<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_horror</genre><author><first-name>Manfred</first-name><last-name>Kluge</last-name></author><book-title>18 Gaensehaut Stories</book-title><annotation><p>Geschichten des Grauens und der Angst</p><p>herausgegeben von Manfred Kluge</p><empty-line/><p><emphasis>Algernon Blackwood</emphasis></p><p>Die Spuk-Insel</p><empty-line/><p><emphasis>Honor� de Balzac</emphasis></p><p>Die Zaubernacht in den Hochlanden</p><empty-line/><p><emphasis>Lalcadio Hearn</emphasis></p><p>Der Fall Chugoro</p><empty-line/><p><emphasis>Philip Latham</emphasis></p><p>Jeanettes H�nde</p><empty-line/><p><emphasis>Washington Irving</emphasis></p><p>Die Geschichte vom schl�frigen Tal</p><empty-line/><p><emphasis>Jonas Lie</emphasis></p><p>Das Seegespenst</p><empty-line/><p><emphasis>Nikolaj Gogol</emphasis></p><p>Die Johannisnacht</p><empty-line/><p><emphasis>Guy de Maupassant</emphasis></p><p>Die Angst</p><empty-line/><p><emphasis>Villiers de l�Isle-Adam</emphasis></p><p>Folter durch Hoffnung</p><empty-line/><p><emphasis>Edgar Allen Poe</emphasis></p><p>Der schwarze Kater</p><empty-line/><p><emphasis>H. P. Lovecraft</emphasis></p><p>In der Gruft</p><empty-line/><p><emphasis>Robert Bloch</emphasis></p><p>Das uners�ttliche Haus</p><empty-line/><p><emphasis>Alexandre Dumas</emphasis></p><p>Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett</p><empty-line/><p><emphasis>H. G. Wells</emphasis></p><p>Spuk im Klub</p><empty-line/><p><emphasis>Andrew J. Offutt</emphasis></p><p>Sareva, meine Hexe</p><empty-line/><p><emphasis>Jack Sharkey</emphasis></p><p>Die D�monin</p><empty-line/><p><emphasis>Lewis Hammond</emphasis></p><p>Die Witwe vom Belgrave Square</p><empty-line/><p><emphasis>I. M. Rymer</emphasis></p><p>Vampir zu sein dagegen sehr �</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Heyne Anthologie" number="53"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-07-20">20.07.2013</date><id>1A553F0A-7850-4235-A53D-7FFF602A8427</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>1976</year></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/><p>18 G�nsehaut Stories�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Vorwort</emphasis></p></title><p>�G�nsehaut <emphasis>(Cutis anserina),</emphasis> meist reflektorisch durch K�ltereiz oder durch psychische Faktoren bewirkte Hautver�nderung. Das kn�cherige Aussehen der Haut wird durch Zusammenziehung der an den Haarb�lgen ansetzenden glatten Muskeln <emphasis>(Musculi arrectores pilorum)</emphasis> verursacht, die die Haarb�lge hervortreten lassen und die Haare aufrichten.� Wer in �Meyers Enzyklop�dischem Lexikon� unter dem Stichwort G�nsehaut nachliest, erf�hrt per definitionem und in lexikalischer Gedr�ngtheit, was sich unter physiologischem Aspekt �ber das Ph�nomen G�nsehaut sagen l��t. �ber die �psychischen Faktoren�, von denen immerhin die Rede ist, schweigt sich der �Meyer� aus.</p><p>Auch die Etymologen speisen den Ratsuchenden lediglich mit einem spr�den Hinweis ab, n�mlich damit, da� seit dem 16. Jahrhundert �vor Schreck oder K�lte schaudernde menschliche Haut� nach der �hnlichkeit mit der Haut einer gerupften Gans �G�nsehaut� genannt werde. Der Schreck ist also daf�r verantwortlich, wenn sich die Haare str�uben, kalte Schauer �ber den R�cken jagen und unser zarter Teint an die Haut einer gerupften Gans erinnert. Andere psychische Faktoren rufen die gleiche Wirkung hervor: Angst, Furcht, Grauen, das Unfa�liche und Unerkl�rbare, Gespenstische und Makabre, alles, was in unserer Seele traumatisch weiterlebt und von dem seit Urzeiten eine seltsame Faszination ausgeht. Nach wie vor ist das Interesse am Unheimlichen und Phantastischen lebendig, auch und gerade in der Kunst, in der Literatur. Dieses Unheimliche und Phantastische, wie es uns in den ausgew�hlten Geschichten begegnet, bedarf keiner Legitimation von au�en, es entsteht in den Tiefen des Inneren, des Unbewu�ten, es ist an keine Grenzen gebunden, darin dem Traum verwandt, der eigenen Gesetzen gehorcht, ein zweckfreies Spiel in imagin�ren Bereichen, das uns mit lustvollen Schauern erg�tzt und jene Gruseleffekte stimuliert, die unsere Hautbeschaffenheit auf so fatale Weise ver�ndern.</p><p>Freud schrieb, das Unheimliche sei etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das dem Menschen nur durch den Proze� der Verdr�ngung entfremdet worden ist. Nun, in unseren Geschichten ist dieser Verdr�ngungsproze� aufgehoben: Aus den dunklen Sch�chten des Unbewu�ten treten die schm�hlich verdr�ngten Lemuren und Schim�ren in das helle Licht literarischer Gestaltung, phantastische, janusgesichtige Wesen, die in amorphen Formen aus den Alptr�umen ihrer Sch�pfer hervorgewachsen sind. Denn das Unheimliche mit all seinen irrealen Begleiterscheinungen bildet das tragende Fundament dieser Geschichten. Es lauert in den Schatten einsamer N�chte, im fl�sternden Schweigen leerer H�user, in den verborgenen Ecken finsterer Orte, im Modergeruch alter Grabst�tten. Und es lebt im bangen Schlag unseres Herzens, in den versch�tteten Abgr�nden unserer Psyche.</p><p>In einer Welt ohne Wunder gewinnt das Wunderbare wieder seine urspr�ngliche Macht zur�ck; wo sich scheinbar alles rational erkl�ren l��t, tritt das Unkl�rbare, Irrationale wieder in sein Recht, bedrohlich und erschreckend, aber auch befreiend und �ber die plane Realit�t triumphierend. F�r die phantastische Literatur gilt, was Wieland Schmied �ber die phantastische Kunst im allgemeinen gesagt hat: �Das Phantastische kann traumhaft oder errechnet erscheinen, vision�r oder surreal, als N�he fremder Welten oder als Fremdsein des N�chsten, bei aller Traumhaftigkeit, Irrealit�t oder Verfremdung mu� es erlebbar bleiben, um uns zu betreffen und uns erschrecken zu lassen.�</p><p>Wenn sich dies Erschrecken in Form der vielberufenen G�nsehaut an der Oberfl�che Ihrer Physis kristallisiert, dann haben die Geschichten gehalten, was der Titel verspricht: G�nsehautgeschichten.</p><p><emphasis>Manfred Kluge</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Die Spuk-Insel </strong>von Algernon Blackwood</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Algernon Blackwood (1869-1951) begann mit 36 Jahren zu schreiben. Sein erstes Buch, �The Empty House and Other Ghost Stories� (1906), war eine Sammlung von Geister- und Gruselgeschichten, in der � wie in allen sp�teren Sammlungen � das Phantastische, Unheimliche und Mystisch-Okkulte vorherrschte. Sein Lebenswerk umfa�t mehr als 20 B�nde. H. P. Lovecraft, ein anderer Meister des Unheimlichen, nannte ihn einen der bedeutendsten Schriftsteller dieses Genres. Als Algernon Blackwoods erster Erz�hlband in deutscher Sprache erschien, schrieb die Schweizer B�cherzeitung �Domino� :</emphasis></p><p><emphasis>�Langsam, kaum merklich w�chst bei Blackwoods Erz�hlungen ein fremdes, andersartiges, ein bohrendes, unbestimmtes, qu�lendes Gef�hl in die heitere Handlung hinein, ein Gef�hl, das w�chst, sich ausbreitet wie ein b�ses Geschw�r, das den Verstand zernagt und das Hirn martert.�</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Die im folgenden berichteten Begebnisse haben sich auf einer kleinen, abgelegenen Insel zugetragen. Sie befindet sich in einem gro�en, kanadischen See, an dessen k�hlen Wassern die Bewohner von Montreal und Toronto Zuflucht und Erholung vor der Hitze des Sommers suchen. Was aber die Vorf�lle selbst betrifft, so mu� man es zutiefst bedauern, da� Begebenheiten, die f�r jeden Adepten des �bersinnlichen von so einschneidendem Interesse sind, auf keine Weise erh�rtet werden k�nnen. Allein, so ungl�ckselig stellt sich der Sachverhalt nun einmal dar.</p><p>Von unserer Gesellschaft � es waren an die zwanzig Personen gewesen, welche an eben dem Tage, da mein Bericht einsetzt, ihre Zelte abgebrochen hatten, um nach Montreal zur�ckzukehren �, von unserer Gesellschaft war als einziges Mitglied ich auf der Insel zur�ckgeblieben, mutterseelenallein, und das f�r ein bis zwei weitere Wochen. Ich tat dies in der Absicht, einiges Unerl��liche f�r mein Studium der Rechte nachzuholen, das ich t�richterweise den Sommer �ber vernachl�ssigt hatte.</p><p>Es war sp�t im September, und die riesigen Forellen und Maskinongen<a l:href="#n1" type="note">[1]</a> waren schon unruhig geworden und hatten begonnen, in dem Ma�e an die Oberfl�che zu kommen, als Nordwind und Frost der Fr�he die vom Sommer durchw�rmten Wasserschichten abk�hlten. Schon loderte das Laub des Ahorns in herbstlich roten und goldenen Farben, und die gesch�tzten Buchten waren nach all dem Frieden der Sommertage aufs neue erf�llt von dem wilden Gel�chter der Tauchv�gel.</p><p>Mit einer Insel, die ganz allein mir zur Verf�gung stand; mit einem einst�ckigen Blockhaus darauf; ausger�stet mit einem Kanu; zur l�rmenden Gesellschaft einzig die keckernden Eichh�rnchen und, einmal die Woche, den Farmer mit seinem Nachschub an Eiern und Brot: G�nstiger, so sollte man meinen, h�tten die Voraussetzungen f�r mein beabsichtigtes Einbringen des Vers�umten gar nicht sein k�nnen. Doch es kommt, wie immer, auf die Umst�nde an!</p><p>Die anderen, vor ihrem endg�ltigen Aufbruch von der Insel, hatten mich noch mit vielen, gutgemeinten Warnungen bedacht, des Inhalts, ich solle vor den Indianern auf der Hut sein und mich im �brigen ja nicht zu lange hier verweilen, damit ich nicht einem der unbarmherzigen Fr�ste zum Opfer fiele, bei denen vierzig Grad unter Null so gut wie nichts bedeuten. Sobald mir aber all die Heimkehrenden in Wahrheit aus den Augen waren, machte die Weltabgeschiedenheit meiner neuen Lage sich aufs Unbehaglichste bemerkbar. Innerhalb von sechs bis sieben Meilen gab es ja keine andere Insel, und auch der Umstand, da� mich nur einige wenige Meilen von den W�ldern des Festlandes trennten, hatte nicht viel zu besagen, denn jene W�lder waren �ber weite Entfernungen hin aller menschlichen Besiedlung bar. Indes, mochte meine Insel auch in vollkommener Verlassenheit und tiefster Stille daliegen � ihre Felsen und B�ume waren immerhin zwei Monate hindurch zu jeder Stunde des Tages dem Gel�chter und den Rufen der Menschen ein Echo gewesen, und so mu�te wohl noch ein Rest von Erinnern auf diesem einsamen Fleck Erde verblieben sein. Deshalb war ich durchaus nicht verwundert, auf meinen Streifz�gen zwischen den Felsen ab und zu ein Auflachen, einen Ausruf zu vernehmen. Ja, zuweilen war�s mir sogar, als riefe jemand lauthals meinen Namen.</p><p>In der Blockh�tte gab es ein Halbdutzend winziger Schlafr�ume, die lediglich durch nackte, ungefirni�te W�nde aus Kiefernbrettern voneinander geschieden waren. Und in jedem dieser Verschlage gab�s eine holzgezimmerte Pritsche mit Matratze sowie einen Stuhl. Doch fand ich insgesamt nur zwei Spiegel vor, und selbst von diesen zweien war der eine zerbrochen.</p><p>Die Dielenbretter, sobald ich darauf umherging, knarrten so laut, und die Anzeichen k�rzlicher Bewohntheit sprangen noch so sehr ins Auge, da� es mir schwerfiel, im Ernst an meine Verlassenheit zu glauben. So lebte ich halb und halb dahin in der best�ndigen Erwartung, pl�tzlich irgendeinem gleich mir auf der Insel Verbliebenen zu begegnen, ja, so versuchte ich noch immer, mehr von meinen Effekten in einem einzigen Verschlag unterzubringen, als hineingingen. Eine der T�ren klemmte �brigens, widerstand f�r Sekunden dem �ffnenden Druck der Hand, und es bedurfte nur geringer M�he, sich einzubilden, jemand blockiere von innen die Klinke, und man werde, sobald die T�r erst aufgegangen, sich einem menschlichen Augenpaar gegen�bersehen.</p><p>Nachdem ich das gesamte Obergescho� eingehend inspiziert hatte, entschied ich mich, zu meinem k�nftigen Nachtquartier jene kleine Kammer zu w�hlen, deren winziger Balkon sich �berm Dach der Veranda befand. Der Verschlag war wirklich sehr klein, doch sein Bett war bequem und enthielt �berdies die beste Matratze von allen vorhandenen. �brigens lag diese Schlafkammer genau �ber dem Aufenthaltsraum, den ich f�r meine t�glichen Studien ausersehen hatte, und von ihrem Miniaturfenster aus konnte man die Sonne aufgehen sehen. Mit Ausnahme eines schmalen Fu�pfads, der vom vorderen Eingang und von der Veranda aus zwischen den B�umen zum Bootsanlegeplatz hinunterf�hrte, war ja die gesamte Insel von einem dichten Waldbestand aus Ahornb�umen, Schierlingstannen und Zedern bedeckt. Die B�ume umstanden das Blockhaus so nahe, da� ihre �ste und Zweige schon mit dem leisesten Lufthauch an Dach und W�nden zu scharren begannen. So herrschte denn auch wenige Augenblicke nach Sonnenuntergang schon die undurchdringlichste Finsternis, und keine zehn Schritt au�erhalb des Lichtscheins, der von den Lampen des Aufenthaltsraumes durch die Fenster drang � es waren ihrer vier �, konnte man die Hand nicht mehr vor Augen sehen, geschweige denn einen Schritt tun, ohne sich am n�chstbesten Baumstamm eine Beule zu sto�en.</p><p>Den verbleibenden Rest jenes Tages brachte ich damit zu, meine Habseligkeiten vom Zelt zum Aufenthaltsraum zu schleppen, die Vorr�te in der Speisekammer zu taxieren und einen ausreichenden Wochenvorrat an Brennholz zu hacken. Dies getan � es war kurz vor Sonnenuntergang �, umrundete ich um meiner Sicherheit willen zu mehreren Malen im Kanu die Insel. Nicht im Traum h�tte ich mir fr�her dergleichen einfallen lassen, indes, das Alleinsein bringt einen Menschen dazu, Dinge zu tun, die ihm in turbulenter Gesellschaft wohl zu allerletzt in den Sinn gekommen w�ren.</p><p>Wie verlassen die Insel doch wirkte, jetzt, da ich sie zum andernmal betrat! Die Sonne war schon unterm Horizont verschwunden, das Zwielicht der D�mmerung aber ist in jenen n�rdlichen Breiten so gut wie unbekannt. Der Tag weicht ohne �bergang der aufkommenden Nacht. So tastete ich mich, sobald ich das Kanu weit genug an Land gezogen und kieloben gedreht hatte, den schmalen Fu�pfad zur Veranda hinauf. Bald erstrahlten die sechs Lampen des Tagesraumes im freundlichsten Licht, allein, in der K�che, wo ich zu Abend �speiste�, waren die Schatten so d�ster, war das Lampenlicht so ungen�gend, da� man die Sterne zwischen den Dachsparren hindurchlugen sah.</p><p>Ich ging in jener ersten Nacht fr�h zu Bett. Doch obwohl das Wetter abgek�hlt hatte und kein Lufthauch sich regte, waren das Knarren meiner Schlafstelle und das melodische Schwappen des Wassers gegen die Uferfelsen nicht die einzigen Ger�usche, welche mir ans Ohr drangen. So wuchs, w�hrend ich noch schlaflos lag, die entsetzliche Einsamkeit des Hauses immer gr��er um mich her. All die G�nge und leeren Zimmer rundum schienen belebt von unz�hligen Schritten, von schlurfendem Schleichen, vom Rascheln der R�cke und von einem unabl�ssigen, raunenden Gefl�ster. Und als der Schlaf mich doch noch �berkam, gesellten all die Atem- und Fl�sterlaute sich noch den Stimmen meiner Tr�ume.</p><p>So ging eine Woche dahin, und meine �Studien� gediehen aufs beste. Indes, am zehnten Tag meiner Einsamkeit widerfuhr mir etwas recht Sonderbares. Nach einer traumlos durchschlafenen Nacht erwachte ich mit einem deutlich ausgepr�gten Widerwillen gegen das Zimmer. Mir schien, als w�r� noch die Luft in seinem Innern nicht atembar und br�chte mich zum Ersticken. Aber je mehr ich solchem Ekelgef�hl auf den Grund zu kommen trachtete, desto unvern�nftiger erschien es mir. Dennoch, mit diesem Zimmer hatte es etwas auf sich, das mir Angst machte. So absurd es klingen mag, dieses Gef�hl hing sich, w�hrend ich mich ankleidete, mit solcher Hartn�ckigkeit an mich, da� ich mich mehr als einmal �ber einem innerlichen Schauder ertappte, ja des �ftern versucht war, diese vier W�nde Hals �ber Kopf zu verlassen. Doch je mehr ich das alles vor mir selbst ins L�cherliche zog, desto manifester wurde dies Angstgef�hl. Und als ich schlie�lich angekleidet war und auf den Gang hinaustrat, um mich hinunter in die K�che zu begeben, geschah dies mit so gro�er Erleichterung, wie sie, so bildete ich mir ein, wohl nur ein Mensch empfinden mochte, welcher soeben dem Gefahrenbereich einer t�dlichen Seuche entkommen war.</p><p>W�hrend ich mir mein Fr�hst�ck bereitete, rief ich mir aufs genaueste eine jede der N�chte ins Ged�chtnis, die ich in dem Zimmer verbracht hatte, und tat dies in der Hoffnung, dadurch auf irgendeine dort erlebte, unliebsame Begebenheit zu sto�en, welche ich mit meinem gegenw�rtigen Ekelgef�hl in Zusammenhang bringen konnte. Aber ich entsann mich lediglich einer st�rmischen Nacht, darin ich pl�tzlich erwacht war, weil die Dielenbretter im Korridor so vernehmlich geknarrt hatten, da� ich die felsenhafte �berzeugung gehegt, ein Fremder bewege sich durchs Haus. Und so gewi� war ich damals meiner Sache gewesen, da� ich mich erhoben hatte und mit schu�bereitem Gewehr die Treppe hinuntergegangen war, um Nachschau zu halten � und dann doch nur T�ren und Fenster gesichert und verschlossen, ja einzig die M�use und K�chenschaben als Besitzer des Bodens vorzufinden. Indes, dies Erlebnis reichte gewi�lich nicht aus, die Intensit�t meines pl�tzlichen Widerwillens glaubhaft zu begr�nden.</p><p>Den Vormittag verbrachte ich zur G�nze �ber meinen B�chern. Nachdem ich aber um die Mittagsstunde mein Studium unterbrochen hatte, um ein wenig schwimmen und danach essen zu gehen, war ich h�chst �berrascht, um nicht zu sagen besorgt, feststellen zu m�ssen, da� mein Widerwille gegen jenes Zimmer, falls �berhaupt m�glich, noch zugenommen hatte. Als ich n�mlich nach dem Essen nach oben ging, um ein Buch zu holen, empfand ich die allerdeutlichste Abneigung davor, den Raum auch nur zu betreten, und war mir w�hrend des Aufenthaltes in jenen vier W�nden best�ndig eines zutiefst widerw�rtigen, aus Unruhe und echter Furcht gemischten Gef�hles bewu�t. Das Ende von alledem war, da� ich Studieren Studieren sein lie�, den ganzen Nachmittag drau�en auf dem See mit Paddeln und Angeln verbrachte und, als ich gegen Sonnenuntergang wieder ins Haus zur�ckkehrte, mit einem halben Dutzend wohlschmeckender Barsche f�r Abendbrot und Speisekammer versorgt war.</p><p>Da mir in jenen Tagen ein gesunder Schlaf besonders wichtig schien, hatte ich schon beim Angeln beschlossen, da� ich, im Falle meine Abneigung gegen jene Kammer nach meiner Heimkehr sich noch ebenso deutlich bemerkbar machen sollte, mein Bett in den Aufenthaltsraum verlegen und dort die Nacht verbringen w�rde. Das w�re, so machte ich vor mir geltend, durchaus kein Zugest�ndnis an eine absurde und eingebildete Angst, sondern lediglich eine vorbeugende Handlung, um mir einen gesunden Schlaf zu sichern. Denn eine schlechte Nacht bedeutete ja, da� der darauffolgende Tag f�r das Lernen verloren war � und das konnte ich mir durchaus nicht mehr leisten.</p><p>Dementsprechend transportierte ich also meine Lagerstatt nach unten, schlug sie im Tagesraum auf � in jener Ecke, die der Eingangst�r gegen�berlag �, und versp�rte eine ungew�hnliche Erleichterung, als diese Arbeit getan war und die T�r zur Schlafkammer sich endg�ltig vor all der D�sternis, Stille und sonderbaren <emphasis>Angst</emphasis> geschlossen hatte, welche jenen Raum erf�llten.</p><p>Der heisere Schlag der K�chenuhr verk�ndete die achte Stunde, als ich mit dem Sp�len des wenigen Geschirrs fertig war und, die K�chent�r hinter mir schlie�end, in den Aufenthaltsraum hin�berging. Alle Lampen brannten, und ihre Reflexspiegel, die ich tags�ber auf Hochglanz poliert hatte, tauchten den Raum in eine F�lle von Licht.</p><p>Die Nacht vor den Fenstern war lautlos und warm. Kein Lufthauch regte sich. Die Wellen gaben keinen Laut, die B�ume schienen erstarrt zu sein, und der Himmel war von schweren Wolken verhangen. Die Dunkelheit war heute besonders rasch hereingebrochen, und nicht einmal der Abglanz eines fernen Leuchtens zeigte an, wo die Sonne untergegangen war. �ber allem hing eine unheilschwangere, �berw�ltigende Stille, wie sie oft genug den f�rchterlichsten Unwettern voranzugehen pflegt.</p><p>Ich setzte mich mit ungew�hnlich klarem Kopf zu meinen B�chern, im Herzen das wohltuende Wissen, da� in der Eiskammer noch f�nf delikate Barsche des Verzehrtwerdens harrten, und da� der alte Farmer schon am n�chsten Morgen mit seinem Nachschub an Eiern und frischgebackenem Brot angerudert kommen werde. Nicht lange, und ich war bis �ber die Ohren in meine B�cher vertieft.</p><p>Mit dem Voranschreiten der Nacht wurde die Stille rings um mich immer profunder. Selbst die Eichh�rnchen waren verstummt, und nicht einmal die Dielenbretter und die Wandverkleidung knarrten und knisterten noch l�nger. Ich aber blieb weiterhin �ber die B�cher gebeugt, bis in der d�stern Verschattung der K�che der heisere Uhrenschlag neuerlich anhub: Ich z�hlte neun Schl�ge. Wie laut sie doch hallten! Das war ja, als schl�ge ein schwerer Hammer die Stunde! Ich klappte das eine Buch zu und �ffnete das n�chste, denn ich begann jetzt, Geschmack an meiner Arbeit zu finden.</p><p>Allein, meine Arbeitslust hielt nicht lange vor. Unversehens ertappte ich mich dabei, da� ich dieselben Stellen zum zweitenmal �berlas, noch dazu ganz einfache Abschnitte, die solcher M�he durchaus nicht bedurft h�tten. Und bald danach merkte ich, da� meine Gedanken abschweiften und da� es mir von Mal zu Mal schwerer wurde, sie zur Arbeit zur�ckzurufen. Meine Konzentration lie� jetzt zusehends nach, und pl�tzlich entdeckte ich sogar, da� ich zwei Buchseiten �berschlagen hatte, doch merkte ich dies Versehen erst gegen Ende der betreffenden Seite. Das schien ja nachgerade bedenklich zu werden! Was war es nur, das mich so sehr ablenkte? K�rperliche M�digkeit konnte es nicht sein � mein Geist war ja, ganz im Gegenteil, ungew�hnlich wach und viel aufnahmebereiter als sonst. So wandte ich mich aufs neue mit aller Aufmerksamkeit meiner Lekt�re zu, fest entschlossen, nicht mehr nachzugeben, und f�r kurze Zeit schien ich damit Erfolg zu haben. Doch nicht lange danach, und ich sa� abermals in meinen Sessel zur�ckgelehnt und starrte ziellos ins Leere.</p><p>Es lag auf der Hand: Mein Unterbewu�tsein war wachgeworden. Ich mu�te irgend etwas zu tun vergessen haben. Vielleicht war die K�chent�r nicht versperrt, oder es standen die Fenster noch offen? Ich ging sogleich, um nachzusehen, aber es war alles in Ordnung! Vielleicht war�s das Feuer, um das man sich k�mmern mu�te? Aber auch der Ofen war wohlversorgt. Ich kontrollierte die Lampen, ging dann nach oben und warf einen Blick in jede der Schlafkammern, schritt auch noch um die gesamte Behausung herum, ja sah sogar im Eishaus nach. Aber ein jedes Ding befand sich an seinem geh�rigen Ort. Dennoch � irgend etwas <emphasis>stimmte</emphasis> nicht! Das begann ich st�rker und st�rker zu f�hlen.</p><p>Als ich mich nach alldem doch wieder hinter die B�cher gesetzt hatte und neuerlich versuchte, in meiner Lekt�re fortzufahren, wurde ich zum erstenmal gewahr, da� der Raum k�hler zu werden begann. Dabei war es den ganzen Tag lang dr�ckend schw�l gewesen, und auch der Abend hatte keine Erleichterung gebracht. �berdies spendeten schon die sechs gro�en Lampen W�rme genug, um das Zimmer bei angenehmer Temperatur zu halten. Jetzt aber machte sich hier drinnen eine ziehende K�lte bemerkbar, die wohl vom See heraufkommen mochte, und veranla�te mich, aufzustehen, um die Glast�r zur Veranda zu schlie�en.</p><p>Einen Atem lang hielt ich dort inne und blickte in den Schacht aus Licht hinaus, welcher sich durch die Fenster ins n�chtige Dunkel bahnte und den Anfang des Fu�pfads sowie einen Streifen Uferwasser erhellte.</p><p>In eben diesem Moment sah ich ein Kanu den Lichtschacht kreuzen und schon wieder in der Nacht verschwinden. Es mochte etwa hundert Fu� vom Ufer entfernt gewesen sein und war mit gro�er Schnelligkeit dahingeglitten.</p><p>Mein Erstaunen ob der Tatsache, da� um diese Nachtzeit ein Kanu die Insel entlangfuhr, war nicht gering, denn all die Sommerg�ste vom jenseitigen Seeufer hatten sich schon vor Wochen auf den Heimweg begeben, und �berdies lag die Insel fernab allen Bootsverkehrs.</p><p>Von dem Moment meiner neuen Entdeckung an wollte es mit dem Studieren nicht mehr recht weitergehen: Ich wurde das Bild jenes Kanus, das so rasch und verschwommen durch den schmalen Lichtstreifen �ber den dunklen Fluten hindurchgeglitten war, nicht mehr los. Der helle Umri� befeuerte meine Einbildungskraft aufs lebhafteste und schob sich best�ndig zwischen meinen Blick und die Seiten meiner Lekt�re. Und je mehr ich den Vorfall bedachte, desto st�rker ward meine Verwunderung. Das Kanu war ja von gr��erer Bauart gewesen denn irgendeines, das ich den Sommer �ber zu Gesicht bekommen, und hatte mit seinem hoch aufgebogenen Bug und Heck viel eher den alten, indianischen Kriegskanus geglichen. Auch war es ebenso breit gewesen wie sie. � Gleichviel, je mehr ich versuchte, mich auf meine B�cher zu konzentrieren, desto weniger Erfolg war mir beschieden. Schlie�lich klappte ich sie endg�ltig zu und trat auf die Veranda hinaus, um mir dort ein wenig Bewegung zu machen und das K�ltegef�hl aus meinen Knochen zu sch�tteln.</p><p>Die Nacht war vollkommen still und so dunkel, wie man sich�s nur vorstellen mochte. Ich stolperte den Fu�pfad zu dem kleinen Anlegeplatz hinunter, wo das Wasser mit fast unh�rbarem Glucksen von unten gegen die Bohlen der Landeplattform schlug. Weit dr�ben, schon jenseits des Sees in den W�ldern des Festlands, brach krachend ein alter Baumriese nieder, und sein ferner Fall weckte das Echo in der reglosen Nachtluft, und der Nachhall pflanzte sich weiter und fort � und war wie das erste Gepl�nkel einer ferne anhebenden, n�chtlichen Attacke. Sonst war da nichts, die allgewaltige Stille zu st�ren.</p><p>W�hrend ich noch auf der Plattform des Anlegeplatzes stand, inmitten der breiten Helle, die hinter mir aus den Fenstern des Tagraumes brach, sah ich ein zweites Kanu den �berm Wasser sich verlierenden Lichtstreif durchqueren und sofort wieder in der undurchdringlichen Finsternis der anderen Seite verschwinden. Diesmal hatte ich es deutlicher gesehen: Es war von der n�mlichen Bauart wie das erste gewesen, ein ger�umiges Fahrzeug aus Birkenrinde mit stark �berh�htem Vorder- und Achterteil und mit breitem Kiel. Gerudert hatten zwei Indianer, von denen der hintere � der Steuerer � von ungew�hnlicher K�rpergr��e zu sein schien. Ich hatte das sehr klar unterscheiden k�nnen. Obschon aber das zweite Kanu so viel n�her an der Insel vorbeigestrichen war als das erste, hielt ich doch daf�r, da� beide sich auf dem R�ckweg zu der Indianer-Reservation befanden, welche sich in einer Entfernung von etwa f�nfzehn Meilen auf dem Festland erstreckte.</p><p>Ich stellte noch immer Vermutungen dar�ber an, was denn einen Indianer bewogen haben mochte, diesen Teil des Sees zu so sp�ter Stunde aufzusuchen, als ein drittes Kanu von genau derselben Bauart, und wie die andern von zwei Indianern gerudert, lautlos am Anlegeplatz vor�berstrich. Diesmal aber war das Fahrzeug viel n�her gewesen, und so scho� mir pl�tzlich der Gedanke durch den Sinn, da� die vermeintlichen drei ja in Wahrheit ein und dasselbe waren � ein einziges Kanu, das die Insel umkreiste!</p><p>Diese Schlu�folgerung war keineswegs angenehm: Erwies sie sich wirklich als die zutreffende Erkl�rung f�r das ungew�hnliche Erscheinen dreier Kanus zu so sp�ter Stunde auf diesem abgelegenen Teil des Sees, so konnten die Absichten der beiden Ruderer vern�nftigerweise nur mit meiner Person zusammenh�ngen. Zwar hatte ich noch nie geh�rt, da� die Indianer gegen Siedler, welche mit ihnen die weite, unwirtliche Einsamkeit dieser Landstriche teilten, gewaltsam vorgegangen w�ren, anderseits konnte man aber eine solche M�glichkeit nicht v�llig ausschlie�en �</p><p>Indes, gleich danach schlug ich mir derlei unangenehme Erw�gungen aus dem Kopf und suchte in meiner Einbildung nach allerhand anderen L�sungen des Problems, die mir denn auch nur zu eilfertig in den Sinn kamen, jedoch meiner unvoreingenommenen Betrachtung nicht standhielten.</p><p>Mittlerweile hatte eine Art Instinkt mich bewogen, den Lichtbereich, darin ich mich bisher aufgehalten, zu verlassen und in den tiefen Schatten eines Uferfelsens zu treten, wo ich abwartete, ob das Kanu sich neuerdings zeigen werde. Von meinem jetzigen Standpunkt aus konnte ich trefflich beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden � eine Vorsichtsma�nahme, die mir durchaus angebracht schien.</p><p>Es waren noch keine f�nf Minuten vergangen, als das Kanu, ganz wie ich vorausgesehen hatte, zum viertenmal mein Blickfeld kreuzte � diesmal nur mehr wenige Bootsl�ngen vom Anlegeplatz entfernt, woraus ich ersah, da� die zwei Indianer beabsichtigten, die Insel zu betreten. Ich erkannte in ihnen die Ruderer von vorhin, und in der Tat, der eine, welcher das Kanu steuerte, war ein riesenhafter Bursche. Auch war es fraglos dasselbe Kanu, und so konnte kein Zweifel mehr bestehen, da� seine Insassen aus irgendwelchen Gr�nden die Insel zun�chst eine Zeitlang umkreist hatten, um eine g�nstige Gelegenheit zur Landung abzuwarten. Ich sp�hte mir die Augen aus dem Kopf, um die beiden auch noch im Finstern zu erblicken, aber das Dunkel hatte sie mit Haut und Haar aufgeschluckt, und auch nicht das leiseste Klatschen des kraftvoll ausgreifenden Paddelschlags drang an mein lauschendes Ohr. Das Kanu mu�te nun innerhalb k�rzester Frist seine neuerliche Runde vollendet haben, und diesmal mochte es geschehen, da� die M�nner an Land kamen. So schien es mir durchaus am Platze, darauf vorbereitet zu sein, denn ich wu�te nicht, in welcher Absicht die beiden gekommen waren. Und zwei gegen einen (zumal, wenn diese zwei so riesenhafte Indianer sind), noch dazu in tiefster Dunkelheit auf einer einsamen Insel � das entsprach nicht in allen Punkten meinen Vorstellungen von einem erfreulichen Zusammentreffen.</p><p>In einer Ecke des Aufenthaltsraumes stand, gegen dessen R�ckwand gelehnt, meine Marlin mit zehn Patronen im Magazin und einer elften, wohlverwahrten im gut gefetteten Verschlu�. Es war nun wirklich h�chste Zeit, ins Haus zur�ckzukehren und sich in jener Ecke zu verschanzen. Ohne eine weitere Sekunde zu verlieren, eilte ich zur Veranda hinauf, wobei ich mich sorgsam im Schatten der B�ume hielt, auf da� ich in dem Lichtschein nicht gesehen w�rde. Beim Eintreten zog ich die Verbindungst�r zur Veranda hinter mir zu und blies so rasch wie m�glich die s�mtlichen sechs Lampen aus. Sich in einem grell erleuchteten Zimmer aufzuhalten, wo auch die geringf�gigste meiner Bewegungen von drau�en beobachtet werden konnte, wogegen ich selbst durch jedes der Fenster nichts als undurchdringliche Finsternis erblickte, das war nach allen Regeln der Kriegf�hrung ein durchaus unn�tiges Zugest�ndnis an einen Gegner, der, falls er tats�chlich in feindseliger Absicht gekommen sein sollte, viel zu durchtrieben und gef�hrlich war, als da� man ihm auch nur irgendeinen Vorteil h�tte einr�umen d�rfen.</p><p>So stand ich denn in der Ecke des Aufenthaltsraumes, den R�cken zur Wand und die H�nde auf den Gewehrlauf hinter mir gest�tzt. Zwischen mir und der T�r zur Veranda stand der Tisch mit meinen B�chern, doch war die Finsternis nach dem Verl�schen der Lampen so tief, da� man f�rs erste �berhaupt nichts wahrnehmen konnte. Nur nach und nach traten die Zimmerw�nde aus ihr hervor, hoben die Fenstergevierte sich ganz schwach von der sie umgebenden Dunkelheit ab.</p><p>Nach einigen Minuten aber waren die Eingangst�r (deren obere H�lfte verglast war) sowie die beiden auf die Veranda gehenden Fenster ganz deutlich zu unterscheiden. Ich war sehr erleichtert dar�ber, denn jetzt konnte ich, falls die Indianer sich wirklich dem Haus n�herten, ihr Herankommen beobachten, ja sogar ihre Pl�ne erraten. Und ich sollte nur zu sehr recht behalten, denn schon drang auch der hohle Anprall eines am Landeplatz anlegenden Kanus an mein Ohr. Ich vernahm ganz deutlich, wie es vorsichtig den Uferfelsen heraufgezogen wurde, und wie die beiden Ruderer ihre Paddel unter das Fahrzeug schoben. Auch die folgende Stille deutete ich mir ganz richtig: Die Indianer waren jetzt im Begriff, sich an das Haus heranzuschleichen �</p><p>Nun w�re es absurd, mit der Behauptung gro�zutun, ich w�re angesichts der ernsten Situation und ihres m�glichen Ausgangs nicht aufgeregt oder gar ge�ngstigt gewesen, doch ist es die reine Wahrheit, wenn ich sage, da� sich solcher Zustand nicht so sehr auf meine Person bezog. Es war mir durchaus bewu�t, da� ich da mitten in der Nacht in eine seelische Verfassung geriet, darin meine Empfindungen nicht mehr als normal bezeichnet werden konnten. Indes, sie waren niemals von irgendwelcher physischen Angst begleitet, und obschon ich w�hrend des gr��eren Teiles der Nacht die H�nde nicht vom Lauf meines Gewehres nahm, war mir best�ndig bewu�t, da� sein Beistand mir gegen jenes echte Grauen, dem ich mich da gegen�bersah, nur von geringem Nutzen sein konnte. Zuweilen kam�s mir vor � und das mit der gr��ten Deutlichkeit �, als w�re ich in Wirklichkeit gar nicht an dem Geschehen beteiligt, ja nicht einmal darein verstrickt, sondern spielte dabei lediglich die Rolle des Zuschauers � eines Zuschauers �berdies, der nicht so sehr auf realer denn auf okkulter Ebene sich befand. Auch waren viele der Empfindungen, die mich in jener Nacht heimsuchten, viel zu vage, als da� man sie h�tte beschreiben oder gar analysieren k�nnen. Indes, das eigentliche Gef�hl, welches mich bis ans Ende meiner Tage verfolgen wird, ist jenes entsetzliche, die Begebnisse insgesamt einh�llende Grauen sowie das unbeschreibliche Preisgegebensein angesichts der Erkenntnis, da� ich, h�tte jene �u�erste Nervenanspannung auch nur um ein weniges l�nger angehalten als dies tats�chlich der Fall war � da� ich dann unweigerlich um den Verstand gekommen w�re.</p><p>Dabei stand ich die ganze Zeit reglos in meiner Ecke und harrte geduldig der Dinge, die da kommen sollten. Das Haus war so stumm wie ein Grab, aber die wortlosen Stimmen der Nacht t�nten mir in den Ohren, und ich vermeinte zu h�ren, wie das Blut durch meine Adern str�mte und in den Pulsen h�mmerte.</p><p>Falls die Indianer im Sinn hatten, sich von hinten an das Haus heranzumachen, so w�rden sie die K�chent�r versperrt, die Fenster verschlossen finden. Von dieser Seite konnten sie also nicht ohne betr�chtlichen L�rm eindringen, und den w�rde ich auf jeden Fall h�ren. Der einzige Zugang in das Haus f�hrte demnach �ber die Veranda, und so heftete ich meinen Blick auf die T�r mir gegen�ber und lie� sie nicht eine Sekunde aus den Augen.</p><p>Und diese meine Augen pa�ten sich der Finsternis mit jeder weiteren Minute besser an. Ich konnte jetzt schon den Tisch unterscheiden, der nahezu den ganzen Raum ausf�llte und zu beiden Seiten jeweils nur einen schmalen Gang frei lie�. Auch die geraden Lehnen der eng an den Tisch geschobenen St�hle vermochte ich nun zu erkennen, und sogar meine auf dem wei�en Wachstuch ausgebreiteten Notizen zusamt dem Tintenzeug. Und mit einem Mal dachte ich an all die frohen Gesichter, welche sommers�ber um diesen Tisch versammelt gewesen, und sehnte mich nach dem Licht der Sonne, wie ich mich noch nie zuvor danach gesehnt.</p><p>Zur Linken zweigte, keine drei Fu� von mir, der Gang zur K�che ab, und gleich an seinem Anfang, fast noch im Aufenthaltsraum, m�ndete die Treppe, welche hinauf zu den Schlafr�umen f�hrte. Durch die Fenster konnte ich die verschwommenen, reglosen Umrisse der B�ume gewahren: Kein Ast bewegte sich, kein Blatt schien sich zu regen.</p><p>Allein, dies grauenvolle Schweigen w�hrte nur kurze Zeit. Schon waren verstohlene Tritte auf den Bohlen der Veranda vernehmbar, doch schlichen sie so leise heran, da� ich sie nicht so sehr mit dem Geh�r wie mit dem Gehirn zu erlauschen meinte. Gleich danach verdunkelte eine schwarze Gestalt das Glasgeviert der T�r, und ich gewahrte, da� ein Gesicht sich gegen die oberen Scheiben pre�te. Ein Schauder lief mir den R�cken hinunter, und durch meine Kopfhaut rieselte ein Gef�hl, als st�nden mir jetzt und jetzt die Haare zu Berge � ja als str�ubten sie sich schon nach allen Richtungen um meine Schl�fen!</p><p>Es war die Gestalt eines Indianers � eines riesenhaften, breitschultrigen Indianers. Tats�chlich, sie war gr��er, als ich dergleichen jemals au�erhalb von Schaustellungen gesehen hatte. Zufolge irgendeiner Lichtquelle, die sich aus meinem Hirn zu speisen schien, konnte ich die dunklen Z�ge, die breiten Backenknochen und die flach gegen die Glasscheibe gepre�te Adlernase deutlich unterscheiden. Die Blickrichtung freilich vermochte ich nicht zu erkennen, doch zeigte mir ein gelegentlich aufleuchtender Schimmer, welcher von dem Wei� der Hornhaut herr�hrte, da� dem Sp�hen dieser rollenden Aug�pfel auch nicht die verborgenste Ecke des Zimmers entging.</p><p>Volle endlose f�nf Minuten, so schien es mir, wich die Gestalt nicht von der T�r � hielt sie die m�chtigen Schultern gekr�mmt, um durch die niedere Verglasung sp�hen zu k�nnen. Dahinter aber, wenn auch l�ngst nicht so gro�, wanderte die schattenhafte Gestalt des zweiten Indianers hin und her, und dies Schattenwandern gemahnte an die Bewegungen eines im Winde schwankenden Baumes. Und w�hrend ich noch in aller Aufregung und Gespanntheit des n�chsten Schrittes meiner Widersacher harrte, lief mir ein eisiger Schauder das R�ckgrat hinauf und hinunter, schien mein Herz abwechselnd stehenbleiben und gleich danach wieder mit jagender Schnelligkeit durchgehen zu wollen. Jetzt mu�ten die beiden das rasende Pochen, das Singen des Bluts in meinen Schl�fen geh�rt haben! Und als mir gar der kalte Angstschwei� aus der Stirn brach und �bers Gesicht rann, ward ich mir auch noch des dringenden Wunsches bewu�t, aufzuschreien und heulend gegen die W�nde zu trommeln wie ein Kind � auf irgendeine Weise L�rm zu schlagen oder sonst etwas zu tun, was diese unertr�gliche Spannung l�sen, was die Dinge zu einem raschen Ende bringen mochte!</p><p>Vielleicht war es dieses Bed�rfnis, das mich eine weitere Entdeckung machen lie�: Als ich n�mlich versuchte, das Gewehr hinterm R�cken hervorzuziehen, um es schu�bereit gegen die T�r zu richten, fand ich mich au�erstande, auch nur die kleinste Bewegung zu machen. Die angstgel�hmten Muskeln gehorchten meinem Willen nicht mehr! Das war nun freilich eine grausige Komplikation!</p><p>Jetzt wurde ganz leise am Messingknauf der T�r ger�ttelt � jetzt ward sie spaltbreit ge�ffnet! Einige Sekunden verstrichen � und nun ging sie vollends auf. Die beiden Gestalten glitten ins Zimmer, so lautlos, da� ich keinen Hauch vernehmen konnte � und dann dr�ckte der zweite Eindringling die T�r behutsam ins Schlo�.</p><p>Nun hatten sie mich zwischen diesen vier W�nden ganz f�r sich. War�s m�glich, da� sie mich erblickten, w�hrend ich so still und starr wie ein Stock in meiner Ecke stand? Hatten sie mich schon vorher erblickt? Mein Blut sauste, mein Puls trommelte mir in den Ohren! Und obschon ich nach Kr�ften bem�ht war, mein Atmen nicht h�ren zu lassen, t�nte es dennoch, als pre�te der Wind sich durch ein viel zu enges Rohr.</p><p>Mein gespanntes Warten auf den n�chsten Schritt der beiden ward alsbald beendet � doch einzig, um einer neuen, noch �rgeren Beunruhigung Platz zu machen: Sie hatten sich ja bislang weder durch Worte noch durch Zeichen untereinander verst�ndigt, doch schienen sie jetzt allem Anschein nach den Raum durchqueren zu wollen, und das bedeutete, da� sie in jedem Fall den Tisch umgehen mu�ten. W�hlten sie dazu den Gang auf meiner Seite, so w�rden sie nur um Spannenl�nge an mir vor�berkommen! � W�hrend ich aber diese unbehagliche M�glichkeit noch erwog, bemerkte ich, da� der (vergleichsweise) kleinere Indianer pl�tzlich nach oben, gegen die Zimmerdecke wies. Sein riesenhafter Gef�hrte folgte mit den Augen der Richtung des emporgestreckten Armes. Nun erst verstand ich! Die beiden waren im Begriff, nach oben zu gehen, und die Kammer gerade �ber uns, der jene Armbewegung gegolten � sie war noch gestern nacht meine Schlafkammer gewesen! Ebendort hatte mich ja am darauffolgenden Morgen jene sonderbare Platzangst �berkommen, ohne die ich jetzt gewi�lich schlafend in dem schmalen Bett gegen�ber dem Fenster gelegen h�tte!</p><p>Die beiden Indianer machten sich nun daran, in aller Lautlosigkeit den Tisch zu umgehen, um nach oben zu gelangen. Sie w�hlten dazu den Gang auf meiner Seite. Ihre Bewegungen waren so leise, da� ich, w�ren meine Nerven nicht bis zum Zerrei�en angespannt gewesen, keinerlei Ger�usch vernommen h�tte. So aber konnte ich ihr katzengewandtes Schleichen deutlich unterscheiden. Wie zwei riesige, nachtschwarze Raubtiere kamen sie um den Tisch herum auf mich zu, und jetzt erst gewahrte ich, da� der kleinere von ihnen etwas hinter sich nachzog. In Anh�rung so sachte schleifenden, an einen Kehrbesen gemahnenden Lautes gewann ich irgendwie den Eindruck, es handele sich um etwas Gro�es, Totes, mit ausgestreckten Schwingen, oder um den langen, sperrigen Ast einer Zeder. Doch was es auch immer sein mochte, ich konnte nicht einmal seine Umrisse erkennen und stand viel zu sehr unterm Eindruck meiner Furcht, als da� ich gewagt h�tte � und w�r� ich auch Herr meiner Muskeln gewesen �, den Kopf vorzubeugen, um mich der Natur jenes Gegenstandes zu vergewissern.</p><p>N�her und n�her kamen die beiden heran, und der Anf�hrer legte seine riesige Hand auf die Tischplatte. Die Lippen klebten mir aufeinander � mein Atem schien mich verbrennen zu wollen. Es dr�ngte mich, die Augen zu schlie�en, auf da� ich nicht s�he, wie die beiden nun an mir vor�berstrichen, allein, meine Lider blieben starr ge�ffnet und versagten mir den Dienst. W�rde dies denn nimmer an mir vor�bergehen? Nun schien auch aus meinen Beinen alle Empfindung gewichen, und mir war�s, als st�nde ich auf zwei St�tzen von Holz oder gar von Stein! Ja schlimmer noch: Mein Gleichgewichtssinn drohte auszusetzen, die Kraft, welche mich bislang aufrecht gehalten, wollte mich verlassen � kaum, da� ich noch vermochte, mich r�cklings gegen die Wand zu lehnen. Etwas in mir zwang mich unwiderstehlich nach vorn, und die Angst, das Gleichgewicht vollends zu verlieren und den Indianern geradewegs in die Arme zu taumeln, verursachte mir ein an �belkeit grenzendes Schwindelgef�hl.</p><p>Indes, auch Momente, die sich zu Stunden zerdehnen, haben einmal ihr Ende, und so waren auch diese beiden Gestalten, noch ehe ich es recht wahrgenommen, an mir vor�bergeglitten und hatten den Treppenaufgang zu den Schlafkammern im Oberstock erreicht. Nicht einmal eine Fingerspanne konnte uns voneinander getrennt haben, und doch hatte ich nichts gesp�rt als den hinterherwehenden Hauch einer ziehenden K�lte. Sie hatten mich nicht ber�hrt, und ebenso gewi� war ich, da� sie mich nicht gesehen hatten. Ganz gegen meine Bef�rchtung war ich auch von jenem auf dem Boden nachschleifenden Etwas nicht gestreift worden, und man ist ja in derlei bedrohlichen Momenten dem Schicksal noch f�r die geringste Verg�nstigung dankbar.</p><p>Indes, dies Zur�ckweichen der unmittelbaren Gefahr brachte mir nicht viel Erleichterung. Vom Schauder gesch�ttelt stand ich in meiner Ecke, nicht f�hig, auch nur um ein geringes freier zu atmen. Ich f�hlte mich um keinen Deut weniger unbehaglich und mu�te �berdies noch gewahren, da� jenes eigent�mliche Licht, das mich in den Stand gesetzt hatte, jeder Geste und jeder Bewegung der beiden zu folgen, mit ihrem Verschwinden aus dem R�ume gewichen war. Eine �bernat�rliche Finsternis f�llte nun das Zimmer bis in dessen letzten Winkel, so da� ich kaum noch die Fenster und die Glast�r erkennen konnte.</p><p>Wie schon erw�hnt, war meine Verfassung alles andere denn eine normale. Die F�higkeit, irgendwelche �berraschung zu empfinden, schien mir, wie dies im Traume geschieht, zur G�nze abhanden gekommen zu sein. Meine Sinne registrierten auch das kleinste Begebnis mit ungew�hnlicher Sch�rfe, doch war ich durchaus nicht imstande, mehr als die primitivsten Schl�sse daraus zu ziehen.</p><p>Die Indianer waren alsbald bis zum oberen Ende der Treppe vorgedrungen und hielten jetzt f�r einen Augenblick inne. Ich hatte nicht die leiseste Vermutung, was sie als n�chstes tun w�rden. Auch schienen sie zu z�gern. Offenbar lauschten sie. Dann vernahm ich, wie einer von ihnen, nach dem Gewicht seiner schleichenden Schritte wohl der gro�e, den engen Korridor querte und die Kammer mir zu H�upten betrat � mein eigenes, kleines Schlafgemach! Und w�re jene gestaltlose Morgenangst nicht so dr�ngend gewesen, so h�tte ich jetzt dort oben in meinem Bett gelegen, den riesenhaften Indianer ganz nah an meiner Seite!</p><p>Eine endlose Minute lang herrschte so abgr�ndige Stille, als st�nde in der Sch�pfung die Geburt des Lautes noch bevor. Urpl�tzlich aber zerri� ein langgezogener, entsetzensgesch�ttelter Schrei das n�chtliche Schweigen, lief jedoch, noch ehe er seine volle St�rke erreicht hatte, in ein ersticktes R�cheln aus. Im n�mlichen Moment verlie� auch der zweite Indianer seinen Posten am Ende des Treppenaufgangs und folgte seinem Gef�hrten in die Schlafkammer. Ich h�rte, wie jenes Etwas hinter ihm �ber den Boden schleifte. Dann vernahm ich einen dumpfen Aufschlag, als w�r� ein schwerer Gegenstand zu Boden gefallen � und gleich darauf war alles wieder ruhig wie zuvor.</p><p>So weit waren die Dinge gediehen, als ein blendender Blitz die Dunkelheit zerri�, und fast gleichzeitig ein f�rchterlich krachender Donner das t�dliche Schweigen spaltete: Nun entlud sich mit einem Schlag, was als Himmelselektrizit�t sich den ganzen Tag �ber in der Atmosph�re aufgestaut hatte! Sekundenlang war jeder Gegenstand in dem Zimmer mit erstaunlicher Klarheit zu erkennen, ja sogar das feierliche Spalier der Baumst�mme vor den Fenstern konnte ich deutlich unterscheiden. Und der Donner rollte fort von Echo zu Echo, verlor sich grollend �ber der Weite des Sees und zwischen den fernen Inseln, w�hrend der Himmel schon seine Schleusen ge�ffnet hatte und seine Wasser in sch�umenden Katarakten erdenw�rts entlie�.</p><p>Die Regenflut brach mit zischendem Brausen �ber den bislang so reglosen See herein, dessen Wasser sich nun aufsch�umend dem herniederst�rzenden Element entgegenwarfen, und prasselte als ein himmlisches Salvenfeuer in die Laubkronen der Ahornb�ume und auf das Dach der Blockh�tte. Und schon im n�chsten Moment erhellte ein zweiter Blitz den Himmel von Auf- und Niedergang, noch greller, noch anhaltender denn der erste, und tauchte das Zimmer urpl�tzlich in ein blendendes, wahrhaft schwindelerregendes Licht. Sogar drau�en an den Bl�ttern und im Gezweig konnte ich die Tropfen funkeln sehen. Mit einem Mal war auch der Wind erwacht, und noch keine Minute danach war er zum Sturm angewachsen, der nun heulend hereinbrach mit aller aufgestauten Wut eines ganzen, lastend-schw�len Nachsommertages.</p><p>Dennoch: Der Aufruhr der L�fte vermochte nicht, auch nur den leisesten Laut, der aus der Schlafkammer herunterdrang, zu �bert�nen. So ward ich inne, da� w�hrend der wenigen Augenblicke tiefster Stille, welche jenem Marter- und Entsetzensschrei gefolgt waren, das Rumoren dort oben erneut begonnen hatte. Die beiden Eindringlinge waren nun dabei, den Schlafraum zu verlassen, und bewegten sich wieder auf die Treppe zu. Ein kurzes Innehalten, und sie begannen mit dem Abstieg. Und hinter ihnen polterte � ich h�rte es deutlich! � jenes nachschleppende unf�rmige Etwas von Stufe zu Stufe. Doch es war nun viel schwerer geworden!</p><p>Ich sah dem Nahen der beiden mit einer Unger�hrtheit entgegen, die schon an Apathie grenzte und ihre Erkl�rung nur darin zu finden vermag, da� nach Erreichen eines bestimmten Grades nervlicher Anspannung uns eine g�tige Natur ihr ureigenstes Bet�ubungsmittel angedeihen l��t, indem sie unsere Sinne mit einer wohlt�tigen Empfindungslosigkeit umf�ngt. Allein, noch kam ja das Unheil auf mich zu � Schritt f�r Schritt, begleitet von dem schleifenden Ger�usch der nachgezerrten Last, das von Stufe zu Stufe lauter wurde!</p><p>Schon waren die gespenstischen Gesellen auf halber H�he der Treppe angelangt, als mich prickelnd ein neues Entsetzen durchfuhr angesichts einer weitern, grauenvollen M�glichkeit: Es war die Erw�gung, da� in dem Augenblick, da diese Prozession der Schatten zum andernmal dies Zimmer betr�te, ja vielleicht sogar, da sie an mir vor�berschritte � da� dann ein neuerlich aufzuckender Blitzstrahl die Nacht zum Tag machen und mir das ganze Grauen vor Augen f�hren k�nnte, ja schlimmer noch: da� ich selbst gesehen w�rde! So blieb mir nichts anderes zu tun, als angehaltenen Atems zu warten � zu warten, indes die Minuten sich zu Stunden dehnten, und der schaurige Zug der Schatten sich erneut durch das Zimmer bewegte.</p><p>Jetzt waren die Indianer am Fu�e der Treppe angelangt. Jetzt tauchte die riesenhafte Gestalt des Anf�hrers drohend an der Einm�ndung des K�chenganges auf, und in eben dem Moment schlug auch die nachgeschleppte Last mit unheilvollem Laut auf die Dielenbretter. Doch war mir eine Galgenfrist gew�hrt, da der Anf�hrer sich erst noch umwandte und b�ckte, um seinem Gef�hrten behilflich zu sein. Aber schon bewegte die Prozession sich abermals voran, trat ganz knapp zu meiner Linken ins Zimmer und schob sich an meiner Seite zwischen Tisch und Wand auf den Ausgang zu. Schon war der Vordermann an mir vor�ber, schon war auch der zweite herangekommen, welcher die Last hinter sich herschleppte, jene Last, deren Umrisse ich nur undeutlich wahrnehmen konnte, als die gespenstische Kavalkade pl�tzlich erstarrte. Und im n�mlichen Moment setzte mit der allen Gewittern eigent�mlichen Pl�tzlichkeit der herniederrauschende Regen aus, und auch der heulende Wind war einer abgr�ndigen Stille gewichen.</p><p>Sekundenlang schien auch mir das Herz stillstehen zu wollen � und dann kam das �rgste: ein Blitzstrahl von doppelter Helligkeit ri� das Zimmer samt allem, was sich darin befand, mit gnadenloser Klarheit aus dem Dunkel!</p><p>Zu meiner Rechten stand, nahezu in Griffweite, der riesenhafte Indianer, das eine Bein zum Schritt gestreckt, die m�chtigen Schultern jedoch zu dem Gef�hrten herumgewandt. So konnte ich die Z�ge des Riesen in ihrer ganzen, gro�artigen Wildheit erkennen. Sein Blick freilich war auf die Last geheftet, welche der andere �ber den Boden schleifte, doch das Profil mit der scharfen Adlernase, den hohen Backenknochen, dem glatten schwarzen Haar und dem k�hn vorspringenden Kinn brannte sich in dieser fl�chtigen Sekunde unausl�schlich in mein Ged�chtnis ein.</p><p>Gegen so gewaltige Erscheinung wirkte der zweite Indianer nahezu zwerghaft: Er stand noch nicht einmal ein Fu� von mir entfernt, nahezu neben mir, und verharrte in geb�ckter Stellung �ber seiner Last, in einer Haltung also, die ihm noch das zus�tzlich Grausige der Kr�ppelhaftigkeit verlieh. Die Last aber, die auf einem �ber den Boden schleifenden Zedern-Ast hingestreckt lag, war der leblose K�rper eines Wei�en! Man hatte ihm kunstgerecht die Kopfhaut abgesch�lt, so da� Stirn und Wangen �ber und �ber mit Blut verschmiert waren.</p><p>Solcher Anblick l�ste zum erstenmal in dieser Nacht den Zauberbann des Grauens, der mir Muskeln und Willen gel�hmt hatte. Aufschreiend streckte ich die Arme, um dem Riesen an die Gurgel zu fahren! Doch was ich zu fassen bekam � es war die leere Luft! � Die Sinne schwanden mir, und ich schlug der L�nge nach zu Boden.</p><p>Ich hatte den Toten erkannt � <emphasis>sein Gesicht, es war das meine! �</emphasis></p><p>Es war schon heller Tag, als eine M�nnerstimme mich ins Bewu�tsein zur�ckrief. Ich lag, wo ich in der Nacht lang hingeschlagen war, und �ber mir stand der Farmer, die Brotlaibe in H�nden. Das Grauen der Nacht sa� mir noch immer im Herzen, und w�hrend der st�mmige Siedler mir auf die Beine half und sich nach dem Gewehr b�ckte, das mir im Hinst�rzen entglitten war, wobei er unter allerlei Fragen sein Mitgef�hl bekundete, kam mir zu Bewu�tsein, da� meine einsilbigen Erwiderungen ihm keinerlei Auskunft bedeuten, ja nicht einmal verst�ndlich sein konnten.</p><p>Noch denselben Tag, nachdem ich das Haus ebenso gr�ndlich wie ergebnislos durchsucht hatte, kehrte ich der Insel den R�cken und fuhr mit dem Farmer zum Festland hin�ber, um die letzten zehn Tage meines hiesigen Aufenthalts unter seinem Dach zu verbringen. Und als die Zeit des Abschiednehmens herangekommen war, hatte ich mein Pensum aufgearbeitet, und auch mein nervliches Gleichgewicht war zur G�nze wiederhergestellt.</p><p>Am Tage meiner Abreise brach der Farmer schon fr�hmorgens mit seinem ger�umigen Ruderboot auf, um alle meine Habseligkeiten bis zu dem zw�lf Meilen entfernten Anlegeplatz zu bringen, der zweimal w�chentlich von einem kleinen Dampfboot angelaufen wurde, das die J�ger mit allem N�tigen versorgte. Sp�t am Nachmittag machte auch ich in meinem Kanu mich auf den Weg, freilich in anderer Richtung: Ich wollte jener Insel, auf der ich einem so seltsamen Begebnis zum Opfer gefallen, noch einmal einen Besuch abstatten.</p><p>Ich traf zur rechten Zeit auf ihr ein und durchstreifte sie ein letztes Mal. Auch die Blockh�tte suchte ich noch einmal auf und betrat, nicht ohne die widerstreitendsten Empfindungen, meine Schlafkammer im Oberstock. Aber nichts Ungew�hnliches war zu sehen.</p><p>Ich hatte eben vom Ufer abgelegt, als ich voraus in meinem Fahrwasser ein Kanu bemerkte, das soeben hinter der Insel hervorgeglitten war. Ein Kanu um diese Jahreszeit war ein ungew�hnlicher Anblick, und jenes da vorn schien zudem noch wie aus dem Nichts gekommen zu sein! Sobald ich meinen Kurs ein wenig ge�ndert hatte, konnte ich es im Auge behalten, bis es hinter dem n�chsten, vorspringenden Uferfelsen verschwand. Es war an beiden Enden hoch aufgebogen und wurde von zwei Indianern gerudert. Gespannt verhielt ich auf der Stelle, um abzuwarten, ob es wohl hinter dem andern Ende der Insel wieder zum Vorschein kommen werde. Und wirklich, noch waren keine f�nf Minuten verstrichen, als es neuerlich in Sicht kam.</p><p>Es befand sich jetzt nahezu in Rufweite, die auf ihren Schenkeln kauernden Indianer hielten direkt auf mich zu und kamen rasch n�her.</p><p>Nie in meinem Leben habe ich rascher gepaddelt als in den nun folgenden Minuten! Indes, als ich mich umblickte, um abermals nach meinen Verfolgern Ausschau zu halten, hatten sie ihren Kurs schon wieder ge�ndert und umrundeten wie vorher die Insel.</p><p>Die Sonne war schon im Begriff, hinter den W�ldern des Festlands zu versinken, die im Abendrot lodernden Wolken verwandelten den Spiegel des Sees in ein purpurnes Feuermeer, als ich mich zum letztenmal wandte und das gro�e Rindenkanu mit seinen zwei im D�mmerlicht verschwimmenden Insassen noch immer die Insel umkreisen sah. Dann senkte die Dunkelheit der Nacht sich auf raschem Fittich hernieder, der See ward wieder schwarz, der Nachtwind sprang mich an und blies mir seinen Atem ins Gesicht, mir, der ich da ein letztes Kap umrundete, dessen weit in den See hinausragendes Felsmassiv alsbald beide � so Insel wie Kanu � meinen Blicken entzog.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Die Zaubernacht in den Hochlanden </strong>von Honor� de Balzac</emphasis></p></title><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Honor� de Balzac (1799-1850), der bedeutendste franz�sische Romancier seiner Epoche, wandte sich in seinen �Mystischen Geschichten�, aus denen die hier ausgew�hlte Erz�hlung stammt, den dunklen Seiten der menschlichen Seele zu, dem, was die deutschen Romantiker die �Nachtseite der Natur� zu bezeichn en pflegten. Vor dem Hintergrund spukhafter Ereignisse beschreibt Balzac das unheimliche Pand�monium menschlicher Leidenschaften und Triebkr�fte.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>�Hallowe�en, Hallowe�en!� schrien sie alle. �Das ist der Abend der heiligen Nacht, die sch�ne Nacht der Skelpies<a l:href="#n2" type="note">[2]</a> und Fairies<a l:href="#n3" type="note">[3]</a>! Carrick, und du, Colean, kommt ihr? Alle Bauern von Carrick-Border<a l:href="#n4" type="note">[4]</a> sind da. Unsere Megs und Jannies kommen auch. Wir werden guten Whisky in zinnernen Kr�gen bringen und sch�umendes Ale und den schmackhaften Parridge<a l:href="#n5" type="note">[5]</a>. Das Wetter ist sch�n, der Mond mu� bald aufgehen; nie, Kameraden, sollen die Ruinen von Cassilis-Downans eine so heitere Gesellschaft gesehen haben.� Also sprach Jock Muirland, ein Landmann und junger Witwer. Er war, gleich den meisten schottischen Bauern, Theolog, ein wenig Dichter und ein gro�er Trinker, aber dabei sehr sparsam; Murdock, Will Lapraik und Com Duckat waren bei ihm. Die Unterhaltung fand in der N�he des Dorfes Cassilis statt. Ihr wi�t wahrscheinlich nicht, was der Hallowe�en ist: Es ist das die Nacht der Feen, in der Mitte des August; alle neckischen Geister tanzen dann auf der Heide, eilen �ber die Gefilde oder reiten auf des Mondes bleichen Strahlen. Der Hallowe�en ist der Fasching der Geister und Gnomen. In dieser Nacht gibt es keine Grotte und keine Felsen, wo nicht ein Ball und ein Fest gefeiert w�rde; nicht eine Blume, die nicht von dem Hauch einer Sylphide bewegt w�rde; keine Hausfrau, die nicht sorgsam ihre T�re verschl�sse, damit der Spunkie<a l:href="#n6" type="note">[6]</a> nicht das Fr�hst�ck f�r den folgenden Tag weghole oder seinen Freunden das Essen der Kinder opfere, welche in der Wiege nebeneinanderliegen.</p><p>Eine feierliche Nacht legte sich �ber die H�gel von Cassilis. Denkt euch ein bergiges Land, wellenf�rmig wie das Meer, dessen zahlreiche H�gel mit gr�nem und gl�nzendem Moos bedeckt sind. In der Ferne, auf einem steilen Felsen, erblickt man die Mauern des zerst�rten Schlosses, dessen Kapelle das Dach fehlt, die aber sonst fast unversehrt ist mit ihren schlanken S�ulen.</p><p>Der Boden ist unfruchtbar in jener Gegend, und der Mensch, welcher in der Ver�dung und dem Grauen eine h�chste Macht erkennt, glaubt, da� diesem unfruchtbaren Boden das Siegel der Gottheit selbst aufgedr�ckt ist.</p><p>Die G�te des h�chsten Wesens fl��t uns wenig Dank ein, aber seine Zuchtrute und Strenge beten wir an.</p><p>Die Spunkies tanzten in dieser Nacht auf dem k�mmerlichen Rasen von Cassilis, und der aufgegangene Mond scheint breit und rot. Die Spunkies tanzten.</p><p>Der Spunkie hat einen M�dchenkopf, schneewei�, mit langem flammenden Haar. Auch hat er Fl�gel, doch sitzen diese nicht an den Schultern, sondern an den wei�en und d�nnen Armen, mit denen sie bis an das Handgelenk verbunden sind. Der Spunkie ist Hermaphrodit � mit einem weiblichen Antlitz verbindet er die zarte Eleganz der m�nnlichen Jugend. Der Spunkie hat keine andere Kleidung als seine Fl�gel, ein Gewebe, zart und fein, schmiegsam und dicht, undurchdringlich und leicht, wie der Fl�gel der Fledermaus. Eine br�unliche F�rbung, durch welche es rot hindurchschimmert, zeichnet dieses nat�rliche Gewand aus, das sich um den ruhenden Spunkie zusammenlegt, wie die Falten der Fahne um den Schaft. Lange Rippen, welche in ihrer bl�ulichen F�rbung dem Stahl gleichen, st�tzen diese langen Fl�gel, mit denen der Spunkie sich kleidet; eherne Krallen bewaffnen ihre �u�ersten Enden. Wehe der Hausfrau, die sich abends in die N�he des Moores wagt, wo der Spunkie lauert, oder die in den Wald geht, den er durchl�uft!</p><p>An den Ufern der Doon tanzten die Spunkies, als eine heitere Gesellschaft von Frauen, Kindern und jungen M�dchen sich n�herte. Sofort verschwanden die Kobolde. Sie breiteten ihre gro�en Fl�gel aus und verdunkelten den Mond. Sie gleichen einer Wolke von V�geln, die sich pl�tzlich aus rauschendem R�hricht erheben. Muirland und seine Gef�hrten blieben stehen.</p><p>�Mich graust�, sagte ein junges M�dchen.</p><p>�Bah!� antwortete der P�chter. �Das sind wilde Enten, welche davonfliegen.�</p><p>�Muirland�, sagte vorwurfsvoll der junge Colean, �du wirst ein schlechtes Ende nehmen; du glaubst an nichts.�</p><p>�Wir wollen uns hier niederlassen�, entgegnete Muirland, ohne auf den Tadel seines Gef�hrten zu h�ren; �hier k�nnen wir unsere K�rbe leeren, denn der Ort ist sch�n und gesch�tzt, der Felsen deckt uns, und der Rasen bietet uns ein weiches Lager. Der Teufel selbst soll mich nicht in meinen Betrachtungen st�ren, die aus diesen Kannen und Flaschen hervorkommen werden.�</p><p>�Aber die Bogillies<a l:href="#n7" type="note">[7]</a> und Brownillies<a l:href="#n8" type="note">[8]</a> k�nnen uns hier finden�, sagte sch�chtern eine junge Frau.</p><p>�Der Craneuch<a l:href="#n9" type="note">[9]</a> hole sie�, unterbrach Muirland die Sprechende. �Schnell, Lapraik, mache hier bei dem Felsen ein Feuer aus trockenem Laub und Reisig; wir wollen den Whisky hei� machen, und wenn die M�dchen wissen wollen, was f�r einen Mann der liebe Gott oder der Teufel ihnen bestimmt hat, so haben wir hier alles, womit wir ihre Neugierde befriedigen k�nnen. Borne Lesley hat Spiegel, N�sse, Leinsamen, Teller und Butter mitgebracht. Sagt, M�dchen, ist das nicht alles, was ihr zu euren Zaubereien braucht?�</p><p>�Ja, ja�, antworteten die M�dchen.</p><p>�Zuvor wollen wir aber trinken�, sagte der P�chter, der durch sein Verm�gen, seine wohlgef�llten Keller und Speicher und seine landwirtschaftlichen Kenntnisse ein gro�es Ansehen in der Gegend geno�.</p><p>Von allen L�ndern in der Welt ist Schottland dasjenige, in welchem die geringeren Klassen die meiste Bildung in Verbindung mit dem gr��ten Aberglauben besitzen. Fragt Walter Scott, jenen erhabenen schottischen Landmann, der seine Gr��e nur der von Gott erhaltenen F�higkeit verdankte, auf symbolische Weise den ganzen Genius seines Volkes darzustellen. In Schottland glaubt man an alle Arten von Geistern und unterh�lt sich in den d�rftigsten H�tten �ber Gegenst�nde der abstrakten Philosophie.</p><p>Die Nacht der Hallowe�en ist vorzugsweise dem Aberglauben gewidmet. Man glaubt, in dieser Nacht einen Blick in die Zukunft tun zu k�nnen. Die Formeln und Zauberspr�che sind bekannt und unverletzlich. Keine Religion kann es genauer mit ihren Zeremonien nehmen. Der Zweck des n�chtlichen Ausflugs der Bewohner von Cassilis war die Feier dieser Zaubernacht, bei welcher jeder Priester und Hexenmeister zu gleicher Zeit ist.</p><p>Diese l�ndliche Zauberei hat einen unaussprechlichen Reiz. Man bleibt gewisserma�en auf der Grenze stehen, welche Dichtung und Wirklichkeit scheidet; man steht mit den h�llischen M�chten in Verbindung, ohne dabei aber Gott zu verleugnen; man wandelt die gew�hnlichsten Dinge in magische um; man schafft sich mit einer Getreide�hre und einem Weidenblatt Hoffnungen und Bef�rchtungen. Mitternacht ist die Stunde der Hallowe�en, denn dann ist die ganze Luft von �berirdischen Wesen bev�lkert.</p><p>Um neun Uhr waren die Bauern zusammengekommen; sie verbrachten die Zeit bis Mitternacht mit Zechen; auch sangen sie jene alten, k�stlichen Balladen, deren schwerm�tige, kindliche Melodien so unendlich ergreifen.</p><p>Die jungen M�dchen mit ihren gew�rfelten T�chern und ihren sauberen Gew�ndern, die Frauen, auf deren Lippen ein L�cheln schwebte, die Kinder, geschm�ckt mit jenen roten B�ndern, welche �ber den Knien zusammengebunden werden und als Strumpfb�nder und Schmuck zugleich dienen, die jungen Leute, deren Herz schneller schlug, je n�her die geheimnisvolle Stunde kam, in welcher das Schicksal befragt werden sollte, einer oder zwei Greise, die durch das schmackhafte Ale zu J�nglingen wurden, sie alle bildeten eine anziehende Gruppe, die, von Wilkie gemalt, alle empf�nglichen Seelen Europas entz�ckt und alle die erfreut h�tte, welche unter so vielen fieberhaften Anstrengungen noch der Wonne eines wahren und tiefen Gef�hls zug�nglich geblieben sind.</p><p>Besonders Muirland �berlie� sich ganz und gar der lauten Heiterkeit, welche aus dem Bier aufstieg und sich der ganzen Versammlung bem�chtigte.</p><p>Er war einer von denen, die das Leben nicht kleinkriegt, die sich im Bewu�tsein ihrer Kraft vor nichts f�rchten. Seine junge Frau war nach zweij�hriger Ehe gestorben, und Muirland hatte geschworen, nie wieder zu heiraten.</p><p>Jedermann im Dorf kannte die Ursache von Tuilzies Tod: Muirlands Eifersucht hatte ihn herbeigef�hrt. Kaum sechzehn Sommer z�hlte Tuilzie, als der P�chter sie freite. Sie liebte ihn und kannte nicht seine Heftigkeit, nicht die Wut, die ihn ergreifen konnte, die t�glichen Qualen, die er sich selbst und anderen bereitete. Jock Muirland war eifers�chtig; die kindliche Z�rtlichkeit seiner jungen Gattin beruhigte ihn nicht. Eines Tages, es war mitten im Winter, lie� er sie eine Reise nach Edinburgh machen, um sie den vorgeblichen Nachstellungen eines jungen Lords zu entziehen, der die schlechte Jahreszeit auf seinem Landsitz zubringen wollte.</p><p>Von den Bekannten des P�chters lie� es keiner an Vorw�rfen fehlen; er antwortete nichts weiter, als da� er Tuilzie sehr liebe und am besten beurteilen k�nne, was zu dem Gl�ck seiner Ehe beitr�ge. Unter dem Dach Jocks h�rte man oft Klagen, Geschrei und Seufzer. Tuilzies Bruder hatte seinem Schwager vorgestellt, da� sein Benehmen unverzeihlich w�re, und heftiger Streit zwischen den Gatten war die Folge dieses Schrittes gewesen; das junge Weib wurde kr�nker von Tag zu Tag. Endlich erlag sie dem Kummer. Muirland versank in tiefe Verzweiflung, die mehrere Jahre dauerte; da aber alles in dieser Welt verg�nglich ist, so hatte auch er, indem er den Eid leistete, Witwer bleiben zu wollen, allm�hlich die Erinnerung an die Frau verloren, deren Henker er gegen seinen Willen geworden war. Die Frauen und M�dchen, welche ihn mehrere Jahre lang nur mit Angst angesehen hatten, verziehen ihm endlich, und die Nacht des Hallowe�en fand ihn als den wieder, der er fr�her gewesen war: heiter, witzig, unterhaltend, reich an trefflichen Erz�hlungen und Scherzen, welche die n�chtliche Gesellschaft in die heiterste Laune versetzten.</p><p>Schon hatte man die meisten alten Romanzen gesungen, als es Mitternacht schlug. Man hatte reichlich getrunken. Die Geisterstunde war da. Alle erhoben sich, nur Muirland nicht.</p><p>�Wir wollen den Kail suchen! Den Kail wollen wir suchen!� riefen alle.</p><p>Die jungen M�nner und jungen M�dchen eilten davon und kehrten dann einer nach dem andern zur�ck; jeder brachte eine Wurzel mit, die er aus dem Boden gezogen � das war der Kail.</p><p>Die erste Wurzel, die man findet, mu� man ausziehen; ist die Wurzel gerade, so ist die zuk�nftige Gattin oder der zuk�nftige Gatte sch�n gewachsen und h�bsch; ist sie gekr�mmt, so heiratet man eine h��liche Person. Bleibt Erde an den Fasern der Wurzel h�ngen, ist die Ehe gl�cklich und fruchtbar; eine glatte und d�nne Wurzel deutet darauf, da� man nicht lange verheiratet bleibt.</p><p>Die Aussichten auf k�nftige Heiraten veranla�ten lautes Lachen und manchen Scherz.</p><p>�Armer Will Haverel!� rief Muirland, w�hrend er auf die Wurzel blickte, die ein junger Bursche in der Hand hielt. �Du bekommst eine bucklige Frau; dein Kail gleicht dem Schwanz meines Schweines.�</p><p>Dann setzten sie sich in einen Kreis und versuchten, wie die Wurzeln schmeckten. Eine bittere Wurzel deutet auf ein garstiges Ehegemahl; eine s��e Wurzel auf einen schwachsinnigen Mann oder eine ebensolche Frau; eine wohlriechende Wurzel auf einen Gatten von fr�hlichem Wesen. Dann kam das tap-pickle. Die jungen M�dchen gingen mit verbundenen Augen auf ein Feld, und jedes pfl�ckte drei Getreide�hren. Fehlt in einer derselben das Korn, so wei� man, da� der zuk�nftige Mann eine vor der Ehe begangene Schw�che zu verzeihen hat. O Nelly! Nelly! Deinen drei �hren fehlte ihr tap-pickle, und man wird dich nicht mit Sp�ttereien verschonen! Du hattest gestern noch auf dem Heuboden eine lange, lange Unterredung mit Robert Luath.</p><p>Muirland blickte die M�dchen an, ohne Anteil an ihrem Spiel zu nehmen.</p><p>�Die N�sse! N�sse!� rief man nun.</p><p>Aus einem Korb wurde ein Sack mit N�ssen hervorgezogen, und man n�herte sich dem Feuer. Jeder nahm eine Nu�. Man stellte sich paarweise auf und gab der Nu�, die man gew�hlt hat, seinen eigenen Namen. Dann legte das Paar die N�sse in das Feuer. Wenn die beiden N�sse friedlich nebeneinander brennen, so wird die Ehe lange dauern und friedlich sein; wenn aber die N�sse knacken und beim Verbrennen auseinanderspringen, so wird Unfrieden in der Ehe herrschen, und sie wird bald getrennt werden.</p><p>Es schlug ein Uhr, und noch waren die Bauern nicht m�de, ihre Orakel zu befragen. Die Spunkies begannen sich im Schilf zu regen. Die jungen M�dchen zitterten. Eine Wolke zog vor den Mond, welcher hoch am Himmel stand. Man befragte jetzt den Erdtopf, man blies das Licht aus, man schnitt �pfel und gab sich noch manch anderer Zauberei hin.</p><p>Willie Maillie, eins der h�bschesten M�dchen, tauchte dreimal seine Hand in das Wasser der Doon und rief dabei: �Mein k�nftiger Mann, den ich noch nicht sehen kann, wo du bist, sag mir an. Meine Hand nimm an.�</p><p>Dreimal wiederholte sie den Zauberspruch; da stie� sie pl�tzlich einen lauten Schrei aus.</p><p>�Ach, gerechter Gott! Der Spunkie hat meine Hand ergriffen!� schrie sie.</p><p>Man eilte zu ihr, und alle schrien, nur nicht Muirland. Das M�dchen zeigte seine blutende Hand; die, welche durch lange �bung geschickt in der Deutung solcher Orakel waren, kamen dahin �berein, da� die Verwundung keineswegs, wie Muirland behauptete, durch Dornen hervorgebracht w�re, sondern da� die Hand des jungen M�dchens tats�chlich die Spuren der spitzigen Krallen eines Spunkie zeige.</p><p>Maillie w�rde also einen sehr eifers�chtigen Mann erhalten. Der verwitwete P�chter hatte viel getrunken.</p><p>�Einen Eifers�chtigen!� schrie er.</p><p>Er glaubte in dieser Deutung eine Anspielung auf die Geschichte seiner Ehe zu erkennen. �Was mich betrifft�, fuhr Muirland fort und leerte eine Kanne, welche bis zum Rande mit Whisky gef�llt war, �so will ich mich hundertmal lieber mit dem Spunkie verm�hlen, als nochmals heiraten. Ich habe erfahren, was es hei�t, in Fesseln zu leben. Lieber will ich mich mit einem Affen, einer Katze oder einem Teufel in eine Flasche einschlie�en lassen. Ich bin auf meine arme Tuilzie eifers�chtig gewesen und hatte damit vielleicht unrecht; doch was soll man tun, wenn man sich gegen die Eifersucht sch�tzen will? Wo ist das Weib, welches nicht einer ewigen Aufsicht bed�rfte? Ich schlief des Nachts nicht, verlie� sie den ganzen Tag nicht und schlo� keine Minute die Augen. Mein Gut ging zur�ck, alles ging zugrunde. Tuilzie selbst welkte dahin. F�nf Millionen Teufel m�gen die Ehe holen!� Einige lachten, andere �rgerten sich und schwiegen.</p><p>Nun sollte der Zauber mit dem Spiegel versucht werden. Hierbei stellt man sich mit einem Licht in der Hand vor einen kleinen Spiegel, haucht dreimal auf das Glas und wischt es dann ab, indem man dreimal wiederholt: �Komm heran, mein Mann!� oder �Da� ich dich schau�, meine Frau!� Dann zeigt sich �ber der linken Schulter der Person, die das Schicksal befragt, deutlich eine Gestalt, und zwar die der Gattin oder des Gatten. Niemand wagte nach dem, was Maillie zugesto�en war, noch ferner die �bernat�rlichen M�chte zu befragen. Die Wellen der Doon murmelten im Schilf; ein langer Silberschein, welcher in der Ferne auf dem Wasser schimmerte, war in den Augen der Landleute die leuchtende Spur der Skelpies oder Wassergeister. Muirlands Pferd, ein kleines Tier mit schwarzem Schweif und wei�er Brust, wieherte laut, was stets ein Zeichen daf�r ist, da� ein b�ser Geist in der N�he weilt. Die Luft wurde k�hl, die Halme des Schilfs wiegten sich rauschend im Wind. Alle Frauen begannen von der R�ckkehr zu sprechen; sie tadelten ihre M�nner und Br�der, da� sie zuviel tr�nken, rieten ihren V�tern, sich nicht l�nger der frischen Nachtluft auszusetzen.</p><p>�Nun! Wer von euch will in den Spiegel blicken?� fragte Muirland.</p><p>Niemand antwortete.</p><p>�Ihr habt wenig Mut�, fuhr er dann fort. �Der Hauch des Windes macht euch zittern. Was mich betrifft, so will ich keine Frau haben, wie ihr wi�t, weil ich schlafen will und meine Augen sich nicht schlie�en wollen, wenn ich verheiratet bin; daher darf ich nicht in den Spiegel sehen.�</p><p>Als aber niemand den Spiegel ergreifen wollte, nahm Jock Muirland ihn doch zur Hand.</p><p>�Ich werde euch ein Beispiel geben.� Mit diesen Worten nahm er den Spiegel; das Licht wurde angez�ndet, und mutig wiederholte er die Zauberworte.</p><p>�Da� ich dich schau�, meine Frau!�</p><p>Sofort zeigte sich �ber Muirlands Schulter ein bleicher Kopf mit blondem Haar. Er erbebte und blickte sich um, um sich zu �berzeugen, da� keins der jungen M�dchen hinter ihm stehe. Allein niemand hatte gewagt, die Rolle des Gespenstes zu spielen, und obschon der Spiegel den H�nden des P�chters entglitten war und zerbrochen auf der Erde lag, zeigte sich doch noch immer �ber seiner Schulter der bleiche Kopf mit dem flammend blonden Haar.</p><p>Muirland stie� einen lauten Schrei aus und warf sich mit dem Gesicht auf den Boden.</p><p>Alle Anwesenden flohen und zerstreuten sich nach den verschiedensten Seiten wie Bl�tter im Wind. An der Stelle, wo sie sich ihren l�ndlichen Freuden hingegeben hatten, blieben nur Reste des Festes, das halb erloschene Feuer, die geleerten Kr�ge und Flaschen � und Muirland, der mit dem Gesicht noch immer auf dem Boden lag.</p><p>Der Wind heulte und lie� jenes lange Pfeifen h�ren, welches die Schotten mit dem Ausdruck sugh bezeichnen.</p><p>Muirland erhob sich und blickte �ber seine Schulter � noch immer sah er den Kopf; er l�chelte dem Bauern zu, sagte aber kein Wort, und Muirland vermochte nicht zu erkennen, ob dieser Kopf einem menschlichen K�rper angeh�re, denn er zeigte sich ihm stets nur �ber die Schulter. Seine Zunge klebte ihm am Gaumen. Er versuchte eine Unterhaltung mit dem h�llischen Wesen anzukn�pfen, er sprach sich selbst Mut zu, doch umsonst � sobald er die bleichen Z�ge und die flammenden Locken erblickte, zitterte er am ganzen K�rper. Da floh er in der Hoffnung, sich so von diesem schrecklichen Wesen befreien zu k�nnen.</p><p>Er eilte zu seinem Pferd, band es los und wollte den Fu� in den Steigb�gel setzen, als er sich noch einmal umblickte. O Grausen! Noch immer war der Kopf neben ihm, schien sein unzertrennlicher Begleiter geworden zu sein. Er war an seine Schulter geheftet, gleich jenen K�pfen, welche gotische Bildhauer bisweilen an der Spitze einer S�ule oder in der Ecke eines Gesimses anbrachten.</p><p>Das Pferd des Bauern schnaubte; es teilte das Grausen seines Herrn.</p><p>Der Spunkie, denn einer von diesen Bewohnern des Schilfes der Doon mu�te es sein, der den P�chter verfolgte, richtete zwei flammende Augen auf Muirland, sooft dieser sich umblickte. Tiefblau waren diese Augen, keine Wimpern beschatteten, kein Augenlid milderte ihren unheimlichen Glanz. Beide Sporen schlug der Bauer dem Pferd in die Seiten, das davonjagte; immer wieder mu�te er sich umdrehen, mu�te sich �berzeugen, ob seine Verfolgerin noch da war, und sie verlie� ihn nicht; er galoppierte dahin. Muirland wu�te nicht mehr, welchen Weg er verfolgte, welchem Ziel sein Pferd ihn entgegenf�hrte. Er hatte nur einen Gedanken, den an den Spunkie, der ihn nicht verlie�.</p><p>Der Himmel �berzog sich mit schwarzen Wolken. Der Wind heulte, als h�tte er die Toten aufwecken wollen; der Regen klatschte.</p><p>Fl�chtige Blitze durchzuckten die Wolken. Der Donner glich einem dumpfen und lauten Gebr�ll.</p><p>Die Wut des Ungewitters steigerte sich mit jedem Augenblick; die Doon trat aus ihren Ufern, und Muirland erkannte, nachdem er eine Stunde galoppiert war, da� er an dieselbe Stelle zur�ckgekehrt war, von der er weggeritten war. Er jagte weiter.</p><p>Die Kirche von Cassilis lag vor ihm. Eine Feuersbrunst schien ihre alten Pfeiler zu verzehren; Flammen schlugen aus den Fensterl�chern, und die Bildwerke erschienen in ihrer ganzen Sch�nheit auf dem unheimlich hellen Hintergrunde. Das Pferd wollte nicht weiter; allein der P�chter, dessen Vernunft nicht mehr sein Tun leitete, der die Last des furchtbaren Kopfes auf seinen Schultern zu f�hlen glaubte, schlug dem armen Tiere so heftig die Sporen in die Seiten, da� es weiterraste.</p><p>�Jock�, sagte eine sanfte Stimme, �heirate mich, und du wirst dich nicht mehr f�rchten.�</p><p>�Heirate mich�, wiederholte der Spunkie.</p><p>Indes jagten sie auf die flammende Kirche zu. Am Weiterreiten durch die zerbrochenen Pfeiler und die zu Boden gest�rzten Steinbilder der Heiligen gehindert, stieg Muirland vom Pferde.</p><p>Mit festen Schritten trat er in die Kirche, deren Decke der Himmel bildete, aus welchem jene infernalischen Flammen kamen.</p><p>Ein neues Schauspiel erwartete ihn hier. Eine Gestalt kauerte in der Mitte des Schiffes und trug auf ihrem gekr�mmten R�cken ein achteckiges Gef��, aus welchem eine gr�ne und rote Flamme hervorz�ngelte. Der Hochaltar zeigte seinen alten Zierat aus der katholischen Zeit. D�monen mit flammendem Haar, das sich auf ihrem Kopf str�ubte, standen auf dem Altar und vertraten die Stellen der Kerzen.</p><p>Alle grotesken und h�llischen Gestalten, welche je die Einbildungskraft eines Malers oder Dichters erfunden hat, dr�ngten sich durcheinander, liefen, rannten, flogen und schwebten. Im Gest�hl der Domherren sa�en ernste Gestalten in der Tracht ihres Standes. Die H�nde, welche sie auf ihre Gebetb�cher gelegt hatten, waren die H�nde von Skeletten, und in ihren eingesunkenen Augen war keine Spur von Leben. D�monen parodierten die heilige Messe. Vierzig von diesen Kobolden hielten schottische Dudelsackpfeifen von verschiedener Gr��e in den H�nden. Ein ungeheurer schwarzer Kater, der auf einem Thron sa�, den etwa zw�lf von jenen Geistern umstanden, gab mit einem langgedehnten Miauen den Takt an.</p><p>Diese h�llische Symphonie lie� alles erbeben, was noch von der halb zerst�rten Kirche �brig war, und von Zeit zu Zeit fiel ein Stein herab. Sch�ne Skelpies lagen w�hrend dieses L�rmens auf den Knien; man h�tte sie f�r reizende Jungfrauen halten k�nnen, h�tte nicht der Schweif unter dem Saum ihres Gewandes hervorgeguckt.</p><p>Mehr als f�nfzig Spunkies, die ihre Fl�gel teils ausbreiteten, teils zusammenlegten, tanzten oder ruhten. In den Nischen der Heiligen, die um das Schiff angebracht waren, standen offene S�rge, in denen die Toten in ihrem wei�en Leichengewand lagen und eine brennende Kerze in der Hand hielten. Was die Skulpturen betrifft, welche an den Pfeilern angebracht waren, so werde ich mich mit ihrer Beschreibung nicht befassen. Alle seit zwanzig Jahren in Schottland begangenen Verbrechen hatten das Ihrige dazu beitragen m�ssen, diese den D�monen �berlieferte Kirche zu schm�cken.</p><p>Man sah dort den Strang des Geh�ngten, das Messer des M�rders, die schrecklichen �berreste der Kindsm�rderin, Herzen von B�sewichtern, die im Laster schwarz geworden waren, und wei�e Haare von V�tern, welche noch an der Schneide des vaterm�rderischen Dolches klebten.</p><p>Muirland blieb stehen und wandte sich um, das Antlitz, das ihn bei seinem Ritt begleitet hatte, befand sich noch immer auf seinem Posten. Eins von den Ungeheuern, welche den h�llischen Gottesdienst zu versehen hatten, ergriff ihn bei der Hand; er lie� alles mit sich geschehen. Man f�hrte ihn zum Altar, und er folgte willig seinem F�hrer. Man kniete nieder, und er kniete ebenfalls nieder; man sang wunderliche Hymnen, er aber h�rte nicht; starr blieb er stehen und erwartete sein Schicksal.</p><p>Indes wurden die h�llischen Ges�nge immer lauter; die Spunkies, welche das Ballett bildeten, drehten sich schneller in ihrer h�llischen Runde; die Dudelsackpfeifen gellten, schnarrten, heulten und pfiffen.</p><p>Muirland wandte wieder den Kopf, seine Begleiterin war verschwunden.</p><p>Als sich aber seine geblendeten und verwirrten Blicke auf die Gegenst�nde richteten, welche ihn umgaben, war er sehr erstaunt, ein junges M�dchen zu erblicken, das auf einem Sarg neben ihm kniete und dessen Gesicht vollkommen dasselbe war, wie das des Gespenstes, welches ihn verfolgt hatte.</p><p>Ein kurzes schottisches Hemd von feiner grauer Leinwand fiel kaum bis auf die H�lfte der Schenkel hinab. Man sah wei�e Schultern, �ber welche blondes Haar herabfiel, einen jungfr�ulichen Busen, dessen Reize durch die Leichtigkeit der Kleidung erh�ht wurden.</p><p>Muirland war aufgeregt; diese so anmutigen und so zarten Formen standen im Widerspruch zu allem, was ihn umgab. Das Skelett, welches die Messe nach�ffte, ergriff mit seinen gekr�mmten Fingern Muirlands Hand und legte sie in die des jungen M�dchens.</p><p>Muirland glaubte jetzt in der Ber�hrung der seltsamen Braut den kalten Bi� zu erkennen, welchen das Volk den Spunkies zuschreibt. Das war zuviel; er schlo� die Augen und wurde halb ohnm�chtig.</p><p>Er glaubte zu f�hlen, wie Geisterh�nde ihn auf sein treues Tier setzten, welches vor der T�r der Kathedrale wartete; allein seine Wahrnehmungen waren dunkel, unbestimmt seine Empfindungen. Was weiter geschah, wu�te der P�chter nicht, der sich am n�chsten Morgen in seinem Bett wiederfand und erstaunt war, als man ihm sagte, da� er in der Nacht des Hallowe�en eine Reise in das Hochland angetreten habe und einige Tage darauf mit dem jungen Weib zur�ckgekehrt sei, das er an seinem Bett sitzen sah.</p><p>Er rieb sich die Augen und glaubte zu tr�umen, dann aber wollte er die betrachten, die er gew�hlt hatte, ohne zu wissen, und die nun Frau Muirland geworden war.</p><p>Wie h�bsch war sie! Welch sanftes Licht strahlte aus ihren gl�nzenden Augen! Doch �berraschten Muirland diese gro�en Augen. Er sah keine Augenlider, gro�e dunkelblaue Kreise zeigten sich unter den schwarzen Bogen der Augenbrauen, deren Schwung von bewundernsw�rdiger Leichtigkeit war. Muirland seufzte; die undeutliche Erinnerung an den Spunkie, an seinen n�chtlichen Ritt und seine schreckliche Hochzeit in der Kathedrale wurde in ihm wach.</p><p>W�hrend er seine neue Gattin betrachtete, glaubte er, wenn auch gemildert, bei ihr alle charakteristischen Z�ge eines �bernat�rlichen Wesens zu erkennen.</p><p>Die Finger des jungen Weibes waren lang und d�nn, ihre N�gel lang und schmal, ihr blondes Haar reichte bis auf die Erde.</p><p>Er versank in tiefe Gedanken; indes sagten alle seine Nachbarn zu ihm, da� die Familie seiner Frau in den Hochlanden wohne, da� er gleich nach der Hochzeit von einem heftigen Fieber ergriffen und es daher kein Wunder sei, wenn jede Erinnerung an die Trauung seinem Geiste entfallen w�re; bald aber w�rde er sich mit seiner Frau gl�cklich f�hlen, denn sie sei sch�n, sanft und eine gute Hausfrau.</p><p>�Sie hat aber keine Augenlider!� rief Muirland.</p><p>Man lachte ihm ins Gesicht und behauptete, da� er noch immer an Fieberphantasien litte. Au�er dem P�chter bemerkte niemand diese sonderbare Eigent�mlichkeit.</p><p>Die Nacht kam; es war f�r Muirland die Hochzeitsnacht; denn bisher war er nur dem Namen nach Ehemann gewesen.</p><p>Die Sch�nheit seiner Frau hatte ihn erregt. Er gelobte sich, seiner Angst zu trotzen und das wunderbare Geschenk zu genie�en, welches der Himmel oder die H�lle ihm gesandt hatte �</p><p>Muirland erwachte, denn es war ihm, als h�tte ein pl�tzlicher Sonnenstrahl das Zimmer erleuchtet, in welchem das eheliche Bett stand. Er fuhr rasch empor und erblickte die funkelnden Augen seiner Gattin, die sich z�rtlich auf ihn richteten. �Verdammt!� rief er. �Mein Schlaf ist eine Beleidigung deiner Sch�nheit!�</p><p>Er sagte zu Spellie, so hie� die junge Gattin, tausend liebensw�rdige und z�rtliche Dinge, auf welche das junge M�dchen aus den Bergen so gut sie konnte antwortete.</p><p>Der Morgen brach an, und Spellie hatte noch nicht geschlafen. Wie sollte sie auch schlafen? fragte sich Muirland. Sie hat ja keine Lider.</p><p>Die Sonne stand am Himmel. Muirland war bleich und ersch�pft; die Augen der jungen Gattin strahlten feuriger als je. Morgens ergingen sie sich an den Ufern der Doon. Das junge Weib war so sch�n, da� der Bauer trotz des Fiebers, von welchem er ergriffen war, es nicht ohne Bewunderung betrachten konnte.</p><p>�Jock�, sagte sie zu ihm, �ich liebe dich ebensosehr, wie du Tuilzie geliebt hast; alle jungen M�dchen beneiden mich. Sei du auf deiner Hut, denn ich bin eifers�chtig und werde dich sorgsam bewachen.�</p><p>Muirlands K�sse unterbrachen ihre Worte; auf den Tag folgte eine neue Nacht, und w�hrend jeder Nacht wurde der Bauer durch Spellies gl�hende Augen seinem Schlummer entrissen; seine Kr�fte erlagen dabei.</p><p>�Aber, Liebste�, fragte Jock seine Frau, �schl�fst du denn nie?�</p><p>�Ich, schlafen?�</p><p>�Ja, schlafen! Ich glaube, du hast, seit wir verheiratet sind, noch keinen Augenblick geschlafen.�</p><p>�In meiner Familie ist es nicht Sitte, zu schlafen.�</p><p>Die blauen Augen des jungen Weibes strahlten ein noch gl�henderes Licht aus als vorher.</p><p>�Sie schl�ft nicht!� rief der Bauer verzweifelt. �Sie schl�ft nicht!�</p><p>Ersch�pft und entsetzt sank er in die Kissen zur�ck.</p><p>�Sie hat keine Augenlider, sie schl�ft nicht!� wiederholte er.</p><p>�Ich werde nicht m�de, dich anzusehen�, sagte Spellie, �und ich werde ein wachsames Auge auf dich haben.�</p><p>Der arme Muirland! Die sch�nen Augen seiner Gattin lie�en ihm keine Ruhe. Sie glichen ewig funkelnden Gestirnen, die ihn blendeten. Mehr als drei�ig Balladen auf Spellies sch�ne Augen wurden von den Dichtern der Gegend gemacht. Was aber Muirland betraf, so verschwand er eines Tages.</p><p>Drei Monate waren verflossen; die Marter, welche der P�chter erduldete, hatte seine Kr�fte ersch�pft; er glaubte, da� die Feuerblicke seiner Gattin ihn versengten. Mochte er auf das Feld gehen oder zu Hause bleiben oder sich in die Kirche begeben, stets traf ihn der schreckliche Strahl ihrer Augen, und ihr Glanz drang bis in das Innerste seines Wesens, lie� ihn erbeben und erf�llte ihn mit Schauder. Er verw�nschte endlich die Sonne und floh den Tag.</p><p>Dieselbe Marter, welche die arme Tuilzie erduldet, war nun sein Los geworden; anstatt jener inneren Unruhe, welche ihn w�hrend seiner ersten Ehe zum Henker seines jungen Weibes gemacht hatte, und welche von den M�nnern Eifersucht genannt wird, befand er sich jetzt unter dem physischen und forschenden Einflu� eines Auges, welches sich nimmer schlo�; es war das auch Eifersucht, allein eine greifbar gewordene Eifersucht.</p><p>Er verlie� sein Landgut, ging �ber das Meer und eilte in die W�lder Nordamerikas, wo schon so mancher seines Volkes einen neuen Wohnsitz gesucht und eine friedliche H�tte gebaut hatte.</p><p>Die Savannen des Ohio boten ihm ein sicheres Asyl, wie er glaubte; lieber wollte er als armer Kolonist leben, lieber sich mit grober und k�rglicher Nahrung s�ttigen, als sich unter seinem schottischen Dach von einem eifers�chtigen und stets ge�ffneten Auge fortw�hrend qu�len zu lassen.</p><p>Nachdem er ein Jahr in dieser Einsamkeit zugebracht hatte, segnete er sein Los, fand er doch Ruhe inmitten dieser fruchtbaren Natur. Er unterhielt keinen Briefwechsel mit der Heimat, da er f�rchtete, er k�nnte Nachrichten von seiner Frau erhalten; in seinen Tr�umen sah er noch bisweilen jenes stets ge�ffnete Auge, jenes Auge ohne Wimpern, und schrak dann heftig zusammen; allein das war auch alles, was er zu leiden hatte; er �berzeugte sich bald, da� das stets wachsame und furchtbare Auge nicht mehr in seiner N�he war, ihn nicht mehr durch seine unertr�gliche Glut versengte.</p><p>Die Narraghansetts, der n�chste Stamm der Wilden, hatten als Sachem oder H�uptling einen kr�nklichen Greis namens Massasoit, der sehr friedlich war und dessen Wohlwollen sich Jock Muirland besonders dadurch zu erhalten wu�te, da� er ihn bisweilen mit Branntwein bewirtete. Massasoit wurde krank; sein Freund besuchte ihn in seiner H�tte.</p><p>In der H�tte dieses armseligen Palastes brannte ein Feuer, B�ffelh�ute lagen auf der Erde, und auf einer derselben kauerte der alte kranke H�uptling; die gr��ten Zauberer des Stammes heulten, schrien und machten einen L�rm, durch welchen der Kranke nur noch elender gemacht werden mu�te, einen L�rm, der selbst einen Gesunden h�tte krank machen k�nnen.</p><p>Der Medizinmann leitete den Chor und den Trauertanz; der Wald erscholl von dem L�rm, welchen diese wunderliche Feierlichkeit veranla�te; den Gottheiten des Landes wurden Opfer und Gebete dargebracht.</p><p>Sechs junge M�dchen waren damit besch�ftigt, die nackten und kalten Glieder des Greises zu reiben. Eins von ihnen, ein sehr h�bsches M�dchen von kaum sechzehn Jahren, weinte bei dieser Arbeit.</p><p>Der Schotte erkannte, da� diese ganze Behandlungsweise nur Massasoits Tod bewirken w�rde. Als Europ�er und Wei�er galt er f�r einen geborenen Arzt. Er benutzte das Ansehen, welches er in dieser Hinsicht hatte, entfernte die L�rmenden und n�herte sich dem H�uptling.</p><p>�Wer kommt zu mir?� fragte der Greis.</p><p>�Jock, der wei�e Mann.�</p><p>�Oh!� versetzte der H�uptling und reichte ihm die vertrocknete Hand. �Wir werden uns nicht wiedersehen, Jock.�</p><p>Obgleich Jock wenig medizinische Kenntnisse hatte, so bemerkte er doch ohne M�he, da� der H�uptling an einer einfachen Verdauungsst�rung litt; er kam ihm zu Hilfe, befahl, da� man um ihn her schweige, setzte ihn auf eine k�rgliche Di�t und bereitete ihm dann ein ausgezeichnetes schottisches Gericht, welches die Stelle einer Arznei vertreten mu�te.</p><p>In drei Tagen war Massasoit wieder hergestellt. Das Heulen der Indianer und die T�nze begannen von neuem; allein dieses Mal dr�ckten die Hymnen der Wilden nur noch die Gef�hle des Danks und der Freude aus.</p><p>Massasoit lie� Jock in seiner H�tte sich setzen, reichte ihm seine Pfeife und zeigte ihm seine Tochter Anauket, das j�ngste und h�bscheste von den M�dchen, welche Muirland in der H�tte gesehen hatte.</p><p>�Du hast kein Weib�, sagte der alte Krieger zu ihm; �nimm meine Tochter und ehre mein wei�es Haupt.�</p><p>Jock erbebte; er dachte an Tuilzie und Spellie, er dachte daran, wie schlecht ihm seine fr�heren Heiraten gelungen waren.</p><p>Allein das junge M�dchen war sanft und gehorsam. Eine Heirat in einer einsamen Gegend ist nur mit wenig F�rmlichkeiten verkn�pft und pflegt ebensowenig nachteilige Folgen f�r einen Europ�er zu haben. Jock f�gte sich daher, und die sch�ne Anauket gab ihm keinen Grund, seine Wahl zu bereuen.</p><p>Es war an einem sch�nen Herbstmorgen, am achten Tage ihrer Vereinigung, als beide im Boot den Ohio hinunterfuhren. Jock hatte seine Jagdflinte mitgenommen. Anauket war an solche Z�ge gew�hnt, da das Leben des Wilden zum gr��ten Teil aus ihnen besteht, weshalb sie ihren Mann unterst�tzte und ihm half. Das Wetter war prachtvoll; die Ufer des sch�nen Flusses boten den Liebenden bezaubernde Aussichten dar; Jock bemerkte ein Perlhuhn mit strahlenden Fl�geln, er zielte, scho�, und der t�dlich getroffene Vogel fiel in dichtes Geb�sch.</p><p>Muirland wollte eine so sch�ne Beute nicht verlieren, band sein Boot an und stieg an Land, um den Vogel zu suchen. Vergebens durchstreifte er das Geb�sch; seine schottische Hartn�ckigkeit trieb ihn immer tiefer und tiefer in den Wald. Bald sah er sich zwischen hohen B�umen, als pl�tzlich ein strahlendes Licht durch das Laub fiel und bis zu ihm drang. Er zitterte. Das unertr�gliche Licht zwang ihn, seine Augen zu schlie�en. Das Auge ohne Lid blickte ihn an.</p><p>Spellie war �ber das Meer gekommen, hatte die Spur ihres Mannes gefunden und seine F�hrte verfolgt; sie hatte ihr Wort gehalten, und ihre furchtbare Eifersucht �berh�ufte Muirland bereits mit gerechten Vorw�rfen. Er eilte ans Ufer, verfolgt von dem lidlosen Auge, erblickte die reinen und klaren Wellen des Ohio und st�rzte sich in seiner Angst in die Flut. Das war das Ende Jock Muirlands.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Der Fall Chugoro </strong>von Lafcadio Hearn</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Lafcadio Hearn (1850-1904) stammte aus England, wo er sich als Schrittsteller bereits einen Namen gemacht hatte, bevor er 1890 nach Japan ging, eine Japanerin heiratete und sich neutralisieren lie�. Er lehrte als Dozent f�r englische Literatur an der Universit�t Tokio. In vielen B�chern versuchte er, seine Wahlheimat den Europ�ern nahezubringen. Die vorliegende Erz�hlung aus dem Band �Japanische Geistergeschichten� wurde von Gustav Meyrink �bersetzt.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Vor langer Zeit lebte im Koishi-Kawa-Quartier von Yedo ein <emphasis>Hatamoto</emphasis> namens Suzuki, dessen <emphasis>Yashiki</emphasis> an der Sandbank des Yedogawa lag, nicht weit von der Br�cke, die <emphasis>Nakano-hashi</emphasis> hei�t.</p><p>Unter den Soldaten dieses Suzuki befand sich auch ein Ashigaru � ein Gefreiter �, ein gewisser Chugoro.</p><p>Chugoro war ein h�bscher Bursche, sehr liebensw�rdig und anstellig und ungemein beliebt bei seinen Kameraden.</p><p>Viele Jahre hindurch blieb Chugoro in den Diensten des Suzuki und f�hrte sich so gut auf, da� kein Tadel an ihm haftete.</p><p>Endlich entdeckten die anderen Ashigarus, da� Chugoro die Gewohnheit angenommen hatte, die Yashiki alln�chtlich zu verlassen, und zwar auf dem Wege durch den Garten, um erst knapp vor Tagesgrauen zur�ckzukehren.</p><p>Anfangs schwiegen sie dazu, da sich solches seltsame Unterfangen nicht mit den vorgeschriebenen Pflichten vertrug, und nahmen an, irgendein Liebesabenteuer stecke dahinter.</p><p>Nach einiger Zeit jedoch fing Chugoro an, bla� und kr�nklich auszusehen, und da seine Kameraden eine ernstliche Torheit bef�rchteten, beschlossen sie, ihn auszufragen und ihm Vorstellungen zu machen.</p><p>Dementsprechend nahm ein �lterer Ashigaru Chugoro, als er sich eben wieder heimlich fortschleichen wollte, beiseite und sagte:</p><p>�Chugoro, mein Junge, wir wissen gar wohl, da� du jede Nacht ausgehst und bis zum fr�hen Morgen fortbleibst! � Wir haben auch bemerkt, da� du elend aussiehst! Wir f�rchten, du bist in schlechte Gesellschaft geraten und untergr�bst deine Gesundheit! � Wenn du uns nicht triftige Gr�nde f�r dein Benehmen angibst, m�ssen wir es als Pflicht ansehen, den Vorfall dem Offizier zu melden. � Ob nun so oder so, da wir Kameraden und Freunde sind, ist es auf alle F�lle nur recht und billig, da� wir erfahren, warum du nachts das Haus verl��t, trotzdem das im Widerspruch mit den dienstlichen Vorschriften steht.�</p><p>Chugoro geriet bei diesen Worten g�nzlich au�er Fassung.</p><p>Nach kurzem Schweigen ging er seinem Kameraden voran in den Garten, und als sie au�er H�rweite waren, blieb Chugoro stehen und sagte:</p><p>�Jetzt will ich dir alles erz�hlen; aber ich mu� dich bitten, strengstes Stillschweigen gegen�ber jedermann zu bewahren; wenn du weitererz�hlst, was ich dir jetzt anvertrauen werde, st�rzest du mich in unsagbares Ungl�ck!</p><p>Es war im Vorfr�hling dieses Jahres, etwa vor f�nf Monaten, da ging ich das erstemal des Nachts aus, und zwar wegen eines Liebesabenteuers. Eines Abends n�mlich, als ich nach einem Besuch bei meinen Eltern zur Yashiki zur�ckkehrte, sah ich ein Frauenzimmer am Flu�ufer nicht weit vom Haupttor stehen. Sie war wie eine Person von Rang gekleidet, und ich wunderte mich nicht wenig, da� eine so fein gekleidete Frau allein dort stehen konnte und noch dazu zu so sp�ter Stunde. Ich sagte mir aber, da� ich deswegen noch kein Recht h�tte, sie anzusprechen, und ich wollte gerade stumm an ihr vor�bergehen, als sie einen Schritt vorw�rts machte und mich am �rmel fa�te. Dabei sah ich, da� sie sehr jung und sch�n war. �M�chtest du nicht mit mir nur bis zur Br�cke dort gehen?� fragte sie mich. �Ich habe dir etwas zu sagen!�</p><p>Ihre Stimme war ungemein weich und einschmeichelnd, und dabei l�chelte sie, w�hrend sie sprach, und ihrem L�cheln war schwer zu widerstehen.</p><p>So ging ich denn mit ihr zur Br�cke, und auf dem Weg erz�hlte sie mir, sie h�tte mich oft gesehen, wie ich in der Yashiki aus und ein gegangen sei, und sie habe eine Vorliebe f�r mich gefa�t. � �Ich w�nsche dich zum Gatten zu haben�, sagte sie. �Wenn du mich liebhaben kannst, so werden wir einander sehr gl�cklich machen k�nnen.�</p><p>Ich wu�te zuerst nicht, was ich ihr darauf antworten sollte; gedacht habe ich mir: Sie ist entz�ckend!</p><p>Als wir uns der Br�cke n�herten, fa�te sie mich wieder am �rmel und f�hrte mich den Damm hinunter zum Flu�ufer. �Komm mit mir hinein�<sub>;</sub> fl�sterte sie und zog mich zum Wasser hin. � Du wei�t, Kamerad, es ist dort sehr tief, und ich bekam auf einmal Angst vor ihr und versuchte umzukehren. Sie aber l�chelte nur, fa�te mich am Handgelenk und sagte: �Oh, f�rchte dich doch nicht vor mir!� Und wie sie mich so hielt, wurde ich hilflos wie ein Kind. Ich kam mir vor wie ein Mensch, der im Traum davonlaufen will, aber pl�tzlich weder Hand noch F��e regen kann. � Sie stieg in das tiefe Wasser und zog mich mit, und ich sah und h�rte und f�hlte nichts mehr, bis ich bemerkte, da� ich neben ihr durch R�ume schritt, die ein gro�er Palast, voll von Licht, zu sein schienen. � Ich f�hlte weder N�sse noch K�lte, alles rings um mich war trocken, warm und herrlich sch�n. Ich konnte weder begreifen, wo ich mich befand, noch, wie ich �berhaupt hierhergekommen war.</p><p>Die Frau f�hrte mich noch immer an der Hand, und wir gingen von einem Saal durch den anderen, durch viele, viele Zimmer; alle waren leer, aber wundersch�n � bis wir schlie�lich in einen Gastraum mit tausend Matten kamen. Vor einem gro�en Alkoven, am �u�ersten Ende, brannten Lichter, und Kissen lagen umher wie f�r ein Fest, aber ich sah keine G�ste.</p><p>Sie f�hrte mich sodann auf den Ehrenplatz im Alkoven, setzte sich mir gegen�ber und sagte: �Dies ist mein Heim. Glaubst du, du k�nntest gl�cklich mit mir werden?� � Und als sie mich so fragte, l�chelte sie dabei, und ich dachte mir, da� ihr L�cheln sch�ner sei als irgend etwas in der Welt, und aus tiefstem Herzen heraus antwortete ich: �Ja �� Und im selben Augenblick erinnerte ich mich an die Geschichte von Urashima, und der Gedanke kam mir, sie m�sse die Tochter eines Gottes sein; aber ich scheute mich, sie zu fragen. Gleich darauf kamen Dienerinnen herein, brachten Reiswein und viele Gerichte und stellten sie vor uns auf.</p><p>Dann sagte die Frau zu mir: �Heute nacht soll unsere Brautnacht sein, weil du mich liebhast, und dies ist unser Hochzeitsfest.�</p><p>Und wir gelobten einander an f�r die Zeit von sieben Existenzen, und nach dem Bankett geleitete man uns in ein Brautgemach, das f�r uns bereitet war. � Es war noch sehr fr�h am Morgen, da weckte sie mich und sagte: �Geliebter, du bist jetzt wirklich und wahrhaftig mein Gatte, aber aus Gr�nden, die ich dir nicht sagen kann und nach denen du mich auch nicht fragen darfst, ist es notwendig, da� unsere Ehe ein Geheimnis bleibt. Dich hierzubehalten, bis der Tag angebrochen ist, w�rde uns beiden das Leben kosten! Deshalb bitte ich dich, sei nicht b�se, da� ich dich jetzt zur�ckschicken mu� in das Haus deines Herrn. Du kannst heute nacht wieder zu mir kommen und von da an jede Nacht und immer um dieselbe Stunde, in der wir uns das erstemal begegnet sind. Warte immer an der Br�cke auf mich � und du wirst nie lange zu warten brauchen! � Halte aber fest im Ged�chtnis, da� vor allen Dingen unsere Ehe geheimgehalten werden mu�, denn sprichst du dar�ber, so werden wir wahrscheinlich f�r immer getrennt.�</p><p>Und ich versprach ihr, gehorsam zu sein in allen Dingen � ich mu�te an das Schicksal Urashimas denken �, und sie geleitete mich durch die vielen Zimmer � alle leer und sch�n � zum Eingang zur�ck. Dort nahm sie mich wieder beim Handgelenk, und pl�tzlich wurde alles dunkel vor meinen Augen, und ich wu�te nichts mehr von mir, bis ich mich allein am Flu�ufer stehend fand, dicht neben der Br�cke Nakano-hashi. Als ich in die Yashiki zur�ckging, hatten die Tempelglocken noch nicht zu l�uten angefangen. � Abends ging ich wieder zur Br�cke � um die bestimmte Stunde �, und sie wartete dort bereits auf mich. � Wieder wie das erstemal zog sie mich in das tiefe Wasser und f�hrte mich an den wundersamen Ort, wo wir unsere Brautnacht gefeiert hatten. � Und jede Nacht seitdem habe ich sie getroffen und bin denselben Weg mit ihr gegangen. � Auch heute nacht wartet sie sicherlich auf mich, und lieber m�chte ich sterben, als ihr eine Entt�uschung bereiten, darum mu� ich jetzt gehen.</p><p>Aber nochmals la� dich bitten, Kamerad, sag niemand auch nur ein Wort von dem, was ich dir anvertraut habe!�</p><p>Der alte Ashigaru war ebenso erstaunt wie beunruhigt durch diese Erz�hlung.</p><p>Instinktiv f�hlte er, da� Chugoro ihm die Wahrheit gesagt hatte; aber diese Wahrheit er�ffnete b�se Ausblicke. M�glicherweise war das Erlebnis Chugoros nichts als Sinnest�uschung, vielleicht aber eine von finsteren M�chten zu verderblichen Zwecken herbeigef�hrte Sinnest�uschung!</p><p>War der junge Mensch nun tats�chlich behext oder nicht, jedenfalls war er zu bemitleiden und nicht zu tadeln; Gewalt anzuwenden war keinesfalls am Platze � deshalb erwiderte der Ashigaru freundlich:</p><p>�Ich werde niemals �ber das sprechen, was du mir anvertraut hast, niemals, vorausgesetzt, da� du gesund und am Leben bleibst. Geh und suche das Weib auf, aber � h�te dich vor ihr! Ich f�rchte, ein b�ser Geist hat dich in seine Netze gelockt.� Chugoro l�chelte nur �ber diese Warnung seines alten Kameraden und eilte davon.</p><p>Einige Stunden sp�ter kehrte er mit seltsam verst�rter Miene in die Yashiki zur�ck.</p><p>�Hast du sie getroffen?� fragte fl�sternd der Ashigaru.</p><p>�Nein�, erwiderte Chugoro, �sie war nicht dort. Das erstemal, da� sie nicht gekommen ist! Ich glaube, sie kommt nie mehr wieder! Ich h�tte dir die Sache nicht erz�hlen sollen! � Narr, der ich war, mein Versprechen nicht zu halten ��</p><p>Der Ashigaru versuchte vergebens, ihn zu tr�sten.</p><p>Chugoro legte sich nieder und sprach kein Wort mehr. Er zitterte am ganzen Leibe wie von K�lte durchschauert.</p><p>Als die Tempelglocken die erste Morgenstunde verk�ndeten, versuchte Chugoro aufzustehen, fiel aber bewu�tlos zur�ck.</p><p>Er war sichtlich krank � todkrank.</p><p>Ein chinesischer Arzt wurde geholt.</p><p>�Was ist das? Der Mann hat ja kein Blut mehr ��, rief er aus, als er Chugoro sorgf�ltig untersucht hatte. �Es ist nichts als Wasser in seinen Adern! Da wird es schwer sein, ihn noch zu retten. � Was f�r eine b�sartige Sache mag das sein?�</p><p>Man lie� nichts unversucht, Chugoro am Leben zu erhalten, aber umsonst.</p><p>Er starb, als die Sonne unterging.</p><p>Da erz�hlte der alte Ashigaru seinen Kameraden die ganze Geschichte.</p><p>�Ah, hab� ich mir�s doch gedacht!� rief der chinesische Arzt. �Keine Macht der Welt h�tte ihn retten k�nnen. Er ist nicht der erste, den sie umgebracht hat!�</p><p>�Wer ist diese �sie� � oder was ist sie?� fragte der Ashigaru. �Ein Fuchsd�mon?�</p><p>�Nein, sie spukt hier am Flusse seit altersgrauen Zeiten. Sie liebt das Blut der jungen ��</p><p>�Also ein Schlangenweib? Ein Drachenweib?�</p><p>�Nein, nein! Wenn du sie bei Tageslicht unter der Br�cke s�hest, so w�rdest du wohl glauben, ein ekelhaftes Gesch�pf gesehen zu haben.�</p><p>�Aber was f�r ein Gesch�pf?�</p><p>�Ganz einfach: ein Frosch � ein gro�er, scheu�licher Frosch!�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Jeanettes H�nde </strong>von Philip Latham</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>�Es w�re ein Irrtum, zu glauben, da� Hexen unweigerlich alt und h��lich sein m��ten. Viele sind sch�ne junge Frauen; die meisten von ihnen sind verheiratet ��</emphasis></p><p><emphasis>Es erscheint angebracht, solch scheinbar �berfl�ssige Binsenwahrheiten einer Erz�hlung voranzustellen, deren Protagonistin offiziell zur Staatshexe von Kalifornien ernannt wird. Philip Latham, ein Pseudonym f�r den prominenten amerikanischen Astronomen Robert S. Richardson, er�ffnet dem Leser eine Zukunftsperspektive, in der das Okkulte wieder in den Rang einer Haupt- und Staatsaktion eingesetzt ist � was sich im privaten Bereich nat�rlich verheerend auswirkt.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Dagny sa� im Bett, als Bob mit dem Fr�hst�ckstablett und der Zeitung heraufkam. Er hatte es sich angew�hnt, seiner Frau das Fr�hst�ck ans Bett zu servieren, als sie vor f�nf Jahren kurz nach ihrer Hochzeit krank gewesen war, und er tat es noch jetzt einmal in der Woche. Es war kurz vor elf, aber die Archers standen sonntags nie fr�h auf. Dagny rieb sich noch bla� und verschlafen die Augen.</p><p>�Willst du gleich eine Tasse Kaffee?� fragte er.</p><p>�Ja, bitte.�</p><p>Bob hatte wie �blich M�he, einen Platz f�r das Tablett zu finden. Er hatte nichts gegen Hautcremes, Lippenstifte, Kosmetikt�cher, Nagelfeilen und andere Toilettenartikel einzuwenden, die auf dem Tisch vor dem Spiegel lagen. Solche Dinge erwartete man auf einem Toilettentisch zu sehen. Was ihn w�tend machte, waren diese verdammten H�nde.</p><p>Urspr�nglich hatten die �H�nde� zu Jeanette geh�rt � einer Schaufensterpuppe in einer exklusiven Boutique dr�ben in Beverley Hills. Jeanettes H�nde z�hlten zu Dagnys kostbarsten Besitzt�mern; sie waren die einzigen K�rperteile der Puppe, die bei dem gro�en kalifornischen Erdbeben nicht besch�digt wurden, und die Besitzerin der Boutique, die mit Dagny gut befreundet war, hatte sie ihr als Andenken geschenkt. Die H�nde sahen nicht nur echt aus, sondern f�hlten sich auch echt an. Ihre Finger waren beweglich und bestanden aus einer Gummi-Glasfaser-Mischung, deren Zusammensetzung ein �ngstlich geh�tetes Firmengeheimnis des Herstellers war.</p><p>�Du kannst wohl auch keinen anderen Platz f�r die H�nde finden, was?� erkundigte sich Bob, w�hrend er versuchte, das Tablett abzustellen.</p><p>�Ich verstehe nicht, warum du dich immer wieder �ber diese H�nde aufregst�, murmelte Dagny.</p><p>�Sie st�ren mich eben ��</p><p>�Sie erteilen dir ihren symbolischen Segen�, sagte Dagny. �Das bedeutet, da� du dich im Stand der Gnade befindest.�</p><p>�Quatsch!�</p><p>�Ich verspreche dir, da� ich sie woanders hinstelle�, sagte Dagny l�chelnd.</p><p>�Nicht mehr n�tig�, wehrte Bob ab. �Ich hab� jetzt schon genug Platz.�</p><p>Sie sa�en einige Minuten lang schweigend nebeneinander, tranken Kaffee und lasen Zeitung. Den Schlagzeilen war zu entnehmen, da� dringend Sofortma�nahmen ergriffen werden m��ten, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren.</p><p>Nachdem Bob hastig den Sportteil durchgebl�ttert hatte, warf er seine Zeitung aufs Fu�ende des Betts.</p><p>�Ende des Haushaltsjahrs. Diese Woche ist die Mitteilung vom Gro�en Wei�en Vater in Washington gekommen. Wieder mal keine Gehaltserh�hung.�</p><p>Dagny studierte interessiert die Comics.</p><p>�Wir kommen schon irgendwie zurecht�, erkl�rte sie. �Ich hab� gestern unser Horoskop gestellt. Unsere Zukunft sieht vielversprechend aus.�</p><p>Dagnys Besch�ftigung mit Astrologie, Hexerei, Wahrsagerei und �hnlichem Unsinn hatte in der Zeit vor ihrer Ehe h�ufig zu Streit gef�hrt. Heutzutage wird vieles toleriert: Ehen zwischen Negern und Wei�en oder wilde Ehen rufen kaum noch ein Stirnrunzeln hervor. Aber ein Astronom, der eine Astrologin heiratet � nun, das geht doch etwas zu weit. Allm�hlich hatte Bob sich jedoch daran gew�hnt, Dagnys Interesse f�r das Okkulte mit jener resignierten Gelassenheit zu akzeptieren, mit der die meisten Ehem�nner die kleinen Torheiten ihrer Frauen ertragen. In Bobs Fall war allerdings nur zu leicht einzusehen, warum er es aufgegeben hatte, Dagnys Glauben an das �bernat�rliche ersch�ttern zu wollen. Seine Frau besa� andere Vorz�ge, die ihn �ber solche Kleinigkeiten hinwegsehen lie�en.</p><p>Dagny gab ihm ein Blatt aus der <emphasis>Times.</emphasis></p><p>�Hier steht wieder etwas �ber deinen Freund Doktor Thornton.�</p><p>�Schon wieder!�</p><p>Das Foto zeigte einen Mann Anfang Vierzig mit markanten Z�gen, der eine kurze Bruyerepfeife zwischen den Z�hnen hielt. Er stand neben einem Me�ger�t und betrachtete das Bild irgendeines Himmelsk�rpers.</p><p>�Er sieht gut aus, was?� meinte Dagny.</p><p>�Findest du?�</p><p>�Sehr!�</p><p>Bob schnaubte geringsch�tzig und las den dazugeh�rigen Artikel durch.</p><p>�Nur ein halbes Dutzend Fehler�, kommentierte er. �Der Fotograf hat ihn absichtlich etwas von unten aufgenommen, damit man nicht sieht, da� er eine kahle Stelle auf dem Kopf hat. Er ist zweiundvierzig, nicht neununddrei�ig. Und was er da hat, ist M33 in Triangulum, nicht M31 in Andromeda.�</p><p>�Doktor Thornton, der bekannte Astronom am weltber�hmten Mount-Elsinore-Observatorium, wird im September nach London reisen, um die Goldmedaille der K�niglichen Astronomischen Gesellschaft in Empfang zu nehmen. Diese Medaille ist eine der h�chsten Auszeichnungen, die ��, las sie laut.</p><p>Bob schnaubte wieder.</p><p>�Das ist doch wohl auch der einzige Nutzen dieser Gesellschaften � da� sie Goldmedaillen verleihen.�</p><p>�Doktor Thornton hat in jahrelanger Forschungsarbeit nachgewiesen, da� das Universum in Wirklichkeit etwa zehnmal �lter ist als bisher angenommen ��, fuhr sie fort.</p><p>�Manche Kollegen sind da aber ganz anderer Meinung!�</p><p>�Auch jemand, den ich kenne?�</p><p>�Zum Beispiel dein Mann.�</p><p>Dagny betrachtete aufmerksam Thorntons Bild.</p><p>�Nehmen wir einmal an, du h�ttest recht und er unrecht�, sagte sie nachdenklich. �Warum gibt die K�nigliche Gesellschaft ihre Goldmedaille dann nicht dir?�</p><p>�Das ist schwer zu erkl�ren�, antwortete Bob nach einer Pause. �Bei solchen Dingen spielt die Pers�nlichkeit des Betreffenden eine gr��ere Rolle, als man es f�r m�glich halten w�rde. Thornton ist der energische, dominierende Typ. Die Leute lesen, was er ver�ffentlicht. Kein Mensch k�mmert sich um mein Zeug. Er hat einfach Gl�ck. Er benimmt sich immer so, als sei ein Mi�erfolg ausgeschlossen. Ich f�rchte stets Mi�erfolge � und habe sie deshalb. Je weiter man sich von Thornton entfernt, desto gr��er ragt er auf. Man verehrt ihn aus der Ferne und ha�t ihn aus der N�he.�</p><p>�In welchem Punkt seid ihr verschiedener Meinung?� wollte Dagny wissen.</p><p>�Das ist eine schwierige Frage ��</p><p>�Gut, wenn das so streng geheim ist ��</p><p>Bob z�gerte.</p><p>�Versprichst du mir, da� du keinem Menschen ein Wort davon erz�hlst?�</p><p>Dagny zuckte mit den Schultern. �Gut, ich versprech�s dir.�</p><p>�Pa� auf, ich habe einen Teil von Thorntons Arbeiten �berpr�ft, mit den gleichen Auswertungs- und Rechenmethoden, versteht sich. Und unsere Ergebnisse sind und bleiben unterschiedlich. Ich bringe beim besten Willen keine �bereinstimmung zustande.�</p><p>�Ihr Wissenschaftler seid euch doch nie einig.�</p><p>�Nicht hundertprozentig�, gab Bob zu. �Ich erwarte auch keine absolute �bereinstimmung. Aber in diesem Fall sind die �blichen Toleranzen weit �berschritten.� Er senkte die Stimme. �Ich bin der Meinung, da� Thorntons Resultate frisiert sind � bewu�t frisiert.�</p><p>�Frisiert?� Dagny runzelte die Stirn.</p><p>�Gerade genug ver�ndert, da� sie besser aussehen als die seiner Konkurrenten. Solange er das gr��te Spiegelteleskop der Welt zur Verf�gung hat, kann ihm nichts passieren. Wer sollte ihm etwas nachweisen k�nnen?�</p><p>Dagny nahm diese erstaunliche Mitteilung verh�ltnism��ig gefa�t auf.</p><p>�Liebster, ich dachte, du w�rdest mir erz�hlen, da� Thornton wirklich etwas verbrochen hat. Einen Bankraub oder einen Gem�ldediebstahl. Aber was du da erz�hlst, betrifft schlie�lich nur das Universum.�</p><p>�Bewu�te Irref�hrung ist f�r einen Wissenschaftler keine Kleinigkeit�, versicherte ihr Bob. �Aber ich kann ihm nat�rlich nichts nachweisen. Er hat die Ergebnisse so frisiert, da� die Kosmologen ganz aus dem H�uschen sind. Sie reden jetzt schon von �Thorntons Universum� � daher die Goldmedaille.�</p><p>Dagny warf ihrem Mann einen nachdenklichen Blick zu. Dann kniff sie ihre blauen Augen zusammen.</p><p>�Wei�t du, was ich glaube, Liebster?� fragte sie.</p><p>�Keine Ahnung, Schatz�, murmelte er.</p><p>�Du bist neidisch, glaube ich.�</p><p>�Ist es etwa ein Verbrechen, wenn ein Mann seine Arbeit anerkannt sehen m�chte?�</p><p>�Und du bist gekr�nkt � zutiefst gekr�nkt.�</p><p>Bob gab keine Antwort.</p><p>Dagny ergriff seine Hand.</p><p>�Deine Zeit kommt noch, Robert. Ich <emphasis>wei�,</emphasis> da� sie kommt.� Sie l�chelte. �Vielleicht schon bald � sehr bald.�</p><p>Bob sch�ttelte allerdings energisch den Kopf.</p><p>�Tut mir leid, ich bin eben nicht der Typ, der Goldmedaillen einheimst.�</p><p>�Aber ich <emphasis>wei�,</emphasis> da� du ��</p><p>Sie wurde unterbrochen, es klingelte unten.</p><p>�Siehst du?� rief Dagny aufgeregt aus. �Die gute Nachricht � wie auf ein Stichwort hin!�</p><p>�Wahrscheinlich Pfadfinderinnen, die Erdn�sse verkaufen wollen�, murmelte Bob. Er z�gerte noch, aber als es zum zweitenmal klingelte, stand er widerwillig auf und schlurfte die Treppe hinunter. Eine Minute sp�ter kam er mit einem l�nglichen Umschlag zur�ck, der eindrucksvoll versiegelt war.</p><p>�Durch Eilboten�, sagte er und �berreichte Dagny den Brief. �F�r dich.�</p><p>Dagny wurde bla�. Sie griff z�gernd nach dem Umschlag, fast �ngstlich, als sei er eine Reliquie, die sie kaum zu ber�hren wagte. Dann ri� sie ihn entschlossen auf und zog ein Blatt Pergament heraus, auf dem eine einzige handschriftliche Zeile stand. Sie blieb mindestens eine Minute lang unbeweglich liegen und starrte die Nachricht an; nur ihre Augen und Lippen bewegten sich, w�hrend sie die Worte immer wieder las, als wollte sie sie ganz auskosten. Dann dr�ckte sie das Pergament mit zitternden Fingern an die Brust.</p><p>Bob fand diese emotionelle Reaktion weniger besorgniserregend, als man h�tte vermuten k�nnen. Seine Frau war eine gute Schauspielerin, eine so gute, da� er nie mit Sicherheit wu�te, ob ihr Gef�hls�berschwang nur gespielt oder wirklich echt war.</p><p>�Schlechte Nachrichten?� erkundigte er sich.</p><p>�Wundervolle Nachrichten�, antwortete Dagny mit kaum h�rbarer Stimme.</p><p>�Na, die sind l�ngst �berf�llig!�</p><p>�Ich bin ernannt worden.�</p><p>Bob starrte seine Frau mit einem unguten Gef�hl im Magen an. �Ernannt? Wozu ernannt?�</p><p>�Zur Staatshexe von Kalifornien!�</p><p>Bob schluckte trocken. �Ich wei�, da� Kalifornien einen offiziellen <emphasis>Poefa laureatus</emphasis> hat. Ich wei� auch, da� es hier mehr Verr�ckte pro Quadratzentimeter gibt als in jedem anderen Bundesstaat. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich gewu�t habe, da� es in Kalifornien eine Staatshexe gibt!�</p><p>�Robert, Liebling, es gibt so vieles, was du nicht wei�t.�</p><p>�Meinst du wirklich <emphasis>offiziell</emphasis>? Wie der Gouverneur oder solche Leute?�</p><p>�Nein, eigentlich nicht ��</p><p>�Gro�er Gott!� rief er aus. �So tief sind wir schon gesunken!�</p><p>�Unsinn!� widersprach Dagny energisch. �Stell dir vor, was das f�r eine Ehre ist. Was das <emphasis>bedeutet</emphasis>!�</p><p>�Ich kann dir sagen, was das bedeutet�, knurrte Bob, stand auf und ging zwischen Bett und Fenster auf und ab. �Es bedeutet das Ende meiner Karriere. Fr�her � nun, ein bi�chen Astrologie und dergleichen Unsinn hat nicht weiter geschadet. Die Leute haben mit einem Achselzucken dar�ber hinweggesehen.� Er holte tief Luft. �Aber das hier ist eine Katastrophe! Wer will schon mit einem Astronomen zu tun haben, dessen Frau sich mit Zauberei und Teufelsbeschw�rung abgibt?�</p><p>Aber er hatte keine Zuh�rerschaft mehr. Dagny war in Trance verfallen. Lady Macbeth als Schlafwandlerin in einem Doppelbett.</p><p>�Theodoris von Lemnos � Madelaine de Bovan aus Frankreich � Medea von Colchis � Und jetzt Dagny Archer aus Kalifornien! Eines Tages �bertreffe ich sie alle!�</p><p>Dagnys Ernennung zur Staatshexe wurde am n�chsten Dienstag in der Los Angeles <emphasis>Times</emphasis> gemeldet. Bob hatte bis zuletzt gehofft, die Meldung werde irgendwo ganz klein stehen; statt dessen prangte sie auf der ersten Seite des Lokalteils. Als Blickfang diente ein Foto, das Dagny mit ihrer Siamkatze Margarita zeigte. Der junge Reporter, der sie interviewt hatte, wies besonders darauf hin, wie ungew�hnlich die �u�ere Erscheinung der neuen Staatshexe Kaliforniens sei: eine h�bsche blonde Hausfrau, nicht eine h��liche alte Hexe, wie man sie aus M�rchen kannte.</p><p>Mrs. Archer hatte dem Journalisten erkl�rt, sie habe sich schon als Kind f�r das Okkulte interessiert und bedaure, da� die meisten Menschen eine ganz falsche Vorstellung von Hexen h�tten. Ob Hexen jemand etwas antun k�nnten? Im Mittelalter habe man ihnen bekanntlich den b�sen Blick nachgesagt, aber die Wissenschaft habe l�ngst nachgewiesen, da� das, was man den Hexen vorwarf, nur der Ausdruck der b�sen Triebe ihrer Mitmenschen war. Sie verk�rperten die unbewu�te Schlechtigkeit ihrer Richter.</p><p>Und wie sei das mit den sogenannten �Liebestr�nken� gewesen?</p><p>Mrs. Archer hatte impulsiv gelacht und angedeutet, Frauen h�tten doch wirksamere Mittel zur Verf�gung, um einen Mann an sich zu fesseln.</p><p>Was ihre Hobbys betraf, interessierte sie sich neben dem Okkulten vor allem f�rs Theater. Obwohl sie eine geborene Russin war, war sie in Frankreich aufgewachsen und hatte ihr Deb�t als Schauspielerin in Paris gegeben.</p><p>�Meine beste Rolle war die Laura in Strindbergs <emphasis>Der Vater.</emphasis> Wie Sie wissen, war Laura Strindbergs Surrogat f�r seine erste Frau.� (<emphasis>Surrogat,</emphasis> dachte Bob. Das mu� ich nachschlagen.) �Eine faszinierende Rolle, die mit gr��ter Zur�ckhaltung gespielt werden mu�. Eine bis zuletzt beherrschte Frau, die dann in d�monischer Wut die Vernichtung ihres Feindes betreibt.�</p><p>Bob mu�te zugeben, da� der Teil des Artikels, der sich mit Dagny befa�te, ziemlich gut war. Aber er �rgerte sich �ber den, der ihn betraf.</p><p>Ja, ihr Mann war Astronom am Mount-Elsinore-Observa�to�rium.</p><p>Und was er von Astrologie halte.</p><p>Mrs. Archer f�rchtete, seine Meinung lasse sich in einem angesehenen Blatt wie der <emphasis>Times</emphasis> leider nicht wiedergeben. Er sei jedenfalls ziemlich skeptisch. Zum Gl�ck stand das ziemlich am Schlu� des Artikels, wo es kaum jemand lesen w�rde.</p><p>Als Bob ins B�ro kam, wurde ihm jedoch sofort klar, da� alle Kollegen den verdammten Artikel gelesen hatten. Niemand sprach ihn geradewegs darauf an, aber Bob merkte, da� die anderen ihm aus dem Weg gingen.</p><p>Bob verschwand in seinem B�ro, schlo� die T�r und machte sich an einige Berechnungen �ber die Hyaden. Aber obwohl er sich zu konzentrieren versuchte, blieben seine Gedanken nie lange bei Ambrosia, Eudora, Pedile, Coronis, Polyxo, Phyto und Thyene, sondern wanderten zu einer anderen Nymphe, die ihm etwa 135 Lichtjahre n�her war und Dagny Archer hie�. <emphasis>Staatshexe</emphasis>! Er mu�te verlangen � nein, darauf bestehen, da� sie auf der Stelle von diesem Amt zur�cktrat, das seine eigene berufliche Position innerhalb k�rzester Zeit schwer gef�hrden konnte. Bob �berlegte sich auf der Nachhausefahrt, was er alles sagen w�rde.</p><p>Aber als er heimkam, sa� Dagny am Telefon, f�hrte ein Ferngespr�ch mit irgendeinem Zauberer oder Werwolf und durfte auf keinen Fall gest�rt werden. Bob lungerte eine Weile in der N�he des Telefons herum, aber als sich zeigte, da� die Okkulten ebensolche Verst�ndigungsschwierigkeiten wie gew�hnliche Sterbliche hatten, verschwand er in der K�che, um Trost bei der Flasche zu suchen. Als erstes nahm er einen langen Zug aus der Whiskyflasche, dann mixte er sich einen Drink und zog sich auf die Veranda zur�ck, um wie ein Gentleman zu trinken. Margarita, die im Sessel gegen�ber d�ste, warf ihm einen gleichg�ltigen Blick zu und schlief dann weiter.</p><p>Nach einiger Zeit gesellte sich Dagny mit ihrem Glas Tomatensaft zu ihm. Sie rauchte n�mlich nicht und trank keinen Alkohol; sie verabscheute alles, was ihre Sinneswahrnehmungen irgendwie h�tte beeinflussen k�nnen.</p><p>�Ich finde dieses wiedererwachte Interesse f�r das Okkulte einfach begeisternd!� schw�rmte sie. �Pa� auf, es erfa�t noch ganz Amerika. Und was ihr Astronomen manchmal treibt, unterscheidet sich eigentlich gar nicht so sehr von unserem Okkultismus. Wenn ich an Leptonen, Quasare und diese neuen Dinger, die � die schwarzen L�cher denke ��</p><p>�Das ist f�r mich nichts Neues�, murmelte Bob. �Ich hab� mein Leben lang in irgendeinem gro�en schwarzen Loch rumgegrapscht.�</p><p>Dagny sp�rte sofort, wie deprimiert er war.</p><p>�Ach, Robert, sei doch nicht so unausstehlich! Gut, ich bin die Staatshexe von Kalifornien. Bedeutet das etwa gleich den Weltuntergang? Was ist Wahrheit? Wer will entscheiden, wer von uns beiden recht hat? Schlie�lich gibt es auf jede Frage mehrere Antworten.�</p><p>�Aber nicht f�r diese!�</p><p>�Das ist unfair�, protestierte Dagny.</p><p>�Denk doch selbst nach, Liebling!� forderte Bob sie hitzig auf. �Wie kann irgendeine d�mliche Ansammlung von Materie wie Uranus, der �ber drei Milliarden Kilometer von uns entfernt ist, auch nur den geringsten Einflu� auf unser Leben haben?�</p><p>Dagny streichelte Margarita.</p><p>�Du hast selbst gesagt, die Entdeckung der Radiowellen habe die Astronomie revolutioniert. Kann es nicht noch andere Wellen geben, die uns ebenfalls erreichen? Bisher unbekannte Wellen?�</p><p>�Vielleicht�, gab Bob widerwillig zu.</p><p>�Ich <emphasis>wei�,</emphasis> da� es welche gibt. Ich sp�re sie.�</p><p>Bob sp�rte ebenfalls gewisse Schwingungen in sich, die allerdings nicht kosmischen Ursprunges waren. Er war angetrunken, und er wu�te das. Morgen w�rde er sich scheu�lich f�hlen. Aber bis dahin war noch lange Zeit.</p><p>Er �berquerte die Veranda etwas unsicher und zog Dagny an sich. Sie war eben doch ein Engel � oder eine Hexe. Bob wu�te es nicht, aber im Augenblick war es ihm auch gleichg�ltig.</p><p>Er hatte richtig vermutet, da� er einen Kater haben w�rde. Aber diesmal war es ein besonderer Kater, der die h�heren Nervenzentren nicht wie sonst beeinflu�te. Bob sp�rte noch etwas vom Auftrieb des vergangenen Abends. Etwas stand jedenfalls fest: Dagny konnte jeden Mann dazu bringen, alles zu tun, was sie nur wollte � wenn sie sich M�he gab.</p><p>Er st�rzte sich mit neuer Energie auf die Hyaden. Beim letztenmal hatte er entmutigt aufgegeben und seine Berechnungen in den Papierkorb geworfen. Diesmal kam er besser voran. Er trieb sich unbarmherzig an. Als seine Kollegen schon l�ngst nach Hause gefahren waren, rechnete er immer noch.</p><p>Jemand klopfte an seine T�r.</p><p>Bob schrak auf. Hinter der Milchglas-Scheibe zeichnete sich eine dunkle Silhouette ab.</p><p>�Herein!�</p><p>Zu seiner Erleichterung war der Besucher MacGuire. MacGuire geh�rte zu den wenigen Kollegen, die ihm wirklich sympathisch waren.</p><p>MacGuire hatte als Sekret�r des Observatoriums die undankbare Aufgabe, das Beobachtungsprogramm f�r die Spiegelteleskope auf dem Mt. Elsinore zusammenzustellen. Astronomen haben leider wenig �hnlichkeit mit der Vorstellung, die sich viele Leute von ihnen machen: �ber Kleinigkeiten erhabene gro�e Geister, die sich nur mit den Sternen befassen. In Wirklichkeit sind die meisten unfreundliche Eigenbr�tler, die sich nur f�r ihr Spezialgebiet und sonst nichts interessieren. Das machte es um so schwieriger, ein von allen akzeptiertes Beobachtungsprogramm zu konzipieren. Die Astronomen bekamen selten die N�chte, die sie wollten, zu den Zeiten, die ihnen pa�ten, oder so viele, wie ihnen ihrer Meinung nach zustanden.</p><p>MacGuires Gesichtsausdruck war ernst, wie es einem Mann ansteht, der schwere Verantwortung tr�gt. Er legte mehrere lange Papierstreifen auf Bobs Schreibtisch. Jeder der Streifen bedeutete ein bestimmtes Teleskop und war in Spalten und Quadrate unterteilt. �ber jeder Spalte stand ein Datum.</p><p>Etwa die H�lfte aller Quadrate trug bereits Namenszeichen. MacGuire zeigte auf den Streifen mit dem Aufdruck <emphasis>250 Zoll</emphasis>.</p><p>�Ich habe Sie f�r die drei N�chte vom neunundzwanzigsten bis drei�igsten Juli eingetragen. Okay?�</p><p>�Okay�, stimmte Bob zu und notierte sich die Termine in seinem Vormerkkalender. �Und wie steht�s mit den anderen?�</p><p>�Das sind alle.�</p><p>�Das sind alle?� Bob starrte ihn entgeistert an. �Was soll das hei�en, Mac? Sie wissen doch, da� ich mir M110 fotometrisch vornehmen will.�</p><p>�Tut mir leid, Bob. Aber diesmal ist das ganze Programm durcheinander.�</p><p>�Das ist es jedesmal!�</p><p>�Richtig, aber diesmal ist der Wirrwarr noch gr��er. Weil Thornton nach Hawaii fliegt, wissen Sie.�</p><p>�Nein, das hab� ich nicht gewu�t.�</p><p>�Ich auch nicht, bis er mich letzte Woche damit �berrascht hat.�</p><p>�Was will er denn in Hawaii?�</p><p>�Jupiter bedeckt am Morgen des Einunddrei�igsten einen Stern sechster Gr��e. Thornton m�chte diesen Vorgang durch das neue Teleskop beobachten, das er f�r Mt. Mauna Kea konstruiert hat. Das ist die beste Gelegenheit seit Jahren, die Dichte der Jupiteratmosph�re zu bestimmen.�</p><p>�Der Teufel soll die Jupiteratmosph�re holen! Au�erdem kann er die auch hier beobachten.�</p><p>�Nein. Die Pazifikk�ste liegt bei Beginn der Bedeckung bereits in der Morgend�mmerung.�</p><p>�Und was hat das alles mit mir zu tun?�</p><p>MacGuire machte ein ungl�ckliches Gesicht.</p><p>�Er braucht weitere Spektralaufnahmen von seinem neuen Sternhaufen. Bisher existiert nur eine einzige gute, aber wenn weitere sie best�tigen, ist der Nachweis f�r sein Modelluniversum gesichert.�</p><p>�Ich verstehe noch immer nicht ��</p><p>�Deshalb hat Thornton als Vorsitzender des Programmkomitees gedacht, Sie k�nnten vielleicht ��</p><p>�<emphasis>Ich</emphasis> k�nnte vielleicht!�</p><p>�Bob, daran ist wirklich nur diese verdammte Bedeckung schuld.�</p><p>�Soll das hei�en, da� ich als � als Thorntons <emphasis>Assistent</emphasis> arbeiten soll?�</p><p>MacGuire zuckte unbehaglich mit den Schultern.</p><p>�H�ren Sie, Bob, wir � wir m��ten auch noch �ber etwas anderes reden�, fuhr er z�gernd fort.</p><p>Bob starrte finster geradeaus.</p><p>�Wie Sie wissen, sind wir hier in mancher Beziehung recht nachsichtig�, sagte MacGuire. �Wir dr�cken ein Auge zu, wenn sich jemand einen antrinkt oder seine Freundin mit ins Observatorium bringt. Aber es gibt etwas, das man in einer rein wissenschaftlichen Institution auf keinen Fall tun darf: Astronomie und Astrologie vermengen.�</p><p>�Meinen Sie damit zuf�llig meine Frau?�</p><p>MacGuire nickte traurig.</p><p>�Aber das ist doch nicht <emphasis>meine</emphasis> Schuld, verdammt noch mal!� protestierte Bob. �Mac, ich bin genauso dagegen wie ��</p><p>�Klar, Bob, das habe ich dem Komitee auch gesagt. Und wenn Thornton nicht gewesen w�re, h�tte es vielleicht gar keine Schwierigkeiten gegeben.�</p><p>�Thornton?�</p><p>�Sie wissen doch, da� er versucht hat, aus dem Ausschu� f�r astronomische Projekte ein paar Millionen f�r einen Schwerkraftwellendetektor herauszulocken. Der AAP will von Jahr zu Jahr weniger Mittel bewilligen, aber Thornton hat nat�rlich gute Beziehungen. Das Rennen schien bereits gelaufen zu sein, als bekannt wurde, da� Dagny zur Staatshexe von Kalifornien ernannt worden ist.</p><p>Nun, damit war alles verloren. Die Abgeordneten haben uns ausgelacht. Sie haben behauptet, wir seien auch nicht besser als diese anderen Spinner.�</p><p>Bob runzelte die Stirn.</p><p>�Eine Frage, Mac. Hat Thornton Dagny namentlich erw�hnt?�</p><p>�Hmmm, daran kann man sich nicht ohne weiteres erinnern ��</p><p>�Hat er von ihr gesprochen?�</p><p>�Das m�chte ich nicht ausschlie�en ��</p><p>Bob sprang auf.</p><p>�Dieser Schweinehund! Daf�r rei�e ich ihm den Arsch auf!�</p><p>Aber MacGuire stie� ihn in seinen Sessel zur�ck.</p><p>�Nein, erst h�ren Sie mir ganz ruhig zu�, sagte er streng. �Denken Sie gef�lligst erst einmal nach, bevor Sie hier handgreiflich werden.�</p><p>Bobs Alkoholkater machte sich pl�tzlich doch noch bemerkbar. Seine H�nde, seine Arme begannen zu zittern. Er konnte dieses Zittern nicht unterdr�cken.</p><p>�Ich k�ndige�, sagte er benommen.</p><p>MacGuire klopfte ihm auf die Schulter.</p><p>�Unsinn, Bob. Fahren Sie nach Hause. Trinken Sie einen. Ich glaube, da� Sie einen anst�ndigen Drink n�tig haben.�</p><p>Bob gab keine Antwort.</p><p>Dagny und Margarita sa�en auf der Veranda, als Bob sich mit einem Drink zu ihnen gesellte. Dagny schl�rfte Tomatensaft mit Eisw�rfeln. Margarita, die zusammengerollt auf ihrem Scho� lag, nahm Bobs Anwesenheit nur fl�chtig zur Kenntnis und schlief dann weiter.</p><p>�Du hast also heute �rger im B�ro gehabt?� erkundigte sich Dagny.</p><p>Bob w�nschte sich, ihren Gesichtsausdruck zu erkennen, aber auf der Veranda war es zu dunkel.</p><p>�Ich glaube, du bist tats�chlich eine Hexe�, murmelte er.</p><p>Dagny lachte.</p><p>�Es gibt Dinge, die man wei�, ohne eine Hexe zu sein. Manchmal gen�gt es schon, Ehefrau zu sein.�</p><p>Bob machte seinem Herzen Luft. Dagny h�rte sich die ganze Geschichte schweigend an.</p><p>�So sieht�s aus�, schlo� er. �Thornton ist zur Jupiterbeobachtung auf Hawaii, w�hrend ich hier seine ganze Arbeit mache!�</p><p>�Ist das wirklich so schlimm?�</p><p>�Schlimm? Das ist eine Schande!�</p><p>�Warum sprichst du nicht selbst mit Doktor Thornton? Vielleicht l��t er mit sich reden.�</p><p>�Mit einem Kerl wie Thornton kann man nicht vern�nftig reden.�</p><p>�Ist er so ein Ungeheuer?�</p><p>�Nein. In mancher Beziehung ist er gar nicht �bel. Nur unmenschlich, das ist alles.�</p><p>�Ausgeschlossen!� protestierte Dagny.</p><p>�Freilich, er hat auch menschliche Z�ge. Soviel ich geh�rt habe, trinkt er manchmal ein bi�chen zuviel.� Bob starrte in sein leeres Glas.</p><p>Dagny schwieg nachdenklich.</p><p>�Hast du dir schon einmal �berlegt, da� dein Doktor Thornton vielleicht gar nicht so ist, wie er wirkt?� fragte sie nach einigen Minuten. �Seine Herrschsucht dient vielleicht nur dazu, etwas anderes zu tarnen. Ich glaube, da� er im Grunde seines Wesens sehr unsicher ist.�</p><p>Bob zuckte mit den Schultern. Ihm war l�ngst etwas anderes eingefallen.</p><p>�H�r zu, du bist doch eine Hexe, nicht wahr?� fragte er.</p><p>Dagny gab keine Antwort.</p><p>�Und du hast doch noch Thorntons Bild?�</p><p>Sie machte eine vage Handbewegung. �Irgendwo.�</p><p>�Worauf wartest du dann noch?� fragte Bob. �Komm, ich m�chte sehen, was an der Hexerei dran ist.�</p><p>�Was schl�gst du vor?�</p><p>�Das ist deine Sache!� rief Bob ungeduldig. �Du sollst ihn verhexen. Wei�t du keinen wirksamen Zauber?�</p><p>�Ich verstehe nicht, was du ��</p><p>�Ich hab� schon oft gelesen, wie so was funktioniert. Da ist also ein Kerl, den man nicht leiden kann. Man besorgt sich sein Bild. Man sticht eine Nadel ��</p><p>Er sprach begeistert weiter, ohne zu merken, da� seine Frau ihr Gesicht in den H�nden begrub. Gro�er Gott, jetzt hatte er�s wieder geschafft!</p><p>Bob eilte zu ihr und ergriff ihre H�nde. Dagny schluchzte � sie schluchzte wirklich! Diesmal spielte sie keine Rolle. Er f�hlte ihre Tr�nen, die auf seine H�nde tropften.</p><p>�Dagny � Liebste � Das war nur Spa�. Ehrlich! Ich dachte, du w��test, da� das nicht mein Ernst ist.�</p><p>Diese Frau in seinen Armen war nicht die Staatshexe von Kalifornien. Sie war Dagny, seine Frau, der Mensch, den er am meisten liebte.</p><p>�Du kannst ruhig mit deiner Hexerei weitermachen�, sagte er grimmig. �Wenn ich�s mir �berlege, bist du auf deinem Gebiet viel besser als ich auf meinem.�</p><p>Er k��te ihr die Tr�nen von den Wangen.</p><p>�Wei�t du, was wir tun?� rief er. �Wir verbringen meine drei Tage auf dem Berg gemeinsam. Ich lasse uns gleich ein Zimmer reservieren. Wenn ich Thorntons Arbeit tun mu�, ist es halb so schlimm, wenn du bei mir bist.�</p><p>Er sah sie besorgt an. �Einverstanden?�</p><p>Dagny nickte.</p><p>�Wunderbar!�</p><p>Dagny ging fr�h ins Bett. Bob ging in die Bibliothek, lie� sich in einen Sessel fallen und versuchte, seine aus den Fugen geratene Welt wieder zurechtzur�cken. Vielleicht noch ein Drink � nein, lieber nicht. Vielleicht ein Buch.</p><p>Er nahm eins von Dagnys B�chern �ber Zauberei aus dem Regal, bl�tterte darin herum und las den erstbesten Absatz, der ihm ins Auge fiel. Astralflug: <emphasis>Das eigenartige am Astralflug ist die Tatsache, da� er von wissenschaftlich geschulten Menschen intuitiv abgelehnt wird, obwohl zahlreiche Beweise f�r ihn sprechen. Tats�chlich w�rden die vorhandenen Beweise als �berw�ltigend gelten m�ssen,</emphasis> wenn <emphasis>dieses Ph�nomen nicht so unwahrscheinlich w�re. Allgemein l��t sich feststellen, da� �</emphasis></p><p>Wie konnte ein so intelligenter Mensch wie Dagny solchen Bl�dsinn glauben?</p><p>Sein Blick fiel auf die Sonntagsausgabe der <emphasis>Times,</emphasis> die mit Thorntons Bild nach oben auf dem Tisch lag. Quer �ber Thorntons Gesicht zeichnete sich ein eigenartig gabelf�rmiger Schatten ab.</p><p>Das kam Bob irgendwie bekannt vor. Aber warum?</p><p>Jeanettes H�nde! Dagny hatte ihm versprochen, einen anderen Platz daf�r zu suchen, und hatte Wort gehalten. Jetzt standen sie mit gespreizten Fingern neben der Tischlampe.</p><p>Bob schlug das Buch wieder auf und las an einer anderen Stelle weiter:</p><p>� <emphasis>die Handhaltung, bei der Zeige- und Mittelfinger gestreckt sind, verk�rpert Gott und den vervollkommneten Menschen, die ihren Segen spenden. Aber wie alle Kr�fte der physischen Welt kann dieser Segen auch zum Fluch werden. Wird die Hand n�mlich so gehoben, da� der Schatten der beiden Finger Kopf und H�rner der Ziege Baphhomet darstellt, ist der Person, auf die dieser Schatten f�llt, ein schreckliches Schicksal gewi�.</emphasis></p><empty-line/><p>F�r Bob war die Fahrt auf der kurvenreichen Stra�e zum Observatorium hinauf nur noch ein Teil seiner Arbeit. Der erste Blick auf die wei�en Kuppen hoch �ber ihnen jagte ihm keinen erwartungsvollen Schauer mehr �ber den R�cken. Aber da� Dagny ihn diesmal begleitete, war etwas Besonderes, denn sie kam selten mit, wenn er zum Mt. Elsinore fuhr. F�r sie war Astronomie keine Wissenschaft, sondern ein Geheimnis, obwohl sie sich durch ihr Interesse f�r Astrologie fundierte astronomische Grundkenntnisse hatte aneignen m�ssen. Sie wu�te nicht nur �ber Sterne, Planeten und Sternbilder Bescheid, sondern verstand auch Fachausdr�cke wie Stundenwinkel, siderische Zeit, Dekliniation oder Spektraltyp.</p><p>Die Au�entemperatur nahm rasch ab, je h�her sie kamen. In 1500 Meter H�he erschienen die ersten Nebelstreifen, und bei 2000 Meter war der Nebel so dicht geworden, da� Bob nur noch Schrittempo fahren konnte.</p><p>Dagny war begeistert. Hier im Nebel schienen sie von der realen Welt isoliert zu sein. Einmal sahen sie ein wei�es Eichh�rnchen auf einem Ast am Stra�enrand sitzen.</p><p>Nach dem Mittagessen im Berghotel erkl�rte Bob seiner Frau, er m�sse jetzt ins Observatorium, wo seine Kollegen, die f�r diese Beobachtungsperiode eingeteilt waren, sich aufhielten. Auch die Techniker und Assistenten, die st�ndig hier arbeiteten, wohnten im Observatorium.</p><p>�Warum gehst du �berhaupt hin?� fragte Dagny, w�hrend sie auspackte. �Der Nebel ist so dicht, da� man vom Fenster aus kaum unseren Wagen sieht.�</p><p>�Das ist eine Frage des Prinzips�, erkl�rte Bob und zog sich um, weil er im Observatorium lieber bequeme alte Sachen anhatte. �Astronomen treffen ihre Vorbereitungen unabh�ngig vom Wetter. Der Nebel k�nnte in einer Viertelstunde aufrei�en. Wo w�re ich dann, wenn ich nichts vorbereitet h�tte?�</p><p>�Peinlich�, murmelte Dagny.</p><p>Bob lachte, als ihm etwas einfiel.</p><p>�Ich wei� noch, wie ich zur Beobachtung einer Sonnenfinsternis in Neuguinea war�, sagte er. �Damals war ich allerdings noch Student. Am Morgen des entscheidenden Tages war die Wolkendecke so dicht, da� nicht einmal die Sonne zu sehen war. Ich h�tte am liebsten zusammengepackt. Der Expeditionsleiter aber hat uns angefahren, wir sollten gef�lligst weitermachen. Wir haben uns also an den ausgearbeiteten Zeitplan gehalten � und wenige Minuten vor Eintritt der totalen Sonnenfinsternis ist die Wolkendecke wie durch ein Wunder aufgerissen. Damit war das ganze Beobachtungsprogramm gerettet.�</p><p>Bob machte eine Pause. Als Dagny sich nicht dazu �u�erte, ging er verlegen zur T�r.</p><p>Dagny runzelte die Stirn, w�hrend sie die auf dem Bett verstreuten Toilettenartikel und Kleidungsst�cke betrachtete.</p><p>�Ich hab� die Zahncreme vergessen!� rief sie.</p><p>Bob f�hlte sich gedem�tigt und herabgesetzt, wenn er daran dachte, da� er an Thorntons Programm mitarbeiten sollte. Aber sobald er eingewilligt hatte, spielten die Personen der Beteiligten keine Rolle mehr. Bob nahm sich vor, die Beobachtungen so gut wie irgend m�glich durchzuf�hren � genau wie ein Chirurg, der einen Feind so gut wie einen Freund operierte. Sollte das Wetter jedoch die Beobachtungen verhindern, war das nicht seine Schuld.</p><p>Bei Sonnenuntergang l�ste sich der Nebel auf, und der Abendhimmel wurde kristallklar. Bob wartete noch eine Weile, bevor er seinen Nachtassistenten im Observatorium anrief und ihn anwies, die Kuppel des gro�en Spiegelteleskops zu �ffnen. Aber er hatte kaum die halbe Meile zum Observatorium zur�ckgelegt, als wieder Nebel aufstieg. Und so ging es die ganze Nacht weiter: Nebel, klarer Himmel, wieder Nebel, es gelang ihm keine einzige gut belichtete Aufnahme. Im Morgengrauen kam er m�der und frustrierter ins Hotel zur�ck, als wenn er die ganze Nacht angestrengt gearbeitet h�tte.</p><p>Er schlich sich so leise wie m�glich ins Zimmer, um Dagny nicht zu wecken. Seit Mitternacht hatte er sich auf den Augenblick gefreut, in dem er in seiner H�lfte des Doppelbetts unter die Decke kriechen und die Sterne vergessen konnte. Aber wie schon so oft nach anstrengenden Beobachtungsn�chten war er in dem Moment hellwach, in dem sein Kopf das Kissen ber�hrte. Manchmal kam er sich geradezu schizophren vor: Sein waches Ich lag neben dem anderen, das friedlich tr�umte. Schlie�lich verfiel er doch in unruhigen Schlaf, aus dem er gegen Mittag erwachte. Dagny war fort, und die Landschaft sah so trostlos aus wie zuvor.</p><p>Dagny kam zur�ck, als er sich rasierte. Sie war munter und fr�hlich und brachte Tannenduft von drau�en mit.</p><p>Sie hatte unten am Empfang Ansichtskarten gekauft.</p><p>�Lauter Tierfotos�, sagte sie und breitete die Karten aus. �F�chse, Rehe, Eichh�rnchen � und Blumen.�</p><p>�Ja, das sehe ich.�</p><p>�War�s schlimm heute nacht?�</p><p>Bob nickte.</p><p>�Eine schreckliche Nacht. �berhaupt kein Gl�ck.�</p><p>Die zweite Nacht war eine Wiederholung der ersten. Bob setzte ein entsprechend tr�bseliges Gesicht auf und bedauerte seine Kollegen, die an den anderen Teleskopen arbeiten wollten. Aber in Wirklichkeit mu�te er sich beherrschen, um nicht lauthals zu lachen. Noch eine Nacht dieser Art, dann war Thorntons Auftrag erledigt, und er selbst konnte mit reinem Gewissen abfahren. Au�erdem schlief er in dieser Nacht gut und war beim Essen bester Laune. (Fr�hst�ck f�r Bob; Mittagessen f�r Dagny.)</p><p>Nach dem Abendessen am 31. rief er im Observatorium an. �Wir bleiben bis zwei Uhr auf�, erkl�rte er seinem Nachtassistenten. �Wenn es dann nicht besser aussieht, machen wir f�r diese Nacht Schlu�.�</p><p>Dagny und er setzten sich vor den alten Fernseher, den die Hoteldirektion ihnen ins Zimmer gestellt hatte. Zu ihrem Entz�cken entdeckten sie in einem Programm einen alten Film aus ihrer Flitterwochenzeit. Sie hielten bald H�ndchen und wechselten wehm�tige Blicke. Selbst die Werbespots waren ihnen willkommen, weil sie Bob Gelegenheit gaben, nach dem Wetter zu sehen. Zu seinem Vergn�gen sah er sich jedesmal einer Nebelwand vor dem Fenster konfrontiert.</p><p>Nach dem Happy-End gegen elf Uhr fand er die Welt jedoch verwandelt: Die Lichter im Tal waren bis zum Horizont sichtbar, und �ber ihnen die Sternbilder Schwan und Leier.</p><p>�Jupiter�, fl�sterte Dagny und starrte den riesigen gelben Stern im Osten ehrf�rchtig an.</p><p>�Richtig�, stimmte Bob zu, �Jupiter steht im Steinbock. Er ist aufgegangen.�</p><p>�Was Doktor Thornton jetzt wohl in Hawaii tut?�</p><p>�Wahrscheinlich nicht viel. Die Sternbedeckung tritt erst ein, wenn es hier schon hell ist.�</p><p>Dann verschwanden die Lichter im Tal pl�tzlich. Auch Jupiter war nicht mehr zu sehen. Innerhalb weniger Sekunden war die Welt wieder so grau und undurchsichtig wie zuvor.</p><p>Bob sah auf die Uhr. Noch drei Stunden, dann war er wieder frei. Er mixte sich einen Drink; Dagny blieb bei Tomatensaft. Als Bob ihr das Glas brachte, zog sie ihn zu sich herab und k��te ihn.</p><p>Eine sch�ne Nacht, dachte Bob, als er Dagny lachend zum Bett trug. Ob Nebel oder nicht �</p><p>Bob wachte m�hsam auf und k�mpfte sich durch eine z�he Masse voran, die ihn festhalten wollte. Irgendwo klingelte etwas.</p><p>Er bildete sich zun�chst ein, das schrille Klingeln geh�re zu einem Traum, dann begriff er, worum es sich handelte: das Telefon.</p><p>Er tastete nach dem Telefonh�rer.</p><p>�Soll ich aufmachen, Doktor Archer?� fragte der Nachtassistent des 250-Zoll-Teleskops.</p><p>�Ich dachte, wir h�tten wieder Nebel.�</p><p>�Der ist seit mehr als einer Stunde weg.�</p><p>�Gut, fangen Sie bitte mit der Einstellung an. Ich bin gleich dr�ben.�</p><p>Das war eine leichte �bertreibung. Bob hatte nicht damit gerechnet, sich in aller Eile anziehen zu m�ssen, und seine Kleidungsst�cke waren im ganzen Zimmer verstreut. Au�erdem mu�te er leise sein, weil er Dagny nicht wecken wollte. Ihr Haar bedeckte fast ihr ganzes Gesicht, so da� Bob nur das Profil auf dem Kissen sah. Wie still sie dalag! Ihre langen dunklen Wimpern so unbeweglich wie die einer Puppe. Die Bettdecke hob und senkte sich nicht im geringsten, als ob Dagny �berhaupt nicht atmete.</p><p>Er beschlo� zu Fu� zu gehen, anstatt mit dem Auto zu fahren. Ihr alter Wagen war ohnehin viel zu laut. Und auf dem Fu�weg zum Observatorium brauchte er bestimmt nicht viel l�nger.</p><p>Aber er hatte nicht mit der d�nnen H�henluft gerechnet. Bis er die Kuppel erreichte und die lange Treppe zum Kontrollpult hinter sich brachte, keuchte er und rang nach Atem. Er hing �ber dem Eisengel�nder, von dem das Spiegelteleskop umgeben war, und kam sich wie ein Boxer vor, der groggy in den Seilen h�ngt.</p><p>Die Kuppel war offen, aber das Teleskop stand wie �blich senkrecht.</p><p>�Warum haben Sie�s nicht eingestellt?� fragte Bob, als er wieder sprechen konnte.</p><p>Der Nachtassistent klopfte seine Pfeife aus. �Ich hatte die Position nicht.�</p><p>�Ich habe sie hier auf den Schreibtisch gelegt!�</p><p>�Tut mir leid, ich habe sie nirgends gesehen.�</p><p>Dann folgten aufregende zehn Minuten, in denen sie den ganzen Schreibtisch, den Fu�boden um den Schreibtisch herum, die Schubladen, das Beobachtungsbuch und dann auch noch die Dunkelkammer und das WC durchsuchten. Aber die wichtigen Informationen, ohne die man den winzigen Lichtpunkt weit au�erhalb der Wahrnehmungsf�higkeit des menschlichen Auges nicht anvisieren konnte, blieben verschwunden. Das lie� nur einen Schlu� zu: Bei seinem hastigen Aufbruch hatte Bob die Einstellung und die Identifikationskarte im Hotelzimmer liegenlassen.</p><p>Was sollten sie tun?</p><p>Mindestens eine Stunde w�rde vergehen, wenn er die Unterlagen aus dem Hotel holen, das Spiegelteleskop einstellen und die Aufnahme beginnen wollte � vielleicht sogar l�nger, weil er das betreffende Sternfeld nicht kannte und sein Objekt unter Umst�nden nicht sofort w�rde identifizieren k�nnen. Im Juli wird es fr�h hell. Er konnte nat�rlich anrufen und Dagny bitten, ihm die Werte durchzugeben, aber die Position des Sternfeldes war praktisch wertlos, solange die dazugeh�rige Identifikationskarte fehlte. Das gesuchte Objekt konnte irgendeiner von einem Dutzend Sterne sein.</p><p>Bob suchte eben zum drittenmal seine Taschen durch, als er die Eisent�r am Fu� der Treppe ins Schlo� fallen h�rte. Einen Augenblick lang herrschte Stille, dann kamen langsame Schritte die Treppe herauf. Er und der Nachtassistent wechselten einen fragenden Blick.</p><p>�Jemand von den beiden anderen Teleskopen?� fragte Bob.</p><p>Der Assistent sch�ttelte nachdr�cklich den Kopf. �Bestimmt nicht. Die haben schon Schlu� gemacht.�</p><p>�Es mu� aber jemand von hier sein. Wer h�tte sonst einen Schl�ssel?�</p><p>�Keine Ahnung�, murmelte der Assistent. �Aber das wird sich gleich herausstellen.�</p><p>Er schaltete die Kuppelbeleuchtung aus, so da� nur noch die Instrumente schwachr�tlich leuchteten. Bob h�rte ihn die eiserne Wendeltreppe bis zum Absatz auf halber H�he hinuntereilen. Dort waren halblaute Stimmen zu h�ren, dann entfernten sich Schritte treppab, w�hrend der Assistent zur�ckkehrte. Er gab Bob einen Umschlag.</p><p>�Sind das die Unterlagen, die Sie brauchen?�</p><p>Bob warf einen Blick in den Umschlag.</p><p>�Alles da!� rief er. �Aber wer ��</p><p>�Keine Ahnung. Eine blonde Dame hat ihn mir gegeben.�</p><p>Das mu� Dagny gewesen sein. Sie war vermutlich aufgewacht, hatte den Umschlag auf der Kommode gesehen, Bobs Notlage erkannt und war mit dem Auto her�bergekommen. Sie wu�te, da� im Handschuhfach ein Schl�ssel zur Kuppel lag.</p><p>Bob warf einen Blick auf die Standuhr. Fast 23 Uhr. Sie w�rden rasch arbeiten m�ssen.</p><p>�Gut, hier ist sie also�, erkl�rte er dem Assistenten und gab ihm die genaue Position.</p><p>�Stephans Quintett, was?� fragte der andere.</p><p>�Stephans Quintett? � Nein! Unser Objekt liegt viel weiter n�rdlich im Pegasus.�</p><p>�Die Koordinaten sehen aber wie die von Stephans Quintett aus�, stellte der Assistent fest. �Ich habe sie schon oft genug eingestellt.�</p><p>Bob runzelte die Stirn, w�hrend er die Zahlen auf dem Papierstreifen betrachtete. �Das ist doch Thorntons Schrift, oder?�</p><p>Der Assistent bl�tterte im Beobachtungsbuch.</p><p>�Das wird sich gleich herausstellen.�</p><p>Er zeigte auf eine von Thornton abgezeichnete Eintragung.</p><p>�Ja, das ist seine Schrift�, sagte er. �Die Zahlen sind typisch f�r ihn � die geschlossene Vier schreibt nur er. Alle anderen lassen sie oben offen.�</p><p>�Ich habe die Einstellung direkt von MacGuire bekommen�, erkl�rte ihm Bob, �und MacGuire hatte sie direkt von Thornton. Folglich bleibt uns nichts anderes �brig, als Stephans Quintett einzustellen.�</p><p>Danach kamen sie schnell voran. Wenige Minuten sp�ter verglich Bob die Sterne im Blickfeld des Spiegelteleskops mit denen auf seinem Negativabzug. Zum Gl�ck war das Objekt leicht zu identifizieren. Er man�vrierte das Abbild in den Spektrografen, suchte sich einen Leitstern und schaffte kurz vor Tagesanbruch noch zwei Aufnahmen.</p><p>�Fertig!� rief Bob dem Assistenten triumphierend zu. �Sie k�nnen zumachen und nach Hause gehen!�</p><p>Bob blieb in der Dunkelkammer, um die Platten zu entwickeln und zu trocknen. Auf diese Weise waren sie gegen Mittag trocken, so da� Dagny und er gleich nach dem Mittagessen zur�ckfahren konnten. Ein Blick auf die dunklen Streifen auf den Gl�sern zeigte ihm, da� er Belichtung und Tiefensch�rfe genau richtig eingestellt hatte.</p><empty-line/><p>Bob setzte Dagny zu Hause ab, zog sich um und fuhr ins B�ro.</p><p>�Ich komme bestimmt erst sp�t nach Hause�, erkl�rte er ihr. �Ich will mir diese Aufnahmen genau ansehen.�</p><p>Es war gut, da� er Dagny gewarnt hatte, denn er kam erst zur�ck, als es schon dunkel wurde. Nach der K�hle auf Mt. Elsinore kam ihm das Tal wie ein Backofen vor. Bobs Hemd war v�llig durchgeschwitzt. Dagny, die ein leichtes Kleid im Empirestil trug, wirkte k�hl und heiter wie eine antike G�ttin.</p><p>Sie sa�en einige Minuten schweigend auf der Veranda. Bob trank einen Scotch mit Soda, Dagny blieb wie �blich bei Tomatensaft.</p><p>Bob sprach als erster.</p><p>�In den vergangenen drei Tagen ist eine Menge passiert�, sagte er.</p><p>�So?� fragte Dagny und streichelte Margaritas seidiges Fell.</p><p>�Hast du schon von Thornton geh�rt?�</p><p>Dagny sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Thornton hat die Bedeckung nicht beobachten k�nnen.�</p><p>�Nein? War der Himmel �ber Hawaii auch bew�lkt?�</p><p>�Thornton ist tot.�</p><p>Dagny streichelte Margaritas Fell.</p><p>�Tot? � Aber wie ��</p><p>Bob z�gerte.</p><p>�Das steht noch nicht fest. Thornton scheint eine kleine Pause in der Bibliothek des Observatoriums gemacht zu haben. Seine Vorbereitungen waren jedenfalls abgeschlossen, und er hatte noch ein paar Stunden Zeit. Der Nachtassistent glaubt, Stimmen geh�rt zu haben � dann ist ein Schu� gefallen. Er ist sofort in die Bibliothek geeilt. Thornton war tot. Neben ihm lag ein Revolver.�</p><p>Bob w�nschte sich, er k�nnte Dagnys Gesicht sehen, aber dazu war es schon zu dunkel.</p><p>�Thornton ist offensichtlich nicht allein gewesen�, fuhr Bob fort. �Auf dem Tisch standen zwei Gl�ser. An beiden wurden Fingerabdr�cke gefunden. Die am ersten Glas stammten von Thornton. Am zweiten waren ebenfalls Abdr�cke von Fingern festzustellen.�</p><p>�Diese Fingerabdr�cke � sind sie identifiziert worden?� erkundigte sich Dagny.</p><p>Bob sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich habe nicht <emphasis>Fingerabdr�cke</emphasis> gesagt. Ich habe <emphasis>Abdr�cke von Fingern</emphasis> gesagt. Keine typischen Schleifen, glatte Abdr�cke, kein Muster.�</p><p>�Wahrscheinlich Handschuhe.�</p><p>�Die Polizei ist anderer Meinung. Anscheinend l��t sich das �berpr�fen. Im Augenblick wei� die Polizei noch nicht, was sie davon halten soll. Es kann fast alles sein: Unfall � Selbstmord � Mord.�</p><p>�Ich glaube, da� er Selbstmord begangen hat�, sagte Dagny. �Erinnerst du dich daran, da� ich dir erkl�rt habe, Thornton sei im Grunde seines Wesens unsicher?�</p><p>�Richtig, das hast du getan.�</p><p>Es folgte eine l�ngere Pause.</p><p>�Vielleicht ist ihm dadurch einiges erspart geblieben�, meinte Bob schlie�lich. �Die Aufnahmen, die ich gemacht habe, waren � nun, recht merkw�rdig. MacGuire und ich sind uns in diesem Punkt einig. Sie haben Thorntons Theorie mit ziemlicher Sicherheit widerlegt. Wahrscheinlich hat er irgend etwas in dieser Richtung vermutet. Jedenfalls h�tte er die Goldmedaille der K�niglichen Astronomischen Gesellschaft nicht mehr annehmen k�nnen, wenn er diese Aufnahmen gesehen h�tte. Sie �ndern unsere ganze bisherige Vorstellung vom Universum.�</p><p>Dagny sah zu den Sternen auf. �F�r mich sehen sie noch immer gleich aus.�</p><p>Bob wischte die sichtbaren Sterne mit einer ver�chtlichen Handbewegung beiseite.</p><p>�Ach, die dort oben z�hlen doch gar nicht! Ich spreche von weiter entfernten Objekten. Von dem nicht mehr sichtbaren Universum.�</p><p>�Welches nicht mehr sichtbare Universum meinst du?� fragte Dagny. �Zeit und Raum � f�r mich existieren sie nicht ��</p><p>Sie lachte.</p><p>�Die Hexen fr�herer Zeiten!� fuhr sie fort. �Ihre F�higkeiten waren sehr beschr�nkt, wei�t du. Medea � sie war kaum imstande, das �g�ische Meer zu �berwinden. Aber Dagnys Macht erstreckt sich bis zum entferntesten Stern! Sie reicht bis zu den Grenzen des Alls!�</p><empty-line/><p>Bob blieb bis lange nach Mitternacht in der Bibliothek sitzen. Die Ereignisse der vergangenen 24 Stunden hatten ihn nerv�s gemacht. Er fand keine Ruhe.</p><p>Wieder griff er nach Dagnys Buch �ber Zauberei und bl�tterte darin herum.</p><p><emphasis>Es w�re ein Irrtum, zu glauben, da� Hexen unweigerlich alt und h��lich sein m��ten. Viele sind sch�ne junge Frauen; die meisten von ihnen sind verheiratet. Um das Haus heimlich verlassen zu k�nnen, verzaubern sie ihre Ehem�nner und verhindern eine zuf�llige Entdeckung mit Hilfe eines Surrogats.</emphasis></p><p>�Surrogat�, murmelte Bob vor sich hin. Da war das Wort wieder. Er schlug hinten bei den Worterkl�rungen nach.</p><p>Surrogat: <emphasis>Im gew�hnlichen Sprachgebrauch ein Ersatzmittel oder Behelf, aber auch ein Agent oder Stellvertreter, der f�r jemanden auftritt. In der Zauberei ein Phantombild, das zur�ckgelassen wird, um andere zu t�uschen.</emphasis></p><p>Die <emphasis>Times</emphasis> mit Thorntons Bild nach oben lag noch immer auf dem Schreibtisch. Aber es hatte sich etwas ver�ndert. Wo waren die Schatten von Jeanettes Zeige- und Ringfinger, die �ber das Bild gefallen waren? Jeanettes H�nde mit den glatten, samtweichen Fingern � ohne Muster �. Fort � fort? �</p><p>Bob sp�rte, wie Angst in ihm aufstieg, eine unbestimmte Angst, die sich bisher unter einer d�nnen Schicht wissenschaftlicher �berzeugung und Gewi�heit verborgen hatte.</p><p>Aber jetzt drang sie unaufhaltsam an die Oberfl�che.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Die Geschichte vom schl�frigen Tal </strong>von Washington Irving</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Washington Irving (1783-1859) gilt als Vater der amerikanischen Literatur und als Begr�nder der amerikanischen Short-Story. Sein �Skizzenbuch� (1819/20) machte den in Nordamerika schon bekannten Schriftsteller auch in Europa ber�hmt. In der folgenden Geschichte daraus gestaltet er in seiner humoristisch-hintergr�ndigen Manier eine alte amerikanische Volkssage.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Im Inneren einer der ger�umigen Buchten, die sich am �stlichen Ufer des Hudson gebildet haben, an jener Stelle, da sich der Flu� verbreitert, liegt ein kleiner l�ndlicher Hafen, der Greensburgh, aber auch Tarry Town genannt wird. Diesen Namen erhielt der Ort in fr�heren Zeiten, weil es die M�nner an Markttagen nicht lassen konnten, sich st�ndig in den Schenken herumzutreiben. Nicht weit von diesem Dorf entfernt liegt ein kleines Tal zwischen hohen Bergen, das einer der stillsten Orte der ganzen Welt zu sein scheint. Ein kleiner Bach flie�t hindurch, und das Wasser gibt ein einschl�ferndes Glucksen von sich. Ab und zu h�rt man den Ruf einer Wachtel oder das Picken eines Spechts, und dies sind beinahe die einzigen Laute, die diese eint�nige Stille unterbrechen.</p><p>Die Ruhe des Ortes und der seltsame Charakter seiner Bewohner, die von holl�ndischen Einwanderern abstammen, haben dieser abgelegenen Gegend den Namen �das schl�frige Tal� eingetragen. Ein schl�friges, tr�umerisches Wesen scheint auf dem ganzen Land zu liegen.</p><p>Einige Leute behaupten, der Ort sei von einem deutschen Doktor in den fr�hen Tagen der Kolonien behext worden, andere meinen, ein indianischer H�uptling habe dort Geisterbeschw�rungen abgehalten. Jedenfalls ist es auch heute noch immer nicht recht geheuer in diesem Tal, und die Menschen, die dort wohnen, scheinen best�ndig im Traum umherzugehen. Sie glauben an Wunder und Erscheinungen, h�ren Musik und Geisterstimmen in der Luft, und der ganze Landstrich ist voller zwielichtigem Aberglauben, und man sagt, die Nachtmahr mit ihren neun Kindern zeige sich dort besonders gern.</p><p>Der wichtigste Geist aber, der hier umgeht, und dem gewisserma�en alle anderen Spukwesen Untertan sind, ist ein Reiter ohne Kopf. Man h�lt ihn f�r das Gespenst eines hessischen Kavalleristen, dem eine Kanonenkugel in irgendeiner Schlacht des Revolutionskrieges den Sch�del zertr�mmert hat. Man sieht ihn von Zeit zu Zeit, wie er rasch wie der Wind durch die Dunkelheit davonreitet. Er l��t sich nicht nur im Tal sehen, sondern taucht auch auf der nahegelegenen Landstra�e auf und erscheint auch bei einer bestimmten Kirche, auf deren Friedhof nach glaubhaften Angaben der Leichnam des Reiters beerdigt wurde. Und es geht die Rede, das Gespenst reite des Nachts zum Schlachtfeld, um dort seinen Kopf zu suchen. Die Bewohner aber nennen es �den kopflosen Reiter aus dem schl�frigen Tal�.</p><p>In dieser spukhaften Gegend wohnte nun vor Zeiten ein Mann mit Namen Ichabod Crane, der es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, die Kinder jenes Landstrichs zu unterrichten. Dieser Schullehrer war gro� und sehr d�rr, hatte lange Arme und Beine, und seine H�nde ragten unf�rmig weit aus den �rmeln seiner Jacke hervor. Seine F��e h�tten als Schaufeln dienen k�nnen, und seine ganze Gestalt sah schlotternd und wie aus den Fugen geraten aus. Wenn man ihn an einem windigen Tag vom Abhang eines Berges herabsteigen sah und seine Kleider um ihn wehten und flatterten, h�tte man ihn f�r das Gespenst der Hungersnot halten k�nnen, das auf die Erde steigt, oder f�r eine aus dem Kornfeld entlaufene Vogelscheuche.</p><p>Als Lehrer war er nachsichtig und milde, und da es den Bewohnern dieser Gegend schwerfiel, sich �berhaupt einen Schulmeister zu leisten, machte er sich bei den P�chtern nebenher noch bei der Feldarbeit n�tzlich, half beim Heumachen, flickte Z�une, ritt die Pferde zur Tr�nke, trieb das Vieh von der Weide heim und spaltete Holz f�r den Winter. Auch stellte man ihn gelegentlich als Kinderm�dchen an, was ihm viel von der gebieterischen W�rde nahm, die sonst solchen Personen anhaftet. Zudem war er auch der Gesangslehrer in diesem Landstrich, und seine Stimme war am Sonntag im Kirchenchor aus einer Anzahl sch�ner Stimmen deutlich herauszuh�ren.</p><p>So schlug sich dieser edle P�dagoge mit H�ngen und W�rgen durch, und alle, die von den M�hen geistiger Arbeit nichts wu�ten, waren der Ansicht, er f�hre doch ein wunderbares bequemes Leben. Da er bei seinen mannigfaltigen Besch�ftigungen viel herumkam, wurde er zu einer Art wandelnder Zeitung, die den Dorfklatsch von Haus zu Haus trug. Au�erdem war er bei den Weibern wie bei den M�nnern hoch angesehen, hatte er doch mehrere B�cher ganz durchgelesen und kannte er sich doch in Cotton Mathers Geschichte der neuenglischen Zauberei gut aus.</p><p>Er liebte es, sich selbst das Gruseln einzureden. Sah er in der Nacht einen Leuchtk�fer, so hielt er ihn f�r eine verzauberte Seele, erblickte er einen besonders gro�en K�fer, der wild mit den Fl�geln um sich schlug, so war es f�r Ichabod klar, da� der arme Kerl von einer Hexe besprochen worden sei. All solche Wahrnehmungen geno� er halb �ngstlich, halb mit freudiger Erregung dar�ber, dem Unheimlichen nahe zu sein.</p><p>Schauerliches Vergn�gen bereitete es ihm auch, an langen Winterabenden bei den alten Holl�nderfrauen in den Spinnstuben zu sitzen und ihre seltsamen Erz�hlungen von Gespenstern und Kobolden, von verhexten Feldern, B�chen und H�usern und besonders von dem kopflosen Reiter anzuh�ren.</p><p>Dagegen wu�te er sie mit Anekdoten von Hexerei, von schrecklichen Zeichen und seltsamen Erscheinungen und T�nen in der Luft zu unterhalten und jagte ihnen Schrecken ein, indem er ihnen von Kometen und Sternschnuppen berichtete und sie mit der Tatsache vertraut machte, da� sich die Welt ganz und gar drehe und sie alle die H�lfte ihrer Zeit auf dem Kopf st�nden.</p><p>Aber wie angenehm dies auch war, wenn man in einer warmen Stube, in die sich kein Gespenst hereinwagte, davon berichtete � es gab den Heimweg. Da lagerten furchtbare Gestalten und Schatten am Wegrand. Mit argw�hnischem Blick sah er auf jeden zitternden Lichtstrahl, der aus irgendeinem fernen Fenster auf die weiten Felder fiel. Ein verschneiter Strauch barg gewi� ein Unget�m. Und fuhr ein Windsto� heulend durch den Wald, so sah er sich zu wilder Verzweiflung getrieben, denn er war sich fast sicher, da� das Ger�usch von dem Reiter ohne Kopf herr�hrte, der wieder einmal nach dem Schlachtfeld unterwegs war, um seinen Sch�del zu suchen.</p><p>All dies war jedoch nur dem b�sen Geist der Finsternis zuzuschreiben, der sich in der Nacht bewegt und die Phantome losl��t. Und wenn er auch schon manch Gespenst gesehen hatte und oft auf seinen Wanderungen vom Satan heimgesucht worden war, so vermochte er sich doch im tiefsten Schrecken immer damit zu tr�sten, da� dies alles bei Tagesanbruch ein Ende habe. So w�re der gute Mann trotz der n�chtlichen Erscheinungen des Satans und seines Gefolges gl�cklich und zufrieden gewesen, w�re nicht sein Weg von einem Wesen gekreuzt worden, das den Sterblichen mehr Kummer und Verdru� bereiten kann, als alle Gespenster, Kobolde und das ganze Hexenvolk zusammen, n�mlich � ein M�dchen.</p><p>Unter den Gesangssch�lern, die sich an einem Abend der Woche versammelten, um Unterricht in Psalmensingen zu nehmen, befand sich eine gewisse Katharina van Tassel, die Tochter und das einzige Kind eines wohlhabenden holl�ndischen P�chters.</p><p>Sie war sch�n, rundlich wie ein Rebhuhn und reif, weich und rotwangig wie einer von den Pfirsichen ihres Vaters. Da aber ihr Vater einer der reichsten P�chter weit und breit war, wurde sie nicht nur wegen ihrer �u�eren Reize, sondern auch wegen ihrer gro�en Mitgift von den Burschen der Gegend umschw�rmt. In dieses M�dchen also verliebte sich der Schulmeister Ichabod, und auch bei ihm spielte die Aussicht, auf diesem Umweg den pr�chtigen Besitz ihres Vaters zu erben, keine geringe Rolle.</p><p>Er mu�te jedoch feststellen, da� er au�er einer Anzahl von Schw�rmern, die sich wenig Hoffnung auf die Gunst des M�dchens machen konnten, sehr wohl einen ernstzunehmenden Rivalen besa�, dessen Art und Wesen es eben bewirkt hatten, da� die anderen Burschen mehr oder minder freiwillig zur�ckgetreten waren und dem M�dchen nur noch aus der Ferne sch�ne Augen machten. Der Bursche hie� Abraham, wurde aber Brom van Brunt genannt, und das ganze Land sprach von seinen Taten. Er war breitschultrig und sehnig, trug kurzes krauses schwarzes Haar und hatte ein grobes, aber nicht unsch�nes Gesicht, in dem sich Schalk und Hochmut mischten. Wegen seiner herkulischen Taten und seiner gro�en Kraft hatte er den Spottnamen Brom Bones, das hei�t �Knochen-Brom�, erhalten. Er war ein guter Reiter, und mit drei oder vier lustigen Kumpanen, die ihn als Vorbild betrachteten, ritt er oft bei kaltem Wetter in einer Pelzm�tze mit langem Fuchsschwanz �ber Land. Zuweilen h�rte man dann seine Schar um Mitternacht mit gro�em Geschrei und Hussa wie ein Trupp Kosaken an den H�usern vorbeisprengen. Die alten Frauen fuhren im Schlaf hoch und murmelten: Das ist wieder Brom Bones mit seiner Bande. Bei allen tollen Streichen und bei jeder Schl�gerei war er dabei und hatte sich so �berall bekannt gemacht.</p><p>Dieser tapfere Held hatte seit einiger Zeit die sch�ne Katharina zum Gegenstand seiner recht plumpen Z�rtlichkeiten ausersehen, die, wenngleich sie etwas von den Tapsigkeiten eines B�ren hatten, wie man sich erz�hlte, auf das M�dchen nicht ganz ohne Eindruck geblieben waren. Bones begann nun, Ichabod allerlei Streiche zu spielen. Mit seiner Reiterschar erschien er bei der Singschule und verstopfte die Schornsteine, so da� der arme Schulmeister schon vermutete, Hexen seien am Werk. Auch lie� Brom keine Gelegenheit verstreichen, Ichabod in Gegenwart des M�dchens l�cherlich zu machen. Er besa� einen Hund, den er zum Jaulen und Winseln abrichtete, um ihn dann in die Singschule einzuschmuggeln, wo er Ichabods Ges�nge in schaurigster Weise parodierte.</p><p>So ging die Sache eine Zeitlang hin, ohne da� es zwischen den beiden Rivalen zu einer Entscheidung gekommen w�re, bis Ichabod an einem sch�nen Herbstnachmittag in seinem Schulhaus den Besuch eines Negers empfing, der ihm eine Einladung zu einem Festessen �berbrachte, das noch am selben Abend im Hause des Mynheer van Tassel stattfinden sollte. Ehe sich Ichabod noch nach n�heren Einzelheiten erkundigen konnte, war der Bote auch schon wieder verschwunden, angetrieben von der Wichtigkeit und Eile seiner Mission. Der Lehrer gab seinen Sch�lern frei und machte sich dann mit besonderer Sorgfalt an die Toilette. Er zog seinen verschossenen schwarzen Anzug an, borgte sich von seinem Nachbarn dessen Pferd �Gunpowder�, was Schie�pulver bedeutet, und schwang sich schlie�lich, angetan mit einem wehenden schwarzen Mantel, dessen Sch��e fast bis zum Schweif des Tieres flatterten, auf die recht magere M�hre und ritt davon.</p><p>Es wurde Abend, bis Ichabod das Geh�ft des Mynheer van Tassel erreichte. Dort waren die wohlhabenden P�chter der Nachbarschaft versammelt, aber auch Brom Bones war mit seinem Lieblingspferd �Gefahrenteufel� herbeigeritten, ein Tier voller Feuer und Teufeleien wie er selbst, das nur er regieren konnte. Man speiste feist und �ppig, wie das bei den Holl�ndern Brauch ist. Danach tanzte man, und dabei tat sich Ichabod recht hervor, wenngleich er in seinem alten Anzug eine ziemlich l�cherliche Figur abgab. Doch davon merkte er nichts, hielt er doch die sch�ne Katharina in den Armen und durfte sie nach Herzenslust im Kreis herumschwenken, w�hrend sein Rivale Brom Bones, von wilder Eifersucht gequ�lt, abseits in der Ecke sa� und mit b�sem Gesicht vor sich hinbr�tete.</p><p>Als der Tanz zu Ende war, setzte sich der Schulmeister zu einer Gruppe vern�nftigerer Leute, die mit dem alten van Tassel auf der Veranda sa�en, �ber alte Zeiten redeten und lange Geschichten aus dem Krieg zum besten gaben. Schlie�lich kamen auch Geister- und Spukgeschichten zur Sprache. Von Leichenz�gen, Trauergeschrei und den Klagen der Nachtalben wurde erz�hlt, die man im schl�frigen Tal vernommen haben wollte. Man sprach auch von einer wei�en Frau, die am Rabenfelsen in eben diesem Tal umginge und die man oft in Wintern�chten vor einem Sturm wehklagen h�ren k�nne, denn sie war dort im Schnee umgekommen. Die meisten Geschichten kreisten jedoch um das Lieblingsgespenst des schl�frigen Tales, den kopflosen Reiter, von dem man erst k�rzlich des �fteren geh�rt hatte, er ziehe wieder durch die Gegend und binde bei Nacht sein Pferd an den Gr�bern des Friedhofes an.</p><p>Der Friedhof liegt an einer Kirche, und dieser Platz scheint schon immer ein Lieblingsort unseliger Geister gewesen zu sein. Die Kirche steht auf einem H�gel, von Akazien und hohen Ulmen umgeben, und dazwischen schimmern ihre wei�get�nchten Mauern hervor. Ein Abhang f�hrt von hier zu einer Wasserfl�che, die von gro�en B�umen umstanden ist, und zwischen ihnen hindurch kann man die blauen H�gel des Hudson sehen. Wenn man den mit hohem Gras bewachsenen Kirchhof betrachtet, so sollte man glauben, da� wenigstens hier die Toten ruhig schlummern. Auf der anderen Seite der Kirche aber zieht sich ein gro�es waldiges Tal hin, durch das zwischen Felsen und umgest�rzten Baumst�mmen ein Bach tost. �ber eine tiefe schwarze Stelle f�hrt eine Holzbr�cke. Der Weg zu ihr hin und die Br�cke selbst sind von �berh�ngenden Weiden dicht beschattet. Dies war der Lieblingsaufenthalt des kopflosen Reiters, und der Ort, wo man ihn am h�ufigsten treffen konnte. Die Geschichte vom alten Bouwer, einem Mann, der selbst hartn�ckig die Existenz von Geistern bestritt, wurde erz�hlt: wie er dem Reiter begegnete, als dieser von einem Streifzug ins schl�frige Tal zur�ckkehrte, wie er gezwungen wurde, sich hinter ihm aufzusetzen, wie sie �ber Stock und Stein, �ber H�gel und durch Morast galoppiert seien, bis sie an die Br�cke kamen, wo sich der Reiter pl�tzlich in ein Gerippe verwandelte, den alten Bouwer in den Bach warf und unter Donnerschlag �ber die Baumwipfel davonritt.</p><p>Hier aber mischte sich Brom Bones ein. Er meinte, der galoppierende Hesse sei ein durchtriebener Gauner, und behauptete, der mittern�chtliche Reiter habe ihn �berrascht, als er aus dem benachbarten Dorf Sing-Sing zur�ckkehrte, er habe ihm vorgeschlagen, mit ihm um die Wette zu reiten. Ein Glas Punsch f�r den, der gewinnen wird! Er, Brom, habe dann gewonnen und auf �Gefahrenteufel� das Geisterpferd weit hinter sich gelassen, als sie aber an die Kirchenbr�cke gekommen seien, w�re der Reiter ohne Kopf davongeritten und in einer Feuerflamme verschwunden.</p><p>All diese Geschichten, vorgetragen in einem murmelnden, ged�mpften Tonfall, dazu im Dunkeln, das nur vom Aufglimmen einer Pfeife ein wenig erhellt wurde, pr�gten sich bei Ichabod tief ein, und auch er selbst steuerte nun zu der Unterhaltung noch einige unheimliche Begebenheiten bei.</p><p>Die Gesellschaft brach nun langsam auf. Einer nach dem anderen fuhr mit seinem Wagen ab. Die jungen M�dchen stiegen zu den Burschen aufs Pferd und lie�en sich von ihnen heimbringen. Nur Ichabod z�gerte noch, denn er wollte mit Katharina ein Gespr�ch unter vier Augen f�hren. Dazu kam es auch, aber wie diese Unterhaltung vonstatten ging, davon wei� der Verfasser dieses Berichts nichts zu sagen, denn er war nicht dabei. Sicher ist, da� Ichabod traurig und niedergeschlagen den Schauplatz des Festes verlie�. Wahrscheinlich war ihm klargeworden, da� das M�dchen ihn den ganzen Abend nur beg�nstigt hatte, um ihren anderen Verehrer aufzustacheln.</p><p>Die Geisterstunde hatte begonnen, als sich Ichabod auf seinem Klepper auf den Heimweg machte. Die Stunde war so tr�b wie sein Sinn. Weit unten lag die neblige Wasserfl�che des Tappan Zee, ab und zu sah er den Mast eines Bootes, das am Ufer �ber Nacht festgemacht hatte. Auch das Bellen eines Kettenhundes klang von Zeit zu Zeit durch die n�chtliche Stille. Kein Anzeichen von Leben zeigte sich in der unmittelbaren N�he seines Weges, es sei denn man wollte das schwerm�tige Zirpen der Grillen oder das Quaken eines Frosches aus einem nahen Morast daf�r nehmen.</p><p>Alle Geistergeschichten kamen Ichabod bei seinem Ritt wieder in den Sinn, und er bekam Angst. Die Nacht wurde dunkler und dunkler. Die Sterne schienen immer tiefer zu fallen. Nie hatte er sich so verlassen und ungl�cklich gef�hlt. Und nun n�herte er sich einer Gegend, in der gleich mehrere Gespenstergeschichten sich zugetragen hatten. An dem gro�en Tulpenbaum, der allgemein Major Andres Baum genannt wurde, glaubte er etwas Wei�es zu erkennen, das in der Mitte des Stammes hing. Als er genauer hinschaute, sah er, da� es ein Fleck war, an dem der Blitz die Rinde versengt hatte. Doch nun vernahm er ein St�hnen. Seine Z�hne klapperten, aber das Ger�usch r�hrte nur von zwei �sten her, die sich aneinander rieben.</p><p>Ungef�hr zweihundert Meter hinter dem Baum kreuzte ein kleiner Bach den Weg und flo� in ein sumpfiges, dicht bewachsenes Tal, das man �Wileys Moor� nannte. Auch hier sollte es Gespenster geben.</p><p>Sein Herz begann zu klopfen. Er nahm allen Mut zusammen, gab dem Pferd ein halbes Dutzend Fu�tritte und versuchte rasch �ber die Br�cke zu kommen. Aber statt vorw�rts zu laufen, machte das widerspenstige Vieh eine Bewegung nach der Seite und rannte gegen das Gel�nder. Diese Verz�gerung lie� Ichabods Angst wachsen; er ri� die Z�gel nach der anderen Seite und stie� das Tier mit dem Fu�; alles war vergebens; der Gaul ging zwar vorw�rts, aber er geriet nun am Ufer auf der anderen Seite des Weges in ein Brombeer- und Holundergestr�uch.</p><p>Eben in diesem Augenblick h�rten Ichabods feine Ohren im Morast an der Br�cke Schritte. Im dunklen Schatten des W�ldchens dort erblickte er etwas Riesiges, Unf�rmiges, das schwarz aufragte. Es bewegte sich nicht, sondern schien im Dunkeln hinzukauern wie ein riesiges Ungeheuer, das einem Reisenden an die Kehle fahren will. Die Haare str�ubten sich dem erschreckten Schulmeister. Er fa�te sein letztes Quentlein Mut zusammen und fragte stotternd: �Wer bist du?� Er erhielt keine Antwort und wiederholte die Frage mit zitternder Stimme. Noch immer kam keine Antwort. Und wieder drosch er auf sein Pferd ein, schlo� die Augen und begann eine Psalmenmelodie zu summen. In diesem Moment setzte sich der dunkle Gegenstand in Bewegung und stand pl�tzlich mitten auf dem Weg. Obwohl es sehr dunkel war, konnte man nun die Gestalt des Unbekannten einigerma�en erkennen. Er schien ein Reiter von gewaltiger Gr��e auf einem schwarzen Ro� von riesigem Wuchs. Er machte keine Anstalten, ihn zu bel�stigen oder sich zu n�hern, sondern blieb in einiger Entfernung auf der Wegseite stehen. Ichabod, der der Erz�hlung Brom Bones vom kopflosen Reiter gedachte, trieb jetzt sein Pferd an, in der Hoffnung, die Erscheinung hinter sich zu lassen. Aber auch der Fremde trabte an, und wie immer Ichabod ritt, schnell oder langsam, der Fremde blieb bei ihm. Der Schulmeister war von Entsetzen gel�hmt, als er bemerkte, da� der Kopf des Fremden, der auf der Schulter h�tte sitzen sollen, auf dem Sattelknopf lag. Sein Entsetzen steigerte sich zur Verzweiflung, er lie� einen Hagel von Schl�gen auf sein armes Pferd niedergehen, das auch tats�chlich nun sehr rasch lief � aber das Gespenst sprengte so schnell dahin wie er. So jagte er durch dick und d�nn davon. Steine flogen auf, Funken stoben. Ichabods d�nnes Gewand flatterte.</p><p>Sie kamen nun in das schl�frige Tal, und da bemerkte Ichabod, da� sich sein Sattel, oder vielmehr der Sattel seines Nachbarn Hans van Ripper, den ihm jener mit dem Pferd geborgt hatte, zu lockern begann. Er versuchte das Ding festzuhalten, aber es war unm�glich, denn das reitende Gespenst war ihm immer noch dicht auf den Fersen, und er hatte alle M�he, seinen Klepper anzuspornen. So fiel der Sattel zur Erde.</p><p>Eine Lichtung im Wald erweckte bei Ichabod neue Hoffnung. Die Kirchenbr�cke konnte nun nicht mehr fern sein. Er sah tats�chlich nun auch die Mauern der Kirche zwischen den B�umen und erinnerte sich daran, da� Brom Bones geisterhafter Rivale an dieser Stelle verschwunden war. Wenn ich nur diese Br�cke erreiche, dachte Ichabod, dann bin ich in Sicherheit. Aber gerade jetzt h�rte er das schwarze Pferd hinter sich schnauben, er glaubte schon, dessen hei�en Atem zu sp�ren. Noch ein Fu�tritt in die Rippen seines Kleppers, und dieser sprang auf die dr�hnenden Bretter der Br�cke und erreichte das andere Ufer.</p><p>Von dort aus warf Ichabod einen Blick zur�ck, um zu sehen, ob sein Verfolger tats�chlich in einer Wolke von Feuer und Schwefel verschwinde. Dem war aber nicht so. Das Gespenst erhob sich vielmehr in den Steigb�geln und schleuderte seinen Kopf Ichabod nach.</p><p>Der Sch�del traf mit einem ungeheuren Krach den Schulmeister an der Stirn, w�hrend der gespenstige Reiter wie ein Wirbelsturm davonpreschte. Am n�chsten Morgen wurde das alte Pferd ohne Sattel vor der T�r seines Herrn gefunden. Von Ichabod fehlte jede Spur. Doch entdeckte man an der Br�cke den Hut des Verschwundenen und dicht daneben einen zertr�mmerten K�rbis.</p><p>Als Ichabod auch in den n�chsten Tagen nicht wieder auftauchte, gaben die Vorf�lle dieser Nacht zu allerlei Geschw�tz Anla�. Die alten Weiber behaupteten, er sei von dem galoppierenden Hessen entf�hrt worden. Brom Bones, der kurze Zeit nach Verschwinden seines Nebenbuhlers die bl�hende Katharina im Triumph zum Altar f�hrte, setzte immer eine schalkhafte Miene auf, wenn Ichabods Geschichte erz�hlt wurde, und wenn von dem K�rbis die Rede war, den man an der Br�cke gefunden, brach er stets in schallendes Gel�chter aus, und hieraus wollen einige schlie�en, da� er von der ganzen Angelegenheit mehr wu�te, als er zu sagen f�r gut befand.</p><p>Die alten Weiber im Dorf, die in solchen Dingen immer die besten Richter sind, behaupten jedoch bis auf den heutigen Tag, da� Ichabod auf �bernat�rliche Weise verschwunden sei, und es ist eine Lieblingsgeschichte, die in der Gegend h�ufig erz�hlt wird. Die Br�cke fl��t mehr denn je abergl�ubische Furcht ein. Das verlassene Schulhaus zerfiel bald, und man sagt, der Geist des ungl�cklichen Schulmeisters gehe dort um. Bauernknechte, die an stillen Sommerabenden nach Hause schlendern, meinen oft, eine Stimme in der Ferne zu h�ren, die in der verschwiegenen Einsamkeit des schl�frigen Tales eine schwerm�tige Psalmenmelodie singt.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Das Seegespenst </strong>von Jonas Lie</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Jonas Lie (1833-1908) war zuerst Seekadett, studierte dann in Christiana und entschied sich f�r die Beamtenlaufbahn. Er lebte eine Zeitlang in Italien und sp�ter aufgrund politischer Schwierigkeiten in Deutschland, wo seine Gesellschaftsromane gr��ere Beachtung fanden als in Lies norwegischer Heimat. In seiner Fr�hzeit und im Alter zeigte Lie ein besonderes Interesse f�r die Spuk- und D�monengeschichten seiner Heimat. In den b�rgerlichen Realismus seiner Romane dringen immer wieder Elemente surrealer Phantastik ein, wie in der maritimen Erz�hlung �Das Seegespenst�, die sich in Lies Roman �Der Hellseher� findet. Neben Bj�rnson und Ibsen z�hlt Lie zu den Wegbereitern der modernen norwegischen Literatur.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Auf dem Kvalholm da unten auf Helgeland wohnte ein armer Fischer namens Elias mit seiner Frau Karen, die fr�her bei dem Pastor in Alstadhaug gedient hatte. Sie hatten sich dort eine H�tte gebaut, und der Mann machte nun gegen Tagelohn die Lofotenfischerei mit.</p><p>Auf dem einsamen Kvalholm war es nicht ganz geheuer. Wenn der Mann fort war, h�rte die Frau mancherlei unheimlichen L�rm und Geschrei, das nicht von etwas Gutem herr�hren konnte.</p><p>Eines Tages, als sie auf die Hochebene gestiegen war und Gras zum Winterfutter f�r ihre Schafe m�hte, h�rte sie es sogar deutlich da unter dem Berge am Strande sprechen, aber sie wagte nicht nachzusehen, was es war.</p><p>Jedes Jahr wurde ihnen ein Kind geboren, aber sie waren beide arbeitsam und flei�ig. Als sieben Jahre vergangen waren, befanden sich sechs Kinder in der Stube; aber um diese Zeit hatte sich der Mann auch so viel zusammengespart, da� er glaubte, er k�nnte sich nun selbst ein sechsrudriges Boot kaufen, um dann auf eigene Hand auf die Fischerei auszusegeln.</p><p>Eines Tages, als er mit einer Flunderpike in der Hand einherging und hier�ber nachgr�belte, stie� er hinter einem Felsenvorsprung am Strande unvermutet auf einen ungeheuren Seehund, der dalag und sich sonnte und Elias wohl ebensowenig erwartet hatte wie dieser ihn. Elias jedoch bedachte sich nicht lange; er stie� ihm die lange schwere Pike gerade in den R�cken, dicht unter dem Genick.</p><p>Aber gab es da ein Wesen! Der Seehund erhob sich mit einemmal auf dem Schw�nze gerade empor in die H�he, so hoch wie ein Bootsmast, und sah ihn dabei mit ein paar blutunterlaufenen Augen so boshaft und giftig an, w�hrend er ihm grinsend die Z�hne zeigte, da� Elias vor Schreck beinahe den Verstand verloren h�tte. Dann fuhr der Seehund mit einemmal hinunter ins Wasser, so da� der Schaum hinter ihm ganz rot von Blut war. Mehr sah Elias von dem Tier nicht; aber an der Landungsstelle in der Bucht, wo sein Haus stand, kam an demselben Nachmittag die Flunderstange mit abgebrochener Eisenspitze ans Land getrieben.</p><p>Elias dachte jedoch nicht weiter hieran. Er kaufte sich im Herbst ein sechsrudriges Boot, f�r welches er bereits im Sommer einen kleinen Schuppen gebaut hatte.</p><p>Eines Nachts, als er noch wach lag und an seinen Sechsruderer dachte, fiel es ihm ein, da� er, um das Boot ordentlich zu verwahren, vielleicht noch eine kleine Klammer zum St�tzen an jeder Seite einsetzen sollte. Er war so unvern�nftig froh �ber das Boot, da� es ihm ein wahres Vergn�gen war, aufzustehen und es mit der Laterne in der Hand zu besichtigen.</p><p>Wie er nun da stand und das Boot beleuchtete, glaubte er pl�tzlich, in einer Ecke auf dem Netzhaken ein Gesicht zu bemerken, das ganz dem des Seehundes glich. Es grinste ihn und die Laterne eine Weile boshaft an, der Rachen wurde gleichsam gr��er und immer gr��er, und schlie�lich fuhr ein gro�er Mann zur T�r hinaus, jedoch nicht so schnell, da� Elias bei dem Schein der Laterne nicht deutlich gesehen, wie eine lange Eisenspitze ihm aus dem R�cken hervorstand. Nun begann er doch das eine und das andere zu begreifen. Aber selbst jetzt war er mehr um das Boot als um sein Leben besorgt, und er setzte sich mit der Laterne in der Hand in das Boot und hielt Wache. Als seine Frau am folgenden Morgen hereinkam, fand sie ihn im Boote schlafend, mit der ausgebrannten Laterne neben sich.</p><p>Als er eines Morgens im Januar mit zwei M�nnern im Boot auf den Fischfang auszog, h�rte er in der Dunkelheit eine Stimme, die von einer Schare, gerade an der Ausfahrt der Bucht, h�hnisch lachend sagte: �Wenn du ein gro�es Boot bekommst, so nimm dich in acht, Elias!�</p><p>Es dauerte jedoch viele Jahre, bevor Elias es zu einem gro�en Boote brachte, und sein �ltester Sohn Bernt war da bereits siebzehn Jahre alt. In demselben Herbst reiste Elias mit seiner ganzen Familie im Boot nach Ranen, um den Sechsruderer zugleich mit dem Aufgeld gegen ein gro�es Boot zu vertauschen. Zu Hause blieb nur ein soeben konfirmiertes Lappenm�dchen zur�ck, das Elias vor einigen Jahren zu sich genommen hatte.</p><p>In Ranen war nun wirklich ein Boot zu haben, ein kleineres Gro�boot, um das es ihm gerade zu tun war und welches der beste Bootsbauer just in diesem Herbst fertigbekommen und geteert hatte. Elias wu�te sehr wohl, wie ein Boot beschaffen sein mu�te, und er glaubte, niemals eines gesehen zu haben, das so vorz�glich unter der Wasserlinie gebaut war wie dieses. �ber dem Wasser dagegen sah es wenigstens f�r einen weniger Erfahrenen etwas grob und gar nicht besonders sch�n aus.</p><p>Der Baumeister sah dies alles ebensogut wie Elias. Er sagte, nach seiner Ansicht w�rde er der schnellste Segler werden, der je in Ranen gebaut worden sei; aber Elias sollte es trotzdem f�r billiges Geld haben, wenn er nur eines versprechen wollte, n�mlich keine �nderung am Boote vorzunehmen, nicht einmal einen Nagel in die geteerten Steven zu schlagen. Erst als Elias ausdr�cklich dieses Versprechen gegeben, bekam er das Boot.</p><p>Aber der Mann, der den Baumeister diese Form unter der Wasserlinie gelehrt hatte � �ber dem Wasser mu�te er arbeiten, wie er es selbst konnte, und das wurde oft schlecht genug �, war wahrscheinlich dort gewesen und hatte ihm befohlen, das Boot so billig zu verkaufen, da� Elias es erwerben k�nnte, und ihm zugleich eingesch�rft, im voraus die Bedingung zu machen, da� es nicht gezeichnet werden d�rfe. Auf diese Weise konnten nicht, wie es gebr�uchlich war, am Vorder- und Hintersteven Kreuze angebracht werden.</p><p>Elias gedachte nun wieder nach Hause zu segeln, aber erst ging er nach dem Handelsplatz und versorgte sich und die Seinen mit Weihnachtsvorrat, darunter auch eine Branntweinkruke. Sehr froh und zufrieden �ber den Handel, nahmen er sowohl wie seine Frau an diesem Tage vielleicht einen Schluck �ber den Durst, und auch Bernt, der Sohn, durfte ein wenig davon kosten.</p><p>Dann segelten sie in dem neuen Boote nach Hause. Anderer Ballast als Elias selbst nebst Frau und Kindern und dem Weihnachtsvorrat befand sich nicht im Boote. Der Sohn Bernt sa� vorn, die Frau, unterst�tzt von dem Zweit�ltesten Sohn, hielt die Segel, und Elias selbst sa� am Ruder, w�hrend die beiden j�ngeren zw�lf und vierzehn Jahre alten Br�der sich beim Wassersch�pfen abl�sen sollten.</p><p>Sie hatten acht Seemeilen zu segeln, und als sie auf die See hinauskamen, zeigte es sich, da� sie das Boot gleich dies erstemal w�rden auf die Probe stellen m�ssen. Nach und nach steigerte sich der Wind zu einem Sturm, und die Schaumk�mme der schweren Wogen begannen sich aneinander zu brechen.</p><p>Jetzt sah Elias, was f�r ein Boot er hatte; es durchschnitt die Wellen wie ein Seevogel, ohne da� auch nur ein Tropfen ins Boot kam, und er meinte, da� er nicht ein ganzes Reff beizusetzen brauche, was auf einem gew�hnlichen Gro�boot bei solchem Wetter notwendig gewesen w�re.</p><p>Sp�ter am Tage bemerkte er nicht weit von sich auf der See ein anderes Gro�boot mit voller Besatzung und viermal gerefften Segeln. Es hatte denselben Kurs, und er fand es etwas seltsam, da� er es nicht fr�her gesehen. Es schien, als wolle es mit ihm um die Wette segeln, und als er das merkte, konnte er es nicht unterlassen, sein Segel wieder aufzusetzen.</p><p>Jetzt ging es mit rasender Schnelligkeit an Landzungen, Werdern und Sch�ren vor�ber, so da� es Elias schien, als sei er noch nie zuvor auf einer so pr�chtigen Segelfahrt gewesen, und nun zeigte es sich auch, da� das Boot wirklich das beste in Nordland war.</p><p>Das Meer ging indes immer h�her, und sie hatten bereits mehrere ordentliche Sturzwellen bekommen. Sie brausten vorn am Halse, wo Bernt sa�, herein und flossen in der N�he des Hinterverdecks wieder in die See hinaus.</p><p>Als es dunkel geworden, war das andere Boot ganz in ihre N�he gekommen, so da� sie sich einander etwas h�tten zuwerfen k�nnen.</p><p>So ging die Fahrt Seite an Seite auf der immer gef�hrlicher werdenden See in die Nacht hinein. Es h�tte nun eigentlich wieder gerefft werden m�ssen, aber Elias wollte sich bei dem Wettfahren nicht gern f�r besiegt erkl�ren und gedachte damit so lange wie m�glich zu warten � bis die anderen es taten, wo es vielleicht ebenso notwendig war. Immer �fter ging nun die Branntweinkruke herum, da sie jetzt sowohl der K�lte wie der N�sse zu widerstehen hatten.</p><p>Das �Meerleuchten�, das auf den schwarzen Wogen neben Elias� Boot spielte, strahlte eigent�mlich stark auf dem Schaumrande um das andere Boot, das gleichsam durch feurige Sturzwellen dahinsegelte. Bei dem hellen Phosphorschein vermochte er sogar die Taue am Boote zu unterscheiden. Er konnte auch deutlich die Leute an Bord sehen, mit ihren S�dwestern auf dem Kopf; aber als ihre Luvseite zun�chst lag, kehrten sie ihm alle den R�cken zu und wurden zudem fast g�nzlich von dem hohen Rande des Bootes verdeckt.</p><p>Pl�tzlich schlug eine schreckliche Sturzwelle, deren wei�en Kamm Elias schon von weitem durch die Dunkelheit erblickt hatte, ins Boot, wo Bernt sa�. Sie hielt gleichsam das ganze Boot einen Augenblick auf; die Planken erbebten und zitterten unter ihrem Druck, und dann str�mte sie hinten �ber die Leeseite wieder hinaus, als das Boot, welches eine Weile halb gekentert dalag, sich wieder erhob und von neuem dahinscho�. W�hrend dies geschah, schien es Elias, als ob von dem andern Boot her schrecklich geschrien w�rde. Aber als es vor�ber war, rief die Frau, die hinten am Segel sa�, mit einer Stimme, die ihm ins Herz schnitt:� Herr mein Gott, Elias, die Welle hat Martha und Nils mit sich genommen!� Das waren ihre zwei j�ngsten Kinder, das erstere neun, das andere sieben Jahre alt. Sie hatten neben Bernt gesessen. Elias antwortete nur: �La� das Segel nicht los, sonst wirst du noch mehr verlieren!�</p><p>Es galt nun das viertemal zu reffen, und als das geschehen war, fand Elias, da� er sogar zum f�nften Male reffen m��te, denn der Sturm ward immer �rger; aber um anderseits die immer schwereren Sturzwellen umsegeln zu k�nnen, durfte er das Segel nicht weiter einziehen, als durchaus notwendig war. Es kam jedoch so, da� sie das Segel mehr und mehr einziehen mu�ten. Die See peitschte ihnen ins Gesicht, und Bernt und der n�chst�lteste Bruder Anton, der bisher der Mutter am Segel geholfen, mu�ten sich schlie�lich an der Rah halten � ein Ausweg, zu dem man seine Zuflucht nimmt, wenn das Boot nicht einmal das f�nfmal gereffte Segel mehr vertr�gt.</p><p>Das benachbarte Boot, das eine Weile nicht sichtbar gewesen, tauchte pl�tzlich neben Elias� Boot wieder auf, mit ganz derselben Takelage wie dieses; aber die Mannschaft dort an Bord wollte ihm jetzt nicht recht gefallen. Die beiden, welche die Rah hielten und deren bleiche Gesichter er unter den S�dwestern erblickte, schienen ihm bei der seltsamen Beleuchtung der Schaumwoge mehr Gespenstern als Menschen zu gleichen; auch sprachen sie kein einziges Wort.</p><p>Eine Strecke entfernt erblickte er jetzt wieder auf dem Wasser den hohen Kamm einer Sturzwelle, welche sich durch die Finsternis n�herte, und er bereitete sich beizeiten darauf vor, sie zu empfangen. Das Boot wurde mit dem Steven direkt auf die Welle gelegt und das Segel so gro� wie m�glich gef�hrt, um Schnelligkeit genug zu gewinnen, da� er die Welle durchschneiden und wieder aus ihr heraussegeln k�nnte. Herein brauste die Sturzwelle, tosend wie ein Wasserfall; wieder lagen sie einen Augenblick halb gekentert; aber als die Gefahr vor�ber war, sa� die Frau nicht mehr am Segel, und auch Anton stand nicht mehr da und hielt die Rah � sie waren beide �ber Bord gegangen.</p><p>Auch diesmal schien es Elias, als h�rte er denselben unheimlichen Ruf in der Luft. Aber dazwischen h�rte er deutlich seine Frau angstvoll seinen Namen rufen. Als er begriff, da� sie �ber Bord gesp�lt war, sagte er nur: �In Jesu Namen!� und schwieg dann. Es war ihm so zumute, da� er ihr am liebsten gefolgt w�re, aber er f�hlte zugleich, da� es nun galt, den Rest der Last zu bergen, die er noch an Bord hatte, n�mlich Bernt und seine zwei anderen S�hne, der eine zw�lf, der andere vierzehn Jahre alt, die nun im Hintersteven hinter ihm Platz erhalten hatten.</p><p>Bernt mu�te allein auf die Rah achten; er und der Vater mu�ten sich so gut helfen, wie es gehen wollte. Das Steuerruder wagte Elias nicht loszulassen, und er hielt es mit eiserner Hand fest � sie war jedoch l�ngst vor Anstrengung gef�hllos geworden.</p><p>Eine Weile darauf tauchte das andere Boot wieder auf; es war, wie das erstemal, eine Zeitlang nicht zu sehen gewesen. Nun sah Elias auch mehr von dem gro�en Mann, der auf demselben Platz wie er selbst im Hintersteven sa�. Aus seinem R�cken unterhalb des S�dwesters stand, als er sich umwandte, ganz richtig eine lange Eisenpike, die Elias wiederzuerkennen glaubte. Dadurch ward ihm zweierlei klar: Erstens, da� es niemand anders war als das Seegespenst selbst, das sein Halbboot dicht neben ihm lenkte und ihn ins Verderben gef�hrt, und zweitens, da� es so bestimmt war, da� er in dieser Nacht seine letzte Fahrt machte. Denn der, welcher das Seegespenst auf dem Meere erblickt, ist verloren. Er sagte nichts zu seinen S�hnen, um ihnen nicht den Mut zu rauben; aber in der Stille empfahl er Gott seine Seele. Seit einigen Stunden hatte er den Kurs �ndern m�ssen, um dem Sturm auszuweichen; zugleich entstand nun ein Schneegest�ber, und so sah er ein, da� er auf die Landung warten m��te, bis der Tag graute. Die Fahrt ging indes wie bisher. Von Zeit zu Zeit klagten die Knaben im Hintersteven, da� sie fr�ren, aber dagegen war ja bei der N�sse nichts zu machen, und Elias war zudem mit ganz anderen Gedanken besch�ftigt. Es hatte ihn ein so hei�es Verlangen ergriffen, sich zu r�chen, und er w�rde es auch getan haben, wenn er nicht das Leben seiner drei �brigen Kinder zu verantworten gehabt h�tte. Dann w�rde er durch eine pl�tzliche Wendung versucht haben, das verfluchte Boot in den Grund zu segeln, das noch immer wie zum Hohn sich neben ihm hielt und dessen b�se Absicht er nur allzu klar durchschaute. Konnte die Flunderpike fr�her das Gespenst treffen, so lie� sich auch wohl jetzt mit einem Messer oder einem eisernen Fischhaken dasselbe erreichen, und er f�hlte, er w�rde gern sein Leben hingegeben haben, um den ordentlich zu treffen, der ihm so unbarmherzig das Liebste auf Erden genommen und wohl noch mehr haben wollte.</p><p>Als es zwischen drei und vier Uhr nachts war, erblickte Elias wieder in der Dunkelheit eine Schaumbrechung von solcher H�he, da� er anfangs glaubte, es sei eine Brandung in der N�he des Landes. Er erkannte jedoch bald, was es war, n�mlich eine ungeheure Woge. Da glaubte er deutlich zu h�ren, wie es in dem anderen Boote lachte, und er vernahm die Worte: �Nun steure dein Gro�boot, Elias!� Dieser, der das Ungl�ck voraussah, sagte jetzt laut: �Nun, in Jesu Namen!�, bat dann seine S�hne, sich mit aller Macht an den Ruderpfl�cken festzuhalten, wenn das Boot untertauchte, und nicht eher loszulassen, als bis sie wieder �ber Wasser w�ren. Er lie� den �ltern vorn zu Bernt gehen, er selbst behielt den j�ngsten dicht neben sich, strich ihm heimlich mehrmals die Wange und vergewisserte sich, ob er sich recht festhielt. Das Boot wurde buchst�blich unter der Schaumwelle begraben, erhob sich jedoch nach und nach mit dem Vordersteven und ging dann unter. Als es mit dem Kiel nach oben wieder an die Oberfl�che stieg, lagen Elias, Bernt und der zw�lfj�hrige Martin neben dem Boot und hielten sich an dem Weidenbande fest; aber der dritte Bruder fehlte.</p><p>Nun galt es zun�chst, die Tauw�nde an der Seite zu durchschneiden, so da� der Mast an der andern Seite neben dem Boot schwimmen k�nnte, statt gewaltsam unter demselben zu arbeiten, und dann auf den Kiel zu gelangen, um den Zapfen aus dem Schl�sselloch zu entfernen und die Luft, die das Boot jetzt zu hoch im Wasser hielt, herauszulassen, damit es still liegen k�nnte. Nach gro�en Anstrengungen gl�ckte dies, und Elias, der zuerst auf den Kiel gelangte, half nun auch den beiden S�hnen hinauf.</p><p>Und dort sa�en sie nun in der langen, finsteren Winternacht, mit H�nden und Knien sich krampfhaft an den Boden des Bootes festklammernd, �ber welches eine Welle nach der andern schlug.</p><p>Schon nach ein paar Stunden starb Martin, den der Vater die ganze Zeit �ber nach M�glichkeit gest�tzt hatte, vor Ermattung und glitt in die See hinunter. Mehrmals hatten sie um Hilfe gerufen, gaben es aber wieder auf, weil sie einsahen, da� es nichts n�tzen w�rde.</p><p>W�hrend die beiden nun allein auf dem umgeschlagenen Boote sa�en, sagte Elias zu Bernt: Er glaube, auch er w�rde bald �der Mutter folgen�; er habe jedoch die feste Hoffnung, Bernt w�rde gerettet werden, wenn er nur wie ein Mann aushalte. Dann erz�hlte er ihm von dem Seegespenst, das er mit der Flunderpike in den Nacken gesto�en und wie dieses sich nun an ihm ger�cht habe und wohl nicht nachgeben w�rde, bis sie quitt seien.</p><p>Gegen neun Uhr morgens, als der Tag zu grauen begann, reichte Elias Bernt, der neben ihm sa�, seine silberne Uhr mit der Messingkette, die er entzweigerissen hatte, um unter der zugekn�pften Weste die Uhr hervorzuziehen. Er blieb noch eine Weile sitzen; aber als es heller wurde, sah Bernt, da� des Vaters Antlitz totenbleich war und das Haar sich an verschiedenen Stellen geteilt hatte, wie es wohl bei einem Sterbenden zu geschehen pflegt, und durch das Festhalten am Kiel war ihm die Haut von den H�nden abgerieben. Der Sohn begriff jetzt, da� es mit dem Vater zu Ende ging, und wollte, wenn�s ihm nur eben m�glich sei, zu ihm hinr�cken, um ihn zu st�tzen; aber als Elias dies merkte, sagte er: �Halt dich nur unverzagt fest, Bernt! In Jesu Namen geh� ich nun zur Mutter!� Und damit warf er sich r�cklings von dem Boot ins Meer.</p><p>Als die See ihre Beute empfangen hatte, wurde sie, wie jeder wei�, der auf einem solchen umgest�rzten Boot gesessen, eine Weile nachher ruhiger. Es ward jetzt Bernt leichter, sich festzuhalten, und mit dem heller werdenden Tage fa�te er auch neue Hoffnung. Der Sturm legte sich, und als es ganz hell geworden, schien es ihm, als ob er die Gegend erkennte und seiner Heimat, dem Kvalholm, zutriebe.</p><p>Er begann jetzt wieder um Hilfe zu rufen, setzte aber seine meiste Hoffnung auf eine Str�mung, von der er wu�te, da� sie an einer Stelle ans Land trug, wo eine Landzunge der Insel die Wogen brach, so da� das Wasser ruhig wurde. Er trieb auch ganz richtig immer n�her und kam schlie�lich einer Sch�re so nahe, da� der Mast, der neben dem Boote schwamm, zugleich mit den Wellen an der schr�gen Klippe auf und nieder wogte. So starr seine Glieder von dem Sitzen und Festhalten auch waren, gelang es ihm jetzt doch unter gro�er Anstrengung, sich auf die Felsenklippe zu retten, auf die er den Mast hinaufzog und wo er das Gro�boot vertaute. Das Lappenm�dchen, das allein zu Hause war, hatte seit ein paar Stunden Notrufe zu vernehmen geglaubt, und da dieselben nicht aufh�rten, stieg sie auf eine Anh�he, um zu sehen, was es w�re. Da gewahrte sie Bernt auf der Klippe und sah das umgekehrte Gro�boot an derselben auf und ab wogen. Sie lief sofort hinunter, schob das alte Ruderboot ins Wasser und ruderte um die Insel herum zu ihm hinaus.</p><p>Bernt lag unter ihrer Pflege den ganzen Winter krank und ging in diesem Jahre nicht auf den Fischfang. Die Leute meinten auch, nach diesen Erlebnissen w�re er manchmal von etwas wunderlicher Art.</p><p>Auf das Meer wollte er nicht wieder hinaus � er hatte den Seeschreck bekommen. Er heiratete das Lappenm�dchen und zog hinauf nach Malangen, wo er sich ein Rodeland erwarb und wo er jetzt lebt und sich gut steht.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Die Johannisnacht</strong> von Nikolaj Gogol</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Nikolaj Gogol (1809-1852) fand mit seinen ersten literarischen Versuchen kaum Beachtung. Erst als er sich der gesellschaftssatirischen, realistischen Schilderung der russischen Provinzverh�ltnisse zuwandte, stellte sich der Erfolg ein. Sein Hauptwerk, der Roman �Die toten Seelen�, erschien 1842. Seit 1836 lebte Gogol im Ausland, meist in Rom, wo er sich immer mehr religi�sem Mystizismus und dumpfer Melancholie hingab. Heute z�hlt Gogol zu den Begr�ndern der realistischen Prosa in der russischen Literatur.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Foma Grigorjewitsch hatte eine merkw�rdige Eigent�mlichkeit: Er konnte es auf den Tod nicht leiden, ein und dieselbe Geschichte mehrmals erz�hlen zu m�ssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach und erz�hlte etwas zum zweiten Male, dann f�gte er entweder hier eine neue Wendung hinzu, oder �nderte dort etwas, so da� man die Geschichte kaum wiedererkennen konnte. Einmal hatte einer jener Herren � wir einfachen Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen sollen: Schreiber oder dergleichen, so was �hnliches wie die Makler auf unseren Jahrm�rkten; sie kramen, betteln und stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden dann jeden Monat oder gar jede Woche ein B�chelchen so dick wie eine Fibel in die Welt hinaus � einmal also hatte einer jener Herren unserem Foma Grigorjewitsch die folgende Geschichte hier abgeluchst, und er hatte das ganz vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich schon einmal sprach, und von dem ihr wohl die eine Geschichte schon gelesen habt, er kommt also, bringt ein kleines B�chelchen mit, schl�gt�s in der Mitte auf und zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war schon im Begriff, seine Nase mit der Brille zu besatteln, aber da fiel ihm ein, da� er vergessen hatte, ein St�ck Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben, und so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich nun mal leidlich aufs Lesen und brauche keine Brille, und so begann ich denn. Aber ich hatte noch keine zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand nahm und unterbrach.</p><p>�Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest?�</p><p>Ich mu� gestehen, diese Frage verbl�ffte mich ein wenig.</p><p>�Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese? Das ist doch Eure Geschichte, es sind Eure eigenen Worte!�</p><p>�Wer hat Euch das erz�hlt, da� das meine Worte sind?�</p><p>�Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht�s doch gedruckt. Erz�hlt von dem K�ster Soundso.�</p><p>�Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf gedruckt hat! Er l�gt, der Saukerl! Das soll ich gesagt haben? Das ist ja fast so, als h�tte der Satan einen Sparren! H�rt zu, die mu� ich Euch selbst erz�hlen.</p><p>Wir r�ckten am Tische zusammen und er begann.</p><p>Mein Gro�vater (Gott hab� ihn selig! M�ge er in jener Welt nur Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth zu essen bekommen!), mein Gro�vater verstand es wunderbar zu erz�hlen. Wenn der erst einmal damit anfing, so mochte man sich am liebsten den ganzen lieben Tag nicht vom Platze r�hren und nur immer zuh�ren. Und er redete nicht etwa wie einer von den heutigen Faselh�nsen; wenn so einer anf�ngt, sein Garn herunter zu spinnen, und dabei noch mit einem Maul, als h�tte er drei Tage lang nichts zu essen gekriegt, dann m�chte man am liebsten nach der M�tze greifen und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn es heute w�re � meine Mutter selig war noch am Leben �, an die langen Winterabende, wenn drau�en heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da am Spinnrocken sa�, mit der Hand den langen Faden zog, mit dem Fu� die Wiege schaukelte und ein Lied dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das L�mpchen beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd die Stube. Die Spindel surrte; und wir Kinder h�rten alle, zu einem Haufen zusammengedr�ngt, dem Gro�vater zu, der vor Alter schon �ber f�nf Jahre nicht mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner der wundersamen Berichte aus den alten Tagen von den Ritten der Saporoger, von den Polen, von den k�hnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder des Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte �ber eine alte, sonderbare Begebenheit, bei der einem ein Schauer �ber den Leib lief und das Haar sich str�ubte. Manchmal kam eine solche Angst �ber einen, da� man abends Gott wei� was f�r Ungeheuer zu sehen meinte. Hattest du mal nachts die Stube verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du sicher, es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein Bett gelegt, um zu schlafen. Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich nicht oft meinen eignen Kittel am Kopfende des Bettes f�r einen zusammengekauerten Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erz�hlungen des Gro�vaters war, da� er sein Lebtag nie gelogen hat, und wie er�s sagte, genauso war es auch.</p><p>Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch jetzt erz�hlen. Ich wei� wohl, es werden sich schon etliche Kl�glinge finden, die Gerichtsschreiber sind oder gar neumodische Schriften lesen, welche zwar keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch in die Hand dr�ckt, aber daf�r um so besser die Z�hne zu fletschen wissen. Was man denen auch erz�hlen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt f�r ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und die unbefleckte Jungfrau m�gen mir beistehen � ihr werdet�s vielleicht nicht glauben: Als ich einmal von Hexen sprach � da fand sich doch wahrhaftig so ein Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott sei Dank, ich lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen gesehen, die solche Heiden waren, da� es ihnen leichter wurde, in der Beichte zu l�gen, als unsereinem, eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer Hexe das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum � na, ich will�s gar nicht erst �ber die Zunge bringen � was soll man �ber so was noch Redens machen.</p><p>Vor vielen vielen Jahren, �s werden wohl sicher �ber hundert sein � erz�hlte mein Gro�vater selig �, war unser Dorf noch etwas ganz anderes als jetzt! Da war�s noch ein Weiler, der aller��rmste Weiler! Zehn unget�nchte und ungedeckte H�tten lagen mitten im Felde verstreut, und es gab weder einen Zaun, noch einen anst�ndigen Schuppen, in dem man Vieh oder einen Wagen h�tte unterstellen k�nnen. Und die, die so lebten, das waren noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der Br�derschaft der Habenichtse f�r ein Leben hatte, das l��t sich kaum beschreiben! Ein Loch in der Erde � das war das ganze Haus! Nur an dem Rauch konnte man merken, da� da ein Menschenkind unseres lieben Herrgotts hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten die wohl so? Armut allein war�s nicht, denn damals war fast jeder ein freier Kosak und hatte sich in fremden L�ndern nicht wenig Reicht�mer erbeutet; nein, man sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was trieben sich damals nicht allerorts f�r Menschen herum: Leute aus der Krim, Polen, Litauer usw. Oft geschah es auch, da� man von den eigenen Landsleuten geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor.</p><p>In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz pl�tzlich ein Mensch oder richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt auf. Woher er kam und zu welchem Zwecke � das wu�te niemand. Er soff, vergn�gte sich � und auf einmal war er verschwunden, wie wenn er in die Erde gesunken w�re. Dann kam er wieder, wie vom Himmel gefallen, trieb sich auf den Stra�en des Dorfes umher, von dem jetzt keine Spur mehr �brig ist, und das vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka entfernt war, sammelte die ersten besten Kosaken um sich, und dann ging ein Lachen und Singen an: Das Geld wurde nur so ausgesch�ttet, und der Schnaps rann dahin wie Wasser. Dann ging er zu den M�dchen und schenkte ihnen B�nder, Ohrringe und Perlen � in vollen Haufen! Freilich, so manches M�del wurde bedenklich bei diesen Geschenken: Wei� Gott, am Ende waren sie in der Tat durch unreine H�nde gegangen. Die leibliche Tante meines Gro�vaters, die damals auf der heutigen Landstra�e von Oposchnjani einen Ausschank hatte, in dem Bassawrjuk (so hie� dieser Teufelskerl) oft zechte, pflegte zu sagen, sie w�rde um keinen Preis in der Welt ein Geschenk von ihm annehmen. Aber wie konnte man wiederum etwas zur�ckweisen?</p><p>Jedem wurde gruselig zumute, wenn er seine borstigen Brauen runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, da� man am liebsten ausgerissen w�re; nahm man aber das Geschenk an, so konnte man schon in der n�chsten Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit H�rnern auf dem Kopfe, erwarten. Und der w�rgte einen, wenn man Perlen am Halse trug, bi� einen in den Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder ri� einer Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten hatte. Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken! Eine neue Not aber war es, sie loszuwerden. Man wirft sie ins Wasser � aber der teuflische Ring oder die Perlen schwimmen obenauf und springen einem wieder in die Hand zur�ck.</p><p>Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich recht besinne, dem heiligen Pantelej angeh�rte. Damals nun waltete in ihr ein Priester namens Vater Afanassi, seligen Angedenkens. Als er gewahrte, da� Bassawrjuk sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte er ihn ausschelten und ihm eine Kirchenbu�e auferlegen; aber sieh da, er kam kaum mit heiler Haut davon. �H�r mal, Herr!� br�llte ihn jener an. �K�mmere dich lieber um deine Gesch�fte, anstatt dich in fremde zu mischen, wenn du nicht willst, da� dir dein Ziegenhals mit einem hei�en Sterbekuchen verkleistert wird!� Was konnte man mit diesem Gottverdammten anfangen? Vater Afanassi erkl�rte nun jeden, der mit Bassawrjuk verkehren w�rde, f�r einen R�mling und f�r einen Feind der Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts. In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens Korsch einen Arbeiter, den die Leute Peter Heimatlos nannten, vielleicht deshalb, weil er weder seinen Vater noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte zwar gesagt, sie w�ren schon in seinem zweiten Lebensjahr an der Pest gestorben; aber die Tante meines Gro�vaters wollte es nicht wahrhaben und war aus aller Kraft bem�ht, ihm Eltern aufzudr�ngen, obgleich der arme Peter sich geradesoviel um diese Frage k�mmerte, wie wir um den vorj�hrigen Schnee. Sie behauptete, sein Vater befinde sich jetzt noch in der Saporoger Gegend, sei in Gefangenschaft bei den T�rken gewesen, habe Gott wei� welche Qualen erdulden m�ssen, und habe nur durch ein Wunder, als Eunuch verkleidet, Rei�aus nehmen k�nnen. Die schwarzbrauigen M�dels und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um seine Verwandtschaft. Sie �u�erten nur, wenn man ihm einen feinen Rock � etwa einen neuen Schupan � anz�ge, einen roten G�rtel umlegte, eine neue M�tze aus schwarzem Lammfell mit einer schmucken Kappe aufsetzte, ihm einen t�rkischen S�bel an die Seite schnallte und in die eine Hand einen langen Degen und in die andere eine h�bsch eingefa�te Pfeife g�be � dann w�rde er alle andern Burschen in die Tasche stecken. Aber der arme Petrusj besa� alles in allem nur einen einzigen grauen Kittel, der mehr L�cher hatte, als mancher Jude Dukaten in der Tasche. Doch das w�re noch nicht schlimm gewesen, was schlimm war, war vielmehr dies: Der alte Korsch hatte ein T�chterchen, eine Sch�nheit, wie ihr sie wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen Gro�vaters pflegte zu erz�hlen � und ihr wi�t ja, ein Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher den Teufel k�ssen, als eine andere sch�n nennen �, da� die runden B�ckchen des Kosakenm�dchens so frisch und gl�nzend waren wie die allerzarteste rote Mohnblume, die sich in Gottes Tau gebadet hat und nun aufleuchtet, ihre Bl�ttchen ausbreitet und sich vor der aufgehenden Sonne putzt. Wie schwarze Schn�rchen, die die M�dchen heutzutage bei den Hausierern in den D�rfern f�r ihre Kreuze und Schmuckdukaten kaufen, so zart schwangen sich die Brauen �ber ihren Augen, als spiegelten sie sich in ihrem klaren Kristall. Ihr M�ndchen, nach dem der ganzen jungen Welt von damals der Mund w�sserte, schien wie geschaffen f�r die Ges�nge einer Nachtigall. Ihr Haar, schwarz wie Rabenfittiche und weich wie junger Flachs (denn damals flochten es die jungen M�dchen noch nicht zu kleinen Z�pfchen, durch die sie sich jetzt h�bsche bunte B�nderchen ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten �berwurf herab. Ei, da soll mich doch Gott von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen lassen, wenn ich sie nicht auf der Stelle abk�ssen m�chte, und wenn auch der alte Wald auf meinem Sch�del schon so ziemlich grau ist und meine Alte sich mir an die Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein Bursch und ein M�del nah beieinander wohnen � ja, da wi�t ihr schon, was draus wird. Man konnte stets in aller Herrgottsfr�he den Abdruck der Stiefeleisen auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj gestanden hatte. Korsch h�tte immer noch nichts Schlimmes geahnt, aber einst � und das kam durch nichts anderes als durch die List eines Teufels �, da fiel es Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen, sozusagen von ganzer Seele einen Ku� auf die rosigen Lippen des Kosakenm�dchens zu pressen. Und dieser selbe Teufel � mag doch der Hundesohn vom heiligen Kreuz tr�umen! � ritt den alten Knasterbart, da� er gerade zu dieser Zeit die T�r �ffnete. Korsch stand da wie ein Holzklotz, sperrte den Mund auf und mu�te sich an die T�r lehnen. Der verdammte Ku� schien ihn vollkommen bet�ubt zu haben. Er kam ihm lauter vor als der Schlag eines M�rserst��els auf ein Brett, mit dem zu unserer Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver und Flinte den Festschmaus zu Ehren Johannes des T�ufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen war, nahm er seine Nagaika aus Urv�ter Zeiten von der Wand und wollte sie schon auf den R�cken des armen Peter niedersausen lassen, da erschien auf einmal Pidorkas sechsj�hriges Br�derchen Iwasj, kam erschreckt herbeigelaufen, umschlang seine Beine mit den H�ndchen und schrie: �Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht!� Was war da zu machen? Ein Vaterherz ist nicht von Stein: Er hing die Nagaika an die Wand und f�hrte ihn leise aus dem Zimmer hinaus. �Wenn du dich jemals wieder hier im Hause sehen l��t oder auch nur am Fenster, so h�re, Petrusj: Bei Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist dahin und auch deine Kosakenlocke, die du dir doppelt ums Ohr wickelst � ich will nicht Terenti Korsch sein, wenn sie nicht von deinem Sch�del Abschied nimmt!� Bei diesen Worten versetzte er ihm einen leichten Sto� in den Nacken, so da� Petrusj Hals �ber Kopf hinausflog. So weit hatten sie es mit dem K�ssen gebracht. Ein schwerer Kummer �berfiel unser T�ubchen; dazu ging noch im Dorfe das Ger�cht um, zu Korsch ins Haus k�me ein goldbeladener Pole mit Schnurrbart, S�bel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der Klingelbeutel, den unser Me�ner Taras t�glich in der Kirche umgehen l��t. Nun, man wei� ja, wozu man einen Vater besucht, der eine schwarz�ugige Tochter hat. Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren Bruder Iwasj: �Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu Petrusj, mein goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom Bogen schnellt, und erz�hl ihm alles: Ich m�chte seine grauen Augen liebkosen und sein wei�es Antlitz k�ssen, aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe ich mit meinen hei�en Tr�nen benetzt, mir ist so bang und so schwer ums Herz. Mein eigner Vater ist mir feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen in die Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit vor, doch es soll keine Musik auf unserer Hochzeit geben, und nur die K�ster werden pl�rren, statt da� Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde ich mit meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen wird man mich aus dem Hause. Dunkel und d�ster wird mein enges Haus sein � aus Ahornbrettern wird es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein Kreuz auf dem Dache stehn!�</p><p>Wie versteinert und ohne sich von der Stelle r�hren zu k�nnen, h�rte Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas Worte nachlallen. �Dacht� ich Ungl�cklicher nicht schon daran, in die Krim oder ins T�rkenland zu ziehen, mir Gold zu erbeuten und mit vielen G�tern beladen zu dir zur�ckzukehren, du meine Sch�nste? Doch es sollte nicht sein. Ein b�ser Blick hat uns getroffen. Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures Fischlein du, aber kein K�ster wird auf unserer Hochzeit singen � statt eines Popen kr�chzt mir zu H�upten ein schwarzer Rabe, das weite Feld wird mein Haus und die graue Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen hackt der Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen bleich waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen. Doch was tu ich? Wem klag� ich was vor? Gott hat�s wohl so angeordnet! Verloren ist verloren!� � Und stracks zog er in die Schenke.</p><p>Die Tante meines seligen Gro�vaters war nicht wenig erstaunt, als sie Petrusj in der Schenke sah, und dazu noch zu einer Zeit, wo ein braver Mensch zur Fr�hmesse geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie wenn sie noch im Schlafe l�ge, als er einen Krug � oder richtiger fast einen halben Eimer voll Branntwein bestellte. Allein vergebens suchte der �rmste seinen Kummer zu ertr�nken.</p><p>Der Schnaps brannte ihm auf der Zunge wie Nesseln und d�nkte ihn bitterer als Wermut. Weit von sich warf er den Krug zu Boden. Da dr�hnte es im Ba� �ber seinem Kopfe: �La� doch das Trauern, Kosak!� Er schaut auf: Es war Bassawrjuk! Uh, welche Fratze! Der hatte Haare wie ein Borstenvieh und Augen wie ein Bulle! �Ich wei�, was dir fehlt: das da!� rief er und klirrte teuflisch grinsend mit seiner ledernen Geldkatze, die ihm am G�rtel hing. Petrusj erbebte. �Hehe, wie die gl�hen!� br�llte er und sch�ttete sich die Dukaten auf die Hand. �Hehe, die klimpern! Und doch hei�t�s nur eine einzige Tat vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel!� � �Satan!� schrie da Petrusj. �Her damit! Ich bin zu allem bereit!� Beide gaben sich den Handschlag und waren einig. �Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten Zeit: Morgen ist Johannistag. Nur in dieser Nacht des Jahres treibt das Farnkraut Bl�ten. Du darfst es nicht verpassen. Ich erwarte dich um Mitternacht in der B�renschlucht.�</p><p>Ich glaube, die H�hner warten nicht so auf den Augenblick, wo ihnen die Hausfrau Krumen streut, wie Petrusj auf den Abend wartete. Immerw�hrend blickte er aus, ob die Baumschatten nicht l�nger w�rden, ob nicht die tief herabgesunkene Sonne in Purpur ergl�mme, und je l�nger er wartete, um so ungeduldiger wurde er. Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag konnte wohl kein Ende finden. � Nun ist die Sonne fort. Nur noch auf einer Seite r�tet sich der Himmel noch. Und schon erlischt er. Es wird k�lter im Felde; dunkler und dunkler wird�s, und alles liegt in n�chtlicher Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier aus der Brust springen, als er sich auf den Weg machte und mit Vorsicht durch den dichten Wald zu dem tiefen Grunde herabstieg, der B�renschlucht genannt wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so finster, da� man die Hand vor den Augen nicht sah. Hand in Hand schlichen sie durch die S�mpfe des Moors, verfingen sich im dichten Gestr�pp und strauchelten fast bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen. Auch Bassawrjuk blieb stehen.</p><p>�Siehst du: Da vor dir liegen drei H�gel. Viel mannigfache Blumen wachsen dort; doch alle M�chte der Welt m�gen dich bewahren, auch nur eine zu pfl�cken. Kaum aber erbl�ht der Farn, so greif nach ihm und blick dich nicht um, was du auch hinter dir d�nken magst.�</p><p>Petrusj wollte noch etwas fragen � aber jener war verschwunden. Er ging auf die H�gel zu: Wo waren die Blumen? Es war nichts zu sehen. Schwarz lag das wilde Steppengras da und �berwucherte alles mit seinem Gestr�pp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf, und vor ihm erschien ein ganzes Beet voll wundersamer und nie gesehener Blumen; darinnen sah er auch die einfachen Bl�tter des Farnkrautes. Voller Zweifel stemmte Petrusj beide H�nde in die H�ften und stellte sich nachdenklich vor sie hin.</p><p>�Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des Tages sehe ich solches Kraut: Was ist denn das f�r ein Mirakel? Am Ende macht sich die Teufelsfratze nur �ber mich lustig!�</p><p>Auf einmal aber gl�ht ein kleines Kn�spchen rot auf und r�hrt sich, wie wenn es lebendig w�re. Seltsam f�rwahr! R�hrt sich, wird immer gr��er und gr��er und gl�ht hei� wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet sich die Blume wie eine Flamme, loht leuchtend auf und �berstrahlt alles rings herum.</p><p>�Jetzt ist�s Zeit�, dachte Petrusj und streckte die Hand aus. Aber siehe, da strecken sich noch hundert andere zottige H�nde nach der Blume aus, und hinter ihm l�uft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er dr�ckte die Augen zu, ri� am Stengel, und die Blume blieb in seiner Hand. Alles verstummte. Da tauchte Bassawrjuk, auf einem Baumstumpf sitzend, empor: ganz bl�ulich wie eine Leiche. Er r�hrte keinen Finger, seine Augen waren starr auf etwas gerichtet, das nur ihm allein sichtbar war; sein Mund stand halb offen, aber er sprach nichts. Ringsum r�hrte sich nichts. Wie furchtbar war Petrusj zumute! � Aber nun vernahm Petrusj ein Pfeifen, da� ihm das Herz im Leibe erstarrte, und es kam ihm so vor, als ob das Gras summe, und die Blumen sich mit d�nnen Stimmchen unterhielten, die wie silberne Gl�cklein klangen. Die B�ume donnerten grollend durcheinander � Bassawrjuks Antlitz wurde auf einmal lebendig. Seine Augen funkelten. �Endlich ist sie da, die Hexe�, grunzte er durch die Z�hne. �Petrusj, schau, bald wird dir eine sch�ne Frau erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst bist du auf ewig verloren!� Er zerteilte das Dickicht mit einem Knotenstock, und vor ihnen erschien ein H�uschen, das auf H�hnerf��chen stand, wie es im M�rchen hei�t. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen, und die Wand wankte. Ein gro�er, schwarzer Hund kam winselnd herausgelaufen, verwandelte sich pl�tzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen. �Tobe nicht, w�te nicht, alte Teufelin�, rief Bassawrjuk und w�rzte seine Rede mit so einem W�rtlein, da� sich ein rechtschaffener Mensch dabei die Ohren zugestopft h�tte. Da wurde die Katze zu einem alten Weibe mit einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel, und kr�mmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn gleichen einem Nu�knacker. �Welche herrliche Sch�nheit!� dachte Petrusj, und es �berlief ihn kalt. Die Hexe ri� ihm die Blume aus der Hand, beugte sich �ber sie, fl�sterte einen langen Spruch vor sich hin und besprengte sie mit einer unbekannten Fl�ssigkeit. Funken stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat ihr auf die Lippen. �Wirf sie hin�, rief sie, indem sie ihm die Blume reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber � o Wunder: Die Blume fiel nicht gleich zur Erde, sondern leuchtete lange wie eine Feuerkugel mitten im Dunkel und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen herab, da� das Sternchen kaum mehr zu sehen war und nicht gr��er erschien, denn ein Mohnkorn. �Hier!� kr�chzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm einen Spaten hin und rief: �Grabe hier nach, Petrusj! Da wirst du so viel Gold finden, als weder du noch Korsch je getr�umt haben!�</p><p>Petrusj spie sich in die H�nde, griff den Spaten, trat mit dem Fu� darauf und w�hlte die Erde auf, einmal, noch einmal, ein drittes Mal, noch einmal � Da stie� er auf etwas Hartes! � Der Spaten klirrte und wollte nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine Augen pl�tzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene Kiste wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand erfassen, aber die Kiste begann immer tiefer und tiefer in die Erde zu sinken, und hinter sich vernahm er ein Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. �Nie sollst du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut herbeischaffst!� rief die Hexe und f�hrte auf einmal ein etwa sechsj�hriges Kind vor ihn hin, das mit einem wei�en Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an, er m�sse dem Kind den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte. Ist�s denn eine Kleinigkeit, so mir nichts, dir nichts einem Menschen den Kopf abzuhacken, und dazu noch einem unschuldigen Kinde! W�tend ri� er das Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand Iwasj! Das arme Kind stand mit gekreuzten H�ndchen und gesenktem K�pfchen da � Wie ein Rasender sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und erhob die Hand �</p><p>�Was versprachst du, f�r das M�dchen zu tun?� donnerte ihn Bassawrjuk an, und versetzte ihm einen Schlag in den R�cken, der ihn traf wie ein Schu�. Die Hexe stampfte mit dem Fu�e, und eine blaue Flamme sprang aus dem Boden. Das Innere der Erde strahlte auf und war wie aus Glas, und alles in der Erde wurde so deutlich sichtbar, gleich als l�ge es auf der flachen Hand! In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine haufenweise aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie standen. Des Petrusj Augen brannten, � sein Verstand verfinsterte sich � wie ein Toller packte er das Messer, und das unschuldige Blut spritzte ihm in die Augen. Ein teuflisches Gel�chter toste auf allen Seiten. � Widerw�rtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor ihm auf und ab. Wie ein Wolf, die H�nde in den enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das Blut. In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand seiner letzten Kr�fte begann er zu laufen. Alles vor ihm versank in rotes Licht. Alle B�ume brannten in rotem Blut und st�hnten. In Rotglut getaucht wankte der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend vor seinen Augen auf. Entkr�ftet lief er bis in seine H�tte, sank dort auf den Boden wie eine �hre, und ein toten�hnlicher Schlaf umfing ihn.</p><p>Zwei Tage und zwei N�chte schlief Petrusj, ohne zu erwachen. Als er am dritten Tage wieder zu sich kam, betrachtete er lange alle Ecken und Winkel seiner Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten der letzten Zeit zu erinnern: Sein Ged�chtnis glich der Tasche eines alten Geizhalses, aus der man keinen Heller herauslocken kann. Nachdem er sich ein wenig gereckt hatte, vernahm er pl�tzlich zu seinen F��en ein Klirren. Sieh da: Vor ihm lagen zwei S�cke voll Gold. Erst jetzt erinnerte er sich wie in einem Traume, da� er einen Schatz gesucht hatte, und wie es grausig im Walde gewesen war � Aber um welchen Preis er ihn erhalten hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr besinnen. Sowie Korsch die S�cke erblickte, da wurde er seidenweich. �Petrusj, so ein Herzensjung�, den sollt� ich nicht lieben? Der war mir doch stets wie mein eigner Sohn!� Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln, da� dem Petrusj die Tr�nen in die Augen kamen. Da lief Pidorka best�rzt herbei und begann zu erz�hlen, Iwasj sei von vor�berziehenden Zigeunern gestohlen worden. Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten Teufelsspukes! Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Pole wurde vor die T�r gesetzt, und man feierte Hochzeit: Da wurden Kuchen gebacken, W�sche gen�ht, man rollte ein F��chen Schnaps herbei, das junge Paar ward an den Tisch gesetzt, das Hochzeitsgeb�ck aufgeschnitten, da klimperten Harfen und die Saiten des Zymbals, es kreischten die Schalmeien, und die Zithern summten � und die Lustbarkeit begann �</p><p>Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit einem in unserer Zeit zu vergleichen. Die Tante meines Gro�vaters erz�hlte � hei juchhei! Ei wie da die M�dels im pr�chtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa B�ndern und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie hatten feine Hemden an, deren N�hte mit roter Seide bestickt waren und die kleine silberne Bl�mchen zierten, und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen beschlagen waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen eine nach der anderen hervortraten mit ihrem bootsartigen Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat gewirkt war, mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene H�ubchen mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus feinstem schwarzen Lammfell hervorguckte, in ihren blauen �berw�rfen aus herrlichstem Seidenstoff mit roten Aufschl�gen � ei wie sie da gar w�rdig, die H�nde auf die H�ften gest�tzt, eine nach der anderen hervortraten, und im Takt ihren Hopak tanzten. Wie da die Burschen in ihren hohen Kosakenm�tzen, in feinen Tuchkitteln mit silbergesticktem G�rtel und die Pfeife zwischen den Z�hnen um sie herum scharwenzelten und ihr Licht durchaus nicht unter den Scheffel stellten! Korsch selbst konnte beim Anblick des jungen Volkes nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten Tagen.</p><p>Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife paffend und ein Lied vor sich hin singend, so begann der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem Kopf, beim lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser herunter zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer Lustigkeit anstifteten! Schon wenn man anfing, Mummenschanz zu treiben, Gott, was gab�s da nicht alles. Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren heutigen Hochzeiten. Was macht man denn heute? Man verkleidet sich als Zigeunerinnen und Moskowiter, das ist alles! Nein, damals verkleidete sich einer als Jude und der andere als Teufel; erst k��te man sich, und dann packte man einander beim Schopf � Ich bitt� euch, das gab ein Lachen, da� man sich den Bauch halten mu�te. Oder man legte t�rkische und tatarische Gew�nder an, die da gl�hten wie das reine Feuer � Und wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack zu treiben � das war geradezu zum Platzen! Mit der Tante meines verstorbenen Gro�vaters, die mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches Kleid und ging mit dem Schnapsglas in der Hand umher, um alle wohl zu versorgen. Da mu�te einen der Teufel reiten, da� er sie von hinten mit Branntwein bego�, ein anderer mu�te gerade in diesem Augenblick Feuer schlagen, und so setzten sie sie denn lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu hoch auf: Die arme Tante begann sich voller Schrecken in aller Gegenwart die Kleider vom Leibe zu rei�en � Was sich da f�r ein L�rm, Gel�chter und ein wildes Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt! Kurz, die �ltesten Leute konnten sich nicht auf eine so lustige Hochzeit besinnen.</p><p>Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander wie die feinsten Herrschaften. Alles war in H�lle und F�lle vorhanden, alles blinkte und funkelte nur so � Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand mitansahen, sch�ttelten nur den Kopf. �Vom Teufel kommt nichts Gutes!� sagten sie alle einstimmig. �Woher hat er denn den Reichtum, wenn nicht vom Versucher aller rechtgl�ubigen Christen? Wo h�tte er einen solchen Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk gerade an demselben Tage verschwunden, als Petrusj zu seinem Reichtum kam?� � Und was die Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch kein Monat vergangen, da war Petrusj nicht mehr wiederzuerkennen. Was mit ihm geschehen war, das wei� Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben Stelle fest und redet kein Wort; er gr�belt nur immer, als wollte er sich auf etwas besinnen.</p><p>Wenn es Pidorka gelang, ein Wort aus ihm herauszupressen, so da� er sich verga�, ins Gespr�ch kam und sogar ganz heiter wurde, dann brauchte er nur wie zuf�llig auf die Gelds�cke zu blicken, und sofort schrie er los: �Halt, halt, ich hab�s vergessen!� Und wieder verfiel er in Sinnen und qu�lte sich ab, eine Erinnerung heraufzurufen. Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke sa�, kam es ihm so vor, als ob etwas L�ngstvergangenes wieder in sein Ged�chtnis zur�ckkehrte � aber gleich darauf verschwand alles wieder. Es d�nkt ihn, er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn an; jemand tritt zu ihm � schl�gt ihm auf die Schulter, und er � Aber dann schien alles vor ihm in einen Nebel zu sinken, der Schwei� rann ihm vom Gesicht, und er sank ersch�pft wieder auf seinen Platz zur�ck.</p><p>Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen, Zinndeuten, Wasser besprechen � nichts wollte helfen. So verging der Sommer. Manch ein Kosak hatte schon sein Korn abgem�ht und sein Heu geschnitten; manch k�hnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schw�rme von Enten dr�ngten sich auf unseren Weihern, und der Zaunk�nig war schon l�ngst verschwunden. Die Steppen f�rbten sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut wie Kosakenm�tzen auf dem Felde. Auf den Wegen konnte man schon Wagen begegnen, die mit Reisig und Holz beladen waren. Die Erde wurde hart, und zeitweise gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel herab, und die Zweige der B�ume waren mit Rauhreif verziert wie mit Hasenpelzchen. Schon stolzierte in klaren Wintertagen der rotbr�stige Gimpel wie ein eitler, polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher und suchte sich K�rner, und die Kinder trieben mit Riesenst�ben h�lzerne B�lle �bers Eis, w�hrend ihre V�ter ruhig hinter den �fen lagen und nur ab und zu mit der brennenden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um t�chtig auf den russischen Frost zu schimpfen, um sich mal auszul�ften, oder weil sie das Korn in den Schobern noch einmal durchdreschen wollten. Endlich begann der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit dem Schw�nze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe geblieben, und nur um so d�sterer geworden, je weiter die Zeit vorr�ckte. Wie angeschmiedet sa� er mitten im Zimmer, die S�cke mit dem Golde zwischen den Beinen. Er verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen, und wurde ein wahres Schreckbild; immer denkt er an ein und dasselbe, will sich etwas ins Ged�chtnis zur�ckrufen, grollt mit sich und w�tet, da� es ihm nicht gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf, f�hrt mit den H�nden umher und heftet seine Augen auf etwas, als ob er es festhalten wollte; seine Lippen bewegen sich, als wollten sie ein l�ngst vergessenes Wort aussprechen und � erstarren � Tobsucht packt ihn; wie toll nagt und bei�t er an seinen H�nden, und voll Grimm rei�t er sich ganze B�schel von Haaren aus, bis er wieder still wird, bewu�tlos hinsinkt, wieder zu sinnen anf�ngt; und dann wieder dieselbe Wut und dieselbe Qual � Was f�r eine Strafe Gottes war das! Was Pidorka durchmachen mu�te, das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie�s, allein im Hause zu bleiben, aber dann gew�hnte sich die �rmste an ihr Ungl�ck. Die Pidorka von einst war nicht mehr wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe noch ein L�cheln mehr; abgeh�rmt und abgezehrt war�s, ausgeweint waren die klaren Augen. Einst gab ihr jemand aus Erbarmen den Rat, sie solle zu der Zauberin gehen, die in der B�renschlucht hauste, und von der der Ruf ausging, sie k�nne alle Gebreste der Welt heilen. Sie beschlo�, dies letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin und Her �berredete sie endlich die Alte, mit ihr mitzugehen. Es war gegen Abend und gerade vor Johannisnacht. Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und nahm den neuen Gast gar nicht wahr. Doch bald begann er sich nach und nach aufzurichten und um sich zu blicken. Pl�tzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein Haar str�ubte sich � und er brach in ein solches Lachen aus, da� die Angst Pidorka ins Herz schnitt. �Ich hab�s, ich hab�s!� schrie er in f�rchterlicher Lustigkeit, schwang das Beil hoch empor und lie� es aus aller Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei Zoll tief in die Eichent�r hinein. Die Alte war verschwunden, und mitten in der Stube stand ein Kind von sieben Jahren in wei�em Hemdchen mit verh�lltem Haupte � Das Tuch flog herunter. �Iwasj!� schrie Pidorka und st�rzte auf ihn zu; doch das Gespenst war von Kopf bis zu F��en mit Blut bedeckt und ergl�hte in rotem Lichte, das die ganze Stube in brennendes Rot tauchte. Voller Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens! Die T�r war so fest hinter ihr zugeschlagen, da� man nicht imstande war, sie wieder zu �ffnen. Die Leute liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die T�r ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll Rauch, nur in der Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, lag ein Haufen Asche, von dem hie und da ein Qualm aufstieg. Man eilte zu den S�cken, darin lagen statt der Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen, aufgesperrten M�ulern und ohne den Mut, sich zu regen, standen die Kosaken wie angewurzelt da. In solche Angst hatte sie dies Wunder versetzt.</p><p>Was weiter geschah, das wei� ich nicht. Pidorka legte das Gel�bde ab, eine Pilgerfahrt zu machen; sie suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr vom Vater �brig geblieben war, und war in der Tat einige Tage sp�ter aus dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich begeben hatte, das wu�te niemand zu sagen. Geschw�tzige alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch Petrusj sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erz�hlte, er habe im Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen, die immerw�hrend betete und in der ihre Landsleute allen Anzeichen nach Pidorka wiedererkannt h�tten. Bis jetzt, hie� es, habe noch niemand von ihr ein einzig W�rtlein geh�rt, sie solle allein zu Fu� gekommen sein und habe eine Fassung f�r das Heiligenbild der Mutter Gottes mitgebracht, eine Fassung, die mit solchen bunten Steinen besetzt gewesen sei, da� allen die Augen flimmerten, wenn sie sie ans�hen.</p><p>Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu Ende. An demselben Tage, als der B�se Petrusj zu sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk wieder auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wu�te jetzt, was das f�r ein Vogel war: Niemand anders als der Satan war�s, der Menschengestalt angenommen hatte, um Sch�tze zu heben; und da unreine H�nde nicht Sch�tze heben k�nnen, so lockte er brave Burschen an sich. Noch in demselben Jahre lie�en alle ihre Lehmh�tten stehen und liegen und zogen ins Kirchdorf; aber auch dort hatte man keine Ruhe vor dem verfluchten Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Gro�vaters erz�hlte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt, weil sie ihre alte Schenke auf der Landstra�e nach Ofoschnjany aufgegeben hatte, und er habe mit allen Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst waren die Dorf�ltesten in der Schenke beieinander; sie sa�en und unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt und W�rden am Tisch, auf dessen Mitte ein gewi� nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man schwatzte �ber dies und jenes, auch �ber mannigfache Wunder und Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien�s, und nicht nur einem � was ja nichts bedeuten w�rde �, sondern allen, als ob der Hammel den Kopf erhob, die gebrochenen Augen wie lebendig leuchteten, und als ob pl�tzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die Anwesenden zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf sofort die Fratze Bassawrjuks, und die Tante meines Gro�vaters dachte schon, er w�rde gleich Schnaps bestellen! � Die guten Leutchen griffen nach ihren M�tzen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah der Kirchenvorstand in eigener Person, der es liebte, ab und zu ein St�ndchen bei Gro�vaters Schnapsglas zu verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas geleert hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich ehrerbietigst vor ihm bis zur Erde zu verneigen. �Hol� dich der Teufel!� rief er und begann sich zu bekreuzigen � Aber da widerfuhr seiner Eheh�lfte gleichfalls ein Wunder: Sie hatte gerade begonnen, Teig in einem m�chtigen Trog zu kneten, da sprang der Trog auf einmal in die H�he. �Halt! Halt! Wohin willst du?� rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die H�ften gestemmt, ehrw�rdig in der Stube umherzut�nzeln � Ja, lacht nur! Aber unserem Gro�vater war�s nicht zum Lachen zumute. Vergeblich ging Vater Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser umher und suchte den Teufel durch Besprengen aller Stra�en zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange klagte die Tante meines verstorbenen Gro�vaters dar�ber, da�, sobald es Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte und an den W�nden kratzte.</p><p>Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf der Stelle, wo unser Dorf steht, alles ruhig zu sein; aber es ist noch gar nicht so lange her � mein verstorbener Vater und ich haben es noch erlebt �, da� kein ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die noch lange Zeit danach immer wieder von den unreinen Geistern ausgebessert wurde, ohne Furcht vorbeigehen konnte. Aus dem ru�igen Schlot schlugen S�ulen Qualms empor, die so hoch in die Luft stiegen, da� einem beim Hinaufsehen die M�tze herunterfiel, und aus dem Qualm fielen Kohlen �ber die ganze Steppe. Und der Teufel � gar nicht nennen d�rft� man den Hundesohn � schluchzte so j�mmerlich in seiner Kammer, da� die Aasgeier erschreckt in ganzen Scharen emporstie�en und mit wildem Geschrei am Himmel umherschossen.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Die Angst </strong>von Guy de Maupassant</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Guy de Maupassant (1850-1893), einer der gro�en franz�sischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts und ein Meister der kurzen novellistischen Prosa, schildert in seinen Romanen, Novellen und Kurzerz�hlungen mit unbestechlichem psychologischen Realismus die gesellschaftliche Wirklichkeit seiner Zeit. Daneben hat auch das Unheimliche Eingang in sein umfangreiches Erz�hlwerk gefunden, ungreifbare Schemen aus einer phantastischen Wirklichkeit, die mit Maupassants fortschreitender Paralyse immer st�rker hervortraten.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Was ich berichten will, trug sich im letzten Winter in einem Wald im Nordosten Frankreichs zu. Die Nacht war zeitig herangebrochen, der Himmel war d�ster, und ich befand mich auf der Jagd. Als F�hrer hatte ich einen Bauern bei mir, der auf dem schmalen Pfad nicht von meiner Seite wich. Zwischen den Baumwipfeln sah ich Wolken dahinjagen. Sie schienen auf der Flucht vor etwas Entsetzlichem. Manchmal schien sich der ganze Wald unter heftigen Windst��en zu neigen.</p><p>Die K�lte hatte mich gepackt, obwohl ich warm gekleidet war und t�chtig ausschritt. Wir wollten die Nacht bei einem Wildh�ter verbringen, dessen Haus nicht mehr weit entfernt sein konnte. Manchmal hob mein F�hrer den Blick und murmelte: �Schlimmes Wetter!�</p><p>Dann erz�hlte er von den Leuten, bei denen wir einkehren wollten. Der Vater hatte vor zwei Jahren einen Wilderer in diesem Revier erschossen, und seitdem war sein Sinn d�ster. Die Erinnerung an diesen Vorfall schien ihn nicht loszulassen. Seine beiden verheirateten S�hne lebten mit ihm zusammen in dem Haus, zu dem wir unterwegs waren.</p><p>Es herrschte tiefe Finsternis. Ich sah nichts mehr vor mir und nichts neben mir. Die vom Wind gezausten Aste erf�llten die Nacht mit einem st�ndig anhaltenden Brausen. Endlich bemerkten wir ein Licht, und bald darauf klopfte mein Begleiter an eine T�r. Schrille Frauenschreie antworteten uns. Dann h�rten wir eine erstickte M�nnerstimme, die fragte: �Wer da?�</p><p>Mein F�hrer nannte seinen Namen. Wir traten ein. Das Bild, welches sich uns bot, werde ich nie vergessen.</p><p>Ein alter Mann mit wei�en Haaren, in den Augen Wahnsinn, ein geladenes Gewehr schu�bereit in der Hand, stand mitten in der K�che, w�hrend zwei Burschen, mit �xten bewaffnet, die T�r nicht aus den Augen lie�en.</p><p>Im d�mmrigen K�chenwinkel konnte man zwei Frauen erkennen, die mit dem Gesicht zur Wand auf den Knien lagen.</p><p>Wir stellten uns vor. Der Alte lehnte sein Gewehr an die Wand und ordnete an, da� man mir ein Zimmer richte. Dann, als sich keine der Frauen r�hrte, sagte er schroff zu mir: �Wissen Sie, mein Herr, heute nacht sind es zwei Jahre her, da� ich einen Mann get�tet habe. Im vergangenen Jahr ist er hier erschienen, um mich zu rufen. Heute erwarte ich ihn wieder.� Und er f�gte hinzu � ich mu�te dar�ber beinahe l�cheln �: �Wir sind etwas beunruhigt.� Ich versicherte ihm, da� es mir gelegen komme, ihm heute nacht gegen die Angst des Aberglaubens beistehen zu k�nnen. Ich begann, allerlei Geschichten zu erz�hlen, und es gelang mir, den Alten etwas zu beruhigen.</p><p>Neben dem Eingang lag ein alter, fast blinder Hund. Er schlief mit der Schnauze zwischen den Vorderpfoten. Es war einer jener Hunde, die einen irgendwie an einen Menschen erinnern, den man gut kennt.</p><p>Trotz meiner Bem�hungen, die Leute zu beruhigen, f�hlte ich sehr wohl, da� die Angst sie umklammert hielt, und immer, wenn ich meine Erz�hlungen unterbrach, lauschten sie auf die Ger�usche drau�en.</p><p>Ich wurde es m�de, weiter diesem unvern�nftigen, abergl�ubischen Gehabe mit zuzusehen, und verlangte nach meinem Zimmer, als der Alte auf einmal seinen Stuhl zur�ckstie� und erneut nach seinem Gewehr griff. Verwirrt stammelte er: �Da ist er. Da ist er!�</p><p>Die beiden Frauen fielen in der Ecke wieder auf die Knie und verbargen das Gesicht in den H�nden. Die S�hne langten nach den �xten. Ich wollte sie noch einmal beschwichtigen, als der Hund pl�tzlich erwachte, seinen Kopf hob, den Hals streckte, mit seinen fast erloschenen Augen in die Flammen des Kaminfeuers blickte und in ein schauerliches Geheul ausbrach. Alle Augen richteten sich auf das Tier. Es verharrte unbeweglich, auf die Pfoten erhoben, wie von einer Erscheinung gebannt, und begann wieder gegen etwas Unsichtbar-Unbekannt-Schreck�liches anzuheulen. Das Fell des Tieres str�ubte sich. Der Waldh�ter war bleiwei� im Gesicht geworden und schrie: �Er riecht ihn! Er riecht ihn! Er war doch dabei, als ich den Kerl t�tete.�</p><p>Eine Stunde lang heulte der Hund, ohne sich zu r�hren. Er heulte und winselte wie in einem Angsttraum. Und die Angst, die schreckliche Angst, ergriff auch mich. Die Angst wovor? Wu�te ich es? Nein. Es war die nackte Angst.</p><p>Wir hockten da, unbeweglich und aschfarben. Wir warteten auf das Schreckliche, das sich ereignen w�rde. Wir lauschten gespannt, mit klopfendem Herzen, vom kleinsten Ger�usch zu Tode erschreckt. Der Hund begann im Zimmer umherzulaufen, er schn�ffelte an den W�nden und zitterte. Dieser Hund machte uns nahezu verr�ckt. Da warf sich der Bauer, der mich hierher gebracht hatte, auf ihn, �ffnete die T�r, die auf den kleinen Hof hinausf�hrte und stie� den Hund dort hinaus.</p><p>Sofort verstummte das Tier, und wir tauchten in eine Stille ein, die noch schrecklicher war. Doch pl�tzlich fuhren wir alle zusammen hoch: Etwas strich an der Hausmauer entlang, die dem Wald zu gelegen war; dann ging es weiter gegen die T�r und schien sie mit zitternder Hand abzutasten. Zwei Minuten h�rte man darauf nichts mehr. Wir verloren beinahe die Besinnung. Dann kam es zur�ck. Es streifte die Mauer und kratzte leise, wie es Kinder mit ihren N�geln zu tun pflegen. Und da � pl�tzlich tauchte vor dem kleinen Fenster neben der T�r ein Kopf auf, ein wei�er Sch�del mit leuchtenden Augen. Ein Ton qu�lte sich aus seinem Mund, ein undeutlicher Wehlaut. Dann zerri� ein ungeheurer L�rm die Stille in der K�che. Der alte Waldh�ter hatte sein Gewehr abgefeuert, und sogleich st�rzten auch seine S�hne herbei. Sie verrammelten das Fenster mit dem gro�en E�tisch und stellten auch noch den Geschirrschrank hinter den Tisch. Und ich kann Ihnen schw�ren, seitdem der Schu� gefallen war, h�rte ich nichts mehr. Die Angst hatte mein Herz gepackt, meine Seele, meinen Leib. Ich f�hlte meine Sinne schwinden und glaubte, vor Angst zu sterben. Wir verharrten so bis zur Morgend�mmerung, unf�hig, uns zu r�hren oder ein Wort zu sprechen, gebannt von einer unsagbaren Verwirrung. Wir wagten nicht, die Barrikade fortzur�umen, bis durch einen Spalt das Tageslicht hereindrang.</p><p>Am Fu� der Mauer, gegen die T�r gewandt, lag der alte Hund, die Schnauze von einer Kugel zerrissen.</p><p>Er war durch ein Loch in der Umz�unung aus dem Hof entwichen. Ich w�rde lieber allen Gefahren meines Lebens wieder gegen�berstehen, als noch einmal jene Minute erleben, als der Alte auf den b�rtigen Kopf im kleinen Fenster scho�.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Folter durch Hoffnung </strong>von Villiers de I�lsle-Adam</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Auguste Graf von Villiers de l�Isle-Adam (1838-1889) stammte aus einer alten franz�sischen Adelsfamilie, deren Glanz mit der Revolution verblichen war. Als Villiers 1857 in die Hauptstadt Paris �bersiedelte, war er unter den jungen Dichtern seiner Zeit der einzige, mit dem der zur�ckhaltende Baudelaire engeren Umgang pflegte. Und Baudelaires Einflu� wurde f�r Villiers bestimmend; durch ihn lernte er auch Edgar Allen Poe kennen. Auf der Pariser Literaturszene zeichnete er sich alsbald durch Extravaganz und Genialit�t aus, und im Jahre 1884 begann endlich der Ruhm, von dem er so lange getr�umt hatte. Villiers bekanntestes Werk sind die �Contes cruels�, in denen sich deutlich der Einflu� Poes und der deutschen Romantik zeigt. Es sind Erz�hlungen, in denen Grauen und Ironie, Traum und Todesahnungen einer seltsam morbiden Atmosph�re ineinanderflie�en.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Unter den Gew�lben des Justizgeb�udes von Saragossa stieg bei Anbruch eines Abends der ehrw�rdige Pedro Arbuez d�Espila, sechster Prior der Dominikaner von Segovia, dritter Gro�inquisitor von Spanien, gefolgt von einem <emphasis>fra Redemptor �</emphasis> einem Foltermeister � und vor ihm zwei Sp�her des Heiligen Offiziums, die Laternen trugen, zu einer verlorenen Kerkerzelle hinunter. Das Schlo� einer starken T�re knarrte; man trat in ein verpestetes <emphasis>in pace.</emphasis> Ein d�rftiges Licht von oben lie� zwischen den an die Mauern geh�mmerten Ringen eine blutgeschw�rzte Lagerstatt erkennen, ein Kohlenbecken und einen Krug. Auf verdreckter Streu sa�, in schweren Fesseln, den Eisenring um den Hals, verst�rt ein Mann von unbestimmbarem Alter, in Lumpen geh�llt.</p><p>Dieser Gefangene war kein anderer als der Rabbi Aser Abarbanel, ein aragonischer Jude, des Wuchers und der unerbittlichen Ausbeutung der Armen angeklagt. Seit mehr als einem Jahr war er t�glich der Folter unterworfen worden. Und doch, da �seine Verblendung ebenso hart war wie seine Haut�, hatte er sich geweigert, seinem Glauben abzuschw�ren.</p><p>Stolz auf eine vieltausendj�hrige Abstammung, auf seine Ahnen � denn alle dieses Namens w�rdigen Juden sind stolz auf ihr Blut � war er dem Talmud nach ein Abk�mmling Othoniels und infolgedessen Ipsiboes, der Gattin dieses letzten Richters in Israel; ein Umstand, der auch seinen Mut w�hrend der unabl�ssigen Foltern sonderlich aufrechterhalten hatte.</p><p>So n�herte sich denn auch, Tr�nen in den Augen im Gedanken daran, da� diese starke Seele sich dem Heil verschlo�, der ehrw�rdige Pedro Arbuez d�Espila dem zitternden Rabbi und sprach die folgenden Worte:</p><p>�Freue dich, mein Sohn, denn siehe, deine Pr�fungen hienieden werden ein Ende finden. Wenn ich auch vor solcher Verstocktheit tiefbek�mmert erlauben mu�te, da� so manche H�rte angewendet wurde, so hat doch meine Aufgabe br�derlicher Strafe ihre Grenzen. Du bist der widerspenstige Feigenbaum, der, so oft ohne Frucht, zu verdorren droht � doch bei Gott steht es, das Urteil �ber deine Seele zu f�llen. Vielleicht wird die unendliche Milde auch dir im letzten Augenblick leuchten. Das m�ssen wir hoffen. Es gibt dessen Beispiele � so geschehe es! Ruhe denn heute abend in Frieden. Morgen wirst du dem Autodafe unterworfen, das hei�t, da� du dem <emphasis>quemadero</emphasis> ausgesetzt wirst, dem Scheiterh�ufen, der ein Vorspiel des ewigen Feuers ist; es brennt, du wei�t es, nur in der Ferne, mein Sohn, und der Tod braucht mindestens zwei, h�ufig drei Stunden, um sich zu nahen, weil wir doch darauf bedacht sind, mit feuchten, eiskalten T�chern Kopf und Herz der Opfer zu sch�tzen. Ihr werdet nur dreiundvierzig sein. Bedenke, da� du, als Letzter, die n�tige Zeit haben wirst, um Gott anzurufen und ihm diese Feuertaufe darzubringen, die der Heilige Geist ist. Hoffe darum auf die Erleuchtung und schlafe!�</p><p>Dom Arbuez hatte geendet, auf seinen Wink wurde der Ungl�ckliche von seinen Ketten befreit, und der Gro�inquisitor umarmte ihn z�rtlich. Dann war der <emphasis>fra Redemptor</emphasis> an der Reihe, der mit leiser Stimme den Juden um Verzeihung der Leiden bat, die er ihm der Erl�sung wegen angetan hatte. Dann umarmten ihn auch die beiden Spitzel, deren Ku� unter den Kapuzen ger�uschlos blieb. Damit war die Zeremonie zu Ende, und der Gefangene blieb allein und verwirrt im Dunkel.</p><p>Rabbi Aser Abarbanel, den Mund ausgetrocknet, das Gesicht vom Leiden abgestumpft, betrachtete zun�chst ohne besondere Aufmerksamkeit die geschlossene T�re. Geschlossen? Dieses Wort weckte in seinem Innersten, in seinen wirren Gedanken eine Vorstellung. Hatte er denn nicht sekundenlang in der Spalte zwischen Mauerwerk und T�re das Licht der Laternen zu sehen geglaubt?</p><p>Eine krankhafte Hoffnung, der Ersch�pfung seines Hirns zuzuschreiben, r�ttelte sein ganzes Sein auf. Er schleppte sich zu dem Ungew�hnlichen, das ihm erschienen war. Und ganz sachte, einen Finger mit h�chster Behutsamkeit in die Spalte einf�hrend, zog er die T�re auf sich zu. O Wunder! Durch einen au�erordentlichen Zufall hatte der Spitzel beim Zusperren den m�chtigen Schl�ssel ein wenig fr�her gedreht, als der Riegel seine �ffnung in der Mauer erreicht hatte.</p><p>Der Rabbi wagte einen Blick hinaus.</p><p>Dank einer gewisserma�en fahlen Dunkelheit unterschied er zun�chst einen Halbkreis von lehmigen Mauern, durchbrochen von Wendeltreppen. Und gewaltig vor ihm, f�nf oder sechs Steinstufen hoch, eine Art schwarzer Vorraum, der zu einem breiten Gang f�hrte, von dem sich von unten her nur die ersten B�gen erkennen lie�en.</p><p>Er legte sich auf den Boden und kroch bis zu dieser Stelle. Ja, es war tats�chlich ein Gang von unerme�licher L�nge. Ein blasser Schimmer, ein unklares Licht erhellte ihn; Nachtlampen, an den W�lbungen aufgeh�ngt, gaben in gewissen Abst�nden der tr�ben Farbe der Luft einen bl�ulichen Schein. Das ferne Ende war nichts als Schatten. An den Seiten in dieser ganzen L�nge keine T�re. Vergitterte Mauerl�cher lie�en eine D�mmerung durch � es mu�te die Abendd�mmerung sein, denn rote Streifen �berquerten in einiger Entfernung voneinander die Fliesen. Dennoch mochte in der Tiefe des Dunkels dort ein Ausgang in die Freiheit f�hren! Die schwankende Hoffnung des Juden war z�h � es war seine letzte.</p><p>Ohne zu zaudern also, wagte er sich �ber die Fliesen, hielt sich an der Mauer unter den Luken, um mit der farbigen Dunkelheit der Steine zu verschmelzen. Langsam schleppte er sich kriechend vorw�rts � und unterdr�ckte einen Schrei, als eine frisch entz�ndete Wunde auf der Brust ihn stach.</p><p>Pl�tzlich drang das Ger�usch einer Sandale, die sich n�herte, im Widerhall dieser steinernen Allee bis zu ihm. Ein Beben sch�ttelte ihn, die Angst lie� seinen Atem stocken, sein Blick tr�bte sich. Nun? War es jetzt wirklich zu Ende? Zusammengekauert quetschte er sich in eine Mauerspalte und wartete, halbtot vor Angst.</p><p>Es war ein Spitzel, der es eilig hatte. Rasch hastete er, ein Folterwerkzeug zum Zerrei�en der Muskeln in der Hand, die Kapuze gesenkt, eine entsetzliche Erscheinung, vor�ber und verschwand. Das Grauen, dessen Umklammerung der Rabbi eben gesp�rt hatte und das gleichsam alle Funktionen des Lebens stocken lie�, bewirkte, da� er fast eine Stunde verharrte, ohne auch nur eine Bewegung machen zu k�nnen. In der Angst vor einem �berma� an Foltern, falls er ergriffen werden sollte, kam ihm der Gedanke, in seine Zelle zur�ckzukehren. Doch die alte Hoffnung fl�sterte ihm jenes g�ttliche Vielleicht in die Seele, das im schlimmsten Elend zu tr�sten vermag. Ein Wunder war geschehen. Daran durfte er nicht mehr zweifeln! Und er begann abermals der m�glichen Rettung entgegenzukriechen. Von Schmerzen und Hunger ersch�pft, vor Angst zitternd schleppte er sich weiter. Dieser Gang, diese Gruft schien sich geheimnisvoll zu dehnen! Und er, der immer weiterkroch, blickte best�ndig in das Dunkel dort hinten, wo der rettende Ausgang sein mu�te!</p><p>Oh, oh, schon wieder t�nten Schritte, diesmal aber langsamer, d�sterer. Wei�-schwarze Gestalten, die Krempen der langen H�te eingerollt, erschienen ihm; zwei Inquisitoren tauchten dort hinten aus der tr�ben Luft auf. Leise redeten sie miteinander und waren offenbar �ber einen wichtigen Punkt verschiedener Ansicht, denn ihre H�nde gestikulierten.</p><p>Bei diesem Anblick schlo� Rabbi Aser Abarbanel die Augen. Sein Herz pochte, als wollte es ihn t�ten, seine Lumpen waren von einem feuchten Todesschwei� durchtr�nkt, mit offenem Mund, unbeweglich blieb er l�ngs der Mauer ausgestreckt, unter dem Schein einer Lampe, und flehte reglos zu dem Gott Davids.</p><p>Als die beiden Inquisitoren ihm gegen�ber angelangt waren, machten sie unter dem Licht der Lampe halt � und das zweifellos durch einen Zufall, eine Folge ihres Gespr�chs. Einer von ihnen betrachtete, w�hrend er seinem Gef�hrten zuh�rte, den Rabbi. Und unter diesem Blick, dessen zerstreuten Ausdruck er zun�chst nicht begriff, glaubte der Ungl�ckliche zu sp�ren, wie die gl�henden Zangen wieder in sein armes Fleisch bissen. Sollte er abermals zu Jammer und Wunde werden! Verzagend, mit stockendem Atem und blinzelnden Lidern, erzitterte er, als dieses Gewand ihn streifte. Doch, seltsam zugleich und nat�rlich, die Augen des Inquisitors waren offenbar die eines Mannes, der zutiefst mit dem besch�ftigt ist, was er antworten sollte, v�llig von dem Gedanken an das eingenommen, was er h�rte; sie blickten starr � und schienen den Juden zu betrachten, ohne ihn zu sehen.</p><p>Und wirklich, nach wenigen Minuten setzten die beiden unheimlichen Gespr�chspartner ihren Weg nach dem Ort fort, von dem der Gefangene gekommen war. Man hatte ihn nicht gesehen! Und so gr�ndlich nicht gesehen, da� in dem furchtbaren Wirrwarr seiner Gef�hle der Gedanke sein Hirn durchkreuzte: Bin ich am Ende schon tot, da� man mich nicht sieht? Ein greulicher Eindruck ri� ihn aus seiner Erstarrung; als er die Mauer vor seinem Gesicht ansah, glaubte er, seinen Augen gegen�ber zwei wilde Augen zu erschauen, die ihn beobachteten � in j�her, heftiger Bangigkeit warf er den Kopf, die Haare gestr�ubt, zur�ck. Doch nein. Seine Hand, die Steine betastend, gab sich dar�ber Rechenschaft; es war der Widerschein der Augen des Inquisitors, was er noch immer in den eigenen Augen bewahrt und auf zwei Flecke der Mauer �bertragen hatte.</p><p>Vorw�rts! Er mu�te nach jenem Ziel hasten, das er sich, zweifellos in krankhaftem Wahn, als die Befreiung vorstellte. Nach jenen Schatten, von denen er kaum weiter entfernt war als etwa drei�ig Schritte. So setzte er denn schneller, auf den Knien, auf den H�nden, auf dem Bauch, seinen Leidensweg fort. Und bald war er in dem dunklen Teil dieses erschreckenden Ganges.</p><p>Pl�tzlich sp�rte der Beklagenswerte eine K�lte in den H�nden, die er auf die Fliesen st�tzte; das r�hrte von einem starken Luftzug her, der unter einer T�re hindurchwehte, bei der die beiden Mauern endeten. Gott! Das ganze Ich des kl�glichen Fl�chtlings wurde von dem Schwindel einer Hoffnung durchdrungen. Von oben bis unten musterte er die T�re, ohne sie doch, infolge des Dunkels rund um ihn, deutlich unterscheiden zu k�nnen. Er tastete, kein Riegel, kein Schlo�. Eine Klinke! Er richtete sich auf, die Klinke gab unter seinem Daumen nach; die T�re �ffnete sich ger�uschlos vor ihm.</p><p>�Hallelujah!� fl�sterte in einem gl�henden Dankgebet der Rabbi, aufrecht auf der Schwelle, bei dem Anblick, der sich ihm bot.</p><p>Die T�re hatte sich auf die G�rten unter einem Sternenhimmel ge�ffnet! Auf den Fr�hling, die Freiheit, das Leben! Und von hier aus dehnte es sich nach den nahen Feldern, nach den Sierras, deren windungsreiche Umrisse sich blau vom Horizont abhoben. Dort, dort war das Heil! Oh! Nur fliehen! Er w�rde die ganze Nacht durch diesen Hain von Zitronenb�umen laufen, deren D�fte ihm entgegenschlugen. Einmal im Gebirge, w�re er gerettet; der Wind belebte ihn, seine Lungen atmeten wieder. Er h�rte, das Herz geweitet, das <emphasis>Veni for�s</emphasis> des Lazarus. Und um noch einmal den Gott zu segnen, der ihm diese Barmherzigkeit spendete, streckte er die Arme vor sich aus, hob die Augen zum Firmament; es war reinste Verz�ckung.</p><p>Da glaubte er zu sehen, wie der Schatten seiner Arme sich gegen ihn wendete, er glaubte zu sp�ren, wie diese Schattenarme ihn umschlangen, ihn pre�ten, zu sp�ren, wie er an eine Brust gedr�ckt wurde. Ja, eine hohe Gestalt erhob sich vor ihm. Vertrauensvoll senkte er den Blick auf diese Gestalt � und dann schwankte er, starrte er, den Blick getr�bt, zitternd, die Backen geschwellt, vor Entsetzen geifernd.</p><p>Ein Grauen! Er war in den Armen des Gro�inquisitors selbst, des ehrw�rdigen Pedro Arbuez d�Espila, der ihn betrachtete, die Augen von schweren Tr�nen gef�llt, wie ein guter Hirt, der sein verirrtes Schaf wiederfindet �</p><p>Der d�stere Priester dr�ckte in einem Aufschwung von so gl�hendem Erbarmen den ungl�cklichen Juden an sein Herz, da� die Stacheln des m�nchischen B��erhemds unter der Soutane in die Brust des Dominikaners eindrangen. Und w�hrend der Rabbi Aser Abarbanel die Augen unter den Lidern verdrehte, vor Angst in den Armen des asketischen Dom Arbuez r�chelte und undeutlich erfa�te, da� alle Phasen des unheilvollen Abends nichts waren als eine wohlvorbereitete Folter, die Folter durch die Hoffnung, fl�sterte der Gro�inquisitor im Ton ergreifenden Vorwurfs, nicht ohne Best�rzung im Blick, mit gl�hendem Atemhauch ihm ins Ohr:</p><p>�Wie, mein Kind! An der Schwelle des Heils vielleicht, hast du uns verlassen wollen?!�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Der schwarze Kater </strong>von Edgar Allen Poe</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Edgar Allen Poe (1809-1849) galt in seinem amerikanischen Geburtsland lange Zeit als ein Fremder, ehe man in Europa seine literarische Bedeutung erkannte. Heute gilt Poe auch in seiner Heimat als Klassiker der amerikanischen Literatur. Zahllose Legenden ranken sich um sein Leben. Er besuchte in London die Schule, studierte an der Universit�t von Virginia, ging 1827 zur Armee und 1830 f�r ein Jahr als Kadett nach West Point. Nach einem ernsthaften Zerw�rfnis verstie� sein Vormund Allen den seelisch Labilen, der meist in gro�er Armut lebte, immer wieder an Alkoholismus und Drogensucht litt und an weitgehend ungekl�rten Umst�nden in Baltimore starb. Seit 1833 fristete Poe ein k�rgliches Leben als Schriftsteller, Journalist und Herausgeber literarischer Zeitschriften. Bis auf den heutigen Tag wurde Amerikas bedeutendster Dichter beim breiten Publikum im Gruselkabinett der �gothic novel� abgelegt, ein Mi�verst�ndnis, das Poes unbestrittenen literarischen Rang auf die Dauer nicht zu beeintr�chtigen vermochte. Wenn Poe in unserem �Gruselkabinett� Aufnahme gefunden hat, so als Ahnherr und Klassiker einer Literaturgattung, die mit seinem Namen auf das allerengste verbunden ist: Da� Poe mehr war als ein beliebter Autor von Gruselgeschichten, steht au�er Zweifel.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich verlange und erwarte nicht, da� man die h�chst seltsame und doch einfache Geschichte, die ich hier niederschreiben will, glaubt. Es w�re auch t�richt, dies zu tun, denn ich selbst vermag dem Zeugnis meiner Sinne kaum zu trauen. Doch bin ich weder wahnsinnig, noch habe ich getr�umt. Morgen aber mu� ich sterben und m�chte darum heute meine Seele entlasten. Zu diesem Zweck will ich der Welt klar und b�ndig und ohne weitere Er�rterungen eine Reihe rein h�uslicher Begebenheiten vor Augen f�hren. Die Folgen dieser Begebenheiten haben mich dem Entsetzen, haben mich der Qual anheimgegeben und mich schlie�lich zugrunde gerichtet. Doch will ich nicht versuchen, sie weiter zu erkl�ren. Mir haben sie ein Schaudern verursacht; anderen m�gen sie vielleicht weniger schrecklich als sonderbar erscheinen. Sp�ter vielleicht wird ein denkender Geist meine Wahngebilde auf Selbstverst�ndlichkeiten zur�ckf�hren � er wird, ruhiger, logischer und viel weniger nerv�s als ich, in all den Umst�nden, die ich nun mit Grausen erz�hle, die gew�hnliche Folge ganz nat�rlicher Ursachen und Wirkungen erkennen.</p><p>Von fr�her Kindheit an war ich wegen meines gelehrigen, liebevollen Wesens bekannt. Die Z�rtlichkeit meines Herzens war so ungew�hnlich, da� sie mich zum Gesp�tt meiner Kameraden machte. Ich war ein gro�er Tierfreund, und meine Eltern gestatteten mir g�tigst, eine ganze Anzahl solcher Lieblinge zu halten. Mit ihnen verbrachte ich den gr��ten Teil meiner Zeit und f�hlte mich nie so gl�cklich, als wenn ich sie f�tterte und liebkoste. Diese Eigenheit meines Wesens wuchs mit den Jahren und war sp�ter im Mannesalter der Quell meiner gr��ten Vergn�gungen. Denen, die jemals Neigung f�r einen treuen und gelehrigen Hund gehabt haben, brauche ich wohl die Natur und die innige Befriedigung, die aus solch einer Liebhaberei entstehen kann, nicht weiter zu erkl�ren. In der selbstlosen und aufopferungsf�higen Anh�nglichkeit eines Tieres liegt etwas, das unmittelbar zum Herzen dessen spricht, der oft Gelegenheit gehabt hat, die Armseligkeit und Unbest�ndigkeit der Menschen � was Freundschaft und Treue angeht � zu erproben.</p><p>Ich heiratete fr�h und war gl�cklich, bei meiner Frau eine meinem Wesen entsprechende Gem�tsart zu finden. Als sie meine Vorliebe f�r Haustiere bemerkte, lie� sie keine Gelegenheit vor�bergehen, mir die gef�lligsten zu verschaffen. Und so besa�en wir denn V�gel, Goldfische, einen sch�nen Hund, Kaninchen, einen kleinen Affen und einen � Kater.</p><p>Er war ein auffallend gro�es und sch�nes Tier, vollst�ndig schwarz und erstaunlich klug. Meine Frau, die ein wenig abergl�ubisch war, machte oft, wenn sie von dieser Klugheit sprach, Anspielungen auf den volkst�mlichen Aberglauben, nach dem alle schwarzen Katzen verkappte Hexen sind. Ich will nicht sagen, da� sie jemals ernsthaft daran glaubte, und ich erw�hne es �berhaupt nur, weil ich mich zuf�llig wieder daran erinnere.</p><p>Pluto � so hie� der Kater � war mein bevorzugter Liebling und Spielgenosse. Ich allein f�tterte ihn, und er begleitete mich auf Schritt und Tritt im ganzen Hause herum. Ich konnte ihm nur mit M�he verwehren, mir auch auf die Stra�e zu folgen.</p><p>Unsere Freundschaft hatte nun schon mehrere Jahre bestanden � Jahre, in denen mein Temperament und mein Charakter, wie ich mit Besch�mung gestehen mu�, durch den D�mon Unm��igkeit allm�hlich eine vollst�ndige Wandlung zum Schlimmen erfuhr. Ich wurde von Tag zu Tag tr�bsinniger, reizbarer, r�cksichtsloser. Selbst meiner Frau gegen�ber gestattete ich mir eine brutale Sprache und vergriff mich schlie�lich sogar t�tlich an ihr. Meine Lieblinge mu�ten nat�rlich ebenfalls unter dieser Ver�nderung meiner Gem�tsart leiden. Ich vernachl�ssigte sie nicht nur, sondern mi�handelte sie. F�r Pluto jedoch empfand ich noch immer so viel Zuneigung, da� ich ihn wenigstens nicht qu�lte, obwohl ich mir kein Gewissen daraus machte, die Kaninchen, den Affen und selbst den Hund, wenn sie mir aus Zufall oder Anh�nglichkeit in den Weg liefen, zu peinigen, wie ich nur konnte. Aber meine Krankheit gewann immer mehr Macht �ber mich � denn welche Krankheit ist an Hartn�ckigkeit dem Hang zum Alkohol zu vergleichen? �, und zum Schlu� mu�te selbst Pluto, der anfing, alt und infolgedessen etwas m�rrisch zu werden, die Wirkungen meiner Verd�sterung an sich erfahren.</p><p>Eines Nachts, als ich vollst�ndig betrunken aus einer meiner geliebten Kneipen in der Stadt sp�t nach Hause zur�ckkehrte, bildete ich mir ein, der Kater meide meine Gegenwart. Ich fing ihn ein, raffte ihn hoch, wobei er mir, wahrscheinlich aus Angst vor meiner Heftigkeit, mit den Z�hnen eine kleine Wunde an der Hand beibrachte. In demselben Augenblick ergriff mich eine wilde Wut; ich kannte mich selbst nicht mehr, es war, als sei meine Seele aus dem K�rper entwichen; eine mehr als teuflische, vom Schnaps noch angefeuerte Bosheit zuckte in jeder Fiber meines Leibes. Ich zog ein Federmesser aus meiner Tasche, �ffnete es, packte das arme Tier an der Gurgel und stach ihm ganz bed�chtig eins seiner Augen aus der H�hle heraus. Oh! � es �berl�uft mich abwechselnd ein gl�hender und eisiger Schauder, da ich diese fluchw�rdige Scheu�lichkeit hier niederschreibe.</p><p>Als ich am anderen Morgen den Dunst meiner n�chtlichen Ausschweifung verschlafen hatte und wieder zu Verst�nde kam, empfand ich �ber mein Verbrechen ein aus Abscheu und Gewissensbissen gemischtes Gef�hl; doch war es nur eine schwache Empfindung, und in ihrer Tiefe blieb meine Seele von derselben unber�hrt. Ich �berlie� mich aufs neue meinen Unm��igkeiten, und jede Erinnerung an die Tat ertr�nkte ich im Branntwein. Der Kater genas mittlerweile langsam.</p><p>Seine leere Augenh�hle bot allerdings einen schauerlichen Anblick, doch schien er keine Schmerzen mehr zu leiden. Wie fr�her strich er im Haus umher, floh aber, wie leicht erkl�rlich, entsetzt davon, sobald ich in seine N�he kam. Ich hatte mir noch so viel Gef�hl bewahrt, da� mich die offenbare Abneigung eines Gesch�pfes, das mir fr�her zugetan war, betr�bte. Doch wich diese Empfindung bald einer t�ckischen Erbitterung. Und dann kam auch, um meinen endg�ltigen, unwiderruflichen Untergang zu besiegeln, der Geist der <emphasis>Perversit�t</emphasis> �ber mich. Die Psychologie hat sich noch nie mit diesem D�mon befa�t. Doch so wahr meine Seele lebt, ich glaube, da� die Perversit�t einer der Grundtriebe des menschlichen Herzens ist, eine der unteilbaren Unf�higkeiten oder Gef�hle, die dem Charakter des Menschen seine Richtungslinie geben. Wem w�re es nicht hundertmal begegnet, da� er sich bei einer niedrigen oder t�richten Handlung �berraschte, die er nur deshalb beging, weil er wu�te, da� sie verboten war? Haben wir nicht best�ndig die Neigung, die Gesetze zu verletzen, blo� weil wir sie als solche anerkennen m�ssen? Dieser Geist der Perversit�t kam also, wie ich schon sagte, �ber mich, um meinen Untergang zu vollenden. Jener unergr�ndliche Drang der Seele, sich selbst zu qu�len, ihrer eigenen Natur Gewalt anzutun und das Unrecht nur um des Unrechtes willen zu begehen, trieb mich an, das unschuldige Tier, das ich schon so gr��lich mi�handelt hatte, noch weiter zu qu�len. Eines Morgens legte ich kaltbl�tig eine Schlinge um seinen Hals und h�ngte es an dem Ast eines Baumes auf; h�ngte es auf, w�hrend mir die Tr�nen aus den Augen str�mten und Gewissensbisse mein Herz folterten; h�ngte es auf, weil ich wu�te, da� es mich geliebt, und weil ich f�hlte, da� es mir nie eine Ursache zu dieser Mi�handlung gegeben hatte; h�ngte es auf, <emphasis>weil</emphasis> ich f�hlte, da� ich mit der Tat eine S�nde beging, eine Tods�nde, die das Heil meiner Seele vernichten konnte, sie, wenn es noch m�glich gewesen w�re, dem Bereich der Gnade des allbarmherzigen Gottes h�tte entziehen m�ssen.</p><p>In der Nacht, die dem Tage folgte, an dem ich die grausame Tat vollf�hrt hatte, wurde ich durch Feuerl�rm aus dem Schlafe geweckt. Die Vorh�nge meines Bettes brannten, das ganze Haus stand schon in Flammen. Unter gro�en Gefahren entrannen meine Frau, unser Dienstbote und ich der Feuersbrunst. Alles wurde zerst�rt, mein ganzer Besitz an irdischen G�tern war dahin. Und ich selbst �berlie� mich von nun ab nur noch widerstandsloser dem Trunk.</p><p>Ich bin l�ngst �ber die Schw�che hinaus, ein Verh�ltnis von Ursache und Wirkung zwischen diesem Ungl�ck und der vorhergegangenen Sch�ndlichkeit zu erblicken. Ich stelle nur eine Kette von Tatsachen fest und m�chte dabei kein Glied unerw�hnt lassen. Am Tag nach dem Brand besichtigte ich die Tr�mmer. Die Mauern waren bis auf eine zusammengest�rzt: und zwar war die nicht sehr dicke Scheidewand in der Mitte des Hauses, an der das Kopfende meines Bettes gestanden hatte, stehengeblieben. Die Wandverkleidung selbst hatte dem Feuer auffallend gut widerstanden � ich f�hrte dies auf den Umstand zur�ck, da� sie erst vor kurzem neu angeworfen worden war. Um diese Mauer herum hatte sich eine dichte Menschenmenge versammelt und schien einen bestimmten Teil derselben einer eingehenden, eifrigen Pr�fung zu unterziehen. Worte wie �seltsam!� und �sonderbar!� und �hnliche Ausrufe erregten meine Neugierde. Ich n�herte mich und erblickte auf der wei�en Oberfl�che, wie im Bas-Relief eingegraben, die Gestalt eines riesigen Katers. Die Konturen waren mit wunderbarer Sorgfalt ausgef�hrt. Um den Hals des Tieres lag ein Strick.</p><p>Als ich diesen Spuk � f�r etwas anderes konnte ich�s kaum halten � erblickte, geriet ich vor Staunen und Grausen au�er mir. Schlie�lich erinnerte ich mich, da� ich den Kater in einem Garten erh�ngt hatte, der dicht an mein Haus anstie�. Bei dem Feuerl�rm hatte sich der Garten sofort mit Menschen gef�llt. Einer von ihnen mu�te das Tier abgeschnitten und durch ein offenes Fenster � wahrscheinlich in der Absicht, mich aus dem Schlafe zu wecken � in mein Zimmer geschleudert haben. Beim Einsturz der anderen Mauer mu�te irgendein Zufall das Opfer meiner Grausamkeit in die frisch aufgetragene Masse des Mauerputzes fest eingedr�ckt haben. Das Feuer hatte dann in Verbindung mit dem tierischen Alkali des Kadavers seine Umrisse fest in den Kalk eingebrannt.</p><p>Obgleich ich, was diese aufregende, rasch erz�hlte Tatsache angeht, meiner Vernunft, wenn nicht meinem Gewissen Gen�ge tat, machte sie nichtsdestoweniger einen tiefen Eindruck auf meine Phantasie. Monatelang konnte ich mich von der Spukgestalt des Katers nicht befreien, und eine unbestimmte Empfindung, die wie Reue erschien, es aber doch nicht war, kehrte in mein Gem�t ein. Ich fing sogar an, den Verlust des Tieres aufrichtig zu bedauern, und begann, mich in den niedrigen Schenken, die ich meist besuchte, nach einem anderen Tier derselben Art und von einigerma�en �hnlichem Aussehen umzusehen, das den Platz Plutos wieder ausf�llen konnte.</p><p>Eines Nachts, als ich, schon halb stumpfsinnig, in einer der allerniedrigsten Lasterh�hlen sa�, lenkte sich meine Aufmerksamkeit pl�tzlich auf einen dunklen Gegenstand, der oben auf einem riesigen Oxhoftfa� voll Branntwein oder Rum lag, das ein Hauptst�ck der Ausstattung des Lokales bildete. Einige Minuten lang blickte ich fest nach dem in die H�he gerichteten Boden des Fasses, und es setzte mich in Erstaunen, da� ich den betreffenden Gegenstand nicht eher bemerkt hatte. Ich ging darauf zu und ber�hrte ihn mit der Hand. Es war ein schwarzer Kater � ein sehr gro�er schwarzer Kater �, ganz so gro� wie Pluto und ihm, mit Ausnahme einer einzigen Abweichung, vollst�ndig �hnlich. Pluto hatte an seinem ganzen K�rper kein einziges wei�es Haar; dieser Kater hatte dagegen einen gro�en, wenn auch undeutlich gezeichneten wei�en Flecken, der beinahe die ganze Brust bedeckte.</p><p>Als ich das Tier ber�hrte, erhob es sich sofort, begann laut zu schnurren, rieb sich an meiner Hand und schien �ber die ihm gespendete Aufmerksamkeit h�chst erfreut. Dies war also wohl gerade das Tier, das ich suchte! Ich machte dem Wirt sofort ein Angebot, um es zu kaufen, aber der erhob �berhaupt keinen Anspruch darauf, sagte, er kenne es nicht und habe es nie zuvor gesehen.</p><p>Ich fuhr in meinen Liebkosungen fort, und als ich mich auf den Heimweg machte, schien das Tier mir folgen zu wollen. Ich gestattete es und stand unterwegs hin und wieder still, um es zu streicheln. Zu Hause angekommen, gew�hnte es sich gleich ein und wurde sofort der Liebling meiner Frau.</p><p>In mir jedoch f�hlte ich bald eine Abneigung gegen das Tier entstehen. Das war gerade das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte, aber � ich wei� nicht, wie und weshalb � seine augenscheinliche Anh�nglichkeit an mich widerte mich an. Nach und nach verwandelte sich dies Gef�hl des Widerwillens in erbitterten Ha�. Ich mied die Katze; ein gewisses Gef�hl der Besch�mung und die Erinnerung an meine fr�here Grausamkeit verhinderten jedoch, da� ich sie mi�handelte. Einige Wochen vergingen, ohne da� ich sie schlug oder sonst qu�lte. Aber allm�hlich � ganz allm�hlich � fing ich an, sie mit unaussprechlichem Abscheu zu betrachten und vor ihrer verha�ten Gegenwart wie vor dem giftigen Hauch der Pest schweigend zu entfliehen.</p><p>Was ohne Zweifel meinen Ha� gegen das Tier noch versch�rfte, war die Entdeckung, die ich gleich am ersten Morgen machte: da� das Tier, gerade wie Pluto, des einen Auges beraubt war. Dieser Umstand machte es meiner Frau nur noch lieber, die, wie ich schon sagte, in hohem Ma�e jene Z�rtlichkeit des Herzens besa�, die auch einst mein hervorstechendster Charakterzug und die Quelle einfachster und reinster Freuden gewesen war.</p><p>Doch schien mit meinem Widerwillen gegen den Kater dessen Vorliebe f�r mich nur noch zu wachsen. Er folgte mir stets auf dem Fu�e, mit einer Beharrlichkeit, die ich nur schwer beschreiben kann. Setzte ich mich nieder, so kauerte er sich unter meinen Stuhl oder sprang mir auf die Knie und �berh�ufte mich mit den h��lichsten Liebkosungen. Stand ich auf, um wegzugehen, so zw�ngte er sich zwischen meine F��e und warf mich fast zu Boden, oder er klammerte sich mit seinen langen, scharfen Krallen in meine Kleider und kletterte an mir fast bis zur Brust herauf. Und obgleich mich bei solchen Gelegenheiten das Verlangen packte, ihn mit <emphasis>einem</emphasis> Hiebe totzuschlagen, hielt mich immer irgend etwas davon zur�ck, teils die Erinnerung an mein fr�heres Verbrechen, jedoch haupts�chlich � ich will es nur gleich gestehen � eine wirkliche <emphasis>Angst</emphasis> vor dem Tier.</p><p>Ich f�rchtete mich nicht gerade vor einer k�rperlichen Verletzung durch Kater � und doch w��te ich nicht, wie ich sonst dies Gef�hl erkl�ren sollte! Ich gestehe mit Besch�mung, selbst in dieser Verbrecherzelle mit Besch�mung, da� der Schreck und der Abscheu, den das Tier mir einfl��te, durch ein nichtiges Hirngespinst � so nichtig, wie man sich nur eins vorstellen mag � noch gesteigert wurde. Meine Frau hatte mich gelegentlich auf die Form des wei�en Fleckens hingewiesen, von dem ich schon gesprochen habe, und der den einzigen sichtbaren Unterschied zwischen diesem seltsamen Tiere und dem von mir get�teten ausmachte. Der Leser wird sich erinnern, da� dieser Fleck, obgleich er gro� war, nur sehr undeutliche Umrisse aufwies. Aber in ganz allm�hlichen, kaum wahrnehmbaren Steigerungen, die meine Vernunft sich vergeblich als Einbildungen einreden wollte, erlangten dieselben eine f�rchterliche Deutlichkeit. Sie stellten jetzt einen Gegenstand dar, den ich zu nennen schaudere und dessentwegen allein ich das Ungeheuer verabscheute und f�rchtete und mich von ihm befreit haben w�rde, h�tte ich es nur <emphasis>gewagt.</emphasis> Es war das Abbild eines scheu�lichen, spukhaften Gegenstandes � ich spreche es aus: Es war die Zeichnung eines Galgens. O trauriges und furchtbares Mahnbild der Schande und der S�hne niedrigsten Verbrechens � voll Todesqual!</p><p>Und nun war ich elend � elend �ber alle Grenzen menschlichen Elends hinaus. Und ein unvern�nftiges Tier � von dessen Geschlecht ich eines ver�chtlich get�tet hatte �, ein vernunftloses Tier bereitete mir, einem Menschen nach dem Ebenbilde Gottes, eine solch unertr�gliche Qual! Ach! Weder bei Tage noch bei Nacht empfand ich mehr die Wohltat der Ruhe. Tags�ber lie� mich das Tier keinen Augenblick allein, und des Nachts fuhr ich st�ndlich aus Tr�umen voll unaussprechlichen Grausens auf, f�hlte seinen Atem �ber meinem Gesicht und sein schweres Gewicht � wie einen k�rperlich gewordenen Nachtspuk, den ich abzusch�tteln nicht die Kraft hatte � unabl�ssig auf meiner Brust!</p><p>Unter dem Druck solcher Qualen. schwand der schwache Rest dahin, der noch von Gutem in mir war. Schlimme Gedanken wurden meine einzigen Begleiter � schlimmste, finsterste Gedanken! Mein gew�hnlicher Tr�bsinn artete in Ha� aus gegen alles in der Welt, ja gegen die ganze Menschheit: Meist war es meine still duldende Frau, die unter den pl�tzlichen z�gellosen Wutausbr�chen, denen ich mich jetzt oft blindlings �berlie�, bitter zu leiden hatte.</p><p>Eines Tages begleitete sie mich wegen irgendeiner h�uslichen Angelegenheit in den Keller des alten Geb�udes, das zu bewohnen uns unsere Armut n�tigte. Die Katze folgte mir die steilen Treppen hinunter und veranla�te, da� ich stolperte und fast kopf�ber hinuntergest�rzt w�re. Dies erboste mich sehr. Ich ergriff eine Axt, verga� in meiner kindlichen Wut die Angst, die bis jetzt meine Hand zur�ckgehalten hatte, und f�hrte einen Streich auf das Tier, der sicher t�dlich gewesen w�re, wenn er so getroffen h�tte, wie ich es w�nschte. Meine Frau jedoch hielt den Schlag auf. Dies versetzte mich in eine mehr als teuflische Raserei, ich ri� meinen Arm aus den H�nden meiner Frau los und hieb ihr die Axt in den Sch�del. Ohne den geringsten Laut brach sie sofort tot zusammen.</p><p>Kaum war dieser grauenvolle Mord geschehen, als ich mich auch schon daran machte, den Leichnam mit aller �berlegung zu verbergen. Ich sah ein, da� ich ihn weder bei Tag noch bei Nacht aus dem Hause schaffen konnte, ohne Gefahr zu laufen, von den Nachbarn bemerkt zu werden. Mancherlei Pl�ne kamen mir in den Sinn. Einmal dachte ich daran, den K�rper in lauter kleine Teile zu zerschneiden und zu verbrennen, dann beschlo� ich, ihn im Boden des Kellers zu vergraben, dann �berlegte ich, ob ich ihn nicht in den Brunnen, der sich auf unserm Hofe befand, werfen solle � ja, ich dachte sogar daran, ihn wie eine Ware in eine Kiste zu verpacken und diese von einem Pakettr�ger aus dem Hause wegschaffen zu lassen. Endlich blieb ich bei einer Idee, die mir bei weitem als beste erschien. Ich beschlo�, ihn im Keller einzumauern, wie es nach verschiedenen �berlieferungen die M�nche des Mittelalters mit ihren Opfern gemacht haben sollen.</p><p>Der Keller schien mir f�r einen solchen Zweck wohl geeignet. Die Mauern waren leicht gebaut und erst k�rzlich mit grobem M�rtel beworfen worden, der in der feuchten Kellerluft noch nicht vollst�ndig verh�rtet war. �berdies befand sich an einer der Mauern ein Vorsprung, hinter dem sich ein falscher Kamin befand, den man ausgef�llt hatte, wodurch die Stelle den �brigen W�nden gleichgemacht war. Ich zweifelte nicht, die Ziegel an dieser Stelle leicht herausbrechen, den Leichnam in der H�hlung verbergen und das Ganze wieder so zumauern zu k�nnen, da� kein Auge irgend etwas Verd�chtiges entdecken w�rde.</p><p>Und diese Annahme t�uschte mich nicht. Ich entfernte mittels eines Brecheisens mit leichter M�he die Steine, lehnte den K�rper gegen die innere Wand, befestigte ihn etwas in dieser Stellung und stellte die Mauer, genauso, wie sie urspr�nglich gewesen, wieder her. Da ich mir mit Verbrecherschlauheit M�rtel, Sand und Stroh verschafft hatte, bereitete ich einen Bewurf, der von dem vorigen nicht zu unterscheiden war, und verstrich die neugemauerte Stelle auf das sorgf�ltigste. Als ich fertig war, empfand ich eine gro�e Befriedigung dar�ber, da� nun alles in Ordnung sei. An der Wand war nicht das geringste zu bemerken, den Fu�boden s�uberte ich mit peinlichster Sorgfalt von dem �briggebliebenen Schutt. Dann blickte ich mit triumphierenden Blicken umher und sagte mir: �Hier ist meine Arbeit wenigstens keine vergebliche gewesen.�</p><p>Mein n�chster Gang galt dem Kater, der all dies Elend verschuldet hatte und den ich nun mit Bestimmtheit t�ten wollte. H�tte ich ihn in dem Augenblick gefunden, so w�re sein Schicksal entschieden gewesen, doch es schien, als habe das schlaue Tier noch Furcht vor meinem wilden Zorn und vermeide es, sich vor mir in meiner augenblicklichen Stimmung blicken zu lassen. Es ist unm�glich, das tiefe, selige Gef�hl der Erleichterung, mit welchem mich die Abwesenheit des verha�ten Wesens erf�llte, zu beschreiben oder gar sich vorzustellen. Auch am Abend kam es nicht wieder zum Vorschein, und so verbrachte ich die erste Nacht, seit es ins Haus gekommen war, in gesundem, tiefem Schlaf, obwohl ein Mord meine Seele belastete!</p><p>Der zweite und dritte Tag verging � mein Peiniger kam nicht wieder. Noch einmal atmete ich in Freiheit auf. Das Untier war vor Schrecken aus meinem Hause entflohen! Ich w�rde es nicht mehr sehen! Mein Gl�ck war unbeschreiblich. Das Andenken an meine schwarze Tat beunruhigte mich so gut wie gar nicht. Man hatte einige Nachforschungen angestellt, doch hatte ich sie bald zu erledigen gewu�t. Sogar eine Haussuchung hatte stattgefunden, die nat�rlich ergebnislos verlaufen war. Ich f�hlte mich vollst�ndig ruhig und sicher.</p><p>Am vierten Tage nach dem Mord erschienen jedoch ganz unerwartet noch einige Abgesandte der Polizei und nahmen von neuem eine sorgf�ltige Haussuchung vor. Da ich jedoch vollkommen �berzeugt war, da� man das verh�ngnisvolle Versteck nicht auffinden werde, blieb ich ganz kaltbl�tig. Die Beamten forderten mich auf, sie bei der Durchsuchung zu begleiten. Sie lie�en keinen Winkel, keine Ecke au�er acht. Endlich stiegen sie zum dritten- oder viertenmal in den Keller hinab. Ich zuckte mit keiner Wimper, und mein Herz schlug so ruhig wie das eines Menschen, der in Unschuld schl�ft. Ich durchschritt den Keller von einem Ende zum andern, kreuzte die Arme �ber die Brust und ging seelenvergn�gt auf und ab. Die Beamten schienen befriedigt und schickten sich an, wieder hinaufzugehen. Die Freude meines Herzens war zu gro�, als da� ich sie ganz h�tte verbergen k�nnen. Es stachelte mich f�rmlich, meinem Triumph, wenn auch nur durch <emphasis>ein</emphasis> Wort, Ausdruck zu verleihen und sie in ihrer �berzeugung von meiner Unschuld zu best�rken.</p><p>�Meine Herren�, sagte ich endlich, als die Gesellschaft schon die Stufen hinaufschritt, �ich freue mich, da� sich Ihr Verdacht als unbegr�ndet erwiesen hat. Ich w�nsche Ihnen ein herzliches Lebewohl und f�r die Zukunft etwas mehr H�flichkeit. Im �brigen, meine Herren, ist dies ein sehr solide gebautes Haus!� (In dem wahnsinnigen Verlangen, irgend etwas Anz�gliches leicht hinzuwerfen, wu�te ich kaum selbst mehr, was ich sprach.) �Man k�nnte es fast ein au�erordentlich solide gebautes Haus nennen! Diese Mauern � Sie gehen schon, meine Herren? � diese Mauern sind fest gef�gt.� Und hier klopfte ich aus purer Prahlerei mit einem Stocke, den ich in der Hand hielt, heftig gerade gegen den Teil der Mauer, hinter dem der Leichnam jener Frau verborgen war, die ich von Herzen geliebt hatte.</p><p>Aber m�ge Gott mir gn�dig sein und mich aus den Klauen des Erzfeindes befreien! Kaum war der Nachklang der Schl�ge in der Stille verhallt, als eine Stimme aus dem Innern des Grabes antwortete. � Es war ein Geschrei, anfangs gebrochen und halb erstickt, wie das Schluchzen eines Kindes, ein Geschrei, das dann zu einem langen, anhaltenden Laut anschwoll, der �bernat�rlich und unmenschlich klang � einem Geheul, einem kreischenden Wehklagen, in dem sich Schreck und Frohlocken zu mischen schienen, wie es sich nur den Kehlen der Verdammten in ihren Qualen und der Brust triumphierender Teufel entringen kann.</p><p>Es w�re unn�tz, von meinen Empfindungen sprechen zu wollen. Einer Ohnmacht nahe, taumelte ich gegen die R�ckwand des Kellers. Einen Augenblick standen die Polizisten im �berma� des Entsetzens und Grausens regungslos und starr, im n�chsten jedoch arbeiteten bereits ein Dutzend kr�ftige Arme an der Mauer.</p><p>Sie war bald niedergerissen, und der schon stark in Verwesung �bergegangene, mit geronnenem Blut bedeckte Leichnam meiner Frau stand aufrecht vor ihren Augen da. Auf dem Kopf, mit aufgerissenem rotem Maul und seinem einzigen gl�henden Auge, hockte das scheu�liche Tier, dessen Gebaren mich zum Morde verleitet hatte und dessen verr�terische Stimme mich jetzt dem Henker �berlieferte.</p><p>Ich hatte das Ungeheuer mit in das Grab eingemauert.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>In der Gruft </strong>von H. P. Lovecraft</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), legend�rer amerikanischer Chronist des Grauens, der in Providence, Long Island, das Leben eines Sonderlings f�hrte, konnte zu seinen Lebzeiten nur ein einziges Buch ver�ffentlichen; seine Kurzgeschichten und Erz�hlungen erschienen in Magazinen, vor allem in der Zeitschrift �Weird Tales�. Lovecraft wurde erst nach seinem Tode ber�hmt, als seine unheimlichen Geschichten gesammelt zu erscheinen begannen und in viele Sprachen �bersetzt wurden. Als in der von Kalju Kirde herausgegebenen �Bibliothek des Hauses Usher� die ersten Lovecraft-B�nde erschienen, schrieb der Rezensent der �K�lnischen Rundschau� : �Was da aus den Sch�chten der Phantasie, aus den schwarzen Abgr�nden des Grauens auftaucht, wird mit exaktem, peniblem Realismus festgehalten, wie in der surrealistischen Malerei, die ihre Visionen mit naturalistischer Genauigkeit einf�ngt.�</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Meiner Ansicht nach gibt es nichts Absurderes als die gedankliche Assoziation der Begriffe l�ndlich und lebensfroh, obwohl die Psychologie der breiten Masse seit jeher zu diesem Irrtum neigt. Berichtet man eine Begebenheit aus New England und erw�hnt als Hauptperson den tolpatschigen Totengr�ber, dem durch seine Sorglosigkeit ein Mi�geschick in einer Gruft zust��t, dann erwartet der Durchschnittsleser wohl selten mehr als eine herzhafte Kom�die. Aber Gott wei�, da� diese Geschichte, die ich jetzt nach George Birchs Hinscheiden erz�hlen kann, Aspekte aufweist, im Vergleich zu denen einige der bekannteren klassischen Trag�dien fast harmlos wirken m�ssen.</p><p>Birch bat im Jahre 1881 pl�tzlich um seine Entlassung und gab seinen Beruf g�nzlich auf, sprach aber niemals �ber die Gr�nde, die zu diesem Entschlu� gef�hrt hatten. Auch sein Hausarzt, Dr. Davis, der nun schon seit Jahren tot ist, bewahrte striktes Stillschweigen. Allgemein bekannt war nur, da� Birch Verletzungen und einen Schock erlitten hatte, als er neun Stunden in der Gruft des Friedhofs von Peck Valley zubringen mu�te, bis er sich endlich selbst aus dieser mi�lichen Lage befreien konnte. Die wahren Hintergr�nde dieser Geschichte erfuhr ich erst von Birch pers�nlich w�hrend der h�ufigen Krankenbesuche, die ich ihm in den letzten Wochen vor seinem Tod abstattete. Er hatte Vertrauen zu mir, weil ich sein Arzt war, vielleicht aber auch nur, weil er sich mit niemandem mehr aussprechen konnte, nachdem Dr. Davis gestorben war. Birch war Junggeselle geblieben und besa� keine Verwandten.</p><p>Bis zum Jahre 1881 hatte Birch das Amt des Totengr�bers von Peck Valley ausge�bt und war selbst f�r diesen Menschenschlag ungew�hnlich abgebr�ht. Seine Arbeitsweise mu� f�r unsere Verh�ltnisse geradezu unglaublich erscheinen, und die biederen B�rger von Peck Valley w�ren vermutlich entsetzt gewesen, h�tten sie je erfahren, wie weitherzig dieser Mann den Eigentumsbegriff auslegte, wenn es sich um Wertgegenst�nde handelte, die ohnehin nicht mehr sichtbar waren, nachdem der Sargdeckel sich �ber den Toten geschlossen hatte. Dazu kam noch, da� Birch keine langen Umst�nde zu machen pflegte, wenn einmal eine Leiche nicht in den Sarg pa�te, bei dessen Herstellung er es an der n�tigen Sorgfalt hatte fehlen lassen. Er war verantwortungslos, roh und f�r seine Stellung denkbar ungeeignet, aber trotzdem glaubte ich nicht, da� er von Grund auf schlecht und b�se war. Gedankenlosigkeit, Leichtsinn und Trunksucht im Verein mit seinem grobschl�chtigen und ungebildeten Wesen f�hrten schlie�lich jenen Unfall herbei, der bestimmt zu verhindern gewesen w�re.</p><p>Ich wei� nicht recht, an welchem Punkt ich Birchs Geschichte beginnen soll, denn ich bin kein ge�bter Erz�hler. Zu Anfang sollte man wohl den bitterkalten Dezember des Jahres 1880 erw�hnen, in dem das Erdreich so tief gefror, da� bis zum Fr�hjahr keine Gr�ber mehr ausgehoben werden konnten. Gl�cklicherweise war das Dorf klein und die Zahl der Toten in diesem Winter besonders niedrig, wodurch Birch in der Lage war, seine leblosen Sch�tzlinge in der leerstehenden Gruft auf dem Friedhof unterzubringen. Das kalte Wetter machte ihn noch m�rrischer als sonst, und er schien sich selbst in bezug auf schlechte Arbeit �bertreffen zu wollen. Nie zuvor hatte er schiefere S�rge zusammengeh�mmert oder sich weniger um das rostige Schlo� in der T�r zu der Gruft gek�mmert, wenn er wieder einmal einen Toten zur vorl�ufigen Ruhe zu betten hatte.</p><p>Schlie�lich kam der Fr�hling, und auf dem Friedhof wurden neun Gr�ber ausgehoben, denn in der Gruft lagen neun Opfer, die der Sensenmann w�hrend des langen Winters abberufen hatte. Birch, der die mit den Umbettungen und Wiederbestattungen verbundene Arbeit scheute, begann an einem tr�ben Apriltag damit, h�rte aber schon bald wieder auf, weil der starke Regen sein Pferd unruhig zu machen schien. Am n�chsten Morgen wollte er die zweite Leiche, den alten Matthew Fenner, in das vorbereitete Grab schaffen, hatte aber doch keine Lust dazu und nahm die Arbeit erst wieder am Karfreitag auf. Da er von Natur aus nicht abergl�ubisch veranlagt war, bedeutete ihm dieser Tag nichts, obwohl er sp�ter nie mehr an einem Freitag arbeitete.</p><p>Am Nachmittag des f�nfzehnten April machte Birch sich also mit Pferd und Wagen auf, um Matthew Fenners Leiche in das Grab zu bringen. Sp�ter gab er mir gegen�ber zu, da� er dabei nicht ganz n�chtern gewesen sei, obwohl er damals noch nicht die Mengen Alkohol zu sich nahm, mit deren Hilfe er sp�ter diesen Tag zu vergessen versuchte. Ein eisiger Wind hatte die Wolken vom Himmel gefegt, und Birch war froh, als er endlich das schwere Eisentor erreicht hatte, das den Eingang zu der Gruft versperrte. Mancher andere h�tte die feuchte, nach Moder riechende Kammer nur ungern und z�gernd betreten, aber damals war Birch f�r dergleichen Gef�hlsregungen noch v�llig unempfindlich und hatte nur eine Sorge � den richtigen Sarg f�r das vorbereitete Grab zu finden. Nur zu gut konnte er sich noch an den Aufruhr erinnern, der entstanden war, als Hannah Bixbys Verwandte ihre Leiche in die Stadt hatten �berf�hren lassen, wobei sich herausstellte, da� in Wirklichkeit Richter Capwell unter ihrem Grabstein ruhte. Die Beleuchtung innerhalb der Gruft war d�ster, aber Birch hatte gute Augen und nahm nicht etwa aus Versehen Asaph Sawyers Sarg mit, obwohl er sehr �hnlich aussah. Urspr�nglich hatte er diesen Sarg f�r Fenner vorgesehen gehabt, aber dann hatte er sich daran erinnert, wie freundlich und zuvorkommend der kleine alte Mann stets zu ihm gewesen war. Deshalb hatte er ihn zur Seite gestellt und Matthew Fenner den sch�nsten und besten Sarg getischlert, den je ein B�rger von Peck Valley bekommen hatte. Andererseits war er aber sparsam genug gewesen, um den schlechten f�r den Tag aufzuheben, an dem Asaph Sawyer das Zeitliche segnen w�rde. Sawyer war allgemein unbeliebt und vielen sogar verha�t, denn seine Rachgier hatte mit zunehmendem Alter geradezu unmenschliche Formen angenommen. Birch hatte keinerlei Gewissensbisse empfunden, als er Sawyers Leichnam in den schlecht gearbeiteten Sarg gelegt hatte, den er jetzt auf der Suche nach Fenners achtlos zur Seite schob.</p><p>Er hatte gerade den richtigen Sarg erkannt, als der Wind die T�r ins Schlo� warf, wodurch es in der engen Grabkammer noch finsterer als zuvor wurde. Zwischen T�r und Schwelle drang nur ein schwacher Lichtstrahl in das Innere der Gruft, so da� Birch sich m�hsam an den S�rgen entlangtasten mu�te, um wieder an die T�r zu gelangen. Er r�ttelte heftig an der Klinke und trat schlie�lich sogar mit dem Stiefel dagegen, gab diese vergeblichen Bem�hungen dann aber wieder auf, als sein vom Alkohol umnebelter Verstand ihm sagte, da� diese Methode wenig erfolgversprechend sei. Das jahrelang vernachl�ssigte Schlo� war offensichtlich durch den heftigen Aufprall gebrochen, wodurch der Totengr�ber zum Gefangenen der Gruft geworden war � ein Opfer seiner eigenen Sorglosigkeit.</p><p>Dieser Vorfall mu� sich etwa um vier Uhr nachmittags zugetragen haben. Birch, der von Natur aus phlegmatisch und praktisch veranlagt war, vergeudete keine Zeit mit vergeblichen Hilferufen, sondern machte sich auf die Suche nach einigen Werkzeugen, die er in einer Ecke der Kammer hatte liegen sehen. Es bleibt zu bezweifeln, da� er das Unheimliche und Furchterregende seiner Lage erfa�te, aber er war jedenfalls w�tend dar�ber, sich ausgerechnet in der Gruft eingesperrt zu finden, die in der entferntesten Ecke des Friedhofs lag. Die Arbeit, die er sich f�r diesen Nachmittag vorgenommen hatte, w�rde er wohl kaum mehr beenden k�nnen, und wenn nicht der Zufall einen Menschen in diese Gegend f�hrte, w�rde er unter Umst�nden die ganze Nacht und noch l�nger hier verbringen m�ssen. Die Werkzeuge waren schnell gefunden, Birch w�hlte einen Hammer und einen Mei�el und kehrte �ber die S�rge hinweg zur T�r zur�ck. Die Luft hatte sich bereits merklich verschlechtert, aber er achtete nicht darauf, sondern bearbeitete das schwere Schlo� mit heftigen Schl�gen.</p><p>Als er erkannte, da� das Schlo� mit den vorhandenen Mitteln nicht aufzubrechen war � jedenfalls nicht in dem Halbdunkel, in dem er kaum den Mei�elkopf erkennen konnte �, suchte Birch nach einem anderen m�glichen Ausweg. Die Gruft war in eine Felswand hineingehauen worden, die jeden Ausbruchsversuch nach oben von vornherein als aussichtslos erscheinen lie�. �ber der T�r bildete jedoch nur Ziegelmauerwerk den Abschlu�, das den Bem�hungen eines entschlossenen Mannes keinen allzu gro�en Widerstand zu bieten versprach; deshalb sah er lange hinauf, w�hrend er fieberhaft �berlegte, wie er es erreichen k�nne. In der Gruft befand sich nichts, was als Leiter geeignet gewesen w�re, und die Sargnischen an den Seitenw�nden, die Birch selten genug benutzte, waren zu weit entfernt, um als Stufen zu dienen. Nur die S�rge selbst blieben nach diesen �berlegungen �brig, und w�hrend er dar�ber nachdachte, suchte er nach der bestm�glichen Anordnung. Drei S�rge �bereinander, sch�tzte er, m��ten gen�gen, um ihn das Mauerwerk erreichen zu lassen, aber vier w�ren bestimmt vorzuziehen. Die einzelnen S�rge hatten etwa gleiche Ausma�e und konnten wie Baukl�tze aufeinandergestellt werden; Birch �berlegte also, wie er mit acht S�rgen eine m�glichst stabile Plattform errichten k�nne. Dabei war es unvermeidlich, da� er nachtr�glich bedauerte, die Einzelteile dieser improvisierten Treppe nicht doch etwas sorgf�ltiger und solider angefertigt zu haben. Da� er gen�gend Vorstellungskraft besa�, um sich zu w�nschen, die S�rge seien leer, mu� bezweifelt werden.</p><p>Endlich fa�te er einen Entschlu� und begann die S�rge in folgender Anordnung �bereinanderzut�rmen: drei als Unterlage, dann zwei mal zwei �bereinander und schlie�lich noch einen, von dem aus er arbeiten wollte. Dann ben�tzte er aber doch nur zwei f�r die unterste Lage, nachdem er sich �berlegt hatte, da� er unter Umst�nden noch einen brauchen w�rde, um durch das Loch �ber der T�r hinausklettern zu k�nnen. So plagte der unfreiwillige Gefangene sich also in der tiefen D�mmerung ab und errichtete vor Anstrengung keuchend Lage f�r Lage seinen Turm <emphasis>en miniature.</emphasis> Einige der S�rge �chzten bedrohlich, und er hob sich Matt Fenners Sarg bis zuletzt auf, um seinen F��en sp�ter bei der Arbeit eine m�glichst sichere Unterlage zu bieten. Dabei mu�te er sich vor allem auf seinen Tastsinn verlassen und stie� nur aus Zufall auf den richtigen Sarg, nachdem er ihn zun�chst aus Versehen in die dritte Schicht eingebaut hatte.</p><p>Nachdem der Turmbau endlich fertiggestellt war, g�nnte Birch sich eine kurze Pause, um dann mit Hammer und Mei�el bewaffnet an die Arbeit zu gehen. Das leichte Mauerwerk versprach keinen gro�en Widerstand zu bieten, so da� der wackere Mann nicht daran zweifelte, schon nach verh�ltnism��ig kurzer Zeit wieder in Freiheit zu sein. Als die ersten Hammerschl�ge fielen, wieherte sein Gaul auf, wobei allerdings nicht mit Sicherheit zu unterscheiden war, ob dieser Laut Ermunterung oder Spott bedeuten sollte.</p><p>Keine der beiden Auslegungen war von der Hand zu weisen, denn das Mauerwerk erwies sich als �berraschend massiv.</p><p>Die Nacht folgte auf die Abendd�mmerung, aber Birch arbeitete unerm�dlich weiter. Allerdings mu�te er sich jetzt weitgehend auf seinen Tastsinn verlassen, denn schwere Wolken verbargen den blassen Mond fast vollst�ndig. Obwohl sein Werk nur langsam Fortschritte machte, f�hlte Birch sich durch den allm�hlich entstehenden Durchbruch ermutigt, den er bis Mitternacht gen�gend erweitert zu haben hoffte, um hindurchkriechen zu k�nnen. Bezeichnend f�r seine Einstellung diesen Dingen gegen�ber mu� es genannt werden, da� er sich keine Sekunde lang Gedanken �ber Zeit, Ort und die leblosen Gestalten zu seinen F��en machte. Er h�mmerte unger�hrt weiter, stie� nur ab und zu einen kurzen Fluch aus, wenn ihn ein Splitter ins Gesicht traf, und lachte einmal sogar lauthals, als ein anderer das Pferd streifte, das vor der Gruft unruhig scharrte. Im Laufe der Zeit hatte er die �ffnung so vergr��ert, da� er bereits gelegentlich den Versuch unternahm, sich hindurchzuzw�ngen, wobei die S�rge unter seinen F��en gef�hrlich knarrten und schwankten. Dabei stellte er fest, da� es nicht n�tig sein w�rde, den bestehenden Stapel um einen Sarg zu erh�hen, denn das Loch befand sich genau in der richtigen H�he und mu�te nur noch erweitert werden. Es mu� zumindest bereits Mitternacht gewesen sein, als Birch zu der �berzeugung kam, da� der Durchbruch jetzt gro� genug sei. Da er trotz h�ufig eingelegter Arbeitspausen ersch�pft und schwei��berstr�mt war, stieg er noch einmal in die Gruft hinunter, um seine Kr�fte f�r den bevorstehenden Ausbruchsversuch zu sammeln. Seltsamerweise versp�rte er keine rechte Begeisterung mehr dazu und scheute zudem die damit verbundene Anstrengung, denn sein K�rper wies bereits die ersten Anzeichen der Korpulenz auf, die bei M�nnern seines Alters so h�ufig anzutreffen ist.</p><p>Als er wieder �ber die �chzenden S�rge nach oben kletterte, empfand er sein nicht unbetr�chtliches K�rpergewicht als besonders hinderlich, vor allem als er den obersten erreicht hatte und unter seinen F��en ein bedrohlich klingendes Krachen vernahm. Offensichtlich hatte er sich einer vergeblichen Hoffnung hingegeben, als er den am besten gebauten Sarg an diese Stelle gedr�ckt hatte, denn der Deckel gab unter seinem Gewicht nach, so da� Birch einen halben Meter weit in etwas hinabglitt, das nicht einmal er sich vorstellen mochte. Sein Gaul, der schon durch das Krachen erschreckt worden war, wurde durch den ins Freie dringenden unertr�glichen Gestank vollends scheu gemacht und raste wie besessen mit dem Wagen davon.</p><p>Birch befand sich nun in einer Lage, in der ein leichtes Entkommen durch die erweiterte �ffnung unm�glich war, aber er sammelte seine Kr�fte zu einem entschlossenen Versuch. Er umklammerte den unteren Rand des Durchbruchs und wollte sich daran hochziehen, als er feststellen mu�te, da� ihn etwas an den Kn�cheln zur�ckzuhalten schien. Jetzt empfand er zum erstenmal in dieser Nacht Angst, denn selbst seine verzweifelten Bem�hungen konnten ihn nicht davon befreien, seine F��e blieben umklammert. Gleichzeitig sp�rte er fast unertr�gliche Schmerzen, die ihn noch mehr in Angst und Schrecken versetzten, aber trotzdem behielt er noch klaren Kopf genug, um sich zu vergegenw�rtigen, da� die Wunden von N�geln und Holzsplittern herr�hren mu�ten. Vielleicht schrie er sogar, stie� und schlug aber jedenfalls wild um sich, obwohl er bereits einer Ohnmacht nahe war.</p><p>Sein Instinkt mu� ihm damals zu Hilfe gekommen sein, denn er brachte es schlie�lich doch fertig, sich durch die �ffnung zu zw�ngen und auf dem Boden weiterzukriechen, nachdem er jenseits des eisernen Tors hinabgeglitten war. Es mu� schauerlich anzusehen gewesen sein, wie Birch m�hsam auf das H�uschen des Friedhofsw�rters zukroch, w�hrend der schwache Mondschein die blutige Spur beleuchtete, die er auf dem kiesbestreuten Weg hinterlie�. Seine H�nde griffen nach den Grabsteinen, an denen er sich vorw�rtszog, w�hrend sein K�rper nur unwillig gehorchte, wie es immer der Fall zu sein scheint, wenn man sich von einem Wesen aus einem f�rchterlichen Alptraum verfolgt f�hlt. Offensichtlich gab es diesen Verfolger jedoch nicht, denn Birch war allein und lebendig, als Armington, der Friedhofsw�rter, ihm auf sein schwaches Klopfen die Haust�r �ffnete.</p><p>Armington trug Birch in ein leerstehendes Bett, dann schickte er seinen Sohn Edwin zu Dr. Davis. Der Verwundete war bei vollem Bewu�tsein, aber nicht zu irgendwelchen Ausk�nften bereit, sondern murmelte nur immer wieder vor sich hin: �Oh, meine F��e! La� mich los! In der Gruft � eingeschlossen �� Dann kam der Arzt mit seiner schwarzen Tasche, stellte einige Fragen, zog Birch die Stiefel aus und schnitt vorsichtig die blutdurchtr�nkten Hosen und Socken auf. Die Wunden � beide Kn�chel waren an der Achillessehne betr�chtlich verletzt � schienen den alten Arzt zun�chst in Erstaunen und schlie�lich sogar in Schrecken zu versetzen. Er stellte immer eindringlichere Fragen, und seine H�nde zitterten merklich, als er die Verb�nde anlegte. Dabei arbeitete er rasch.</p><p>Es entsprach keinesfalls dem Wesen des Arztes, der als zur�ckhaltend bekannt war, da� er den ersch�pften Birch mit Fragen �ber den genauen Hergang des Ungl�cks best�rmte. Er zeigte sich merkw�rdig daran interessiert, ob Birch sicher war � v�llig sicher �, welchen Sarg er zuoberst auf den Stapel gestellt hatte, wie er ihn ausgesucht hatte, wie er ihn in der herrschenden Dunkelheit als Fenners Sarg erkannt hatte und wie er ihn von dem schlechteren unterschieden hatte, in dem der rachs�chtige Asaph Sawyer lag. War es tats�chlich m�glich, da� der stabil gebaute Sarg Fenners so leicht hatte nachgeben k�nnen? Dr. Davis hatte beide S�rge bei den jeweiligen Bestattungen gesehen, denen er beigewohnt hatte, da die beiden Verstorbenen zu seinen Patienten geh�rt hatten. Anl��lich Sawyers Beerdigung hatte er sich sogar dar�ber gewundert, wie es m�glich gewesen war, da� der rachs�chtige Farmer in einem Sarg Platz hatte, der dem des wesentlich kleineren Fenner auff�llig glich.</p><p>Erst zwei Stunden sp�ter stand Dr. Davis von dem Bett des Verwundeten auf, nachdem er Birch eingesch�rft hatte, �berall und immer zu behaupten, die Wunden r�hrten ausschlie�lich von N�geln und Holzsplittern her. Birch sollte �berhaupt jedes Gespr�ch �ber diesen ungl�cklichen Vorfall tunlichst vermeiden und vor allem keinen anderen Doktor seine Verwundungen behandeln lassen. Der Totengr�ber befolgte diesen Rat f�r den Rest seines Lebens, bis er sich mir anvertraute, und als ich die Narben zu Gesicht bekam, stimmte ich mit ihm �berein, da� er das Richtige getan habe. Er blieb f�r immer gel�hmt, denn die Sehnen waren durchtrennt, aber ich glaube, da� die eigentlichen Wunden in seiner Seele zur�ckblieben. Sein Verstand war nun auf unerkl�rliche Weise verwirrt, und seine Reaktion auf W�rter wie <emphasis>Freitag, Gruft, Sarg</emphasis> und andere, die noch unverf�nglicher klangen, war geradezu mitleiderregend. Er gab seinen Beruf auf, aber irgend etwas schien ihn zeit seines Lebens zu bedr�cken. Es mag nur eine ungewisse Furcht gewesen sein, aber ich habe Grund zu der Annahme, da� sich darunter auch ein versp�tetes Bedauern mischte, mit dem er an vergangene Taten zur�ckdachte.</p><p>Nachdem Dr. Davis ihn in jener Nacht verlassen hatte, bat er den Friedhofsw�rter um eine Laterne und machte sich auf den Weg zu der Gruft. Der Mond warf ein geisterhaftes Licht auf die Ziegeltr�mmer und das g�hnende Loch oberhalb der eisernen T�r. Das rostige Schlo� lie� sich von au�en ohne gro�en Kraftaufwand bet�tigen, aber Dr. Davis war vorsichtig genug, das Tor durch einen Steinbrocken zu sichern, bevor er sich in die Gruft wagte. Er dachte an die zahllosen Obduktionen zur�ck, die er mitgemacht hatte, lie� sich von dem entsetzlichen Gestank nicht weiter beeindrucken und richtete den Strahl der Laterne auf die S�rge, die wirr durcheinanderlagen. Zuerst stie� er einen lauten Schrei aus, dann gab er einen halb erstickten Laut von sich, der noch schreckerf�llter klang. Einen Augenblick sp�ter fl�chtete er wie von Furien gehetzt in das Haus des Friedhofsw�rters zur�ck und verstie� gegen alle Regeln der �rztlichen Kunst, indem er seinen Patienten aufweckte, ihn bei den Schultern r�ttelte und ihm aufgeregt etwas ins Ohr fl�sterte. Seine Worte m�ssen auf Birchs verwirrten Verstand wie die Trompeten des J�ngsten Gerichts gewirkt haben �</p><p>�Es war Asaphs Sarg, Birch, wie ich es mir gedacht habe! Ich habe sein Gebi� wiedererkannt, in dem die oberen Vorderz�hne fehlten � um Gottes willen, zeigen Sie niemals jemand Ihre Wunden! Die Leiche ist schon ziemlich verwest, aber dieser rachs�chtige Ausdruck auf dem Gesicht � oder dem, was fr�her einmal ein Gesicht war! � Sie wissen doch, wie er sich f�r alles r�chte � wie er den alten Raymond drei�ig Jahre nach ihrem Grenzstreit ruinierte, wie er einmal einen Hund erscho�, der als Welpe nach ihm geschnappt hatte � Er war der leibhaftige Teufel, Birch, und ich glaube wirklich, da� seine Rachgier den Tod �berwunden hat! Gott, dieser ha�erf�llte Gesichtsausdruck!</p><p>Warum haben Sie das getan, Birch? Sawyer war ein Schuft, und ich kann verstehen, da� Sie ihm den schlechten Sarg gegeben haben, aber mu�ten Sie denn gleich so weit gehen? Niemand h�tte es Ihnen �belgenommen, wenn Sie das Ding f�r jemand anderen genommen h�tten, aber Sie wu�ten doch, wie klein der alte Fenner war.</p><p>Diesen Anblick werde ich nie wieder vergessen k�nnen, selbst wenn ich hundert Jahre alt werden sollte. Sie haben verzweifelt um sich geschlagen, als Ihre Sehnen zerbissen wurden, denn Asaphs Sarg lag auf dem Boden.</p><p>Ich habe schon viel mitgemacht und gesehen, aber dieser Anblick war schauerlicher als alles andere je zuvor. Auge um Auge, Zahn um Zahn! Der zertr�mmerte Sch�del allein w�re schon genug gewesen, aber das andere war noch viel schlimmer � <emphasis>die s�uberlich abgetrennten F��e, damit die Leiche in den f�r Matt Fenner vorgesehenen Sarg pa�te!�</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Das uners�ttliche Haus </strong>von Robert Bloch</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Robert Bloch, 1917 geboren, geh�rt zu jenen amerikanischen Schriftstellern, die der lange Zeit vernachl�ssigten phantastischen Literatur wieder zu literarischem Ansehen verholten haben. In seiner �Einf�hrung in die Alptr�ume� schreibt er: �Manchmal k�nnen wir nicht umhin, die Existenz der Furcht einzugestehen. Und wenn es nur aus dem Grunde geschieht, um unsere eigene Existenz ertr�glicher zu machen. Dann suchen wir Ritter ohne Furcht und Tadel nach einem offenen Ventil f�r unsere Furcht; nach einer M�glichkeit, unseren �ngstlichen Gef�hlen � die im �wirklichen� Leben f�r uns nicht existieren � freien Lauf zu lassen. Und so kommen wir unweigerlich zu den Gruselgeschichten. Ich habe viele solcher Geschichten f�r den Film, das Fernsehen, den Funk und die Zeitschriften geschrieben. Damit habe ich mich wahrscheinlich von meinen eigenen �ngsten befreit. Und den Lesern helfe ich mit meinen Geschichten ��</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Als sie das Haus �bernommen hatten, waren sie zu zweit. Sie und er.</p><p>Dann kam es dazu.</p><p>Vielleicht aber war es schon immer im Haus und hatte nur auf sie gewartet. Wie dem auch sei: <emphasis>Es</emphasis> war da, und man konnte nichts dagegen unternehmen.</p><p>Es w�re nat�rlich eine M�glichkeit gewesen, aus dem Haus wieder auszuziehen; aber sie hatten einen F�nfjahresvertrag abgeschlossen und freuten sich �ber die billige Miete. Au�erdem w�re es absurd, sich dar�ber beim Makler zu beschweren. Sie konnten es nicht einmal ihren Freunden erkl�ren.</p><p>Wohin h�tten sie auch ziehen sollen? Sie hatten nach monatelanger Suche endlich dieses Haus gefunden.</p><p>Zudem weigerten sich zu Beginn sowohl sie als auch er, die Gegenwart von es zur Kenntnis zu nehmen. Aber beide wu�ten, da� es existierte.</p><p>Sie bekam es gleich am allerersten Abend zu sp�ren. Sie sa� vor dem hohen, altmodischen Spiegel im Schlafzimmer und k�mmte sich. Der Spiegel war noch nicht abgestaubt und hatte schmierige Flecke. Au�erdem flackerte das Licht �ber dem Spiegel ein wenig.</p><p>Darum dachte sie auch zuerst, es w�re ein zuf�lliger Schatten oder ein Fleck auf dem Glas. Sie runzelte die Brauen, als sie die schwankenden, verschleierten und schemenhaften Umrisse im Hintergrund wahrnahm. Dann gl�ttete sich ihre Stirn, weil sie wu�te, da� sich ihr spezielles Verheiratet-sein-Gef�hl wieder einmal bemerkbar machte. Dieses Gef�hl bestand darin, die Gegenwart des anderen zu sp�ren, ohne mit Bewu�tsein gemerkt zu haben, da� der andere den Raum betreten hatte.</p><p>Das war es. Er mu�te jetzt genau hinter ihr stehen. Er mu�te den Raum lautlos betreten haben. Gleich w�rde er versuchen, sie zu �berraschen und die Arme um sie zu legen.</p><p>Sie drehte sich um, um ihm entgegenzul�cheln.</p><p>Ihr L�cheln fror ein, denn der Raum war leer. Sie schaute wieder in den Spiegel. Die schemenhaften Umrisse waren immer noch da � genauso wie das Gef�hl, da� sich noch jemand im Raum befinden mu�te.</p><p>Sie zuckte die Achseln, sch�ttelte den Kopf und schnitt eine Grimasse. Sie l�chelte ihrem Spiegelbild zu, aber es war ein verungl�cktes L�cheln. Durch das fleckige Glas und die schwache Beleuchtung wirkte es verzerrt und fremd � es war ein L�cheln, das nicht zu ihrem Gesicht zu geh�ren schien.</p><p>Nun ja, dachte sie, dieser ganze Umzug war doch recht anstrengend. Dann fuhr sie sich energisch mit der B�rste durch die Haare und verbannte jeden abwegigen Gedanken.</p><p>Trotzdem atmete sie erleichtert auf, als er pl�tzlich das Schlafzimmer betrat. Im ersten Augenblick wollte sie es ihm erz�hlen, aber dann �berlegte sie es sich anders. Sie wollte ihn mit ihren �Nerven� nicht beunruhigen.</p><p>Er hingegen war nicht so schweigsam.</p><p>Er kam am n�chsten Morgen aus dem Badezimmer gest�rmt. Seine linke Wange blutete; und er fuchtelte mit dem Rasierapparat herum.</p><p>�Was soll der Quatsch?� fragte er verdrie�lich. �Warum schleichst du hinter mir her und erschreckst mich im Spiegel? Schau dir an, wie ich mich geschnitten habe! Ich finde das �berhaupt nicht lustig!�</p><p>Sie lag noch im Bett und setzte sich bei seinen Worten ruckartig auf.</p><p>�Aber Schatz, wie soll ich dich erschreckt haben?� fragte sie verschlafen. Dann fuhr sie lebhafter fort: �Ich habe mein Bett �berhaupt noch nicht verlassen.�</p><p>�Nein?� Er hob erstaunt die Augenbrauen. Nachdem er offensichtlich kurze Zeit angestrengt nachgedacht hatte, war auf seinem Gesicht ein best�rzter Ausdruck. �Na ja�, brummte er.</p><p>�Was, �na ja�?� Sie hatte die Decke beiseite geschleudert und sa� auf der Bettkante. W�hrend ihre F��e automatisch nach den Pantoffeln angelten, schaute sie ihn gespannt an. �Was �na ja�?� wiederholte sie.</p><p>�Ach nichts�, murmelte er, �gar nichts. Als ich beim Rasieren in den Spiegel guckte, hatte ich nur das Gef�hl, da� du � oder sonst irgend jemand � mir �ber die Schulter siehst. Und zwar ganz pl�tzlich, verstehst du? Das mu� wohl an den verdammten Lampen liegen. Ich werde gleich heute neue Birnen besorgen.�</p><p>Er tupfte sich mit dem Handtuch das Blut von der Wange und drehte sich um.</p><p>Sie holte tief Luft. �Ich hatte gestern abend dasselbe Gef�hl�, sagte sie dann und bi� sich sofort �rgerlich auf die Lippen.</p><p>�Was sagst du da?�</p><p>Sie nickte. �Ja, ja �� Dann fuhr sie hastig fort. �Es mu� an den Lampen liegen. Du hast recht � es mu� ganz bestimmt an den Lampen liegen.�</p><p>Er starrte gedankenverloren vor sich hin. Dann r�usperte er sich ger�uschvoll.</p><p>�Nun ja � was sollte es auch sonst sein? � Ich werde die neuen Birnen bestimmt nicht vergessen.�</p><p>� Das ist gut.� Sie nickte eifrig. �Bei der Einweihungsparty am Sonnabend mu� alles in Ordnung sein.�</p><p>Aber es war noch lange nicht Sonnabend. Bis dahin geschahen noch einige Dinge, die sie mehr verwirrten, als sie sich gegenseitig eingestanden haben w�rden.</p><p>Als er am n�chsten Morgen zur Arbeit gefahren war, machte sie sich daran, den Garten zu untersuchen. Der Anblick war alles andere als erfreulich. Der gro�e Garten glich einem verwahrlosten Acker mit dunklen B�umen, die eine drohende Haltung einzunehmen schienen. Der Herbstwind wirbelte die toten Bl�tter um das alte Haus. Sie stand auf einer kleinen Anh�he und schaute nachdenklich auf die finsteren Hausgiebel aus einem anderen Jahrhundert.</p><p>Das eigenartige Gef�hl, das sie beschlich, hatte nichts damit zu tun, da� weit und breit keine Menschenseele war und das Haus des n�chsten Nachbarn eine halbe Meile entfernt an der einsamen schmutzigen Stra�e lag. Sie kam sich auf einmal wie ein unerw�nschter Eindringling vor � ein Eindringling in die Vergangenheit. Der kalte Wind, die sterbenden B�ume und der finstere Himmel waren willkommen � sie geh�rten zum Haus. Sie war der Au�enseiter. Weil sie jung war. Weil sie lebte.</p><p>Das alles f�hlte sie mehr, als da� sie es dachte. Solange sich ihr Verstand gegen diese Gedanken str�ubte, konnte auch keine Angst bei ihr aufkommen. Die Angst, alleine zu sein, oder, was noch viel schlimmer war, die Angst, <emphasis>nicht</emphasis> alleine zu sein.</p><p>Denn gerade jetzt, als sie auf das Haus schaute, schlo� sich die T�r.</p><p>Das war nat�rlich der Herbstwind. Selbstverst�ndlich. Aber die T�r war weder zugefallen noch zugeschlagen. Sie hatte sich ganz einfach geschlossen. Aber trotzdem: Es war das Werk des Windes. Es mu�te sein Werk sein! Denn es war keiner im Haus, der die T�r h�tte schlie�en k�nnen.</p><p>Sie griff in die Tasche ihres Hauskleides. Dann zuckte sie die Achseln, denn ihr fiel ein, da� sie den Hausschl�ssel in die K�che gelegt hatte.</p><p>Sie hatte nicht die Absicht gehabt, so bald wieder ins Haus zu gehen, denn sie wollte sich den Garten genau ansehen und �berlegen und ausmessen, wo man im n�chsten Fr�hjahr Gem�sebeete anlegen und Blumen pflanzen konnte.</p><p>Als sich jetzt aber die T�r geschlossen hatte, f�hlte sie, da� sie zur�ckgehen mu�te. Irgend etwas versuchte, sie auszuschlie�en. Aus ihrem eigenen Haus auszuschlie�en! Und dem durfte sie keinesfalls nachgeben. Irgend etwas k�mpfte gegen sie. Irgend etwas war gegen ihre Anwesenheit und gegen jede m�gliche �nderung. Sie mu�te sich wehren und ihren Platz behaupten.</p><p>Sie ging entschlossen auf das Haus zu, r�ttelte am T�rgriff und fand ihre Ahnung best�tigt, da� sie ausgeschlossen war. Die erste Runde hatte sie verloren. Aber es gab ja noch das Fenster.</p><p>Das K�chenfenster befand sich in Augenh�he und war einen Spalt ge�ffnet. Als sie auf eine kleine Kiste stieg, konnte sie es m�helos erreichen.</p><p>Sie hob die Hand, um das Fenster weiter in die H�he zu schieben.</p><p>Es r�hrte sich nicht von der Stelle. Es mu�te irgendwo klemmen. Aber es hatte vorher nicht geklemmt, denn ehe sie in den Garten ging, hatte sie es ohne Schwierigkeiten aufschieben k�nnen. Au�erdem hatten sie bei ihrem Einzug alle Fenster ausprobiert und keine M�ngel festgestellt.</p><p>Sie versuchte es noch einmal. Mit gro�er Anstrengung konnte sie das Fenster vielleicht f�nfzehn Zentimeter hochschieben, dann � Als das Fenster mit der Wucht einer Guillotine herabsauste, konnte sie gerade noch rechtzeitig ihre Hand zur�ckrei�en. Sie bi� sich auf die Lippen. Dann straffte sie die Schultern und versuchte es erneut mit dem Fenster.</p><p>Dieses Mal schaute sie dabei in die Scheibe. Es war normales, durchsichtiges Fensterglas. Sie hatte es erst gestern geputzt und wu�te, da� es sauber sein mu�te. Es hatte keine Verschleierungen, keine Schatten und ganz gewi� keine Bewegungen gehabt.</p><p>Aber jetzt war es voller Bewegung!</p><p>Irgend etwas Wolkiges, Verschwommenes, irgend etwas eigenartig Undurchsichtiges schien sie anzustarren und die Fensterscheibe herunterzudr�cken. Irgend etwas wollte ihr den Eintritt ins Haus verwehren.</p><p>Pl�tzlich lachte sie hysterisch auf, denn ihr war zum Bewu�tsein gekommen, da� sie auf ihr eigenes Spiegelbild zwischen den Schatten der B�ume starrte. Nat�rlich, es mu�te ihr eigenes Spiegelbild sein, und es bestand �berhaupt keine Veranlassung f�r sie, die Augen zu schlie�en und zu schluchzen und � als das Fenster endlich offen war � fast in die K�che zu taumeln.</p><p>Sie war im Haus, und sie war allein. Ganz allein. Alles war in bester Ordnung. Sie brauchte ihn mit der Geschichte nicht zu beunruhigen. Sie w�rde ihm nichts erz�hlen.</p><p>Er w�rde ihr auch nichts erz�hlen.</p><p>Als sie am Freitag nachmittag den Wagen nahm, um in der Stadt Eink�ufe f�r die morgige Party zu machen, blieb er zu Hause, um die letzten Dinge nach dem Umzug in Ordnung zu bringen.</p><p>Aus diesem Grund schaffte er auch die Kleiders�cke auf den Boden. Die Sommersachen nahmen in den Schr�nken so viel Platz in Anspruch, da� er sie aus dem Wege haben wollte.</p><p>Auf dem Boden war es dunkel. Er setzte die Kleiders�cke ab und arbeitete sich mit der Taschenlampe an der Wand entlang. Dabei stie� er auf einen Verschlag unter einem der Giebel. Er starrte auf die T�r und das Vorh�ngeschlo�.</p><p>Der Staub und der Rost sprachen ihre eigene Sprache. Hier oben war seit Ewigkeiten keiner gewesen. Er mu�te an Hacker, den zungenfertigen Makler, der ihnen dieses Haus vermittelt hatte, denken. �Das Haus ist ein paar Jahre lang nicht bewohnt gewesen und mu� etwas aufgem�belt werden�, h�rte er Hacker sagen. So wie es hier aussah, w�rde er eher sagen, da� das Haus einige Jahrhunderte lang nicht bewohnt gewesen war. Das hatte allerdings den Vorteil, da� er f�r dieses Schlo� nichts weiter als eine einfache Feile ben�tigte.</p><p>Er ging rasch hinunter und kam gleich darauf mit einer Feile zur�ck.</p><p>Der Staub und Schmutz sprachen wirklich ihre eigene Sprache. Die vorigen Mieter mu�ten das Haus etwas �berst�rzt verlassen haben. Auf dem Boden herrschte ein heilloses Durcheinander. �berall waren Schutt und Ger�mpel verstreut. Die tiefen Schrammen auf dem Fu�boden deuteten daraufhin, da� jemand seine Kisten und Koffer in hektischer Eile zur Treppe geschleift hatte.</p><p>Nun ja, er hatte den ganzen Winter �ber Zeit, alles wieder herzurichten. Jetzt wollte er nur die Sommersachen unterbringen. Er klemmte sich die Taschenlampe an den G�rtel und beugte sich mit der Feile in der Hand �ber das Vorh�ngeschlo�.</p><p>Es war wirklich ein Kinderspiel. Das Schlo� sprang auf, und er dr�ckte gegen die T�r. Als sie quietschend aufging, mu�te er die Luft anhalten. Ihm str�mte eine Woge von Moder und F�ulnis entgegen. Dann richtete er den Strahl der Taschenlampe in den engen, schmalen Verschlag.</p><p>Ein tausendfaches Glitzern und Funkeln stach ihm in die Augen. Goldenes, gl�hendes Feuer brannte in seinen Pupillen. Er zuckte mit der Taschenlampe zur�ck und schlo� geblendet die Augen. Dann richtete er den Lichtstrahl nach oben. Und wieder stach ihm glei�endes Licht wie Lanzen in die Augen.</p><p>Er sprang zur�ck. Sein Atem ging rasch. Dann zwang er sich zur Ruhe und Vernunft und lugte noch einmal in den Verschlag. Auf einmal wu�te er, woher dieses Glitzern und Funkeln kam. Er blickte in einen Raum voller Spiegel. Sie hingen von der Decke, lehnten in Ecken und standen an den W�nden. Da waren ein gro�er stattlicher Spiegel, der einmal eine T�r ausgef�llt haben mu�te, zwei ovale Spiegel von einer altmodischen Frisierkommode, ein Spiegel, der aus einem Rahmen gebrochen war, und sogar ein komplettes, auseinandergenommenes Medizinschr�nkchen � fast haargenau das gleiche, das er gerade im Badezimmer angebracht hatte. Der Fu�boden war mit Handspiegeln in allen Gr��en und Formen bedeckt. Er entdeckte einen zierlichen Handspiegel mit silbernem Griff, der einst auf der Frisiertoilette einer Frau gelegen haben mu�te. Dahinter lehnte der eigentliche Spiegel der Frisiertoilette. Und rund herum Taschenspiegel, Spiegel aus Puderdosen und aus allen m�glichen Etuis. An der gegen�berliegenden Wand stand gleich eine ganze Serie von gleichgro�en ungerahmten Spiegeln, die wahrscheinlich einmal in eine Schlafzimmerwand eingebaut gewesen waren.</p><p>Er schaute auf ein halbes Hundert silbriger Oberfl�chen; er schaute auf ein halbes Hundert Wiedergaben seines best�rzten Gesichtes.</p><p>Er mu�te wieder an Hacker denken und an den Tag, an dem sie das Haus besichtigt hatten. Er hatte damals Hacker auf das Fehlen des Badezimmerschr�nkchens aufmerksam gemacht, aber Hacker war nicht n�her darauf eingegangen. Es war ihm damals gar nicht aufgefallen, da� im ganzen Haus kein einziger Spiegel vorhanden war. Sch�n, sie hatten das Haus nicht m�bliert gemietet, aber man sollte doch bei so einem alten Bau einen Spiegel in irgendeiner T�rf�llung vermuten.</p><p>Keine Spiegel? Warum? Und warum waren sie hier alle versteckt? Unter Schlo� und Siegel?</p><p>Das war interessant. Vielleicht w�rde seine Frau ein paar von den Spiegeln haben wollen. Zum Beispiel den Handspiegel mit dem silbernen Griff. Er mu�te ihr das gleich erz�hlen, wenn sie zur�ckkam.</p><p>Er trat vorsichtig in den Raum und zog die Kleiders�cke hinter sich her. Vielleicht gab es hier eine Kleiderstange oder wenigstens ein paar Haken. Als er nichts dergleichen fand, beschlo� er, rasch ein paar Haken einzuschlagen.</p><p>Als er sich b�ckte, um die Kleiders�cke auf einen Haufen zu legen, tanzte der Lichtstrahl der Taschenlampe auf tausend glitzernden Oberfl�chen. Vor seinen Augen war ein einziges Glei�en und Funkeln.</p><p>Auf einmal verschwand das Funkeln. Die gl�nzenden Spiegel verdunkelten sich eigent�mlich. Aber das war nur nat�rlich, denn sein Spiegelbild f�llte sie aus. Sein Spiegelbild � und etwas, was dunkler war. Etwas Wolkiges, Verschwommenes, Quirlendes, etwas, was ein Teil der modrigen Luft war, etwas, was durch seine Gegenwart den Aufenthalt in dem Raum unertr�glich werden lie�. Es war hinter ihm � nein, es war neben ihm � nein, vor ihm � es umgab ihn von allen Seiten � es wurde gr��er und gr��er und l�schte ihn aus. Es verursachte, da� er zitterte und in Schwei� ausbrach. Es raubte ihm jetzt den Atem und zwang ihn, aus dem Raum zu st�rzen, die T�r hinter sich zuzuwerfen und sich mit letzter Kraft ersch�pft dagegen zu lehnen.</p><p>Es hatte auch einen Namen � Platzangst. Genau das war es. Nichts weiter als neurotische Angstzust�nde � Nichts weiter als das beklemmende Gef�hl, in einem engen Raum eingeschlossen zu sein. Au�erdem wird jeder Mann nerv�s, wenn er zu lange in einen Spiegel schaut � geschweige denn in f�nfzig Spiegel!</p><p>Er zitterte heftig. Nur um seine Gedanken zu besch�ftigen, damit sie sich nicht mit dem befassen konnten, was er halb gesehen, halb gef�hlt, halb erkannt hatte, dachte er weiter �ber Spiegel nach. �ber das In-den-Spiegel-Schauen. F�r Frauen ist es eine Art Lieblingsbesch�ftigung; aber M�nner sind da anders.</p><p>M�nner � wobei er sich selbst einschlo� � scheinen Spiegeln gegen�ber eine Befangenheit zu haben. Er entsann sich an den Schock, den er bekommen hatte, als er sich in einem Bekleidungshaus zum erstenmal in einem jener Spiegel betrachtet hatte, in denen man sich von allen Seiten sehen kann. Ein Mann sieht im Spiegel ver�ndert aus. Nicht mehr so, wie er sich einbildet, auszusehen. Ein Spiegel verzerrt. Warum summen und singen und pfeifen die M�nner, wenn sie sich rasieren? Doch nur, um sich nicht mit ihrem Spiegelbild auseinandersetzen zu m�ssen. Denn sonst k�nnten sie leicht verr�ckt werden. Wie war doch der Name des Knaben aus der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes Bild verliebt hatte? Narzissus, richtig, Narzissus, der stundenlang in eine Quelle starrte, um sein Bild zu sehen.</p><p>Frauen hinwiederum k�nnen es. Aus dem einfachen Grunde, weil sich Frauen selber nie wirklich sehen. Sie sehen einen Wunschtraum, dem sie mit Lippenstift, Puder und Lidschatten n�herzukommen versuchen. Aber Frauen sind sowieso etwas verr�ckt. Hatte sie ihm nicht neulich gesagt, sie h�tte ihn im Spiegel gesehen, obwohl er gar nicht da war?</p><p>Vielleicht sollte er ihr besser nichts erz�hlen; zumindest nicht, bevor er mit dem Makler Hacker gesprochen hatte. Denn eine Erkl�rung wollte er auf alle F�lle haben. Irgend etwas war irgendwie faul. Warum hatten die vorherigen Mieter alle Spiegel hier oben aufbewahrt?</p><p>Als er jetzt �ber den Boden zur�ckkehrte, zwang er sich, langsam zu gehen und an irgend etwas zu denken. An irgend etwas � nur nicht an die Angst, die er in dem Raum voller Spiegelungen empfunden hatte.</p><p>Spiegelungen von etwas. Aber von was? Wer f�rchtet sich vorm b�sen Wolf? Wer f�rchtet sich vor Spiegelungen? Fast ein neues M�rchen, wie?</p><p>Vampire. Wie w�re es mit Vampiren? Aber die haben keine Spiegelbilder. �Sagen Sie mir die Wahrheit, Mr. Hacker, waren die Leute, die das Haus gebaut haben, Vampire?� Reizende Vorstellung.</p><p>Wirklich eine reizende Vorstellung. So recht geschaffen f�r die D�mmerung, wenn die Dielen knackten, die Fensterl�den klapperten und sich die Nacht langsam auf das Haus voller Schatten senkte; auf das Haus, in dem um jede Ecke etwas zu lugen schien, etwas, das einen auf Schritt und Tritt verfolgte und einem aus den Spiegeln entgegengrinste.</p><p>Er setzte sich hin und wartete auf ihre R�ckkehr. Er schaltete alle Lampen an und stellte das Radio auf volle Lautst�rke. Er war heilfroh, da� er keinen Fernsehapparat hatte. Denn der h�tte einen Bildschirm, und ein Bildschirm h�tte eine Spiegelung, und eine Spiegelung war das letzte, was er jetzt sehen wollte.</p><p>Aber heute passierte nichts weiter, und als sie mit Paketen beladen nach Hause kam, hatte er sich schon wieder in der Gewalt. Sie a�en und unterhielten sich ganz nat�rlich. So nat�rlich, da� <emphasis>es,</emphasis> wenn es zugeh�rt h�tte, nichts von ihrer Furcht gemerkt h�tte.</p><p>Nach dem Essen machten sie sich an die Vorbereitungen f�r die morgige Party. Sie riefen ein paar Leute an, und ihm kam der pl�tzliche Einfall, die Hackers ebenfalls einzuladen. Als dann wirklich nichts mehr zu tun war, gingen sie schlafen. Das Licht war �berall aus. Das bedeutete, da� die Spiegel dunkel waren. Sie konnten beruhigt schlafen.</p><p>Am n�chsten Morgen bereitete ihm nur das Rasieren einige Schwierigkeiten. Und dann ertappte er sie, jawohl, er ertappte sie. Sie erledigte in der K�che hastig ihr Make-up, wobei sie die Hand sch�tzend um den kleinen Taschenspiegel gelegt hatte, um die Spiegelung auf ein Mindestma� zu reduzieren.</p><p>Aber er sagte nichts, und sie sagte nichts, und es unternahm nichts.</p><p>Er fuhr zur Arbeit, und sie bereitete die Sandwiches, und wenn das Haus an diesem langen, tr�ben, trostlosen Sonnabend hin und wieder seufzte und kr�chzte und fl�sterte, dann war das nur nat�rlich.</p><p>Als er wieder nach Hause kam, schwieg das Haus v�llig; und das war noch unangenehmer. Es war, als w�rde irgend etwas auf den Einbruch der Nacht warten. Deshalb machte sie sich auch so zeitig zurecht. Sie summte, w�hrend sie sich puderte und schminkte, und wirbelte vor dem Spiegel herum (man kann nicht so klar sehen, wenn man sich dreht). Deshalb mixte er f�r sie und f�r sich ein paar kr�ftige Drinks, ehe sie eine Kleinigkeit a�en (man kann nicht so klar sehen, wenn man trinkt).</p><p>Dann str�mten die G�ste herbei. Die Teters, die sich �ber die windigen, verwahrlosten Stra�en durch die h�gelige Landschaft beklagten. Die Valliants, die sich wortreich �ber die antike T�felung und die hohen Decken �u�erten. Die Ehrs, die lachten und kreischten, wobei Vic bemerkte, da� das Haus so auss�he, als w�re es von Charles Addams entworfen. Das war das Startzeichen zum Trinken. Als Mr. Hacker mit seiner Frau dazukam, war die Stimmung schon so ausgelassen, da� man nicht wu�te, ob das pl�rrende Radio das Stimmengewirr der G�ste �bert�nte oder umgekehrt. Er trank, und sie trank, aber sie konnten <emphasis>es</emphasis> nicht aus ihren Gedanken verbannen. Die Bemerkung �ber Charles Addams machte alles auch nicht gerade besser. Und dann waren da die anderen Dinge, die nicht zu �bersehen waren. Kleinigkeiten nur, aber dennoch � Die Talmadges hatten Blumen mitgebracht. Sie war in die K�che gegangen, um die Blumen in eine Kristallvase zu stellen. Als sie Wasser in die Vase f�llte, verdunkelte sich pl�tzlich das geschliffene Glas zwischen ihren Fingern, und irgend etwas reflektierte von dem Kristall. Sie drehte sich rasch um, aber sie war allein. Ganz allein und hielt hundert nackte Augen in ihren H�nden.</p><p>Die Vase fiel klirrend zu Boden, und die Ehrs und die Talmadges und die Hackers und die Valliants und er st�rzten in die K�che und versammelten sich um sie. Talmadge verurteilte sie wegen Trunkenheit, und das war Grund genug f�r eine neue Runde. Er sagte kein Wort, sondern holte stillschweigend eine andere Vase. Aber er mu�te genau wissen, was vorgefallen war, denn als die G�ste l�rmend den Wunsch �u�erten, das ganze Haus zu besichtigen, bem�hte er sich, sie davon abzuhalten. �Oben ist noch nicht alles eingerichtet�, murmelte er. �Es ist ein heilloses Durcheinander, und Sie w�rden vor Kisten und Koffern nicht treten k�nnen.�</p><p>�Wer ist jetzt oben?� fragte Mrs. Teters, als sie mit ihrem Mann in die K�che kam. �Wir haben gerade einen furchtbaren Krach geh�rt.�</p><p>�Irgend etwas mu� umgefallen sein�, murmelte der Gastgeber; aber er schaute bei den Worten seine Frau nicht an, und sie vermied es ebenfalls, ihm in die Augen zu blicken.</p><p>�Wie w�re es mit noch einem Drink?� fragte sie. Sie mixte und go� hastig ein, und ehe die Gl�ser halb leer waren, bereitete er schon den n�chsten Drink vor. Der Alkohol l�ste die Zungen, und solange die Leute redeten, �berh�rten sie vielleicht andere Ger�usche.</p><p>Die Kriegslist bew�hrte sich. Die G�ste verzogen sich nach und nach wieder ins Wohnzimmer. Das Radio pl�rrte, und das Gel�chter schwoll an. Das Stimmengewirr verscheuchte die Ger�usche der Nacht.</p><p>Er schenkte ein, und sie reichte die Gl�ser herum, und beide tranken. Aber der Alkohol verfehlte bei ihnen seine Wirkung. Sie bewegten sich so vorsichtig, als w�ren ihre K�rper aus Glas, das nur darauf wartete, durch einen pl�tzlichen gellenden Schrei am Boden zu zerschmettern. Sie konnten soviel trinken, wie sie wollten, sie wurden nicht betrunken.</p><p>Ihre G�ste waren gewi� nicht aus zerbrechlichem Glas. Sie tranken und f�rchteten nichts. Sie blieben auch nicht sitzen, sondern wanderten herum, und es dauerte gar nicht lange, bis sich Mr. Valliant und Mrs. Talmadge auf eigene Faust auf Entdeckungsreisen in das obere Stockwerk verzogen. Das war zweifellos nicht ganz korrekt, aber gl�cklicherweise bemerkte niemand weder ihr Verschwinden noch ihre Abwesenheit. Die anderen wurden erst aufmerksam, als Mrs. Talmadge die Treppe heruntergest�rzt kam und sich im Badezimmer einriegelte.</p><p>Die Gastgeberin bemerkte den Vorfall und folgte Mrs. Talmadge. Sie r�ttelte an der Badezimmert�r, bat um Einla� und bereitete sich auf ein paar diskrete Fragen vor. Aber nichts dergleichen war notwendig, denn Mrs. Talmadge fiel ihr f�rmlich entgegen. Sie weinte und rang die H�nde.</p><p>�Das ist eine solche Gemeinheit�, schluchzte sie, �uns nachzuschleichen und zu belauern. Dieser widerliche Kerl � ich gebe zu, wir haben ein wenig geschmust, aber das war auch alles. Er mu�te sich auch noch verkleiden. Ich m�chte nur wissen, wo er den Bart herbekommen hat. Ich habe mich zu Tode erschrocken.�</p><p>�Ich verstehe �berhaupt nichts�, sagte die Gastgeberin und verstand alles. Sie f�rchtete die n�chsten Worte.</p><p>�Jeff und ich waren im Schlafzimmer. Wir standen nur im Dunkeln � weiter nichts �, ich schw�re es. Auf einmal schaute ich �ber meine Schulter in den Spiegel, weil vom Flur her Licht kam.</p><p>Jemand hatte die T�r ge�ffnet, und ich konnte das Glas und sein Gesicht sehen. Oh, nat�rlich, es war mein Mann, aber er trug einen Bart � und die Art, wie er hereingeschlichen kam und uns anstarrte ��</p><p>Die n�chsten Worte gingen in Schluchzen unter. Mrs. Talmadge zitterte so heftig, da� sie gar nicht bemerkte, wie sehr der K�rper ihrer Gastgeberin bebte. Aber sie ri� sich gewaltsam zusammen, um den Rest der Geschichte mit einiger Fassung anh�ren zu k�nnen. �� und wie er heimlich wieder hinausschl�pfte, ehe wir etwas sagen oder tun konnten. Du lieber Gott, wenn wir zu Hause sind, wird er mir die H�lle hei� machen und mir die Seele aus dem Leibe fragen � er ist so schrecklich eifers�chtig �� Mrs. Talmadge vergrub ihr Gesicht in die H�nde. �Wenn Sie w��ten, wie sein Gesicht im Spiegel ausgesehen hat.� Sie beruhigte Mrs. Talmadge. Sie tr�stete Mrs. Talmadge. Sie beschwichtigte Mrs. Talmadge. Aber f�r ihre eigene Unruhe und Angst gab es keine Beruhigung, keinen Trost, keine Beschwichtigung.</p><p>Als sie sich nach ein paar Minuten wieder unter die G�ste mischten, schienen beide ihr seelisches Gleichgewicht wiedergefunden zu haben. Aber in dem Augenblick, als sie das Wohnzimmer betraten, dr�hnte ihnen Mr. Talmadges erregte Stimme entgegen.</p><p>�Wenn ich eine kurze Verschnaufpause einlege, dann bedanke ich mich f�r Aufregungen!� Er leerte sein Glas in einem Zug. �Was soll das bedeuten, wenn ich im Badezimmer in den Spiegel sehe, und diese alte Hexe schneidet hinter meinem R�cken Grimassen?� Er schaute in die Runde, dann lachte er dr�hnend. �Was f�r ein Haus unterhalten Sie hier?� fragte er den Gastgeber.</p><p>Er hielt das Ganze f�r einen Witz, und die anderen schienen ebenfalls seiner Meinung zu sein. Nur der Gastgeber und die Gastgeberin standen erstarrt da und wagten nicht, sich in die Augen zu schauen. Ihr L�cheln war verzerrt und br�chig. Glas ist so zerbrechlich. �Ich glaube kein Wort�, lallte Gwen Hacker. Sie hatte einen oder drei zuviel getrunken. �Ich mu� das gleich mal pr�fen.� Sie winkte den Gastgebern herzlich zu und verschwand in Richtung Treppe. Er hob ruckartig die H�nde. �He! Bleiben Sie hier!�</p><p>Aber es war sinnlos. Sie rauschte, oder besser gesagt, sie wankte davon.</p><p>Talmadge stie� ihm mit dem Ellenbogen in die Seite. �Aprilscherze, wie? � Na, sch�n. Aber trotzdem: Was wird hier eigentlich gespielt?� Er begann hilflos irgend etwas Sinnloses zu stammeln. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft.</p><p>Er mu�te alles tun, um die Gespr�che in Gang zu halten. Sie r�ckte dicht zu ihm und h�rte zu. Sie wollte um alles in der Welt nicht an Gwen Hacker denken, die alleine oben war, in einen Spiegel starrte und wartete �</p><p>Die Schreie �bert�nten die Gespr�che. Das war kein Schluchzen und kein Lachen � das waren gellende Schreie.</p><p>Er nahm immer zwei Stufen auf einmal, als er die Treppe hinaufraste. Der dicke Mr. Hacker folgte ihm keuchend.</p><p>Die anderen G�ste waren pl�tzlich verstummt und gingen z�gernd zur Treppe.</p><p>Man konnte die Stufen unter den F��en knarren h�ren und das schwere Atmen der G�ste. Aber alles wurde �bert�nt von den fortgesetzten gellenden Schreien einer Frau, die etwas gesehen oder erlebt haben mu�te, was sie schier um den Verstand gebracht hatte. Gwen Hackers Gesicht war verzerrt. Sie hatte keine Kontrolle �ber ihren K�rper, als sie auf den Flur herausstakte und ihrem Mann fast in die Arme sank. Das Licht, das aus dem Badezimmer kam, fiel auf einen Spiegel, der keine Spiegelungen hatte, und auf das Gesicht einer Frau, das keinen Ausdruck hatte.</p><p>Sie und er waren an Gwen Hackers Seite. Die G�ste standen dicht gedr�ngt ein paar Schritte entfernt. Sie brachten die Frau in ihr Schlafzimmer und legten sie mit Mr. Hackers Hilfe auf ihr Bett.</p><p>Gwen Hacker war ohnm�chtig geworden. Irgend jemand murmelte etwas von einem Arzt, ein anderer meinte, ach nein, sie wird schon wieder zu sich kommen, und wieder ein anderer r�usperte sich und sagte, es w�re ohnehin langsam an der Zeit, zu gehen. Zum erstenmal schienen sich alle des alten Hauses und der Dunkelheit, der knackenden Dielen, der klappernden Fenster und der rasselnden Fensterl�den bewu�t zu werden.</p><p>Mit einem Schlage waren alle n�chtern, erschreckt und bestrebt, so schnell wie m�glich abzufahren. Hacker beugte sich �ber seine Frau, rieb ihre Handgelenke und fl��te ihr ein paar Schlucke Wasser ein. Sie erwachte langsam wimmernd aus ihrer Ohnmacht. W�hrenddessen halfen die Gastgeber ihren G�sten schweigend in die M�ntel und lie�en die h�flichen Entschuldigungen, die hastig gemurmelten Gute-Nacht-W�nsche und die Phrase: �Es war ein reizender Abend, meine Lieben� �ber sich ergehen.</p><p>Die Nacht verschluckte die Teters, die Valliants und die Talmadges. Sie und er kehrten in das Schlafzimmer, in dem die Hackers waren, zur�ck. Es war auf dem Flur zu dunkel und im Schlafzimmer zu hell.</p><p>Gwen Hacker wimmerte immer noch leise. Dann setzte sie sich mit einem Ruck auf und begann zu sprechen. Zu ihrem Mann und zu ihnen.</p><p>�Ich habe sie gesehen�, begann sie z�gernd, schaute ihren Mann an und fuhr dann hastig fort: �Glaub ja nicht, da� ich verr�ckt bin � ich <emphasis>habe</emphasis> sie gesehen! Sie stand auf Zehenspitzen hinter mir und starrte in den Spiegel. Sie hatte das gleiche blaue Band im Haar, das sie an dem Tag getragen hatte, als sie ��</p><p>�Bitte, Gwen�, sagte Hacker beschw�rend.</p><p>Aber sie lie� sich nicht beirren. �Wenn ich es dir sage: Ich habe sie gesehen! Mary Lou! Sie hat mich im Spiegel angestarrt und eine Grimasse geschnitten � und sie ist tot. Du wei�t, da� sie tot ist. Sie ist vor einem Jahr verschwunden, und keiner hat ihre Leiche gefunden ��</p><p>�Mary Lou Dempster!� Hacker war ein fetter Mann mit einem Doppelkinn, das jetzt vor Erregung zitterte.</p><p>Die Frau redete weiter. �Du wei�t, da� sie hier oben gespielt hat, obwohl es ihr Wilma Dempster ausdr�cklich verboten hatte. Mary Lou wu�te alles �ber das Haus, aber sie hat trotzdem � o Gott � ihr Gesicht ��</p><p>Sie begann haltlos zu schluchzen. Mr. Hacker t�tschelte beruhigend ihre Schultern, aber er sah aus, als k�nnte er selbst ein beruhigendes Schultert�tscheln gebrauchen. Doch keiner f�hlte sich dazu verpflichtet. Sie und er standen da und warteten; warteten auf den Rest.</p><p>�Sag es ihnen�, schluchzte Mrs. Hacker. �Sage ihnen die Wahrheit.�</p><p>�Wenn du meinst � Aber ich sollte dich lieber nach Hause bringen.�</p><p>�Ich kann warten. Ich will, da� du es ihnen erz�hlst. Du mu�t es jetzt.�</p><p>Hacker lie� sich schwer auf das Bett fallen. Seine Frau lehnte sich an seine Schulter. Er und sie schauten die beiden unverwandt an.</p><p>�Ich wei� nicht, wie ich anfangen soll, wie ich es erkl�ren soll�, st�hnte der dicke Mr. Hacker. �Wahrscheinlich ist es meine Schuld � ja, ganz sicher sogar �, aber ich wu�te es nicht. Dieses ganze Gerede �ber verhexte H�user � kein Mensch glaubt mehr an Gespenster. Das einzige, was es zur Folge hat, ist, da� der Wert des betreffenden Hauses sinkt. Darum habe ich nichts gesagt. K�nnen Sie mir das zum Vorwurf machen?�</p><p>�Ich habe ihr Gesicht gesehen�, fl�sterte Mrs. Hacker.</p><p>�Nun ja, ich wei�. Und ich h�tte es Ihnen sagen sollen. Das von dem Haus, meine ich. Warum es seit zwanzig Jahren nicht vermietet worden ist. Das ist in der Gegend hier eine alte Geschichte, und Sie h�tten sie fr�her oder sp�ter doch erfahren.�</p><p>�Nun komm schon zur Sache�, dr�ngte Mrs. Hacker. Sie war auf einmal die St�rkere, und er, mit seinem bebenden Doppelkinn, war der Schwache.</p><p>Der Gastgeber und die Gastgeberin standen noch immer und hingen an Mr. Hackers Lippen. Sie wagten sich nicht zu r�hren und warteten gebannt auf die Er�ffnungen.</p><p>Es war das Bellman-Haus, in dem sie lebten; das Haus, das Job Bellman in den sechziger Jahren f�r seine junge Frau gebaut hatte, das Haus, in dem seine junge Frau Laura das Leben geschenkt und dabei selbst den Tod gefunden hatte. In den siebziger Jahren, als Jobs Tochter noch ein Kind war, hatte er von fr�h bis sp�t geschuftet, und in den achtziger Jahren hatte er sich selbstzufrieden zur Ruhe gesetzt. Inzwischen war Laura Bellman herangewachsen und zur Sch�nsten im ganzen Land geworden � zur Sch�nsten der ganzen Welt, behaupteten einige, aber in jenen Tagen waren die M�nner verschwenderischer mit ihren Komplimenten und Schmeicheleien als heutzutage.</p><p>Und an M�nnern hatte es Laura damals nicht gemangelt. Sie gingen im Haus ein und aus. Ihre Schuhe waren auf Hochglanz poliert, sie dienerten und strichen ihre mit Brillantine getr�nkten Schnurrbarte glatt. Sie l�chelten den alten Job an, sie zwinkerten den Hausm�dchen zu und starrten in monds�chtiger Verz�ckung auf Laura.</p><p>Laura betrachtete diese Huldigungen als eine Selbstverst�ndlichkeit, aber, du lieber Gott, von gewissen Dingen hielt sie nichts. Und nicht etwa, weil Papa noch lebte oder weil sie sich zum Heiraten zu jung f�hlte. Nein, nur so. Sie hatte auch noch nie so recht davon geh�rt. Und warum auch das Ganze? Es war doch so herrlich, nur Freunde zu haben �</p><p>Mondschein und Mandolinen, Parties und Picknicks, Ruderpartien und Schlittenfahrten, Konfekt und Blumen, Geschenke, B�lle und Punsch. Verehrer, Verehrer, Verehrer. Modesalons, Sch�nheitspfl�sterchen, Ritte �ber die weiten Felder und Radpartien. Und wieder Mondschein und Mandolinen. Die Jahre gingen dahin.</p><p>Dann kam der Tag, an dem der alte Job die Augen f�r immer schlo�. Der Arzt erschien, der Priester und der Rechtsanwalt, der lange �ber Erbschaft und j�hrliches Einkommen redete.</p><p>Dann war Laura allein. Es gab im Haus au�er ihr nur noch die Bediensteten und die Spiegel. Laura und ihre Spiegel. Der Tag begann mit den Spiegeln, in denen sie sich ausgiebig und sorgf�ltig betrachtete. Dann ging es so weiter: Spiegel am Vormittag, am Mittag, am Nachmittag und am Abend, ehe die Verehrer kamen. Spiegel, wenn die Kutschen vorfuhren, und Spiegel, ehe sie einem neuen Triumph entgegenwirbelte. Spiegel im Morgengrauen, die ihr zufriedenes L�cheln aufnahmen und den Erz�hlungen �ber die Erfolge des vergangenen Abends lauschten.</p><p><emphasis>�Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Sch�nste im ganzen Land?�</emphasis></p><p>Die Spiegel sagten Laura die Wahrheit. Spiegel l�gen nicht. Spiegel greifen nicht nach einem oder fl�stern oder verlangen eine Gegenleistung, wenn sie die Sch�nheit preisen.</p><p>Mochten auch die Jahre vergehen, die Spiegel ver�nderten sich nicht. Sie alterten nicht. Und Laura alterte nicht.</p><p>Im Laufe der Zeit wurden die Verehrer rarer, und einige der alten Freunde waren seltsam ver�ndert. Sie schienen irgendwie �lter geworden zu sein. Aber wie war das nur m�glich, denn Laura Bellman war so jung wie eh und je? Die Spiegel best�tigten es ihr t�glich � und sie sagten immer die Wahrheit.</p><p>Laura verbrachte immer mehr Zeit mit ihren Spiegeln. Sie puderte sich, suchte unentwegt nach F�ltchen und f�rbte ihr langes Haar. Die Augenlider flatterten, aber sie l�chelte und machte einen Schmollmund. Sie wirbelte vor den Spiegeln herum und konnte sich nicht genug an ihrer perfekten Sch�nheit sattsehen.</p><p>Es kam auch vor, da� sie die Verehrer wieder nach Hause schickte. Sie lie� ihnen durch die Hausangestellten sagen, da� sie nicht da w�re, denn es schien ihr irgendwie eine Zeitverschwendung zu sein, von den Spiegeln wegzugehen. Aber diese Sorge brauchte sie nicht mehr lange zu haben, denn die Verehrer blieben nach und nach v�llig aus. Die Hausangestellten kamen und gingen. Wenn einer starb, fand sich rasch ein Ersatz. Nur Laura und die Spiegel blieben. Die neunziger Jahre waren ausgesprochen fr�hlich. Aber es gab Leute, die das nicht so recht verstanden. Sie sch�ttelten ihre K�pfe �ber die Art und Weise, wie Laura lachte, sich im Bett w�lzte und ihre frivolen Geheimnisse mit den Spiegeln teilte.</p><p>Die Zeit verging wie im Fluge. Aber Laura lachte nur. Sie kicherte und gluckste, wenn die Hausangestellten mit ihr sprachen, und sie fand es viel bequemer, die Mahlzeiten von einem Tablett in ihrem Zimmer einzunehmen.</p><p>Nur mit den anderen stimmte etwas nicht. Mit den Hausangestellten und mit Doktor Turner, der sie h�ufig aufsuchte. Sie schauten Laura eigenartig an, wenn sie mit ihr sprachen.</p><p>Wahrscheinlich dachten sie, da� Laura langsam alt w�rde. Aber sie wurde nicht alt. Die Spiegel logen nicht. Die falschen Z�hne und die Per�cke ben�tzte sie nur, um den anderen � den Au�enseitern � einen Gefallen zu tun. Sie brauchte diese Dinge wirklich nicht, denn die Spiegel sagten ihr, da� sie unver�ndert sch�n w�re. Obwohl die Spiegel jetzt wirklich zu ihr sprachen, sagte sie selbst niemals ein Wort. Sie nickte nur und wiegte sich, wenn sie, in eine Wolke von Parf�m eingeh�llt, vor ihren Spiegeln sa�. Sie strich sich mit der Hand �ber den Hals und lauschte hingebungsvoll den Worten der Spiegel, die sagten, wie sch�n sie w�re und welche Triumphe sie erleben k�nnte, wenn sie ihre Sch�nheit an die Welt verschwenden w�rde. Aber das kam gar nicht in Frage. Sie w�rde nicht weggehen. Niemals. Sie und die Spiegel sollten immer beisammen sein.</p><p>Dann kam der Tag, an dem sie sie fortschaffen wollten. Sie wagten tats�chlich, nach ihr zu greifen � nach ihr, Laura Bellman, der sch�nsten Frau der Welt! War es ein Wunder, da� sie sich dagegen wehrte und wild um sich schlug? Konnte sie vielleicht etwas daf�r, da� dabei einer der Diener einen solchen Schlag erhielt, da� er der L�nge nach in einen ihrer herrlichen Spiegel fiel, sich den Sch�del zertr�mmerte und starb? Wenn er nicht gestorben w�re, h�tte sie ihn entlassen, denn sein h��liches Blut befleckte das Spiegelbild ihrer Sch�nheit.</p><p>Nat�rlich war das alles nicht ihre Schuld, sondern nur ein dummer, unangenehmer Zwischenfall. Das mu�te Dr. Turner auch dem Polizeirichter erkl�rt haben, denn Laura brauchte mit dem Richter gar nicht selber zu sprechen, und sie brauchte auch nicht das Haus zu verlassen. Aber sie schlossen die T�r zu ihrem Zimmer ab und nahmen ihr alle Spiegel weg.</p><p><emphasis>Sie nahmen ihr alle Spiegel weg!</emphasis> Sie schlossen sie ein und lie�en ein d�rres, verhutzeltes Weib alleine, dem kein Spiegelbild entgegenl�chelte. In dem Augenblick, als sie die Spiegel entfernten, machten sie sie alt. Sie war alt und h��lich und voller Angst.</p><p>Sie weinte die ganze Nacht. Sie schluchzte und stolperte mit vor Tr�nen erblindeten Augen durch das Zimmer.</p><p>Sie pre�te ihre hei�e, faltige Stirn gegen das k�hle Fensterglas und erstarrte. Mit einem Schlag wu�te sie, da� sie alt war und da� sie nichts retten k�nnte.</p><p>Das Licht war hinter ihr, und das Fensterglas � wurde zum Spiegel! Mit vor Schrecken geweiteten Augen starrte sie auf die aufgetakelte alte Hexe, auf die Mumie, die gerade von einem Verr�ckten einbalsamiert worden zu sein schien.</p><p>Alles begann sich zu drehen. Sie wu�te, da� das ihr Haus war, in dem sie jeden Winkel kannte. Sie wu�te, da� das ihr Zimmer war, in dem sie schon immer und ewig lebte. Aber <emphasis>das</emphasis> � dieser Alptraum � konnte nie und nimmer ihr Gesicht sein! Ein Spiegel k�nnte ihr jetzt die Wahrheit sagen. Aber f�r sie w�rde es nie wieder einen Spiegel geben! Nachdem sie sekundenlang in ihr wahres Gesicht gestarrt hatte, ver�nderte sich die gl�nzende Fensterscheibe gn�dig. Ihr l�chelte wieder die junge, unverg�nglich sch�ne Laura Bellman entgegen. Sie richtete sich erleichtert auf, trat einen Schritt zur�ck und vollf�hrte einen Freudentanz.</p><p><emphasis>�Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Sch�nste im ganzen Land?�</emphasis></p><p>Sie tanzte und tanzte, und ihre welken Lippen umspielte ein selbstbewu�tes L�cheln. Sie tanzte auf die Fensterscheibe zu und halb in sie hinein. Sie tanzte, bis die spitzen Glassplitter ihre d�rre Kehle durchschnitten.</p><p>So starb sie, und so fanden sie die anderen. Der Arzt und die Hausangestellten eilten herbei, aber sie konnten Laura nicht mehr helfen. Der Anwalt tat, was zu tun war. Das Haus wurde verkauft und wieder verkauft, bis es einem Makler �bergeben wurde. Es fanden sich einige Mieter, aber keiner blieb lange wohnen. Alle hatten �rger mit den Spiegeln.</p><p>Ein Mann sollte einen Herzschlag erlitten haben, als er sich eines Abends vor dem Kleiderschrank die Krawatte umgebunden hatte. Seltsamerweise hatte er sich vorher bei seinen Bekannten �ber �eigenartige Vorf�lle� in seinem Haus beklagt. Nach seinem Tode redete seine Frau nur noch wirres Zeug.</p><p>Ein Schullehrer, der das Haus in den zwanziger Jahren gemietet hat, verschied unter Umst�nden, die f�r Dr. Turner ein medizinisches R�tsel waren. Er war deshalb seinerzeit auch zum Makler gegangen und hatte gebeten, das Haus nicht mehr anzubieten. Diese Bitte war eigentlich �berfl�ssig, denn die Geschichten �ber das Bellman-Haus hatten sich sowieso schon so verbreitet, da� sich kein Mieter mehr fand.</p><p>Ob Mary Lou Dempster wirklich in diesem Haus verschwunden war, w�rde sich nie mit Sicherheit feststellen lassen. Fest stand allerdings, da� das kleine M�dchen zum letztenmal gesehen wurde, als es vor einem Jahr auf das Haus zuging. Obwohl die angestellten Ermittlungen nie etwas ergeben hatten, wollten die Ger�chte nicht aufh�ren.</p><p>Dann k�mmerten sich die Erben wieder selbst um das Haus. Es waren robuste Leute, die die Ger�chte als Weibertratsch abtaten. Das Haus wurde saubergemacht und wieder einem Makler zur Vermietung �bergeben.</p><p>So war es gekommen, da� jetzt er und sie � und es hier lebten. Das war die ganze Geschichte.</p><p>Mr. Hacker r�usperte sich. Er legte vorsichtig seinen Arm um Gwen und half ihr auf die Beine. Sein Gesicht war von Schamr�te �berzogen. Er schien wortlos um Entschuldigung zu bitten und vermied es, seinen Mietern in die Augen zu blicken.</p><p>Er vertrat Mr. Hacker den Weg und stellte sich vor die T�r. �Mietvertrag hin � Mietvertrag her�, sagte er mit belegter Stimme. �Wir ziehen hier wieder aus. Und zwar sofort!�</p><p>�Das l��t sich arrangieren. Aber � heute kann ich Sie nicht mehr woanders unterbringen, und morgen ist Sonntag ��</p><p>�Wir werden packen und morgen ausziehen�, sagte sie bestimmt. �In irgendein Hotel. Hier bleiben wir keinesfalls.�</p><p>�Ich rufe Sie morgen an�, meinte Hacker eilfertig. �Ich bin sicher, da� heute nichts passieren wird. Sie wohnen immerhin schon eine Woche hier und nichts, ich meine niemand ist ��</p><p>Er hielt verst�rt inne. Es war auch nicht n�tig, da� er noch etwas sagte. Als die T�r hinter den Hackers ins Schlo� fiel, waren sie ganz alleine. Nur sie beide.</p><p>Nur sie <emphasis>drei.</emphasis> Genau das war es.</p><p>Aber sie � er und sie � waren zu m�de, um sich jetzt dar�ber Gedanken zu machen. Es war unvermeidlich, da� sie sich nach den Aufregungen und Belastungen dieses Tages in dem Augenblick gehenlie�en, als sie endlich allein waren.</p><p>Sie sagten nichts, denn da war nichts zu sagen. Sie h�rten nichts, denn das Haus � und es � h�llten sich in finsteres Schweigen.</p><p>W�hrend sie in ihr Zimmer ging und sich schon auszog, machte er noch einen Rundgang durch das Haus. Zuerst einmal ging er in die K�che und �ffnete eine Schublade neben dem Ausgu�. Er nahm einen Hammer heraus und zertr�mmerte den K�chenspiegel.</p><p>Es klirrte und krachte. Das war der Spiegel in der Diele. Danach kam der Spiegel im Badezimmerschr�nkchen an die Reihe. Nachdem er den Spiegel in der T�r seines Zimmers zerschlagen hatte, ging er zu ihr ins Schlafzimmer und donnerte den Hammer gegen das gro�e Oval �ber ihrer Frisiertoilette.</p><p>Er war weder betrunken noch zornig, noch aufgeregt. Er hatte sein Vernichtungswerk eher pedantisch vollzogen. Es gab nicht einen einzigen Spiegel mehr.</p><p>Sie schauten sich sekundenlang wortlos an. Dann schaltete er das Licht aus, lie� sich in sein Bett fallen und suchte Schlaf.</p><p>Die Nacht verging. Bei Tageslicht wirkte alles ein wenig albern. Aber sie schaute ihn am Morgen wieder lange an. Er murmelte etwas Unverst�ndliches vor sich hin und machte sich daran, die Koffer herbeizuschaffen. Als sie das Fr�hst�ck zubereitet hatte, war er schon dabei, seine Anz�ge auf dem Bett auszubreiten. Nach dem Essen ging sie wieder nach oben, um nunmehr ihre Kleider von B�geln und Haken zu nehmen. Er brauchte nur noch die Kleiders�cke vom Boden zu holen. Sobald sie wu�ten, wohin sie ziehen w�rden, konnten die M�belpacker bestellt werden.</p><p>Das Haus war ruhig. <emphasis>Es</emphasis> unternahm nichts; auch wenn es von ihren Pl�nen gewu�t haben sollte. Es war ein tr�ber, unfreundlicher Tag. Die schwarzen Wolken hingen sehr tief; und es wollte �berhaupt nicht richtig hell werden. Sie und er taten so, als k�men sie �berhaupt nicht auf den Gedanken, das Licht anzuschalten. Aber beide wu�ten ganz genau, da� sie es nur wegen der Fensterscheiben und der Geschichte mit der Spiegelung unterlie�en. Er h�tte nat�rlich die Fensterscheiben zerschlagen k�nnen, aber das kam ihm doch zu dumm vor. Au�erdem w�rden sie nicht mehr lange hier sein.</p><p>Als sie das Ger�usch h�rten, schauten sie sich ruckartig an. Von irgendwoher kam ein Tr�pfeln und Blubbern. Irgend etwas schien genau unter ihren F��en zu pl�tschern. Sie rang nach Atem.</p><p>Er legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. �Das Wasserrohr � im Keller�, meinte er und l�chelte leicht.</p><p>�Wir sollten besser nachsehen.� Ihre Stimme zitterte verd�chtig, als sie zur Treppe gehen wollte.</p><p>�Warum willst du denn hinuntergehen? Komm, la�, ich werde mich darum k�mmern.�</p><p>Sie sch�ttelte energisch den Kopf und machte sich auf den Weg. Eben war ihre Angst fast mit ihr durchgegangen, und sie mu�te beweisen, da� sie sich nicht f�rchtete. Sie mu�te es ihm beweisen � und auch dem <emphasis>Es.</emphasis></p><p>�Warte einen Moment�, sagte er. �Ich hole rasch den Schraubenschl�ssel aus dem Auto.� Er eilte zur Hintert�r hinaus.</p><p>Sie blieb erst unschl�ssig stehen, dann ging sie achselzuckend auf die Kellertreppe zu. Das Pl�tschern war mittlerweile immer lauter geworden. Das Wasser, das aus dem undichten Rohr hervorscho�, bedeckte schon die ganze Bodenfl�che des Kellers. Das Pl�tschern und Sprudeln war ein seltsames Ger�usch. Es wirkte wie Lachen.</p><p>Er h�rte es ebenfalls, als er beim Auto angelangt war und den Kofferraum �ffnete. Irgend etwas ist mit alten H�usern immer los; er h�tte es eigentlich wissen sollen. Mal ein Wasserrohrbruch, mal dieses, mal jenes.</p><p>Als er mit dem Schraubenschl�ssel in der Hand wieder auf das Haus zuging, konnte er �berdeutlich das gurgelnde Wasser und die Schreie seiner Frau h�ren.</p><p>Und <emphasis>wie</emphasis> sie schrie! Die Schreie gellten aus dem Keller, aus der Dunkelheit.</p><p>Er rannte und schwang den schweren Schraubenschl�ssel. Die gellenden Schreie ersch�tterten ihn bis ins Mark. Er fiel fast die Treppe, die in die Dunkelheit f�hrte, hinunter. Sie war gefangen. <emphasis>Es</emphasis> hatte sie erwischt. Sie wehrte sich verzweifelt, aber es war zu stark, viel zu stark. Neben dem zerbrochenen Rohr fiel ein Lichtschein in den Keller, der auf der Wasseroberfl�che glitzerte und funkelte. Er sah, wie sich nicht nur ihr Gesicht widerspiegelte, sondern auch die Schatten von anderen Gesichtern, die um sie herumwirbelten und sie festhielten.</p><p>Er hob die Hand mit dem Schraubenschl�ssel und lie� sie auf die Dunkelheit der anderen Gesichter hinabsausen. Er schlug wild darauf los. Er schlug und schlug. Er schlug so lange, bis die Schreie erstarben. Dann erst h�rte er auf und blickte auf sie hinunter. Es spiegelten sich keine Schatten mehr, aber sie war immer noch da. Sie war ganz ruhig � und sie w�rde f�r immer ruhig bleiben. Das Wasser f�rbte sich dort, wo ihr Kopf ruhte, rot. Genauso rot, wie das Ende des Schraubenschl�ssels, den er in der Hand hatte.</p><p>Er machte den Mund auf, um ihr alles zu erkl�ren, aber dann merkte er, da� sie tot war.</p><p>Jetzt gab es nur noch ihn und <emphasis>es.</emphasis></p><p>Er schleppte sich die Treppe hinauf. Seine Hand umklammerte immer noch den blutigen Schraubenschl�ssel. Er wankte zum Telefon, um die Polizei anzurufen.</p><p>Er sank auf den Hocker, der vor dem Telefon stand und gr�belte, was er der Polizei sagen sollte, wie er das Ganze erkl�ren k�nnte. Es w�rde nicht so einfach sein. Wissen Sie, da war diese Verr�ckte, die so lange in die Spiegel starrte, bis ihr Spiegelbild lebendiger als ihr K�rper war. Deshalb lebte sie auch irgendwie weiter, nachdem sie Selbstmord begangen hat. Sie erscheint in Spiegeln und im Glas und in jedem Material, das etwas reflektiert. Sie t�tet andere oder treibt sie in den Tod. Und die Spiegelbilder der Toten vereinen sich mit dem der Verr�ckten und gewinnen mehr und mehr an Macht. Eitelkeit, dein Name ist Weib. Und darum, meine Herren, habe ich meine Frau umgebracht. War das nicht eine feine Erkl�rung? Aber sie w�rde die Flut der Fragen nicht aufhalten. Die Flut! Das <emphasis>Wasser</emphasis>! Er h�tte es wissen m�ssen. Es war doch klar, da� Wasser Spiegelungen hervorruft. Genauso wie die Fensterscheibe, in die er jetzt starrte.</p><p>Und auf einmal war <emphasis>es</emphasis> hinter ihm, wollte aus dem Schatten heraus auf ihn zu. Er sah das b�rtige M�nnergesicht, die starren, leeren Augen eines kleinen M�dchens und den glotzenden Blick einer aufgetakelten Greisin. Es war hinter ihm, neben ihm, um ihn herum, als er aufstand, schlo� sich seine Hand fest um den Schraubenschl�ssel. <emphasis>Es</emphasis> war nicht greifbar, aber er mu�te <emphasis>es</emphasis> bek�mpfen und sich damit auseinandersetzen.</p><p>Er drehte sich um, taumelte zur�ck, aber der Ring der schattenhaften Gesichter schlo� sich immer dichter um ihn. Dann sah er, wie <emphasis>ihr</emphasis> Gesicht durch die anderen hindurch auf ihn zukam. Es war ihr Gesicht � nur mit dem einen Unterschied, da� da, wo ihre Augen gewesen waren, jetzt glei�ende Splitter funkelten. Dieses Gesicht konnte er nicht bek�mpfen. Er konnte nicht noch einmal auf sie einschlagen.</p><p><emphasis>Es</emphasis> bewegte sich vorw�rts. <emphasis>Es</emphasis> bewegte sich r�ckw�rts. Sein Arm schnellte zur�ck. Er h�rte, wie das Fensterglas hinter ihm zersplitterte, und mu�te unwillk�rlich daran denken, da� die alte Frau so gestorben war. Genauso, wie er jetzt starb: Er fiel durch das Fenster und schnitt sich die Kehle auf. Der Schmerz durchraste seinen K�rper und zerri� sein Gehirn. Er baumelte hilflos in den Glasscherben und verblutete langsam.</p><p>Dann war es vorbei.</p><p>Auf dem Boden bildete sich eine Lache, die sich bewegte und anwuchs. Das Licht, das von drau�en auf die Pf�tze fiel, lie� eine Spiegelung erkennen.</p><p>Irgend etwas erhob sich jetzt deutlich aus dem Schatten, schwoll an und quirlte und wirbelte und taumelte durch die Dunkelheit.</p><p>Es hatte das Gesicht einer Greisin, das Gesicht eines Kindes, das Gesicht eines b�rtigen Mannes, <emphasis>ihr</emphasis> Gesicht und <emphasis>sein</emphasis> Gesicht. Es ver�nderte sich st�ndig, verwischte die einzelnen Gesichter.</p><p>Es tanzte und wand sich, bis es auf einmal zum Stillstand kam und ruhig verharrte. Nachdem es endlich allein im Haus war, kauerte es sich in eine Ecke und wartete. Es hatte weiter nichts zu tun, als auf den n�chsten zu warten. Bis dahin konnte es sich in dem immer gr��er werdenden roten Spiegelbild auf dem Fu�boden bewundern �</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett </strong>von Alexandre Dumas</emphasis></p></title><p><emphasis>Alexandre Dumas (1802-1870), der au�erordentlich fruchtbare franz�sische Dramatiker und Erz�hler, Enkel eines Kreolen und einer Negerin, Sohn eines Generals der Revolutionszeit, fand mit seinen romantischen St�cken und vor allem mit seinem �ber 300 B�nde umfassenden abenteuerlich bunten Romanwerk bei seinen Zeitgenossen begeisterte Aufnahme und weiteste Verbreitung. Sein gr��ter Erfolg war der Roman �Die drei Musketiere� aus dem Jahre 1844. Dumas �berlebte seine unvorstellbare Beliebtheit und starb arm und vergessen in Puy bei Dieppe.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Der Arzt, der mit Walter Scott nach Frankreich kam, hie� Doktor Sympson; er war mit den angesehensten Personen der Stadt befreundet.</p><p>Darunter befand sich auch ein Richter, dessen Namen er mir nicht genannt hat. Der Name war das einzige Geheimnis, das er in dieser ganzen Angelegenheit f�r sich behielt. Dieser Richter, den er gew�hnlich als Arzt behandelte, verfiel sichtlich, ohne da� seine Gesundheit gest�rt schien; eine finstere Schwermut hatte sich seiner bem�chtigt. Seine Familie hatte wiederholt den Doktor befragt, und dieser hatte sich an die Freunde des Richters gewandt, ohne etwas aus ihnen herauszubringen als unbestimmte Antworten, die seine Bef�rchtung nur noch verst�rkten.</p><p>Endlich drang Dr. Sympson eines Tages in ihn, worauf der Richter mit traurigem L�cheln seine H�nde ergriff und zu ihm sagte: �Ja, ich bin krank, und meine Krankheit, lieber Doktor, ist unheilbar, da sie nur in meiner Einbildung besteht.�</p><p>�Wie? In Ihrer Einbildung?�</p><p>�Ja, ich bin im Begriff, wahnsinnig zu werden!�</p><p>�Sie und wahnsinnig! Ich bitte Sie, Sie haben einen klaren Blick, eine ruhige Stimme� � er ergriff ihn bei der Hand �, �einen ausgezeichneten Puls.�</p><p>�Das ist ja gerade das Gef�hrliche meines Zustands, lieber Doktor: Ich sehe und beurteile es n�mlich selbst.�</p><p>�Aber worin besteht denn Ihr Wahnsinn?�</p><p>�Schlie�en Sie die T�r, damit man uns nicht st�rt, Doktor, ich will es Ihnen erz�hlen.�</p><p>Der Doktor verschlo� die T�r und setzte sich neben seinen Freund.</p><p>�Erinnern Sie sich des letzten Strafprozesses�, fragte der Richter, �in dem ich ein Urteil zu f�llen hatte?�</p><p>�Ja, �ber einen schottischen R�uber, der von Ihnen zum Galgen verurteilt und gehenkt worden ist.�</p><p>�Ganz recht. Nun, in dem Augenblick, als ich das Urteil verk�ndete, spr�hte eine Flamme aus seinen Augen, und er zeigte mir drohend die Faust. Ich achtete nicht darauf � Solche Drohungen sind bei den Verurteilten h�ufig. Aber am Tag nach der Hinrichtung erschien der Scharfrichter bei mir, er sagte, da� er geglaubt h�tte, mich von etwas unterrichten zu m�ssen: Der R�uber war gestorben, indem er eine Art von Beschw�rung gegen mich aussprach und erkl�rte, da� ich am folgenden Tag um sechs Uhr, der Stunde, in der er hingerichtet worden war, Nachrichten von ihm erhalten w�rde.</p><p>Ich glaubte an irgendeinen �berfall durch seine Kameraden, an Rache von bewaffneter Hand, und als die sechste Stunde kam, schlo� ich mich mit einem Paar Pistolen auf meinem Schreibtisch in meinem Zimmer ein.</p><p>Die Standuhr meines Kamins schlug sechs. Ich hatte den ganzen Tag an diese Mitteilung des Scharfrichters gedacht. Aber der letzte Schlag erbebte auf der Glocke, ohne da� ich etwas anderes h�rte als ein gewisses Schnurren, dessen Ursache ich nicht erkl�ren konnte. Ich wandte mich um und sah eine gro�e schwarz- und feuerrotgefleckte Katze. Wie war sie hereingekommen? Es war unm�glich, das zu erkl�ren, denn T�ren und Fenster waren verschlossen. Sie mu�te w�hrend des Tages in das Zimmer eingesperrt gewesen sein.</p><p>Ich l�utete meinem Diener, aber er konnte nicht eintreten, da ich von innen zugeschlossen hatte; ich ging an die T�r und machte sie auf. Nun sprach ich von der schwarz- und feuerrotgefleckten Katze; aber wir suchten sie vergebens, sie war verschwunden.</p><p>Ich k�mmerte mich nicht weiter darum; der Abend verflo�, die Nacht brach an, der Tag kam und verging, und dann schlug es wieder sechs Uhr. In diesem Augenblick h�rte ich dasselbe Ger�usch hinter mir und sah dieselbe Katze.</p><p>Diesmal sprang sie auf meinen Scho�.</p><p>Ich habe keinen Widerwillen gegen Katzen, und dennoch machte diese Vertraulichkeit einen unangenehmen Eindruck auf mich. Ich jagte sie von meinem Scho�. Aber kaum war sie auf dem Boden, als sie von neuem auf mich sprang. Ich stie� sie zur�ck, aber ebenso vergebens wie das erstemal. Nun stand ich auf und ging im Zimmer auf und ab; die Katze folgte mir Schritt f�r Schritt; unwillig �ber diese Beharrlichkeit, l�utete ich wie am Tage zuvor, mein Bedienter trat ein, aber die Katze floh unter das Bett, wo wir sie vergebens suchten; denn sobald sie unter das Bett gekrochen war, war sie verschwunden.</p><p>Ich ging am Abend aus und besuchte mehrere Freunde; dann kehrte ich nach Hause zur�ck.</p><p>Da ich kein Licht hatte, so ging ich aus Furcht, mich zu sto�en, vorsichtig die Treppe hinauf; als ich die letzte Stufe erreichte, h�rte ich meinen Bedienten, der sich mit dem M�dchen meiner Frau unterhielt.</p><p>Da mein Name fiel, h�rte ich auf das, was er sagte, und nun h�rte ich ihn das ganze Abenteuer von gestern und heute erz�hlen; nur f�gte er hinzu: �Der Herr wird wahnsinnig, denn es befand sich ebensowenig eine schwarz- und feuerrotgefleckte Katze in dem Zimmer wie in meiner Hand.�</p><p>Diese Worte erschreckten mich; entweder war die Erscheinung wirklich, oder sie war falsch; wenn die Erscheinung wirklich war, so befand ich mich im Bann einer �bernat�rlichen Sache; wenn die Erscheinung falsch war, wenn ich etwas zu sehen glaubte, das nicht bestand, wie mein Bedienter gesagt hatte, so wurde ich wahnsinnig.</p><p>Sie werden erraten, da� ich in mit Furcht gemischter Ungeduld das n�chste Mal erwartete. Am folgenden Tag behielt ich unter dem Vorwand, etwas zu ordnen, meinen Bedienten bei mir; es schlug sechs Uhr, als er da war; bei dem letzten Glockenschlag h�rte ich dasselbe Ger�usch und sah meine Katze wieder.</p><p>Sie sa� neben mir. Ich blieb einen Augenblick ruhig, ohne etwas zu sagen, denn ich hoffte, da� mein Bedienter das Tier erblicken und zuerst davon sprechen w�rde; aber er ging in meinem Zimmer auf und ab und sah offenbar nichts.</p><p>Ich wartete den Augenblick ab, da er in der Richtung, die er einschlagen mu�te, um den Auftrag auszuf�hren, den ich ihm geben wollte, fast auf die Katze treten w�rde.</p><p>�Stellen Sie meine Glocke auf den Tisch, John�, sagte ich.</p><p>Er stand am Kopfende meines Bettes, die Glocke stand auf dem Kamin; um von da zum Kamin zu gehen, mu�te er wohl oder �bel �ber das Tier gehen. Er kam, aber in dem Augenblick, da sein Fu� das Tier ber�hren mu�te, sprang die Katze auf meinen Scho�.</p><p>John sah sie nicht oder schien sie wenigstens nicht zu sehen.</p><p>Kalter Schwei� trat auf meine Stirn, und die Worte: �Der Herr wird wahnsinnig�, kamen mir wieder in furchtbare Erinnerung.</p><p>�John�, sagte ich zu ihm, �sehen Sie nichts auf meinem Scho�?�</p><p>John blickte mich an. Dann sagte er wie ein Mensch, der einen Entschlu� fa�t:</p><p>�Doch, Herr, ich sehe eine Katze.�</p><p>Ich atmete wieder auf.</p><p>Ich nahm die Katze und sagte zu ihm: �Dann tragen Sie sie hinaus, John, ich bitte Sie.�</p><p>Seine H�nde kamen den meinen entgegen; ich legte ihm das Tier auf die Arme, worauf er auf einen Wink von mir das Zimmer verlie�.</p><p>Ich war einigerma�en beruhigt; etwa zehn Minuten blickte ich noch mit einem Rest von Angst um mich; da ich aber kein lebendiges Wesen, das irgendeiner Tierart angeh�rte, bemerkte, wollte ich nachsehen, was John mit der Katze gemacht hatte.</p><p>Ich verlie� daher mein Zimmer, in der Absicht, ihn danach zu fragen. Als ich aber den Fu� auf die Schwelle der Salont�r setzte, h�rte ich lautes Gel�chter, das aus dem Zimmer meiner Frau kam. Ich n�herte mich leise auf den Fu�zehen und h�rte die Stimme Johns:</p><p>�Meine liebe Freundin�, sagte er zu dem Zimmerm�dchen, �der Herr wird nicht wahnsinnig, nein, er ist es schon. Wie du wei�t, besteht sein Wahnsinn darin, da� er eine schwarz- und rotgefleckte Katze sieht. Heute abend hat er mich gefragt, ob ich diese Katze nicht auf seinem Scho� s�he.�</p><p>�Und was hast du geantwortet?�</p><p>�Bei Gott! Ich habe geantwortet, da� ich sie s�he�, sagte John. �Ich habe den armen, lieben Mann nicht �rgern wollen; und was meinst du, was er getan hat?�</p><p>�Wie soll ich das erraten?�</p><p>�Nun denn, er hat die vermeintliche Katze von seinem Scho� genommen, hat sie mir auf die Arme gelegt und zu mir gesagt: Trage sie fort! � Trage sie fort! � Ich habe die Katze hurtig fortgetragen, und er ist zufrieden gewesen.�</p><p>�Aber wenn du die Katze fortgetragen hast, so war die Katze also doch vorhanden.�</p><p>�Nicht doch, die Katze bestand nur in seiner Einbildung. Aber was h�tte es geholfen, wenn ich ihm die Wahrheit gesagt h�tte? Mich aus dem Hause werfen zu lassen? � Meiner Treu, nein, es geht mir hier gut, und ich bleibe. Er gibt mir f�nfundzwanzig Pfund j�hrlich � um eine Katze zu sehen. Gut, ich sehe sie. Er soll mir drei�ig geben, und ich werde zwei Katzen sehen.�</p><p>Ich hatte nicht den Mut, l�nger zuzuh�ren. Seufzend kehrte ich in mein Zimmer zur�ck.</p><p>Mein Zimmer war leer �</p><p>Am folgenden Tag fand sich meine Gesellschafterin wie gew�hnlich um sechs wieder bei mir ein und verschwand erst am folgenden Morgen.</p><p>�Was soll ich Ihnen sagen, mein Freund?� fuhr der Kranke fort. �Einen Monat lang hatte ich dieselbe Erscheinung jeden Abend, und ich gew�hnte mich allm�hlich an ihre Gegenwart; am drei�igsten Tage nach der Hinrichtung schlug es sechs Uhr, ohne da� die Katze erschien.</p><p>Ich glaubte von ihr befreit zu sein, ich konnte vor Freude nicht schlafen. Den ganzen Morgen des folgenden Tages schob ich sozusagen die Zeit vor mir her; ich konnte kaum die verh�ngnisvolle Stunde abwarten.</p><p>Von f�nf bis sechs Uhr verlie�en meine Augen die Standuhr nicht. Ich folgte dem Gang des gro�en Zeigers von Minute zu Minute. Endlich erreichte er die Zahl XII, das Knarren der Uhr lie� sich vernehmen, dann tat der Hammer den ersten, den zweiten, den dritten, den vierten, den f�nften, endlich den sechsten Schlag! � Bei dem sechsten Schlag ging meine T�r auf�, sagte der ungl�ckliche Richter, �und ich sah einen Gerichtsdiener der Kammer eintreten, der die Uniform des Lord-Lieutenants von Schottland trug.</p><p>Mein erster Gedanke war, da� der Lord-Lieutenant mir irgendein Schreiben sende, und ich streckte die Hand nach dem Unbekannten aus. Aber er schien auf meine Geb�rde nicht zu achten und stellte sich hinter meinen Sessel.</p><p>Ich brauchte mich nicht umzuwenden, um ihn zu sehen, denn ich sa� dem Spiegel gegen�ber und hatte ihn also im Blick. Ich stand auf und bewegte mich hin und her; er folgte mir in der Entfernung einiger Schritte. Ich ging an meinen Tisch und l�utete.</p><p>Mein Bedienter erschien, aber er sah den Gerichtsboten ebensowenig wie vorher die Katze.</p><p>Ich schickte ihn wieder fort und blieb mit dieser seltsamen Person allein, die ich nach Herzenslust betrachten konnte.</p><p>Er trug Hofkleidung, den Haarbeutel, den Degen an der Seite, eine gestickte Weste und seinen Hut unter dem Arm.</p><p>Um zehn Uhr legte ich mich zu Bett; um offenbar die Nacht so bequem als m�glich zuzubringen, setzte er sich meinem Bett gegen�ber in einen Sessel.</p><p>Ich wandte den Kopf nach der Seite der Wand; da ich aber nicht einschlafen konnte, so drehte ich mich zwei- bis dreimal wieder um, und jedesmal sah ich ihn beim Licht meiner Nachtlampe in demselben Sessel.</p><p>Auch er schlief nicht.</p><p>Endlich sah ich die ersten Strahlen des Tages durch die L�den in mein Zimmer dringen, ich wandte mich ein letztesmal nach meinem Mann um: Er war verschwunden, der Sessel war leer.</p><p>Bis zum Abend des n�chsten Tages war ich von meiner Erscheinung befreit.</p><p>Am Abend war Empfang bei dem Gro�vikar der Kirche, und ich rief unter dem Vorwand, meinen Festrock auszub�rsten, wenige Minuten vor sechs Uhr meinen Bedienten, indem ich ihm befahl, die Riegel der T�r vorzuschieben.</p><p>Er gehorchte.</p><p>Beim letzten Schlag der sechsten Stunde heftete ich die Augen auf die T�r; die T�r ging auf, und mein Gerichtsbote trat ein.</p><p>Ich ging sofort nach der T�r � sie war wieder verschlossen; die Riegel schienen nicht verschoben zu sein, ich wandte mich um � der Gerichtsbote stand hinter meinem Sessel, und John ging im Zimmer hin und her, ohne ihn im geringsten zu bemerken.</p><p>Er sah ihn offenbar ebensowenig wie vorher das Tier.</p><p>Ich kleidete mich an.</p><p>Nun geschah etwas Seltsames: Voll Aufmerksamkeit f�r mich, half mein neuer Hausgenosse John in allem, was er tat, ohne da� John es bemerkte. So hielt John meinen Rock beim Kragen � das Gespenst hielt die Sch��e; John reichte mir die Hose beim G�rtel, das Gespenst hielt sie bei den Beinen.</p><p>Ich hatte niemals einen diensteifrigeren Bedienten.</p><p>Die Stunde des Besuchs kam.</p><p>Statt mir zu folgen, ging der Gerichtsbote mir jedoch voraus, schl�pfte durch die T�r meines Zimmers, ging die Treppe hinab, hielt sich, den Hut unter dem Arm, hinter John, der den Schlag des Wagens aufmachte, und als John ihn geschlossen und seinen Platz hinter dem Wagen eingenommen hatte, stieg er auf den Bock des Kutschers, der nach rechts r�ckte, um ihm Platz zu machen.</p><p>Vor dem Haus des Gro�vikars hielt der Wagen; John �ffnete den Schlag, aber das Gespenst stand bereits hinter ihm auf seinem Posten. Kaum war ich ausgestiegen, als das Gespenst mir vorauseilte, indem es sich durch die Bedienten zw�ngte, die am Portal standen, und nachsah, ob ich ihm folgte.</p><p>Nun wollte ich mit dem Kutscher denselben Versuch anstellen, den ich mit John gemacht hatte.</p><p>�Patrick�, fragte ich ihn, �wer war der Mann, der neben Euch sa�?�</p><p>�Welcher Mann, Euer Gnaden?�</p><p>�Der Mann, der auf dem Bock sa�.�</p><p>Patrick machte gro�e Augen, indem er erstaunt um sich blickte.</p><p>�Es ist gut�, sagte ich, �ich habe mich geirrt.�</p><p>Ich ging in das Haus.</p><p>Der Gerichtsbote war auf der Treppe stehengeblieben und erwartete mich. Sobald er mich kommen sah, lief er mir voraus, trat vor mir ein, wie um mich im Empfangssaal zu melden; dann, als ich eingetreten war, nahm er in dem Vorzimmer wieder den Platz ein, der sich f�r ihn geziemte.</p><p>Wie f�r John und Patrick war das Gespenst f�r jedermann unsichtbar.</p><p>Nun verwandelte sich meine Furcht in Entsetzen, und ich sah ein, da� ich tats�chlich wahnsinnig w�rde.</p><p>Von diesem Abend an bemerkte man die Ver�nderung, die mit mir vorging. Jedermann fragte mich, welche Sorgen mich qu�lten.</p><p>Ich fand mein Gespenst im Vorzimmer wieder. Wie bei meiner Ankunft eilte es mir auf dem Heimweg voraus, kehrte mit mir nach Hause und hinter mir in mein Zimmer zur�ck und setzte sich wie die Nacht zuvor in den Sessel. Nun wollte ich mich �berzeugen, ob etwas Wirkliches und besonders etwas F�hlbares an dieser Erscheinung w�re. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und setzte mich r�ckw�rtsschreitend auf den Sessel. Ich f�hlte nichts, aber ich sah den Gerichtsdiener im Spiegel hinter mir stehen. Wie am Abend zuvor legte ich mich zu Bett. Sobald ich im Bett lag, sah ich ihn wieder auf seinem Sessel.</p><p>Am folgenden Morgen verschwand er.</p><p>Die Erscheinung dauerte einen Monat.</p><p>Dann fehlte sie entgegen ihrer Gewohnheit und blieb einen Tag aus.</p><p>Diesmal glaubte ich nicht mehr an ein g�nzliches Verschwinden wie das erstemal, sondern an irgendeine schreckliche Ver�nderung, und statt mein Alleinsein zu genie�en, erwartete ich den n�chsten Tag voller Entsetzen.</p><p>Am andern Tag h�rte ich beim letzten Schlag der sechsten Stunde ein leises Rauschen in den Vorh�ngen meines Bettes, und an der Wand erblickte ich ein Skelett.</p><p>Das Skelett stand regungslos dort und blickte mich mit seinen hohlen Augen an.</p><p>Ich stand auf, machte mehrere G�nge in meinem Zimmer � der Totenkopf folgte allen meinen Bewegungen. Die Augen verlie�en mich keinen Augenblick, der K�rper blieb regungslos.</p><p>Diese Nacht hatte ich nicht den Mut, mich zu Bett zu legen. Ich schlief, oder ich blieb vielmehr mit geschlossenen Augen im Lehnstuhl sitzen, in dem sonst das Gespenst sa�, nach dessen Gegenwart ich mich nun sogar sehnte.</p><p>Mit Tagesanbruch verschwand das Skelett.</p><p>Am Abend befahl ich John, mein Bett von der Stelle zu r�cken und die Vorh�nge zuzuziehen.</p><p>Beim letzten Schlag der sechsten Stunde h�rte ich dasselbe Rauschen, ich sah die Vorh�nge sich bewegen, dann erblickte ich zwei Knochenh�nde, die die Vorh�nge meines Bettes zur�ckschlugen, dann nahm das Skelett seinen Platz ein wie die Nacht zuvor.</p><p>Doch jetzt hatte ich den Mut, mich zu Bett zu legen.</p><p>Der Kopf, der wie tags zuvor allen meinen Bewegungen gefolgt war, neigte sich nun zu mir. Die hohlen Augen, die mich wie in der vorhergehenden Nacht keinen Augenblick aus dem Blick verloren hatten, hefteten sich auf mich.�</p><p>Am folgenden Tag kam der Doktor um sieben Uhr morgens in das Zimmer seines Freundes.</p><p>�Nun�, fragte er ihn, �was macht das Skelett?�</p><p>�Es ist soeben verschwunden�, antwortete dieser mit schwacher Stimme.</p><p>�Gut, wir wollen es so einrichten, da� es heute nacht nicht wiederkommt.�</p><p>�Tun Sie es.�</p><p>�Sie sagen, da� es mit dem letzten Schlag der sechsten Stunde kommt?�</p><p>�Jedesmal.�</p><p>�Gut, fangen wir damit an, die Uhr anzuhalten�, und er hielt den Pendel an.</p><p>�Was wollen Sie tun?�</p><p>�Ich will Ihnen die M�glichkeit nehmen, die Zeit zu erkennen.�</p><p>�Gut.�</p><p>�Jetzt wollen wir die L�den schlie�en und die Vorh�nge der Fenster zuziehen.�</p><p>�Warum das?�</p><p>�Immer zu demselben Zweck, damit Sie nicht wissen, welche Tageszeit es ist.�</p><p>�Tun Sie es.�</p><p>Die L�den wurden zugemacht, die Vorh�nge zugezogen, und wir z�ndeten Kerzen an.</p><p>�Halten Sie ein Fr�hst�ck und ein Mittagessen bereit, John�, sagte der Doktor, �wir wollen nicht zu bestimmten Stunden bedient sein, sondern nur dann, wenn ich rufen werde.�</p><p>�Sie h�ren, John�, sagte der Kranke.</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Dann geben Sie uns Karten, W�rfel, Dominos, und lassen Sie uns allein.�</p><p>John brachte die verlangten Gegenst�nde und entfernte sich.</p><p>Der Doktor begann damit, den Kranken nach Kr�ften zu zerstreuen, indem er bald plauderte, bald mit ihm spielte; dann, als er Hunger hatte, l�utete er.</p><p>John brachte das Fr�hst�ck.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck begann das Spiel wieder und wurde sp�ter durch ein neues L�uten des Doktors unterbrochen.</p><p>John brachte das Mittagessen. Sie a�en und tranken, nahmen Kaffee und spielten weiter. So f�r sich gelassen, erschien ihnen der Tag lang. Der Arzt glaubte, da� die verh�ngnisvolle Stunde vor�ber sein m��te.</p><p>�Nun denn!� Er stand auf. �Viktoria.�</p><p>�Wie, Viktoria?� fragte der Kranke.</p><p>�Es mu� zweifellos zum mindesten acht bis neun Uhr sein, und das Skelett ist nicht gekommen.�</p><p>�Sehen Sie nach Ihrer Uhr, Doktor, und wenn die Stunde vor�ber ist, so werde ich wie Sie Viktoria rufen.�</p><p>Der Doktor sah nach seiner Uhr, sagte aber nichts.</p><p>�Sie hatten sich geirrt, nicht wahr, Doktor?� sagte der Kranke. �Es ist gerade sechs Uhr.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nun, da tritt auch das Skelett ein.�</p><p>Und der Kranke warf sich mit einem tiefen Seufzer zur�ck.</p><p>Der Arzt blickte nach allen Seiten.</p><p>�Wo sehen Sie es denn?� fragte er.</p><p>�An seinem gew�hnlichen Platz, hinter meinem Bett, zwischen den Vorh�ngen.�</p><p>Der Doktor stand auf, zog das Bett vor, ging hinter dasselbe und nahm zwischen den Vorh�ngen den Platz ein, den das Skelett einnehmen sollte.</p><p>�Und jetzt�, sagte er, �sehen Sie es immer noch?�</p><p>�Ich sehe nicht mehr den unteren Teil seines K�rpers, da der Ihre es mir verbirgt, aber ich sehe seinen Sch�del. �ber Ihrer rechten Schulter. Es ist, als ob Sie zwei K�pfe h�tten, einen lebenden und einen toten.�</p><p>So ungl�ubig der Arzt auch war, er schauderte doch unwillk�rlich. Er wandte sich um, aber er sah nichts.</p><p>�Mein Freund�, sagte er traurig, indem er zu dem Kranken zur�ckkehrte, �wenn Sie noch kein Testament gemacht haben, so beeilen Sie sich.� Und er entfernte sich.</p><p>Als John neun Tage sp�ter in das Zimmer seines Herrn trat, fand er ihn tot in seinem Bett.</p><p>Es waren genau drei Monate seit der Hinrichtung des R�ubers vergangen �</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Spuk im Klub </strong>von H. G. Wells</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Herbert George Wells (1866-1946) war ein au�erordentlich produktiver Autor, der sich in erster Linie als Reformer und Zeitkritiker verstand. Seine ersten Romane, naturwissenschaftliche Phantasien in der Art Jules Vernes, geh�ren l�ngst in das Repertoire der klassischen Science Fiction-Literatur, so �Die Zeitmaschine� (1895) oder �Krieg der Welten� (1898). Manche seiner damals bahnbrechenden Ideen sind heute Allgemeingut geworden. Da� H. G. Wells auch Spukgeschichten geschrieben hat, mag zwar bei einem so fortschrittlichen, aufkl�rerischen Geist befremden, nimmt aber kaum noch wunder, wenn man sich die Tatsache vor Augen h�lt, da� er Engl�nder war.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie Clayton seine letzte Geschichte erz�hlte. Da sa� er, am Schauplatz der Geschichte selbst, in einem Sessel neben dem offenen Kamin. Neben ihm Sanderson, die unvermeidliche Pfeife zwischen den Z�hnen. Auch Evans war da und Wish, dieser gro�artige Schauspieler und bescheidene Mensch. Wir alle waren an diesem Sonnabend vormittags zum Golfspielen in den Mermaid Club gekommen � au�er Clayton, der hier �bernachtet hatte, was den Anla� zu seiner Geschichte gab. Wir hatten bis zum Einbruch der D�mmerung Golf gespielt, dann gegessen. Und nun befanden wir uns in jener angeregten Stimmung, in der man seiner Phantasie gern freien Lauf l��t.</p><p>Als Clayton zu erz�hlen begann, waren wir nat�rlich fest �berzeugt, da� er log. Vielleicht log er wirklich � das mag der Leser selbst entscheiden. Zwar schilderte er sein Erlebnis ernsthaft und �berzeugend, wie man eine wahre Begebenheit berichtet; aber wir hielten das nur f�r den Kunstgriff eines guten Erz�hlers.</p><p>�Wi�t ihr eigentlich, da� ich letzte Nacht allein hier war?� bemerkte er nach einer langen Gespr�chspause, in der wir alle den Funkenflug im Kamin beobachtet hatten.</p><p>�Au�er der Dienerschaft�, berichtigte Wish.</p><p>�Die schl�ft im anderen Fl�gel�, sagte Clayton. �Tja �� Er zog eine Weile an seiner Zigarre, als z�gerte er immer noch, ob er sich uns anvertrauen solle. Und schlie�lich sagte er ruhig: �Ich habe ein Gespenst gefangen.�</p><p>�So, ein Gespenst?� meinte Sanderson unbeeindruckt. �Wo ist es?�</p><p>Und Evans, der Clayton bewunderte und vier Wochen in Amerika gewesen war, schrie: �Ein Gespenst gefangen? Ist ja toll! Erz�hlen Sie, Clayton!�</p><p>Clayton versprach es und bat ihn, zuvor die T�r zu schlie�en.</p><p>�Nicht, da� ich Horcher f�rchtete � aber ich m�chte unser ausgezeichnetes Klub-Personal nicht durch Spukgeschichten beunruhigen. Dieses alte Haus mit den vielen dunklen Winkeln und der Eichenholzt�felung hat ohnehin etwas Unheimliches. �brigens war das auch kein st�ndiges Gespenst. Ich glaube nicht, da� es jemals wiederkommen wird.�</p><p>�Ach � Sie haben es also nicht festgehalten?� fragte Sanderson.</p><p>�Ich hatte nicht das Herz dazu.�</p><p>�Da bin ich aber �berrascht�, sagte Sanderson. Und wir lachten.</p><p>Clayton sah etwas gekr�nkt drein.</p><p>�Es war wirklich ein Gespenst�, erkl�rte er ernst. �Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie ich Sie jetzt sehe. Ich scherze nicht. Ich spreche ganz im Ernst.�</p><p>Sanderson zog kr�ftig an seiner Pfeife, klappte ein Auge zu und stie� dann eine d�nne Rauchs�ule aus, die beredter als Worte war.</p><p>Clayton �bersah den stummen Einwurf.</p><p>�Es ist das Merkw�rdigste, das mir in meinem ganzen Leben passiert ist. Sie wissen, da� ich nie an Gespenster oder �hnliches geglaubt habe. Nie. Und unversehens l�uft mir selbst eines �ber den Weg. H�chst sonderbar.�</p><p>Gedankenvoll dr�ckte er seine Zigarre aus und brachte eine zweite zum Vorschein, die er mit einem seltsamen kleinen Dolch abzuschneiden begann.</p><p>�Haben Sie mit ihm gesprochen?� erkundigte sich Wish.</p><p>�O ja. Ungef�hr eine Stunde lang.�</p><p>�Gespr�chig?� warf ich im gleichen Ton trockener Skepsis ein.</p><p>�Der arme Teufel hatte Kummer�, sagte Clayton und sah uns der Reihe nach mit mildem Vorwurf an.</p><p>�Weinte er?� fragte jemand.</p><p>Clayton stie� bei der Erinnerung einen schweren Seufzer aus. �Ja�, nickte er bek�mmert. �Der arme Kerl. Ja.�</p><p>�Hatten Sie ihm auf den Fu� getreten?� grinste Evans.</p><p>Ohne auf ihn zu achten, fuhr Clayton fort: �Ich hatte keine Ahnung, was f�r ein armer Kerl so ein Geist sein kann.� Wieder schien er sich ganz in der Erinnerung zu verlieren, w�hrend er in seinen Taschen nach Streichh�lzern suchte, um seine Zigarre anzuz�nden. �Ich habe ihn �berrumpelt�, murmelte er schlie�lich.</p><p>Keiner von uns hatte es eilig. Wir lie�en ihn seine Geschichte in aller Ruhe ausspinnen.</p><p>�Ein Charakter�, erkl�rte er, �bleibt immer derselbe � auch in unk�rperlichem Zustand. Das vergessen wir zu leicht. Ein Mensch, der Energie oder Gewandtheit besitzt, wird auch als Geist energisch und gewandt sein. Die meisten Spukgeister sind vermutlich beschr�nkt und eigensinnig wie Maulesel, da� sie immer wieder an denselben Ort zur�ckkehren. Mein Geist war nicht von dieser Sorte.� Er sah uns mit einem eigent�mlichen L�cheln an. �Ich wei�, ihr glaubt mir nicht. Und doch ist alles wahr, was ich euch erz�hle. Schon auf den ersten Blick erkannte ich, da� er schwach war.�</p><p>Er lehnte sich zur�ck und unterstrich seine Erz�hlung mit seiner Zigarre.</p><p>�Ich traf ihn drau�en in dem langen Gang. Er stand mit dem R�cken zu mir. Ich wu�te sofort, da� es ein Geist war. Er war hell und durchscheinend � durch seine Brust hindurch konnte ich das kleine Fenster am anderen Ende des Ganges sehen. Und nicht nur seine �u�ere Erscheinung, sondern auch seine ganze Haltung erschien mir schwach und weich. Er sah aus, als w��te er nicht, was er tun sollte. Mit einer Hand st�tzte er sich gegen die T�felung, die andere lag zitternd auf seinem Mund. So!�</p><p>� Wie sah er aus?� fragte Sanderson.</p><p>�Schm�chtig und armselig. Schmale Schultern, schiefe Haltung. Ein d�rrer Hals, �ber den sich hinten zwei tiefe Rillen hinunterzogen, darauf ein kleiner Kopf mit struppigem Haar und abstehenden Ohren. Dabei ein verh�ltnism��ig noch junger Mann. Er trug eine schlechtsitzende Jacke und ausgebeulte Hosen, die an den Beinr�ndern etwas ausgefranst waren. So stand er da, als ich leise die Treppe heraufkam. Ich trug kein Licht (Sie wissen ja, auf dem Treppenabsatz brennt immer eine Lampe) und hatte meine weichen Hausschuhe an, und so bemerkte er mich nicht gleich. Bei seinem Anblick blieb ich j�h stehen. Ich hatte �berhaupt keine Angst. Komisch � in solchen F�llen ist man meist viel ruhiger, als man annehmen sollte. Ich war �berrascht und interessiert. Ich dachte: Gro�er Gott, ein Geist! Seit f�nfundzwanzig Jahren habe ich nicht mehr an Geister geglaubt!�</p><p>�Hm�, machte Wish.</p><p>�Ich mochte kaum eine Sekunde da sein, als auch er mich bemerkte. Er fuhr erschrocken herum, und ich sah das Gesicht eines unreifen jungen Mannes mit fliehendem Kinn und d�nnem Schnurrbart. Sekundenlang standen wir da und starrten einander an. Dann schien er sich seiner Berufung zu erinnern. Er richtete sich gerade auf und breitete die Arme aus, wie Gespenster es zu tun pflegen. So kam er auf mich zu, wobei er ein zaghaftes Buuuh! ausstie�. Nein, es war nicht be�ngstigend � �berhaupt nicht. Ich hatte gut zu Abend gegessen, hatte eine Flasche Sekt getrunken und, da ich ganz allein war, hinterher noch zwei oder drei Whisky (vielleicht auch vier oder f�nf). Ich f�hlte mich stark wie ein Fels und war nicht mehr erschrocken, als ob mich ein Hund angebellt h�tte. �Was hei�t hier Buh!� sagte ich barsch. �Und was haben Sie �berhaupt hier zu suchen?� Er zuckte zur�ck und wiederholte matt: �Buuh.� Ich sagte: �Unsinn! Was wollen Sie hier? Sind Sie Mitglied?� Und um ihm zu zeigen, wie wenig ich mir aus ihm machte, trat ich einfach durch ihn hindurch, nahm mir eine Kerze vom Tisch und z�ndete sie an. �Sind Sie Mitglied?� wiederholte ich und sah ihn mir von der Seite an.</p><p>Er wich ein wenig zur�ck, und seine k�nstliche Pose fiel kl�glich in sich zusammen. �Nein, ich bin kein Mitglied�, murmelte er dumpf. �Ich bin ein Geist.�</p><p>�Das gibt Ihnen noch kein Recht, im Mermaid Club aus und ein zu gehen. Wollten Sie eine bestimmte Person besuchen?� Ich bem�hte mich, die brennende Kerze m�glichst ruhig zu halten, damit er meine Furchtlosigkeit nicht etwa dem genossenen Whisky zuschriebe. �Was wollen Sie hier?�</p><p>Er hatte die H�nde sinken lassen und stand verlegen und niedergeschlagen da, der Geist eines schw�chlichen und unbedeutenden jungen Mannes.</p><p>�Ich spuke�, murmelte er unsicher.</p><p>�Dazu haben Sie kein Recht.�</p><p>�Ich bin ein Geist�, verteidigte er sich sch�chtern.</p><p>�Mag sein. Trotzdem haben Sie kein Recht, hier zu spuken. Das ist ein angesehener Privat-Klub. Manche Leute bringen gelegentlich ihre Familie mit. Bei Ihrer Unvorsichtigkeit k�nnte es leicht vorkommen, da� Sie irgendein junges Ding zu Tode erschrecken. Daran haben Sie wohl nicht gedacht, wie?�</p><p>�Nein, Sir�, gab er zu.</p><p>�Schlimm genug. Haben Sie denn irgendwelche besonderen Beziehungen zu diesem Ort? Ich meine � sind Sie vielleicht hier ermordet worden oder so was?�</p><p>�Nein, das nicht. Aber ich dachte, weil das Haus so alt und dunkel und eichenget�felt ist ��</p><p>�Das ist keine Entschuldigung�, sagte ich fest. Und mit freundlicher �berlegenheit f�gte ich hinzu: �An Ihrer Stelle w�rde ich nicht bis zum Hahnenschrei hier herumlungern � ich w�rde lieber gleich verschwinden.�</p><p>Er trat verlegen von einem Fu� auf den andern. �Die Sache ist die, Sir�, begann er.</p><p>�Ich w�rde gleich verschwinden�, wiederholte ich nachdr�cklich.</p><p>�Es ist n�mlich so, Sir � ich kann nicht.�</p><p>�Sie k�nnen nicht?�</p><p>�Nein, Sir. Ich mu� irgend etwas vergessen haben. Ich treibe mich schon seit gestern um Mitternacht hier herum, verstecke mich in den Schr�nken der leeren G�stezimmer und so. Ich bin ganz durcheinander. Ich spuke n�mlich zum erstenmal, m�ssen Sie wissen. Und jetzt ist die ganze Sache schiefgegangen.�</p><p>�Schiefgegangen?�</p><p>�Ja, Sir. Ich habe es schon ein paarmal versucht, aber es klappte nicht. Irgend etwas ist mir entfallen, und nun kann ich nicht zur�ck.�</p><p>Sie k�nnen sich denken, da� ich ziemlich verbl�fft war. Er sah mich so kl�glich an, da� ich meinen strengen Ton nicht l�nger aufrechterhalten mochte. �Merkw�rdig�, sagte ich. Und weil ich glaubte, unten Schritte zu h�ren, schlug ich vor: �Kommen Sie mit mir auf mein Zimmer, und erz�hlen Sie mir das genauer.� Ich wollte ihn am Arm nehmen, aber nat�rlich h�tte ich ebensogut versuchen k�nnen, ein Rauchw�lkchen festzuhalten. Ich hatte meine Zimmernummer vergessen und ging mit ihm durch mehrere G�stezimmer, bis ich mein Gep�ck wiederfand; gl�cklicherweise war in dieser Nacht au�er mir niemand in dem G�stefl�gel. �Da sind wir�, sagte ich und setzte mich in einen Lehnstuhl. �Nehmen Sie Platz und erz�hlen Sie. Mir scheint, Sie sind da in eine recht verzwickte Lage geraten.�</p><p>Er sagte, er wollte nicht gern sitzen; ob es mir etwas ausmachte, wenn er dabei ein wenig im Zimmer herumgeisterte. Das tat er denn auch. Und bald waren wir in ein langes, ernsthaftes Gespr�ch verstrickt. Inzwischen waren auch die paar Whisky, die ich getrunken hatte, verdunstet, und mir wurde klar, wie grotesk und unglaublich diese Situation war. In dem sauberen, h�bschen, chintzbehangenen Schlafzimmer huschte ein richtiges Gespenst auf und ab, lautlos bis auf seine Geisterstimme, halb durchsichtig � ich konnte durch ihn hindurch die kupfernen Kerzenleuchter und die gerahmten Stiche an den W�nden sehen. Und er erz�hlte mir �ber sein armseliges Erdenleben, das k�rzlich ein Ende gefunden hatte. Er hatte kein besonders vertrauenerweckendes Gesicht. Aber er sagte die Wahrheit.�</p><p>�Wieso eigentlich?� warf Wish pl�tzlich ein. �Das sehe ich nicht ein.�</p><p>�Ich auch nicht�, meinte Clayton achselzuckend. �Aber ich kann Ihnen versichern, da� es wirklich so ist. Ich bin �berzeugt, da� er nicht um Haaresbreite von der Wahrheit abgewichen ist. Er erz�hlte mir auch, wie er umgekommen war: Er ging in einem Londoner Mietshaus mit brennender Kerze in den Keller, um eine undichte Stelle in der Gasleitung zu suchen. Er war Englischlehrer an einer Londoner Privatschule gewesen, als das passierte.�</p><p>�Armer Teufel�, sagte ich.</p><p>�Das dachte ich auch. Er tat mir wirklich leid. Unn�tz im Leben und unn�tz im Tod. Er redete schlecht von allen, die er im Leben gekannt hatte. Niemand habe ihn je verstanden, niemand seine Vorz�ge erkannt und gesch�tzt. Er hatte nie Freunde, nie Erfolg gehabt. Er sei eben zu gutm�tig und zu sensibel gewesen. Er war verlobt gewesen (wahrscheinlich mit einer ebenso ungeschickten und �bersensiblen Person), als die Sache mit der Gasleitung seinen Pl�nen ein Ende setzte.</p><p>Ich fragte: �Und wo sind Sie jetzt?�</p><p>�ber diesen Punkt dr�ckte er sich nicht klar aus. Ich hatte den Eindruck, da� er sich in einer Art Zwischenreich befand, einem Reservat f�r Seelen, die so unbedeutend waren, da� man sie weder zu den Heiligen noch zu den S�ndern rechnen konnte. Ich konnte ihn nicht dazu bringen, mir mehr �ber diesen Ort zu erz�hlen. Jedenfalls schien er dort in passender Gesellschaft zu sein: unter den Geistern ebenso schwacher und unbedeutender junger Leute, die sich mit Vorliebe �ber das Spuken unterhielten. Spuken � das galt bei ihnen als das gro�e, prickelnde Abenteuer, das sie doch heimlich alle f�rchteten. Eines Nachts hatte auch er es versucht � und so war er in den Mermaid Club gekommen.�</p><p>�Also ich mu� schon sagen ��, bemerkte Wish.</p><p>�Er hat das alles nat�rlich nicht mit klaren Worten dargelegt�, erkl�rte Clayton. �Aber so ungef�hr war der Eindruck, den ich von ihm hatte. Die ganze Zeit huschte er im Zimmer auf und ab, w�hrend er mit weinerlicher Stimme �ber sein armseliges Selbst redete. Mit seiner d�nnen Stimme und seinem durchscheinenden Geisterleib wirkte er noch erb�rmlicher, als wenn er ein Mensch von Fleisch und Blut gewesen w�re. Aber als Mensch von Fleisch und Blut w�re er wohl kaum in meinem Zimmer gewesen � ich h�tte ihn nat�rlich hinausgeworfen.�</p><p>�Ja, ja, es gibt schon solche Menschen�, meinte Evans.</p><p>Und ich f�gte hinzu: �Und warum sollten sie nicht ebensogut einen Geist haben wie jeder andere.�</p><p>� Was f�r ihn sprach, war seine ehrliche Best�rzung�, sagte Clayton. �Er war entsetzlich deprimiert, weil er die Sache mit dem Spuk verpfuscht hatte. Alle hatten ihm erz�hlt, da� es ein Heidenspa� sein w�rde. Er hatte sich nat�rlich auch einen Heidenspa� erwartet � und nun war es nichts als ein neuer Mi�erfolg auf seiner Liste von Fehlschl�gen. Alles, alles im Leben war ihm danebengegangen � und selbst in der Ewigkeit schien es ihm nicht anders zu ergehen. Alles k�me daher, sagte er, weil sich nie jemand um ihn gek�mmert, niemand ihm Interesse oder Sympathie entgegengebracht hatte. Nach seiner Bemerkung brach er erstaunt ab und sah mich an. Ich sei eigentlich der erste, erkl�rte er verwundert, der sich je f�r seine Angelegenheiten interessiert hatte. Ich merkte gleich, worauf er hinauswollte, und beschlo�, ihm etwas unter die Arme zu greifen. Ich mag ein alter Grobian sein � aber wenn so ein armer Schw�chling (ob Mensch oder Geist) in mir seinen einzigen wahren Freund sieht, habe ich nicht das Herz, ihn zur�ckzusto�en.</p><p>Ich ermunterte ihn also, sich nicht weiter mit solch d�steren Gedanken abzugeben. F�r ihn g�be es jetzt nur eines: so rasch wie m�glich aus dieser Sache herauszukommen. �Rei�en Sie sich zusammen�, sagte ich, �und versuchen Sie es.� � �Ich kann nicht�, sagte er. �Versuchen Sie es!, beharrte ich. Und das tat er denn auch.�</p><p>�Wie denn?� erkundigte sich Sanderson.</p><p>�Gesten.�</p><p>�Gesten?�</p><p>�Nun ja, eine komplizierte Reihe von Gesten und Handbewegungen. So war er hereingekommen, so mu�te er auch wieder hinaus. Meine G�te � was hatte ich f�r eine Plage mit ihm!�</p><p>Ich begann: �Ich kann mir nur nicht vorstellen, wieso eine Reihe von Handbewegungen ��</p><p>�Mein lieber Mann�, fiel er mir ungeduldig ins Wort. �Sie wollen immer alles ganz genau wissen. Ich wei� auch nicht, wieso. Ich kann Ihnen nur sagen, da� es so war. Eine qualvoll lange Zeit m�hte er sich vergeblich ab. Aber dann bekam er wohl die richtige Reihenfolge heraus � und auf einmal war er verschwunden.�</p><p>Sanderson erkundigte sich: �Haben Sie diese Gesten beobachtet?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Clayton nachdenklich. �Es war alles sehr seltsam. Wir beide allein in dem leeren Haus, ich und dieser schw�chliche Geist. Alles still, kein Laut au�er unseren Stimmen und dem schwachen Keuchen, das er bei seinen �bungen ausstie�. Nur zwei Kerzen brannten in meinem Zimmer, die ab und zu gespenstisch aufflackerten. Eine phantastische Situation! �Ich schaffe es nicht�, jammerte er immer wieder. �Ich schaffe es einfach nicht!� Und pl�tzlich sank er auf den kleinen Stuhl am Fu�ende des Bettes und schluchzte und schluchzte. Ein j�mmerliches H�ufchen Elend.</p><p>�Nehmen Sie sich zusammen!� sagte ich und versuchte ihm auf den R�cken zu klopfen � wobei meine Hand nat�rlich ins Leere griff. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr ganz so kaltbl�tig wie vorher auf dem Treppenabsatz. Die haarstr�ubende Situation begann mich doch etwas nerv�s zu machen. Ich erinnere mich, da� ich �ber diesen Griff ins Leere heftig erschrak und zur�ckzuckte. �Nehmen Sie sich zusammen!� wiederholte ich. �Versuchen Sie weiter!� Und um ihn anzuspornen, begann ich sogar mitzumachen.�</p><p>�Was!� rief Sanderson. �Seine Gesten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Aber �� Ich beugte mich vor.</p><p>�Das ist interessant�, sagte Sanderson, einen Finger im Pfeifenkopf. �Wollen Sie behaupten, da� er Ihnen alles ��</p><p>�� da� er mir das Geheimnis preisgegeben hat? Ja.�</p><p>�Unm�glich!� rief Wish. �Sonst w�ren Sie ja auch hin�bergegangen!�</p><p>�Genau!� rief ich eifrig.</p><p>�Genau�, murmelte Clayton gedankenvoll.</p><p>Eine Weile herrschte Schweigen. Dann fragte Sanderson:</p><p>�Und wie ging die Sache aus?�</p><p>�Schlie�lich gl�ckte es ihm. Ich mu�te ihm immer wieder zureden und ihn anspornen, aber schlie�lich gl�ckte es ihm doch. Und zwar ganz pl�tzlich. Er wollte wieder einmal aufgeben, wir hatten eine heftige Szene. Und dann stand er pl�tzlich auf und bat mich, die ganze Sache noch einmal mit ihm durchzumachen. Er sagte: �Wenn ich es bei Ihnen sehe, komme ich vielleicht dahinter, was ich falsch mache.� Also machten wir alles noch einmal gemeinsam durch. Auf einmal sagte er: �Jetzt wei� ich�s.� Aber nun hatte er pl�tzlich Hemmungen und behauptete, er k�nnte es nicht zu Ende f�hren, wenn ich ihn dabei ans�he. Ich sollte mich umdrehen. �Ich bin nun einmal nerv�s und sensibel�, erkl�rte er. �Sie irritieren mich.� Wir stritten eine Weile herum, und schlie�lich hatte ich es satt. �Also sch�n�, sagte ich. �Ich sehe nicht hin.� Ich drehte ihm den R�cken zu � aber ich konnte ihn im Spiegel neben meinem Bett sehen.</p><p>Er begann sofort und haspelte seine �bungen in schnellem Tempo ab. Ich beobachtete ihn im Spiegel, denn ich war nat�rlich gespannt zu sehen, was er bisher falsch gemacht hatte. Er schwang die Arme herum, ungef�hr so und so und so, und dann fiel er ruckartig in die letzte Pose � so: Man steht hochaufgerichtet, die Arme weit ausgebreitet. So stand er also da. Und auf einmal stand er eben nicht mehr da. Er war weg! Ich wirbelte auf dem Absatz herum. Nichts! Weg! Ich war allein mit den heftig flackernden Kerzen und meiner grenzenlosen Verwirrung. Was war geschehen? War �berhaupt etwas geschehen? Hatte ich getr�umt? Im selben Augenblick schlug die Uhr im Treppenhaus mit dr�hnendem Schlag die erste Stunde. Mir war ganz schwach in den Knien, das k�nnen Sie mir glauben. Ich war n�chtern wie ein Staatsanwalt, der Sekt und der Whisky waren verflogen, und mir war ganz sonderbar zumute � ganz sonderbar � du liebe Zeit!�</p><p>Er betrachtete die Asche an seiner Zigarre.</p><p>�Das ist alles�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Und dann sind Sie zu Bett gegangen?� fragte Evans.</p><p>�Was blieb mir andres �brig?�</p><p>Wish und ich wechselten einen Blick. Wir wollten witzeln, aber irgend etwas (vielleicht etwas in Claytons Stimme oder Haltung) hemmte uns.</p><p>�Und diese Gesten?� erkundigte sich Sanderson.</p><p>�Ich glaube, ich k�nnte sie jetzt machen.�</p><p>�So?� Sanderson brachte ein Taschenmesser zum Vorschein und begann in seiner Pfeife zu stochern. �Warum versuchen Sie es dann nicht gleich jetzt?� schlug er vor und klappte das Taschenmesser zusammen.</p><p>�Gut�, antwortete Clayton.</p><p>�Das klappt ja doch nicht�, meinte Evans.</p><p>�Aber wenn es klappt, dann ��, gab ich zu bedenken.</p><p>Wish streckte seine langen Beine aus.</p><p>�Ich bin dagegen�, sagte er.</p><p>�Warum?� fragte Evans.</p><p>�Ich bin dagegen, da� er es versucht.�</p><p>�Er kriegt es ja doch nicht fertig�, sagte Sanderson und stopfte zuviel Tabak in seine Pfeife.</p><p>�Trotzdem bin ich dagegen�, wiederholte Wish.</p><p>Wir widersprachen Wish. Er sagte, wenn Clayton diese Gesten wiederholte, so k�me ihm das vor, als machte man sich �ber etwas sehr Ernstes lustig.</p><p>�Aber Sie glauben doch nicht daran?� wandte ich ein.</p><p>Wish sah Clayton an, der schweigend ins Feuer starrte.</p><p>�Ich wei� nicht recht � halb glaube ich doch daran�, murmelte Wish.</p><p>Ich sagte: �Clayton, Sie l�gen etwas zu gut f�r mich. Ich meine � die ganze Sache war ja ganz nett. Aber der Schlu�, dieses Verschwinden � das klang eigentlich zu echt. Sagen Sie, da� es nur eine erfundene Geschichte war.�</p><p>Er stand auf, ohne mich anzusehen, stellte sich auf den Teppich vor dem Kamin und starrte einen Moment auf seine F��e hinunter. Dann hob er den Kopf und richtete den Blick auf die gegen�berliegende Wand, mit einem Ausdruck tiefster innerer Konzentration. Langsam hob er beide H�nde in Augenh�he. Und dann begann er �</p><p>Nun mu� man wissen, da� Sanderson Freimaurer ist. Er geh�rt der Loge der Vier K�nige an, die sich so eifrig mit dem Studium der Mysterien der Freimaurerei aus Vergangenheit und Gegenwartbesch�ftigt. Er folgte Claytons Bewegungen mit einem ganz besonderen Interesse in den kleinen, roten Augen.</p><p>�Nicht schlecht�, meinte er, als Clayton fertig war. �Tats�chlich, Clayton, Sie haben diese Dinge erstaunlich gut erfa�t. Nur fehlte da noch eine Kleinigkeit.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Clayton. �Ich glaube, ich wei� sogar, welche.�</p><p>�Nun?�</p><p>�Diese�, sagte Clayton und vollf�hrte eine merkw�rdige kleine Serie von Wendungen und Verrenkungen der H�nde.</p><p>�Ja.�</p><p>�Genau das ist es n�mlich, was auch er nicht gleich traf�, erkl�rte Clayton. �Aber woher wissen Sie �?�</p><p>Sanderson sagte: �Das meiste davon verstehe auch ich nicht. Und vor allem begreife ich nicht, wie Sie das erfinden konnten. Aber diese eine Phase kenne ich wirklich. Es ist zuf�llig eine Geste, die mit einem bestimmten Zweig der esoterischen Freimaurerei zu tun hat � vielleicht wissen Sie davon. Wenn nicht, begreife ich nicht, wieso �� Er �berlegte eine Weile. �Ich glaube, es kann nichts schaden, wenn ich Ihnen die richtige Bewegung zeige. Entweder wissen Sie es sowieso � oder es hilft Ihnen auch nichts.�</p><p>�Ich wei� gar nichts�, sagte Clayton. �Au�er was dieser arme Teufel mir vorgemacht hat.�</p><p>�Na sch�n�, sagte Sanderson und legte seine lange Tonpfeife vorsichtig auf das Kaminsims. Dann vollf�hrte er sehr rasch ein paar Handbewegungen.</p><p>�So?� fragte Clayton und ahmte ihn nach.</p><p>�So.� Sanderson wiederholte die Gesten und griff dann wieder nach seiner Pfeife.</p><p>�Ach ja�, sagte Clayton. �Ich glaube, jetzt kann ich es.�</p><p>Er stand vor dem verglimmenden Kaminfeuer und l�chelte uns der Reihe nach zu. Aber es war etwas Unheimliches in seinem L�cheln.</p><p>�Wenn ich anfange ��, sagte er.</p><p>�Lassen Sie es lieber�, fiel Wish ein.</p><p>�Unsinn!� rief Evans. �Materie ist unzerst�rbar. Ihr glaubt doch nicht wirklich, da� solcher Hokuspokus den guten Clayton ins Schattenreich bef�rdern k�nnte! Ich jedenfalls glaube nicht an diesen Humbug. Meinetwegen k�nnen Sie Ihre Turn�bungen machen, Clayton, bis Sie Muskelkater kriegen.�</p><p>�Ich bin dagegen�, sagte Wish und stand auf und legte Clayton die Hand auf die Schulter. �Sie haben Ihre Geschichte so suggestiv erz�hlt, da� ich halb und halb daran glaube. Und darum mochte ich nicht, da� Sie das machen.�</p><p>�Gro�er Gott!� lachte ich. �Wish hat Angst.�</p><p>�Stimmt�, sagte Wish mit echtem oder gut gespieltem Ernst. �Ich glaube, da� Clayton wirklich hin�bergeht, wenn er das macht.�</p><p>�Kein Gedanke!� rief ich. �Es gibt nur einen einzigen Weg aus dieser Welt � und dazu hat Clayton noch drei�ig Jahre Zeit. Sie glauben doch nicht im Ernst ��</p><p>Wish machte ein paar Schritte von uns weg und blieb neben dem Tisch stehen.</p><p>�Clayton, Sie sind verr�ckt, wenn Sie es tun�, sagte er.</p><p>Clayton l�chelte seltsam.</p><p>�Wish hat recht, und ihr alle habt unrecht. Ich werde hin�bergehen. Ich werde die Gesten richtig machen, und bei der letzten Bewegung � husch � wird der Kaminteppich leer sein. Ihr alle werdet Mund und Augen aufrei�en � und ein seri�s gekleideter Herr von hundertsiebzig Pfund wird in die Welt der Schatten hineinplatzen. Ich bin ganz sicher. Sie werden sehen. H�ren wir auf, dar�ber zu streiten. Treten wir lieber den Beweis an.�</p><p>�Nein�, sagte Wish und trat einen Schritt vor.</p><p>Aber Clayton hob die H�nde und begann die Gesten des Geistes zu wiederholen.</p><p>Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns alle in einen Zustand �u�erster Nervenspannung hineingesteigert. Ich glaube, daran war in erster Linie Wishs Verhalten schuld. Wir alle hatten die Blicke auf Clayton gerichtet. Ich zumindest sa� stocksteif da und hatte das Gef�hl, als ob mein R�cken vom Kopf bis zu den H�ften vereiste.</p><p>Und vor dem Kamin stand Clayton und vollf�hrte seine Bewegungen mit ernster Feierlichkeit und zugleich mit unersch�tterlicher Gelassenheit. Er beugte und drehte seinen K�rper, schwang die Arme und bewegte die H�nde. Je n�her er dem Ende kam, desto atemloser wurde die Spannung im Raum.</p><p>Die letzte Geste bestand, wie gesagt, darin, die Arme weit auszubreiten und dann so dazustehen, mit aufw�rts gewandtem Gesicht. Als er schlie�lich zu dieser Pose kam, stockte mir der Atem. Es war l�cherlich, gewi� � aber wer kann sich schon diesem gewissen Gruseln verschlie�en, das einen bei Gespenstergeschichten �berf�llt. Es war sp�tabends, in einem alten, unheimlichen Haus. W�rde er wirklich �?</p><p>Einen endlosen Augenblick lang stand er so da, die Arme weit ausgebreitet, den Blick nach oben gerichtet, heiter und gelassen, im Lichtschein der H�ngelampe. Der Augenblick schien uns eine Ewigkeit zu dauern.</p><p>Und dann kam von uns allen so etwas wie ein stummer Seufzer grenzenloser Erleichterung. Denn k�rperlich war er nicht fort. Es war alles Unsinn. Er hatte uns eine L�gengeschichte aufgebunden, auf die wir beinahe hereingefallen w�ren � das war alles.</p><p>In diesem Augenblick ver�nderte sich Claytons Gesicht mit einem Schlag. Es ver�nderte sich so wie ein erleuchtetes Haus, in dem pl�tzlich alle Lichter ausgehen. Sein Blick wurde starr, das L�cheln gefror auf seinen Lippen. Er stand still. Und dann begann er kaum merklich zu schwanken.</p><p>Auch dieser Augenblick war eine Ewigkeit.</p><p>Pl�tzlich polterten St�hle, scharrten Schritte � wir alle waren aufgesprungen und st�rzten vor. Seine Knie schienen nachzugeben, er fiel vorn�ber, und Evans konnte ihn gerade noch in seinen Armen auffangen.</p><p>Es traf uns alle wie ein Blitzstrahl. Eine Minute lang brachte keiner von uns ein Wort hervor. Wir glaubten es und konnten es doch nicht glauben �</p><p>Als ich aus meiner schlotternden Bet�ubung zu mir kam, lag ich auf den Knien neben ihm. Sein Hemd war aufgerissen, und Sandersons Hand lag auf seiner Brust �</p><p>Wir konnten es lange nicht fassen, was geschehen war. Aber das hatte auch keine Eile. Der Beweis lag vor uns, grauenhaft still und un�bersehbar. So blieb er noch eine Stunde liegen.</p><p>Clayton war wirklich in jene Welt hin�bergegangen, die der unseren so fern und doch so nah ist. Er war den einzigen Weg gegangen, der dem Sterblichen offen ist. Ob wirklich die Gesten und Bewegungen, die der arme Geist ihm gezeigt hatte, diese Wirkung ausl�sten � oder ob er (wie es im Polizeibericht hie�) mitten im Geschichtenerzahlen von einem Schlaganfall getroffen worden war �, wer will das entscheiden? Es war eines jener unerkl�rlichen R�tsel, deren L�sung wir erst am Ende aller Tage kennen werden.</p><p>Ich wei� nur eines: da� er in demselben Augenblick, in dem er diese ganz bestimmte Geste vollendete, vor unseren Augen tot zusammenbrach.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Sareva, meine Hexe </strong>von Andrew J. Offutt</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Andrew J. Offutt, ein in Deutschland so gut wie unbekannter amerikanischer Autor, der neben SF-Stories f�r die einschl�gigen Magazine in Amerika auch Geschichten aus dem Bereich des �bersinnlichen und Unheimlichen geschrieben hat, enth�llt in der nachstehenden Erz�hlung sein erstaunliches Talent, den gew�hnlichen Alltag einer amerikanischen Durchschnittsfamilie in einen Hexensabbat umzufunktionieren, in dem es kaum anders zugeht, als in eben diesem Alltag � mit einem Unterschied: Die liebende Gattin ist wirklich eine Hexe!</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>An unserem Hochzeitstag war der Himmel grau und wolkenverhangen, und in der Ferne grollte der erste Donner eines heraufziehenden Gewitters. Aber meine sch�ne Braut sagte: �Regen, Regen, geh nur fort, such dir einen andren Ort!� Und als sie die Kirche betrat, wo ich auf sie wartete, schien drau�en die Sonne und lie� die bunten Kirchenfenster im neuen Glanz erstrahlen.</p><p>Ein halbes Jahr sp�ter hatten wir ein Picknick f�r einen Tag geplant, an dem es laut Wetterbericht in Rundfunk, Zeitung und Fernsehen mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit regnen sollte. Es regnete tats�chlich �berall um uns herum, w�hrend meine junge Frau und ich wie von Wasserf�llen umgeben picknickten. Aber wir blieben dabei trocken und hatten sogar Sonnenschein.</p><p>Als ich sie zum erstenmal sah, war mir klar, da� es f�r mich nie eine andere geben konnte, obwohl es eigentlich seltsam war, da� ich mich auf den ersten Blick in ein schlankes M�dchen mit etwas zu langem Gesicht und etwas zu kleinem Busen verliebt haben sollte. Ihre Haut war bla� und wurde nicht leicht braun, so da� sie sich vor allzu starker Sonneneinstrahlung sch�tzen mu�te. Sie bekam leicht Sommersprossen, die im Feuerschein wie ihr Haar kupferrot waren. Aber am eindrucksvollsten waren ihre Augen, die einen nicht mehr loslie�en. Sie waren klar, hell und unglaublich gr�n, so da� ich bei unserer ersten Begegnung davon �berzeugt war, sie trage farbige Kontaktlinsen. Aber sie brauchte keine. Ihre Augen waren v�llig in Ordnung.</p><p>Sie war Sareva. Sie war irischer Abstammung und als Waise aufgewachsen. Sie war meine Frau, und da ich sie so sehr liebte, verstand ich die alten Dichter besser, die so laut schworen, so schmerzlich stark geliebt zu haben.</p><p>Sie war leidenschaftlich, und ich stand ihr in dieser Beziehung nicht nach. Selbst im dritten Ehejahr waren unsere Flitterwochen keineswegs zu Ende, und ich schwieg verlegen und bedauernd und ver�chtlich, wenn ich h�rte, wie andere M�nner von ihren Frauen sprachen: das Frauchen, die bessere H�lfte, die Chefin, der Klotz am Bein. Ich hielt den Filmstar Raquel Welch f�r ein d�mmliches Wesen, das seine Bluse wie seinen Mund trug: st�ndig offen. Ich hatte keine Augen f�r andere Frauen, denn ich besa� Sareva und war von ihr besessen.</p><p>Sie half mir sogar, Karriere zu machen. Ich war weder dumm noch faul gewesen, aber manche Dinge brauchen eben ihre Zeit, und ich war deshalb erst Werbetexter, als wir heirateten � wenn auch ein vielversprechender Texter. Sie interessierte sich nicht sonderlich f�r meine Arbeit, sondern nur f�r mich, und unterhielt sich auf der gro�en Weihnachtsparty acht Monate nach unserer Hochzeit nur kurz mit meinen Kollegen und einigen Repr�sentanten unserer Klienten. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie sehr ich Anderson von Redleaf beeindruckt hatte, aber als die Firma Anfang des Jahres ihre neue Zigarette auf den Markt brachte, bestand Anderson darauf, <emphasis>ich</emphasis> sollte die Kampagne planen. Clinton, der bisher f�r Redleaf zust�ndig gewesen war, benahm sich seitdem merkw�rdig. Ich bem�hte mich, ihm unauff�llig aus dem Weg zu gehen.</p><p>Das Taxi, mit dem er am 3. M�rz ins B�ro fuhr, wurde von einem mit Erdnu�butter beladenen Sattelschlepper gerammt, und ich war ab 10. M�rz der neue Kundenberater f�r Redleaf. Mr. Dalby von Dalby, Lockwood &amp; Marschak erkl�rte mir, die Firma habe praktisch keine andere Wahl gehabt, als mir diese Aufgabe zu �bertragen, wenn sie den Klienten behalten wollte. Das hatte er von Anderson und von dem Pr�sidenten der Redleaf Company geh�rt, so da� er sich jetzt fragte, wie ich es fertiggebracht hatte, ihr Vertrauen und ihre militante Unterst�tzung zu gewinnen. Ich konnte es ihm nicht sagen.</p><p>Dittmar wurde wenige Tage nach der Party, die wir gaben, um den Sieg zu feiern, den ich errungen hatte, als es mir gegl�ckt war, uns den Werbeetat von Lady�s Maid zu sichern, auf unerkl�rliche Weise krank und ist seit Juni ein hilfloser Geistesgest�rter, der ins Bett macht und sich Tag und Nacht �ber Spinnen beschwert, die �ber sein Gesicht kriechen. Dittmar war f�r drei wichtige Klienten zust�ndig gewesen, so da� betr�chtliche Aufregung entstand, der eine gro�e Konferenz folgte. Dalby, Lockwood &amp; Marschak konnten es sich nicht leisten, auch nur einen dieser Klienten zu verlieren. Wir wurden alle aufgefordert, baldm�glichst � das hei�t schon am n�chsten Tag � einen Aktionsplan vorzulegen.</p><p>�Was haben Sie mit dem armen alten Dittmar angestellt, Byron?� fragte mich Ted Lorenz, als wir den Konferenzraum verlie�en.</p><p>�Hmm? Wie bitte?�</p><p>Er klopfte mir grinsend auf die Schulter. Diese Masche war mir schon immer zuwider gewesen. �Ditty hat sich doch damals auf der Party �bergeben und dabei Ihrer Frau das Kleid vollgespuckt, nicht wahr? Ein langes gr�nes Kleid, wenn ich mich recht erinnere � Anne hat auf der Nachhausefahrt zumindest von einem gr�nen Kleid gesprochen. Was haben Sie dem armen alten Dittmar angetan, Byron?�</p><p>Ich gab keine Antwort. Ich hielt es f�r gemein, dumme Witze �ber den armen Dittmar zu rei�en.</p><p>Der Abend danach war schlimm. Oh, ich meine damit nicht etwa, da� Sareva und ich Streit gehabt h�tten; wir stritten uns nie. Aber ich war nat�rlich nerv�s, h�tte mich am liebsten betrunken und wu�te, da� ich das nicht durfte. Mir war klar, da� ich mir etwas Brillantes einfallen lassen mu�te.</p><p>�Aber machst du dir denn etwas daraus, Liebling? M�chtest du einen dieser Klienten betreuen?�</p><p>Ich l�chelte. �Vor zwei Monaten habe ich eine so brillante Idee f�r Pixieware gehabt�, erkl�rte ich meiner Sareva, �da� ich den ganzen Tag an nichts anderes mehr denken konnte.�</p><p>�Aber du hast Dittmar nichts davon gesagt?� Ihre leuchtenden gr�nen Augen beobachteten mich aufmerksam.</p><p>�Nein�, antwortete ich seufzend. �Ich wollte, ich h�tte ihm davon erz�hlt, dem armen Teufel. Aber � ach, du wei�t schon. Er h�tte die Idee nur zur H�lfte ausgewertet oder irgendwie Mist gemacht.�</p><p>�Warum konzentrierst du dich dann nicht auf diesen einen Klienten und denkst gar nicht mehr an die beiden anderen, Liebling?�</p><p>�Schatz, wenn jemand eine Idee hat, wie wir alle drei Kunden behalten k�nnen, m��te er schon Marschaks h��liche Frau beleidigen, um der Bef�rderung zum Vizepr�sidenten zu entgehen!�</p><p>Sie stand lachend auf. �Gut, dann st�re ich dich am besten nicht l�nger. Ich gehe schon nach oben und lese ein bi�chen. Soll ich dir irgendwas bringen?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Nein, danke, Liebling. Tut mir leid, da� ich heute abend so ungesellig bin.�</p><p>Sie sch�ttelte l�chelnd den Kopf. �Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Schatz�, versicherte sie mir. �Ich bin jetzt drei Jahre lang mit einem z�rtlichen Liebhaber verheiratet � da kann ich�s wohl ertragen, eine Nacht mit einem strebsamen Werbefachmann, der Vizepr�sident werden m�chte, verheiratet zu sein. Au�erdem m��te ich dieses dumme Buch wirklich bald lesen, wei�t du. Es hat schlie�lich zweiundzwanzig Wochen auf der Bestsellerliste gestanden.�</p><p>�Ich liebe dich�, erkl�rte ich meiner Sareva, und daraufhin kam sie nat�rlich zur�ck, um mich nochmals zu k�ssen, und ging dann hinaus und brachte mir ein Bier, weil Bier mich nicht beim Denken st�rt. Dann ging sie nach oben, und ich sa� da und �berlegte und kritzelte und tr�umte und gr�belte � und wachte am n�chsten Morgen im Sessel auf. So etwas war mir noch nie passiert.</p><p>Sareva lachte nur. Sie behauptete, das sei eben der Preis, den wir daf�r zu zahlen h�tten, da� ich ein Genie sei.</p><p>Ich erkl�rte ihr, ich w�rde fr�h nach Hause kommen.</p><p>Aber daraus wurde dann doch nichts. Ich kam mit einem ganzen Aktenkoffer voller Entw�rfe, Aufstellungen und Skizzen zu der Konferenz und zeigte kaum die H�lfte davon vor. Ich sa� da, h�rte kaum, was die anderen sagten, und hatte den Kopf so voll neuer Ideen, da� ich das Gef�hl hatte, er m�sse demn�chst platzen. Ich mu� sehr desinteressiert gewirkt haben, denn Dalbys Stimme klang unfreundlich, als er mich als letzten Diskussionsteilnehmer aufrief.</p><p>Nach dieser Konferenz hatte ich starke Kopfschmerzen. Ich war aufgestanden und hatte einige einleitende Worte gesprochen, an die ich mich sp�ter nicht mehr erinnern konnte. Danach hatte ich f�r jeden der drei kritischen F�lle einen Vorschlag gemacht, der mir sp�ter nur noch bruchst�ckhaft in Erinnerung war.</p><p>Dalby nahm mich mit zu Pixieware, wo wir k�hl empfangen wurden, aber als wir gingen, wurden wir herzlich verabschiedet � und hatten einen besseren Vertrag als bisher ausgehandelt. Ich w�re am liebsten nach Hause gefahren, aber ich mu�te Marschak zu dem zweiten Dittmar-Klienten begleiten, den wir uns ebenfalls sichern konnten. Marschak war von diesem Erfolg so beeindruckt, da� er mir versprach, er werde mir diesen Klienten zur Betreuung �berlassen.</p><p>Am n�chsten Tag fuhr ich mit Marschak zu dem dritten Klienten. Dort erwartete uns eine unangenehme �berraschung: BBD &amp; O hatte zwei ihrer Leute im Vorzimmer des Pr�sidenten sitzen. Aber die beiden wurden schon bald nach Hause geschickt, und wir hatten den dritten Klienten f�r uns gerettet. Das einzige Problem bestand darin, da� alle drei darauf bestanden, da� ich ihre Werbekampagne pers�nlich �berwachte. Schlie�lich waren die Vorschl�ge dazu von mir gekommen.</p><p>Das Endergebnis war nat�rlich, da� Dalby, Lockwood &amp; Marschak drei Klienten, die ihre Werbeetats aufgestockt hatten, und einen neuen Vizepr�sidenten hatten. Ich betreute zu viele Klienten, um nicht bef�rdert zu werden; ich h�tte wegen der Umsatzprovision mehr als alle meine Kollegen verdient, und das durfte nicht sein.</p><p>Ein Vierteljahr danach starb Marschak mit 43 an einem Herzschlag, und Dalby fragte mich, ob mich das so erschreckt habe, da� ich nicht einverstanden sei, als Partner in die Firma einzutreten. Ich versicherte ihm, da� sei keineswegs der Fall.</p><p>Ich hatte mich bisher kaum darum gek�mmert, da� Sareva einmal im Monat abends zu einem Clubtreffen wegging, aber an diesem Abend war ich doch etwas entt�uscht, als ich nach Hause kam und unser teures Luxusapartment leer vorfand. Dann fiel mir ein, da� Sareva heute ihren Bridgeabend hatte. Und dabei brannte ich darauf, ihr das Neueste zu erz�hlen: Ich sollte Partner der Firma Dalby, Lockwood &amp; Benford werden!</p><p>Ich verga� meine guten Vors�tze und feierte allein mit einer Flasche Cognac. Ich rauchte auch zuviel, und als ich die Zigarettenstummel im Aschenbecher sah, fiel mir ein, wie eifrig Sareva sich bem�ht hatte, mich dazu zu bringen, weniger zu rauchen. Ich bemitleidete mich noch immer selbst, weil meine Frau nicht zu Hause gewesen war, als ich das goldene Vlies heimgebracht hatte, aber jetzt hatte ich noch dazu ein schlechtes Gewissen.</p><p>Deshalb tat ich etwas Ungew�hnliches: Obwohl ich mir dar�ber im klaren war, da� ich damit auch mich selbst betrog, ging ich mit den beiden Aschenbechern in die K�che und stellte sie neben dem M�lleimer ab. Dann suchte ich einen M�llbeutel heraus und begann, einen Teil des M�lls aus dem Eimer zu holen. Ich wollte nat�rlich die meisten Zigarettenstummel und die meiste Asche in den M�lleimer kippen und mit Abf�llen zudecken.</p><p>In der Pfirsichb�chse klapperte etwas. Ich runzelte die Stirn, als ich sah, da� der Deckel nicht ganz aufgetrennt und sp�ter wieder zur�ckgeklappt worden war. Ich hatte eigentlich keinen Grund, ihn hochzubiegen und mir dabei auch noch in den Finger zu schneiden. Das war reine Neugier.</p><p>In der Konservendose fand ich eine kleine Tonfigur: eine merkw�rdige kleine Gestalt mit Schmerbauch, sorgf�ltig herausgearbeiteter Brille und altmodischer Fliege. Auf ihrer Brust war der Name wie mit einer Nadel eingekratzt: <emphasis>F. Edwin Marschak.</emphasis> In die linke Brustseite war ein Herz eingeritzt.</p><p>Vielleicht mit der gleichen Nadel, die in dem Herzen steckte.</p><p>Ich will nicht behaupten, da� ich mir bei diesem Anblick nichts oder nur wenig gedacht habe. Andererseits war ich weit davon entfernt, aus diesem Fund R�ckschl�sse auf Marschaks Tod zu ziehen. Voodoo? Das war doch allzu unwahrscheinlich!</p><p>Ich blieb auf dem K�chenfu�boden hocken, betrachtete die kleine Tonfigur oder starrte sie vielmehr an und dachte lange angestrengt nach. Schlie�lich fiel mir wieder ein, wo ich war und was ich hier wollte. Ich leerte einen Aschenbecher in den M�lleimer, kippte die herausgenommenen Abf�lle darauf und faltete den anderen M�llbeutel zusammen. Als ich ihn seitlich in den Abfalleimer stopfte, fragte ich mich, warum ich das nicht gleich mit den Zigarettenstummeln und der Asche getan hatte.</p><p>Die Pfirsichb�chse blieb obenauf liegen. Ich lie� den Deckel zufallen, verteilte den Inhalt des zweiten Aschenbechers und ging damit ins Wohnzimmer zur�ck. Dort stellte ich die Marschak-Figur auf den Sims unseres rein dekorativen offenen Kamins.</p><p>Dann setzte ich mich hin und machte meine Arbeit wieder zunichte, indem ich eine Zigarette nach der anderen rauchte, bis Sareva kurz nach ein Uhr nach Hause kam.</p><p>�Oh, du bist noch auf? Aber du hast dich ja nicht einmal umgezogen, Liebster!� Sie schritt auf mich zu, denn sie ging nie, meine langbeinige, rothaarige, gr�n�ugige Frau: Sareva schritt. �Hmm�, meinte sie l�chelnd, �als ich die Flasche zuletzt gesehen habe, war sie noch ganz voll. Und � oh, Byron! So viele Zigaretten!�</p><p>Sie meinte nat�rlich nicht Zigaretten, sie sprach von den zahllosen Stummeln in dem gro�en Aschenbecher auf dem Couchtisch.</p><p>�Na, wie war�s beim Hexensabbat?� erkundigte ich mich l�chelnd.</p><p>Ich werde mir mein Leben lang w�nschen, ich h�tte diese Frage nie gestellt. Ich glaubte es nicht wirklich. Nicht richtig. Man kann manche Dinge halbwegs glauben, man kann Mutma�ungen dar�ber anstellen und sogar seiner Fantasie freien Lauf lassen. Aber ganz richtig glaubt man eben doch nicht daran.</p><p>Sareva holte erschrocken tief Luft, und ihre Sommersprossen schienen pl�tzlich zu leuchten, weil sie leichenbla� geworden war. Und ihre gr�nen Augen wurden riesig.</p><p>Wir starrten uns an � ich in meinem bequemen Sessel, den wir gemeinsam gekauft hatten, nachdem ich zum Vizepr�sidenten bef�rdert worden war, und sie vor mir stehend, eine schlanke wei�e Hand an dem �bervollen Aschenbecher.</p><p>�Woher hast du das <emphasis>gewu�t</emphasis>?� fragt der entlarvte Verbrecher, und der clevere Detektiv l�chelt schwach und antwortet: �Oh, eigentlich gar nicht, bis du�s mir eben gesagt hast!� Und dann kommt die gro�e Verfolgungsjagd oder die Pr�gelei.</p><p>In diesem Augenblick glaubte ich pl�tzlich alles. Ich wu�te, da� meine Sareva eine Hexe war.</p><p>Sie richtete sich seufzend auf. �Jetzt l��t sich nichts mehr vertuschen, was? Ich habe mich nicht schnell genug von diesem Schock erholt.�</p><p>�Richtig. Du hast dich nicht schnell genug davon erholt.�</p><p>�Ja, ich bin eine Hexe.�</p><p>�Das kann ich nicht glauben.� Ich sch�ttelte den Kopf, aber wir wu�ten beide, da� ich in Wirklichkeit anders dar�ber dachte.</p><p>Sareva l�chelte. �Wie hast du das herausbekommen?�</p><p>Ich zeigte mit dem Daumen �ber die Schulter. Sie sah zum Kaminsims hin�ber, wo der arme alte Marschak stand, mit einer Nadel im Herzen. Ich beobachtete sie, nicht Marschak. Sie seufzte. Ihre Schultern sanken etwas herab. Sie zeigte weder Schock noch �rger; sie wirkte nur resigniert, als habe sie eine Niederlage erlitten. Meine Entdeckung bedeutete nat�rlich eine Art Niederlage f�r sie.</p><p>�Wie � wie lange schon, Sareva?�</p><p>Ich nannte sie kaum jemals Sareva, wie sie mich nur selten Byron nannte. Wir waren bei den Kosenamen geblieben, weil wir uns auch nach drei Ehejahren noch als Liebespaar f�hlten.</p><p>�Mein ganzes Leben lang�, antwortete sie, ohne sich umzudrehen. �Oder beinahe. Praktisch mein Leben lang.�</p><p>�Dittmar?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Gro�er Gott!� Ich hatte gehofft, sie w�rde nicht ja sagen. Nicht auch Dittmar! Aber ich mu�te weiterfragen. �Und Ja, auch Clinton.� Sie hatte sich noch immer nicht umgedreht.</p><p>�Barmherziger Gott! Dann � dann habe ich also gar nichts selbst erreicht�, sagte mein Ego und bemitleidete sich selbst. �Das und alles andere. Die drei Dittmar-Klienten ��</p><p>�Daf�r habe ich mich zu sehr angestrengt�, antwortete sie leise. �Ich war noch tagelang ersch�pft. Aber du warst so aufgeregt, da� du gar nichts davon gemerkt hast. Und ich war so gl�cklich.� Sie drehte sich nach mir um. �Ich war so gl�cklich, Liebster! Wenn du <emphasis>Pr�sident</emphasis> h�ttest werden wollen ��</p><p>�Der Firma?� fragte ich und legte den Kopf schief. �Oder der Vereinigten Staaten?�</p><p>�Was w�rdest du denn wollen?� erkundigte sie sich eifrig. Ich merkte ihr an, da� sie zu allem bereit war, um mir auch diesen Wunsch zu erf�llen.</p><p>�Sareva?�</p><p>Ich sah, wie sie zusammenzuckte, als ich sie nur mit ihrem Vornamen ansprach, anstatt �Liebling� oder �Schatz� oder �S��e� zu sagen.</p><p>�Ja?� Sie bewegte kaum die Lippen.</p><p>�Gibt es � gibt es auch eine Byron-Figur?�</p><p>�Oh, Liebster, nein, nein, <emphasis>nein</emphasis>!� Sie warf sich in meine Arme, und ich dr�ckte sie an mich, hatte Angst vor ihr, liebte sie, f�hlte mich von ihr abgesto�en, war wahnsinnig in sie verliebt, ha�te sie, weil sie mein Ego gekr�nkt hatte, und liebte sie wie am Tag zuvor, weil sie Sareva war. Und sie brauchte es nicht einmal zu sagen. Sie hatte alles f�r mich getan.</p><p>Aber nicht Dittmar. Dittmar hatte ihr gr�nes Kleid vollgekotzt. Der Rest war Zufall gewesen. Sie hatte eine M�glichkeit gesehen, meine Karriere zu f�rdern, w�hrend sie sich an einem Mann r�chte, der sie durch seine Trunkenheit beleidigt hatte. Sie hatte ihn zerschmettert, ihn zu einem menschlichen Wrack gemacht, ihn in einen Geistesgest�rten verwandelt, der ins Bett machte, sich beschmutzte und �ber unsichtbare Spinnen auf seinem Gesicht klagte.</p><p>Ja, ich hatte Angst vor ihr.</p><p>Und ich liebte sie noch immer. Noch immer? <emphasis>Ich liebte sie.</emphasis> Das war mein Zustand. Ich war au�erstande, sie nicht zu lieben.</p><p>�Versprich mir, da� du das nie wieder tust�, murmelte ich Minuten sp�ter, als wir uns noch immer aneinanderklammerten. �La� mich mein Leben selbst gestalten, Sareva.�</p><p>�Oh, nat�rlich, Byron, Liebster, wenn du das willst! Was du willst, Liebling!�</p><p>Dann gingen wir ins Bett.</p><p>Aber ich hatte Angst vor ihr. Ich fragte mich, was passieren w�rde, wenn ich mich �bergeben m��te und � Nein, das war bestimmt nicht schlimm genug. Bei <emphasis>mir</emphasis> w�rde sie hoffentlich nachsichtiger sein. Aber ich mu�te immer wieder daran denken. Was w�re, wenn ich sie �rgerte, wenn ich sie wirklich gegen mich aufbr�chte?</p><p>Ich hatte mich nie an der Jagd nach den Sekret�rinnen unserer Firma beteiligt und Abstand zu der blonden Kollegin gehalten, die es offenbar auf mich abgesehen hatte, seitdem sie vor einem Jahr zu uns gekommen war. Ich hatte keinen Anla� zu Seitenspr�ngen, denn meine Bed�rfnisse wurden zu Hause mehr als genug befriedigt. Aber in Zukunft w�rde ich schon aus Angst nicht mehr wagen, eine andere bewundernd anzusehen.</p><p>Und dazu kam noch etwas anderes. Ich konnte Sareva nicht einfach fragen, ob irgendein neuer Erfolg oder Triumph mit ihrer Hilfe zustande gekommen war. Vielleicht hatte sie ihr Versprechen gar nicht ernst gemeint. Vielleicht mu�te sie mir einfach helfen � oder konnte es nicht ertragen, mich hilflos alleinzulassen. Vielleicht h�tte ich j�mmerlich Schiffbruch erlitten und die Klienten, meine Position, mein Einkommen und unter Umst�nden sogar den Job verloren. Das wu�te ich nicht sicher, aber ich konnte sie auch nicht danach fragen. Und ich konnte auch nicht mehr stolz nach Hause kommen und meiner Frau erz�hlen, was ich <emphasis>heute</emphasis> wieder erreicht hatte.</p><p>Sie liebte mich, aber sie h�tte mich nicht mehr qu�len k�nnen, wenn sie mich geha�t h�tte. Manchmal beneidete ich Dittmar. Aber ich sprach nie von ihm. Ich hatte Angst davor. Ich wollte ihr vorschlagen, ihn sterben zu lassen. Oder ihn umzubringen. Aber ich kam zu keinem Entschlu�, wenn ich zu �berlegen versuchte, was in solchen F�llen angebracht war. Wann war der Tod dem Leben vorzuziehen?</p><p>Das Baby kam neun Monate und drei Tage nach dem Abend, an dem ich die Marschak-Figur gefunden hatte, auf die Welt.</p><p>Es war eine �u�erst schwierige Schwangerschaft. Meine Frau, die ich liebte, war stark und tapfer, aber sie litt, und ich wu�te, da� sie litt. Der Gyn�kologe erkl�rte uns, bei der Geburt sei unbedingt ein Kaiserschnitt erforderlich, aber Sareva weigerte sich strikt.</p><p>�Ich kann nicht�, sagte sie, nachdem er mich angerufen und aufgefordert hatte, meine Frau zur Vernunft zu bringen. �Ich kann einfach nicht, Liebling. Ich � ich �� Sie bi� sich auf die Unterlippe und senkte den Kopf, aber ich hatte noch gesehen, da� sie Tr�nen in den Augen hatte. �Das geh�rt zu meinem � zu meinem Pakt. Ich kann einfach nicht.�</p><p>�Deinem <emphasis>Pakt</emphasis>!� Dar�ber hatten wir nie gesprochen. Wir hatten seit damals m�glichst alles ausgespart, was damit zusammenh�ngen konnte. �Liebling, willst du etwa behaupten � hast du wirklich � Gro�er Gott, hast du einen Pakt mit dem <emphasis>Teufel</emphasis> abgeschlossen?�</p><p>Sie warf mir einen traurigen Blick zu, denn sie war stets betr�bt, wenn ich in irgendeinem Punkt meine Unwissenheit bewies. �Nein, nein, es gibt keinen Teufel, keine Verk�rperung des B�sen wie im persischen Dualismus. Es gibt nur elementare Kr�fte, die weder gut noch b�se sind. Au�er � nun, das hast du ja selbst miterlebt. Es ist so � schwierig, das Gute zu erreichen, ohne dabei das Schlechte in Kauf nehmen zu m�ssen. Was dem einen Gl�ck bringt, bedeutet f�r den anderen nur allzu oft � �h � Pech.�</p><p>Sie hatte diese M�nner also nicht ermorden wollen. Sie hatte mir nur helfen wollen. Ich fragte mich, wohin das Gewitter, das an unserem Hochzeitstag gedroht hatte, gezogen sein mochte. Aufs Meer hinaus<emphasis>?</emphasis> Oder hatte es einer Familie einen lange geplanten Ausflug verdorben? War ein Liebespaar davon im Gr�nen �berrascht worden?</p><p>Sie konnte oder wollte mir ihre Gr�nde nicht n�her erkl�ren, aber sie bestand darauf, der Arzt d�rfe keinen Kaiserschnitt vornehmen. Da sie davon �berzeugt war, dabei zu sterben, versuchte ich, den Gyn�kologen umzustimmen.</p><p>�Sie ist felsenfest davon �berzeugt, an einem Kaiserschnitt sterben zu m�ssen, Doktor�, erkl�rte ich ihm. �Und Sie wissen ja selbst, wie gef�hrlich solche Einbildungen sein k�nnen.�</p><p>�Dann suchen Sie sich am besten einen anderen Arzt�, empfahl er mir barsch. Uns blieb also nichts anderes �brig, als uns nach einem anderen umzusehen. Eines mu�te man ihm jedenfalls lassen: Er trat f�r seine �berzeugung ein. Und da� er kurze Zeit sp�ter in einer Abendsprechstunde von einem Rauschgifts�chtigen �berfallen und mit dreizehn Messerstichen ermordet wurde, war bestimmt nur ein Zufall.</p><p>Etwa eine Woche vor der Geburt sagte Sareva eines Abends etwas v�llig Uncharakteristisches.</p><p>�Liebling? Du erz�hlst mir gar nichts mehr aus dem B�ro. Ich meine � du kommst gar nicht mehr nach Hause und berichtest stolz, was du wieder erreicht hast. Das w�re doch eigentlich normal, nicht wahr?�</p><p>Ich starrte sie betroffen an. <emphasis>Normal?</emphasis> fragte mein Blick. <emphasis>Wie kann es zwischen uns jemals wieder normale Zust�nde geben?</emphasis></p><p>Sie wu�te sofort, was ich meinte. Sie warf sich wie damals in meine Arme, aber sie war jetzt schwerf�lliger wegen unseres Kindes, das wirklich ein Kind der Liebe war. �Oh, Liebling, ich hab�s nicht getan! Das kann ich beschw�ren!�</p><p>Wahrscheinlich war mein Blick auch diesmal vielsagend genug. Wen konnte sie zum Zeugen ihres Schwurs anrufen? Und was gab mir die Gewi�heit, da� sie die Wahrheit sagte?</p><p>Am n�chsten Morgen fragte sie: �Du wei�t nicht, ob du mir glauben kannst, nicht wahr? Das ist das ganze Problem, stimmt�s? Ich � ich qu�le dich!�</p><p>Ich wu�te keine Antwort. Sie weinte, als ich die Wohnung verlie�, um ins B�ro zu fahren.</p><p>Meine Frau, dachte ich und sah mir andere M�nner an, denen ich auf der Stra�e begegnete, �berlegte mir, wie sie auf meine Story reagieren w�rden. Meine Frau ist eine Hexe, wissen Sie, aber sie hat der Hexerei abgeschworen. Sie hat versprochen, nicht mehr zu hexen und mich erfolgreich zu machen. Weil sie mich liebt, wissen Sie, und ich liebe sie auch � wie Browning und Barrett, wie Abelard und Heloise, wie Philemon und Baucis, wie das d�mmste Liebespaar in einem r�hrseligen Liebesroman. Aber sie qu�lt mich. Ich wei� n�mlich nicht <emphasis>bestimmt,</emphasis> ob sie wirklich geheilt ist. Sie liebt mich und <emphasis>w�nscht</emphasis> mir Erfolg; wie soll ich beurteilen k�nnen, welche Kr�fte sie besitzt? Wer sagt mir, da� es nicht schon gen�gt, wenn sie mir Erfolg w�nscht?</p><p>Pah, k�nnte irgendein Idiot antworten, ich wollte, meine Alte w�re eine Hexe! Ich k�nnte ein bi�chen Unterst�tzung brauchen, und ich w�re nicht so d�mlich wie Sie, Mister! Heutzutage ist jeder auf sich selbst angewiesen, und wer k�mmert sich schon darum, <emphasis>wie</emphasis> man�s schafft?</p><p>�Etwas mu�t du mir glauben, selbst wenn du nichts anderes glauben kannst�, hatte sie mir letzte Nacht unter Tr�nen in den Augen erkl�rt. �Ich k�nnte dir nie etwas antun, Liebster. Ich will dich nicht qu�len, wie ich es jetzt tue. Aber ich wei� nicht, wie ich�s <emphasis>nicht</emphasis> tun kann! Ich k�nnte dich nie verletzten. Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich ��</p><p>Und sie mu�te in meinen Augen gesehen haben, da� ich mich heimlich vor ihr f�rchtete, denn sie sprach nicht weiter, sondern weinte wie nie zuvor. Und ich schwieg hilflos.</p><p>Wir waren jetzt auf etwas Neues gesto�en. Wir liebten einander, waren au�erstande, einander zu verletzen, und qu�lten einander doch.</p><p>Ich wei� nicht einmal, wie es mit ihrem Tod war. Vielleicht h�tte sie den Kaiserschnitt nicht �berlebt, wie sie stets behauptet hatte. Vielleicht w�re sie auch gestorben, wenn sie keine Hexe gewesen w�re. Aber ich hatte einen deutlichen Hinweis bekommen. Als sie in den Krei�saal gefahren wurde, hatte sie mir noch zugefl�stert:</p><p>�Ich werde dich nie mehr qu�len, Liebling. Ich liebe dich.�</p><p>Dann wurde sie hineingefahren, und als sie wieder herausgeschoben wurde, war ihr Gesicht zugedeckt. Sie war gestorben, noch bevor das Baby den ersten Atemzug getan hatte. Aber es hatte ihn getan, und ich hatte das Gl�ck, der Vater einer gesunden Tochter zu sein.</p><p>Sarevas Tod akzeptieren? Unm�glich!</p><p>Nicht, wenn man sich so geliebt hat. Oder noch liebt. Ich konnte, ich wollte und will ihren Tod nicht akzeptieren. Er ist mir unfa�bar. Ich h�tte sie lieber selbst get�tet. Im Augenblick nach ihrem Orgasmus, um zu wissen, da� sie ekstatisch gl�cklich gestorben w�re, und um zu wissen, da� sie tot gewesen w�re.</p><p>Ich konnte das Baby nicht Sareva nennen. Ich mu�te es tun. Ich konnte es nicht. Ich mu�te es tun.</p><p>Ich gab ihr den Namen Sarah Evelyn. Eines Abends, als sie sieben Monate alt war, hatte unsere Mrs. Goodall ihren freien Tag � ich hatte nat�rlich ein Kinderm�dchen anstellen m�ssen �, und ich warf noch einen Blick in Sarah Evelyns Zimmer, bevor ich begann, mich wie gew�hnlich in den Schlaf zu trinken.</p><p>Sie lag in ihrem Bettchen auf dem R�cken und sah zu dem bunten Mobile mit Walt-Disney-Figuren auf, das sich an der Decke bewegte. Ich wollte schon hinausgehen, als mir etwas einfiel. Irgend etwas stimmte hier nicht.</p><p><emphasis>Warum bewegte sich das Mobile?</emphasis></p><p>Ich trat n�her heran und stellte fest, da� es in Bewegung geraten war, weil eine Spinne ihren Faden an einer der Figuren befestigt hatte und nun am anderen Ende weiterarbeitete. Sie krabbelte und spann, als setze sie das Mobile absichtlich in Bewegung, als gehe es ihr darum, es � mobil zu machen. Ich ri� den im Mondschein leuchtenden Faden ab, schlug mit einer zusammengefalteten Zeitung nach der Spinne und erlegte sie beim zweiten Versuch. Bevor ich das Zimmer verlie�, warf ich einen Blick in das Kinderbett, aus dem mich gr�ne Augen unverwandt beobachteten.</p><p>Ich ber�hrte ihre Pausbacken mit einem Finger. �Schlaf gut, Schatz�, sagte ich. �Daddy l��t nicht zu, da� eine Spinne seinem Baby etwas tut.�</p><p>Und ich verlie� den Raum und dachte dabei an Sarevas letzte Worte, bevor sie in den Krei�saal gefahren worden war, wo sie versucht hatte � mit Erfolg? �, mich vom �bel zu erl�sen. Von meinen Qualen.</p><p><emphasis>Ich werde dich nie mehr qu�len, Liebling. Ich liebe dich.</emphasis></p><p>An diese Worte habe ich vor einigen Minuten wieder gedacht, als die Kleine zum erstenmal gesprochen hat. Ich bedaure jetzt, da� ich sie auf den Namen Sarah Evelyn habe taufen lassen. Ich h�tte ihr den Namen Sareva geben sollen und habe sie schon oft versehentlich so genannt. Aber jetzt w�nsche ich mir, ich h�tte ihr irgendeinen idiotischen Vornamen wie Endora oder Samantha gegeben. Sie ist ein Jahr alt und hat vor wenigen Minuten zum erstenmal gesprochen. Sie hat mich mit ihren gr�nen Augen unter ihren hellroten Locken angesehen und langsam und deutlich gesagt: <emphasis>�Ich</emphasis> liebe dich <emphasis>nicht.�</emphasis></p><p>Ich wei�, was sie mir damit erkl�rt hat.</p><p>Ich verstehe es. Und ich mu� es akzeptieren, ich mu� es ertragen, ohne zu wissen, was die Zukunft bringen wird. Ich darf Sarevas Kind nicht t�ten � ich darf Sarevas Tod nicht zum zweitenmal verursachen!</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Die D�monin </strong>von Jack Sharkey</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Als Bob, von seiner Liebe zu Valerie geblendet, zum Traualtar schritt, gelobte er, eins zu sein mit ihr und sein Leben mit ihr zu teilen. Er braucht lange, um herauszufinden, da� Valerie gar kein Leben hat, sondern nur den Hunger und die Gier nach Leben � Die Ehe ist ein makabres Spiel, ohne Zweifel, aber sie verkehrt sich in schieres Grauen, wenn eine D�monin das Gel�bnis des Teilens allzu w�rtlich nimmt. Jack Sharkeys Story ist ein erschreckender Beweis daf�r, wessen man sich alles vorsehen sollte, ehe man sich ewig bindet.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Er sp�rte den Schmerz � einen kurzen, messerscharfen Stich �, als er sich nach dem Z�hneputzen den Mund aussp�lte. Um seine Ursache herauszufinden, schob er mit den Fingerspitzen die Oberlippe beiseite und sah in den Spiegel. Das rosige Zahnfleisch war gesund, und die Z�hne waren wei� und ohne Fehler. Er dr�ckte dagegen � und wieder sp�rte er den Schmerz. Unangenehm ber�hrt, sp�lte er den Mund noch einmal aus, trocknete sich die H�nde ab und ging ins Schlafzimmer zur�ck.</p><p>Seine Frau lag noch im Bett. Ihre zusammengerollte Figur zeichnete sich unter den Decken ab.</p><p>�Wei�t du was?� fragte er nachdenklich. �Ich glaube, ich habe einen losen Zahn.�</p><p>Die Figur unter der gr�nen Decke bewegte sich. Valeries Kopf erschien. Sie seufzte m�de. Ihre Haare waren hellblond, und f�r einen Augenblick sah es so aus, als kr�che ein hellblonder Schmetterling aus einem gr�nen Kokon. Sie betrachtete ihren Mann aus schl�frigen, braunen Augen.</p><p>�Auf was Hartes gebissen?�</p><p>�Nein � wenigstens kann ich mich nicht erinnern. Und wenn es so w�re, w�rde ich es bestimmt nicht vergessen haben.�</p><p>�La� mich mal sehen�, sagte Valerie und richtete sich auf. Sie schob das Kopfkissen zur�ck, damit sie sich dagegen lehnen konnte. Mit der freien Hand strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. Sie hatte ein h�bsches, schmales Gesicht mit einem energischen Kinn.</p><p>�Hier�, sagte Bob, setzte sich auf die Bettkante und beugte sich zu ihr hinab. Wieder schob er die Oberlippe hoch. Seine Stimme klang leicht ver�ndert. �Der Schneidezahn, glaube ich.�</p><p>Valerie nahm den bezeichneten Zahn vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger und ruckte daran. Bob grunzte und wich zur�ck. Mit der Zunge bef�hlte er den schmerzenden Zahn.</p><p>�Was gesehen?� erkundigte er sich einige Sekunden sp�ter.</p><p>�Eigentlich nicht. Vielleicht liegt es an der Wurzel ��</p><p>�Sicher ist es die Wurzel�, stimmte er ohne Begeisterung zu. �Ich habe vielleicht doch in etwas Hartes hineingebissen.�</p><p>�Ich werde den Zahnarzt anrufen�, sagte seine Frau und griff nach dem Telefon neben dem Bett.</p><p>�Wozu?� Seine Stimme klang scharf und ablehnend. Valerie ver�nderte ihre Lage nicht und sah ihn nur stumm an, bis er err�tete und nickte. �Ja, rufe ihn an. Es wird besser sein.�</p><p>W�hrend sie die Nummer w�hlte, erhob er sich und begann sich anzuziehen. Er ignorierte das Gespr�ch, wenigstens versuchte er es. Als Valerie den H�rer auf die Gabel zur�cklegte, setzte er sich erneut auf die Bettkante, um seine Str�mpfe anzuziehen.</p><p>�Heute?� fragte er erschrocken. Seine Frau glitt auf der anderen Seite aus dem Bett. �Das kann kein guter Zahnarzt sein, wenn er gleich Zeit f�r mich hat.�</p><p>�Er ist ausgezeichnet.� Valerie ging ins Badezimmer. �Jemand hat abgesagt.�</p><p>�Es tut schon gar nicht mehr so weh.� Bob fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen. �Vielleicht ist es nur eine Erk�ltung oder so was.� In der Badezimmert�r stand Valerie und unterdr�ckte ihr L�cheln. Sie sah ihn nur schweigend an, bis er verzweifelt nickte. �Schon gut�, murmelte er, �schon gut, ich werde gehen. Wann?�</p><p>�Zwei Uhr. Ich werde dir um halb zwei Bescheid sagen.�</p><p>�Ich vergesse es schon nicht�, sagte er und starrte auf die geschlossene T�r. �Ich glaube kaum, da� ich heute an etwas anderes denken kann.�</p><p>Dr. Haufen stand lange Zeit am Fenster und betrachtete das noch feuchte Negativ der R�ntgenaufnahme. Bob sa� zur�ckgelehnt in dem Stuhl. Sein Kopf lag auf dem Polster der St�tze. Mit seinen H�nden umklammerte er die Lehnen des Stuhles. Vergeblich versuchte er, die blitzenden Instrumente nicht zu sehen, die hinter den Glasscheiben standen. Dicht vor ihm hing der Bohrer. Fast vor seiner Nase.</p><p>Der Arzt drehte sich langsam zu ihm um.</p><p>�Wie alt, Mr. Terrill, sagten Sie, da� Sie sind?�</p><p>Die Frage kam unerwartet. Bob setzte sich aufrecht und nahm den Kopf von der St�tze.</p><p>�Sechsunddrei�ig.�</p><p>Der Zahnarzt nickte langsam und hing das Negativ, das von einer Klammer gehalten wurde, an einen Nagel. Dann begann er in einigen K�sten zu st�bern.</p><p>�Ist mit dem Zahn was nicht in Ordnung?� fragte Bob. �Ist er gebrochen? Eine Entz�ndung?�</p><p>Dr. Haufen wandte sich ihm zu. Er sagte:</p><p>�Ihr Zahn stirbt ab. Der Nerv ist erledigt und die Knochenhaut geschw�cht. Er mu� heraus, ganz klar.�</p><p>�Raus?� Bob starrte ihn an. �Ein Schneidezahn? Ausgerechnet vorn?� Er �berdachte die M�glichkeiten. �Ich werde aber doch keine L�cke haben? Sicher k�nnen Sie mir einen falschen Zahn einsetzen, Herr Doktor? Wie soll ich sonst meinen Beruf aus�ben, mit einer L�cke im Gebi�? Ich komme mit vielen Leuten zusammen, mu� viel l�cheln und ��</p><p>�Nat�rlich kann ich Ihnen k�nstliche Z�hne einsetzen�, nickte der Arzt. �Aber auf lange Sicht gesehen wird es einfacher und billiger sein, wenn wir damit warten, bis auch die anderen Z�hne gezogen sind.�</p><p>Bob hatte das Gef�hl, in seinem Magen sei nicht alles in Ordnung.</p><p>�Die anderen?� stammelte er. �Wollen Sie damit sagen, da� noch andere Z�hne gezogen werden m�ssen?�</p><p>Dr. Haufen schien einen Entschlu� gefa�t zu haben. Er kam etwas n�her und blinzelte vertraulich.</p><p>�Mr. Terrill�, sagte er sanft, �Sie haben eine noch sehr junge Frau, kaum drei�ig Jahre alt. Ich habe gr��tes Verst�ndnis daf�r, da� Sie daher Ihre �u�ere Erscheinung ein wenig � hm, sagen wir angepa�t haben. Ein Mann ist so jung, wie er sich f�hlt, das ist v�llig richtig. Aber eine mathematisch festgelegte Tatsache l��t sich nicht umsto�en. Die Jahre allein z�hlen, nicht nur das Aussehen ��</p><p>�Einen Augenblick, Doktor!� Bob unterbrach den Arzt und setzte sich nun ganz aufrecht. �Was wollen Sie eigentlich? K�nnen Sie nicht deutlicher werden?�</p><p>Auf dem Gesicht des Zahnarztes spielte ein nachsichtiges L�cheln, als er das Negativ an der Klammer vom Nagel nahm und demonstrativ in die Luft hielt.</p><p>�Aus verst�ndlichen Gr�nden versucht man oft, andere Menschen zu t�uschen, aber R�ntgenstrahlen lassen sich nicht betr�gen, und R�ntgenbilder l�gen auch nicht.�</p><p>�Ich verstehe kein Wort�, sagte Bob und f�hlte sich ganz elend. �Was wollen Sie eigentlich von mir?�</p><p>�Ich versuche Ihnen nur zu erkl�ren, da� Ihre Behauptung, erst sechsunddrei�ig Jahre alt zu sein, angesichts dieser entwickelten R�ntgenaufnahme geradezu l�cherlich ist.�</p><p>�Aber Doktor � ich <emphasis>bin</emphasis> sechsunddrei�ig!�</p><p>�Nicht, wenn es hiernach geht.� Dr. Haufen hielt ihm das Negativ dicht vor die Augen. Bob starrte auf die grauwei�en Konturen, die sich kaum gegen den schwarzen Hintergrund abhoben, dann sch�ttelte er den Kopf.</p><p>�Davon verstehe ich nichts. Ich begreife �berhaupt nicht, worauf Sie hinauswollen.�</p><p>�Also gut�, sagte Haufen, �dann will ich es Ihnen erkl�ren. Sie behaupten, sechsunddrei�ig Jahre alt zu sein, aber Sie haben die Z�hne eines Mannes, der gut und gern doppelt so alt sein mu�.�</p><p>Bob lie� die Armlehnen los und sank zur�ck, bis sein Kopf auf der St�tze Halt fand. Er starrte Haufen an.</p><p>�Ich bin sechsunddrei�ig ��</p><p>Der Arzt l�chelte nachsichtig und drehte sich um. Sorgf�ltig w�hlte er seine Instrumente aus. Als er wieder sprach, schien sein Interesse f�r das wirkliche Alter seines Patienten erloschen zu sein.</p><p>�Wie Sie wollen, Mr. Terrill. Die Hauptsache ist, wir ziehen den Zahn.</p><p>Sp�ter allerdings w�re ich Ihnen schon dankbar, wenn Sie mich dar�ber aufkl�ren, wie Sie es schaffen, so jung auszusehen. Auch Ihre Stimme ist ��</p><p>Er hatte sich inzwischen wieder umgedreht und verstummte. Der Stuhl, in dem Mr. Terrill gesessen hatte, war leer. Der Patient hatte unbemerkt das Weite gesucht.</p><p>Dr. Haufen lie� den Wattebausch in den Abfalleimer fallen und zuckte die Achseln. Diesem Terrill w�rde er schon eine gepfefferte Rechnung schicken, auch ohne gezogenen Zahn.</p><p>Schon von der Terrasse aus konnte er das flackernde Kerzenlicht bemerken. Er steckte den Hausschl�ssel in die Hosentasche zur�ck, durchquerte das Wohnzimmer und ging aufs Schlafzimmer zu. Die Kerzen auf dem Tisch waren halb niedergebrannt. Das Silberbesteck reflektierte das Licht. Er sah auf die Uhr und stellte fest, da� es bereits halb acht war. Von der K�che her kam der Geruch kaltgewordenen Essens.</p><p>Er hatte kein reines Gewissen, als er die T�r zum Schlafzimmer �ffnete. Valerie sa� aufrecht im Bett, bleich und abgeh�rmt. Die rechte Hand lag in der N�he des Telefons. Als sie ihn sah, sprang sie auf, und die Farbe kehrte in ihr Gesicht zur�ck.</p><p>�Vom B�ro aus haben sie angerufen.� Ihre sonst so ausgewogene Stimme klang schrill und nerv�s. �Sie fragten, ob dir was passiert sei.� Sie dr�ngte sich an ihn. �Ich wollte gerade die Polizei anrufen.�</p><p>�Es tut mir leid�, sagte er ernst.</p><p>�War es schlimm?� Valerie lehnte sich zur�ck, um ihm ins Gesicht sehen zu k�nnen. �Beim Zahnarzt, meine ich.�</p><p>Bob legte den Arm um sie, damit sie sich nicht noch weiter zur�cklehnen konnte.</p><p>�Ziemlich schlimm�, betonte er, ohne l�gen zu m�ssen. �Es war so ziemlich das Schlimmste, was ich bisher �berhaupt erlebt habe.�</p><p>�La� mich den Zahn mal sehen�, bat sie und sah auf seinen Mund. �Tut er sehr weh? Hat der Arzt eine F�llung gemacht?�</p><p>�Nicht direkt�, murmelte Bob. Sanft dr�ckte er ihren Kopf gegen seine Brust, damit sie sein Gesicht nicht sehen konnte. �Er hat gesagt, der Zahn m�sse gezogen werden.�</p><p>�Oh Bob!�</p><p>Das warme Mitgef�hl in ihrer Stimme ber�hrte ihn, gab ihm Vertrauen in ihre Liebe. Z�gernd zuerst, dann fast hastig, berichtete er von dem, was er beim Zahnarzt erlebt hatte. Er schlo�:</p><p>�Erhat sich geirrt! Er mu� sich einfach geirrt haben!�</p><p>�Aber nat�rlich hat er sich geirrt�, sagte Valerie. �Du gro�er Dummkopf, warum bist du nicht sofort nach Hause gekommen, statt den ganzen Nachmittag ziellos in der Stadt herumzulaufen?�</p><p>�Ich hatte Angst, es dir zu sagen.�</p><p>�Angst? Vor mir?� Sie sah ihn mit gro�en Augen an. �Warum solltest du Angst haben, es mir zu erz�hlen?�</p><p>Er zuckte die Schultern und f�hlte sich in die Enge getrieben. Wie dumm hatte er sich angestellt! Schlie�lich murmelte er:</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich wu�te auch nicht, wie du es aufnehmen w�rdest. Sicher, du h�ttest mir den Kopf schon nicht abgebissen � ich wei� eben nicht, warum ich nicht gleich hierhergekommen bin.�</p><p>Valerie nahm seinen Arm. Sie schien die verr�ckte Geschichte schon wieder vergessen zu haben.</p><p>�Komm in die K�che, da habe ich noch was zum Essen f�r dich.�</p><p>Er folgte ihr durch das Wohnzimmer in die K�che. Erneut �berkam ihn das Schuldgef�hl, als er den verwelkten Salat und den verbrutzelten Braten sah. Alles war f�r sechs Uhr vorbereitet gewesen, und er war nicht gekommen.</p><p>�Tut mir leid, Kleines. Du hast es so gut gemeint, und ich ��</p><p>�Ach, Unsinn�, sagte sie lachend. �Ich mache schnell ein paar Frikadellen. �ffne du inzwischen eine Dose Bier, und du sollst sehen, wie gut es dann schmeckt.� Ihre Hand lag schon auf dem Griff zum Eisschrank, als sie sich noch einmal umdrehte und hinzuf�gte: �Und das n�chstemal, wenn dir die Welt �ber dem Kopf zusammenf�llt, dann komm nach Hause, oder ruf mich an, oder schick mir ein Telegramm, ja?�</p><p>�Ach, Liebes�, seufzte er, zog sie an sich und bedeckte ihr blondes Haar mit z�rtlichen K�ssen. �Nie wieder werde ich dich warten lassen. Immer werde ich sofort zu dir kommen und dir alles erz�hlen.�</p><p>�Ja, tu das. Daf�r sind wir Frauen n�mlich da.� Sie stie� ihn von sich und machte ein ernstes Gesicht. �Keinen Unsinn jetzt! Erst wird gegessen, sp�ter kannst du dich dann an meiner Brust ausweinen.�</p><p>Bob lachte und begann nach dem B�chsen�ffner zu suchen.</p><p>Am n�chsten Morgen schmerzte der Zahn wie nie zuvor, und auch in der n�chsten Nachbarschaft schien nicht alles in bester Ordnung zu sein. Valerie war ebenfalls wach geworden, und sie fragte gleich, wie es seinem Zahn ging. Tapfer belog er sie und ignorierte die f�rchterlichen Schmerzen, als er den eisgek�hlten Fruchtsaft zum Fr�hst�ck trank. Als er sich verabschiedete und sich auf den Weg ins B�ro machte, sah er noch lange ihr liebes L�cheln vor sich, mit dem sie Abschied von ihm genommen hatte. Es tr�stete ihn �ber den Schmerz hinweg.</p><p>Im B�ro nahm er sich als erstes das Branchenverzeichnis vor und sah nach, welche Zahn�rzte in der Umgebung ihren Beruf aus�bten. Er schrieb sich einige in sein Notizbuch und �berlegte, da� es wohl recht dumm auss�he, heute wieder Urlaub zu nehmen. Er beschlo�, seine Mittagsstunde zu opfern. Im �brigen war er um die H�fte herum dick genug, sich einen Hungertag leisten zu k�nnen.</p><p>Als er sp�ter dann kurz nach ein Uhr in sein B�ro zur�ckkehrte, war sein Gesicht grauer als je zuvor. Zum Gl�ck fiel das niemand auf. Zwei Dentisten hatte er aufsuchen k�nnen, und alle beide hatten genau das zu ihm gesagt, was auch Dr. Haufen gesagt hatte. Seine Z�hne waren altersschwach und erledigt. Es waren die Z�hne eines alten Mannes, obwohl er gerade erst sechsunddrei�ig war.</p><p>Das ist ja v�lliger Bl�dsinn, dachte er verzweifelt und w�tend. Es ist verr�ckt, und ich kann Valerie das auf keinen Fall sagen. Kein Mann kann seiner jungen Frau sagen, da� er pl�tzlich senil und krank wird.</p><p>Vergeblich suchte er in seinen Taschen nach Zigaretten, dann stand er auf und ging durchs Hauptb�ro, mitten durch die langen Tischreihen mit eifrig arbeitenden Angestellten, bis er die Vorhalle erreichte, wo ein Automat hing. Die notwendige M�nze hatte er bereits gefunden und schob sie in den Schlitz. Er zog seine Lieblingsmarke, aber erst als er das P�ckchen ge�ffnet und die erste Zigarette entz�ndet hatte, sah er rein zuf�llig in den Spiegel, der einen Teil der Frontverkleidung des Automaten ausmachte.</p><p>Die Zigarette entglitt seinen Fingern und fiel auf den Boden. Es dauerte fast eine volle Minute, bis er es bemerkte und sie mit den Fu�spitzen austrat. Ungl�ubig lehnte er sich dann weiter vor und starrte auf sein Spiegelbild.</p><p>An der Beleuchtung lag es nicht, denn es war so hell in dem Vorraum, da� f�r Schatten kein Platz war. Das Licht der Neonr�hren war kalt und grell. Was Bob sah, war die Wirklichkeit und keine T�uschung.</p><p>Heute fr�h noch war sein Haar �ber der Stirn und an den Schl�fen dicht und braun gewesen, jetzt war es mit silbernen F�den durchzogen. Winzige F�ltchen unter seinen Augen gaben seiner Haut das Aussehen rosafarbenen Kreppapiers.</p><p>Er konnte nicht zu seinem Arbeitsplatz zur�ck jetzt. Er h�tte durch das Hauptb�ro gehen m�ssen, und diesmal w�re sicherlich jedem die Ver�nderung aufgefallen, die mit ihm geschehen war.</p><p>Bob drehte sich um und verlie� die Vorhalle durch die andere T�r. Ohne weiter zu �berlegen, stieg er in den Lift und lie� sich nach unten bringen. Drau�en auf der Stra�e fror er pl�tzlich. Zu dumm, da� er seinen Mantel im B�ro zur�ckgelassen hatte. Er unterdr�ckte das Verlangen, laut zu schreien. Lange hielt er das nicht mehr aus. Er dachte an den Weg bis zur U-Bahn, an das Warten auf dem Bahnhof, an die lange Fahrt. Ein freies Taxi machte die Entscheidung leichter. Er winkte es heran und gab dem Fahrer seine Adresse.</p><p>Als Valerie ihn rufen h�rte, kam sie von der Terrasse. Ein blauer Bademantel h�llte ihre kleine und schlanke Gestalt ein. In der Hand trug sie noch ihre Tasse mit dem Fr�hst�ckskaffee. Bob brachte kein Wort hervor. Er sah sie nur an, w�hrend seine H�nde lose herabhingen.</p><p>�Wieder der Zahn?� fragte sie schlie�lich. Ein fremder Tonfall in ihrer Stimme lie� Bob ahnen, da� sie etwas anderes vermutete.</p><p>�Ich wollte, es w�re nur der Zahn.� Er ging auf sie zu. Jetzt erst wurde er vom Sonnenlicht voll angestrahlt, das von der Glast�r der Veranda her ins Zimmer fiel. Er sah, wie Valeries Augen sich entsetzt weiteten. Die Tasse glitt ihr aus der Hand und zerbrach am Boden.</p><p>�Bob � deine Haare! Dein Gesicht �!�</p><p>�Irgend etwas geschieht mit mir.� Seine Stimme verriet die ganze Angst vor dem Unbegreiflichen. �Ich war noch bei zwei Zahn�rzten; sie best�tigten, was schon Dr. Haufen sagte. Und nun das noch!� Er sank in den n�chsten Sessel. Auf dem Teppich breitete sich die Kaffeelache aus. �Sechsunddrei�ig Jahre alt bin ich, aber ich habe die Z�hne eines Greises und das Aussehen eines Mannes �ber sechzig.�</p><p>Valerie setzte sich in den anderen Sessel und nahm seine H�nde zwischen die ihren.</p><p>�Lege dich jetzt ins Bett, Bob. Ich werde den Arzt holen.�</p><p>�Wozu?� Bobs Stimme war kalt und sp�ttisch. �Damit er mich angrinst und mich fragt, wie alt ich wirklich sei?�</p><p>�Auf jeden Fall fehlt dir was, Bob. Vielleicht Vitaminmangel, oder du hast dich �berarbeitet. Ein Virus ��</p><p>�Virus!� stie� er zornig hervor. �Was ist das f�r ein Virus, das einen Menschen in wenigen Tagen um Jahrzehnte altern l��t?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gab Valerie zu. Pl�tzlich standen Tr�nen in ihren Augen. �Einfach hier sitzen hilft uns auch nicht weiter. Ich mu� etwas f�r dich tun ��</p><p>�Also gut.� Bobs Stimme klang zerknirscht. �Du hast recht, Kleines. Ruf den Arzt an, dann werden wir ja sehen, was er sagt.�</p><p>Es war viele Stunden sp�ter. Bob lag in seinem Bett. Oben an der Decke gl�hten die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Er rauchte lustlos, sprach nichts, dachte nur nach und wunderte sich. Vor einigen Stunden war der Arzt gekommen und hatte ihn untersucht. Er hatte nichts gefunden und betont, f�r sein Alter sei Bob kerngesund und in bester Verfassung.</p><p>�Welches Alter?� hatte Valerie lauernd gefragt.</p><p>Der Arzt, der Vertreter ihres Hausarztes, der in Urlaub gegangen war, sah sie neugierig und erstaunt an.</p><p>�Ende der Sechzig, w�rde ich meinen.� Seine Stimme verriet Befremden �ber ihre ungew�hnliche Frage, aber als sie nicht reagierte, schlo� er seine Tasche, schrieb ein Rezept aus und verabschiedete sich mit den schrecklichen Worten: �Ihr Vater sollte sich ein wenig ausruhen, Miss Terrill, dann wird er sich wieder besser f�hlen.�</p><p>Keiner war auf den Gedanken gekommen, ihn �ber seinen Irrtum aufzukl�ren und ihm die Wahrheit zu sagen. Der Arzt war gegangen. Bob konnte Valeries Blicke nicht mehr ertragen. Er hatte darauf bestanden, da� sie zur Apotheke ging und die Medizin holte. Um noch l�nger allein sein zu k�nnen, gab er sp�ter vor, ein unwiderstehliches Verlangen nach Pfefferminzschnaps zu versp�ren. Er wu�te, da� man diesen Schnaps nur im deutschen Viertel am anderen Ende der Stadt erhalten konnte. Sie half ihm ins Bett, k��te ihn und ging. Endlich war er allein. Er hoffte, sie w�rde lange ausbleiben, aber schon bald begann er sie zu vermissen. Doch lieber sehnte er sich nach ihr, als da� er ihre forschenden Blicke sah.</p><p>Es wurde allm�hlich dunkel, und als es v�llig finster geworden war, h�rte er die Haust�r gehen. Valerie kam zur�ck.</p><p>Er versp�rte keine Lust, den Pfefferminzschnaps zu trinken; er hatte ihn nie gemocht. Also schlo� er die Augen und stellte sich schlafend. Er h�rte, wie Valerie die Schlafzimmert�r �ffnete und auf seine regelm��igen Atemz�ge lauschte. Leise schlo� sie die T�r wieder. Er verfolgte ihre Schritte bis zur K�che, wo sie die Flasche mit dem Schnaps in den K�hlschrank stellte.</p><p>Die Ger�usche verrieten ihm, was sie dann tat. Schrankt�ren wurden ge�ffnet und wieder geschlossen, Wasser rann, und dann wurde ein Topf auf den Herd gestellt. Aha, sie machte Kaffee. Vielleicht auch ein belegtes Brot dazu. Sicher hatte sie Hunger nach dem langen Weg.</p><p>Bob richtete sich auf. Es war nur zu nat�rlich, da� Valerie jetzt Hunger hatte, aber irgendwie pa�te es ihm nicht, da� sie a�, w�hrend er sich in ein � ja, in was verwandelte er sich eigentlich? Was war das f�r eine Metamorphose, die er durchmachte? Die alte Geschichte von Methusalem fiel ihm ein, und es lief ihm kalt �ber den R�cken.</p><p>Valerie ging nebenan ins Wohnzimmer. Er legte sich ins Bett zur�ck und war bereit, den Schlafenden zu spielen, wenn sie hereinkam. Aber sie kam nicht, sondern ging nach einer kurzen Weile hinaus auf die Terrasse.</p><p>Inzwischen war der Mond aufgegangen. Sein bl�ulicher Schein lag auf den D�chern der Nachbarh�user und verwandelte sie in glitzernde Diamantenfelder. Vorsichtig stand Bob auf und ging zum Fenster. Wenn er sich ganz nach rechts lehnte, konnte er den Rand der Terrasse sehen. Dort stand Valerie, in der einen Hand die Untertasse, in der anderen die Tasse mit dem dampfenden Kaffee. Sie blickte zu den H�usern hin�ber und drehte ihm den R�cken zu. Auf der niedrigen Steinmauer stand ein flacher Teller mit dem angebissenen Brot. Ihr lang herabfallendes, blondes Haar schimmerte wie Gold im Mondlicht.</p><p>Sie bewegte sich nicht. Sie h�tte eine Marmorstatue sein k�nnen. Noch nie zuvor war sie Bob so sch�n erschienen wie in diesem Augenblick. Er sp�rte ein pl�tzliches Verlangen danach, sie jetzt in seine Arme zu schlie�en. Abrupt drehte er sich jedoch um und ging zur T�r. Das sanfte Mondlicht w�rde gn�dig sein, es w�rde seine grauen Haare und seine faltige Haut vor ihren Augen verbergen. Vielleicht war das jetzt die letzte M�glichkeit f�r ihn, noch einmal so wie fr�her mit ihr zusammenzusein. Sein pl�tzliches Altern konnte vom Mondlicht verschleiert werden. Vielleicht w�rde sein Haar nur durch seinen Schein versilbert; die Falten w�rden vage Schatten werden und seine gebeugte Gestalt eine T�uschung.</p><p>Die Hand noch auf dem T�rgriff, z�gerte er pl�tzlich. Die T�r war halbge�ffnet, und er konnte das Wohnzimmer �bersehen. Irgendwie fiel ihm auf, da� etwas fehlte. Der Raum schien leerer als sonst zu sein.</p><p>Das Telefon! Es war nicht mehr an seinem gewohnten Platz. Die Schnur f�hrte zur Terrasse. Valerie hatte das Telefon mit nach drau�en genommen, um anzurufen. <emphasis>Wen</emphasis> anzurufen?</p><p>Leise schlo� Bob die T�r wieder und kehrte ins Bett zur�ck. Bis zum Kinn zog er die Decken hoch. Auf dem Nachtschr�nkchen stand das Anschlu�telefon. Er nahm den H�rer vorsichtig ab und lauschte. Das Freizeichen ert�nte. Behutsam legte er den H�rer zur�ck. Er wartete.</p><p>Als er das leise Klicken im Innern des Apparates h�rte, wu�te er, da� Valerie drau�en auf der Veranda den H�rer abgenommen hatte. Schon wollte er nach seinem H�rer greifen, da fiel ihm ein, da� er das jetzt noch nicht tun durfte. Erst mu�te die Verbindung hergestellt sein. Er z�hlte langsam bis zehn, hielt die Gabel mit einem Finger fest und nahm den H�rer ab. Dann erst lie� er die Gabel Millimeter f�r Millimeter los.</p><p>Es summte entfernt. Dann ein Knacken und die Stimme eines Mannes: �Hallo.�</p><p>�Marty�, sagte die ruhige Stimme seiner Frau. �Hier ist Val.�</p><p>�Val?� erwiderte der Mann. �Val Morrison?�</p><p>Bob f�hlte einen Stich in der Herzgegend. Morrison war Valeries beinahe vergessener M�dchenname. Pl�tzlich stand Schwei� auf seiner Stirn, und er bedeckte das Mundst�ck des H�rers mit der Hand. Atemlos lauschte er.</p><p>�Du hast mich doch wohl nicht f�r tot gehalten?� lachte Valerie.</p><p>�Du warst so schnell von der Party verschwunden damals ��</p><p>Party? Damals? Bob dachte nach, und ihm fiel ein, da� er in der vergangenen Woche gesch�ftlich unterwegs gewesen war. Er hatte ausw�rts geschlafen und sp�t am Abend Val angerufen. Niemand hatte sich gemeldet. Am anderen Tag hatte sie ihm erkl�rt, sie h�tte eine Schlaftablette genommen und das Telefon nicht geh�rt. Es war die einzige Nacht, in der sie nicht zu Hause gewesen sein konnte. Wenigstens nahm er das an. Er lauschte weiter auf die Stimmen.</p><p>Die Worte kamen ihm vertraut vor. So etwa hatte er mit Val gesprochen, bevor sie verheiratet waren. Aus seinem Unterbewu�tsein stiegen Erinnerungen hoch, die pl�tzlich einen Sinn bekamen. Wie oft hatte sie Verabredungen nicht eingehalten oder war einfach davongelaufen? Nie hatte er etwas �ber ihre Vergangenheit erfahren, sie war allen solchen Fragen ausgewichen oder hatte geschwiegen. Auch dieser Marty wu�te nichts von ihr, kannte ihre Adresse nicht und hatte keine Ahnung davon, da� sie verheiratet war.</p><p>Hatten diese Sinnlosigkeiten doch einen Sinn? Bob runzelte die Stirn. Welchen Sinn wohl? Was steckte dahinter? Was sollte das alles bedeuten?</p><p>Es fiel Bob schwer, einen vern�nftigen Gedanken zu fassen. Er hatte pl�tzlich Angst, ganz schreckliche Angst. Am liebsten w�re er einfach davongelaufen, weg von Valerie, die ihm unheimlich geworden war, ohne da� er h�tte sagen k�nnen, warum. Sie war jung und sch�n und lebensfroh. Und er mu�te weg von ihr, solange er noch denken konnte.</p><p>Seine Hand zitterte, als er den H�rer vom Ohr wegnahm, aber er wagte es nicht, ihn auf die Gabel zu legen. Das Ger�usch konnte ihn verraten. Er legte ihn unter das Kopfkissen und glitt vorsichtig aus dem Bett. Seine Beine schmerzten, und er humpelte bis zum Stuhl, auf dem seine Kleider lagen.</p><p>Er mu�te den G�rtel enger schnallen, und der Kragen war viel zu weit geworden. Erzog den Knoten des Binders so fest an, bis das Hemd sa�. Das Haar fiel ihm in die Stirn, und im Mondlicht konnte Bob erkennen, da� es schneewei� geworden war. Die Hand, mit der er es zur�ckstrich, war alt und nervig; blaue Adern durchzogen ihren R�cken. Er konnte sich nicht mehr b�cken, um die Schn�rriemen der Schuhe zu richten. Ihm war pl�tzlich �bel.</p><p>Er atmete schwer, und pl�tzlich fiel ihm auf, da� seine Sicht sich tr�bte. Das Augenlicht lie� rapide nach. Nur mit M�he fand er die T�r und hielt sich am Griff fest, bis der Schwindelanfall vor�ber war. Vorsichtig �ffnete er dann die T�r und stolperte ins Wohnzimmer. Sein erster Blick galt der Veranda. Wie gebannt blieb er stehen. Die Furcht sprang ihn an wie ein wildes Tier.</p><p>Gegen das Mondlicht zeichnete sich die Silhouette Valeries deutlich ab. Sie stand in der ge�ffneten T�r, das Gesicht dunkel und nicht zu erkennen; um ihren Kopf erstrahlte die goldene Aureole des Haares. Sie sah aus wie eine antike Racheg�ttin.</p><p>�Nanu, Bob�, sagte sie und kam langsam auf ihn zu. �F�hlst du dich wieder besser?�</p><p>�Ja � das hei�t nein, mir ist schwindelig.� Panik ergriff ihn. �Ich wollte nur frische Luft sch�pfen, vielleicht ein Spaziergang.� Seine Stimme klang br�chig. Es war nicht mehr die Stimme, mit der Bob gestern noch gesprochen hatte. �Ja, ein kleiner Spaziergang w�rde mir vielleicht ausgesprochen guttun.�</p><p>�Ich bringe dich auf die Terrasse. Es ist eine wunderbare Nacht heute.� Sie trat zu ihm und nahm seinen Arm. Er sah, wie sie l�chelte � und <emphasis>auf ihn herab</emphasis> blickte.</p><p>Er h�tte nie geglaubt, da� Knochen so schnell austrocknen k�nnen. Er war kleiner geworden. Sein Anzug schlotterte am K�rper. Er sp�rte Valerie, und wo ihr Fleisch das seine ber�hrte, brannte es wie Feuer. Ihr Parf�m roch stark und bet�ubend. Er versuchte, sich zu wehren, aber er hatte keine Kraft mehr. Willenlos lie� er sich auf die Veranda f�hren. Er stammelte ein paar unartikulierte Laute, und der Speichel tropfte aus seinem Mund, fiel auf den Rockaufschlag und zu Boden. Er konnte kaum noch sehen.</p><p>Valerie brachte ihn zu einem Stuhl und wartete, bis er sich gesetzt hatte. Jetzt konnte er sie wieder sehen, denn das Mondlicht war hell und unbarmherzig.</p><p>�Du bist nur m�de�, sagte sie. �Ruhe dich aus.�</p><p>Die Mattigkeit �berflutete ihn wie eine Woge. Sie sp�lte �ber ihn hinweg und drang bis in das Mark seiner Knochen. Ihm war �bel, und er f�hlte sich alt und verbraucht. Das Mondlicht schmerzte in den Augen. Das Leben erschien ihm sinnlos und wie eine Last. Mit letzter Kraft raffte er sich auf und sah in das Gesicht seiner Frau. Es war das Gesicht eines anmutigen, h�bschen M�dchens von kaum zehn Jahren.</p><p>Ein letzter Funke Lebenswille flackerte in ihm auf. Er bewegte seine spr�den Lippen und kr�chzte m�hsam:</p><p>�Wer bist du? <emphasis>Was</emphasis> bist du �?�</p><p>Sie stand da, eingeh�llt vom Silber des Mondlichts, die Arme auf der Brust verschr�nkt, und sah ihn an. Kalt und erbarmungslos lag ihr Blick auf ihm. Dann sagte sie:</p><p>�Hunger und Gier nach Leben erf�llen mich, aber ich habe kein eigenes Leben � ich kann es nur anderen wegnehmen. Ich und andere, die wie ich sind. Wir besitzen das geheime Buch des Lebens, in dem die Schicksale aller Menschen aufgezeichnet sind.� Ihre Stimme klang geisterhaft. Sie klang aber auch ersch�pft und m�de. �Um so etwas wie leben zu k�nnen, m�ssen wir anderen Menschen die Zukunft rauben, ihnen die Jahre stehlen. Du w�rest achtzig Jahre alt geworden, Bob.�</p><p>Sie setzte sich auf die Steinmauer der Terrasse und lie� ihn nicht aus den Augen. Bob verhielt sich ganz ruhig und beobachtete sie. Leise fragte er:</p><p>�Wie macht ihr es?�</p><p>Valerie l�chelte.</p><p>�Als du mich zur Frau nahmst, gelobtest du, eins mit mir zu sein und dein Leben mit mir zu teilen. Zu <emphasis>teilen,</emphasis> Bob. Aber ich habe kein eigenes Leben, nur den Hunger und die Gier danach. Jedesmal bei einer Ber�hrung, bei einem Ku�, bei einer Umarmung, �berhaupt immer, wenn wir uns nahe waren, saugte ich dich aus, nahm dir ein St�ck deiner Zukunft. Aber was sind f�nfzig oder sechzig Jahre gegen vollkommene Leere? Wir konnten nicht teilen, ich wollte alles. Deine Jahre geh�ren nun mir; ich werde sie leben.�</p><p>Ihm wurde schwarz vor den Augen. Aber sein Wille war st�rker als die Furcht. Schmerz raste durch seinen K�rper, als er auf die F��e sprang. Seine H�nde umklammerten die Stuhllehnen und gaben ihm Halt.</p><p>�Nein, du kannst mir nicht mein Leben stehlen!�</p><p>Jetzt konnte er Valerie wieder sehen. Sie starrte ihn an und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Du kannst es nicht �ndern, Bob. Schone dich jetzt, denn die Anstrengung tut dir nicht gut. Ob du an Altersschw�che oder durch einen Unfall stirbst, spielt keine Rolle mehr. Deine Jahre geh�ren mir.�</p><p>Es waren tausend verschiedene Gedanken, die in diesem Augenblick von ihm Besitz ergriffen. Er dachte an die vielen kr�nkelnden M�nner, deren Frauen jung und gesund blieben, an die Tatsache, da� die Lebenserwartung der M�nner k�rzer als die der Frauen war, und er entsann sich der Angewohnheit der Frauen, stets ein Geheimnis um ihr wahres Alter zu machen.</p><p>�D�monen!� stie� er mit zitternden Lippen hervor. �Ihr seid alle D�monen!�</p><p>Er begann zu schreien und sank in die Knie. Der Schmerz zuckte durch seine Beine, als sie einknickten und er lang am Boden lag, genau vor Valeries F��en. Sie sa� immer noch auf der niedrigen Steinmauer und sah auf ihn herab.</p><p>�Gnade!� wisperte er mit versagender Stimme. �Val � bitte ��</p><p>Sie lachte sp�ttisch.</p><p>Es war dieses Lachen, das den Rest seiner Lebensglut neu anfachte und ihm die Kraft gab, sich noch einmal aufzurichten. Mit beiden H�nden griff er nach ihren F��en und hob sie an. Er ignorierte die furchtbaren Schmerzen im R�cken und richtete sich auf, ohne Valeries F��e loszulassen. Er h�rte, wie sie entsetzt aufschrie, und dann wurden ihm ihre F��e von einem heftigen Ruck aus den H�nden gerissen.</p><p>Valeries Schrei kam pl�tzlich aus weiter Ferne und ri� j�h ab. Bob fiel kraftlos auf den R�cken. Er sah, da� der Platz, wo Valerie gesessen hatte, leer war. In dem Augenblick, in dem sie unten auf der Stra�e aufschlug, f�hlte er ihren Schmerz. Irgend etwas in ihm zerri� wie ein �berspannter Bogen, dann verlor er das Bewu�tsein.</p><p>Als er eine halbe Stunde sp�ter erwachte, war er kr�ftig genug, um aufzustehen. Sein Anzug pa�te ihm wieder. Im Spiegel der Garderobe sah er, da� seine Haare nicht mehr wei� waren, und auch die Zahnschmerzen waren verschwunden. Noch nie hatte er sich so wohl gef�hlt.</p><p>Schnell glitt der Lift nach unten.</p><p>Drau�en auf der Stra�e flutete der Nachtverkehr. Hier unten war es heller als oben unter dem Dach des Hochhauses. Die Leuchtreklamen verdr�ngten den Mond und tauchten Stra�e und B�rgersteig in eine grelle Lichtflut.</p><p>Bob suchte den zerschmetterten K�rper Valeries, aber er fand ihn nicht. Er fand auch keine Blutspuren, sondern nur ein B�ndel verschmutzter Kleider. Es lag direkt in der Gosse neben einem Gulli.</p><p>Er b�ckte sich.</p><p>Es waren die Sachen, die Valerie eben noch angehabt hatte.</p><p>Als er sich wieder erhob, streiften seine F��e den grauen Staub der Gosse. Er wirbelte auf und drang in seine Nase.</p><p>Er roch modrig und alt.</p><p>Sehr alt.</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Die Witwe vom Belgrave Square </strong>von Lewis Hammond</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>Lewis Hammond (1861-1940) war ein englischer Arzt und Versicherungsmathematiker, der sich in jungen Jahren gelegentlich als Erz�hler versuchte und hin und wieder bei Zeitschriften mitarbeitete. Eine Sammlung seiner Kurzgeschichten liegt nicht vor. 1940 kam Hammond in London bei einem Luftangriff ums Leben.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Sir Neville Hulme, langj�hriger Direktor der Sternwarte von Greenwich, war zweifellos einer unserer bedeutendsten Astronomen, und seine Forschungen auf dem Gebiet der <emphasis>novae</emphasis> fanden ja auch internationale Anerkennung. Aber was immer die Sterne ihm auch verraten haben mochten � �ber seine eigene Zukunft hatten sie ihm nichts erz�hlt, sonst h�tte er es wohl nicht gewagt, noch im Alter von achtundf�nfzig Jahren einen neuen Hausstand zu begr�nden, und zwar mit der beinahe vierzig Jahre j�ngeren Jane Burleigh aus der wallisischen Linie der bekannten Familie.</p><p>Die Hochzeit des ber�hmten Gelehrten, der eine gro�e, schlanke und eindrucksvolle Erscheinung war, mit der auffallend sch�nen Jane, einem M�dchen keltischen Typs mit roten Haaren, gr�nen Augen und jener sinnlichen F�lle, wie sie nur noch westlich des Severn vorkommt, verdr�ngte f�r einen Tag sogar die Nachrichten von der Weltausstellung in Chicago vom gewohnten Platz, und ganz London beneidete Sir Neville um dieses prachtvolle Gesch�pf.</p><p>Aber dieses Gl�ck w�hrte eben nicht lange. War es die Notwendigkeit, seine N�chte zwischen den novae und Lady Jane zu teilen, oder war es ganz einfach die nat�rliche Ersch�pfung des Leibes nach einem t�tigen Leben: Sir Neville Hulme starb, noch ehe er die zweite Wiederkehr seines Hochzeitstages feiern konnte, im Mai 1895, wie man sich erinnern wird, und kein Geringerer als der Prinz of Wales selbst, der ein vielger�hmtes Kennerauge f�r weibliche Sch�nheit sein eigen nennt, stattete Lady Jane Hulme einen Kondolenzbesuch ab.</p><p>Als seine k�nigliche Hoheit weltm�nnisch Abschied genommen und seine sympathische Leibesf�lle wieder in die wappengeschm�ckte Kutsche verfrachtet hatte, klingelte es abermals an der T�r des Trauerhauses am Belgrave Square, und Pamela, das dunkelh�utige Dienstm�dchen, meldete Dr. Bruce Atkinson.</p><p>Lady Jane hatte den Namen bereits gelesen, wenn ihr auch nicht sogleich einfiel, wo. Es war ein Dokument, ein amtliches Dokument, das sie eben erst unter den Augen gehabt hatte, und so lie� sie denn bitten.</p><p>Atkinson war mit seinen dunklen Haaren, der R�mernase und dem sinnlichen Mund keine sehr britische Erscheinung, aber gro� und schlank und ganz zweifellos ein sehr sch�ner Mann. Er befreite die junge Witwe sogleich von allen Zweifeln: Er sei der Arzt, der von Amts wegen den Totenschein ausgestellt habe, wie bei allen Todesf�llen zwischen Westminster und Kensington, er komme nun aber mit einer sehr pers�nlichen und beinahe delikaten Bitte.</p><p>Jane Hulme wu�te, da� sie ungehalten sein m��te, denn es war wei� Gott nicht der Tag, ihr mit pers�nlichen Anliegen zu kommen. Aber der samtige Blick des jungen Arztes umfing sie mit solcher Innigkeit, da� ihr nach Tagen und N�chten der Einsamkeit und des Schmerzes zum erstenmal wieder warm ums Herz wurde. Hier war endlich jemand, der nicht nur von dem toten Neville sprach, sondern auch f�r die am Leben gebliebene Jane ein Herz zu haben schien, und so lie� sie denn Tee bringen und warf einen pr�fenden Blick in den gro�en venezianischen Spiegel �ber dem Kamin. Kein Zweifel: Schwarz kleidete sie, das z�chtige Dekollete des schwarzen Kleides wirkte durch die wei�e, glatte Eloquenz ihrer Haut nicht minder erregend als ein gro�er Ausschnitt, und die F�lle ihres roten Haares, m�hsam geb�ndigt �ber ihrem von den Tr�nen noch verschleierten Blick, stand im Raum wie ein Fanal, das von ihrer ungebrochenen Sch�nheit k�ndete.</p><p>In vielen wohlgesetzten, beruhigenden und aufmunternden Worten hatte Doktor Atkinson bald eine wahre Laube des Vertrauens, ja beinahe der Z�rtlichkeit �ber dem kleinen Teetisch erbaut, und darum war es f�r Lady Jane wie ein harter, grausamer Fall ins Bodenlose, als er pl�tzlich d�ster und tonlos sagte:</p><p>�Ja und sehen Sie, Mylady, meine Karriere als Arzt wird schon in zehn Tagen enden, ich werde bis an mein Lebensende den traurigen Posten eines Distrikts-Totenbeschauers bekleiden, weil ich zu meiner letzten, abschlie�enden Pr�fung nicht werde antreten k�nnen!�</p><p>�Noch eine Pr�fung?� fragte Lady Jane nicht sonderlich interessiert, denn sie war vollauf damit besch�ftigt, den Gewissenskonflikt zwischen ihrer Trauer um Neville und der immer deutlicheren Attraktion Bruce Atkinsons zu d�mpfen. Warum gab es auch so sch�ne M�nner in London!</p><p>�Gewi�, Mylady, ich habe die akademischen Pr�fungen hinter mir und bin Arzt, aber ich brauche noch eine Fachpr�fung in dem von mir erw�hlten Spezialfach der Phrenologie, der Sch�delkunde, um die ausgeschriebene eintr�gliche Stellung am <emphasis>Royal Institute for medical engineering</emphasis> zu erhalten.�</p><p>�Und warum wollen Sie zu dieser Pr�fung nicht antreten?�</p><p>Doktor Atkinson reckte sein untadeliges Profil in tragischer Pose gegen den Plafond und sagte dumpf:</p><p>�Ich habe doch keinen Sch�del!�</p><p>Zu ihrem eigenen Entsetzen mu�te Jane lachen, silberhell, fr�hlich, wie eine Zwanzigj�hrige eben lacht. Nur da� sie eben Witwe geworden war.</p><p>�Nun�, sagte sie, als sie sich gefa�t hatte, �mit dem Ihren k�nnen Sie doch wohl zufrieden sein, Doktor!�</p><p>Atkinson wandte sich voll Jane zu, tauchte seinen Blick in den ihren und sagte, als erkl�re er einem Kind die Mysterien der Welt:</p><p>�Ich brauche einen Sch�del f�r jene Pr�fung � den Kopf eines Toten. Ein Studien- und Pr�fungsobjekt. Und ich kann nicht bestehen, ich kann die Pr�fung nicht erfolgreich ablegen und die Stellung erhalten, wenn ich nicht einen tauglichen, einen �berdurchschnittlichen Kopf auftreibe. Denn wir Phrenologen, wir sezieren nicht blo�: Wir erarbeiten uns aus der Kenntnis der einzelnen Hirnpartien ein Bild des neuen Menschen. Mit den exekutierten Leichen aus Old Bailey kann ich nichts anfangen, mit den Ertrunkenen aus der Themse, den Erschlagenen aus Soho, den schwammigen S�ufern von den Docks kann ich meinen Konkurrenten nicht schlagen, denn Enver Bostic verf�gt �ber ein hervorragendes Studienobjekt, �ber den Kopf eines eben zu rechter Zeit verstorbenen Onkels, der immerhin Maler war.�</p><p>Lady Jane wurde unbehaglich. Sie verstand so wenig von dem, was der sch�ne Arzt ihr erz�hlte, und es war zuviel Fremdes. Sein Blick hatte eine narkotische Wirkung, die ihr neu war: Nach zwei Jahren an der Seite eines sehr viel �lteren Mannes trat sie zum erstenmal wieder hinaus in jene Welt, in der die M�nner begehrten und die Frauen begehrt wurden � ein Spiel der Kr�fte, das in ihrem Heimatort in Wales relativ harmlos abgelaufen war, hier in London aber offensichtlich seine Gefahren hatte.</p><p>�Dieser Konkurrent ��, begann sie. �Doktor Bostic!�</p><p>�� ist sehr t�chtig?�</p><p>�Er hat einen scharfen Verstand, k�hne Ideen, bisweilen sogar allzu k�hne. Aber er wird sich dank seines besseren Objekts auch besser ins Licht setzen und die Position erhalten, die einzige, die es derzeit f�r Phrenologen gibt. Und da er so alt ist wie ich, wird er sie innehaben und halten k�nnen, bis ich ein alter Mann bin.�</p><p>Ein alter Mann � Wie oft hatte sie das gedacht, wenn ihr geliebter Neville, von der Sternwarte kommend, nach einem z�rtlichen Ku� auf ihre Stirn eingeschlafen war. Nein, von alten M�nnern � bei aller Liebe und Verehrung � hatte sie genug.</p><p>�Was kann ich f�r Sie tun, Doktor Atkinson?� fragte sie mutig, obwohl ein leises Grauen sie beschlich.</p><p>Auch Atkinson mu�te sich erst fassen, ehe er zu seiner Bitte ansetzte:</p><p>�Geben Sie mir die Erlaubnis, Mylady, den Kopf des gro�en Astronomen Sir Neville Hulme bei meinem Examen zu behandeln.�</p><p>Die Worte rauschten an Jane vorbei. Nevilles Kopf. Sie sah ihn vor sich, wie er aufgebahrt dalag und nur Kopf, Hals und H�nde zu sehen waren. Und der Kopf, dieser im Leben so ehrfurchtgebietende Kopf, schmal, klar, vornehm und intelligent, war im Tod eine entsetzliche Maske greisenhafter Selbst�berhebung geworden, starr, steinern, arrogant und feindselig.</p><p>�Wer wird es erfahren?� fragte sie leise.</p><p>�Die Pr�fer, Professoren und �rzte, sie bindet das Berufsgeheimnis.�</p><p>�Und Doktor Bostic?�</p><p>�Der hat mir nichts vorzuwerfen, da er den Sch�del eines Verwandten zur Pr�fung mitbringt.�</p><p>�Und nach der Pr�fung, was ist dann?�</p><p>�Dann wird der Sch�del sogleich restituiert und gemeinsam mit dem Leichnam, den wir bis dahin im Institut einfrieren, beigesetzt.�</p><p>�Aber die offiziellen Leichenfeiern � das Begr�bnis morgen nachmittag? Sie sehen, Doktor Atkinson, ich <emphasis>kann</emphasis> Ihnen nicht helfen.�</p><p>�Daran habe ich nat�rlich gedacht, Mylady, der Sarg w�rde mit Steinen gef�llt, bis das Gewicht des Verblichenen erreicht ist, und in vierzehn Tagen, wenn alles vorbei ist, schreiten wir mit beh�rdlicher Genehmigung insgeheim zur echten Bestattung.�</p><p>Die merkw�rdige und durchaus unerwartete Komplikation in den letzten Stunden vor dem Staatsbegr�bnis hatte Lady Jane auf das Gl�cklichste abgelenkt. Gesenkten Hauptes, in ihren Gedanken aber ausschlie�lich bei Doktor Atkinson, sa� sie in der schwarzausgeschlagenen Kutsche, die dem Sargwagen folgte, und auch die Tage, Wochen und Monate, die dem Todesfall folgten, geh�rten in immer st�rkerem Ma� der so unversehens in ihr Leben getretenen Bindung. Denn konnte es eine st�rkere Bindung geben als die Gemeinsamkeit eines so d�steren Geheimnisses?</p><p>Im Juni 1896, schicklicherweise erst vier Wochen nach Ablauf des Trauerjahres, trat Lady Jane mit Doktor Bruce Atkinson vor den Altar von Saint Marys Church in West-Brompton, und der junge Gelehrte, der im Royal Institute of medical engineering eine vielbeachtete Spezialabteilung aufgebaut hatte, er�ffnete in dem ger�umigen Wohnhaus seiner jungen Frau am Belgrave Square eine kleine, aber eintr�gliche Privatpraxis.</p><p>In dieser mit den neuesten Apparaten und Behelfen ausgestatteten Ordination untersuchte Atkinson eines Tages, es war gegen Ende des zweiten Ehejahres, seine junge Frau. Jane war nun dreiundzwanzig Jahre alt, ihre Sch�nheit war, dank der Liebe und der Z�rtlichkeit eines jungen Gatten, voll erbl�ht, ihre gr�nen Augen blitzten vor Lebenslust, und ihr Mund, den sie mitunter, wie einem fernen Lied lauschend, leicht �ffnete, war eine Verlockung f�r jeden, der sie sah.</p><p>�Ich bin zwar kein Gyn�kologe�, sagte Atkinson, w�hrend Jane sich hinter dem Wandschirm entkleidete, �aber ehe ich meine sch�ne Frau einem Kollegen �berlasse, will ich doch selbst einmal sehen, was dir Beschwerden macht. So bitte, nimm hier Platz. Lege dich zur�ck, keine Sorge, ich untersuche nur ��</p><p>Jane hatte sich etwas scheu auf den gro�en wachstuchbespannten Tisch zubewegt. War Atkinson auch ihr Mann, hatten sie in vielen N�chten auch keine Geheimnisse voreinander, so war es doch das erstemal, da� sie sich hier, im hellen Tageslicht und zwischen den fremd anmutenden Gegenst�nden seiner Praxisr�ume, nackt vor ihm zeigte. Nach kurzer Untersuchung wu�te er, was ihr Schmerzen bereitete:</p><p>�Ein Absze�, Jane, ein banales kleines Geschw�r, nur an einer dummen Stelle � Deswegen brauchst du wirklich nicht zu Sir Edwin zu gehen, das mache ich gleich selbst.�</p><p>�Du tust mir doch nicht weh, Bruce?�</p><p>�Wo denkst du hin! Ich habe doch Lachgas � Ich binde dich nur fest, damit du mir im Lachgasr�uschlein nicht vom Tisch kollerst. So, das h�tten ��</p><p>Atkinson unterbrach sich, denn es hatte eben geklingelt.</p><p>�Pamela hat Ausgang�, sagte Jane, �aber ich bitte dich, gehe jetzt nicht �ffnen, mir ist das hier doch ein wenig unheimlich.�</p><p>Es klingelte abermals, und Atkinson wurde nerv�s.</p><p>�Ich sehe doch einmal nach�, sagte er, �es kann die Nachmittagspost sein, die m�chte ich doch lieber in Empfang nehmen. Ich bin gleich zur�ck.�</p><p>Aber er kam nicht gleich zur�ck. Statt dessen vernahm Jane mit immer st�rkerer Unruhe Stimmen in der Halle. Die ihr unbekannte Stimme des Besuchers wurde immer lauter, und nun vermochte sie jedes Wort zu verstehen:</p><p>�Mit Ihrem Gelehrtensch�del haben Sie mich um meine Zukunft gebracht, Atkinson�, schrie der Fremde, �es war glatter Hokuspokus, damit im letzten Augenblick aufzuwarten, so da� ich mir keinen gleichwertigen Casus mehr beschaffen konnte. Und jetzt sitzen Sie hier im Fett. Wozu brauchen Sie denn das Amt im Institut, Ihre Frau ist doch reich, Sie haben eine Praxis ��</p><p>Die leisere Stimme, die ihres Gatten, verstand Jane nicht. Zweifellos versuchte er, den Besucher zu beruhigen, aber es gelang ihm nicht. Die Stimmen schwollen schlie�lich beide an, die M�nner erregten sich, und nach ein paar undefinierbaren Ger�uschen vernahm Jane, der der Atem stockte, einen dumpfen Fall. Verzweifelt versuchte sie sich zu befreien, aber ihre Arme waren einzeln mit Gurten festgeschn�rt, die Beine, weit gespreizt, desgleichen. Unm�glich, aufzustehen und Bruce zu Hilfe zu kommen.</p><p>In der n�chsten Sekunde sprang krachend die T�r auf, und Jane schrie wider Willen laut auf: In der T�r stand Bruce, leichenbla� und mit erhobenen H�nden, und hinter ihm tauchte ein untersetzter, b�rtiger Mann auf, der Bruce nun mit einer Pistole zwang, in dem Stuhl hinter dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Ohne Jane mehr als einen fl�chtigen Blick zu schenken � er hielt sie wohl f�r eine Patientin � machte der Fremde sich auf die Suche nach Schn�ren und G�rteln und fesselte Atkinson an seinen Schreibtischsessel, an die R�cken- und die Seitenlehne und die Beine, so da� der Arzt gerade noch die Finger und den Kopf bewegen konnte.</p><p>Nun erst wandte sich der Besucher Jane zu, verbeugte sich knapp und sagte:</p><p>�Doktor Bostic. Ich bin Arzt wie Atkinson, Sie brauchen sich nicht zu genieren, und Doktor Atkinson wird seine Behandlung gleich fortsetzen. Er mu� mir nur schnell ein Dokument unterschreiben.� Dabei lie� er einen zerstreuten Blick �ber die nackte Jane gleiten, sah Atkinson verwundert an und sagte: �Absze� am Scheideneingang � Seit wann arbeiten Sie als Gyn�kologe, Atkinson? Wohl nur bei so h�bschen Frauen?�</p><p>�Lassen Sie den Unsinn, Bostic�, antwortete Atkinson mit belegter Stimme, �die Dame ist keine Patientin, sie ist meine Frau, darum mache ich den harmlosen Eingriff selbst!�</p><p>Bostic hob den Kopf. Er sah aus, als erwache er aus einer Trance, aus einer Fixierung. In seinen Augen begann es zu flackern, als er rief:</p><p>�Ihre Frau? Also die fr�here Lady Jane Hulme, die liebensw�rdige Sch�delspenderin? Das �ndert nat�rlich die Sachlage. Mylady werden gestatten m�ssen, da� ich mich auch bei Ihnen f�r jenen Zwischenfall bedanke, der meine Laufbahn ruinierte!�</p><p>Bei diesen Worten trat Bostic auf Jane zu, schob ihr ein Kissen unter den Kopf und einen Wattebausch in den Mund und verklebte die vollen Lippen Janes mit einem breiten Streifen Leukoplast.</p><p>�Nun kann ich Sie zwar nicht mehr k�ssen, zumindest nicht auf den Mund�, sagte er sarkastisch, �aber was Sie mir sonst bieten, Mrs. Atkinson, ist immer noch der Betrachtung wert � Und Sie, lieber Kollege, verhalten sich still, ganz still, wenn Ihnen das Leben Ihrer Frau und Ihr eigenes lieb ist. Sonst verklebe ich Ihnen nicht nur den Mund, sondern auch die Nasenl�cher, und dann m�chte ich sehen, was f�r sch�ne Zuckungen Sie in ihrem Sessel auff�hren.�</p><p>�Bostic�, bat Atkinson leise, �ich werde tun, was Sie verlangen. Ich gebe Ihnen mein Wort als Arzt und Akademiker, da� ich morgen meine Demission im Institut einreiche und Sie als meinen Nachfolger vorschlage. Aber lassen Sie Jane aus dem Spiel, sie ist zu jung, sie hat das alles nicht verstanden, ich habe sie �berrumpelt in der Sache mit dem Sch�del!�</p><p>�Da� sie jung ist�, antwortete Bostic genie�erisch, �das sehe ich selbst. Sie ist ein sch�ner, junger Mensch, eine von denen, die das neue Jahrhundert erleben werden, mehr von ihm sehen werden als von diesem stinkenden alten viktorianischen England. Ich h�tte auch gern an dem neuen Menschen gearbeitet, an seinem Bild, an seinem Sch�del, an der Geographie seines Gehirns, aber der sch�ne Bruce, Ihr Mann, Verehrte, hat mich daran gehindert, und so will ich denn sehen, ob Sie das Zeug zu jenem neuen Menschen haben, ob Sie die Frau des kommenden Jahrhunderts sind, des Zwanzigsten, des Jahrtausend-Endes!�</p><p>Mit diesen Worten trat Bostic neben Jane und begann, ihren Leib mit seinen kurzen, dicken Fingern zu erkunden. Er massierte die Br�ste, stie� mit b�sem Kichern die Finger zwischen ihre Rippen, streichelte die Innenseiten ihrer Schenkel und kitzelte sie schlie�lich so lange an den Fu�sohlen, da� Jane im Gesicht puterrot anlief und ihr vor Atemnot die Augen aus den H�hlen quollen.</p><p>�Ach ja�, sagte Bostic schlie�lich, als falle ihm etwas ein, �das Absze� � Keine Sorge, Mrs. Atkinson, das haben wir gleich!�</p><p>�Um Gottes willen, Bostic�, �chzte Atkinson, �vergreifen Sie sich doch nicht an einer wehrlosen Frau. Sie sind doch Arzt, seien Sie gn�dig mit uns!�</p><p>�Da ich mit diesen modernen Installationen nicht umgehen kann, verehrte Patientin�, sagte Bostic unger�hrt, �liefen Sie Gefahr, von mir mit Lachgas erstickt zu werden. Ich sehe, da� Sie vorbildlich festgeschnallt sind. Ich werde Ihnen jetzt das Absze� mit dem Messer �ffnen. Ein kleiner Schnitt, wenn ich es gleich richtig treffe, was nicht sehr wahrscheinlich ist, denn ich habe vor meiner Demarche reichlich Whisky zu mir genommen. Also liegen Sie ganz ruhig und lassen Sie mich gew�hren, das ist Ihre einzige Chance, da� ich da unten, wo sich Ihr sch�ner Gatte so gern zu schaffen macht, kein Blutbad anrichte.�</p><p>Bostic zog den Wagen mit den Messern heran und w�hlte sorgf�ltig.</p><p>�Sie m�ssen doch zuerst sterilisieren!� rief Atkinson unvorsichtig laut.</p><p>�Psst, Atkinson, sonst kommt mir das Messer aus. Sterilisieren, wenn ich das schon h�re. Sie glauben wohl, wir sind am Pasteurinstitut? Nee, mein Lieber, der Mensch des neuen Jahrhunderts stirbt nicht an ein paar Mikroben. Wie war�s mit diesem Messerchen, Madam? Soll ich mal an Ihren Br�stchen probieren, ob es die richtige Sch�rfe hat?�</p><p>Bostic lie� das Messer mit dem langen Griff und der kurzen, scharfen Klinge unmittelbar vor den Augen Janes funkeln, die einer Ohnmacht n�her war als jedem Versuch, sich zu wehren, strich dann damit ganz zart �ber die Warze der linken Brust, tat dann einen Schritt, stellte sich in Positur und f�hrte einen blitzschnellen Schnitt durch das Absze�.</p><p>Jane stie� einen gurgelnden Schrei aus, Atkinson schleuderte mit den Z�hnen seinen Briefbeschwerer durchs Fenster, so da� beide Scheiben klirrend zersprangen, und Bostic warf einen letzten, bedauernden Blick auf die sch�ne Frau, der das Blut zwischen den Schenkeln hervorscho�.</p><p>�Mit dem Briefbeschwerer h�tte ich ihnen den Sch�del einschlagen sollen, Atkinson�, sagte Bostic und wusch sich Janes Blut von seinem Gehrock, �aber er gefiel mir so gut, da� ich ihn mir nachher mitnehmen wollte. Ein kleiner, marmorner Totenkopf auf einem bronzenen Sockel, schon als Sie noch studierten, habe ich Sie darum beneidet. Wenn Sie gestatten, hebe ich ihn mir drau�en vom Pflaster auf, zur Erinnerung an diesen unverge�lichen Nachmittag. Mrs. Atkinson, Herr Kollege, <emphasis>good bye</emphasis>.�</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis><strong>Vampir zu sein dagegen sehr � </strong>von J. M. Rymer</emphasis></p></title><empty-line/><p><emphasis>In seiner �Gothic Bibliography� verzeichnet Montague Summers, einer der profundesten Kenner der literarischen Horror-Szene, unter dem Stichwort �Varney� einen Vampir-Roman, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den meistgelesenen B�chern in England �berhaupt z�hlte, sp�ter jedoch schnell in Vergessenheit geriet und erst in unserer Zeit durch einen Reprint wieder zug�nglich gemacht worden ist. Eine gek�rzte Fassung des ausufernd umfangreichen Romans liegt auch in deutscher Sprache vor (�Varney der Vampir oder das Fest des Blutes�, Heyne-Buch Band 5209). Summers schreibt: �Varney der Vampir gilt als Meisterwerk von Thomas Peckett Prest.� Aber nicht Prest, der K�nig der beliebten �bloods�, ist der Autor � stilkritische Untersuchungen weisen vielmehr auf James Malcolm Rymer als Autor hin, Prests gleicherma�en erfolgreichen Schreibkollegen in der Trivialliteraturfabrik des damals marktbeherrschenden Verlegers Edward Lloyd, der dem Horror-Genre mit seiner Massenproduktion in England zum Durchbruch verhalf. �Varney der Vampir� erschien erstmals 1847, ein halbes Jahrhundert vor Bram Stokers ber�hmtem �Dracula�. Wir drucken hier eine in sich abgeschlossene Episode ab, die Vorgeschichte des ebenso blutr�nstigen wie ungl�ckseligen Vampirs betreffend.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>W�hrend so manchen, kurzen Gedankenaustausches � und diese blieben immer kurz, wenn sie vertraulicher Natur waren � habe ich �berraschung ausgel�st, indem ich von Personen und Ereignissen sprach, die seither l�ngst von der fast vergessenen Vergangenheit geschluckt worden sind. Auf diesen paar Seiten will ich mich eingehender erkl�ren.</p><p>Zur Regierungszeit Charles des Ersten residierte ich in einer schmalen Stra�e in der unmittelbaren Nachbarschaft von Whitehall. Es war eine schmale, gewundene Durchfahrt, durch die es zur Themse hinunterging; es spielt weiter keine gro�e Rolle, womit ich damals meinen Lebensunterhalt bestritt, aber ich z�gere nicht im mindesten zu sagen, da� ich ein gutbezahlter Agent in einer der politischen Bewegungen war, f�r die jene Epoche bekannt und ber�chtigt ist.</p><p>London war damals eine Masse sch�big aussehender H�user mit hier und dort einem Geb�ude, das im Vergleich zu seinen noch sch�bigeren Nachbarn wie ein Palast wirkte. Beinahe jede Stra�e schien dabei unter dem Schutz irgendeines gro�en Hauses zu stehen, das sich irgendwo an ihr befand, aber jene H�user, die den Verfall der Zeit �berdauert haben, sind heute so ver�ndert und gleichen so sehr ihren Nachbarn, da� selbst ich, der ich viele von ihnen gut gekannt habe, kaum noch sagen k�nnte, welche es waren oder wo sie einmal gestanden haben.</p><p>Ich spielte keine prominente Rolle bei den politischen Aufruhren jener Epoche, aber ich sah den blutigen Kopf eines K�nigs in Whitehall aufgespie�t als Spektakel f�r die Volksmenge.</p><p>Es gab Tausende von Personen in England, die alle zu diesem Ende des K�nigs beigetragen, es aber beileibe nicht erwartet hatten und dann die ersten waren, die den gigantischen M�chten, die sie selber aufger�hrt hatten, zum Opfer fielen.</p><p>Unter diesen waren auch viele von meinen Auftraggebern; M�nner, die durchaus willens gewesen waren, den Thron zu ersch�ttern, soweit es jenen betraf, der ihn gerade besetzt hielt, die aber ganz sicher niemals beabsichtigten, die Monarchie zu zerst�ren; so schufen denn der Tod von Charles dem Ersten und die Diktatur Cromwells eine Unzahl von Royalisten.</p><p>Sie hatten damit einen Geist heraufbeschworen, den sie nun nicht mehr loszuwerden vermochten, und dies war eine Tatsache, der sich auch jener strenge, harte Mann, Cromwell, mit dem ich viele Unterredungen hatte, durchaus bewu�t war.</p><p>Mein Haus war in ganz besonderem Ma�e f�r diskrete und verschwiegene Zwecke geeignet, und ich wurde ein reicher Mann durch die gro�en Summen, die ich daf�r erhielt, da� ich vornehmen Royalisten zur Flucht verhalf, von denen manche f�r eine betr�chtliche Zeit <emphasis>perdu</emphasis> in meinem Hause lagen, bevor sich eine g�nstige Gelegenheit ergab, sie still und leise den Flu� hinunterzuschaffen zu irgendeinem Schiff, das sie nach Holland bringen w�rde.</p><p>Mir wurde in der Tat so viel pro Kopf f�r jene Royalisten geboten, da� eines Tages Cromwell nach mir schickte; es gab da insbesondere einen, der Privatsekret�r des Herzogs von Cleveland gewesen war, ein noch junger Mann ohne Familie und Rang, aber von gro�en F�higkeiten, den Cromwell unbedingt in seine Gewalt bringen wollte. Ich glaube, es mu� da ebenso auch noch ein paar private Gr�nde gegeben haben, die den Diktator des Commonwealth veranla�ten, derart wild hinter diesem Master Francis Latham her zu sein, welches der Name der Person war, auf die ich mich hier beziehe.</p><p>Es war sp�t eines Abends, als ein Fremder zu meinem Haus kam und, da er mich diskret zu sprechen w�nschte, in ein Privatzimmer gef�hrt wurde, wo ich ihn sogleich empfing.</p><p>�Ich wei߫, sagte er, �da� Sie vertraulich f�r den Herzog von Cleveland t�tig gewesen sind, und ebenso ist mir bekannt, da� Sie schon so manchem Royalisten, der sich in der Klemme befand, sehr n�tzlich gewesen sind, aber daf�r, da� Sie Master Francis Latham, dem Sekret�r des Herzogs, helfen, wird Ihnen gestattet, beinahe jede beliebige Summe zu nennen.�</p><p>Ich nannte einhundert Pfund, was zu jener Zeit eine weit gr��ere Summe war als heute, wenn man den relativen Wert ber�cksichtigt. Die eine H�lfte davon sollte ich sofort erhalten; die andere wurde mir zur Zahlung innerhalb vierundzwanzig Stunden versprochen, nachdem Latham die Flucht gelungen war.</p><p>Mir wurde gesagt, da� um halb zw�lf Uhr in jener Nacht ein Mann in gew�hnlicher Arbeitskleidung, mit einem Besen �ber der Schulter, an meine T�r klopfen und fragen w�rde, ob man ein Nachtquartier f�r ihn wisse; durch diese Kennzeichen w�rde ich wissen, da� der Mann Francis Latham sei. Ein holl�ndischer Lugger, wurde mir ferner gesagt, l�ge nahe von Gravesend, und an Bord von diesem sollte ich den Fl�chtling bringen, um mir mein Geld zu verdienen.</p><p>All dies wurde abgemacht; ich hielt ein Boot mit zwei Ruderern bereit, auf die ich mich absolut verlassen konnte. Ich war weit davon entfernt, bei der Durchf�hrung dieses Unternehmens irgendwelche besonderen Schwierigkeiten zu erwarten.</p><p>Ich hatte einen Sohn von damals etwa zw�lf Jahren, der ein sehr gewitztes B�rschchen war, das mir schon bei mehreren Gelegenheiten von gro�em Nutzen gewesen war, und es waren mir niemals Bedenken gekommen, ihn bei solchen Aff�ren wie jener, von der ich hier berichte, ins Vertrauen zu ziehen.</p><p>Ein paar Minuten nach halb zw�lf kam dann auch tats�chlich von meiner Haust�r ein Klopfen, welches mein Sohn beantwortete; es war gem�� der Vereinbarung ein Mann mit einem Besen �ber der Schulter, der fragte, ob man nicht ein Nachtquartier f�r ihn wisse, und der daraufhin von meinem Sohn aufgefordert wurde, hereinzukommen.</p><p>Der Mann wirkte ziemlich nerv�s und fragte mich, ob ich glaubte, da� bei der Sache ein gro�es Risiko best�nde.</p><p>�Nein�, sagte ich, �kein gr��eres als gew�hnlich in solchen F�llen, aber wir m�ssen eine halbe Stunde bis zum Gezeitenwechsel warten, denn in einem Boot flu�ab gegen die auflaufende Flut anzuk�mpfen, w�rde bedeuten, die Aufmerksamkeit geradezu herauszufordern.�</p><p>Dem stimmte er vollkommen bei und setzte sich vor meinen Kamin, um die Zeit bis dahin abzuwarten.</p><p>Ich war ebenso wie er darauf bedacht, die Angelegenheit m�glichst rasch hinter uns zu bringen, denn es war ein verflixt heikler Auftrag; wenn Oliver Cromwell die Sache zu Ohren kam und er mir nur im geringsten etwas nachweisen konnte, w�rde er ebenso selbstverst�ndlich den Befehl gegeben haben, mich zu erschie�en, wie er im Namen des HERRN sein Abendmahl einzunehmen pflegte.</p><p>Ich ging deshalb sogleich zum Flu� hinunter, um mit den beiden M�nnern zu sprechen, die dort mit dem Boot lagen, und lie� mir von ihnen best�tigen, da� in etwa zwanzig Minuten in der Mitte des Stroms die Flut abzuebben beginnen w�rde, als mich pl�tzlich zwei M�nner konfrontierten.</p><p>Erfahren, wie ich in den Gewohnheiten und Erscheinungen jener Zeit war, erriet ich sofort, mit wem ich es zu tun hatte. In der Tat, zwei von Oliver Cromwells Dragonern waren ja auch wohl kaum zu verkennen.</p><p>�Sie werden gesucht�, sagte der eine zu mir.</p><p>�Sie werden sogar ganz dringend gesucht�, bekr�ftigte der andere.</p><p>�Aber, Gentlemen, ich bin im Moment gerade sehr besch�ftigt�, sagte ich. �In einer Stunde jedoch werde ich Ihnen gern das Vergn�gen machen. Sie brauchen mir nur zu sagen, wo ich auf Sie warten soll, und ich werde dann ganz zu Ihrer Verf�gung stehen.�</p><p>Die einzige Antwort, die ich darauf bekam, war, da� ich von ihnen in die Mitte genommen und <emphasis>a tempo</emphasis> davongef�hrt wurde, an meiner eigenen Haust�r vorbei.</p><p>Ich wurde schnellen Schritts direkt nach St. James gebracht, wo man mich eilig durch einen der Innenh�fe f�hrte; wir hielten kurz an einer kleinen T�r, vor der ein Posten stand.</p><p>Meine beiden Begleiter verhandelten kurz mit ihm, woraufhin er uns durchlie�. Wir kamen durch einen schmalen Gang ohne jedes Licht, dann zu einer weiteren T�r, an welcher ebenfalls ein Posten stand, der den Schein einer Laterne auf mich und meine beiden F�hrer richtete. Auch ihm wurde eine kurze Erkl�rung gegeben, w�hrend der ich die Worte Seiner Hoheit h�rte, welches der Titel war, den Cromwell sich letzthin zugelegt hatte.</p><p>Sie schoben mich durch diese zweite T�r, schlossen sie hinter mir und lie�en mich im Dunkel allein.</p><p>Da ich absolut unwissend war, wo ich mich befand, hielt ich es f�r das Kl�gste, ganz still stehen zu bleiben, denn jeder Schritt, den ich tat, h�tte mich in Gefahr bringen k�nnen; der R�ckzug war mir offensichtlich sowieso abgeschnitten.</p><p>Dar�ber hinaus mu�ten jene, die mich hergebracht hatten, ja wohl irgendwelche Absichten damit verfolgen, und es war in jedem Falle besser, sie diese entwickeln zu lassen, statt selber Schritte zu unternehmen, was f�r mich h�chst gef�hrlich h�tte werden k�nnen.</p><p>Ich erhielt auch bald die Best�tigung, da� dies die beste Politik gewesen war, denn pl�tzlich fiel ein greller Lichtschein auf mich, und ich h�rte eine m�rrische Stimme sagen:</p><p>�Wer geht da? Los, hierher!�</p><p>Ich ging in die angegebene Richtung und gelangte durch eine offene T�r in ein kleines Apartment, in welchem ich, vor einem gew�hnlichen Kartentisch und die geballten F�uste darauf gest�tzt, niemand anderen als Oliver Cromwell selbst vorfand.</p><p>�So, Sir�, sagte er, �Royalisten und andere Elemente wollen das Land also in Aufruhr und Verderb st�rzen. Ist es nicht so? Los, antworten Sie mir.�</p><p>�Ich habe keine Antwort, die ich darauf geben k�nnte, Eure Hoheit�, sagte ich.</p><p>�So, bei Gott, keine Antwort k�nnen Sie mir geben, w�hrend in Ihrem eigenen Haus der f�r vogelfrei erkl�rte Sekret�r des Herzogs von Cleveland versteckt ist.�</p><p>Ich f�hlte mich wie vor den Kopf geschlagen und war sicher, von jemandem verraten worden zu sein, aber ohne mir Zeit f�r eine Antwort zu geben, fuhr er in raschem Tonfall fort:</p><p>�Der HERR ist gn�dig, und ebenso sind wir es, aber der B�sewicht mu� gefa�t werden, weshalb die beiden gottesf�rchtigen M�nner mit ihren kurzen Karabinern, geliebte Soldaten des Commonwealth, Sie jetzt begleiten werden. Sie werden den B�sewicht aus Ihrem Haus herausf�hren, w�hrend die beiden gottesf�rchtigen Dragoner sich im Schatten hinter Ihnen halten werden. Sie bringen ihn dann zum Flu� hinunter, wo, sofern der HERR will, ein Boot mit einem kleinen blauen Zeichen am Bug warten wird, an Bord dessen Sie ihn setzen und ihm gute Reise w�nschen werden.�</p><p>Er hielt inne und fixierte mich scharf in dem schwachen Licht, das in dem Apartment herrschte.</p><p>�Und dann, Eure Hoheit?� fragte ich.</p><p>�Dann werden Sie morgen bei uns f�r eine betr�chtliche Summe vorsprechen, welche Ihnen f�r den Dienst zusteht, den Sie dem Commonwealth geleistet haben. Ja, es soll sich f�r Sie als h�chst profitabel erweisen, f�r die Sache des HERRN gek�mpft zu haben.�</p><p>Ich mu� gestehen, ich hatte von diesem Gespr�ch ein ganz anderes Resultat erwartet; ich hatte sogar gef�rchtet, da� meine Freiheit, mein Leben in Gefahr w�re. Cromwell war ein Mann, mit dem nicht gut Kirschen essen war. Ich kannte diese Gefahr und war nicht gewillt, mich etwa f�r Master Latham zu opfern.</p><p>�Ich werde tun, wie Eure Hoheit befehlen�, sagte ich deshalb auch sofort.</p><p>�So, wirklich?� erwiderte er. �Nun, wenn Sie mir nicht gehorchten, w�rden Sie auch sofort meinen starken Arm zu sp�ren bekommen. Ho, hallo? Gottf�rchtiger Simpkins, sind Sie da drau�en?�</p><p>�Ja, so der HERR will�, sagte ein Dragoner, der in der T�r erschien.</p><p>Cromwell machte ihm lediglich mit der Hand ein Zeichen, woraufhin Simpkins mich fest am Oberarm packte, als w�re ich ein ertappter Dieb, und mich wieder durch den Gang f�hrte, in welchem die beiden Posten standen.</p><p>Ein paar Augenblicke darauf fand ich mich wieder in der Obhut meiner beiden fr�heren W�chter wieder; �u�erst forschen Schrittes setzten wir uns in Richtung meines Hauses in Marsch.</p><p>Es war keine sehr angenehme Aff�re, in welchem Licht ich es auch betrachten mochte; aber was Cromwell betraf, so kannte ich meine Zwangslage, und es w�rde mir �bel bekommen sein, wenn ich auch nur eine Sekunde gez�gert h�tte, ihm zu gehorchen. Andererseits wu�te ich, wie gro�z�gig er solche Dienstleistungen zu belohnen pflegte, und rechnete mir daher aus, da� ich durch die Transaktion in den Besitz einer guten runden Summe kommen w�rde, wozu noch die f�nfzig Pfund kamen, die ich bereits von den Royalisten erhalten hatte. In der Tat, die Sache war so lukrativ, da� ich, w�hrend wir durch die n�chtlichen Stra�en zu meinem Haus zur�ckgingen, schon �berlegte, ob ich mich nicht ganz in die Dienste des Protektors von England stellen sollte.</p><p>�Wenn ich das tue�, argumentierte ich im stillen, �und dabei weiterhin meine Beziehungen zu den Royalisten unterhalte, m��te sich daraus eigentlich ein flottes Gesch�ft entwickeln lassen.�</p><p>Aber es wird gleich zu sehen sein, da� widrige Umst�nde all diesem Tr�umen ein j�hes Ende setzten.</p><p>Als wir zu meinem Hause kamen, war das erste, was ich sah, da� mein Sohn, der mir die T�r ge�ffnet hatte, sich mit der Hand �ber die Augenbraue fuhr, als sei er m�de geworden; er kam auf mich zugerannt, klammerte sich an meinen Arm und fl�sterte mir aufgeregt etwas zu.</p><p>Ich war im Moment jedoch so ver�rgert, da� ich die Beherrschung verlor, ohne die Folgen zu bedenken, mit der geballten Faust ausholte und ihn zu Boden schlug. Er fiel mit dem Hinterkopf genau auf einen der gro�en runden Steine, mit denen die Stra�e gepflastert war, und atmete sein Leben aus. Ich hatte ihn ermordet.</p><empty-line/><p>Ich wei� nicht, was unmittelbar nach dieser schrecklichen Tat geschah; ich kann mich nur noch erinnern, da� es eine gro�e Konfusion gab, ein Herumblitzen von Lichtern, und es schien mir, als ob mich irgend etwas pl�tzlich mit gro�er Gewalt zu Boden schleuderte.</p><p>Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einer kleinen schmalen Liege wieder, aber in einem sehr gro�en, nur d�mmrig erhellten Raum, in dem noch viele andere solcher kleinen Betten entlang den W�nden standen. Das d�rftige Licht erm�glichte mir gerade noch, mich ein wenig umzusehen und ein paar herumschleichende, finster aussehende Gestalten zu erkennen.</p><p>Ich war in dem Hospital, das der Protektor k�rzlich in der City hatte errichten lassen.</p><p>Ich versuchte zu sprechen, konnte es aber nicht; die Zunge schien mir am Gaumen festgeklebt zu sein; und auch mein Gesichtssinn tr�bte sich jetzt; ich konnte die schemenhaften, d�steren Gestalten um mich herum kaum noch erkennen.</p><p>Dann fa�te jemand mein Handgelenk, und ich h�rte den Betreffenden ganz deutlich sagen:</p><p>�Mit dem hier geht es jetzt zu Ende.�</p><p>Pl�tzlich schien es mir, als ob sich irgend etwas mit erdr�ckender Kraft auf meine Brust senkte, und ich war mir dumpf bewu�t, da� ich verzweifelt nach Atem rang; dann glaubte ich, ich bef�nde mich auf dem Grund des Meeres. Einen Moment, wirklich nur einen Moment lang, sp�rte ich eine schreckliche Todesqual, und dann kam da ein zischendes Ger�usch wie das Rauschen von Wasser, wonach ich ganz deutlich sp�rte, da� ich von jemandem auf den Armen hochgehoben wurde. Ich wurde dann wieder hingelegt, und meine Glieder f�hlten sich taub und kalt an; ein heftiger Krampf durchlief meinen ganzen K�rper; ich schlug die Augen auf und fand mich im Freien liegend wieder, neben einem frisch ausgehobenen Grab.</p><p>Der Vollmond stand hoch am Himmel, und seine k�hlen Strahlen fielen auf mein Gesicht. Eine Stimme klang mir in den Ohren, eine tiefe und feierliche Stimme; schmerzlich deutlich war jedes Wort, das sie sprach.</p><p>�Mortimer�, sagte sie, denn das war mein Name, �Mortimer, in deinem Leben hast du eine Tat begangen, die dich ein f�r allemal der Hoffnung beraubt, da� man sich an irgend etwas aus diesem deinem Leben in jener Welt, die nach dem Tode kommt, zu deinem Vorteil erinnern wird. Du hast den reinen Quell der Gnade vergiftet, und auf jemanden wie dich kann niemals auch nur ein Schimmer der Gro�z�gigkeit und Vergebung des Himmels fallen. M�rder, M�rder jenes Wesens, das dir vom gro�en Sch�pfer zur unverletzlichen Obhut anvertraut war, lebe hinfort als f�r immer verflucht. Sei dir selbst eine Widerw�rtigkeit und ein Ekel, gemieden von allem, was gut und rechtschaffen ist. Stehe allen Menschen als Feind gegen�ber, und alle Menschen sollen als Feinde dir gegen�berstehen: Varney, dem Vampir.�</p><p>Taumelnd kam ich auf die Beine und sah, da� die Szene um mich herum ein Friedhof war. Ich war hager und ausgemergelt; meine Kleider hingen an mir wie an einem Skelett, und der klamme Geruch des Grabes haftete ihnen noch an. Ich begegnete einem alten Mann und fragte ihn, wo ich sei. Er sah mich an mit einem Erschaudern, als w�re ich gerade irgendeinem Beinhaus entkommen.</p><p>�Wieso, dies ist Isledon�, sagte er.</p><p>Helles Glockenl�uten klang pl�tzlich durch die laue Nachtluft.</p><p>�Was bedeutet das?� fragte ich.</p><p>�Wieso, dies ist der Jahrestag der Restauration.�</p><p>�Der Restauration? Welcher Restauration?�</p><p>�Wieso, der k�niglichen Familie der Stuarts auf den Thron, das ist doch klar. Genau heute vor einem Jahr kehrte sie auf ihren Thron zur�ck. Haben Sie so lange geschlafen, da� Sie das �berhaupt nicht wissen?�</p><p>Ich erschauderte und ging weiter, entschlossen, eingehendere Erkundigungen einzuziehen, aber mit solcher Vorsicht, da� das Ausma� meiner Unwissenheit nicht sichtbar wurde; das Resultat war f�r mich h�chst erstaunlichen Charakters.</p><p>Ich fand heraus, da� ich beinahe zwei volle Jahre in Todestrance gelegen hatte und in dieser Zeit gro�e politische Ver�nderungen stattgefunden hatten. Die ins Exil getriebene k�nigliche Familie war wieder in den Thron eingesetzt worden; die wohl erstaunlichste Umkehr der Gef�hle, die jemals in einer Nation registriert worden ist, hatte sich in England vollzogen.</p><p>Aber ich pers�nlich war noch nicht zu dem ganzen Schrecken dessen erwacht, was ich an Worten an mich gerichtet geh�rt hatte, sondern ma� dem noch keine sehr klar umrissene Bedeutung zu.</p><p>Nein, ich war mir noch beileibe nicht des ganzen Horrors dessen bewu�t, was ich nunmehr war, aber ich sollte bald genug herausfinden, was die Worte, welche jenes mysteri�se Wesen zu mir gesprochen hatte, bedeuteten. Ich war ein verfluchtes Wesen, das von allen Menschen gemieden wurde, ein Abscheu, eine Widerw�rtigkeit und ein Ekel.</p><p>Ich f�hlte mich ganz krank und schwach, als ich durch die Stra�en der Stadt ging, und doch ekelte mich der Anblick von allem E�baren, das ich irgendwo sah.</p><p>Ich kam zu meinem einstigen Haus und sah, da� es niedergebrannt worden war; nur noch ein Haufen verkohlter Ruinen befand sich dort, wo es einst gestanden hatte.</p><p>Aber selbst an jener Ruine hatte ich noch lebhaftes Interesse, denn von Zeit zu Zeit hatte ich betr�chtliche Summen Geldes unter dem Boden des untersten Zimmers vergraben, und da von diesem geheimen Schatz nur ich etwas wu�te, hatte ich allen Grund zu der Annahme, da� er dort unber�hrt geblieben war.</p><p>Ich wartete ab, bis der Mond von ziehenden Wolken verdunkelt wurde, und dann, mit meiner intimen Kenntnis der �rtlichkeit, begann ich in der Ruine zu graben, entfernte den Schutt, bis ich fast zu jener Stelle vorgedrungen war, an der immer noch mein Gold versteckt liegen mu�te.</p><p>Aber dann �berraschte mich der Morgen, ich konnte nicht mehr weitergraben, und so versteckte ich mich in der Ruine, die einmal mein Heim gewesen war, den ganzen langen Tag, ohne mich auch nur einmal aus meinem Versteck herauszur�hren.</p><p>Oh, es war ein elend langer, qualvoller Tag. Ich konnte das fr�hliche Plappern spielender Kinder h�ren. Ganz in der N�he war ein Gasthaus, und ich konnte dort ger�uschvolle Zecher Lieder gr�hlen h�ren, die w�hrend des Commonwealth strengstens verboten gewesen waren.</p><p>Ich sah in der N�he von dort, wo ich verborgen lag, einen armen Ungl�ckswurm, der beinahe zu Tode gejagt worden war; denn der Art seiner Kleidung und der Fasson seines Haarschnitts nach geh�rte er jener Partei an, die inzwischen die Macht verloren hatte und deren Mitglieder unerbittlich verfolgt wurden.</p><p>Aber endlich kam die langerwartete Nacht. Sie war so dunkel wie die vorige, was mir nat�rlich sehr willkommen war.</p><p>Ich hatte in den Tr�mmern ein altes, rostiges Messer gefunden, mit dem ich mich nun daran machte, meinen Schatz auszugraben. Und das Gl�ck war mir hold, denn ich fand alles so, wie ich es einst gelassen hatte. Nicht eine Guinea war entfernt worden, obwohl es in der unmittelbaren Nachbarschaft Leute gab, die f�r einen solchen Goldschatz, wie ich ihn gehortet hatte, bedenkenlos ein Menschenleben geopfert h�tten.</p><p>Ich zog keinerlei Erkundigung �ber irgend jemanden ein, der zu meinem Haus geh�rt hatte, denn ich f�rchtete, nur schreckliche oder allenfalls ausweichende Antworten zu bekommen. Aber eine kleine, h�chst interessante Information erhielt ich doch, als ich die Ruine verlie�, obwohl ich nicht darum gebeten hatte.</p><p>�He�, sagte einer von zwei M�nnern, die vor dem Grundst�ck stehengeblieben waren, �hast du schon jemals einen derart armen Teufel gesehen?�</p><p>�Du meine G�te, ja�, sagte der andere. �Sein Anblick w�rde gen�gen, einem den Kanarienvogel sauer zu machen. Er scheint aus der Ruine des Mortimer-Hauses herausgekommen zu sein. Apropos, hast du jemals geh�rt, was aus dem eigentlich geworden ist?�</p><p>�Ja, sicher. Der wurde doch bei irgendeinem Krawall von zwei von Cromwells Dragonern erschossen.�</p><p>�Ja, jetzt entsinne ich mich. Er hatte seinen Sohn ermordet, nicht wahr?�</p><p>Ich ging weiter. Jene Worte schienen mir wie ein Feuerstrahl durch das Gehirn zu fahren, und ich f�rchtete, der Sprecher k�nnte das Thema noch breiter ausf�hren.</p><p>Ein leiser Nieselregen hatte inzwischen zu fallen begonnen, der bewirkte, da� die Stra�en v�llig verlassen dalagen, aber bestens vertraut, wie ich mit der Stadt war, ging ich weiter, bis ich in jenes Viertel kam, das haupts�chlich von Juden bewohnt wird, von denen ich wu�te, da� sie mein Geld nehmen w�rden, ohne mir l�stige Fragen zu stellen, was ich ben�tigte. Und so geschah es auch. Kaum war eine weitere Stunde vergangen, da tauchte ich reich gekleidet wie ein Kavalier jener Epoche auf und hatte dem geflissentlichen Israeliten f�r die Kleidung kaum mehr als das Vierfache gezahlt, was sie in Wirklichkeit wert war.</p><p>So stand ich nun mitten in London mit mehreren hundert Pfund in der Tasche und der schrecklichen Ungewi�heit im Herzen, wer oder was ich selber war.</p><p>Ich wurde langsam immer schw�cher und schw�cher; ich f�rchtete, ohne eigenes Quartier bald jemandem zum Opfer zu fallen, der � wenn er sah, wie entkr�ftet ich war � mich trotz des formidablen Rapiers an meiner Seite um alles berauben w�rde, was ich besa�.</p><p>Meine ganze fr�here Karriere ist viel zu lang und wildbewegt gewesen, als da� ich von ihr hier auch nur eine kurze Schilderung geben k�nnte. Alles, was ich hier berichten will, ist, wie ich zu der �berzeugung kam, da� ich ein Vampir war und das Menschenblut die einzige mir bek�mmliche, meine neue Existenz erhaltende Nahrung war.</p><p>Ich ging weiter, bis ich in eine Stra�e kam, wo sehr gro�e, aber unmoderne und heruntergekommene H�user standen, die sich jetzt zumeist im Besitz von Personen befanden, die sich ein Gewerbe daraus machten, einzelne Apartments zu vermieten; dort hoffte ich, eine sichere Bleibe zu finden.</p><p>Da ich keinerlei Schwierigkeiten �ber die Mietbedingungen machte, fand ich auch bald etwas Passendes; ich wurde in eine leidlich h�bsche Suite von Zimmern in dem Haus einer anst�ndig aussehenden Witwe gef�hrt, die zwei junge, bl�hende T�chter hatte, die mich, den neuen Mieter, mit allem anderen als wohlgef�lligen Blicken betrachteten; mit meinem gespenstischen, kadaverhaften Aussehen versprach ich ihnen wohl kaum, ein angenehmer Hausgef�hrte zu werden.</p><p>Nun, darauf war ich vorbereitet gewesen, denn ich hatte inzwischen einen Blick in den Spiegel geworfen, und der hatte gen�gt; ich kann wohl behaupten, niemals ist ein schrecklicheres Skelett, angetan mit Samt und Seide, durch die Stra�en der City gewandelt.</p><p>Als ich mich auf mein soeben erst gemietetes Zimmer zur�ckgezogen hatte, f�hlte ich mich so schwach und krank, da� ich kaum noch einen Fu� dem anderen nachziehen konnte; verzweifelt �berlegte ich, was ich dagegen tun k�nnte, als pl�tzlich ein seltsames Gef�hl �ber mich kam, was mir vielleicht schmecken w�rde � was, nun was? Blut, ja, rotsch�umendes, frisches Blut, das gleich Font�nen aus den Venen eines keuchenden Opfers sprudelt.</p><p>Eine Uhr im Treppenhaus schlug ein Uhr nachts. Ich stand von meinem Bett auf und horchte; im Haus war alles still � still wie in einem Grab.</p><p>Es war ein gro�es, altes, weitverzweigtes Geb�ude, das zweifelsohne einmal einem reichen und bedeutenden Mann seiner Zeit geh�rt hatte. Mein Zimmer war eines von sechs, die von einem Korridor von betr�chtlicher L�nge abgingen, der quer durch das ganze Haus f�hrte.</p><p>Auf diesen Korridor schlich ich hinaus und horchte erneut, volle zehn Minuten lang, aber ich h�rte nicht das leiseste Ger�usch, au�er meinem eigenen verhaltenen Atem. Das erk�hnte mich in meinem mit jedem Augenblick noch wachsenden Appetit auf frisches Blut so, da� ich mich zu fragen begann, aus wessen Venen ich mir am besten diese St�rkung und Nahrung holen k�nnte.</p><p>Aber wie hatte ich da vorzugehen? Wie sollte ich wissen, welchen Schl�fer in dem gro�en Haus ich am ungef�hrdetsten attackieren konnte, denn da� ich dazu jemanden attackieren mu�te, war mir inzwischen nat�rlich klar. Ich stand da wie ein b�ser Geist, der �ber die Mittel und Wege nachsann, sich ein Opfer zu holen.</p><p>Und gerade da kam wieder ein neuer Schw�cheanfall �ber mich, jenes entsetzliche Schw�chegef�hl, das mit jedem Moment st�rker wurde und mich v�llig zu �bermannen drohte. Ich f�rchtete, da� ich nach einem neuerlichen Schw�cheanfall nicht mehr imstande sein w�rde, wieder aufzustehen; und so seltsam das auch erscheinen mag, ich hing pl�tzlich verzweifelt an diesem neuen Leben, das mir da gegeben worden war. Ich schien bereits mit allen dessen Schrecken, aber noch nicht mit dessen Freuden vertraut zu sein.</p><p>Pl�tzlich lichtete sich das Dunkel in dem Korridor, weicher Silberschein fiel herein, und ich sagte mir:</p><p>�Der Mond mu� aufgegangen sein.�</p><p>Ja, tats�chlich war der helle und sch�ne Mond, der solch einen wiederbelebenden Einflu� auf mich gehabt hatte, als ich inmitten der Gr�ber gelegen hatte, hinter einer Wolkenbank am �stlichen Himmel hervorgekommen, und sein Schein fiel zu einem kleinen Fenster herein. Das Mondlicht erf�llte von dort aus den ganzen Korridor, ihn zwar nur schwach, aber wirksam genug erhellend, um mich ganz klar die verschiedenen T�ren erkennen zu lassen, die in die diversen Zimmer f�hrten.</p><p>Und so kam es, da� ich zwar gen�gend Licht hatte f�r alles, was ich unternehmen wollte, aber sonst keinen weiteren Anhalt.</p><p>Die Mondstrahlen, die mir ins Gesicht fielen, schienen mir jedoch vor�bergehend neue Kr�fte zu verleihen. Erst viel sp�ter lernte ich aus Erfahrung kennen, da� sie auf mich immer eine solche belebende Wirkung haben, aber schon damals sp�rte ich es, obwohl ich diese Wirkung noch keineswegs dem k�niglichen Himmelsgestirn der Nacht zuschrieb.</p><p>Ich ging den Korridor entlang und sp�rte pl�tzlich einen Einflu�, der mich zu einer bestimmten T�r hinzog. Ich wei� nicht, wie und woher das kam, aber ich legte meine Hand auf den T�rgriff und sagte mir sofort:</p><p>�Da drinnen werde ich mein Opfer finden.�</p><p>Ich hielt jedoch erst noch einen Moment inne, denn pl�tzlich wurde mir bewu�t, welch schreckliche Tat ich zu begehen im Begriff war und welch schwere Konsequenzen sich daraus vielleicht f�r mich ergeben konnten. Selbst nachdem ich so weit gegangen war, w�re ich vielleicht immer noch vor der Tat selbst zur�ckgezuckt, wenn ich nicht gerade im n�mlichen Augenblick einen neuen Schw�cheanfall gesp�rt h�tte, so entsetzlich und verheerend, da� ich �berzeugt war, es w�rde mein sicherer Tod sein, wenn ich nicht sofort etwas dagegen untern�hme.</p><p>Daraufhin z�gerte ich nicht mehr l�nger; ich dr�ckte die Klinke nieder, glaubte aber sicher, dadurch entdeckt zu werden. Und so lie� ich die T�r etwa einen Zollbreit offenstehen und floh zu meinem eigenen Zimmer zur�ck.</p><p>Ich horchte gespannt, aber es erfolgte weder ein Alarm, noch r�hrte sich etwas in irgendeinem der anderen Zimmer � die gleiche toten�hnliche Stille wie vorher lag �ber dem Haus, und ich hatte das Gef�hl, da� ich immer noch sicher war.</p><p>Ein weicher Strahl von gelbem Licht war durch den Spalt jener T�r gefallen, als ich sie ge�ffnet hatte. Er mischte sich seltsam mit dem silbrigen Mondlicht, und ich schlo� daraus, korrekt genug, wie ich sp�ter feststellte, da� in dem Zimmer eine Lampe brannte.</p><p>Es dauerte weitere zehn Minuten, bis ich mich wieder soweit gefa�t hatte, da� ich aus meinem Zimmer schl�pfen und zu jenem des mir vom Schicksal bestimmten Schl�fers zur�ckschleichen konnte; aber schlie�lich sagte ich mir, da� ich es nun gefahrlos tun k�nnte; au�erdem schwand die Nacht schnell dahin. Wenn �berhaupt, dann mu�te ich sofort handeln, ehe das erste Licht des Morgengrauens die Geister der Nacht vertrieb, und vielleicht blieb mir dann gar keine Kraft mehr, noch zu handeln.</p><p>�Was�, sagte ich mir, �wird nach weiteren vierundzwanzig Stunden Ersch�pfung aus mir geworden sein? Werde ich dann noch die Kraft haben, die Wahl zu treffen, was ich will und was ich nicht will? Nein, noch einmal vierundzwanzig Stunden Entkr�ftung werde ich wahrscheinlich nicht �berleben.�</p><p>Dies war es, was f�r mich den Ausschlag gab. Mit �u�erster Vorsicht und auf Zehenspitzen n�herte ich mich erneut jener Schlafzimmert�r, die ich spaltbreit ge�ffnet hatte.</p><p>Diesmal z�gerte ich nicht mehr, sondern �berquerte sofort die Schwelle und sah mich um. Es war die Schlafkammer der j�ngeren Tochter meiner Wirtin, die nach meiner Sch�tzung etwa sechzehn Jahre alt war. Wohl aufgrund meiner schrecklichen Erscheinung waren mir die T�chter soweit wie m�glich aus dem Weg gegangen, so da� ich mir noch gar kein genaueres Urteil �ber ihr Alter und ihr Aussehen hatte bilden k�nnen.</p><p>Ich wu�te nur, es war die j�ngere, denn sie trug ihr Haar lang, und sie trug es in Locken, die lose �ber das Kissen fielen, auf welchem sie schlief, w�hrend ihre �ltere Schwester, wie ich bemerkt hatte, ihr Haar glatt und vom Nacken aus hochgesteckt trug.</p><p>Ich stand neben dem Bett und sah auf dieses h�bsche M�dchen herab, das in dem ganzen Stolz seiner jungen Sch�nheit schlummerte. Seine Lippen waren geteilt, als s�he es in seinem Traum irgendein angenehmes Bild, das es selbst im Schlaf noch l�cheln lie�. Sie murmelte auch zweimal ein Wort, welches ich f�r den Namen von irgend jemandem hielt � vielleicht das Idol ihres jungen Herzens �, aber er war zu undeutlich ausgesprochen, als da� ich ihn verstand; und es k�mmerte mich auch nicht, was da vielleicht ihr geh�tetes Geheimnis war. Ich legte keinen weiteren Wert auf ihre Zuneigung, noch war ich irgendwie eifers�chtig; bald w�rde sie mich sowieso verabscheuen und abgrundtief hassen.</p><p>Einer ihrer zarten, exquisit gerundeten Arme lag auf der Bettdecke; auch ihr alabasterwei�er Hals war teilweise meinem Blick ausgesetzt, aber ich empfand keine Liebesleidenschaft � Nahrung war es, was ich wollte.</p><p>Ich sprang auf sie drauf. Sie stie� einen gellenden Schrei aus, aber nicht, bevor ich mir einen langen Zug von Lebensblut aus ihrem Hals gesichert hatte. Der gen�gte mir. Ich sp�rte, wie er mir wie Feuer durch die Venen rann, und ich f�hlte mich sofort gekr�ftigt. Von diesem Moment an wu�te ich, was k�nftig meine Nahrung sein w�rde; es war Blut � das Blut von Zarten und Sch�nen.</p><p>Das Haus war sofort alarmiert und aufgeschreckt, aber nicht, bevor ich mich zur�ck auf mein eigenes Zimmer hatte fl�chten k�nnen. Ich war nur teilweise angezogen, und jene paar Kleider warf ich ab, stieg in mein Bett und t�uschte vor zu schlafen. Und als dann der Gentleman, der gleichfalls im Haus schlief und von dessen Anwesenheit ich bis dahin nichts gewu�t hatte, laut an meine T�r klopfte, tat ich so, als w�rde ich erschreckt erwachen, und rief mit �ngstlicher Stimme:</p><p>�Was ist? Was ist? Um Gottes willen, sagen Sie mir, steht das Haus in Flammen?�</p><p>�Nein, nein � aber stehen Sie auf, Sir, stehen Sie auf. Jemand Fremder ist im Haus. Ich glaube, ein Mordversuch ist gemacht worden, Sir.�</p><p>Ich stand auf und �ffnete die T�r, so da� er bei dem Licht der Kerze, die er in der Hand hielt, sehen konnte, da� ich mich erst ankleiden mu�te; er war selbst nur halb angezogen, unter dem Arm trug er seinen Degen.</p><p>�Eine merkw�rdige Sache�, sagte er, �aber ich habe ganz deutlich einen Alarmschrei geh�rt.�</p><p>�Ich ebenfalls�, sagte ich, �aber ich glaubte, ich h�tte nur getr�umt.�</p><p>�Hilfe! Hilfe! Hilfe!� schrie die Witwe, die aufgestanden war, aber noch auf der Schwelle ihrer eigenen Kammer stand. �Diebe! Diebe!�</p><p>Bis dahin hatte ich mich soweit angekleidet, da� ich geziemend in Erscheinung treten konnte; ebenfalls meinen Degen unter dem Arm, kam ich in den Korridor hinaus.</p><p>�Oh, Gentlemen � Gentlemen!� jammerte die Wirtin. �Haben Sie auch etwas geh�rt?�</p><p>�Ja, einen Schrei, Madam�, sagte mein Mitmieter. �Haben Sie schon in die Schlafkammern Ihrer T�chter geschaut?�</p><p>Das Zimmer der j�ngeren Tochter lag am n�chsten, und in dieses ging sie deshalb zuerst. Einen Moment darauf erschien sie wieder auf der Schwelle, im Gesicht wei� wie ein Laken, rang die H�nde und st�hnte:</p><p>�Mord! Mord! Mein Kind � mein Kind ist ermordet worden, Master Harding.� Das war der Name meines Mitmieters.</p><p>�Rei�en Sie eines der Fenster auf und rufen Sie nach der Wache�, sagte er zu mir. �Ich werde das Zimmer durchsuchen, und wehe jedem, den ich unerlaubt in dessen W�nden finde.�</p><p>Ich tat, wie er gesagt hatte, lehnte mich aus dem Fenster und rief nach der Wache, aber keine Wache kam; dann, bei einem zweiten Besuch im Zimmer ihrer Tochter, stellte die Wirtin fest, da� diese nur ohnm�chtig war und da� sie sich durch das Blut an ihrem Hals hatte t�uschen lassen, sie sei ermordet worden; daraufhin kam das Haus wieder halbwegs zur Ruhe, und da jetzt sowieso der Morgen nahe war, zog Mr. Harding sich wieder auf sein Zimmer zur�ck und ich mich auf das meine, und wir �berlie�en es der Wirtin und ihrer �lteren Tochter, am Bett der j�ngeren zu wachen.</p><p>Wie herrlich wiederbelebt ich mich f�hlte � ich war eine v�llig neue Kreatur, als die hellen Sonnenstrahlen in mein Zimmer fielen. Ich kleidete mich an und wollte gerade das Haus verlassen, als Mr. Harding aus einem der Zimmer im Parterre trat und mich abfing.</p><p>�Sir�, sagte er, �ich habe nicht das Vergn�gen, Sie zu kennen, aber ich bin sicher, ein allgemeines Gef�hl von Anstand und Ritterlichkeit wird Sie veranlassen, alles in Ihren Kr�ften Stehende zu tun, einer so schrecklichen Bedrohung wie in der letzten Nacht vorzubeugen, damit sie sich nicht wiederholen kann.�</p><p>�Bedrohung, Sir?� sagte ich. �Bedrohung von wem und durch was?�</p><p>�Eine sehr berechtigte Frage�, sagte er, �aber gleichzeitig eine, die ich kaum beantworten kann. Das M�dchen behauptet, sie sei davon erwacht, da� jemand sie in den Hals bi�, und als Beweis daf�r weist sie auch tats�chlich Bi�spuren vor. So entsetzt ist sie dar�ber, da� sie erkl�rt, niemals wieder schlafen zu k�nnen.�</p><p>�Sie erstaunen mich�, sagte ich.</p><p>�Sicher, die Sache ist so erstaunlich, da� man niemandem die Zweifel verdenken kann, die er haben mag. Aber wenn Sie und ich, die wir beide Bewohner dieses Hauses sind, heute nacht in dem Korridor Wache halten w�rden, k�nnte das auf die Einbildung des jungen M�dchens eine beruhigende Wirkung haben, und vielleicht gelingt es uns dadurch, dem n�chtlichen St�renfried auf die Spur zu kommen.�</p><p>�Gewi߫, sagte ich, �ich stehe ganz zu Ihrer Verf�gung, und es wird mir ein Vergn�gen sein.�</p><p>�Gut, machen wir dann gleich jetzt aus, da� wir uns um elf Uhr abends in Ihrem oder meinem Apartment treffen.�</p><p>�In welchem immer Sie wollen, Sir. Welches Sie f�r das geeignetere halten.�</p><p>�Ich schlage meines vor, welches die letzte T�r im Korridor ist und wo ich mich gl�cklich sch�tzen werde, Sie um elf zu sehen.�</p><p>Es war da etwas an den Manieren dieses jungen Mannes, das mir nicht ganz gefiel, und doch konnte ich nicht zu einem positiven Schlu� kommen, ob er mich verd�chtigte; daher hielt ich es f�r voreilig, zu fliehen, wenn daf�r vielleicht �berhaupt kein Anla� bestand. Im Gegenteil, ich entschlo� mich, das Ergebnis des Abends abzuwarten, das vielleicht verh�ngnisvoll f�r mich sein w�rde, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls glaubte ich, mich schon irgendwie aus der Klemme ziehen zu k�nnen. Wenn mir tats�chlich vom Schicksal bestimmt war, in meiner neuen schrecklichen Existenz als ein von der menschlichen Gesellschaft Ausgeschlossener zu leben, gew�hnte ich mich lieber beizeiten daran und sah zu, wie ich mich aus solchen Schwierigkeiten retten konnte, die sich immer wieder ergeben w�rden.</p><p>Also verlie� ich mich auf meine eigene St�rke und gedachte, diese skrupellos zu nutzen; ich wartete in leidlich gefa�ter Haltung die Nacht ab.</p><p>W�hrend des Tages vergn�gte ich mich durch Spazierengehen und bemerkte die vielen Ver�nderungen, die in lediglich zwei Jahren in London vor sich gegangen waren. Aber es waren eben zwei sehr bedeutsame, schicksalhafte Jahre gewesen. Die Gef�hle und Gewohnheiten der Leute hatten eine v�llige Revolution durchgemacht, �ber welche ich noch mehr erstaunt war, als ich dann erfuhr, mit welch heimt�ckischem Verrat die Restauration der exilierten Stuart-Familie bewirkt worden war.</p><p>Der Tag ging weiter. Ich versp�rte keinerlei Bed�rfnis nach irgendwelchen Erfrischungen; ich f�hlte mich l�ngst wieder vollends hergestellt, und wenn ich ab und zu einen kr�ftigenden Schluck k�stliches Lebensblut bekam, wie in der letzten Nacht, w�rde das genug frisches Mark f�r meine Knochen sein. Davon war ich �berzeugt.</p><p>Als ich das Haus betrat, das ich zu meinem zeitweiligen Heim gemacht hatte, konnte ich sehen, da� mein Gef�hl, mein Aussehen h�tte sich inzwischen grundlegend verbessert, nicht von anderen geteilt wurde, denn die gesamte Familie schrak vor mir zur�ck, als sei ich mit einer ansteckenden Krankheit behaftet und als w�re die blo�e Luft, die ich atmete, hassenswert und verderblich. Ich war �berzeugt, da� in der Zwischenzeit �ber mich gesprochen worden war und da� ich jetzt wieder im h�chsten Grade verd�chtigt wurde. Sicher h�tte ich das Haus unverz�glich leise und still verlassen k�nnen, aber eine Art Trotzgef�hl wurde in mir wach, das mich davon abhielt.</p><p>Ich harte das Gef�hl, als sei ich verletzt worden und m��te mich deshalb gegen etwas wehren, das nach Unterdr�ckung aussah.</p><p>�Warum�, sagte ich, �bin ich eigentlich aus dem Grab gerettet worden? Nur um einem b�swilligen Schicksal als Spielball zu dienen? Gewi�, mein Verbrechen war schwer, aber daf�r habe ich auch genug gelitten, durch meine Todesqualen genug geb��t. Oder man h�tte mich lieber gleich da im Grab ruhen lassen sollen.�</p><p>Diese Gef�hle gewannen immer mehr Platz in meinem Denken, beherrschten mich bald v�llig, und in einer Art trotziger Verzweiflung glaubte ich deshalb, alle Pl�ne, mich noch weiter zu strafen, vereiteln zu m�ssen, selbst wenn dieses der Vorsehung selbst zuwiderlaufen sollte.</p><p>Dies war letztlich der Grund, warum ich mich nicht als Feigling zeigen und beim ersten Anzeichen von Gefahr fliehen wollte.</p><p>Ich sa� in meinem Zimmer, bis die Stunde meiner Verabredung mit Mr. Harding kam, ging dann zuversichtlichen Schrittes den Korridor hinauf, wobei ich die Spitze meiner Degenscheide �ber den Boden klappern lie�, und klopfte k�hn an seine T�r. Es schien mir, als z�gerte er ein wenig, ehe er mich bat, hereinzukommen, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.</p><p>Er sa� voll angekleidet an einem Tisch, und au�er seinem Degen hatte er vor sich auf dem Tisch eine riesige Pistole liegen, beinahe halb so lang wie ein Karabiner.</p><p>�Ich sehe, Sie sind gut vorbereitet�, sagte ich, indem ich auf die Pistole deutete.</p><p>�Ja�, sagte er, �und ich werde keineswegs z�gern, sie zu gebrauchen.�</p><p>�Was wollen die jetzt wieder?�</p><p>�Wer will was?� fragte er.</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte ich, �aber mir war so, als h�tte da gerade jemand unten im Haus Ihren Namen gerufen.�</p><p>�So, wirklich? Dann entschuldigen Sie mich bitte einen Moment, vielleicht haben sie unten etwas entdeckt.�</p><p>Es stand eine Karaffe Rotwein auf dem Tisch, und w�hrend Harding weg war, go� ich ein Glas voll vorn in den Lauf der Pistole hinein. Dann wischte ich die M�ndung sorgf�ltig mit der Manschette meines Jacketts ab, so da� �u�erlich nichts davon zu merken war, da� ich das Pulver durchn��t hatte.</p><p>Als er zur�ckkam, sah er mich argw�hnisch an und sagte:</p><p>�Niemand hat mich gerufen. Wie kommen Sie denn dazu, zu behaupten, jemand h�tte mich gerufen?�</p><p>�Weil ich glaubte, ich h�tte geh�rt, wie jemand Sie rief. Es wird einem Menschen ja wohl noch gestattet sein, sich dann und wann einmal zu irren.�</p><p>�Ja, aber ich bin dennoch �berrascht, wie Ihnen ein solcher Irrtum unterlaufen konnte.�</p><p>Es war nicht ganz einfach, ohne zu zucken seinem durchdringenden Blick standzuhalten, aber schlie�lich wandte er ihn ab, nahm seine Pistole in die Hand und �berpr�fte das Z�ndh�tchen. Das war nat�rlich in Ordnung, und offenbar befriedigt legte er die Pistole wieder hin.</p><p>�In den Korridor wird ein Tisch mit zwei St�hlen gestellt werden�, sagte er, �so da� wir dort ganz bequem sitzen k�nnen. Ich will keineswegs voraussagen oder behaupten, da� etwas geschehen wird, aber wenn, dann werde ich von diesen Waffen hier r�cksichtslos Gebrauch machen; das m�chte ich noch einmal wiederholen.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht und kann Ihnen das nur empfehlen�, sagte ich. �Jene Pistole da mu� eine schreckliche Waffe sein. Hat sie manchmal auch Fehlz�ndungen?�</p><p>�Nicht, da� ich w��te�, sagte er. �Au�erdem habe ich sie mit besonderer Sorgfalt geladen, und deshalb ist es beinahe ein Ding der Unm�glichkeit, da� sie ausgerechnet diesmal nicht losgehen sollte. Trinken Sie ein Glas Wein?�</p><p>Genau in diesem Augenblick kam von der Haust�r lautes Klopfen. Ich sah einen Ausdruck von Genugtuung �ber sein Gesicht kommen, er sprang auf die Beine und brachte die Pistole auf mich in Anschlag.</p><p>�Wissen Sie, was jenes Klopfen zu bedeuten hat?� sagte ich. �Zu solch einer Stunde?� Gleichzeitig schleuderte ich mit einer Armbewegung seinen Degen vom Tisch und damit au�erhalb seiner Reichweite.</p><p>�Ja�, sagte er ganz aufgeregt, �Sie sind mein Gefangener. Sie waren es, der letzte Nacht das Unheil und Durcheinander gestiftet hat. Das M�dchen ist bereit zu schw�ren, da� Sie es waren, und wenn Sie jetzt zu fliehen versuchen, blase ich Ihnen mit einer Kugel das Gehirn aus.�</p><p>�Feuern Sie nur auf mich, und nehmen Sie die Konsequenzen in Kauf�, sagte ich. �Aber auch die Drohung allein gen�gt mir schon, Sie werden f�r Ihre Unversch�mtheit sterben.�</p><p>Ich zog meinen Degen, und er w�hnte sich offenbar in unmittelbarer Lebensgefahr, denn er dr�ckte sofort die Pistole ab, mit der M�ndung direkt in mein Gesicht. Nat�rlich ging bei der nur das Pulver in der Pfanne los, sonst nichts, aber einen Moment darauf ging daf�r mein Degen durch ihn hindurch wie ein Blitz. Es war eine gute Klinge, die mir der Jude verkauft hatte � das Heft stie� gegen sein Brustbein, und er schrie auf.</p><p>Bum, bum, bum, kam es indessen wieder von der Haust�r. Ich zog die blutige Klinge zur�ck, rammte sie, w�hrend ich die Treppe hinunterraste, in die Scheide und kam unten gerade zurecht, meine Wirtin davon abzuhalten, die Haust�r zu �ffnen. Ich packte sie am Genick, schleuderte sie ein ganzes St�ck weit in den Flur nach hinten, �ffnete dann selber die Haust�r, trat hinter sie und lie� drei M�nner an mir vorbei ins Haus st�rzen. Dann kam ich hinter der T�r hervor, verlie� unauff�llig das Haus und war frei. Dieses letzte Abenteuer hatte mich weder besonders beeindruckt, noch verursachte mir der Tod Hardings irgendwelche Gewissensbisse; ich hatte ganz einfach nur getan, was getan werden mu�te, um mir die Freiheit zu erhalten.</p><p>Eilig ging ich die Stra�e entlang und schaute mich nicht ein einziges Mal um, bis ich weit genug weg war und mich sicher f�hlte, da� jede Verfolgung ausgeschlossen war.</p><p>Ich begann dann nachzudenken, was ich als n�chstes zu tun hatte.</p><p>Ich f�hlte mich durch die Blutmahlzeit, die ich bereits zu mir genommen hatte, zwar wieder kr�ftig belebt, aber ich war noch so neu in meiner Vampir-Existenz, da� ich nicht die mindeste Ahnung hatte, wie lange eine solche Mahlzeit in der Wirkung anhalten w�rde, mir weiter Leben und Kr�fte zu geben.</p><p>Dabei war es eine ganz merkw�rdige �bernat�rliche Art von Kr�ften, die ich in mir sp�rte und die absolut nichts gemeinsam hatten mit jenen, die ein normaler Mensch empfindet, wenn er sich im Vollbesitz seiner Vitalit�t f�hlt. Nein, bei mir war es mehr; ich sp�rte eine geradezu magische Kraft, der nichts widerstehen konnte, die alle Hindernisse einfach hinwegfegen w�rde.</p><p>Als ich schlie�lich stehenblieb, fand ich mich in der Pall Mall wieder, nicht weit vom St.-James-Palast entfernt, der letzthin so viele Wechsel erlebt hatte und Zeuge so vieler bemerkenswerter Ver�nderungen in den Aff�ren von Monarchen gewesen war, da� allein die nackten kommentarlosen Chroniken dar�ber einen dickleibigen W�lzer ergeben h�tten.</p><p>Ich schlenderte bis zu dem offenen Gitter des k�niglichen Palastes vor, doch als ich jenes Viereck betreten wollte, das der Colour-Court genannt wurde, wies ein Wachtposten mich r�de zur�ck.</p><p>So war es zu Zeiten Cromwells nicht gewesen, aber im Moment hatte ich v�llig vergessen gehabt, da� sich die Dinge inzwischen grundlegend ge�ndert hatten.</p><p>Ich beuge mich immer der Autorit�t, wenn ich sehe, da� kein Weg an ihr vorbeif�hrt, und so wandte ich mich auch jetzt sofort zur Seite, ohne irgendeine Bemerkung zu machen. Aber gerade, als ich das tat, sah ich, wie sich nicht weit von dort, wo ich stand, eine kleine T�r �ffnete, und zwei in dicke, braune M�ntel geh�llte Gestalten traten heraus.</p><p>Auf den ersten Blick sahen sie nicht gerade wie Standespersonen aus, aber wenn man ihre Gesichter, ihre Gestalten und ihr Gehabe ein paar Sekunden lang genauer beobachtete, wie ich es tat, kam man zwangsl�ufig zu dem Schlu�, da� es irgendwelche sehr hochgestellte Pers�nlichkeiten sein mu�ten.</p><p>Abenteuer war f�r mich das Leben selbst, jetzt, da ich alle anderen Bande an die irdische Welt abgesch�ttelt hatte, und ich hatte eine r�cksichtslose Verachtung f�r alle Gefahren, was bei meiner einzigartigen gefeiten Art von Existenz nur nat�rlich war. Ich beschlo�, diesen beiden M�nnern dicht genug zu folgen.</p><p>�Sollen wir uns ein Vergn�gen machen?� sagte der eine.</p><p>�Ich bin sicher, da� uns die Ladies welches liefern werden�, entgegnete der andere.</p><p>�Und doch waren sie bei unserem letzten Zusammentreffen ziemlich sch�chtern, finden Sie nicht auch, Rochester?�</p><p>�Eure Majest�t ��</p><p>�Pst, Mann, pst! Seien Sie doch nicht so unvorsichtig, mich in �ffentlichen Stra�en mit Majest�t anzureden. Wenn ein Lauscher das h�rt, k�nnte es einen Hofskandal geben. Ich mu� Sie doch bitten, etwas vorsichtiger zu sein.�</p><p>�Aber der Name Rochester, den Sie gerade fallenlie�en, k�nnte ebenso leicht einen Hofskandal heraufbeschw�ren wie der ��</p><p>�Pst, pst! Sagte ich tats�chlich gerade Rochester? Nun, nun, Mann, behalten wir Namen und Titel also f�r uns und kommen Sie schnell. Wenn wir die Ladys �berzeugen k�nnen, herauszukommen, k�nnen wir mit ihnen in den Garten des Palastes gehen. Ich habe den Schl�ssel zu jener bequemen kleinen T�r in der Mauer, die uns schon mehr als einmal gedient hat.�</p><p>Nat�rlich hatte ich danach keinerlei Schwierigkeiten mehr, in dem einen Sprecher den restaurierten Monarchen, Charles den Zweiten, zu erkennen und in dem anderen seinen Favoriten und ausschweifenden Begleiter, Rochester, von dem ich schon allerhand geh�rt hatte, obwohl ich noch nicht lange genug wieder in dem Reich der Lebenden weilte, um schon einmal Gelegenheit gehabt zu haben, einen von ihnen zu sehen. Aber nachdem sie solcherma�en selbst bekannt hatten, wer sie waren, w�rde ich sie von nun an jederzeit wiedererkennen.</p><p>Ich hatte mich sorgf�ltig au�er Sicht gehalten, w�hrend der kleine Dialog gef�hrt worden war, und so entdeckten sie mich nicht, obwohl sie mehr als einmal argw�hnische Blicke um sich geworfen hatten. Befriedigt, da� ihr unvorsichtiges Gespr�ch keinen Schaden angerichtet hatte, gingen sie eilig weiter in Richtung Pimlico.</p><p>Charles und sein Begleiter hatten also nicht die mindeste Ahnung, welch ein schreckliches Wesen sich an ihre Fersen geheftet hatte. Wenn der K�nig auch leichtsinnig genug war, so da� man ihm gefahrlos h�tte folgen k�nnen, warf Rochester st�ndig lauernde, argw�hnische Blicke um sich, und mehr als einmal war ich dicht davor, von ihm entdeckt zu werden, entging dem aber durch mein geschicktes Verhalten und meine Behendigkeit.</p><p>Pimlico war zu jener Zeit eine trostlose Gegend und weit von dem entfernt, was es heute ist. Aber sowohl der K�nig als auch Rochester schienen sich dort bestens auszukennen; sie gingen eine betr�chtliche Strecke schnurstracks weiter, bis sie in eine schmale, �de und verlassen daliegende Stra�e kamen, die auf beiden Seiten nicht von H�usern, sondern von Gartenmauern eingefa�t war. Nach der H�he und Festigkeit dieser Mauern zu urteilen, mu�ten die H�user, die dahinter standen, von einiger Bedeutung sein.</p><p>�Bravo, bravissimo�, sagte der K�nig. �Es ist uns gelungen, derart weit in feindliches Territorium vorzudringen, ohne bisher beobachtet worden zu sein.�</p><p>�So scheint es�, entgegnete Rochester. �Glauben Sie, da� wir jene bestimmte Mauerstelle jetzt auch wiederfinden werden?�</p><p>�Aber sicher finden wir die wieder. Ich habe die Ladys doch gebeten, dort ein Taschentuch oder irgendein anderes Zeichen hinzuh�ngen, damit es uns im Nachtdunkel den Weg weist, und dort flattert es auch schon.�</p><p>Der K�nig zeigte auf eine Stelle der Mauerkrone, an der ein Taschentuch geschwenkt wurde. Ein menschlicher Kopf erschien gegen den Nachthimmel, und eine Stimme, so s��, wie ich noch niemals im Leben geh�rt hatte, sagte:</p><p>�Gentlemen, ich bitte Sie, gehen Sie wieder weg.�</p><p>�Was?� sagte der K�nig. �Wieder weggehen? Nachdem wir den ganzen weiten Weg gekommen sind. Ist das eine Weiberlaune?�</p><p>�Nein�, sagte die Stimme. �Wir f�rchten vielmehr, Gentlemen, wir werden beobachtet.�</p><p>�Wir?� sagte Rochester. �Sie sagen wir, und doch ist Ihre h�bsche Begleiterin nirgendwo zu sehen.�</p><p>�Edler Sir�, sagte die Lady. �Es ist f�r unsereins nicht die leichteste Sache der Welt, auf einer Leiter zu stehen. Und noch viel weniger ginge es zu zweit.�</p><p>�H�bsche Lady�, sagte der K�nig. �Wenn Sie es nur irgendwie schaffen k�nnten, �ber die Mauer zu kommen, werden wir alle vier einen der angenehmsten und am�santesten Spazierg�nge der Welt machen. Ein Freund von mir, der ein Hauptmann in der K�niglichen Garde ist, wird uns auf meine Bitte erlauben, in dem Privatgarten des St.-James-Palastes zu lustwandeln.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Ja, meine Sch�ne. In jenem Garten, von welchem Sie vielleicht schon geh�rt haben, da� er der Lieblingsaufenthalt des fr�hlichen Charles� ist.�</p><p>�Aber wir sind in Angst�, sagte die Lady, �unser Onkel k�nnte nach Hause kommen. Es ist wirklich sehr unschicklich, sehr indiskret, und wir sollten eine solche Sache eigentlich �berhaupt nicht in Betracht ziehen. In der Tat, Gentlemen, sie w�re regelrecht skandal�s � aber wie sollen wir jetzt �ber die Mauer kommen?�</p><p>Alle zusammen lachten sie kichernd auf.</p><p>Es war gewi�lich eine h�chst raffinierte kleine Rede, welche die Lady auf der Mauer gehalten hatte; sie lie� ganz trefflich erkennen, wie hier Neigung und Klugheit miteinander rangen. Und es war auch genau die Art von Rede, welche jene ansprach, an die sie gerichtet war.</p><p>Nachdem das Gel�chter ein wenig abgeebbt war, sagte Charles:</p><p>�Aber mit Hilfe der Leiter k�nnen Sie doch, wenn Sie mit ihr auf der anderen Seite heraufgekommen sind, auf dieser ebenso leicht wieder hinab. Ich vermute, Ihnen fehlen wohl nur die Kr�fte, sie her�berzuheben.�</p><p>�Genauso ist es�, sagte die Lady.</p><p>�Nun, ich glaube, mit Unterst�tzung meines Freundes Smith hier w�rde ich es schaffen; auf die Mauer heraufzukommen, und ich werde Ihnen dann helfen.�</p><p>Mit Hilfe von Rochester schaffte Charles es auch tats�chlich, die Mauerkrone zu erklimmen, um den Sch�nen hin�berzuhelfen, die so �ngstlich, aber doch auch so willens waren, ein wenig Gefahr f�r ihren Ruf zu riskieren, um im K�nigsgarten von St. James lustwandeln zu k�nnen.</p><p>Mir kam jetzt der Gedanke, einen Zwischenfall zu inszenieren, aber andererseits wollte ich lieber nicht st�ren, sondern vielmehr beobachten, wie sich die Sache weiterentwickeln w�rde.</p><p>Nachdem die beiden Ladys oben auf der Mauer waren, zog der Monarch die Leiter nach, und w�hrend Rochester diese, an der anderen Seite der Mauer angelehnt, hielt, stiegen die beiden Sch�nen ganz bequem und sicher auf ihr herab. Eilig entfernte sich dann die Gesellschaft in Richtung St. James.</p><p>Ich folgte ihr mit gro�er Vorsicht, nachdem ich die Leiter genommen und rasch ein paar Grundst�cke weitergetragen hatte. Die vier redeten und lachten in der denkbar fr�hlichsten Art, bis sie zum Buckingham-Palast kamen, wo sie einen verschwiegenen Pfad einschlugen, der sie in den Garten von St. James bringen w�rde.</p><p>�berh�ngende B�ume warfen hier solch undurchdringliche Schatten, da� ich mich der Gruppe gefahrlos auf H�rweite n�hern konnte. So bekam ich mit, da� die Ladys inzwischen leicht alarmiert waren �ber soviel Geheimnistuerei und Verstohlenheit, in den k�niglichen Garten zu gelangen.</p><p>�Gentlemen�, sagte die eine, �wir kommen nicht in den Garten mit, wenn Sie dazu nicht eine ordnungsgem��e Erlaubnis haben.�</p><p>�Aber die haben wir�, sagte der K�nig. �Nachdem mir diese Erlaubnis f�r einige Zeit genommen war, habe ich sie k�rzlich wiedererhalten und noch ein paar andere Privilegien dazu, nach denen es mich schon sehnlichst verlangt hatte.�</p><p>�Sie brauchen nicht das mindeste zu f�rchten�, f�gte Rochester, zu den Ladys gewandt, hinzu.</p><p>Zu viert standen sie alle vor einer kleinen T�r, w�hrend der K�nig ein paar Minuten lang mit einem Schl�ssel fummeln mu�te, bevor er das Schlo� aufbekam. Endlich hatte er es geschafft, die T�r schwang auf. Der K�nig lie� dann versehentlich den Schl�ssel fallen, konnte ihn nicht wieder finden und mu�te die T�r deshalb angelehnt lassen. So war es mir ohne weiteres m�glich, der Gruppe zu folgen, als sie durch die T�r gegangen war.</p><p>Die �rtlichkeit lag in tiefstem Dunkel.</p><p>Unter meinen Schuhen konnte ich den feinen, weichen Kies knirschen h�ren; aus Angst, das k�nnte meine Anwesenheit verraten, ging ich zur Seite, bis ich auf einen weichen Rand kam, der aus Turf zu bestehen schien. Der Duft s��er Blumen drang mir in die Nase, und wenn der Nachtwind leise durch die B�ume strich, kam von ihnen ein S�useln, so angenehm und zart wie Musik.</p><p>Der weiche Boden verhinderte absolut, da� meine Schritte geh�rt werden konnten, und so war ich bald ganz dicht an der Gruppe dran, die ich vor dem Eingang eines kleinen Lustpavillons stehend fand, aus dessen buntverglastem Fenster Lichtschein fiel.</p><p>Die Ladys schienen ziemlich nerv�s zu sein, und doch hatte sich die Aff�re f�r sie als so charmantes und romantisches Abenteuer angelassen, da� sie jetzt wohl niemals mehr umgekehrt und zur�ckgegangen w�ren, selbst wenn sie alle M�glichkeiten der Welt dazu gehabt h�tten.</p><p>Schlie�lich gingen sie alle in den Pavillon hinein.</p><p>Ich schlich hinterher und fand ein Fenster, durch das ich einen guten Blick ins Innere hatte. Ich war h�chst am�siert �ber das, was ich sah.</p><p>Das Innere war h�chst geschmacklos dekoriert, obwohl es ein wenig zum Frivolen neigte, und die Bilder, als Fresken an die W�nde gemalt, waren wohl auch nicht gerade das, was strikte Pr�derie als korrekt betrachtet haben w�rde, wiewohl an ihnen auch nichts eigentlich Anst��iges war.</p><p>Ein Tisch stand in der Mitte und war mit reichem Konfekt und Wein gedeckt, w�hrend die Lampe, deren Schein durch das buntverglaste Fenster gefallen war, an drei massivgoldenen Ketten von der Decke hing.</p><p>Alles in allem war es ein h�chst geschmackvoll eingerichteter kleiner Liebespavillon.</p><p>Der K�nig und Rochester dr�ngten die Ladys jetzt, Wein zu trinken, und zum erstenmal hatte ich nun Gelegenheit, mir die Gesichter der verschiedenen Personen, denen ich gefolgt war, genauer anzusehen. Ich mu� gestehen, da� ich es mit einiger Neugier tat. Die Ladys mu�te man fraglos als sehr h�bsch bezeichnen, vor allem die j�ngere, die dem K�nig zugefallen war. Sie hatte ein Gesicht, so unschuldig und s��, da� ich sie unwillk�rlich bedauerte.</p><p>Der K�nig war ein kleiner dunkler Mann mit einem scharf geschnittenen, nicht unh�bschen Gesicht, aus dem mir jedoch T�cke und Verschlagenheit zu sprechen schienen. Was Rochester betraf, so war er ausgesprochen h��lich. Sein Gesicht war ziemlich flach und von fahlgrauer Farbe; sicher war es nicht dazu angetan, ihm die Gunst einer Lady zu gewinnen. Aber dazu mochte er eine Zunge haben, die selbst einen Engel des Himmels bet�ren w�rde.</p><p>Solche F�higkeiten z�hlen bei Frauen, die au�er Sch�nheit auch Verstand haben, weit mehr, und Frauen ohne Verstand sind es gar nicht wert, gewonnen zu werden.</p><p>�Nein�, h�rte ich den K�nig jetzt sagen. �Sie haben hier nur ganz erlesene Weine, und den hier k�nnen Sie ganz beruhigt trinken.�</p><p>Aber das j�ngere der beiden M�dchen sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Geben Sie her�, sagte Charles daraufhin lachend, nahm das Glas, von dem das M�dchen kaum genippt hatte, und kippte es in einem Zug hinunter. �Ich werde Sie schon noch �berzeugen, wie hervorragend dieser Wein ist.�</p><p>Die Lady, mit der Rochester in leiser Unterhaltung beisammenstand, hatte keine solche Skrupel, sondern trank zwei Gl�ser so schnell, wie sie ihr nacheinander gereicht wurden, auf einen Zug aus und redete v�llig ungeniert, bewunderte den Pavillon, die Fresken, die Wandbeh�nge und die M�bel; schlie�lich fragte sie noch, ob manchmal auch der K�nig selber hierherk�me.</p><p>Rochester erging sich daraufhin, um sie an der Nase herumzuf�hren, in mystifizierenden Reden, w�hrend ich meine Aufmerksamkeit wieder dem K�nig und der j�ngeren Frau zuwandte, die von den beiden zweifellos die begehrenswertere war.</p><p>Der K�nig hatte leise auf sie eingesprochen, als sie pl�tzlich zwei Schritte vor ihm zur�ckprallte, mit hochrotem Kopf und allen Anzeichen tiefster Emp�rung.</p><p>�Louisa�, erkl�rte sie laut, �ich fordere deinen Schutz, denn in deiner Obhut wurde ich gelassen. Bringe mich sofort nach Hause, oder ich werde meinem Onkel sagen, da� du sein Vertrauen sch�ndlich verraten hast, indem du mir einredetest, es sei nichts weiter dabei, sich mit diesen Gentlemen zu treffen.�</p><p>�Pah, das Kind mu� verr�ckt sein�, sagte Louisa.</p><p>�Ja, v�llig verr�ckt�, sagte der K�nig, indem er erneut auf die J�ngere zuging. Diese wandte sich um und floh zur T�r des Pavillons. Ich wei� nicht, was f�r ein Impuls mich dazu trieb, aber ich verlie� sofort das Fenster, rannte von au�en her zur T�r des Pavillons und kam dort gerade zurecht, das herausst�rzende M�dchen in meinen Armen aufzufangen. Das Licht fiel mir voll ins Gesicht, w�hrend ich dem K�nig gegen�berstand.</p><p>�Wache!� schrie er. �Wache!�</p><p>Louisa heuchelte, in Ohnmacht gefallen zu sein, w�hrend sich das j�ngere M�dchen verzweifelt an mich klammerte als seinen einzigen Besch�tzer und ausrief:</p><p>�Retten Sie mich! Oh! Retten Sie mich!�</p><p>�Die Gartent�r ist offengeblieben�, raunte ich ihr zu. �Folgen Sie mir rasch, wir d�rfen nicht einen Moment verlieren.� Zusammen flohen wir.</p><p>Ich hatte sie gerade durch das kleine Gartentor geschoben und wollte selber hindurchschl�pfen, als ein Schu� von einer der Wachen mich traf; ich wurde zu Boden geschleudert, als h�tte die Faust eines Riesen mich niedergeschlagen. Blut rauschte mir vom Herzen in den Kopf; ein, zwei Sekunden lang sp�rte ich einen brennenden Schmerz, der ganz entsetzlich war. Dann schien mich ein Meer von gelbem Licht zu umfangen.</p><p>An mehr erinnere ich mich nicht mehr.</p><p>Hinterher fand ich dann heraus, da� dies mein zweiter Tod gewesen war und da� Rochester, der G�nstling des K�nigs, ausdr�cklich den Befehl gegeben hatte, mich zu erschie�en, statt mich gefangenzunehmen oder gar fliehen zu lassen, denn er f�rchtete wohl noch mehr als der Monarch die Enth�llung seiner Laster. Ich glaube nicht, da� Charles, falls er die Befehle gegeben h�tte, mich in dieser Art h�tte niedermachen lassen, obwohl es schwer vorauszusagen ist, was K�nige tun und was nicht, wenn sie ihre Pl�ne durchkreuzt sehen.�</p></section></body><body name="notes"><title><p>&#x41F;&#x440;&#x438;&#x43C;&#x435;&#x447;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x44F;</p></title><section id="n1"><title><p>1</p></title><p>Eine gro�e Hechtart, die in den n�rdlichen Seen Kanadas, im St. Lorenzstrom und im Ohio vorkommt. Anm. d. �bers.</p></section><section id="n2"><title><p>2</p></title><p>Wassergeister</p></section><section id="n3"><title><p>3</p></title><p>Feen</p></section><section id="n4"><title><p>4</p></title><p>Name des Bezirks</p></section><section id="n5"><title><p>5</p></title><p>Ein schottischer Pudding</p></section><section id="n6"><title><p>6</p></title><p>Kobold</p></section><section id="n7"><title><p>7</p></title><p>Geister des Waldes</p></section><section id="n8"><title><p>8</p></title><p>Geister der Heide</p></section><section id="n9"><title><p>9</p></title><p>Nordwind</p></section></body><binary id="cover" 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