<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>detective</genre><author><first-name>Emma</first-name><last-name>Goodwyn</last-name></author><book-title>Tod im Tower</book-title><annotation><p>Ein Mord w�hrend der Schl�sselzeremonie ersch�ttert den Tower of London.</p><p>John Mackenzie, fr�herer Armeepsychologe und neues Mitglied der k�niglichen Wachtruppe, sieht sich unversehens in der Rolle des Undercover-Ermittlers. Superintendent Simon Whittington � skrupellos, machthungrig, unwiderstehlich und Johns Nemesis aus Kindertagen � scheint den Fall schnell gel�st zu haben. Doch hat er wirklich den Richtigen verhaftet?</p><p>John st�rzt sich in eine riskante Suche nach der Wahrheit. Gut, dass er dabei auf die Hilfe des unnachahmlichen Mackenzie�Clans bauen kann!</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="John Mackenzie" number="01"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-09-08">8.9.2013</date><id>31E9BC0D-DBD7-44FA-8602-ABE5C7A8E252</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2012</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 1</strong></p></title><p>Fr�stelnd schlug John Mackenzie seinen Mantelkragen hoch. Die Wollm�tze zog er tiefer ins Gesicht. Auf der Millennium Bridge pfiff der n�chtliche Wind eisig. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er losmusste. Dennoch konnte er sich noch nicht von dem Panorama l�sen, das sich vor ihm ausbreitete.</p><p>Den massigen Fabrikbau der Tate Gallery f�r moderne Kunst hatte er soeben verlassen. Direkt gegen�ber gr��te Christopher Wrens gewaltige Kuppel der St. Paul�s Cathedral her�ber. Flussaufw�rts schlie�lich war die erleuchtete Silhouette der Tower Bridge zu erkennen.</p><p>Nach fast zwanzig Jahren im Ausland war John seit einigen Monaten dabei, seine Heimatstadt wieder neu zu entdecken und er genoss es in vollen Z�gen. Schlie�lich wandte er sich bedauernd ab und trottete in Richtung U-Bahn. Kurz vor der Haltestelle Blackfriars n�herten sich von hinten eilige Schritte.</p><p>�So einen Schei�abend hatte ich schon lange nicht mehr! Wahnsinn, stundenlang nur krankes Zeug anglotzen. Stattdessen h�tte ich mir mit meinen Kumpels das Spiel ansehen und so richtig einen draufmachen k�nnen.�, warf ein junger Mann seiner Begleiterin ins Gesicht, w�hrend er an John vorbeistampfte. Im Gehen versuchte er vergeblich, sich eine Zigarette anzuz�nden. Er fluchte ungehalten, als der Wind das Feuerzeug immer wieder ausblies. Die junge Frau tippelte hinterher. John konnte sich erinnern, das Paar fl�chtig im Museum gesehen zu haben.</p><p>�Aber Billy, du hattest versprochen, meinen Geburtstag mit mir zu verbringen��, brachte das M�dchen hervor. Ihr Freund hatte es schlie�lich aufgegeben, die Zigarette zum Brennen zu bringen und stopfte die Schachtel in seine Jacke.</p><p>�Na, das hab ich doch auch, oder? Du wolltest dir unbedingt diesen Kram anschauen und das haben wir gemacht. Jetzt brauch ich ein Bier mit den Jungs. Also komm mit oder lass es.� Er zog das Handy aus der Hosentasche. Das M�dchen blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihm nach. John ging langsam an ihr vor�ber. Widerstreitende Gef�hle spiegelten sich in ihrem jungen Gesicht wider.</p><p>John ging die Treppen hinunter zum Bahnsteig der District Line. Verstohlen sah er ein, zwei Mal zur�ck, um zu sehen, was sie nun tun w�rde. Als er sich dabei ertappte, musste er �ber sich selbst lachen. Auch wenn er seinen fr�heren Beruf hinter sich gelassen hatte, als er sich f�r den Dienst in der k�niglichen Wachtruppe entschieden hatte � einmal Psychologe, immer Psychologe.</p><p>Als in der U-Bahn die Haltestelle Aldgate East angek�ndigt wurde, schreckte er hoch. Jetzt war er zu weit gefahren. Er war wieder einmal in Gedanken versunken gewesen, so dass er es vers�umt hatte, am Tower Hill auszusteigen. Nun musste er sich beeilen, um rechtzeitig zum Dienstbeginn um 22.00 Uhr auf seinem Posten zu sein. Beim Gedanken, zu sp�t zu kommen, begann er ein wenig zu schwitzen. Was w�rde das f�r einen Eindruck machen, wenn er nach wenigen Monaten bei der Truppe schon seinen Dienstbeginn vers�umen w�rde! F�r ein Mitglied der k�niglichen Yeoman Warders im Tower of London, allgemein Beefeater genannt, v�llig undenkbar.</p><p>Ohnehin hatte er in dieser ersten Zeit gesp�rt, dass es in der 36�k�pfigen Einheit einige gab, die ihm mit Zur�ckhaltung begegneten, andere mit einer gewissen Herablassung. Die meisten waren �ber zwanzig Jahre lang Mitglieder k�mpfender Einheiten beim Heer oder der Luftwaffe gewesen, hatten an oft lebensgef�hrlichen Eins�tzen teilgenommen. John hatte ebenfalls einen gro�en Teil seiner Dienstzeit an den Krisenherden der Welt verbracht. Die Armeehauptquartiere, in denen die Truppenbetreuung untergebracht war, waren jedoch streng abgeschirmt gewesen. So hatte er die Risiken des Soldatenlebens l�ngst nicht so unmittelbar erleben m�ssen wie seine Kameraden im Einsatz.</p><p>Mit dem Gedanken an das am�sierte Gesicht der Torwache, sollte er wirklich nicht rechtzeitig kommen, sprang er aus der District Line und sprintete zum anderen Gleis hin�ber. Dort war die Bahn in die Gegenrichtung gerade dabei, ihre T�ren zu schlie�en. Gerade noch quetschte er sich hinein. Am Tower Hill angekommen legte er noch einmal einen Spurt zum Tor ein. Als er wenige Minuten vor Dienstbeginn schnaufend dort anlangte, grinste ihn der Wachhabende an.</p><p>�Mackenzie, du siehst ja ganz erhitzt aus. Du hast noch genau vier Minuten, um deine Uniform anzuziehen�.� John trabte zu seiner kleinen Wohnung am Tower Green. In Rekordzeit warf er sich die blau-rote Robe �ber, st�lpte sich den hohen Hut auf den Kopf und eilte zum Wachh�uschen am White Tower im Zentrum der Festungsanlage. Zwei seiner Kollegen, die ebenfalls f�r die Nachtwache eingeteilt waren, kamen ihm entgegen und feixten. Er riss die T�r genau in dem Moment auf, als der Zapfenstreich des Trompeters wie jeden Tag um 22.00 Uhr erschallte.</p><p>�Das war aber knapp, Mackenzie. N�chstes Mal kommen Sie zeitiger. Und setzen Sie Ihre Kopfbedeckung ordentlich auf, die ist ja ganz schief.�, schnarrte der diensthabende Offizier der Nachtwache Philipp Dunders. �Und dann l�sen Sie Adams am Byward Tower ab.� �Selbstverst�ndlich, Sir.� Verlegen r�ckte John die M�tze zurecht und begab sich nach drau�en.</p><p>Sein Weg f�hrte ihn an der Voliere der neun Raben des Towers vorbei. Obwohl er es eilig hatte, verhielt er doch kurz den Schritt und sp�hte hinein.</p><p>Die intelligenten Tiere hatten ihn von Beginn an fasziniert. Der Legende nach w�rde das K�nigreich verfallen, sollten keine Raben mehr den Tower bev�lkern. So hatte Charles II verf�gt, dass immer mindestens sechs Raben im Tower leben sollten. Sie waren seit Hunderten von Jahren wichtige Bewohner der Festung und genossen viel Aufmerksamkeit. Ihr Chefpfleger trug den ehrenvollen Titel des Ravenmasters.</p><p>George Campbell, dessen Familie wie Mackenzies Vater aus Schottland stammte, hatte diesen Posten seit bald zwanzig Jahren inne und f�llte ihn mit Leib und Seele aus. John hatte in seinen ersten Monaten hier oft Zeit mit ihm verbracht und Campbell sehr zu sch�tzen gelernt. �blicherweise hatte der Ravenmaster einen Assistenten, der ihm bei seinen Aufgaben zur Hand ging und ihn bei Bedarf auch vertreten konnte. Allerdings war dieser vor kurzem in Ruhestand gegangen und bisher war kein Nachfolger in Sicht. Daher genoss Campbell es, mit einem aufmerksamen Zuh�rer seinen reichen Wissensschatz �ber die Tiere zu teilen.</p><p>Mittlerweile konnte John die V�gel recht gut voneinander unterscheiden. Ein junger Rabe namens Gworran hatte es ihm besonders angetan. Der Vogel hatte ein gro�es Talent, Ger�usche nachzuahmen und begr��te ihn mal mit dem Quietschen einer rostigen T�r, mal mit einer Trompetenfanfare.</p><p>Jetzt im Winter zogen sich die V�gel gew�hnlich bereits mit Einbruch der Dunkelheit an ihre Lieblingspl�tze in der Voliere zur�ck. Als John ins Rabenhaus hineinsah, konnte er Gworran jedoch nicht auf seinem gewohnten Ast finden. Er entdeckte ihn schlie�lich in einer dunklen Ecke der Voliere, wo er mit stumpfem Blick auf dem Boden hockte. John ging in die Knie und versuchte, den Raben anzulocken. Gworran aber regte sich nicht. Da stimmt doch was nicht, ging es John durch den Kopf. Ich sollte George benachrichtigen.</p><p>Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es schon f�nf nach zehn war und er hastete los. Vom Diensttelefon in der Wachstube aus konnte er George erreichen. Er trabte durch den Durchgang des Bloody Tower aus dem Innenhof hinaus. Als er mit wehenden Rocksch��en in die Water Lane einbog, bemerkte er zu seiner Linken einen Beefeater in der blau-roten Uniform, der es ebenfalls sehr eilig hatte. Obwohl er die Gestalt nur von hinten auf dem kaum erleuchteten Weg sah, war John fast sicher, dass dies der Ravenmaster war. Auf sein Rufen erhielt er jedoch keine Antwort. Die Person hastete unbeirrt weiter in Richtung des Cradle Tower, wo sich der private Club der Beefeater befand.</p><p>John kam zum Schluss, dass er sich get�uscht hatte und setzte seinen Weg nach rechts zur Wachstube fort. Dort empfing ihn David Adams genervt.</p><p>�Mackenzie, es w�re dein Job gewesen, die Besuchergruppe rauszulassen. Zu allem �berfluss hab ich mich jetzt auch noch verz�hlt. Von den dreiundvierzig Leuten, die ich zur Schl�sselzeremonie eingelassen habe, sind sechs noch auf Einladung von Campbell im Club, also m�ssten siebenunddrei�ig hier sein. Aber es sind nur sechsunddrei�ig da. Conners ist jetzt mit den Leuten im Vorraum und kontrolliert noch mal.�</p><p>�Verdammt, es sind wirklich nur sechsunddrei�ig, Adams�, platzte Conners herein. �Das gibt�s doch gar nicht, es muss noch einer drin sein.� Adams funkelte John an. �Wenn du p�nktlich gekommen w�rst, h�tte ich jetzt nicht diesen Mist an der Backe.� Er riss den H�rer vom Diensttelefon.</p><p>�Sir, wir haben hier ein Problem. Einer der Zuschauer der Schl�sselzeremonie muss sich noch auf dem Gel�nde befinden � � Weiter kam er nicht. Was aus dem H�rer drang, klang f�r seine Kollegen wie w�tendes Gebell. Michael Conners machte ein ungl�ckliches Gesicht. �Ich kann mir das nicht erkl�ren. Ich war doch die ganze Zeit bei ihnen, wie kann sich da einer abgesetzt haben?�, murmelte er John zu. Dieser versuchte gerade, sich zu erinnern, wie der Vorgehensplan in einem solchen Fall aussah.</p><p>In der zweimonatigen Ausbildung zum Beefeater wurde jedem Neuling f�r eine Vielzahl von Ausnahmesituationen beigebracht, wie zu reagieren war. �Wir m�ssen die Gruppe hier behalten. Mit den Daten auf den Einlassscheinen k�nnen wir feststellen, wer fehlt.�, fiel es ihm schlie�lich ein.</p><p>�Gut aufgepasst, Mackenzie� unterbrach ihn Adams, der den H�rer aufgelegt hatte, sp�ttisch. �Wir beide k�mmern uns darum und Conners st��t zum Suchtrupp, den Dunders gerade zusammenstellt.� Er sch�ttelte den Kopf. �Seit wir w�hrend der Schl�sselzeremonie immer alle Toiletten verschlossen halten, hatten wir keinen solchen Vorfall mehr. Conners, du wirst daf�r Rede und Antwort stehen m�ssen.� Der ungl�ckselige Beefeater zog den Kopf ein und verschwand nach drau�en.</p><p>�Also los, Mackenzie, an die Arbeit. Hier ist die heutige Einlassliste. Ich besorge die Einlassscheine und du hakst ab, wer anwesend ist.� Sie traten in den Vorraum, wo die Besuchergruppe mit zunehmendem Unmut wartete. Adams klatschte in die H�nde und baute sich vor der T�r auf.</p><p>�Meine Herrschaften, bitte zeigen Sie nochmals die Einlassscheine vor. Wir m�ssen feststellen, wer aus der Gruppe fehlt. Wir bedauern die Umst�nde, m�ssen Sie aber noch zum Bleiben auffordern.�</p><p>�Bedauern?! Sehr wohl werden Sie das noch bedauern. Ich habe eine wichtige Verabredung und bestehe darauf, dass Sie mich und meine Mitarbeiter auf der Stelle hinauslassen. Wenn Sie so nachl�ssig sind, dass mitten in dieser Festung Menschen verloren gehen k�nnen � und das bei einer Veranstaltung von einer Viertelstunde � haben Sie ein echtes Sicherheitsproblem. Aber daf�r k�nnen wir schlie�lich nichts. Also aus dem Weg.�</p><p>John sah, dass Adams w�hrend dieser in einwandfreiem Englisch, aber mit h�rbarem deutschem Akzent vorgetragenen Rede die R�te in das Gesicht stieg und er sich ein wenig aufplusterte. Er bef�rchtete, dass die Erwiderung seines Kollegen nicht geeignet sein w�rde, die Situation zu beruhigen. Also legte er eine Hand warnend auf Adams� Arm und schlug halblaut vor, �Vielleicht m�chtest du die Liste kontrollieren, ich �bernehme das Einsammeln der Scheine.�</p><p>�Na viel Gl�ck dabei�. Adams nahm die Liste und verzog sich hinter den Tisch der Wachen.</p><p>John wandte sich dem renitenten Besucher zu und sprach ihn freundlich an � auf Deutsch. �Sir, ich h�re, Sie haben einen wichtigen Termin?� Der Mann stutzte und antwortete dann schon deutlich friedfertiger.</p><p>�So ist es. Als Finanzchef eines f�hrenden deutschen Automobilherstellers� � er wies auf das Emblem eine Nobelmarke, das er am Revers seines Jacketts trug � �geh�re ich zu einer Wirtschaftsdelegation, die sich heute Abend noch mit Ihrem Handelsminister treffen wird. Genauer gesagt, sollten wir in diesem Moment bereits im Ritz sein.� John gab sich M�he, beeindruckt zu wirken.</p><p>�In diesem Fall kann ich Ihre Eile gut verstehen. Umso mehr sind wir Ihnen zu Dank verpflichtet, dass Sie unsere Sicherheitskr�fte in dieser Situation unterst�tzen. Der Minister wird dies zu sch�tzen wissen.� Sein Gegen�ber warf ihm einen pr�fenden Blick zu. Dann verzog er den Mund zu einem halben L�cheln und wandte sich ab, um seinen Mitarbeitern Anweisungen zu erteilen. Einer seiner Untergebenen zog eilfertig den Einlassschein f�r die f�nfk�pfige Gruppe heraus und �berreichte ihn John, der sich feierlich bedankte.</p><p>Die Umstehenden, die die Szene verfolgt hatten, kramten nun ebenfalls in ihren Taschen nach den Scheinen und dr�ckten sie John in die Hand. Adams nickte ihm zu, als er den Packen entgegennahm und begann, die Liste zu kontrollieren.</p><p>In der Zwischenzeit wandte sich John erneut an die Besucher. War irgendjemandem etwas aufgefallen? Hatte einer von ihnen beobachtet, wie sich eine Person von der Gruppe entfernte? Er sah in ratlose Gesichter. Kein Wunder, dachte John bei sich, die Schl�sselzeremonie war ein fesselndes Ereignis und so war die Aufmerksamkeit der Zuschauer ganz auf das Geschehen fixiert.</p><p>Schnell hatte Adams den Namen der Vermissten herausgefunden: Julia Feldmann, 178 High Holborn, London WC1.</p><p>�Dort sind Wohnheime der Universit�t, vielleicht ist sie eine Austauschstudentin�, spekulierte er gerade, als im Nebenraum die T�r aufgerissen wurde.</p><p>�Adams, Mackenzie! Wir haben sie gefunden.� Conners sah gr�n um die Nase aus, als er seine Kollegen hektisch herauswinkte.</p><p>�K�nnen wir die Leute dann gehen lassen?� wollte John wissen. �Ich f�rchte nicht. Das M�dchen ist tot. Offensichtlich � � Conners rang nach Luft, � � ist sie ermordet worden.� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 2</strong></p></title><p>W�hrend der n�chsten Stunden kam John sich vor, als f�hre er Karussell. Er war zur Betreuung der Touristengruppe abkommandiert worden, bis die Metropolitan Police sie vernehmen konnte. Durch die Fenster drang das Flackern des Blaulichts, Stimmen und Ger�usche lie�en hektische Betriebsamkeit sp�ren.</p><p>Die Stimmung in der Gruppe schwankte zwischen Sensationslust � schlie�lich waren sie bei dem Ereignis, das die Schlagzeilen der n�chsten Tage beherrschen w�rde, sozusagen live dabei gewesen � und dem Unwillen, in diesem beengten Raum so lange eingesperrt zu sein. John organisierte Tee und Geb�ck, beschwichtigte hier und tr�stete dort.</p><p>Der Deutsche � Mr. Wichtig nannte ihn John bei sich � hatte sich offensichtlich mit der Situation abgefunden und freute sich wohl schon auf die Geschichten, die er zu Hause zum Besten geben w�rde. Auf seine Nachfrage erkl�rte ihm John, dass er f�r einige Jahre in Deutschland stationiert gewesen sei.</p><p>�Wie kommt man von der Armee zu diesem Beefeater-Job?�</p><p>Diese Frage hatte John bei den Touristen-F�hrungen durch den Tower, die zu seinen Aufgaben z�hlten, schon unz�hlige Male beantwortet.</p><p>�Nach mindestens zweiundzwanzig Jahren beim Milit�r und nach Erreichen eines bestimmten Dienstgrades gibt es die M�glichkeit, sich hier zu bewerben. Allerdings haben nur wenige das Gl�ck, genommen zu werden, da dies ein Job auf Lebenszeit ist und daher nur selten eine der 36 Stellen frei wird � � Weiter kam er nicht, da mehrere Uniformierte der Londoner Polizei eintraten.</p><p>�Wir �bernehmen jetzt. Sie werden drau�en erwartet.� Erleichtert verabschiedete sich John mit einem Winken von der Besuchergruppe und trat in die kalte Nachtluft hinaus. Er atmete erst einmal tief durch. Nach dem �berhitzten Raum tat die bei�end kalte Winterluft gut. Doch die Verschnaufpause sollte nur von kurzer Dauer sein. Ein weiterer Uniformierter trat an ihn heran.</p><p>�Sind Sie Mackenzie? Der Superintendent m�chte Sie sprechen.� Damit machte er auf dem Absatz kehrt und ging voran. John blieb nur, ihm zu folgen. Die Szene um ihn herum kam ihm vollkommen irreal vor. Alle verf�gbaren Scheinwerfer waren eingeschaltet, um die Water Lane, den nach Sonnenuntergang sonst eher d�steren Weg entlang des Festungswalles, taghell auszuleuchten. Anstatt der sonst �blichen Touristenhorden aus aller Herren L�nder hatte heute Nacht die Polizei diesen Teil des Towers schier �berschwemmt.</p><p>Die gr��te Menschentraube befand sich in der mit einem niedrigen Gel�nder abgesperrten Nische unter dem St. Thomas Tower, die zum Verr�tertor f�hrte. Von der Au�enseite war das Tor nur per Boot erreichbar. Auf diesem Weg wurden in fr�heren Jahrhunderten Gefangene direkt von der Themse aus in die Festung gebracht.</p><p>Nur bei niedrigem Gezeitenstand der Themse war die tief liegende Nische, die von der Festungsseite aus �ber eine Steintreppe erreichbar war, trockenen Fu�es begehbar. Ein fl�chtiger Blick sagte John, dass der gegenw�rtige Niedrigwasserstand bald beendet sein w�rde. Durch das Torgitter schwappten bereits erste kleine Wellen herein.</p><p>Vor der Wachstube des Cradle Tower stoppte der Uniformierte und �ffnete ihm die T�r.</p><p>�Bitte warten Sie hier. Der Superintendent wird gleich bei Ihnen sein.� John setzte sich auf eine Fensterbank in der Wachstube und genoss f�r einen Augenblick die Stille.</p><p>Unvermittelt fiel ihm der Rabe Gworran wieder ein. Ein Diensttelefon war in Griffweite � sollte er dem Ravenmaster doch noch Bescheid geben? Unentschlossen nahm er den H�rer zur Hand. Da �ffnete sich die T�r zum Nebenraum.</p><p>Der Mann, der eintrat, erschien wie aus dem Ei gepellt. Schuhe, Anzug, Mantel � alles schrie einem geradezu Savile Row entgegen. Mit wenigen Schritten war er bei John, nahm ihm den H�rer aus der Hand und legte ihn mit Nachdruck auf die Gabel.</p><p>�Keine Telefonate. Ich brauche deine Zeugenaussage. Jetzt.�</p><p>�Ich freue mich auch sehr �ber unser Wiedersehen, Simon. Wie ich sehe, bist du deinem Schneider treu geblieben. Auch dein Charme ist ganz der alte.�</p><p>Sein eisig-h�flicher Tonfall gab keinen Hinweis darauf, was in diesem Moment in John Mackenzie vorging. Tats�chlich h�tte er Superintendent Simon Whittington � in einem Anfall regressiv-infantiler Tendenzen, wie er sich selbst innerlich tadelte � am liebsten den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt.</p><p>�Oh, was f�r ein h�bscher Junge!� Das begeisterte Gurren seiner Verwandten, wenn sie seinen j�ngeren Cousin Simon umflatterten, hatte John immer noch im Ohr.</p><p>Simon hatte von Beginn an ein bemerkenswertes Talent gehabt, die Menschen in seiner Umgebung, vor allem die weiblichen Geschlechts, um den Finger zu wickeln. Gleichzeitig schaffte er es immer wieder, seine Missetaten anderen in die Schuhe zu schieben.</p><p>�Buhuhu, John hat meinem Lieblingsteddy den Kopf abgerissen.� Mit solchen und �hnlichen Klagen war er theatralisch weinend zu Johns Mutter gelaufen, nachdem er in einem seiner Anf�lle von J�hzorn wieder etwas zerst�rt hatte.</p><p>Platzte John oder einem seiner Geschwister einmal der Kragen, hie� es stets, sie m�ssten doch vern�nftig sein, ihr Cousin mache das doch nicht mit Absicht. Zudem habe es der Junge doch schwer mit seiner kranken Mutter und dem Vater, der kaum einmal zu Hause sei. Da sollte man doch etwas gro�z�giger mit ihm sein.</p><p>Tante Vivian, die Schwester von Johns Mutter, war immer von zarter Gesundheit gewesen und hatte viel Zeit in Krankenh�usern verbringen m�ssen. Dort hatte sie Charles Richard Whittington kennengelernt, der nicht nur ein engagierter Arzt war, sondern dazu noch aus derselben Familie stammte wie der legend�re B�rgermeister der Stadt London im 15. Jahrhundert � wie er auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit einflie�en lie�. Vivian hatte wenige Jahre nach ihrer Heirat feststellen m�ssen, dass sich der vielversprechende junge Mann zunehmend in einen vom Ehrgeiz zerfressenen Workaholic verwandelte, der immer weniger in ihrem Heim in Kew vor den Toren Londons anwesend war. Zu ihrer angegriffenen Gesundheit kamen Depressionen. So hatte sie das Angebot ihrer Schwester, sich um ihren Spr�ssling zu k�mmern, dankbar angenommen. Johns Vater, Kurator im Londoner Naturkundemuseum mit einer Leidenschaft f�r Dinosaurierknochen, hatte nichts dagegen gehabt, wenn sein Neffe die Wochenenden und Schulferien bei ihnen verbrachte. So hatten John und seine beiden Geschwister z�hneknirschend mit dem kleinen Tyrannen leben m�ssen.</p><p>Was John am meisten an seinem Cousin hasste, war dessen Vorliebe daf�r, Anderen nachzuspionieren. Es war schon f�r den Eton-Sch�ler Simon Whittington ein Hauptspa� gewesen, unangenehme Dinge �ber seine Mitsch�ler herauszufinden und sie damit unter Druck zu setzen. So hatte er es bereits damals geschafft, sich ein recht angenehmes Leben zu machen, in dem viele seiner Pflichten von seinen geplagten Mitsch�lern �bernommen wurden. Mehr noch als das genoss Simon jedoch das Gef�hl der Macht �ber Andere und er kostete es weidlich aus.</p><p>In den Jahren seit John zum Milit�r gegangen war, waren sie sich nur noch wenige Male bei Familienfeiern begegnet. Hier war Simon immer noch der Star, der nach zahllosen Aff�ren durch seine Heirat mit Patricia Armsworth, einer entfernten Cousine der Herzogin von York und seine steile Karriere bei der Kriminalpolizei f�r Gespr�chsstoff sorgte.</p><p>�Er hat ein echtes Gesp�r daf�r, wenn jemand versucht, etwas zu verbergen und er schafft es auch, Gest�ndnisse zu bekommen.�, gestand ihm Johns �ltere Schwester Maggie widerwillig zu. Als Staatsanw�ltin kreuzten sich ihre Wege gelegentlich mit denen des Superintendenten. �Dennoch: Aus dem kleinen Monster von damals hat sich ein intriganter und machthungriger Widerling entwickelt. Ein echtes Rabenaas eben.�</p><p>Und nun dieses Wiedersehen. Die beiden M�nner starrten sich einen Moment wortlos an. Dann erwiderte der Superintendent mit einem ironischen L�cheln, �Wer h�tte soviel modischen Verstand von jemandem erwartet, der sein gesamtes berufliches Leben in einer zweckm��igen Uniform verbracht hat, die ihm der britische Steuerzahler zur Verf�gung gestellt hat?�</p><p>Er musterte John betont von oben bis unten.</p><p>�Ein Job, der das Tragen dieses l�cherlichen Gewandes erfordert, w�re f�r mich unvorstellbar. Aber f�r dich war es sicher ein Aufstieg � vom Seelenklempner zum Bewacher der Kronjuwelen.� Damit drehte er sich um und winkte John, ihm ins Nebenzimmer zu folgen. John unterdr�ckte erfolgreich den Impuls, seinem Cousin den n�chstbesten harten Gegenstand an den Kopf zu werfen und stampfte hinterher.</p><p>Der Superintendent setzte sich an einen Tisch und bedeutete John, ihm gegen�ber Platz zu nehmen. Ein Constable, der an der Wand sa�, einen Block in der Hand, nickte John zu.</p><p>�Du kannst dir sicher vorstellen, dass es ein betr�chtliches �ffentliches Interesse an einer schnellen Aufkl�rung dieses Falles gibt. Ein gewaltsamer Tod mitten in einem unserer nationalen Wahrzeichen � diese Geschichte wird �ber unsere Landesgrenzen hinaus f�r Aufsehen sorgen. Ich bin auf ausdr�cklichen Wunsch von h�chster Ebene mit den Ermittlungen betraut.� Selbstgef�llig strich Whittington seine Seidenkrawatte glatt. Dann beugte er sich �ber den Tisch und fixierte John mit einem eindringlichen Blick.</p><p>�Also, was wei�t du dar�ber?�</p><p>John f�hlte sich unversehens wie der Hauptverd�chtige eines Kapitalverbrechens.</p><p>�Ich wei� fast nichts. Adams und ich haben anhand der Einlassliste den Namen und die Adresse der Toten herausgefunden �� Ungeduldig winkte Whittington ab.</p><p>�Das wissen wir l�ngst. Sie ist eine Austauschstudentin aus Deutschland, wir haben ihre Papiere bei ihr gefunden. Aber du musst doch etwas beobachtet haben. Nach meinen Informationen war dein Dienstbeginn um 22.00 Uhr. Der diensthabende Offizier hat mich dar�ber unterrichtet, dass du dich eine Minute nach zehn vom Wachh�uschen am White Tower auf den Weg zu deinem Dienst im Byward Tower gemacht hast. Damit musst du die Besuchergruppe passiert haben, die nach dem Ende der Schl�sselzeremonie durch die Water Lane hinausging.�</p><p>��h�� John sp�rte, wie er err�tete. �Tats�chlich habe ich kurz nach den Raben gesehen. W�hrend ich beim Gehege war, muss die Gruppe vorbeigekommen sein. Ich � habe nicht aufgepasst.�</p><p>�Was hattest du bei den Raben verloren? Das f�llt doch gar nicht in deinen Aufgabenbereich, oder doch?�</p><p>�Nein�, gestand John. �Aber ich habe mich mit dem Ravenmaster angefreundet und die Tiere interessieren mich. Ich schaue oft bei ihnen vorbei, wenn ich frei habe.�</p><p>Messerscharf kam der Einwand, �Du hattest aber nicht frei, sondern hattest deinen Wachdienst anzutreten.�</p><p>John versuchte sich zu verteidigen.</p><p>�Das Gehege liegt genau auf dem Weg und zudem h�tte es nicht mal eine Minute gedauert. Aber einer der Raben, Gworran, er kann Ger�usche wirklich fantastisch nachahmen und ist ein sehr gelehriges Tier � � John bemerkte den m�rderischen Blick seines Cousins. �Also, Gworran wirkte sehr seltsam, er sah krank aus. Deshalb war ich ein wenig l�nger dort und habe �berlegt, ob ich George Campbell, den Ravenmaster, benachrichtigen soll. Als ich bemerkte, dass es schon f�nf nach zehn war, habe ich entschieden, ihn von der Wachstube anzurufen und bin losgelaufen. Als ich dort ankam, hatte Adams schon festgestellt, dass eine Person aus der Gruppe fehlte. Ab dem Zeitpunkt bin ich aus der Wachstube im Byward Tower nicht herausgekommen, weil ich Befehl hatte, bei der Gruppe zu bleiben.� John atmete tief aus.</p><p>Whittington runzelte unzufrieden die Stirn.</p><p>�Dann erz�hl mir etwas �ber die Touristengruppe. Gab es da jemanden, der dir aufgefallen ist?� John �berlegte fieberhaft. Dann schilderte er seinem Cousin die wenigen Eindr�cke, die er in dem Durcheinander gewonnen hatte. Als er von Mr. Wichtig und der Handelsdelegation erz�hlte, erhellte sich Whittingtons Gesicht.</p><p>�Deutsche, soso. Vielleicht gibt es da eine Verbindung. Na, das finden wir schon heraus.� Abrupt stand er auf. �Du wirst dir jetzt die Leiche ansehen. Ich will wissen, ob du das M�dchen schon einmal gesehen hast.�</p><p>Schweigend gingen sie den Weg zur�ck bis zum Verr�tertor. Die Menge der Uniformierten teilte sich bei der Ankunft des Superintendenten respektvoll.</p><p>�Sir, wir mussten die Leiche vom Tatort entfernen. Der Wasserspiegel in der Nische stieg zu schnell. Wir bringen sie dann ins Labor der Spurensicherung, wenn Sie einverstanden sind.�</p><p>�Einen Moment noch. Ich m�chte, dass Mr. Mackenzie hier noch einen Blick auf die Tote wirft.�</p><p>Als John im grellen Scheinwerferlicht wenige Schritte von der Toten entfernt stand, nahm er ein allzu vertrautes Brausen, Klingeln, Kreischen wahr. Diesen entsetzlichen L�rm in seinem Kopf, der ihm �ber Monate das Leben zur H�lle gemacht hatte. Nein!, schrie es in ihm. Alles, nur das nicht.</p><p>Durch den L�rm drang die Stimme seines Cousins an sein Ohr, der ihn scharf beobachtete.</p><p>�Ist dir die Tote bekannt, John?� John sch�ttelte stumm den Kopf. Nein, er war sich sicher, diese junge Frau mit den glatten blonden Haaren, deren Finger sich im Todeskampf in den braunen Schal verkrallt hatten, der unbarmherzig eng und immer enger gezogen worden war, noch nie gesehen zu haben.</p><p>Er atmete bewusst ein und wieder aus und zwang sich, sich auf Einzelheiten zu konzentrieren. Braune Winterstiefel, Jeans und eine wattierte Jacke. Soweit sich das noch beurteilen lie�, ebenm��ige Gesichtsz�ge und sorgf�ltig gezupfte Augenbrauen. Als sein Blick weiter wanderte, bemerkte er, dass die Schnalle des kleinen Rucksacks, der neben ihr lag, offen stand. Ob sie ihn wohl gerade ge�ffnet hatte, als sie angegriffen worden war? Oder hatte der M�rder etwas darin gesucht und dann vergessen, ihn zu schlie�en? Vielleicht hatte die Polizei ihn auch auf der Suche nach den Papieren der Toten ge�ffnet.</p><p>John wurde bewusst, dass die meisten Umstehenden ihn anstarrten. Er r�usperte sich.</p><p>�Tut mir leid, Simon, mir ist diese Frau v�llig unbekannt.� Whittington sah ihn noch einen Moment lang misstrauisch an, dann wandte er sich zu einem Mann in Zivil um. Nach einem kurzen Wortwechsel kam er auf John zu, nahm ihn beim Arm und f�hrte ihn ein paar Schritte zur Seite.</p><p>�Wir werden jetzt versuchen, durch die Befragung der Besucher und die Aufzeichnungen der �berwachungskameras den Todeszeitpunkt genauer zu bestimmen. Pers�nlich halte ich es f�r wahrscheinlich, dass die Tat beim Verlassen des Towers begangen wurde. Ob sie auf dem Weg erw�rgt wurde und dann �ber das Gel�nder in die Nische hinunterbef�rdert wurde oder sich Opfer und T�ter unten in der Nische befanden, wird sich herausstellen. Tatsache ist, dass der T�ter ein hohes Risiko einging. Von der Water Lane aus h�tte er leicht beobachtet werden k�nnen.� Er trat einen Schritt n�her an John heran.</p><p>�Ist es nicht h�chst � seltsam, dass die Wachabl�sung, deren Weg exakt am Verr�tertor vorbeif�hrt, genau an diesem Abend einige Minuten sp�ter erfolgte als sonst, weil der Wachhabende angeblich nach einem� � er spie das Wort geradezu aus � �Vogel sehen musste.� Nun kam er ganz nahe heran und feuerte eine letzte Breitseite ab.</p><p>�Ist dir schon in den Sinn gekommen, dass das M�dchen noch am Leben sein k�nnte, wenn du deinen Dienstpflichten nachgekommen w�rst?�</p><p>Trotz seines grimmigen Tons war ein triumphierendes Funkeln in seinen Augen, als er John mit den Worten �Du wirst dich zu unserer Verf�gung halten.� stehen lie�. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 3</strong></p></title><p>Als John Mackenzie am n�chsten Morgen vom Wecker aus einem rastlosen Schlaf gerissen wurde, erinnerte ihn das Klingeln in seinen Ohren blitzartig an die Geschehnisse der Nacht.</p><p>Der Gedanke, dass er das M�dchen vielleicht vor ihrem Angreifer h�tte retten k�nnen, h�tte er nur rechtzeitig seinen Weg am Verr�tertor vorbei zum Byward Tower angetreten, war ihm unertr�glich. Er schleppte sich in die K�che und warf einen Blick auf seinen Dienstplan. Die n�chsten beiden Tage war er ganzt�gig f�r die Touristenf�hrungen durch den Tower eingeteilt. Von morgens bis abends im Stundenrhythmus Gruppen durch die Festung zu f�hren, war ohnehin anstrengend, aber wie er das in seinem Zustand schaffen sollte, war ihm ein R�tsel.</p><p>Vielleicht wusste Doc Hunter Rat. Die Gemeinschaft der Beefeater, die mit ihren Familien im Tower lebte, verf�gte neben einem eigenen Priester auch �ber einen hauseigenen Arzt, der gleich neben seiner Wohnung kleine Praxisr�ume hatte. John hatte den alten Herrn au�er zur Einstellungsuntersuchung noch nicht konsultiert, hatte ihn dort aber als ruhigen und gr�ndlichen Mann kennen gelernt.</p><p>Als John l�utete, �ffnete ihm Dr. Hunter pers�nlich. Mit einem Blick auf die Fr�hst�ckskr�mel auf dem Pullover des Arztes entschuldigte sich John f�r sein fr�hes Erscheinen.</p><p>�Keine Sorge, Mackenzie. Ich bin sicher, Sie haben einen triftigen Grund f�r Ihr Kommen.� Der Doktor winkte ihn herein. �Setzen Sie sich und erz�hlen Sie, was los ist.�</p><p>Verkehrte Welt, dachte John, w�hrend er in den Besuchersessel sank. Wie oft hatte er w�hrend seiner Dienstjahre mit �hnlichen Worten Ratsuchende begr��t.</p><p>�Doc, mein Tinnitus ist wieder da. Sie wissen doch, dass ich in meinem letzten Jahr bei der Armee einen Geh�rsturz hatte und danach sehr lange unter diesen Ohrger�uschen litt?� Hunter sah ihn aufmerksam an.</p><p>�Nat�rlich, Mackenzie. Sie sagten mir bei der Einstellungsuntersuchung, dass der Stress Ihrer T�tigkeit der Ausl�ser daf�r war und Sie deshalb entschieden, Ihren Posten aufzugeben.� John nickte und lehnte sich im Sessel zur�ck.</p><p>�In den letzten Jahren engte sich mein Aufgabengebiet immer mehr ein. W�hrend ich fr�her Ansprechpartner bei allen m�glichen Problemen der Armeeangeh�rigen war, von Mobbing �ber Schlafst�rungen und Drogenmissbrauch bis zu Beziehungsproblemen, wurde ich in den letzten paar Jahren fast ausschlie�lich in der Arbeit mit traumatisierten Soldaten eingesetzt. Als die Anti-Terror-Eins�tze unserer Streitkr�fte zunahmen, gab es immer mehr M�nner und Frauen, die bei den Eins�tzen Unvorstellbares erlebten. Trotz aller Therapieverfahren, in denen wir ausgebildet wurden, trotz unseres Einsatzes rund um die Uhr, war alles, was wir tun konnten nur ein Tropfen auf den hei�en Stein.�</p><p>John holte tief Luft und atmete langsam wieder aus.</p><p>�Ich sp�rte, wie die Schicksale der meist jungen Leute mich immer mehr belasteten; dazu kam die Hilflosigkeit, weil ich nicht mehr f�r sie tun konnte. Als ich schlie�lich zu zweifeln begann, ob unsere milit�rischen Eins�tze wirklich immer sinnvoll sind, wusste ich, ich kann meine Arbeit so nicht weitermachen. Der Geh�rsturz hat mir klargemacht, dass ich den Dienst schnellstm�glich quittieren muss, um einen Neuanfang zu machen.�</p><p>Der Arzt �ffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber John winkte ab. �Ich hatte ja auch gro�es Gl�ck. Diese Stelle zu bekommen, wieder in England sein zu k�nnen, meine Familie wieder �fter als zweimal im Jahr zu sehen� Mir ging es gut, die ersten Monate hier. Aber dieser Todesfall gestern Nacht ��</p><p>�Mackenzie, h�ren Sie mir zu�, unterbrach der Arzt ihn sanft, aber nachdr�cklich.</p><p>�Ich habe Ihre Personalakte gesehen und wei�, dass Sie einen guten und wichtigen Job gemacht haben. Ihre Vorgesetzten hielten gro�e St�cke auf Sie. Aber Sie sind nun mal ein Mensch � und wie bei jedem Menschen sind Ihre M�glichkeiten einfach begrenzt. Ich verstehe, dass das Leiden der anderen irgendwann einfach zu viel wurde. Und nun glaubten Sie, im Tower einen sicheren Hafen gefunden zu haben, wo es endlich nicht mehr um Leben und Tod geht. Da ist es doch nur menschlich, wenn dieser gewaltsame Tod in unserer Mitte Sie aus der Fassung bringt.� John sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Das allein ist es nicht. Aber, so wie es aussieht, habe ich vielleicht Mitschuld am Tod der jungen Frau.�</p><p>Bass erstaunt sah der Arzt ihn an. John schilderte ihm die Geschehnisse des Vorabends. Dabei fiel ihm ein, dass er dem Superintendenten gar nichts von der Gestalt erz�hlt hatte, die er durch die Water Lane davoneilen gesehen hatte. Schlie�lich langte er bei der Vermutung Whittingtons an, die Studentin w�re auf dem Weg zum Ausgang get�tet worden.</p><p>�Verstehen Sie, Doc, es muss kurz nach 22.00 Uhr passiert sein, als die Gruppe nach dem Zapfenstreich hinausging. W�re ich schnurstracks zu meinem Posten gegangen, h�tte ich den Tatort nur kurz nach ihnen passiert und h�tte den Angriff vielleicht verhindern k�nnen.�</p><p>�Warten Sie mal. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es so h�tte ablaufen k�nnen.�, wandte der Arzt kopfsch�ttelnd ein.</p><p>�Wieso nicht? Wenn das M�dchen sich am Ende der Gruppe befand, w�hrend alle dem Ausgang zustrebten, w�re dies doch f�r den M�rder der geeignete Moment gewesen, zuzuschlagen.�</p><p>�Unsinn. Denken Sie doch nach: Der Wachhabende, der die Gruppe w�hrend der Schl�sselzeremonie begleitet, hat strengste Order, beim Verlassen des Towers stets am Ende der Gruppe zu gehen, damit keiner zur�ckbleibt.� Aufgeregt sprang John aus dem Sessel.</p><p>�Aber nat�rlich, Sie haben recht! Dass ich daran nicht gleich gedacht habe. Wenn Conners vorschriftsm��ig beim Hinausgehen die Nachhut gebildet hat, kann der Mord gar nicht zu diesem Zeitpunkt passiert sein! Ich muss sofort mit ihm reden. Tausend Dank, Doc.� Schon wollte er zur T�r hinaus. Doch der Doktor rief ihn energisch zur�ck.</p><p>�Stopp! Junger Mann, Sie wissen, dass wir etwas gegen den Tinnitus unternehmen m�ssen. Ansonsten laufen Sie Gefahr, dass das Ohrklingeln Sie wieder �ber Monate begleitet. Also bekommen Sie jetzt erstmal eine Infusion und dann schreibe ich Sie f�r die n�chsten Tage krank.�</p><p>John wusste, dass der Arzt recht hatte und gab sich geschlagen.</p><p>Eine Stunde sp�ter lauschte er ungeduldig, wie Michael Conners am Tower Green, dem Hinrichtungsplatz innerhalb der Festungsmauern, einer dick vermummten Besucherschar die Geschichte von Lady Jane Grey, der �Neuntagek�nigin� Englands erz�hlte. Trotz seiner auff�llig fahlen Gesichtsfarbe und den tiefen Augenringen schien der Beefeater ganz in seinem Element. Gefesselt lauschte die Besucherschar seinem Vortrag.</p><p>�Ebenso wie vor ihr zwei der Frauen von Heinrich dem Achten, Anne Boleyn und Catherine Howard, fand auch die erst siebzehnj�hrige Jane Grey an dieser Stelle den Tod. Jane war eine bemerkenswerte Pers�nlichkeit. Schon in jungen Jahren war sie vielseitig interessiert und gebildet und sprach unter anderem Latein und Griechisch. Als Urenkelin Heinrichs des Siebten stand sie in der Thronfolge nur an vierter Stelle, dennoch wollte ihr machthungriger Vater, der Herzog von Suffolk, seine jugendliche Tochter unbedingt auf dem englischen Thron sehen. Dazu wurde sie, gerade f�nfzehnj�hrig, gegen ihren Willen mit Guilford Dudley, dem Spross einer anderen einflussreichen Familie verm�hlt.</p><p>Just zwei Wochen sp�ter starb K�nig Edward mit nur f�nfzehn Jahren. Janes Vater und ihr Schwiegervater, der Edwards engster Berater gewesen war, wollten die Thronfolge durch die �lteste Tochter Heinrichs des Achten, die fanatisch katholische Mary Tudor, die als Bloody Mary in die Geschichte einging, um jeden Preis verhindern. Sie lie�en Jane wenige Tage nach Edwards Tod hastig und ohne gro�es Zeremoniell hier im Tower zur K�nigin kr�nen. Von Jane wissen wir, dass sie diese Ehre nur auf immensen Druck ihrer Familie annahm. Sie selbst w�nschte nicht, die englische Krone zu tragen.</p><p>In jenem turbulenten Juli 1553 kam es zwischen Janes protestantischen Anh�ngern und Marys Gefolgsleuten zu erbitterten K�mpfen. Mary Tudor gewann den Machtkampf sehr schnell und lie� Jane Grey und ihren Ehemann Guilford Dudley nach ihrer Kr�nung wegen Hochverrats verhaften und als Gefangene in den Tower bringen. Mary stellte Jane in Aussicht, sie k�nne der Todesstrafe entgehen, wenn sie sich zum katholischen Glauben bekenne. Als Jane jedoch auch nach mehreren Monaten der Haft standhaft blieb und Mary sie zunehmend als machtpolitisches Risiko ansah, befahl sie die Enthauptung von Jane Grey und ihrem Ehemann.</p><p>Was f�r Jane sehr bitter gewesen sein muss: Ihre Familie, die sie noch kurz zuvor unbedingt auf den Thron setzen wollte, unternahm nichts, um das M�dchen zu retten. Am 12. Februar 1554 wurde das Urteil vollstreckt: Auf ihrem Weg hierher zum Schafott musste Lady Jane noch den Anblick des enthaupteten Leichnams ihres Gatten ertragen, der auf einem Karren an ihr vorbeirumpelte. Nach Augenzeugenberichten war die junge Frau, die f�r ganze neun Tage die K�nigin von England gewesen war, trotz allem sehr gefasst, als sie das Schafott betrat.</p><p>Nachdem sie einen Psalm gebetet hatte, vollzog der Henker seine Aufgabe. Ihre letzte Ruhest�tte fanden Jane und Guilford hier in unserer Kapelle St. Peter ad Vincula.�</p><p>W�hrend Michael Conners am Ende der F�hrung noch f�r ein paar Fotos posierte, musste John sich beherrschen, seinen Kollegen nicht einfach wegzuzerren. Endlich gingen die letzten Touristen zufrieden schnatternd davon.</p><p>�Michael, k�nnen wir kurz reden? Es ist wichtig.� Conners schien vor seinen Augen ein wenig zusammenzusacken, als w�re seine Energie mit dem Ende der F�hrung aufgebraucht.</p><p>�Nat�rlich, John. Ich habe jetzt eine halbe Stunde frei und k�nnte eine Tasse Tee zum Aufw�rmen gebrauchen.� John lud ihn in seine Wohnung ein, die nur ein paar Schritte entfernt war. Als beide �ber dampfenden Tassen in Johns kleiner K�che sa�en, wandte sich John eindringlich an seinen Kollegen.</p><p>�Michael, als ihr gestern nach dem Zapfenstreich den Innenhof des Towers verlassen habt und durch die Water Lane hinausgegangen seid � hast du dich da am Ende der Gruppe befunden?� Gequ�lt sah Conners ihn an.</p><p>�John, ich schw�r�s dir, als wir hinausgegangen sind, war ich st�ndig als Nachhut hinter der Gruppe. Es war exakt so, wie es an jedem Abend war. Naja, nicht ganz, weil George Campbell mit einer kleinen Besuchergruppe ebenfalls da war. Nachdem George mir erkl�rt hatte, dass das irgendwelche VIPs waren, haben wir die Herren vorgelassen, als sich das Geschehen der Schl�sselzeremonie von der Water Lane in den Innenhof verlagert hat. Nach dem Zapfenstreich hat George die Herren direkt in den Club gebracht, ist also nicht mit mir und meiner Truppe zum Ausgang gegangen. Ich sage dir, ich habe keine Ahnung, wann der Mord passiert sein kann, aber auf jeden Fall war es nicht w�hrend des Hinausgehens.� Er rieb sich m�de das Gesicht.</p><p>�Das habe ich auch diesem geschniegelten Polizisten gesagt, aber der hat mir sowieso kein Wort geglaubt. Der Kerl hat mich behandelt wie einen Schwerverbrecher.�</p><p>Ein freudloses Lachen von John lie� ihn stutzen.</p><p>�Das war sicher Superintendent Whittington, nicht wahr?� Conners nickte erstaunt.</p><p>�Kennst du den Widerling etwa?�</p><p>�Das kann man leider sagen. Er ist mein Cousin.�</p><p>Nachdem John sich von seinem Kollegen verabschiedet hatte, schenkte er sich eine zweite Tasse Tee ein und ging zum Fenster. W�hrend er seinen Blick �ber den Innenhof des Towers schweifen lie�, merkte er, wie der Druck auf seiner Brust nachlie�. Er glaubte Michael Conners und damit war es unm�glich, dass der Mord nach dem Zapfenstreich passiert war. Whittington lag mit seiner Vermutung falsch und er selbst h�tte die Tat auf keinen Fall verhindern k�nnen. Als er Punkt 22.00 Uhr das Wachh�uschen am White Tower betreten hatte, musste die junge Frau bereits tot gewesen sein.</p><p>�Mr. Mackenzie? Superintendent Whittington erwartet Sie um elf Uhr im B�ro des Kommandanten zu einer zweiten Vernehmung.�</p><p>Mit einem grimmigen L�cheln legte John den Telefonh�rer auf. Simon w�rde sich wundern. Diesmal w�rde er ihm anders entgegentreten. Aber erst einmal wollte er nach Gworran sehen.</p><p>Im Hof waren die �blichen Touristenscharen unterwegs. Die Spurensicherer mussten die ganze Nacht durchgearbeitet haben, um ihre Arbeit soweit abzuschlie�en, dass der Tower heute bereits wieder der �ffentlichkeit zug�nglich gemacht werden konnte.</p><p>Der Rabe hockte allein in der Voliere, seine Gef�hrten verbrachten wie immer den Tag drau�en auf dem Gel�nde des Towers. Gestutzte Fl�gel verhinderten, dass sie wegflogen. Aus dem Schuppen, der an die Voliere angebaut war, drangen Ger�usche. John klopfte an die Holzt�r und ging hinein. George Campbell war dabei, die Futtern�pfe der Raben zu reinigen.</p><p>�Morgen, John. Ich warte gerade auf den Tierarzt. Gworran ist krank.�.</p><p>Sogleich �berfiel John wieder ein schlechtes Gewissen.</p><p>�Das ist mir gestern Abend schon aufgefallen. Ich wollte dir Bescheid geben ��</p><p>�Wann war das? Hast du versucht, mich telefonisch zu erreichen?�, fiel ihm Campbell in ungewohnt scharfem Ton ins Wort.</p><p>�Nein, ich war gerade auf dem Weg zum Wachdienst. Ich wollte dich aus dem Byward Tower anrufen, aber bei dem ganzen Wirbel gestern Nacht bekam ich keine Gelegenheit mehr dazu. Es tut mir leid.�</p><p>Der Ravenmaster nickte, nun wieder freundlicher.</p><p>�Mach dir keine Sorgen, John. Der Tierarzt wird schon herausfinden, was ihm fehlt. Wahrscheinlich hat er wieder mal etwas Unverdauliches gefressen.� Er wandte sich wieder den Fressn�pfen zu.</p><p>�Willst du mir helfen? Ich muss noch die Voliere s�ubern und das Futter herrichten.� Bereitwillig streifte sich John eine der Sch�rzen �ber, die an einem Nagel hingen und begann, N�pfe zu schrubben.</p><p>�Eigentlich war es gut, dass du gestern nicht bei mir angerufen hast. Ich war ohnehin mit Richard im Club und so h�ttest du nur Marcia aus dem Schlaf gerissen.�, meinte Campbell.</p><p>�Ah ja, Adams hat gestern erw�hnt, dass dein Sohn ein paar Leute in den Club eingeladen hatte.�, fiel es John ein. Der Ravenmaster l�chelte stolz.</p><p>�Richard wollte seinen Parteifreunden seinen alten Vater, den Beefeater, vorf�hren. Sein Wahlkampfmanager sagt, bei den Wahlen wird Richard der Bezug zur britischen Tradition gut zu Gesicht stehen. Und ich unterst�tze ihn nat�rlich, so gut ich kann. Marcia h�tte auch dabei sein sollen, aber sie hatte wieder eine ihrer Migr�neattacken.�</p><p>W�hrend der letzten Monate hatten ihre Gespr�che sich h�ufig um Georges und Marcias ambitionierten Sohn gedreht, der hoffte, bei der n�chsten Unterhauswahl einen Sitz f�r die konservative Tory-Partei zu erringen. John hatte den jungen Anwalt ein paar Mal getroffen und hielt ihn insgeheim f�r einen arroganten Popanz. Dennoch h�rte er geduldig den Lobliedern zu, die dessen Vater auf Richard sang.</p><p>�Dann warst du den ganzen Abend im Club?�, fragte er beil�ufig nach. Die Gestalt, die er in der Water Lane beobachtet hatte, ging ihm nicht aus dem Kopf.</p><p>�Nicht ganz. Richard, sein Wahlkampfmanager und die G�ste bekamen zuerst eine kleine Privatf�hrung. Dann haben wir im Club zu Abend gegessen und ich habe die G�ste zur Schl�sselzeremonie begleitet, w�hrend Richard und sein Manager irgendwelche wichtigen Telefonate f�hrten. Als es zu Ende war, bin ich mit den Leuten wieder zur�ck in den Club gegangen und wir haben noch etwas getrunken. Nach kurzer Zeit kam die Order, dass jemand vermisst wird und wir bis auf weiteres im Club bleiben sollten, um die Suchaktion nicht zu st�ren. Dank Richards Einfluss hat die Polizei uns als Erste vernommen, so dass wir dann gehen konnten. Der Gedanke, einer dieser werten Herren h�tte etwas mit so einer abscheulichen Sache zu tun, ist ohnehin abwegig. Das sah auch dieser feine Superintendent so.�</p><p>Das Eintreffen des Tierarztes unterbrach ihre Unterhaltung. Feiner Superintendent! John schnaubte absch�tzig, als er �ber den Hof zum B�ro des Kommandanten ging. Das passt so richtig zu Simon, dass er vor den honorigen Politikern katzbuckelt. Wahrscheinlich hat er bef�rchtet, dass sie Verbindungen zum Haushaltsausschuss haben, der �ber das Budget der Metropolitan Police bestimmt, dachte er ungn�dig.</p><p>Wenn der Ravenmaster die Wahrheit gesagt hatte und er nach der Schl�sselzeremonie den Club nicht mehr verlassen hatte, musste John sich gestern Abend get�uscht haben. John wollte dem Mann, den er inzwischen als Freund betrachtete, nur zu gern uneingeschr�nkt Glauben schenken. Aber er musste sich eingestehen, dass Zweifel an ihm nagten. Hin- und hergerissen, ob er Whittington nun von seiner Beobachtung erz�hlen sollte oder nicht, betrat er den Verwaltungstrakt des Towers.</p><p>Im Vorzimmer von Chief Warder Patrick Mullins, dem Kommandanten der Beefeater, f�hrte Bonnie Sedgwick das Regiment.</p><p>Sie sah sichtlich entnervt auf, als John klopfte. Dann entspannte sich ihre Miene zu einem L�cheln.</p><p>�Ach, Sie sind�s. Sie haben wahrscheinlich einen Termin mit Ihrer Majest�t?� Auf Johns verwirrten Blick hin d�mpfte sie ihre Stimme und winkte ihn n�her heran.</p><p>�Ich spreche von Ihrer Majest�t, dem Superintendenten. Sie haben ihn ja sicher schon kennengelernt? Eins muss ich ihm lassen, er sieht fantastisch aus und er hat wirklich Stil � aber nur, was seine Kleidung betrifft. An seinen Umgangsformen muss er noch arbeiten. Er und der Chief sind jetzt schon eine Stunde lang da drin und fetzen sich, was das Zeug h�lt. M�chten Sie vielleicht eine Tasse Tee, w�hrend Sie warten?� John setzte sich dankbar. Auf seine neugierige Frage, wor�ber die beiden streiten w�rden, blinzelte Bonnie verschw�rerisch.</p><p>�Lauschen Sie einfach. Die beiden br�llen so, dass man das Meiste problemlos durch die T�r h�ren kann.� Tats�chlich drang die kr�ftige Stimme von Chief Mullins gleich darauf zu ihnen heraus.</p><p>�Zum letzten Mal, Whittington. Keiner meiner Leute hat seine Dienstpflichten verletzt, da k�nnen Sie sicher sein.�</p><p>�Mullins, Sie h�ren mir jetzt mal zu ��</p><p>�Nein, Sie h�ren mir gef�lligst zu. Seit �ber siebenhundert Jahren findet die Schl�sselzeremonie an jedem Tag exakt um dieselbe Zeit statt, auch ihr Ablauf hat sich �ber die Jahrhunderte nicht ge�ndert. Nimmt man einmal jenen denkw�rdigen Abend w�hrend des zweiten Weltkriegs aus, als zu Beginn der Zeremonie Bomben auf das Wachgeb�ude fielen. Und selbst da klopften die M�nner lediglich ihre Uniform aus und die Zeremonie wurde mit einer halbst�ndigen Versp�tung fortgef�hrt.� John meinte, ein Z�hneknirschen zu h�ren.</p><p>�Was um Himmels Willen hat das mit unserer Situation hier zu tun?�</p><p>�Ich wollte Ihnen damit klarmachen, wie ernst jeder Beefeater seine Pflichten nimmt. Der Gedanke, einer der M�nner, die an dieser ehrw�rdigen Zeremonie teilnehmen, h�tte seine Pflichten vernachl�ssigt, ist geradezu lachhaft. Und jetzt, denke ich, sollten Sie sich endlich Ihrer Aufgabe widmen, diesen schrecklichen Mord aufzukl�ren. Auf Wiedersehen, Superintendent.�</p><p>Die T�r �ffnete sich schwungvoll und Whittington trat widerstrebend heraus. Sein ansonsten makelloses Auftreten hatte ein wenig gelitten. Doch er gab sich noch nicht geschlagen.</p><p>�Sie haben wohl vergessen, dass Sie und Ihre ganze Einheit als Special Constables der Londoner Polizei unterstellt sind. Ich werde jetzt an geeigneter Stelle Beschwerde einlegen, dass Ihre Kooperation bei der Aufkl�rung dieses Kapitalverbrechens sehr zu w�nschen �brig l�sst. Sie werden mich noch kennen lernen.� Mit einem Blick auf John knurrte er noch, �Mit dir werde ich mich sp�ter unterhalten.� Damit fegte er durch die Ausgangst�r. John fiel ein Stein vom Herzen. Ein weiteres Verh�r war ihm vorerst erspart geblieben.</p><p>�Ah, Mackenzie. Kommen Sie rein, kommen Sie rein. Mit Ihnen wollte ich sowieso sprechen.�</p><p>Der Chief winkte John in sein B�ro. Mullins setzte sich und nahm eines der zahlreichen Flugzeugmodelle zur Hand, die die Regale und auch den Schreibtisch bev�lkerten. Die Fliegerei war seine gro�e Leidenschaft. Er war ein ranghoher Offizier der Royal Air Force gewesen, bevor er in den Tower kam. Seine Frau war vor einigen Jahren gestorben. Seitdem verbrachte er seine Freizeit meist auf einem kleinen Privatflugplatz in Surrey, wo er zusammen mit anderen Luftsportbegeisterten ein kleines Motorflugzeug besa�. Er war ein Mann mit nat�rlicher Autorit�t und ohne All�ren, den John zutiefst respektierte.</p><p>Schlie�lich stellte Mullins den Modellflieger zur Seite.</p><p>�Mackenzie, mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie sich gestern zu Ihrem Dienstbeginn im Byward Tower versp�tet haben. Angeblich wegen eines unserer Raben?� John rutschte unwillk�rlich etwas tiefer in seinen Ledersessel.</p><p>�Sir, Sie haben recht. Es tut mir leid �� Weiter kam er nicht.</p><p>�Papperlapapp. Unsere Raben sind wichtige Mitglieder der Tower-Gemeinschaft. Unser Ravenmaster hat mir schon berichtet, dass Sie sich f�r die Tiere interessieren und ihm auch h�ufig bei seinen Aufgaben helfen. Daher sind ein paar Minuten Versp�tung verzeihlich.� John starrte seinen Kommandanten �berrascht an. Dieser l�chelte milde und griff zum Telefon.</p><p>�Einen Moment, Mackenzie.� Dann sprach er in den H�rer.</p><p>�George? Patrick hier. Wie geht es ihm?� Nach einigen Momenten lachte er leise und legte gleich darauf auf.</p><p>�Gworran hat wieder einmal an einer Antenne geknabbert. Gerade, als der Tierarzt eintraf, kam der Grund seines Unwohlseins auf nat�rliche Weise zum Vorschein: eine kleine Schraube. Kein Wunder, dass ihm die im Magen gelegen hat. Seine Gro�mutter hatte die gleiche Eigenart. Wir mussten sie vor mehreren Jahren fr�hzeitig in Pension schicken, weil sie die Fernsehantenne unseres Doktors einige Male zerst�rte. Jetzt aber wieder zu Ihnen.�</p><p>Chief Mullins zog aus einer Schublade einen Grundriss des Towers und den Dienstplan des gestrigen Tages heraus, dazu die B�cher, in denen die Aufzeichnungen in den Wachstuben gef�hrt wurden.</p><p>�Wir sind uns einig, dass Conners beim Verlassen des Towers die ganze Gruppe vor sich im Blickfeld hatte?�, begann er unvermittelt. John nickte.</p><p>�Demnach muss der Mord bereits vor dem Ende des Zapfenstreichs passiert sein, genauer gesagt im Zeitraum zwischen 21.45 Uhr, als die Touristengruppe in die Water Lane gef�hrt wurde, und zirka 22.00 Uhr. Wie mir Whittington sagte, hat die Analyse der Aufzeichnungen unserer Sicherheitskameras keine brauchbaren Hinweise ergeben. Auf Grund der Gr��e der Gruppe und der Lichtverh�ltnisse l�sst sich auf dem vorhandenen Material nichts Brauchbares erkennen.� Mullins seufzte.</p><p>�Wenn man bedenkt, dass sich im Umkreis von hundert Metern rund um die Kronjuwelen nicht einmal eine Maus bewegen k�nnte, ohne mehrfach gefilmt zu werden, ist es eigentlich eine Schande, dass wir am entgegengesetzten Ende des Towers nur das Notwendigste an �berwachung haben. In der Water Lane selbst haben wir nur zwei Kameras. Die eine ist auf den Eingang am Byward Tower gerichtet, die zweite auf den Gruppenausgang weiter �stlich. Keine der beiden erfasst den Bereich vor dem Verr�tertor. Wahrscheinlich wird es sich f�r die Zukunft nicht vermeiden lassen, noch mehr �berwachungskameras zu installieren.� Er kritzelte etwas auf ein Papier und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf John.</p><p>�Nach den Aufzeichnungen der Torwache haben Sie den Tower um 21.56 Uhr betreten. Reichlich sp�t, muss ich sagen.� Er runzelte die Stirn und bedachte John mit einem strengen Blick.</p><p>�Nun ja, trotzdem haben Sie sich Punkt 22.00 Uhr bei Ihrem Offizier gemeldet. Ihre Wohnung, in der Sie sich umziehen mussten, liegt ein ganzes St�ck weit weg von der Water Lane. Daraus ziehe ich den Schluss, dass Sie mit dieser Geschichte nichts zu tun haben k�nnen.� John r�usperte sich.</p><p>�Das ist richtig, Sir. Auch wenn unser Freund, der Superintendent, da seine Zweifel zu haben scheint.� Mullins lachte auf.</p><p>�Dieser Whittington, das ist vielleicht ein bornierter Schn�sel. Solche Lackaffen habe ich in meinem Leben schon zur Gen�ge gesehen, mit ihrem Upper class-Akzent und ihren einflussreichen Verbindungen. Die meisten von diesen Typen waren im Ernstfall nicht zu gebrauchen.� Pl�tzlich schlug er sich mit der Hand auf den Mund.</p><p>�Donnerwetter, nun habe ich ganz vergessen, dass dieser Mensch ja mit Ihnen verwandt ist, wie er mir sagte. Nichts f�r ungut, Mackenzie.� Doch John grinste nur breit.</p><p>�Sir, mein Kompliment f�r Ihre Menschenkenntnis. So schnell hat bisher noch niemand meinen Cousin durchschaut. Der Fairness halber muss ich aber sagen, dass er den Ruf hat, ein cleverer Ermittler zu sein.� Mullins wiegte nachdenklich den Kopf.</p><p>�Hm. Ich m�chte mich ungern darauf verlassen, dass er diesen Fall l�sen wird. Wie Sie sich vorstellen k�nnen, ist es unser oberstes Interesse, dass diese Geschichte schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwindet. Heute fr�h hatte ich schon diverse Anrufe von ganz oben deswegen. Unsere verehrte Dienstherrin ��, er warf einen Blick auf das k�nigliche Portr�t an der Wand � ist not amused, wie ich h�re. Wir m�ssen also alles in unserer Macht stehende tun, damit der M�rder dieser jungen Frau gefunden wird, und zwar flott.�</p><p>�Was meinen Sie, Chief? Scotland Yard arbeitet doch sicher mit Hochdruck daran. Was k�nnten wir noch zus�tzlich tun?�</p><p>Mullins stand auf und kam um den Schreibtisch herum. Er hockte sich auf die Schreibtischkante und fixierte John mit einem durchdringenden Blick.</p><p>�Ihnen ist doch klar, dass der Kreis derer, die dieses Verbrechen begangen haben k�nnen, sehr begrenzt ist? Da ist zum einen die Touristengruppe, sechsunddrei�ig Leute. Dann die sechsk�pfige Politikertruppe, die Richard Campbell und sein Wahlkampfmanager, Nigel Owen, in den Club eingeladen haben. Von der milit�rischen Garde waren vierzehn Mann im Tower. Zehn von ihnen waren aktiv an der Schl�sselzeremonie beteiligt und h�tten ihre Pl�tze im kritischen Zeitraum nicht verlassen k�nnen, daher scheiden sie als Verd�chtige aus. Die anderen vier bewachten zusammen mit zwei von uns die Kronjuwelen. Dann haben wir unseren guten Doktor und unseren Priester mit ihren Ehefrauen, dazu Sid, unseren Barmann. Und schlie�lich: die Beefeater, von denen gestern einschlie�lich mir und Ihnen zweiunddrei�ig anwesend waren. Die restlichen vier sind im Urlaub. Dann kommen noch die hier lebenden Ehepartnerinnen in Betracht. Von den sechs minderj�hrigen Kindern unserer M�nner befand sich keines hier. Wie Sie ja wissen, besuchen sie alle Internate. Wenigstens �ber sie brauchen wir uns keine Gedanken zu machen.�</p><p>Mullins fuhr sich erregt �ber seinen ohnehin schon zerzausten Rotschopf. �Verstehen Sie mich, Mackenzie: Nat�rlich liegt es mir fern, einen meiner M�nner einer solchen Sache zu verd�chtigen, aber dennoch kann ich es nicht v�llig ausschlie�en, dass einer von ihnen darin verwickelt ist. Und deshalb m�chte ich, dass Sie Nachforschungen anstellen!� John dachte, er h�tte sich verh�rt.</p><p>�Wie bitte, Sir?�</p><p>�Erstens: Nur drei von uns haben ein wasserdichtes Alibi. Das bin ich, weil ich die Schl�sselzeremonie durchgef�hrt habe. Dann Conners, der f�r die Touristen zust�ndig und damit st�ndig im Blickfeld der Leute war. Und schlie�lich Sie. Alle anderen hatten entweder frei oder waren f�r Wachdienste eingeteilt, so dass erst �berpr�ft werden muss, wo sie zum fraglichen Zeitpunkt tats�chlich waren. Zweitens: Wie ich h�re, hat Doc Hunter Sie f�r die n�chsten Tage krankgeschrieben. Lassen Sie mich raten: Ihr Tinnitus plagt Sie wieder?� John nickte stumm.</p><p>�Sie haben also ein wenig Freiraum in n�chster Zeit. Drittens: Sie sind dazu ausgebildet worden, Menschen zuzuh�ren, ihr Verhalten zu beobachten und daraus Schl�sse zu ziehen. Viertens: Sie sind noch nicht lange Mitglied der Beefeater und damit der unvermeidlichen Seilschaften, die sich in der Truppe bilden. Ihnen w�rde ich zutrauen, auch m�glicherweise schmerzliche Erkenntnisse �ber Mitglieder der Einheit nicht unter den Teppich zu kehren. Kurzum: Sie sind der ideale Kandidat f�r unsere internen Ermittlungen.�</p><p>Mullins hob abwehrend die Hand, als John den Mund �ffnete. �Mir ist bewusst, dass ich Sie nicht dazu zwingen kann. Aber ich m�chte Sie bitten, es sich zu �berlegen. Ich vertraue Whittington nicht, punktum. Er hat nicht nur die �ffentlichkeit, sondern auch MI5 im Nacken sitzen, die bei einem Kapitalverbrechen in unmittelbarer N�he der Kronjuwelen nat�rlich auf den Plan treten. Polizei und Geheimdienst haben die besten M�glichkeiten, unsere Touristengruppe und die werten Politiker zu �berpr�fen. Aber was unsere M�nner betrifft, sitzen wir hier an der Quelle und haben den besten Einblick. Selbstverst�ndlich werden wir Ihre Nachforschungen geheim halten.� Mit einem Blick auf die Uhr stand er auf.</p><p>�Ich habe jetzt einen Termin. Bitte denken Sie dar�ber nach und geben Sie mir heute Nachmittag Bescheid, wie Sie sich entschieden haben. Ach, und �brigens: Falls Ihnen ein Reporter �ber den Weg l�uft � wir geben keinerlei Kommentar ab.�</p><p>Damit war John entlassen. Wie so oft, wenn sich die Gedanken in seinem Kopf im Kreis drehten, hatte er das Bed�rfnis nach einem langen Spaziergang. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 4</strong></p></title><p>Eine Stunde sp�ter fand er sich vor der St. Paul�s Cathedral wieder. Einige Arbeiter stellten vor dem Portal gerade einen riesigen Weihnachtsbaum auf. Auch die Gesch�fte in der Cannon Street hatten schon begonnen, Lichterketten aufzuh�ngen. John freute sich sehr darauf, nach so vielen Jahren die Weihnachtszeit wieder in der Heimat zu verbringen. Er malte sich aus, wie er sich in den n�chsten Wochen ins Get�mmel st�rzen w�rde, um Geschenke f�r seine zahlreiche Verwandtschaft zu besorgen. Bedauernd schob er diesen Gedanken wieder beiseite und lenkte, einem spontanen Einfall folgend, seine Schritte zum Old Bailey, wo sich das B�ro seiner Schwester Maggie befand.</p><p>Die junge Dame am Empfang der Staatsanwaltschaft w�hlte eine Nummer, sprach kurz und dr�ckte ihm dann den Telefonh�rer in die Hand. �Bitte sehr. Ms. Hughes ist am Apparat.�</p><p>�John! Suchst du nach weiblicher Begleitung f�r ein schickes Mittagessen oder ist was passiert?�, drang die Stimme seiner Schwester an sein Ohr.</p><p>�Beides�, erwiderte er trocken.</p><p>Zehn Minuten sp�ter sa�en sie sich in einer Nische von Maggies Lieblingsitaliener gegen�ber. W�hrend Maggie die Tageskarte studierte, lie� John seinen Blick �ber ihr Gesicht schweifen. Abgesehen von ihrer hochgewachsenen, eher hageren Figur, die ihr Vater an alle drei Mackenzie-Geschwister vererbt hatte, waren sie sich �u�erlich v�llig un�hnlich. Maggie entsprach mit ihrem glatten blonden Haar, das sie in der Regel zu einem Knoten hochgesteckt trug und ihren klassisch-strengen Outfits ganz dem Bild der seri�sen Staatsanw�ltin. John dagegen genoss es, sein braunes Wuschelhaar endlich nicht mehr milit�risch kurz schneiden zu m�ssen und bevorzugte au�erhalb des Dienstes eher sportlich-legere Kleidung.</p><p>�Wieso siehst du mich so an, John-Boy?� Mit diesem Spitznamen hatte sie ihn seit ihrer Kinderzeit ge�rgert.</p><p>�Du hast da an der Stirn eine erste Falte, wei�t du das?�, neckte er sie. Spielerisch drohte sie ihm mit der Gabel.</p><p>�Du bist doch wohl nicht nur gekommen, um mir Beleidigungen an den Kopf zu werfen, oder? Jetzt r�ck schon mit der Sprache raus. Warum wolltest du mit mir reden?� John spie�te eine Olive auf und betrachtete sie versonnen.</p><p>�Denkst du, ich eigne mich zum Privatschn�ffler?�</p><p>Die Glocke von St. Peter ad Vincula schlug halb zehn. John fror erb�rmlich. Gerne w�re er in dem Lagerraum im obersten Stock des Bloody Towers ein paar Schritte gegangen, f�rchtete aber, im Dunkeln �ber irgendeinen Gegenstand zu stolpern. So h�pfte er auf und ab, in der Hoffnung, ein wenig warm zu werden. Aus dem verstaubten Fenster konnte er auf die verlassene Water Lane hinunterschauen. Direkt gegen�ber lag das Verr�tertor in seiner dunklen Nische. Bis auf das Dr�hnen in seinen Ohren, das mal abflaute und dann wieder anschwoll, war kein Laut zu h�ren.</p><p>Als er sich heute Nachmittag von Maggie verabschiedet hatte, war ihm bereits klar gewesen, dass er dem Dr�ngen des Chiefs nachgeben und versuchen w�rde, zur L�sung des Mordfalls beizutragen. In ihrer praktischen Art hatte Maggie gemeint, �Die Geschichte wird dir � bei deiner angeborenen Neugierde � sowieso in n�chster Zeit nicht aus dem Kopf gehen, also kannst du genauso gut die Zeit nutzen, etwas herauszufinden. Und es w�re doch einfach zu sch�n, wenn du am Ende vielleicht unserem geliebten Cousin sogar einen Schritt voraus w�rst.� John musste sich eingestehen, dass ihm dies diebische Freude bereiten w�rde.</p><p>Auf dem R�ckweg zum Tower hatten einige Ideen in seinem Kopf Gestalt angenommen. Als erstes wollte er Mullins vorschlagen, Conners die Besuchergruppe bei der heutigen Schl�sselzeremonie abermals nach demselben Ablauf wie immer f�hren zu lassen. Er selbst wollte sich im Hintergrund halten und herausfinden, wann es einen unbeobachteten Moment g�be, in dem der M�rder zugeschlagen haben konnte.</p><p>Zu seiner Entt�uschung unterrichtete ihn Mullins, dass Whittington ihn mit demselben Ziel am sp�ten Nachmittag gebeten hatte, ihn und zwei seiner Beamten in Zivil an der Schl�sselzeremonie teilnehmen zu lassen.</p><p>�Wir wollen dem Superintendenten ja nicht auf die Nase binden, dass wir unsere eigenen Nachforschungen anstellen. Also werden wir Sie irgendwo verstecken, von wo Sie einen guten �berblick haben. Und ich wei� auch schon, wo.�</p><p>Mullins kannte nach f�nfzehn Jahren Dienst im Tower alle Geb�ude wie seine Westentasche und hatte ihn in der hereinbrechenden D�mmerung hinauf in den Bloody Tower gef�hrt, in dem w�hrend der Rosenkriege im 15. Jahrhundert die jugendlichen Prinzen Edward und Richard gefangen gehalten worden waren. Zweihundert Jahre sp�ter waren die Gebeine zweier Jungen bei Grabungsarbeiten im Tower aufgetaucht. Bis heute herrscht Unklarheit dar�ber, ob die beiden Prinzen w�hrend der blutigen Auseinandersetzungen der H�user Lancaster und York in ihrem Gef�ngnis ermordet wurden oder ihnen doch auf geheimnisvolle Art und Weise die Flucht gelungen war.</p><p>Der Lagerraum, der direkt unter den Zinnen des Bloody Towers lag, war perfekt f�r einen Beobachtungsposten geeignet, hatte er doch Fenster zur Water Lane und auf der entgegengesetzten Seite zum Innenhof. So konnte John die gesamte Schl�sselzeremonie verfolgen. Wenn sie nur endlich losginge!</p><p>Die Zeiger der Kirchenuhr schienen sich kaum vorw�rts zu bewegen, w�hrend die K�lte trotz seiner dicken Kleidung f�rmlich in ihn hineinkroch. Sehns�chtig dachte John an sein gem�tliches Sofa und den spannenden Schm�ker, der dort lag. Doc Hunter w�re kaum begeistert, k�nnte er ihn hier sehen.</p><p>�Spannen Sie die n�chsten Tage mal so richtig aus. Am besten w�re es, Sie w�rden wegfahren. Vielleicht aufs Land, zu Ihren Eltern?�, hatte er John heute Morgen mit auf den Weg gegeben. Nachdem John dem Chief gesagt hatte, dass er ihm soweit es ihm irgend m�glich war, mit internen Nachforschungen helfen w�rde, hatte diesen pl�tzlich ein schlechtes Gewissen geplagt.</p><p>�Mackenzie, ich bin wirklich �u�erst dankbar, dass Sie das �bernehmen, aber ist das mit Ihrem Gesundheitszustand auch vereinbar?�</p><p>�Vermutlich nicht�, hatte John grinsend geantwortet. �Aber ich m�chte es trotzdem versuchen.�</p><p>Mit dem Glockenschlag 21.45 Uhr ging die T�r des Byward Towers auf und Michael Conners trat heraus, gefolgt von einer Besucherschar. John hob sein Fernglas an die Augen und lie� den Blick �ber die rund drei Dutzend K�pfe schweifen. Es waren jeden Abend an die vierzig Personen zur Schl�sselzeremonie zugelassen.</p><p>Ein Gro�teil der kostenlosen Eintrittskarten musste Monate im Voraus schriftlich bestellt werden. Spontane Besucher hatten keine Chance, noch eingelassen zu werden. F�r Einladungen, die von einem der Beefeater ausgesprochen wurden, gab es ein kleines Kontingent zus�tzlicher Pl�tze. Dies hatte es gestern Abend Richard Campbell erm�glicht, im Namen seines Vaters Parteifreunde in den Tower einzuladen. Die abendliche Abschlie�zeremonie war ein eindrucksvolles Erlebnis. Das Gef�hl, in den historischen Mauern Zeuge eines Rituals zu sein, das seit dem Mittelalter in ununterbrochener Folge unver�ndert stattfand, bewegte die meisten Menschen und die Atmosph�re in der sp�rlich beleuchteten Water Lane tat ihr �briges. Doch heute Abend hatte eine andere Art von Erregung die Gruppe erfasst.</p><p>Die Blicke aller wanderten unabl�ssig zum Verr�tertor und auf den Gesichtern der meisten Touristen spiegelten sich wohlige Gruselschauer wider. H�tte nicht wie stets striktes Film- und Fotografierverbot geherrscht, w�re ein Blitzlichtgewitter �ber die Water Lane gezogen.</p><p>Im d�mmrigen Licht dort unten h�tte John seinen Cousin trotz des scharfen Fernglases fast nicht erkannt. Whittington hatte sich augenscheinlich alle M�he gegeben, inkognito zu bleiben. Da er die Ermittlungen im spektakul�rsten Mordfall des Jahres leitete, war sein Bild heute in der gesamten Regenbogenpresse zu sehen gewesen. Mit dem sorgf�ltig inszenierten Pressefoto, das ihn im perfekt geschnittenen Anzug und mit einem siegesgewissen L�cheln auf den Lippen zeigte, hatte er heute Abend kaum �hnlichkeit. Wahrscheinlich hat er sich die ausgebeulten Hosen und die unf�rmige Winterjacke von seinem Sergeant ausgeliehen, mutma�te John erheitert. Ein karierter Schal, der selbst aus der Entfernung aussah, als stammte er aus einem der Billigl�den, die alles f�r ein Pfund verkauften, verdeckte sein Gesicht bis zur Nase.</p><p>Michael Conners behielt die Gruppe wachsam im Auge, w�hrend er vor Beginn der Zeremonie einige historische Fakten nannte und dann alle Anwesenden zur Ruhe ermahnte. Er postierte die Gruppe genau vor dem Gel�nder der Nische, die zum Verr�tertor f�hrte. Das war der �bliche Platz f�r die Besucher w�hrend des ersten Teils der Zeremonie. Vor der Gruppe bezogen zwei Armeeangeh�rige Stellung, mit ihren traditionellen hohen B�renfellm�tzen und aufgepflanzten Bajonetten.</p><p>Punkt 21.53 Uhr �ffnete sich das Tor abermals. Die Silhouette von Chief Mullins zeichnete sich scharf gegen das warme Licht von drinnen ab. In der einen Hand hielt er eine Laterne, in der anderen den gro�en zeremoniellen Schl�sselbund. Er schritt auf das Verr�tertor zu, wo er von den beiden Soldaten in Empfang genommen wurde. Gemeinsam schlossen sie die Tore des Towers feierlich f�r die Nacht ab. Auf dem Weg zum Queen�s House im Innenhof des Towers stellte sich ihnen vor dem Durchgang des Bloody Towers ein weiterer Wachsoldat entgegen. Nach einem kurzen Wortwechsel lie� der Soldat den Chief wie jeden Abend durch den Bloody Tower hindurch in den Innenbereich des Towers passieren und er schloss sich der Eskorte an. Nachdem die nun vierk�pfige Gruppe den Durchgang passiert hatte, wurde sie im Innenhof von einer gr��eren Truppe Wachsoldaten in Empfang genommen.</p><p>Wie elektrisiert sprang John hoch und musste sich beherrschen, seine Nase nicht gegen die staubige Fensterscheibe zu pressen. Unten in der Water Lane f�hrte Michael Conners die Besucher, die begierig waren, die weiteren Geschehnisse im Innenhof zu verfolgen und hinter ihm her dr�ngten, ebenfalls durch den Durchgang des Bloody Tower. John musste nicht aus dem anderen Fenster hinaussehen, um zu wissen, was nun dort vor sich ging. Die Besucher mussten unmittelbar hinter dem Durchgang stehen bleiben, nur wenige Schritte entfernt von Chief Mullins. Von dort konnten sie beobachten, wie die Wachtruppe die Gewehre pr�sentierte und der Chief deklamierte, �Gott sch�tze K�nigin Elizabeth�. Exakt mit dem Schlag der Glocke antwortete die Truppe daraufhin �Amen� und der Trompeter blies den Zapfenstreich. Chief Mullins brachte den Schl�sselbund ins Queen�s House direkt am Tower Green, wo er �ber Nacht aufbewahrt wurde, und die Garde war entlassen. Daraufhin wurden die Besucher wieder zur�ck durch den Durchgang und die Water Lane zum Ausgang gef�hrt.</p><p>John wusste nun, wann der Mord passiert sein musste: Sobald der Chief und seine Eskorte im Durchgang verschwunden waren, hatte die ganze Gruppe nach vorne gedr�ngt. Der begleitende Beefeater war gezwungen, vor den Leuten her zu gehen, um sie rechtzeitig auf der anderen Seite des Bloody Towers zu stoppen. Blieb jemand aus der Besucherschar zur�ck, war er f�r einen Zeitraum von wenigen Minuten unbeobachtet. John ballte die rechte Hand triumphierend zur Faust und machte sich auf den R�ckweg in seine Wohnung, um sich einen wohlverdienten hei�en Tee zu g�nnen.</p><p>Am n�chsten Morgen fand er sich als erstes in Mullins� B�ro ein, um Bericht zu erstatten.</p><p>�Sir, ich f�rchte, die Situation l�sst nur einen m�glichen Schluss zu�, endete er z�gernd.</p><p>�Heraus mit der Sprache, Mackenzie.�</p><p>�Entweder ist der T�ter jemand, der den Ablauf der Schl�sselzeremonie und die �rtlichen Gegebenheiten sehr gut kennt, oder es handelt sich um eine Verzweiflungstat und derjenige hatte einfach unwahrscheinliches Gl�ck, einen unbeobachteten Moment zu erwischen. Allerdings kann ich mir letzteres kaum vorstellen.� Mullins hielt es nicht mehr in seinem Sessel. Er sprang auf und schritt erregt im Zimmer auf und ab.</p><p>�Wir d�rfen dennoch keine M�glichkeit ausschlie�en. Wie w�re es damit? Jemand aus der Gruppe hatte irgendeine Verbindung zu Miss Feldmann. Rein zuf�llig hat er sie hier bei der Zeremonie wieder getroffen und im Affekt erw�rgt.�</p><p>�W�re es in dem Fall nicht viel einfacher gewesen, sie nach dem Verlassen des Towers zu verfolgen und in einer stillen Seitenstra�e anzugreifen? Das Risiko, entdeckt zu werden, w�re doch au�erhalb unserer Mauern viel geringer gewesen. Man h�tte das M�dchen auch nicht innerhalb von Minuten vermisst und der T�ter h�tte viel leichter abtauchen k�nnen.�, wandte John ein.</p><p>�Aber das setzt voraus, dass der T�ter rational dachte. Vielleicht war es eine Affekthandlung. Ich k�nnte mir das durchaus vorstellen. Nat�rlich, so k�nnte es gewesen sein: Das M�dchen hatte einen Mann aus der Gruppe sitzengelassen und der sah einfach rot, als er sie hier wieder traf und er r�chte sich ohne R�cksicht auf Verluste. Wie w�re es denn mit einem unserer politischen G�ste? Die machen schlie�lich immer wieder Schlagzeilen mit irgendwelchen Aff�ren.�</p><p>Der Chief erw�rmte sich zusehends f�r seine Theorie. John sch�ttelte bedauernd den Kopf.</p><p>�Michael Conners sagte mir, Georges kleine Gruppe h�tte als erstes den Innenhof betreten d�rfen. Also konnte keiner von ihnen in der Water Lane zur�ckbleiben.� Der Chief hatte eine neue Idee.</p><p>�Sie haben doch selbst erz�hlt, dass in der Besuchergruppe eine ganze Reihe von Deutschen war. Ich wette, die Polizei wird feststellen, dass einer der M�nner das M�dchen vorher schon kannte.�</p><p>�Das ist nat�rlich m�glich, Sir.�, �u�erte John vorsichtig. Er konnte verstehen, warum der Chief sich verzweifelt an die Vorstellung klammerte, ein Au�enstehender w�re der Schuldige.</p><p>�Da wir der Polizei die Ermittlungen in diese Richtung �berlassen m�ssen, m�chte ich die Zeit nutzen, um mich um unsere eigenen Leute zu k�mmern. Wenn Sie mir den Dienstplan des Tattages �berlassen k�nnten, k�nnte ich mich an die Arbeit machen und feststellen, wo jeder zum fraglichen Zeitpunkt war und ob es Zeugen daf�r gibt.� Dann fiel ihm noch etwas ein. �Vielleicht gab es ja auch in der Touristengruppe jemanden, der auf Grund eines fr�heren Besuchs mit dem Ablauf bereits vertraut war. Vielleicht k�nnten Sie jemanden beauftragen, die Namen der Gruppe mit unseren alten Besucherlisten zu vergleichen?�</p><p>�Hervorragende Idee, Mackenzie. Ich werde Conners gleich darauf ansetzen.� Als John hinausging, rief Mullins ihm hinterher.</p><p>�Wie geht es eigentlich mit Ihrem Ohrensausen?�</p><p>John stutzte und horchte in sich hinein. Tats�chlich waren die nervt�tenden Ger�usche stark abgeklungen. Vielleicht war ja eine M�rderjagd gar kein so schlechter Therapieansatz. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 5</strong></p></title><p>Zur�ck in seiner Wohnung setzte er sich an den K�chentisch und breitete den Dienstplan vor sich aus. Abbott, Armstrong, Bancroft, Burns, Campbell, Denham, Dunders... John st�hnte. Wie sollte er herausbekommen, wo jeder der M�nner zum fraglichen Zeitpunkt gewesen war � ohne dass jemand Verdacht sch�pfte, warum er sich daf�r interessierte? Dazu kamen noch die zahlreichen Ehefrauen, die im Tower wohnten. In den wenigen Monaten hier hatte John noch nicht einmal alle pers�nlich kennengelernt. Er brauchte Hilfe, das stand fest. Kurz entschlossen griff er zum Telefonh�rer.</p><p>�Chief Mullins? Mackenzie hier. Ich br�uchte noch mehr Informationen, wenn ich unsere M�nner und ihre Familien �berpr�fen soll. Wie w�re es, wenn wir Ihre Sekret�rin mit einweihen w�rden? Es gibt wohl kaum etwas im Tower, was Bonnie entgeht.�</p><p>�Hmm. Eigentlich m�chte ich den Kreis so klein wie m�glich halten. Allerdings vertraue ich Bonnie hundertprozentig und da sie nicht im Tower wohnt, war sie vorgestern Abend auch nicht anwesend. Na gut, Mackenzie, ich verbinde Sie gleich mit ihr. �brigens versuche ich schon den ganzen Tag, den Superintendenten zu sprechen, um mir �ber die Fortschritte der Polizei berichten zu lassen, aber er ist nie zu erreichen. Man sollte doch meinen, ich h�tte ein Recht darauf, auf dem Laufenden gehalten zu werden. Au�erdem mussten wir die Kontrollen an den Eing�ngen verst�rken, da ansonsten Horden von Reportern unseren ganzen Betrieb lahmlegen w�rden. Verdammt l�stig, so etwas.�</p><p>H�rbar verstimmt legte der Chief auf und gleich darauf war Bonnie in der Leitung. Schon nach wenigen Worten unterbrach sie ihn enthusiastisch.</p><p>�Sie k�nnen auf mich z�hlen, John! Am besten treffen wir uns gleich heute.�</p><p>�M�chten Sie in der Mittagspause zu mir her�berkommen? Ich brutzle uns etwas und wir k�nnen uns in Ruhe unterhalten.�</p><p>Dieses Angebot nahm Bonnie gerne an.</p><p>Mit einem Blick auf seine Vorr�te entschied John, dass er erst einmal einkaufen musste.</p><p>Da der kleine, aber gut sortierte Lebensmittelladen von Mr. Shrinaga nur wenige Minuten vom Tower entfernt lag, nutzten ihn die meisten der Bewohner f�r ihre Eink�ufe. John w�hlte gerade ein paar Okra-Schoten f�r das Wok-Gericht aus, das er Bonnie auftischen wollte, als er Marcia Campbell wenige Schritte entfernt erblickte.</p><p>Die Frau des Ravenmasters starrte geistesabwesend auf ihre Einkaufsliste und zuckte zusammen, als er sie ansprach.</p><p>�Oh, John, ich hatte dich gar nicht gesehen.� Dann brach es f�rmlich aus ihr heraus.</p><p>�Ist es nicht schrecklich, was passiert ist? Dieses arme junge M�dchen. Das muss doch ein Wahnsinniger gewesen sein, nicht wahr? Nun ist man nicht einmal mehr im Tower seines Lebens sicher!� Marcias Stimme war immer schriller geworden, so dass die wenigen Kunden im Laden nun unverhohlen neugierig zu ihnen her�berstarrten. Als Marcia das bemerkte, err�tete sie peinlich ber�hrt.</p><p>�Ach je, es tut mir leid, John, ich wollte wirklich keine Szene machen. Aber ich ��</p><p>�Marcia, es gibt keinen Grund, sich zu entschuldigen. Wir sind alle angespannt momentan, das ist schlie�lich ganz normal in so einer Situation.� Die �ltere Frau l�chelte ihn zaghaft an.</p><p>�Ja, nicht wahr? Selbst George, der in all den Jahren unserer Ehe immer mein Fels in der Brandung war, ist seit jenem Abend nicht er selbst. Es hat ihn sehr mitgenommen, dass diese Frau ums Leben gekommen ist, w�hrend er und Richard keine hundert Schritte entfernt im Club mit Richards G�sten gefeiert haben.�</p><p>Tats�chlich war der Ravenmaster zum Zeitpunkt der Tat dem Verr�tertor noch sehr viel n�her gewesen, ging es John blitzartig durch den Kopf. George hatte ihm selbst gesagt, dass er die G�ste zur Schl�sselzeremonie begleitet hatte. Erst hernach war er mit ihnen wieder in den Club zur�ckgekehrt. John nahm sich vor, so bald wie m�glich noch einmal mit George zu sprechen.</p><p>�Und nat�rlich sind wir beide momentan etwas nerv�s wegen Richard.�, sprach Marcia weiter. �Wir hoffen so sehr, dass er bei den Wahlen erfolgreich ist. Er ist so ehrgeizig. Ich wei� nicht, ob er eine Niederlage verkraften k�nnte. Wir unterst�tzen ihn, wo wir nur k�nnen. Am Samstag spricht er in Chelsea auf einer Versammlung, dort werden wir auch hingehen.� Sie sah John erwartungsvoll an. �Wie w�re es, John, w�rdest du auch mitkommen?�</p><p>Im ersten Moment wollte John h�flich ablehnen, aber dann fiel ihm ein, dass dies eine gute Gelegenheit w�re, den hoffnungsvollen Jungpolitiker ein wenig �ber den Verlauf des Mordabends auszuhorchen. Also sagte er zur Freude Marcias zu.</p><p>John schmeckte gerade das thail�ndische Gem�segericht ab, als Bonnie klingelte.</p><p>�Kann ich einstweilen den Tisch decken, John?�, fragte sie, als sie ihren Mantel abgelegt hatte.</p><p>�Gern, Bonnie. Die Teller sind in dem Schrank dort dr�ben.�</p><p>�Was haben Sie denn hier f�r eine eigenartige Pflanze?� Sie stand am K�chenfenster, das nach S�den hinaus auf den Innenhof ging. John brachte den gusseisernen Wok zum Tisch.</p><p>�Vorsicht, hei�. Das ist ein Kapok-Spr�ssling. Ich konnte einen Samen von diesem tropischen Baum bekommen und er hat vor kurzem ausgetrieben. Meine Mutter, die eine leidenschaftliche G�rtnerin ist, wird sich zu Weihnachten sicher �ber das Pfl�nzchen freuen.�</p><p>Er deutete auf die offenstehende T�r zum Wohnzimmer, das von einer ganzen Reihe von Topfpflanzen bev�lkert war.</p><p>�Nachdem ich so viele Jahre in der Welt herumgezogen bin, bin ich gl�cklich, nun sesshaft geworden zu sein. So kann ich wenigstens in der Wohnung einige interessante Pflanzen ziehen. Scheinbar hat die Leidenschaft meiner Mutter f�r Gr�nzeug aller Art ein wenig auf mich abgef�rbt.�</p><p>Bonnie setzte sich und probierte ihr Essen.</p><p>�Hm, k�stlich. John, Sie haben scheinbar nicht nur einen gr�nen Daumen, sondern auch ein Talent zum Kochen.� Bonnie zwinkerte ihm �ber ihre voll beladene Gabel hinweg zu. Bescheiden zuckte John mit den Schultern.</p><p>�Es hat mir immer schon Spa� gemacht, zu kochen, vor allem gemeinsam. So habe ich im Lauf der Jahre an den verschiedenen Orten, wo ich stationiert war, viele Kontakte gekn�pft.� Er grinste. �Schweinebraten nach original deutschem Rezept? Kein Problem. Oder lieber ein afghanischer Lammeintopf mit Rosinen? Den hat mir unser Fahrer in Kabul beigebracht. Das einzige Gericht, bei dem ich mich weigere, es zuzubereiten oder zu essen, ist ausgerechnet das Nationalgericht meines Vaters, Haggis.�</p><p>Bonnie verzog angewidert das Gesicht.</p><p>�Uh, das habe ich vor vielen Jahren einmal probiert, als ich mit meinem damaligen Freund eine Woche Urlaub in Schottland gemacht habe.� Sie sch�ttelte sich theatralisch. John lachte.</p><p>�In meiner Familie ist es Brauch, dass sich jedes Jahr am 25. Januar die Verwandtschaft zum Haggis-Essen trifft. Diese schottische Tradition hat mein Vater aufrechterhalten, auch wenn er schon als junger Mann Inverness verlassen hat und nach England gegangen ist. Fr�her sind wir dazu sogar einige Male ins Elternhaus meines Vaters gefahren. Dort f�hrt meine Gro�tante Isabel das Regiment, eine bemerkenswerte Frau.�</p><p>Die Erinnerung lie� ihn versonnen l�cheln. �Sie hat nach dem Tod meiner Gro�eltern deren Schafzucht �bernommen und f�hrt sie bis heute, obwohl sie schon weit �ber neunzig ist. Aber sie ist keinesfalls eine provinzielle Schaffarmerin, ganz im Gegenteil. Sie ist unheimlich belesen und f�r ihre scharfe Zunge ber�hmt. W�re sie sieben-, achthundert Jahre eher geboren worden, h�tte sie sicher an der Seite von Robert the Bruce den Freiheitskampf der Schotten gegen die Engl�nder gef�hrt. Immerhin hat sie jahrelang beim Kampf f�r ein eigenes schottisches Parlament mitgewirkt und w�re 1999, als dann die ersten Regionalwahlen stattfanden, sogar um ein Haar als Abgeordnete gew�hlt worden.� Bonnie staunte.</p><p>�Damals muss sie ja auch schon gut �ber achtzig gewesen sein. Donnerwetter.� John grinste.</p><p>�Ja, und ich denke, dass sie in Edinburgh f�r ganz sch�nen Wirbel gesorgt h�tte.� Er nahm einen Bissen von dem nach Ingwer und Kokos duftenden Gem�se.</p><p>�Sie hat es meinem Vater lange nicht verziehen, dass er nach London gegangen ist und dann auch noch eine Engl�nderin geheiratet hat. Meine Mutter, die auch nicht auf den Mund gefallen ist, und Tante Isabel haben sich bei den j�hrlichen Familientreffen manchmal legend�re Wortgefechte geliefert. Das Feuerwerk, das die beiden abbrannten, war f�r meine Geschwister und mich immer das einzig Unterhaltsame an diesen Haggisessen. Mein j�ngerer Bruder David musste stets ein St�ck auf dem Dudelsack vorspielen und Maggie � meine Schwester � oder ich mussten die �Ode an den Haggis� von Robert Burns vortragen. Dann wurde der prall gef�llte Schafsmagen aufgeschnitten und die ganze Pampe aus Innereien und Hafergr�tze quoll heraus.� Er verzog das Gesicht. �Es ist ein Gl�ck, dass wir immer mehrere Hunde hatten, denen ich meine Portion m�glichst diskret zukommen lassen konnte.</p><p>Eines Tages, ich muss ungef�hr vierzehn Jahre alt gewesen sein, hatte ich unserer H�ndin Bess wohl zu viel zugeschoben. Unter dem Tisch waren pl�tzlich w�rgende Ger�usche zu h�ren. Bess war eine gute Menschenkennerin. Sie hat sich genau �ber die ma�gefertigten Wildlederschuhe meines nervt�tenden j�ngeren Cousins �bergeben.� Er konnte Simons �ber die Ma�en entsetztes Gesicht immer noch vor sich sehen.</p><p>Der Gedanke an Simon Whittington brachte ihn schlagartig in die Gegenwart zur�ck. Er schob seinen Teller von sich.</p><p>�Bonnie, ich bin sehr dankbar, dass Sie mir bei diesen Ermittlungen helfen. K�nnen Sie mir etwas �ber die Angeh�rigen unserer M�nner erz�hlen, die im Tower leben?� Bonnie grinste ihn an und zog schwungvoll ein gefaltetes Blatt Papier aus der Tasche.</p><p>�Ich habe Ihnen hier schon mal eine Aufstellung aller Beefeater mit ihren Familienangeh�rigen gemacht. Und ich habe auch schon eine Idee, wo Sie mit ihren Nachforschungen ansetzen k�nnen.� Beeindruckt blickte John auf die Auflistung. Methodisch hatte Bonnie Namen und Alter aller im Tower Lebenden verzeichnet.</p><p>�Mrs. Dunders leitet eine Frauengruppe, die bei ihren w�chentlichen Treffen allerlei Sachen herstellt, die dann f�r wohlt�tige Zwecke verkauft werden. Bestimmt hat sie Sie auch schon einmal zu einem Kauf �berredet?� John blickte bedeutungsvoll auf ein gr�nes Kissen, das mit dem leuchtend roten Schriftzug �Home, sweet home� bestickt war.</p><p>�Mhm. Gleich nach meinem Einzug war sie einmal hier. Sie ist wirklich sehr � �berzeugend.�</p><p>�Das ist sie. Bis auf zwei, drei Ausnahmen hat sie es in all den Jahren auch geschafft, alle hier lebenden Frauen f�r die Gruppe zu engagieren. Sie treffen sich jeden Dienstagabend in einem Nebenzimmer unserer Cafeteria.� Aufgeregt lehnte John sich nach vorn.</p><p>�Dann waren die Frauen am Mordabend zusammen?� Bonnie l�chelte spitzb�bisch.</p><p>�Nicht nur die Frauen. Etliche der M�nner versammeln sich gleichzeitig im Schulungsraum, um auf dem gro�en Bildschirm dort das Dienstagsspiel der Premier League anzusehen. Chief Mullins ist meistens auch dabei.�</p><p>�Aber nat�rlich! Ich bin schon einige Male gefragt worden, ob ich nicht bei so einem Abend dabei sein m�chte. Bis jetzt bin ich aber nie hingegangen. Fu�ball interessiert mich eigentlich nicht und feuchtfr�hliche Gelage sind schon gar nicht mein Ding.� Bonnie bedachte ihn mit einem am�sierten Blick.</p><p>�John, Sie sind wirklich ein untypisches Exemplar eines englischen Mannes!�</p><p>Nachdem Bonnie gegangen war, machte John sich auf, um Edwina Dunders einen Besuch abzustatten. Bonnie hatte ihm gesagt, dass die Frauengruppe momentan mit der Herstellung von Weihnachtsdekorationen besch�ftigt war. Also hatte John seinen Geldbeutel eingesteckt. Er hatte ohnehin vorgehabt, ein paar h�bsche Weihnachtssachen zu erstehen, um seine Wohnung zu schm�cken und mit der Aussicht auf einige Einnahmen w�re Mrs. Dunders sicher zu einem kleinen Schwatz bereit.</p><p>Dieser Plan ging voll auf. Mit einem entz�ckten �Oh bitte, nennen Sie mich Edwina� hatte sie John hereingebeten, ihn zu einer Tasse Tee und frisch gebackenen Keksen eingeladen und eilfertig K�rbe voller Dekorationen aus einem Hinterzimmer der Wohnung herangeschleppt. Als John den zarten Schmelz der Kekse lobte und mit einem gewinnenden L�cheln um einen Nachschlag bat, schmolz sie sichtlich dahin. Sie setzte sich zu ihm und schenkte sich ebenfalls eine Tasse ein.</p><p>�Ach, wie sch�n, wenn mein Selbstgebackenes so gesch�tzt wird. Mein Philipp, wissen Sie, ist n�mlich zuckerkrank, seit etlichen Jahren schon. Er muss immer aufpassen, was er zu sich nimmt, und so kann er meine guten Kekse kaum noch genie�en. Nun esse ich die meisten davon selbst.� Sie schaute versch�mt an ihrer molligen Figur hinunter.</p><p>�Aber Mrs. Dunders � Edwina � eine Frau wie Sie, die solche K�stlichkeiten zaubern kann, hat es sich doch auch verdient, sie zu probieren. Zumal sie offensichtlich kaum anschlagen.�, erwiderte John galant. Sichtlich geschmeichelt zog Edwina einen der K�rbe heran und begann, Weihnachtsschmuck aller Art auf dem Tisch auszubreiten.</p><p>�Wir arbeiten gerade mit Hochdruck an der Vorbereitung unseres Weihnachtsbasars. Es ist noch so viel zu tun. N�chste Woche werden wir im Innenhof einige St�nde aufbauen und dort die Sachen verkaufen. Auch unser Chor wird singen. Da wir f�r das St. Bartholomew�s Krankenhaus spenden, wird der dortige Chefarzt die Er�ffnungsansprache halten. Ein kleiner Teil wird auch f�r unsere Raben zur Verf�gung gestellt, um die Voliere noch besser auszustatten und die Futterkosten zu decken. Deshalb wird auch unser Ravenmaster ein paar Worte sagen.�</p><p>W�hrend Edwina weiterschwatzte, besah sich John das vielf�ltige Angebot. Zu seiner �berraschung stellte er fest, dass viele geschmackvolle und sch�n gearbeitete Figuren dabei waren.</p><p>�Mein Kompliment, Edwina. Ihre Gruppe leistet ja hervorragende Arbeit. Durch Ihren Einsatz konnten Sie �ber die Jahre sicher viele Gelder f�r wohlt�tige Zwecke zur Verf�gung stellen.�</p><p>�Allein im letzten Jahr waren es �ber f�nftausend Pfund. Warten Sie, ich zeige Ihnen meine Sammlung.� Edwina holte ein Album, in das sie fein s�uberlich Zeitungsausschnitte eingeklebt hatte. Alle zeigten sie selbst, wie sie Schecks an diverse Organisationen �berreichte. Die ersten Artikel waren �ber zehn Jahre alt. John �u�erte seine ehrliche Bewunderung �ber ihr langj�hriges Engagement und erkundigte sich dann beil�ufig, �Sind Ihre Mitstreiterinnen auch schon so lange dabei?�</p><p>�Viele von ihnen. Ich spreche alle Frauen an, die mit ihren M�nnern hier im Tower leben und fast alle beteiligen sich auch.� Sie r�mpfte ein wenig die Nase. �Nur ganz wenige haben sich �ber die Jahre geweigert, unseren guten Zweck zu unterst�tzen. Von der momentanen Besatzung sind eigentlich alle dabei. Allerdings konnte sich Ellinor Burns nach ihrem Herzinfarkt die letzten Monate nicht mehr beteiligen und Rachel Armstrong macht ihr Rheuma so zu schaffen, dass sie kaum noch etwas mit den H�nden arbeiten kann. Jaja, wir werden alle alt.� Sie seufzte ein wenig, dann hellte ihr Gesicht sich auf und sie bl�tterte ans Ende des Albums.</p><p>�Da, sehen Sie. Das sind meine Damen.� Die Aufnahme zeigte eine rund zwanzigk�pfige Frauengruppe, die stolz einen Tisch mit Basteleien pr�sentierte, sowie zu Johns Erstaunen auch einen seiner Beefeater-Kollegen.</p><p>�Oh ja, George Denham ist unser Hahn im Korb. Er schnitzt leidenschaftlich gern. Von ihm sind auch einige der Weihnachtsfig�rchen hier.�</p><p>�Er hat wirklich Talent�, lobte John. �Ich denke, von diesen Engeln hier werde ich einige nehmen. Dann br�uchte ich noch einen sch�nen T�rkranz�� Als John schlie�lich die Wohnung der Dunders� verlie�, hatte sein Bauch deutlich an Umfang zugenommen, der Inhalt seines Geldbeutels war im Gegenzug jedoch stark geschrumpft. Dennoch war er mit der Ausbeute des Nachmittags sehr zufrieden. Er deponierte seine Sch�tze vorerst in der kleinen Abstellkammer neben der K�che und setzte sich dann mit seinem Laptop an den Tisch.</p><p>In seinen fr�heren Gespr�chen mit den Rat suchenden Truppenangeh�rigen hatte er sich stets voll auf sein Gegen�ber konzentrieren wollen. Daher hatte er sich vor langer Zeit angew�hnt, alle Informationen, die er erhielt, im Ged�chtnis abzuspeichern und erst nach der Sitzung festzuhalten. Dies kam ihm nun zugute, hatte ihm Edwina doch, hocherfreut �ber sein Interesse, eine F�lle von Geschichten �ber �ihre Damen� erz�hlt.</p><p>Besonders gen�sslich hatte sie sich �ber die kleinen und gro�en Missetaten einiger Spr�sslinge der Beefeater ausgelassen. Mit verschw�rerischer Miene und ger�teten Wangen hatte sie schlie�lich auch noch Andeutungen �ber ein, zwei Liebschaften gemacht, die der kleinen Tower-Gemeinschaft in den letzten Jahren Gespr�chsstoff geliefert hatten.</p><p>�Wie nett, dass Sie Bonnie Sedgwick heute zum Mittagessen eingeladen haben.�, bemerkte sie abschlie�end mit einem Glitzern in den Augen. �Sie ist wirklich apart, finden Sie nicht? Auch wenn ihr Blondschopf nat�rlich gef�rbt ist. Und sie d�rfte in Ihrem Alter sein.�</p><p>Sprachlos angesichts der Schnelligkeit, mit der sich Neuigkeiten innerhalb des Towers herumsprachen, hatte John beschlossen, dass es nun an der Zeit w�re, den R�ckzug anzutreten. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 6</strong></p></title><p>Eine Stunde sp�ter hatte er eine Tabelle, in der er methodisch alles, was er erfahren hatte, aufgef�hrt hatte. Bis auf Ellinor Burns, Rachel Armstrong und Marcia Campbell waren letzten Dienstag alle Frauen von neunzehn bis zweiundzwanzig Uhr bei dem Treffen gewesen, ebenso George Denham.</p><p>Die Gruppe hatte gerade begonnen, aufzur�umen und alle Materialien zu verstauen, als einer der Beefeater, die an der Suche nach der vermissten Studentin beteiligt gewesen waren, in den Raum geplatzt war und alle mit der schrecklichen Nachricht schockiert hatte.</p><p>Ebenso wie die Gruppe um Richard Campbell waren sie gebeten worden, bis zur Befragung durch die Polizei an Ort und Stelle zu bleiben. Die Handarbeitsgruppe hatte eine ganze Weile warten m�ssen, war aber dann von den Ermittlern nach kurzer Befragung entlassen worden.</p><p>John starrte nachdenklich auf seine Aufzeichnungen. H�tte es eine M�glichkeit gegeben, dass jemand den Raum f�r kurze Zeit h�tte verlassen k�nnen, ohne Mrs. Dunders mit ihren Argusaugen aufzufallen? Da die Cafeteria im Innenhof des Towers und damit nicht weit vom Verr�tertor entfernt lag, w�ren wenige Minuten ausreichend gewesen. Seine vorsichtige Frage, ob die flei�igen Helfer denn keine Pause bei ihren Treffen einlegen w�rden, hatte Edwina entschieden verneint.</p><p>�Gerade jetzt m�ssen wir jede Minute nutzen, wenn wir rechtzeitig zum Basar fertig werden wollen. Au�erdem gestatte ich grunds�tzlich keine Unterbrechungen, um etwa zum Rauchen nach drau�en zu gehen.�, hatte sie bekr�ftigt. Zudem f�hrten unmittelbar von dem Nebenzimmer T�ren zum Toilettenbereich. Dank Edwinas eisernem Regiment war John sich daher ziemlich sicher, dass er die f�nfundzwanzig Frauen und George Denham von der Liste der Verd�chtigen streichen konnte.</p><p>Triumphierend trug er in eine Spalte seiner Tabelle neben deren Namen jeweils ein X ein. Auch die Frau des Pastors und Mrs. Hunter, die Frau des Arztes, waren dabei. John druckte die verbleibende Liste aus und �berlegte, wo er weitermachen sollte. In der Stille seiner Wohnung vernahm er ein leises, aber durchdringendes Pfeifen. Nun wusste er, wen er als n�chstes aufsuchen w�rde: Doc Hunter.</p><p>Gl�cklicherweise war kein anderer Patient in der kleinen Praxis. So hatte der Doktor Zeit, sich mit John zu unterhalten, nachdem er ihn an eine weitere Infusion angeschlossen hatte.</p><p>�Nun, Mackenzie, ich hoffe, Sie lassen es nun ruhig angehen und erholen sich gut?�</p><p>�Danke, Doc, es geht mir schon viel besser. Heute habe ich gem�tlich mit Edwina Dunders Tee getrunken. Ihre Frau engagiert sich auch bei der Handarbeitsgruppe, wie ich geh�rt habe.�, lenkte John geistesgegenw�rtig das Gespr�ch auf das Thema, das ihn interessierte. Der Doktor l�chelte verschmitzt.</p><p>�Jaja, das ist wirklich eine gute Sache. Vor allem f�r uns geplagte M�nner. So haben wir immerhin einen freien Abend pro Woche.� John grinste zur�ck.</p><p>�Und wie nutzen Sie Ihren freien Abend, Doc? Sehen Sie sich auch Fu�ball an?�</p><p>�Aber nein�, wehrte Hunter ab. Dann zog er ein P�ckchen Karten aus seiner Schreibtischschublade. �Poker, Mackenzie, Poker! Es gibt nichts Anregenderes.� Er rieb sich die H�nde.</p><p>�Am Dienstag habe ich unserem guten Pastor zwei Pfund abgeluchst. Hah, den h�tten Sie fluchen h�ren sollen.�</p><p>�Unser Pastor pokert?�</p><p>�Nat�rlich, warum nicht? So lange er nicht den Inhalt des Klingelbeutels verspielt.� Hunter lachte dr�hnend. �Ein paar von uns alten K�mpen nutzen die Zeit, in der unsere Frauen besch�ftigt sind f�r ein paar Spielchen. Wir treffen uns hier bei mir, trinken einen gepflegten Whisky, schmauchen die eine oder andere Zigarre und zocken drei Stunden lang. F�r mich das Highlight der Woche, sage ich Ihnen.�</p><p>Wieder zur�ck in seiner Wohnung strich John vier weitere Namen von seiner Liste; au�er dem Arzt und dem Pastor noch zwei seiner �lteren Kollegen, die auch letzten Dienstag bei der Pokerrunde gewesen waren. Nun umfasste die Liste noch sechsundzwanzig Beefeater, die drei Frauen, die nicht beim Treffen der Handarbeitsgruppe gewesen waren und Richard Campbell mit seinen G�sten.</p><p>Zufrieden klappte John sein Notebook zu. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, dass er trotz Edwinas zahlreichen Leckereien allm�hlich Hunger bekam. Nach all den s��en Sachen versp�rte er Appetit auf etwas Herzhaftes. Mit einem Blick in den K�hlschrank beschloss er, sich aus allerlei Resten ein Omelett zu braten. Gerade hatte er alle Zutaten bereitgelegt, als das Telefon klingelte.</p><p>Mit einem unwilligen St�hnen griff er zum H�rer � und h�rte eine t�nende Stimme, die seit Jahrzehnten nicht nur �ber die Versammlungen des �rtlichen Gartenbauvereins regierte.</p><p>�John, mein Liebling, wie geht es dir?�</p><p>�Hallo, Mum � � Weiter kam er nicht.</p><p>�Du h�ttest wirklich einmal anrufen k�nnen. Stattdessen mussten wir von diesem schrecklichen Mord direkt vor deiner Haust�r aus der Zeitung erfahren. Wie gut, dass Simon die Ermittlungen f�hrt. Bestimmt wird er den M�rder finden, bevor dieses Monster euch alle abschlachtet.�</p><p>John schnitt eine Grimasse.</p><p>�Ich glaube nicht, dass wir in Gefahr sind, Mum. Mach dir keine Sorgen. Ist bei dir und Dad alles in Ordnung?� Als Emmeline Mackenzie daraufhin anhob, ihren Sohn auf den neuesten Stand der Ereignisse in seinem Heimatort Kew zu bringen, wusste John, dass dies ein l�ngeres Telefonat werden w�rde. Er schaltete die Freisprecheinrichtung ein und machte sich ans Werk.</p><p>W�hrend er Zwiebeln, Paprika und Champignons hackte, dazu etwas K�se und Schinken w�rfelte und sich schlie�lich ein riesiges Omelett briet, schwatzte seine Mutter unaufh�rlich. Johns Gespr�chsbeitrag beschr�nkte sich auf ein gelegentliches Brummen.</p><p>Aus Erfahrung wusste er, dass Emmelines Konversation von drei Themen beherrscht wurde, die er in Variationen immer wieder zu h�ren bekam: Zuerst einmal die ganz und gar au�ergew�hnlichen F�higkeiten ihres j�ngsten Enkels Christopher, des bisher einzigen Sohnes von Johns j�ngerem Bruder David, der mit seinen zwei Jahren seine Gro�mutter mit allem, was er tat, in h�chstes Entz�cken versetzte. Als n�chstes folgte in der Regel ihr Lamento, dass John es als einziges ihrer Kinder bisher vers�umt hatte, Nachwuchs in die Welt zu setzen. John rollte mit den Augen, w�hrend er sein Omelett auf einen Teller bugsierte. Schlie�lich berichtete seine Mutter wie immer noch in epischer Breite von den Aktivit�ten ihres Vereins. Als sie ihm in allen Einzelheiten erkl�rte, warum ihre Dauerrivalin Jane Argyll bei der letzten Gartenschau des Jahres vollkommen zu Unrecht die blaue Sch�rpe f�r den sch�nsten K�rbis bekommen h�tte, beschloss John, sich lieber auf sein Essen zu konzentrieren und auf Durchzug zu schalten. Genussvoll schob er gerade die letzte Gabel in den Mund, als ihm die pl�tzliche Stille bewusst wurde.</p><p>��h, Mum? Tut mir leid, ich hatte gerade den Faden verloren.� Er h�rte seine Mutter ungeduldig seufzen.</p><p>�Ich hatte dich gerade gefragt, ob du f�r die Damen der Red Hat Society eine Sonderf�hrung im Tower machen k�nntest.�</p><p>�Red Hat Society? Was ist das denn?�</p><p>�Wenn du mir zugeh�rt h�ttest, h�ttest du diese d�mmliche Frage nicht zu stellen brauchen, John. Ich habe mich dieser Vereinigung f�r Frauen �ber f�nfzig vor kurzem angeschlossen. Das ist zur Abwechslung einmal kein Wohlt�tigkeitsverein, sondern wir treffen uns einfach gelegentlich, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Wir werden auch bei der Neujahrsparade in London in einem alten Bus mitfahren. Und wie immer werden wir dann unsere Vereinskleidung, lila Gew�nder und rote H�te, tragen.�</p><p>Vor Johns innerem Auge formte sich ein Bild seiner Mutter, deren Kleidung, so lange er denken konnte, haupts�chlich aus robusten Tweedkost�men in gedeckten Farben und strapazierf�higen Schuhen bestanden hatte. Und nun wollte sie sich auf einmal in ein lila Gewand h�llen! Mit einem roten Hut! Alarmiert fragte er, �Geht�s dir gut, Mum? Das klingt doch recht � ungew�hnlich.�</p><p>Emmeline lachte herzhaft. �Keine Sorge, John. Ich m�chte nur meinen Horizont etwas erweitern, das ist alles. Du musst nicht gleich denken, dass ich als n�chstes den Hells Angels beitrete. Was ist nun mit der F�hrung?�</p><p>�Nat�rlich k�nnen wir das machen, Mum. Ich werde dich und deine neuen Freundinnen pers�nlich herumf�hren. Sag� mir einfach, wann ihr kommen wollt.�</p><p>Als er das Gespr�ch beendet hatte, nicht ohne noch einmal zu versprechen, dass er die Weihnachtstage in seinem Elternhaus verbringen w�rde, st�tzte er den Kopf ersch�pft auf seinen H�nden auf. F�r heute konnte er keine weiteren Aufregungen vertragen. Er stellte das Geschirr in die Sp�le, legte sich mit einem Buch auf das Sofa und schlief nach einer halben Seite prompt ein.</p><p>�John, darf ich dich um einen Gefallen bitten?� Die aufgeregte Stimme des Ravenmasters drang fr�h am n�chsten Morgen aus dem Telefonh�rer.</p><p>�Richard wollte mich heute Vormittag zu einem Augenarzttermin und danach zum Smithfield Market bringen. Nun hat er gerade angerufen, dass er kurzfristig doch keine Zeit hat. W�rdest du��</p><p>�Das ist doch selbstverst�ndlich, George. Nat�rlich fahre ich dich. Wann treffen wir uns in der Garage?� Den Beefeatern standen f�r ihre Autos Pl�tze in einer nahen Tiefgarage zur Verf�gung. John selbst besa� keinen Wagen. W�hrend der Jahre bei der Armee hatte er keinen ben�tigt und seit er wieder in England war, schob er einen Autokauf beharrlich vor sich her. Maggie, die eine Schw�che f�r importierte Sportwagen hatte, konnte dies �berhaupt nicht verstehen.</p><p>�Es gibt doch nichts Sch�neres, als mit offenem Verdeck, den Wind im Haar, �ber eine idyllische Landstra�e zu kreuzen, John. Du solltest dich endlich nach einem schicken Wagen umsehen.�</p><p>Ihr Bruder, der das englische Wetter f�r wenig cabriotauglich hielt und der als Beifahrer seiner Schwester schon oft ein imagin�res Bremspedal bet�tigt hatte, blieb jedoch stur.</p><p>Der Ravenmaster hatte einen ger�umigen alten Wagen, in dem er das Futter f�r die Raben transportierte. Seit Jahrhunderten wurden die Raben mit frischem Fleisch gef�ttert, das im Smithfield Market gekauft wurde.</p><p>Auf der Fahrt zum Arzt sa� der Ravenmaster ungewohnt still neben seinem Freund. John, dem nach all den Jahren, in denen er kaum selbst gefahren war, die �bung fehlte, war vollauf damit besch�ftigt, das Auto heil durch den morgendlichen Gro�stadtverkehr zu steuern. Als sie die Praxis erreicht hatten, schnaufte er erleichtert auf.</p><p>Nach weniger als einer halben Stunde kam George Campbell wieder zum Auto zur�ckgetrottet, einen grimmigen Ausdruck im Gesicht. John musterte ihn besorgt.</p><p>�Stimmt was nicht, George?� George wandte sich ihm mit von der Untersuchung noch geweiteten Pupillen zu und verzog den Mund zu einem gezwungenen L�cheln.</p><p>�Nein, nein. Heute war ein reiner Routinetermin. Ich lasse meine Augen jedes Jahr von Dr. Arkwright durchchecken. Es ist alles in Ordnung. Und jetzt fahren wir zum Markt.� John sah seinen alten Freund forschend an. Der aber starrte mit eigensinnigem Gesichtsausdruck nach vorne. Schweigend lie� John den Motor an.</p><p>Nachdem sie das Auto mit ihren Markteink�ufen vollgepackt hatten, begann Campbell unvermittelt, �Die BBC hat Richard um ein Interview gebeten. Deshalb hatte er heute Vormittag keine Zeit. Ich hoffe wirklich, diese Sache im Tower wird seinen Wahlkampf nicht �berschatten.� John schloss die Kofferraumt�r und lehnte sich gegen den Wagen.</p><p>�Du machst dir Sorgen um Richard�� Er lie� den Satz in der Luft h�ngen. George sah ihn zum ersten Mal an und John war erschrocken, wie viel Verzweiflung in seinem Gesicht lag.</p><p>�John, du kennst doch unsere Presse. F�r die ist dieser Mord ein gefundenes Fressen. Und Richard war nur einen Steinwurf vom Tatort entfernt. Wer wei�, was diese Sensationsreporter ihm da noch alles andichten werden, sobald das durchsickert.�</p><p>John wusste nur zu gut um die Macht der Medien und konnte Georges �ngste verstehen. Er nickte ernst.</p><p>�Das Wichtigste ist, dass der Fall schnell gel�st und der T�ter gefunden wird. Es sind noch etliche Monate bis zu den Wahlen. Bis dahin ist die Geschichte sicher vergessen � vorausgesetzt, Richard hat nichts damit zu tun.�</p><p>Campbell fuhr hoch. �Wie kannst du so etwas nur sagen! Nat�rlich ist mein Sohn in keiner Weise in diese schreckliche Sache verwickelt. Er hat diese Frau noch nie in seinem Leben gesehen. Das hat er mir heute am Telefon selbst gesagt.� Georges Stimme �berschlug sich fast bei den letzten Worten. R�te stieg in seine faltigen Wangen. Abrupt drehte er sich um, stieg in den Wagen und knallte die T�r hinter sich zu. Nun klingelten bei John endg�ltig alle Alarmglocken. Noch nie hatte er den Ravenmaster so erlebt.</p><p>Er stieg ebenfalls ein, lie� den Motor aber nicht an.</p><p>�George, es tut mir leid. Nat�rlich wollte ich Richard in keiner Weise verd�chtigen�� Campbell schnitt ihm mit einer ungeduldigen Handbewegung das Wort ab. �Lass mich auf dem Heimweg bitte an der Royal Bank of Scotland aussteigen. Ich habe da noch etwas zu erledigen.�</p><p>Schweigend fuhren sie zur�ck. Als John vor der imposanten Glasfassade der Bank anhielt, hielt er Campbell, der hastig hinaus wollte, am �rmel zur�ck.</p><p>�George, man muss kein Psychologe sein, um zu merken, dass dir etwas auf der Seele liegt. Falls du reden m�chtest � ich bin da.� Einen Moment lang schien der �ltere zu schwanken, doch dann �ffnete er die Wagent�r und stieg schwerf�llig aus.</p><p>�Es gibt nichts zu reden, John. Danke, dass du mich gefahren hast. Ich gehe dann das letzte St�ck nach Hause zu Fu�.� Als er sich abwandte, war es John, als l�ge ein feuchtes Schimmern in seinen Augen.</p><p>Er sah seinem Freund nach, wie er die Bank betrat und auf einen Schalterbeamten zuging. Dann traute er seinen Augen nicht: George zog eine dicke Rolle Pfundnoten aus einer Innentasche seiner Jacke und reichte sie zusammen mit einem Sparbuch �ber den Tresen. Was hatte das zu bedeuten? Warum trug George eine solche Menge Bargeld mit sich herum?</p><p>Wenn George merkt, dass ich hier immer noch sitze und ihn beobachte, denkt er sicher, ich spioniere ihm nach, ging es ihm durch den Kopf und er fuhr eilig los.</p><p>In Gedanken immer noch beim merkw�rdigen Verhalten seines Freundes, verfranste er sich nach k�rzester Zeit im System der Einbahnstra�en. Erst nach �ber einer halben Stunde und etlichen f�r ihn untypischen Fl�chen erreichte er wieder die Parkgarage. Mit neu best�rkter Entschlossenheit, auf ein eigenes Auto zu verzichten, steuerte er mit langen Schritten auf einen Seiteneingang des Towers zu, den ausschlie�lich die Bewohner des Towers benutzten.</p><p>Dort empfing ihn eine ganze Schar von Reportern, die Kameras auf ihn richteten und ihm Mikrofone unter die Nase hielten. Sie bombardierten ihn mit Fragen. John zog den Kopf ein, setzte ein L�cheln auf und schl�ngelte sich durch die Meute. Als er einen seiner Kollegen passierte, der mit Hilfe einiger Beamter der Metropolitan Police das Tor bewachte, seufzte der gequ�lt auf.</p><p>�Seit gestern geht das schon so. Diese Typen sind wie die Geier. Hoffentlich wird dieser Fall bald gel�st und die Belagerung hier h�rt auf.� John stimmte ihm aus vollem Herzen zu und machte sich sogleich zum B�ro von Chief Mullins auf. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 7</strong></p></title><p>�Herein, herein, Mackenzie. Was haben Sie Neues herausgefunden?�, empfing der Kommandant ihn. John zog die Tabelle aus der Tasche, in die er seine bisherigen Erkenntnisse eingetragen hatte.</p><p>�Beeindruckend. Sie gehen sehr methodisch vor.�, lobte Mullins.</p><p>�Danke, Sir. Aber auch, wenn ich schon feststellen konnte, dass eine ganze Reihe von Leuten mit dem Mord nichts zu tun haben k�nnen, ist noch viel zu tun. Es sind noch sechsundzwanzig unserer M�nner, drei Frauen und die Besuchergruppe mit Richard Campbell zu �berpr�fen.�</p><p>�Hm, dann lassen Sie mal sehen�� Stirnrunzelnd starrte Mullins auf die Auflistung. Dann ging er zur T�r, riss sie auf und gab Bonnie Sedgwick den Auftrag, die Wachb�cher des Towers zu besorgen. W�hrend sie warteten, fiel ihm ein, �Ach ja, Conners hat unsere Daten �ber die Besucher der Schl�sselzeremonie �berpr�ft. Keiner von denen, die an dem fraglichen Abend da waren, hatte die Zeremonie vorher schon einmal miterlebt. Wir erfassen alle Angaben der Besucher seit rund f�nfzehn Jahren im Computer, daher ging die �berpr�fung recht schnell. Ich denke nicht, dass es einen Sinn macht, auch noch die Listen zu durchw�hlen, die aus den Jahren davor noch existieren. Das w�re ein ungeheurer Aufwand.� John stimmte ihm zu.</p><p>Als die Aufzeichnungen des diensthabenden Offiziers auf seinem Tisch lagen, deutete Mullins triumphierend auf die Seite vom vergangenen Dienstag. �Da, sehen Sie. Anstruther: 21.53 Uhr, Morgan: 21.54 Uhr. Ihre beiden Wachkollegen der fraglichen Nacht waren also bereits vor ihrem Dienstbeginn um 22.00 Uhr und damit zum Zeitpunkt der Tat bei Dunders im zentralen Wachhaus. Damit k�nnen wir wieder drei M�nner von unserer Liste streichen.�</p><p>Zufrieden lehnte er sich in seinem Stuhl zur�ck.</p><p>�Gott sei Dank ist Dunders ein besonders pedantischer Offizier, der wirklich �ber alles Buch f�hrt.� Grinsend deutete auf einen weiteren Eintrag: Mackenzie: 22.00 Uhr (Ermahnung betreffs Kleiderordnung!).</p><p>�Meine M�tze sa� schief.�, gestand John unter dem Gel�chter seines Kommandanten. �Du liebe G�te, Dunders ist tats�chlich penibel. Aber immerhin k�nnen wir ihn, Anstruther und Morgan nun streichen. Andernfalls m�ssten alle drei zusammen unter einer Decke stecken und das halte ich f�r sehr unwahrscheinlich.�</p><p>Mullins nickte zustimmend und strich die drei Namen aus. Dann rieb er sich unternehmungslustig die H�nde. �Gut, gut. Wo machen wir weiter?�</p><p>�Was ist mit den beiden Posten, die zusammen mit der Milit�rgarde die Kronjuwelen bewachen sollten? Ist es m�glich, dass einer von ihnen seinen Platz zwischendurch verlassen hat? Ich hatte dort noch keinen Wachdienst und kenne daher die Gegebenheiten nicht.� Mullins sch�ttelte entschieden den Kopf.</p><p>�Die Wachleute haben ihren Platz innerhalb des Hochsicherheitstrakts im Waterloo Block, also direkt in den R�umen, wo wir die Juwelen ausstellen. Dort erfassen unsere Kameras jeden Winkel und es wird automatisch aufgezeichnet, sobald sich die T�r zu dem Trakt �ffnet. Nachdem ich unsere Aufzeichnungen vom Mordabend studiert habe, halte ich es f�r ausgeschlossen, dass jemand dort seinen Posten verlassen hat.�</p><p>Er sah in den Wachaufzeichnungen nach, stellte fest, wer dort Dienst gehabt hatte und strich sichtlich zufrieden zwei weitere Namen von der Liste.</p><p>�Wir kommen gut voran, Mackenzie. Dennoch bleiben noch einundzwanzig Mann �brig.� John nickte.</p><p>�Adams im Byward Tower hatte allein Dienst. Da es keine M�glichkeit gibt, seine dauernde Anwesenheit in der Wachstube zu �berpr�fen, habe ich bei ihm ein Fragezeichen notiert. Auch �ber unsere M�nner, die sich das Fu�ballspiel angesehen haben, konnte ich noch nichts N�heres herausfinden.�</p><p>�Aber nat�rlich, ich habe mir auch die erste H�lfte angesehen, bevor ich mich f�r die Schl�sselzeremonie vorbereitet habe. Arsenal gegen Manchester, ein absolutes Spitzenspiel. Allerdings war vorher schon klar, dass Arsenal ohne Dunnegan keine Chance haben w�rde, nicht wahr?�</p><p>Chief Mullins bemerkte Johns leicht verwirrten Blick.</p><p>�Interessieren Sie sich etwa nicht f�r Fu�ball, Mackenzie? Kommen Sie doch n�chsten Dienstag auch vorbei. Was meinen Sie, wof�r ich extra den Gro�bildschirm beim Schatzamt beantragt habe?�</p><p>Erstaunt sah John ihn an.</p><p>�Das Schatzamt hat uns f�r die �bertragung von Fu�ballspielen mit diesem High-Tech-Ger�t ausger�stet?�</p><p>Der Chief lachte schallend los.</p><p>�Manchmal sind Sie wirklich bemerkenswert naiv, Mackenzie. Selbstverst�ndlich ist der Bildschirm ein unverzichtbarer Bestandteil unserer sicherheitsrelevanten Schulungen. Das habe ich diesen Sesselfurzern im Schatzamt klar gemacht und schon hatten wir unseren sch�nen Fernseher. Aber lassen wir das.�</p><p>Er sah John scharf an. �Sie haben also tats�chlich kein Interesse am Fu�ball? Hm�.. Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber wo waren Sie eigentlich letzten Dienstagabend, bevor Sie Dienst hatten?�</p><p>�Im Museum. Die Tate Gallery f�r Moderne Kunst hatte abends lange ge�ffnet.�</p><p>�Moderne Kunst, was? Nun ja, ich kann dem Zeug ja nichts abgewinnen. Aber jedem das Seine. Kommen wir zur�ck zu unseren Ermittlungen.�</p><p>Das war John sehr recht.</p><p>�Sir, k�nnen Sie sich erinnern, wer von unseren Leuten an dem Abend da war?�</p><p>Mullins knetete nachdenklich seine Unterlippe und sch�ttelte dann den Kopf.</p><p>�Es waren w�hrend der ersten Halbzeit sicher fast alle da. Aber ich musste ja gegen halb zehn gehen und daher wissen wir f�r den fraglichen Zeitraum nichts. Als ich den Raum verlie�, hatte gerade die Halbzeitpause begonnen. Da gehen viele vor die T�r, um zu rauchen. Falls jemand zur zweiten Halbzeit nicht zur�ckkam, oder sp�ter f�r ein paar Minuten hinausgegangen ist, w�re das wohl kaum jemandem aufgefallen, vor allem da das Spiel beim Stand von Vier zu Eins ohnehin schon entschieden war.�</p><p>Die beiden M�nner sahen sich entt�uscht an.</p><p>�Nun gut, hier kommen wir momentan nicht weiter.�, stellte John schlie�lich fest. �Sehen wir uns die anderen an. Da w�ren noch die drei Frauen, die nicht bei der Handarbeitsgruppe waren.�</p><p>�Mrs. Burns und Mrs. Armstrong k�nnen wir vergessen. Beiden geht es gar nicht gut, sie k�nnten in ihrem gesundheitlichen Zustand mit Sicherheit keine junge Frau erw�rgen. Marcia Campbell��</p><p>Er verstummte. Gespannt wartete John darauf, dass Mullins weitersprach. �Was ich Ihnen jetzt sage, bleibt aber unter uns, Mackenzie.� John l�chelte den Kommandanten milde an.</p><p>�Sir, in meinem Beruf wird einem Verschwiegenheit zur zweiten Natur.�</p><p>�Ach ja, nat�rlich. Ihr Seelenklempner seid ja wie �rzte.� Dann erhellte sich Mullins� Gesicht. �Was ich Ihnen erz�hlen will, f�llt sowieso in Ihr Fachgebiet. Also, Marcia�� Der Chief stand auf, ging zum Fenster und starrte in den Hof hinaus.</p><p>�Als die Campbells vor gut zwanzig Jahren hierher kamen � damals war ich selbst noch nicht hier � war Richard gerade ein Teenager. Er war ein schwieriges Kind, eigensinnig und wild. Er hat grunds�tzlich nur das getan, was ihm Spa� machte. Regeln waren f�r ihn da, um gebrochen zu werden. Auch hier hat er sich einige grobe Schnitzer geleistet. George war es immer unsagbar peinlich, wenn der Junge wieder unangenehm auffiel. Marcia aber st�rkte Richard immer den R�cken und verteidigte ihn vehement. Er war � und ist � ihr Goldst�ck, sie hat seine Fehler und Schw�chen noch nie erkennen wollen. Auch wenn er Sch�den anrichtete, bezahlte sie immer klaglos alles. So bekam der Junge kaum einmal die Konsequenzen seines Tuns zu sp�ren.�</p><p>Mullins drehte sich wieder um und lehnte sich an die Fensterbank.</p><p>�Irgendwann wurde klar, dass Richard die Schule auf diese Art und Weise nicht schaffen w�rde, da ihm alles andere wichtiger war als das Lernen. Da lie� sich Marcia endlich vom damaligen Kommandanten und von George davon �berzeugen, ihn in ein Internat zu stecken, das f�r seine Strenge ber�hmt ist. Obwohl der Anfang nat�rlich schwierig war, war diese Entscheidung f�r den Jungen ein Gottesgeschenk. Nur die Erziehung dort hat ihm erm�glicht, sich zu dem Mann zu entwickeln, der er jetzt ist.�</p><p>Nun umspielte ein am�siertes L�cheln sein Gesicht.</p><p>�Als Politiker vertritt Richard ja erzkonservative Werte und er ist ein ausgepr�gter Law and Order-Typ. Manchmal frage ich mich, ob er sich wirklich so grundlegend ge�ndert hat im Vergleich zu seinen jungen Jahren oder ob er nur einfach die Parolen von sich gibt, von denen er sich den gr��ten Anklang bei den W�hlern erhofft.�</p><p>John nickte.</p><p>�Na, wie dem auch sei. Ich wollte Ihnen ja eigentlich von Marcia erz�hlen. Als Richard ins Internat kam, war es, als h�tte man ihr ihren ganzen Lebensinhalt weggenommen. George hat mir erz�hlt, dass sie viel weinte und ihm auch immer wieder Vorw�rfe machte, er h�tte ihr ihren Sohn weggenommen. Dabei war sie ja einverstanden gewesen, dass Richard ins Internat geschickt wurde. In den folgenden Monaten wurde sie immer gleichg�ltiger gegen�ber ihrem Alltag und auch gegen George. Schlie�lich hatte sie nicht einmal mehr die Kraft, morgens aufzustehen und blieb den ganzen Tag im Bett. F�r George war diese Zeit die H�lle.�</p><p>John lehnte sich nach vorn.</p><p>�Konnte niemand sie dazu bewegen, zu ihrem Arzt zu gehen? Sie brauchte doch dringend Hilfe in diesem Zustand.�</p><p>�Sie hat sich immer geweigert. Aber eines Tages fand George eine gro�e Menge Schlaftabletten im Badschrank und er bekam gro�e Angst, dass sie sich etwas antun k�nnte. Noch am selben Tag brachte er sie ins St. Bartholomew�s Krankenhaus.�</p><p>�Wurde die Diagnose einer Depression gestellt?�</p><p>Mullins nickte.</p><p>�Sie haben recht. Sie bekam Tabletten und war auch einige Monate lang regelm��ig bei einem Therapeuten. Seither hatte sie gelegentlich schlechte Phasen, aber nie mehr in dem Ausma� wie damals.�</p><p>Mullins setzte sich wieder in seinen Stuhl und sah John eindringlich an.</p><p>�Auch wenn Ihnen das vielleicht merkw�rdig erscheinen mag: Marcia sch�mt sich bis heute f�r ihre �Schw�che�, wie sie das sieht, und m�chte unter keinen Umst�nden, dass Au�enstehende davon erfahren. Sie hat sich sogar geweigert, sich von Doc Hunter betreuen zu lassen und sich lieber au�erhalb einen Arzt gesucht.�</p><p>�Ich kann das sehr gut verstehen. Marcia stammt noch aus einer Generation, in der der Gedanke einer psychischen Erkrankung von weiten Kreisen nicht akzeptiert wurde. M�nner wie Frauen hatten zu �funktionieren� und wo dies nicht der Fall war, war schnell die Angst da, als meschugge abgestempelt zu werden.� Nachdenklich strich John sich �bers Kinn.</p><p>�Leidet Marcia tats�chlich unter Migr�ne? Oder liefert ihr diese nur den Vorwand, sich zur�ckzuziehen, wenn wieder einmal eine �schlechte Phase� kommt?�</p><p>Chief Mullins hob anerkennend eine Augenbraue.</p><p>�Richtig. Nach au�en hin bem�hen sich George und Marcia gerade jetzt ganz besonders darum, eine makellose Fassade zu pr�sentieren. Sie bem�hen sich, alles nur Menschenm�gliche zu tun, um ihren Sohn bei seiner politischen Karriere zu unterst�tzen. Bereits fr�her hat Marcia die Migr�ne vorgeschoben und nach meiner Einsch�tzung k�nnte sie das auch am Mordabend getan haben. Wie Sie ja wissen, hatte Richard wichtige Parteifreunde eingeladen. Falls Marcia sich nicht in der Lage f�hlte, ihre Rolle als perfekte Kandidaten-Mutter zu spielen, k�nnte die Migr�ne eine willkommene Entschuldigung daf�r gewesen sein, dass sie bei dem Treffen im Club nicht dabei sein konnte.�</p><p>Mullins verstummte. John wusste, dass es dem Chief sehr schwer gefallen war, ihn ins Vertrauen zu ziehen, da es um die Frau eines seiner �ltesten Freunde ging. Diese Offenheit rechnete er ihm hoch an.</p><p>Er zog die Liste der Verd�chtigen heran und beide starrten einige Minuten lang schweigend darauf. Als es klopfte, schreckten sie hoch.</p><p>�Sir, Sie hatten mich gebeten, Sie an Ihre Verabredung mit Mr. Donahue um 12.00 Uhr zu erinnern.� Bonnie zeigte freundlich l�chelnd auf die Wanduhr �ber dem Schreibtisch.</p><p>�Halb zw�lf schon! Ich muss los, Mackenzie.� Sie gingen gemeinsam ins Vorzimmer hinaus. Dort warf Chief Mullins einen Blick in seinen Terminkalender.</p><p>�So ein Mist! Morgen fr�h muss ich zu einer wichtigen Konferenz nach Canterbury fahren. Ich komme erst am Montagabend wieder zur�ck. Mackenzie, wenn es etwas Dringendes gibt, wenden Sie sich an Bonnie, sie wei�, wie ich zu erreichen bin. Ansonsten sehen wir uns in vier Tagen. Bleiben Sie dran.� Damit war er zur T�r hinaus.</p><p>John folgte ihm langsam. Im fahlen Dezembersonnenschein lenkte er seine Schritte beinahe unbewusst durch den Hauptausgang hinaus. Die wenigen Presseleute, die dort standen, hielten ihn offensichtlich f�r einen Touristen und lie�en ihn unbehelligt passieren.</p><p>Ziellos schlenderte er die Promenade entlang bis zur Tower Bridge. Dort warb ein Zeitungsverk�ufer lautstark um Kundschaft: �Tower-Mord: War die Tote eine deutsche Spionin? Warum musste sie ausgerechnet am Verr�tertor sterben? Hier erfahren Sie alle Neuigkeiten zu Gro�britanniens spektakul�rstem Verbrechen des Jahrhunderts!�</p><p>Wider Willen musste John grinsen. Die Boulevardpresse �berbot sich wie �blich gegenseitig in wilden Spekulationen. Aber vielleicht konnten die Zeitungen ja auch n�tzliche Informationen �ber die Ermittlungen der Polizei liefern. Der Superintendent hatte seine Drohung, John erneut vernehmen zu wollen, bisher nicht wahr gemacht und auch Chief Mullins erfuhr zu seinem �rger nichts von Seiten der Metropolitan Police.</p><p>Er kramte etwas Kleingeld heraus, kaufte eine Times und einen Daily Mirror und lie� sich auf einer Sitzbank am Ufer nieder. Nachdem er jede Zeile studiert hatte, die sich mit dem Fall besch�ftigte, lehnte er sich halb entt�uscht, halb schadenfroh zur�ck.</p><p>Scotland Yard hatte in diesem Aufsehen erregenden Fall absolute Nachrichtensperre verh�ngt, �um die Ermittlungen nicht zu gef�hrden�. Daher hatten die Reporter aus den d�rren Fakten, die man ihnen mitgeteilt hatte, phantasievolle Geschichten voller Andeutungen gesponnen und die Seiten mit Fotos des Towers und des Studentenwohnheimes der Toten gef�llt. Richard Campbells Name wurde zu Johns Erstaunen nicht erw�hnt. Die Information �ber die Anwesenheit des Jungpolitikers am Abend des Mordes im Tower war offensichtlich noch nicht nach drau�en gedrungen.</p><p>Die einzig neue Information f�r John war, dass Miss Feldmann seit acht Monaten an der London School of Economics studiert hatte. Ein Universit�tsmitarbeiter, der ungenannt bleiben wollte, hatte sie als ruhig und �berdurchschnittlich flei�ig geschildert.</p><p>So, wie John seinen publicitys�chtigen Cousin kannte, h�tte Superintendent Whittington der �ffentlichkeit nur zu gern eine hei�e Spur pr�sentiert. Daher ging er davon aus, dass Scotland Yard derzeit genauso ratlos war wie er selbst.</p><p>Zur�ck in seiner Wohnung nahm er sich abermals die Liste vor. Auch wenn sie immer noch �ber zwanzig Namen von Towerbewohnern umfasste, ertappte er sich dabei, wie sein Blick immer wieder bei George Campbell und dessen Frau h�ngen blieb. Er wurde das nagende Gef�hl nicht los, dass einer von ihnen oder ihr Sohn irgendetwas mit dieser Geschichte zu tun hatte. Aber nein, sein Freund George konnte unm�glich in einen kaltbl�tigen Mord verwickelt sein. Oder doch?</p><p>Frustriert schob er seinen Stuhl zur�ck und beschloss, sich bei Doc Hunter das Okay f�r seine Dienstaufnahme zu holen. Er f�hlte sich wieder fast vollkommen fit. Momentan war er ohnehin ratlos, wo er mit seinen Nachforschungen weitermachen sollte. Morgen Abend, bei Richards Wahlkampfveranstaltung, hoffte er auf die Gelegenheit, den drei Campbells weiter auf den Zahn f�hlen zu k�nnen. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 8</strong></p></title><p>Der Saal des Goose and Pickle war bereits gut gef�llt, als John kurz vor Beginn der Wahlveranstaltung dort anlangte. �ber dem Rednerpult prangte ein �berdimensionales Plakat, von dem Richard Campbell ihm mit einem souver�nen L�cheln entgegenblickte. Von eifrigen Helfern bekam er Brosch�ren der konservativen Partei in die Hand gedr�ckt.</p><p>�John, hierher! Wir haben dir einen Platz frei gehalten!� Marcia hatte ihn entdeckt und winkte ihm aus der ersten Reihe vor dem Rednerpult hektisch zu.</p><p>�Marcia, du siehst hervorragend aus.� Galant wartete er, bis sie sich wieder gesetzt hatte und nahm dann neben ihr Platz. Verlegen strich sie den Rock ihres gediegenen blauen Kost�ms glatt. Unter der Schminke leuchteten rote Flecke auf ihren Wangen. Sie nestelte an ihrer Handtasche herum.</p><p>�Wo George nur bleibt! Er wollte doch nur etwas zu trinken f�r uns besorgen�� Unruhig sah sie sich im Saal um.</p><p>�Er wird sicher gleich da sein.�, bem�hte John sich, sie zu beruhigen. �Es sind ja eine Menge Leute gekommen. Richard ist auf dem besten Weg, ein bekannter Mann zu werden.� Marcias Augen leuchteten auf.</p><p>�Ja, nicht wahr? Er hat so hart f�r diese Kandidatur gearbeitet.� Sie beugte sich n�her zu John. �Einige der Parteioberen waren wohl skeptisch, ob sie ihm ihr Vertrauen schenken sollen, schlie�lich ist er mit seinen f�nfunddrei�ig Jahren noch sehr jung f�r einen Sitz im Parlament. Aber mein Junge hat sie �berzeugt und jetzt wird er allen zeigen, was in ihm steckt.� Nun strahlte sie. �Ich wusste immer schon, dass er etwas ganz Besonderes ist. Das ist er doch, John, nicht wahr?�</p><p>John l�chelte unverbindlich und nickte. Erleichtert begr��te er George, der soeben aufgetaucht war, vorsichtig zwei Getr�nke balancierend. Sie hatten sich seit dem Morgen, an dem George gru�los in die Bank verschwunden war, nicht mehr gesehen und John war unsicher, wie George ihm nun gegen�ber treten w�rde. Der �ltere schien ihre Auseinandersetzung jedoch vergessen zu haben und begr��te ihn herzlich.</p><p>�Sch�n, dass du da bist, John. Wir wissen dies wirklich zu sch�tzen.�</p><p>�Wen haben wir denn da? Einen Freund der Familie?� Vor ihnen stand ein mittelgro�er Mann, der sein mausbraunes Haar scharf gescheitelt trug und seinen Bart akkurat gestutzt. Er streckte John jovial die Hand hin.</p><p>�Nigel Owen, Wahlkampfmanager.� John stellte sich ebenfalls vor und Owen setzte sich auf den freien Stuhl neben ihm.</p><p>�Nigel leistet hervorragende Arbeit, John. Er hat Richards Kampagne von A bis Z durchgeplant.�, schw�rmte Marcia.</p><p>�Er hat alles im Griff, es l�uft wirklich generalstabsm��ig ab.�, lobte auch George. �Er hat es sogar geschafft, Richards Namen aus der Berichterstattung �ber � diese Sache herauszuhalten.�</p><p>Nigel Owen legte verschw�rerisch den Finger an die Lippen.</p><p>�Psst. Das ist nat�rlich nicht die Art von Publicity, die wir uns w�nschen. Aber ich habe wirklich nicht viel getan, nur ein paar meiner Verbindungen spielen lassen. Wir wollen ja den W�hler nicht mit solch dubiosen Geschichten verwirren. Unser Land braucht M�nner wie Richard und ich werde alles in meiner Macht stehende daf�r tun, damit er bei der Wahl einen Sitz im Unterhaus erringen wird.�</p><p>Richards Eltern strahlten den Wahlkampfmanager dankbar an.</p><p>Punkt acht betrat Richard das Podium. Wohlwollender Applaus begr��te ihn. W�hrend der folgenden Stunde verstand er es, sein Publikum mit einer leidenschaftlich vorgetragenen Rede in seinen Bann zu ziehen. Obwohl John viele �berzeugungen des Tory-Kandidaten ablehnte, musste er doch zugeben, dass dieser ein gl�nzender Redner war.</p><p>�Meine lieben Freunde, lassen Sie mich am Ende noch einige sehr pers�nliche Worte sagen, Worte des Dankes.�</p><p>Vom Podium herab richtete Richard den Blick auf seine Eltern. �Mum, Dad, bitte kommt doch einen Moment zu mir herauf.�</p><p>Die Campbells sahen einander einen Moment lang unsicher an, dann erhob George sich, r�ckte seine Krawatte zurecht und bot seiner Frau auf r�hrend altmodische Weise den Arm. W�hrend die beiden das Podium bestiegen, begann Nigel Owen zu klatschen. John fiel ein und schlie�lich applaudierte der ganze Saal den Eltern des Kandidaten. Richard umarmte und k�sste die beiden und ergriff dann wieder das Wort.</p><p>�Liebe Eltern, ich m�chte mich ganz herzlich bei euch bedanken. Ihr habt so viel f�r mich getan und ich stehe tief in eurer Schuld. Ohne euch �� An dieser Stelle brach Richards Stimme und er r�usperte sich. � � h�tte ich es nicht bis hierher geschafft.� Im Saal war es mucksm�uschenstill. Jeder konnte sehen, dass Marcia und George tief ergriffen waren. George hielt die Hand seiner Frau ganz fest und beiden standen Tr�nen in den Augen.</p><p>�Und so wie ihr euer Leben lang mit Freude und ganz selbstverst�ndlich alles f�r mich, euren Sohn, getan habt, m�chte ich nun ��, er wandte sich wieder dem Saal zu und seine Stimme schwoll zu einem kr�ftigen Timbre, � � all meine Kraft in den Dienst unseres wunderbaren Landes und seiner B�rger stellen.� Er reckte triumphierend die Faust in die Luft und das Publikum brach in Jubel und tosenden Applaus aus.</p><p>W�hrend Richard seine Eltern abermals umarmte und dem Saal zuwinkte, beschlich John das Gef�hl, Zeuge einer h�chst wirkungsvollen Inszenierung geworden zu sein. Ein Seitenblick auf den Wahlkampfmanager verst�rkte dies noch: Nigel Owen trug den durch und durch zufriedenen Gesichtsausdruck einer Katze, die soeben eine Schale fetter Sahne verzehrt hatte.</p><p>Als Richard schlie�lich Arm in Arm mit seinen Eltern vom Podium herabstieg, wurde er augenblicklich von einer begeisterten Schar Anh�nger umringt.</p><p>�Na, das w�re geschafft. Gehen Sie mit mir eine rauchen?� Nigel Owen stand auf und sah John auffordernd an.</p><p>�Ich rauche zwar nicht, aber ich begleite Sie gern nach drau�en. Ein wenig frische Luft tut jetzt sicher gut.� Im Hinterhof des Goose and Pickle z�ndete Owen sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug.</p><p>�Wie hat Ihnen die Rede gefallen?�</p><p>John zog seine Jacke enger um sich.</p><p>�Richard hat einen sehr guten Auftritt hingelegt, denke ich. Die Idee, seine Eltern auf die B�hne zu holen, stammt sicher von Ihnen?�</p><p>Owen l�chelte ein wenig herablassend.</p><p>�So etwas kommt beim W�hler erfahrungsgem�� gut an. Glauben Sie mir, w�hrend der kommenden Monate werde ich alle Hebel in Bewegung setzen, damit Richard bei der Wahl einen Sieg gegen den Labour-Kandidaten in seinem Wahlbezirk einfahren wird. Und wenn ich Tag und Nacht daf�r arbeiten muss. Ich werde nicht zulassen, dass irgendwelche dummen Geschichten oder Ger�chte seine Chancen schm�lern werden.�</p><p>John sah den anderen Mann pr�fend an. �Sie sprechen von dem Mord. Sie waren an dem Abend zusammen mit Richard in unserem Club, nicht wahr?�</p><p>Owen trat seine Zigarette aus und z�ndete sich sofort eine neue an.</p><p>�Ja. Wir hatten die Kreisvorsitzenden eingeladen. Ich hielt es f�r eine gute Idee, sie mit Richards Verbindung zu einem so ehrw�rdigen Amt wie dem des Ravenmasters im Tower von London zu beeindrucken. Das hat nach meiner Einsch�tzung auch gut funktioniert. Richards Vater hat sie eine Weile mit Anekdoten �ber seine Arbeit unterhalten, dann hat er die Herrschaften zur Schl�sselzeremonie begleitet. Richard und ich blieben in der Zwischenzeit zusammen in der Bar, da wir einige wichtige Telefonate erledigen mussten. Unsere G�ste waren so begeistert von Mr. Campbells Geschichten, dass sie nach ihrer R�ckkehr nach weiteren verlangt haben. Gott sei Dank hatte er sich von seinen � Turbulenzen �nach kurzer Zeit erholt und konnte noch ein paar Stories zum Besten geben.�</p><p>Verst�ndnislos sah John ihn an. �Turbulenzen?�</p><p>�Naja, sie wissen schon, was ich meine. Er h�tte etwas Schlechtes gegessen, sagte er. Kaum, dass er die Gruppe von der Zeremonie wieder zur�ckgebracht hatte, musste er erstmal zur Toilette verschwinden. Er sah auch wirklich blass aus. Nachdem er wieder da war, war er zwar immer noch bleich, aber ansonsten ging es ihm wohl wieder besser.�</p><p>John bem�hte sich, seine Erregung zu verbergen. Vom Gastraum des Clubs aus war wegen einer h�lzernen Schwingt�r nicht zu erkennen, ob jemand tats�chlich zur Toilette ging oder durch den Ausgang den Club verlie�. Konnte es am Ende doch George gewesen sein, den er in der Dunkelheit durch die Water Lane hatte hasten gesehen? </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 9</strong></p></title><p>Es war noch stockdunkel, als das Telefon John nach einer unruhigen Nacht aus dem Schlaf riss. F�r einen Augenblick orientierungslos schoss er hoch und tastete nach dem Lichtschalter. Halb sechs Uhr morgens! Ein Anruf um diese Stunde konnte nichts Gutes bedeuten. Mit wenigen Schritten war er im Flur und hob mit klopfendem Herzen den H�rer ab.</p><p>�Guten Morgen, Mackenzie! Ich habe Sie hoffentlich nicht aufgeweckt? Ich brauche Ihre Hilfe in einer delikaten Sache.� Als John die muntere Stimme seines Kommandanten vernahm, wurden ihm vor Erleichterung fast die Knie weich.</p><p>�Chief? Ich dachte, Sie w�ren auf einer Konferenz?�</p><p>�Bin ich auch. Aber gerade kam ein Anruf vom Au�enministerium. Die Eltern unserer Toten treffen heute Vormittag auf dem Flughafen Heathrow ein. Sie haben den ausdr�cklichen Wunsch ge�u�ert, den Ort des Geschehens sehen zu d�rfen. Damit sie nicht von Reportern bel�stigt werden, werden sie mit einem zivilen Geleitschutz wie normale Touristen in den Tower kommen. Ich m�chte, dass Sie Mr. und Mrs. Feldmann in Empfang nehmen und herumf�hren. Mir wurde gesagt, dass die Herrschaften kaum Englisch sprechen, daher werden sie sich bei jemandem, der sich mit ihnen auf Deutsch unterhalten kann, am besten aufgehoben f�hlen. Also, kann ich auf Sie z�hlen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Sir.�</p><p>�Gut. Halten Sie sich ab neun Uhr im Byward Tower bereit. F�r heute sind Sie vom normalen Dienst befreit. Und sobald ich wieder da bin, melden Sie sich bei mir zum Rapport.�</p><p>Nachdem John aufgelegt hatte, lie� er sich in einen K�chenstuhl sinken und fuhr sich durch den vom Schlaf zerzausten Haarschopf. Er beschloss, dass es keinen Sinn mehr hatte, ins Bett zu gehen, also nutzte er die Zeit und widmete sich einmal wieder eingehend seinen Pflanzen. Zufrieden bemerkte er, dass auch der Mangokern, den er vor Wochen in die Erde gesteckt hatte, einen zarten Trieb gebildet hatte. Nachdem alle Topfpflanzen versorgt waren, kramte er den Berg an Weihnachtssachen heraus, die er bei Edwina erworben hatte. Als er sein Werk vollendet hatte, prangte die Wohnung in Rot-, Gr�n- und Goldt�nen und John brummte fr�hlich, �Oh come, all ye faithful�, sein Lieblingsweihnachtslied, vor sich hin. Als letztes h�ngte er den pr�chtig geschm�ckten Kranz an die Eingangst�r seiner Wohnung. Er nahm sich vor, noch Tannenzweige zu besorgen, deren harzigen Duft er liebte.</p><p>Beschwingt setzte er sich mit einer Tasse Tee an den Tisch und begann zu �berlegen, welche Geschenke er besorgen wollte.</p><p>Sein Neffe Tommy w�rde sich �ber neue Turnschuhe freuen, hatte Maggie ihm verraten. Tommys �ltere Schwester Maureen w�rde gleich zu Jahresbeginn f�r einige Monate nach S�dafrika gehen, um dort in einem sozialen Projekt mitzuarbeiten und konnte ein gutes Moskitonetz gebrauchen. F�r seinen Vater hatte er einen neuen Bildband �ber die Ausgrabungen argentinischer Dinosaurier im Auge. Maggies j�ngste Tochter Bella war gl�cklich �ber alle Dinge, die irgendetwas mit Pferden zu tun hatten. Fast h�tte John �ber derlei angenehmen Gedankeng�ngen die Zeit vergessen. Kurz vor neun Uhr schreckte er hoch, griff nach seinen Wohnungsschl�sseln und machte sich zum Towereingang auf. Auf die Beefeater-Uniform hatte er verzichtet. Er wusste, dass er sonst best�ndig von Besuchern angesprochen werden w�rde und sich dem deutschen Ehepaar nicht in Ruhe widmen k�nnte.</p><p>Bereits kurz nach neun wurden die Eltern von Julia Feldmann hereingeleitet. Es k�nnten auch ihre Gro�eltern sein, ging es John durch den Kopf, w�hrend er mit ausgestreckten Armen auf das �ltere Ehepaar zuging. Sie sahen aus, als h�tten sie ihr Leben lang hart gearbeitet.</p><p>Er sch�ttelte beiden die Hand. Raue, kr�ftige H�nde. Nachdem er sich vorgestellt hatte, dr�ckte er den beiden sein aufrichtiges Beileid aus. Die Frau wandte ihm ihr zerfurchtes Gesicht mit den verweinten Augen zu. �Haben Sie vielen Dank.�</p><p>�Darf ich Ihnen erst einmal eine kleine St�rkung in unserer Cafeteria anbieten? Oder m�chten Sie den Ort sehen, an dem Ihre Tochter � gefunden wurde?� Nach einem stummen Blickwechsel mit seiner Frau bat Mr. Feldmann ihn darum, sie sogleich zum Verr�tertor zu f�hren.</p><p>Sie traten hinaus in die Water Lane. An diesem verhangenen Dezembermorgen hatten bisher nur wenige Touristen den Weg in den Tower gefunden, wof�r John dankbar war.</p><p>Schweigend standen sie vor dem Verr�tertor. Genauso wie an dem Abend, als Julia Feldmann gestorben war, herrschte Niedrigwasser. Minutenlang starrten die Feldmanns eng aneinander geklammert hinunter auf die Stelle am Fu� der kleinen Steintreppe, wo Julia gefunden worden war. Dann brach es aus Julias Mutter hervor.</p><p>�Mein M�dchen! Oh Gott, Julia, Julia��, schluchzte sie.</p><p>John �berlegte fieberhaft, ob er die beiden lieber wegbringen sollte, als ihm die Entscheidung abgenommen wurde. Ein junger Mann, den Fotoapparat im Anschlag, eilte aus Richtung des Eingangs auf sie zu.</p><p>�Sind Sie nicht die Eltern der Ermordeten? Matt Burke von der Sun. Wie f�hlen Sie sich, wenn Sie hier stehen, wo Ihre Tochter ermordet wurde? Bitte einen kurzen Kommentar f�r unsere Leser.� Nun richtete er die Kamera auf die Feldmanns.</p><p>Obwohl die beiden wohl nicht verstanden hatten, was der Reporter gesagt hatte, stand ihnen blankes Entsetzen ins Gesicht geschrieben. John, der soeben noch wie gel�hmt gewesen war, �berraschte sich selbst, indem er den Reporter wegstie� und gleichzeitig nach dessen Kamera griff. Dann br�llte er nach seinen Kollegen. Binnen k�rzester Zeit fand sich der Zeitungsreporter, w�ste Verw�nschungen aussto�end von mehreren Beefeatern zum Tor hinausbugsiert.</p><p>Als die Fl�che des Mannes verklangen, wandte John sich an das Ehepaar. �Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid mir dieser Vorfall tut. Wir bem�hen uns, alle Hereinkommenden streng zu kontrollieren, aber dieser � Mensch � hat es leider doch hereingeschafft.� Mr. Feldmann nickte nur, w�hrend seine Frau ihr Gesicht an seiner Brust versteckt hatte. Ihre Schultern bebten. Sanft legte John seine Hand auf den Arm des Mannes.</p><p>�Bitte, Herr Feldmann, ich denke es w�re besser, wenn wir Ihre Frau an einen ruhigen Ort bringen. Meine Wohnung ist gleich auf der anderen Seite des Innenhofes, dort mache ich Ihnen gerne einen Tee, wenn Sie m�chten.� Nach kurzem Z�gern nickte Julias Vater wiederum und sie f�hrten Mrs. Feldmann, die nun v�llig willenlos erschien, vorbei am Tower Green und zu Johns frisch geschm�ckter Wohnungst�r.</p><p>John platzierte seine G�ste am K�chentisch und besch�ftigte sich damit, den Tee zu bereiten. Mr. Feldmann redete leise auf seine Frau ein. Schlie�lich ebbte ihr Schluchzen ab und sie fasste sich wieder. Als John Tee und einen Teller von Edwinas Keksen servierte, nahm sie die dampfende Tasse dankbar entgegen.</p><p>�Sie sind wirklich sehr freundlich. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass jemand unser braves M�dchen umgebracht hat.� Wieder wurde sie von ihren Gef�hlen �berw�ltigt, w�hrend ihr Mann ihr unbeholfen �ber den R�cken strich. Dann jedoch kramte sie ein Taschentuch hervor und schn�uzte sich kr�ftig.</p><p>�Wissen Sie, an Weihnachten wollte Julia endlich wieder einmal heimkommen. Wir hatten sie seit dem Sommer nicht gesehen. Hans, wei�t du noch? Wir hatten gerade den Weizen abgeerntet, als sie heimkam.�</p><p>�Sie betreiben eine Landwirtschaft?�</p><p>�Zweiundzwanzig Hektar. Getreide und Zuckerr�ben. Dazu noch Wald und eine kleine Rinderzucht.� Aus der Stimme des Mannes klang Stolz.</p><p>�Unser �ltester Sohn wird den Hof �bernehmen. Er arbeitet jetzt schon flei�ig mit.�</p><p>�Die mittlere Tochter hat einen Bauern aus dem Nachbardorf geheiratet, auf seinem Hof ist sie f�r den Stall verantwortlich. Das hat sie von mir gelernt.� Auch seine Frau h�rte sich nun lebhafter an.</p><p>�Es ist sch�n, dass die Kinder die Familientradition fortf�hren.�, meinte John freundlich und nahm sich ein St�ck Zucker. Da verd�sterte sich das Gesicht von Mrs. Feldmann wieder.</p><p>�Nur unsere Julia, die hat gar nichts von der Landwirtschaft wissen wollen. Immer nur B�cher, B�cher, B�cher. Aber sie war ein sehr gescheites M�del und ist als Erste in der Familie zur Universit�t gegangen.� Sie schluckte. �W�re sie nur daheimgeblieben, dann w�re sie jetzt noch am Leben�� John wartete, bis ihre neuerlichen Tr�nen versiegt waren.</p><p>�Sie hat Wirtschaft studiert, habe ich geh�rt.�</p><p>�Mhm. In gut einem Jahr h�tte sie ihr Studium abgeschlossen. Sie hatte ihre Zwischenpr�fungen so gut bestanden, dass sie ein Stipendium bekommen hat, um f�r ein Jahr ins Ausland zu gehen. Ansonsten h�tten wir uns das gar nicht leisten k�nnen. Die ersten Monate hier hat sie uns regelm��ig geschrieben, aber in den letzten Wochen haben wir kaum noch etwas von ihr geh�rt. Wenn sie doch einmal angerufen hat, hat sie sich oft m�de angeh�rt. Es w�re so viel zu tun, sagte sie, dass sie kaum zum Schlafen k�me. Aber sie hatte sich ganz fest vorgenommen, den bestm�glichen Abschluss zu machen und sie war bereit, hart daf�r zu arbeiten.� Stumm bekr�ftigte Mr. Feldmann die Worte seiner Frau mit einem heftigen Nicken und schnobte dann kr�ftig in ein Taschentuch. In der folgenden Stille klang das Klingeln des Telefons �berlaut. John entschuldigte sich f�r einen Moment und hob ab.</p><p>�Mackenzie? Jemand von Scotland Yard will dich sprechen, bleib einen Moment dran.� Frank Abbott, der heute am Eingang im Byward Tower Dienst tat, reichte den H�rer weiter.</p><p>�Hier Constable Hewitt, Sir. Superintendent Whittington l�sst anfragen, wann Mr. und Mrs. Feldmann bereit sind f�r die Vernehmung im Yard. Wir haben eine Limousine hier, um sie hinzubringen.� Als John die Frage an das Ehepaar weitergab, kehrte der verschreckte Ausdruck in das Gesicht von Mrs. Feldmann zur�ck.</p><p>�Oh, die Polizei, nat�rlich. Oh je. Wir hatten noch nie in unserem Leben etwas mit der Polizei zu tun.�</p><p>�Aber Maria, die Herren wollen uns nur ein paar Fragen zu Julia stellen, das haben sie uns doch heute Morgen am Flughafen schon erkl�rt.� Julias Vater wandte sich an John. �Richten Sie bitte aus, wir sind gleich da.� Seine Frau griff sichtlich nerv�s nach ihrer Handtasche und erhob sich unbeholfen. Dann sah sie John pl�tzlich mit einem hoffnungsvollen Ausdruck im Gesicht an.</p><p>�Herr� Mackenzie, k�nnten Sie uns vielleicht begleiten? Sie k�nnten f�r uns �bersetzen.�</p><p>�Sehr gern, Frau Feldmann, aber die Kriminalpolizei h�lt mit Sicherheit einen Dolmetscher f�r Sie bereit. Dar�ber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.�</p><p>�Ich h�tte aber lieber Sie dabei. Sie waren so nett zu uns, Ihnen vertraue ich.�</p><p>Eine halbe Stunde und einige Telefongespr�che sp�ter sa� John zusammen mit dem Ehepaar im Fond eines ger�umigen Wagens mit abgedunkelten Scheiben. Ein gr��eres Aufgebot an Beamten der Metropolitan Police hatte sie im Laufschritt vom Tower bis zum Wagen eskortiert und sie so gut es ging vor den wartenden Presseleuten abgeschirmt.</p><p>In der n�chternen Eingangshalle des New Scotland Yard nahm der Superintendent sie pers�nlich in Empfang. W�hrend er den Feldmanns die Hand sch�ttelte, hatte John die Gelegenheit, sich an einem widerw�rtig aussehenden Pickel am Kinn seines Cousins zu erfreuen, der Whittingtons sonst so gepflegtes Erscheinungsbild beeintr�chtigte.</p><p>Ich wette, der kommt von diesem gr�sslichen Schal, in den er sich bei der Schl�sselzeremonie geh�llt hat, fiel es ihm ein.</p><p>Whittington, der Johns belustigten Blick bemerkte, hob unwillk�rlich die Hand an sein Kinn und wandte sich ihm mit s�uerlichem Gesichtsausdruck zu.</p><p>�Welch au�erordentliche Freude, dich hier zu sehen. Ich respektiere selbstverst�ndlich den Wunsch dieser trauernden Eltern. Du wirst verstehen, dass unser eigener Dolmetscher dennoch bei der Vernehmung anwesend sein wird. Au�erdem weise ich dich auf deine Schweigepflicht �ber alles, was du hier h�rst, hin.�</p><p>John hielt seinem Blick stand, deutete auf den Pickel und erwiderte unger�hrt, �Hast du es schon mit Zahnpasta versucht? In unserer fernen Jugendzeit hat das Wunder bewirkt gegen diese Dinger.�</p><p>Bei der folgenden Vernehmung erlebte John seinen Cousin zu seinem gro�en Erstaunen von einer v�llig neuen Seite: Ernsthaft und ohne eine Spur seiner sonst �blichen Arroganz f�hrte er die Befragung von Julias Eltern durch, zudem erwies er sich als guter Zuh�rer. Wie ein Kaleidoskop entstand allm�hlich ein Bild der Pers�nlichkeit, die Julia Feldmann gewesen war.</p><p>Das ruhige und lernbegierige M�dchen, das am liebsten die Nase in ihre B�cher steckte, schien von Anfang an kaum in ihr l�ndlich gepr�gtes Umfeld gepasst zu haben. Ermutigt von einer verst�ndnisvollen Lehrerin, hatte sie sich gegen ihre Eltern durchgesetzt und hatte nach der Grundschule t�glich den weiten Weg mit dem Bus in die n�chste Kreisstadt auf sich genommen, um auf das Gymnasium gehen zu k�nnen. Nach einem gl�nzenden Abschluss war sie auf die Universit�t gegangen, obwohl ihr Vater anfangs strikt dagegen gewesen war.</p><p>Mit den Jahren hatte er jedoch erkannt, dass dieser Weg f�r seine j�ngste Tochter der Richtige war und er war stolz auf ihre Leistungen. Dass sie das Stipendium einer renommierten Studienstiftung erhalten hatte, war der Heimatzeitung ihres Ortes sogar eine Meldung wert gewesen, schilderte er bewegt.</p><p>�Und dabei hat sie zus�tzlich zum Studium sogar noch gearbeitet, um uns nicht auf der Tasche zu liegen. Sie hat geputzt, gekellnert, alles. F�r nichts war sie sich zu schade.�, erg�nzte seine Frau.</p><p>�Hmm. Wirklich ein sehr zielstrebiges und flei�iges M�dchen. Hatte sie denn bei alledem je Zeit f�r Freundinnen oder Freunde?�</p><p>Diese Frage des Superintendenten hatte auch John sich insgeheim schon gestellt. Julias Eltern sahen sich eine Weile stumm an. Schlie�lich antwortete Mrs. Feldmann.</p><p>�Wissen Sie, das hat uns auch schon lange Sorgen gemacht. Julia hatte schon in der Schule kaum Freundinnen, weil die anderen M�dchen meistens andere Interessen hatten. Als sie angefangen hat, zu studieren, hat sie zuerst in einer Wohngemeinschaft gelebt, weil das preisg�nstig war. Aber nach kurzer Zeit ist sie dort ausgezogen und hat sich ein kleines Apartment in einem Wohnheim gemietet. Die anderen w�rden sie mit ihren dauernden Partys vom Schlafen und Lernen abhalten, hat sie uns gesagt. An ihren Arbeitsstellen und bei den Praktika, die sie f�r das Studium gemacht hat, ist sie mit allen gut ausgekommen. Aber sie hat nie davon erz�hlt, dass sie sich auch in der Freizeit mit den Kollegen getroffen h�tte.�</p><p>�Bis auf das eine Mal, Maria, kannst du dich erinnern? Als sie bei dieser Autofirma war.�</p><p>�Du hast recht, Hans, da hat sie sich wohl ein paar Mal mit einem Kollegen getroffen.�</p><p>John konnte das Glitzern in den Augen des Superintendenten sehen. �Bei welcher Firma war das?�</p><p>Herr Feldmann nannte den Namen eines bekannten deutschen Autoherstellers.</p><p>�Sie war dort direkt in der Konzernzentrale.�</p><p>Whittington w�hlte sichtlich erregt in seinen Unterlagen und zog dann ein Foto heraus.</p><p>�Hat Ihre Tochter je den Namen Markus von D�ntzen erw�hnt?� Verwirrt sch�ttelten beide Feldmanns den Kopf.</p><p>�Nein. Sie d�rfen mir glauben, wenn Julia den Namen eines Mannes erw�hnt hat, dann habe ich mir das gemerkt.�, sagte Frau Feldmann ein wenig verlegen. Whittington sah entt�uscht aus. Nun zeigte er den beiden das Foto, das er in der Hand gehalten hatte.</p><p>�Das ist der Mann � haben Sie ihn oder ein Bild von ihm je bei Julia gesehen?�</p><p>�Nein, tut mir leid. Wer ist das?� Bevor der Superintendent Mrs. Feldmanns Frage beantworten konnte, war John mit einem Mal klar, wer dieser Mann war: Mr. Wichtig! Nun fiel ihm auch wieder ein, dass dieser ihm erz�hlt hatte, er w�re CFO bei just jenem Autobauer, bei dem Julia Feldmann ein Praktikum absolviert hatte. Bevor John diesen Gedanken weiter verfolgen konnte, lie� Whittington die n�chste Bombe platzen.</p><p>�Wir haben im Rucksack Ihrer Tochter Spuren von MDMA � also Ecstasy � gefunden. Hat sie Ihres Wissens je Drogen konsumiert?�</p><p>John zog scharf die Luft ein. Nach einem vernichtenden Blick seines Cousins beeilte er sich, zu �bersetzen. Die Feldmanns sahen ihn an, als w�re er von einem anderen Stern. Dann erhob sich Mr. Feldmann unvermittelt.</p><p>�Ich wei� zwar nicht, was das ist, das Sie da gefunden haben wollen. Aber meine Tochter hat mit Sicherheit nie Drogen oder sonst ein Teufelszeug genommen. Und wir werden uns auch nicht l�nger anh�ren, wie Sie ihr so etwas unterstellen. Maria, wir gehen.� Damit zog er seine Frau von ihrem Stuhl hoch.</p><p>Whittington schaute einen Augenblick verdutzt, dann nickte er dem Sergeant zu, der Protokoll gef�hrt hatte. �Murdoch, lassen Sie die Limousine bereitstellen und bringen Sie diese Herrschaften zum Flughafen.� Mit einem vers�hnlichen Ausdruck wandte er sich an das Ehepaar, das unschl�ssig im Raum stand.</p><p>�Wenn ich Sie schockiert haben sollte, bitte ich um Entschuldigung. Sie werden verstehen, dass ich allen Hinweisen nachgehen muss, wenn ich den Mord an Ihrer Tochter so schnell wie m�glich aufkl�ren soll. Wir werden Ihnen Bescheid geben, wenn wir noch Fragen haben. Einstweilen w�nsche ich Ihnen eine gute Heimreise.� Er signalisierte John, das Ehepaar hinaus zu bringen.</p><p>John bem�hte sich nach Kr�ften, die aufgebrachten Eltern ein wenig zu beruhigen. Beide bedankten sich h�flich noch einmal f�r seine Hilfe und stiegen in den Wagen. John sah ihnen lange nach, auch als die Limousine aus seinem Blickfeld verschwunden war.</p><p>�Obwohl wir alles tun, was in unserer Macht steht, bleibt doch angesichts einer solchen Trag�die immer das Gef�hl von �. Unzul�nglichkeit, nicht wahr?�</p><p>John konnte nicht glauben, dass Simon Whittington diese Worte ausgesprochen hatte. Langsam drehte er sich um. Sein Cousin stand, eine Zigarette in der Hand, an einen Pfeiler gelehnt.</p><p>�Ja�, erwiderte er schlie�lich schlicht. Simon hatte ihm aus der Seele gesprochen. �Nichts, was wir tun, wird diesen Eltern ihre Tochter zur�ckbringen k�nnen.�</p><p>�Das Mindeste, was wir tun k�nnen, ist ihren M�rder zu finden. Und das werde ich.� Damit dr�ckte Simon entschlossen seine Zigarette aus und wandte sich um. �Komm noch einen Augenblick herein, John.� Sie gingen nicht zur�ck in das Vernehmungszimmer, sondern in das B�ro des Superintendenten.</p><p>Dieses entlockte John ein Schmunzeln: Hinter dem Schreibtisch hatte Simon nicht nur eine ganze Reihe Pokale aufgereiht � im Tennis und Golf war er immer schon ein Ass gewesen � sondern auch unz�hlige, liebevoll gerahmte Fotos aufgestellt. Bis auf eines, auf dem seine Frau Patricia an der Reling eines Schiffes zu sehen war, stand auf jedem Bild eine Person im Mittelpunkt: Simon Whittington. Simon mit dem B�rgermeister, Simon mit diversen weniger bekannten Angeh�rigen des K�nigshauses, immer wieder Simon auf Siegerpodesten von Sportwettk�mpfen, Simon mit � John riss die Augen auf: Elton John! Sein Cousin hatte ihn mit einem �berlegenen L�cheln beobachtet.</p><p>�Das ist auf einer Wohlt�tigkeitsveranstaltung f�r die Aids-Hilfe entstanden. Patricia hatte eine gro�e Tombola daf�r organisiert.�</p><p>Beide setzten sich. Angesichts der chronisch klammen Finanzen der Metropolitan Police musste Simon wohl selbst f�r die stilvolle Einrichtung seines B�ros mit den dunklen Holzm�beln und den breiten Ledersesseln gesorgt haben, dachte John bei sich, als er den Blick durch das Zimmer schweifen lie�.</p><p>�Patricias Innenarchitekt hat den Raum hier eingerichtet.�, beantwortete Whittington Johns unausgesprochene Frage. Dann wurde er wieder gesch�ftsm��ig.</p><p>�Schildere mir bitte den Besuch der Feldmanns im Tower von Anfang bis Ende. Jede Information kann wichtig sein.�</p><p>John �berlegte ein wenig und bem�hte sich dann, seine Gespr�che mit dem Ehepaar m�glichst vollst�ndig wiederzugeben.</p><p>�Ihre Mutter sagte noch, dass Julia in den letzten Wochen seltener mit ihnen Kontakt aufgenommen h�tte und dass sie dann oft �berm�det geklungen h�tte.�, schloss er. Nachdenklich spielte Whittington mit seinem edlen F�ller.</p><p>�Auch wenn ihre Eltern das nicht glauben k�nnen: Vielleicht hat das M�dchen ja doch auf chemische Substanzen wie MDMA zur�ckgegriffen, um ihre Leistungsf�higkeit zu erh�hen.� John nickte zustimmend.</p><p>�Das ist durchaus vorstellbar. Beim Milit�r werden teilweise immer noch �M�digkeitskontrollpillen� eingesetzt, zum Teil mit fatalen Folgen. Amphetamine, Ecstasy, Speed� in einer Kaserne findest du alles, ob legal oder illegal. Oft sind es gerade die besonders leistungsorientierten und ehrgeizigen Soldaten, die der Verf�hrung, tagelang fit zu bleiben erliegen. Auch wenn sie zuvor keine Drogenkonsumenten gewesen sind.�</p><p>Simon sah ihn mit zusammengezogenen Brauen an.</p><p>�Hm. Das Labor hat keine aktuellen Hinweise auf einen Konsum gefunden. Aber das hei�t ja nur, dass sie w�hrend der letzten paar Tage nichts zu sich genommen hat. Wir warten jetzt noch auf das Ergebnis der Haaranalyse, um einen wom�glich l�nger zur�ckliegenden Konsum zu �berpr�fen. Allerdings wird dies noch einige Tage dauern.� Er klappte die Akte zu.</p><p>�Was ist mit diesem Deutschen? Denkst du, er hat etwas damit zu tun?�, bem�hte sich John hastig, noch ein paar Informationen zu ergattern, bevor ihn sein Cousin hinauskomplimentierte. Simons Gesicht erhellte sich.</p><p>�Das k�nnte eine vielversprechende Spur sein. Da die Eltern best�tigt haben, dass Miss Feldmann ihr Praktikum in der Konzernzentrale absolviert hat, in der auch von D�ntzen besch�ftigt ist, werde ich nun die deutsche Polizei um Amtshilfe bitten. Wenn ich Belege bekomme, dass die beiden sich kannten, kann ich ihn zum Verh�r einfliegen lassen.� In seinen Augen glitzerte es triumphierend.</p><p>�Wenn ich ihm nun noch nachweisen kann, dass er fr�her schon im Tower war und die �rtlichen Gegebenheiten kannte, dann ist er dran.�</p><p>�War er aber nicht, genauso wenig wie die anderen, die am Mordabend bei der Schl�sselzeremonie waren. Wir haben das f�r alle Besucher gepr�ft. Mein Kollege Michael Conners hat die Aufzeichnungen der letzten f�nfzehn Jahre durchgesehen, seit wir die Namen im Computer erfassen.� Misstrauen keimte in Whittingtons Blick auf.</p><p>�Soso, da stellt ihr wohl eure eigenen Nachforschungen an, was? Wir werden das noch einmal �berpr�fen m�ssen.� John zuckte mit den Schultern und l�chelte unverbindlich.</p><p>�Ich wollte dir lediglich mit einer Information behilflich sein.� Nun war Simon endg�ltig auf der Hut.</p><p>�Amateure, die meinen, sich in die Polizeiarbeit einmischen zu m�ssen, sind mir ein Gr�uel. Ich habe die Sache im Griff und werde sie auch zu Ende bringen. Sollte ich Wind davon bekommen, dass du und deine Beefeater-Kollegen sich in meine Ermittlungen einmischen, werde ich r�cksichtslos gegen euch vorgehen. Verlass dich drauf.� Damit stand er auf. John erhob sich ebenfalls.</p><p>�Schade, dass der alte Simon nun wieder da ist. Heute hatte ich einige Momente lang doch noch die Hoffnung f�r dich, dass du dich zu einem menschlichen Wesen entwickeln k�nntest. Jemand, mit dem man sich wirklich auf einer Ebene austauschen k�nnte. Aber da bin ich wohl einer Illusion erlegen.�</p><p>Mit �bertriebener Geste salutierte er.</p><p>�Sir. Bitte um Erlaubnis, mich zur�ckziehen zu d�rfen, Sir.�</p><p>Damit drehte er sich auf dem Absatz um und verlie� den Raum. Kaum hatte John das Geb�ude verlassen, bedauerte er seinen Ausbruch. Sehr erwachsen, John, wirklich sehr erwachsen, schalt er sich. Nun hatte er die Chance vertan, weitere Informationen �ber den Fall von seinem Cousin zu erhalten. Nachdem er heute durchaus geneigt gewesen war, John an den Ermittlungen teilhaben zu lassen, w�rde Simon sich von nun an mit Sicherheit wieder bedeckt halten. Ver�rgert �ber sich selbst stieg John in die U-Bahn und fuhr zur�ck zum Tower. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 10</strong></p></title><p>Am n�chsten Morgen prasselte Regen gegen die Fensterscheiben. Mit Schrecken fiel John ein, dass er heute Vormittag f�r die Betreuung einer f�nften Klasse der Richmond Grammar School, einer renommierten M�dchenschule in einem westlichen Vorort Londons, zust�ndig war.</p><p>�Im Rahmen des Geschichtsunterrichts sollen die Sch�lerinnen umfassende Kenntnisse �ber den Tower of London als nationales britisches Wahrzeichen erlangen.�, hatte ihm die Direktorin Ms. Grover bei einem Telefonat vor einigen Wochen mitgeteilt.</p><p>�F�r den Aufenthalt im Tower sind zwei Stunden vorgesehen. In dieser Zeit erwarte ich einen kindgerechten Abriss �ber die Kulturgeschichte des Towers und die politische Rolle, die er in der Entwicklung unserer Nation gespielt hat.�</p><p>Die abschlie�ende Bemerkung, sie werde die M�dchen pers�nlich auf dieser Exkursion begleiten, hatte in Johns Ohren ein wenig bedrohlich geklungen.</p><p>Eigentlich hatte John die letzten Tage daf�r nutzen wollen, diese Spezialf�hrung vorzubereiten, dieses Vorhaben angesichts der Ereignisse aber vollkommen vergessen.</p><p>So war ihm etwas bang zumute, als er Punkt zehn Uhr rund zwei Dutzend in graue Schuluniformen und dicke Winterjacken gekleidete M�dchen am Byward Tower in Empfang nahm. Die rothaarige, jugendlich wirkende Frau, die sie begleitete, passte in keiner Weise zu dem Bild, das er sich von Ms. Grover gemacht hatte. Als die Frau sich ihm als Ms. Murray, die Geschichtslehrerin der Unterstufe, vorstellte, sch�ttelte er ihr erleichtert die Hand.</p><p>�Willkommen im Tower. Mein Name ist John Mackenzie. Ihre Direktorin hatte nun doch keine Zeit, die Klasse zu begleiten?�</p><p>�Sie bedauert dies sehr. Sie legt �blicherweise gro�en Wert darauf, die Kinder zu diesem j�hrlichen Ausflug in die City zu begleiten. Nur leider hatte sie am Wochenende einen Sturz und hat sich den Fu� verstaucht � �</p><p>��h, Verzeihung, Ms. Murray?� Verlegen stand ein rotbackiges M�dchen mit beschlagener Brille vor ihnen.</p><p>�Ja, Tiffany?�</p><p>�Ich muss aufs Klo.�</p><p>Wie im Chor erklang aus der Masse der Sch�lerinnen, �Ich auch�.</p><p>�Dann bringe ich euch jetzt erstmal zu den Toiletten und dann legen wir los.�, wandte John sich an die M�dchen. Durch den str�menden Regen trabte er mit der Lehrerin die Water Lane hinauf, die M�dchen wild durcheinander schwatzend im Schlepptau.</p><p>�Iih, meine Haare werden ja ganz nass!�</p><p>�Wow, M�dels, das ist das Verr�tertor, hier muss die Leiche gelegen haben.�</p><p>�Meine Schuhe sind schon ganz durchgeweicht!�</p><p>�Gut, dass wir die alte Schabracke heute nicht dabei haben.�</p><p>�Wie findest du den? Er erinnert mich an den Typen mit dem Rentierpulli aus Bridget Jones. Ganz s�� irgendwie.�</p><p>Vielstimmiges Kichern. John, dem pl�tzlich bewusst wurde, dass die M�dchen von ihm sprachen, sp�rte seine Ohren hei� werden. Ms. Murray, die wie alle Lehrer gelernt hatte, ihre Augen und Ohren �berall zu haben, l�chelte John im Laufen entschuldigend zu, was die Sache f�r diesen noch peinlicher machte.</p><p>Endlich hatten sie die gro�e Toilettenanlage hinter dem Club der Beefeater erreicht und die Sch�lerinnen st�rzten hinein. Ms. Murray blieb mit John im Vorraum und setzte sich auf ein Fensterbrett.</p><p>�Das dauert jetzt.�, meinte sie leise seufzend und lockerte ihren Schal. John, dem unter seinem dicken Umhang mit dem k�niglichen Emblem hei� wurde, zog ihn von den Schultern und nahm die nasse M�tze ab.</p><p>�Wie alt sind die M�dchen? Elf, zw�lf?�</p><p>�Ja. In dem Alter sind sie so wahnsinnig unterschiedlich in ihrer Entwicklung. Manche spielen noch mit ihren Puppen und sind sehr kindlich, andere benehmen sich schon wie richtige Teenager und haben auch dementsprechende Interessen. Dazu kommt noch, dass unsere Sch�lerinnen aus sehr unterschiedlichen Elternh�usern kommen. Viele stammen aus Familien, die sich das teure Schulgeld leisten k�nnen. Andere, aus einkommensschw�cheren Schichten, haben den Weg an unsere Schule durch ein Stipendium f�r sehr gute schulische Leistungen geschafft, so wie die kleine Tiffany. In unseren Eingangsklassen ist es oft Schwerstarbeit, aus so einem bunten Haufen so etwas wie eine Klassengemeinschaft zu formen.�</p><p>John nickte und sah dann auf die Uhr.</p><p>�Wenn ich Ms. Grover richtig verstanden habe, werden Sie um zw�lf Uhr wieder abgeholt? F�r einen kompletten historischen und kulturgeschichtlichen �berblick bleibt uns da nicht viel Zeit��</p><p>Zu seinem Erstaunen lachte die Lehrerin vergn�gt.</p><p>�Ach, Mr. Mackenzie, machen Sie sich da mal keine Gedanken. Ms. Grover hat sich als Schulleiterin auf die Fahnen geschrieben, stets h�chsten Bildungsanspr�chen gerecht zu werden. Dieses Ziel verfolgen wir an der Richmond Grammar School nat�rlich mit Ausdauer und Begeisterung.�</p><p>Sie l�chelte verschw�rerisch. �Trotzdem muss ich im Hinterkopf behalten, dass wir nach dem Tower heute noch eine F�hrung durch Westminster Abbey haben werden. Die Menge an Daten und Fakten, die die Kinder an einem Tag aufnehmen k�nnen, ist nun einmal begrenzt. Au�erdem schwirrt in ihren K�pfen nat�rlich auch diese Mordgeschichte herum, die ja alle Schlagzeilen bestimmt.�</p><p>�Ich hatte schon erwartet, dass die Kinder dazu Fragen stellen werden.�</p><p>�Ms. Grover hat der Klasse nachdr�cklich klargemacht, dass Sensationslust v�llig unangebracht ist. Ich hoffe, dass die M�dchen dies beherzigen. Sollten sie doch etwas dar�ber wissen wollen, sagen Sie am besten, es w�re Ihnen nicht erlaubt, dar�ber zu reden.�</p><p>John nickte erleichtert und Ms. Murray fuhr fort. �Ich denke, wenn Sie die M�dchen heute f�r einige Facetten des Lebens im Tower interessieren k�nnen, haben wir viel erreicht. � Angela, Deirdre! Kommt mal hier her�ber, bitte.�</p><p>Gerade waren zwei der M�dchen in den Vorraum getreten. Etwas widerwillig n�herten sich die beiden.</p><p>�Ihr habt euch geschminkt. Das verst��t gegen unsere Schulregeln, wie ihr genau wisst. Also ab in den Waschraum und weg mit dem Zeug.� Trotz des bestimmten Tons ihrer Lehrerin wagten die M�dchen es, zu protestieren.</p><p>�Aber Ms. Murray, heute ist doch kein Unterricht und der alte Drachen bekommt es auch gar nicht mit�.�</p><p>�Angela, Schluss damit. Erstens ist der Tag heute sehr wohl zum Lernen da und zweitens sprichst du nicht in diesem Ton �ber unsere Direktorin. Ich will jetzt kein Wort mehr h�ren.�</p><p>Angelas Augen funkelten w�tend, doch sie drehte sich schlie�lich um und steuerte mit ihrer Freundin wieder auf den Waschraum zu.</p><p>�Mann, die wird auch immer zickiger seit ihrer Scheidung.�</p><p>�Dabei w�rde es in ihrem Alter auch nicht schaden, wenn sie sich mal etwas zurechtmachen w�rde.�</p><p>Die giftigen Bemerkungen der Sch�lerinnen waren un�berh�rbar. Nun war es an Ms. Murray, verlegen zu err�ten.</p><p>�Also wirklich, ich muss mich f�r das Benehmen der M�dchen entschuldigen��</p><p>�Ach was. Wir selbst sind in dem Alter wahrscheinlich auch eine Zumutung f�r alle anderen gewesen. Ich bewundere wirklich alle Eltern und Lehrer, die damit Tag f�r Tag zurechtkommen m�ssen und ihr Bestes tun, den Kindern auf ihrem Weg zum Erwachsensein beizustehen.�</p><p>Gott, ich klinge wie ein pomp�ser Saftsack, bemerkte John und er r�usperte sich. Doch Ms. Murray l�chelte ihm dankbar zu � und sie hatte wirklich ein ganz reizendes L�cheln, wie John bei sich feststellte � und machte sich dann ebenfalls in den Waschraum auf, um den noch fehlenden M�dchen ein wenig Beine zu machen.</p><p>Bis alle bereit standen, hatte John den Entschluss gefasst, mit den M�dchen zuerst in den mittelalterlichen Palast zu gehen. Dieser war nur wenige Schritte entfernt und konnte mit seinen detailgenauen Nachbildungen einen lebendigen Einblick ins h�fische Leben des dreizehnten Jahrhunderts geben. Er zeigte ihnen den Empfangsraum Edwards I und sein pr�chtig ausgestattetes Schlafgemach.</p><p>F�r Edward, der sich den Beinamen �Hammer der Schotten� durch blutige Schlachten gegen das freiheitsliebende Volk im Norden verdient hatte, hatte John insgeheim wenig �brig. Er stellte sich vor dem k�niglichen Bett in Positur.</p><p>�Obwohl der K�nig w�hrend seiner �ber drei�igj�hrigen Regentschaft nur dreiundf�nfzig Tage hier im Tower verbrachte, wurde an nichts gespart, um es ihm so bequem wie m�glich zu machen. Die edelsten Stoffe und H�lzer wurden f�r die Einrichtung verwendet. Seine Kerzen wurden aus farbigem Wachs gezogen, was f�r die damalige Zeit ein ungeheurer Luxus war. Durch den gro�en offenen Kamin hatte er es sch�n warm und er verf�gte auch noch �ber etwas ganz Besonderes �� Damit zog John schwungvoll den schweren Vorhang beiseite, der eine Wandnische verdeckte.</p><p>�Was ist das?�</p><p>Die M�dchen dr�ngten heran, um einen Blick zu erhaschen. In der Nische f�hrte eine gepflasterte Stufe zu einem halbhohen, wei� gekalkten M�uerchen, das oben von einem dunklen, gl�nzend polierten Brett abgedeckt war, in dessen Mitte ein rundes Loch prangte. Ausnahmsweise stumm sahen die Sch�lerinnen ihn erwartungsvoll an.</p><p>�Das ist des K�nigs Privattoilette, mit direktem Abfluss in die Themse, eine sehr moderne Errungenschaft f�r eine mittelalterliche Festung.� Den angeekelten Blicken nach zu urteilen, sorgte diese Einrichtung bei den jungen Damen f�r wenig Begeisterung. John beeilte sich, die Gruppe weiter in Richtung der R�ume von Heinrich III zu f�hren. In einem Durchgang erregte ein Gem�lde das Interesse der M�dchen. �Der gr�ne Affe� von George Stubbs brachte etwas Farbe in den ansonsten d�steren gemauerten Gang.</p><p>�Wieso h�ngt hier ein Affenbild?�</p><p>�Weil der Maler, George Stubbs, es im achtzehnten Jahrhundert hier im Tower nach einem lebenden Modell gemalt hat. Bis dahin hatte man in England so gut wie noch nie einen Affen gesehen.�</p><p>�Hier im Tower gab es Affen?� Nun waren die M�dchen ganz Ohr. �Es gab Nash�rner, Kamele und B�ren in unseren Mauern. Soll ich euch ein bisschen von dem k�niglichen Zoo erz�hlen?� Auch wenn einige der Sch�lerinnen gelangweilt dreinschauten, die Mehrheit nickte begeistert.</p><p>�Die Tierhaltung im Tower begann just mit Heinrich III, dem Vater Edwards. Der bekam 1235 von einem anderen K�nig drei L�wen geschenkt. Nat�rlich wussten die Menschen hier nicht, wie die Tiere zu halten und zu f�ttern waren, deshalb �berlebten die Raubkatzen nicht lange. Ein paar Jahre sp�ter wurde Heinrich III ein Eisb�r zum Geschenk gemacht und dann sogar ein Elefant. Als der Elefant zu Fu� das letzte St�ck seiner langen Reise aus Afrika hier in London zu Fu� zur�cklegte, liefen Leute von nah und fern zusammen, so eine gro�e Sensation war das. Immer mehr exotische Tiere fanden hier ihre Heimat, unter anderem ein Grizzlyb�r, Zebras, Tiger, Strau�e, Hy�nen, Geier, Schlangen und ein Stachelschwein.</p><p>Im siebzehnten Jahrhundert wurde auf dem Gel�nde der Festung der heute nicht mehr erhaltene Lion Tower gebaut, in dessen Hof die Raubkatzen Auslauf bekamen. Gegen ein Eintrittsgeld konnte jedermann die Tiere besichtigen, so wie heute im Zoo.</p><p>Als vor rund zweihundert Jahren gro�e Zirkusunternehmen begannen, durch das Land zu reisen und ebenfalls exotische Tiere zur Schau zu stellen, wollten immer weniger Leute die Tiere im Tower sehen und so wurden sie 1835 dem neu er�ffneten Zoo von London geschenkt. Heute haben wir nur noch eine Tierart, die im Tower lebt. Ihr wisst sicher, was f�r Tiere ich meine.�</p><p>�Die Raben�, scholl es ihm aus etlichen Kehlen entgegen. John l�chelte.</p><p>�Genau. Seit Hunderten von Jahren leben Raben im Tower. Laut k�niglichem Dekret sollen es immer mindestens sechs sein. Nach den schlimmen Jahren des zweiten Weltkrieges war nur einer mit Namen Grip �brig geblieben, aber es gab seit dem siebzehnten Jahrhundert nie eine Zeit, in der gar kein Rabe hier lebte. Momentan haben wir neun.�</p><p>�Warum fliegen sie nicht weg?�</p><p>�Ihre Fl�gel werden gestutzt. Das tut ihnen nicht weh und sie k�nnen durchaus kurz in der Luft bleiben, aber sie k�nnen keine weiteren Strecken zur�cklegen. Allerdings ist ein Rabe Anfang der achtziger Jahre durch eine legend�re Flucht ber�hmt geworden. Angeblich wurde Grog zuletzt bei einem Pub in der Stadt gesehen. Er brauchte wohl mal etwas Abwechslung zum Leben hier in unseren Mauern.� Die M�dchen best�rmten ihn noch mit einer Reihe weiterer Fragen und schlie�lich waren sie sogar bereit, sich in den Regen hinauszuwagen, um Ausschau nach den V�geln zu halten.</p><p>John zeigte ihnen die Voliere am Wakefield Tower und ging dann mit ihnen zum Tower Green. Er wusste, dass Gworran sich dort gerne aufhielt und in einem Vogelbecken planschte. Tats�chlich stapfte der Rabe im Nieselregen herum und kam bereitwillig angeh�pft, als John nach ihm rief. Als er seinen Kopf schief legte, als w�rde er Johns Worten lauschen, zogen einige der M�dchen entz�ckt ihre Kameras heraus.</p><p>�Darf ich ein Foto von Ihnen und dem Raben machen?�</p><p>�Mr. Beefeater, gibt es Souvenirs von den Raben im Tower zu kaufen?� John sah ratsuchend zu Ms. Murray hin�ber. Die Uhr von St. Peter ad Vincula schlug Viertel vor zw�lf.</p><p>�Also gut, M�dchen. Die letzte Viertelstunde d�rft ihr noch f�r Fotos und Andenkenk�ufe verwenden.� Ins Triumphgeheul der Klasse hinein erkl�rte John, dass der gr��te Souvenirladen des Towers sich in der Water Lane befand.</p><p>�Da sind wir vorhin schon vorbeigekommen, ich wei�, wo das ist. Oh bitte, Ms. Murray, d�rfen wir schon los?�</p><p>�Na gut, lauft, ich komme gleich nach�� Sie hatte noch nicht ausgeredet, als ein Gro�teil der M�dchen schon davonstob. Eine Handvoll von ihnen blieb noch einen Moment, um Fotos von John und Gworran zu schie�en, bevor sie sich ebenfalls Richtung Souvenirladen trollten. Zur�ck blieb Tiffany.</p><p>�Ach, Ms. Murray, w�rden Sie ein Foto von mir mit dem Beefeater machen?�</p><p>�Nat�rlich. M�chtest du den White Tower im Hintergrund haben?� Nachdem die Lehrerin das Foto geschossen hatte, reichte sie dem M�dchen die Kamera zur�ck.</p><p>�Und jetzt noch eins von Ihnen und dem Mann.�</p><p>�Du m�chtest ein Foto von mir und Mr. Mackenzie? Na, warum nicht.� Ms. Murray stellte sich neben John und beide l�chelten in die Kamera.</p><p>�So, jetzt aber los, Tiffany. Wir m�ssen nach deinen Klassenkameradinnen sehen, die wahrscheinlich schon den ganzen Laden gepl�ndert haben.� Zu dritt schritten sie �ber den Innenhof des Towers und durch das Tor im Bloody Tower hinaus in die Water Lane.</p><p>�Ich muss den Kaufrausch der jungen Damen bremsen, in ein paar Minuten wartet der Bus auf uns.� Energisch betrat Ms. Murray das gro�e Gesch�ft und klatschte in die H�nde.</p><p>�Kinder, geht jetzt bitte zur Kasse, wir wollen unseren Busfahrer nicht warten lassen.� In Panik sah Tiffany zu John auf, der vor dem Laden wartete, um die Gruppe hinauszubegleiten.</p><p>�Ich wollte doch noch einen Pl�schraben kaufen. K�nnten Sie mir bitte schnell zeigen, wo ich die finde? Ich bin sowieso schon wieder die Letzte.� Bei ihrem flehentlichen Blick h�tte wohl niemand Nein sagen k�nnen. Also geleitete John sie durch das Gesch�ft direkt zu dem Regal, auf dem Raben in allen Gr��en ausgestellt waren.</p><p>W�hrend Tiffany einen nach dem anderen in die Hand nahm und sich offensichtlich nicht entscheiden konnte, lie� John den Blick �ber den gro�en Raum schweifen, in dem Ms. Murray sich bem�hte, die verstreuten Sch�lerinnen in Richtung Ausgang zu bewegen.</p><p>Angela, das Gesicht nun wieder frei von Wimperntusche und Lidschatten, steuerte mit einem zuckers��en L�cheln auf John zu, Deirdre im Schlepptau.</p><p>�Sehen Sie mal, ich habe Anh�nger f�r den Weihnachtsbaum gekauft. Einer davon sieht wie ein Beefeater aus.�</p><p>�Sehr sch�n�, brummte John. Die beiden dr�ckten sich an John und Tiffany vorbei und gingen zur Kasse.</p><p>�Tiffany, ich glaube, du musst dich jetzt entscheiden. Die Zeit wird knapp.� Endlich griff das M�dchen nach einem mittelgro�en Pl�schtier mit leuchtend gelbem Schnabel.</p><p>�Der kostet 9.99 Pfund und ich habe zehn Pfund dabei�, strahlte sie ihn an.</p><p>�Okay, dann los.� Sanft schob John die Kleine vor sich her. Hinter der Kasse wartete Ms. Murray, die ihm einen dankbaren Blick schenkte.</p><p>�Sie ist wirklich sehr anh�nglich, nicht wahr?�, murmelte sie John zu, w�hrend Tiffany ihren Geldbeutel herauskramte.</p><p>�Schon in Ordnung. Wir nennen das individuelle Besucherbetreuung.�, raunte er zur�ck. Zu dritt gingen sie zum Ausgang. Als sie die T�r passierten, heulte die Diebstahlssicherung los. Eine der Verk�uferinnen kam angelaufen.</p><p>�Ich muss Sie bitten, Ihre Taschen zu �ffnen.� Drau�en schaute die Klasse mit gro�en Augen, als Tiffany und die beiden Erwachsenen wieder in das Gesch�ft zur�ckgingen und in einen r�ckw�rtigen Raum gef�hrt wurden.</p><p>�Bestimmt ist an der Kasse aus Versehen ein Sicherungsetikett nicht von der Ware genommen worden, das passiert manchmal.�, �u�erte die Verk�uferin beruhigend. �Bitte lassen Sie mich Ihre Eink�ufe sehen.� Ms. Murray zog ein Set Weihnachtskarten mit Motiven des Towers aus ihrer T�te, dazu einen Waschhandschuh in Form eines Beefeaters.</p><p>�Den bekommt meine Nichte, ist der nicht s��?� John grinste.</p><p>�Und nun du, junge Dame. �ffne bitte deinen Rucksack.� Tiffany nestelte am Verschluss ihres Rucksacks.</p><p>�Sie hat einen Pl�schraben gekauft, ich war dabei.�, erkl�rte John der Verk�uferin. Tiffany holte den Raben heraus.</p><p>�Mhm.� Kritisch be�ugte die Dame den Raben und griff dann nach dem Rucksack. Sie schritt damit eilig zur Ausgangst�r und schwenkte ihn vor der Diebstahlssicherung hin und her. Wieder heulte die Anlage los.</p><p>�Tut mir leid, da muss noch etwas drin sein.� Mit einem Griff war der Rucksack umgedreht und heraus fiel eine Brotzeitbox, eine Trinkflasche, der kleine Fotoapparat, der Geldbeutel � und ein K�hlschrankmagnet mit der Silhouette der Tower Bridge darauf. Entgeistert starrte Tiffany auf das kleine Ding.</p><p>Mit hochrotem Kopf stammelte sie, �Ich� ich hab� ich hab das nicht genommen, ehrlich.� Die Verk�uferin aber sah das M�dchen streng an.</p><p>�Junge Dame, in Diebstahlsf�llen verlangen wir von den T�tern f�nfzig Pfund und wir leiten die Sache an die Polizei weiter. Von letzterem k�nnen wir in deinem Fall wohl absehen, dennoch m�ssen wir zumindest deine Eltern verst�ndigen.� Nun brach eine Sturzflut von Tr�nen hervor.</p><p>�Nein, nein, ich war das nicht, das m�ssen Sie mir glauben. So ein bl�der Magnet interessiert mich doch gar nicht. Ich wollte nur den Raben.�, schluchzte das M�dchen. John, der die ganze Angelegenheit still verfolgt hatte, mischte sich nun ein.</p><p>�Mrs. Durrell, einen Moment bitte.� Er kannte die Frau vom Sehen.</p><p>�Tiffany, w�rdest du dich bitte einen Moment da hinsetzen?� Er bedeutete der Lehrerin, die geschockt dastand und Mrs. Durrell, mit ihm ein paar Schritte beiseite zu treten. Leise sagte er, �Ich glaube dem M�dchen. Ich bin ihr die ganze Zeit auf Schritt und Tritt gefolgt. Wir sind vom Eingang direkt zu den Raben gegangen und sind dort, wo die Magnete liegen, gar nicht vorbeigekommen.�</p><p>�Wir haben aber auch an der Kasse einige liegen, mit eben diesem Motiv.�, wandte die Verk�uferin ein. Nun ergriff auch Ms. Murray das Wort.</p><p>�Dort hatten sowohl Mr. Mackenzie wie auch ich das M�dchen im Auge. Da kann sie den Magneten nicht genommen haben. Aber wie kommt er dann in ihren Rucksack?� Ratlos sah sie John an.</p><p>�Hm. Vielleicht hat ihn ihr jemand anders unbeobachtet hineingesteckt�� Pl�tzlich d�mmerte ihm etwas und er verlie� hastig den Raum. Erstaunt sahen die Frauen ihm nach. In der Water Lane standen die M�dchen und tuschelten aufgeregt.</p><p>�Angela, Deirdre. Bitte kommt kurz hier her�ber.�, sagte er ruhig. Nach einem kurzen Blickwechsel folgten die beiden ihm. Au�er H�rweite der anderen blieb John stehen und sah die M�dchen mit eisigem Blick an.</p><p>�Ich wei�, dass ihr Tiffany den Magneten in die Tasche geschmuggelt habt, als wir vor dem Regal mit den Raben standen. Clever, Angela, wie du mich abgelenkt hast, w�hrend Deirdre den Magneten in den Rucksack fallen lie�. Nun sagt mir nur noch, warum.� Entsetzt sahen die beiden sich an, dann sprudelte es aus Deirdre heraus.</p><p>�Es war Angelas Idee. Sie wollte es Tiffany heimzahlen, weil die sie nie die Hausaufgaben abschreiben l�sst.�</p><p>�Von wegen meine Idee! Du kannst die miese Streberin doch auch nicht ausstehen.�, zischte Angela zur�ck. �Das Mistst�ck hatte es verdient, endlich mal was auf die M�tze zu kriegen. Mit ihrem ganzen bl�den Gerede Nein, Angela, das w�re aber Unterschleif, das geht doch nicht�, �ffte das M�dchen Tiffany geh�ssig nach. �Als ob irgend jemanden die Schei�-Regeln interessieren w�rden.�</p><p>John schob die zeternden Sch�lerinnen mit einem grimmigen L�cheln vor sich her in den Laden.</p><p>Alle M�dchen sa�en abfahrbereit im Bus. Ms. Murray sch�ttelte John noch einmal die Hand.</p><p>�Ich m�chte Ihnen wirklich ganz herzlich danken. Nicht nur f�r die lebendige und interessante F�hrung, sondern vor allem � � Der Busfahrer hupte ungeduldig.</p><p>�Ms. Murray, bitte, keine weiteren Dankesworte mehr. Es war mir ein Vergn�gen. Und nun w�nsche ich Ihnen und den M�dchen noch einen sch�nen Tag in London.� Als sie sich abwandte und im Bus verschwand, versp�rte John ein leises Bedauern.</p><p>Es sollte ihm jedoch keine Zeit bleiben, in Gedanken bei der Lehrerin mit dem reizenden L�cheln zu verweilen. Als er zur�ck in den Byward Tower trat, �berbrachte ihm der diensthabende Beefeater die Anweisung, dass die gesamte Einheit sich nach Schlie�ung des Towers um 17.00 Uhr im Schulungsraum einzufinden hatte. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 11</strong></p></title><p>Dort wurden sie von einer Reihe Beamter der Metropolitan Police in Empfang genommen, die jeden Einzelnen dazu aufforderten, seine Fingerabdr�cke abzugeben. Sofort summte der ganze Raum von verwirrten Nachfragen und vereinzelt lautstarken Protesten der M�nner. John, der davon ausgegangen war, dass die Polizei ihre Ermittlungen auf die Verbindung von Julia Feldmann zu dem deutschen Manager konzentrierte, war besonders �berrascht.</p><p>Die aufkeimende Unruhe erstarb, als Superintendent Whittington vortrat und das Wort ergriff.</p><p>�Es handelt sich hier um reine Routine. Bitte erschweren Sie die T�tigkeit meiner Leute nicht. Ich darf Sie daran erinnern, dass Sie alle eine Sondereinheit der Metropolitan Police von London bilden, daher erwarte ich von Ihnen volle Kooperation.� Leise murrend kamen die Beefeater seiner Aufforderung nach.</p><p>Um Nachfragen seiner Kollegen aus dem Weg zu gehen, die wussten, dass er mit Julia Feldmanns Eltern im Polizeipr�sidium gewesen war, stahl John sich gleich danach hinaus und unternahm einen langen Spaziergang. Aber auch die kalte Luft brachte keine Klarheit in seine Gedanken.</p><p>Am n�chsten Morgen stand er besonders fr�h auf, um vor Dienstbeginn bei Chief Mullins Bericht zu erstatten. Als dieser ihm jedoch bereits im Innenhof des Towers im Laufschritt entgegen kam, war ihm klar, dass etwas passiert war. Die Nachricht, die sein Kommandant brachte, schlug in der gesamten Towergemeinschaft wie eine Bombe ein: Im Morgengrauen war die Polizei anger�ckt und hatte einen der ihren verhaftet.</p><p>�Ruhe, Leute!� Chief Mullins hob beschw�rend die H�nde, um die vor ihm versammelten M�nner und Frauen zum Schweigen zu bringen. �Setzt euch, und dann werde ich euch das wenige, das ich wei�, mitteilen.�</p><p>Er wartete, bis alle Platz genommen hatten und es im Raum mucksm�uschenstill war.</p><p>�Heute um sechs Uhr morgens erschien Superintendent Whittington von der Metropolitan Police mit einem Haftbefehl am Byward Tower, begleitet von mehreren Uniformierten. Die zust�ndige Wache informierte mich unverz�glich. Selbstverst�ndlich � wenn auch zu unserem Leidwesen � mussten wir der Polizei Einlass gew�hren.� Mullins verstummte f�r einen Moment. Sichtlich ersch�ttert fuhr er dann fort.</p><p>�Ich mache es kurz. Sie haben unseren Ravenmaster George Campbell festgenommen. Er wird des Mordes an der Studentin Julia Feldmann angeklagt.�</p><p>W�hrend in diesem Moment rings um John ein Pand�monium ausbrach, wirbelten in seinem Kopf unz�hlige Bilder durcheinander. Die dunkle Beefeater-Gestalt, die nachts durch die Water Lane davon eilte. Marcia, die ihm mit hektischen roten Flecken im Gesicht erz�hlte, George sei seit dem Mord nicht er selbst. George, der mit abweisendem Gesichtausdruck neben ihm im Auto sa�. George, der mit einem B�ndel Geldnoten in der Bank verschwand. Verzweifelt sch�ttelte John den Kopf.</p><p>Nein. Der Mann, den er in den letzten Monaten kennengelernt hatte, der ihm so viel �ber seine geliebten Raben beigebracht hatte, mit dem er gelacht hatte, der eine Art v�terlicher Freund f�r ihn geworden war � er konnte es nicht glauben, dass dieser Mann ein junges M�dchen get�tet haben sollte. Abrupt stand John auf. Er musste hinaus, brauchte frische Luft. Als er sich durch seine Kollegen dr�ngte, wurde er jedoch j�h aufgehalten.</p><p>Chief Mullins packte ihn am Arm und rief ihm im Durcheinander ins Ohr, �Einen Moment, Mackenzie. Gehen wir hier herein.� Er zog John in einen Nebenraum.</p><p>�Sie glauben auch nicht, dass er es getan hat, nicht wahr?� John sch�ttelte stumm den Kopf. Mullins fuhr sich m�de durch seinen Schopf.</p><p>�Wir m�ssen jetzt alles tun, um George beizustehen. Ich habe bereits Sir Fitzgerald Walters kontaktiert. Er ist ein angesehener Anwalt, mit dem ich seit langem bekannt bin und dem ich voll vertraue. Bonnie k�mmert sich einstweilen um Marcia. In dieser Situation k�nnen wir sie nicht allein lassen, bef�rchte ich. Ich selbst werde gleich zum New Scotland Yard fahren. Vielleicht kann ich erreichen, dass diese Geier mich mit George sprechen lassen. Nun brauche ich hier jemanden, der die Raben versorgt. Da Sie sich ja einiges Wissen �ber die Tiere angeeignet haben, m�chte ich Sie darum bitten.�</p><p>John schluckte. �Sir, ich danke Ihnen f�r Ihr Vertrauen, aber ich bin mir nicht sicher�� Weiter kam er nicht.</p><p>�Papperlapapp. Sie machen das schon, Mackenzie. George hatte ohnehin vor, Sie in naher Zukunft zu seinem neuen Assistenten zu machen.� Er zog einen Schl�sselbund aus der Tasche.</p><p>�Hier, ich gebe Ihnen einstweilen meinen Schl�ssel zum Rabenhaus. Also los, die Tiere warten sicher schon auf ihre Morgenf�tterung.� Damit schob der Kommandant John sanft, aber energisch hinaus und schritt eilig davon.</p><p>John, der keine Ahnung von den Pl�nen des Ravenmasters gehabt hatte, sah ihm einen Moment verbl�fft nach. Da er wusste, wie viel die V�gel George Campbell bedeuteten, r�hrte dieser Vertrauensbeweis ihn sehr.</p><p>Als er sich dem Rabenhaus n�herte, empfing ihn lautes Gekr�chze. Die Raben waren daran gew�hnt, bei der ersten Morgend�mmerung aus ihrer Voliere nach drau�en gelassen und gef�ttert zu werden. Er schickte sich an, die Holzt�r zum Haus der Raben zu �ffnen und erstarrte: Von drinnen h�rte er, wie der K�hlschrank, in dem das frische Fleisch gelagert wurde, ge�ffnet wurde. Wer machte sich dort drinnen im Halbdunkel zu schaffen?</p><p>Mit klopfendem Herzen schob er die T�r auf und tastete nach dem Lichtschalter. Ungl�ubig suchte er mit den Augen den kleinen, hell erleuchteten Raum ab. Es war niemand zu sehen. Da h�rte er das Ger�usch wieder. Mit einem Mal wurde ihm klar, woher der Laut kam und er lachte verlegen auf.</p><p>�Gworran, du kleines Monster! Da habe ich mich sch�n von dir ins Bockshorn jagen lassen.� Der junge Rabe legte den Kopf schief und sah ihn erwartungsvoll an. John griff nach dem Schl�ssel f�r das Vorh�ngeschloss der Voliere und ging wieder hinaus. Er sperrte auf und zog die mit Drahtgeflecht �berzogene T�r auf, durch die die V�gel hinaus konnten.</p><p>Bran, das rangh�chste Tier der Gruppe, schritt auf die Wiese vor der Voliere. Das gro�e M�nnchen war nach einer keltischen Gottheit benannt und benahm sich auch so. Hinter ihm kamen die anderen Raben z�gerlich heraus. Scheinbar unentschlossen hockten sie dann vor ihrem Nachtquartier. John wusste, dass zwischen den V�geln und ihrem Pfleger eine enge Bindung bestand. Sicher waren sie verwirrt, dass George nun nicht da war.</p><p>Dann wandte er sich entschlossen um. Er konnte ihnen ihren gewohnten Pfleger nicht ersetzen, aber zumindest konnte er etwas f�r ihre knurrenden M�gen tun.</p><p>Gl�cklicherweise f�hrte der Ravenmaster detailreich Buch �ber jeden seiner Sch�tzlinge. Dankbar nahm John den dicken Hefter vom Regal, der Georges Aufzeichnungen enthielt. F�r jedes der Tiere wurde festgehalten, was und wieviel es zu fressen bekam, wann eine Impfung f�llig war und wann die Fl�gel wieder gestutzt werden mussten.</p><p>John bl�tterte ein paar Seiten zur�ck und bemerkte erleichtert, dass das Stutzen der Fl�gel erst vor wenigen Wochen erfolgt war und daher erst wieder in rund zwei Monaten anstand. Da die V�gel diese Prozedur verst�ndlicherweise hassten und ihren Unmut mit ihren scharfen Schn�beln auch zum Ausdruck brachten, war hier gro�es Geschick n�tig. John hoffte inst�ndig, dass George bis dahin wieder seinen Platz als Ravenmaster w�rde einnehmen k�nnen.</p><p>Im K�hlschrank fand er gen�gend Fleisch f�r die n�chsten beiden Tage. Jeden zweiten Tag bekamen die V�gel auch je ein gekochtes und kleingeschnittenes Ei, dazu noch spezielles Trockenfutter. Nachdem John die N�pfe der V�gel geschrubbt, unter dem zunehmendem Gekr�chze der hungrigen Raben f�r jeden das Fressen hergerichtet, Wasser hingestellt und schlie�lich die Voliere ges�ubert hatte, lie� er sich ersch�pft auf einen Hocker fallen.</p><p>Nach Sonnenuntergang w�rde er die Tiere wieder in die Voliere hereinholen m�ssen, wo sie nach der Abendf�tterung die Nacht verbrachten. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er sich nun beeilen musste, um rechtzeitig die erste seiner heutigen F�hrungen zu beginnen.</p><p>W�hrend des Tages fiel es John schwer, sich auf die Besucher des Towers und ihre Fragen zu konzentrieren. W�hrend er in der Kapelle die Gr�ber der dort Bestatteten erl�uterte, verlor er komplett den Faden, was ihm au�erordentlich peinlich war. Er konnte dennoch nicht verhindern, dass seine Gedanken immer wieder zu George Campbell abschweiften.</p><p>W�hrend er Besuchergruppen kreuz und quer durch den Tower f�hrte, hielt er nach den Raben Ausschau, die tags�ber �ber das Gel�nde stolzierten.</p><p>Er hatte gerade eine F�hrung beendet, als Bonnie auf ihn zutrat.</p><p>�Oh, John, ist es nicht schrecklich? Ich verstehe nicht, wie die Polizei annehmen kann, unser Ravenmaster w�re ein M�rder.�</p><p>John nickte ernst. �Wie geht es Marcia?�</p><p>�Sie ist total zusammengebrochen. Erst tobte sie, schrie und schlug um sich. Sie hat mir richtig Angst gemacht. Dann, ganz pl�tzlich, ist sie in sich zusammengesunken. Sie sa� nur noch ganz still da und starrte vor sich hin. Das war wirklich unheimlich. Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen, als den Arzt kommen zu lassen. Er hat ihr erst einmal ein Beruhigungsmittel gegeben und wir haben sie ins Bett gebracht. Sp�ter kommt er noch einmal. Er sagte, es w�re vielleicht besser, sie in eine Klinik zu bringen.�</p><p>�Ist jetzt jemand bei ihr?�</p><p>�Ja. Richard und sein Wahlkampfmanager sind da. Mr. Owen sagte, ich sollte mir etwas zu essen holen, sie h�tten die Lage im Griff. Ich bin gerade auf dem Weg in die Cafeteria. Kommen Sie mit?�</p><p>John sah auf die Uhr. Er hatte zwanzig Minuten bis zur n�chsten F�hrung. �Ja, gerne. Ein kleine St�rkung kommt jetzt wie gerufen.� Kurze Zeit sp�ter sa�en beide vor Tellern mit Eintopf.</p><p>�Ich finde es ein wenig merkw�rdig, dass Richard in dieser � Krise � mit seinem Wahlkampfmanager hier auftaucht.�, meinte John nachdenklich. Bonnie verzog sp�ttisch das Gesicht.</p><p>�Pff, Wahlkampfmanager. Mir kommt er schon eher wie ein Babysitter vor. Genau so jemanden braucht Richard auch, denke ich. Ohne ihn w�re er in dieser Situation bestimmt hilflos. Au�erdem habe ich den Verdacht��</p><p>Bonnie verstummte und r�hrte geistesabwesend in ihrem Teller herum. John sah sie abwartend an.</p><p>�Naja, das h�rt sich jetzt wahrscheinlich boshaft an� Aber ich werde das Gef�hl nicht los, dass Richard sich in erster Linie Sorgen um seinen Wahlerfolg macht. Als ob das Schlimmste an der Situation w�re, dass die Verhaftung seines Vaters ein schlechtes Licht auf ihn als aufstrebenden Politikstar werfen k�nnte.� Bonnie schob ihren Teller von sich.</p><p>�Dieser Owen k�ndigte an, er m�sste jetzt eine Reihe von Telefonaten mit unglaublich wichtigen Leuten f�hren � Schadensbegrenzung hat jetzt oberste Priorit�t, waren seine Worte.�, schloss sie, Verachtung in der Stimme, und stand dann auf.</p><p>Im Nachhinein wusste John nicht mehr, was er den Besuchern des Towers an diesem Nachmittag erz�hlt hatte. Nach Abschluss seiner letzten F�hrung eilte er schnurstracks zu Mullins� B�ro. Das Vorzimmer war leer. Durch die halb offene T�r konnte er den Chief am Fenster stehen sehen, wie er reglos in die hereinbrechende Dunkelheit starrte.</p><p>John klopfte leise an die T�r. Mullins drehte sich um.</p><p>�Kommen Sie rein.� Schwer lie� er sich in seinen Sessel fallen und st�tzte den Kopf auf den H�nden auf. John erschrak, wie ausgelaugt und mutlos sein sonst so energiegeladener Kommandant wirkte.</p><p>�Chief? Was ist los?�</p><p>Mullins schien nach Worten zu suchen. �Ich � wei� es nicht.� Damit verfiel er wieder in Schweigen.</p><p>Johns Beunruhigung wuchs mit jedem Moment und er musste an sich halten, den Chief nicht bei den Schultern zu packen und zu sch�tteln.</p><p>�Sir � was ist im Yard passiert?� Endlich schien Mullins sich aus seiner Erstarrung zu l�sen. Er blickte John m�de an.</p><p>�Mackenzie, leider sieht es so aus, als k�nnte unser Freund George doch diesen abscheulichen Mord begangen haben.�</p><p>John fuhr auf, doch Mullins brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. �H�ren Sie zu. Als ich in den Yard kam, hie� es, der Superintendent w�re in einer wichtigen Lagebesprechung und daher unabk�mmlich. George d�rfte mit niemandem sprechen au�er seinem Anwalt. Endlich traf Sir Fitzgerald ein und wurde von den Beamten zu George gebracht. Mir blieb nicht anderes �brig als zu warten. Ich sage Ihnen, das h�tte mich fast verr�ckt gemacht. Das waren endlose Stunden.�</p><p>John konnte sich vorstellen, wie zerm�rbend die erzwungene Unt�tigkeit f�r Mullins gewesen war, der es gewohnt war, zuzupacken und das Kommando zu f�hren.</p><p>�Irgendwann viel sp�ter kam dann Sir Fitzgerald heraus. Er konnte mir sagen, warum George verhaftet worden war.� Zum Zerrei�en gespannt beugte sich John �ber den Schreibtisch.</p><p>�Das Opfer hatte einen Rucksack dabei. Auf einer Schnalle haben sie Georges Fingerabdr�cke gefunden.� Blitzartig tauchte vor Johns innerem Auge der offenstehende Verschluss von Julia Feldmanns Rucksack auf, den er am Mordabend gesehen hatte.</p><p>�Was sagt George dazu? Sicher hat ihn die Polizei mit diesem Indiz konfrontiert.�</p><p>Mullins seufzte tief auf.</p><p>�Er sagt keinen Ton. Sir Fitzgerald sagte, w�hrend der gesamten Vernehmung h�tte George kein Wort ge�u�ert. Letzten Endes hat er als Verd�chtiger ja auch das Recht, die Aussage zu verweigern. Was mich aber viel mehr ersch�ttert, ist, dass er weder mit dem Anwalt noch mit mir reden wollte.�</p><p>Entgeistert sah John ihn an. Mullins nickte traurig.</p><p>�Sir Fitzgerald hatte nach langem Hin und Her erreicht, dass ich mit George sprechen d�rfte. Dann wurde uns jedoch mitgeteilt, George habe eindeutig den Wunsch ge�u�ert, in seine Zelle gebracht zu werden, ohne vorher noch mit jemandem zu reden.� Mullins atmete tief durch.</p><p>�Nun werde ich das Gef�hl nicht los, dass dieses Verhalten nicht zu einem Mann passt, der unschuldig im Gef�ngnis sitzt. Und ich frage mich, ob ich George tats�chlich so vollkommen falsch eingesch�tzt habe. Mackenzie, was meinen Sie: K�nnte unser Ravenmaster tats�chlich ein M�rder sein?�</p><p>John rang einen Moment mit sich und fasste dann einen Entschluss.</p><p>�Sir, ich glaube, ich muss Ihnen etwas sagen.�</p><p>In knappen S�tzen schilderte er seinem Kommandanten alles, was ihm seit dem Mordabend aufgefallen war. Auch wenn er sich bem�ht hatte, die einzelnen Vorf�lle als bedeutungslos abzutun, hatten sie sich immer wieder in seine Gedanken gedr�ngt. Er endete mit der Aussage Nigel Owens, dass George in der fraglichen Zeit den Gastraum des Clubs f�r kurze Zeit verlassen hatte.</p><p>�Sir, es tut mir leid. Meine Freundschaft zu George hat meinen Blick getr�bt. Ich � wollte es einfach nicht sehen, dass er schuldig sein k�nnte.� Er lie� den Kopf h�ngen.</p><p>Da hieb Chief Mullins pl�tzlich mit der Faust auf den Tisch.</p><p>�Einen Moment mal, Mackenzie. Was sagte Owen genau? In welchem Zeitraum war George allein an dem Abend?�</p><p>John kramte in seinem Ged�chtnis. �Das war, gleich nachdem er die Besuchergruppe von der Schl�sselzeremonie zur�ckgebracht hatte � � Schlagartig wurde ihm klar, worauf Mullins hinauswollte.</p><p>�Aber selbstverst�ndlich! Wenn er mit den Besuchern nach dem Ende der Schl�sselzeremonie den Innenhof verlassen hat, war es bereits kurz nach zehn, als sie beim Club anlangten. Zu dem Zeitpunkt war das M�dchen bereits tot. Selbst wenn George nicht auf die Toilette ging, sondern tats�chlich hinaus in die Water Lane, kann er sie nicht get�tet haben.�</p><p>Dann jedoch erlosch sein L�cheln. �Es sei denn, er hat die Politikertruppe w�hrend der Zeremonie verlassen und hat sich unbemerkt in die Water Lane hinausgestohlen.�</p><p>Ern�chtert sahen die M�nner sich an.</p><p>�Das wird die Polizei herausfinden, wenn sie die Herren befragt. Dann gehen wir noch einmal durch, was Ihnen sonst aufgefallen war: Sind Sie sicher, dass die Gestalt, die Sie im Dunkeln gesehen haben, George war?�</p><p>John z�gerte. �Nicht hundertprozentig.�</p><p>�Aha. Dann sagten Sie, George w�re in den letzten Tagen abwesend und nicht er selbst gewesen. Aber wir wissen schlie�lich, dass der Erfolg von Richards Wahlkampagne f�r George und Marcia immens wichtig ist. Es k�nnte daher doch sein, dass er einfach in Sorge war, Richards Pl�ne w�rden nun durchkreuzt werden.�</p><p>�Das sagte mir George auch, aber ich denke nicht, dass das alles war, was ihm auf der Seele gelegen hat.�</p><p>�Hm. Schlie�lich das Geld. Daf�r k�nnte es eine Menge Erkl�rungen geben. Von einem gewonnenen Preisausschreiben �ber eine Erbschaft bis hin zu der M�glichkeit, dass die Campbells gespartes Geld, das sie bisher zu Hause aufbewahrt hatten, nun doch besser auf der Bank aufgehoben sahen.�</p><p>�Chief, selbst wenn es f�r alles eine vern�nftige Erkl�rung gibt: Es bleiben Georges Fingerabdr�cke auf dem Rucksack.�</p><p>John hasste es, Mullins� aufkeimende Hoffnung wieder zu zerst�ren. Der Kommandant raufte sich frustriert die Haare.</p><p>�Wenn wir nur mit George reden k�nnten!� Entschlossen stand er auf.</p><p>�Wissen Sie was? Ich werde morgen noch mal in den Yard gehen und so lange dort bleiben, bis er zu einem Gespr�ch bereit ist. Vielleicht kann ihn Sir Fitzgerald ja doch dazu bewegen. Was k�nnten wir sonst noch tun, um ihm zu helfen?� Auch John stand auf.</p><p>�Erst einmal werde ich die Raben hereinholen, es ist schon dunkel geworden. Danach k�nnte ich einen Schwatz mit unserem Barmann halten und ihn ein wenig �ber den Mordabend aushorchen. Vielleicht ist Sid ja irgendetwas aufgefallen, w�hrend er Richard und seine G�ste bewirtet hat.�</p><p>�Gl�nzende Idee, Mackenzie. Und ich werde mir die erste Halbzeit des heutigen Fu�ballspiels im Schulungsraum ansehen. Dabei kann ich die M�nner nach dem Fu�ballabend letzte Woche befragen, auch wenn ich nicht glaube, dass ich etwas N�tzliches herausfinden kann.�</p><p>Sie trennten sich und John ging eilig �ber den Hof zur Voliere. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 12</strong></p></title><p>Mittlerweile war es stockdunkel, obwohl es noch nicht einmal siebzehn Uhr war. Aus dem Waterloo Block traten ein paar letzte Touristen nach dem Besuch der Kronjuwelen in den erleuchteten Innenhof und strebten dem Ausgang zu.</p><p>Als John sich der Voliere n�herte, empfing ihn lautes Keckern und Kreischen. Auf der kleinen Wiese vor dem Nachtquartier hatten sich alle V�gel bereits versammelt und gaben ihrem Missfallen �ber seine Versp�tung lautstark Ausdruck.</p><p>Die Raben waren seit jeher daran gew�hnt, mit dem Sonnenaufgang den Tag zu beginnen und in der D�mmerung zur letzten F�tterung des Tages wieder in die Voliere gelassen zu werden. Da sie ohnehin ihren Pfleger vermissten, sorgte diese neue St�rung ihres Tagesablaufs f�r erhebliche Unruhe.</p><p>�Hallo, ihr Schreih�lse. Es tut mir sehr leid, dass ich ein wenig sp�t komme. Ich war in einer Besprechung mit Chief Mullins und habe untersch�tzt, wie schnell die Dunkelheit in dieser Jahreszeit hereinbricht � � Gott, was rede ich da. Den Raben sind meine Worte egal, sie haben ein Anrecht auf p�nktliche F�tterung ohne Wenn und Aber, schalt John sich selbst.</p><p>Also hielt er den Mund und beeilte sich, den K�fig f�r die Tiere zu �ffnen und dann m�glichst schnell ihr Futter zu bereiten. In wachsender Ungeduld veranstalteten die V�gel einen ohrenbet�ubenden L�rm, w�hrend er sich bem�hte, f�r jedes Tier die richtige Fleischmenge abzuwiegen � wenigstens hatte er morgens schon alles klein geschnitten � und mit Trockenfutter zu bestreuen.</p><p>Nachdem er den letzten Napf gef�llt hatte, �ffnete er die kleine T�r, die von innen in die Voliere f�hrte, und trug die ersten N�pfe hinein. Drinnen fiel ihm siedendhei� ein, dass Bran grunds�tzlich als Erstes an seinem gewohnten Platz sein Futter erhalten musste, da er sich ansonsten auf das Futter der anderen st�rzte. Also drehte er sich wieder um, um den Napf des Anf�hrers der Raben zu holen.</p><p>Bran, der ihn aufmerksam be�ugte, bemerkte, dass das ersehnte Futter im Begriff war, den K�fig wieder zu verlassen. Erbost st�rzte er sich von seiner erh�hten Sitzstange auf John und hackte auf dessen linke Hand ein. Mit seinem rasiermesserscharfen Schnabel konnte er tiefe Wunden rei�en.</p><p>Mit einem Schmerzensschrei lie� John die beiden N�pfe fallen und fl�chtete aus der Voliere. Alle Raben machten sich in Windeseile �ber das verteilte Futter her. John starrte einige Momente hilflos auf das Gewirr und auf die beiden klaffenden Wunden auf seinem Handr�cken, aus denen helles Blut auf den Boden rann.</p><p>Dann setzte wieder das Kreischen ein � nur kam es diesmal nicht von den V�geln, sondern aus seinem Kopf. Verflucht, schoss es ihm durch den Kopf, jetzt muss sich zu allem �berfluss auch noch der Tinnitus wieder melden.</p><p>Er atmete ein paar Mal tief durch und griff dann zum Telefonh�rer. �Doc? Gott sei Dank sind Sie da. Ich h�tte hier einen Notfall und w�re sehr dankbar, wenn Sie schnell zum Rabenhaus kommen k�nnten. Bringen Sie Ihr Verbandszeug mit.�</p><p>In der Zwischenzeit hatten die Raben das Futter verzehrt und h�pften nun mit gierigen Blicken auf die restlichen sieben N�pfe hinter dem Gitter auf und ab. Innerhalb weniger Minuten kam Doc Hunter angelaufen, seine dunkle Arzttasche in der Hand.</p><p>�Mackenzie, was ist los? Hat einer der Raben Sie angegriffen?�</p><p>�Es war meine Schuld. Ich war zu sp�t dran und dann habe ich auch noch die Reihenfolge der F�tterung missachtet. Dass Bran aggressiv reagiert hat, war sein gutes Recht. Vielleicht k�nnten Sie die Futtern�pfe irgendwie in den K�fig bringen und sie einfach auf den Boden stellen, wo alle daraus fressen k�nnen. Der F�tterungsplan ist jetzt sowieso schon durcheinander.�</p><p>Hunter nahm die Lederhandschuhe vom Regal, die George Campbell zum Schutz verwendete, wenn er den V�geln die Fl�gel stutzte. Dann bugsierte er eilig das restliche Futter in die Voliere und verschloss die T�r.</p><p>�Und jetzt zu Ihnen. Donnerwetter, da hat Bran ja ganze Arbeit geleistet. Mit einem Hieb hat er Ihnen ein ganzes Fleischst�ck herausgerissen und die zweite Wunde geht bis zum Mittelhandknochen hinunter. Das muss ganz sch�n wehtun.�</p><p>John nickte schwach.</p><p>�Da hilft uns das Verbandszeug nicht weiter. Die Verletzungen m�ssen sorgf�ltig desinfiziert und gen�ht werden. Das kann ich nur in meiner Praxis machen.� Kritisch be�ugte der Arzt den Blutfluss, der ein wenig schw�cher geworden war, aber auf dem Boden bereits eine Pf�tze hinterlassen hatte.</p><p>�Wir werden die Hand provisorisch verbinden, damit Sie keine Blutspur hinter sich her ziehen, die morgen die Touristen verst�ren w�rde.�</p><p>John musste trotz der heftigen Schmerzen grinsen.</p><p>�Ich k�nnte mir die Schlagzeilen in der Sun schon vorstellen: Nach dem Mord im Tower: Killerrabe im Blutrausch. Welche Gr�uel kommen als N�chstes? Fortsetzung folgt.�</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter war Johns Hand verarztet und mit einem dicken Verband versehen.</p><p>�Halten Sie eine neue Infusion wegen des Tinnitus f�r sinnvoll?�, fragte John und bewegte die pochende Hand probeweise ein wenig hin und her. Der Arzt sah ihn streng an.</p><p>�Die n�chsten Tage sollten Sie die Hand m�glichst stillhalten. Sie werden auch Schmerzen haben. Ich gebe Ihnen ein paar Tabletten mit und Sie kommen morgen zum Wechseln des Verbandes vorbei. Dass das Ohrensausen in dieser Situation wieder aufgetreten ist, sehe ich weniger kritisch. Warten wir mal bis morgen, ob es nicht von selber wieder abflaut.�</p><p>�In Ordnung. Schwerer als die Verletzung wiegt f�r mich eigentlich das Gef�hl, dass ich dem Vertrauen, das George in mich gesetzt hat, nicht gerecht geworden bin. Er und Chief Mullins haben mir die Sorge �ber die Raben anvertraut und ich habe gleich am ersten Tag Mist gebaut��</p><p>�Junger Mann�, unterbrach Hunter ihn in ungeduldigem Ton. �Verzeihen Sie meine offenen Worte, aber allm�hlich nervt mich Ihr ewiges Bem�hen, immer alles hundertprozentig richtig zu machen. Wenn Sie nicht aufh�ren, diese �berzogenen Anspr�che an sich zu stellen, werden Sie Ihr Ohrensausen wohl nie loswerden. Verflixt, kapieren Sie doch endlich, dass wir alle � Sie eingeschlossen � unsere Grenzen haben und Fehler machen und leben Sie damit.�</p><p>John blieb der Mund offen stehen. Er schluckte.</p><p>�Okay�, sagte er dann langsam. Er erhob sich und reichte dem Arzt die unverletzte Hand. �Danke, Doc. Ich sage es nicht gern, aber Sie haben wohl recht. Ich � werde versuchen, Ihren Ratschlag zu beherzigen.� L�chelnd geleitete Hunter seinen Patienten zur T�r.</p><p>In der kalten Nachtluft atmete John tief durch. Dann ging er noch einmal zur�ck zur Voliere. Als er die T�r zu dem Holzverschlag aufzog, stieg ihm der Geruch seines Blutes in die Nase und er sch�ttelte sich. Nachdem ein Blick in den K�fig ihm gezeigt hatte, dass die Raben sich nach ihrer Mahlzeit beruhigt hatten und schl�frig auf ihren jeweiligen Lieblingspl�tzen sa�en, machte er sich daran, den Blutfleck vom Boden zu wischen.</p><p>Obwohl er Rechtsh�nder war, stellte sich dies ohne die verbundene Hand als m�hseliges Unterfangen heraus. Er schreckte hoch, als hinter ihm eine weibliche Stimme erklang.</p><p>�Hallo, John. Ich komme gerade von Marcia. Sie hat sich wieder etwas stabilisiert. Der Arzt sagt, sie muss vorerst doch nicht in die Klinik, so lange immer jemand bei ihr ist. Edwina Dunders bleibt nun �ber Nacht � �</p><p>Nun hatte Bonnie seinen Verband entdeckt. �Was ist denn mit Ihnen passiert? Kommen Sie, lassen Sie mich das machen.� Trotz seines Protests ergriff Bonnie energisch den Wischlappen und bedeutete John, sich auf den kleinen Hocker zu setzen.</p><p>�Nun erz�hlen Sie.�, befahl sie. Verlegen erkl�rte John, wie es zu der Verletzung gekommen war.</p><p>�Sie �rmster�, meinte sie, als er geendet hatte. �Mit Bran ist nicht zu spa�en. Ich kann mich noch erinnern, wie er vor einigen Jahren hierher kam. Damals hatte er kaum den Babyflaum abgelegt, aber er hat es innerhalb eines Tages geschafft, sich in der Rabentruppe als Gangleader zu etablieren. Haben Sie starke Schmerzen?�</p><p>�Ich habe das Gef�hl, dass die Hand momentan mehr weh tut als gleich zu Beginn. Vielleicht nehme ich doch eine von Doc Hunters Schmerztabletten.�</p><p>�Sie sollten sich besser hinlegen.�</p><p>�Nein, es geht schon.�, wehrte John ab. �Ich m�chte heute noch in den Club und mit Sid �ber den Abend des Mordes reden.�</p><p>�Oh, da komme ich mit. Nach so einem Tag kann ich einen kleinen Absacker gut gebrauchen.� Mit einem Blick in Johns Gesicht beeilte sich Bonnie, hinzuzuf�gen, �Nat�rlich nur, wenn Sie m�chten.� John rang sich ein L�cheln ab.</p><p>�Selbstverst�ndlich, Bonnie, ich freue mich �ber charmante Begleitung. Wie w�re es, wenn wir uns um halb sieben im Club treffen? Ich m�chte erst mal raus aus der Uniform.�</p><p>�Gern, dann sehe ich im B�ro noch schnell nach dem Rechten. Heute ist meine ganze Arbeit liegen geblieben.�</p><p>In seiner Wohnung schluckte John erst einmal eine Schmerztablette. Als er seine Uniform auszog, entfuhren ihm einige Fl�che. Jede Bewegung der verletzten Hand schmerzte mittlerweile h�llisch. Er streifte sich gerade m�hselig einen dicken Wollpullover �ber den Kopf, als das Telefon klingelte. Mit dem widerspenstigen Kleidungsst�ck k�mpfend, hastete er aus dem Schlafzimmer und schlug unvermeidlich heftig mit dem Ellbogen am Garderobenschrank an. Als er schlie�lich den H�rer hochriss, h�rte er nur noch das Freizeichen. Er knirschte mit den Z�hnen. Dann legte er den H�rer, den er in diesem Moment gern gegen die Wand geworfen h�tte, betont sanft hin und griff nach Jacke und Schirm.</p><p>Durch den wieder einsetzenden Regen trottete er missmutig zum Club. Als er eintrat, sa� Bonnie bereits mit einem Martini an der Bar und l�chelte ihm zu. Sid, der Barmann, zog bei seinem Anblick theatralisch die Augenbrauen in die H�he.</p><p>�Mackenzie, welch seltener Gast in dieser H�tte. Was f�hrt dich denn hierher?� John lie� sich auf einen Barhocker fallen.</p><p>�Sid, es war einfach mal wieder �berf�llig, dass ich im Club hereinschaue.� Er zwinkerte dem Barmann zu. �Und so reizende Gesellschaft wie unsere Bonnie hier schafft es sogar, mich an diesem scheu�lichen Abend aus dem Haus zu locken.�</p><p>�Was darf ich dir bringen?�</p><p>�Einen Tee bitte.�</p><p>In gespieltem Entsetzen sah der Barmann ihn an.</p><p>�Du kommst hier herein und willst einen Tee von mir? Mann, ich habe siebzehn verschiedene Sorten Ale auf der Karte und einen ganzen Keller voll feinster Whiskys und du verlangst so ein Krankenges�ff?�</p><p>John hob seine Hand und hielt Sid den dicken Verband vor die Nase. �Ich habe gerade eine Schmerztablette genommen, also fallen deine zweifellos �berragenden hochprozentigen Angebote leider flach. Also bring mir schon einen Tee.�</p><p>Unvermutet hatte die Verletzung doch einen Vorteil, ging es John mit einem Anflug von Galgenhumor durch den Kopf. Er machte aus seiner Abneigung gegen Alkohol kein Hehl, fand es aber zuweilen erm�dend, sich daf�r immer wieder rechtfertigen zu m�ssen.</p><p>Sid gab sich geschlagen und kramte in einer Schublade nach einem Teebeutel. John beschloss, dar�ber hinwegzusehen, dass dieser aussah, als h�tte er dort seit Queen Victorias Zeiten sein Dasein gefristet. Bonnie hatte das Gespr�ch am�siert verfolgt.</p><p>�Das passiert nicht oft, dass jemand etwas Antialkoholisches verlangt, was? Ich wette, die werten Herren Politiker, die letzte Woche hier waren, haben deine Sammlung von Single Malts durchaus zu sch�tzen gewusst.�</p><p>Beeindruckt von ihrer Geistesgegenwart warf John ihr einen schnellen Seitenblick zu. Sid setzte ein selbstgef�lliges L�cheln auf und beugte sich vertraulich zu ihnen her�ber.</p><p>�Ich sage nur so viel: Die Herrschaften haben es weidlich genossen, sich auf Richards Kosten durch einige meiner besten Flaschen zu probieren.� Er zwinkerte vielsagend. John r�hrte zwei St�ck Zucker in das schmutzig braune Gebr�u, das Sid vor ihn gestellt hatte.</p><p>�Dann hoffen wir, dass sich der Abend f�r Richard auch gelohnt hat.�</p><p>�Oh, das glaube ich auf jeden Fall. Richard hat ja ein sehr gewinnendes Wesen und er ist jung und dynamisch. So einen kann die Partei gut gebrauchen. Und sein Manager ist ein Profi, das merkt man sofort. Immer alles im Blick, gut organisiert, und er kann Richard geschickt in Szene setzen. Ich sage euch, die beiden sind ein gutes Team und werden es noch weit bringen � oder vielmehr h�tten sie es noch weit gebracht, wenn George jetzt nicht mitten im Wahlkampf verhaftet worden w�re. Tragisch, so was.� Der Barkeeper sch�ttelte betr�bt den Kopf.</p><p>�Ich kann mir vorstellen, dass die Verhaftung seines Vaters Richards Erfolg gef�hrden k�nnte. Auch wenn ich mir partout nicht vorstellen kann, dass George wirklich schuldig sein soll.�, warf John ein.</p><p>�Eigentlich ist das f�r mich auch undenkbar. Aber er war wirklich ein wenig seltsam an jenem Abend. Die meisten Leute h�tten es nicht gemerkt, aber als Barkeeper bekommt man ein besonderes Gesp�r f�r die Menschen, das k�nnt ihr mir glauben.�</p><p>�Das glaube ich gern, Sid. Du bist einfach ein guter Menschenkenner.� Unter Bonnies bewundernden Blicken plusterte der so Gelobte sich ein wenig auf und fuhr fort.</p><p>�Von dem Moment an, als er den Club betreten hat, war George angespannt. Er hat zwar mit seinen ganzen alten Anekdoten die G�ste sehr gut unterhalten, aber trotzdem war er anders als sonst, als w�re er mit dem Kopf woanders. Ich hatte ja die ollen Kamellen schon tausendfach geh�rt, daher war ich froh, als George dann endlich mit der Gruppe zur Schl�sselzeremonie ging. Richard und sein Manager haben die Zeit genutzt, um irgendwelche Telefonate von ihren Handys aus zu f�hren, also hatte ich Gelegenheit, schnell ins Lager zu verschwinden, um eine zu rauchen. Als die Gruppe kurz nach zweiundzwanzig Uhr zur�ckkam, entschuldigte sich George f�r ein paar Minuten � �, Sid rieb sich vielsagend �ber den Bauch, �und nach seiner R�ckkehr ging es weiter mit dem Geschichten erz�hlen. Die G�ste haben sich bestens am�siert. Wie gesagt, es w�re ein sehr erfolgreicher Abend gewesen, wenn nicht der Mord dazwischengekommen w�re.�</p><p>Um halb drei Uhr morgens w�lzte John sich schlaflos herum. Die Wirkung des Schmerzmittels hatte nachgelassen und in seiner linken Hand tobte es. Das Klingeln in seinen Ohren hatte ein wenig nachgelassen, dennoch empfand er es in der Stille der Nacht als Qual.</p><p>Nachdem er wohl ein Dutzend Mal auf die Uhr gesehen hatte, gab er auf und warf die Bettdecke beiseite. Im Morgenmantel schlurfte er in sein Wohnzimmer und �ffnete den Schrank, in dem er seine CDs aufbewahrte. Er w�hlte eine Sammlung von g�lischen Instrumentalst�cken aus, die er von einer Reise in die schottischen Highlands mitgebracht hatte. Etwas wehm�tig ging ihm durch den Kopf, dass wohl f�nfundzwanzig Jahre vergangen waren, seit er mit seinem Vater zuletzt dessen alte Heimat besucht hatte.</p><p>Die jahrhundertealten Geb�ude des Towers sorgten mit ihren dicken Mauern f�r beste Schallisolierung, daher konnte John die Lautst�rke so weit heraufdrehen, dass das Ger�usch in seinem Kopf �bert�nt wurde. Er griff nach der Packung mit den starken Schmerzmitteln, die der Doc ihm mitgegeben hatte, und lie� sich auf das Sofa fallen. Der Blick auf den Beipackzettel wirkte abschreckend. Ob er das Risiko von Nierenversagen, Magenblutungen und unaussprechlichen Syndromen, von denen er noch nie geh�rt hatte, auf sich nehmen sollte? Unentschlossen wog er das P�ckchen in der Hand und legte es dann wieder weg. Seine Gedanken wanderten zur�ck zum gestrigen Tag. Es erschien ihm unvorstellbar, dass Georges Verhaftung noch keine vierundzwanzig Stunden zur�cklag.</p><p>Er lehnte sich zur�ck, schloss die Augen und lie� sich von den Klangwellen �bersp�len. Die melancholischen Melodien lie�en vor seinem Auge weite, menschenleere Landschaften erstehen. Tiefgr�ne H�gel und gem�chlich dahinflie�ende Fl�sse vor einem unendlichen Horizont. Seine Z�ge entspannten sich. Er schlief endlich ein.</p><p>Am n�chsten Morgen war er p�nktlich auf, um den Raben ihr Fr�hst�ck zu servieren und sie in einen zwar eiskalten, aber wolkenlos herand�mmernden Morgen zu entlassen. Wie sie ihm gestern Abend noch versprochen hatte, stand Bonnie bereit, um ihn zum Markt zu bringen. Danach wollte sie Edwina Dunders abl�sen und tags�ber bei Marcia Campbell bleiben.</p><p>Routiniert und z�gig lenkte sie ihren Wagen durch den morgendlichen Verkehr.</p><p>�Wie geht es Ihnen heute Morgen, John?�, fragte sie teilnahmsvoll.</p><p>�Schon etwas besser, danke. Es ist wirklich sehr nett von Ihnen, mich zu fahren.�</p><p>�Keine Ursache. Mit Ihrer Hand h�tten Sie das heute nicht geschafft.� Sie man�vrierte geschickt in eine enge Parkl�cke.</p><p>John hatte eine exakte Liste erstellt, welche Zutaten er f�r die F�tterungen der n�chsten Tage ben�tigen w�rde, nur um festzustellen, dass Joe Cavanaugh, der Besitzer von Cavanaughs Fleisch und Gefl�gel � frisch auf den Tisch genau wusste, was er brauchte. Der Fleischer lachte �ber Johns verbl�fftes Gesicht.</p><p>�Mann, ich habe seit Jahrzehnten das Privileg, das Fleisch und die Eier f�r die k�niglichen Raben zu liefern, ebenso wie mein Vater vor mir. Ich kenne mich aus. Und heute gebe ich Ihnen noch einen besonderen Leckerbissen mit.� Er �berreichte John ein l�ngliches Paket, das in braunes Papier eingeschlagen war. �Ein Hase, den habe ich gestern selbst geschossen. Den legen Sie den V�geln so hin, wie er ist, mit Fell und allem. Sie werden sehen, was die Kerlchen f�r eine Freude daran haben. Manchmal brauchen die das einfach, das frische Fleisch direkt von den Knochen herunterzufetzen, so wie drau�en in der Natur.� Eingedenk seiner gestrigen Erfahrung konnte John nur zustimmend nicken. Dann wurde der Fleischer ernst.</p><p>�Eine Schande ist das mit George. Unsere Polizei ist wirklich noch d�mmer, als ich immer geglaubt habe. Wie k�nnen die Bullen nur darauf kommen, er h�tte diesen Mord begangen?� Er zog eine Zeitung hinter der Theke heraus.</p><p>�K�niglicher Rabenpfleger unter Mordverdacht� � unter der riesigen Schlagzeile prangte ein Archivbild von George, wie er in seiner Beefeater�Uniform vor dem Rabenhaus posierte.</p><p>�Und in diesen Schundbl�ttern wird sein Ruf jetzt nat�rlich in den Dreck gezogen. Junger Mann, ich sage Ihnen, ich kenne George Campbell jetzt seit �ber zehn Jahren � der Mann ist kein M�rder.� Erbost warf er die Zeitung hin.</p><p>Auf dem R�ckweg �berflog John den Artikel im Daily Mirror, den Cavanaugh ihnen �berlassen hatte. Dann lie� er die Zeitung verwirrt sinken.</p><p>�Bis auf die �blichen wilden Spekulationen �ber M�dchenh�ndlerringe und Drogenkartelle blablabla steht hier �berhaupt nichts drin. Nicht einmal die Sache mit Georges Fingerabdr�cken auf dem Rucksack von Julia Feldmann wird erw�hnt. Offensichtlich wei� die Presse lediglich, dass George verhaftet wurde, aber nicht, warum. Ich frage mich, weshalb�� Nachdenklich knetete er seine Unterlippe.</p><p>�Aber auch dieser substanzlose Schrott wird von Hunderttausenden gelesen und besch�digt George und seine ganze Familie.� Frustriert ballte er die H�nde zu F�usten und zuckte gleich darauf vor Schmerz zusammen.</p><p>�Wenn wir nur irgendwas tun k�nnten! Aber so lange sich George weigert, mit seinem Anwalt oder Mullins zu reden, stochern wir nur im Nebel herum.�</p><p>�Machen Sie sich keinen Vorwurf. Sie und Chief Mullins tun doch wirklich Ihr M�glichstes. Haben Sie aus unserem Gespr�ch mit Sid etwas Neues erfahren?�</p><p>John seufzte. �Leider nein. Was er gesagt hat, best�tigt die Darstellung von Nigel Owen bis ins Detail. Hm. Ich w�rde gerne auch mit Marcia und Richard sprechen. Denken Sie, Marcia ist wieder stabil genug, dass ich ihr einige Fragen stellen k�nnte?� Bonnie �berlegte und sch�ttelte dann den Kopf.</p><p>�Ihr Arzt hat ausdr�cklich gesagt, wir sollen sie in Ruhe lassen, da sie immer noch sehr angeschlagen ist. Aber ein Gespr�ch mit Richard k�nnte klappen: Ich bin sicher, dass er im Verlauf des Tages herkommt, um seine Mutter zu besuchen. Wie w�re es, wenn ich Sie benachrichtige, sobald er da ist?�</p><p>�Eine hervorragende Idee, Bonnie. Der Doc hat mich f�r heute vom Dienst befreien lassen, also erreichen Sie mich in meiner Wohnung oder im Rabenhaus.�</p><p>Bonnie sah ihn belustigt an. �Haben Sie denn immer noch kein Mobiltelefon?�</p><p>�Doch. Meine Schwester hat mir eines geschenkt, aber ich kann mich noch nicht daran gew�hnen, es immer bei mir zu tragen. Meistens liegt es irgendwo in der Wohnung oder der Akku ist leer. Ich hasse diese Dinger. Bei der Army musste ich Tag und Nacht eines bei mir tragen, um f�r Notf�lle erreichbar zu sein. Sie k�nnen sich vorstellen, dass es kaum einmal etwas Gutes bedeutet hat, wenn es dann geklingelt hat. Seit ich den Dienst quittiert habe, genie�e ich den Luxus, nicht mehr �berall und immer erreichbar zu sein.�</p><p>Bonnie nickte. �Das kann ich verstehen. Ich selbst habe mich daran gew�hnt, immer eins bei mir zu tragen, seit ich vor Jahren auf einer Landstra�e einen Platten hatte und kein Mensch weit und breit war. In solchen Situationen kann es doch recht hilfreich sein.�</p><p>�Sie haben recht. Genau so argumentiert meine Schwester auch immer. Ich werde versuchen, das Ding in Zukunft �fter einzustecken.�</p><p>John schnitt gerade den Fleischvorrat klein, als das Telefon im Rabenhaus klingelte. In der Erwartung, Bonnie w�re dran, hob er ab. Stattdessen meldete sich Chief Mullins.</p><p>�Mackenzie, Lagebericht.�, bellte er kurz angebunden in den H�rer.</p><p>�Sir, ich habe mich gestern noch mit Sid unterhalten, allerdings nichts Neues herausgefunden. Im Laufe des Tages werde ich noch versuchen, mit Richard zu sprechen.�</p><p>�Tun Sie das. Ich bin im Yard, falls es etwas Neues gibt. Sir Fitzgerald ist gerade bei George. Ich hoffe, dass ich dann endlich auch ein Gespr�ch mit ihm f�hren kann. Ah, da kommt Sir Fitzgerald ja. Wir h�ren uns, Mackenzie.� Damit legte er auf. Wenige Minuten sp�ter klingelte es erneut.</p><p>Erst einmal drang ein Schwall von Schimpfw�rtern aus dem H�rer.</p><p>�Das h�rt sich an, als wollte George immer noch nicht mit Ihnen reden�, warf John ein, als Mullins die Luft ausging.</p><p>Wieder ein paar phantasievolle Fl�che.</p><p>�Guter Gott, was sollen wir denn noch tun? Sir Fitzgerald hat mir gerade gedroht, er w�rde sein Mandat niederlegen, wenn George weiterhin nicht mit ihm spricht. Dieser Mann treibt mich noch zur Raserei, Mackenzie. Er schaufelt sich sein eigenes Grab, wenn er so weitermacht. Und diese Ar..� John h�rte eine Stimme im Hintergrund murmeln, dann sprach Mullins wieder, diesmal leiser. �Ist ja gut, Fitz, ich beruhige mich ja. Also die gesch�tzten Kollegen dieser Eliteeinheit der britischen Polizei weigern sich ebenfalls, uns irgendwelche Informationen zu geben. Ihr vermaledeiter Cousin hat uns sogar nahegelegt, wir m�chten doch nach Hause gehen und die Spezialisten � Spezialisten! � nicht in ihrer Ermittlungsarbeit behindern.� Wieder Murmeln im Hintergrund. Dann knurrte Mullins. �Ich komme jetzt zur�ck in den Tower. Hier richte ich heute doch nichts mehr aus. Ich will Sie mittags in meinem B�ro sehen, Mackenzie. Over and out.�</p><p>John verstaute das Fleisch im K�hlschrank, wusch sich die H�nde und ging zur�ck in seine Wohnung. Es gab nur eine Person, die ihnen jetzt weiterhelfen konnte. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 13</strong></p></title><p>�John, wei�t du, was du da von mir verlangst? Es verletzt alle Prinzipien, Informationen aus einer laufenden Ermittlung � noch dazu einer, die nicht in mein Ressort f�llt � unautorisiert nach au�en zu geben. Abgesehen davon kann es mich meine gesamte Karriere kosten, wenn das aufkommt.�</p><p>John tat es beinahe k�rperlich weh, seine Schwester in eine so folgenschwere Zwickm�hle gebracht zu haben. Schon als Kind war Maggie ein sehr geradliniger Mensch gewesen, klug, flei�ig und pflichtbewusst. Gleichzeitig hatte sie sich immer schon leidenschaftlich f�r Schw�chere eingesetzt. Folgerichtig war sie in jedem Jahr ihrer Schulzeit zur Vertrauenssch�lerin gew�hlt worden.</p><p>�Ich wei�, Maggie. Ich w�rde dich auch nicht darum bitten, wenn die Lage nicht so verzweifelt w�re.� In der Leitung herrschte Stille. Schlie�lich hatte seine Schwester eine Entscheidung gef�llt.</p><p>�Verdammt. Ich werde sehen, was ich tun kann.� Sie schnitt Johns Dankesworte ab und fuhr fort. �Aber du wirst keiner Menschenseele verraten, woher du diese Informationen hast, versprich es mir. Niemandem!�</p><p>John versprach es.</p><p>�Komm heute zum Abendessen. Alan ist gestern nach Br�ssel geflogen, aber die Kinder freuen sich sicher, dich endlich einmal wiederzusehen. Dann k�nnen wir uns in Ruhe unterhalten.�</p><p>Als John auflegte, war ihm ein wenig leichter zumute.</p><p>Gleich darauf rief Bonnie an. �Dieser Richard!�, schimpfte sie erbost. �Gerade kam ein Anruf von ihm. Nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, seine Mutter h�tte eine ruhige Nacht gehabt und wirkte nun wieder etwas gefasster, sagte er nur, ich solle sie sch�n gr��en und er w�rde dann morgen vorbeischauen. Heute h�tte er eine Reihe wichtiger Termine. Was sagen Sie dazu? Ich wei� gar nicht, warum Marcia ihn so verg�ttert. Seine Masche als liebender Sohn zieht er wohl nur f�r die �ffentlichkeit durch, aber in Wirklichkeit ist er ein egoistischer, kalter Fisch.� Sie redete sich immer mehr in Rage, bis sich ihr Ton mit einem Mal schlagartig �nderte. �Marcia, wieso sind Sie aufgestanden? Ich bringe Ihnen sofort Ihren Tee, legen Sie sich nur wieder hin. Ich habe gerade John Mackenzie erkl�rt, wie sch�n es doch ist, dass Richard sich trotz seiner immens wichtigen Termine morgen die Zeit nimmt, um seine Mutter zu besuchen.�, fl�tete sie. Dann leiser, �Ich versuche, Sie zu erreichen, sobald er da ist. Wiedersehen, John.�</p><p>Mit dem Gef�hl, auf der Stelle zu treten, legte er frustriert auf. Vor dem Gespr�ch mit Maggie heute Abend w�rde er offensichtlich nichts Neues herausfinden. Ein Blick in den Kalender zeigte ihm, dass Weihnachten mit Riesenschritten n�her r�ckte. Er beschloss, den heutigen Tag f�r seine Eink�ufe zu nutzen, nachdem Doc Hunter seinen Verband gewechselt hatte und er mit Mullins gesprochen hatte.</p><p>W�hrend der Arzt sehr zufrieden war � �Die Wunde hat sich nicht entz�ndet. Wenn Sie�s noch ein, zwei Tage ruhiger angehen lassen, sind Sie so gut wie neu.� � fand John Chief Mullins am Rande eines Tobsuchtsanfalls vor.</p><p>Bonnies Schreibtisch war mit unge�ffneter Post �bers�t. Mit dem Brief�ffner traktierte Mullins gerade einen dicken Umschlag.</p><p>�Wie soll ich den ganzen Betrieb hier am Laufen halten, wenn ich Stunden und Tage damit vergeude, mich sinnlos mit diesen hirnlosen Vollidioten von der Polizei herumzustreiten und dann auch noch den Job meiner Sekret�rin �bernehmen muss. Wo ist die verdammte Schere?� Er hielt inne, als sein Blick auf Johns frisch verbundene Hand fiel. �Was haben Sie denn angestellt?�</p><p>�Kleiner F�tterungsunfall, nichts Ernstes. Ab morgen bin ich wieder im Dienst.�</p><p>�Hm.� Mullins warf den Briefumschlag hin und lehnte sich an Bonnies Schreibtisch.</p><p>�Es ist zum Kotzen, Mackenzie. Gestern habe ich mit den M�nnern �ber den Fu�ballabend letzte Woche gesprochen. Die meisten konnten mir genau sagen, welche Spielz�ge jedem einzelnen Tor vorausgegangen waren und wer wen wie gefoult hatte, aber ansonsten hat keiner etwas mitbekommen. Logischerweise kann sich keiner erinnern, wer wann den Raum verlassen hat.� Er seufzte. �Haben Sie schon mit Richard gesprochen?�</p><p>�Nein, Sir, er hat Bonnie gesagt, er w�rde doch erst morgen wieder herkommen.� Zu gerne h�tte er Mullins von seinem Gespr�ch mit Maggie erz�hlt, aber sein Versprechen verpflichtete ihn zum Stillschweigen. Missmutig griff Mullins erneut nach dem Brief�ffner.</p><p>�Dann stecken wir fest. Es f�llt mir schwer, das zu akzeptieren. Ich kann meine Verpflichtungen als Kommandant dieser Einheit auch nicht l�nger ruhen lassen, um jemandem beizustehen, der jede Hilfe ablehnt.� Er seufzte. �Und ich brauche auch Bonnie schnellstm�glich wieder hier, sonst drehe ich noch durch. Von mir aus engagieren wir eine Krankenschwester f�r Marcia, falls das n�tig ist. Und nun lassen Sie mich allein, damit ich anfangen kann, dieses Chaos in den Griff zu bekommen.� John zog sich eilig zur�ck.</p><p>Eine Stunde sp�ter tauchte er in die vorweihnachtliche Glitzerwelt der Konsumtempel von Knightsbridge ein. Bewaffnet mit einer langen Einkaufsliste lie� er sich von der Menge dick vermummter Menschen ins Kaufhaus Harrods hineinschieben.</p><p>Wie immer �berkamen ihn in der prunkvollen Lebensmittelabteilung zwischen den vielen Theken mit Spezialit�ten aus aller Welt Kindheitserinnerungen. Eine Tasse hei�e Schokolade und eine S��igkeit in diesen R�umen, die sich seither kaum ver�ndert hatten, war f�r die drei Mackenzie-Geschwister oft der kr�nende Abschluss eines samst�glichen Stadtbummels der gesamten Familie gewesen.</p><p>Nun stand er staunend vor einer endlos langen Anrichte mit handgemachten Pralinen. Ingwerst�bchen, Himbeer-Champagner-Tr�ffel, Mokkapralinen, Kompositionen aus Marzipan und Nougat und auch in seinen Augen ungew�hnlichen Zutaten wie Rosmarin, Chili und Calvados.</p><p>Spontan erstand er f�r Maggie eine kleine Auswahl aus liebevoll verpackten Nuss-Schokoladen-Kreationen. Als er erheblich sp�ter zur Kasse ging, quoll sein Einkaufskorb schier �ber: Darjeeling- und Earl Grey-Tees f�r seine Mutter, mit der er die Leidenschaft f�r das britische Nationalgetr�nk teilte, dazu schottisches Shortbread, das Lieblingsgeb�ck seines Vaters, und dessen bevorzugte Marke bitterer Orangenmarmelade. Sein Bruder David w�rde sich �ber die biologisch angebauten Kaffeesorten aus Costa Rica, Panama und Brasilien freuen, Maggies Ehemann Alan �ber eine Flasche Ardbeg-Whisky.</p><p>Er deponierte alles in einem Schlie�fach des Kaufhauses und wanderte weiter in die Spielzeugabteilung. Wenig sp�ter gesellten sich zu den Leckereien in seinem Depot ein gro�es Pl�schpferd, mehrere Puzzles und zwei Modellautos.</p><p>Auf dem Weg in die Sportabteilung passierte er einen Sonderstand mit herrlich weichen Kaschmirschals, denen er nicht widerstehen konnte. Er hatte bereits f�r seine Auswahl bezahlt, als ihm ein leuchtend roter Schal ins Auge sprang. Der w�rde Bonnie sicher gut stehen. Kurz entschlossen packte er erneut sein Portemonnaie aus.</p><p>Danach steuerte er einen gut sortierten Buchladen an. Aus seinem Plan, mit dem Bildband �ber die Dinosaurierausgrabungen das Gesch�ft prompt wieder zu verlassen, wurde nichts. B�cher waren eine seiner Leidenschaften. Er genoss es, in die Welten, die sich zwischen ihren Seiten auftaten einzutauchen.</p><p>Und so am�sierte sich Michael Conners, der sich gerade auf den Weg zum Karatetraining machte, zwei Stunden sp�ter �ber seinen zerzaust aussehenden Kollegen, der eilig aus einem Taxi sprang und sich mit Hilfe des Fahrers einen Berg P�ckchen und T�ten auflud. Gehindert durch die verletzte Hand, verlor John auf dem Weg zum Eingang unvermeidlich einige der P�ckchen.</p><p>Conners sprang ihm bei. �Hallo, John. Komm, ich helfe dir beim Tragen. Wenn ich mich zum Training ein paar Minuten versp�te, macht das nichts.� John bedankte sich erleichtert und sie eilten in der D�mmerung �ber das Tower Green.</p><p>�Ich m�chte mich keinesfalls wieder f�r die Abendf�tterung der Raben versp�ten.� Conners warf einen betonten Blick auf Johns linke Hand und grinste.</p><p>�Beim Mittagessen habe ich schon unterschiedliche Geschichten geh�rt, was dir gestern passiert ist. Abbott sagte, einer unserer Raben h�tte dir einen Finger abgehackt. Denham meinte, du h�ttest dich beim Herrichten des Futters selbst geschnitten. Die Version, die Raben h�tten dir aufgelauert und sich alle vereint auf dich gest�rzt, konnte keiner von uns glauben.� John musste wider Willen lachen.</p><p>�Keine Sorge, es sind noch alle Finger dran. Ich erz�hle dir die Geschichte mal in einer ruhigen Minute, Michael. Aber jetzt muss ich wirklich los.�</p><p>�Oh, zur Abwechslung einmal p�nktlich�, begr��te Maggie John, als sie ihm die imposante Eingangst�r ihres Hauses in Belgravia �ffnete. Sie umarmten sich und er �berreichte ihr die Naschereien, die er heute gekauft hatte. Ihre Augen leuchteten auf.</p><p>�Mmh, dunkle Schokolade und Macadamia-N�sse, meine Lieblingskombination. Ich danke dir, Bruderherz.� Sie verpasste ihm einen herzhaften Kuss. Von hinten kam Bella angerannt und warf sich in die Arme ihres Onkels. John schwenkte sie herum.</p><p>�Hallo, mein M�dchen. Wie geht es dir?�</p><p>�Guuuuuuut. Gestern durfte ich in der Reitstunde zum ersten Mal galoppieren!�</p><p>�Donnerwetter, du musst mir beim Essen alles dar�ber erz�hlen. Wo ist dein Bruder?�</p><p>�Yo, John.� Sein �ltester Neffe Tommy kam herangeschlurft.</p><p>��h, yo.� Mit seinen vierzehn Jahren f�hlte Tommy sich zu alt f�r eine Umarmung, also reichte John ihm die Hand. Fasziniert starrte er den klobigen Silberring an, der die Nase seines Neffen zierte.</p><p>�Der ist wohl neu?� Er bem�hte sich, seinen Ton neutral zu halten. Tommys Augen leuchteten auf.</p><p>�Ja, cool, was?�</p><p>��h��</p><p>�Kommt, wir essen jetzt. Ab zum H�ndewaschen.� Geistesgegenw�rtig hatte Maggie ihren Bruder vor einer Antwort gerettet.</p><p>�Ich h�tte ihn erw�rgen k�nnen, als er gestern mit diesem Ding hereinspaziert ist, einfach so, mir nichts, dir nichts.�, raunte sie John zu, w�hrend die Kinder im Badezimmer verschwanden. �Und Alan gleich mit dazu. Er findet dieses widerliche Teil, das seinen Sohn verunstaltet, �l�ssig�. Na, eigentlich kein Wunder.�</p><p>Alan Hughes hatte sich in seinen jungen Jahren regelm��ig auf dem Dachboden seiner Gro�mutter versteckt, um an allen m�glichen technischen Ger�ten herumzuschrauben und er hatte wie ein Besessener Stunden und Tage mit den damals aufkommenden Computerspielen verbracht. Dann hatte er angefangen, selbst Spiele zu programmieren und an Gleichgesinnte zu verh�kern. F�r die Schule war dadurch verst�ndlicherweise keine Zeit geblieben und so hatte er mit sechzehn Jahren ohne Abschluss die Lehranstalt verlassen. Seither hatte sein au�erordentliches Talent f�r das Programmieren ihm zu seiner eigenen florierenden Firma verholfen, die die Computersysteme internationaler Organisationen gegen Angriffe von au�en sch�tzte.</p><p>Maggie und Alan hatten es geschafft, all diejenigen L�gen zu strafen, die vor �ber zwanzig Jahren prophezeit hatten, die Beziehung dieser so unterschiedlichen Menschen w�rde keine zwei Monate halten.</p><p>John lachte. �Ach, Maggie, du und Alan, ihr habt euch immer schon gut erg�nzt, auch wenn eure Ansichten manchmal auseinandergehen. Mach dir keine Sorgen, Tommy wird sich schon nicht gleich den Hells Angels anschlie�en.� Dabei fiel ihm etwas ein. �Hast du in letzter Zeit mit Mum gesprochen?�</p><p>W�hrend sie die s�mige K�rbissuppe verzehrten, diskutierten die beiden Geschwister lebhaft �ber Emmeline Mackenzies ungew�hnliches neues Interesse an der Red Hat Society.</p><p>�Wie bitte? Oma in einem lila Kleid?� Bella kicherte. Sogar Tommy verzog einen Mundwinkel nach oben. Maggie schob ihren leeren Teller von sich.</p><p>�Eine meiner �lteren Kolleginnen, die leitende Staatsanw�ltin f�r Wirtschaftsstrafverfahren, ist auch dort Mitglied. Ich denke, sie genie�t die Aktivit�ten dieser Gruppe als Kontrast zu ihrem Berufsleben. Die Red Hat Sisters haben sich auf die Fahnen geschrieben, die humorvollen und auch frivolen Seiten des Lebens gemeinsam auskosten zu wollen.� Sie stand auf, um die Teller abzur�umen. �Ich finde es gut, dass Mum mal aus ihrem ewigen Kreislauf ausbricht. Schlie�lich hat das Leben noch andere Seiten zu bieten, als Haus und Garten, Enkel und Gartenclub.� Auf dem Weg zur K�che drehte sie sich noch einmal um. �Ach �brigens, John, hast du schon geh�rt, dass Tante Isabel dieses Jahr mit uns Weihnachten feiern wird?� Erstaunt sah John auf.</p><p>�Wie kommt das denn? Ist ihr die weite Reise nicht zu beschwerlich?� Maggie zuckte die Schultern.</p><p>�Mit dem Flieger ist sie von Inverness in einer Stunde hier. Mum hat mich heute angerufen und mich gebeten, sie am 23. Dezember am Flughafen abzuholen und nach Kew zu bringen.� Sie kicherte. �Scheinbar hatte Tante Isabel sich einfach selbst �ber die Feiertage eingeladen. Mum war einigerma�en aufgebracht, dass Isabel ihr am Telefon schlicht mitgeteilt hat, wann sie ankommen wird und dass sie eine extra Heizdecke in ihrem Zimmer w�nscht. Ach, und nat�rlich bringt sie Sir Walter Scott mit.� John sah seine Schwester an, als h�tte sie den Verstand verloren. Auch Bella merkte auf.</p><p>�Sir Walter Scott? Von dem haben wir gerade in der Schule etwas gelernt. Er hat Ivanhoe geschrieben. Aber ist der nicht schon lange tot?�</p><p>��ber hundertsiebzig Jahre, Sch�tzchen. Aber Tante Isabels Walter Scott ist kein Schriftsteller, sondern ein Hund. Unsere Gro�tante ist n�mlich nicht nur Schaffarmerin, sondern auch eine bekannte Hundez�chterin und Walter ist � oder war, sollte ich besser sagen, ihr letzter Champion. Mittlerweile ist er wohl schon in einem ziemlich gesegneten Alter. Ohne ihn geht sie nirgendwohin.�</p><p>�Jetzt kann ich mich wieder erinnern.�, sagte John. �Hat sie nicht irgendeine Terrier-Rasse gez�chtet? Als wir zuletzt bei ihr waren, hatten sie doch einen R�den mit Namen Robert the Bruce, nicht wahr?�</p><p>�Du hast recht. Es waren Scotch Terrier und ihre besten Hunde trugen immer die Namen schottischer Nationalhelden.� Maggie sch�ttelte l�chelnd den Kopf. �Sie ist nun mal Schottin durch und durch. Ich bin ja gespannt, ob sie und Mum sich wieder Redegefechte liefern werden. Dann werden die Weihnachtstage sicher am�sant.� John nickte grinsend.</p><p>�Was sie wohl f�r einen Grund hat, nach so vielen Jahren wieder einmal herzukommen? Na, sie wird es uns schon mitteilen. Auf jeden Fall freue ich mich, das alte M�dchen wiederzusehen.�</p><p>W�hrend sie den Gem�seauflauf a�en, h�rte sich John geduldig die Pferdegeschichten seiner Nichte an, bis er das Gef�hl hatte, er m�sste selbst loswiehern.</p><p>�Hey, was ist das denn? Ihr veranstaltet hier eine Dinnerparty und sagt mir nichts?� Mit gespielter Entr�stung stand Maggies �lteste in der T�r. Maureen Hughes, genannt Renie, die von ihrer Mutter deren soziale Ader und Organisationstalent und von ihrem Vater eine geh�rige Portion von Unbeirrbarkeit � oder, wie Maggie es genannt h�tte, Dickk�pfigkeit � und Abenteuerlust geerbt hatte, studierte im zweiten Jahr Anthropologie in London.</p><p>Da sie partout so schnell wie m�glich auf eigenen Beinen stehen wollte, hatte sie ihr komfortables Zuhause f�r ein winziges Zimmer in einer Wohngemeinschaft aufgegeben. Nur z�hneknirschend akzeptierte sie, dass ihre Eltern einen Teil ihres Lebensunterhaltes finanzierten. Den Rest verdiente sie sich selbst, indem sie bei Starbucks hinter der Theke stand, so oft es neben ihrem Studium ging.</p><p>Maggie umarmte ihre Tochter. �Hallo, mein Schatz. Ich wusste gar nicht, dass du heute vorbeikommen wolltest. Komm, setz dich, du kommst gerade rechtzeitig zur Nachspeise.�</p><p>�Onkel John! Was machst du denn hier? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Lass dich dr�cken.� Da John bei Renies Geburt bereits im Ausland gewesen war, hatten sie sich �ber die Jahre nur selten gesehen. Dennoch bestand eine besondere Sympathie zwischen beiden. Renie lie� sich auf einen Stuhl plumpsen und verk�ndete, �Eigentlich wollte ich nur schnell einen Packen von meinen Sachen vorbeibringen. Aber wenn das so ist, dann bleibe ich heute Nacht hier und wir k�nnen uns gem�tlich unterhalten.�</p><p>�Nat�rlich kannst du hierbleiben, Renie. Es ist mir sowieso lieber, wenn du nachts nicht allein unterwegs bist.�</p><p>Renie rollte bei den Worten ihrer Mutter belustigt die Augen.</p><p>�Ach, Mum, sei doch nicht immer so gluckenhaft. Mir passiert schon nichts. �brigens konnte ich mein Zimmer f�r das n�chste halbe Jahr an eine Kommilitonin aus Ecuador untervermieten. So lange ich in S�dafrika bin, brauche ich es ja nicht. Oh, ich kann kaum noch erwarten, dass es losgeht.� W�hrend sie gesprochen hatte, hatte sie m�helos eine Schale Pudding verdr�ckt. Sie holte sich einen gro�z�gigen Nachschlag.</p><p>�Erz�hl mal, Renie. Was wirst du dort tun?�</p><p>Erfreut �ber das Interesse ihres Onkels schilderte sie ihm haarklein, welche Aufgaben in Mhluzi, einem Township nord�stlich von Johannesburg, auf sie warteten.</p><p>�Es wird also ganz toll werden und wir k�nnen wirklich etwas f�r die Leute bewirken�, schloss sie schlie�lich mit leuchtenden Augen und fuhr im selben Atemzug fort �Nun erz�hl du aber mal von dieser Mordgeschichte im Tower. Das M�dchen war ja wie ich an der LSE. Aber diese Businesstypen an der Wirtschaftsfakult�t haben mit uns Sozialwissenschaftlern so gut wie nichts zu tun. Die haben meistens nur Dividendenaussch�ttungen und B�rsenkurse im Kopf.�</p><p>John warf seiner Schwester einen schnellen Seitenblick zu. Sie presste die Lippen aufeinander.</p><p>�Renie, ich wei� auch nicht viel mehr, als die Zeitungen schreiben.�, sagte er vorsichtig.</p><p>�Denkst du, euer Ravenmaster ist wirklich der T�ter? Als du uns damals bei unserem Besuch im Tower vorgestellt hast, hat er eigentlich sehr nett gewirkt.�</p><p>�George und ich sind Freunde. Daher f�llt es mir schwer zu glauben, dass er ein M�rder sein soll.�, antwortete John ausweichend. Renies hellwacher, pr�fender Blick erinnerte John lebhaft an den Superintendenten.</p><p>�Gibt es denn Hinweise auf eine Verbindung zwischen ihm und Julia?�, bohrte sie weiter.</p><p>��h��</p><p>Wieder rettete Maggie ihren Bruder, indem sie ihre wissbegierige Tochter ermahnte, �Renie, z�gle deine Neugierde. Erstens ist dies kein geeignetes Thema f�r ein Abendessen mit deiner neunj�hrigen Schwester und zweitens kannst du dir doch denken, dass John als Mitglied der Beefeater �ber interne Vorg�nge nichts sagen darf.�</p><p>�Aber wir sind doch hier unter uns � �, begehrte Renie auf, lie� das Thema aber nach einem m�rderischen Blick ihrer Mutter wohlweislich fallen.</p><p>Nachdem John mit den drei Kindern ein lebhaftes Tischfu�ball-Match gef�hrt hatte, fanden die beiden Erwachsenen Zeit, sich ins Wohnzimmer zur�ckzuziehen. Einige Augenblicke lang genossen beide schweigend den Anblick des lodernden Feuers im offenen Kamin, w�hrend sich der riesige Familienkater King Olaf h�uslich auf Johns Scho� einrichtete. John kraulte den Kater unterm Kinn.</p><p>�Renie ist eine tolle junge Frau. Sie geht zielstrebig ihren Weg und ist bei allem, was sie tut, mit Leidenschaft dabei.�</p><p>Maggie schnaubte.</p><p>�Ja, sie wei� genau, was sie will und sie ist ungeheuer z�h darin, das auch zu erreichen. Wenn ich bedenke, wie viele Diskussionen ich mit dem Kind schon hatte! Schon in der Vorschule hat sie angefangen, mit mir Auseinandersetzungen zu f�hren, egal �ber was. Vom Pausenbrot �ber die Hausschuhe bis hin zur Frage, warum wir in England Linksverkehr haben. Was war ich froh, dass das Jurastudium mich argumentieren gelehrt hat.� Sie kicherte. �Und sie ist wohl einer der der stursten und neugierigsten Menschen auf Gottes Erde. Nein und warum waren ihre ersten Worte.�</p><p>�Nun gib schon zu, Maggie, dass du stolz auf deine gro�e Tochter bist. Du hast auch allen Grund dazu. In zwanzig Jahren sehe ich sie schon als Entwicklungshilfeministerin oder Pr�sidentin der Welthungerhilfe.� Die Geschwister lachten.</p><p>�Und ich w�sste sogar noch einen weiteren Beruf, in dem sie gut w�re: Kriminalpolizistin. Sie ist clever, will den Dingen auf den Grund gehen und sie kann einen schon jetzt beinahe so gut in die Mangel nehmen wie unser geliebter Cousin.�</p><p>Dies brachte sie zu dem Anlass, aus dem er heute Abend hier war. �Hast du irgendetwas herausfinden k�nnen, Maggie?�</p><p>�Ja. Aber John, du darfst keinesfalls mit jemandem �ber unser Gespr�ch reden.�</p><p>�Das habe ich dir doch schon versprochen. Du kennst mich, ich w�rde nie dein Vertrauen missbrauchen.�</p><p>�Ja, nat�rlich�. Also, bis jetzt wei� die Metropolitan Police Folgendes: Obwohl die Tote tats�chlich zeitweise in der Konzernzentrale besch�ftigt war, wo auch dieser von D�ntzen arbeitet, lie� sich bisher keinerlei Verbindung zwischen den beiden finden. Stattdessen hat sich leider herausgestellt, dass es mindestens einen Kontakt zwischen Miss Feldmann und einem Mitglied der Familie Campbell gab: Von ihrem Handy aus wurde in der Wohnung der Campbells angerufen.� John sog scharf die Luft ein.</p><p>�Dann hat George also gelogen? Verdammt.�</p><p>Maggie wog zweifelnd den Kopf.</p><p>�Es ist nicht bewiesen, dass sie mit George gesprochen hat. Es k�nnte ja auch seine Frau am Apparat gewesen sein oder vielleicht sogar der Sohn, falls er gerade zu Besuch bei seinen Eltern war. Weiter: George hat am Tag des Mordes zwanzigtausend Pfund bei seiner Bank abgehoben und diese wenige Tage sp�ter wieder bis auf den letzten Pence auf sein Konto eingezahlt.�</p><p>�Zwanzigtausend Pfund! Ich habe gesehen, wie er mit einem Geldb�ndel in der Bank verschwand, aber dass es so viel war, h�tte ich nicht gedacht.� John seufzte. �Oh je, das sieht schlecht f�r George aus. Wenn ich Kriminalbeamter w�re, w�rde sich mir der Gedanke aufdr�ngen, die Studentin h�tte versucht, George zu erpressen und er h�tte sie bei der �bergabe des Geldes umgebracht.�</p><p>�Die Theorie verfolgt Simon ebenfalls.�</p><p>�Wenn Scotland Yard schon so niederschmetternde Indizien gefunden hat, warum gehen sie dann nicht an die �ffentlichkeit damit? Ich verstehe das nicht.�</p><p>�Darauf allein l�sst sich kein Fall aufbauen und das wei� Simon. Gerade bei so einer Geschichte von nationalem Interesse darf er sich keinen Fehler erlauben. Und es gibt auch noch ein, zwei Haare in der Suppe.� John beugte sich erregt nach vorn.</p><p>�Was ist das? Nun sag schon�</p><p>�Zum einen sind die Tory-Herren, die mit George bei der Schl�sselzeremonie waren, so gut wie sicher, dass er sie zu keinem Zeitpunkt verlassen hat � �</p><p>�Damit hat George ein Alibi!� Wie elektrisiert sprang John aus dem Sessel. King Olaf hatte alle Pfoten voll zu tun, um sich mit einem Satz vor einem Sturz zu retten. Sichtlich beleidigt zog er sich zur�ck.</p><p>�Tut mir Leid, Dicker. Aber das ist ja phantastisch!�</p><p>�Immer langsam, John. Keiner von ihnen ist bereit, Georges stete Anwesenheit auch vor Gericht zu beschw�ren, da sie sich ihrer Sache eben nur fast sicher sind. Dennoch wecken ihre Aussagen Zweifel daran, dass George w�hrend des Appells im Innenhof sich, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, minutenlang h�tte entfernen k�nnen.�</p><p>�Okay. Du sagtest, es g�be ein, zwei Haare in der Suppe � was also noch?�</p><p>�Schon lange, bevor die Kollegen in Deutschland eine m�gliche Verbindung des Managers zu Julia Feldmann �berpr�fen konnten, erhielt die Polizei einen anonymen Hinweis auf eine Verwicklung des Ravenmasters in die Sache. Daraufhin startete Simon einfach ins Blaue hinein die Aktion mit den Fingerabdr�cken aller Beefeater. Und Bingo � hatte er George im Sack.� John stand wie vom Donner ger�hrt.</p><p>�Ein anonymer Anrufer? Wer k�nnte das sein?�</p><p>Maggie zuckte die Achseln.</p><p>�Das konnte bisher nicht ermittelt werden. Um ehrlich zu sein, interessiert Simon das auch nicht. Da er keinen anderen Verd�chtigen hat, versucht er jetzt mit aller Macht, trotz der Ungereimtheiten ein Gest�ndnis von George zu bekommen. Aber dein Freund �bt sich beharrlich in Stillschweigen und treibt Simon damit noch zur Raserei.�</p><p>Beide Geschwister konnten sich ein schadenfrohes L�cheln nicht verkneifen.</p><p>�Simon hat nun vor, Marcia so schnell wie m�glich zu befragen. Ihr Arzt hat ihm bis jetzt ein Verh�r untersagt, da er die Gefahr eines Nervenzusammenbruchs sieht, aber Simon wird sich nicht l�nger hinhalten lassen. Er hat vor, morgen mit einem forensischen Psychiater im Tower anzur�cken, um ihre Vernehmungsf�higkeit kritisch zu pr�fen.� John runzelte die Stirn.</p><p>�Hm. Das wird sicher schwierig f�r Marcia. Dennoch verstehe ich, dass Simon mit ihr sprechen will. Niemand kann bezeugen, dass sie sich zur fraglichen Zeit wirklich in ihrer Wohnung aufgehalten hat. Und letzten Endes k�nnte es sein, dass George wirklich unschuldig ist und die Aussage verweigert, um seine Frau zu sch�tzen.� Spontan ergriff er Maggies H�nde und dr�ckte sie.</p><p>�Ich wei� nicht, wie ich dir danken soll. Du bist ein gro�es Risiko eingegangen, um George zu helfen, aber die Informationen sind es wert, denke ich.� Auf dem Weg zur Haust�r fragte er, �Wie hast du es eigentlich geschafft, unauff�llig an sie heranzukommen?� Maggie legte den Finger an die Lippen und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Du m�chtest das gar nicht wissen, John. Und nun pass auf dich auf und sieh zu, was du f�r deinen Freund tun kannst.�</p><p>Am Eingang zur U-Bahn entschied John kurzerhand, nicht zur�ck zum Tower zu fahren. Er musste ein wichtiges Gespr�ch f�hren. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 14</strong></p></title><p>Wenig sp�ter stand er vor einem Polizeibeamten der Nachtschicht, der ihn misstrauisch be�ugte.</p><p>�Grunds�tzlich darf Mr. Campbell Besucher empfangen, aber er hat bisher jeden Kontakt nach au�en abgelehnt. Au�erdem schl�ft er vielleicht schon. Ist es denn so dringend? Vielleicht kommen Sie besser morgen fr�h wieder.�</p><p>�Nein, es handelt sich um einen Notfall.�, dr�ngte John und zeigte dem Beamten seine verbundene Hand. �Mr. Campbell ist der Ravenmaster des Towers von London, wie Sie sicher wissen. Ich vertrete ihn, seit er verhaftet wurde. Allerdings gibt es nun gro�e Probleme mit einem der Raben und da ich noch sehr unerfahren bin, brauche ich Georges Rat. Und zwar sofort. Sie werden sehen: Wenn Sie ihm sagen, dass es um die Raben geht, wird er einem Gespr�ch zustimmen.� Mit einem zweifelnden Blick wandte sein Gegen�ber sich um. Nach einem kurzen Telefonat brummte er, �Warten Sie da hinten.�</p><p>John setzte sich auf einen der unbequemen Besucherst�hle.</p><p>Als nach einigen Minuten eine vergitterte T�r aufging und ein weiterer Polizist ihn zu sich winkte, tat sein Herz einen Sprung. Seine Finte hatte geklappt.</p><p>Nach einer umst�ndlichen Pr�fung seiner Personalien wurde er in einen fensterlosen Raum gef�hrt, der von einer Plexiglasscheibe mit winzigen L�chern durchtrennt wurde. �Setzen Sie sich dahin. Er wird gleich kommen.� Damit wurde er allein gelassen.</p><p>Als George wenig sp�ter eintrat, erschrak John. Mit seiner fahlen Hautfarbe und dem zerknitterten Gesicht wirkte George um viele Jahre gealtert. Der hoffnungslose Ausdruck in seinen Augen versetzte John einen Stich.</p><p>�Alter Freund! Ich freue mich, dich wiederzusehen.�, begr��te er ihn warm.</p><p>�John, man hat mir gesagt, es h�tte einen Notfall mit einem der Raben gegeben? Was ist los?� John schluckte.</p><p>�Nun, George, ich muss zugeben, dass ich den Vorfall etwas �bertrieben dargestellt habe. Tats�chlich hat Bran mich gestern angegriffen.�, beeilte er sich, hinzuzuf�gen und hob die Hand, damit George den Verband sehen konnte. �Das war jedoch mein Fehler und es war auch halb so schlimm. Aber ich wusste mir nicht anders zu helfen, um dich zu einem Gespr�ch zu bewegen.� Wortlos erhob George sich. John sprang ebenfalls von seinem Plastikstuhl auf. �George, h�r mir zu, ich bitte dich, nur f�nf Minuten. Bitte.� Als George nicht reagierte und nur noch wenige Schritte von der Ausgangst�r zum Zellentrakt entfernt war, wurde Johns Ton hart.</p><p>�Verdammt, George. Wenn schon nicht um deinetwillen, dann tu�s wenigstens f�r Marcia.� Beim Namen seiner Frau erstarrte George.</p><p>�Willst du, dass Marcia damit leben muss, dass ihr Mann im Mordfall des Jahrzehnts f�r schuldig erkl�rt wird, und das nur auf Grund einiger Indizien und seiner Sturheit, die ihn jede Aussage verweigern l�sst? Willst du unschuldig den Rest deines Lebens im Gef�ngnis sitzen?� Langsam drehte George sich um.</p><p>�Du glaubst, dass ich unschuldig bin?�</p><p>�Ich sage dir, was ich glaube: Irgendetwas, ich wei� nicht was, verbindet dich mit der Toten. Aber du hast sie nicht umgebracht. Ich denke, du schweigst, um jemanden zu sch�tzen.�</p><p>George lie� sich schwer auf den Stuhl fallen. Zu Johns Best�rzung vergrub er das Gesicht in den H�nden und begann zu weinen. Hilflos sa� John hinter der Plexiglasscheibe. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie die Wache durch das verglaste Guckloch der T�r hereinsah. Gleich darauf �ffnete sich die T�r.</p><p>�Ist alles in Ordnung, Campbell?� George nickte und wischte sich mit dem �rmel seiner grauen H�ftlingskleidung �ber das Gesicht. Der Beamte lie� sie wieder allein. Minutenlang herrschte Stille im Raum. Schlie�lich hob George den Kopf.</p><p>�Ich � muss nachdenken. K�nntest du morgen wiederkommen?� John nickte. George stand auf und gab der Wache durch das Glasfenster ein Zeichen, die T�r zu �ffnen. Im Hinausgehen wandte er sich noch einmal um. �Wie geht es Marcia?�</p><p>�Die erste Zeit nach deiner Verhaftung war schlimm. Bonnie und Edwina Dunders waren rund um die Uhr bei ihr. Mittlerweile hat sie sich wieder ein wenig gefangen. Ihr Hausarzt hat eine Krankenschwester geschickt, die sich um sie k�mmert.� Wieder traten Tr�nen in Georges Augen. W�tend wischte er sie fort und sagte leise, �Bitte sag ihr, sie soll sich keine Sorgen machen. Und sag ihr � dass ich an sie denke.�</p><p>Als John den Tower betrat, war es bereits Mitternacht. Geistesabwesend gr��te er im Vorbeigehen seine Kollegen, die in dieser bitterkalten, klaren Nacht Dienst taten. Obwohl er nach der Fahrt in der �berhitzten U-Bahn fror, ging er nicht auf k�rzestem Weg zu seiner Wohnung. Stattdessen machte er einen Abstecher zum Rabenhaus.</p><p>Die n�chtliche Beleuchtung des White Towers sorgte f�r einen schwachen Lichtschein auf der Wiese hinter der Voliere. Der Nachtfrost lie� seine Schritte leise knirschen. Da er die Raben nicht st�ren wollte, blieb er einige Meter vom Haus entfernt stehen. Einer der V�gel hob den Kopf aus dem Gefieder und steckte ihn gleich wieder hinein. Ansonsten war alles ruhig. Zufrieden ging John weiter und blieb dann unschl�ssig mitten im Innenhof des Towers stehen. Marcia w�rde sich sicher sehr �ber Georges Botschaft freuen, nachdem sie tagelang nichts von ihm geh�rt hatte.</p><p>Also lenkte John seine Schritte zum Constable Tower in der �u�eren Wallanlage des Towers. Dort waren etliche der Beefeater mit ihren Familien untergebracht. Die Campbells bewohnten eine ger�umige Wohnung im Erdgeschoss. Durch die geschlossenen Vorh�nge war im Wohnzimmer Lichtschein zu sehen. John klopfte an die Scheibe. Drinnen bewegte sich ein Schatten auf das Fenster zu.</p><p>�Ich bin�s, John Mackenzie. Ich habe eine Nachricht von George.� Der Vorhang wurde beiseite geschoben und eine Frau in Schwesterntracht �ffnete nach kurzem Z�gern das Fenster einen Spalt breit. John stellte sich noch einmal vor.</p><p>�Ah, Sie sind derjenige, der Mrs. Campbells Gatten als Rabenpfleger vertritt. Sie hat mir von Ihnen erz�hlt. Worum geht es denn?�</p><p>�Ich komme gerade von Scotland Yard. Dort konnte ich mit George sprechen. Er bat mich, Marcia etwas auszurichten. Ist sie noch wach?�</p><p>�Das k�nnte sein. Als ich vor einer halben Stunde nach ihr gesehen habe, war sie noch nicht eingeschlafen. Kommen Sie einfach kurz herein, dann sehen wir nach.�</p><p>Im Wohnzimmer der Campbells war es gem�tlich warm und John nahm dankbar auf dem Sofa Platz, w�hrend die Pflegerin � Ms. Doyle, wie auf ihrem Namensschild zu lesen stand � in den Flur verschwand. Gleich darauf lie� ihn ein Schrei hochfahren. Als er in das Schlafzimmer st�rzte, starrte Ms. Doyle fassungslos auf das leere, sauber gemachte Doppelbett. �Aber wie konnte sie nur hinausgelangen? Ich war doch die ganze Zeit im Wohnzimmer.�, wimmerte sie.</p><p>�Da!� John zeigte auf eines der Fenster. �Es ist einen Spalt offen. Sie muss hinausgeklettert sein.� Er packte die aufgel�ste Frau am Arm. �Schnell! Rufen Sie die Nachtwache an, die sollen eine sofortige Suchaktion einleiten. Die Nummer ist 111, das Telefon steht im Flur.� Nachdem sie hinausgelaufen war, durchsuchte John fieberhaft das Zimmer nach einem Hinweis, wohin Georges Frau verschwunden sein k�nnte. Und tats�chlich, auf der Kommode sprang ihm ein Zettel ins Auge, der an einen Keramikengel gelehnt war.</p><p>Ich bekenne mich schuldig am Mord an Julia Feldmann. Meine Krankheit hat mich unzurechnungsf�hig gemacht. Mein tiefstes Bedauern gilt der Toten sowie meinem Mann und meinem Sohn, die in keiner Weise mit dieser Sache zu tun haben und nicht f�r meine Tat bestraft werden sollen. Um weiteren Schaden von ihnen abzuwenden, nehme ich die Gerechtigkeit nun selbst in die Hand. Marcia Campbell</p><p>Ungl�ubig stand er einen Augenblick da, dann rannte er aus der Wohnung, den handgeschriebenen Zettel in der Jackentasche. Dunders hatte schnell reagiert, schon konnte John Stimmen und Schritte h�ren, die sich ihm eilig n�herten. Zwei seiner Kollegen bogen im Laufschritt um die Ecke. �Sie hat vor maximal drei�ig Minuten die Wohnung verlassen. Mittlerweile kann sie �berall auf dem Gel�nde sein.�</p><p>Oder bereits tot. Diesen Gedanken sprach John nicht aus. �Verteilen wir uns.�</p><p>Die beiden M�nner rannten in entgegengesetzte Richtungen entlang des �u�eren Walls davon, John durch einen Gang neben dem Hospital Block in den Innenhof des Towers. Dort stie� er auf Philip Dunders, der neu hinzusto�ende M�nner methodisch mit Funkger�ten ausstattete und in verschiedene Richtungen dirigierte.</p><p>�Verflucht, falls sie sich etwas antun will, gibt es dutzende Stellen. Allein all die Orte, von denen sie sich in die Tiefe st�rzen k�nnte.� Unwillk�rlich sahen sie zu den Zinnen des White Towers hinauf, drei�ig Meter �ber ihnen.</p><p>�Wissen wir, ob sie irgendwelche Schl�ssel mitgenommen hat? Wenn sie Georges Schl�sselbund hat, dann kann sie �berall hinein.�</p><p>�Ich versuche, es herauszufinden.� John sprintete zur�ck zum Constable Tower. Die Wohnungst�r stand offen.</p><p>�Ms. Doyle! Wir brauchen Ihre Hilfe.� Die Pflegerin hatte sich wieder gefasst und kam aus dem Schlafzimmer gelaufen.</p><p>�Soweit ich das sehen kann, ist sie in Morgenmantel und Pantoffeln unterwegs. Ihr Schrank scheint unber�hrt und an eine Jacke kam sie nicht heran, die h�ngen alle im Flur.�</p><p>Oh Gott, dann hat sie allein schon durch die eisigen Temperaturen kaum eine Chance, wenn sie drau�en ist, st�hnte John innerlich. �Haben Sie eine Ahnung, wo die Campbells ihre Schl�ssel aufbewahren? Vielleicht in der Garderobe?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Sehen wir nach.�</p><p>John riss einige Schubladen auf und erblickte Georges vertrauten Schl�sselbund. Er raste zur�ck in den Innenhof. Chief Mullins war mittlerweile zu Dunders gesto�en. Er sprach gerade in ein Funkger�t.</p><p>�Schl�ssel hat sie keine bei sich, wir k�nnen uns also auf die Au�enanlagen konzentrieren.�, brachte John schnaufend hervor. �Und sie ist nur mit einem Morgenmantel bekleidet.� Mullins lie� das Funkger�t sinken.</p><p>�Nord-, West- und S�dwall sind gecheckt. Ein Trupp durchsucht jetzt die Mauerumg�nge im Osten.� John zog ihn einige Schritte zur Seite.</p><p>�Hier ist der Zettel, den sie zur�ckgelassen hat.� Mullins las halblaut ��nehme ich die Gerechtigkeit nun selbst in die Hand. Hm. Das h�rt sich an, als habe sie ein Zeichen setzen wollen � � Er lie� den Blick �ber den hell erleuchteten Innenhof des Towers schweben. �Man sollte meinen, der symboltr�chtigste Ort w�re der Hinrichtungsplatz. Am Tower Green ist sie aber offensichtlich nicht. Was k�nnte sonst noch ein geeigneter Ort sein�� Einen Augenblick lang sahen Chief Mullins und John sich an, dann rannten beide wortlos los.</p><p>Durch den Bloody Tower hinaus in die Water Lane, zum Verr�tertor. Der Pegel der Themse, dessen eiskaltes Wasser die dunkle Nische f�llte, hatte beinahe die Obergrenze erreicht. Mullins packte John am Arm.</p><p>�Da hinten!� Im selben Augenblick entledigten sich beide M�nner ihrer Jacken und Schuhe, sprangen �ber das Gel�nder und tauchten in das nachtschwarze Themsewasser ein.</p><p>Die K�lte raubte John den Atem. Er hatte das Gef�hl, sein Herz w�re stehengeblieben. �Nun machen Sie schon, Mackenzie. Helfen Sie mir!� Als er die energische Stimme des Chiefs h�rte, l�ste er sich aus seiner Erstarrung. Mit wenigen Z�gen war er am Gitter des Verr�tertores angelangt. Gemeinsam bugsierten sie Marcias leblose Gestalt hin�ber zum Gel�nder, wo mehrere Beefeater ihnen helfend die H�nde entgegenstreckten. Jemand hatte geistesgegenw�rtig das kleine Tor im Gel�nder aufgesperrt, so dass sie ihren K�rper in die Water Lane hinaufziehen konnten.</p><p>Doc Hunter war bereits zur Stelle. Ohne Mullins� Hilfe h�tte John es nicht mehr die Betonstufen hinauf geschafft, die unter Wasser hinauf zur Water Lane f�hrten. Mullins schob und von oben zogen einige Kollegen an ihm, bis er neben Marcia auf dem Pflaster der Water Lane lag. �Schnell, schnell, Bahren aus der Krankenstation�, befahl Hunter. W�hrend einige M�nner davonrannten, lie� Mullins sich neben John auf den Boden fallen.</p><p>�Ist � sie noch am Leben?�, kr�chzte er. John hob m�hselig den Kopf und blickte zu Marcia hin�ber. Hunter hatte sie in eine w�rmespeichernde Rettungsfolie eingewickelt, bis er Decken gebracht bekam. Er antwortete nicht. Mit grimmigem Gesicht begann er mit einer Herzdruckmassage.</p><p>Nach wenigen, endlos erscheinenden Minuten, in denen John mit dem Bed�rfnis k�mpfte, einfach die Augen zu schlie�en und sich in ein schwarzes Loch fallen zu lassen, wurden die beiden M�nner in Decken geh�llt und auf zwei Bahren gelegt. Zugleich kam aus dem Byward Tower ein Notarztteam herbeigeeilt. �Ich fahre mit ihr in die Klinik. Ihr beide lasst euch in der Krankenstation versorgen.�, bestimmte Doc Hunter. Mullins protestierte schwach.</p><p>�Ich will euch in die Klinik begleiten.�</p><p>�Sie h�ren jetzt auf mein Kommando. Ihr habt genug getan. Ich halte euch auf dem Laufenden.� Weg war der Arzt. Also lie�en John und Chief Mullins sich quer durch den Tower zu der kleinen Krankenstation neben der Wohnung des Docs bringen. Ms. Doyle, die sich sichtlich Vorw�rfe wegen des Verlusts ihrer Patientin machte, freute sich, sich n�tzlich machen zu k�nnen. Sie wies ihre Helfer an, den beiden Unterk�hlten die stellenweise steif gefrorene Kleidung vom K�rper zu ziehen. Frank Abbott rief kurzerhand seine Frau an, die hei�en Tee, Heizdecken und W�rmflaschen organisierte. Nachdem die Pflegerin Temperatur, Puls und Blutdruck gemessen hatte, nickte sie zufrieden. �Ihre K�rpertemperatur ist nicht im kritischen Bereich, dazu war Ihr Aufenthalt in dem Eiswasser Gott sei Dank zu kurz. Sie haben beide momentan sehr hohen Blutdruck, aber das ist normal in einer solchen Situation. Passen Sie nur auf, morgen bleibt Ihnen als Erinnerung an Ihr Abenteuer h�chstens ein kleiner Schnupfen.�</p><p>Mullins und John, die immer noch heftig zitternd unter ihren jeweiligen Decken lagen, warfen sich einen Blick zu und rollten mit den Augen.</p><p>Mit einem frischen Verband f�r Johns Hand und einer Thermoskanne hei�en Tees versorgt, fanden die beiden M�nner sich schlie�lich allein wieder. Johns Fr�steln hatte nachgelassen und er genoss die wohlige W�rme unter dem dicken Federbett, das man ihm gebracht hatte, die F��e auf einer hei�en W�rmflasche. Er merkte, wie er wegd�mmerte, als Mullins� heisere Stimme an sein Ohr drang.</p><p>�Wie verzweifelt muss Marcia gewesen sein, in diese eiskalte Br�he zu steigen. Der Mord an dem M�dchen muss ihr entsetzliche Qualen verursacht haben.�</p><p>�Ich � glaube nicht, dass sie es war.� Mit diesen Worten schlief John ein.</p><p>�Aufstehen, Mackenzie! Ich habe gute Nachrichten.�</p><p>�Mmmmm.� Grummelnd �ffnete John ein Auge. Als er den Kommandanten vor seinem Bett stehen sah, fielen ihm die Ereignisse der Nacht schlagartig wieder ein. �Was�� Heftiges Niesen �berkam ihn. Mit tr�nenden Augen richtete er sich schlie�lich auf und nahm ein Taschentuch, das Mullins ihm reichte.</p><p>�Ich habe mit Doc Hunter gesprochen: Marcia lebt!� John blieb der Mund offen stehen.</p><p>�Offensichtlich haben wir sie gerade noch rechtzeitig aus dem Wasser gezogen. Es stand Spitz auf Knopf, sagen die �rzte.� Mullins sch�ttelte staunend den Kopf. �Sie hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten, aber durch die extreme K�lte ist nur wenig Blut ausgetreten. Allerdings war sie bereits bewusstlos und w�re kurze Zeit sp�ter wegen Unterk�hlung gestorben.�</p><p>�Pff. Das sollte sogar ein medizinischer Laie wissen, dass man sich die Pulsadern am besten in der warmen Badewanne aufschneidet.� Schwester Doyle war unbemerkt hereingekommen. Als sie die Blicke der beiden M�nner bemerkte, schlug sie sich verlegen die Hand vor den Mund. �Aber selbstverst�ndlich bin ich sehr froh, dass Mrs. Campbell das nicht wusste und noch gerettet werden konnte.�</p><p>�Wie w�re es, wenn Sie frischen Tee f�r Mr. Mackenzie hier besorgen k�nnten?� Bei Mullins� nur m�hsam beherrschtem Ton floh die Krankenschwester aus dem Zimmer.</p><p>Mullins setzte sich auf den Bettrand. �Gestern Nacht sagten Sie etwas, das mir R�tsel aufgibt: Sie denken, Marcia ist nicht die M�rderin von Julia Feldmann? Obwohl sie es in ihrem Schreiben selbst zugibt?� John nieste abermals und nickte dann.</p><p>�Ich denke, sie hat den Selbstmordversuch aus demselben Grund unternommen, aus dem George seit Tagen stur die Aussage verweigert: Sie will jemanden sch�tzen.� Mullins sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Wie kommen Sie darauf? Woher wollen Sie wissen, aus welchem Grund George so ausdauernd schweigt?� John fiel ein, dass der Chief noch gar nichts von seinem Besuch bei Scotland Yard wusste. Also wiederholte er das Gespr�ch mit George, so genau es ging. Er musste sich auf die Zunge bei�en, um Maggies Informationen nicht preiszugeben. Als er geendet hatte, fuhr Mullins sich verwirrt durch die Haare.</p><p>�Also scheint bei den Campbells jeder vom anderen zu glauben, dass er schuldig ist. Aber wenn wir davon ausgehen, dass Sie richtig liegen und weder George noch Marcia haben die Studentin get�tet: Dann bleibt uns ja nur noch eine M�glichkeit.� John wiegte den Kopf.</p><p>�Lassen Sie uns keine voreiligen Schl�sse ziehen: Aber wir sollten dringend ein Gespr�ch mit Richard f�hren. Au�erdem m�ssen wir versuchen, mit Marcia zu reden. Darf sie schon Besuch empfangen?� Mullins sprang auf.</p><p>�Sie stehen jetzt auf und ich rufe Hunter im Krankenhaus an. Ach, und �brigens�, er drehte sich noch einmal um. �Nach Ihren Worten gestern habe ich Marcias Abschiedsbrief erst einmal sicher bei mir verwahrt. Au�er Ihnen und mir wei� keiner von seiner Existenz. Ich hielt es vorerst f�r unn�tig, ihn weiterzugeben. Whittington w�rde sie sicher unter Arrest stellen, sollte er davon erfahren. Das m�chte ich ihr nicht zumuten, falls sie wirklich unschuldig ist.� Damit war er aus der T�r. John sch�ttelte staunend den Kopf. Der Chief musste gro�es Vertrauen in ihn setzen, wenn er auf seine Einsch�tzung hin der Polizei wichtiges Beweismaterial vorenthielt.</p><p>Eine Stunde sp�ter standen ihnen Doc Hunter und der behandelnde Arzt in einem beengten Sprechzimmer des St. Bartholomew�s Krankenhauses gegen�ber.</p><p>�Es ist wirklich sehr wichtig, dass wir mit ihr reden. Bitte lassen Sie uns zu ihr. Nur f�nf Minuten.�</p><p>Hunter beugte sich zu seinem Kollegen und raunte ihm zu, �Das sind die Herren, die die Patientin aus der Themse gerettet haben.� Daraufhin wurde der Blick des Stationsarztes etwas freundlicher.</p><p>�Na gut, ich werde gleich noch mal nach ihr sehen. Wenn ich es verantworten kann, dann k�nnen Sie kurz hinein.�</p><p>Hunter rieb sich m�de �ber die Augen. �Marcia hatte unglaubliches Gl�ck, dass Sie sie entdeckt haben. Wenig sp�ter w�re es vorbei gewesen. Ich nehme an, der Druck ist ihr einfach zu gro� geworden, mit Georges Verhaftung und Richards Wahlkampagne, die sie sich so zu Herzen nimmt.�</p><p>Mullins und John vermieden es, einander anzusehen und brummten etwas Unverbindliches. Hunter g�hnte herzhaft.</p><p>�Ich muss mich aufs Ohr hauen. Eine der Schwestern soll mir ein Taxi besorgen.� Er verlie� das Sprechzimmer, kam aber gleich wieder zur�ck. �Whittington ist im Anmarsch�, zischte er. �Eine Vernehmung steht Marcia in ihrem Zustand nicht durch. Ich werde versuchen, ihn abzuwimmeln.� Damit verschwand er wieder. Mullins und John grinsten sich an, als sie h�rten, wie Hunter den Superintendenten in aufgeblasenem Ton mit einer Woge von unverst�ndlichen Fachbegriffen �bersch�ttete.</p><p>Whittington jedoch lie� sich von der medizinischen Terminologie nicht beeindrucken und verlangte, Marcia auf der Stelle zu sehen. Dabei wurde er zunehmend laut. Da riss Hunter der Geduldsfaden.</p><p>�Superintendent, bei aller gebotenen Achtung: Dieser Skandal wegen Misshandlung von Verd�chtigen bei der Metropolitan Police im vergangenen Jahr ist den Leuten noch in bester Erinnerung. Wenn Sie nun darauf bestehen, die Patientin, die vor wenigen Stunden knapp dem Tode entronnen und noch keineswegs stabil ist, mit Ihren impertinenten Fragen zu behelligen, werde ich dies an Ihre Vorgesetzten und an die Medien weitergeben. Und wie Sie sehen, verf�ge ich �ber eine ganze Reihe von Zeugen f�r Ihr Verhalten. Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Verabschieden Sie sich jetzt. Sofort.�</p><p>Nach einer endlosen Minute des Schweigens war zu h�ren, wie sich Schritte entfernten. Drau�en murmelten mehrere Leute durcheinander. John lugte vorsichtig hinaus. Whittington hatte den R�ckzug angetreten, einige Schwestern und Pfleger sahen ihm missbilligend nach. Doc Hunter brummte, �Dieser Popanz. Meint, er muss sich mit mir anlegen.�</p><p>�Gut gemacht, Doc. Erstmal sind wir ihn los.�</p><p>�Oh Patrick, warum musstet ihr mich herausziehen?� Marcias Stimme war ein raues Fl�stern. Chief Mullins fehlten die Worte.</p><p>�Wie kannst du so etwas nur fragen? Ich�� Hilfesuchend sah er John an, der sich im Hintergrund hielt.</p><p>�George wird dich brauchen, wenn er aus der Untersuchungshaft entlassen wird. Scotland Yard wird fr�her oder sp�ter herausfinden, dass er unschuldig ist.�, sagte dieser sanft. Marcias stumpfer Blick wurde mit einem Mal klar.</p><p>�Was sagst du da, John? George � hat nichts mit dem Mord zu tun?� John sch�ttelte l�chelnd den Kopf. �Nein. Er hat die ganze Zeit geschwiegen, weil er Angst hatte, du oder Richard w�ren darin verwickelt. Er wollte euch sch�tzen, genauso wie du versucht hast, durch deine Tat deine Familie zu sch�tzen. Ihr seid schon ein tolles Team, wie ihr euch f�reinander aufopfern wolltet.�</p><p>Marcias Gesicht spiegelte den unb�ndigen Wunsch wider, Johns Worten Glauben zu schenken. �Aber woher wei�t du, dass er unschuldig ist, wenn er doch mit niemandem spricht?�</p><p>�Gestern Abend konnte ich kurz mit ihm reden. Ich bin �berzeugt davon, dass er Julia Feldmann nicht umgebracht hat, auch wenn wir es noch nicht beweisen k�nnen. Er war es, der mich zu dir schickte. Ich sollte dir ausrichten, er w�rde an dich denken und du solltest dir keine Sorgen machen.�</p><p>Einen kurzen Moment lang dachten alle drei daran, was geschehen w�re, h�tte John in dieser Nacht nicht vor Marcias T�r gestanden.</p><p>Dann ergriff Marcia bewegt die H�nde der beiden M�nner. �Ihr seid so gute Freunde f�r uns. Wie konnte ich nur an George zweifeln, w�hrend ihr an ihn geglaubt habt?� Pl�tzlich stockte sie. �Aber was ist dann mit den Fingerabdr�cken? Mir wurde gesagt, die Polizei h�tte Georges Abdr�cke auf dem Rucksack des M�dchens gefunden. Darum dachte ich, es m�sste George gewesen sein, der ��</p><p>�Der Fingerabdruck beweist lediglich, dass er den Rucksack in der Hand gehabt haben muss, aber nicht, dass er ein M�rder ist. K�nnte er sonst irgendwie in Kontakt mit dem M�dchen gestanden haben oder ihr irgendwo begegnet sein?� Marcia sah sie ratlos an.</p><p>�Ich habe keine Ahnung. Ich bin sicher, dass er sie nie erw�hnt hat.�</p><p>Mullins t�tschelte ihre Hand und stand auf. �Es wird sich schon alles aufkl�ren. Wichtig ist erstmal, dass du wieder auf die Beine kommst. Also ruh dich sch�n aus.� Sie schickten sich an, zu gehen. Marcia aber umklammerte Johns Hand. �Mein Sohn � er hat doch nichts damit zu tun?�</p><p>�Nigel Owen sagte mir, er w�re in der fraglichen Zeit mit Richard zusammen in der Bar gewesen, um Telefonate zu f�hren. Mach dir keine Gedanken um ihn.�, beruhigte John sie und l�ste sich behutsam aus ihrem Griff.</p><p>In der T�r drehte Mullins sich noch einmal um. �Ach, da f�llt mir etwas ein, Marcia: Deinen Abschiedsbrief hat au�er John und mir niemand gesehen. Wir werden ihn vernichten. Wir wollen die Polizei doch nicht durch ein falsches Gest�ndnis verwirren, nicht wahr?�</p><p>Er zwinkerte ihr zu und sie verabschiedeten sich. Trotz der Verb�nde um ihre Handgelenke, der zahlreichen Schl�uche und Monitore, an die sie angeschlossen war, wirkte Georges Frau so gel�st, als sei eine tonnenschwere Last von ihr genommen worden.</p><p>Drau�en wurde John wieder von heftigem Niesen �berfallen. �Ich brauche jetzt dringend etwas Warmes, bevor wir zur�ckfahren. Gehen wir in die Cafeteria.�</p><p>Angesichts eines Gebr�us, das wie Sp�lwasser aussah und als Earl Grey verkauft wurde, entschied John sich f�r eine Tasse Kaffee. Sie setzten sich.</p><p>�Kein Wunder, dass die hier kaum G�ste haben. Die St�hle sind noch unbequemer als die von Scotland Yard und was sie einem da f�r zwei Pfund als Kaffee verkaufen�� Mullins sch�ttelte sich. Dann sah er John anerkennend an.</p><p>�Sie lagen richtig mit Ihrer Vermutung Marcia betreffend. Aber was jetzt? Wenn Richard auch nichts mit der Sache zu tun hat, dann stehen wir wieder am Anfang.�</p><p>John sch�ttelte den Kopf. �Ich bin mir nicht sicher, ob wir Owens Aussage, dass er pausenlos mit Richard zusammen war, f�r bare M�nze nehmen k�nnen. Er scheint ja wie besessen davon zu sein, Richard zum Wahlerfolg zu verhelfen. Daher frage ich mich, ob er nicht auch bedenkenlos f�r ihn l�gen w�rde.� Mullins nickte nachdenklich.</p><p>�Au�erdem, Chief, �berlegen Sie: Wenn keiner der Campbells eine Verbindung zu Julia Feldmann hatte: Warum h�tte George dann die Notwendigkeit gesehen, sie durch sein Schweigen sch�tzen zu wollen? Ich denke, es gibt da doch irgendeinen Ber�hrungspunkt, von dem wir nichts wissen. Aber George kennt ihn.� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 15</strong></p></title><p>Angespannt betrat John das mittlerweile vertraute Geb�ude von Scotland Yard. Er hoffte inst�ndig, durch sein Gespr�ch mit George einige Antworten finden zu k�nnen. Er meldete sich beim Empfang an. Nachdem er einige Minuten gewartet hatte, sah er sich jedoch der Person gegen�ber, der er am allerwenigsten begegnen mochte: Simon Whittington. Sein Cousin schritt durch die Eingangshalle auf ihn zu und musterte ihn mit ausdruckslosem Gesicht. �John. Wir m�ssen uns unterhalten.� John fluchte lautlos und folgte dem Superintendenten in dessen B�ro.</p><p>Unaufgefordert lie� er sich in einem der Besuchersessel nieder und setzte ein unschuldiges L�cheln auf.</p><p>�Wie geht es mit dem Fall voran, Simon? Der Presse l�sst sich ja leider kaum etwas dar�ber entnehmen.� Whittington knipste ebenfalls ein L�cheln an und lie� seine makellosen Zahnreihen blitzen. �Ich freue mich �ber dein Interesse. Du bist sicher gekommen, um mir zu berichten, was dir George Campbell bei eurer n�chtlichen Unterredung gestern erz�hlt hat.�</p><p>John zeigte wieder einmal seine verbundene Hand, die kaum noch schmerzte.</p><p>�Wie du wei�t, ist George der Ravenmaster des Towers. Seit er verhaftet wurde, habe ich seine Pflichten �bernommen. Allerdings habe ich noch zu wenig Erfahrung, wie man sieht. Stell dir vor, was passiert ist: Ich kam zu sp�t zur Abendf�tterung und � �</p><p>�Ich hatte dich gefragt, �ber was du und Campbell gesprochen habt.�, unterbrach Whittington ihn z�hneknirschend.</p><p>�Das versuche ich dir ja gerade zu erkl�ren. Nachdem mich einer der Raben angegriffen hatte � allerdings war ich selbst daran schuld � brauchte ich dringend einige Tipps von George. Immerhin stehen die Raben sozusagen in k�niglichen Diensten und haben das Anrecht auf die beste Pflege � �</p><p>�Du willst doch nicht behaupten, ihr habt euch nur �ber diese Viecher unterhalten? Nach den Aufzeichnungen der Wache hat Campbell w�hrend eures Gespr�chs einen sehr betroffenen Eindruck gemacht und sogar geweint. Wie willst du mir das bei so einem l�ppischen Thema plausibel machen?� John legte einen tief ersch�tterten Ausdruck auf sein Gesicht. �L�ppisches Thema? Die Raben sind Georges Lebensinhalt, und das seit �ber zwanzig Jahren. Nat�rlich war er best�rzt, als er von Brans Verhalten geh�rt hat. Bran ist sozusagen der Rudelf�hrer der Tiere � � John konnte sehen, wie eine Ader an der Stirn seines Cousins anschwoll und er musste sich ein Grinsen verbei�en.</p><p>Abrupt stand sein Cousin auf und baute sich vor John auf. �Was kannst du mir �ber den Suizidversuch von Marcia Campbell sagen?�</p><p>�Ich wei� nur, dass wir sie gerade noch rechtzeitig gerettet haben. Doc Hunter hat uns heute Morgen aus dem Krankenhaus angerufen, dass sie zwar noch nicht �ber den Berg ist, aber immerhin lebt. Deswegen bin ich hier, schlie�lich muss George davon erfahren.�</p><p>�Warum hat sie das getan?�</p><p>John zuckte mit den Schultern. �Keine Ahnung. Das wirst du sie selbst fragen m�ssen, sobald man wieder mit ihr sprechen kann. Aber welche Frau w�rde es nicht schwernehmen, wenn ihr geliebter Gatte unter Mordverdacht verhaftet wird?�</p><p>�Wie kam es, dass ausgerechnet du und dieser Mullins sie so schnell gefunden habt?�</p><p>�Als die Krankenschwester Alarm gegeben hat, dass Marcia verschwunden war, haben wir Suchmannschaften gebildet. Chief Mullins und ich haben in der Water Lane nachgesehen und sie dort entdeckt.� Verwundert registrierte John, wie leicht ihm die L�gen �ber die Lippen gingen. Er bemerkte, dass er begann, dieses kleine Schauspiel richtiggehend zu genie�en. �Kann ich noch irgendetwas f�r dich tun oder kann ich jetzt zu George?�, fragte er freundlich.</p><p>Nun war es an Whittington, �berlegen zu l�cheln. �Nein, tut mir leid.�</p><p>�Wie bitte? Wieso nicht?�, begehrte John auf. Der Superintendent ging wieder um den Schreibtisch herum, lie� sich in seinen Sessel fallen und streckte l�ssig die Beine von sich.</p><p>�Tja, lieber Cousin, ich hatte dich ja gewarnt: Auf Einmischung in meine Ermittlungen reagiere ich allergisch. Also untersage ich dir ab sofort den Kontakt zu unserem Verd�chtigen.�</p><p>�Dazu hast du nicht das Recht!� Whittington griff nach dem mit seinen Initialen verzierten Zigarrenetui und nahm eine der dicken Rollen heraus. Gen�sslich hielt er sich eine Cohiba unter die Nase. �Ich verstehe deine Entt�uschung. Tats�chlich kann ich in F�llen, wo eine Verdunklungsgefahr besteht, beim leitenden Staatsanwalt ein Kontaktverbot beantragen. Ausgenommen davon bleibt selbstverst�ndlich der Anwalt des Verd�chtigen. Wir sind schlie�lich ein Rechtsstaat.�</p><p>�Verdunklungsgefahr? Verdammt, Simon, so etwas kannst du mir nicht einfach unterstellen. Du � �</p><p>�Vorsicht, was du sagst, John. Bevor du dich hier noch weiter echauffierst, sieh dir das mal an.� Er zog ein Foto aus einer Schublade und warf es John hin. Sprachlos starrte John auf das Bild.</p><p>�Das willst du gegen mich verwenden? Das meinst du nicht ernst.� Whittington w�rdigte ihn keines Blickes und besch�ftigte sich hingebungsvoll mit seiner Zigarre. John hielt es nicht mehr in seinem Sessel. �Wie viele Jahre ist das her? Mindestens f�nfundzwanzig. Ich war damals noch nicht mal vollj�hrig. Ich bekam eine Ermahnung und das war�s. Nicht mal die Army hat das interessiert und du kannst mir glauben, die pr�fen das Vorleben eines jeden sehr genau.�</p><p>�Immerhin habt du und deine �kofreunde damals mit euren Sitzstreiks auf der Zufahrtsstra�e den Betrieb in Sellafield so gut wie lahm gelegt und die Polizei an der Aus�bung ihrer Pflichten gehindert.�</p><p>�Die Betreiberfirma hatte radioaktive Abf�lle ins Meer geleitet und riesige Gebiete verseucht! Damals sind Leute aus dem ganzen Land mit Bussen nach Sellafield gefahren, um zu demonstrieren � �</p><p>�Das tut hier nichts zur Sache. Widerstand gegen die Staatsgewalt und Eingriff in den Stra�enverkehr � und dazu noch die Tatsache, dass ihr Beefeater bekannterma�en eine verschworene Gemeinschaft seid, deren Mitglieder f�reinander l�gen w�rden, ohne mit der Wimper zu zucken � f�r Sir Fenton Carruthers war das Grund genug, Kontakte zu dir und dem Rest der Tower-Bagage vorerst zu unterbinden.� Das selbstzufriedene L�cheln verschwand.</p><p>�Lass dir etwas gesagt sein: Das war das letzte Mal, dass du dich in meine Ermittlungen eingemischt hast. Ansonsten wirst du dich wundern, welche Gesch�tze ich noch auffahren kann.� Whittington lehnte sich wieder in seinem Sessel zur�ck. �Und nun w�nsche ich dir einen guten Tag. Constable Hewitt wird dich zum Ausgang geleiten.�</p><p>In seinem Kopf toste es, als John neben Mullins auf dem R�ckweg von Sir Fitzgeralds Kanzlei im Taxi sa�. Der Anwalt hatte versprochen, sich umgehend nach ihrem Gespr�ch zu Scotland Yard aufzumachen. Emp�rt �ber Whittingtons Schachzug hatte er f�r den folgenden Tag einen Termin beim leitenden Staatsanwalt erwirkt. �Was der Superintendent da vorbringt, ist einfach l�cherlich. Aber er hat beim alten Carruthers einen Stein im Brett, und zwar nicht erst, seit er die Bayswater-Morde im letzten Jahr so schnell aufgekl�rt hat. Ich werde sehen, was ich tun kann, um dieses haneb�chene Kontaktverbot wieder aufheben zu lassen. Einstweilen hoffen wir, dass George in dieser Lage endlich zu einem Gespr�ch mit ihm bereit ist.�</p><p>M�de lehnte John sich in das zerschlissene Polster zur�ck. Er hatte das Ohrensausen, das nach Brans Attacke schnell wieder abgeklungen war, wie einen alten Bekannten begr��t. Einen Bekannten, der sich hoffentlich bald wieder verabschiedete.</p><p>Wenn er an die Szene in Whittingtons B�ro zur�ck dachte, sp�rte er wieder ohnm�chtige Wut in sich aufsteigen. �Es geht Whittington wie immer nur um eins: Macht. Dieses egomanische Scheusal, dieser�.�, grummelte er vor sich hin.</p><p>�Sie sehen schrecklich aus, Mackenzie.�, bemerkte Mullins mit einem Seitenblick. �Ich lasse sie f�r ein, zwei Tage vom Dienst befreien. Erholen Sie sich erst mal.�</p><p>�Nein, Chief. In der letzten Zeit habe ich sowieso kaum einmal regul�r Dienst geschoben. Die heutige Nachtwache im Byward Tower �bernehme ich auf jeden Fall, das schaffe ich schon.� Er nieste wieder. �Ihnen scheint das alles gar nichts auszumachen. Sie m�ssen eine eiserne Konstitution haben, Chief.� Mullins grinste.</p><p>�Sagen wir mal so: In f�nfundzwanzig Jahren Einsatz bei der Royal Air Force habe ich vielleicht eine gr��ere Widerstandskraft gegen Stress, K�lte und Vogelangriffe entwickelt als Sie hinter Ihrem Schreibtisch.� Er lachte herzhaft. �Aber machen Sie sich keine Gedanken, Mackenzie: F�r einen Psycho-Onkel halten Sie sich ganz brauchbar.�</p><p>John hatte gehofft, nach der Abendf�tterung eine M�tze voll Schlaf zu erwischen, bevor er um 22.00 Uhr seinen Wachdienst antrat. Das Klingeln des Telefons riss ihn jedoch unsanft aus dem Schlummer. �Sind Sie das, Mr. Mackenzie? Walters am Apparat.�</p><p>�Oh, Sir Fitzgerald, guten Abend.� Nun war er wieder hellwach. �Was gibt es? Konnten Sie mit George sprechen?�</p><p>�Ja. Ich habe versucht, ihm den Selbstmordversuch seiner Frau m�glichst schonend beizubringen, aber er war dennoch schwer getroffen. Als ich ihm sagte, dass Sie vorerst nicht mit ihm sprechen d�rften, erwiderte er, dann w�rde er warten, bis man Sie wieder zu ihm lassen w�rde. Er scheint kein Vertrauen zu mir zu haben.�, schloss der Anwalt gekr�nkt.</p><p>�Das hatte ich bef�rchtet. Sir Fitzgerald, bitte versuchen Sie Ihr m�glichstes, damit der Staatsanwalt die Kontaktsperre m�glichst schnell wieder aufhebt. George verf�gt �ber wichtige Informationen, ohne die wir nicht weiterkommen.� Der Anwalt versprach es und legte auf. Fl�chtig �berlegte John, ob er Maggie bitten sollte, bei ihrem Kollegen ein gutes Wort f�r ihn einzulegen. Dann entschied er sich dagegen, um seine Schwester nicht noch weiter in die Sache hineinzuziehen. Sie hatte ohnehin schon ein betr�chtliches Risiko auf sich genommen.</p><p>Nachdem er die Besucher der Schl�sselzeremonie vollz�hlig hinausgelassen hatte, setzte John sich hinter den Schreibtisch im Byward Tower und lauschte dem Ticken der Wanduhr. Der Zeiger bewegte sich nur qu�lend langsam vorw�rts, w�hrend er mit dem Wunsch k�mpfte, den Kopf auf die Arme zu legen und die Augen zu schlie�en. Aber dann w�rde er sicher nicht rechtzeitig zu seinem Kontrollgang um 23.30 Uhr aufwachen. Auf der Suche nach einer Ablenkung durchbl�tterte er die Aufzeichnungen der Wache. 178 High Holborn, London WC1. Julia Feldmanns Adresse sprang ihm ins Auge. Ein Blick in die Datenbank des Towers ergab auch ihre Telefonnummer, die alle Bewerber f�r ein Ticket zur Schl�sselzeremonie angeben mussten. Ohne sagen zu k�nnen, warum, griff er zum Telefon.</p><p>Da die Polizei das Apartment sicher noch nicht zur Weitervermietung frei gegeben hatte, erwartete er, dass sich niemand melden w�rde.</p><p>�High Holborn Residence, Empfang, Garrett am Apparat. Was kann ich f�r Sie tun?� Verdattert hielt John den H�rer in der Hand, aus dem die gelangweilte Stimme drang. Er hatte sich keinerlei Gedanken gemacht, was er sagen sollte. Dann kam ihm eine Idee.</p><p>��h, guten Abend. Wir suchen eine Unterkunft f�r unsere Tochter. Meine Frau hat geh�rt, dass in Ihrem Studentenwohnheim ein Einzelapartment frei geworden ist.�</p><p>Der Mann schnaubte. �Das kann man so sagen. Die Vormieterin d�rfte das wohl prominenteste Mordopfer des Vereinigten K�nigreichs sein. Sie haben sicher davon gelesen.�</p><p>�Nat�rlich. Eine schreckliche Geschichte. Ist das Apartment denn schon wieder zug�nglich?�</p><p>�Gestern haben wir endlich die Freigabe von der Polizei bekommen. Sie haben ohnehin l�ngst alles mitgenommen, was Miss Feldmann geh�rt hat. Aber h�ren Sie, Mister, wir nehmen w�hrend der Vorlesungszeiten nur Studenten der London School of Economics.�</p><p>�Unsere Tochter ist gegenw�rtig im ersten Jahr an der LSE. Momentan lebt sie in einer WG, aber sie versteht sich mit ihren Mitbewohnern nicht und m�chte daher so schnell wie m�glich ein Einzelapartment beziehen.�</p><p>�Aha. Naja, wenn Sie wollen, dann kommen Sie doch in den n�chsten Tagen vorbei und sehen sich das Zimmer an. Normalerweise haben wir eine Warteliste f�r freie R�ume, aber mitten unter dem akademischen Jahr haben die meisten Studenten schon etwas gefunden und der gro�e Run setzt dann erst wieder ein, kurz bevor n�chstes Jahr die neue Vorlesungszeit beginnt. Aber ich sage Ihnen gleich, die High Holborn Residence ist ein sehr gepflegtes Haus mit bester Ausstattung und zentraler Lage. Der Preis ist also entsprechend.�</p><p>�Was kostet das Zimmer denn?�</p><p>�So um die sechshundertf�nfzig Pfund im Monat. Vierzehn Quadratmeter inklusive eigenem Waschbecken. K�che und Bad teilen sich jeweils f�nf Zimmer.�</p><p>�Nun ja, das ist nicht billig, aber es sprengt unseren finanziellen Rahmen auch nicht. Passen Sie auf, ich komme morgen am fr�hen Abend mal vorbei und werfe einen Blick darauf.�</p><p>�Mein Dienst beginnt immer erst um zwanzig Uhr, also wird ein Kollege von mir da sein. Am besten geben Sie mir Ihren Namen, dann sage ich ihm Bescheid, dass Sie kommen.� John �berlegte fieberhaft. Wenn Simon zu Ohren kam, dass er sich im Studentenwohnheim umgeschaut hatte, drohte neuer �rger. So gab er den ersten Namen an, der ihm in den Sinn kam. �Murray, John Murray.�</p><p>Nach dem Ende seiner Nachtwache um sechs Uhr morgens ging John zum Rabenhaus, um das Futter herzurichten. Obwohl es noch dunkel war, wurden die V�gel munter, w�hrend er das Fleisch und die hartgekochten Eier kleinschnippelte. Er f�llte ihre N�pfe, �ffnete die Voliere und ging dann in seine Wohnung, um vor seinem nachmitt�glichen Besucherdienst einige Stunden bitter ben�tigten Schlaf hereinzuholen.</p><p>Bevor er seine erste Gruppe vor dem White Tower abholte, machte er einen Abstecher in Mullins� B�ro. �Chief, haben Sie von Sir Fitzgerald geh�rt?�</p><p>�Nein. Er wollte mich nach seinem Gespr�ch mit dem Staatsanwalt anrufen, aber bis jetzt warte ich noch auf Nachricht von ihm. Stattdessen hatte ich vorhin einen Anruf von Richard Campbell. Er wollte sich bei mir und nat�rlich auch bei Ihnen f�r die Rettung seiner Mutter bedanken. Allerdings schien er mir einigerma�en verwirrt, weil Marcia ihm sagte, sein Vater w�re unschuldig. Er wollte wissen, wie wir darauf k�men. Als ich ihm von Ihrem Gespr�ch mit George erz�hlte, schien er es gar nicht recht glauben zu k�nnen.� Er sah John scharf an.</p><p>�Sie sind sich Ihrer Sache doch sicher, Mackenzie? Wenn wir Marcia vergebens Hoffnung gemacht h�tten, w�re das sehr grausam.� John hielt seinem Blick stand.</p><p>�Ich bin mir sicher, Sir: Wer auch immer Julia Feldmann umgebracht hat, George war es nicht.� Mullins nickte.</p><p>�Gut. Da wir Richard ja noch nicht von der Liste der Verd�chtigen gestrichen haben, dachte ich mir, ich f�hle ihm doch gleich mal auf den Zahn. Also fragte ich ihn, ob ihm irgendetwas aufgefallen ist, w�hrend sein Vater mit den G�sten bei der Schl�sselzeremonie war. Aber er hat nur das best�tigt, was Owen Ihnen schon sagte: Dass sie beide in der Bar von ihren Mobiltelefonen aus Gespr�che mit Sponsoren gef�hrt h�tten. Auch meine Frage, ob einer der beiden den Club zum Rauchen verlassen hat, verneinte er.�</p><p>�Hm. Das k�nnte die Wahrheit sein, oder die beiden haben sich abgesprochen, wer wei�. Mir kam gestern Nacht die Idee, mir das Umfeld von Julia Feldmann n�her anzusehen. Heute nach Dienstschluss werde ich mir ihr Apartment ansehen. Vielleicht kann ich ja mit ihren Nachbarn ins Gespr�ch kommen.� Der Chief sah ihn erstaunt an.</p><p>�Wie haben Sie das geschafft? Unser hochgesch�tzter Superintendent gew�hrt Ihnen doch sicher keinen Zutritt zu der Wohnung.� John grinste.</p><p>�Nat�rlich nicht. Aber die Polizei hat offensichtlich alle Spuren gesichert und das Apartment zur Neuvermietung frei gegeben. Also kann ich es heute als treusorgender Vater einer Studentin und potenzieller Mieter besichtigen.� Mullins pfiff anerkennend.</p><p>�Sie Schlitzohr! Na, dann viel Gl�ck und lassen Sie sich nicht von Ihrem Cousin erwischen.�</p><p>Eine Traube junger Leute quoll aus dem Haupteingang der High Holborn Residence, als John hineinging. Er meldete sich am Empfang und wurde von einem freundlichen jungen Mann, den sein Namensschild als Carl auswies, in den zweiten Stock gef�hrt.</p><p>�Da w�ren wir. Alle unsere Apartments sind voll m�bliert, wie Sie sehen. Dusche und K�che sind gleich hier, m�ssen allerdings mit vier weiteren Studenten geteilt werden.�</p><p>�Carl, die T�r der Mikrowelle klemmt schon wieder! Sieh dir das mal an.� Eine in Joggingsachen gekleidete junge Frau stand vor der K�chenzeile, die H�nde in die H�ften gestemmt.</p><p>�Bin schon da, Alison. Sehen Sie sich ruhig um, Mr. Murray.� Carl wandte sich dem widerspenstigen Ger�t zu. John wanderte in das Einzelzimmer, das Julia Feldmann bewohnt hatte. Auf engem Raum dr�ngten sich ein schmales Bett, ein Schreibtisch mit zwei St�hlen, ein Kleiderschrank und ein B�cherregal. Das kleine Waschbecken war blank geputzt, konnte sein Alter genauso wie das zweckm��ige Mobiliar aber nicht leugnen. Alles in allem f�hlte John sich stark an seine eigene Studentenbude erinnert, mit Ausnahme des modernen Telefons auf dem Schreibtisch. Die W�nde waren leer, auf dem Boden kein Kr�mel. Er warf einen schnellen Blick durch die halb offene T�r hinaus. Carl war immer noch mit dem Mikrowellenger�t besch�ftigt. Er �ffnete den Kleiderschrank. Auch hier herrschte g�hnende Leere, wie auch in dem kleinen zimmereigenen Safe, dessen T�r offen stand. Auch in den Schreibtischschubladen war nichts zur�ckgeblieben, ebensowenig wie unter der Matratze, die John verstohlen anhob.</p><p>Als er wieder in die K�che hinausging, kam er sich wie ein Idiot vor. Was hatte er erwartet? Einen Notizzettel mit dem Namen ihres Drogendealers? Fotos, die sie f�r eine Erpressung verwenden wollte? Den Namen ihres M�rders in die gr�ssliche beige Wandfarbe geritzt?</p><p>Drau�en hatte Carl endlich das Problem gel�st und Alison holte einen Becher erhitzte Nudelsuppe aus der Mikrowelle. Ohne ein Dankeswort verlie� sie die K�che und verschwand in ihrem Zimmer. Carl zuckte mit den Schultern und sah John fragend an.</p><p>�Denken Sie, es gef�llt Ihrer Tochter? Nat�rlich ist die Einrichtung nicht die neueste und die Farbe muss irgendwann erneuert werden, aber daf�r haben wir einen gut ausgestatteten Computerraum mit allen Schikanen, eine Bar mit Billardraum und eine hauseigene W�scherei. Und die Lage ist unschlagbar.� John l�chelte �ber den Eifer des jungen Mannes.</p><p>�Am besten soll sie es sich selbst einmal ansehen. Ich f�r meinen Teil finde es ganz in Ordnung. Sagen Sie, k�nnen Sie mir etwas �ber die Mitbewohner sagen? Meine Tochter m�chte aus ihrer jetzigen Wohnung ausziehen, weil es mit den anderen Mitgliedern der Wohngemeinschaft einfach nicht passt. Ich will nicht, dass das wieder passiert.� Carl �berlegte angestrengt.</p><p>�Hm. Wir haben vierhundertf�nfzig Studenten im Haus und ich arbeite erst seit ein paar Monaten hier, da kenne ich nat�rlich bei weitem nicht alle. Am ehesten noch die�, er wies mit einer Kopfbewegung auf Alisons geschlossene T�r, �die sich �fter mal beschweren, weil irgendeine Kleinigkeit nicht in Ordnung ist. Auf jeden Fall ist dies eine rein weibliche Gruppe. Au�er Alison kenne ich nur noch Jean Falston pers�nlich, die ist ganz in Ordnung.�</p><p>�Haben Sie auch die Vormieterin des Zimmers gekannt? Die umgebracht wurde?�</p><p>Carl nickte. �Julia Feldmann. Die ist mir aufgefallen, weil sie besonders ruhig und zur�ckhaltend war. Durchaus h�flich, aber, Sie wissen schon, so ein bisschen R�hr-mich-nicht-an.�</p><p>�Ich wei�, was Sie meinen. Hatte sie Kontakte zu ihren Mitbewohnerinnen?�</p><p>�Keine Ahnung. Wahrscheinlich kaum, die hatte wohl immer nur ihr Studium im Kopf. Unten in unserer Bar hab ich sie auf jeden Fall nie gesehen. Wollen Sie denn mit Ihrer Tochter noch einmal vorbeikommen? Dann sollten Sie sich beeilen, es hat sich schon herumgesprochen, dass das Zimmer wieder zu haben ist. Heute war bereits eine Studentin da, um es zu besichtigen.� Er begleitete John zum Ausgang.</p><p>Unzufrieden mit sich selbst lenkte John seine Schritte zur U-Bahn Station Covent Garden. Doch schon nach wenigen Metern wurde er gestoppt, als jemand von hinten seinen Arm ergriff und zischte, �Mr. Mackenzie, was haben Sie hier verloren? Mischen Sie sich etwa in die Ermittlungen der Metropolitan Police ein?�</p><p>Ertappt fuhr er herum � und stand seiner Nichte gegen�ber, die vergn�gt losprustete.</p><p>�Renie! Was tust du hier? Und was soll das �berhaupt?� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 16</strong></p></title><p>�Oh John, nicht b�se sein! Ich helfe dir bei deinen Nachforschungen, was sonst?� John stand, wie vom Donner ger�hrt.</p><p>�Wie�was�� Resolut ergriff Renie seinen Arm.</p><p>�Komm, am besten l�dst du mich zum Abendessen ein, dann k�nnen wir reden. Ich wei� auch schon, wo wir hingehen.� Minuten sp�ter �ffnete sie schwungvoll die T�r zu einem der zahlreichen All-you-can-eat-Buffets in Chinatown. Nachdem sie den Kellner wie einen alten Bekannten begr��t hatte, strebte sie durch den l�rmigen Raum auf einen kleinen Tisch zu, der in die hintere Ecke gezw�ngt war. John quetschte sich auf den wackligen Plastikstuhl und hob an, �Renie, du erkl�rst mir jetzt sofort � �</p><p>�Gleich, John. Erst mal holen wir uns was zu essen. Was willst du trinken?�</p><p>��h, einen Jasmintee, bitte.� Renie pl�rrte seine Bestellung quer durch den Raum und zog ihn dann zum Buffet.</p><p>�Hier, das doppelt gebratene Rindfleisch, das musst du probieren, himmlisch. Und die Ente mit Gem�se. Die Fr�hlingsrollen w�rde ich mir sparen, die triefen nur so vor Fett. Aber die gebratenen Nudeln mit Huhn sind daf�r wieder Spitzenklasse.� Mit vollgeh�uften Tellern bahnten sie sich ihren Weg zur�ck zum Tisch, auf dem Johns Tee bereits auf ihn wartete, dazu ein gro�es Glas mit Saft f�r Renie. �Mangosaft, den trinke ich hier immer, sehr lecker. Und nun guten Appetit.�</p><p>�Renie!� John, der sich von seiner �berrumpelung erholt hatte, starrte seine Nichte durchdringend an.</p><p>Sie grinste unger�hrt zur�ck. �Genie� dein Essen mit der k�nftigen Entwicklungshilfeministerin.�</p><p>�Oh, mein Gott, du hast deine Mutter und mich gestern belauscht!� John verschluckte sich an einem St�ck Huhn. Renie sprang auf und klopfte ihm auf den R�cken, bis er keuchend abwinkte. �Geht� schon wieder.� Er nahm einen Schluck Tee und atmete tief durch. �Maggie hatte recht, du bist wirklich �ber die Ma�en neugierig.� Pl�tzlich d�mmerte ihm etwas. �Du warst die Studentin, die vor mir Julia Feldmanns Zimmer besichtigt hat!�</p><p>�Na, das war ja wohl der logischste Ansatzpunkt. So, wie Mum es gestern berichtet hat, gibt es ja wohl Zweifel daran, dass dein Freund George tats�chlich der M�rder ist. Also m�ssen wir doch �berpr�fen, ob sie irgendwelche Kontakte zu anderen Personen hatte, die ebenfalls an dem Abend im Tower waren. Und am ehesten d�rften dar�ber ihre Mitbewohnerinnen Bescheid wissen.�. John musste eingestehen, dass Renies Gedankeng�nge seine eigenen widerspiegelten.</p><p>�Mit derselben Idee bin ich auch hergekommen.�, brummte er. �Aber ich habe keine Gelegenheit gefunden, mich mit einer von ihren Nachbarinnen zu unterhalten und dieser Carl konnte mir auch nichts Neues erz�hlen.�</p><p>�Tja, Onkelchen, ich will dich ja nicht beleidigen, aber was Kontakte kn�pfen angeht, da bin ich offensichtlich erfolgreicher als du. Zumindest, was die Studentenszene betrifft. Ich treffe mich nachher mit ein paar Leuten aus dem Wohnheim, um ins Kino zu gehen. Eins der M�dchen, eine Wanda Irgendwie, war Julias Zimmernachbarin.� Mit einem triumphierenden L�cheln schob sie sich eine weitere volle Gabel in den Mund.</p><p>John konnte nicht anders, er musste lachen. �Du bist wirklich unglaublich. Also gut, ich gebe zu, du hast viel bessere M�glichkeiten als ich oder auch die Polizei, dort etwas herauszufinden. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum du das tust.�</p><p>�So ganz genau � kann ich dir das nicht beantworten.�, sagte sie langsam. �Geheimnisse und R�tsel zu l�sen, hat mich immer schon gereizt, je schwieriger sie waren, desto besser. Ich find�s toll, dass du und Mum versucht, deinem Freund zu helfen. Ich bezweifle n�mlich, dass Gro�cousin Simon, dieser Kotzbrocken, ein echtes Interesse daran hat, den T�ter zu finden. Zumindest, solange er der �ffentlichkeit George Campbell so bequem als Verd�chtigen pr�sentieren kann. Vielleicht suche ich auch nur ein wenig Ablenkung, weil an der Uni vor Weihnachten kaum noch etwas zu tun ist � und Langeweile hasse ich wie die Pest.�, schloss sie lachend.</p><p>John rang einige Minuten mit sich, dann kam er zu einem Entschluss. �Okay, Renie, so wie ich dich kenne, kann ich dir sowieso nicht verbieten, dich mit diesen jungen Leuten zu treffen. Da du durch dein Lauschen ohnehin schon die brisantesten Details der Geschichte kennst, werde ich dir jetzt alles erz�hlen, was ich wei�. Daf�r versprichst du mir Folgendes: Du rufst mich regelm��ig an und h�ltst mich auf dem Laufenden. Du bist vorsichtig und triffst dich keinesfalls allein mit irgendwelchen Fremden. Und nicht zuletzt sprichst du gleich morgen mit deiner Mutter �ber alles. Maggie w�rde mich umbringen, wenn dir irgendetwas zusto�en w�rde.�</p><p>Renie zog eine Schnute. �Ach John, was soll mir schon passieren, wenn ich mich mit ein paar Studenten verabrede und ein paar klitzekleine Fragen stelle?�</p><p>�Untersch�tz� die Sache nicht. Immerhin wurden in Julias Rucksack Spuren von Amphetaminen gefunden. Wenn Drogen im Spiel sind, kann es schnell gef�hrlich werden.�</p><p>�Pff. John, du hast ja keine Ahnung. Eine Menge von den Studenten nehmen Uppers und Downers, je nachdem, was sie grade brauchen. Gerade in den Pr�fungszeiten haben Aufputschmittel Hochkonjunktur.�</p><p>�Renie � bitte sag, dass du so ein Zeug nicht nimmst.� Beunruhigt sah er sie an.</p><p>Aber seine Nichte winkte ab. �Quatsch. Aufputschmittel hab ich noch nie n�tig gehabt, bei mir ist sowieso immer Action. Hasch, na ja, das hab ich zwei-, dreimal probiert. Aber das ist schon fast zwei Jahre her.�, beeilte sie sich, hinzuzuf�gen. �Reg dich nicht auf. Es hat mir sowieso nichts gegeben. Ich hatte das Gef�hl, neben mir zu stehen und mir selber dabei zuzuh�ren, wie ich total bescheuertes Zeug labere. Nee, nee, das ist nichts f�r mich, ich hab lieber im Griff, was ich tue. Also keine Sorge. Aber ich kenne massig Leute, die sich zwischendurch mal was reinschieben. Mittelchen aller Art sind an der Uni leicht zu kriegen. Also jetzt setz mich mal ins Bild �ber alles, was nicht in den Zeitungen steht �ber unseren Fall.�</p><p>John atmete einmal tief durch und begann dann, die Geschehnisse seit jenem Dienstagabend wiederzugeben. Renie war sehr betroffen, als er ihr Marcias Suizidversuch schilderte. Als er abschlie�end von Whittingtons Man�ver berichtete, ihn und Mullins von George fernzuhalten, blitzten ihre Augen auf und sie sch�ttelte ihre kurzen braunen Locken. �Dieser miese Typ, dieser hinterh�ltige Widerling, dieser A�� John war froh, dass um sie herum lauter ausl�ndische Touristen sa�en, die sich vor den Abendshows im West End ein billiges Abendessen g�nnten. Unversehens sah Renie auf die Uhr.</p><p>�Oh, ich muss ja los, sonst gehen die anderen ohne mich in die Vorstellung. Danke f�r das Essen, John. Ich ruf dich morgen an! Bye.�</p><p>W�hrend er zahlte, fiel ihm ein, dass sie ihm das geforderte Versprechen nun doch nicht gegeben hatte. Aber schlie�lich glaubte er im Grunde seines Herzens auch nicht daran, dass Renie mit ihren Amateurdetektivspielereien irgendetwas herausfinden konnte, das sie in Gefahr bringen sollte. Mit dieser Einsch�tzung sollte John jedoch falschliegen.</p><p>�Mackenzie, gute Nachrichten!� John sah Chief Mullins nach Abschluss einer F�hrung auf sich zueilen. Erstaunt bemerkte er, dass dieser die Beefeater-Uniform trug, was er sonst nur zu traditionellen Anl�ssen wie der Schl�sselzeremonie tat.</p><p>�Stellen Sie sich vor, Sir Fitzgerald konnte erreichen, dass wir wieder mit George sprechen d�rfen. Ich will, dass Sie gleich hinfahren.�</p><p>�Sehr gern, Sir. Aber ich habe noch zwei F�hrungen heute.�</p><p>�Was denken Sie, wof�r ich mich in Schale geworfen habe? Ich vertrete Sie. Wollen doch mal sehen, ob ich�s noch draufhabe. Und jetzt ab mit Ihnen.�</p><p>Unbehaglich wartete John in der Eingangshalle von Scotland Yard, nachdem er sich angemeldet hatte. Er hoffte inst�ndig, dass Whittington ihn nicht wieder in sein B�ro zitieren w�rde. Als er jedoch ungehindert Zutritt erhielt und nach kurzer Zeit George Campbell gegen�bersa�, konnte er es kaum glauben.</p><p>�John, mein Freund! Ich � wei� nicht, wie ich dir danken soll. Sir Fitzgerald hat mir erz�hlt, dass du und der Chief Marcia gerettet habt.� John l�chelte und winkte ab, obwohl er beim Gedanken an das Bad in der Themse immer noch G�nsehaut bekam.</p><p>�George, am wichtigsten ist jetzt, dass du mir einige Informationen gibst. Wenn wir den T�ter finden k�nnen, kannst du endlich wieder nach Hause.� Bei diesen Worten schien George sich wieder in sich selbst zur�ckzuziehen. �Was � willst du wissen?�</p><p>�Zuerst einmal, wie deine Fingerabdr�cke auf den Rucksack von Julia Feldmann gekommen sind.� George z�gerte.</p><p>�Ich habe ihn aufgemacht, weil ich etwas gesucht habe.� Er verstummte.</p><p>�Was hast du gesucht?� Wieder Schweigen.</p><p>�Fotos.�</p><p>John atmete tief durch. �Dann stimmt meine Vermutung, dass sie dich erpresst hat?� George nickte.</p><p>�Worum ging es dabei?�</p><p>Nun trat ein st�rrischer Ausdruck in Georges Gesicht. �Das musst du nicht wissen. Es tut hier nichts zur Sache.� John sp�rte, wie �rger in ihm hochstieg.</p><p>�Bei aller Freundschaft, George: Ich denke schon, dass dies wichtig ist. Also: Was hatte sie gegen dich in der Hand?�</p><p>Als Campbell die Lippen aufeinander presste, platzte John der Kragen. �Verdammt noch mal, George, jetzt lass dir mal eines sagen: Mit deinem Verhalten h�ttest du Marcia um ein Haar in den Tod getrieben. Nicht nur die Polizei, nein, auch deine eigene Frau musste durch dein endloses Schweigen den Eindruck gewinnen, du w�rst schuldig. Kapierst du, George: Deine Frau wollte sich umbringen, um dich vom Mordverdacht zu befreien. In ihrem Abschiedsbrief hat sie die Tat auf sich genommen.�</p><p>Als John bemerkte, wie George kreidebleich wurde und zu zittern begann, bereute er seine harschen Worte.</p><p>�Oh Gott�, st�hnte George und vergrub den Kopf in den H�nden. �Was habe ich getan? Meine arme Marcia�.� Pl�tzlich schien ihm etwas einzufallen. �Aber� wieso hat die Polizei sie dann nicht verhaftet?�</p><p>�Mullins hat den Brief vernichtet. Au�er ihm und mir hat ihn keiner gelesen.�</p><p>�Und � ihr Gest�ndnis war sicher falsch?�</p><p>�Davon bin ich �berzeugt.� John sah seinen alten Freund, der um Fassung rang, lange an. Dann fuhr er mit sanfter Stimme fort.</p><p>�Du hattest die Bef�rchtung, sie k�nnte Julia Feldmann get�tet haben. Du warst dir nicht sicher, ob sie etwas von dem Anruf mitbekommen hatte, bei dem das M�dchen dich f�r Dienstagabend in die Water Lane bestellt hatte. An dem Abend wollte sie ihr Geld und daf�r wollte sie dir Fotos �bergeben. Auf den Fotos war Richard, nicht wahr?�</p><p>George schluckte. �Ja�, brachte er dann heiser hervor. �Er � ist fotografiert worden, als er Drogen gekauft hat. Und auch, als er sie genommen hat. Stell� dir vor, was es f�r ihn bedeutet h�tte, wenn solche Fotos an die �ffentlichkeit gekommen w�ren!� In seine Wangen kehrte wieder etwas Farbe zur�ck. �Er, der als vehementer K�mpfer gegen Drogen in den Wahlkampf gezogen ist. Das h�tte ihn vernichtet, all seine Hoffnungen und Pl�ne zerst�rt� Und es h�tte auch Marcia zerst�rt.�</p><p>John gingen einige bitterb�se Gedanken �ber doppelte Moral durch den Kopf.</p><p>Laut sagte er jedoch, �George, dir ist doch klar, dass im Zeitalter von Digitalkameras, in denen Daten auf irgendwelchen Computerchips unbegrenzt vervielf�ltigt werden k�nnen, ein paar Fotos �berhaupt kein Beweis gewesen w�ren, dass das M�dchen nach deiner Zahlung wirklich Stillschweigen bewahrt h�tte.�</p><p>George hob hilflos die Achseln. �Sie hat es versprochen. Und ich habe ihr geglaubt. Die �bergabe der Fotos war mehr �symbolisch. Und ich hatte doch keine andere Chance. Sie sagte, sie w�rde die Fotos ohne die Zahlung � sie wollte zwanzigtausend Pfund � gleich am n�chsten Tag an die News of the World weiterleiten. Ich musste es wenigstens probieren.�</p><p>�Was sagte sie genau, als sie dich anrief?�</p><p>George �berlegte. �Zuerst fragte sie, ob ich der Vater von Richard Campbell sei. Als ich das bejahte, fragte sie weiter, ob ich ein Interesse daran h�tte, seinen Ruf zu sch�tzen. Ich wusste nicht, was sie meinte. Da erz�hlte sie mir von den Fotos. Sie k�ndigte an, dass sie an jenem Abend bei der Schl�sselzeremonie dabei sein w�rde. Ich sollte sie am Verr�tertor treffen, nachdem die Besuchergruppe in den Innenhof weitergegangen war. In den paar Minuten, bevor die Leute wieder herausk�men, sollte die �bergabe stattfinden.�</p><p>�Aber du warst nicht zum vereinbarten Zeitpunkt dort. Du warst mit Richards G�sten bei der Zeremonie.�</p><p>George nickte. �Ich stand dort wie auf hei�en Kohlen. Dass ausgerechnet an dem Abend diese Politikerfreunde von Richard kommen mussten! Nat�rlich konnte ich nicht nein sagen, als Richard mich bat, die Herren herumzuf�hren und zu betreuen. Und ich konnte sie ja w�hrend der Schl�sselzeremonie auch nicht einfach allein lassen. Also habe ich sie, kaum dass der letzte Ton des Zapfenstreichs verklungen war, auf k�rzestem Weg in den Club zur�ckgebracht und bin unter einem Vorwand wieder hinaus. Die Besuchergruppe war gerade am Verr�tertor vorbeigegangen auf dem Weg zum Ausgang. Ich bin hinterher, in der Hoffnung, das M�dchen am Ausgang noch abzupassen. Nat�rlich habe ich einen Blick hinunter in die Nische geworfen, weil ich dachte, sie h�tte vielleicht dort auf mich gewartet. Da sah ich sie.� George lie� den Kopf wieder h�ngen.</p><p>�Ich sch�me mich so. Ich h�tte sofort Alarm schlagen sollen, als ich sie gefunden habe. Aber als ich sah, dass das M�dchen tot war, war ich � erleichtert. Wie ein Idiot habe ich gehofft, nun w�rde niemand von der Sache mit Richard erfahren. Ich habe nach ihrem Rucksack gegriffen und ihn nach den Fotos durchsucht. Weil ich die Schnalle nicht aufbrachte, habe ich meine Handschuhe ausgezogen. Nat�rlich habe ich in dem Moment nicht an die Fingerabdr�cke gedacht, die ich hinterlassen w�rde.�</p><p>�Hast du etwas gefunden?�</p><p>�Ja. Sie hatte die Fotos wie versprochen dabei.�</p><p>�Was hast du mit ihnen gemacht?� John beugte sich gespannt nach vorne.</p><p>�Ich habe sie noch in der Nacht in kleine St�cke gerissen und ins Klo gesp�lt.� Die beiden M�nner sahen sich lange an. Dann breitete George flehentlich die H�nde aus.</p><p>�Was soll ich nur tun, John? Wenn ich der Polizei die Wahrheit sage, lassen sie mich vielleicht frei � falls sie mir �berhaupt glauben. Aber damit ruiniere ich gleichzeitig das Leben meines Sohnes.� John suchte nach Worten. Das Dilemma des Ravenmasters lie� keine einfache L�sung zu.</p><p>�Denkst du, Richard k�nnte das M�dchen get�tet haben?�, fragte er schlie�lich. George sah ihn schmerzerf�llt an.</p><p>�Wie gerne w�rde ich dir sagen, John, dass ich das f�r ausgeschlossen halte � aber ich kann es nicht. Richard hat mir selbst gesagt, er w�re zusammen mit Nigel Owen in der Bar geblieben, um zu telefonieren, w�hrend ich mit seinen Parteifreunden bei der Schl�sselzeremonie war. Owen muss das wohl best�tigt haben, sonst h�tte die Polizei Richard sicher schon l�ngst zum Verh�r geholt. Aber dennoch��</p><p>�Du bef�rchtest, Owen k�nnte f�r ihn gelogen haben, nicht wahr?�</p><p>George nickte stumm. �Was soll ein Vater in solch einer Situation nur tun?� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 17</strong></p></title><p>Mullins hieb mit der flachen Hand auf die Armlehne seines Ledersessels. �Was f�r eine verfahrene Geschichte!�, rief er aus, als John ihm alles berichtet hatte. �F�r mich ist es sonnenklar, dass Richard daf�r geradestehen muss, was auch immer er getan hat. Ob er nun �nur� Drogen kauft und einnimmt, obwohl er gerade das �ffentlich immer wieder lauthals verteufelt, oder ob er sogar ein M�rder ist � der Mann sollte verdammt noch mal zur Rechenschaft gezogen werden.�</p><p>John nickte nachdenklich. �Ich sehe das genauso. Aber wir sind nun mal beide keine Familienv�ter. F�r George w�re der Preis f�r seine Freiheit, das eigene Kind ans Messer zu liefern. Nach unserem heutigen Gespr�ch kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich zu einer Aussage wird durchringen k�nnen.�</p><p>Mullins sprang auf. �Wir k�nnen doch nicht zulassen, dass er um Richards Willen unschuldig im Gef�ngnis sitzt. Was k�nnen wir nur tun?�</p><p>�Sie kennen Richard seit vielen Jahren. Trauen Sie ihm diesen Mord zu?�</p><p>Mullins lie� sich wieder in seinen Sessel fallen. �Das ist schwer zu sagen. Die Geschichte mit den Drogen wundert mich auf jeden Fall nicht. Wie ich Ihnen ja schon erz�hlte, war Richard immer schon ein Mensch, der im Zweifelsfall den bequemen Weg gew�hlt hat. Es war auch nie seine St�rke, �ber die Folgen seiner Handlungen nachzudenken. Aber ein Mord�� Mullins knetete gr�belnd seine Oberlippe. �Das Motiv leuchtet mir ein. Falls er spitzgekriegt hatte, dass Julia Feldmann drohte, brisante Fotos zu ver�ffentlichen, k�nnte ich mir vorstellen, dass bei ihm eine Sicherung durchbrannte.�</p><p>John beugte sich nach vorn. �Aber genau das ist es, was mich st�rt. Warum h�tte er sie dann ausgerechnet hier im Tower umbringen sollen? Wo von vorneherein klar war, dass die Tat enormes Aufsehen erregen w�rde und die Zahl der Verd�chtigen auf einen recht engen Kreis begrenzt w�re, dem Richard automatisch angeh�ren w�rde? Da h�tte es doch sicher tausend andere M�glichkeiten gegeben, dem M�dchen aufzulauern.�</p><p>�Richtig. Das ergibt keinen Sinn.� Beide M�nner starrten in das prasselnde Feuer, das Schatten �ber die W�nde des B�ros tanzen lie�.</p><p>�Wissen Sie, Mackenzie�, hob Mullins schlie�lich an. �Was f�r mich zu dem Bild von Richard als M�rder nicht passt: Dass er kaltbl�tig zusehen w�rde, wie sein Vater an seiner Stelle im Gef�ngnis sitzt. Sicher, er ist oberfl�chlich, karrieres�chtig und manipulativ. Aber das Verh�ltnis zwischen ihm und seinen Eltern schien mir doch recht herzlich zu sein. Nein, nein, ich habe eher das Gef�hl, dass er ehrlich �berrascht war, als ich ihm von der Unschuld seines Vaters erz�hlte.�</p><p>�Dann sollten wir all diejenigen, die noch auf unserer Liste der Verd�chtigen stehen, genauer unter die Lupe nehmen. Irgendwie m�ssen wir versuchen, herauszufinden, ob noch jemand eine Verbindung zu der Studentin hatte.� John stand auf und streckte seinen verspannten R�cken. �Ich habe eine Idee, wer uns da vielleicht helfen k�nnte. Vorerst br�uchte ich aber Zugang zu unserem Archiv.�</p><p>�Yo�, drang es gelangweilt aus dem H�rer, nachdem John Maggies Nummer gew�hlt hatte.</p><p>�Hallo Tommy, John hier. Ist deine gro�e Schwester zuf�llig da?�</p><p>�Mhm. Renie! Onkel John ist am Rohr!� John konnte h�ren, wie Tommy davonschlurfte. Dann drangen andere, entfernte Stimmen an sein Ohr, die zunehmend erz�rnt klangen. Er konnte sich unschwer ausmalen, um was es bei dieser Auseinandersetzung ging und er verfluchte, dass er sich so leichtfertig auf Renies Detektivspielereien eingelassen hatte.</p><p>Nach einigen Minuten h�rte er, wie sich Schritte n�herten und der H�rer hochgerissen wurde. �Deine Nichte treibt mich in den Wahnsinn.� Seit ihrer Kinderzeit hatte er seine Schwester nicht so schreien h�ren. Schuldbewusst zog John den Kopf ein.</p><p>�Maggie, es tut mir wirklich leid. Ich h�tte Renie nicht in meine Nachforschungen hineinziehen sollen.�</p><p>�Hah! Hineinziehen! Unser Hallo-jetzt-komme-ich-und-rette-die-Welt-Fr�ulein hat sich wie ein Kampfhund darauf gest�rzt. Und es ist ihr schei�egal, ob sie um ihrer verdammten Neugierde willen ihrer eigenen Mutter hinterherspioniert oder sich selbst m�glicherweise in Gefahr bringt, nein, sie ist ja Miss Hughes-ich-kann-alles, wei�-alles, darf-alles.�</p><p>Maggie redete sich immer mehr in Rage, bis ihre Stimme �berschnappte. Im Hintergrund konnte John Renie h�ren, die ebenfalls in h�chsten T�nen keifte. Pl�tzlich noch eine dritte Stimme, ver�ngstigt. �Mum, was ist denn los? Wieso schreit ihr so?�</p><p>Maggie atmete tief aus. �Bella, Sch�tzchen, deine gro�e Schwester und ich haben Streit, aber das hat nichts mit dir zu tun, mach dir keine Sorgen. Wei�t du was, sprich doch ein wenig mit deinem Onkel John und ich unterhalte mich mit deiner Schwester. John, gib uns ein paar Minuten.�, wandte sie sich wieder an ihren Bruder und gleich darauf kam Bella an den Apparat. �Onkel John, wei�t du, was los ist?�, fragte Bella immer noch beunruhigt.</p><p>�Nichts Schlimmes, mein M�dchen. Du kennst ja das Temperament deiner Mutter und deiner Schwester, bei ihnen kracht es zwischendurch mal und dann ist wieder alles in Ordnung. Wie war�s heute in der Schule, erz�hl mal.� Im Fl�sterton vertraute Bella ihm an, welche Weihnachtsgeschenke sie im Werkunterricht gebastelt hatte. �Aber nichts verraten!� John versprach es. �Da kommt Renie, Onkel John. Sie will dich sprechen. Wiedersehen!�</p><p>Eine kleinlaute Renie meldete sich. �Mann, so habe ich Mum zuletzt ausflippen sehen, als ich in der dritten Klasse Dads Autoschl�ssel geklaut und versucht habe, selbst zur Schule zu fahren.�</p><p>�Du hattest deiner Mutter wohl nichts von unserem Gespr�ch gestern Abend erz�hlt, obwohl ich dich dringend darum gebeten hatte?�</p><p>�Das h�tte ich zu einem geeigneten Zeitpunkt schon noch gemacht. Aber als dein Anruf vorhin kam, sa�en wir gemeinsam im Wohnzimmer und haben Weihnachtsgeschenke verpackt. Nat�rlich war sie neugierig, warum du anrufst und mir ist so schnell keine Ausrede eingefallen.� John h�rte, wie sie sich auf die Stirn schlug.</p><p>�Ich h�tte einfach sagen k�nnen, es ginge um ein Weihnachtsgeschenk f�r sie. Mist, warum ist mir das nicht eher in den Sinn gekommen?�</p><p>�Renie!�</p><p>�Ja, ist ja gut, jetzt ist es wenigstens raus. Als ich ihr sagte, dass ich euer Gespr�ch an dem Abend zuf�llig mitgeh�rt hatte, dachte ich, jetzt platzt ihr gleich eine Ader. Na wenigstens ist ihre gr��te Wut schon verpufft. Das geht ja schnell bei ihr. Allerdings hab ich ihr das Beste noch gar nicht gesagt.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Eins der M�dchen hat mir erz�hlt, dass Julia �fters im �Laughing Dragon�, einem gro�en chinesischen Lokal in der N�he des Wohnheims bedient hat. Also bin ich heute fr�h gleich dort hin und hab gefragt, ob sie aushilfsweise jemanden brauchen und sie haben ja gesagt. Morgen bin ich schon in der Abendschicht!�, schloss sie triumphierend.</p><p>John musste zugestehen, dass dies eine gute Gelegenheit sein konnte, Julias Arbeitskollegen zu befragen. Eingedenk der eben erlebten Szene sagte er jedoch streng, �Du gehst jetzt auf der Stelle zu deiner Mutter und fragst sie, ob sie damit einverstanden ist.�</p><p>Renie murrte, erkannte aber, dass es ihm ernst war. �Bin gleich wieder da.� Wieder vergingen einige Minuten. Dann h�rte John die Stimme seiner Schwester, die offensichtlich ihre Selbstbeherrschung wieder gewonnen hatte.</p><p>�John? Dieses M�dchen ist einfach wie ein Rhinozeros, das einmal in Gang gekommen durch alles hindurchpfl�gt. Ich bef�rchte, es w�rde nichts bringen, wenn ich ihr diesen Job verbieten w�rde. Allerdings habe ich ihr das Versprechen abgenommen, nachts f�r den Heimweg ein Taxi zu nehmen.�</p><p>�Mum! Ich bin doch kein kleines Kind! Au�erdem bin ich dann meinen halben Lohn schon wieder los.�, h�rte John Renie aufbegehren.</p><p>�Sag ihr, dass ich das Taxi bezahlen werde, Maggie. Ich k�nnte es mir nicht verzeihen, wenn Renie irgendwie in Gefahr k�me.�</p><p>�Also gut. Und halt mich auf dem Laufenden, John, ja? Auf meine Tochter kann ich mich ja leider nicht verlassen.� Mit dieser Spitze verabschiedete sie sich und reichte den H�rer an ihre Tochter weiter.</p><p>�Auf meine Tochter kann ich mich ja leider nicht verlassen�, �ffte Renie sie nach. John seufzte. Es gab Momente, in denen er zutiefst dankbar war, keine eigene Familie zu haben. Dieser geh�rte dazu.</p><p>Er lie� sich von Renie die Adresse des Lokals geben. �Ginge es, dass ich dir morgen einen Packen Fotos vorbeibringe? Ich habe von den Mitgliedern der Tower-Mannschaft, die noch auf unserer Verd�chtigenliste stehen, Archivbilder herausgesucht. Wenn du in dem Lokal jemanden findest, der Kontakt mit Julia hatte, k�nntest du die Fotos herumzeigen. Vielleicht hat sie jemand mit einem der Abgebildeten gesehen.�</p><p>�Gute Idee, John. Nat�rlich mache ich das.�</p><p>�Allerdings br�uchten wir noch Aufnahmen von Richard Campbell und auch von seinem Manager.�</p><p>�Ach, das ist kein Problem. Die finde ich mit Sicherheit im Internet. So professionell, wie Richard seinen Wahlkampf f�hrt, hat er sicher eine eigene Seite im Netz. Treffen wir uns doch zum Fr�hst�cken bei Collier�s, dann kannst du mir die Fotos geben.� Als sie sich verabschiedeten, h�rte sie sich schon wieder vergn�gt und voller Tatendrang an.</p><p>Obwohl er sich ersch�pft f�hlte, schlief John in dieser Nacht erst sp�t ein. Kurze Zeit sp�ter schreckte er hoch, weil er getr�umt hatte, das Telefon w�rde klingeln. Das Rrring, Rrring, war so intensiv gewesen, dass er aus dem Bett sprang und zum Telefon hastete. Erst als er den H�rer in der Hand hielt, aus dem das Freizeichen erklang, wurde ihm bewusst, dass er getr�umt hatte. Brummelnd suchte er sich in der dunklen Wohnung den Weg zur�ck ins Bett.</p><p>Die Uhr von St. Peter ad Vincula schlug zehn. Der Zapfenstreich des Trompeters verklang. John trat durch den d�steren Durchgang im Bloody Tower hinaus in die von dickem Nebel verh�llte Water Lane. Der Nebel schien ihn zu verschlucken. Er h�rte die Themse leise gluckern. Ohne jede Orientierung tappte er herum, bis er sich pl�tzlich schmerzhaft das Bein an etwas Metallischem stie�. Das Gel�nder vor dem Verr�tertor. Er klammerte sich daran, dankbar f�r einen Halt in diesem undurchdringlichen Wabern. Mit einem Mal teilten sich die Schwaden und er konnte vor sich die Nische sehen, hinter der sich das Falltor in der Festungsmauer als Silhouette abzeichnete. Zwei Gestalten waren dort unten, eine davon in der vertrauten Uniform der Beefeater. �Wer ist da?�, rief er. Da wandte sich ihm die uniformierte Gestalt zu, beide H�nde in einen Schal verkrampft, der um den Hals eines gesichtslosen M�dchens lag. �George!�, h�rte John sich ausrufen. �H�r auf, du bringst sie ja um!� Dann jedoch bemerkte er, dass Georges Arme von d�nnen Seilen gehalten wurden, ebenso sein Kopf und seine Beine. Oh Gott, er ist eine Marionette. Neben John tauchte aus dem Nichts ein junges M�dchen auf. Angela. �Dieses Mistst�ck hat es verdient, endlich mal eins auf die M�tze zu kriegen.� Sie kicherte d�monisch und l�ste sich in Luft auf.</p><p>Das Herz klopfte John bis zum Hals, als er erwachte. Er tappte zum Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Genauso wie in seinem Traum hatten sich dichte Nebelschwaden �ber den Tower gelegt, die alles verschluckten. W�hrend er wartete, dass sein Herzschlag sich beruhigte, hatte er das Gef�hl, dass sich in dem Gewirr in seinem Kopf pl�tzlich Konturen abzuzeichnen begannen. Morgen � oder vielmehr heute � fr�h musste er nach seinem Treffen mit Renie als erstes in den Yard. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 18</strong></p></title><p>�Aber das kommt mir doch sehr weit hergeholt vor. Du glaubst also ernsthaft, dass jemand diesen Mord begangen hat, um ihn mir in die Schuhe zu schieben? Wie k�nnte ein Mensch derart � b�sartig sein?�</p><p>�Rache ist eine m�chtige Triebfeder, George. Und mir kommt dieser ganze Mord mittlerweile vor wie eine sorgsam geplante Inszenierung, die darin h�tte gipfeln sollen, dass du am Tatort neben der eben verblichenen Julia Feldmann angetroffen wirst. Dabei h�tten die Fotos in ihrem Rucksack auch gleich noch das Motiv mitgeliefert.</p><p>Also bitte �berlege, ob dir jemand einf�llt, der � vielleicht schon seit langer Zeit � Rachegef�hle gegen dich hegen k�nnte.�</p><p>George legte die Stirn in Falten und schwieg eine Weile. Schlie�lich zuckte er mit den Schultern. �Mir f�llt wirklich niemand ein.�</p><p>John zog ein Papier aus der Tasche und hielt es vor die Plexiglasscheibe, so dass George es lesen konnte.</p><p>�Das sind all die Leute, die f�r den Mordabend kein Alibi haben. Haupts�chlich sind es M�nner aus unserer Truppe, die sich zusammen das Fu�ballspiel angeschaut haben. Von denen h�tte jeder unbemerkt ein paar Minuten im fraglichen Zeitraum verschwinden k�nnen, ohne dass es aufgefallen w�re. Dazu kommen Adams, der allein im Byward Tower Dienst hatte, unser Barmann, der angeblich hinten im Lagerraum geraucht hat, sowie Richard und Nigel Owen, falls einer f�r den anderen gelogen hat.�</p><p>George lie� langsam den Blick �ber die Liste wandern. �Hm, nat�rlich hat es �ber die Jahre hinweg gelegentlich kleinere Unstimmigkeiten mit dem einen oder anderen Kollegen gegeben, aber es ging nie um etwas Schwerwiegendes. Carl Ferris hatte damals, als der Posten des Ravenmasters nach der Pensionierung des alten Geoffrey neu besetzt werden sollte, ebenfalls Ambitionen auf die Stelle. Unser damaliger Chief entschied sich f�r mich und Ferris war dann eine Weile etwas verschnupft. Aber das ist zwanzig Jahre her und au�erdem bringt man doch wegen so einer Sache niemanden um.� Als er am Ende von Johns Aufzeichnungen angelangt war, sch�ttelte George ratlos den Kopf.</p><p>�Wie war es vor deiner Zeit im Tower? Gab es vielleicht w�hrend deiner Milit�rzeit einmal irgendeinen Vorfall, den dir jemand �belnahm?�, bohrte John unbeirrt weiter.</p><p>�Da war einmal etwas��, begann George z�gernd.</p><p>�Ja?�</p><p>�Es war in den letzten Wochen meiner Dienstzeit. Ich war als Nachschuboffizier meiner Einheit, der Seaforth Highlanders, in unserem Hauptquartier in Fort George stationiert.�</p><p>John nickte. Er hatte die Kaserne, die in einem Teil der gigantischen Festung aus dem achtzehnten Jahrhundert in der N�he von Inverness untergebracht war, vor langer Zeit mit seinen Eltern besichtigt.</p><p>�Da war dieser junge Sergeant, Gerry Burrows. Er war f�r die Medikamentenlieferungen an die Einheiten im Ausland zust�ndig. Er hatte einen raschen Aufstieg gemacht, war sehr engagiert und ehrgeizig. Eines Tages kam ich durch einen Zufall darauf, dass er einen Teil der Medikamente, besonders Psychopharmaka, beiseiteschaffte und einen schwungvollen Handel damit betrieb. Es waren nie gro�e Mengen und er hatte es so clever aufgezogen, dass �ber ein, zwei Jahre hinweg niemandem etwas aufgefallen war. Als ich ihn damit konfrontierte, versuchte er mit allen Mitteln, mich dazu zu bewegen, von einer Anzeige abzusehen. Er bot an, mich am Gesch�ft zu beteiligen. Er jammerte mir in h�chsten T�nen vor, dass eine Verurteilung wegen Unterschlagung zu seiner unehrenhaften Entlassung f�hren w�rde und seine Eltern am Boden zerst�rt w�ren. Er drohte, mir zusammen mit einigen Kameraden das Leben im Fort zur H�lle zu machen. Schlie�lich hatte er eine ganze Reihe Abnehmer f�r seine Mittelchen in unserer Kaserne, die durch mein Handeln ihre Nachschubquelle verloren. Na, wie dem auch sei, ich habe einen Bericht erstellt und an die F�hrung weitergeleitet. Kurz nach der Verhandlung bin ich aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und seither habe ich nie wieder von Gerry Burrows geh�rt.�</p><p>�Hmm. Wie alt m�sste der Mann jetzt sein?�</p><p>George �berlegte. �Ein paar Jahre �lter als du, sch�tze ich, so Mitte bis Ende Vierzig.�</p><p>�K�nnte er eine Verbindung zu einem unserer M�nner haben?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, John. Auf jeden Fall hat mir gegen�ber nie jemand erw�hnt, dass er ihn kennen w�rde.�</p><p>�Wir bitten Chief Mullins um Hilfe. Mit Sicherheit kennt er jemanden, der ihm Einsicht in die Milit�rarchive geben kann.�</p><p>Mit neu erwachter Energie machte John sich auf den R�ckweg in den Tower.</p><p>�Ich klemme mich sofort ans Telefon�, versprach Mullins, nachdem John ihm von seiner Theorie und dem Gespr�ch mit George erz�hlt hatte. �Ach, und dann habe ich noch eine kleine Aufgabe f�r Sie, Mackenzie: Sie wissen doch, dass morgen der gro�e Weihnachtsbasar unserer Handarbeitsgruppe abgehalten wird. George sollte als unser Ravenmaster auch ein paar Worte sagen. Da Sie ja momentan unser Rabenpfleger sind, �bernehmen Sie das. Am besten sprechen Sie mit Edwina Dunders dar�ber. Morgen fr�h um zehn Uhr geht es los.�</p><p>Wenig begeistert begab John sich in den Innenhof hinaus, wo eifrig an einer Reihe von Verkaufsbuden gezimmert wurde. Edwina war gerade dabei, einen bereits fertigen Stand mit Lichterketten zu schm�cken. �Ah, John, Sie kommen gerade recht. K�nnten Sie mir wohl behilflich sein? Ich reiche nicht so hoch hinauf.�</p><p>�Nat�rlich helfe ich Ihnen. Mein Dienst beginnt heute erst mittags, also habe ich noch ein wenig Zeit.� Er nahm der molligen Frau eine der Lichterketten ab und begann, sie zu befestigen.</p><p>�Mullins hat mich beauftragt, in Vertretung f�r George morgen bei der Er�ffnung des Basars einige Gru�worte zu sagen.�</p><p>Edwina strahlte. �Das ist sch�n. Erz�hlen Sie einfach ein paar Minuten �ber unsere Raben, das h�ren die Leute immer gern. Vielleicht ein, zwei lustige Geschichten, da f�llt Ihnen bestimmt etwas ein.� Im Stillen �berlegte John, ob eine anschauliche Schilderung seines blutigen F�tterungsunfalls zur vorweihnachtlichen Stimmung beitragen w�rde.</p><p>Nur noch ein Pflaster erinnerte an Brans Attacke. W�hrend der letzten Tage war schon so etwas wie Routine in die t�glichen Arbeiten f�r die Raben eingekehrt und auch die Tiere schienen sich an ihn gew�hnt zu haben.</p><p>�Ich glaube, wir werden dieses Jahr einen besonders gro�en Zulauf haben. Nat�rlich werden viele Leute in erster Linie kommen, um sich den Schauplatz des Mordes anzusehen und sich ein wenig zu gruseln � aber ich sage Ihnen was: Mir ist das egal. Wir sorgen schon daf�r, dass keiner wieder geht, ehe er nicht etwas gekauft hat. So tun selbst die Schaulustigen etwas f�r unsere gute Sache.� Edwina lachte vergn�gt und reichte John eine gro�e Plastikt�te.</p><p>�Sie machen das so wunderbar. Gro�, wie Sie sind, ben�tigen Sie nicht einmal eine Leiter zum Aufh�ngen. Denken Sie, Sie k�nnten auch die restlichen Lichterketten noch anbringen?� Entsetzt blickte John in die prall gef�llte T�te, aus der ein Gewirr an Kabeln und Leuchten heraushing. �Die � sollen alle aufgeh�ngt werden?�</p><p>Edwina nickte mit leuchtenden Augen. �Alles soll heimelig erleuchtet sein. Es wird herrlich aussehen.� John l�chelte schwach. Zwei Stunden sp�ter zog er sich mit knurrendem Magen eilends um. Zum Mittagessen war keine Zeit geblieben und auch die paar Kekse, mit denen Edwina ihn versorgt hatte, konnten seinen Hunger nicht dauerhaft stillen. Er w�nschte, er h�tte sich beim Fr�hst�ck mit Renie ebenso den Bauch vollgeschlagen, wie seine Nichte es getan hatte.</p><p>Stolz hatte sie ihm einige Aufnahmen von Richard und seinem Wahlkampfteam pr�sentiert. Auf seine wohlmeinende Ermahnung hin, nicht gleich mit der T�r ins Haus zu fallen, sondern erst einmal zu versuchen, das Vertrauen ihrer neuen Arbeitskollegen zu gewinnen, hatte sie nur �berlegen gel�chelt.</p><p>�Du und Mum, ihr meint immer, einen mit euren guten Ratschl�gen zupflastern zu m�ssen. Aber mach dir nicht ins Hemd, John, ich schaukle das Kind schon.� Mit dem Packen Fotos und Geld f�rs Taxi war sie winkend davongezogen.</p><p>Wo das M�dchen nur ihre unersch�pfliche Energie her hat � ein bisschen davon w�rde mir auch nicht schaden, dachte John kopfsch�ttelnd.</p><p>Er erhob sich �chzend und trat seinen Dienst an.</p><p>Nach �ffnung der Tore am n�chsten Morgen f�llte der Tower sich in Windeseile. John wienerte seine Stiefel auf Hochglanz und zog zur Feier des Tages seine Paradeuniform an. Auf dem Weg zur improvisierten B�hne vor dem White Tower musste er sich durch eine dicht gedr�ngte Menschenmasse k�mpfen. Zu seiner Best�rzung waren auch unz�hlige Presseleute, bewaffnet mit Kameras und Mikrofonen gekommen. Als er etwas atemlos die B�hne bestieg, raunte Chief Mullins ihm zu, �Da sind Sie ja endlich.�</p><p>�Dass so viele Leute kommen w�rden, h�tte ich nicht gedacht. Ich musste mir erstmal einen Weg hierher bahnen.�</p><p>Edwina trat herzu. �John, ich darf Sie jemandem vorstellen. Dr. Percival Farnsley, Chefarzt am St. Bartholomew�s. Doktor, dies ist John Mackenzie, der sich um unsere Raben k�mmert.� Die M�nner sch�ttelten sich die Hand. �Und dann haben wir hier noch eine sehr wichtige Person, die Ehrenwerte � �</p><p>�Meine liebe Mrs. Dunders, Sie brauchen uns nicht vorzustellen. Hallo, John.�</p><p>�Patricia! Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Du siehst fabelhaft aus.�</p><p>Die Ehrenwerte Patricia Whittington-Armsworth begr��te John mit einem gezierten K�sschen links, K�sschen rechts.</p><p>�Du wei�t vielleicht, dass ich dem F�rderverein der Klinik vorstehe. Wir bem�hen uns gerade, die Gelder f�r die Einrichtung eines Kinderhospizes zusammenzubringen. Daf�r leisten Menschen wie Mrs. Dunders und ihre r�hrigen Damen einen wichtigen Beitrag.�</p><p>Die so Gelobte l�chelte versch�mt. Dr. Farnsley ergriff Patricias behandschuhte Hand.</p><p>�Ohne Ihren Einsatz w�ren wir nie so weit gekommen, dass wir im n�chsten Jahr den neuen Fl�gel er�ffnen k�nnen, in dem auch das Kinderhospiz untergebracht werden wird. Es ist ph�nomenal, mit welchem Elan und welcher Selbstlosigkeit Sie sich in die Dienste der Wohlt�tigkeit stellen.�</p><p>�Aber Doktor � ohne Ihre �berragende Kompetenz und Ihren gro�artigen Ruf h�tten wir nie die Forschungsgelder zur Verf�gung gestellt bekommen, die wir f�r die Erweiterung der Onkologie ben�tigen.� Alle drei strahlten einander an, w�hrend John die Frau des Superintendenten unauff�llig musterte.</p><p>Er hatte Patricia nur wenige Male gesehen und wusste nicht recht, wie er sie einsch�tzen sollte. Anders als viele Spr�sslinge wohlhabender Familien mit Verbindungen in die besten Kreise des Vereinigten K�nigreichs, hatte sie ihre jungen Jahre nicht mit Partys in angesagten Clubs und teuren Urlauben auf Yachten und Schweizer Skipisten verbracht, sondern sich schon fr�h f�r wohlt�tige Zwecke aller Art eingesetzt und dabei gro�es Organisationstalent bewiesen.</p><p>Doch fragte John sich, was hinter diesem Engagement steckte. Auf ihn hatte sie nie wie eine warmherzige Person gewirkt, die sich aufrichtig f�r Bed�rftige und Kranke interessierte. Sie war attraktiv, allerdings verdankte sie dies den Heerscharen an begabten Schneidern und Visagisten, die die im Grunde eher unscheinbare Frau in eine ansehnliche Erscheinung verwandelten. Trotz des perfekten Bildes, das Simon und Patricia stets nach au�en hin abgaben, fragte John sich, ob zwischen ihr und Simon echte Zuneigung bestand.</p><p>Mullins machte sich bereit, ans Rednerpult zu treten. Er knurrte John zu, �Wir mussten haufenweise Pressefritzen einlassen. Angeblich wollen die Kerle �ber unseren Basar und die wohlt�tigen Zwecke, f�r die wir verkaufen, berichten. Da lachen ja die H�hner! In den letzten Jahren sind zum selben Anlass h�chstens zwei Reporter erschienen, heute ist es eine ganze Kompanie. Da kann ich mir doch denken, aus welchem Grund die hier sind.� Mit dieser Bef�rchtung sollte er Recht behalten. Kaum hatte Mullins mit seinen Begr��ungsworten begonnen, wurde er schon durch die ersten Zwischenrufe unterbrochen.</p><p>�Commander Mullins � haben Sie schon einen neuen Ravenmaster eingestellt?�</p><p>�Rechnen Sie noch mit der R�ckkehr von George Campbell?�</p><p>�Was wissen Sie �ber Campbells Motive?�</p><p>�Handelt es sich um eine Verschw�rung der Beefeater?�</p><p>Mullins bem�hte sich, die Presseleute zum Schweigen zu bringen und wieder auf den heutigen Anlass zu verweisen, wurde aber �berschrieen.</p><p>�Sind Sie der neue Ravenmaster? Wie hei�en Sie? Drehen Sie sich hierher!�</p><p>Unversehens sah John sich im Rampenlicht. Da l�ste sich Patricia aus der kleinen Gruppe auf der B�hne und ging nach vorn. Sanft, aber bestimmt schob sie Mullins zur Seite.</p><p>�Meine Damen und Herren!� Da Patricia den Reportern als Stammgast der Gesellschaftsseiten britischer Zeitungen bekannt war, richteten alle Kameras sich auf sie und es wurde ruhig.</p><p>�Ich danke Ihnen vielmals f�r Ihr Kommen und das dankenswerte Engagement, das Sie damit f�r unsere gute Sache beweisen. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu k�nnen, dass ein gro�er Teil des heutigen Erl�ses an die Hospizstiftung des St. Bartholomew�s Krankenhauses gehen wird. Damit Sie selbst h�ren k�nnen, welch herausragende Arbeit dort geleistet wird, m�chte ich das Wort an Dr. Percival Farnsley �bergeben. Er ist nicht nur der Chefarzt unserer Klinik, sondern auch ein international renommierter Spezialist in der Krebsforschung.�</p><p>Als sie sich in den r�ckw�rtigen Teil der B�hne zur�ckzog, zischte sie John zu, �Es ist wohl besser, wir streichen deine Rede. Das w�rde nur wieder f�r Unruhe sorgen und damit geriete der Zweck des heutigen Tages ganz ins Hintertreffen.� John nickte erleichtert. In den folgenden Minuten schaffte Dr. Farnsley es, durch seine bewegende Schilderung des Schicksals zweier krebskranker Kinder die Meute zu fesseln.</p><p>�Meister aller Tr�nendr�senklassen�, murmelte Mullins John zu. Als Farnsley zum Schluss kam, zog Patricia Edwina Dunders nach vorne. Nahtlos �bernahm sie das Mikrofon.</p><p>�Ich bitte Sie um einen kr�ftigen Applaus f�r den unerm�dlichen Motor der flei�igen H�nde des Towers: Mrs. Edwina Dunders!�</p><p>Mit roten Backen erkl�rte diese: �Der Markt ist er�ffnet. Sie wissen ja, mit jedem Kauf tun Sie Gutes f�r die, die unsere Hilfe am dringendsten brauchen. Also �ffnen Sie Ihr Herz und Ihren Geldbeutel.�</p><p>Patricia begann zu klatschen und in den Beifall hinein begann der Chor des Towers ein mitrei�endes Weihnachtslied zu singen. Die ersten Besucher begannen, zu den festlich geschm�ckten Buden zu str�men. John nutzte die Gelegenheit, in seine Wohnung zu verschwinden. In Zivilkleidung, hoffte er, w�rde er der Aufmerksamkeit der Presse besser entgehen k�nnen.</p><p>Als er sich gerade seiner Uniform entledigt hatte, l�utete es. Hastig warf er sich einen Bademantel �ber und �ffnete. Erstaunt sah er Simons Frau vor sich stehen.</p><p>�Patricia! Ich dachte, du bist auf dem Markt � �</p><p>�Kann ich einen Moment hereinkommen?�</p><p>��h, ja, nat�rlich. Setz dich doch einen Augenblick in die K�che, bis ich mir etwas �bergezogen habe.� Wenig sp�ter sa�en sie sich gegen�ber. Patricia hatte das Angebot einer Tasse Tee abgelehnt und John wartete gespannt darauf, dass sie zur Sache kam.</p><p>�Du hast dich ja schnell verkr�melt vorhin, John.�</p><p>�Ich dachte, wenn ich in der Uniform �ber unseren Weihnachtsbasar schlendere, lassen die Pressegeier mir keine ruhige Minute. Deshalb wollte ich mich schnell umziehen, bevor ich wieder hinausgehe.�</p><p>Patricia nickte ein wenig abwesend.</p><p>�Du hast die Situation vorhin gut in den Griff bekommen, mein Kompliment. Chief Mullins lag richtig mit seiner Einsch�tzung, dass ein Gro�teil der Reporter nicht wegen des Basars gekommen ist, sondern wegen unseres Mordfalles. Aber du hast sie gut eingebremst.�</p><p>Patricia zuckte grazi�s mit den Schultern. �Ich sehe mich als Lobbyistin der guten Sache. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, die Aufmerksamkeit der Medien f�r unsere Zwecke zu nutzen. Aber ich verstehe auch, dass das �ffentliche Interesse am Tod der Studentin die Reporter dazu zwingt, impertinente Fragen zu stellen. Bedauerlicherweise stocken die Ermittlungen ja seit langem, wie du sicher wei�t.� John l�chelte unverbindlich.</p><p>�Simon � steht sehr unter Druck. Du kannst dir vorstellen, dass gerade bei einem solch Aufsehen erregenden Fall eine schnelle Aufkl�rung oberstes Ziel ist. Mittlerweile werden immer mehr Stimmen laut, die den schleppenden Fortgang der Ermittlungen kritisieren.� Sie seufzte, ein wenig aufgesetzt, wie John fand. Dann fasste sie unversehens nach seiner Hand.</p><p>�Oh John, ich wei�, ihr habt eure Differenzen, aber du w�rdest Simon doch keine wichtigen Informationen vorenthalten, nicht wahr?�</p><p>�Welche wichtigen Informationen meinst du?�</p><p>�Nun ja, Simon hat mir erz�hlt, dass du und der verd�chtige Ravenmaster Freunde seid und du auch der Einzige bist, mit dem er spricht. Ansonsten blockiert dein Freund die Nachforschungen durch sein hartn�ckiges Schweigen.�</p><p>John hob eine Augenbraue. �Cousin Simon kann sich gl�cklich sch�tzen, dass er eine so gute Zuh�rerin f�r seine Sorgen hat.� Patricia zog ruckartig ihre Hand weg und er konnte sehen, wie sie unter ihrem Make-up ein wenig err�tete.</p><p>�Nat�rlich bespricht mein Mann niemals Details eines Falles, die nicht f�r die �ffentlichkeit bestimmt sind, mit mir. Ich wei� kaum mehr, als in den Zeitungen steht. Aber ich kann doch sehen, wie sehr ihn dieser Stillstand belastet.�</p><p>So sehr, dass er nun sogar seine eigene Frau zum Spionieren zu mir schickt, dachte John sarkastisch. Laut aber sagte er, �Patricia, meine Liebe, ich kann verstehen, dass du dir als Ehefrau Sorgen um Simon machst. Ich w�rde auch liebend gern zur L�sung dieses Falles beitragen, das kann ich dir versichern. Wie du schon sagtest, ist George Campbell mein Freund und ich glaube an seine Unschuld. Aber dein Mann hat mir unmissverst�ndlich klar gemacht, dass er sich jegliche Einmischung meinerseits oder meiner Beefeater-Kollegen in die Ermittlungen verbittet und daran habe ich mich gehalten, so schwer es mir f�llt.� Er setzte sein unschuldigstes L�cheln auf. Patricia warf ihm einen pr�fenden Blick zu.</p><p>Dann gab sie sich geschlagen. �Wie ist es, John, begleitest du mich zu einem Rundgang �ber den Basar?�</p><p>�Es w�re mir ein Vergn�gen.� Galant hielt er ihr die T�r auf.</p><p>Mit Schlie�ung der Tore traf sich ein Gro�teil der Tower-Gemeinschaft im Innenhof, um beim Abbau der Buden mitzuhelfen. Edwina betrat die B�hne und klatschte in die H�nde.</p><p>�Meine lieben Freunde! Es freut mich, euch mitteilen zu k�nnen, dass dies der erfolgreichste Basar war, den wir je abgehalten haben. So gut wie alle unsere Waren sind ausverkauft und wenn Sid nicht schnellstens f�r Nachschub gesorgt h�tte, w�ren uns schon am Nachmittag die Getr�nke ausgegangen.� Applaus brandete auf.</p><p>�Nat�rlich m�ssen unsere Einnahmen erst gez�hlt werden, aber ich bin mir sicher, wir konnten ein Rekordergebnis erzielen.� Wieder Beifall. �Nun m�chte ich allen, die mitgeholfen haben, ganz herzlich danken. Ich denke, jedes Mitglied unserer Mannschaft hat seinen Teil zu diesem Erfolg beigetragen. Nun bauen wir schnell die St�nde ab und hernach spendiere ich f�r alle Gl�hwein und Kekse.�</p><p>John nahm gerade Lichterketten ab, als Chief Mullins �ber den Hof auf ihn zugeeilt kam. �Es gibt Neuigkeiten. Gerade eben hat mich Lieutenant Fielder angerufen, ein alter Freund aus Air Force-Zeiten. Heute leitet er das zentrale Archiv der Streitkr�fte.�</p><p>Mullins nahm John eine der Ketten ab und wickelte sie sorgsam zusammen.</p><p>�Komische Sache, kann ich Ihnen sagen. Fielder sagte, seine Leute h�tten eine ganze Weile herumgesucht, aber au�er einer sehr d�rren Personalakte von diesem Gerry Burrows nichts finden k�nnen.�</p><p>�Wie kann das sein? Es muss doch Ermittlungsberichte aus dem Verfahren gegen ihn geben.�</p><p>Mullins nickte. �Das sollte man meinen. Fielder hat sich bedeckt gehalten, aber ich konnte heraush�ren, dass er stinksauer ist. Die Archivare sagen, dass durch die Fusion der Einheiten � die Seaforth Highlanders bilden mittlerweile nach einigen Zusammenschl�ssen das vierte Bataillon des K�niglich Schottischen Regiments � m�glicherweise Datens�tze verlegt worden sind. Das glaube ich aber nicht.�, sagte er skeptisch. �Mir sieht es eher danach aus, als h�tte dieser Burrows damals einen Draht zu den richtigen Leuten gehabt, die dann Informationen verschwinden lie�en.�</p><p>�Was wissen wir dann �berhaupt �ber diesen Kerl?�</p><p>�Nicht viel mehr als sein Geburtsdatum � er muss jetzt siebenundvierzig Jahre alt sein � und seine damalige Heimatadresse. Bevor er zur Armee kam, lebte er bei seinen Eltern in Manchester. Wohin er nach seiner Entlassung ging, ist unbekannt.�</p><p>�Gibt es ein altes Foto, Einsatzberichte, Angaben �ber pers�nliche Verbindungen, irgendwas?� Mullins sch�ttelte bedauernd den Kopf.</p><p>John stemmte die Arme in die H�ften. �Das gibt�s doch nicht. Gibt es denn keine M�glichkeit, in den Armeeunterlagen weiter nachzuforschen? Vielleicht findet sich ja doch irgendwo eine Spur von ihm.�</p><p>�Ich denke, Fielder hat getan, was er konnte. Es war ihm ganz offensichtlich zuwider, dass sich nicht mehr Informationen finden lie�en. Aber immerhin ist die Sache auch �ber zwanzig Jahre her. Von den Leuten, die damals mit der F�hrung der Unterlagen betraut waren, wird kaum noch einer im Dienst sein, den man zur Rechenschaft ziehen k�nnte. Nein, ich f�rchte, hier stehen wir vor einer Sackgasse. Gerry Burrows, wer auch immer er ist, hat seine Spur gekonnt verwischt.� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 19</strong></p></title><p>Nach Dienstschluss am kommenden Tag beschloss John spontan, sich den �Laughing Dragon� einmal selbst anzusehen. Renie hatte ihm erz�hlt, die Spezialit�t des Hauses w�re Ente Kanton Art. Beim Gedanken daran lief ihm bereits das Wasser im Mund zusammen, so dass er auf dem Weg nach Chinatown energisch ausschritt. W�hrend er am Eingang des gut besuchten Restaurants darauf wartete, an einen Tisch gef�hrt zu werden, sah er Renie durch die Tischreihen flitzen.</p><p>Kaum hatte er sich niedergelassen, steuerte sie auch schon mit einem strahlenden L�cheln auf ihn zu. �Mr. Miller, was f�r eine Freude, Sie wiederzusehen! Unsere heutige Spezialit�t sind Meeresfr�chte in Wongzhou-Sauce. Aber vielleicht m�chten Sie lieber eines von unseren ber�hmten Entengerichten probieren? Wissen Sie was, studieren Sie doch in Ruhe unsere Karte und ich bringe Ihnen einstweilen unseren Hausaperitif.� Schon war sie wieder verschwunden.</p><p>John starrte ihr nach. Was zog seine Nichte heute f�r ein Schauspiel ab? Mr. Miller? Er schlug die umfangreiche Speisekarte auf. Ein loser Zettel mit dem Emblem des Restaurants fiel heraus. �Spiel mit! Egal, was ich tue � R.�</p><p>John schluckte. Was hatte Renie vor?</p><p>Als sie wieder zu seinem Tisch kam, einen giftgr�nen Cocktail in der Hand, hatte er seine Wahl getroffen. �Ich nehme die Ente Kanton und dazu ein gro�es Mineralwasser, Miss.�</p><p>�Bestimmt m�chten Sie zuvor noch unsere Sauer-scharf-Suppe kosten, nicht wahr?� Sie sah ihn beschw�rend an.</p><p>�Ah, nun ja, wenn Sie sie empfehlen k�nnen, werde ich sie probieren.� Als Renie die Karte nahm, zischte sie ihm zu, �Vertrau mir. Auch wenn du heute hier kein Essen bekommen wirst.� Bevor er etwas sagen konnte, hatte sie sich abgewandt. Mit wachsender Nervosit�t lie� John seinen Blick �ber das gro�e Lokal schweifen.</p><p>Soweit er das sehen konnte, machte seine Nichte ihren Job sehr gut. Sie bediente schnell und effizient und hatte f�r jeden Gast ein freundliches L�cheln. Au�er ihr waren noch zwei weitere Kellnerinnen im Einsatz, beides Asiatinnen.</p><p>�So, Sir, hier habe ich Ihre Suppe und Ihr Wasser.� Als Renie sich nach vorne beugte, um die Suppentasse abzustellen, glitt diese vom Unterteller. Ihr dampfender Inhalt ergoss sich �ber John. Morcheln und Bambussprossen �bers�ten Sakko und Hose.</p><p>�Au, verdammt, ist das hei�!�</p><p>�Oh, Sir, das tut mir so leid. Wie dumm von mir. Bitte kommen Sie doch nach hinten, da werden wir sehen, was wir tun k�nnen.� Grimmig folgte John ihr durch das Lokal. Der wachsame Oberkellner nahte. �Sir, ich m�chte mich f�r die Ungeschicklichkeit meiner Mitarbeiterin entschuldigen. Selbstverst�ndlich kommen wir f�r die Reinigungskosten auf.� Er wandte sich mit einem beherrschten L�cheln an Renie. �Und Sie bringen den Herrn zum Waschraum und sehen zu, dass er sein Essen bei uns halbwegs fleckenfrei genie�en kann.�</p><p>�Ja, Mr. Chan�, sagte Renie folgsam, bedachte den Mann aber mit einigen gemurmelten Schimpfworten, w�hrend sie John durch einen dunklen Gang in den hinteren Teil des Hauses f�hrte. Er dachte sich, dass Renie ihm wohl unter vier Augen etwas anvertrauen wollte.</p><p>Sie passierten die K�chent�r, durch deren Oberlicht John eine schwitzende Kochmannschaft zwischen den Herden herumwirbeln sah. Weiter hinten stand eine T�r offen, aus der das Klappern von Geschirr drang. Zwischen Stapeln von Porzellantellern und einer Heerschar von Pfannen und T�pfen blickte eine junge Asiatin auf und warf John einen verschreckten Blick zu.</p><p>�Da rein, das ist die Personaltoilette�, dr�ngte Renie. John lie� sich durch die gegen�berliegende T�r schieben. Renie lie� die T�r einen Spalt offen und sagte laut, �So, Mr. Miller, nun wollen wir mal sehen, ob wir die Flecken herausbekommen. Vielleicht m�chten Sie Ihr Sakko ablegen, damit wir den �rmel reinigen k�nnen.� Sie drehte den Wasserhahn auf und zischte, �Jetzt kommt der schmerzhafte Part, John, es tut mir leid�</p><p>�Also Renie, jetzt erkl�r mir aber mal, was hier los ist�, begann er alarmiert, aber sie legte einen Finger auf die Lippen und sah vorsichtig noch einmal in den menschenleeren Gang hinaus. �Keine Zeit f�r Erkl�rungen. Versuch mich zu k�ssen.�</p><p>Erschrocken wich er zur�ck. Jetzt hatte sie offenbar komplett den Verstand verloren.</p><p>Renie begann lauthals zu schreien. �Sie widerliches Scheusal! Lassen Sie die Finger von mir, Sie Monster! Hilfe, Li!� Nun platzte John der Kragen. Er packte seine Nichte an den Oberarmen und sch�ttelte sie. �Was soll das?�</p><p>�Li! Bitte hilf mir, der Kerl will mich vergewaltigen!� In der T�r stand das K�chenm�dchen, eine riesige Fleischgabel mit gef�hrlich aussehenden Zinken in der Hand. In diesem Moment gab Renie John einen kr�ftigen Sto�, so dass er nach hinten gegen die geflieste Wand krachte. �Gott sei Dank bist du da! Komm, hilf mir, den Kerl rauszuschmei�en, so lange er noch ein wenig benommen ist.�</p><p>Die jungen Frauen zogen John hoch und bugsierten ihn zum Hinterausgang. �Sollen wir ihn nicht der Polizei �bergeben?�, fragte die Asiatin �ngstlich.</p><p>Hastig antwortete Renie, �Nein, nein, ich will nichts mit denen zu tun haben. Und dem Typen hier war das bestimmt eine Lehre.� Schwungvoll stie�en sie ihn zwei Stufen hinunter, die in eine schmale, kaum beleuchtete Gasse f�hrten. Renie warf das Sakko hinterher und rief triumphierend, �So, und jetzt scher dich zum Teufel und lass dich hier nie wieder blicken!� Bevor sie wieder ins Haus zur�cktrat, wisperte sie, �Warte hier, ich versuche, dir deine Jacke zu bringen�. Mit einem Krach zog sie die Eisent�r zu.</p><p>John rappelte sich m�hsam hoch. Beim Sturz von der Treppe hatte er sich den Kn�chel verstaucht, sein Sakko war verdreckt und nass und sein Kopf brummte vom Aufprall auf die Wand. Er sank auf die unterste Treppenstufe und vergrub den Kopf in den H�nden. Womit habe ich das nur verdient? Diese G�re �bersch�ttet mich mit hei�er Suppe, beschuldigt mich, ich h�tte mich an ihr vergreifen wollen und dann wirft sie mich eine Treppe hinunter.</p><p>Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt begann er zudem erb�rmlich zu zittern. Sein Magen knurrte vernehmlich, als er an das entgangene Essen dachte. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er eine Bewegung. Als er den Kopf hob, war niemand zu sehen. Wahrscheinlich Ratten. Riesige Ratten, die sich �ber mich hermachen werden, wenn ich hier j�mmerlich erfroren bin, bemitleidete er sich selbst.</p><p>Als Renie nach endlos langer Zeit verstohlen die Hintert�r �ffnete und herauslugte, traf sie der mordlustige Blick ihres Onkels.</p><p>�Sag jetzt nichts, John! Ich erkl�re dir morgen alles. Hier ist deine Jacke. Gute Nacht.� Sie warf ihm eine Kusshand zu und verschwand. John blieb nichts �brig, als zur n�chsten U-Bahn zu hinken.</p><p>Fr�h am n�chsten Morgen nahm er den Telefonh�rer zur Hand und w�hlte mit einem grimmigen L�cheln. �Bella Hughes�, meldete sich seine j�ngste Nichte etwas atemlos.</p><p>�Guten Morgen, Bella, Onkel John hier. Du machst dich wahrscheinlich gerade auf den Weg zur Schule?�</p><p>�Ja, Mummy f�hrt schon das Auto aus der Garage. M�chtest du sie sprechen?�</p><p>�Nein, ich h�tte gern mit Renie gesprochen. Ist sie da?�</p><p>Bella kicherte. �Die ist bestimmt erst sp�t heimgekommen. Gestern sagte sie, das Lokal schlie�t nie vor zwei Uhr morgens. Also schl�ft sie sicher bis Mittag.�</p><p>�Heute nicht. Weck sie bitte auf und sag ihr, ich m�chte sie auf der Stelle sprechen.�</p><p>�Okay, wie du meinst. Aber sie hat morgens immer �ble Laune, kann ich dir sagen.�</p><p>�Die habe ich heute auch�, meinte John finster.</p><p>�Hmmm? Was gibt�s so fr�h?�</p><p>�Meine liebe Maureen, da du dir ja sicher Sorgen um deinen Onkel machst, wollte ich dir so schnell wie m�glich Bescheid geben, dass ich all deine Attacken gestern mit nur einem verstauchten Fu�, einem ruinierten Sakko und einer Beule am Hinterkopf �berstanden habe. Ich hoffe, du bist jetzt beruhigt.�, sagte John in zuckers��em Ton. �Es macht auch �berhaupt nichts, dass dein Chef mich wahrscheinlich als Schwerverbrecher verhaften lassen wird, falls ich einmal zuf�llig wieder den Fu� in dieses Lokal setzen sollte.�</p><p>�Du bist sauer, was?�</p><p>�Messerscharf erkannt. Was sollte dieser ganze Zirkus?�</p><p>�H�r mir zu, John� Sie sprach, als h�tte sie einen etwas beschr�nkten Dreij�hrigen vor sich. John knirschte mit den Z�hnen.</p><p>�Du hast doch das M�dchen gesehen, Li.�</p><p>�Die, die drohte, mir eine Fleischgabel in � � Er r�usperte sich. �Also wo auch immer hin � zu stecken?�</p><p>�Genau. Sie ist die j�ngste Tochter von Mr. Chan und total versch�chtert. Seit Kindesbeinen steht sie in der K�che und darf nichts anderes tun, als das verdammte Geschirr zu waschen. Alle schubsen sie herum. Ihre Familie h�lt sie f�r zur�ckgeblieben, aber das glaube ich nicht.�</p><p>�Das ist zweifellos eine herzergreifende Geschichte. Aber was hat das mit deiner gestrigen Aktion zu tun?�</p><p>�Lass mich doch ausreden. Alle anderen haben gleich abgeblockt, als ich ganz dezent mal nach Julia gefragt habe. In diesem Betrieb sind sie alle verwandt oder verschw�gert und sooo dicke miteinander. Keiner will irgendwas mit der Polizei zu tun haben. Li aber hat nur still genickt, als ich sie fragte, ob sie Julia kannte. Ich habe das Gef�hl, sie wei� irgendwas, aber sie traut sich nichts zu sagen. Sie kennt mich kaum und sicher hat sie Angst vor ihren Verwandten. Nachdem ich ja nicht f�r ewig in diesem Schuppen arbeiten will � das sind wirklich Ausbeuter, sage ich dir � habe ich mir diesen Plan ausgedacht, um schnell Lis Vertrauen zu gewinnen.�</p><p>�Indem du mich als Vergewaltiger hinstellst?!�</p><p>�Mann, du bist doch Psychologe, oder nicht: Wahrscheinlich zum ersten Mal hat Li gestern Nacht einer anderen geschundenen Kreatur beistehen k�nnen und wir haben gemeinsam den B�sewicht vertrieben.�</p><p>Geschundene Kreatur!</p><p>�Nat�rlich habe ich ihr dann noch in schillernden Farben erz�hlt, wie du mich schon w�hrend meiner Schulzeit � du warst n�mlich mein Mathelehrer � immer verfolgt hast und mir f�r entsprechende Gegenleistung gute Noten versprochen hast � �</p><p>�Oh Gott, ich kann mich in Chinatown nie wieder sehen lassen! Ich bin ein p�dophiler Vergewaltiger!�</p><p>�Nun reg dich wieder ab. Wenn wir den M�rder gefunden haben, gehe ich noch mal mit dir hin und kl�re die ganze Sache auf, in Ordnung?� John st�hnte nur.</p><p>�Heute habe ich Mittagsschicht und danach gehe ich mit Li einen Kaffee trinken, bevor sie wieder zu Arbeit muss. Dann wollen wir doch mal sehen, ob ich nichts aus ihr herausbekommen kann. Pass nur auf, mein Man�ver von gestern wird sich sicher auszahlen. Und jetzt gute Nacht.� Sie legte auf.</p><p>Verdattert starrte John das Telefon an und wusste nicht, ob er lachen, w�tend sein oder Renie f�r ihre Unerschrockenheit und ihre unglaublichen Einf�lle bewundern sollte.</p><p>W�hrend John seine Uniform anzog, kleidete sich auch ein anderer Mann an. Ein Mann, der erkannt hatte, dass er m�glicherweise nicht alle Spuren erfolgreich verwischt hatte. Und der beschlossen hatte, diesen Fehler heute noch auszub�geln. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 20</strong></p></title><p>M�de kehrte John nach der Abendf�tterung in seine Wohnung zur�ck und lie� sich auf einen K�chenstuhl fallen. Ein Blick in seinen Kalender zeigte ihm, dass er nur noch wenige Tage Dienst hatte, bevor er f�r die Weihnachtstage zu seinen Eltern fuhr. Die letzten Wochen hatten an ihm gezehrt. Eine Pause konnte er nun gut gebrauchen. Er zog sich die Stiefel von den F��en und wackelte mit den kalten Zehen.</p><p>Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass er den Tower vielleicht gar nicht w�rde verlassen k�nnen. Als der Urlaubsplan aufgestellt wurde, war George noch f�r die Pflege der Raben verantwortlich gewesen. Nun sah es nicht so aus, als w�rde George rechtzeitig zu Weihnachten wieder heimkehren k�nnen. John runzelte die Stirn und nahm sich vor, schnellstm�glich mit Chief Mullins dar�ber zu sprechen. Da schrillte das Telefon.</p><p>�John! Hast du eine Ahnung, wo Renie ist?� Maggie klang beunruhigt.</p><p>�Sie sagte mir heute fr�h, dass sie sich nach Ende ihres Dienstes heute mit einer Arbeitskollegin auf einen Kaffee treffen wollte.�</p><p>�Ich wei�. Aber wir hatten vereinbart, dass wir uns danach, so gegen siebzehn Uhr, bei Harrods treffen, um ein Geschenk f�r Renies Patentante auszusuchen. Ich habe schon versucht, sie auf ihrem Handy zu erreichen, aber da meldet sich niemand.�</p><p>John sah auf die Uhr. �Maggie, es ist erst Viertel nach f�nf. So, wie ich Renie kenne, ist sie nicht gerade die P�nktlichkeit in Person, oder?�</p><p>�Du hast recht. Aber ich kann mir nicht helfen, ich habe ein ganz komisches Gef�hl.�</p><p>John fasste einen Entschluss.</p><p>�Wo bist du?�</p><p>�Vor dem Haupteingang von Harrods.�</p><p>�Versuch weiter, Renie am Telefon zu erreichen. Ich mache mich jetzt gleich auf den Weg, also m�sste ich in sp�testens zwanzig Minuten bei dir sein.�</p><p>Wenige Tage vor Weihnachten waren die Stra�en ein Chaos. Also entschied John sich gegen ein Taxi und spurtete zur U-Bahn. Die Waggons der District Line platzten aus allen N�hten. Er quetschte sich hinein.</p><p>Im Vorweihnachtsstress schienen Johns Landsleute ihre legend�re H�flichkeit vergessen zu haben und es kam zu Schubsereien und ungehaltenen Wortwechseln. John stand in dem �berhitzten Waggon voller aneinandergedr�ngter Leiber der Schwei� auf der Stirn. In South Kensington musste er umsteigen.</p><p>�Sehr geehrte Fahrg�ste, die Piccadilly Line verkehrt wegen eines Personenschadens nicht auf der Strecke zwischen Covent Garden und Holborn. F�r alle Ziele zwischen Holborn und Cockfosters nehmen Sie bitte die Circle und Central Line nach Holborn. Wir entschuldigen uns f�r die Unannehmlichkeiten.�</p><p>Dies ber�hrte John ebensowenig wie die meisten seiner Mitfahrer: Knightsbridge mit seinen gro�en Kaufh�usern schien an diesem Abend das Ziel aller Einwohner Londons zu sein. Als die Station endlich erreicht war, ergoss sich ein Strom von Menschen �ber die Treppe nach oben. John schob sich durch die Menge und hielt nach Maggie Ausschau. Er konnte sie nicht entdecken. Vielleicht stand sie vor einem der anderen Eing�nge.</p><p>Lange Minuten verrannen, bis er alle Stra�enfronten des riesigen Shoppingparadieses abgegangen war. Er hielt inne, als ihm einfiel, dass er sein Handy in der Manteltasche hatte. Wie meistens war es ausgeschaltet.</p><p>Ich Idiot. Bestimmt hat Maggie schon versucht, mich zu erreichen, st�hnte er innerlich.</p><p>Tats�chlich klingelte es, kaum dass er das Mobiltelefon eingeschaltet hatte.</p><p>�Maggie? Wo bist du?�</p><p>�Oh John, endlich. Es ist schrecklich. Die Polizei hat mich angerufen. Sie haben Renie ins St. Bartholomew�s gebracht. Es hat einen Unfall in der U-Bahn gegeben. Ich sitze im Taxi. Bitte komm so schnell wie m�glich.� Mit einem Schluchzer war die Verbindung unterbrochen.</p><p>Personenschaden zwischen Covent Garden und Holborn.</p><p>Oh Gott. Renie.</p><p>Im R�ckblick erschien der Weg ins Krankenhaus John wie ein nicht enden wollender Alptraum. Das letzte St�ck rannte er, w�hrend ihm von dem kreischenden Schrillen in seinen Ohren fast der Kopf platzte. In der Eingangshalle des Hospitals schrie er nur �Notaufnahme�.</p><p>Eine Schwester wies ihm die Richtung. Der Warteraum der Notaufnahme war voll, Maggie nicht zu sehen. �Maureen Hughes, sie ist hier eingeliefert worden � k�nnen Sie mir sagen, wo sie ist?�, rief er einer streng dreinblickenden Pflegerin hinter der Plexiglasscheibe der Aufnahme zu.</p><p>�Sie ist beim R�ntgen. Erster Stock.� Er flog f�rmlich die Treppe hinauf.</p><p>�John, endlich!� Er nahm seine weinende Schwester in die Arme.</p><p>�Maggie, was ist passiert? Was haben die �rzte gesagt?�</p><p>�Sie � ist vor die U-Bahn gefallen. Ein junger Mann hat sie gerettet. Die �rzte wissen noch nicht genau, was ihr fehlt, aber wenigstens war sie ansprechbar, als sie eingeliefert wurde.� Mit einem dicken Klo� im Hals strich John ihr �ber das Haar.</p><p>�Mrs. Hughes? Sie k�nnen Ihre Tochter jetzt sehen, bevor sie in den OP gebracht wird. Der Doktor wird mit Ihnen sprechen.� Maggie umklammerte Johns Hand, als sie in ein Sprechzimmer gef�hrt wurden.</p><p>�Ich bin Dr. Forsythe, guten Abend, Mrs. Hughes. Und Mr. Hughes?�</p><p>�Das ist mein Bruder John Mackenzie, Doktor. Bitte sagen Sie uns, was meiner Tochter fehlt.�, beschwor Maggie den Arzt.</p><p>�Ich kann Sie beruhigen, Mrs. Hughes. Der Sturz h�tte viel schlimmer ausgehen k�nnen. Sie hat schwere Prellungen, eine Gehirnersch�tterung und ihr Schienbein ist gebrochen. Da es ein komplizierter Bruch ist, werden wir Ihre Tochter sofort operieren. Sie befindet sich bereits im Vorbereitungsraum, aber Sie d�rfen sie noch kurz sehen.�</p><p>Maggie brach vor Erleichterung in Tr�nen aus und John atmete wie befreit durch.</p><p>�Kommen Sie bitte. Der An�sthesist m�chte sich gleich an die Arbeit machen. Auch der junge Mann, der Ihre Tochter gerettet hat, hat einiges abbekommen und wird ebenfalls heute Abend noch operiert.� Sie folgten dem Arzt in einen steril aussehenden Raum.</p><p>�Mein Kind!� Maggie st�rzte zu ihrer Tochter. Renie �ffnete die Augen. Erst einmal irrte ihr Blick orientierungslos hin und her. Dann erkannte sie ihre Mutter. �Mum!�, fl�sterte sie. �Sucht � Li.� Sie driftete f�r einen Moment weg. W�hrend ihr die Tr�nen �ber die Wangen liefen, strich Maggie ihrer Tochter sanft �ber den Kopf. Renie �ffnete die Augen wieder und strengte sich sichtlich an, etwas zu sagen. Mit einem Blick auf ihren Onkel murmelte sie, �Fotos �. umbringen�</p><p>Bevor sie noch etwas sagen konnte, traten zwei Schwestern in gr�nen OP-Kitteln ein.</p><p>�Wir bringen Ihre Tochter jetzt in den OP, Mrs. Hughes. Der An�sthesist m�chte noch kurz mit Ihnen sprechen.�</p><p>�Ich warte drau�en, Maggie.� John trat hinaus auf den Flur. Trotz der allgegenw�rtigen Verbotsschilder zog er sein Handy aus der Tasche und war im Begriff, die Notrufnummer der Polizei zu w�hlen. Als er Schritte h�rte, sah er auf. �Simon! Ich h�tte ja nie gedacht, dass ich das einmal sagen w�rde, aber ich bin froh, dich zu sehen. Du musst sofort � �</p><p>�Das chinesische M�dchen unter Polizeischutz stellen, meinst du? Meine Leute sind bereits unterwegs.� Er weidete sich an Johns �berraschung. �Oh John, du bildest dir wirklich ein, du w�rst Sherlock Holmes und die Londoner Polizei best�nde nur aus Einfaltspinseln. Tats�chlich verdankt Renie ihr Leben einem meiner �berwachungsbeamten. Er stand direkt neben ihr, als sie auf das Gleis gesto�en wurde. W�re er nicht hinterher gehechtet und h�tte sie vor der einfahrenden Bahn weggesto�en, w�re sie jetzt tot.�</p><p>Johns Knie wurden weich. Er musste sich setzen. �Simon, ich � wei� nicht, was ich sagen soll. Ich war ein verdammter Trottel. Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass Renie ernsthaft in Gefahr kommen k�nnte. Ich � � Er schluckte m�hsam und richtete sich dann auf. �Simon, ich danke dir aus tiefstem Herzen.� Er streckte seinem Cousin die Hand hin.</p><p>Dieser stutzte und sch�ttelte sie dann. �Nun ja, immerhin habt ihr durch eure Amateur-Detektivspielchen doch etwas erreicht: Wir sind dem T�ter jetzt ein ganzes St�ck n�her gekommen. Da mein Mann alleine unterwegs war, konnte er den Kerl, der Renie gesto�en hat, zwar nicht festhalten, aber er hat mir gerade eine Beschreibung gegeben und es wird bereits nach ihm gefahndet.�</p><p>Er zog einen Zettel aus der Tasche. �Dicklich, mittelgro�. Er hatte eine Kapuze �bergest�lpt, unter der langes, ungepflegtes blondes Haar hervorkam. Ein Schal verdeckte die untere Gesichtsh�lfte, also wissen wir nicht, ob er einen Bart tr�gt. Kommt dir das bekannt vor?� John sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wenn er sich maskiert hatte und sich der Verkleidung unbemerkt entledigen konnte, dann haben wir nicht viele Chancen, ihn zu finden. Aber immerhin entlastet diese Sache, so schlimm sie auch ist, deinen Freund George Campbell. Schlie�lich liegt der Verdacht nahe, dass dieser Typ deine Nichte beseitigen wollte, weil sie im Begriff war, irgendetwas �ber ihn herauszufinden.�</p><p>Auf Johns Gesicht erschien ein kleines L�cheln. �Dann glaubst du mittlerweile auch, dass George nichts mit der Sache zu tun hat?�</p><p>�Nicht so schnell. Dass er auf irgendeine Weise in die Geschichte verwickelt ist, bezweifle ich nicht. Aber an seiner T�terschaft gibt es doch erhebliche Zweifel. Nun hoffe ich, dass Renie m�glichst schnell vernehmungsf�hig ist und auch mit Li Chan werde ich sprechen. Nat�rlich haben wir sie bereits einmal vernommen, als wir Julias Umfeld �berpr�ft haben. Aber damals hat sie keinerlei Hinweise gegeben, dass sie etwas wissen k�nnte.�</p><p>In diesem Moment trat Maggie zu ihnen, eine gro�e Plastikt�te in der Hand. Sie fiel John um den Hals. �Oh Gott, ich bin so froh. Sie wird wieder gesund.�</p><p>�Maggie, Simon hat mir gerade mitgeteilt, dass es einer seiner M�nner war, der Renie gerettet hat.�, sagte John behutsam.</p><p>�Oh, Simon, danke, danke, danke, tausend Dank!� Maggie umarmte auch den Superintendenten.</p><p>Simon t�tschelte ihr den R�cken. �Schon gut. Daf�r sind wir schlie�lich da.�, brummte er.</p><p>�Ich muss sofort Alan anrufen. Er ist gerade auf dem R�ckweg aus Glasgow. Au�erdem werde ich meine Nachbarin bitten, bei Tommy und Bella zu bleiben, bis ich heimkomme. Halt mal, John. In der T�te sind Renies Sachen. Ich gehe kurz hinaus zum Telefonieren.�</p><p>Aus der T�te lugte Renies bunt gemusterte Umh�ngetasche. Die beiden M�nner sahen sich an.</p><p>�Vielleicht m�ssen wir nicht warten, bis du Renie vernehmen kannst. Sie hatte Fotos aller Verd�chtigen dabei, um sie Li Chan zu zeigen. Aus den wenigen Worten, die sie vorhin noch von sich gegeben hat, denke ich, dass die Asiatin jemanden darauf hat identifizieren k�nnen.� Simon nickte. �Wir sehen nach.� John zog die Tasche heraus und �ffnete sie. Tats�chlich fielen die Aufnahmen heraus, die er Renie gegeben hatte. Mit wachsender Spannung durchbl�tterten sie die Bilder. Beim letzten war das Gesicht eines Mannes mit Kugelschreiber umkreist.</p><p>Wortlos zog Simon sein Telefon aus der Tasche. �Gro�fahndung einleiten: Unser Mann ist Nigel Owen. Gesucht im Zusammenhang mit dem versuchten Mord an Maureen Hughes und dem Mord an Julia Feldmann. Jeder verf�gbare Mann soll raus.�</p><p>Er steckte das Telefon wieder weg. John war langsam wieder in der Lage, einen vern�nftigen Gedanken zu fassen.</p><p>�Sag mal, wie kamst du darauf, Renie �berwachen zu lassen?�</p><p>Simon setzte ein �berlegenes L�cheln auf. �John, du hast wohl vergessen, dass ich dich und Maggie seit unserer Kindheit kenne. Ihr spielt beide einfach gern den guten Samariter. Mir war klar, dass du nicht ruhen w�rdest, bis du etwas gefunden h�ttest, um deinen Freund zu entlasten. Ich muss zugeben, dass ich gehofft hatte, George Campbell knacken zu k�nnen und den Fall schnell zu l�sen. Als ich aber feststellen musste, dass der Mann sturer als ein ganzes Pack Esel ist, gab ich Anweisung, dir Zugang zu ihm zu gew�hren und stellte einen Mann ab, der dir wie ein Schatten �berallhin folgte und mir Bericht erstattete.�</p><p>Entsetzt blickte John den Superintendenten an, der unger�hrt fortfuhr. �Als Renie auf der Bildfl�che auftauchte, wusste mein Detective nat�rlich nicht, wer sie war. Als er mir ein Foto von euch beiden beim Abendessen brachte, h�tte mich fast der Schlag getroffen.� Er zog missbilligend eine Augenbraue hoch. �Euer ganzer Clan hat einfach das Gen, sich ungefragt in fremde Angelegenheiten einmischen zu m�ssen. Aber lassen wir das. Nachdem Renie anfing, in dem Lokal zu arbeiten, in dem auch Julia Feldmann gekellnert hatte, haben wir unsere �berwachung auf sie konzentriert. Gestern Abend allerdings meldete der Beamte einigerma�en verwirrt, dass du das Lokal betreten h�ttest, aber nicht wieder erschienen w�rst. Als er den Hinterausgang kontrollieren wollte, sah er dich auf der Stra�e sitzen. Du h�ttest ziemlich fertig ausgesehen, sagte er. Willst du mir sagen, was da los war?�</p><p>��h, nicht so wichtig. �brigens habe ich noch eine Information, der du vielleicht nachgehen m�chtest.� Simon lauschte aufmerksam, als John wiedergab, was er �ber den ehemaligen Infanteristen Gerry Burrows erfahren hatte. �Vielleicht k�nnt ihr bei Scotland Yard herausbekommen, was aus ihm geworden ist. Es k�nnte ja eine Verbindung zu Nigel Owen geben.�</p><p>Simon nickte und stand auf. �Ich muss jetzt zur�ck in die Zentrale und zusehen, dass wir in den n�chsten Stunden intensive Nachforschungen nach diesem Owen f�hren. � Er zog eine Karte aus der Tasche. �Unter dieser Nummer kannst du mich jederzeit erreichen. Gib mir Bescheid, wenn die Operation vorbei ist.� Schon verschwand er mit wehendem Mantel um die Ecke.</p><p>Als Maggie zur�ckkam, erz�hlte er ihr alles, was er von Simon erfahren hatte. �Ich darf gar nicht daran denken, was passiert w�re, wenn Simon nicht ein so gerissener Ermittler w�re und seine Leute auf mich und Renie angesetzt h�tte.�</p><p>Maggie nickte nachdenklich. �Heute hat er all das wettgemacht, womit er uns �ber die Jahre ge�rgert hat. Ich sch�me mich direkt wegen der Schimpfnamen, mit denen ich ihn insgeheim immer belegt habe.�</p><p>�Wir sollten ihm ein besonders sch�nes Geschenk zu Weihnachten besorgen, was meinst du?�</p><p>�Ja, das machen wir, John. Ich k�mmere mich morgen gleich darum. Vielleicht frage ich Patricia, ob sie eine Idee hat. Au�erdem m�chte ich mich auch bei dem Detective bedanken, der Renie gerettet hat.� Sie schwiegen einen Moment. Dann fragte Maggie, �Sag mal, du hast wirklich �berhaupt nichts von der �berwachung gemerkt?�</p><p>�Gar nichts. Nur, als Renie mich in die Gasse hinter dem China-Restaurant geworfen hat, hatte ich f�r einen Augenblick das Gef�hl, da w�re jemand.�</p><p>Maggie gluckste. �Die Geschichte hat Renie mir beim Fr�hst�ck erz�hlt. Das ist ja wirklich ein Heuler.� Sie kicherte.</p><p>�Haha. Was denkst du, welche Angst ich bekam, als diese kleine Chinesin mit ihrer riesigen Fleischgabel auf meine Leibesmitte zielte? Und wie mich die M�dchen dann wie einen Sack M�ll auf die Stra�e bef�rdert haben � � Weiter kam er nicht. Prustend lagen sie sich in den Armen und konnten nicht mehr aufh�ren, zu lachen.</p><p>Eine Schwester, die um die Ecke sah und erbost meinte, �Sie sind hier in einem Krankenhaus. Bitte seien Sie doch leiser.�, f�hrte nur zu einem weiteren hysterischen Lachkrampf. Schlie�lich beruhigten sie sich und warteten in eintr�chtigem Schweigen, w�hrend der Zeiger der Uhr im Warteraum vorr�ckte.</p><p>John musste eingenickt sein. Er schrak hoch, als seine Schwester ihn leicht sch�ttelte. Dr. Forsythe stand vor ihnen. �Wir haben die Operation erfolgreich abgeschlossen, Mrs. Hughes. Ihre Tochter darf das Bein allerdings ein paar Tage lang unter keinen Umst�nden belasten. Danach kann sie behutsam beginnen, an Kr�cken zu gehen. Bis die Sache ganz ausgeheilt ist, k�nnen durchaus sechs Wochen vergehen.�</p><p>Maggie strahlte ihn an. �Das macht nichts. Die Hauptsache ist doch, dass sie wieder ganz gesund wird. Kann ich zu ihr?�</p><p>�Sie befindet sich im Aufwachraum. Wir werden sie im Lauf der Nacht auf ihr Zimmer bringen k�nnen. Mir w�re es am liebsten, Sie k�men morgen fr�h vorbei. Dann k�nnen Sie Maureen die Sachen bringen, die sie hier braucht und der Stationsarzt kann Ihnen alles Weitere erkl�ren.�</p><p>John erhob sich �chzend. �Komm, Maggie, dann gehen wir jetzt am besten. Momentan k�nnen wir nichts f�r Renie tun, also kehrst du am besten zu Tommy und Bella heim.�</p><p>�Du hast recht. Alan d�rfte auch allm�hlich zu Hause angekommen sein. Danke f�r alles, Doktor. Gute Nacht.� W�hrend sie drau�en auf ein Taxi warteten, rief John den Superintendenten an.</p><p>�Danke f�r die Nachricht, John. Bis jetzt konnten wir Nigel Owen nicht lokalisieren. Aber immerhin konnten wir Li Chan in dem Lokal finden. Wir haben sie sicher untergebracht. Es hat eine Weile gedauert, aber schlie�lich hat sie mir gesagt, dass sie Nigel Owen wenige Tage vor Julias Tod mit ihr gesehen hat. Nach dem Ende der Nachtschicht putzte sie noch die K�che, der Rest der Belegschaft war schon gegangen. Als sie im dunklen Speiseraum irgendetwas holen wollte, sah sie Julia direkt vor der Fensterfront mit Owen stehen. Er �bergab ihr ein P�ckchen. Am n�chsten Tag, sagte Li, h�tte sie Julia auf den Fremden angesprochen. Julia h�tte sehr abweisend reagiert und gesagt, sie w�rde diesen Mann hassen und hoffen, sie m�sste ihn nie wieder sehen.� John h�rte im Hintergrund leises Gemurmel. �Wir starten jetzt eine Einsatzbesprechung, ich muss gehen. Alles weitere morgen, John.�</p><p>John setzte Maggie in ein Taxi und machte sich auf den Heimweg. Trotz der klirrenden K�lte schlenderten etliche Passanten durch die n�chtlichen Stra�en, vorbei an den bunt geschm�ckten Schaufenstern und den allgegenw�rtigen Weihnachtsb�umen, die mit ihren elektrischen Kerzen warmes Licht auf die Gehsteige warfen. Aus einigen Kneipen drang Musik.</p><p>John hatte das Gef�hl, blind auf einen Abgrund zugelaufen zu sein. Erst, als ihn eine helfende Hand zur�ckgerissen hatte, hatte er die Augen ge�ffnet und die g�hnende Tiefe wahrgenommen, die drohte, ihn und die Menschen, die er liebte, zu verschlingen.</p><p>Leise knarrend �ffnete sich die T�r der Kapelle St. Peter ad Vincula. John war lange nicht in einem Gottesdienst gewesen, aber heute Nacht hatte er das Bed�rfnis, eine Kerze anzuz�nden. Danach ging er die wenigen Schritte zu seiner Wohnung und fiel in einen traumlosen Schlaf.</p><p>Fr�h am n�chsten Morgen sa� John kribbelig in der mittlerweile vertrauten Eingangshalle von Scotland Yard. Nachdem er Bonnie und Mullins von den Geschehnissen des gestrigen Tages berichtet hatte, hatte der Chief ihm einen halben Tag freigegeben.</p><p>�Sehen Sie zu, ob Sie George nicht dazu bewegen k�nnen, nun eine Aussage zu machen. Das Einzige, wof�r Richard sich wird verantworten m�ssen, ist sein Drogenkonsum. Wenn man bedenkt, welchen Dreck manch andere von unseren Volksvertretern am Stecken haben, ist das ja noch direkt harmlos.�, sagte Mullins zynisch.</p><p>John sch�ttelte den Kopf. �Ganz so einfach wird es nicht werden. Immerhin hat er Owen mit seiner Aussage, sie w�ren im fraglichen Zeitraum st�ndig zusammen gewesen, gedeckt. Also ist er mindestens noch wegen Falschaussage dran. Aber dennoch denke ich, bleibt George jetzt nichts anderes mehr �brig, als auszusagen. Wenn sie Owen erwischen, wird er mit Sicherheit versuchen, George und Richard zu belasten. Also w�re es kl�ger, jetzt mit der Wahrheit herauszur�cken.�</p><p>Georges Gesicht dr�ckte �u�erst gemischte Gef�hle aus, nachdem John mit seinem Bericht geendet hatte. Schock �ber Renies knappes Entrinnen. Erleichterung, dass ein anderer an die Stelle des Hauptverd�chtigen ger�ckt war. Zweifel.</p><p>�Nigel Owen? Bist du sicher, John? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Er hat doch all die Monate aufopferungsvoll f�r Richards Erfolg gearbeitet. Er war auch oft zu Gast bei uns und Marcia und ich hielten ihn f�r einen sehr angenehmen Mann. Warum um Himmels Willen sollte er Julia Feldmann umbringen und dann versuchen, mich als den T�ter hinzustellen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Sein Motiv wird die Polizei sicher herausfinden. Tatsache ist, dass er nun im Zusammenhang mit dem Mord und auch mit dem versuchten Mord an meiner Nichte gesucht wird. Die Polizei wird das Unterste zuoberst kehren und mit Sicherheit werden Hinweise auf dich und Richard auftauchen. Ich bitte dich, George� Er sah seinen Freund beschw�rend an. �Mach jetzt, heute, auf der Stelle eine Aussage. Sag der Polizei alles, was du wei�t. Und Richard sollte dasselbe tun. Wenn er nun reinen Tisch macht, kommt er mit Sicherheit besser davon, als wenn die Polizei durch ihre Ermittlungen gegen Owen alles herausfindet.� George schluckte m�hsam.</p><p>Dann hatte er sich entschieden: �Ruf den Anwalt an. Er soll herkommen. Und sag Whittington, ich bin bereit, mit ihm zu reden. Ach, und sag dem Anwalt, er soll auch versuchen, Richard zu einer Aussage zu bewegen. Es � ist wohl besser so.� Er straffte die Schultern und stand auf.</p><p>Auch John stand auf. �Alter Freund, ich bin stolz auf dich. Wir sehen uns bestimmt bald wieder � und ich hoffe, es wird dann nicht hier drin sein.�</p><p>In einem ruhigen Winkel der Eingangshalle rief er Sir Fitzgerald Walters an und gleich darauf Chief Mullins, um ihm von seinem Gespr�ch mit George zu berichten. Als er auflegte und sich umdrehte, stand sein Cousin mit einem breiten L�cheln vor ihm.</p><p>�Ich dachte es mir: Du hast es geschafft, dass Campbell endlich redet. Gut, gut.�</p><p>John runzelte die Stirn. �Soso, der Superintendent ist sich nicht zu schade, ein privates Telefongespr�ch zu belauschen? Ich w�re ohnehin gleich zu dir gekommen, um es dir zu sagen.�</p><p>Simon warf ihm einen gespielt schockierten Blick zu. �John, ich hoffe, du vergisst nicht, dass meine Ermittlungsmethoden deine Nichte vor dem Tod bewahrt haben. �bertriebene Empfindlichkeit deinerseits ist da wohl kaum angesagt.�</p><p>John biss die Z�hne zusammen und bem�hte sich um ein L�cheln. �Richtig. Sobald Sir Fitzgerald eingetroffen ist, wird George aussagen. Gibt es etwas Neues bei euren Nachforschungen?�</p><p>�Owen ist immer noch wie vom Erdboden verschwunden. Im Lauf des Vormittags bekomme ich den Durchsuchungsbefehl f�r seine Wohnung. Sicher werden wir dort irgendwelche Hinweise finden. Auch mit Richard Campbell werde ich heute noch sprechen.� John legte Whittington bittend die Hand auf den Arm. �Denkst du, du kannst es einrichten, als erstes Georges Aussage aufzunehmen?�</p><p>�So, hat er es jetzt pl�tzlich eilig damit, die Karten auf den Tisch zu legen? Na gut, ich will sehen, was sich machen l�sst.�</p><p>Als er sich wegdrehte, fiel John noch etwas ein. �Ach, Simon, wie geht es deinem Beamten?�</p><p>�Er wurde noch in der Nacht operiert. Hat sich einen Fu� und den Ellbogen gebrochen und auch sonst ein paar Kratzer abgekriegt. Er wird einige Wochen dienstunf�hig sein. Aber was tut man nicht alles, um Zivilisten, die nicht wissen, was gut f�r sie ist, vor Gefahren zu bewahren.� Mit einem salbungsvollen L�cheln schritt er davon.</p><p>Aargh, das wird er uns jetzt f�r den Rest unseres Lebens vorhalten. John seufzte und machte sich zum Krankenhaus auf. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 21</strong></p></title><p>Bepackt mit einer Riesenportion von Renies Lieblingsschokolade �ffnete er vorsichtig die T�r zu dem Zimmer, das ihm die Stationsschwester angezeigt hatte. Wenn er erwartet hatte, dass seine Nichte noch unter den Nachwirkungen der Operation litt, hatte er sich get�uscht.</p><p>Hellwach lag sie im Bett, das verletzte Bein auf einem Gestell hochgelagert.</p><p>Als sie John ersp�hte, kr�hte sie, �Na endlich! Her mit der Schokolade, das Fr�hst�ck hier ist echt lausig.� John musste lachen. Er k�sste seine Nichte auf die Stirn, �berreichte seine Mitbringsel und setzte sich. W�hrend Renie gierig das erste P�ckchen aufriss und sich einen ganzen Riegel in den Mund schob, betrachtete er sie liebevoll.</p><p>�Du bist wirklich unverw�stlich, wei�t du das? Ich bin so froh, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist.�</p><p>Renie st�hnte. �Oh bitte, John. Mum hat mich schon vollges�lzt, dass sie ja sooo gl�cklich ist, dass sie mich nicht verloren hat und dass ich in Zukunft nieeee wieder was Gef�hrliches machen darf.� Sie verdrehte die Augen. �Am liebsten w�rde sie mich zu Hause festbinden. Gott sei Dank ist Dad kein solcher Gef�hlsdusel. Er hat vorgeschlagen, dass sie in die Stadt gehen und schleunigst die Geschenke kaufen sollten, die wir noch brauchen. Schlie�lich ist in drei Tagen Weihnachten.�</p><p>Sie grinste. �Er hat die Oberschwester mit einer satten Spende in die Schwesternkasse bestochen, uns den Namen des Polizisten zu verraten, der mir das Leben gerettet hat. Er liegt ein paar Zimmer weiter. Sobald ich aufstehen kann, werde ich ihn mal besuchen. Au�erdem soll er auch ein gro�es Weihnachtsgeschenk von uns bekommen.� Sie griff zu einem weiteren Schokoladenst�ck und sah John erwartungsvoll an. �Nun erz�hl mal, was gibt�s Neues? Haben sie die Ratte schon gefunden?�</p><p>�Nein, Owen scheint untergetaucht zu sein. Aber Scotland Yard hat jeden verf�gbaren Mann f�r die Fahndung abgestellt, also werden sie ihn sicher bald finden. Auf jeden Fall haben sie Li Chan in Sicherheit gebracht, damit er nicht versuchen kann, auch ihr etwas anzutun. Sie hat bei Simon bereits ausgesagt, was sie wusste.�</p><p>Auf Renies Gesicht breitete sich ein selbstzufriedenes L�cheln aus. �Hatte ich es dir nicht gleich gesagt, dass sie eine wichtige Informationsquelle sein k�nnte? Und nun gib zu, dass meine Idee, ihr Vertrauen zu gewinnen, gut war.�</p><p>John grinste. �Okay. Ohne dich h�tte nie jemand erfahren, dass es eine Verbindung von Nigel Owen zu Julia Feldmann gab.� Er deutete eine Verbeugung an. �Ich neige mein Haupt vor der Gro�meisterin des Detektivspielens.�</p><p>Renie gab ihm einen Klaps. �H�r auf, mich auf den Arm zu nehmen.� Dann wurde sie ernst. �Sie hat mir auch anvertraut, warum sie nicht gewagt hatte, bei der ersten Befragung durch die Polizei etwas zu sagen. Zwei ihrer Br�der � sie arbeiten als K�che in dem Lokal � beziehen ihren Stoff auch von Owen. Daher erkannte sie Owen auch, trotz des schlechten Lichts. Sie hatte schon einige Deals beobachtet. Das hat niemand gemerkt, weil sie f�r ihre Familie nicht viel mehr als ein � n�tzliches M�belst�ck ist. � Ihre Stimme wurde bitter. �Die w�rden sie totschlagen, wenn sie der Polizei alles sagt, was sie wei�. Wei�t du was, John? Wir m�ssen etwas f�r Li tun, sie da rausholen. Das ist doch kein Leben, das sie da f�hrt. Sie ist ein kluges M�dchen und k�nnte aufs College gehen oder ein eigenes Lokal aufmachen oder was wei� ich.�</p><p>Bevor John etwas sagen konnte, klopfte es und durch die T�r kam ein Tross �rzte und Pfleger. Mit einem gestrengen Blick mahnte die Oberschwester, die das Krankenblatt in der Hand hielt, �Bitte lassen Sie uns f�r einen Augenblick allein. Dr. Farnsley muss sich die Patientin ansehen.�</p><p>�Dr. Farnsley, vielleicht k�nnen Sie sich erinnern? John Mackenzie. Wir haben uns bei der Er�ffnung des Weihnachtsmarktes im Tower getroffen.�</p><p>Der Chefarzt stutzte, dann erinnerte er sich. �Nat�rlich, Sie sind der Ravenmaster des Towers, nicht wahr? Und Sie sind mit unserer reizenden Mrs. Whittington-Armsworth bekannt.� Letzteres schien den Arzt schwer beeindruckt zu haben.</p><p>John l�chelte. �Ich habe den Ravenmaster eine Weile vertreten, aber wir hoffen, dass er so schnell wie m�glich wieder seinen Dienst antreten kann, Doktor.�, stellte er klar. �Aber ich m�chte Sie nicht aufhalten. Ihre Patientin ist �brigens meine Nichte, Maureen Hughes.�</p><p>�Gut, dann wollen wir mal. Hat mich gefreut, Mr. Mackenzie.�</p><p>John wanderte auf dem Gang hin und her, w�hrend er auf das Ende der Visite wartete. Auf einmal h�rte er Renies Stimme durch die T�r herausdringen. Ohne die Worte verstehen zu k�nnen, war unschwer zu erkennen, dass sie erbost war. Dann eine dunklere Stimme, die sich bem�hte, sie zu beruhigen. Nach wenigen Minuten �ffnete sich die T�r und das Regiment Mediziner kam heraus. Einige trugen ein verstohlenes Grinsen zur Schau. Das Gesicht der Oberschwester war ger�tet und sie blitzte John im Vorbeirauschen erz�rnt an. Der Chefarzt murmelte John zu, �Das ist ja � �h � eine k�mpferische junge Dame, Ihre Nichte.� Sie verschwanden im Nebenzimmer.</p><p>Als John wieder hineinkam, funkelte Renie ihn w�tend an. �Der hat sie doch nicht alle. Stell dir vor, ich soll noch mehrere Tage hier liegen und dann kann ich mich erst mal nur mit dem Rollstuhl bewegen, sp�ter auf Kr�cken. Bis ich wieder richtig laufen kann, werden Wochen vergehen.�</p><p>John setzte sich vorsichtig. �Ich verstehe, dass das schlimm f�r dich ist, Renie. Aber scheinbar hast du einen ziemlich komplizierten Bruch und der soll stabil wieder zusammenwachsen, ohne dass etwas verrutscht.�</p><p>Renie hieb mit der Hand auf die Bettdecke. �John! Du hast wohl ganz vergessen, dass ich gleich nach Neujahr nach S�dafrika fliege? Dieses Projekt war mein Traum! Und was soll ich da in einem Rollstuhl, kannst du mir das verraten? Mist, Mist, Mist!�</p><p>Sie ballte die H�nde zu F�usten. �Oh, ich k�nnte heulen. Was soll ich dann das n�chste halbe Jahr machen? Alle in meinem Semester sind in irgendwelchen Projekten eingesetzt, die �ber sechs Monate gehen. Nur ich sitze zu Hause und drehe D�umchen.� Verzweifelt zog sie sich die Bettdecke �ber den Kopf. �Lass mich allein, John. Ich m�chte sterben.�</p><p>�Renie, es tut mir so leid. Ich wei�, du hattest dich schon sehr auf die Zeit in Afrika gefreut. Aber ich bin sicher��</p><p>Ein unwilliges Knurren drang unter der Decke hervor. �Laber hier nicht rum, John. Ich will kein Mitleid. Geh einfach.�</p><p>John wusste, dass mit seiner Nichte in dieser Stimmung nicht zu reden war. �Ich komme morgen wieder, Renie. Mach�s gut einstweilen.� Als er die T�r hinter sich schloss, h�rte er sie rufen. Er steckte den Kopf noch einmal hinein. �Was ist?�</p><p>�Bring mir wieder die Schokolade mit, ja?�</p><p>John grinste. �Ein ganzes Dutzend Tafeln, wenn du willst. Bye.�</p><p>Nach seiner letzten F�hrung ging John �ber den Hof zum Rabenhaus. Zu seinem Erstaunen glomm ein Lichtschein aus der Holzh�tte. Er zog die T�r auf. �George!� Der Ravenmaster legte das Messer hin, mit dem er das Fleisch kleingeschnitten hatte. Sorgf�ltig wischte er sich die H�nde an der Sch�rze ab. Wortlos kam er die wenigen Schritte zu John her�ber und streckte ihm die Hand hin. �Danke. Ich � ich wei� nicht, wie ich dir das je vergelten kann. Ohne dich�� Seine Stimme brach. Tr�nen liefen �ber seine Wangen. John legte dem �lteren den Arm um die schmalen Schultern und schob ihn sanft zu einem alten Holzstuhl hin. Er selbst setzte sich auf einen Hocker. �Es ist sch�n, dass du wieder da bist�, sagte er schlicht.</p><p>George fasste sich wieder und schn�uzte sich kr�ftig. �Ich bin noch nicht lange zur�ck. Marcia h�tte fast einen Herzinfarkt bekommen, als ich pl�tzlich in der T�r stand. Ich bin so gl�cklich, wieder mit dem alten M�dchen vereint zu sein. Und nat�rlich hatte ich auch Sehnsucht nach der Rasselbande hier. Ich bin gespannt, ob die Kerlchen mich �berhaupt noch erkennen.�</p><p>John lachte. �Da habe ich keine Zweifel. Wie w�r�s � bereiten wir gemeinsam das Futter vor?� In diesem Moment erschallte eine Trompetenfanfare drau�en. Fragend blickte John auf. George aber begann zu strahlen. �Gworran!� Er eilte nach drau�en. Innerhalb k�rzester Zeit kamen alle neun Raben herangeflattert oder geh�pft und scharten sich um ihren alten Pfleger. George sprach ger�hrt auf sie ein. John sah dem Treiben einige Minuten l�chelnd zu, dann beeilte er sich, das Futter fertigzumachen und in der Voliere zu deponieren.</p><p>Normalerweise st�rzten sich die V�gel in Windeseile auf die N�pfe, sobald das Gitter der Voliere ge�ffnet wurde. Heute aber schienen sie sich kaum vom Ravenmaster trennen zu k�nnen. Schlie�lich scheuchte George sie sanft hinein und verschloss das Tor. �Die Tiere sehen gut aus. Du hast dich offenbar vorbildlich um sie gek�mmert.� Er kam in die H�tte zur�ck und schlug das Buch auf, in dem John die Aufzeichnungen �ber die V�gel weitergef�hrt hatte. Zufrieden nickend legte er es wieder weg und sah John an.</p><p>�Ich wei�, dass ich keinen besseren finden k�nnte, also frage ich dich: M�chtest du offiziell Assistent des Ravenmasters werden? Du h�ttest nat�rlich noch vieles zu lernen��</p><p>�Sehr gern, George. Es macht mir Freude, f�r die V�gel zu sorgen.�</p><p>Meistens zumindest.</p><p>�Ich freue mich, wenn du mir alles beibringst, was du wei�t.� Feierlich sch�ttelten die M�nner sich die H�nde.</p><p>�Nun erz�hle aber mal, George: Wie war das Verh�r? Offensichtlich konntest du den Superintendenten von deiner Unschuld �berzeugen, sonst h�tte er dich nicht so prompt freigelassen.�</p><p>George lie� sich auf den Stuhl fallen. �Ich sage dir, vorher habe ich Blut und Wasser geschwitzt. Aber nachdem ich mir geschworen hatte, die reine Wahrheit zu sagen und nichts zu verschweigen, fiel es mir gar nicht so schwer, Whittingtons Fragen zu beantworten. Danach f�hlte ich mich sogar richtig erleichtert. Die Polizei glaubte mir wohl, denn als das Gespr�ch zu Ende war, sagte Whittington, ich k�nne gehen. Nun hoffe ich, dass Richard es genauso machen wird. Das st�ndige L�gen macht einen ganz kaputt.�</p><p>John nickte. �Du hast recht. Was ist mit Marcia?�</p><p>�Vor dem Gespr�ch mit ihr hat mir fast noch mehr gegraut als vor dem Polizeiverh�r. Ich dachte, es bricht ihr das Herz, wenn ich ihr von den Fotos erz�hle und was sie �ber Richard aussagen, aber sie hat es erstaunlich gelassen aufgenommen. Nach ihrem Suizidversuch hattest du ihr ja versichert, ich w�re unschuldig. Als ich aber dennoch die Aussage verweigerte, wurde ihr im Lauf der Zeit klar, dass ich damit jemanden decken wollte. Sie wusste, das konnte nur Richard sein. Sie sagte mir, sie habe mich seit Tagen im Gef�ngnis besuchen wollen, um mir zu sagen, dass ich die Karten auf den Tisch legen soll. Dann aber h�tte sie jedes Mal wieder der Mut verlassen, weil sie Angst hatte, was sie �ber ihren Sohn herausfinden w�rde. Nun erscheint sie mir, so schlimm die ganze Geschichte auch ist, auch ein wenig erleichtert zu sein.�</p><p>John klopfte seinem Freund auf die Schulter. �Du hast das Richtige getan, George. Nun warten wir�s ab, was Richard aus der Situation macht.�</p><p>Beide fuhren herum, als das Telefon klingelte. John hob ab.</p><p>�John, ist George bei dir? Er ist schon vor einer Ewigkeit weggegangen.�</p><p>�Ja, Marcia, er ist hier.� Er blinzelte George zu. �Es tut mir leid, ich habe ihn aufgehalten. Und er konnte auch die Raben nicht so schnell wieder verlassen, die Tierchen sind ganz gl�cklich, dass er wieder hier ist.�</p><p>�Das macht doch nichts, John. Du hast so viel f�r uns getan. Ohne dich h�tte ich meinen George nicht wiederbekommen. Ich w�rde auch gar nicht dr�ngen, dass er wieder zur�ckkommt, aber Mullins hat gerade angerufen: Er will heute Abend noch eine Willkommensparty f�r George im Club geben. Vielleicht m�chtet ihr euch ja noch ein wenig in Schale werfen?�</p><p>Diese Aussicht machte beiden M�nnern Beine und sie machten sich eilends in ihre jeweiligen Wohnungen auf.</p><p>Als John die Water Lane hinunterging, drang bereits Musik und Stimmengewirr aus dem Club. Kurz vor der Eingangst�r traf er auf George und Marcia. Angetan mit einem schicken Kleid und einem gl�cklichen Strahlen, das ihr Gesicht erhellte, wirkte sie so lebendig, wie John es noch nie erlebt hatte.</p><p>Als die drei durch die T�r traten, brach lauter Jubel aus. George musste unz�hlige H�nde sch�tteln. Offensichtlich hatte sich herumgesprochen, dass John gro�en Anteil an der Freilassung des Ravenmasters gehabt hatte, denn auch ihm wurde ein herzlicher Empfang zuteil. Als Chief Mullins sich zu ihnen durchdr�ngte und ihre Arme hochhielt wie die zweier Preisboxer, klatschte, trampelte und pfiff die gesamte Tower-Gemeinde.</p><p>Sid sprang auf die Theke. �Ein Hoch auf unseren Ravenmaster, der endlich heimgekehrt ist und auf unseren Chief, der uns heute freih�lt � mit allem, was das Herz begehrt: Bier, Punsch nach meinem Geheimrezept und sogar � �</p><p>An dieser Stelle zog er mit geheimnisvoller Miene eine Flasche unter dem Tresen hervor, �f�r unseren Psycho-Doc, den Beistand in allen Lebenslagen � eine Portion Kinderpunsch!� Unter johlendem Gel�chter lie� John sich ein Glas einschenken und prostete den anderen zu.</p><p>Michael Conners schlug ihm ausgelassen auf die Schulter. �Alter Knabe! Gut gemacht. Wie ich h�re, hast du den Mordfall gel�st. Aber nun l�se endlich ein anderes R�tsel f�r uns� Er hob Johns Arm hoch, so dass die Umstehenden die frische Narbe auf seinem Handr�cken sehen konnten. �Wie haben die Raben das geschafft?� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 22</strong></p></title><p>Am Nachmittag des 24. Dezember stieg John in die Circle Line, die ihn hinaus nach Kew bringen sollte. Die Wagen waren kaum besetzt. Alle Gesch�fte waren geschlossen, so dass keine abgehetzten Geschenkesucher unterwegs waren.</p><p>Gep�ck und Geschenke hatte er Maggie mitgegeben, die mit Tante Isabel bereits gestern nach Kew gefahren war. W�hrend die Bahn aus der Stadt hinausfuhr, lehnte John sich in seinem Sitz zur�ck und streckte die Beine aus. Der Trubel der letzten Tage hatte ihn kaum zur Ruhe kommen lassen.</p><p>Nach der langen Nacht im Club hatte sein Wecker zu gewohnt fr�her Stunde gel�utet und er war ohne zu �berlegen aufgestanden. Erst, als mit dem ersten Schluck kr�ftigen Darjeelings sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, fiel ihm ein, dass George ja wieder da war und er daher nicht mehr f�r die Morgenf�tterung verantwortlich war. Er schlug sich mit der Hand auf die Stirn. Da er nun ohnehin wach war, beschloss er, George zur Hand zu gehen.</p><p>Der Ravenmaster blickte ihn erstaunt und mit noch etwas glasigen Augen an. �John, was tust du hier? Leidest du unter Schlaflosigkeit?�</p><p>�Eigentlich nicht, aber die Macht der Gewohnheit hat mich aus den Federn getrieben. Also dachte ich, was soll�s, dann leiste ich dir einfach Gesellschaft.� W�hrend sie Seite an Seite arbeiteten, fragte George, �Wie geht es deiner Nichte? Denkst du, ich kann sie besuchen? Ich w�rde mich gern pers�nlich bei ihr bedanken.�</p><p>�Nat�rlich. Komm doch heute mit mir mit. Ich werde sie nach meinem Dienst besuchen.� Er gab George einen frisch gesp�lten Napf zum Abtrocknen. �Sie ist ein wildes Huhn, deshalb leidet sie sehr darunter, dass sie sich kaum bewegen kann mit ihrem gebrochenen Bein. Auch, dass sie nun nicht zu diesem Hilfsprojekt in S�dafrika kann, hat sie schwer getroffen.�</p><p>�Das arme Ding. Und alles, weil sie mir helfen wollte. Sie muss ein wunderbarer Mensch sein, sich so f�r andere einzusetzen.�</p><p>John musste l�cheln. �Das ist sie. Ich bin auch zuversichtlich, dass sie bald etwas Neues findet, mit dem sie sich besch�ftigen kann. Manchmal kommt sie mir vor wie ein Gummiball, immer in Bewegung und nicht unterzukriegen.�</p><p>Auch Mullins und Marcia hatten sich ihnen angeschlossen und Renie hatte es genossen, ihre Abenteuer f�r ein aufmerksames Publikum noch einmal auszubreiten. George hatte ihr einen riesigen Pl�schraben mitgebracht, den Renie mit kindlicher Begeisterung entgegennahm. Mullins st�lpte ihr feierlich eine der hohen dunkelblauen M�tzen �ber den Kopf, wie sie die Beefeater tragen. �Hiermit ernenne ich Sie auf Grund Ihrer Verdienste um ein unverzichtbares Mitglied unserer Mannschaft zum Ehren-Beefeater, Miss Hughes.�</p><p>Renie strahlte. �Vielleicht k�nnte ich ja eines Tages ein richtiger Beefeater werden. Das w�re doch was, der erste weibliche Beefeater.� Alarmiert wich Mullins zur�ck.</p><p>�Dazu m�sste sie ja zuerst zur Armee gehen.�, raunte John ihm am�siert zu. �Das w�rde sie nie im Leben tun, also keine Sorge.�</p><p>Dann hatte John die halbe Nacht damit verbracht, Geschenke zu verpacken. Als er fertig war, t�rmte sich in seiner K�che ein Berg von rot und golden gl�nzenden P�ckchen auf. Am n�chsten Morgen ging er zu Bonnie hin�ber.</p><p>�Oh, darf ich das gleich aufmachen? Die Neugierde bringt mich sonst um.�, sagte sie, als er ihr sein Geschenk �berreichte.</p><p>�Aber nat�rlich. Ich m�chte doch wissen, wie Sie damit aussehen.�</p><p>�Wow, was f�r ein herrlicher Schal, so weich! Und die Farbe � die ist ja traumhaft. Vielen Dank, John.� Sie legte sich den Schal um und drehte sich vor dem Spiegel.</p><p>�Steht Ihnen ausgezeichnet, Bonnie. Frohe Weihnachten.�</p><p>�Ich habe auch etwas f�r Sie.� Sie verschwand hinter den Bergen von Weihnachtspost, die sie gerade sortierte. Jeden Morgen wurde die Post f�r die Belegschaft des Towers am Tor abgegeben und Bonnie verteilte sie dann.</p><p>In durchsichtige Folie gewickelt �bergab sie ihm zwei kunstvoll bemalte chinesische Essschalen mit passenden St�bchen. �Weil Sie doch gerne asiatisch kochen.�</p><p>�Die sind wirklich wundersch�n, Bonnie, tausend Dank.� John bewunderte die filigranen blauen Zeichnungen auf dem Porzellan.</p><p>�Vielleicht k�nnen wir sie ja gemeinsam einweihen�, schlug sie etwas verlegen vor.</p><p>Und liefern Edwina Dunders wieder Stoff f�r ihre Klatschgeschichten, dachte John am�siert.</p><p>�Klar machen wir das nach den Feiertagen, wenn ich wieder da bin. Nun w�nsche ich Ihnen ein sch�nes Weihnachtsfest, Bonnie.�</p><p>�Moment noch, John. Nehmen Sie doch gleich Ihre Post mit, ja? Sie haben ein Paket aus Deutschland bekommen und jede Menge Briefe.� John dankte ihr und verabschiedete sich.</p><p>Als er �ber den Hof ging, schlug die Uhr von St. Peter ad Vincula neun. Maggie wollte um neun kommen, um meine Sachen abzuholen, fiel ihm ein. Schleunigst strebte er zu seiner Wohnung hin�ber. Auf dem Weg traf er George, der auf dem Tower Green mit Gworran scherzte. �George, hast du eine Minute? Ich muss einen Haufen Geschenke zum Tor schaffen, wo meine Schwester sie gleich abholen wird.�</p><p>�Nat�rlich. Gehen wir.�</p><p>W�hrend sie zu Johns Wohnung eilten, fuhr George fort, �Der Chief war so nett, mir f�r die ersten Tage hier keine Wach- und Besucherdienste zu geben. Ich habe heute nur einen Termin: Nachmittags gibt es einen Fototermin im St. Bartholomew�s. Dort wird der Scheck mit dem Erl�s des Weihnachtsmarktes �berreicht. Nat�rlich �bernimmt Edwina Dunders das, aber Mullins soll auch dabei sein. Er sagte, er will mich mit auf dem Foto haben.� Er hielt inne, als er gleich hinter der Eingangst�r �ber eines der Pr�sente stolperte. John lie� seine Post fallen und bem�hte sich, seinen alten Freund aufzufangen und sich f�r die Unordnung zu entschuldigen, als das Telefon klingelte.</p><p>�Hier ist eine tolle Blondine, die sagt, sie w�re deine Schwester. Und sie ist nicht gerade besonders erbaut dar�ber, dass du nicht schon l�ngst gestiefelt und gespornt hier bist. Mann, so eine Frau l�sst man doch nicht warten, selbst wenn sie nur die eigene Schwester ist.�, feixte Adams.</p><p>John st�hnte. �Gib sie mir bitte.�</p><p>�John? Wo bist du? Ich stehe in einer Kurzparkzone.�</p><p>�Maggie, es tut mir leid, ich habe die Zeit �bersehen. Ich bin sofort bei dir. Und lass dich nicht von Adams anmachen, der ist ein ber�chtigter Schweren�ter.� Hastig suchte er einige gro�e T�ten zusammen und brachte sie ins Wohnzimmer.</p><p>�Stopf einfach alles, was da herumliegt, hinein, George.� Schwer bepackt mit den Geschenken und Johns kleiner Reisetasche wankten sie hinaus.</p><p>Als Maggie George erblickte, kl�rten sich die unheilvollen Wolken auf ihrer Stirn auf.</p><p>�Mr. Campbell, was f�r eine Freude, Sie wieder zu Hause zu sehen. Wie geht es Ihnen?� George zog galant die M�tze ab. �Mrs. Hughes, dank Ihrem Bruder und Ihrer Tochter geht es mir wieder sehr gut. Ich hoffe, Maureen wird schnell wieder gesund.�</p><p>Maggie winkte ab. �Sie treibt mich schon wieder zur Raserei. Gestern Abend sagte der Arzt ihr, dass sie �ber die Feiertage im Krankenhaus bleiben soll. Da hat sie ihm wohl ein Buch nachgeworfen. Wirklich, das Kind ist unverbesserlich!� John entfuhr ein Lachen, das er erfolglos als Husten zu tarnen versuchte. Seine Schwester funkelte ihn an. �Das ist nicht lustig. Bei allem Verst�ndnis, das ich f�r sie habe � so etwas geht einfach nicht. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie die Oberschwester mich am Telefon zusammengestaucht hat.�</p><p>John setzte seine T�ten ab, da ihm die H�nde taub wurden. �Aber Maggie, wir k�nnen Renie doch wirklich nicht alleine in London lassen, w�hrend die ganze Familie in Kew feiert. Das w�re grausam.�</p><p>Maggie hob resigniert die H�nde. �Ich wei� auch nicht, wie wir das Dilemma l�sen sollen. Vielleicht f�llt dir ja etwas ein. Ich f�r meinen Teil muss jetzt schleunigst zum Flughafen und Tante Isabel abholen. Gnade mir Gott, wenn ich zu sp�t ankomme.� Also schleppten die M�nner ihre Last so schnell es ging zu Maggies Auto und sie brauste davon.</p><p>W�hrend sie zur�ckgingen, fragte John, �Was gibt es Neues von Richard? Hat er seine Aussage gemacht?� George zuckte ein wenig traurig mit den Schultern. �Ich habe schon Dutzende Male versucht, ihn zu erreichen. Gestern Abend hat es endlich geklappt. Er sagte aber nur, er h�tte sehr viel zu tun, nachdem er pl�tzlich ohne seinen Wahlkampfmanager auskommen muss. Was mit der Polizei war, dazu sagte er gar nichts. Aber er will heute Abend vorbeikommen, dann wird er schon alles erz�hlen.�</p><p>John sah seinen Freund forschend von der Seite an. Auch wenn George sich um einen neutralen Ton bem�ht hatte, war doch offensichtlich, dass er vom Verhalten seines Sohnes entt�uscht war. Das grandiose Bild, das die Campbells von ihrem einzigen Sohn hatten, bekam weitere Risse.</p><p>Zur�ck in seiner Wohnung tigerte er unentschlossen von seiner K�che ins Wohnzimmer und wieder zur�ck. Schlie�lich fasste er einen Entschluss und rief Chief Mullins an. �Ich muss wegen meiner Nichte dringend mit Dr. Farnsley sprechen. K�nnen Sie mich heute zu diesem Fototermin ins Krankenhaus mitnehmen?�</p><p>�Nat�rlich. Seien Sie kurz nach f�nfzehn Uhr vorne am Tor, dort sammle ich George und Edwina ein und fahre uns alle zum Krankenhaus.�</p><p>�Dazu m�sste ich die Schicht tauschen, da ich heute f�r die Nachmittagsf�hrungen eingeteilt bin.�</p><p>�Kein Problem. Dann setzen wir Sie gleich von zehn bis f�nfzehn Uhr ein und Denham soll stattdessen von zw�lf bis siebzehn Uhr einspringen. Ich k�mmere mich darum. Bis sp�ter.�</p><p>In Paradeuniform l�chelten George und Chief Mullins in die Kamera. Edwina hielt gemeinsam mit dem Chefarzt den stattlichen Scheck und auch Patricia hatte sich in einem lavendelfarbenen Kost�m dekorativ in Positur gestellt. Der Zeitungsfotograf dr�ckte fix ein paar Mal auf den Ausl�ser. �Schon fertig, Leute. M�sste nach den Feiertagen erscheinen.� Patricia dankte ihm �berschw�nglich und geleitete den Mann hinaus.</p><p>�Doktor � bitte, h�tten Sie eine Minute?� John trat schnell auf Dr. Farnsley zu, bevor dieser in den Katakomben der Klinik verschwinden konnte.</p><p>�Ja, Mr. Mackenzie?�</p><p>�Sie erinnern sich an meine Nichte Maureen?�</p><p>Der Arzt lie� ein ironisches L�cheln aufblitzen. �Wer k�nnte diese junge Dame je vergessen? In den wenigen Tagen, seit sie hier ist, hat sie durch ihre � eigenwilligen � Aktionen schon einen hohen Bekanntheitsgrad beim Personal erlangt.�</p><p>Zerknirscht sah John den Arzt an. �Sie ist wirklich ein wenig impulsiv. Sehen Sie, deshalb denken wir als ihre Familie auch, sie sollte besser �ber die Feiertage in unserer Obhut sein. Die gesamte Verwandtschaft kommt bei meinen Eltern in Kew zusammen und wir m�chten das M�dchen nur h�chst ungern allein in London lassen. Vor allem, da sie doch gerade das Opfer eines versuchten Mordanschlages geworden ist und soweit ich wei�, der T�ter immer noch nicht gefasst werden konnte.� John beobachtete den Arzt genau und merkte, dass dieser ins Wanken geriet.</p><p>Er spielte seine letzte Trumpfkarte aus. �Mrs. Whittington-Armsworth wird auch da sein, da sie die Gattin meines Cousins ist. Mit Sicherheit wird sie ein Auge darauf haben, dass Maureen keinen Unsinn macht und sich h�bsch ruhig verh�lt.�</p><p>�Ah, na wenn das so ist. Nat�rlich vertraue ich Patricia, �h, Mrs. Whittington-Armsworth hundertprozentig��</p><p>�Das freut mich zu h�ren, Dr. Farnsley.� Patricia war zur�ckgekommen und bedachte den Arzt mit einem schmelzenden Blick.</p><p>��h, da sind Sie ja, meine Liebe. Mr. Mackenzie bat mich gerade, noch einmal �ber die M�glichkeit einer kurzzeitigen Entlassung seiner Nichte nachzudenken. Nun h�re ich, dass Sie Weihnachten alle gemeinsam verbringen werden. Ich denke, dann kann ich es vertreten, Maureen f�r zwei, drei Tage in Ihre Obhut zu entlassen. Aber sie darf das Bein keineswegs belasten! Wir k�nnen Ihnen einen Rollstuhl mitgeben. Sie m�ssen aber f�r ein geeignetes Transportfahrzeug sorgen, denn selbstverst�ndlich k�nnen wir sie nicht in einem Krankenwagen zum Verwandtenbesuch chauffieren.�</p><p>�Da finden wir schon eine L�sung, Doktor. Und schlie�lich wird ja auch mein Mann da sein, der, wie Sie ja wissen, Superintendent bei Scotland Yard ist und diesen schrecklichen Mordfall gerade zum Abschluss bringt. Bei uns wird Maureen also sicher wie in Abrahams Scho� sein.�</p><p>�Danke f�r deine Hilfe, Patricia.�, sagte John, nachdem sich Dr. Farnsley verabschiedet hatte. �Ich werde gleich Alan anrufen. Er soll versuchen, ein rollstuhlgerechtes Fahrzeug aufzutreiben.�</p><p>�Nicht n�tig. Unser Kinderhospizverein hat einen solchen Wagen, den kann Alan sich ausleihen. Ich k�mmere mich gleich darum.�</p><p>�Das ist wirklich sehr nett von dir.� John bem�hte sich, sein Erstaunen �ber Patricias pl�tzliche F�rsorglichkeit zu verbergen.</p><p>�Keine Ursache, John. Schlie�lich ist Maureen eine wichtige Zeugin in Simons bisher gr��tem Fall.�</p><p>�Konnten seine Leute Owen mittlerweile finden?�</p><p>Sie sch�ttelte betr�bt den Kopf. �Simon denkt, er hat sich zum Kontinent abgesetzt. Hat er es erstmal in die Europ�ische Union geschafft, kann er wegen der fehlenden Grenzkontrollen �berall untertauchen.�</p><p>Patricia sah aus, als empf�nde sie dies als pers�nlichen Affront gegen ihren Mann, dem der gerechte Ruhm verwehrt bleiben w�rde, wenn der Mordverd�chtige nicht gefasst wurde.</p><p>�Na, er wird dir sicher alles �ber die weiteren Entwicklungen erz�hlen, wenn wir in Kew sind. Ich muss los, John. Gr��e Maureen von mir.� Sie glitt davon wie eine lavendelblaue Wolke auf passenden Pumps. </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 23</strong></p></title><p>Die U-Bahn erreichte die Vororte und fuhr aus dem Dunkel des Tunnels hinaus in das fahle Licht des Winternachmittages. Als John an Renies Reaktion zur�ckdachte, musste er l�cheln. So �berschie�end, wie sie reagierte, wenn ihr etwas gegen den Strich ging, so �bersch�umend war sie auch in ihrer Begeisterung. H�tte sie gekonnt, w�re sie im Bett auf und ab geh�pft. So hatte sie sich mit einem markersch�tternden Freudengeheul und einer st�rmischen Umarmung f�r ihren Onkel zufrieden geben m�ssen.</p><p>Maggie, die von Kew aus anrief, um sich besorgt nach ihrer Tochter zu erkundigen, war h�chst erstaunt, als Renie sie ausgelassen begr��te. Nachdem Maggie geh�rt hatte, dass sie nun doch Weihnachten alle gemeinsam w�rden verbringen k�nnen, fiel ihr ein Stein vom Herzen. �Gib mir bitte mal deinen Onkel.� Renie reichte den H�rer weiter und trommelte fr�hlich mit ihren H�nden auf die Bettdecke.</p><p>�John, ich danke dir. Das ist das sch�nste Weihnachtsgeschenk f�r uns. Und glaub mir, wir k�nnen erfreuliche Nachrichten hier gut brauchen.�</p><p>�Was ist los?�</p><p>�Dreimal darfst du raten. Mum und Tante Isabel � sie waren keine f�nf Minuten unter einem Dach, als es schon losging. Walter hat Eddie durchs Esszimmer gejagt und der Kater ist in seiner Panik die Brokatvorh�nge hinaufgeklettert. Wie die jetzt aussehen, kannst du dir ja vorstellen. Mum schrie, die verdammte T�le w�re schuld, dass ihre kostbarsten Vorh�nge jetzt M�ll w�ren. Da ist Isabel nat�rlich wild geworden. Auf ihren geliebten Champion l�sst sie ja nichts kommen. Sie keifte zur�ck, solche altbackenen Vorh�nge h�tte sowieso kein Mensch mehr und au�erdem h�tte die r�udige Katze Walter provoziert.� John konnte sich lebhaft vorstellen, wie seine Mutter auf diese Bezeichnung ihres Rassekaters King Edward, eines Bruders von Maggies vierbeinigem Hausgenossen, reagiert hatte.</p><p>�Wenn Dad und ich nicht eingegriffen h�tten, w�ren die beiden noch handgreiflich geworden, f�rchte ich.�</p><p>�Walter und Eddie?�</p><p>�Quatsch, nat�rlich Mum und Tante Isabel. Es ist wirklich eine Schande, wie sich zwei �ltere Damen, St�tzen der Gesellschaft, so vergessen k�nnen. Es hat sich einfach nichts ge�ndert, obwohl sie sich bestimmt zehn, f�nfzehn Jahre nicht gesehen haben.� Maggie schnaubte. Dann begann sie zu kichern. �Aber irgendwie ist es auch unglaublich lustig, die beiden so zu erleben. Wir werden bestimmt eine interessante Zeit hier haben.�</p><p>Bevor John nach Kew aufbrach, war er gemeinsam mit Chief Mullins bei George und Marcia zum Mittagessen eingeladen gewesen. An dieses Essen dachte John mit gemischten Gef�hlen zur�ck. Sie hatten Marcias gro�artigen Braten genossen und Geschenke ausgetauscht. W�hrend des Essens hatte in schweigender �bereinstimmung niemand von ihnen �ber den Mordfall gesprochen. George und Marcia bem�hten sich redlich, unterhaltsame Gastgeber zu sein. Dennoch sp�rte John eine Traurigkeit bei beiden, die ihn schmerzte.</p><p>Als Marcia die M�nner mit Kaffee und Brandy allein im Wohnzimmer zur�cklie� und sich mit den Worten �Ihr M�nner habt sicher noch einiges zu bereden. Ich bin in der K�che, wenn ihr mich braucht.�, l�chelnd zur�ckzog, konnte John seine Neugier nicht l�nger z�geln.</p><p>�George. Was gibt es von Richard zu berichten?�</p><p>George sah versonnen zum Fenster hinaus. �Nun ja, das war ein � denkw�rdiges Gespr�ch, das wir gestern hatten. Zuerst einmal schilderte Richard nochmal, wieviel er nun zu organisieren h�tte, da der Kopf seines Wahlkampfteams fort sei. Ich fragte ihn schlie�lich, wie das Verh�r gelaufen w�re. Er meinte, das h�tte er ganz gut hingekriegt. Seine gr��te Sorge war wohl, dass sein Drogenkonsum an die �ffentlichkeit gelangen k�nnte. Aber offensichtlich hat ihm der Superintendent zugesichert, dass sie diese Sache soweit m�glich diskret behandeln w�rden.�</p><p>Ich m�chte wetten, Richard hat Simon daf�r eine Budgeterh�hung f�r die Metropolitan Police versprochen, falls er gew�hlt wird, dachte John sarkastisch. Ein Blick auf Mullins� gerunzelte Stirn sagte John, dass die Gedanken des Chiefs in die gleiche Richtung liefen.</p><p>�Was ist mit Richards fr�herer Aussage, Owen w�re zum Tatzeitpunkt stets mit ihm zusammen gewesen? Im Endeffekt h�tte er dich entlasten k�nnen, wenn er die Wahrheit gesagt h�tte.�</p><p>George seufzte leise. �Das gleiche hat Marcia ihn auch gefragt. Wahrscheinlich war es das erste Mal in Richards Leben, dass seine Mutter ihm einen Vorwurf gemacht hat, nachdem sie ihn fr�her immer in Schutz genommen hat. Er war wie vor den Kopf geschlagen, das kann ich euch sagen. Naja, er erkl�rte dann, Owen h�tte sich tats�chlich f�r einige Minuten entschuldigt. Pikanterweise, um angeblich den Drogendealer anzurufen, weil die beiden Nachschub brauchten. Richard wollte nat�rlich keinesfalls, dass etwas von diesem Anruf bekannt wird. Er sagt, er h�tte Owen immer hundertprozentig vertraut und es f�r v�llig unm�glich gehalten, dass dieser etwas mit diesem Mord zu tun hatte. Er wusste wohl offensichtlich auch nicht, dass Owen Julia kannte. Er selbst kannte auch ihren Namen nicht, aber als das Foto in der Zeitung erschien, wurde ihm klar, dass das die junge Frau war, die ein, zwei Mal als Drogenkurier zwischen ihm und seinem Dealer fungiert hatte. W�hrend er also seinem ach so engagierten Manager blind vertraute, hat er mich, seinen Vater, tats�chlich f�r schuldig gehalten, nachdem meine Fingerabdr�cke gefunden worden waren.�</p><p>Bitterkeit sprach aus Georges Worten. �Deshalb hielt er es auch f�r unn�tig, die Wahrheit �ber Owen zu sagen, vor allem, da er dann ja auch selbst kein Alibi mehr gehabt h�tte.�</p><p>George wischte sich verlegen ein paar Tr�nen ab. �Nachdem Richard gestern Abend gegangen war, haben Marcia und ich uns lange unterhalten. So traurig es auch ist � uns ist durch diese Sache klar geworden, dass f�r unseren Sohn nur eins z�hlt: er selbst. Und daran tragen wir die Schuld. Schlie�lich haben wir ihn aufgezogen.�</p><p>Mullins sprang auf. �George! Nun h�r sofort auf, so einen Mist zu reden. Du und Marcia, ihr seid wunderbare Menschen. Ohne euch k�nnte ich mir unsere Gemeinschaft hier nicht vorstellen. Euer Sohn ist Mitte Drei�ig, ein erwachsener Mann. Er ist f�r seine Entscheidungen selbst verantwortlich. Ihr habt immer sein Bestes gewollt und selbst wenn ihr vor zwanzig, drei�ig Jahren Fehler gemacht habt: Wer macht die nicht? Also h�r auf, dir die Schuld daf�r zu geben, dass er so ist, wie er nun mal ist.� Er holte tief Luft und sah John auffordernd an.</p><p>�Der Chief hat recht, George. Vielleicht stellt diese Sache ja auch eine Chance f�r Richard dar. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er g�nzlich ungeschoren davonkommen wird, egal, was er sich jetzt vormacht. Wenn Nigel Owen gefunden und vor Gericht gestellt wird, werden dabei auch einige Tatsachen �ber Richard ans Licht kommen. Er wird Konsequenzen zu tragen haben � und genau das ist es, was er braucht, denke ich. Wir k�nnen nur hoffen, dass er daraus lernen wird.�</p><p>George nickte langsam. �Ja. Ja, vielleicht habt ihr sogar recht.� Ein leiser Funke Hoffnung kehrte in seine Augen zur�ck. Als die beiden sich verabschiedeten, winkten George und Marcia den M�nnern Arm in Arm nach.</p><p>�Was meinen Sie, Mackenzie: Werden die beiden den Absturz ihres Superhelden verkraften?�</p><p>�Ich glaube es, auch wenn es hart f�r die beiden ist.�</p><p>Im Hof trennten sich ihre Wege. �Ich w�nsche Ihnen ein frohes Fest, Chief.�</p><p>�Das w�nschen ich Ihnen auch. Sie haben sich ein paar ruhige Tage mit Ihrer Familie wirklich verdient.� Sie sch�ttelten sich die Hand.</p><p>�Gut, Sie in der Truppe zu haben, Mackenzie. Anfangs hatte ich ja so meine Zweifel, was wir wohl mit einem � nun ja � �</p><p>�Psycho-Onkel�, erg�nzte John grinsend.</p><p>�Genau. Was wir mit einem Psycho-Onkel anfangen w�rden. Aber in den letzten Wochen habe ich gelernt, dass Ihr Blickwinkel auf die Dinge durchaus eine Bereicherung f�r uns darstellt. In diesem Sinne � Cheerio! Und gr��en Sie Ihre verr�ckte Nichte von mir.� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 24</strong></p></title><p>Mit jeder Meile, die die Bahn zur�cklegte, f�hlte John sich leichter. Er nahm sich vor, w�hrend der kommenden Tage nichts zu tun, als auszuschlafen, sich mit dem legend�ren Truthahn seiner Mutter vollzustopfen und das Beisammensein mit seinen Verwandten zu genie�en. Die Scharm�tzel zwischen Tante Isabel und seiner Mutter versprachen, zur Unterhaltung beizutragen.</p><p>Voller Vorfreude sprang er auf, als die Bahn die Themse �berquerte. In wenigen Minuten war die Station Kew Gardens erreicht.</p><p>�Fr�hliche Weihnachten�, schmetterte er der Schalterbeamtin entgegen, als er die kleine Bahnhofshalle durchquerte. Die Stra�e hinunter sah er bereits den Eingang zu den K�niglichen G�rten vor sich liegen. Als Kind hatten er und seine Geschwister dort viel Zeit verbracht, da ihre Mutter eine St�tze des F�rdervereins der G�rten war und wie eine Reihe anderer Gartenenthusiasten ehrenamtlich mithalf, die Freifl�chen und die Pflanzen in den verschiedenen Glash�usern zu pflegen.</p><p>Anders als seine Geschwister hatte auch John Interesse an der Vielfalt der Botanik entwickelt. Nun, wo er wieder in England war, freute er sich darauf, wieder mehr Zeit hier zu verbringen.</p><p>Er hatte gelesen, dass es dieses Jahr dort eine gro�e Eisfl�che gab, wo man Schlittschuh laufen konnte. Abends war das Areal von hunderten Gl�hbirnen erleuchtet, was zusammen mit den angrenzenden viktorianischen Gew�chsh�usern ein sehr romantisches Bild ergab. Er hoffte, dass er die Gelegenheit finden w�rde, dort ein paar Runden zu drehen.</p><p>Bis zum Haus der Mackenzies waren es nun nur noch ein paar Schritte. Er durchquerte den Vorgarten mit den akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken. Auf der letzten Gartenreise ihres Clubs nach Meran in S�dtirol hatte Johns Mutter sich von den zahlreichen kunstvollen Heckenskulpturen inspirieren lassen. Nun bestand ihr ganzer Ehrgeiz darin, ebenfalls phantasievolle Formen zu erschaffen. Ihr erstes Projekt, eine �berdimensionale Katze, die einen Buckel machte, erinnerte allerdings eher an einen Dinosaurier. W�hrend John fl�chtig �berlegte, ob sein Vater beim Heckenschnitt die Finger im Spiel gehabt haben mochte, flog die Eingangst�r des gro�en efeu�berwachsenen Hauses auf.</p><p>Bella sprang heraus. �Onkel John!� Er �ffnete die Arme und sie flog hinein. �Wir sind auch gerade angekommen, in einem riesigen Auto, in dem sogar Renie in ihrem Rollstuhl Platz hatte. Und King Olaf hat sich auf der Fahrt hierher �bergeben!�, sprudelte sie heraus.</p><p>John lachte laut heraus. �Das ist doch ein guter Start in die Feiertage.� An der T�r empfing seine Mutter ihn. �Mein Junge. Sch�n, dass du endlich da bist. Komm rein, komm rein. Gib mir deinen Mantel.� W�hrend sie den ger�umigen Dielenschrank �ffnete, zischte sie ihm zu, �Sie macht mich wahnsinnig. Wei� der Himmel, warum sie uns dieses Jahr heimsuchen musste.� John konnte unschwer erraten, von wem seine Mutter sprach. Er legte den Arm um seine Mutter und erwiderte mit einem schadenfrohen Grinsen, �Tja Mum, nun siehst du mal, wie das ist. Unser geliebter Cousin Simon hat David, Maggie und mich jahrelang zur Wei�glut getrieben. Du wirst es ein paar Tage mit Tante Isabel aushalten k�nnen.� Sie kniff ihn scherzhaft in die Wange. �John Albert Mackenzie! Sprich nicht so respektlos von Simon. Ohne ihn h�tten wir jetzt ein sehr trauriges Weihnachtsfest.�</p><p>Ern�chtert sah er sie an. �Du hast recht, Mum. Maggie und ich haben uns ohnehin vorgenommen, von jetzt an immer nett zu ihm zu sein.�</p><p>�So ist�s recht. Nun geh schon zu den anderen. Sie sind im Wohnzimmer.� John brauchte nur dem Stimmengewirr zu folgen. Sein Vater, Alan, Tommy, David und seine Frau Annie mit ihrem S�hnchen Christopher hatten sich um Renie geschart, die neben dem offenen Kamin wie eine K�nigin in ihrem Rollstuhl thronte und wieder einmal gen�sslich ihr knappes Entrinnen schilderte. Auch Tante Isabel lauschte Renies lebhaftem Vortrag. Ihre Mundwinkel zuckten. Trotz ihres hohen Alters und ihrer zierlichen Gestalt war sie immer noch eine dominierende Pers�nlichkeit. Als sie John erblickte, erhob sie sich �chzend aus ihrem Stuhl und kam, auf ihren Ebenholzstock mit dem Hundekopfgriff gest�tzt, zu ihm her�ber.</p><p>�Tante Isabel, behalte doch Platz � �</p><p>�Unsinn�, unterbrach sie John ungehalten. �Junger Mann, du glaubst wohl, ich geh�re schon zum alten Eisen, was?� Sie reckte ihm die faltige Wange entgegen. John dr�ckte einen herzhaften Kuss darauf. �So ist�s schon besser. John, dies ist Sir Walter Scott, mein Landeschampion.� Der Hund war ihr gemessenen Schritts gefolgt. Wohlerzogen hob er eine Pfote. Nachdem John dem Terrier die Pfote gesch�ttelt hatte, konnte er auch den Rest seiner Familie begr��en. Danach ging er in die K�che hin�ber, wo Maggie eben die Lammpastete im Ofen kontrollierte. �Hallo, Schwesterherz. Hmm, das riecht ja k�stlich.�</p><p>�Hallo, du Retter der Familienweihnacht. Hier, trag bitte den Brotkorb hinaus. Das Abendessen ist bald fertig.� Gehorsam tat John wie ihm gehei�en und schlenderte dann in die K�che zur�ck. �Es ist nur f�r elf gedeckt. Kommen Simon und Patricia nicht?�</p><p>Maggie probierte ihre Salatsauce und tat dann noch etwas Pfeffer hinein. �Sie hatten es vor, aber Simon kann wegen der Ermittlungen noch nicht weg aus London. Sie hoffen, dass sie im Lauf des Abends noch herkommen k�nnen. Morgen bleiben sie bis zum Mittagessen, dann fahren sie weiter zu Patricias Eltern.� John kaute geistesabwesend auf einem Bl�ttchen frischen Korianders herum, das er aus den Kr�utert�pfen auf dem Fensterbrett gepfl�ckt hatte.</p><p>�Was f�r ein Geschenk habt ihr f�r Simon besorgt?�</p><p>�Patricia sagte mir, dass er einen neuen Siebener-Schl�ger zum Golfen brauchen k�nnte. Im Sommer sind die beiden wohl zu einem gro�en Prominenten-Wohlt�tigkeitsturnier in St. Andrews eingeladen. Also haben wir den besten Schl�ger gekauft, den es in dem Golfshop gab.�</p><p>John pfiff durch die Z�hne. �Donnerwetter. Ich sehe Simon schon vor mir, wie er das n�chste halbe Jahr wie ein Besessener trainiert, um sein Handicap zu verbessern. Verlieren konnte er ja noch nie. Kannst du dich erinnern, wie er selbst beim Federball immer diskutieren musste, ob sein Ball nun im Aus war oder nicht? Oder wie er einmal ��</p><p>�John�, unterbrach Maggie ihn mahnend. �Wir wollten die alten Kamellen doch vergessen, oder nicht?�</p><p>�Entschuldige. Alte Gewohnheit. Vorhin musste ich mich schon von Mum deswegen tadeln lassen.�</p><p>Maggie schnaubte. �Mum! Dabei benehmen sie und Tante Isabel sich mindestens ebenso kindisch und werfen sich gegenseitig Sachen an den Kopf, die schon drei�ig, vierzig Jahre her sind. Sie widersprechen sich auch st�ndig gegenseitig, einfach aus Prinzip. Und das Sch�rfste ist, dass ihre Abneigung auf ihre Haustiere abgef�rbt zu haben scheint. Tante Isabel schw�rt, dass Walter noch nie einer Katze etwas zuleide getan h�tte, aber auf Eddie hat er nur einen Blick geworfen und schon ging�s los mit der wilden Jagd.�</p><p>�Was habt ihr mit Olaf und Eddie gemacht? Ich habe sie gar nicht gesehen.�</p><p>�Ich habe die beiden in das Zimmer gesperrt, das du mit Tommy teilst, oben im ersten Stock. Sie sind mit Futter, Wasser und Katzenklo versorgt, also werden sie es hoffentlich dort aushalten, so lange Walter im Haus ist. Mum und Isabel finden auch ohne die Tiere gen�gend Anl�sse, sich zu streiten. Stell dir vor, morgen werden beide nach ihrem jeweiligen geheimen Rezept eine Preiselbeersauce zum Truthahn machen. Jede ist �berzeugt, dass ihre Sauce die Bessere ist � � Sie brach abrupt ab, als die T�r aufging und Emmeline Mackenzie hereinkam.</p><p>�Ist alles fertig, Maggie? Dann lasst uns essen, Kinder.�</p><p>Beim Abendessen sa� John zwischen seinem Vater und David.</p><p>�Wie l�uft die Kanzlei, Kleiner?�, fragte er seinen j�ngeren Bruder, w�hrend Maggie die Suppe austeilte. David und Annie waren beide Steuerberater. Sie hatten sich in der Firma, in der beide arbeiteten, kennengelernt, geheiratet und sich vor einigen Jahren in Cambridge gemeinsam selbstst�ndig gemacht.</p><p>�Ich kann nicht klagen, John. Unser Mandantenkreis erweitert sich best�ndig. Das Steuerrecht wird immer komplizierter, egal was die Politik auch versucht, um es zu vereinfachen. Zum Beispiel wird nun zum ersten Januar eine Regelung in Kraft treten��</p><p>John bem�hte sich redlich, den Ausf�hrungen seines Bruders zu folgen, doch verlor er schon nach wenigen Minuten den Faden. Gl�cklicherweise warf Maggies Ehemann, der aufmerksam zugeh�rt hatte, eine Frage ein und es entspann sich eine lebhafte Diskussion. John, dem es ein R�tsel war, wie jemand sich f�r die Reform der K�rperschaftssteuer begeistern konnte, neigte den Kopf zu seinem Vater hin�ber und fragte halblaut, �Hat Mum dir den letzten Schnitt der Buchshecken im Vorgarten �berlassen?�</p><p>James Mackenzie zwinkerte seinem Sohn zu. �Du hast es gemerkt, nicht wahr? Nach dem Neuaustrieb der Bl�tter im Fr�hjahr werden wir eine wunderbare Triceratops-Skulptur haben. Und das Beste ist, dass es Emmeline noch nicht einmal aufgefallen ist, dass ihre Figur einer Felis domestica sich allm�hlich in einen nordamerikanischen Pflanzenfresser aus der Kreidezeit verwandelt.�</p><p>�Die meisten Menschen sehen das, was sie erwarten zu sehen.�, kam es da in etwas abf�lligem Ton von der gegen�berliegenden Tischseite. Ertappt blickten beide auf. Tante Isabel l�chelte heiter. Johns Vater warf einen schnellen Blick zu seiner Frau hin�ber, die jedoch damit besch�ftigt war, dem widerspenstigen Christopher die Gem�sesuppe schmackhaft zu machen. Beruhigt wandte er sich an Isabel und brummte, �Du hast wirklich ein ausgezeichnetes Geh�r.�</p><p>�Nicht nur das. Ich sehe auch noch wie ein Adler. Und mein Ged�chtnis funktioniert einwandfrei. Allerdings schr�nkt das Rheuma mich immer mehr ein, so dass ich nicht mehr ganz so fix bin wie ein junges Ding mit siebzig.�</p><p>Emmeline, die es aufgegeben hatte, Christopher f�r die Suppe zu begeistern und sich einige Karottenflecken von ihrem �rmel tupfte, hatte ihre letzten Worte geh�rt. �Herzlichen Dank, Isabel. Dann darf ich mich mit meinen achtundsechzig Jahren ja noch als Teenager f�hlen.�</p><p>�Es gibt Leute, die sind schon alt zur Welt gekommen, meine Liebe.�</p><p>Johns Mutter knirschte mit den Z�hnen und stand dann auf, um die Teller abzur�umen. Isabel aber bedeutete ihr, sich wieder zu setzen. �Einen Moment bitte, Emmeline. Ich denke, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um zu erkl�ren, warum ich in diesem Jahr beschlossen habe, Weihnachten bei euch zu verbringen.� Sie klopfte mit einem L�ffel gegen ihr Glas.</p><p>Alle verstummten und Emmeline lie� sich unwillig wieder auf ihren Stuhl fallen. Isabel sah in die Runde und hob dann an. �Meine Lieben, ihr habt euch sicher gewundert, weshalb ihr an diesen Feiertagen in den Genuss meiner Gesellschaft kommt.� Johns Mutter bekam einen Hustenanfall.</p><p>�Ich kann euch beruhigen, es liegt nicht daran, dass ich das Ende meiner Tage nahen f�hle und mich deshalb von euch verabschieden wollte.� Emmelines Lippen formten sich zu einem stummen Schade.</p><p>�Ihr wisst sicher, dass ich seit Jahrzehnten aktiv die Belange meiner Heimat und die aller Schottinnen und Schotten vertrete. So kam es, dass ich ins Organisationskomitee der gr��ten Zusammenkunft schottischer Clans seit vielen Jahrzehnten gew�hlt wurde.�</p><p>�Davon habe ich geh�rt�, meldete sich David zu Wort. �Einer meiner Mandanten hat mir erz�hlt, dass er dort hinkommen wird. Findet das Treffen nicht im August in Edinburgh statt?�</p><p>�Genau. Wir haben ein wunderbares Programm auf die Beine gestellt. Dudelsackgruppen aus verschiedenen L�ndern werden auftreten, das Finale der Weltmeisterschaft der Highland Games wird an zwei Tagen stattfinden, es wird heimische Spezialit�ten und Produkte in H�lle und F�lle geben. Bei der gro�en Clanparade werden Vertreter aller gro�en schottischen Familien in ihrer traditionellen Tracht mitmarschieren. Wir erwarten zehntausende G�ste aus aller Welt.� Ein stolzes L�cheln lag auf ihren Lippen. �Es wird ein einzigartiges Erlebnis werden. Daher m�chte ich, dass ihr alle dabei seid.� F�r einen Moment herrschte Stille. Wie �blich, erholte Renie sich am schnellsten von ihrer �berraschung. �Das wird total cool! Mum, bekomme ich dann einen Kilt mit dem Mackenzie-Muster?�</p><p>Bevor Maggie reagieren konnte, sprach Isabel wieder. �Renie, traditionsgem�� werden Kilts von den M�nnern getragen. Wir Frauen sind zu wichtigen Anl�ssen in ein langes Gewand gekleidet mit einer Sch�rpe in den Clanfarben.�</p><p>�Das k�nnt ihr vergessen. Ich zieh doch keinen lausigen Rock an. Das ist ja wohl total � � Tommy verstummte mit schmerzlich verzogenem Gesicht. Maggie war ihm unter dem Tisch auf den Fu� getreten. �Tante Isabel, ich finde das eine gro�artige Idee. D�rfen auch angeheiratete Verwandte teilnehmen?�</p><p>�Nat�rlich. Ihr werdet Familienmitglieder kennenlernen, die in Neuseeland, Kanada, Australien, Holland oder sonstwo leben. Jeder Clan bekommt einen eigenen Pavillon zur Verf�gung gestellt, der als Treffpunkt dienen wird.�</p><p>John ergriff das Wort. �Tante Isabel, ich werde gleich nach den Feiertagen Urlaub f�r diese Tage beantragen. Mit mir kannst du fest rechnen.�</p><p>Sein Vater nickte nachdr�cklich. �Wir freuen uns, zu kommen, nicht wahr, Emmeline?� Auch David und Annie sagten zu. Zufrieden blickte Isabel Mackenzie in die Runde.</p><p>�Maureen, f�r dich h�tte ich noch ein besonderes Angebot, wenn du m�chtest.� Gespannt sah Renie auf.</p><p>�Wir br�uchten dringend jemanden f�r das Organisationsb�ro. Wir werden mit Anfragen �berh�uft und das Team kann den Ansturm ohne Verst�rkung nicht bew�ltigen. Du w�rdest nat�rlich bezahlt und bek�mst auch ein Zimmer in Edinburgh zur Verf�gung gestellt.�, beeilte sie sich, hinzuzuf�gen.</p><p>Renie war ausnahmsweise so �berrumpelt, dass sie f�r einen Moment sprachlos war.</p><p>�Hmm. Isabel, die Idee ist gar nicht �bel, finde ich.�, lie� Johns Vater sich in die Stille hinein vernehmen. �Renie, ich denke, du k�nntest dieses Projekt auch im Rahmen deines Studiums nutzen. Nat�rlich sind es nicht gerade die Sitten und Gebr�uche der Himba oder der Ubangi, die du studieren k�nntest. Jedoch k�nntest du zum Beispiel ein wenig genealogische Forschung betreiben und auch ein Bild davon bekommen, wie sehr die jahrhundertealte Kultur auch das heutige Leben in Schottland noch pr�gt.�</p><p>�Ich finde, du hast recht, Dad. Renie, du w�rdest eine Menge neuer Leute kennenlernen und mit diesem Job k�nntest du diese Monate doch noch sinnvoll nutzen. Du kannst sp�ter immer noch f�r eine Weile ins Ausland gehen.�</p><p>John konnte sehen, dass Maggie Tante Isabels Idee sehr entgegenkam.</p><p>Die alte Dame meldete sich noch einmal zu Wort. �Wir brauchen jemanden, der sich gern um die vielen verschiedenen Anliegen der G�ste k�mmert, der nervenstark ist und auch in der gr��ten Hektik nicht den Kopf verliert. Auch wenn ich noch wenig Gelegenheit hatte, dich genauer kennen zu lernen, Maureen: Ich bin �berzeugt, dass du genau die Richtige bist.�</p><p>Renies Wangen gl�hten vor Freude �ber so viel Lob. �Tante Isabel�, begann sie dann feierlich, �danke, dass du mir so eine Aufgabe zutraust. Ich � mach�s!� Alle applaudierten begeistert. �Darauf trinken wir!�, rief James Mackenzie. �Slainte mhath, wie wir Schotten sagen � Zum Wohl!�</p><p>Nach dem Essen halfen alle traditionsgem��, den gro�en Weihnachtsbaum im Wohnzimmer zu schm�cken. W�hrend sie Kugeln, Schleifen, Strohsterne und h�lzerne Weihnachtsfig�rchen anbrachten, erf�llte angeregtes Plaudern den Raum. Selbst Johns Mutter lie� sich von der harmonischen Stimmung anstecken und wandte sich in freundschaftlichem Ton an Isabel. �Unsere Renie wird gut bei dir aufgehoben sein. Sie war so traurig, als ihre Pl�ne f�r n�chstes Jahr sich zerschlugen. Eine solche Aufgabe ist genau das, was sie jetzt braucht � sieh nur, wie gl�cklich sie aussieht.�</p><p>Beide beobachteten einen Moment, wie ausgelassen Renie mit Bella und Christopher herumalberte. �Du hast eine wunderbare Familie, Emmeline. Ich bin froh, bei euch zu sein.�</p><p>Maggie und John, die unbemerkt Zeugen dieses Wortwechsels geworden waren, sahen sich an. �Die Nacht vor dem Weihnachtstag scheint wirklich voller Wunder zu sein.�, fl�sterte Maggie hinter vorgehaltener Hand. John schmunzelte. �Warten wir�s ab, wie lange der Burgfrieden h�lt.�</p><p>Als der Stern auf der Baumspitze prangte, entschuldigten sich David und Annie, um den aufgedrehten Christopher zu Bett zu bringen. Tommy zog es ebenfalls vor, sich zu verkr�meln. Auch Isabel zog sich zur�ck. Dann verk�ndete Bella, sie wolle auch schlafen gehen, damit der Morgen schneller da w�re. �Bitte Renie, komm mit auf unser Zimmer. Wir kuscheln uns ins Bett und du liest mir noch eine Weihnachtsgeschichte vor.�, bettelte sie.</p><p>�Gute Idee. Du musst dich sowieso hinlegen, Renie. Du wei�t, was wir Dr. Farnsley versprochen haben: viel Ruhe.�</p><p>�Okay, Dad.�, gab Renie sich geschlagen. Alan und Johns Vater holten sich warme Jacken und gingen in den Garten hinaus, um ein Pfeifchen zu rauchen. Maggie, John und Emmeline Mackenzie zogen sich in die K�che zur�ck, um die letzten Vorbereitungen f�r das gro�e Essen morgen zu treffen. John polierte das sch�ne Tafelsilber, als es klingelte.</p><p>Herein kamen Simon und Patricia, als w�ren sie gerade den Hochglanzseiten eines Modemagazins entstiegen. Das Bild wurde von ihrem silberfarbenen Jaguar komplettiert, der vor der Gartent�r geparkt war. Simon sah abgespannt aus, bem�hte sich aber um ein L�cheln. Er begr��te Emmeline, die stets eine liebevolle Ersatzmutter f�r ihn gewesen war, herzlich.</p><p>�Unser Ritter in schimmernder R�stung ist soeben auf seinem gl�nzenden Ross eingetroffen. Und er hat auch seine holde Maid mitgebracht. Lasset uns dem Ritter huldigen.�</p><p>�Renie! Ich dachte, du w�rst l�ngst im Bett.�, zischte John. Die R�der ihres Rollstuhls hatten auf dem weichen Teppich des Esszimmers kein Ger�usch gemacht.</p><p>�Ich musste doch h�ren, was es Neues gibt.�</p><p>Simon ersp�hte sie durch die offene T�r und kam zu ihnen her�ber. M�de sagte er, �Da seid ihr ja. Wir m�ssen reden.� Er zog die T�r zur K�che hinter sich zu und lie� sich auf einen Stuhl fallen.</p><p>�Habt ihr Owen endlich?�, platzte Renie heraus. Der Superintendent sch�ttelte den Kopf. �Wir haben noch nicht einmal handfeste Beweise, dass er wirklich der T�ter ist. Seine Wohnung ergab keinerlei Hinweise. Keine illegalen Drogen. Keine Hinweise auf Schweizer Nummernkonten. Keinerlei Fotos. Keine Spur einer Verbindung zu Julia Feldmann. Keine blonde Langhaarper�cke. Von seinem Vermieter und seinen Nachbarn wird er als angenehmer und ruhiger Zeitgenosse beschrieben. Richard Campbell sagt, er k�nnte sich unter keinen Umst�nden vorstellen, dass sein Wahlkampfmanager zu einem Mord f�hig sei. Selbst George Campbell, der sich gl�cklich sch�tzen kann, dass sich unsere Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihn konzentriert, h�lt Nigel Owen f�r unschuldig. � Frustriert breitete er die Arme aus. �Verdammt, wir haben keinerlei Verdachtsmomente au�er der Aussage der Chinesin. Auf den �berwachungskameras der U-Bahn ist der blonde Typ zu sehen, der dich gesto�en hat, Renie. Aber wir haben keine Ahnung, ob das wirklich Nigel Owen in Verkleidung war. Wir haben jede M�lltonne, jeden Kellerabgang, jede �ffentliche Toilette, einfach alles im Umkreis von einem Kilometer abgesucht. Wenn wir nur die Per�cke oder den Anorak finden k�nnten! Dann h�tten wir die M�glichkeit, �ber DNA-Spuren die Identit�t des T�ters festzustellen. Aber wir haben nichts, einfach nichts. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der seine Spuren so gr�ndlich verwischt hat wie dieser Mann.�</p><p>Chief Mullins hatte fast dieselben Worte benutzt, als er �ber Gerry Burrows gesprochen hatte, fiel es John ein.</p><p>�Konntet ihr in den Milit�rarchiven etwas �ber diesen Burrows herausfinden?�</p><p>Wieder Kopfsch�tteln. �Auch das ist eine Sackgasse.�</p><p>Renie sah verst�ndnislos von einem zum anderen. �Aber allein schon, dass Owen jetzt abgehauen ist, sagt doch, dass der Kerl Dreck am Stecken hat, oder nicht?�</p><p>Simon seufzte. �Ach Renie, wenn es nur so einfach w�re. Ich habe Himmel und H�lle in Bewegung gesetzt, um diesen Mann zu finden und nun sitzt mir Sir Fenton Carruthers im Genick. Wenn ich nicht bald mit Ergebnissen aufwarten kann�� Er f�hrte den Satz nicht zu Ende. Abrupt stand er auf. �Ich muss mich hinlegen. Ich habe kaum Schlaf bekommen in den letzten Tagen. Ihr entschuldigt mich.�</p><p>Nachdem er den Raum verlassen hatte, sahen John und Renie sich ratlos an. �Ich hatte gedacht, der Fall w�re gel�st. Nun sieht es doch nicht danach aus.�, meinte Renie bedr�ckt. John l�chelte sie ermunternd an. �Du wirst sehen, die Geschichte wird schon zu einem guten Ende finden. Nun ab mit dir ins Bett. Sicher wird Bella bereits im Morgengrauen das ganze Haus aufwecken, um sich auf die Geschenke zu st�rzen.�</p><p>Nachdem Renie davongerollt war, stand John noch lange am Wohnzimmerfenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Er w�nschte, die Zuversicht, die er in seine Worte gelegt hatte, w�re echt gewesen.</p><p>Wie John vorhergesagt hatte, begann der Weihnachtstag, noch bevor das Schwarz der Nacht einem wolkenlos heraufziehenden Tag Platz gemacht hatte. Er schreckte hoch, als Tommy aus seinem Bett polterte, die T�r aufriss und die Treppe hinunterraste. Unten h�rte er Bella quieken. �Tommy, du hast mich erschreckt. Ich wollte doch sehen, ob ich diesmal den Weihnachtsmann ertappen kann. Aber die T�r zum Wohnzimmer ist abgesperrt.� Dann h�rte er die Stimme seiner Mutter. �Schsch. Ihr weckt ja alle auf. Kommt zu mir in die K�che. Ich mache euch einen Kakao, und dann legt ihr euch nochmal ein St�ndchen hin.�</p><p>John sah auf die rot leuchtenden Ziffern des Radioweckers. Es war sechs Uhr. Seine Mutter war sicher schon seit einer Stunde auf den Beinen, um den riesigen Truthahn vorzubereiten. Er lie� sich wieder in das Kissen zur�ckfallen, schob Eddie, der es sich auf seinem Bett bequem gemacht hatte, ein wenig zur Seite und schlief prompt wieder ein. Als er wieder erwachte, schien die Morgensonne durch das Fenster.</p><p>�Mmm�, grummelte er unwillig, als etwas seine Fu�sohlen kitzelte. Als er ein Kichern h�rte, schlug er die Augen auf. �Guten Morgen, Onkel John! Fr�hliche Weihnachten! Steh endlich auf, wir wollen Bescherung halten.�</p><p>�Dir auch fr�hliche Weihnachten, Bella. Lauf schon vor, ich bin in zehn Minuten unten.�</p><p>In der K�che hatte John gerade noch Zeit, sich ein Nussh�rnchen und eine Tasse Tee zu schnappen, bevor sein Vater feierlich die Wohnzimmert�r aufschloss und weit �ffnete.</p><p>Nach einem Moment and�chtigen Schweigens sprachen alle auf einmal.</p><p>�Wow! Seht euch diese Geschenkberge an.�</p><p>�So sch�n war der Weihnachtsbaum noch nie.�</p><p>�Lasst uns etwas singen.�</p><p>�Stopp, Christopher, das Geschenk ist nicht f�r dich! Nicht einfach alles aufrei�en.�</p><p>�Zu sp�t.�</p><p>�Grrrrrrr� Ein dumpfes Knurren drang aus Walters Kehle und schon schoss King Edward wie ein Pfeil durch die vielen Beine und raste auf den Baum zu. Reaktionsschnell griff David zu und fing den Kater ab, bevor er in den Weihnachtsbaum klettern konnte. W�hrend alle lachten und David Applaus spendeten, warf Walter sich pl�tzlich herum und flitzte in die K�che.</p><p>�Der Weihnachtskuchen!� Mrs. Mackenzie schlug sich die H�nde vors Gesicht und nahm gemeinsam mit Tante Isabel die Verfolgung auf. Der Rest der Familie h�rte sie schreien. �Du Biest! Sofort runter vom Tisch!� Dann Fauchen und Gebell, Klirren und ein Krachen. Als John die K�che betrat, bot sich ihm ein Bild der Verw�stung.</p><p>Offensichtlich hatte King Olaf die Gunst der Stunde genutzt, um sich �ber die Butter herzumachen, die auf dem Fr�hst�ckstisch stand. Auch die Zuckerkruste von einigen H�rnchen war verschwunden. Auf der Flucht vor dem w�tenden Terrier hatte er die T�pfchen mit Sahne und Marmelade auf dem Tisch umgeworfen, war dann mit einem gewaltigen Satz auf das Fensterbrett gesprungen und hatte einen von Emmelines Kr�utert�pfen hinunterbef�rdert. Nun lugte er mit gestr�ubtem Fell, die Ohren flach angelegt zwischen den St�ngeln des Basilikums hervor, w�hrend Walter Anstalten machte, zu seinem Feind hinaufzuspringen.</p><p>�Walter�, donnerte Tante Isabel. Der Hund drehte sich um und kam nach einem letzten Blick auf den Kater gehorsam zu ihr. John, der neues Unheil zwischen seiner Mutter und Tante Isabel heraufziehen sah, beeilte sich einzuwerfen, �Mein Fehler! Ich muss die T�r oben offengelassen haben�, und stupste Bella an, die sich vor Lachen bog. Er deutete mit beschw�render Miene auf das Wohnzimmer. Bella verstand und kr�hte los. �Ich will jetzt endlich meine Geschenke aufmachen. Bitte, Grandma, fangen wir jetzt endlich an.� Sie nahm Emmelines Hand und zog sie kurzerhand davon, w�hrend Maggie, die sich eine Lachtr�ne aus dem Auge wischte, hinterherrief, �Ich mache das hier schon. Wir k�nnen die Kinder nicht mehr l�nger warten lassen.�</p><p>Das Ablenkungsman�ver hatte geklappt. Erleichtert sahen John und Maggie sich an und beseitigten schnell das Chaos, nachdem Maggie die beiden Kater wieder eingesperrt hatte.</p><p>�Gott sei Dank hat Olaf nicht den Weihnachtskuchen angeschleckt. Stell dir vor, er h�tte eine Alkoholvergiftung bekommen.� Emmelines Christmas Pudding wurde �ber Monate hinweg teel�ffelweise mit Brandy getr�nkt und hatte an Weihnachten ein sehr gehaltvolles Stadium erreicht.</p><p>Als sie zur�ck ins Wohnzimmer kamen, waren Christopher und Bella als die J�ngsten in der Familie dabei, ihre Geschenke zu �ffnen. Danach waren Tommy und Renie an der Reihe. �Mann, cool, das sind genau die Schuhe, die ich wollte. Danke, John.�</p><p>�Gern geschehen, Tommy�, antwortete John und l�chelte seiner Schwester dankbar zu. Simon freute sich sichtlich �ber seinen neuen Golfschl�ger. W�hrend einer nach dem anderen auspackte, war John gl�cklich, mit seinen Geschenken ins Schwarze getroffen zu haben.</p><p>Auch was Tante Isabel mitgebracht hatte, sorgte f�r gro�es Hallo. Alle weiblichen Familienmitglieder bekamen Sch�rpen in den Farben des Mackenzie-Clans und eine keltische Brosche, um sie stilvoll an der Kleidung zu befestigen. F�r jeden der M�nner hatte sie einen Sgian Dubh besorgt, einen kleinen Strumpfdolch, der traditionell zum Kilt getragen wird. Auch Tommy bekam einen, was diesen m�chtig stolz machte. �Total abgefahren. Den nehme ich nach den Ferien gleich mit in die Schule, die werden Augen machen.�</p><p>�Das wirst du sch�n sein lassen�, fuhr Maggie dazwischen. �Auch wenn das Ding Teil der Tracht ist, ist es doch eine Waffe. Sieh mal, wie spitz es ist. Nein, nein, das bleibt sch�n daheim.� Tommy blickte verdrossen drein. F�r den zweij�hrigen Christopher hatte Isabel wohlweislich etwas anderes mitgebracht: eine kleine G�rteltasche, den Sporran, ebenfalls Teil der traditionellen Highlander-Tracht. Annie schlug entz�ckt die H�nde zusammen. �Oh, Schatz, unser Junge wird allerliebst aussehen, mit einem passenden kleinen Kilt und dazu dieser putzigen Tasche.� Christopher selbst fand den gro�en Bagger, den er von Renie bekommen hatte, weitaus interessanter.</p><p>John freute sich besonders �ber das edle Messer mit Kullenschliff, das Maggie und Alan ihm geschenkt hatten. Auch die B�cher trafen genau seinen Geschmack. Als er Renies Geschenk �ffnete, musste er lauthals lachen. �Die Abenteuer des Sherlock Holmes�. Als Widmung hatte sie hineingeschrieben �Meinem getreuen Watson � wir waren ein gutes Team.�</p><p>Im allgemeinen Gel�chter h�rte John Simon murmeln, �Mich erinnern die beiden ja eher an Laurel und Hardy�, was Patricia mit einem nachsichtigen L�cheln und unmerklichem Kopfsch�tteln quittierte.</p><p>�Das hier lag noch in den T�ten, die du mir mitgegeben hattest. Es sieht aus, als w�re das mit der Post gekommen.� Maggie reichte John das Paket und die Kuverts, die Bonnie ihm mitgegeben hatte.</p><p>�Das hat George wahrscheinlich mit eingepackt. In der Eile hatte ich alles auf einen Haufen geworfen.� Er griff als Erstes nach dem gewichtigen Paket. �Oh, ich ahne schon, was da drin ist. Hmm, ein original Dresdner Stollen von einem Freund in Deutschland. Finger weg.�, drohte er Maggie scherzhaft, die begehrliche Blicke auf das Weihnachtsgeb�ck warf.</p><p>Dann �ffnete er die vielen Karten und Briefe, die Kollegen und Freunde geschickt hatten. �Der hier kommt ganz aus der N�he, aus Richmond. Kennst du da jemanden?� Maggie reichte ihm den letzten Umschlag.</p><p>John sch�ttelte den Kopf. �Nicht, dass ich w�sste.� Neugierig zog er den Inhalt heraus.</p><p>�Oh, das ist ja ein Foto von dir. Und hier noch eins. Wer ist diese Frau? Sie sieht nett aus.� John las die in kindlicher Schrift verfasste Karte, die dabei lag. �Lieber Mr. Mackenzie! Ich m�chte mich noch einmal f�r Ihre Hilfe bedanken. Das war echt toll. Angela und Deirdre haben einen Verweis von unserer Rektorin bekommen und m�ssen zwei Monate lang den Putzdienst im Klassenzimmer �bernehmen. Ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr w�nscht Ihnen Tiffany Marks (Richmond Grammar School). P.S.: Ich soll Sie auch herzlich von Ms. Murray gr��en. Die Fotos sind gut geworden, nicht wahr?�</p><p>John l�chelte in Erinnerung an den ereignisreichen Tag mit den Sch�lerinnen. W�hrend alle begannen, das herumliegende Geschenkpapier aufzusammeln und seine Mutter mit Annie und Patricia in die K�che ging, um letzte Hand an den Truthahn anzulegen, schilderte er Maggie die turbulente F�hrung mit den M�dchen.</p><p>�So seltsam es ist, aber Angelas und Deirdres perfider Racheplan hatte auch etwas Gutes. Er brachte mich auf die Idee, dass es bei dem Mord an Julia Feldmann gar nicht wirklich um das Opfer ging, sondern dass die Tat ausge�bt wurde, um George als den S�ndenbock dastehen zu lassen. Eigentlich h�tte ich an dem Punkt schon erkennen m�ssen, dass Nigel Owen dahinter steckte. Er ist ein Meister der Inszenierung, das wurde schon bei der Wahlkampfveranstaltung klar, die ich besuchte. Aber er schien wirklich mit Herzblut f�r Richard und seinen Erfolg zu k�mpfen. Ich w�re nie auf die Idee gekommen, dass dies nur eine clevere Tarnung war.�</p><p>Maggie nickte nachdenklich, w�hrend sie die Geschenke h�bsch um den Baum herum aufbaute. �Er hat erfolgreich ein doppeltes Spiel getrieben. Insofern hat er gut zu Richard gepasst, mit dessen doppelter Moral.� Sie richtete sich auf und hakte sich bei ihrem Bruder ein. �Lass uns die Geschichte f�r die n�chsten Tage vergessen. Der Alltag holt uns noch schnell genug ein, wenn wir erst wieder zur�ck in London sind. Komm, wir trommeln alle f�r ein paar sch�ne Familienfotos zusammen.� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 25</strong></p></title><p>Nach dem gro�en Festmahl verabschiedeten sich Simon und Patricia und der Rest der Familie lie� sich in die Wohnzimmersessel fallen. James Mackenzie hielt sich st�hnend den Bauch. �Emmeline, du hast dich wieder mal selbst �bertroffen. Der Truthahn war ein Gedicht.�</p><p>�Und eure Preiselbeersaucen waren beide einfach himmlisch.�, beeilte Maggie sich hinzuzuf�gen und erntete ein triumphierendes L�cheln von Tante Isabel und Mrs. Mackenzie.</p><p>�H�rt, h�rt�, rief Alan und alle hoben ihre Tassen. �Auf unsere wunderbaren Gastgeber! Auf dass wir noch viele wunderbare Weihnachtsfeste zusammen hier feiern d�rfen.�</p><p>�Wie w�re es, wenn wir heute Nachmittag alle zusammen in die K�niglichen G�rten gehen? Die Schlittschuhbahn hat nach Einbruch der D�mmerung f�r zwei Stunden ge�ffnet.�, schlug John vor.</p><p>�Oh ja, toll, das machen wir.� Bella klatschte in die H�nde und sprang begeistert auf und ab.</p><p>Maggie meldete Bedenken an. �Aber das ist ja schon mindestens zwanzig Jahre her, seit ich zuletzt auf Schlittschuhen gestanden habe. Ob meine alten Knochen das noch aushalten?� Alan aber war Feuer und Flamme. Er sah seine Frau mit schmelzendem Gesichtsausdruck an. �Aber Honey, denk doch, wie romantisch das wird. Wir beide, Hand in Hand. Wie damals, als wir uns immer auf der Eisbahn vor dem Naturhistorischen Museum getroffen haben.� Maggie lachte. �Wer k�nnte da schon widerstehen? Also gut, wir versuchen es.�</p><p>�Eure alten Schlittschuhe liegen noch irgendwo auf dem Speicher. Au�erdem kann man sich dort auch welche ausleihen.� Emmeline stand gesch�ftig auf. �Ich begleite euch. Das m�chte ich doch sehen, ob meine drei Kinder sich noch auf Schlittschuhen halten k�nnen.� James Mackenzie warf einen sehns�chtigen Blick auf das Buch, das John ihm geschenkt hatte. Annie, die sehen konnte, dass ihr Schwiegervater es kaum abwarten konnte, sich in die neuesten Erkenntnisse �ber das Leben der Dinosaurier zu st�rzen, fragte taktvoll, �Dad, k�nntest du hier bei Christopher bleiben? Er wird nach den ganzen Aufregungen heute sicher zwei, drei Stunden am Nachmittag schlafen.�</p><p>�Oh, sehr gern. Ich lese dir zum Einschlafen etwas �ber den Mapusaurus vor, nicht wahr, mein Junge?�</p><p>�Gute Idee, Paps. Da schl�ft er sicher innerhalb von Minuten tief und fest.� David grinste und murmelte Annie zu. �Mit seinen pal�ontologischen Vortr�gen hat Dad uns als Kinder selbst dann in Tiefschlaf versetzt, wenn wir total aufgedreht waren.� Maggie erg�nzte, �Mir geht es selbst heute noch so � wenn irgendwo von Theropoden, Sauropoden, Ornithopoden oder sonst welchen Sauriern die Rede ist, �bermannt mich ein akutes Schlafbed�rfnis.�</p><p>Tante Isabel erkl�rte, Walter brauche sowieso etwas Auslauf, also werde sie auch mitgehen, ein wenig zuschauen und dann wieder zur�ck spazieren.</p><p>�Und was ist mit mir?� Renie zog eine Schnute.</p><p>�Wir brauchen jemanden, der die hei�en Getr�nke bereith�lt und da ist, um ein bisschen Trost zu spenden, wenn einer von uns auf dem Allerwertesten landet.�</p><p>Renies Gesicht hellte sich wieder auf. �Okay, das mache ich. Und ich nehme den Fotoapparat mit, das gibt sicher ein paar lustige Bilder.�</p><p>Eine Stunde sp�ter zogen sie los.</p><p>Die gro�e Eisbahn war professionell ausgestattet. Im Schlittschuhverleih standen Modelle in allen Gr��en bereit und auch verrostete Kufen lie�en sich bei einem Schleifer wieder auf Vordermann bringen. In den B�umen ringsherum waren Hunderte von Lichterketten angebracht. Aus den Lautsprechern t�nte schwungvolle Walzermusik. Obwohl die Bahn gerade erst ge�ffnet hatte, dr�ngten Dutzende von Familien herein, die nach den Geschenkorgien des Morgens und einer opulenten Mahlzeit nach etwas Bewegung in frischer Luft lechzten.</p><p>F�r John und seine Geschwister gab es ein Wiedersehen mit zahlreichen Freunden und Nachbarn aus ihrer Kinderzeit. Zwischen den Holzb�nken, wo die L�ufer ihre Schlittschuhe schn�rten, flogen Neuigkeiten und Frotzeleien hin und her.</p><p>Nachdem John Bella beim Anziehen geholfen hatte, stand er �chzend auf.</p><p>�F�hrst du mit mir, Onkel John? Ich war zwar schon ein paar Mal mit meiner Klasse auf einer Eisbahn, aber ich bin noch nicht so sicher.�</p><p>�Nat�rlich, Bella. Wir holen uns noch einen Schluck hei�en Tee und dann legen wir los.� Sie staksten zu der Bank, auf der Emmeline und Isabel Mackenzie sich h�uslich eingerichtet hatten. Renie sa� in ihrem Rollstuhl gleich daneben. �Wie geht�s euch, Ladies? Nicht zu kalt?�, erkundigte sich John.</p><p>Tante Isabel schnaubte abf�llig. �Pff, das ist ja noch gar nichts im Vergleich zu den Temperaturen, die bei mir zu Hause herrschen, wenn der Wind �ber das Hochland pfeift und drei Meter hohe Schneeverwehungen anh�uft. So was kennt ihr Flachl�nder gar nicht.�</p><p>�John, jetzt komm endlich.�, dr�ngelte Bella. Maggie und Alan glitten heran, als die beiden aufs Eis kamen. �Es ist herrlich. Los, wir fahren alle zusammen.�</p><p>John winkte ab. �Bella und ich machen erst mal langsam. Also lasst euch von uns nicht aufhalten.� Alan ging in die Knie, nahm die H�nde seiner Tochter und fragte, �Alles ok, Sch�tzchen? Wenn du dich ein bisschen an das Eis gew�hnt hast, tanze ich mit dir einen Walzer.� Bella sah ihren Vater etwas unsicher an und erwiderte dann, �Jetzt will ich erstmal sehen, was du und Mum so draufhabt.�</p><p>Nachdem sie ihren Eltern eine Weile zugesehen hatte, wandte sie sich beeindruckt an John. �Wow, die sind ja richtig gut.� Auch David und Annie gaben ein passables Bild ab. Tommy zischte halsbrecherisch zwischen den L�ufern hindurch und �bte waghalsige Bremsman�ver.</p><p>�Also gut, M�dchen, dann wollen wir es auch versuchen.� John stie� sich von der Bande ab � und verlor sofort das Gleichgewicht, als er einem flott herankommenden L�ufer ausweichen wollte. Er plumpste nach hinten und auch Bella landete auf dem Eis.</p><p>�Bitte recht freundlich! Das wird eine Spitzenaufnahme.�, kicherte Renie hinter der Bande, w�hrend Tante Isabel Beifall klatschte und Walter aufgeregt zu bellen begann. John rappelte sich hoch, rieb sein schmerzendes Hinterteil und stellte dann Bella auf die F��e.</p><p>�Sag mal, bist du schon mal Schlittschuh gelaufen, Onkel John?�</p><p>John stemmte die H�nde in die H�ften. �Oh ja, mein Fr�ulein. Komm, jetzt zeigen wir�s den anderen aber.� Der n�chste Versuch gelang schon besser und nach ein paar Runden f�hlten beide sich auf dem Eis wie zu Hause.</p><p>�Du f�hrst ja schon wie der Teufel, Kleines!� Alan kam von hinten herangezischt und hievte Bella, die vor Freude quietschte in die Luft. �Komm, drehen wir eine Runde zusammen�, forderte Maggie ihren Bruder auf.</p><p>�Gleich, ich muss erst noch den linken Schuh enger schn�ren.� John fuhr hinaus. Der Platz neben seiner Mutter war leer. Er lie� sich darauf plumpsen. �Wo ist Isabel?�</p><p>Seine Mutter sch�rzte missbilligend die Lippen. �Sie ist gegangen.� Renie kicherte und platzte dann heraus. �Die beiden hatten schon wieder Streit. Tante Isabel sagte, ihr reicht es jetzt und dann ist sie einfach aufgestanden und gegangen.�</p><p>John sch�ttelte den Kopf. �Ach Mum, um was ging es denn jetzt schon wieder? K�nnt ihr euch nicht einmal f�r zwei, drei Tage benehmen wie erwachsene Menschen?� Seine Mutter warf ihm einen erbosten Blick zu.</p><p>�Nun tu nicht so, als w�re ich an diesen Auseinandersetzungen schuld. Sie ist es doch, die st�ndig Streit sucht.�</p><p>Renie neigte den Kopf zu John hin�ber. �Isabel hat Grandma an den Kopf geworfen, dass sie Christopher zu sehr verw�hnen w�rde und er zu einem ganz verzogenen Fratz heranwachsen w�rde. Dann hat Grandma zur�ckgeschossen, dass Isabel in ihrem Leben ja wohl niemanden au�er ihren �berz�chteten Hunden erzogen h�tte und von menschlichen Beziehungen einfach keine Ahnung h�tte.�</p><p>Entsetzt sah John seine Mutter an. �Das war ja wohl ein Tiefschlag, Mum. Isabel ist sicher sehr verletzt �ber das, was du gesagt hast.�</p><p>Emmeline zog emp�rt die Luft ein und brachte mit zusammengebissenen Z�hnen hervor, �Du solltest jetzt wieder aufs Eis gehen, John. Schlie�lich ist Weihnachten und ich m�chte mich nicht mit dir streiten.�</p><p>�Ja, los, John, geh wieder aufs Eis, dann haben wir wenigstens wieder etwas zum Lachen.�, stichelte Renie. Nach einem Blick auf das unvers�hnliche Gesicht seiner Mutter zuckte John mit den Schultern und wandte sich ab. Auf dem Eis stand Maggie umringt von mehreren M�nnern und Frauen. �Sieh mal, John, wen ich getroffen habe. Luke und Betty, Jemima, Phyllis und Ralph.� Mit gro�em Hallo wurde John von den alten Schulfreunden begr��t.</p><p>�Mensch, alter Knabe, bist du endlich auch wieder im Lande. Ich habe geh�rt, du hast deinen Seelenklempnerjob an den Nagel geh�ngt und bist jetzt bei den Beefeatern im Tower.�</p><p>John grinste. �Ach, eigentlich ist die Psychologie auch in meinem jetzigen Job ganz n�tzlich.�</p><p>Luke Jenkins, das Sportass der Schule, stie� John an und zog vielsagend die Augenbrauen hoch. �Und? Immer noch frei wie ein Vogel? Mann, ich sage dir, du wei�t ja gar nicht, wie gut es dir geht.� Betty, Lukes Jugendliebe und seit zwanzig Jahren seine Ehefrau, knuffte ihn. �Hey, pass auf, was du sagst.� Sie wandte sich an Maggie. �Sag mal, wie hast du das Teenageralter deiner Kinder �berlebt? Meine machen mich noch verr�ckt.�</p><p>W�hrend sie plauderten, stie�en auch Alan, David und Annie zu der Gruppe. W�hrend Bella an der Hand ihres Bruders eifrig r�ckw�rtslaufen �bte, tauschten die Erwachsenen Neuigkeiten aus und lachten �ber Anekdoten aus der Schulzeit. John sp�rte, dass er nicht mit ganzem Herzen dabei war. Die kleine Auseinandersetzung mit seiner Mutter nagte an ihm.</p><p>Schlie�lich entschuldigte er sich und fuhr zur gegen�berliegenden Seite hin�ber. Mittlerweile waren die B�nke dicht bev�lkert mit Zuschauern und L�ufern, die sich ausruhten oder bei einer Tasse Tee aufw�rmten. So oft er auch die lange Reihe der B�nke absuchte, er konnte seine Mutter und Renie nicht entdecken. Zunehmend unruhig hielt er Ausschau nach jemandem, den er kannte, als ein �lterer Herr ihn ansprach. �Hallo, John. Ich habe Sie und Ihre Geschwister schon aus der Ferne gesehen. Sch�n, dass Sie wieder alle zum Weihnachtsbesuch hier sind.�</p><p>John erkannte den Nachbarn seiner Eltern. �Mr. Barnes, guten Abend und frohe Weihnachten. Sagen Sie, haben Sie vielleicht auch meine Mutter gesehen?�</p><p>�Nat�rlich. Emmeline hat mir ihre Enkelin vorgestellt. Ist ja eine richtige junge Dame geworden � �</p><p>�Und haben Sie zuf�llig auch mitbekommen, wo sie hingegangen sind? Ich kann sie nicht mehr finden.�, fiel John ihm dr�ngend ins Wort.</p><p>�Meine Frau hat gesehen, wie die beiden in Richtung Toiletten verschwunden sind. Wir haben uns noch dar�ber unterhalten, was dem jungen Ding � Maureen hei�t sie, sagte Emmeline? � wohl zugesto�en ist, dass sie im Rollstuhl sitzen muss � �</p><p>�Wie lange sind die beiden schon weg?�</p><p>Mr. Barnes sah auf die Uhr. �Schon �ber eine Viertelstunde, sch�tze ich.� John atmete tief durch.</p><p>Ruhig bleiben. Wahrscheinlich stehen sie einfach in einer langen Schlange an der Toilette an.</p><p>�Wo befinden sich die Toiletten?�</p><p>Mr. Barnes deutete nach hinten. �Wenn Eislauf ist, wird der Anbau des Palmenhauses aufgesperrt, damit die Anlage dort genutzt werden kann.� John kniff die Augen zusammen und starrte in die angegebene Richtung, konnte jedoch niemanden entdecken. �Danke, Mr. Barnes. Ich werde sie mal suchen gehen. Gr��en Sie Ihre Frau von mir.�</p><p>Kurz schwankte er, ob er den anderen Bescheid geben sollte. Seine Geschwister standen jedoch immer noch am anderen Ende der Bahn, ins Gespr�ch vertieft. Pl�tzlich hatte er das Gef�hl, dass die Zeit dr�ngte. Also zog er eilends die Schlittschuhe aus und schl�pfte in seine Stiefel. Im Laufschritt erreichte er den r�ckw�rtigen Eingang des viktorianischen Gew�chshauses. In einem Vorbau waren einige Funktionsr�ume untergebracht. Eine zweifl�glige Glast�r f�hrte ins Innere des Gew�chshauses. An diesem Weihnachtsabend waren alle Glash�user der K�niglichen G�rten geschlossen. Die Damentoilette war jedoch wie erwartet zug�nglich. Vorsichtig �ffnete John die T�r einen Spalt und rief, �Mum? Renie?� Alles blieb totenstill. Johns Herz sank. Er wusste, dass hier keine Menschenseele war, dennoch ging er hinein und kontrollierte jede T�r. Als er wieder ins Dunkel des fr�hen Abends hinaustrat, sp�rte er Panik in sich aufsteigen. Die beiden w�ren nie gegangen, ohne den anderen Bescheid zu geben.</p><p>Dann kam ihm eine Idee. Konnte es sein, dass Emmeline die Gelegenheit nutzen wollte, ihrer Enkelin etwas in dem Gew�chshaus zu zeigen? Sie besa� Schl�ssel f�r alle H�user. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging zur�ck in das Geb�ude. Tats�chlich lie� sich die Glast�r �ffnen. Er schl�pfte hindurch.</p><p>Die feuchtwarme Luft schlug ihm ins Gesicht wie ein nasser Lappen. Er lauschte, konnte aber nichts h�ren. Auf sein Rufen erhielt er keine Antwort. Warum sollten die beiden hier im Dunklen herumschleichen? Lediglich die mit einem Gummigitter belegten Gehwege durch das riesige Gew�chshaus waren von schwachen Bodenleuchten notd�rftig erhellt.</p><p>Als John sich vom Eingang entfernte, umh�llte ihn die Dunkelheit. Geisterhaft zeichneten sich die Silhouetten der tropischen Pflanzen ab, die das Palmenhaus nach Kontinenten geordnet beherbergte. Au�er Palmen gab es eine Vielzahl anderer Gew�chse, wie Mangob�ume, Zuckerrohr und Kaffeeb�sche, dazu eine Sammlung exotischer Medizin-, Gift- und Gew�rzpflanzen. Mit einem Mal war es John, als h�tte er etwas geh�rt. Noch einmal rief er. Nun war er sicher, dass irgendwer oder irgendetwas mit einem undefinierbaren Laut reagiert hatte. Er schlich weiter in die Richtung, in der er die Quelle vermutete. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals.</p><p>Als eine Maus �ber den Weg huschte, h�tte er beinahe vor Schreck aufgeschrien. W�hrend er sich vortastete, konnte er das Ger�usch in unregelm��igen Abst�nden h�ren. Pl�tzlich wurde ihm klar, woher die Laute kamen. Im hinteren Teil des Hauses f�hrte ein Abgang hinunter zu einer kleinen Abteilung, die der Flora und Fauna des Meeres gewidmet war. In mehreren Aquarien gab es Korallen, Piranhas und andere Meeresbewohner zu sehen.</p><p>�Mmmmm� Das unheimliche St�hnen jagte ihm Schauer �ber den R�cken, w�hrend er die Rampe hinuntertappte. Im D�mmerlicht, das von den Aquarien ausging, konnte er zwei Gestalten erkennen, die auf dem Boden kauerten, an einen metallenen Handlauf gelehnt. �Oh, mein Gott!�, entfuhr es ihm, als er erfasste, dass seine Mutter und Renie geknebelt und mit Handschellen an der Metallstange festgekettet waren. Mit zitternden Fingern machte er sich daran, das Tuch um Renies Mund aufzuknoten.</p><p>Als sie wieder frei atmen und sprechen konnte, w�rgte sie heraus. �Es ist Nigel Owen! Er hat uns aufgelauert. Er hat eine Pistole. Sicher kommt er gleich wieder zur�ck. Er ist dich suchen gegangen, um dich auch hierher zu locken. Er hat st�ndig versucht, dich von meinem Handy aus anzurufen, konnte dich aber nicht erreichen.� Sie hustete.</p><p>John wollte sich daran machen, auch seine Mutter von dem Knebel zu befreien, hielt aber inne, als Renie flehte. �Nein, John, wenn du das machst, merkt er, dass du hier bist. Du musst dich verstecken, bevor er wieder kommt. Versuch, jemanden zu alarmieren. Und leg mir den Knebel wieder an.�</p><p>John musste einsehen, dass Renie recht hatte. Die Handschellen w�rde er ohne Werkzeug oder Schl�ssel nicht aufbekommen. Schweren Herzens tat er, wie ihm gehei�en. Keine Sekunde zu fr�h, denn die drei h�rten, wie die hintere T�r des Gew�chshauses aufging. John zog sich in h�chster Eile zur�ck und lauschte.</p><p>�Verdammt, der Kerl ist wie vom Erdboden verschluckt. Wir machen jetzt einen letzten Versuch, ihn zu erreichen. Ich mache Ihnen den Knebel ab, damit Sie mit ihm reden k�nnen, Lady. Aber wenn Sie hier rumschreien, dann knalle ich Sie gleich ab.�</p><p>John dachte an sein Handy, das abgeschaltet in seiner Reisetasche lag. Glasklar d�mmerte ihm, dass Owen alles daran setzen w�rde, um seinen Rachefeldzug zu Ende zu f�hren. Er selbst und Renie hatten Owens Pl�ne, George lebensl�nglich ins Gef�ngnis zu schicken, ruiniert. Anstatt sich schnellstm�glich abzusetzen, war Owen hiergeblieben und hatte John und seine Familie beschattet. Er hatte schon einmal versucht, Renie zu t�ten. Nun, da er sie in seiner Gewalt hatte, w�rde er sie nicht mehr entkommen lassen. John hatte keine Zeit zu verlieren. Er musste selbst handeln. Bis Verst�rkung eintraf, w�re Owens Geduld am Ende.</p><p>Ich brauche eine Waffe, �berlegte er fieberhaft und lie� den Blick durch die dichte Vegetation um ihn herum schweifen. Er h�rte, wie seine Mutter begann, auf Owen einzureden. �Worum geht es Ihnen �berhaupt, junger Mann? Was auch immer Sie wollen, meine Familie hat nichts damit zu tun. Wir kennen Sie doch gar nicht.�</p><p>�Schnauze! Ihre Nichte kennt mich sehr wohl, nicht wahr? Und Ihr Sohn erst, dieser selbsternannte Samariter � der hatte keine Ahnung, dass ich es war, der die Sache mit George Campbell so geschickt eingef�delt hatte.�, h�hnte Owen.</p><p>�Geschickt eingef�delt!� Emmeline Mackenzies Stimme war voller Entsetzen. �So nennen Sie das, wenn Sie aus irgendwelchen Rachegef�hlen diesem Mann gegen�ber einfach ein junges M�dchen t�ten, nur um ihn als den Schuldigen dastehen zu lassen!�</p><p>Nun schlug Owen einen �berlegenen Ton an.</p><p>�Sie haben ja keine Ahnung davon, wie man mit Strategie eine Schlacht gewinnt. Spielen Sie Schach? Auch da ist manchmal ein Bauernopfer n�tig, um den Gegner matt zu setzen. Und Julia Feldmann bot sich f�r diese Rolle geradezu an. Sie war eine von vielen, die sich bei mir mit Stoff versorgten. Und sie war leicht unter Druck zu setzen. Ich brauchte ihr nur zu drohen, sie bei den entsprechenden Stellen anzuzeigen. Besitz und Konsum von Amphetaminen w�re von ihrer Studienstiftung sicher nicht gern gesehen worden. Sie h�tte ihr Stipendium verloren und h�tte nach Hause zur�ckkehren m�ssen. Also lie� sie sich von mir �berzeugen, einen Anruf bei George Campbell zu t�tigen und anschlie�end im Austausch gegen eine gr��ere Summe ein paar Fotos in den Tower zu bringen. Nat�rlich hatte ich den Abend minuti�s geplant. Wenn alles wie vorgesehen geklappt h�tte, w�re George exakt neben der frischen Leiche gefunden worden. Mit den Fotos hatte ich auch gleich das Motiv f�r ihn mitgeliefert.�</p><p>Nun schlug sein selbstgef�lliger Ton in kalte Wut �ber. �Es w�re alles eine perfekte Inszenierung gewesen, wenn nicht Ihr Sohn durch seine Versp�tung alles ruiniert h�tte. Und damit nicht genug��</p><p>W�hrend Owens hasserf�llte Tirade weiterging, �berlegte John fieberhaft. Es gab einige Pflanzen mit scharfen Stacheln hier. Ein gro�es Wolfsmilchgew�chs ragte neben ihm auf. Wenn er es aus der Erde bekam, konnte er Owen durch einen gezielten Schlag mit dem dornen�bers�ten Stamm sicher ablenken. Aber ob er ihn dann auch entwaffnen konnte? John versuchte, sich an die Ausbildungen zur Geiselbefreiung zu erinnern, die er beim Milit�r mitgemacht hatte. Womit kann ich ihn au�er Gefecht setzen�. Das ist es!, schoss es ihm durch den Kopf.</p><p>Ein St�ck weiter links, so glaubte er sich zu erinnern, stand abseits des Weges ein Upas-Baum. Seine Mutter hatte immer wieder eindringlich gewarnt, dass schon kleinste Mengen des Milchsaftes aus der Rinde oder den Bl�ttern t�dlich wirken konnten, sobald sie in die Blutbahn eindrangen. Alle Mitarbeiter der G�rten trugen lange Arbeitskleidung und dicke Handschuhe, wenn sie in der N�he des tropischen Baumes arbeiteten.</p><p>Froh, dass er seine ledernen Winterhandschuhe anhatte, griff er nach dem Stamm der Wolfsmilch und brach einen besonders langen, harten Dorn ab. Dann suchte er sich durch das Dickicht der Pflanzen hindurch einen Weg in die Abteilung mit den Giftpflanzen aus den tropischen Breiten. Da der Upas-Baum mit fast zwanzig Metern das h�chste Gew�chs in diesem Teil des Hauses war, war er leicht zu finden. Er zupfte ein paar Bl�tter ab und zerrieb sie, so dass der Saft austrat und sich auf der Innenfl�che seines Handschuhs sammelte. Bedacht, nicht mit dem Dorn durch den Handschuh zu stechen, w�lzte er ihn darin hin und her.</p><p>Pl�tzlich erschrak er. Er h�rte einen Krach, als h�tte jemand etwas gegen die Wand geworfen. Er lauschte angestrengt, was er aus dem Untergeschoss h�ren konnte. Owens w�tende Stimme drang an sein Ohr. �Jetzt reicht�s � nachdem Mackenzie nicht aufzufinden ist, werde ich mich sp�ter um ihn und Campbell k�mmern. Jetzt seid erst mal ihr dran.� Seine Mutter schrie auf. �Oh bitte, lassen Sie doch wenigstens meine Enkelin zufrieden, sie ist doch noch so jung � �</p><p>�Schluss jetzt. Ich lege Ihnen lieber den Knebel wieder um, Sie alte Schreckschraube.� Unterdr�cktes Fluchen war zu h�ren und ein Schmerzensschrei.</p><p>Mit drei S�tzen war John an der Rampe, die hinunter f�hrte. Er konnte Owen sehen, der von ihm abgewandt damit k�mpfte, Johns Mutter wieder zu knebeln. Scheinbar hatte sie ihn in die Hand gebissen. John holte noch einmal tief Luft und hastete dann hinunter.</p><p>Bis Nigel Owen ihn bemerkt hatte, hatte John, einen Kopf gr��er, ihn von hinten umfangen und dr�ckte ihm mit einer Hand den Dorn leicht in den Nacken. �Lassen Sie die Pistole fallen, Owen. Sofort. Was Sie da sp�ren, ist ein Dorn, der mit t�dlichem Gift pr�pariert ist. Wenn Sie schie�en, brauche ich ihn nur f�r einen Millimeter in Ihre Haut zu dr�cken und Sie sterben.�</p><p>Owen stand f�r einen Moment stockstill. Dann lachte er h�misch. �Guter Bluff, Mackenzie. Aber ich wette, Sie haben nur irgendeinen Kaktusstachel in der Hand.�</p><p>Emmeline hatte mit schreckgeweiteten Augen das Handgemenge verfolgt. Nun breitete sich ein L�cheln auf ihrem Gesicht aus. �John, mein Junge, welche unserer Giftpflanzen hast du benutzt?�</p><p>�Den Upas. Ich habe einen Euphorbien-Dorn mit dem Saft benetzt.�</p><p>Nun strahlte Mrs. Mackenzie Nigel Owen triumphierend an. �Seien Sie versichert, Mr. Owen, mein Sohn blufft nicht. Der Milchsaft eines Antiaris toxicaria ist garantiert t�dlich, sobald das Gift in die Blutbahn eintritt. J�ger im Kongo und an der Elfenbeink�ste benutzen ihn seit Menschengedenken, um ihre Giftpfeile zu pr�parieren.� Ihre pl�tzliche Gelassenheit und der Ausdruck von m�tterlichem Stolz in ihrem Gesicht �berzeugten Owen offensichtlich. Er lie� die Pistole zu Boden fallen. John kickte sie mit dem Fu� weg. Sie rutschte unter Renies Rollstuhl hindurch nach hinten.</p><p>�Wo sind die Handschellenschl�ssel?�</p><p>Owen schwieg.</p><p>�Er hat sie in die Jackentasche gesteckt, John.�, warf seine Mutter hilfreich ein.</p><p>�Holen Sie sie raus. Aber ganz langsam. Sie wissen, schon ein winziges Zittern meiner Hand kann Ihr Ende bedeuten.� Owen knurrte unwillig, fasste aber im Zeitlupentempo in seine rechte Jackentasche und lie� die Schl�ssel herausfallen. Mit einer einzigen flie�enden Bewegung l�ste er sich dann aus Johns Griff und hechtete nach seiner Pistole. Renie aber reagierte blitzschnell und versetzte ihm mit ihrem Gips einen Schlag gegen den Kopf, als er sich b�ckte. Da John dicht hinter ihm war, entschied Owen, nun doch sein Heil in der Flucht zu suchen. Er rappelte sich hoch und rannte hinaus.</p><p>Unschl�ssig sah John ihm einen Moment hinterher. �Ruf die Polizei, John, schnell.� Seine Mutter deutete mit einer Kopfbewegung auf Renies Handy, das auf dem Boden lag. �Hoffentlich funktioniert es noch, Owen hat es vorhin gegen die Wand geworfen.�</p><p>Sie hatten Gl�ck. Kurze Zeit sp�ter hatte John seinen Cousin am Apparat. Er schilderte ihm knapp, was passiert war.</p><p>�Ich l�se sofort eine Gro�fahndung aus. Sucht den Rest der Familie und bleibt auf jeden Fall zusammen. Ich schicke ein paar M�nner, die euch Polizeischutz geben.� Ungl�ubig sah John auf den H�rer in seiner Hand. �Glaubst du etwa, Owen wird es noch einmal probieren?�</p><p>�Ich kann es auf jeden Fall nicht ausschlie�en. Der Kerl scheint von seinem Rachefeldzug ja besessen zu sein. Also seid vorsichtig.�</p><p>Alarmiert sah John seine Mutter an. �Oh Gott, stell dir vor, er kriegt Bella zu fassen � oder er dringt in unser Haus ein und schnappt sich Dad oder Christopher.�</p><p>�Mach schnell und befreie uns, dann suchen wir die anderen.� Als John gerade die Handschellen l�ste, h�rten sie von drau�en Rufen.</p><p>�John? Mum? Renie? Wo seid ihr?� Alle drei antworteten lauthals und wenige Augenblicke sp�ter standen Annie, David, Alan, Maggie und ihre Kinder vor ihnen. Als sie erfuhren, was geschehen war, standen sie wie vom Donner ger�hrt. Dann fingen alle an, durcheinander zu reden und einander in die Arme zu fallen.</p><p>John signalisierte Alan und David, ein paar Schritte mit ihm beiseite zu treten. �Es ist nicht auszuschlie�en, dass Owen versucht, in unser Haus einzudringen. Er muss uns die ganzen Tage beschattet haben und er ist davon besessen, Renie und mich umzubringen. Bitte lauft so schnell es geht nach Hause und verrammelt alles, bis die Polizei eintrifft.�</p><p>Unbemerkt war Tommy hinter David aufgetaucht. �Ich will mitkommen. Ich habe auch den Dolch dabei.� Er zog den Sgian Dubh aus der Jackentasche. John �ffnete schon den Mund, um die �blichen Ermahnungen von sich zu geben, �berlegte es sich dann aber anders. Er legte Tommy die Hand auf die Schulter. �Mir w�re es lieber, du bleibst bei uns. Alan und David bekommen das allein hin, aber ich k�nnte hier noch m�nnliche Unterst�tzung brauchen, um deine Mum, Grandma, Annie und Renie sicher nach Hause zu bringen.�</p><p>Tommy richtete sich mit leuchtenden Augen auf. �Klar, John. Wir beide geben ihnen Geleitschutz.� W�hrend Alan und David davonrannten, kam Bella auf John zu, umklammerte seine Hand und sah ihn aus verweinten Augen an. �Wir haben euch schon die ganze Zeit gesucht. Warum laufen sie jetzt weg?�</p><p>John umarmte seine ver�ngstigte Nichte. �Sie gehen schon mal vor. Und wir sammeln jetzt unsere Siebensachen an der Eisbahn ein und gehen dann auch heim. Komm, hilfst du, den Rollstuhl die Rampe hinaufzuschieben?� Er wandte sich an Renie. �Was ist mit deinem Bein? Denkst du, es hat den Schlag �berstanden?�</p><p>Seine Nichte zuckte mit den Schultern. �Ist doch egal. Falls sich etwas verschoben hat, lande ich eben im OP � immer noch besser, als auf dem Tisch des Leichenbeschauers.�</p><p>Offensichtlich hatte sie ihren Humor bereits wiedergefunden. Ohne weitere Zwischenf�lle gelangte die kleine Gruppe nach Hause, w�hrend Tommy sie wie ein Wachhund umkreiste, eine Hand in der Jackentasche. Im Vorgarten kamen ihnen zwei Beamte der �rtlichen Polizei entgegen.</p><p>�Mr. Mackenzie? Scotland Yard hat uns beauftragt, Ihr Haus zu sichern. Es ist alles in Ordnung. Zwei Kollegen sind drinnen und wir bewachen das Anwesen von au�en.�</p><p>�Ich bringe Ihnen gleich Tee und Geb�ck heraus, wenn Sie schon in dieser K�lte stehen m�ssen.� Emmeline eilte in die K�che.</p><p>Im Flur kam David ihnen entgegen. �Alles okay. Christopher schl�ft und Dad und Tante Isabel haben eifrig Pl�ne f�r das gro�e Clantreffen geschmiedet, als wir kamen. Die beiden sind aus allen Wolken gefallen, als wir ihnen erz�hlten, was passiert ist.�</p><p>In der K�che hielt James Mackenzie seine Frau so fest in seinen Armen, als wollte er sie nie wieder loslassen. �Oh Gott, Em, fast h�tte ich dich verloren � � Seine Stimme versagte. Emmeline legte den Kopf an seine Brust. �Wei�t du noch, wie wir beide uns vor siebenundvierzig Jahren vorgenommen haben, mindestens bis zur Diamantenen Hochzeit durchzuhalten? Als Renie und ich allein da unten sa�en, habe ich nur daran gedacht � und ich war stinkw�tend auf diesen � Menschen, der uns das zerst�ren wollte. Aber Gott sei Dank ist es nicht soweit gekommen.�</p><p>Sie l�ste sich sanft aus seiner Umarmung und zog ihren Mann ins Wohnzimmer, wo das Feuer anheimelnd prasselte und Maggie mit Annies Hilfe Tee, Kakao und st�rkere Getr�nke einschenkte.</p><p>Sie ging zu John hin�ber und wandte sich wieder an ihren Mann. �Und wei�t du, wem wir das zu verdanken haben? Unserem Sohn. John hat mit einer unglaublichen Geistesgegenwart gehandelt. Wir k�nnen sehr stolz auf ihn sein.�</p><p>John wehrte verlegen ab. �Dad, Mum �bertreibt. Sie war gro�artig. Sie hat den Kerl so lange am Reden gehalten, dass ich Zeit hatte, mir eine improvisierte Waffe zu beschaffen. Au�erdem w�re ich nie auf die Idee gekommen, einen Giftstachel zu benutzen, wenn ich nicht durch ihre unerm�dlichen Lektionen �ber die Wirkung des Upas-Baumes Bescheid gewusst h�tte. Und schlie�lich Renie: Wenn sie Owen nicht so furchtlos von seiner Pistole ferngehalten h�tte, w�rden wir jetzt nicht hier sitzen.�</p><p>Isabel hob ihr Glas. �Ich bin gl�cklich, dass Mut, Kampfgeist und Scharfsinn unseres Vorfahren Alistair Mackenzie, der an der Seite unseres gro�en Freiheitshelden William Wallace k�mpfte, bis heute in unserer Familie �berdauert.� Mit einem verschmitzten Blick zu Emmeline hin�ber erg�nzte sie, �Und sogar bei angeheirateten Familienmitgliedern. Auf die drei Mackenzie-Musketiere!� </p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Kapitel 26</strong></p></title><p>Als John sich vor dem Abendessen umzog, klingelte das Telefon.</p><p>�John! Simon ist f�r dich dran.�, rief seine Mutter aus dem Flur nach oben.</p><p>�Ich komme!� Er eilte die Treppe hinunter und griff nach dem H�rer. �Simon? Was gibt es Neues, habt ihr ihn?� Das Fluchen des Superintendenten sagte ihm, dass es keine guten Nachrichten gab.</p><p>�Ich habe alle M�nner zusammengezogen, die ich am Weihnachtsabend kriegen konnte. Kew ist praktisch abgeriegelt. Und trotzdem muss er uns irgendwie durch die Maschen geschl�pft sein.�</p><p>John �berlegte angestrengt. �Owen ist ein Organisationsgenie und sicher f�r alle Eventualit�ten vorbereitet. Und er scheint sich so gut wie unsichtbar bewegen zu k�nnen. Mir ist w�hrend der letzten Tage nie aufgefallen, dass er in der N�he war. Was k�nnte sein n�chstes Ziel sein?�</p><p>�Wenn er schlau ist, und das ist er ja wohl, setzt er sich ab. Wir �berwachen die Flugh�fen, Bahnh�fe, den Schiffsverkehr��</p><p>John unterbrach ihn. �Irgendwie habe ich das Gef�hl, er hat gar nicht vor, zu verschwinden, zumindest noch nicht. Er sagte, er w�rde sich sp�ter um mich und George k�mmern. Es muss ihm jetzt klar sein, dass er an mich und Renie nicht mehr herankommen wird. Aber ich m�chte wetten, dass er es immer noch auf George abgesehen hat. Oh Gott, warum habe ich nicht fr�her daran gedacht � wir m�ssen ihn warnen!�</p><p>�Wenn man eben erst einem M�rder entkommen ist, dann funktioniert der Denkapparat vielleicht nicht so gut.�, bemerkte Simon trocken und fuhr dann in selbstzufriedenem Ton fort, �Gott sei Dank habe ich gleich nach deinem Alarm im Tower Bescheid geben lassen, dass Campbell die Festung nicht verlassen soll. Dort d�rfte er sicher sein.�</p><p>John atmete tief durch. �Danke, Simon. Ich werde George gleich selbst anrufen und ihm alles berichten.�</p><p>Aber als er die Nummer der Campbells w�hlte, meldete sich niemand. Stirnrunzelnd versuchte er es bei der Wache im Byward Tower. Was sein Kollege ihm mitteilte, versetzte John einen Schock.</p><p>Umgehend rief er wieder bei Simon an. �George und Marcia haben vor wenigen Minuten den Tower in h�chster Eile verlassen und sich ein Taxi gerufen. Owen muss sie mit irgendeinem Druckmittel dazu gebracht haben.�</p><p>�Richard!�, riefen beide im selben Moment aus. John konnte h�ren, wie Simon ein paar scharfe Befehle gab.</p><p>�Wir werden versuchen, die beiden abzufangen, bevor sie Richards Apartment erreichen. Gott sei Dank wohnt er oben in Maida Vale, also m�ssen sie noch unterwegs sein.� John ging nerv�s im Flur hin und her, w�hrend er fieberhaft �berlegte.</p><p>�Simon, kannst du mir einen Wagen besorgen, der mich dorthin bringt?�</p><p>�Ich wei� zwar nicht, was du vorhast, aber es kann ja nichts schaden, wenn du dabei bist. Einer der Beamten, die bei euch stationiert sind, soll dich fahren.� John griff nach Schuhen und Jacke und rief seiner Mutter, die beunruhigt aus der K�che kam, zu, �Ich rufe euch aus dem Auto an, ich muss weg.�</p><p>Drau�en erwartete ihn einer der Polizisten und lief mit ihm zu seinem Dienstwagen. �Ich bin bereits �ber Funk informiert, wo es hingehen soll. Schnallen Sie sich an � wir m�ssen auf die Tube dr�cken.� Mit Sirene und Blaulicht rasten sie �ber die dunklen Stra�en, die wegen des Feiertags kaum belebt waren.</p><p>�Haben Sie ein Telefon, das ich benutzen kann?� Der Beamte zog ein Diensthandy aus seiner Reverstasche. �Bedienen Sie sich.�</p><p>Maggie nahm ab und John erkl�rte ihr mit knappen Worten, wohin er unterwegs war. Besorgt sagte sie, �Pass auf dich auf, John.�</p><p>�Ich versuch�s. Hebt mir einen von Mums Kn�deln auf.� John gab das Telefon zur�ck und klammerte sich an den Haltegriff, w�hrend sie mit achtzig Meilen pro Stunde nach Norden brausten. Einige Meilen vor ihrem Ziel kam �ber Funk die Nachricht, alle Wagen sollten sich m�glichst unauff�llig n�hern und zwei Stra�en entfernt parken. Eine Sondereinheit mit Scharfsch�tzen zur Geiselbefreiung st�nde bereit.</p><p>Als John und sein Fahrer ankamen, wurden sie von einer Reihe Beamter umringt und im Eiltempo einige hundert Meter weiter gef�hrt. Dort wartete der Superintendent mit George und Marcia Campbell. George trat auf John zu. Verzweiflung war ihm ins Gesicht geschrieben. �John! Owen hat Richard in seiner Gewalt. Er rief mich an und sagte, wenn ich nicht innerhalb einer Stunde herk�me, w�rde er ihn umbringen. Keine Polizei und ich m�sste allein kommen.�</p><p>Marcia trat neben ihren Mann. �Aber ich wollte ihn nicht allein gehen lassen. Wenn du da reingehst, George, dann komme ich mit.� Sie sah ihren Mann entschlossen an. George t�tschelte ihre Hand und sah John hoffnungsvoll an. �Hast du eine Idee, was wir tun sollen? In wenigen Minuten l�uft die Frist ab.�</p><p>�Auf keinen Fall lasse ich zu, dass Sie da hineingehen, Campbell. Sie k�men da nicht wieder lebendig heraus. Owen hat Sie nur mit dem Ziel hierher gelockt, Sie zu t�ten, egal, was er Ihnen gesagt hat.�, mischte sich Simon ein.</p><p>�Sie k�nnen mich nicht aufhalten, Whittington. Richard ist unser Sohn, unser einziges Kind. Ich werde diesem Wahnsinnigen die Stirn bieten. Das ist unsere einzige Chance.� Die beiden M�nner sahen sich finster an.</p><p>John ergriff das Wort. �Wo genau liegt das Apartment? Welche Zugriffsm�glichkeiten gibt es?� Simon winkte den Kommandanten der Sondereinheit heran. �Wie ist die Lage, Bill?�</p><p>�Das Zielobjekt liegt im dritten Stock. Meine Leute sagen, dass sie vom obersten Geschoss des gegen�berliegenden Hauses freies Schussfeld auf den Balkon und das dahinter liegende Zimmer h�tten. Allerdings sind derzeit die Vorh�nge vorgezogen, so dass kein Sichtkontakt in die Wohnung m�glich ist. Au�erdem ist es uns noch nicht gelungen, in das Haus hineinzugelangen, wo wir die Scharfsch�tzen postieren m�ssen. Dort wohnen nur drei Parteien und die Leute scheinen alle �ber die Feiertage weggefahren zu sein.�</p><p>�Dringen Sie zur Not gewaltsam dort ein. Wir werden versuchen, Owen in Ihre Schussbahn zu bringen.�, beschloss John kurzerhand. Simon nickte nach kurzem Z�gern zustimmend und die Sondereinheit setzte sich in Bewegung.</p><p>�George, Marcia � wir k�nnen es schaffen, Richard da herauszuholen, aber ich brauche eure Hilfe.� Beide nickten.</p><p>�Schusssichere Westen f�r die drei, schnell. Und stattet sie mit Mikrofonen aus.�, kommandierte Simon, als er Johns Plan geh�rt hatte. �Haben Sie ein Mobiltelefon, Campbell?�</p><p>�Wir benutzen es kaum. Es liegt zu Hause.�</p><p>Simon seufzte auf. �Was ist das nur mit euch Beefeatern? Warum k�nnt ihr nicht wie jeder normale Mensch daf�r sorgen, dass ihr erreichbar seid? Hier, nehmen Sie meins. Und jetzt alle absolute Ruhe.� George sah Marcia an, dann w�hlte er Richards Nummer. �Mr. Owen? Ich bin da. Meine Frau ist auch hier. K�nnen wir hereinkommen?�</p><p>�Wieso haben Sie Ihre Frau mitgebracht? Na, egal, rein mit ihr.� Simon nahm George das Handy aus der zitternden Hand und steckte es ein. �Viel Gl�ck uns allen. Los geht�s.�</p><p>John wurde von einem der Beamten zur R�ckseite des Hauses gebracht. Er postierte sich unter dem Balkon, der ihm angezeigt wurde und wartete. Durch den Knopf in seinem Ohr h�rte er George murmeln. �Ich klingle jetzt.�</p><p>Er griff nach seinem Funkger�t, durch das er in Kontakt mit der Sondereinheit stand. �Sind Sie soweit, Bill?�</p><p>�Noch nicht. Wir arbeiten noch an der Eingangst�r.�</p><p>�Okay, geben Sie mir Bescheid, wenn ich loslegen kann.�</p><p>�Roger.� John lauschte angespannt, was in Richards Wohnung vor sich ging.</p><p>�Was haben Sie meinem Jungen angetan? Ist er bewusstlos?�</p><p>Owen lie� ein abf�lliges Lachen h�ren. �Unser lieber Richard hat es ganz ohne mein Zutun geschafft, sich ins Reich der Tr�ume zu versetzen, Marcia. Guter Stoff, den er da geraucht hat. Fr�hliche Weihnachten, du Pfeife.� Ein dumpfer Schlag folgte.</p><p>Marcia schrie auf. �H�ren Sie auf, Sie Schwein � �</p><p>John st�hnte auf. Wenn er nicht schnell handelte, w�rde die Situation dort oben schneller als gedacht eskalieren. �Wie lange brauchen Sie noch, Bill?�</p><p>�Ich sch�tze, zwei Minuten. Wir sind jetzt im Haus, m�ssen aber noch eine Wohnungst�r aufbrechen, um an die Fenster zu kommen.� John steckte das Funkger�t weg.</p><p>Dann legte er die H�nde an den Mund und br�llte �Owen! John Mackenzie hier.� Einige Augenblicke lang h�rte John durch Georges Mikrofon nur schweres Atmen. Dann vernahm er Owens verbl�ffte Stimme. �Wie kommt der Mistkerl hierher? Haben Sie ihn angerufen?�</p><p>�Nein.�, sagte George ruhig. �John ist ein schlauer Bursche. Wussten Sie, dass er bei der Army Truppenpsychologe war? Er muss von selbst darauf gekommen sein, dass Sie nicht einfach auf den Kontinent abtauchen w�rden, sondern dass Sie Ihre Pl�ne, sich an mir zu r�chen, bis zum bitteren Ende verfolgen w�rden. Und welches bessere Druckmittel h�tten Sie w�hlen k�nnen, als meinen Sohn in Ihre Gewalt zu bringen?�</p><p>�Owen!�, rief John wieder. �Ich wei�, dass Sie George abgrundtief hassen. Aber Ihr Wunsch nach Vergeltung h�tte heute fast meine Mutter und meine Nichte das Leben gekostet. Ist es nicht an der Zeit, einen Schlussstrich unter die ganze Sache zu ziehen, bevor noch mehr Unschuldige hineingezogen werden?� Schweigen.</p><p>John entschied, dass es an der Zeit war, sch�rfere Gesch�tze aufzufahren. �Gut, bringen Sie alle um, die Ihnen je in die Quere gekommen sind. Was wollen Sie dann mit dem Rest Ihres Lebens anfangen? Wenn Sie erst einmal mit allen abgerechnet haben, was bleibt Ihnen dann noch? Wissen Sie eigentlich selbst noch, was der Grund f�r Ihren Hass ist?�</p><p>Als immer noch alles still blieb, schloss er voller Abscheu, �Oh Gott, Sie sind wirklich die erbarmungsw�rdigste Gestalt, die mir je untergekommen ist.� Dann schickte er ein Sto�gebet zum Himmel und wandte sich ab.</p><p>Da h�rte er, wie die Balkont�r aufgerissen wurde. Langsam drehte er sich wieder um. In dem Licht, das nun aus dem Wohnzimmer str�mte, konnte er Owens Silhouette sehen.</p><p>�Was passiert da drau�en? Wir sind noch nicht in Position, wiederhole: noch nicht in Schussposition!� qu�kte es in seiner Tasche.</p><p>�Da sind Sie ja endlich, Owen. Also erkl�ren Sie mir nun, womit George Ihren unendlichen Hass verdient hat?�</p><p>�Er hat meine Karriere, mein ganzes Leben � und das meiner Eltern � zerst�rt! Nur, weil er den Mund nicht halten konnte. Ohne ihn w�re ich heute mit Sicherheit bereits Colonel oder Brigadegeneral. Ihr ganzes Leben haben sich meine Eltern eine erfolgreiche Milit�rlaufbahn f�r mich gew�nscht. Hah! Nur wegen ein paar Tabletten, die ich unter der Hand verkauft hatte, haben sie mich wegen Unterschlagung und Betrugs verurteilt und unehrenhaft entlassen.� Nun, da er begonnen hatte, zu reden, sprudelte es geradezu aus Owen heraus.</p><p>�Meine Mutter hat das nicht verkraftet und sich die Pulsadern aufgeschnitten. Mein Vater verlor dann jeden Lebenswillen und starb zwei Jahre sp�ter. Und da fragen Sie mich noch, warum ich diesen Mann so sehr hasse, dass ich Jahre meines Lebens daf�r geopfert habe, einen Racheplan zu erdenken, der ihn tiefer treffen sollte, als wenn ich ihn einfach umgebracht h�tte. Es h�tte auch alles perfekt geklappt, wenn Sie nicht dazwischengefunkt h�tten.�</p><p>Er wies mit einem Kopfnicken nach hinten in die Wohnung. �Bedauerlich, dass Ihr Freund George nicht mitansehen kann, wie Sie jetzt gleich sterben werden, da ich ihn und die liebe Marcia festketten musste.� John sah, wie Owen anlegte. Dann passierte alles gleichzeitig. Durch den Knopf in seinem Ohr h�rte er Rufe aus der Wohnung, das Funkger�t erwachte zum Leben. �Feuer frei, M�nner� Mehrere Sch�sse krachten. Owen kippte im Zeitlupentempo nach vorne �ber das Balkongel�nder und schlug unten auf dem Rasen auf, wo er leblos liegenblieb. Johns Knie gaben nach und er plumpste auf das Pflaster.</p><p>Sechs Tage sp�ter standen John und Maggie am Panoramafenster des La Gondola �ber dem Victoria Embankment und blickten �ber die wogenden Menschenmassen an den Themseufern.</p><p>In wenigen Minuten w�rde das Jahr zu Ende sein. Hunderttausende warteten auf das gro�e Feuerwerk, das die Stadt allj�hrlich zu Silvester veranstaltete. Alan hatte zur Feier des Tages die ganze Familie in das Restaurant eingeladen.</p><p>W�hrend der Kellner eine gro�e Flasche Champagner und Gl�ser mit Orangensaft brachte, betrachtete Maggie ihren Bruder forschend. �Geht�s dir gut, John? So turbulent h�ttest du dir deine R�ckkehr nach England sicher nicht vorgestellt.�</p><p>John l�chelte. �Da hast du recht. Aus meinem Plan, meine Topfpflanzen zu pflegen, tonnenweise B�cher zu lesen und mein ruhiges Leben zu genie�en, ist bisher nichts geworden. Aber es ist mir immerhin schon gelungen, Zeit mit meiner Familie zu verbringen � und das ist doch auch schon was.�</p><p>Maggie lachte. �Und was wir f�r aufregende Zeiten miteinander erlebt haben, vor allem du und Renie!� John grinste breit und nahm ein Saftglas an, das der Kellner ihm reichte.</p><p>Da klatschte der Maitre in die H�nde und rief, �Noch eine Minute bis Mitternacht, meine Herrschaften. Wenn Sie sich nun zu den Aussichtsfenstern begeben m�chten��</p><p>Allgemeines St�hler�cken war die Folge. Renie humpelte auf ihren Kr�cken heran, gefolgt vom Rest der Familie. Die letzten Sekunden z�hlten alle im Chor. �Zehn, neun, acht, sieben, ...� Dann knallten die Korken und drau�en explodierten die ersten Feuerwerksk�rper.</p><p>�Should auld lang syne� erklang aus Tausenden von Kehlen. Bilder aus der Vergangenheit tauchten in Johns Kopf auf. Bilder von Jahreswechseln, die er in fremden Kasernen verbracht hatte. Gemeinsam hatten sie vor einem Fernsehger�t gesessen und die �bertragung aus London gesehen. Er sp�rte die Wehmut, die damals in der Fremde alle umfangen hatte.</p><p>Dann aber sah er sich um und ein warmes Gef�hl stieg in ihm auf. Endlich daheim.</p><p>Seine sentimentalen Gedanken fanden ein j�hes Ende, als ihm eine sorgf�ltig manik�rte Hand auf die Schulter klopfte.</p><p>�Patricia und ich w�nschen dir ein gutes neues Jahr, John.�</p><p>John sch�ttelte seinem Cousin, der mit seiner diamantverzierten Krawattennadel um die Wette strahlte, die Hand. �Gratulation, Simon. Wie man h�rt, bist du f�r einen Orden vorgeschlagen worden, f�r deinen vorbildlichen und unerm�dlichen Einsatz um die nationale Sicherheit �� John verstummte, als Maggie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. Hinter sich h�rte er Renie leise kichern.</p><p>Simon schien seinen Sarkasmus nicht wahrgenommen zu haben. �Man tut eben sein Bestes. Und es schadet auch nichts, den spektakul�rsten Mordfall der letzten f�nfzig Jahre zur Aufkl�rung gebracht zu haben.�</p><p>Maggie sah den emp�rten Gesichtsausdruck ihrer Tochter und beeilte sich, das Gespr�ch auf ein anderes Thema zu lenken.</p><p>�Mir hat bei der Berichterstattung das Foto am besten gefallen, das dieser vorwitzige Reporter vom Independent geschossen hat. Richard mit glasigen Augen und v�llig verwirrtem Gesichtsausdruck auf seinem Sofa, nachdem er durch die Sch�sse erwacht war. Auf dem Wohnzimmertisch noch die Reste seines Joints.�</p><p>John nickte. �Auch wenn Owen tot ist und es keine Gerichtsverhandlung geben wird, die weitere Fakten �ber Richard ans Licht bringen k�nnte � allein schon durch dieses Bild d�rfte er in der W�hlergunst ins Bodenlose abgesunken sein.�</p><p>In das zustimmende Gel�chter hinein �u�erte Simon ernst, �Es ist wirklich erschreckend, welches Ausma� der moralische Verfall unserer Politiker angenommen hat. Es ist unsere Pflicht als Gesetzesh�ter, unsere Ermittlungen auch in diesen Kreisen ohne Ansehen der Person korrekt zu f�hren und Machenschaften dieser Art schonungslos aufzudecken. Und nun entschuldigt uns. Wir sind bei einem kleinen Neujahresempfang des Abgeordneten Billingsley von der Labour Partei eingeladen.�</p><p>W�hrend John und Maggie ihrem Cousin sprachlos hinterher starrten, zischte Renie, �Diese Ratte! Der h�ngt sein F�hnchen nach dem Wind, wie es ihm grad passt. Und unseren Anteil an der Aufkl�rung des Mordfalls kehrt er komplett unter den Teppich.�</p><p>Johns Mutter hatte den Wortwechsel aus dem Hintergrund verfolgt. Nun kam sie n�her und legte ihrer Enkelin den Arm um die Schulter. �Lass gut sein, Renie. F�r Simon ist die �ffentliche Anerkennung nun mal wichtig. Aber wir wissen doch, dass er den Fall ohne euch nicht aufgekl�rt h�tte, nicht wahr? Nun aber zu etwas Wichtigerem: Renie, mein Kind, es w�re doch sch�n, wenn du morgen auch bei der Neujahrsparade mitfahren w�rdest. Stell dir vor, unsere �rtliche Vereinigung der Red Hat Society hat vor, eine eigene Nachwuchsgruppe f�r junge Frauen ins Leben zu rufen. Diese tragen statt der roten H�te pinkfarbene zum lila Kleid. Wir k�nnten sicher etwas H�bsches f�r dich auftreiben.�</p><p>Sie strahlte ihre Enkelin an. �Du w�rdest ganz reizend aussehen, mein M�dchen��</p><p>Diese Aussicht war selbst f�r die abenteuerlustige Renie zu viel. Unter dem Gel�chter ihrer Familie hinkte sie erstaunlich schnell davon und verschwand in der Menge.</p></section></body><binary id="cover" 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