort die Nacht verbringen mu�te, am andern Tage schauerliche Dinge berichtet haben und bald darauf gestorben sein. Unter anderem will er gesehen haben, da� sich zur Stunde des Avemaria im Vorhof der Kapelle all die Gerippe der einstigen Tempelherren und der Junker aus Soria mit einem grauenhaften Geklapper aus den Gr�bern erhoben h�tten und, wie hinter einem wilden Tier her, einem sch�nen Weibe nachgejagt w�ren, das bleich, mit fliegenden Haaren und blo�en, blutigen F��en unter gellendem Angstgeschrei immer im Kreise um Alfons� Grabmal herumfl�chtete �</p></section><section><title><p id="__Toc231461773"><emphasis>G�ste zur Nacht von Alexander Puschkin</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Das literarische Werk Alexander Puschkins (1799-1837) ist das tragende Fundament der russischen Literatur, die ohne ihn ebenso wenig denkbar w�re wie ohne die russische Sprache. Puschkin war der erste wirklich nationale Dichter Ru�lands. Zun�chst noch von Lord Byron beeinflu�t, wandte er sich in seiner reiferen Schaffensperiode immer mehr der russischen Volkspoesie zu. Wie er seinen Lenskij in dem Versroman �Eugen Onegin� (1825, vollendet 1830) im Duell mit Onegin hatte sterben lassen, so wurde auch der Dichter selbst viel zu fr�h in einem Duell get�tet.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Das letzte Ger�mpel des Sargtischlers Adrian Prochorow wurde auf den Leichenwagen geladen, und die beiden abgemagerten G�ule schleppten sich zum viertenmal von der Basmannajastra�e zur Nikitskajastra�e, wohin der alte Meister mit seinem ganzen Haushalt nebst Familie �bersiedelte. Er sperrte seinen ausger�umten Laden zu, brachte an der T�r einen Zettel an, darauf zu lesen war, da� das Haus zu verkaufen oder zu vermieten sei, und machte sich zu Fu� auf den Weg zu seiner neuen Wohnung.</p><p>Je mehr er sich dem gelben H�uschen n�herte, das schon so lange seine Fantasie besch�ftigt und das er schlie�lich f�r eine erhebliche Summe erworben hatte, desto st�rker wurde ihm zu seinem Erstaunen bewu�t, da� ihm der Umzug gar keine Freude bereitete. Als er �ber die ungewohnte Schwelle trat und in den neuen R�umen ein heilloses Durcheinander vorfand, seufzte er und dachte an seine alte Wohnung zur�ck, wo achtzehn Jahre lang die strengste Ordnung geherrscht hatte. Er begann, auf seine beiden T�chter und das Dienstm�dchen zu schimpfen, und machte sich selbst daran, ihnen zu helfen.</p><p>Bald kam wieder alles in Ordnung: Ikonen- und Geschirrschrank, Tisch, Sofa und Bett erhielten die ihnen zugedachten Pl�tze im hinteren Zimmer; in der K�che und im Wohnzimmer wurden seine Erzeugnisse untergebracht, S�rge aller Farben und Gr��en, ferner die Schr�nke mit den schwarzen H�ten, Trauerm�nteln und Fackeln. �ber der Haust�r hing ein Schild, auf dem ein molliger Amor mit einer umgekehrten Fackel in der Hand gezeichnet war; darunter prangte die Aufschrift: �Hier werden einfache und angestrichene S�rge verkauft und beschlagen, gebrauchte vermietet und repariert�</p><p>Die M�dchen gingen in die Stube, und Adrian machte einen Rundgang durch sein neues Haus. Dann setzte er sich ans Fenster.</p><p>Man wei�, das Shakespeare und Walter Scott ihre Totengr�ber als fidele Possenrei�er geschildert haben, um durch diesen Gegensatz unsere Fantasie anzuregen. Aus Respekt vor der Wahrheit k�nnen wir jedoch ihrem Beispiel nicht folgen und m�ssen eingestehen, da� das Wesen unseres Sargtischlers durchweg seinem d�steren Handwerk entsprach. Adrian Prochorow war f�r gew�hnlich mi�gelaunt und wortkarg. Er brach sein Schweigen nur, wenn er seine T�chter anfuhr, die unt�tig am Fenster sa�en und den Vor�bergehenden nachgafften, oder wenn er ungeb�hrlich hohe Preise f�r seine Erzeugnisse von den Kunden verlangte, die das Ungl�ck, oder die Freude hatten, diese dringend zu ben�tigen.</p><p>So sa� also Adrian am Fenster und trank die siebente Tasse Tee und war wie gew�hnlich in seine tr�bseligen Gedankenversunken. Er dachte an das Unwetter, das vor einer Woche auf den Leichenzug des pensionierten Brigadiers niedergegangen war, und an die vielen Trauerm�ntel und H�te, die infolge der N�sse verdorben und unbrauchbar geworden waren. Dringende Ausgaben standen bevor, da sich die ohnehin veralteten Artikel seines Gesch�fts in einem geradezu kl�glichen Zustand befanden. Prochorow hoffte zwar, die Verluste bei der Beerdigung der alten Kaufmannsfrau Trjuchina, die bereits seit einem Jahr im Sterben lag, wieder wettzumachen; aber die Trjuchina k�mpfte mit dem Tod am weit entfernten Rasguljai, so da� der Sargtischler bef�rchtete, ihre Erben k�nnten einen anderen Unternehmer in ihrer N�he mit dem Gesch�ft beauftragen, anstatt, wie sie es ja ausgemacht hatten, zu ihm zu kommen.</p><p>Seine �berlegungen wurden pl�tzlich durch ein dreimaliges Klopfen unterbrochen. �Wer ist da?� rief Prochorow.</p><p>Die T�r ging auf, und ein Mann, in dem er auf den ersten Blick einen deutschen Handwerker erkannte, trat ein und kam mit heiterer Miene auf ihn zu.</p><p>�Entschuldigen Sie, verehrter Nachbar�, sagte er auf russisch mit einer Aussprache, die wir bis auf den heutigen Tag nicht h�ren k�nnen, ohne dabei zu l�cheln, �entschuldigen Sie, wenn ich st�re. Ich wollte mich mit Ihnen bekanntmachen. Mein Name ist Gottlieb Schulze, ich bin der Schuhmacher von gegen�ber. Morgen habe ich meine silberne Hochzeit. Wollen Sie und Ihre T�chter die G�te haben, an unserem Festessen teilzunehmen?�</p><p>Die Einladung wurde bereitwillig angenommen. Der Sargtischler forderte Gottlieb Schulze auf, Platz zu nehmen und mit ihm eine Tasse Tee zu trinken. Dank der Unbefangenheit des Schusters entwickelte sich bald ein freundschaftliches Gespr�ch.</p><p>�Wie gehen die Gesch�fte?� fragte Adrian.</p><p>�He, he, he�, lachte Schulze, �na ja, mal so, mal so. Ich kann mich nicht beklagen. Meine Ware ist nat�rlich nicht das, was Ihre ist: Lebende k�nnen auf Stiefel verzichten, Tote aber nicht auf den Sarg.�</p><p>�Sehr wahr�, stimmte Adrian zu, �indes, wenn der Lebende nicht das Geld dazu hat, Stiefel zu kaufen, so l�uft er eben � nichts f�r ungut � barfu� herum, aber der tote Bettler beschafft sich einen Sarg umsonst.�</p><p>Auf diese und �hnliche Weise unterhielten sich die beiden noch eine Weile, bis der Schuster schlie�lich aufstand und sich von dem Sargtischler verabschiedete, nicht ohne seine Einladung zu wiederholen.</p><p>Am anderen Tag p�nktlich zw�lf Uhr ging der Sargtischler mit seinen beiden T�chtern durch die Gartenpforte zu seinem Nachbarn. Ich verzichte darauf, Adrians russischen Kaftan und die europ�ischen Kleider Akuljas und Darjas ausf�hrlich zu beschreiben. Trotzdem halte ich die Bemerkung nicht f�r �berfl�ssig, da� beide Damen gelbe H�te und rote Schuhe trugen, wie immer bei feierlichen Gelegenheiten.</p><p>In den engen Zimmern der Schuhmacherwohnung dr�ngten sich die G�ste; deutsche Handwerker mit ihren Frauen und ihren Gesellen. Von den Einheimischen war nur ein Este namens Jurko zugegen, der es trotz seiner untergeordneten Stellung � er war st�dtischer Stra�enaufseher � verstanden hatte, sich die Gunst des Gastgebers zu erwerben. F�nfundzwanzig Jahre lang hatte er seinen Dienst brav und gewissenhaft erf�llt. Der gro�e Brand von 1812, der Moskau, die erste Reichshauptstadt, zum gr��ten Teil in Schutt und Asche verwandelt hatte, vernichtete auch sein gelb angemaltes W�chterh�uschen. Aber nachdem die Feinde verjagt worden waren, hatte man gleich ein neues, diesmal grau gestrichenes und mit wei�en dorischen S�ulchen verziertes H�uschen errichtet, und Jurko patrouillierte wie einst mit Hellebarde und im Harnisch aus grobem Bauerntuch in seinem Bezirk. Die meisten Deutschen, die in der N�he des Nikitskij-Tores wohnten, kannten ihn recht gut, denn nicht selten mu�ten sie die Nacht vom Sonntag auf den Montag in seiner Bude verbringen. Adrian stellte sich ihm sogleich vor als einem Menschen, den man fr�her oder sp�ter w�rde brauchen k�nnen, und als man sich zu Tisch setzte, nahmen sie nebeneinander Platz.</p><p>Die Gastgeber und ihre Tochter, das siebzehnj�hrige Lottchen, ermunterten sie zuzulangen und halfen der K�chin beim Bedienen. Jurko a� f�r vier, und Adrian hielt eifrig mit; nur seine T�chter zierten sich. Die deutsch gef�hrten Gespr�che wurden von Stunde zu Stunde lebhafter. Pl�tzlich meldete sich der Hausherr zu Wort. Er �ffnete eine versiegelte Flasche und rief mit lauter Stimme auf russisch: �Auf das Wohl meiner lieben Luise!� Das etwas champagner�hnliche Getr�nk sch�umte in den Gl�sern. Herr Schulze k��te z�rtlich das frische Gesicht seiner vierzigj�hrigen Gef�hrtin, und die G�ste tranken l�rmend auf die Gesundheit der braven Luise.</p><p>�Auf das Wohl meiner lieben G�ste!� lie� sich der Hausherr abermals h�ren und �ffnete die n�chste Flasche. Die Anwesenden dankten und leerten zum zweitenmal ihre Gl�ser. Nun folgte ein Trinkspruch dem anderen. Man trank auf die Gesundheit jedes einzelnen, brachte ein Hoch auf Moskau aus, gedachte eines ganzen Dutzends deutscher St�dte und St�dtchen, stie� auf die Z�nfte im allgemeinen und im besonderen an und trank schlie�lich auf die Gesundheit der Meister und ihrer Gesellen.</p><p>Adrian trank t�chtig mit und war zu guter Letzt so in Stimmung, da� auch er ein scherzhaftes Hoch ausbrachte. Darauf erhob ein dicker B�ckermeister sein Glas und rief: �Auf das Wohl derer, f�r die wir arbeiten! Hoch lebe unsere Kundschaft!� Einm�tig willigte man ein und begann sich nun gegenseitig zuzutrinken: der Schneider dem Schuster, der Schuster dem Schneider, der B�ckermeister diesen beiden, allesamt wiederum dem B�cker und so fort. Auf dem H�hepunkt des fr�hlichen Durcheinanders wandte sich pl�tzlich Jurko zu seinem Tischnachbarn und schrie aus voller Kehle: �Wie w�r�s, Tischler, erheb dein Glas auf das Wohl deiner Toten!� Alle brachen in ein br�llendes Gel�chter aus, aber der Sargtischler f�hlte sich beleidigt und verzog sein Gesicht. Niemand hatte es bemerkt, man trank fr�hlich weiter, und erst als zur Abendmesse gel�utet wurde, erhoben sich die G�ste von ihren Pl�tzen.</p><p>Erst sp�t und mehr oder weniger betrunken, ging man auseinander. Der dicke B�ckermeister und der Buchbinder, dessen Gesicht lebhaft an einen roten Saffianeinband erinnerte, hatten Jurko unter die Arme gefa�t und brachten ihn so ohne Zwischenf�lle in seine Bude zur�ck, eingedenk des russischen Sprichworts: Wer seine Schuld bezahlt, vermehrt sein Gut.</p><p>Betrunken und ver�rgert kam der Sargtischler nach Hause. �Was soll das hei�en?� murmelte er vor sich hin. �Ist denn mein Handwerk weniger achtbar als jedes andere? Will man es etwa dem eines Henkers gleichsetzen? Wor�ber machen sich eigentlich diese Ausl�nder lustig? Bin ich in ihren Augen vielleicht ein Hanswurst? Ich hatte vor, sie alle zur Einweihung meines neuen Hauses einzuladen und ihnen ein �ppiges Festmahl vorzusetzen. Doch das ist jetzt vorbei! Diese Ketzer kommen mir nicht ins Haus. Ich lade die ein, f�r die ich arbeite: die in Christus Verschiedenen!�</p><p>�Was hast du denn, Vater?� fragte die Magd, die ihm die Stiefel auszog. �Du sprichst ja lauter wirres Zeug. Bekreuzige dich! Die Toten herbeirufen, welch ein grauenhafter Einfall!�</p><p>�Bei Gott, ich lade sie morgen zu mir ein. Ja, meine Wohlt�ter, kommt nur, erweist mir die Ehre, morgen abend! Ich bewirte euch mit allem, was Gott gibt.� Und Adrian warf sich auf sein Bett; er schlief sofort ein.</p><p>Es war noch dunkel, als Adrian geweckt wurde. Die Kaufmannsfrau Trjuchina war in der Nacht gestorben; ihr Gesch�ftsf�hrer hatte einen reitenden Boten gesandt, um den Sargtischler zu benachrichtigen. Adrian gab ihm daf�r ein silbernes Zehnkopekenst�ck Trinkgeld und zog sich eiligst an. Er nahm eine Droschke und fuhr auf den Rasguljai.</p><p>Vor dem Haus der Verstorbenen standen bereits Polizisten, und Kaufleute schn�ffelten herum wie Kr�hen, die sich um ein Aas versammelt haben. Die Verschiedene lag auf einem Tisch, gelb wie Wachs und von Angeh�rigen, Nachbarn und Dienern umringt. Alle Fenster waren ge�ffnet. Kerzen brannten, und Geistliche lasen Gebete.</p><p>Adrian ging auf den Neffen der Trjuchina zu, einen jungen und nach der neuesten Mode gekleideten Kaufmann, und versicherte ihm, da� Sarg, Kerzen, Sargdecke und alles, was dazugeh�rte, unverz�glich geliefert werden w�rden. Der Erbe dankte ihm zerstreut und f�gte hinzu, da� der Preis dabei keine Rolle spiele und er selber sich ganz auf die Gewissenhaftigkeit Prochorows verlasse. Der Sargtischler beteuerte wie immer in solchen F�llen, da� er nicht mehr verlangen werde, als angemessen sei. Dann wechselte er einen vielsagenden Blick mit dem Gesch�ftsf�hrer und ging nach Hause, um die entsprechenden Ma�nahmen zu treffen.</p><p>Den ganzen Tag �ber fuhr er zwischen dem Rasguljai und dem Nikitskij-Tor hin und her. Erst am sp�ten Abend war alles in Ordnung gebracht; er entlie� den Kutscher und ging wieder zu Fu� nach Hause. Vor der Himmelfahrtskirche am Nikitskij-Tor wurde er von unserem Bekannten Jurko angerufen. Dieser hatte ihn erkannt und w�nschte ihm eine gute Nacht.</p><p>Es war schon sp�t. Als der Sargtischler an sein Haus kam, bemerkte er pl�tzlich, da� jemand seine Gartenpforte �ffnete und hinter der T�r verschwand. Was soll das hei�en, dachte er, braucht mich denn wieder jemand? Oder ist es ein Einbrecher, vielleicht gar ein Sch�rzenj�ger, der bei meinen n�rrischen T�chtern einsteigen will? Etwas Gutes ist es bestimmt nicht! W�hrend er noch �berlegte, ob er seinen Freund Jurko rufen sollte, tauchte eine neue Gestalt auf und schien gleichfalls ins Haus eintreten zu wollen. Als diese aber den Sargtischler herbeilaufen sah, blieb sie stehen und nahm den dreieckigen Hut ab. Das Gesicht kam Adrian bekannt vor, doch konnte er sich im Augenblick nicht genau erinnern, wo er es schon mal gesehen hatte.</p><p>�Sie wollen wohl zu mir�, sagte Adrian mit stockendem Atem, �bitte, treten Sie ruhig ein, erweisen Sie mir die Ehre.�</p><p>�Keine leeren Phrasen, mein Lieber�, entgegnete der Fremde mit hohler Stimme. �Geh voran und zeig deinen G�sten den Weg!�</p><p>Dem Sargtischler blieb nichts anderes �brig, als der Aufforderung zu folgen. Er ging durch das offene Gartentor, den Unbekannten hinter sich, dann durch die ebenfalls ge�ffnete Haust�r und begann die Treppe hinaufzusteigen. Dabei hatte er das Gef�hl, als gingen viele Leute in seinem Haus umher. Welch ein Teufelsspuk! dachte er und beeilte sich hinaufzugelangen.</p><p>Als er die T�r zu seiner Wohnstube aufmachte, schlotterten ihm die Knie: Im Zimmer waren lauter Tote. Der Mond schien durchs Fenster und erhellte die gelben, blau angelaufenen Gesichter, die eingefallenen Lippen, die tr�ben, halbgeschlossenen Augen und die scharf hervortretenden Nasen. Panische Angst bem�chtigte sich seiner. Er erkannte in ihnen die Toten, die durch sein Dazutun begraben worden waren; derjenige, der mit ihm hereinkam, war der vor einer Woche beerdigte Brigadier, dessen Leichenzug vom Unwetter �berrascht worden war. Sie alle, Damen wie Herren, begr��ten ihn mit tiefen Verbeugungen, Kratzf��en und Gl�ckw�nschen, ausgenommen ein armer Schlucker, der umsonst begraben werden mu�te und sich dessen ebenso sch�mte wie seines groben Hemdes. Er dr�ckte sich als einziger in der Ecke herum. Alle �brigen waren sehr vornehm angezogen: Die Frauen trugen h�bsche Hauben, die M�nner waren je nach Rang und W�rden in Uniform gekleidet, obgleich unrasiert, die Kaufleute hatten ihre Sonntagskleider an.</p><p>�Prochorow�, meldete sich der Brigadier im Namen aller Versammelten, �wie du siehst, sind wir alle deiner Einladung gefolgt; zu Hause sind nur die geblieben, die es beim besten Willen nicht mehr schaffen konnten, da sie entweder schon v�llig zerfallen oder von ihnen nichts als blanke Knochen �briggeblieben sind. Aber selbst von denen hat es einer nicht �ber sein ehemaliges Herz bringen k�nnen wegzubleiben.�</p><p>Im selben Augenblick dr�ngte sich ein kleines Skelett nach vorn und trat auf Adrian zu. Mit einem einnehmenden Grinsen blickte sein Sch�del zu dem Sargtischler auf. An dem Gerippe hafteten noch einige Fetzen gr�nen und roten Stoffs und fadenscheiniger Leinwand, w�hrend die Beinknochen in den hohen Reitstiefeln klapperten wie Keulen in einem M�rser.</p><p>�Nat�rlich kennst du mich nicht, Prochorow�, sagte das Skelett, �aber du erinnerst dich gewi� noch an den verabschiedeten Gardesergeanten Pjotr Petrowitsch Kurilkin, dem du im Jahre 1799 deinen allerersten Sarg verkauftest, der im �brigen statt aus Eiche nur aus Tannenholz war!�</p><p>Bei diesen Worten schickte sich das Gerippe an, Adrian zu umarmen; aber Prochorow nahm alle Kr�fte zusammen, schrie auf und stie� es von sich. Pjotr Petrowitsch taumelte, schlug hin und brach in lauter St�cke auseinander. Die Toten waren emp�rt. Wie ein Mann traten sie f�r die Ehre ihres Kollegen ein und warfen sich schimpfend und drohend Adrian entgegen. Der arme Hausherr, von ihrem L�rm wie bet�ubt und fast zu Tode gedr�ckt, verlor seine Fassung, fiel nun �ber die Knochen des Gardesergeanten und blieb besinnungslos am Boden liegen.</p><p>Die Sonne schien l�ngst auf das Bett, in dem der Sargtischler schnarchte. Endlich erwachte er und gewahrte die Magd, die den Samowar aufstellte. Mit Schrecken erinnerte sich Adrian, was gestern geschehen war. Wie in einem Nebel sah er die Trjuchina, den Brigadier und den Sergeanten Kurilkin vor sich. Schweigend wartete er darauf, da� die Magd anfangen w�rde, von den gestrigen Begebenheiten zu erz�hlen.</p><p>�Du hast aber ganz sch�n verschlafen, Vater Adrian Prochorow�, sagte Aksinja und reichte ihm den Schlafrock. �Der Schneider von nebenan hat schon nach dir gefragt, und der Schutzmann war ebenfalls da und sagte, da� der Polizeiaufseher heute Namenstag habe; du aber beliebtest immer noch zu schlafen, und wir trauten uns nicht, dich zu wecken.�</p><p>�War jemand von der verstorbenen Trjuchina da?�</p><p>�Von wem? Von der verstorbenen Trjuchina? Seit wann ist sie denn tot?�</p><p>�Dumme Gans! Hast du mir nicht selber gestern bei den Vorbereitungen f�r ihre Beisetzung geholfen?�</p><p>�Was sagst du da, Vater? Bist du nicht ganz beisammen oder immer noch betrunken? Von welcher Beisetzung redest du denn? Du warst doch den ganzen Tag bei diesen Deutschen; bist betrunken nach Hause gekommen, in dein Bett geschlichen und erst aufgewacht, als es bereits l�ngst zur Mittagsmesse gel�utet hat.�</p><p>�Ist das denn wahr?� fragte der Vater.</p><p>�Aber nat�rlich�, versicherte die Magd.</p><p>�Nun, dann gib mir schnell den Tee und ruf die T�chter herein!�</p><empty-line/></section><section><title><p id="__Toc231461775"><emphasis>Der schwarze Schleier von Charles Dickens</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>In ihrer Gesamtheit liefern die �Sketches by Boz� � unter diesem Pseudonym schrieb Charles Dickens (1812-1870) zwischen 1833 und 1836 in verschiedenen Londoner Zeitschriften Stimmungsbilder, Charakterskizzen und Kurzgeschichten � bunte Genrebilder vom damaligen Alltagsleben in und um London, ein St�ck fr�hviktorianischer Wirklichkeit, das als authentisches Zeitbild von bleibendem Interesse ist. In diesen Skizzen ist auch die Erz�hlung �Der schwarze Schleier� enthalten, in denen Dickens eine F�lle von Elementen des zeitgen�ssischen Schauerromans verarbeitet hat � keine Gespenstergeschichte im traditionellen Sinne, aber eine Erz�hlung, die durch ihre gespenstische Atmosph�re auch heute noch zu fesseln vermag.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>An einem Winterabend gegen Ende des Jahres 1800, oder ein paar Jahre fr�her oder sp�ter, sa� ein junger Arzt an einem behaglichen Feuer in seinem kleinen Wohnzimmer und h�rte dem Wind zu, der gro�e Regentropfen gegen das Fenster warf und im Schornstein traurig heulte und pfiff. Das Wetter war na�kalt, er war den ganzen Tag durch Kot und Wasser gewatet und ruhte jetzt bequem in Schlafrock und Pantoffeln aus, und er dachte sinnend, mehr als halb im Schlafe und weniger als halb wachend, an hundert und aber hundert Dinge mannigfacher Art. Er dachte zuerst, wie scharf der Wind doch bliese und welches Ungemach er selber im Kampf gegen Sturm und Regen ausstehen w�rde, wenn er nicht behaglich daheim s��e; dann wieder, wie vergn�gt er allj�hrlich am Weihnachtsabend im Kreise der Seinigen und teurer Freunde w�re; wie froh alle sein w�rden, ihn wiederzusehen, und wie gl�cklich es Rose machen w�rde, wenn er ihr sagen k�nnte, da� er endlich einen Patienten bekommen habe und mehrere zu bekommen hoffte, und sie dann heimf�hren k�nnte an seinen eigenen Herd, ihm die Einsamkeit zu vers��en und ihn zu neuen Anstrengungen anzuspornen. M�chte doch wissen, dachte er weiter, wann ich zu meinem ersten Patienten gerufen werde, oder ob mir das Schicksal bestimmt ist, �berhaupt keine Praxis zu erlangen. Endlich dachte er abermals an Rose, schlief ein und tr�umte von ihr, bis es ihm war, als t�nte wirklich ihre s��e Stimme in seinen Ohren und als ruhte ihre kleine weiche Hand auf seiner Schulter.</p><p>Seine Schulter wurde in der Tat von einer Hand ber�hrt, die jedoch weder klein noch weich war, denn sie geh�rte einem derben rundk�pfigen Buben an, den das Kirchspiel f�r einen Shilling die Woche und Bek�stigung zum Austragen von Arzneien und Botschaften vermietete. Da jedoch kein Bedarf an Arzneien und keine Notwendigkeit der Botschafts�bermittlung bestand, verbrachte er die arbeitsfreien Stunden � im Durchschnitt vierzehn pro Tag � mit dem Verzehr von Pfefferminzpl�tzchen, der Einnahme derber Kost und mit Schlafen.</p><p>�Eine Dame, Sir � eine Dame!� fl�sterte er, den Schl�fer sch�ttelnd.</p><p>�Was f�r eine Dame?� rief unser Freund, aus dem Schlafe auffahrend, nicht ganz gewi�, ob sein Traum eine blo�e T�uschung w�re, und halb und halb erwartend, Rose selbst an seiner Seite stehen zu sehen. �Was f�r eine Dame? Wo?�</p><p>�Da, Sir�, erwiderte der Knabe, nach der Glast�r hinweisend, die in das Behandlungszimmer f�hrte, und sah aus, als wenn ihm die ungew�hnliche Erscheinung eines Patienten den gr��ten Schrecken eingejagt h�tte.</p><p>Der Wundarzt wendete sich nach der T�r um und erschrak selbst im ersten Augenblick. Die Dame war ungew�hnlich gro�, in tiefe Trauer gekleidet und stand so dicht hinter der T�r, da� ihr Gesicht fast das Glas ber�hrte. Sie hatte sich sorgf�ltig in einen schwarzen Mantel eingeh�llt und ihr Antlitz durch einen dicken schwarzen Schal vermummt. Sie stand kerzengerade und vollkommen regungslos da. Der Wundarzt <emphasis>f�hlte,</emphasis> da� sie die Augen auf ihn gerichtet hatte, allein sie gab nicht durch die leiseste Bewegung zu erkennen, da� sie es gesehen hatte, wie er sich nach ihr umdrehte.</p><p>�W�nschen Sie mich zu konsultieren?� fragte er ein wenig z�gernd, indem er die T�r �ffnete.</p><p>Die verschleierte Gestalt blieb regungslos auf derselben Stelle stehen und neigte nur bejahend den Kopf ein wenig.</p><p>�Ich bitte, treten Sie ein�, sagte der Arzt h�flich.</p><p>Sie begann vorw�rts zu schreiten, blieb aber sogleich wieder stehen und drehte den Kopf nach dem Knaben, zu dessen grenzenlosem Schrecken.</p><p>�Geh hinaus, Tom�, sagte der junge Mann; �zieh den Vorhang vor und verschlie� die T�r.�</p><p>Tom tat, wie ihm befohlen war, und suchte darauf sogleich mit seinen gro�en Augen das Schl�sselloch.</p><p>Der Arzt schob einen Stuhl an den Kamin und winkte der geheimnisvollen Dame, Platz zu nehmen. Sie ging langsam zum Stuhl, und er bemerkte, da� sie durch Schmutz und Wasser gegangen sein mu�te.</p><p>�Sie sind sehr na߫, sagte er.</p><p>�Ja�, erwiderte die Unbekannte mit leiser, kaum h�rbarer Stimme.</p><p>�Und krank?� fragte der Arzt mitleidig, denn der Ton ihrer Stimme schien anzudeuten, da� sie heftige Schmerzen litt.</p><p>�Ja, ich bin krank�, war die Antwort, �sehr krank, doch nicht k�rperlich. Ich bin nicht meinetwegen zu Ihnen gekommen, Sir. Wenn ich leiblich krank w�re, so w�rde ich nicht allein bei einem solchen Unwetter und zu einer solchen Stunde ausgegangen sein; und lag ich auf dem Krankenlager, wie gern w�rde ich, Gott wei� es, in vierundzwanzig Stunden meinen Geist aufgeben. Es ist ein anderer, f�r den ich Hilfe suche, Sir. Vielleicht ist es � und ich glaube wohl, da� ich wahnsinnig bin �, ist es Wahnsinn von mir, Hilfe f�r ihn bei Ihnen zu suchen; allein der Gedanke hat mich keine Nacht in langen traurigen Stunden bei Wachen und Weinen verlassen wollen, und obwohl ich einsehe, da� kein menschlicher Beistand ihm helfen kann, stockt mir doch bei dem Gedanken, ihn hilflos zu lassen, das Blut in den Adern!�</p><p>Ihre ganze Gestalt erbebte bei diesen Worten, und zwar so, wie sie es schlechterdings nicht h�tte erk�nsteln k�nnen. Dem Arzt ging ihr offenbar tiefer Seelenschmerz zu Herzen. Er hatte noch nicht genug von dem Elend gesehen, durch dessen Anblick soviel erfahrene M�nner seines Berufs gegen menschliche Leiden mehr oder minder abgestumpft werden. Er stand rasch auf und sagte: �Wenn sich der Patient, von dem Sie sprechen, in einem so hoffnungslosen Zustand befindet, wie Sie sagen, so ist kein Augenblick zu verlieren. Ich will sogleich mit Ihnen gehen. Warum suchten Sie nicht schon fr�her �rztlichen Beistand?�</p><p>�Weil es fr�her so nutzlos gewesen w�re, wie es jetzt auch ist�, entgegnete die Unbekannte, schmerzlich die H�nde zusammenschlagend.</p><p>Der Arzt warf seinen forschenden Blick auf den schwarzen Schleier. Er h�tte gar zu gern den Ausdruck des darunter verborgenen Antlitzes beobachtet; allein der Schleier war zu dicht, als da� unser Freund auch nur einen Zug zu erkennen imstande gewesen w�re. �Sie sind wirklich krank�, sagte er mild, �obgleich Sie es nicht wissen, und leiden an einem heftigen Fieber, das Ihnen die Kraft leiht, Ihre Anstrengungen zu ertragen, ohne sie zu f�hlen.� Er reichte ihr ein Glas Wasser und setzte hinzu: �Trinken Sie, suchen Sie sich zu fassen, sagen Sie mir dann, wie lange der Patient schon leidet, und beschreiben Sie mir, so ruhig Sie k�nnen, die Krankheit. Ich werde daraus abnehmen, womit ich mich versehen mu�, um meinen Besuch n�tzlich zu machen, und bin dann bereit, Sie zu begleiten.�</p><p>Die Unbekannte hob das Glas an den Mund, ohne den Schleier zu l�ften, setzte es unber�hrt wieder nieder und brach in Tr�nen aus.</p><p>�Ich wei߫, sagte sie unter lautem Schluchzen, �da� das, was ich Ihnen jetzt sagen werde, wie eine Fieberfantasie klingt. Es ist mir schon von andern weniger freundlich als von Ihnen gesagt worden. Ich bin keine junge Frau, Sir, und man sagt, wenn das Leben zu Ende geht, da� der letzte kurze Rest, so wertlos er allen andern erscheinen mag, dem seinem Tode sich N�hernden teurer sei als alle seine fr�heren Jahre, obgleich sich die Erinnerung an alte, l�ngst entschlafene Freunde und an neue, vielleicht an Kinder, ungeratene, undankbare Kinder, an sie kn�pft. Ich mu� mein Lebensziel in wenigen Jahren erreicht haben, gehe ihm gern entgegen und w�rde ohne Seufzen, ja mit Freuden in diesem Augenblick sterben, wenn das, was ich Ihnen zu sagen im Begriff bin, unwahr oder eingebildet w�re. Morgen fr�h wird der, von dem ich rede � ich wei� es, so inbr�nstig ich w�nsche, da� es anders sein m�chte �, au�er dem Bereich aller menschlichen Hilfe sein; und doch d�rfen Sie ihn heute abend, obgleich er in Todesgefahr ist, nicht sehen, und Sie w�rden ihm auch nicht helfen k�nnen.�</p><p>�Ich gedenke Ihren Schmerz�, erwiderte unser Freund nach einem kurzen Schweigen, �durch keine Bemerkung �ber das, was Sie gesagt haben, zu vergr��ern noch zudringlich einem Gegenstand genauer nachzuforschen, wor�ber Sie mich offenbar im dunkeln lassen wollen; doch Ihre Angaben sind so widersprechend, da� ich sie nicht zu vereinigen wei� und sie ein wenig unwahrscheinlich finden mu�. Der Patient stirbt in dieser Nacht, und ich darf ihn nicht sehen zu einer Zeit, wo mein Beistand von Nutzen sein k�nnte. Sie glauben, da� mein Besuch morgen nutzlos sein wird, und begehren doch, da� ich den Patienten morgen sehen soll. Wenn er Ihnen wirklich so teuer ist, wie er es nach Ihren Worten und Tr�nen zu sein scheint, warum wollen Sie nicht, da� ein Versuch gemacht werden soll, ihn am Leben zu erhalten, bevor es zu sp�t ist?�</p><p>�Gott stehe mir bei!� rief die Unbekannte, bitterlich weinend, aus. �Wie kann ich hoffen, da� Fremde glauben werden, was mir selbst unglaublich erscheint! Sie wollen ihn also nicht sehen, Sir?� f�gte sie, rasch aufstehend, hinzu.</p><p>�Ich sagte nicht, da� ich mich weigere�, versetzte der Arzt; �allein, lassen Sie sich erinnern, welch schreckliche Verantwortung auf Ihnen lastet, wenn Sie auf Ihrer begehrten unerkl�rlichen Verz�gerung bestehen und der Patient stirbt.�</p><p>�Die Verantwortlichkeit wird allerdings auf irgend jemand schwer lasten�, sagte die Unbekannte mit Bitterkeit. �Die auf mir lastende bin ich bereit auf mich zu nehmen.�</p><p>�Da ich mir keine auflade�, fuhr der Arzt fort, �indem ich mich Ihrem Begehren f�ge, so werde ich morgen fr�h den Patienten besuchen, wenn Sie die Adresse zur�cklassen wollen. Zu welcher Stunde kann ich ihn sehen?�</p><p>�Um neun Uhr�, erwiderte die Frau.</p><p>�Sie m�ssen meine Frage entschuldigen�, sagte der Arzt; �aber befindet er sich unter Ihrer Obhut?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann w�rden Sie ihm also auch nicht beistehen k�nnen, wenn ich Ihnen Verordnungen f�r seine Behandlung �ber Nacht mitg�be?�</p><p>Die Unbekannte erwiderte unter Tr�nen: �Nein!�</p><p>Da wenig Aussicht war, weitere Auskunft zu erhalten, und da unser Freund die Gef�hle der Ungl�cklichen zu schonen w�nschte, die anfangs gewaltsam an sich gehalten hatte, jetzt aber von ihrem Weh ganz �berw�ltigt schien, so wiederholte er sein Versprechen, den Patienten am andern Morgen zur bestimmten Stunde zu besuchen, und entlie� die r�tselhafte Frau, die sich, nachdem sie ihm ein Haus in einem entlegenen Teil von Walworth bezeichnet hatte, nicht minder geheimnisvoll entfernte, als sie gekommen war.</p><p>Man wird leicht glauben, da� ein so au�erordentlicher Besuch einen betr�chtlichen Eindruck auf das Gem�t des jungen Arztes machte und da� er viel und lange und ebenso vergeblich nachsann, wie das R�tsel zu l�sen sein m�chte. Gleich andern hatte er oft von merkw�rdigen F�llen geh�rt und gelesen, in welchen Vorahnungen oder Vorhersagen des Todes gewisser Personen auf den Tag, ja auf die Minute eingetroffen waren. In einem Augenblick war er zu glauben geneigt, da� der vorliegende ein solcher Fall sein m�chte, wogegen er indes im andern wieder bedachte, da� nach allen hierher geh�rigen Geschichten, die ihm bekannt waren, nur von Vorgef�hlen erz�hlt wurde, die gewisse Personen von ihrem eigenen Tod gehabt hatten. Die Besucherin hatte aber von einer dritten Person, einem Manne, gesprochen, und unm�glich war anzunehmen, da� ein blo�er Traum oder eine Einbildung sie veranla�t haben sollte, mit so schrecklicher Bestimmtheit, als sie es getan, vom Tode desselben zu reden. Sollte der Mann vielleicht am andern Morgen ermordet werden, und war es die Absicht der Frau � die etwa anf�nglich eingewilligt, an der Tat Anteil zu nehmen, sich durch einen Eid zum Schweigen verpflichtet und sp�ter bereut hatte �, wom�glich wenigstens seinen Tod, wenn einmal einer Mi�handlung nicht zu begegnen war, durch Sorge f�r zeitigen �rztlichen Beistand zu verhindern? Doch war es denkbar, da� so etwas kaum zwei Meilen von der Hauptstadt geschehen konnte? Unser Freund kam daher wieder auf seinen ersten Gedanken zur�ck, da� der Verstand der Frau zerr�ttet sein m��te, und da er sich das R�tsel auf keine andere irgend befriedigende Weise zu l�sen wu�te, so blieb er bei der Annahme, da� sie verr�ckt sei, so oft und so viel er auch noch w�hrend seiner schlaflosen Nacht dar�ber hin und her sann; denn der schwarze Schleier stand ihm best�ndig vor der Seele.</p><p>Walworth, in seiner weitesten Entfernung von der Hauptstadt, ist sogar noch jetzt ein elender Ort ohne regelm��ige Stra�en und war vor f�nfunddrei�ig Jahren zum gr��ten Teil kaum besser als eine traurige Ein�de, in welcher nur wenige Bewohner von sehr zweideutigem Charakter hausten, Leute, die ihrer Armut halber in besseren Gegenden keine Wohnungen mieten konnten oder denen die Abgeschiedenheit von Walworth wegen ihrer Besch�ftigung und Lebensweise besonders w�nschenswert war. Viele der H�user, die man jetzt dort erblickt, waren damals noch nicht gebaut und die vorhandenen, zerstreut stehenden so erb�rmlich wie m�glich.</p><p>Als der junge Arzt daher durch die Ortschaft ging, bot sich ihm kein erfreulicher Anblick dar, und die ganze Umgebung war wenig geeignet, die Beklemmung zu verscheuchen, die er bei seinem beabsichtigten sonderbaren Besuch empfinden mochte. Sein Weg f�hrte ihn seitw�rts von der Landstra�e ab �ber einen sumpfigen Anger, durch unregelm��ige Gassen und an halb zerfallenen oder zerfallenden H�tten vor�ber. Bald hielt ihn ein Baumstamm, bald eine Pf�tze oder ein kleiner Bach auf, der durch den in der Nacht gefallenen starken Regen entstanden war; und hier und da bezeugten ein elender Garten und die Beschaffenheit der Einz�unung sowohl die Armut der Eigent�mer als auch ihre geringe Beachtung fremden Eigentums. Nur dann und wann lie�en sich einzelne zerlumpte Bewohner vor den Haust�ren sehen � etwa ein schmutziges Weib, das ein Gef�� mit Wasser ausgo�, oder ein Kind, das ein fast ebenso gro�es aus dem tiefen Schmutz wieder hereinholte �, und obendrein war alles in einen dichten dumpfigen Nebel eingeh�llt.</p><p>Nachdem unser Freund lange und m�hselig durch Kot und Wasser gewatet war und oft gefragt und ebensooft widersprechende und ungen�gende Antworten erhalten hatte, fand er endlich das ihm bezeichnete Haus. Es war ein kleines, niedriges, einst�ckiges Geb�ude und geh�rte zu den schlechtesten, die er auf seinem ganzen Wege gesehen. Im Erdgescho� waren die Fensterl�den geschlossen, ohne befestigt zu sein, und vor das Fenster im oberen Stock war ein alter gelblicher Vorhang gezogen. Das Haus stand ganz allein am Ausgang einer engen Gasse, weshalb auch keine andere Wohnung zu sehen war.</p><p>Auch der furchtloseste Leser wird nicht l�cheln d�rfen, wenn wir sagen, da� unser Freund ein wenig zauderte und es nicht sogleich �ber sich vermochte zu klopfen. Die Londoner Polizei jener Zeit war mit der jetzigen nicht zu vergleichen; die Bauwut und der Bev�lkerungszuwachs, die seitdem die umliegenden Ortschaften mit der Hauptstadt in Verbindung gesetzt haben, hatten damals noch nicht begonnen, und jene waren daher zum Teil Schlupfwinkel der verdorbensten Volksklasse. Zur damaligen Zeit waren sogar die Hauptstra�en Londons nur schlecht erleuchtet, und die Vorst�dte und n�chstgelegenen Ortschaften erhielten ihr Licht lediglich von Mond und Sternen. Diebsgelichter in seinen Zufluchtsorten zu entdecken war stets sehr schwierig, und das schon verwegene Gesindel wurde nat�rlich um so dreister, je sicherer es sich f�hlte. Hierzu kam, da� unser Freund eine Zeitlang in den Hospit�lern der Hauptstadt besch�ftigt gewesen war, und leicht genug konnte er auf den Gedanken kommen, da� Abscheulichkeiten unbestraft und unentdeckt ver�bt werden k�nnten, dergleichen sp�terhin von Burke und Bishop schauderhaften Angedenkens wirklich ver�bt worden sind. Sei dem, wie ihm wolle, und gleichviel, was ihn bedenklich machte: er z�gerte, trat an die Haust�r heran und wieder zur�ck und ging einige Schritte auf und ab, um sich zu orientieren. Sein Entschlu� war jedoch in wenigen Augenblicken gefa�t, da er gro�en pers�nlichen Mut besa� � er klopfte. Gleich darauf h�rte er ein leises Gefl�ster, als wenn jemand am Ende des Hausflurs leise und heimlich mit einer auf dem Treppenabsatz stehenden Person spr�che; schwere Tritte n�herten sich, und die T�r wurde vorsichtig ge�ffnet, von einem gro�en, widerlich aussehenden Mann mit schwarzem Haar und einem Gesicht, das so bleich und leichenhaft war, wie der Arzt jemals ein Totengesicht gesehen zu haben sich entsann.</p><p>�Treten Sie rein, Sir�, sagte er leise.</p><p>Der Arzt trat ein, und der Mann, der ihm die T�r ge�ffnet hatte, verschlo� dieselbe sorgf�ltig wieder und ging ihm nach einem kleinen Hinterzimmer am Ende des Hausflurs voran.</p><p>�Komme ich noch fr�h genug?� fragte unser Freund besorgt.</p><p>�Zu fr�h�, war die Antwort.</p><p>Der Arzt drehte sich mit einer verwunderten und unruhigen Miene, die er nicht verbergen konnte, obgleich er es gern getan h�tte, hastig um.</p><p>�Treten Sie nur rein, Sir�, sagte sein F�hrer, dem diese Unruhe offenbar nicht entgangen war; �treten Sie nur rein; Sie sollen auf mein Wort keine f�nf Minuten aufgehalten werden.�</p><p>Unser Freund ging in das Zimmer und blieb allein.</p><p>Es war ein kleines kaltes Gemach mit nur zwei schlechten St�hlen und einem ebenso schlechten Tisch. Im Kamin brannte ein winziges Feuer und diente nur dazu, die Luft dunstiger zu machen, denn die Feuchtigkeit flo� im eigentlichen Sinne von den W�nden herunter. Durch das Fenster, dessen Scheiben gro�enteils zerbrochen und verstopft waren, sah man in einen kleinen mit Wasser angef�llten Garten. Nichts regte sich, weder im Hause noch au�erhalb, und unser Freund setzte sich schauernd an den Kamin, den Erfolg seines ersten �rztlichen Besuchs abzuwarten.</p><p>Nach einigen Minuten h�rte er ein Fuhrwerk dem Hause sich n�hern. Es hielt, die Haust�r wurde ge�ffnet, sodann folgten ein langes Hin- und Herreden und ein Ger�usch von Fu�tritten und Gedr�nge auf dem Hausflur und der Treppe, als wenn zwei oder drei M�nner etwas Schweres hinauftr�gen. Bald darauf kamen sie wieder herunter und entfernten sich aus dem Haus. Die T�r wurde hinter ihnen verschlossen, und alles war wieder still wie zuvor.</p><p>Es verflossen abermals f�nf Minuten, und der Arzt hatte sich eben entschlossen, jemand im Hause aufzusuchen, als die T�r ge�ffnet wurde und seine Besucherin vom vergangenen Abend, ebenso gekleidet und durch denselben schwarzen Schleier verh�llt, ihm winkte. Ihre ungew�hnliche Gr��e und der Umstand, da� sie nicht sprach, rief auf einen Augenblick den Gedanken in ihm hervor, da� er es mit einem verkleideten Mann zu tun haben k�nnte; allein ihre gramvolle Stellung, ihr krampfhaftes Schluchzen �berzeugte ihn sogleich wieder, da� sein Argwohn t�richt sei, und er folgte ihr mit raschen Schritten. Sie f�hrte ihn die Treppe hinauf und blieb an der T�r des vorderen Zimmers stehen, ihn hineinzulassen. Das Gemach war sehr d�rftig, nur mit einem alten tannenen Schrank, einigen St�hlen, einem Bett ohne Vorh�nge und einer gew�rfelten Decke versehen. Das verdunkelte Fenster lie� so wenig Licht eindringen, da� man alle Gegenst�nde nur sehr unbestimmt sah, und der Arzt hatte daher auch die menschliche Gestalt nicht sogleich bemerkt, auf welcher seine Blicke hafteten, sobald die Frau an ihm vor�berst�rzte und sich vor dem Bett auf die Knie warf.</p><p>Ausgestreckt auf dem Bett, dicht eingeh�llt in ein leinenes Tuch und mit Decken bedeckt, lag die Gestalt steif und regungslos da. Ihr Kopf und Gesicht waren die eines Mannes und unverh�llt, nur da� um den ersteren eine Binde geschlungen und unter dem Kinn zugebunden war. Die Augen waren geschlossen. Der linke Arm ruhte schwer auf dem Bett, und die Frau hatte die ihren Druck nicht erwidernde Hand gefa�t. Der Arzt schob sie sanft zur Seite und erfa�te die Hand selbst.</p><p>�Mein Gott!� rief er aus, sie unwillk�rlich wieder fallen lassend, �der Mann ist tot!�</p><p>Die Frau fuhr empor und schlug die H�nde zusammen.</p><p>�O sagen Sie das nicht, Sir�, schrie sie so leidenschaftlich, da� unserm Freund der Gedanke zur�ckkehrte, sie m�sse wahnsinnig sein; �sagen Sie das nicht; ich kann � kann es nicht � kann es unm�glich ertragen! Es sind schon viele Menschen wieder ins Leben zur�ckgeholt worden, die von ungeschickten �rzten g�nzlich aufgegeben wurden, und viele andre gestorben, die h�tten wiederhergestellt werden k�nnen, wenn die rechten Mittel angewendet worden w�ren. Gehen Sie nicht wieder fort, Sir, ohne etwas zu seiner Rettung getan zu haben. Vielleicht verl��t ihn in diesem Augenblick das Leben. Um Gottes willen, Sir, tun Sie, was in Ihrem Verm�gen ist.�</p><p>W�hrend sie so sprach, rieb sie dem leblos Daliegenden ganz wie au�er sich die Stirn und die Brust und die kalten H�nde, die, wenn sie sie loslie�, regungslos und schwer auf die Bettdecke zur�ckfielen.</p><p>�Es kann nichts helfen, meine gute Frau�, sagte der Arzt beruhigend. �Doch halt � nehmen Sie den Fenstervorhang herunter.�</p><p>�Warum?� fragte die Frau, hastig aufstehend.</p><p>�Nehmen Sie den Vorhang herunter�, wiederholte der Arzt ein wenig aufgeregt.</p><p>�Ich habe das Zimmer absichtlich verdunkelt�, erwiderte die Frau und vertrat ihm den Weg, als er aufstand, um ihn selbst hinwegzunehmen. �O Sir, haben Sie Mitleid mit mir! Wenn es ohne Nutzen und wenn er wirklich tot ist, so lassen � lassen Sie die Leiche nicht von andern Augen als den meinigen sehen.�</p><p>�Der Mann da starb keinen nat�rlichen oder hatte keinen leichten Tod�, sagte der Arzt. �Ich mu� die Leiche sehen.�</p><p>Er sprang mit einer raschen Bewegung ans Fenster, ri� den Vorhang auf, so da� das volle Tageslicht hereinstr�mte, und ging wieder nach dem Bett zur�ck. �Da ist Gewalt ver�bt worden�, fuhr er, auf die Leiche hinweisend, fort und schaute der Frau forschend in das Gesicht, das er jetzt zum ersten Male sah. Sie hatte in ihrem Ungest�m Hut und Schleier zur Seite geworfen und stand, die Blicke auf ihn geheftet, da. Sie m��te etwa f�nfzig Jahre alt sein und war einst sicher sch�n gewesen. Kummer und Tr�nen hatten Spuren auf ihrem Antlitz zur�ckgelassen, die von der Zeit allein nimmermehr herr�hren konnten. Sie war bla� wie der Tod, ihre Lippen bebten krampfhaft, und in ihren Augen gl�hte ein unnat�rliches Feuer, aus dem nur zu deutlich hervorging, da� ihre leibliche wie geistige Kraft unter geh�uftem Leid dem Erliegen nahe war.</p><p>�Da ist Gewalt ver�bt worden�, sagte der Arzt, sie fortw�hrend fest in das Auge fassend.</p><p>�Ja, ja, so ist es�, erwiderte die Frau.</p><p>�Der Mann ist ermordet worden.�</p><p>�Ich rufe Gott zum Zeugen an, da� er es ist � mitleidlos, unmenschlich ermordet.�</p><p>�Von wem?� fragte der Arzt, die Frau am Arme fassend.</p><p>�Schauen Sie selbst, und dann fragen Sie mich�, erwiderte sie.</p><p>Der Arzt wendete seinen Blick nach dem Bett und beugte sich �ber die Leiche, auf die die volle Tageshelle fiel. Der Hals war geschwollen, und rund um ihn herum lief ein blaur�tlicher Streifen. Dem Arzt war es, als wenn ihm der Zusammenhang pl�tzlich klar w�rde.</p><p>�Dies ist einer von den Leuten, die heute am fr�hen Morgen geh�ngt wurden!� rief er, schaudernd sich abwendend, aus.</p><p>�Ja, so ist es�, erwiderte die Frau mit einem leeren Starrblick.</p><p>�Wer ist er?� fragte der Wundarzt.</p><p><emphasis>�Mein Sohn!�</emphasis> antwortete die Frau und sank bewu�tlos zu Boden.</p><p>Es war so. Ein Mitschuldiger von ihm war, aus Mangel an hinl�nglichen Beweisen, freigesprochen und er zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Die Mutter war eine Witwe, ohne Freunde und ohne Verm�gen, und hatte sich selbst das Notwendigste versagt, um es an ihren verwaisten Knaben zu wenden, der ihre flehentlichen Bitten und die Opfer, die sie f�r ihn gebracht, vergessen und sich einem z�gellosen und verbrecherischen Leben hingegeben hatte. Die Folgen waren sein Tod durch Henkershand, seiner Mutter Schande und unheilbarer Wahnsinn.</p><p>Noch viele Jahre lang nach dem erz�hlten Vorfall und bei einer gewinnreichen Praxis und gl�nzenden Stellung, in welcher viele das Dasein eines so elenden Wesens vergessen haben w�rden, besuchte unser Freund Tag f�r Tag die harmlose Wahnsinnige und fl��te ihr nicht blo� durch seine Gegenwart und g�tige Behandlung Ruhe ein, sondern erleichterte auch ihre betr�bliche Lage mit freigebiger Hand. Als ihrem Tode ein fl�chtiger Strahl der Verstandeshelle vorherging, entstieg den Lippen der Armen ein inbr�nstiges, gl�hendes Gebet f�r sein Wohlergehen. Es drang zum Himmel und ward erh�rt. Die Segnungen, die er als Werkzeug der Vorsehung ihr zuf�hrte, sind ihm tausendf�ltig wiedervergolten; doch bei all seinem Reichtum, hohem Rang und sonstigem wohlverdienten Gl�ck sind keine R�ckerinnerungen erfreulicher und befriedigender f�r seine Gef�hle als die an den <emphasis>schwarzen Schleier.</emphasis></p></section><section><title><p id="__Toc231461777"><emphasis>Das wei�e Tier Ein Nachtst�ck von Georg von der Gabelentz</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>W�hrend Gustav Meyrink und auch Hanns Heinz Ewers als Bahnbrecher der fantastischen deutschen Literatur dieses Jahrhunderts noch heute einen Namen haben, ist Georg von der Gabelentz (1868-1940) allzu rasch in Vergessenheit geraten. Wie Meyrink war Gabelentz ein sehr fantasievoller Erz�hler mit ausgepr�gten Neigungen zur Mystik und zum Spiritismus, und wie Ewers zeichnet er sich vor allem dadurch aus, da� er die gespenstischen und �bersinnlichen Begebenheiten in seinen Romanen und Erz�hlungen h�chst spannend in Szene zu setzen wu�te. Nach einem Jura-Studium in Leipzig und Lausanne entschied er sich f�r die milit�rische Laufbahn und wurde Anfang des Ersten Weltkriegs Adjutant im s�chsischen Kriegsministerium (1914-1916); danach sehen wir ihn als stellvertretenden Generaldirektor des S�chsischen Hoftheaters Dresden (1916-1918). �Das wei�e Tier� erschien 1904 in dem gleichnamigen Erz�hlband.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Wissen Sie, was es ist, wenn einen das Grausen packt? Es ist etwas ganz anderes als Angst. Man kann Angst haben bei einer Gefahr, vor drohenden Schmerzen, vor Krankheit oder vor dem Tode, doch ein Mann wird �ber solche Dinge hinwegkommen. In jener Nacht aber war es etwas tausendmal Schrecklicheres, vor dem ich gezittert habe, obgleich ich seine N�he nur f�hlte, nur ahnte. Da lernte ich, was es hei�t, Grausen empfinden, feiges, nervent�tendes Grausen. �</p><p>Ich hatte mich als Arzt unweit der russischen Grenze niedergelassen. Mein Beruf f�hrte mich bis in die einzelnen abgelegenen G�ter und H�fe der Umgegend, und ich unternahm oft stundenlange Ritte.</p><p>Als ich eines Tages von einem solchen nach meiner Wohnung zur�ckkehrte, traf ich vor dem Hause einen Reiter, er stieg aus dem Sattel und schritt auf meine T�r zu.</p><p>Ich rief ihn an, da zog er einen Brief aus der Brusttasche und �berreichte ihn mir. Das Schreiben lautete:</p><empty-line/><p>�Herr Doktor, folgen Sie sofort meinem Boten, der Sie zu mir f�hren wird. Ich bin verloren, wenn Sie nicht kommen. Sorgen Sie, bitte, da� niemand von dem Besuche erf�hrt.</p><p>Ihr ergebener</p><p><emphasis>Wilhelm Rosen.�</emphasis></p><empty-line/><p>Ich fragte den Boten, der die gelockerten Sattelgurte seines Pferdes schon wieder anzog, nach dem Befinden und dem Leiden seines Herrn.</p><p>Er zuckte die Achseln und entgegnete:</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>Dabei verzog er seinen Mund zu einem Grinsen, zwinkerte mit den Augen und wies mit der Hand auf seine Stirn.</p><p>�Was ist Ihr Herr �?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Er bleibt sonst niemals am dritten Oktober zu Hause, denn er f�rchtet sich, das wei�e Tier k�nnte an dem Tage kommen.�</p><p>Damit wandte er sich um und sa� auf, wenige Augenblicke sp�ter trabten wir nebeneinander davon.</p><p>Nach mehrst�ndigem Ritt bog mein F�hrer auf schmalem Wege in ein mir unbekanntes Waldtal ein, alte F�hren schlossen ihre Kronen �ber dem verwahrlosten Pfad zusammen und w�lbten hohe Tore.</p><p>Bei Einbruch der D�mmerung standen wir vor einem einst�ckigen Hause inmitten dieses Waldes, der Wohnung Rosens. Mein Begleiter nahm mir das Pferd ab, ich betrat das ger�umige, einen Gutshof abschlie�ende Geb�ude. Im Flur, dessen W�nde allerlei Beutest�cke eines J�gers, Elchk�pfe und Hirschgeweihe schm�ckten, erwartete mich ein �lterer Diener und geleitete mich durch mehrere Zimmer nach dem Wohnraum des Besitzers. Dann zog er sich schweigend zur�ck.</p><p>Ein hagerer Herr erhob sich m�helos aus einem bequemen Stuhl, der neben einem auffallend gro�en Kamin stand, und reichte mir mit starkem Druck die Hand. Freudiges L�cheln glitt �ber seine nicht unsch�nen Z�ge. Er lud mich zum Sitzen ein und dankte mir f�r mein rasches Eintreffen. Dann sagte er:</p><p>�Ich f�hlte mich vor einer Weile nicht ganz wohl, aber jetzt geht es mir schon besser.�</p><p>Unter diesen Worten ging er an die beiden T�ren des Zimmers, von denen die eine nach dem Ende des Flurs f�hrte, verschlo� sie von innen und steckte die Schl�ssel in die Tasche. Dann erst nahm er mir gegen�ber Platz.</p><p>Ich sah meinen Patienten forschend an, er schien mir nicht leidend zu sein, seine Gestalt war trotz der sechzig Jahre, die ich ihm gab, hoch und kr�ftig, seine Bewegungen hatten nichts Krankes oder Schlaffes. Auch f�r geistig gest�rt konnte ich ihn nicht halten. Er sprach, ohne auf seinen Brief anzuspielen, in ruhigem Ton �ber die verschiedensten Dinge, �ber Politik und dergleichen. Seine Krankheit zu ber�hren, schien ihm peinlich zu sein, und so vermied zun�chst auch ich es, danach zu fragen.</p><p>Mittlerweile war die Nacht gekommen. Der Wind hatte sich schlafen gelegt, nur manchmal regte er sich ganz leise mit einem seufzenden Ton in der Ferne der W�lder. Im Zimmer war es still, denn unsere Unterhaltung wurde, ich wei� nicht warum, wie auf gemeinsame Verabredung halblaut gef�hrt, nur die alte Uhr auf dem Kamin tickte eint�nig, mit dumpfem, metallenem Klang.</p><p>Rosen erhob sich, steckte alle Lichter und Lampen im Zimmer an und verteilte sie so, da� sie es bis in die entlegensten Ecken erhellten. Dann setzte er sich wieder zu mir.</p><p>Wir plauderten �ber die Freiheiten der Bauern und deren Nutzen oder Schaden f�r die Entwicklung des benachbarten russischen Staates, und mein Patient zeigte eine Sachkenntnis und einen Scharfblick, wie man sie bei einem wirklich geisteskranken Menschen sicher nicht gefunden h�tte.</p><p>Da begann die Standuhr auf dem Kamin eine Stunde zu schlagen. Ich achtete nicht weiter darauf, folgte ich doch gerade den Ausf�hrungen meines Gegen�bers.</p><p>Rosen aber unterbrach sich mitten in seiner Rede, warf einen raschen Blick auf den Zeiger und z�hlte die Schl�ge der Glocke. Es waren acht. Da lehnte er sich in den Stuhl zur�ck und brummte vor sich hin:</p><p>�Erst acht Uhr. Es kommt noch nicht.�</p><p>Dann griff er den Faden der Unterhaltung wieder auf, wo er ihn fallen gelassen hatte, ohne sein Tun zu entschuldigen oder zu erkl�ren. Meine Frage, ob er noch irgendeine Nachricht oder einen Besuch heute abend erwarte, schien er mit Absicht zu �berh�ren, denn er fuhr fort, �ber Politik und soziale Verh�ltnisse zu sprechen.</p><p>Eine Stunde darauf wiederholte sich dasselbe Schauspiel. Als die Uhr zu schlagen begann, langsam und keuchend, als wolle ihr der Atem ausgehn, hielt Rosen in seiner Rede inne. Er lie� die brennende Zigarre aus der Hand in den Aschenbecher fallen, heftete den Blick auf das Zifferblatt und z�hlte die einzelnen neun Glockenschl�ge. Dann erhob er sich, ging noch einmal durch das Zimmer, versicherte sich von neuem, da� die T�ren und Fenster fest verschlossen seien, und raunte, indem er wieder zu mir trat:</p><p>�Noch nicht. Wir m�ssen warten.�</p><p>Aus seinen Worten und seinem Tun sprach heimliche Angst. Er r�ckte seinen Stuhl n�her an den meinen, doch noch immer gab er keine Erkl�rung seines Benehmens. Nun aber machte ich Miene, mich zur�ckzuziehen, denn ich war rechtschaffen m�de geworden und hatte nicht Lust, mit diesem Manne die ganze Nacht zuzubringen, um alle Augenblicke Zeuge der Angewohnheiten eines Sonderlings zu sein und irgendein Ereignis abzuwarten, das ich nicht einmal ahnte, und das jener mir trotz meiner Andeutungen augenscheinlich auch nicht mitteilen wollte. Kaum aber hatte ich mich erhoben, als mich Rosen am Arm erfa�te und mit einer Kraft in den Stuhl zur�ckdr�ckte, die mich in Erstaunen setzte.</p><p>�Bleiben Sie, ich beschw�re Sie! Ich habe nur darum heute das Haus nicht verlassen, das mich in dieser Nacht sonst nie in seinen Mauern sieht, um einen Versuch zu machen. Ich bin nicht krank. Was ich Ihnen schrieb, ist nicht wahr. Ich wollte nur Ihres Kommens sicher sein. Sie erweisen mir damit einen Dienst, dessen Gr��e Sie jetzt nicht im entferntesten sch�tzen k�nnen. Mein Benehmen mu� Ihnen sonderbar erscheinen. Ich sehe es Ihnen an, da� Sie an meinem ruhigen Verstand zweifeln. Aber ich bin mir leider nur zu klar �ber alles, ich bin nicht �berspannt, nicht im geringsten. Ich will nur versuchen, ob Ihre N�he, die Anwesenheit eines ganz n�chternen, unbeeinflu�ten Mannes jenes Entsetzliche vertreiben kann, vor dem ich mich f�rchte, und das ��</p><p>Rosen schnellte vom Stuhl empor und griff nach einem jener haarscharfen, t�rkischen S�bel, Jatagan genannt, die eine gef�hrliche Waffe in der Faust eines Mannes bilden. Er hielt die Hand ans Ohr und lauschte. Ein Zittern ging durch seinen K�rper. Auch ich stand unwillk�rlich auf und horchte.</p><p>Ein unbestimmtes Ger�usch, etwa wie das regellose Hin- und Herhuschen einer Ratte �ber Holzdielen lie� sich vernehmen. Die Augen Rosens irrten suchend im Zimmer umher und blieben auf der T�r nach dem Flur haften, von dem die Laute zu kommen schienen.</p><p>�H�ren Sie nichts?� fl�sterte er und umklammerte mein Handgelenk.</p><p>Aber die leichten Schritte waren schon wieder verklungen.</p><p>Ich mu�te den Erregten beruhigen.</p><p>�Ich h�re nichts, absolut nichts�, log ich. �Ich glaube, Sie sind nur einem Irrtum unterworfen gewesen. Erkl�ren Sie mir nur endlich, was Sie f�rchten.�</p><p>Rosen setzte sich wieder und legte den S�bel dicht neben sich auf einen Tisch, auf dem allerlei Rauchger�tschaften standen. Er bot mir eine Zigarre an, und auch ich nahm von neuem Platz.</p><p>�Wie sonderbar�, sagte er. �Ich h�tte darauf geschworen, da� ich es gehen h�rte � Aber freilich, wenn Sie meinen. Und Sie haben nichts geh�rt? Sind Sie dessen sicher?�</p><p>�Gewi߫, erwiderte ich, �vollkommen. Sie k�nnen ruhig sein, es war nichts.�</p><p>Mein Wirt pr�fte mit den Fingerspitzen die Sch�rfe des Stahles.</p><p>�Glauben Sie�, rief er pl�tzlich ganz unvermittelt und lie� die Klinge pfeifend durch die Luft schwirren, �glauben Sie, da� man damit einem Menschen die Hand abhauen kann?�</p><p>�Gewi�, mit Leichtigkeit.�</p><p>Rosen sah mit einem sonderbaren harten Blick auf die blitzende Waffe und wog sie in der Hand.</p><p>�Ja, ja, mit einem Schlage, mit einem einzigen Schlage bringt man das fertig! Und ein kurzer Sto� ins Herz gen�gt auch, einen Menschen aus der Welt zu schaffen. Aber, ich glaube, es gibt Wesen, die sind auch damit nicht zu t�ten. Glauben Sie nicht?�</p><p>Rosens Augen ruhten gespannt auf meinen Lippen.</p><p>Ich h�tte die Waffe lieber in der Hand eines andern gesehen als in der dieses aufgeregten Kranken.</p><p>�Ich? Ja, mein Gott, das kommt ganz drauf an, was Sie t�ten wollen. Aber ich sollte meinen ��</p><p>Ich wurde j�h unterbrochen.</p><p>�Still! H�ren Sie das Tasten dort, dort am Fenster? Um Gottes willen, h�ren Sie das nicht, wie es ans Fenster greift?�</p><p>Mein Gegen�ber war wieder von seinem Sitz emporgefahren. Sein Antlitz war bla� geworden, seine Augen hatten sich unnat�rlich erweitert und starrten nach den dunklen Scheiben. Wirklich vernahm auch ich von Zeit zu Zeit einen leisen Ton, als klopfe jemand von au�en an das Glas der Fenster, als taste etwas suchend an ihm herum.</p><p>�Ich meine, es mu� wohl der Wind sein, der welke Bl�tter aus Ihrem Garten an die Scheiben wirbelt�, bemerkte ich endlich. �Oder es sind die �u�ersten �stchen der Linde, die vor dem Hause steht, und die gegen das Glas reiben. Wer sollte sich auch sonst an Ihren Fenstern zu schaffen machen?�</p><p>In diesem Augenblick schlug die Uhr. Rosen z�hlte, ohne den Blick vom Fenster abzulenken. Es waren zehn Schl�ge. Da setzte er sich in seinen Stuhl zur�ck.</p><p>�Meinen Sie wirklich, die �ste der Linde? Nun, Sie m�gen recht haben. Es war nur der Wind. Es ist ja auch erst zehn Uhr. Es kommt noch nicht. Aber man kann ja nicht wissen.�</p><p>Wir schwiegen lange Zeit. Mich beschlich in der N�he des Kranken allm�hlich ein unbestimmtes Gef�hl von dumpfer Furcht, das ich nicht mehr loswerden konnte, so sehr ich mir auch M�he gab, dagegen anzuk�mpfen. Eine schw�le, fast unnat�rliche Ruhe lag �ber dem R�ume, die vielen Lampen und Kerzen erhitzten die Luft. Wohl erhellten sie jeden Winkel, es war nichts Ungew�hnliches zu sehn, und trotzdem f�hlten wir beide, da� sich etwas in unserer N�he vorbereitete. Wenn ich nur gewu�t h�tte, was ich erwartete, welches das Wesen sei, das seit einer Stunde von uns gef�rchtet, lauernd um unser Zimmer schlich, das uns drinnen gefangen hielt. Keiner von uns h�tte jetzt mehr gewagt, die T�ren oder eines der Fenster zu �ffnen. Wir wu�ten, dann sprang es herein.</p><p>Was h�tte ich darum gegeben, wenn ich das Haus erst wieder verlassen gehabt h�tte. Mehr und mehr f�hlte ich mich selbst in Rosens merkw�rdige Wahnideen verstrickt, von der Aufregung meines Patienten angesteckt, und doch war es nur eine Ratte, waren es nur trockene Bl�tter, �stchen, ein verirrter Nachtvogel vielleicht, die jene sonderbaren Ger�usche hervorgebracht hatten. Ich wollte mich zwingen, an eine nat�rliche Erkl�rung zu glauben. Aber was ich mir auch einreden mochte, ich hielt jetzt diese Ruhe, dieses unverst�ndliche Warten nicht mehr l�nger aus. Mein Gegen�ber blickte sich fortw�hrend um, immer die Hand am S�bel, bald nach der T�r, bald nach dem Fenster horchend.</p><p>Es war drau�en totenstill geworden, der Wind hatte sich gelegt. Lautlos zuckten blaue und gelbe Fl�mmchen vom erl�schenden Feuer des Kamins. Sobald das gl�hende Holz einmal knackte, fuhren wir beide zusammen.</p><p>�Soll ich nicht nach Ihren Leuten klingeln?� fragte ich. Ich sehnte mich danach, andere Menschen um mich zu sehen.</p><p>�Um Gottes willen, nein! Nein! Die d�rfen ja nichts wissen, ich kann es doch jenen da nicht erkl�ren, nicht sagen! Bleiben Sie sitzen.�</p><p>�Dann sagen Sie mir aber endlich, was Sie eigentlich so f�rchten, was Sie mit jedem Glockenschlag erwarten!�</p><p>Ich wu�te, ich w�rde aus dem Munde dieses Kranken etwas ganz Unsinniges h�ren, aber alles, auch das Schrecklichste war mir in diesem Augenblick lieber als diese Unsicherheit.</p><p>Da begann er hastig:</p><p>�Sie sollen mir helfen. Sie wissen aus okkultistischen Schriften sicher so viel, da� der Einflu� eines willensstarken Menschen, eines Skeptikers die unheilvolle Verbindung zwischen dem Medium und seinem Meister zu zerrei�en vermag. Sie sind Arzt, Sie allein k�nnen dies tun, k�nnen mich von jenem erretten. Heute ist die Nacht wiedergekehrt, in der ich ihn erwarte. Heute will ich ihm mit Ihrer Hilfe entgegentreten, um ihn vollends zu vernichten. Ich wollte Ihnen nichts sagen, um Ihnen Ruhe und Unbefangenheit nicht zu nehmen, doch Sie zwingen mich zu sprechen, und ich sehe ja, auch Sie ahnen seine N�he.�</p><p>�Ja, aber um des Himmels willen, wer ist denn jener Entsetzliche, der Sie so peinigt�, fragte ich. �Lebt er in Ihrer Umgebung?�</p><p>�Das kann ich Ihnen nicht beantworten, � er ist � <emphasis>tot,</emphasis> lange tot.�</p><p>�Tot?� fragte ich. �Aber beim Teufel � ��</p><p>�Ja, tot!� unterbrach mich Rosen. �Das wei� ich gewi�. Ein buckliger, kleiner, elender Schuft war�s. Ich lebte damals in Genf. Ich verkehrte in einem spiritistischen Klub, da war er dabei, und er lief mir nach, er dr�ngte sich an mich, verfolgte mich f�rmlich, zwang mich zu allem, was er wollte, wenn er mir mit der langen, wei�en Hand �ber den Arm strich. Sie, wissen Sie, er hat mich zum Dieb gemacht! � Sagte er mir: �Sie werden morgen das und das tun, das und das f�r mich stehlen�, dann tat ich�s, dann stahl ich, ohne zu �berlegen, machtlos. Umsonst versuchte ich gegen ihn anzuk�mpfen. Da floh ich eines Tages fort. Ich versteckte mich vor Bekannten, Freunden, vor aller Welt, um ihm und seinem Einflu� zu entgehen. Ich nahm sogar einen andern Namen an, kaufte dies einsame Gut mitten im Wald und verlie� es nicht mehr, aus Angst, ich k�nnte ihm drau�en irgendwo begegnen.</p><p>Und � ich bin ihm doch noch einmal begegnet.�</p><p>Er brach ab, sprang auf, blickte sich um, durchma� das Zimmer, die Waffe in der Rechten, blieb pl�tzlich horchend stehen, legte das Ohr an die T�r, suchte mit funkelnden Augen unter jedem M�bel umher und fl�chtete dann endlich wieder an meine Seite, indem er sich mit der Hand �ber die Stirn wischte.</p><p>Nun wurde mir noch unheimlicher in der N�he des Mannes, der in seinen Wahngebilden die R�ckkehr eines l�ngst Verstorbenen f�rchtete. Sagte ich mir auch, da� ich es mit einem Irrsinnigen zu tun h�tte, so teilte ich doch merkw�rdigerweise die Angst jenes Ungl�cklichen. Trotzdem zwang ich mich in gleichg�ltigstem Ton zu bemerken:</p><p>�Ich werde Ihnen helfen. Erkl�ren Sie mir nur, ob Sie sich wirklich vor dem Toten f�rchten. Wollen Sie etwa an Spuk glauben?�</p><p>�Nicht ihn selbst f�rchte ich, den Toten, nur seine Hand, seine f�rchterliche Hand! Den Buckligen, den schwachen Zwerg brauche ich nicht mehr zu f�rchten. Aber diese Hand! Schw�ren Sie mir zu schweigen?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�So h�ren Sie. Ich bin der Welt gegen�ber verloren, wenn Sie etwas sagen, die Leute w�rden mich dann f�r einen Verr�ckten oder einen Verbrecher halten. � Aber � es ist vielleicht alles gleich. � Horchen Sie! Dort ist es schon wieder, das wei�e Tier! Jetzt ist�s im Kamin, ganz bestimmt im Kamin!�</p><p>Bei diesen Worten st�rzte sich Rosen an den Holzkorb und warf mit fieberhafter Hast ein Kiefernscheit nach dem andern in die von neuem auflodernde Glut. Ich h�rte nichts anderes als das Knacken und Prasseln des frischen Holzes und das Zischen der Flammen. Die unheimliche Gesch�ftigkeit des Ungl�cklichen steckte an. Ich half ihm, und wir warfen den ganzen Inhalt des Korbes ins Feuer, so da� die Flammen hoch aufspr�hten.</p><p>Jetzt hatte Rosen zum erstenmal selbst das wei�e Tier erw�hnt, von dem schon seine Diener gesprochen. Was mochte das sein? Wie kam es in den Vorstellungskreis seines kranken Hirnes, dies gespenstische Tier, dessen Name ihn erzittern machte, das sogar durch die Flammen zu ihm dringen wollte, und das er nun in einem Anfall von Wut zu verbrennen bem�ht war.</p><p>Wieder horchten wir zusammen nach irgendwelchen Lauten, gespannt wie eine Schildwache, die in der Nacht das Heranschleichen eines Feindes erwartet. Bei Gott, h�tten aus dem Kamin Schreie geklungen, Heulen, Winseln eines verbrennenden Tiers, ich h�tte mich nicht gewundert.</p><p>�Wie das lodert! Wie das brennt!� frohlockte Rosen grimmig. �Ob es dem widerstehn kann?�</p><p>Er hatte vor dem Kamin gekniet, nun stand er auf. Mit hastig hervorgesto�enen Worten, immer wieder sich unterbrechend und um sich sp�hend, berichtete er kurz:</p><p>�Ich floh aus Genf, reiste hin und her, versteckte mich endlich hier. Mehrere Jahre vergingen, schon glaubte ich mich vom Buckligen befreit zu haben, kannte doch keiner meiner Freunde mein Versteck. Da eines Abends, es sind heute gerade siebzehn Jahre her, packt mich pl�tzlich eine seltsame Unruhe. Ich h�re jemand kommen, die T�r �ffnet sich, ich wende mich um, der Bucklige steht hinter mir. Allein, unangemeldet war er ins Zimmer gelangt. Ich ahnte vorher, da� er kommen w�rde, ich f�hlte durch Stunden sein Nahen am magnetischen Einflu�. Seine Augen, sein triumphierendes Lachen verrieten mir, da� er mich abermals zu irgendeinem verbrecherischen Plan benutzen wollte. Darum streckte er auch wieder die Hand nach mir aus, mich von neuem in die Gewalt seines Willens zu bringen.</p><p>Da springe ich auf und fl�chte hinter den Tisch und sto�e diesen gegen den Eindringling. Ich konnte meine Leute nicht zu Hilfe rufen, sie waren alle zuf�llig an jenem Abend, es war Sonntag, zum Tanz in den Krug gegangen. Der Bucklige hatte es sicher so abgepa�t, um mich mutterseelenallein anzutreffen.</p><p>Das Scheusal sprang behend wie eine Katze hinter dem Tisch hervor und fa�te mit seinen Affenfingern nach meinem Arm.</p><p>�Nehmen Sie sich in acht�, schrie er, �Sie sind mein, diesmal lasse ich Sie nicht wieder los!�</p><p>Da rei�e ich die Waffe von der Wand und haue mit aller Kraft nach dieser Hand. Der Unhold fuhr mit einem Schrei zur�ck. Ich hatte, ohne es zu wollen, mit einem Hiebe die Hand vom Arm getrennt. Als ich das Blut sah, die vor Wut und Schmerz verzerrte abscheuliche Fratze, da warf ich mich in j�her Verzweiflung vollends auf ihn und stie� ihm, ehe er ausweichen konnte, den Stahl in den Leib. Dann ri� ich den Buckligen empor, packte ihn und warf ihn mitten in die hoch auflodernden Flammen des Kamins. Rasch h�ufte ich alles Holz auf den Leichnam. Ich kniete vor dem Feuer nieder und ruhte nicht eher, als bis der letzte Rest dieses f�rchterlichen Menschen verbrannt war, der mich jahrelang gequ�lt, der mich ruhelos umhergetrieben und nun � zum M�rder gemacht hatte. � Reue empfinde ich nicht �ber meine Tat. Ihm ist nur recht geschehen, er hatte sein Ende hundertfach verdient.</p><p>Als das Feuer niedergebrannt war, sammelte ich sorgf�ltig alle Knochenreste, um sie in einer Kiste zu bergen und zu vernichten. Ich fand sie alle, alle, es war eine schreckliche Arbeit. Nur die rechte Hand fehlte. Ich wandte mich um, suchte im Zimmer, sie war verschwunden. Ich mu�te sie also auch ins Feuer geworfen haben und hatte das vielleicht in der Aufregung dieser Minuten vergessen. Noch einmal durchsuchte ich den ganzen Kamin, jedes Aschenh�ufchen, nichts! Immer nichts! Da fa�te ich mich an die Stirn und meinte wahnsinnig zu werden.�</p><p>Der Kranke beugte sich zu mir und starrte mir ins Auge.</p><p>�Sehen Sie, jene Hand, jene furchtbare Hand ist also nicht mit verbrannt. Sie ist heimlich, ger�uschlos fortgekrochen, w�hrend ich am Kamin besch�ftigt war. Sie ist fl�chtend in irgendeine Ecke gerannt, vielleicht dort zu jenem Fenster hinausgeklettert, denn das Fenster stand offen. Ich habe alle M�bel von der Wand ger�ckt, zitternd unter jeden Schrank, jeden Stuhl geleuchtet. Ich bin wie ein Irrer noch einmal auf die schauderhafte Kiste losgest�rzt, die die schwarzgebrannten Knochen enthielt. Ich habe sie einzeln herausgenommen, sie alle nebeneinander gelegt, bis das ganze Gerippe vor mir auf der Diele lag. Ich wischte mir hundertmal die Augen, immer fehlte die rechte Hand.</p><p>Dann die Asche des Kamins. Ich habe sie trotz der sengenden Hitze in kleinen Teilen durch meine Finger gleiten lassen, umsonst alles, umsonst. Die Hand fehlte.</p><p>Wie soll ich Ihnen schildern, was ich damals ausgestanden habe?</p><p>Niemand hatte den Buckligen bei mir eintreten sehn. Niemand hat sein Verschwinden bemerkt oder nach ihm geforscht. Dieser Mord blieb unentdeckt und unges�hnt.</p><p>Da erfand ich ein M�rchen, um es meinen Leuten wahrscheinlich zu machen, da� ich einen Spuk f�rchtete und seinetwegen nicht mehr in der Nacht der Tat hier im Hause bleiben wollte. Ein Wegziehn von hier, � ich habe wohl daran gedacht, � aber was h�tte es mir geholfen? Ich h�tte mich verd�chtig gemacht und jene Hand h�tte mich doch zu finden gewu�t. Meine Leute bangen vor dem wei�en Tier, das keiner je gesehn hat. Auch ich, es ist l�cherlich, ich habe es nicht gesehn, es ist eine Ausgeburt meiner Einbildungskraft, nicht wahr? Was soll es sonst sein, und doch f�rchte ich, wei� ich, da� es einmal kommen wird. Mit Ihrer Hilfe will ich ihm heute entgegentreten, ich mu� auch den letzten Rest jenes toten Unholds vernichten, der mir mein Leben zerst�rt hat.�</p><p>�Aber�, fragte ich, �wie k�nnen Sie an einer so unm�glichen Einbildung leiden? Nehmen wir an, es hat sich wirklich alles so begeben, wie Sie�s erz�hlt haben, wie kann eine verschwundene Hand, die Hand eines Toten, Ihnen gef�hrlich werden?�</p><p>Ich gestehe, da� ich mich mit solchen Worten selbst beruhigen wollte. Rosen entgegnete rasch:</p><p>�Wie ich daran leiden kann? Haben Sie nicht selbst gef�hlt, da� gerade diese Nacht etwas Besonderes hat? Es ist heute ganz anders, als es sonst in der Nacht zu sein pflegt, ganz anders. Oh, es gibt N�chte, in denen es hier drau�en wunderbar sch�n und friedlich ist. Ich liebe diese Einsamkeit, diesen Wald, diese Wiesen. Aber heute, die Totenstille rings um das Haus, selbst den Bach h�rt man nicht pl�tschern wie sonst. Dieses Tappen und Tasten au�en am Fenster, an den T�ren, diese leisen Schrittchen vorhin. Dies Trippeln und Rascheln auf dem Gang. Sie glaubten, es seien Ratten. O nein, das ist das wei�e Tier! Ich ahne, ja ich wei�, da� es heute wieder in der N�he ist, da� es in dieser Nacht auf mich lauert, da� es ums Haus schleicht, da� es von irgendwoher pl�tzlich auf mich zuspringen wird!�</p><p>Der Kranke sank im Stuhl zusammen, wie erdr�ckt von der Erinnerung an seine grausige Tat. Er sprach nicht mehr, st�tzte die beiden H�nde auf den S�bel, den er vor sich hielt, und seine Augen suchten im Zimmer umher.</p><p>In der Stille glaubte ich das Klopfen unsrer Herzen zu h�ren. Wir horchten und warteten. Ich wagte nicht nach der gl�henden �ffnung des Kamins zu blicken, in der Furcht, den toten Buckligen darin zu sehn.</p><p>Die Uhr schlug langsam elf Schl�ge. Rosen z�hlte sie einzeln nach.</p><p>�Elf Uhr. H�ren Sie, es ist elf Uhr!� schrie er und sprang empor. �Wie damals elf Uhr! Jetzt mu� es kommen!�</p><p>Der Ungl�ckliche begann im Zimmer auf und ab zu rennen, den blitzenden Stahl in der geballten Faust schwingend und dabei von neuem angstvoll auf den Boden, unter die M�bel, in alle Ecken sp�hend.</p><p>Pl�tzlich blieb er mitten im Zimmer stehn, den Oberk�rper weit vorgebeugt, wie ein Fechter, alle Muskeln am K�rper gestrafft, den Blick fest auf die T�r gerichtet. Schwei� perlte in Tropfen auf seiner Stirn.</p><p>Auch ich war aufgesprungen. Der Wahnsinnige mit der geschwungenen Waffe fl��te mir aber jetzt weniger Grauen ein als ein Ger�usch, das immer deutlicher wurde und sich auf den Holzdielen des Hausflurs h�ren lie�. Man n�herte sich der T�r. Aber das waren weder die ruhigen Schritte eines Menschen noch die eines Tieres, es schien mir das Kratzen von Fingern�geln zu sein.</p><p>Ich f�hlte, wie es mich vom Kopf bis zu den F��en kalt �berlief. Umsonst sah ich mich nach einer Waffe um, obgleich ich wu�te, da� sie mir nichts helfen w�rde. Im n�chsten Augenblick mu�te es hereinkommen, sich auf uns st�rzen, dies gespenstische, wei�e Tier. Ich rief laut, wiederholt schrie ich:</p><p>�Es ist nichts! Es ist bestimmt nichts, bleiben Sie um Gottes willen ruhig!�</p><p>Aber so sehr ich mir auch selbst immer wieder einreden wollte, da� es nichts anderes sei als der n�chtliche Traum eines Fieberkranken. Es wollte mir nicht gelingen.</p><p>�Es kommt!� keuchte Rosen.</p><p>Seine in sinnloser Furcht erweiterten Augen folgten einem unsichtbaren Wesen, das sich ihm auf der Diele kriechend n�hern mu�te, denn sie waren mit schauerlichem Entsetzen nach dem Boden gerichtet. Langsam hob er die bewaffnete Hand, hoch �ber seinem Haupt zum Hieb ausholend, seine Brust atmete schwer, seine grauen Haare str�ubten sich.</p><p>Ich wu�te, da war etwas. H�rte ich�s doch �ber den Boden n�herkommen, scharrende Fingern�gel. Doch ich sah nichts, so sehr ich meine Blicke anstrengte. Aber ich f�hlte, oh, ich f�hlte es deutlich, da� wir beide nicht mehr allein im Zimmer waren. Diese Augenblicke vergesse ich nie mehr in meinem Leben. Das Grausen sch�ttelte mich. Ich mu�te mich am Tisch festhalten, mir versagte der Atem. Ich war nahe daran, umzusinken, meine Sinne waren angespannt, gleich einer Bogensehne, die zu rei�en droht.</p><p>Pl�tzlich fuhr die Waffe Rosens wie ein Blitz herab, aber schon im n�chsten Augenblick stie� er einen gellenden, gr��lichen Schrei aus, taumelte r�ckw�rts, als sei ihm etwas gegen die Brust gesprungen, und st�rzte zu Boden. Seine Finger lie�en den S�bel los, mit beiden H�nden fa�te er in die Luft nach irgend etwas, das auf seiner Brust zu hocken schien. Er zerrte und ri� an einem unsichtbaren Gegner, sein Schreien ging rasch in R�cheln �ber.</p><p>Ich war nicht imstande, mich zu bewegen, meine Glieder waren wie mit Blei ausgegossen. Ich sah diesen f�rchterlichen Kampf an, ohne retten oder auch nur helfen zu k�nnen.</p><p>Nach einigen Sekunden fielen Rosens Arme schlaff l�ngs dem K�rper herab. Bald war alles ruhig. Er bewegte sich nicht mehr. Da beugte ich mich �ber ihn. Seine Augen waren weit aus ihren H�hlen getreten und verglast, der Mund war ge�ffnet, wie bei einem Erstickten.</p><p>Nun ermannte ich mich, mehr und mehr schwand das bedr�ckende Gef�hl der Abh�ngigkeit von einer au�er mir liegenden, st�rkeren Kraft.</p><p>Ich rannte an die Klingel und stemmte mich mit aller Gewalt gegen die verschlossene T�r. Auch von au�en half jemand. Sie sprang auf, der alte Diener st�rzte herbei. Er half mir den Regungslosen aufheben und nach dem Bett tragen, auf das wir ihn niederlegten. Rosen war tot. Der untr�stliche Diener versicherte immer wieder, da� sein Herr niemals krank gewesen sei, niemals �ber irgendwelche Schmerzen geklagt h�tte.</p><p>Auch die anderen Dienstboten liefen zusammen. Ich erz�hlte ihnen, was sich zugetragen, sie standen gleich mir vor einem R�tsel. Wir �ffneten alle Fenster, die dumpfe und hei�e Luft des Zimmers weichen zu lassen. Die Leute sahen auf mich mit entsetzten Mienen. Sie behaupteten sp�ter, ich h�tte im Gesicht schlohwei� ausgesehen wie eine Kalkwand.</p><p>Ich zog mich in ein Nebenzimmer zur�ck und verlie� die jammernde und schwatzende Dienerschaft, mir noch einmal das Erlebnis in allen seinen Einzelheiten zu vergegenw�rtigen und eine Erkl�rung zu finden. Noch niemals hatte ich einen ganz gesunden Menschen in so r�tselhafter Weise enden sehn.</p><p>Es vergingen mehrere Stunden, der Tag war angebrochen, in den R�umen, die nachts einen so unheimlichen Eindruck gemacht, webte helles, freundliches Licht.</p><p>Da �ffnete sich die T�r nach meinem Zimmer, der alte Diener rannte herein und stie� zitternd die Worte hervor:</p><p>�Ich bitte Sie, Herr Doktor, kommen Sie her�ber! Sehen Sie, was geschehen ist.�</p><p>Ich folgte dem Alten nach Rosens Schlafgemach. Wir traten an das Bett.</p><p>Auf dem Halse des Ungl�cklichen zeigte sich deutlich die Gestalt einer gro�en, mageren, eng um die Kehle des Toten gekrallten Hand.</p></section><section><title><p id="__Toc231461780"><emphasis>Das geheimnisvolle Telegramm von Anonymus</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Der englische Autor dieses Geheimnisvollen Telegramms� ist unbekannt; es w�re indes schade, wenn seine kleine Gespenstergeschichte dasselbe Schicksal ereilte. Es ist n�mlich eine Geschichte f�r all jene Leser, die sich f�r v�llig normal halten und da meinen, sie k�nnten �ber Geister, Spiritismus und dergleichen ganz und gar nicht normale Erscheinungen lachen � Dem Telegrafisten Davison, unserem glaubw�rdigen Berichterstatter, ist jedenfalls das Lachen vergangen.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Gegen�ber der Westfront des Hauptpostamtes in London steht ein kleines Haus, in dem die Beamten des Telegrafenb�ros einmal w�chentlich ihren Klubabend abhielten.</p><p>An einem solchen Abend war es, als uns unser alter Kollege, der Telegrafist Davison, eine seltsame Begebenheit aus seinem Leben mitteilte.</p><p>Doch ich will ihn selbst erz�hlen lassen �</p><p>Wie ihr wi�t, begann er, bin ich seit dreizehn Jahren Telegrafist. Ich bin kein nerv�ser oder �berspannter Mensch. Im Gegenteil: ich habe stets gelacht �ber Geistergeschichten, Spiritismus, Erscheinungen und dergleichen, und diejenigen, die daran wirklich glauben, als geistig nicht normal bedauert.</p><p>Diese Meinung hielt ich aufrecht, bis ich selbst etwas erlebte, das �ber die Grenzen des Nat�rlichen ging. Meine Dienstzeit in dem Londoner B�ro, in dem ich seit vier Jahren angestellt war, begann abends 7 � Uhr und dauerte bis 2 � Uhr nachts.</p><p>Eines Abends f�hlte ich mich nicht ganz wohl und erbat mir daher die Erlaubnis, etwas fr�her nach Hause gehen zu d�rfen. Kurz vor meinem Fortgehen hatte ich noch ein Telegramm auszufertigen. Es war an einen in Whitechapel wohnenden Mann adressiert, enthielt nur die Worte �Sieh Dich vor�, und war unterzeichnet mit �H�.</p><p>Ich bef�rderte das Telegramm, �bergab meinen Dienst einem Kollegen und ging heim.</p><p>Bevor ich mich schlafen legte, trat ich zuf�llig noch einmal auf den Korridor hinaus und bemerkte, da� im Badezimmer, dessen T�r halb offen stand, Licht brannte. Dies kam mir sonderbar vor; denn es war niemand im Zimmer, und ich selbst hatte das Licht nicht angez�ndet.</p><p>Ich ging hinein, um die Lampe auszul�schen. Da sah ich, da� der eine Wasserhahn nicht vollst�ndig geschlossen war; in bestimmten Zwischenr�umen fielen Tropfen auf den Boden der Badewanne. Das Ger�usch, das sie hervorriefen, irritierte mich. Aufhorchend blieb ich stehen. Wahrhaftig, die Tropfen schienen mir in einer seltsam unregelm��igen Weise zu fallen.</p><p>Aufmerksam lauschte ich und sagte dann beinahe mechanisch zu mir selbst: �Das klingt ja wie ein Telegramm!�</p><p>Tropp-tropp, tropp-tropp-tropp � es war tats�chlich ein Telegramm!</p><p>Deutlich h�rte ich, wie verschiedene Male wiederholt wurde: �Sieh Dich vor!�, und dann folgte nach einer kurzen Pause das Zeichen �H�.</p><p>Ich traute meinen Ohren nicht: es war das Telegramm, das ich zuletzt expediert hatte. Verbl�fft setzte ich mich auf den Rand der Badewanne, lauschte, beobachtete den Wasserhahn, aber � kein Zweifel, es war das Telegramm: �Sieh Dich vor!�</p><p>Im h�chsten Grade erstaunt, ging ich zu einem Kollegen, der eine Etage unter mir wohnte, und bat ihn, zu mir heraufzukommen. Auch er sollte sich von der eigent�mlichen Erscheinung �berzeugen.</p><p>Es war inzwischen sp�t geworden, und der Kollege hatte sich schon zu Bett begeben. Er war �ber die St�rung nicht gerade erfreut, erkl�rte sich jedoch schlie�lich bereit, mir zu folgen.</p><p>Von dem Telegramm erz�hlte ich ihm nichts. Ich wollte sehen, ob auch er es h�ren w�rde. Er lauschte und sagte dann erstaunt: �Das ist ja ein Telegramm! �Sieh Dich vor!�, unterzeichnet �H�.�</p><p>Ich sagte ihm, da� auch ich es so h�re.</p><p>Wir horchten und beobachteten dann noch eine Weile. Erkl�ren konnte auch er sich die Sache nicht. Schlie�lich verlie� er mich und ging wieder auf sein Zimmer, nicht ohne vorher noch weidlich �ber die Geschichte gelacht und sie f�r Unsinn erkl�rt zu haben.</p><p>Dann ging auch ich auf mein Zimmer und setzte mich an den Tisch, um noch �ber die Sache nachzudenken; zum Schlafen war ich doch zu aufgeregt.</p><p>Endlich erhob ich mich, ging zum Waschtisch, um mich auszukleiden, und sah, noch immer �ber das Telegramm nachdenkend, in den Spiegel.</p><p>Ich war starr! Auf dem Platz, den ich eben noch eingenommen hatte, sa� ein Mann und schrieb!</p><p>Das Blut stockte mir in den Adern. Es war mir unm�glich, mich umzuwenden und der Erscheinung direkt ins Angesicht zu sehen. Meine Augen waren wie gebannt an das Bild im Spiegel!</p><p>Es war ein gro�er, schlanker Mann. Sein Gesicht war farblos, wei� wie Kalk, und unter den Augen sah ich gro�e, dunkle Ringe. Ein �hnliches Gesicht hatte ich einst in der Morgue, der Pariser Leichenhalle, gesehen. Der gr�nliche Schatten unter den Augen jenes Toten hatte genau dieselbe Farbe wie die dunklen Ringe unter den Augen dieses Mannes.</p><p>Ich beobachtete seine Hand � sie malte ein gro�es �S�. Dann kam ein �i�, ein �e� und �h�. Dann schrieb sie ein gro�es �D� und so fort. � �Sieh Dich vor!� Ich wu�te genau, wie der n�chste Buchstabe lauten w�rde � es war ein �H�.</p><p>Der Mann stand auf. Von meiner Anwesenheit schien er nichts zu wissen. Er sah weder nach mir, noch wendete er �berhaupt sein Gesicht. Lautlos ging er durch die offene T�r hinaus auf den Korridor.</p><p>Ich stand und sah in den Spiegel, nicht imstande, mich zu bewegen. Jeden Augenblick erwartete ich die R�ckkehr der Erscheinung aus dem Dunkel des Korridors. Aber sie kam nicht zur�ck, und ich fand schlie�lich den Mut, an den Tisch zu treten, um zu sehen, was dort geschrieben stand. Wie gro� aber war mein Erstaunen, als ich nicht ein einziges Wort fand.</p><p>Ich ging zur T�r, schlo� sie leise und nahm Platz. Hatte ich getr�umt? Was war eigentlich geschehen?</p><p>Wie lange ich in dieser Verfassung gesessen habe, wei� ich nicht; aber pl�tzlich h�rte ich das lustige Zwitschern der V�gel aus dem nahen Garten zu mir dringen.</p><p>An Schlaf war bei meinem aufgeregten Zustand nicht zu denken. Mein Kopf gl�hte fieberhaft, ich ging deshalb an das Fenster, um die k�hle Morgenluft zu atmen.</p><p>Eine Zeitlang sah ich hinunter in die Stra�en, die um diese Zeit g�nzlich vereinsamt lagen. Da, wie aus der Erde auftauchend, erschien auf dem Gehsteig dr�ben pl�tzlich ein Mann. Er verursachte nicht das geringste Ger�usch; geisterhaft schien er �ber das Pflaster dahinzuschweben.</p><p>Als er sich meinem Fenster gegen�ber befand, blieb er stehen. Er drehte mir anfangs den R�cken zu; pl�tzlich aber wandte er sich zu mir um und sah mir ins Gesicht.</p><p>Unsere Blicke trafen sich. Ein angstvoller Ausdruck war in seinen Z�gen, und er zeigte mit dem Arm nach Osten.</p><p>Es war der Fremde, der mich in der Nacht besucht hatte!</p><p>Best�rzt von all diesem Geheimnisvollen lehnte ich mich weit aus dem Fenster und rief den Fremden, als er sich zum Gehen wandte, mit lauter Stimme an.</p><p>Ob er mich nicht h�rte oder nicht h�ren wollte, � ich wei� es nicht. Jedenfalls beachtete er weder mein Rufen, noch blickte er sich um; ich bemerkte nur noch, da� er um die n�chste Stra�enecke verschwand.</p><p>So rasch ich konnte, lief ich die Treppe hinunter und auf die Stra�e, um ihm zu folgen. Ich erreichte die Ecke, um die er gegangen war, noch bevor er bei der n�chsten Ecke angelangt sein konnte. Aber keine Spur mehr von ihm war zu sehen. Auch wenn er gelaufen w�re, h�tte er mir nicht so schnell aus den Augen kommen k�nnen.</p><p>Nach Hause zu gehn und zu ruhen, hatte keinen Sinn. Unwillk�rlich schlug ich die Richtung nach meinem B�ro ein.</p><p>Als ich dort ankam, war nat�rlich jeder erstaunt, mich zu sehen. Ich erkl�rte, ich sei nerv�s und k�nne nicht schlafen, suchte aus den Telegrammf�chern die Abschrift des Telegramms heraus, das mit �H� gezeichnet war, und fand auch die Adresse. Ich notierte sie mir in der Absicht, den Adressaten aufzusuchen. Obgleich ich mir sagte, da� es aufdringlich und unberechtigt von mir sein w�rde, dem Empf�nger des Telegramms irgend welche Fragen zu stellen, wollte ich hin.</p><p>Ich ging dann schnell durch die Stra�en, in der etwas bangen Erwartung, den Mann, der mich zweimal in wenigen Stunden wie ein Gespenst genarrt hatte, wiederzusehen.</p><p>Vor dem bezeichneten Hause stie� ich auf eine gro�e Menschenmenge. Ich versuchte mich durchzudr�ngen, wurde aber angehalten und mit Fragen best�rmt; man hielt mich f�r einen Detektiv.</p><p>Erst nach meiner gegenteiligen Versicherung lie� man mich los, und es gelang mir, durch den Haufen der aufgeregten Leute hindurchzukommen. Ich fragte einen an der T�r postierten Schutzmann, den ich kannte, was denn passiert sei.</p><p>�Ein schrecklicher Mord ist in diesem Hause ver�bt worden�, antwortete er. �Wenn Sie wollen, k�nnen Sie hineingehen.�</p><p>Ich ging hinein und wurde von einem zweiten Schutzmann in ein kleines Zimmer gef�hrt.</p><p>Es war ein schrecklicher Anblick, der sich mir bot. Der K�rper eines Mannes lag auf dem Boden in einer Blutlache. Blut �berall � und neben dem K�rper eine Axt.</p><p>Ich mu�te mich mit Gewalt abwenden; etwas in den Z�gen des Mannes aber zog meine Blicke immer wieder an. Dieses Gesicht hatte ich schon einmal gesehen; doch konnte ich mir �ber die Pers�nlichkeit, der es geh�rte, nicht klar werden.</p><p>Der Beamte durchsuchte die Taschen des Toten nach etwaigen Papieren. In seiner Westentasche fand er ein Telegramm. Er entfaltete es und las: �Sieh Dich vor! H.�</p><p>Es war das Telegramm, das ich zuletzt expediert hatte.</p><p>Ganz verst�rt von dem Erlebten ging ich hinaus, nahm eine Droschke und fuhr nach dem Amt, wo ich die Geschichte einem Kollegen erz�hlte. Der sah mich nur zweiflerisch an; er schien zu glauben, mein Gehirn habe wohl etwas gelitten.</p><empty-line/><p>Sechs Monate waren vergangen, und der M�rder war noch nicht ergriffen. Alle Recherchen der Polizei waren ergebnislos geblieben. Es gab auch nicht einen einzigen Anhaltspunkt, wo die Ermittlungen h�tten einsetzen k�nnen.</p><p>Aber die Erscheinung, die ich in jener Nacht gehabt hatte, kam mir nicht aus dem Sinn.</p><p>Eines Abends, als ich wie gew�hnlich an meinem Schalter sa�, betrat ein gro�er, kr�ftig gebauter Mann das B�ro, ging zu dem Pult am Fenster, nahm ein Telegrammformular und begann zu schreiben. Als es fertig war, kam er auf meinen Schalter zu, um das Telegramm bei mir aufzugeben.</p><p>Ich sah ihm ins Gesicht; es war die Erscheinung aus jener Nacht! Und doch, dieser Mann sah anders aus. Sein Gesicht war fleischiger, seine Stirn niedriger; es hatte einen Ausdruck des Brutalen, Rohen. Und auch die dunklen Ringe unter den Augen fehlten.</p><p>So ruhig wie m�glich nahm ich das Telegramm entgegen. Grad als ich die Worte z�hlte, kam einer meiner Mitarbeiter herein. Ich ging zu ihm und sagte zu ihm, so leise es meine Erregung zulie�, dieser Mann sei der M�rder von Whitechapel, wir m��ten ihn verhaften lassen.</p><p>Der Mann sah uns beobachtend von der Seite an. Sobald wir dies bemerkten, hielten wir mit Sprechen inne. Ich ging zum Schalter zur�ck. W�hrend ich so langsam wie m�glich die Sendung fertig machte, verlie� mein Kollege das B�ro, um einen Schutzmann herbeizuholen.</p><p>Um Zeit zu gewinnen, versuchte ich meinen Partner in eine Unterhaltung zu verstricken; aber das Sprechen behagte ihm nicht. Als er bezahlt hatte, wandte er sich zum Gehen.</p><p>Es war nun f�r mich h�chste Zeit, zu handeln. Ich ber�hrte seinen Arm und sagte: �Entschuldigen Sie ��</p><p>Es war der schlechteste Gedanke, der mir kommen konnte; denn der Fremde durchschaute meine Absicht sofort. Mit einem Fluch warf er sich auf mich und packte mich blitzschnell bei der Kehle.</p><p>�Du Schuft, du willst mich fangen!� zischte er.</p><p>Er pre�te seinen Daumen tief in meinen Hals und dr�ckte mir so die Luft ab. Mir schwanden die Sinne.</p><p>Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem Hospitalzimmer. Man erz�hlte mir, der Fremde h�tte mich beinahe get�tet, aber zur rechten Zeit seien die Schutzleute erschienen und h�tten mich befreit.</p><p>Vor dem Untersuchungsrichter bekannte der Gefangene, da� er der M�rder von Whitechapelhouse sei. Sp�ter wurde er zum Tode verurteilt.</p><p>Der M�rder hatte einen Bekannten in Louth, namens Anthony Usina. Er verlor einst gegen diesen im Spiel eine gr��ere Summe. Durch den Verlust und durch reichlich genossenen Alkohol erregt, fing er mit ihm H�ndel an, die jedoch zu seinen Ungunsten ausfielen. Er schwor seinem Freunde Rache; und als Usina nach London ging, folgte er ihm.</p><p>Des M�rders Bruder, ein in Louth hochangesehener Mann, der seine Absicht erriet, bem�hte sich vergebens, ihn zur�ckzuhalten. Er wollte nicht indirekt den Tod eines Menschen verschulden; und deshalb schickte er das Telegramm an Usina, um ihn zu warnen. Einige Stunden sp�ter erlag er pl�tzlich einem Schlaganfall.</p><p>Dieser pl�tzliche Tod ist meiner Ansicht nach die unmittelbare Ursache der Erscheinung und des eigent�mlichen Tr�pfelns gewesen. Die Gedanken des Mannes hatten sich unausgesetzt mit der Verhinderung des geplanten Verbrechens besch�ftigt. Sein Tod aber machte es ihm unm�glich, dem Morde vorzubeugen. Der K�rper war tot, der Geist jedoch lebte weiter und versuchte, aller irdischen Fesseln ledig, mich als den einzigen, der von dem Telegramm wu�te, zu bewegen, den Ermordeten zu warnen.</p><p>Ich kam zu sp�t. Doch wenn ich auch nicht das ungl�ckliche Opfer vor dem Tode bewahren konnte, so wurde ich doch in jener Nacht zum Werkzeug des Schicksals, das den M�rder ereilte, als er sich am sichersten f�hlte.</p></section><section><title><p id="__Toc231461782"><emphasis>Der geraubte Arm von Vilhelm Bergs�e</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Die �Gespensternovellen� des d�nischen Zoologen und Schriftstellers Vilhelm Bergs�e (1835-1911) erschienen in der �bersetzung Adolf Strodtmanns 1873 in Berlin, ein Jahr nach der d�nischen Erstausgabe. Sie machten den Namen dieses in seiner Heimat vielgelesenen Autors auch in Deutschland bekannt. Eine Reihe seiner Erz�hlungen und Romane spielt in Italien, wo Bergs�e lange Zeit lebte. �Der geraubte Arm� ist eine seiner besten Gespensternovellen, die sich durch eine spannende Handlung, den Reichtum an interessanten Charakteren aus dem Studentenmilieu und durch effektvoll wechselnde, abenteuerliche und schaurige Szenen auszeichnen.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Es war Weihnachtsabend. Drau�en auf den Feldern lag der Schnee dick und dicht in sanften Wellenlinien �ber der Erde; er hing wie Silbertuch auf den schwarzen Dornhecken, von welchen dann und wann ein aus seiner Nachtruhe emporgescheuchter Vogel aufflog, � emporgescheucht durch das Schellengel�ut eines Schlittens, der sich in rascher Fahrt dem Pfarrhause n�herte, dessen Fenster am Ende der Dorfstra�e blinkten.</p><p>Im Pfarrhause war alles voll stiller Erwartung. Die Jugend war in der gro�en Gartenstube versammelt, man hatte um den Weihnachtsbaum getanzt, man hatte ihn gepl�ndert und die Lichter ausgel�scht, man hatte Vetter Jakobs sinnreichen Einfall bewundert, einen Kiefernzweig statt des Mistelzweiges unter der Decke anzubringen, und man w�rde schon l�ngst zu Tisch gegangen sein, wenn sich nicht das seltsame, aber unbestreitbare Faktum ereignet h�tte, da� Doktor Siemsen noch nicht eingetroffen war. Das war mehr als seltsam, � denn im Pfarrhause geh�rte Doktor Siemsen mit zum Weihnachtsabend und war ein ebenso notwendiger Teil desselben wie der Weihnachtsbaum, die Pfeffern�sse, Apfelkuchen und der Punsch. Unz�hlig waren daher die Vermutungen �ber den Grund seines Ausbleibens, in denen man sich erging, und Vetter Jakob stand schon im Begriff, einen l�ngeren Erkl�rungsvortrag zu halten, als man drau�en auf dem Hofe dasselbe Schellengel�ute vernahm, welches die einzelnen V�gel an der Landstra�e aufgescheucht hatte.</p><p>Es war ein possierliches Fuhrwerk, das in diesem Augenblicke auf dem Pfarrhof einschwenkte und vor der ehrw�rdigen alten Steintreppe still hielt.</p><p>Zuerst ein gelber norwegischer Kiepper, der mi�vergn�gt den Kopf mit dem Schellengel�ut und der roten H�rnerzier sch�ttelte; sodann etwas, das wie ein hochlehniger, altmodischer Sessel aussah, oben mit einem ledernen Kutschverdeck und unten mit einem riesigen Fu�sack, � das alles auf ein Schlittengestell gesetzt, welches zum �berfl�sse noch eine Art von Komptoirbock trug, der als Sitz f�r den Kutscher bestimmt zu sein schien, wenn ein solcher vonn�ten war.</p><p>F�r die Bewohner des Pfarrhauses schien jedoch dies Gef�hrt nichts Neues oder Ungew�hnliches zu sein. Der Pfarrer kn�pfte selbst den Fu�sack auf, legte das Verdeck zur�ck und zog unter herzlichen Willkommsgr��en einen kleinen Mann von dem hochlehnigen Sessel herab, w�hrend die Jugend auf der Steintreppe mit lauter Stimme den Refrain des alten Liedes intonierte: �Hurra, der Herr Doktor ist da!�</p><p>Es war wirklich Doktor Siemsen, der lang erwartete Gast, welcher sich jetzt der Versammlung als einen kleinen beh�bigen, rotb�ckigen Mann mit einem klugen Gesicht und einem ehrw�rdigen schwarzen Samtk�ppchen zu erkennen gab, wohlgemerkt nachdem er sich auf der Vordiele der verschiedenen Umh�llungen von Seehundsfell-M�tze, Schafspelz und Pelzstiefeln entledigt hatte, die ihm auf den ersten Blick das Aussehen eines Eskimos oder Nordpolfahrers verliehen hatten. Es war leicht zu sehen, da� Doktor Siemsen ein alter Bekannter des Hauses war, und da� er wenigstens heute abend nicht wegen eines Krankheits- oder Sterbefalles herkam, so umjubelten ihn die Kinder, w�hrend sie ihn im Triumph in das Speisezimmer zogen, wo er unter einer wohlgesetzten Rede Vetter Jakobs am Hauptende des Tisches neben dem Pfarrer Platz nehmen mu�te.</p><p>Die Mahlzeit war vor�ber, Vetter Jakob hatte mehrmals Zeit gefunden, die Bedeutung des Kiefernzweiges zu erkl�ren und von seiner Reise nach England zu erz�hlen, Doktor Siemsen hatte praktisch bewiesen, da� derselbe sich auch wirklich wie der beste Mistelzweig benutzen lie�, als der Pfarrer pl�tzlich fragte: �Nun, Siemsen, was geben Sie uns denn am heutigen Weihnachtsabend zum Besten? Haben Sie die Geschichte mitgebracht?�</p><p>�Ja, die Geschichte, die Geschichte, liebster Doktor Siemsen!� schrien die Kinder durcheinander. �Sie m�ssen uns Ihre Geschichte erz�hlen!�</p><p>�Die Geschichte?� wiederholte Doktor Siemsen mit so verwunderter Miene, als sei diese Zumutung etwas ganz Neues f�r ihn.</p><p>�Jawohl, machen Sie kein so unschuldiges Gesicht�, sagte der Pfarrer. �Seit f�nfzehn Jahren haben Sie uns jeden Weihnachtsabend eine Geschichte erz�hlt, da m��te es doch wunderlich zugehen, wenn Sie heut abend keine in petto h�tten.�</p><p>�Man sagt, Sie ers�nnen dieselben, wenn Sie auf die Praxis fahren�, schaltete Jakob ein. �Sie sind ja der gr��te M�rchendichter der Gegend. Sie m�ssen uns wirklich eine Geschichte erz�hlen; denn als ich in England war ��</p><p>�Sei�s denn!� unterbrach ihn Doktor Siemsen mit einem feinen ironischen L�cheln, das Vetter Jakob nicht bemerkte. �Was w�nschen Sie?�</p><p>�Eine rechte Weihnachtsgeschichte�, rief Vetter Jakob, �etwas Romantisches, etwas D�monisches � la Dickens.�</p><p>�Ja, eine Spukgeschichte!� stimmte der �lteste Pfarrersknabe ein. �Dann blasen wir die Lichter aus und schrauben die Lampe nieder, und dann schreit Karoline, wenn das Gespenst kommt.�</p><p>�Wie abscheulich du bist, Fritz!� schmollte Karoline und ward blutrot. �Das hab� ich nur einmal getan, und das sind �ber f�nf Jahre her. Jetzt will ich gerade eine Spukgeschichte haben.�</p><p>�Ach nein, nein, bester Doktor Siemsen!� rief eine der Freundinnen aus der Stadt. �Erz�hlen Sie lieber etwas Spa�haftes aus Ihrer Jugendzeit, etwas aus dem Studentenleben, das verstehen Sie so pr�chtig.�</p><p>�Lassen Sie ein wenig Moral darin enthalten sein�, bemerkte der Pfarrer, welcher eifrig damit besch�ftigt war, eine Pfeife f�r seinen alten Freund zu stopfen und ein Glas Punsch zu bereiten, das er auf den kleinen Tisch neben dem Lehnsessel stellte.</p><p>�Wohlan�, sagte der Doktor mit einem schelmischen L�cheln, �ich will versuchen, das Verlangen aller Teile zu befriedigen, obschon mir das schwer genug fallen mag. Ich sprach unterwegs bei Peter Nielsen vor, welcher vergangenes Jahr �berfahren wurde und den rechten Arm brach. Das erinnerte mich an eine kleine Geschichte aus meiner ersten Studentenzeit, und auf der Fahrt hierher hab� ich �ber die Form nachgedacht, welche man ihr geben k�nnte. Wollen Sie sie h�ren?�</p><p>Der Pfarrer nickte, die Kinder hatten schon ihre St�hle n�her zu dem jovialen Doktor heranger�ckt, welcher, nachdem er von dem Punsch genippt und seine Pfeife angez�ndet, folgenderma�en begann:</p><p>�Es war in meinen jungen Tagen, das hei�t�, f�gte Doktor Siemsen l�chelnd hinzu, �ich z�hlte achtzehn bis neunzehn Jahre, als S�lling mein Repetent in der Anatomie war. Dieser S�lling war ein trefflicher Bursche, stets voller Spa�e und scherzhafter Einf�lle und immer gleich lustig aufgelegt, ob er nun am Seziertische oder bei einer Bowle im alten Akademikum sa�. Er hatte nur einen Fehler, wenn man das �berhaupt einen Fehler nennen kann, n�mlich seinen �bertriebenen Anspruch auf P�nktlichkeit. Kam man nur einige Minuten zu sp�t, gleich brummte S�lling und wurde an dem Abend nicht wieder freundlich gestimmt; er selbst kam niemals zu sp�t, wenigstens nicht in unserem Kreise.</p><p>An einem Mittwochabend sollte die kleine Schar sich, wie gew�hnlich, pr�zise um sieben Uhr bei mir in der Regenz<a l:href="#n2" type="note">[2]</a> versammeln. Ich hatte zu diesem Zwecke die gew�hnlichen gro�artigen Vorbereitungen getroffen; ich hatte ein paar St�hle zu den meinigen geliehen; ich hatte alle meine Pfeifen gestopft und hatte Hans dazu bewogen, das Fr�hst�cksgeschirr vom Sofa zu entfernen, wohin er es regelm��ig stellte, statt es auf den Korridor hinauszutragen. Allm�hlich versammelte sich die Gesellschaft, die Uhr schlug sieben, aber zu unserer gro�en Verwunderung sahen und h�rten wir nichts von S�lling.</p><p>Die Uhr wies zwei, drei, ja f�nf Minuten nach sieben, ehe wir S�lling die Treppe heraufkommen und in gewohnter Weise mit kurzen Schl�gen an die T�r klopfen h�rten. Als er eintrat, sah er so �rgerlich und gleichzeitig so verst�rt aus, da� ich unwillk�rlich ausrief: �Was ist Ihnen, S�lling? Man hat Sie doch nicht bestohlen?�</p><p>�Allerdings hat man das�, erwiderte S�lling verdrie�lich; �und es ist kein gew�hnlicher Dieb gewesen�, f�gte er hinzu, indem er seinen Oberrock an den T�rnagel h�ngte.</p><p>�Was ist Ihnen denn fortgekommen?� fragte mein Schlafkamerad Nansen.</p><p>�Beide Arme meines Skeletts, das ich gerade vom allgemeinen Hospital erhalten hatte�, sagte S�lling mit einer Miene, als h�tte man ihm seinen letzten Pfennig gestohlen. �Es ist reiner Vandalismus!�</p><p>Wir andern brachen in ein Gel�chter �ber einen so absonderlichen Diebstahl aus, aber S�lling fuhr fort:</p><p>�Kann jemand von euch das begreifen? Beide Arme futsch, gerade im Schultergelenk abgeschnitten, und, was das Seltsamste ist, dasselbe war bei meinem alten, r�ucherigen Skelett der Fall, welches drinnen in meiner Schlafstube stand � nicht mehr Arme, als hier auf meiner flachen Hand!�</p><p>�Das ist schlimm�, bemerkte ich; �wir sollten ja heute abend gerade die Anatomie des Armes durchnehmen.�</p><p>�Osteologie!� verbesserte S�lling ernsthaft. �Hole dein Skelett hervor, kleiner Siemsen! Es ist nicht so gut wie meins, aber wir k�nnen uns immerhin f�r heute damit behelfen.</p><p>Ich schritt nach der Fensterecke, wo ich hinter einem einfachen gr�nen Shirting-Vorhang meine anatomischen Sch�tze � �das Museum�, wie S�lling es nannte � verbarg. Aber wer schildert meine Verbl�fftheit, ja, meinen Schreck, als ich zwar mein Skelett auf seinem alten Platze und, wie gew�hnlich, mit der Studentenuniform, Tschako, S�bel und Patronentasche geschm�ckt fand, aber � ohne Arme.</p><p>�Zum Henker!� schrie S�lling, �Das ist derselbe Dieb, der bei mir gewesen ist; die Arme sind ganz auf dieselbe Weise vom Schulterblatte gel�st, wie in meiner Wohnung. Das hast du selbst getan, kleiner Siemsen!�</p><p>Ich beteuerte meine vollkommene Unschuld, w�hrend ich mich gleichzeitig �ber die Mi�handlung meines sch�nen Skeletts �rgerte; aber Nansen rief: �Wartet einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.�</p><p>Mit diesen Worten scho� er in sein Zimmer, kehrte aber fast in demselben Augenblick bla� und verlegen zur�ck. Das Skelett war noch dagewesen, aber die Arme waren verschwunden, gestohlen, und die Schulterb�nder ganz auf dieselbe Art wie bei dem meinen zerschnitten.</p><p>Die Sache, welche an und f�r sich r�tselhaft war, begann jetzt unheimlich zu werden. Vergebens zerbrachen wir uns die K�pfe mit Vermutungen und Erkl�rungen; wir kamen dadurch nicht weiter und sandten zuletzt jemanden nach der anderen Seite des Korridors, wo der junge Student Ravn wohnte, der, wie ich wu�te, von dem Portier des allgemeinen Hospitals gestern ein Skelett erhalten hatte. Hier zeigte sich indes eine neue Schwierigkeit; Ravn war ausgegangen und hatte den Schl�ssel mitgenommen. Hans konnte die T�r nicht aufmachen, obschon sie sonst willig genug war, und ein Bote, den wir nach dem Korridor der Isl�nder hin�ber schickten, kam mit dem Bescheide zur�ck, da� Bj�vulf Skafteson seinen Stubengenossen Einar Skallefanger mit dem einzigen dort vorhandenen Skelette solcherma�en �verarbeitet� habe, da� nur noch ein Paar zerbrochene H�ftknochen �brig geblieben. Hier war guter Rat teuer. Keiner von uns begriff den Zusammenhang. S�lling schalt und fluchte abwechselnd, und die Gesellschaft stand im Begriff aufzubrechen, als wir pl�tzlich jemand die Treppe heraufpoltern h�rten. Gleich darauf ward die T�r aufgerissen, und herein trat eine seltsam hohe und d�rre Gestalt. Es war Niels Daae, ein �ltlicher Student, den wir damals alle sehr gut kannten.</p><p>Er war ein schnurriger Gesell, dieser Niels Daae, der echte Typus einer Rasse, die jetzt fast ausgestorben ist, die aber zu meiner Zeit nicht so selten war. Er hatte durch ein seltsames Spiel der Verh�ltnisse, wie er es selbst nannte, fast alle Fakult�ten durchgemacht und konnte Zeugnisse vorlegen, da� er nahe daran gewesen war, nicht nur ein, sondern drei ganze Examina zu bestehen.</p><p>Er hatte als Theologe begonnen, aber die Erkl�rung des Erbschaftsverh�ltnisses zwischen Jakob und Esau hatte ihn zur Jurisprudenz hingef�hrt. Als Jurist war er durch einen interessanten Giftmischerfall zu der Erkenntnis gelangt, da� das medizinische Studium ein h�chst notwendiges Nebenfach sei, das keinesfalls vernachl�ssigt werden d�rfe, und er hatte sich deshalb mit solchem Eifer auf dasselbe geworfen, da� er das Jus vergessen hatte und der Erwartung leben durfte, mit vierzig Jahren sein Examen zu bestehen und im gesetzten Alter eines F�nfzigers Praxis zu bekommen.</p><p>Niels Daae nahm die Sache, welche wir diskutierten, sehr ernsthaft. �Jeder Topf�, sagte er, �hat zwei Henkel, jede Wurst zwei Zipfel, jede Sache zwei Seiten, ausgenommen die vorliegende, welche drei hat. (Beifall.) Vom juristischen Standpunkte betrachtet, f�llt sie unzweifelhaft unter die Kategorie Diebstahl, oder vielmehr Einbruch, oder vielmehr noch richtiger Einbruchsdiebstahl. Indes kann die Sache eine Kollision von Begriffen und dadurch eine Begriffsverwirrung hervorrufen, was uns zur medizinischen Seite der Sache hinf�hrt, welche deutlich ergibt, da� der Dieb in geistig unzurechnungsf�higem Zustande gehandelt hat, sintemal er nur Arme stahl, wo er ebensogut ganze Skelette h�tte nehmen k�nnen. Ist er also von juridischem Standpunkte wegen Diebstahls oder zum mindesten wegen ungesetzlicher Aneignung fremden Eigentums zu verurteilen, so mu� ich ihn von medizinischem Standpunkte aus freisprechen, weil er in unzurechnungsf�higen Zustande war. Hier geraten also zwei Fakult�ten, rein fachm��ig betrachtet, in Streit miteinander, und das Recht ist unentschieden. � Aber jetzt�, fuhr Niels Daae fort, �vermittle ich die Streitsache vom theologischen Standpunkt zu einer h�heren Einheit, welche auf das Universelle hinweist. Die Vorsehung hat n�mlich in Gestalt eines G�nners in J�tland, dessen Kindern ich die Fr�chte der Weisheit eingepfropft habe, mir zwei fette G�nse und zwei veritable Enten geschickt, welche heut abend bei Lars Mathiesen verspeist werden sollen, wohin ich die verehrliche Gesellschaft einlade, indem ich in dem Verschwinden der Arme nur die allweise Leitung der Vorsehung erblicken kann, welche in ihrer unbegreiflichen Weisheit sich der Weisheit widersetzt, die sonst von den Lippen meines w�rdigen Freundes S�lling geflossen sein w�rde.�</p><p>Daaes etwas konfuse Rede wurde mit Gel�chter und Beifallrufen aufgenommen, und nur S�lling erhob ein paar schwache Einwendungen, welche indessen bald in der Flut von Lustigkeit und scherzhaften Einf�llen erstickt wurden, die Niels Daaes pl�tzliches Erscheinen hervorgerufen hatte.</p><p>Ich habe oft Gelegenheit gehabt, die Beobachtung zu machen, da� improvisierte Gelage die heitersten sind, und so war es auch an jenem Abend. Niels Daae regalierte uns mit den Enten und mit seinen besten Einf�llen, S�lling sang seine besten Lieder, der joviale Lars Mathiesen erz�hlte seine besten Geschichten, und das Bankett war im sch�nsten Gange, als wir drau�en auf der Stra�e Geschrei und Rufen verschiedener Stimmen vernahmen, dann ein dumpfes Gekrach, begleitet vom Klirren zerbrochener Scheiben, mit ein paar gellenden Wehlauten untermischt.</p><p>�Es ist ein Ungl�ck geschehen!� rief S�lling, welcher im Handumdrehen drau�en vor der T�re war, � und es verhielt sich wirklich so. Als wir auf Alleegaden hinaus kamen, sahen wir, da� ein Paar durchgehende Pferde einen Kaleschwagen gegen die B�ume der Allee geschleudert hatten, und da� der Kutscher bei dieser Gelegenheit unters Rad gekommen war, das seinen rechten Arm dicht am Schultergelenk zerknickt hatte. Im Nu war unser lustiger Bankettsaal in ein Lazarett verwandelt. Gl�ser und Teller mu�ten Binden, Bandagen und den blinkenden Instrumenten der Verbandtaschen Platz machen, und unsere fr�hlichen Lieder wurden von den lauten Wehklagen des ungl�cklichen Patienten beim Verbinden abgel�st. Die Feststimmung war dahin und wollte nicht mehr zur�ckkehren, S�lling sch�ttelte den Kopf und machte eine bedeutungsvolle Geb�rde, als der ungl�ckliche Kutscher nach dem Hospital gefahren wurde. Sein Ausspruch lautete dahin, da� der Arm amputiert oder vielmehr im Schultergelenk abgel�st werden m�sse, ganz wie es bei unsern Skeletten geschehen war, � �ein verdammt sonderbares Zusammentreffen�, sagte er zu mir.</p><p>Schweigend und verstimmt wanderten wir heim auf dem alten K�nigswege, und zum ersten Male sah die ehrw�rdige Regenz ihre S�hne von einem festlichen Gelage heimkehren, gerade als der Nachtw�chter in Kannikestr�de seine bekannte, bei den Studenten sehr beliebte Variante anstimmte:</p><empty-line/><p>H�rt, ihr Herren, und la�t euch sagen,</p><p>Unsre Glock hat elf geschlagen.</p><p>Elf ist der Apostel Zahl,</p><p>Judas kommt noch �berall.</p><empty-line/><p>�Elf!� rief S�lling aus. �Das ist zu fr�h, um zu Bett zu gehen, und zu sp�t, uns noch weiter herumzutreiben. La� uns zu dir hinaufgehen, kleiner Siemsen, und versuchen, heute abend noch unsere Lektion nachzuholen. Du hast Loders anatomische Tafeln, mit denen m�ssen wir uns behelfen, es wird schwer genug halten, da� wir bis Weihnacht fertig werden. Es war auch ganz verw�nscht, da� uns just heute abend die Arme gestohlen wurden!�</p><p>�Der Doktor kann sonst leicht genug Arme und Beine bekommen, mehr als der Doktor braucht�, grinste Hans, der im selben Augenblick aus dem Tore der Regenz hervortrat, wo er S�llings letzte Worte aufgefangen hatte.</p><p>�Wieso, Hans?� fragte S�lling verwundert.</p><p>�Ih nun�, antwortete Hans, �das kann der Doktor bequem genug haben. Man hat ja das Plankwerk zwischen dem Trinitatis-Kirchhofe und der Porzellanfabrik niedergerissen und eine Rinne gegraben, um ein neues zu setzen. Das sah ich heute selbst, als ich durch den Kirchengang kam; aber herrjeses, was f�r eine Masse alter Gebeine sie da aufgew�hlt haben. Es waren Arme und Beine und K�pfe dabei, mehr als der Doktor zeitlebens gebraucht!�</p><p>�Das hilft uns leider nichts, Hans�, entgegnete S�lling. �Der Kirchengang wird ja um vier Uhr geschlossen, und es ist bald halb zw�lf.�</p><p>�Freilich wird er das�, grinste Hans abermals; �allein es gibt auch eine andere Manier, hineinzukommen, als gerade auf diesem Wege. Wenn der Doktor durch das Tor der Porzellanfabrik gehen wollte, so k�nnte er �ber den Hof und die M�hle in den sogenannten vierten Hof gelangen, welcher nach Springgaden hinausf�hrt. Dort gerade haben sie das Plankwerk niedergerissen, und von dort kann der Doktor bequem nach dem Kirchhofe gelangen.�</p><p>�Ja, Hans ist ein Genie�, rief S�lling vergn�gt, �das hab� ich immer gesagt. H�r�, kleiner Siemsen, du kennst ja die Fabrik von au�en und innen und besuchst oft den Studenten Outzen, welcher dort wohnt. Geh zu ihm hinauf und leihe von ihm den Schl�ssel zur Quarzm�hle. Du wirst schon den einen oder andern Arm finden, der nicht allzu vermodert ist. Sei nur recht flink und komme bald zur�ck, dann wollen wir andern dort oben auf dich warten.�</p><p>Ich mu� ehrlich gestehen, da� ich in diesem Augenblick keine sonderliche Lust hatte, auf den Vorschlag S�llings einzugehen. Ich war in dem Alter, wo die Piet�t vor Tod und Grab noch nicht ganz erloschen ist, und der r�tselhafte Vorfall mit den gestohlenen Armen spukte mir noch im Kopfe.</p><p>Indessen f�rchtete ich S�llings ironisches Gesicht und das sp�ttische Gel�chter meiner Kameraden fast ebensosehr, und nach kurzem Bedenken ging ich mit einer Miene fort, als sollte ich nur vom Budiker ein Bund Zigarren holen. Mit vieler M�he schellte ich den alten Pf�rtner aus seinem s��en Schlummer empor, unter dem Vorgeben, da� ich eine wichtige Bestellung an Outzen h�tte, und dann eilte ich zu diesem hinauf, dessen Fenster nach dem Kirchhofe hinausblickten. Outzen war Theologe und ein streng sittlicher Charakter; das wu�te ich sehr wohl und war deshalb ziemlich darauf vorbereitet, da� er mir den Schl�ssel verweigern w�rde, der mir Zugang zum vierten Hofe und von dort aus zum Kirchhofe verschaffen sollte.</p><p>Outzen nahm auch die Sache sehr ernsthaft. Er schob die hebr�ische Bibel, in der er bei meinem Eintritt gelesen hatte, zur�ck, schob die Lampe empor und blickte mich verwundert an, w�hrend ich meine Bitte vorbrachte.</p><p>�Es ist ein s�ndhaftes Unternehmen, das du da vorhast, lieber Siemsen�, sagte er ernsthaft, �und du t�test am besten, davon abzulassen. Von mir erh�ltst du keinen Schl�ssel zu solchem Zweck. Der Friede des Grabes ist heilig und unverletzlich; den darf niemand st�ren.�</p><p>�Wie denkst du dann �ber den Totengr�ber? Der legt jeden Tag neue Leichen zu den alten, und lebt darum nicht minder.�</p><p>�Er tut nur seine Pflicht�, antwortete Outzen ruhig, �und keiner wird ihn darob schelten. Aber der, welcher aus �berm�tiger Laune und noch mit dem Punschdampfe im Kopfe den Frieden des Grabes st�rt, mit dem ist�s ein ander Ding � er wird nicht der Strafe entgehen.�</p><p>Ich leugne nicht, da� Outzens Worte mich reizten; denn zu h�ren, da� man im Begriff stehe, eine verwegene Tat zu begehen, nur weil man betrunken und �berm�tig sei, ist etwas, das man sich nicht gern sagen l��t, zumal wenn man kaum zwanzig Jahre auf dem R�cken hat. Ohne ein Wort auf seine Einwendungen zu erwidern, ri� ich daher den gro�en, mir wohlbekannten Schl�ssel vom T�rpfosten und war in zwei Spr�ngen drau�en auf der Treppe, indem ich schwor, mir einen Arm zu verschaffen, koste es, was es wolle, und dadurch sowohl Outzen als auch S�lling und allen andern zu beweisen, da� ich ein Teufelskerl, so recht ein beherzter Bursche sei.</p><p>Mit klopfendem Herzen schlich ich durch den langen, finsteren Gang, welcher, an den �berresten des St. Clara-Klosters vor�ber, in den sogenannten dritten Hof f�hrt. Hier nahm ich eine Laterne aus der Kutscherkammer, z�ndete sie an und ging, mit der Laterne in der Hand, auf die mir wohlbekannte M�hle zu, wo der Quarz zermalmt und gemahlen wird. Wie seltsam sah sie doch bei der flackernden Beleuchtung des Talglichts in der Laterne aus, mit ihren vielen Kammr�dern, Triebr�dern und Walzen, mit ihren Knetmaschinen und Stampfen, unter welchen die Steine zermalmt werden! Schon hier begann der Mut mir zu sinken, als ich die dumpfe, feuchte Luft einatmete; aber ich ermannte mich, putzte das Licht, und schlo� die T�re zum vierten Hof mit dem Schl�ssel auf, den ich sodann wieder zu mir steckte. Wenige Schritte, und ich befand mich im Hofe und stand einen Augenblick sp�ter auf der Grenzscheide. Das ganze hohe, schwarze Plankwerk war in seiner L�nge niedergerissen, und man hatte die Erde tief aufgegraben, um festen Halt f�r eine neue Scheidemauer zwischen Leben und Tod zu gewinnen. Die �de, unheimliche Leere des Ortes ergriff mich tief, und unwillk�rlich stand ich still, um mich gleichsam gegen die Situation zu st�hlen.</p><p>Es war ein rauher, kalter, st�rmischer Abend; die Wolken trieben schnell und in zerrissenen Fetzen unter dem Monde hin, so da� der Kirchhof mit seinen wei�en Kreuzen und Leichensteinen bald in voller, bald in d�mmernder Beleuchtung lag. Dann und wann fuhr der Wind mit hohlem, klapperndem Get�se �ber die Gr�ber, sauste durch die entbl�tterten Linden, pfiff mit klagendem Laute durch Gestr�uch und Staket, verfing sich in der Ecke bei der Kirche, jagte dann �ber das Kirchendach und drehte die rostige Wetterfahne mit einem knarrenden Laut, der einem gellend in die Ohren schnitt. Ich schaute zur Linken � dort erblickte ich ein Paar seltsame wei�e Gestalten, die sich wellenf�rmig im Mondlicht zu bewegen schienen. �Laken�, sagte ich bei mir selbst, �nichts anders als wei�e Laken! Verw�nschte Unsitte, W�sche auf dem Kirchhofe zu trocknen, man sollte einen Artikel im �Polizeifreunde� dar�ber schreiben!� Ich blickte zur Rechten, dort lag ein Haufen Knochen, nicht zwei Schritte von mir entfernt. Ich n�herte mich denselben mit der Laterne in der linken Hand; tastend streckte ich die rechte nach ihnen aus, da raschelte es in dem Haufen, er sank zusammen, und etwas Warmes und Weiches ber�hrte meine Hand. Ich zuckte zusammen. �Ratten!� sagte ich bei mir selbst, �Kirchhofsratten, nichts als Kirchhofsratten! Oh, mein Gott! Ich �ngstige mich so; aber nein, ich will mich nicht �ngstigen, das ist ja l�cherlich, � albern � wo, zum Henker, bleibt doch der Arm? Es ist ja kein einziger heiler da!�</p><p>Mit fiebernder Hast und schlotternden Knien durchw�hlte ich einen Haufen nach dem andern. Das Talglicht zitterte und flackerte im Winde, pl�tzlich erlosch es, und als der fette, stinkende Unschlittsdunst mir entgegenschlug, wurde mir fast �bel zumute. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung fa�te ich mich wieder, eilte ein paar Schritte vorw�rts, und gewahrte am Ende des Kirchhofs einen Sarg, der, noch beinahe ganz erhalten, aus der Erde gehoben und unter eine H�nge-Esche gestellt war. Ich n�herte mich demselben und sah, da� er von altmodischer Form, aus ziemlich schweren, aber jetzt halb vermoderten Bohlen gezimmert war, und da� er eine Metallplatte mit einer fast erloschenen Inschrift auf dem Deckel trug. An der einen Ecke hatte der Zahn der Zeit so an den morschen Brettern genagt, da� ich ihn mit Anwendung eines Brecheisens leicht mu�te �ffnen k�nnen. Ich schaute mich um � eine Haue lag auf der Erde neben einem Paar Spaten; ich ergriff einen der letzteren, stemmte das Blatt zwischen die Bretter, und mit einem dumpfen Krach sprengte ich den Deckel auf. Mit abgewandtem Gesicht schob ich die Hand durch die �ffnung, tastete umher und erfa�te einen Arm des Skeletts, den ich mit einem kr�ftigen Ruck abri�. Dadurch l�ste sich der Kopf des Skelettes und rollte mir im selben Augenblick fast gerade vor die F��e. Ich ergriff ihn und wollte ihn wieder in den Sarg legen, aber ich sah in seinen leeren Augenh�hlen einen gr�nlichen und phosphoreszierenden Glanz schimmern, der abwechselnd kam und verschwand; ein Fiebergrausen, ein fast wahnwitziger Schreck ergriff mich. Ich zwang mich, in die H�he zu sehen, und mein Blick fiel auf ein einzelnes erhelltes Fenster in der H�userreihe gegen�ber. Dort sa� ein halbnacktes, geschminktes Frauenzimmer, im Halbschlummer nickend, bei einem fast niedergebrannten Lichtstumpfe. Ich sah hinab � die leeren Augenh�hlen leuchteten noch, aber mit einem st�rkeren Gl�nze als vorher. Ich mu�te Gewi�heit haben, ich mu�te eine nat�rliche Erkl�rung dieses Ph�nomens finden, wenn ich nicht wahnsinnig werden sollte, � das f�hlte ich. Ich ergriff den Sch�del wieder, aber nie habe ich einen so �berw�ltigenden Eindruck von dem Gesetz der Verg�nglichkeit empfangen wie in diesem Augenblick. Hunderte jener ekelhaften, feuchten Insekten, welche man Holzw�rmer nennt, wimmelten aus jeder �ffnung, jeder Spalte des Sch�dels hervor, und ein paar der gl�nzenden, schlangen�hnlichen Tausendf��ler, welche die Naturforscher Geophilen nennen, ringelten sich aus den Augenh�hlen. Unwillk�rlich mu�te ich an Heines Worte gedenken, und fast widerstrebend, k�mpfend, als verm�chte ich nicht l�nger meinen eigenen Willen zu beherrschen, mu�te ich die furchtbaren Zeilen wiederholen:</p><empty-line/><p>�Ich seh� die Toten,</p><p>Sie liegen unten in den schmalen S�rgen,</p><p>Die Hand� gefaltet und die Augen offen,</p><p>Wei� das Gewand und wei� das Angesicht,</p><p>Und durch die Lippen kriechen gelbe W�rmer.�</p><empty-line/><p>Kaum h�rte ich meine eigenen Worte, als sie mich mit Entsetzen erf�llten. Ich schleuderte den Kopf in den Sarg zur�ck, sprang in zwei S�tzen �ber die n�chsten Knochenhaufen, ohne mir Zeit zu lassen, die Laterne mitzunehmen, scho� wie von D�monen gejagt, durch die dunkle M�hle, deren Stampfen und R�der ich zu h�ren glaubte, und machte erst Halt in dem gro�en Hofraume der Fabrik, wo ich am Springbrunnen den mitgebrachten Arm wusch und meinen derangierten Anzug in Ordnung brachte. Dann schob ich meine Beute unter meinen Paletot, nickte dem Pf�rtner zu, der mich verdrie�lich brummend hinauslie�, und trat bald darauf in mein Zimmer mit einer Miene, die ich f�r vollkommen ruhig und furchtlos hielt.</p><p>�Was, zum Kuckuck, fehlt dir, kleiner Siemsen?� rief S�lling, als er mich eintreten sah. �Du hast doch keine Gespenster gesehen, oder leidest du vielleicht an dem beginnenden Katzenjammer? Du bist auch h�llisch lange fortgeblieben; die Uhr ist ja fast zw�lf.�</p><p>�Siemsen ist krank�, sagte Nansen, �gebt ihm ein Glas Wasser, ehe er ohnm�chtig wird.�</p><p>�Aber schenkt es nicht zu voll�, schrie ein anderer. �Siemsen vertr�gt heute abend nicht viel mehr.�</p><p>Jetzt war die Reihe, zu triumphieren, an mir. Rasch schlug ich den Paletot zur�ck und legte meine Beute ohne ein Wort zu reden mitten auf den Tisch.</p><p>�Tod und Teufel!� schrie S�lling in anatomischer Begeisterung. �Was f�r einen Arm hast du da erwischt? Ja, Siemsen wei�, was er tut. Seht nur, was f�r einen allerliebsten M�dchenarm er uns da gebracht hat. Seht nur diese Hand! Wie fein und klein, und wie vortrefflich konserviert! Ich bin �berzeugt, da� der Handschuh Nummer sechseinhalb ihr passen wird. Gott mag wissen, wer die gek��t und gestreichelt hat.�</p><p>Der Arm wanderte unter allgemeiner Bewunderung von Hand zu Hand, und mit jedem Worte, jeder �u�erung, die ich vernahm, stieg mein Abscheu und mein Ekel vor mir selbst. Ein M�dchenarm! Was f�r ein M�dchen mochte das gewesen sein? Jung und sch�n gewi�, der Stolz ihrer Br�der und die Freude ihrer Eltern. Fr�h war sie hingewelkt, z�rtliche Herzen hatten sie gepflegt, liebevolle Gedanken und tr�stliche Hoffnung hatten ihr Krankenlagererwacht. Ruhig und sanft war sie entschlummert, und den Frieden, der sie im Leben begleitet, hatte man ihr im Tode mitgeben wollen, deshalb war der Sarg aus schwerem, dickem Eichenholze gezimmert. Und diese Hand, die so freundlich zum Abschied und Lebewohl gewinkt, die so manchen treuen H�ndedruck empfangen, die man so geliebt und so vermi�t hatte, lag nun auf einem Anatomietische, von Tabakswolken umwallt, von neugierigen Blicken beglotzt, und ein Gegenstand der rohesten Spa�e. O mein Gott, wie gr��lich war das!</p><p>�H�r�, sagte S�lling, als die allgemeine Begeisterung sich gelegt hatte, �den Arm mu� ich haben! Wenn er mit Chlorkalk gebleicht und ein wenig mit Kopalfirnis bestrichen wird, so wird er ein ausgezeichnetes Pr�parat, den nehme ich mit!�</p><p>�Nein, das gebe ich nicht zu. Es war unrecht von mir, ihn vom Kirchhofe wegzunehmen; ich gehe gleich zur�ck und lege ihn wieder hin.�</p><p>�Nein, h�rt nur!� schrie S�lling unter dem unausl�schlichen Gel�chter der andern. �Jetzt wird die Sache, meiner Treu�, kadaver-lyrisch in des Wortes eigentlichster Bedeutung. Ich will den Arm haben, was es auch kosten mag.�</p><p>�Nein�, rief Niels Daae, �dazu bist du nicht berechtigt. Er ist begraben und in der Erde gefunden, reines Fundgut, und wir andern haben ebensoviel Recht daran wie du.�</p><p>�Jawohl, jeder kann seinen Teil davon nehmen�, schrie einer von der Gesellschaft.</p><p>�Daraus wird nichts�, rief S�lling. �Es w�re ja der sch�ndlichste Vandalismus, den Arm zu zersplittern. Was Gott zusammengef�gt hat, soll der Mensch nicht scheiden�, f�gte er pathetisch hinzu.</p><p>�Versteigert ihn!� schrie Nansen, �und la�t das Geld in die Kneipkasse wandern, die bedarf dessen sehr.�</p><p>�Jawohl, der Arm soll versteigert werden�, rief Daae, in welchem pl�tzlich der Jurist erwacht war. �Stille, meine Herren, il ne faut pas rire de la mort, wie Napoleon sagte. Ich bin Auktionator, und der Kirchhofsschl�ssel soll den Hammer spielen.�</p><p>Ein neues Gel�chter erfolgte, als Daae mit gravit�tischer W�rde am Ende des Tisches Platz nahm und mit n�selnder Stimme und monotoner Aussprache losschnarrte:</p><p>�Hiermit wird allen kund und zu wissen getan, da� am 25. November, Mitternachts pr�zise zw�lf Uhr, auf dem Korridor der Regenz, Nummer f�nf, ohne Abhaltung weiterer Auktionen, zu absolutem Verlauf ein sch�ner und zierlicher Damenarm mit dazugeh�rigem Inventar von Handwurzelknochen und Zwischengelenken samt Fingerspitzen in heilem und gutem Zustande ausgeboten wird. Es wird bemerkt, da� das Verkaufte unmittelbar nach der Auktion abzuholen ist, in der Verfassung, in welcher es sich beim Zuschlage befindet, und wird zahlungsf�higen K�ufern ein sechsw�chentlicher Kredit gew�hrt. � Ein d�nischer Schilling ist geboten!�</p><p>�Eine Mark!� rief S�lling sp�ttisch.</p><p>�Zwei Mark!� schrie einer von der Gesellschaft.</p><p>�Vier!� steigerte S�lling. �Das ist er rechtschaffen wert. Biete mit, Siemsen! Du siehst ja aus, als s��est du in einer Waschballje mit lebendigen Stichlingen.�</p><p>Ich bot gezwungen eine Mark mehr. S�lling bot einen Reichstaler; niemand ging h�her, der Hammer fiel, und der Arm geh�rte S�lling.</p><p>�Sei so gut�, sagte dieser, indem er mir ein Markst�ck reichte, �das hast du redlich verdient. Das ist dein Handgeld als Leichenr�uber. Den Rest sollst du n�chstens erhalten, falls du nicht vorziehst, ihn der Kneipkasse zu �berweisen.�</p><p>Mit diesen Worten wickelte S�lling den Arm in ein Zeitungsblatt. Alle erhoben sich, und gleich darauf polterte die lustige Gesellschaft die Treppe hinab, das Tor der Regenz wurde zugeschlagen, der L�rm verhallte auf der Stra�e, und alles ward still wie das Grab.</p><p>Es war ein seltsamer �bergang. Ich stand halb bet�ubt da und stierte das in Empfang genommene Markst�ck an, da� ich endlich mechanisch in die Westentasche steckte. Meine Gedanken waren noch in zu starker Bewegung, mein Gem�t zu aufgeregt, als da� ich h�tte schlafen k�nnen. Ich schob die Lampe so hoch wie m�glich empor und ergriff mein anatomisches Kollegienheft nebst Loders Tafeln, um mich durch Lekt�re zu beruhigen; aber das wollte mir nicht gelingen, dazu war die Unruhe meines Gem�tes zu gro�. Pl�tzlich h�rte ich einen Ton wie von einem schwingenden Perpendikel. Ich erhob das Haupt und horchte gespannt; denn weder in meinem Zimmer noch in dem Nebenzimmer befand sich eine Uhr, aber der Ton dauerte fort; im selben Augenblick begann meine Lampe zu flackern, es fehlte ihr offenbar an �l. Gerade als ich mich erheben wollte, um sie wieder zu f�llen, fiel mein Blick auf den T�rpfosten gerade gegen�ber, und ganz leise, aber rhythmisch und taktm��ig, sah ich den Kirchhofsschl�ssel, welchen ich dorthin geh�ngt hatte, sich in abgemessenen Schwingungen hin und her bewegen. Zuweilen wollten diese fast aufh�ren, aber dann erhielt der Schl�ssel einen Schlag wie von einer unsichtbaren Hand, und die Schwingungen wurden so stark, da� sie ihn fast im Kreise herumzudrehen schienen. Ich blieb einen Augenblick mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen stehen, aber der Schl�ssel fuhr fort, sich so mechanisch wie das Pendel einer Uhr zu schwingen. Ein eiskalter Schauer �berlief meinen R�cken, und der Angstschwei� perlte von meiner Stirn. Endlich vermochte ich es nicht l�nger auszuhalten; ich scho� zur T�re, ergriff den Schl�ssel mit beiden H�nden, legte ihn auf meinen Schreibtisch und bedeckte ihn mit Loders Tafeln und ein paar anderen Folianten. Erst dann sch�pfte ich wieder Atem.</p><p>Die Lampe war im Begriff zu erl�schen, und ich hatte kein �l mehr. Dann und wann blakte die Flamme hoch empor und warf einen unsicheren Flackerschein �ber mein Gemach. Die Schatten wurden bald lang, bald kurz; es war, als ob sie lebten und in schwankenden Gestalten durch das Zimmer huschten. Mit fiebernder Hast entkleidete ich mich, l�schte die Lampe aus und sprang ins Bett, um meine Visionen zu ersticken.</p><p>Aber hier schienen sie erst recht ins Leben zu erwachen. Bald war es mir, als st�nde ich auf dem Kirchhofe und h�rte die Wetterfahne der Kirche durch die Luft knarren. Dann befand ich mich in der M�hle; ich sah ihre vielen Trieb- und Kammr�der sich durcheinanderdrehen und hatte M�he, ihnen auszuweichen. Dann kam ich in einen endlos langen, niedrigen und stockfinstern Gang, wo mich etwas Unbestimmtes verfolgte, und in wildestem Entsetzen rannte ich vorw�rts, bis ich in einen bodenlosen Abgrund zu st�rzen schien, w�hrend eine riesige Last auf mir dr�ckte. Dann fuhr ich aus dem Halbschlummer empor, horchte und sp�hte umher und versank wieder in einen unruhigen Schlaf. Pl�tzlich h�rte ich etwas von oben auf meine Decke herabfallen. Surr, surr, schnurr erklang es �ber meinem Kopfe. Es war eine gro�e Brummfliege, welche in meiner Stube ihr Winterquartier aufgeschlagen und welche die starke Ofenw�rme erweckt hatte, so da� sie jetzt in gro�en Kreisen durch mein Zimmer flog. Bald war sie dicht vor meinem Ohre, bald h�rte ich sie in einiger Entfernung, dann kam sie wieder zur�ck, surrte �ber mein Gesicht, schnurrte unter der Zimmerdecke hin, stie� an den Kachelofen, fiel auf die Diele, wo sie im Staube herumschwirrte, flog dann wieder dicht �ber mir hin, surr, surr, schnurr � es war nicht mehr auszuhalten. Endlich h�rte ich sie in eine T�te mit Puderzucker kriechen, welche Hans auf der Fensterschwelle hatte liegen lassen; ich sprang auf, machte die T�te zu, aber sie schnurrte drinnen fast �rger als zuvor. Wieder ging ich zu Bett und versuchte zu schlafen, aber es wollte nicht recht gelingen. Ich begann zu z�hlen, erst bis Hundert, dann bis Tausend, und endlich empfand ich jenes Gef�hl der Ermattung, welches dem eigentlichen Schlafe vorherzugehen pflegt. Ich befand mich in einem sch�nen Garten; der Goldregen schimmerte, die Syringen dufteten, und die zarten rosenroten Bl�tter der Apfelbl�ten flatterten wie Schmetterlinge durch die Luft, wenn der laue Fr�hlingswind sie herabwehte. Neben mir ging ein sch�nes, junges M�dchen; ich kannte sie gut, und doch war es mir unm�glich, mich auf ihren Namen oder auch nur darauf zu besinnen, wie wir dazu gekommen sein, miteinander umherzuwandern. Dann und wann stand sie still, um eine fr�h aufgebl�hte Blume oder ein buntes K�ferchen auf einem Blatte zu bewundern. So schritten wir vertrauungsvoll weiter auf den kiesbedeckten Pfaden, wo die Johannisbeeren und Stachelbeeren bl�hten und wo ich deutlich das Summen der Bienen vernehmen konnte, w�hrend sie um die Blumenkelche gaukelten. Pl�tzlich fuhr ein kalter Zugwind durch den Garten, das junge M�dchen erbebte, und ihre Wangen erblichen.</p><p>�Friert dich denn nicht?� sagte sie zu mir.</p><p>�Mich friert! Merkst du nicht, da� Nacht und Tod herannahen?�</p><p>Ich wollte antworten; aber im selben Augenblick fuhr ein neuer, st�rkerer, eisiger Windhauch durch den Garten. Die Bl�tter verwelkten auf den B�umen, die Blumen senkten ihre H�upter, und die Bienen fielen von den Johannisbeerbl�ten tot zur Erde.</p><p>�Er kommt!� fl�sterte sie schaudernd. Ich wollte sie an meine Brust dr�cken, aber es war, als verbla�te und verschw�nde ihre Gestalt und st�nde undeutlich in der Luft. Da sauste ein dritter, noch heftigerer Sturm durch den Garten. Das Laub flog gelb und d�rr in gro�en Haufen an der Erde hin und wurde dann wild in die Luft emporgewirbelt. Die bl�henden Str�ucher wurden im Nu schwarz und kahl, Kreuze und Grabdenkm�ler traten unter den entbl�tterten B�umen hervor; � ich stand wieder auf dem Kirchhofe, und die rostige Wetterfahne knarrte schrill durch die Luft. Neben mir stand ein starker, messingbeschlagener Sarg von Eichenholz mit einer Metallplatte auf dem Deckel. Ich beugte mich hinab, um die Inschrift zu lesen. Da flog pl�tzlich der Deckel schwer zur�ck, und aus dem Sarg erhob sich das junge M�dchen, das ich im Sarge gesehen. Ich wollte ihr zu Hilfe eilen, und sie in meine Arme schlie�en, da � o Grausen! � sah ich an den gl�sernen Augen, da� es jenes gefallene Weib sei, das ich bei dem Lichtstumpfe im Fenster hatte nicken sehen. Wild umschlang sie mich und zog mich in den Sarg hinab. Der Atem verging mir, ich schrie laut um Hilfe und � erwachte dadurch.</p><p>Mein Zimmer kam mir ungew�hnlich hell vor, aber ich entsann mich, da� wir Mondschein h�tten, und dachte nicht weiter daran. �brigens schienen manche Begebenheiten meines Traumes ihre nat�rliche Erkl�rung durch die Umgebungen zu finden, in welchen ich geschlafen hatte. Die Fliege surrte noch in der T�te wie ein ganzer Bienenschwarm; eines der oberen Fenster war aufgesprungen, und die Nachtluft drang durch dasselbe in mein Zimmer. Ich stand auf, um es zu schlie�en, und bemerkte erst jetzt, da� das starke, helle Licht, welches mein Gemach erf�llte, nicht vom Monde kam, sondern gleichsam von der Kirche gegen�ber ausstrahlte. Im selben Augenblick begannen die Glocken zu l�uten, erst ged�mpft und wie in weiter Ferne, dann st�rker und st�rker, bis sie endlich, mit dem Brausen der Orgel vermischt, wie ein gewaltiger Strom von T�nen an mein Fenster schlugen. Ich starrte hinaus und wollte meinen eigenen Augen kaum glauben. Die H�user in Ladem�rket waren lauter kleine, einst�ckige Geb�ude mit Erkern und h�lzernen Dachrinnen, die in geschnitzte Drachenk�pfe ausliefen. Die meisten hatten S�ller oder Altane mit geschnitztem Gitterwerk, und den Eingang bildeten hohe Steintreppen mit Messinggel�ndern, deren blank polierte Kn�ufe im Lichtglanze blinkten. Aber was mich am meisten wundernahm, war die Kirche. Diese lag nicht wie sonst; der runde Turm war gegen Kj�bmagergaden und die Fassade der Kirche mit den Strebepfeilern und spitzbogigen Fenstern gegen die Regenz gekehrt. Die Kirche war gl�nzend erhellt, und jetzt erst wurde es mir ganz klar, da� der starke Lichtschimmer, welcher mein Zimmer erf�llte, von dr�ben herkam. Sprachlos blieb ich stehen; der Glockenklang und das Brausen der Orgel durchbebten die Luft, und auf dem Mittelgang der Kirche sah ich einen gro�en Hochzeitszug sich langsam zum Altar bewegen. Allm�hlich vermochte ich die einzelnen Gestalten zu unterscheiden. Alle trugen die alten Trachten der Holbergschen Zeit: Die Damen Brokat- und Atlasgew�nder, mit Perlenschn�ren im hoch aufget�rmten, stark gepuderten Haare; die Herren meist Uniformen mit Kniehosen und Degen, den Chapeaubas unter dem Arme. Vor allem jedoch zog die Braut meine Aufmerksamkeit an. Sie war in wei�en Atlas gekleidet, und auf den gepuderten Locken, die halb von dem herabwallenden Schleier verdeckt wurden, lag ein welker Myrtenkranz. Ihr zur Seite schritt der Br�utigam in roter Uniform und mit einem Stern auf der Brust. Sie n�herten sich dem Altare, wo ein Geistlicher im schwarzen Ornat und mit wei�er Allongeper�cke sie erwartete. Sie traten vor ihn hin, und ich konnte deutlich wahrnehmen, da� er ein Ritual oder eine Formel aus der Agende verlas, die er in der Hand hielt, und deren Goldschnitt im Lichte funkelte.</p><p>Einer von dem Gefolge schritt heran und schnallte den Degen des Br�utigams los, welcher darauf seine rechte Hand der Braut entgegenstreckte.</p><p>Sie wollte ihm die ihre geben, aber im selben Augenblick st�rzte sie ohnm�chtig nieder. Das ganze Gefolge dr�ngte sich um die Braut, welche bewu�tlos vor den Altarstufen lag, � da erloschen pl�tzlich die Lichter, der Orgelklang verstummte, und die Gestalten zerflossen wie bleiche Nebelmassen.</p><p>Drau�en auf dem Platze jedoch nahm die Helligkeit zu, das Glockengel�ut dauerte fort, und pl�tzlich �ffneten sich weit die Fl�gel der Kirchent�r, und derselbe Hochzeitszug bewegte sich �ber den Platz. Ich wollte entfliehen; aber es war mir nicht m�glich, eine Muskel zu regen. Starr und festgebannt mu�te ich auf die geisterhaften Gestalten hinabstieren, die n�her und n�her zu mir heranr�ckten. Zuerst kam der Prediger, dann der Br�utigam mit der Braut, und als letztere ihre Augen erhob und den Blick auf mich heftete, erkannte ich, da� es das junge M�dchen aus dem Garten war. Es lag etwas so Schmerzliches, so Wehm�tiges und so Flehendes in diesem Blick, da� ich ihn kaum zu ertragen vermochte; aber nimmer vermag ich das ersch�tternde Gef�hl zu schildern, das mich durchzuckte, als ich pl�tzlich wahrnahm, da� der rechte �rmel ihres wei�en Atlasgewandes leer und schlaff herunterhing.</p><p>Ein eisiges Grausen ergriff mich. Ich f�hlte, da� die Schar eine bestimmte Mission hatte; ich wu�te, sie werden herankommen und Rechenschaft von mir fordern, obschon die klafterdicken Mauern der Regenz zwischen ihr und mir lagen. Schaudernd blieb ich stehen, bis das letzte Paar vom Platze verschwunden war. Da h�rte ich die Glocke der Regenz erschallen, � nicht wie sonst mit lustigem, vergn�gtem Tone, sondern mit einem seltsam heiseren, trockenen, geborstenen Klange, und gleich darauf knarrte das Tor in seinen Angeln. Ich wandte mich gegen die T�r, ich wu�te, da� sie verschlossen sei, und doch wu�te ich, da� mir das nichts n�tzen w�rde, da� sie hereinkommen w�rden, selbst wenn eine eiserne Mauer zwischen ihnen und mir l�ge. Seltsam knisterte und rauschte es durch die Luft, bald wie Seide und Atlas, die an den Treppen- und T�rpfosten anstie�en, bald wie das d�rre, raschelnde Rohr, wenn der Wintersturm durch dasselbe hinseufzt. N�her und n�her kamen die schrecklichen Gestalten; die T�r ging nicht auf, aber es war, als w�rde sie in einem gl�sernen Nebel verwandelt, aus welchem die bleichen Gestalten hervorquollen. Mehr, immer mehr dr�ngten sich herein, enger, immer beengter ward der Raum in meinem Zimmer, aber da war es, als b�ten die Mauern den drohenden Geistern kein Hindernis, als g�be es f�r sie nichts Festes, nichts Undurchdringliches. Dichter und dichter scharten sie sich um mich her mit finstern, dr�uenden Mienen; kleiner und kleiner ward der Zwischenraum zwischen ihnen und mir; mehr und mehr wurde ich in meine Ecke gedr�ngt, bis sie fast wie eine B�rde auf meiner Brust lasteten und mich schier erdr�ckten. Endlich schienen keine mehr im Gemache Platz zu finden. Die Atlas- und Seidengew�nder knisterten und raschelten nicht l�nger um mich her; eine Totenstille entstand, und ich sah den Geistlichen mit der Agende in der Hand auf mich zuschreiten.</p><p>�Was willst du?� h�rte ich es in mir sprechen; ich f�hlte, da� meine Lippen sich bewegten, aber es war mir nicht m�glich, einen Laut mit denselben hervorzubringen. Der Geistliche mu�te jedoch meine Gedanken erraten k�nnen; denn er erhob die Hand und sagte mit einer seltsam tiefen und doch klanglosen Stimme: �Das Grab ist heilig und unverletzlich; den Frieden der Toten darf niemand st�ren.�</p><p>�Heilig und unverletzlich!� erklang es durch die Schar, wie wenn ein undeutliches Echo sich zwischen den Baumst�mmen verliert.</p><p>Mich schauderte in tiefster Seele, ich empfand einen unwiderstehlichen Drang, eine brennende Lust, auf die Knie zu sinken und um Gnade und Vergebung zu flehen; aber es war, als s��e ein bet�render D�mon auf meiner Zunge, der mich zu antworten zwang: �So ist es schlimm um den Totengr�berbestellt; er legt jeden Tag neue Leichen zu den alten, und lebt darum nicht minder froh.�</p><p>�Er tut nur seine Pflicht�, antwortete der Geistliche, �und keiner wird ihn darob schelten; aber �berm�tigen Frieden des Grabes st�rt, der wird der Strafe nicht entgehen.�</p><p>�Er wird der Strafe nicht entgehen�, erscholl es abermals aus der Schar mit Stimmen, wie wenn der sausende Herbstwind das gelbe Laub �ber die Erde jagt.</p><p>�Was wollt Ihr? Was verlangt Ihr?� schrie ich in der h�chsten Verzweiflung der Todesangst.</p><p>�Gib der Gruft zur�ck, was der Gruft geh�rt!� erklang wieder dieselbe tiefe Stimme.</p><p>�Gib der Gruft zur�ck, was der Gruft geh�rt!� wiederholte die Schar, welche sich abermals drohend um mich dr�ngte.</p><p>�Das ist unm�glich! Das kann ich nicht, ich habe ihn verkauft, ich habe ihn auf einer Auktion versteigert�, schrie ich verzweiflungsvoll. �Er war begraben und in der Erde gefunden; f�nf Mark acht Schillinge! Ein Reichstaler! Bietet niemand mehr? Der Arm geh�rt S�lling!�</p><p>Ein Schrei, ein gellender Rache- und Verzweiflungsschrei ging durch die Schar. Wie feuchte Nebel drangen die Gestalten heran und dr�ckten mit einer Gewalt auf mich ein, als wollten sie mich ersticken. Es funkelte und blitzte mir vor den Augen, und ich h�rte ein schweres, dumpfes Gepolter, w�hrend ich mit diesen Schatten rang, die keinen materiellen Haltepunkt darboten. Ganz au�er mir, stie� ich das Fenster auf, und indem ich eine Anstrengung machte, auf die Stra�e hinauszuspringen, schrie ich in der h�chsten Angst der Verzweiflung: �Hilfe! M�rder! Man ermordet mich!�</p><p>Der Widerhall meiner eigenen Stimme, der noch durch mein Zimmer klang, erweckte mich. Ich sa� in blo�em Hemde auf der Fensterbank, das eine Bein halb aus dem Fenster gestreckt, und mit beiden H�nden krampfhaft den Fensterpfosten umklammernd. Drunten auf der Stra�e stand der Nachtw�chter in Holzschuhen, mit Morgenstern und Kapuzmantel, und stierte mich verwundert an, w�hrend die leichten Nebelwolken, die furchtbaren Visionen der Nacht, wie ein wei�licher Rauch durch das Fenster hinauszogen. Drau�en brach der Novembertag an, grau und feucht, und als die frische Morgenluft meine Wangen k�hlte, kehrte auch die Besinnung zur�ck. Ich erblickte den W�chter � Gott segne ihn! Das war doch ein wirklicher, handgreiflicher W�chter, und keines der t�uschenden Spukbilder der Nacht. Ich blickte auf den runden Turm; wie massiv, ehrw�rdig und unverr�ckbar sah er aus, als er dort grau in der grauen Morgend�mmerung stand! Ich blickte nach Landem�rket hin�ber; es war Licht in dem B�ckerladen, und ein Torfbauer stand drau�en und band seinen Pferden die Futters�cke unters Maul. Ich schielte halb �ngstlich in mein Zimmer, allein alles war in gewohnter Ordnung. Mein hochlehniger Armsessel, mein blinder Rasierspiegel, mein gichtbr�chiges altes Sofa, � alles stand auf seinem Platze, ja selbst die T�te mit dem Puderzucker lag noch im Fenster, und die Fliege surrte darin. Ich f�hlte, da� ich wach sei, und da� der Tag graue. Rasch sprang ich von der Fensterbank herab und wollte mich wieder ins Bett legen, als mein Fu� an etwas Hartes und Scharfes stie�. Ich b�ckte mich, um es aufzuheben, tastete im Halbdunkel auf der Diele umher und erfa�te einen langen, d�rren, halb vermoderten Arm, dessen steife Finger ein zusammengerolltes Blatt Papier umkrampften. Ich tastete weiter und erfa�te einen zweiten, der ebenfalls ein zusammengerolltes Papier zwischen den Fingern hielt. Jetzt begann ich an meinem Verst�nde zu zweifeln. Ich wu�te, da�, was ich gesehen, eine Folge meiner erhitzten Fantasie, ein Traum sei, der gegen sein Ende hin den Charakter einer Sinnest�uschung angenommen habe. Ich wu�te, da� ich wach, da� das Ganze eine Halluzination sei, und doch lagen hier feste, unwiderlegliche Beweise des Gegenteils vor. Ich glaubte wirklich, ich sei im Begriffe, wahnsinnig zu werden, und mit fiebernder Hast �ffnete ich die Papierrolle. Dort stand nur das Wort <emphasis>�S�lling�.</emphasis></p><p>Ich ergriff das zweite Papier und rollte es auf; dort stand: <emphasis>�Nansen�.</emphasis></p><p>Noch hatte ich die Kraft, ein drittes zu ergreifen und zu �ffnen; dort stand: <emphasis>�Siemsen�;</emphasis> aber im selben Augenblicke st�rzte ich schon wie besinnungslos zur Erde.</p><p>Als ich wieder zu mir kam, stand Niels Daae neben mir mit einem geleerten Waschgusse, dessen Inhalt noch vom Sofa herabtroff, auf das er mich gelegt hatte.</p><p>�Hier, trinke das�, sagte er mit schmeichelndem Tone, �dann kommst du schon wieder auf die Beine. Es ist ein vortrefflicher Cognac; ich nahm selber erst einen Schluck davon.�</p><p>Verst�rt blickte ich mich um und nippte an dem Glase, dessen kr�ftiger Inhalt schnell meine Lebensgeister ermunterte.</p><p>�Was ist geschehen?� fragte ich mit matter Stimme.</p><p>�Ach, eigentlich nichts von Bedeutung�, erwiderte Niels Daae. �Du bist nur im Begriff gewesen, dir selbst durch eine kleine Kohlenstoffvergiftung das Leben zu nehmen. Es sind auch verw�nscht schlechte Klappen, die hier an den alten Kachel�fen auf der Regenz sitzen. Der Sturm heute nacht mu� sie zugeschlagen haben, wenn du nicht selbst so genial gewesen bist, sie zu schlie�en, ehe du zu Bett gingst. W�re ich eine Stunde sp�ter gekommen, kleiner Siemsen, so w�rest du so weit auf der Reise zu Sankt Peter mit den Goldschl�sseln gewesen, da� ein alter Cognac dich nicht mehr h�tte zur�ckrufen k�nnen. Nimm noch einen kleinen Schluck!�</p><p>�Wie bist du heraufgekommen?� fragte ich, mich aufrichtend.</p><p>�Auf die einfachste und nat�rlichste Weise von der Welt�, antwortete Niels Daae. �Ich hatte diese Nacht die Wache auf dem Hospitale; aber weil ich ziemlich viel Punsch bei Lars Mathiesen getrunken hatte, schlief ich mehr, als ich wachte, und fand es daher passend, mich gegen die Morgenstunde fortzuschleichen. Als ich nach Krystalgaden heimging, kam ich an der Regenz vorbei und sah dich hier rittlings in blo�em Hemde auf der Fensterbank sitzen und den Nachtw�chter durch das Geschrei �Feuer, Mordjo!� oder dergleichen alarmieren. Es gelang mir endlich, Jensen dort unten aufzuklopfen, und durch sein Fenster kam ich in die Regenz. Es ist auch eine sonderbare Manier, sich in blo�em Hemde mitten auf die Diele zu legen!�</p><p>�Wo kommen die Arme her?� fragte ich, noch halb verst�rt.</p><p>�Ach, der Teufel hole die Arme!� rief Niels Daae; �sieh nur zu, da� du wieder auf die Beine kommst! Die Arme da? Das sind ja keine andern als die, welche ich selbst abgeschnitten habe. Es war ein ausgezeichnet schlauer Einfall. Du wei�t ja, wie brummig S�lling wird, wenn er einmal eine Repetierstunde aussetzen soll. Nun hatte ich die G�nse zugeschickt erhalten und wollte euch gerne zu Lars Mathiesen mithaben. Ich wu�te, ihr solltet die Osteologie der Arme vornehmen, deshalb ging ich zu S�lling, machte die T�r mit seinem eigenen Schl�ssel auf und stahl die Arme von seinen Skeletten. Dasselbe tat ich hier auf der Regenz, und deinen mauste ich, w�hrend du unten im Lesezimmer warst. Bist du so genial gewesen, sie vom Gestell herabzurei�en und die Etiketten abzunehmen? Ich hatte sie so sch�n mit Papierstreifen bezeichnet, damit jeder sein Eigentum wieder erhalten k�nne.�</p><p>Ohne ein Wort zu reden, kleidete ich mich an und ging bald mit Daae unter dem Arme in die frische, k�hle Morgenluft hinaus.</p><p>In Krystalgaden trennten wir uns, und ich wanderte unverweilt nach dem Westerwalle, wo S�lling wohnte. Ohne der Einwendungen seiner alten Wirtin zu achten, ging ich in das Zimmer, wo S�lling den Schlaf der Gerechten schlief. Dort nahm ich den Arm, der noch, in Papier gewickelt, auf seinem Schreibtische lag, legte das Markst�ck an seine Stelle und eilte so rasch wie m�glich auf den Kirchhof zur�ck.</p><p>Wie seltsam war alles ver�ndert, als ich wieder dies Revier betrat! Der Morgennebel hatte sich gelichtet und hing wie gl�nzende Reifperlen in den Zweigen der B�ume, wo die Sperlinge zwitscherten. Keiner der Arbeiter war noch auf dem Kirchhofe. Ich schritt zu der gro�en H�nge-Eiche hin�ber und stand wieder vor dem schweren Sarge von Eichenholz. Behutsam lie� ich den geraubten Arm in denselben hinabgleiten und klopfte mit sorglicher Hand die rostigen N�gel fest, gerade als die ersten Strahlen der blassen Novembersonne �ber den Kirchhof spielten.</p><p>Erst da ward es mir wieder leicht ums Herz.</p><empty-line/><p>Doktor Siemsen schwieg und schaute fragenden Blickes im Kreise umher. Drau�en erklang das Schellengel�ute des kleinen isabellfarbenen norwegischen Kleppers, der ungeduldig den Kopf sch�ttelte, und bald darauf sa� der joviale Doktor wieder auf seinem hochlehnigen Sessel mit Fu�sack und Kutschverdeck.</p><p>Aber im Pfarrhause schlief man nicht allzuviel in dieser Nacht, � selbst der Vetter Jakob war ersch�ttert.</p></section><section><title><p id="__Toc231461784"><emphasis>Die Nacht von Pentonville von Jean Ray</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Der fl�mische Fantast Jean Ray (1887-1964) ist eine von Legenden umwobene Gestalt, die meist seine Leser erfanden und denen er nicht widersprach. Die wenigsten stimmten, und schon gar nicht jene, derzufolge Ray, der eigentlich Raymundus Johannes Maria de Kremer hie�, einen Gro�teil seines Lebens als Abenteurer, Schmuggler und Pirat verbracht hat. In Wirklichkeit fristete er sein Leben zun�chst als Angestellter der Stadtverwaltung von Gent und arbeitete sp�ter als freier Journalist. Eine seiner ersten Gruselgeschichten erschien 1919 in der Filmzeitschrift �Cinemablad�. Der erste Band mit fantastischen Erz�hlungen, �Les contes du whisky�, wurde 1925 publiziert. Danach erschienen Jahr f�r Jahr Erz�hlb�nde und Romane, die er in franz�sischer Sprache schrieb. Jean Ray hat ein umfangreiches literarisches Oeuvre hinterlassen, von dem in Deutschland nur sehr wenig �bersetzt vorliegt, obwohl seine B�cher �u�erst erfolgreich waren und Meisterwerke der fantastischen Literatur sind.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p><emphasis>Die Beh�rden sorgten daf�r, die geheimnisvollen Umst�nde, unter denen Richter und Henker ums Leben kamen, zu vertuschen.</emphasis></p><p><emphasis>Wir kennen aber die Namen mehrerer Richter, die Todesurteile ausgesprochen haben und deren Ende von grauenhalten Visionen begleitet war.</emphasis></p><p>Catherine Crowe (Die dunkle Seite der Natur)</p><empty-line/><p>Rock Smitherson blickte an der Ecke Westbourne Road � Barbara Street auf seine Uhr und stellte erfreut fest, da� er noch eine halbe Stunde Zeit hatte, ehe er wieder in die Tretm�hle mu�te.</p><p>Das rote Fenster einer Kneipe leuchtete in der regnerischen Nacht: er warf einen argw�hnischen Blick rund um sich, denn die Vorschriften untersagten ihm, die Tavernen in der N�he des Schauplatzes seiner t�glichen Aufgabe zu besuchen.</p><p><emphasis>�Dog-nose?�</emphasis> schlug der Schankwirt, ein dicker, pausb�ckiger Mann mit H�ngeschnurrbart vor. �Das ist das Richtige an einem solchen Abend.�</p><p><emphasis>�Dog-nose�,</emphasis> antwortete Smitherson zustimmend.</p><p>Der Dicke ma� sorgf�ltig den Gin, den Zucker und das hei�e Wasser ab.</p><p>�Morgen ist es also soweit?�</p><p>�Um acht. Um acht Uhr zehn kommt der Anschlag hinaus, mehr als zehn Minuten fr�her als dr�ben in Newgate.�</p><p>�Hilary Channing?� fragte der Wirt, indem er nun f�r sich ein Glas Gin pur eingo�.</p><p>�Tats�chlich, so hei�t er � He, Cuffy, noch ein Glas, und dann f�llen Sie mein flaches Fl�schchen mit Ihrer Medizin. Es ist gegen die Vorschrift, aber es tut ja jeder. Das geht einem schon an die Nerven, wenn man sie so fr�h sterben sieht.�</p><p>�Zwanzig, ein-, zweiundzwanzig Jahre, wie?� fragte Cuffy.</p><p>�Einundzwanzig genau. Einer von meinen eigenen Jungs ist kaum �lter; nun, verstehen Sie, das greift einem ans Herz, und er sieht auch gar nicht b�sartig aus. Blond wie reifes Korn und Augen wie�n junges M�dchen; wirklich ein Jammer!� Cuffy nickte schweigend und langsam mit seinem gro�en Kopf.</p><p>�Und wenn man bedenkt, da� ihm sein Verbrechen alles in allem ein Pfund zwei Shilling und eine kleine Damenuhr eingebracht hat, die er im Leihhaus f�r eine halbe Krone verpf�ndet hat! Lausig!�</p><p>�Eine alte Stra�enh�ndlerin, die ja doch noch vor Jahresende gestorben w�re, so schwinds�chtig war sie, schreiben die Zeitungen�, f�gte Cuffy hinzu.</p><p>�Und den hochtrabenden Beinamen �Mustergef�ngnis� setzt man uns etwas zu oft vor�, knurrte Smitherson, seinem eigenen Gedankengang folgend. �Wenn es wirklich das w�re, m��te man Jack Ketch drau�en lassen mit dem ausdr�cklichen Befehl, seine Knoten in Gef�ngnissen zu machen, die keine Musterbeispiele sind. Es ist sch�ndlich! Muster � Pah, die Kalkmilch und das Phenol, das man drinnen tonnenweise verbraucht, hindern nicht, da� es so schwarz und dreckig ist wie die anderen, nur ein bi�chen �bermalt. Pfui Teufel!�</p><p>Rock Smitherson, erster Hilfsaufseher im Mustergef�ngnis Pentonville, ha�te seinen Beruf nicht mehr als seine Kollegen, aber an den schrecklichen Abenden vor Hinrichtungen emp�rte es ihn, einen gefesselten Menschen sterben sehen zu m�ssen, dem niemand in seiner h�chsten Not zu Hilfe kommen w�rde, sogar wenn die arme, einem schmachvollen Tod bestimmte Kreatur ein Spitzbube war, der das Leben seines N�chsten geringgeachtet hatte.</p><p>�Der Herr hat gesagt: du sollst nicht t�ten!� schlo� der Aufseher, den ein dritter und letzter Grog mit Wacholderschnaps noch empfindsamer gemacht hatte.</p><p>Er ging in flinkem Tempo durch die Bride Street, denn die halbst�ndige Galgenfrist war beinahe zu Ende.</p><p>Am Stra�enende, wo die Roman Road beginnt und sich ausweitet, verdeckt die riesige Gef�ngnismauer den Himmel, an der nur die sp�rlichen Funzeln des Rundgangs sichtbar waren.</p><p>�Oh! Verzeihen Sie, Sir, ich hatte Sie nicht kommen sehen!� entschuldigte sich Smitherson. Er w�re fast mit einem Mann in dunklem Umhang, mit einem breitkrempigen Hut zusammengesto�en, der pl�tzlich vor ihm auftauchte. Der Fu�g�nger trat wortlos zur Seite, kam jedoch dabei in die hell erleuchtete Zone eines der hohen elektrischen Lichtmaste.</p><p>Rock sah ein l�ngliches, schmales und blasses Antlitz, in dem gro�e, tiefliegende Augen dunkle H�hlen bildeten.</p><p>�Zum Teufel!� brummte er, �ein wenig einnehmendes Gesicht!�</p><p>Er wandte den Kopf und blickte der hohen Silhouette nach, die rasch in der Nacht verschwand.</p><p>�Hmm!� murmelte er, �mir scheint doch, den kenne ich, nur war er sonst weniger h��lich.�</p><p>Er ging zum Aufsehereingang und dr�ckte auf eine Klingel.</p><p>Im vergitterten Viereck eines Gucklochs erschien ein Kopf.</p><p>�Aufseher Smitherson! � Ich �ffne sogleich!�</p><p>Die Schl�ssel klirrten, das laute Klicken der Schl�sser hallte von der T�r zur�ck.</p><p>�Guten Abend, Clevens. Drei Minuten zu fr�h, soviel ich sehe. Mehr als genug.�</p><p>Smitherson bet�tigte den Hebel der Stechuhr, stempelte eine Karte und seufzte erleichtert: die Direktion duldete keine einzige Minute Versp�tung.</p><p>�Sagen Sie, Herr Aufseher ��</p><p>Clevens z�gerte sichtlich; er war grauhaarig und sah, trotz der dunklen, strengen Uniform, sanft und sch�chtern aus.</p><p>�Was gibt es Neues, mein Lieber?�</p><p>�Haben Sie nicht zuf�llig � �h, einen Witzbold gesehen, der zum Spa� klingelte und mir, als ich das Guckloch �ffnete, ins Gesicht lachte?�</p><p>�Niemand�, antwortete Smitherson. �Die Stra�e war leer, �brigens ist sie um diese Zeit nie sehr belebt. Doch, warten Sie � Unter dem ersten Lichtmast bin ich fast in einen Kerl hineingelaufen, der nicht gerade besonders h�flich war ��</p><p>�Mit einem gro�en schwarzen Schlapphut ��</p><p>�Das war er!�</p><p>Clevens z�gerte immer noch; er kratzte sich verlegen am Kinn.</p><p>�Er sagte: �Morgen ist es soweit, nicht wahr, du Menschenschl�chter?� Ich schlug ihm das Guckloch vor der Nase zu, die ist bei ihm so scharf wie ein Messer, aber ich h�rte ihn rufen: �Um acht Uhr, wie? � genau wie bei mir!��</p><p>�Bei allen Heiligen!� fluchte Rock. �Hat er das gesagt?�</p><p>Clevens kam n�her und hauchte:</p><p>�Und � und � Herr Aufseher, hatten Sie nicht den Eindruck, ihn zu kennen?�</p><p>�Nein�, sagte Smitherson. �� obwohl eigentlich �� Er ahmte automatisch die Geste des Pf�rtners nach und kratzte sich mit seinen kurzen dicken N�geln am Kinn. �Tats�chlich schien mir sein Gesicht nicht ganz unbekannt. Es erinnerte mich an jemand ��</p><p>�Der hier bei uns war, nicht wahr, Herr Aufseher? Oh, ich bin ja so froh, da� ich bald in den Ruhestand trete. Noch drei Monate, dann fahre ich zur�ck in die Midlands. Denn ich sag� es Ihnen, Rock Smitherson, sie kommen wieder ��</p><p>�Clevens�, sagte der andere fast flehend, �wenn man in der Direktion erf�hrt, da� Sie derlei Dinge sagen ��</p><p>Der Alte brach in leises bitteres Lachen aus.</p><p>�Die k�nnen mir nichts anhaben, das sag� ich Ihnen nochmals; in drei Monaten nehme ich meinen Hut, und dann bekomme ich mein Ruhegehalt. Sie kommen wieder, Smitherson, alle, <emphasis>alle!</emphasis> Ich trage diese Uniform seit vierzig Jahren. Mit zweiundzwanzig hab� ich sie im Gef�ngnis von Hull zum erstenmal angezogen. Dann war ich in Liverpool, sp�ter kam ich nach London, dann war ich in Newgate, in Reading, und schlie�lich zum Ende meiner Laufbahn im Mustergef�ngnis Pentonville. Ich wei�, was ich sage, und die anderen wissen es so gut wie ich, aber sie wagen es nicht zu sagen, weil es die Direktion verbietet. H�ren Sie, Rock Smitherson, Sie haben bald drei�ig Dienstjahre. Sie sind also weder ein Anf�nger noch ein St�mper in dem Beruf. Nun, wagen Sie es zu leugnen? Kommen sie wieder, ja oder nein?�</p><p>�Ach, Clevens�, st�hnte der Aufseher, �warum sagen Sie das? Es ist nicht gut, davon zu reden. Keiner tut es hier � Jeder schweigt von diesem Thema, auch die etwas wissen oder zu wissen glauben.�</p><p>�Der dort�, fuhr der Alte fort, als ob er nicht geh�rt h�tte, und zeigte mit seinem d�nnen faltigen Finger zu dem Guckloch:</p><p>�Der heutige, den kenne ich. Ich hatte Wache in seiner Zelle. Ja, ja, in der Zelle 8A, in der Sie heute nacht neben Hilary Channing schlafen werden.�</p><p>�Genug!� schrie Smitherson, bem�ht, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen.</p><p>�Vor sieben Jahren � vielleicht sind es schon acht�, fuhr Clevens unerbittlich fort. �Hat man denn hier �berhaupt einen wahren Begriff von der Zeit � wo doch nur Leid- und Todesstunden schlagen? Sieben Jahre oder acht, ist ja unwichtig. Seinen Namen kenne ich nicht, und ich bezweifle sogar, ob ich ihn �berhaupt gekannt habe. Sie �hneln einander so stark, die M�nner, die hier am fr�hen Morgen auf diese Weise sterben, mit der schwarzen Kapuze �ber dem Kopf! Aber dieser hatte nicht ganz das gleiche Gesicht wie die anderen. An ihm war alles ungeheuer: seine Statur, sein Gesicht, seine Augen, ja besonders seine Augen.�</p><p>Rock war geschlagen. Es fiel ihm schwer, von Dingen reden zu m�ssen, die gem�� einem stillen �bereinkommen von allen mit Schweigen �bergangen wurden; heute jedoch schien es ihm, als befreie er seine Schultern, indem er dem alten Pf�rtner pl�tzlich zustimmte, von einer allzu schweren Last.</p><p>�Es ist wahr�, sagte er, �sie kommen alle wieder, und den habe ich ganz deutlich erkannt!�</p><p>�Ein gebildeter Junge�, sagte Clevens. �Hier verbl�ffte er alle durch sein Wissen.�</p><p>�Er hie� Brown, besser gesagt, er lie� sich so nennen�, sagte nun Smitherson, �denn das war ein falscher Name, und niemand gelang es je, seine Identit�t festzustellen.�</p><p>�Erinnern Sie sich, was er zu Pastor Parmington sagte, der ihm in den letzten Wochen beistand? In der Stunde seiner Hinrichtung sagte er ihm: �Und Sie glauben wohl, da� jetzt alles zu Ende ist?��</p><p>�Und dabei hat er gelacht�, f�gte Rock finster hinzu. �Sein Lachen war donnernd, es hallte durch den Gang, den er durchschritt, ehe er hinkam ��</p><p>�Er ist zur�ckgekommen!� murmelte Clevens. �Er kommt jedesmal in der Nacht vor einer Hinrichtung wieder. Fast als h�tte er von Gott wei� welchen schrecklichen Herren einen Auftrag, <emphasis>sie</emphasis> holen zu kommen!�</p><p>�Genug!� rief Smitherson. �Jetzt ist es aber genug, Clevens: man k�nnte wirklich meinen, es macht den Menschen und Dingen Vergn�gen, einem in solchen N�chten die Nerven zu zerrei�en.�</p><p>Er blickte auf den Dienstplan und stie� einen gro�en Seufzer der Erleichterung aus.</p><p>�Wie ich sehe, l�st mich W�chter Soames um zwei Uhr im 8A ab; so mu� ich den Gefangenen nicht wecken und ihm sagen: ��Fassen Sie Mut!� Ah, ist das ein Beruf!�</p><p>Er traf Channing in tiefem Schlaf an; er atmete leicht, auf seinen ein wenig ge�ffneten Lippen lag ein leises L�cheln.</p><p>�Einundzwanzig Jahre�, murmelte er. �Was f�r ein langes und sch�nes Leben so ein Junge noch vor sich haben k�nnte, ein Leben voller Freuden. Und in wenigen Stunden wird man ihm ein paar Schaufeln ungel�schten Kalk �ber das Gesicht sch�tten � Mein Gott!�</p><p>Channing murmelte im Traum einige unverst�ndliche Worte, dann begann er lautlos zu lachen.</p><p>�Und Gott wei�, von was f�r sch�nen Dingen er noch tr�umen kann�, setzte Smitherson seinen Monolog fort.</p><p>Er konnte in dem Armsessel, den ihm die Direktion f�r diese tragischen Stunden zuteilte, nicht schlafen, und als Soames ihn abl�sen kam, fiel Smitherson eine Last vom Herzen.</p><p>Er begab sich schweren Schritts in den Wachraum, wo Feldbetten aufgeschlagen waren und wo er hoffte, doch noch ein wenig Ruhe zu finden.</p><p>Als er die T�r des recht angenehm eingerichteten Lokals aufstie�, konnte er nur schwer eine �rgerliche Geste unterdr�cken.</p><p>Ein dicker Mann sa� mit vergn�gter Miene am Tisch vor einer riesigen dampfenden Teekanne und begr��te ihn herzlich.</p><p>�Guten Morgen, Smitherson, wie w�r�s mit einer Kartenpartie?� schlug er vor und streckte ihm seine gewaltige, behaarte Hand entgegen.</p><p>Der Aufseher dr�ckte sie, wischte aber dann seine Hand taktvoll, ohne da� der andere es merkte, an seiner Joppe ab.</p><p>�Sie kommen recht fr�h, Duck�, sagte er.</p><p>Der Mann lachte.</p><p>�Das letztemal, Smitherson, w�re ich fast zu sp�t gekommen und hab� mir allerhand anh�ren m�ssen! Also, nun verstehen Sie mich?�</p><p>Es war nicht das erstemal, da� Duck, der Henker von Pentonville, sein Kartenpartner war, aber heute vertrug Rock die Anwesenheit des Schandtodesknechts nur schwer: er dachte an das rosige pausb�ckige Gesicht Hilary Channings, an seinen wei�en Jungm�dchenhals und sah, nicht ohne Abscheu, wie Ducks Affenh�nde die Karten befeuchteten und sorgf�ltig betasteten, ehe er sie auflegte.</p><p>Die Partien wurden schweigend gespielt, denn Duck war ein aufmerksamer Spieler und verlor ungern. Das blieb ihm �brigens erspart, der kleine Pennyhaufen neben ihm auf dem Tisch wurde immer gr��er.</p><p>Pl�tzlich stellte Smitherson eine Frage, und er sollte sich noch viel sp�ter dar�ber wundern, da� er es getan hatte.</p><p>�Duck, erinnern Sie sich an Brown?�</p><p>Die Stirn des dicken Mannes runzelte sich; er strengte sein Ged�chtnis an.</p><p>�Brown? Ach, das will ich meinen! � allerdings gibt es nicht wenige dieses Namens. Ich kenne einen Stallknecht � doch nein, ich nehme an, Sie sprechen von einem einstigen Kunden? Mal sehen!�</p><p>Er legte die Karten hin und verabreichte sich einen kr�ftigen Schlag auf einen seiner dicken Oberschenkel.</p><p>�Brown? Ah, nat�rlich erinnere ich mich an ihn! Der war mein erster Kunde in Pentonville. Ich kam damals von Liverpool. Ein gro�er Schwarzhaariger, eine wahre Bohnenstange. Ich hatte den Kerl ganz vergessen, �brigens, ich vergesse sie alle. Wenn Sie glauben, ich belaste mein Ged�chtnis mit ihren Gesichtern! Warum sprechen Sie von ihm?�</p><p>�Nichts Besonderes�, antwortete Smitherson, dessen Lippen ein wenig bebten. �Eigentlich, weil er Ihr erster hier war ��</p><p>�Ich arbeite nun schon seit acht Jahren in diesem Gef�ngnis�, fuhr Duck fort, �und ich beklage mich nicht, denn an Arbeit hat�s hier noch nie gemangelt. Mit dem n�chsten da dr�ben werden es ��</p><p>Er z�hlte unter Zuhilfenahme seiner dicken spateif�rmigen Finger.</p><p>�Hol mich der Teufel, wenn ich mich erinnere � drei�ig, einunddrei�ig, vielleicht zweiunddrei�ig � Nein, jetzt hab� ich�s, Smitherson, f�nfunddrei�ig!�</p><p>Er st�tzte die Ellbogen auf den Tisch und schien nachzudenken.</p><p>�F�nfunddrei�ig � Warten Sie, ich habe in Dublin begonnen, wo man nie ohne Arbeit ist, und dort hab� ich vierzig bef�rdert, dann in Liverpool f�nfundzwanzig. Ich bin f�r runde Zahlen. Aber sieh mal an!� Er blickte auf Smitherson aus weitge�ffneten Augen und brach pl�tzlich in ein dr�hnendes Lachen aus. �Das macht bald hundert � Ein Hunderter! Wie schade, bei Gott, da� es hier kein Bier oder Gin gibt, das m��te man begie�en.�</p><p>Nun wurde der ganze Mensch von seiner schwerf�lligen Heiterkeit gesch�ttelt.</p><p>�Ein Hunderter! Mein Hundertster, ha! � Ist das ein Spa�! Morgen mu� ich es den Freunden und vielleicht auch den Zeitungsreportern erz�hlen. Man wird mein Foto in den Bl�ttern bringen, und ich bekomme eine Pr�mie! Sieh mal an ��</p><p>Duck schien pl�tzlich nachdenklich zu werden, gewann aber bald seine gute Laune wieder.</p><p>�Ich denke an das Weib auf dem Jahrmarkt in Bethnal Green, als ich nach London kam. Bei Gott, ich hatte l�ngst nicht mehr an ihre Hirngespinste gedacht, aber jetzt fallen sie mir wieder ein. Es war eine schmutzige Schwarze aus den Inseln, die dort wahrsagte: �Sie bringen den Tod�, sagte sie mir, indem sie die Karten und dann meine Handlinien betrachtete. �Was du nicht sagst, Alte�, meinte ich, �das tue ich � ganz hervorragend.� �Du wirst ihn hundertmal bringen � das hei�t, das hundertste Mal bringst du ihn nicht mehr.� Nun, es hat sich geh�rig geirrt, das M�tterchen, und das wird der dr�ben bald bezeugen k�nnen!</p><p>Ich hab� ihr einen Shilling gegeben, aber sie warf ihn in den Rinnstein und schrie: �Durch den ersten wirst du den letzten verlieren!� Das habe ich nat�rlich nicht verstanden. Ist doch komisch, Smitherson, da� ich mit meinem schlechten Ged�chtnis mich auf einmal an diese l�ngst vergangenen Dinge erinnere.�</p><p>Die Glocke im Saal lie� vier dumpfe Schl�ge ert�nen.</p><p>�Ich werde jetzt das Ger�st aufbauen�, sagte Duck. �Ich habe genug Zeit vor mir, und ich baue es allein auf, seit ich meine Helfer selbst bezahlen mu�; so erspare ich mir eine ganz h�bsche Summe.�</p><p>Smitherson w�re gern eingeschlafen, doch es gelang ihm nicht.</p><p>Er h�rte im Wachzimmer die Hammerschl�ge, mit denen Duck nebenan in dem grausigen kleinen Saal die Querbalken fixierte, und dann das Knarren der Fallklappenhebel, deren einwandfreies Funktionieren er pr�fen wollte.</p><p>F�nf Uhr.</p><p>In einer halben Stunde w�rde man die Reveille f�r die W�chter blasen m�ssen; die f�r die Gefangenen wurde wegen der Hinrichtung verschoben.</p><p>Rock wunderte sich �ber Ducks Ausbleiben; der erledigte gew�hnlich alles im Handumdrehen.</p><p>Er ging zur Todeskammer, da vernahm er ein dumpfes Ger�usch. Es schauerte ihn, denn er kannte es nur zu gut: es war das Nachgeben der Fallklappe, gefolgt von dem abscheulichen weichen Aufprallen des K�rpers am Ende seines Falles.</p><p>Im Geiste sagte er sich, da� das nicht nur einfach das Ger�usch einer Fallklappenprobe war �</p><p>Die Hinrichtungskammer war leer.</p><p>Die Fallklappe stand offen, und ein gespannter, ins Dunkel reichender Strick schwang, langsam und regelm��ig pendelnd, hin und her.</p><p>Er beugte sich �ber das absto�ende, tiefe Loch.</p><p>Da sah er Duck � geh�ngt.</p><p>Als Smitherson sich umwandte und einen Alarmschrei ausstie�, sah er, an den Galgenpfosten gelehnt, den Geist Browns, der ihn mit furchtbaren Augen ansah.</p><p>Eine gn�dige Ohnmacht entzog Smitherson dem Kreis der wenigen Zeugen, die den nun folgenden unerkl�rlichen Begebenheiten beiwohnten.</p><p>Sie werden, nicht ohne Grund, in den Akten von Pentonville nicht erw�hnt; im Merkbuch des Direktors l��t sich jedoch das Fehlen von einem halben Dutzend Seiten feststellen, die, sorgf�ltig herausgeschnitten, angeblich noch im Innenministerium aufbewahrt werden.</p><p>Der Pf�rtner Clevens wurde aus dem Halbschlaf, der ihn gew�hnlich gegen Ende der Nacht �berkam, nicht durch L�rm, denn es herrschte v�llige Stille, sondern durch ein entsetzliches Angstgef�hl gerissen, von dem ihm �bel wurde.</p><p>�Das Herz�, sagte er. �In meinem Alter ��</p><p>Er warf einen Blick in den Korridor und sah einige Schatten, die sich gruppiert in Richtung des zentralen Rundbaus bewegten.</p><p>�Teufel�, brummte er, �was geht da vor?�</p><p>Sp�ter hat Clevens vor allem betont, da� w�hrend der schrecklichen Minuten, welche er hilflos, als Gefangener einer �bermenschlichen Gestalt, die ihn der Bewegung und der Sprache beraubte, zu durchstehen hatte, eine ungeheure Stille herrschte.</p><p>Die zuerst aus undeutlichen Schatten bestehende Gruppe nahm allm�hlich klare und be�ngstigende Formen an.</p><p>Die einen trugen eine schwarze Kapuze �ber dem Kopf, die anderen hatten das Gesicht entbl��t, und die erkannte er alle; es waren die M�nner, die er im Morgengrauen mit einem Strick um den Hals hatte sterben sehen: Skinslop � Rogers � Piochinni � Wang-Su, ein Chinese � Kirby � Ruttermole � O�Neill �</p><p>Er nannte im Geist ihre Namen, aber er sah, wie sie sich milit�risch in einer Reihe aufstellten; und pl�tzlich verband er andere Namen mit ihnen, die Namen von lebenden Menschen, welche sich irren Blicks, mit von einer unbeschreiblichen Angst verzerrten Gesichtern unter die Gespenster mischten.</p><p>Ja, sie ordneten sich ein, von unsichtbaren H�nden an den Schultern geschoben: die W�chter Soames, Thomson, Pritchard, Hackle, der Vizedirektor Fisher und der Richter Hatterley, der als Gast Fishers am folgenden Tag ebenfalls der Hinrichtung beiwohnen sollte.</p><p>Getrennt von ihnen durch einen freien Raum von wenigen Metern, geh�rten auch sechs zum Tode verurteilte Gefangene, sowie Hilary Channing zu dem geheimnisvollen Zug, der sich bildete.</p><p>Im Gegensatz zur ersten Gefangenengruppe trugen diese eine ruhige, ja sogar zufriedene Miene zur Schau. Pl�tzlich setzte sich der Zug in Bewegung: Menschen und Geister marschierten, wenige Schritte von Clevens entfernt, anscheinend ohne ihn zu sehen, in langsamem Paradeschritt vorbei und bewegten sich dem Hauptgang zu.</p><p>Das Gitter, welches beide Teile dieses langen, mit schwarzwei�en Fliesen belegten Korridors trennte, ging wie ein Fallgitter hoch; und die Gleitschienen, die normalerweise Klingeln in Bewegung setzten, funktionierten diesmal nicht.</p><p>Das gro�e Tor �ffnete sich lautlos, und Clevens sah in der Ferne im Nebel verschwommen die Stra�enlampen.</p><p>Das Tor blieb so lange offen, bis der Zug im Nebel verschwand, dann schlo� es sich wieder ger�uschlos.</p><p>Ganz langsam und allein trat Browns Geist durch den Gang; sein schwarzer Umhang sah aus wie riesige n�chtliche Fl�gel, der breite Hut war tief in die Stirn gedr�ckt.</p><p>Er blieb vor Clevens stehen und sagte:</p><p>�Ihr habt Gl�ck, du und Smitherson, da� ihr keine schlechten Menschen seid.�</p><p>Der Pf�rtner sah ihn nicht verschwinden, versp�rte aber im n�chsten Augenblick einen heftigen Schmerz im ganzen K�rper, so als h�tte er mit beiden H�nden eine Leydener Flasche angefa�t.</p><p>Niemals fand man eine Spur der Beamten oder der Gefangenen wieder, die von den Geistern entf�hrt worden waren.</p><p>Aber die Gerichts�rzte, die die Leiche des Henkers Duck zu untersuchen hatten, erlebten etwas Best�rzendes.</p><p>Die Leiche war mit dem Wagen zum Anatomiesaal nach South-Kensington gebracht worden, und als die Saaldiener sie auf den Seziertisch legten, l�sten sich von ihr gro�e Fleischst�cke los, die Knochen durchstie�en das Gesicht und die Gliedma�en, und die zerfressene, faulende Masse der Eingeweide wurde sichtbar.</p><p>�Eine Leiche, die mehrere Tage in ungel�schtem Kalk gelegen hat�, stellte der Gerichtsarzt Miller fest.</p><p>Es verging eine verh�ltnism��ig lange Zeit, ehe Smitherson und Clevens von der schrecklichen Nacht zu sprechen wagten.</p><p>Und auch nur mit leiser Stimme, bei Cufly, dessen <emphasis>dog-nose</emphasis> ihnen Mut machte.</p><p>�Im Grunde genommen freue ich mich f�r Channing�, gestand Rock Smitherson, �und f�r Duck empfinde ich keinerlei Mitleid.�</p><p>�Und die anderen � ich meine die Kollegen, Fisher und der Richter Hatterley, die entf�hrt wurden, waren zugegebenerma�en schlechte Menschen�, erkl�rte Clevens.</p><p>�Wo sie wohl sein m�gen?� murmelte Smitherson.</p><p>�Besser, man redet nicht mehr dar�ber.�</p><p>Und beide richteten �ngstliche Blicke auf die T�r, als erwarteten sie, da� sie im n�chsten Augenblick von dem Geist mit dem schwarzen Umhang und dem breiten Hut aufgesto�en w�rde.</p></section><section><title><p id="__Toc231461786"><emphasis>Das Gespenst von Knut Hamsun</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Er war zeitlebens ein Ver�chter und Feind aller Konventionen, ein romantischer Aufr�hrer, dessen Sympathie den ewigen Wanderern und Landstreichern geh�rte, jenen ganz den geheimnisvollen Kr�ften der Natur hingegebenen Menschen, die er in seinen Romanen und Erz�hlungen immer wieder liebevoll schilderte � unverdorbene Gegenbilder zu der seelenlosen technisierten Kultur, die er w�hrend seiner Jahre in Nordamerika hassen gelernt hatte. 1920 erhielt Knut Hamsun (1859-1952) den Nobelpreis f�r seinen Roman �Segen der Erde�, einen Lobgesang auf den Bauern, der die Wildnis urbar macht und Land kultiviert. Neben einem tiefverwurzelten Naturgef�hl zeigen seine Werke einen ausgepr�gten Sinn f�r das Hintergr�ndige und Irrationale der menschlichen Individualit�t, f�r die Mysterien des Lebens, die er dem geschw�tzigen Blendwerk der modernen Zivilisation entgegenh�lt.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Mehrere Jahre meiner Kindheit verbrachte ich bei meinem Onkel auf dem Pfarrhof im Nordland. Es war eine harte Zeit f�r mich, viel Arbeit, viel Pr�gel und selten eine Stunde zu Spiel und Vergn�gen. Da mein Onkel mich so streng hielt, bestand allm�hlich meine einzige Freude darin, mich zu verstecken und allein zu sein; hatte ich ausnahmsweise einmal eine freie Stunde, so begab ich mich in den Wald, oder ich ging auf den Kirchhof und wanderte zwischen Kreuzen und Grabsteinen herum, tr�umte, dachte und unterhielt mich laut mit mir selber.</p><p>Der Pfarrhof lag ungew�hnlich sch�n, dicht bei der Glimma, einem breiten Strom mit vielen gro�en Steinen, dessen Brausen Tag und Nacht, Nacht und Tag ert�nte. Die Glimma flo� einen Teil des Tags s�dw�rts, den �brigen Teil nordw�rts, je nachdem Flut oder Ebbe war � immer aber brauste ihr ewiger Gesang, und ihr Wasser rann mit gleicher Eile im Sommer wie im Winter dahin, welche Richtung es auch nahm.</p><p>Oben auf einem H�gel lagen die Kirche und der Kirchhof. Die Kirche war eine alte Kreuzkirche aus Holz, und die Gr�ber waren ohne Blumen; hart an der steinernen Mauer aber pflegten die �ppigsten Himbeeren zu wachsen, die ihre Nahrung aus der fetten Erde der Toten sogen. Ich kannte jedes Grab und jede Inschrift, und ich erlebte, da� Kreuze, die ganz neu aufgestellt wurden, im Laufe der Zeit sich zu neigen begannen und schlie�lich in einer Sturmnacht umst�rzten.</p><p>Waren da auch keine Blumen auf den Gr�bern, so wuchs doch im Sommer hohes Gras auf dem ganzen Kirchhof. Es war so hoch und so hart, da� ich oft da sa� und dem Winde lauschte, der in diesem sonderbaren Grase sauste, das mir bis an die H�ften ging. Und mitten in dies Gesause hinein konnte die Wetterfahne auf dem Kirchturm knarren, und dieser rostige, eiserne Ton klang jammernd �ber den Pfarrhof hin. Es war als ob dies St�ck Eisen mit den Z�hnen knirschte.</p><p>Wenn der Totengr�ber bei der Arbeit war, hatte ich oft eine Unterhaltung mit ihm. Er war ein ernster Mann, er l�chelte selten, aber er war sehr freundlich gegen mich, und wenn er so dastand und Erde aus dem Grabe aufschaufelte, kam es wohl vor, da� er mir zurief, ein wenig aus dem Wege zu gehen, denn jetzt habe er ein gro�es St�ck H�ftknochen oder den Sch�del eines Toten auf dem Spaten.</p><p>Ich fand oft Knochen und Haarb�schel von Leichen auf den Gr�bern, die ich dann wieder in die Erde eingrub, wie es der Totengr�ber mich gelehrt hatte. Ich war hieran so gew�hnt, da� ich kein Grausen empfand, wenn ich auf diese Menschenreste stie�. Unter dem einen Ende der Kirche befand sich ein Leichenkeller, wo Unmengen von Knochen lagen, und in diesem Keller sa� ich gar oft, spielte mit den Knochen und bildete aus dem zerbr�ckelten Gebein Figuren auf dem Boden.</p><p>Eines Tages aber fand ich einen Zahn auf dem Kirchhof.</p><p>Es war ein Vorderzahn, schimmernd wei� und stark. Ohne mir weiter Rechenschaft dar�ber abzulegen, steckte ich den Zahn zu mir. Ich wollte ihn zu etwas gebrauchen, irgendeine Figur daraus zurechtfeilen und ihn in einen der wunderlichen Gegenst�nde einf�gen, die ich aus Holz schnitzte.</p><p>Ich nahm den Zahn mit nach Hause.</p><p>Es war Herbst, und die Dunkelheit brach fr�h herein. Ich hatte noch allerlei anderes zu besorgen, und es vergingen wohl ein paar Stunden, bis ich mich in die Gesindestube hin�ber begab, um an meinem Zahn zu arbeiten. Indessen war der Mond aufgegangen; es war Vollmond.</p><p>In der Gesindestube war kein Licht, und ich war ganz allein. Ich wagte nicht, ohne weiteres die Lampe anzuz�nden, ehe die Knechte hereinkamen; aber mir gen�gte das Licht, das durch die Ofenklappe fiel, wenn ich t�chtig Feuer anmachte. Ich ging deshalb in den Schuppen hinaus, um Holz zu holen.</p><p>Im Schuppen war es dunkel.</p><p>Als ich mich nach dem Holz vorw�rts tastete, f�hlte ich einen leichten Schlag, wie von einem einzelnen Finger, auf meinem Kopf.</p><p>Ich wandte mich hastig um, sah aber niemand.</p><p>Ich schlug mit den Armen um mich, f�hlte aber niemand.</p><p>Ich fragte, ob jemand da sei, erhielt aber keine Antwort.</p><p>Ich war barh�uptig, griff nach der ber�hrten Stelle meines Kopfes und f�hlte etwas Eiskaltes in meiner Hand, das ich sofort wieder loslie�. Das ist doch sonderbar! dachte ich bei mir. Ich griff wieder nach dem Haar hinauf � da war das Kalte weg.</p><p>Ich dachte: Was mag das wohl gewesen sein, das von der Decke herunterfiel und mich auf den Kopf traf?</p><p>Ich nahm einen Armvoll Holz und ging wieder in die Gesindestube, heizte ein und wartete, bis ein Lichtschein durch die Ofenklappe fiel.</p><p>Dann holte ich den Zahn und die Feile hervor.</p><p>Da klopfte es an das Fenster.</p><p>Ich sah auf. Vor dem Fenster, das Gesicht fast an die Fensterscheibe gedr�ckt, stand ein Mann. Er war mir ein Fremder, ich kannte ihn nicht, und ich kannte doch das ganze Kirchspiel. Er hatte einen roten Vollbart, eine rote wollene Binde um den Hals und einen S�dwester auf dem Kopfe. Wor�ber ich damals nicht nachdachte, was mir aber sp�ter einfiel: wie konnte sich mir dieser Kopf so deutlich in der Dunkelheit zeigen, namentlich an einer Seite des Hauses, wo nicht einmal der Vollmond schien? Ich sah das Gesicht mit erschreckender Deutlichkeit, es war bleich, beinahe wei�, und seine Augen starrten mich an.</p><p>Es verging eine Minute.</p><p>Da fing der Mann an zu lachen.</p><p>Es war kein h�rbares Lachen, sondern der Mund �ffnete sich weit, und die Augen starrten wie vorher, aber der Mann lachte.</p><p>Ich lie� fallen, was ich in der Hand hatte, und ein eisiger Schauer durchrieselte mich vom Scheitel bis zur Sohle. In der ungeheuren Mundh�hle des lachenden Gesichts vor dem Fenster entdeckte ich pl�tzlich ein schwarzes Loch in der Zahnreihe � es fehlte ein Zahn.</p><p>Ich sa� da und starrte in meiner Angst geradeaus. Es verging noch eine Minute. Das Gesicht wurde stark gr�n, dann wurde es stark rot; das Lachen aber blieb. Ich verlor die Besinnung nicht, ich bemerkte alles um mich herum; das Feuer leuchtete ziemlich hell durch die Ofenklappe und warf einen kleinen Schein bis auf die andere Wand hin�ber, wo eine Leiter stand. Ich h�rte auch aus der Kammer nebenan, da� eine Uhr an der Wand tickte. Ganz deutlich sah ich alles; ich bemerkte sogar, da� der S�dwester, den der Mann vor dem Fenster aufhatte, oben im Kopfst�ck von schwarzer, abgenutzter Farbe war, da� er aber einen gr�nen Rand hatte.</p><p>Da senkte sich der Kopf nach unten, ganz langsam, immer weiter, so da� er sich schlie�lich unterhalb des Fensters befand. Es war, als gleite er in die Erde hinein. Ich sah ihn nicht mehr.</p><p>Meine Angst war entsetzlich, ich fing an zu zittern. Ich suchte auf dem Fu�boden nach dem Zahn, wagte aber nicht, die Augen von dem Fenster zu entfernen � vielleicht konnte das Gesicht ja wiederkehren.</p><p>Als ich den Zahn gefunden hatte, wollte ich ihn gleich wieder nach dem Kirchhof bringen, hatte aber nicht den Mut dazu. Ich sa� noch immer allein und konnte mich nicht r�hren. Ich h�rte Schritte drau�en auf dem Hof und meinte, da� es eine der M�gde sei, die auf ihren Holzpantoffeln geklappert kam; ich wagte aber nicht, sie anzurufen, und die Schritte gingen vor�ber. Eine Ewigkeit verging. Das Feuer im Ofen fing an auszubrennen, und keine Rettung zeigte sich mir.</p><p>Da bi� ich die Z�hne zusammen und stand auf. Ich �ffnete die T�r und ging r�ckw�rts aus der Gesindestube heraus, unverwandt nach dem Fenster starrend, an dem der Mann gestanden hatte. Als ich auf den Hof hinausgekommen war, rannte ich nach dem Stall hin�ber, um einen der Knechte zu bitten, mich nach dem Kirchhof hin�ber zu begleiten. Die Knechte befanden sich aber nicht im Stall.</p><p>Jetzt unter freiem Himmel war ich k�hner geworden, und ich beschlo�, allein nach dem Friedhof hinaufzugehen; dadurch w�rde ich es auch vermeiden, mich jemandem anzuvertrauen und dann sp�ter in des Onkels Finger zu geraten.</p><p>So ging ich denn allein den H�gel hinan.</p><p>Den Zahn trug ich in meinem Taschentuch.</p><p>Oben an der Kirchhofspforte blieb ich stehen � mein Mut versagte mir seinen ferneren Beistand. Ich h�rte das ewige Brausen der Glimma, sonst war alles still. In der Kirchhofspforte war keine T�r, nur ein Bogen, durch den man hindurchging; ich stellte mich voller Angst auf die eine Seite dieses Bogens und steckte den Kopf vorsichtig durch die �ffnung, um zu sehen, ob ich es wagen k�nne, weiterzugehen.</p><p>Da sank ich pl�tzlich platt auf die Knie.</p><p>Ein St�ck jenseits der Pforte stand mein Mann mit dem S�dwester. Er hatte wieder das wei�e Gesicht, und er wandte es mir zu, gleichzeitig aber zeigte er vorw�rts nach dem Kirchhof hinauf.</p><p>Ich sah dies als Befehl an, wagte aber nicht, zu gehen. Ich lag lange da und sah den Mann an, ich flehte ihn an, und er stand unbeweglich und still.</p><p>Da geschah etwas, das mir wieder ein wenig Mut machte: ich h�rte einen der Knechte unten am Stallgeb�ude gesch�ftig umhergehen und pfeifen. Dieses Lebenszeichen bewirkte, da� ich mich erhob. Da entfernte sich der Mann ganz allm�hlich, er ging nicht, er glitt �ber die Gr�ber dahin, immer vorw�rts zeigend. Ich trat durch die Pforte. Der Mann lockte mich weiter. Ich tat einige Schritte und blieb dann stehen; ich konnte nicht mehr. Mit zitternder Hand nahm ich den wei�en Zahn aus dem Taschentuch und warf ihn mit aller Macht auf den Kirchhof. In diesem Augenblick drehte sich die eiserne Stange auf dem Kirchturm, und der schrille Schrei ging mir durch Mark und Bein. Ich st�rzte zur Pforte hinaus, den H�gel hinab und nach Hause. Als ich in die K�che kam, sagten sie mir, mein Gesicht sei wei� wie Schnee.</p><p>Es sind jetzt viele Jahre seitdem vergangen, aber ich entsinne mich jeder Einzelheit. Ich sehe mich noch auf den Knien vor der Kirchhofspforte liegen, und ich sehe den rotb�rtigen Mann.</p><p>Sein Alter kann ich nicht einmal ungef�hr angeben. Er konnte zwanzig Jahre alt sein, er konnte auch vierzig sein. Da es nicht das letztemal sein sollte, da� ich ihn sah, habe ich auch sp�ter noch �ber diese Frage nachgedacht; aber noch immer wei� ich nicht, was ich �ber sein Alter sagen soll.</p><p>Manchen Abend und manche Nacht kam der Mann wieder. Er zeigte sich, lachte mit seinem weitge�ffneten Munde, in dem ein Zahn fehlte, und verschwand. Es war Schnee gefallen, und ich konnte nicht mehr auf den Kirchhof gehen und ihn in die Erde legen. Und der Mann kam wieder und wieder, aber mit immer l�ngeren Zwischenr�umen, den ganzen Winter hindurch. Meine haarstr�ubende Angst vor ihm nahm ab; aber er machte mein Leben sehr ungl�cklich, ja ungl�cklich bis zum �berdru�. In jenen Tagen war es mir oft eine gewisse Freude, wenn ich daran dachte, da� ich meiner Qual ein Ende machen k�nnte, indem ich mich in die Glimma st�rzte �</p><p>Dann kam der Fr�hling, und der Mann verschwand g�nzlich.</p><p>G�nzlich? Nein, nicht g�nzlich, aber f�r den ganzen Sommer. Den n�chsten Winter stellte er sich wieder ein. Nur einmal zeigte er sich, dann blieb er lange Zeit fern. Drei Jahre nach meiner ersten Begegnung mit ihm verlie� ich das Nordland und blieb ein Jahr fort. Als ich zur�ckkehrte, war ich konfirmiert und, wie ich selber meinte, gro� und erwachsen. Ich wohnte nun nicht mehr bei meinem Onkel auf dem Pfarrhof, sondern daheim bei Vater und Mutter.</p><p>Eines Abends zur Herbstzeit, als ich gerade schlafen gegangen war, legte sich eine kalte Hand auf meine Stirn. Ich schlug die Augen auf und erblickte den Mann vor mir. Er sa� auf meinem Bett und blickte mich an. Ich lag nicht allein im Zimmer, sondern mit zweien von meinen Geschwistern zusammen; aber ich rief sie trotzdem nicht. Als ich den kalten Druck gegen meine Stirn f�hlte, schlug ich mit der Hand um mich und sagte: �Nein, geh weg!� Meine Geschwister fragten aus ihren Betten, mit wem ich spr�che.</p><p>Als der Mann eine Weile stillgesessen hatte, fing er an, den Oberk�rper hin und her zu wiegen. Dabei nahm er mehr und mehr an Gr��e zu, schlie�lich stie� er beinahe an die Decke, und da er offenbar nicht viel weiter kommen konnte, erhob er sich, entfernte sich mit lautlosen Schritten von meinem Bett, durch das Zimmer, nach dem Ofen, wo er verschwand. Ich folgte ihm die ganze Zeit mit den Augen.</p><p>Er war mir noch nie so nahe gewesen wie diesmal; ich sah ihm gerade ins Gesicht. Sein Blick war leer und erloschen, er sah zu mir hin, aber wie durch mich hindurch, weit in eine andere Welt hinein. Ich bemerkte, da� er graue Augen hatte. Er bewegte sein Gesicht nicht, und er lachte nicht. Als ich seine Hand von meiner Stirn wegschlug und sagte: �Nein, geh weg!�, zog er seine Hand langsam zur�ck. W�hrend der Minuten, die er auf meinem Bett sa�, blinzelte er niemals mit den Augen.</p><p>Einige Monate sp�ter, als es Winter geworden und ich wieder von Hause gereist war, hielt ich mich eine Zeitlang bei einem Kaufmann auf, dem ich im Laden und auf dem Kontor half. Hier sollte ich dem Mann zum letztenmal begegnen.</p><p>Ich gehe eines Abends auf mein Zimmer hinauf, z�nde die Lampe an und entkleide mich. Ich will wie gew�hnlich meine Schuhe f�r das M�dchen hinaussetzen, ich nehme die Schuhe in die Hand und �ffne die T�r.</p><p>Da steht er auf dem Gang, dicht vor mir, der rotb�rtige Mann.</p><p>Ich wei�, da� Leute im Nebenzimmer sind, daher bin ich nicht bange. Ich murmele: �Bist du schon wieder da!� Gleich darauf �ffnet der Mann seinen gro�en Mund wieder und f�ngt an zu lachen. Dies macht keinen erschreckenden Eindruck mehr auf mich; und diesmal merke ich: der fehlende Zahn ist wieder da!</p><p>Er war vielleicht von irgend jemand in die Erde hineingesteckt worden. Oder er war in diesen Jahren zerbr�ckelt, hatte sich in Staub aufgel�st und mit dem �brigen Staub vereint, von dem er getrennt gewesen war. Gott allein wei� das.</p><p>Der Mann schlo� seinen Mund wieder, w�hrend ich noch in der T�r stand, wandte sich um, ging die Treppe hinab und verschwand.</p><p>Seither habe ich ihn nie wieder gesehen. Und es sind jetzt viele Jahre vergangen.</p><p>Dieser Mann, dieser rotb�rtige Bote aus dem Lande des Todes, hat mir durch das unbeschreibliche Grauen, das er in mein Kinderleben gebracht, sehr viel Schaden zugef�gt. Ich habe mehr als eine Vision gehabt, mehr als eine seltsame Begegnung mit dem Unerkl�rbaren � nichts aber hat mich so tief bewegt wie dies.</p><p>Und doch hat er mir vielleicht nicht nur Schaden zugef�gt � dieser Gedanke ist mir oft gekommen. Vielleicht ist er eine der ersten Ursachen gewesen, da� ich gelernt habe, die Z�hne zusammenzubei�en und mich zu bezwingen. In meinem sp�teren Leben habe ich hin und wieder Verwendung daf�r gehabt.</p></section><section><title><p id="__Toc231461788"><emphasis>Der Geist von Frederic Boutet</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>In Nachschlagewerken und Literaturgeschichten sucht man seinen Namen meist vergeblich, obwohl viele seiner fantastisch-okkulten Erz�hlungen in Zeitschriften und Magazinen h�ufig abgedruckt wurden. Pers�nliche Daten, die Aufschlu� �ber seine Biographie geben k�nnten, fehlen weitgehend. Eine Auswahl aus seinen unheimlichen Geschichten in deutscher �bersetzung (�Die Dame in Gr�n�, 1971) ist inzwischen wieder vergriffen. Dennoch wird man sich seines Namens als Autor beklemmender makabrer Fantasien auch heute noch gern erinnern.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Es war zehn Uhr abends, als Anatole vor dem verrufenen Hause ankam, in dem es spuken sollte. Er war ein tapferer junger Mann und ganz darauf vorbereitet, den gr��ten Gefahren zu begegnen und das au�erordentlichste Abenteuer zu bestehen.</p><p>Dank der ihm gemachten Beschreibungen erkannte er das Haus ohne M�he; es lag in einer kleinen ver�deten Stra�e und war von einem Garten umgeben, dessen hohe Mauern es von den Nachbarh�usern isolierten. Vor der T�re war eine Tafel angebracht, auf der mit gro�en Buchstaben die Worte: �Zu vermieten� geschrieben standen. Es schien jedoch, als ob keiner geneigt w�re, von dieser Mitteilung Gebrauch zu machen.</p><p>�Hier ist es�, sagte Anatole, der ein wenig aufgeregt zu sein schien und alles mit scharfem Blick pr�fte. �Hier ist es! Ich werde mir nichts vorschwindeln lassen.�</p><p>Er hatte einen Schl�ssel zu der �ber der Freitreppe befindlichen T�re. Er �ffnete und betrat den gro�en Hausflur, auf dem er sich beim Lichte eines Wachsstreichh�lzchens behutsam zu einer Steintreppe vorw�rts tastete.</p><p>�Es soll in dem gro�en, rechts gelegenen R�ume der ersten Etage sein�, murmelte er, w�hrend er behutsam die Treppen hinaufschritt. �Dort ist, wie es scheint, der Ort ihres Stelldicheins. Gehen wir also dorthin. Sie irren gewaltig, wenn sie denken, uns mit ihren Taschenspieler- und Gauklerst�cken Angst machen zu k�nnen.�</p><p>Er hatte die erste Etage erreicht und bem�hte sich, beim letzten verglimmenden Scheine seines Wachslichtchens die kupferne Klinke einer rechts befindlichen T�re niederzudr�cken.</p><p>�Herein�, rief ihm da pl�tzlich aus dem Innern des Zimmers eine freundliche Stimme entgegen.</p><p>�Halt, da ist jemand�, murmelte Anatole ganz erstaunt und �ffnete die T�r. Das gro�e, h�chst behaglich eingerichtete Zimmer wurde durch den hellen Schein eines in einem gro�en Kamin brennenden Feuers, sowie durch das Licht zweier auf dem Tisch stehender Armleuchter freundlich erhellt. Auf dem mitten im Zimmer stehenden Tische waren Lik�rflaschen und Gl�ser aufgestellt, w�hrend ein alter, sehr gut gekleideter Herr mit kahlem Kopfe bequem in einem gr�nen Sessel ruhte und sich die F��e am Feuer w�rmte. Er hielt ein auseinander gefaltetes Zeitungsblatt in den H�nden und blickte �ber seine Brille wegsehend, Anatole freundlich entgegen. Neben ihm auf einem Stuhle stand ein hoher Hut, in dem ein Seidentuch und Handschuhe steckten; daneben lag ein Stock mit silbernem Knopfe. Sein �berzieher hing �ber der Lehne des Stuhles. Der alte Herr rauchte eine Zigarre und blickte den etwas verlegen eintretenden jungen Mann l�chelnd an.</p><p>�So kommen Sie doch n�her, mein lieber Herr Donore�, sagte er zu Anatole.</p><p>Halt, er kennt mich, wer mag das wohl sein? dachte dieser, ein wenig verwirrt n�hertretend.</p><p>�Setzen Sie sich doch, bitte�, sagte der alte Herr.</p><p>�Danke�, und Anatole nahm auf dem anderen vor dem Tische stehenden Sessel Platz, der seiner zu harren schien.</p><p>�Entschuldigen Sie, wenn ich Sie st�re�, fuhr er fort, �ich wu�te nicht � In der Tat, man erz�hlt sich, und Sie haben doch auch ganz gewi� davon geh�rt, da� es in diesem Hause spukt, und da es meinem Freunde Pont geh�rt � Sie kennen Herrn Pont?�</p><p>�Sehr gut�, sagte der alte Herr, �sehr gut, aber nehmen Sie doch ein Gl�schen Cognac?�</p><p>�Dann�, sagte Anatole, �wundert es mich nur, da� ich Sie niemals dort getroffen habe. Nein, danke, ich nehme keinen Zucker in den Cognac. � Und wie kommen Sie hierhin?�</p><p>�Eine Zigarre?� bot der alte Herr freundlich an und schob Anatole das Kistchen zu.</p><p>�Sehr gern. Nicht wahr, ich sagte Ihnen schon, da� ich hierher gekommen bin, weil man mir erz�hlt hat, es spuke in diesem Hause? � Pont hat es mir �brigens nicht mitgeteilt, da� wir die Nacht zu zweien verbringen w�rden � Ich bin �brigens sehr erfreut dar�ber�, f�gte er hinzu, sein Glas leerend und sogleich wieder f�llend, denn der Cognac war vorz�glich und Anatole war geistigen Getr�nken durchaus nicht abhold. �Haben Sie mich vielleicht hier erwartet?�</p><p>�Ja�, sagte der andere.</p><p>�Nun, ich finde, da� Pont mich davon h�tte benachrichtigen k�nnen�, meinte Anatole, eine Zigarre ansteckend, �wirklich, das finde ich.�</p><p>�Aber er hat es doch getan�, sagte der alte Herr ruhig.</p><p>�So? Nun, jedenfalls habe ich keine Botschaft von ihm erhalten � � und, das ist eigentlich etwas peinlich f�r mich, denn ich komme mir hier beinahe wie ein Eindringling vor ��</p><p>�Aber keineswegs, ganz gewi� nicht.�</p><p>Und der alte Herr l�chelte noch liebensw�rdiger wie vorher.</p><p>�Doch, ganz gewi߫, erkl�rte Anatole w�rdevoll, �es ist peinlich � wenn man einander nicht kennt �� Er machte eine Pause in der Hoffnung, da� der andere sich nun vorstellen w�rde. Dies geschah jedoch nicht und Anatole leerte, um seine Verlegenheit zu verstecken, sein Glas und f�llte es wieder.</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte er, �ganz ausgezeichnet � aber da wir uns beide zum Zwecke einer wissenschaftlichen Untersuchung hier zusammengefunden haben, erlaube ich mir, Sie zu fragen, was Sie denn �ber die Gespenstergeschichten denken, die man �ber dieses Haus erz�hlt? Man hat mir besonders von dem spukhaften Erscheinen eines alten Dummkopfes, eines fr�heren Mieters zu berichten gewu�t. Ganz gewi� ist, da� dies Haus sehr im Verrufe steht und sich daher nicht vermieten l��t. Ebenso steht fest, da� alle, die es versucht haben, eine Nacht darin zu verbringen, wie das jetzt unser Vorhaben ist, es nicht zum zweiten Male gewagt haben. Aber was ist der Grund all dieses Geredes? Weshalb spukt es in diesem Hause und was f�r ein Geist geht darin um?�</p><p>�Ich�, sagte ruhig der alte Herr, Anatole �ber seine Brillengl�ser weg ansehend.</p><p>�Sie�, rief Anatole best�rzt, �Sie scherzen wohl?�</p><p>�Nein�, sagte der alte Herr, �das ist kein Scherz. Es ist Wahrheit. Ich bin es, den Sie eben erst den Geist eines alten Dummkopfes und fr�heren Mieters genannt haben.�</p><p>�Teufel � Teufel auch�, murmelte Anatole, in sein Glas sehend.</p><p>�Nein�, sagte der alte Herr.</p><p>�Wieso, nein?� fragte Anatole.</p><p>�Nein, ich bin nicht der Teufel; ich bin ein Gespenst, wenn Sie so wollen, ein Phantom, ein Schatten, ein Geist � alles, wie es Ihnen gef�llt � aber ich bin nicht der Teufel.�</p><p>�Das � das gef�llt mir nicht�, gestand Anatole beunruhigt. �Au�erdem verstehe ich nicht � � ��</p><p>Er nahm abermals seine Zuflucht zu einem Gl�schen Cognac.</p><p>�Sie werden bald genug verstehen�, sagte das Gespenst herablassend. �Ich habe vor etwa f�nfzehn Jahren, als ich noch sehr lebendig war, dies kleine Haus gemietet und elf Jahre darin gewohnt. Vor vier Jahren bin ich gestorben. Da bin ich nat�rlich in eine andere Welt eingetreten, in der ich jedoch aus pers�nlichen Gr�nden nicht dauernd bleiben konnte. Ich bin deshalb hierhin zur�ckgekehrt; um aber hier in Ruhe bleiben zu k�nnen, bin ich gezwungen gewesen, den Leuten, die es sich einfallen lie�en, hier wohnen zu wollen, Angst einzujagen.�</p><p>�Ich � verstehe�, sagte Anatole.</p><p>�Das wundert mich nicht�, sagte der Geist, �da Sie wirklich sehr intelligent sind und das ist auch der Grund, weshalb ich geglaubt habe, Sie freundschaftlich und ohne Umst�nde empfangen zu k�nnen und da� ich es mir Ihnen gegen�ber sparen k�nnte, mit Ketten zu klirren und Feuerzauber wirken zu lassen, mit dem man alte Weiber in Schrecken versetzt. Sie trinken aber gar nicht.�</p><p>�Doch, doch�, sagte Anatole, sein Glas mit einer Mischung von Kirsch und Chartreuse f�llend. �Aber verzeihen Sie die Frage: Sie sagten, Sie h�tten in der anderen Welt nicht bleiben k�nnen � aber weshalb konnten Sie dies nicht?�</p><p>�Ich glaube schon bemerkt zu haben, da� dies eine pers�nliche Angelegenheit gewesen�, bemerkte der Geist zur�ckhaltend. �Dennoch will ich Ihnen als Ehrenmann unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteilen, was es damit f�r eine Bewandtnis hat. Ich starb also, nicht wahr, und man gab mir da nat�rlich eine Eintrittskarte f�r das Paradies, denn ich bin mein ganzes Leben lang ein gerechter und tugendhafter Mann von reinen Sitten gewesen, der sich treulich der Witwen und Waisen angenommen hat. So kam ich also in das Paradies � Und ��</p><p>�Und?� fragte Anatole, sein Gegen�ber mit Augen anstarrend, die infolge des reichlich genossenen Alkohols sich mit Tr�nen zu f�llen begannen.</p><p>�Und�, sagte der liebensw�rdige Geist l�chelnd, �ich fand sehr bald, da� ich es im Paradies einfach nicht aushalten konnte. Es wurde da immerfort musiziert, verstehen Sie wohl, es gab Musik vom Morgen bis Abend und vom Abend bis Morgen, Musik bei Tag und bei Nacht und allezeit, ohne Gnade und Barmherzigkeit. Dabei immer nur klassische Musik! Wenn man wenigstens mal eine Oper geh�rt h�tte, ach, die schlechteste Oper mit den minderwertigsten S�ngern, die meinetwegen auch noch falsch gesungen h�tten! Es w�re doch mal eine Abwechslung gewesen. Dazu dann erst dies Publikum! Es gab nur streng tugendhafte Leute da, deren Ehrbarkeit so intakt war, da� man davor h�tte fliehen m�gen � gleichviel wohin. Ich habe mich da meines eigenen tugendhaften Lebenswandels sch�men gelernt. Ich habe es ertragen, so gut ich konnte, vier Monate und acht Tage lang, da ging es nicht mehr und ich habe Fersengeld gegeben. Als St. Petrus mir die Himmelspforte aufgeschlossen, da habe ich ihm wohl angesehen, wie gern er meinem Beispiele gefolgt w�re, und als ich herausging, sagte er in traurigem, neiderf�llten Tone:</p><p>�Sie haben genug davon, was? � Sie machen sich davon. Ich wollte nur, da� ich das auch tun k�nnte. Diese verdammte heilige Musik! Volle achtzehnhundert Jahre habe ich das Gedudel nun schon anh�ren m�ssen.�</p><p>Na, und ich bin dann zur H�lle herabgestiegen.�</p><p>Anatole, der sich gerade einen in Eis gek�hlten K�mmel zu Gem�te gef�hrt hatte, spitzte die Ohren. �Nun und ist es in der H�lle am�sant?�</p><p>�Das will ich meinen�, sagte das Gespenst bitter, sogar sehr am�sant. Aber � nat�rlich � es ist da auch nicht ein Platz mehr frei. Alles �berf�llt. Ich hatte eine sehr gute Empfehlung und habe mich bem�ht, eine Stelle als Unterteufel zu bekommen, aber der Chef des Personals hat mir ganz offen gesagt, da� ich nicht darauf rechnen k�nne. Es haben sich 11 780 212 Kandidaten <emphasis>vor</emphasis> mir dazu gemeldet, ohne von denen zu sprechen, die die ersten berechtigtsten Anspr�che auf Anstellung haben. Es warten noch drei P�pste und siebzehn K�nige, wovon zwei Neger sind, darauf. Damit ist alles gesagt.�</p><p>�Da hast du recht�, sagte beif�llig Anatole, der immer eifriger dem K�mmel zusprach und anfing z�rtlich zu werden.</p><p>�Ja�, fuhr der arme Geist fort, �da ich also durch die Musik aus dem Paradiese vertrieben worden und in der H�lle keinen Platz finden konnte ��</p><p>�Aber das Fegefeuer?� warf Anatole ein.</p><p>�Das ist seit langer Zeit geschlossen�, sagte der andere. �Es haben sich da ganz unm�gliche Dinge zugetragen. � Sehen Sie, mir blieb wirklich nichts anderes �brig, als auf die Erde zur�ckzukehren und da bin ich eben in meine alte Behausung eingekehrt, die ich nun schon gegen so viele Idioten, die durchaus darin wohnen wollten, tapfer verteidigt habe.</p><p>Ich bin gezwungen gewesen, die alleralbernsten Farcen aufzuf�hren, nur um mir ein wenig Ruhe zu verschaffen. Ich bin einer alten Dame, die hier eingezogen ist, als Skelett mit einem von schwarzen Schleiern umwallten Totensch�del erschienen und habe sie so in Furcht gejagt, da� sie selbst gestorben ist. Einen praktischen Arzt, der sich als Freigeist aufspielte, habe ich durch Kettengerassel und durch feurige Schriftzeichen, die ich auf der Wand erscheinen lie�, zu verjagen gewu�t. Man hat ihn schwer erkrankt von hier fortgebracht. Es ist wahr, da� das, was ich auf die Wand geschrieben, dazu angetan war, ihn mit Schrecken zu erf�llen. Dann ist ein phlegmatischer Engl�nder hier eingezogen, der der Sache auf den Grund gehen wollte und mich �berall hin, sogar bis auf den Speicher verfolgte. Ich habe hartn�ckig seine Kerze ausgeblasen und alle T�ren vor ihm lautlos weit aufgerissen. Da verlie� ihn sein Phlegma bald und er machte sich aus dem Staube. Darauf zog ein alter Oberst mit seiner musikalischen Tochter hier ein. Ich fl�sterte dem jungen M�dchen, sobald es sich an das Klavier setzte, die tollsten Dinge in das Ohr und ri� den Vater, wenn er sich zu Bett legte, an den F��en heraus. Sie haben sich ebenfalls sehr bald fortgemacht. � Sie werden einwerfen, da� das banale abgedroschene Farcen seien, aber sie strengen weiter nicht an und ziehen immer noch. Auf diese Weise ist es mir denn gelungen, mir wirklich nach und nach ein wenig Ruhe zu verschaffen und wenn ich Ihnen dies alles heute abend erz�hle, so geschieht es, weil ich Sie f�r sehr intelligent halte � obgleich Sie ja jetzt ein wenig angetrunken sind.�</p><p>�Ich habe nichts getrunken�, sagte Anatole beleidigt.</p><p>�Intelligent, obwohl augenblicklich etwas betrunken�, fuhr das Gespenst fort, �mein Zweck dabei ist, Sie zu veranlassen, Herrn Pont davon zu �berzeugen, da� sein Haus wirklich unbewohnbar ist, wegen der Geister, die darin umgehen.�</p><p>�Es ist nicht wahr�, sagte Anatole vertraulich werdend, �du bist kein Geist.�</p><p>�Wieso?� fragte das Gespenst.</p><p>�Nein�, erkl�rte Anatole, der so betrunken war, da� er kaum noch reden konnte, �nein � Gespenster � die sind nicht wie du � Die machen Angst � du aber � du machst mir keine Angst.�</p><p>�Ich mache dir keine Angst�, sagte das Gespenst �rgerlich, �du dummer Bengel ��</p><p>�Nein�, stotterte Anatole, �nicht die geringste Angst � Aber � du darfst mir keine Grobheiten sagen � nein � das � das tut mir weh. Du bist ein wenig betrunken, sonst aber wirklich ganz nett.�</p><p>�Welch ein Dummkopf�, murmelte das Gespenst. �Es ist ein ebensolcher Idiot, wie die anderen auch. Es bleibt mir nichts anderes �brig, als ihm die gewohnten Hanswurstereien vorzumachen.�</p><p>Und pl�tzlich verl�schten die Kerzen der Armleuchter und das Feuer im Kamin. Jedes, auch das kleinste Ger�usch verstummte und Totenstille herrschte ringsumher. Vor Anatole aber erhob sich drohend die Gestalt des alten Herrn, der riesenhafte Verh�ltnisse angenommen hatte und mit dem Kopf bis zu der Decke des Zimmers ragte; dieser Kopf aber hatte kein menschliches Aussehen mehr, es war das eines Unget�ms mit weit vorstehenden furchtbaren Z�hnen und mit feurigen Augen, die wie Irrlichter durch den unheimlichen, das Gemach erf�llenden Nebel leuchteten.</p><p>Anatole, der pl�tzlich n�chtern geworden, stand einen Augenblick stumm, mit gestr�ubtem Haar und von Entsetzen �berw�ltigt da.</p><p>Der Geist aber streckte seine leichenfarbenen, mit langen F�hlf�den versehenen H�nde drohend nach ihm aus.</p><p>Anatole, der sich von einem namenlosen Grauen erf�llt f�hlte, schrie laut auf vor Furcht und versuchte so schnell wie m�glich den Ausgang zu gewinnen.</p><p>Er prallte gegen den Kamin, verletzte dann seine Schulter an der Ecke des B�fetts und sprang, da er die T�re nicht finden konnte, endlich durch das Fenster. Auf diese Weise gelang es ihm ja ziemlich schnell, die Stra�e zu erreichen, wo er jedoch ohnm�chtig liegen blieb. Er kam mit einem Schenkelbruch und verschiedenen ernsten Kontusionen davon.</p><p>�Wenn ich bedenke�, murmelte der Geist des alten Herrn, der wieder seine urspr�ngliche Gestalt angenommen hatte, �wenn ich bedenke, da� man doch immer wieder zu diesen abgedroschenen alten Farcen zur�ckgreifen mu�! Dabei wird behauptet, die Menschen seien skeptisch geworden!�</p></section><section><title><p id="__Toc231461790"><emphasis>Die Kleinodien des Tormento von Paul Busson</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Der �sterreichische Schriftsteller Paul Busson, 1873 in Innsbruck geboren und 1924 in Wien gestorben, war Offizier, dann Redakteur. Er schrieb Gedichte, Novellen, Romane sowie Jagd- und Tiergeschichten. Eine echte Trouvaille ist seine fantastische Geschichte �Die Kleinodien von Tormento�, die 1905 in der �sterreichischen Rundschau erschien.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Mit einem heftigen Ruck hielt die Droschke vor einem gro�en, vornehmen Hause. Der junge Arzt stieg eilig aus und lief am Portier vorbei die breite Treppe hinauf. Im ersten Stock, in der halbge�ffneten Wohnungst�re, wartete der Diener, der ihn soeben telefonisch aus dem Kaffeehaus gerufen hatte. Auf dem kleinen Messingschild stand der Name: Jerome Kerdac.</p><p>Der Diener schlo� sofort die T�re hinter dem Eingetretenen, nahm ihm Hut und Mantel ab und schob ihn mit zitternden H�nden in ein gro�es, halbdunkles Zimmer; der Hebel klappte � helles Licht strahlte von einem venezianischen Glasl�ster aus.</p><p>Dr. Klaar schritt auf das breite Bett zu, in dem der Kranke lag. Im Licht kreiste noch eine d�nne Wolke bl�ulichen Pulverdampfes. Es roch nach versengtem Leinen. Des Doktors Fu� stie� an einen harten Gegenstand � es war der Revolver, mit dem Kerdac sich angeschossen hatte.</p><p>Der Mann im Bett hielt die Augen geschlossen. Sein wei�es Gesicht war mager und unbeweglich, und er atmete ganz schwach. Der Arzt beugte sich �ber ihn und hob die emporgezogene Bettdecke. Unter der linken Brust war der Revolver angesetzt worden. Ein rundes, kleines Loch mit dunklen R�ndern, ein paar feine Blutspritzer auf dem Hemd neben den verkohlten Stellen, die den Kugelri� im Hemd umgaben, das war alles. Vorsichtig glitt des Arztes Hand �ber den R�cken des Bewu�tlosen. Die Kugel befand sich noch im K�rper. Das Herz schien verletzt zu sein. Viel war jedenfalls nicht mehr zu machen.</p><p>Dr. Klaar lie� sich noch einmal kurz informieren. Der Diener sprach schluckend und stotternd; er hatte sich von seinem Schreck offenbar noch nicht erholt. Sein Herr sei schon seit einiger Zeit hochgradig nerv�s und melancholisch gewesen; ohne eigentlich krank zu sein, wollte er oft wochenlang das Bett nicht verlassen, auch habe er Tage hindurch keine Nahrung zu sich genommen. Manchmal h�tte er, wie es schien, Fieber gehabt, irre geredet und Schreckbilder gesehen, die ihn bedrohten. Besonders nachts h�tte er h�ufig laut gest�hnt und aufgeschrien, so da� er, der Diener, mehrmals zu Tode erschrocken ins Zimmer geeilt w�re, um seinem Herrn beizustehen. Der Herr habe ihm aber solches stets sehr barsch untersagt und ein f�r allemal verboten, nachts bei ihm einzutreten, wenn nicht geklingelt w�rde. Heute habe der Herr einen besonders schlimmen Tag gehabt, sehr viel ge�chzt und gejammert und keinen Bissen gegessen. Um halb sechs Uhr abends h�tte er gel�utet und ihn mit einer Kommission beauftragt, f�r die beil�ufig eine Stunde erforderlich war. Er w�re aber mit seiner Arbeit nicht gleich fertig geworden, h�tte sich um ungef�hr zwanzig Minuten versp�tet, als im Schlafzimmer ein dumpfer Knall erfolgte. Und als er sah, da� sein Herr auf sich geschossen, w�re er augenblicklich zum Telefon gelaufen und h�tte ins Cafe Zentral telefoniert, wo, wie er zuf�llig wu�te, die Herren von der Klinik ihre Zeitung lasen. Das sei aber schon vor einer Viertelstunde geschehen.</p><p>�Gut�, sagte der Doktor, �Sie werden mir Papier und Tinte geben und dann mit dem, was ich aufschreibe, sofort ins Polizeigeb�ude gehen. Es ist meine Pflicht, gleich die Anzeige zu erstatten.�</p><p>Im selben Augenblick bemerkte der Arzt, da� Kerdac die Augen weit ge�ffnet hatte und die Lippen bewegte. Er eilte hin und beugte sich �ber den Schweratmenden.</p><p>�Schicken Sie den Diener in sein Zimmer�, fl�sterte Kerdac, �ich m�chte mit Ihnen sprechen.�</p><p>Dr. Klaar bat ihn, sich ruhig zu verhalten; er wolle nur etwas aufschreiben und in die Apotheke senden.</p><p>�Apotheke � nicht wahr?� st�hnte der Kranke. �Ich habe alles geh�rt, was gesprochen wurde. Wozu die Polizei? Es wird sehr bald aus sein. Ich m�chte Ihnen Wichtiges mitteilen.�</p><p>Er brach ab und begann auf der Decke zu fingern. Sein Gesicht verfiel rasch und die Nase wurde spitzig.</p><p>Das hippokratische Gesicht � dachte der Arzt und dann fiel ihm ein, da� es in diesem Falle wohl gleichg�ltig und ganz und gar seine Sache sei, wenn die Polizei die Meldung um zehn Minuten sp�ter erhielt.</p><p>Er beschlo�, den Willen des Sterbenden zu erf�llen, wies den Diener an, sich in seinem Zimmer bereit zu halten und setzte sich dicht neben den Kranken, der dankbar l�chelnd die Oberlippe emporzog. Es widerstrebte ihm, den Armen noch mit der Untersuchung durch die Sonde zu qu�len. Seiner Sch�tzung nach steckte das Blei im unteren Teil des Herzbeutels. Wie durch ein Wunder vermochte das Organ noch auszuhalten. M�hsam pumpte es noch einige Zeit das Blut durch den K�rper � mit immer schwereren Schl�gen.</p><p>�Greifen Sie unter mein Kopfkissen�, murmelte Kerdac. Der Arzt erf�llte seinen Wunsch und zog ein schmales K�stchen aus rotbraunem Maroquinleder hervor. Auf dem durch die Zeit gl�nzend poliertem Deckel war ein Wappen in Reliefpressung: eine gefl�gelte Schlange mit einem Frauenkopf. Darunter stand in lateinischen Buchstaben A Tormento.</p><p>�Sehen Sie alles genau an�, sagte Kerdac. �Ich sterbe noch nicht. Mir ist ganz wohl.� Seine Lider klappten herunter, so da� der Arzt sich erschrocken vorbeugte. Kerdac lag bewegungslos und atmete regelm��ig, wenn auch sehr schwach.</p><p>Dr. Klaar �ffnete das K�stchen. Es war mit ehemals wei�em, l�ngst gelblich gewordenem Samt gef�ttert. In zw�lf halbrunden Vertiefungen lagen d�nne Steinschliffe, glatt und durchsichtig, dar�ber, wie ein Schutzdeckchen, eine Halbmaske, aus br�chiger, schwarzer Seide. Die Maske hatte nur eine einzige runde �ffnung an der Stelle des rechten Auges, und diese war mit einer Art von vorstehendem Rand versehen, als sollte ein kleines Augenglas eingeschoben werden. Ein schmaler Pergamentstreifen, der in der Maske lag, war ebenfalls mit lateinischen Buchstaben bedruckt oder sehr geschickt beschrieben.</p><p>Der Doktor blickte fragend auf den Kranken und sah dann wieder den Zettel an, als jener die Augen beharrlich geschlossen hielt. Der Inhalt war ihm vollkommen unverst�ndlich, sowohl die �berschrift als alles andere:</p><empty-line/><p><emphasis><strong>Die wahren Kleinodien des Tormento.</strong></emphasis></p><p>Januarius. � Hyacinth. � Eva.</p><p>Februarius. � Amethyst. � Popp�a.</p><p>Martius. � Heliotrop. � Salome.</p><p>Aprilis. � Saphir. � Selene.</p><p>Majus. � Smaragd. � Diana.</p><p>� Junius. � Chalcedon. � Nahema. �</p><p>Julius. � Carneol. � Astarte.</p><p>Augustus. � Onyx. � Semiramis.</p><p>September. � Chrysolith. � Lilith.</p><p>Oktober. � Aquamarin. � Undine.</p><p>November. � Topas. � Roxane.</p><p>Dezember. � Chrysopras. � Helena.</p><p>Rufe alle, nur <emphasis>Nahema</emphasis> nicht!</p><empty-line/><p>Dr. Klaar hat laut gelesen. Wie ein verwehtes Echo klang es von den Lippen des Verwundeten: �� � � nur Nahema nicht �!�</p><p>Und dann sah Kerdac mit erstaunten Blicken, wie aus tiefem Schlaf erwacht, den Fremden an, der da an seinem Lager sa�, und betrachtete die wohlbekannten Gegenst�nde in seinem Zimmer.</p><p>�Ich war bewu�tlos?� fragte er mit schwacher Stimme. �Ich f�hlte, wie ich versank � � immer weiter ins Schwarze � � ��</p><p>Ein heftiger Schauer �berlief seinen Leib. Seine Hand haschte nach der des Arztes.</p><p>�Sagen Sie, � Herr Doktor �, es � ist also keine Rettung �? Wenn man eine Operation vorn�hme?�</p><p>Dr. Klaar sah unwillk�rlich weg und versuchte, den Kranken mit den �blichen, nichtssagenden Phrasen zu tr�sten und ihm Mut einzureden. Es war nicht das erstemal, da� er bei einem Selbstm�rder dieses entsetzliche Erwachen mitansah, die j�he Erkenntnis einer unsinnigen, j�mmerlichen Tat, die nicht mehr gutzumachen war. � Er dachte an jene arme N�herin, die vor drei Wochen in seinem Spital an Phosphorvergiftung gestorben war, � bis zum Schlu� trotz ihres bitteren Lebens, das sie ungeschickt und qualvoll beendigen wollte, mit allen Gedanken auf Genesung hoffend. Und doch h�tte dies Gesundwerden nichts anderes f�r sie bedeutet, als ein Weiterschreiten auf ihrem Leidenswege, doppelt schwer zu ertragen um des kleinen, kr�ppelhaften und namenlosen Gesch�pfes willen, das sie, verlassen wie ein Tier auf der Heide, in ihrer frostigen Dachkammer zur Welt gebracht hatte. � Gl�cklich die, die sich schnell zu t�ten wu�ten, die hin�berschliefen oder die das Ende blitzartig traf, mitten im bl�henden Leben, so schnell, da� sie keinen Gedanken mehr denken konnten.</p><p>Kerdac hatte Tr�nen in den Augen, als er die Miene des Arztes sah. Aber er war tapfer genug, sich abzufinden.</p><p>�Dann will ich Ihnen alles erz�hlen�, sagte er leise, �Sie allein sollen es wissen.�</p><p>�Sie sollten nicht viel sprechen�, erwiderte Dr. Klaar und sah unschl�ssig auf die Uhr. Er wunderte sich, da� er hier sa�, anstatt die vorgeschriebene Anzeige zu erstatten.</p><p>�Bitte � bleiben Sie da � � ��</p><p>Ein tiefes St�hnen, dem ein schluchzender Laut folgte, zeigte die krampfartigen Schmerzen Kerdacs an. Er hielt die Hand des Arztes mit hilflosen, schwachen Fingern so fest als m�glich umspannt, als f�rchtete er, allein und einsam sterben zu m�ssen, und k�nne ihn so halten. Als er sich ein wenig erholt hatte, begann er hastig zu sprechen; allm�hlich wurde seine Stimme ruhiger und vernehmlicher, wenn auch so leise, da� der Doktor sein Ohr dem Munde des Schwerverletzten n�hern mu�te, um ihn vor gef�hrlicher Anstrengung zu bewahren. W�hrend der ganzen Erz�hlung hielt Dr. Klaar das seltsame K�stchen in der Hand.</p><p>�Niemand wird um mich trauern�, sagte Kerdac, �ich habe niemanden, der mich liebt. Ich bin seit meinem zehnten Jahr immer allein gewesen, ganz allein. Verstehen Sie, wie traurig das ist? Wissen Sie, was so ein armer, versch�chterter und freudloser Bub leidet? Pah �! Das kann niemand wissen! � Es ist ja so lange her. � Sp�ter, als ich aus dem Institut, in dem ich meine ganze sonnenlose Jugend verbracht hatte, herauskam, schickte man mich auf die Universit�t. Als ich vierundzwanzig Jahre alt wurde, erhielt ich ein Schreiben der Vormundschaftsbeh�rde; man gab mir mein Verm�gen heraus, das ein alter, griesgr�miger Notar, der sich sonst um sein M�ndel nicht gek�mmert hatte, verwaltete. Ich nahm diese Tatsache mit jener stumpfen Gleichg�ltigkeit, mit einer Passivit�t auf, die mir zur zweiten Natur geworden war. Ich lebte nun besser als fr�her, hatte eine gro�e, von einem kunstsinnigen Tapezierer ausgestattete Wohnung und vergrub mich in meine B�cher. B�cher kaufen war �brigens der einzige Luxus gewesen, den ich mir bisher gestattet hatte.</p><p>Ich interessierte mich, wohl infolge meines einsamen, verinnerlichten Lebens, au�erordentlich f�r seltene, okkultistische Werke. Mit der Zeit sammelte ich eine ziemlich gro�e Anzahl solcher B�cher, vom Agrippa von Nettesheim bis zu modern-spiritistischen Schriften. � Ich befa�te mich voll leidenschaftlichen Eifers mit der Entzifferung und Auslegung unbekannter, orientalischer Manuskripte. Nebenbei versuchte ich, praktische Magie zu betreiben. Aber abgesehen von fl�chtigen Halluzinationen und vision�ren Traumbildern, die wohl nur infolge der dabei vorgeschriebenen R�ucherungen mit aromatischen, zum Teil giftigen Stoffen entstanden, erlebte ich nichts, was mich den Geheimnissen, die ich ergr�nden wollte, n�herbrachte. Einige Menschen, die ich im Lauf der Jahre kennenlernte und die sich im Verborgenen mit �hnlichen Dingen abgaben, behaupteten zwar, mehr als ich erkannt zu haben. Sie glaubten es vielleicht wirklich. Einmal wurde ich mit einem Menschen bekannt gemacht, der im Besitze unerh�rter Zauberkr�fte sein sollte und sich f�r einen Orientalen ausgab. Mit unersch�tterlicher Geduld lauschten seine J�nger den Fantasien dieses Menschen, der im Grunde nur ein harmloser Schwindler war und sich auf seine Weise kleine Annehmlichkeiten ergatterte. Seine magnetischen Kuren veranlagten die Beh�rde, ihn in sein Heimatdorf in Bayern abzuschieben. Und so war auch das nichts gewesen. � Bitte, trocknen Sie mir die Stirne, Doktor!�</p><p>Der andere betupfte mit einem Tuch vorsichtig die Stirne Kerdacs, die mit gro�en Schwei�perlen bedeckt war. Vielleicht lie� sich dies arme Leben doch noch etwas verl�ngern; die Nadel der bereitgehaltenen Pravaz-Spritze drang leicht durch die schlaffe Haut des Unterarmes. Die Injektion schien Kerdac wohl zu tun, er atmete tief auf und fuhr etwas lebhafter fort:</p><p>�Das habe ich Ihnen erz�hlt als eine der vielen Entt�uschungen, die ich erlitt. Es war immer dasselbe. In Indien, in Darbhangah, zeigte mir ein Fakir f�r zehn Rupien das ber�hmte Wachsen des Mangobaumes. Unter fortgesetzten Beschw�rungen entspro�te dem eingepflanzten Samenkern eine hellgr�ne, junge Pflanze, die immer h�her wuchs, nachdem sie jedesmal mit einem Tuch bedeckt worden war. Schlie�lich entri� ich dem schreienden Kerl Topf und Pflanze � der Samenkern war gespalten und mit gro�er Geschicklichkeit ein abgeschnittener Mangospr��ling hineingeklemmt. Im Tuch waren noch vier St�mmchen, eins immer gr��er als das andere.</p><p>Warum ich das erz�hle? Um Ihnen zu beweisen, da� ich kein Neuling bin in diesen Dingen und Trug von Wirklichkeit wohl zu unterscheiden vermag. Um Ihnen begreiflich zu machen, da� das, was mich zu jenem ungl�ckseligen Revolverschu� trieb, mehr war, als die Tr�ume eines erregten Gehirns. Es war Wirklichkeit � ach, so sch�ne Wirklichkeit, und wieder so entsetzlich, da� kein Lebender sich das Ma� von Grauen vorstellen kann, das ich durchlebt habe.</p><p>Nach den vorhin geschilderten Erlebnissen verbannte ich meine Zauberb�cher in die Tiefe eines gro�en, verschlossenen Schrankes und ging ohne allen Gehirnballast auf Reisen. Es half mir nichts. Mein melancholisches Gem�t wurde nicht heiterer durch den raschen Wechsel der Eindr�cke. Es lag ja in mir selbst, da� die Sonne am Mittelmeer anderen fr�hlicher und heller strahlte als mir, da� mir die Rosen in Fiesole garstig und beklemmend dufteten, da� das blaue Meer nach Fischen und faulem Tang roch. In meinem Auge mu�te ein Fehler sein, mein Geh�r hatte gewi� eine h��lich mitklingende Saite. Wie w�re es sonst zu erkl�ren, da� ich an einer sch�nen Frau nichts anderes sah als ein Fl�ckchen Ru�, das der Wind an ihre Wange geweht und der Schleier verwischt hatte? Da� ich in einem Beethoven-Konzert die immer wiederkehrenden Anfangstakte eines Gassenhauers heraush�rte? Warum sah ich in einem St�ck, das andere Menschen in ihren Seelentiefen ersch�tterte, nur schmutzige Sofitten und die Runzeln des Schauspielers, der den jugendlichen Liebhaber gab? Ich war es! Ich litt an mir selbst!</p><p>Einmal war ich verliebt. Rasend, unsinnig � ich konnte nur in ihrer N�he leben. Mag dieser Ausdruck banal klingen � er ist trotzdem gut. Diesmal sah ich keine k�rperlichen Fehler. Aber ich wurde von einer h�llischen Eifersucht gepeinigt. Ich wu�te, da� ich betrogen w�rde. Ich wu�te zugleich, da� es nicht so war. Verstehen Sie mich? Ich konnte nicht anders � es stie� mich etwas, von der Geliebten schlecht zu denken und ich qu�lte die einzige Frau, die f�r mich auf der Welt war, mit meinem beleidigenden Mi�trauen, mit meiner h�hnischen Resignation, bis sie, gekr�nkt und in ihren zartesten Gef�hlen roh verletzt, weinend von mir ging. Und damit war f�r mich eigentlich alles aus, daran bin ich auch zugrunde gegangen. Ganz gewi�.�</p><p>Kerdac seufzte tief auf. Eine gro�e Schw�che und ein Muskelzittern, das der Vorbote des nahen Endes zu sein schien, kam pl�tzlich �ber ihn. Aber diesmal ging es noch vor�ber, und er erz�hlte weiter:</p><p>�Ich kann mich an nichts erinnern, das mir wirkliche Freude gemacht h�tte. Ich habe alles versucht und alles hat mich entt�uscht; ich war unzul�nglich, der Freude unf�hig. Ich gab auch schlie�lich jeden Versuch, mein Leben zu versch�nern, als nutzlos auf und geriet wieder in den alten Zustand vollkommener Lethargie. Ich stand auf, wenn ich genug geschlafen hatte, a�, trank und trieb mich zwecklos und gleichg�ltig auf den Stra�en herum.</p><p>Eines Abends � ich lebte damals in Paris � sa� ich in einem Boulevardcafe und trank ein Glas Bier. Es war ein warmer Regentag im Fr�hjahr. Die Lichter spiegelten sich in den nassen Trottoirs. Str�me von Menschen kamen vor�ber. Einzelne l�sten sich aus der Masse, kamen ins Cafe, andere, die herausgingen, verschwanden sofort in dem lebenden Strom. Mich unterhielt es fast, diese kleinen Vorg�nge, die einer Symbolik des Lebens glichen, zu beobachten.</p><p>Auf einmal bemerkte ich, da� sich jemand an meinen Tisch gesetzt hatte, was mich sehr nerv�s machte. Ich sah den Menschen unfreundlich an. Es war ein armseliger, schlecht gekleideter Jude, mit r�tlichem, zerzaustem Bart und unruhig-�ngstlichen Augen. Er trank in kleinen Schlucken einen s��en Lik�r und nahm so wenig Platz ein, als nur m�glich. Als er sah, da� ich ihn bemerkt hatte, machte er eine erschrockene, hastige Verbeugung. Nach einiger Zeit redete er mich in schlechtem Franz�sisch an, mit dem singenden Ton seiner Rasse. Er sprach sehr verlegen und stockend und ich merkte bald, wo er hinaus wollte. Erst heute war er, wie er sagte, in Paris angekommen, mit seiner Frau und drei kleinen Kindern, von denen eines sehr krank sei. Er wolle sich hier eine Existenz gr�nden, sei aber heute den ganzen Tag vergeblich herumgelaufen und k�nne vor Hunger und M�digkeit nicht mehr stehen. Seine Frau wartete auf ihn, irgendwo weit drau�en. Und er habe keinen Sou in der Tasche, um den Kindern Brot zu kaufen. Ich sah ihn �rgerlich an, zuerst an einen jener zahllosen, unversch�mten Bettler denkend, die von irgendeiner tr�bseligen, eingelernten Phrase viel besser leben als mancher brave Arbeiter. Aber seine Augen waren mit so hei�er, verzweifelter Bitte auf mich gerichtet und hafteten mit so banger Erwartung an meinem Gesicht, da� ich ihm, meiner Absicht entgegen, ein F�nffrankenst�ck zuschob. Er brach in eine Flut von Danksagungen und in naive Segensw�nsche aus, so da� er mir im h�chsten Grade l�stig erschien. Als er mich gar noch fragte, ob ich ihm nicht etwas abkaufen wolle, sagte ich in barschem Tone, er solle sich fortmachen. Aber er blieb ganz ruhig sitzen und nahm das K�stchen, das Sie, Herr Doktor, in Ihrer Hand halten, aus der Tasche und reichte es mir. Es sei von einem vornehmen Herrn aus Wien, der sich erschossen und aus dessen Nachla� er es erstanden habe. Eine gro�e Rarit�t m�sse es sein und sehr alt. Er habe seinen Rabbi gefragt, was es sei, der habe ihm aber sehr streng befohlen, das alles zu verbrennen und es unter keinen Umst�nden zu verkaufen. Das w�re aber doch schade und er sei ein armer Mensch. Ob ich zwanzig Franken geben w�rde?</p><p>Widerwillig �ffnete ich das Etui, sah den r�tselhaften Inhalt an und kaufte es sofort. Seit langer Zeit hatte mich nichts mehr erregt oder interessiert � dieses K�stchen mit der Maske und dem Pergamentstreifen wirkte auf mich wie ein k�hler Trunk auf den Verschmachtenden. Ich steckte es sofort zu mir.</p><p>Der Jude nickte mir noch dankbar zu und sagte Segensw�nsche vor sich hin. Er verschwand ebenso, wie er gekommen war. Ich sah einen Moment fort, und als ich mich wieder dem Tisch zukehrte, war er verschwunden; das Goldst�ck hatte er im letzten Augenblick nicht zu nehmen gewagt; es lag dicht bei meinem Arm. Er hatte offenbar einen kurzen, schweren Kampf mit sich selbst gek�mpft. Das tat mir recht leid. Ich h�tte dem armen Kerl das Geld gerne geschenkt. Ich habe ihn nie mehr in meinem Leben gesehen.</p><p>So eilig als m�glich fuhr ich nach Hause. Ich hatte eine sehr h�bsche Wohnung in der N�he der Madeleine.</p><p>Durch den Diener lie� ich mir ein kaltes Souper holen und blieb zu Hause. Nach dem Essen betrachtete ich das K�stchen und seinen Inhalt aufs genaueste. Vergebens aber suchte ich in meinen B�chern nach einem bekannteren Magier namens Tormento, dessen �wahre Kleinodien� vor mir lagen.�</p><p>Ein neuerlicher Anfall lie� Kerdac verstummen. Erst nach langen Minuten, die der Arzt in best�ndiger Erwartung des Endes, in einer ihm unbegreiflichen Erregtheit durchlebte, �ffnete jener wieder die farblosen Lippen, um zu sprechen.</p><p>�Ich mu� mich eilen�, stammelte er. �Es geht jetzt rasch abw�rts. � Ich sprach von dem ersten Abend? � Nun � ich habe das Geheimnis erst nach Wochen, nach einer Zeit nerv�sen Suchens und Gr�belns gefunden. � Es war an einem Septemberabend, als ich wieder einmal die Maske vornahm und den Monatsstein, also den Chrysolith, in die runde �ffnung schob. Ich hatte den Versuch schon hundertmal gemacht. � Wie sonst, so starrte ich auch heute durch das Pl�ttchen gegen das Licht. Im Gegensatz zu anderen Versuchen beschlo� ich diesmal zu warten, bis irgend etwas sich zeigen w�rde, und war bereit, die ganze Nacht auszuharren. � � � Wie lange es dauerte, wei� ich nicht mehr. Sehr lange jedenfalls. Sp�ter ging es viel rascher. � Ich sah also stundenlang durch den gelben Stein � wie gebannt. Und pl�tzlich, ganz von selbst, m�chte ich sagen, rief ich den Namen Lilith unz�hlige Male aus.</p><p>Auf einmal war es mir, als bilde sich im Mittelpunkt des durchsichtigen Scheibchens etwas wie eine kleine Wolke. Doch nein � jetzt schien es au�erhalb zu liegen, in der Ecke des Zimmers. Mein Denkverm�gen begann einzuschlafen � ich sah nur unverwandt die gelbe Wolke an, wie sie wuchs und wuchs und wie es sich in ihr regte. Ich sa� wie gel�hmt. � Immer deutlicher sah ich die Gestalt einer Frau � einer nackten Frau mit langen Haaren. Dann verlor ich wohl die Besinnung, denn als ich mit dem Gef�hl des Erwachens die H�nde wieder bewegte, war die Erscheinung verschwunden.</p><p>Ich dachte zuerst an eine lebhafte Halluzination, die durch Autohypnose, durch die systematische �berreizung der Sehnerven nur zu erkl�rlich schien. Ich ging dann aus; den ganzen Abend, selbst im Theater � in einem bl�dsinnigen Vaudeville tauchte immer wieder das Wort, der Name Lilith in mir auf. Ich erinnere mich, da� ich verschiedenes dar�ber gelesen hatte. � Eine Teufelin � Adams erste Frau � � � der Succubus des Mittelalters.</p><p>Ich war schrecklich m�de und ging fr�h nach Hause. Als ich im Bett lag, schlief ich fast augenblicklich ein. Und ich erwachte fast ebenso schnell � durch die Ber�hrung eines K�rpers, der mir nahe war. Eine Frau war in meinem Zimmer � � � sch�n wie ein Traumbild � in langes, goldenes Haar geh�llt, das knisternd �ber ihre Schultern flo�.</p><p>Blaue F�nkchen sprangen durch das Goldgespinst.</p><p>Und das Seltsame war, da� ich weder Staunen noch Schreck f�hlte. Ich fand es selbstverst�ndlich, da� sie gekommen war. Ich wu�te, da� dieser schlanke, biegsame Leib der meiner Geliebten, der Teufelin Lilith, war. Ach � ich hatte sie ja schon gekannt! Ich sah sie gewi� nicht zum ersten Male. Ich kannte die s��en Lippen, diese hellblauen Augen mit den winzigen Pupillen, die geschlitzt waren wie die der Katzen. Und ich suchte nach dem Blutstr�pfchen, da� sie wie einen Rubin auf der Unterlippe trug. Ich wu�te, da� es immer auf ihrem bla�roten Munde zitterte. � Auch dieses gelbliche, d�mmernde Licht, das mich mein Zimmer erkennen lie�, erschien mir als etwas l�ngst Gewohntes.</p><p>Ich dachte aber das alles nicht � ich f�hlte nur � ich f�hlte alles � unaussprechlich deutlich und doch mit Worten nicht auszudr�cken. So wie man Musik denkt � oder Farben � ich wei� es nicht zu sagen. Nur Wortgedanken, Begriffe waren mir in dieser und anderen N�chten etwas Fremdes, Plumpk�rperliches, das mich sofort aus ihren Armen gerissen h�tte.</p><p>Stellen Sie sich vor, Sie k�nnten T�ne, Harmonien mit allen Sinnen wahrnehmen, � f�hlen, � riechen, sehen � Doch nein! Ich kann Ihnen das nicht sagen �. Es war die Seligkeit. Ich l�ste mich in eine purpurdunkle Flamme auf � ich verging in Wonnen, die keiner ahnt �. Ich drehte mich in bet�renden Lichtwirbeln, � k�rperlos und doch mit den Sinnen f�hlend �. Ich wurde eins mit der Frau �, ein einziges g�ttergleiches Wesen �.</p><p>� � � Als mich mein Diener mit sanftem R�tteln weckte, war es hoher Mittag. Ich stand taumelnd auf �, bet�ubt, m�de und vernichtet. An meinem Halse war ein dunkles Mal � das zerdr�ckte Kissen trug einen leuchtenden Flecken. Es war Blut � Liliths Abschiedsku� �!</p><p>An dem Tag ging ich nicht unter Menschen. Ich wollte niemanden sehen. Das Licht verging wieder, � der Abend kam. Ich lag wieder im Bett und erwartete die Geliebte, als sich meine brennenden Lider senkten. Aber ich schlief die ganze Nacht, traumlos und fest. Sie kam nicht zu mir, � weil ich sie nicht gerufen hatte.</p><p>Von nun an lebte ich des Nachts und trug den Tag mit seinem L�rm und allen seinen hellbeleuchteten H��lichkeiten wie einen Alp. Nachts war ich ein K�nig, � nichts auf Erden glich meiner Herrlichkeit und ich achtete wenig auf den elenden Leib, der fiebernd und blutarm den Flug des Geistes b��te. Ich betrachtete meinen K�rper als eine wertlose Maschine, die ebenso lang in Gang bleiben mu�te, als es m�glich war. Kaum, da� ich das N�tigste an Nahrung zu mir nahm.</p><p>Oh, diese N�chte, mein Freund! Alle kamen sie in ihren Monaten, von mir gerufen. Eva, die Mutter der Menschheit, in Jugendsch�ne, die schlanken Glieder mit seidenweichem Flaum bedeckt, ein Kinderl�cheln um den unschuldigen Mund. Astarte, die dunkelbraune G�ttin mit den gl�henden Augen, im Goldgewand und schwerem, k�hlem Schmuck. Selene, bla� und s�� in blau-silberner Tunica, Roxane mit dem Duft nach Ambra und gelben Rosen. Mit der blonden Popp�a wandelte ich durch schimmernde S�uleng�nge. Ihr violetter Mantel raschelte leise, und ich k��te ihr wei�es Gesicht. Diana, geschmeidig und sonnverbrannt, erwartete mich unter den Korkeichen der Pyren�en, und mit der silberbehelmten Semiramis stand ich in der bet�ubenden Bl�tenpracht ihrer G�rten. Undine umschlang mich mit d�nnen M�dchenarmen und sch�ttelte lachend blitzende Tropfen aus den gr�nen Haaren. Zum dumpfen Dr�hnen der Handpauken, bei gellendem Pfeifenklang und Harfenrauschen tanzte Salome jenen Tanz, der einst Herodes ber�ckte; ihre dunkelgr�nen Schleier waren mit dem Blut des T�ufers besprengt. O � noch h�re ich Helenas leises, ber�ckendes Lachen und sehe den breiten Erzg�rtel, der klirrend von den schmalen H�ften f�llt � � �.</p><p>Ach � �ber meine verlorene Seligkeit! � Endlich tat ich das, was verboten war. Es setzte sich in mir fest und wurde zur qu�lenden Idee. Nahema! � Ich k�mpfte und litt. Und ich unterlag. Am ersten Tage des Juni �.</p><p>Ich rief sie �. Sie war die Sch�nste von allen und trug einen weiten Mantel, grau und fein, wie die Fl�gel der Fledermaus. � Neben ihr erschien alles wesenlos, � Schmerz und Wonne verloren ihre Grenzen � � � jeder Nerv schien f�r sich zu leben, alles F�hlbare zu ungeheurer Intensit�t anzuwachsen. Ich weinte vor Gl�ck und wartete auf die Nacht, ich lebte erst, wenn die D�mmerung kam, die die Farbe ihres Mantels trug. Und sie kam Nacht f�r Nacht. Die anderen Steine hatten f�r mich ihre Kraft verloren � � �.</p><p>Dann kam das Grauen. Sie trug es in ihrem Mantel �. Ihr holder Leib begann sich zu ver�ndern � jede Nacht erschien sie mir �lter. Falten zeigten sich auf ihrer Stirn � ihre Augen umgaben mi�farbige Schatten �. Eine Nacht schien von der andern durch Jahre getrennt zu sein �.</p><p>Zuletzt � war sie eine Lemure mit schlaffer, pergamentner Haut und zahnlosem Munde �. Sie peinigte mich mit abscheulichen Liebkosungen � sie kam jede Nacht � und sie sagte mir, � da� ich sterben m�sse, damit sie sich verj�nge �. Ich m�sse mich t�ten. Sie sagte es fortw�hrend. Sie fl�sterte es mir auch bei Tag in die Ohren. Auch der in Wien mu�te gehorchen �. � Und Tormento, � das hei�t: � Die � Qual ��</p><p>Der Kranke stie� pl�tzlich einen schrillen Schrei aus und �ffnete weit die Augen. Sein Unterkiefer fiel auf die Brust � �.</p><p>Dr. Klaar beugte sich erschrocken zu ihm. � Jerome Kerdac war tot. � Aus der Schu�wunde sickerte ein wenig schwarzes Blut �. Der Arzt rief den Diener und ging mit unsicheren Schritten die Treppe hinunter. Das K�stchen trug er bei sich.</p><empty-line/><p>Nun sa� er schon �ber vier Stunden und schaute durch die Maske. Gr�nbl�ulich leuchtete vor seinem schmerzenden Auge der d�nne Aquamarinschliff �. Es war totenstill im Zimmer. Den Namen hatte er gesprochen, auch die Bildung eines W�lkchens gesehen � � �, aber immer wieder hatte ihn sein beobachtender Verstand geweckt.</p><p>Lieber Gott, das war ja Bl�dsinn! �rgerlich ri� er die Maske ab und rieb das gereizte Auge.</p><p>Es war �berhaupt einer von jenen Abenden, an denen eine wilde Schwermut, ein bleiernes Gef�hl verlorener Zeit das Herz des Einsamen bef�llt. Einer jener Tage, da die totgeglaubten W�nsche und verdorrten Hoffnungen Macht �ber uns gewinnen. Und in betr�bender Reihenfolge tauchen Gedanken und Vorstellungen auf, die wir l�ngst �berwunden glaubten.</p><p>� Dr. Klaar ging verdrossen aus dem schlechten Restaurant, in dem die jungen �rzte speisten, nach Hause. Sein Zimmer mit der schwelenden Lampe, den ripsbezogenen M�beln und dem h��lichen, l�ngst erkalteten Ofen brachte ihn fast zum Weinen. Dann fa�te er sich so weit, da� er seine Verstimmung auf die nervenersch�tternden Vorg�nge des Nachmittags zur�ckf�hren konnte. Und dadurch wurde er etwas ruhiger.</p><empty-line/><p>Schon zum zweiten Male war er aufgefahren. Etwas Nasses oder Kaltes hatte sein Gesicht ber�hrt, und es war ihm, als schwinde ein zarter Schatten von seinem Bett, in das Dunkel der Ecken sich aufl�send. � Er rieb sich die Augen und betrachtete blinzelnd die ruhig brennende Flamme des Nachtlichtes.</p><p>� Dann schlief er wieder ein.</p><p>Nach wenigen Minuten erschrak er so heftig, da� er noch im Halbschlaf aus dem Bett sprang. Etwas huschte vor ihm her � eine fast durchsichtige M�dchengestalt � und war auch schon verschwunden. � Auf dem L�ufer vor dem Bett waren zwei nasse, l�ngliche Flecken � � � auf dem Parkett die feuchten Spuren kleiner, schmale F��e. � � �</p><p>� � � Dr. Klaar schrie auf, wie ein erschrecktes Tier � � �. Das Wasser verdunstete schnell � � � der Boden sah aus wie vorher. Und der Arzt stand noch immer an seinem Bett und lallte vor sich hin � � �.</p><p>Und dann schrie er wieder auf: �Undine �! � Das ist ja Wahnsinn �! Ich werde wahnsinnig �!�</p><p>Bebend ri� er das Fenster auf. Eisige Herbstluft wehte ihm entgegen �. Er schauerte zusammen �. J�h griff er sich mit beiden H�nden an den Kopf �. Dann sprang er aus seiner kauernden Stellung auf, ri� wie ein Rasender das K�stchen an sich und warf die Steine heraus; einen nach dem andern schleuderte er in die Finsternis � tief unten auf dem Pflaster zersplitterten die spr�den Pl�ttchen �. Pergament und Maske hielt er �ber das flackernde Licht, � er f�hlte es nicht, als die Flamme bis zu seinen Fingern loderte.</p><p>Und fr�stelnd sa� er auf einem harten Holzstuhl inmitten des Zimmers, in Todesangst den Morgen erwartend, der mit seinem klargrauen Licht langsam, langsam �ber die D�cher heraufkroch.</p></section><section><title><p id="__Toc231461792"><emphasis>Altersstarrsinn von Robert Bloch</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Der 1917 geborene amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Robert Bloch braucht nicht extra vorgestellt zu werden. Mit seinem Skript zu Alfred Hitchcocks Horrorfilm �Psycho� ist er weltber�hmt geworden. Bloch hat auch die Drehb�cher zu einigen anderen gro�en Horrorproduktionen geschrieben � seine eigentliche St�rke aber liegt, wie seine bravour�se Story �Altersstarrsinn� aufs eindringlichste demonstriert, auf dem Gebiet der makabren Erz�hlung.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Am Morgen nach seinem Tod kam Opa zum Fr�hst�ck runter.</p><p>Irgendwie komisch fanden wir das schon.</p><p>Ma guckte Pa an, Pa guckte Klein-Susie an, und Susie guckte mich an. Dann guckten wir alle Opa an.</p><p>�Was is�n los?�fragte er. �Warum gafft ihr so?�</p><p>Keiner sagte was, aber ich kannte den Grund ganz genau. War ja immerhin erst in dieser Nacht passiert, da� er seinen Herzanfall kriegte und direkt vor unseren Augen starb. Aber da stand er nun, fertig angezogen, putzmunter und streitbar wie eh und je.</p><p>�Was gibt�s denn zum Fr�hst�ck?� wollte er wissen.</p><p>Ma schluckte. �Sag blo� nicht, da� du essen willst?�</p><p>�Was �n sonst? Ich bin am Verhungern.�</p><p>Ma schaute zu Pa r�ber, doch der rollte blo� mit den Augen. So ging sie zum Herd, nahm die Pfanne und klatschte ein paar Eier auf einen Teller.</p><p>�Na also, warum nicht gleich�, meinte Opa. �Aber sagt mal, hat�s da vorhin nicht nach Bratwurst gerochen?� Ma brachte Opa ein St�ck Wurst. So wie er reinhieb, hatte sein Appetit jedenfalls nicht gelitten.</p><p>Bei der zweiten Portion merkte Opa, da� wir ihn immer noch anstarrten. �Warum i�t denn hier keiner?� fragte er.</p><p>�Wir haben keinen Hunger�, erkl�rte Pa, und das stimmte, als w�r�s ein Satz aus der Bibel.</p><p>�Essen h�lt Leib und Seele zusammen�, belehrte ihn Opa. �Aber h�r mal, m��test du nicht l�ngst in der S�ge sein?�</p><p>�Mir ist heut� nicht nach Arbeit zumute�, sagte Pa.</p><p>Opa betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. �Du hast dich ja richtig fein gemacht. Rasiert und �n Hemd wie am Sonntag. Kriegt ihr etwa Besuch?�</p><p>Ma warf einen Blick aus dem K�chenfenster und nickte Opa zu. �Du hast es erfa�t. Da kommt er schon.�</p><p>Und tats�chlich kam der alte Bixbee die Stra�e entlang gewetzt.</p><p>Ma lief durchs Wohnzimmer zur Vordert�r � um ihn abzufangen, sch�tze ich � aber er wischte ihr eins aus und kam von hinten an. Pa schaltete nicht schnell genug, und so ri� Bixbee erst die K�chent�r und dann seinen Mund auf. Er bekam beides nicht mehr zu.</p><p>�Morgen, Jethro�, begann er mit seiner �ligen Stimme. �Ein trauriger Morgen, tja! Ich wollte euch in eurem Schmerz auch nicht st�ren, aber bei der Hitze, die wir seit zwei Tagen haben �� Er zog ein Bandma� aus der Tasche. �Ich schreib mir schon mal alles auf, damit wir gleich anfangen k�nnen. Je eher wir es hinter uns bringen, desto besser, wenn du verstehst, was ich meine ��</p><p>�Tut mir leid�, sagte Pa und stellte sich so in die T�r, da� der alte Bixbee keinen Blick ins Zimmer werfen konnte, �aber du mu�t sp�ter wiederkommen.�</p><p>�Wieviel sp�ter?�</p><p>�Kann ich nicht genau sagen. Wir sind noch ein wenig unschl�ssig.�</p><p>�Sch�n, aber wartet nicht zu lange�, meinte Bixbee. �Mir geht das Eis aus.�</p><p>Er trollte sich erst, als Pa ihm die T�r vor der Nase zuknallte. Ma kam aus dem Wohnzimmer, und Pa legte warnend den Finger auf die Lippen, aber er h�tte Opa besser kennen m�ssen.</p><p>�Was wollte er denn?�</p><p>�Ach, blo� �n kleiner Freundschaftsbesuch.�</p><p>�Von Bixbee?� Opa wirkte mi�trauisch. �Der hat doch keinen einzigen Freund hier. Spielt den vornehmen Pflanzer aus dem S�den. Dabei is� er �n ganz ordin�rer Leichenbestatter.�</p><p>�Klar, Opa�, warf Klein-Susie ein. �Der wollte dir auch �n Sarg anmessen.�</p><p>�Sarg!� Opa fuhr von seinem Stuhl hoch wie unser Eber, wenn er mal an den elektrischen Weidezaun st��t. �Wozu in Dreideibelsnamen brauch ich einen <emphasis>Sarg</emphasis>?�</p><p>�Weil du doch tot bist!�</p><p>Das sagte sie einfach so raus. Ma und Pa wollten beide �ber sie herfallen, aber Opa lachte sich halb kaputt.</p><p>�Du meine G�te, Kind, wie kommst du denn auf so was?�</p><p>Pa hatte den G�rtel aus der Hose geholt und ging damit drohend auf Susie zu, aber Ma sch�ttelte den Kopf. Sie baute sich vor Opa auf.</p><p>�Das stimmt schon. Du bist heute nacht gestorben: Wei�t du das etwa nicht mehr?�</p><p>�Mein Ged�chtnis ist tadellos�, erkl�rte Opa. �Ich hatte einen meiner Anf�lle, mehr nicht.�</p><p>Ma seufzte tief. �Diesmal war es eben kein Anfall.�</p><p>�Etwa �n kleiner Schlag?�</p><p>�Noch schlimmer. Dir ging�s so elend, da� Pa zu Doc Snodgrass r�berlief und ihn aus seiner Praxis klingelte. Vermasselte ihm ein sauberes Pokerblatt. Hat aber alles nichts gen�tzt. Als die beiden ankamen, warst du schon hin�ber.�</p><p>�Ich bin aber nicht hin�ber. Ich bin hier.�</p><p>An dieser Stelle mischte sich Pa ein. �Nun mach mal �n Punkt, Opa. Wir haben dich gesehn. Wir sind Zeugen.�</p><p>�Zeugen?� Opa zerrte an den Hosentr�gern, ein sicheres Zeichen daf�r, da� er in Wut geriet. �Was soll der Quatsch? Habt ihr vielleicht die Absicht, vor Gericht auszufechten, ob ich lebendig oder tot bin?�</p><p>�Aber, Opa ��</p><p>�Halt die Luft an, Sonny!� Opa erhob sich. �Keiner hat �n Recht nicht, mich untern Rasen zu buddeln, solang� ich dagegen bin!�</p><p>�Wohin gehst du?� fragte Ma.</p><p>�Wohin schon?� entgegnete Opa. �Auf die Vorderveranda wie jeden Morgen. Gucken, was so los ist.�</p><p>Und damit lie� er uns in der K�che sitzen.</p><p>�Der bringt einen zur Wei�glut!� Ma deutete zum Herd. �All das sch�ne Gem�se, das ich aus dem Garten geholt hab�, um nach der Beerdigung ein Opposum-Stew zu richten! Was sollen blo� die Nachbarn denken?�</p><p>�Nun h�r schon zu jammern auf!� sagte Pa. �Vielleicht ist er echt noch nicht tot.�</p><p>Ma schnitt eine Grimasse. �Wir wissen es beide besser. Der spielt wieder mal stur.� Sie gab Pa einen Rippensto�. �Da hilft nur eins. Du springst jetzt r�ber zu Doc Snodgrass. Er soll herkommen und die Sache ein f�r allemal klarstellen.�</p><p>�Sch�tze, du hast recht�, brummte Pa und verschwand durch die Hintert�r. Ma schaute mich und Klein-Susie an.</p><p>�Ihr Kinder geht raus auf die Veranda und leistet Opa Gesellschaft. Pa�t auf, da� er sich nicht aus �m Staub macht, bis der Doc anr�ckt.�</p><p>�Ist gut�, sagte Susie, und wir verzogen uns nach drau�en.</p><p>Und wirklich thronte Opa in voller Lebensgr��e auf seinem Schaukelstuhl, blinzelte in die Sonne und freute sich �ber die Fl�che der Autofahrer, die unseren Schweinen ausweichen mu�ten.</p><p>�Guckt euch das an!� sagte er und deutete auf die andere Stra�enseite. �Der fette Kerl in seinem Hupmobil kam angeflitzt wie �n H�llenhund. Hatte leicht drei�ig Meilen drauf. Ehe er sich�s versah, preschte Bessie aus dem Unkraut und schmi� ihm die Karre glatt in den Graben. Ich hab� meiner Lebtag noch nie so was Komisches gesehn.�</p><p>Susie sch�ttelte den Kopf. �Du lebst ja auch gar nicht, Opa.�</p><p>�Nun fang nicht wieder <emphasis>damit</emphasis> an!� Opa warf ihr einen zornigen Blick zu, und Susie hielt den Mund.</p><p>Genau in diesem Moment fuhr Doc Snodgrass in seinem gro�en Essex vor und parkte genau neben Bessies Hinterteil. Doc und Pa stiegen aus und kamen zur Veranda geschlendert. Pa redete heftig auf Doc ein, und der sch�ttelte den Kopf, als wolle er nicht glauben, was Pa ihm da erz�hlte.</p><p>Dann entdeckte er Opa drau�en und blieb wie angewurzelt stehen. Seine Augen quollen vor.</p><p>�Heiliger Antonius!� sagte er zu Opa. �Was machst denn du hier?�</p><p>�Was wohl?� entgegnete Opa. �Ist es vielleicht verboten, da� ein B�rger in Frieden auf seiner Veranda sitzt und schaukelt?�</p><p>�In Frieden unter der Erde ruhen, das solltest du von Rechts wegen!� polterte Doc. �Als ich dich letzte nacht untersuchte, warst du mausetot.�</p><p>�Oder du stockbesoffen�, erkl�rte Opa.</p><p>Pa nickte Doc zu. �Na, was hab� ich gesagt?�</p><p>Doc beachtete ihn nicht. Er baute sich vor Opa auf. �Vielleicht bin ich doch �n klitzekleines St�ckchen zu weit gegangen�, meinte er. �Was dagegen, wenn ich dich noch mal untersuche?�</p><p>�Nur immer zu.� Opa zahnte. �Ich hab� Zeit.�</p><p>So klappte Doc seine kleine schwarze Tasche auf und hakte sich ein Stethoskop in die Ohren. Er klopfte Opas Brust ab und horchte. Seine Finger begannen zu zittern.</p><p>�Ich h�r rein gar nichts�, sagte er.</p><p>�Ich bin ja auch kein Radio.�</p><p>�La� die Witze!� fauchte Doc. �Angenommen, ich verrate dir, da� dein Herz nicht mehr schl�gt?�</p><p>�Angenommen, ich verrate dir, da� dein Stethoskop im Eimer ist?�</p><p>Doc fing zu schwitzen an. Er kramte einen Spiegel hervor und hielt ihn Opa vor den Mund. Danach zitterten seine Finger noch viel schlimmer.</p><p>�Siehst du das?� fragte er. �Der Spiegel ist klar. Das bedeutet, da� du schon vor l�ngerer Zeit deinen letzten Schnaufer getan hast.�</p><p>Opa sch�ttelte den Kopf. �K�mmere dich um deinen eigenen Schnaufer! Du hast eine Fahne, die das st�rkste Muli umhaut.�</p><p>�Na warte, dir vergeht die Sturheit noch!� Doc holte einen Wisch aus der Tasche. �Da, sieh dir das an!�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Dein Totenschein.� Doc deutete mit dem Zeigefinger. �Lies mal, was in der Zeile da steht. Todesursache: Herzstillstands Und das ist <emphasis>amtlich.</emphasis> Das gilt vor Gericht!�</p><p>�Bitte � geh ruhig hin und versuch dein Gl�ck!� spottete Opa. �Was meinst du wohl, wem der Richter mehr glaubt � mir oder deinem Fetzen Papier?�</p><p>Doc schluckte, und seine Augen traten noch ein St�ck aus �m Kopf. Er schaffte es kaum, den Totenschein wegzustecken, so zitterten ihm die H�nde.</p><p>�Ist Ihnen nicht ganz wohl?� fragte Pa.</p><p>�Ich f�hl mich hundeelend�, st�hnte Doc. �Ich fahr jetzt zur�ck in die Praxis und leg mich �ne Weile hin.� Er packte seine Tasche und lief zum Auto, ohne sich noch �n einziges Mal umzudrehen.</p><p>�Bleib aber nicht zu lang liegen!� rief ihm Opa nach. �Sonst kommt einer und schreibt �n Wisch, wo drauf steht: Todesursache � Suff!��</p><empty-line/><p>Mittags hatte keiner von uns Appetit. Keiner au�er Opa, wohlgemerkt.</p><p>Der setzte sich an den Tisch und verdr�ckte nacheinander Bohnen, Maisgr�tze, zwei Portionen Kutteln und zwei Riesenst�cke Rhabarberstrudel mit Vanilleso�e.</p><p>Ma ist im allgemeinen m�chtig stolz, wenn die Leute in ihr Essen reinhauen, aber Opa schien sie�s heute nicht zu g�nnen. Sobald er fertig war und wieder raus auf die Veranda ging, stapelte sie das Geschirr auf der Anrichte und befahl uns, den Abwasch zu �bernehmen. Sie verschwand kurz im Schlafzimmer und kam mit Umschlagtuch und Handtasche wieder.</p><p>�Was hast du denn vor?� wollte Pa wissen.</p><p>�Ich geh in die Kirche.�</p><p>�Am hellichten Donnerstag?�</p><p>�Bis Sonntag kann ich nicht warten�, erkl�rte Ma. �Vor allem nicht, wenn die Hitze weiter anh�lt. Du hast selber die Nase ger�mpft, als Opa zum Essen reinkam.�</p><p>�Das war Opa?� Pa hob die Schultern. �Ich dachte, die Kutteln h�tten einen leisen Stich.�</p><p>�Meine Kutteln? Nie und nimmer!�</p><p>�Und was hast du jetzt vor?�</p><p>�Es gibt nur noch eins � alles in die H�nde des Herrn legen!�</p><p>Und weg war sie. Susie und ich machten uns an den Abwasch, w�hrend Pa mit einer m�chtig d�steren Miene durch den Hinterausgang verschwand. Ich sah durchs K�chenfenster, wie er die Schweine f�tterte. Man merkte genau, da� er mit seinen Gedanken ganz woanders war.</p><p>Susie und ich trollten uns auf die Veranda und behielten Opa im Auge.</p><p>Ma hatte recht mit der Hitze. Man kam sich vor wie in einem H�llenbackofen. Opa schien nichts zu merken, aber mir fiel auf, da� er ganz sch�n schier roch.</p><p>�Guck die vielen Fliegen, die um ihn rumschwirren!� sagte Susie zu mir.</p><p>�Bscht!�</p><p>Aber die Schmei�fliegen surrten so laut, da� wir kaum verstehen konnten, was Opa sagte. �He, Kinder!� rief er. �Kommt doch �n Weilchen her!�</p><p>�Die Sonne brennt so arg�, widersprach Susie.</p><p>�Find� ich aber gar nicht.� Opa hatte nicht mal einen Schwei�tropfen auf der Stirn.</p><p>�Und die Schmei�fliegen!�</p><p>�Die tun mir nix.� Ein dicker Brummer landete mitten auf seiner Nase, doch Opa zuckte nicht mal zusammen.</p><p>Susie machte ein �ngstliches Gesicht. �Du, der ist wirklich tot�, fl�sterte sie.</p><p>�Sprich lauter, Kind!� mahnte Opa. �Es geh�rt sich einfach nicht, so rumzunuscheln.�</p><p>In diesem Moment bog Ma mit Reverend Peabody im Schlepp von der Stra�e her zu unserm Haus ab. So hei� es war, sie hatte ganz sch�n Fahrt drauf. Der Hochw�rden st�hnte und schnaufte, aber sie blieb erst dicht vor der Veranda stehen.</p><p>�Sieh an, der Herr Hochw�rden!� rief Opa. �Wie geht�s immer?�</p><p>Reverend Peabody starrte ihn an. Er machte den Mund auf, brachte aber keinen Ton raus.</p><p>�Was ist?� fragte Opa. �Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?� Der Reverend l�chelte wie ein Stinktier, das eine Hummel verschluckt hat.</p><p>�Kann mir�s schon denken. Bei der Hitze kriegt man eine ausged�rrte Kehle.� Er wandte sich an Ma. �Los, Addie, hol dem Herrn Hochw�rden eine kleine Erfrischung!�</p><p>Ma ging ins Haus.</p><p>�So�, sagte Opa, �nun machen Sie sich�s mal bequem.�</p><p>Der Reverend schluckte schwer. �Eigentlich bin ich nicht zu einem Plauderst�ndchen hier.�</p><p>�Weshalb nehmen Sie dann den langen Weg auf sich?�</p><p>Wieder schluckte der Reverend. �Nach allem, was ich von Addie und Doc h�rte, mu�te ich selbst nach dem Rechten sehen.� Er starrte wie gebannt auf die Fliegen, die Opa umschwirrten. �Aber jetzt w�r�s mir lieber, ich h�tt� mich auf ihr Wort verlassen.�</p><p>�Was soll �n das hei�en?�</p><p>�Das soll hei�en, da� ein Mann in deinem Zustand nicht mehr das Recht hat, Fragen zu stellen. Wenn der Herr dich ruft, hast du ihm freudig zu folgen!�</p><p>�Ich hab� kein Rufen geh�rt�, erkl�rte Opa. �Aber mein Geh�r taugt auch nicht mehr viel.�</p><p>�Den Eindruck hatte auch der Doc. Du scheinst n�mlich nicht zu merken, da� dein Herz zu schlagen aufgeh�rt hat.�</p><p>�Vielleicht tickt es �ne Spur langsamer als fr�her. Aber das ist ganz nat�rlich, wenn man neunzig auf �m Buckel hat.�</p><p>�Und dir ist nie der Gedanke gekommen, da� diese neunzig ganz sch�n was darstellen? Du hast sehr lang gelebt, Opa. Findest du es nicht mal an der Zeit, den L�ffel wegzulegen? Wie hei�t es in der Bibel so trefflich? Der Herr gibt, und der Herr nimmt!�</p><p>Opa setzte wieder seine streitbare Miene auf. �Also, mich nimmt er jedenfalls nicht.�</p><p>Reverend Peabody kramte ein gro�es Taschentuch aus seinen Jeans und wischte sich den Schwei� von der Stirn. �Du f�rchtest dich doch nicht etwa? Sch�ner kannst du�s gar nicht kriegen als da droben. Alle Sorgen und alle M�hsal werden von dir genommen. Ganz zu schweigen davon, da� du aus dieser Pr�gelhitze hier fortkommst.�</p><p>�Ich sp�r sie kaum.� Opa strich sich �ber den Schnauzer. �Ich sp�r �berhaupt kaum was.�</p><p>Der Reverend musterte ihn scharf. �F�hlen sich deine H�nde steif an?�</p><p>Opa nickte. �Und nicht nur die.�</p><p>�Dachte ich es mir doch! Wei�t du auch, was das bedeutet? <emphasis>Rigor mortis!�</emphasis></p><p>�Ich kenn kein Rigger Mortis�, erkl�rte Opa. �Das Rheuma sitzt mir in den Knochen, das ist alles.�</p><p>Wieder wischte sich der Reverend den Schwei� von der Stirn. �Bei dir braucht man vielleicht �berredungsk�nste!� st�hnte er. �Du scherst dich weder um die Ansicht eines gelehrten Doktors noch um das Wort des Herrn. Wei�t du was? Du bist der sturste alte Hammel, den ich je erlebt hab�.�</p><p>�Tja, ich komm aus Missouri�, entgegnete Opa mit W�rde. �Und die Leute da wollen handfeste Beweise sehn, bevor sie was glauben.�</p><p>Der Reverend steckte sein Tuch weg. Es war klatschna�. Mit einem tiefen Seufzer schaute er Opa in die Augen.</p><p>�Manche Dinge mu� man einfach so glauben!� sagte er. �Mir will auch nicht in den Sch�del, da� du hier rumsitzt, anstatt dir die G�nsebl�mchen von unten zu begucken, und ich mu� es trotzdem glauben. Ich schw�re dir, du hast �berhaupt keinen Grund, hier ein Theater aufzuf�hren. Mag sein, da� du dich dagegen sperrst, im Grab zu liegen. Aber � Asche zu Asche, Staub zu Staub, das ist blo� so ein Spruch! Du brauchst dir das nicht so zu denken, da� du jetzt die ganze Ewigkeit unter der Erde liegst. W�hrend deine Gebeine auf dem Friedhof ruhen, fliegt deine Seele davon. Jawohl, in die H�he, geradewegs in die Arme des Herrn. Und das wird ein gro�er Moment, wenn du da oben schwebst, frei wie ein Vogel, inmitten der himmlischen Heerscharen, mit �ner achtzehnkar�tigen Goldharfe und einem Halleluja auf den Lippen ��</p><p>�Ich war noch nie musikalisch�, widersprach Opa. �Und mir wird schon schwindlig, wenn ich auf �ner Leiter steh und das Dach von unserm Lokus neu teeren mu�.� Er sch�ttelte den Kopf. �Ich will Ihnen mal was sagen, Hochw�rden! Wenn Sie glauben, da� es da droben so verdammt sch�n ist, warum gehn Sie dann nicht selber rauf?�</p><p>In diesem Moment kam Ma wieder ins Freie. �Tut mir leid, uns ist das Zitronenwasser ausgegangen�, sagte sie. �Alles, was ich auftreiben konnte, war �n Schluck Whisky. Ich wei� ja, wie Sie �ber diese Dinge denken, Herr Hochw�rden, aber ��</p><p>Der Reverend ri� ihr die Flasche aus der Hand, setzte sie an und nahm einen kr�ftigen Zug. �Sie sind eine brave Frau�, sagte er dann zu Ma. �Der Herr wird es Ihnen vergelten.� Damit eilte er davon.</p><p>�He, halt!� rief Ma ihm nach. �Und was geschieht mit Opa?�</p><p>�Seien Sie ohne Furcht, Tochter�, antwortete der Reverend �ber die Schulter. �Wir m�ssen auf die Kraft des Gebets vertrauen.�</p><p>Dann war er am Ende der Stra�e verschwunden, und nur eine Staubfahne blieb zur�ck.</p><p>�Der hat doch glatt die Flasche mitgenommen!� murmelte Opa. �Wenn ihr mich fragt, so ist dem sein einziger Gott der Whisky.�</p><p>Ma schaute ihn an, dann brach sie in Tr�nen aus und st�rzte ins Haus.</p><p>�Was hat sie nun schon wieder?� wollte Opa wissen.</p><p>�La� sie mal!� entgegnete ich. �Susie, bleib hier bei Opa und verscheuch ihm die Fliegen! Ich mu� was erledigen.�</p><p>Und das stimmte.</p><p>Noch bevor ich reinging, hatte ich einen Plan gefa�t. Ich konnte es einfach nicht mitansehn, wie Ma flennte. Sie stand in der K�che, klammerte sich an Pa und schluchzte: �Was sollen wir machen? Was sollen wir blo� machen?�</p><p>Pa t�tschelte ihre Schulter. �Aber, Addie, nun fang dich wieder! Lange kann das nicht mehr dauern.�</p><p>�Lange halt ich das auch nicht mehr durch�, jammerte Ma. �Wenn Opa nicht bald Vernunft annimmt, sitzt er eines sch�nen Morgens als Skelett am Fr�hst�ckstisch. Und was werden die Nachbarn denken, wenn sie ein Gerippe auf meiner sch�nen Veranda entdecken? Richtig genieren mu� man sich.�</p><p>�La� nur, Ma�, warf ich ein. �Ich hab� eine Idee.�</p><p>Ma h�rte zu flennen auf. �Was f�r eine Idee?�</p><p>�Ich geh r�ber in die Geisterschlucht.�</p><p>�In die Geisterschlucht?� Ma wurde so bla�, da� sogar ihre Sommersprossen verschwanden. �Kommt nicht in Frage, mein Junge ��</p><p>�Es ist unsere letzte Chance�, erkl�rte ich. �Und vielleicht hilft es was.�</p><p>Pa holte tief Luft. �Hast du denn gar keine Angst?�</p><p>�Nicht, solange es drau�en hell bleibt�, sagte ich. �Nun macht euch mal keine Sorgen. Bis zum Abend bin ich l�ngst zur�ck.�</p><p>Damit rannte ich durch den Hinterausgang.</p><p>Ich kletterte �ber den Zaun und flitzte zum Bach. Nur einmal hielt ich kurz an und holte mein Sparschwein aus dem unkraut�berwucherten Versteck zwischen den Uferfelsen. Dann watete ich durchs Wasser und lief weiter zum Hochwald.</p><p>Sobald ich die Tannen erreicht hatte, lie� ich ein wenig Dampf ab, um mich nicht zu verirren. Es gab keine Wege, weil hier selten einer vorbeikam. Die Leute machten sogar tags�ber einen gro�en Bogen um den Wald � er war einfach zu d�ster und einsam. Wie ausgestorben lag er da. Nichts bewegte sich im Unterholz, und sogar die V�gel schwiegen.</p><p>Aber ich kannte mich aus. Ich mu�te blo� den H�gelkamm �berqueren und den Hang auf der anderen Seite wieder runterlaufen. Ganz unten, an der finstersten, einsamsten Stelle lag die Geisterschlucht.</p><p>Und in der Geisterschlucht gab es eine Felsh�hle.</p><p>Und in der Felsh�hle wohnte die Waldhexe.</p><p>Wenigstens hatte ich geh�rt, da� sie da wohnte. Als ich mich jedoch auf Zehenspitzen an das gro�e schwarze Loch ranpirschte, fand ich keine Menschenseele. Blo� die Schatten krochen von allen Seiten auf mich zu.</p><p>Ehrenwort, es war echt gruselig. Ich sp�rte ein Kribbeln in den Fu�sohlen, aber ich blieb da.</p><p>Nach einer Weile rief ich: �He � Sie kriegen Besuch!�</p><p>�Wer da?�</p><p>�Ich bin�s � Jody Tolliver.�</p><p>�Weerr daa?�</p><p>Ich schaute auf und entdeckte eine m�chtige Schreieule, die auf einem Ast neben der H�hle hockte und mich mit ihren Funkelaugen anglotzte.</p><p>Als ich mich wieder dem Felsloch zuwandte, stand sie pl�tzlich da � die Waldhexe.</p><p>Ich begegnete ihr zum erstenmal im Leben, aber ich wu�te genau, da� sie die Waldhexe war. Zaund�rr und verschrumpelt sah sie aus. Sie trug nur �n paar Lumpen, und ihr Gesicht unter der altmodischen Haube war schwarz wie ein Klumpen Kohle.</p><p>Quatsch, sag ich zu mir, denk dir nix � das ist �ne nette alte Lady, mehr nicht!</p><p>Dann schaute sie mich an, und ihre Augen waren viel gr��er als die von der Eule. Sie funkelten auch doppelt so wild.</p><p>Ich sp�rte schon wieder dieses Kribbeln in den Fu�sohlen, aber ich guckte nicht weg.</p><p>�Tag, Waldhexe�, sagte ich.</p><p>�Weerr daa?� kreischte die Eule.</p><p>�Der junge Tolliver�, rief ihr die Waldhexe zu. �Du hast wohl Wachs in den Ohren, was? Und nun sei so gut und quatsch nicht st�ndig dazwischen!�</p><p>Die Eule warf ihr einen b�sen Blick zu und flatterte davon. Die Waldhexe kam ganz aus ihrer H�hle hervor.</p><p>�K�mmere dich nicht um Ambrose�, meinte sie. �Der ist Besucher nicht gew�hnt. Tagein, tagaus sieht er blo� mich und die Flederm�use.�</p><p>�Was f�r Flederm�use?�</p><p>�Ach, die h�ngen drinnen in der H�hle.� Die Waldhexe strich ihr Kleid glatt. �Ich tat dich ja gern reinbitten, aber bei mir geht�s drunter und dr�ber. Ich nehm mir immer vor, mal richtig aufzur�umen, doch meist kommt was dazwischen � erst der verdammte Weltkrieg, dann die Prohibition, und so fort. Ich schaff�s einfach nicht.�</p><p>�Aber ich bitte Sie!� sagte ich weltm�nnisch. �Es geht sowieso um gesch�ftliche Angelegenheiten.�</p><p>�Dachte ich mir fast.�</p><p>�Hier � ich hab� Ihnen auch was H�bsches mitgebracht.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Mein Sparschwein�, erkl�rte ich und reichte es ihr.</p><p>�Da dank ich dir aber sehr�, sagte die Waldhexe.</p><p>�Schlagen Sie�s ruhig kaputt�, forderte ich sie auf.</p><p>Sie schmetterte es an einen Stein, und die M�nzen rollten auf den Boden. Flink sammelte sie alle ein.</p><p>�Wieviel ist es denn?� fragte ich. �Ich hab� immerhin fast zwei Jahre gespart.�</p><p>�Siebenundachtzig Cents, �n alter Nickel und �ne Plakette zum Anstecken.� Sie zahnte. �Die ist besonders h�bsch. Was steht �n da drauf?�</p><p><emphasis>�Keep cool with Coolidge!�</emphasis></p><p>�Na, wenn das kein guter Rat ist!� Die Waldhexe schob das Geld ein und machte die Anstecknadel an ihrem Kleid fest. �So, junger Mann � Sch�nheit, wem Sch�nheit geb�hrt. Und was kann ich f�r dich tun?�</p><p>�Es ist wegen meinem Opa�, sagte ich. �Titus Tolliver hei�t er.�</p><p>�Titus Tolliver? Aber den kenn ich doch! Hatte eine Brennerei in der Holzh�tte drunten am Bach. Ist �n stattlicher Mann, mit �m schwarzen Vollbart, was?�</p><p>�War er vielleicht mal�, widersprach ich. �Inzwischen ist er ganz verhutzelt, und der Rheumatismus plagt ihn. Au�erdem sieht er schlecht. Und seine Ohren taugen gar nichts mehr.�</p><p>�Jammerschade, so was�, meinte die Waldhexe. �Aber fr�her oder sp�ter geht es mit uns allen bergab. Und wenn�s soweit ist, mu� man eben den L�ffel wegschmei�en.�</p><p>�Genau deshalb bin ich hier. Er will nicht.�</p><p>�Was will er nicht?�</p><p>�Er ist tot und will das nicht einsehen.�</p><p>Die Waldhexe musterte mich scharf. �Also, das m�cht ich genauer wissen.�</p><p>Na, und da redete ich los. Erz�hlte ihr die ganze miese Geschichte von Anfang an.</p><p>Sie h�rte mir zu und sagte kein Wort. Als ich fertig war, starrte sie mich an, bis ich �n ganz kribbeliges Gef�hl bekam.</p><p>�Ich wei� schon, da� Sie mir nicht glauben�, sagte ich. �Aber ich schw�r�s, es ist die reine Wahrheit.�</p><p>Die Waldhexe sch�ttelte den Kopf. �Ich glaub dir schon, mein Junge. Wie gesagt, ich kenn deinen Opa von fr�her. War schon damals ein verdammt sturer Teufel, und das ist er wohl geblieben. Dem sein Leiden nennt man Starrsinn in Potenz.�</p><p>�Kann sein�, meinte ich. �Aber da k�nnen wir nix dagegen tun, und der Doc und der Herr Hochw�rden auch nicht.�</p><p>Die Waldhexe r�mpfte die Nase. �Ach, die beiden! Was wissen die schon?�</p><p>�Eben drum bin ich hergekommen. Vielleicht k�nnen Sie uns weiterhelfen.�</p><p>�Na, dann la� mich mal nachdenken.�</p><p>Die Waldhexe zog eine Maiskolbenpfeife aus der Tasche und steckte sie an. Ich wei� nicht, was f�r ein Kraut sie rauchte, aber der Gestank bog einem Christenmenschen fast die Zehenn�gel auf. Mir war ganz komisch zumute, und am liebsten h�tte ich mich verkr�melt. Der Wald wirkte schummerig, und ein kalter Wind raschelte in den Bl�ttern.</p><p>�Irgendwas gibt�s doch sicher�, dr�ngte ich. �Einen Talisman oder einen Zauberspruch ��</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Alles kalter Kaffee. Das hier ist eine von diesen neumodischen Sachen, wo sich im Kopf abspielen, und da brauchen wir auch neumodische Mittel. Dein Opa, der lacht sich schief, wenn den einer verhexen will. Wie er selber sagt � er stammt aus Missouri. Dem mu� blo� einer beweisen, da� er tot ist.�</p><p>�Aber wie?�</p><p>Die Waldhexe kicherte trocken. �Ich hab�s!� Sie blinzelte mir zu. �Klar, mein Sohn, genau das ist es! Renn nicht davon, ich bin gleich wieder da!� Und sie huschte zur�ck in ihre H�hle.</p><p>Ich stand da, sp�rte, wie mir der Wind in den Nacken blies, und h�rte auf das Rascheln der Bl�tter. Ich wollte gar nicht so genau verstehen, was sie da wisperten.</p><p>Dann kam sie wieder ins Freie. Sie hielt etwas in der Hand.</p><p>�Nimm das mit!� sagte sie.</p><p>�Was ist �n das?�</p><p>Sie verriet es mir und sagte auch, was ich damit tun sollte.</p><p>�Und Sie glauben echt, da� wir es so schaffen?�</p><p>�Es ist die einzige Chance.�</p><p>Also schob ich das Ding in die Hosentasche, und sie gab mir einen kleinen Klaps. �So, junger Mann, und nun wetz los, damit du noch vor dem Abendessen daheim bist!�</p><p>Das lie� ich mir nicht zweimal sagen, wo der eisige Wind so in den B�umen st�hnte und wimmerte und die Dunkelheit immer n�her an mich rankroch.</p><p>Ich murmelte ein Vergeltsgott und b�chste los. Als ich noch einmal umschaute, stand die Waldhexe am Eingang ihrer H�hle und polierte die Coolidge-Plakette mit einem St�ck Efeuwurzel.</p><p>Ich rannte durch den Wald, den H�gel rauf und auf der anderen Seite wieder runter. Als ich die Felder erreichte, war alles stockdunkel, und im Bach spiegelte sich der Mond. Ein Habicht, der vor einem Mauseloch auf der Lauer sa�, flog erschrocken auf, aber das war mir egal. Ich lief im Zickzack zum Zaun, setzte dar�ber und ri� die K�chent�r auf.</p><p>Ma stand mit einem Topf am Herd, w�hrend Pa seine Suppe l�ffelte.</p><p>�Gott sei Dank!� sagte Ma. �Grad wollt ich dir Pa hinterherschicken.�</p><p>�Ich bin gerannt, was ich konnte.�</p><p>�Ist ja gut�, warf Pa ein. �Wenn der Zirkus nicht bald aufh�rt, verlieren wir noch alle den Verstand.�</p><p>�Welcher Zirkus denn?�</p><p>�Na, es fing an mit Mi� Francy. Die Leute im Ort hatten ihr erz�hlt, da� Opa tot ist, und da wollte sie uns was Gutes tun und �n Stew vorbeibringen. Also, sie rauscht an in ihrem Sonntagsstaat, hat ihr sch�nstes Beileidsgesicht aufgesetzt und tr�gt die Terrine vor sich her. Und ausgerechnet da sieht sie Opa, der auf der Veranda sitzt und sie durch die Fliegenschw�rme so ein bi�chen schief angrinst.</p><p>In ihrem Schreck rei�t sie die Terrine hoch, alles schwappt raus, und ihr teures Kost�m ist �ber und �ber mit Gr�nzeug garniert.</p><p>Ich sag dir, die drehte sich um und rannte los, als sei der Leibhaftige hinter ihr her. Dazu kreischte sie, da� der Klobalken zitterte.�</p><p>�Schlimm�, meinte ich.</p><p>�Es kommt noch schlimmer�, entgegnete Pa. �Als n�chster tauchte Bixbee auf. Er hupte drau�en. Traute sich nicht an Opa ran. Ich mu�te zu ihm runtergehen, wo er in seinem Leichenwagen sa�.�</p><p>�Was wollte er denn?�</p><p>�Sagte, er k�me die sterblichen �berreste holen. Und wenn wir sie nicht bald rausr�ckten, wollte er am n�chsten Morgen in die Kreisstadt fahren und sich �ne richterliche Verf�gung holen.�</p><p>Ma sah aus, als wollte sie gleich wieder losflennen. �Er meinte, es sei ein Skandal und eine Schande, Opa so rumsitzen zu lassen. Bei der Hitze und den Fliegen. Sogar beim Gesundheitsamt will er das melden, hat er gedroht. Dann k�men wir in Qua-ran-t�ne.�</p><p>�Und was sagte Opa dazu?�</p><p>�Keinen Pieps. Schaukelte einfach weiter, bis Bixbee mit seiner Leichenkutsche abgebraust war. Susie kam kurz rein, als die Sonne unterging. Opa ist brettsteif, sagt sie, aber das k�mmert ihn �berhaupt nicht. Er fragt blo� dauernd, wann es was zu essen gibt.�</p><p>�Das ist gut�, sagte ich. �Daf�r hab� ich genau das Richtige von der Waldhexe gekriegt.�</p><p>�Doch nicht etwa Gift?� Pa warf mir einen besorgten Blick zu. �Du wei�t, ich bin ein gottesf�rchtiger Mann und mag mit so was nichts zu schaffen haben. Au�erdem � wie soll man einen vergiften, der schon tot ist?�</p><p>�Quatsch�, erwiderte ich. �Das hier hat sie mir mitgegeben.�</p><p>Ich zog das Ding aus meiner Hosentasche und hielt es hoch.</p><p>�Und was im Namen des Allm�chtigen soll das sein?� fragte Ma.</p><p>Ich sagte es ihr und erkl�rte dann, was man damit tun mu�te.</p><p>�So �n Bl�dsinn hab� ich meiner Lebtag noch nicht geh�rt!� meinte Ma.</p><p>Pa machte ein d�steres Gesicht. �Ich h�tt�s nie zulassen sollen, da� du zur Geisterschlucht gehst. Die Waldhexe mu� ihren letzten Funken Verstand verloren haben, wenn sie dir mit so was kommt.�</p><p>�Ich sch�tze, die ist mit allen Wassern gewaschen�, sagte ich. �Und ich hab� immerhin was bezahlt f�r den Rat � siebenundachtzig Cents, einen Nickel und die Coolidge-Plakette!�</p><p>�Ach, pfeif auf die Plakette!� tr�stete mich Pa. �Die hab� ich einem Yankee abgerissen � einem von diesen Steuerschn�fflern.� Er kratzte sich am Kinn. �Aber bares Geld, das ist was anderes. Vielleicht sollten wir�s doch versuchen.�</p><p>�Pa ��, begann Ma.</p><p>�Wei�t du was Besseres?� Pa sch�ttelte den Kopf. �So wie ich das seh, haben wir morgen das Gesundheitsamt am Hals. Es wird h�chste Zeit, da� wir was unternehmen.�</p><p>Ma lie� einen Seufzer los, der so richtig aus der Tiefe kam.</p><p>�Na sch�n, Jody�, sagte sie zu mir. �Wir machen es genauso, wie die Waldhexe gesagt hat. Pa, hol mal Susie und Opa rein. Ich trag inzwischen auf.�</p><p>�Glaubst du, da� es damit klappen wird?� fragte Pa und warf einen Blick auf das Ding, das ich in der Hand hielt.</p><p>�Es mu߫, erkl�rte ich. �Was anderes haben wir nicht.�</p><p>Also ging Pa raus, und ich trat an den E�tisch, um den Plan der Waldhexe in die Tat umzusetzen.</p><p>Kurz drauf kam Pa mit Susie zur�ck.</p><p>�Wo bleibt Opa?� fragte Ma.</p><p>�Der geht ganz langsam�, erkl�rte Susie. �Mu� wohl dieser Rigger Mortis sein.�</p><p>�Quatsch!� Opa erschien im Eingang und stakte in die K�che wie �ne Schabe, die �ber eine hei�e Herdplatte l�uft. �Ein bi�chen steif f�hl ich mich, das ist alles.�</p><p>�Steif wie �n Brett�, widersprach ihm Pa. �Von Rechts wegen solltest du droben in deinem Bett liegen, mit �ner Lilie zwischen den H�nden.�</p><p>�Nun fang nicht <emphasis>schon</emphasis> wieder an!� fauchte Opa. �Ich hab� dir gesagt, da� ich noch lang nicht tot bin, wenn ich mal blau anlauf!�</p><p>�Mal ist gut�, sagte Susie. �Du siehst so blau aus, da� es blauer gar nicht geht.�</p><p>Und das stimmte. Er war blau und irgendwie aufgedunsen, aber das wollte er einfach nicht wahrhaben. Mir fiel ein, was Ma wegen dem Skelett gesagt hatte, und ich w�nschte mir ganz fest, da� die Waldhexe recht behalten w�rde. Sie mu�te recht behalten, denn Opa wurde mit jeder Minute toter.</p><p>Aber das h�tte keiner geglaubt, als er auf das Abendbrot losst�rmte.</p><p>�Hmm�,sagte er. �Heut hast du dich selber �bertroffen, Addie. Mein Lieblingsgericht � Gr�nkohl mit Fischk�pfen!� Er war schon dran, sich eine Portion aufzuladen, als er das Ding neben seinem Teller entdeckte.</p><p>�Ja, zum Henker, was soll �n das?� polterte er.</p><p>�Das ist eine ganz normale Serviette�, erkl�rte ich.</p><p>�Ganz normal?� Opa ri� die Augen auf. �Ich hab� noch nie im Leben eine schwarze Serviette gesehen.�</p><p>Pa guckte Ma an. �Wir dachten, es sei ein besonderer Anla߫, sagte er. �Wenn du verstehst, was ich meine ��</p><p>Opa schnaufte ver�chtlich, ��ne schwarze Serviette? Ich wei� genau, was du andeuten willst, aber mir ist das schietegal.�</p><p>Und er schaufelte sich den Teller voll und hieb rein.</p><p>Wir anderen sa�en einfach da und guckten uns an.</p><p>�Was hab� ich dir gesagt?� fl�sterte mir Pa ver�rgert zu.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Wart�s ab!�</p><p>�Langt zu!� ermahnte uns Opa. �Sonst r�um ich allein ab.�</p><p>Und das tat er. Seine Arme waren steif, die Finger hatten M�he mit der Gabel, und die Kiefermuskeln wollten nicht so recht � aber er a�. Und redete.</p><p>�Ich und tot? H�tte nie geglaubt, da� mal jemand wagen w�rde, mir so was ins Gesicht zu sagen! Und dann ausgerechnet die Familie! Ich geb ja zu, da� ich hin und wieder stur bin, aber ich hab�s noch nie zu weit getrieben. Wenn ich positiv w��te, da� mich der Sensenmann geholt hat, war ich der letzte, der sich dagegen str�uben w�rde. Ich leg keinem was in den Weg, schon gar nicht den eigenen Leuten. Blo� beweisen m��t ihr mir, da� ich nicht mehr lebe. Das ist alles, was ich verlang � einen winzigen Beweis.�</p><p>�Du, Opa ��, unterbrach ich ihn.</p><p>�Was gibt�s Junge?�</p><p>�Entschuldige, aber dir tropft der ganze Gr�nkohl �bers Kinn.�</p><p>Opa legte die Gabel weg. �Tats�chlich. Danke, mein Junge.�</p><p>Und ehe er so recht merkte, was er tat, wischte sich Opa den Mund mit der Serviette ab.</p><p>Als er fertig war, warf er einen Blick drauf. Er guckte einmal und dann noch einmal. Schlie�lich legte er ganz sacht die Serviette auf den Tisch, stand auf und ging zur Treppe.</p><p>�Lebt wohl�, sagte er.</p><p>Wir h�rten, wie er mit schweren Schritten die Treppe rauf und den Korridor entlang zu seinem Zimmer tappte. Die Matratze quietschte, als er sich ins Bett legte.</p><p>Dann war alles still.</p><p>Nach einer Weile schob Pa den Stuhl zur�ck und ging nach oben. Keiner sagte ein Wort, bis er wiederkam.</p><p>�Na?� Ma guckte ihn an.</p><p>�Alles in Ordnung�, erkl�rte Pa. �Er hat den L�ffel f�r immer weggelegt. Ist jetzt droben, wo er�s sch�ner hat. Amen.�</p><p>�Gelobt sei der Herr!� murmelte Ma. Dann schaute sie mich an und deutete auf die Serviette. �Tu das Ding bitte weg!�</p><p>Ich nahm sie mit spitzen Fingern. Susie schaute uns erstaunt an. �Sagt einem hier keiner, was los ist?�</p><p>Ich gab keine Antwort, sondern trug die Serviette raus und warf sie in den Bach. Hatte wenig Sinn, die Angelegenheit rumzuposaunen. Aber die Waldhexe hatte recht behalten, als sie sagte, Opa w�rde seinen Beweis kriegen, sobald er sich den Mund abwischte.</p><p>Auf so �ner schwarzen Serviette sieht man n�mlich die kleinen wei�en Maden am allerbesten.</p></section><section><title><p id="__Toc231461794"><emphasis>Der Spuk von Rammin von Hanns Heinz Ewers</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Mit wahrem Fanatismus suchte der in D�sseldorf geborene Hanns Heinz Ewers (1871-1943) in seinen �seltsamen� Geschichten das Gespenstische und D�monische, das Groteske und Makabere. Die besten dieser Geschichten, in der Nachfolge E.A. Poes geschrieben, sind in den B�nden �Das Grauen� und �Die Besessenen� gesammelt erschienen und erreichten unwahrscheinlich hohe Auflagen. Um die Bedeutung des Ewersschen Werkes verstehen zu k�nnen, mu� man den Mut haben, sich in jene Sph�re b�ser Alptr�ume und satanischer Fantasmagorien hineinzuwagen, in der er mit Vorliebe grauenhafte Eindr�cke sammelte und flugs in immer neuen �seltsamen� Geschichten zu Papier brachte. Allerdings zeigt der �Spuk von Rammin�, da� Ewers seiner gespenstischen Wahnwelt auch heitere Seiten abzutrotzen vermochte.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Als Dr. Henry Friedel zum Abendessen nach Hause kam, sah er in den Augen seiner jungen Frau Tr�nen. Er fragte nach dem Grund, sie zeigte ihm einen Brief, den sie eben von ihrer Mutter erhalten hatte:</p><p>�Meine liebe Tochter Lotte!</p><p>Leider kann ich Dir wieder nur Schlechtes berichten. Die Versicherung will den Hagelschaden nicht bezahlen, weil der Papa, der sich mit dem Inspektor der Gesellschaft �berworfen hatte, die letzte Pr�mie nicht bezahlt hat. Die Mamsell hat gek�ndigt, sie will sich in die Stadt verheiraten. Der gro�e Braune ist auf dem Felde �beranstrengt worden und hat sich die Hinterfesseln verletzt, er mu� im Stalle in B�ndern h�ngen. Dazu kommt der ewige Regen, das Korn liegt fast am Boden. �berall nur Kummer und Sorgen. Mit dem Verkauf von Rammin ist es auch nichts geworden. �ber den Preis w�ren sie wohl noch einig geworden, Papa hatte nur 500 000 Mark gefordert. Aber dann hatte der Herr nat�rlich von unserem schrecklichen Spuk geh�rt und verlangt, eine Nacht im Mittelzimmer zu schlafen. Am anderen Morgen ist er gleich abgereist und hat an Papa geschrieben, da� er unter keinen Umst�nden mehr auf Rammin reflektiere. Das ist nun schon der dritte! Es ist ein Jammer, ich glaube, wir werden nie von Rammin wegkommen! Dein Bruder Willi meint zwar, es sei gut, da� aus dem Kaufe nichts geworden ist, da Papa so wenig gefordert habe. Aber ich w�re zu froh, wenn wir doch endlich wegk�men, Papa und ich k�nnen die Sorgen kaum mehr ertragen. Dabei braucht Willi bei den K�rassieren so viel Geld, wir wissen nicht, wo es hernehmen. K�nntest Du nicht, Lotte, Deinen Mann bewegen, auf Rammin eine neue Hypothek zu geben? nicht viel, etwa 80 000 Mark. Es steht ja vollst�ndig sicher. Bitte, versuche es doch und schreibe mir bald, ob es sich machen l��t. Mit vielen m�tterlichen Gr��en an Dich und Deinen Mann.</p><p>Deine traurige alte Mutter.�</p><empty-line/><p>�Willst du h�ren, Lotte, was ich von diesem Briefe denke?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Erstens: da� dieser Herr, der Rammin kaufen wollte, ein gro�er Esel ist, wenn er 500 000 Mark daf�r geben wollte, da� dein Bruder Willi ein noch gr��erer Esel ist, wenn er sich einbildet, da� das Gut seines Vaters damit zu niedrig bezahlt ist, da� ich endlich der gr��te Esel w�re, deinem Vater f�r seinen pommerschen Dreck eine weitere Hypothek von 80 000 Mark zu geben.�</p><p>�Henry!�</p><p>�Du glaubst mir nicht? � Ich habe mich genau nach dem Werte Rammins erkundigt, als ich deinem Vater vor zwei Jahren die Hypothek gab. Es ist � sehr hoch gerechnet � keine 100 000 Taler mehr wert, dein Vater hat es gr�ndlich heruntergewirtschaftet. Dazu stehen etwa f�r 200 000 Mark Hypotheken darauf! Bleiben 100 000 Mark Verm�gen. Und dabei leben dein Vater und dein Bruder, als ob sie mindestens 500 000 Mark im Jahre zu verzehren h�tten!�</p><p>Lotte schluchzte.</p><p>Er strich ihr leise �bers Haar:</p><p>�� H�re, Lotte, wir haben noch 14 Tage Zeit, ehe wir zum Nil fahren. Es ist gleichg�ltig, ob wir die Zeit in Berlin oder irgendwo anders verbringen. Sollen wir nach Rammin fahren? Vielleicht k�nnen wir dort etwas helfen?�</p><p>�Wir wollen gleich telegrafieren!�</p><empty-line/><p>� Am anderen Abend waren sie dort.</p><p>Frau von Rammin strahlte; die Hypothek schien ihr sicher.</p><p>�Wie lieb, Kinder, da� ihr hergekommen seid. Wir haben den ganzen Tag gearbeitet, um euch alles sch�n zu machen. Vorn im gro�en Zimmer sollt ihr schlafen ��</p><p>�Verzeihen Sie, Schwiegermama, wir m�chten im Erkerzimmer schlafen.�</p><p>�� Im Erkerzimmer? Da, wo es spukt, das ist nicht Ihr Ernst, Henry!�</p><p>�Gerade da! bitte, lassen Sie gerade das Zimmer zurechtmachen, Lotte und ich m�chten um nichts vermissen, den Ramminer Spuk kennenzulernen.�</p><p>Lotte fa�te sich ein Herz.</p><p>�Ja, Mama, la� das Zimmer zurechtmachen.�</p><p>� � Nach dem Essen zog Friedel seinen Schwager heraus.</p><p>�Sag mal, Willi, wie lange spukt es schon in Rammin?�</p><p>�Seit einigen Jahren!�</p><p>�Glaubst du daran?�</p><p>�Du wirst dich heute nacht selbst �berzeugen.�</p><p>�Ist der Spuk im Erkerzimmer?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nein? wo dann?�</p><p>�Im Zimmer dar�ber! aber nur im Erkerzimmer kann man ihn h�ren!�</p><p>�Hast du dort einmal geschlafen?�</p><p>�Jawohl, zweimal. Vor einem Jahr etwa. Das erstemal allein, die folgende Nacht mit einem Kameraden.�</p><p>�Hast du die Zimmer dar�ber untersucht?�</p><p>�Bis auf das Kleinste. Es ist ein Speicherzimmer. Die �brigen Zimmer da oben stehen meist leer, oder sind mit alten M�beln und Ger�tschaften angef�llt. Dies Zimmer ist ganz leer. Fr�her wurde es wohl zum W�schetrocknen benutzt, es sind von einer Wand zur anderen einige Latten und Leinen gespannt.�</p><p>�Bist du sicher, da� sich nicht jemand aus dem Gesinde den Unfug erlaubt?�</p><p>�Ganz sicher! Am Tage, nachdem ich zum ersten Male im Erkerzimmer geschlafen hatte, untersuchte ich mit meinem Kameraden von Hessen den ganzen Speicher aufs peinlichste. Dann schlo� ich das Zimmer ab und lie� zum �berflu� noch einen Riegel mit Vorh�ngeschlo� an die T�re nageln. �ber das Schl�sselloch, sowie �ber das Vorh�ngeschlo� klebten wir Papier, das wir beide mit unseren Wappenringen besiegelten. Dieselbe Prozedur wiederholten wir an der Treppent�re, die zum Speicher hinauff�hrt. Es war unm�glich einzudringen, ohne da� wir es gemerkt h�tten!�</p><p>�Ist es nicht denkbar, da� man durch das Fenster h�tte eindringen k�nnen?�</p><p>�Nein! Die Wand ist ganz glatt, und eine solch hohe Leiter ist auf ganz Rammin nicht zu finden. �berdies h�tten wir das von dem Erkerzimmer bemerken m�ssen, die Fenster liegen genau �bereinander. � Willst du vielleicht selbst einmal hinaufgehen?�</p><p>�Ist nicht n�tig; ich glaube, ich w�rde nicht mehr finden als du! Noch etwas: ist der Spuk immer da?�</p><p>�Nicht immer, manche haben ihn nicht geh�rt. Vielleicht haben sie nur zu fest geschlafen. Ich hoffe, ihr werdet Gl�ck haben!�</p><p>� Henry und Lotte gingen fr�h zu Bett. M�de von der Eisenbahn- und der Wagenfahrt, schlief er bald ein.</p><p>Pl�tzlich wurde er wach, seine Frau hatte ihn geweckt. Sie sa� aufrecht im Bett, der Mond, der voll durchs Fenster schien, beleuchtete ihr bleiches Gesicht.</p><p>�H�rst du nichts?�</p><p>Er setzte sich ebenfalls auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen, dann horchte er.</p><p>Einen Moment war es still. Dann drang ein zischender, sausender Klang an sein Ohr.</p><p>�Zweifellos�, sagte er, �das ist �ber uns. Willi hat recht.�</p><p>Wieder war es einen Moment still. Und dann drang wieder der eigent�mliche sausende Ton und ein Streifen, als ob zwei schleifende Gew�nder rasch aneinander vor�berrauschten. Und pl�tzlich dazwischen ein ged�mpfter kurzer, aber nachklingender Ton.</p><p>Das Schleifen und Zischen wurde immer st�rker, aber es schien nicht den Boden zu ber�hren. Immer durch die Luft, in rasender Geschwindigkeit.</p><p>Friedel war aus dem Bett gesprungen; er begann sich anzukleiden. Da klang auf einmal ein lautes, schrilles Lachen an sein Ohr, und noch einmal und wieder, es war, als ob eine Menge kleiner Kinder sich sch�ttelten vor Lachen. Dazwischen wieder klagende, seufzende, schreiende T�ne, ein Schleifen, Zischen, Murren, Rauschen.</p><p>Und nun, ganz deutlich, ein lauter Ku�, dann helles Gel�chter! �</p><p>�Das ist ja der reine Hexensabbat!� rief er, �bunter kann es wirklich nicht werden!�</p><p>Und der L�rm wuchs mit jeder Minute, Kichern, Lachen, Seufzen, Klagen, Springen und Tanzen laut durcheinander.</p><p>�Merkw�rdig, da� man keine Schritte h�rt�, meinte Friedel. Er war v�llig angezogen; er ergriff nun das Licht und den Stiefelknecht.</p><p>�Wo willst du hin?�</p><p>Sie zitterte.</p><p>�Nimm wenigstens den Revolver mit!�</p><p>�Wozu? � f�r diese lustige Gesellschaft gen�gt der Stiefelknecht vollkommen!�</p><p>�Henry, bleib da!�</p><p>�N�rrchen!�</p><p>Er ging hinaus.</p><p>Sie h�rte ihn die Treppe hinaufgehen, jetzt schlo� er die T�re zur Speichertreppe auf. Tapp, tapp, tapp, der Klang seiner Schritte entfernte sich. � Nun h�rte sie wieder deutlich, oben � er mu�te vor der T�r stehen. Sie h�rte, wie er an der T�r tastete, er suchte den Schl�ssel �</p><p>Der Angstschwei� trat ihr auf die Stirn. Immer lauter, immer w�ster wurde der Tanz dort oben. Immer wilder, immer toller. Wenn er nur wiederk�me, wenn er nur wiederk�me.</p><p>Sie versuchte zu beten, doch konnte sie keine Worte finden.</p><p>�Henry, Henry!�</p><p>Sie sprang aus dem Bett, wollte zur T�r, hinauf, ihren Mann herunterholen.</p><p>Aber ihre F��e trugen sie nicht, sie fiel zusammen, sie mu�te sich auf einen Stuhl setzen.</p><p>Bauz! da h�rte sie einen lauten Krach.</p><p>Er trat gewi� vor die T�r, da er den Schl�ssel nicht finden konnte. Bauz, bauz, sie h�rte seine schweren Tritte.</p><p>Wenn er nur wiederk�me.</p><p>Krach, jetzt flog die T�re auf. Und jetzt h�rte sie seine Schritte gerade �ber sich. Und rings um ihn herum dieses schreckliche Tosen � an allen, allen Seiten!</p><p>Er war verloren � � �</p><p>Sie hielt sich die Ohren zu, schluchzte, weinte, jammerte. �</p><p>� Als sie aufsah, stand ihr Mann vor ihr:</p><p>�Was machst du denn, N�rrchen?�</p><p>Sie stand auf, umhalste ihn, wollte ihn fast erdr�cken mit ihren K�ssen!</p><p>�Nicht so st�rmisch, Lotte, du zerdr�ckst mein Gespenstchen. Ich hab� dir eins mitgebracht, hier unterm Rock, eins von den Hauptspa�machern!�</p><p>Er zog eine gro�e, graue Lachtaube heraus.</p><p>�Die andern m�gen weiter Musik machen, die da kann bei uns bleiben. Eure Ramminer Gespenster sind monds�chtig, Lotte, das ist ihre ganze Eigent�mlichkeit. Dein Herr Papa wird die Taubenschl�ge drau�en haben verfallen lassen und da ist ein besonders kluger Tauberich auf den Gedanken gekommen, sich da oben im W�schezimmer h�uslich niederzulassen. Es pa�te ja famos dazu mit den Leinen und Latten quer von Wand zu Wand. Aber sie hatten ihre Rechnung ohne den Mond gemacht. Wenn der da hineinscheint, werden die armen Tiere wach und flattern und lachen und gurren � na, du h�rst sie ja, Lotte?�</p><p>Ehe sie am anderen Morgen zum Fr�hst�ck gingen, lachte sie:</p><p>�Wie wird sich Mama freuen, da� wir den Spuk gefunden haben. Nun k�nnen sie Rammin verkaufen!�</p><p>Er sann einen Augenblick nach:</p><p>�Lotte, ich bitte dich, erw�hne nichts davon: erz�hlst du, so wei� morgen die ganze Nachbarschaft, wie es mit dem Ramminer Spuk bestellt ist. Und der Spuk ist das Beste in Rammin. Mit dem Spuk kann dein Vater Rammin vielleicht loswerden, ohne ihn w�rde ich keinen Groschen daf�r geben.�</p><p>� Die anderen waren schon beim Fr�hst�ck.</p><p>�Na, habt ihr den Spuk geh�rt?�</p><p>�Ja�, sagte Lotte.</p><p>�Bist du �berzeugt?�</p><p>�Es ist genauso, wie du mir erz�hlt hast.�</p><p>Dann brach er ab.</p><p>�Schwiegervater, ich h�re, Sie wollen Rammin verkaufen!�</p><p>�Wenn ich einen K�ufer f�nde!�</p><p>�Papa will nur 500 000 Mark haben�, meinte Frau von Rammin zaghaft.</p><p>�Verdammt wenig!� meinte Willi.</p><p>�Ich gebe 800 000 Mark! Davon geht meine Hypothek ab, macht 720 000 Mark. � Wenn Sie damit einverstanden sind, bitte ich zum Notar zu schicken, da ich sofort in den Besitz zu treten w�nsche, auch die �brigen Hypotheken gleich l�schen lassen m�chte.�</p><p>Frau v. Rammin k��te ihre Tochter, dann ihren Schwiegersohn. Der Alte sch�ttelte ihm die Hand.</p><p>�Zu viel ist�s nicht�, sagte Willi.</p><p>Als Friedel mit seiner Frau allein war, sagte sie:</p><p>�Es war sehr edel von dir � aber was willst du mit Rammin machen? � Du verstehst ��</p><p>�� Nichts von der Landwirtschaft, hast auch nicht die geringste Lust dazu � willst du sagen? � Freilich hab� ich keine Lust dazu und freilich verstehe ich nichts davon, beinahe so wenig wie dein Vater. Ich denke auch Rammin nicht vierzehn Tage zu behalten!�</p><p>�Du willst es verkaufen? Aber du sagst selbst, da� Rammin f�r 100 000 Taler keinen K�ufer finden w�rde, und du willst 800000 Mark daf�r geben?�</p><p>�Ja � und ich werde mehr daf�r wieder bekommen. Was ich verdiene, geh�rt dir, Lotte, du kannst daf�r Tauben z�chten, wenn du Lust hast. � Willst du mir ein paar Briefe schreiben, die ich diktiere?�</p><p>�Gerne!�</p><p>�So schreibe: �Rittergut Rammin! Haunted�</p><p>Altes Familiengut in Pommern ist zu verkaufen. Gro�e Waldungen, Teiche, Parkanlage. Bester Boden, sch�ne Jagd. Das Gut wurde von dem Inhaber, in dessen Familie es �ber 400 Jahre gewesen ist, verkauft, weil er es in dem Schlosse, in welchem es spukt, nicht mehr aushalten konnte. Inserent dieses erstand es, da sich kein anderer K�ufer aus angegebenen Gr�nden finden wollte, schuldenfrei zu dem fabelhaft niederen Preise von nur 800 000 Mark.</p><p>Notarieller Kaufakt liegt zur Einsicht vor. Inserent zieht jedoch selbst, nachdem er nur wenige N�chte in dem Schlosse geschlafen hat, vor, seinen Besitz wieder zu verkaufen, eventuell unter Selbstkostenpreis.</p><p>Gefl. Offerten an Herrn Dr. Friedel.</p><p>Rammin, Pommern.�</p><empty-line/><p>So, Lotte! du mu�t es noch zweimal abschreiben! Und dann die Adressen: Times, London; Figaro, Paris; New York Herald, Neu-York.� �</p><p>Dr. Friedel bestand darauf, da� seine Schwiegereltern und Schwager sofort nach der T�tigung des notariellen Aktes nach Berlin fuhren, auch Lotte mu�te mit. Eine kleine Ausspannung k�nnte nichts schaden, sagte er. �</p><p>Etwa vierzehn Tage sp�ter erhielt Lotte von ihrem Manne folgenden Brief:</p><empty-line/><p>�Liebes, kleines Frauchen!</p><p>Morgen komme ich selbst zu Dir, jetzt nur in Eile die Hauptsache. Meine Rolle als Besitzer von Rammin ist ausgespielt, soeben habe ich das Gut f�r eine Million verkauft. Der jetzige Besitzer, Dr. Mc. Culloch, ist ein Schotte. � Auf unsere Annoncen bekam ich etwa 15 Antworten, Mc. Culloch kam gleich selbst hierher. Rammin hat er sich gar nicht angesehen, doch wollte er gleich im Erkerzimmer schlafen. Er war entz�ckt. Ich hatte alles so gelassen, wie es war, nur den Taubendreck habe ich da oben h�chst eigenh�ndig ein wenig aufgekehrt. Ich h�tte Mc. Culloch, der sofort 750 000 Mark bot, gleich zugeschlagen, jedoch kamen am folgenden Tage noch zwei Amerikaner. Sie schliefen ebenfalls im Erkerzimmer: der Erfolg war derselbe. Sie boten 800 000 Mark, worauf Mc Culloch 50 000 Mark h�her ging. So steigerten sie sich gegenseitig, bis der Schotte mit einer Million 15 000 Mark Sieger blieb! Er ist sofort in den Besitz von Rammin getreten, ich bin heute sein Gast. Er hat schon Anordnungen getroffen, die T�re zur Speichertreppe vermauern zu lassen, damit der Spuk nicht doch einmal herunterk�me! Das Erkerzimmer will er als Fremdenzimmer herrichten lassen, er l��t schon an alle seine Freunde Einladungen ergehen und freut sich schon im voraus, wenn er an die Erfolge denkt, die er erzielen wird! � Ich w�nsche ihm alles Gl�ck.</p><p>Ich komme 1.28 Uhr morgen mittag; wirst Du an der Bahn sein?</p><p>Gr��e f�r Deine Eltern und Deinen Bruder und einen Ku� f�r Dich.</p><p>Henry.��</p></section><section><title><p id="__Toc231461796"><emphasis>Reitet, Colonel! von Mary-Carter Roberts</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Eine Geistergeschichte von geradezu welthistorischen Dimensionen ist Mary-Carter Roberts �Reitet, Colonel!� eine fantasievolle, originelle Erz�hlung, die im amerikanischen �Magazine of Fantasy and Science Fiction� erschienen ist � eine Geistergeschichte par excellence, die obendrein den Anspruch erheben darf, ein gro�es historisches Ereignis korrekt zu rekapitulieren � nur eben ein wenig anders, als man es aus den Geschichtsb�chern kennt, ein wenig geisterhafter, atemloser, aber der Gr��e dieses wahrhaft umw�lzenden historischen Augenblicks durchaus angemessen.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Der Geist des Generals sa� am Tisch im Kommandeurzelt und unterzeichnete die Depesche mit dem Kratzen eines Federkiels. Der Geist des Colonels stand ihm gegen�ber und sah zu. �berall in Amerika, ausgenommen in den Seelen gewisser inbr�nstiger Wesen, war es der 19. Oktober 1974. F�r jene Au�erordentlichen jedoch war es der 19. Oktober 1781. Sie befanden sich auf dem Schlachtfeld bei Yorktown. Soeben hatten die Briten vor ihnen kapituliert. In jedem Jahr brachten ihre unsterblichen Erinnerungen ihnen diesen Tag in der Geschichte zur�ck, und ihre Geister suchten erneut den Ort des Geschehens auf, um es noch einmal zu erleben.</p><p>Washington rollte das Pergament; seine m�chtige Faust wirkte ungeeignet f�r eine solche Aufgabe, die einem Sekret�r geb�hrte, aber vollendete sie rasch. Er blickte auf zu Tilghman. Der Colonel war kein Mann, den irgend jemand auf den ersten Blick als klein bezeichnet h�tte; er war mittelgro� und besa� breite Schultern, wuchtig und fest. Doch neben George Washington schien er klein zu sein. Wie die meisten Menschen. Denn Washingtons Gr��e kam aus seinem Innern und fand in seinem Riesenwuchs eher zuf�llig einen angemessenen Ausdruck. Diese Gr��e, nicht seine k�rperliche Gestalt, lie� andere Menschen vergleichsweise geringer wirken, wie immer auch ihre K�rperma�e sein mochten.</p><p>Tilghman war mit dieser Verh�ltnism��igkeit vertraut. Jahrelang war er Washingtons Adjutant und Sekret�r gewesen. Doch die Kenntnis um seines Vorgesetzten �berlegenheit hatte seiner eigenen Integrit�t niemals geschadet oder auch nur an sie r�hren k�nnen. Vielmehr hatte er die Revolution mit klarem Verstand eben um Washingtons Gr��e willen durchgefochten, die er als der revolution�ren Sache w�rdig empfand. Um diese Sache, was ihre milit�rische und politische Kraft betraf, stand es schlecht. Ihre einzige St�rke war ihre furchterregende Gerechtigkeit. Washington war deren Verk�rperung. Er verk�rperte sie und w�rde sie immer verk�rpern, gleichg�ltig, so war der Colonel �berzeugt, unter welchen Umst�nden. General Washington war zuverl�ssig. Voll und ganz.</p><p>Zu allen anderen Erscheinungen der Revolution hatte Colonel Tilghman stets eine n�chterne Haltung bezogen. Er hatte jederzeit gewu�t, da� die Amerikaner verlieren konnten, aber diese M�glichkeit als das einzige voraussehbare �bel betrachtet und als Gefahr, die sie auf sich genommen hatten. Krieg war Krieg. Und nun hatten sie gesiegt.</p><p>Er stand und sah zu, das Kinn auf die Brust geneigt. Und da er jung war und im Besitz eines lebhaften und genauen Erinnerungsverm�gens, erlebte er in diesen wenigen Augenblicken eine Reihe anderer Momente wieder, w�hrend der er seinen Vorgesetzten beobachtet hatte. In West Point, am Morgen, als Washington kam, um mit Arnold zu fr�hst�cken � und Arnold war fort, hatte hinter sich in der Luft den Gestank von Verrat zur�ckgelassen. In Newburgh, als Washington geduldig mit gemeinen, aber bitter notwendigen M�nnern sprach, die zugleich hofften und f�rchteten, da� ihr gemeinsames Gewicht ihn verderbe. In Trenton im Sturm aus Schnee und Hagel aus Blei. Bei Valley Forge in einer Stille aus Schnee und Hunger. Es handelte sich in der Tat um ein ganzes k�nftiges Buch der amerikanischen Geschichtsschreibung, das dem Colonel durch den Kopf ging, aber f�r ihn war das alles die Gegenwart � in solchem Ma�e hatte er diesen Krieg als ein zusammenh�ngendes Ereignis erfahren. An diesem Tag des Sieges gab es keine Vergangenheit. Hier war die gesamte Revolution. Sie war die Luft � frisch, rege, verhei�ungsvoll �, die Washington und er atmeten.</p><p>Washington streckte die Depesche �ber den Tisch hin. Tilghman trat vor, um sie entgegenzunehmen. Da �nderte Washington seine Absicht und erhob sich, ragte gewichtig empor, als er stand, so da� sein angegrautes rotes Haar, das wochenlang des Puders entbehren mu�te, fast ans Zeltdach r�hrte. Seine Feldkleidung war zerknittert und beschmutzt, und an seinem Kinn sah man helle Bartstoppeln. Hochgewachsen und schmutzig war er, und nun mu�te er etwas tun und sagen, das den weiteren Verlauf der Geschichtebestimmte. Er tat es und sagte es � er �bergab die Depesche seinem Adjutanten, welcher der Bote der Geschichte war, und sprach sein Wort in klarem f�rmlichen Tonfall aus. �Zum Kongre�, Colonel.� Colonel Tilghman nahm die Rolle entgegen. Die Botschaft von einer gro�en Wende �im Lauf der Weltgeschichte� war in seinen H�nden.</p><p>�Jawohl, Sir�, sagte er. �Zum Kongre�.�</p><p>Und die K�rze der �u�erung, die eine so gewaltige Bedeutung besa�, erheiterte sie beide. Sie l�chelten. Ihre vom Wetter gezeichneten Gesichter zeigten wie f�r einen kurzen Moment ge�ffnete Fenster etwas von der Erleichterung, die an jenem Morgen auf dem Schlachtfeld die Herzen aller Soldaten der Kontinentalarmee erf�llte. �Reitet, Colonel�, sagte George Washington unver�ndert klar und ruhig, doch nicht l�nger ganz so f�rmlich.</p><p>�Jawohl, Sir�, erwiderte der Colonel nochmals. Er drehte sich um und schritt hinaus.</p><p>Das Schlachtfeld von Yorktown im Jahre 1974, eine Nationale Gedenkst�tte, lag von Menschen des Jahres 1974 nahezu verlassen, aber lieblich und duftig in der herbstlichen Sonne. Ein paar Autos befuhren die Stra�e, einige kleine Gruppen von Besuchern schlenderten durchs Gras. Hier waren der lange Friede, die festgehaltene Ehre. Nichts davon war sichtbar f�r den Geist von Colonel Tench Tilghman, den Adjutanten und Sekret�r George Washingtons. In ihm stak das Leben des Jahres 1781 und schuf die Welt rings um ihn. Er sah das Feld der Entscheidungsschlacht. Die Sonne von 1781 schien auf sein Haupt, und das Erdreich von 1781 knirschte unter seinen Stiefeln.</p><p>�berall in seiner Sichtweite waren Zelte und Lagerpl�tze. Soldaten in vielerlei R�cken str�mten umher. Die Franzosen trugen ihre heimatlichen traditionellen Uniformen in hellen Farben; manche Amerikaner staken in verblichenem Blau und Lohgelb, andere waren in abenteuerlich lumpigen Aufputz gekleidet. Dort waren die Gr�ber der auf den Schanzen 9 und 10 gefallenen M�nner � zwei flache H�gel frischer Erde, einer f�r die Franzosen, einer f�r die Amerikaner; doch diese Grabh�gel waren nicht voneinander unterscheidbar. Sie sahen g�nzlich gleich aus. Und dort waren die Kanonen, die Werkzeuge der vorangegangenen Belagerung, die den Feind niedergezwungen hatte. Von der franz�sischen Flotte stammten sie, und zum Beweis daf�r, da� sie Schiffswaffen waren, bestand ihre Zier (neben dem Wappen von Bourbon) aus kleinen, wundersch�nen schmiedeeisernen Delphinen an ihren Lafetten. Ja, die Kanonen. Um die halbe Welt waren sie gekommen, damit man die ganze Welt ver�ndere. Alle die Tausende von M�nnern auf dem Schlachtfeld des Jahres 1781 wu�ten um den Sieg. Ein paar tausend Menschen mehr im n�heren Umkreis wu�ten ebenfalls davon. Doch das waren schon alle. Das Ereignis, das in Yorktown eingetreten war, beschr�nkte sich noch auf Yorktown. Colonel Tench Tilghman war es, der den Auftrag hatte, die Botschaft in die ganze Welt hinauszutragen � die Nachricht, da� sie fortan anders sein m�sse.</p><p>Als er vor Washingtons Zelt stand, dachte er, da� dies eine zu gro�e Aufgabe f�r einen Menschen sei. Nat�rlich, er brauchte nur das zu tun, was Washington befohlen hatte � reiten. Schon oft, sehr oft, war er auf Washingtons Befehl geritten. Durch Sonnenglut war er gesprengt, durch Finsternis, durch Regen, durch Staub, durch Graupel, durch Kugelhagel. Er und sein Pferd hatten einer Verl�ngerung von George Washingtons Wille und Stimme geglichen.</p><p>Aber diesmal ging es um etwas anderes �</p><p>Eine Touristenfamilie des Jahres 1974 zog an der Stelle vorbei, wo er, der Geist, noch stand. Sie schleppte Picknickk�rbe. Die Eltern schl�rften im Vor�bergehen Erfrischungsgetr�nke aus Flaschen. Ein junger Bube nagte an seiner Zuckerstange. Ein etwas kleineres M�dchen mampfte Kartoffelchips, die es mit automatenhafter Regelm��igkeit aus einer durchsichtigen Cellophant�te schaufelte und in den rundum von Krumen verklebten Mund schob. Ein noch kleinerer Junge lutschte an einem Schnuller. �La�t uns hier essen�, sagte die Mutter und deutete mit ihrer Flasche. �Wir k�nnen die Sachen auf diesen gro�en Steinen auspacken.�</p><p>Die Stelle, wohin sie wies, war der Begr�bnisplatz der Gefallenen von den Schanzen 9 und 10; die Gr�ber waren nicht l�nger nur Haufen frischer Erde. Im Jahre 1974 waren sie mit flachen breiten Steinen gekennzeichnet. Die Frau, ihr Ehepartner und ihr Nachwuchs waren f�r den revolution�ren Colonel unsichtbar �</p><p>Statt dessen ruhte sein Blick auf seinem Pferd, das einige Meter von Washingtons Zelt entfernt angekoppelt stand und nun ein erwartungsvolles Auge rollte. Das Tier wu�te, es w�rde bald wieder gebraucht, und scharrte mit den Hufen die Erde auf, um seinem Unwillen �ber die zeitweilige Unt�tigkeit Luft zu machen. Ein halbes Dutzend Schritte, das Heben eines Fu�es, ein Sprung, Knie und Z�gel dahin, wo sie hingeh�rten � und Mann und Tier w�rden wieder eins sein, und diese Einheit setzte sich in Bewegung. Machte sich auf den Weg. <emphasis>En route.</emphasis> �Zum Kongre�.� Was hie�: Zu den im Kongre� vertretenen Abgeordneten der Vereinigten Staaten. Der Ort, wo die Abgeordneten der Vereinigten Staaten sich versammelten, war Philadelphia. Zweihundertundf�nfzig Meilen �ber Land und Wasser lag Philadelphia entfernt.</p><p>Die Schritte gehen, in den Sattel springen � und los. Das sollte er nun tun. Der Colonel stand reglos. Die Gr��e der Stunde bannte ihn. Er, der nun in Eile und Bewegung sein sollte, f�hlte sich zum ersten Schritt au�erstande.</p><p>Dann vernahm er das Knarren von Erde unter Stiefeln, die rasch ausschritten, und wu�te, da� jemand um das Zelt geeilt kam, zweifellos zum Zwecke, den General aufzusuchen. Er trat vom Eingang beiseite. Aber der Ank�mmling war schneller. Der Ank�mmling bog mit ungest�men Schritten um die Ecke des Zelts, und er und der Colonel prallten gegeneinander. Die beiden M�nner sprudelten Entschuldigungen hervor, und dann standen sie Angesicht zu Angesicht und lachten.</p><p>Der st�rmische Ank�mmling war � seiner Kleidung zufolge � ein General der Kontinentalarmee. Er war gro�, schlank, elegant und sichtlich stolz, aber haupts�chlich war er jung. Sehr jung. Tats�chlich war er der j�ngste General, den die amerikanische Armee jemals haben sollte. Er war Lafayette.</p><p>Die Freude, die in seinem Gesicht gl�hte, entzog sich jeder Beschreibung. Sie war Ausdruck der tiefgr�ndigen Erkenntnis des Neuen, das in die Welt getreten war � ausgedr�ckt mit der Gl�ckseligkeit eines Knaben. Dies Entz�cken fand er augenblicklich auch an Tilghmans Mission, von der man ihn unterrichtet hatte. �Ihr seid�s, Colonel!� rief er. �Ihr seid es, der unser Licht hinaus in die Welt tr�gt. Und Ihr seid schon <emphasis>en route</emphasis>. Zum Kongre�!� Er unterbrach sich und lachte. Der Colonel, ebenfalls jung, jedoch nachdenklich, der diesen Krieg kannte � ganz genau, in allen Einzelheiten �, entsann sich, da� es dieser junge Mann mit der fr�hlichen Miene gewesen war, der mit nur schwachen Kr�ften die Truppen des Veteranen Cornwallis gebunden hatte, bis Washington, Rochambeau und die Kanonen eintrafen. Lafayette. Er und Tilghman hatten gemeinsam in vielen Begegnungen gek�mpft. Nun blickten sie einander in die Augen und lachten. Dann umarmte Lafayette urpl�tzlich Tilghman. �Reitet, Colonel�, sagte er. <emphasis>�Reitet!�</emphasis></p><p>Und so kam es, da� die f�rchterliche Last der Pflicht, die George Washington ihm aufgetragen hatte, ins Gleichgewicht kam. Sie ruhte nicht l�nger allein auf seinem Willen; sie drang ihm ins Blut.</p><p>Innerhalb weniger Augenblicke sa� er im Sattel und preschte zum Flu�, wo � wie er wu�te � ein Boot f�r ihn in Bereitschaft lag, und er flog dahin wie ein Vogel � geradewegs �ber Z�une, Hecken, B�che und die nun leeren Laufgr�ben des Schlachtfelds.</p><p>Dies, die erste Etappe seines Ritts, verging wie ein Gedanke. Nichts Materielles schien daran teilzuhaben. Da waren er selbst und das pr�chtige Pferd, und sie erg�nzten einander. Da waren das Sausen der Luft, die Ger�usche der Hufe und emporgeworfener Erdbrocken � und unaufhaltsam vorw�rts, vorw�rts, vorw�rts. Dann war es vorbei. Er erreichte den Bootssteg. Er hatte weniger als eine Minute ben�tigt.</p><p>Die zweite Etappe w�rde vierundzwanzig Stunden beanspruchen. Sie f�hrte den York hinab zur Chesapeake-Bucht und nach Rock Hall, wo die Stra�e nach Philadelphia begann. Sie ma� einhundertdrei�ig und noch ein paar Meilen, und f�r diese Strecke mu�ten der Colonel und sein Pferd Passagiere sein, sich an Bord eines Gef�hrts bef�rdern lassen, ohne auf den Transport Einflu� nehmen zu k�nnen, eine Zeit der Unt�tigkeit f�r des Colonels K�rper, w�hrend ein andersartiger Antrieb das R�derwerk seines Verstands in Bewegung hielt. Ein Boot. Segel, Holz, Wind, Wasser, Kapit�n und Mannschaft. Alle Vorbereitungen seien veranla�t worden, hatte Washington ihm gesagt. Nun gut. Sollte die zweite Etappe ihren Anfang nehmen.</p><p>Er stieg ab. Nur dies eine Boot lag am einstmals gesch�ftigen Ufer � die Briten hatten alle Wasserfahrzeuge zerst�rt, deren sie habhaft zu werden vermochten. Dies eine Boot jedoch war das richtige f�r die Mission des Colonels. Es handelte sich um einen zweimastigen K�stenschoner, t�chtig und schnell. Offensichtlich war er bereit zum Ablegen. Die Laufplanke lag aus, und als der Colonel eintraf, kam �ber das Deck ein Mann, der erwartungsvoll wirkte, auf ihn zu. Er war verdreckt vom Wetter und sch�big, aber das waren damals die meisten Amerikaner. Der Colonel erkannte in ihm Autorit�t. Dies mu�te der Kapit�n sein. Er stellte sich vor. Das hei�t, er nannte seinen Namen und den Bestimmungsort. �Colonel Tilghman. Nach Rock Hall.�</p><p>�Zu Diensten, Sir�, sagte der Kapit�n. Colonel Tilghman wandte sich ab, um sein Pferd an Bord zu f�hren.</p><p>Da geschah etwas, womit er gerechnet hatte � das Tier brachte seine Eigenwilligkeit zur Geltung. Es war ein junger Hengst mit einer nat�rlichen charakterlichen Mischung aus vortrefflicher eleganter Feurigkeit und scharfer, grimmiger Klugheit. Auf Schiffen war er schon oft gereist; das war f�r ihn nichts Neues. Es widerstrebte ihm allerdings, seine nat�rliche Umgebung mit zuviel Pl�tzlichkeit zu verlassen. Er verlangte ein Zeremoniell. Deshalb leistete er jedesmal gespielten Widerstand. Der Colonel achtete diese Eigenheit. Als der Kapit�n sich umsah und rief: �Hilfe vonn�ten, Sir?�, lautete seine Antwort: �Nicht erforderlich.� Eigenh�ndig f�hrte er Black Damn an Bord und in den Stall unter Deck.</p><p>Sein Pferd mit einem Heuvorrat im Stall; General Washingtons Depesche an den Kongre� in seiner Satteltasche; er selbst auf dem Boot; das Boot in Fahrt. Der Colonel kehrte zur�ck auf Deck. Sie schwammen bereits mitten im Flu�.</p><p>�berall an den Ufern sah man die Reste verbrannter Schiffe, von seet�chtigen Frachtschiffen bis zu Nachen. Die Ortschaft Yorktown �hnelte einem von Geschossen zerpfl�gten Wirrwarr aus Mauerwerk. Die Briten hatten gebrannt und gepl�ndert, Brunnen vergiftet und Zivilisten mi�handelt. Sie hatten Sklaven dazu verlockt, ihre Herren zu verlassen, ihnen Freiheit versprochen, aber ihr Wort nicht gehalten, sondern die Sklaven in Pferche gesperrt, wo viele von ihnen starben. Ereignisse, Bestandteile eines Krieges, dessen Ganzheit jetzt Colonel Tilghman beherbergte, nun zusammengefa�t in einem Wort � <emphasis>vor�ber</emphasis>! Cornwallis hatte kapituliert.</p><p>Der Colonel war mit dem York vertraut. Er kannte auch die Chesapeake-Bucht. Und ihm war zumute, als segele er �ber einen neuen Strom in eine neue Grenzenlosigkeit. Er war, so begriff er, allein mit seinem gewaltigen Wissen. Nur er wu�te vom Sieg. Er brachte die Neuigkeit. <emphasis>En route �</emphasis></p><p>Im Jahre 1974 war der Flu� in diesem Moment Schauplatz eines spontanen Motorbootrennens. Drei Enthusiasten jener Art, die die Motorbootsaison bis zum Ende des Wasserhochstands auszukosten pflegten, r�hrten flu�aufw�rts, und noch das langsamste der Boote entwickelte eine Geschwindigkeit von f�nfzig Meilen je Stunde; die R�mpfe waren nichts als Verkleidungen f�r die Motoren, Motoren mit der zweihundertfachen Kraft eines Black Damn. Der Kurs einer dieser br�llenden M�cken kreuzte sich mit dem des Schoners, so da� die beiden Fahrzeuge sich wechselseitig eines durch das andere passierten. Der von Gischt umsch�umte Bug des Motorboots des zwanzigsten Jahrhunderts drang in den Rumpf des Schiffs im achtzehnten Jahrhundert dicht unterhalb der F��e Colonel Tilghmans ein und glitt darunter weiter durch das Geisterpferd. �Jippiii!� hatte der Mann am Steuerrad geschrien. �Jippiii �!� schrie er, als er weiterbrauste.</p><p>Colonel Tilghman kannte sich auch mit Booten aus, gewi�. Er war an Marylands Ostk�ste geboren, einem mit den Gezeiten vertrauten Land, dessen Bewohner seine Fl�sse einhundertf�nfzig Jahre lang ganz nat�rlich als Stra�en benutzt hatten. Der Sitz seiner Familie war am Tred Avon gewesen, in der N�he eines bl�henden Welthandelshafens � Oxford. Schon als Knabe hatte er ein eigenes Boot erhalten, und man erwartete von ihm, da� er damit gut umzugehen verstand. Daher war er des Treibens auf dem Schoner sowie der Str�mungen in der Luft und im Wasser, die das Tun an Bord bedingten, mit vollem Verst�ndnis gewahr � und doch regte seine Aufmerksamkeit sich nur unterbewu�t; sie verzeichnete, da� der Schoner sechs Knoten schaffte und der Kapit�n anscheinend sein Handwerk beherrschte. Der gesamte Rest von des Colonels Bewu�tsein richtete seine Gedanken vorw�rts. Der Flu� schimmerte, denn die Sonne jenes Tages warf alle Schatten nach hinten.</p><p>Die Siegesbotschaft. Er w�rde die Depesche dem amerikanischen Hauptgesch�ftsf�hrer �bergeben, dem Vorsitzenden im Kongre� der Vereinigten Staaten, den die Kongre�mitglieder f�r jeweils ein Jahr aus ihrer Mitte w�hlten, zur Zeit Mr. McKean aus Delaware. Ein Anwalt. Damit w�rde der Kongre� seine Rechtfertigung entgegennehmen. Er hatte die Armee mit der Kriegf�hrung beauftragt, und nun schenkte die Armee ihm den Frieden. Fortan konnte er unbehelligt seinen Aufgaben nachgehen, nicht l�nger blo� eine Vereinigung von Rebellen, auf deren H�upter Belohnungen ausgesetzt waren, sondern die Gesetzgebung der amerikanischen Nation.</p><p>Was diese Gesetzgeber zu tun hatten � daran dachte der Colonel nicht, obwohl sie nun das Recht auf eigene Gedanken errungen hatten. H�ufig war er Teilnehmer an Diskussionen �ber dies Thema gewesen, manchmal hitzigen Diskussionen, die in den Zelten und an den Lagerfeuern der Armee stattfanden. Aus der Ernsthaftigkeit, mit der er und seine Offizierskameraden ihre Ansichten �ber den Zweck des Krieges verk�ndeten, h�tte man schlie�en k�nnen, sie alle seien Professoren der Staatskunst; besonders der junge Colonel Alexander Hamilton zeichnete sich durch eine klare Philosophie aus.</p><p>Sie hatten alle ihren Scharfsinn gemessen, ihre Gelehrsamkeit, manchmal auch die Lautst�rke ihres Geschreis, bisweilen fehlte auch nicht viel zu einem Meinungsaustausch mit den F�usten � Schlamm an den Stiefeln, Stoppeln im Gesicht, Hunger in den Ged�rmen. Der Kampf gegen den Feind war der Grund ihres Daseins, und daf�r hielten sie stets Blei, Pulver, Schie�eisen, Klingen und Pferde bereit. Und dennoch hatten sie theoretisiert und diskutiert.</p><p>Was mochten seine Kameraden an diesem Morgen tun? fragte sich fl�chtig der Colonel. Nicht reden. Dessen war er sich sicher. Da nun die Zukunft sich in die Gegenwart verwandelt hatte, bedurfte sie zur Nahrung nicht l�nger des Redens. Was mochten seine Kameraden wohl tun? Selbstverst�ndlich die allt�gliche Armeeroutine erledigen. Inspizieren, Befehle erteilen und empfangen, ein scharfes Auge offenhalten. Ausschlie�lich Routine � abgesehen davon, da� nichts, wo auch immer, jetzt Routine war oder jemals wieder sein w�rde. Die Revolution hatte gesiegt. Die Zukunft � ja, sie war angebrochen.</p><p>Colonel Tench Tilghman, Adjutant, Sekret�r und Kurier General George Washingtons, verblieb den Morgen hindurch auf Deck des Schiffs, das ihn forttrug. Vom York gelangten sie hinaus in die Bucht. Am Nachmittag begab sich der Colonel auf Einladung des Kapit�ns in die Kabine und nahm ein Mahl zu sich � etwas kaltes Fleisch, Zwieback und Brandy. Seit dem Nachmittag des Vortags hatte er nichts gegessen. Niemand in Washingtons Feldquartier hatte ans Essen gedacht.</p><p>Dann stieg er hinunter, um nach Black Damn zu schauen. Der Hengst war ruhig � oder so ruhig, wie zu sein er es vermochte, und das war nicht v�llig ruhig. Auch wenn Black Damn keinen Huf r�hrte, erweckte er doch den Eindruck, er sei in schnellem Lauf. Selbst reglos glich er dem Bild eines Pfeils im Flug. Er war aus Bewegung geschaffen. Er gr��te den Colonel mit einem Augenrollen und seinem �blichen kameradschaftlichen Grimm. �Ja, ja, Sir�, sagte der Colonel und grunzte und brummte ein paar zur Bekr�ftigung ihrer Beziehung geeignete Laute. Black Damn verstand ihn. Wenn der Colonel ihn respektierte, dann respektierte er seinerseits den Colonel. Der Mann erneuerte das Heu, das Pferd rieb seinen Kopf an dem wohlt�tigen Arm, und beide waren gut gelaunt. �Ja, du, Sir�, sagte der Colonel, legte sich auf den gro�en Heuhaufen und schlief. In der vergangenen Nacht waren ihm nur drei Stunden Schlaf verg�nnt gewesen.</p><p>Eine Bewegung weckte ihn, von der er augenblicklich wu�te, da� sie eine Unregelm��igkeit bedeutete. Es war jene Bewegung, die nicht h�tte sein sollen � die Bewegung, mit der Bewegung aufh�rt. Binnen weniger Momente war er an Deck, doch schon vorher erriet er die eingetretene Lage.</p><p>Sie hatten die Tangier Shoal erreicht, die ausgedehnten Untiefen rings um die Insel Tangier. Jeder Schiffer der Chesapeake-Bucht wu�te �ber sie Bescheid � wu�te, da� ihr Umfang immer so gut wie gleich blieb, aber ihre Tiefen sich st�ndig �nderten. W�hrend der einen Jahreszeit konnte zwischen zwei Punkten eine schiffbare Fahrrinne sein, in der n�chsten waren dort Sandb�nke. Die Vernunft, so dachte der Colonel, sollte jedermann fernhalten, auf jeden Fall jemanden mit einem Boot von der Art des Schoners. Aber diesen Kapit�n hatte die Vernunft nicht aufgehalten. Der Schoner war aufgelaufen.</p><p>Seine erste heftige Regung gab ihm ein, den Idioten zu erschie�en. Der Gedanke verfl�chtigte sich, ehe er sich richtig verfestigt hatte. Der Colonel widmete seinen Verstand den Verh�ltnissen. Sehen konnte er nichts, denn inzwischen war es dunkel, aber er vermochte sich auszumalen, was sich zugetragen hatte. Der Wind hatte umgeschlagen und wehte nun statt aus S�dwesten aus dem Osten. Beim Bem�hen, sich in diesen Gegenwind zu stemmen, hatte der Kapit�n zu weit ostw�rts gehalst und das Schiff auf eine Sandbank gesetzt. Dieses Ungl�ck h�tte ihm nicht widerfahren d�rfen � und doch konnte es jedem zusto�en. Es war ein so gew�hnlicher Schiffahrtszwischenfall, da� er gleicherma�en verzeihlich war wie unverzeihlich. Aber nichts dergleichen spielte jetzt eine Rolle. Entscheidend war nun, da� die Flut zur�ckging. Sie konnten das Schiff nicht freimachen, die Fahrt nicht fortsetzen, bevor die Flut wiederkehrte. Acht Stunden.</p><p>Colonel Tilghman hatte w�hrend des gesamten Verlaufs der Revolution auf ihrer Seite gek�mpft. Das bedeutete, er hatte zu warten gelernt; denn die wesentlichste Kunst jenes Krieges war das Warten gewesen. Nicht in dem Sinn, da� die Revolution etwas f�r ausschlie�lich geduldige Menschen gewesen w�re. Gewi� � Geduld hatte sie gelehrt. Aber Ungeduld hatte sie hervorgebracht. In ihren K�mpfern war eine besondere Art von Ausdauer entstanden. Ein Eifer, der nicht ermattete, w�hrend das Unentschieden sich hinzog. Eine F�higkeit zu stiller, beharrlicher, z�her Achtsamkeit. Tilghman war darin ein Meister. Doch er hatte diese Meisterschaft f�r den Siegesritt abgestreift. Die Gewohnheiten des Krieges waren vorbei � die Notwendigkeit, sich in Verz�gerungen zu schicken, bestand nicht l�nger! Konnte es f�r einen Mann, der eine solche Nachricht bef�rderte wie er, Verz�gerungen geben? Das konnte es. Wind, Sandb�nke und Gezeiten besa�en vor der Geschichte keine Verantwortung. Die Vereinigten Staaten hatten f�r einen begrenzten Zeitraum von acht Jahren gewartet. Nun mu�ten sie weitere unendlich lange acht Stunden abwarten.</p><p>Tilghman unterhielt sich mit H�flichkeit mit dem Kapit�n. Der Mann hatte etwas Unverzeihliches getan, das nun verziehen werden mu�te. Da er ihn nicht erschie�en konnte, mochten sie genausogut die Annehmlichkeiten teilen. Schlie�lich gesellte der Colonel sich in der Kabine zum Kapit�n und seinem Brandy.</p><p>Die Annehmlichkeiten jedoch blieben im Rahmen der menschlichen M�glichkeiten. Das Wetter machte sie zu einem Nichts. Der Wind blies st�rker. Er durchwehte die pechschwarze Luft mit bitterkaltem fliegenden Wasser. Auf dem Schoner war nichts warm, und nichts, das den Elementen ausgesetzt war, blieb trocken. Colonel Tilghmans Reaktion darauf stand au�erhalb der Lehren einer jeden Philosophie. Sie kam einfach aus seinem K�rper.</p><p>Er wu�te, was das hie�, �u�erste Hitze und K�lte und N�sse in nie sonderlich gut ern�hrtem Zustand zu ertragen. Er wu�te es so gut wie jeder Mann, der die aufeinanderfolgenden Feldz�ge des Krieges mitgemacht hatte. Seit Valley Forge jedoch hatte sich ein Widersacher in seinem z�hen, sehnigen, au�ergew�hnlich leistungsf�higen K�rper eingenistet. Es war etwas, das man allgemein unter der Bezeichnung �R�ckfallfieber� kannte. Es �u�erte sich durch Fr�steln und hohe Temperatur. Vor sich selbst verleugnete er es, und in Gegenwart anderer Leute spielte er den Fall als �kurze Indisposition� herunter. Die Tatsache, da� irgend etwas mit ihm nicht in Ordnung war, gedachte er weder sich noch anderen einzugestehen. Es zu verhehlen, war einfach. Andere Menschen erlitten ebenfalls Indispositionen � und seine traten unregelm��ig auf. Er bekam sie nur, wenn er sich Anstrengungen unterworfen hatte.</p><p>Er hegte nicht die Auffassung, das am 19. Oktober getan zu haben. Seine drei Stunden Schlaf in der vorherigen Nacht hatte er auf ziemlich trockenem Untergrund zugebracht. W�hrend der Tage der Schlacht war er an Washingtons Seite gewesen, hatte mit Washington Schritt gehalten, und Washington hatte nichts anderes getan, als ein Kommandierender General in der Entscheidungsschlacht seines Krieges tun mu�te. F�r den Colonel hatte das gehei�en, da� er Depeschen schreiben und �berbringen, Inspektionen vornehmen und dar�ber berichten, seinen Vorgesetzten bei Tag und Nacht auf Erkundungen begleiten, an Konferenzen teilnehmen mu�te, wo seine Franz�sischkenntnisse zum Dolmetschen dienten, da� er in st�ndiger Bereitschaft zu sein hatte. Davon war gewi� nichts eine gr��ere Anstrengung. Sieg � war das eine Strapaze? Niemals hatte einer von ihnen sich wohler gef�hlt. Sie waren ungeduldige M�nner, endlich von der Geduld erl�st.</p><p>Doch der Wind �ber der Chesapeake-Bucht scherte sich nicht um derartige Dinge. Der Widersacher im Colonel regte sich. Erf�hlte seine Indisposition sich ank�ndigen. Unter Deck war eine Koje. Er konnte sich hinlegen. Er blieb auf Deck. Dieser elende Anfall w�rde vor�bergehen. Er w�rde ihn mi�achten �</p><p>�ber der Bucht des Jahres 1974 herrschte ein ganz anderes Wetter. Dort wehte ein sachter S�dwind mit fast sommerlicher W�rme. Der Himmel war klar und mit einem bemerkenswert sch�nen Mond geziert, einem so sch�nen Mond, da� er eine junge Frau des Jahres 1974 w�hrend der Kreuzfahrt durch die Tangier Shoal zu einer Bemerkung veranla�te. �Irgendwie <emphasis>kann</emphasis> ich ihn mir einfach nicht als Raketenbasis vorstellen�, sagte sie zu ihrem Begleiter und seufzte.</p><p>Die beiden waren ein jungverheiratetes Paar und �bten ihre gemeinsame H�uslichkeit romantischerweise zuerst auf einem Boot ein. Am Abend � verlockt vom herrlichen Wetter � waren sie hinausgefahren. Sie passierten den Schoner im Jahre 1781 in geringer Entfernung, jedoch in sicherer Wassertiefe, nicht blo� deshalb, weil die Sandbank sich 1974 an einer anderen Stelle befand, sondern auch, weil ihnen Karten und Fahrtrinnenzeichen zur Verf�gung standen. Sie waren sehr gl�cklich. Die junge Frau entdeckte verbl�fft, da� in ganz gew�hnlichen Dingen sich pl�tzlich Tiefen um Tiefen offenbarten. Es schien ihr, als lebte sie in einem Zustand der Erwartung einer lieblichen Erf�llung nach der anderen. Er stellte fest, da� er sich nie zuvor so behaglich gef�hlt hatte, und war auf z�rtliche Weise verst�ndnisvoll zu dem lieben kleinen Gesch�pf, dessen Dasein das seine so angenehm bereicherte.</p><p>Die junge Frau wandte den Blick vom Mond. Sie starrte hinaus in die Dunkelheit. Sie war eben noch humorvoll kokett gewesen. Nun war sie pl�tzlich angespannt, erregte den Eindruck, als versuche sie etwas zu sehen, wo es nichts zu sehen gab. �Jack�, meinte sie, �<emphasis>sp�rst</emphasis> du etwas?�</p><p>�Was?� fragte er zur�ck.</p><p>�Als � als ob da etwas w�re�, antwortete sie. <emphasis>�Jemand ��</emphasis> Sie streckte einen schlanken Arm aus und deutete. �Dort?� Sie blickte genau dorthin, wo Tilghman stand, schaute in der Tat in seine Augen, die vom Fieber gl�nzten; ihre von der Liebe erweckte Sensitivit�t bef�higte sie, wie sie es nannte, zu �sp�ren�, was au�erhalb der Reichweite ihrer Sinne lag. �Etwas beinahe Geisterhaftes?� fl�sterte sie fast unh�rbar.</p><p>Ihr Ehemann lachte nachsichtig. Ein verr�cktes kleines reizendes Ding, wie �?</p><p>Eine Stunde nach Mitternacht kam der Schoner frei. Um diese Zeit bestand weder f�r den Colonel noch f�r den Kapit�n das Erfordernis, die Tatsache in Worte zu fassen, da� weder Rock Hall noch irgendein anderer ostw�rtiger Punkt an der K�ste sich erreichen lie�. Der Wind machte es deutlich genug. Sie mu�ten westw�rts. Sie lagen auf Kurs nach Annapolis, und dadurch ergab sich eine zus�tzliche Verz�gerung, die schlichtweg unfa�bar war � mindestens zw�lf Stunden.</p><p>Der Colonel mi�achtete seine Indisposition auch weiterhin. Brannte sein Inneres lichterloh vom Fieber? Nun, er hatte schon auf so manchem Marsch unter gl�hender Sonne geschmort. Kroch das Fr�steln �ber seine Haut? Nun gut, er hatte schon mehr als einmal auf verschneitem Boden geschlafen. Die Nachricht. Zum Kongre�.</p><p>Er wachte sorgsam �ber Black Damn, der ihn, sobald diese j�mmerliche zweite Etappe seines Kurierauftrags durchgestanden war, verst�ndig und t�chtig durch die dritte Etappe tragen sollte. Und schnell. Aus diesem Grund hatte er Black Damn mitgenommen. Andernfalls h�tte er die l�ngste Strecke des Weges nach Philadelphia auf Postpferden zur�cklegen m�ssen, und Postpferde waren nicht viel wert. Die besten Postpferde waren nicht mehr als kr�ftig und ausdauernd. Sie flogen nicht � und Black Damn <emphasis>flog</emphasis> dahin. Sie besa�en keine leichte Gangart � Black Damns Bewegung war weich wie Samt. Colonel Tilghman wollte seine Abh�ngigkeit von den unterlegenen Tieren weitm�glichst verringern, indem er Black Damn bis zum �u�ersten ausritt. Er bes�nftigte den Hengst, lie� ihm die �bliche Pflege angedeihen und dr�ckte ihm sein Verst�ndnis aus. Gedulde dich. Ja, obwohl du aus reinem Feuer bist und deine Seele pure Ungeduld. Was bedeutet eine Wende von Wind und Wetter? Eine Wende im Verlauf der Menschheitsgeschichte war eingetreten.</p><p>Sie trafen am Abend des n�chsten Tages in Annapolis ein. Der Wind hatte nicht nachgelassen. Auch nicht des Colonels Indisposition. Wenigstens ist sie langsam im Nachlassen begriffen, dachte der Colonel, als er am dunklen Ufer entlang zu einem Gasthaus strebte und pl�tzlich die scheu�liche Heimsuchung erfuhr, sich der Gegenwart von etwas seltsam bewu�t zu sein, das er nicht sehen konnte � Tats�chlich allerdings schritt er durch die Gruft unter der Kapelle der Naval Academy der Vereinigten Staaten, wo im Jahre 1974 die sterblichen �berreste seines Freundes Captain John Paul Jones in ewigen Ehren ruhten. Der Geist des Seehelden erf�llte die Ruhest�tte; Colonel Tilghman, der Geist, vital in seiner Welt des Jahres 1781, �sp�rte� ihn, wie die junge Ehefrau bei Tangier ihn selbst �gesp�rt� hatte � Er suchte das Gasthaus auf, wo seine erste Sorge war, nachdem er sich in W�rme und Trockenheit sah, da� man zwei Stallknechte ausschickte, um Black Damn vom Schoner zu holen.</p><p>Mit diesem gl�cklosen Schiff hatte er nicht l�nger zu schaffen. Von Annapolis nach Rock Hall verkehrte ein F�hrbetrieb, mit guten, schnellen Booten. Er beabsichtigte das erste Boot zu nehmen, welchem das Wetter abzulegen gestattete. Er sah den Stallknechten zu, stellte fest, da� sie ihr Handwerk verstanden, und belohnte sie gro�z�gig. Dann bestellte er sich hei�en Grog und begab sich zu Bett. Durch einen au�erordentlichen Gl�cksfall konnte er eine eigene Kammer beziehen.</p><p>Er schlief, obwohl in fiebriger Unstetigkeit. Nach jedem Erwachen lauschte er dem Wind. Am Fr�hnachmittag des n�chsten Tages, so vermutete er, w�rde der Wind sich abschw�chen.</p><p>Er behielt recht. Um zwei Uhr des folgenden Tages rief man in den Schankr�umen des Gasthauses aus, da� um drei Uhr eine F�hre nach Rock Hall auslaufen werde. Die �berfahrt beanspruchte ungef�hr vier Stunden. Inzwischen hatte er bemerkt, da� sich Ger�chte �ber Geschehnisse an der Front ausbreiteten; sie waren falsch, aber man gab sie weiter. Ein Handelsmann versicherte im Saloon allen Zuh�rern mit gro�er Ernsthaftigkeit, es habe eine gewaltige Seeschlacht stattgefunden. Und so weiter und so fort. Der Colonel, der George Washingtons Depesche in der Satteltasche trug, lauschte lediglich. Nat�rlich machte dies Kursieren von Kolportagen die �bermittlung der Wahrheit in Gestalt der Depesche um so dringlicher. Wohlan, er hatte nun guten Wind. Und er hatte Black Damn. Er nahm an, da� er nun endlich voranzukommen erwarten durfte.</p><p>Die F�hre lief um die genannte Stunde aus. Am Sandy Point, acht Meilen n�rdlich von Annapolis, unterquerte sie die Bay Bridge, eine sieben Meilen lange st�hlerne Stra�e, auf der � im Jahre 1974 � Autos mit einer Mindestgeschwindigkeit von vierzig Meilen je Stunde die Chesapeake-Bucht �berquerten. Auf der F�hre des Jahres 1781 erz�hlte ein Passagier, da� sein Gro�vater sich noch erinnerte, da� die Indianer mit ihren Kanus stets von der Landzunge aus �ber die Bucht gerudert waren, denn dort war die schm�lste Stelle. �In einem halben Tag kamen sie hin�ber�, schlo� der Passagier.</p><p>Die F�hre hatte f�nfundzwanzig Meilen in nord�stlicher Richtung zur�ckzulegen. Ihre Ankunft war am Abend um sieben Uhr.</p><p>Dann war Tench Tilghman an Land. Und dann auch sein Pferd. Dann lag die Stra�e nach Philadelphia vor Tench Tilghman. Die letzte Etappe seines Kurierritts hatte begonnen. �Reitet, Colonel. <emphasis>Reitet</emphasis>!�</p><p>Er ritt. Es war ein Anpeilen und Vorw�rtsschie�en. Es war Schw�rze und Feuer. Eine ausgedehnte Weite der Ruhe und eine unmittelbare Umgebung aus Ger�uschen. Es war eine bewegungslose Welt, worin es nur eine Bewegung gab. Sein Pferd und er. Es war Freiheit von jedem anderen Antrieb au�er dem eigenen. Keine plump zusammengenagelten Planken, die auf einen nassen Sandh�gel liefen. Keine Stoffbahnen, die statt seinem Willen dem Wind gehorchten, ihn nach Westen zerrten, wogegen er gen Osten wollte. Keine der Unzul�nglichkeiten des Fahrzeugverkehrs. Nur er selbst, eins mit seinem Pferd. Nur Bewegung. Reiten.</p><p>Die Stra�e vor ihm war ein weicher, lockerer Pfad. Sie lag verlassen � niemand reiste bei Nacht. Es war finster � die H�user der Pflanzer waren durch Meilen Weite getrennt und standen vorwiegend nicht an der Stra�e, sondern an den Fl�ssen. Er kannte den Weg gut. Er war die Strecke schon mehrfach geritten. In der Tat handelte es sich bei diesem Pfad um einen der Hauptverkehrswege des kolonialen Amerika. Nun war er f�r ihn lediglich eine bestimmte Entfernung. Reite!</p><p>Einhundert Meilen. Er ritt.</p><p>Black Damn flog mit ihm durch die beiden ersten Teilstrecken des Wegs, von Rock Hall �ber Chestertown nach Down Crossroads. Endlich vermochte der Hengst seinem st�ndig schwellenden Grimm den rechten Ausdruck zu verleihen. Endlich. Er ha�te die Stra�e. Mit seinen Hufen stampfte er die Erde auf, warf sie nach hinten. In zwei Stunden galoppierte er sechsunddrei�ig Meilen weit. Ein Drittel der Strecke.</p><p>Als er in den beleuchteten Hof der Station zu Downs Crossroads einbog, rief er nach einem Ersatzpferd, noch w�hrend er den Hengst z�gelte, bis die Stallknechte gelaufen kamen. �Ein Pferd f�r den Kongre�! F�r den Kongre�! Ein Pferd!� Dann stieg er ab und musterte Black Damn. Er sah, da� Black Damn m�de war, ersch�pft � aber noch immer zornig. Der Ritt hatte ihm nicht geschadet. Der Colonel bezahlte die doppelte Summe f�r die Pflege voraus und wandte sich dann seinem Ersatzpferd zu. Ein gro�er, vierschr�tiger Brauner, der Erscheinung nach mit Sicherheit von steifer Gangart. Der Colonel sa� auf und galoppierte davon.</p><p>Zehn Meilen bis Warwick. Der Braune schnaufte sie innerhalb von f�nfzig Minuten hinab. In Warwick rief der Colonel erneut nach Ersatz � �Ein Pferd f�r den Kongre�!� Dort brachte man ihm eine Stute. Sie war sanft, aber langsam. Nach Odessa waren es zehn Meilen � und sie ben�tigte eine unertr�gliche Stunde. Er hatte die H�lfte des Weges �berwunden. F�nfzig Meilen lagen noch vor ihm.</p><p>Die weiteren Pferdewechsel bemerkte er kaum. Die Stationen glichen Kreisen lautstarken Lichts neben einem langen entrollten Strang aus stiller Dunkelheit. Reiten. Das war es � das war alles. Vorw�rts, vorw�rts, befahl sein Verstand, und seine Bewegungen folgten dem Befehl mit automatischer Willigkeit.</p><p>Bei einem der kurzen Aufenthalte lief ein Schankm�dchen heraus auf den Hof und reichte ihm einen Krug Bier. �Mit den Gr��en meines Wirtes, Sir�, sagte es. �Wir sind Patrioten.� Dann bat es ihn, den Blick ernstlich in sein Gesicht gerichtet, zu bleiben und sich eine Rast zu g�nnen, f�r welchen Zweckerein sauberes, frisches Bett erhalten solle. Er l�chelte und gab zur Antwort, er werde nochmals vorbeikommen, stubste das M�dchen unters Kinn und schenkte ihm eine M�nze. W�hrend er all das tat, war er sich der Gegenwart des M�dchens kaum bewu�t.</p><p>Ebensowenig war er sich seiner Pferde bewu�t. Er holte nur das Beste aus ihnen heraus, pa�te mit einer aus lebenslanger Erfahrung angeeigneten Feinf�hligkeit seinen K�rper an die F�higkeiten und Launen des jeweiligen Tiers an. Noch weniger bewu�t war er sich seines Fiebers. Es war nie von ihm gewichen, und nun stieg es gar. In seinem Kopf hallten andere Ger�usche wider als jene, die ihn begleiteten, dem Klang der Hufe. Da waren Lichter, seitlich und ein wenig hinter ihm, als verfolgten sie ihn. Er schenkte ihnen keine Beachtung. Er wu�te, da� es sie nicht gab. Er w�rde die Strecke schaffen. Das allein z�hlte. Zum Haus des Kongre�vorsitzenden.</p><p>N�rdlich von Newcastle stimmte sein Weg mit dem Verlauf einer vierspurigen Schnellstra�e des Jahres 1974 �berein. Er galoppierte zwischen riesigen, brummenden Lastwagen und Neonscheu�lichkeiten dahin, in einem Verkehr, der sich st�ndig verdichtete. An einer Stelle ritt er durch die Ambulanzfahrzeuge, Polizeiautos und Schaulustigen eines 1974 allt�glichen Auffahrunfalls mit f�nf Toten, und seine Mission gl�hte in seinem Bewu�tsein wie eine Kohle � �Die Revolution ist aus. Cornwallis hat kapituliert. Reitet! Reite! Reite!�</p><p>Und so gelangte er des Nachts um zwei Uhr und f�nfundvierzig Minuten ans Ziel. Die Hufe klapperten �ber das Pflaster von Philadelphia, und er z�gelte sein Pferd. An der Ecke zum Oberen Marktplatz. Vor dem Haus des Kongre�vorsitzenden der Vereinigten Staaten.</p><p>Schwungvoll stieg er ab, stieg mit der langsamen Leichtigkeit von mit Ersch�pfung vermengtem Fieber ab. �Wenn im Verlauf der menschlichen Geschichte �� Wenn im Verlauf der menschlichen Geschichte ein Mann, ob krank oder gesund, einhundert Meilen weit geritten ist, hat er ein unver�u�erliches Recht darauf, m�de zu sein. Der Colonel dachte nicht daran, diese Adaption von Mr. Jeffersons Unabh�ngigkeitserkl�rung auf seine eigene Lage anzuwenden. Er dachte �berhaupt nicht an seine unver�u�erlichen Rechte. Mit traumhaften Bewegungen erklomm er die Stufen zur T�r des Kongre�vorsitzenden, hob den T�rklopfer und klopfte einmal. Drinnen war es still. Er klopfte nochmals, und wieder blieb es ruhig. Er wiederholte das einmalige Pochen mehrfach, und schlie�lich klopfte er jeweils zwei- und dreimal. Nichts geschah. Er betrachtete die T�r.</p><p>Sie war mit wei� emaillierter Ziselierung verziert. Sie war teilnahmslos sch�n. Er sah sie nicht wirklich. Eine T�r? Eine Sandbank, eine steife Brise, langsame Postpferde, hartm�ulig und steifbeinig, ein Fieber, Hindernisse. Er hob seinen Arm und schlug mit der Faust gegen die sch�ne T�felung. Und w�hrend er das tat, erhob er auch seine Stimme zu einem Schrei, der durch die ganze Stadt schallte. �Eine Botschaft!� rief er. �Eine gro�e Nachricht! F�r den Kongre�!� Und dann sprach er es aus. �Cornwallis hat KAPITULIERT!�</p><p>Cornwallis hatte kapituliert? O nein. Nicht Cornwallis. Wer war er schon? Ein Mann, ein Offizier, ein General mit einer Armee unter seinem Befehl. Er kapituliert? Nicht er, nicht irgendein Mann, nicht irgendeine Armee � sondern die Tyrannei selbst. Die Tyrannei hatte kapituliert. Die Freiheit war befreit. In diesem Sinne sprach Colonel Tilghman. Und eine feste Hand legte sich auf seine Schulter, und als er sich umdrehte, stand er vor zwei M�nnern. Einer trug eine Laterne mit runden Scheiben, der andere hielt eine Pike gesenkt. Die beiden waren Angeh�rige der Wache und erkl�rten Colonel Tilghman, er stehe wegen St�rung des Stadtfriedens unter Arrest.</p><p>In diesem Moment h�tte er alles tun k�nnen. Er h�tte die beiden erschie�en k�nnen. Er h�tte lachen k�nnen. Er h�tte sich erniedrigen lassen und zum Schlaf hinlegen k�nnen. Wie es sich ergab, brauchte er gar nichts zu tun. Im zweiten Stockwerk des Hauses �ffnete sich ein Fenster, und heraus schaute der mit einer Nachtm�tze bedeckte Kopf des Kongre�vorsitzenden der Vereinigten Staaten. Er erkannte General Washingtons Kurier und lie� ihn ein. Die Depesche gelangte zum Empf�nger.</p><p>Und die Wache rief vor den dunklen H�userfronten, w�hrend sie ihre Runde machte, nicht aus, da� es drei Uhr und alles friedlich sei, sondern da� um drei Uhr jenes au�ergew�hnlichen Morgens Cornwallis kapituliert habe. Und einige Menschen waren wach und h�rten es und kamen aus ihren T�ren, und andere erwachten und h�rten es und kamen aus ihren T�ren, und alsbald waren die Stra�en voller freudig gestimmter Amerikaner. Und man l�utete die Freiheitsglocke.</p></section><section><title><p id="__Toc231461798"><emphasis>Die Stimme aus dem Jenseits von Werner Gronwald</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Werner Gronwald, der am 24.12.1917 im ostpreu�ischen K�nigsberg geboren wurde und seit Kriegsende in Oberbayern lebt, hat eine Reihe von Romanen, Erz�hlungen und H�rfeatures geschrieben. Er arbeitet heute vorwiegend als Lektor und �bersetzer in M�nchen. Sein besonderes Interesse gilt der modernen Horrorstory.</emphasis></p><empty-line/><p>����������</p><empty-line/><p>Wenn ich doch nur nie an dieser spiritistischen Sitzung teilgenommen h�tte! Seither bin ich von einer marternden Unruhe befallen. Ich glaube einem furchtbaren Geheimnis auf der Spur zu sein und wage mich dennoch keinem Menschen anzuvertrauen.</p><p>Dabei hat es wie ein harmloser Scherz angefangen. Wir waren zu f�nft auf Freddys Bude, als Tina vorschlug, nur so als Experiment einmal Verbindung mit dem Jenseits aufzunehmen.</p><p>Bei mattem Kerzenlicht war der Kreis um den runden Tisch schnell geschlossen. Zuerst sp�rte ich gar nichts. Der Tisch stand fest am Boden � kein Poltergeist r�hrte sich � gar nichts.</p><p>Aber dann hatte ich mit einem Male das Gef�hl, leichter und leichter zu werden. Die vier anderen Gesichter im matt flackernden Kerzenlicht verschwammen zu blassen Schemen, und wie aus einem unendlich hohen Gew�lbe herab h�rte ich pl�tzlich eine hallende Stimme:</p><p>�Pamela �! Pamela �!�</p><p>�Ich komme!� h�rte ich mich gegen meinen Willen antworten. �Ich komme.�</p><p>Im n�chsten Moment erfa�te mich ein gl�hend hei�er Luftstrom und wirbelte mich empor, bis ich in einem Element von ungeheurer Helligkeit fast zu ersticken und zu zerschmelzen drohte.</p><p>Und um mich her � �berall � war die hallende Stimme und rief:</p><p>�Warne sie! Warne die Fliegenden vor dem neunten Tag! Wenn du nicht hilfst, werden sie alle am neunten Tag abst�rzen und sterben in Feuer und Rauch!�</p><p>�Wer bist du?� Meine Stimme klang d�nn und kl�glich in dieser unerme�lichen wei�en Wolke, in der ich zu schweben schien. �Wer wird st�rzen? Welche Fliegenden?�</p><p>Aber die hallende Stimme wiederholte nur beschw�rend: �Am neunten Tag!� Und noch einmal leiser und wie ein verschwindendes Echo: �Am neunten Tag � warne sie � von der Frau im Meer ��</p><p>�Wer bist du, Frau im Meer?� konnte ich noch einmal fragen.</p><p>Doch dann packte mich wieder der gl�hend hei�e Luftstrom, und jetzt wirbelte er mich aus der schwindelerregenden H�he herab und wie in einen schwarzen H�llenschlund. Ich st�rzte und st�rzte und schrie auf, als ich pl�tzlich aus der Schw�rze �ber mir gespenstisch bleiche Fratzen auftauchen sah. Sie grinsten mich b�se und h�hnisch an, und ihre Lippen bewegten sich. Doch ich h�rte immer noch nichts anderes als dieses Rauschen und Brausen in den Ohren wie von dem Sturz in unergr�ndliche Tiefen.</p><p>Bis dann die Dunkelheit sich lichtete und die Gesichter deutlicher wurden. Da erkannte ich, da� es meine vier Partner von der spiritistischen Sitzung waren. Sie standen �ber mich gebeugt, und ich lag auf der Couch.</p><p>�Pamela-M�uschen, hat dich der Geist von Tante Frieda umgeschmissen?� fragte Freddy mit gutm�tigem Spott. �Kippt einfach um und benimmt sich dann wie ein echtes Medium. Das war ja eine prima Schau. Was hat dir denn der Geist von Tante Frieda erz�hlt?�</p><p>Da waren meine Lippen mit einem Male wie versiegelt. Irgend etwas Unheimliches schien noch au�er uns f�nf in diesem Zimmer mit dem unruhig flackernden Kerzenschein zu sein: ein Geist � ein Wesen, das mir das Sprechen verbot.</p><p>Aber warum?</p><p>Ich konnte mit dieser Botschaft aus dem Jenseits nichts anfangen und h�tte sie am liebsten vergessen. Bis mir Freddy wenige Tage sp�ter erz�hlt, da� er f�r seine Firma nach New York fliegen soll.</p><p>Da erinnere ich mich an die Warnung der hallenden Stimme, und ein eisiger Schreck packt mich.</p><p>�Etwa am neunten?� frage ich best�rzt.</p><p>Da sieht mich mein Freund Freddy erstaunt an. �Stimmt. Woher wei�t du das?�</p><p>�Du darfst am neunten nicht fliegen�, sage ich beschw�rend.</p><p>Gleich darauf h�tte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen. Denn Freddy lacht in seiner sorglosen Art, gibt mir einen Ku� auf die Wange und fragt sp�ttisch: �H�ngt das etwa mit der Hokuspokus-Schau von vorgestern abend zusammen? Du glaubst doch nicht etwa im Ernst an diesen Quatsch mit Stimmen aus dem Jenseits?�</p><p>Was soll ich da sagen?</p><p>Und doch ahne ich � sp�re ich mit jeder Faser meines Wesens, da� Freddy in Todesgefahr ist � und mit ihm viele andere ahnungslose Menschen, die an diesem 9. Dezember nach New York fliegen wollen.</p><p>Ohne da� ich sie rufe, erscheint mir die Frau aus dem Meer in jener Nacht zum 9. Dezember als gespenstische Erscheinung. Sie steht pl�tzlich mit str�hnig nassem Haar und mit gr�nlich durchsichtig schimmerndem K�rper vor mir.</p><p>Starr vor Angst und Entsetzen liege ich im Bett. Dabei glaube ich zu sp�ren, wie sich mir buchst�blich die Haare str�uben.</p><p>Die Frau aus dem Meer hebt warnend die Hand und raunt mir etwas zu.</p><p>�� die Uhr � buntes Papier � nicht mitnehmen ��</p><p>Mehr als diese sinnlosen Satzfetzen verstehe ich nicht. Aber w�hrend ich noch starr vor Grauen daliege und diese Geistererscheinung mitten im dunklen Zimmer stehen sehe, erkenne ich pl�tzlich das Gesicht von Freddys �lterer Schwester Myrna, von der er mir Fotos gezeigt hat.</p><p>Kaum habe ich sie erkannt, da wird das Gesicht, wird die ganze Erscheinung undeutlicher und zerflie�t und verschwindet in der Nacht.</p><p>Sofort mache ich Licht. Mein Puls rast. Meine H�nde zittern, als ich mir eine Zigarette anz�nde. An Schlaf ist in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Mehrmals greife ich zum Telefonh�rer und lasse jedesmal die Hand mutlos wieder sinken.</p><p>Freddy w�rde mich f�r verr�ckt erkl�ren, wenn ich ihn jetzt mitten in der Nacht fragen w�rde, wie seine Schwester Myrna voriges Jahr ums Leben gekommen ist. Dar�ber hat er noch nie mit mir gesprochen. So wei� ich nur auf Umwegen, da� Myrna vor vierzehn Monaten t�dlich verungl�ckt ist.</p><empty-line/><p>Als vor den Fenstern meines Apartments neblig tr�b der Morgen d�mmert, ist mein Entschlu� gefa�t. In wenigen Stunden startet Freddys Maschine nach New York. Mir bleibt nur noch diese kurze Zeitspanne.</p><p>Eine Stunde sp�ter habe ich telefonisch von einer schl�frigen Stimme in der Friedhofsverwaltung erfahren, da� Myrna Thompson am 12. Oktober 1970 gestorben ist. Gleich darauf bin ich auf dem Wege zum Zeitungsarchiv. Aber ich mu� warten, bis ich endlich in nerv�ser Hast die Zeitungen vom 13. bis 17. Oktober 1970 durchbl�ttern kann.</p><p>Wenige Minuten sp�ter habe ich drei Zeitungsnotizen gelesen, und jetzt ist mir alles klar! Ich rase zur n�chsten Telefonzelle und rufe Freddy an. Gottlob! Er ist noch da!</p><p>�Freddy, war dein Stiefbruder Malcolm etwa heute morgen noch bei dir?� frage ich sofort.</p><p>�Ja, der war da�, antwortet er ungeduldig. �Aber Pamela, ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr. Das Taxi wartet schon. In einer Stunde geht mein Flugzeug. Bis n�chste Woche ��</p><p>�Freddy!� rufe ich verzweifelt. �Dein Gep�ck! Du mu�t sofort nachsehen ��</p><p>Aber er hat schon abgeh�ngt. Mein Gott! Was soll ich nur tun? Die Polizei alarmieren? Die w�rden mich doch nur auslachen!</p><p>Ich bin mitten in der City, und Freddy wohnt nur zehn Autominuten vom Flughafen entfernt. Dreimal sause ich noch bei Rot �ber die Kreuzung und �bertrete mit meinem Mini-Morris s�mtliche Geschwindigkeitsbeschr�nkungen.</p><p>Aber ich mu� es schaffen! Ich mu�! Dreihundert Menschen fliegen mit dieser Jumbo-Jet nach New York!</p><p>Als ich durch die Halle renne, werden die Passagiere f�r Flug Nummer B 609 um 11 Uhr 03 nach New York gerade per Lautsprecher aufgerufen. Ich haste durch die Pa�kontrolle und h�re Beamte hinter mir w�tend rufen.</p><p>�Freddy!�</p><p>Ich erwische ihn, als er mit seinem Bordkoffer gerade zum Ausgang schlendert. Er starrt mich ganz verbl�fft an.</p><p>�Hat dir Malcolm etwas mitgegeben?� rufe ich atemlos.</p><p>Er nickt erstaunt. �Ja, f�r seine Freundin eine Schachtel Weinbrandpralinen. Die sind dr�ben verboten, und ich habe sie hier ��</p><p>Da zerre ich schon den Rei�verschlu� der Au�entasche seines Bordkoffers auf und ziehe die Schachtel im bunten Geschenkpapier hervor.</p><p>�� die Uhr � buntes Papier � nicht mitnehmen�, h�re ich die Geisterstimme der Frau aus dem Meer wieder raunen.</p><p>Und als ich die Schachtel jetzt ans Ohr halte, h�re ich auch ganz deutlich ein dumpfes Ticken!</p><p>Polizeibeamte umringen uns inzwischen schon. Ich halte ihnen die Schachtel im bunten Geschenkpapier hin und gebe eine hastige Erkl�rung.</p><p>Zehn Minuten sp�ter haben wir die schreckliche Gewi�heit. Die �Pralinenschachtel� enth�lt eine Zeitz�nder-Uhr und eine hochexplosive Sprengladung, die die Jumbo-Jet in zwei Stunden mit �ber dreihundert Menschen an Bord hoch �ber dem Atlantik zerrissen h�tte.</p><empty-line/><p>Seither ist mir die Frau aus dem Meer nie mehr erschienen. Vielleicht weil der Mord an ihr jetzt seine S�hne findet. Man hat Freddys Stiefbruder Malcolm verhaftet. Er steht unter Mordanklage, nachdem festgestellt wurde, da� er auf Freddys Leben f�r den Flug nach New York eine Unfallversicherung in H�he von zwanzigtausend Pfund abgeschlossen hatte.</p><p>Genauso hoch hatte Malcolm seinerzeit die Insassenversicherung abgeschlossen, bevor er die bedauernswerte Myrna am 12. Oktober 1970 mit der versteckten Zeitz�nderbombe an Bord seines Motorbootes in ihren sicheren Tod schickte.</p><p>Seither macht Freddy keine sp�ttischen Bemerkungen mehr, wenn von Geistern und Stimmen aus dem Jenseits gesprochen wird. Ich habe auch keine spiritistische Sitzung mehr mitgemacht. Ich habe Angst � vor meinen eigenen �bersinnlichen F�higkeiten.�</p></section></body><body name="notes"><title><p>&#x41F;&#x440;&#x438;&#x43C;&#x435;&#x447;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x44F;</p></title><section id="n1"><title><p>1</p></title><p>Das Ouija-board, eine sehr umstrittene parapsychologische Versuchsmethode, wird in spiritistischen Sitzungen zur Anrufung und Befragung der Geister verwendet: Ein Glas, von der Hand der Sitzungsteilnehmer leicht ber�hrt, rutscht auf einem Brett, das mit den Buchstaben des Alphabets versehen ist, hin und her und bildet durch die Abfolge der Buchstaben Worte, die man als Botschaften aus dem Jenseits lesen kann. <emphasis>(Anm. d. �bers.)</emphasis></p></section><section id="n2"><title><p>2</p></title><p>Die Regenz ist ein altert�mliches Geb�ude unweit der Kopenhagener Universit�t, in welchem eine Anzahl �rmerer Studenten freie Wohnung erh�lt.</p><p><emphasis>Anm. des �bersetzers.</emphasis></p></section></body><binary id="cover" 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